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Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen IV. Band 1912 1. Hälfte"

6f 
hl* 

/' JAHRBUCH 

FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE und PSYCHO- 
PATHOLOGISOHE FORSCHUNGEN. 



HERAUSGEGEBEN VON 



Prof. Dr. E. BLEULER und Prof. Dr. S. FREUI) 



IN ZÜRICH 


REDIGIERT VON 

Dr. C. G. JUNG, 


IN WIEN, 


PRIVATDOZENTEN DER PSYCHIATRIE IN ZÜRICH. 




IV. BAND. 






I. HÄLFTE. 





LEIPZIG und WIEN. 
FRANZ DEÜTIOKE. 

1912. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Verlags-Nr. 1976. 



OCT 16 1996 



Druck Ton Rudolf M. Rolirer in Brunn. 



Inhaltsverzeichnis 

der ersten Hälfte des vierten Bandes. 



Seite 

Bleuler: Das autistischo Denken 1 

Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, II 40 

Rank: Die Symbolschichtung im Wecktraum und ihre Wiederkehr im 

mythischen Denken 51 

Grebelskaja: Psychologische Analyse eines Paranoiden 116 

Silber er: Spermatozoentr'aume 141 

Jung: Wandlungen und Symbole der Libido, II 162 

Spiel rein: Die Destruktion als Ursache des Werdens 465 

Nelken: Analytische Beobachtungen über Phantasien eines Schizophrenen 504 
Jones: Einige Fälle von Zwangsneurose 563 



Zusendungen an die Redaktion sind zu richten an Dr. C. G. Jung, 
Küsnacbt-ZUrich. 



Anmerkung der Redaktion: Die zweite Hälfte von Jones: Einige Fälle 
von Zwangsneurose, wird erst im IV. Band, 2. Hälfte, erscheinen. 



Das autistiselie Denken. 

Von Prof. E. Kleider. 



Eines der wichtigsten Symptome der Schizophrenie ist ein Vor- 
wiegen des Binnenlebens mit aktiver Abwendung von der Außen- 
welt. Die schwereren Fälle ziehen sich ganz zurück und leben einen 
Traum; in den leichteren finden wir geringere Grade der gleichen 
Erscheinung. Dieses Symptom habe ich Autismus 1 ) genannt. Das 

*) Bleuler, Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. Aschaffen- 
burgs Handbuch der Psychiatrie. Wien, Deuticke, 1911. — Zu einem ziemlich 
großen Teil deckt sich der Autismus mit dem Jungschen Begriff der Introver- 
sion, womit das Nachinnenwenden der Libido bezeichnet wird, die sich nor- 
maliter ihre Objekte in der Realität suchen sollte. Autistische Strebungen können 
ßich indes auch nach außen richten; so, wenn ein schizophrener Weltverbesserer 
die Gesellschaft umgestalten will und überhaupt beständig nach außen wirksam 
zu sein strebt, wenn das kleine Mädchen ein Stück Holz in ein Kind umphan- 
tasiert, wenn man Objekte beseelt, oder wenn man sich aus einer Kraft oder einer 
abstrakten Vorstellung einen Gott schafft. 

Der Aufsatz war vor dem Erscheinen der Jungschen Arbeit „Über die 
zwei Arten des Denkens" (dieses Jahrbuch, III., S. 124, 1911) geschrieben. Der 
Autor bezeichnet das, was ich logisches oder realistisches Denken nenne, als 
gerichtetes Denken, das autistische als Träumen oder Phantasieren. 
„Ersteres arbeitet für die Mitteilung mit sprachlichen Elementen, ist mühsam 
und erschöpfend, letzteres dagegen arbeitet mühelos, sozusagen spontan mit 
den Reminiszenzen. Ersteres schafft Neuerwerb, Anpassung, imitiert Wirklich- 
keit imd sucht auch auf sie zu wirken. Letzteres dagegen wendet sich von der 
Wirklichkeit weg, befreit subjektive Wünsche und ist hinsichtlich der Anpassung 
gänzlich unproduktiv" (S. 136). Das Wesentliche deckt sich mit meiner Auf- 
fassung. Immerhin bestehen einige Unterschiede, von denen ich nur die folgenden 
anführen will: Auch das autistische Denken kann nach meiner Ansicht gerichtet 
sein, und man kann auch, ohne die Begriffe in Worte zu fassen, gerichtet und 
realistisch (logisch) denken, ebenso, wie man autistisch in Worten denken kann. 
Es verdient auch hervorgehoben zu werden, daß gerade die Worte und ihre Asso- 
ziationen oft eine sehr wichtige Rolle im autistischen Denken spielen. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 1 



2 E. Bleuler. 

schizophrene Traumleben hat nun eine bis jetzt ungenügend bekannte 
Form des Gedankenganges, ich möchte fast sagen, besondere Denkgesetze; 
und bei genaucrem Zusehen ergibt sich, daß die nämliche Abweichung 
vom Gewöhnlichen die meisten schizophrenen Denkfehler überhaupt 
bedingt und namentlich die Wahnideen entstehen läßt. Wir finden diese 
Mechanismen außerdem tätig im gewöhnlichen Schlaftraume, im 
Tagtraume des Hysterischen wie des Gesunden, in der Mythologie und 
dem dazu gehörenden Aberglauben und in anderen Abweichungen 
des Denkens von der Kealität. Vom Traume des Jungen, der auf dem 
Steckenpferde General spielt, durch den Dichter, der im Kunstwerk 
seine unglückliche Liebe abreagiert oder in eine glückliche verwandelt, 
bis zum dämmerigen Hysterischen und zum Schizophrenen, der hallu- 
zinatorisch seine unmöglichsten Wünsche erfüllt sieht, gibt es alle 
Übergänge auf einer Skala, die im wesentlichen nur quantitative 
Unterschiede zeigt. 

Die paranoide Patientin B. S. in Ju ngs Dementia praecox 1 ) ist die 
Schweiz, sie ist auch die Kraniche des Ibykus; sie ist Besitzerin der ganzen 
Welt und einer siebenstöckigen Banknotenfabrik; sie ist auch Doppel- 
polytechnikum und Sokratesvertretung. Einem Exploranden erklären 
wir bei jeder Gelegenheit so deutlich als möglich, daß wir ihn für geistes- 
krank halten und unser Gutachten in diesem Sinne abgegeben haben. 
Er aber behauptet bei jeder Gelegenheit ebenso bestimmt, wir hätten 
ihn als gesund begutachtet und ihm dies auf jeder Visite gesagt, folglich 
müssen wir ihn entlassen. Ein Coiffeurlehrling hat das Telephon und 
den Telegraphen und die Dampfmaschine und eine Menge anderer 
Dinge erfunden, die schon lange vor ihm auf der Welt waren. Eine 
Frau empfängt die Besuche ihres Bräutigams, Jesu Christi, und ist 
zugleich der liebe Gott. 

Das alles erscheint zunächst als voller Unsinn und ist es auch 
vom Standpunkt der Logik aus. Sehen wir aber genauer zu, so finden 
wir in jedem Falle verständliche Zusammenhänge: die wesentlichen 
Gedanken ordnen sich affektiven Bedürfnissen, d. h. Wünschen und 
eventuell auch Befürchtungen unter, die Patientin ist die Kraniche 
des Ibykus, weil sie als frei von Schuld und Fehle gelten möchte; sie 
ist die Schweiz, weil sie frei sein sollte. Die Ideen des Querulanten, 
des Erfinders, der Braut Christi, drücken erfüllte Wünsche direkt aus. 
So bilden die Wahnideen des Schizophrenen nicht einen zufällig zu- 



*) Jung, Die Psychologie der Dementia praecox. Halle, 1907, Marhold. 



Das autistisclie Denken. 3 

sammengetragenen Haufen, nicht ein regelloses „Wahnchaos", wie es 
bei oberflächlicher Betrachtung scheinen mag, wenn sie auch nicht wie 
die des Paranoikers systematisiert sind im Sinne eines logischen Ge- 
bäudes, das nur da und dort eine falsche Prämisse oder einen falschen 
Schluß im Fundament und unter den Bausteinen hat; sie sind vielmehr 
in jedem einzelnen Falle der Ausdruck eines oder mehrerer bestimmter 
Komplexe, die in ihnen ihre Erfüllung erreichen oder sich mit den 
Widersprüchen der Umgebung abzufinden suchen. In den Details 
allerdings finden wir eine Menge anderer unlogischer Zusammenhänge, 
die nicht oder doch nicht direkt durch die Komplexe bedingt sind: 
Gedankengänge mit ganz zufälligem Zusammenhang, die äußerlich 
die Form der logischen Entwicklung annehmen, Klangassoziationen, 
Identifikationen verschiedener Begriffe, Hypostasierung von Sym- 
bolen usw. 

Xehmen wir einen andern Fall. Ein Katatoniker, der in der Pflege- 
anstalt freien Ausgang hat, geht eines Tages in einen Gasthof, betritt 
das erste beste Zimmer und legt sich ins Bett. Er erwartet eine Prin- 
zessin, die mit ihm die Vermählung feiern wird, und protestiert lebhaft 
gegen alle Einwendungen und gegen die Gewalt, die man anwenden 
muß, um ihn aus seinem Hochzeitsbett in die Anstalt zurückzubringen. 
Unser Patient hat Dinge, die ein Gesunder etwa in einer Märchen- 
situation wünschen möchte, wo eine gütige Fee ihm Erfüllung zugesagt 
hätte, als reell gedacht und, was ebenso wichtig ist, er hat vollständig 
ignoriert, daß er ein unansehnlicher armer Teufel ist und Qbendrein 
Insasse einer Pflegeanstalt, daß die Prinzessinnen so wenig wie andere 
Leute sich von einem Tag auf den andern ohne Formalitäten verheiraten 
können, daß der ärmliche Landgasthof zu der gewünschten Situation 
recht unpassend war, daß man ihn, wenn er keine Beweise für seine 
Behauptungen bringen konnte, im Gasthof nicht dulden werde, usw. 
Der nämliche Patient beschreibt jahrelang eine Unmenge Papier 
mit Zahlen. Für jeden Tag, den wir ihn zurückhalten, hat er Anspruch 
auf eine hohe Entschädigung. Sein Guthaben für jeden Tag setzt 
sich aus einer größeren Anzahl von Posten zusammen, von denen 
jeder einzelne so groß ist, daß er ihn nicht in gewöhnlichen Zahlen aus- 
drücken kann. Jede seiner klein geschriebenen Zahlen füllt eine Zeile 
aus; die Zahl darf aber nicht in gewöhnlichem Sinne gelesen werden, 
sondern sie bedeutet nur die Stellen derjenigen Zahl, die in Berechnung 
kommen soll, also nach unserer Ausdrucksweise zehn hoch jene unlesbar 
große Zahl. Eine Eins mit 60 Nullen symbolisiert ihm also ein Guthaben 



4 E. Bleuler. 

von einer Dezillion Stellen. Mit diesen Wahnideen erfüllt sich der Patient 
seine Wünsche nach Liebe, nach Macht und unheimlichem Reichtum, 
spaltet aber alle die Unmöglichkeiten ab, die der Wunscherfüllung 
im Wege stehen, z. B. den Umstand, daß die ganze Erde diesen "Reichtum 
nicht tragen könnte; es nützt nichts, ihn auf die Hindernisse aufmerksam 
zu machen, obschon der Mann sonst ganz intelligent war und es 
in gewisser Beziehung jetzt noch ist. 

Im erstcren Falle mit der Prinzessin sucht der Kranke seinen 
Wunsch noch mit der Wirklichkeit in Verbindung zu bringen, er prä- 
pariert sich für die Hochzeit. Im zweiten Beispiel begnügt er sich mit 
der Buchführung, ohne seine Forderungen geltend zu machen; ob erdenkt, 
daß ihm die Zukunft sein Guthaben wirklich bringe oder nicht, weiß 
er wohl selbst nicht. Viele Kranke aber gehen noch weiter: der Wunsch 
ist ihnen aktuelle Wirklichkeit: da ist einer der Gemahl der Himmels- 
königin, der Schöpfer des Himmels und der Erde; ein Widerspruch 
mit der Wirklichkeit wird nicht gefühlt; der Patient macht auch 
keinen Versuch, im Sinne seiner Idee auf die Außenwelt einzuwirken. 
Solche Kranke leben, abgesehen von den einfachen Verrichtungen, 
wie Essen und Schlafen, nur noch in ihrer idealen Welt und fühlen sich 
unter Umständen darin glücklich. 

Das autistische Denken ist also ein tendenziöses. Es spiegelt 
die Erfüllung von Wünschen oder Strebungen vor, Hindernisse denkt 
es weg, und Unmöglichkeiten denkt es in Möglichkeiten und Eealitäten 
um. Der Zweck wird dadurch erreicht, daß der Strebung entsprechende 
Assoziationen gebahnt, entgegenstehende gehemmt werden, also durch 
den uns von der Wirkung der Affekte her geläufigen Mecha- 
nismus. Zur Erklärung des autistischen Gedankenganges bedarf es 
keines neuen Prinzipes. Es ist auch selbstverständlich, daß wir hier 
die Affektivität im Spiele sehen, denn eine Tendenz, eine Strebung ist 
ja nur die zentrifugale Seite des nämlichen Vorganges, den wir von der 
intrazentralen Seite her als Affekt bezeichnen. 

Es gibt deshalb auch keine scharfen Grenzen zwischen autistischem 
und gewöhnlichem Denken, indem sich sehr leicht in das letztere au- 
tistische, d. h. affektive, Direktionen eindrängen. 

Nicht nur der Manische überschätzt sich infolge seiner krank- 
haft gesteigerten Euphorie, nicht nur der Melancholiker bildet sich 
Kleinheitsideen infolge seiner Depression, sondern auch der Gesunde 
zieht entsprechend seiner Gemütslage und seinen Zu- und Abneigungen 
nur zu oft falsche Schlüsse. Die laienhaften Ansichten über die Irren- 



Das autistische Denken. ° 

anstalten sind geradezu autistische, dem Gruseln vor den Geistes- 
krankheiten und dem Eingesperrtsein und ähnlichen Affekten ent- 
sprechend. Sogar in der Wissenschaft ist das, was man gern glaubt, 
bald bewiesen, und Gegengründe dazu werden leicht ignoriert. Was 
einem nicht in den Kram paßt, wird abgelehnt, auch wenn die Ab- 
lehnimgsgründe objektiv nicht den mindesten Wert haben. Was ge- 
scheite Leute in guten Treuen gegen die Einführimg der Eisenbahnen, 
gegen die Hypnose und Suggestionslehre, gegen die Abstinenz, gegen 
die Freud sehen Lehren für Einwendungen gemacht haben, das 
sind ganz interessante Beiträge zur Tragikomödie des menschlichen 
Geisteslebens. Um die groben Sophismen, die jahrhundertelang das 
Dasein Gottes bewiesen, umzustürzen, mußte ein Kant auf die Welt 
kommen. 

Wenn sich auch im Autismus alle Tendenzen ausdrücken können, 
so besteht doch ein großer Unterschied zwischen den positiven imd den 
negativen Strebungen, die wir am besten an Hand der Affekte unter- 
scheiden. Zwar haben auch die negativen Affekte die Tendenz, sich 
zu behaupten und das Auftauchen ihnen entsprechender Vorstellungen 
zu begünstigen, das nicht entsprechender zu hemmen; ja, es kann sich 
der Traurige so sehr in seinen Schmerz verbohren, daß er noch mehr 
Schmerz sucht; aber im ganzen geht unser Streben doch dahin, sich 
möglichst viel Lust zu verschaffen und sich von der Unlust, wenn sie 
da ist, möglichst bald zu befreien, und vor allem suchen wir unter 
gewöhnlichen Umständen nicht die Unlusterle bnisse, sondern die der 
Lust. Ein Gesunder wird sich in normaler Stimmung nicht leicht ein 
trauriges Märchen ausdenken, in dem er sich als Held fühlt. 

So kommt es ganz von selbst, daß das autistische Denken im 
großen und ganzen praktisch ein Suchen nach Lustvorstellungen 
und ein Vermeiden von schmerzbetonten Gedanken ist, und es wird 
begreiflieh, daß Freud 1 ) einen ganz ähnlichen, nur etwas engeren 
Begriff unter dem Namen der Lustmechanismen beschreiben 
konnte. 

Das autistische Denken in unserem Sinne wird von zwei Prin- 
a ) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. 
Jahrbuch für Psychoanalyse. Wien, Deuticke, 1911, Band III. — Ich möchte 
den Ausdruck „Lustmechanismen" auch deswegen nicht akzeptieren, weil das 
Handeln und Denken im Sinne der Realität ebenfalls eine Äußerung von Lust- 
mechanismen ist. Was Freuds Lustmechanismen (wie unser autistisches Denken) 
von der Realfunktion unterscheidet, ist das, daß sie Lust nicht durch gefühls- 
betonte Erlebnisse selbst, sondern durch Vorstellungen von solchen erzeugen. 



6 E. Bleuler. 

zipien regiert, die bei den negativen Affekten einander widersprechen, 
bei den positiven gleichsinnig wirken: 

1. Jeder Affekt hat das Bestreben, sich zu erhalten; er bahnt die 
ihm entsprechenden Vorstellungen, verleiht ihnen ein übertriebenes 
logisches Gewicht, und er hemmt die widersprechenden und setzt sie 
in ihrer Bedeutung herab. So kann der Fröhliche viel leichter fröhliche 
Ideen assimilieren als traurige, und umgekehrt. 

IL Wir sind so eingerichtet, daß wir das Angenehme, also auch 
lustbetonte Vorstellungen, zu erwerben und festzuhalten streben, das 
Unangenehme aber vermeiden. Unlustbetonte Vorstellungen begegnen 
deshalb so gut wie äußere unangenehme Erlebnisse einer Abwehr, die 
sie unter Umständen in statu nascendi oder auch, wenn sie schon ins 
Bewußtsein getreten sind, verdrängen kann. Trotzdem eine starke 
Affektbetonung an sich, jede Vorstellung ceteris paribus erinnerungs- 
fähiger und bewußtseinsfähiger (was nicht ganz das gleiche ist) macht, 
werden viele stark unlustbetonte Vorstellungen 1 ) gerade, weil sie unlust- 
betont sind, durch Wirkung dieses zweiten Mechanismus vergessen 
respective unterdrückt. 

Freud hat nun bloß die letzteren Mechanismen ins Auge gefaßt. 
Ich glaube aber, daß der Begriff nur in der weiteren Fassung ein ge- 
netisches Ganzes darstellt. Auf genau den nämlichen Wegen wie die 
Lustmechanismen wirken die Affekte überhaupt. Die Depression 
schafft Kleinheitswahn so gut wie die Euphorie Größenwahn. Der 
depressive Schizophrene hat nicht mehr alle Erfindungen gemacht, 
sondern er ist an allem Unglück schuld, er ist ein Haifisch, bringt alle 
Leute um; er wird nicht erhöht, sondern den anderen Patienten zum 
Zerstückeln hingeworfen. Die irgendwie körperlich bedingte Angst 
führt im Schlaf und im Fieber zu schreckhaften Halluzinationen. Der 
Verfolgungswahn schafft nicht nur negative Gefühle, sondern er bildet 
sich unter Mitwirkung von solchen, die schon bestehen, wie weiter 
unten ausgeführt werden soll. Das alles sind Vorgänge, die sich nur auf 
langen hypothetischen Umwegen mit dem Lustprinzip, dagegen leicht 
und ganz direkt mit der Affektwirkung überhaupt in Verbindung 
bringen lassen. So bleibt der Gegensatz unvollständig, wenn man dem 



*) Es betrifft das namentlich bestimmte Klassen, die ich allerdings noch 
nicht charakterisieren möchte. Einfache unangenehme Erlebnisse, ein Beinbruch 
u. dgl. unterliegen der Verdrängung nicht so leicht. Dagegen die ambivalenten 
und diejenigen, die unser Selbstgefühl verletzen, die unsere Person herabsetzen, 
Gewissenskonflikte bringen u. dgl. 



Das autistische Denken. 7 

Realitätsprinzip nur das Lust- und Unlustprinzip und nicht alles 
autistische Denken in unserem weiten Sinne entgegenstellt. 

Wenn das autistische Denken Vorstellungen hervorzubringen 
sucht, die einer innern Tendenz, der momentanen Stimmung oder 
irgend welchen Strebungen entsprechen, so braucht es keine Rücksicht 
auf die Wirklichkeit zu nehmen; ob etwas wirklich, möglich, denkbar 
sei, ist für diese Vorgänge gleichgültig; sie haben zur Realität nur insofern 
Beziehung, als sie ihnen Vorstellungsmaterial geliefert hat und noch 
liefert, an das die autistischen Mechanismen anknüpfen, oder mit 
dem sie operieren. 

So kann das autistische Denken alle möglichen Tendenzen und 
Triebe, die in einem Menschen stecken, zum Ausdruck bringen. Weil 
in ihm die die Realitätsverhältnisse reproduzierende Logik nicht maß- 
gebend ist, können die verschiedensten Wünsche nebeneinander 
bestehen, ganz gleichgültig, ob sie sich widersprechen, und ob sie vom 
Bewußtsein verworfen werden oder nicht. Im realistischen Denken, in 
unserem Leben imd Handehi werden eine große Zahl von Trieben und 
Wünschen zugunsten der subjektiv wichtigen ignoriert, miterdrückt; 
viele derselben kommen uns kaum je zum Bewußtsein. Im xYutismus 
kann alles zum Ausdruck kommen. Wieder Kind zu sein, um un- 
befangen genießen zu können, und ein reifer Mann zu sein, dessen 
Wünsche nach Leistungsfähigkeit, Machtfülle, großer Lebensstellung 
erreicht sind; unendlich lange zu leben und dieses mühsame Dasein 
mit dem Nirwana vertauscht zu haben; die Frau, die man liebt, zu 
besitzen und sich die Freiheit zu wahren; heterosexuell und homo- 
sexuell sich zu betätigen usw. usw. solche Widersprüche können neben- 
einander, ja, im nämlichen autistischen Gedanken zum Ausdruck 
kommen. 

Auch dem rechtlichsten Menschen kommen in irgend einer Form 
etwa unrechte Strebungen zum Bewußtsein. Wenn man einen Haufen 
Geld sieht, so taucht — und sei es auch nur in der Form eines Witzes — 
die Idee auf, sich den Reichtum anzueignen. Andere verbrecherische 
Tendenzen, ein Wunsch z. B., daß verunglücken möchte, wer uns 
irgendwie im AVege steht, sei es eine sonst geliebte Person oder eine 
gleichgültige, fehlt wahrscheinlich niemandem, wenn auch solche 
Regungen nicht direkt zum Bewußtsein zu kommen brauchen. Es scheint 
sogar, daß gerade unterdrückte Triebe sich im Autismus mit be- 
sonderer Stärke in den Vordergrund drängen. Es ist deshalb nicht 
zu verwundern und ist weder für den Analysierten noch für den 



8 E. Bleuler. 

Analysierenden ein Zeichen schlechter Moral, wenn wir die Sexualität 
mit ihren Perversitäten regelmäßig im Autismus finden 1 ). Es ist auch 
Tatsache, daß in der Regel bestimmte Triebrichtungen im Vordergrund 
stehen und die anderen überwuchern und ins Schlepptau nehmen, 
und daß besonders oft erotische Komplexe und in zweiter Linie andere, 
deren Erfüllung aus inneren luid äußeren Gründen am unmöglichsten ist, 
und die im realen Leben am wenigsten abreagiert werden können, 
das Übergewicht bekommen. 

Da im autistischen Denken nicht wie im realistischen eine domi- 
nierende Idee die anderen unterdrückt oder doch sich völlig unterordnet, 
so können bei der Produktion einer und derselben autistischen Vor- 
stellung viel leichter als sonst verschiedene Strebungen mitwirken. 
So ist manches Traumbild, manche Wahnidee ein mixtum compositum, 
nicht nur wegen der Menge und Verschiedenheit ihrer Bestandteile 
(„Verdichtung"), sondern auch insofern, als sie zugleich verschiedene 
Komplexe ausdrücken. Die Hyperdeterminierung, wie Freud 
das letztere Phänomen genannt hat, wird hier zu einer selbstver- 
ständlichen Erscheinung. Auch sie ist aber nicht etwas, das bloß 
dem autistischen Denken angehörte. Auch das realistische Denken 
ist unendlich viel komplizierter, als es nach den psychologischen 
Lehrbüchern scheinen möchte; durch eine kleine Anzahl von 
Determinanten ist eine Assoziation höchstens dann eindeutig 
bestimmt, wenn '„wir die Möglichkeiten künstlich beschränken, wie 
etwa durch Stellung einer mathematischen Aufgabe. Aber auch 
hier sind bekanntlich Entgleisungen viel häufiger, als uns an- 
genehm ist. 

Die zweite Konsequenz der Ignorierung der Realität ist die, 
daß die logischen Gesetze auch im Denkmaterial nur insoweit Geltung 
haben, als sie dem Hauptzwecke, der Darstellung unerfüllter Wünsche 
als erfüllter, dienen können. Die inhaltlichen Widersprüche sind noch 
viel krasser und zahlreicher als die affektiven, die wir ja in geringerem 
Grade schon vom normalen Leben aus kennen. Der nämliche Patient 
kann Mann und Weib sein, er ist der Sohn und der Mann und der Vater 
seiner Mutter und identifiziert sich schließlich noch mit dieser selbst; 
eine Patientin ist die Frau ihres irdischen Geliebten, zugleich aber auch 
die des Heilandes und wieder der Heiland selbst, der zur Rechten Gottes 
sitzt, imd auch Gott selbst. Wemi solche Widersprüche nebeneinander 

x ) Die „homosexuelle Komponente" hat in den meisten Fällen von Schizo- 
phrenie, die ich genauer (analytisch) kenne, eine große Wichtigkeit. 



Das autistische Denken. " 

bestehen können, so darf es nicht auffallen, wenn der Autismus alles 
irgendwie gebotene Denkmaterial, und wenn es noch so unrichtig ist, 
zu benutzen vermag, und wenn er beständig mit unvollkommen 
gedachten Begriffen operiert und Begriffe, die nur eine objektiv recht 
nebensächliche Komponente gemeinsam haben, füreinander eintreten 
läßt, so daß die Ideen in den gewagtesten Symbolen ausgedrückt, und 
daß diese Symbole oft verkannt und im eigentlichen Sinne aufgefaßt 
werden, wobei das eine Ding für das andere auftritt, und es zu wirklichen 
Verschiebungen kommt 1 ). Der Patient möchte aus Eifersucht wegen 
der Mutter dem Vater den Tod wünschen; auf dem Wege über „Er- 
zeuger" identifiziert er auch in diesem Zusammenhang den Vater mit 
der Mutter und sieht nun diese als tot. Die Liebe wird nach bekannter 
Analogie mit dem Feuer symbolisiert, das der Schizophrene wieder 
als real auffaßt und in Halluzinationen des Gebranntwerdens, d. h. 
in wirkliche Empfindungen umsetzt. 

Merkwürdig ist auch, wie weit der Autismus von den zeitlichen 
Verhältnissen absehen kann. Gegenwart und Vergangenheit und Zu- 
kunft mengt er rücksichtslos durcheinander. Vor Jahrzehnten für das 
Bewußtsein erledigte Strebungen sind in ihm noch lebendig ; Erinnerungen, 
die dem realistischen Denken längst unzugänglich geworden sind, 
werden wie frische benutzt, vielleicht sogar mit Vorliebe, weil sie 
weniger auf Widerspruch mit der Aktualität stoßen. Gegenüber der 
Wirklichkeit, also im realistischen Denken, sind eine Menge von Er- 
lebnissen erledigt; es gibt keinen logischen Grund mehr, sie im Handeln 
oder Denken zu berücksichtigen. Erinnerungen haben aber ihren Gefühls- 
ton, der oft gerade durch den Gegensatz gegen die Wirklichkeit noch 
erhöht wird, und dieser Gefühlston verwandelt sehr leicht die Vor- 
stellung „wenn mein Vater noch lebte" ganz unmerklich in die andere: 
„mein Vater lebt". Freud sagt, das Unbewußte sei zeitlos, das möchte 
ich nicht unterschreiben; aber in bezug auf das autistische Denken 
ist der Ausspruch insofern richtig, als es die zeitlichen Verhältnisse 
ganz ignorieren kann, aber nicht ignorieren muß. 

Der Gegensatz zwischen den beiden Funktionen ist aber auch 
hier kein absoluter. Der Autismus verschmäht natürlich Begriffe und 
Zusammenhänge, die die Erfahrung gegeben hat, durchaus nicht, 
aber er benutzt sie nur insofern, als sie seinen Zwecken nicht wider- 

J ) Vom realistischen Denken werden Symbole auch benutzt, aber unter 
normalen Umständen nur mit dem beständigen Bewußtsein, daß sie einen andern 
Begriff vertreten. 



10 E. Bleuler. 

sprechen; was ihm nicht paßt, ignoriert er oder sperrt er ab (der ver- 
storbene Geliebte wird so vorgestellt, wie er in WirklicJike.it war, aber 
daß er gestorben ist, wird nicht vorgestellt). Umgekehrt beeinflussen 
autistische Mechanismen auch unseren Erhaltungstrieb; die Ziele 
unseres Handelns werden durch die antezipierte Lust und Unlust oder, 
was dasselbe ist, durch die Lust- und Unlustbetonung von Ziel Vor- 
stellungen bestimmt; wir erstreben das, was uns angenehm oder nützlich 
oder gut ersclieint. 

In der bisherigen Beschreibung des autistischen Denkens bin ich 
insofern einseitig gewesen, als ich die Direktion desselben durch unsere 
Strebungen als wesentlich vorausgesetzt habe. Für die pathologischen 
Fälle wird man allerdings auch kaum je einem andern autistischen 
Denken begegnen. Man kann sich aber vorstellen, daß diese Direktive 
zurücktritt. Wenn die Sonne mit Flügeln dargestellt wird, weil sie sich 
am Himmel bewegt, oder gar mit Füßen, wie die meisten Wesen, die 
wir sich fortbewegen sehen, so kann man allerdings auch ein affektives 
Bedürfnis konstruieren, das der Erklärung der Bewegung oder das 
der Darstellung. Das erstere entspricht noch einem allgemeinen, mit 
Affekt betonten Trieb, das letztere allerdings ist nur unter bestimmten 
Umständen vorhanden. Es erscheint geradezu gezwungen, hier affektive 
Direktionen im nämlichen Sinne wie die bisher beschriebenen anzu- 
nehmen. Es liegen da direkt keine Wünsche und keine Befürchtungen 
der Gedankenrichtung zugrunde, sondern nur momentane Bestrebungen, 
die man ebensogut wieder aufgeben könnte. Auch wenn z. B. ein Kind, 
das gehört hat, daß der Magen die Küche des Körpers sei, sich eine 
Küche, wie diejenige seiner Puppe, in seinem Leib vorstellt, die von 
einem Koch mit weißer Zipfelmütze und grauer Kutte besorgt wird, 
so können wir der affektiven Direktion keine wesentliche Bedeutung 
mehr zuschreiben. Solche Vorstellungen können von der Pathologie 
benutzt werden, aber niemals selbständig pathologische Symptome 
erzeugen. Dagegen haben sie große Bedeutung in der Mythologie 
des Einzelnen wie der Völker. Diese rein intellektuelle Seite 
des autistischen Denkens ist noch zu wenig studiert. 
Die ganze Darstellung bedarf in dieser Richtung noch einer 
wichtigen Ergänzung, die ich zurzeit nicht liefern kann. Bis 
jetzt ist nur Jung auf dieses Thema eingegangen; ich verweise auf 
sein Kapitel „Über die zwei Arten des Denkens" im dritten Bande 
dieses Jahrbuches S. 124. 



Das autistiscbc Denken. 11 

Je nach dem Boden, auf dem das autistische Denken arbeitet, 
finden wir es in beziig auf den Grad der Abweichung von der Eealität 
in zwei verschiedenen Ausprägungen, die nicht scharf voneinander ge- 
schieden sind, aber in ihrer typischen Gestaltung doch recht große Unter- 
schiede zeigen; die wesentliche Differenz liegt darin, daß in 
einem Fall auch sonst feststehende Begriffe dissoziiert und in 
willkürlicher Weise neu gebildet werden können, im andern 
nicht. Außerdem ist in der schwereren Form die Zahl der autistischen 
Operationen im Verhältnis zu den realistischen eine viel größere. Der 
Autismus des wachen Normalen knüpft an die Wirklichkeit an und operiert 
fast nur mit normal gebildeten und feststehenden Begriffen. Nur die 
Mythologie, in deren Wesen es liegt, sich aus Raum und Zeit hinaus zu 
begeben, behandelt auch die Begriffe in äußerst freier Weise. Der Schlaf- 
traum und der ausgesprochene Autismus der Schizophrenie sind voll- 
ständig unabhängig von der Wirklichkeit und benutzen und schaffen 
Begriffe, die aus beliebigen Eigenschaften zusammengesetzt sein und von 
Augenblick zu Augenblick sich behebig ändern können. Diesem Umstand 
ist es zu verdanken, daß Schlaf und Schizophrenie einen sonst ganz 
undenkbaren Unsinn komponieren können, während die übrigen au- 
tistischen Produkte jedem Normalen sofort verständlich sind, so daß 
er sich ohne Schwierigkeiten hineindenken kann. 

Statt ganzer Begriffe und Gegenstände führt uns der Traum oft 
nur diejenigen Bestandteile derselben vor, die er nötig hat. Sogar die 
eigene Person wird oft nicht vollständig gedacht; man weiß oft nicht, 
in welcher Stellung, ob stehend oder liegend usw. man war; Kleider 
schafft sich der Träumende selten, auch wenn er sich nicht unbekleidet 
denkt. Die Traumpersonen sind meist zusammengesetzt aus Eigen- 
schaften verschiedener Personen. In der Dementia praecox kann der 
Arzt in seiner wirklichen Rolle gedacht werden und zugleich vom 
nämlichen Patienten als der Pfarrer N und der Schuster N und dann 
oft noch als die Geliebte des Kranken. Die Diana der Epheser ist eine 
andere als die in Athen. Apollo ist eine einheitliche Persönlichkeit, 
aber es gibt auch einen Apollo, der nur Wärme imd Licht spendet, und 
einen andern, der sengt und tötet; ja, einen weiblichen Apollo kannte 
man. Ganz so mit den Sachen und Sachvorstellungen und ebenso mit 
abstrakten Begriffen. Begriffe treten füreinander ein, weil sie irgend 
eine, oft nebensächliche Komponente gemeinsam haben; so kommt 
es zu einer konfusen Symbolbildung. Auch dem Normalen verständlich 
ist es noch, wenn die Liebe und eventuell auch der Geliebte durch 



12 E. Bleuler. 

sichtbare und brennend fühlbare Glut dargestellt wird. Manche andere 
Symbole sind viel schwerer zu verstehen. 

In den nämlichen Fällen wird dann auch viel vollständiger von 
Kcalität und Logik abgesehen. Ein Traum, ein schizophrenes Delir 
kann auch in bezug auf die Ideenverbind u ngen vollkommen unsinnig 
sein und die gröbsten Widersprüche nebeneinander stellen, während 
die autistischen Phantasien der Hysterisehen und der Pseudologen 
und der Gesimden mit Ausnahme vereinzelter logischer Sprünge ganz 
vernünftig und verständlich erscheinen können. 

Das die Wirklichkeit nur verzerrt wiedergebende Vorstellungs- 
material des traumhaften und des schizophrenen Autismus ist der 
Dissoziation in den Assoziationen der beiden Zustände zu verdanken, 
auf deren Natur ich hier nicht eintreten kann 1 ). 

Aber es ist doch zu bemerken, daß Zustände hochgradiger Un- 
aufmerksamkeit Dissoziationen hervorbringen können, die wir im ein- 
zelnen von den beiden genannten Störungen nicht zu unterscheiden 
vermögen, und daß die Mythologie, die doch wohl nur zu einem kleinen 
Teil auf Traumideen zurückzuführen sein kann, mit den tollsten Sym- 
bolismen und Begriffszerreißungen arbeitet. 

Wir können also jetzt noch schizophrenen und traumhaften 
Autismus in dieser Beziehung nicht prinzipiell von den übrigen Formen 
trennen, aber quantitativ besteht doch ein so großer Unterschied, 
daß die beiden Gruppen uns als wesentlich verschieden erseheinen 2 ). 

Eine besondere Stellung nehmen die Wahnbildungen der or- 
ganischen Geisteskrankheiten ein. Wir sehen hier eine ganz 

x ) Vgl. Freud, Traumdeutung, und Bleuler, Dementia praecox in 
Aschaffenburgs Handbuch der Psychiatrie, beides bei Deuticke, Wien. 

2 ) Jung und Freud sind geneigt, auch die Dissoziation bei der Schizophrenie 
und beim Traume durch Affektwirkung zu erklären. Das schlechte Denkmaterial 
wäre dann auch schon beim wachen Gesunden vorhanden mid würde nur vom 
autistischen Mechanismus mit Vorliebe benutzt; oder es würde durch die Be- 
dürfnisse des Autismus selbst geschaffen, während wir lieber annehmen, daß 
im Schlafe und in der Schizophrenie eine primäre Dissoziation vorhanden sei, 
die die abnorm starke — autistische — Wirkung der Affekte ermögliche. Für 
die Freud- Jungsche Ansicht spricht, daß recht weitgehende Dissoziation sich 
schon bei Gesunden findet, z. B. in der Mythenbildung und bei abgelenkter 
Aufmerksamkeit; für unsere Ansicht ließe sich verwerten, daß die Störungen 
der Dementia praecox und des Traumes doch recht viel weiter gehen als die 
beim Unaufmerksamen, und daß wir die Assoziationsstörung der Schizophrenie 
auch da nachweisen können, wo wir keine Wirkung des Affektes oder der Un- 
aufmerksamkeit sehen. 



Das autistische Denken. 13 

exzessive Affektwirkung, indem die manischen Zustände ausge- 
sprochenen Größenwahn, die depressiven ausgesprochenen Kleinheits- 
wahn produzieren. Die Reduktion der Zahl der gleichzeitig möglichen 
Vorstellungen und Assoziationen (die hier mißverständlich auch etwa 
Dissoziation genannt wird) erlaubt aber, daß diese Wahnideen zum 
Unterschied von denen des Manisch-depressiven ins Unsinnige gehen, 
wodurch sie häufig große Ähnlichkeit mit dem schizophrenen Wahn 
bekommen. Doch fehlen auch in dem fertigen Wahne die Unterschiede 
nicht, so daß man in den Durchschnittsfällen die beiden Krankheits- 
gruppen auch am Wahn erkennen kann. Es ist aber sehr schwierig, 
den Unterschied allgemein zu charakterisieren. Für uns ist wichtig, 
daß bei den organischen Krankheiten eine eigentliche Auflösung der 
Begriffe nicht vorkommt, daß die Zerspaltung der Persönlichkeit und 
namentlich die Absperrung von der Außenwelt fehlt, so daß es nur selten 
zu einem wirklichen Autismus kommt. 

Bei den Idiotieformen spielt der Autismus bezeichnender- 
weise keine große Rolle ; wir sehen hier in dieser Beziehung die gleichen 
Variationen, wie bei Gesunden, auf ein niedrigeres intellektuelles Niveau 
herabgesetzt. Schwierigkeiten können nur gegenüber dem höheren 
Blödsinn entstehen, dessen unklare Begriffsbildungen den zerrissenen 
Begriffen der Schizophrenie gleich sein können und deswegen auch z. B. 
Identifikationen ganz verschiedener Dinge erlauben. 

Den Autismus der mannigfaltigen epileptischen Zustände 
kann ich aus Mangel an genügender Erfahrung nicht beschreiben. 

Die autistischen Gedanken können flüchtige Episoden von 
wenigen Sekunden Dauer sein, sie können aber auch das ganze Leben 
ausfüllen und die Wirklichkeit fast ganz verdrängen wie beim ver- 
blödeten Schizophrenen, der nur in seinen Träumen lebt und sich 
füttern und kleiden läßt. Dazwischen gibt es alle Übergänge. Sei nun 
die autistische Welt ein zusammenhängendes Ganzes, oder bestehe sie 
nur aus einzelnen flüchtigen Gedanken, aus isolierten Wahnideen und 
Sinnestäuschungen, die dann und wann das realistische Denken unter- 
brechen, so ist sie, soweit sie zum Bewußtsein kommt, für die Kranken 
eine Realität, deren Verhältnis zur Wirklichkeit nicht allgemein zu 
beschreiben ist. In einem hysterischen Dämmerzustande wird meist 
die direkte Wahrnehmung der Außenwelt ganz konsequent im Sinne 
des Autismus umgedichtet: die Patientin befindet sich im Himmel, 
im Verkehre mit Heiligen, und alle Sinneseindrücke, die dem wider- 



14 E. Bleuler. 

sprechen, werden im Sinne der Grundidee umillusioniert oder dann 
«rar nicht apperzipiert. — Der Schizophrene mischt meist beide Welten 
in unlogischer Weise durcheinander; wo ihm Widersprüche zum Be- 
wußtsein kommen, ist ihm die Welt des Wahnes die dominierende, 
diejenige, der die größere Realität zukommt, und nach der er zunächst 
handelt. Wenn allerdings seine Energie nachgelassen hat, erlangen 
meist die dauernden und konsequenten Einflüsse der Umgebung wieder 
ein objektives — nicht subjektives — Übergewicht: der Kranke paßt 
sich in vielem an den umgebenden Organismus einer Anstalt an und 
nimmt mit der Wirklichkeit, mit Verpflegung dritter Klasse und mit 
sehr untergeordneten Arbeiten vorlieb, in seinem Innern aber ist er 
Kaiser von Europa geblieben, um den die ganze Welt sich dreht, und 
für ihn ist diese Kaiserwürde nach wie vor das Wichtige, dem gegen- 
über das Bißchen Anstaltsleben überhaupt nicht in Betracht gezogen 
werden kann. In sehr vielen Beziehungen, wenn auch gar nicht bei 
jedem (innern oder äußern) Erlebnis verwischen sich beim Schizo- 
phrenen die Grenzen von realer und autistischer Welt so sehr, daß 
man oft den bestimmten Eindruck bekommt, für die Kranken bestehe 
dieser Gegensatz nicht mehr. Wenn auch affektiv die autistische 
Welt vorgezogen wird, so empfinden sie den logischen Unterschied 
nicht mehr, genau wie manche Schizophrene ihre Schlaf träume veri- 
fizieren, auch wenn sie wissen, daß es sich nur um Traumerlebnisse 
handelt. 

Außerhalb der Schizophrenie hat der Autismus ein etwas anderes 
Verhältnis zur Wirklichkeit. Auch der Pseudologe denkt sich mehr 
oder weniger willkürlich ein Märchen und äußert dasselbe, zum Teil 
unter Anregung von bestimmten äußeren Situationen; er benutzt es 
z. B., um sich Geld zu erschwindeln. Er denkt sich dabei in seine Fabel 
so hinein, daß er „seine Lügen selber glaubt", sich oft längere Zeit 
nicht gegenwärtig ist, daß er eine ihm nicht zukommende Rolle spielt, 
aber, sobald er will, oder wenn die Umstände es mit sich bringen, z. B. 
bei einer Untersuchung, ist er imstande, in allen Beziehungen die 
Unrichtigkeit der Fiktion einzusehen. 

Die meisten normalen Menschen haben, namentlich in der Jugend, 
irgend ein Märchen gesponnen; sie wußten es aber immer von der 
Wirklichkeit zu trennen, wenn sie sich auch so gut in die geträumten 
Situationen hineindachten, daß sie entsprechende Affekte empfanden. 
Das ist normaler Autismus. Das Spiel der Phantasie an sich kann 
autistisch oder realistisch sein. Die Neukombination von der Wirklich- 



Das autistische Denken. 15 

keit entsprechenden Ideen nach Analogie der realen Zusammenhänge 
führt zu neuen Erkenntnissen, die wir, wenn sie eine gewisse Bedeutung 
haben, Erfindungen oder Entdeckungen nennen. Dieser Vorgang ist 
nicht autistisch. Was man aber gewöhnlich unter dem Spiele der Phan- 
tasie versteht, sieht in einem oder vielen Punkten von der Wirklichkeit 
ab und benutzt dafür willkürliche Voraussetzungen, es ist autistisch. 
Je mehr der Wirklichkeit nicht entsprechende Voraussetzungen und 
Zusammenhänge in einen Gedankengang aufgenommen sind, um so 
autistischer ist dieser. Es gibt also Grade des autistischen 
Denkens und Übergänge zum realistischen, aber nur in 
dem Sinne, daß in einem Gedankengange autistische und 
realistische Begriffe und Assoziationen in numerisch 
verschiedenen Verhältnissen vorkommen können. Ein aus- 
schließlich autistisches Denken in lauter Begriffen, die auf autistischem 
Wege neu gebildet wären und nirgends nach logischen Gesetzen ver- 
bunden würden, gibt es natürlich nicht. 

Hysterische können, wie Pseudologen, zeitweise an ihr Märchen 
glauben, ohne gerade in einem Dämmerzustande zu sein; aber die 
Trennimg von Wirklichkeit und autistischer Vorstellung ist bei ihnen 
meist eine recht scharfe zum Unterschiede von der Pseudologia phan- 
tastica. Der hysterische Autismus geht ohne Grenzen nach der einen 
Seite in das normale Tagträumen, nach der andern in den hysterischen 
Dämmerzustand über. 

Der Dichter, der wirkliche Dichter wenigstens, tut das gleiche. 
Er reagiert seine Komplexe, seine affektiven Bedürfnisse mehr oder 
weniger bewußt in einer künstlerischen Produktion ab. 

In die meisten Spiele der Kinder mischt sich Autismus in 
ähnlicher Weise ein wie in die Schöpfungen des Dichters. Dem kleinen 
Mädchen sind ein paar Lumpen ein Kind; der Knabe auf dem Stecken- 
pferde mit seinem hölzernen Säbel lebt seine Macht- und Kampfinstinkte 
aus usw. Dichter und Kind legen meist mehr Kealität in ihre Phan- 
tasieschöpfungen hinein, als man zunächst zu glauben geneigt ist. Die 
Lumpen werden wirklich geliebt, wie wenn sie das Kind wären, das 
sie vorstellen; und Kleist wurde in Tränen aufgelöst gefunden, nachdem 
er seine Penthesileia hatte umkommen lassen. 

Am besten kennt der Normale den Autismus und das autistische 
Denken aus dem Schlaftraume. Auch da gibt es keinen Zusammen- 
hang mit der Wirklichkeit und keine intellektuellen Rücksichten auf 
das Mögliche. 



16 E. Bleuler. 

Merkwürdig ist die mythologische Realität. Auch da, wo 
sie Gedanken enthält, die vom Standpunkte der Logik aus als kom- 
pletter Unsinn erscheinen, findet sie bei den Meisten wirklichen Cdauben; 
ja hervorragende Geister haben ihre Realität bei Konflikten über die 
der sinnlichen Welt gestellt. Von da aus gibt es alle Übergänge durch 
die Auffassimg als Sj'mbol, hinter dem mehr oder weniger Wirkliches 
steckt, und durch die Anerkennung etwa im Sinne einer bloß poetischen 
Wahrheit hindurch bis zur völligen Ablehnung. 

Die autistische Abwendung von der Realität ist oft eine 
aktive. Sie wird im Schlaftraume, wo sie am ausgesprochensten ist, 
wohl durch die Schlafmechanismen selbst bewirkt. Bei der Schizo- 
phrenie und beim hysterischen Dämmerzustand ist sie eine Teilerschei- 
nung des autistischen Mechanismus selbst. Der Schizophrene will sich 
nicht nur etwas seinen Wünschen Entsprechendes denken, er will sich 
auch von der Wirklichkeit, die ihn ärgert und reizt, aktiv abwenden. 
Dieses Streben findet seinen Ausdruck im Negativismus und in der 
äußeren Abschließung von der Umgebung, die bei manchen schweren 
Schizophrenen so auffallend ist. Der Widerwille gegenüber der Außen- 
welt und gegenüber äußeren Reizen sperrt die Gedanken der Kranken 
von den Vorstellungen der Realität und manchmal sogar von den 
von ihr herrührenden Sinnesempfindungen ab, wie anderseits die Lust 
an bestimmten irrealen Vorstellungen die Psyche diesen zuwendet. 

Viele nicht negativistische Schizophrene wenden ihr bewußtes 
Streben der Realität zu; die autistische Gedankenwelt drängt sich 
ihnen aber auf in Form von Halluzinationen, Wahnideen, Automatismen 
und ähnlichen Symptomen, die aus dem Unbewußten aufsteigen. 

Eine gewisse Abwendung von der Realität besteht natürlich 
auch im Wunschtraume des Gesunden, der sich Luftschlösser baut; 
sie ist da wohl meistens eine Art Willensakt; man will sich einer be- 
stimmten Phantasie hingeben, von der man weiß, daß sie nur eine 
Phantasie ist, aber sobald die Wirklichkeit es erfordert, wird die Ein- 
bildung wieder gebannt. 

Ohne einen deutlichen Grad von Abwendung von der Außenwelt 
möchte ich das Spiel der nämlichen Mechanismen nicht Autismus nennen. 
Wenn also der Manisch-Depressive seinen Stimmungen entsprechende 
Wahnideen bildet, so ist das eine pathologische Übertreibung der Affekt- 
wirkung und den affektiven Denkfehlern der Gesunden analog, aber noch 
nicht Autismus in unserem Sinne. Ob man trotzdem das affektive Denken 
auch hier noch als autistisches bezeichnen will, mag dahingestellt sein. 



Das autistische Denken. 17 

Wollte mau diese Frage bejahen, so wäre dann der Begriff des autistischen 
Denkens weiter als der des Autismus. 

Das Verhältnis des autistischen Denkens zu dem 
realistischen ist ein in vielen Beziehungen gegensätzliches. 

Das realistische Denken repräsentiert die Wirklichkeit, das auti- 
stische stellt sich vor, was einem Affekt entspricht, unter gewöhnlichen Um- 
ständen also das, was angenehm ist. Die realistischen Funktionen haben 
den Zweck, eine richtige Erkenntnis der Umgebung zu schaffen, das 
Wahre zu finden. Die autistischen wollen affektbetonte (meist lust- 
betonte) Vorstellungen hervorbringen und die mit einem entgegen- 
gesetzten Affekt betonten verdrängen. Die realistischen Mechanismen 
regulieren unsere Beziehungen zur Außenwelt; sie dienen dazu, das 
Leben zu erhalten, sich zu nähren, anzugreifen und sich zu verteidigen; 
die autistischen schaffen direkt Lust durch Herbeiführung lustbetonter 
Vorstellungen und halten Unlust ab durch Absperrimg der Vorstellungen, 
die mit Unlust verbunden sind. Es gibt also eine autistische und eine 
realistische Befriedigung seiner Bedürfnisse. Wer sich autistisch be- 
friedigt, hat weniger oder gar keinen Grund mehr zu handeln und auch 
weniger Kraft dazu; die gesunden und die schizophrenen Träumer 
sind bekannte Beispiele dafür. Beherrscht das autistische Denken einen 
Menschen gar vollständig, so erscheint dieser nach außen apathisch, 
stuporös. 

Die Gegensätzlichkeit der beiden Funktionen kommt besonders 
deutlich darin zum Ausdrucke, daß sie einander in gewissem Grade 
hemmen. Wo die Affekte momentan oder in der Anlage die Oberhand 
haben, wird das logische Denken unterdrückt und gefälscht im Sinne 
des Autismus. Umgekehrt hindert die realistische Überlegung beim 
normalen Menschen das Überwuchern des Autismus. Auch da, wo 
autistische Ideen ausgesponnen werden, wird doch beim Gesunden 
eine möglichst reinliche Trennung durchgeführt und ihr Einfluß auf 
das Handeln beschränkt oder ganz unterdrückt. 

Ist das logische Denken auf irgend eine Weise geschwächt, 
so bekommt das autistische relativ oder absolut die Oberhand. Wir 
können diese Fälle etwa in vier Gruppen teilen: 

1. Dem Kinde fehlt die Erfahrung, die notwendig ist zur Hand- 
habung der logischen Denkformen und zur Kenntnis der Möglichkeiten 
in der Außenwelt. Wenn es Phantasie besitzt, bekommt diese im Sinne 
des Autismus leicht das Übergewicht. 

2. In Thematen, die unseren Kenntnissen und un- 

Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen. IV. ^ 



18 K. Bleuler. 

serer Logik überhaupt nicht oder nicht genügend zugäng- 
lich sind, oder wo der Affektivität an sich die Entscheidung zufällt, 
muß die Logik naturgemäß zurücktreten: In den Fragen „der letzten 
Dinge", der Weltanschauung, der Religion, der Liebe. 

3. Wo aus irgend einem Grunde die Gefühle eine ihnen 
nicht zukommende Bedeutung erlangen, tritt die Logik 
relativ zurück: in starken Affekten und in der neurotischen Dis- 
position respektive der Neurose. 

L Wo der Zusammenhang der Assoziationen gelockert 
ist, verlieren diese natürlich ihre Bedeutung: im Traume des Ge- 
sunden, in der Schizophrenie. 

Ein ganz besonderes Verhältnis zum Autismus hat der Sexual- 
trieb. Es ist schon Diogenes aufgefallen, der allerdings nur an das 
physische Bedürfnis dachte, daß dieser allein autistisch befriedigt 
werden könne. Es gibt Onanisten, Schizophrene, Neurotiker, denen der 
physische und psychische Auterotismus einen Ersatz für die normale 
Sexualbefriedigung bietet, ja, solche, die nur im Auterotismus die 
eigentliche Befriedigung finden. Alle anderen Triebe und Komplexe 
können in Wirklichkeit nicht autistisch befriedigt werden; mag man 
sich das reichlichste Mahl im Schlaf- oder Tagtraume noch so lebendig 
ausmalen, der Hunger wird dadurch auf die Dauer nicht gestillt. Das 
wird neben dem Umstände, daß die Sexualität eben der ungleich 
mächtigste Trieb des Kulturmenschen ist, ein wichtiger Grund sein, 
warum das autistische Denken wenigstens in den pathologischen Fällen 
so vorwiegend erotischen Komplexen dient 1 ). Natürlich begünstigen 
außerdem die Schranken, die der Ausübung sexueller Akte gestellt 
sind, ein autistisches Ausleben. 

In gewisser Beziehung ergänzen auch die beiden Funktionen 
einander. Da, wo die Wirklichkeit unsere Wünsche nicht erfüllt, stellt 
sie uns der Autismus als erfüllbar oder erfüllt dar. So hat die Ethik 
des sozial lebenden Menschen mit Notwendigkeit den Begriff der 
Gerechtigkeit und das gefühlsmäßige Bedürfnis geschaffen, daß Lust 
und Leid nach Maßgabe des Verdienstes verteilt werden. In der Natur, 



*) Nach Freud ist die Sexualität beim Menschen zunächst eine ganz 
auterotische, und es bedarf einer besonderen Entwicklung, daß die Libido sich 
nach außen, auf Objekte, wirft. Ich muß dies nicht nur deshalb ablehnen, weil eine 
derartige Entwicklung in der Phylogenese unmöglich wäre, sondern namentlich 
deshalb, weil mir die Beobachtung der kleinen Kinder das Gegenteil zu zeigen scheint. 



Das autistische Denken. i-J 

im Schicksale, in allem, was nicht von unserer menschlichen Ordnimg 
abhängt, sehen wir aber nichts von dieser Gerechtigkeit. Die Lücke 
füllt die Religion aus, die Belohnimg und Strafe nach unseren Prinzipien 
der Gerechtigkeit verteilt, aber im Jenseits, wohin das realistische. 
Denken mit seiner Kritik nicht hinkommen kann. 

Der individuelle Erhaltungstrieb mußte bei dem in die Zukunft 
denkenden Menschen Furcht vor dem Tode oder, positiv ausgedrückt, 
Wunsch nach todlosem Leben erzeugen; auch diese Wünsche erfüllt 
die Religion. Das Kausalitätsbedürfnis, einer der wichtigsten Stimuli 
unseres realistischen Denkens, kann an vielen Punkten nicht befriedigt 
werden, die uns gerade als besonders wichtig erscheinen: die Mytho- 
logien füllen die Lücke aus. 

Logische Bedürfnisse sind es, die bewirken, daß die Begriffe da, 
wo sie ungenügend sind, gern durch autistische Zutaten ergänzt werden; 
die Sonne ist ein Mann, der in seinem Wagen über den Himmel fährt. 
Die Krankheit ist ein selbständiges Wesen, das auf bestimmten Zauber 
reagiert usw. Je schärfer aber auf höheren Kulturstufen das Denken 
wird, um so mehr ersetzen der Wirklichkeit genauer entsprechende 
Vorstellungen das Denken in solchen Bildern und Symbolen, die nur 
zu oft im eigentlichen Sinne gedacht werden, und die mißverständlich 
leicht für Realitäten gehalten werden. 

Bei Freud steht das autistische Denken in so naher Beziehung 
zum Unbewußten, daß die beiden Begriffe dem Fernerstehenden 
leicht ineinander fließen. Wenn man aber, wie ich, unter dem Un- 
bewußten alle diejenigen Tätigkeiten versteht, die den gewöhnlichen 
psychischen in allen Beziehungen gleich sind, außer daß sie nicht 
bewußt werden, so muß man die beiden Begriffe weit auseinander- 
halten. Autistisches Denken kann im Prinzip ebensogut 
bewußt wie unbewußt sein. Die unlogischen Auseinander- 
setzungen der Schizophrenen und der Traum sind Äußerungen be- 
wußten autistischen Denkens. In der Symptombildung der Neurosen 
und in vielen schizophrenen Vorgängen ist aber die autistische Arbeit 
eine ganz unbewußte. Bei den Neurosen kommen ihre Resultate in Form 
der verschiedensten neurotischen Symptome zum Vorschein, bei der 
Schizophrenie als primordiale Wahnideen, als Halluzinationen, Ge- 
dächtnistäuschungen, Zwangsantriebe usw. Im ganzen ist natürlich das 
autistische Denken häufiger unbewußt, das realistische vorwiegend 
bewußt, weil das bewußte Denken im wesentlichen unsere Beziehungen 
zur Außenwelt zu regeln hat. 



20 E. Bleuler. 

Das autistische Denken erreicht seine Ziele gar nicht immer 
vollständig. Oft hat es seine Widersprüche in sich. Manche unserer 
Vorstellungen, und zwar gerade der stark gefühlsbetonten, also der 
am meisten zu autistisehem Denken anregenden, sind ambivalent 
(d. h. von negativen und positiven Gefühlen zugleich begleitet). Was 
man erstrebt, hat auch seine unangenehme Seite. Der Geliebte hat 
seine Fehler, er hat z. B. alle gewünschten persönlichen Eigenschaften, 
aber nicht das Vermögen, das man wünscht, oder umgekehrt. Die 
Frau, die ihren Gatten nicht liebt oder gar verabscheut, hat doch 
positive Gefühle gegen ihn, z. B. weil er der Vater ihrer Kinder ist. 
Der Wunseh, die Vorstellung, der Mann möchte tot sein, bringt also 
auch schwere negative Gefühle mit sieh, die sich in verschiedener 
Weise, dureh Verdrängung des ganzen Vorstellungskomplexes, durch 
Angstgefühle und vielerlei Krankheitssymptome äußern können. Am 
schlimmsten scheinen in dieser Beziehung die Gewissenskonflikte zu 
wirken. Es ist begreiflich, ich möehte geradezu sagen, verzeihlieh, 
wenn eine Frau, die von ihrem Gatten nur Roheit zu erfahren hat, 
gelegentlich den Wunsch aufkommen läßt, wenn er nur nicht mehr 
da wäre, und es ist selbstverständlich, daß ihr ihre autistischen Funk- 
tionen einmal mehr oder weniger bewußt im Wachen oder im Traume 
diesen Wunseh als erfüllt darstellen, erfüllt mit oder ohne ihr Zutun. 
Auch solche Vorgänge führen wieder zu Unlustgefühlen, zu Gewissens- 
qualen, deren Ursprung ihre Träger oft gar nicht kennen, weil alles 
im Unbewußten abgelaufen ist. Während man sich im realistischen 
Denken Vorwürfe und Reue schafft über ein begangenes Unrecht, 
erzeugt das autistische Denken die gleichen Qualen im Zusammen- 
hange mit einem nur vorgestellten Unrecht; und diese „ein- 
gebildeten" Leiden sind oft um so schlimmer, als ihnen die Logik nicht 
beikommen kann, teils, weil es sieh um eine autistisehe, von der Logik 
unabhängige Funktion handelt, teils weil der Ursprung dem Träger 
nicht bekannt ist. Wenn ein Kranker nicht weiß, warum er sich ängstigt, 
so kann er sich nicht beweisen, daß er sich mit Unreeht ängstigt. 

Selbstverständlich muß der Autismus, der unsere Wünsche als 
erfüllt darstellt, auch zu Konflikten mit der Umgebung führen. 
Man kann die Wirklichkeit ignorieren, sie macht sich aber immer 
wieder bemerklich. Unter nicht pathologisch zu nennenden Umständen 
beaehtet der Autistische die Hindernisse, die der Erfüllung eines 
Wunsches entgegenstehen, ohne den Wunseh als Halluzination oder 
als Wahn zu realisieren, nicht, er denkt etwa zu optimistisch und wird 



Das autistiscbe Denken. ^1 

deshalb im Leben scheitern, oder er läßt sich durch das Leben, das 
ihm nichts bietet von dem, was man in erster Linie erstrebt, abstoßen 
und zieht sich auf sich selbst zurück. Unter pathologischen Umständen 
muß die Natur der Hindernisse durch autistisches Denken umgestaltet 
werden, wenn dieselben nicht vollständig ignoriert werden können. 
"Während der Autismus durch Erfüllung der Wünsche zunächst zu 
expansivem Wahne führt, muß die Wahrnehmung der Hindernisse 
auf den oben skizzierten Wegen Verfolgungswahn erzeugen. 

Der Autismus ist oft selbst der Träger der Konflikte, die die 
Affektwirkungen in uns schaffen. Ein Ereignis bei einem Normalen 
sei schmerzbetont. Der Schmerz hat, wie jeder andere Affekt, die Tendenz, 
sich durchzusetzen, das Ereignis zu überdauern, auch auf andere 
Erlebnisse zu irradiieren, kurz, eine andauernde, schmerzliche Stimmung 
zu schaffen. Diese wird, abgesehen von der angenommenen Usur durch 
die Zeit, auf die Weise überwunden, daß neue Erlebnisse ihre Affekte 
durchsetzen. Dabei macht eine Freude allerdings den Schmerz ver- 
gessen, oder sie kann ihn mildern, aber nur solange sie selbst besteht. 
Das unangenehme Ereignis bleibt bei diesen Vorgängen erinnerungs- 
fähig, wie jede andere Erfahrimg. Anders, wenn die autistische Ab- 
wehr gegen den Schmerz in Aktion tritt, sie sperrt ihn meist, zusammen 
mit der schmerzbetonten Vorstellung, vom Bewußtsein ab. Ob es 
möglich ist, auf diesem Wege einen Affekt ganz aus der Welt zu schaffen, 
weiß ich nicht. Jedenfalls kommen unter normalen wie namentlich 
unter pathologischen Umständen eine Menge solcher abgesperrter 
Affekte wieder zum Vorschein, imd Wirkungen von ihnen sehen wir 
auch, ohne daß der Affekt als solcher dem Träger bewußt wird (in der 
Mimik, in krankhaften Symptomen). Daraus ersehen wir, daß wenigstens 
in vielen Fällen die betreffenden Affekte nur vom Bewußtsein abge- 
spalten, nicht unterdrückt sind, und es ist dann selbstverständlich, 
daß die allen Affekten innewohnende Tendenz, von der Seele Besitz 
zu nehmen, nicht fehlt. Die „Verdrängung" muß also (immer?) durch 
die autistischen Mechanismen unterhalten werden, und umgekehrt 
kommen in den Erscheinungen des Autismus die verdrängten Affekte 
oder ihre Wirkungen zum Vorschein. Der Schizophrene oder auch 
der schlafträumende Gesunde glaubt fälschlich, einen Nahestehenden 
gestorben und ist darüber untröstlich. Irgendwann ist in ihm einmal 
die Idee vom Tode des Betreffenden in der Form eines Wunsches auf- 
getaucht, aber sofort, gewöhnlich, bevor sie nur ins Bewußtsein kam, 
unterdrückt worden, denn sie ist zu schmerzlich. Nun taucht sie im 



22 E. Bleuler. 

Autismus wieder auf und schafft dem Patienten mit der Erfüllung 
des Wunsches einen Sehmerz, den er hatte vermeiden wollen. 

Manchmal schafft das autistische Denken, indem es einen Wunsch 
erfüllt, einen Symptomenkomplex, den wir als Krankheit bezeichnen. 
Der Bruch mit der Geliebten wird verdrängt und dafür ein Zusammen- 
leben mit derselben halluziniert. Ein Gansersches Delirium oder ein 
Faxensyndrom, d. h. eine unbewußte Simulation, können sowohl auf 
autistischem Wege wie auf dem des realistischen Denkens zustande 
kommen. — Immerhin wäre es dem bewußten Willen ohne Benutzung 
der, wenn einmal entfesselt, spontan weiterwirkenden Affektmecha- 
nismen nicht möglich, ein kompliziertes Krankheitsbild so konsequent 
und so lange festzuhalten, wie es oft beim Ganserschen Syndrom 
geschieht. Auch entspricht der Ausbruch eines solchen Delirs gar nicht 
immer den Intentionen der ganzen Psyche, sondern nur einer mehr 
oder weniger unterdrückten Teilstrebung, deren Realisierung manchmal 
mehr Schaden als Nutzen bringt. 

Auch in anderen Fällen hegt es im Zwecke des Autismus, eine 
Krankheit zu schaffen. Diese soll z. B. dem Patienten erlauben, sich 
den Anforderungen der Wirklichkeit, die ihm zu schwer sind, zu 
entziehen (Flucht in die Krankheit). Das autistische Bedürfnis setzt 
sich dann manchmal gegen die bewußten Tendenzen des Patienten 
durch, der in Wirklichkeit durch die Krankheit schwer geschädigt 
werden kann. Wenn die Abweichung vom Normalen nicht ganz so weit 
geht, ermöglicht es der Autismus einem Menschen, zu schwärmen, statt 
zu handeln 1 ), sich mit unfruchtbaren Dingen abzugeben, Pläne zu 
schmieden, die man nicht ausführen kann und deswegen nicht aus- 
führen muß, unlösbaren Problemen nachzuhängen, bei denen eine 
Entscheidung irrelevant oder überhaupt nicht zu fällen ist. 

Macht eine schon bestehende eigentliche Krankheit, z. B. eine 
latente Schizophrenie dem Patienten den normalen Zusammenhang 
mit der Wirklichkeit unmöglich, so werden ähnliche Auswege gefunden; 
und es ist mir sicher, daß ein Teil der Symptome gerade der Schizo- 
phrenen Versuche sind, sich mit Krankheit und Wirklichkeit abzu- 
finden; mißglückte „Heilungsversuche" hat sie Freud genannt. Im 
Sinne der Patienten glücken allerdings manche solche Versuche, indem 
die Kranken sieh von der Außenwelt zurückziehen und die halluzina- 
torische Erfüllung ihrer Wünsche genießen können. 

*) „Begreifst du nun, wie viel andächtig schwärmen leichter als gut 
handeln ist?" (Lessing.) 



Das autistische Denken. 



23 



Alle die verschiedenen Arten von Konflikten, in die der Autismus 
führt, bilden den Boden, auf dem der Verfolgungswahn erwächst. 
Er hat im einzelnen natürlich recht viele Wurzeln und wir sind leider 
noch nicht imstande, weder eine allgemeine Formel zu nennen, die 
alle seine Entstehungsarten in sich fassen würde, noch alle die ein- 
zelnen Momente aufzuzählen, die in den speziellen Fällen an seiner 
Ausbildung mitwirken 1 ). Wir können hier auch nicht auf wichtige 
Momente, wie die Projektion von Gefühlen und von Ideen auf die 
Umgebung, eingehen. Sicher aber entsteht der Verfolgungswahn meist 
(oder immer?) dann, wenn die einer realisierbaren oder namentlich 
einer autistischen Strebung entgegenstehenden Hindernisse gefühlt 
werden. Die B. S. ist zwar die freie Schweiz, aber sie bleibt doch in 
der Irrenanstalt eingesperrt; sie besitzt eine siebenstöckige Banknoten- 
fabrik, bekommt aber keine einzige Note zu sehen. Der Erotomanische 
kann sich noch so sehr von seiner Prinzessin geliebt glauben, er kommt 
nie mit ihr zusammen. Wenn solche Patienten das Kausalitäts- 
bedürfnis nicht vollständig verloren haben, so müssen sie diese widrigen 
Umstände, sei es auf logischem, sei es auf artistischem Wege, als Folge 
von feindlichen Machenschaften erklären und zu der Idee kommen, 
verfolgt zu sein. — Daß diese Idee nicht ein bloßer Irrtum bleibt, 
sondern die Gestalt einer Wahnidee annimmt, dafür sorgen die beglei- 
tenden Affekte 2 ) der Unzufriedenheit, der Bitterkeit, der Gereiztheit 3 ), 
die sich eben aus dem Widerspruch von Wahrnehmung und Wirk- 

x ) Sein Inhalt wird im einzelnen durch die verschiedensten Zufälligkeiten 
determiniert, z. B. durch das Zusammentreffen mit irgend einer bestimmten 
Person. Die Art der Komplexe ist natürlich oft auch richtunggebend; so ver- 
mutet Ferenczi (Zentralblatt für Psychoanalyse, I, 1911, S. 559), daß Ver- 
giftungswahn dem Wunsche nach Geschwängertwerden entspringen könne (auch 
bei Männern). In einem Falle von Dementia senilis bei einer kinderlosen Frau, 
die sich spät verheiratet hatte, habe ich diesen Zusammenhang deutlich gesehen. 

2 ) Auf logischem Wege kommt man nicht zu Wahnideen, sondern — wenn 
Fehler gemacht werden — zu Irrtümern. (Vgl. Bleuler, Affektivität usw.) 

3 ) Es gibt allerdings auch eine Lust des Verfolgtseins, namentlich für den, 
der sich in eine gewisse Märtyrerrolle hineingelebt hat; sie mag bei der Ent- 
stehung und der Erhaltung des Verfolgungswahnes mitwirken. Aber im großen 

und ganzen ist das Verfolgtsein mit negativen Gefühlen betont, wenn nicht mit 
depressiven im Sinne der melancholischen Verstimmung. Die rein depressiven 
Zustände bilden deshalb auch keinen Verfolgungswahn; wenn der Melancholiker 
glaubt, daß man über ihn zu Gericht sitze, daß man ihm etwas Scheußliches antun 
wolle, so ist das für ihn keine feindliche Verfolgung, sondern eine verdiente 
Strafe. 



24 E. Bleuler. 

lichkeit ergeben und sich zum Verfolgungswahn verhalten, wie die 
pathologische Euphorie und Depression zum Größen- und Kleinheits- 
wahne. 

Aber auch der ganz Autistische, der seine Wünsche erfüllt sieht 
und z. B. halluzinatorisch mit seiner Gehebten verkehrt, kann sich 
dabei nur selten ganz befriedigt fühlen. Um genießen zu können, bedarf 
man nicht nur der wirklichen oder halluzinatorischen angenehmen 
Sinnesreize, sondern auch einer genügenden euphorischen Stimmung 
oder der Fähigkeit, angenehme Eeaktionen zu bilden. Es scheint nun, 
daß der Prozeß der Dementia praecox an sich die Bildung solcher 
positiven Gefühlstöne oft erschwere, sonst müßten die „Lustmecha- 
nismen" viel häufiger zur Ekstase oder sonst zu einem ganz hohen 
Glücksgefühl führen, wenn man auch zugeben muß, daß eben auch 
eine gewisse schöpferische Fähigkeit dazu gehört, sich ein vollkommenes 
halluzinatorisches Paradies zu schaffen; diese Fähigkeit kann nicht 
jeder besitzen, der schizophren wird. Auch die körperlichen Bedürfnisse 
und Hinfälligkeiten müssen oft dem autistischen Glück im Wege 
stehen. Es wird ja nicht möglich sein, sich dieselben auf die Dauer 
autistisch vom Halse zu schaffen, wenigstens sehen wir im Traume 
den Hunger oder das Bedürfnis zu urinieren, sich immer wieder melden, 
nachdem sie halluzinatorisch befriedigt worden sind, und die beste 
Suggestion wird einen dauernden, organisch bedingten Schmerz nur 
temporär beseitigen. 

Aber auch das restlose Erreichen ersehnter Ziele macht selten 
glücklich. Schon in der Wirklichkeit verhält es sich so. AVer sich als 
Höchstes dachte, 100.000 Mark zu erwerben, ist nur ganz ausnahms- 
weise zufrieden, wenn er das erreicht hat, und das erträumte Glück 
kann das Geld überhaupt nicht bringen. Die Ehe oder der als Ideal 
ersehnte Gatte zeigt auch unangenehme Seiten, wenn man ihn einmal 
hat. Sollte es mit den halluzinatorischen Befriedigungen viel besser 
sein ? Bei der sexuellen Liebe kommt aber noch ein wichtiger Umstand 
in Betracht: ihre Ambivalenz. Die Erotik hat (namentlich bei Frauen) 
auch eine starke negative Gefühlskomponente, die sich bekanntlich 
unter normalen wie unter pathologischen Umständen sehr leicht als 
Angst äußert. 

Aus all dem wird es verständlich, daß trotz einer weitgehenden 
halluzinatorischen Befriedigung bei Schizophrenie so oft Verfolgungs- 
wahn entsteht; und die letzteren Ausführungen zeigen, warum auch 
der Geliebte regelmäßig zum Verfolger wird. 



Das autistische Denken. «ö 

Das autistische Denken ist auch im wachen Leben des Gesunden 
eine Macht, deren Bedeutung man sich nur schwer klarmacht. Unsere 
Tagträume scheinen allerdings zunächst nur eine unschuldige Spielerei, 
sie sind aber gar nicht ohne Einfluß auf unser Handeln, und in der 
Form von Illusionen machen sie das Leben schöner oder erträglicher, 
aber auch zugleich gefährlicher. Auch alle echte Kunst wurzelt im 
Autismus, und wenn auch unlogische Dinge darin keine Rolle spielen 
dürfen, so ist ihr ein gewisser Grad von Ablösung von der Wirklich- 
keit notwendig, und das Treibende und Gestaltende sind auch bei 
ihr die Gefühle 1 ). — Die Religion ist eine autistische Bildung. Die 
Politik wird bei den Massen und auch bei vielen Führern in ihrer 
Richtung vielfach sehr wenig durch Überlegung, aber sehr viel von 
Instinkten, von suggestiven und autistischen Psychismen bestimmt. 
So sind die Grenzen zwischen beiden Denkformen auch dem Gesunden 
viel zu wenig bekannt, und auch er verliert oft den sicheren Boden 
der Wirklichkeit, um zu seinem Schaden von autistischen Gebilden 
genarrt und ins Verderben getrieben zu werden. 

Innerhalb des Gesunden richtet der Autismus natürlich viel 
Schaden an. Die Kreuzzüge und der Dreißigjährige Krieg waren ein 
recht böser Aderlaß für einen großen Teil der damaligen Kulturvölker, 
und wenn man im Kloster sich erhalten lassen kann, so kann sich doch 
das Genus so wenig auf autistischem Weg ernähren wie das Hühnchen 
im Ei. Es gibt natürlich noch viele andere Formen, unnützen Ideen 
zu leben oder sich Scheinbefriedigung zu verschaffen, die dem In- 
dividuum auf Kosten der Gesamtheit in einzelnen Beziehungen das 
Leben erleichtern. Es ist so hübsch, sein Mitleid an das phantasierte 
Gretchen zu verschwenden, das kostet nichts als ein Theaterbillet. 
Wenn aber das Gretchen im Leben den gleichen Faustschwärmern 
nahe kommt, so findet es verschlossene Herzen und Beutel und einen 
pharisäisch kräftigen Fußtritt. Denn es wäre unmoralisch, wie mir 
eben ein wohltätiger Damen verein in einem bestimmten Falle klar- 
gemacht hat, sich mit solchen Personen zu beschäftigen. 

* * 

* 

Da das realistische Denken, die Fonction du reel, das Sichabfinden 
mit den komplizierten Bedürfnissen der Wirklichkeit, durch Krankheit 
viel leichter gestört wird als das autistische Denken, und dieses geradezu 



*) Vgl. Bleuler, Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie von 
Psychosen. Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift, 190G, Marhold, Halle. 



26 E. Bleuler. 

durch Krankheitsprozessc in den Vordergrund gehoben werden kann, 
nehmen französische Psychologen unter der Führung von Janet an, 
die Realfunktion sei die höchste, die komplizierteste 1 ). 

Eine klare Stellung nimmt in dieser Beziehung aber nur Freud 
ein. Er sagt es direkt heraus, daß in der Entwicklungsreihe seine Lust- 
uiechanismen das Primäre seien. Er kann sich den Fall denken, daß 
der Säugling, dessen reale Bedürfnisse ohne sein Zutun ganz von der 
Mutter befriedigt werden, und das sich entwickelnde Hühnchen im Ei, 
das durch die Schale von der Außenwelt abgeschlossen ist, noch auti- 
stisch leben. Der Säugling „halluziniert" wahrscheinlich die Erfüllung 
seiner inneren Bedürfnisse, verrät seine Unlust bei steigendem Reiz 
und ausbleibender Befriedigung durch die motorische Abfuhr des 
Schreiens und Zappeins und erlebt darauf die halluzinierte Befriedigung. 
Dem kann ich nicht folgen. Ich sehe keine halluzinierte Befriedigung 
des Säuglings, sondern nur eine nach wirklicher Nahrungsaufnahme 2 ), 
und ich muß konstatieren, daß das Hühnchen im Ei nicht mit Vor- 
stellungen von Essen, sondern mit physikalisch und chemisch greif- 
barer Nahrung sich emporbringt. Ich sehe auch beim etwas älteren 
Kinde nicht, daß es einen eingebildeten Apfel über einen wirklichen 
stellen würde; der Imbezille und der Wilde sind währschafte Real- 
politiker und der letztere macht seine autistischen Dummheiten, genau 
wie wir an der Spitze der Denkfähigkeit stehenden Menschen, nur da, 
wo sein Verstand und seine Erfahrung nicht hinreicht: in seinen Ideen 
über den Kosmos, die Naturerscheinungen, in der Auffassung von 
Krankheiten und anderen Schicksalsschlägen und deren Abwehr, 
und in sonstigen, für ihn zu komplizierten Zusammenhängen. Beim 
Imbezillen ist das autistische Denken vereinfacht, ganz wie das rea- 

x ) Man spricht in Frankreich auch von einem „sens de la realite", 
womit in erster Linie das Unterscheidungsvermögen von Wirklichkeit und Ein- 
bildung gemeint wird. Das ist in der Hauptsache etwas ganz anderes, aber es 
hat natürlich seine Beziehungen insofern zum Autismus, als der extrem Autistische, 
z. B. der Schizophrene, der hysterisch Dämmerige, seine autistischen Gebilde 
für Wirklichkeit hält, und daß namentlich beim Schizophrenen der Begriff der 
Realität so verschoben wird, daß man sich wohl gar nicht fragen kann, ob ein 
solcher Kranker etwas für im Sinne des Gesunden wirklich hält. 

2 ) Das Neugeborene reagiert in allen seinen Bestrebungen auf die Realität 
und im Sinne derselben; wenn der Saugreflex bei Kontakt des Mundes mit einem 
andern Gegenstand als der Mamilla auch in Funktion tritt, so ist das gewiß nur 
einem geringen Unterscheidungsvermögen (ob bewußt, oder unbewußt, lasse ich 
dahingestellt) zuzuschreiben, wie es in analoger Weise allen Reflexen zukommt 
und für deren Aufgaben praktisch genügt. 



Das autistische Denken. 27 

listische. Ich kann nirgends ein lebensfähiges Geschöpf finden oder nur 
mir denken, das nicht in erster Linie auf die Wirklichkeit reagierte, das 
nicht handelte, ganz gleichgültig, wie tief es stehe; und ich kann mir auch 
nicht vorstellen, daß von einer gewissen Einfachheit der Organisation 
an nach unten hin autistische Funktionen vorhanden sein können. 
Dazu gehören komplizierte Erinnerungsmögliehkeiten. So kennt die 
Tierpsychologie (außer einigen wenigen Beobachtungen an höchst- 
stehenden Tieren) nur die Realfunktion. 

Der Widerspruch läßt sieh indes leicht lösen: Die autistische 
Funktion ist nicht so primitiv wie die einfachen Formen 
der Realfunktion, aber — in gewissem Sinne — primitiver 
als die höchsten Formen der letzteren, wie wir sie beim 
Menschen entwickelt finden. Niedere Tiere besitzen nur die 
Realfunktion; es gibt aber kein Wesen, das ausschließlich autistisch 
denkt. Von einer gewissen Entwicklungsstufe an tritt die autistische 
Funktion zu der realistischen und entwickelt sieh von nun an mit ihr. 

Wir können in der phylogenetischen Entwicklung einige Etappen 
herausheben, wenn diese auch, wie selbstverständlich, keine eigentlichen 
Grenzen gegeneinander haben. 

I. Das Erfassen einer einfachen äußeren Situation und das Danach- 
handeln : Nahrung ergreifen, einen Feind fliehen oder angreifen und dergl. 
Es handelt sich also hier um nicht viel anderes als Reflexe, die bis zu einer 
gewissen Differenziertheit und Kompliziertheit gehen können. Gefühle 
der Lust und Unlust werden sie begleiten, jedenfalls aber kommt hier 
der Affektivität keine besondere Rolle zu; sie ist nur die mit dem 
speziellen Vorgang (Nahrung erfassen, Flucht) untrennbar verbundene 
Veränderung des Allgemeinzustandes 1 ). 

II. Es werden Erinnerungsbilder geschaffen und bei späteren 
Funktionen benutzt, aber nur im Anschluß an äußere Reize, bei der 
Ausübung realistischer Funktionen. Ein selbständiges Denken, einzig 
in Erinnerungsbildern, ist zunächst wohl ausgeschlossen. Die entwickelt- 
sten Erinnerungsbilder, die wir auf früheren Stufen kennen, sind wohl 
die der örtlichen Orientierung dienenden ; es ist aber nicht anzunehmen, 
daß sie vereinzelt bleiben. 

Hier ist nun bereits die Möglichkeit gegeben, daß allfällige an die 
Erinnerungen geknüpfte Affekte auf die Auswahl der zu ekphorierenden 
Ensramme einen gewissen Einfluß ausüben. Die Ameise wird den Weg 



a ) Bleuler, Affektivität. Marhold, Halle. 



28 E. Bleuler. 

einschlagen, der sie zu Beute geführt hat — gewiß nicht, weil sie nun 
,, denkt", da sei noch etwas zu holen, sondern weil die entsprechende 
Engrammreihe positiv betonte Gefühle respektive Triebe in sich 
schließt. 

III. Nach und nach werden immer kompliziertere und immer 
schärfere Begriffe geschaffen und unabhängiger von äußeren Einflüssen 
benutzt, und 

IV. werden die Begriffe ganz ohne Auslösung durch die Außenwelt 
nach Maßgabe der Erfahrung kombiniert zu logischen Funktionen, zu 
Schlüssen vom Erlebten aufs Unbekannte, vom Vergangenen aufs 
Zukünftige; es wird nicht nur ein Abwägen verschiedener Eventualitäten, 
die Wahlhandlung, ermöglicht, sondern auch ein zusammenhängendes 
Denken, ausschließlich in Erinnerungsbildern, ohne Zusammen- 
hang mit den eventuellen Sinnesreizen und Bedürfnissen. 

Hier erst kann die autistisehe Funktion auftreten 1 ). Da erst 
kann man Vorstellungen haben, die mit lebhaften Lust- 
gefühlen verbunden sind, Wünsche bilden und sich an ihrer 
phantasierten Erfüllung ergötzen und die Außenwelt in 
seiner Vorstellung umgestalten, indem man das Unan- 
genehme derselben nicht denkt (abspaltet) und Angenehmes 
eigener Erfindung hinzusetzt. Die Irrealfunktion kann also nicht 
primitiver sein als die Anfänge des wirklichen Denkens, und sie muß 
sich parallel mit diesem entwickeln. Denn je komplizierter und diffe- 
renzierter Begriffsbildung und logisches Denken werden, um so genauer 
wird einesteils ihre Anpassung an die Wirklichkeit, und damit um so 
größer die Möglichkeit der Loslösung vom Einflüsse der Affektivität, 
aber andernteils wird die Möglichkeit der Wirkung von gefühlsbetonten 
Engrammen der Vergangenheit und von gefühlsbetonten Vorstellungen, 
die die Zukunft betreffen, in gleichem Maß erhöht. Die zahlreichen 
Denkkombinationen ermöglichen eine unendliche Mannigfaltigkeit 
der Phantasie, während die Existenz unzähliger gefühlsbetonter Er- 
innerungen aus der Vergangenheit und ebenso affektiver Vorstellungen 



x ) Wenn eine allein aufgezogene Hündin (Ge rard - Varet, Revue Scientif., 
1902, S. 485) wirklich ein Stück Brot wie ein Junges zu wärmen und zu säugen 
mimt, so ist das vielleicht nur eine Instinktsfunktion, die sich mangels richtiger 
Gelegenheit am unpassenden Objekt ausläßt, wie wenn das im Zimmer auf- 
gezogene Eichhörnchen die Bewegungen macht, um Nüsse in den harten Boden 
einzugraben. Das Kind aber, das ein Stück Holz als Baby behandelt, hat bereits 
die Vorstellung eines Baby. 



Das autistische Denken. 29 

über die Zukunft geradezu zum Phantasieren drängen. Mit ihrer Ent- 
wicklung werden die Unterschiede der beiden Denkarten immer schroffer, 
diese werden schließlich zu vollen Gegensätzen, die immer mehr und 
immer schwerere Konflikte hervorzubringen vermögen, und wenn in 
einem Individuum die beiden Extreme sich nicht ungefähr die Wage 
halten, so kommt es einerseits zum Träumer, der nur kombiniert, 
mit der Wirklichkeit nicht mehr rechnet und nicht mehr handeln kann, 
und anderseits zu dem nüchternen Wirklichkeitsmcnschen, der vor 
lauter Realdenken nur dem Augenblick lebt und nichts vorausberechnet. 
Daß nun trotz diesem Parallelismus in der phylogenetischen 
Entwicklung das realistische Denken als das entwickeltere erscheint, 
und eine Allgemeinstörung der Psyche regelmäßig die Realfunktion 
viel stärker trifft, hat mehrere Gründe. 

Das Wesentliche der Realfunktion kann man nicht auf die Welt 
bringen; man muß es größtenteils im individuellen Leben erst erwerben. 
Die Anlage, viele und scharf begrenzte Begriffe zu bilden, ist eine leere 
Potentialität, so lange nicht reiche Erfahrung das Material für die 
Begriffe und ihre Abgrenzung geboten hat; die logische Kombination 
muß ebenso durch die Erfahrung erworben sein imd ein noch so um- 
fassend angelegter Geist kann nicht alle Faktoren einer komplizierten 
Überlegung in Betracht ziehen, wenn ihm nicht die Erfahrung gezeigt 
hat, was alles in Betracht kommen kann und was nicht. 

Das Realdenken arbeitet also nicht bloß mit einer angeborenen 
Fähigkeit („Intelligenz"), sondern auch mit Funktionen, die nur durch 
Erfahrung und Übung des Einzelnen erworben werden können. 

Solche Funktionen werden erfahrungsgemäß unendlich viel 
leichter gestört als im Organismus begründete. 

Ganz anders die vom Autismus benützten Mechanismen. Sie werden 
mit uns geboren. Die Affekte, die Strebungen haben von Anfang an auf 
unser Geistesleben diejenigen Einwirkungen, die auch das autistische 
Denken leiten; sie bahnen und hemmen die Gedanken entsprechend ihrer 
eigenen Richtung und treffen ohne jede Überlegung eine Wahl zwischen 
verschiedenen Möglichkeiten der Reaktion. Schon lange vor der Voll- 
endung des ersten Jahres lassen sich beim Kind anscheinend kompli- 
zierte Affektreaktionen finden. Es reagiert nicht bloß mit Liebe und 
Liebesbezeigungen auf Liebe, mit Angst oder Weinen auf Drohung, 
sondern z. B. auch mit Hohn auf Hohn, und dabei findet es oft einen 
Ausdruck, der auffallend raffiniert erscheint und das wirklich wäre, 
wenn er auf logischem Wege hätte gefunden werden müssen. Das Kind 



30 K. Bleuler. 

reagiert aber, sogar ohne Worte zu verstehen, schon auf den Affekt- 
ausdruck eines andern, und sein eigener Affekt weist ihm ohne Über- 
legung und ohne Erfahrung, daß man der Liebe Liebe, der Drohung 
Trotz oder ängstliche Unterwerfung entgegenstellt, und er bringt 
automatisch nicht nur angeborene Eeaktionen in Funktion (schmeicheln, 
hauen usw.), sondern ordnet auch das geringe Vorstellungsmaterial, 
das bis jetzt erworben werden konnte, entsprechend seinen Zielen. 

Roseggcr gibt 1 ) von seinem vierjährigen Mädchen folgendes hübsche 
Beispiel: „Ich fühle mich heute so müde und weiß nicht warum," sagte 
ich zur Mutter. Redete das Gretchen dazwischen: „Bist schon groß. 
Vater, und weißt es nicht? Große Leute wissen doch alles." „Kleiner 
Naseweis!" versetzte ich, „mehr weiß ich schon wie du." „Wir wollen 
sehen," antwortete das Kind. „Ich will dich fragen. Sage mir einmal, 
Vater, warum das Bild einen Rahmen hat?" „Weil der Rahmen zum 
Bilde gehört," war meine Antwort, von der es auch befriedigt schien. 
Dann blickte es auf einen Blumenstrauß, der vor dem Spiegel stand, und 
fragte: „Ist der Gott auch in den Blumen?" „Ja freilich, mein Kind." 
„Warum ist der Gott auch in den Blumen?" „Weil er überall ist." „Ist 
der Gott auch in den Blumen, die im Spiegel sind?" fragt die Kleine. 
Ich fürchte, ihr glaubt mir nicht, aber ich versichere, daß das vierjährige 
Kind aus sich selbst und ganz in dieser Reihenfolge die Fragen stellte und 
mit der letzten, die einem Philosophen alle Ehre gemacht hätte, mich 
in die Enge trieb. Wenn Gott überall ist, so sollte ich nun sagen, ob er 
auch in den Blumen wäre, die gar nicht sind, sondern sich nur spiegeln! 
Ein helles Auflachen von mir und meinem Weibe war die Antwort. Das 
Mädel schaute verblüfft drein: was es denn da zu lachen gäbe? Es wollte 
mich ja auf meine gerühmte Weisheit prüfen. „Also weißt du mehr als 
ich, Vater?" „Ja, ich weiß, daß du ein loser Schnabel bist." Einen Augen- 
blick besann es sich, ob es den Schnabel auf^sich sitzen lassen könne, denn 
Gretel ist in bezug auf ehrenrührige Bezeichnungen empfindlich: „Schnabel 
ist keine Schande," sagte sie endlich, „die lieben Vögelein haben auch 
Schnäbel." 

Eine solche Affektreaktion ist auch das Lügen ganz kleiner Kinder. 
Es gibt sonderbarerweise Erzieher, die sich über derartige Vorkommnisse 
nicht nur moralisch entrüsten, sondern s-ich auch verwundern, wie die 
einfache kindliche Seele so etwas zustande bringe. Wenn aber das 
Kind gefragt wird, ob es den Apfel ^genommen habe, und es weiß, daß 
es Prügel bekommt, wenn es ja sagt, aber keine, wenn es nein sagt, 
so gibt es darauf zwei Reaktionsformen. Die eine ist die Überlegung, 
daß es den Apfel gegessen habe, und daß es notwendig sei, dies zu sagen; 
die andere ist die einfache affektive Reaktion, daß man etwas Un- 



x ) „Das Buch von den Kiemen", Leipzig, 1911, Staackrnann, S. 107. 



Das autistische Denken. «-»1 

angenehmem aus dem Wege geht. Es wird also ohne besonderes mora- 
lisches Training in der Kegel seinem Affekte, seinem Instinkte folgen 1 ), 
so gut wie es schreit und ausweicht, wenn man ihm eine schmerzhafte, 
körperliche Operation machen will, wobei es gar nichts hilft, ihm die 
intellektuelle Überzeugung beizubringen, daß die schmerzhafte Pro- 
zedur ihm in der Zukunft nützlich sein werde. Man verwundert sich 
auch darüber, wenn ein Neger heute einen Diebstahl strikte ableugnet, 
den er gestern unter anderen Umständen zugegeben hat. Für den Neger 
ist das kein Widerspruch. Gestern verstand er die Konsequenzen nicht, 
oder er erwartete für sein Geständnis Verzeihung und eventuell Be- 
wunderung, heute sieht er ein, daß er gestraft werden wird: davon 
leitet er sein Verhalten ab, und er hat eben so viel Recht, sich über die 
Verständnislosigkeit der Gegenpartei zu verwundern als der Euro- 
päer 2 ). Gehen wir zu den Tieren hinunter, so sehen wir, daß z. B. auch 
Hunde lügen können. 

Gleich wie mit den Lügen ist es mit den Ausreden, die sich oft, 
der affektiven Regung folgend, viel leichter präsentieren als die Wahr- 
heit, und zwar auch bei kleinen Kindern gelegentlich in merkwürdiger 
Kompliziertheit. 

Dieses Verhalten wird verständlicher, wenn man sich klar macht, 
daß sich die einfache Xatur überhaupt ohne affektiven Grund nicht 
äußert. Die Sprache ist ihr nichts als die Dienerin des Begehrens. 
Es liegt ihr durchaus ferne, einen Tatbestand objektiv in Worten 
zu konstatieren. Das kleine Kind spricht sich über das aus, was 
es interessiert, was positiv oder negativ gefühlsbetont ist 3 ). Ver- 

a ) Ein zwanzigjähriger Polytechniker, der an kleinen Diebstählen erwischt 
worden war und zunächst leugnete und sich der Verhaftung tätlich widersetzte, 
gestand bald darauf ohne Hemmung mehr als nötig war. Auf den Widerspruch 
aufmerksam gemacht, äußerte er: „Ich glaube, es muß ein ungeheuer gewiegter 
Verbrecher sein, der das alles eingestehen kann. Wenn man alles sofort gesteht, 
so ist es ja auch schön, aber man kann es nicht im ersten Moment. Da lehnt sich 
alles in einem dagegen auf, obschon man später gerne gesteht." 

2 ) Klaatsch (Kongreß für Kriminalanthropologie, Köln, Oktober 1911) 
charakterisiert die Australneger u. a.: Mangelhafter Sinn für Wahrheit. Lügen- 
haftigkeit aus Unfähigkeit, das Reale zu unterscheiden. Einige Individuen erheben 
sich darin über die übrigen, die Zauber-Priester-Doktoren. — Man sagt, daß 
die Weddas nicht lügen. Wenn es auch nur teilweise wahr wäre, so lohnte sich 
eine genauere Untersuchung des Zusammenhanges dieser merkwürdigen 
Eigenschaft. 

3 ) Einzelne an sich irrelevante Aussprüche erweisen sich etwa als Imi- 
tationen von dem, was ihm die Großen vorsagen usw. 



32 E. Bleuler. 

laust man von ihm eine Konstatierung ohne einen solchen Zusammen- 
hang, so versagt es leicht. Ausfragen und Verhören von Kindern und 
Wilden scheitert ja gern daran, daß sie nicht antworten, was den Tat- 
sachen entspricht, sondern das, was ihrem Flair nach der Frager von 
ihnen erwartet und wünscht. Der Ton der Frage, nicht ihr Inhalt, 
bedingt hier die Antwort. Wo ldeine Kinder eine Aufgabe nicht ge- 
nügend verstehen, antworten sie meist in den Tag hinein. „Ich weiß 
es nicht", bekommt man unter diesen Umständen gar nicht selten zu 
hören; diese Redensart bedeutet bei Kindern viel mehr ,,ich mag nicht 
antworten". Auf eine Rechenaufgabe antworten sie meist mit einer 
beliebigen Zahl und wollen nicht verstehen, daß man damit nicht 
zufrieden ist. Auf die Frage, welche von zwei Linien die größere sei, 
antworten sie z. B. damit, daß sie den Zwischenraum zwischen den 
Linien zeigen; gibt man ihnen zwei Schachteln mit der Frage, welche 
schwerer sei, so greifen sie, ohne zu vergleichen, aufs Geratewohl nach 
einer derselben und zeigen sie als die schwerere. Solche Reaktionen 
kommen bei der Schizophrenie wieder vor, sind aber dem normalen 
Erwachsenen fremd. 

Die angeborene Natur der autistischen Denkformen zeigt sich 
mit besonderer Aufdringlichkeit in der Symbolik. Diese ist überall, 
von Mensch zu Mensch, von Zeitalter zu Zeitalter, von Rasse zu Rasse, 
vom Traum zur Geisteskrankheit und zur Mythologie von einer un- 
glaublichen Einförmigkeit. Eine ganz beschränkte Anzahl von Motiven 
liegt vielen Hunderten von Sagen zugrunde. Immer sind es die näm- 
lichen wenigen Komplexe, die zur Symbolik Anlaß geben, und auch 
die Ausdrucksmittel sind die nämlichen. Der Vogel, das Schiff, das 
Kästchen, das die Kinder bringt und die Sterbenden wieder an den 
geheimnisvollen Ursprungsort zurückträgt, die böse (Stief-)Mutter 
usw. usw. wiederholen sich immer und besagen überall das gleiche. 
Die Vorstellung vom Kreislauf des Lebens, der die Alten wieder mit 
oder ohne Verkleinerung zurück in den Uterus oder an irgend einen 
andern Ort bringt, wo die Kinder herkommen, gehört jetzt noch zur 
selbstgemachten Weltanschauung des zwei- bis vierjährigen Kindes, wie 
sie aus den Mythologien und Sagen früherer Jahrtausende hervortritt. 
Die ganz anderen Vorstellungen, die die Eltern dem Kinde übermitteln, 
werden nicht assimiliert und bleiben wirkungslos gegenüber der autisti- 
schen Fabulation, ja, diese wird von den Kleinen manchmal in bewußtem 
Widerspruch gegen die elterliche Autorität festgehalten und ausgebildet. 



Das autistische Denken. 33 

Symbole, die wir aus längst vergangenen Religionen kennen, 
finden wir wieder in der Wahnbildung unserer Schizophrenen ohne 
jeden Zusammenhang mit der untergegangenen AVeit. Es wird gewiß 
auch hier nicht richtig sein, wenn man von angeborenen Ideen spricht; 
aber wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, drängt sich doch 
eine ähnliche Vorstellung immer wieder auf, und jedenfalls gibt es in 
der autistischen Symbolik eine allen Menschen angeborene Ideen- 
richtung. 

Die Einförmigkeit des autistischen Denkens ist denn auch in der 
Psychopathologie der Wahnsysteme schon längst aufgefallen. Viel- 
leicht finden wir hier den Schlüssel, der uns auch jene merkwürdige 
Einförmigkeit der Symbolik erklären wird. Es handelt sich wohl eben- 
falls um affektive Mechanismen, wenn sie auch in etwas anderer Weise 
wirken als diejenigen, die direkt die Wahnrichtung bestimmen. Hier 
erlauben die Affekte nur ein Denken in ihrem Sinne. Bei der Symbolik 
werden Affektbetonungen die Assoziationen leiten. Wenigstens sehen 
wir, daß als Symbole des männlichen Genitales in der Schizophrenie fast 
ausschließlich, und im Traume mit einer gewissen Vorliebe, Dinge 
gewählt werden, die nicht nur irgend eine äußerliche Ähnlichkeit mit 
dem zu Bezeichnenden haben, sondern solche, die zugleich ein gewisses 
Gruseln erwecken. Der Gefühlston muß also hier das affektive Binde- 
glied sein. Ob und inwieweit man diese Beobachtung verallgemeinern 
darf, ist mir noch nicht klar. Mitwirken mag auch, daß das Zunächst- 
liegende überall das nämliche ist. Nirgends z. B. fehlen die ver- 
schiedenen Anlässe, die in das Verhältnis von Mutter und Tochter 
etwas wie Eifersucht und Feindseligkeit hineintragen können, während 
die intimeren Beziehungen zwischen Vater und Tochter fast nur durch 
individuelle Schwierigkeiten gestört werden. Feindschaft zwischen 
Kind und Mutter sieht und sah man aber offenkundig immer bei der 
Stiefmutter oder der Schwiegermutter, fast nie bei der echten Mutter. 
Da muß es überall naheliegen, die feindliche Mutter als Stiefmutter 
oder Schwiegermutter zu bezeichnen. 

Das autistische Denken bedarf allerdings auch des Erfahrungs- 
materials: um sich Prinz zu träumen, muß man ungefähr wissen, daß 
ein Prinz einer ist, der alles haben kann, namentlich auch die schönste 
Prinzessin, und der bestimmt ist, später ein sorgloses Leben als König 
zu führen. Um sich reich zu träumen, muß man wissen, daß man mit 
Geld viele gute Dinge kaufen kann usw. Solche Begriffe sind aber 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. o 



34 E. Bleuler. 

so leicht zu erwerben, daß sie in der frühen Kindheit jedes einzelnen 
schon da sind und kaum durch die schwerste allgemeine Hirnkrankheit 
ausgelöscht werden können. Schärfere Begriffe und zwingende Zu- 
sammenhänge sind dem Phantasieren geradezu hinderlich. Das Kind 
kann sich noch über die Vorstellung freuen, daß es einmal Prinz werde; 
dem Erwachsenen bleibt die Unmöglichkeit der Wunscherfüllung 
gegenwärtig, und er wird höchstens einmal in einer besonderen Laune 

sagen können: „Wenn ich Prinz wäre, " Wichtig ist auch, 

daß es für die realistische Funktion nur ein richtiges Resultat gibt, 
während der Autismus die ,, unbegrenzten Möglichkeiten besitzt" ( J u ng) 
und sein Ziel auf die verschiedenste Art erreichen kann. So können uns 
die Unterschiede bei gutem oder schlechtem Funktionieren auch bei 
extremem Schwanken nicht groß erscheinen. Während zwischen der 
falschen und der richtigen Lösung einer Rechnung, zwischen einem 
falschen und einem richtigen Schluß ein prinzipieller Gegensatz besteht, 
ist das Märchen eines Kindes und das eines Genies in bezug auf seinen 
autistischen Zweck und die subjektive Erfüllung des Zweckes gleich- 
wertig. Sind die Begriffe unscharf geworden, die logischen Funktionen 
ungenügend, so kann das realistische Denken nur noch zu unrichtigen 
Resultaten kommen, das autistische aber wird durch einen solchen 
Fehler nicht nur nicht gestört, sondern geradezu gefördert, indem er 
mehr Denkmöglichkeiten, wie Identifikationen und verifizierte Symbole, 
erlaubt. So ist die richtige Kombination in Wirklichkeit eine viel 
höhere Leistung als die bloß wunschgemäße. Die eine ist ein Freuden- 
schießen, bei dem es nur knallen muß; die andere will ein bestimmtes 
Ziel, und nur dieses, treffen. 

Wenn nun das autistische Denken im großen und ganzen als 
eine der Art schädliche Verirrung erscheinen muß, wie konnte eine 
phylogenetisch so junge Funktion so große Ausdehnung und Macht 
erreichen, daß das autistische Denken schon bei vielen Kindern nach 
dem zweiten Jahr einen großen Teil ihrer psychischen Funktionen 
beherrscht (Spielen, Wach träumen), daß es bei Erwachsenen so leicht 
in den Vordergrund tritt, daß es fähig ist, Völker und Klassen in grau- 
samem Vernichtungskampf hintereinander zu hetzen, und daß es bei 
vielen krankhaften Störungen der Realfunktion sofort die ganze 
Psyche in Besitz nehmen kann? 

Da ist zunächst hervorzuheben, daß die ganze Tierreihe darauf 
eingestellt ist, Lust zu suchen und Schmerz abzuwehren, der Lust- 



Das autistische Denken. 35 

erwerb ist subjektiv geradezu zum Selbstzweck geworden. Das Lust- 
betonte ist eben im großen und ganzen das dem Individuum oder der 
Art Nützliehe, das Unlustbetonte das Schädliche. INfun kann das Prinzip, 
auf dem die Existenz der animalischen Wesen und die Organisation 
ihrer Psyche aufgebaut ist, nicht wohl plötzlich deshalb verlassen 
werden, weil nun auf einer gewissen Stufe eine Gefahr in der Anwen- 
dung eines neuen Prinzips eintritt. Der höhere Organismus muß die 
Gefahr überwinden oder zugrunde gehen. Es ist auch möglich, daß 
es schon Hemmungseinrichtungen gibt, die dem Überhandnehmen 
des Autismus entgegengestellt sind, jedenfalls aber schafft das drin- 
gende Bedürfnis des Lebens bei allen gesunden Wesen ein gewaltiges 
Gegengewicht 1 ). Im wesentlichen indessen muß das Genus sich mit der 
Existenz des Autismus abfinden. Ein gewisser Grad desselben kann 
leicht ertragen werden, und nur ein Übermaß wird deletär. Nun ist die 
Abgrenzung zwischen Mäßigkeit und Unmäßigkeit auch hier eine 
sehr schwierige ; der Autismus wird also auch in seinen deletären Formen 
nie ganz zu überwinden sein. Auch der intelligenteste Kulturmensch 
ist nie in allen Fällen imstande, sicher zu erkennen, was realistisch 
gedacht ist, und was Einbildung ist; vieles ist möglich geworden, was 
zu anderen Zeiten unmöglich schien. Die mäßigen Trinker halten die 
allgemeine Durchführung der Abstinenz für eine Utopie, die Abstinenten 
halten die Durchführung einer wirklichen Mäßigkeit für eine Utopie. 
Unsere Schlüsse entfernen sich eben so weit von dem Material, auf das 
sie basiert werden, daß Täuschungen alle Augenblicke vorkommen 
müssen. 

So ist nicht anzunehmen, daß durch Auslese je dieses schranken- 
lose neue Feld der affektiven Betätigung ganz verschlossen werde, 
und zwar um so weniger, als der Autismus auch so, wie er jetzt ist, 
einen positiven Wert hat. Der antezipierte Lustreiz zwingt zu Über- 
legung vor einem Unternehmen, zur Vorbereitung auf dasselbe und 

x ) Ein hübsches Beispiel, wie die Schädlichkeit des Autismus durch die 
Lebenskraft aufgewogen wird, berichtet Nieuwenhuis (Quer durch Borneo, 
Leyden, 1907, Brill, Bd. II, S. 486): Die Taldajaken auf Borneo stammen von 
den Bergdajaken ab und haben den Aberglauben ihrer Väter übernommen. Sie 
sind aber zum Unterschiede von ihren Brüdern im Hochlande durch die Malaria 
geschwächt. Wenn nun ein ungünstiges Zeichen, z. B. das Erscheinen eines 
gewissen Vogels, ein Vorhaben als unglücklich bezeichnet, so sind sie um keinen 
Preis zm bewegen, den Plan doch auszuführen, was auf Reisen oft zu einer Ka- 
lamität wird, während ihre kräftigeren Stammesgenossen durch den gleichen 
Glauben sich nicht am Handeln hindern lassen. 



36 E. Bleuler. 

fördert die Energie im Streben. Während die Tiere, namentlich die 
niedrigeren, mit ihrem geringen Vorstellungsvermögen und ihrem 
rudimentären Gedächtnis oft merkwürdig wenig Ausdauer in der 
Verfolgung eines Zweckes besitzen, kann der Mensch sich in der Höhle 
für die Jagd begeistern, sich Pläne und Waffen voraus schaffen, und 
diese Tätigkeit geht ohne Grenzen in das eigentliche autistische Denken 
über. Es wird ja auch in früheren Stadien schon Leute gegeben haben, 
die im bloßen Plänemachen ihren energielosen Tatendurst gelöscht 
haben, und wenn die Künstler der paläolithischen Höhlenzeit durch 
ihre Jagdszenen oder Tyxtäus durch seine Kriegslieder 1 ) zur Anspannung 
der Energie anreizten, so mag es doch auch früher schon, wie jetzt, 
Naturen gegeben haben, die sich mit autistischem Jagen und Krieg- 
führen begnügten, sei es, daß sie selbst Künstler waren oder nur die 
Kunst der anderen genossen. Ich glaube, daß dies das beste Beispiel ist, 
zu zeigen, wo die Grenzen ungefähr sind zwischen schädlichem und 
nützlichem Antismus, und wie unbestimmt sie sind. Die Kunst, wenn sie 
anregt und die Lebensenergie steigert, ist nützlich, sie ist schädlich, 
wenn sie an Stelle der Taten tritt, und wenn das ästhetische Bedürfnis 
so überhand nimmt, daß man es nicht mehr aushält ohne künstlerische 
Gestaltung seiner Umgebung. 

Ein ähnlicher Nutzen ist das Abreagieren. Es ist in vielen Fällen 
nicht möglich, unangenehme Erlebnisse in passender Weise nach 
außen abzureagieren, sich die Geliebte zu erkämpfen, die sich einem 
andern zugewandt hat, einen Verleumder totzuschlagen, wie es sich 
gebührt usw. Da aber unser Organismus doch auf Entladung solcher 
Reize eingerichtet ist, so kann die Reaktion in der Phantasie, im Traum, 
durch ein Kunstwerk, ihren Nutzen haben. Die Gefahr der Übertreibung 
ist aber sehr groß, und die Zahl derjenigen, die sich nach einer Ent- 
täuschung aus dem Leben zurückziehen und mit dem innern Ab- 
reagieren nicht fertig werden wollen, ist keine Meine. 

Ein weiterer Nutzen des Autismus besteht in der ausgedehnten 
Gelegenheit, die er zum Üben der Denkfähigkeit gibt. Das Kind 
kann noch viel weniger als der Erwachsene beurteilen, was alles möglich 
ist, und was nicht. In seinen Phantasien steigert es aber seine Kom- 
binationsfähigkeit so gut wie die Körpergewandtheit in den Bewegungs- 
spielen. Wenn es Soldat oder Mutter spielt, übt es notwendige Vor- 



x ) Es sei auch an die Kriegstänze der Indianer erinnert, die allerdings 
oft zu einem autistischen Taumel ausarten. 



Das autistische Denken. &* 

stellungs- und Gefühlskomplexe im gleichen Sinne ein, wie das spielende 
Kätzchen sich für den Fang von lebenden Tieren vorbereitet. Dort 
besteht aber die Gefahr, daß man sich nicht im richtigen Moment vom 
Traume loslösen kann, um den Sprung in die Wirklichkeit zu machen. 
An dieser Klippe scheitern z. B. die Pseudologen beständig. 

Ein ganz geringer Grad von Autismus darf aber auch mit Nutzen 
ins Leben hinausgetragen werden. Was von den Affekten im allgemeinen 
gilt, hat auch in dieser speziellen Anwendung ihrer Mechanismen 
Gültigkeit. Eine gewisse Einseitigkeit ist zur Erreichung mancher Ziele 
nützlich. Man muß sich sein Ziel als erstrebenswerter vorstellen als 
es ist, um seine Begierde zu steigern, man darf sich nicht alle Schwierig- 
keiten und deren Umgehung genau vorstellen, sonst kommt man vor 
lauter Überlegung nicht zum Handeln und vermindert seine Energie. 
Eine wirkliche Begeisterung ist undenkbar ohne Autismus, teils als 
Begleitsymptom, teils als verstärkende Ursache. Wer die Menge hinreißen 
will, darf nicht alle Vorbehalte fühlen, geschweige denn denken und 
aussprechen. 

So wird wohl das autistische Denken sich auch zukünftig parallel 
dem realistischen entwickeln und sowohl Kulturwerte schaffen helfen, als 
Aberglauben und Wahnideen und psychoneurotische Symptome erzeugen. 

Resume. 

Es gibt ein Denken, das unabhängig ist von logischen Regeln 
und an deren Statt durch affektive Bedürfnisse dirigiert wird (au- 
tistisches Denken). 

Es kommt am ausgesprochensten in der Dementia praecox und 
im Traum vor, dann in Mythologie und Aberglauben und in den Tag- 
träumen des Hysterischen und des Gesunden, und in der Poesie. 

Das autistische Denken kann für seine Zwecke ganz unlogisches 
Material benutzen; Klangassoziationen, zufälliges Zusammentreffen 
von beliebigen Wahrnehmungen und Vorstellungen können an Stelle 
logischer Assoziationen treten. Unvollständig gedachte Begriffe, falsche 
Identifikationen, Verdichtungen, Verschiebungen, Symbole, die den 
Wert von Realitäten bekommen, und ähnliche abnorme Psychismen 
bilden zu einem Teil das Material, das vom autistischen Denken 
benutzt wird. Normales Material und normale Gedankengänge werden 
aber, wie selbstverständlich, neben den abnormen durchaus nicht 
verschmäht. 



38 E. Bleuler. 

Das der Realität entsprechende logische Denken ist eine gedank- 
liche Reproduktion solcher Verbindungen, die uns die Wirklichkeit 
bietet. 

Das autistische Denken wird durch die Strebungen dirigiert; 
im Sinne der Strebungen wird gedacht ohne Rücksicht auf Logik und 
Wirklichkeit. Die den Strebungen zugrunde liegenden Affekte bahnen 
nach den bekannten Gesetzen ihnen entsprechende Assoziationen und 
hemmen widersprechende. 

Zu unseren Tendenzen gehört es, nicht nur den von außen kom- 
menden Schmerzen auszuweichen, sondern auch denen, die durch 
bloße Vorstellungen erzeugt werden. So besteht der Erfolg des au- 
tistischen Denkens zunächst hauptsächlich darin, sich angenehme 
Vorstellungen zu verschaffen, unangenehme zu verdrängen. Wünsche 
als erfüllt sich zu denken, ist eine Haupttätigkeit des Autismus. 

Wo aber eine negative Stimmung vorhanden ist, kann es auch zu 
negativen autistischen Strebungen kommen. Das ist der Fall einer- 
seits bei melancholischer Verstimmung, und anderseits wenn die Kon- 
flikte der autistischen Vorstellungen mit der Wirklichkeit empfunden 
werden. 

In der melancholischen Verstimmung schafft der Autismus 
depressive Wahnideen, die sich von dem gewöhnlichen depressiven Wahn 
nur darin unterscheiden, daß sie leicht ganz unsinnig werden. 

Das unangenehme Gefühl des Konfliktes autistischer Ideengänge 
mit der Wirklichkeit führt zu Verfolgungswahn. 

Das autistische Denken kann bewußt oder unbewußt sein, ganz 
wie das logische. In der Dementia praecox aber treten mit einer ge- 
wissen Vorliebe fertige Resultate desselben als Halluzinationen, pri- 
mordiale Wahnideen, Erinnerungstäuschungen ins Bewußtsein. Die 
Ausarbeitung ist dann im Unbewußten geschehen. 

Vielleicht gibt es auch ein autistisch zu nennendes Denken, das 
mehr logische Bedürfnisse auf unlogische Weise befriedigt (z. B. gewisse 
Bestandteile der Mythologien und Symbolik), und bei dem die affektive 
Führung nebensächlich wird. 

Das autistische Denken ist nicht eine primitive Denkform. Es 
konnte sich erst entwickeln, nachdem einmal das Denken mit bloßen 
Erinnerungsbildern die sofortige psychische Reaktion auf aktuelle 
äußere Situationen stark überwog. 

Das gewöhnliche Denken, die fonetion du reel, ist das Primäre 
und kann so wenig wie das der Realität entsprechende Handeln von 



Das autistisehe Denken. 



39 



einem mit Psyche ausgestatteten Geschöpf, das lebensfähig ist, entbehrt 
werden. 

Daß die Schwächung des logischen Denkens zum Vorwiegen des 
autistischen führt, ist dennoch selbstverständlich, weil das logische 
Denken mit Erinnerungsbildern durch die Erfahrung gelernt werden 
muß, während das autistisehe angeborenen Mechanismen folgt. Diese 
können behebiges Vorstellungsmaterial verwerten nach jedem Wesen 
innewohnenden Gesetzen. 

Daß das autistisehe Denken eine so große Rolle spielt und nicht 
durch die Auslese vernichtet ist, wird einerseits davon herrühren, daß 
es für einen endlichen Verstand unmöglich ist, eine Grenze zu ziehen 
zwischen realistischer und autistischer Phantasie, und anderseits davon, 
daß auch der reine Autismus seinen Nutzen hat als Denkübung, ähnlich 
wie das körperliche Spiel als Übung körperlicher Fähigkeiten. 

Immerhin ist uns seine phylogenetische Bedeutung in manchen 
Beziehungen noch unklar, z. B. in seiner Ausdehnung auf die Kunst. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. 

IL 

Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. 

Von Sigm. Freud (Wien). 



I. 

Wenn der psychoanalytische Praktiker sich fragt, wegen welches 
Leidens er am häufigsten um Hilfe angegangen wird, so muß er — ab- 
sehend von der vielgestaltigen Angst — antworten: wegen psychischer 
Tmpotenz. Diese sonderbare Störung betrifft Männer von stark libi- 
dinösem Wesen und äußert sich darin, daß die Exekutivorgane der 
Sexualität die Ausführung des geschlechtlichen Aktes verweigern, 
obwohl sie sich vorher und nachher als intakt und leistungsfähig erweisen 
können und obwohl eine starke psychische Geneigtheit zur Ausführung 
des Aktes besteht. Die erste Anleitung zum Verständnis seines Zustandes 
erhält der Kranke selbst, wenn er die Erfahrung macht, daß ein solches 
Versagen nur beim Versuch mit gewissen Personen auftritt, während 
es bei anderen niemals in Frage kommt. Er weiß dann, daß es eine 
Eigenschaft des Sexualobjektes ist, von welcher die Hemmung seiner 
männlichen Potenz ausgeht, und berichtet manchmal, er habe die 
Empfindung eines Hindernisses in seinem Innern, die Wahrnehmung 
eines Gegenwillens, der die bewußte Absicht mit Erfolg störe. Er kann 
aber nicht erraten, was dies innere Hindernis ist und welche Eigen- 
schaft des Sexualobjektes es zur Wirkung bringt. Hat er solches Ver- 
sagen wiederholt erlebt, so urteilt er wohl in bekannter fehlerhafter 
Verknüpfung, die Erinnerung an das erstemal habe als störende Angst- 
vorstellung die Wiederholungen erzwungen, das erstemal selbst führt 
er aber auf einen „zufälligen" Eindruck zurück. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II. 41 

Psychoanalytische Studien über die psychische Impotenz sind 
bereits von mehreren Autoren angestellt und veröffentlicht worden 1 ). 
Jeder Analytiker kann die dort gebotenen Aufklärungen aus eigener 
ärztlichen Erfahrung bestätigen. Es handelt sich wirklich um die 
hemmende Einwirkung gewisser psychischer Komplexe, die sich der 
Kenntnis des Individuums entziehen. Als allgemeinster Inhalt dieses 
pathogenen Materials hebt sich die nicht überwundene inzestuöse 
Fixierung an Mutter und Schwester hervor. Außerdem ist der Einfluß 
von akzidentellen peinlichen Eindrücken, die sich an die infantile 
Sexualbetätigung knüpfen, zu berücksichtigen und jene Momente, 
die ganz allgemein die auf das weibliche Sexualobjekt zu richtende 
Libido verringern 2 ). 

Unterzieht man Fälle von greller psychischer Impotenz einem ein- 
dringlichen Studium mittels der Psychoanalyse, so gewinnt man folgende 
Auskunft über die dabei wirksamen psychosexuellen Vorgänge. Die 
Grundlage des Leidens ist hier wiederum — wie sehr wahrscheinlich 
bei allen neurotischen Störungen — eine Hemmung in der Entwicklungs- 
geschichte der Libido bis zu ihrer normal zu nennenden Endgestaltung. 
Es sind hier zwei Strömungen nicht zusammengetroffen, deren Vereinigung 
erst ein völlig normales Liebesverhalten sichert, zwei Strömungen, die 
wir als die zärtliche und die sinnliche voneinander unterscheiden 
können. 

Von diesen beiden Strömungen ist die zärtliche die ältere. Sie 
stammt aus den frühesten Kinderjahren, hat sich auf Grund der Inter- 
essen des Selbsterhaltungstriebes gebildet und richtet sich auf die 
Personen der Familie und die Vollzieher der Kinderpflege. Sie hat 
von Anfang an Beiträge von den Sexualtrieben, Komponenten von 
erotischem Interesse mitgenommen, die schon in der Kindheit mehr 
oder minder deutlich sind, beim Neurotiker in allen Fällen durch die 
spätere Psychoanalyse aufgedeckt werden. Sie entspricht der primären 
kindlichen Objektwahl. Wir ersehen aus ihr, daß die Sexualtriebe 
ihre ersten Objekte in der Anlehnung an die Schätzungen der Ichtriebe 
finden, gerade so, wie die ersten Sexualbefriedigungen in Anlehnung an 
die zur Lebenserhaltung notwendigen Körperfunktionen erfahren 

*) M. Steiner, Die funktionelle Impotenz des Mannes und ihre Behandlung, 
1907. _ \V. Stekel in „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung", Wien, 
1908 (2. Aufl. 1912). — Ferenezi, Analytische Deutung und Behandlung der 
psychosexuellen Impotenz beim Manne. Psychiat.-neurol. Wochenschrift, 1908. 

«) W. Stekel, 1. c, S. 191 ff. 



42 Sigm. Freud. 

werden. Die „Zärtlichkeit" der Eltern und Fflegepersoncn, die ihren 
erotischen Charakter selten verleugnet („das Kind ein erotisches Spiel- 
zeug") tut sehr viel dazu, die Beiträge der Erotik zu den Besetzungen 
der Ichtriebe beim Kinde zu erhöhen und sie auf ein Maß zu bringen 
welches in der späteren Entwicklung in Betracht kommen muß, be- 
sonders wenn gewisse andere Verhältnisse dazu ihren Beistand leihen. 
Diese zärtlichen Fixierungen des Kindes setzen sieh durch die 
Kindheit fort und nehmen immer wieder Erotik mit sieh, welche da- 
durch von ihren sexuellen Zielen abgelenkt wird. Im Lebensalter der 
Pubertät tritt nun die mächtige „sinnliche" Strömung hinzu, die 
ihre Ziele nicht mehr verkennt. Sie versäumt es anseheinend niemals, 
die früheren Wege zu gehen und nun mit weit stärkeren Libidobeträgen 
die Objekte der primären infantilen Wahl zu besetzen. Aber da sie 
dort auf die unterdessen aufgerichteten Hindernisse der Inzestsehranke 
stößt, wird sie das Bestreben äußern, von diesen real ungeeigneten 
Objekten möglichst bald den Übergang zu anderen, fremden Objekten 
zu finden, mit denen sich ein reales Sexualleben durchführen läßt. 
Diese fremden Objekte werden immer noch nach dem Vorbild (der 
Imago) der infantilen gewählt werden, aber sie werden mit der Zeit 
die Zärtlichkeit an sich ziehen, die an die früheren gekettet war. Der 
Mann wird Vater und Mutter verlassen — nach der biblischen Vorschrift 
— und seinem Weibe nachgehen, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit sind 
dann beisammen. Die höchsten Grade von sinnlicher Verliebtheit 
werden die höchste psychische Wertschätzung mit sich bringen. (Die 
normale Übersehätzimg des Sexualobjektes von Seiten des Mannes.) 
Für das Mißlingen dieses Fortschrittes im Entwicklungsgang 
der Libido werden zwei Momente maßgebend sein. Erstens das Maß 
von realer Versagung, welches sich der neuen Objektwahl ent- 
gegensetzen und sie für das Individuum entwerten wird. Es hat ja 
keinen Sinn, sich der Objektwahl zuzuwenden, wenn man überhaupt 
nicht wählen darf oder keine Aussicht hat, etwas Ordentliches wählen 
zu können. Zweitens das Maß der Anziehung, welches die zu verlassen- 
den infantilen Objekte äußern können und das proportional ist der 
erotischen Besetzung, die ihnen noch in der Kindheit zuteil wurde. 
Sind diese beiden Faktoren stark genug, so tritt der allgemeine Mecha- 
nismus der Neurosenbildung in Wirksamkeit. Die Libido wendet sieh 
von der Realität ab, wird von der Phantasietätigkeit aufgenommen 
(Introversion), verstärkt die Bilder der ersten Sexualobjekte, fixiert 
sieh an dieselben. Das Inzesthindernis nötigt aber die diesen Objekten 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II. 43 

zugewendete Libido, im Unbewußten zu verbleiben. Die Betätigung 
der jetzt dem Unbewußten angehörigen sinnlichen Strömung in ona- 
nistischen Akten tut das Ihrige dazu, um diese Fixierung zu verstärken. 
Es ändert nichts an diesem Sachverhalt, wenn der Fortschritt nun in 
der Phantasie vollzogen wird, der in der Realität mißglückt ist, wenn 
in den zur onanistischen Befriedigung führenden Phantasiesituationen 
die ursprünglichen Sexualobjekte durch fremde ersetzt werden. Die 
Phantasien werden durch diesen Ersatz bewußtseinsfähig, an der realen 
Unterbringung der Libido wird ein Fortschritt nicht vollzogen. 

Es kann auf diese Weise geschehen, daß die ganze Sinnlichkeit 
eines jungen Menschen im Unbewußtsein an inzestuöse Objekte ge- 
bunden oder, wie wir auch sagen können, an unbewußte inzestuöse 
Phantasien fixiert wird. Das Ergebnis ist dann eine absolute Impotenz, 
die etwa noch durch die gleichzeitig erworbene wirkliche Schwächung 
der den Sexualakt ausführenden Organe versichert wird. 

Für das Zustandekommen der eigentlich sogenannten psychischen 
Impotenz werden mildere Bedingungen erfordert. Die sinnliche Strö- 
mung darf nicht in ihrem ganzen Betrag dem Schicksal verfallen, sich 
hinter der zärtlichen verbergen zu müssen, sie muß stark oder un- 
gehemmt genug geblieben sein, um sich zum Teil den Ausweg in die 
Realität zu erzwingen. Die Sexualbetätigung solcher Personen läßt 
aber an den deutlichsten Anzeichen erkennen, daß nicht die volle psy- 
chische Triebkraft hinter ihr steht. Sie ist launenhaft, leicht zu stören, 
oft in der Ausführung inkorrekt, wenig genußreich. Vor allem aber 
muß sie der zärtlichen Strömung ausweichen. Es ist also eine Beschrän- 
kung in der Objektwahl hergestellt worden. Die aktiv gebliebene 
sinnliche Strömung sucht nur nach Objekten, die nicht an die ihr 
verpönten inzestuösen Personen mahnen; wenn von einer Person 
ein Eindruck ausgeht, der zu hoher psychischer Wertschätzung führen 
könnte, so läuft er nicht in Erregung der Sinnlichkeit, sondern in 
erotisch unwirksame Zärtlichkeit aus. Das Liebesleben solcher Men- 
schen bleibt in die zwei Richtungen gespalten, die von der Kunst als 
himmlische und irdische (oder tierische) Liebe personifiziert werden. 
Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht 
lieben. Sie suchen nach Objekten, die sie nicht zu lieben brauchen, um 
ihre Sinnlichkeit von ihren geliebten Objekten fernzuhalten, und das 
sonderbare Versagen der psychischen Impotenz tritt nach den Ge- 
setzen der „Komplexempfindlichkeit" und der „Rückkehr des Ver- 
drängten" dann auf, wenn an dem zur Vermeidung des Inzests 



44 Sigm. Freud. 

gewählten Objekt ein oft unscheinbarer Zug an das zu vermeidende 
Objekt erinnert. 

Das Hauptschutzmittcl gegen solche Störung, dessen sich der 
Mensch in dieser Liebesspaltung bedient, besteht in der psychischen 
Erniedrigung des Sexualobjcktes, während die dem Sexualobjekt 
normalerweise zustehende Überschätzung dem inzestuösen Objekt 
und dessen Vertretungen reserviert wird. Sowie die Bedingung der 
Erniedrigung erfüllt ist, kann sich die Sinnlichkeit frei äußern, bedeutende 
sexuelle Leistungen und hohe Lust entwickeln. Zu diesem Ergebnis 
trägt noch ein anderer Zusammenhang bei. Personen, bei denen die 
zärtliche und die sinnliche Strömung nicht ordentlich zusammen- 
geflossen sind, haben auch meist ein wenig verfeinertes Liebesleben; 
perverse Sexualziele sind bei ihnen erhalten geblieben, deren Nicht- 
erfüllung als empfindliche Lusteinbuße verspürt wird, deren Erfüllung 
aber nur am erniedrigten, geringgeschätzten Sexualobjekt möglich 
erscheint. 

Die in dem ersten Beitrag 1 ) erwähnten Phantasien des Knaben, 
welche die Mutter zur Dirne herabsetzen, werden nun nach ihren 
Motiven verständlich. Es sind Bemühungen, die Kluft zwischen den 
beiden Strömungen des Liebeslebens wenigstens in der Phantasie zu 
überbrücken, die Mutter durch Erniedrigung zum Objekt für die Sinn- 
lichkeit zu gewinnen. 

II. 

Wir haben uns bisher mit einer ärztlich-psychologischen Unter- 
suchung der psychischen Impotenz beschäftigt, welche in der Über- 
schrift dieser Abhandlung keine Rechtfertigung findet. Es wird sich 
aber zeigen, daß wir dieser Einleitung bedurft haben, um den Zugang 
zu unserem eigentlichen Thema zu finden. 

Wir haben die psychische Impotenz reduziert auf das Nicht- 
zusammentreffen der zärtlichen und der sinnlichen Strömung im 
Liebesleben und diese Entwicklungshemmung selbst erklärt durch 
die Einflüsse der starken Kindheitsfixierungen und der späteren 
Versagung in der Realität bei Dazwischenkunft der Inzestschranke. 
Gegen diese Lehre ist vor allem eines einzuwenden : sie gibt uns zu viel, 
sie erklärt uns, warum gewisse Personen an psychischer Impotenz 
leiden, läßt uns aber rätselhaft erscheinen, daß andere diesem Leiden 
entgehen konnten. Da alle in Betracht kommenden ersichtlichen Mo- 



x ) Dieses Jahrbuch, Bd. II, S. 391. 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II. 45 

Diente, die starke Kindheitsfixierung, die Inzestschranke und die 
Versagung in den Jahren der Entwicklung nach der Pubertät bei so 
ziemlich allen Kulturmenschen als vorhanden anzuerkennen sind, 
wäre die Erwartung berechtigt, daß die psychische Impotenz ein all- 
gemeines Kulturleiden und nicht die Krankheit einzelner sei. 

Es läge nahe, sich dieser Folgerung dadurch zu entziehen, daß 
man auf den quantitativen Faktor der Krankheitsverursachung hin- 
weist, auf jenes Mehr oder Minder im Beitrag der einzelnen Momente, 
von dem es abhängt, ob ein kenntlicher Krankheitserfolg zustande 
kommt oder nicht. Aber obwohl ich diese Antwort als richtig anerkennen 
möchte, habe ich doch nicht die Absicht, die Folgerung selbst hiemit 
abzuweisen. Ich will im Gegenteile die Behauptung aufstellen, daß die 
psychische Impotenz weit verbreiteter ist, als man glaubt, und daß ein 
gewisses Maß dieses Verhaltens tatsächlich das Liebesleben des Kultur- 
menschen charakterisiert. 

Wenn man den Begriff der psychischen Impotenz weiter faßt und 
ihn nicht mehr auf das Versagen der Koitusaktion bei vorhandener 
Lustabsicht und bei intaktem Genitalapparat einschränkt, so kommen 
zunächst alle jene Männer hinzu, die man als Psychanästhetiker be- 
zeichnet, denen die Aktion nie versagt, die sie aber ohne besonderen 
Lustgewinn vollziehen ; Vorkommnisse, die häufiger sind, als man glauben 
möchte. Die psychanalytische Untersuchung solcher Fälle deckt die 
nämlichen ätiologischen Momente auf, welche wir bei der psychischen 
Impotenz im engeren Sinne gefunden haben, ohne daß die sympto- 
matischen Unterschiede zunächst eine Erklärung fänden. Von den 
anästhetischen Männern führt eine leicht zu rechtfertigende Analogie 
zur ungeheueren Anzahl der frigiden Frauen, deren Liebes verhalten 
tatsächlich nicht besser beschrieben oder verstanden werden kann 
als durch die Gleichstellung mit der geräuschvolleren psychischen 
Impotenz des Mannes 1 ). 

Wenn wir aber nicht nach einer Erweiterung des Begriffes der 
psychischen Impotenz, sondern nach den Abschattungen ihrer Sympto- 
matologie ausschauen, dann können wir uns der Einsicht nicht ver- 
schließeu, daß das Liebes verhalten des Mannes in unserer heutigen 
Kulturwelt überhaupt den Typus der psychischen Impotenz an sich 
trägt. Die zärtliche und die sinnliche Strömung sind bei den wenigsten 
imter den Gebildeten gehörig miteinander verschmolzen; fast immer 

*) Wobei gerne zugestanden sein soll, daß die Frigidität der Frau ein kom- 
plexes, auch von anderer Seite her zugängliches Thema ist. 



46 Sigm. Freud. 

fühlt sich der Mann in seiner sexualen Betätigung durch den Respekt 
vor dem Weibe beengt und entwickelt seine volle Potenz erst, wenn 
er ein erniedrigtes Sexualobjekt vor sich hat, was wiederum durch den 
Umstand mitbegründet ist, daß in seine Sexualziele perverse Kom- 
ponenten eingehen, die er am geachteten Weibe zu befriedigen sich 
nicht getraut. Einen vollen sexuellen Genuß gewährt es ihm nur, wenn 
er sich ohne Rücksicht der Befriedigung hingeben darf, was er z. B. 
bei seinem gesitteten Weibe nicht wagt. Daher rührt dann sein Be- 
dürfnis nach einem erniedrigten Sexualobjekt, einem Weibe, das ethisch 
minderwertig ist, dem er ästhetische Bedenken nicht zuzutrauen braucht, 
das ihn nicht in seinen anderen Lebensbeziehungen kennt und be- 
urteilen kann. Einem solchen Weibe widmet er am liebsten seine 
sexuelle Kraft, auch wenn seine Zärtlichkeit durchaus einem höherstehen- 
den gehört. Möglicherweise ist auch die so häufig zu beachtende Neigung 
von Männern der höchsten Gesellschaftsklassen, ein Weib aus niederem 
Stande zur dauernden Geliebten oder selbst zur Ehefrau zu wählen, 
nichts anderes als die Folge des Bedürfnisses nach dem erniedrigten 
Sexualobjekt, mit welchem psychologisch die Möglichkeit der vollen 
Befriedigung verknüpft ist. 

Ich stehe nicht an, die beiden bei der echten psychischen Impo- 
tenz wirksamen Momente, die intensive inzestuöse Fixierung der 
Kindheit und die reale Versagung der Jünglingszeit auch für dies so 
häufige Verhalten der kulturellen Männer im Liebesleben verant- 
wortlich zu machen. Es klingt wenig anmutend und überdies paradox, 
aber es muß doch gesagt werden, daß, wer im Liebesleben wirklich 
frei und damit auch glücklich werden soll, den Respekt vor dem Weibe 
überwunden, sich mit der Vorstellung des Inzests mit Mutter oder 
Schwester befreundet haben muß. Wer sich dieser Anforderung gegen- 
über einer ernsthaften Selbstprüfung unterwirft, wird ohne Zweifel 
in sich finden, daß er den Sexualakt im Grunde doch als etwas Er- 
niedrigendes beurteilt, was nicht nur leiblich befleckt und verunreinigt. 
Die Entstehung dieser Wertung, die er sich gewiß nicht gerne bekennt, 
wird er nur in jener Zeit seiner Jugend suchen können, in welcher seine 
sinnliche Strömung bereits stark entwickelt, ihre Befriedigung aber 
am fremden Objekt fast ebenso verboten war wie die am inzestuösen. 

Die Frauen stehen in unserer Kulturwelt unter einer ähnlichen 
Nachwirkung ihrer Erziehung und überdies unter der Rückwirkung 
des Verhaltens der Männer. Es ist für sie natürlich ebensowenig günstig, 
wenn ihnen der Mann nicht mit seiner vollen Potenz entgegentritt, 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II. 47 

wie. wenn die anfängliche Überschätzung der Verliebtheit nach der 
Besitzergreifung von Geringschätzung abgelöst wird. Von einem Be- 
dürfnis nach Erniedrigung des Sexualobjektes ist bei der Frau wenig 
zu bemerken ; im Zusammenhange damit steht es gewiß, wenn sie auch 
etwas der Sexualüberschätzung beim Manne Ähnliches in der Regel 
nicht zustande bringt. Die lange Abhaltung von der Sexualität und 
das Verweilen der Sinnlichkeit in der Phantasie hat für sie aber eine 
andere bedeutsame Folge. Sie kann dann oft die Verknüpfung der 
sinnlichen Betätigung mit dem Verbot nicht mehr auflösen und erweist 
sich als psychisch impotent, d.i. frigid, wenn ihr solche Betätigung endlich 
gestattet wird. Daher rührt bei vielen Frauen das Bestreben, das Geheim- 
nis noch bei erlaubten Beziehungen eine Weile festzuhalten, bei anderen die 
Fähigkeit normal zu empfinden, sobald die Bedingung des Verbots in 
einem geheimen Liebesverhältnis wiederhergestellt ist ; dem Manne untreu, 
sind sie imstande, dem Liebhaber eine Treue zweiter Ordnung zu bewahren. 

Ich meine, die Bedingung des Verbotenen im weiblichen Liebes- 
leben ist dem Bedürfnis nach Erniedrigung des Sexualobjektes beim 
Manne gleichzustellen. Beide sind Folgen des langen Aufschubes zwischen 
Geschlechtsreife und Sexualbetätigung, den die Erziehung aus kultu- 
rellen Gründen fordert. Beide suchen die psychische Impotenz auf- 
zuheben, welche aus dem NichtZusammentreffen zärtlicher und sinn- 
licher Regungen resultiert. Wenn der Erfolg der nämlichen Ursachen 
beim Weibe so sehr verschieden von dem beim Manne ausfällt, so läßt 
sich dies vielleicht auf einen andern Unterschied im Verhalten der 
beiden Geschlechter zurückführen. Das kulturelle Weib pflegt das 
Verbot der Sexualbetätigung während der Wartezeit nicht zu über- 
schreiten und erwirbt so die innige Verknüpfung zwischen Verbot 
und Sexualität. Der Mami durchbricht zumeist dieses Verbot unter 
der Bedingung der Erniedrigung des Objektes und nimmt daher diese 
Bedingung in sein späteres Liebesleben mit. 

Angesichts der in der heutigen Kulturwelt so lebhaften Bestre- 
bungen nach einer Reform des Sexuallebens, ist es nicht überflüssig 
daran zu erinnern, daß die psychoanalytische Forschung Tendenzen 
so wenig kennt wie irgend eine andere. Sie will nichts anderes als Zu- 
sammenhänge aufdecken, indem sie Offenkundiges auf Verborgenes 
zurückführt. Es soll ihr dann recht sein, wenn die Reformen sich ihrer 
Ermittelungen bedienen, um Vorteilhafteres an Stelle des Schädlichen 
zu setzen. Sie kann aber nicht vorhersagen, ob andere Institutionen 
nicht andere, vielleicht schwerere Opfer zur Folge haben müßten. 



4:8 Sigm. Freud. 

111. 

Die Tatsache, daß die kulturelle Zügelung des Liebeslebens eine 
allgemeinste Erniedrigung der Sexualobjekte mit sich bringt, mag uns 
veranlassen, unseren Blick von den Objekten weg auf die Triebe selbst 
zu lenken. Der Schaden der anfänglichen Versagung des Sexualgenusses 
äußert sich darin, daß dessen spätere Freigebimg in der Ehe nicht mehr 
voll befriedigend wirkt. Aber auch die uneingeschränkte Sexualfreiheit 
von Anfang an führt zu keinem besseren Ergebnis. Es ist leicht fest- 
zustellen, daß der psychische Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, 
sobald ihm die Befriedigung bequem gemacht wird. Es bedarf eines 
Hindernisses, um die Libido in die Höhe zu treiben, und wo die natür- 
lichen Widerstände gegen die Befriedigung nicht ausreichen, haben die 
Menschen zu allen Zeiten konventionelle eingeschaltet, um die Liebe 
genießen zu können. Dies gilt für Individuen wie für Völker. In Zeiten, 
in denen die Liebesbefriedigung keine Schwierigkeiten fand, wie etwa 
während des Niederganges der antiken Kultur, wurde die Liebe wertlos, 
das Leben leer, und es bedurfte starker Reaktionsbildungen, um die 
unentbehrlichen Affektwerte wieder herzustellen. In diesem Zusammen- 
hange kann man behaupten, daß die asketische Strömung des Christen- 
tums für die Liebe psychische Wertungen geschaffen hat, die ihr das 
heidnische Altertum nie verleihen konnte. Zur höchsten Bedeutung 
gelangte sie bei den asketischen Mönchen, deren Leben fast allein 
von dem Kampf gegen die libidinöse Versuchung ausgefüllt war. 

Man ist gewiß zunächst geneigt, die Schwierigkeiten, die sich hier 
ergeben, auf allgemeine Eigenschaften unserer organischen Triebe 
zurückzuführen. Es ist gewiß auch allgemein richtig, daß die psychische 
Bedeutung eines Triebes mit seiner Versagung steigt. Man versuche es, 
eine Anzahl der allerdifferenziertesten Menschen gleichmäßig dem 
Hungern auszusetzen. Mit der Zunahme des gebieterischen Nahrungs- 
bedürfnisses werden alle individuellen Differenzen sich verwischen 
und an ihrer Statt die uniformen Äußerungen des einen ungestillten 
Triebes auftreten. Aber trifft es auch zu, daß mit der Befriedigung 
eines Triebes sein psychischer Wert allgemein so sehr herabsinkt? Man 
denke z. B. an das Verhältnis des Trinkers zum Wein. Ist es nicht richtig, 
daß dem Trinker der Wein immer die gleiche toxische Befriedigung 
bietet, die man mit der erotischen so oft in der Poesie verglichen hat 
und auch vom Standpunkt der wissenschaftlichen Auffassung ver- 
gleichen darf? Hat man je davon gehört, daß der Trinker genötigt ist, 
sein Getränk beständig zu wechseln, weil ihm das gleichbleibende bald 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens IL 49 

nicht mehr schmeckt? Im Gegenteil, die Gewöhnung knüpft das Band 
zwischen dem Manne und der Sorte Wein, die er trinkt, immer enger. 
Kennt man beim Trinker ein Bedürfnis in ein Land zu gehen, in dem 
der Wein teuer oder der Weingenuß verboten ist, um seiner sinkenden 
Befriedigung durch die Einschiebung solcher Erschwerungen aufzu- 
heften ? Nichts von alledem. Wenn man die Äußerungen unserer großen 
Alkoholiker, z.B. Böcklins, über ihr Verhältnis zum Wein anhört 1 ), es 
klingt wie die reinste Harmonie, ein Vorbild einer glücklichen Ehe. Warum 
ist das Verhältnis des Liebenden zu seinem Sexualobjekt so sehr anders? 

Ich glaube, man müßte sich, so befremdend es auch klingt, mit 
der Möglichkeit beschäftigen, daß etwas in der Natur des Sexualtriebes 
selbst dem Zustandekommen der vollen Befriedigung nicht günstig ist. 
Aus der langen und schwierigen Entwicklungsgeschichte des Triebes 
heben sich sofort zwei Momente hervor, die man für solche Schwierig- 
keit verantwortlich machen könnte. Erstens ist infolge des zweimaligen 
Ansatzes zur Objektwahl mit Dazwischenkunft der Inzestschranke 
das endgültige Objekt des Sexualtriebes nie mehr das ursprüngliche, 
sondern nur ein Surrogat dafür. Die Psychoanalyse hat uns aber ge- 
lehrt: wenn das ursprüngliche Objekt einer Wunschregung infolge von 
Verdrängung verloren gegangen ist, so wird es häufig durch eine un- 
endliche Reihe von Ersatzobjekten vertreten, von denen doch keines 
voll genügt. Dies mag uns die Unbeständigkeit in der Objektwahl, 
den „Reizhunger" erklären, der dem Liebesleben der Erwachsenen 
so häufig eignet. 

Zweitens wissen wir, daß der Sexualtrieb anfänglich in eine 
große Reihe von Komponenten zerfällt — vielmehr aus einer solchen 
hervorgeht — , von denen nicht alle in dessen spätere Gestaltung auf- 
genommen werden können, sondern vorher unterdrückt oder anders 
verwendet werden müssen. Es sind vor allem die koprophilen Trieb- 
anteile, die sich als unverträglich mit unserer ästhetischen Kultur 
erwiesen, wahrscheinlich seitdem wir durch den aufrechten Gang unser 
Ricchorgan von der Erde abgehoben haben; ferner ein gutes Stück 
der sadistischen Antriebe, die zum Liebesleben gehören. Aber alle 
solche Entwicklungsvorgänge betreffen nur die oberen Schichten der 
komplizierten Struktur. Die fundamentellen Vorgänge, welche die 
Liebeserregung liefern, bleiben ungeändert. Das Exkrementellc ist 
allzu innig und untrennbar mit dem Sexuellen verwachsen, die Lage 
der Genitalien — inter urinas et faeces — bleibt das bestimmende 

x ) G. Floerke, Zehn Jahre mit Böcklin. 2. Auflage, 1902, S. 16. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 4 



50 Sigm. Freud. 

unveränderliche Moment. Man könnte hier ein bekanntes Wort des 
großen Napoleon variierend sagen: die Anatomie ist das Schicksal. 
Die Genitalien selbst haben die Entwicklung der menschlichen Körper- 
formen zur Schönheit nicht mitgemacht, sie sind tierisch geblieben, 
und so ist auch die Liebe im Grunde heute ebenso animalisch wie sie 
es von jeher war. Die Liebestriebe sind schwer erziehbar, ihre Erziehung 
ergibt bald zuviel, bald zu wenig. Das, was die Kultur aus ihr machen 
will, scheint ohne fühlbare Einbuße an Lust nicht erreichbar, die Fort- 
dauer der unverwerteten Kegungen gibt sich bei der Sexualtätigkeit 
als Unbefriedigimg zu erkennen. 

So müßte man sich denn vielleicht mit dem Gedanken befreunden, 
daß eine Ausgleichimg der Ansprüche des Sexualtriebes mit den An- 
forderungen der Kultur überhaupt nicht möglich ist, daß Verzicht und 
Leiden sowie in weitester Ferne die Gefahr des Erlöschens des Menschen- 
geschlechtes infolge seiner Kulturentwicklung nicht abgewendet werden 
können. Diese trübe Prognose ruht allerdings auf der einzigen Ver- 
mutung, daß die kulturelle Unbefriedigung die notwendige Folge gewisser 
Besonderheiten ist, welche der Sexualtrieb unter dem Drucke der 
Kultur angenommen hat. Die nämliche Unfähigkeit des Sexualtriebes, 
volle Befriedigung zu ergeben, sobald er den ersten Anforderungen der 
Kultur unterlegen ist, wird aber zur Quelle der großartigsten Kultur- 
leistungen, welche durch immer weiter gehende Sublimierung seiner 
Triebkomponenten bewerkstelligt werden. Denn welches Motiv hätten 
die Menschen, sexueDe Triebkräfte anderen Verwendungen zuzuführen, 
wenn sich aus denselben bei irgend einer Verteilung volle Lustbefriedi- 
gung ergeben hätte ? Sie kämen von dieser Lust nicht wieder los und 
brächten keinen weiteren Fortschritt zustande. So scheint es, daß 
sie durch die unausgleichbare Differenz zwischen den Anforderungen 
der beiden Triebe — des sexuellen und des egoistischen — zu immer 
höheren Leistungen befähigt werden, allerdings unter einer beständigen 
Gefährdung, welcher die Schwächeren gegenwärtig in der Form der 
Neurose erliegen. 

Die Wissenschaft hat weder die Absicht zu schrecken noch zu 
trösten. Aber ich bin selbst gern bereit zuzugeben, daß so weittragende 
Schlußfolgerungen wie die obenstehenden auf breiterer Basis auf- 
gebaut sein sollten, und daß vielleicht andere Entwicklungsrichtungen 
der Menschheit das Ergebnis der hier isoliert behandelten zu korrigieren 
vermögen. 



Die Synibolschichtung im Wecktraum und ihre 
Wiederkehr im mythischen Denken. 

Von Otto Rank (Wien). 

., Manche Dichter geraten unter dem 
Malen schlechter Charaktere oft so ins 
Nachahmen derselben hinein, wie Kinder, 
wenn sie träumen zu pissen, wirklich ihr 
Wasser lassen." Jean Paul. 

Auf Grund der Forschungen Freuds gilt uns der Traum nicht 
nur seinem latenten Inhalt nach als Wunscherfüllung (halluzinatorische 
Befriedigung), sondern sozusagen auch „funktional 1 )", indem in ge- 
wissem Sinne alle Träume als Bequemlichkeitsträume aufzufassen sind, 
die der Absicht dienen, den Schlaf fortzusetzen, anstatt auf die Ein- 
wirkung eines, sei es äußeren, sei es somatischen oder psychischen 
Reizes zu erwachen. „Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das be- 
wußte Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur dessen Bei- 
trag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der Traumbildung 
jedesmal eingerechnet werden und jeder gelungene Traum ist eine 
Erfüllung desselben" (Traumdeutung, 3. Aufl., S. 170). Es ist darum 
auch kein Zufall, daß gerade jene Träume, welche die Bequemlichkeits- 
funktion am deutlichsten wirksam zeigen, sich meist auch inhaltlich 
ohneweiters als offenkundige Wimscherfüllungen verraten, wie z. B. 
die Durstreizträume. Sie können dies aber merkwürdigerweise nur dann 
offenbaren, wenn die Bequemlichkeitsfunktion scheitert, also das 
Erwachen die Folge ist, wodurch die spezifische Qualität des Reizes 
festgestellt werden kann, auf den der Traum reagierte. Nun gibt es 
verschiedene Arten von Träumen, die fast immer zum Erwachen des 

a ) Über den weiteren Geltungsbereich dieses Begriffes vgl. man die Arbeiten 
H. Silberers im Jahrbuche I und II. 



52 Otto Kank. 

Schläfers führen und die uns — jede in ihrer Art — direkte Einblicke 
in den Vorgang der Traumbildung und Traumfunktion sowie ihres 
«rcoenseitigeu Verhältnisses gestatten, welche sonst nur auf mühseligen 
Umwegen zu erreichen oder gänzlich verwehrt sind. Trotzdem haben 
es die Psychoanalytiker bis jetzt versäumt, von dieser schätzenswerten 
Eigentümlichkeit der Weckträume ergiebigen Gebrauch zu machen. 
Freud beschränkte sich in seiner umfassenden Darstellung der Gesetze 
des Traumlebens auf den Nachweis, daß auch die während des Schlafes 
auftretenden (äußeren und somatischen) Reize, die zum Erwachen 
führen können, in eine Wunscherfüllnng verarbeitet werden, deren 
andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste sind. 
„Die aktuelle Sensation wird in den Traum verflochten, um ihr die 
Realität zu rauben (S. 170)." Ist jedoch der (somatische) Reiz so groß, 
daß er nach realer Befriedigung verlangt, so kann der Traum seiner 
Funktion als Hüter des Schlafes nicht länger gerecht werden, der 
Träumer erwacht und vermag nun den Reiz abzustellen. In der „Traum- 
deutung" finden sich einige solcher Beispiele, an denen gezeigt ist, wie 
gewisse Weckträume, die scheinbar nur Reaktionen auf störende Reize 
darstellen, doch ihren eigenen Wert als psychische Aktion haben, 
deren Motiv die Wunscherfüllung und deren Material die Erlebnisse 
des Vortages abgeben (S. 1G5). Ein solcher Durstreiztraum, den 
ich an mir selbst erfahren habe, sei als Einführung in die zu behandelnden 
Probleme vorangestellt. 

Traum Nr. 1. 

„Ich bin in der Nacht mehrmals mit heftigem Durstreiz im Halb- 
sehlummer so weit erwacht, daß ich mir dunkel bewußt war, ich hätte 
am Abend vergessen, mir wie gewöhnlich ein Glas Wasser aufs Naelit- 
kästchen zu stellen. Ich sagte mir, die Beschaffung des Wassers sei jetzt 
mit großen Unannehmlichkeiten verbunden, und schlief also wieder ein. 
Da träumte mir, ich gehe in einem Kurorte auf der Straße; da kommt 
ein Mann, der Wasser zu verkaufen hat. Ich frage ihn, was es kostet; er 
sagt, ein großes Glas 10 Kreuzer, ein kleines 5 Kreuzer; ich sage: Also 
geben sie mir ein kleines. Er reicht es mir und ich gebe ihm ein 10 Heller- 
stück (= 5 Kreuzer) ; er war aber unzufrieden damit, da es so wie 6 Kreuzer 
hätte kosten sollen (1 Kreuzer nach Wiener Usus ,Trinkgeld'). Ich 
trinke es in vollen Zügen aus, merke aber sogleich, daß es ungeheuer salzig 
und bitter ist 1 ) (etwa wie Karlsbader Wasser: Kurort!). Im Gehen komme 

*) Einen ganz ähnlichen Traum vom „etruskischen Aschenkrug" berichtet 
Freud (1. c. S. 91). 



Die Symbolsckichtung im Wecktraum usw. 53 

ich wie an einem Büfett an der Straße vorbei, wo auf einer Tafel (Plakat) 
der Name ,Biliner' steht. Ich sage mir: Ach so, das war ein Sauerbrunn, 
darum hat es so schlecht geschmeckt. Mit dem salzigen und brennenden 
Geschmack im Schlünde erwache ich nun, habe heftigen Durst, erhebe 
mich aus dem Bette, hole mir ein Glas Wasser und stürze es auf einen 
Zug hinunter." 

Deutung: Ich war am Abend im Theater, wo ich heftigen Durst ver- 
spürte, aber kein Wasser bekommen konnte, obwohl man es dort bezahlen 
muß (1 Glas 2 Kreuzer = 4 Heller). Ich sah beim Büfett nach, wo 
verschiedene exotische Getränke standen und angeschrieben waren 
(„Biliner"), die ich alle nicht mochte. Nur Wasser konnte ich nicht 
bekommen, worüber ich mich einen Moment lang ärgerte, indem ich 
mir sagte, daß es schon eine Unverschämtheit sei, Wasser überhaupt 
zu verkaufen, aber eine noch ärgere, nicht einmal dieses herzugeben. 
Widerwillig trank ich also das schlechte Bier. 

Zu Hause legte ich mich offenbar mit nicht völlig gestilltem 
Durst und unvollkommen abreagiertem Ärger nieder, erwachte dann 
mehrmals infolge des Reizes, war aber zu bequem, aufzustehen und 
mir Wasser zu holen. Also trat der Traum in seine Funktionen der 
Wunscherfüllung und der Hütung des Schlafes und täuschte mir einen 
erquickenden, wenn auch teuer erkauften Trunk vor (Traumgedanke: 
die verkaufen das Wasser im Theater so teuer, als ob es ein kostbares 
Getränk, ein Sauerbrunn, wäre). Aber der Durstreiz ist zu heftig, um 
mit dieser halluzinatorischen Befriedigung gestillt zu sein. Der Trunk 
stillt den Durst nicht, er vermehrt ihn im Gegenteil: ich erwache und 
muß nun wirklich trinken. Die Funktion des Traumes ist gescheitert. 
Der Traum, der mir die Schlafstörung ersparen sollte, ist zum Week- 
traum geworden, der mich zwingt, das Bedürfnis zu befriedigen und 
mir auf diese Weise das ungestörte Weiterschlafen ermöglicht. Daß 
das Vergessen des gewohnten Nachttrunkes neben dem Bett eine 
Symptomhandlung und also Folge des kleinen und eben deshalb 
nicht abreagierten Ärgers wegen des Wassers im Theater war, halte 
ich für sehr wahrscheinlich, zumal ich das Wasser auf dem Nacht- 
kästchen fast nie benutze und mir sehr wohl gedacht haben kann, daß 
ich es diese Nacht um so eher werde entbehren können, als ich doch 
bei dem heftigen Durstreiz im Theater auch hatte darauf verzichten 
müssen. Der Traum, der lange genug seiner Funktion treu zu bleiben 
versucht, belehrt mich dann wie in einer trotzigen Aufwallung eines 
Besseren. Trotzdem also das somatische Element im Vordergrund 
des Trauminhaltes steht, ist der nicht zu unterschätzende psychische 



54 Otto Rank. 

Anteil schon im Zusammenhang des Traumes mit dein psychisch 
motivierten Vergessen gegeben 1 ), das gleichsam zu seiner Korrektur 
den Dnrstreiz so heftig zu steigern vermag, daß er das Erwachen und 
damit die Korrektur der Unterlassung herbeiführt 2 ). Dieser Fall zeigt 
aber auch im Sinne der Freudschen Auffassung, wie zum Zwecke 
der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt wird 
(S. 171). Einer der Wünsche, die diesem Traume zugrunde liegen, 
ist nämlich der, ein lästiges Übel durch einen Kurgebranch in Karls- 
bad zu bekämpfen. Daher der mir bekannte und keineswegs angenehme 
Geschmack des Wassers im Traume, das visuell als „Biliner" dargestellt 
ist, und der Schauplatz des Traumes in einem Kurort. Das Karlsbader 
Wasser wird tatsächlich getrunken, ohne den Durst zu löschen und muß 
teuer bezahlt werden, obwohl es einem keinen Genuß bietet. Doch versteht 
es die Wunscherfüllungstendenz im Traume das „teuere" Theater- 
wasser zu einem verhältnismäßig noch billigen Kurmittel zu verwenden. 
Hat uns dieser Durstreiztraum gezeigt, in welchem Maße der Weck- 
traum Einblicke in die Struktur und Tendenz der Traumbildung ge- 
stattet, so soll im folgenden auf eine ganz spezielle und uns besonders 
wertvolle Eigentümlichkeit gewisser Weckträume hingewiesen werden. 
Sie zeigen uns nicht bloß die Wunscherfüllungstendenz und den Be- 
quemlichkeitscharakter ganz offen, sondern sehr häufig auch eine völlig 
durchsichtige Symbolik, da nicht selten ein Reiz zum Erwachen führt, 
dessen Befriedigung in symbolischer Einkleidung im Traume 
bereits vergeblich versucht worden war. Insbesondere ist dies bei jenen 
körperlichen Bedürfnissen der Fall, deren unzeitgemäße Befriedigung 
seit der Kindheitserziehung als anstößig gilt und auch so empfunden 
wird: also bei den exkrementeilen und späterhin in ähnlicher Weise 
bei den sexuellen. Die letzten führen zu den Pollutionsträumen, die ja 
in der Regel mit einer unverhüllt sexuellen Situation und dem Erwachen 
enden. In wie schlagender Weise diese „Weckträume" am Schluß des 
Traumes „das erregende Organ oder dessen Funktion" im Sinne Scher- 
ners un verhüllt darstellen, uns also direkte Einblicke in die Symbol- 

*) Über den Zusammenhang des Traumes mit Symptomhandlungen vgl. 
meine Mitteilungen im Zentralblatt für Psa., I. Jahrgang, S. 450 ff., II. Jahr- 
gang, Heft 5 (Februar 1912). 

2 ) Ich möchte damit für diesen Traum nicht strikte behaupten, daß die 
Traumgedanken das körperliche Bedürfnis zu ihren Zwecken hervorgerufen hätten, 
wie in einem Harndrang -Wecktraum bei Freud (S. 158), daß sie es aber 
zweifellos bis zu einem gewissen Grade verstärkt und jedenfalls in ihrem Sinne 
verwendet haben. 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 00 

bildung und Symbolbedeutung gewähren, habe ich an einzelnen Bei- 
spielen zu zeigen versucht 1 ). Der eigentümliche Charakter der Pollutions- 
träume gestattet uns nicht nur gewisse, bereits als typisch erkannte, 
aber doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt durch die restlose 
Funktion des Traumes zu entlarven, sondern vermag uns auch zu 
überzeugen, daß manche scheinbar harmlose Traumsituation nur das 
symbolische Vorspiel einer grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist 
nur m den relativ doch seltenen Pollutionsträumen zu direkter Dar- 
stellung gelangt 2 ), während sie oft genug in einen Angsttraum umschlägt, 
der gleichfalls zum Erwachen führt. Das gleiche gilt nun auch für die 
von den Reizungen des Darmausganges und der Blase ausgelösten 
Träume. Denn auch diese meist ängstlichen Träume, das Bett zu be- 
schmutzen, sind den Pollutionsträumen analog zu nehmende Ent- 
ladungsträume, die wie diese undeutlich beginnen und sich in dem 
Maße deutlicher fortsetzen, als der Trieb stärker wird. So träumt z. B. 
eine Frau zur Zeit, als sie wegen einer Darmstörung in ärztlicher 
Behandlung steht, von einem Schatzgräber, der hi der Xähe einer 
kleinen Holzhütte, die wie ein ländlicher Abort aussieht, einen Schatz 
vergräbt. Ein zweiter Teil des Traumes hat zum Inhalt, wie sie ihrem 
Kinde, einem kleinen Mäderl, das sich beschmutzt hat, den Hintern 
abwischt. Verrät uns dieser Traum xmverhüllt den von Freud im 
Unbewußten aufgedeckten und völkerpsychologisch reichlich belegten 
Zusammenhang von Gold und Kot 3 ), so zeigt ein anderer von 

x ) Ein Traum, der sich selbst deutet. Jahrbuch, II. Bd., 1910. — Zum 
Thema der Zahnreizträume. Zentralblatt, I. Jhg., S. 408 ff. — Ein Stiegentraum. 
Mitgeteilt bei Freud, Traumdeutung 3 , S. 217 ff. — Aktuelle Sexualregungen 
als Traumanlässe. Zentralblatt, II. Jahrgang, Heft 8. 

2 ) Vgl. dazu besonders den „Traum, der sich selbst deutet" (1. c). 

3 ) Zu den von Freud in seiner Abhandlung über: Charakter und Anal- 
erotik (Kl. Sehr., II., S. 132 ff.) eingestreuten Belegen seien hier einige nach- 
getragen. Eduard Stucken, der in den „Astralmythen" (Leipzig 1896 bis 
1907) mit seinen mythologischen Gleichungen (siehe z. B. S. 262 IV: Exkre- 
mente = Rheingold = Sperma) den symbolischen Gleichungen Stekels (Die 
Sprache des Traumes, 1911) vorausgeeilt ist, hat (S. 266 ff.) einige derartige 
Überlieferungen zusammengestellt. So das deutsche Märchen vom Goldesel 
(Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack, Grimm: Kinder - 
und Hausmärchen, Nr. 36), der auf das Wort „Bricklebrit" anfängt Gold zu 
speien von hinten und vorne, daß es ordentlich auf die Erde herabregnet. — 
Deutlicher noch im Pentamerone (aus dem Neapolitanischen übersetzt von 
F. Liebrecht, S. 18): ,,. . . er war aber noch nicht 100 Schritte vorwärts- 
gekommen, als er auch schon von dem Grauen abstieg und sogleich sagte: .,Are 
cacaurre"; und kaum hatte er den Mund geöffnet, als auch schon Langohr anfing 



56 Otto Rank. 

Dr. Sachs (Zentralbl. f. Psa. 1, 4M) mitgeteilter Traum die Verwertung 
der sprachlichen Zweideutigkeit zum Zwecke der verhüllenden Wunsch- 
erfüllung und Befriedigung der Bequemlichkeitstendenz. Der Träumer, 
der es wegen einer Erkältung vermeiden will, bei Nacht das Bett zu 

Perlen, Rubine, Smaragde, Saphire und Diamanten, alle so groß wie die Wal- 
nüsse, von hinten von sich zu geben. Anton sperrte das Maul weit auf, 
starrte die herrliche Ausleerung, den prächtigen Abgang und den kostbaren 
Durchfall des Eseleins an und füllte mit großer Herzenslust seinen Quersack 
mit den Edelsteinen voll. — „Und wenn dem König Midas", heißt es bei 
Stucken weiter, „welcher Eselsohren hatte, jeder Bissen, den er aß, zu Gold 
wurde — , er also Gold spie „hinten und vorne", wie das deutsche Märchen 
sagt, — so erklärt sich das dadurch, daß er eine Eselsgottheit war, daß er eben 
Eselsohren hatte." Es ist in der Tat auffällig, daß Midas, dessen Eselsohren 
als Rest einer ursprünglichen theriomorphen Bildung aufzufassen sind (v. Roschers 
Lexikon), nach Ovid (Metam. 11, 85 bis 193) seine Gabe, alles durch Berührung 
mit seinem Körper in Gold zu verwandeln, zunächst dem Wunsch entsprechend, 
an wertlosen Dingen erprobt und daß ihm erst beim Essen (vgl. Tischchen 
deck dich und Goldesel) das Törichte seines Wunsches klar wird. — Stucken 
bringt in diesen Zusammenhang auch die Sage von Ehud (Richter 3, 12 bis 29), 
der den Moabiterkönig Eglon bei Überreichimg eines Geschenkes in der Sommer- 
laube mit dem Schwert durchbohrt, „daß der Mist von ihm ging". Die Höflinge 
sind über das lange Ausbleiben des Königs nicht erstaunt und schämen sich nach 
ihm zu sehen, da er in der kühlen Kammer zu sitzen pflegte, um seine Notdurft 
zu verrichten, was Stucken mit seiner Goldeseleigenschaft in Zusammenhang 
bringt. — Diese Beziehung scheint übrigens so allgemein anerkannt gewesen zu 
sein,°daß sie in einer sprichwörtlichen Redensart ihren gemeinsamen Niederschlag 
gefunden hat. Eisenmenger führt in seinem „Entdeckten Judentum" (I, S. 550) 
folgendes hebräische Sprichwort an: „Der Kot der Maulesel Isaaks ist besser 
als das Silber und Gold des Abimelech". Auch Shakespeare ist dieses altüber- 
lieferte und tiefwurzelnde Gleichnis geläufig, wenn er im „Cymbeline" (III, 6) 
den Arviragus die beleidigende Bezahlung von Seiten Imogens mit den Worten 
zurückweisen läßt: 

„Eh' werde alles Gold und Silber Kot, 
Wie's denn auch ist und dem nur kostbar scheint, 
Der Kot als Gott verehrt." 
Aus dem Alten Testamente ist hier noch zu erwähnen die sonderbare 
Geschichte von den Philistern (1. Sam., 5 und 6), die „groß und klein heimliche 
Plage an heimlichen Orten kriegten" (5, 9) wegen Entführung der Bundeslade, und 
die Plage durch Opferung goldener Ärsche (6, 4; 6, 17) abzuwenden suchen. 
(Die Hämorrhoiden werden noch bei ims vom Volke als „goldene Ader" bezeichnet.) 
Aber nicht nur der Eselskot, sondern der tierische Mist überhaupt, ebenso 
wie auch gewisse Mineralien, meist Kohlen, werden mit dem Kostbarsten, was 
der Mensch kennen gelernt hat, in Verbindung gebracht (Gold = Edelsteine 
im Pentamerone). So wird besonders der Pferdemist in den Sagen oft in Gold 
verwandelt und daraus erklärt sich auch seine glückbringende Bedeutung, an 



Die Symbolschiehtung im Wecktraum usw. 57 

verlassen, ist im Traume in scheinbarer Fortsetzung seiner Tages- 
beschäftigung bemüht, einen Zeitungsausschnitt (Zeitimgspapier !) in ein 
Buch zu kleben. „Er geht aber nicht auf die Seite, was mir großen 
Schmerz verursacht/' Das mit der Zunahme des Stuhldranges erfolgende 



die schon die alten Völker glaubten. So begegnet dem Kyros, in dem Augen- 
blick, da er den Entschluß faßt, von Astyages abzufallen, ein persischer Sklave, 
Roßdünger in einem Korbe tragend, was dem Kyros als gutes Vorzeichen aus- 
gelegt wird, da Roßdünger Reichtum und Macht bedeute (Nico!. Damase. fr. 66 bei 
Müller III, 400). — In einem Zigeunermärchen (Wlislocki Xr.42) läßt der Teufel eine 
Frau mit einem Ziegenbock niederkommen, der alles Gold im Hause auffrißt und 
es an anderem Ort wieder von sieh gibt. — Nach Roehholz (Schweizer Sagen, 174) 
verwandelt sieh ein vom Teufel geschenkter goldener Becher in Pferdemist. Und 
ebenda (S. 334) heißt es, daß Pferdemist oft bei Hexenmahlzeiten in der Gestalt 
von Leckerbissen aufgetragen (Essen = Verlegung nach oben; vgl. Midas, 
Tischlein deck dich) oder als Geschenk von Zwergen zu Gold umgekehrt wird. — 
Andere Male werden ekelhafte und schädliche Tiere ganz in Gold verwandelt, wie 
z. ß. bei Weekenstedt (Wendische Sagen, Märehen und abergläubische Bräuche, 
Graz, 1SS0) derselbe Drache, der aus Kot Gold macht, auch Läuse in Gold ver- 
wandelt (S. 389). Daher die Traumregel (Nr. 14, S. 467): Wenn man von Läusen 
träumt, so wird man viel Geld erhalten. — Geradezu auf den Traum, von dem wir 
ausgingen, ist jedoch die Regel 8 anwendbar: Wenn man träumt, daß einem jemand 
einen Topf Unrat über den Kopf ausgießt, so steht einem ein großes Glück bevor. 
Eine bedeutende Absehwächung und Entstellung erfährt diese Identi- 
fikation des insbesondere mühelos gewonnenen Goldes (Midas, Goldesel) 
mit dem Esels- und Pferdemist durch Übertragung auf andere Tiere, insbesondere 
Vögel, bei denen die anstößige Ausscheidung auch als Eierlegen aufgefaßt werden 
kann. So in der Sage: Die Alrune und der Schneider (Roehholz, Nr. 267). Der 
arme Schneider legt dem wunderlichen Tier den einzigen Spartaler unter den 
Bauch und morgens liegen 100 neue Taler auf der Streu. Der Schneider ist nun 
reich und braucht nicht abends erst Mist stehlen zu gehen, um seinen kleinen 
Acker düngen zu können. Das Gold gibt er gleich aus, vergißt aber, den erst- 
gelegten Taler zu behalten; die Zauberkraft versiegt, er wird ärmer als zuvor 
und stirbt Hungers (Essen!). Hierher gehört auch die von Stucken angeführte 
indische Legende: It is said that a certain king having caused a number of 
wild birds that vomiked gold to take up their quarters in his own house, after- 
wards killed them from temptation. — Am deutlichsten zeigt sich die Ent- 
stellungstendenz, die aber doch den ursprünglichen Zusammenhang nicht völlig 
zu verwischen vermag, in der bei Rochholz (II, S. 34) mitgeteilten Sage vom 
Lädeligugger-Xaveri von Tägerig, der vom Teufel ein sonderbares Tier erhält, 
dem man alle Abende ein kleines Geldstückehen unterlegen mußte, wie man 
den Legehühnern immer ein Ei läßt, das dann über Nacht zu einem ganzen 
Haufen gleicher Münzen anwuchs. Trotz dieses direkten Hinweises auf die 
Analogie mit dem Eierlegen drängt sieh doch der ursprüngliche Zusammenhang 
in dem Namen des sonderbaren Tieres durch, das „Geldschießer" genannt 
wird. Bemerkenswert ist auch, daß der Mann dann an einem langwierigen und 



58 Otto Rank. 

Erwachen, das den Träumer von der Realität des Schmerzes im Unter- 
leib überzeugt und ihn nötigt, seinem Vorsatz: nicht auf die Seite zu 
gehen, untreu zu werden, ist uns als direkte Bestätigimg für die indirekte 
Darstellungsweise und Sprache des Traumes sehr wertvoll. Der Psycho- 
analytiker wäre gewiß auch ohne diese direkte Bestätigung im Verlaufe 
der Traumanalyse zu dieser Deutung gelangt, aber das im Erwachen 
sich offenbarende Scheitern der Traumfunktion überhebt ihn nicht 
nur der Deutung dieses Details, sondern beseitigt auch jeden Zweifel 
an der Zulässigkeit und Richtigkeit des symbolischen Deutungsver- 
fahrens. Erweist sich so der Wecktraum für den Schläfer als unwill- 
kommene Störung, so ist er dem Psychoanalytiker ein willkommener 
Beweis für die Anwendbarkeit der empirisch gefundenen Symbol- 
bedeutungen auch auf jene Traumgebilde, die nicht zum Erwachen führen 
und also keinen direkten Einblick in die somatischen Quellen und 
psychischen Vorgänge der Symbolbildung gestatten. 

"Wir wollen uns im folgenden mit Ausschaltung aller anderen 
Weckträume auf eine bestimmte Gruppe, nämlich die mit dem Harn- 
drang in Verbindung stehenden, einschränken. Der sogenannte „Harn- 
seltsamen Übel erkrankt „und ebenso eigentümlich und geldfressend waren 
die Mittel, die ilun die Ärzte dagegen verordneten. So mußte er z. B. täglich 
10 Pfund Anken aufessen, also einen ganzen Marktkübel, und dazu eine Flasche 
Lebertran trinken." 

Endlich ist noch als typische Verbindung die von Gold und Kohlen 
zu erwähnen, die offenbar auch einer Milderungstendenz entsprungen ist. Die 
Kohle eignet sich zum Ersätze des Kotes zunächst wegen ihrer dunklen Farbe 
und der als Gegensatzcharakter der Verhüllung dienenden Härte. Ebenso er- 
leichterte diese Verknüpfung die Tatsache, daß die Kohle einmal als völlig wertlos 
und unverwendbar galt, während wir heute ein kostbares Gut in ihr erblicken, 
dessen allmähliche Verringerung wir uns vergeblich aufzuhalten bemühen. Eine 
Reihe solcher Sagen, in denen die Verwandlung von Kohlen in Gold erzählt wird, 
berichtet Zingerle in seiner Abhandlung: Kohlen und Schätze (Germania, 
Bd. VI, S. 411). Direkt an die Midassage erinnert eine von Vernalecken (Mythen 
und Bräuche des Volkes in Niederösterreich, Wien, 1859) mitgeteilte Überlieferung, 
wonach ein Mädchen alle Kohlen, die es berührte, in Gold verwandelt (Kohlen 
in Gold auch bei Veckenstedt, S. 359). Daselbst findet sich auch der Hinweis, 
daß Gold von Schatzkohlen sei auch Griechen und Römern bekamit gewesen. 

Auch im Witz, der ja durch die momentane Aufhebung der auf den kopro- 
philen Neigungen lastenden Verdrängung reichlichen Lustgewinn bietet, erscheint 
häufig der Zusammenhang von Gold und Kot, der übrigens auch in manchen 
Redensarten, besonders der Geschäfts- und Börsensprache, Niederschlag ge- 
funden hat. (Von einem Kapitalisten, der augenblicklich kein Geld „flüssig" 
hat, sagt der Fachmann: „er ist verstopft"). 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 59 

reiztraum" ist ein so allgemeines Erlebnis, daß er seit jeher die Auf- 
merksamkeit nicht nur der Traumforscher auf sich gelenkt hat. Auch 
ist seine in hohem Maße durchsichtige und stereotype Symbolik längst 
erkannt und ausführlich beschrieben. Wenn wir uns dennoch der Mühe 
unterziehen, dieses Gebiet vom psychoanalytischen Standpunkt zu 
beleuchten, so geschieht es nicht nur zu dem Zwecke, die vielfach 
angefochtene symbolische Arbeitsweise und Deutungstechnik des 
Traumes gleichsam vom Material selbst demonstrieren zu lassen, 
sondern auch weil wir erst auf Grund unserer psychoanalytischen 
Erfahrungen die bereits der Antike völlig geläufige Tatsache der Sym- 
bolik psychologisch verstehen und in ihrer vollen Bedeutsamkeit für 
das Seelenleben des einzelnen und der Völker würdigen können. 

Schon Hippokrates vertrat die Auffassung, daß im Traume 
eine Umwandlung innerer Sensationen in symbolische Vorgänge statt- 
finden könne, und nach seiner Meinung bedeutet es eine Störung der 
Blase, wenn man von Fontänen und Brunnen träumt 1 ). Am ein- 
gehendsten von allen Traumforschern hat sich R. A. Scher ner in 
seinem Buche: Das Leben des Traumes (Berlin 1861, S. 187 fg.) mit 
der Symbolik des Harndrangtraumes beschäftigt. Und wenn er auch 
in der ausschließlichen „Leibessymbolik" befangen den reichen psy- 
chischen Anteil am Traumleben und an der Symbolbildung übersieht, 
so sind uns seine Ausführungen doch gerade bei diesem vom organischen 
Reiz beeinflußten Material als Vorstudie interessant genug zur Mitteilung. 

„Der Harnreiztraum ist eine der allergewöhnlichsten Traum- 
bildungen der Nacht, begleitet stetig die Ansammlung des Harns 
in der Harnblase und gibt die symbolischen Gebilde dafür. Frauen 
liefern die ausgebildetsten Formen dieses Traumes, teils wegen ihrer 
leicht aufregbaren Phantasie, teils wegen der Begünstigung der Harn- 
sammlung in der weiblichen Blase. Die meisten Traumerzählungen 
der Frauen sind voll symbolischer Schilderungen für diesen organischen 
Reiz, obwohl bei der bisherigen Unkunde über das Traumleben sie sich 
des natürlichen Grundes nicht bewußt sind. 

„Das allgemeinste Symbol dieses Traumes ist das Wasser, ent- 
sprechend der organischen Flüssigkeit der Harnblase. Weil aber die 

x ) Diese sowie eine Reihe anderer interessanter Angaben entlehne ich 
der kürzlich erschienenen Arbeit von Ellis: Die Welt der Träume, deutsche 
Ausgabe von Kurella, Würzburg, 1911 (S. 89 ff. und S. 167). — Zum Thema 
der „vesikalen" Träume vergleiche man noch in desselben Autors: Geschlechtstrieb 
und Schamgefühl (3. Auflage, Würzburg, 1907) die Ausführungen S. 262 ff. 



60 Otto Hank. 

Harnblase im Zustande größeren oder geringeren Dranges viel Harn 
enthält, so entspricht dem unmittelbar das allbekannte Bild von der 
großen Menge des Wassers in Strömen, Flüssen, Teichen, bei Über- 
schwemmungen u. dgl., wobei die Träumerin als Zuschauerin usw. 
mit interessiert erscheint. Weil sich die Nerven, auf welche der Druck 
des Wassers in der Harnblase wirkt, in Erregung befinden, sowie weil 
sie die Neigung haben, den angesammelten Harn zum Ausströmen zu 
bringen; so ist es zumeist das Bild des brausenden, Wellen schlagenden, 
hochflutenden, die Ufer zu überschreiten suchenden Wassers, welches 
die Träumerin zu sehen meint. Und weil endlich der starke Harndrang 
die entsprechenden Nerven in peinliche und widrige Aufregung versetzt, 
so ist die Malerei des hochflutenden Wassers stetig von Gefahrszenen 
begleitet, d. i. die Träumerin steht am Ufer des Stromes oder auf einer 
Brücke und sieht darin Menschen und Tiere mit den Wellen kämpfen, 
worüber ihr Gemüt die heftigste Angst erfährt; oder irgend eine ihrer 
geliebten Personen fällt ins Wasser hinein, bei den Müttern (stehende 
Form) das Kind. . . . So z. B. im Traum einer alten Dame (S. 192). 
Diese träumt, sie sehe einen Strom sehr angeschwollen und schon fangen 
die Wellen an über die Ufer herauszutreten; sie sucht nach ihrer kleinen 
Tochter (welche beiläufig unter die Erwachsenen zählt), um sie von 
der durch die Überschwemmung gefährdeten Straße zu holen. Sie 
findet sie, hebt sie auf und trägt sie zwischen beiden Handtellern, 
(alles wörtlich nach der Erzählung) ins Zimmer; wie sie aber dort das 
Kind niedersetzen will, ist es nur ein bißchen Flüssigkeit zwischen den 
Händen, anstatt des Kindes, was sie sehr verwundert; obzwar sie trotz- 
dem das Gefühl der Freude dabei hat, als ob sie wirklich ihr Kind 
gerettet hätte. Analyse: die schließliche Auflösung des Kindes „zu 
"Wasser" ist die schon oben behandelte schließliche nackte Objektivierung 
des wirksamen Nervenreizes und dessen, was damit zusammenhängt; 
hier also des Wassers in der Blase. 

„...der rettungslose Untergang ist von der Phantasie adäquat 
dem sehr dringenden Harnbedürfnis und dem angemessener heftiger 
Nervenregung gesetzt. . . . 

„Sind die Träumerinnen nur Zuschauerinnen bei Gefahrszenen, 
so zeigt dies geringeren Peindruck des Bedürfnisses, als wenn die Phan- 
tasie sie selbst als die in Gefahren Befindlichen malt; der stärkste 
Harndruck aber zeichnet sich durch den Untergang des in Wasser- 
gefahr Schwebenden, sei es der Träumer selbst oder ein von ihm 
sehr geliebtes Wesen, und steht offenbar in den Gefahr träumen 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. Gl 

der Mutter das bedrohte Kind der Selbstgefahr der Mutter an Inten- 
sität gleich. 

„Der gelindere Harndrang weckt nur gleich gelindere Bilder. Man 
geht in starkem Regen, oder es gießt wie mit Kannen, man ist dabei 
vor dem Regen geschützt oder nicht; man badet oder watet in seichtem 
Wasser, gelangt dabei mit dem Körper nur so tief in die Flut, als die 
Höhe der Blasenlagc im menschlichen Körper ist 

„Die Häufigkeit der Harnreizträume bewirkt es, daß die Phantasie 
auf diesem Gebiete eine große Mannigfaltigkeit der Darstellung ent- 
faltet. Oft sehen wir im Traume einen Hund über den Platz springen, 
sein Anlauf von der Zaunecke zeigt deutlich seine symbolischeBedeutung; 
oder der Junggeselle träumt (wörtlich nach der Traumtatsache), ihm 
sei plötzlich ein kleines gewickeltes Kind gebracht worden, er lege es 
zu allem andern unnützen Zubehör auf den Ofen; regelmäßig kommt 
die Aufwärterin, um es zu nähren; sie tut es, inzwischen begegnet dem 
Säugling das Allernatürlichste, und der Strahl trifft den Träumer, 
die Aufwärterin wirft das Glas mit der Milch um und sie fließt heraus. . . . 
Auch die Aktion des Biertrinkens steht oft für Harnreiz, inwiefern 
dem Biertrunke diese Bedürmisverrichtung zu folgen pflegt (S. 190). . . . 

,,. . .Oder es versetzt uns der Harnreiz mitten in einen fürstlichen 
Palasthof, worin der Springbrunnen und sein rundes "Wasserbassin 
unser Augenmerk fesselt (rundes Bassin für Blase, springendes "Wasser 
für Entleerung der Blase). 

„Bei den Männern schlägt der stärkere Harndrang stets in die 
Reizung der Geschlechtssphäre und deren symbolische Gebilde über; 
aber auch bei Frauen begegnet Ahnliches, wegen der unmittelbaren 
Verbindung von Harn- und Geschlechtsorganen wie beim Manne so 
beim Weibe. .. .der Harnreiztraum ist oft der Repräsentant des Ge- 
schlechtstraumes zugleich" (S. 192). 

Auf die Ähnlichkeit des Harnreiztraumes mit dem sexuellen 
Reiztraum, die besonders bei einem Vergleich der Pollutionsträume 
mit den von nächtlichem Bettnässen gefolgten Träumen auffällt, haben 
dann Moll (Lib. Sex. I, S. 552) und besonders Ellis (Geschl. Trieb, 
S. 2G2 f.) hingewiesen, der die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen 
sexuellen und vesikalen Träumen ausführlich bespricht. Tatsächlich 
scheinen in vielen Fällen von der Pubertät an die Pollutionsträume 
frühere enuretische Träume abzulösen 1 ) oder neben solchen einherzu- 
gehen, was für die Freudsche Auffassung der Enuresis nocturna als 



*) Vgl. den Stiegentrauni (Traumdeutung, 3. Auflage, S. 219). 



62 Otto Rank. 

einem polhitionsartigen Vorgang spricht (Sex. Theorie, 1905, S. 43 unten). 
So teilt Alfred Adler, der in seiner „Studie über Minderwertigkeit 
von Organen" (1907) auf die spätere Symbolik (Schwimmen, Baden, 
Bootfahren) der ursprünglich enuretischen Träume hingewiesen hat 
(S. 79), unter seiner interessanten Kasuistik einzelne derartige Fälle 
mit; von besonderem Interesse ist der eines 26jährigen Mannes (Fall 35, 
S. 88), der in den nicht seltenen Pollutionsträumen vom Urinieren 
träumt. 

Auf den Zusammenhang des Bettnässens mit vesikalen Träumen 
hat (nach Ellis) schon A. P. Buchan in seiner 1816 erschienenen Schrift: 
Venus sine coneubitu (p. 47) aufmerksam gemacht. Auch Ries hat in 
einem Artikel über Enuresis nocturna (Monatschr. f. Harnkrankheiten 
1904) darauf hingewiesen. Nach Adler, der dem Thema zuerst von 
psychoanalytischer Seite näher getreten ist, stellt sich in der Kindheit 
der Traum des Enuretikers im Sinne Freuds als primitive Wunsch- 
erfüllung nach ungebundener Organbetätigung dar (S. 79). Auch Ellis 
(Träume S. 90) anerkennt den vesikalen Traum in seiner einfachsten 
Form als Freud sehen Wunschtraum von infantilem Typus. Während 
aber Ellis meint, daß derartige nicht zur Blasenentleerung führende 
Träume auch bei Personen vorkommen können, die in der Kindheit 
nicht an Enuresis nocturna gelitten haben (Welt der Träume, S. 89 f.), 
erlauben die späteren vesikalen Träume Erwachsener nach Adler 
„die sichere Diagnose überstandener Enuresis" (S. 79). Dies trifft auch 
bei der Person zu, deren vesikale Träume der folgenden Untersuchung 
zugrunde liegen. Das heute voll erwachsene, körperlich und psychisch 
gesunde Mädchen, deren Interesse für ihr eigenes Traumleben ich die 
Sammlung und offenherzige Mitteilung der schönen Beispiele verdanke, 
hatte, soweit sich feststellen ließ, in ihrem 5. Lebensjahr noch das Bett 
genäßt und berichtet aus ihrem 14. Lebensjahr noch einen Traum 
von rein infantilem Typus (sie glaubt auf dem Topf zu sitzen), der mit 
Bettnässen endet und mit einem Schamgefühl verknüpft ist, wie wir 
es sonst nur auf sexuellem Gebiete anzutreffen gewohnt sind. Es ist hier 
darauf hinzuweisen, daß bei einer großen Anzahl von Menschen die 
exkrementeilen Funktionen viel stärker mit Schamgefühl besetzt sind 
als die Sexualität, was offenbar mit einer besonders lustvollen früh- 
infantilen Betätigimg dieser erogenen Zonen und der dadurch bedingten 
energischeren Verdrängungsarbeit zusammenhängt. Wie frühzeitig 
und hervorragend stolz das Kind dann auf deren Erfolg ist, zeigt der 
Ausspruch eines kaum dreijährigen Buben, der, wegen seines braven 



Die Symbolsckichtung im Wecktraum usw. 63 

Verhaltens belobt, sogleich spontan hinzusetzt, er habe auch das Bett 
nicht naß gemacht und damit das Lob auf diese Leistung einzuschränken 
sucht. Als man ihn ein andermal fragt, warum er das Bett naß gemacht 
habe, entschuldigt er sich damit, daß er sagt, er habe geglaubt, daß er 
das Topferl da habe, was auf einen (Bequemlichkeits-) Traum hin- 
zudeuten scheint. Etwas Ähnliches finden wir auch bei unserer Träu- 
merin, die im Alter von fünf Jahren den gleichen typischen Traum 
vom Sitzen auf dem Nachttopf hatte und dabei ins Bett näßte, während 
sie in ihren späteren Träumen oft genug in bezug auf ihre jetzige Zimmer- 
reinheit den alten infantilen Stolz verrät, der sich im erwachsenen 
Leben als besonders ausgeprägter Ehrgeiz äußert. 

Da in der Serie von Harndrangweckträumen, die im folgenden 
mitgeteilt ist, auch die von Scher ner angegebenen Symbole fast voll- 
zählig zu finden sind, so muß hier schon nachdrücklich hervorgehoben 
werden, daß wir auf Grund unserer psychoanalytischen Einsichten an 
der organischen, lediglich den Leibreiz und sein Organ widerspiegelnden 
Symbolbildung Scher ner s nicht festhalten können, sondern dem 
psychischen Anteil an der Syrnbolbildung die ihm gebührende Beachtung 
schenken müssen. Nicht etwa aus theoretischer Voreingenommenheit, 
sondern aus der Erfahrung, die uns eines Besseren belehrt hat. Die 
anscheinend rein aus dem Organreiz hervorgehenden Traumbildungen 
lassen bei entsprechender Vertiefung den bedeutsamen psychischen 
Anteil des unbewußten Seelenlebens erkennen, das in den allermeisten 
Fällen auch hier die Triebkraft für die Traumbildung liefert, während dem 
aktuellen Vorstellungs- und Erinnerungsschatz sowie den somatischen oder 
äußeren Reizen nur das Material zum Aufbau der Traumgebilde ent- 
stammt. Ja, in manchen Fällen, besonders wo es sich um kompliziertere 
Träume handelt, sieht man oft deutlich, wie ein nach den Freudschen 
Mechanismen des Unbewußten aufgebauter und deutbarer Traum 
durch einen in der typischen Symbolik ausgedrückten Harnreiz unter- 
brochen und nach der oft noch im Halbschlaf erfolgenden Abstellung 
des Reizes ruhig weiter geträumt wird. Diese typische Harnsymbolik 
ist nicht gut denkbar ohne den zumindest in der Kindheit erfahrenen und 
psychisch verknüpften und überlagerten Blasenreiz. Doch sind die 
Fälle, in denen er aktuellerweise den Traum im Dienste der Bequem- 
lichkeitstendenz hervorruft, zu unterscheiden von denen, wo er, im 
Verlaufe eines aus rein psychischen Quellen stammenden "Wunschtraumes 
hervorgerufen, durch sein Übermächtigwerden als Störer wirkt und 
sich durch die halluzinatorische Befriedigung oder die Warnung vor 



64 Otto Hank. 

dem Gewährenlassen nicht abstellen läßt. Ob das zur Symbolisierimg 
verwendete psychische Material infantiler oder aktueller Herkunft 
ist, ergibt jeweils die Deutung; doch wird entsprechend der infantilen 
"Wurzel dieser Träume in der Enuresis nocturna immer auch ein Anteil 
vom infantilen Material stammen, rezentes Material aber, wenn es 
sich darbietet, mit besonderer Vorliebe verwendet werden, weil es der 
Verleugnung des eigenen Kinderfehlers und des unbequemen Be- 
dürfnisses besonders gut dient; in dieser Absicht wird sehr häufig das 
Bedürfnis und dessen Verrichtung im Traume einer andern Person 
zugeschrieben, mit besonderer Vorliebe einem Kinde, was auf den 
eigenen Rückfall ins Infantile hinweist. Unsere Träumerin, die als Kin- 
derfräulein reichlich Gelegenheit hatte, an ihren kleinen Pfleglingen 
derartige Vorkommnisse zu erleben und zu rügen, bedient sich natürlich 
besonders gern dieser rationalisierenden Verhüllung ihres eigenen 
Bedürfnisses, die in genialer Weise auch in der später zu besprechenden 
Traumzeichnung im gleichen Sinne verwendet ist. 

Mit dem von Scherner gänzlich vernachlässigten, von der 
Psychoanalyse aber in so weitem und besonderem Ausmaße gewürdigten 
psychischen Anteil an der Traum- und Symbolbildung hängt es auch 
zusammen, daß wir bei keinem der mitgeteilten Träume eine vollständige 
Deutung geben können, sondern uns immer nur auf einzelne für die 
vorliegende Untersuchung interessante Details beschränken müssen. 
Denn infolge der vorwiegend psychischen Quellen der Symbolbildimg 
zeigen die meisten vesikalen Träume eine ganze Reihe von Elementen 
anderer Herkunft, worauf bereits Jung gelegentlich der Analyse 
eines Urindrangtraumes 1 ) hingewiesen hat. Auf Grund der Freud- 
schen Auffassung der Enurese als infantiles Sexualsurrogat konnte 
Jung zeigen, daß sie auch im Traumleben des Erwachsenen gern als 
Bekleidimgsmaterial für den Drang des Geschlechtstriebes verwendet 
wird 2 ). Die symbolische Durchsichtigkeit und Offenheit in bezug auf 
den Harnreiz dürfte bei manchen dieser Träume auch damit zusammen- 
hängen, daß sie meist in der Früh auftreten, wo der Schlaf an und für 
sich nicht mehr tief und außerdem noch durch den Reiz gestört ist; 
anderseits lassen jedoch die Träume, in deren Verlauf der Reiz erst 
hervorgerufen wird, vermuten, daß er gerade darum so leicht zum 
Erwachen führt, weil eben der Schlaf morgens nicht mehr tief genug 
ist, um ihn überhören zu können. Aus dieser Annäherung an den Wach- 



*) L'analyse des reves. L'annee psychologique, 1909, p. 165. 
2 ) Jahrbuch I, S. 170. 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 60 

zustand erklärt sich auch das häufige Hineinspielen von Gedanken 
und Bemerkungen in den Traum, die manchmal schon dem Halbwach- 
bewußtsein angehören 1 ), sowie anderseits die Tatsache, daß unsere 
Träumerin oft im Halbschlaf das Bedürfnis verrichten und dann sogleich 
wieder einschlafen und weiterträumen kann. 

Unsere Untersuchimg ermöglicht uns also, die von den alten und 
neueren Traumforschern, besonders von Scher ner, bereits gekannte 
Tatsache typischer Harndrangsymbole bei psychoanalytischer Deutung 
der Träume nicht nur zu bestätigen, sondern auch durch das Scheitern 
der Bequemlichkeitsfunktion vom Traum direkt erweisen zu lassen. 
Die gebührende Beachtung des wesentlichen psychischen Anteils an der 
Syrnbolbildung und der dabei verwendeten Mechanismen gestattet 
uns aber auch, die allgemein menschliche Bedeutimg dieser Symbolik 
breiter zu fundieren, und nötigt uns damit, sie in den rein psychischen 
Gebilden der Einzel- und Volksseele, wo sie gänzlich losgelöst vom 
organischen Faktor erscheint, im selben Sinne anzuerkennen und so 
wieder ihre im Traumleben erkannte Bedeutung zu stützen und zu 
vertiefen. 

In der folgenden Traumserie, die im Verlaufe eines längeren 
Zeitraumes gesammelt wurde, sind die typisch wiederkehrenden Symbol- 
elemente durch den Druck ausgezeichnet. Wir beginnen mit einem Bei- 
spiele, in welchem die Träumerin die sie im Schlafe störende Empfindung 
im Traume ihrem kleinen Pflegling zuschreibt, wie sie sie in den 
nächsten Beispielen auf die der Erziehung zur Zimmerreinheit in hohem 
Maße bedürftigen Hunde überträgt. 

Traum Nr. 2. 

„Ich hatte den Robert auf meiner Hand sitzen; er hat fort pisch- 
pisch und a-a gerufen. Plötzlich hat er mir auf die Hand gewischerlt, 
mir hat gegraust und ich habe ihn fallen lassen. Ich habe geschimpft, bin 
darüber aufgewacht und mußte auf die kleine Seite gehen." 

Der zirka dreijährige Robert, mit dem sie sich tagsüber beschäftigt 
hat, ist tatsächlich noch nicht völlig zimmerrein, da er manchmal 
bei Tage die Hose und bei Nacht das Bett naß macht; die im Traum 
geschilderte Szene hat sich nie abgespielt, das Grausen deutet aber 
darauf hin, daß ihr möglicher Eintritt befürchtet worden war. Ander- 

>) Inzwischen ist im letzten Halbband (III, 2) des Jahrbuches Silberers 
Arbeit über die Schwelle nsymbolik erschienen. Man vergleiche dort auch das 
Eisenbahnfähren als Schwellcnsyinbolik wie in manehen unserer Beispiele. 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 



(j(3 Otto Rank. 

scits ist anzunehmen, daß die urctliral-erotischen Vorgänge 1 ) bei dem 
Kleinen in der Träumerin imbewußterwcise die lustvollc Erinnerung 
an ihre eigenen Urinspielercien geweckt haben, die sich dann im Traum 
unter dem Drucke der seitherigen Verdrängung nur in der Abwehrform 
(Grausen) äußern können. Das Schimpfen entspricht einem Affekt 
des Ärgers, offenbar darüber, daß durch diese unbewußte Lustrepro- 
duktion die Blase zur Entleerung angeregt wird und die Träumerin 
diese Störung des Schlafes mit in Kauf nehmen muß. 

Traum Nr. 3. 

„Ich ging durch eine schmutzige und sehr kotige Gasse, die 
wie vom Regen naß war und sah dort ein kleines Kind mit einer 
alten Frau gehen. Das Kind machte ein schmerzliches Gesieht, als ob es 
ein körperliches Bedürfnis hätte, und schaute sich öfter um, als hätte 
es etwas verloren (es hat auch wirklieh etwas verloren). Es war, als hätte 
es sich vor mir geniert auf die Seite zu gehen. Als das Kind schon 
den Boden schmutzig gemacht hatte und seine Hosen ganz naß 
geworden waren, dachte ich mir: Warum läßt sie denn das Kind nicht auf 
die Seite gehen? Dann hat sie ihm doch die Hosen herunter gelassen und 
ich wachte auf mit dem Bedürfnisse auf die Seite zu gehen." 

Wie beim früheren Traum ist auch hier eine Wiederbelebung der 
eigenen kopro- und urophilen Neigungen im Gefolge der Kinderpflege anzu- 
nehmen. Da sich die Träumerin mit ihrem Pflegling identifiziert, so ist 
ihre Pflegerin im Traume die alte Frau, die in Wirklichkeit jetzt etwa ihrer 
Mutter entspräche, welche sie als kleines Kind so betreut hat, wie sie selbst 
jetzt ihren Schutzbefohlenen. Wie im vorigen Traum, so ist auch hier die 
Lusterweckung durch die Kinderpflege darin angedeutet, daß die 
Träumerin einem urinierenden Kinde zusieht und dabei selbst zum 
Urinieren gebracht wird. Anderseits sucht die Bequemlichkeitstendenz 
den durch die Lustreproduktion einmal geweckten Harndrang erst durch 
Projizierung auf eine andere Person zu beseitigen und so den Schlaf zu 
gewährleisten, was ihr allerdings auf die Dauer nicht gelingt. Wie früher 
der Ärger über das Aufstehenmüssen, so ist auch hier der endliche Ent- 
schluß, den Beiz abzustellen, in den Worten ausgedrückt: Ich dachte mir, 
warum läßt sie denn das Kind nicht auf die Seite gehen. — Führt man 
die Reduktion der Traumpersonen auf psychische Strebungen der 
Träumerin konsequent durch, so gelangt man unter Berücksichtigung 
der typischen Symbolisierimg des Genitales als des oder der „Kleinen" 
zur Auffassung, daß das nasse Kind das feuchte Genitale symbolisiert 
i) Vgl. J. Sadger: Über Urethralerotik (Jahrbuch II, S. 409 ff.). 



Die Symbolsehichtuug im Wecktraum usw. 67 

(ebenso wie die nasse „Gasse"). Diese Darstellung, der wir noch öfter 
begegnen werden, zeigt der folgende Traum deutlicher und bereits in 
Verbindung mit der dazugehörigen sexuellen Phantasie, was deutlich auf 
den psychischen Ursprung dieser Symbolisierung hinweist, die durchaus 
nicht im Scher n er sehen Sinne als Abbildung des Organs aufzufassen ist. 

Traum Nr. 4. 

„Frau S. hat eine Vorladung bekommen vor die französische Kom- 
mission wie zum Unterrichte ihres Kindes und hat mich ersucht, mit dem 
Mäderl einsehreiben zugehen. Da essehon zu spät zur Einschreibung 
war, habe ich mich geniert hineinzugehen und habe unten vor dem 
prächtigen Haus an einem Wasser gewartet, bis das Kind herunterkommt. 
Ich war froh, daß man sie angenommen hatte. Wir gehen dann weiter und 
kommen zu einer Art Brunnen (ohne Wasser) am Wasser, wo eine Katze 
rings herum läuft; das Mädchen streichelt sie und sagt, es ist ihre Katze. 
Ich sage dann, es ist schade, daß du den Hut nicht auf hast, sonst könnten 
wir auf die Kärntnerstraße spazieren gehen. Sie wollte zwar so 
gehen, aber ich sagte, so kannst du nicht gehen, dort ist es zu elegant, 
da geht man nicht mit bloßem Kopfe. Sie hat es bedauert und wie 
wir ein Stückchen weiter gehen, fängt es an zu spritzen, erst große 
Tropfen, und ich sage: ,Na also, jetzt können wir ohnehin nicht gehen, 
auch wenn du den Hut hättest, weil es ja regnet,' Ich bin dann auf- 
gewacht und mußte auf die Seite gehen." 

Sie hatte längere Zeit vor dem Traume tatsächlich das sechs- oder 
siebenjährige Mäderl der Frau S. in die Schule begleitet. Der Traum 
ist jedoch eine offenkundige Prostitutionsphantasie (einschreiben, 
französisch, Kärntnerstraße, elegant, Vorladung) in der „die Kleine" 
im Sinne Stekels als Symbol des Genitales erscheint 1 ). Ähnlich erscheint 

*) In einem andern ihrer Träume, der in Indien spielt, heißt es noch 
deutlicher am Schluß: „Ich bin dann mit meiner Schwester auf einer Bahn 
bergab gefahren (vgl. Traum Nr. 15) und komme an ein Haus, wo auf indisch 
Abort darauf steht. Ich gehe hinein, werde aber durch irgend etwas abgehalten: 
An einer Kasse sitzt nämlich eine Frau (vielleicht sollte das die Klosettfrau sein), 
der ich erst hätte zahlen sollen. Inzwischen hat sieh aber meine kleine 
Schwester (die in Wirklichkeit schon erwachsen ist) schon vor der Tür aus- 
gemacht, Ich schimpfe sie recht zusammen, besonders da auch ein junger Mann 
hineinkommt und gerade in die Pfütze tritt. Sie entschuldigt sich aber, indem 
sie sagt: Ich habe es nicht mehr ausgehalten, worüber ich im Traum sehr lachen 
mußte. Ich erwachte dann und mußte auf die Seite gehen. Im Wachen mußte 
ich auch noch darüber lachen, denn der Ausspruch: Ich habe es nicht mehr aus- 
gehalten, waren ja eigentlich meine eigenen Worte und es war ja wirklich auch 
.meine kleine Schwester', die auf die Seite gehen wollte." Die Träumerin deutet 
dar-it an, daß ihr diese Umschreibung für das weibliche Genitale bekannt sei. 

5* 



6S Otto Rank. 

dann nochmals die Katze als Symbol des Genitales („das Mädchen 
streichelt sie und sagt, es ist ihre Katze"). Der Regen ist ein typisches 
Symbol für Urinieren und Harndrang. Der Traum zeigt uns einen 
unbewußten Sexualwunsch in inniger Verknüpfung mit dem Harn- 
drang, welcher Zusammenhang uns noch beschäftigen wird. 

Traum Nr. 5. 

Bruchstück aus einem langen und komplizierten Traum: Auf dem 
Wege zum Bahnhofe begriffen, kann sie sich von einem Hunde (Symbol 
einer Person), der sie unaufhörlich verfolgt, nicht befreien. Der Hund 
läuft ihr bis zum Waggon nach, „macht sich die Coupetür auf und 
will mich nicht weglassen. Ich versuche ihn zwischen der Tür einzu- 
quetschen und er macht sich schon an, so daß eine Pfütze im 
Coupe war. Ich wache dann auf und muß wirklich auf die kleine Seite 
gehen, lege mich dann wieder schlafen und träume, daß ich auf einer Wiese 
ins Wasser gehe, um zu baden " 

Der Traum, dessen vollständiger Text und Deutung weit über 
den Rahmen dieser Arbeit hinausginge, soll nur die Übertragung des 
Harndranges auf den Hund zeigen. Auch in diesem aus allerlei psychi- 
schem Material aufgebauten Traum ist der Harndrang gewiß nicht 
der Traumanlaß gewesen, sondern er wurde im Verlaufe des Traumes 
geweckt, der nach seiner Abstellung seinen ungestörten. Fortgang 
nahm wie in 

Traum Nr. 6, 

einem erotischen gefärbten Eifersuchtstraum, an dessen Schluß ein Dackel 
das Zimmer beschmutzt, worüber sie sich sehr ärgert und auf- 
regt, infolgedessen erwacht und selbst auf die Ideine Seite gehen muß. 

Es folgt nun eine Reihe von Träumen, in denen gleichfalls der 
Harndrang zu dominieren und als Traumerreger zu fungieren seheint, 
wo aber doch der psychische Anteil bald mehr, bald minder deutlich 
hervortritt und der Traum sieh zur bildlichen Darstellung durchaus 
nicht einer Symbolisierung des Reizes oder seines Organs bedient, 
sondern nur gewisse zur Funktion gehörige Vorstellungen des 
Träumers in sprachlicher oder gegenständlicher Einkleidung darstellt. 

Traum Nr. 7. 

„Ich komme mit einigen Kolleginnen, Studentinnen, von einem 
Ausfluge zurückkehrend, auf dem unser Wagen im Kot (lehmiger Boden) 
stecken geblieben ist, zu einer Reihe von Klosetten, wo wir uns die 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 69 

Schuhe vom Kot reinigen wollen. Ich öffne zu diesem Zweck eines nach 
dem andern, kann aber keines benutzen, da alle verunreinigt sind und es 
in ihnen ganz naß ist. Ich erwache also und muß auf die kleine Seite 
gehen." 

Die Deutung dieses Traumes, die nicht vollständig mitgeteilt 
zu werden braucht, führt bis auf die infantilen kopro- und urophilen 
Spielereien mit den Schulkolleginnen und Spielgefährtinnen, denen 
das spätere aus der Verdrängung dieser Neigungen hervorgegangene 
Reinlichkeitsbedürfnis gegenübergestellt wird. Die nassen Klosette 
stellen einerseits eine Warnung vor der ehemaligen Enuresis nocturna 
dar, die sich ja im Anschluß an ein im Traume auf dem Topf oder 
Klosett verrichtetes Bedürfnis einstellte, anderseits dienen sie als 
Abschreckung vor der Benutzung des Klosetts der Bequemlichkeits- 
tendenz, welche die Verrichtung des Bedürfnisses zu verhindern oder 
zu verzögern sucht. Entsprechend dem stärker werdenden Reiz führt 
jedoch gerade die Unmöglichkeit der Befriedigung im Traume zum 
Erwachen, womit allerdings die Funktion des Traumes gescheitert, 
aber dafür die seit der Kindheit gefürchtete Enuresis vermieden ist. 

Traum Nr. 8. 

Schluß eines Traumes 1 ): „Es hat angefangen zu regneu und ich 
sage: ,Ieh muß laufen, damit ich nicht naß werde.' Bei den anderen 
war es, als ob sie nicht naß geworden wären, nur bei mir war es so und 
ich spürte schon, daß ich am Kopfe naß werde. Ich laufe also 
und laufe und wie ich zu Hause im Zimmer angekommen bin, erwache 
ich und mußte auf die Seite gehen. — Schon früher ist in dem Traume 
das Nasse vorgekommen; so wollte ich mir Rosen anstecken imd sah, 
daß sie naß waren; auch, glaube ich, hat es mich im Traume gemahnt, 
auf die Seite zu gehen, bevor ich nach Hause laufe." 

Hier setzt der Traum für den beginnenden Harnreiz den be- 
ginnenden Regen, und zwar ganz deutlich im Sinne der Gefahr, naß 
zu werden, also als Furcht vor der Enuresis. Die Eile (laufen), die 
Verlegung der Nässe von unten nach oben (Kopf) und das Zimmer, 
in dem man die Notdurft verrichten kann, zeigen das Sträuben gegen 
ein enuretisches Vergehen. Das Zimmer vertritt in anderen Träumen" 

2 ) Leider hat die Träumerin manchmal nur den auf den Harndraug bezüg- 
lichen Teil des Traumes notiert, da sie nur für diesen Interesse hatte und auch 
nur dafür ein solches beanspruchen zu können glaubte. Doch werden uns gerade 
die wenigen vollständig überlieferten Texte die weitreichende Bedeutsamkeit 
des psyehisehen Materials und die sekundäre Funktion des Harndranges aufs 
deutlichste zeigen. 



70 Otto Kank. 

deutlicher ak> hier den Stolz auf die erworbene ,,Ziinmerreiiiheit" 
(vgl. Beispiel Nr. 1-4); in diesem Sinne ist auch die Traummalmimg 
zu verstehen, vor dem Naehhausegehen die Notdurft zu verrichten. 
Die symbolische und so gar nicht reale Bedeutung des Regens offenbart 
sieh hier in der naiven Bemerkimg, daß nur die Träumerin naß ge- 
worden sei und die anderen Leute nicht. 

Neben dieser mit Stolz verbundenen Vermeidung der beschämen- 
den Enuresis erweist sich als zweite bedeutsamere Determinante des Regen- 
Symbols die Bequemliehkeitstendenz. Das Regnen stellt, ähnlich wie die 
anderen typischen Symbole des vesikalen Traumes, nicht wie Seherner 
meinte, die Funktion oder das Organ dar, sondern besagt im Sinne der 
Bequemliehkeitstendenz und Wunseherfüllung : Ich uriniere (regne, schiffe, 
strahle) ja schon, ich brauche also nicht aufzustehen. Daraus erklärt sieh 
auch das beständige "Wiederholen der Symbolik (in besonders gehäufter 
Weise im Beispiel 18), solange der Traum seine Funktion noch nicht 
aufgegeben hat; es entspricht dem kontinuierlichen Charakter des 
Dranges und sucht diesen — ähnlich wie den Sexualdrang im Pollutions- 
traum — so lange durch symbolische Srsatzbildungen zu befriedigen, 
als es nur möglich ist. Das Aufgeben dieser Tendenz, die einer bestän- 
digen Aufrechterhaltung der Verdrängung entspricht, muß das Herein- 
brechen der realen Anforderung und damit das Seheitern der Be- 
quemlichkeitsfunktion zur Folge haben. Dieses Festhalten an der 
Symbolbefriedigung zeigt besonders deutlich der folgende 

Traum Nr. 9. 

„Ich gehe mit meiner Mutter, die eine Laterne trägt, längs einer 
Mauer bergab zu einer Unterhaltung. Plötzlich entschließe ich mich, nicht 
dahin zu gehen und setze meinen Weg allein fort. Ich gehe längs eines 
von hohen Pappeln umsäumten Wassers und begegne meiner Schwester, 
die mit einem jungen Manne geht. Ich gehe mit ihr weiter und sage 
plötzlich: Ich glaube, es fängt an zu regnen. Und schon fängt es auch an 
zu spritzen. Ich wollte aber noch nicht zurückgehen, da fängt 
es aber an schrecklich zu gießen. Wir flüchten unter ein Haustor, wo uns 
erst ein bellender Hund den Eintritt verwehren will, xmd schauen von 
dort aus dem Regen zu, in der Erwartung, daß der Platzregen 
bald aufhören wird. Ich sage: Schau, wie es schüttet, erwache dabei, 
wollte aber, trotzdem ich es sehr dringend hatte, noch nicht auf die Seite 
gehen; ich mußte aber doch." 

Dieser lehrreiche Traum zeigt uns die Regensymbolik deswegen 
so deutlich als Wunseherfüllung, weil mit dem stärker werdenden 



Die Symbolscliichtuug im AVecktraum usw. 71 

Harndrang auch die Intensität des Regens (erst stilles Wasser, dann 
spritzen, gießen, schütten, Platzregen) zunimmt, gleichsam als wollte 
die Träumerin die mit dem Anwachsen des Dranges näher rückende 
Bequemliehkeitsstörung durch die immer stärker betonte Intensität des 
Urinierens beruhigen. Je heftiger der Drang wird, desto stärker uriniert 
sie (symbolisch), um nur nicht aufstehen zu müssen (dasselbe drückt die 
später reproduzierte Zeichnung aus). Daß der Bequemlichkeitswunsch 
in der Tat diesen Traum beherrscht, ergibt sich ja aus der Schlußbe- 
merkung, daß die Träumerin trotz der zum Scheitern der Traumfunktion 
führenden Dringlichkeit des Bedürfnisses noch immer nicht aufstehen 
will imd also noch im Wachen an der Bequemlichkeitstendenz festhält. 
Die Xachdrücklichkeit dieses Festhaltens offenbart sich aber bereits 
im Trauminhalt selbst, wo dem stärker werdenden Harndrang außer der 
Symbolbefriedigung auch noch zweimal der direkte Bequemlichkeits- 
wunsch entgegengestellt wird. Einmal, wo es beim Beginn des Regens 
heißt: „ich wollte aber noch nicht zurückgehen" (i. e. aufstehen), und das 
zweitemal, wo der Drang schon mächtig ist, in der Tröstung, daß der 
heftige Platzregen bald aufhören werde. Das Festhalten am Symbol 
ist sehr hübsch und geistreich in dem Unterstellen unter das Haustor, 
als der „Regen'' stark wird, imd im Abwartenwollen desselben an- 
gedeutet. Die Mutter mit dem Licht geht vielleicht auf frühinfantile 
Enuresis und ihre Abgewöhnimg durch die vorsorgliche Mutter zu- 
rück. Die „Schwester" als Genitalsymbol und der junge Mann weisen 
auf die Erotik. 

Ganz ähnlich gebaut und aufzufassen ist der 

Traum Nr. 10. 

,.Auf einem Ausfluge fragte ich zwei Weiber um den Weg. den 
sie mir auch zeigten. Ich. sagte zu ihnen: ,Mir scheint es wird regnen, 
es wird ja ganz finster' und sie antworteten: ,Ja, es scheint so.' — Dann 
ging ich den Weg, den sie mir gezeigt hatten, und schon f i ng es plötzlich 
stark zu regnen an; ich ging zur Station zurück, um nach Hause zu 
fahren. Auf der Station mußte ich auf den Zug warten, konnte ihn 
aber nicht erwarten und wachte auf mit dem Bedürfnisse, auf die 
kleine Seite zu gehen." 

Wieder finden wir hier den Beginn eines Regens, und zwar den 
plötzlichen Beginn eines starken Regens, was im Hinblick auf den 
kurzen Traum sowie auf das Nichtmehrwartenkönnen auf ein starkes 
Bedürfnis, respektive auf die als Reaktion auf den Reiz erfolgte 
Traumbildung hinweist. Das Befragen der Weiber (i. c. Klosettfrauen) 



72 Otto Hank. 

um den Weg (nach dem Anstandsort) ist gleichfalls typische Klosctt- 
symbolik. Die Bemerkung: Mir scheint, es wird regnen, klingt wie Er- 
mahnung: Mir scheint, ich muß auf die Seite gehen. Die „Reise" 
scheint hier wieder deutlich mit dem unangenehmen, aber unvermeid- 
lichen Aufstehonmüssen in Zusammenhang gebracht, wie im nächsten 
Traum, der ausschließlich in der Reisesymbolik spricht. 

Traum Nr. 11. 

,,Ich befand mich mit K. auf der Reise. Der Zug ist stehen geblieben 
und er sagte, er müsse schauen gehen, was da draußen los ist, stieg aus, 
ließ mich allein und kam nicht mehr zurück. Ich blieb mit dem ganzen 
Gepäck zurück und wartete immer. Der Kondukteur fängt an zu pfeifen, 
ich denke mir, er ist noch nicht da, und gehe schauen, sehe ihn aber nicht. 
Der Zug setzt sieh schon in Bewegung und da ich allein drin war und 
Angst hatte weiterzufahren, ohne zu wissen wohin, rief ich einem vorbei- 
kommenden Kondukteur zu: , Bitte schnell, stehen bleiben! Ich muß 
ja noch aussteigen.' Der Zug war aber schon im Fahren und wir sind 
eine hübsche Strecke gefahren, als ich wieder einen Kondukteur sah und 
ihm sagte, ich müsse dringend aussteigen. Der Zug ist dann lang- 
samer gefahren, so daß ich ausspringen konnte. Ich erwachte dabei 
und mußte auf die kleine Seite gehen." 

Das Aussteigenmüssen, das zuerst durch die Abwesenheit des 
Begleiters, dann durch die Bewegung des Zuges verhindert, schließlich 
aber so eilig und dringlich gemacht wird, vertritt hier deutlich das 
Aufstehenmüssen, dessen bequeme Verzögerung („wir sind eine hübsche 
Strecke gefahren") offenbar durch den energischen Entschluß aus dem 
Bett aufzuspringen endlich überwunden wurde. Daß erst der Be- 
gleiter aussteigt, um zu schauen, was draußen los ist (wie die Deutung 
ergibt, um etwas zu verrichten, wozu gewöhnlich ein Vorwand gebraucht 
wird), ist ein besonderes Raffinement der Bequemlichkeitstendenz, 
die den Harndrang und dessen Befriedigung gern einer andern Person 
zuschiebt, damit der Träumer ungestört weiter schlafen könne. 

Wie dieser Traum ausschließlich die Symbolik des Fahrens 
und frühere Beispiele die Regensymbolik verwendeten, so zeigen die 
folgenden Träume das Fahren oder Schwimmen auf dem Meer in 



gleicher Bedeutung. 



Traum Nr. 12. 



,,Ich bin im Meere geschwommen, mit einer Leichtigkeit, über 
die ich mich gewundert habe (da ich ja in Wirklichkeit nicht schwimmen 
kann). Ich bin immer weiter hinaus ins hohe Meer geschwommen 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 73 

und hatte Angst unterzugehen. Doch beruhigte ich mich, als ich all- 
mählich wieder ins seichte Wasser und endlich ans Land kam. Ich sollte 
dann in Begleitung eines Herrn zu dem Feste in den Kurpark gehen, in 
den man über eine Brücke gelangte. Da er nicht warten wollte, bis ich 
angezogen war, sollte ich ihm dorthin nachkommen. Ich suchte unter 
meinen Kleidern nach meinem Portemonnai, um mir das Geld für die 
Eintrittskarte vorzubereiten. Doch hatte ich kein Kleingeld bei mir 
und ersuchte eine Dame, mir 10 Heller zu leihen; doch auch sie hatte 
kein Geld bei sich. Schließlich fand ich aber doch bei mir die 10 Heller 
und wollte damit über die Brücke zum Feste gehen. Als ich die Brücke 
betrat, von wo ich das Fest schon sehen konnte, erwachte ich und mußte 
auf die Seite gehen." 

Hier finden wir zum erstenmal die Symbolisierung des Harndranges 
durch den Aufenthalt im Wasser (schwimmen, ertrinken) ; das Naßwerden 
hängt einerseits mit der Angst vor der Enuresis zusammen, wie ander- 
seits die Fülle des Wassers in dem früher dargelegten Sinne der 
Wunscherfüllung dient. Das Geld für die Eintrittskarte bezieht sich 
auf den Besuch des Klosetts, in das der Eintritt hier in Wien tat- 
sächlich 10 Heller beträgt, und die Dame vertritt auch hier wieder, 
zum Teil wenigstens, die Klosettfrau. Das „Fest" werden wir in einem 
andern Traume ebenfalls an der Stelle finden, wo man das Klosett 
erwarten würde (vgl. die „Unterhaltung" im Beispiel 9). Es führen von 
hier Erinnerungen in die Pubertätszeit, wo auf Festen das Entfernen 
zu einer unaufschiebbaren Besorgung besonders peinlich (vor den Herren) 
empfunden wurde, und aus der Analyse anderer Träume läßt sich diese 
Scham auf eine infantile Periode der Ungeniertheit vor den Gespielen 
zurückführen. Eine Reihe von Elementen des Traumes und seinen 
Beziehungen zu Erlebnissen bleibt natürlich unerklärt. 

Traum Nr. 13. 

„Ich bin am Meere auf einem Kahn gefahren. Auf einmal erhebt 
sich ein großer Wind, das Schiff beginnt zu schaukeln, so daß ich schon 
mein Kleid eingetaucht hatte und naß war. Vom Kahne hat sich schon ein 
Floß losgemacht und wir wollten ihm nach, um es zu fangen ; da fängt das 
Schiff sehr stark zu schaukeln an, wir sind hoch in die Höhe gegangen 
und dann wieder tief hinunter. Wir befanden uns in einer großen Gefahr. 
Wir waren schon ganz naß und ich habe mir schon die Röcke von 
rückwärts in die Höhe gehoben. Da wurde in der Ferne ein großes Schiff 
sichtbar und der Matrose hat hinübergewunken, damit wir hinkommen 
können. Wie wir schon fast beim Dampfer sind, taucht unser Schiff wieder 
unter. Ich greife dabei ins Wasser und erwische eine Ansichtskarte mit 
der Akropolis von Athen. Wir kommen dem großen Schiffe immer 



74 Otto Rank. 

näher, steigen endlich aus und in das große hinein. Der Matrose sagt, 
wir sollen uns rückwärts auf die Bank setzen, da ist es nicht so frei, da 
ei reicht einen das "Wasser nicht so. Wir haben uns dann rückwärts gesetzt, 
wo ein Fräulein in meiner Nähe stand und mich immer anlachte. Ich sage, 
daß ich da eine Karte gefunden habe aus Athen, wo ich auch war (ich war 
aber nicht dort) und daß darauf steht: Alba Denk. Ich frage, ob sie 
vielleicht ihr gehört. Sic sagt ja. Wir sind dann weiter gefahren und das 
große Schiff hat auch noch furchtbar im Sturme geschaukelt. Plötzlich 
bin ich aufgewacht und mußte auf die Seite gehen." 

Wir finden hier das „Schiffen" am Meer und die große Gefahr 
des (infantilen) Naßwerdens, vor der man sich zu retten sucht. Das 
Anwachsen des Sturmes sowie das entsprechende Größerwerden des 
Schiffes (Umsteigen ins große Schiff) verstehen wir als funktionale 
Darstellung des wachsenden Reizes (vgl. die Zeichnung) im Sinne der 
Bequernlichkeits- und Wunscherfiülungstendenz. Das Wort „Denk" 
deutet die Träumerin als eine Selbstmahnung, daran zu denken, daß 
sie auf die Seite gehe und nicht das Bett nässe; einem ähnlichen Merk- 
wort werden wir in einem andern ihrer Träume begegnen (Nr. 22). 
Doch hat die ganze Episode von der Ansichtskarte Beziehungen zu 
meiner Person, der diese Träume wertvoll sind. Die Verbindung: Alba 
Denk zeigt den gleichen Rhythmus wie mein Vor- und Zuname; außer- 
dem ist „Denk" die letzte Silbe des Namens der Straße, in der ich 
wohne, und der gleichfalls denselben Rhythmus aufweist. Beweisend 
für diese Beziehung wird aber die Tatsache, daß ich der Träumerin 
von meiner Griechenlandreise eine Ansichtskarte aus Athen (Akropolis) 
geschickt hatte und darauf meine ständige Wiener Wohnung (Simon- 
denkgasse) als Absenderadresse angegeben hatte. Im Traum gehört 
diese Karte einem andern Mädchen, der also ihre Eifersucht gilt und 
die einen, dem meinigen gleichklingenden Namen trägt (Heirat). Doch 
rächt sie sich dafür, indem sie der andern vorhält, daß sie mit mir in 
Athen gewesen sei und die gefährliche Seereise mitgemacht habe. 
Dieses Stück Deutung mag zugleich als Beispiel dienen, wie hoch- 
kompliziert auch diese simpeln, scheinbar nur aus dem organischen 
Reiz hervorgegangenen Traumbildungen aufgebaut sein können. Davon 
mögen die folgenden Träume einen Begriff geben, ohne daß jedoch 
deren vollständige Deutung im einzelnen geliefert werden kann. 

Traum Nr. 14. 

„Ich war in einem Restaurant und habe Champagner getrunken. 
Ich bestelle nachher noch ein Glas Punsch (es sollte aber Champagner sein). 



7 K 
Die SymbolscliicLtung im Wecktrauni Uiw. ' <-> 

Da kommt der Kellner mit der Bemerkung zurück, daß vom Punsche 
keine Flasche offen ist, es ist nur ein „Anpischen" da und stellt ein 
gefülltes Wasserglas vor mich hin. Ich habe darauf gesagt: ,Also ja, so 
lassen's es halt da.' 

Ich wache dann im Halbschlafe auf und hatte das Verlangen, auf 
die kleine Seite zu gehen. Ich wollte jedoch weiter schlafen, da es mir 
unbequem war, aufzustehen, hatte es aber schon sehr dringend 
und mußte doch aufstehen, das Bedürfnis verrichten. 

Dann legte ich mich wieder nieder und träumte weiter: Ich war 
von einer Reise zurückgekommen und wollte ein Kabinett bai T. 
beziehen, wo ich tatsächlich einmal gewohnt hatte. Da es aber nicht zum 
Einziehen hergerichtet war, lud mich die Dame, die das andere Zimmer 
bewohnte, ein. bei ihr zu schlafen und auch die paar Tage bei ihr zu 
bleiben, bis das Zimmer fertig ist. Ich habe es dankend angenommen. 
(Es kam nun irgend eine Liebeserklärung von ihr, das habe ich aber 
vergessen.) Am nächsten Morgen wache ich auf und sage, ich möchte doch 
schauen, ob das Zimmer schon fertig ist, und ging halb gekleidet mit meinen 
Sachen in das Kabinett. Es war darin eine große Wirtschaft, nicht zusammen- 
geräumt; Malter, Schotter und Bretter 3ind darin herumgelegen. Da ist 
das Dienstmädchen gekommen und hat gesagt: ,Fräulein, Sie wollen jetzt 
schon einziehen, es ist ja nicht zusammengeräumt, — Ich sagte, ja. — 
Da kommt ein Rauchfangkehrer, stößt sie weg, sie macht dann die Tür 
von draußen zu und er klopft dann auch von draußen wieder an. Er 
bittet vielmals um Entschuldigimg, daß noch nicht zusammengeräumt 
ist, und sagt: ,Sind Sie nicht böse, Fräulein, ich bin noch nicht dazu- 
gekommen, da ich keine Zeit hatte, ich werde schon rein machen und 
auskehren. Dann hat er sich höflich empfohlen, hat seine Geräte abgelegt 
und zu arbeiten begonnen. Ich bin wieder zu der Dame zurück und habe 
sie nochmals ersucht, daß sie mich noch einen Tag dabehalten möchte." 
Tagesanknüpfung: Die Träumerin hatte dem kleinen Robert 
gedroht, wenn er sich noch einmal anpiscken (!) wird, so wird sie 
ihm die Nase hineintauchen und ihn so zi mm er rein machen, wie 
man es jungen Hunden zu tun pflegt 1 ). Sie hatte auch geraten, ihm 
abends nichts mehr zu trinken zu geben. Der Traum zeigt deutlich 
die Wiederbelebung ihrer eigenen infantilen Neigung zum Bettnässen; 
denn im Traume trinkt sie eben gerade sehr viel, sagt sich aber dabei 
schon, daß das zu nächtlichem Harndrang („Anpischen") führen wird. 
Zu Anpischen fällt ihr außer der Tagesanknüpfung der Badeort 
Pistyan ein, welches Wort die klangliche Umkehrimg des ersten 
darstellt. Sehr hübsch schildert sie das Wehren der Bequemlichkeits- 

J ) Vgl. den ähnlichen „Traum der sich selbst deutet" (Jahrbuch II). 
welcher auch die noch zu besprechende Verknüpfung von Pollution und üriu- 
clrang zeigt. 



7(1 Otto Kank. 

tendenz gegen das Aufstehen und in diesem Sinne scheint das erste 
Traumstück auch zu sagen: siehst du, das kommt davon, wenn du 
abends so viel trinkst, dann mußt du aufstehen, denn sonst ist ein 
..Anpischen" da. Die „Rückkehr von der Reise" stellt die Befriedigung 
über die Erledigung des unangenehmen Geschäftes und der Rückkehr in 
das bequeme Bett dar, wie in mehreren anderen Beispielen. Der zweite 
Teil des Traumes bringt eine erotische (homosexuelle) Wunschcrfüllung, 
die uns zur Annahme nötigt, daß nicht der Harndrang, sondern diese 
unbewußte erotische Wunschregung die Traumbildung veranlaßt hat. 
Wäre der Harndrang der Traumerreger, so hätte ja die Träumerin 
nach Abstellung desselben keine Veranlassung weiter zu träumen. 
So scheint aber der Mechanismus dieser Traumbildungen der zu sein, 
daß eine unbewußte erotische Wunschregung sich zunächst auf dem 
Wege der Regression in der infantilen (Pollutions-) Form der Urethral- 
erotik zu befriedigen sucht, was aber die Blase zur wirklichen Ent- 
leerung reizt. Dann kehrt die noch unbefriedigte libidinöse Regung 
zur homosexuellen Mädchenfreundschaft zurück, um schließlich in 
dem typisch männlichen Sexualsymbol des Rauchfangkehrers zu einer 
heterosexuellen Befriedigungsphantasie zu streben. Doch hat der 
Rauchfangkehrer hier neben seiner männlichen Sexualfunktion des 
„Auskehrens" auch noch die, daß er das Zimmer rein (Zimmerrein) 
macht. Die Träumerin gibt also am Schluß des Traumes ihrem Stolz 
darüber Ausdruck, daß sie nicht mehr das ,, Anpischen" hat. sondern 
bereits ,, zimmerrein" ist. 

Der hier vermutete Mechanismus vom primären erotischen Wunsch, 
der sich zuerst regressiv in der infantilen Form der Exkretionslust 
zu befriedigen sucht und dann nach erfolgter Harnentleerung, die 
natürlich für das reife Sexualempfinden keine adäquate Befriedigung 
mehr darstellt, sich der eigentlich erotischen Wunschphantasie zur 
Befriedigung zuwendet, läßt sich im folgenden, ebenfalls zweiteiligen 
Traum an der Hand der Symbolik ein Stück weit im Detail verfolgen 
und verstehen. 

Traum Nr. 15. 

I. Ich bin mit einem Mädchen auf einem Schiffe am Wasser 
gefahren; ganz schmales tiefblaues Wasser mit hohen Rändern, die mit 
Gras bedeckt waren. Sie hat schlecht gelenkt und das Fahrzeug taucht auf der 
Seite, wo ich gesessen bin (zur Spitze zu), ins Wasser unter, so daß ich unter 
Wasser war und sie war oben. Ich bin aber dann, obwohl ich nicht 
schwimmen kann, hervorsetaucht und sah in der Ferne ein sroßes Viadukt; 



Die Symbolschiclitung im "Wecktraum usw. <t 

ich dachte mir, daß ich dort Rettung finden werde. Ich habe mich dann 
wieder auf das Schiff gesetzt und bemerke beim Zurückschauen, daß das 
Mädchen in einem andern Schiffe ruhig weiterfährt. Wie ich in die Nähe 
des Viadukts komme, hat sich das Wasser immer mehr gesenkt, bis 
schon keines mehr da war; ich war froh, daß ich schon wieder auf Grund 
war. Es war aber nur eine Insel, ein Fleck, wo ich auf die Seite gehen 
konnte, und dahinter war wieder Wasser. Jetzt sah ich dort auch eine 
Frau mit einem kleinen Buben wie auf einem Felsen sitzen, die Blumen 
(wie zum Verkauf) in der Hand hatte. Ich habe gesagt, ich möchte auf 
die Seite gehen und sagte ihr noch: Schnell, schnell, wo ist das. ich kann 
nicht mehr weit gehen. Sic hat darauf gesagt, ja, da ist kein Haus, da müssen 
Sie nach rückwärts gehen und hat mir gezeigt, wo ich auf die Seite gehen 
soll; imd ich bin nach rückwärts gegangen. Da wachte ich dann auf und 
habe mir noch im Halbschlaf gedacht: Deshalb bin ich ins Wasser gefallen, 
weil ich habe auf die Seite gehen müssen; das Untertauchen war die Angst, 
der Drang und Schmerz durch das Verhalten und das war dann die Rettung — 
ich habe mich aufs Trockene gerettet. Die Rettung hat bedeutet, daß 
ich aufwachen soll, weil ich auf die Seite gehen muß. Ich habe schon lange 
im Traum Schmerzen gespürt, konnte aber nicht aus dem Traum erwachen ; 
es sollte gerade an dieser Stelle sein, wo ich auch im Traum schon auf die 
Seite muß. 

Ich bin dann aufgestanden, auf die Seite gegangen, habe mich nieder- 
gelegt, sogleich weiter geschlafen und habe wieder geträumt. 

II. Dann ist ein Freund K. gekommen und hat gesagt: Wir sind jetzt 
reisefertig, die Sonne scheint so schön, jetzt müssen wir gehen, jetzt fahren 
wir nach Venedig. Wir sind dann ein Stückchen auf einem gr o ß e n D a m p f e r 
auf dem Wasser gefahren, der dann anhält und K. sagt: Wir müssen jetzt 
aussteigen. Es war aber noch nicht das Meer, sondern wie ein Vorfluß. 
K. führt mich auf einen hohen steilen Berg hinauf, der mit Grün bedeckt 
war. Ich sagte: Da hinauf sollen wir und habe mich sehr geplagt. Ich sagte 
dann noch: Ach, gewiß sollen wir da hinauf, damit ich das Meer nicht sehe 
und nicht seekrank werde. Ich habe K. dann nicht mehr gefunden. Oben 
komme ich dann zu einem großen Wasser und da waren viele Schiffe, die 
so ausgeschaut haben wie die Schaukeln und auch so im Kreise angeordnet 
und oben angehängt waren. Die Sonne hat dabei so schön geschienen. 
Ich begegne dann einen bekannten Herrn, der mich fragt, was ich da mache 
und ob ich allein bin. Ich sage: Nein, mein Begleiter kommt gleich nach 
(das habe ich mir aber nur gedacht, da ich ja nicht wußte, wo K. ist). Ich 
setze mich dann dort in ein Schiff, das lange gestanden ist; es hat ein biß- 
chen geschaukelt und ist dann ein bißchen gefahren. Der Herr hat sich auch 
hincingesetzt und wir haben miteinander gesprochen. Dann kommt wieder 
eine Haltestelle, wo alle aussteigen mußten ; es hat geheißen, wir müssen um- 
steigen. Dann sind wir an eine Stelle gekommen, wo eine Art Tra m wayha us 
stand, dabei viele Kinder. Dort gingen Schienen bergab wie eine Rutsch- 
bahn und Sessel darauf, auf die man sich setzen mußte. Es hat auf einmal 
furchtbar angefangen zu regnen. Neben mir ist eine Frau gesessen, 
die genau so einen Hut hatte wie ich; ich dachte mir, sie sitzt vorn und 



78 Otto Kank. 

ich werde nicht so naß werden wie sie. Auf einmal läutet es und es 
sieht au. Wir sind über die Schienen hinuntergefahren auf das Meer (erst 
war es ja oben gewesen und nun war es wieder unten), das riesig groß war. 
Ich habe ein bißchen Angst bekommen, denn K. ist noch nicht gekommen. 
Unten treffe ich eine bekannte Dame mit einem älteren Herrn. Ich dachte 
mir: Die geht mit so einem alten Herrn; sie wird übrigens auch nicht viel 
jünger sein. Sie fragt mich, wo ich hinfahre, und ich sagte: Nach Rom. Sie 
sagte, sie fahren nach Venedig. Ich sagte : Da war ich schon voriges Jahr und 
habe davon erzählt. Er sagte : Sie wagen so allein zu fahren. Ich sagte darauf: 
ich weiß nicht, wo der Herr so lange bleibt. Wir sind dann lange auf dem 
Schiff gesessen ; er hat Cham p ag n c r und Speisen auftischen lassen und mich 
auch eingeladen. Dann hat er erzählt, daß er eine Bekanntschaft hatte 
und wo er diese Dame kennen gelernt hat. Er ist schon nicht mehr mit ihr 
gegangen, aber sie ist wieder von ihm schwanger geworden (er gebrauchte 
dafür einen andern Ausdruck, etwa niedergefallen). Er sagt: Ich bin ihr 
Freund, sie hat es sehr gut bei mir, wir werden weiter zusammen gehen. 
Sie sind dann fortgefahren bei schönem Sonnenschein. Ich habe fort auf K. 
gewartet und gedacht: Ich bin so allein. Dann bin ich erwacht." 

Schiff, Wasser, Untertauchen mit dem Fahrzeug und Schwimmen 
kennen war schon aus früheren Träumen, ebenso die Gefahr und Rettung 
„aufs Trockene''; ferner das hier in der Darstellung durchs Gegenteil 
(Geruch) als Blumenfrau geschilderte, aber doch als Klosettfrau be- 
handelte Weib. Die im Halbschlaf versuchte Erklärung des Traumes 
ist bei aller Rationalisierung doch sehr lehrreich und eine schöne Be- 
stätigung der keineswegs erkünstelten symbolischen und funktionellen 
Bedeutung der Traumbilder. 

Der Umstand, daß auch hier nach Abstellung des Harnreizes 
in erotischen Wuiischphantasien weiter geträumt wird, weist mit aller 
Deutlichkeit darauf hin, daß in diesen Träumen eine erotische Wunsch- 
regung aus dem Unbewußten in letzter Linie als Traumerreger wirkt, 
da ja sonst die Psyche keine Veranlassung hätte, nach Abstellung des 
Reizes unmittelbar weiter zu träumen. Diese sexuelle Regung sucht 
sich zunächst, entsprechend dem von Freud dargelegten Mechanismus 
der Traumbildung (Traumdeutung VII), regressiv zu befriedigen, 
indem sie auf die infantile, seither infolge der Erziehung aufgegebene 
und auf dem Wege der „organischen" Verdrängung überwundene 
erogene Ausnutzung der Exkretionsfunktion zurückgreift. Dadurch 
wird die im Laufe der Nacht gefüllte Blase zur Auslassung des Urins 
gereizt und die Folge ist die Störung des erotischen Wunschtraumes 
durch das Aufstehen und die Verrichtung des Bedürfnisses, was die 
Bequemlichkeitstendenz — auch im Sinne der Wunscherfüllung — 
solange als möglich zu verhindern sucht. Neben den Unannehmlichkeiten 



Die Symbolschiclitung im Wecktraum usw. 79 

der Schlafstörung und des Aufstehens sowie dem physischen Schmerz, 
der mit der Retention des Urins verbunden ist, muß dieses Zurück- 
halten, wie schon in der Kindheit, auch jetzt noch eine angenehme 
Empfindimg im Gefolge haben, da die Träumerin auch bei Tage gern 
die Verrichtung des kleinen Bedürfnisses unter allerlei rationalistischen 
Vorwänden bis zum äußersten Moment aufzuschieben sucht. Auch 
würde sie sonst nicht so häufig Karndrangträume produzieren, die bei 
ihr, wie festgestellt werden konnte, nicht vom abendlichen Genuß 
größerer Flüssigkeitsmengen abhängen. Erfährt man überdies, daß die 
Träumerin auch relativ häufig durch Pollutionsträume im Schlafe 
gestört wird, ja, daß Harndrang und Pollution oft ineinander übergehen 
(vgl. Beispiel Xr. 17 und 18), so gewinnt unsere Auffassung an Sicherheit. 
Im vorliegenden Beispiel wird das besonders deutlich dadurch, daß 
auf den ersten Teil, der durch seine Regression in die infantile Erotik 
(vgl. auch das Fahren mit einem Mädchen) den Harndrang immer 
intensiver werden läßt, ein zweiter Teil folgt, worin mit Verwendung 
derselben Symbolik gleichsam die psychosexuelle Unterfütterung 
des Traumes nachgetragen wird. Es wird nur jetzt die ganze Meeres-. 
Schiff-, Reise- und Regensymbolik im Sinne der erotischen Wunsch- 
erfüllung (Hochzeitsreise) verwendet, ähnlich wie im folgenden Bei- 
spiel. Wir dürfen daraus schließen, daß auch schon bei der Bildung des 
ersten Traumteiles die Triebkraft aus dem Sexuellen und Unbewnßten 
beigesteuert, aber zunächst von dem geweckten, gesteigerten und 
endlich auf Abstellung drängenden Reiz überdeckt wurde und nun zum 
Vorschein kommt. Wie andere Male die Zweiteilung des Traumes 
einer logischen Relation Ausdruck gibt, der Traum also gleichsam in 
ein vorderes Stück und einen Nachsatz zerlegt wird, so erscheint er 
hier in anderer Richtung in eine obere und untere Hälfte zerspalten, 
die wir mit Hilfe der gleichen Symbole wieder aufeinanderpassen 
können. Auf die Detailanalyse können wir uns hier nicht einlassen; 
es seien nur einige identische oder gegensätzliche Symbolbedeutungen 
imd -Verwertungen der beiden Traumstücke angedeutet. In der vesi- 
kalen Auffassung der Seereise ist ein Mädchen ihre Begleiterin, was 
auf die infantilen Urinspielereien hinweist, während in der erotischen Auf- 
fassung ein Mann sie geleitet. Dem verschiedenen Sinne dieser Objekte 
entspricht es, daß die erste Reise schlecht abgeht, mit Gefahr verbunden 
ist (,,sie hat schlecht gelenkt''), während die zweite zum Teil wenigstens 
angenehmer verläuft. Die psychische Identität der beiden Begleitpersonen 
zeigt sich noch darin, daß auch der Freund gegen die unbewußte 



80 Otto Rank. 

Wunscherfüllungstendcnz (Heirat) verschwindet, weil das Mädchen 
im ersten Teil verschwinden mußte, um die ungenierte Besorgung 
des Geschäftes zu ermöglichen. Im ersten Teil senkt sich in der Nähe 
des Viaduktes das Wasser immer mehr, bis es ganz trocken wird und 
sie auf die Seite gehen kann, dahinter ist aber wieder "Wasser. Im 
zweiten Teil findet sich ein ähnliches Element an der Stelle, wo man 
von dem Tramwayhäuschen = Klosett wie in Nr. 19) bergab auf das 
Meer fährt, das zum Teil oben, zum Teil unten liegt und durch den Berg 
getrennt ist, wie im ersten Traumstück durch die Insel, auf der sie ihre 
Notdurft verrichten konnte. Die Frau, „die genau so einen Hut hatte" 
wie die Träumerin, ist natürlich mit ihr auf Grund des Heiratskomplexes 
(Frau) identisch. Wenn sie dennoch von der Träumerin scharf differen- 
ziert erscheint, so liegt das darin, daß sich die Träumerin wohl gerne 
als verheiratete Frau betrachten möchte (Hochzeitsreise), jedoch ohne 
die unangenehmen Folgen dieses Schrittes auf sich zu nehmen. Die 
vielen Kinder bei der Haltestelle deuten ja an, welches Schicksal der 
Ehefrau sie vermeiden möchte. Sie will die Hochzeitsreise auoh mit 
dem zweiten Herrn, den sie kennen lernt, machen, möchte aber nicht 
so „naß" werden wie die Frau mit den vielen Kindern, d. h. nicht 
gravid werden. Zum Überfluß ist dieser Gedanke noch in den Gestalten 
des älteren Liebespaares kontrastiert; denn da nimmt der freigebige 
und noble Herr die Verantwortimg für die gefallene Geliebte auf sich. 
Es wird also hier vollkommen deutlich, daß die Symbolik des Naß- 
werdens im ersten Teil als Befürchtung der Enuresis, im zweiten Teil 
als Befürchtung der Gravidität aufgefaßt ist 1 ). Kennt man außerdem 
die von Freud aufgedeckte unbewußte Bedeutung des „Eettens" 
im Sinne des Kindermachens, so ergibt sich die weitere Parallele, daß 
auch im Eettungssymbol, das im ersten Teil nur der Gefahr des Bett- 
nässens zu gelten scheint, doch — wie der zweite Teil zeigt — bereits 
die sexuelle Bedeutung mitschwingt, die sich, losgelöst vom Organreiz, 
als solche offenbart. Indem wir diese Parallelisierung und Diffe- 
renzierung von vesikalen und Geburtsträumen, die sich 
oft in weitgehendem Maße der gleichen Symbolik bedienen, 
zur späteren Besprechung hervorheben, sei darauf hingewiesen, daß 
diese auf analytischem Wege ermöglichte Wiedervereinigung (Synthese) 
der beiden Traumschichten zu einem zusammengehörigen Ganzen 



l ) Diese beiden Bedeutungen zeigt auch ein und dasselbe Symbol in dem 
von Freud gedeuteten Traum seiner Patientin Dora (Bruchstück einer Hysterie- 
analyse, Kl. Sehr., 2. Folge, S. 55 ff.). 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 81 

den Einwendungen zu begegnen vermag, welche in den vesikalen 
Träumen das allgemein geforderte erotische Wunschmotiv aus dem 
Unbewußten sowie überhaupt die psychischen Mechanismen im Sinne 
Freuds vermissen. Gewiß zeigen nicht alle Fälle so deutlich wie dieser 
die Zerreißung des erotischen "Wunschtraumes durch den infolge der 
Regression intensiv gewordenen Organreiz und die Verteilung des 
vesikalen und sexuellen Anteils auf zwei gesonderte Schichten; aber 
dieses seltene Beispiel läßt uns wenigstens vermuten, daß eine solche 
Unterfütterung des scheinbar nur vom Organreiz ausgehenden Traumes 
auch in den Fällen vorhanden und bis zu einem gewissen Grade durch 
die Einfälle bei der Analyse zu erschließen sein dürfte, wo sie weniger 
deutlich oder gar nicht im Trauminhalt Ausdruck finden konnte. 

Unter den hier entwickelten Gesichtspunkten dürfen wir auch 
den folgenden, gleichfalls zweiteiligen, Traum betrachten, dessen 
sexueller Teil leider nicht erhalten ist; doch dürfen wir uns mit Rück- 
sicht auf das vorige ausführlicher besprochene Beispiel mit der bloßen 
Andeutung begnügen. 

Traum Nr. 16. 

„Ich bin auf dem Meere gefahren, da fängt es an zu regnen 
und der Kapitän sagt mir, daß ich aussteigen muß, da wegen des Regens 
sechs Tage kein Schiff mehr geht. Ich dachte: Gott, was soll ich jetzt 
machen! Aber er hat mir ein Hotel empfohlen, wo ich gut aufgehoben 
sein werde. Ich will also aussteigen, erwache aber dabei wirklich und 
muß aus dem Bette steigen, um auf die kleine Seite zu gehen." 

„Ich bin dann gleich wieder eingeschlafen und habe weiter geträumt. 
Am Morgen dachte ich mir gleich, wie schön das stimmt mit dem Regen, 
imd jetzt glaube ich auch daran, daß in meinem großen Traum (siehe 
Jahrbuch II) der Regen richtig gedeutet ist." 

Der zweite Teil des Traumes, den sie nach dem Einschlafen 
weiter träumte, aber nicht notiert hat, ist eine offenkundige Verlobungs- 
phantasie, die in ihrem Elternhause spielt, und dies macht es wahr- 
scheinlich, daß diese Seereise, die nach näherer Angabe nach Venedig 
geht, im zweiten Traum im Sinne einer Hochzeitsreise weitergesponnen 
und interpretiert (gerechtfertigt) wird, wofür auch das Hotel spräche. 
Darf man in „funktionaler" Anlehnung an den regressiven Charakter 
dieser Träume hier eine Umstellung der beiden Traumstücke vornehmen 
und das zweite voranstellen, so läge dem Traum eine Verlobungs- 
und Heiratsphantasie zugrunde (Hochzeitsreise, Hotel), wo nur an 
Stelle des Koitus am Schluß das Urinieren eingesetzt wäre. 

Jahrbuch für psychoar.alyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 6 



82 Otto Rank. 

Hervorhebung verdient noch die häufig wiederkehrende funk- 
tionale Darstellungstechnik dieser Weckträume, die hier besonders 
deutlich ausgeprägt ist. Das „Aussteigen" aus dem Fahrzeug nimmt 
im Sinne der Bequemlichkeitstendenz das notwendige Aussteigen aus 
dem Bett vorweg, das unangenehme Aufstehen wird durch die Un- 
annehmlichkeiten der Seereise symbolisiert. Doch ist zu erwähnen, 
daß die typischen Seereisen einerseits einer eindrucksvollen Er- 
innerung an eine solche, anderseits dem Wunsche nach Wiederholung 
derselben Ausdruck geben und daß sie erst seit dem mächtigen Ein- 
druck des Meeres in den vesikalen Träumen dos Mädchens diese Rolle 
spielen. Doch kommt der Schiffsreise vor allem sprachsymbolische 
Bedeutung zu, da hierzulande für das Urinieren der Ausdruck „schiffen" 
gebräuchlich ist, dessen Sinn die Träumerin kennt und der diese in 
der Sprache festgehaltene Symbolisierung als allgemeines Gebilde 
kennzeichnet. Auch die typische Regen Symbolik, besonders des be- 
ginnenden Regens, für den fühlbar werdenden Harndrang, ist sprachlich 
darin angedeutet, daß der Ausdruck „schiffen", besonders in der Stu- 
dentensprache, auch auf heftigen Regen angewendet wird. 

Die erste deutliche Verschmelzung (Identifizierung) des lust- 
betonten Urinierens nach entsprechender Retention mit dem Sexual- 
genuß zeigt der folgende Pollutionstraum. 

Traum Nr. 17. 

Sie spielt zuerst im Zimmer mit einem Hund, der sich unanständig 
benimmt, indem er ihr auf den Rücken kriechen will. Dann liegt sie mit 
dem Hund im Bett und hat eine Pollution, worüber sie furchtbar zornig 
ist und derj Hund hinausjagt; im Bett bemerkt sie, daß es naß ist. In 
der Küche, wohin sie den Hund gejagt hat, sieht sie bei ihrer Tür eine 
Lache, in die dann der Hund auch noch hineinwischerlt, so daß sie 
noch größer wird (vgl. dazu die später besprochene Zeichnung). Dienst- 
mädchen und Herr schlagen deswegen Lärm, sie wacht davon auf und 
muß auf die kleine Seite gehen. 

Tags vorher hatte sie tatsächlich in der Küche vor ihrer Tür 
eine von vergossenem Wasser herrührende Lache gesehen, was — im 
Gegensatz zum Traum — den Herrn, der daran achtlos vorbeiging, 
sowie auch das Dienstmädchen, die sie den ganzen Tag über nicht 
wegputzte, ziemlich kalt ließ, die Träumerin aber unmäßig geärgert 
hatte, so daß sie wegen dieser Schlamperei Lärm schlug. Ist uns schon 
diese affektive Reaktion aus dem infantilen Schuldbewußtsein ver- 
ständlich (man könnte glauben, sie habe es gemacht), so weist der Hund, 



Die Symbolschichtung im "Weektraum usw. bö 

der die Lache vergrößert (i. e. eigentlich macht), deutlich darauf hin, daß 
die Träumerin sie in diesem genanten (von genieren) Sinn aufgefaßt hatte. 
Daß der Hund das außerhalb ihres Zimmers macht, demonstriert den Stolz 
auf ihre eigene Zimmerr ei n he it, wobei natürlich die wirkliche Lache eine 
entsprechende Anknüpfung für die Lokalisation geboten hat. Die Nässe 
im Bett verbindet das Bettnässen und das sexuelle Naß (Pollution), wie in 
einem bei Freud mitgeteilten „Stiegentraum" (Traumdeutung, 3. Aufl., 
S. 219), und weist damit auf die tiefer wurzelnde Analogisierung der 
beiden lustvollen Vorgänge hin 1 ). Nur tritt hier im Gegensatz zu früher 
besprochenen Träumen nicht zuerst der Harndrang und dann die 
sexuelle Phantasie auf, sondern offenbar ist hier der sexuelle Keiz so 
heftig, daß er sich zunächst ohne den Umweg über die frühinfantile 
Regression zu befriedigen sucht. Es gilt jedoch für alle diese Fälle die 
mir auch von Prof. Freud bestätigte Erfahrung, daß die Träumer 
sich häufig in der Lokalisierung der Pollution täuschen. 

Eine Pollution in Verbindung mit dem Harnreiz zeigt auch der 

Traum Nr. 18. 

„Es war ein Häuschen am Meer und vis ä vis ein Ankunftshaus. 
Es hat geregnet und ich bin mit einem Herrn und seinen Kindern 
bei Nacht dort hineingeflüchtet, wo wir auch geschlafen haben. Der Herr 
ist dann aufgestanden und hat sich mit dem einen kleinen Kind, das wie 
das andre im Hemd war, zum Wasser hinuntergestellt. Ich bin dann 
auch aufgewacht imd der Herr sagt, wir sollen schon aufstehen, ich und 
das andere Kind. Wie ich in die Höhe schaue, sehe ich dort einen jungen 
Mann, der herumgesucht hat, und ich wollte aufstehen und ihn fragen, 
was er hier sucht und ob er nicht Herr W. sei. Ich wollte erst nicht 
aufstehen, weil es mir unbequem war, bemerke aber dann, daß der 
Boden in unserem Häuschen wie in einem Schweinestall ganz naß war. 
Ich will also doch wirklich aufstehen, greife das Kind an und bemerke, 
daß es ein ganz nasses Hemd hat und kotig ist, sich also angemacht 
hat. Ich wollte aber noch immer nicht aufstehen; da hat das 
Kind gesagt, es muß schon auf die Seite gehen und ich habe gesagt, 
es soll ein bißchen warten. Es hat aber nicht gewartet, sondern 
ist davongelaufen in die Ankunftshalle. (Häuschen!) Ich bin dann auf- 
gestanden, habe mich durch die Leute durchgedrängt und bin das Kind 
suchen gegangen. Ich komme auf einen Hof, wo mir ein Misthaufen auf- 
fällt und eine Frau die Hühner gefüttert hat; ich frage sie, ob sie nicht 
ein kleines Kind laufen gesehen hat. Sie sagt: Ja, es ist nach rückwärts 

x ) Aueh in ihrem „Traum, der sich selbst deutet" (Jahvbueh II), tritt die 
Pollution nach einer Reihe infantiler Urinreminiszenzen (Hund, Freundin, kleines 
Kind, lulu usw.) auf. 



34 Otto Rank. 

o-elaufen. und ich habe mir gedacht, die hat ihr gewiß gezeigt, wo da 
eine Toilette ist. Ich komme dann weiter zu zwei Misthaufen in eine 
Art Scheune und sehe dort eine Tür und noch eine Tür und schaue, 
ob da nicht darauf steht Toilette. Auf den Türen ist aber nichts gestanden, 
ich bin also aufs Geratewohl hineingegangen und dachte, daß es ein 
Klosett sein wird> wo ich das Mädchen drin finden werde. Wie ich die 
Tür aufmache, sehe ich drinnen junge Mädchen tanzen; ich denke mir, 
da ist eine Tanzunterhaltung, wo ist denn aber da der Abort. 
Ich o-ehe dann eine Stiege hinauf durch eine andere Tür und nehme dort 
Wäsche von einem Strick auf den Arm und gehe wieder das Kind suchen. 
Da blicke ich durch ein Tor (ich habe nicht mehr recht zurückgetroffen) 
und sehe schon 'die Stadt (Hamburg) beleuchtet und denke mir, das 
Kind wird schon dort sein. Ich gehe dann hinaus, habe aber die Kleine 
nicht mehr gefunden. Dann war ich plötzlich mit IC. im Wasser, wir 
haben verkehrt, aber W. hat mich weggerufen und wir sind auseinander 
gekommen. Ich war dann plötzlich mitten am dunkelschwarzen 
Meer in einem großen schwarzen Dampfschiff allein. Ich habe mich 
fort umgeschaut (wie auf der Straße heimlich nach einer Toilette), habe 
aber niemand gesehen und dachte, ich müßte da verkommen. Plötzlich 
hat das Wasser Wellen geworfen, das Schiff ist mit der Spitze ins 
Wasser hinuntergetaucht und ich hatte schon Angst vor der Ge- 
fahr. Wie ich schon ins Wasser komme, habe ich noch tief aufgeatmet 
und bin dann erwacht, gleichsam um mich vordem Ertrinkenzuretten. 
Ich mußte auf die kleine Seite gehen." 

Audi in diesem Traum, den wir fast ausschließlich von dem 
immer heftiger und dringender werdenden und in immer raffinierterer 
Weise beschwichtigten Harndrang beherrscht sehen, taucht schließlich 
doch, wenn auch nur vorübergehend, der sexuelle Eeiz auf und be- 
friedigt sich in einer Pollution. Die typischen Symbole der infantilen 
Unreinlichkeit sind hier mit einer seltenen Vollständigkeit und Offen- 
heit beisammen. Die Bequemlichkeitstendenz macht sich besonders 
deutlich bemerkbar und von ganz ausgesuchter Raffiniertheit ist der 
Ausweg der Träumerin, die endlich, als gar keine Beschwichtigung 
mehr nützt, doch aufsteht — aber auch nur im Traume. Das Kind, 
das sich naß macht, ist natürlich sie selbst in der bereits überwundenen 
Kindheitsperiode der exkrementellen Lustgewinnimg und wie sie dieses 
Entwicklungsstadium in ihrem aktuellen Wachleben längst über- 
wunden hat, so erscheint das Kind auch im manifesten Traumtext als 
der ihr zur Reinlichkeitserziehung anvertraute Pflegling. Symbolisch 
vertritt die „Kleine" hier wieder ihr Genitale, das sich ja tatsächlich 
naß macht (Pollution). Die' Wäsche, die sie im Traume vom Strick nimmt, 
wo sie offenbar zum Trocknen hängt, dient zum Ersatz (Wunsch- 
gegensatz) für das benäßte Hemd. Herr W., durch dessen Rufen sie 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 85 

im sexuellen Genuß gestört und wieder zur Verrichtung ihres Bedürfnisses 
geführt wird, tritt schon zu Beginn des Traumes als Abspaltimg vom 
Vater der Kinder (Herr) auf der Suche nach einem Klosett auf, wie 
später das Kind und dann die Träumerin selbst auf der Suche nach 
dem Kind (Rationalisierung) und schließlich auf dem Schiff nach einem 
Klosett. Die Angst vor der Gefahr wird sich in gleicher Weise auf das 
Bettnässen wie auf die sexuelle Gefahr (Konzeption) beziehen, durch 
die man Kinder bekommt und auch das „Retten" wird in gleicher- 
weise doppelsinnig zu nehmen sein. Auch Hamburg symbolisiert als 
Hafenstadt Meer und Wasser wie auch den libidinösen Komplex 
(Jungfernsteg), da sich für die Träumerin erotische Reminiszenzen 
an diese Stadt knüpfen. 

Wenn auch nicht direkt eine Pollution, so doch deutlich sexuelle 
Beziehungen zeigen die beiden folgenden Beispiele. 

Traum Nr. 19, 

wo es sich ebenfalls um Liebesabenteuer und Eifersucht handelt. Sie ist 
die ganze Nacht nicht zu Hause gewesen, kommt früh auf den Hof geschlichen 
und wird von der Tante angerufen, worauf sie wie zur Ausrede sagt: 
Ich bin nur heraus auf die Seite gegangen. Daun geht sie ins Haus, 
zieht sich aus, legt sich nieder und wird vom Sohn der Tante, ihrem Cousin, 
überfallen. Sie wehrt sich, wacht darüber auf und muß auf die kleine 
Seite gehen. 

Dieser sexuelle Überfall und die Abwehr haben sich tatsächlich 
in ihrer Pubertätszeit im Hause der Tante ereignet, wo sie auch — im 
Alter von 15 Jahren — das letzte sie tief beschämende Bettnässen hatte. 
Der Traum zeigt also deutlich die Verdichtung und Übereinander- 
lagerung des infantilen und des sexuellen Naßwerdens, sowie die Furcht 
und Abwehr beiden gegenüber. 

Dieselben Traumen aus der Pubertätszeit liegen dem folgenden 
Traum zugrunde, der einen rezenten Anlaß in ein hübsches sprachliches 
Symbol kleidet. 

Traum Nr. 20. 

„Ich war zu Hause imd habe mich schlafen gelegt. An der Wand sehe 
ich einen Nachtfalter (eine Alpe) herumkriechen. Ich habe mich darüber 
geärgert und mich davor gefürchtet, wie überhaupt vor solchen Tieren, 
und will ihn wegjagen. Er ist aber nicht weggegangen und da habe ich ihn 
mit der Hand ein paarmal geschlagen und da ist er auf einmal groß 
geworden, wie eine Fledermaus und hat ausgesehen wie eine Nachteule. 
Da habe ich wieder danach geschlagen und es fliegen auf einmal riesig viele, 



86 Otto Rank. 

ein ganzer Schwann, verschieden großer blauer Schmetterlinge auf, ein paar 
Tausende, die im Licht geglitzert haben. Sie schwärmten um mich 
herum und ich hatte Angst und deckte mein Gesicht mit einem Taschen- 
tuch zu, so daß ich sie aber sehen konnte, denn der Anblick hat mir sehr 
gefallen. Sie sind immer wieder in die Nähe meines Gesichtes geflogen 
oekommen und wollten sich hereindrängen. Ich habe sie endlich verscheucht 
und mich mit der Decke ganz zugedeckt. Dann bin ich eingeschlafen. 
Noch im Halbschlaf habe ich mir träumend gedacht, jetzt bin ich froh, 
daß die Schmetterlinge nimmer da sind und ich ruhig schlafen kann. 

Ich bin dann aufgewacht, mußte auf die kleine Seite gehen, 
und habe wieder weiter geträumt. 

Ich war bei der Tante und sah den Cousin beim Birnbaum stehen. 
Wir neckten uns und er hat mich angeschaut. Ich gehe dann hinein, mache 
aber die Türe nicht ganz zu. Zwei junge Männer, die mich gesehen hatten, 
kommen durch die Gasse in den Hof und haben durch eine Ritze der 
Tür hineingeschaut. Wie ich fertig war, bin ich herausgegangen 
ziun Gemüsegarten, wo ich mir eine Rose abpflücken wollte. Inzwischen 
sind mir aber die auf der Erde liegenden Birnen aufgefallen und unter dem 
Gemüse die Gurken. Wie ich aber nach den Gurken und Birnen greifen 
will, sind es lauter Schlangen. Ich bin erschrocken und packte sie bei 
ihren kleinen Geweihen fest an, um sie zu töten; doch sie sind zerbrochen 
wie Luftbäckerei und nur die Bröseln sind übrig geblieben." 

Die Träumerin hatte am Abend vor dem Traume eine Unter- 
haltung besucht und war dort Gegenstand der Aufmerksamkeit 
von Seiten vieler Herren gewesen; darunter hatte sich ein auffallend 
großer besonders um sie bemüht. Die landläufigen physiologischen 
Erklärungen der Traumphänomene würden nun ohne weiters annehmen, 
der für das Mädchen ungewohnte und lange intensiv auf ihre Sehnerven 
einwirkende Anblick des hell erleuchteten Festsaales habe noch im 
Schlafzustand fortgedauert und in den zahllosen Schmetterlingen 
Ausdruck gefunden, wie dies z. B. Wundt (Grundzüge der physiolog. 
Psychologie IL Bd. 2. Aufl., 1880, S. 363) für die subjektiven Sinnes- 
empfindungen behauptet hat. Er sagt: „Eine wesentliche Rolle spielen 
ferner, wie ich glaube, bei den Traumillusionen jene subjektiven Ge- 
sichts- und Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen Zustand 
als Lichtchaos des dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohren- 
sausen usw. bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjektiven 
Netzhauterregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung des 
Traumes, ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der Mehr- 
zahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, 
Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. 
Hier hat der Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes phantastische 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 87 

Gestalt angenommen, und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen der- 
selbe besteht, werden von dem Traume in ebenso vielen Einzelbildern 
verkörpert, die wegen der Bequemlichkeit des Lichtchaos als bewegte 
Gegenstände angeschaut werden. Hierin wurzelt auch wohl die große 
Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren 
Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Licht- 
bilder leicht anschmiegt.'' Ohne daß wir die Möglichkeit und Berechtigung 
dieser Auffassung damit bestreiten wollten, möchten wir doch den 
psychischen Anteil an der Traumbildung hier in den Vordergrund stellen, 
den uns die in der Traumdeutung bereits etwas geübte Träumerin 
spontan nahebringt. Ja, sie berichtet den Traum nur, um diese eigene 
Deutung, die ihr sehr viel Spaß macht, bewundern zu lassen. Sie sagt: 
Ich hatte heute diesen Traum (wobei sie zunächst nur den ersten Teil 
erzählt) von den vielen Schmetterlingen, die mich umschwärmten und 
ich bin gestern abend wirklich von vielen Herren umschwärmt 
worden, und scherzhaft fügt sie auch gleich hinzu: Es waren gewiß 
auch viele recht leichte Falter und flatterhafte junge Männer darunter, 
wovon sie aber ausdrücklich den einen großen, der sich besonders 
um sie bemühte, ausnehmen möchte. Daß die Falter im Traume gerade 
zu ihrem Gesicht wollen, scheint in diesem Zusammenhang auf Kuß- 
phantasien hinzudeuten und ist möglicherweise auch eine Verlegung 
nach oben. Denn der eine Falter, der groß und zu einem Vogel wird, 
erweist sich als unzweifelhaftes Penis- und Erektionssymbol, wenn 
man den zweiten Teil des Traumes als Ergänzung heranzieht, wo eine 
ähnliche Verwandlung der Birnen und Gurken in Schlangen stattfindet, 
die dann beim Angreifen wie Luftbäckerei zusammenfallen, was auf den 
aus dem Zustand der Erektion in den Normalzustand zurückgekehrten 
Penis hinweist. Der Umstand, daß diese Symbolik mit der trau- 
matischen Pubertätsszene zusammengebracht wird, legt die Vermutimg 
nahe, daß sie damals das erigierte Glied des erregten Attentäters ir- 
gendwie gespürt und so mit dem seltsamen Phänomen der Erektion 
bekannt geworden war. Auch hier führt der sexuelle Reiz im Zusammen- 
hang mit dem Lichteindruck des Abends („zündeln") zur Blasenent- 
leerimg und im zweiten Teil des Traumes kann das Hineingehen ins 
Zimmer, wo sie etwas besorgt und dabei durch eine Piitze belauscht 
wird, ebensowohl die Besorgung eines Bedürfnisses, wie etwas Sexuelles 
(Onanie? abpflücken) bedeuten; gibt doch gerade die Verrichtung der 
körperlichen Bedürfnisse den Kindern die erste und reichlichste Ge- 
legenheit zur Befriedigung ihrer sexuellen Schaulust. 



88 Otto Rank. 

Seine Herkunft aus sexuellen Komplexen verrät auch der folgende 
, , Harndra ng"- Wecktra um . 

Traum Nr. 21. 

„Ich habe mich gedehnt und geräkelt und unser Dienstmädchen 
fragte mich, was ich habe. Da kommt der Student von drüben, der das 
bemerkt haben muß, und ich habe mich wieder so gedehnt. Er sagt: Fräulein, 
was haben Sic? Und er setzt gleich hinzu: ,Ich weiß schon, was sie haben, 
Sie sind zu fett' und greift mir an die Brüste (er hat damit gemeint, es 
fehlt mir ein Liebhaber). Wie er das sagt, fallen die Kleider von mir ab 
und ich stehe mit offenem Haar da, das mir den ganzen Körper wie ein 
Mantel bedeckte und ich spürte, wie es mich am Geschlechtsteil kitzelte. 
Da sagt er: Ach Fräulein, sind Sie lieb! und fängt mich an zu küssen. Dann 
sprachen wir vom Zimmer und er sagte, er werde mir ein schönes Zimmer 
besorgen. Ach, sagte ich, ich fahre bald weg. Er aber erwidert : Also dann, 
wenn Sie zurückkommen ; auch soll es sehr elegant sein. Wenn man so reich 
ist wie Sie ! Ach, sage ich, wenn man auch reich ist ! Ich begnüge mich mit 
einem einfachen Zimmer (in Wirklichkeit wünsche ich mir ein elegantes). 
Er sagt: ,Bei meiner Tante wäre eines. Übrigens lassen wir das jetzt gehen,' 
ruft er plötzlich aus, fällt mir zu Füßen und küßt mir so von unten 
herauf den Körper. Da habe ich auf einmal bemerkt, daß das Wasser 
schon bis zu unserem Fenster reichte; es hat wie ein Meer ausgeschaut. 
,Gott,' sage ich, Sie können ja jetzt nicht hinüber gehen in Ihre Wohnung.' 
Er aber küßt mich fort leidenschaftlich weiter und das Wasser steigt 
noch höher bis zu den Scheiben. Ich wandte den Körper weg, stieß ihn 
mit beiden Händen an den Schultern weg und sagte: Bitte, lassen Sie mich 
los, das Wasser kommt schon. Da wachte ich auf und mußte auf die 
Seite gehen." 

Wieder eine rein sexuelle Szene, die nur am Schluß an Stelle der 
sexuellen Befriedigung die urethrale bringt, die im Anfang des Traumes 
überhaupt nicht, später im Kitzel des Genitales, der aber zunächst 
wohl den sexuellen Reiz bedeutet, dann im Zimmer (zimmerrein; 
Absteigequartier) und schließlieh im Wasser angedeutet ist, das aber nicht 
ins Zimmer dringt (Zimmer — rein), sondern nur bis zu den Scheiben. 
Der Schluß macht den Eindruck einer Phantasie von Koitus interruptus, 
was ja dem sexuellen Sinn der Befürchtung, naß (= gravid) zu werden, 
voll entspräche. Aus begreiflichen Gründen sind derartige Details 
der hier mitgeteilten Traumdeutungen nicht zu verifizieren gewesen; 
doch handelt es sich ja hier immer um die gleichen und allgemeinsten 
Komplexe, die durch ihre häufige Wiederkehr in verschiedener Ein- 
kleidung zu einer derartigen im einzelnen nicht immer beweisbaren 
Auffassung berechtigen. 



Die Symbolschichtung' im Wecktraum usw. 89 

Der nächste und letzte Traum dieser Reihe, dessen vollständige 
Deutung hier nicht einmal annähernd versucht werden kann, soll uns 
nochmals im Gegensatz zu den relativ einfachen ersten Beispielen die 
hohe Kompliziertheit dieser „vesikalen" Träume vor Augen führen. 

Traum Nr. 22. 

,,K. ist zu mir gekommen und hat gesagt: Wir fahren auf die Todes- 
insel. Ich war gar nicht überrascht und bereit mitzufahren, da ich wußte, 
daß er zur Kur hinfahre. Während ich mich anziehe, erzählt er mir, daß 
er gestern mit dem Sohn und der Tochter des Herrn P. oben auf der Todes- 
insel war, wo es sehr schön war. Die Tochter sei ausgerüstet gewesen und 
hatte e ; u Gewehr umhängen. Ich habe im Traum das Bild vor mir gesehen, 
wie sie gegangen ist, mit hohen Schnürstiefeln (Nagelschuhen) und dachte 
mir (ironisch) : Na, die niuß aber herzig ausgeschaut haben. Ich dachte 
mir dabei noch, mir hätte es sicher besser gepaßt, wenn ich das Gewehr 
gehabt hätte. Wir gingen dann weg zur Haltestelle, die in einer Gasse 
meiner Heimatstadt lag. Die Gasse ging bergauf und die Wagen von der 
Insel kamen da heruntergefahren 1 ). Erst Elektrische und von der Ferne 
sahen wir auch einen Einspänner kommen, worauf ein Bub gesessen ist; 
bei diesem Wagen sagte K. ausdrücklich, der kommt auch von der Todes- 
insel. Er sagte dann: Wir werden da hier in diesen Wagen einsteigen, da 
sind wir allein und nicht unter so vielen Leuten. Als er vor uns stehen blieb, 
kamen aber gleich wieder Elektrische und der Einspänuer stand zwischen 
ihnen, so daß man keinen Zutritt hatte. Wir haben ims darüber geärgert, 
er dürfte es bemerkt haben und fuhr nach vorn auf den Ring, wo ein Stand- 
platz war. Dort sind wir eingestiegen und der Bub mußte auf den Bock 
steigen. Wir haben ihm gesagt, daß wir auf die Todesinsel fahren. Wir sind 
gefahren und kommen dann zu einem breiten Graben. Dort stand eine 
Art Leiterwagen, in dem ein häßliches krokodil- und schildkrötenartiges 
Tier von der Größe eines Pferdes eingespannt war. In dem Wagen stand 
ein langer dürrer, häßlicher Mann. Wir steigen dann aus und wie das Tier 
uns näher kommen sieht, paßt es schon auf, als wollte es uns fressen. Ich 
sehe dann auf den Mann und wundere mich, wie der aussieht ! Ich fürchte 
mich auch vor dem Tier. K. erwiderte: Es wird nichts machen, wir gehen 
nicht in die Nähe. Wie wir dort stehen, fängt der Mann an, sich in dem 
Schlamm, der sich in dem Graben befand, herumzuwälzen (es war ein Sumpf 
mit Schilf usw.); er hat sich dabei schmerzlich gewunden und das Tier 
auch. Dann ist er tot hegen geblieben und ich sage: Der Mann liegt schon 
tot. Und K. sagt: Ja, das muß so sein. Wir sind dabei selbst schon im Graben 
gegangen, aber noch auf Sand und Steinen. Dann kam aber schon ein 
fußhohes Wasser, durch das wir gewatet sind. Da kommt ein dem 
früheren ähnliches Tier, das ein Haus hatte wie einen Kahn, so daß man 
nur seinen Kopf heraussah. Ich fürchtete mich wieder und sagte: Da kommt 

J ) Dieses Bild des Herunterfahrens kehrt in diesen Träumen öfter wieder. 



90 Otto Rank. 

wieder so ein Tier. K. sagte: Ich weiß schon, wie man diese Tiere bändigt. 
Wie es auf mich loskam, nahm es K. beim Kopfe und steckte ihn in die 
Öffnung seines Hauses hinein, aus dem er nicht so leicht heraus konnte. 
So waren wir erlöst und sind wieder weiter gegangen. Da sehe ich in der 
Ferne ein riesig großes Wasser und frage: Ist das noch die Donau? 
K. sagt: Nein, ein See. Dann gehen wir weiter im Wasser, das uns 
schon bis z u m Hals reichte, als plötzlich viele solche Tiere geschwommen 
kommen, von denen eines nach mir schnappt und mich beim Arm packt, 
so daß ich seine Zunge spürte. K. fand jedoch eine Hute im Wasser, mit 
der er auf die Tiere losschlug, so daß sie schnell fortliefen und wir rasch 
durch die ganze Menge hindurchkamen. Da habe ich gesagt: Ich kann schon 
nicht mehr laufen, ich muß auf die Seite. Aber nur schnell, hat K. 
gesagt, dort drüben kann man schon gehen. Wir kamen auch wirklich 
bei einem Haus an (vom Wasser direkt kam man in ein Vorhaus) und da 
sagte K.: Pardon, ich muß da hineingehen. Es waren mehrere Türen 
nebeneinander und ich habe mir gedacht: Ich gehe auch hinein (K. hat 
mich direkt dazu aufgefordert). Ich gehe dann in die dritte Tür daneben 
hinein, sehe aber, daß es nur für Männer ist. Ich habe mich aber nieder- 
geknutscht und das Geschäft verrichtet, da ich mir dachte, es wird 
doch momentan niemand kommen, da sind ja nicht so viele Leute. Ich 
bin auch gleich heraus imd wartete auf K., sehe aber dann die mittlere, 
zweite Tür zurückgeschlagen und auf der innern Seite stand: Saal Dr. 
Merk. Ich dachte mir, was soll das bedeuten, gewiß heißt das, da darf nur 
der Dr. Merk hinein. Da kam K. heraus, ich schaute mich um und sah zwei 
alte Frauen im zweiten Raum und dachte mir: Ach, das ist gewiß für 
Damen und die eine von ihnen sagte mir es auch. Ich erwiderte ihr: Ich 
danke, ich brauche es nicht mehr. Dann sind wir weggegangen. Ich bin 
aufgestanden und mußte auf die Seite gehen. 

Dann legte ich mich wieder nieder imd träumte weiter: Ich kam von 
der Reise zurück und wohnte bei L. Ich kam hin und sagte: Ich komme 
wieder. Ich sa,h die Stiegen naß, über die es so heruntergeronnen ist; 
auch sind Blumenstöcke darauf gestanden und Vögel sind herumgeflogen. 
Ich dachte, was das wohl für Vögel seien. Ich habe dann einen kleinen 
Zeisig gefangen und geküßt " 

Der Traum zeigt zu Beginn eine Eifersuchtsszene, indem die Träu- 
merin an Stelle des verspotteten Fräuleins P. den Ausflug auf die Todes- 
insel mit Herrn K. macht, ähnlich wie im Beispiel Nr. 13 die Reise 
nach Athen, um das fingierte Fräulein „Alba Denk" zu übertrumpfen. 
Merkwürdigerweise enthält auch dieser Traum einen Namen, den die 
Träumerin wie das „Denk" dahin deutet, daß „Merk" sie mahne, darauf 
zu merken, daß sie das Bett nicht naß machen soll. Doch ist mit Rück- 
sicht auf die Beziehung des „Denk" zu meiner Person und auf die 
Klangähnlichkeit des Dr. Merk mit meinem Namen darauf zu schließen, 
daß auch hier Gedanken auf meine Person zugrunde liegen, obwohl 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 91 

die Träumerin diese Vermutung ablehnt und höchstens gelten lassen 
will, sie habe sich vorgehalten, den Traum für mich zu „merken". Herr 
K., der ihr den Hof macht (ihre Heimat, gemeinsame Fahrt, Hochzeits- 
reise), hatte ihr am Abend gesagt, daß er vom Arzt (Dr. Merk, Kranken- 
saal, Klinik) wegen eines Leidens an die See geschickt wurde, was sie 
offenbar mit Rücksicht auf die lange Trennung sehr verstimmt hatte, und 
ihre Eifersucht rege machte, da sie im Traume K. Ausflüge mit anderen 
Mädchen vorwirft und schließlich selbst mit ihm reist (Wunscherfüllung). 
Die Mitteilung von seinem Leiden muß aber auch einen uncingestandenen 
Todeswunsch gegen ihn geweckt haben, der im Trauminhalt deutlichen 
Ausdruck gefunden hat (der sterbende Mann; Saal Dr. Merk). "Wie 
sonst das Wasser in der zweifachen Bedeutung des Urins und des 
Fruchtwassers (Sexualakt, Konzeption, Geburt), so tritt es hier in der 
doppelten Bedeutung von Urin und Totenfluß (Styx) auf 1 ). Deswegen 
erscheint auch die Sexualität (Hochzeitsreise) nicht in positivem 
Sinne, sondern in der Abwehrform der Angst (vor den häßlichen Tieren). 
Diese imd ähnliche Tiere bedeuten, wie wir aus verschiedenen anderen 
Beispielen wissen, bei der Träumerin regelmäßig Sexualtiere, wie auch 
der folgende Geburtstraum zeigt, der sich auch sonst in dem bereits 
angedeuteten Sinne der gleichen Symbolik bedient wie die vesikalen 
Träume. 

Traum Nr. 23. 

„Ich stehe mit Herrn K. und noch einem andern jungen Mann am 
Ufer eines großen Wassers, aus dem plötzlich ein großes häßliches Tier (wie 
ein Affe mit dem Maul eines Frosches) kommt und mich in einen Abgrund 
hinunterstürzen will. Die beiden stehen dabei, ohne mir zu helfen. Endlich 
hat doch der junge Mann mit dem Stock danach geschlagen, so daß es tief 
untergetaucht ist, und hat zu mir gesagt, er wird mich retten, indem er mich 
hinüber ans andere Ufer bringt. Er nahm mich dann auf den Rücken und 
trug mich durchs Wasser 2 ), wofür ich ihm unsäglich dankbar war, da ich 



x ) Vgl. in Stekels Buch: Die Spraehe des Traumes (Bergmann 1911) 
die Kapitel über die Todessymbolik. 

2 ) In einem hochkomphzierten zweiteiligen Traum aus ganz anderer Zeit 
kehrt die gleiche Phantasie in ganz ähnlicher Einkleidung wieder. Im zweiten 
Teil wird sie, nachdem sie in einem Kur- oder Wallfahrtsort einen Sauerbrunn 
getrunken und sieh verirrt hat, von einem jungen Mönch dadurch „gerettet", 
daß er sie auf seinem Rücken über das Meer trügt. Sie hat die Empfindung, als 
befriedige er sich dabei sexuell und spürt am Genitale Nässe (Pollution). Dann setzt 
er sie zu Boden und es tritt ein zweiter junger Mann (wie im obigen Traum Nr. 23) 
auf, der sie wieder aus der Gewalt des Mönches erretten will, mit dem sie 
aber doch schließlich weiter geht. Da beginnen in der Wallfahrtskirche die 



02 Otto Rank. 

mir schon früher voll Verzweiflung gedacht hatte, wie ich denn da hinüber- 
kommen sollte. Zum Dank habe ich ihn dann drüben leidenschaftlich geküßt 
und spürte im Traum, wie er den Kuß erwiderte. Ich sage dann aber, daß 
ich zurück muß, weil K. auf mich wartet. Er sagt, das ist schwer; er habe 
nur drei Kronen bei sich, das Durchwaten koste aber 9; der Eildampfer 
gar 26 Kronen. Ich sage, ich habe auch noch einen Gulden und etliche Kreuzer 
bei mir, was er aber für zu wenig erklärt. Plötzlich habe ich ein Kind 
(von dem ich mir im Wachen dachte, es sei gewiß von dem Kuß gekommen). 
Er sagt, einMönch wird mich hinübertragen und sich das Kind vorn anbinden. 
Ich setze mich also dem Mönch auf den Rücken und wie er ins Wasser 
hineingeht, wache ich auf. Ich gehe auf die Seite, habe aber kein so dringendes 
Verlangen, daß ich sagen könnte, es hätte mich geweckt." 

In diesem interessanten und für die Differentialdiagnose von vesi- 
kalen und Geburts träumen so wertvollen Beispiel finden wir die gleiche 
Symbolik wie in allen bisher mitgeteilten Träumen. Aber nicht nur aus 
der Schlußbemerkung der Träumerin ergibt sich, daß hier der Harn- 
drang in noch geringerem Maße als Ursache des Traumes anzusehen ist, 
sondern auch aus der Analyse, die den Traum als Geburtstraum entlarvt. 
Dazu wird einiges Material bereits genügen. Vor allem spricht die im 
Traum erfolgende Geburt des Kindes, das offenbar aus dem Wasser 
(Geburts wasser) kommt, diese Bedeutung des Traumes ziemlich un- 
verhüllt aus. Die Zensur bedient sich aber dafür zur Verhüllung dieses 
anstößigen (peinlichen) Inhalts der Einkleidung in die infantile Sexual- 



Gloeken zu läuten, von deren Lärm geweckt, sie bemerkt, daß sie das Läuten 
an der Woknungstür im Schlafe und im Traume gestört hatte. Es ist spät morgens 
und sie geht wie gewöhnlich vor dem Aufstehen auf die Seite, ohne besonderen 
Drang, der ja auch nicht das Wecken aus dem Traume verursacht hatte. — 
Dagegen erinnert sie später einen früheren ersten Traum derselben Nacht 
(sehr zeitlich am Morgen), wo sie mit einem verheirateten Mann ein Rendez- 
vous am Wasser hat, dann mit ihm ins Hotel geht und dort „das erste war, 
daß sie vom Stubenmädchen Wasser für die beiden Rosen verlangte (eine rote 
und eine weiße), die er mir überreicht hatte". Im Hotel wird sie von ihrem 
Bruder überrascht, der mit ihrem Begleiter Händel beginnt und an ilxm zum 
Mörder wird. Dann liegt sie mit der Mutter im Bette und sieht die Polizei 
kommen, die den Bruder verhaften will. „Ich sage der Mutter, daß ich fort- 
fahren möchte. Dann liege ich mit dem Bruder im Bette und sehe Blut (vgl. 
die rote Rose). Dann stehe ich auf und er legt sich zur Mutter ins Bett (wie sie 
selbst früher mit dem verheirateten Mann aus ihrer Heimat: dem Vater), wobei 
ich mir dachte: Nein, so was, der schläft- bei der Mutter. Dann erwachte ich 
und mußte auf die Seite." — Einige Stunden später wird sie durch das Läuten 
aus dem zuerst mitgeteilten Traum geweckt. Wir erkennen hier leicht lauter 
infantile Sexualphantasien (Inzest), die zuerst regressiv zum Harndrang und Er- 
wachen, dann in aktueller Einkleidimg zur Rettungsphantasie und Pollution führen. 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 93 

theorie, die den Geschlechtsakt durch den Kuß ersetzt. An dieser Theorie 
hatte die Träumerin tatsächlich bis zu ihrem 15. Lebensjahre fest- 
gehalten und frischt die seither überwundene infantile Anschauung 
zum Zwecke der Traumverhüllung auf. Weiß man, daß ihr am Vor- 
abend der ihr imbekannte junge Mann des Traumes auf der Straße in 
auffälliger Weise nachgegangen war und daß sie zur selben Zeit auf 
ihren Verehrer K. wegen einer pekimiären Differenz schlecht zu sprechen 
war, so verstehen wir den Traum als eine Entführungsphantasie mit der 
sie sich dem neugewonnenen Verehrer zu- und von K. abzuwenden sucht. 
Diese Phantasie scheint außer dem Geschlechtsverkehr (auf seinem 
Rücken im Wasser reiten) 1 ) und der daraus folgenden Geburt des 
Kindes (aus dem Wasser) auch in leiser Andeutimg auf die Hochzeit 
(Reise) anzuspielen (Mönch = Priester ; sie hat auch etwas Geld bei 
sich = Mitgift). Das böse, häßliche Tier, von dem sie der hilfreiche 
Entführer befreit, ist eine Darstellung des ihr zurzeit abstoßend er- 
scheinenden IC, der sie in den Abgrund stürzen will. Ihre erotische 
Neigung zu dem nur flüchtig auf der Straße gesehenen jungen Mann 
wird auch bestätigt durch ihre eigene spontane Deutung, das Durchs- 
Wasser- Tragen und -Waten besage vielleicht, daß sie sich gedacht habe : 
der würde für mich durchs Feuer gehen (und mich nicht so schlecht 
wie K. behandeln), was eine hübsche auf die Enuresis (Zündeln) zurück- 
weisende Darstellung durchs Gegenteil auf Grund des anderweitig 
bereits bedingten Traummaterials (Geburtswasser) ist. Das Rettung s- 
symbol entspricht hier völlig im Freudschen Sinne dem Geburts- 
komplex wie im folgenden und letzten Beispiel, das wir gekürzt wieder- 
geben und das uns eine andere Differenzierungsform des Geburts- 
traumes vom Harndrangtraum veranschaulichen soll. 

Traum Nr. 24, 

der aus derselben Zeit der Mißhelligkeiten mit K. stammt und die Ab- 
neigung gegen ihn, die sie sich nicht voll einzugestehen vermag, deutlich 
widerspiegelt. Es ist dies im ersten, von der Träumerin leider nicht 
notierten Teil des Traumes der Fall, der bloß ungern und flüchtig 
erzählt wurde und von dem ich mir nur gemerkt habe, daß er eine 
Pollution enthielt, die der Träumerin mit großer Nässe verbunden 
schien, sowie eine deutliche Abneigung gegen Herrn K. verriet. Der 



*) Vgl. einen in vielen Details ähnlichen Traum bei Jung: Ein Beitrag 
zur Psychologie des Gerüchtes (Zcntralblatt für Psa. I. Bd., 1911, S. 81 ff.). 



94 Otto Hank, 

weitere auf meinen Wunsch aufgezeichnete Teil des Traumes beginnt 
auch mit den "Worten: 

„Ich lief ihm (K.) also davon und ging an einen Hafen, wo sehr viele 
Schiffe standen. Ich stieg in eines der Schiffe ein und bemerke zu meiner 
Überraschung, daß ein bekannter Herr A. (auf den eben K. im ersten Traum 
eifersüchtig war) auch einsteigt. Er wundert sieh, daß ich auch da bin, und 
fragt mich, wohin ich fahre. Ich sage nach Amerika. Er staunte noch, 
daß ich eine so weite Reise unternehme, und dann kam es zur Fahrt. Das 
Meer war so schön blau, die Fahrt herrlich und wir amüsierten uns köstlich, 
als das Schiff plötzlich zu schaukeln begann. Ich hatte große Angst, hielt 
mich bei A. an und dachte mir, das ist gewiß die Strafe Gottes, weil ich K. 
so im Bösen verließ. Das Schiff hatte rückwärts ein Rettungsboot angehängt 
und ich hoffte darin gerettet zu werden, aber das Wasser fing an immer 
höher zu steigen, die Schiffe gingen schon unter und alle waren ertrunken. 
Da sah ich am Land eine Bahnstation und meinte, wir können da hinüber- 
springen und sind dann gerettet. A. wollte mich am Arm nehmen und mit 
mir hinüberspringen, ich hüpfte aber allein hinüber und fühlte mich so 
glücklich, daß wir gerettet waren. Auf der Seite, wo wir uns befanden, 
war alles so schön grün und von ferne sah man ein herrliches Haus allein im 
Grünen stehen. Herr A. sagte, das sei das Südbahnhotel und machte mir 
auf dem Weg zu dem Haus einen Liebesantrag. Wir mußten über eine 
Brücke gehen. Er freute sich schon sehr auf das Beisammensein und 
küßte mich leidenschaftlich. Bevor wir zu dem Hause kamen, wachte 
ich auf." 

Wir haben hier wieder eine in die typische Symbolik gekleidete 
Entführungs-(Rettungs-)phantasie mit Liebesantrag, Hochzeitsreise, 
Hotel, Küssen, die knapp vor der Pollution abbricht, welche bereits 
im ersten hier nicht mitgeteilten Vortraum erfolgt war. Da dieser 
leider nicht erhalten ist, läßt sich nicht mehr feststellen, inwieweit er 
dem Sexualempfinden der Träumerin adäquater war und darum eher 
zur Pollution führte. Das Retten aus dem Wasser entspricht, wie die 
Pollution im ersten Teil und die Hotelphantasie am Schluß, gleichfalls 
einem nur anders eingekleideten Geschlechtsakt und das Schaukeln 
des Schiffes möchten wir in diesem Zusammenhange als die dazu- 
gehörige Rhythmik (die bei der Pollution intendiert und vielleicht an- 
deutungsweise auch ausgeführt worden war) ansehen. Die Angst ent- 
spricht der von K. abgelösten und verdrängten Libido, da sie auf 
die Strafe Gottes für das Benehmen gegen ihn zurückgeführt wird, 
wie im vorigen Traum als ängstliche Empfindung, wie sie über „das 
große Wasser" (Amerika; Sehnsucht) wieder zu K. zurückkommen 
werde. 



Die Symbolsehichtung im Wecktraum usw. 95 

So unvollständig, mangelhaft und hypothetisch die Traumanalysen 
auch oft im einzelnen bleiben mußten, so glauben wir doch nicht nur aus 
der Häufung der gleichen stets wiederkehrenden Symbole, sondern 
auch aus der Eigenart mancher der mitgeteilten Beispiele die Bedeutung 
und den psychischen Sinn der Symbolik im "Wecktraum aufgezeigt 
zu haben. Durch seine Funktion als Ersatz und Verhüter der infantilen 
Enuresis sowie als Gewährer der urethralen Befriedigung (Pollution) 
verrät uns der Traum oft genug den Sinn der zur verhüllten Darstellung 
dieser Regungen und Vorgänge dienenden Symbole. Als besonderes 
Ergebnis dieser Untersuchung möchten wir aber die auf Grund der 
gleichen Symbolverwendung ziemlich weitgehende Ähnlichkeit der 
vesikalen und der sogenannten „Geburtsträume" hervorheben, die doch 
wieder, wie insbesondere die beiden letzten Beispiele gezeigt haben, bis zu 
einem gewissen Grade scharf differenzierbar sind 1 ). Wenn wir im Folgenden 
diese beiden Bedeutungen der gleichen Symbole in Schema tischer 
Sonderung wiedergeben, so soll damit nicht gesagt sein, daß das Symbol 
entweder die eine oder die andere Bedeutung in einem speziellen Falle 
haben müsse, sondern daß es wahrscheinlich in der Regel beide und ver- 
mutlich noch eine Anzahl anderer Bedeutungen haben dürfte. Obwohl 
in den sogenannten Geburtsträumen die andere Male nur vesikal ge- 
brauchte Symbolik rein sexuell verwertet erscheint, zeigen uns doch 
die mitgeteilten Beispiele, wie dasselbe Symbol gleichsam in zwei ver- 
schiedenen Schichten eines und desselben Traumes diesen beiden 
Bedeutungen entsprechen kann. 

Die gleichen Symboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem 
vesikalen Traume zugrunde liegen, erscheinen im rezenten Sinne in 
exquisit sexueller Bedeutung : Wasser = Urin = Sperma = Geburts- 
wasser 2 ); Schiff = „schiffen" (urinieren) = Fruchtbehälter (Kasten); 
naß werden = Enuresis = Koitus = Gravidität ; schwimmen = Urin- 
fülle = Aufenthalt des Ungeborenen ; Regen = Urinieren = Befruch- 
tungssymbol; Reisen (Fahren— Aussteigen) = Aufstehen aus dem 
Bett = geschlechtlich verkehren (..fahren", Hochzeitsreise). Urinieren = 
sexuelle Entleerung (Pollution). Diese entwicklungsmäßige psychische 

x ) S eherner kennt infolge der Vernachlässigung des psychischen Anteils 
an der Symbolbildung diese Differenzierung allerdings nicht und nimmt also 
häufig auch exquisite Geburtsträivmc als „Hamdrangträume". 

2 ) Wir können liier eine der von St ekel (Die Sprache des Traumes, 1911) 
aufgestellten „symbolischen Gleichungen" aus dem Material heraus direkt be- 
stätigen. 



96 Otto Rank. 

Schichtung, die ein ursprünglich im infantilen Sinne gebrauchtes 
Symbol späterhin mit der exquisit sexuellen Bedeutung verschmilzt 
und überlagert, ist aber nur möglich, weil das Unbewußte nur eine Art 
von Lust kennt (Libido) und die im Kindesalter erfahrene Exkretions- 
lust im weitesten Sinne (auch Enuresis usw.) einfach gleichsetzt der 
später erfahrenen sexuellen Lust. 

Die im Traumleben des Individuums aufgedeckte Symbolik ist 
jedoch, wie wir bereits seit geraumer Zeit wissen und zu unserer Über- 
raschung, aber auch zur großen Befriedigung, erkannt haben, keines- 
wegs der Willkür des Träumers und seiner Psyche überlassen, sondern 
kehrt in gesetzmäßiger Form und Bedeutung im unbewußten Seelen- 
leben der anderen Individuen gegenwärtiger und längst vergangener 
Zeiten wieder, so daß wir sie als völkerpsychologisches Gebilde ansehen 
und würdigen dürfen. Es setzt sich aber diese typische Ausdrucks weise 
des Unbewußten nicht nur über die Einzelseelen, Zeiten, Weltteile und 
Völker, sondern auch über die damit aufs innigste verknüpfte Sprache 
hinweg, die einmal diesem psychischen Symbolbild auch lautlichen 
Ausdruck verleiht, ein andermal bloß bildlichen. So wird aber die 
Symbolik, ähnlich wie man das von der Musik behauptet hat, zu einer 
weit auseinander liegende Kassen, Gebiete und Kulturperioden verbin- 
denden und einander seltsam annähernden Zeichensprache. Es wird 
daher nicht verwundern, wenn wir zu der kleinen Auslese aus dem 
völkerpsychologischen Beweismaterial für unsere Symbolik die dis- 
paratesten psychischen Gebilde, wie Mythen, Märchen, Sagen der 
Kulturvölker und die Überlieferungen der Naturvölker, ebenso heran- 
ziehen wie Glaube, Brauch und Sprache, ja selbst den unscheinbaren 
und geringgeschätzten Witz der Beachtung in diesem Sinne würdig 
finden. 

Aus dem reichen Schatz dieser dem unbewußten Seelenleben 
eigentlich entstammenden psychischen Bildungen kann im Folgenden 
nur ein geringer Bruchteil in skizzenhafter Aneinanderreihung geboten 
werden, der nur einen Begriff von der weitreichenden und allgemein- 
gültigen Symbolik zu geben vermag, durch deren breite Fundierung 
und psychologisches Verständnis es uns anderseits erst möglich 
geworden ist, eine Eeihe volkskundlicher Überlieferungen von einer 
neuen, bisher wenig beachteten Seite würdigen und verstehen zu 
lernen. 

Wenn wir den Reigen mit dem Witz eröffnen, so geschieht es 
nicht nur deshalb, weil er das relativ einfachste und zugleich offen- 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 97 

kundigste Phänomen dieser Art ist, sondern auch, weil wir erkannt zu 
haben glauben, daß die ungeheuere Zahl von exkrementellen Witzen 
uns Lust auf Kosten der seit der Kindheit verdrängten kopro- und 
urophilen Neigungen auf dem Wege des psychischen Ersatzes (Sub- 
limierung) verschafft. Es kann sich ja in diesen wissenschaftlichen 
Blättern nicht darum handeln, durch eine vollzählige Sammlung dieser 
zum großen Teil zotigen, manchmal aber in recht ergötzlicher Weise 
menschliche Schwächen empfindlich treffenden Geschichten den Leser ab- 
zustoßen oder zu belustigen. Doch sei es gestattet, wenige charakteristische 
Beispiele anzuführen, von denen jedes in seiner Art uns etwas sagt. Daß 
der Witz dabei, ganz wie der Traum 1 ), die sprachliche Zweideutigkeit ganz 
besonders bevorzugt, braucht wohl kaum ausdrücklich erwähnt zu werden. 
Das erste Beispiel mag uns die typische Regensymbolik vorführen, 
die überhaupt zu den verbreitetsten und durchgehendsten psychischen 
Bildungen gehört. Direkt wie ein Gegenstück zu manchem der mit- 
geteilten Hegenträume Hingt ein Witz, der einer in Wien bereits zur 
mythischen Figur gewordenen Parvenuesgattin zugeschrieben wird. 
Sie soll für ihr Pferdegespann verschiedene Geschirre haben; ein ele- 
gantes für Nachmittagsspazierfahrten auf dem Ring oder in den Prater 
und ein schlechteres für nächtliche Fahrten vom und zum Theater 
oder Ball. Wie besorgt sie um das schöne Geschirr ist, weiß die Anekdote 
darin anzudeuten, daß sie bei Beginn eines Regens dem Kutscher 
zurufen läßt: „Johann, holen Sie das Nachtgeschirr, es tröpfelt." 
Von derselben Trägerin einer ganzen Reihe ähnlich anstößiger Anekdoten 
erzählt man eine andere Geschichte, die dem mitgeteilten Traum Nr. 13 
vom Champagner und „Anpischen" voll entspricht. Bei einer bis in 
die frühen Morgenstunden dauernden Festlichkeit ist sie an einem 
Tische sitzend ein wenig eingenickt und wird in zarter Weise von 
ihrem Nachbar durch geräuschvolles Einschenken des Cham- 
pagners in ihr Glas halb geweckt. Sie glaubt sich bereits zu Hause 
in ihrem Bett imd indem sie das Geräusch auf ihren sein erstes und 
dringendstes Morgengeschäft verrichtenden Gatten bezieht, fragt sie. 
seinen Namen flüsternd: Was, du stehst schon auf? — Auch in dieser 
von einem boshaften Witzbold ausgeklügelten Situation wird der 
Champagner mit dem ,,Anpischen" identifiziert und zum Überfluß 
ist das Ganze noch in eine Art traumhafte Einkleidung gebracht. Es ist 



l ) Vgl. Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 2. ver- 
mehrte Auflage. Fr. Deuticke, 1912. 

Jahrbuch für psyclioanalyt. u. psycliopathol. Forschungen. IV. 7 



98 Otto Rank. 

vielleicht nicht überflüssig zu erwähnen, daß der Träumerin diese 
Witze, die nur in gewissen Kreisen gemacht und kolportiert werden, 
völlig unbekannt sind. Daß ihre Entstehung aber nicht bloß auf eine 
gewisse Gesellschaftsschichte, Rasse oder Sprache beschränkt ist, mag 
der folgende englische Scherz zeigen, dessen Kenntnis ich einer ge- 
legentlichen Mitteilung von Er n est Jones verdanke. Eine auf die 
frühere Königin von England bezügliche Scherzfrage, die sich wieder 
des Wortgleichklangs und der Zweideutigkeit bedient, lautet: When 
does the Queen reign (rain) over China? — Antwort: When she sits 
on her Chamber pot. — Eine direkte Einkleidung des Enuretikertraumes 
findet sich in einem südslawischen Schwank mit dem Titel: „Vor 
Schrecken" 1 ). 

„Der Pascha nächtigte beim Begen. Als der Morgen tagte, da 
lag noch der Beg und mochte nicht aufstehen. Fragt der Beg den Pascha : 
„Was hat dir geträumt?" — „Ich träumte, auf demMinaret wäre noch 
ein Minaret gewesen." — „Uf, das wäre," wundert sich der Beg. '„Und 
was hast du noch geträumt?" — „Ich träumte," sagt er, „auf diesem 
Minaret stünde ein Kupferbecken, im Becken aber wäre Wasser. 
Der Wind weht, das Kupferbecken wiegt sich. Ja, was hättest du 
getan, wenn du dies geträumt hättest?" — „Ich hätte mich vor 
Schrecken sowohl bepißt als beschissen." „Und siehst du, ich habe 
mich bloß bepißt." — Die beiden übereinander getürmten Mmarete 
sind als Symbol des männlichen Gliedes, das Becken als Glans sowie 
als Harnblase und das Wasser als Urin so deutlich in dem auf grobe 
Wirkungen berechneten Schwank ausgedrückt, daß jeder weitere 
Kommentar unnötig ist. 

Als Abschluß dieser Gruppe sei eine ganz ausgezeichnete Dar- 
stellung wiedergegeben, die sich in dem oben angedeuteten Sinne, mit 
Hinwegsetzung über das Verständigungsmittel der Sprache, bloß der 
bildhaften Symboldarstellung bedient. In dem ungarischen Witzblatt 
„Fidibusz" erschienen vor längerer Zeit eine Reihe genialer Traum- 
zeichnungen, die Dr. Ferenczi in Budapest entdeckt und Herrn 
Professor Freud zur Verfügung gestellt hat, der mir in liebenswürdiger 
Weise eines der Blätter zur Veröffentlichung überlassen hat, auf welchem 
eine ganze Serie der mitgeteilten symbolischen Traumdarstellungen 
verwertet ist. Es führt den Titel: 



2 ) Mitgeteilt von F. S. Krauß (Anthropophyteia, Band V, S. 293, 
Nr. 697). Den Hinweis darauf verdanke ich Herrn Prof. Ernst Oppenheim 
in Wien. 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 



99 



Traum der französischen Bonne. 

(A francia bomie älma.) 




7* 



100 Otto Rank. 

Dr. Ferenczi fügt dem Bild kurz hinzu: 

„Schönes Beispiel dafür, daß das Symbol nicht aus der Sprache, 
sondern die Redewendungen vom Symbol abstammen. Im Ungarischen 
«ibt es keinen Ausdruck für Harnlassen, der ans Schiffen erinnert, 
doch denkt sich der Zeichner den Urintraum voll mit Schiffen." 

Es könnte fast so anmuten, als hätte der Zeichner nicht nur das 
reale Leben unserer Träumerin als Kinderfräulein wiedergeben wollen 
und als wüßte er genau, daß gerade dieser Beruf zur Wiederbelebung 
der infantilen Lustquellen besonders geneigt ist, sondern als wäre er 
auch in ihr psychisches Leben so tief eingedrungen, daß er die gleiche 
Symbolik so meisterhaft darzustellen vermag, wenn wir nicht eben 
daran wären, ihrem typischen allgemein-menschlichen Charakter auf 
die Spur zu kommen. Die ersten zwei Bilder des Traumes entsprechen 
unserem 3. Beispiel, wo die Frau mit dem der Harnentleerung bedürftigen 
Kind durch eine nasse Gasse geht und die Träumerin sich wundert, 
warum sie denn das Kind nicht auf die Seite lasse. Dem dem Stärker- 
werden des Harndranges entsprechend stetigen Anwachsen und Steigen 
des Wassers sind wir in mehreren Beispielen begegnet, ebenso dem ent- 
sprechend größer werdenden „Schiff" im Traum 13, wo die Träumerin 
aus einem kleineren Boot auf ein Dampfschiff umsteigt und in Nr. 24, 
wo das große Schiff ein kleines Boot angehängt hat. Auch den hohen, 
gefahrdrohenden Seegang finden wir im 0. Bilde in dem die Segel füllen- 
den und Wogen bildenden Wind angedeutet, Die geniale Konzeption 
des Zeichners ging aber, wie das letzte Bild zeigt, auf die für den Me- 
chanismus der Traumbildung hochbedeutsame Bequemlichkeitsfunktion. 
Denn die Bonne hört in ihren Schlaf hinein das Geschrei des vorn 
Harndrang geweckten Kindes und die Bequemlichkeitstendenz täuscht 
ihr vor, daß sie das Kind bereits urinieren lasse. Je näher nun die Gefahr 
rückt, daß sie durch das entsprechend der Zunahme des Harndranges 
immer stärker werdende Gebrüll geweckt werde, desto mehr und mehr 
läßt sie das Kind urinieren, damit es doch endlich befriedigt werde 
und ihr Schlaf ungestört bleibe. Der Traum besagt also eigentlich — 
wie auch das mißmutige Gesicht der Bonne auf Bild 3 und 4 andeutet: - 
Du ekelhafter Fratz, so „schiff" doch, soviel du willst, nur laß mich 
schlafen. Es ist nun tatsächlich, wie Dr. Ferenczi treffend bemerkt,, 
höchst beachtenswert, daß dieses symbolische Bild in der ungarischen 
Sprache keinen Ausdruck gefunden hat, daß also der Zeichner, selbst 
wenn wir annehmen wollten, daß ihm diese Sprachbrücke bekannt 
gewesen sei — keineswegs ihre Kenntnis, aber doch das richtige Ver- 



Die Symbolschichtnng im Weck träum usw. 101 

ständnis für seinen witzigen Einfall Lei seinen Lesern voraussetzen 
konnte 1 ). Es erweist sich hier tatsächlich die unbewußte Symbolbiidung 
als der primäre, ihr sprachlicher Ausdruck als ein sekundär möglicher 
aber nicht notwendiger Vorgang. Dürfen wir einen Schritt weit über 
das vom Zeichner Beabsichtigte hinausgehen, also gewissermaßen seine 
Leistung auch in einem Punkt im Shine einer Deutung betrachten, 
so können wir wohl auf Grund unserer Erfahrung am realen Traum- 
leben die ganze Situation auf die Träumerin reduzieren, die, selbst 
vom Harndrang im Schlafe gestört, ihn durch Identifizierung mit 
dem Kinde in ihre eigene Kindheit zurückprojiziert, woraus sich ver- 
mutlich auch die uugeheure Größe des Wassers (im Vergleich zur länd- 
lichen Kleinheit) hier wie in einigen unserer Beispiele erklären mag 2 ). 
Auch erkennen wir leicht, daß die auf erotische Wirkung berechnete 
weibliche Figur des letzten Bildes der beim Leser durch das Thema 
geweckten Sexualempfindung Objekt und Abfuhr bietet 3 ). 

Ehe wir uns von dem auf allgemeine Wirkung berechneten Witz 
dem weiteren in Sage und Mythus wiedergespiegelten Symbolmaterial 
zuwenden, sei noch als Übergang an ein paar kleinen unscheinbaren 
Beobachtungen auf die auffällige Konstanz und immerwährende spon- 
tane Wiederkehr der wenigen primitivenMenschheitssymbole hingewesen, 
die insbesondere die Identifizierung des Regens oder des großen 
Wassers mit dem Urinieren betreffen. So wird mir von verläßlicher 
Seite die Beobachtung an einem l 1 ^ jährigen, kaum der Sprache 
mächtigen Kind mitgeteilt, welches beim Fenster gehalten den Beginn 
eines Regens sieht und dazu bemerkt: Himmi wawa (wawa war die 
ihm geläufige Bezeichnung für urinieren). Einer freundlichen Mitteilung 
des Herrn Dr. Karl Weiß in Wien verdanke ich die Beobachtimg an 
einem 2 x / 2 jährigen Mäderl, das beim ersten Anblick eines Teiches 
verwundert fragt: „Wer hat das große Pischpisch gemacht?'' Ein 

*) Dr. Fcrenczi teilt mir auf meine Anfrage freundlichst mit, daß die 
ungarischen Ausdrücke für urinieren etwa „wässern" und „harnen" bedeuten 
und daß das Wort „schiffen" in Ungarn selbst unter den deutsch Sprechenden 
wenig geläufig ist. 

2 ) So konnte ich einmal auf der Straße ein kleines Mädchen beobachten, 
das sich zur Befriedigung eines kleinen Bedürfnisses direkt in eine große Lache 
setzte, als wollte es dieselbe als seine Leistung in Anspruch nelimen. 

3 ) Die anderen Traumzeichnungen würden zeigen, daß der Zeiclmer — 
wie ja bei jedem derartigen auf erotische Wirkungen berechneten Witzblatt selbst- 
verständlich — der sexuellen Komponente immer entsprechende Anhaltspunkte 
zu bieten sucht. 



102 Otto Rank. 

12 jähriger Junge, der seine starken kopro- und urophilen Neigungen 
zum Verdruß seiner Eltern und Erzieher in dem häufigen und auf- 
dringlichen Gebrauch der diesem Kreise angehörigen obszönen Worte 
verrät 1 ), sagt, als er das Geräusch eines beginnenden Platzregens 
hört: „Der Josef geht auf die kleine Seite." Josef ist ihr Kutscher, ein 
kräftiger, riesenhafter Kerl, der ihm durch seine übermenschlichen 
Organe und Leistungen riesig imponiert und dem er darum auch diese 
Fülle und Kraft des Harnstrahles am ehesten zutraut, wobei gewiß 
auch der Eindruck vom Strahlen der Pferde mitgewirkt haben mag. 
Ein andermal findet er es in einem Briefe an einen Kollegen mitteilens- 
wert, daß unlängst zu seiner und seiner jüngeren Brüder größten Er- 
heiterung, eben als sie im Begriffe waren zu einem gemeinsamen Urinieren 
in den Garten zu gehen, plötzlich ein heftiger Regen einsetzte. Als er 
die Sage vom Raub der Proserpina las, worin erzählt wird, daß Dis in 
der Nähe einer sizilianischeii Stadt in die Erde gefahren und an dieser 
Stelle plötzlich ein See entstanden sei, legt er sich dieses Wunder ganz 
rationalistisch aus, indem er bemerkt, er werde halt dabei „gewischerlt" 
haben. — Ganz in der gleichen Weise erklärt eine von F. Boas (In- 
dianische Sagen, S. 174) mitgeteilte Sage der Tlatlasikoalaindianer 
die Entstehung der Seen und Flüsse durch das Wasserabschlagen 
eines Menschen. In einer andern Sage (S. 238) entstellt beim Harnen 
einer Frau ein großer Fluß, und ähnlich bewirkt in der „Edda" (über- 
setzt von Gering, S. 362) Geiröds Tochter Gjalp das Anschwellen 
des Flusses Wimur. 

Auf Grund dieser symbolischen Verknüpfung lassen sich aber 

x ) Derselbe Junge fragt mich einmal mit überlegener Miene, ob ich wisse, 
warum das Klosett mit 00 bezeichnet werde, und sagt mir, als ich auf seine Aus- 
kunft neugierig gemacht es verneine, er habe jüngst in Münchhausens Seeabenteuern 
gelesen, wie der Held nach seinem eigenen Bericht den Untergang des leek ge- 
wordenen Schiffes dadurch verhindert habe, daß er sich mit seinem Allerwertesten 
00 auf das Loch setzte und so das Eindringen des Wassers verhinderte. — Die 
beiden Nullen faßt der Junge als Symbol der Nates auf und will darin auch die 
Signatur des Wortes Popo (nach Weglassung der beiden P) erkennen, wie er 
überhaupt eine besondere Neigung besitzt, dieses Wort oder Bestandteile des- 
selben aus allen möglichen anderen Buchstaben- und Wortfolgen mit verblüffender 
Geschwindigkeit herauszusehen. — Man vergleiche dazu unsere euphemistische 
Redensart: Setz dich auf deine vier Buchstaben (Popo). — Hierher gehört auch 
die lustige, in einem Bande der „Anthropophyteia" abgedruckte Geschichte von 
dem Manne, der von einem entblößten Hintern träumt, aber eine falsche Nummer 
in die Lotterie setzt, weil er die Nulle in der Mitte nicht entsprechend eingesetzt 
hatte (er setzt 77 statt 707). 



Die Symbolschichtung im Weektraum usw. l03 

auch gewisse pathologisch erscheinende Sonderbarkeiten perverser 
und geisteskranker Individuen verstehen. So findet sich bei Kr äff t- 
Ebing (Psychopath, sex., 9. Aufl., S. SO) der Fall (30) eines Studenten 
der Medizin, der vor Mädchen sein Glied entblößte, die Flüchtenden 
dann verfolgte, an sich drückte und mit Urin besprengte, was für ihn 
offenbar im infantilen Sinne lustbetont und ein Ersatz des sexuellen 
Aktes war. Derselbe Patient klagte über „perverse Antriebe", z. B. 
sein Geld ins Wasser zu werfen, im strömenden Regen umher- 
zulaufen. Sein Bruder litt an epileptischen Krämpfen. (Über die gleiche 
Symbolik bei Epilepsie 1 ) und Dementia praecox vgl. später.) Ein anderer 
Patient Krafft-Ebings mit ähnlichen Urin per Versionen hat einen 
unwiderstehlichen Drang zur Marine. Auf diese Zusammenhänge mit 
der Berufswahl haben Adler (1. c.) und Sadger (Über Urethralerotik, 
Jahrb. II) ausführlich hingewiesen. 

Dem Mythus, der Sage, dem Volksglauben und der Sprache ist 
die Analogisierung von Regen und Harn völlig vertraut. So bemerkt 
Ehrenreich (Die allg. Mythologie, Leipzig 1910, S. 140) bezüglich 
des Regens, daß er ,, auffallend häufig als Exkret (Harn, Schweiß, 
Speichel) eines himmlischen Wesens gefaßt" werde. So sehen bei- 
spielsweise die Antillenbewohner im Regen den Harn und Schweiß 
ihres Zemes (Ahnengottheiten), wie gleichfalls Ehrenreich (Die 

*) Siehe auch Evang. Marci 9, 17 ff. „Einer aber aus dein Volke sprach: 
Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen 
Geist. Und wo er ihn erwischt, so reißt er ihn und schäumt und knirscht mit 
den Zähnen und verdorret. Ich habe mit deinen Jüngern geredet, daß sie ihn 
austrieben und sie können es nicht. Er antwortete ihm aber und sprach: 0, 
du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich 
mich mit euch leiden? Bringet ihn her zu mir. Und sie brachten ihn her zu 
ihm. Und alsobald, da ihn der Geist sah, riß er ihn und fiel auf die Erde, und 
wälzte sich und schäumte. Und er fragte seinen Vater: Wie lange ist es, 
daß ihm dieses widerfahren ist? Er sprach: Von Kind auf; und oft 
hat er ihn ins Feuer und Wasser geworfen, daß er ihn umbrächte [„er fällt 
oft ins Feuer und oft ins Wasser". Evang. Matth. 17, 15]. Kannst du aber was, 
so erbarme dich unser und hilf uns. Jesus aber sprach zu ihm: Wenn du 
könntest glauben. Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubet. Und alsobald 
sclirie des Kindes Vater mit Tränen und sprach: Ich glaube, lieber Herr, hilf 
meinem Unglauben. Da nun Jesus sah, daß das Volk zulief, beclrohete er den 
unsaubern Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich ge- 
biete dir, daß du von ihm ausfahrest, und fahrest hinfort nicht in ihn. Da 
schrie er, und riß ihn sehr, und fuhr aus. Und er ward, als wäre er tot, daß 
auch viele sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand, und richtete 
ihn auf, und er stand auf.'" 



104 Otto Rank. 

Mythen iiiid Legenden der südamerikanischen Urvölker, 1005, S. 15) 
bemerkt. Daraus erklärt sich auch die häufige Anschauung, daß die himm- 
lischen Lichtkörper urinieren (siehe Sek war tz: Sonne, Mond und Sterne, 
S. 30fg.). Beweisend für die völkerpsychologische Giundlageder in unseren 
Träumen verwerteten Symbolisierung des Urinierens durch Regnen 
ist ein Hinweis Goldzihers (Der Mythos bei den Hebräern, S. 80) 
auf die etymologische Abkunft des arabischen Gewitter- und Regen- 
gottes, dessen Name, Kuzah, von der Bedeutung urinieren abge- 
leitet ist, welches (speziell in bezug auf Tiere) dem entsprechenden 
Verbum eigen ist. „Das Regnen ist hier im Mythos als ein Urinieren 
aufgefaßt, was Kennern der mythologischen Phraseologie nicht fremd- 
artig klingen wird. Dieser Umstand regt dazu an, das hebräische Wort 
bül = Regen, dann Regenmond, in Verbindung zu bringen mit arabisch 
bäla, jabulu, was urinieren bedeutet." 

Auf Grund dieser Symbolik läßt sich vielleicht auch das über die 
ganze Erde verbreitete mythische Motiv der „magischen Flucht" 
verstehen, das ist die Verfolgung durch einen Feind, die durch über- 
natürliche Hindernisse verzögert zur schließlichen Errettung des angstvoll 
Flüchtenden führt. Seit Laistner (Das Rätsel der Sphinx, Berlin 
1880) die Auffassung geltend gemacht hat, daß eine Reihe mythologischer 
Motive sich als Darstellungen unverstandener Alptraumerlebnisse 
verstehen ließen, ist die Ableitung dieser ängstlichen Verfolgungen 
aus dem Traumleben fast allgemein anerkannt 1 ). So heißt es bei Wu ndt 
(Völkerpsychologie, II. Band, Teil 2, S. 100 fg.): „Bei allen diesen 
sei es selbständig entstandenen, sei es zugewanderten Motiven der 
Bedrohung durch verfolgende Feinde und Ungeheuer und der wunder- 
baren Rettung spielt übrigens der Angsttraum und seine Lösung, 
dessen Bedeutung auch für die Vorstellung von Ungeheuern bereits 
früher betont wurde, wiederum eine unverkennbare Rolle." Auf Grund 
unserer Kenntnis der allgemein-menschlichen Symbolik sind wir viel- 
leicht imstande, wenigstens ein Detail dieser „magischen Flucht" zu 
verstehen und damit dem zugrunde liegenden Angsttraum einen spe- 
ziellen Inhalt zuzuerkennen. Die magische Flucht wird gewöhnlich 
durch drei zauberkräftige Dinge bewirkt (die 15 verschiedenen über 
die ganze Erde verbreiteten Varianten hat Ed. Stucken in seinen 



x ) Ehrenreich (1. c, S. 149): „Bei den Nordanierikaneni bilden die 
Traummythen den integrierendsten Bestandteil der Mythologie .... Bei den 
Pirna und Yurna bilden die Träume nach ihrer eigenen Angabe sogar die einzige 
Quelle der Mythologie." 



Die Symbolschichtung iin Wecktraum usw. 105 

„Astralmythen" S. 006 zusammengestellt; vgl. dazu auch die bei- 
gegebene Tafel 3): durch einen Wetzstein oder Messer, das sich 
beim Zurückwerfen in einen steilen Berg verwandelt, den der Verfolger 
erst übersteigen muß, mittels eines Kammes, aus dem ein undurch- 
dringlicher Wald wird, und vermöge eines Tropfens Fischöl, das zu 
einem Ungeheuern See anwächst, der die weitere Verfolgung un- 
möglich macht und so die Rettung bewirkt. Nun kennen wir den kleinen 
Tropfen, der sich rasch in ein großes Wasser verwandelt, aus der Harn- 
drangsymbolik und dürfen also diese bereits als Angsttraum aner- 
kannte mj'thische Motivgestaltung als ängstlichen Wecktraum an- 
sehen, der die Beschmutzung des Schlafenden glücklich verhütet. 
Daß dieser Traum gern (wie z. B. bei Boas, S. 267 u. fg.) einem 
weiblichen Wesen zugeschrieben wird, steht nicht nur in völliger Über- 
einstimmung mit der bereits von Scher ner gemachten Beobachtung, 
daß Frauen eher zu derartigen Träumen neigen, sondern weist uns 
auch, wenn wir die Vorgeschichte dieser Flucht in Betracht ziehen, 
auf das dem ganzen Traum zugrunde liegende erotische Motiv, dessen 
Verfolgung uns jedoch zu weit von unserem Thema abbrächte. Unsere 
Auffassung von dem mit unheimlicher Sehuelle anwachsenden Tropfen 
Fischöls als Urinsymbol (auch in einem Fall Krafft-Ebings ver- 
tritt das öl den Urin) wird aufs Schlagendste bestätigt durch die bereits 
erwähnte Version bei Boas, wo die Flucht des Mädchens dem Manne 
durch den — Nachttopf angezeigt wird, was sonst absolut keinen 
Sinn haben könnte. Durch diesen überraschenden Beweis ermutigt, 
dürfen wir mit Rücksicht auf die dem Mythus zugrunde liegende sexuelle 
Verfolgung des Mädchens durch den brünstigen Mann auch die anderen 
., zauberkräftigen" Elemente der magischen Flucht hi sexual symbolischem 
Sinne auffassen. Der Wetzstein und das Messer sind typische Penis- 
symbole, deren wunderbares und rasches Anwachsen uns aus zahl- 
reichen einwandfreien Analysen als Bilder der Erektion geläufig sind 1 ) 
und der „Wald" kann in diesem Zusammenhange nichts anderes als 
die Schamhaare symbolisieren. Ehe man diese Deutung als willkürlich 
und gesucht zurückweist, beachte man noch, daß wieder auf Grund 
dieser Auffassung, und nur auf Grund derselben, ein sonst im verstandenes 
Detail einen guten Sinn bekommt. Wie früher der Nachttopf als Rudi- 
ment der ursprünglichen Bedeutung isoliert in der Sage steht, so erklärt 
sich auch aus unserer Deutung, warum bei der zweiten Wunderhandlung 

*) Bei Beziehung der mythologischen Traumerzählung auf einen Mann wäre 
mau versuchten die durch Harndrang hervorgerufenen Morgenerektionen zudenken. 



106 Otto Rank. 

gerade ein Kamm zum Wald werden muß, wenn man diesen als sym- 
bolische Darstellung des Haarwaldes auffaßt. Diese Bedeutung des 
,, Waldes" können wir aber nicht nur aus Traumanalysen (vgl. Freud: 
Bruchstück einer Hysterieanalyse, Kl. Sehr. II, S. 88) 1 ), sondern 
auch direkt aus verwandten mythologischen und dichterischen Bildern 
(der „Liebesgarten" und alle ihm entsprechenden Bilder) als allgemein- 
menschliche bestätigen. Es sei nur eine finnische Überlieferung (Stucken 
S. 335) erwähnt, wo Wipuns Behaarung grotesk-gigantisch als Be- 
waldung beschrieben wird, wie auch sonst in den Kosmologien, welche 
die Welt aus einem Menschen entstehen lassen, die Behaarung desselben 
zur Bewaldung wird. Auch in Ovids Darstellung von der Verwand- 
lung des Atlas in ein Gebirge entsteht aus den Haaren der Wald 
(Metam. 4, 657). Dem Motiv der „magischen Flucht" liegt also ein 
sexueller Angsttraum zugrunde (sexuelle Verfolgung), der regressiv zum 
vesikalen Wecktraum wird, ganz wie in den angeführten wirklichen 
Träumen, wobei die fortwährende Verzögerung der Verfolgung- und 
damit des Erwachens der Bequemlichkeitstendenz entspricht. Unter- 
stützend mag in diesen Fällen gewiß die physiologische Tatsache mit- 
wirken, daß ängstliche Empfindungen leicht zu Harn- und Stuhldrang 
führen, obwohl es für den Traum noch zweifelhaft ist, ob in ihm die (sexuell 
bedingte) Angst den Harndrang weckt oder der Harndrang die ängstliche 
Empfindung (das Bett zu benässen) im Verlauf seines Anwachsens steigert. 
In diesem Sinne hat Laistner (II, 232 u. fg.) eine Reihe von 
Überlieferungen aufgefaßt, indem er ausführt: „Schweiß ist nicht das 
einzige Naß, wodurch sich ein Angstzustand verrät oder das dem Alp- 
traum gemäß wäre (vgl. I, 45); es ist der vom Alp geplagten Menschheit 
nicht zu verdenken, wenn sie aus Rache die eigenen Schwächen ihm 
aufbürdete und keine Verantwortung für die Spuren seines Besuches 
übernahm. Sie erfand sogar einen Zauber, ihn an seiner angeblichen 
Schwäche zu fassen (Wolf: Niederl. Sag., S. 346, Nr. 251; Lütolf, 
S. 118).... Offenbar sitzt in krankhaft veränderten Ausscheidungen 
der Alp selber oder wenigstens ein Stück von ihm; das nämliche Mittel, 
das ihn hindert, an jungen Ziegen zu saugen (oben S. 174 f.), wird 
deshalb in Mecklenburg angewandt, um Kindern die Unreinlichkeit 

*) Dazu auch Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, S. 37: 
„der Wald auf dem sogenannten Venusberg beim Weibe." Vgl. dazu den „Berg" 
bei der „magischen Flucht". Einige Überlieferungen, in denen ein zauberkräftiges 
Instrument dem Vater die Flucht der von ihm sexuell verfolgten Tochter an- 
zeigt, hat Riklin (1. c. S. 80 f.) mitgeteilt. 



Die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 107 

abzugewöhnen (Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, § 510)/' So 
erklärt sich die Vorstellung, daß „der Alp netzt (vgl. I, 49): wo der 
Scherber steht, wird es naß am Boden ; die Gongers auf Silt hinterlassen 
einen Floß salzigen Wassers in der Stube ; der griechische Kalikantsaros 
pißt in die Herdasche und in alle offenen Gefäße und wäscht sich mit 
dem darin vorgefundenen Wasser den Körper. Wenn nun der Wilde Jäger 
sich gleichfalls wäscht und die Wilde Jägerin zu eben diesem Zweck ihr 
eigenes Wasser nimmt (Jahn, S. 17, Nr. 19; Bartsch 1, 7. 19, Nr. 8. 
23, 2; Kristensen, Jyske Folkemnider 4, 14G, Nr. 210), so scheint 
dieser Zug, dem wir hier nicht weiter nachgehen können, mit dem von 
den netzenden Hunden in Zusammenhang zu stehen, und wiewohl die 
Auffassung, es habe eine naturmythische Zubildung zur Lursage vom 
Wilden Jäger stattgefunden, durchaus zulässig wäre, müssen wir uns 
doch bedenken, sie einzuräumen. Völlig zu der unreinlichen Gewohnheit 
des Kalikantsaros stimmt das Betragen der Hunde in vogtländischen 
Sagen; es hat sich einer vor der wilden Jagd in einen Graben versteckt, 
aber jeder der vorbeirasenden Hunde hält bei ihm an und hebt das 
Bein auf, so daß seine Kleider noch lange ganz unbrauchbar waren 
(Eisel S. 121, Nr. 313). Und ganz Übereinstimmendes wird aus Pommern 
gemeldet (Hofer in Pfeiffers Germ. 1, 103). Auch an eine schwäbische 
Sage ließe sich denken. Bei Ellwangen geht der Geist eines Jägers 
um; ein junger Bursche rief ihn einst bei seinem Spottnamen Hosen- 
fleck er und forderte zu trinken, er sei durstig, da erschien der Jäger 
im höchsten Zorn mit einem Fäßlein, aus dessen Spundloch ein feuriges 
Naß sich ergoß, und warf dann den Jungen mit solcher Wucht in den 
Graben, daß er in der Frühe übel zugerichtet nach Hause wankte 
(Birlinger 1, 13, Nr. 11). . . . Wenn Pferde krank und schweißtriefend 
im Stalle gefunden werden, so heißt es, der Alp habe sie geritten: aus 
der Erschöpfung, in welcher der Mensch vom Alptraum zu erwachen pflegt, 
wird auf ein Alperlebnis des erschöpften Tieres geschlossen; die Sage weiß 
dann vom Schaum des Schimmels, den der wilde Jäger reitet, zu be- 
richten, er habe sich in Gold verwandelt (Jahn S. 12, Nr. 12) " 

Haben wir so die für den Harndrang- und den ihm parallel ge- 
schichteten Geburtstraum charakteristische Symbolbildung als all- 
gemeinmenschliche erkannt, so dürfen wir sie endlich auch in einem be- 
deutsamen und weitverbreiteten völkerpsychologischen Gebilde wieder- 
erkennen, das sich uns im Verlaufe unserer Untersuchung wiederholt auf- 
drängen mußte. Der herabströmende Regen, das stete Anschwellen 
des Wassers, die damit verbundene Gefahr, die Rettung in einem der Größe 



10S Otto Rank. 

de? Wassers entsprechenden Schiff: all das drängt zur Auffassung, 
daß auch die Flutsagen mit einer tiefreichenden Schichte ihrer Be- 
deutung in diesen psychischen Zusammenhang einzureihen sind. Es 
kann sich hier nicht um eine eingehende Untersuchung all dieser 
durch Zeit und Raum so weit getrennten Überlieferungen bei Kultur- 
und Naturvölkern handeln, welche dem Gestaltungs- und Bedeutungs- 
wandel dieses zum Teil hochkomplizierten Mythus im einzelnen nachgeht. 
Wir kennen heute bereits gegen 200 verschiedene Flutsagen, die rein 
stofflich schon eine eigene Bearbeitung erfordern würden. Wir wollen 
uns hier damit begnügen, das ungeheuere Material auf Grund der er- 
kannten Symbolik schematisch zu sondern und von den ziemlich gut 
voneinander zu lösenden Schichtungen zwei dem Unbewußten an- 
gehörige und darum bis jetzt nicht beachtete besonders hervorzuheben. 
Wir betonen aber dabei nachdrücklich, daß wir die anderen Bedeutungen 
keineswegs zu leugnen oder in ihrer Geltung zu beeinträchtigen suchen, 
sondern sie für diesmal nur als längst und allgemein bekannt beiseite 
lassen. Dazu gehört z. B. die späte ethisch-religiöse Tendenz, die dem 
ursprünglichen Mythus — wie manche Parallelen bei den Natur- 
völkern zeigen — völlig abgeht und die sich charakteristisch bis in 
die Rationalisierung des Namens erstreckt, die aus der Sintflut, d. h. 
der großen Flut (sint = groß, ungeheuer) eine „Sündflut" als Strafe 
Gottes gemacht hat. Auch wollen wir die Berechtigung der ethno- 
graphischen Deutung, welche die Sage als Erinnerung an ein verheerendes 
Naturereignis auffaßt, hier nicht näher prüfen, obwohl dieser Stand- 
punkt, den für die babylonisch-biblische Sage noch Eduard Sueß (Das 
Antlitz der Erde, Bd. 1, S. 25 ff.) vertreten hat, von den Mythologen 
bereits aufgegeben ist, welche diese Überlieferungen als echtes mythisches 
Gut betrachten. So hält auch Wundt (1. c. S. 457) es für „wenig wahr- 
scheinlich, daß bei irgend einer dieser Sagen die geschichtliche Erinnerung 
an ein einzelnes Naturereignis im Spiel gewesen sei, wie dies vielfach an- 
genommen worden ist". Wir stehen somit auf mythischem Boden, 
in dessen Bereich das symbolische Denken Geltung besitzt, Wenn wir 
nun wirklich die Sagen von der großen, verheerenden Flut, aus der 
ein Menschenpaar oder ein Mensch (eben der Träumer) durch Rettung 
in einem schwimmenden Kasten (Schiff) heil hervorgeht, mit der in 
den Harndrangträumen erkannten Symbolik besser zu verstehen 
glauben, so bestärkt uns in diesem anscheinend recht kühnen Unter- 
nehmen ein höchst beachtenswerter Umstand. Das gewaltige Material 
der Flutsagen ist ein ziemlich disparates und ungleichwertiges: Neben 



Die Symbolschichtung im Wecklraum usw. 109 

ganz einfachen schmuck- und tendenzlosen Berichten, wie sie sich 
besonders bei Naturvölkern finden, kennen wir hochkornplizierte 
Bildungen, wie beispielsweise den biblischen Bericht, die in eine ganze 
Schöpfungsgeschichte eingekleidet sind. Dazu kommen noch eine 
Reihe von anderen Überlieferungen, die nicht unter dem Namen der 
Flutsagen gehen, aber von den älythologen mit Recht der gleichen 
Gruppe zugerechnet werden, weil sie die gleichen Elemente wie die 
Flutsagen, wenn auch in anderer Einkleidung, enthalten. Solche Über- 
lieferungen sind insbesondere: der Aussetzungsmythus (Wundt: 
Truhenmärchen) und die Verschlingungssagen. Nun stimmt es 
auffällig mit unseren Wecktraumanalysen überein, daß diese beiden 
den Flutsagen analogen Mythengruppen sich als symbolische Darstellun- 
stellungen des Geburts Vorganges erweisen. Für die Verschlingungs- 
mythen wäre dieser Nachweis an Hand des reichhaltigen von Fr o be nius 
(Das Zeitalter des Sonnengottes, Berlin 1901, Bd. 1) gesammelten 
Materials leicht im Detail zu erbringen. Doch mag hier eine schematische 
Inhaltsangabe und Deutung dieser meist als Walfischsagen einge- 
kleideten Überlieferungen hinreichen. Der Held 'wird entweder als 
Knabe oder Erwachsener (manchmal auch mit seiner Mutter, seinen 
Brüdern usw.) von einem Ungeheuern Fisch verschlungen, ganz wie 
in der biblischen Jonasage, und schwimmt eine Zeitlang im Fischbauch 
auf dem Meere. Zur Stillung des Hungers beginnt er häufig das Herz 
des Fisches abzuschneiden, entzündet ein Feuer in seinem Innern und 
wird endlich von dem Ungetüm ans Land gespien oder gelangt durch 
Aufschlitzen des Bauches ins Freie. Frobenius hat diese zahlreichen 
und mannigfach variierten Überlieferungen, besonders mit Rücksicht 
darauf, daß dem Helden meist infolge der großen Hitze im Innern des 
Tieres das Haar (Strahlen) ausfällt, als Sonnenuntergangs- respektive 
Äufgangssymbole betrachtet. Diesen himmlischen Ursprung des Mythos 
hat jedoch bereits Wundt (1. c. 244) abgewiesen, indem .er den 
menschlichen Inhalt der Vorstellungen betonte (S. 262) und ihre Be- 
ziehungen zum Truhenmärchen und zur Flutsage hervorhob. Auf 
Grund unserer Kenntnis der Traumsyrnbolik und der infantilen Sexual- 
theorieu 1 ) kann uns die Bedeutung dieses Verschlingungsmythos als 

i ) Dazu gehören: Die Befruchtung durch Verschlueken, das Gebären durch 
Aufschneiden des Bauehes (Rotkäppchen), durch Ausspeien (Kronos) und auf dem 
Wege eines Exkrementes (vgl. Frobenius, S. 90, 92, 125). Ich verweise auf meine: 
„Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien" (Zentralblatt 
für Psychoanalyse, II. Jahrgang, 1912, Heft 7 8.). 



HO Otto Rank. 

infantile Auffassung der Schwangerschaft (Aufenthalt im Mutterleib) 
und des Geburtsvorganges kaum zweifelhaft sein; manche der Über- 
lieferungen symbolisieren den Geburtsvorgang mit aller detaillierten 
Deutlichkeit (vgl. Beispiel F. S. 66 bis 68 u. v. a. bei Frobenius) 
und meist spielt in der Geschichte überdies auch eine Schwangere eine 
Rolle. Der Aufenhalt im „Bauch" und die Ernährung im Mutterleib 
kann wohl nicht deutlicher geschildert werden und nur die Verblendung 
allem gegenüber, was mit der Sexualität in Verbindung steht, konnte 
diese Bedeutung des Mythus bis jetzt übersehen. Der ursprünglich 
feindliche und dann zum „Retter" gewordene Fisch ist in der Flutsage 
zum bergenden Schiff (das lautlich merkwürdigerweise der Umkehrung 
von Fisch entspricht) und im Aussetzungsmythus zum schützenden 
Kasten oder Körbchen geworden, symbolisiert aber überall in gleicher- 
weise den bergenden Mutterschoß (vgl. dazu auch die interessanten 
Geburtsphantasien einer Deinen tia-praecox Kranken, die S. Spiel- 
rein im diesem Jahrb. III, S. 367 fg. analysiert hat; z. B. „Schiffs- 
gefahr" = Abortus usw.). In der indischen Flutsage ist es beispiels- 
weise ein Wunderfisch der die Arche Manus dem rettenden Berge 
zuführt (Wundt S. 176). Für den Aussetzungsmythus habe ich 
den Nachweis der Geburtsbedeutung im Detail zu erbringen gesucht 
in meiner Arbeit über den „Mythus von der Geburt des Helden" 
(Deuticke 1909), wo ich bereits andeutete (S. 71 Anmerk.), daß die Flut- 
sagen nichts anderes zu sein scheinen als der universelle Ausdruck des 
Aussetzungsmythus 1 ), der die feindliche Aussetzung (Geburt) des 
Helden meist durch den Vater im Kästchen ins Wasser und seine 
wunderbare Rettung durch hilfreiche Tiere (vgl. den rettenden Fisch) 
oder gutherzige Menschen zum Inhalt hat. In der Sintflutsage ist die 
ganze Menschheit in einem Vertreter zum Helden geworden, der zür- 
nende Vater erscheint als der himmlische und auch hier erfolgt die 
Rettung (i. e. Wiedererzeugung) des Menschengeschlechtes aus der 
großen Gefahr. Ja, die biblische Aussetzungssage von Moses bietet 
insofern das direkte Gegenstück zur biblischen Flutsage von Noah, 
als der verpichte- Kasten, in dem Noah auf dem Wasser schwimmt, 



J ) Die Flutsagen werden auch aus rein mythologischen Gründen mit den 
Aussetzungs- und Verschlingungsmythen in Parallele gesetzt, z. B. von Wundt, 
Frobenius u. v. a., weil die Übereinstimmung in den einzelnen Elementen, 
namentlich den symbolischen Details, zu auffällig ist. Wir suchen diese Zu- 
sammengehörigkeit hier von der psychologischen Seite zu erweisen und zugleich 
zu verstehen. 



Die Symbol «chichtung im Wecktranm usw. 111 

im Alten Testament mit demselben Worte (tebah) bezeichnet ist wie 
das Gefäß, in dem der kleine Moses ausgesetzt wird (Jeremias: Das 
Alte Testament im Lichte des alten Orients, 2. Aufl. Leipzig 1906, S. 250). 
Flutsage und Aussetzimgsmythus bedienen sich also ebenso der gleichen 
Symbolik wie der vesikale Harnreiz und der sexuelle Geburtstraum 
und die zwei Formen oder Bedeutungsschichten der Flutsagen ent- 
sprechen vollauf bis ins Detail der in unseren Traumbeispielen auf- 
gedeckten Übereinanderlagerung von vesikaler und sexueller Sym- 
bolik. Zum Unterschied von dem vorwiegend sexualsymbolisch ein- 
gekleideten Versehlingungs- und Aussetzungsmythus, der die Geburts- 
geschichte und den Familienroman betont, ist in der Flutsage der 
Hauptakzent auf die große stets anwachsende und gefahrdrohende 
Wasserrnenge gelegt, was wir eben mit dem vorwiegend vesikalen 
Anteil bei dieser Sagengruppe in Zusammenhang bringen. Unter den 
Flutsagen selbst gibt es dann, wie bereits erwähnt, wieder solche, die 
fast nur den vesikalen Traum widerspiegeln (die einfachen und schmuck- 
losen mancher Naturvölker), andere, die über diese primitive (infantile) 
Schichte die spätere sexuelle gelagert zeigen (wie der biblische Bericht), 
der ja eine vollständige Wiedergeburt des Menschengeschlechtes 
enthält. Die ethisch-religiöse Tendenz wird uns in diesem Bericht als 
dritte oberste Schichte verständlich, die der sexuellen Schichtung 
widerspricht und als Niederschlag ihrer Verdrängung anzusehen ist, 
indem ja die Strafe der Sintflut wegen der sexuellen Ausschweifungen 
und der damit verbundenen Vermehrung (Geburten) der Menschen 
verhängt wird 1 ), ähnlich wie in der biblischen Sintbrandsage 2 ), der 
Zerstörung Sodoms und Gomorrhas. Euer zweigt dann der Weg in eine 
andere psychische Schichte ab, die einen Hauptanteil der Triebkraft für 
die Mythenbildung liefert. Dieser anstößige und sträfliche Sexualverkehr 
erweist sich bei eingehender Untersuchung nicht nur, wie das Alte Testa- 
ment deutlich zeigt, fast immer als ein inzestuöser (oder als sonst speziell 
verbotener und anstößiger; Lotsage), sondern auch dem Aussetzungs- 
mythus liegt ja der gleiche zum Familienroman ausgebildete Komplex 

*) Genesis, Kapitel 6: ,,Da sich aber die Menschen beginneten zu mehren 
auf Erden, und zeugten ihnen Töchter; da sahen die Kinder Gottes nach den 
Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche 
sie wollten." 

2 ) Auch bei der Sintflut wird das verderbliche Xaß warm gedacht. Die 
Sanhedrinstelle spricht von „heißem Wasser", wie die Sintflut im Koran. — 
Der Prophet des babylonischen Exils nennt che Sintflut nie Xo'äch, das Wasser 
Xoahs. 



112 Otto Rank. 

zugrunde. Und so werden wir uns nicht wundern, wenn die Sintflut- 
sage, wie im biblischen Bericht, auf die völlige Vernichtung des „sünd- 
haften" Menschengeschlechts ausgeht und dann der oder die einzig 
übriggebliebenen Menschen das neue Geschlecht notwendigerweise 
durch Inzestverbindungen wieder erschaffen müssen, wie noch deutlich 
in der Sintbrandsage von Lot und seinen Töchtern; andere Male er- 
scheint diese Wiederkehr des verdrängten (bestraften) Inzests verdeckt 
oder symbolisch eingekleidet (vgl. dazu die erwähnten „Völkerpsycho- 
logischen Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien"). Diese Wiederkehr 
des Inzests löst sich dann bei weiterer Analyse in eine einfache Recht- 
fertigung der Inzestphantasien durch Schaffung einer Situation, in der 
ihre Durchsetzung nicht nur erlaubt, sondern im Interesse der Erhaltung 
des Menschengeschlechtes geradezu gefordert wird. Diese ganze psycho- 
sexuelle Phantasiebildung von infantilen Zeugungstheorien (Inzest) 
und Geburtsauffassungen ist aber im Wecktraum wie in den ihm ent- 
sprechenden Mythenbildungen unterfüttert von der frühinfantilen 
und regressiv wiederbelebten Harnerotik, mit deren Verdrängung 
die psychische Schichtung einsetzt. Das ist aber individuell und ent- 
wicklungsgeschichtlich gegeben durch die Einschränkung der natürlichen 
Verrichtungen auf gewisse Zeiten und unter Schamempfindung (vgl. noch 
unser „auf die Seite gehen"). Daher entsteht auch die große, verderbliche 
Flut, aus der dann das neue Menschengeschlecht hervorgeht, aus 
einem ungeheueren Regen, den wir als typisches Urinsymbol bereits 
kennen, und der in anderen Überlieferungen mit sexueller Symbol- 
bedeutung als das die Mutter Erde befruchtende Naß, als Sperma, 
erscheint (vgl. Völkerpsycholog. Parallelen zu den inf. Sex. Theorien). 
Diese Zurückführung der Flutsagen in einer ihrer tiefsten Schichtungen 
auf den vesikalen Traum ist jedoch nicht, wie böswillige Kritiker 
vielleicht gern möchten, eine mutwillige Erfindung der Psychoanalytiker, 
sondern drängt sich bei vorurteilsfreier Prüfung des Materials auch 
anderen Forschern auf. Und wenn auch erst psychoanalytische Er- 
gebnisse und Methodik die breite allgemeinmenschliche Fundierung 
dieser Auffassung anzubahnen vermögen, so finden sich doch Andeutungen 
derselben bereits bei einzelnen Mythologen. So bringt Stucken (1. c. 
S. 264 Anmerkg.) auf Grund einer esthnischen Überlieferung die Flut- 
sagen mit dem Urinieren in Verbindung und ähnlich spricht W. S c h u 1 1 z 1 ) 
mit Hinweis auf vereinzelte Überlieferungen von einem Ursprung der 

*) Das Geschlechtliche in gnostischer Lehre und Übung (Zeitschrift für 
Religionspsychologie, Band V (1911), Heft 3, S. 85, Anmerkung 1). 



Die Symbölschichtung im "Wecktraum üsw. 



113. 



Sintflut aus dem cunnus. Einer Verknüpfung, die sich mit typischer 
Wiederkehr in unseren nächtlichen Träumen, in Glaube, Sprachgebrauch 
und Witz, in Sagen- und Mythenbildung der Kultur- und Naturvölker 
sowie in den seltsam ähnlichen Produktionen der Gemüts- und Geistes- 
kranken in gleicher Weise findet, muß wohl ein sehr allgemeiner und 
allermenschlichster Inhalt zugrunde hegen. In wie disparaten psy- 
chischen Gebilden sich diese gleiche Beziehung immer wieder verrät, 
sei schließlich noch an der Gegenüberstellung dreier grundverschiedener 
Gestaltungen des gleichen Komplexzusammenhanges gezeigt. In seiner 
Studie über „die Sexualität der Epileptiker'*' (Jahrb. I) hat Maeder 
unter anderem den sehr interessanten Fall eines mit Koprophagie und 
Urolagnie behafteten Patienten mitgeteilt, der eine Reihe der typischen 
„infantilen Sexualtheorien" aufweist. So glaubt Patient, daß im Urin 
der Samen enthalten ist. (Zahlreiche Patientinnen sagen, sie dürfen 
weder Urin noch Milch trinken, sonst werden sie schwanger.) Der 
Urin ist für ihn der Anteil des Mannes an der Schöpfung eines neuen 
Lebewesens. Der „Brunzel" werde bei der Annäherung mit der Frau 
eingeführt, das „Brunzeln" selbst sei der wichtigste Akt. Am nächsten 
Tage ist der Boden der Zelle ganz naß: „ich habe mich hingelegt 
und laufen lassen; das verbreitet das Leben, eine Zeugung hat 
stattgefunden". In diesem Stadium erlebt er regelmäßig die Sint- 
flut, die er selbst, als Gott, durch Urinieren macht. Er betont 
gern : Sündflut, er hat gesündigt. Eine Jugendfreundin tritt regelmäßig 
als Eva auf. Die Epilepsie sei auch eine Buße für die Sünde" (S. 146). 
Wir sehen hier nicht nur, daß der Geisteskranke den vesikalen Traum, 
den wir träumen, in Handlung umsetzt, ihn zu realisieren sucht, weil 
er für ihn lustvoll ist, sondern wie er ihn, ganz wie in unserer zweiten 
Traumschichte, sexualisiert. Aber nicht nur die Zeugung symbolisiert 
ihm der Akt, sondern direkt, in völliger Analogie zu der Traumsymbolik, 
auch den Geburtsvorgang. „Einmal trifft man ihn nackt auf dem Boden 
der Zelle, in seinem Urin badend, „es habe eine Entbindung 
stattgefunden" (S. 145). Diesem pathologischen Ausdruck der 
Symbolbedeutung und dem von ethischer Tendenz durchdrungenen 
biblischen Bericht stellen wir eine naive Sage der amerikanischen 
Naturvölker und schließlich ein Detail aus einer hochwertigen mythischen 
Erzählung der Antike gegenüber. Es klingt fast wie eine ironisierende 
Umkehrung der biblischen Flutsage, wo die Arche „am siebenzehnten 
Tage des siebenten Monats" sich auf dem Gebirge Ararat niederläßt, 
wenn in einer Mythe aus Heiltsuk (Frobenius I, 299) Mann und Frau 

Jahrbuch für psychoanalvt. u. psychopathol. Forschungen. IV. S 



,114 Otto Rank. 

auf dem Gipfel eines Berges ein Boot bauen. „Der junge Mann wundert 
sich, wie dies wohl zum Meere hinabkommen würde. Die Frau beruhigt 
ihn aber. Sie laden Nahrungsmittel in das Boot. Dann setzen sie sich 
hinein — oben auf dem Berggipfel. Dann fing aber die Frau an zu harnen 
und aus ihrem Harn entstand ein großer Fluß. Auf dem Fluß begaben 
sie sich fort." 

Endlich besitzen wir noch eine für unsere Beweisführung sehr 
wertvolle Überlieferung der Antike, welche die aufgedeckten. Beziehungen 
wie in einem Brennpunkt zusammenfaßt. In der bekannten Herodo- 
tischen Version der Kyrossage (1, 107 u. ff.) wird ein Traum des später 
von Kyros seiner Königswürde beraubten Astyages berichtet, welcher 
seine Tochter Mandane betrifft. „Einst sah er sie im Traum, 
wie so viel Wasser von ihr ging, daß seine ganze Stadt davon 
erfüllt und ganz Asien überschwemmt wurde." In der weniger 
bekannten Ktesianischen Version der Sage wird dieser Traum psycho- 
logisch getreuer der mit dem zukünftigen Kyros bereits schwangeren 
Mandane selbst zugeschrieben 1 ), die vielleicht in noch deutlicherer 
vesikaler Symbolik träumt, „es sei so viel Wasser von ihr gegangen, 

x ) Daß der Traum bei Herodot dem Vater zugeschrieben wird, erscheint uns 
keineswegs als willkürliche Variante, denn in dem der Sage zugrunde liegenden 
Familienroman ist es regelmäßig der leibliche Vater des noch ungeborenen Knaben, 
dem ein verhüllter Traum Gefahr und Verderben vom Sohne prophezeit. Aus 
dem ganzen mythischen Material und dem psychologischen Zusammenhang ist 
dieser dem Astyages zugeschriebene Traum als symbolisch eingekleideter Inzest 
mit der Tochter aufzufassen, die er wie andere ähnlich gesinnte Väter keinem 
Manne gönnt und strenge bewachen läßt. Das zur Welt gebrachte Kind ist dann 
tatsächlich sein eigener Sohn, wie in den meisten verwandten Überlieferungen 
und seine Aussetzung erfolgt dann, wie in einer Reihe anderer Sagen, um die 
eingetretenen Folgen des Inzests zu vertuschen. Der Kreis der Beweisführung 
in diesem Sinne wird geschlossen durch die einander ergänzenden und deutenden 
Berichte des Herodot und Ktesias. Nach dem ersten ist Kyros ein Sohn von 
Astyages Tochter, nach dem zweiten nimmt er aber nach Besiegung des Astyages 
dessen Tochter, also seine Herodotische Mutter, zur Frau und tötet ihren Mann, 
der bei Herodot als sein Vater auftritt. Wie der Traum Cäsars Vom Geschlechts- 
verkehre mit der Mutter von den Magiern als Ankündigung von der Besitz- 
ergreifung der Mutter Erde rationalistisch ausgelegt wird, so darf man hier um- 
gekehrt den Traum von dem durch eine ungeheuere Flut benäßten eunnus der 
Tochter seinem latenten Inhalt nach als Geburtstraum auffassen, dem speziell 
der Geschlechtsakt zwischen Vater und Tochter zugrunde liegt, der aber bereits 
auf die gleiche Besitzergreifung der Mutter (ganz Asien, Mutter Erde) durch den 
Sohn hindeutet, weswegen dieser eben von dem eifersüchtigen Vater ausgesetzt 
wird, aber doch seinem für ihn sieg- imd ruhmreichen Schicksal nicht entgeht. 
(Vgl. dazu: Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909.) 



Die Symbol Schichtung im Wecktraum usw. 115 

daß es einem großen Strome gleich geworden, ganz Asien überschwemmt 
habe und bis zum Meere geflossen sei". Dieser so überraschend an die 
Flutsagen anklingende Traum ist seinem manifesten Inhalt nach ein un- 
zweideutig vesikaler Traum, da ja das Wasser aus dem cunnus fließt. 
Und doch wird derselbe Traum im Zusammenhang der Sage seinem 
latenten, dem Träumer selbst unbewußten Gehalt nach als Geburts- 
traum gedeutet und aufgefaßt. Astyages legt nämlich diesen Traum 
den Traumdeutern unter den Magiern vor, die daraus schließen, daß 
die (bei Herodot noch unvermählte, bei Ktesias bereits schwangere) 
Tochter einen Sohn gebären werde, dessen Herrschaft sich — wie 
das Wasser — über ganz Asien erstrecken und dem König selbst Ver- 
derben bringen werde. Die mythische Überlieferung kennt also hier 
selbst noch die doppelsinnige Schichtung des Traumes, die wir auf 
Grund unserer individuellen Traumanalysen aufdecken konnten. 



Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 

Von Seh. Grebelskaja. 



Krankengeschichte. 

Des Patienten Vater war immer etwas sonderbar, verschlossen, 
aber intelligent und arbeitsam. Die Mutter war debil, ist an Phthise ge- 
storben. Ein Bruder des Vaters soll Selbstmord begangen haben. Eine 
Schwester des Patienten litt an Dementia praecox, eine andere ist imbezill. 
Ein Bruder und eine Schwester sind gesund und intelligent. 

Patient ist 1869 geboren. Schon als Kind war er etwas reizbar. 
In der Schule war er fleißig, machte die Primär- und Sekundärschule 
durch, las auch sehr viel. Schon in der Schule klagte er den Lehrern, 
die Schüler lachten ihn aus, besonders während des Turnens. Er hatte 
keine Kameraden, zog sich zurück, spielte wenig. Mit 16 Jahren ging 
er in die Lehre zu einem Mechaniker, weil ihm dieser Beruf am meisten 
imponierte, bekam aber so starkes Heimweh nach dem Vater (wie er 
mir angab), daß er schon nach 14 Tagen die Stelle verließ. Er wurde 
nun Kellner und arbeitete als solcher in verschiedenen Städten der 
Schweiz, Frankreichs und Englands. Auch dieser Beruf machte ihm 
aber keine Freude und er entschloß sich, mit dem Vater zusammen das 
Geschäft (Hutfabrik) weiterzuführen. Er übernahm eine ziemlich 
selbständige Stellung, wobei es ziemlich gut ging. Das Verhältnis 
zum Vater war in dieser Zeit besonders gut ; der Patient lernte sehr viel 
von ihm. Im Jahre 1897 machte er die Bekanntschaft eines jungen 
Mädchens, mit dem er sich bald verlobte. Patient meinte aber, der 
französische Zug in ihrem Charakter (sie hatte französisches Blut), 
paßte nicht gut zu seiner ruhigen Familie. Er verdächtigte sie bald 
der Untreue und löste nach einiger Zeit die Verlobung. Er fühlte sich 
nun von allen Leuten gekränkt, wurde stark nervös. Mit besonderer 
Liebe und mit Erfolg gab er sich dem Schießsport hin. Inzwischen 
war er immer verstimmt, mißtrauisch, verlor Schlaf und Appetit. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 1 1 ' 

Als er einmal abends im Jahre 1900 nach Hause ging, wurde er ange- 
rempelt und, als er anfing zu schimpfen, auch noch durchgeprügelt. 
In der Finsternis erkannte er den Täter nicht, war aber überzeugt, 
daß das ein gewisser D. sei, der mit ihm in der Sekundärschule zusammen 
war, wo D. der beste Turner war. Er verklagte den Betreffenden, hatte 
aber nachher keine Kühe. Der vermeintliche Täter und seine Freunde 
wurden vom Patienten verdächtigt, daß sie ihn immer verspotteten, 
daß sie Hilferufe nachahmten, die er beim Überfall ausgestoßen habe. 
Es sei ein Komplott gegen ihn ; man schikaniere ihn ; besonders in der 
Nacht machten sie sich im gegenüberliegenden Restaurant über ihn 
lustig, machten Anspielungen auf die Begebenheiten jener Nacht, alles 
laut, damit er es hören solle. Daraufhin drohte er einem von den 
Kameraden des D., „ihn kaput zu machen", zog sogar seinen Revolver 
heraus, den er in der letzten Zeit immer tiug, um sich vor den Feinden 
zu schützen. Auf die Klage dieses 0. wurde Patient ärztlich untersucht 
und mit der Diagnose „Paranoia" wegen Gemeingefährlichkeit der 
Anstalt überwiesen. Hier ergab sich, daß er sich von allen verfolgt 
fühlte; wenn jemand schrie, hustete, lachte, so bezog er alles auf sich. 
Auch hörte er Stimmen. 

Als aber der Patient sich etwas beruhigt hatte und versprach, 
keine Waffen mehr zu tragen, wurde er auf Zusehen hin entlassen. 

Nach einiger Zeit hatte er sich freiwillig in eine andere Anstalt 
aufnehmen lassen, um sich den Verfolgungen zu entziehen. 1903 wurde 
er von der Polizei wieder in die Anstalt gebracht, weil er wiederum 
gemeingefährlich wurde. Er meinte, man wolle ihn töten. Einmal 
hatte er sich aus dem Fenster stürzen wollen, um sich vor den Feinden 
zu retten. Er bildete sich ein, daß die Leute ihn schikanieren, seine Ge- 
danken erraten, ihn lebend sezieren wollen, seinen Körper auf ver- 
schiedene Art schwächen. 

Status praesens bei der Aufnahme. 

Klein, schmächtig, mit einem gewissen scheuen und argwöhnischen 
Ausdruck steht oder geht Patient auf der halbruhigen Abteilung umher 
mit gesenktem Kopfe, stets sichtlich innerlich beschäftigt, wenn er nicht 
schreibt oder seine Erfindungen konstruiert. Den Ärzten gegenüber 
macht er sich beständig durch allerlei Mitteihmgen bemerkbar, teils über 
seine Erfindungen, seine Freilassung, seine erwiesene Gesundheit, über 
Beobachtungen von allerlei seiner Meinung nach unsauberen Ungehörig- 
keiten auf der Abteilung, etwa auch einmal über allerlei Beschwerden. 
Dabei ist Patient durchaus nicht harmlos und man hat sich sehr zu hüten, 



118 Seh. Grebelskaja. 

was rann mit ihm spricht. Er gerät leicht in Aufregung. So warf er einmal 
plötzlich einen Wärter zu Boden und hat manchmal mit Totschlag gedroht. 
Es ist begreiflich, daß unter solchen Bedingungen auch die Analyse ihre 
Schwierigkeiten hatte. Denn abgesehen von den sehr wechselnden und 
für die Produktivität sehr maßgebenden Launen, gab Patient allerdings 
viel Auskunft, aber nur im Gebiete seiner Kompensation, war im übrigen 
in allen Komplexbeziehungen so abgesperrt oder empfindlich, daß man 
oft nicht weiter kam. 

Patient ist gut orientiert, die Intelligenz gut, besonders aber das 
Gedächtnis. Der Gesichtsausdruck ist steif, die Affektivität schwach, aber 
doch noch erhalten. 

Beziehungswahn: Wenn zwei Leute sprechen, so spricht man 
über ihn; wenn jemand lacht, so lacht man ihn aus; wer hustet, macht 
eine Anspielung auf seine Lungenkrankheit; wer schreit, ahmt seine Hilfe- 
schreie beim Überfall nach. 

Verfolgungswahn: Man will ihn aus der Welt schaffen, man will 
ihn vergiften, man errät seine Gedanken zu Probezwecken, man schikaniert 
ihn, man behält ihn in der Anstalt, weil er eine wichtige Persönlichkeit ist. 

Größenideen: Er sei der beste Erfinder von Luftschiffen, er würde 
100.000 Franken bekommen für seine Erfindimgen. Er sei intelligenter 
als alle Ärzte. Seine Gedanken sind von großem Werte für die ganze Medizin. 
Er schreibt eine Menge Aufsätze über wissenschaftliche Themata. Neulich 
verfaßte er eine „Dissertation", die doch „sicher viel intelligenter" ist 
als die von vielen Ärzten. 

Er hat Halluzinationen des Gehörs und Gesichts. Äußert eine 
Menge hypochondrischer Klagen, er verspüre ein Brandgefühl im Kopfe, 
ein Leerwerden der Lunge. Manchmal bläht man seine Lunge auf. Man 
ruft Pollutionen bei ihm hervor. Das bewerkstelligen die Inspiratoren 
durch Feuerwirkung. 

Es handelt sich also um eine paranoide Form der Dementia praecox. 

Analyse. 

Patient gibt gern Auskunft, aber nur so lange man seine Kom- 
plexe nicht berührt. Sobald man etwas tiefer in seine Psychologie 
eingehen will, bekommt er Sperrungen, zeigt großen Widerstand und 
wird sogar hie und da etwas negativistisch. So ist die Analyse nach 
fast dreimonatiger Arbeit noch sehr lückenhaft. Er hat vieles ab- 
gesperrt, hat sich mit seiner ganzen Persönlichkeit den Erfindungen 
hingegeben, so daß man mit großer Mühe die Determination seines 
Unbewußten mit seinen bewußten Ideen und Phantasien in Einklang 
bringen kann. 

Das auslösende Moment für seine Krankheit war der Überfall. 
Er wurde geprügelt von einem kräftigen Mann, zu dem er, wie er meint, 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. H" 

früher gewisse Beziehungen hatte. Er benahm sich wie ein kleines 
Kind, schrie und bat um Hilfe. Selbstverständlich sprechen wir dieses 
Ereignis nicht als die Krankheitsursache an, sondern als ein Moment, 
das seine größten Konflikte zur Auslösung gebracht hat. Der Überfall 
hat ihm einen objektiven Beweis für seine im Innern schlummernden 
Konflikte gegeben, er bekam dadurch eine Möglichkeit, seine ihn schon 
vorher beherrschenden Komplexe nach außen zu projizieren. Und so 
brach seine Krankheit aus. 

Komplex der Sexualität. 

Beim Assoziationsexperiment bekam ich imter noch weiter zu 
schildernden kritischen Assoziationen auch folgende, die mich veranlaßte, 
den Onaniekomplex bei ihm zu vermuten, dessen Vorhandensein ich dann 

bestätigte. 

Finger — Krankheit, 
Hand — Schlaf, 
Schlaf — Reinlichkeit, 
Zahlen — 5. 

Was meinen Sie mit Finger — Krankheit? 

„ Viele Ärzte wollen immer die Onanie als Krankheitsursache her- 
stellen,' es ist aber gar nicht wahr. Ich habe noch nie in meinem Leben 
onaniert, aber viel darüber gelesen und mit meinen Freunden davon ge- 
sprochen." 

Haben Sie die Freunde direkt um die Onanie gefragt? 

„Nein, niemals, ich habe nur ein solches Gespräch mit ihnen geführt. 
Wenn die Krankheiten von der Onanie abzuleiten wären, so müßten ver- 
heiratete Personen viel mehr an Krankheiten leiden, denn Onanie und 
geschlechtliche Erhitzung sind dasselbe und müssen daher auch dieselben 
Folgen haben. Von jeher hatte ich auch jünger ausgesehen, als ich bin, 
wahrscheinlich eine Folge von „oh -na -nie, wie Dr. Seh." 

Auf die Frage, was dieses Wort eigentlich bedeuten sollte, gab 
er folgendes an: 

„Bei mir hat jedes Wort nicht eine, sondern viele Be- 
deutungen, deshalb verstehen viele Arzte meine Fragen nicht, weil sie 
sich in den Grund der Idee nicht vertiefen können. Ich habe das Wort 
gebraucht, um zu zeigen, daß es einen andern Sinn hat: es soll heißen, 
daß Dr. Seh. onaniert habe, oder überhaupt alle Ärzte. Es heißt: oh-na-me- 
wie Dr. Seh., noch nie onaniert, wie Dr. Seh., deshalb sehe ich jung aus, 
nicht wie Dr. Seh., wie man mir sagte." 

Ich wiederholte wiederum die Assoziation Finger — Krankheit, 
dann sagte er: 



120 Seh. Grebclskaja. 

„Das ist etwas . . . Krankheit kann ja in jedem Glied entstehen, 
auch in einem Finger." 

Was bedeutet Hand — Schlaf? 

„Als Kind hatte ich immer Angst, meine Geschlechtsorgane an- 
zufassen; ich glaubte, daß nur ich das tue. Ich hatte überhaupt große 
Angst, als Kind, nachher wußte ich, daß alle meine Freunde onaniert haben, 
trotzdem sie Verhältnisse hatten und ich keines." 

Haben Sic als Kind onaniert? 

„Nein, darüber gebe ich überhaupt keine Auskunft." In diesem 
Zusammenhange bemerkte er: „Bei uns in der Familie ist man sehr reinlich, 
besonders der Vater." Nur er legte eiuen Makel auf die ganze Familie. 
„Besonders peinlich war mir der Gedanke, wenn das der Vater wüßte, ihm 
gegenüber möchte ich rein sein." Er hat sich viel mit Ganzwaschungen 
zu Hause abgegeben, achtete besonders auf die Reinlichkeit seines Körpers, 
wurde überhaupt ein Anhänger des Naturheilverfahrens, weil doch Bäder 
und Waschungen von allem heilen, „rein" machen können. Er klagte, 
er leide deshalb so in der Anstalt, weil er diese Ganzwaschungen nicht 
weiter fortsetzen könne. Als Kind sah er besonders gern zu, wenn andere 
Knaben urinierten, um zu sehen, ob sie auch solche Organe haben wie er. 
Er hat wahrscheinlich die Phantasie gehabt (es läßt sich aber nicht deutlich 
durch die Analyse nachweisen), daß seine Geschlechtsorgane durch die 
Onanie verunstaltet werden, „des Blutes und der Gewebesäfte entzogen". 

In einer andern Sitzung, wo wir wieder über die Onanie sprachen, 
erzählte er mir folgendes: 

„In den Büchern steht, daß Onanie schädlich ist, während Dr. Seh. 
gesagt hat, die Pollutionen seien nicht gefährlich. Ich habe die Pollutionen 
immer mit dem Traum. Die Träume handeln immer von geschlechtlichen 
Sachen, aber von abnormen." 

Wen sehen Sie im Traum? 

„Verschiedene Personen, aber immer in merkwürdiger Stellung." 
(Ist etwas verlegen, reibt die Hände.) 

In was für einer Stellung? 

„Ja, es ist so dumm, ich kann es gar nicht sagen. Über solche Kleinig- 
keiten braucht man gar nicht zu sprechen." 

Ich kann ihn nicht dazu bringen, meine Frage zu beantworten. 
Sie wird indirekt doch beantwortet in der Analyse seiner Gesichts- 
halluzinationen (siehe unten). 

Was sind das für Personen, die Sie sehen? 

„Ich sehe sie mehr im Bilde als im Traume, es sind diejenigen, mit 
denen ich in sinnlicher' Verbindung stehe, nein in ,übersinnlichcr'. Das 
sind zuerst Dr. Seh., Prof. B. und Dr. J„ früher waren es auch D. (der 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 121 

ihn überfallen hat), A. (dessen Freund) und noch andere. Es ist eine sinnliche 
Verbindung mit einer verheirateten Person. Meine Pollutionen entstehen 
dadurch, daß ich mit noch einem Patienten sinnlich vereinigt bin, der 
vielleicht noch im wachen Zustande sich befindet und sexuell erregt ist; 
diese Erregung wird auf sinnlichem Wege auf mich übertragen, und wenn 
ich schlafe, so träume ich von demselben und bekomme eine Pollution. 
Die Verbindung mit dem Patienten wird vermittelt durch das Gehirn 
von Prof. B., indem wir beide mit Prof. B. in Verbindung stehen." 

Sind Sie auch mit Frauen in sinnlicher Verbindung? 

„Nein, niemals, nur mit Männern und meistens mit Ärzten." 

Und Ihr Vater, hat er auch Beziehungen zu dieser Vereinigung? 

„Nein, nie, was denken Sie auch!" 

Patient ist ganz entrüstet über meine Frage, beleidigt für seinen 
Vater, er fängt gleich an Schweizerdeutsch zu sprechen, aber scheinbar 
unbewußt, denn wie ich ihn darauf aufmerksam machte und ihm sagte, 
er könne schon Schweizerdeutsch sprechen, ich verstehe ihn, ent- 
schuldigt er sich und sagt, er habe gar nicht gemerkt, daß er nicht 
mehr Hochdeutsch spreche. Diese Eeaktion auf meine Frage ließ mich 
vermuten, daß diese, wie er sagte „sinnliche" mit der Erklärung 
., geistige" Verbindungen mit seinen Verfolgern (es sind alle die Per- 
sonen, die die Hauptfiguren in seinen Verfolgungsphantasien sind) 
wirklich sinnlich und gar nicht bloß geistig sind; vielleicht ist beides 
richtig. Sie sind „geistig", weil sie ja nur seine unbewußten Phantasien, 
seine Wünsche, seine gefühlsbetonten Vorstellungen, kurzum seine 
ganze Individualität, seine Psyche darstellen, aber diese „Verbindungen" 
sind auch sinnlich, denn es sind seine verdrängten sexuellen Gefühle 
und Wünsche. Wenn das nicht der Fall wäre, woher käme die außer- 
gewöhnliche Empörung über meine Frage, ob der Vater auch in „sinn- 
licher" Verbindung mit ihm stünde? Das beweist, daß auch der Vater 
irgendwie mit seinen sexuellen Komplexen zusammenhängt. Ebenso 
weist daraufhin das Schweizerdeutschreden. Immer, wenn ich auf 
seine verdrängten Komplexe zu sprechen kam, wurde er negati- 
vistiseh, bekam Sperrungen und ging unbewußt vom Hochdeutschen 
zum Schweizerdeutschen über. Der Vater ist sein Ideal von Kind- 
heit auf. In seinem ganzen Benehmen, wenn er vom Vater spricht, 
erinnert er an ein Kind, das in voller Bewunderung dem Vater gegen- 
übersteht : 

„Mein Vater ist der erhabenste Mann in der Gemeinde," sagte Patient; 
,.er kann alles, er weiß alles. Sehen Sie, Fräulein Doktor, diesen Anzug 
hat er selbst genäht, wenn Sie sehen könnten, wie feiu er nähen kann, 



122 Seh. Grebelskaja. 

wenn ich ihn sehen könnte, ihm in seinem Alter helfen könnte, wir haben 
doch so gut zusammengelebt." 

Der Vater ist das Ideal der jungen Seele. Mit dem Wachsen 
der Kritik wechselt das Objekt der ersten Verehrung, der Vater wird 
nicht mehr als vollkommen betrachtet. An seine Stelle treten andere 
Autoritäten. Nur bleiben die letzteren in diesem Stadium der infantilen 
Übertragung stehen, sie „verkriechen" sich in diese Erlebnisse; ihre 
Psyche erstarrt, statt sich weiter zu entwickeln. Der große Komplex, 
der den Kranken in jungen Jahren beherrscht, der seine ganze Psyche 
einnimmt und sie gefühllos, interesselos für alles andere im Leben 
macht, ist die Grund veranlassung, daß er keine neuen Assoziationen 
anknüpft, weil die Aufmerksamkeit für die Realität in gewissem Sinne 
fehlt ; der Kranke verharrt daher in diesem Stadium der infantilen Ver- 
ehrung, oder, wenn er sich eine Zeitlang davon befreit, kehrt er doch bald 
wieder zu seiner infantilen Einstellung zurück. Die Beziehungen des 
Patienten zu seinem Vater lassen sich bis in die früheste Jugend verfolgen : 

„Ich erinnere mich noch jetzt sehr genau, wie mir mein Vater mal das 
, Leder gegerbt' hatte, ich weiß es noch jetzt ganz deutlich, was ich für 
Gefühle hatte, ich hatte noch keine Hosen an, sondern ein Röckchen, muß 
also noch ganz klein gewesen sein." 

Was für Gefühle hatten Sie dabei? 

„Ja, daran mag ich mich gar nicht mehr erinnern, jedenfalls sah 
ich nachher bis vor kurzem ganz deutlich sein Gesicht vor meinen Augen 
mit demselben Ausdruck wie damals." 

Sehen Sie oft den Vater? 

„Nein, wenn ich an den Vater denken will, kommt der , Inspirator' 
und gibt mir entweder in den Gedanken Dr. Seh. ein oder zeigt mir sein 
Bild, und oft so abnorm." 

Um den nächsten Abschnitt der Analyse verständlich zu machen, 
müssen wir folgendes vorausschicken: Dr. Seh. spielt die wichtigste 
Rolle in seinem Wahnsystem. Er ist sein größter Verfolger. Die Stimmen 
sagen ihm: Dr. Seh. habe sein Leben von Geburt an „somnambulisch 
ausstudiert". Er will den Patienten lebendig begraben, seinen Körper 
verfaulen lassen, er schwäche ihn, er rufe bei ihm Pollutionen hervor. 
Wenn er an den Vater denken will, muß er an Dr. Seh. denken. Dr. Seh. 
tritt in gewisser Beziehung an Stelle des Vaters. In welcher Beziehung? 

Mit Liebe ist in der Regel auch Haß verbunden. Wie Bleuler 
sagt, den Begriff der Ambivalenz erläuternd 1 ). Die Ambivalenz, welche 



J ) Psychiatr.-Neurol. Wochenschr., Nr. 18—21, 1910. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 123 

der nämlichen Idee zwei gegenteilige Gefühlsbetonungen gibt und den 
gleichen Gedanken zugleich positiv und negativ denken läßt. Er liebt 
seinen Vater; die andere Komponente des Affektes, der Haß gegen den 
Vater, wird ihm aber nicht bewußt. Warum aber muß er an Dr. Seh. 
denken, wenn er an den Vater denken will? Dr. Seh. haßt er bewußt, 
er möchte ihn töten und würde das vielleicht tun, wenn er frei wäre. 
Ist dies nicht vielleicht der Ausdruck des in der Beziehung zu seinem 
Vater fehlenden Hasses? Identifiziert er nicht die beiden Persönlich- 
keiten zum Komplex „Vater''? 

Diejenigen Gefühle, die wir, dank der Erziehung, dem Vater 
gegenüber nicht empfinden können, verlegt man gerne auf eine andere 
Person und so entgeht man dem Konflikt. Um den Konflikten aus- 
zuweichen, vertieft sich der eine in die Wissenschaft, um, wie Freud 
sagt, .,die Leidenschaft in Wissensdrang umzuwandeln" 1 ), um ein 
Ausleben der Komplexe zu ermöglichen und damit ihre Wirkung zu 
dämpfen. Der andere flüchtet sich in die Krankheit, wie Jung in 
seiner Schrift „Inhalt der Psychose" gezeigt hat. Unser Patient schafft 
sich ein Surrogat in der Persönlichkeit von Dr. Seh., um diejenigen 
Gefühle ausleben zu können, die in seiner Seele von Kindheit auf 
gewurzelt haben. 

Bemerkenswert ist folgende Vision, die seine homosexuellen 
Tendenzen klar vor Augen führte: 

„Dr. Seh. wird mir immer nur als sein Geschlechtsorgan gezeigt. 
Sein Glied war ganz ausgedorrt und vertrocknet gezeigt, er ist auch schon 
sehr alt." 

Wie alt ist er? 

„80 Jahre, nein 50 oder 60 bloß." 

Patient hat sich versprochen. Wie ich ihn darauf aufmerksam 
mache, sagt er, 80 beziehe sich auf seinen Vater; er muß immer denken, 
wie der alte Mann jetzt noch arbeiten muß und keine Hilfe vom Sohne 
haben kann. — Dieses Versprechen ist charakteristisch. Es deutet den 
verdrängten Komplex an, die Identifizierung des Dr. Seh. mit dem 
Vater. 80 ist nämlich annähernd das Alter seines Vaters. 

Weder im Wahnsystem des Patienten noch in seinen Hallu- 
zinationen haben wir weibliche Personen zu verzeichnen. Aus der 
Anamnese wissen wir, daß er verlobt war; aber seine Braut ließ ihn 
kalt. Die einzigen Gefühle, die er für sie hatte, waren die der Eifersucht. 



') Eine Kindheitserinnerung des Lionardo da Vinci. 



124 Seh. Grcbelskaja. 

Er beschuldigt sie, sie liebe ihn nicht mehr, sie verkehre mit anderen, 
sie achte mehr auf andere Männer wie auf ihn. 

Wieviel daran wahr ist, konnte ich leider nicht erfahren. Das 
eine weiß ich, daß sie als sehr anständiges Mädchen gilt. Nach 
Ferenczi 1 ) spielt in der Psychologie der „Paranoia" der unbändige 
Eifersuchtswahn öfter eine große Rolle. Die Leute sind nicht imstande, 
heterosexuell zu lieben. Diesen Mangel an Gefühlen projizieren sie 
nach außen, indem sie behaupten, man liebe sie nicht; auch finden sie 
darin eine Entschuldigung für ihre mangelnde Liebe. In einem Falle 
Ferenczis war der Mann eifersüchtig auf den Arzt, den er liebte, 
und so brachte er seine Phantasien nach außen, indem er seinen Wunsch, 
mit dem Arzte umzugehen, in die Beschuldigung der Frau gegenüber 
umwandelte, sie habe mit ihm Umgang gepflogen. Unserem Patienten 
werden auch die Geschlechtsorgane des Direktors und des Dr. J. gezeigt, 
die Stimmen, wenn sie von Geschlechtsorganen sprechen, nennen sogar 
die Organe bloß Prof. B., Dr. J. Wenn ein Patient als geschlechtskrank 
gilt, so sagen ihm die Stimmen: „Er sei krank am Prof. B." 

Patient erzählt weiter: 

Die Spezialität von Dr. J. sei, Geschlechtsorgane auszupressen, 
hypnotisch zu beeinflussen, Pollutionen hervorzubringen. Dr. J. wird 
auch von den Stimmen genannt: der junge Dr., der junge Dr. Seh. Eine 
Stimme sagte mir, ich dürfe nicht länger leben als Dr. J. 

Er identifiziert sich hier selbst mit Dr. J. Das ist nur konsequent, 
da Dr. Jung der junge Dr. Seh. und Dr. Seh. sein Vater ist. 

„Naturell seheich immer die Geschlechtsorgane von anderen Patienten, 
auch um zu vergleichen." 

„Ja, sonst, um zu sehen. Ich lebte immer in der Angst, ich werde 
krank, meine Geschlechtsorgane werden schwach, verunstaltet." 

Daher entwickelt sich der Trieb, seine Geschlechtsorgane mit 
anderen zu vergleichen. — In einer der folgenden Sitzungen erzählt 
mir Patient: 

„Noch bevor ich mich in die Anstalt K. aufnehmen ließ, sagten mir 
die Stimmen, daß verschiedene Personen in mich eindringen. Es ist 
eine Art Inkarnation, vollständige körperliche Verbindung." 

Mit wem? 

„Ja mit allen. Zuerst kommen D., A. und 0. (A. und 0. sind die 
Freunde von D., der ihn überfallen hat), dann Dr. Seh., Prof. B. und Dr. J. 
Zuerst drang in mich A. ein, er war derjenige, der in mich hineindrang. 

x ) Dr. S. Ferenczi, Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese 
der Paranoia. Jahrbuch, III. Band. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 125 

Dieses Hineindringen war so merkwürdig, ich spürte es am ganzen Leib, 
es schauerte mich förmlich." 

Interessant daran ist folgendes: Erstens sind diejenigen Personen, 
die in ihn hineindringen, auch seine Verfolger, zweitens war er der 
passive Teil dieser Phantasie. In seinem Curriculum vitae, das er 
abgefaßt hat, sagte er: „Ich war in England in einem Hause angestellt 
als Mädchen für alles." Wir sehen oft bei homosexuellen Männern 
die Vorliebe für weibliche Beschäftigungen. Er hat sich übrigens 
nie manifest homosexuell betätigt. 

Ein anderes Mal sagten ihm die Stimmen: 

,,D. ist derjenige, der mich stärken kann, der mich gesund machen 
kann." 

Folglich fühlt er sich schwach, krank. D. ist aber diejenige Person, 
die ihn seiner Ansicht nach geprügelt hat. Sicher ist es nicht nach- 
gewiesen, aber Patient glaubt, daß es D. gewesen sei, und das ist das 
wichtigste. 

Warum wird derjenige, mit dem er in seinem „Unbewußten" 
in „geistiger" Verbindung steht, dessen Geschlechtsorgane ihm gezeigt 
werden, mit dem seine Stimmen sich immer beschäftigen, bewußt 
zum Verfolger und sogar zum Urheber des Attentates? Wie wir aus 
der Vorgeschichte wissen, wurde er geprügelt und benahm sich dabei 
wie ein kleines Kind, er schrie und rief um Hilfe. Nach dem Ereignis 
bekam er gleich Stimmen. Gegenüber, im Restaurant, wo der D. mit 
seinen Freunden war, hörte er immer, wie sie ihn nachahmten und 
schrien: „Hilfe, Hilfe!"; auch in der Nacht hörte er dasselbe, wie wenn 
ein kleines Kind Schläge bekommt und schreit. 

„Die Stimmen beschäftigten sich nun immer damit, sie verhöhnten 
mich, sie hielten mich für feige, für ängstlich, vielleicht eines guten Schützen 
unwürdig." 

Jetzt verstehen wir, warum dieses Ereignis solche Folgen für ihn 
hatte. Schon früher fühlte er sich in der Familie wie in der Schule 
zurückgesetzt, er hielt sich von allen fern, hing nur am Vater. 

„In der Familie galt überhaupt nur der Bruder J., der konnte alles, 
der verdiente am meisten Geld." 

In der Primarschule schon war Patient, wie mir ein Lehrer 
sagte „immer finster, spielte nie mit seinen Kameraden". Er war 
sonst ein mittelmäßiger Schüler, zeigte keine besondere Begabung. 
Was er aber nicht konnte, das wollte er. Als 13jähriger be- 
wunderte er zum ersten Male denselben D. beim Turnen. Er sagte 



126 Seh. Grebelskaja. 

mir, der D. sei der beste Turner gewesen. Er näherte sich dem D. 
etwas, hatte aber nie den Mut, mit ihm in ein freundschaftliches Ver- 
hältnis zu treten. 

„Ich konnte nie sprechen in seiner Gegenwart, trotzdem ich es gern 
mochte." 

Als Patient aus dem Auslande zurückkehrte, hatte der D. schon 
eine gute Stelle und einen Kreis von Freunden. Patient kam oft in ihre 
Gesellschaft, fühlte sich aber da nie wohl. „Ich kam immer mit Kopf- 
schmerzen nach Hause, wenn ich mit ihnen war." So viel weniger wollte 
er doch nicht sein. Seine Männlichkeit mußte er doch behaupten, wo 
es ihm möglich war: Er widmete sein ganzes Interesse dem Sport. 
Dadurch bewies er sich seine Männlichkeit. Durch die Prügelszene 
wurde er mit einem Ruck infantil gemacht. Damit brach das Fun- 
dament seiner künstlich aufrecht erhaltenen Männlichkeit ein. Jetzt 
fühlt er noch mehr, daß er nichts im Leben leisten kann, er hört die 
Stimmen, die ihn verhöhnen, die ihn nachahmen, wie er um Hilfe 
schrie, ähnlich den Stimmen Schrebers. Die Stimmen verhöhnten 
mich, meinen Mangel an männlichem Mut 1 )/' 

Unserem Patienten fehlte auch der männliche Mut, überhaupt 
der Mut zum Leben und so flüchtete er sich in die Krankheit, zu diesem 
„Blitzableiter aller Konflikte". In der Krankheit ist er der beste Er- 
finder, er macht wunderbare Luftschiffe und Grammophone. Die Stimme, 
die ihn verhöhnt, ist vorwiegend die Stimme von D. Mit demselben 
ist er aber auch in „geistiger" Verbindung, er möchte dem D. gleich 
sein; D. war doch in der Schule derjenige, der alles besaß, was dem 
Patienten fehlte. Er war groß, kräftig, guter Gesellschafter, hatte 
viel Umgang mit Weibern (wie mir Patient entrüstet erzählte). Es 
entstand der Wunsch, sich ihm zu nähern, Patient hatte aber den 
Mut dazu nicht, er konnte nie sprechen in seiner Gegenwart. Dazu 
kam noch das Ereignis mit dem Überfall. Und nun beginnt Patient 
diesen D. zu hassen; er wird von ihm verfolgt, mißhandelt, D. sei sein 
größter Feind, er habe ein Komplott gegen ihn angezettelt. Freud 2 ) 
sagt über den Haß Schrebers gegen Flechsig „Der Ersehnte 
wurde jetzt zum Verfolger, der Inhalt der Wunsch phantasie zum 
Inhalte der Verfolgung. Dem Satze: Ich liebe ihn (Flechsig; bei 
unserem Patienten D.) widerspricht der Verfolgungswahn, indem er 

x ) Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, S. 107. 
2 ) Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrbuch, Bd. 3, S. 55. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 127 

proklamiert: Ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn ja. Dieser Widerspruch, 
der im Unbewußten nicht anders lauten könnte, kann aber beim 
Paranoiker nicht in dieser Form bewußt werden. Der Mechanismus 
der Symptombildung bei der Paranoia fordert, daß die innere Wahr- 
nehmung, das Gefühl durch eine Wahrnehmung von außen ersetzt 
werde. Somit verwandelt sich der Satz: „Ich hasse ihn ja, durch Pro- 
jektion in den andern: er haßt mich, was mich dann berechtigt, ihn 
zu hassen." 

Denselben Mechanismus können wir bei unserem Patienten 
annehmen, wenn auch der Schluß nicht genügend ist. Auf diese Weise 
kann D. zum Verfolger, zum Missetäter werden. Die Inkarnations- 
phantasien sind in Analogie zu setzen mit den bei Schreber kon- 
statierten Koitusphantasien mit Männern, wo er in ein Weib um- 
gewandelt wird. Unser Patient ist auch der passive Teil, man dringt 
in ihn hinein und dadurch wird er ein ganz anderer. 

,,Als A. in mir war, sagte die Stimme: jetzt habe er mich vollständig 
in seiner Gewalt, jetzt bin ich nicht mehr, sondern in mir ist A. tätig." 

In den Mysterien ist der von Gott erfüllte Myste nicht mehr 
er selber, sondern er ist selbst Gott geworden 1 ). 

Haben Sie sich nicht gewehrt dagegen? 

..Nein, warum denn, es kam von selbst und die Stimmen hatten auch 
recht, ich bin ein anderer geworden, es wirkte etwas in mir, dachte für mich. 
Die Stimmen sagten mir: D. und A. geben sich freiwillig her, um mir sinn- 
liche Stärke zu geben. Durch Hypnose haben sie meine Kraft vollständig 
auf sich hinübergezogen, deshalb müssen sie mir wieder die aufgespeicherte 
Kraft zurückgeben. Dann könnte ich wieder gesund werden. Ich fühlte 
plötzlich, wie meine Lunge stark aufgebläht wurde 2 ). Dann fühlte ich mich 
wieder kräftiger nach der Aufblähung. Dann hieß es, A. sei in mir oder 
D.., dadurch hatte ich ein besseres Stärkegefühl." 

Aus diesen Äußerungen der Stimmen können wir folgendes ent- 
nehmen: Er sei in Verbindung nicht nur mit D., sondern auch mit A. 
Nur sind das zwei verschiedene Persönlichkeiten. D. ein junger Don 
Juan des Dorfes, A. ein gewöhnlicher Bürger. Die beiden beschäftigen 
seine Stimmen, sie geben ihm neue Kraft, neues Leben. Er trennt 
aber unscharf die beiden Persönlichkeiten voneinander; eigentlich 
ist es ihm nur eine Person, der D., dem der Patient die guten Seiten 
des A. angedichtet hat. Die Verdichtung ist ähnlich der Verdichtung 
im Traum, wo zwei Persönlichkeiten identifiziert werden, die ver- 



x ) Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, 1. Teil. 
2 ) Aufblähung durch den befruchtenden Wind. Vgl. Jung, 1. c. 



128 Seh. Grebelskaja. 

schiedenen Gedankensystemen angehören. D. seine Wunsehphantasie, 
die Verkörperung seiner nicht ausgelebten Wünsche und sein Wider- 
stand dagegen seine Moral, sein bewußtes Streben und Verlangen. 
Während D. die Realisierung seines Unbewußten vorstellt, ist A. das 
Ideal seiner bewußten Psyche. 

In diesen Phantasien ist noch das große Problem des Patienten 
enthalten: Wie er wieder gesund werden könnte. Zwar behauptet 
er immer, daß er unschuldig interniert sei. Er beschäftigt sich immer mit 
dem Gedanken, daß nicht er, sondern die Ärzte geisteskrank seien, 
er verteidigt eifrig diese Meinung. Aber er fühlt selbst vielleicht un- 
bewußt die innere Zerrissenheit seiner Seele. Die müßte er irgendwie 
zu korrigieren suchen. A. und D. haben mich durch die sinnliche Ver- 
bindung gestärkt." Also es gibt doch einen Ausweg, den findet freilich 
nur sein Unbewußtes. Die Vereinigung mit D. wird ihn gesund machen 1 ). 
Mit anderen Worten, das Ausleben der homosexuellen Ideen und 
Wunschphantasien wird ihm seine Potenz, die ihm durch Hypnose 
vernichtet wurde, zurückgeben. — Wer macht ihn impotent und wie? 

Dr. Seh.. D., Prof. B,, Dr. J. sind die Hauptinspiratoren, sie 
hantieren an seinen Geschlechtsorganen, sie geben ihm sinnliche Ge- 
danken ein, bis er Pollutionen bekommt. 

„Schon immer haben sie gesucht meinen Körper zu schwächen, 
um mich für ihre Probezwecke benutzen zu können." 

Es sind also die nämlichen Personen, die ihn auch stärken. Auch 
in der Beschreibung der sexuellen Verfolgungen selbst sehen wir eine 
deutliche Ambivalenz. 

Er zeigt oft sehr deutlich erotische Gefühle, verlegenes Lächeln, 
vergnügtes Gesicht, wenn er von allen den Scheußlichkeiten spricht, 
die seine Verfolger seinen Geschlechtsorganen antun. Die Verfolger 
schwächen ihn, um ihn nachher zu „Probezwecken " benutzen zu 
können. Sie wollen ihn geschlechtlich benutzen und tun es auch, aber 
vorher muß er eine Umwandlung durchmachen. Er muß impotent 
werden, seine Männlichkeit verlieren, als Mann nicht mehr existieren, 
ein Weib werden. Und dann wird er durch die Inkarnation D.-A. 
wieder kräftig werden, ein Stärkegefühl im ganzen Körper verspüren, 
und dann ist er gerettet. 

Nachdem ich diesen Teil meiner Analyse schon beendigt hatte , 
las ich die Arbeit von Spielrein, die nachwies, wie ihre Patientin 
durch den Koitus mit einem reinen Mann geheilt zu werden glaubte. 

x ) Heilung durch "Übertragung. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 129 

Unser Patient ist auch durch die „Inkarnation, vollständige körperliche 
und geistige Vereinigung" geheilt worden. Die Umwandlung von 
Mann in Frau, die bei Schreber durch die Vermittlung Gottes geschah, 
bewirken bei unserem Patienten seine Inspiratoren. Dr. Seh., den wir 
als die Personifizierung eines Teiles der Vaterimago 1 ) erkannt haben, 
ist auch der Hauptverfolger, der bei ihm am meisten Pollutionen hervor- 
ruft. Aber durch dieselben Verfolger wird er gestärkt und geheilt. Er 
spielt aber die passive Rolle dabei, weil er kein Mann mehr ist, sondern 
ein Weib. Daß sehr tief verborgen in seiner Seele auch der Vater mit 
den Verfolgern respektive Begehrenden zusammen gedacht wird, belehrt 
uns folgendes: Patient erzählt, er habe einmal von zu Hause ein Körb- 
chen mit Eßwaren bekommen, plötzlich kam ihm die Idee, es könnte 
Gift darin enthalten sein. 

Aus anderen Analysen wissen wir, daß „Gift" häufig einen Liebes- 
trank oder VerHebung symbolisiert. In diesem Falle kennen wir das 
Verhältnis zum Vater. Man kann also daran denken, daß auch hier 
die Vergiftungsangst gegenüber dem Vater (der ja zu Hause allein in 
Betracht kommen kann) mit der Sexualität zusammenhinge. Bei Homo- 
sexuellen spielt in der Regel Übertragung auf die Mutter die bedeutende 
Rolle. Ich habe bei unserem Patienten auch nach dieser Richtung 
geforscht. Spontan spricht er nie von der Mutter. Wenn ich ihn über 
sie frage, bekomme ich nur im gleichgültigen Ton Daten von ihrer 
Krankheit, ihrem Sterben usw. Weder in der frühesten Kindheit 
noch in den späteren Jahren lassen sich Spuren von seinem Verhält- 
nisse zur Mutter nachweisen. 

„Wenn ich nicht in der Anstalt wäre, würde ich so alt werden wie 
mein Vater, vielleicht aber wie die Mutter. Nein, ich bin mehr dem Vater 
nachgeschlagen, körperlich und auch geistig. Auch die Lungenblutungen 
habe ich im selben Jahr bekommen, wie mein Vater, ganz genau, und 
nachher hatte er auch Katarrh wie ich. Alles bei mir wird dem Vater 
ähnlich, auch meine Nase ist jetzt ebenso spitzig wie die meines Vaters.'« 

Er spricht immer vom Vater, von der Mutter dagegen vernehmen 
wir direkt wenig. In einer Unterredung über Dr. Seh. teilte er mir 
folgendes mit: 

„Keine Mutter hat mal Polypen in der Nase gehabt, ich war damals 
15 Jahre alt, weiß es aber noch ganz genau, und Dr. Seh. hat sie ihr heraus- 
gerissen, nicht ausgeschnitten, wie er es tun könnte." 

Weiteres in dieser Sache war nicht zu erfahren. 



l ) Jung, 1. c, I. Teil. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 



130 Seh. Grebelskaja. 

Darauf klagte er über Brennen im Kopfe: 

„Das Brennen im Kopfe habe ich immer, wenn ich friere, aber mehr 
in der äußeren Haut, weil wenn ich den Kopf mit Wasser abwasche, das 
Brennen gleich vergeht. Es kommt sicher von Erkältung. Immer wenn 
ich mich ausziehe und ins Bett gehe, dann habe ich das Brandgefühl und 
auch, wenn ich mich viel bewege. Das Brandgefühl geht immer voraus und 
nachher gibt's immer die Rachenentzündungen in der Eustachischen Tube 
imd dann bin ich im ganzen unwohl, der ganze Körper ist dann geschwächt. 
Aber nicht so ein Gefühl, wie wenn ich erbrechen wollte. Als Kind hatte 
ich auch mal infolge von Erkältung eine Nierenentzündung; da wurde 
ich von Dr. Seh. behandelt. Bis zum 6. bis 8. Lebensjahre hatte ich oft an 
Bettnässen gelitten, aber nur nach entsprechenden Träumen." 

Wovon träumten Sie? 

„Ich war oft im Traum entweder im Kabinett oder außerhalb des 
Hauses und hatte im Traum das Wasser abgeschlagen. Es ist auch möglich, 
daß ich gefroren habe, und daher kam das Bettnässen. Ich erwachte damals 
gleich, nachdem ich das Wasser abgeschlagen hatte. Jetzt erwache ich 
auch immer gleich." 

Leiden Sie denn jetzt an Bettnässen? 

„Nein, aber wenn ich Pollutionen habe, so erwache ich auch gleich." 

Patient stellt also das Erwachen nach den Pollutionen und das- 
jenige nach dem Bettnässen einander gleich. Wie er mir andernorts 
angedeutet hat, sind die Pollutionen entweder Folgen der „Inspiratoren- 
tätierkeit" oder treten nach Erkältung ein. Nach der Pollution fühlt 
er eine Schwäche im ganzen Körper. Aber wie er mir vorher sagte, 
habe er dieses Schwächegefühl, wenn er ins Bett geht und sich da 
bewegt, und dann entsteht auch das Brennen im Kopfe. Dieses Brennen 
entsteht wie die Pollutionen und die Enuresis 1 ) infolge von Er- 
kältung. Ich muß es dahingestellt sein lassen, ob die Empfindung 
im Kopfe hier wie in analogen Fällen eine Verlegung nach oben ist. 
Bevor er das Bett naß machte, habe er immer geträumt. 

Als ich ihn aber um einen solchen ,, Pollutionstraum" fragte, 
stieß ich auf unüberwindlichen Widerstand. Ich riskierte, den Pa- 
tienten für die Analyse zu verlieren, „wenn ich über solche unwichtige 
Sachen" weitere Auskunft verlange. 

„In P. habe ich auch Pollutionen gehabt, damals wußte ich, daß es 
nur die Ärzte machen, um mich impotent zu machen. Auch jetzt ist vielleicht 
dasselbe der Fall. Kämen die Pollutionen von selbst, so wäre das doch 
am Tag, nicht in der Nacht. Die Ärzte geben nur den Traum ein, damit 
ich eine Pollution habe; am Tage kann ich viel Sinnliches denken und be- 

*) Dieser Zusammenhang ist charakteristisch. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. LoL 

komme keine Pollution. Als der H. noch Wärter war, so hat mich in der 
Nacht und am Tage jede seiner Bewegungen erregt. Ich zitterte ganz, auch 
im Kopfe, wenn er z. B. seine Beine oder Aime bewegte." 

Die Ärzte, seine Verfolger, bewirken bei ihm sexuelle Gefühle, 
rufen Pollutionen hervor. Bemerkenswert ist seine Beziehung zum 
Wärter; zurzeit ist dieser auch einer der Verfolger, der mit den Ärzten 
eins ist; der Patient hat ihn sogar durch einen Brief beim Direktor 
zu verleumden gesucht und doch erregte ihn jede seiner Bewegungen. 

Später in derselben Sitzung erzählte er: 

„Vor 3 Monaten habe ich gelesen von dem Polizeiskandal der Homo- 
sexuellen, ich freute mich sehr, daß aus dem Burghölzli etwas auskommen 
werde." 

Was wird auskommen? 

„Ja, manches von vielen Patienten." 

Durch die Materialien wird die von Freud und Ferenczi hervor- 
gehobene Beziehung zwischen der Homosexualkomponente und dem 
Verfolgungswahn deutlich bestätigt. 

Größeiiideen. 

Wie wir aus der Krankengeschichte wissen, ist unser Patient 
der größte Erfinder der ganzen Welt, der die Schweiz und alle Staaten 
erhalten und 6 Millionen Franken für seine Luftschiffe bekommen 
werde. Er sei eine wichtige Persönlichkeit und deshalb halte man ihn 
hier interniert, er verstehe viel mehr als alle Ärzte, alle Juristen, als 
alle Menschen überhaupt. Er w r erde der berühmteste Schweizer werden, 
man werde ihn niemals auf der Erde vergessen. Seine Gedanken haben 
großen Wert, deshalb konstruiert man Maschinen, um sie zu erraten. 
Sein Samen ist besonders kostbar. Man behalte ihn in der Anstalt, 
um ihn sezieren zu können, weil sein Gehirn kolossal Wichtiges beherbergt. 
Sein Gehirn wird ihm auch „ohne Spalt in der Mitte" gezeigt. Er sei 
stark, kräftig. Er träumt oft von Herkules. In Wirklichkeit ist er sehr 
klein und unscheinbar. Einmal kam er sehr aufgeregt ins Untersuchungs- 
zimmer und, bevor er sich noch auf den Stuhl setzte, erzählte er in 
entrüstetem Ton: 

„Dr. M. sagte heute einem Besuche („auch ein Arzt wahrscheinlich" 
höhnisch), ich leide an einem Kleinheitswahn, ich habe mich schon daheim 
zurückgesetzt gefühlt, weil ich so klein war. Es ist aber gerade das Gegen- 
teil, weil ich persönlich lieber klein scheinen will, damit die Differenz 
zwischen meiner persönlichen, nein, körperlichen Größe undmeinenLeistungen 
jeder Art in ,industrieller' und .sinnlicher' Beziehung desto größer ist. Des- 

9* 



132 Seh. Grebelskaja. 

halb schreibe ich auf ineine Erfindungen immer ,K T., Ilutmacher und 
nicht Hutfabrikant, und wenn icli Korbflicker wäre, würde ich das auch 
schreiben, damit die Differenz zwischen mir und den Leistungen noch größer 
sei. Trotzdem ich klein war, habe ich von jeher gut geschossen, auch mit 
der Armbrust schon als Knabe und nachher als Kadett." 

Mit dieser Erklärung sagt er selbst, daß er seinen Insuffizienz- 
komplex durch seine Erfindungen und Größenideen kompensieren wolle. 

Unser Patient beschäftigt sich immer mit Luftschiftzeichnungen, 
er will durch die Erfindung bekannt werden, Anhänger bekommen, 
die ihn gegen seine Feinde verteidigen werden. 

Das Luftschiff dient in dieser Hinsicht als Mittel zum Zweck. 
Es spielt aber in anderer Beziehung noch eine wichtige Kolle. — Die 
Form des Luftschiffes, die einzelnen Teile sind bei ihm von Wichtigkeit". 
Er sagt: 

„Meine Konstruktion ist viel besser als beim Zeppelin, bei letzterem 
ist das Rad an der Seite angebracht und man kann es nur durch das 
Steuer auf- und abwärts lenken, während bei meinem Schiffe das Rad 
mobil ist und durch Drehung desselben in jede Richtung gebracht 
werden kann." 

Früher hat er sich lange mit dem Gedanken des Perpetuum 
mobile abgegeben, der Phantasie des Impotenten. Nach Analogie 
anderer Fälle kann man daran denken, es sei die phallusähnliche Form 
des Luftschiffes von Bedeutung. Der Erfinderwahn als solcher stellt 
hier eine Kompensation des Insuffizienzkomplexes dar. 

„Durch meine Erfindungen will ich zeigen, was ich leisten kann. 
Wenn ich meine Luftschiffe fertig haben werde, dann werde ich heiraten 
können. Durch das Luftschiff werde ich bekannt werden, man wird mich 
dann vom Burghölzli befreien und ich werde mich gegen Dr. Seh. und 
andere verteidigen können." 

Er sieht also in den Luftschiffen seine Befreiung, sowie er seine 
Genesung in der Inkarnation mit D.-A. gesehen hat. 

Ist das Luftschiff ein sexuelles Symbol, so erwartet er also wiederum 
Rettung durch die Libido. Die Libido sucht sich bei unserem Patienten 
auf zwei Arten auszuleben. Erstens „sublimiert" er sehr viel; erzeigt 
Interesse für wissenschaftliche Fragen, er behandelt das Wesen der 
Halluzinationen, der Sinneseindrücke ; nur ist bei ihm die „Sublimierung" 
als eine mißlungene zu betrachten, denn wäre es anders, so wäre er 
nicht in dieser Weise krank. Der zweite Weg seine Libido auszuleben, 
sind seine Phantasien, die Inkarnationsideen, die geistige Verbindung 
mit Prof. B. und den Ärzten. Diesen Teil seiner Sexualität hat er sehr 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 133 

stark abgesperrt und er gibt sich immer mehr den Erfindungen hin, 
um darin die Erlösung zu suchen. 

Der Tod spielt eine große Rolle in seinen Phantasien, er wird 
begraben, er sieht seine eigene Leiche. Der Tod ist bekanntlich sehr 
innig mit der Sexualität verbunden. Die Stimmen sagen ihm statt 
„beerdigt", „befriedigt". Aber beerdigt und befriedigt ist für ihn eins 
und dasselbe, die Stimmen unterscheiden es gar nicht, sie gebrauchen 
eines für das andere. 

Damit wir seine Todesphantasien besser verstehen können, 
möchte ich seine Neologismen anführen, sowie Patient selbst sie er- 
klärt habe: 

Neologismen. 

„Enthumnen" sagen die Stimmen. Dazu bemerkt Patient: 

„Den Geist auslösen, mit einer andern Person in Verbindung bringen, 
eine andere Person austreiben und an ihre Stelle treten. Das ist ein Wort, 
das gar nie existiert. Enthumnen heißt Inkarnation austreiben." 

Unter „Inkarnation", wie wir schon wissen, versteht er die Ver- 
bindung mit Dr. Seh., D. und A„ dann noch mit sämtlichen Ärzten. 
„Inhumnen" heißt wahrscheinlich, eine Verbindung mit anderen Per- 
sonen herstellen, die ihn „kräftigen". 

„Enthumnen heißt vielleicht ausgraben. Es hieß ja mal von den 
Stimmen, eine Person sei in mir gestorben und dieses Sterbegefühl hat sich 
auf mich bezogen. Man schwäche mich, ich verfaule. 

Enthumnen -Ente hat immer Bezug auf Dr. Seh. 1 ). 

Handlung — wird für Lunge gebraucht, das soll heißen Hand- 
Lunge, die Lunge so groß, wie ein Hand, weil sie krank ist. 

Na-ase-(Nase) noch so 2 ), noch immer das Gefühl, wie wenn Polypen 
drin wären. 

Ungenügende Leistungen werden von den Stimmen als Leisten- 
bruch' bezeichnet. (Er bezieht es auf seine Impotenz.) 

Hoffnung wird von den Stimmen durch Hof mann bezeichnet. 
Eine schwangere Frau ist in der Hoffnung." 

Er als Homosexueller, der sich weiblich fühlt, bringt die Hoffnung 
mit dem Manne zusammen. Er sagt selbst, die „Hallunzisprache" 
sei eine „indirekte Erratungssprache". Er fühlt selbst, wieviel 
Bedeutungen seine Worte haben, wie sie mehrfach determiniert sind. 

Am Worte „inhumieren" ist folgendes interessant. Im Jahre 1909 
hatte er bei einer klinischen Vorstellung noch von „inhumieren" 

1 ) Der Name von Dr. Seh. hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Namen 
eines andern der Ente verwandten Tieres. 

2 ) Im Dialekte na = noch, ase = so. 



134 Seh. Grebelskaja. 

gesprochen, seit der Zeit hat das Wort eine Umwandlung durchgemacht 
und bedeutet jetzt nicht nur begraben, sondern auch Inkarnation, Ver- 
bindung mit Dr. Seh. Sicher ist, daß zuerst der richtige Sinn des Wortes 
dem Patienten bewußt war. Bei der Vorstellung sagte ihm Herr Prof. B. : 
„minimieren" heißt ja „beerdigen". Daraufhin antwortete der Patient : 
„Ja, ich weiß es schon, aber bei mir hat es halt eine andere Bedeutung, 
es ist eine Verbindung mit einer Persönlichkeit." Ganz ähnliche Vor- 
stellungen, daß andere in ihm „aufgehen" oder begraben werden, finden 
sich bei Schreber. Daß oft die Stimmen „degenerieren" 1 ), wenn die 
Krankheit chronisch wird, hebt auch Schreber (Denkwürdigkeiten 
eines Nervenkranken) für seine Stimmen hervor. 

„Das Gerede der Stimmen war überwiegend ein ödes Phrasen- 
geklingel von eintönigen, in ermüdender Wiederholung wiederkehrenden 
Eedensarten, die überdies durch Vergessen einzelner Worte und selbst 
Silben immerhin das Gepräge grammatikalischer Unvollständigkeit an- 
nahmen." (S. 162.) 

Dasselbe trifft bei unserem Patienten zu. Aus einem noch ver- 
ständlichen Worte „minimieren" wird jetzt „inhumnen" und ent- 
humnen. 

Die ganze Persönlichkeit des Patienten ist auch etwas verödet. 
Sein Wahnsystem ist nicht mehr lebhaft, seine Halluzinationen sperrt 
er immer mehr ab. Es scheint, es werde nichts Neues mehr bei ihm 
gebildet und das Alte verliert allmählich das Kolorit eines affektiven 
Erlebnisses. Es ist noch tätig im Unbewußten, aber nur als Nachklang 
einer kräftigen Melodie. 

Somatische Halluzinationen. 

„Herzeruptionen — wie wenn das Herz ein Vesuv wäre, und 
wie vom Vesuv Kauch und Wolken hinausgeschleudert werden. Ich be- 
komme große Beklemmung, wie wenn ein Fluid vom Herzen zum Gehirn 
käme. Ich spüre eine Erschütterung vom Herzen bis zum Gehirn, so ein 
Knallen in der Brust. Das Fluid kommt wie ein Gas und verbreitet sich 
im Gehirne, dann entsteht ein Kitzelgefühl im Kopfe und so, wie dieses 
Gefühl entsteht, ist es ein Zeichen, daß nachher eine Abschwächung eintreten 
werde. Nachher entsteht Herzklopfen; Herzeruptionen führen also zu 
einer Abschwächung; sowie nach einer Pollution das übersinnliche Gefühl 
entsteht, wirkt es aufs Herz, vom Herzen aufs Gehirn bis in den Kopf hinein, 
es ist ähnlich wie bei Herzeruptionen." 

Der Kopf spielt bei ihm eine große Holle während der Pollutionen. 
Wir haben eben gesehen, daß das Brennen im Kopfe auch auf Pollutionen 

*) Vgl. Jung, Psychologie der Dementia praecox. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 135 

zurückzuführen sei, mit dem bringt er cie Herzeruptionen in Ver- 
bindung. 

„Der Bauch wurde hart, so ein Härtegefühl verspürte ich überhaupt 
im ganzen Körper." 

Das scheint fast an eine Schwangerschaf tsphantasie anzuklingen ; 
undenkbar ist es bei seinen passiv homosexuellen Verbindungsgedanken 
(ä la Schreber) keineswegs. 

„Ich habe das Gefühl, wie wenn alles in mir faul wäre. Alles tut in 
mir eindörren, die Därme verfaulen. Ich wollte alles das Herrn Dr. F. 
sagen, aber die Stimmen haben mir gedroht, daß ich es niemandem sagen 
dürfe, sonst töten sie mich, sinnlich töten oder scheintot macheu, damit 
ich lebendig begraben werde. Noch in P. (der Anstalt, wo er früher gewesen) 
bin ich oft aufgetrieben worden, der Bauch und die Brust waren ganz 
dick. Dann hatte ich die Empfindung, ich sei viel kräftiger, und war nicht 
zufrieden, wenn es verschwand, es dauerte aber bloß 5 Minuten. Ich hatte 
das Gefühl, es sei etwas darin, eiue Kraft in der Brust, gleichmäßig. Es kam 
so von unten herein, wie wenn eine große Kugel darin wäre, in der Brust." 

Auch bei Schreber treffen wir eine ähnliche Phantasie. 

Patient wird elektrisiert, das Blut wird ihm entzogen. Der Samen 
wird ihm auch durch die Pollutionen entzogen und so identifiziert 
er oft das Blut mit dem Samen. Beides wird ihm von den ,, Inspiratoren" 
entzogen. 

„Am Morgen habe ich ein gefühlloses Gefühl vom Knie bis zu der 
Zehenspitze; wenn ich in den Gedanken das Bein mir vorstelle und die 
Gedanken durch das Bein gehen lasse, dann geht's wieder herunter." 

Was geht herunter? 

„Das Fluid. Das Fluid ist der Stoff, der die Verbindung vom Herzen 
zum Gehirn, zum Kopfe bewirkt; bei der Herstellung der Verbindung 
entsteht eine Abschwächung im ganzen Organismus und ein gefülloses 
Gefühl. Die Lunge wird aufgebläht, nachdem das geschieht, bekomme 
ich eine Erleichterung." 

Die Lunge spielt eine große Kolle bei ihm. Sein Vater war lungen- 
krank, er klagt auch immer, seine Lunge sei tuberkulös. 

„Neuerdings sind naßkalte Betupf- Gefühle an den Körperstellen 
aufgetreten und außerdem seit zirka 8 Tagen Blut-Binggefühle im Kopfe 
und hauptsächlich an der Lungenaußenseite, Hals und oberen Beingelenk- 
innenseite bis zum Hoden besonders auffallend fühlbar und oft mit stechen- 
dem Brenngefühl verbunden. Ich fühle, wie mein eingefallener Körper, 
speziell die Lunge mit dem Brustkorbe sich außerordentlich stark und 
plötzlich aufblähen. Vom Nebenzimmer hörte ich dann die Worte: Er hat 
keinen Glauben. Wie ich damals glaubte, sagten sie (die Stimmen), in die 



1°6 Sek. Grebelskaja. 

Hoden ableiten', worauf meine aufgeblähte Lunge wiedereinfiel und ein von 
der Lunge bis zu den Hoden herunterfalirendes, sprudelndes Gefühl ent- 
stand, das mich bedeutend erschreckt hätte, wenn ich nicht noch schreck- 
lichere Gefühle respektive Gedankenmarter daheim hätte vorher aus- 
stehen müssen. Von der aufgeblähten Lunge wird das Gefühl in die Hoden 
abgeleitet. Dort entsteht ein brennendes Gefühl. Das kommt alles von 
Erkältung," meint Patient. 

Aber Erkältung ruft bei ihm auch Pollutionen hervor, so wie in 
der Kindheit das Bettnässen. Pollutionen entstehen auch, wenn er 
an „Unnatürliches" denkt, wenn ihm die Geschlechtsorgane von 
Dr. Seh., Prof. B., Dr. J. durch die „Inspiratoren" gezeigt werden, 
oder wenn er an die Onanie denken muß. Die Ätiologie aller seiner 
körperlichen Störungen ist also in letzter Linie auf die Onanie zurück- 
zuführen.' 

Urstoff oder ürseelentlieorie. 

„Die gleiche Seele war für Tiere, Pflanzen und Menschen. Man muß 
sich eine Kugel denken und daran hängen die Menschen, d. h. an der Erde. 

Die Verbindung der Seele mit dem Körper ist beim Menschen anders 
als bei den Tieren, aber die Seele als solche ist bei allen gleich, man könnte 
die Tiere auch verstehen, wenn man sich damit abgeben würde. Urstoff 
ist die Seele oder Urseelensphäre, es gibt manche Abstufungen vom Urstoff. 
Urstoff ist Licht. Urseele sind die feinsten Schwingungen. Kein Mensch 
hat eine Seele für sich, sondern nur einen Anteil an der Weltseele; 
ich habe einen ganz andern besonderen Teil, überhaupt jeder der hallu- 
ziniert. Die Schwingungen des Urstoffes sind bei mir viel feiner als bei allen 
anderen Leuten. Ich bin verbunden bis in alle Schwingungen 
zurück mit allen Seelen, die jemals lebten." 

Er fühlt in dieser Idee sich selbst als einen Teil dieses Kosmos, 
er fühlt die Verbindung mit Seelen, die vor Jahrtausenden in der Welt 
existiert haben. 

„Ich war in sinnlicher Verbindung mit meinem Vater, bevor ich noch 
geboren war, ich lebte eigentlich im Vater." 

Er nahm also teil an seiner eigenen Zeugung, durch die Identi- 
fikation der eigenen Persönlichkeit mit derjenigen des Vaters 1 ). Das 
erinnert wiederum an die Verbindung Schrebers mit den gereinigten 
Seelen durch Gottesstrahlen. Gott ist bei Schreber dieselbe Person 
wie bei unserem Patienten der Vater. 

„Rückstände der Elternseele sind schon im Neugeborenen vorhanden, 
die die Verbi ndimg mit der Weltseele besitzen. Es ist die Einwirkung auf 

x ) Anmerkung der Redaktion: Diese Phantasie ist die Quintessenz des 
Heldenmythus. Vgl. Jahrbuch, Bd. IV, H. 1: Wandlungen und Symbole der 
Libido, II. Teil. 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 137 

sinnlichem Wege von den Gedanken der Mutter oder des Vaters auf das 
Gehirn des Kindes, nein, von den Hypnotiseuren, den Ärzten geht die Über- 
tragung der Weltsseele hervor. Die Seele ist gar nichts anderes als 
ein ungeheuer feines Licht. Durch die Schwingungen, die beiden 
Verbindungen, entstehen dann die Sinne, die Wahrnehmung. Zuerst kommen 
natürlich unbewußte Gefühle, die man nicht fühlen kann, weil sie zu fein 
sind, und doch sind sie da." 

Zusammenfassung. 

Wollen wir nun den ganzen Krankheitsverlauf psychologisch 
zusammenfassen, die bestimmenden Momente seiner kranken Psyche 
hervorheben, so sind vor allem diejenigen psychischen Vorgänge bei 
ihm, die ihn in die Krankheit getrieben haben, zu erwähnen: Schon 
in der Kindheit weist er einen abnormen Mangel an Eigenschaften 
auf, die sonst sein Geschlecht immer auszeichnen. Unter seinen 
Kameraden ist er der Schwächste, man verhöhnt ihn, setzt ihn zurück, 
er bleibt stets allein; der Mangel an Männlichkeit (die schon beim 
Knaben als Rauflust auftritt), eine Schranke zwischen ihm und seinen 
Kameraden bildend, läßt ihn schon in den Kinderjahren empfinden, 
daß es ihm an etwas fehlt, was andere besitzen. Dazu kommt noch seine 
ausgeprägte , wennauch noch unbewußt gebliebene , homosexuelle Neigung, 
und zwar im passiven Sinne, die schon in den Kinderjahren hervortritt. 
Alle diese psychischen Eigenschaften kommen im weiteren Verlauf 
des Lebens mit der allgemeinen Geistesentwicklung immer schärfer 
zum Ausdruck. Er bleibt, selbständig geworden, immer allein, wandert 
unruhig von Ort zu Ort, sucht Anschluß an Gesellschaft, findet ihn aber 
nicht, seine passiven homosexuellen Neigungen lassen ihn schließlich 
zum Vater zurückkehren. Sie bleiben bei ihm zwar unterdrückt, in 
den Tiefen des Unbewußten, verhindern jedoch eine normale „Real- 
übertragung" seiner Libido 1 ). 

Wir können vermuten, daß das Problem ,, männlich zu werden" 
ihn seit den Jahren der Reife fortwährend quält; um das zu erlernen, 
was ihm fehlt und gerade seinen Kameraden D. auszeichnet (Stärke, 
Tapferkeit), sucht er sich ihm anzunähern, vermag aber natürlich wegen 
seiner vollkommenen Passivität nicht, es zu erreichen. Er glaubt zuletzt 
ein Mittel gefunden zu haben, Mann zu werden, in der Betätigung 
als Schütze, die in der Geschichte seines Landes eine ganz besondere 
Bedeutuno- hat und hier nicht selten zu solchen Zwecken dient. 



x ) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, I. Teil. 



138 Seh. Grebelskaja. 

Er erreicht zuletzt eine gewisse Vollkommenheit als Schütze. 
Die Lorbeerkränze kompensierten wohltätig seine Minderwertigkeits- 
gefühle, sie mögen sie eine Zeitlang beschwichtigt haben, ohne den 
Konflikt völlig zu heben. Nun ereignet sich der Fall, der alle seine 
Bemühungen zu nichts machte, der ihn die Unlösbarkcit des Problems 
„Mann wie alle zu werden" aufdringlich lehrte. Er wurde schmählich 
geprügelt, er benahm sich dabei wie ein Kind. Von da beginnen seine 
Wahnvorstellungen vom allgemeinen Gelächter, das sich über seine 
Niederlage erhebt und das ihn als den Gegenstand allgemeinen Spottes 
erscheinen läßt. 

Die konsequent sich entwickelnden Vorstellungen, man wolle 
ihn totschlagen, vernichten, führen dazu, daß er sich von der Außenwelt 
zurückzieht und von den Menschen, die ihm alle feind sind; er geht 
in seine Innenwelt zurück und sucht das Langverborgene, Unterdrückte 
als Genugtuung in sich auf. Die früher unterdrückten Gefühle be- 
kommen nun freien Lauf — er flieht in die Krankheit — in seinen 
Wahn, der ihm als Kompensation für den Mangel an Realübertragung, 
eine innere Übertragung (Introversion und Regression) auf die 
Vaterimago ermöglicht. Der Mechanismus der Projektion seiner Gefühle 
ist in der Krankheit sehr charakteristisch. Wir finden bei ihm denselben 
Mechanismus der Verdrängung und Verschiebung des Vaterkomplexes, 
wie sie Jung darstellt: „der unterdrückte Affekt kommt an die Ober- 
fläche, und zwar selten direkt, sondern gewöhnlich in der Form einer 
Verschiebung auf ein anderes Objekt" (Jung, Wandlungen und Sym- 
bole der Libido, Jahrbuch für Psychoanalyse, III, S. 179). Wir finden 
diese Verschiebung beim Patienten darin, daß er den Vater durch die 
kritischen Beziehungen zu Dr. Seh. und Prof. B. ersetzt hat. 

Haß gegen den mit allen dem Patienten fehlenden Eigenschaften 
begabten Mann (D.), den er bewundert und beneidet, ist ein besonders 
deutliches Beispiel für Ambivalenz (Liebe und Haß). Das Moment der 
Ambivalenz in den homosexuellen Empfindungen des Patienten tritt 
deutlich hervor. Wir haben im Texte bereits hervorgehoben, daß seine 
homosexuellen Neigungen entschieden ambivalent sind. Der Vater, 
an dem er rein infantil hängt, der seine höchste Autorität bleibt, ver- 
wandelt sich in der Krankheit in Dr. Seh. und Prof. B., die er mit ihm 
identifiziert. Diese Persönlichkeiten sind aber auch seine Verfolger, 
die er bewußt haßt. Bemerkenswert ist, daß dieser Haß mit erotischen 
Gefühlen vermischt ist, wie Patient auch manchmal erwähnt, daß diese 
Personen, die in ihn eindringen, zugleich ihn stärken, ihm neue Kraft 



Psychologische Analyse eines Paranoiden. 139 

und Macht verleihen, anderseits wieder schwächen, quälen, ausnutzen. 
D. ist derjenige, der ihn vernichtet hat, er muß ihn nun auch stärken. 
Das, was vernichtet, kann auch zugleich stärken; dieser Ge- 
danke ist wohl so alt wie die Menschheit. ,,In mir ist D. und A. tätig," 
sagt der Patient; genau so, wie böse oder gute Geister im Menschen 
nach alter Vorstellung tätig sein können. Diese verschiedenen Wir- 
kungen schreibt er auch den „sinnlichen" Gestalten seines Vaters, 
dem Dr. Seh. und Prof. B., zu. Der Vater schwächt oder stärkt ihn, 
gibt ihm Kraft oder vernichtet ihn, ein deutlicher Hinweis auf die 
nahen Beziehungen gewisser religiöser Vorstellungen zu der „magischen" 
Bedeutung der Vaterimago. 

Der Mechanismus der Größenwahnbildung ist wiederum für seine 
unbewußten psychischen Vorgänge sehr typisch. Sein Denken drehte 
sich schon in der Zeit seiner Gesundheit um die Vorstellung seiner 
Minderwertigkeit. Diese Vorstellung lebt in der Krankheit verdrängt 
fort, sie äußert sich nicht mehr bewußt im fortlebenden Bestreben, sein 
Ideal zu erreichen. Wir sehen ihn im Wahne, er sei der größte Schweizer, 
der Erfinder, der stärkste und kräftigste Mensch (Herkules). Er baut 
mächtige Luftschiffe, und wird es ihm gelingen ein vollkommen sich 
nach allen Seiten bewegendes Luftschiff zu bauen, so ist er gerettet. 

An mehreren Stellen sind wir Phantasiegebilden begegnet, auf 
welche die von Jung in die Schizophrenielehre eingeführte historisch- 
mythologische Betrachtungsweise angewendet werden könnte. 
Ich erwähne die Urseelentheorie, die an zum Teil noch moderne, 
zum Teil aber auch sehr alte philosophische Ansichten erinnert. Die 
Lichtsubstanz der Seele ist ein weiterer Punkt, der ebenfalls 
antike Anschauung war. Die Praeexistenz des Patienten im 
Vater ist sogar eine gangbare christliche Anschauung, besonders 
deutlich im Johannesevangelium ausgesprochen. Das Eintreten 
der magisch wirksamen Persönlichkeiten in den eigenen 
Körper ist eine Grundanschauung der antiken Mysterien. Die dabei 
stattfindende Aufblähung der Lungen weist auf die Licht- oder 
Pneumanatur des Eintretenden hin, ebenfalls eine antike mystische 
Anschauung. Die Anschauung, daß der Phallus ein Ersatz ist für die 
ganze Persönlichkeit ist ebenfalls antik, der PhaUus ist ein Bild der 
Gottheit 1 ). 

Gehen wir nun zur Betrachtung der inneren Mechanismen des 
Vaterkomplexes über: Er überträgt bekanntlich seinen Vaterkomplex 

*) Vgl. zu dem Obigen: Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. 



140 Seh. Grebelskaja. 

auf Dr. Seh. und Prof. B. Der „Vater" (Dr. Seh., Prof. B.) seine Ver- 
folger) ist es, der ihn leiden läßt, auf alle mögliche Art quält. Patient 
verfährt nun nach der von Freud aufgestellten Formel: Er haßt den 
Vater, ergo haßt ihn der Vater, d. h. der Vater verursacht seine Leiden. 
Die Ärzte, Dr. Seh., Prof. B., beabsichtigen, ihn zu sezieren, seinem 
Körper alle möglichen Qualen zu bereiten, und sie tun das, um ihre 
selbstsüchtigen Zwecke zu erreichen, denn sein Wesen, sein Gehirn 
besonders, ist für die Welt wichtig. Die Grundlage dieser Psychose 
besteht aus dem Vaterkomplex. Vom Mutterkomplex konnte nichts 
in Erfahrung gebracht werden, trotzdem auch infantil eine Mutter- 
übertragung vorhanden gewesen sein muß. Es kann bei dieser Sach- 
lage wohl nicht anders sein, als daß die Libidobesetzung der Mutter 
schon sehr frühzeitig und ausgiebig auf den Vater verschoben wurde, 
wodurch dessen Überbesetzung und pathologische Bedeutung erklär- 
lich wird. 

Zum Schluß erlaube ich mir Herrn Prof. Dr. E. Bleuler für das 
meiner Arbeit gütigst entgegengebrachte Interesse sowie Herrn Dr. Jung 
für das Durchsehen meiner Arbeit meinen besten Dank auszusprechen. 



Spermatozoenträuinc. 

Von Herbert Silberer (Wien). 



Kürzlich hatte ich als Traumdeuter ein Erlebnis, das nicht allein 
wegen der psychologischen Merkwürdigkeit des analysierten Falles, 
sondern auch ob des seltsamen glücklichen Zusammentreffens, das 
mich auf den ersten Blick erraten ließ, was sonst vielleicht einer müh- 
seligen Analyse bedurft hätte, aufgezeichnet zu werden verdient. Der 
Fall ist um so beachtenswerter, als er mir mit schlagender Evidenz 
die Richtigkeit einer neuartigen Beobachtung bewies, die, der allgemeinen 
Beurteilung preisgegeben, vielleicht mehrenteils ungläubig aufgenommen 
werden wird. 

Er handelt sich um Spermatozoenträume oder, um gleich von 
dem extremen Fall zu reden: um den Vaterleibstraum. Am 6. Ja- 
nuar 1912 (das Datum ist, wie man später sehen wird, nicht gleichgültig) 
machte mir Dr. Wilhelm Stekel die überraschende Mitteilung, daß 
es ihm gelungen sei, den Traum eines Patienten in einwandfreier, be- 
weiskräftiger Art als ,, Vaterleibsphantasie" aufzudecken. Bekanntlich 
spielen in den Träumen die ,, Mutterleibsphantasien" eine große Rolle; 
Phantasien, bei denen sich der Träumer in den Mutterleib zurück- 
denkt. Diese Phantasien sind nicht bloß deshalb interessant, weil sie 
die denkbar weitgehendste Durchführung einer sexuellen Annäherung 
(vollständiges Hineinbegeben) an das Weib überhaupt und die Mutter 
insbesondere darstellen, sondern auch darum, weil sie den Gedanken 
nahelegen, daß dabei vielleicht Erinnerungen an das fötale Leben 
im Spiele sind. Was nun die Vaterleibsphantasien 1 ) betrifft, so können 
sie in der letzteren wichtigen Beziehung natürlich kein Pendant zu den 
Mutterleibsphantasien bilden; denn man kann gewiß nicht annehmen, 



*) Ich gebrauche den Plural als generelle Bezeichnung, wenngleich die 
Mehrzahl der Beispiele sieh erst wird einstellen müssen. 



142 Herbert Silberer. 

daß Eindrücke des Sperrnatozoendaseins zu einer psychischen Wirkung 
solcherart gelangen; Erinnerungsphantasien sind die Vaterlcibs- 
phantasien also nicht. Wohl aber steht ihrem Auftreten als Wunsch - 
phantasien nichts im Wege; und als solche können sie in mehrfacher 
Beziehung zu den Mutterleibsphantasien in Parallele gestellt werden. 
So können z. B. beide als exzessiver Ausdruck der Eückkehr ins In- 
fantile angesehen werden; als Rüekgängigmaehen des Lebens und 
somit als Todesphantasien; als innigste sexuelle Annäherung an die 
Mutter beziehungsweise den Vater oder, allgemein gesprochen, an 
Weib oder Mann. 

Der Traum, den Dr. Stekel mir erzählte, war dadurch aus- 
gezeichnet, daß in einer Art von Strom zahlreiche kleine Mensehen, 
Männer und Weiber, dahinglitten; schließlieh sah der Träumer auch 
sieh selbst unter diesen dahintreibenden Menschen. Das Ganze war 
bildmäßig gesehen. Dr. Stekel kam auf die Idee, daß die kleinen 
Mensehlein in dem Strom als Spermatozoon im Samenstrom zu deuten 
seien, und die Analyse bestätigte durch einen unerwarteten Deter- 
minationszweig diese "Vermutung. Da der Träumer sieh selbst unter 
die Spermatozoen in die Samenflüssigkeit versetzt, träumt er sich 
in den Vaterleib; er hat (aus welchen Wunsch Ursachen, das ist uns 
hier gleichgültig) eine Vaterleibs phantasie. Dr. Stekel machte 
mich bei Besprechung eines andern, ähnlichen Traumes 1 ) auch auf 
die Übereinstimmung aufmerksam, welche zwischen der Traumauf- 
fassung und manchen Vorstellungen primitiver Zeitalter von der Be- 
schaffenheit des Samens besteht. Beide Auffassungen denken sich 
nämlich den Samen von kleinen Menschlein (in ausgeprägter mensch- 
licher Gestalt) bevölkert, die später im Mutterleib zur Entwicklung 
kommen sollen. Es scheint hier, wie in so vielen Fällen, im Traum jene 
Denkart zur Geltung zu kommen, die dem Geist einer früheren, pri- 
mitiveren Mensehheitsperiode entspricht; sie kommt zur Geltung ent- 



x ) Dieser Traum wurde von dem gerade anwesenden Dr. Marcinowski 
mitgeteilt, der von der Traumsituation eine sehr anschauliche Skizze angefertigt 
hatte. Es handelte sich dabei um ein Mensehlein, das an einem aufrechten Turm 
(erigierten Penis) emporkletterte und den Träumer an einen Töpfer erinnerte. 
Dr. Stekel löste das Kätsel dieses Töpfers, indem er ihn (durch weitere .Angaben 
unterstützt) als Spermatozoon agnoszierte. Der „Töpfer" stimmt hierzu sehr 
gut, denn der Töpfer formt und gestaltet den rohen Ton, und das befruchtende 
Spermatozoon ist die Ursache eines ähnlichen Prozesses am Keimplasma; Plasma- 
Plastik. Man behalte die Töpfersymbolik im Auge und vergleiche sie mit der 
später genannten Brotteigsymbolik. 



Spermatozoenträume. 143 

weder als etwas von jenen früheren Zeiten her Anhaftendes oder aber, 
in aktueller Entstehung, deshalb, weil sich die schlafende (apperzeptiv 
geschwächte) Psyche den Naturproblemen gegenüber in die gleiche 
relativ unbeholfene Lage versetzt sieht wie die wache Psyche des 
primitiven Menschen: ähnliche Entstehungsbedingungen geben dann 
ähnliche Resultate. 

Man hat bei der Beurteilung der Träume stets mit dem Herein- 
ragen von Elementen aus primitiven Zeiten zu rechnen; ja, die ganze 
Einrichtung des Träumers muß, worauf hinzuweisen übrigens Freud 
nicht vergessen hat, unter entsprechenden Gesichtspunkten betrachtet 
werden, wenn man ihr von Grund aus beikommen will. 

Auf die Spermatozoenträume zurückkommend, muß ich noch 
anführen, daß ein gemeinsames Merkmal der zwei mir bei Dr. Stekel 
bekanntgewordenen Träume darin bestand, daß eine Andeutung an 
Schmieriges oder Klebriges .(Beschaffenheit der Samenflüssigkeit) 
vorkam 1 ). 

Am Tage nach der Besprechung mit Dr. Stekel erzählte mir eine 
Dame, die ich Fräulein Agathe nenne, einen Traum. Ich habe schon 
viele Träume der Dame analysiert und bin infolgedessen in ihrer Symbol- 
sprache und in ihren Komplexen ziemlich bewandert. Die Erzählung 
lautete wie folgt. 

Traum 2 ) vom 6. Januar 1912: „Ich war auf einer Eisenbahnfahrt; 
oder eigentlich so: ich bin auf einem Schneefeld gestanden, auf halb- 
geschmolzenem Schnee; ringsum Winterlandschaft. Ein schmaler, 
schlangenartig verlaufender Eis weg führt in ein fremdes Land, 
dessen Namen ich im Traum wußte und mir dabei vornahm, ihn mir 
recht gut zu merken (ich habe ihn aber vergessen). Ich stehe neben dem 
Weg und schaue zu, wie von Zeit zu Zeit Leute auf dem harten Eis 
wie mit Ski hinuntersausen; ich denke mir, das ist ein neuer Sport; 
eigentlich sind es kleine längliche Kähne, in denen ein Mann steht. 
Das ganze Bild ist wie ein bloßes Gemälde (spätere Angabe: wie 
Stiche) und die Männer in den Kähnen sind sehr dünn und 
zart gezeichnet. Wo ich stehe, ist eine große Biegung. Zwei Ein- 
jährig-Freiwillige kommen denselben Weg (den Eisweg) zu Fuß her- 

1 ) In dem in voriger Anmerkung erwähnten Fall war das natürlich der 
Töpferton. 

2 ) Die Parenthesen in runden Klammern stammen von Agathe selbst, 
die in eckigen Klammern von mir. 



144 Herbert Silberer. 

unter. Bei der Biegung weichen sie einem Kahne, der gerade herunter- 
saust, aus, indem sie aus der Bahn heraus und auf so eine Stelle 
treten, wie die, wo icli stehe. Wie der Kahn vorbei ist, sehe ich 
nur einen Soldaten, in licht graublauem Mantel. Ich möchte un- 
endlich gern den Weg, der in das fremde Land führt, gehen, 
doch aus einem unbestimmten Grund kann ich es nicht. Ich be- 
finde mich nun auf einer Eisenbahn — es war nämlich so, als ob icli 
schon früher in der Eisenbahn gewesen und vorhin bloß ausgestiegen 
gewesen wäre, um zuzuschauen. (Die Eisenbahn geht in der gleichen 
Richtung wie der Eisweg.) Ich stehe draußen 1 ), beim offenen Fenster 
und passe auf, wann wir ankommen. Die Kähne sieht man immer- 
während den Weg hinuntersausen. Der Zug kommt nachts in einem 
dunklen Bahnhof an. (Dabei verspüre ich eine Erleichterung und eine 
Spannung; ob das auch der richtige Bahnhof ist.) Ich kann den Namen 
des Ortes nicht entziffern, trotz meiner Bemühung. Es erscheint mir 
aber sehr wichtig, den Namen zu erfahren. Ich habe einen Kahn in 
der Hand und soll ihn am richtigen Ort den anderen (Kähnen) nach 
hinunterschicken. Wie der Zug hinausfährt, sehe ich wieder den Eis- 
weg, und traurig sende ich meinen leeren Kahn aus dem 
Coupefenster hinunter. In dem Moment bemerke ich, daß es gar 
kein Kahn, sondern ein Trog ist. Ich hoffe, bald in dem fremden Land 
anzukommen, indem der Zug mit mir weitersaust, und da erwache ich." 
Als Agathe mir die mündliche Darstellung dieses Traumes gab, 
war ich bei der Schilderung der ersten Szene verblüfft: dies gemälde- 
artig gesehene Bild — ist das nicht ein leibhaftiger Spermatozoen- 
traum, von der Laune des Zufalls mir zur Bestätigung der gestern 
gehörten Beobachtungen geschickt?! Die dünnen, zarten Gestalten, 
die auf glitschiger Fährte hinabschießen, in ein verlockendes „fremdes 
Land" — sind das nicht prächtige Spermatozoen? Der schmelzende 
Schnee, weiß und von halbflüssiger Konsistenz (auch klebrig pflegt 
der schmelzende Schnee zu sein) — war das nicht ein treffender 
Ersatz der menschlichen Samenflüssigkeit? Und daß sich Agathe 
selbst in dem Schnee befand und in das „fremde Land" hinein- 
zubewegen im Begriffe war — läßt das nicht gar eine Vater- 
leibsphantasie vermuten? Ich beschloß indes mich durch die ver- 
blüffende Übereinstimmung nicht irremachen zu ]assen und jede 
Voreingenommenheit abzulegen. Den Traum weiter erzählen hörend, 



*) D. h. nämlich im Korridor des Waggons. 



Spermatozoenträume. l*ö 

zog ich meine Vermutungen vom Spermatozoenthema ab und ver- 
folgte aufmerksam die Entwicklung der Dinge. Ich war im Begriff, 
meine anfängliche Entdeckung zu verleugnen und als eine bloße 
Folge meiner Verblüffung über einen launigen Zufall zu betrachten, 
als ich bei dem „leeren Kahn", den Agathe „traurig" hinabsendet, 
wieder stutzig wurde. Vor allem deshalb, weil mir sofort klar wurde, 
daß es sich hier um ein Beklagen der Sterilität (unten begründet) 
handelte. Der Situation lag also wahrscheinlich ein Gedanke zugrunde, 
der sich auf das Thema „Zeugung'*' bezog. Näher über das Traurigsein 
befragt, gab Agathe an, daß eigentlich sie selbst in so einem Kahn 
ins fremde Land hätte fahren sollen. Und sie sei traurig gewesen, daß 
sie das nicht konnte. Das stimmte wieder einigermaßen zur Spermato- 
zoon-, ja sogar zur Vaterleibsidee; nur fehlte mir jenes Moment, welches 
hätte andeuten müssen, daß der Inhalt auch dieses Kahns ein unent- 
wickelter Mensch sein sollte; die Gestalten in den übrigen Kähnen waren, 
wie Agathe ausführte, ganz dünn und lang; man konnte also in ihnen 
recht gut Bilder von Spermatozoon erblicken. Ich weiß, daß Agathe 
einige "Wochen vorher in einem wissenschaftlichen Werk Abbildungen 
von Spermatozoen gesehen hat; sie selbst konnte sich (wie ich nach 
vollendeter Traumanalyse konstatierte) dessen nicht erinnern. 

Bei der Durchbesprechung des Traumes lieferte Agathe noch 
folgende Ergänzungen. Der Eisweg führt von rechts oben nach links 
unten, zeitweise in Schlangenwindungen, in das fremde Land. Der 
Name dieses Landes habe sehr poetisch und wie japanisch geklungen; 
er werde ihr wahrscheinlich wieder einfallen. Sie habe sich gewundert, 
wieso die Skiläufer auf dem harten Eis fahren. Der Weg führte weit 
in die Ferne, die Eisenbahn parallel zur Straße, wie nach Triest. Das 
fremde Land war in Dunkel gehüllt. Auch, wo die Fahrer herkamen, 
war undeutlich. Als Agathe ihren Kahn, der eigentlich ein Trog war, 
aus dem Coupefenster ließ, war sie traurig darüber, daß sie einen 
leeren Kahn hatte. Es war ein Trog, wie einer, in dem man Kinder 
badet. 

Dieses neue Material warf bedeutende Lichtstrahlen auf so manchen 
Teil des Traumes. Nach Triest ist Agathe mit einem Mann gefahren, 
dem sie sich hingab und der sie in der Folge auch schwängerte. Das 
Fahren nach Triest scheint auch wieder darauf zu weisen, daß der Traum 
die Idee des sexuellen Verkehrs sowie der Schwängerung enthält. 
Beides wird seine Bestätigung finden. Die Richtung des "Weges von 
rechts nach links kommt damit überein, daß Agathe sich wegen der 



Jahrbuch für psychoanalyt. u. psrchopathol. Forschungen. IV. 



10 



] 4G Herbert Silberer. 

Beziehungen zu jenem Manne jetzt Vorwürfe macht; man kennt ja 
seit Stekels diesbezüglichen Ausführungen die Symbolik von rechts 
und links. Eine Folge des sexuellen Verkehrs war aber nicht bloß 
die Schwangerschaft, sondern im weiteren Verlauf der Dinge ein Abortus 
und eine später notwendige Operation, die die Patientin unfruchtbar 
machte (Entfernung eines Ovariums und beider Tuben). Daher — ich 
behielt diese Deutung zunächst für mich — der leere Kahn, den 
Agathe traurig hinabsendet; sie kann in den Trog kein Kind legen, 
denn sie ist unfruchtbar. 

Um mir mehr Klarheit zu verschaffen, ersuchte ich Agathe, 
mir Näheres über den Trog und seinen häuslichen Gebrauch zu sagen. 
Agathe wiederholte zunächst, daß man in so einem Trog bei ihr zu 
Hause die kleinen Kinder gebadet habe; ein solcher Trog gehöre auch 
zum Waschen der Wäsche und zum Backen des Brotes. Eine eingehendere 
Schilderung dieser Tätigkeiten ergibt, daß sie alle mit einer weißlichen, 
schaumigen (Seifenschaum) oder teigigen (Brotteig) Masse zu schaffen 
haben, die dem Aussehen und der Konsistenz nach dem schmelzenden 
Schnee der Traumlandschaft gleicht. In diesem habe ich bereits Sperma 
vermutet. Sehen wir zu, ob sich weitere Anhaltspunkte finden lassen. 
Wenn sich Wasser und Kind im Trog befinden, so ist der Trog wohl 
der Uterus. Das Badewasser, welches das Kind umgibt, ist dann na- 
türlich das Fruchtwasser. Ich frage Agathe, was die Kähne und der 
Trog wohl meinen könnten? Sie antwortet, die länglichen Kähne wären 
Penissymbole, der Trog wäre wahrscheinlich das weibliche Gegenstück. 
Nun fällt mir auf, daß dem. Uterus oder Trog nicht bloß Schaum, Wasser 
und Kind, sondern auch Brotteig zugemutet wird. Was ist's mit dem 
Brot? Auf eine Frage fängt Agathe unaufgefordert an, mir umständlich 
die Entstehung des Brotes zu schildern ; wie es sich aus dem anfänglich 
rohen Teig entwickelt, „aufgeht", geformt wird, usw.: kurzum, es liegt 
ein Entwicklungsgedanke darin ; so wie aus dem Teig mit dem Ferment 
das Brot wird, so bildet sich (auch infolge einer Fermentierung — 
Befruchtung, wobei Sperma = Ferment) im Mutterleib das Kind. 
Agathe bemerkt noch: man vergleicht ja oft das Brot einem Kinde; 
es hat auch dieselbe Form (das längliche Brot) und man trägt es auch 
wie ein Kind; sie hat es oft zum Bäcker wie ein Kind im Arm getragen. 
Die Gewißheit der Gleichung Trog = Uterus stand nunmehr 
fest, und da Agathe im Traum darüber traurig gewesen ist, daß sie 
einen leeren Trog habe, konnte ich für erwiesen nehmen, es müsse 
dieser Empfindung eine Trauer über die Unfruchtbarkeit zugrunde 



Spermatozoenträume. 147 

liegen. Ich fragte nun Agathe: „Warum waren sie eigentlich traurig, 
als sie den leeren Trog hinabsandten? Wer hätte denn darin sein sollen?" 
(Ich hoffte, Agathe werde nun irgendwie zu verstehen geben: ein 
Kind; ich hielt nämlich unrichtigerweise die früher getane Angabe, 
sie selbst hätte im Kahn sein sollen, für einen rationalisierenden, 
die Trauer im Traum erklären sollenden Ersatz dieses Gedankens; 
ich konnte noch immer nicht daran glauben, daß wenigstens ein Zwei» 
der Assoziationen auf eine Vaterleibsphantasie führen könne, und eine 
solche kommt ja heraus, wenn sich Agathe in den Samenstrom unter 
die Spermatozoen versetzt, als welche, wie wir noch sehen werden, 
die dünnen Leute im Traum aufzufassen sind.) Agathe antwortete 
wieder: ,,Ich selbst hätte darin sein sollen." Dann fügte sie 
hinzu: „Vielleicht hätte ich auch jemand statt meiner hinein- 
tun sollen." Nach einigen Augenblicken des Zögerns sagt sie dann: 
„Ich muß Ihnen noch erzählen, daß ich gestern abend 
darüber nachdachte, wie schade es doch sei, daß ich von 
Paul kein Kind bekommen kann; ich hätte gern ein Kind 
von ihm; es müßte ein reizendes Kind sein. Ich habe mir 
sogar schon gedacht, Paul sollte, wenn er, der jetzt keine 
Kinder haben will, diese Meinung einmal ablegt, mit irgend 
einem Weib ein Kind zeugen und mir es dann geben." Aber- 
mals fand sich also ein wichtiger Punkt meiner Vermutungen bestätigt. 

Die weitere Analyse, welche sich um die in den Kähnen fahrenden 
Leute drehte, förderte eine neue Bestimmung zutage. Agathe äußerte 
nämlich plötzlich: „Habe ich nicht schon vorhin erwähnt, 
daß diese dünnen Leute so aussahen, wie wenn sie aus 
etwas gemacht wären, das zerginge, sobald man es anrührte?' 
Unter den Leitgedanken der Entwicklung, Befruchtung usw., die sich 
in den übrigen Traumteilen, besonders aber im Pendant zu den Kähnen — 
dem Trog — äußerten, konnte die Auffassung der dünnen Menschen 
als Schemen, als Keime zu künftigen Menschen u. dgl. nicht ausbleiben. 
Die Leute in den Kähnen sind also wirklich Spermatozoen, na- 
türlich in naiver Auffassung. Agathe teilt mir übrigens mit, daß sie 
meinte, die menschliche Form trete schemenhaft 1 ) gleich nach der 
Befruchtung im Keim auf. 

Der Eisweg hat Schlangengestalt. Die Schlange ist, wie 

*) Hierauf dürfte sich auch die Nuance der Traumerzählung beziehen, 
daß die gesehene Szene ein bloßes Gemälde -war. „Stiebe" (wie es in der 
zweiten Version der Traumdarstellung heißt) deutet -wieder auf Koitus. 

10* 



148 Herbert Silbercr. 

Agathe angibt, eiu Symbol des Penis und des Lebens. Der 
Eisweg ist hart; Agathe wundert sieh im Traum, daß die Skiläufer 
dort fahren. Harte Sehlange = Erektion. Sie meint im Traum, dieses 
Fahren sei ein neuer Sport. In der Tat war dieser „Verkehr" (nämlich 
der sexuelle) für sie etwas Neues auf dem Weg nach Triest. Daß ge- 
wissermaßen rhythmisch „von Zeit zu Zeit" ein Fahrer auf dem 
Schlangenweg dahersaust (ins schöne, dunkle fremde Land hinein), 
scheint auf die rhythmischen Bewegungen beim Geschlechtsverkehr 
hinzudeuten. 

Wer sind die Einjährig - Freiwilligen? Ihre Bekleidung 
weist durch Gleiehklang auf den Namen Pauls, der keine Kinder haben 
will und im Traum deshalb ausweicht (aus der Eisbahn tritt), wenn 
die Fahrer (Spermatozoen) daherkommen (coitus interruptus), 
und einen Mantel anhat (Condom); außerdem glaubte auch 
Agathe den einen Einjährigen mit Paul identifizieren zu sollen. Daß 
zuerst zwei Einjährige waren, scheint teilweise durch die Determination : 
Hoden bestimmt zu sein. Zu „Einjähriger" ist noch zu bemerken: 
Agathe kennt Paul ein Jahr lang. 

Der Soldat im grauen Mantel hat aber noch eine andere sehr 
wichtige Bedeutung. Er erinnert Agathe (außer an Paul) auch an 
einen Herrn F., den sie den „Tod" zu nennen pflegte. Der Soldat im 
grauen Mantel ist der Tod, der nur einen Schritt vonAgathens Wege 
dastand, als sie im Gefolge der Triester Erlebnisse operiert wurde. 
Sie schaute damals dem Tod ins Antlitz. Der Soldat im Mantel stellt 
sich (wie Agathe nachträglich angibt) im Traum ihr gegenüber auf. 
Bei der Operation wurde Agathen ein Ovarium entfernt, das andere 
belassen. Daher das Verschwinden des einen Soldaten; daß der zweite 
die Rolle des drohenden Todes übernimmt, hat auch eine dem Krank- 
heitsverlauf entsprechende Bedeutung. 

Was soll aber der Tod in diesem Traum? Welche aktuelle Regung 
mobilisiert die düstere Gestalt? Hier sitzt vielleicht der tiefste Gedanke 
des Traumes: Agathe will ihr Leben rückgängig machen. 
(Ein mir aus ihren Analysen bereits wohlbekanntes Thema.) Und 
sie gebraucht im vorliegenden Traum drei Hauptsymbole, um das 
auszumalen: 1. sie will ein fernes, fremdes Land 1 ) aufsuchen, weil es 



x ) Ein Märchenland, wo alles sich so verhält, wie wir es wünschen. Der 
„poetische" Name des Landes „klingt japanisch" — das hängt mit Agathens 
Schwärmerei für Japan zusammen. Für sie ist Japan das Märchenreich. Jeder 



Spcrmatozoenträume. 149 

sie in ihrer Haut nicht leidet; 2. sie ruft den Tod zu. Hilfe, der 
sie von dem Lebensweg (Eisweg) gleichsam abdrängt (sich ihr gegen- 
überstellt); 3. endlich stellt sie sich vor, sie sei überhaupt nicht 
gezeugt worden und vermeide es, als Spermatozoon in den Eisweg 
des Samenstroms zu geraten, der in das dunkle Land (Leib der 
Mutter) hineinfließt. 

Betrachten wir die dritte Phantasie etwas genauer. Sowohl das 
Ziel der Skiläufer (Triest, Land der Befruchtung) als ihre Herkunft 
(Vaterleib) ist dunkel. Hier verliert sich eben die Phantasie ins Un- 
gewisse; es fehlen die bestimmten Vorstellungen; auch die Zukunft, 
das Leben, ist ungewiß, solange man im Keimstadium sich befindet. 
Es ist undeutlich, ungewiß, woher die Lebensschlange kommt und 
wohin sie geht. Darum ist es besser, man betritt sie (d. h. den Lebens- 
weg) gar nicht. Wir haben hier die Todeskomponente der Vaterleibs- 
phantasie klar vor uns. Agathe will den Penis nicht passieren, wie 
die anderen Spermatozoen, um nicht konzipiert zu werden. Daß die Er- 
füllung dieses "Wunsches im Traum als eine unerwünschte Verhinderung 
erscheint, hat in psychischen Konflikten Agathens seinen guten Grund, 
einer Mechanik, auf die ich nicht eingehen kann, ohne sehr weitschweifig 
zu werden. Der "Wunsch, nicht ins Land der Befruchtung zu kommen, 
macht sich aber ganz deutlich in der gespannten Stimmung (gemischte 
Gefühle) beim Einfahren des Zuges in die Station geltend. Das Ein- 
fahren des Zuges drückt natürlich wieder den Koitus aus; die Angst 
des Verpassens des richtigen Ortes (eigentlich der richtigen Zeit) hat 
vielleicht mit dem coitus interruptus zu tun. Eintreffen des Samen- 
stroms, ,,es kommt" der Orgasmus, Angst, den richtigen Augenblick 
zu verpassen, mögliche Konzeption usw. 

Nachträglich fiel Agathen auch der Name des „fremden 
Landes" ein; es hieß Chiuka. Dieses Wort gehört keiner Agathen 
bekannten Sprache 1 ) an; es erinnert sie bloß an eine ähnlich klingende 
Stelle in einem Wiegenlied (eine Art eia-popeia). Also wieder eine 



Mensch hat irgend so ein Wunsehland, in das er sich gerne versetzt sehen möchte. 
Bei manehen ist es das Wunderland Indien, bei anderen das Land Amerika, wo 
alles möglich ist, bei einem andern das Hochgebirge usf. Ebenso ist psychologisch 
auch das „Jenseits" aufzufassen. Das „fremde Land" Agathens ist auch das 
Land des Todes. 

J ) Einige Kollegen aus der Wiener psychoanalytischen Vereinigung machen 
mich darauf aufmerksam, daß ein sehr ähnlieh klingendes slawisches Wort das 
weibliche Genitale und den Hecht (der wieder als Symbol für den weiblichen 



150 Herbert Silberer. 

Anspielung auf das Kinderzeugcn. Meine, neben andere Deutungen 
gestellte Auffassung des fremden Landes als Mutterschoß wird also 
wohl berechtigt sein. Agathen fällt übrigens in Verbindung hiermit 
und zu dem mit weichem, schmelzenden Schnee bedeckten Gelände 
die für Kinder märchenhafte Vorstellung ein, daß das Reich, wo die 
Kinder herkommen, ein Sumpfland ist, wo sie von Störchen heraus- 
geholt werden. 

Die Trauer oder Enttäuschung Agathens, als sie im Traum ent- 
deckt, daß sie keinen Kahn (Penis), sondern einen Trog (weiblichen 
Geschlechtsteil) habe, ist nicht erst dadurch bestimmt, daß dieser 
Trog leer ist (worüber ich oben sprach), sondern an und für sich 
schon begründet durch Agathens lebhaften Wunsch, ein Mann 
zu sein. 

Agathe entschloß sich widerwillig zur Erzählung des Traumes. 
Die Widerstände kennzeichnen das aktuelle Vorhandensein jener 
die Verborgenheit suchenden Wunschregungen, welche sich in unserer 
Analyse offenbarten. 

Als das Rätsel des Traumes vom 6./7. Januar 1912 gelöst war, 
machte Agathe die Bemerkung, es müßten sich unter ihren früheren 
von mir aufgezeichneten Träumen welche befinden, zu deren Geheim- 
nissen man mit dem gleichen Schlüssel gelangen könnte wie dieses 
Mal. Die Spermatozoensymbolik erscheine ihr als etwas ihrem Gefühl 
gewissermaßen schon Bekanntes. Zufällig hatte ich einen Traum, 
den sie mir drei Tage vorher geschrieben hatte, noch nicht analysiert, 
und machte mich daran, ihn zu lesen. Ich teile den ganzen Traum 
mit und hebe darin jene Szenen hervor, die mir besonders auffielen. 
Ich muß noch bemerken, daß Agathe vorhatte, zu ihren Eltern nach 
Frankfurt zu fahren, um der Verlobung ihres Bruders Gustav bei- 
zuwohnen, diesen Plan aber aufgab. 

Traum vom 31. Dezember 1911 auf den 1. Januar 1912: ,, Gegen 
12 Uhr in der Nacht komme ich bei meinen Eltern in Frankfurt an. 
Ohne in die Wohnung erst einzutreten, befinde ich mich schon in einem 



Geschlechtsteil anzusehen ist, weil er Fische, Phalli, verschlingt) bedeutet. 
Da nun Agathe dem einen Elternteil nach slawischer Abstammung ist 
und, wenn sie auch keines slawischen Idioms mächtig ist, dennoch manchen 
Brocken eines solchen aufgeschnappt haben mag, ist der sprachliche Hinweis 
zu beachten. 



Spermatozoenträume. lol 

kahlen Zimmer 1 ), welches durch üppige Portieres von dem Schlaf- 
zimmer meiner Eltern getrennt ist. In einer Ecke des Zimmers stehen 
meine beiden Schwestern Marthe und Lieschen 2 ). Beide sind ge- 
wachsen und verändert. Mich auf die Begrüßung namentlich Marthe s 
(des älteren von den beiden Kindern) freuend, breite ich die Arme 
ihr entgegen. Sie drückt sich, groß und ernst mich anschauend, in die 
Ecke, wie zurückweichend vor mir, und als ob sie mich nicht erkennte. 
Lieschen aber läuft mir entgegen und umarmt mich; da kommt auch 
Marthe zögernd zu mir und läßt sich auf die Wange küssen von mir, 
sie küßt mich nicht. Gleich öffnet sich auch die Portiere und im Nacht- 
gewand kommt nun Vater heraus, umarmt mich freudig, hebt mich 
in die Höhe und küßt mich beständig auf den Mund, bis er 
seine Zunge ganz tief in meinen Mund steckt. Mich ekelt's und ich 
denke mir: ,Ach, der Papa ist noch immer so leidenschaftlich 3 )' und 
möchte mich losmachen. Im nächsten Moment befinde 
ich mich auf der Straße, mit dem Gedanken beschäftigt, 
daß ich meine Mutter suchen gehe. 

„An einer Straßenecke sitzen mein Bruder Gustav und 
seine Braut Dora und betteln die Leute an. Ich gehe hin 
und sage ihm: ,Bitte, gib mir etwas Geld, ich habe meine 
Tasche in der großen Eile vergessen'. Er greift bereitwillig 
in die Tasche und holt eine Handvoll ganz neue Silber- 
kronen heraus. Ich bewundere die Schönheit des Geldes 
und will eine Krone nehmen, da sehe ich, daß das Silber 
sich in Elfenbein verwandelt und daß in fremdartiger 
Plastik kleine dünne Figuren sichtbar werden. Ich bin 
sehr enttäuscht und denke mir: Ach, die will ich gar nicht 
haben, und laufe davon, ohne ein Wort zu sagen. Ich suche 
meine Mutter weiter. Endlich glaube ich, sie von weitem unter einigen 
Frauen kommen zu sehen. Ich erkenne sie an ihrer frisch gewaschenen 
Bluse und Schürze. Ich laufe ihr entgegen, von der Nähe waren mir 



x ) Agathe kennt die gegenwärtige Wohnung ihrer Eltern nicht, denn 
diese sind in AWesenheit Agathens umgezogen. Sie leben in ärmlichen Ver- 
hältnissen; deshalb stellt sich Agathe die Wohnung auch in Wirklichkeit kahl vor. 

2 ) Agathe hat noch eine dritte Schwester, mit der sie in reger Korrespon- 
denz steht. Die beiden hier genannten sind Kinder, die dritte Schwester hat die 
Pubertät bereits überschritten, zählt also gewissermaßen schon zu den Erwachsenen. 

3 ) Er pflegt von jeher seine Kinder wirklich mit eigentümlicher Leiden- 
schaftlichkeit zu küssen. 



1ü2 Herbert Silberer. 

ab<?r alle Frauen fremd. Ich blieb traurig nachdenklich stehen und 
ließ sie an mir vorbeigehen." 

Die Begebenheit mit dem Gelde des Bruders, auf dem plötzlich 
„kleine dünne Figuren" sichtbar werden, ist um so bemerkens- 
werter, als das Geld, besonders das weiße Silbergeld (vgl. das Elfen- 
bein) oft auf Sperma deutet und als die Provenienz des Geldes aus 
der Hosentasche des Bruders (der in Agathe ns Kinderzeit eine sexuelle 
Rolle bei ihr gespielt hat) für eben diese Bedeutung spricht. Die „kleinen 
dünnen Figuren", von denen sich dann Agathe abwendet (Verhütung 
der Konzeption), lassen wohl kaum eine bessere Interpretation zu als: 
Spermatozoen. 

Ich greife einige Stellen aus der Analyse heraus. Dem gesperrt 
gedruckten aus dem Traum herausgegriffenen Schlagwort folgen je- 
weils die Einfälle, die Agathe dazu produzierte. Wo diese buchstäblich 
wiedergegeben werden, stehen sie in Anführungszeichen. In eckigen 
Klammern meine Glossen. 

Portieren. — Üppigkeit. Gegensatz zum kahlen , kalten Zimmer . — 
Schöne Vorstellungen aus orientalischen Liebesgeschich ten. — Ver- 
schiedene schöne Reminiszenzen. — Jungfernhäutchen. 

Gib mir etwas Geld. — „Das sind Worte, die ich gehört 
und auch selbst gebraucht habe, wenn ich z. B. meine Tasche zu Hause 
vergessen hatte und mich an meinen Freund Paul wandte. — Es fällt mir 
ein, daß meine Mutter einmal kein Geld hatte, um einkaufen zu gehen; 
gekocht mußte aber doch werden, und so ging meine Mutter zum Fleischer 
usw. und sagte, sie hätte ihre Tasche vergessen, sie werde am nächsten 
Tag zahlen." 

Er greift in die Tasche. — [Lachend:] „Pfui! — Mir fallen 
unangenehme Erinnerungen ein." [Betreffen Leute, die onanistische 
Akte ausführten, indem sie die Hände in die Tasche steckten. U. a. 
hatte ein jetzt schon verstorbener Bruder Agathe ns diese Gewohnheit.] 

Eine Handvoll. — „Eine Handvoll nimmt man z. B., wenn 
man Körner den Hähndeln hinstreut ; man hat dabei ein angenehmes 
Gefühl, wenn man aus einem Korb oder einer Schürze die Hand voll 
nimmt und die Samenkörner [notabene!] hinstreut. [Angenehmes 
Gefühl des Samenstreuens = Ejakulation !]. — Man kann auch vom 
Onanieren die Hand voll bekommen." Das Weib wie auch der Mann. 

Ganz neue Silberkronen — „habe ich sehr gern, habe aber 
nie welche; man bekommt sie selten. [Neue Silberkronen = Sperma; 
Nichtbekommen derselben = Verhütung der Konzeption durch coitus 



Spermatozoenträume. 



1S3 



interruptus oder Kondome.] — Fisclischuppen. — Ulmcnfrüchte, 
die man der Gestalt wegen „Geld" nennt." 

Fisclischuppen. — ,. Jemand sagte einmal zu inir, die Fische 
kämen zur Brunstzeit [soll heißen : Laichzeit] an den Strand, auf den 
nassen Sand und ließen ihre Schuppen in der Sonne schillern; und ich, 
so sagte er, schillere ebenso." 

Kro ne n. — „Ein Sprichwort sagt : Ein junger Hirt ist mehr wert 
als ein alter König." 

Elfenbein. — „Die Stelle aus dem Hohen Lied, wo es heißt: 
,, Deine Nase ist wie ein elfenbeinerner Turm" — oder heißt es ,,Dein 
Hals?" Nase ist ein sexuelles Symbol, nämlich für den Penis. Man 
sagt auch, wer eine große Nase hat, habe einen großen Penis. Bei der 
Frau soll die große Nase viel Temperament anzeigen. — Japanische und 
chinesische Elfenbeinschnitzereien." — Märchen von Sindibad dem 
Seefahrer. 

Enttäuscht usw. — „Im Traum habe ich mich sehr gewundert, 
daß ich enttäuscht war, da ich doch Elfenbein so gern habe." [Auch 
betreffs der Figuren auf dem Elfenbein hatte Agathe bei einer zweiten 
Darstellung desselben Traumes bemerkt : „Sie waren unendlich zierlich; 
ich weiß nicht, warum sie mir nicht gefallen haben."] Es ist auffällig, 
setzt sie hinzu, daß sie das Wertvolle verschmähte. Die Kronen waren 
jung, das Elfenbein wertvoller, aber alt, daher die Enttäuschung. 

Plastik. — Alte Reliefs, die Agathe in einem Museum gesehen 
hat. Sie erinnert sich an eine schöne, etwas verwitterte Steinplatte, 
worauf kleine Engel abgebildet waren in zwei Gruppen, die einander 
entgegenkommen, mit Flöten, anderen Musikinstrumenten, Blumen 
und Bändern in den Händen. — Ein Dolchmesser mit Elfenbeingriff, 
worauf Drachen und unförmige Menschen geschnitzt sind. Dieses 
Messer hat Agathe bei der Mutter jenes Mannes gesehen, mit dem sie 
in Triest gewesen ist. 

Kleine dünne Figuren. — Eben die schon genannten Engel, 
die Agathe in Triest gesehen zu haben glaubt. 

Die Figuren auf dem Geld. — Sie waren fast ebenso wie die 
erwähnten Engel, nur sehr verkleinert. Es waren drei Figuren rechts 
und drei links. 

Elfenbein statt Silbergeld. — Das Herzeigen des Elfen- 
beins statt des Geldes im Traum sah aus wie eine Fopperei; als würde 
Agathens Bruder ihr Samen (Sperma) statt Geld darreichen. 

Engel. — Kleines Kind. Ein nicht existierendes kleines Wesen. 



154 Herbert Silberer. 

Nachtrag zu Enttäuschung und Davonlaufen. — „Es fällt 
mir ein, daß ich dem . . .[ihrem Tiiester Freund] davongelaufen bin, als ich 
von ihm schwanger geworden war," so wie Agathe auch im Traum 
davonläuft, als man ihr Samen darreicht. Als ich darauf bemerke, 
daß die Auffassung Geld = Samen die kleinen Engel nunmehr als 
Spermatozoon erkennen lasse, sagt Agathe, es sei ihr schon beim 
Niederschreiben des Traumes klar gewesen, daß die Handvoll Silber- 
geld oder Elfcnbeinplättchcn mit Engeln darauf als Samen mit 
Kinder keimen aufzufassen sind; sie hätte es mir schon früher mit- 
teilen können, wenn der Traum gleich analysiert worden wäre. 
Soviel von der Analyse. — 

Wenn ich aus dem Traum jene Momente herausgreife, die sich 
auf den Koitus und die Befruchtung beziehen, so ergibt sich eine zu 
der Spermatozoenszene sich steigernde sinngemäße Entwicklung. 
Durch die Portieren (Hymen) dringt der Vater. Seine leidenschaftlichen 
Liebkosungen waren Agathen als ganz jungem Mädchen angenehm; 
später wirkten sie ekelhaft, und deshalb erfährt die im Traum gegebene 
Erfüllungssituation eines alten Wunsches (an Stelle der Mutter zu 
sein) sofort einen Widerstand. Der Konflikt löst sich oder, richtiger 
gesagt, es wird ihm ausgewichen, indem der sexuelle Vorgang in ein 
Bild übersetzt wird, das sich uns in der Geldszene präsentiert. Der 
ältere Vater ist durch den jüngeren Bruder ersetzt worden (vgl. in der 
Analyse den Gegensatz junge Kronen, altes Elfenbein). Aus der Hosen- 
tasche kommt Geld. Der Samen droht, sie mittels der kleinen Engel 
(Kinderkeime) zu befruchten, und abermals befindet sich Agathe 
in einem Konflikt zweier Wünsche : schwanger zu werden und es nicht 
zu werden. Dem Konflikt wird sofort wieder durch eine Verlegung 
der Szene ausgewichen. Hier bricht nun der Traum ab, ohne uns etwas 
Bestimmtes darüber auszusagen, wie der Konflikt gelöst wird: ob die 
Konzeption eintritt oder nicht, ob der eine oder der andere Wunsch 
symbolisch sich erfüllt. Dennoch gibt es eine Fortsetzung. Es trifft 
sich nämlich, daß Agathe ihren Traum vier Tage später weiter- 
träumte. 

Bevor ich diesen Fortsetzungstraum mitteile, muß ich noch einige 
Mitteilungen zu dem vorliegenden Traum und den Einfällen machen. 
Eine auf mein Ersuchen von Agathe angefertigte Skizze der Situation 
im kahlen Zimmer, dessen Portieren u. a. das Hymen vorstellen, durch 
das „im Nachtgewand" der Vater (Penis) dringt, weist den zwei 
Schwestern Marthe und Lieschen ihre Plätze links und rechts von 



Spermatozoenträume. 155 

der Portiere an. Berücksichtigt man die Ähnlichkeit des „kahlen 
Zimmers" mit dem „leeren Kahn'' des andern Traumes und die 
Tatsache, daß in einem früheren Traum die Ovarien durch Kinder 1 ) 
von Agathens Mutter (Gebärmutter !) dargestellt worden sind, so wird 
man die Deutung der zwei Kinder als Ovarien um so weniger befremd- 
lich finden, als die operative Entfernung des einen Ovariums durch das 
Zurückweichen Marthes dargestellt erscheint. Freilich ist das nur 
eine, und zwar nicht gar tiefliegende Bedeutung von Marthes Ver- 
halten. Eine tiefere Erklärung des eigentümlichen scheuen Zurück- 
weichens wird später folgen. 

Das Gehobenwerden vom Vater hat nicht etwa bloß einen erotischen 
Sinn. Das Gefühl dabei war ein unsicheres; so, als könnte man dabei 
fallen. Abgesehen nun von der Möglichkeit des Fallens im Sinne von 
„zur Dirne werden" usw. wird durch die Situation des unsicheren 
widerwilligen Gehoben Werdens folgender Wunschkonflikt ausgedrückt : 
einerseits wünschte Agathe lange Zeit hindurch, dem schönen, interes- 
santen Vater körperlich ähnlich zu werden; anderseits möchte sie ihm 
in den Charaktereigenschaften und in der Lebensführung nicht ähnlich 
werden. Wenn also der Vater sie zu sich emporhebt 2 ), so ist dieses 
Emporsteigen gewissermaßen gleichzeitig ein unerwünschtes Sinken; 
daher das unsichere Gefühl, und daher wohl auch zum Teil die Wahl 
der Straße zum nächsten Schauplatz. Dorthin würde sie sinken, 
wenn sie dem Vater gleich würde. Die Straße als das „Freie" illustriert 
wieder den Gedanken der Befreiung, das Losmachens vom Vater wie 
auch von den ihn betreffenden Konflikten (funktionales Symbol). 

Agathe sucht nun die Mutter 3 ). Das heißt u. a., daß sie sich mit 
ihr identifiziert; daß dies im Traum tatsächlich der Fall ist, daß sie sich 
wahrhaftig an die Stelle der Mutter setzt, das haben wir ja soeben ge- 
sehen, da sie doch als Penissymbol (oder sexuellen Partner) just den 
Vater phantasiert. Die Situation wird ihr des Konfliktes wegen un- 
gemütlich, und es scheint fast so, als suche sie nun die wirkliche Mutter, 
um sich von ihr ablösen zu lassen. 



x ) Nicht gerade als bestimmte Schwestern, aber so, daß sie am ehesten 
eben den zwei jüngsten entsprachen. 

2 ) Diese Vorstellung entstammt jedenfalls der Kindheit, in der der Vater 
natürlich als „Großer" betrachtet wird. 

3 ) Insofern das (erfolglose) Suchen der Mutter historisch betrachtet wird, 
geht es darauf zurück, daß Agathe in Wirklichkeit lange Zeit in ihrer Mutter 
vergeblich die verständnisvolle Mutter gesucht hat. 



1 5G Herbert Silbercr. 

Die sexuelle Szene mit dem Bruder wird durch die Bitte um Geld 
(Sperma) und die Begründung derselben durch einen Vorwand, das 
Vergessen des Täschchens, eingeleitet, Agathe tut hier eine ähnliche 
Bitte an ihren Bruder wie sie sie häufig an Paul richtet (setzt also den 
Bruder für ihren Sexualpartner ein) und wie sie Agathens Mutter 
als Vorwand dem Fleischer gegenüber gebrauchte (so daß der Bruder 
auch zu dem Fleischer in Parallele gesetzt wird). Der Vorwand dient 
nicht allein zur rationalisierenden Verdeckung des Spermaverlangens, 
sondern auch zu einer symbolischen Beziehung zu dem erotischen 
Zweck; es ist ja von einer Tasche (Vagina) die Kede. Der Bruder — 
Fleischer produziert nun wirklich Fleisch, den Penis nämlich, obgleich 
der Traum dies bloß durch Anspielungen zu verstehen gibt. 

Die Engel auf den Elfenbeinstücken, die Kinderkeime in der 
Samenflüssigkeit, sind in zwei Gruppen verteilt, die einander mit 
Musikinstrumenten, Blumen und Bändern entgegenkommen. Die Szene 
ist so gewählt, als wollten sie einen Hochzeitsreigen aufführen. Die 
Verteilung in zwei Gruppen mag eine mann-weibliche Symbolik ent- 
halten; das Einander-Entgegenkommen wäre ein Symbol der geschlecht- 
lichen Vereinigung. Die Dreizahl auf der einen Seite mag (nach einer 
bei Agathe häufigen Symbolik) der Dreiheit Penis-Hoden, die auf 
der andern Seite jener von Uterus- Ovarien entsprechen. 

Und nun zur Mitteilung des Fortsetzungstraumes. 

Traum vom 4./5. Januar 1912: „(Ich träume den Traum vom 
31. Dezember 1911/1. Januar 1912 weiter, nach drei 1 ) Tagen.) End- 
lich habe ich meine Mutter gefunden und bin voller Freude und 
Erwartung. In dem großen kahlen Zimmer (vom vorigen Traum) 
sitzen viele Gäste (lauter Frauen) um einen schmalen langen 
Ho'lz tisch. Meine Mutter sitzt am linken Eand in der Mitte und ich 
neben ihr auf einem Fußkissen und schaue zu ihr hinauf. Ich sage: 
„Du siehst sehr gesund aus, Mamachen, wie kannst Du so klagen?" 
Sie ist ganz angezogen, jedoch sehe ich sie nackt, mit einem üppigen 
weißen Körper. Ich wundere mich und denke mir: Mama war doch 
wie ein Stäbchen, so dünn. Mama spricht: ,Ja, ich habe am 
Bauch eine Geschwulst gehabt. Einmal komme ich nach Hause, 
ziehe mich aus und lege mich ins Bett. Eine eigentümliche Leichtigkeit 
verspüre ich, greife nach meinem Bauch und bekomme die Hände 



Y ) Eigentlich sind es vier. 



Spermatozoentriiurne. 1 57 

mit Dreck voll. Denk' Dir, die Wunde ist auf dem Weg ausge- 
ronnen. Es war noch ein bissei Blut drin, ich hab' es aber gut aus- 
gedrückt, obwohl es geschmerzt hat/ Ich fühlte einen unbeschreiblichen 
Ekel und antwortete nichts. [Nachträglicher Zusatz: während Mamas 
Erzählung sah ich, daß ihr Körper wie der einer Leiche auf- 
gedunsen war.] Ich habe während der Erzählung die offene Wunde, 
Eiter und Blut fließen sehen; es war gräßlich. Eine Weile blieb ich dort 
sitzen und schaute mir die Frauen an. Sie waren wie Klageweiber. 
Ganz unheimlich wurde mir. Erwachen." 

Wir sehen, daß dieser Traum an den vorher mitgeteilten tat- 
sächlich anknüpft. Um nicht zu weitschweifig zu werden, greife ich 
aus der Analyse bloß folgende Einfälle heraus. 

Mutter unter den alten Frauen. — „Es war so, als würden 
wir nicht dort hingehören, sondern bloß in diese Situation hineinver- 
setzt sein. Ich wollte nicht fragen. Ich war bloß froh, die Mama gefunden 
zu haben." — Es hat zuerst ausgeschaut wie eine Gesellschaft, wo 
es lustig zugeht; erst als Agathe ihre Mutter nackt und ekelhaft sah, 
erkannte sie, daß die alten Frauen Klageweiber waren. 

Wie ein Stäbchen so dünn. — Das erinnert Agathe an ein 
mikroskopisches Präparat von Vaginalsekret, worin lauter Stäbchen 
zu sehen waren. 

Die Geschwulst am Bauch. — Schwangerschaft, und zwar 
eine solche, die nicht zu ihrem normalen Ende kam (Abortus). — Jede 
Frau wird, nachdem sie Kinder bekommt, häßlicher. Ich habe mir öfter 
gedacht, ich möchte darum keine Kinder haben; oder höchstens eines 
oder zwei. [Ihre Mutter hatte deren neun.] 

Den vorhergehenden Traum verließen wir, indem wir einen un- 
gelösten Konflikt zwischen zwei Wünschen vermerkten; dem Wunsche 
nämlich, schwanger zu werden, und dem gegenteiligen. Die Folgen des 
Geschlechtsverkehrs vom vorigen Traum werden nun in dem neuen 
Traum dargestellt. Der Konflikt wird dabei in witziger Weise 
gelöst. Es wird nämlich beiden Wünschen Erfüllung zu- 
teil durch ein Kompromiß, indem zwar eine Schwangerschaft 
(der für die Mutter zu substituierenden Agathe) eintritt, aber nicht 
zum Kinderbekommen führt, sondern durch einen Abortus rück- 
gängig gemacht wird. Die auf „Abortus" gedeutete Traumepisode 
hat einen Hintergrund in einem realen Erlebnis der Mutter, an das sich 
Agathe affektreich erinnert; auch gewisse Details davon sind im Traum 
verwertet. Die Substitution A»athe— Mutter ist noch unterstrichen 



158 Herbert Silbcrcr. 

durch die Ähnlichkeit der Erlebnisse beider (Abortus; Wunde- Blut- 
Eiter usw. gelegentlich der bei der Analyse des Traums vom C./7. Ja- 
nuar erwähnten Operation). Die Stäbchen im Traum und Assoziation 
scheinen wieder eine Hindeutung auf Spermatozoon zu enthalten; 
es zeigt sicli nämlich wieder der Entwicklungsgedankc, wie wir ihn 
vom Brotteig usw. her kennen : die Mama war zuerst wie ein Stäbchen 
so dünn (übrigens ist, in weitergehender Interpretation, jeder Mensch 
einmal wie ein mikroskopisches Stäbchen so dünn, nämlich als Sperma- 
tozoon), jetzt hat sie einen dicken Bauch bekommen. Bedenkt man, 
daß in Agathe die Assoziation zu mikroskopischen Stäbchen 
im Vaginal sekret wach ist, so kann man für ein Stäbchen, das einen 
geschwollenen Bauch im Gefolge hat, kaum eine richtigere Über- 
setzung finden als: Spermatozoon 1 ). 

Die Situation Agathe ns zu Füßen der Mutter, nachdem diese 
gerade abortiert hat, läßt daran denken, daß sich Agathe an die Stelle 
des abortierten Fötus denkt. Diese Nuance, die natürlich den bei Agathe 
so wichtigen To des wu nsch ausdrücken würde, erfährt eine Bestätigung 
durch die vielsagende Anwesenheit der Klageweiber; solchen Klage- 
weibern kommt nach altem Gebrauch die Totenwacht zu, wenn ein 
Weib gestorben ist. Die lange Tafel mit den alten Personen läßt übrigens 
auch an die Ahnentafel denken, besonders wenn man sich die Be- 
merkung Agathens vor Augen hält, daß sie und die Mutter in diese 
Gesellschaft eigentlich nicht hineingehörten, sondern sich nur dahin 
versetzt sahen. Ich muß auch anführen, daß Agathe, deren Mutter 
schwer leidend ist, kürzlich äußerte, sie habe manchmal das Gefühl, 
als würde sie ihre Mutter nie mehr sehen. 

Durch diese Betrachtungen des Traummaterials sehen wir uns auf 
einmal in das Kapitel der Todesphantasien geleitet, die im Traum 
vom 6./7. Januar eine dominierende Bolle gespielt und der Sperma- 
tozoen- und Vaterleibsphantasie eine besondere Bedeutung verliehen 
haben, nämlich die, das Leben rückgängig zu machen. Prüft man die 
jetzt analysierten zwei zusammenhängenden Träume auf den gleichen 
Gedanken, so zeigen sie abermals einen schönen Zusammenhang. 
Ich muß aus der Analyse des Traumes vom 31. Dezember 1911/1. Ja- 
nuar 1912 noch zwei Assoziationsreihen anführen, die uns als Wegweiser 
dienen können: 

Kahles Zimmer. • — „Uneingerichtet; hängt mit Armut zu- 

*) Die Skiläufer des Traumes vom 6./7. Jänner mit ihrer dünnen, auf- 
rechten Gestalt hatten auch ungefähr Stäbchenform. 



Spermatozoenträume. 159 

sammen. [Durch die tatsächlichen Verhältnisse gegeben]. — Traurig- 
keit, Kälte, Ungemütiichkeit. — Das Zimmer erinnert mich an etwas, 
und ich weiß nicht an was. — Jetzt weiß ich schon: es erinnert mich 
an das Zimmer, wo mein Bruder N. aufgebahrt war." [Dieser N. 
war jener habituelle Onanist, von dem unter dem Schlagwort „Er 
greift in die Tasche" die Rede gewesen.] 

Groß anschauen, zurückweichen. [Marthes Verhalten 
im Traum.] — „Das ist eine Bewegung von mir, wenn ich einer Sache 
oder jemandem gegenüberstehe, den ich nicht ganz kenne oder dem 
ich nicht sehr traue. — Eine ähnliche Bewegung Pauls mir gegenüber, 
als er sehr böse auf mich war. — Das Sichbefreunden mit etwas, 
wovor man eigentlich zurückweichen sollte, z. B. vor einem 
Toten, vor einer Bahre, etwas Unheimlichem." Agathe 
erinnert sich einer Episode aus ihrem zehnten Lebensjahr: als eine 
Schwester gestorben war und aufgebahrt lag, verbot man ihr, 
das Zimmer allein zu betreten oder der Toten zu nahen, weil man sie 
vor dem Anblick des Todes bewahren zu sollen glaubte; sie aber dachte 
sich : Was ist denn da Schreckliches dabei? und ging ruhig allein in jenes 
Gemach, deckte die Tote auf und berührte sie. — In späterer Zeit, 
mit 13 bis 14 Jahren hat Agathe öfter die Leiche nkammer be- 
sucht. 

Wir sehen, wie rasch Agathens Phantasie von den Traumdaten 
zu den Gedanken an Tod, Bahre und Leichen gebracht wird. Und ich 
habe hier gar nicht alle Beispiele wiedergegeben. 

Besonders bemerkenswert finde ich den dritten Einfall unter 
dem Schlagwort „Groß anschauen usw. ;" ich habe ihn deshalb auch 
im Drucke hervorgehoben: „Das Sichbefreunden..." bis „...etwas 
Unheimlichem." Dieser Einfall scheint auf das Schlagwort eigentlich 
nicht recht zu passen. Das Zurückweichen ließe eher denken an ein 
„Schaudern vor etwas, womit andere sich befreunden" oder so ähnlich. 
Warum ist die Vorstellung bei Agathe gerade umgekehrt? Darum, 
weil Agathens Assoziationen nicht von der manifesten Traumepisode 
aus, sondern von den ihr zugrunde liegenden Komplexen geleitet worden. 
Agathe sagt mit ihren Einfällen soviel als: „Die Traumepisode bezieht 
sich darauf, daß ich — wie ich es schon oft getan — mich mit etwas 
befreunde, was andere schaudern machen würde und vielleicht auch mich 
schaudern machen sollte, nämlich mit den Todesgedanken." Agathe 
(die sich viel mit Selbstmordabsichten trug) teilte mir auch mit, daß 
sie oft gewünscht habe, sie wäre nie geboren; sie habe ihre Mutter 



160 Herbert Silberei-. 

mehrmals erbost durch Klagen darüber, daß sie nun das Leid des Lebens 
tragen müsse wegen eines kurzen Momentes der Lust der Eltern. Der 
Todesgedanke in dieser Wendung (los vom Leben durch Ungeschehen- 
machen der Zeugung) führt natürlich zur Vaterleibs- und Mutter- 
leibsphantasie. Wir wollen nun diesen Gedankenreihen im Traum 
nachgehen. 

Das kahle Zimmer ist der leere Trog 1 ), d. h. der unfruchtbare 
Uterus, den sie der Mutter anwünscht, damit sie nie hätte geboren 
werden können. Die Identifikation des eignen sterilen Uterus mit dem 
der Mutter geschieht, indem Agathe, die Mutter suchend, die elterliche 
Wohnung betritt und sich in sexueller Beziehung zum Vater an die 
Stelle der Mutter setzt. Sie wünscht sich etwa so: „Oh, wäre ich 
(Unfruchtbare) an der Stelle meiner Mutter gewesen, dann 
wäre ich, die Tochter, nie empfangen und nie geboren 
worden!" Die Identifikation mit der schwer kranken Mutter bringt 
übrigens Agathe schon an sich dem Tode näher. 

Die Begrüßungsszene mit dem Zurückweichen Marthes 
stellt den Todeswunsch so erfüllt dar, als ob Agathe eine Leiche wäre. 
Denn vor einem Toten oder einem Gespenst 2 ) würde man 
so betreten zurückschaudern, wie Marthe vor Agathe. In 
Marthe und Lieschen haben wir uns übrigens die zwei seelischen 
Strömungen in Agathe zu denken, wovon eine die Todesgedanken 
gefällig findet, die andere ihr sagt, daß man davor zurückschaudern 
sollte. Im Traum sind ja alle Personen mehr oder minder Teile von uns 
selbst. Die Welt des Traumes ist unsere Schöpfimg und in den Ge- 
schöpfen des Traumes kreist unser eigen Blut. Hier im besondern liegt 
ein hübsches Phänomen der funktionalen Kategorie vor, welches 
die Struktur der Psyche und das innere Walten ihrer Kräfte zur 
Abbildung bringt. 

Ob das Nachtgewand des Vaters eine Anspielung auf „Toten- 
gewand" sein soll, weiß ich nicht. 

Die Straßenszene mit dem Geld (Sperma), vor dessen Figuren 
( Sperma tozoen) Agathe zurückweicht, wurde bereits besprochen. 
Man erkennt in dem Zurückweichen vor den Lebenskeimen unschwer 
den Zusammenhans mit der begonnenen Gedankenreihe. 



*) Aus dem Traume vom C./7. Januar. 

2 ) Hierzu stimmt die Nuance, daß Agathe im Traume just „gegen 
12-Ulir in der Nacht" eintritt. Den rezenten Anlaß zu diesem Umstände dürfte 
die Silvesterfeier geboten haben. 



Spermatozoenträume. 161 

Die Mutter, die ain Schluß des Traumes erfolglos weitergesucht 
wird, wird im Fortsetzungstraum endlich gefunden, und zwar, wie 
man eigentlich erwarten konnte: im kahlen Zimmer. Neuerlich wird 
gewissermaßen konstatiert, daß das kahle Zimmer (leerer Trog, steriler 
Mutterleib) der Mutter angehören soll, damit Agathe nicht konzipiert 
werden kann; oder wenn schon — so fügt der Traum gleichsam 
hinzu — dann soll sie wenigstens durch einen Abortus ab- 
gehen und tot zur AVeit kommen. Die Lage Agathe ns, dielugubre 
Gesellschaft, in die sie versetzt worden, der lange Holztisch (Bahre), 
die Klageweiber, das Grauen 1 ) am Schluß des Traumes — alles das 
spricht eine deutliche Sprache. 

Wir wollen nun resümieren. Indem wir in den vorstehenden 
Träumen den Spermatozoen- und Vaterleibsphantasien nachgingen, ge- 
rieten wir unvermerkt auf jene Hauptbedeutung derselben, die ich schon 
anfangs nur theoretisch-logisch herauskonstruiert hatte, nämlich 
auf den Wunsch, das gegenwärtige Leben los zu sein. Das Zurück- 
phantasieren in jene Zeit, wo das Leben in dieser Form noch nicht 
vorhanden war, ist eine der Gestalten des Todeswunsches oder, wenn 
man genauer sein will: ihm gleichbedeutend. In den drei Beispielen, 
die ich heute geboten, steht die Spermatozoenphantasie im Dienste 
dieser Wunschgruppe. Ich zweifle nicht daran, daß andere Forscher 
Spermatozoenbilder in vielen Träumen werden nachweisen können. 
Es wäre wünschenswert, daß sie die betreffenden Fälle auch auf den 
Gehalt an Todeswünschen gründlich prüfen mögen, um herauszufinden, 
ob der von mir beobachtete Zusammenhang die Regel ist oder nicht. 



*) Die Regung des Grauens wird natürlich nicht von jener Seelenströmung 
Agathens aufgebracht, die in der Begrüßungsszene des vorigen Traumes durch 
Lieschen, sondern durch jene, die durch Marthe verkörpert ist. 



Jahrbuch für psychoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. IV. 11 



Wandlungen und Symbole der Libido. 

Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. 

Von C. G. Jung. 



ZWEITER TEIL. 



Einleitung. 

Bevor ich auf die Materialien dieses zweiten Teiles eingehe, 
erscheint es mir geboten, einen Kückblick zu werfen auf den eigen- 
artigen Gedankengang, den uns die Analyse des Gedichtes „The Moth 
to the sun" gewiesen hat. Obschon dieses Gedicht vom vorhergehenden 
Schöpferhymnus sehr verschieden ist, hat uns die nähere Untersuchung 
der „Sehnsucht nach der Sonne" doch auf religiöse, astralmythologische 
Grundgedanken geführt, die sich eng an die Betrachtungen zum ersten 
Gedicht anschließen: Der schöpferische Gott des ersten Gedichtes, 
dessen zwiespältige moralisch-physische Natur uns besonders Hiob 
deutlich zeigte, erfährt in den Grundlagen des zweiten Gedichtes eine 
neue Qualifizierung von astralmythologischem oder, besser gesagt, 
von astrologischem Charakter. Der Gott wird zur Sonne und findet 
damit jenseits der moralischen Zerlegung des Gottesbegriffes in den 
moralischen Himmelsvater und in den Teufel einen adäquaten 
natürlichen Ausdruck. Die Sonne ist, wie Ke na n bemerkt, eigentlich 
das einzig vernünftige Gottesbild, ob wir nun auf dem Standpunkt 
des Urzeitbarbaren oder dem der modernen Naturwissenschaft stehen : 
beide Male ist die Sonne der Elterngott., mythologisch überwiegend 
der Vatergott, von dem alles Lebende lebt, der der Befruchter und 
Schöpfer aller lebendigen Dinge ist, die Energiequelle unserer Welt. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 163 

In der Sonne als natürlichem Dinge, das keinem menschlichen Moral- 
gesetz sich beugt, läßt sich der Widerstreit,, dem die Seele des Menschen 
durch die Wirkung der Moralgesetze 1 ) anheimgefallen ist, zu völliger 
Harmonie auflösen. Auch die Sonne ist nicht nur Wohltat, denn sie 
vermag auch zu zerstören, daher das Zodiakalbild der Augusthitze der 
herdenverwüstende Löwe ist, den der jüdische Vorheiland Simson 2 ) 
tötet, um die verschmachtende Erde von dieser Plage zu erlösen. Es 
ist aber die der Sonne harmonische und inhärente Natur, zubrennen, 
und es erscheint dem Menschen natürlich, daß sie brennt. Auch scheint 
sie auf Gerechte und Ungerechte gleicherweise und läßt ebensowohl 
nützliche wie schädliche Lebewesen wachsen. Die Sonne ist daher, 
wie nichts sonst, geeignet, den sichtbaren Gott dieser Welt darzustellen, 
d. h. die treibende Kraft unserer eigenen Seele, die wir Libido nennen, 
und deren Wesen es ist, Nützliches und Schädliches, Gutes und Böses 
hervorgehen zu lassen. Daß dieser Vergleich kein bloßes Spiel mit 
Worten ist, darüber haben uns die Mystiker belehrt: wenn sie durch 
Verinnerlichung (Introversion) in die Tiefen ihres eigenen Wesens 
hinabsteigen, so finden sie ,,in ihrem Herzen" das Bild der Sonne, 
sie finden ihre eigene Liebe oder Libido, die mit Recht, ich darf wohl 
sagen, mit physikalischem Recht, Sonne genannt wird, denn unsere 
Energie- und Lebensquelle ist die Sonne. So ist unsere Lebenssubstanz 
als ein energetischer Prozeß ganz Sonne. Weich besonderer Art diese 
vom Mystiker innerlich angeschaute „Sonnenenergie" ist, zeigt ein 
Beispiel aus der indischen Mythologie 3 ): Aus den Erklärungen des 
III. Teiles des Shvetäshvataropanishad entnehmen wir folgende Stellen, 
die sich auf Rudra 4 ) beziehen: 

(2.) " Yea, the one Rudra who all these worlds with ruling powers 
doth rule, Stands not for any second. Behind those that are born he 
Stands; at ending time ingathers all the worlds he hath evolved, pro- 
tector(he). 



x ) Dies erscheint uns vom psychologischen Standpunkt aus so. Siehe unten. 

2 ) Simson als Sonnengott. Siehe Steinthal: Die Sage von Simson. 
Zeitschr. f. Völkerpsyeh., Bd. II. 

3 ) Ich verdanke die Kenntnis dieses Stückes Herrn Dr. van Ophuijsen 
in Zürich. 

*) Rudra, eigentlich als Vater der Maruts (Winde) ein Wind- oder Sturmgott, 
tritt hier als alleiniger Schöpfergott auf, wie der Verlauf des Textes zeigt. Als 
Windgott komm-t ihm leicht die Schöpfer- und Befruehterrolle zu: Ich verweise 
auf die Ausführungen des I. Teiles zu Anaxagoras und unten. 

11* 



164 O.G. Jung. 

(3.) Hc hath eyes on all sides, on all sides aurely hath faccs, arms 
surelv on all .sides, ou all sidcs feet. AVith arms, with wings, he 
tricks them out, creating hcavcn and earth, the only God. 

(4.) Who of the gods is both the source and growth, the lord of 
all, the Rudra, mighty seer ; who brought the Shilling germ of old into 
exdstcnce — may he with reason pure conjoin us. 1 )" 

Diese Attribute lassen deutlich den Allschöpf er erkennen und 
in ihm die Sonne, die beflügelt ist und mit tausend Augen die Welt 
durchspäht 2 ). 

Die folgenden Passagen bestätigen das Gesagte und fügen noch 
dazu die für uns wichtige Besonderheit, daß der Gott auch in der einzel- 
nen Kreatur enthalten ist: 

(7.) "Beyond this (world), the Brahman beyond, the mighty 
one, in every creature hid aecording to ist form, the one encircling 
lord of all — Hirn having known, immortal they become." 

(8.) "J know this mighty man, sun - like, beyond the darkness, 
Hirn (and him) only knowing one crosseth over death; no other 
path (at all) is there to go." 

(11.) ". . . . spread over the universe is He, the lord. Therefore 
as allpervader, He's benign." 

Der mächtige Gott, der Sonnengleiche, ist in jedem, und wer 
ihn kennt, ist unsterblich 3 ). (Wer die tiefe Angst vor dem Tode kennt, 
wird leicht verstehen, daß der Unsterblichkeitswunsch ein treibendes 
Motiv zur Sonnenidentifikation ist.) Mit dem Texte weiterschreitend, 
gelangen wir zu neuen Attributen, welche uns darüber belehren, in 
welcher Form und Gestalt Rudra im Menschen wohnt: 

(12.) "The mighty monarch, He, the Man, the one who doth 
the essence start towards that peace of perfect stainlessness, lordly, 
exhaustless light. 

(13.) The Man, the size of a thumb, the inner Seif, sits ever 
in the heart of all that's born; by mind, mind-ruling in the heart, is 
He revealed. That they who know, immortal they become. 

(14.) The Man of the thousands of heads, (and) thousands of 



x ) Diese und die folgenden Upanishadstellen sind zitiert aus: The Upanis- 
hads, transl. by G. R. S. Mead and J. C. Chattopadhyäya. London 1896. 

2 ) Ähnlich ist auch der unzweifelhafte persische Sonnengott Mithra mit 
einer Unzahl von Augen ausgestattet. 

3 ) Wer den Gott, die Sonne, in sich hat, ist unsterblich, wie die Sonne. 
Vgl. 1. Teil, Abschnitt V. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 165 

eyes, (and) thousands of fcet, covering the earth 011 all sides, He Stands 
beyond, ten finger-breadths. 

(15.) The Man is verily this all, (both) what has been and what 
will be, lord (too) of deathlessness which far all eise surpasses. 

Wichtige Parallelstellen finden sich Kathopanishad: Sect. II, 
Part IV. 

(12.) The Man of the size of a thumb, resides in the midst, whithin 
in the Seif, of the past and the future the lord. 

(13.) The Man, of the size of a thumb, like flame free of smoke, 
of past and of future the lord, the same is to-day, to-morrow the same 
will He be. 

AVer dieser Däumling ist, ist leicht zu erraten: das phallische 
Symbol der Libido. Der Phallus ist dieser Heldenzwerg, der die 
großen Taten verrichtet, er, dieser häßliche Gott, von unscheinbarer 
Gestalt, der aber der große Wundertäter ist, da er der sichtbare Aus- 
druck der im Menschen inkarnierten Schöpferkraft ist. Dieser wunder- 
liche Gegensatz ist auch dem Faust (in der Mütterszene) auffällig: 

Mephisto pheles: „Ich rühme dich, eh du dich von mir trennst, 
Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst; 
Hier diesen Schlüssel nimm. 

Faust: Das kleine Ding! 

Mephistopheles: Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering. 

Faust: Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, 

blitzt! 

Mephistopheles: Merkst du nun bald, was man an ihm 

besitzt! 
Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, 
Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern!" 

Wiederum gibt hier der Teufel dem Faust das wundersame Werkzeug, 
ein phallisches Symbol der Libido, in die Hand, wie schon im Anfang 
der Teufel, in Gestalt des schwarzen Hundes, sich Faust gesellt, indem 
er sich mit den Worten einrührt: 

„Ein Teil von jener Kraft, 
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft." 

Mit dieser „Kraft" vereinigt, gelingt es Faust, seine eigentliche 
Lebensaufgabe durchzuführen, zuerst mit Übeln Abenteuern und dann 
zum Segen der Menschheit, denn ohne das „Böse" gibt es keine schaffende 



166 C Q. Jung. 

Kraft. Hier in der geheimnisvollen Mütterszene, wo der Dichter das letzte 
Geheimnis schöpferischer Kraft dem Verstehenden entschleiert, bedarf 
Faust des phallischen Zauberstabes, dem er zuerst die magische Kraft 
nicht zutraut, um das größte der Wunder zu vollbringen, nämlich die 
Erschaffung von Paris und Helena. Damit erreicht Faust göttliche 
Wunderkraft, und zwar durch das unscheinbare kleine Instrument. 
Dieser paradoxe Eindruck scheint uralt zu sein, denn auch die Upa- 
nishaden wissen folgendes vom Zwerggott zu sagen: 

(19.) "Without hands, without feet, He moveth, He graspeth; 
eyeless He seeth, (and) earless He heareth; He knoweth what is to 
be known, yet is there no knower of Him. Hirn call the first, 
mighty the Man." 

(20.) Smaller than small, (yet) greater than great, in the heart of 
this creature the Seif doth repose .... etc." 

Der Phallus ist das Wesen, das sich ohne Glieder bewegt, der 
sieht ohne Augen, der die Zukunft weiß; und als symbolischen Repräsen- 
tanten der überall verbreiteten Schöpferkraft ist ihm Unsterblichkeit 
vindiziert. Er wird als durchaus selbständig gedacht, was nicht nur eine 
dem Altertum geläufige Vorstellung war, sondern auch aus den porno- 
graphischen Zeichnungen unserer Kinder und Künstler hervorgeht. 
Er ist ein Seher, Künstler und Wundertäter, daher es nicht sonderbar 
ist, wenn gewisse phallische Charakteristica sich beim mythologischen 
Seher, Künstler und Wundertäter wiederfinden. Hephästus, Wieland 
der Schmied und Mäni (der Stifter des Manichäismus, dessen Künstler- 
schaft aber auch gerühmt wird), haben verkrüppelte Füße, es 
scheint auch typisch zu sein, daß die Seher blind sind und daß der 
alte Seher Melampus einen so verräterischen Namen (Schwarzfuß) 
besitzt 1 ). Der Zwergfuß, die Unscheinbarkeit und Mißgestalt sind ganz 
besonders bezeichnend geworden für jene geheimen chthonischen 
Götter, die Söhne des Hephästus, denen mächtige Wunderkraft zu- 
getraut wurde, die Kabiren 2 ). Der Name bedeutet „mächtig", 
ihr samothrakischer Kult ist innigst verschmolzen mit dem des ithy- 
phallischen Hermes, der nach dem Berichte des Herodot durch die 



J ) Zu dem kommt, daß er den kultischen Phallus eingeführt hat. Zum 
Dank dafür, daß er die Mutter der Schlangen bestattete, reinigten ihm die jungen 
Schlangen die Ohren, so daß er hellhörend wurde. 

2 ) Vgl. das Vasenbild aus dem Kabeiriou von Theben, wo die Kabiren 
in edler und in karikierter Form dargestellt sind (bei Röscher: Lex. s. 
Megaloi Theoi.). 



Wandlungen und Symbole der Libido. 167 

Pelasger nach Attika gebracht wurde. Sie heißen auch die ^zyäloi fteoi, 
die großen Götter. Ihre nahen Verwandten sind die idäischen Daktylen 
(Finger) oder Däumlinge 1 ), die die Göttermutter die Schmiede- 
kunst gelehrt hat. („Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, 
folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.") Sie waren die ersten 
Weise n, die Lehrer des Orpheus und erfanden die ephesischen Za uber- 
for mein und die musikalischen Rhythmen 2 ). Das charakteristische 
Mißverhältnis, auf das wir oben im Upanishadtext und im Faust 
hinwiesen, findet sich auch hier, indem der riesige Herakles als idäi- 
scher Daktylos galt. Die riesigen Phryger, die kunstfertigen Diener 
der Rhea 3 ), waren ebenfalls Daktylen. Der Weisheitsl ehrer der Baby- 
lonier, Oannes 4 ), wurde in phallischer Fischform dargestellt 5 ). Die 
beiden Sonnenhelden, die Dioskuren, stehen in Beziehung zu 
den Kabiren 6 ), sie tragen auch die bemerkenswerte spitze Kopf- 
bedeckung (Pileus), welche diesen geheimnisvollen Göttern eigen 
ist 7 ) und die sich von da an, wie ein geheimes Erkennungszeichen 
weiter pflanzt. Attis (dieser ältere Bruder des Christos) trägt die spitze 
Mütze, ebenso Mithras. Traditionell ist sie geworden für unsere heutigen 
chthonischen Infantilgötter 8 ), die Heinzelmännchen (Penaten) und 
das ganze typische Zwerggelichter. Freud ) hat uns bereits auf die 
phailische Bedeutung des Hutes in rezenten Phantasien aufmerksam 
gemacht. Eine weitere Deutung ist wohl die, daß die spitze Mütze die 
Vorhaut darstellt. Um nicht zu weit von meinem eigentlichen Thema 
abzukommen, muß ich mich hier mit Andeutungen begnügen. Ich werde 
aber bei späterer Gelegenheit mit ausführlichen Nachweisen auf diesen 
Punkt zurückkommen. 



x ) Die Berechtigung, die Daktylen Däumlinge zu nennen, gibt eine Notiz 
beiPlinius, 37, 170, wonaeh eskretisehe Edelsteine von Eisenfarbe und Daumen- 
form gab, welehe Idaei Daktyli genannt wurden. 

2 ) Daher das Metrum des Daktylos. 

3 ) Siehe Roseher: Lex. d. Gr. u. Rom. Myth. s. Daktyloi. 

4 ) Nach Jensen: Kosmologie, S. 292 f., ist Oannes-Ea derJMensehen- 
bildner. 

5 ) Inman: Aneient pagan and modern ehristian symbolism. 

6 ) Varro identifiziert die /ueyäZoi deol mit den Penaten. Die Kabiren 
seien simulaera duo virilia Castoris et Pollueis am Hafen von Samothrake. 

7 ) In Brasiae an der lakonisehen Küste und in Pephnos befanden sieh 
einige bloß fußhohe Statuen mit Mützen auf dem Kopfe. 

8 ) Daß gerade die Mönehe die Kapuze wieder erfunden haben, erscheint 
von nieht geringem Belang. 

9 ) Zentralbl. f. Psychoanalyse, II, S. 187 ff. 



168 C. G. Jung. 

Die Zwerggestalt führt zu der Figur des göttlichen Knaben, des 
puer aeternus, ttoiq, des jungen Dionysos, Jupiter Anxurus, Tages 1 ) 
usw. Auf dem oben bereits erwähnten Vasenbild von Theben ist ein 
bärtiger Dionysos als KABIPOS bezeichnet, dabei eine Knabengestalt 
als TTaig, dann folgt eine karikierte Knabengestalt als IIPATOAA02 
bezeichnet, und dann wieder eine bärtige karikierte Mannsgestalt, 
die als MIT02 bezeichnet ist 2 ). Miros heißt eigentlich Faden, wird aber 
in der orphischen Sprache für Samen gebraucht. Es wird vermutet, 
daß diese Zusammenstellung einer kultischen Bildgruppe im Heiligtum 
entsprach. Diese Vermutung deckt sich mit der Geschichte des Kultus, 
soweit sie bekannt ist: es ist ein ursprünglich phönikischer Kult von 
Vater und Sohn 3 ), von einem alten und jungen Kabir, die den 
griechischen Göttern mehr oder minder assimiliert wurden. Zu dieser 
Assimilation eignete sich die Doppelgestalt des erwachsenen und des 
kindlichen Dionysos besonders. Man könnte diesen Kultus auch den des 
großen und des ldeinen Menschen nennen. Nun ist Dionysos unter 
verschiedenen Aspekten ein phallischer Gott, in dessen Kult der 
Phallos ein wichtiger Bestandteil war (so z. B. im Kultus des argivi- 
schen Stier-Dionysos). Außerdem hat die phallische Herme des Gottes 
Anlaß zu einer Personifikation des Dionysosphallus gegeben, in Ge- 
stalt des Gottes Phales, der nichts andres als ein Priapus ist. Er heißt 
hdiQog oder ovyy.co/nog Baic%iov*). Entsprechend dieser Sachlage kann 
man nicht wohl anders, als im oben erwähnten KdßiQog-Aidvvoog 
und dem ihm beigegebenen Ileus das Bild des Mannes und 
seines Penis zu erkennen 5 ). Das im Upanishadtext hervorgehobene 
Paradoxon von groß und klein, von Zwerg und Kiese ist 
hier milder ausgedrückt als Knabe und Mann oder Sohn und 



a ) Das typische Motiv des knabenhaften Weisheitslehrers ist auch in den 
Christosmythus aufgenommen worden: Die Szene des 12jährigen Jesusknaben 
im Tempel. 

2 ) Neben ihm findet sich eine als KPATEIA bezeichnete weibliche Figur, 
die (orphisch) als „Gebärende" gedeutet wird. 

3 ) Röscher: Lex. s. v. Megaloi Theoi. 

4 ) Röscher: Lex. s. v. Phales. 

5 ) Vgl. die Nachweise Freuds: Zentralbl. f. Psychoanalyse, I, S. 188 f. 
Ich bemerke an dieser Stelle auch, daß etymologisch penis und penätes nicht 
zusammengestellt werden. Dagegen werden griech. neos, nöodrj, sanskr. pasa-h, 
lat. penis zu mittelhd. visel (Penis) und althd. fasel mit der Bedeutung von 
foetus, proles gestellt. (Walde: Lat. Etym. s. penis.) 



Wandlungen und Symbole der Libido. 1 69 

Vater 1 ). Das Motiv der Mißgestalt, welches der kabirisehe Kult 
stark verwendet, ist auf dem Vasenbild ebenfalls vorhanden, indem 
die Parallelfiguren zu Dionysos und IlaXg die karikierten Mixog und 
Hgatolaog sind. Wie vorher der Größenuntersehied Anlaß zur Spaltung 
wird, so hier die Mißgestalt 2 ). 

Ohne zunächst weitere Nachweise zu bringen, möchte ich be- 
merken, daß von dieser Erkenntnis aus ganz besondere Schlaglichter 
auf die ursprüngliche psychologische Bedeutung der religiösen Heroen 
fallen. Dionysos steht in einem innigen Zusammenhang mit der Psy- 
chologie des vorderasiatischen, sterbenden und auferstehenden Gott- 
heilandes, dessen mannigfache Abwandlungen sich in der Figur des 
Christos zu einem die Jahrtausende überdauernden festen Gebilde 
verdichtet haben. Wir gewinnen von unserem Standpunkt aus die 
Einsicht, daß diese Heroen sowie ihre typischen Schicksale Abbilder 
der menschlichen Libido und ihrer typischen Schicksale sind. Es sind 
imagines, wie die Gestalten unserer nächtlichen Träume, die Schau- 
spieler und Interpreten unserer geheimen Gedanken. Und da wir heut- 
zutage die Symbolik der Träume zu enträtseln und dadurch die ge- 
heime psychologische Entwicklungsgeschichte des Individuums zu 
erraten vermögen, so eröffnet sieh hier ein Weg zum Verständnis der 
geheimen Triebfedern der psychologischen Entwicklung der Völker. 

Unsere obigen Gedankengänge, welche die phänische Seite der 
Libidosymbolik dartun, zeigen auch, wie sehr berechtigt der terminus 
„Libido" ist 3 ). Ursprünglich vom Sexuellen hergenommen, ist dieses 

x ) Ieh erwähne, daß Stekel in der Traumsymbolik diese Art der Dar- 
stellung des Genitale aufgespürt hat, ebenso Spielrein bei einem Falle von 
Dementia praecox. Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 369. 

2 ) Die dazu gestellte Figur der JTodreta, der „Gebärenden", überrascht 
insofern, als ich sehon geraume Zeit die Vermutung hege, daß die religions bildende 
Libido aus der primitiven Beziehung zur Mutter sich anseheinend erübrigt hat. 

3 ) In der gleichzeitig mit meinem I. Teil erschienenen Abhandlung Freuds 
(Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw., dieses 
Jahrbuch, Bd. III, S. 68) findet sich eine dem Sinne meiner Ausführungen völlig 
parallele Bemerkung Freuds über die aus den Phantasien des geisteskranken 
Schreber sieh ergebende „Libidotheorie": ,,Die durch Verdichtung von 
Sonnenstrahlen, Nervenfasern und Samenfäden komponierten ,Gottes<- 
strahlen Sehrebers sind eigentlich nichts anderes als die dinglich dargestellten, 
nach außen projizierten Libidobesetzungen und verliehen seinem Wahne eine 
auffällige Übereinstimmung mit unserer Theorie. Daß die Welt untergehen muß, 
weil das Ieh des Kranken alle Strahlen an sich zieht, daß er später während des 
Rekonstruktionsvorganges ängstlich besorgt sein muß, daß Gott nicht die Strahlen- 



170 C. G. Jung. 

Wort zum geläufigsten Fachausdruck der Psychoanalyse geworden, 
und dies aus dem einzigen Grunde, Aveil sein Begriff weit genug ist, 
um alle die unerhört mannigfaltigen Manifestationen des Willens im 
Schopenhauerschen Sinne zu decken, und genügend inhaltsreich 
und prägnant, um die eigentliche Natur der von ihm begriffenen psy- 
chologischen Entität zu charakterisieren . 

Auch die eigentliche klassische Bedeutung des Wortes ,Libido" 
qualifiziert es als durchaus passenden Terminus. Libido ist bei Cicero 1 ) 
in einem sehr weiten Sinne gefaßt: [volunt ex duobus opinatis] bonis 
[nasci] Libininem et Laetitiam: ut sit laetitia praesentium 
bonorum: libido futurorum. — Laetitia autem et Libido in bonorum 
opinione versantur, cum Libido ad id, quod videtur bonum, illecta 
et inflammata rapiatur. — Natura enim omnes ea, quae bona videntur, 
sequuntur, fugiuntque contraria. Quamobremsimulobjectaspeciescuius- 
piam est, quod bonum videatur, ad id adipiscendum impellit ipsa natura. 
Id cum constanter prudenterque fit, ejusmodi appetitionem stoiei ßovkrjoiv 
appellant, nos appellamus voluntatem ; eam illi putant in solo esse sapi- 
ente, quam sie definiunt ; voluntas est quae quid cum ratione desiderat: 
quae autem ratione adversa incitata est vehementius, ea libido est, 
vel cupiditas effrenata, quae in Omnibus stultis invenitur." Die 
Bedeutung von Libido ist hier Wünschen und in der stoischen Unter- 
scheidung vom Wollen zügellose Begier. In entsprechendem Sinne 
gebraucht Cicero 2 ) libido: „Agere rem aliquam libidine, non ratione." 
In demselben Sinne sagt Sallust: „Iracundia pars est libidinis." 
An anderer Stelle in milderem und allgemeinerem Sinne, der sich der 
analytischen Anwendung vollkommen nähert: „Magisque in decoris 
armis et militaribus equis, quam in scortis et conviviis libidinem habe- 
bant." Ebenso: „Quod si tibi bona libido fuerit patriae usw." Die 
Anwendung von Libido ist so allgemein, daß die Phrase „libido est 
scire" bloß die Bedeutung von „ich will", „es beliebt mir", hat. In 
der Phrase „aliquem libido urinae lacessit" hat libido die Bedeutung 
von Drang. Auch die Bedeutung von sexueller Lüsternheit ist 
klassisch vorhanden. Mit dieser durchaus allgemeinen klassischen 



Verbindung mit ihm löse, diese und manche andere Einzelheiten der Sehreber- 
schen Wahnbildung klingen fast wie endopsychische Wahrnehmungen der Vor- 
gänge, deren Annahme [ich hier feinem Verständnis der Paranoia zugrunde ge- 
legt habe." 

x ) Tusculanarum quaestionum lib. IV. 

2 ) Pro Quint. 14. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 171 

Verwendung des Begriffes deckt sich auch der entsprechende ety- 
mologische Kontext des Wortes libido: 

Libido oder lubido (mit libet, älter lubet) es beliebt, und libens 
oder lubens = gern, willig) sanskr. lübhyati = empfindet heftiges 
Verlangen, lobhayati = erregt Verlangen, lubdha-h = gierig, 16bha-h = 
Verlangen, Gier. got. liufs, althochd. Hob = lieb. Im weitern wird 
dazugestellt got. lubains = Hoffnung und althochd. lobön = loben, 
lob = Lob, Preis, Ruhm. Altbulg. ljubiti = lieben, ljuby = Liebe, 
lit. liäupsinti = lobpreisen 1 ). 

Man kann sagen, daß dem Libidobegriff, wie er sich in den neuen 
Arbeiten Freuds und seiner Schule entwickelt hat, im biologischen 
Gebiete funktionell dieselbe Bedeutung zukommt wie dem Begriff 
der Energie auf physikalischem Gebiete seit Robert Mayer 2 ). Es 
dürfte nicht überflüssig sein, an dieser Stelle ein Weiteres über den Be- 
griff der Libido zu sagen, nachdem wir der Gestaltung ihrer Symbole 
bis zu ihrem höchsten Ausdruck in der menschlichen Gestalt des reli- 
giösen Heros gefolgt sind. 

II. 

Über den Begriff und die genetische Theorie 
der Libido. 

Die hauptsächlichste Quelle für die Geschichte des Libido- 
begriff es sind Freuds: ,, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". Dort 
wird der Terminus ,Libido' in dem ihm (medizinisch) ursprünglich 
eigenen Sinne des Sexualtriebes, des Sexualbegehrens gefaßt. Die Er- 



x ) Walde: Lat. etymol. Wörterbuch, 1910, s. libet. Liberi = Kinder 
wird von Xazari (Riv. di Eil., XXXVI, 573 f.) zu libet gestellt. Sollte dies sieh 
bestätigen, so wäre der mit Liberi unbezweifelt zusammengestellte Liber, der 
italische Zeugungsgott, ebenfalls zu libet gestellt. Libitina ist die Leichen- 
göttin, die mit Lubentina und Lubentia (Attribut der Venus), das zu libet gehört, 
nichts zu tun haben soll. Der Name ist noch unerklärt. (Vgl. die späteren Aus- 
führungen dieser Arbeit.) Libare = gießen (opfern?) soll mit liber nichts zu 
tun haben. 

Die Etymologie von b'bido zeigt nicht nur die zentrale Stellung des Begriffs, 
sondern auch den Zusammenhang mit dem deutschen „Liebe". Unter diesen 
Umständen müssen wir sagen, daß nicht nur der Begriff, sondern auch das Wort 
Libido für die vorliegende Sache trefflich gewählt ist. 

2 ) Eine erkenntnistheoretische Korrektur des Satzes von der Erhaltung 
der Energie könnte bemerken, daß dieses Bild die Projektion einer endopsyehischen 
Wahrnehmung der äquivalenten Libidoumwandlungen sei. 



172 CG. Jung. 

fahrung nötigt zur Annahme einer Verlagerungsfähigkeit der Libido, 
indem zweifellos Funktionen oder Lokalisationen nicht sexueller Trieb- 
kräfte fähig sind, einen gewissen Betrag an sexueller Triebkraft, einen 
,,libidinösen Zuschuß" aufzunehmen 1 ). Es können dadurch Funktionen 
oder Objekte Sexualwert erhalten, die unter normalen Umständen und 
eigentlich nichts mit Sexualität zu tun haben 2 ). Aus dieser Tatsache 
ergibt sich der Freudsche Vergleich der Libido mit einem Strom, 
der teilbar ist, der sich stauen läßt, der in Kollateralen überfließt usw. 3 ). 
Freuds ursprüngliche Auffassung erklärt also nicht „alles sexuell" 
wie unsere Gegner zu behaupten belieben, sondern anerkennt die 
Existenz besonderer ihrer Natur nach weiter nicht bekannter Trieb- 
kräfte, denen Freud aber, gedrängt durch die offenkundigsten Tat- 
sachen, die jedem Laien einleuchten, die Fähigkeit zuschreiben mußte, 
„libidinöse Zuschüsse" zu empfangen. Das zugrunde liegende hypo- 
thetische Bild ist das Symbol des ,, Triebbündels", 4 ) worin der Sexual- 
trieb als ein Partialtrieb des ganzen Systems figuriert. Sein Über- 
greifen in andere Triebgebiete ist eine Erfahrungstatsache. Die aus 
dieser Auffassung sich abzweigende Theorie Freuds, wonach die Trieb- 
kräfte eines neurotischen Systems eben jenen libidinösen Zuschüssen 
zu anderen (nicht sexuellen) Triebfunktionen entsprechen 5 ) ist durch 



a ) Freud (Drei Abhandlungen, 1. Aufl., S. 26): „Neben einem, an sich 
nicht sexuellen, aus motorischen Impulsquellen stammenden , „Trieb" unterscheidet 
man an — den Partialtrieben — einen Beitrag von einem Reize aufnehmenden 
Organ (Haut usw.). Letzteres soll hier als erogene Zone bezeichnet werden, als 
jenes Organ, dessen Erregung dem Triebe den sexuellen Charakter verleiht." 

2 ) Freud (1. c, S. 12): „Eine bestimmte dieser Berührungen, die der 
beiderseitigen Lippenschleimhaut, hat als Kuß — einen hohen sexuellen Wert 
erhalten, obwohl die dabei in Betracht kommenden Körperteile nicht dem Ge- 
schlechtsapparat angehören, sondern den Eingang zum Verdauungskanal bilden." 

3 ) Siehe Freud: 1. c. S. 28. 

4 ) Eine alte Anschauung, der bekanntlich Möbius wieder zu ihrem Rechte 
zu verhelfen suchte. Unter den Neuern sind es Fouillee, Wundt, Beneke, 
Spencer, Ribot u. a., welche dem Triebsystem das psychologische Primat zuer- 
kennen. Von den älteren Philosophen und Psychologen wollen wir ganz absehen. 

5 ) Freud (Drei Abhandlungen, 1. Aufl., S. 22): „Ich muß vorausschicken, 
daß diese Psychoneurosen, soweit meine Erfahrungen reichen, auf sexuellen Trieb- 
kräften beruhen. Ich meine dies nicht etwa so, daß die Energie des Sexualtriebes 
einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften Erscheinungen unter- 
halten, sondern ich will ausdrücklich behaupten, daß dieser Anteil der einzig 
konstante und die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexual- 
leben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder vorwiegend 
oder nur teilweise in diesen Symptomen äußert." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 173 

die Arbeiten Freuds und seiner Schule meines Erachtens hinlänglich 
in ihrer Eichtigkeit erwiesen. Seit 1905, dem Zeitpunkt des Erscheinens 
der drei Abhandlungen, ist eine Wandlung eingetreten 1 ) in der An- 
wendung des Libidobegriffes: sein Anwendungsgebiet wurde erweitert. 
Ein besonders deutliches Beispiel dieser Erweiterung ist meine vor- 
liegende Arbeit. Ich muß aber bemerken, daß auch Freud, gleich- 
zeitig mit mir, sich genötigt sah, den Begriff der Libido zu erweitern, 
allerdings mit jener zögernden Vorsicht, wie sie einem so schwerigen 
Problem gegenüber am Platze ist. Ich muß bemerken, daß es die der 
Dementia praecox so nahe verwandte Paranoia war, welche Freud 
zu einer Lockerung der früheren Begriffsfassung zu nötigen scheint. 
Der betreffende Passus, den ich wörtlich hierher setzen will, lautet 
(Jahrbuch, Bd. III, S. 65): 

„Eine dritte Überlegung, die sich auf den Boden der hier entwickelten 
Anschauungen stellt, wirft die Frage auf, ob wir die allgemeine Ablösung 
der Libido von der Außenwelt als genügend wirksam annehmen sollen, 
um aus ihr den , Weltuntergang' zu erklären, ob nicht in diesem Falle die 
festgehaltenen Ichbesetzungen hinreichen müßten, um den Rapport mit 
der Außenwelt aufrecht zu erhalten. Man müßte dann entweder das, was 
wir Libidobesetzung (Interesse aus erotischen Quellen) hei ßen, 
mit dem Interesse überhaupt zusammenfallen lassen oder die 
Möglichkeit in Betracht ziehen, daß eine ausgiebige Störung in der Unter- 
bringung der Libido auch eine entsprechende Störung in den Ichbesetzungen 
induzieren kann. Nun sind dies Probleme, zu deren Beantwortung wir 
noch ganz hilflos und ungeschickt sind. Könnten wir von einer gesicherten 
Trieblehre ausgehen, so stünde es anders. Aber in Wahrheit verfügen wir 
über nichts dergleichen. Wir fassen den Trieb als den Grenzbegriff des 
Somatischen gegen das Seelische, sehen in ihm den psychischen Re- 
präsentanten organischer Mächte und nehmen die populäre Unterscheidung 
von Ichtrieben und Sexualtrieb an, die uns mit der biologischen Doppel- 
stellung des Einzelwesens, welches seine eigene Erhaltung wie die der 
Gattung anstrebt, übereinzustimmen scheint. Aber alles weitere sind 
Konstruktionen, die wir aufstellen und auch bereitwillig wieder fallen 
lassen, um uns in dem Gewirre der dunkleren seelischen Vorgänge zu orien- 
tieren, und wir erwarten gerade von psychoanalytischen Untersuchungen 
über krankhafte Seelenvorgänge, daß sie uns gewisse Entscheidmigen 
in den Fragen der Trieblehre aufnötigen werden. Bei der Jugend und 
Vereinzelung solcher Untersuchungen kann diese Erwartung noch nicht 
Erfüllung gefunden haben. Die Möglichkeit von Rückwirkungen der Libido- 



x ) Wie unglaublich tief die Scholastik unserer Zeit noch in den Knochen 
steckt, sieht man an der Tatsache, daß man Freud zu guter Letzt auch noch 
vorwirft, daß er gewisse Auffassungen geändert habe. Wehe denen, die die Menschen 
zwingen, umzulernen! ,,Les savants ne sont pas curieux." 



174 C. G. Jung. 

Störungen auf die Ichbesctzungcn wird man so wenig von der Hand weisen 
dürfen, wie die Umkehrung davon, die sekundäre oder induzierte Störung 
der Libidovorgänge durch abnorme Veränderungen im Ich. Ja, es ist 
wahrscheinlich, daß Vorgänge dieser Art den unterscheidenden Charakter 
der Psychose ausmachen. Was hiervon für die Paranoia in Betracht kommt, 
wird sich gegenwärtig nicht angeben lassen. Ich möchte nur einen einzigen 
Gesichtspunkt hervorheben. Man kann nicht behaupten, daß der Paranoiker 
sein Interesse von der Außenwelt völlig zurückgezogen hat, auch nicht 
auf der Höhe der Verdrängung, wie man es etwa von gewissen anderen 
Formen von halluzinatorischen Psychosen beschreiben muß. Er nimmt 
die Außenwelt wahr, er gibt sich Rechenschaft über ihre Veränderungen, 
wird durch ihren Eindruck zu Erklärungsleistungen angeregt und darum 
halte ich es für weitaus wahrscheinlicher, daß eine veränderte Relation 
zur Welt allein oder vorwiegend durch den Ausfall des Libidointeresses 
zu erklären ist." 

In diesem Passus tritt Freud deutlich an die Frage heran, ob 
der notorische Wirklichkeitsverlust der paranoiden Demenz (und der 
Dementia praecox 1 ), auf den ich in meiner „Psychologie der Dementia 
praecox 2 )" ausdrücklich aufmerksam gemacht habe, auf den Rückzug 
des „libidinösen Zuschusses" allein zurückzuführen sei, oder ob dieser 
zusammenfalle mit dem sogenannten objektiven Interesse überhaupt. 
Es ist wohl kaum anzunehmen, daß die normale „fonetion du reel" 
(Janet) 3 ) nur durch „libidinöse Zuschüsse" oder erotisches Interesse 
unterhalten wird. Die Tatsachen liegen so, daß in sehr vielen Fällen die 
Wirklichkeit überhaupt wegfällt, so daß die Kranken nicht eine Spur 
von psychologischer Anpassung oder Orientierung erkennen lassen. 
(Die Realität ist in diesen Zuständen verdrängt und durch Komplex- 
inhalte ersetzt.) Man muß notgedrungenerweise sagen, daß nicht nur 
das erotische, sondern überhaupt das Interesse, d. h. die ganze Realitäts- 
anpassung in Verlust geraten ist. In diese Kategorie gehören die stupo- 
rösen und katatonischen Automaten. 

An diesen Phänomenen wird es offenbar, daß die aus der Psycho- 
logie der Neurosen (vorzugsweise Hysterie und Zwangsneurose) herüber- 
genommene Differenzierung des nichtsexuellen Triebes von seinem 
libidinösen Zuschuß bei der Dementia praecox (wozu die paranoide 
Demenz gehört) versagt, und das aus guten Gründen. Ich habe mir 
früher in meiner Psychologie der Dementia praecox mit dem Ausdruck 
„psychische Energie" geholfen, weil ich die Dementia-praecox-Theorie 

2 ) Sckrebers Fall ist keine reine Paranoia in modernem Sinne. 

2 ) Ebenso in „Der Inhalt der Psychose", 1908. 

3 ) Vgl. dazu Jung: Psychologie der Dementia praecox, S. 114. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 175 

nicht auf die Theorie der Verlagerungen der libidinösen Zuschüsse 
zu gründen vermochte. Meine damals vorzugsweise psychiatrische 
Erfahrung erlaubte mir das Verständnis dieser Theorie nicht, deren 
Richtigkeit für die Neurosen (streng genommen: für die Übertragungs- 
neurosen 1 ) ich erst später, dank vermehrter Erfahrung auf dem Gebiet 
der Hysterie und Zwangsneurose einsehen lernte. Im Gebiete dieser Neu- 
rosen handelt es sich tatsächlich darum, daß dasjenige Stück Libido, 
welches durch die spezifische Verdrängung erübrigt, introvertiert wird 
und regressiv frühere Übertragungsbahnen beschreitet (z. B. den Weg 
der Elternübertragung 2 ). Dabei bleibt aber die sonstige, nichtsexuelle 
psychologische Anpassung an die Umgebung erhalten, soweit sie nicht die 
Erotik und ihre sekundären Positionen (die Symptome) betrifft. Das, 
was diesen Kranken an der Wirklichkeit fehlt, ist eben das in der Neu- 
rose befindliche Stück Libido. Bei der Dementia praecox hingegen 
fehlt der Wirklichkeit nicht bloß das Stück Libido, das sich aus der 
uns bekannten spezifischen Sexualverdrängung erübrigt, sondern 
weit mehr, als man der Sexualität sensu strictiori aufs Konto schreiben 
könnte. Es fehlt ein dermaßen großer Betrag an Wirklichkeitsfunktion, 
daß auch noch Triebkräfte im Verlust einbegriffen sein müssen, deren 
Sexualcharakter durchaus bestritten werden muß 3 ), denn es wird 
niemandem einleuchten, daß die Realität eine Sexualfunktion ist. 
Überdies müßte, wenn sie es wäre, die Introversion der Libido (sensu 
strictiori) schon in den Neurosen einen Realitätsverlust zur Folge haben, 
und zwar einen, der sich mit dem der Dementia praecox in Vergleich 
setzen ließe. Diese Tatsachen haben es mir unmöglich gemacht, die 
Freudsche Libidotheorie auf die Dementia praecox zu übertragen. 
Ich bin daher auch der Ansicht, daß der Versuch Abrahams 4 ) vom 
Standpunkt der Freudschen Libidotheorie theoretisch kaum haltbar 
ist. Wenn Abraham glaubt, daß durch die Abkehr der ,,Libido" 



J ) Siehe Definition im I. Teil. 

2 ) Eine frigide Frau z. B., der es infolge spezifischer Sexual Verdrängung 
nie gelang., die Libido sexualis an den Mann zu bringen, hält die Elternimago in 
sich wach und produziert Symptome, die in jene Umgebung gehören. 

3 ) Ich bemerke übrigens, daß derartige Überschreitungen des sexuellen Trieb- 
gebietes auch bei hysterischen Psychosen vorkommen können; das liegt schon in der 
Definition der Psychose, die nichts anderes als eine allgemeine Anpassungsstörung 
bedeutet. 

4 ) Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia praecox 
Zentralb], f. Nervenheilkundc u. Psychiatrie, 1908. 



176 CG. Jung. 

von der Außenwelt das paranoide System oder die schizophrene 1 ) 
Symptomatologie entsteht, so ist diese Annahme vom Standpunkt 
des damaligen Wissens aus nicht berechtigt, denn eine bloße Libido- 
introversion und -regression führt, wie Freud klar gezeigt hat, un- 
weigerlich in die Neurose (strenger gesagt: in die Übertragungsneurose) 
und nicht in die Dementia praecox. Die bloße Übersetzung 
der Libidotheorie auf die Dementia praecox ist unmöglich, weil 
diese Krankheit einen Verlust aufweist, der durch, den Ausfall 
der Libido (s. s.) nicht erklärt werden kann. 

Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung, daß auch, unser 
Meister, als er seine Hand an den spröderen Stoff des paranoiden Geistes- 
lebens legte, zu einem Zweifel an der Anwendbarkeit des bisherigen 
Libidobegriffes genötigt wurde. Meine reservierte Stellung gegenüber 
der Ubiquität der Sexualität, wie ich sie in der Vorrede zu meiner 
Psychologie der Dementia praecox bei aller Anerkennung der psycho- 
logischen Mechanismen einnahm, war diktiert durch die damalige 
Lage der Libidotheorie, deren sexuelle Difinition mir nicht erlaubte, 
Funktionsstörungen, welche das (unbestimmte) Gebiet des Hunger- 
triebes ebensosehr betreffen wie das der Sexualität, durch eine sexuelle 
Libidotheorie zu erklären. Die Libidotheorie erschien mir lange Zeit 
unanwendbar bei der Dementia praecox. Bei meiner analytischen 
Arbeit bemerkte ich aber mit wachsender Erfahrung eine langsame 
Veränderung meines Libidobegriffes: an Stelle der deskriptiven 
Definition der „Drei Abhandlungen" trat allmählich eine genetische 
Definition der Libido, welche es mir ermöglichte, den Ausdruck 
„psychische Energie" durch den Terminus „Libido" zur ersetzen. 
Ich mußte mir sagen : Wenn schon die Wirklichkeitsfunktion heute nur 
zum allergeringsten Teil aus Sexuallibido und zum allergrößten Teil 
aus sonstigen „Triebkräften" besteht, so ist es doch eine sehr wichtige 
Frage, ob nicht phylogenetisch die Wirklichkeitsfunktion, 
wenigstens zu einem großen Teil, sexueller Provenienz 
war. Diese Frage in bezug auf die Wirklichkeitsfunktion direkt zu 
beantworten, ist nicht möglich. Wir versuchen aber auf einem Umweg, 
zum Verständnis zu gelangen. 

Ein flüchtiger Blick auf die Entwicklungsgeschichte genügt, 
um uns zu belehren, daß zahlreiche komplizierte Funktionen, denen 
heutzutage Sexualcharakter mit allem Recht aberkannt werden muß, 



x ) Freud sagt: Paraphrenie, was gewiß besser klingt. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 177 

ursprünglich doch nichts als Abspaltungen aus dem allgemeinen Pro- 
pagationstrieb sind. Es hat sich ja, wie bekannt, in der aufsteigenden 
Tierreihe eine wichtige Verschiebung in den Prinzipien der Propagation 
vollzogen: die Masse der Fortpflanzungsprodukte mit der damit ver- 
bundenen Zufälligkeit der Befruchtung wurde mehr und mehr ein- 
geschränkt zugunsten einer sichern Befruchtung und einem wirk- 
samen Brutschutz. Dadurch vollzog sich eine Umsetzung der Energie 
der Ei- und Samenproduktion in die Erzeugung von Anlockungs- und 
Brutschutzmechanismen. So erblicken wir die ersten Kunsttriebe in 
der Tierreihe im Dienst des Propagationstriebes, beschränkt auf die 
Brunstsaison. Der ursprüngliche Sexualcharakter dieser biologischen 
Institutionen verliert sich mit ihrer organischen Fixation und funktio- 
nellen Selbständigkeit. Wenn schon über die sexuelle Herkunft der 
Musik kein Zweifel obwalten kann, so wäre es eine wert- und geschmack- 
lose Verallgemeinerung, wenn man Musik unter der Kategorie der 
Sexualität begreifen wollte. Eine derartige Terminologie würde dazu 
führen, den Kölner Dom bei der Mineralogie abzuhandeln, weil er auch 
aus Steinen besteht. 

Es kann nur einen Laien in entwicklungsgeschichtlichen Fragen 
verwundern, wie wenig Dinge es eigentlich in der Welt der Menschen 
gibt, die man nicht in letzter Linie auf den Propagationstrieb reduzieren 
muß; ich denke, es sei so ziemlich alles, was uns lieb und teuer ist. 

Wir sprachen bis jetzt von der Libido als dem Propagations- 
trieb und hielten uns damit in den Schranken jener Auffassung, welche 
Libido in ähnlicher Weise dem Hunger entgegensetzt, wie der In- 
stinkt der Arterhaltung gern dem der Selbsterhaltung gegenüber- 
gestellt -wird. In der Natur gibt es natürlich diese künstliche Scheidung 
nicht. Hier sehen -wir nur einen kontinuierlichen Lebenstrieb, einen 
Willen zum Dasein, der durch die Erhaltung des Individuums die 
Fortpflanzung der ganzen Art erreichen will. Insofern deckt sich diese 
Auffassung mit dem Begriff des Willens bei Schopenhauer, als 
wir eine von außen gesehene Bewegung innerlich nur als Wollen er- 
fassen können. (Die Sprache verrät es: bewegen, motivieren.) Dieses 
Hineinlegen von psychologischen Wahrnehmungen in das Objekt 
wird philosophisch als „Introjektion" bezeichnet. (Ferenczis 
Begriff der „Introjektion" bezeichnet umgekehrt das Hereinnehmen 
der Außenwelt in die Innenwelt: Vgl. Ferenczi, Introjektion und Über- 
tragung. Dieses Jahrbuch, Bd. I, S. 422.) Durch die Introjektion wird 
das Weltbild allerdings wesentlich verfälscht. Der Freudsche Begriff 

Jahrbuch für psyohoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. IV. 12 



178 O.G. Jung. 

des Lustprinzips ist eine voluntaristische Formulierung des Intro- 
jektionsbcgriffcs, während sein wiederum voluntaristisch gefaßtes 
„Realitätsprinzip" funktionell dem entspricht, was ich als „Realitäts- 
korrektur" bezeichne und R. Avcnarius als ,,cmpirio kritische Prin- 
zipialkoordination". (Vgl. Avenarius, Mcnschl. Weltbegr. S. 25 ff.) 
Derselben Introjektion verdankt der Kraftbegriff sein Dasein; wie 
schon Galilei es klar ausgesprochen hat, daß sein Ursprung in der 
subjektiven Wahrnehmung der eigenen Muskelkraft zu suchen ist. 

Wenn wir schon einmal zu der kühnen Annahme gekommen sind, 
daß Libido, die ursprünglich der Ei- und Samenproduktion diente, 
nunmehr auch in der Funktion des Nestbaues fest organisiert und keiner 
andern Verwendung mehr fähig auftritt, dann sind wir auch genötigt, 
jedes Wollen überhaupt, also auch den Hunger, in diesen Begriff 
einzubeziehen. Denn wir haben dann keinerlei Berechtigung mehr, 
das Wollen des Nestbauinstinkts von dem Essenwollen prinzipiell- zu 
unterscheiden. 

Diese Betrachtung führt uns auf einen Libidobegriff, der über 
die Grenzen naturwissenschaftlicher Formung zu einer philosophischen 
Anschauung sich erweitert, zu einem Begriff des Willens überhaupt. 
Ich muß es dem Philosophen überlassen, mit diesem Stück eines psycho- 
logischen Voluntarismus fertig zu werden. Ich verweise im übrigen 
auf die hier entsprechenden Ausführungen Schopenhauers 1 ). Was 
das Psychologische dieses Begriffes (worunter ich, wohlverstanden, 
nicht das Meta psychologische respektive Metaphysische verstehe) 
anbelangt, so erinnere ich hier an die kosmogonische Bedeutung des 
Eros bei Piaton und bei Hesiod 2 ) sowie an die orphische Figur 
desPhanes, des „Leuchtenden", des Erstgewordenen, des „Vaters 
des Eros". Phanes hat auch (orphisch) die Bedeutung des Priapos, 
er ist ein Liebesgott, zwiegeschlechtig und dem thebanischen Dio- 
nysos Lysios gleichgesetzt 3 ). Die orphische Bedeutung des Phanes 
kommt der des indischen Käma gleich, dem Liebesgott, der auch 
kosmogonisches Prinzip ist. Beim Neuplatoniker Plotin ist die Welt- 
seele die Energie des Intellektes 4 ). Plotin vergleicht das Eine 
(das schaffende Urprinzip) mit dem Licht überhaupt, den Intellekt 
mit der Sonne (J), die Weltseele mit dem Mond ($). Ein anderer 

x ) Welt als Wille und Vorstellung, Bei. I, § 54. 

2 ) Tkeogonie. 

3 ) Vgl. Röscher: Lex., S. 2248 ff. 

4 ) Drews: Plotin, Jena 1907, S. 127. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 179 

Vergleich ist, daß Plotin das Eine mit dem Vater und den Intellekt 
mit dem Sohne vergleicht 1 ). Das Eine als Uranos bezeichnet ist trans- 
zendent. Der Sohn als Kronos hat die Regierung der sichtbaren Welt. 
Die Weltseele (als Zeus bezeichnet) erscheint als ihm untergeordnet. 
Das Eine oder die Usia des gesamten Daseins wird von Plotin als 
Hypostase bezeichnet, ebenso auch die drei Emanations formen, also 
juia ovola ev tqioiv vttooxuoeoiv; — wie Drews bemerkt, ist dies 
aber auch die Formel der christlichen Trinität (G-ott- Vater, Gott- Sohn 
und Heiliger Geist), wie sie auf den Konzilien zu Nikäa und Konstanti- 
nopel festgestellt wurde 2 ). Es erübrigt noch anzumerken, daß gewisse 
frühchristliche Sektierer dem Heiligen Geist (Weltseele, Mond) mütter- 
liche Bedeutung beilegten. (Vgl. unten über das Chi im Timaeus.) 
Die Weltseele hat bei Plotin Neigung zum geteilten Sein und 
zur Teilbarkeit, der Conditio sine qua non aller Veränderung, 
Schöpfung und Fortpflanzung (also mütterliche Qualität), sie ist ein 
„unendliches All des Lebens" und ganz Energie; sie ist ein lebendiger 
Organismus der Ideen, die in ihr zur Wirksamkeit und Wirklichkeit ge- 
langen 3 ). Der Intellekt ist ihr Erzeuger, ihr Vater, das in ihm Angeschaute 
bringt sie im Sinnüchen zur Entfaltung 4 ). „Was im Intellekt zusammen- 
geschlossen b'egt, das kommt als Logos in der Weltseele zur Entfaltung, 
erfüllt sie mit Inhalt und macht sie gleichsam von Nektar trunken 5 ).'" 
Nektar ist analog Soma Fruchtbarkeits- und Lebenstrank, also Sperma. 
Die Seele wird vom Intellekt befruchtet (also vom Vater, vgl. unten 
die analogen ägyptischen Vorstellungen). Sie heißt als „obere" Seele 
himmlische Aphrodite, als „untere" irdische Aphrodite. Sie 
kennt „die Schmerzen der Geburt" 6 ) usw. Aphroditens Vogel, die 
Taube, ist nicht vergebens Symbol des Heiligen Geistes. 

Dieser Abschnitt aus der Geschichte der Philosophie, der sich 
leicht noch vermehren ließe, zeigt die Bedeutung der endopsychischen 
Wahrnehmung der Libido und ihrer Symbole für das menschliche 
Denken. 

In der Mannigfaltigkeit der natürlichen Erscheinung sehen wir 
das Wollen, die Libido, in verschiedenster Anwendung und Formung. 



*) 1. e., S. 132. 

2 ) 1. c, S. 135. 

3 ) Plotin: Enneaden, II, 5, 3. 

4 ) Enn., IV, 8, 3. 
8 ) Enn., III, 5, 9. 
6 ) 1. c, 141. 

12" 



180 C G. Jung. 

Wir sehen die Libido im Stadium der Kindheit zunächst ganz in der 
Form des Ernährungstriebes, der den Aufbau des Körpers versorgt. 
Mit der Entwicklung des Körpers eröffnen sich sukzessive neue An- 
wendungsgebiete der Libido. Das letzte und in seiner funktionellen 
Bedeutung überragende Anwendungsgebiet ist die Sexualität, die 
zunächst als außerordentlich an die Ernährungsfunktion gebunden 
erscheint. (Beeinflussung der Fortpflanzung durch die Ernährungs- 
bedingungen bei niederen Tieren und Pflanzen.) Im Gebiet der Sexualität 
gewinnt die Libido jene Formung, deren gewaltige Bedeutung uns zur 
Verwendung des Terminus Libido überhaupt berechtigt. Hier tritt 
die Libido so recht eigentlich als Propagationstrieb auf, und zwar zu- 
nächst in der Form einer undifferenzierten sexuellen Urlibido, die als 
Wachstumsenergie schlechthin die Individuen zu Teilung, Sprossung 
usw. veranlaßt. (Die klarste Scheidung der beiden Libidoformen findet 
sich bei den Tieren, bei denen das Ernährungsstadium durch ein Puppen- 
stadium vom Sexualstadium geschieden ist.) 

Aus jener sexuellen Urlibido, welche die Millionen Eier und 
Samen aus einem kleinen Geschöpfe heraus erzeugte, haben sich mit 
gewaltiger Einschränkung der Fruchtbarkeit Abspaltungen ent- 
wickelt, deren Funktion durch eine speziell differenzierte Libido unter- 
halten wird. Diese differenzierte Libido ist nunmehr „desexualisiert", 
indem sie der ursprünglichen Funktion der Ei- und Samenerzeugung 
entkleidet ist und auch keine Möglichkeit mehr vorhanden ist, sie 
wiederum zu ihrer ursprünglichen Funktion zurückzubringen. So besteht 
überhaupt der Entwicklungsprozeß in einer zunehmenden Aufzehrung 
der Urlibido, welche nur Fortpflanzungsprodukte erzeugte, in die 
sekundären Funktionen der Anlockung und des Brutschutzes. Diese 
Entwicklung setzt nun ein ganz anderes und viel komplizierteres Ver- 
hältnis zur Wirklichkeit, eine eigentliche Wirklichkeitsf unk- 
tion voraus, die funktionell untrennbar mit den Bedürfnissen der 
Propagation verbunden ist, d. h. die veränderte Propagationsweise 
führt als Korrelat eine entsprechend erhöhte Wirklichkeitsanpassung 
mit sich 1 ). 

Auf diese Weise gelangen wir zur Einsicht in gewisse ursprüngliche 
Bedingungen der Wirklichkeitsfunktion. Es wäre grundfalsch zu sagen, 
ihre Triebkraft sei eine sexuelle, sie war in hohem Maße eine sexuelle. 

x ) Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß die Wirklichkeitsfunktion 
ausschließlich der Differenzierung der Propagation ihr Dasein verdanke. Der 
unbestimmt große Anteil der Ernährungsfunktion ist mir bewußt. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 181 

Der Prozeß der Aufzehrung der Urlibido in sekundäre Betriebe 
erfolgte wohl immer in Form des „libidinösen Zuschusses", d. h. die 
Sexualität wurde ihrer ursprünglichen Bestimmung entkleidet und als 
Partial betrag zum phylogenetisch sich allmählich steigernden Betriebe 
der Anlockung- und Brutschutzmechanismen verwendet. Diese Über- 
weisung von Sexuallibido aus dem Sexualgebiet sensu strictiori an 
Nebenfunktionen findet noch immer statt 1 ). Wo diese Operation ohne 
Nachteil für die Anpassung des Individuums gelingt, spricht man von 
Sublimierung, wo der Versuch mißlingt, von Verdrängung. 

Der des kri pti ve Standpunkt der Psychologie sieht die Vielheit 
der Triebe, darunter als Partialphänomen den Sexualtrieb, außerdem 
erkennt er gewisse libidinöse Zuschüsse zu nichtsexuellen Trieben an. 

Anders der genetische Standpunkt: Er sieht das Hervorgehen 
der Vielheit der Triebe aus einer relativen Einheit, der Urlibido 2 ), er 
sieht, wie fortwährend sich Partialbeträge von der Urlibido abspalten, 
als libidinöse Zuschüsse sich neuformierenden Betrieben zugesellen und 
darin schließlich aufgehen. Infolgedessen ist es dem genetischen Stand- 
punkt unmöglich, den strengbegrenzten Libidobegriff des deskrip- 
tiven Standpunktes festzuhalten, er führt unvermeidlich zu einer 
Lockerung des Libido begriff es. Damit gelangen wir zu dem Libido- 
begriff, wie ich ihn subreptive im ersten Teile dieser Arbeit eingeführt 
habe, in der Absicht, dem Leser diesen genetischen Libidobegriff 
mundgerecht zu machen. Die Aufklärung über diesen harmlosen Betrug, 
die ich dem Leser schuldete, versparte ich auf den zweiten Teil. 

Erst durch diesen genetischen Libidobegriff, der 
nach allen Seiten über das Rezentsexuelle (oder Deskriptiv- 
sexuelle) hinausgeht, wird die Übersetzung der Freudschen 
Libidotheorie aufs Psychotische möglich. Wie der bisherige 
Freudsche Libidobegriff mit den Problemen der Psychose kollidiert, 
zeigt der oben zitierte Passus 3 ). Wenn ich daher (in dieser Arbeit oder 



x ) Der Malthusianismus ist die künstliche Fortsetzung der natürlichen 
Tendenz. 

2 ) Z. B. zunächst in der Form der Propagation als eines Unterfallcs des 
Willens überhaupt. 

3 ) Freud, dessen absolut empirisehe Einstellung ich den das Gegenteil 
behauptenden Gegnern gegenüber immer wieder verteidigen muß, hat in seiner 
Paranoiaarbeit sich von den Tatsachen dieser Krankheit über den Rahmen seines 
eigenen ursprünglichen Libidobegriffes hinausführen lassen. Er braucht dort 
Libido sogar für Wirklichkeitsfunktion, was ich mit dem Standpunkte der „Drei 
Abhandlungen" nicht vereinigen kann. 



182 C. CK Jung. 

sonstwo) überhaupt von „Libido'" spreche, so verbinde ich damit den 
genetischen Begriff, der das Rezentsexuelle um einen beliebig 
großen Betrag an dese xnalisierter Urlibido erweitert. Wenn 
ich sage, ein Kranker nehme seine Libido von der Außenwelt weg, 
um die Innenwelt damit zu besetzen, so meine ich nicht, er nehme 
bloß die libidinösen Zuschüsse zur Wirklichkeitsfunktion weg; sondern 
er nimmt, nach meiner Auffassung, noch von jenen nicht mehr sexuellen 
(„desexualisierten") Triebkräften weg, welche die Wirklichkeitsfunktion 
eigentlich und regelmäßig unterhalten. 

Auf Grund dieser Begriffsfassung bedürfen gewisse Stücke unserer 
Terminologie ebenfalls der Revision. Wie bekannt, hat Abraham 
den Versuch unternommen, die Libidotheorie auf die Dementia praecox 
zu übertragen und hat den charakteristischen Mangel an gemütlichem 
Rapport und die Aufhebung der Wirklichkeitsfunktion als Auto- 
erotismus aufgefaßt. Dieser Begriff bedarf der Revision. Eine, hy- 
sterische Libidointroversion führt zu Autoerotismus, indem der Pa- 
tient seine erotischen Zuschüsse zur Anpassungsfunktion introver- 
tiert, wodurch sein Ich mit dem entsprechenden Betrag an erotischer 
Libido besetzt wird. Der Schizophrene entzieht der Wirklichkeit aber 
weit mehr als bloß die erotischen Zuschüsse, dafür entsteht in seinem 
Innern aber auch etwas ganz anderes als beim Hysterischen. Er ist 
mehr als autoerotisch, er bildet ein intrapsychisches Reali- 
tätsäquivalent, wozu er notwendigerweise andere Dynamismen 
zu verwenden hat als erotische Partialbeträge. Daher muß ich Bleuler 
die Berechtigung zuerkennen, den von der Neurosenlehre her- 
genommenen und dort legitimen Begriff des Autoerotismus abzulehnen 
und durch den Begriff des Autismus 1 ) zu ersetzen. Ich muß sagen, 
daß dieser Terminus den Tatsachen besser gerecht wird als „Auto- 
erotismus". Damit anerkenne ich meine frühere Gleichsetzung von 
Autismus (Bleuler) und Autoerotismus (Freud) als unberechtigt 
und ziehe sie zurück 2 ). Dazu nötigt mich die hier vorgenommene, wie 
ich hoffe, gründliche Revision des Libidobegriffes. 

Aus diesen Überlegungen dürfte zwingend hervorgehen, daß der 
deskriptivpsychologische oder rezentsexuelle Begriff der Libido auf- 



a ) Bleuler gelangt zu diesem Begriffe allerdings auf Grund anderer Über- 
legungen, denen ich nicht immer zustimmen kann. Vgl. Bleuler: Dementia prae- 
cox, in Aschaffenburgs Handbuch der Psj-chiatrie. 

2 ) Siehe Jung: Kritik über E. Bleuler: Zur Theorie des schizophrenen 
Negativismus. Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 469. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 183 

f*e»eben werden muß, damit die Libidotlieorie auch auf die Dementia 
praecox Anwendung finden kann. Daß sie dort anwendbar ist, zeigt 
am besten Freuds glänzende Untersuchung der Schreberschen 
Phantasien. Die Frage ist nur, ob der von mir in Vorschlag gebrachte 
genetische Libidobegriff nun auch noch für die Neurosen passe. Ich 
glaube, diese Frage darf bejaht werden. Natura non facit saltus — es 
ist nicht bloß zu erwarten, sondern sogar sehr wahrscheinlich, daß 
wenigstens temporär und in verschiedenen Abstufungen auch bei den 
Neurosen Funktionsstörungen vorkommen, die über die Eeichweite 
des Rezentsexuellen hinausgehen, auf jeden Fall gilt dies von psy- 
chotischen Episoden. 

Ich halte die Erweiterung des Libido begriff es. die durch die jüng- 
sten analytischen Arbeiten vorbereitet wurde, für einen wesentlichen 
Fortschritt, der namentlich dem gewaltigen Arbeitsgebiet der Intro- 
versionspsychosen zugute kommen wird. Dort liegen die Beweise für 
die Richtigkeit meiner Annahme schon bereit. Es hat sich nämlich 
durch eine Keihe von Arbeiten der Züricher Schule, die erst zum Teil 
veröffentlicht sind 1 ), herausgestellt, daß die phantastischen Ersatz- 
produkte, welche an Stelle der gestörten Realitätsfunktion 
treten, deutliche Züge archaischen Denkens tragen. Diese 
Konstatierung geht dem oben aufgestellten Postulat parallel, wonach 
der Wirklichkeit nicht bloß ein rezenter (individueller) Libidobetrag 
entzogen wird, sondern auch eine bereits differenzierte („desexuali- 
sierte") Libidomenge, welche beim normalen Menschen seit unvor- 
denklichen Zeiten die Realitätsfunktion besorgte. Eine Wegnahme 
der letzten Erwerbungen der Realitätsfunktion (oder Anpassung) muß 
notwendigerweise durch einen früheren Anpassungsmodus ersetzt 
werden. Wir finden diesen Grundsatz bereits in der Neurosenlehre, 
daß nämlich eine infolge Verdrängung fehlschlagende rezente Über- 
tragung durch einen alten Übertragungsweg ersetzt wird, nämlich durch 
eine Regressivbelebung der Elternimago beispielsweise. In der (Über- 
tragungs) Neurose, wo von der Realität bloß der rezentsexuelle Libido- 
betrag durch die spezifische Sexual Verdrängung weggenommen wird, 
ist das Ersatzprodukt eine Phantasie individueller Provenienz und 
Tragweite und es fehlen, bis auf Spuren, jene archaischen Züge an den 
Phantasien jener Geistesstörungen, bei denen ein Stück allgemein 
menschlicher und seit Alters organisierter Realitätsfunktion weg- 

*) Spielrein: Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizo- 
phrenie. Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 329. 



184 C. G. Jung. 

gebrochen wird. Dieses Stück kann nur durch ein entsprechendes all- 
gemein gültiges archaisches Surrogat ersetzt werden. Ein einfaches 
und klares Beispiel für diesen Satz verdanken wir der Forschcrarbeit 
des leider zu früh verstorbenen Honcgger 1 ): 

Ein Paranoider von guter Intelligenz, der die Kugelgestalt der 
Erde und ihre Rotation um die Sonne sehr wohl kennt, ersetzt in seinem 
System die modernen astronomischen Einsichten durch ein bis ins 
Detail ausgearbeitetes System, das man ein archaisches nennen 
muß, indem die Erde eine flache Scheibe ist und die Sonne darüber 
wandert 2 ). (Ich erinnere auch an das im ersten Teil erwähnte Beispiel 
vom Sonnenphallus, das wir ebenfalls Honegger verdanken.) Spiel- 
rein hat uns ebenfalls einige sehr interessante Beispiele gebracht 
von den archaischen Definitionen, welche in der Krankheit die Real- 
bedeutungen der modernen Worte zu überwuchern beginnen. 
Z. B. hat die Patientin Spielreins die mythologischen Bedeutungen 
des Alkohols, des Rausch trankes, als „Samenerguß" wieder richtig 
aufgefunden 3 ). Sie hat auch eine Symbolik des Kochens, welche ich 
in Parallele setzen muß zu der überaus bedeutsamen alchemistischen 
Vision des Zosimos 4 ), der in der Höhlung des Altars kochendes 
Wasser fand und darin Menschen 5 ). Die Patientin setzt auch Erde 
für Mutter 6 ), ebenso Wasser für Mutter 7 ) Ich verzichte auf fernere 
Beispiele, indem weitere Arbeiten aus der Züricher Schule noch eine 
Fülle von Dingen dieser Art bringen werden. 

Mein obiger Satz von der Ersetzung der gestörten Wirklichkeits- 
funktion durch archaische Surrogate wird unterstützt durch ein treff- 
liches Paradoxon Spielreins; die Autorin sagt S. 397 ihrer zitierten 
Arbeit: „Ich hatte mehrfach die Illusion, als seien die Kranken 



*) Seine Untersuchungen sind in meiner Hand und ihre Publikation ist 
in Vorbereitung. 

2 ) Honegger brachte dieses Beispiel in seinem Vortrage an der privaten 
psychoanalytischen Vereinigung in Nürnberg 1910. 

3 ) Spielrein: 1. c, S. 338, 353 und 387. Zu Soma als „Samenerguß" 
vgl. unten. 

4 ) Vgl. Berthelot: Les Alchemistes Grecs, und Spielrein: 1. c, S. 353. 

5 ) Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß diese Vision den ursprünglichen 
Sinn der Alchemie enthüllt: ein ursprünglicher Befruchtungszauber, d. h. ein Mittel, 
wie Kinder gemacht werden könnten ohne Mutter. Ich begnüge mich mit dieser 
Andeutung. 

6 ) Spielrein: 1. c, S. 345. 

7 ) Spielrein: 1. c, S. 338. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 185 

einfach Opfer eines im Volke herrschenden Aberglaubens 
geworden." Tatsächlich setzen die Kranken an Stelle der Wirklichkeit 
Phantasien, ähnlich den real unrichtigen Geistesprodukten der Ver- 
gangenheit, die aber einmal Wirklichkeitsanschauung waren. Wie die 
Zosimosvision zeigt, waren die alten Superstitionen Symbole 1 ), 
welche Übergänge auch auf die entlegensten Gebiete gestatten. Dies 
muß für gewisse archaische Zeitalter sehr zweckmäßig gewesen sein, 
denn damit boten sich bequeme Brücken zur Überleitung eines libidi- 
nösen Partialbetrages ins Geistige ! Offenbar an eine ähnliche biologische 
Bedeutung des Symbols denkt auch Spielrein, wenn sie sagt 2 ): 

,,So scheint mir ein Symbol überhaupt dem Bestreben eines Kom- 
plexes — nach Auflösung in das allgemeine Ganze des Denkens seinen 
Ursprung zu verdanken. — Der Komplex wird dadurch des Persönlichen 
beraubt. — Diese Auflösungs(Txansformations)tendenz jedes einzelnen 
Komplexes ist die Triebfeder für Dichtung, Malerei, für jede Art von Kunst." 

Wenn wir hier den formalen Begriff „Komplex" durch den Be- 
griff der Libidomenge (= Aifektgröße des Komplexes) ersetzen, was 
eine vom Standpunkt der Libidotheorie aus berechtigte Maßnahme 
ist, so läßt sich Spie Ire ins Ansicht mit der meinigen unschwer zur 
Deckung bringen. Wenn ein primitiver Mensch überhaupt weiß, was 
ein Zeugungsakt ist, so kann er nach dem Prinzip des kleinsten Kraft- 
maßes niemals auf die Idee kommen, die Zeugungsglieder durch Schwert- 
griff und Weberschiffchen zu ersetzen (wie in dem obigen Beispiel). 
Er müßte denn genötigt sein, ein Analogon zu ersinnen, um ein offenbar 
sexuelles Interesse auf einen asexuellen Ausdruck zu 
bringen. Das treibende Motiv dieser Überleitung rezentsexueller 
Libido auf nicht sexuelle Vorstellungen kann meines Erachtens nur in 
einem Widerstand aufgefunden werden, welcher sich der primi- 
tiven Sexualität entgegenstellt. 

Es scheint, als ob auf diesem Wege phantastischer Analogiebildung 
allmählich immer mehr Libido desexualisiert wurde, indem zunehmend 
Phantasiekorrelate für die primitiven Verrichtungen der Sexuallibido 
eingesetzt wurden. Damit wurde allmähich eine gewaltige Erweiterung 
des Weltbildes erzielt, indem immer neue Objekte als Sexualsymbole 
assimiliert wurden: Es ist eine Frage, ob nicht überhaupt auf diese 

*) Ich muß aueh an jene Indianer erinnern, welche die ersten Menschen 
aus der Vereinigung eines Sehwertgriffes und eines Weberschiffchens hervor- 
gehen lassen. 

2 ) 1. e., S. 399. 



186 CG. Jung. 

Weise der menschliche Bewußtseinsinhalt ganz oder wenigstens zum 
großen Teil zustande gekommen ist. Jedenfalls ist es evident, daß 
diesem Trieb zur Analogiefindling eine gewaltige Bedeutung für die 
menschliche Geistesentwicklung zukommt. Wir müssen Stcinthal 
durchaus Recht geben, wenn er meint, daß dem Wörtchen „gleichwie" 
eine ganz unerhörte , Dichtigkeit für die Entwicklungsgeschichte des 
Denkens zugestanden werden müsse. Es läßt sich leicht denken, daß 
die Überleitung von Libido auf phantastische Korrelate die primitive 
Menschheit zu einer Reihe der wichtigsten Entdeckungen geführt hat. 

III. 

Die Verlagerung der Libido als mögliche Quelle 
der primitiven menschlichen Erfindungen. 

Ich will im folgenden versuchen, an einem konkreten Beispiel 
die Libidoüberleitung zu schildern : Ich behandelte einmal eine Patientin, 
welche an einem katatonen Depressionszustande litt. Da es sich um 
eine Introversionspsychose leichteren Grades handelte, so war die 
Existenz zahlreicher hysterischer Züge nicht befremdlich. Im Beginn 
er analytischen Behandlung verfiel sie einmal, während sie von einer 
sehr schmerzlichen Angelegenheit erzählte, in einen hysterischen 
Dämmerzustand, in welchem sie alle Zeichen sexueller Erregung 
zeigte. (Es deutete auch alles darauf hin, daß sie während dieses Zu- 
standes die Kenntnis meiner Gegenwart abgespalten hatte, aus ersicht- 
lichen Gründen !) Die Erregung lief aus in einen masturba torischen 
Akt (frictio femorum). Dieser Akt war von einer sonderbaren Geste 
begleitet: Sie macht mit dem Zeigefinger der linken Hand 
an der linken Schläfe anhaltend sehr heftige rotierende 
Bewegungen, wie wenn sie dort ein Loch bohren wollte. 
Nachher bestand „völlige Amnesie" für das Vorgefallene, auch war 
über die sonderbare Geste mit der Hand nichts zu erfahren. Obschon 
diese Handlung unschwer als ein an die Schläfe verlegtes Mund-, Nasen- 
oder Ohrenbohren zu erkennen ist, das in das Gebiet des infantilen 
ludus sexualis 1 ), der die Sexualbetätigung vorbereitenden Übung, 
gehört, so schien mir dieser Eindruck doch bedeutsam: warum, war 
mir zunächst nicht klar. Viele Wochen später hatte ich Gelegenheit, 
mit der Mutter der Patientin zu sprechen. Ich erfuhr von ihr, daß 



a ) Natürlich ein Onanie Vorspiel. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 187 

Patientin schon ein reckt sonderbares Kind gewesen sei: zweijährig 
zeigte sie schon die Neigung, stundenlang sich rücklings an eine 
offene Schranktür zu setzen und mit dem Kopf rhythmisch die Türe 
zuzustoßen 1 ), womit sie die ganze Umgebung zur Verzweiflung brachte. 
Wenig später fing sie an, anstatt wie andere Kinder zu spielen, im 
Kalkbewurf der Hausmauer mit dem Finger ein Loch zu 
bohre n. Sie tat das mit kleinen drehenden und schabenden Bewegungen 
und war stundenlang bei der Arbeit. Den Eltern war sie ein völliges 
Rätsel. (Vom 4. Jahre an etwa trat dann Onanie ein.) Es ist klar, daß wir 
in dieser frühen infantilen Betätigung die Vorstufe des späteren Handelns 
zu erblicken haben. Was als besonders merkwürdig dabei berührt, 
ist, daß das Kind 1. die Handlung nicht am eigenen Körper ausfuhrt, 
und 2. die Assiduität, mit der es die Tätigkeit ausführt 2 ). Man ist ver- 
sucht, diese beiden Konstatierungen in einen Kausalnexus zu bringen 
und zu sagen : Weil das Kind diese Handlung nicht am eigenen Körper 
vollführt, daher komme vielleicht die Assiduität, indem es beim Bohren 
in der Mauer nie zu der Befriedigung gelange, als wenn es die 
Handlung am eigenen Körper onanistisch ausführe. 

Das zweifellos onanistische Bohren der Patientin läßt sich in eine 
sehr frühe Zeit der Kindheit zurückverfolgen, die vor der Zeit der 
lokalen Onanie liegt. Jene Zeit ist psychologisch noch recht dunkel, 
weil individuelle Reproduktionen noch in hohem Maße fehlen (ähnlich 
wie beim Tier). Das zeitlebens Überwiegende beim Tier ist das seiner 
Art im allgemeinen Eigentümliche (bestimmte Lebensart), wogegen beim 
Menschen später das Individuelle gegenüber dem Rassentypus sich 
durchdrückt. Um so mehr muß, die Richtigkeit dieser Überlegung 
vorausgesetzt, das anscheinend ganz unbegreiflich individuelle Handeln 
dieses Kindes in so frühem Alter auffallen. Wir wissen aus der späteren 
Lebensgeschichte dieses Kindes, daß seine Entwicklung, die, wie immer, 
unergründlich verwoben ist mit parallellaufenden äußeren Ereignissen, 
zu jener Geistesstörung geführt hat, die für den Individualismus und 
die Originalität ihrer Produkte ganz besonders bekannt ist, zur 



x ) Dieses echt katatonische Pendeln mit dem Kopfe sah ich im Falle einer 
Katatonika aus allmählich nach oben verlagerten Koitusbewegungen entstehen, 
was Freud als Verlegung von unten nach oben längst beschrieben hat. Ich wäre 
der Kritik dankbar, wenn sie einmal, statt beständigen Streitens mit Worten 
eine solche schlichte Tatsache diskutieren wollte. 

2 ) Die kleinen Bröckel, die dabei herausfielen, steckte sie in den Mund, 
u nd aß sie. 



188 0. G. Jung. 

Dementia praecox. Das Eigenartige dieser Krankheit scheint, wie wir 
oben "czei^t zu haben glauben, auf dem stärkeren Hervortreten der 
phantastischen Denkart, des Früh infantilen überhaupt, zu beruhen; 
aus diesem Denken gehen alle jene zahlreichen Berührungen mit mytho- 
logischen Produkten hervor, und was wir für originelle und gänzlich 
individuelle Schöpfungen halten, sind sehr oft nichts anderes als Bil- 
dungen, die denen der Vorzeit zu vergleichen sind. Ich glaube, man 
darf dieses Kriterium einmal an alle Bildungen dieser merkwürdigen 
Krankheit anlegen, so vielleicht auch an dieses besondere Symptom 
des Bohrens. Wir sahen bereits, daß das onanistische Bohren der 
Patientin aus einer sehr frühen Jugendzeit stammt, d. h. aus jener 
Vergangenheit wieder hervorgerufen wurde, indem die Kranke erst, 
nachdem sie mehrere Jahre verheiratet war, wieder in die frühere Onanie 
zurückfiel, und zwar nach dem Tode ihres Kindes, mit dem sie sich 
durch eine überzärtliche Liebe identifiziert hatte. Als das Kind starb, 
traten bei der damals noch gesunden Mutter die frühinfantilen Symp- 
tome ein in Form einer kaum verhehlten anfallsweisen Masturbation, 
die mit eben diesem Bohren verknüpft war. Wie schon bemerkt, trat 
das primäre Bohren ein zu einer Zeit, die der aufs Genitale lokali- 
sierten Infantilonanie voranging. Diese Konstatierung ist 
insofern von Bedeutung, als dieses Bohren dadurch von einer ähnlichen 
späteren Gewohnheit, die nach der genitalen Onanie eintritt, unter- 
schieden ist. Die späteren Übeln Angewohnheiten stellen in der Kegel 
einen Ersatz dar für verdrängte genitale Masturbation respektive für 
Versuche in dieser Hinsicht. Als solche können diese Gewohnheiten 
(Fingerlutschen, Nägelkauen, Zupfen, Ohren- und Nasenbohren usw.) 
bis weit in das erwachsene Alter hinein andauern, als regelrechte 
Symptome einer verdrängten Libidomenge. 

Wie oben bereits angedeutet wurde, betätigt sich die Libido beim 
jugendlichen Individuum zunächst ausschließlich in der Zone der 
Ernährungsfunktion, wo im Saugakt durch rhythmische Bewegung 
die Nahrung aufgenommen wird, unter allen Zeichen der Befriedigung. 
Mit dem Wachstum des Individuums und der Ausbildung seiner Organe 
schafft sich die Libido neue Wege des Bedürfnisses, der Betätigung 
und der Befriedigung. Nunmehr gilt es, das primäre Modell der rhythmi- 
schen, Lust und Befriedigung erzeugenden Tätigkeit in die Zone anderer 
Funktionen zu übertragen mit dem schließlichen Endziel in der Sexuali- 
tät. Ein beträchtlicher Teil der „Hungerlibido" hat sich in „Sexual- 
libido" umzusetzen. Dieser Übergang geschieht nicht etwa plötzlich 



Wandlungen und Symbole der Libido. 189 

in der Pubertätszeit, wie laienhafte Voraussetzung glaubt, sondern 
ganz allmählich im Verlaufe des größeren Teiles der Kindheit. Die Libido 
kann sich nur mit Schwierigkeit und ganz langsam (wie immer!) von 
der Eigentümlichkeit der Ernährungsfunktion befreien, um in die 
Eigentümlichkeit der Sexualfunktion einzugehen. In diesem Über- 
gangsstadium sind, soweit ich dies zu beurteilen vermag, zwei Epochen 
zu unterscheiden: die Epoche des Lutschens und die Epoche 
der verlagerten rhythmischen Betätigung. Das Lutschen 
gehört seiner Art nach noch ganz zum Rayon der Ernährungsfunktion, 
überragt ihn jedoch dadurch, daß es nicht mehr Ernährungsfunktion 
ist, sondern rhythmische Betätigung mit dem Endziel der Lust und der 
Befriedigung ohne Nahrungsaufnahme. Als Hilfsorgan tritt hier die 
Hand auf. In der Epoche der verlagerten rhythmischen Betätigung 
tritt die Hand als Hilfsorgan noch deutlicher hervor, die Lustgewinnung 
verläßt die Mundzone und wendet sich anderen Gebieten zu. Der 
Möglichkeiten sind nun viele. Es sind wohl in der Regel zunächst die 
anderen Körperöffnungen, die das Objekt des libidinösen Interesses 
werden, sodann die Haut und besondere Stellen derselben. Die an diesen 
Orten ausgeführte Tätigkeit, die als Reiben, Bohren, Zupfen usw. 
auftreten kann, erfolgt in einem gewissen Rhythmus und dient der 
Erzeugung von Lust. Nach längerem oder kürzerem Verweilen der 
Libido an diesen Stationen wandert sie weiter, bis sie in der Sexualzone 
anlangt und dort zunächst Anlaß werden kann zu den ersten onanisti- 
schen Versuchen. Auf ihrer Wanderung nimmt die Libido nicht "Weniges 
aus der Ernährungsfunktion mit in die Sexualzone, woraus sich un- 
schwer die zahlreichen und innigen Verknüpfungen zwischen Ernährungs- 
und Sexualfunktion erklären lassen. Erhebt sich nach erfolgter Be- 
setzung der Sexualzone irgend ein Hindernis gegen diese nunmehrige 
Anwendungsform der Libido, so erfolgt nach bekannten Gesetzen 
eine Regression auf die nächst zurückliegenden Stationen der beiden 
oben erwähnten Epochen. Es ist nun von besonderer Wichtigkeit, 
daß die Epoche der verlagerten rhythmischen Betätigung im großen 
und ganzen mit der Zeit der Geistes- und Sprachentwicklung 
zusammenfällt. Ich möchte vorschlagen,' die Periode von der Geburt bis 
zur Besetzung der Sexualzone (die im allgemeinen zwischen dem 3. und 
5. Lebensjahr erfolgen dürfte), als vorsexuclle Entwicklungs- 
stufe zu bezeichnen. (Vergleichbar dem Puppenstadium des Schmetter- 
lings.) Sie ist gekennzeichnet durch die wechselnde Mischung 
von Elementen der Ernährungs- und der Sexualfunktion. 



190 C. G. Jung. 

Auf diese vorsexuelle Stufe können gewisse Regressionen zurück- 
greifen: es scheint, nach den bisherigen Erfahrungen zu schließen, 
dies bei der Regression der Dementia praecox die Regel zu sein. Ich 
möchte zwei kurze Beispiele erwähnen: der eine Fall betrifft ein junges 
Mädchen, das in der Verlobungszeit an Katatonie erkrankte. Wie sie 
mich zum ersten Male sah, kam sie plötzlich auf mich zu, umarmte 
mich und sagte: ,,Papa, gib mir zu essen !" Der andre Fall betrifft eine 
junge Magd, die sich beklagte, man verfolge sie mit Elektrizität und 
bringe ihr damit ein sonderbares Gefühl an den Genitalien bei, ,,wie 
wenn es da unten esse und trinke". 

Diese regressiven Phänomene zeigen, daß auch von der Distanz 
des modernen Geistes aus noch jene früheren Stationen der Libido 
einer regressiven Besetzung fähig sind. Man kann daher annehmen, 
daß in früheren Entwicklungsstadien der Menschheit dieser Weg noch 
weit gangbarer war als heute. Es wäre daher von prinzipiellem 
Interesse, zu erfahren, ob sich Spuren davon in der Geschichte erhalten 
haben. 

Wir verdanken es der verdienstvollen Arbeit Abrahams 1 ), 
daß wir auf eine völkergeschichtliche Phantasie des Bohrens auf- 
merksam wurden, welche in der bedeutenden Schrift Adalbert Kuhns 2 ) 
eine besondere Bearbeitung gefunden hat. Durch diese Untersuchungen 
werden wir mit der Möglichkeit bekannt gemacht, daß der Feuerbringer 
Prometheus ein Bruder des indischen Pramantha, nämlich des 
männlichen, feuerreibenden Holzstückes sein könnte. Der indische. 
Feuerholer heißt Mätaricvan, und die Tätigkeit des Feuerbereitens 
wird in den hieratischen Texten immer mit dem Verbnm manthämi 3 ) 
bezeichnet, welches schütteln, reiben, durch Reiben hervor- 
bringen heißt. Kuhn hat dieses Verbum in Beziehung zum Griechi- 
schen fiavßdvco gesetzt, welches „lernen" heißt, und ebenso die Be- 
griffsverwandtschaft erläutert 4 ). Das Tertium comparationis dürfte im 



x ) Traum und Mythus, Deuticke, Wien 1909. 

2 ) A. Kuhn: Mythologische Studien. Bd. I: Die Herabkunft des Feuers 
und des Göttertrankes. 2. Aufl., Güttersloh, 1886. Eine sehr gut zu lesende, 
auszugsweise Mitteilung des Inhalts findet sich bei Steinthal: Die ursprüng- 
liche Form der Sage von Prometheus. Zeitschr. f. Völkerpsychologie und Sprach- 
wissenschaft. Bd. II, 1862, ebenso bei Abraham, 1. c. 

3 ) Auch mathnämi und mäthäyati. Der Wurzel manth oder math kommt 
eine besondere Bedeutung zu. 

*) Zeitschr. f. vergl. Sprachforschung, II, 395 u. IV, 124. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 191 

Rhythmus liegen (das Hin- und Herbewegen im Geiste). Nach 
Kuhn soll die Wurzel manth oder math über jnavOavco (f.id&)]/.ta, 
f.id&r)oig), 7iQO-/ui]{) eo/iiat auf IlQOjii)]devg führen, der bekanntlich der 
griechische Feuerräuber ist. Durch ein im Sanskrit allerdings nicht 
belegtes Wort „pramäthyus", das von pramantha her vermittelt und 
dem die Doppelbedeutung von „Reiber" und „Räuber" zukäme, wird 
der Übergang auf Prometheus bewerkstelligt. Dabei verursacht aber 
die Vorsilbe „pra" besondere Schwierigkeit, so daß die ganze Ableitung 
von einer Reihe von Autoren bezweifelt und zum Teil für verfehlt 
gehalten wird. Es wird dagegen hervorgehoben, daß, wie der thurische 
Zeus den hier besonders interessierenden Beinamen IlQo-f.iavdevg 
führt, so könnte auch üoo-^'&evg gar kein ursprüngliches indo- 
germanisches Stammwort, das zu skr. pramantha Beziehung hatte, 
sein, sondern wäre nur Beiname. Dieser Auffassung kommt eine 
Hesychglosse entgegen: 'Wag: 6 xcov Tndvcor x)]Qvfj ÜQOfjirjßevg. 
Eine andere Hesychglosse erklärt Waivoi-iai (ialvco erhitzen), als 
•OeQjiiaivofiai, wodurch für 'Wag die Bedeutung „der Flammende" 
analog zu AYdoiv oder <Meyvag herauskommt 1 ). Die Beziehung 
von Prometheus zu pramantha dürfte demnach wohl kaum eine so 
direkte sein, wie Kuhn vermutet. Die Frage einer indirekten Be- 
ziehung ist damit nicht ausgeschlossen. Vor allem ist IlQo 4 a)]devg 
auch als Beiname zum 'Wag von großer Bedeutung, indem der „Flam- 
mende" der „Vorbedenker" ist. (Pramati = Vorsorge ist auch Attribut 
des Agni, obschon pramati anderer Ableitung ist). Prometheus aber 
gehört auch dem Stamme der Phlegyer an, welche von Kuhn in un- 
bestrittene Beziehung zu der indischen Priesterfamüie der Bhrgu 
gesetzt werden 2 ). Die Bhrgu sind wie Mätarigvan (der in der „Mutter 
Schwellende") auch Feuerholer. Kuhn bringt eine Stelle bei, wonach 
Bhrgu auch aus der Flamme entsteht, also gleich Agni. („In der Flamme 
entstand Bhrgu, Bhrgu geröstet, verbrannte nicht.") Diese Anschauung 
führt auf eine verwandte Wurzel von Bhrgu, nämlich skr. bhräy = 
leuchten, lat. fulgeo, und griech. cp/.eya) (skr. bhargas = Glanz, lat. 
fulgur) Bhrgu erscheint demnach als der „Leuchtende". <I>hyvag 
heißt eine gewisse Adlerart wegen ihrer brandgelben Farbe. 
Klar ist der Zusammenhang mit cp/Jysiv = brennen. Die Phlegyer 



x ) Bapp in Roschers Lex. Sp. 3034. 

2 ) Bhrgu = cpÄeyv, ein anerkannter Laut Zusammenhang. Siehe Röscher, 
Sp. 3034, 54. 



192 C. G. Jung. 

sind also die Feueradler 1 ). Zu den Phlegycrn gehört auch Prometheus. 
Der "Weg von Pramantha zu Prometheus geht nicht durch das Wort, 
sondern durch die Anschauung und wir haben deshalb wohl für Pro- 
metheus dieselbe Deutung anzunehmen, die sich aus der indischen 
Feuersymbolik für den pramantha ergibt 2 ). 

Neuerdings sind die kompetenten Philologen wieder mehr der 
Ansicht, daß Prometheus erst nachträglich seine Bedeutung als Vor- 
bedenkender (belegt durch die Figur der „Epimetheus") angenommen 
und ursprünglich doch mit pramantha, manthämi, mathayati zu tun 
habe, dagegen etymologisch mit jTQOjurj&eo/nat, f.id'&rjjLia, [xavöävoo nicht 
zusammengebracht werden dürfe. Umgekehrt hat das mit Agni ver- 
bundene pramati = Vorsorge mit manthämi nichts zu tun. Was man 
also bei dieser verwickelten Sachlage einzig konstatieren kann, ist, 
daß wir das Denken respektive das Vorsorgen, Vorbedenken in Ver- 
bindung mit der Feuerbohrung vorfinden, ohne daß etymologisch 
sichere Beziehungen zwischen den dafür gebrauchten Worten gegen- 



x ) Der Adler als Feuertotem bei Indianern, siehe Röscher, Sp. 3034, 60. 

2 ) Der Stamm ,,manth" geht nach Kuhn im Deutschen in mangeln, 
rollen (von der Wäsche) über. Manthara ist der Butterquirl. Als die Götter den 
arnrta (Unsterblichkeitstrank) durch die Umquirlung des Ozeans erzeugten, 
gebrauchten sie den Berg Man dar a als Quirl (siehe Kuhn: 1. c, S. 17 ff.). Stein- 
thal macht aufmerksam auf den lateinischen Ausdruck der poetischen Sprache: 
mentula = männliches Glied, wobei ment = manth gesetzt wäre. Ich füge 
noch hinzu: mentula ist als Diminutiv zu menta oder mentha (/uivüa) Minze 
zu denken. Im Altertum hieß die Minze ,, Krone der Aphrodite" (Diosc, II, 154). 
Apule jus nennt sie ,, mentha venerea", sie war ein Aphrodisiacum. (Der Gegen- 
sinn findet sich bei Hippokrates: Si quis eam saepe comedat, ejus genitale 
semen ita colliquescit, ut effluat, et arrigere prohibet et corpus imbecillum reddit, 
und nach Dioscorides ist die Minze antikonzeptionelles Mittel; siehe 
Aigremont: Volkserotik und Pflanzenwelt, Bd. I, S. 127.) Von der Menta aber 
sagten die Alten auch: ,,Menta autem appellata, quod suo odore mentem 
feriat — mentae ipsius odor animum excitat". Das führt uns auf den Stamm 
ment — in mens: Geist — (engl, mind), womit die parallele Entwicklung zu 
pramantha — IlQom]devs — vollzogen wäre. Beizufügen ist noch, daß ein besonders 
starkes Kinn mento heißt (gew. mentum). Eine besondere Entwicklung des 
Kinnes wird bekanntlich auch der priapischen Figur des Pulcinell beigegeben, 
ebenso die spitzen Barte (und Ohren) der Satyren und sonstigen priapischen 
Dämonen, wie überhaupt alle Hervorragungen des Körpers männliche und alle 
Vertiefungen oder Höhlen weibliche Bedeutung annehmen können. (Dies gilt 
auch für alle anderen belebten und unbelebten Gegenstände. Vgl. Maeder: Psych. - 
Neurol. Wochenschr. , X. Jahrgang). Jedoch ist dieser ganze Zusammenhang 
fast mehr als unsicher. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 193 

wärtig nachzuweisen wären. Für die Etymologie wird neben der Migration 
der Wortstämme die Wanderung oder autochthone Wiederentstehung 
gewisser urtümlicher Bilder oder Anschauungsweisen von ausschlag- 
gebender Bedeutung sein. 

Der Pramantha als das Werkzeug des Manthana (des Feueropfers) 
wird im Indischen rein sexuell aufgefaßt: der Pramantha als Phallus 
oder Mann, das untenliegende gebohrte Holz als Vulva oder Weib 1 ). 
Das erbohrte Feuer ist das Kind, der göttliche Sohn Agni. Kultisch 
heißen die beiden Hölzer Purüravas und Urvagi und werden personifi- 
ziert gedacht als Mann und Weib. Aus dem Genitale des Weibes wird 
das Feuer geboren' 2 ). Eine besonders interessante Darstellung der 
kultischen Feuererzeugung (manthana) gibt Weber 3 ): 

„Ein bestimmtes Opferfeuer wird durch Reiben zweier Hölzer ent- 
zündet; man nimmt ein Stück Holz mit den Worten: ,Du bist des Feuers 
Geburtsort', legt darauf zwei Grashalme: ,Ihr seid die beiden Hoden', 
auf diese die adharärani (das untergelegte Holz), ,du bist Urvaci', salbt die 
uttarärani (das darauf zu legende Holzscheit) mit Butter: ,Du bist Kraft' 
(semen, o Butter), legt sie dann auf die adharärani: ,Du bist Purüravas' 
und reibt beide dreimal: ,Ich reibe dich mit dem Gäyatrimetrum', ,Ich 
reibe dich mit dem Trishtubhmetrum', ,Ich reibe dich mit dem Jagati- 
metrum'." 

Die sexuelle Symbolik dieser Feuererzeugung ist unverkennbar; 
wir sehen hier auch die Rhythmik, das Metrum an ursprünglicher 
Stelle als Sexualrhythmus, der sich über die Rhythmisierung des 
Brunstrufes zur Musik erhebt. Ein Lied des Rigveda (III, 29, 1—3) 
bringt dieselbe Auffassurg und Symbolik: 

„Das ist das Drehholz, der Zeuger (Penis) ist bereitet, bring die 



J ) Abraham erwähnt, daß im Hebräischen die Bedeutung der Worte für 
Mann und Weib auf diese Symbolik sich beziehen. 

2 ) „Was das gulya (pudendum) genannt wird, das heißt die yoni (Geburts- 
stätte) des Gottes; das Feuer, welches dort geboren wird, heißt segenbringend". 
Kätyäyanas Karmapradipa I, 7, übersetzt von Kuhn, Herabkunft des Feuers, 
S. 67. Der etymologische Zusammenhang bohren — geboren ist möglich. 
Das germanische böron(bohren) ist urverwandt mit lat. forare (id.) und gr. (pagäeo = 
pflügen. Es wird eine idg. Wurzel bher mit der Bedeutung tragen vermutet, 
sanskr. bhar-, gr. (peq-, lat. fer-; daraus altlitl. beran = gebären, engl, to bear, 
lat. fero und fertilis, fordus (trächtig), gr. (pogög (id.). Walde (Lat. Etyrn. s. 
ferio) stellt forare allerdings zu der Wurzel bher-. Vgl. dazu unten die phallische 
Pflugsymbolik. 

3 ) Weber: Indische Studien, I, 197, zitiert Kuhn: 1. c, S. 71. 
Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen. IV. 1« 



194 CG. Jung. 

Herrin des Stammes 1 ) herbei, den Agni laß uns quirlen nach altem 
Brauch. 

In den beiden Hölzern liegt der jätavedas, wie in den Schwangern 
die wohlbewahrte Leibesfrucht; tagtäglich ist Agni zu preisen von den sorg- 
samen, opferspendenden Menschen. 

In die Dahingestreckte laß hinein (den Stab), der du deß kundig bist; 
sogleich empfängt sie, hat den Befruchtenden geboren; mit rötlicher Spitze, 
leuchtend seine Bahn ward der Iläsohn in dem trefflichen Holze geboren" 2 ). 

Neben der unzweideutigen Koitussymbolik bemerken wir, daß 
der Pramantha auch zugleich der Agni, der erzeugte Sohn ist: der 
Phallus ist der Sohn oder der Sohn ist der Phallus, daher Agni in der 
vedischen Mythologie triadischen Charakter hat. Damit gewinnen wir 
wieder den Anschluß an den oben besprochenen kabirischen Vater- 
Sohn-Kult. Auch in der heutigen deutschen Sprache haben wir An- 
klänge an die uralten Symbole bewahrt: Ein Junge wird als „Bengel'' 
bezeichnet, im Hessischen als „Stift" oder „Bolzen 3 )" . Die Artemisia 
Abrotanum L., welche zu Deutsch „Stabwurz" heißt, wird im Eng- 
lischen als boy's-love bezeichnet. (Die Vulgärbezeichnung des Penis 
als Knabe wurde bereits von Grimm und A. angemerkt.) Als aber- 
gläubischer Gebrauch wurde die kultische Feuererzeugung in Europa 
bis ins XIX. Jahrhundert festgehalten. Kuhn erwähnt einen solchen 
Fall noch aus dem Jahre 1828, der sich in Deutschland ereignete. 
Man hieß die feierliche Zauberhandlung das „Nodfyr", Notfeuer 4 ) 
und gebrauchte den Zauber hauptsächlich gegen die Viehseuchen. 
Kuhn erwähnt aus der Chronik von Lanercost vom Jahre 1268 einen 



x ) Oder der Menschen überhaupt. Vigpatni ist das weibliche Holz, vigpati, 
ein Attribut des Agni, das männliche. Das Feuerzeug ist der Ursprung des Men- 
schengeschlechtes aus derselben verkehrten Logik wie bei den oben erwähnten 
Weberschiffchen und Schwertgriff. Der Koitus als Ursprung des Menschen- 
geschlechtes soll dadurch negiert werden aus den unten noch näher zu erörternden 
Motiven eines ursprünglichen Widerstandes gegen die Sexualität. 

2 ) Das Holz als Symbol der Mutter ist der heutigen Traumforschting bekannt. 
Vgl. Freud: Traumdeutung, S. 211. Als Symbol des Weibes deutet es Stekel 
(Sprache des Traumes, S. 128) an. Holz ist auch Vulgärbezeichnung für den 
Busen („Holz vor dem Hause"). Die christliche Holzsymbolik ist ein Kapitel 
für sich. „Iläsohn": IIa heißt die Tochter Manus, des Einzigen, der mit Hilfe 
seines Fisches die Sintflut überstanden hat und dann mit seiner Tochter die Men- 
schen wiedererzeugte. 

3 ) Vgl. Hirt: Etymol. der neuhochd. Sprache, S. 348. 

4 ) Das Capitulare Carlomanni von 942 verbot „illos sacrilegos ignes quos 
niedfyr vocant". Vgl. Grimm: Mythol., 4. Aufl., S. 502. Hier sind auch Be- 
schreibungen derartiger Feuerzeremonien zu finden. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 195 

besonders merkwürdigen Fall von Notfeuer 1 ), dessen Zeremonien die 
phallische Grundbedeutung klar erkennen lassen: 

„Pro ficlei divinae integritate servanda recolat lector, quod cum 
hoc anno in Laodonia pestis grassaretur in pecudes arrnenti, quam vocant 
usitate Lungessouht, quidam bestiales, habitu claustrales non animo, 
docebant idiotas patriae ignem confrictione de lisnis eduecre et 
simulacrum Priapi statuere, et per haec bestiis suecurrere. Quod cum 
unus laicus Cistcrciensis apud Fe n tone fecisset ante atrium aulae, ac i n- 
tinetis testiculis canis in aquam benedietam super animalia 
sparsisset etc." 

Diese Beispiele, welche eine klare Sexualsymbolik der Feuer- 
erzeugung erkennen lassen, erweisen dadurch, daß sie aus verschiedenen 
Zeiten und verschiedenen Völkern stammen, die Existenz einer durch- 
gehenden Neigung, der Feuererzeugung nicht nur magische, sondern 
auch sexuelle Bedeutung beizulegen. Das kultische oder zauberische 
Wiederholen dieser uralten, längst überholten Erfindung zeigt, wie 
sehr der menschliche Geist in alten Formen perseveriert und wie tief 
eingewurzelt diese uralte Reminiszenz des Feuerbohrens ist. Man 
wird zunächst geneigt sein, in der Sexualsymbolik der kultischen 
Feuererzeugung eine relativ späte Zutat der Priestergelchrsamkeit 
zu erblicken. Dies mag wohl berechtigt sein für die kultische Elaboration 
des Feuermysteriums. Ob aber nicht ursprünglich die Feuererzeugung 
überhaupt ein Sexualakt, d. h. ein Koitusspiel war, das ist noch 
die Frage. Daß dergleichen bei sehr primitiven Völkern vorkommt, 
wissen wir von dem australischen Stamm der Watschandies 2 ), welche 
im Frühling folgenden Befruchtungszauber aufführen: Sie graben ein 
Loch in den Boden, so geformt und mit Büschen so umsteckt, daß es 
ein weibliches Genitale nachahmt. Um dieses Loch tanzen sie die ganze 
Nacht, wobei sie die Speere so vor sich halten, daß sie an einen Penis 
in erectione erinnern. Sie umtanzen das Loch und stoßen die Speere 
in die Grube, indem sie dazurufen : pulli nira, pulli nira, wataka ! (non 
fossa, non fossa, sed eunnus !). Solche obszönen Tänze kommen auch 
bei anderen niederen Stämmen vor 3 ). 

In diesem Frühlingszauber sind die Elemente des Koitusspieles 
enthalten: Loch und Phallus 4 ). Dieses Spiel ist nichts anderes als ein 



!) Kuhn. 1. c, S. 43. 

2 ) Preuss: Globus, LXXXVI, 1905, S. 35$. 

3 ) Vgl. dazu Fr. Schultze: Psychologie der Naturvölker. S. 161 f. 

4 ) Dieses primitive Spiel führt zur phallischen Pflugsymbolik. 'Aoovu 
h^ißt pflügen und besitzt daneben die poetische Bedeutung von schwängern. 

13* 



196 C. G. Jung. 

Koitusspiel, d. h. ursprünglich war dies Spiel wohl einfach Koitus 
in der Form der sakramentalen Begattung, welche noch lange ein 
creheimer Bestandteil gewisser Kulte war und in Sekten wieder auf- 
genommen wurde 1 ). So lassen sich in den Zeremonien der Zinzen- 

Das lateinische arare heißt bloß pflügen, die Phrase aber „fundum alienum arare" 
heißt: „die Kirschen in Nachbars Garten pflücken". Eine treffliche Darstellung 
des phallischen Pfluges findet sich auf einer Vase des archäologischen Museums in 
Florenz: Es sind darauf eine Reihe von 6 nackten ithyphallischen Männern abge- 
bildet, die einen phallisch dargestellten Pflug tragen (Dieterich: Mutter Erde, 
S. 107 ff .)• Der , ,carrus navalis" (Carneval) unseres Frühlingsfestes war im Mittelalter 
bisweilen ein Pflug. (Hahn: Demeter und Baubo. Zitiert b. Dieterich, 1. c, S. 109.) 

Herr Dr. Ab egg in Zürich macht mich aufmerksam auf die geistreiche 
Arbeit von R. Meringer: Wörter und Sachen. Indogerm. Forschungen, 16, 
179/84, 1904. Wir werden hier mit einer sehr weitgehenden Verschmelzung der 
Libidosymbole mit äußerem Stoff und äußerer Tätigkeit bekannt gemacht, welche 
unsere obigen Überlegungen in außerordentlichem Maße stützt. Meringers 
Überlegung geht von zwei indogermanischen Wurzeln aus, uen und neneti. 

Idg. *uen Holz, ai. van, vana. Agni ist garbhas vanäm, »Leibesfrucht 

der Hölzer'. 

Idg. * neneti hieß ,er ackert'; damit ist das Anbohren des Bodens mittels 
eines spitzen Holzes und das darauffolgende Aufreißen des Bodens gemeint. Dieses 
Verbum selbst ist nicht belegt, da die damit bezeichnete primitive Bearbeitung 
des Ackers (.Hackbau') schon sehr früh ausgestorben ist, Als man eine bessere 
Behandlung des Ackers kennen lernte, ging die Bezeichnung des primitiven Kultur- 
bodens auf die Weide, die Trift über; hierher got. vinja vo^tj; altisl. vin Gras- 
platz, Weide. Dazu vielleicht auch die isl. Vanen als Ackerbaugötter. 

' Aus ,ackern' entsteht coire (dieser Zusammenhang wäre wohl umzukehren); 
dazu idg. * nenos ,Liebesgenuß', lat. venus. (Vgl. dazu die Wurzelbedeutung uen = 

Holz!) 

Aus coire — .leidenschaftlich erstreben'; vgl. ahd. vinnan , toben . Dazu 
auch got. vens Mm S , ahd. wän Erwartung, Hoffnung; skrt. van begehren; ferner 
.Wonne'; altisl. vinr Geliebter, Freund. Aus der Bedeutung ,ackern' entsteht 
'wohnen'; dieser Übergang hat sich nur im Germanischen vollzogen. Aus wohnen y 
gewöhnen, gewohnt sein; altisl. vanr , gewohnt'. Aus , ackern' ferner >- sich mühen, 
plagen; altisl. vinna arbeiten; ahd. winnansich abarbeiten; — got. vinnan jzäO X etv, 
vunns nädii/ia. Aus ,ackern' entsteht anderseits »gewinnen, erlangen', ahd. 
giwinnan; aber auch .verletzen': got. vunds .wund'. „Wund" im ursprünglichsten 
Sinne war somit zuerst der durch den Hackbau aufgerissene Boden. Aus »ver- 
letzen« dann auch »schlagen, besiegen' ; ahd. winna Streit; altsächs. winnan kämpfen. 

i) Der alte Brauch des „Brautlagers" auf dem Acker» welches dazu bestimmt 
war, den Acker fruchtbar zu machen, enthält den Urgedanken in elementarster 
Form: damit war die Analogie in klarster Weise ausgedrückt: So wie ich das 
Weib befrachte, befruchte ich die Erde. Das Symbol leitet Sexualhbido 
über auf die Bebauungund Befruchtungder Erde. Vgl. dazu Mannhardt 
Wald- und Feldkulte, I, woselbst reichliche Belege zu finden sind. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 197 

dorfischen Religionsiibung Anklänge an das Koitussakrament auf- 
weisen, ebenso in anderen Sekten. (Vgl. dazu das letzte Kapitel.) 

Man kann sich unschwer denken, daß, wie die oben erwähnten 
Australneger das Koitusspiel in dieser "Weise aufführen, dasselbe Spiel 
auch in einer andern Weise aufgeführt werden könnte, und zwar eben 
in Form der Feuererzeugung. Statt durch zwei auserwählte Menschen 
wurde, der Koitus durch zwei Simulacra von Menschen dargestellt, 
durch Purüravas und Urvagi, durch Phallus und Vulva, durch Bohrer 
und Loch. Wie hinter anderen Gebräuchen der primitive Gedanke 
der sakramentale Beischlaf ist, so auch hier die Urtendenz eigentlich 
der Akt selber ist. Denn der Akt der Befruchtung ist der Höhepunkt, 
das eigentliche Fest des Lebens und wohl würdig zum Kern eines 
religiösen Mysteriums zu werden. Wie wir schließen dürfen, daß die 
Erdlochsymbolik der AVatschandies zunächst an Stelle des Koitus 
tritt mit dem weiteren Horizont der Erdbefruchtung, so wäre eben- 
falls die Feuererzeugung als Ersatz des Koitus zu denken, und 
zwar wäre aus diesem Raisonnement konsequent weiter zu schließen, 
daß die Erfindung der Feuerbercitung eben dem Drange, 
ein Symbol für den Sexualakt einzusetzen, zu ver- 
danken ist 1 ). 

Wir kehren hier für einen Moment zum infantilen Symptom 
des Bohrens zurück. Denken wir uns, daß ein erwachsener kräftiger 
Mann mit derselben Ausdauer und der entsprechenden Energie wie 
dieses Kind, das Bohren mit zwei Hölzern ausführt, so kann er bei diesem 
Spiel leicht die Feuererfindung machen. Von größter Bedeutung bei 



J ) Spielreins Kranke (Jahrbuch III, S. 371) bringt Feuer und Zeugung 
ebenfalls unmißverständlich zusammen; sie sagt darüber folgendes: „Das Eisen 
braucht man zum Zwecke der Erddurehbohrung, zum Zwecke des Feuersehlusses. 
(Dazu ist aus der Mithrasliturgie anzumerken: In der Anrufung des feurigen 
Gottes heißt es: 6 övvdtjöag Jivevfiari xd. nvQiva uXeldoa tov ovqüvov: 
,,Der du mit dem Geisthaueh die feurigen Schlösser des Himmels verschlossen 
hast — öffne mir.") „Mit dem Eisen kann man aus dem Steine kalte Mensehen 
schaffen." Die Erddurchbohrung hat bei ihr Befruehtungs- oder Geburtsbedeutung. 
S. 382 sagt sie: „Mit dem glühenden Eisen kann man den Berg durchbohren. 
Das Eisen wird glühend, wenn man es in einen Stein bohrt." 

Vgl. dazu die Etymologie von bohren und gebären (oben). In l'Oiseau bleu 
von Maeterlinck finden die beiden Kinder, die im Lande der ungeborenen 
Kinder den blauen Vogel suchen, einen Knaben, der in der Xase bohrt. Von ihm 
heißt es: Er werde ein neues Feuer erfinden, um die Erde wieder zu er- 
wärmen, tt'enn sie erkaltet sein wird. 



108 CG. Jung. 

dieser Arbeit ist der Rhythmus 1 ). Diese Hypothese scheint mir psycho- 
logisch wohl möglich. Es soll damit nicht gesagt sein, daß einzig auf 
die "Weise die Feuererfindung gemacht worden sei. Ebensogut kann sie 
beim Feuersteinschlagen erfolgt sein. Das Feuer wird auch wohl kaum 
bloß an einem Ort entdeckt worden sein. Was ich hier konstatieren 
möchte, ist bloß der psychologische Prozeß, dessen symbolische An- 
deutungen auf eine derartige Möglichkeit der Feuererfindung oder der 
Feuerbereitung hinweisen. 

Die Existenz des primitiven Koitusspiels- oder -ritus erscheint 
mir hinlänglich erwiesen. Dunkel ist nur die Nachdrücklichkeit und 
Energie des rituellen Spieles. Bekanntlich sind ja diese primitiven 
Riten öfter von sehr blutigem Ernste und werden mit ungemeinem 
Energieaufwand durchgeführt, was als ein großer Kontrast zu der 
notorischen Faulheit primitiver Menschen erscheint. Dadurch verliert 
die rituelle Handlung ganz den Charakter des Spieles und gewinnt 
den der absichtlichen Anstrengung. Wenn gewisse Negerstämme 
eine Nacht lang nach 3 Tönen in monotonster Weise tanzen können, 
so fehlt für unser Gefühl daran der Charakter des Spielerischen gänzlich, 
es mutet mehr an wie Übung. Es scheint eine Art Zwang zu bestehen, 
Libido in derartige rituelle Betätigung überzuleiten. Wenn der Stoff 
der Ritualhandlung der Sexualakt ist, so ist wohl anzunehmen, daß 
er eigentlich Gedanke und Ziel der Übung ist. Unter diesen Umständen 
erhebt sich aber die Frage, warum der primitive Mensch den Sexual- 
akt mit Anstrengung symbolisch darzustellen sich bemühe respek- 
tive (wenn diese Fassung als zu hypothetisch erscheinen sollte) seine 
Energie in solchem Maße anstrenge, um praktisch gänzlich wertlose 
Dinge herzustellen, die ihn anscheinend nicht einmal besonders amü- 
sieren 2 ). Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der Sexualakt auch 
dem primitiven Menschen wünschenswerter vorkommt - als absurde 
und dazu noch anstrengende Übungen. Es ist wohl nicht anders möglich, 
als daß ein gewisser Zwang vom ursprünglichen Gegenstand 
und der eigentlichen Absicht wegleite und die Erzeugung 
von Surrogaten herbeiführt. (Die Existenz phallischer oder 
orgiastischer Kulte deutet nicht eo ipso auf eine besondere Ausgelassen- 
heit des Lebens hin, so wenig wie die asketische Symbolik des Christen- 



*) Vgl. dazu die interessanten Nachweise bei Bücher: Arbeit und Rhyth- 
mus, Leipzig 1899. 

2 ) Das Amüsement ist zweifellos mit vielen Riten verknüpft, jedoch lange 
nicht mit allen. Es gibt sehr unangenehme Dinge. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 199 

tums auf eine besondere Sittlichkeit der Christen. Man verehrt das, 
was man nicht hat oder nicht ist.) Dieser Zwang führt, um in der oben 
formulierten Terminologie zu reden, einen gewissen Libidobetrag 
von der eigentlichen Sexualbetätigung weg und schafft für das Verlorene 
symbolischen und annähernd gültigen Eisatz. Diese Psychologie ist 
bestätigt durch die oben erwähnte Watschandiezeremonie: während 
der ganzen Zeremonie darf keiner der Männer auf eine 
Frau blicken. Dieses Detail belehrt uns wiederum, wovon die Libido 
weggezogen werden soll. Damit erhebt sich aber die dringende Frage, 
woher dieser Zwang komme? Wir haben oben schon einmal angedeutet, 
daß sich der primitiven Sexualität ein Widerstand entgegenstelle, 
der zu einem seitlichen Austreten der Libido auf Ersatzhandlungen 
(Analoga, Symbole) führte. Es ist undenkbar, daß es sich dabei um 
irgend einen äußern Widerstand, um ein wirkliches Hindernis handle, 
indem es keinem Wilden einfällt, seine schwer erreichbaren Jagdtiere 
mit Ritualzauber einzufangen, sondern es handelt sich um einen innern 
Widerstand, indem Wollen gegen Wollen, Libido gegen Libido 
tritt, denn ein psychologischer Widerstand entspricht als energetisches 
Phänomen einem gewissen Libidobetrag. Der psychologische Zwang 
zur Libidoüberleitung beruht auf einer ursprünglichen Uneinigkeit 
des Wollens. Ich werde andernorts von dieser anfänglichen Spaltung 
der Libido zu handeln haben. Hier dürfen wir uns nur mit dem Probleme 
der Libidoüberleitung beschäftigen. Die Überleitung erfolgt, wie mehr- 
fach angedeutet wurde, auf dem Wege der Verlegung auf ein Analogon. 
Die Libido wird an der eigentlichen Stelle weggenommen und auf ein 
anderes Substrat übersetzt. 

Der Widerstand gegen die Sexualität zielt darauf ab, den Sexual- 
akt zu verhindern, er sucht also Libido aus der Sexualfunktion heraus- 
zudrängen. Wir sehen z. B. bei Hysterie, wie die spezifische Verdrängung 
den aktuellen Übertragungsweg verlegt, dadurch ist die Libido genötigt, 
einen andern Weg einzuschlagen, und zwar einen frühern. nämlich 
den inzestuösen Weg zu den Eltern (in letzter Linie). Reden wir 
aber vom Tnzestverbot, welches die allererste Sexualübertragung 
verhindert, dann gestaltet sich die Sachlage insofern anders, als dann 
kein anderer früherer Realübertragungsweg vorhanden ist — außer der 
vorsexuellen Entwicklungsstufe, wo die Libido noch zum Teil 
Ernährungsfunktion war. Durch eine Regression auf die vorsexuelle 
Stufe wird die Libido quasi desexualisiert. Da nun aber das Inzest- 
verbot nur eine temporäre und bedingte Einschränkung der Sexualität 



200 C. G. Jung. 

bedeutet, so wird nur derjenige Libidobetrag, welchen man am besten 
als den inzestuösen Anteil bezeichnet, auf die vorsexuelle Stufe 
zurückgedrängt; die Verdrängung betrifft also nur die Sexuallibido, 
die sich dauernd bei den Eltern fixieren möchte. Der Sexuallibido 
wird also nur der inzestuöse Anteil entzogen, auf die vorsexuelle Stufe 
zurückgedrängt und dort, wenn die Operation gelingt, desexualisicrt, 
wodurch dieser Libidobetrag für eine asexuale Verwendung geschickt 
wird. Es ist aber anzunehmen, daß die Operation nur mit Schwierig- 
keiten bewerkstelligt vrird, indem die inzestuöse Libido sozusagen 
künstlich aus der Sexuallibido abgespalten werden muß, mit der 
sie seit alters (durch die ganze Tierreihe) ununterscheidbar verknüpft 
war. Die Regression des inzestuösen Anteils muß daher nicht nur mit 
großen Schwierigkeiten erfolgen, sondern auch einen beträchtlichen 
Sexualcharakter in die vorsexuelle Stufe hineintragen. Die Folge davon 
ist, daß die hieraus entspringenden Phänomene zwar ganz den Charakter 
der Sexualhandlung an sich tragen, aber doch de facto keine Sexual- 
handlung mehr sind; sie entspringen der vorsexuellen Stufe und sind 
unterhalten durch verdrängte Sexuallibido, daher ihnen doppelte 
Bedeutung zukommt. So ist das Feuerbohren ein Koitus (und zwar 
ein inzestuöser), aber ein desexualisierter, der seinen unmittelbaren 
Sexualwert verloren hat, dafür aber indirekt der Propagation der 
Spezies förderlich ist. Die vorsexuelle Stufe ist charakterisiert durch 
zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten, weil die Libido dort ihre 
definitive Lokalisation noch nicht gefunden hat. Es erscheint daher 
verständlich, daß ein Libidobetrag, der regressiv diese Stufe wieder 
betritt, sich mannigfachen Anwendungsmöglichkeiten gegenüber sieht. 
Vor allem tritt ihm die Möglichkeit einer rein onanistischen Be- 
tätigung entgegen. Da es sich bei dem regredierenden Libidoanteil 
aber um Sexuallibido handelt, deren letzte Bestimmung die Propagation 
ist, daher ganz auf das äußere Objekt geht (Eltern), so wird sie diese 
Bestimmung als ihren wesentlichen Charakter auch mit intro vertieren. 
Die Folge davon ist, daß die rein onanistische Betätigung sich als un- 
genügend erweist und ein äußeres Objekt aufgesucht werden muß, das an 
die Stelle des Inzestobjektes tritt. Den Idealfall eines derartigen Objektes 
stellt die nahrungspendende Mutter Erde dar. Die Psychologie 
der vorsexuellen Stufe trägt dazu die Ernährungskomponente bei. die 
Sexuallibido den Koitusgedanken. Daraus entstehen die uralten Symbole 
des Ackerbaues. In der Handlung des Ackerbaues mischt sich Hunger 
und Inzest. Die uralten Kulte der Mutter Erde und der gesamte darauf 



Wandlungen und Symbole der Libido. 201 

gerichtete Aberglaube sahen in der Bebauung der Erde die Befruchtung 
der Mutter. Das Ziel der Handlung ist aber ein desexualisiertes, denn 
es ist die Ackerfrucht und die in ihr liegende Nahrung. Die aus dem 
Inzestverbot erfolgende Regression führt in diesem Fall zur Wieder- 
besetzung der Mutter, diesmal aber nicht als Sexualobjekt, sondern 
als Ernährerin. 

Einer ganz ähnlichen Regression auf die vorsexuelle Stufe, speziell 
auf die zunächstliegende Stufe der verlagerten rhythmischen Betätigung, 
scheinen wir die Erfindung des Feuers zu verdanken. Die aus dem 
Tnzestverbot introvertierte Libido (mit der genaueren Bestimmung 
der motorischen Bestandteile des Koitus) stößt, auf vorsexueller Stufe 
angelangt, auf das verwandte infantile Bohren, dem sie nun, ent- 
sprechend ihrer Bestimmung aufs Reale einen äußern Stoff gibt (daher 
der Stoff passenderweise materia heißt, indem das Objekt die Mutter 
ist, wie oben!). Wie ich oben zu zeigen versuchte, gehört zur Aktion 
des infantilen Bohrens nur die Kraft und Ausdauer eines erwachsenen 
Mannes und das geeignete „Material", um Feuer zu erzeugen. Wenn 
dem so ist, so kann erwartet werden, daß in Analogie zu unserem obigen 
Fall von onanistischem Bohren auch die Feuererzeugung 
ursprünglich als ein solcher, am Objekt dargestellter Akt 
quasi onanistischer Betätigung zustandekam. Dieser Nachweis 
ist selbstverständlich niemals wirklich zu leisten, aber es ist denkbar, daß 
sich irgendwo Spuren dieser ursprünglichen onanistischen Vorübungen 
zur Feuererzeugung erhalten haben. Es ist mir geglückt, in einem sehr 
alten Monument indischer Literatur einen Passus aufzufinden, der 
unzweifelhaft diesen Übergang der Sexual! ibido durch die onanistische 
Phase in die Feuerbereitung enthält. Dieser Passus findet sich im 
Brihadäranyaka-Upanishad 1 ) ; ich zitiere nach der Übersetzung von 
Deussen 2 ): 

„Nämlich er (Atman 3 ) war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn 
sie sich umschlungen halten. Dieses, sein Selbst zerfällte er in zwei Teile; 



J ) Die Upanishaden gehören zur Brähmana, zur Theologie der vedischen 
Schriften und enthalten den theosophiseh-spekulativen Teil der vedischen Leliren. 
Die vedischen Schriften respektive Sammlungen sind zum Teil von ganz un- 
bestimmbarem Alter und können, da sie lange nur mündlich überliefert wurden, 
in eine sehr ferne Vorzeit zurückreichen. 

2 ) Deussen: Die Geheim lehre des Veda, S. 23 f. 

3 ) Das Ur- und Allwesen, dessen Begriff sich, ins Psychologische zurück- 
übersetzt, mit dem Libidobegriff deckt. 



202 C. G. Jung. 

daraus entstanden Gatte und Gattin 1 ). — Mit ihr begattete er sich; daraus 
entstanden die Menschen. Sie aber erwog: ,Wie mag er sich mit mir be- 
gatten, nachdem er mieh aus sich selbst erzeugt hat? Wohlan, ich will 
mich verbergen!' — Da ward sie zu einer Kuh; er aber ward zu einem 
Stier und begattete sich mit derselben. Daraus entstand das Rindvieh. — 
Da ward sie zu einer Stute; er aber ward zu einem Hengste; sie ward zu 
einer Eselin, er zu einem Esel und begattete sich mit derselben. Daraus 
entstanden die Einhufer. — Sie ward zu einer Ziege, er zu einem Bocke; 
sie zu einem Schafe, er zu einem Widder und begattete sich mit derselben ; 
daraus entstanden die Ziegen und Schafe. — Also geschah es, daß er alles, 
was sich paart, bis hinab zu den Ameisen, dieses alles erschuf. — Da erkannte 
er: , Wahrlieh ich selbst bin die Schöpfung, denn ich habe die ganze Welt 
erschaffen !' — Darauf rieb er (die vor den Mund gehaltenen Hände) 
so; da brachte er aus dem Munde als Mutterschoß und aus den 
Händen das Feuer hervor." 

Wir begegnen hier einer Schöpfungslehre besonderer Art, die 
einer psychologischen Rückübersetzung bedarf: Im Anfang war die 
Libido undifferenziert bisexuell 2 ), darauf erfolgt die Differenzierung 
in eine männliche und eine weibliche Komponente. Von da an weiß 
der Mensch, was er ist. Nun folgt eine Kluft im Zusammenhang des 
Denkens, in welche eben jener Widerstand gehört, den wir oben zur 
Erklärung des Sublimierungszwanges postulierten. Darauf erfolgt der 
aus der Sexualzone herausverlegte onanistische Akt des Eeibens oder 
Bohrens (hier Fingerlutschens), aus welchem die Feuererzeugung 
hervorgeht 3 ). Die Libido verläßt hier die ihr eigentlich zugehörige Be- 

*) Ätman ist also als ursprünglich bisexuelles Wesen gedacht — entsprechend 
der Libidotheorie. Die Welt entstand aus dem Begehren: Vgl. Brihadäranyaka- 
Uj)anishad 1, 4, 1 (Deussen): 

1. „Am Anfang war diese Welt allein der Atman — der blickte um sich: Da 
sah er nichts anderes als sich selbst. — 2. Da fürchtete er sich; darum fürchtet 
sich einer, wenn er allein ist. Da bedachte er: , Wovor sollte ich mich fürchten, 
da nichts anderes außer mir da ist?' — 3. Aber er hatte auch keine Freude, darum 
hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach einem Zweiten. " 
Hierauf folgt die oben zitierte Schilderung seiner Zerspaltung. Piatons Vor- 
stellung der Weltseele nähert sich dem indischen Bilde sehr an: „Der Augen be- 
durfte sie keineswegs, denn es befand sich neben ihr nichts Sichtbares. — Nichts 
trennte sich von ihr, nichts trat zu ihr hinzu, denn außer ihr gab es nichts." 
(Timaios, Übers. Kiefer, Jena 1909, S. 26.) 

2 ) Vgl. dazu Freuds: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 

3 ) Eine, wie es scheint, genaue Parallele zu der Handstellung im Upanishad- 
text, erfuhr ich von einem kleinen Kind. Das Kind hielt die eine Hand vor den 
Mund und rieb sich mit der andern darauf, eine Bewegung, die sich mit der des 
Geigens vergleichen läßt. Es war eine frühinfantile Gewohnheit, die lange Zeit 
hindurch anhielt. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 203 

tätigung als Sexualfunktion und regrediert auf die vorsexuelle Stufe, 
wo sie entsprechend den obigen Auseinandersetzungen eine der Vor- 
stufen der Sexualität besetzt, damit nach der Ansicht der Upanishaden 
die erste menschliche Kunst und von da aus, wie die Ideen Kuhns 
über den Stamm manth andeuten, vielleicht die höhere geistige Tätig- 
keit überhaupt erzeugt. Dieser Entwicklungsgang hat für den Psy- 
chiater nichts Fremdartiges, indem es eine schon längst bekannte, 
psychopathologische Tatsache ist, wie nahe sich Onanie und exzessive 
Phantasietätigkeit berühren. (Die Sexualisierung [Autonomisierung] 
des Geistes durch den Autoerotismus 1 ) ist eine so geläufige Tatsache, 
daß Beispiele dafür überflüssig sind.) Der Weg der Libido ging also, 
wie wir nach diesen Erfahrungen schließen dürfen, ursprünglich in 
ähnlicher Weise wie bei dem Kinde, nur in umgekehrter Reihenfolge: 
der Sexualakt wurde aus der ihm eigentlich zugehörigen Zone heraus- 
gedrängt und in die analoge Mundzone verlegt 2 ), wobei dem Munde 
die Bedeutung des weiblichen Genitales zukam, der Hand respektive 
den Fingern aber die phallische Bedeutung 3 ). Auf diese Weise wird 
in die regressiv wiederbesetzte Tätigkeit der vorsexuellen Stufe die 
Sexualbedeutung hineingetragen, die ihr vorher allerdings auch schon 
partiell zukam, aber in einem ganz andern Sinne. Gewisse Funktionen 
der vorsexuellen Stufe erweisen sich als dauernd zweckmäßig und werden 
deshalb als Sexualfunktionen später beibehalten. So wird z. B. die Mund- 
zone als erotisch wichtig beibehalten, d. h. ihre Besetzung erweist sich 
als dauernd fixiert. Was den Mund betrifft, so wissen wir, daß er auch bei 
Tieren eine Sexualbedeutung insofern hat, als z B. Hengste im Akte 
die Stuten beißen, ebenso Kater, Hähne usw. Eine zweite Bedeutung 
hat der Mund als Sprachap parat. Er dient in wesentlicher Weise 
mit zur Erzeugung der Lockrufe, die meistens die bestausgebildeten 
Töne der Tierwelt darstellen. Was die Hand betrifft, so wissen wir, 
daß sie die wichtige Bedeutung des Kontrektationsorgans hat (z. B. 
bei den Fröschen). Die vielfache erotische Anwendung der Hand 
bei Affen ist bekannt. Ist nun ein Widerstand gegen die eigentliche 
Sexualität gesetzt, so wird die Libidoaufstauung am ehesten diejenigen 



J ) Vgl. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Dieses 
Jahrbuch, Bd. I, S. 3Ö7. 

2 ) "Wie oben gezeigt wurde, wandert beim Kinde die Libido aus der Mund- 
zone in die Sexualzone. 

3 ) Vgl. oben das über Daktylos Gesagte. Reichliche Belege bei Aigremont: 
Fuß- und Sehuhsymbolik. 



204 C. G. Jung. 

Kollateralen zu einer Überfunktion bringen, welche geeignet sind, den 
Widerstand zu kompensieren, nämlich die nächsten Funktionen, welche 
zur Einleitung des Aktes dienen 1 ); einerseits die Funktion der Hand, 
anderseits die des Mundes. Der Sexualakt aber, gegen den sich der 
Widerstand richtet, wird durch einen ähnlichen Akt der vorsexuellen 
Stufe ersetzt, wofür der Idealfall das Fingerlutschen respektive Bohren 
ist. Wie beim Affen auch der Fuß gelegentlich die Funktion der Hand 
vertreten kann, so ist auch das Kind in der Wahl des Lutschobjektes 
oft unsicher, indem es statt der Finger die große Zehe in den Mund steckt. 
Diese letztere Geste gehört zu einem indischen Ritus, nur wird dort die 
Großzehe nicht in den Mund gesteckt, sondern gegen das Auge gehalten 2 ). 
Durch die genitale Bedeutung von Hand und Mund wird diesen Organen, 
die auf vorsexueller Stufe der Lustgewinnung dienten, eine zeugende 
Eigenschaft erteilt, welche identisch ist mit jener oben erwähnten 
Bestimmung, die auf das äußere Objekt abzielt, weil es sich um Sexual- 
respektive Propagationslibido handelt. Wenn durch die wirkliehe 
Feuerbereitung der Sexualcharakter der dazu verwendeten Libido 
erfüllt ist, dann bleibt aber die Mundzone ohne adäquate Betätigung: 
nur die Hand hat jetzt ihr eigentliches rein menschliches Ziel in ihrer 
ersten Kunst erlangt. 

Der Mund hat, wie wir sahen, eine weitere wichtige Funktion, 
die ebensoviel sexuelle Beziehung auf das Objekt hat wie die Hand, 
nämlich die Erzeugung des Lockrufes. Bei dem Aufbrechen des auto- 
erotischen Ringes, Hand-Mund 3 ), wo die phallische Hand zum feuer- 



x ) Wenn bei dem heutzutage enorm angewachsenen Sexualwiderstand die 
Frauen die sekundären Geschlechtsmerkmale und sonstigen erotischen Reize durch 
besonders konstruierte Korsetts hervorheben, so ist das eine Erscheinung, die 
noch ins selbe Schema der Vermehrung der Anlockung gehört. 

2 ) Die Ohröffnung beansprucht bekanntlich auch Sexualwert. In einem 
Marienhymnus heißt es: ,,quae per aurem concepisti". Rabelais' Gargantua 
wird durchs Ohr der Mutter geboren. Bastian (Beiträge z. vergl. Ps3'chologie, 
S. 238) erwähnt aus einem altern Werke folgende Stelle: „Man findet in diesem 
ganzen Königreiche auch unter den allerkleinsten Mägdlein keine Jungfrawn, 
denn sie tun gleich in ihre zarte Jugend eine besondere Mixtur in ihr Gemachter 
hinein, wie gleichfalls auch in die Ohrlöcher, machen dieselbige damit weit und 
erhalten sie immerzu offen." — Auch der mongolische Buddha wird aus dem 
Ohr seiner Mutter geboren. 

3 ) Das treibende Motiv zum Aufbrechen des Ringes wäre, wie ich oben 
flüchtig bereits andeutete, in der Tatsache zu suchen, daß die sekundäre Sexual- 
tätigkeit (der verlagerte Koitus) nie imstande ist oder sein wird, jene natürliche 
Sättigung herbeizuführen, wie die Betätigung an eigentlicher Stelle. Mit diesem 



Wandlungen und Symbole der Libido. 205 

zeugenden Instrumente wurde, hatte die der Mundzone zugeführte 
Libido einen andern Funktionsweg zu suchen, der sich naturgemäß 
in der bereits bestehenden Funktion des Brnnstrufes eröffnete. 
Der hier untertretende libidinöse Zuschuß muß die gewöhnlichen Folgen 
gehabt haben: nämlich Aktivierung der neubesetzten Funktion, also 
eine Elaboration des Lockrufes. 

Wir wissen, daß aus den Urlauten sich einmal die menschliche 
Sprache entwickelt hat. Der psychologischen Sachlage entsprechend 
müßte angenommen werden, daß die Sprache diesem Moment ihren 
eigentlichen Ursprung verdankt, nämlich dem Augenblick, wo sich 
der, auf vorsexuelle Stufe zurückgedrängte Trieb nach außen wandte, 
um dort ein äquivalentes Objekt aufzufinden. Das eigentliche Denken 
als bewußte Handlung ist, wie wir im ersten Teil sahen, ein Denken 
mit positiver Bestimmung nach der Außenwelt hin, d. h. ein „sprach- 
liches" Denken. Diese Art von Denken scheint in jenem Moment ent- 
standen zu sein. Es ist nun sehr merkwürdig, daß diese Ansicht, die auf 
dem "Wege des Kaisonnements gewonnen wurde, wiederum durch alte 
Tradition und sonstige mythologische Fragmente gestützt wird. 

Im Aitareyopanishad 1 ) (Sekt. I, Part. II) findet sich bei der 
Lehre von der Entwicklung des Menschen folgender Passus: „Being 
brooded-o'er his mouth hatched out, like as an egg; from out his mouth 
(came) speech, from speech the fire 2 )/' In Part. II wo geschildert 
wird, wie die neugeschaffenen Dinge in den Menschen eingesetzt werden, 
heißt es: ,,Fire, speech becoming, entered in the mouth." Diese Stellen 
lassen die Zusammengehörigkeit von Feuer und Sprache deutlich er- 
kennen 3 ). Im Brihadaranyaka-Upanishad (3,2) 4 ) findet sich der Passus: 

„ Yäynavalkya", so sprach er, ,wenn nach dem Tode dieses Mensehen 
seine Rede in das Feuer eingeht, sein Odem in den Wind, sein Auge in die 
Sonne usw. Eine weitere Stelle aus dem Brihadaranyaka-Upanishad (4, 3) 
lautet: ,Aber wenn die Sonne untergegangen ist, o Yäynavalkya, und der 



ersten Schritte zur Verlagerung war auch der erste Schritt zur charakteristischen 
Unzufriedenheit getan, welche den Menschen späterhin von Entdeckung zu Ent- 
deckung trieb, ohne ihn je die Sättigung erreichen zu lassen. 
J ) Übersetzt von Mead und Chattopädhyäya. 

2 ) „Da er ihn bebrütete, spaltete sieh sein Mund wie ein Ei, aus dem Mund 
entsprang die Rede, aus der Rede Agni." (Übersetzt von Deussen.) 

3 ) In einem Liedc des Rigveda (10, 90) heißt es, daß die Hymnen und 
Opfersprüehe, wie überhaupt sozusagen die ganze Schöpfung aus dem „gänzlich 
verbrannten" Purusha (Urmcnsch-Weltschöpfer) hervorgegangen seien. 

4 ) Übersetzt von Deussen. 



206 CG. Jung. 

Mond untergegangen ist, und das Feuer erloschen ist, was dient dann dem 
Menschen als Licht?' — ,Dann dient ihm die. Kode als Licht; denn bei dem 
Lichte der Rede sitzt er und gehet umher, treibt seine Arbeit und kehret 
heim.' — Aber wenn die Sonne untergegangen ist, o Yaynavalkya, und 
der Mond untergegangen ist und das Feuer erloschen und die Stimme 
verstummt ist, was dient dann dem Menschen als Licht?' — ,Dann dient 
er sich selbst (ätman) als Licht; denn bei dem Lichte des Selbstes sitzt 
er und gehet umher, treibt seine Arbeit und kehret heim'." 

In diesem Passus bemerken wir, wie wiederum das Feuer in 
nächster Beziehung zur Rede steht. Die Rede selber heißt ein ,, Licht", 
das seinerseits reduziert wird auf das,, Licht" des ätman, der schaffenden 
seelischen Kraft, der Libido. So faßte die indische Metapsychologie 
Rede und Feuer als Emanationen des innern Lichtes, von dem wir 
wissen, daß es die Libido ist. Sprache und Feuer sind ihre Manifestations- 
formen als die ersten menschlichen Künste, die aus ihrer Verlagerung 
entstanden sind. Auf diesen gemeinsamen psychologischen Ursprung 
scheinen auch gewisse Ergebnisse der Sprachforschung hinzuweisen. 
Der indogermanische Stamm b h ä bezeichnet die Vorstellung von 
leuchten, scheinen. Dieser Stamm findet sich ingrieeb. (pdea, (paivoo, 
(päog, in altirl. bän = weiß, im nhd. bohnen = glänzend machen. Der- 
selbe Stamm bhä bedeutet aber auch sprechen; er findet sich im 
Sanskr. bhan = sprechen, arm. ban = Wort, im nhd. Bann, bannen, 
griech. qxx-jiu, ecpav, (paus, hat. fä-ri, fänum. 

Der Stamm bhelso mit der Bedeutung ,, klinge, belle" findet 
sich in Sanskr. bhas = bellen und bhäs — reden, sprechen, litth. 
balsas = Stimme, Ton. Eigentlich ist bhel-sö=hell sein vgl. 
(palog = hell, litth. bälti = weiß werden, mhd. blaß. 

Der Stamm lä mit der Bedeutung von tönen, bellen findet sich 
in Sanskr. las läsati = erklingen und las läsati = strahlen, 
glänzen. 

Der verwandte Stamm lesö mit der Bedeutung begehre findet 
sich wiederum in Sanskr. las, 1 asati = spielen, lash, läshati = be- 
gehren, griech. laojavQog = geil, goth. lustus, nhd. Lust, lat. laseivus. 

Ein weiterer verwandter Stamm läso = scheinen, strahlen 
findet sich in las, läsati = strahlen, glänzen. 

In dieser Gruppe kommen, wie ersichtlich, die Bedeutungen 
von begehren, spielen, strahlen und tönen zusammen. Ein 
ähnliches archaisches Zusammenfließen der Bedeutungen in die ur- 
sprüngliche Libidosvmbolik (wie wir vielleicht schon sagen dürfen) 
findet sich in jener ägyptischen Wörter klasse, die sich aus den nahe- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 207 

verwandten Wurzeln ben und bei und der Reduplikation benben 
und belbel herleitet. Die ursprüngliche Bedeutung dieser "Wurzeln 
ist: auswerfen, heraustreten, schwellen, her vor wallen (mit 
dem Nebenbegriff sprudeln, blasenwerfen und Rundung), belbel, 
von dem Zeichen des Obelisken (von ursprünglich phallischer Natur) 
begleitet, bedeutet Lichtquell. Der Obelisk selber führte neben techenu 
und men den Namen benben, seltener auch berber und belbel 1 ). Die 
Libidosjnnbolik erklärt diese Zusammenhänge, wie mir scheint. 

Der indogermanische Stamm vel mit der Bedeutung von wallen 
(Feuer) findet sich im Sanskr. ulunka = Brand, griech. FaHa, 
att. ätta = Sonnenwärme, goth. vulan = wallen, ahd. mhd. walm = 
Hitze, Glut. Der verwandte indogermanische Stamm velkö mit 
der Bedeutung von leuchten, glühen findet sich in Sanskr. ulkä = 
Feuerbrand, griech. reXyävog= Vulcanus. Derselbe Stamm vel heißt 
aber auch tönen, in Sanskr. väni = Getön, Gesang, Musik, tschech. 
volati = rufen. 

Der Stamm sveno = töne, klinge findet sich in Sanskr. 
svan, svänati = rauschen, erklingen, zend. qanaht, lat. sonäre, 
altiran. senm, cambr. sain, lat. sonus, angels. svinsian = tönen. Der ver- 
wandte Stamm svenos = Geräusch, Getön findet sich in ved. svanas = 
Geräusch, lat. sonor, sonorus. Ein weiterer verwandter Stamm ist 
svonös = Ton, Geräusch, in altiran. son = Wort. 

Der Stamm sve(n), loc. sveni, dat. sunei, bedeutet Sonne 
in zend. qeng = Sonne (vgl. oben svenö zend. qanant) got. sun-na, 
sunnö 2 ). 

Auch hier hat uns Goethe vorgearbeitet: 

„Die Sonne tönt nach alter Weise 

In Brudersphären Wettgesang, 

Und ihre vorgeschriebne Reise 

Vollendet sie mit Donnergang." (Faust I. Teil.) 



*) Vgl. Br ugsch: Rel. u. Myth. d. alt. Ägypter, S. 255 f. und das Ägyptische 
Wörterbuch. 

2 ) Das deutsche Wort Schwan gehört hierher, daher er auch singt, wenn 
er stirbt. Er ist die Sonne. Die Figur bei Heine fügt sieh hier sehr schön an: 
„Es singt der Schwan im Weiher 
Und rudert auf und ab, 
Und immer leiser singend, 
Taucht er ins Flutengrab. ' ; 
Hauptmanns „Versunkene Glocke'' ist ein Sonnenmythus, wobei 
Glocke = Sonne = Leben = Libido. 



208 C. G. Jung. 

„Horchet, horcht dem Sturm der Hören! 

Tönend wird für Geistesohren 

Schon der neue Tag geboren. 

Felsentore knarren rasselnd, 

Phoebus' Räder rollen prasselnd, 

Welch Getöse bringt das Licht! 

Es drommetet, es posaunet, 

Auge blinzt und Ohr erstaunet, 

Unerhörtes hört sich nicht. 

Schlüpfet zu den Blumenkronen, 

Tiefer, tiefer, still zu wohnen, 

In die Felsen, unters Laub, 

Trifft es euch, so seid ihr taub." (Faust IL Teil.) 

Auch der schönen Verse Hölderlins dürfen wir nicht vergessen: 

„Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir 

Von all deiner Wonne; dennoch eben ist's, 

Daß ich gelauscht, wie goldner Töne 

Voll, der entzückende Sonnen Jüngling 

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; 

Es tönten rings die Wälder und Hügel nach — ". 

Wie in der archaischen Sprache Feuer und Sprachlaut (Lockruf, 
Musik) als Emanationsformen der Libido erscheinen, so werden auch 
Licht und Schall, in die Seele eintretend, zu Einem, zu Libido. 
Manilius spricht es aus in seinen schönen Versen: 

— „Quid mirum noscere mundum 
Si possunt homines, quibus est et mundus in ipsis 
Exemplumque dei quisque est in imagine parva? 
An quoquam genitos nisi caelo credere fas est 
Esse homines? 

Stetit unus in arcem 
Erectus capitis victorque ad sidera mittit 

sidereos oculos. 

Auf die für das Weltbild überhaupt fundamentale Bedeutung 
der Libido weist uns der Begriff von Sanskr. tejas hin. Ich verdanke 
Herrn Dr. Ab egg in Zürich, einem trefflichen Kenner des Sanskrit, 
die Zusammenstellung der 8 Bedeutungen dieses Wortes. 

Tejas bedeutet: 

1. Schärfe, Schneide. 

2. Feuer, Glanz, Licht, Glut, Hitze. 

3. Gesundes Aussehen, Schönheit. 

4. Die feurige und farbeerzeugende Kraft im menschlichen Orga- 
nismus (in der Galle gedacht). 



Wandlungen und Symbole der Libido. 209 

5. Kraft, Energie, Lebenskraft. 

6. Heftiges Wesen. 

7. C4eistige, auch magische Kraft; Einfluß, Ansehen, Würde. 

8. Der männliche Same. 

Hieraus vermögen wir zu ahnen, wie für das primitive Denken 
die sogenannte objektive Welt subjektives Bild war und sein mußte. 
Auf dieses Denken verlangt das Wort des „Chorus mysticus" angewendet 

zu werden: 

,. Alles Vergängliche 
Ist nur ein Gleichnis." 

Das Sanskritwort für Feuer ist agnis (das lateinische ignis) 1 ), 
das personifizierte Feuer ist der. Gott Agni, der göttliche Mittler 2 ), 



*) Mit ag-iiis, beweglich zusammenhängend. Siehe Max Müller: Vorl. 
über den Ursprung und die Entwicklung der Religion, S. 237. 

2 ) Ein cranischer Name des Feuers ist Nairyöcagha = männliches 
Wort. Indisch: Naräcaihsa = Wunsch der Männer (Spiegel, Erän. Altertumsk., 
II, 49). Das Feuer hat Logosbedeutung (vgl. Kap. VII, Erläuterungen zu „Sieg- 
fried"). Von Agni, dem Feuer, sagt Max Müller in seiner Einleitung in die ver- 
gleichende Religionswissenschaf t : „Es war eine dem Inder geläufige Vorstellung, 
das Feuer auf dem Altar zugleich als Subjekt und Objekt zu fassen. Das Feuer 
verbrannte das Opfer und war somit gleichsam der Priester, das Feuer trug das 
Opfer zu den Göttern und war somit ein Vermittler zwischen Menschen und 
Göttern; das Feuer stellte aber auch selbst etwas Göttliches, einen Gott vor, 
und wenn diesem Gott Ehre erzeugt werden sollte, so war das Feuer sowohl Subjekt 
als Objekt des Opfers. Daher die erste Vorstellung, daß Agni sich selbst opfert, 
d. h. daß er sein eigenes Opfer für sich selbst darbringt, dann aber, daß er sich 
selbst zum Opfer bringt." Die Berührung dieses Gedankengangs mit dem christ- 
lichen Symbol hegt auf der Hand. Denselben Gedanken spricht Krishna aus 
in Bhagavad-Gitä b. IV. (Transl. by Arnold, London 1910.) 

"All's then God! 
The sacrifice is Brahm, the ghee and grain 
Are Brahm, the fire is Brahm, the flesh it eats 
Is Brahm, and unto Brahm attaineth he 
Who, in such office, meditates on Brahm." 

Hinter diesen Symbolismus des Feuers sieht die weise Diotima (in 
Piatons Symposion c. 23). Sie belehrt den Sokrates, daß Eros das „Mittel- 
wesen zwischen Sterblichen und Unsterblichen" sei, ,,ein großer Dämon, lieber 
Sokrates; denn alles Dämonische ist eben das Mittelglied zwischen Gott und 
Mensch". Eros hat die Aufgabe, „Dolmetsch und Bote zu sein von den Menschen 
bei den Göttern und von den Göttern bei den Menschen, von den einen für ihre 
Gebete und Opfer, von den anderen für ihre Befehle und ihre Vergeltungen der 
Opfer, und so die Kluft zwischen beiden auszufüllen, so daß durch seine Vermittlung 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 14 



210 CG. Jung. 

dessen Symbol gewisse Berührungen mit dem des Christos hat. Im 
Avesta und in den Vedas ist das Feuer der Götterbote. Es gibt innerhalb 
der christlichen Mythologie Einiges, das mit dem Agnimythus nahe 
zusammenkommt. Daniel (3, 24 f.) berichtet von den 3 Männern im 
Feuerofen : 

„Da entsetzte sich der König Nebukadnezar und fuhr auf und sprach 
zu seinen Käten: ,Haben wir nicht 3 Männer gebunden in das Feuer lassen 
werfen?' Sie antworteten und sprachen zum Könige: ,Ja, Herr König.' 
Er antwortete und sprach: ,Sehe ich doch 4 Männer los im Feuer 
gehn und sind unversehrt; und der vierte ist, gleich als wäre 
er ein Sohn der Götter'." 

Dazu bemerkt die Biblia pauperum (nach einem deutschen 
Incunabulum von 1471): 

„Man list in dem propheten Daniel am III c. dass nabuchodonosor 
der kunig zu babilon Hess setzen 3 Kind in ein gluenden ofen und da der 
kunig kam zu dem ofen und sach hinein, da sach er bey den III den vierten, 
der was gleich dem Sun gotz. Die drei bedeuten uns die heiligen Drivaltig- 
keit der person und der viert ainigkeit des wesen. Also Christus in seiner 
erclarung bezaichet er die Drivaltigkeit der person und die ainigkeit des 
wesen." 

Nach dieser mystischen Deutung erscheint die Legende der drei 
Männer im Feuerofen als ein Feuerzauber, wobei der Gottessohn er- 
scheint: die Dreiheit wird mit der Einheit zusammengebracht, oder 
mit anderen Worten: durch den Koitus wird ein Kind erzeugt. Der 



das All sich mit sich selber zusammenbindet". Eros ist ein Sohn der Penia 
(Armut, Bedürftigkeit), empfangen vom nektarberauschten Porös. Die Bedeutung 
von Porös ist dunkel; jiöqoc; heißt Weg und Loch, Öffnung. Zielinski, Arch, 
f. Rel. Wissensch., IX, 43 ff. setzt ihn mit Phoroneus, dem Feuerbringer identisch, 
was bezweifelt wird, andere bringen ihn mit dem anfänglichen Chaos zusammen, 
wiederum andere lesen willkürlich Köqos und MÖQOg. Unter diesen Umständen — 
in dubio pro reo — ist die Frage gestattet, ob nicht ein relativ einfacher Sexual- 
symbolismus dahinter zu suchen sei. Eros wäre dann einfach der Sohn der Be- 
dürftigkeit und der weiblichen Genitalien, denn diese Pforte ist Uranfang und 
Geburtsstätte des Feuers. Diotima gibt eine treffliche Schilderung des Eros: 
„Er ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger (Bogenschütze! 
vgl. unten) und unaufhörlicher Ränkeschmied, welcher stets nach der Weisheit 
trachtet — ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder 
wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an dem- 
selben Tage, blüht er bald und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten 
erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum 
Leben vermöge der Natur seines Vaters (Wiedergeburt!); das Gewonnene 
jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen — ." Zu dieser Charak- 
terisierung sind Kap. V, VI ,und VII dieser Arbeit zu vergleichen. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 211 

glühende Ofen (wie der glühende „Dreifuß" bei Faust) ist ein Mutter- 
syrubol, wo die Kinder gebacken werden. (Vgl. dazu auch Riklin: 
Wunscherfüllung und Symb. in Mährchen, S. G9, wo ein Kind dadurch 
erzeugt wird, daß die Eltern ein Rübchen (!) in den Ofen 1 ) legen.) 
Der Vierte im Feuerofen erscheint als der Gottessohn Christus, im 
Feuer sichtbarer Gott geworden. Die mystische Dreiheit und Einheit 
sind unzweifelhaft sexualsymbolistisch. (Vgl. dazu die vielen Hinweise 
bei In man: Ancient pagan and modern Christian symbolisms.) Vom 
Retter Israels und seiner Feinde (dem Messias) heißt es Jes. 10, 17: 
.,Und das Licht Israels wird ein Feuer sein und sein Heiliger wird eine 
Flamme sein." 

In einem Hymnus des Syrers Ephre m heißt es von Christus: ,,Du, 
der ganz Feuer ist, erbarme Dich meiner." 

Agni ist die Opferflamme. der Opferer und das Geopferte 
gleich wie der Christus. Gleich wie Christus sein erlösendes Blut als 
ein (pdgjuaxov äfiavaoiag im berauschenden Weine hinterließ, so ist 
Agni auch der Soma, der heilige Begeisterungstrank, der Unster blich - 
lichkeitsmeth 2 ). Soma und Feuer sind in der indischen Literatur 
ganz identisch gesetzt, so daß wir in Soma leicht wieder das Libido- 
symbol zu entdecken vermögen, wodurch sich eine Reihe anscheinend 
paradoxer Eigenschaften des Soma ohneweiters auflösen lassen. Wie 
die alten Inder im Feuer eine Emanation des innern Libido feuers 
erkannten, so erkannten sie auch im berauschenden Tranke („Feuer- 
wasser", Soma-Agni, als Regen und Feuer) eine Libidoemanation. 
Die vedische Definition des Soma als Samenerguß 3 ) belegt diese Auf- 
fassung. Die Somabedeutung des Feuers, ähnlich wie die Abendmahl- 
bedeutung des Leibes Christi (Vgl. das in Kreuzform gebratene Passah- 
lamm der Juden) erklärt sich durch die Psychologie der vorsexuellen 



x ) Das Motiv des Ofens, wo das Kind ausgebrütet wird, findet sieh auch im 
Typus des Walfisehdrachenmythus wieder. Es ist dort ein regelmäßig wieder- 
kehrendes Motiv, daß das Innere des „Drachen" sehr heiß ist, so daß infolge der 
Hitze dem Helden die Haare ausgehen; d. h. wohl, daß er dort den für den 
erwachsenen Menschen charakteristischen Haarsehmuck verliere und ein Kind 
werde. (Natürlich beziehen sich die Haare auch auf die Sonnenstrahlen, die im 
Untergang ausgelöscht werden.) Mannigfache Beispiele für dieses Motiv finden 
sich bei Frobenius „Das Zeitalter des Sonnengottes", Bd. I, Berlin 1904. 

2 ) Diese Seite Agnis weist auf Dionj'sos hin, der sowohl mit der christ- 
lichen wie mit der indisehen Mythologie bemerkenswerte Parallelen hat. 

3 ) „Alles nun, was auf der Welt feucht ist, das erschuf er aus dem Samen- 
erguß; dieser aber ist der Soma." Brihadäranyaka-Upanishad (1, 4) Deussen. 

14* 



212 CG. Jung. 

Stufe, wo die Libido noch zum Teil Ernährungsfunktion war. Der Sonia 
ist der ,, nährende Trank", dessen mythologische Charakterisierung 
dem Feuer und seiner Entstehung parallel läuft, dalier beide in Agni 
vereinigt sind. Auch wird der Unsterblichkeitstrank durch die indischen 
Götter so gequirlt wie das Feuer. Durch das Zurücktreten der Libido 
auf die vorsexuelle Stufe wird es klar, warum so viele Götter einerseits 
sexuell definiert sind, anderseits aber gegessen werden. 

Wie uns das Beispiel der Feuerbereitung zeigte, dürfte das Feuer- 
instrument nicht nachträglich zu seiner Sexualsymbolik gekommen 
sein, sondern die Sexuallibido war die treibende Kraft, welche zu seiner 
Entdeckung führte, weshalb die nachmaligen Priesterlehren nichts als 
Konstatierungen seines tatsächlichen Ursprunges waren. In derselben 
Weise sind wohl auch andere primitive Entdeckungen zu ihrer Sexual- 
symbolik gekommen; sie stammen eben aus Sexuallibido ab. 

In den bisherigen Darlegungen, dio vom pramantha des Agni- 
opfers ausgingen, haben wir uns nur mit der einen Bedeutung des Wortes 
manthämi oder mathnami beschäftigt, nämlich mit der, welche die 
Bewegung des Reibens ausdrückt. Wie Kuhn zeigt, kommt diesem 
Worte aber auch die Bedeutung von abreißen, an sich reißen, 
rauben zu 1 ). Wie Kuhn zeigt, (Herabk. des Feuers, S. 18) ist diese 
Bedeutung schon in den vedischen Texten vorhanden. Die Entdeckungs- 
sage faßt die Feuererzeugung immer als einen Raub auf (sie gehört 
insofern zu dem über die ganze Erde verbreiteten Motiv der schwer 
zu erreichenden Kostbarkeit). Die Tatsache, daß vielerorts, 
nicht nur in Indien, die Feuer bereitung als ein ursprünglicher Raub 
dargestellt wird, scheint auf einen allgemein verbreiteten Gedanken 
hinzudeuten, wonach die Feuerbereitung etwas Verbotenes, Usurpiertes 
oder Strafwürdiges wäre, das nur durch List oder Gewalttat (meist 
durch List) erreicht werden kann 2 ), öfter ist es das heimliche Stehlen 
oder das listige Übervorteilen, das, wenn es dem Arzte als ein Symptom 
entgegentritt, immer das heimliche Erfüllen eines verbotenen Wunsches 
bedeutet 3 ). Historisch geht wohl dieser Zug zunächst auf die Tatsache, 

L ) Die Frage ist, ob sich diese Bedeutung erst sekundär entwickelt hat. 
Nach Kuhn scheint dies angenommen zu werden; er sagt (Herabkunft des 
Feuers, S. 18): „Mit der bisher entwickelten Bedeutung der Wurzel manth hat sich 
aber auch schon in den Veden die aus dem Verfahren natürlich sich entwickelnde 
Vorstellung des „Abreißens, usw. entwickelt." 

2 ) Beispiele bei Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes. 

3 ) Vgl. dazu Stekel: Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie. Zeitschr. 
f. Sexualwissenschaft, 1908. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 213 

daß die rituelle Feuerbereitling in zauberischer Absicht angewendet 
wurde, daher vom offiziellen Glauben verfolgt wurde; sodann war 
sie rituelles Mysterium 1 ), deshalb von den Priestern gehütet und mit 
Geheimnis umgeben. Die rituellen Vorschriften der Inder verheißen 
dem schwere Strafe, der auf unrichtige Weise Feuer bereitete. Die Tat- 
sache allein, daß etwas Mysterium ist, heißt, daß etwas in der Ver- 
borgenheit getan wird. Was geheim bleiben muß, was man sonst nicht 
sehen oder tun darf, etwas auch, das mit schweren Strafen des Leibes 
und der Seele umgeben ist; also vermutlich etwas Verbotenes, 
das eine kultische Lizenz erhalten hat. Nach all dem, was 
oben über die Genese der Feuerbereitung gesagt wurde, ist es nicht mehr 
schwer zu erraten, was das Verbotene ist: es ist die Onanie. Wenn 
ich oben sagte, daß die Unbefriedigung es sein dürfte, welche den 
autoerotischen King der verlagerten Sexualbetätigung am eigenen 
Körper aufbreche und so die weiten Gefilde der Kultur eröffne, so 
erwähnte ich nicht, daß dieser nur locker geschlossene King der ver- 
lagerten onanistischen Betätigung viel fester geschlossen werden kann, 
wenn nämlich der Mensch die andere große Entdeckung macht, 
nämlich die der richtigen Onanie 2 ). Damit tritt die Betätigung am 
eigentlichen Orte ein und damit unter Umständen eine für lange Zeit 
ausreichende Befriedigung, wodurch aber die Sexualität um ihre eigent- 
lichen Absichten geprellt wird. Es ist ein Betrug an der natürlichen 
Entwicklung der Dinge, indem alle die Spannkräfte, die der Kultur- 
entwicklung dienen können und sollen, ihr durch die Onanie entzogen 
werden, indem statt der Verlagerung eine Regression auf das Lokal- 
sexuelle vollzogen wird, was gerade das Gegenteil ist von dem, was 
als zweckmäßig erscheint. Psychologisch ist aber die Onanie eine 
Erfindung von nicht zu unterschätzender Bedeutung : Man ist geschützt 
vor dem Schicksal, indem keine sexuelle Bedürftigkeit es dann vermag, 
einen dem Leben auszuliefern. Man hat ja mit der Onanie den großen 
Zauber in Händen, man braucht nur zu phantasieren und dazu zu 



x ) Auch in der katholischen Kirche herrschte an verschiedenen Orten die 
Sitte, daß einmal im Jahre der Priester „künstliches" Feuer erzeugte. 

2 ) Ich muß bemerken, daß die Bezeichnung der Onanie als einer großen 
Entdeckung kein von mir ersonnener Scherz ist, sondern ich verdanke diesen 
Eindruck zwei jugendlichen Patienten, die vorgaben, im Besitze eines schreck- 
lichen Geheimnisses zu sein, sie hätten etwas Furchtbares entdeckt, das nie sonst 
jemand wissen dürfte, weil sonst ein großes Elend über die Menschen käme: Sie 
hatten nämlich die Onanie entdeckt. 



214 C G. Jung. 

onanieren, so besitzt man alle Lüste der Welt und ist durch nichts 
gezwungen, durch harte Arbeit und schweres Ringen mit der Wirk- 
lichkeit, sich die Welt seiner Wünsche zu erobern 1 ). Aladdin reibt 
seine Lampe und die dienstbaren Geister stehen zu seiner Verfügung, 
so drückt das Märchen den großen psychologischen Gewinn der billigen 
Regression auf die lokale Sexualbefriedigung aus. Aladdins Symbol 
deckt die Zweideutigkeit der magischen Feuerbereitung in feiner Weise. 

Die nahe Beziehung der Feuererzeugung zum onanistischen Akte 
wird durch einen Fall belegt, dessen Kenntnis ich Herrn Dr. Schmid 
in Cery verdanke: "Ein imbecillcr Bauernknecht legte mehrmals Feuer. 
Bei einer Brandstiftung wurde er durch sein Verhalten während des 
Brandes dadurch verdächtig, daß er, die Hände in den Hosentaschen, 
in der Tür eines gegenüberliegenden Hauses stand und dem Brande 
vergnügt zusah. Während der Untersuchung in der Irrenanstalt schüdert 
er den Brand sehr weitläufig und macht dazu verdächtige Bewegungen 
mit der Hand in der Hosentasche. Die sofort vorgenommene körperliche 
Untersuchung ergab, daß er masturbiert hatte. Später gestand er, daß 
er sich jeweilen masturbierte, wenn er sich am selbst gelegten Feuer 
ergötzte. 

Die Feuerbereitung an sich ist ein völlig nüchterner, nützlicher 
und durch viele Jahrtausende überall geübter Gebrauch, dem an sich 
wohl bald nichts mehr Geheimnisvolles zukam, so wenig wie dem Essen 
und Trinken. Es war aber immer eine Tendenz da, von Zeit zu Zeit 
einmal auf eine zeremonielle und geheimnisvolle Art Feuer zu bereiten 
(ebenso wie das rituelle Essen und Trinken), was in genau vorge- 
schriebener Weise zu erfüllen war, und wovon niemand abweichen durfte. 
Diese der Technik gesellte geheimnisvolle Tendenz ist der stets neben 
der Kultur vorhandene zweite Weg in die onanistische Regression. 
Dieser gelten die strengen Gesetze; der Eifer der zeremoniellen Vor- 
richtungen und die religiösen Schauer des Mysteriums stammen zu 
allernächst aus dieser Quelle : die Zeremonie in ihrer praktischen Sinn- 

x ) Man muß billigerweise aber auch berücksichtigen, daß die durch unsere 
Moral erheblich verschärften Lebensbedingungen so schwierig sind, daß es für 
viele Menschen einfach praktisch unmöglich ist, zu jenem Ziel zu gelangen, das 
man keinem Menschen mißgönnen möchte, nämlich der Möglichkeit der Liebe. 
Unter diesem grausamen Domestikationszwang muß der Mensch zur Onanie 
gelangen, wenn er eine irgendwie aktive Sexualität besitzt. Bekanntlich sind 
es gerade die nützlichsten und besten Menschen, die ihre Tugenden einer kräftigen 
Libido verdanken. Eine energische Libido verlangt aber zeitweise mehr als bloße 
christliche Nächstenliebe. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 215 

losigkeit ist eine äußerst sinnvolle Institution vom psychologischen 
Standpunkt aus, indem sie einen durch Gesetze genau umschriebenen 
Ersatz der onanistischen Regressionsmöglichkeit darstellt 1 ). Dem Inhalt 
der Zeremonie kann das Gesetz nicht gelten, denn es ist für die rituelle 
Handlung eigentlich ganz gleichgültig, ob sie so oder so vorgenommen 
wird. Dagegen ist es sehr wesentlich, ob die aufgestaute Libido durch 
eine sterile Onanie abgeführt oder auf Sublimierungswege übergeleitet 
wird. Der Onanie gelten in erster Linie jene strengen Schutzmaßregeln 2 ). 
Ich verdanke Freud einen weiteren bemerkenswerten Hinweis 
auf die onanistische Natur des Feuerraubes oder vielmehr des Motivs 
der schwer erreichbaren Kostbarkeit (wozu der Feuerraub ge- 
hört). Es sind mehrfach in der Mythologie Formulierungen vorhanden, 
die etwa folgendermaßen lauten: Das Kostbare soll von einem Tabu- 
baume gepflückt oder abgerissen werden (Paradiesbaum, He- 
speriden), was eine verbotene und gefährliche Handlung ist. Am klarsten 
in jeder Hinsicht ist der altbarbarische Gebrauch im Dienste der Diana 
von Axicia : Priester der Göttin kann nur werden, wer in ihrem heiligen 
Hain einen Ast abzureißen wagt. Das „Abreißen" hat sich in der Vul- 
gärsprache (neben dem „Abreiben") als Symbol des onanistischen 
Aktes erhalten. So ist das „Reiben" wie das „Reißen", welche beide 
in manthämi enthalten und anscheinend nur durch den Mythus 
des Feuerraubes verbunden sind, in einer tieferen Schicht, im ona- 
nistischen Akt verknüpft, worin „Reiben" im eigentlichen, „Reißen" 
aber im übertragenen Sinne verwendet ist. Es wäre demnach vielleicht 
zu erwarten, daß in der tiefsten Schicht, nämlich der inzestuösen, 
die dem autoerotischen Stadium vorausgeht 3 ), die beiden Bedeutungen 



x ) Vgl. dazu die grundlegenden Ausführungen Freuds: Zwangshandlungen 
und Religionsübung. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Bd. II, 
S. 122 ff. 

2 ) Ich bin mir wohl bewußt, daß die Onanie nur ein Zwisehenphänomen 
ist. Es erübrigt immer noch das Problem der originalen Libidozerspaltung. 

3 ) Ich nenne in konsequenter Anwendung meiner im vorigen Kapitel 
erörterten Terminologie das Stadium nach der Inzestliebe das Auto-Erotische, 
wobei ich das Erotische hervorhebe als ein Regressivphänomen: die an der 
Inzestschranke aufgestaute Libido besetzt regressiv eine ältere, der inzestösen 
Objektliebe vorausgehende Funktionsweise, die man unter dem Bleuler- 
sehen Terminus Autismus begreifen könnte, nämlich die Funktion der puren 
Selbsterhaltung, die vorzugsweise durch die Ernährungsfunktion gekenn- 
zeichnet ist. Man kann aber auf die vorsexuelle Stufe den Terminus „Autis- 
mus" darum nicht mehr wohl anwenden, indem er bereits für den Geisteszustand der 



216 0- G. .Imig. 

in eine zusammengehen, die aus Mangel an mythologischer Tradition 
vielleicht nur etymologisch erschlossen werden kann. 

IV. 

Die unbewußte Entstehung des Heros. 

Vorbereitet durch die vorausgehenden Kapitel nähern wir uns 
der Personifikation der Libido in Gestalt eines Helden, eines Heros 
oder Dämon. Damit verläßt die Symbolik das Gebiet des Sächlichen 
und Unpersönlichen, das dem astralen und meteorischen Symbol 
eignet, und nimmt menschliche Form an, die Gestalt des von Leid zu 
Freude und von Freude zu Leid sich wandelnden "Wesens, das bald, 
der Sonne gleich, im Zenith steht, bald in finstere Nacht getaucht 
ist und aus eben dieser Nacht zu neuem Glänze ersteht 1 ). Wie die 
Sonne in eigener Bewegung und aus eigenem inneren Gesetz vom 
Morgen zum Mittag aufsteigt, den Mittag überschreitet, und sich 
zum Abend hinunterwendet, ihren Glanz hinter sich lassend, und 
gänzlich in die alles verhüllende Nacht hinuntersteigt, so geht auch 
nach unwandelbaren Gesetzen der Mensch seine Bahn und versinkt 
nach vollbrachtem Lauf in der Nacht, um am Morgen in seinen 
Kindern wieder zu neuem Kreislaufe zu erstehen. Der symbolische 
Übergang von Sonne zu Mensch ist leicht und gangbar. Diesen Weg 
geht auch die dritte und letzte Schöpfung von Miß Miller. Dieses 
Stück nennt sie „Chiwantopel, Drame hypnagogique". Über das Zu- 
standekommen dieser Phantasie berichtet sie folgendes : 

„Nach einem Abend voll Sorge und Beängstigung legte ich mich 
um IIV2 Uhr schlafen. Ich fühlte mich aufgeregt und unfähig zu schlafen, 
obschon ich sehr ermüdet war. — Es war kein Licht im Zimmer. Ich schloß 
die Augen und hatte dabei ein Gefühl, wie wenn irgend etwas geschehen 
sollte. Dann überkam mich das Gefühl einer allgemeinen Entspannimg, 
und ich blieb so passiv wie möglich. Es erschienen vor meinen Augen Linien, 
Funken und leuchtende Spiralen, gefolgt von einer kaleidoskopischen 
Bevue rezenter trivialer Vorkommnisse." 

Der Leser wird es mit mir beklagen, daß wir, um der Diskretion 
willen, nicht wissen können, was der Gegenstand ihrer Sorgen und 

Dementia praecox gebraucht ist, wo er den Antoerotismus plus introvertierter 
desexualisierter Libido zu decken hat. Autismus bezeichnet also in erster Linie 
ein pathologisches Phänomen von regressivem Charakter, die vorsexuelle 
Stufe aber einen normalen Funktionszustand, das Puppenstadium. 

x ) Daher wohl jener schöne Name des Sonnenhelden Gilgamesch: Weh- 
frohmensch. Vgl. Jensen: Gilgamesch Epos. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 217 

Ängste war. Es wäre für das Folgende von großem Belang gewesen, 
darüber unterrichtet zu sein. Diese Lücke in unserrn Wissen ist um so 
beklagenswerter, da seit dem ersten Gedicht (1898) 4 volle Jahre ver- 
flossen sind bis zu der hier zu besprechenden Phantasie (1902). Über 
die Zwischenzeit, in der gewiß das große Problem im Unbewußten 
nicht geschlummert hat, fehlen alle Nachrichten. Vielleicht hat dieser 
Mangel aber auch insofern sein Gutes, als unser Interesse durch keine 
Anteilnahme am persönlichen Schicksal der Autorin abgelenkt wird 
von der Allgemeingültigkeit der sich nunmehr gebärenden Phantasie. 
Es fällt damit etwas weg, was den Analytiker in seiner täglichen Arbeit 
öfter hindert, den Blick von der beschwerlichen Mühsal der Kleinarbeit 
zu den weiten Zusammenhängen zu erheben, in denen jeder neurotische 
Konflikt mit dem Ganzen menschlichen Geschickes steht. 

Der Zustand, den uns die Autorin hier schildert, entspricht einem 
solchen, wie er einem gewollten Somnambulismus voranzugehen pflegt 1 ), 
wie ihn also z. B. spiritistische Medien öfter schildern. Man muß wohl 
eine gewisse Geneigtheit annehmen, auf die leisen nächtlichen Stimmen zu 
horchen, sonst gehen derartig feine und kaum fühlbare innere Erlebnisse 
unbemerkt vorüber. Wir erkennen in diesem Horchen eine nach Innen 
führende Strömung der Libido, die nach einem noch unsichtbaren, 
geheimnisvollen Ziel abzufließen beginnt. Es scheint, daß die Libido 
plötzlich ein Objekt in den Tiefen des Unbewußten entdeckt hat, das 
sie mächtig anzieht. Das von Natur aus ganz nach außen gewendete 
Leben der Menschen erlaubt für gewöhnlich derartige Introversionen 
nicht; es muß dazu schon ein gewisser Ausnahmezustand vorausgesetzt 
werden, nämlich ein Mangel an äußeren Objekten, welcher das Indi- 
viduum dazu zwingt, einen Ersatz dafür in der eigenen Seele zu suchen. 
Es ist nun allerdings schwer zu denken, daß diese reiche Welt zu arm sein 
sollte, um dem Lieben eines Menschenatomes kein Objekt bieten zu 
können. Das kann auch der Welt und ihren Dingen nicht zugemutet 
werden. Sie bietet unendlichen Kaum für jeden. Es ist vielmehr die 
Unfähigkeit zu lieben, welche den Menschen seiner Möglichkeiten 
beraubt. Leer ist diese Welt nur dem, der es nicht versteht, seine Libido 
auf die Dinge zu lenken und sie für ihn lebendig und schön zu machen. 
(Die Schönheit liegt ja nicht in den Dingen, sondern im Gefühl, das 
wir den Dingen geben.) Was uns also zwingt, einen Ersatz aus uns 



*) Vgl. dazu auch die interessanten Untersuchungen von H. Silberer: 
Dieses Jahrbuch, Bd. 1, S. 513 ff. 



218 CG. Jung. 

selber zu schaffen, ist nicht der äußere Mangel an Objekten, sondern 
unsere Unfähigkeit, ein Ding außer uns liebend zu umfassen. Gewiß 
werden die Schwierigkeiten der Lebenslage und die "Widrigkeiten 
des Daseinskampfes bedrücken, aber auch schlimme äußere Situationen 
werden uns das Ausgeben der Libido nicht verwehren, im Gegenteil, 
sie können uns zu den größten Anstrengungen anspornen, wobei wir 
unsere ganze Libido an die Realität heranbringen können. Nie werden 
reale Schwierigkeiten die Libido dermaßen dauernd zurückzwingen 
können, daß daraus z. B. eine Neurose entsteht. Dazu fehlt der Kon- 
flikt, der die Bedingung jeder Neurose ist. Der Widerstand, 
der sein Nichtwollen dem Wollen entgegensetzt, vermag es allein, 
jene pathogene Introversion zu erzeugen, welche der Ausgangspunkt 
jeder psychogenen Störung ist. Der Widerstand gegen das Lieben 
erzeugt die Unfähigkeit zur Liebe. Wie die normale Libido einem 
beständigen Strome gleicht, der seine Wasser breit in die Welt der 
Wirklichkeit hinausergießt, so gleicht der Widerstand, dynamisch 
betrachtet, nicht etwa einem im Flußbett sich erhebenden Felsen, der 
vom Strom über- oder umflutet wird, sondern einem Rückströmen, 
statt nach der Mündung, nach der Quelle hin. Ein Teil der Seele will 
wohl das äußere Objekt, ein anderer Teil aber möchte zurück nach der 
subjektiven Welt, wo die luftigen und leicht gebauten Paläste der Phan- 
tasie winken. Man könnte diese Zwiespältigkeit menschlichen Wollens, 
wofür Bleuler von psychiatrischen Gesichtspunkten aus den Begriff 
der Ambitendenz 1 ) geprägt hat, als etwas immer und überall Vor- 
handenes annehmen und sich daran erinnern, daß auch der allerprimi- 
tivste motorische Impuls schon gegensätzlich ist, indem z. B. beim 
Streckakte auch die Beugemuskeln innerviert werden; diese normale 
Ambitendenz aber führt niemals zur Erschwerung oder gar Verhinderung 
des intendierten Aktes, sondern ist unerläßliche Vorbedingung für dessen 
Vollkommenheit und Koordination. Daß aus dieser Harmonie fein 
abgestimmter Gegensätzlichkeit dem Handeln ein störender Widerstand 
erwachse, dazu gehört ein abnormes Plus oder Minus auf der einen 
oder andern Seite. Aus diesem dazutretenden Dritten entsteht der 
Widerstand 2 ). Dies gilt auch für die Zwiespältigkeit des Wollens, aus 
der dem Menschen so viele Schwierigkeiten erwachsen. Erst das abnorme 
Dritte löst die normalerweise in innigster Verbindung befindlichen 



1 ) Siehe Bleuler: Psychiatr.-neurol. Wochensckr. , XII. Jg., Nr. 18 bis 21. 

2 ) Vgl. dazu meine Auseinandersetzung: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 469. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 219 

Gegensatzpaare und bringt sie als getrennte Tendenzen zur Er- 
scheinung; erst dadurch werden sie eigentlich zu Wollen und Nicht- 
wollen 1 ), die einander hindernd in den Weg treten. Die Harmonie 
wird so zur Disharmonie. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, zu 
untersuchen, woher das unbekannte Dritte stamme und was es sei. 
Bei unseren Kranken an der Wurzel gefaßt, enthüllt sich der „Kern- 
komplex" (Freud) als das Inzestproblem. Als Inzesttendenz er- 
scheint uns die zu den Eltern regredierende Sexuallibido. Daß dieser 
Weg so leicht möglich ist, scheint davon herzukommen, daß die Libido 
auch eine ungeheure Trägheit besitzt, die kein Objekt der Ver- 
gangenheit lassen will, sondern für immer festhalten möchte. Der 
„tempelschänderische Griff rückwärts", von dem Nietzsche spricht, 
entpuppt sich, seiner Inzesthülle entkleidet, als ein ursprünglich passives 
Steckenbleiben der Libido bei den ersten Kindheitsobjekten. Diese 
Trägheit ist aber auch eine Leidenschaft, wie dies La Rochefoucauld 2 ) 
glänzend ausführt: „De toutes les passions, celle qui est la plus 
inconnue ä nous-memes, c'est la paresse; eile est la plus ardente et 
la plus maligne de toutes, quoique sa violence soit insensible, et 
que les dommages qu'elle cause soient tres caches: si nous considerons 
attentivement son pourvoir, nous verrons qu'elle se rend en toutes 
rencontres maitresse de nos sentiments, de nos interets et de 
nos plaisirs: c'est la remore qui a la force d'arreter les plus grands 
vaisseaux, c'est une bonace plus dangereuse aux plus importantes 
affaires que les ecueils et que les plus grandes tempetes. Le repos 
de la paresse est un charme secret de l'äme qui suspend sou- 
dainement les plus ardentes poursuites et les plus opiniätres reso- 
lutions. Pour donner enfin la veritable idee de cette passion il 
faut dire que la paresse est comme une beatitude de 
Tarne, qui la console de toutes ses pertes et qui lui tient lieu des 
tous ses biens." 

Diese gefährliche, dem primitiven Menschen vor allen andern 
zukommende Leidenschaft ist es, die unter der bedenklichen Maske 
der Inzestsymbole erscheint, von der uns die Inzestangst wegzutreiben 
hat, und die unter dem Bilde der „furchtbaren Mutter" 3 ) vor allem 



x ) Vgl. die Ermahnung Krishnas an den wankenden Arjuna in Bhagavad- 
Gitä: „But thou, be free of the pairs of opposites!" II. book. tran3l. by 
E. Arnold, 1910. 

2 ) Pensees LIV. 

3 ) Vgl. dazu die folgenden Kapitel. 



220 C. G. Jung. 

zu überwinden ist. Sie ist die Mutter so unendlich vieler Übel, nicht 
zuletzt der neurotischen Beschwernisse. Denn ganz besonders aus dem 
Dunste stehengebliebener Libidoreste entwickeln sich jene schädlichen 
Phantasienebel, welche die Realität so verschleiern, daß die Anpassung 
beinahe unmöglich Avird. Wir wollen aber hier den Grundlagen der 
Inzestphantasien nicht, weiter nachspüren; die vorläufige Andeutung 
meiner rein psychologischen Auffassung des Inzestproblems 
möge genügen. Hier soll uns nur die Frage beschäftigen, ob der Wider- 
stand, der bei unserer Autorin zur Introversion führt, eine bewußte 
äußere Schwierigkeit bedeute oder nicht. Wäre es eine äußere Sclnvierig- 
keit, so würde zwar die Libido heftig aufgestaut, sie würde eine Hoch- 
flut von Phantasien erzeugen, die man am besten als Pläne bezeichnet; 
nämlich Pläne, wie man das Hindernis überwinden könnte. Es wären 
sehr konkrete Wirklichkeitsvorstellungen, welche Lösungen anzubahnen 
suchen. Es wäre ein angestrengtes Nachdenken, das zu allem andern 
wohl eher führte, als zu einem hypnagogischen Drama. Der oben ge- 
schilderte passive Zustand will zu einem wirklichen äußern Hindernis gar 
nicht passen, sondern deutet eben durch seine passive Ergebenheit auf eine 
Tendenz, die unzweifelhaft reale Lösungen verschmäht und einen 
phantastischen Ersatz bevorzugt. Es dürfte sich demnach in letzter 
Linie und wesentlich nur um einen innern Konflikt handeln, etwa in 
der Art jener früheren Konflikte, welche zu den beiden ersten unbe- 
wußten Schöpfungen geführt haben. Wir sind demnach zu dem Schlüsse 
genötigt, daß das äußere Objekt nicht geliebt werden kann, weil ein 
überwiegender Libidobetrag ein phantastisches Objekt bevorzugt, 
das zum Ersatz der fehlenden Wirklichkeit aus den Tiefen des Un- 
bewußten heraufgeholt werden soll. 

Die auf den ersten Stufen der Introversion sich ergebenden 
visionären Phänomene rangieren unter den bekannten Erscheinungen 1 ) 
der hypnagogischen Vision (sog. „Eigenlichterscheinungen" des Auges). 
Sie bilden, wie ich in einer früheren Arbeit auseinandersetzte, die 
Grundlage der eigentlichen Visionen, der symbolischen Selbstwahr- 
nehmungen der Libido, wie wir jetzt sagen könnten. 

Miller fährt fort: „Ich hatte darauf den Eindruck, als ob irgend eine 
Mitteilung mir unmittelbar bevorstehe. Es schien mir, als ob die Worte 



a ) Vgl. dazu: Joh. Müller: Über die phantastischen Gesichtserscheinungen, 
Coblenz, 1826, und Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter 
Phänomene. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 221 

sich in mir wiederholten: „Rede, o Herr, denn deine Magd hört, öffne du 
selbst meine Obren!" 

Dieser Passus schildert sehr deutlich die Intention; der Ausdruck 
„communique" (Mitteilung) ist sogar ein in spiritistischen Kreisen 
geläufiger Ausdruck. Die biblischen Worte enthalten eine deutliche 
Anrufung oder „Gebet", d. h. ein an die Gottheit (den unbewußten 
Komplex) gerichtetes Wünschen (= libido). Das Gebet bezieht sich 
auf 1 Sam. 3, 1 ff., wo Samuel nachts dreimal von Gott gerufen wird, 
aber glaubt, Eli rufe ihn, bis ihn dieser belehrt, daß Gott es sei, der ihn 
rufe und daß er ihm, wenn er wieder seinen Namen rufe, antworten 
solle: „Rede, denn dein Knecht höret." Die Träumerin benutzt diese 
Worte eigentlich in umgekehrtem Sinne, nämlich um damit den Gott 
zu erzeugen; sie leitet ihre Wünsche, ihre Libido, damit in die Tiefen 
ihres Unbewußten. 

Wir wissen, daß so sehr die Individuen durch die Verschiedenheit 
ihres Bewußtseinsinhaltes getrennt sind, sie um so ähnlicher sind, 
was ihre unbewußte Psychologie betrifft. Es ist für jeden, der praktisch 
psychoanalytisch arbeitet, ein bedeutender Eindruck, wenn er inne 
wird, wie gleichförmig eigentlich die typischen unbewußten Komplexe 
sind. Verschiedenheit entsteht erst durch die Individuation. Diese 
Tatsache gibt einem wesentlichen Stücke der Schopenhau ersehen 
und Hartmannschen Philosophie eine tiefe psychologische Be- 
rechtigung 1 ). Diesen philosophischen Anschauungen dient die ganz 
offenkundige Gleichförmigkeit des Unbewußten als psychologische 
Grundlage. Das Unbewußte enthält jene durch die individuelle Dif- 
ferenzierung überwundenen weniger differenzierten Reste früherer 
psychologischer Funktion. Die Reaktionen und Produkte der tierischen 
Psyche sind von einer allgemein verbreiteten Gleichförmigkeit und 
Festigkeit, die wir beim Menschen anscheinend nur spurweise zu ent- 
decken vermögen. Der Mensch erscheint uns als etwas ungemein 
Individuelles im Gegensatz zum Tiere. 

Das könnte nun allerdings auch eine gewaltige Täuschung sein, 
indem wir die zweckmäßige Tendenz haben, immer nur die Verschieden- 
heit der Dinge zu erkennen. Das erfordert die psychologische Anpassung, 
welche ohne die minutiöseste Differenzierung der Eindrücke gar nicht 
möglich wäre. Wir haben gegenüber dieser Tendenz sogar die denkbar 
größte Mühe, die Dinge, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen, 



*) Ebenso der verwandten Lehre der Upanishaden. 



222 C. G. Jung. 

in ihren allgemeinen Zusammenhängen zu erkennen. Diese Erkenntnis 
wird uns viel leichter bei Dingen, die uns ferner stehen. Es ist z. B. 
für einen Europäer zunächst fast unmöglich in einer chinesischen 
Volksmenge die Gesichter zu differenzieren, während doch die Chinesen 
ebenso individuelle Gesichtsbildung haben, wie wir Europäer; aber 
das Gemeinsame ihrer fremdartigen Gesichtsbildung ist dem Fern- 
stehenden viel einleuchtender als die individuelle Verschiedenheit. 
Leben wir aber unter den Chinesen, so verschwindet der Eindruck 
des Einheitlichen mehr und mehr und schließlich sind auch die Chinesen 
Individuen. Die Individualität gehört zu jenen bedingten Tatsächlich- 
keiten, die wegen ihrer praktischen Bedeutsamkeit theoretisch ungeheuer 
überschätzt werden; sie gehört nicht zu jenen überwältigend klaren und 
sich darum anfdrängenden allgemeinen Tatsachen, auf welche zunächst 
eine Wissenschaft sich zu gründen hat. Der individuelle Bewußtseinsinhalt 
ist so das denkbar ungünstigste Objekt für eine Psychologie, weil er 
eben das Allgemeingültige bis zur Unkenntlichkeit verschleiert hat. 
Das Wesen des Bewußtseinsprozesses ist ja der in minutiösen Einzel- 
heiten sich abspielende Anpassungsprozeß. Dagegen ist das Unbewußte 
das Allgemein verbreitete, das nicht nur die Individuen unter sich 
zum Volke, sondern auch rückwärts mit den Menschen der Vergangen- 
heit und ihrer Psychologie verbindet. So ist das Unbewußte in seiner 
über das Individuelle hinausgehenden Allgemeinheit in erster Linie 
das Objekt einer wirklichen Psychologie, die Anspruch darauf erhebt, 
keine Psycho physik zu sein. 

Der Mensch als Individuum ist eine verdächtige Erscheinung, 
deren Existenzberechtigung von einem natürlichen biologischen Stand- 
punkt aus sehr bestritten werden könnte, indem von dort aus das 
Individuum nur Rassenatom ist und nur Sinn hat als Massenbestandteil. 
Der Kulturstandpunkt aber gibt dem Menschen eine ihn von der Masse 
trennende Individualtendenz, die im Laufe der Jahrtausende zur 
Persönlichkeitsausbildung führte, womit Hand in Hand der Heroen- 
kult sich entwickelte und in den modernen individualistischen Per- 
sönlichkeitskultus übergegangen ist. Der Versuch der rationalistischen 
Theologie, den persönlichen Jesus festzuhalten als letzten und 
kostbarsten Rest der ins Unvorstellbare entschwundenen Gottheit 
entspricht dieser Tendenz. In dieser Hinsicht war die katholische 
Kirche bedeutend praktischer, indem sie dem allgemeinen Bedürfnis 
nach dem sichtbaren oder doch wenigstens historisch beglaubigten 
Heros dadurch entgegenkam, daß sie einen kleinen, aber deutlich 



Wandlungen und Symbole der Libido. 223 

wahrnehmbaren Gott der Welt, nämlich den römischen Papa, den 
Pater patrum und zugleich den Pontifex maximus des unsichtbaren 
obern oder innern Gottes auf den Thron der Anbetung setzte. Die sinn- 
liche Wahrnehnibarkeit des Gottes unterstützt natürlich den religiösen 
Introversionsprozeß, in dem die menschliche Figur die Übertragung 
wesentlich erleichtert, denn unter einem geistigen Wesen kann man 
sich nicht leicht etwas Liebenswertes oder Verehrungswürdiges vor- 
stellen. Diese überall vorhandene Tendenz hat sich in der ratio- 
nalistischen Theologie mit ihrem durchaus historisch gewollten Jesus 
heimlicherweise erhalten. Nicht daß die Menschen den sichtbaren 
Gott liebten, sie lieben ihn nicht so, wie er ist, denn er ist bloß ein 
Mensch, und wenn die Frommen Menschen lieben wollten, so könnten 
sie zu ihrem Nachbarn und zu ihrem Feinde gehen, um ihn zu lieben. 
Die Menschen wollen im Gotte nur ihre Ideen lieben, nämlich das, 
was sie von Vorstellungen in den Gott projizieren. Sie wollen damit 
ihr Unbewußtes lieben, nämlich jene in allen Menschen gleichen Beste 
uralten Menschtums und zehntausendjähriger Vergangenheit, d. h. 
jenes von aller Entwicklung hinterlassene Gemeingut, das allen Menschen 
geschenkt ist, wie das Sonnenlicht und die Luft. Indem aber die Menschen 
dieses Erbgut lieben, lieben sie das, was allen gemeinsam ist; sie kehren so 
zur Mutter der Menschen, nämlich zum Geiste der Kasse zurück, und ge- 
winnen auf diese Weise wieder etwas von jenem Zusammenhang und von 
jener geheimen und unwiderstehlichen Kraft, die das Gefühl der Zu- 
sammengehörigkeit mit der Herde zu verleihen pflegt. Es ist das Problem 
des Antaeus, der nur durch die Berührung mit der Mutter Erde seine 
Kiesenkraft bewahrt. Dieses zeitweilige Insichselbstzurücktreten, was, 
wie wir bereits gesehen haben, ein Zurückgehen in ein kindliches Ver- 
hältnis zu den Elternimagines bedeutet, scheint innerhalb gewisser 
Grenzen von günstiger Wirkung auf den psychologischen Zustand 
des Individuums zu sein. Es ist überhaupt zu erwarten, daß die beiden 
Grundmechanismen der Psychosen, die Übertragung und die Intro- 
version, in weitem Maße auch höchst zweckmäßige normale Keaktions- 
weisen gegen Komplexe sind : die Übertragung als ein Mittel, sich vor 
dem Komplex in die Realität zu flüchten, die Introversion als ein 
Mittel, sich mit dem Komplex von der Realität loszumachen. 

Nachdem wir uns nunmehr unterrichtet haben über die allgemeinen 
Absichten des Gebetes, sind wir gerüstet, weiteres über die Visionen 
unserer Träumerin zu vernehmen: nach dem Gebet erscheint „der 
Kopf einer Sphinx mit ägyptischen Kopfputz", um rasch wieder zu 



224 C- G - Jung- 

verschwinden. Hier wurde die Autorin gestört, so daß sie für einen 
Moment geweckt wurde. Diese Vision erinnert an die eingangs er- 
wähnte Phantasie von der ägyptischen Statue, deren erstarrte Geste 
hier als ein Phänomen der sog. funktionalen Kategorie ganz am 
Platze ist. Die leichten Stadien der Hypnose werden auch technisch 
als „Engourdissement" bezeichnet. Das Wort „Sphinx" deutet in 
der ganzen zivilisierten Welt auf „Rätsel"; ein rätselhaftes Geschöpf, 
das Rätselfragen stellt, wie die Sphinx des Ödipus, welche am Ein- 
gang seines Schicksals steht als eine symbolische Ankündigung des 
Unabwendbaren. Die Sphinx ist eine halb theriomorphe Darstellung 
derjenigen Mutterimago, die man als die „furchtbare Mutter", von der 
sich in der Mythologie noch reichlich Spuren finden, bezeichnen kann. 
Diese Deutung trifft bei ödipus zu. Hier steht die Frage offen. Man 
wird mir vorwerfen, daß nichts außer dem Wort „Sphinx" die Anspielung 
auf die Sphinx des ödipus rechtfertige. Bei dem Mangel an subjektiven 
Materialien, die im Miller sehen Texte für diese Vision ganz fehlen, 
wäre eine individuelle Deutung auch ganz ausgeschlossen. Die Andeutung 
einer „ägyptischen" Phantasie (Erster Teil, Kapitel III) ist ganz un- 
genügend, um hier verwendet zu werden. Wir sind daher gezwungen, 
wenn wir uns überhaupt an ein Verständnis dieser Vision wagen 
wollen, — in vielleicht allzu kühner Weise — an die völkergeschichtlich 
vorliegenden Materialien uns zu wenden unter der Voraussetzung, 
daß das Unbewußte des heutigen Menschen seine Symbole noch ebenso 
präge, wie fernste Vergangenheit. Die Sphinx in ihrer traditionellen 
Form ist ein menschlich-tierisches Misch wesen, dem wir diejenige 
Auffassung müssen zuteil werden lassen, die überhaupt für dergleichen 
Phantasieprodukte Geltung hat. Ich verweise zunächst im allgemeinen 
auf die Ausführungen des ersten Teiles, wo von der theriomorphen 
Repräsentation der Libido gesprochen wurde. Dem Analytiker ist 
diese Darstellungsweise aus den Träumen und den Phantasien der 
Neurotiker (und Normalen) ganz geläufig. Der Trieb wird gern als 
ein Tier dargestellt, als Stier, Pferd, Hund usw. Einer meiner Patienten, 
der mißliche Beziehungen zu Weibern hatte und der sozusagen mit 
der Befürchtung, ich werde ihm sicher seine Sexualabenteuer ver- 
bieten, in die Behandlung eintrat, träumte, ich (sein Arzt) spieße ein 
sonderbares Tier, halb Schwein, halb Krokodil, mit großer Geschick- 
lichkeit an die Wand. Von derartigen theriomorphen Darstellungen 
der Libido wimmeln die Träume. Auch Mischwesen, wie in diesem 
Traume, sind nicht selten. Eine Reihe von sehr schönen Belegen, wo 



Wandlungen und Symbole der Libido. 225 

besonders die untere animalische Hälfte theriomorph dargestellt ist, 
hat uns Bertschinger gegeben 1 ). Die Libido, welche theriomorph 
repräsentiert wird, ist die „tierische" Sexualität, welche sich in ver- 
drängtem Zustande befindet. Bekanntlich geht die Geschichte der 
Verdrängung auf das Inzestproblem zurück, wo sich die ersten Gründe 
für den moralischen Widerstand gegen die Sexualität auftun. Die 
Objekte der verdrängten Libido sind in letzter Linie die Imagines von 
Vater und Mutter, daher die theriomorphen Symbole, sofern sie nicht 
bloß allgemein die Libido symbolisieren, gern Vater und Mutter dar- 
stellen (z. B. Vater durch einen Stier, Mutter durch eine Kuh dar- 
gestellt). Aus dieser Wurzel dürften, wie wir früher zeigten, die therio- 
morphen Attribute der Gottheit stammen. Insofern verdrängte Libido 
unter gewissen Bedingungen sich wieder als Angst manifestiert, sind 
diese Tiere meist schrecklicher Natur. Im Bewußtsein hängt man 
mit allen Fasern der Pietät an der Mutter, im Traum verfolgt sie einen 
als schreckliches Tier. Die Sphinx, mythologisch betrachtet, ist nun 
tatsächlich ein Angsttier, das deutliche Züge eines Mutterderivates 
erkennen läßt: In der Sage des ödipus ist die Sphinx gesandt von 
Here, welche Theben um der Geburt des Bacchus willen haßte. Indem 
ödipus die Sphinx, welche nichts anderes als die Angst vor der 
Mutter ist, überwindet, muß er Jokaste, seine Mutter, freien, da der 
Thron und die Hand der verwitweten Königin von Theben dem zu- 
gehörten, der das Land von der Sphinxplage befreite. Die Genealogie 
der Sphinx ist reich an Beziehungen auf das hier angeregte Problem: 
sie ist eine Tochter der Echidna, eines Misch wesens, oben eine schöne 
Jungfrau, unten eine gräuliche Schlange. Dieses Doppelwesen ent- 
spricht dem Bilde der Mutter: oben die menschliche liebenswerte 
anziehende Hälfte, unten die animalische, durch das Inzestverbot in 
ein Angsttier umgewandelte, furchtbare Hälfte. Die Echidna stammt 
von der Allmutter, der Mutter Erde, Gäa, welche mit Tartaros, 
der personifizierten Unterwelt (dem Orte der Angst), sie zeugte. Echidna 
selber ist die Mutter aller Schrecken, der Chimära, Scylla, Gorgo, des 
scheußlichen Cerberus, des nemeüschen Löwen und des Adlers, der des 
Prometheus Leber fraß, außerdem zeugte sie noch eine Reihe von 
Drachen. Einer ihrer Söhne ist auch Orthrus, der Hund des ungeheuer- 
lichen Ger von, der von Herakles getötet wurde. Mit diesem Hunde, 



x ) Bertschingcr: Illustrierte Halluzinationen. Dieses Jahrbuch, Bd. III, 
S. G9 ff. 

Jahrbuch für psychoaaalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. *° 



226 c - G - ,Tun S- 

ihrem Sohne, erzeugte Echidna in blutschänderischem Beischlafe 
die Sphinx. Diese Materialien dürften genügen, um jenen Libidobetrag 
zu charakterisieren, der Anlaß zum Sphinxsymbol wurde. Wenn wir 
bei dem Mangel an subjektivem Material es überhaupt wagen dürfen, 
einen Rückschluß auf das Sphinxsymbol bei unserer Autorin zu machen, 
so müßten wir sagen, daß die Sphinx einen ursprünglich inzestuös ab- 
gespaltenen Libidobetrag aus dem Verhältnis zur Mutter repräsentiere. 
Vielleicht schieben wir aber diesen Schluß auf, bis wir die folgenden 
Visionen vernommen haben. 

Nachdem mm Miller sich wieder konzentriert hatte, entwickelten 
sich die Visionen weiter: „Plötzlich erscheint ein Aztek, vollständig klar 
in jedem Detail: die Hand offen mit großen Fingern, profilierter Kopf, 
Rüstung, Kopfschmuck ähnlich dem Federschmuck des amerikanischen 
Indianers. Das Ganze erinnert etwas an mexikanische Skulpturen." . 

Das altertümliche Ägyptische der Sphinx ist hier durch die ameri- 
kanische Vorzeit, durch das Aztekische ersetzt. Das Wesentliche hängt 
daher weder an Ägypten, noch an Mexiko — denn beides läßt sich nicht 
miteinander vertauschen — sondern an dem subjektiven Moment, 
das die Träumerin aus ihrer eigenen Vorzeit produziert. Es ist zu be- 
merken, daß ich bei Analysen von Amerikanern häufig beobachtet habe, 
daß gewisse unbewußte Komplexe (d. h. die verdrängte Sexualität) 
sich durch das Symbol des Negers oder Indianers darstellten, d. h. 
wo ein Europäer in seinem Traum erzählte: „dann kam ein abgerissenes, 

schmutziges Individuum daher ", ist es beim Amerikaner 

und bei solchen, die in den Tropen lebten, ein Neger. Wie bei uns der 
Vagabund, Verbrecher usw., so bezeichnet auch der Neger oder In- 
dianer die eigene verdrängte, primitive und als minderwertig betrachtete 
Sexualpersönlichkeit. Es lohnt sich auch auf die Einzelheiten 
der Vision einzutreten, da verschiedenes bemerkenswert ist. Der Feder- 
schmuck, der natürlich aus Adlerfedern zu bestehen hat, ist eine Art 
Zauber. Der Held nimmt dadurch etwas von der sonnenhaften Art 
dieses Vogels an, wenn er sich mit dessen Federn schmückt, so gut wie 
man sich den Mut und die Kraft des Feindes aneignet, wenn man dessen 
Herz verschluckt oder sein Skalp nimmt. Zugleich ist die Federkrone 
eine Krone, was gleichbedeutend ist mit der Strahlenkrone der Sonne. 
Wie wichtig historisch die Sonnenidentifikation ist, haben wir im 
ersten Teil gesehen 1 ). 

i) Wie sehr wichtig die Krönung und Sonnenidentifikation ist, das zeigen 
nicht nur zahllose alte Gebräuche, sondern auch die entsprechenden altertüm- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 227 

Besonderes Interesse kommt der Hand zu, deren Stellung 
als „offen"', und deren Finger als „large" (ä larges doigts) angegeben 
werden. Es ist auffallend, daß es gerade die Hand ist, auf die ein deut- 
licher Akzent fällt. Man hätte vielleicht eher eine Schilderung des 
Gesichtsansdruckes erwarten können. Bekanntlich ist die Geste der 
Hand bedeutsam; leider wissen wir hier nichts darüber. Immerhin 
ist hier eine Parallelphantasie zu erwähnen, welche ebenfalls die Hand 
akzentuiert: Der Patient sah im hypnagogischen Zustand seine Mutter 
wie ein byzantinisches Kirchengemälde an die Wand gemalt, sie hielt 
die eine Hand in die Höhe, weit offen mit gespreizten Fingern. Die 
Finger waren sehr groß, an den Enden kolbig angeschwollen und 
je von einer kleinen Strahlen korona umgeben. Der nächste Einfall 
zu diesem Bild waren die Finger eines Frosches mit Saugscheiben an 
den Enden, dann die Penisähnlichkeit. Die altertümliche Aufmachung 
dieses Mutterbildes ist ebenfalls von Belang. Offenbar hat bei dieser 

liehen Spraehfiguren in der religiösen Sprache: Weish. Sal. 5, 17: ,, Darum werden 
sie empfangen — eine schöne Krone von der Hand des Herrn." 1. Petr. 5, 2, 4: 
..Weidet die Herde Christi, — so werdet ihr, wenn erseheinen wird der Erzhirte, 
die unverwelkliehe Krone der Ehre empfangen." In einem Kirehenliede von 
Allendorf heißt es von der Seele: ,.Sie ist nun aller Not entnommen. Ihr Sehmerz 
und Seufzen ist dahin; Sie ist zur Freudenkrone kommen, Sie steht als Braut 
und Königin, Im Golde ewger Herrlichkeiten, Dem großen König an der 
Seiten" usw. In einem Liede von Laurentius Laurentii heißt es (ebenfalls 
von der Seele): „Der Braut wird, weil sie überwunden, Die Krone nun vertraut." 
In einem Liede von Saeer finden wir den Passus: „Schmückt meinen Sarg mit 
Kränzen, Wie sonst ein Sieger prangt — Aus jenen Himmelslenzen, Hat meine 
Seel' erlangt. Die ewig grüne Krone; Die werte Siegespraeht, Rührt her von 
Gottes Sohne: Der hat mich so bedacht." Eine Stelle aus dem oben erwähnten 
Liede Aliendorfs ist hier ergänzend anzufügen, damit das uralte Psyehologem 
von der Sonnenwerdung des Mensehen, der -wir im ägyptischen Triumphgesang 
der aufsteigenden Seele begegneten, wieder voll werde: (Von der Seele. Fort- 
setzung des obigen Passus.) „Sie sieht sein klares Angesicht (Sonne): Sein 
freudenvoll, sein lieblieh Wesen Macht sie nun durch und durch genesen; Sie 
ist ein Lieht in seinem Lieht. — Xun kann das Kind den Vater sehen, Es 
fühlt den sanften Liebestrieb; Xun kann es Jesu Wort verstehen: Er selbst. 
der Vater, hat dich lieb. Ein unergründlich Meer des Guten, Ein Abgrund ew'ger 
Segensfluten, Entdeckt sieh dem verklärten Geist; Er schauet Gott von An- 
gesichte, Und weiß was Gottes Erb im Lichte Und ein Miterbe Christi 
heißt. -— Der matte Leib ruht in der Erden; Er schläft bis Jesus ihn erweckt. 
Dann wird der Staub zur Sonne werden, Den jetzt die finstre Gruft bedeckt; 
Dann werden wir mit allen Frommen, Wer weiß, wie bald, zusammenkommen, 
Und bei dem Herrn sein alle Zeit." Ich habe durch Sperrdruck die bezeichnenden 
Stellen herausgehoben; sie sprechen für sieh selbst, so daß ich nichts beizufügen habe. 

15* 



228 C. G. Jung. 

letzteren Phantasie die Hand phalliselie Bedeutung. Diese Deutung 
-wird erhärtet durch eine höchst bemerkenswerte weitere Phantasie 
desselben Patienten: Er sieht aus der Hand seiner Mutter etwas wie 
eine Rakete aufsteigen, die bei genauerem Zusehen ein leuchtender 
Vogel mit goldenen Flügeln ist, ein Goldfasan, wie ihm dann einfällt. 
Wir haben in den vorausgehenden Kapiteln gesehen, daß der Hand 
tatsächlich eine phallische, zeugende Bedeutung zukommt, und daß 
diese Bedeutung bei der Feuererfindung eine große Rolle spielt. 
Zu dieser Phantasie läßt sich nur bemerken: mit der Hand wird das 
Feuer gebohrt, aus der Hand kommt es also: Agni, das Feuer, wird 
als ein goldbeschwingter Vogel gepriesen 1 ). Daß es die Hand 
der Mutter ist, das ist überaus bedeutsam. Ich muß es mir aber ver- 
sagen, hier näher darauf einzutreten. Es möge genügen, durch die paral- 
lelen Handphantasien auf die mögliche Bedeutung der Hand des 
Azteken hingewiesen zu haben. Wir haben bei der Sphinx andeutungs- 
weise die Mutter erwähnt. Der die Sphinx ersetzende Aztek weist 
durch seine verdächtige Hand auf parallele Phantasien, wo die phallische 
Hand tatsächlich der Mutter gehört. Ebenso stoßen wir bei den Parallel- 
phantasien auch auf das Altertümliche. Daß das Altertümliche, das wir aus 
andern Erfahrungen als ein Symbol für „infantil" ansprechen, tatsächlich 
auch hier diesen Wert hat, bestätigt Miller in den Anmerkungen zu 
ihren Phantasien, sie sagt: „Dans mon enfance, je m'interessais 
tont particulierement aux fragments azteques et ä l'histoire du Perou et 
des Incas." Durch die beiden Kinderanalysen, welche dieses Jahrbuch 
gebracht hat, haben wir Einblick gewonnen in die kleine Welt des Kindes 
und haben gesehen, welch brennende Interessen und Fragen heimlich 
die Eltern umgeben, und daß es die Eltern sind, denen auf lange Zeit 
hinaus alle Interessen gelten 9 ). Man darf daher mit Recht vermuten, 
daß das Altertümliche den „Alten" gelte, d. h. den Eltern; daß mithin 
dieser Aztek etwas von Vater oder Mutter an sieh habe. Bis jetzt deuten 
indirekte Hinweise nur auf die Mutter, was wiederum bei einer Ameri- 
kanerin nicht erstaunlieh ist, indem Amerika, infolge der starken 
Ablösung vom Vater, charakterisiert ist durch einen meist enormen 
Mutterkomplex, was wiederum mit der besondern sozialen Stellung 
der Frau in den Vereinigten Staaten zusammenhängt. Diese Stellung 



1 ) Ich muß, um Mißverständnisse zu vermeiden, hinzufügen, daß dies 
dem Patienten gänzlich unbekannt war. 

2 ) Das bestätigt auch die Analyse eines 11jährigen Mädchens, über die 
ich am I. Congres International de Pedologic, 1911 in Brüssel berichtete. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 229 

bedingt bei tüchtigen Frauen eine besondere Männlichkeit, die die 
Symbolisierung in einer männlichen Figur leicht ermöglicht 1 ). 

Nach dieser Vision fühlte Miß Miller, wie sich ihr ein Name 
„Stück für Stück" formte, der diesem Azteken, „dem Sohn eines 
Inka von Peru", zuzugehören scheint. Der Name lautet: Chi-wan-to-pel. 
Wie die Autorin andeutet, gehört etwas Derartiges zu ihren kindliehen 
Reminiszenzen. Der Akt der Namengebung ist, wie die Taufe, etwas 
für die Schöpfung der Persönlichkeit ungemein Wichtiges, indem dem 
Namen seit alters eine magische Gewalt zugetraut wird, mit der man 
z. B. den Geist der Verstorbenen herbeizwingen kann. Den Namen 
jemandes wissen, bedeutet mythologisch, Macht über ihn haben. Als 
allgemein bekanntes Beispiel erwähne ich das Märchen vom Rumpel- 
stilzchen. In einem ägyptischen Mythus nimmt Isis dadurch dauernd 
dem Sonnengott Re die Macht, daß sie ihn nötigt, ihr seinen wahren 
Namen mitzuteilen usw. Den Namen geben heißt daher, Macht geben, 
eine bestimmte Persönlichkeit verleihen 2 ). Über den Namen selber 
bemerkt die Autorin, daß er sie sehr erinnere an den eindrucksvollen 
Namen des Popocatepetl, der bekanntlieh zu den unverlierbaren 
Schulerinnerungen gehört und zur größten Indignation der Patienten 
in der Analyse öfter in einem Traum oder Einfall auftaucht und den- 
selben alten Seherz mitbringt, den man in der Schule gehört, selber 
gemacht, und später wieder vergessen hat. AVenn man sich auch nicht 



1 ) Die Identität des göttlichen Heros mit dem Mysten ist unzweifelhaft. 
In einem Papyrusgebet an Hermes heißt es: ob yäo iyd> uai iyd> Ov' rö oöv övojiia 
i/iiöv ual tö i/.iöi> oöv iyd> yäg elfii tö eWo?.öv Oov. (Kenyon: Greek Papyr. 
in the Brit. Mus., 1893, S. 116. Pap. CXXII, 2 ff . Cit. Dieterich: Mithras- 
lithurgie, S. 79.) Der Heros als Libidobild ist tref flieh dargestellt im Leidener 
Dionysoskopf (Roseher, I, Sp. 1128), \ro die Haare über der Stirn sieh flammen- 
artig emporschlängeln. Er ist — wie eine Flamme: „Dein Heiliger wird eine 
Flamme sein." Firmieus Maternus (de errore prof. relig. 104, 28 f.) macht 
uns auch bekannt mit der Tatsache, daß der Gott als Bräutigam und „junges 
Lieht" begrüßt wurde. Er überliefert den verderbten griechischen Satz: de vvvcpe 
%<xioe vvvcpE veov (pci£, dem er die christliehe Auffassung naiv entgegen hält: 
„Xullum apud te lumon est nee est aliquis qui sponsus mereatnr audire: unura 
lumen est, unus est sponsus. Xominum horum gratiam Christus aeeepit." 
So ist auch Christus heute noch unser Heros und Seelenbräutigam. Diese 
Attribute werden sieh im folgenden auch für den Helden von Miß Miller be- 
stätigen. 

2 ) Die Xamengebung ist bei sogenannten spiritistischen Manifestationen 
daher von Bedeutung. Siehe meine Schrift: Zur Psychologie und Pathologie 
sogenannter okkulter Phänomene, 1902. 



230 CG. .hing. 

scheut, diesen imheiligen Scherz psychologisch vorurteilslos 
in Betracht zu ziehen, so wird man sich doch nach der Berechtigung 
dazu fragen. Man muß aber auch die Gegenfrage stellen, warum ist es 
denn gerade immer der Popocatepetl und nicht der benachbarte 
Iztaccihuatl oder der noch höhere und ebenfalls benachbarte. Orizaba? 
Letzterer hat sogar den schöneren und leichter auszusprechenden 
Namen. Popocatepetl ist eindrücklich um seines onomatopoetischen 
Namens willen. Im Englischen ist das Wort to pop = paffen (popgun = 
Knallbüchse usw.), welches hier als Onomatopoesie in Betracht kommt; 
im Deutschen usw. die Wörter Hinterpommern, Pumpernickel, Bombe, 
Petarde (le pet = Flatus). Das dem Deutschen geläufige Wort „Popo" 
(Podex) existiert zwar im Englischen nicht, hingegen wird der Flatus 
als ,,to poop" bezeichnet, in der Infantilsprache „to poopy" (ameri- 
kanisch). Der Akt des Defäzierens bei Kindern wird gern als ,,to pop" 
bezeichnet. Ein scherzhafter Name für den Posterior ist „the bum". 
(Poop heißt auch das Hinterteil des Schiffes.) Im Französischen geht 
pouf! als Onomatopoesie, pouffer = platzen, la poupe = Schiffs- 
hinterteil, le poupard = Wickelkind, la poupee = Puppe. Poupon 
sagt man als Kosewort für ein pausbäckiges Kind. Im Holländischen 
pop = Puppe. Im Lateinischen ist puppis = poupe, bei Plautus 
aber auch scherzhaft für den rückwärtigen Körperteil gebraucht; 
pupus heißt Kind, pupula = Mädchen, Püppchen. (Das griechische non- 
nvteo bezeichnet einen schnalzenden, klatschenden oder blasenden 
Schall. Man sagt es vom Küssen, bei Theokrit auch von den Neben- 
geräuschendes Flötenblasens.) Die etymologischen Parallelen zeigen eine 
bemerkenswerte Verwandtschaft des in Frage stehenden Körperteils 
mit dem Kinde. Diese Beziehung wollen wir hier nur hervorheben, 
um sie zunächst fallen zu lassen. Diese Frage wird uns unten beschäftigen. 
Einer meiner Patienten hat in seinen Knabenjahren immer den 
Defäkationsakt mit der Phantasie verknüpft: sein Posterior sei ein 
Vulkan und es finde eine gewaltige Eruption statt, Gasecxplosionen 
und Lavaergüsse. Die Bezeichnungen für die elementaren Natur- 
ereignisse sind ursprünglich sehr wenig poetisch, man denke z. B. an 
die schöne Erscheinung des Meteor, das die deutsche Sprache in un- 
poetischer Weise Sternschnuppe nennt. (Gewisse südamerikanische 
Indianer nennen die Sternschnuppe „Harn der Sterne".) Man nimmt 
eben nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes die Bezeichnungen 
aus nächster Quelle. (Z. B. die Übertragung der bereits metonymischen 
Bezeichnung des Urinierens als „Sehiffens" auf das Regnen.) 



Wandlungen und Symbole der Libido. 231 

Es scheint nun zunächst sehr dunkel zu sein, wieso die geradezu 
mystisch erwartete Figur des Chiwantopel, welchen Miß Miller in 
einer Anmerkung dem Kontrollgeist der Spiritisten vergleicht 1 ), in 
eine so unehrerbietige Nachbarschaft gerät, daß sein Wesen (Name) 
sogar mit jenen abgelegenen Körperregionen in Verbindung gebracht 
wird. Um diese Möglichkeiten zu verstehen, muß man sich sagen: 
wenn aus dem Unbewußten produziert wird, so wird zunächst das 
dem Gedächtnis verloren gegangene Material der Infantilzeit herauf- 
gebraeht. Man hat sich daher auf den Standpunkt jener Zeit zu stellen, 
in welcher jenes Infantilmaterial noch an der Oberfläche war. Wenn 
nun ein sehr verehrter Gegenstand vom Unbewußten in die Nähe des 
Analen gerückt wird, so muß man daraus schließen, daß damit etwas 
Ähnliches ausgedrückt sei, nämlich eine hohe Wertsehätzung. Die 
Frage ist nur, ob das auch der Psychologie des Kindes entspricht. 
Bevor wir auf diese Frage eintreten, ist zu konstatieren, daß das Anale 
mit der Verehrung ganz nahe zusammenhängt: Man denke an die 
traditionellen Fäkalien des Großmogul; ein orientalisches Märchen 
berichtet das gleiche von den christlichen Rittern, die sich mit dem 
Kote des Papstes und der Kardinäle einsalbten, um sich furchtbar zu 
machen. Eine Patientin, für welche besondere Verehrung des Vaters 
charakteristisch ist, hatte die Phantasie, sie sehe ihren Vater würdevoll 
auf dem Nachtstuhl sitzen und vorübergehende Leute grüßten ihn 
devot 2 ). Schließlich bewahrt die kräftigere Sprache die treffliche Figur: 
„Einem vor Untertänigkeit in den A . . . . kriechen". Die Nachbarschaft 
des Analen schließt die Verehrung oder Wertschätzung keineswegs aus, 
wie die Beispiele zeigen, und wie leicht auch aus der innigen Beziehung 
von Kot und Gold zu ersehen ist 3 ); auch hier tritt das äußerst Wert- 



x ) Die Alten kannten diesen Dämon als den OvvoJtadög, den Begleiter 
und ]\Iitfolgev. 

2 ) Eine Parallele zu diesen Phantasien sind die bekannten Deutungen der 
Sella Petri des Papstes. 

3 ) Als Freud aus analytischen Erfahrungen auf den Zusammenhang 
Kot-Gold aufmerksam machte, fanden sich viele Ignoranten veranlaßt, diesen 
Zusammenhang vornehm zu belächeln. Die Mythologen denken hierüber anders: 
so sagt de Gubernatis, daß immer Kot und Gold zusammen seien. 

Grimm berichtet folgenden Zaubergebrauch: Wenn man das ganze Jahr 
hindurch Geld im Hause haben will, so muß man am Xeujahrstag Linsen essen. 
Dieser merkwürdige Zusammenhang erklärt sich einfach durch die physiologische 
Tatsache der Schwerverdaulichkeit der Linsen, die in Form von Münzen wieder 
zutage treten. So ist man ein Geldsch geworden. 



232 C. G. Jung. 

lose in nächste Beziehung zum äußerst Wertvollen. Dies gilt auch von 
religiösen Wertschätzungen. Ich fand (damals zu meinem großen Er- 
staunen), daß eine sehr religiös erzogene junge Patientin in einem 
Traume den Kruzifixus auf dem Grunde eines blaugeblümten Nacht- 
geschirres darstellte, also in der Form eines Exkrementuni. Der Gegen- 
satz ist so enorm, daß man annehmen muß, die Wertschätzungen 
der Kindheit müßten von den unserigen doch recht verschieden sein. 
Das sind sie tatsächlich auch. Die Kinder bringen dem Defäkationsakt 
und dessen Produkten eine Hochachtung und ein Interesse entgegen 1 ), 
wie es später nur noch der Hypochonder zustande bringt. Wir begreifen 
dieses Interesse erst dann, wenn wir sehen, daß das Kind schon früh 
eine Propagationstheorie damit verknüpft 2 ). Aus diesem libidinösen 
Zuschuß wohl erklärt sich das enorme Interesse für diesen Akt. Das 
Kind sieht: das ist der Weg, auf dem produziert wird, auf dem etwas 
, herauskommt' ' . 

Dasselbe Kind, von dem ich in der kleinen Broschüre „Über 
Konflikte der kindlichen Seele" berichtete und das bekanntlich eine 
ausgebildete Analgeburtstheorie hatte, wie der kleine Hans, über den 
Freud berichtete, hat später eine gewisse Gewohnheit angenommen, 
sieh längere Zeit auf dem Klosett zu verweilen. Einmal wurde der Vater 
ungeduldig, ging zum Klosett und rief: „Komm doch endlich mal raus; 
was machst du denn?" Worauf von innen die Antwort kam: ,,Ein 
Wägelchen und zwei Ponies !" Die Kleine ,, macht" also ein Wägelchen 
und zwei Ponies, nämlich Dinge, die sie sich zu jener Zeit besonders 
wünschte. Auf diesem Wege kann man sich machen, was man sich 
wünscht, und das Gemachte ist das Gewünschte. Das Kind wünscht sich 
sehnlichst eine Puppe oder (im Grunde genommen) ein wirkliches 
Kind (d. h. das Kind übt sich zu seiner zukünftigen biologischen Auf- 
gabe), und auf dem Wege, auf dem überhaupt produziert wird, macht 
es sich die Puppe 3 ) als Vertreterin des Kindes oder überhaupt des 
Gewünschten 4 ). Von einer Patientin habe ich eine parallele Phantasie 



x ) Ein Französisch sprechender Vater, der mir gegenüber für sein Kind 
(natürlich) dieses Interesse bestreiten wollte, erwähnte aber doch, daß, wenn 
das Kind von Cacao spreche, immer noch ,,lit" dazufüge; es meint nämlich 
caca-au-lit. 

2 ) Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. I, S. 1 ff. Jung: Dieses Jahrbuch, 
Bd. II, S. 33 ff. 

3 ) Ich verweise auf den obigen etymologischen Zusammenhang. 

4 ) Vgl. dazu Bleuler: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 467 f. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 233 

aus ihrer Kinderzeit erfahren; auf dem Klosett befand sich in der Mauer 
eine Spalte. Sie phantasierte, aus dieser Spalte komme eine Fee heraus 
und schenke ihr alles, was sie wünsche. Der „locus" ist bekanntlich 
der Ort der Träume, wo manches gewünscht und geschaffen wird, 
dem man später diesen Ursprimgsort nicht mehr ansehen würde. Eine 
hierhergehörige pathologische Phantasie berichtet Lombroso 1 ) von 
zwei geisteskranken Künstlern: 

„Jeder von ihnen hielt sich für Gott selbst und den Beherrscher 
der "Welt. Sie schufen oder zeugten die AYelt, indem sie dieselbe aus dem 
Mastdarm hervorgehen ließen, gleichwie die Eier der Vögel dem Eierkanal 
(d. h. Kloake) entspringen. Einer dieser beiden Künstler war mit wahrem 
Kunstsinn ausgestattet. Er malte ein Bild, in welchem er sich eben im 
Schöpfungsakt befindet; die Welt tritt aus seinem After hervor: das 
männliche Gesehlechtsglied ist in voller Erektion; er ist nackt, umgeben 
von Weibern und allen Abzeichen seiner Macht." 

Das Exkrementum ist also in einem gewissen Sinne das Gewünschte 
und deshalb fällt ihm die entsprechende Wertschätzung zu. Erst als 
ich diese Zusammenhänge einsah, wurde mir eine Beobachtung klar, 
die ich vor langen Jahren einmal machte, die ich nie recht verstand, 
und die mich deshalb immer beschäftigte. Es war eine gebildete 
Patientin, die unter sehr tragischen Umständen von Mann und Kind 
sich trennen mußte und in die Irrenanstalt gebracht wurde. Sie zeigte 
eine typische Affektlosigkeit und „Schnoddrigkeit'', die man auch als 
affektive Verblödung auffaßt. Da ich damals schon an dieser Verblödung 
zweifelte und darin eine sekundäre Einstellung zu erkennen geneigt 
war, gab ich mir eine besondere Mühe, zu entdecken, wie ich in diesem 
Fall die Existenz der Affektes entdecken könnte. Schließlich nach mehr 
als dreistündiger Bemühung gelang es mir, einen Gedankengang auf- 
zufinden, der die Patientin plötzlich zu einem vollständig adäquaten 
und deshalb erschütternden Affekte brachte. In diesem Moment war 
der affektive Kapport mit ihr völlig hergestellt. Das geschah am Vor- 
mittag. Als ich abends um die abgemachte Zeit wieder auf die Ab- 
teilung ging, um sie aufzusuchen, da hatte sie sich zu meinem Empfang 
vom Kopf bis zu den Füßen mit Kot eingeschmiert und rief lachend: 
„Gefall' ich dir so?" Das hatte sie nie zuvor getan, es war offenkundig 
für mich bestimmt. Der Eindruck, den ich dadurch empfing, war so 
persönlich beleidigend, daß ich infolgedessen von der affektiven Ver- 
blödung solcher Fälle auf Jahre hinaus überzeugt war. Jetzt verstehen 



*) Genie und Irrsinn. 



234 C. G. Jung. 

wir diese Handlung als eine infantile Begrüßungszeremonie und Liebes- 
erklärung. 

Die Entstehung von Chiwantopel, d. h. einer unbewußten Per- 
sönlichkeit, aus Popokatepetl, will also heißen, im Sinne der obigen 
Erklärung, „ich mache, produziere, erfinde ihn selbst". Es handelt 
sich also um eine Art Msnschenschöpfung oder Geburt auf analem 
Wege. Die ersten Menschen werden aus Kot, Ton oder Lehm gemacht. 
Das lateinische lutum, das eigentlich „aufgeweichte Erde" bedeutet, 
hat ebenfalls den übertragenen Sinn von Dreck. Bei Plautus ist es 
sogar ein Schimpfwort, etwa: ,,Du Dreck!". Die Geburt hintenhinaus 
erinnert auch an das Motiv des Hintersichwerfens. Ein bekanntes 
Beispiel ist das Orakel, das Deukalion und Pyrrha, die einzig Über- 
lebenden aus der großen Flut, erhalten hatten: Sie sollten die Gebeine 
der großen Mutter hinter sich werfen. Sie warfen sodann die Steine 
hinter sich, woraus Menschen entstanden. In ähnlicher Weise 
entstanden nach einer Sage die Daktylen aus dem Staub, den t die 
Nymphe Anchiale hinter sich warf. Einer scherzhaften Bedeutung 
des analen Produktes ist noch zu gedenken: das Exkrementum wird 
im Volkswitz oft als Denkmal oder Erinnerungszeichen aufgefaßt 
(was in der Form des grumus merdae beim Verbrecher eine besondere 
Bolle spielt). Ich erinnere nur an die allbekannten Scherzerzählungen 
von dem, der, von einem Geist durch labyrinthische Gänge zu einem 
verborgenen Schatz geführt, als letztes Wegzeichen, nachdem er sich 
aller Kleidungsstücke entledigt hat, noch ein Exkrementum hinpflanzt. 
In einer fernen Vorzeit freilich kam einem derartigen Zeichen eine 
ebenso große Bedeutung zu wie der Losung der Tiere als einer wichtigen 
Kunde der Anwesenheit oder Zugrichtung. Einfache Steinmale („Stein- 
männchen") werden wohl die vergänglichere Losung ersetzt haben. 

Es ist nun merkwürdig, daß Miller als Parallele zu dem Bewußt- 
werden von Chiwantopel einen andern Fall anführt, wo ein Name sich 
ihr plötzlich aufdrängte, nämlich A-ha-ma-ra-ma mit dem Gefühl, 
als ob es sich um etwas Assyrisches handle 1 ). Als mögliche Quelle fiel 
ihr dazu ein: „Asurabama — qui fabriqua des briquescuneiform.es 2 )'', 



x ) Also auch hier wieder die Beziehung auf das „Altertümliche", die in- 
fantile Vorzeit. 

2 ) Dieses Faktum ist mir unbekannt. Es wäre möglich, daß irgendwo ein 
sagenhafter Name eines Mannes erhalten wäre, der die Keilschrift erfand; (wie 
z. B. Sinlikiunnini als Dichter des Gilgameshepos). Es gelang mir aber nicht, 
etwas Derartiges aufzufinden. Allerdings hat Aschschurbanaplu oder Asurbanipal 



Wandlungen und Symbole der Libido. 235 

also jene unvergänglichen, aus Lehm bereiteten Urkunden und 
Monumente ältester Geschichte. Hervorzuheben ist, daß die „briques" 
nicht „cuneiformes" sind, so würde es zweideutigerweise heißen: 
„keilförmige Ziegel"', was eher im Sinne unserer Vermutung spräche 
als im Sinne der Autorin. Es ist schmerzlich, diese Spuren und An- 
deutungen nicht weiter verfolgen zu können. Dazu reichen meine 
Kenntnisse nicht aus. Wir müssen daher notgedrungenerweise den 
Gedankengang an dieser Stelle fallen lassen. 

Miller bemerkt, daß neben dem Namen „Asurabama" ihr noch 
„Ahazuerus", oder Ahasverus, eingefallen sei. Dieser Einfall führt 
auf eine ganz andere Seite des Problems der unbewußten Persönlichkeit. 
Wenn uns die bisherigen Materialien etwas aus der infantilen Menschen- 
schöpfungstheorie verrieten, so eröffnet sich durch diesen Einfall 
ein Ausblick auf den Dynamismus der unbewußten Persönlichkeits- 
schaffung. Ahasver ist bekanntlich der ewige Jude. Sein Charakteristikum 
ist das endlose und ruhelose Wandern bis zum Weltuntergang. 
Die Tatsache, daß der Autorin gerade dieser Name eingefallen ist, 
berechtigt uns, dieser Spur zu folgen. 

Die Legende des Ahasver, deren erste literarische Spuren dem 
XIII. Jahrhundert angehören, scheint abendländischen Ursprungs 
zu sein und gehört zu jenen Bildungen, die unverwüstliche Lebens- 
kraft besitzen. Die Gestalt des ewigen Juden hat mehr literarische 
Bearbeitungen erfahren als die Figur des Faust und diese Bearbeitungen 
gehören in der Hauptsache alle dem letzten Jahrhundert an. Hieße 
die Gestalt nicht Ahasver, sie wäre doch da unter anderm Namen, 
vielleicht als der Comte de St. Germain, der geheimnisvolle Rosen- 
kreuzer, dessen Unsterblichkeit versichert wird und dessen augenblick- 
licher Aufenthaltsort (d. h. das Land) sogar bekannt sein soll 1 ). Ob- 
schon die Nachrichten von Ahasver nicht früher als im XIII. Jahr- 



jene wunderbare keilschriftliche Bibliothek hinterlassen, die in Kujundsehik 
ausgegraben wurde. Vielleicht hat „Asurubama" mit diesem Namen zu tun. In 
Betracht kommt ferner der Name von Aholi-bamah, dem wir im ersten Teil 
begegnet sind. Das Wort „Ahamarama" verrät ebenfalls Beziehungen zu Anah 
und Aholibamah, welche eben jene Kainstöehter mit der sündigen Leidenschaft 
zu den Gottessöhnen sind. Diese Möglichkeit weist auf Chiwantopel als den 
ersehnten Gottessohn hin. (Dachte Byron an die beiden hurerischen Schwestern 
Ohola und Oholiba? (Ezeeh. 23, 4.) 

J ) Das Volk gibt seinen wandernden Sonnenhelden nicht her. So wurde 
auch Cagliostro nachgesagt, er sei einmal aus einer Stadt zu gleicher Zeit aus 
allen Stadttoren mit vier weißen Pferden ausgefahren. (Helios!) 



23 G C. G. Jung. 

hundert nachgewiesen werden können, kann die mündliche Tradition 
ja. doch bedeutend weiter zurückreichen und es wäre nicht unmöglich, 
daß eine Brücke zum Orient existierte. Dort ist die Parallelfigur Chidr 
oder al Chadir, der von Rücke rt besungene Chidher, der „Ewig 
Junge". Die Legende ist rein islamitisch. Das sonderbare aber ist, 
daß Chidher nicht nur ein Heiliger, sondern in sufischen Kreison 1 ) 
sogar bis zu göttlicher Bedeutung emporsteigt. Bei dem strengen 
Monotheismus des Islam ist man geneigt, bei Chidher an eine vor- 
islamitische arabische Gottheit zu denken, die von der neuen Religion 
zwar offiziell nicht anerkannt, aber aus politischen Gründen toleriert 
worden sei. Davon ist aber nichts nachzuweisen. Die ersten Spuren des 
Chidher finden sich in den Korankommentatoren Buch äri (gest. 
870p. Chr.) und Tabari (gest. 923 p. Chr.), und zwar im Kommentar 
zu einer merkwürdigen Stelle der 18. Sure des Koran. Die 18. Sure 
ist betitelt: „die Höhle", nämlich nach der Höhle der Siebenschläfer, 
die nach der Legende 309 Jahre darin schliefen und so der Verfolgung 
entgingen und in einer neuen Ära erwachten. Ihre Legende wird in der 
18. Sure erzählt und daran werden allerhand Betrachtungen geknüpft. 
Die wunscherfüllende Idee der Legende ist ganz klar. Der mystische 
Stoff dazu ist die unveränderliche Vorlage des Sonnenlaufes: die Sonne 
geht zeitweise unter, stirbt aber nicht. Sie verbirgt sich im „Schöße" 
des Meeres oder in einer unterirdischen Höhle 2 ) und wird am Morgen 
wieder heil „geboren". Die Sprache, in welche dieses astronomische 
Ereignis sich kleidet, ist von klarer Symbolik: die Sonne kehrt in den 
Mutterschoß zurück und wird nach einiger Zeit wieder geboren. 
Natürlich ist dieser Vorgang eigentlich eine inzestuöse Handlung, wovon 
auch mythologisch noch deutliche Spuren erhalten sind, nicht zum 
mindesten in dem Umstände, daß die sterbenden und wiedererstehenden 
Götter die Liebhaber der eigenen Mutter sind, respektive sich durch 
die eigene Mutter hindurch erzeugt haben. Christos als der fleisch- 
gewordene Gott hat sich durch Maria selbst erzeugt; Mithras hat das 
gleiche getan. Diese Götter sind unverkennbare Sonnengötter, daher 
die Sonne dasselbe auch tut, um sich wieder zu erneuern. Natürlich 
ist nicht anzunehmen, daß die Astronomie zuerst kam und dann solche 
Göttervorstellungen; der Weg war, wie immer, umgekehrt, und zwar 



x ) Mystiker. 

2 ) Auch Agni, das Feuer, verbirgt sich bisweilen in einer Höhle, muß 
deshalb wieder geholt respektive durch Zeugung aus der Höhle des weiblichen 
Holzes herausgebracht werden. Vgl. Kuhn: Herabk. des Feuers. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 237 

war es wohl so, daß ein primitiver Wiedergeburtszauber (Taufe, 
allerhand abergläubische Gebräuche vom Durchziehen der Kranken 
usw.) an den Himmel projiziert wurden. Diese Jünglinge waren also 
aus der Höhle (dem Leib der Mutter Erde) wie der Sonnengott zu 
einer neuen Zeit geboren und haben so den Tod überstanden. Sie waren 
insofern Unsterbliche. Es ist nun interessant zu sehen, wie der Koran 
nach längeren ethischen Betrachtungen im Verlauf derselben Sure 
zu folgendem Passus gelangt, der für die Entstellung der Chidhermvthe 
von besonderer Bedeutung ist; ich zitiere darum den Koran wörtlich: 
,, Moses sagte einst zu seinem Diener (Josua, Sohn des Nun): Ich 
will nicht aufhören zu wandern, und sollte ich auch 80 Jahre 
lang reisen, bis ich den Zusammenfluß der zwei Meere erreicht habe. 
Als sie nun diesen Zusammenfluß der zwei Meere erreicht hatten, da vergaßen 
sie ihren Fisch (den sie nämlich zur Zehrung mitgenommen), der seinen 
Weg durch einen Kanal ins Meer nahm. Als sie nun an diesem Orte 
vorbei waren, da sagte Moses zu seinem Diener: Bringe uns das Mittags- 
brod; denn wir fühlen uns von dieser Reise ermüdet. Dieser aber erwiederte: 
Sieh nur, was mir geschehen ! Als wir dort am Felsen lagerten, da vergaß 
ich den Fisch. Nur der Satan kann die Veranlassung sein, daß ich ihn ver- 
gessen und mich seiner nicht erinnert habe, und auf eine wunderliche Weise 
nahm er seinen Weg ins Meer. Da sagte Moses: Dort ist denn die Stelle, 
die wir suchen. Und sie gingen den Weg, den sie gekommen, wieder zurück. 
Und sie fanden einen unserer Diener, den wir 1 ) mit unserer 
Gnade und Weisheit ausgerüstet hatten. Da sagte Moses zu ihm: 
Soll ich dir wohl folgen, damit du mich, zu meiner Leitung, lehrest einen 
Teil der Weisheit, die du gelernt hast? Er aber erwiederte: Du wirst bei 
mir nicht aushalten können; denn wie solltest du geduldig ausharren bei 
Dingen, die du nicht begreifen kannst?" 

Moses begleitet nun den geheimnisvollen Diener Gottes, der 
allerhand Dinge tut, die Moses nicht begreifen kann, schließlich nimmt 
der Unbekannte Abschied von Moses und sagt folgendes zu ihm: 

,,Die Juden werden dich über den Dhulqarnein fragen 2 ). Antworte: 

x ) Wir = Allah. 

2 ) Der „Zweihörnige". Gemeint ist nach den Kommentatoren Alexander 
der Große, der in der arabischen Sage etwa die Rolle des deutschen Dietrich von 
Barn spielt. Der Zweihörnige bezieht sich auf die Kraft des Sonnenstieres. Auf 
Münzbildern findet sich Alexander öfter mit den Hörnern des Jupiter Amnion. 
Es handelt sich um Idendifikationen des sagenumwobenen Herrschers mit der 
Frühlingssonne im Zeichen des Stieres und des Widders. Es ist unverkennbar, 
daß die Menschheit ein stärkstes Bedürfnis hat, das Persönliche und Menschliche 
ihrer Helden auszulöschen, um sie schließlich durch eine jiieräöraöis der Sonne 
gleich, d. h. ganz zum Libidosymbol zu machen. Denken wir mit Schopenhauer, 
so werden wir wohl sagen: Libidosymbol. Denken wir aber mit Goethe, so 
sagen vir: Sonne; denn ^ir sind, weil uns die Sonne sieht. 



238 C. G. Jung. 

Ich will euch eine Geschichte von ihm erzählen. Wir befestigten sein Reich 
auf Erden und wir gaben ihm die Mittel, alle seine Wünsche zu erfüllen. 
Er ging einst seines Weges, bis er kam an den Ort, wo die Sonne unter- 
geht, und es schien ihm, als ginge sie in einem Brunnen mit schwarzem 
Schlamm unter. Dort traf er ein Volk ..." 

Es folgt eine moralische Betrachtung, darauf fährt die Erzäh- 
lung fort: 

„Dann verfolgte er seinen Weg weiter, bis er kam an den Ort, wo 
die Sonne aufgeht ..." 

Wenn wir nun wissen wollen, wer der unbekannte Diener Gottes 
ist, so belehrt uns darüber dieser Passus: er ist der Dliulqarnein, 
Alexander, die Sonne, er geht zum Ort des Untergangs und 
geht zum Ort des Aufgangs. Der Passus von dem unbekannten 
Diener Gottes wird von den Kommentatoren durch eine ganz bestimmte 
Legende erklärt. Der Diener ist Chidher, „der Grünende", 3; der nie 
ermüdende Wanderer, der durch Jahrhunderte und Jahrtausende 
über die Länder und Meere schweift, der Belehrer und Berater frommer 
Menschen, der Weise in göttlichen Dingen — der Unsterbliche" 1 ). 
Die Autorität des Tabari bringt Chidher in Beziehung zum Dhul- 
qarnein: Chidher habe im Zuge Alexanders den ,, Lebensstrom" erreicht, 
und beide hätten, ohne es zu wissen, daraus getrunken, so daß sie un- 
sterblich geworden seien. Ferner wird Chidlier von den alten 
Kommentatoren mit Elias identifiziert, der auch nicht 
gestorben ist, sondern auf feurigem Wagen zum Himmel fuhr. 
Elias ist ein Helios 2 ). Es ist zu bemerken, daß auch von Ahasver 
vermutet wird, er verdanke seine Existenz einer dunkeln Stelle der 
heiligen christlichen Schrift. Diese Stelle findet sich Matth. 16, 13 ff. 
Zuerst kommt die Szene, wo Christus den Petrus als den Felsen seiner 
Kirche einsetzt und ihn zum Statthalter seiner Macht ernennt 3 ), darauf 
folgt die Prophezeiung seines Todes und dann kommt die Stelle: 

„Wahrlich, ich sage euch, es sind einige unter denen, die hier stehen, 
welche den Tod nicht kosten werden, bis sie den Sohn des Menschen kommen 
sehen in seinem Reich." 

Hier folgt auch die Szene der Verklärung: 



J ) Völlers: Chidher. Archiv für Religionswissenschaft, S. 235 f., Bd. XII, 
1909. Ich entnehme dieser Arbeit die Ansichten der Korankommentare. 

2 ) Hier schließt sich die Himmelfahrt des Mithras und des Christos an. 
Siehe Erster Teil. 

3 ) Parallele im Mithrasmysterium ! Siehe unten. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 239 

,,Und ward vor ihnen verwandelt, indem sein Angesicht leuchtete 
wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht. Und siehe, 
es erschienen ihnen Moses und Elias, die unterredeten sich mit ihm. Petrus 
aber hob an und sagte zu Jesus: Herr, hier ist für uns gut sein; wenn es 
dir recht ist, will ich hier drei Zelte aufschlagen, eines für dich, eines für 
Elias und eins für Moses 1 ).'* 

Aus diesen Stellen geht hervor; daß Christus auf gleicher Höhe 
mit Elias stehe, aber nicht identisch mit ihm sei 2 ), obschon er vom Volke 
für Elias gehalten wird. Die Himmelfahrt setzt Christus aber identisch 
mit Elias. Die Weissagung Christi'läßt erkennen, daß außer seiner eigenen 
Person noch eine oder einige Unsterbliche existieren, die nicht sterben 
werden bis zur Parusie. Nach Job. 21, 21 ff. wurde auch der Jünger 
Johannes als dieser Unsterbliche angesehen und in der Legende ist 
er tatsächlich nicht tot, sondern er schläft bloß in der Erde bis zur 
Parusie und atmet, so daß der Staub auf seinem Grabe aufwirbelt 3 ). 
Es führen, wie ersichtlich, gangbare Brücken von Christos über Elias 
zu Chidher und zu Ahasver. Es heißt in einem Bericht 4 ), daß Dhul- 
qarnein seinen „Freund" Chidher zur Lebensquelle geführt hätte, 
um ihn Unsterblichkeit trinken zu lassen 5 ). (Alexander hat auch im 
Lebensstrom gebadet und die rituellen Waschungen verrichtet.) Wie 
ich oben in der Fußnote erwähnte, ist nach Matth. 17, 11 ff. Johannes 
der Täufer der Elias, also identisch zunächst mit Chidher. Nun ist aber 
zu bemerken, daß in der arabischen Legende Chidher gern als Begleiter 
oder als begleitet auftritt. (Chidher mit Dhulqarnein oder mit Elias, 
„gleichwie" diese oder identisch mit ihnen 6 ).) Es sind also zwei Ähn- 



') Parallelen dazu sind die Unterredungen Mohammeds mit Elias, dort 
passiert ebenfalls die Geschmacklosigkeit, daß bei dieser Gelegenheit „Himmels- 
speise" serviert wird. Im Neuen Testament beschränkt sich che Tölpelhaftigkeit 
auf den Vorsehlag des Petrus. Dergleichen Züge gehen gewiß auf den Infantil- 
eharakter solcher Szenen, so gut wie die Riesengestalt des Elias im Koran, ferner 
die Erzählungen der Kommentatoren, daß Elias und Chidher jährlich einmal 
in Mekka zusammenkommen, sich unterreden und sich bei dieser Gelegenheit 
auch gerade gegenseitig den Kopf rasieren. 

2 ) Hingegen ist nach Matth., 17, 11 ff. Johannes der Täufer als Elias 
aufzufassen. 

3 ) Vgl. die Kyffhäusersagc. 

4 ) Völlers 1. c. 

5 ) Ein anderer Berieht sagt, daß Alexander mit seinem „Minister" Chidher 
auf dem Adamsberg in Indien gewesen sei. 

6 ) Diese mythologischen Gleiehungen folgen ganz den Regeln des Traumes, 
wo der Träumer in einem Traume in mehrere analoge Gestalten zerlegt sein kann. 



240 C G. Jung. 

liehe, die aber doch unterschieden sind. Die analoge Situation im 
Christliehen finden wir in der Jordanszene, wo Johannes den Christum 
„zur Lebensquelle führt". Christus ist dabei zunächst der Unter- 
geordnete, Johannes der Übergeordnete, ähnlich wie Dhulqarnein 
und Chidher oder Chidher und Moses, auch Elias. Namentlich letzteres 
Verhältnis ist so, daß Völlers 1 ) Chidher und Elias einerseits mit Gil- 
gamesh und ""seinem sterblichen Bruder Eabani, anderseits mit den 
Dioskuren, von denen auch der eine sterblich und der andere unsterblich 
ist, vergleicht. Diese Beziehung findet sich auch bei Christus and 
Johannes dem Täufer 2 ) einerseits und Christus und Petrus anderseits. 
Letztere Parallele findet ihre Erklärung allerdings erst durch die Ver- 
gleichung mit dem Mithrasmysterium, wo uns wenigstens durch Monu- 
mente der esoterische Inhalt verraten wird. Auf dem mithrischen 
Marmorrelief von Klagenfurt 3 ) ist dargestellt, wie Mithras den vor 
ihm Knieenden oder von unten auf ihn zuschwebenden Helios mit der 
Strahlenkrone krönt oder ihn heraufführt (?). Auf einem mithrischen 
Monument von Osterburken ist Mithras dargestellt, wie er mit der rechten 
Hand die mystische Kindsschulter über den vor ihm geneigt stehen- 
den Helios hält, die linke Hand ruht am Schwertgriff. Eine Krone 
liegt zwischen beiden am Boden. Cumont 4 ) bemerkt zu dieser Szene, 
daß sie wahrscheinlich, den göttlichen Prototyp der Zeremonie der Ein- 
weihung in den Grad des Miles darstelle, wobei dem Mysten ein Schwert 
und eine Krone verliehen wurden. Helios wird also zum Mies des 
Mithras ernannt. Überhaupt scheint Mithras sich in einer gönnerhaften 
Bolle gegenüber dem Helios zu bewegen, was an die Kühnheit des 
Herakles gegenüber Helios erinnert: auf seinem Zuge gegen Geryon 
brennt Helios zu heiß, voll Zorn bedroht ihn Herakles mit seinen nie 
fehlenden Pfeilen. Dadurch wird Helios zum Nachgeben gezwungen und 
leiht dem Heros sein Sonnenschiff, mit dem er übers Meer zu fahren pflegt. 
So gelangt Herakles nach Erythia, zu den Rinderherden des Geryon 5 ). 

*) 1. c. 

2 ) „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen." 

3 ) Cumont: Text, et Mon., S. 172 ff. 
*) 1. c, S. 173. 

6 ) Die Parallele zwischen Herakles und Mithras ist noch weiter zu führen. 
Wie Herakles ist Mithras ein trefflicher Bogenschütze. Nach gewissen Monu- 
menten zu urteilen, scheint nicht nur die Jugend des Herakles von einer Schlange 
bedroht zu sein, sondern auch die des Mithras. Der Sinn des äd,los des Herakles 
(das Werk) deckt sich mit dem mitln-ischen Mysterium der Stierüberwältigung 
und Opferung. (Siehe Cumont: Myst. des Mithras, II. Aufl., 1911.) 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 241 

Auf dein Klagenfmter Monument ist Mithras ferner dargestellt, 
wie er dem Helios die Hand drückt, wie zum Abschied oder zu einer 
Bestätigung. In einer weiteren Szene besteigt nun Mithras den Wagen 
des Helios zur Himmelfahrt respektive zur „Meerfahrt" 1 ). Cumont ist 
der Ansicht, daß Mithras dem Helios (oder Sol), eine Art feierlicher 
Belehnung gibt und seine göttliche Macht weiht, indem er ihn eigen- 
händig krönt 2 ). Dieses Verhältnis entspricht dem von Christus zu Petrus. 
Petrus hat durch sein Attribut, den Hahn, den Charakter eines Sonnen- 
gottes, Nach der Himmelfahrt (Meerfahrt) Christi ist er der sichtbare 
Statthalter der Gottheit, er erleidet daher denselben Tod (Kreuzigung) 
wie Christus, wird zum römischen Hauptgott (zum Sol invictus), zu 
der im papa sieh verkörpernden ecclesia militans et triumphans; in 
der Malchuszene schon erweist er sich als der miles Christi, dem das 
Schwert verliehen, und als der Felsen, auf den die Kirche gegründet 
ist; und als dem, der die Macht besitzt, zu binden und zu lösen, ist ihm 
auch die Krone 3 ) gegeben. So ist er als Sol der sichtbare Gott, der Papst 
aber, als Erbe des römischen Cäsar, der „solis invicti comes". Die 
abtretende Sonne ernennt einen Nachfolger, dem sie die Sonnenkraft 
übergibt 1 ). Dhulqarnein gibt Chidher das ewige Leben, Chidher teilt 
dem Moses die Weisheit mit 5 ); es existiert sogar ein Bericht, wo der 
vergeßliche Diener Josua ahnungslos aus der Lebensquelle trinkt, 
dadurch unsterblich -wird und nun von Chidher und Moses (zur Strafe) 
in ein Schiff gesetzt und anfs Meer hinausgesendet wird. — Wieder 
ein Fragment aus einem Sonnenmythus, das Motiv der „Meerfahrt" 6 ). 

Das uralte Symbol, das jenen Teil des Zodiacus bezeichnet, 
in dem die Sonne mit der Wintersonnwende wieder den Jahreskreislauf 
antritt, ist der Ziegenfisch, der atyoxeQcog; die Sonne steigt wie eine 
Ziege auf die höchsten Berge und geht später ins Wasser wie ein Fisch. 
Der Fisch ist das Symbol des Kindes 7 ), denn das Kind lebt vor seiner 



*) Diese drei Szenen sind auf dem Klagenfurter Monument alle in einer 
Reihenfolge dargestellt, so daß man deren dramatische Zusammengehörigkeit 
vermuten darf. Abbildung in Cumont: D. Myst. des Mithras.' 

2 ) Cumont: Siehe s. Mithras. Roseher: Lex. Sp. 3048, 42 ff. 

3 ) Sogar die dreifache Krone. 

4 ) Die christliche Reihenfolge ist: Johannes — Christus, Petrus — Papst. 

5 ) Die Unsterblichkeit des Moses ist durch die Parallelsetzung mit Elias 
bei der Verklärung erwiesen. 

6 ) Vgl. Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes. 

") Daher der ,,Sohn" Gottes das Fisehs\-inboI hat, zugleich ist das 
kommende Weltzeitalter das der Fische. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 16 



242 C. G. Jung. 

Geburt im Wasser, wie ein Fisch; und die Sonne wird, indem sie ins 
Meer taucht, Kind und Fisch zugleich. Der Fisch ist aber auch ein 
phallischcs Symbol 1 ), ebenso ein Symbol für das Weib 2 ), kurz gesagt: 
der Fisch ist ein Libidos yrnbol, und zwar, wie es scheint, vorwiegend 
für die Wiedererneuerung der Libido. 

Die Reise des Moses mit seinem Diener Josua ist eine Lebens- 
reise (80 Jahre). Sie werden alt und verlieren die Lebenskraft (Libido), 
d.h. den Fisch, „der auf wunderliche Weise seinen Weg ins Meer nimmt" ; 
d. h. die Sonne geht unter. Wie die beiden den Verlust bemerken, da 
finden sie an jener Stelle, wo sich die Lebensquelle befindet (wo 
der tote Fisch wiederbelebt wurde und ins Wasser sprang), den 
Chidher, in seinen Mantel vermummt 3 ), auf der Erde sitzen, nach 
anderer Version auf einer Insel im Meere oder „am feuchtesten 
Orte der Erde"; d. h. eben geboren aus der mütterlichen 
Wasser tiefe. Wo der Fisch verschwand, wird Chidher, „der Grünende" 
geboren, als ein „Sohn der Wassertiefe", das Haupt verhüllt, ein Kabir, 
ein Verkünder göttlicher Weisheit, der alte babylonische Oannes - Ea, 
der in Fischgestalt dargestellt wurde und täglich als Fisch aus dem 
Meere kam, um dem Volk die Weisheit zu lehren 4 ). 

Sein Name wird mit Johannes in Zusammenhang gebracht. 
Durch den Aufgang der wiedererneuerten Sonne wird das, was Wasser- 
tier, Fisch war, in der Dunkelheit lebte, von allen Schrecken der Nacht 
und des Todes umgeben 5 ), zum leuchtenden, feurigen Tagesgestirn. 
So gewinnen die Worte des Täufers Johannes besonderen Sinn 6 ): 



*) Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik. 

2 ) In man: Anc. pag. and mod. Christ. Symb. 

3 ) Amnionhülle ? 

4 ) Der etrurische Tages, der ,,frischausgeackerte Knabe", der aus der 
eben gezogenen Ackerfurche entsteht, ist auch ein Weisheitslehrer. In der Lita- 
olanemythe der Basutos (Frobenius 1. c, S. 105) wird geschildert, wie ein 
Ungeheuer alle Menschen verschlungen hat, und nur ein Weib übrig blieb, das 
in einem Stalle (statt Höhle, vgl. unten die Etymologie dieses Mythos) mit 
einem Sohn, dem Helden, niederkam. Bis sie ein Lager aus Stroh für den 
Neugeborenen hergerichtet hatte, war er bereits aufgewachsen und sprach „Worte 
der Weisheit". Das schnelle Aufwachsen des Helden, ein häufig wiederkehrendes 
Motiv, scheint darzutun, daß die Geburt und anscheinende Kindheit des Helden 
darum so sonderbar sind, weil seine Geburt eigentlich seine Wiedergeburt be- 
deutet, daher er sich nachher so rasch an seine Heldenrolle gewöhnt. Vgl. unten. 

6 ) Kampf des Re mit der Nachtschlange. 
6 ) Matth. 3, 11. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 243 

„Ich taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, ist 
stärker denn ich, der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer 
taufen." 

Mit Völlers dürfen wir auch Chidher und Elias (Moses und 
seinen Diener Josua) mit Gügamesh und seinem Bruder-Diener Eabani 
in Vergleich setzen. Gügamesh durchwandert die Welt, von Angst und 
Sehnsucht getrieben, die Unsterblichkeit zu finden. Sein Weg führt 
ihn übers Meer zum weisen Utnapishtim (Noah), der das Mittel kannte, 
um über die Wasser des Todes zu kommen. Dort hat Gügamesh nach 
der zauberischen Pflanze auf den Grund des Meeres zu tauchen, die 
ihn wieder ins Land der Menschen zurückführen soll. Wie er wieder 
in die Heimat gekommen, stiehlt ihm eine Schlange das Zauber- 
kraut (der Fisch schlüpft wieder ins Meer). Auf der Kückkehr vom 
Lande der Seligen begleitet ihn aber ein unsterblicher Schiffer, der, 
durch einen Fluch des Utnapishtim verbannt, nicht mehr ins 
Land der Seligen zurückkehren darf. Durch den Verlust des zauberischen 
Krautes hat Gügamesh 's Reise den Zweck verloren, er ist dafür von 
einem Unsterblichen begleitet, dessen Schicksal wir allerdings aus 
den Fragmenten des Epos nicht mehr erfahren können. Dieser ver- 
bannte Unsterbliche ist die Vorlage zu Ahasver, wie Jensen 1 ) treffend 
bemerkt. 

Wir treffen auch hier auf das Motiv der Dioskuren, sterblich und 
unsterblich, untergehende und aufgehende Sonne. Dieses Motiv 
wird auch als aus dem Heros heraus projiziert dargestellt: 

Das Sacrificium mithriacum (das Stieropfer) ist in seiner kul- 
tischen Darstellung sehr oft flankiert durch die beiden Dadophoren, 
Cautes und Cautopates, der eine mit aufrechter und der andere mit 
gesenkter Fackel. Sie stellen eine Art Brüderpaar dar, welches seinen 
Charakter durch die Symbolik der Fackelstellung verrät. Cumont 
bringt sie nicht vergebens mit den sepulkralen Eroten in Verbindung, 
die als Genien mit der umgekehrten Fackel traditionelle Bedeutung 
haben. Der eine wäre also der Tod, der andere das Leben. Ich kann 
nicht umhin, vom Sacrificium mithriacum (wo das Stieropfer in der 
Mitte von beiden Seiten von den Dadophoren flankiert ist) auf das 
christliche Lammes(Widder)opfer hinzuweisen. Der Kruzifixus ist 
auch traditionell flankiert durch die beiden Schacher, wovon der eine 
aufsteigend zum Paradiese ist, der andere herunterfahrend zur 



Das Gilgarueshepos in der Weltliteratur, Bd. I, S. 50. 

16< 



244 0. G. Jung. 

Hölle 1 ). Der Gedanke des Sterblichen und des Unsterblichen scheint 
also auch in den christlichen Kultus übergegangen zu sein. 

Semitische Götter werden öfter als von 2 Paredroi flankiert 
dargestellt, z. B. der Baal von Edessa, begleitet von Aziz und Monimos 
(Baal als Sonne begleitet auf ihrem Laufe durch Mars und Merkur, 
wie die astronomische Deutung lautet). Nach chaldäischer Anschauung 
sind die Götter in Triaden gruppiert. In diesen Anschauungskreis 
gehört auch die Trinität, die Idee des dreieinigen Gottes, als welcher 
auch Christos in seinem Einssein mit dem Vater und dem Heiligen Geiste 
angesehen werden muß. So gehören die beiden Schacher auch innerlich 
zu Christus. Die beiden Dadophoren sind, wie Cumont nachweist, 
nichts als ■ Abspaltungen 2 ) aus der Hauptfigur des Mithras, dem ein 
geheimer triadischer Charakter zukommt. Nach einer Nachricht bei 
Dionysius Areopagita feierten die Magier ein Fest ,,xov xQinXaoiov 
MI&qov" 3 ). Eine ähnliche auf Trinität sich beziehende Bemerkung 
macht Plutarch von Ormuzd: ,,xQig iavtöv av^oag anzaxr\OE xov 
fjMov"*). Die Dreieinigkeit als drei verschiedene Zustände des Einen ist 
auch ein christlicher Gedanke. In allererster Linie ist darin ein Sonnen- 
mythus zu suchen. Eine Bemerkung bei Macrobius 1, 18 kommt 
dieser Auffassung zu Hilfe: 

Hae autem aetatum diversitates ad solem referuntur, ut parvulus 
videatur kiemali solstitio, qualem Aegyptii proferunt exadyto diecerta,. . . 
aequinoctio vernali figura iuvenis ornatur. Postea statuitur aetas ejus 



x ) Der Unterschied zum Mitkrasopfer scheint ungemein bezeichnend zu 
sein. Die Dadophoren sind harmlose Lichtgötter ohne Anteilnahme am Opfer. 
Im Christusopfer fehlt das Tier. Dafür sind es zwei Verbrecher, die den gleichen 
Tod erleiden. Die Szene ist ungeheuer viel dramatischer. Die innere Beziehung 
der Dadophoren zu Mithras, auf die ich unten zu sprechen komme, läßt das 
gleiche auch für Christus und die Verbrecher vermuten. Die Szene mit Barabbas 
verrät, daß Christos der abtretende Jahresgott ist, der von einem Verbrecher 
dargestellt wurde, während man den des kommenden Jahres frei ließ. 

2 ) Z. B. zeigt ein Monument folgende Widmung: D(eo) I(nvicto) M(ithrae) 
Cautopati. Man findet bald Deo Mithrae Caute oder Deo Mithrae Cautopati, 
in ähnlicher Abwechslung wie Deo Invicto Mithrae — oder bloß — Deo Invicto — 
oder gar nur — Invicto — . Es kommt auch vor, daß die Dadophoren mit Messer 
und Bogen, den Attributen des Mithras, ausgerüstet sind. Es ist daraus zu 
schließen, daß die drei Figuren quasi drei verschiedene Zustände einer einzigen 
Person repräsentieren. Vgl. Cumont: Text, et Mon., S. 208 f. 

3 ) Cumont: Text, et Mon., S. 20S. 

4 ) Zitiert bei Cumont: Text, et Mon., S. 209. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 245 

plenissirna effigie barbae solstitio aestivo exunde per diminu- 

tiones veluti senescenti qnarta forma deus figuratur 1 ). 

Wie Cumont berichtet 2 ), tragen Cautes und Cautopates ge- 
legentlich der eine einen Stierkopf, der andere einen Skorpion in 
Händen 3 ). Taurus und Skorpio sind Äquinoktialzeichen, was klar darauf 
hinweist, daß die Opferszene sich zunächst auf den Sonnenlauf be- 
zieht: die aufsteigende, die in der Sommern öhe sich selbst opfernde 
und die untergehende Sonne. In der Opferszene, dem Sonnensymbol, 
war der Aufgang und der Untergang nicht leicht zu veranschaulichen, 
daher dieser Gedanke aus dem Opferbild heraus verlegt wurde. 

Wir haben oben angedeutet, daß die Dioskuren einen ähnlichen 
Gedanken darstellen, allerdings in einer etwas andern Form: Die eine 
Sonne ist immer sterblich, die andere unsterblich. Da diese ganze 
Sonnenmythologie nur an den Himmel projizierte Psychologie ist, 
so lautet wohl der zugrunde liegende Satz : So wie der Mensch aus einem 
Sterblichen und einem Unsterblichen besteht, ist auch die Sonne ein 
Brüderpaar 4 ), wovon der eine Bruder sterblich, der andere unsterblich 
ist. Dieser Gedanke liegt der Theologie überhaupt zugrunde: der Mensch 
ist zwar sterblich, aber es sind doch welche, die unsterblich sind (oder 
es ist in uns etwas, das unsterblich ist). So sind die Götter oder ein 
Chidher oder ein Comte de St. Germain unser Unsterbliches, das 
irgendwo, unfaßbar, unter uns weilt. Der Sonnenvergleich belehrt uns 
immer wieder, daß die Götter Libido sind; sie ist unser Unsterbliches, 
indem sie jenes Band darstellt, durch welches wir uns als nie erlöschend, 
in der Rasse fühlen 5 ). Sie ist Leben vom Leben der Menschheit. Ihre 



1 ) Zitiert bei Cumont: 1. c. 

2 ) Text, et Mon., S. 210. 

*) Taurus und Scorpio sind die Äquinoktialzeichen für den Zeitraum von 
4300 — 2150 a. Chr. n. Diese längst überholten Zeichen wurden also konservativ 
bis in die nachchristliche Zeit noch aufbewahrt. 

*) Unter Umständen ist es auch Sonne und Mond. 

6 ) Um die individuelle und die Allseele, den persönlichen und den über- 
persönlichen Ätman zu charakterisieren, gebraucht ein Vers des Shvetäshvatara- 
Upanishad (Deussen) folgendes Gleichnis: 

,,Zwei schön beflügelte verbundne Freunde 
Umarmen einen und denselben Baum; 
Einer von ihnen speist die süße Beere, 
Der andre schaut, nicht essend, nur herab. 



246 C. CJ. Jung. 

aus den Tiefen des Unbewußten emporströmenden Quellen kommen, 
wie unser Leben überhaupt, aus dem Stamme der ganzen Menschheit, 
indem wir ja nur ein von der Mutter abgebrochener und verpflanzter 
Zweig sind. 

Da das „Göttliche" in uns die Libido ist 1 ), so dürfen wir uns 
nicht wundern, wenn wir in unserer Theologie urtümliche Bilder seit 
alten Zeiten mitgenommen haben, welche dem Gotte die dreifache 
Gestalt geben. Wir haben diesen TQijiXdoiov fieov aus der phalli sehen 
Symbolik übernommen, deren Ursprünglichkeit wohl unbestritten 
sein mag 2 ). Das männliche Genitale ist die Grundlage dieser Dreiheit. 
Es ist eine anatomische Tatsache, daß der eine Testikel meist etwas 
höher steht als der andere, und es ist ferner ein uralter, aber stets noch 
lebendiger Aberglaube, daß der eine Testikel Knaben und der andre 
Mädchen zeuge 3 ). An diese Auffassung scheint eine spätbabylonische 
Gemme aus der Sammlung Lajards 4 ) anzuklingen: In der Mitte des 
Budes steht ein androgyner Gott (männliches und weibliches Gesicht 5 ). 
Auf der rechten, männlichen Seite befindet sich eine Schlange mit 
einem Sonnenhalo um den Kopf, auf der linken, weiblichen Seite be- 



Zu solchem Baum der Geist, herabgesunken, 
In seiner Ohnmacht grämt sich, wahnbefangen; 
Doch wenn er ehrt und schaut des andern Allmacht 
Und Majestät, dann weicht von ihm sein Kummer. — 

Aus dem die Hymnen, Opferwerk, Gelübde, 
Vergangnes, Künftiges, Vedalehren stammen, 
Der hat als Zaubrer diese Welt geschaffen, 
In der der andre ist verstrickt durch Blendwerk. 

*) Unter den den Menschen zusammensetzenden Elementen wird in der 
Mithrasliturgie besonders das Feuer als das Göttliche hervorgehoben und be- 
zeichnet als rö eis £ju))v KQäOiv dsoödiQijrov Dietrich, 1. c, S. 58. 

2 ) Es genügt, auf das liebevolle Interesse hinzuweisen, das der Mensch 
und sogar der Gott des Alten Testamentes für die Beschaffenheit des Penis haben, 
und wie viel dort davon abhängt. 

3 ) Die Testikel gelten gern für Zwillinge. Daher heißen vulgär die Hoden 
es Siamois. (Anthropophyteia VII, S. 20. Zitiert bei Stekel: Sprache des 
Traumes, S. 169.) 

*) Recherches sur le eulte etc. de Venus, Paris 1837. Zitiert bei In man: 
Ancient pagan and modern Christian Symbolism. New- York, S. 4. 

6 ) Das androgyne Element ist in den Gesichtern von Adonis, Christus, 
Dionysus und Mithras nicht zu verkennen. Anspielung auf die Bisexualität der 
Libido. Das glattrasierte Gesicht und die Weiberklcider der katholischen Priester 
enthalten einen sehr alten, femininen Einschlag aus dem Attis-Kybele-Kult. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 247 

findet sieh ebenfalls eine Schlange, mit dem Mond über dem Kopfe. 
Über dem Kopfe des Gottes sind drei Sterne. Dieses Ensemble dürfte 
die Trinität 1 ) der Darstellung sichern. Die Sonnenschlange rechts ist 
männlich, die Schlange links (durch den Mond) weiblich. Dieses Bild 
besitzt nun ein symbolisches Sexualsuffix, das die Sexualbedeutung 
des Ganzen aufdringlieh macht; auf der männlichen Seite befindet 
sich eine Raute, ein beliebtes Symbol des weiblichen Genitales, auf 
der weiblichen Seite befindet sich ein Rad ohne Felgen. Ein Rad weist 
immer auf die Sonne, die Speichen sind aber am Ende kolbig verdickt, 
was auf phallische Symbolik hinweist; es seh eint ein phallisches Rad 
zu sein, wie es der Antike nicht unbekannt war. Es gibt obszöne Gemmen, 
wo Amor ein Rad aus lauter Phalli dreht 2 ). Was die phallisehe Be- 
deutung der Sonne betrifft, so weist hier nicht nur die Sehlange darauf 
hin; ich zitiere aus der Fülle der Belege bloß einen besonders auf- 
dringlichen Fall: In der Antikensammlung von Verona habe ich eine 
spätrömische mystische Inschrift gefunden, in der sich folgende Dar- 
stellung findet 3 ) : 



\l/ 






Diese Symbolik liest sieh sehr einfach: Sonne-Phallus, Mond- 
Vagina (Uterus). Bestätigt wird diese Deutung durch ein anderes 
Monument derselben Sammlung. Dort findet sich die gleiche Dar- 
stellung, nur ist das Gefäß 4 ) ersetzt durch die Gestalt eines Weibes. 

*) Stekel (Sprache des Traumes) hat vielfach die Trias als phallisehes 
Symbol angemerkt, z. B. S. 27. 

2 ) Sonnenstrahlen = Phalli. 

») Die Abbildung stammt nicht von einer Photographie, sondern bloß von 
einer Bleistiftskizze des Verfassers. 

*) In einer Bakairimythe kommt ein Weib vor, das aus einem Mais mörser 
entstanden ist. In einer Zulumythe heißt es: Eine Frau soll einen Blutstropfen 
in einem Topfe auffangen, dann den Topf verschließen, für 8 Monate beiseite 
stellen und im 9. wieder öffnen. Sie folgt dem Rate, öffnet im 9. Monat den Topf 
und findet ein Kind darin. (Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes, I 
S. 237.) 



248 C. G. Jung. 

Tn ähnlicher Weise sind wohl auch die Münzdarstellungen auf- 
zufassen, wo sicli in der Mitte eine Palme von einer Schlange um- 
wunden findet, flankiert von 2 Steinen (Testikel), oder in der Mitte 
ein Stein umwunden von einer Schlange, rechts eine Palme und links 
eine Muschel (= weibliches Genitale 1 ). Bei Lajard (Ptecherch. s. 1. 
culte de Venus) findet sich eine Münze von Pcrga, wo die Artemis 
von Perga durch einen konischen (phallischen) Stein dargestellt ist, 
flankiert von einem Mann (angeblieh Men) und' einer weiblichen Figur 
(angeblich Artemis). Auf einem attischen Basrelief findet sich Men 
(der sogenannte Lunus) mit einem sogenannten Speer (einem Seepter 
von phallischer Grundbedeutung) flankiert von Pan mit einer Keule 
(Phallus) und einer weiblichen Figur 2 ). Die traditionelle Darstellung 
des Kruzifixus flankiert von Johannes und Maria schließt sich eng an 
diesen Vorstellungskreis an, ebensowohl wie der Kruzifixus mit den 
Schachern. Wir sehen daraus, wie neben der Sonne immer wieder der 
noch viel ursprünglichere Vergleich der Libido mit dem Phallischen 
auftaucht. Eine besondere Spur verdient hier noch aufgezeigt zu werden. 
Der den Mithras vertretende Dadophor Cautopates wird auch mit 
Hahn s ) und Pinienapfel dargestellt. Diese aber sind die Attribute des 
phrygischen Gottes Men, dessen Kult eine große Verbreitung hatte. 
Men wurde mit dem Pileus 4 ), Pinienzapfen, und Hahn dargestellt, 
ebenfalls in der Gestalt eines Knaben, wie auch die Dadophoren 
knabenhafte Figuren sind. (Diese letztere Eigenschaft nähert sie mit 
Men den Kabiren an.) Nun hat Men ganz nahe Beziehungen zu Attis, 
dem Sohn und Geliebten der Kybele. In der römischen Kaiserzeit 
wurden Men und Attis ganz verschmolzen. Wie oben schon angemerkt 
wurde, trägt auch Attis den Pileus, wie Men, Mithras und die Dado- 
phoren. Als Sohn und Geliebter seiner Mutter führt er uns wieder 
zur Quelle dieser religionsbildenden Libido, nämlich zum Mutterinzest. 
Der Inzest führt logischerweise zur sakralen Kastration im Attis- 
Kybele-Kultus, indem auch der Heros sich, von seiner Mutter rasend 
gemacht, selbst verstümmelt 5 ). Ich muß es mir versagen, an dieser 

*) Inman: 1. c, S. 10, PI. IX. 

2 ) Röscher: Lex. Sp. 2733/4 siehe s. Men. 

3 ) Ein wohl bekanntes Sonnentier. Als phallisches Symbol häufig. 
*) Wie Mithras und die Dadophoren. 

B ) Die Kastration im Dienste der Mutter beleuchtet in ganz besonderer 
Weise Exod. 4, 25: „Da nahm Zipporah einen Stein, und beschnitt ihrem Sohn 
die Vorhaut und rührte ihm seine Füße an und sprach: ,,Du bist mir ein Blut- 
bräutigam." Diese Stehe zeigt, was die Beschneidung bedeutet. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 249 

Stelle tiefer zu gehen, da ich das Inzestproblem erst am Schlüsse be- 
sprechen möchte. Der Hinweis genüge, daß die Analyse dieser Libido- 
symbolik von verschiedenen Seiten her immer wieder zum Mutter- 
inzest führt. Wir dürfen daher vermuten, die Sehnsucht der zum Gott 
erhobenen (ins Unbewußte verdrängten) Libido ist eine ursprünglich sog. 
inzestuöse, die der Mutter gilt. Durch den Verzicht auf die Männlichkeit 
der ersten Geliebten gegenüber tritt das feminine Element mächtig 
hervor, daher jener stark androgyne Charakter der sterbenden und 
auferstehenden Gottheilande. Daß diese Heroen fast immer "Wanderer 
sind 1 ), ist ein psychologisch klarer Symbolismus: Das Wandern ist ein 
Bild der Sehnsucht 2 ), des nie rastenden Verlangens, das nirgends sein 
Objekt findet, denn es sucht die verlorene Mutter, ohne es zu wissen. 
Über das Wandern ist der Sonnenvergleich auch imter diesem Aspekt 
leicht verständlich, daher die Helden auch immer der wandernden 
Sonne ähnlich sind, woraus man sich zum Schlüsse berechtigt glaubt, 
der Mythus des Helden sei ein Sonnenmythus. Der Mythus vom Helden 
aber ist, wie uns scheinen will, der Mythus unseres eigenen leidenden 
Unbewußten, das jene ungestillte und selten stillbare Sehnsucht nach 
allen tiefsten Quellen seines eignen Seins, nach dem Leibe der Mutter, 
imd in ihm nach der Gemeinschaft mit dem unendlichen Leben in den 
unzähligen Formen des Daseins hat. Ich muß hier das Wort dem Meister 
lassen, der die tiefsten Wurzeln faustischer Sehnsucht geahnt hat: 

Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis. 

Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, 

Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit, 

Von ihnen sprechen ist Verlegenheit. 

Die Mütter sind es! 

Göttinnen, ungekannt 

Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt. 
Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen, 
Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen. 
Wohin der Weg? 

Kein Weg! Ins Unbetretene, 
Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene, 
Nicht zu Erbittende. Bist du bereit? 
Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben, 
Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben. 



*) Gilgamesh, Dionysos, Herakles, Christus, Mithras usw. 
2 ) Vgl. dazu Graf: R. Wagner im Fliegenden Holländer. Schriften zur 
angewandten Seelenkunde. 



250 CG. Jung. 

Hast du Begriff von öd und Einsamkeit? 



Und hättest du den Ozean durchschwömmen 

Das Grenzenlose dort geschaut, 

So sähst du dort doch Well' auf Welle kommen, 

Selbst wenn es dir vorm Untergange graut. 

Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne 

Gestillter Meere streichende Delphine; 

Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne; 

Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne, 

Den Schritt nicht hören, den du tust, 

Nichts Festes finden, wo du ruhst. 



Hier diesen Schlüssel nimm. 



Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, 
Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern. 

Versinke denn ! Ich könnt' auch sagen : steige ! 

S'ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen, 

In der Gebilde losgebundne Räume; 

Ergötze dich am längst nicht mehr Vorhandnen; 

Wie Wolkenzüge schlingt sieh das Getreibe, 

Den Schlüssel schwinge> halte sie vom Leibe. 

Ein glühnder Dreifuß 1 ) tut dir endlich kund, 
Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund. 
Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn; 
Die einen sitzen, andre stehn und gehn; 
Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung, 
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung. 
Umschwebt von Bildern aller Kreatur; 
Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur. 
Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß, 
Und gehe grad auf jenen Dreifuß los, 
Berühr ihn mit dem Schlüssel! 

V. 
Symbole der Mutter und der Wiedergeburt. 

Die der Schöpfung des Heros folgende Vision beschreibt Miller 
als „ein Gewimmel von Personen". Dieses Bild ist uns aus der Traum- 



x ) Ich habe oben, gelegentlich der Zosimosvision, angedeutet, daß der 
Altar den Uterus bedeute, entsprechend dem Taufbecken. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 251 

deutung zunächst als das Symbol des Geheimnisses 1 ) bekannt. Es 
scheint, daß die Rücksicht auf Darstellbarkeit (Freud) diese Symbol- 
wahl bedingt: Der Träger des Geheimnisses der Menge der Nicht- 
wissenden gegenübergestellt. Der Besitz an Geheimnissen trennt 
von der Gemeinschaft der übrigen Menschen. Da für den Libido- 
haushalt der möglichst reibungslose und vollständige Rapport 
mit der Umgebung von großer Bedeutung ist, so pflegt der Besitz an 
subjektiv wichtigen Geheimnissen sehr störend zu wirken. 
Man kann sagen, daß sich die ganze Lebenskunst auf das eine Problem 
einschränkt, wie man Libido auf möglichst unschädliche Weise los wird. 
Es ist daher für den Neurotiker in der Behandlung eine ganz besondere 
Wohltat, wenn er sich endlich seiner verschiedenen Geheimnisse ent- 
ledigen kann. Das Symbol der Volksmenge, vorzugsweise der strömenden 
und sich bewegenden Menge ist, wie ich öfter gesehen habe, auch für 
die große Bewegung des Unbewußten gesetzt, gern bei Personen, die 
nach außen stilles Wasser sind. 

Die Vision des Gewimmels entwickelt sich weiter: es treten 
Pferde auf, eine Schlacht wird geschlagen. 

Ich möchte die Bedeutung dieser Visionen mit Silber er zunächst 
als zur „funktionalen Kategorie" gehörig erkennen, indem der Grund- 
gedanke des durcheinanderströmenden Gewimmels nichts als ein Symbol 
für die nunmehr anstürmende Gedankenmasse ist, ebenso die Schlacht 
und eventuell die Pferde, welche die Bewegung veranschaulichen. 
Die tiefere Bedeutung des Auftretens von Pferden wird sich erst im 
weiteren Verlauf unserer Behandlung der Muttersymbole ergeben. 
Bestimmteren und auch inhaltlich bedeutenderen Charakter hat die 
folgende Vision: Miß Miller sieht eine ,,Cite de reve", eine Stadt der 
Träume. Das Bild ist so, wie sie es kurz zuvor auf dem Einband eines 
„Magazines" gesehen hatte. Leider erfahren wir nichts weiteres darüber. 
Man darf sich wohl ruhig unter dieser ,,Cite de reve" einen erfüllten 
Wunsch träum vorstellen, nämlich etwas recht Schönes und Ersehntes, 
eine Art von himmlischem Jerusalem, wie es sich der Apokalyptiker 
geträumt hat. 

Die Stadt ist ein mütterliches Symbol, ein Weib, das die 
Bewohner wie Kinder in sich hegt. Es ist daher verständlich, daß die 
beiden Muttergöttinnen, Rhea und Kybele, beide die Mauerkrone 
tragen. Das Alte Testament behandelt die Städte Jerusalem, Babel 
usw. wie Weiber. Jesaja (47, 1 ff.) ruft aus: 

l ) Freud: Die Traumdeutung. 



252 C. G. Jung. 

„Herunter Jungfrau, du Tochter Babel, setze dich in den Staub, setze 
dich auf die Erde; denn die Tochter der Cbaldäer hat keinen Stuhl 
mehr. Alan wird dich nicht mehr nennen: du Zarte und Üppige. 

Nimm die Mühle und mahle Mehl; flicht deine Zöpfe aus, hebe die Schleppe, 
entblöße den Schenkel, wate durchs Wasser, 

Daß deine Blöße aufgedeckt und deine Schande gesehen werde. — 

Setze dich in die Stille, gehe in die Finsternis, du Tochter der Chaldäer; 
denn du sollst nicht mehr heißen: Frau über Königreiche." 

Jeremia (50, 12) sagt von Babel: 

„Eure Mutter steht mit großen Schanden, und die euch geboren hat, 
ist zum Spott worden." 

Feste, nie bezwungene Städte sind Jungfrauen; Kolonien sind 
Söhne und Töchter einer Mutter. Städte sind auch Huren: Jesaja 
sagt von Tyros (23, 16) : 

„Nimm die Harfe, gehe in der Stadt um, du vergessene Hure" 
und 

„Wie geht das zu, daß die fromme Stadt zur Hure worden ist?" 

Einer ähnlichen Symbolik begegnen wir im Mythus des Ogyges, 
dem vorzeitlichen König, der im ägyptischen Theben herrschte und 
dessen Frau entsprechenderweise Thebe hieß. Das von Kadmus ge- 
gründete böotische Theben erhielt daher den Beinamen: „ogygisch". 
Diesen Beinamen führt auch die große Flut, die die „ogygische" 
heißt, weil sie unter Ogyges kam. Dieses Zusammentreffen wird sich 
unten als wohl kaum zufällig herausstellen. Die Tatsache, daß Stadt 
und Frau des Ogyges denselben Namen führen, weist darauf hin, daß 
irgend eine Beziehung zwischen der Stadt und der Frau existieren 
muß, was unschwer einzusehen ist, indem die Stadt eben einfach 
identisch ist mit dem Weibe. Einer ähnlichen Vorstellung begegnen 
wir im Indischen, wo Indra als Gemahl der Urvarä, gilt, Urvarä aber 
heißt das „fruchtbare Land". Ebenso wird die Besitzergreifung eines 
Landes durch den König als Vermählung mit der Ackererde aufgefaßt. 
Ähnliche Vorstellungen müssen auch in Europa geherrscht haben. 
Die Fürsten hatten bei ihrem Begierungsantritt etwa eine gute Ernte 
zu garantieren. Der schwedische König Domaldi wurde wegen Mißratens 
der Ernte sogar getötet (Ynglingasage 18). In der Bämasage vermählt 
sich der Held Kama mit Sita, der Ackerfurche 1 ). In den gleichen Vor- 



*) Ich verdanke die Nachweise von Indra und Urvarä, Domaldi und Räma 
Herrn Dr. Ab egg in Zürich. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 253 

Stellungskreis gehört die chinesische Sitte, daß der Kaiser beim 
Regierungsantritt zu pflügen hat. Diese Idee, daß der Boden weiblich 
sei, schließt auch den Gedanken in sich vom beständigen Zusammensein 
mit demWeibe, einem körperlichen Ineinanderleben. Shiva,der phallische 
Gott ist als Mahadeva und Parwati männlich und weiblich; er hat 
seiner Gemahlin Parwati sogar die eine Hälfte seines Körpers zur 
Wohnimg eingeräumt 1 ). Jnman 2 ) bringt die Zeichnung eines Punditen 
von Ardanari-Iswara : Die eine Hälfte des Gottes ist männlich, die 
andere weiblich und die Genitalien sind in beständiger Koha- 
bitation. Das Motiv der beständigen Kohabitation findet sich 
auch ausgedrückt in dem bekannten Lingamsvmbol, das überall in 
indischen Tempeln zu finden ist: Die Basis ist ein weibliches Symbol 
und drin steht der Phallus 3 ). Dieses Symbol kommt den griechischen, 
mystischen Phalluskörben und -kisten sehr nahe. (Vergleiche dazu 
unten die Eleusinischen Mysterien.) Die Kiste oder Lade ist hier weib- 
liches Symbol, nämlich der Mutterleib, was den älteren Mythologen 
eine ganz bekannte Auffassung war 4 ). Die Kiste, das Faß oder Körbchen 
mit dem kostbaren Inhalt wird gern als auf dem Wasser schwimmend 
gedacht, in einer bemerkenswerten Umkehrung der natürlichen Tat- 
sache, daß das Kind im Fruchtwasser schwimmt und dieses sich im 
Uterus befindet. Durch diese Umkehrung aber wird ein großer Subli- 
mierungsvoiteil erzielt, indem eine ungeheure Anwendungsmöglichkeit 
für die mythenspinnende Phantasie dadurch geschaffen wird, nämlich 
der Anschluß an den Sonnenlauf. Die Sonne schwimmt über das 
Meer als der unsterbliche Gott, der jeden Abend in das mütterliche 
Meer untertaucht und am Morgen wieder erneuert geboren wird. 

x ) Auch das christliehe Mittelalter dachte sieb die Trinität als im Leibe 
der hl. Jungfrau wohnend. 

2 ) Symbolisni. Plate VII. 

3 ) Eine andere Form desselben Motivs ist die persische Anschauung vom 
Lebensbaume, der im Regensee Vourukasha steht. Die Samen dieses Baumes 
werden dem Wasser beigemischt und dadurch wird die Fruchtbarkeit der Erde 
unterhalten. Vendidäd 5, 57 ff. heißt es: Die Gewässer fließen „zum See Vouru- 
kasha, hin zu dem Baum Hväpa, dort wachsen meine Bäume alle, von allen 
Gattungen, diese lasse ich dort herabregnen als Speise für den reinen Mann, als 
Weide für die wohlgeschaffene Kuh. (Befruchtung auf vorsexuellcr Stufe aus- 
gedrückt!) Ein weiterer Lebensbaum ist der weiße Haoma, der in der Quelle 
Ardvicüra, dem Lebenswasser, wächst. Spiegel: Erän. Altertumskunde, I 
4G5, 467. 

4 ) Schöne Nachweise hierfür bringt die Schrift Ranks: D. Myth. v. d. 
Geburt des Helden. 



254 



C. G. Jung. 



Frobenius (Das Zeitalter dos Sonnengottes, S. 30) sagt: 

,, Tritt nun für den blutigen Sonnenaufgang etwa die Anschauung 
auf. daß liier eine Geburt stattfindet, die Geburt der jungen Sonne, so 
schließt sich hieran unbedingt die Frage, woher denn die Vaterschaft komme, 
wie dies Weib zu der Schwangerschaft gelangt sei. Und da nun dies Weib 
dasselbe symbolisiert wie der Fisch, nämlich das 'Meer (indem wir von 
einer Annahme ausgehen, daß die Sonne sowohl im Meer untergeht als 
aus dem Meer emporsteigt), so ist die urmerkwürdige Antwort, daß dies 
Meer ja vordem die alte Sonne verschluckt habe. Es bildet sich demnach 
die Konsequenz mythe, da das Weib „Meer" vordem die Sonne verschluckt 
hat und jetzt eine neue Sonne zur Welt bringt, so ist sie offenbar schwanger 
geworden." 

Alle diese meerbefahrenden Götter sind Sonnensymbole. Sie sind 
für die „Nachtmeer fahrt" (Frobenius) in ein Kästchen oder in eine 
Arche eingeschlossen, öfter mit einem Weibe zusammen (wiederum 
in Umkehrung des tatsächlichen Verhältnisses, aber in Anlehnung 
an das Motiv der beständigen Kohabitation, dem wir oben begegnet 
sind). Während der Nachtmeerfahrt ist der Sonnengott im Mutter- 
leibe eingeschlossen, öfter von allerhand Gefahren bedroht. 

Statt vieler Einzelbeispiele begnüge ich mich, das Schema, das 
Frobenius (1. c.) für zahllose Mythen dieser Art konstruiert hat, 
hier wiederzugeben:' 

i Hitze -Haar 
Ost, J Ausschlüpfen 
/f | Öffne» 
v Landen 

Tt) 



West 




Regung - (MeertdV j. 






^ 



*<?*. 



v x 



% 



%.. 



Frobenius gibt dazu folgende Legende: 



„Ein Held wird von einem Wasserungetüm im Westen verschlungen 
(..verschlingen'). Das Tier fährt mit ihm nach Osten (,Meerfahrt £ ). In- 
zwischen entzündet er in dem Bauche ein Feuer (.Feuerentzünden') und 
schneidet sich, da er Hunger verspürt, ein Stück des herabhängenden 
Herzens ab (,Herzabschneiden'). Bald darauf merkt er, daß der Fisch 
auf das Trockene gleitet (,Landen'); er beginnt sofort das Tier von innen 
heraus aufzuschneiden (, Öffnen'); dann schlüpft er heraus (, Ausschlüpfen'). 



Wandlungen und Symbole der Libido. 255 

In dem Bauche des Fisches ist es so heiß gewesen, daß ihm alle Haare aus- 
gefallen sind (,Hitze', ,Haar'). — Vielfach befreit der Held noch gleich- 
zeitig alle, die vorher verschlungen wurden (, Allverschlingen') und die 
nun alle auch ausschlüpfen (, Allausschlüpfen')." 

Eine sehr naheliegende Parallele ist Noahs Fahrt auf der Sint- 
flut, in der alles Lebende stirbt, nur er und das von ihm bewahrte 
Leben werden einer neuen Geburt der Schöpf nng entgegengeführt. 
In einer melapolynesischen Sage (Frobenius 1. c. S. 61) heißt es, 
daß der Held im Bauche des Kombili (Königsfisch) seinen Obsidian 
nimmt und dem Fisch den Bauch aufschneidet. ,,Er schlüpfte hinaus, 
und sah einen Glanz. Und er setzte sich nieder und überlegte: Jcli 
wundere mich, wo ich bin?' sagte er. Da stieg die Sonne mit 
einem Ruck empor und warf sich von einer Seite zur andern." Die 
Sonne ist wieder ausgeschlüpft. Frobenius (S. 173 f .) erwähnt aus 
dem Ramayana die Mythe des Affen Hanumant, der den Sonnenhelden 
repräsentiert: „Die Sonne, in welcher Hanumant durch die Luft eilt, 
wirft einen Schatten auf das Meer; ein Meerungeheuer bemerkt den- 
selben und zieht durch ihn Hanumant an sich. Als dieser sieht, daß das 
Ungeheuer ihn verschlucken will, dehnt er seine Gestalt ganz 
maßlos aus; das Ungeheuer nimmt dieselben gigantischen Propor- 
tionen an. Als es das tut, wird Hanumant so klein wie ein Daumen, 
schlüpft in den großen Leib des Ungeheuers hinein und kommt auf 
der andern Seite wieder hinaus." An einer andern Stelle des Gedichtes 
heißt es, er sei zum rechten Ohre des Ungeheuers wieder heraus- 
gekommen. (Wie Rabelais' Gargantua, der auch aus dem Ohr der 
Mutter geboren wurde.) „Hanumant nimmt darauf seinen Flug wieder 
auf und findet ein neues Hindernis in einem andern Meerungeheuer, 
das ist die Mutter Rahus (des sonnenverschlingenden Dämons). 
Diese zieht ebenfalls den Schatten 1 ) Hanumants an sich ; dieser airnmt 
wieder zu der früheren Kriegslist seine Zuflucht, wird klein und schlüpft 
in ihren Leib hinein, doch kaum ist er darin, so wächst er zum riesigen 
Klumpen an, schwillt auf, zerreißt sie, tötet sie und macht sich davon." 

So verstehen wir, daß der indische Feuerholer Mataricvan „der 
in der Mutter Schwellende" heißt. Die Arche (Kästchen, Lade, Faß, 
Schiff usw.) ist ein Symbol des Mutterleibes, ebenso wie das Meer,. 
in das die Sonne zur Wiedergeburt versinkt. 



*) Schatten = wohl Seele, deren Natur gleich der Libido ist. Vgl. dazu 
I. Teil. 



256 C. G. Jung. 

Aus diesem Vorstellungskreis heraus verstehen wir die mytho- 
logischen Aussagen über Ogyges: Er ist der, der die Mutter, die Stadt, 
besitzt, der also mit der Mutter vereinigt ist, daher auch unter ihm die 
große Flut kam, indem es ein typisches Stück im Sonnenmythus ist, 
daß der Held, wenn vereinigt mit der schwererreichbaren Frau, in einem 
Faß und dergl. ins Meer ausgesetzt wird und dann an einem fernen 
Gestade zu neuem Leben landet. Das Mittelstück, die „Nachtmeer- 
fahrt" in der Arche, fehlt in der Tradition über Ogyges 1 ). Es ist aber 
die Regel in der Mythologie, daß die einzelnen typischen Stücke eines 
Mythus in allen erdenklichen Variationen aneinander gefügt sein 
können, was die Deutung des einzelnen Mythus ohne Kenntnis aller 
anderen außerordentlich erschwert. Der Sinn des hier angeregten Mythen- 
kreises ist klar: es ist die Sehnsucht, durch die Rückkehr in den 
Mutterleib die Wiedergeburt zu erlangen, d. h. unsterblich 
zu weiden wie die Sonne. 

Diese Sehnsucht nach der Mutter drückt sich in unseren heiligen 
Schriften reichlich aus 2 ). Ich erinnere zunächst an die Stelle im Galater- 
brief, wo es heißt (4, 26 ff.): 

„Das obere Jerusalem aber ist frei (eine Freie, keine Sklavin), 
das ist unsere Mutter. Denn es steht geschrieben: Freue dich, du 
Unfruchtbare, die nicht gebiert, brich in Jubel aus, die nicht kreißt; denn 

*) Ich muß aber erwähnen, daß Nork (Realwörterbuch sub Theben und 
Schiff) aus zum Teil sehr anfechtbaren Gründen dafür plaidiert, daß Theben 
die ,, Schiff stadt" sei. Ich hebe aus seinen Gründen eine Stelle aus Diodor (1, 57) 
hervor, wonach Sesostris (den Nork mit Xisuthros in Beziehung setzt) dem 
höchsten Gott in Theben ein Schiff von 280 Ellen Länge geweiht habe. Im 
Gespräch des Lucius (Apulejus: Metam. hb. II, 28.) wird die Nachtmeerfahrt 
als erotische Redefigur gebraucht: ,,Hac enim sitarchia navigium Vener is 
indiget sola, ut in nocte pervigili et oleo lucerna et vino calix abundet." Die 
Vereinigung des Coitusmotivs mit dem Schwangerschaftsmotiv findet sich in 
der ,, Nachtmeerfahrt" des Osiris, der im Mutterleibe seine Schwester begattet. 

2 ) Psychologisch sehr beweisend ist die Art und Weise, wie Jesus seine 
Mutter behandelt, wie er sie barsch von sich weist: um so sicherer und um so 
stärker wird che Sehnsucht nach ihrer Imago in seinem Unbewußten wachsen. Es 
ist wohl kein Zufall, daß der Name Maria ihn durch sein Leben begleitet. Vergl. 
den Ausspruch Matth. 10, 35 f. : „Ich bin gekommen, zu entzweien, einen Menschen 
mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter. — Wer Vater und Mutter mein' 
l'iebt denn mich, ist mein nicht wert." Diese direkt feindselige Absicht, die an 
che legendäre Rolle des Bertran de Born erinnert, richtet sich gegen die inzes- 
tuösen Bindungen und zwingt die Menschen, ihre Libido auf den sterbenden, 
in che Mutter eingehenden und auferstehenden Heiland, den Heros Christof zu 
übersetzen. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 257 

die Einsame hat viele Kinder, mehr als die, die einen Mann hat. Ihr aber, 
Brüder, seid nach Isaak Kinder der Verheißung. Aber wie damals der 
nach dem Fleisch Gezeugte den nach dem Geist Gezeugten verfolgte, so 
auch jetzt. Aber was sagt die Schrift? Wirf die Magd hinaus und ihren Sohn, 
denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohne der Freien. Also, 
Brüder, sind wir nicht der Magd Kinder, sondern der Freien. Für die Freiheit 
hat uns Christus befreit." 

Die Christen sind die Kinder der oberen Stadt, eines Symbols 
der Mutter, nicht Söhne der irdischen Stadt-Mutter, die man hinaus- 
werfen soll,, denn der fleischlich Gezeugte ist im Gegensatz zu dem geistig 
Gezeugten, welcher nicht aus der fleischlichen Mutter, sondern aus 
einem Symbol für die Mutter geboren ist. Man muß hier wiederum 
an die Indianer denken, die den ersten Menschen aus einem Schwert- 
griff und einem Weberschiffchen hervorgehen lassen. Das religiöse Denken 
ist verbunden mit dem Zwang, die Mutter nicht mehr Mutter zu 
nennen, sondern Stadt, Quelle, Meer usw. Dieser Zwang kann nur aus 
dem Bedürfnis stammen, eine mit der Mutter verbundene Libido- 
menge zu betätigen, doch so, daß die Mutter dabei durch ein Symbol 
vertreten respektive versteckt sei. Die Symbolik der Stadt finden 
wir wohl entwickelt in der Apokalypse des Johannes, wo zwei Städte 
eine große Rolle spielen, die eine von ihm beschimpft und verflucht, 
die andre ersehnt. Wir lesen Apokal. 17, 1 ff. : 

„Komm, ich zeige dir das Gericht über die große Buhlerin, die an den 
großen Wassern saß, mit der die Könige der Erde Unzucht getrieben, und 
wurden trunken die Bewohner der Erde vom Wein ihrer Unzucht; und er 
trug mich in eine W 7 üste im Geiste. Und ich sah ein AYeib sitzen auf einem 
scharlachnen Tiere, voll Xamen der Lästerung mit sieben Köpfen und zehn 
Hörnern. Und das Weib war in Purpur und Scharlach gekleidet, und ver- 
goldet mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldnen 
Becher 1 ) in der Hand voll Greuel und Unsauberkeit ihrer Unzucht; und 
auf ihrer Stirn war ein Xame geschrieben, im Geheimniß: Babylon die 
große, die Mutter der Buhlerinnen und der Greuel der Erde. Und ich sah 
das Weib trunken vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu, 
und sah hin und wunderte mich groß, da ich sie sah." 

Es folgt hier eine uns unverständliche Deutung des Gesichts, aus 
der wir nur hervorheben wollen, daß die 7 Köpfe 2 ) des Drachen sieben 



J ) Genitale. 

2 ) Die Hörner des Drachen erhalten folgende Attribute: „Sie werden vorn 

Fleisch des Weibes zehren und sie mit Feuer verbrennen." Das Hörn, 

ein phallisches Emblem, ist im Einhorn das Symbol des Heiligen Geistes (Logos). 

Das Einhorn wird vom Erzengel Gabriel gehetzt und in den Schoß der Jungfrau 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 1 ' 



258 C. G. Jung. 

Berge bedeuten, auf denen das Weib sitzt. Es dürfte sieh hier um eine 
deutliche Beziehung auf Eo m handeln, also auf die Stadt, deren irdische 
Macht die Welt in der Zeit des Apokalyptikers bedrückte. Die Wasser, 
auf denen das Weib, die ,, Mutter", sitzt, sind „Völker und Massen 
und Nationen und Sprachen", auch das scheint Rom zu gelten, denn 
es ist die Mutter der Völker und besitzt alle Länder. Wie in der Sprache 
z. B. Kolonien „Töchter" heißen, so sind die Rom unterworfenen 
Völker wie Glieder einer der Mutter unterworfenen Familie: In einer 
andern Version des Bildes treiben dieKönige der Völker, also die „Väter", 
mit dieser Mutter Unzucht. Die Apokalypse fährt fort (18, 2 ff.): 

„Gefallen, gefallen ist die große Babylon und ward eine Behausung 
für Dämonen und ein Gefängnis aller imreinen Geister und Gefängnis aller 
imreinen und verhaßten Vögel, denn aus dem Zornwein ihrer Unzucht 
haben alle Nationen getrunken." 

So wird diese Mutter nicht nur Mutter aller Greuel, sondern auch 
eigentlich das Behältnis alles Bösen und Unreinen. Die Vögel sind 
Seelenbilder 1 ), gemeint sind also alle Seelen der Verdammten und 
bösen Geister. So wird die Mutter zur Hekate, zur Unterwelt, zur Stadt 
der Verdammten selber. Wir erkennen in dem urtümlichen Bilde des 
Weibes auf dem Drachen 2 ) unschwer das oben erwähnte Bild der 
Eehidna, der Mutter aller höllischen Schrecken. Die Babylon ist das 
Bild der „furchtbaren" Mutter, die mit teuflischer Versuch img alle 
Völker zur Hurerei verfuhrt und mit ihrem Weine trunken macht. 
Der Eauschtrank steht hier in nächster Beziehung zur Unzucht, denn 
er ist ebenfalls ein Libidosymbol, wie wir bereits bei der Parallele von 
Feuer und Sonne gesehen haben. 

gejagt, womit die Conceptio iimnaculata sinngemäß angedeutet wird. Die Hörner 
sind aber auch Sonnenstrahlen, daher die Sonnengötter öfter gehörnt sind. Der 
Sonnenphallus ist das Vorbild des Hornes (Sonnenrad und Phallusrad), daher 
Hörn Symbol der Macht. Hier „verbrennen" die Hörner „mit Feuer" und ver- 
zehren das Fleisch; man erkennt darin ein Bild der Höllenpein, wo die Seelen 
durch das Feuer der Libido (ungestillte Sehnsucht) „gebrannt" werden. Die 
Buhlerin soll also von ungestillter Sehnsucht (Libido) „verzehrt "oder „verbrannt" 
werden. Prometheus erleidet ein ähnliches Schicksal, indem der Sonncn-(Libido-) 
Vogel seine Eingeweide frißt; man könnte auch sagen, er sei vom „Hörn" durch- 
stoßen. Ich ziele auf die phallische Bedeutung des Speeres. 

a ) In der babylonischen Unterwelt z. B. tragen die Seelen ein Flügelkleid 
wie die Vögel. Siehe Gilgameshepos. 

2 ) In einem Brüggener Evangelienbuch des 14. Jahrhunderts findet sich 
eine Miniature, wo das „Weib" lieblich wie die Gottesmutter zum halben 
Leibe in einem Drachen drin steht. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 259 

Nach dem Fall und der Verfluchung der Babylon finden wir 
Apokal. 19, 6 ff. den Hymnus, der uns überleitet von der unteren 
zur oberen Mutterhälfte, wo nun alles möglich werden soll, was ohne 
Verdrängung des Inzestuösen unmöglich wäre: 

„Alleluja, denn der Herr, unser Gott, der Allbeherrscher, ist König 
geworden. Freuen wir uns und jauchzen wir und bringen ihm Preis: denn 
es ist gekommen die Hochzeit des Lammes 1 ), und seine Frau hat sich bereitet, 
und es ward ihr gegeben, sich anzutun mit strahlendem reinem Linnen; 



x ) Griechisch tö äQviov, Böckchen, Diminutiv des ungebräuchlichen 
äQijv = Widder. (Bei Theophrast kommt es in der Bedeutung von „junge 
Schößlinge" vor.) Das verwandte Wort ÜQvig bezeichnet ein in Argos alljährlich 
gefeiertes Fest zum Andenken an Linos, wobei der /Jvo$ genannte Klagegesang 
gesungen wurde zur Beklagung des von Hunden zerrissenen Linos, des neuge- 
borenen Knäbchens der Psamathe und des Apollo. Die Mutter hatte das Kind 
ausgesetzt aus Furcht vor ihrem Vater Krotopos. Aus Rache sandte aber Apollo 
einen Drachen, die Poine, in das Land des Krotopos. Das Orakel von Delphi 
gebot eine jährliche Klage der Frauen und Jungfrauen um den toten Linos. Auch 
Psamathe fiel ein Teil der Verehrung zu. Die Linosbeklagung ist, wie Herodot 
zeigt (II, 79), identisch mit dem phömkischen, kyprischen und ägyptischen 
Gebrauch der Adonis-(Tammuz-)Beklagung. In Ägypten heiße der Linos 
Maneros, wie Herodot bemerkt. Brugsch weist nach, daß Maneros von dem 
ägyptischen Klagerufe maa-n-chru: ,, komme auf den Ruf" herstamme. Die 
Poine hat die Eigentümlichkeit, daß sie allen Müttern die Kinder aus dem Leibe 
reißt. Dieses Ensemble von Motiven finden wir wieder in der Apokalypse 12, 1 f., 
wo von dem gebärenden Gestirnweib gehandelt wird, dessen Kind von einem 
Drachen bedroht ist, aber in den Himmel entrückt wird. Der Herodianische 
Kindermord ist eine Vermenschlichung dieses „urtümlichen" Bildes. Das Lamm 
bedeutet den Sohn. (Vgl. Brugsch: Die Adonisklage und das Linoslicd, Berlin, 
1852.) Dieterich (Abraxas, Studien zur Religionsgeschichte des späteren Alter- 
tums, 1801) verweist zur Erklärung dieses Passus auf den Mythus von Apollo und 
Python, den er (nach Hyginus) folgendermaßen wiedergibt: „Python, dem Sohne 
der Erde, dem großen Drachen, war geweissagt, daß der Sohn der Leto ihn töten 
würde. Leto war von Zeus schwanger: Hera bewirkt aber, daß sie nur da, wo die 
Sonne nicht scheine, gebären könne. Als Python aber merkt, daß Leto 
gebären wird, fängt er an sie zu verfolgen, um sie zu töten. Aber Boreas trägt 
die Leto zum Poseidon. Dieser bringt sie nach Ortygia und bedeckt die Insel 
mit den Wogen des Meeres. Als Python die Leto nicht findet, kehrt er zum Parnaß 
zurück. Auf der von Poseidon erhobenen Insel gebiert Leto. Am vierten Tage 
nach der Geburt nimmt Apollo Rache und tötet den Python. Die Geburt auf der 
verborgenen Insel gehört zum Motiv der „Nachtmeerfahrt". (S. Frobenius: 
1. c. passim.) Das Typische der „Inselphantasie" hat zum ersten Male Riklin 
(Dieses Jahrbuch, Bd. II, S. 216 ff.) richtig herausgefühlt. Eine hübsche 
Parallele dazu findet sich, zudem mit dem nötigen inzestuösen Phantasiematerial, 
in H. de Vere Stacpool: The blue lagoon. (Eine Parallele zu „Paul et Virginie".) 

17* 



260 C. G. Jung. 

denn das Linnen sind die Rechttaten der Heiligen. Und er spricht zu mir: 
schreibe: Selig sind, die berufen sind zur Hochzeit des Lammes." 

Das Lamm ist des Menschen Sohn, der mit der „Frau" Hochzeit 
feiert. Wer die „Frau" ist, bleibt zunächst dunkel. Apokal. 21, 9 ff., 
aber zeigt uns, welche „Frau" die Braut des Widders ist: 

„Komm, ich will dir zeigen die Braut, das Weib des Lammes 1 ), 
und er trug mich im Geiste auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir 
die heilige Stadt Jerusalem, herabkommend aus dem Himmel von Gott 
her, mit der Herrlichkeit Gottes." 

Aus dieser Stelle dürfte nach allem Vorangegangenen erhellen, 
daß die Stadt, die himmlische Braut, die hier dem Sohn verheißen 
wird, die Mutter ist 2 ). In Babylon wird, um mit dem Galaterbrief 
zw reden, die unreine Magd hinausgeworfen, um hier im himmlischen 
Jerusalem die Mutter-Braut um so sicherer zu erwerben. Es zeugt von 
feinster psychologischer Witterung, daß die Väter der Kirche, die den 
Kanon aufstellten, dieses Stück symbolistischer Deutung des Christus- 
mysteriums nicht verloren gehen ließen. Es ist eine kostbare Fundgrube 
für die dem Urchristentum unterliegenden Phantasien und Mythen- 
stoffe 3 ). Die ferneren Attribute, die auf das himmlische Jerusalem 

1 ) Apokal. 21, 2 f.: „Und die heilige Stadt, das neue Jerusalem sah ich 
herabkomnien aus dem Himmel von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann 
geschmückte Braut" usw. 

2 ) Die Sage von Saktideva in Somadeva Bhatta erzählt, daß der Held, 
nachdem er die Verschlingung durch einen ungeheuren Fisch (furchtbare Mutter) 
glücklich überstanden hat, endlich die goldene Stadt sieht und seine geliebte 
Prinzessin heiratet. (Frobenius: 1. c. S. 175.) 

3 ) In den apokryphen Akten des hl. Thomas (II. Jahrhundert) ist die 
Kirche als die jungfräuliche Muttergattin Christi aufgefaßt. In einer Anrufung 
des Apostels heißt es: 

Komm, heiliger Xame Christi, der du über allen Namen bist. 

Komm, Macht des Höchsten und größte Gnade. 

Komm, Spender des Segens, des höchsten. 

Komm, Mutter gnadenvolle. 

Komm, Ökonomie des Männlichen. 

Komm, Frau, die du die verborgenen Mysterien aufdeckst usw. 

In einer andern Anrufung heißt es: 
Komm, größte Gnade. 

Komm, Gattin (wörtlich Gemeinschaft) des Männlichen, 
Komm, Frau, die du weißt das Mysterium des Erwählten. 
Komm, Frau, die du die verborgenen Dinge zeigest. 
Und die unsagbaren Dingo offenbarest, heilige 
Taube, die du die Zwillingsnestvögel hervorbringst 
Komm, geheime Mutter" usw. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 261 

gehäuft wurden, machen seine Bedeutung als Mutter überwältigend 
klar 1 ): 

„Und er zeigte mir einen Strom von Lebenswasser glänzend wie 
Kristall hervorkommend aus dem Throne Gottes und des Lammes mitten 
in ihrer Gasse; hüben und drüben am Strom den Baum des Lebens 
zwölfmal fruchtbringend, jeden Monat seine Frucht gebend; und die Blätter 
des Baumes sind zur Heilung der Nationen. Und Gebanntes soll es 
nicht mehr geben 2 )." 

"Wir begegnen in diesem Stück dem Symbol des "Wassers, das 
wir bei der Erwähnung des Ogyges in Verbindung mit der Stadt fanden. 
Die mütterliche Bedeutung des Wassers gehört zu den klarsten Symbol- 
deutungen im Gebiete der Mythologie 3 ), so daß die Alten sagen konnten: 
fj ■&äXaooa — xrjg yereoscos ovfißolov. Aus dem Wasser kommt das 
Leben, 4 ) daher auch die beiden Götter, die uns hier am meisten interes- 
sieren, nämlich Christus und Mithras ; letzterer ist nach den Darstellungen 
neben einem Flusse geboren, Christus hat seine Neugeburt im Jordan er- 
fahren, zudem ist er geboren aus der Ilrjyrf'), dem sempiterni fons amoris, 
der Gottesmutter, welche heidnisch-christliche Legende zur Quellen- 
nymphe gemacht hat. Die „Quelle" findet sich auch im Mithriacismus : 
Eine pannonische Weihinschrift lautet: fonti perenni. Eine Inschrift 
von Apulum ist der ,,Fons Aeterni" geweiht. (Cumont: Text. etMon. 
I, 10G f.) Im Persischen ist Ardvic,üra die Quelle mit Lebenswasser. 
Ardvigüra-Anähita ist eine Wasser- und Liebesgöttin (wie Aphrodite 



F. C. Conybeare: Die jungfräuliche Kirche und die jungfräuliche Mutter. 
Archiv für Religionswissenschaft, IX, 77. 

Die Beziehung der Kirche zur Mutter ist ganz unzweifelhaft, ebenso die 
Auffassung der Mutter als Gattin. Die Jungfrau ist notwendigerweise zur Ver- 
deckung des Inzestes dazwischen gestellt. Die „Gemeinschaft des Männlichen" 
weist auf das Motiv der beständigen Kohabitation. Die „Zwillingsnestvögel" 
weisen auf die alte Legende, daß Jesus und Thomas Zwillinge gewesen seien. 
Es handelt sich offenbar um das Dioskurenmotiv, daher der ungläubige Thomas 
seinen Finger in die Seitenwunde legen muß, deren Sexualbedeutung Zinzen- 
dorf richtig gefühlt hat, als ein Symbol, das die androgyne Natur des Urwesens 
(der Libido) andeutet. Vgl. die persische Sage vom Zwillingsbaunie Meschia und 
Mechiane sowie das Dioskurenmotiv und das Kohabitationsmotiv. 

») Apok. 22, 1 ff. 

2 ) Kai Jtäp uarädeua ovu iorai in, es soll keine Verwünschung mehr sein. 

3 ) Vgl. dazu Freud: Traumdeutung. Ferner Abraham: Traum und 
Mythus, S. 22 f. 

4 ) Jes. 48, 1: ,, Höret das, ihr vom Hause Jakob, die ihr heißet mit Namen 
Israel und aus dem Wasser Judas geflossen seid." 

5 ) Wirth: Aus orientalischen Chroniken. 



262 C. G. Juug. 

die „Schaumgeborene" ist). Die neuen Perser bezeichnen mit Nähid 
den Planeten Venus und eine mannbare Jungfrau. (Spiegel, Erän. 
Altertiimsk. II, S. 54 ff.). 

In den Tempeln der Anaitis gab es prostituierte Hierodulen 
(Huren). Bei den Sakaeen (zu Ehren der Anaitis) gab es rituelle 
Prügeleien (Strabo XI), wie beim Feste des ägyptischen Ares und 
seiner Mutter. Der im Vourukashasee wohnende Gott „ein Befruchter" 
der Menschen, hieß Apanm Napat = „mit Frauen versehen". (Spiegel 
1. c. S. G2.) (Motiv der beständigen Kohabitation.) In den Vedas heißen 
die Gewässer mätritamäh = die mütterlichsten 1 ). Alles Lebendige 
steigt, wie die Sonne, aus dem Wasser und taucht am Abend hinunter 
in das Wasser. Aus den Quellen, den Flüssen und Seen geboren, ge- 
langt der Mensch im Tode an die Wasser des Styx, um die „Nacht- 
meerfahrt" anzutreten. Der Wunsch ist: jene schwarzen Wasser des 
Todes möchten Wasser des Lebens sein, der Tod mit seiner kalten 
Umarmung möchte der Mutterschoß sein, wie das Meer die Sonne 
zwar verschlingt, aber aus mütterlichem Schoß wieder gebärt (Jonas- 
motiv 2 ). Das Leben glaubt an keinen Tod: 

In Lebensfluten, in Tatensturm, 

Wall ich auf und ab, 

Wehe hin und her! 

Geburt und Grab, 

Ein ewiges Meer, 

Ein wechselnd Weben, 

Ein glühend Leben 

Daß das £vXov ^a>i]g, das Lebensholz oder der Lebensbaum, 
ein mütterliches Symbol ist, dürfte aus den obigen Erläuterungen 
hervorgehen. Der etymologische Zusammenhang von vco, vb], vlog in 
der idg. Wurzel sü. deutet die Sinnverschmelzung in der dahinter- 
liegenden Mutter- und Zeugungssymbolik an. Der Lebensbaum ist wohl 
zunächst ein fruchttragender Stammbaum, also ein Mutterbild. 
Zahlreiche Mythen belegen die Abstammung des Menschen von Bäumen, 



x ) Die griechische „Materia" ist vXr\, das auch Holz und Wald bezeichnet; 
es bedeutet eigentlich feucht von idg. Wurzel sü in vco: naß machen, regnen 
lassen, verög = Regen, ir. suth = Saft, Frucht, Geburt, sanskr. sürä — 
Branntwein, sutus = Schwangerschaft, süte, sügate = zeugen, sutas = 
Sohn, süras = Soma, vtög = Sohn (sanskr. sünüs, got. sunus.) 

2 ) Koi/LO]f.ia heißt Beischlaf, koijh?]T})qiov Schlaf gemach, daraus coeme- 
terium = Friedhof. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 263 

viele Mythen zeigen, wie der Heros im mütterlichen Baume einge- 
schlossen ist, so der tote Osiris in der Säule, Adonis in der Myrthe usw. 
Zahlreiche weibliche Gottheiten wurden als Bäume verehrt, daher der 
Kult der heiligen Haine und Bäume. Es ist von durchsichtiger Be- 
deutung, wenn sich Attis unter einer Fichte entmannt, d. h. er tut es 
wegen der Mutter. Mannigfach wurden Göttinnen unter dem Bilde 
deb° Baumes oder des Holzes verehrt. So war die Juno von Thespiae 
ein Baumast, die von Samos ein Brett, die von Argos eine Säule, die 
karische Diana ein unbehauenes Stück Holz, die Athene von Lindus 
eine geglättete Säule. Tertullian nennt die Ceres auf Pharos: rudis 
palus et informe lignum sine effigie. Athenäus bemerkt von der 
Latona zu Delos, sie sei ein tfhvov äfiogcpov, ein ungeformtes Holz- 
stück 1 ). Tertullian nennt eine attische Pallas: crucis stipes, Kreuz- 
pfahl (oder Mast). Der bloße Holzpfahl ist, wie schon der Name (Pfahl, 
palus, cpdlrig) andeutet, phallisch 2 ). Der cpallog ist ein Pfahl, als kul- 
tischer Lingam gern aus Feigenholz geschnitzt, wie auch die römischen 
Priapstatuen. &älog heißt ein Vorsprung oder Aufsatz am Helm, später 
y.cbvog genannt. Wie äva-cpal-avxiaoig : Kahlköpfigkeit auf dem 
Vorderteil des Kopfes, und cpalaxQog: kahlköpfig in Verbindimg mit 
dem yäXog-y.cövog des Helmes andeuten, kommt auch dem oberen Teil 
des Kopfes quasi phallische Bedeutung zu 3 ), <Pälb]vog hat über cpallog 
die Bedeutung von „hölzern"; (pal-äyyw/ua = Walze, cpälayk': ein 
runder Balken; ebenso heißt die durch ihre wuchtige Stoßkraft 
ausgezeichnete mazedonische Schlachtordnung, ferner heißt das 
Fingerglied 4 ) auch cpalayk'; (pdllmva oder cpdlaiva ist der Walfisch, 
dessen phallische Natur ich bereits im ersten Teü angedeutet habe. 
Es kommt nun noch epalog dazu mit der Bedeutung leuchtend, 

J ) Nork: Reahvörterbueh. 

2 ) Statt Säulen auch coni, so im Kult der Kypris, der Istar usw. 

3 ) In einer Mythe von Zelebes heißt eine Taubenjungfrau, die nach der 
Weise des Sehwanjungfraurnythus war gefangengenommen worden, Utahagi 
nach einem weißen Härchen, welches auf ihrem Scheitel wuchs und dem 
Zauberkraft innewohnte. Frobenius: 1. e., S. 307. 

*) Bezüglich der phänischen Symbolik des Fingergliedes verweise ich auf 
die Ausführungen über Daktylos, II. Teil, Kapitel I. Ich erwähne hier noch aus 
einer Bakairimythe folgendes: „Nimagakaniro verschluckte zwei Bakairifinger- 
knoehen, von denen viele im Hause waren, weil Oka sie für seine Pfeilspitzen 
gebrauchte und viele Bakairi tötete, deren Fleiseh er aß. Von den Fingerknoeheu 
und nur von diesen, nicht von Oka, wurde die Frau schwanger." (Zitiert Fro- 
benius: 1. c, S. 236.) 



264 C. G. Jung. 

glänzend. Die idg. Wurzel ist bhale = strotzen, schwellen 1 ). Wer 
denkt nicht an Faust? 

„Er wächst in meiner Hand, er leuchtet, blitzt!" 

Das ist „urtümliche" Libidosymbolik, welche zeigt, wie unmittelbar 
die Beziehung zwischen phallischer Libido und Licht ist. Dieselben 
Beziehungen finden sich auch in den Anrufungen Rudra's im Rigveda : 

Rigv. 1, 114, 3: „Mögen wir deine Gunst erlangen deiner, des männer- 
beherrschenden, o harnender Rudra." 

Ich verweise hier auf die oben erwähnte phallische Symbolik 
Rudra's in den Upanishaden. 

4: „Den flammenden Rudra, den das Opfer ausführenden, den 
kreisenden (am Himmel im Bogen wandelnden), den Seher, rufen wir 
zur Hilfe hernieder." 

2, 33, 5 : „ — der Süßes erschließende, der sich leicht rufen lassende, 
der rotbraune, der mit schönem Helme versehene, möge uns nicht 
der Eifersucht in die Gewalt geben. 

6 : Erfreut hat mich der mit den Marut verbundene Stier, mit rüstigerer 
Lebenskraft den flehenden. 

8: Dem rötlichbraunen Stier, demweiß glänzenden, laß kräftiges 
Preislied erschallen; verehre den flammenden mit Verehrungen, wir 
besingen das glänzende Wesen Rudra's. 

14 : Möge Rudra's Geschoß (Pfeil) an uns vorbei sich wenden, möge 
des Glänzenden große Ungunst vorbeigehen; Spanne die festen (Bogen 
oder die harten Pfeile?) ab für die Fürsten, du (mit Harn) segnender 
(zeugungskräftiger) sei gnädig unsern Kindern und Enkeln 2 )." 

Auf diese Weise gelangen wir aus dem Gebiete der Muttersymbolik 
unmerklich in das Gebiet einer männlichen, phallischen Symbolik. 
Auch dieses Element liegt im Baume, sogar im Stammbaume, wie mittel- 
alterliche Stammbäume deutlich zeigen: aus dem zuunterst liegenden 
Vorfahr wächst an der Stelle des membrum virile der Stamm des großen 
Baumes empor. Der bisexuelle Symbolcharakter des Baumes ist an- 
gedeutet durch die Tatsache, daß im Lateinischen die Bäume männliche 
Endung und weibliches Geschlecht haben 3 ). Bekannt ist die weibliche 



*) Weitere Belege hierzu bei Prellwitz: Griech. Etym. 

2 ) Siecke: Der Gott Rudra im Rigveda. Archiv für Religionswissenschaft, 
Bd. I, S. 237 ff. 

3 ) Der Feigenbaum ist der phallische Baum. Bemerkenswert ist, daß 
Dionysos eine Ficus an den Eingang des Hades pflanzte, so, wie man Phallen 
auf die Gräber stellte. Die der Kypris geweihte Zypresse wurde ganz zum Todes- 
zeichen, indem man sie an die Türe des Sterbehauses stellte. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 265 

(speziell mütterliche) Bedeutung des Waldes und die phallische Be- 
deutung der Bäume in den Träumen. Ich erwähne ein Beispiel: 

Eine junge Frau, die, von jeher nervös, nach mehrjähriger Ehe bei 
Beschränkung der Kinderzahl infolge der typischen Libidoaufstauung 
erkrankte, hatte folgenden Traum, als sie einen ihr sehr zusagenden jungen 
Mann mit viel versprechenden freien Ansichten kennen lernte: „Sie fand 
sich in einem Garten, dort stand ein merkwürdiger exotischer Baum mit 
sonderbaren, rötlichen, fleischigen Blüten oder Früchten, sie brach sich 
davon und aß. Sie fühlte sich davon zu ihrem Schrecken vergiftet." 

An der Hand der antiken oder poetischen Symbolik läßt sich dieses 
Traumbild unschwer verstehen, ich darf daher wohl auf die Mitteilung 
des analytischen Materials verzichten) 1 . 

Die Doppelbedeutung des Baumes ist unschwer dadurch zu 
erklären, daß nämlich solche Symbole nicht „anatomisch"' zu verstehen 
sind, sondern psychologisch als Libidogleichnisse, daher es nicht 
angängig ist, den Baum als phallisch schlechthin, z. B. seiner Form- 
Ähnlichkeit wegen, aufzufassen, er kann auch Weib heißen oder Uterus 
oder Mutter. Die Einheit der Bedeutung liegt nur im Libidogleichnis 2 ). 

J ) Es gibt eine Abart wissenschaftlichen Denkens, welche dadureh gekenn- 
zeichnet ist, daß der Forscher sich gegen sich selbst künstlich dumm stellt und 
gewisse Dinge nieht zu verstehen vorgibt, die er sonstwo ganz gut versteht. 
Die künstlich ersonnenen Dummheiten dienen angeblich der Vertiefung der 
Diskussion von Argumenten. Das ist scholastische Methode. 

2 ) Der Baum ist daher auch gelegentlich ein Sonnenbild. Ein von 
Dr. van Ophuijsen mir mitgeteütes russisches Rätsel lautet: „Es steht ein 
Baum mitten im Dorfe und ist in jeder Hütte sichtbar?" „Die Sonne und ihr 
Licht." Ein norwegisches Rätsel lautet: 

„Es steht ein Baum auf dem Billingsbcrge, 
Der tropft über ein Meer, 
Seine Zweige leuchten wie Gold; 
Das rätst Du heute nicht." 

Die Sonnentoehter sammelt am Abend die goldenen Zweige, die von der 
wunderbaren Eiche gebrochen sind. 

„Bitterlieh weint das Sonnchen 

Im Apfelgarten. 

Vom Apfelbaum ist gefallen 

Der goldene Apfel, 

Weine nieht Sonnchen, 

Gott macht einen andern 

Von Gold, von Erz, 

Von Silberchen." 



266 C. G. Jung. 

Man geriete von einer Sackgasse in die andere, wenn man sagen wollte, 
dieses Symbol ist für die Mutter gesetzt und jenes für den Penis. Die 
feste Bedeutung der Dinge hat in diesem Reich ein Ende. Einzige 
Realität ist dort die Libido; ihr ist: „Alles Vergängliche nur ein 
Gleichnis". Es ist also nicht die physische wirkliche Mutter, sondern 
die Libido des Sohnes, deren Objekt einst die Mutter war. Wir nehmen 
die mythologischen Symbole viel zu konkret und wundern uns bei 
jedem Schritt über die endlosen Widersprüche. Die Widersprüche 
kommen mir daher, daß wir stets wieder vergesesn, daß im Reiche der 
Phantasie „Gefühl alles" ist. Wenn es also etwa heißt: „seine Mutter 
war eine böse Zauberin", so lautet die Übersetzung : Der Sohn ist in sie 
verliebt, d. h. er ist nicht imstande, die Libido von der Mutterimago 
abzulösen, er leidet daher an inzestuösen Widerständen usw. 

Die Wasser- und die Baumsymbolik, die als weitere Attribute 
dem Symbole der Stadt beigegeben sind, weisen ebenfalls auf jenen 
Libidobetrag hin, der imbewußt bei der Mutterimago verankert ist. 
Die Apokalypse läßt an gewissen Hauptstellen die unbewußte Psycho- 
logie der religiösen Sehnsucht durchschimmern: die Sehnsucht 
nach der Mutter 1 ). Auch die Erwartung des Apokalyptikers endet 
bei der Mutter: nal nav xatäfte/ua. ovx eorai Sri, und es soll keine Ver- 
wünschung mehr geben. Es soll keine Sünde, keine Verdrängung, kein 
Uneinssein mit sich selber mehr sein, keine Schuld, keine Todesangst 
und kein Schmerz der Trennung. 

So klingt die Apokalypse in jenen selben mystisch strahlenden 
Akkord aus, den dichterische Ahnung zwei Jahrtausende später wieder 
erlauschte; es ist das letzte Gebet des „Doctor Marianus": 

Das Apfelpfücken vom Paradiesesbaum ist dem Feuerraub zu vergleichen, 
das Zurückholen der Libido von der Mutter. (Vgl. die unten folgenden Erläu- 
terungen zur spezifischen Tat des Helden.) 

x ) Das Verhältnis des Sohnes zur Mutter war die psychologische Grundlage 
vieler Kulte. Für die christliche Legende ist die Beziehung des Sohnes zur Mutter 
dogmatisch außerordentlich klar. Auch Robertson (Evang. Myth., S. 36) fiel 
die Beziehung Christi zu den Marien auf, und er spricht die Vermutung aus, daß 
diese Beziehung wahrscheinlich auf einen alten Mythus hinweise, „wo ein 
palästinensischer Gott, vielleicht des Namens Joschua, in den wechselnden Be- 
ziehungen von Geliebter und Sohn gegenüber einer mythischen Maria auftritt — 
eine natürliche Fluktuation in der ältesten Theosophie und eine, die mit Ab- 
weichungen in den Mythen von Mithras, Adonis, Attis, Osiris und Dionysos 
vorkommt, die alle mit Muttergöttinnen und entweder einer Gemahlin oder einer 
weiblichen Doppelgängerin in Verbindung gebracht werden, insofern die Mutter 
und Gemahlin gelegentlich identifiziert werden". 



Wandlungen und Symbole der Libido. 267 

Blicket auf zum Retterblick 
Alle reuig Zarten, 
Euch zu seligem Geschick 
Dankend umzuarten. 
Werde jeder bessere Sinn 
Dir zum Dienst erbötig; 
Jungfrau, Mutter, Königin, 
Göttin, bleibe gnädig! 

Es erhebt sich beim Anblick dieser Schönheit und Größe des Ge- 
fühles eine prinzipielle Frage: ob nämlich die durch Religiosität kom- 
pensierte primäre Tendenz als inzestuös nicht zu eng gefaßt sei. Ich 
habe mich darum schon oben dahin ausgedrückt, daß ich den der Libido 
entgegengesetzten Widerstand als „im Allgemeinen" mit dem Inzest- 
verbot zusammenfallend betrachte. Ich muß die Definition des psy- 
chologischen Inzestbegriffes noch offen lassen. Ich will aber hier her- 
vorheben, daß es ganz besonders die Gesamtheit des Sonnenmythus 
ist, welche uns dartut, daß die unterste Grundlage des „inzestuösen" 
Begehrens nicht auf die Kohabitation, sondern auf den eigenartigen 
Gedanken hinausläuft, wieder Kind zu werden, in den Elternschutz 
zurückzukehren, in die Mutter hinein zu gelangen, um wiederum von 
der Mutter geboren zu werden. Auf dem Wege zu diesem Ziele steht 
aber der Inzest, d. h. die Notwendigkeit, auf irgend einem Wege wieder 
in der Mutter Leib hinein zu gelangen. Einer der einfachsten Wege 
wäre, die Mutter zu befruchten und sieh identisch wieder zu erzeugen. 
Hier greift hindernd das Inzestverbot ein, daher nun die Sonnen- 
oder Wiedergeburtsmythen von allen mögliehen Vorschlägen wimmeln, 
wie man den Inzest umgehen könnte. Ein sehr deutlicher Umgehungs- 
weg ist, die Mutter in ein anderes Wesen zu verwandeln oder zu ver- 
jüngen 1 ), um sie nach erfolgter Geburt (respektive Fortpflanzung) 
wieder verschwinden, d. h. sich zurückverwandeln zu lassen. Es ist nicht 
die inzestuöse Kohabitation, die gesucht wird, sondern die Wieder- 
geburt, zu der man allerdings am ehesten durch Kohabitation gelangen 
könnte. Dies ist aber nicht der einzige Weg, obschon vielleicht der 
ursprüngliche. Das Hindernis des Inzestverbotes macht die Phantasie 
erfinderisch: z. B. wird versucht, durch Befruehtungszauber die Mutter 
schwanger zu machen (Anwünschen eines Kindes). Versuche in dieser 
Hinsicht bleiben natürlich im Stadium mythischer Phantasien stecken. 

J ) Rank hat dies im Schwanjungfraumythus an schönen Beispielen gezeigt. 
Die Lohengrinsage. Schriften zur angewandten Seelenkunde. 



268 C. G. Jung. 

Einen Erfolg aber haben sie, und das ist die Übung der Phantasie, 
welche allmälich eben durch die Schaffung von phantastischen Mög- 
lichkeiten Bahnen herstellt, auf denen die Libido sich betätigend, 
abfließen kann. So wird die Libido auf unmerkliche Weise 
geistig. Die Kraft, „die stets das Böse will", schafft so geistiges Leben. 
Daher in den Religionen dieser Weg nunmehr zum System erhoben ist. 
Es ist darum überaus lehrreich, zu sehen, wie die Religion sich bemüht, 
dieses symbolische Übersetzen zu fördern 1 ). Ein treffliches Beispiel 
in dieser Hinsicht gibt uns das Neue Testament: Im Gespräch über 
die Wiedergeburt kann sich Nikodemus 2 ) nicht enthalten, die Sache 
sehr real aufzufassen: 

„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er ein Greis ist? Kann 
er denn in den Leib seiner Mutter zum zweitenmal eingehen und geboren 
werden?" 

Jesus strebt aber danach, die sinnliche Anschauung des in 
materialistischer Schwere dämmernden Geistes des Nikodemus läuternd 
zu erheben und verkündet ihm — im Grunde genommen das Gleiche — 
und doch nicht das Gleiche: 

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn einer nicht geboren wird 
aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich des Himmels eingehen. 
Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste 
geboren ist, ist Geist. Wundere dich nicht, daß ich dir gesagt habe: ihr 
müßt von oben her geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du 
hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; 
so ist es mit jedem, der da aus dem Geiste geboren ist." 

Aus dem Wasser geboren sein heißt immer nur : aus dem Mutter- 
leib geboren sein. Vom Geist: heißt vom befruchtenden Windhauch; 

x ) Mut her (Geschichte der Malerei, Bd. II) sagt im Kapitel Die ersten 
spanischen Klassiker: ,,Tieck schreibt einmal: ,Wollust ist das große Geheimnis 
unseres Wesens. Sinnlichkeit ist das erste bewegende Rad in unserer Maschine. 
Sie wälzt unser Dasein von der Stelle und macht es froh und lebendig. Alles, 
was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein. Sinnlichkeit und Wollust 
sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste. Alle Wünsche der 
Menschen fliegen um diesen Pol, wie Mücken um das brennende Licht. Schönheits- 
sinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen. Sie bezeichnen 
nichts weiter als den Trieb des Mensehen zur Wollust. Ieh halte selbst die Andacht 
für einen abgeleiteten Kanal des Sinnentriebes.' Hier ist ausgesprochen, was 
man bei der Beurteilung der alten Kirchenkunst niemals vergessen darf: das 
Streben, die Grenzen zwisehen irdischer und himmlischer Liebe zu verwischen, 
die eine unmerklich in die andere überzuleiten, ist jederzeit der leitende Gedanke, 
das stärkste Agitationsmittel der katholischen Kirche gewesen." 

2 ) Joh. 3, 3 ff. 



Wandlungen und Svrnbrde der Libido. 2Ö9 

darüber belehrt uns auch der griechische Test, wo Geist und Wind 
durch dasselbe Wort -vevua segeben sind: ro yeyti-r^uhov ix xr^ 
oagy.6: cdg: icrtiv, y.cl zö ysyEmfj^svov ix tov nveiumoc xrevuä icntr. — 
Tb mevua orcov ui/^i xrei usw. 

Diese Symbolik wird vom gleichen Bedürfnis getragen wie 
die ägyptische Legende vom Geier, dem Muttersvmbol. daß er nur 
weiblich sei und vom Winde befruchte: werde. Man erkennt als 
Grundlage dieser mythologischen Behauptungen ganz klar die ethische 
Forderung: Du sollst von der Mutter sagen, sie werde nicht 
von einem Minne auf gewöhnliche, sondern von ein^m 
Hauchwesen auf ungewöhnliche Art befruchtet.Diese Forderung 
steht in einem strikten Gegensatz zur realen Wahrheit, daher der MytLus 
ein passender Auswez ist: man sagt: es sei ein Heros gewesen, der ge- 
storben und auf eine merkwürdige Weise wieder geboren sei und so 
die Unsterblichkeit erlangt habe. Das Bedürfnis, das diese F'rderung 
aufstellt, ist offenkundig ein Verbot gegen eine bestimmte Phantasie 
über die Mutter: ein Sohn darf natürlich denken, daß ein Vater ihn 
auf fleischlichem Weg erzeugt habe, nicht aber, daß er selber 
die Mutter befruchte und so. sich selber gleich, zu neuer 
Jugend wieder gebären lasse. Diese inzestuöse Phantasie, die 
aus irgend welchen Gründen eine ungemeine Stärke besitzt 1 ! und daher 
als gebieterischer Wunsch auftritt, wird verdrängt und im Bewußtsein 
durch die obige Forderung, sich runter gewissen Bedingungen) über 
das Geburtsproblem symbolisch auszudrücken, nämlich immer dann. 
wenn es die eigene Wiedergeburt aus der Mutter betrifft. In der Auf- 
forderung Jesu an Xikodemus erkennen wir klar diese Tendenz: 
..denke nicht fleischlich, sonst bist du Fleisch, sondern denke symbolisch, 
dann bist du Gel?:". E- ist evident, wie ungemein erzieherisch und 
wir fördernd dieser Zwang zum Symbolischen sein kann: Kikodemus 
bliebe in platter Alltäglichkeit stecken, wenn es ihm nicht gelänge, 
symbolisch sich über seinen verdrängten Inzestwunsch zu erheben. 
Als ein richtiger Bildungsphilister spürt er wahrscheinlich auch kein 
zu großes Verlangen nach dieser Anstrengung, denn die Menschen scheinen 
sich im wesentlichen damit zu begnügen, die ir_zestur.>e Libido 
zu verdrängen und im besten Falle durch einige bescheidene Eeligi.ns- 



x i Wir w-_en hi _ -r die Gründe für die .Starke dieser Phanta-ie nicht dis- 
kutieren. E-? schein: mir ab»?r nih: ^chwi-rü: zu ?nn. nachzufuL.- n. W3? für 
JLächte hinter der öisren F.>rmei iteci-r::. 



270 C. G. Jung. 

Übungen zu betätigen. Es scheint «aber anderseits wichtig zu sein, 
daß der Mensch nicht einfach verzichtet und verdrängt und damit 
im inzestuösen Verhältnis doch stecken bleibt, sondern daß er jene 
Triebkräfte, die im Inzestuösen gebunden liegen, zurückhole, um damit 
sein Bestes zu tun; denn der Mensch bedarf seiner ganzen Libido, um 
die Grenzen seiner Persönlichkeit auszufüllen, und dann erst wird er 
imstande sein, sein Bestes zu tun. Den Weg, wie der Mensch seine 
inzestuös gebundene Libido doch zur Betätigung bringen kann, 
scheinen die religiös-mythologischen Symbole gewiesen zu haben. 
Deshalb belehrt Jesus den Nikodemus: ,,Du sollst an deinen inzestuösen 
Wunsch der Wiedergeburt denken, jedoch sollst du denken, du werdest 
aus dem Wasser, durch den Windhauch gezeugt 1 ), wiedergeboren und 
so des ewigen Lebens teilhaft werden." So kann die Libido, die untätig 
im inzestuösen Wunsch gebunden liegt, unterdrückt und in Angst 
vor dem Gesetz und dem rächenden Vatergott, durch das Symbol 
der Taufe (Geburt aus dem Wasser) und der Zeugung durch das Symbol 
der Ausgießung des Heiligen Geistes, hinüber in die Sublimierung ge- 
leitet werden. So wird der Mensch wieder ein Kind 2 ) und hineingeboren 
in einen Geschwisterkreis, aber seine Mutter ist die „Gemeinschaft 
der Heiligen", die Kirche, und sein Geschwisterkreis die Menschheit, 
mit der er im gemeinsamen Erbteil uralter Symbole sich aufs neue 
verbindet. Es scheint, daß dieser Prozeß jener Zeit, in der das Christen- 
tum entstanden ist, besonders nötig war, denn jene Zeit hatte infolge 
der unglaublichen Gegensätze zwischen dem Sklaventum und der 
Freiheit des Bürgers und Herrn jenes Bewußtsein der Zusammen- 
gehörigkeit der Menschen gänzlich verloren. Wohl einer der nächsten 
und wesentlichsten Gründe für die energische Infantilregression im 
Christentum, welche Hand in Hand geht mit der Wiederbelebung des 
Inzestproblems, ist in der weitgehenden Entwertung des Weibes zu 
suchen. Zu jener Zeit war die Sexualität dermaßen leicht zugänglich, 
daß die Folge davon nur eine ganz außerordentliche Entwertung des 
Sexualobjektes sein konnte. Daß es Persönlichkeitswerte gibt, war eben 
erst durch das Christentum zu entdecken, und viele Menschen haben es 
heutzutage noch nicht entdeckt. Die Entwertung des Sexualobjektes aber 



a ) Lactantius sagt: „Wenn alle wissen, daß gewisse Tiere die Gewohnheit 
haben, durch den Wind und Lufthaueh zu empfangen, weshalb sollte jemand 
es für wunderbar halten, wenn behauptet wird, eine Jungfrau sei durch den Geist 
Gottes geschwängert worden?" Robertson: Evang. Myth., S. 31. 

2 ) Daher die starke Betonung der Kindschaft im Neuen Testament. 



Wandhingen und Symbole der Libido. 271 

verhindert die Ausfuhr derjenigen Libido, welche nicht mit sexueller Be- 
tätigung gesättigt werden kann, weil sie einer bereits desexualisierten, 
höheren Ordnung angehört. (Wäre dem nicht so, so könnte ein Don 
Juan nie neurotisch sein, das Gegenteil aber ist der Fall.) Denn wie 
sollten jene höheren Schätzungen einem verächtlichen, wertlosen 
Objekt gegeben werden? Deshalb macht sich die Libido auf die Suche 
nach dem schwer erreichbaren, verehrten, vielleicht unerreichbaren 
Ziele, nachdem sie schon zu lange „Helenen gesehen hat in jenem 
Weibe", und als dieses Ziel stellt sich dem Unbewußten die Matter 
dar. Daher erheben sich dort wieder in erhöhtem Maße auf Inzest- 
widerständen beruhende symbolische Bedürfnisse, welche bald die 
schöne, sündige Götterwelt des Olymps in schwer verständliche, traum- 
haft dunkle Mysterien verwandeln, welche mit ihren Symbolhäufungen 
und dunkel beziehungsreichen Sprüchen das religiöse Empfinden 
jener römisch -hellenistischen Welt uns so fern rücken. 

Wenn wir sehen, wie sehr sich Jesus bemüht, dem Nikodemus 
die symbolische Auffassung der Dinge, d. h. eigentlich eine Verdrängung 
und Verschleierung des wirklichen Tatbestandes annehmbar zu machen, 
und wie bedeutsam es für die Geschichte der Zivilisation überhaupt 
war, daß in dieser Weise gedacht wurde und noch gedacht wird, dann 
verstehen wir die Empörung, die sich allerorten erhebt gegen die psycho- 
analytische Aufdeckung der wahren Hintergründe der neurotischen 
oder normalen Symbolik. Immer und überall stößt man auf das odiose 
Kapitel der Sexualität, die sich jedem rechtschaffenen Menschen von 
heutzutage als etwas Beschmutztes darstellt. Es sind aber keine 2000 
Jahre vergangen, seitdem der religiöse Kult der Sexualität mehr oder 
weniger offen in hoher Blüte stand. Allerdings waren das ja Heiden 
und wußten es nicht besser. Aber die Natur der religiösen Kräfte ändert 
sich nicht von Säkulum zu Säkulum; wenn man sich einmal einen tüchtigen 
Eindruck geholt hat vom Sexualgehalt antiker Kulte und wenn man 
sich vorstellt, daß das religiöse Erlebnis, nämlich die Vereinigung mit 
dem Gott 1 ) vom Altertum als ein mehr oder weniger konkreter Koitus 
aufgefaßt wurde, dann kann man sich wahrhaftig nicht mehr einbilden, 
daß die Triebkräfte der Religion post Christum natum nun plötzlich 
ganz andere geworden seien; es ist dort genau so gegangen, wie mit 
der Hysterie, die zuerst irgend eine nicht besonders schöne, kindliche 



x ) Das mystische Fühlen der Gottesnähe, das sogenannte persönliche 
innere Erlebnis. 



272 C. G. Jung. 

Sexualbetätigung pflegte, und nachher eine hyperästhetische Ablehnung 
entwickelt, so daß jedermann sich von ihrer besonderen Reinheit über- 
zeugen läßt. Das Christentum mit seiner Verdrängung des 
manifest Sexuellen ist das Negativ des antiken Sexual- 
kultus. Der ursprüngliche Kultus hat sein Vorzeichen geändert 1 ). 
Man muß nur einmal gesehen haben, wieviel vom fröhlichen Heiden- 
tum, darunter sogar unanständige Götter mit in die christliche Kirche 
hinübergewandert sind: So feierte der alte indezente Priapus ein 
fröhliches Auferstehungsfest in S. Tychon 2 ), ebenso zum Teil in den 
Ärzten SS. Kosmas und Damian, die sich huldvollst Membra virilia 
in Wachs an ihrem Feste weihen lassen 3 ). Auch taucht S. Phallus alten 
Angedenkens wieder auf, um sich in ländlichen Kapellen verehren 
zu lassen ; vom übrigen Heidentum ganz zu schweigen ! Wer es noch 
nicht gelernt hat, die Sexualität als eine neben dem Hunger als gleich- 
berechtigte Funktion anzuerkennen, und es deshalb als eine Ent- 
würdigung empfindet, daß gewisse Tabuinstitutionen, die als asexuale 
Refugia galten, als von sexueller Symbolik strotzend erkannt werden, 
der wird den Schmerz erleben müssen, klar einzusehen, daß dem trotz 
größter Empörung doch so ist. Man muß verstehen lernen, daß das 
psychoanalytische Denken eben gerade, der bisherigen Denkgewohnheit 
entgegenlaufend, jene Symbolbildungen, die durch unzählige Über- 
arbeitungen immer komplizierter wurden, wieder zurückdenkt. Damit 
wird eine Reduktion vorgenommen, die, wenn es sich um etwas anderes 
handelte, intellektuell erfreute, hier aber nicht nur ästhetisch, sondern 
scheinbar auch ethisch sich unangenehm anfühlt, indem die hier zu 
überwindenden Verdrängungen durch unsere besten Absichten zustande 
gekommen sind. Wir müssen anfangen unsere Tugendhaftigkeit zu 
überwinden, mit der sicheren Befürchtung auf der andern Seite in die 
Schändlichkeit hineinzufallen. Dem ist nun gewiß so, indem die große 
Tugendhaftigkeit immer innerlich kompensiert ist durch eine große 
Neigung zur Schändlichkeit, und wie viele Lasterhafte gibt es, die 
eine süßliche Tugend und moralischen Größenwahn innerlich bewahren? 
Beide Kategorien von Menschen entpuppen sich als Snobs, wenn sie 
mit der analytischen Psychologie in Berührung kommen, denn der 



x ) Die sexuelle Süßlichkeit macht sich aber doch noch überall bemerkbar, 
in der Lärnmersyrabolik und den geistlichen Liebesliedern an Jesum, den Seelen- 
bräutigam. 

2 ) TJsener: Der heib'ge Tychon, 1907. 

3 ) Vgl. W. P. Knight: Worship of Priapus. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 273 

Moralische hat sich ein objektives und billiges Urteil über die Sexualität 
eingebildet und der Unmoralische hat ganz vergessen, einmal ein- 
zusehen, wie gemein er sich eigentlich mit seiner Sexualität benimmt 
und wie unfähig er einer selbstlosen Liebe ist. Man vergißt ganz, daß 
man sich nicht nur von einem Laster in jämmerlicher "Weise kann 
hinreißen lassen, sondern auch von einer Tugend. Es gibt eine frenetische, 
orgiastische Tugendhaftigkeit, die ebenso schändlich ist und ebenso 
viele Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten nach sich zieht wie 
das Laster. 

In einer Zeit, wo ein großer Teil der Menschheit anfängt das 
Christentum wegzulegen, lohnt es sich wohl, klar einzusehen, wozu 
man es eigentlich angenommen hat. Man hat es angenommen, um der 
Hoheit der Antike endlich zu entkommen. Legen wir es weg, so steht 
schon wieder die Ausgelassenheit da, von der uns ja das Leben in 
modernen Großstädten einen eindrucksvollen Vorgeschmack gibt. Der 
Schritt dorthin ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Es geht 
wie beim einzelnen, der eine Übertragimgsform ablegt und keine 
neue hat, er wird unfehlbar regressiv den alten Übertragimgsweg 
wieder besetzen, zu seinem größten Nachteil, denn die Umwelt hat 
sich seitdem wesentlich verändert. Wer also von der historischen und 
philosophischen Haltlosigkeit der christlichen Dogmatik und der reli- 
giösen Leere eines historischen Jesus, von dessen Person wir nichts 
wissen und dessen religiöser Gehalt zum Teil talmudische, zum Teil 
hellenistische Weisheit ist, abgestoßen, das Christentum und damit 
die christliche Moral weglegt, der steht allerdings vor dem antiken 
Problem der Ausgelassenheit. Heutzutage fühlt sich der Einzelne 
noch durch die öffentliche hypokritische Meinimg gehemmt und zieht 
es daher vor, ein geheimes Separatleben zu führen, öffentlich aber 
Moral darzustellen; anders aber könnte es kommen, wenn man all- 
gemein die moralische Maske einmal zu dumm fände, und die Menschen 
sich bewußt würden, wie gefährlich ihre Bestien aufeinander lauern, 
dann könnte wohl ein Rausch der Entsittlichung über die Menschheit 
gehen — das ist der Traum, der Wunschtraum des moralisch Be- 
schränkten von heutzutage: er vergißt die Not, die dem Menschen 
den Atem raubt und die mit harter Hand jeden Taumel unterbräche. 
Man darf mir nicht die Gedankenlosigkeit zumuten, daß ich durch die 
analytische Reduktion die Libido quasi wieder auf primitive, fast 
überwundene Stufen zurückversetzen wolle und ganz vergäße, was 
dann für eine furchtbare Misere über die Menschen käme — gewiß 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 18 



274 C. G. Jung. 

werden sich einzelne durch die antike Käserei der von der Schuldlast 
befreiten Sexualität hinreißen lassen, zu ihrem eigenen größten Schaden; 
es'sind aber solche, die unter anderen Umständen bloß auf andere Weise 
vorzeitig untergegangen wären — ich kenne aber das wirksamste und 
unerbittlichste Regulativ der menschlichen' Sexualität: es ist die Not. 
Mit diesem Bleigewicht wird die menschliche Lust nie zu hoch fliegen. 
Es gibt heutzutage zahllose Neurotische, die es einfach darum sind, 
weil sie nicht wissen, warum sie eigentlich nicht auf ihre eigene Facon 
seli" werden dürfen; sie wissen auch nicht einmal, daß es ihnen daran 
fehlt. Und außer diesen Neurotischen gibt es noch viel mehr Normale — 
und zwar Menschen von besserer Sorte — die sich beengt und unzufrieden 
fühlen. Für alle diese soll die Reduktion auf die sexuellen Elemente 
vorgenommen werden, damit sie in den Besitz ihrer primitiven Per- 
sönlichkeit gelangen, daß sie sie würdigen lernen und wissen, wie und 
wo sie in Rechnung einzustellen ist. Auf diese Weise allein kann es 
geschehen, daß gewisse Forderungen erfüllt, andere aber als unbillig, 
weil infantil, erkannt und zurückgewiesen werden. Auf diese Weise 
soll der einzelne verstehen lernen, daß gewisse Dinge so zu opfern sind, 
daß man sie tut, aber auf einem andern Gebiet. Wir bilden uns 
ein, wir hätten auf unsere Inzestwünsche längst verzichtet, sie ge- 
opfert, abgeschnitten und es existiere nichts mehr davon: daß dem 
aber nicht so ist, sondern daß wir den Inzest unbewußterweise auf 
anderen Gebieten begehen, kommt uns nicht bei. In den religiösen 
Symbolen z. B. wird der Inzest begangen 1 ). Wir hielten die inzestuösen 
Wünsche für verschwunden und verloren und entdecken sie in der 
Religion in voller Tätigkeit. Dieser Umformungsprozeß ist in säkularer 
Entwicklung unbewußt erfolgt. Wenn ich früher (I. Teil) bemerkte, 
daß eine derartige unbewußte Umformung der Libido eine ethisch 
wertlose Pose sei, und dem gegenüber das Christentum der römischen 
Urzeit stellte, von dem es klar ist, gegen welche Mächte der Sitten- 
losigkeit und Verrohung es stand, so müßte ich hier sagen: was die 
Sublirnierung der inzestuösen Libido anbelangt, so ist auch der Glauben 
an das religiöse Symbol kein ethisches Ideal mehr, denn es ist eine 
unbewußte Umformung des Inzestwunsches in Symbolhandlungen 
und Symbol Vorstellungen, die den Menschen quasi hinüber betrügen, 
so daß ihm der Himmel als ein Vater erscheint und die Erde als Mutter 
und die Menschen darauf als Kinder und Geschwister. So kann der 



x ) Oder in den Ersatzbildungen, die an Stelle der Religion treten. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 275 

Mensch doch allezeit Kind sein, seine Inzestwünsche befriedigen, ohne 
daß er es weiß. Dieser Zustand Wcäre unzweifelhaft ideal 1 ), wenn er 
nicht kindlich und infolgedessen ein bloß einseitiger "Wunsch wäre, 
der kindlich erhält. Der Revers ist die Angst. Man spricht zwar 
immer von dem frommen Menschen, der nie erschüttert in seinem 
Gottvertrauen unentwegt sicher und beseligt durch die Welt gehe — 
ich habe diesen Chidher noch nie gesehen. Er dürfte wohl eine Wunsch- 
figur sein. Die Regel ist die große Unsicherheit der Gläubigen, die sie 
mit fanatischem Geschrei bei sich selber und bei anderen übertönen, 
ferner der Glaubenszweifel, die moralische Unsicherheit, die Bezweiflung 
der eigenen Persönlichkeit, das Schuldgefühl und zu allerunterst die 
große Angst vor der ganzen andern Wirklichkeitsseite, gegen die auch 
höchst intelligente Menschen sich mit aller Kraft sträuben. Diese andere 
Seite ist der Teufel, der Widersacher oder — moderner ausgedrückt — 
die Realitätskorrektur des durch das prävalierende Lustprinzip 2 ) 
schmackhaft gemachten infantilen Weltbildes. Die Welt aber ist kein 
Garten Gottes, des Vaters, sondern auch ein Ort des Grauens. Nicht 
nur ist der Himmel kein Vater und die Erde keine Mutter und die 
Menschen sind nicht Geschwister, sondern sie repräsentieren auch 
ebenso viel feindliche, zerstörende Mächte, denen wir um so sicherer 
ausgeliefert sind, je vertrauensvoller und gedankenloser wir uns der 
sogenannten Vaterhand Gottes anvertrauen. Man darf nie das harte 
Wort des ersten Napoleon vergessen, daß der liebe Gott immer auf 
Seite der besseren Artillerie sei. 

Der religiöse Mythus tritt uns aber hier als eine der größten 
und bedeutsamsten menschlichen Institutionen entgegen, welche mit 
täuschenden Symbolen dem Menschen doch die Sicherheit und Kraft 
geben, vom Ungeheuern des Weltganzen nicht erdrückt zu werden. 
Das Symbol, vom Standpunkt des real Wahren aus betrachtet, ist 
zwar täuschend, aber es ist psychologisch wahr 1 ), denn es war und 
ist die Brücke zu allen größten Errungenschaften der Menschheit. 

*) Der Zustand war unzweifelhaft ideal für frühere Zeiten, wo der Mensch 
überhaupt infantiler war, und ist es jetzt noch für denjenigen Teil der Menschheit, 
der infantil ist; wie groß ist dieser Teil? 

2 ) Vgl. Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 1 ff. 

3 ) Wir bewegen uns hier, was nicht zu vergessen ist, ganz im Gebiete der 
Psychologie, der bekanntlich keinerlei transzendente Bedeutung weder in positiver 
noeh in negativer Beziehung zukommt. Es handelt sieh hier um ein schonungs- 
loses Wahrmachen des durch Kant fixierten erkenntnistheoretischen Stand - 

18* 



276 C. G. Jung. 

Es ist aber keineswegs gesagt, daß dieser unbewußte Weg der 
Uniformung des Inzestwunsches in Religionsübung der einzige oder 
einzig mögliche wäre. Es gibt auch eine bewußte Anerkennung und 
Einsicht, mit der wir uns jener im Inzest gebundenen, in Religionsübung 
transformierten Libido bemächtigen können, so daß wir des Stadiums 
der religiösen Symbolik zu diesem Zweck nicht mehr bedürfen. Es 
wäre denkbar, daß man nicht mehr „um Christi willen" dem Neben- 
menschen etwas Gutes erweist, sondern aus der Einsicht, daß die 
Menschheit, also auch wir, nicht bestehen könnten, wenn in der Herde 
sich der eine nicht für den andern opfern könnte. Das wäre der 
Weg der sittlichen Autonomie, der vollkommenen Freiheit, 
wenn der Mensch ohne Zwang das wollen könnte, was er 
doch tun muß, und das aus Einsicht, ohne Täuschung durch den 



punktes nicht bloß für die Theorie, sondern, was wichtiger ist, auch für die Praxis. 
Man soll auch nicht mehr dergleichen tun und infantiles Weltbild spielen wollen, 
da all dies nur geeignet ist, den Menschen seinem eigentlichen und höchsten 
ethischen Ziele, der sittlichen Autonomie, zu entfremden. Das religiöse Symbol 
ist nach unvermeidlicher Abstreichung gewisser antiquierter Stücke als Postulat 
oder als transzendente Theorie und auch als Lehrgegenstand wohl beizu- 
behalten, aber in dem Maße mit neuem Inhalte zu erfüllen, wie es der derzeitige 
Stand des Kulturstrebens erfordert. Diese Theorie darf aber für den „erwachsenen" 
Menschen nicht zum positiven Glauben, zur Illusion werden, die ihm die Wirk- 
lichkeit in täuschenden Beleuchtungen erscheinen läßt. Wie der Mensch ein zwie- 
faches Wesen ist, nämlich eiu Kultur- und ein Tierwesen, so scheint er auch zweierlei 
Wahrheit zu bedürfen, der Kulturwahrheit, d. h. der symbolistischen, trans- 
zendenten Theorie, und der Naturwahrheit, welche unserem Begriffe des ,,real 
Wahren" entspricht. In demselben Maße, wie die reale Wahrheit eine bloß figür- 
liche Ausdeutung der Realitätsapperzeptionen ist, ist auch die religiös-symbolische 
Theorie bloß eine figürliche Ausdeutung gewisser endopsychischer Apperzeptionen. 
Ein ganz wesentlicher Unterschied ist es aber, daß der transsubjektiven Wirk- 
lichkeit eine transzendentale Unterlage unabhängig in Dauer und Bestand durch 
die denkbar besten Garantien zugesichert ist, während den psychologischen 
Phänomenen eine transzendentale Unterlage von subjektiver Beschränkung und 
Hinfälligkeit infolge zwingender empirischer Data zuerkannt werden muß. Daher 
ist die reale Wahrheit das relativ universell Gültige, die jjsychologische Wahrheit 
dagegen ein bloß funktionelles Phänomen innerhalb einer menschlichen Kultur- 
epoche. So will es dem bescheideneren Standpunkt des Empirikers heute scheinen. 
Gelänge es hingegen auf einem mir unbekannten und unerwarteten Wege, das 
Psychologische seines Charakters eines biologischen Epiphänomens zu entkleiden 
und ihm dafür die Stellung einer physikalischen Entität anzuweisen, so wäre 
die psychologische Wahrheit in die reale Wahrheit aufzulösen oder vielmehr 
umgekehrt, da dann das Psychologische hinsichtlich der endgültigen Theorie 
einen größeren Wert, seiner Unmittelbarkeit wegen, beanspruchen müßte. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 277 

Glauben an die religiösen Symbole. Das, was uns innerhalb eines 
positiven Glaubens an einen religiösen Mythus infantil und daher ethisch 
minderwertig erhält, ist diese Täuschung, die zwar kulturhistorisch 
von denkbar größter Bedeutung und ästhetisch von unvergänglicher 
Schönheit ist, aber dem nach sittlicher Autonomie strebenden Menschen 
ethisch nicht mehr genügen kann. 

Das infantile und sittlich Gefährdende ist der Glauben an 
das Symbol, indem wir die Libido dadurch auf eine illusorische Realität 
leiten. Das einfache, leugnerische Weglegen des Symbols ändert nichts, 
denn die ganze geistige Disposition bleibt dieselbe, wir nehmen uns 
nur das gefährliche Objekt weg. Das Objekt aber ist nicht gefährlich, 
sondern unsere infantile Geistesdisposition ist es, der zu Liebe wir 
durch das einfache Weglegen des religiösen Symbols etwas sehr Schönes 
und Sinnreiches verloren haben. Ich denke, der Glaube sollte durch 
das Verstehen ersetzt werden, so behalten wir die Schönheit 
des Symbols und sind doch frei von den niederdrückenden Folgen 
der Unterwerfung im Glauben. Dieses wäre wohl die psychoanalytische 
Heilung des Glaubens und des Unglaubens. 

Die der Vision der Stadt folgende ist die eines „seltsamen Nadel- 
holzbaumes mit knorrigen Ästen". 

Diese Vision mutet uns nicht fremdartig an nach all dem, was 
wir bereits vom Lebensbaum und seiner Assoziation mit Stadt und 
Lebenswasser vernommen haben. Dieser besondere Baum scheint 
die Kategorie der Muttersymbole einfach fortzusetzen. Das Attribut 
„seltsam" wird wohl, wie in Träumen, eine besondere Hervorhebung 
ausdrücken, d. h. ein besonderes unterliegendes Komplexmaterial. 
Leider gibt uns die Autorin kein individuelles Material dazu. Da nun 
durch die Weiterentwicklung der Miller sehen Visionen der schon 
in der Symbolik der Stadt angedeutete Baum hier besonders hervor- 
gehoben wird, so sehe ich mich genötigt, noch ein weiteres Stück aus 
der Symbolgeschichte des Baumes vorzubringen. 

Bekanntlich haben die Bäume in Kultus und Mythus von jeher 
eine große Rolle gespielt. Der typische Mythenbaum ist der Paradieses- 
oder Lebensbaum, den wir babylonisch reichlich belegt finden, ebenso 
jüdisch, neben — und vorchristlich in der Fichte des Attis, dem Baum 
oder den Bäumen des Mithras, germanisch in Yggdrasill usw. Das 
Aufhängen des Attisbildes an einer Fichte, das Aufhängen des Marsyas, 
das ein berühmtes künstlerisches Motiv wurde, das Hängen Odins, 



278 C. G. Jung. 

die germanischen Hängeopfer, die ganze Reihe der gehängten Götter 
belehren uns, daß das Hängen Christi am Kreuzesbaum nicht etwas Ein- 
maliges in der religiösen Mythologie ist, sondern indensclbcnVorstellungs- 
kreis wie die übrigen hincingehört. In dieser Anschauungsweltist das Kreuz 
Christi der Lebensbaum und zugleich das Todcsholz. Dieser Gegensatz ist 
nicht erstaunlich. So wie man legendär die Abstammung des Menschen 
aus Bäumen behauptete, so bestanden auch Bestattungsgebräuche, 
wonach man die Menschen in hohlen Bäumen bestattete, daher die 
deutsche Sprache bis jetzt den Ausdruck ., Totenbaum" für Sarg auf- 
bewahrte. Wenn wir nicht vergessen wollen, daß der Baum ein über- 
wiegendes Muttersymbol ist, so kann uns der mythische Sinn dieser 
Bestattungs weise keines wsgs unverständlich, sein. Der Tote wird 
der Mutter übergeben zur Wiedergeburt. Wir treffen dieses 
Symbol in der von Plutarch 1 ) überlieferten Osirismythe, die über- 
haupt in verschiedenen Hinsichten vorbildlich ist. Rhea ist mit Osiris 
schwanger, zu gleicher Zeit auch mit Isis; Osiris und Isis begatten sich 
schon im Mutterleib. (Motiv der „Nachtmeerfahrt" mit Inzest.) Ihr Sohn 
ist Arueris, später Horus genannt. Von Isis heißt es, sie sei im „ganz 
Feuchten" geboren (terdgr^ deTrjv^Iotv h jravvyQoig yeveofiai); von Osiris 
heißt es, ein gewisser Pamyles in Theben habe beim Wasserschöpfen 
eine Stimme aus dem Zeustempel gehört, die ihm befahl, zu verkündigen, 
daß der /_dyag ßaodevg evEQyh*ig "Ooiqiq geboren sei. Diesem Pamyles 
zu Ehren wurden die Pamylien gefeiert, die den Phallophorien 
ähnlich seien. Pamyles ist also, ähnlich wie der ursprüngliche Dionysos, 
ein phallischer Dämon: der Mythus heißt also reduziert: Osiris und 
Isis werden vom Phallus aus dem Wasser = Mutterleib gezeugt, also 
auf ganz gewöhnliche Weise. (Kronos hat die Rhea geschwängert, 
die Beziehung war heimlich, und Rhea seine Schwester. Helios aber 
beobachtete sie und verfluchte ihre Vermischung.) Osiris wird durch 
den Unterweltgott Typhon listigerweise durch Einschließen in eine 
Lade getötet; diese wurde auf dem Nil ausgesetzt und so ins Meer 
hinaus gesandt. Osiris aber begattet sich in der Unterwelt mit seiner 
zweiten Schwester Nephthys (Motiv der Nachtmeerfahrt mit Inzest). 
Man sieht, wie hier die Symbolik entwickelt ist: Im Mutterleib vor dem 
extrauterinen Dasein begeht Osiris den Inzest, im Tode, dem zweiten 
intrauterinen Dasein, begeht Osiris wieder Inzest. Beide Male mit 
einer Schwester, die einfach für die Mutter eingesetzt ist als legales, 



x ) De Isid. et Osir. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 279 

unzensuriertes Symbol, da die Schwesterehe im frühen Altertum nicht 
nur bloß geduldet, sondern eigentlich vornehm war. Zarathustra empfahl 
sogar die Verwandtenehe. Diese Mythenform wäre also heutzutage 
unmöglich, da Kohabitation mit der Schwester als inzestuös der Ver- 
drängung unterläge. 

Der böse Typhon lockt mit List Osiris in die Lade oder Kiste: 
Diese Verdrehung des wirklichen Tatbestandes ist durchsichtig: Das 
anfänglich „Böse" im Menschen will wieder in die Mutter zurück, d. h. 
die vom Gesetz verdammte inzestuöse Sehnsucht nach der Mutter 
ist die angeblich von Typhon erfundene List. Sehr bezeichnend ist es 
eine List: durch eine List will sich der Mensch wieder irgendwie zur 
"Wiedergeburt hindurchbetrügen, um von neuem Kind zu werden. 
Ein früherer ägyptischer Hymnus 1 ) erhebt sogar eine Anklage gegen 
die Mutter Isis, daß sie den Sonnengott Re mit Verrat fälle: es wird 
der Mutter als böser Wille ausgelegt, daß sie den Sohn ausgestoßen 
und verraten habe. Der Hymnus beschreibt, wie Isis eine Schlange 
formte, sie auf den Weg des Re legte und wie diese Schlange den 
Sonnengott mit giftigem Bisse verwundete, von welcher Wunde er nie 
mehr genas, so daß er sich schließlich auf den Rücken der Himmelskuh 
zurückziehen mußte. Die Kuh aber ist die kuhköpfige Göttin, wie 
Osiris der Apis. Die Mutter wird angeklagt, wie wenn sie die Ursache 
wäre, daß man sich zur Mutter flüchten müsse, um von der Wunde 
zu genesen, die einem die Mutter geschlagen hat, dadurch daß der Inzest 
verboten wurde 2 ) und man abgeschnitten wurde von der hoffnungsvollen 
Sicherheit der Kindheit und frühen Jugend, von all dem unbewußt 
triebhaften Geschehen, welches das Kind leben läßt als ein seiner selbst 
nicht bewußtes Anhängsel der Eltern. Es muß darin viel gefühlhafte 
Erinnerung an das Tierzeitalter liegen, wo es noch kein „Du sollst" 
und „Du darfst" gab, sondern alles nur einfaches Geschehen war. 
Noch scheint dem Menschen eine tiefe Erbitterung innezuwohnen, 
daß ihn einstmals ein brutales Gesetz vom triebartigen Gewährenlassen 



*) Erman: Ägypten, S. 360 f. 

2 ) Ich muß auch hier weder daran erinnern, daß ich mit dem Worte Inzest 
mehr Bedeutung verbinde, als dem Terminus eigentlich zukäme. Wie Libido 
das Vorwärtsstrebende ist, so ist etwa der Inzest das in die Kindheit Rückstrebende. 
Für das Kind heißt es noch nicht Inzest; nur für den Erwachsenen, der eine 
vollausgebildete Sexualität besitzt, wird dieses Uückstreben zum Inzest, indem 
er kein Kind mehr ist, sondern eine Sexualität besitzt, die eigentlich keine regre- 
dierende Applikation mehr erträgt. 



280 G. G. Jung. 

und der großen Schönheit der in sich selbst harmonischen Tiernatuv 
trennte. Diese Trennung manifestierte sich wohl unter Anderm im Inzest- 
verbot und seinen Korrelaten (Heiratsgesetze usw.), daher sich Schmerz 
und Zorn auf die Mutter beziehen, wie wenn sie Schuld trüge .an der 
Domestikation des Menschensohnes. Um seines Inzestwunsches (seines 
Rückstrebens zur Tiernatur) nicht bewußt zu werden, wirft der Sohn 
alle schlimmste Schuld auf die Mutter, woraus das Bild der „furchtbaren 
Mutter" entsteht 1 ). Die Mutter wird ihm zum Angstgespenst, zum 

Mar 2 ). 

Nach vollendeter Nachtmeerfahrt wird die Lade des Osiris bei 
Byblos ans Land geworfen und kommt in die Zweige einer Erika zu 
liegen, die den Sarg umwächst und zum herrlichen Baum emporgedeiht. 
Der König des Landes ließ den Baum als eine Säule unter sein Dach 
steilen 3 ). In diese Zeit des Verlorenseins des Osiris (Wintersonnen- 
wende) fällt die seit Jahrtausenden übliche Klage um den gestorbenen 
Gott und seine evgeoig ist ein Freudenfest. Ein Passus aus dem 
klagenden Suchen der Isis ist besonders hervorzuheben: Sie flattert als 
Schwalbe klagend um die Säule, die den im Tode schlafenden Gott 
umschließt. (Dasselbe Motiv kehrt in der Kyffbäusersage wieder.) 

Später zerstückelt Typhon die Leiche und zerstreut die Stücke. 
Dem Zerstückelungsmotiv begegnen wir in zahlreichen Sonnen- 
mythen 4 ) als Umkehrung der Zusammensetzung des Kindes im Mutter- 
leibe 5 ). Tatsächlich sucht auch die Mutter Isis die Stücke des Leichnams 
mit Hifle des schakalköpfigen Anubis zusammen. (Sie fand auch 

*) Vgl. Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes. 

3 ) Vgl. die Nachtmar sagen, in denen der Mar ein schönes Weib ist. 

3 ) Was sehr an die in Astartetempeln aufgestellten phänischen Säulen 
erinnert. Tatsächlich soll auch nach einer Version die Frau des Königs Astarte 
geheißen haben. Dieses Symbol erinnert an die, passenderweise iyuöÄma ge- 
nannten Kreuze, die eine Reliquie in sieh bergen. 

*) Spielrein (dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 358 ff.) Weist bei einer dementen 
Kranken zahlreiche Andeutungen des Zerstücklungsmotivs nach. Bruchstücke 
von verschiedenen Dingen und Stoffen werden „gekocht" oder „verbrannt". 
„Die Asche kann zum Menschen werden." Patientin sah Kinder in Glassärgen 
zerschlagen. Dem dort erwähnten „Waschen, Reinigen, Kochen, Verbrennen" 
usw. kommt neben der Koitusbedeutung noch Sehwangersehaftsbedeutung zu, 
letzteres wahrscheinlich in überwiegendem Maße. 

5 ) Letzte Abkömmlinge dieser uralten Kinderentstehungstheorie sind in 
der Karmalehre enthalten, und das Bild von den Genen der Mendelschen Ver- 
erbungstheorie hegt nicht zu fern ab. Man halte sich nur die subjektive Bedingtheit 
alles Erkennens vor Augen. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 281 

die Leiche mit Hilfe von Hunden.) Hier wurden die nächtlichen 
Leichenfresser, die Hunde und Schakale, zur Mithilfe der Zusammen- 
setzimg, der Wiedererzeugung 1 ). Dieser Funktion des Leiehenfraßes 
verdankt auch der ägyptische Geier seine Symbolbedeutung als 
Mutter. In der persischen Urzeit warf man die Leichen hinaus, den 
Hunden zum Fräße, wie heute noch in den indischen Leichentürmen 
den Geiern die Beseitigung des Aases überlassen wird. Persien aber 
kannte die Sitte, dem Sterbenden einen Hund ans Lager zu führen 
und der Sterbende hatte ihm einen Bissen zu überreichen 2 ). Die Sitte 
will offenbar zunächst sagen, der Bissen soll dem Hund gehören, damit 
er den Leib des Sterbenden verschone, ähnlich wie Cerberus be- 
schwichtigt wird durch den Honigkuchen, den ihm Herakles bei der 
Höllenfahrt überreicht. Wenn wir aber den schakalköpfigen Anubis, 
der bei der "Wiederzusammenstellung des zerstückelten Osiris seine 
guten Dienste leistet, und die Mutterbedeutung des Geiers berück- 
sichtigen, so drängt sich uns die Frage auf, ob nicht mit dieser Zeremonie 
etwas Tieferes gemeint sei? Mit dieser Idee hat sich auch Creuzer 3 ) 
beschäftigt und ist zum Schluß gekommen, daß die astrale Form der 
Hundezeremonie, nämlich das Erscheinen des Hundssternes zur Zeit 
des höchsten Sonnenstandes, damit in Zusammenhang stehe, daß näm- 
lich das Herbeibringen des Hundes eine kompensatorische Bedeutung 
habe, indem dadurch der Tod ganz im Gegenteil zum höchsten Sonnen- 
stande gemacht werde. Dies ist durchaus psychologisch gedacht, wie 
sich aus der ganz allgemeinen Tatsache ergibt, daß der Tod als Ein- 
treten in den Mutterleib (zur Wiedergeburt) aufgefaßt wird. Dieser 
Deutung durfte auch die sonst rätselhafte Funktion des Hundes im 
Sacrificium mithriaeum zu Hilfe kommen. An dem von Mithras getöteten 
Stier springt auf den Monumenten immer ein Hund auf. Nun ist aber 
dieses Sacrificium sowohl durch die persische Legende wie durch die 
Monumente auch als der Moment höchster Fruchtbarkeit auf- 
gefaßt. Am schönsten kommt dies wohl zum Ausdruck auf dem pracht- 
vollen Mithrasrelief von Heddernheim; auf der einen Seite einer 
großen (ehemals wahrscheinlich drehbaren) Steinplatte befindet sich 
die stereotype Niederwerfung und Opferung des Stieres, auf der andern 
Seite stehen Sol mit einer Traube in der Hand, Mithras mit dem Füllhorn, 



x ) Demeter suchte die Glieder des zerrissenen Dionysos zusammen und 
gebar den Gott darauf wieder. 

2 ) Vgl. Diodorus, III, 02. 

3 ) Symbolik. 



282 



0. G. Juiiff. 



die Dadophoren mit Früchten, entsprechend der Legende, daß ans dein 
toten Welteticr alle Fruchtbarkeit hervorgeht, aus den Hörnern die 
Früchte, aus dem Blut der Wein, aus dem Schwanz das Getreide, 
aus seinem Samen die Rindergeschlechter, aus seiner Nase der Knob- 
lauch usw. Über dieser Szene steht Silvanus mit den von ihm ent- 




Die auf das mithrische Opfer folgende Fruchtbarkeit. 

springenden Tieren des Waldes. In diesem Zusammenhang dürfte dem 
Hund sehr wohl die von Creuzer vermutete Bedeutung zukommen 1 ). 



*) Ergänzungsweise ist noch anzufügen, daß der Kynokephalos Anubis als 
Wiederhersteller der Osirisleiche (zugleich Genius des Hundssternes) eine kompen- 
satorische Bedeutung hat. In dieser Bedeutung erscheint er auf vielen Sarko- 
phagen. Der Hund ist auch ein ständiger Begleiter des heilenden Äskulap. Am 
besten unterstützt folgende Petroniusstelle die Creuzersche Hypothese: 



Wandlungen und Symbole der Libido. 283 

Kehren wir nun zum Osirismythus zurück! Trotz der von Isis 
ins Werk gesetzten Wiederherstellung der Leiche gelingt die Wieder- 
belebung insofern nur unvollständig, als der Phallus des Osiris nicht 
wieder beigebracht werden kann, weil er von den Fischen gefressen 
worden war; die Lebenskraft fehlt 1 ). Osiris begattet zwar als Schatten 
noch einmal Isis, die Frucht aber ist Harpokrates, der schwach war 
an xoTg xäzcodev yvioig, an den unteren Gliedmaßen, d. h. entsprechend 
der Bedeutung von yvTov, an den Füßen. (Hier Fuß in phallischer 
Bedeutung, wie klar ersichtlich.) Diese Unheilbarkeit der abtretenden 
Sonne entspricht der Unheilbarkeit des Re in dem oben erwähnten 
älteren ägyptischen Sonnenhymnus. Osiris, wenn auch als Schatten, 
rüstet nun die junge Sonne, seinen Sohn Horus, zum Kampfe mit 
Typhon, dem bösen Geiste der Finsternis. Osiris und Horus entsprechen 
dem eingangs erwähnten Vater-Sohn-Symbolismus, der wiederum 
entsprechend der dortigen Aufstellung 2 ) flankiert ist durch die wohl- 
gebildete und häßliche Figur, nämlich Horus und Harpokrates, der 



(Sat. c. 71.) Valde te rogo, ut seeundum pedes statuae meae eatellain pingas — 
ut mihi contingat tuo beneficio post mortem vivere. (Cf. Nork, 1. c, s. v. 
Hund.) Außerdem weist auf die mütterliche Wiedergeburtsbedeutung des Hundes 
seine Beziehung zur hundeköpfigen Hekate, der Unter weltsgöttin, hin. Sie empfing 
als Canicula Hundsopfer zur Fernhaltung der Pest. Ihre nahe Beziehung zu 
Artemis als Mondgöttin läßt ihre Gegensätzlichkeit zur Fruchtbarkeit durch- 
schimmern. Hekate ist auch die erste, che der Demeter Kunde vom geraubten 
Kinde bringt. (Anubisrolle!) Ebenso empfing auch die Geburtsgöttin 
Ilithyia Hundeopfer, und Hekate selber ist gelegentlich Hochzeits- und Ge- 
burt sgöttin. 

J ) Frobenius (1. c, S. 393) macht die Bemerkung, daß den Feuergöttern 
(den Sonnenhelden) häufig ein Glied fehle. Dazu gibt er folgende Parallele: 
,, Sowie der Gott dem Ogren (Riesen) hier einen Arm ausdreht, so dreht Odysseus 
dem edlen Polyphem das Auge aus, worauf die Sonne dann geheimnisvoll am 
Himmel emporkrieeht. Sollte dies Feuerandrehen und das Armausdrehen in 
einem Zusammenhange stehen?" Diese Frage wird dadurch klar beleuchtet, 
wenn wir annehmen, entsprechend dem Gedankengange der Alten, daß das Arm- 
ausdrehen eigentlich eine Kastration ist. (Das Symbol des Beraubeiis der Lebens- 
kraft.) Es ist ein Akt entsprechend der Attiskastration um der Mutter willen. 
Aus diesem Verzichte, der eigentlich ein symbolischer Mutterinzest ist, entsteht 
die Feuererfindung, wie wir oben bereits vermutet haben. Es ist übrigens zu 
erwähnen, daß das Armausdrehen zunächst nur ..Überwältigung" bedeutet und 
deshalb sowohl dem Helden wie seinem Gegner passieren kann. (Vgl. z. B. Fro- 
benius 1. c., S. 112 und 395.) 

2 ) Vgl. besonders die Schilderung der Schale von Theben. 



284 C. G. Jung. 

meistens als Krüppel erscheint, oft bis zur Fratzenhaftigkeit ent- 
stellt 1 ). 

Er vermischt sich in der Tradition ganz mit Horus, mit dem er 
auch den Namen gemeinsam hat. Hor-pi-chrud, wie sein eigentlicher 
Name lautet 2 ), setzt sich aus clirud = Kind und Hör (von dem 
Adjektiv hri = auf, über, obenauf) zusammen und bedeutet das „oben- 
aufkommende Kind", als die steigende Sonne, gegenüber Osiris, der 
die niedersteigende Sonne, die Sonne „im Westen" personifiziert. 
So sind Osiris und Horpichrud oder Horus ein Wesen, bald Gatte, 
bald Sohn derselben Mutter Hathor-Isis. Der Chnum-Ka, der Sonnen- 
gott von Unterägypten, als Widder dargestellt, hat als weibliche Landes- 
gottheit Hatmehit zur Seite, die den Fisch auf ihrem Haupte führt. 
Sie ist die Mutter imd Gattin des Bi-neb-did (Widder. Lokalname 
des Chnuni-Rä). Im Hymnus von Hibis 3 ) wird Amon-Rä angerufen: 

„Dein (Chnurn- Widder) weilt in Mendes, vereinigt als Viergott ein 
Thmuis. Er ist der Phallus, der Herr der Götter. Es freut sich der Stier 
seiner Mutter an der Kuh (ahet, der Mutter) und der Mann befruchtet 
durch seinen Samen." 

In weiteren Inschriften 4 ) wird Hatmehit direkt als „Mutter des 
Mendes" bezeichnet. (Mendes ist die griechische Form von Bi-neb-did: 
Widder). Sie wird auch angerufen als die „Gute", mit dem Nebensinne 
von ta-nofert, als „junges Weib". Die Kuli als Muttersymbol findet 
sich bei allen möglichen Formen und Abarten der Hathor-Isis und be- 
sonders bei dem weiblichen Nun (parallel dazu die Urgöttin Nit oder 
Neith), dem feuchten Urstoff, der, dem indischen Atman 5 ) verwandt, 
zugleich männlicher und weiblicher Natur ist. Nun wird daher ange- 
rufen 6 ): „Arnon" das Urgewässer 7 ), das als Anfang Seiende". 

J ) Herr Prof. Freud hat mir freundlichst mitgeteilt, daß eine weitere 
Determinante für das Motiv der ungleichen Brüder in der elementaren Be- 
obachtung der Geburt und Nachgeburt zu finden sei. Es ist eine exotische 
Sitte, die Plazenta wie ein Kind zu behandeln! 

2 ) Brugsch: Rel. u. Mythol. d. alt. Ägypt., S. 354. 

3 ) Brugsch: 1. c, S. 310. 

4 ) Brugsch: 1. c, S. 310. 

5 ) Auch dem Ätman kommt im Bilde flüssige Qualität zu, insofern er 
dem Purusha des Rigveda wesentlich identisch gesetzt werden darf. „Der Purusha 
bedeckt ringsum die Erde allerorten, zehn Finger hoch noch drüber hin zu 
fließen." 

6 ) Brugsch: 1. c, S. 112 ff. 

7 ) In der Tkebais, wo der Haujrtgott Chnum ist, vertritt dieser in seiner 
kosmogonischen Komponente den Windhauch, aus dem sich später der „über 



Wandlungen und Symbole der Libido. 



285 



Er wird auch bezeichnet als der Vater der Väter, die Mutter der Mütter. 
Dem entspricht die Anrufung der weiblichen Seite des Nun-Amon, 
der Nit oder Neith: 

„Nit, die Alte, die Gottesmutter, die Herrin von Esne, der Vater 
der Väter, die Mutter der Mütter, das ist der Käfer und der Geier, das 
Seiende als Anfang." 

„Nit, die Alte, die Mutter, welche 
gebar den Lichtgott Rä, die zuerst ge- 
bar, als nichts war, das gebar." 

„Die Kuh, die Alte, welche die 
Sonne gebar und die Keime der Götter 
und Menschen legte." 

Das "Wort „nun" bezeichnet die 
Begriffe jung, frisch, neu, ebenso 
das neuankommende Wasser der 
Nilflut. Im übertragenen Sinne wird 
so auch „nun" für das chaotische Ur- 
gewässer gebraucht, überhaupt für 
die gebärende Urmaterie 1 ), die durch 
die Göttin Nunet personifiziert wurde. 
Aus ihr entsprang Nut, die Himmels- 
göttin, die mit besterntem Leibe dar- 
gestellt wird oder auch als Hi m mels- 
kuh ebenfalls mit besterntem Leibe. 

Wenn sich also der Sonnengott 
nach und nach zurückzieht auf den 
Rücken der Himmelskuh, wie der 
arme Lazarus in „Abrahams Schoß", 
so heißt es beide Male dasselbe; sie 
gehen in die Mutter zurück, um als 
Horus wieder zu erstehen. So kann 

man sagen, daß am Morgen die Göttin Mutter ist, am Mittag Schwester- 
gattin und am Abend wieder Mutter, die den Todmatten in ihren 
Schoß aufnimmt, erinnernd an die Pietä des Michelangelo. Wie die 
Abbildung (aus Diderons Iconographie Chretienne) zeigt, ist dieser 
Gedanke auch ganz ins Christentum übergegangen. 

den Wassern schwebende Geist (m'ed/xa) Gottes" entwickelt hat; das uralte 
Bild der kosmischen Eltern, die aufeinander gedrückt liegen, bis der Sohn sie 
auseinander sprengt. (Vgl. oben die Symbolik des Ätman.) 
l ) Brußsch: S. 128 f. 




Alaria mit dem göttlichen Sohne. 



286 C. G. Jung. 

So erklärt sich das Schicksal des Osiris: er geht ein in den Mutter- 
leib die Lade, das Meer, den Baum, die Astartesäule, er wird zer- 
stückelt, wiedergeformt und erscheint in seinem Sohne, dem Hor-pi- 
chrud. aufs neue. 

Bevor wir auf die weiteren Geheimnisse, die uns dieser schöne 
Mythus verrät, eingehen, ist noch ein Mehreres vom Symbol des Baumes 
zu sagen. Osiris liegt auf den Zweigen des Baumes, von ihnen um- 
wachsen, wie im Mutterleib. Das Motiv der Umschlingung und Um- 
rankung findet sich öfter im Sonnen-, id est Wiedergeburtsmythus: 
Ein gutes Beispiel ist das Dornröschen, dann die Sage von dem Mädchen 1 ), 
das zwischen Kinde und Holz eingeschlossen ist, ein Jüngling mit 
seinem Hörn aber befreit es. Das Hörn ist golden und silbern, was auf 
den Sonnenstrahl in seiner phallischen Bedeutung hinweist. (Vergl. 
das oben über das Hörn Gesagte.) Eine exotische Sage berichtet vom 
Sonnenhelden, wie er aus Schlinggewächsen befreit werden muß 2 ). 
Ein Mädchen träumt von ihrem Liebhaber, er sei ins Wasser gefallen, 
sie versucht ihn zu retten, hat aber zuerst Tang und Seegras aus dem 
Wasser zu ziehen, dann erwischt sie ihn. In einer afrikanischen Mythe 
muß der Held nach seiner Tat erst aus dem Tang ausgewickelt werden. 
In einer polynesischen Mythe wird das Schiff des Helden von den 
Fangarmen eines riesigen Polypen umschlungen. Kes Schiff ist auf 
seiner Nachtmeehrfahrt von der Nachtschlange umschlungen. In der 
poetischen Bearbeitung von Buddhas Geburtsgeschichte durch Sir 
Edwin Arnold (The light of Asia pag. 5 f.) findet sich ebenfalls das 
Umschlingungsmotiv : 

„Queen Maya stood at noon, her days fulfilled, 
Under a Palso in the Palace-grounds, 
A stately trank, straight as a temple-shaft, 
With drown of glossy leaves and a fragrant blooms 
And knowing the time come — for all things knew 
The conscious tree bent down its bows to make 
A bower about Queen Maya's Majesty; 
And Earth put forth a thousand sndden flowers 
To spread a couch; while ready for the bath 
The rock hard by gave out a limpid stream 
Of crystal flow. So brought she forth the child 3 )." 
i) (Serbisches Lied, auf das Grimm: Myth. IT, S. 544, Bezug nimmt, 

2 ) Frobenius: 1. c. 

3 ) Vgl. die Geburt des germanischen Aschanes, tvo ebenfalls Fels, Baum 
und Wasser der Geburtsszene beiwohnen. Auch Chidher wird gefunden, auf der 
Erde sitzend, der Boden rings von Blumen bedeckt. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 287 

Einem sehr ähnlichen Motiv begegnen wir in der Kultlegende 
der samischen Hera. Alljährlich verschwand (angeblich) das Bild 
aus dem Tempel, wurde am Mecresufer irgendwo an einem Lygosstamm 
befestigt und mit dessen Zweigen umwunden. Dort wurde es ,, gefunden" 
und mit Hochzeitskuchen bewirtet. Dieses Fest ist zunächst unzweifel- 
haft ein hoög yäuog (kultische Hochzeit), denn in Samos ging die 
Legende, daß Zeus zuerst ein langdauerndes, heimliches Liebesverhältnis 
mit Hera gehabt habe. In Platää und Argos wurde sogar der Hochzeits- 
zug mit Brautjungfern, Hochzeitsmahl usw. dargestellt. Das Fest 
fand im Hochzeitsmonat raurjhcor statt (Anfang Februar). Aber 
auch in Platää wurde das Bild an eine einsame Stelle des "Waldes 
zuvor gebracht, etwa entsprechend der Legende bei Plutarch, daß 
Zeus die Hera geraubt und dami in einer Höhle des Kithairon versteckt 
habe. Nach unseren bisherigen Ausführungen müssen wir daraus aller- 
dings noch auf einen andern Gedankengang schließen, nämlich auf den 
"Wiederverjüngungszauber, der mit dem Hierosgamos verdichtet ist. 
Das Verschwinden und Verstecken im Wald, in der Höhle, am Meeres- 
ufer, im Lygos 1 ) umschlungen, deutet auf Sonnentod und "Wiedergeburt. 
Die Vorfrühlingszeit (die Zeit der Hochzeiten) im rajuLijlu&v paßte 
dazu sehr gut. Tatsächlich berichtet Pausanias 2, 38, 2, daß die 
arghische Hera durch ein alljährliches Bad im Quell Kanathos 2 ) 
wieder zur Jungfrau wurde. Die Bedeutimg dieses Bades wird 
noch hervorgehoben durch den Bericht, daß im platäischen Kult der 
Hera Teleia Tritonische Xvmphen auftraten als "Wasserträgerinnen. 
In der Erzählung von Ilias XIV, 294—296 und 346 f., wo das eheliche 
Lager des Zeus auf dem Tda geschildert ist 3 ), heißt es: 

Also Zeus umarmte voll Inbrust seine Gemahliu. 

Unten die heüige Erd' erzeugt aufgrünende Kräuter, 

Lotos und tauiger Blum', und Krokos, sammt Hyakinthos, 

Dicht und locker geschwellt, die empor vom Boden sie trugen: 

Hierauf ruheten beid' und hüllten sich ein Gewölk um, 

Schön und strahlend von Gold; und es taute nieder mit Glanzduft, 

Also schlummerte sanft auf Gargaros' Höhe der Vater, 

Trunken von Schlaf und Lieb', und hielt in den Armen die Gattin. 



*) Avyog ist eine Weide, überhaupt jeder biegsame und flechtbare Zweig 
(Ävyös ist auch eine Tischlerschraube, um Holz einzuspannen). Xvyö(o heißt 
flechten. 

2 ) Eu phe misch für dävarogl 

3 ) Sonderbarerweise findet sich gerade bei dieser Stehe, V. 288, die 
Schilderung des hoch auf der Tanne sitzenden Schlafes: 



28S C. G. Jung. 

Drcxlcr (bei Röscher Lex. Sp. 2102, 52 ff.) erkennt in dieser 
Schilderung eine unverkennbare Anspielung auf den Göttergarten 
im äußersten "Westen am Ufer d.es Ozeans, welche Vorstellung 
aus einem vorhomerischen Hierosgamos-Hymnus entnommen wäre. 
Jenes westliche Land ist das Land des Sonnenunterganges, dorthin 
eilen Herakles, Gilgamesh u. a. mit der Sonne, um sich dort Unsterb- 
lichkeit zu holen, wo die Sonne und mütterliches Meer zu ewig ver- 
jüngendem Beilager sich vereinigen. Unsere Vermutung einer Verdichtung 
des Hierosgamos mit einem Wiedergeburtsmythus dürfte sich 
demnach wohl bestätigen. Pausanias (III, 16, 11) erwähnt ein 
verwandtes Mythenfragment, daß nämlich das Bild der Artemis Orthia 
auch Lygodesma (von "Weiden gefesselt) heiße, weil es in einem 
"Weidenbusch gefunden worden sei; in diesem Bericht scheint 
eine. Beziehimg auf die allgemeingriechische Hierosgamosfeier mit 
ihren oben besprochenen Gebräuchen zu liegen 1 ). 

Das Motiv des „Verschlingens", das Frobenius als einen der 
regelmäßigsten Bestandteile der Sonnenmythen aufgewiesen hat, steht 
hier (auch sprachfigüxlich) ganz nahe. Der „Walfischdrache" (Mutter- 
leib) „verschlingt" immer den Helden. Das Verschlingen kann auch 
partiell sein, d. h. ein teilweises Verschlingen. Ein Gjähriges Mädchen, 
das ungern in die Schule geht, träumt, daß sein Bein von einem großen 
roten Wurm umschlungen werde. Für dieses Tier hat sie gegen Er- 
warten ein zärtliches Interesse. Eine erwachsene Patientin, die sich, 
infolge einer außerordentlich starken Mutterübertragung auf eine 
ältere Freundin, von dieser nicht trennen kann, träumt: Sie hat mit 
ihrer Freundin ein tiefes Wasser zu überschreiten (typisches Bild!), 
ihre Freundin fällt hinein (Mutterübertragung), sie versucht sie hinaus- 
zuziehen, es gelingt beinahe, da faßt aber ein großer Krebs die Träumerin 
am Fuß und versucht sie hineinzuziehen. 

Auch etymologisch ist dieses Bild vorhanden: Es gibt eine indo- 
germanische Wurzel velu-, vel- mit der Bedeutung von umringen, 



„Allda saß er von Zweigen umhüllt voll staclilicher Tangein 
Gleich dem tönenden Vogel, der nachts die Gebirge durchflattert." 

Es sieht aus, wie wenn dieses Motiv zum Hierosgamos gehörte. Vgl. auch 
das zauberische Netz, mit dem Hephästos Ares und Aphrodite in flagranti um- 
schließt und festlegt zum Spotte der Götter. 

a ) Verwandt ist der Ritus der Fesselung der Bilder des Herakles und des 
tyrischen Melkarth. Auch die Kabiren wurden in Hüllen eingewickelt. Creuzer, 
Symbolik, II, 350. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 289 

umhüllen, drehen, wenden. Daraus abgeleitet sind : Sanskr. val, valati = 
bedecken, umliüllen, umringen, ringeln (Schlangensymbol), valli = 
Schlingpflanze, ulüta=Boa constrictor = lat. volütus, lit. 
velü, velti = wickeln, kirchenslav. vlina = althochd. wella = Welle. 
Zu der Wurzel velu gehört auch die Wurzel ylvo mit der Bedeutung 
Hülle, Eihaut, Gebärmutter. (Man sieht: die Schlange ist um ihrer 
Häutung willen ein treffliches Wiedergeburtssymbol.) Sanskr. ulva, 
ulba mit derselben Bedeutimg. Lat. volva, volvula, vulva. Zu velu 
gehört auch die Wurzel ulvorä mit der Bedeutung von Fruchtfeld, 
Pflanzenhülle. Sanskr. urväiä = Saatfeld. Zend. urvara = Pflanze. 
(Siehe die Personifizierung der Ackerfurche.) Der gleiche Stamm vel 
hat auch die Bedeutung von wallen. Sanskr. ulmuka = Brand. 
Fatta Felo., got. vulan = wallen. Althochd. und mittelhoch, walm = 
Hitze, Glut 1 ). (Es ist typisch, daß dem Sonnenhelden im Zustand 
der „Involution" vor Hitze immer die Haare ausgehen.) Ferner findet 
sich die Wurzel vel als „tönen" 2 ) und als wollen, wünschen. (Libido !) 
Das Motiv des Umschlingens ist Muttersymbolik 3 ). Dies erwahr- 



*) Fiek: Indog. Wörterbuch, I, S. 132 f. 

2 ) Vgl. die „tönende Sonne". 

3 ) Zum Verschlingungsmotiv gehört auch das Motiv der „Klappfelsen" 
(Frobenius I.e., S.405). Der Held muß mit seinem Schiffe zwei Felsen passieren, 
die zusammenklappen. (Ähnlich beißende Tür, zusammenklappender Baum- 
stamm.) Beim Passieren wird meistens der Schwanz des Vogels abgeklemmt 
(oder das Hinterteil des Schiffes usw.); man erkennt darin wieder das Kastrations- 
motiv („Armausdrehen"), denn die Kastration tritt für den Mutterinzest ein. 
Die Kastration erfolgt in den Formen eines Koitus. Scheffel verwendet dieses 
Bild in seinem bekannten Liede: „Ein Harung liebt' eine Auster" usw. Das Ende 
vom Liede ist, daß die Auster ihm beim Küssen den Kopf abklemmt. Die Tauben, 
die Zeus die Ambrosia bringen, haben auch die Klappfelsen zu passieren. Die 
„Tauben" bringen durch den Inzest (Eingehen in die Mutter) dem Zeus die Un- 
sterblichkeitsnahrung, vergleichbar den Äpfeln (Brüsten) Freyas. Wie auch 
Frobenius erwähnt, stehen die Felsen oder Höhlen, die sich nur auf einen 
Zauberspruch öffnen, mit dem Klappfelsenmotiv in nächster Verbindung. Am 
allerbezeichnendsten in dieser Hinsicht ist eine südafrikanische Mythe (Frobenius, 
S. 407): „Man muß den Felsen beim Xamen rufen und laut schreien: „Felsen 
Utunjambili, öffne dich, damit ich eintreten kann. Der Stein kann aber, wenn er 
sich dem betreffenden Mann nicht eröffnen will, damit antworten: „Der 
Fels wird nicht durch Kinder geöffnet, er wird geöffnet durch die 
Schwalben, die in der Luft fliegen!" 

Das Bemerkenswerte ist, daß keine Menschenkraft den Felsen öffnen kann, 
nur ein Spruch vermag es, — oder ein Vogel. Schon diese Formulierung sagt 
es, daß die Eröffnung des Felsens ein Unternehmen sei, das nicht wirklich aus- 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. 19 



290 C. G. Jung. 

heitct sich auch durch die Tatsache, daß die Bäume z. B. wiedergebären 
(wie der ,, Walfischdrache" im Jonasmythus). Sie tun das ganz im 
allgemeinen, so sind in der griechischen Sage die MeXlai vvficpai die 
Eschen, die Mütter des ehernen Menschengeschlechtes. (Zugleich 
liegt darin auch wieder die phallischc Komponente, indem aus der 
Esche die Lanze gefertigt wird.) In der nordischen Mythologie ist 
Askr, die Esche, der Urvater. Seine Frau Embla ist die „Emsige" und 
nicht, wie man früher glaubte, die Erle. Askr dürfte in erster Linie 
wohl die phallische Eschenlanze bedeuten. (Vergl. den sabinischen 
Gebrauch, das Haar der Braut mit der Lanze zu scheiteln.) Der Bundehesh 
symbolisiert die ersten Menschen, Meschia und Meschiane als den Baum 
Reivas, von dem der eine Teil einen Ast in ein Loch des andern steckt. 
(Nork.) Der Stoff, den nach dem nordischen Mythus der Gott belebte, 
als er Menschen schuf, wird als tre = Holz, Baum 1 ) bezeichnet 2 ). 
Ich erinnere auch an vXrj = Holz, was lateinisch materia heißt. Im Holz 
der Weltesche Yggdrasil verbirgt sich beim Weltuntergang ein Menschen- 
paar, von dem dann die Geschlechter der erneuerten Welt abstammen 3 ). 
In diesem Bilde ist leicht wieder das Noahmotiv („Nachtmeerfahrt") 
zu erkennen, zugleich ist im Symbol von Yggdrasil wieder ein Mutter- 
bild zu erkennen. Im Moment des Weltunterganges wird die Weltesche 
zur bewahrenden Mutter, zum Toten- und Lebensbaum, ein iyxoXmov*). 



geführt werden kann, sondern das man nur auszuführen wünscht. (Wünschen 
ist im Mittelhochdeutschen auch schon das „Vermögen Außerordentliches zu 
schaffen".) Wenn ein Mensch stirbt, so bleibt nur der Wunsch übrig, er möchte 
noch leben, ein unerfüllter Wunsch, ein „schwebender" Wunsch, daher die Seelen 
Vögel sind. Die Seele ist ganz nur Libido, wie an vielen Stellen dieser Unter- 
suchung erhellen dürfte, sie ist „Wünschen". So ist der hilfreiche Vogel, der 
dem Helden im Walfisch wieder ans Licht verhilft, der die Felsen öffnet, — der 
Wiedergeburtswunsch. (Die Vögel als Wünsche, vgl. das schöne Bild von Thoma, 
wo der Jüngling seine Arme sehnsuchtsvoll ausstreckt nach den Vögeln, die über 
sein Haupt hinziehen.) 

1 ) Grimm: Myth., T, S. 474. 

2 ) In Athen gab es ein Geschlecht der AlyeiQÖxofioi, der aus der Pappe] 
Gehauenen. 

3 ) Hermann: Nord. Myth., S. 589. 

4 ) Javanische Stämme pflegen ihr Gottesbild in einer künstlichen Aus- 
höhlung eines Baumes aufzustellen. Hier schließt sich die ,,Höhlchen"phantasie 
Zinzendorfs und seiner Sekte an. Vgl. Pfister, Frömmigk. d. Gr. v. Zinzendorf. 
Im persischen Mythus ist der weiße Haoma ein himmlischer Baum, der im See 
Ourukasha wächst, der Fisch Khar - mähi kreist schützend um ihn und ver- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 291 

Aus dieser Wiedergeburtsfunktion der Weltesche wird auch das Bild 
klar, dem wir in dem Kapitel des ägyptischen Totenbuches, das „Pforte 
von der Kenntnis der Seelen des Ostens" heißt, begegnen: 

„Ich bin der Pilot in dem heiligen Kiele, ich bin der Steuermann, 
der sich in dem Schiffe des Rä 1 ) keine Ruhe gönnt. Ich kenne jenen Raum 
von smaragdgrüner Farbe, aus dessen Mitte Rä emporsteigt zur 
Wolkenhöhe 2 )." 

Schiff und Baum (Totenschiff und Totenbaum) sind hier nahe 
beisammen. Das Bild sagt, daß Rä aus dem Baum geboren emporsteigt. 
(Osiris in der Erika.) Auf dieselbe Art ist wohl die Darstellung des 
Sonnengottes Mithras zu deuten, welcher auf dem Heddernheimer 
Relief dargestellt ist, wie er zu halbem Leibe aus dem Wipfel eines 
Baumes emporragt (siehe Abbild.). (In derselben Weise wie auf 
zahlreichen anderen Monumenten bis zu halbem Leibe im Felsen 
steckend, wodurch die Felsgeburt veranschaulicht wird, ähnlich Men.) 
öfter findet sich neben der Geburtsstätte des Mithras ein Fluß. Diesem 
Symbolkonglomerat entspricht die Geburt des Aschanes, des eisten 
Saehsenkönigs, der aus den Harzfelsen emporwächst, die mitten 
im Wald bei einem Springbrunnen 3 ) stehen 4 ). Hier finden wir alle 
Muttersymbole vereinigt, Erde, Holz, Wasser, drei Formen fester 
Materia. Wir dürfen uns nicht mehr wundern, wenn im Mittelalter 
der Baum poetisch mit dem Ehrentitel „Frau" angeredet wurde. FJbenso 
ist es nicht erstaunlich, daß die christliche Legende aus dem Totenbaum 
des Kreuzes das Lebensholz, den Lebensbaum, machte, so daß öfter 
Christus an einem grünenden und fruchttragenden Lebensbaum 
dargestellt wurde. Diese Zurückleitung des Kreuzsymbols auf den 
Lebensbaum, der schon babylonisch als wichtiges Kultsymbol be- 
glaubigt ist, hält auch der gründliche Bearbeiter der Kreuz- 



teidigt ihn gegen die Kröte Ahrimans. Er gibt ewiges Leben, den Frauen Kinder, 
den Mädchen Gatten und den Männern Rosse. Im Minökhired heißt der Baum 
der „Zubereiter der Leichname". (Spiegel: Erän. Altertumskunde, II, 115.) 
*) Sonnenschiff, das die Sonne und Seele über das Todesmeer geleitet 
«im Aufgange. 

2 ) Brugsch: 1- c. 177. 

3 ) Ähnlich Jesaja, 51, 1: „Schauet den Felsen an, davon ihr gehauen 
seid, und des Brunnens Gruft, daraus ihr gegraben seid." Weitere Belege in A. von 
Löwis of Menar: Nordkaukasische Steingeburtsagen, Archiv für Religions- 
wissenschaft, XIII, 509 ff. 

l ) Grimm: Myth., I, S- 474. 

19* 



292 C G. Jung. 

beschichte, Zöckler 1 ), für durchaus wahrscheinlich. Die vorchrist- 
liche Bedeutung des (universell verbreiteten) Symbols widerspricht 
djeser Auffassung nicht, im Gegenteil, denn sein Sinn ist Leben. 
Auch das Vorkommen des Kreuzes im Sonnenkult (hier das gleicharmige 
und das Swastikakreuz als Darstellung des Sonnenrades) sowie im Kult 




Christus am Lebensbaum. 

der Liebesgöttinnen (Isis mit der Crux ansata, dem „Tau", dem Speculum 
veneris 9 usw.) widerspricht der obigen (historischen) Bedeutung 
keineswegs. Die christliche Legende hat von diesem Symbolismus 
reichlich Gebrauch gemacht. Für den Kenner mittelalterlicher Kunst- 
geschichte ist jene Darstellung bekannt, wo das Kreuz aus dem Grabe 

l ) Das Kreuz Christi. Rel.-hist.-kirchl.-archäol. Untersuchungen, 1875. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 293 

Adams wächst. Die Legende war, daß Adam auf Golgatha begraben 
lag. Seth hatte auf sein Grab einen Zweig des Paradiesesbaumes ge- 
pflanzt, der zum Kreuz- und Totenbaum Christi wurde 1 ). Bekanntlich ist 
durch Adams Schuld Sünde und Tod in die Welt gekommen und Christus 
hat uns durch seinen Tod von der Schuld losgekauft. Auf die Frage, 
worin denn Adams Schuld bestanden habe, ist zu sagen, daß seine 
unverzeihliche, mit dem Tode zu büßende Sünde war, daß er sich er- 
dreistete, vom Paradiesesbaum zu pflücken 2 ). Was das für Folgen 
hatte, schildert eine orientalische Legende: Einer, dem es vergönnt 
war, nach dem Sündenfall noch einen Blick ins Paradies zu werfen, 
sah dort den Baum und die vier Ströme. Der Baum aber war verdorrt 
und in seinen Zweigen lag ein Kindlein. Die Mutter war schwanger 
geworden 3 ). 

Dieser bemerkenswerten Sage entspricht die talmudische Tra- 
dition, daß Adam schon vor Eva ein dämonisches Weib besaß, Namens 
Lilith, mit der er um die Herrschaft rang. Lilith aber erhob sich 
durch den Zauber des Gottesnamens in die Luft und verbarg sich im 
Meer. Adam aber zwang sie zurück mit Hilfe von drei Engeln 4 ). 
Lilith wurde zu einem Mar, einer Lamia, welche die Schwangeren 
bedrohte und die neugeborenen Kinder raubte. Der Parallel- 
mythos ist der der Lamien, der Nachtgespenster, die die Kinder er- 
schreckten. Die ursprüngliche Sage war, daß Lamia Zeus verlockte, 

') Die Sage von Seth findet sieh bei Jubinal: Mysteres inedits du 
XV. siecle, T. II, S. 16 ff. Zitiert Zöckler: 1. c, S. 241. 

2 ) Die Schuld wird, wie immer, in diesen Mythen, wenn möglich, auf die 
Mutter abgewälzt. Die germanischen heiligen Bäume standen auch unter dem 
Gesetz eines absoluten Tabu: es durfte von ihnen kein Blatt abgerissen und 
auf dem Boden, soweit ihr Schatten reichte, nichts gepflückt werden. 

3 ) Nach der deutschen Sage (Grimm: Bd. II, S. 809) wird der erlösende 
Held geboren, wenn der Baum, der jetzt als schwaches Reis aus einer Mauer 
wächst, groß geworden ist und wenn aus seinem Holze die Wiege gezimmert 
wird, in welcher der Held soll geschaukelt werden. Die Formel lautet (1. c): 
,,Eine Linde solle gepflanzt werden, die werde oben zwei Plantschen (Äste) treiben, 
aus deren Holz eine Poie zu machen sei: Welches Kind in ihr zuerst liegen werde, 
das sei bestimmt, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht zu werden 
und dann trete Erlösung ein." Auch in germanischen Sagen knüpft sich be- 
merkenswerterweise der Eintritt des künftigen Ereignisses an einen keimenden 
Baum. Vgl. dazu die Bezeichnungen Christi als ein ,,Reis" oder eine „Rute". 

*) Worin das Motiv der ,, Vogelhilfe" zu erkennen ist. Engel sind eigentlich 
Vögel. Vgl. das Vogelkleid der Unterweltseelen, „Seelenvogel"; im Sacrificium 
mithriacum ist der Götterbote (der „Engel") ein Rabe, der geflügelte Hermes 
usw. Die Dreizahl ist phalliseh bedeutsam. 



204 c - ü. Jung. 

die eifersüchtige Hera aber bewirkte, daß Lamia nur tote Kinder 
zur Welt brachte. Seitdem ist die wütende Lamia die Verfolgerin 
der Kinder, die sie tötet, wo sie nur immer kann. Dieses Motiv kehrt 
in den Märchenerzählungen häufig wieder, wo die Mutter oft ganz 
direkt als Mörderin 1 ) oder als Menschenfresserin auftritt, ein 
deutsches Paradigma ist das bekannte Märchen von Hansel und Gretcl. 
Tatsächlich ist Xa/täa ein großer, gefräßiger Meerfisch 2 ), womit der 
Anschluß an die von Frobenius so schön bearbeitete Walfischdrachen- 
mythe gefunden ist, wo das Meertier den Sonnenheros verschlingt 
zur Wiedergeburt und wo der Held alle List aufzuwenden hat, das 
Ungeheuer zu überwinden. Wir begegnen hier wiederum dem Bilde 
der furchtbaren Mutter in der Gestalt des gefräßigen Fischschlundes 
des Todes 3 ). Bei Frobenius (1. c.) finden sich zahlreiche Beispiele, 
wo das Ungeheuer nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, 
ein ganzes Land verschlungen hat, was alles durch den Helden zu einer 
gloriosen Wiedergeburt erlöst wird. 

Die Lamien sind typische Nachtmare, deren weibliche Natur 
reichlich belegt ist 4 ). Ihre überall verbreitete Eigentümlichkeit ist, 
daß sie ihre Opfer reiten. Ihr Gegenstück sind die gespenstischen 
Eosse, die den Eeiter in tollem Lauf entführen. Man erkennt in diesen 
Symbolformen leicht den Typus des Angsttraumes, der, wie Eikhn 
zeigt 5 ) für die Märchenerklärung durch den Versuch von Laistner 6 ) 
bereits bedeutsam geworden ist. Das typische Eeiten erhält einen 
besondern Aspekt durch die Ergebnisse der analytischen Erforschung 
der Kinderpsychologie: die beiden einschlägigen Arbeiten von Freud 
und mir 7 ) haben einerseits die ängstliche Bedeutung der Pferde, ander- 
seits die sexuelle Bedeutung der Eeitphantasie herausgebracht. Wenn 
wir diese Erfahrungen mit in Betracht ziehen, so kann es uns nicht mehr 
zu sehr überraschen, wenn wir vernehmen, daß die mütterliche Welt- 

') Vgl. Frobenius: 1. c. 

2 ) Aa/Liös = Schlund, Höhle, zä Aa//m = Eidschlünde. 

»') Die nahe Beziehung öeAyis = Delphin und öeA<pv S = uterus ist hervor- 
zuheben. In Delphi befindet sich der Erdschlund und der Dreifuß (ösÄ<ptvi S = 
ein delphischer Tisch mit drei Füßen in Delphinengestalt). Vgl. im letzten Kapitel 
Melieertcs auf dem Delphin und das Verbrennungsopfer Melkarths. 

4 ) Vgl. die umfangreiche Zusammenstellung bei Jones: On the nightmare. 

5 ) Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik usw. 

6 ) Laistner: Das Rätsel der Sphinx. 

7 ) Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. I. 

Jung: Konflikte der kindlichen Seele. Deuticke, Wien. 



Wandlungen und Symbole der Libido. ^"5 

esche Yggdrasill deutsch „Schreckroß" heißt. Cannegieter 1 ) sagt von 
den Nachtmaren: „Abigunt easnymphas (matres deas, mairas) hodie 
rustici osse capitis equini tectis injecto, cujusmodi ossa per has 
terras in rusticorum villis crebra est animadvertere. Nocte autem ad 
concubia equitare ereduntur et equos fatigare ad longinqua itinera' . 
Das Zusammensein von Mar und Pferd scheint auf den ersten Blick 
auch etymologisch vorzuliegen — Nightmare und Mare (engl.). Der indo- 
germanische Stamm zu Märe ist aber Mark. Märe ist das Pferd, 
engl, mare, althochdeutsch marah (männliches Pferd) und meriha 
(weibliches Pferd), altnordisch merr (mara = Alp), angelsächsich myre 
(maira). Französisch cauchmar kommt von ealcare = treten (von 
Iterativbedeutung, daher für keltern), wird auch vom Hahn gesagt, 
der die Henne „betritt" (Hahnentritt). Diese Bewegung ist ebenfalls 
typisch für den Mar, daher heißt es vom König Vanlandi: „Mara trad 
lian", die Mara trat ihn tot im Schlafe 2 ). Ein Synonym für Alp oder Mar 
ist der Troll oder „Treter 3 )". Diese Bewegung (caleare) ist wiederum 
belegt durch Freuds und meine Erfahrung an Kindern, wo dem Treten 
oder „Strampeln" eine besondere infantile Sexualbedeutung zukommt. 
(So tritt auch gleich der Mara die „Stempe" 4 ). 

Der gemeinarische Stamm mar heißt sterben, daher „mara" 
die „Tote", oder der Tod. Daraus ergeben sich mors, /nogog = Schicksal, 
(ebenso /nolga' 1 .) 5 ). Bekanntlich repräsentieren die unter der Weltesche 
sitzenden Nornen das Schicksal, wie Klotho, Lachesis und Atropos. 
Auch bei den Kelten geht der Begriff der fatae wohl in den der matres 
und matronae über 6 ), die bei den Deutschen göttliche Bedeutung 
hatten. Eine bekannte Stelle bei Julius Caesar (de bello Gall. 1, 50) 
berichtet uns von dieser Bedeutung der Mütter: ut matres familias 
eorum sortibus et vaticinationibus 7 )deelararent,utrumproeliumcommitti 
ex usu esset, nee ne. 

1 ) Epistola de ara ad Noviomagum reperta, S. 25. Zitiert b. Grimm: 
Alyth., Bd. II, S. 1041.) 

2 ) Grimm: 1. c, Bd. II, S. 1041. 

3 ) Vgl. dazu die quellenstampfenden Pferde. 

4 ) Grimm: 1. e., Bd. II, S. 1041. 

6 ) Vgl. Herrmann: Nord. Myth., S. 04, und Fick: Vergleich. Wörterb. 
d. indogerm. Sprache, Bd. I. 

6 ) Grimm: 1. c, Bd. I, S. 345 f. 

7 ) Parallel die mantisehe Bedeutung des delphisehen Schlundes, Mimir's 
Brunnen usw. „Abgründe der Weisheit", siehe letztes Kapitel. Hippolytos, in den 
seine Stiefmutter verliebt war, wird nach dem Tode zur weisen Nymphe 
Egeria versetzt. 



296 0. Ct. Jung. 

Zu der Etymologie des Mar ist auch hinzuzufügen, daß im Fran- 
zösischen mere eine starke lautliche Annäherung stattfindet zwischen 
Mutter und Mar, was etymologisch allerdings nichts beweist. Im Slaw. heißt 
mara Hexe, poln. mora = Alp. mör oder rnöre (Schweizer Deutsch) 
heißt Mutterschwein (auch Schimpfwort). Das böhmische mura heißt 
Nachtmar und Abendschmetterling, Sphinx. Dieser sonderbare Zusam- 
menhang erklärt sich durch die analytisch schon öfter erhobene Tat- 
sache, daß Tiere mit zusammenklappbaren Schalen („Venusmuschel") 
oder Flügeln aus durchsichtigem Grunde als Symbol des weiblichen 
Genitales verwendet werden 1 ). Die Sphingiden sind die Dämmerungs- 
falter, sie kommen in der Dunkelheit wie die Marc. Endlich ist zu er- 
wähnen, daß der heilige Ölbaum der Athene /uogia hieß (das von /xögog 
hergeleitet wird). Halirrhotios wollte den Baum umhauen, tötete 
sich aber dabei seiber mit dem Beile. 

Der klangliche etymologisch zufällige Zusammenhang von 
mar, mere mit Meer und lat. mare ist merkwürdig. Sollte er 
vielleicht zurückweisen auf das „große, urtümliche Bild" der Mutter, 
die uns erstmals einzige Welt bedeutete und nachmals zum Symbol 
von aller Welt wurde? Von den Müttern sagt ja Goethe: sie 
sind „umschwebt von Bildern aller Kreatur". Auch die Christen 
konnten es nicht lassen, ihre Gottesmutter wieder mit dem Wasser 
zu vereinigen: „Ave maris Stella" beginnt ein Marienhymnus. 
Auch sind es Neptuns Bosse, welche die Meeres wogen sym- 
bolisieren. Es dürfte wohl von Belang sein, daß das Infantilwort ma-ma 
(Mutter brüst) im Anlaut in allen möglichen Sprachen sich wiederholt 
und daß die Mütter von zwei religiösen Heroen Maria und Maja hießen. 
Daß die Mutter des Kindes Pferd ist, zeigt sich am deutlichsten in der 
barbarischen Sitte, das Kind auf dem Rücken zu tragen oder auf der 
Hüfte reiten zulassen. Odin hing an der Weltesche, der Mutter, seinem 
„Schreckroß". Der ägyptische Sonnengott sitzt auf dem Rücken 
seiner Mutter, der Himmelskuh. 

Wir sahen bereits, daß nach ägyptischer Vorstellung Isis, die 
Gottesmutter, dem Sonnengott den bösen Streich mit der giftigen 
Schlange spielte, ebenso benimmt sich die Isis in der Überlieferung 
des Plutarch verräterisch gegenüber ihrem Sohne Hör us: Horus be- 
zwingt nämlich den bösen Typhon, der Osiris meuchlerisch (furchtbare 
Mutter = Typhon) mordete. Isis aber läßt ihn wieder frei. Horus, 

- 1 ) Beispiel bei Bertsckinger: Dieses Jahrbuch, Bd. III, 1. Hälfte. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 297 

darüber empört, legte Hand an die Mutter und riß ihr den 
königlichen Schmuck vom Haupte 1 ), wofür ihr Hermes einen 
Kuhkopf aufsetzte. Darauf bezwang Horus den Typhon zum zweiten 
Male. Typhon ist in der griechischen Sage ein ungeheurer Drache. 
Auch ohne diese Konstatierung ist es klar, daß der Kampf des Horus 
der typische Kampf des Sonnenhelden mit dem „Walfischdrachen" 
ist. Von letzterem aber wissen wir, daß er ein Symbol der furcht- 
baren Mutter ist, des gefräßigen Todesschlundes, wo die Menschen 
zer mahlen und zerstückelt werden 2 ). Wer dieses Ungeheuer überwindet, 
hat sich eine neue oder ewige Jugend erkämpft. Dazu muß man aber, 
allen Gefahren trotzend, meistens in den Leib des Ungeheuers hinab- 
steigen 3 ) (Höllenfahrt) und dort unten einige Zeit verweilen („Nacht- 
meergefängnis", Frobenius). 

Der Kampf mit der Nachtschlange bedeutet demnach die 
Überwältigung der Mutter, der ein schändliches Verbrechen, 
nämlich der Verrat des Sohnes, zugetraut wird. Eine volle Bestätigung 
dieser Zusammenhänge wird uns durch die von George Smith ent- 
deckten Fragmente des babylonischen Weltschöpfungsepos, die größten- 
teils aus der Bibliothek Asurbanipals stammen. Die Entstehungszeit 
des Textes könnte in die Zeit Hammurabis fallen (2000 a. Chr. n.). 
Aus diesem Schöpfungsbericht 4 ) erfahren wir, daß der uns bereits 
bekannte Sohngott Ea, der Sohn der Wassertiefe und der Gott der 
Weisheit 5 ), Apsü überwältigt hat. Apsü ist der Erzeuger der großen 
Götter (er existierte anfangs in einer Art Dreieinigkeit mit Tiämat, 
der Göttermutter und Mummu, seinem Vezier.) Ea hat also den Vater 
bezwungen. Tiämat aber sann auf Eache: Sie rüstete zum Kriege 
gegen die Götter: 



*) 'AA/.' imßaAövva ry /ui]tqi tö£ X Ei Q a S änoönäöat. rT]g K£<paAf]£ tö 
ßaöikeiov. Plutarch: De Isid. et Osir., 19, G. 

2 ) Vgl. die bei Frobenius (Zeitalter des Sonnengottes) berichteten exo- 
tischen Mythen, wo der Walfischbauch einfach das Totenland ist. 

3 ) Es gehört zu den ständigen Eigentümlichkeiten des Mar, daß er nur 
wieder zu dem Loche hinaus kann, wo er hereinkam. Dieses Motiv 
gehört ersichtlicherweise als projiziertes Wunschmotiv in den Wiedergeburts- 
mythus. 

*) Nach Greßmann: Altorient. Text, und Bild. Bd. I, S. 4 ff. 
5 ) Abgrund der Weisheit, Brunnen der Weisheit, Quelle der Phantasie. 
Vgl. unten. 



298 C. ü. Jung. 

„Mutter Hubur, die allos bildete, 

Gab unwiderstehliche Waffen bei, gebar Riesenschlangen 

Mit spitzen Zähnen, schonungslos in jeder Hinsicht(?); 

Mit Gift füllte sie, statt mit Blut, ihren Leib. 

Wütende Riesenmolche (?) bekleidete sie mit Furchtbarkeit; 

Von Schreckensglanz ließ sie sie strotzen, bildete sie hochragend (?) 

Wer sie erschaute, sollte vor Schauder vergehn (?); 

Ihre Leiber sollten sich bäumen, ohne daß sie sich zur Flucht wenden. 

Sie stellte auf Molche(?), Drachen und Lahamen, 

Orkane, tolle Hunde, Skorpionmenschen, 

Mächtige Stürme, Fischmenschen und Widder(?) 

Mit schonungslosen Waffen, ohne Furcht vor Kampf. 

Gewaltig sind ihre (Tiämat's) Geheiße, unwiderstehlich sind sie." 

„Nachdem Tiämat ihr Werk gewaltig gemacht, 

Ersann(?) sie (Böses) gegen die Götter, ihre Nachkommenschaft; 

Um Apsü zu rächen, handelte Tiämat böse." 

,,Da nun Ea jene Sache hörte, 

Ward er schmerzlich beängstigt, traurig setzte er sich nieder. 

<< 

55 

.,Er ging vor den Vater, seinen Erzeuger Ansar, 

Um alles was Tiämat geplant, ihm zu berichten: 

„Tiämat, unsere Mutter, hat Widerwillen gegen uns gefaßt, 

Hat eine Zusammenrottung veranstaltet, grimmig wütend." 

Gegen das furchtbare Heer der Tiämat stellen die Götter schließ- 
lich den Frühlingsgott Marduk, die siegende Sonne. Marduk rüstet 
sich zum Kampfe; von seiner Hauptwaffe, die er sich schafft, heißt es: 

„Er schuf den bösen Wind Imhullu, den Südsturm und den Orkan; 

Den Vierwind, den Siebenwind, den Wirbelwind(?) und den Unheilswind(?). 

Ließ dann hinaus die Winde, die er geschaffen, ihrer sieben; 

Im Innern Tiämats Verwirrung zu stiften, zogen sie hinter ihm einher. 

Da nahm empor der Herr den Zyklon (?), seine große Waffe; 

Als Wagen bestieg er den Sturmwind, den unvergleichlichen, schrecklichen." 

Seine Hauptwaffe ist der Wind und ein Netz, mit dem er Tiämat 
umschlingen will. Er nähert sich Tiämat und fordert sie zum Zweikampf 
heraus 1 ). 

„Da traten zusammen Tiämat und der Weise(?) unter den Göttern, Marduk, 

Zum Kampf sich erhebend (?); sich nähernd zur Schlacht: 

Da breitete der Herr sein Netz aus und fing sie; 

Den Imhullu in seinem Gefolge ließ er gegen ihr Antlitz los, 

Als Tiämat nun ihren Mund öffnete, soweit sie vermochte (?), 



„Da näherte sich der Herr, nach Tiämats Mitte (?) spähend 



Wandlungen und Symbole der Libido. 



299 



Ließ er den Imhullu hineinfahren, damit sich ihre Lippen nicht schließen 

könnten. 
Mit den wütenden Winden füllte er ihren Leib; 
Erfaßt(?) ward ihr Inneres und ihren Mund öffnete sie weit. 
Er setzte den Speer(?) an(1), zerschlug ihren Leib, 
Ihr Inneres zerfetzte er, zerschnitt (ihr) Herz, 
Bändigte sie und machte ihrem Leben ein Ende; 
Ihren Leichnam warf er hin. auf ihn tretend." 

Nachdem Märduk die Mutter erschlagen, ersann er die Welt- 
schöpfung: 

„Da ruhte der Herr aus, ihren Leichnam betrachtend, 

Teilte dann den Koloß(?), Kluges planend; 

Er zerschlug sie wie einen platten(l) Fisch in zwei Teile 1 ), 

Eine Hälfte von ihr stellte er hin und deckte (damit) den Himmel." 

Auf diese Weise schaffte Marduk das Weltall aus der Mutter. 
Es ist klar ersichtlich, daß die Tötung des Mutterdrachens hier unter 
dem Bilde einer Windbefruchtung mit negativen Vorzeichen erfolgt. 

Die Welt wird aus der Mutter geschaffen, d. h. mit der von der 
Mutter (durch die Opferung) weggenommenen Libido. Diese bedeutsame 
Formel werden wir im letzten Kapitel noch näher zu beleuchten haben. 
Auch in der Literatur des Alten Testamentes finden sich höchst inter- 
essante Parallelen zu diesem uralten Mythus, wie Gunkel 2 ) glänzend 
nachgewiesen hat. Es lohnt sich, der Psychologie dieser Parallelen 
nachzugehen : 

Jes. 51, 9 f : 

Auf, auf, wappne dich mit Kraft, Jahwes Arm! 

Auf wie in den Tagen der Vorzeit, 

Den Geschlechtern der Urzeit! 

Bist Du's nicht, der Rahab zerschmettert, 

Den Drachen schändete? 

Bist Du's nicht, der das Meer austrocknete, 

Die Wasser der großen Flut? 

Der Meerestiefen zum Wege machte, 

Daß hindurchzogen die Erlösten?" 

Der Name Rahab wird im Alten Testament gern für Ägypten 
gesetzt, ebenso Drache (Jes. 30, 7 heißt Ägypten das „geschweigte 
Rahab"), will daher etwas Böses und Feindseliges bedeuten. Rahab 

*) Spaltung der Mutter, vgl. Kaineus, sowie Spalte, Erdspaltung usw. 
2 ) Schöpfung und Chaos. Göttingen, 1895, S. 30 ff. 



300 CG. Jung. 

ist aber auch die bekannte Hure von Jericho, die als spätere 
Gattin des Fürsten Salma Stammutter Christi wurde. Hier tritt 
Ilahab auf als der alte Drache, als Tiamat, gegen deren schlimme 
Macht Marduk oder Jahwe auszieht. Der Ausdruck „die Erlösten" 
bezieht sich auf die aus der Sklaverei befreiten Juden, ist aber auch 
mythologisch, indem der Held aus dem Walfischdrachen die schon 
früher Verschluckten wieder befreit. (Frobenius 1. c.) 
Psalm 89, 11. 

„Du hast geschändet wie ein Aas Rahab !" 
Hiob, 26, 12 f. : 

„Mit seiner Macht hat er das Meer beruhigt, 
Mit seinem Verstände Rahab zerschmettert. 
Die Riegel des Himmels schaudern vor ihm, 
Seine Hand schändete die gewundene Schlange." 

Gunkel setzt Rahab als identisch mit Chaos, d. h. Tiamat. 
Das „Schänden" gibt Gunkel auch als „Vergewaltigen" wieder (1. c. 
pag. 42). Tiamat oder Rahab ist als Mutter auch die Hure. So behandelt 
auch Gilgamesch die Ischtar, welche er der Hurerei bezichtigt. Dieser 
Vorwurf an die Mutter ist uns aus der Traumanalyse geläufig. Der 
Drache Rahab erscheint auch als Leviathan, als Wasserungeheuer. 
{Mütterliches Meer.) 

Psalm 74, 13 ff.: 

Du hast gespalten machtvoll das Meer, 

Hast zerbrochen die Häupter der Drachen im Wasser. 

Du hast zerschlagen die Häupter Leviathans, 

Gabst ihn zum Fraß, zur Speise den Schakalen. 

Du hast gespalten Quelle und Bach, 

Du hast vertrocknet uralte Ströme." 

Wenn wir im ersten Teil dieser Arbeit bloß die phallische Be- 
deutung des Leviathan hervorgehoben haben, so entdecken wir nun 
hier auch seine Mutterbedeutung. Eine weitere deutliche Parallele ist 

Jes. 27, 1 ff. : 

„An jenem Tage sucht Jahwe heim 

Mit seinem Schwert, dem grausamen, großen und starken, 

Den Leviathan, die gewundene Schlange, 

Und tötet den Drachen im Meere." 

Hiob 40, 25 ff. begegnen wir einem besonderen Motiv: 



Wandlungen und Symbole der Libido. 301 

„Ziehst du gar Leviathan an der Angel herauf, 
Hältst mit der Schnur seine Zunge fest? 
Legst die Haken in sein Maul, 
Durchbohrst mit dem Ring seine Wange?" 

Zu diesem Motiv finden sich bei Frobenius (1. c.) zahlreiche 
Parallelen in exotischen Mythen, wo das mütterliche Meerungeheuer 
ebenfalls geangelt wird. Die Vergleiche der Mutterlibido mit den Ele- 
mentargewalten des Meeres und den gewaltigen Ungetümen, welche 
die Erde trägt, zeigt, wie unüberwindlich groß die Macht jener Libido 
ist, die wir als die mütterliche bezeichnen. 

Wir haben bereits gesehen, daß das Inzestverbot den Sohn ver- 
hindert, sich selber durch die Mutter hindurch wieder zu erzeugen. 
Das muß aber der Gott tun, wie uns die bewundernswerte Klarheit 
und Offenheit der pietätsvollen ägyptischen Mythologie zeigt, die 
uns urälteste und einfachste Vorstellungen aufbewahrt hat: So formt 
Chnum, „der Former, Töpfer, Baumeister" auf der Töpferscheibe 
sein Ei, denn er ist „das unsterbliche Wachstum, die eigene Erzeugung 
und die eigene Selbstgeburt, der Schöpfer des Eies, das aus dem Ur- 
wasser hervortrat". Im Totenbuch heißt es: „Ich bin der hehre Falke 1 ), 
der hervorgetreten ist aus seinem Ei." Eine andere Stelle im Totenbuch 
heißt: „Ich bin der Schöpfer des Nun, der seinen Sitz in der Unterwelt 
genommen hat. Mein Nest wird nicht geschaut und mein Ei wird nicht 
zerbrochen 2 )." Ein weiterer Passus lautet: „Jener große und herrliche 
Gott in seinem Ei, der sein eigener Urheber ist für das, was aus ihm 
entstanden ist 3 )." 

Daher heißt auch der Gott Nagaga-uer, der „große Gackerer". 
(Totenbuch 98, 2: „Ich gackere wie die Gans und ich pfeife wie der 
Falke.") Das Inzestverbot wird der Mutter als boshafte Willkür 
vorgeworfen, mit der sie den Sohn von der Unsterblichkeit ausschließe. 
Daher wenigstens ein Gott darüber sich empören, die Mutter über- 
wältigen und züchtigen muß. (Vcrgl. oben Adam und Lilith.) Die Uber- 



*) D. h. der Sonnengott. 

*) Für Verstehende darf ich hier wohl erwähnen, daß eines meiner Kinder, 
ein Töchterchen, das farbige Modelhermasse zu Weihnachten bekam, als erste 
spontane Leistung ein Nest mit einem Ei formte, daneben eine Strahlensonne, 
welche brütend das Ei bescheint. 

3 ) Brugsch: Rel. u. Myth., S. 1G1 ff. 



302 C. G. Jung. 

wälti<nmg bedeutet inzestuöse Notzucht 1 ). Herodot hat uns 2 ) ein 
wertvolles Stück dieser religiösen Phantasie aufbewahrt: 

„Und wie sie der Isis in der Stadt Busiris ihr Fest begehen, ist von 
mir zuvor schon bemerkt worden. Es schlagen nämlich nach der Opferung 
sich alle, Männer und Weiber, wohl viele tausend Mensehen. Doch den, um 
deswillen sie sich schlagen, wäre mir Sünde zu nennen. 

„In Papremis jedoch feiern sie Opfer mit heiligen Handinngen, 
wie an den übrigen Orten. Aber um die Zeit, wenn die Sonne sich neigt, 
sind einige wenige Priester um das Bild herum geschäftig; die meisten 
von ihnen stehen mit hölzernen Keulen am Eingang; und andere, die ein 
Gelübde erfüllen wollen, über tausend Männer, stehen auch sämtlich mit 
Holzprügeln, ihnen gegenüber auf einem Haufen. Nun führen sie das Bild 
in einem kleinen und vergoldeten Tempel am Vorabend heraus in ein 
anderes heiliges Gebäude. Da ziehen denn die wenigen, die bei dem Bilde 
zurückbleiben, einen vierrädrigen Wagen, worauf der Tempel steht, mit 
dem Bilde, das er einschließt. Die anderen aber, die in den Vorhallen stehen, 
lassen sie nicht herein; allein die Gelübdepflichtigen, die dem Gott beistehen, 
schlagen zur Abwehr auf sie los. Da gibt es nun eine hitzige Prügelschlacht, 
wobei sie die Köpfe einander zerschlagen und, wie ich glaube, wohl auch 
viele an den Wunden sterben; un erachtet die Ägypter selbst behaupteten, 
es sterbe kein einziger. 

Und diese Festversammlung behaupten die Eingeborenen darum 
eingeführt zu haben: in diesem Heiligtum wohne die Mutter des Ares 3 ). 
Nun sei Ares auswärts erzogen worden und, als er zum Manne gereift 
war, hergekommen, um mit seiner Mutter Umgang zu haben; 
da ihn denn die Diener seiner Mutter, weil er ihnen noch nie zu Gesicht 
gekommen war, nicht ruhig herzuließen, sondern abhielten; worauf er aus 
einer andern Stadt Leute holte, den Dienern übel mitspielte und zu seiner 
Mutter einging. Daher behaupten sie, dem Ares diese Schlägerei bei 
seinem Fest eingeführt zu haben." 

Es ist klar, daß die Frommen sich hier für ihre Teilnahme am 
Mysterium der Mutter Vergewaltigung 4 ) durchprügeln und töten, das 



J ) In einem Pyraniidentext, welcher den Kampf des toten Pharao um die 
Vorherrschaft im Himmel schüdert, heißt es: „Der Himmel weint, die Sterne 
beben, die Wächter der Götter zittern und ihre Diener entfliehen, wenn sie den 
König als Geist sich erheben sehen, als einen Gott, der von seinen Vätern lebt 
und sich seiner Mütter bemächtigt." (Zitiert b. Dieterieh: Mithraslit., S. 100.) 

2 ) Buch II, 61 ff. 

3 ) Unter Ares ist wahrscheinlich der ägyptisehe Typhon gemeint. 

4 ) In der polynesischen Mauimythe ist die Tat des Sonnenhelden auch reeht 
deutlich: er raubt der Mutter den Gürtel. Der Schleierraub im Typus des Schwan- 
jungfraumythus heißt dasselbe: In einer afrikanischen Mythe von Joruba not- 
züchtigt der Sonnenheld einfaeh seine Mutter (Frobenius 1. c). 



Wandlungen und Symbole der Libido. 303 

ist der Anteil, der ihnen zugehört 1 ), während die Heldentat dem Gotte 
gehört 2 ). Mit diesem Ares ist, wie gute Gründe vermuten lassen, der 
ägyptische Typhon gemeint. Typhon repräsentiert so die böse 
Sehnsucht nach der Mutter, welche aber andere Mythenformen 
der Mutter vorwerfen, nach bekanntem Muster. Der dem Osiristod 
(Erkrankung des Rc) ganz analoge Tod Balders durch die Verwundung 
mit dem Mistelzweig scheint einer ähnlichen Erklärung zu bedürfen. 
In der Mythe wird berichtet, wie alle Geschöpfe verpflichtet wurden, 
Balder nichts zu tun, nur der Mistelzweig wurde vergessen, angeblich, 
weil er noch zu jung war. Der fällte Balder. Die Mistel ist ein Parasit. 
Aus dem Holze einer parasitischen oder rankenden Pflanze wurde das 
weibliche Holz stück bei der rituellen Feuerbohrung gewonnen 3 ), 
also die Feuermutter. Auf „märentakken", worunter Grimm die Mistel 
vermutet, ruht die Mare aus 4 ). Die Mistel war ein Heilmittel gegen die 
Unfruchtbarkeit. In Gallien durfte nur unter feierlichen Zeremonien 
nach vollbrachtem Opfer der Druide auf die heilige Eiche steigen, 
um dort die rituelle Mistel zu schneiden 5 ). Diese Handlung ist ein kultisch 
eingeschränkter und organisierter Inzest. Das, was auf dem Baume 
wächst, ist das Kind 6 ), das man von der Mutter haben möchte, denn das 
wäre man selber in erneuter und verjüngter Gestalt und eben gerade 
das kann man nicht haben, weil dem das Inzestverbot entgegen- 
steht. Wie der keltische Brauch zeigt, ist diese Handlung nur 
unter Beobachtung gewisser Zeremonien dem Priester gestattet; der 
Gottheld und Welterlöser aber tut das Unerlaubte, Übermensch- 
liche und erkauft dadurch Unsterblichkeit. Der Drache, der zu 
diesem Zweck überwunden werden muß, ist. wie dem Leser schon 
längst klar geworden sein muß, der Widerstand gegen den Inzest. 
Drache und Schlange, namentlich mit ihrer charakteristischen Häufung 

1 ) Der oben erwähnte Mythos von Halirrhotios, der sich selber tötet, als 
er den heiligen ßaum der Athene, die Moria, fällen wollte, enthält dieselbe Psy- 
chologie, ebenso die Priesterkastrationen (Attiskastration) im Dienste der großen 
Mutter. Die asketische Selbstquälerei im Christentum fließt selbstverständlich 
auch ans diesen Quellen, denn die christliche Symbolform bedeutet eine ganz 
intensive Regression auf den Mutterinzest. 

2 ) Das Abreißen vom Lebensbaum ist eben diese Sünde. 

3 ) Vgl. Kuhn: Herabkunft des Feuers. 

4 ) 1. c. II, S. 1041. 

5 ) Nork: Wörterbuch s. v. Mistel. 

") Daher in England wohl an Weihnachten Mistelzweige aufgehängt 
werden, Mistel als Lebensrute. Vgl. Aigremont: Volkserotik und Pflanzenwelt. 



304 C. G. Jung. 

von Angstattributen, sind die Symbolrepräscntanten der Angst, die 
dem verdrängten Inzestwunsch entspricht. Es ist daher verständlich, 
wenn wir immer wieder dem Baum mit der Schlange begegnen (im 
Paradies überredet die Schlange sogar zur Sünde); der Schlange oder 
dem Drachen kommt besonders die Bedeutung des Schatzhüters und 
-Verteidigers zu. Die sowohl phallische wie weibliche Bedeutung des 
Drachens 1 ) zeigt, daß es sich wieder um ein Symbol der sexuell neu- 
tralen (oder bisexuellen) Libido handelt, nämlich ein Symbol der 
Libido im Widerstand. In dieser Bedeutung tritt im altpersischen 
Tishtriyalied auch das schwarze Pferd Apaosha (der Dämon des 
Widerstandes) auf, indem es die Quellen des Regensees besetzt hält. 
Das weiße Pferd Tishtriya stürmt zweimal vergebens, das drittemal 
gelingt es ihm mit Hilfe Ahuramazdas Apaosha zu überwältigen 2 ). 
Darauf öffnen sich die Schleusen des Himmels und fruchtbarer Regen 
ergießt sich über die Erde 3 ). In diesem Liede sieht man in der Symbol - 

a ) Wie der Baum auch rjhallische Natur hat neben der Mutterbedeutung, 
so hat in den Mythen die dämonische Alte (sie sei günstig oder nefast) öfter auch 
phallische Attribute, z. B. eine lange Zehe, einen langen Zahn, lange Lippe, langen 
Finger, lange Brüste, große Hände, großen Fuß usw. Diese Mischung männlicher 
und -weiblicher Motive weist darauf hin, daß die ,,Alte" ein Libidosjanbol ist, wie 
der Baum, allerdings vorwiegend mütterlich determiniert. Am deutlichsten 
ist die Bisexualität der Libido ausgedrückt im Bilde der drei Gräen, die zusammen 
bloß ein Auge und einen Zahn besitzen. Dieses Bild ist eine direkte Parallele 
zu dem Traum einer Patientin, die ihre Libido dargestellt hat als Zwillinge, der 
eine ist eine Sehachtel und der andere ein flaschenähnlicher Gegenstand, 
denn Auge und Zahn sind weibhehes und männliches Genitale. (Bezüglich Auge 
in dieser Bedeutung vgl. besonders den ägyptischen Mythus; bezüglich Zahn ist 
zu bemerken, daß Adonis, die Fruchtbarkeit, durch den Eberzahn stirbt, wie 
Siegfried durch Hagens Speer, vgl. dazu unten den Veroneser Priap, dessen Phallus 
durch die Schlange abgebissen wird. Zahn ist in dieser Hinsicht wie Schlange 
„negativer" Phallus. 

2 ) Vgl. Grimm: II, IV, S. 802. 

Das gleiche Älotiv in anderer Anwendung findet sich in einer nieder- 
sächsischen Sage: Es wird einst eine Esche aufwachsen, von der man noch nichts 
gesehen hat, doch wächst, ein kleiner Sproß unbemerkt aus dem Boden. Dazu 
kommt in jeder Neujahrsnacht ein weißer Reiter auf weißem Pferde, um 
den jungen Schoß abzuhauen. Zu gleicher Zeit kommt aber auch ein schwarzer 
Reiter und wehrt ihm. Nach langem Kampfe gelingt es dem Weißen, den Schwarzen 
zu vertreiben und der Weiße haut den Sproß ab. Einmal aber wird es dem Weißen 
nicht mehr gelingen, dann wird die Esche aufwachsen, und wenn sie so groß ist, 
daß ein Pferd darunter angebunden werden kann, dann wird ein mächtiger König 
kommen und eine gewaltige Schlacht wird anheben (Weltuntergang). 

3 ) Chantepie de la Saussaye: Lehrbuch der Rehgionsgeschichte, Bd. II, 
S. 185. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 305 

wähl sehr schön, wie Libido gegen Libido gesetzt ist, Wollen gegon 
Wollen, das Uneinssein des primitiven Menschen mit sich selber, das 
er in allen Widrigkeiten und Gegensätzlichkeiten der äußern Natur 
wieder erkannte. 

Das Symbol des von der Schlange umwundenen Baumes 
ist also u. A.auch zu übersetzen als die vom Widerstand gegen 
den Inzest verteidigte Mutter. Dieses Symbol ist auf mithrischen 
Denkmälern nicht selten. Ähnlich ist auch der von der Schlange 
umwundene Fels aufzufassen, denn Mithras (Men) ist ein Felsgeborener. 
Die Bedrohung des Neugeborenen durch die Schlange (Mithras, Her- 
kules) erldärt sich durch die Legende der Lilith und der Lamia. Python, 
der Drache der Leto und Poine, die das Land des Krotopos verwüstet, 
sind vom Vater des Neugeborenen entsendet: diese Wendung läßt die 
uns aus der Psychoanalyse bekannte Lokalisierung derlnzestangst 
beim Vater erkennen. Der Vater repräsentiert die tatkräftige Abwehr 
der Inzestwünsche des Sohnes, d. h. das Verbrechen, das der Sohn un- 
bewußt wünscht, wird dem Vater zugeschoben, in Form einer angeblich 
mörderischen Absicht des Vaters als Ursache der Todesangst 
vor dem Vater, diesem häufigen neurotischen Symptom. Dieser 
Wendung entsprechend ist das vom jungen Heros zu überwindende 
Ungeheuer auch häufig ein Riese, welcher den Schatz oder das Weib 
behütet. Ein treffendes Beispiel ist der Riese Chumbaba im Gilgamesh- 
epos, welcher den Garten der Jshtar beschützt 1 ): er wird von Gil- 
gamesh überwältigt, wodurch Ishtar gewonnen wird. Sie stellt darauf 
das sexuelle Begehren an Gilgamesh 2 ). Diese Daten dürften genügen, 
um die Rolle des Horus bei Plutarch zu verstehen, besonders die 
gewalttätige Behandlung der Isis. Durch die Überwältigung der Mutter 
wird der Held gleich der Sonne, er erzeugt sich wieder. Er gewinnt die 
Kraft der unbesieglichen Sonne, die Kraft ewiger Wiederverjüngung. 
So verstehen wir nunmehr auch eine Folge von Bildern (s. Abbild.) 
aus der Mithrasmythe auf dem Heddernheimer Relief. Dort ist zuerst 
die Geburt des Mithras aus dem Baum (aus dem Wipfel) dargestellt, 
das nächste Bild zeigt ihn, den überwältigten Stier tragend, wobei 
dem Stier die verdichtete Bedeutung des Ungeheuers (vergleichbar dem 
Ungeheuern von Gilgamesh überwältigten Stier), des Vaters, der als 
Riese und gefährliches Tier das Inzestverbot verkörpert, und der eigenen 



') Fernere Beispiele bei Frobenius: 1. c. passim. 
2 ) Vgl. Jensen: Gilgameshepos. 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IY- ^ 



SOG 



C. G. Juno-. 



Libido des Solmlieldcn, die er sclbstopfernd überwältigt, zukommt. 
Das dritte Bild stellt Mithras dar, wie"cr nach dem Hauptsolimnok 
des Sol, der Strahlenkrone, greift. Zunächst erinnert diese Hand- 
lung an die Gewalttat des Horus der Isis gegenüber, sodann an den 




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Stieropfer des Mithras. 

christlichen Grundgedanken, daß die, die überwunden haben, 
die Krone des ewigen Lebens erlangen. Auf dem vierten Bild 
kniet Sol vor Mithras. Diese beiden letzten Bilder zeigen deutlich, 
daß Mithras die Sonnenkraft an sich genommen hat, so daß er auch Herr 
der Sonne wird. Er hat seine „tierische Natur" (den Stier) überwunden. 
Das Tier kennt kein Inzestverbot, der Mensch ist darum Mensch, 
weil er den Inzestwunsch, d.h. die Tiernatur, überwindet. So hat Mithras 



Wandlungen und Symbole der Libido. 307 

seine Tiernatur geopfert, den Inzestwnnsch und mit ihm die Mutter, 
d. h. die verderbliche todbringende Mutter überwunden. (Eine Lösung, 
die schon im Gilgameshepos durch den förmlichen Verzicht des Heros 
auf die schreckliche Ishtar vorbereitet ist.) Die Überwindung der Mutter 
geschieht in dem bereits etwas asketisch angehauchten Sacrificium 
mithriacum nicht mehr in der archaischen Überwältigung, sondern 
durch den Verzicht, die Opferung des Wunsches. Der Urgedanke der 
inzestuösen Wiedererzeugung durch Eingehen in den Mutterleib 
hat sich hier schon derart verschoben, daß der Mensch, bereits so 
weit in der Domestikation vorgeschritten, glaubt, nicht durch die 
Begehung des Inzestes, sondern durch die Opferung des Inzestwunsches 
das ewige Sonnenleben zu erreichen. Diese bedeutsame im Mithras- 
mysterium ausgesprochene Wandlung findet ihre größte Vollendung 
erst im Symbol des gekreuzigten Gottes. Für Adams Sünde wird ein 
blutiges Menschenopfer an den Lebensbaum gehängt 1 ). Der Mutter 
opfert der Erstgeborene sein Leben, indem er in den Zweigen hängend 
einen schmach- und qualvollen Tod erleidet, eine Todesart, die zu den 
schändlichsten Hinrichtungsformen gehörte, welche das römische 
Altertum nur für die gemeinsten Verbrecher bereit hatte. Der Held 
stirbt also, wie wenn er die gemeinste Freveltat begangen hätte; er 
tut sie, indem er sich wieder in die gebärenden Zweige des Lebens- 
baumes legt, zugleich aber bezahlt er die Schuld mit der Todesqual. 
In dieser Tat größten Mutes und größter Entsagung ist die Tiernatur 
am mächtigsten unterdrückt, daher ein größtes Heil für die Menschheit 
daraus zu erwarten ist, denn solche Tat allein scheint geeignet, die 
Schuld Adams zu sühnen. 

Wie schon erwähnt, ist das Aufhängen der Opfer an Bäumen 
eine allgemein verbreitete rituelle Sitte, besonders germanisch reichlich 
belegt 2 ). Rituell ist, daß die Opfer mit dem Speer durchstochen wurden. 
So heißt es von Odin (Edda, Havamal): 

„Ich weiß, daß ich hing am windbewegten Baum 

Neun Nächte hindurch 

Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin 

Ich selber mir selbst." 



J ) In einem schlesisehen Passional des 15. Jahrhunderts stirbt Christus 
am selben Holz, an dem Adam einst gesündigt. (Zitiert Zöekler: I.e., S. 241.) 

2 ) Es wurden z. B. auch Tierhäute an die Opferbäume gehängt und es 
■wurde mit Speeren danach geworfen. 

20* 



303 C. 6. Jung. 

Die Aufhängung der Opfer an Kreuzen war auch amerikanisch 
(vor der Entdeckung). Müller 1 ) erwähnt die Fejcrvarysche Hand- 
schrift (ein mexikanischer Hieroglyphenkodex), an deren Schluß sich 
ein kolossales Kreuz befindet, in dessen Mitte eine blutige Gottheit 
aufgehängt ist. Ebenso interessant ist das Kreuz von Palenque 2 ): 
Obendrauf ist ein Vogel, auf beiden Seiten zwei menschliche Figuren, 
die das Kreuz ansehen und ein Kind dagegen hinhalten (zur Opferung 
oder Taufe?). Die alten Mexikaner sollen die Gunst Centeotls, „der 
Tochter des Himmels und der Göttin des Getreides", jedes Frühjahr 
durch Annagelung eines Jünglings oder einer Jungfrau an ein Kreuz 
und durch Beschießung des Opfers mit Pfeilen angerufen haben 3 ). 
Der Name des mexikanischen Kreuzes bedeutete: „Baum unseres 
Lebens oder Fleisches" 4 ). 

Ein Bildnis der Insel Philä soll auch Osiris in der Gestalt eines 
Kruzifixus darstellen, beweint von Isis und Nephthys, den Schwester- 
gattinnen 5 ). 

Die Bedeutung des Kreuzes ist gewiß mit der des Lebensbaumes 
nicht erschöpft, me schon angedeutet, Wie auch der Lebensbaum 
eine phallische Nebenbedeutung hat (als Libidosymbol), so kommt auch 
dem Kreuz eine weitere Bedeutung außer Leben und Unsterblichkeit 6 ) 
zu. Müller (1. c.) gebraucht es als Zeichen des Regens und der Frucht- 
barkeit, da es indianisch entschieden als Fruchtbarkeitszauber erscheint. 
Daß es daher eine Rolle im Sonnenkult spielt, ist fast selbstverständlich. 
Hervorzuheben ist auch, daß es ein wichtiges Zeichen zur Fernhaltung 
alles Unheils ist (Kreuzschlagen), wie die antike Geste der Manofica. 
Diesem Zweck dienten auch die phallischen Amulette. So gründlich 

*) Geschichte der amerikanischen TJrreligionen, S. 498. 
") Stephens: Zentralamerika, II, 346. (Zitiert bei Müller: 1. c, S. 408.) 
3 ) Zöekler: Das Kreuz Christi, S. 34. 

*) H. H. Bankroft: Native Raees of te Pacific States of North America, 
II, 506. (Zitiert Robertson: Evang. Myth., S. 139.) 

5 ) Rossellini: Monumenti dell' Egitto etc. Tom. 3. Tav. 23. (Zitiert 
Robertson: 1. c., S. 142.) 

6 ) Zöekler: 1. e., S. 7 ff. In der Darstellung einer Königsgeburt in Luxor 
sieht man folgendes: Der Logos und Götterbote, der vogelköpfige Thoth ver- 
kündet der jungfräulichen Königin Mautines, daß sie einen Sohn gebeören werde. 
In der folgenden Szene halten Kneph und Athor die Crux ansata ihr an den 
Mund, indem sie sie: damit auf geistige (symbolische) Weise be- 
fruchten. Sharp: Egyptian mythology, S. 18 f. (Zitiert Robertson: Evan- 
gelienmythen, S. 43. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 309 

sonst Zö ekler verfährt, so hat er doch ganz übersehen, daß die 
phallische Crux ansata dasjenige Kreuz ist, das der Boden der 
Antike in zahlreichen Exemplaren wiedergibt. Abbildungen dieser 
Cruces ansatae finden sich an vielen Orten und fast jede Antikensamm- 
lung besitzt ein oder mehrere Exemplare 1 ). 

Schließlich ist auch zu erwähnen, daß die menschliche Körper- 
form im Kreuz nachgeahmt wird als ein Mensch mit ausgestreckten 
Armen. Es ist merkwürdig, daß auf frühchristlichen Abbildungen 
Christus nicht ans Kreuz genagelt ist, sondern mit ausgebreiteten 
Armen davor steht 2 ). Maurice 3 ) gewährt dieser Deutung eine treffliche 
Unterlage; er sagt folgendes: It is a fact not less remarkable, than 
well attested, that the Druids in their groves were aecustomed to select 
the most stately and beautiful tree as an emblem of the deity they 
adored, and having cut off the side branches, they affixed two of the 
largest of them to the highest part of the trunk, in such manner that 
those branches extended on each side like the arms of a man, and 
together with the body, presented the apparence of a huge cross; and 
in the bark in several places was also inscribed the letter „tau" 4 ). 

Auch der „Baum der Wissenschaft" der indischen Dschaina- 
sekte nimmt Menschengestalt an; er wird dargestellt als ein mächtig 
dicker Stamm in der Gestalt eines Menschenkopfes, aus dessen Scheitel 
zwei längere, seitlich herabhängende, und ein senkrecht aufstrebender 
kürzerer Zweig, von einer knospen- oder blütenartigen Verdickung 
gekrönt, herauswachsen 5 ). Robertson (Evang. Myth. S. 133) er- 
wähnt, daß auch im assyrischen System die Darstellung der Gottheit 
in Kreuzform vorhanden ist, wobei der senkrechte Balken einer 
menschlischen Gestalt und der wagrechte Balken einem konventionell 
gewordenen Flügelpaar entspricht. Altgriechische Idole, wie sie z. B. 
in Agina reichlich gefunden wurden, haben einen ähnlichen Charakter: 



*) Die phallischen Grenzhermen hatten öfter Kreuzgestalt mit einem 
Kopf als Spitze. (W. Payne Knight. Worship of Priapus, S. 30.) Altenglisch 
hieß das Kreuz rod = Rute. 

2 ) Robertson (1. c, S. 140) erwähnt die Tatsache, daß der mexikanische 
Priester und Opferer sich in die Haut eines eben getöteten Weibes hüllt und mit 
kreuzartig ausgestreckten Armen sich vor den Kriegsgott stellt. 

3 ) Indian Antiquities, VI, 49. 

4 ) Gemeint ist die primitive ägyptische Kreuzform: T. 

5 ) Zöckler: 1. c, S. 19. Der Blütenknopf ist wohl deutlich phallisch. 
Vgl. den oben berichteten Traum der jungen Frau. 



310 CG. Jung. 

unmäßig langes Haupt und flügeiförmig abstehende und etwas empor 
behobene Arme (?) und vorn deutliche Brüste 1 ). 

Ob, wie vielfach behauptet wird, das Kreuzsymbol zu den beiden 
Feuerhölzern der rituellen Feuererzeugung eine Beziehung hat, muß 
ich dahingestellt sein lassen. Es hat aber den Anschein, als ob tat- 
sächlich dem Kreuzsymbol noch die Bedeutung „Vereinigung" inne- 
wohnte, denn zum Fruchtbarkeitszauber gehört schließlich dieser 
Gedanke auch, namentlich zum Gedanken der ewigen Wiedererneuerung, 
der mit dem Kreuz aufs innigste verbunden ist. Dem Gedanken der 
„Vereinigung", ausgedrückt durch das Kreuzsymbol, begegnen wir 
im Timäus des Plato, wo die Weltseele in der Form eines X (Chi) 
zwischen Himmel und Erde ausgespannt gedacht ist, also in der Form 
eines „Andreaskreuzes". Wenn wir nun noch erfahren, daß die Welt- 
seele in sich die Welt als Körper enthält, so werden wir durch dieses 
Bild unfehlbar an die Mutter erinnert, (Piaton, Timaios, übers. Kie f er, 
S. 27): 

„Die Seele setzte er (der Demiurg) in der Mitte des Weltkörpers 
ein und dehnte sie durch das ganze Weltall aus, umhüllte aber auch 
den Weltkörper noch von außen mit ihr. So brachte er denn das 
Weltall zustande als einen sich im Kreise drehenden Kreis, der einzig und 
einsam, infolge seiner guten Beschaffenheit imstande ist, mit sich selbst 
zu verkehren, und keines andern bedarf, genügend bekannt 
und befreundet mit sich selbst. Durch alle die Vorkehrungen schuf 
er die Welt als einen seligen Gott." 

Dieser höchste Grad von Untätigkeit und Bedürfnislosigkeit, 
symbolisiert durch das Eingeschlossensein in sich selber, bedeutet 
göttliche Seligkeit. Einziges menschliches Vorbild zu dieser Anschauung 
ist das Kind im Mutterleibe, d. h. vielmehr der erwachsene Mensch 
in beständiger Umarmung und Verschlingung mit seinem Ursprung, 
der Mutter. Dieser mythologisch-philosophischen Anschauung ent- 
sprechend bewohnte der beneidenswerte Diogenes auch ein Faß, um 
dadurch der Seligkeit und Gottälmlichkeit seines Nichtbedürfens 
mythologischen Ausdruck zu verleihen. (Mutterleibsphantasie). Vom 
Verhältnis der Weltseele zum Weltkörper sagt Piaton folgendes: 

„Wenn wir jetzt erst von der Seele zu sprechen beginnen, so hat nicht 
auch der Gott sie erst nach dem Körper gebildet : denn er hätte nicht zu- 
gelassen, daß die Ältere vom Jüngeren beherrscht werde; wir, 



x ) Die Mitteilung über diese Funde verdanke ich Herrn Prof. Fiechter 
in Stuttgart. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 311 

vielfach vom Zufall und Ungefähr abhängig, reden eben auch so, er aber 
schuf die Seele so, daß sie ihrer Entstehung und guten Beschaffenheit 
nach dem Körper vorausging und ehrwürdiger war als er, er 
machte sie zur Herrin und künftigen Gebieterin des Körpers.'' 
(1. c. S. 27.) 

Es scheint auch aus anderen Andeutungen denkbar, daß das 
Bild der „Seele" überhaupt ein Derivat der Mutterimago ist, d. h. 
eine Svmbolbezeichnung für den in der Mutterimago stecken gebliebenen 
Libidobetrag. (Vgl. die christliche Vorstellung von der Seele als einer 
Braut des Herrn.) Die weitere Entwicklung der Weltseele im Timaios 
erfolgt in dunkler zahlenmystischer Weise. Als die Mischung vollendet 
war, geschah folgendes: 

„Dieses ganze so zusammengehäufte Gebilde aber spaltete er hier- 
auf der Länge nach in zwei Teüe, verband dieselben kreuzweise in 
ihrer Mitte, so daß sie die Gestalt eines X bildeten." 

Dieser Passus nähert sich deutlich der Spaltung und Vereinigung 
des Atman an, der nach der Spaltung einem Mann und einem Weibe 
verglichen wird, die sich umschlungen halten. Ein anderer Passus 
(1. c. S. 30) ist erwähnenswert: 

„Nachdem nun nach dem Sinne des Meisters die ganze Zusammen- 
fügung der Seele erfolgt war, büdete er hierauf alles, was körperlich ist, 
innerhalb derselben und fügte es so zusammen, daß es dieselbe 
mitten durchdrang." 

Im übrigen verweise ich auf meine Ausführungen über die mütter- 
liche Bedeutung der Weltseele bei Plotin in Kap. II. Eine ähnliche 
Loslösung des Kreuzsymboles von konkreterer Gestaltung finden wir 
bei den Muyskaindianern, die über einem Wasserspiegel (Teich oder 
Fluß) zwei Seile übers Kreuz spannen und am Schnittpunkt Früchte, 
öl und Edelsteine als Opfer in Wasser werfen 1 ). Hier ist die Gottheit 
offenbar das Wasser und nicht das Kreuz, welch letzteres durch den 
Kreuzungspunkt nur die Opferstelle bezeichnet. Das Opfer an der 
„Vereinigungsstelle" läßt erkennen 2 ), warum dieses Symbol ein ur- 
sprünglicher Fruchtbarkeitszauber 3 ) war, warum wir ihm so häufig 
(vorchristlich) bei den Liebes(= Mutter)göttinnen begegnen, ägyptisch 
besonders bei Isis und dem Sonnengott. Die beständige Vereinigung 



1 ) Zöckler: 1. e., S. 33. 

2 ) Das Opfer arn „Kreuzungspunkt" dürfte vielleicht überhaupt mit dem 
Spraehsymbolismus von ., Kreuzen", „Kreuzung" usw. zu tun haben. 

3 ) Das Opfer wird ins Wasser, d. h. in die Mutter versenkt. 



312 CG. Jung. 

dieser beiden Gottheiten haben wir bereits besprochen. Da das Kreuz 
(Tau, Crux ansata) immer wiederkehrt in dorHand des Tum, des obersten 
Gottes, des Hegemon der Enneas, so dürfte es nicht überflüssig sein, 
noch ein mehreres von den Bestimmungen des Tum zu sagen. Der Tum 
von On-Heliopolis führt den Namen „der Vater seiner Mutter"; was 
das heißt, bedarf keiner Erklärung. Die ihm beigegebene Göttin Jusas 
oder Nebit-Hotpet wird bald die Mutter, bald die Tochter, bald 
die Gattin des Gottes genannt. Der Tag des Herbstanfanges 
wird in den helio politischen Inschriften als „der Festtag der Göttin 
Jusasit" bezeichnet, als die Ankunft der Schwester, um sich mit 
ihrem Vater zu vereinigen". Es ist der Tag, an welchem „die Göttin 
Melinit ihre Arbeit vollendet, um den Gott Osiris in das linke Auge 1 ) 
eintreten zu lassen". Der Tag heißt auch „Ausfüllung des heiligen Auges 
mit seinem Erforderlichen". Die Himmelskuh mit dem Mondauge, 
die kuhköpfige Isis nimmt im Herbstaequinoctium den den Horus 
zeugenden Samen in sich auf 2 ). (Mond als Samenbewahrer.) Das „Auge" 
vertritt ersichtlich das Genitale, wie in der Mythe von Indra, der wegen 
eines Bathsebafrevels die Bilder der Yoni (Vulva) über seinen ganzen 
Körper ausgebreitet zu tragen hatte, von den Göttern aber so weit 
begnadigt wurde, daß das entehrende Yonibild in Augen verwandelt 
wurde 3 ). (Formälmlichkeit.) Im Auge ist die „pupilla" ein Kind. Der 
große Gott wird wieder ein Kind, er tritt in den Mutterleib ein, um sich 
zu erneuern 4 ). In einem Hymnus heißt es auch: 

„Deine Mutter, der Himmel, streckt ihre Arme nach dir aus." 

An anderer Stelle heißt es: 

„Du strahlst, o Vater der Götter, auf dem Rücken deiner Mutter, 
täglich empfängt dich deine Mutter in ihren Armen. Wenn du in der Wohnimg 
der Nacht leuchtest, vereinigst du dich mit deiner Mutter, dem Himmel 5 )." 

Der Tum von Pitum-Heroopolis führt nicht nur die Crux ansata 
als Symbol bei sich, sondern hat auch sogar dieses Zeichen als seinen 

x ) Worunter der Moad zu verstehen ist. Vgl. später: Mond als Sammelort 
der Seelen (umschlingende Mutter). 

2 ) Brugsch: 1. c, S. 281 ff. 

3 ) Vgl. dazu, was Abraham in bezug auf pupilla sagt. (Traum und Mythus, 
S. 16.) 

4 ) Rückzug des Re auf die Himmelskuh. In einem indischen Reinigungs- 
ritus muß der Büßer durch eine künstliche Kuh hindurchkriechen, um wieder- 
geboren zu werden. 

5 ) Schultze: Psychologie der Naturvölker, Leipzig, 1900, S. 338. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 313 

hcäufigsten Beinamen, nämlich an/ oder Jür/j, was Leben oder der 
der Lebendige bedeutet. Er ist hauptsächlich als Agathodämonschlang? 
verehrt, von der es heißt: „Die heilige Agathodämonschlange geht 
hervor aus der Stadt Nezi". Die Schlange (wegen ihrer Häutung) ist 
das Symbol der Wiedererneuerung, wie der Scarabaeus (ein Sonnen- 
symbol), von dem es heißt, daß er, nur männlichen Geschlechtes, sich, 
selber wieder erschaffe. 

Der Name „Chnum" (ein anderer Name für Turn, gemeint ist 
immer der Sonnengott) kommt vom Verb x num > welches sich ver- 
binden, vereinigen heißt 1 ). Chnum tritt vorzugsweise als der Töpfer 
und Bildner seines Eies auf. Das Kreuz fcheint demnach ein außer- 
ordentlich verdichtetes Symbol zu sein: seine überragende Bedeutung 
ist die vom Lebensbaum und daher ist es ein Symbol der Mutter. Die 
Symbolisierung in einer menschlichen Gestalt ist daher verständlich. 
Die phallischen Formen der Crux ansata gehören mit zum abstrakten 
Sinn „Leben" und „Fruchtbarkeit"' sowie zur Bedeutung von „Ver- 
einigung", die wir nun sehr wohl als cohabitatio mit der Mutter 
zum Zwecke der Wiedererneuerung ansprechen dürfen 2 ). Es 
ist daher ein nicht nur rührender, sondern in seiner Naivität überaus 
tiefsinniger Symbolismus, wenn in einer altenglischen Marienklage 3 ) 
Maria das Kreuz anklagt, es sei ein falscher Baum, imgerechterweise 
und grundlos habe er „ihres Leibes reine Frucht, ihr holdes Vögelein" 
mit giftigem Trank zerstört (die Hinterlist der Isis, tödlicher Liebes- 
trank), mit dem Todestrank, den nur die Nachkommen des Sünders 
Adam, denen eine Schuld anhafte, zu trinken hätten. Ihr Sohn hätte 
daran keine Schuld. Sie klagt: 

„Kreuz, du bist meines Sohnes schlimme Stiefmutter, so 
hoch hast du ihn hinaufgehängt, daß ich nicht einmal seine Füße küssen 
kann! Kreuz, du bist mein Todfeind; du hast mir erschlagen mein blaues 
Vögelein!" 

Sancta Crux antwortet: 



») Brugseh: 1. c, S. 290 ff . 

a ) Man darf sich über diese Formel nicht wundern, denn es ist der tierische 
Mensch in uns, dessen Urkräfte in der Religion erscheinen. Dieterichs Worte 
(Mithraslit., S. 108) gewinnen in diesem Zusammenhange einen besonders bedeut- 
samen Aspekt: „Von unten kommen die alten Gedanken zu neuer Kraft in 
der Religionsgesehiehte: Die Revolution von unten schafft neues Leben der 
Religion in uralten unzerstörbaren Formen." 

3 ) Dispute between Mary and the Cross in R. Morris: Legends of the 
Holy Rood., London, 1871. (Zitiert Zöckler: 1. c, S. 240 f.) 



314 CG. Jung. 

„"Frau, dir danke ich meine Ehre; deine herrliche Frucht, die- 
ich jetzt trage, strahlt in roter Blüte 1 ). Nicht für dich allein, nein, 
die ganze AYelt zu retten, erblüht diese köstliche Blume in dir 2 )." 

Über das Verhältnis der beiden Mütter (Isis am Morgen und 
Isis am Abend) zueinander sagt Sancta Crux: 

„Du warst zur Himmelskönigin gekrönt, um des Kindes willen, das du 
geboren. Ich aber werde als glänzende Reliquie einst aller Welt erscheinen, 
beim Gerichtstage; da werde ich dann erheben meine Klage um 
deinen heiligen, unschuldig an mir gemordeten Sohn." 

So vereinigt sich die mordende Todesmutter mit der gebärenden 
Lebensmutter in ihrer Klage um den sterbenden Gott und als äußeres 
Zeichen ihrer Vereinigung küßt Maria das Kreuz und söhnt sieh mit ihm 
aus 3 ). Das naive ägyptische Altertum hat uns die Vereinigung der 
kontrastierenden Tendenzen im Mutterbild der Isis noch aufbewahrt. 
Natürlich ist diese Imago bloß ein Symbol der Libido des Sohnes zur 
Mutter und schildert den Konflikt zwischen Liebe und Inzestwiderstand. 
Die verbrecherische, inzestuöse Absicht des Sohnes erscheint als ver- 
brecherische Hinterlist in die Mutterimago projiziert. Die Abtrennung 
des Sohnes von der Mutter bedeutet den Abschied des Menschen von 
dem Gattungsbewußtsein des Tieres, von dem für das infantilarehaische 
Denken charakteristischen Mangel an Individualbewußtsein. Erst 
durch die Gewaltsamkeit des „Inzestverbotes" konnte das sieh selber 
bewußte Individuum geschaffen werden, das vorher gedankenlos 
eins war mit der Sippe, und so erst konnte die Idee des individuellen 
und endgültigen Todes möglich werden. So kam durch Adams Sünde 
der Tod in die Welt. (Dies, wie ersichtlich, uneigentlich, d. h. gegen- 
sätzlich ausgedrückt.) Die Abwehr des Inzestes durch die Mutter be- 
deutet so dem Sohn eine Bosheit, welche ihn der Todesangst ausliefert. 
(In ursprünglicher Frische und Leidenschaft tritt uns dieser Konflikt 
im Gilgameshepos entgegen; auch dort ist der Inzestwunsch in die 
Mutter projiziert.) Der Neurotiker, der die Mutter nicht lassen kann, 
hat gute Gründe: die Todesangst hält ihn dort. Es scheint, als 
sei kein Begriff und kein Wort stark genug, die Bedeutung, dieses Kon- 



x ) Ein sehr schönes Bild der ins Meer versinkenden blutroten Sonne. 

2 ) Jesus erscheint hier als Zweig und Blüte am Lebensbaum. Vgl. dazu 
die interessanten Nachweise von Robertson: Evang. Myth., S. 51 ff. über 
,, Jesus, der Nazarener", welchen Titel er von Nazar oder Netzer = ZAveig herleitet. 

3 ) In Griechenland wurde der Marterpfahl, an dem Verbrecher hingerichtet 
oder gestraft wurden, als £u<xti] (Hekate, unterirdische Todesmutter) bezeichnet. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 315 

fliktes auszudrücken. Ganze Religionen wurden gebaut, um der Größe 
dieses Konfliktes Worte zu leiben. Dieses, durch Jahrtausende fort- 
gesetzte Ringen nach Ausdruck kann gewiß seine Kraftquelle nicht 
in dem durch den Vulgärbegriff des Inzestes allzu eng gefaßten Tat- 
bestand haben; vielmehr muß man wahrscheinlich das in letzter Linie 
und ursprünglich als ..Inzestverbot" sich ausdrückende Gesetz als den 
Zwang zur Domestikation auffassen und das Religionssystem 
als Institution bezeichnen, welche die den Kulturzwecken nicht un- 
mittelbar dienenden Triebkräfte animalischer Natur zunächst aufnimmt, 
organisiert und allmählich zu sublimierter Anwendung fähig macht. 

Die bei Miß Miller nunmehr folgenden Visionen bedürfen keiner 
ausführlichen Besprechung mehr. Die nächste Vision ist das Bild einer 
„purpurnen Meeresbucht". Die Meeressymbolik reiht sich glatt an das 
Vorausgegangene an. Man könnte hier des ferneren an die Reminiszenzen 
vom Golf von Neapel denken, denen wir im ersten Teil begegnet sind. 
Im Zusammenhang des Ganzen allerdings dürfen wir die Bedeutung 
der „Meeresbucht" nicht übersehen. Im Französischen heißt es „une 
baie", was wohl einem bay im englischen Urtext entsprechen dürfte. 
Es dürfte sich hier lohnen, einen Seitenblick auf das Etymologische 
dieser Vorstellung zu werfen. Baie wird überhaupt für etwas Offen- 
stehendes gebraucht, wie denn das katatonische Wort badia (Bai) 
von badar = öffnen kommt. Im Französischen heißt bayer den Mund 
offen haben. Ein anderes Wort für dasselbe ist Meerbusen, latein. Sinus, 
und ein drittes Wort ist Golf, das französisch in nächster Beziehung 
steht mit gouffre = Abgrund. Golf kommt von y.ölnog 1 ), das zugleich 
Busen und Schoß, Mutterschoß, daher vagina (med.), bedeutet. 
Es kann auch Gewandfalte und Tasche bedeuten. (Schweizerdeutsch 
wird auch bliese als Rocktasche angeführt.) xo/^tog kann auch ein 
tiefes Tal zwischen hohen Bergen bedeuten. Diese Bezeichnungen 
zeigen klar, welche Ur Vorstellungen zugrunde liegen. Sie machen die 
Wortwahl Goethes verständlich an jener Stelle, wo Faust der Sonne 
mit beflügelter Sehnsucht folgen möchte, um in ewigem Tage „ihr 
ewiges Licht zu trinken" : 

„Nichts hemmte dann den göttergleichen Lauf 
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten; 
Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten 
Vor den erstaunten Augen auf." 



>) Diez: Etym. Wörterbuch der romanischen Sprachen, S. 90 ff . 



316 0. G./Iung. 

Faustens Sehnsuclit geht ja wie bei jedem Holden nach dein 
Mysterium der Wiedergeburt, der 'Unsterblichkeit, daher sein Weg 
aufs Meer hinausführt und hinunter in den ungeheuerlichen Schlund 
des Todes, dessen Angst und Enge zugleich den neuen Tag bedeutet: 

,,lns hohe Meer werd' ich hinausgewiesen, 

Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen, 

Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. 

Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, 

An mich heran! Ich fühle mich bereit, 

Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen, 

Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. 

Dies hohe Leben, diese Götterwonne ! 

Vermesse dich, die Pforten aufzureißen, 

Vor denen jeder gern vorüberschleicht. 

Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen. 

Daß Männerwürde nicht der Götterhöhe weicht, 

Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben, 

In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt. 

Nach jenem Durchgang hinzustreben, 

Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt; 

Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen, 

Und war' es mit Gefahr, ins Nichts dahinzufließen." 

Es klingt wie eine Bestätigung, wenn die nächstfolgende Vision 
von Miß Miller ,,une falaise a pic", eine steil abstürzende Klippe ist. 
(Vgl. gouffre.) Der Abschluß der ganzen Keihe von Einzelvisionen 
bildet, wie die Autorin berichtet, ein Gewirr von Lauten, etwa wie 
Wa-raa, wa-ma. Dieser Laut klingt sehr ursprünglich und barbarisch. 
Da wir über die subjektiven Wurzeln dieser Laute von der Autorin 
nichts erfahren, so bleibt uns nur eine Vermutung übrig : Im Zusammen- 
hang des Ganzen wäre nämlich zu erwägen, ob nicht dieser Laut eine 
leichte Entstellung des allbekannten Hufes ist, der ma-ma heißt. (Vgl. 
dazu unten.) 

Darauf erfolgt eine Pause] in der Produktion von Visionen, dann 
setzt die Tätigkeit des Unbewußten wieder energisch ein. 

VI. 

Der Kampf um die Befreiung von der Mutter. 

Es erscheint ein Wald, Bäume und Gebüsche. Nach den Er- 
örterungen des vorangegangenen Kapitels bedarf es hier nur noch des 



Wandlungen und Symbole der Libido. 317 

Hinweises, daß das Waldsymbol im wesentlichen mit der Bedeutung 
des heiligen Baumes zusammenfällt. Der heilige Baum findet sich meist 
in einem heiligen Waldbezirk oder Paradiesesgarten. Der heilige Hain 
steht öfter an Stelle des Tabubaumes und übernimmt alle Eigenschaften 
des letzteren. (Vgl. auch das oben über vir} Gesagte.) Die erotische 
Symbolik des Gartens ist allbekannt. Der Wald hat mythologisch 
Mutterbedeutung wie der Baum. In der nunmehr folgenden Vision 
bildet der Wald die Szene, auf der die dramatische Darstellung des 
Endes Chiwantopels sich abspielen wird. Dieser Akt spielt also an 
oder in der Mutter. 

Ich setze zunächst den Anfang des Dramas im Urtext hierher, 
soweit der erste Opferversuch reicht. Am Anfang des nächsten Kapitels 
findet der Leser die Fortsetzung, den Monolog und die Opferszene. 
Es dürfte ratsam sein, schon hier den weiteren Verlauf des Dramas 
ins Auge zu fassen. 

,,Le personnage Chiwantopel surgit du midi, ä cheval avec autour 
de lui rnie couverture aux vives couleurs, rouge, bleue et blanche. Un Indien 
dans un costiune de peau de dairn ä perles, et orne de plumes s'avance en 
se blotissant et se prepare ä tirer unc fleche contre Chiwantopel. Celui-ci 
presente sa poitrine dans une attitude de defi, et l'Indien fascine ä cette 
vue. s'esquive et disparait dans la foret". 

Der Held Chiwantopel erscheint zu Pferde. Diese Tatsache 
erscheint von Belang, da, wie der weitere Verlauf des Dramas zeigt, 
(siehe Kap. VII) das Pferd keine gleichgültige Rolle spielt, sondern 
den gleichen Tod erleidet wie der Held und von diesem sogar als „treuer 
Bruder" bezeichnet wird. Diese Andeutungen weisen auf eine bemerkens- 
werte Ähnlichkeit von Roß und Reiter hin. Es scheint zwischen beiden 
ein innerer Zusammenhang zu existieren, der sie zum gleichen Schicksal 
führt. Wir sahen bereits, daß die Symbolisierung der ,. Libido im Wider- 
stand" durch die furchtbare Mutter an einigen Stellen parallel geht 
mit dem Pferd 1 ). Es wäre, genau genommen, unrichtig, zu sagen, das 
Pferd sei oder bedeute die Mutter. Das Mutterbild ist ein Libidosymbol 
und ebenso ist das Pferd ein Libidosymbol und an einigen Punkten 
begegnen sich die beiden Symbole im Wege der Begriffsüberschneidung. 
Das Gemeinsame der beiden Bilder aber liegt in der Libido, speziell 



l ) Hexen verwandeln sieh gerne in Pferde, daher man an ihren Händen 
Nägelmale von Hufbesehlag entdecken kann. Der Teufel reitet auf den Hexen- 
pferden, Pfaffenköchinnen werden nach dem Tode in Pferde verwandelt. Xegelein: 
Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, XI, S. 40G ff. 



318 O.G. Jung. 

in der aus dem Inzest verdrängten Libido. In dieser Fassung erscheint 
uns also der Held und sein Pferd als eine künstlerische Gestaltung 
der Idee des Menschen mit seiner verdrängten Libido, wobei dem 
Pferde die Bedeutung des animalischen Unbewußten zukäme, das 
gezähmt und dem Willen des „Menschen" unterworfen erscheint. 
(Parallele Darstellungen wären Agni auf dem Widder, Wotan auf 
Sleipnir, Ahuramazda auf Angromainyu 1 ), Jahwe auf dem monströsen 
Seraph, Christus auf dem Esel 2 ), Dionysos auf dem Esel, Mithras auf 
dem Pferd, Löwe und Schlange, seine symbolischen Tiere, danebenher 
eilend, Men auf mensch enfüßigem Pferd, Freir auf dem goldborstigen 
Eber usw.) Den mythologischen Reittieren wohnt immer auch eine 
große Bedeutung inne, indem sie sehr oft anthropomorphisiert er- 
scheinen: So hat Mens Pferd menschliche Vorderbeine, Bileams Esel 
menschliche Sprache, der enteilende Stier, dem Mithras auf den Rücken 
springt, um ihn niederzustechen (Taurokathapsie 3 ), ist eigentlich 
nach persischer Legende der Gott selbst. Das Spottkruzifix vom Palatin 
stellt den Gekreuzigten mit einem Eselskopf dar (vielleicht in An- 
lehnung an die antike Legende, daß im Tempel von Jerusalem das 
Bild eines Esels verehrt wurde). Als Drosselbart (d. h. Pferdebart) 
ist Wotan halb Mensch, halb Pferd 4 ). Auch läßt ein altes deutsches 
Rätsel diese Einheit von Roß und Reiter 5 ) sehr hübsch erkennen: 
,,Wer sind die zwei, die zum Thing fahren? Drei Augen haben sie zu- 
sammen, zehn Füße 6 ) und einen Schweif und reisen so über Land". 
Die Sagen schreiben dem Pferd Eigenschaften zu, welche psycho- 
logisch dem Unbewußten des Menschen zukommen: Pferde sind 
hellsehend und hellhörend, sie sind Wegweiser, wo der Verirrte sich 
nicht zu helfen weiß, sie sind von mantischer Fähigkeit; Ilias 19 führt 
das Pferd unheilverkündende Rede; sie hören die Worte, welche die 



x ) Ebenso reitet der sagenhafte Urkönig Tahmuraht auf Ahrinian, dem 
Teufel. 

2 ) Die Eselin und ihr Füllen dürften dem christlichen Sonnenmythus an- 
gehören, indem das Zodion Cancer (Sommersolstitium) antik als Esel und sein 
Junges bezeichnet wurde. (Vgl. Robertson: Evang. Mytk., S. 19. 

3 ) Das Bild ist wohl aus dem Zirkus genommen. Noch hat der spanische 
Matador heroenhafte Bedeutung. Sueton (Claud. 21): Feros tauros per spatia 
circi agunt insiliuntque defessos et ad terram cornibus detrahunt. 

4 ) Also zentaurisch. 

5 ) Vgl. die erschöpfende Darstellung dieses Themas bei Jcähns: Roß und 
Reiter. 

6 ) Sleipnir ist achtfüßig. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 319 

Leiche spricht, wenn sie zu Grabe getragen wird, was die Menschen 
nicht hören: Caesar erfährt von seinem menschcnfüßigen Roß (wahr- 
scheinlich hergenommen aus einer Identifikation Caesars mit dem 
phrygischen Men), daß er die Welt erobern werde. Ein Esel prophezeit 
dem Augustus den Sieg von Actium. Das Pferd sieht auch Gespenster. 
Alle diese Dinge entsprechen typischen Manifestationen des Un- 
bewußten. Daher es auch ganz verständlich ist, wenn das Pferd als 
das Bild der (bösen) tierischen Komponente des Mensehen reichlich 
Beziehungen zum Teufel hat. Der Teufel hat einen Pferdefuß, unter 
Umständen auch Pferdegestalt. In kritischen Momenten zeigt er plötz- 
lich den Pferdefuß (sprichwörtlich), wie bei Haddings Entführung 
Sleipnir plötzlich hinter dem Mantel Wotans hervorschaut 1 ). Wie der 
Mar den Schlafenden reitet, so tut's auch der Teufel, daher es heißt, " 
die vom Alp Befallenen seien vom Teufel geritten (daher die sprich- 
wörtliche Redensart). Im Persischen ist (vgl. oben) der Teufel das 
Reittier Gottes. Der Teufel repräsentiert, wie alles Böse, auch die 
Sexualität, daher die Hexen mit ihm Umgang haben, wobei er in Bocks- 
oder Pferdegestalt auftritt. Die unverkennbar phallische Natur des 
Teufels teilt sich auch dem Pferde mit, daher dieses Symbol in Zu- 
sammenhängen auftritt, wo nur diese Bedeutung erklärend wirkt. 
Es ist voranzuschicken, daß Loki in Rossesgestalt zeugt, wie der Teufel, 
der in Pferdegestalt dasselbe tut, als alter Feuergott. So wird auch der 
Blitz theriomorph dargestellt als Pferd 2 ). Eine ungebildete Hysterika 
erzählte mir, daß sie als Kind an heftiger Gewitterangst gelitten habe, 
weil sie jedesmal da, wo ein Blitz eingeschlagen hatte, unmittelbar 
darauf ein ungeheures bis an den Himmel reichendes schwarzes Pferd 
gesehen habe 3 ). So heißt es auch in der Sage, daß der Teufel als Blitz- 
gottheit den Pferdefuß (Blitz) auf die Dächer werfe. Gemäß der 
uralten Bedeutung des Gewitters als Erdbefruchtung kommt dem Blitz 
respektive dem Pferdefuß phallische Bedeutung zu. Tatsächlich hat 
auch der Pferdefuß mythologisch die phallische Funktion, wie im 
Traum: Eine ungebildete Patientin, die von ihrem Mann ursprünglich 
sehr gewalttätig zum Koitus gezwungen worden war, träumte (nach der 
Trennung !) öfter, ein wildes Pferd springe über sie und trete ihr mit 
dem Hinterfuß in den Leib. Plutarch hat folgende Gebetsworte aus 
den Dionysosorgien übermittelt: ekdeiv i]Qcog Aiovvoe"Ahov & vabv 

x ) Negelcin: 1. c., S. 412. 

2 ) Ncgelein: 1. c, S. 419. 

3 ) Ich habe seither noch einen zweiten ganz ähnlichen Fall erfahren. 



320 C. G. Jung. 

ayvbv ovv Xaglreooiv lg vabv reo ßoeco Txoöl fivayv, ä^ie ravge, ä£ie tolvqe. 
(„Komm, o Dionysos, in deinen Tempel zu Elis, komm mit den Chariten 
in deinen heiligen Tempel, tobend (orgiastisch rasend) mit dem Stier- 
fuß 1 )". Pegasus schlägt mit dem Fuß die. Hippokrene, eine Quelle, 
aus dem Boden. Auf einem korinthischen Steinbild des Bellerophontes, 
das zugleich Fontäne war, floß das Wasser aus dem Huf des Pferdes 
heraus. Auch Balders Roß eröffnet durch seinen Tritt eine Quelle. 
So ist der Pferdefuß der Spender des fruchtbaren Nasses 2 ). Eine nieder- 
österreichische Sage bei Jahns (1. c. S. 27 ) erwähnt, daß man zuweilen 
einen riesigen Mann auf weißem Pferde über die Berge reiten sehe, 
was baldigen Regen bedeute. In der deutschen Sage kommt Frau Holle, 
die Geburtsgöttin, auf dem Pferd. Schwangere in Geburtsnähe pflegen 
einem Schimmel Hafer in ihrer Schürze zu geben und ihn zu bitten, 
für baldige Entbindung zu sorgen; ursprüngliche Sitte war es, daß 
das Pferd das Genitale der Frau zu berühren hatte. Das Pferd hatte 
überhaupt (wie der Esel) die Bedeutung eines priapischen Tieres 3 ). 
Roßtrappen sind segen- und fruchtspendende Idole. Roßtrappen 
wirkten besitzgründend und hatten grenzsetzende Bedeutung, wie die 
Priape des lateinischen Altertums. Wie die phallischen Daktyle hat 
ein Pferd mit seinem Huf den Metallreichtum des Harzes aufgedeckt. 
Das Hufeisen, eine Abkürzung für Pferdefuß 4 ), hat glückbringende 
und apotropäische Bedeutung. In den Niederlanden wird ein ganzer 
Pferdefuß im Stall gegen Zauber aufgehängt. Die analoge Wirkung 
des Phallus ist bekannt, daher die Torphalli. Besonders wendete die 
Pferdekeule den Blitz ab, nach dem Grundsatz: Similia similibus. 

Pferde symbolisieren auch den Wind, h. h. das Tertium com- 
parationis ist wiederum das Libidosymbol. Die deutsche Sage kennt 
den Wind als den nach den Mädchen lüsternen wilden Jäger. Stürmische 
Punkte leiten ihren Namen gern von Pferden (Hingstbarge) ab, so 
die Schimmelberge der Lüneburgerheide. Die Zentauren sind typische 
Windgötter, wie sie auch die künstlerische Intuition Böcklins dar- 
gestellt hat 5 ). 

Pferde bedeuten auch Feuer und Licht. Beispiel sind die 



*) Preller: Griecb. Mythol., I, I, S. 432. I. Aufl. 

2 ) Weitere Beispiele siehe bei Aigreinont: Fuß- und Schuhsymbolik. 

3 ) Aigremont: 1. c, S. 17. 

4 ) Negelein: 1. c, S. 386 f. 

5 ) Ausführliche Nachweise über die Zentauren als Windgötter finden sfrh 
bei E. H. Meyer: Indogermanische Mythen., S. 447 ff. 



Wandlungen und SjTnbole der Libido. 321 

feurigen Pferde des Helios. Des Hektor Rosse heißen Xanthos (gelb, 
hell), Podargos (schnellfüßig), Lampos (leuchtender) und Aithon (bren- 
nender). Eine ganz ausgesprochene Feuersymbolik wird repräsentiert 
durch die bei Dio Ckrysostomus erwähnte mystische Quadriga 1 ): 
Der höchste Gott führt seinen Wagen immer im Kreise. Der "Wagen 
ist mit 4 Pferden bespannt. Das an der Peripherie gehende Pferd be- 
wegt sich sehr schnell. Es hat eine glänzende Haut und trägt darauf 
die Zeichen der Planeten und der Sternbilder 2 ). (Ein Bild des 
drehenden Feuerhimmels.) Das zweite Pferd geht etwas langsamer 
und ist nur auf der einen Seite beleuchtet. Das dritte Pferd geht noch 
langsamer und das vierte dreht sich um sich selbst. Einmal aber setzt 
das äußerste Pferd mit seinem feurigen Atem die Mähne des zweiten 
in Brand und das dritte überflutet mit strömendem Schweiß das vierte. 
Dann lösen sich die Pferde auf und gehen in die Substanz des Stärksten 
und Feurigsten über, welches nun zum "Wagenlenker wird. Die Pferde 
stellen auch die 4 Elemente dar. Die Katastrophe ist "Weltbrand und 
Sintflut, worauf die Spaltung des Gottes in das Vielerlei aufhört und 
die göttliche Einheit wiederhergestellt wird 3 ). Unzweifelhaft ist die 
Quadriga auch astronomisch als ein Zeitsymbol zu verstehen. "Wir 
sahen ja bereits im Ersten Teil, daß die stoische Vorstellung von Schicksal 
ein Feuersymbol ist. Es ist daher eine konsequente Durchführung des 
Gedankens, wenn die dem Schicksalsbegriff nahverwandte Zeit dieselbe 
Libidosymbolik aufweist. 

Brihädaranyaka-Upanishad 1, 1 sagt: 

.,Die Morgenröte, wahrlich, ist des Opferrosses Haupt, die Sonne sein 
Auge, der Wind sein Odem, sein Rachen das allverbreitete Feuer, das 
Jahr ist der Leib des Opferrosses. Der Himmel ist sein Rücken, 
der Luftraum seine Bauchhöhle, die Erde seines Bauches Wölbung, die 
Pole sind seine Seiten, die Zwischenpole seine Rippen, die Jahreszeiten 
seine Glieder, die Monate und Halbmonate seine Gelenke, Tage 
und Nächte seine Füße, die Gestirne seine Gebeine, das Gewölk sein 



») Or. XXXVI, §39 ff. (Zitiert Cumont: Myst. d. Mithra. S. ST. I. Aufl.) 

2 ) Dies ist ein besonderes Motiv, das etwas Typisches an sich haben muß. 
Meine Patientin (Psychologie der Dementia praecox, S. 165) gab ebenfalls an, 
daß ihre Pferde „Halbmonde" unter der Haut hätten, „wie Löckchen". In 
den Rudraliedern des Rigveda heißt es vom Eber Rudra, daß seine Haare „in 
Muschclform aufgewunden'" seien. Indras Körper ist mit Augen bedeckt. 

3 ) Diese Veränderung erfolgt dureh eine Weltkatastrophe. In der Mythologie 
bedeutet das Grünen und das Absterben des Lebensbaumes auch den Wende- 
punkt in der Folge der Zeitalter. 



Jahrbuoh für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV 



21 



322 0. G. Jung. 

Fleisch. Das Futter, das es verdaut, sind die Sandwüsten, die Flüsse seine 
Adern, Leber und Lungen die Gebirge, die Kräuter und Bäume seine 
Haare, die aufgehende Sonne ist sein Vorderteil, die niedergehende sein 
Hinterteil." — , : Der Ozean ist sein Verwandter, der Ozean seine Wiege." 

,,Hier finden wir das Pferd unzweifelhaft als Zeitsymbol gedeutet, 
daneben auch als die ganze Welt. Wir begegnen auch in der mithrischen 
Religion einem sonderbaren Zeitgott, dem Aion, Kronos oder auch 
Deus leontoeephalus genannt, weil seine stereotype Darstellung eine 
löwenköpfige Menschengestalt ist, die, in steifer Haltung dastehend, 
von einer Schlange umschlungen ist, deren Kopf von hinten über dem 
Löwenkopf nach vorn ragt. Die Figur hält in den Händen je einen 
Schlüssel, auf der Brust ruht der Donnerkeil, auf dem Rücken befinden 
sich die 4 Flügel der Winde, außerdem trägt die Gestalt etwa auch die 
Zodia am Körper. Beigaben sind Hahn und Werkzeuge. Im karo- 
lingischen Psalterium von Utrecht, das antike Vorlagen hatte, ist 
Saeculum-Aion als ein nackter Mann mit einer Schlange in der Hand 
dargestellt 1 ). 

Wie schon der Name der Gottheit andeutet, ist er ein Zeitsymbol, 
das interessanterweise aus Libidosymbolen zusammengesetzt ist. 
Der Löwe, das Zodion der höchsten Sommerhitze 2 ), ist das Symbol 
des mächtigsten Begehrens. („Meine Seele brüllt mit eines hungrigen 
Löwen Stimme;" Mechthild von Magdeburg.) Die Schlange ist im 
Mithrasmysterium öfter antagonistisch zum Löwen, entsprechend jener 
höchst allgemeinen Mythe vom Kampf der Sonne mit dem Drachen. 
Im ägyptischen Totenbuch wird Tum sogar als Kater bezeichnet, 
weil er als solcher die Apophisschlange bekämpft. Die Umschlingung 
ist auch, wie wir sahen, die Verschlingung, das Eingehen in den 
Mutterleib. So ist die Zeit definiert durch das Unter- und Aufgehen 
der Sonne, d. h. durch das Absterben und die Wiedererneuerung der 
Libido. Die Beigabe des Hahnes deutet wiederum aiif die Zeit und die 
der Werkzeuge auf das Schaffende der Zeit. („Duree creatrice" 
Bergs on.) Oromazdes und Ahriman werden durch Zrwanakarana, 
die „unendlich lange Dauer erzeugt". Die Zeit, dieses Leere und ledig- 
lich Formale, wird im Mvsterium also durch die Wandlungen der 



!) Cumont: Text, et Moni., I, S. 76. 

2 ) Daher wird der Löwe von Simsort getötet und später erntet Sirnson 
den Honig aus dem Leichnam. Das Ende des Sommers ist die Fruchtbarkeit des 
Herbstes. Es ist eine genaue Parallele zum sacrificium rnithriacum. Zu Simson 
vgl. Steinthal: Die Sage von Simson. Zeitschrift für Völkerpsych., Bd. IL 



Wandlungen und Symbole der Libido. 323 

schaffenden Kraft, der Libido, ausgedrückt. Macrobius (I, 20, § 15) 
sagt: „Lsonis capite monstratur praesens tempus — quia conditio 
ejus valida fervensque est." Philo von Alexandrien weiß es besser: 

„Tempus ab hominibus pessimis putatur deus volentibu3 Ens essen- 
tiale abscondere — pravis homnübus tempus putatur causa rerum mundi, 
sapientibus vero et optimis non tempus sed Deus 1 )." 

Bei Firdusi 2 ) ist die Zeit öfter das Symbol des Schicksals, dessen 
Libidonatur wir bereits kennen gelernt haben. Der obenerwähnte 
indische Text geht allerdings noch weiter; sein Pferdesymbol enthält 
alle Welt in sich, sein Verwandter und seine Wiege ist das Meer, die 
Mutter, gleichgesetzt der Weltseele, deren mütterliche Bedeutung wir 
oben gesehen haben. Wie der Aion die Libido in der Umschlingung, d. h. 
im Stadium des Todes und der Wiedergeburt darstellt, so ist auch hier 
die Wiege des Pferdes das Meer, d. h. die Libido ist in der Mutter, 
sterbend und wiedererstehend, wie das Symbol des Christus, der als 
reife Frucht am Lebensbaume hängt, sterbend und wiedererstehend. 

Wir haben bereits gesehen, daß das Pferd durch Yggdrasil mit 
der Baumsymbolik zusammenhängt. Das Pferd ist auch ein „Toten- 
baum"; so hieß im Mittelalter die Totenbahre St. ]\Iichaelspferd und 
Neupersisch bedeutet das Wort für Sarg „hölzernes Pferd" 3 ). Das 
Pferd hat auch die Bolle des Psychopompos, es ist das Reittier zum 
Jenseitsland; Pferdeweiber holen die Seelen (Walküren). Neu- 
griechische Lieder stellen Charon zu Pferde dar. Diese Bestimmungen 
führen, wie ersichtlich, zur Muttersymbolik hinüber. Das trojanische 
Pferd war das einzige Mittel, mit dem die Stadt bezwungen werden 
konnte, weil nur der ein unüberwindlicher Held ist, der in die Mutter 
hineingegangen und wiedergeboren ist. Das trojanische Pferd ist eine 
Zauberhandlung, wie das Notfeuer, welches auch dazu dient, die 
Notwendigkeit zu bezwingen. Die Formel lautet offenbar: Um diese 
Schwierigkeit zu bewältigen, mußt du den Inzest begehen 
und noch einmal aus deiner Mutter geboren werden. Es 
scheint, daß das Einschlagen eines Nagels in den heiligen Baum etwas 



J ) Philo: In Genesim, I, 100. (Zitiert Curaont: Text, et Mon., I, S. 82.) 
2 ) Spiegel: Eran. Altertumskunde. II. 193. In der dem Zoroaster 
zugeschriebenen Schrift Ileol 0voe(og wird die Ananke. die Sehicksalsnct- 
wendigkeit, durch die Luft dargestellt. Cumont: I. c., I, S. S7. 

*-) Spielreins l'at. (Jahrbuch, III, S. 394) spricht von Pferden, die 
Menschen, sogar ausgegrabene Leichen fressen. 

21* 



324 0. G. Jung. 

Ähnliches bedeutete. Ein solches Palladium scheint der „Stock im Eisen" 
in "Wien gewesen zu sein. 

Noch einer Symbolform ist zu gedenken : Gelegentlich reitet der 
Teufel auf einem dreibeinigen Pferd. Die Todesgöttin Hei reitet 
in der Pestzeit ebenfalls auf einem dreibeinigen Pferd 1 ). Dreibeinig ist 
der riesige Esel, der im himmlischen Regensee Vourukasha steht, 
dessen Urin das "Wasser des Sees reinigt, und von dessen Gebrüll alle 
nützlichen Tiere schwanger werden und alle schädlichen Tiere abortieren. 
Die Triade weist wieder auf das Phallische hin. Die gegensätzliche 
Symbolik bei Hei ist in ein Bild verschmolzen bei dem Esel des Vou- 
rukasha. Die Libido ist ebensowohl befruchtend wie zerstörend. 

Diese Bestimmungen lassen in ihrer Gesamtheit klar die Grund- 
züge wieder erkennen: Das Pferd ist ein Libidosymbol von teils phal- 
lischer, teils Mutterbedeutung, wie der Baum, repräsentiert also Libido 
in dieser Anwendung, nämlich die durch das Inzestverbot verdrängte 
Libido. 

Dem Helden im Millerschen Drama nähert sich ein Indianer, 
bereit einen Pfeil auf ihn abzuschießen. Chiwantopel aber zeigt dem 
Feinde die Brust mit stolzer Gebärde. Dieses Bild erinnert die Autorin 
an die Szene zwischen Cassius und Brutus in Julius Caesar von 
Shakespeare 2 ). Es hat sich ein Mißverständnis zwischen den beiden 
Freunden erhoben, indem Brutus dem Cassius vorwirft, daß er ihm 
das Geld für die Legionen verweigere. Cassius, empfindlich und gereizt, 
bricht in die Klageworte aus: 

„Komm, Marc Anton, und komm, Octavius nur! 

Nehmt eure Bach' allein an Cassius, 

Denn Cassius ist des Lebens überdrüssig: 

Gehaßt von einem, den er liebt; getrotzt 

Von seinem Bruder; wie ein Kind gescholten. 

Man späht nach allen meinen Fehlern, zeichnet 

Sie in ein Denkbuch, lernt sie aus dem Kopf, 

Wirft sie mir in die Zähne. — ich könnte 

Aus meinen Augen meine Seele weinen! 

Da ist mein Dolch, hier meine nackte Brust; 

Ein Herz drin, reicher als des Plutus Schacht, 

Mehr wert als Gold: wo du ein Römer bist, 

So nimm's heraus. Ich, der dir Gold versagt, 



*) Negelein: ]. c, S. 416. 
2 ) IV. Aufzug. II. Szene. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 325 

Ich biete dir mein Herz. Stoß zu, wie einst 
Auf Caesar! Denn ich weiß, daß du am ärgsten 
Ihn haßtest, liebtest du ihn mehr, als je 
Du Cassius geliebt." 

Das hierher gehörige Material wäre unvollständig, wenn man nicht 
erwähnte, daß diese Rede des Cassius mehrere Analogien aufweist 
zu dem agonalen Delir des Cyrano (vgl. Erster Teil), nur daß Cassius 
bei weitem theatralischer und übertriebener ist. In seiner Art liegt sogar 
etwas Kindliches und Hysterisches. Brutus denkt ja nicht daran, ihn zu 
töten, sondern verabreicht ihm eine sehr kalte Douche im folgenden 
Dialog: 

Brutus: „Steckt euren Dolch ein! 

Seid zornig, wenn ihr wollt, es steh' euch frei ! 

Tut, was ihr wollt: Schmach soll für Laune gelten. 

Cassius! Einem Lamm seid Ihr gesellt, 

Das so nur Zorn hegt, wie der Kiesel Feuer, 

Der, viel geschlagen, flücht'ge Funken zeigt 

Und gleich drauf wieder kalt ist. 
Cassius: „Lebt ich dazu, 

Ein Schmerz nur und Gelächter meinem Brutus 

Zu sein, wenn Gram und böses Blut mich plagt? 
Brutus: „Als ich das sprach, hatt' ich auch böses Blut. 
Cassius: „Gesteht Ihr soviel ein? Gebt mir die Hand! 
Brutus: „Und auch mein Herz. 
Cassius: „0 Brutus! 
Brutus: „Was verlangt Ihr? 
Cassius: „Liebt Ihr mich nicht genug, Geduld zu haben, 

Wenn jene rasche Laune, von der Mutter 

Mir angeerbt, macht, daß ich mich vergesse? 
Brutus: „Ja, Cassius; künftig, wenn Ihr allzu streng 

„Mit Eurem Brutus seid, so denkt er, 

Die Mutter schmäl' aus Euch und läßt Euch gehn." 

Die analytische Aufklärung der Empfindlichkeit des Cassius 
führt zur Erkenntnis, daß er sich in diesen Momenten mit der Mutter 
identifiziere und sich daher recht weiblich benehme, wie das ja seine 
Rede ausgezeichnet dartut. Denn seine weibische, um Liebe werbende 
und verzweiflungsvolle Unterwerfung unter den männlichen trotzigen 
Willen des Brutus berechtigt letzteren zu der freundlichen Bemerkung, 
daß Cassius einem Lamm gesellt sei, d. h. noch etwas sehr Untüchtiges 
in seinem Charakter habe, welches von der Mutter stamme. Man er- 
kennt hierin unschwer den analytischen Tatbestand einer infantilen 



326 C. G. Jung. 

Disposition, die, wie immer, durch ein Prävalieren der Elternimago, 
hier der Mutterimago, gekennzeichnet ist. Ein infantiles Individuum 
ist darum infantil, weil es sich nur ungenügend oder gar nicht aus der 
Kindheitsumgebung, d. h. von seiner Elternanpassung befreit hat, 
daher es fälschlicherweise der Welt gegenüber einerseits so reagiert, 
wie ein Kind den Eltern gegenüber, immer Liebe und sofortige Gefühls- 
belohnung heischend; anderseits durch die enge Bindung an die Eltern 
mit diesen identifiziert, benimmt sich der Infantile wie der Vater und 
wie die Mutter. Er ist nicht imstande, sich selbst zu leben und seinen 
ihm zugehörigen Typus zu finden. Weshalb Brutus sehr richtig an- 
nimmt, „die Mutter schmäl'" aus Cassius, er sei's nicht selbst. Der 
psychologisch wertvolle Tatbestand, den wir hier erheben, ist der Nach- 
weis, daß Cassius infantil und mit der Mutter identifiziert 
ist. Das hysterische Benehmen fällt dem Umstände zur Last, daß 
Cassius zum Teil noch Lamm ist, also unschuldvolles und gänzlich 
harmloses Kind; er ist also, was sein Gefühlsleben anbetrifft, hinter 
sich selber noch zurückgeblieben, wie wir solches öfter sehen bei 
Menschen, die anscheinend als Mächtige das Leben und die Mitmenschen 
beherrschen: sie sind den Anforderungen ihrer Liebesgefühle gegenüber 
Kinder geblieben. 

Die Figuren des Millerschen Dramas als Kinder der Phantasie 
der Schöpferin schildern natürlich alle diesen oder jenen Charakter- 
zug, der der Autorin zugehört. Am ehesten wird der Held die Wunsch- 
figur repräsentieren, denn der Held vereinigt immer alle erwünschten 
Ideale in sich. Die Geste Cyranos 1 ) ist gewiß schön und eindrucksvoll, 
die Geste des Cassius hat theatralischen Effekt. Beide Helden schicken 
sich an, effektvoll zu sterben, was Cyrano gelingt. Diese Geste schildert 
einen Todes wünsch im Unbewußten unserer Autorin, dessen Bedeutung 
wir anläßlich ihres Gedichtes von der Motte bereits ausführlich be- 
sprochen haben. Das Sterbenwollen junger Mädchen ist. nur ein indi- 
rekter Ausdruck, der auch Pose bleibt, wenn wirklich gestorben wird, 
denn auch der Tod kann posiert werden. Durch solchen Ausgang ge- 
winnt die Pose nur an Schönheit und Wert — unter Umständen. Daß 
der höchste Gipfel des Lebens durch die Symbolik des Todes ausgedrückt 
wird, ist eine bekannte Tatsache, denn das Schaffen über sich selber 
hinaus bedeutet den eigenen Tod. Die kommende Generation ist das 
Ende der vorangehenden. Diese Symbolik ist auch der erotischen 



x ) Vgl. erster Teil. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 327 

Sprache geläufig. Zu den deutlichsten Beispielen gehört das laszive 
Gespräch zwischen Lucius und der buhlerischen Magd bei Apulejus 
(Metamorph, lib. II. 32): 

„ Proelia re, inquit, et fortiter proeliare : nee enim tibi cedam, nee terga 
vortam. Comiuus in aspectum, si vir es, dirige; etgrassare naviter, et oeeide 
moriturus. Hodierna pugna non habet missionem. — Simul ambo 
corruimns inter mutuos amplexus animas anhelantes." 

Diese Symbolik ist überaus bedeutsam, weil sie zeigt, wie 
leicht ein gegensätzlicher Ausdruck zustande kommt und wie ver- 
ständlich und bezeichnend zugleich ein derartiger Ausdruck ist. Die 
stolze Geste, mit der der Held sich dem Tode darbietet, kann sehr 
wohl auch indirekter Ausdruck sein, der um das Mitleid oder die Auf- 
regung des andern buhlt und so der kühlen analytischen Keduktion, 
wie sie Brutus vornimmt, verfiele. Auch Chiwantopels Geste ist ver- 
dächtig, denn die Cassiusszene, die ihr zur Vorlage dient, verrät indis- 
kreterweise, daß die ganze Sache bloß infantil sei und einer zu aktiven 
Mutterimago ihr Dasein verdanke. "Wenn wir dieses Stück zusammen- 
halten mit der im vorigen Kapitel aufgedeckten Reihe von Mutter- 
symbolen, dann müssen wir sagen, daß die Cassiusszene ims bloß noch- 
mals bestätigt, was wir längst vermuteten, daß nämlich die treibende 
Kraft dieser symbolischen Visionen einer infantilen Mutter Übertragung, 
d. h. einer unabgelösten inzestuösen Bindung an die Mutter entstamme. 

Im Drama nimmt nun, im Gegensatz zu der inaktiven Natur der 
vorausgehenden Symbole, die Libido eine drohende Aktivität an, 
indem ein Konflikt offenbar wird, woriu der eine Teil den andern mit 
Mord bedroht. Der Held, als das Idealbild der Träumerin, ist geneigt 
zu sterben, er fürchtet den Tod nicht. Entsprechend dem Infantil- 
charakter dieses Helden, wäre es gewiß an der Zeit, daß er endlich 
vom Schauplatz abträte (in infantiler Sprache „stürbe"). Der Tod soll 
ihm gebracht werden in Form eines Pfeilschusses. In Anbetracht des 
Umstandes, daß die Helden sehr oft selber große Pfeilschützen sind 
oder Pfeilschüssen erliegen (Typus St. Sebastian), dürfte es nicht über- 
flüssig sein, danach zu fragen, was der Tod durch den Pfeilschuß 
bedeute. 

Wir lesen in der Biographie der hysterischen Xonne und stig- 
matisierten Katharina Emmerich 1 ) S. 63 folgende Beschreibung ihres 
(offenbar neurotischen) Herzleidens. 

l ) P. Tbomas a Villanova Wegener: Das wunderbare äußere und innere 
Lebon der Dienerin Gottes Anna Catberina Emmericb, usw. Dülmen i. W., 1S91. 



328 C. G. Jung. 

„Sie erhielt nämlich schon im Noviziate als Weihnachtsgeschenk 
vom heiligen Christ ein gar sehr peinigendes Herzleiden für die ganze Zeit 
ihres Ordenslebens. Gott zeigte ihr im Innern den Zweck, es sei für den 
Verfall des Ordensgeistes, insbesondere für die Sünden ihrer Mitschwestern. 
Was aber dieses Leiden am peinigendsten machte, war ihre Gabe, welche 
sie von Jugend auf besessen hatte, nämlich das innere Wesen der Menschen 
nach seiner Wahrheit vor Augen zn sehen. Das Herzleiden empfand sie 
körperlich, als werde ihr Herz beständig von Pfeilen durchbohrt 1 ). 
Diese Pfeile — und das war das noch schlimmere geistige Leiden — er- 
kannte sie aus der Nähe als die Gedanken, Pläne, geheimen Reden von 
Mißdeutungen, Verleumdungen, Lieblosigkeiten, worin ihre Mitschwestern 
ganz grund- und gewissenlos gegen sie und ihren gottesfürchtigen Wandel 
begriffen waren." 

Es ist schwer, eine Heilige zu sein, denn eine derartige Ver- 
gewaltigung erträgt auch die geduldige und langmütige Natur nur sehr 
schlecht und verteidigt sich auf ihre Art. Das Gegenstück zur Heiligkeit 
sind die Versuchungen, ohne die doch kein rechter Heiliger leben kann. 
Wir wissen aus psychoanalytischer Erfahrung, daß diese Versuchungen 
auch unbewußt verlaufen können, so daß nur Äquivalente davon in 
Form von Symptomen dem Bewußtsein zugeführt werden. Wir wissen 
es schon sprichwörtlich, daß Herz und Schmerz sich reimen. Es ist eine 
längst bekannte Tatsache, daß die Hysterie an Stelle eines seelischen 
Schmerzes einen körperlichen setzt. Das hat der Biograph der Emmerich 
ganz richtig aufgefaßt. Nur ist ihre Deutung der Schmerzen wie ge- 
wöhnlich eine projizierte: Es sind immer die andern, welche heimlich 
allerhand Übles von ihr behaupten und dies macht ihr angeblich die 
Schmerzen 2 ). Die Sache liegt aber etwas anders: Der ganze schwere 
Verzicht auf alle Freuden des Lebens, dieses Absterben vor der Blüte, 
ist das Schmerzhafte im allgemeinen, und im besondern sind es die un- 
erfüllten Wünsche und die Versuche der animalischen Natur, die Macht 
der Verdrängung zu durchbrechen. Natürlich spielt das Herumklatschen 
und Sticheln der Mitschwestern liebevoll und ausgerechnet immer 
auf diese peinlichsten Dinge an, so daß es der Heiligen erscheinen mußte, 
als kämen ihre Beschwerden davon her. Sie konnte natürlich nicht wissen, 
daß das Gerücht gern die Bolle des Unbewußten übernimmt, das wie 
ein geschickter Gegner immer auf die tatsächlichen, selber schmerzlich 
empfundenen Lücken unseres Panzers zielt. 

*) Das Herz der Gottesmutter ist von einem Schwert durchbohrt. 

2 ) Entsprechend dem Bilde im Psalm 11, 2: ,,Denn siehe, die Gottlosen 
spannen den Bogen und legen ihre Pfeile auf die Sehnen, damit heimlich zu schießen 
die Frommen." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 329 

In diesem Sinne drückt sich ein Passus aus den Versreden Gota mo 
Buddhos aus 1 ): 

Ein Wunsch doch wieder, ernst erwünscht, 

Im Willen aufgezeugt, genährt, 

Und muß allmählich sein gemißt 

Wie Pfeil im Fleische wühlt er wild. 

Die verwundenden und schmerzhaften Pfeile kommen nicht 
von außen durch Gerüchte, die doch immer nur von außen angreifen, 
sondern sie kommen aus dem Hinterhalt, aus unserem eigenen Un- 
bewußten. Das schafft das wehrlose Leiden, nicht das, was von außen 
an uns herankommt. Die eigenen verdrängten und nicht an- 
erkannten "Wünsche sind es, die wie Pfeile in unserem 
Fleisch stecken' 2 ). In einem andern Zusammenhang wird dies auch 
für unsere Nonne klar, und zwar sehr buchstäblich. Es ist eine bekannte 
Tatsache, die für den Wissenden keiner weiteren Belege bedarf, daß 
jene mystischen Vereinigungsszenen mit dem Heiland in der Regel 
von einem enormen Betrag an Sexuallibido durchsetzt sind 3 ). Es ist 
daher nicht erstaunlieh, daß die Stigmatisationsszene nichts als eine 
Inkubation durch den Heiland ist, nur wenig metaphorisch verändert 
gegenüber der antiken Auffassung der Unio mystica als einer cohabitatio 
mit dem Gotte: Die Emmerich erzählt von ihrer Stigmatisation 
folgendes: (S. 77 bis 78.) 

„Ich hatte eine Betrachtung der Leiden Christi und flehte ihn an, 
mich doch sein Leiden auch mitempfinden zu lassen, und betete fünf Vater- 
unser zu Ehren der heiligen fünf Wunden. Ich kam, mit ausgebreiteten 
Armen im Bette liegend, in eine große Süßigkeit und in einen unendlichen 
Durst nach den Schmerzen Jesu. Da sah ich ein Leuchten auf mich nieder- 
kommen, es kam schräg von oben. Es war ein gekreuzigter Körper, ganz 



1 ) K. E. Neu mann: Die Reden Gotamo Buddhos aus der Sammlung der 
Bruchstücke Suttarüpäto des Päli-Kanons übersetzt. München 1911. 

2 ) In demselben Sinne eines endogenen Schmerzes nennt Theokrit27, 28 
die Geburtswehen: „Geschosse der Eithyia". Im Sinne eines Wunsches findet 
sich dasselbe Gleichnis bei Jesus Sirach 19, 12: „Wenn ein Wort im Xarren 
steckt, so ist's eben, als wenn ein Pfeil in der Hüfte steckt." D.h.. es läßt ihm keine 
Ruhe, als bis es heraus ist. 

3 ) Man wäre versucht zu sagen, es seien bloß uncigentlich ausgedrückte 
Koitusszenen. Dies wäre aber eine zu starke und nicht zu rechtfertigende Be- 
tonung des Ausgangsmaterials. Man darf nicht vergessen, daß die Heiligen vor- 
bildlich die schmerzhafte Domestikation der Bestie gelehrt haben. Das Resultat 
davon, nämlich der Fortschritt der Zivilisation, hat auch als Motiv dieses Handelns 
anerkannt zu werden. 



330 0. G. Jung. 

lebendig und durchscheinend, mit ausgebreiteten Armen, aber ohne Kreuz. 
Die Wunden leuchteten heller als der Körper, sie waren fünf Glorienkreise, 
aus der ganzen Glorie hervortretend. Ich war ganz entzückt und mein Herz 
war mit großem Schmerze und doch mit Süßigkeit vor Verlangen nach dem 
Mitleiden der Schmerzen meines Heilandes bewegt. Und indem mein Ver- 
langen nach dem Leiden des Erlösers im Anblicke seiner Wunden immer 
mehr stieg, und wie aus meiner Brust, durch meine Hände, Seite und Füße 
nach seinen heiligen Wimden hinflehte, stürzten zuerst aus den Händen, 
dann aus der Seite, dann aus den Füßen des Bildes dreifache leuchtende 
rote Strahlen, unten in einem Pfeile sich endend, nach meinen Händen, 
Seite und Füßen." 

Die Strahlen sind, ihrem phallischen Grundgedanken entsprechend, 
dreifach, unten in einer Pfeilspitze endigend 1 ). Wie Amor, so hat 
auch die Sonne ihren Köcher voll zerstörender oder befruchtender Pfeile 2 ), 
Sonnenstrahlen, denen phallische Bedeutung innewohnt. Auf dieser 
Bedeutung beruht offenbar die orientalische Sitte, tapfere Söhne als Pfeile 
und Wurfspieße der Eltern zu bezeichnen. „Scharfe Pfeile machen" ist 
eine arabische Redensart für „tapfere Söhne zeugen". Um die Geburt 
eines Sohnes anzuzeigen, hängt der Chinese Pfeil, und Bogen vors 
Haus. Daher erklärt sich auch die Psalmstolle (127, 4): „Wie die Pfeile 
in der Hand eines Starken, also geraten die jungen Knaben." (Vgl. 
dazu das in der Einleitung über den „Knaben" Gesagte.) Durch diese 
Bedeutung des Pfeiles wird verständlich, wie der Skythenkönig Ariantas 
dazu kam, als er eine Volkszählung veranstalten wollte, von jedem 
Skythen eine Pfeilspitze zu fordern 3 ). Eine ähnliche Bedeutung kommt 
auch der Lanze zu. Aus der Lanze stammen die Menschen ab, denn die 
Esche ist auch die Mutter der Lanzen, daher das „eherne" Menschen- 
geschlecht aus ihr abstammt. Den Hoch Zeitsgebrauch, auf den Ovid 
anspielt („Comat virgineas hasta recurva comas". Fastorum lib. II, 
560), haben wir bereits erwähnt. Kaineus 4 ) befahl, daß man seine 
Lanze verehre. Nun berichtet Pindar von diesem Kaineus die Sage, 
daß er „die Erde mit geradem Fuß spaltend" in die Tiefe gefahren sei 5 ). 

*) Apulejus (Metarn. lib. II, 31) gebraucht die Symbolik von Pfeil und 
Bogen in sehr drastischer Weise: ,,Ubi primam sagittain saevi Cupidinis in ima 
praecordia mea delapsam excepi, arcum meum en ! Ipse vigor attendit et oppido 
formido, ne nervus rigoris nimietate rumpatur." 

2 ) So der pestbringende Apollo. Ahd. heißt Pfeil: sirala. 

3 ) Herodot: IV, 81. 

4 ) Vgl. Röscher: s. v. Kaineus, Sp. 894 ff. 

5 ) Spielreins Kranke (Jahrbuch III, S. 371) hat die Idee der Erd- 
spaltung ebenfalls in ähnlichem Zusammenhange: ,.Das Eisen braucht man zum 



Wandlungen und Symbole der Libido. 331 

Ursprünglich soll er eine Jungfrau Kainis gewesen sein, die wegen ihrer 
Willfährigkeit von Poseidon zu einem unverwundbaren Mann gemacht 
worden sei. Ovid (Met. lib. XII) schildert den Kampf der Lapithen 
mit dem unverwundbaren Kaineus, wie sie ihn zuletzt ganz mit Bäumen 
bedeckten, weil sie ihm anders nicht beikommen konnten. Ovid sagt 

hier: 

Exitus in dubio est: alii sab inania corpus 
Tartara detrusum siivarum mole ferebant, 
Abnuit Ampyeidcs: medioque ex aggere fulvis 
Vidit avem pennis liquidas exire sub auras. 

Röscher 1 ) hält diesen Vogel für den Goldregenpfeifer (Gha- 
radrius pluvialis), der seinen Namen davon hat, daß er in der yaQdöga, 
dem Erdspalt, wohnt. Durch seinen Gesang zeigt er kommenden 
Regen an. In diesen Vogel wird Kaineus verwandelt. 

Wir erkennen in diesem kleinen Mythus wiederum die typischen 
Bestandteile des Libido mythus : Ursprüngliche Bisexualität, Un- 
sterblichkeit (Unverwundbarkeit) durch Eingehen in die Mutter (mit 
dem Fuß die Mutter spalten, zugedeckt, werden) und Auferstehung als 
Seelen vogel und Bringer der Fruchtbarkeit. (Auffliegende Sonne.) 
Wenn dieser so geartete Heros seine Lanze verehren läßt, so ist wohl 
zu denken, daß ihm seine Lanze ein gültiger und ersetzender Aus- 
druck sei. 

Wir verstehen von unserem jetzigen Standpunkt aus jene Stelle 
bei Hiob'-), die ich im ersten Teil Kap. IV erwähnte, in einem neuen 
Sinne : 

„Er — hat mich ihm zum Ziel aufgerichtet. Er hat mich umgeben 
mit seinen Schützen; er hat meine Nieren gespalten und nicht verschont — 

Zwecke der Erddurelibohrung — Mit dem Eisen kann man — Menseben schaffen — 
Die Erde wird gespalten, gesprengt, der Mensch wird geteilt. — Der Mensch wird 
auseinandergeteilt und wieder zusammengelegt — Um dem Lebendigbegrabensein 
ein Ende zu machen, hieß Jesus Christus seine Jünger die Erde durchbohren." 
Das Motiv des „Spaltens" ist von allgemeiner Bedeutung. Der persische Held 
Tishtria, der auch als weißes Pferd erseheint, öffnet den Regensee und macht 
so die Erde fruchtbar. Er heißt auch Tir = Pfeil. Er wird auch weiblieh 
dargestellt mit Bogen und Pfeil. (Cumont: Text et mon. I, S. 13G.) Mithras 
schießt mit dem Pfeil Wasser aus dem Felsen, um die Dürre zu lösen. Auf ini- 
trhisehen Monumenten findet sieh gelegentlieh das Messer in die Erde gesteckt, 
sonst ist es das Opferinstrument, das den Stier tötet. (Cumont: 1. e., S. 165, 
115, 116.) 

1 ) Götting. Gelehrt. Anzeig. 1SS4, S. 155. 

2 ) 16, 13 ff. 



332 C. G. Jung. 

Er hat mir eine Wunde über die andere gemacht; er ist an mich gelaufen, 
wie ein Gewaltiger.'' 

Diese Symbolik verstehen wir nunmehr als einen Ausdruck für 
die durch den Ansturm unbewußter Wünsche verursachte Seelenqual, 
die Libido wühlt in seinem Fleisch, ein grausamer Gott hat sich seiner 
bemächtigt und durchbohrt ihn mit seinen schmerzhaften libidinösen 
Wurfgeschossen, mit Gedanken, die überwältigend ihn durchfahren. 
(Wie mir eine in der Genesung befindliche Dementiapraecoxkranke 
sagte: „Heute hat mich plötzlich ein Gedanke „durchstürzt".) 

Dieses nämliche Bild findet sich bei Nietzsche wieder 1 ): 

„Hingestreckt, schaudernd, 

Halbtotem gleich, dem man die Füße wärmt, 

Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern, 

Zitternd vor spitzen eisigen Frostpfeilen, 

Von dir gejagt, Gedanke! 

Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher! 

Du Jäger hinter Wolken! 

Darniedergeblitzt von dir, 

Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt: So liege ich, 

Biege mich, winde mich, gequält 

Von allen ewigen Martern, 

Getroffen 

Von dir, grausamer Jäger, 

Du unbekannter — Gott! 

Triff tiefer! 

Triff einmal noch ! 

Zerstich, zerbrich dies Herz! 

Was soll dies Martern 

Mit zähnestumpfen Pfeilen? 

Was blickst du wieder, 

Der Menschen Qual nicht müde, 

Mit schadenfrohen Götter-Blitz- Augen? 

Nicht töten willst du, 

Nur martern, martern? 

Es bedarf keiner langatmigen Erklärung, um in diesem Gleichnis 
das alte, universelle Bild des gemarterten Gottesopfers zu erkennen, 
dem wir bereits begegneten bei den mexikanischen Kreuzopfern und dem 
Odinsopfer 2 ). Dasselbe Bild tritt uns entgegen im hundertfach wieder- 

J ) Zarathustra: Der Zauberer. Werke, Bd. IV, S. 367 f. 

2 ) Spielreins Patientin sagt ebenfalls aus, daß sie von Gott durch- 
schossen worden sei (3 Schüsse) „dann kam eine Auferstehung — des Geistes." 
Das ist Introversionssymbolik. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 333 

holten St. Sebastiansmartyrium, wo das mädchenhaft zarte, blühende 
Fleisch des jungen Gottes all den Schmerz des Verzichtes erraten läßt, 
den die Empfindung des Künstlers hineingelegt hat. Der Künstler 
steckt ja immer ein Stück des Geheimnisses seiner Zeit in sein Kunst- 
werk. In erhöhtem Maße gilt dasselbe auch vom vornehmsten christ- 
lichen Symbol, dem von der Lanze durchstochenen Kruzifixus, dem 
Bild des von seinen "Wünschen gepeinigten, in Christo gekreuzigten 
und sterbenden Menschen christlicher Epoche. 

Daß es nicht von außen kommende Qual ist, die den Menschen 
trifft, sondern daß er sich selber Jäger, Mörder, Opferer und Opfer- 
messer ist, zeigt uns ein anderes Gedicht Nietzsches (Werke, Bd. VIII, 
S. 414), wo der anscheinende Dualismus in den seelischen Konflikt 
aufgelöst ist unter Verwendung derselben Symbolik: 

„Oh Zarathustra, 
grausamster Nimrod ! 
Jüngst Jäger noch Gottes 
Das Fangnetz aller Tugend, 
Der Pfeil des Bösen! 

Jetzt 

Von dir selber erjagt, 

Deine eigene Beute, 

In dich selber eingebohrt 



Jetzt 

Einsam mit dir, 

Zwiesam im eignen Wissen, 

Zwischen hundert Spiegeln 

Vor dir selber falsch, 

Zwischen hundert Erinnerungen 

Ungewiß, 

an jeder Wunde müd, 

An jedem Froste kalt, 

In eigenen Stricken gewürgt, 

Selbstkenner! 

Selbstnenker! 

Was bandest du dich 

Mit dem Strick deiner Weisheit? 

Was locktest du dich 

Ins Paradies der alten Schlange? 

Was schlichst du dich ein 

In dich — in dich? 



Nicht von außen treffen den Helden die tödlichen Pfeile, sondern 
er selbst ist es, der in Uneinigkeit mit sich selbst, sich selber jagt, be- 



334 0. Cr. .Tuner. 

kämpft, und martert. In ihm selber hat sich Wollen gegen Wollen, Libido 
gegen Libido gekehrt — daher der Dichter sagt: „In sich selber ein- 
gebohrt", d. h. vom eigenen Pfeil verwundet. Da wir den Pfeil als ein 
Libidosymbol erkannt haben, so wird uns auch das Bild des „Ein- 
bohrens" klar: es ist ein phallischer Akt der Vereinigung mit sich selbst, 
eine Art Selbstbefruchtung (Introversion), auch eine Sclbstver- 
gewaltigung, ein Selbstmord, daher sich Zarathustra als Selbsthenker 
bezeichnen bann, wie Odin, der sich selber dem Odin opfert. 

Die Verwundung durch den eigenen Pfeil bedeutet also zunächst 
einen Introversionszustand. Was dieser zu bedeuten hat, wissen 
wir bereits: Die Libido sinkt in ihre „eigene Tiefe" (ein bekanntes 
Gleichnis Nietzsches) und findet dort unten in den Schatten des 
Unbewußten den Ersatz für die Oberwelt, die sie verlassen hat, nämlich 
die Welt der Erinnerungen („zwischen hundert Erinnerungen"), 
worunter die stärksten und einflußreichsten die frühinfantilen Erinne- 
rungsbilder sind. Es ist die Welt des Kindes, jener paradiesische Zustand 
frühester Kindheit, von dem uns einst ein hartes Gesetz trennte. In 
diesem unterirdischen Reich schlummern süße Heimatgefühle und 
die unendlichen Hoffnungen alles Werdenden. Wie Heinrich in der 
„Versunkenen Glocke" von Gerhart Hauptmann von seinem Wunder- 
werke sagt: 

„Es singt ein Lied, verloren und vergessen, 
Ein Heimatlied, ein Kinderliebeslied, 
Aus Märchenbrunnentiefen aufgeschöpft, 
Gekannt von jedem, dennoch unerhört." 

Doch, wie Mephistopheles sagt, „die Gefahr ist groß" 1 ). Diese 
Tiefe ist verlockend, sie ist die Mutter und — der Tod. Wenn die Libido 
die lichte Oberwelt verläßt, sei es aus Entschluß des Menschen oder aus 
abnehmender Lebenskraft, so sinkt sie in die eigene Tiefe zurück, in 
die Quelle, aus der sie einst geflossen, und kehrt zurück zu jener Bruch- 
stelle, dem Nabel, durch den sie einst in diesen Körper eingetreten ist. 
Diese Bruchstelle heißt Mutter, denn aus ihr kam uns die Quelle 
der Libido. Darum, wenn irgend ein großes Werk zu tun ist, vor dem 
der schwache Mensch, an seiner Kraft verzweifelnd, zurückweicht, 
dann strömt seine Libido zu jenem Quellpunkt zurück — und das ist 
jener gefährliche Augenblick, in dem die Entscheidung fällt zwischen 
Vernichtung und neuem Leben. Bleibt die Libido im Wunderreich 

n ) Faust IL Teil, Mütterszene. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 335 

der inneren AVeit hängen 1 ), so ist der Mensch für die Oberwelt zum 
Schatten geworden, er ist so gut als ein Toter oder Schwerkranker 2 ). 
Gelingt es aber der Libido, sich wieder loszureißen und zur Oberwelt 
emporzudringen, dann zeigt sich ein Wunder: diese Unterweltsfahrt 
war ein Jungbrunnen für sie gewesen und aus ihrem scheinbaren Tode 
erwacht neue Fruchtbarkeit. Dieser Gedankengang wird in einem 
indischen Mythus sehr schön zusammengefaßt: Einst versank Wishnu 
in Entzückung (Introversion) und gebar in diesem Schlafzustand 
Brahma, der, auf einer Lotosblume thronend, aus dem Nabel Wishnus 
emporstieg und die Yedas mitbrachte, sie eifrig lesend. (Geburt des 
schöpferischen Gedankens aus der Tntroversion.) Durch Wishnus 
Verzückung aber kam eine ungeheure Sintflut über die Welt (Ver- 
schlingung durch Introversion, die Gefahr des Eingehens in die Todes- 
mutter symbolisierend). Ein Dämon, die Gefahr benutzend, stahl 
dem Brahma, die Yedas und verbarg sie in der Tiefe. (Verschlingung 
der Libido.) Brahma weckte Wishnu, und dieser, sich in einen Fisch 
verwandelnd, tauchte in die Flut, kämpfte mit dem Dämon (Drachen- 
kampf), besiegte ihn und eroberte die Yedas wieder. (Schwererreichbare 
Kostbarkeit.) 

Diesem urtümlichen Gedankengang entspricht die Selbstver- 
tiefung im Geiste und die daraus erfolgende Kräftigimg. Ebenso er- 
klären sich daraus zahlreiche Opfer- und Zauberriten, von denen schon 
mehrere erwähnt wurden. So fällt auch das uneinnehmbare Troja da- 
durch, daß die Belagerer in den Bauch des hölzernen Pferdes kriechen, 
denn einzig der ist Held, der aus der Mutter wiedergeboren ist, wie die 
^onne. Wie gefährlich dies Wagnis aber ist, zeigt das Geschick de:< 
Pkiloktet, der bei der Trojafahrt der einzige war, der das verborgen^ 
Heiligtum der Chryse kannte, wo schon die Argonauten geopfert hatten 
und wo auch die Griechen zu opfern gedachten, um ihrer Fahrt ein 
glückliches Ende zu sichern. Chryse war eine Nymphe auf der Insel 
Chryse; nach dem Bericht des Scholiasten zu Sophokles' Philoktev 

1 ) Auch dies ist mythologisch dargestellt in der Sage von Theseus und 
Peirithoos, welche die unterirdische Proserpina sich erobern wollten. Si> stiegen 
z.u diesem Zwecke in den Erdschlund im Haine Kolonos. um in die Unterwelt 
zu gelangen: als sie unten waren, wollten sie sieh etwas ausruhen, blieben aber 
gebannt an den Felsen hängen, d. h. sie blieben in der Mutter stecken und waren 
daher für die Oberwelt verloren. Später wurde wenigstens Theseus von Herakles 
befreit (Rache des Horus für Osiris), womit Herakles in die Rolle des todüber- 
windenden Heilandes tritt. 

2 ) Diese Formel gilt in erster Linie auch für che Dementia praecox. 



336 C. G. Jung. 

hat diese Nymphe Philoktet geliebt und ihn vorflucht, weil er ihre Liebe 
verschmähte. Diese charakteristische Projektion, der wir u. a. auch 
im Gilgameshepos begegnen, ist zurück zu übersetzen, wie bereits 
oben angedeutet, in den verdrängten Inzestwunsch des Sohnes, der durch 
die Projektion so dargestellt wird, als hätte die Mutter den bösen 
Wunsch, für dessen Ablehnung dem Sonn der Tod gegeben werde. 
In Wirklichkeit liegt aber die Sache so, daß der Sohn sterblich wird, 
dadurch daß er sich von der Mutter trennt. Seine Todesangst entspricht 
dann dem verdrängten Wunsch, zur Mutter zurückzukehren und läßt 
ihn glauben, daß die Mutter ihn bedrohe oder verfolge. Die teleologische 
Bedeutung dieser Verfolgungsangst ist klar: sie soll Sohn und 
Mutter auseinanderhalten. 

Der Fluch der Chryse verwirklicht sich insofern, als Philoktet, 
sich ihrem Altare nähernd, nach der einen Version mit einem seiner 
eigenen tödlich giftigen Pfeile sich am Fuße verletzt oder nach anderen 
Versionen 1 ) (diese besser und ausgiebiger belegt) von einer giftigen 
Schlange in den Fuß gebissen wird 2 ). Von da an siecht er, wie 
bekannt, dahin 3 ). 



!) Vgl. Röscher: s. v. Philoktetes, Sp. 231S, 15 ff. 

2 ) Wie der russische Sonncnheld Oleg an den Schädel des erschlagenen 
Herdes herantritt, fährt eine Schlange daraus hervor und sticht ihn in den Fuß. 
Daran erkrankt und stirbt er. Als Indra in der Gestalt des Cyena, des Falken, 
den Soma raubt, verwundet ihn Kricanu, der Hüter, mit dem Pfeil am Fuß. 
Rigveda I, 155, IV, 322. 

3 ) Vergleichbar dem Gralkönig, der den Becher, das Muttersymbol, hütet. 
Der Mythus des Philoktet ist aus einem längern Zusammenhang genommen, 
nämlich aus dem Heraklesmythus. Herakles hat zwei Mütter, die hilfreiche 
Alkmene und die verfolgende Here (Lamia), von deren Brust er die Unsterblichkeit 
( Sehnsucht nach der Mutter) getrunken hat. Heres Schlangen überwindet Herakles 
schon in der Wiege, d. h. er überwindet die furchtbare Mutter, die Lamia. Aber 
Here schickt ihm von Zeit zu Zeit Wahnsinnsanfälle, in deren einem er seine 
Kinder tötet (Lamia). Nach einer interessanten Überlieferung geschieht die 
Tat in jenem Augenblicke, wo sich Herakles weigert, im Dienste des Eurystheus 
das große Werk zu verrichten. Infolge des Zurückweichens regrediert die für 
das Werk bereitgestellte Libido in typischer Weise auf die unbewußte Mutter- 
imago, was den Wahnsinn zur Folge hat (wie heutzutage auch noch), in welchem 
Herakles sich mit der Lamia (Here) identifiziert und die eigenen Kinder mordet. Das 
delphische Orakel teilt ihm auch mit, daß er Herakles heiße, weil er der Here 
seinen unsterblichen Ruhm verdanke, da ihre Verfolgung ihn zu den großen Taten 
nötige. Man sieht, daß die große Tat eigentlich bedeutet; Die Mutter und in ihr 
die Unsterblichkeit erobern. Seine charakteristische Waffe, die Keule, schnitt 
er aus dem mütterlichen Ölbaum. Als Sonne besaß er die Pfeile Apolls. Den 



Wandlungen und Symbole der Libido. 337 

Diese durchaus typische Verwundung (siehe unten!), die auch 
Ke zerstört, wird in einem ägyptischen Hymnus folgendermaßen ge- 
scj ildert: 



nemeischen Löwen überwindet er in seiner Höhle, deren Bedeutung .„Grab im 
Mutterleib^" ist (vgl. Endo dieses Kapitels), dann folgt der Kampf mit der Hydra, 
der typische Sonnendrache nkarnpf, die gänzliche Mutterüberwindung (vgl. unten). 
Darauf Einfangen der cerynitischen Hirschkuh, die er mit dem Pfeile am Fuß 
verwundet, also das tut, was sonst dem Helden geschieht. Den eingefangenen 
erymanthischen Eber zeigt Herakles dem Eurystheus, worauf dieser aus Angst 
in ein Faß kroch, d. h. starb. Die Stymphaliden. der kretische Stier und die 
menschenfressenden Rosse des Diomedes sind Symbole für verheerende 
Todesmächte, unter denen besonders das letztere Beziehung auf die Mutter er- 
kennen läßt. Die Erkämpfung des kostbaren Gürtels der Amazonenkönigin 
Hippolyte läßt die Mutter wieder klar hervortreten: Hippolyte ist bereit, den 
Schmuck zu lassen, allein Here, sich in die Gestalt der Hippolyte ver- 
wandelnd, ruft die Amazonen gegen Herakles in den Kampf. (Vgl. Horus, den 
Kopfschmuck der Isis an sich reißend: darüber Weiteres unten, Kapitel VIT.) Die 
Befreiung der Hesione erfolgt dadurch, daß Herakles mit einem Schiffe in den 
Bauch des Ungeheuers hinunterfährt und in dreitägiger Arbeit das Ungeheuer 
von innen tötet (Jonasmotiv, Christus im Grab respektive Hölle, Überwindung 
des Todes durch Hineinkriechen in den Mutterleib und Umbringen des Todes in 
Gestalt der Mutter. Die Libido in Gestalt der schönen Jungfrau wieder erobert.) 
Der Zug nach Erythia ist eine Parallele zu Gilgamesh, zum Moses des Koran, 
der nach der Vereinigung der beiden Meere zieht; es ist die Sonnenfahrt nach 
dem Westmeer, wobei Herakles die Meerenge von Gibraltar eröffnet (,.nach jenem 
Durchgang"; Faust) und mit dem Schiffe des Helios nach Erythia hinausfuhr. 
Dort erschlug er den riesigen Wächter Eurytion (Chumbaba im Gilgameshepos, 
das Vatersymbol), dann den dreifachen Geryon (ein Monstrum von phallischer 
libidosymbolik) und verwundete dabei durch einen Pfeilschuß sogar die dem 
Geryon zu Hilfe eilende Here. Dann erfolgt der Raub der Rinder. Die schwer- 
er; .ngte Kostbarkeit ist hier in einer L T mgebung, welche die Sache wirklich un- 
mißverständlich macht. Herakles geht wie die Sonne in den Tod, in die Mutter 
hinunter (Westme^r), überwindet aber die Libido zur Mutter und kommt mit den 
wunderbaren Rindern wieder, er hat also seine Libido, sein Leben, den gewaltigen 
Reiehtinn wiedergewonnen. Denselben Gedanken finden wir im Raub der goldenen 
Hesperidenäpfe], die vom hundertköpfigen Drachen verteidigt sind. Die Über- 
wältigung des Cerberus ist auch als Überwältigung des Todes durch das Eingehen 
in die Mutter (Unterwelt) leicht verständlich. Um zu seinem Weibe Deianira zu 
kommen, muß er einen furchtbaren Kampf mit einem Wassergott Achelous 
bestehen (mit der Mutter). Der Fährmann Nessus (ein Zentaur) vergewaltigt 
ihm aber Deianeira. Mit seinen Sonnenpfeilen erlegt Herakles diesen Widersacher. 
Xessus gibt aber der Deianira den Rat, sein giftiges Blut als Liebeszauber auf- 
zubewahren. Als nach der wahnsinnigen Ermordung des Iphitus ihm Delphi den 
Orakelspruch verweigert, bemächtigt er sich sogar des heiligen Dreifußes. 
D'-r delphische Spruch zwang ihn nunmehr, ein Sklave der Omphale zu werden, 
Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. «" 



338 C. G. Jung. 

..Das Alter des Gottes bewegte ihm den Mund, 

Es warf seinen Speichel ihm auf die Erde, 

Und was er ausspie, fiel auf den Boden. 

Das knetete Isis mit ihrer Hand 

Zusammen mit der Erde, die daran war; 

Sie bildete einen ehrwürdigen Wurm daraus 

Und machte ihn wie einen Speer. 

Sic wand ihn nicht lebend um ihr Gesicht. 

Sondern warf ihn zusammengerollt (?) auf den Weg. 

Auf dem der große Gott wandelte 

Nach Herzenslust durch seine beiden Länder. 

Der ehrwürdige Gott trat glänzend hervor, 

Die Götter, die dem Pharao dienten, begleiteten ihn 

Und er erging sich wie alle Tage. 

Da s'tach ilin der elirwürdige Wurm 

Der göttliche Gott öffnete den Mund, 

Und die Stimme seiner Majestät drang bis zum Himmel.- 

Und die Götter riefen : Siehe ! 

Er konnte nicht darauf antworten, 

Seine Kinnbacken klapperten, 

All seine Glieder zitterten 

Und das Gift ergriff sein Fleisch, 

Wie der Nil sein Gebiet ergreift." 

In diesem Hymnus hat uns Ägypten wiederum eine ursprüngliche 
Fassung des Schlangenstiches aufbewahrt. Das Altern der Sonne im 
Herbst, als ein Bild des menschlichen Greisenalters, wird symbolisch 
auf eine Vergiftung durch die Schlange der Mutter zurückgeführt, 
Der Mutter wird vorgeworfen, ihre Heimtücke verursache den Tod 
des Sonnengottes. Die Schlange, das uralte Angstsymbol 1 ), veran- 
schaulicht die verdrängte Tendenz, zur Mutter zurückzukehren, denn 
die einzige Möglichkeit, sich vor dem Tode zu sichern, besitzt die Mutter, 
denn sie ist die Lebensquelle. Dementsprechend kann auch nur die 

die ihn ganz zum Kinde macht. Herakles kehrte darauf heim zu Deianira, die ihm 
das giftige Nessusgewand entgegenschickte (Isisschlange), das sofort mit seiner 
Haut verwuchs, sodaß er vergeblich versuchte, es abzureißen (Häutung des alternden 
Sonnengottes, Schlange als Symbol der Wiederverjüngung). Herakles bestieg 
darauf den Scheiterhaufen, um sich als Phönix selbst zu verbrennen, d. h. sich 
aus seinem eigenen Ei wieder zu gebären. Niemand als der junge Philoktet wagte 
es, den Gott zu opfern. Dafür erhielt Philoktet die Sonnenpfeile und der Libido- 
in ythus erneuerte sich mit diesem Horus. 

J ) Auch die Affen haben instinktive Schlangenfurcht. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 339 

Mutter den Todkranken heilen, daher der Hymnus im weitern schildert, 
wie die Götter zusammengerufen wurden, um Rat zu halten: 

„Und Isis kam auch mit ihrer Weisheit, 

Deren Mund voll Lebenshauch ist, 

Deren Sprach das Leid vertreibt, 

Und deren Wort den nicht mehr Atmenden belebt. 

Sie sagte: Was ist das? Was ist das, göttlicher Vater? 

Sieh : ein Wurm hat dir Leid gebracht usw." 

„Sage mir deinen Namen, göttlicher Vater, 

Denn der Mann bleibt leben, der mit seinem Namen gerufen wird." 

Worauf Re entgegnet: 

„Ich bin der, der Himmel und Erde schuf und die Berge schürzte 

Und alle Wesen darauf machte. 

Ich bin der, der das Wasser machte und die große Flut schuf, 

Der den Stier seiner Mutter machte, 

Welches der Erzeuger ist usw." 

„Das Gift wich nicht, es ging weiter, 

Der große Gott ward nicht gesund. 

Da sprach I&is zu Re: 

Das ist nicht dein Name, was du mir sagst. 

Sage ihn mir, daß das Gift hinausgehe, 

Denn der Mensch, dessen Name genannt wird, bleibt leben". 

Endlich kann Re sich entschließen, seinen wahren Namen zu sagen. 
Er wurde zwar annähernd geheilt (mangelhafte Zusammensetzung des 
Osiris), aber hatte seine Macht verloren und zog sich schließlich auf die 
Himmelskull zurück. 

Der giftige Wurm ist, wenn man so sagen darf, ein „negativer" 
Phallus, eine tötende, statt belebende Libidoform, also ein Todes wünsch, 
statt eines Lebenswunsches. Der „wahre Name" ist Seele und Zauber- 
kraft, also ein Libidosymbol. Was Isis verlangt, ist die Rückübertragung 
der Libido auf die Muttergöttin. Dieses Verlangen erfüllt sich buch- 
stäblich, indem der alternde Gott zur göttlichen Kuh, dem Mutter- 
symbol, zurückkehrt 1 ). Aus unseren obigen Überlegungen erklärt sich 
diese Symbolik: Die vorwärts strebende lebendige Libido, die das 
Bewußtsein des Sohnes beherrscht, verlangt Trennung von der Mutter; 

») Wie lebendig solch uralte Assoziationen noch sind, zeigt Segantinis 
Bild: Die beiden Mütter: Kuh und Kalb, Mutter und Kind, im selben Stalle. 
Aus dieser Symbolik erklärt sich auch das Milieu der Geburtsstätte des Heilandes. 

22* 



340 C G. Jung-. 

dem steht aber die Sehnsucht des Kindes nach der Mutter hindernd 
entgegen in der Form eines ps) r chologischcn Widerstandes, der er- 
fahrungsgemäß in der Neurose sich in allerhand Befürchtungen aus- 
drückt, d. h. in Angst vor dem Leben. Je mehr der Mensch sich von 
der Kealitätsanpassung zurückzieht und in faule Untätigkeit verfällt, 
desto größer wird (cum grano salis) seine Angst, die ihn auf seinem Weg 
überall hindernd befällt. Die Angst stammt von der Mutter, d. h. aus 
der der Realitätsanpassung entgegenstrebenden Sehnsucht, zurück- 
zusehen zur Mutter. Auf diese Weise wird die Mutter scheinbar zur 
heimtückischen Verfolgerin. Natürlich ist es nicht die wirkliche Mutter, 
obschon auch die wirkliche Mutter mit ihrer krankhaften Zärtlichkeit, 
mit der sie ihr Kind bis ins erwachsene Alter verfolgen kann, öfter 
durch nicht mehr zeitgemäße Infantilhaltung des Kindes es schwer 
schädigen kann; es ist vielmehr die Mutterimago, die zur Lamia wird. 
Ihre Kraft aber bezieht die Mutterimago einzig und allein aus der 
Geneigtheit des Sohnes, nicht nur vorwärts zu schauen und zu arbeiten, 
sondern auch rückwärts zu schielen nach den verweichlichenden 
Süßigkeiten der Kindheit, nach jener herrlichen Un Verantwortlichkeit 
und Lebenssicherheit, mit der uns schützende Mutterobhut einstmals 
umgeben hat 1 ). 

Diese rückschauende Sehnsucht wirkt wie ein lähmendes Gift 
auf die Tatkraft und Unternehmungslust, daher sie wohl einer giftigen 
Schlange verglichen werden kann, die auf unserem Wege liegt. An- 
scheinend ist es ein dämonischer Feind, der die Tatkraft raubt, in Wirk- 
lichkeit aber das eigene Unbewußte, dessen rückgreifende Tendenz 
das bewußte Vorwärtsstreben zu überwältigen beginnt. Die Ursache 
dieses Vorganges kann z. B. das natürliche Altern sein, welches die 
Tatkraft abschwächt, oder es können große äußere Schwierigkeiten 
sein, an denen der Mensch zusammenbricht und wieder zum Kinde 
wird, oder es kann, und dies ist wohl etwas sehr Häufiges, das Weib 
sein, das den Mann gefangennimmt, von dem ersieh nicht mehr befreien 



1 ) Der Mythus von Hippolytos zeigt sehr hübsch alle typischen Bestand- 
teile des Problems: Seine Stiefmutter, Phaedra verliebt sich unzüchtigerweise 
in ihn. Er weist sie zurück, sie verklagt ihn -wegen Schändung bei ihrem Manne, 
dieser bittet den Wassergott Poseidon, Hippolytos zu strafen. Da kommt 
ein Monstrum aus dem Meer. Die Rosse des Hippolytos werden davon 
scheu und schleifen Hippolytos zu Tode. Er wird aber durch Äskulap wieder 
erweckt und von den Göttern zur weisen Njmphe Egeria, der Beraterin des 
Numa Pompilius, versetzt. So geht der Wunsch doch in Erfüllung; jedoch ist aus 
dem Inzest Weisheit geworden. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 341 

kann nnd an dem er zum Kind wird 1 ). Es wird wohl auch bedeutsam 
sein, daß Isis als Schwester- Gattin des Sonnengottes das giftige Tier 
schafft., und zwar aus dem Speichel des Gottes, der als ein Ausfluß 
für Sperma gesetzt sein mag und daher ein Libidosymbol ist. Sie schafft 
das Tier aus der Libido des Gottes, d. h. sie empfängt seine Kraft, 
macht ihn schwach und abhängig, so daß sie dadurch in die beherr- 
schende Rolle der Mutter eintritt. (Mutterübertragung auf die Gattin.) 
Dieses Stück ist (im Simsonmythus) in der Rolle der Dalila, die die 
Haare Simsons, die Sonnenstrahlen, abschneidet und ihn seiner Kraft 
beraubt, noch erb alten 2 ). Jedes Seh wach werden des erwachsenen 
Menschen läßt die Wünsche des Unbewußten lauter werden, daher das 
Abnehmen der Kraft ohneweiters als ein Rückstreben zur Mutter 

erscheint. 

Noch einer Quelle zur Wiederbelebung der Mutterimago ist zu 
gedenken. Wir sind ihr bereits bei der Besprechung der Faustischen 
Mütterszene begegnet: nämlich die gewollte Introversion eines 
schöpferischen Geistes, der, vor den eigenen Problemen zurückweichend 
imd seine Kräfte innerlich sammelnd, für Augenblicke wenigstens zur 
Lebensquelle hinabtaucht, um dort ein Weiteres an Kraft der Mutter 
abzuringen zur Vollendung seines Werkes. Es ist ein Mutter-Kind- 
spiel mit sich selber, in dem viel weichliche Selbstbewunderung und 
-bespiegelung liegt („zwischen hundert Spiegeln"; Nietzsche), ein 
narziss istisches Stadium, für profane Augen vielleicht ein wunder- 
liches Schauspiel. Die Trennung von der Mutterimago, die Geburt aus 
sich selber, macht durch ihre Qualen alles Widerliche wett. Solches 
wollen wohl die Verse Nietzsches sagen: 

„Was locktest du dich 

Ins Paradies der alten Schlange? 

Was schlichst du dich ein 

In dich — in dich? 

Ein Kranker nun, 

Der an Schlangengift krank ist 1 ); 

Ein Gefangener nun, 

Der das härteste Los zog: 

Im eia;enen Schachte 



') Vgl. Herakles und Omphale. 

-) Vgl. auch die Vorwürfe des Gilgarncsh gegen Ishtar. 

3 ) Auch Spielreins Patientin ist an „Schlangengift" krank. Jahrbuch III, 
S. 385. 



342 CG. Jung. 

Gebückt arbeitend, 

In dich selber eingohöhlt, 

Dich selber angrabend, 

Unbehilflich, 

Steif, 

Ein Leichnam — 

Von hundert Lasten übertürmt, 

Von dir überlastet, 

Ein Wissender! 

Ein Selbsterkenner ! 

Der weise Zarathustra ! 

Du suchtest die schwerste Last: 
Da fandest du dich 



Die Symbolik dieses Stückes ist von größtem Reichtum. Wie 
in die Erde eingehöhlt ist der in sich selber Vertiefte; ein Toter 
eigentlich, der in die Mutter Erde zurückgekehrt ist 1 ); ein Kaineus 
„von hundert Lasten übertürmt" und in den Tod hinuntergedruckt. 
Einer, der ächzend die schwere Last seiner eigenen Libido trägt, jener 
Libido, die ihn zur Mutter zurückzieht. Wer denkt nicht an die Tauro- 
phorie des Mithras, der seinen Stier (wie der ägyptische Hymnus sagt: 
den „Stier seiner Mutter"), d. h. seine Liebe zur Mutter, als schwerste 
Last auf den Rücken nimmt und damit den schmerzvollen Gang, 
den sogenannten Transitus antritt 2 )? Dieser Passionsweg führt zur 
Höhle, in welcher der Stier geopfert wird. So hat auch Christus das 
Symbol der Liebe zur Mutter, das Kreuz, zu tragen 3 ) und trägt es zur 



*) Die gänzlich introvertierte Patientin Spielreins (Jahrbuch Bd. III, 
S. 336) gebraucht ähnliche Bilder; sie spricht von einer „Starrheit der Seele am 
Kreuze", von „Steinfiguren", die „gelöst" werden müssen. 

Ich verweise hier auch darauf, daß die oben besprochenen Symbolismen 
treffliche Beispiele für die „funktionale Kategorie" Silberers sind, sie schildern 
den Introversionszustand. 

2 ) W. Gurlitt sagt: „Das Stiertragen ist eines der schweren ädÄa, die 
Mithras im Dienste der zu erlösenden Menschheit verrichtet, „etwa, wenn es ge- 
stattet ist, Kleines mit Großem zu vergleichen, der Kreuztragung Christi ent- 
sprechend." (Zitiert Cumont, Text, et mon. I, 172.) Gewiß ist es gestattet, die 
beiden Dinge miteinander zu vergleichen. Über jene Zeit dürfte man hinaus sein, 
wo man hochmütig, in richtiger Barbarenart, auf fremde Götter, die dii minorum 
gentium, heruntersah. Aber man ist noch lange nicht darüber hinaus. 

3 ) Einen interessanten Beitrag zur Frage des Symbols der Kreuztragung 
gibt Robertson (Evang. Myth., S. 130): Simson trug die Torpfeiler von Gaza 
und starb zwischen den Säulen des Saales der Philister. Auch Herakles trug 
gebückt unter seiner Last seine Säulen an die Stelle (Gades), wo er nach der 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 343 

Opferstätte, wo das Lamm geopfert wird in der Gestalt des Gottes, 
des infantilen Menschen, des ., Selbsthenkers", um dann in die unter- 
irdische Gruft versenkt zu werden 1 ). 

Was bei Nietzsche wie dichterische Redefigur anmutet, ist 
eigentlich uralter Mythus. Es ist, wie wenn dem Dichter noch die Ahnung 
oder die Fähigkeit gegeben wäre, unter den Worten unserer heutigen 
Sprache und in den Bildern, die sieh seiner Phantasie aufdrängten, 
jene unvergänglichen Schatten längst vergangener Geisteswelten zu 
fühlen und wieder wirklich zu machen. G. Hauptmann sagt auch: 
,, Dichten heißt, hinter Worten das Urwort aufklingen lassen 2 )." 

Das Opfer, dessen geheimen und vielseitigen Sinn wir mehr 
ahnen als verstehen, geht zunächst unvollendet am Unbewußten unserer 
Autorin vorüber. Der Pfeil wird nicht abgeschossen, der Held Chiwan- 
topel ist noch nicht tödlich vergiftet und bereit zum Tode im Selbst- 



syrischen Version der Legende auch starb. (Die Säulen des Herakles bezeichnen 
den Westpunkt, wo die Sonne ins Meer sinkt.) „In der alten Kunst wird er tat- 
sächlich dargestellt, wie er die beiden Säulen in der Weise unter den Armen trägt, 
daß sie gerade ein Kreuz bilden; hier haben wir vielleicht den Ursprung des Mythus 
von Jesus vor uns, der sein eigenes Kreuz zur Richtstätte trägt. — Merkwürdiger- 
weise substituieren die 3 Synoptiker Jesus einen Mann namens Si mon aus Kyrene 
als Kreuzträger. Kyrene ist in Libyen, dem legendären Schauplatz der Arbeit 
des Säulentragens des Herakles, wie wir gesehen haben, und Simon (Simson) 
ist die nächste griechische Namensform für Samson — das auf Griechisch, nach dem 
Hebräischen, Simson gelesen worden sein konnte. In Palästina aber war Simon, 
Semo oder Sem tatsächlich ein Gottesname, der den alten Sonnengott Semesch 
repräsentierte, der seinerseits wieder mit Baal identifiziert war, aus dessen Mythus 
der Samsonmythus zweifellos entstanden ist; und der Gott Simon genoß in 
Samaria besondere Verehrung." Das Kreuz des Herakles dürfte wohl das Sonnen- 
rad sein, wofür die Griechen das Kreuzsymbol hatten. Das Sonnenrad auf dem 
Relief der kleinen Metropolis in Athen enthält sogar ein Kreuz, das dem Malteser- 
kreuz sehr ähnlich sieht. (Cf. Thiele: Antike Himmelsbilder, 1898, S. 59.) 

1 ) Die griechische Mythe von Ixion, der ans Sonnenrad gekreuzigt, an die 
,,vierspeichige Fessel" (Pindar) gebunden wurde, sagt es beinahe unverhüllt. 
Ixion ermordete zuerst seinen Schwiegervater, wurde aber später von Zeus entsühnt 
und mit seiner Huld beglückt. Der Undankbare aber trachtete, Hera, die Mutter, 
zu verführen. Zeus aber täuschte ihn. indem er die Wolkengöttin Nephele der 
Hera Gestalt nachahmen Heß. (Aus dieser Verbindung sollen die Zentauren hervor- 
gegangen sein.) Ixion rühmte sieh seiner Tat, aber Zeus stürzte ihn zur Strafe 
in die Unterwelt, wo er auf das vom Wind ewig fortge wirbelte Rad gebunden 
wurde. (Vgl. die Strafe der Franeesca da Rimini bei Dante und die „Büßerinnen" 
in Abrahams Segantini.) 

2 ) Zitiert Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrgang II, S. 365. 



34:4 C. G. Jung. 

opfer. Wir dürfen schon jetzt sagen, daß, nach dem vorliegenden 
Material, mit diesem Opfer wohl das Aufgehen der Mutter gemeint 
sei, d. h. der Verzicht auf alle Bande und Beschränkungen, welche die 
Seele aus der Zeit der Kindheit mit ins erwachsene Alter herüber- 
genommen hat. Aus verschiedenen Andeutungen von Miß Miller geht 
hervor, daß sie zur Zeit jener Phantasien noch im Kreise der Familie 
gelebt hat, offenbar in einem Alter, das bereits der Selbständigkeit 
dringend bedurft hätte. Der Mensch lebt nämlich ohne wesentliche 
Gefährdung seiner geistigen Gesundheit nicht zu lange in der infantilen 
Umgebung respektive im Schöße der Familie. Das Leben ruft ihn hinaus 
znr Selbständigkeit, und wer diesem harten Ruf aus kindlicher Be- 
quemlichkeit und Ängstlichkeit keine Folge leistet, wird durch die 
Neurose bedroht. Und ist einmal die Neurose ausgebrochen, dann 
wird sie auch immer mehr zu einem vollgültigen Grunde, den Kampf 
mit dem Leben zu fliehen und für immer in der moralisch vergiftenden 
Infantilatmosphäre zu bleiben. 

In dieses Ringen um die persönliche Selbständigkeit gehört 
die Phantasie vom Pfeilschuß. Noch hat sich bei der Träumerin der 
Gedanke dieses Entschlusses nicht durchgerungen. Sie weist ihn viel- 
mehr ab. Nach all dem Obigen ist es einleuchtend, daß die Pfeilschuß- 
symbolik bei direkter Übersetzung als ein Koitussymbol anzusprechen 
ist. Das ,,Occide moriturus" 1 ) gewänne dadurch auch hier den ihm 
gehörenden sexuellen Sinn. Chiwantopel repräsentiert natürlich die 
Träumerin. Mit dieser Reduktion auf das Grobsexuelle ist aber nichts ge- 
wonnen und nichts verstanden, denn daß das Unbewußte Koitus wünsche 
beherbergt, ist ein Gemeinplatz, dessen Entdeckung weiter nichts 
bedeutet. Der Koituswunsch unter diesem Aspekt ist nämlich 
ein Symbol für die eigene, von den Eltern abgetrennte Betätigung 
der Libido, für die Eroberung des selbständigen Lebens. Dieser Schritt 
zum neuen Leben bedeutet aber auch zugleich den Tod des vergangenen 
Lebens 2 ), daher Chiwantopel, der Infantilheld 3 ) (der Sohn, das Kind, 
das Lamm, der Fisch), der noch durch die Bande der Kindheit gefesselt 
ist und der als Symbol der inzestuösen Libido zu sterben hat, damit 
jede rückwärtige Verbindung abgeschnitten sei. Denn zum Kampfe 



x ) ..Töte selber sterbend." 

2 ) Die in den Träumen reichlich auftretende Todessymbolik hat St ekel 
hervorgehoben (Sprache des Traumes. S. 317 ff.). 

3 ) Vgl. die Cassiusszene oben. 



Wandlungen und Sj"mbole der Libido. 345 

des Lebens ist alle Libido benötigt und es darf keine zurückbleiben. 
Diesen Entschluß, der alle sentimentalen Verknüpfungen mit Vater und 
Mutter zerreißen soll, kann die Träumerin noch nicht fassen und er 
sollte doch gefaßt sein, um dem Rufe des eigenen Schicksals Folge 
leisten zu können. 

VII. 
Das Opfer. 

Nachdem der Angreifer verschwunden ist, beginnt Ghiwantopel 
folgenden Monolog: 

„Du bout de l'epine dorsale de ces continents, de l'extremite des 
basses terres, j'ai erre pendant une centaine de lunes, apres avoir abandonne 
le palais de mon pere toujours poursuivi par mon desir fou de trouver „celle 
qui comprendra". Avec des joyaux j'ai tente beaueoup de belies, avec des 
baisers j'ai essaye d'arracher le secret de leur coeur, avec des actes de 
prouesse j'ai conquis leur admiration. (II passe en revue les femmes qu'il 
a connues:) Clii-ta, la princesse de ma race . . . c'est une becasse, vani- 
teuse comme im paon, n'ayaut autre chose en tete que bijoux et parfums. 
Ta-nan, la jeune paysanne . . . bah, une pure truie, rien de plus qu'un 
buste et im ventre, et ne songeant qu'au plaisir. Et puis Ki-ma, la pre- 
tresse, une vraie perruche, repetant les phrases creuses apprises des pretres; 
toute pour la montre, sans Instruction reelle ui sincerite, meiiante, poseuse 
et hypoerite! .... Helas! Pas une qui me eoinprenne, pas une qui soit 
semblabie ä moi ou qui ait une äme soeur de mon äme. II n'en est pas une, 
d'entre elles toutes, qui ait connu mon äme, pas ime qui ait pu lire ma 
pensee, loin de la; pas une capable de chercher avec moi les sommets luini- 
neux, ou d'epeler avec moi le mot surhumain d'Amour!"' 

Hier sagt es Ghiwantopel selber, daß das Herumreisen und Herum- 
wandern ein Suchen sei nach dem andern und nach dem in der Ver- 
einigung mit ihm liegenden Sinne des Lebens. Wir haben im ersten 
Teil dieser Arbeit diese Möglichkeit bloß leise angedeutet. Daß nun das 
Suchende männlichen und das Gesuchte weiblichen Geschlechtes ist, 
ist weiter nicht erstaunlich, da der hauptsächliche Gegenstand der 
unbewußten Übertragung die Mutter ist, wie sich aus all dem, was wir 
bereits erfahren haben, ergeben dürfte. Die Tochter stellt sich zur Mutter 
männlich ein: Die Genese dieser Einstellung läßt sich in unserem Falle 
bloß vermuten, da objektive Belege fehlen. Infolgedessen begnügen 
wir uns besser mit dem Erschließbaren. „Celle qui comprendra" be- 
deutet also in der Infantilsprache die Mutter. Zugleich bedeutet es aber 
auch den Lebensgefährten. Der Gcschlechtsge gensatz kümmert be- 



346 C. G. Jung'. 

kanntlich die Libido wenig. Für die unbewußten Besetzungen spielt 
das Geschlecht des Objektes zunächst eine überraschend geringe Kolle, 
auch das Objekt selber, als ein Objektivreales gefaßt, ist wenig be- 
deutsam. (Von größter Wichtigkeit ist aber, ob übertragen oder intro- 
vertiert wird.) Die ursprüngliche konkrete Bedeutung von „begreifen", 
„erfassen" usw. läßt die untere Hälfte des Wunsches, einen gleichge- 
sinnten Menschen zu finden, klar erkennen. Die „obere" intellektuelle 
Hälfte aber ist ebenfalls darin enthalten und will mit berücksichtigt 
sein. Man wäre auch gern geneigt, an die Tendenz zu glauben, wenn 
nicht gerade unsere Kultur damit einen besonderen Unfug triebe: ist 
doch die „unverstandene Frau" beinahe schon sprichwörtlich geworden, 
was nur die Folge ganz verdrehter Wertungen sein kann. Unsere Kultur 
unterschätzt einerseits die Wichtigkeit der Sexualität außerordentlich, 
anderseits drängt sich die Sexualität eben gerade infolge der auf ihr 
lastenden Verdrängung an allen möglichen ihr nicht zugehörenden 
Orten heraus und bedient sich einer dermaßen indirekten Ausdrucks- 
weise, daß man sie beinahe überall plötzlich anzutreffen erwarten 
kann. So wird auch die Vorstellung des intimen Verständnisses einer 
menschlichen Seele, was eigentlich etwas sehr Schönes und Keinliches 
ist, durch das Hereinfließen der indirekten Sexualbedeutung be- 
schmutzt 1 ) und widerwärtig verzerrt. Diese Nebenbedeutung oder, 
besser gesagt, der Mißbrauch, den die verdrängte und weggelogene 
Sexualität mit den höchsten seelischen Funktionen treibt, ermöglicht 
es z. B. gewissen unserer Gegner, in der Psychoanalyse schlüpfrige 
Beichtstuhlerotik zu wittern. Das sind subjektive Wunscherfüllungs- 
delirien, die keiner Gegenargumentation bedürfen. Dieser Mißbrauch 
macht aber auch den Wunsch, „begriffen" zu werden, dann höchst 
verdächtig, wenn die natürlichen Forderungen des Lebens noch nicht 
erfüllt worden sind. Die Natur hat erste Kechte an den Menschen, 
lange nachher erst kommt der Verstandesluxus. Das mittelalterliche 
Ideal eines Lebens um des Sterbens willen dürfte nachgerade abgelöst 
werden durch eine natürlichere Lebensauffassung, in welcher die 
natürlichen Forderungen des Menschen voll berücksichtigt sind, so daß 
Gelüste der animalischen Sphäre nicht mehr die hohen Güter der 
geistigen Sphäre in ihren Dienst herunterziehen müssen, um überhaupt 

*) Ein direkter ungezwungener Ausdruck der Sexualität ist ein natürliches 
Ereignis und als solches nie unschön oder widerlich. Die „sittliche" Verdrängung 
macht die Sexualität einerseits schmutzig und heuchlerisch, anderseits frech 
und aufdringlich. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 347 

Betätigung zu finden. "Wir sind daher genötigt, den Wunsch der Träu- 
merin nach Verstandensein zunächst als ein verdrängtes Streben nach 
dem natürlichen Schicksal aufzufassen. Diese Deutung fällt auch ganz 
zusammen mit der psychoanalytischen Erfahrung, daß es zahllose 
neurotische Menschen gibt, die sich anscheinend darum vom Leben 
abhalten lassen, weil sie einen unbewußten und öfter auch bewußten 
Widerwillen vor dem sexuellen Schicksal haben, unter dem sie sich 
zwangsmäßig allerhand Unschönes vorstellen, und nur allzu groß ist 
ihre Neigung, diesem Drange der unbewußten Sexualität nachzugeben 
und das gefürchtete (unbewußt gehoffte) sexuell Widerwärtige zu 
erleben, um sich damit die Berechtigung eines begründeten Horrors 
zu erwerben, der sie dann um so sicherer in der Infantilsituation 
zurückhält. Daher kommt es, daß so viele Menschen eben gerade in 
jenes Schicksal hereinfallen, vor dem sie die größte Abscheu haben. 

Wie richtig unsere Vermutung war, daß es sich im Unbewußten 
von Miß Miller um den Selbständigkeitskampf handle, zeigt ihre 
Angabe, daß der Abschied des Helden aus dem Vaterhause sie an das 
Schicksal des jungen Buddha erinnere, der ebenfalls alles heimatliche 
Wohlleben aufgab, um in die Welt hinauszuziehen, seiner Bestimmung 
ganz zu leben 1 ). Buddha gab dasselbe heroische Vorbild, wie Christus, 
der sich von der Mutter abschneidet und sogar bittere Worte führt 
wie: (Matth. 10, 3 f.) 

..Denkt nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde ; 
ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Ich 
bin gekommen, zu entzweien einen Menschen mit seinem Vater, die Tochter 
mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und 
seine eigenen Leute werden des Menschen Feinde sein. Wer Vater und 
Mutter mehr hebt denn mich, ist mein nicht wert." 

Oder (Luc. 12, 51 ff.): 

„Meint ihr, ich sei erschienen, Frieden zu bringen auf Erden? Xein, 
sage ich euch, sondern vielmehr Spaltung, denn von nun an werden sein 
fünf in einem Hause gespalten, drei werden gegen zwei und zwei gegen drei 
sein, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter 
gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter 
gegen die Frau und die Frau gegen die Schwiegermutter." 

Horus entreißt seiner Mutter den Kopfschmuck, die Macht. 



*) Eine andere Quelle, die Miß Miller hier angibt, nämlich Sa m. Johnson: 
Histoire de Rasselas, prinee d'Abyssinie (?). war mir nieht zugänglich. 



348 C G. Jung. 

Er rang, wie Adam mit Lilith, um die Macht. Nietzsche sprach das- 
selbe auch aus mit sehr schönen Worten 1 ): 

„Man darf vermuten, daß ein Geist, in dem der , Typus freier Geist' 
einmal bis zur Vollkommenheit reif und süß werden soll, sein entscheidendes 
Ereignis in einer großen Loslösung gehabt hat, daß er vorher um so mehr 
ein gebundener Geist war und für immer an seine Ecke und Säule ge- 
fesselt schien 2 ). Was bindet am festesten? Welche Stricke sind beinah 
imzerreißbar? Bei Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden 
es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend eignet, 
jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und Würdigen, jene 
Dankbarkeit für den Boden, aus dem sie wuchsen, für die Hand, 
die sie führte, für das Heiligtum, wo sie anbeten lernten; — ihre 
höchsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden, 
am dauerndsten verpflichten. Die große Loslösung kommt für solcher- 
maßen Gebundene plötzlich usw." 

„Lieber sterben als hier leben" — so ldingt die gebieterische 
Stimme und Verführung : und dies ,hier', dies , zu Hause' ist alles, was sie (die 
Seele) bis dahin geliebt hatte ! Ein plötzlicher Schrecken und Argwohn gegen 
das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen das, was ihr , Pflicht' hieß, 
ein aufrührerisches, willkürliches vulkanisch stoßendes Verlangen nach 
Wanderschaft, Fremde, Entfremdung, Erkältung, Ernüchterung, 
Vereisung, ein Haß auf die Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer 
Griff und Blick rückwärts 3 ), dorthin, wo sie bis jetzt anbetete 
und liebte, vielleicht eine Glut der Scham über das, was sie eben tat, 
und ein Frohlocken zugleich, daß sie es tat, ein trunkenes inneres froh- 
lockendes Schaudern, in dem sich ein Sieg verrät — ein Sieg? über was? 
über wen? ein rätselhafter, fragenreicher, fragwürdiger Sieg, aber der 
erste Sieg immerhin: — dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehört 
zur Geschichte der großen Loslösung. Sie ist eine Krankheit zugleich, 
die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von 
Kraft und Willen zur Selbstbestimmung^)." 



1 ) Menschliches, Allzumenschiiches. Vorrede. 

2 ) Vgl. unten über das Motiv der Fesselung. 

3 ) Die sacrilegische Gewalttat des Horus an der Isis, worüber sich Plu- 
tarch (de Is. et Os.) gewaltig entsetzt; er sagt folgendes darüber: „Wenn aber 
jemand annehmen und behaupten wollte, dies alles sei in bezug auf die glückselige 
und unvergängliche Natur, welcher zumeist entsprechend das Göttliche gedacht 
wird, wirklich geschehen und vorgefallen: dann, um mit Äschylos zu reden, „muß 
man ausspeien und den Mund sich reinigen". Man kann sich aus diesem Urtfiie 
einen Begriff machen davon, wie der Gutgesinnte in der antiken Sozietät die christ- 
lichen Anschauungen verachtet haben mag, erstens den gehenkten Gott, dann die 
Behandlung der Familie, die „Grundfeste" des Staates. Der Psychoanalytiker 
wundere sich also nicht. Es war alles schon einmal da. 

4 ) Vgl. oben das vorbildliche Schicksal von Theseus und Peirithoos. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 349 

Die Gefahr ist, wie Nietzsche glänzend ausführt, die Ver- 
einsamung in sich selber: 

„Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, 
würgender, herzzuschnürender, jene furchtbare Göttin und Mater 
saeva cupidinum." 

Die von der Mutter zurückgenommene Libido, welche nur wider- 
strebend zurückkommt, wird bedrohend wie eine Schlange, das Symbol 
des Todes, denn die Beziehung zur Mutter hat aufzuhören, zu sterben, 
woran man selber fast stirbt. In ,, Mater saeva cupidinum" 
erreicht das Bild eine seltene, fast bewußte Vollendung. 
Es kommt mir nicht zu, versuchen zu wollen, mit besseren Worten 
die Psychologie der Loslösung von der Kindheit zu schildern, als dies 
Nietzsche getan hat. 

Miß Miller gibt uns noch einen weiteren Hinweis auf ein Material, 
das in einer mehr allgemeinen Weise ihre Schöpfung beeinflußt habe: 
Es ist dies das große indianische Epos von Longfellow: The song 
of Hiawatha. 

Meine Leser werden sich, wenn sie überhaupt die Geduld hatten, 
sich bis hierher durchzulesen und durchzudenken, öfter gewundert 
haben, wie viele Male ich Dinge aus fernsten Fernen zum Vergleich 
heranziehe und wie sehr ich die Basis verbreitere, auf der sich die Schöp- 
fungen von Miß Miller erheben. Öfter werden ihnen auch Zweifel 
aufgetaucht sein, ob wohl ein solches Unternehmen gerechtfertigt sei, 
an Hand von spärlichen Andeutungen prinzipielle Erörterungen über 
die psychologischen Grundlagen der Mythen, der Religion imd der 
Kultur überhaupt anzustellen: Denn, wird man sagen, hinter den 
Millerschen Phantasien ist solches wohl kaum zu suchen. Ich brauche 
wohl kaum zu betonen, daß auch ich öfter gezweifelt habe. Ich hatte 
nämlich Hiawatha früher nie gelesen, bis ich im Verlaufe meiner 
Arbeit zu diesem Stück kam, das ich mir so lange aufgespart hatte, 
bis ich es lesen mußte. Hiawatha, eine poetische Kompilation india- 
nischer Mythen, gibt mir aber eine Berechtigung für alle vorange- 
gangenen Überlegungen, indem in diesem Epos ein seltener Reichtum 
mythologischer Probleme ausgebreitet liegt. Diese Tatsache dürfte 
für den Beziehungsreichtum der Millerschen Phantasien von großem 
Belang sein. Wir sind daher genötigt, einen Einblick in dieses Epos 
zu gewinnen. 



350 C. G. Jung. 

Nawadaha singt die Gescänge des Epos vom Helden Hiawatha, 
des ]\Ienschenfreuncles : 

, /Ihere. he sang of Hiawatha, 

Sang the song of Hiawatha, 

Saug his wondrous birth and being, 

How he prayed and how he fasted, 

How he lived, and toiled, and suffered, 

That the tribes of men might prosper, 

That he might advance his people!" 

Diese teleologische Bedeutung des Helden als jener symbolischen 
Figur, welche Libido in Form von Bewunderung und Anbetung auf 
sich vereinigt, um sie über die Symbolbrücken des Mythus höheren 
Verwendungen zuzuführen, ist hier vorweggenommen. So werden wir 
mit Hiawatha als einem Heiland rasch bekannt und sind bereit, von 
all dem zu hören, was von einem Heiland ausgesagt werden muß, von 
wundersamer Geburt, frühen großen Taten und seiner Aufopferung 
für die Mitmenschen. 

Der I. Gesang beginnt mit einem Stück Evangelium: Gitche 
Manito, der „master of life", des Haders seiner Menschenkinder müde, 
ruft seine Völker zusammen und verkündet ihnen frohe Botschaft: 

„J will send a Prophet to you, 

A Deliverer of the nations, 

Who shall guide you and shall teach you, 

Who shall toil and suffer with you. 

If you listen to his counsels, 

You will multiply and prosper; 

If his warnings pass unheeded, 

You will fade away and perish!" 

Gitche manito, der Mächtige, „the creator of the nations", ist 
dargestellt, wie er aufgerichtet (stood erect) ,,on the great Red Pipe- 
stone Quarry" steht: 

,,Frorn his footprints flowed a river, 
Leaped into the light of morning, 
O'er the preeipice plunging downward 
Gleamed like Ishkoodah, the comet." 

Das aus den Fußstapfen fließende Wasser bekundet genugsam 
die phallische Natur dieses Schöpfers. Ich verweise auf die früheren 
Ausführungen über die phallische und Fruchtbarkeitsnatur des Pferde- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 351 

fußes und der Roßtrappe 1 ), speziell erinnere ich an die Hippokrene 
und den Fuß des Pegasus. Demselben Bild begegnen wir in Psalm G5, lOff : 
„Du suchest das Land heim und wässerst es und machest es sehr 
reich. Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. Du läßest ihr Ge- 
treide wohl geraten, denn also bauest du das Land. 

,Dn tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes, 
mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs. 

Du krönest das Jahr mit deinem Gut und deine Fußstapfen 
triefen von Fett." 

Wo der befruchtende Gott hintritt, ist Fruchtbarkeit. Von der 
symbolischen Bedeutung des Trete ns sprachen wir bereits bei den 
„tretenden" Maren. So fährt auch Kaineus mit „geradem Fuß die Erde 
spaltend" in die Tiefe. Amphiaraos, ein anderer chthonischer Heros, 
versinkt in die Erde, die ihm ein Blitzstrahl von Zeus geöffnet hat. 
(Vgl. dazu die oben berichtete Vision der Hysterischen, die nach dem 
Blitz jeweils ein schwarzes Pferd sah: Identität von Roßtrappe und 
Blitzstrahl.) Durch den Blitzstrahl werden Heroen unsterblich gemacht 2 ). 
Faust gelangt zu den Müttern, indem er stampft: 

„Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder — ." 
Im Sonnenverschlingungsniythus stampfen oder stemmen sich 
die Helden im Rachen des Ungeheuers öfter. So durchstampft Tor 
den Schiffboden im Kampf mit dem Ungeheuer und tritt bis auf 
den Grund des Meeres. (Kaineus.) (Über das „Strampeln" als In- 
fantilphantasie, vgl. oben.) Die Regression der Libido auf die vor- 
sexuelle Stufe bringt es mit sich, daß diese vorbereitende Hand- 
lung des Tretens zum Ersatz für die Koitusphantasie (Mutterinzest) 
respektive für die Phantasie des Wiedereintrittes in den Mutterleib 
wird. Der Vergleich des aus den Fußstapfen fließenden Wassers mit 
einem Kometen ist Lichtsymbolik für das befruchtende Naß. (Sperma.) 
Nach einer Notiz bei A. v. Humboldt (Kosmos) nennen gewisse 
südamerikanische Indianerstämme die Meteore „Harn der Sterne". 
Es wird dann noch erwähnt, wie Gitche Manito Feuer macht: Er 
bläst auf einen Wald, so daß die Bäume, aneinander gerieben, in Feuer 
geraten. Dieser Dämon ist also ein treffliches Libidosymbo], auch das 
Feuer erzeugt er. 

*) Vgl. dazu die Belege in Aigremont: Fuß- und Schuhs ynibolik. Ferner 
diese Arbeit I. Teil: Sonnenfuß in einem armenischen Volksgebet. Auch de Guber- 
natis: Die Tiere in den indogermanischen Mythol., Bd. I, S. 220 ff. 

2 ) Rohde: Psyche. 



352 C. G. Jung. 

Nach diesem Prolog folgt im II. Gesang die Vorgeschichte des 
Helden: Der große Krieger Mudjekeewis (der Vater Hiawathas) hat den 
großen Bären, „the terror of the uations" listig überwältigt und ihm 
den magischen ,,Belt of Wampum", einen Musclielgürtel, gestohlen. 
Wir begegnen hier dem Motiv der schwererreichbaren Kostbarkeit, 
die der Held dem Ungeheuer entreißt. Wer der Bär ist, zeigen die Ver- 
gleiche des Dichters: Mudjekeewis schlägt den Bären auf den Kopf, 
nachdem er ihm den Schmuck geraubt: 

„With the heavy blow be wildered, 
Rose the great Bear of the mountains; 
But his knees beneath hirn trembled, 
And he whimpered like a wo man." 

Mudjekeewis sagt spottend zu ihm: 

„Else you would not cry and whirnper 

Like a miserable woman! 

But you, Bear! sit here and wbimper, 

And disgrace your tribe by crying, 

Like a wretched Shaugodaya, 

Like a cowardly old woman!" 

Diese drei Vergleiche mit einem Weibe finden sich auf einer 
Seite beieinander. Mudjekeewis hat als rechter Held das Leben wieder 
einmal dem Tode, der alles verschlingenden furchtbaren Mutter, aus 
dem Rachen gerissen. Diese Tat, die, wie wir gesehen haben, auch 
dargestellt wird als Höllenfahrt, ,, Nachtmeerfahrt", Überwindung des 
Ungeheuers von innen, bedeutet zugleich als ein Eingehen in den Mutter- 
leib eine Wiedergeburt, deren Folgen auch für Mudjekeewis bemerkbar 
werden. Wie in der Zosimosvision, so wird auch hier der Eintretende 
zum Tivsv/ua, zum Windhauch oder Geist: Mudjekeewis wird zum 
Westwind, diesem fruchtbaren Hauche, zum Vater der Winde 1 ). 
Seine Söhne wurden zu den übrigen Winden. Von ihnen und ihrer 
Liebesgeschichte erzählt ein Intermezzo, aus dem ich nur die Werbung 
Wabuns, des Ostwindes, erwähnen möchte, weil hier das erotische 



x ) Porphyrius: de antro nynipharum. (Zitiert b. Dieterich: Mitkraslit. . 
S. 63) sagt, daß na,ch der Mithraslehre den Seelen, die aus der Geburt gingen, 
Winde bestimmt seien, da diese Seelen Windhauch (jivsvßa) eingezogen und 
daher ein derartiges Wesen hätten: \pv%als ö' sls yevsöiv lovöais Kai änö 
yeveGsos %o}QLgon&vais eludvas ära§av ävef.iovg öid td gcpiÄKEöflat uai avrds 
jzvevßa uai oiolav §%eiv roiavtip». 



Wandlungen und Symbole der Libido. 353 

Kosen des Windes besonders hübsch geschildert ist. Er sieht jeden 
Morgen ein hübsches Mädchen auf einer Wiese, das er umwirbt: 

„Every morning, gazing earthward, 
Still the first thing he beheld there 
Was her blue eyes looking at him, 
Two blue lakes among the rushes." 

Der Vergleich mit dem Wasser ist nicht nebensächlich, denn 
„aus Wind und Wasser" soll der Mensch wiedergeboren werden. 

„And he wooed her with caresses, 
Wooed her with his smile of sunshine, 
With his flattering words he wooed her, 
With his sighing and his einging, 
Gentlest whispers in the branches, 
Softest music, sweetest odors" etc. 

In diesen onomatopoetischen Versen ist die schmeichelnde 
Werbung des Windes trefflich ausgedrückt 1 ). 

Der III. Gesang bringt die Vorgeschichte der Mütter Hiawathas. 
Seine Großmutter lebte als Mädchen auf dem Monde. Dort schaukelte 
sie sich einst auf einer Liane, ein eifersüchtiger Liebhaber aber schnitt 
die Liane ab und Nokomis, Hiawathas Großmutter, fiel auf die Erde 
herunter. Die Menschen, die sie herunterfallen sahen, hielten sie für 
eine Sternschnuppe. Diese wunderliche Herkunft der Nokomis 
wird durch einen späteren Passus desselben Gesanges näher beleuchtet: 
Dort fragt der kleine Hiawatha die Großmutter, was der Mond sei. 
Nokomis belehrt ihn darüber folgendermaßen: Der Mond sei der Körper 
einer Großmutter, die ein kriegerischer Enkel im Zorn dort hinauf- 
geworfen habe. Der Mond ist also die Großmutter. Im antiken Glauben 
ist der Mond ein Sammelort der abgeschiedenen Seelen 2 ), ein Samen- 

*) In der Mithrasliturgie geht der zeugende Geisthauch von der Sonne aus, 
vermutlieh „aus der Sonnenröhre". (Vgl. Erster Teil.) Entsprechend dieser Vor- 
stellung heißt im Eigveda die Sonne der Einfüßer. Vgl. dazu das armenische 
Gebet, daß die Sonne ihren Fuß auf dem Angesichte des Betenden möge ruhen 
lassen. (Abeghian: Der armenische Volksglaube, 1899, S. 41.) 

2 ) Firmicus Maternus (Mathes., I, 5. 9): Cui (animo) descensus per 
orbem solis tribuitur, per orbem vero lunae praeparatur ascensus. Lydus (de 
mens., IV, 3) berichtet, der Hierophant Praetextatus habe gesagt, daß Jauus 
rag detoriQas wv/ßs ^ ni X V V oeArjviKÖv %öqov änonifinei. Epiphanius 
(Haeres.. LXVI, 52): ön in rcov yvpv 6 ÖLohos (rfjs ceMjvtjs) äjco7ii/.m/\.arai. 
Zitiert Cumont: Text, et Mon„ I, I, S. 40. In exotischen Mythen ist es das- 
selbe mit dem Mond. Frobenius: 1. c, S. 352 ff . 

Jahrbuch für psychonnalyt. u. psychopathol. Forschungen. IV. ^3 



354 C. G. Jung. 

bcwahrer, daher auch wieder ein Urspnmgsort des Lebens von vor- 
wiegend weiblicher Bedeutung. Das Merkwürdige ist, daß Nokomis, 
auf die Erde fallend, eine Tochter, "Wenonah, gebar, die nachmalige 
Mutter Hiawathas. Das Hinaufschleudern der Mutter und das Herunter- 
fallen und Gebären scheint etwas Typisches an sich zu haben. So er- 
zählt eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, daß ein wütender Stier 
eine schwangere Frau in Haushöhe emporgeworfen und ihr den Leib 
aufgerissen habe und das Kind sei wohlbehalten auf die Erde gefallen. 
Man hielt dieses Kind infolge seiner wunderbaren Geburt für einen 
Helden oder Wundertäter, aber es starb frühzeitig. Bekanntlich ist 
bei tiefstehenden "Wilden der Glaube verbreitet, die Sonne sei weiblich 
und der Mond männlich. Bei den Namaqua, einem Hottentotten stamm, 
besteht die Meinung, die Sonne bestehe aus klarem Speck: „die 
Leute, die auf Schiffen fahren, ziehen sie durch Zauber allabendlich 
herunter, schneiden sich ein tüchtiges Stück ab und geben ihr dann 
einen Fußtritt, daß sie wieder an den Himmel hinauffliegt/' 
(Waitz: Anthropologie IT, 342.) Die infantile Nahrung kommt von 
der Mutter. (Vgl. unten.) Wir begegnen in den Gnostikerphantasien 
einer vielleicht hierher gehörigen Menschenentstehungslegende : Die ans 
Himmelsgewölbe angebundenen weiblichen Archonten vermögen infolge 
der schnellen Umdrehung des Himmels ihre Früchte nicht bei sich zu 
behalten, sondern lassen sie auf die Erde herunterfallen, woraus die 
Menschen entstehen. Ein Zusammenhang mit barbarischen Geburts- 
helferkünsten (Herunterfallenlassen der Gebärenden) ist nicht aus- 
geschlossen. Die Vergewaltigung der Mutter ist schon mit dem Abenteuer 
des Mudjekeewis eingeführt, und ist fortgesetzt in der gewaltsamen 
Behandlung der „Großmutter", der Nokomis, die infolge des Ab- 
schneidens der Liane und des Herunterfallens irgendwie schwanger 
geworden zu sein scheint. Das „Abschneiden des Zweiges", das Pflücken, 
haben wir bereits als Mutterinzest erkannt. (Vgl. oben.) Jener bekannte 
Vers vom „Lande Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen 
wachsen", und Redensarten, wie „die Kirschen in Nachbars Garten 
pflücken" spielen auf ein ähnliches Bild an. Das Herunterfallen der 
Nokomis verdient mit einer poetischen Figur bei Heine verglichen 
zu werden: 

„Es fällt ein Stern herunter 
Aus seiner funkelnden Höh' ! 
Das ist der Stern der Liebe, 
Den ich dort fallen seh' ! 



Wandlungen und Symbole der Libido. 355 

Es fallen vom Apfelbaume 
Der Blüten und Blätter viel. 
Es kommen die neckenden Lüfte 
Und treiben damit ihr Spiel." 

Wenonah wird später vom Westwind kosend umworben und 
wird von ihm schwanger. Wenonah als junge Mondgöttin hat die 
Schönheit des Mondlichtes. Nokomis warnt sie vor der gefährlichen 
Werbung des Mudjekeewis, des Westwindes. Aber Wenonah läßt sich 
betören und empfing vom Windhauch, vom jivevjua. einen Sohn, unseren 

Helden : 

,,And the West-Wind came at eveuing, — 

Found the beautiful Wenonah, 

Lying there among the blies, 

Wooed her with his words of sweetness, 

Wooed her with his soft earesses, 

Till she bore a son in sorrow, 

Bore a son of love and sorrow." 

Die Befruchtung durch den Geisthauch ist uns bereits eine be- 
kannte Erfahrung. Der Stern oder Komet gehört offenbar zur Geburts- 
szene als Libidosynibol, auch Nokomis kommt zur Erde wie ein fallender 
Stern. Mörikes liebenswürdige Dichterphantasie hat sich einen ähn- 
lichen göttlichen Ursprung ersonnen. 

Und die mich trug im Mutterleib, 
Und die mich schwang im Kissen, 
Die war ein schön freeh braunes Weib, 
Wollt' nichts vom Mannsvolk wissen. 

Sie scherzte nur und lachte laut 
Und ließ die Freier stehen: 
Möcht' lieber sein des Windes Braut, 
Denn in die Ehe gehen !" 

Da kam der Wind, da nahm der Wind 

Als Buhle sie gefangen: 

Von dem hat sie ein lustig Kind 

In ihrem Schoß empfangen. 

Buddhas wunderbare Geburtsgeschichte, von Sir Edwin Arnold 
wieder erzählt 1 ), weiß ebenfalls davon : 



The Light of Asia or the great renunciation (Mahäbhinishkraniana). 

23* 



356 C. G. Jung. 

„Maya the queen — 

Dreanied a stränge dream, dreamcd that a star from heaven — 

Splendid, six-rayed, in color rosy-pearl, 

Where of the token was an Elephant 

Six-tusked and white as milk of Kamadhuk 

Shot throngh the void; and, shining into her, 

Entered her womb upon the right 1 )." 

Während der Konzeption der Maya bläst ein Wind über Land: 

„A wind blew 

With nnknown freshness over lands and sees." 

Nach der Geburt kommen die 4 Genien des Ostens, Westens, 
Südens und Nordens, um als Palanquinträger Dienste zu leisten. (Das 
Zusammenkommen der Weisen bei Christi Geburt.) Wir finden also 
auch hier eine deutliche Erwähnung der „i Winde." Zur Vervoll- 
ständigung der Symbolik findet sich im Buddhamythus wie bei Christi 
Geburtslegende außer der Stern- und Windbefruchtung noch die 
Befruchtung durch ein Tier, hier der Elefant, der mit seinem phallischen 
Rüssel bei Maya die christliche Ohr- respektive Kopfbefruchtung 
vollbringt. Bekanntlich ist außer der Taube auch das Einhorn ein 
zeugendes Symbol des Logos. 

An dieser Stelle dürfte sich die Frage aufdrängen, warum wohl 
die Geburt eines Helden immer unter so sonderbaren symbolischen 
Umständen zu erfolgen hat. Es wäre auch denkbar, daß ein Held unter 
gewöhnlichen Umständen entstünde und allmählich aus seiner niedrigen 
Umgebung emporwüchse, vielleicht unter tausend Mühen und Ge- 
fahren. (Übrigens ist dieses Motiv dem Heldenmythus auch keineswegs 
fremd.) Man wird sagen, der Aberglaube verlange die sonderbaren 
Geburts- oder Zeugungsumstände ; warum aber verlangt er sie? 

Die Antwort auf diese Frage ist: daß der Held in der Regel nicht 
bloß geboren wird wie ein gewöhnlicher Sterblicher, sondern daß 
seine Geburt unter den geheimnisvollen Zeremonien einer 
Wiedergeburt aus der Mutter - Gattin erfolgt. Daher stammt 
in allererster Linie das Motiv der 2 Mütter des Helden. Wie uns 
Rank 2 ) an vielfachen Beispielen gezeigt hat, hat der Held öfter Aus- 
setzung und Unterbringung bei Pflegeeltern zu erfahren. Auf diese 
Weise kommt er zu den zwei Müttern. Ein treffendes Beispiel ist auch 

1 ) Auf entsprechenden Abbildungen sieht man, wie der Elefant der Maya 
mit dem Rüssel in den Kopf dringt. 

2 ) Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 357 

das Verhältnis des Herakles zu Hera. (Vgl. oben.) Im Hiawathaepos 
stirbt "Wenonah nach der Geburt und Nokomis tritt an ihre Stelle. 
Maja stirbt nach der Geburt 1 ) und Buddha erhält eine Pflegemutter. 
Öfter ist die Pflegemutter ein Tier (die Wölfin des Komulus und Eemus 
usw.). Die zweifache Mutter kann auch durch das Motiv der zwie- 
fachen Geburt ersetzt sein, was namentlich in der christlichen 
Mythologie zu hoher Bedeutung gelangt ist; nämlich in der Taufe, 
die eine Wiedergeburt darstellt, wie wir gesehen haben. So wird der 
Mensch nicht bloß banal geboren, sondern noch einmal auf geheimnis- 
volle Weise, wodurch er des Gottesreiches, d. h. der Unsterblichkeit 
teilhaft wird. Jeder wird auf diese Weise ein Heros, der durch die eigene 
Mutter sich wieder erzeugt, denn einzig dadurch wird er der Unsterb- 
lichkeit teilhaft. Daher wohl kommt es, daß der universelles Heil 
schaffende Kreuzestod von Christus als „Taufe" aufgefaßt wird, d. h. 
als Wiedergeburt durch die zweite Mutter, den geheimnisvollen Todes- 
baum. So sagt Christus (Luc. 12, 50): „Ich habe eine Taufe zu bestehen, 
und wie drängt es mich, bis sie vollendet ist!" Seine Todesqual faßt 
er symbolisch als Geburtsqual. 

Das Motiv der zwei Mütter deutet auf den Selbst verjüngungs- 
gedanken hin und will offenbar die Wunscherfüllung ausdrücken: 
möchte es möglich sein, daß die Mutter mich wieder gebiert; 
zugleich heißt es, auf den Helden angewendet: Es ist einer ein Held, 
wenn seine Gebärerin bereits einmal seine Mutter war; d. h. ein Held 
ist, wer sich durch seine Mutter wieder zu erzeugen vermag. 

Auf diese letztere Formulierung zielen die zahlreichen An- 
deutungen der Zeugungsgeschichte des Helden. Der Vater Hiawathas 
überwältigt zuerst die Mutter unter dem furchterregenden Symbol 
des Bären, dann erzeugt er, selber zum Gott geworden, den Helden. 
Was Hiawatha als Held zu tun hätte, deutet ihm Nokomis an, mit 
der Legende der Mondentstehung: er solle seine Mutter gewalttätig 
hinaufwerfen (oder hinwerfen?), dann wird sie durch diese Gewalttat 
schwanger, gebiert eine Tochter, diese verjüngte Mutter wäre nach 
ägyptischem Kitus als Tochter.- Gattin dem Sonnengott, dem „Vater 
seiner Mutter", zur Selbstwiedererzeugung beschieden. Was Hiawatha 



x ) Das rasche Wegsterben der Mutter oder die Trennung von der Mutter 
gehört zum Heldenmythus. Im Schwanjungfraumythua, den Rank sehr schön 
analysiert hat, ist der wunseherfüllende Gedanke, daß die Schwanjungfrau nach 
erfolgter Kindeserzeugung wieder wegfliegen kann; denn dann hat sie ihren Zweek 
erfüllt: Man braucht die Mutter nur zur Wiedererzeugung. 



358 C. G. Jung. 

in dieser Hinsicht tat, werden wir unten sehen. Wie sich die dem Ghristos 
verwandten vorderasiatischen Götter verhalten, haben wir bereits 
"eschen. Was die Präexistenz Christi betrifft, so ist ja, wie bekannt, 
das Johannesevangelium voll von diesem Gedanken: So das Wort 
des Täufers: (Joh. I, 30) „Dieser ist es, von dem ich sagte, nach mir 
kommt ein Mann, der vor mir da ist, weil er eher war als ich." Ebenso 
ist auch der Anfang des Evangeliums voll tiefer mythologischer Bedeu- 
tung: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Und das 
Wort war Gott, solchergestalt war es im Anfang bei Gott. Alles ward 
durch dasselbe und ohne dasselbe ward nichts, was geworden ist. 
In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen: 
und das Licht scheint in der Finsternis. Es trat ein Mensch auf, 
abgesandt von Gott, Johannes hieß er, dieser kam zum Zeugnis: um 
zu zeugen vom Licht. — Nicht war er das Licht, sondern zeugen sollte 
er vom Licht. Das wahrhaftige Licht, welches jeden Menschen 
erleuchtet, war: der da kommen sollte in die Welt." Das ist die Ver- 
kündigung des wiedererscheinenden Lichtes, der wiedergeborenen 
Sonne, die vorher war und die nachher sein wird. Am Baptisterium 
in Pisa ist Christus dargestellt, wie er den Menschen den Lebens- 
baum überbringt, sein Haupt ist vom Sonnenrad umgeben. Über 
diesem Relief stehen die Worte: 

INTROITVS SOLIS. 

Weil der Geborene sein eigener Erzeuger war, daher ist seine 
Zeugungsgeschichte so sonderbar verhüllt unter symbolischen Er- 
eignissen, die verdecken und verleugnen sollen, daher auch stammt 
die außerordentliche Behauptung von der jungfräulichen Konzeption. 
Damit soll die inzestuöse Befruchtung verdeckt werden. Vergessen wir aber 
nie, daß diese naive Behauptung ein ungemein wichtiges Stück in der 
künstlichen Symbolbrücke ist, welche die Libido aus der inzestuösen 
Bindung herausleiten soll zu höhern und nützlicheren Verwendungen, 
die eine neue Art der Unsterblichkeit, nämlich unsterbliche Werke 
bedeuten. 

Die Umgebung von Hiawathas Jugend ist von Belang. 

„By the shores of Gitche Gumee, 
By the shining Big- Sea- Water, 
Stood the wigwam of Nokomis, 
Daughter of the Moon, Nokomis. 
Dark behind it rose the forest, 



Wandlungen und Symbole der Libido. 359 

Rose the black and gloomy pine-trees, 
Rose the firs with cones upon them; 
Bright before it beat the water, 
Beat the clear and sunny water, 
Beat the shining Big-Sea- Water". 

In dieser Umgebung zog ihn Nokomis auf. Hier lehrte sie ihn. 
die ersten Worte und erzählte ihm die ersten Märchen und die Ge- 
räusche des Wassers und des Waldes mischten sich darein, so daß das 
Kind nicht nur die Sprache der Menschen, sondern auch der Natur 
verstehen lernte: 

„Afc the door on simimer evenings 
Sat the little Hiawatha; 
Heard the whispering of the pine-trees, 
Heard the lapping of the water, 
Sounds of music, words of wonder; 
,Minne-wawa' ! l ) said the pine-trees, 
,Mudway-aushka' ! 2 ) said the water." 

Hiawatha hört in den Naturgeräuschen menschliche Sprache, er 
versteht so die Sprache der Natur. Der Wind sagt „wawa". Der Schrei 
der Wildgans ist „wawa". Wah-wah-taysee heißt der kleine Leucht- 
käfer, der ihn entzückt. So schildert der Dichter sehr schön die all- 
mähliche Einbeziehung der äußern Natur in den Rahmen des Sub- 
jektiven 3 ) und die Kontamination des primären Objektes, dem die 
Lallworte galten und von dem die ersten Laute kamen, mit dem 
sekundären Objekt, der weiteren Natur, die unmerklich an Stelle der 
Mutter tritt und jene erstmals von der Mutter gehörten Laute und mehr 
noch von jenen Gefühlen übernimmt, die wir in all der warmen Liebe 
für Mutter Natur später in uns wieder entdecken. Das spätere ent- 
weder pantheistisch-philosophische oder ästhetische Verschmelzen 
des empfindsamen Kulturmenschen mit der Natur 4 ) ist, nach rückwärts 



x ) Indianisches Wort für das Geräusch des Windes in den Bäumen. 

2 ) Bedeutet Geräusch der Brandung. 

3 ) Eine Introjektion des Objekts ins Subjekt im Sinne von Ferenczi, 
der „Gegen"- oder „Widerwurf" (Objektum) bei den Mystikern Eckart und 
Böhme. 

*) Karl Joel (Seele und Welt, Jena 1912) sagt (S. 153 f.): ,,Im Künstler 
und Propheten mindert sich nicht, sondern steigert sich das Leben. Sie sind 
die Führer ins verlorene Paradies, das nun erst beim Wiederfinden zum 
Paradiese wird. Es ist nicht die alte dumpfe Lebenseinheit mehr, zu der der 
Künstler strebt und führt, es ist die gefühlte Wiedervereinigung, nicht die 



360 C. G. Jung. 

betrachtet, ein Wiederverschmelzen mit der Mutter, die uns erstmals 
Objekt war und mit der wir auch wirklieh einmal ganz Eines waren. 
Es ist daher nicht erstaunlich, wenn wir in der Bildersprache eines 
modernen Philosophen, Karl Joel, wiederum die alten Bilder auf- 
tauchen sehen, welche das Einssein mit der Mutter symbolisieren, 
indem sie das Zusammenfließen von Subjekt und Objekt veranschau- 
lichen: In seinem neuesten Buche ,, Seele und Welt" (1912) schreibt 
Joel in dem Abschnitt „Das Urerlebnis" 1 ) folgendes: 

„Ich liege am Meeresstrand, blau schimmert die flimmernde Flut in die 
träumenden Augen; weithin flattern fächelnde Lüfte — anstürmend, ab- 
schäumend, aufregend, einschläfernd kommt der Wogenschlag ans Ufer — oder 
ans Ohr? Ich weiß es nicht. Ferne und Nähe verschwimmen in eins; draußen 
und drinnen gleiten ineinander über. Näher und näher, trauter und 
heimischer tönt der Wogenschlag; jetzt schlägt er als donnernder 
Puls in meinem Kopfe und jetzt schlägt er hinweg über meine Seele, um- 
schlingt sie, verschlingt sie, während sie selber doch zugleich 
hinaus schwimmt als blauende Flut. Ja, draußen und drinnen sind 
eins. Schimmern und Schäumen, Rinnen und Fächeln und Dröhnen — 
die ganze Symphonie empfundener Reize verklingt in einen Ton, alle Sinne 
werden zu einem Sinn, der eins wird mit dem Gefühl; die Welt verhaucht 
in die Seele und die Seele löst sich in der Welt. Unser kleines Leben ist 
von einem großen Schlaf umflossen. — Der Schlaf unsere Wiege, der 
Schlaf unser Grab, der Schlaf unsere Heimat, aus der wir am 
Morgen ausziehen, in die wir am Abend wieder einziehen, unser 
Leben aber die kurze Wanderschaft, die Spannung zwischen dem Auf- 
tauchen aus der Ureinheit und dem Versinken in sie! — Blau flutet 
das Meer, das unendliche, darin die Qualle jenes Urleben träumt, zu dem 
unser dämmerndes Ahnen noch durch Äonen der Erinnerung hinabsickert. 
Denn jedes Erlebnis enthält eine Änderung und eine Wahrung der Lebens- 
einheit. In dem Augenblicke, da sie nicht mehr verschmolzen sind, da 
ein Erlebender noch blind und triefend sein Haupt hebt aus der 
Versunkenheit im Strome des Erlebens, aus dem Verquollen sein 
mit dem Erlebten, in dem Augenblicke, da die Lebenseinheit staunend, 
befremdet, die Änderung von sich ablöst, als ein Fremdes vor sich hält, 



leere, sondern die volle Einheit, nicht die Einheit der Indifferenz, sondern die 
Einheit der Differenz — ." „Alles Leben ist Aufhebung des Gleichgewichts und 
Zurückstreben ins Gleichgewicht. Solche Heimkehr finden wir in Religion 
und Kunst." 

J ) Unter Urerlebnis ist jene erste menschliche Unterscheidung zwischen 
Subjekt und Objekt, jenes erstmalige bewußte Objektsetzen zu verstehen, welches 
psychologisch nicht denkbar ist ohne Voraussetzung einer innern Entzweiung des 
animal „Mensch" mit sich selber, wodurch er sich eben von der mit sich einsseienden 
Natur getrennt hat. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 361 

in diesem Augenblicke der Entfremdung haben sich die Erlebnisseiten 
substantiiert zu Subjekt und Objekt, in dem Augenblicke ist das Bewußt- 
sein da." 

Joel schildert hier in unmißverständlicher Symbolik das Zu- 
sammenfließen von Subjekt und Objekt als die Wiedervereinigung 
von Mutter und Kind. Die Symbole stimmen mit der Mythologie sogar 
in Einzelheiten. Das Um- und Verschlingungsmotiv klingt ver- 
nehmlich an. Das sonnenverschlingende und wiedergebärende Meer 
ist uns bereits ein alter Bekannter. Der Moment der Bewußtseins- 
entstehung, der Trennung von Subjekt und Objekt, ist eine Geburt; 
wahrlich, das philosophische Denken hängt flügellahm an den wenigen 
großen urtümlichen Bildern der menschlichen Sprache, über deren 
einfache alles überragende Größe sich kein Gedanke erhebt. Das Bild 
der Qualle, des „Verquollenseins" ist nicht zufällig. Als ich einmal 
einer Patientin die mütterliche Bedeutung des Wassers erklärte, empfand 
sie bei dieser Berührung des Mutterkomplexes ein sehr unangenehmes 
Gefühl: ,,It makes me squirm," sagte sie, ,,as if I touched a jelly- 
fish." Auch hier dasselbe Büd ! Der selige Schlafzustand vor der Geburt 
und nach dem Tode ist, wie auch Joel bemerkt, etwas wie alte schatten- 
hafte Erinnerung an jenen ahnungslos lebendigen Zustand erster Kind- 
heit, wo noch kein Widerstand das ruhige Dahinfließen dämmernden 
Lebens störte, wohin uns die innere Sehnsucht immer und immer wieder 
zurückzieht, und von wo sich das tätige Leben immer wieder mit Kampf 
und Todesangst befreien muß, damit es nicht der Vernichtung anheim- 
falle. Lange vor Joel hat dasselbe ein indianischer Häuptling mit 
denselben Worten zu einem der nie rastenden weisen Männer gesagt: 
„Ach, mein Bruder, du wirst nie das Glück kennen lernen, nichts zu 
denken und nichts zu tun; dies ist nächst dem Schlafe das Allerent- 
zückendste. So waren wir vor der Geburt, so werden wir nach dem 
Tode sein 1 )." 

Wir werden bei den späteren Schicksalen Hiawathas sehen, 
wie wichtig seine frühen Kindheitseindrücke für die Wahl seiner Gattin 
wurden. Hiawathas erste Tat war, daß er mit seinem Pfeil einen Reh- 
bock erlegte. 

„Dead he lay there in the forest, 

By the ford across the river — ." 

Das ist typisch für die Taten Hiawathas. was er tötet, liegt 
meistens beim oder im Wasser, am ehesten halb im Wasser, halb 

l ) Crovecoeur: Voyage dans la haute Pensylvanie, I, 302. 



362 C. G. Jung. 

auf dem Lande 1 ). Das muß wohl so sein. Die späteren Abenteuer werden 
uns belehren, warum dies wohl so ist. Auch der Bock war kein <re- 
wohnliches Tier gewesen, sondern ein magisches, d. h. eines mit einer 
unbewußten Nebenbedeutung. Hiawatha hatte sich Handschuhe und 
Moccasons (Schuhe) aus dessen Leder gefertigt: die Handschuhe 
gaben ihm eine solche Kraft in den Armen, daß er Felsen zu Staub 
zerreiben konnte, und die Moccasons hatten die Tugend der Sieben- 
meilenstiefel. Dadurch, daß er sich in die Haut des Bockes hüllte, 
ist er also eigentlich ein Riese geworden. Dieses Motiv verrät, zusammen 
mit dem Tod des Tieres an der Furt 2 ), am Wasser, daß es sich um die 
Eltern handelt, deren Riesenhaftigkeit gegenüber dem Kind für das 
Unbewußte von großer Bedeutung ist. (Das „Riesenspielzeug" eine 
Wunschumkehrung der infantilen Phantasie. Traum eines 11jährigen 
Mädchens: „Ich bin so groß wie ein Kirchturm; da kommt ein Polizist; 
ich sage zu ihm: Wenn du noch eine Bemerkung machst, schlage ich dir 
den Kopf herunter." Der „Polizist" bezog sich, wie die Analyse ergab, 
auf den Vater, dessen „Riesenhaftigkeit" durch die Kirchturmhöhe 
überkompensiert wird.) Bei mexikanischen Menschenopfern hatten 
Verbrecher die Götter darzustellen, sie wurden dann geschlachtet, 
abgehäutet, und die Korybanten verkleideten sich in die blutigen Hüllen, 
um die Auferstehung der Götter zu veranschaulichen 3 ). (Häutung der 
Schlangen als Wieder Verjüngungssymbol.) 

Hiawatha hat also die Eltern überwunden, und zwar in erster 
Linie die Mutter (obschon in der Gestalt eines männlichen Tieres, vgl. 
den Bären des Mudjekeewis), daher stammt seine Riesenkraft. Er hat 
die Haut der Eltern angezogen und ist nun selber ein großer Mann 
geworden. Nun zog er aus zum ersten großen Kampfe, und zwar zum 
Kampfe mit — dem Vater Mudjekeewis, um seine tote Mutter Wenonah 
zu rächen. Unter dieser Redefigur verbirgt sich natürlich der Gedanke, 
daß er den Vater erschlägt, um sich der Mutter zu bemächtigen. (Vgl. 

x ) Auch die Drachen der griechischen (und schweizerischen) Sagen wohnen 
in oder bei Quellen oder sonstigen Gewässern, deren Hüter sie öfter sind. 

2 ) Wo man den Fluß durchwaten kann, vgl. oben die Besprechung des Um- 
und Verschlingungsmotivs. Das Wasser als Hindernis in Träumen scheint auf 
die Mutter hinzudeuten, Sehnsucht nach der Mutter statt positiver Arbeit. Das 
Uberkreuzen von Wasser = Überwindung des Widerstandes, d. h. der Mutter 
als Symbol der Sehnsucht nach der schlaf- oder todähnlichen Untätigkeit. 

3 ) Vgl. auch den attischen Gebrauch des Stierausstopfens im Frühling, 
die Gebräuche der Luperkalien, Saturnalien usw. Ich habe diesem Motiv eine 
separate Untersuchung gewidmet. Ich verzichte daher auf weitere Belege. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 363 

Gilgameshs Kampf mit dem Riesen Chumbaba und naeliherige Er- 
oberung der Ishtar.) Der Vater stellt natürlich, psychologisch verstanden, 
bloß die Personifikation des Inzestverbotes, d. h. den Widerstand, 
der die Mutter verteidigt, dar: Statt des Vaters kann es also auch 
irgend ein Angsttier sein (der große Bär, die Schlange, der Drache usw.), 
das bekämpft und überwunden werden muß. Der Held ist ein Held, 
weil er in jeglicher Schwierigkeit des Lebens den Widerstand gegen 
das verbotene Gut sieht und diesen Widerstand bekämpft mit jener 
ganzen Sehnsucht, die nach der schwer- oder unerreichbaren Kost- 
barkeit strebt, welche den gewöhnlichen Menschen lähmt und tötet. 
Hiawathas Vater ist Mudjekeewis, der Westwind: Der Kampf 
findet also im Westen statt. Von dort her kam das Leben (Be- 
fruchtung der Wenonah), von dort kam auch der Tod (Tod der Wenonah). 
Hiawatha kämpft also den typischen Heldenkampf um die Wieder- 
geburt im Westmeer, den Kampf mit der verschlingenden, furchtbaren 
Mutter, diesmal in Gestalt des Vaters. Mudjekeewis, der selber einst- 
mals durch die Überwindung des Bären göttliche Natur erwarb, wird 
jetzt selber vom Sohn überwunden: 

„Back retreated Mudjekeewis, 

Rushing westward o'er the mountains, 

Stumbling westward down the mountains, 

Three whole days retreated fighting 

Still pursued by Hiawatha 

To the doorways of the West- Wind, 

To the portals of the Sunset 

To the earth's remotest border, 

Where into the empty Spaces 

Sinks the sun, as a flamingo 

Drops into her nest at nightfall." 

Die drei Tage sind eine stereotype Form für das Verweilen im 
„Nachtmeergefängnis" (21. bis 24. Dezember), auch Christus verweilt 
drei Tage in der Unterwelt. Bei diesem Ringkampf im Westen wird 
vom Helden jeweils die schwererreichbare Kostbarkeit erobert: In 
diesem Fall muß der Vater dem Sohne ein großes Zugeständnis machen, 
er gibt ihm göttliche Natur 1 ), und zwar dieselbe Windnatur, deren Un- 
sterblichkeit allein Mudjekeewis vor dem Tode geschützt hat. Er sagt 
zum Sohne: 



*) Im Gilganieshepos ist es naiver gesagt, es ist die Unsterblichkeit, die 
sich der Held holen möchte. 



364 C. G. Jung. 

,,J will share rny kingdom with you, 
Ruler shall you be thenceforward 
Of tlie Northwest- Wind, Keewaydin, 
Of the liome-wind, tlie Keewaydin." 

Daß nun Hiawatha Herr des Heimatwindes wird, hat seine ge- 
naue Parallele im Gilgameshepos, wo Gilgamesh von dem weisen 
alten Utnapishtim, der im Westen wohnt, schließlich das Zauberkraut 
erhält, das ihn heil wieder übers Meer in die Heimat zurückbringt; 
das ihm aber, zu Hause angelangt, eine Schlange wieder raubt. 

Wenn einer den Vater erschlagen hat, dann kann er sich dessen 
AVeibes bemächtigen, und wenn einer die Mutter überwunden hat, 
kann er selber freien. 

Auf der Heimfahrt hält Hiawatha an beim geschickten Pfeil- 
macher, der eine liebliche Tochter besitzt: 

„And he named her from the river, 
From the water-fall he narned her, 
Minnehaha, Laughingh Water." 

Als Hiawatha in frühester Kindheit, träumend, die Geräusche 
von Wasser und Wind an sein Ohr dringen fühlte, erkannte er in den 
Lauten der Natur die Sprache der Mutter wieder. ,, Minnewa wa" sagten 
die säuselnden Fichten an Gestade des großen Sees. Und über das 
Säuseln des Windes und das Geplätscher des Wassers findet er früheste 
Kindheitsträume wieder im Weibe, in „Minnehaha", dem lachenden 
Wasser. Auch der Held, er sogar vor allen anderen, findet im Weibe 
die Mutter wieder, um endlich wieder Kind werden zu können, um 
endlich das Rätsel der Unsterblichkeit zu lösen. 

Die Tatsache, daß der Vater von Minnehaha ein geschickter 
Pfeilmacher ist, verrät ihn als den Vater des Helden (und das Weib, 
das er bei sich hat, als Mutter). Der Vater des Helden ist sehr oft ein 
geschickter Zimmermann oder ein sonstiger Künstler. Nach einer 
arabischen Legende soll Tare 1 ), der Vater Abrahams, ein geschickter 
Werkmeister gewesen sein, der aus jedem Holze Bolzen zu schnitzen 
verstand, d. h. er war nach arabischem Sprachgebrauch ein Erzeuger 
trefflicher Söhne 2 ). Außerdem war er Verfertiger von Götterbildern. 
Tvashtar, der Vater Agnis, ist der Weltbildner, ein Schmied und Zimmer- 



x ) Sepp: Das Heidentum und dessen Bedeutung für das Christentum. 
III, 82, zitiert Drews, Christusmythe, I, S. 78. 
2 ) Vgl. oben: Pfeilsymbolik. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 365 

mann, der Erfinder des Feuer bohrens. Josef, der Vater Christi, Avar 
ebenfalls Zimmermann, ebenso Kinyras, der Vater des Adonis, er soll 
Hammer, Hebel, Dach und Bergbau erfunden haben. Ebenso ist der 
Vater des vielgestaltigen Hermes ein kunstreicher Werkmeister und 
Bildner, Hephaestos (neben Zeus). Im Märchen ist der Heldenvater 
bescheidenerweise der traditionelle Holzhauer. Diese Vorstellungen 
waren auch im Osiriskult lebendig. Dort wurde das Gottesbild aus einem 
Baumstamm ausgehauen und dann in die Höhlung des Baumes hinein- 
gestellt. (Frazer: Golden Bough, part. IV.) Im Rigveda wird auch die 
Welt aus einem Baume ausgehauen vom Weltbildner. Der Gedanke, 
daß der Held sein eigener Erzeuger sei 1 ), führt dann dazu, daß ihm die 
väterlichen Attribute auch zukommen und umgekehrt die Helden- 
attribute dem Vater. Bei Man! ist eine schöne Vereinigung der Motive 
vorhanden. Er tut seine großen Taten als Religionsstifter, verbirgt 
sich jahrelang in einer Höhle, stirbt, wird geschunden, ausgestopft und 
aufgehängt (Held), daneben ist er ein Künstler und hat einen ver- 
krüppelten Fuß. Eine ähnliehe Vereinigung der Motive findet sich bei 
Wieland dem Schmied. 

Was Hiawatha beim alten Pfeiimacher gesehen, verscliAvieg er 
bei seiner Heimkehr der alten Nokomis, auch tut er nichts weiteres, 
um Minnehaha zu gewinnen. Und nun geschah etwas, das, Avenn es 
nicht in einem indianischen Epos stünde, man eher in der Anamnese 
einer Neurose aufsucht: Hiawatha introvertiert seine Libido, d. h. 
er verfällt in einen äußersten Widerstand gegen die „reale Sexual- 
forderung" (Freud), er baut sich im Wald eine Hütte, um darin zu 
fasten und Träume und Visionen zu erleben. An den ersten drei Tagen 
wanderte er, wie einst in der frühesten Jugend, durch den Wald und 
sah alle Tiere und Pflanzen an : 

„Master of Life! he cried, desponding, 
Must our lives depend on these things?" 

Die Frage, ob das Leben von „diesen Dingen" abhängen müsse, 
ist sehr sonderbar. Sie klingt, wie wenn das Leben aus diesen Dingen,, 
d. h. aus der Natur überhaupt, herstamme. Die Natur scheint plötzlich 
eine ganz sonderbare Bedeutung angenommen zu haben. Dieses Phä- 
nomen kann nur dadurch erklärt werden, daß ein großer Libidobetrag 

J ) Dieser Gedanke ist allgemein organisiert in der Präexistenzlehre. So ist 
man auf jeden Fall sein eigener Erzeuger, unsterblich und ein Held, womit die 
höchsten Wünsche erfüllt sind. 



366 C G. Jung. 

aufgestaut wurde und nun auf die Natur abgegeben wird. So werden 
ja bekanntlich die Menschen, auch sonst ganz stumpfe und trockene 
Gemüter, im Liebesfrühling plötzlich naturempfindend und machen 
sogar Gedichte über sie. Wir wissen aber, daß eine von einem aktuellen 
Übertragungsweg abgesperrte Libido immer auf einen früheren Über- 
tragungsweg regrediert. Minnehaha, das lachende Wasser, ist eine zu 
deutliche Anspielung auf die Mutter, als daß das heimliche Sehnen 
des Helden nach der Mutter nicht mächtig dadurch berührt würde. 
Er geht daher, ohne etwas unternommen zu haben, heim zu Nokomis, 
aber auch dort treibt es ihn weg, denn dort steht ihm schon Minnehaha 
im Wege. 

Er wendet sich daher noch weiter weg, in jene frühe Jugendzeit, 
deren Töne ihm Minnehaha übermächtig wieder ins Gedächtnis rief, 
wo er die Mutterlaute in den Lauten der Natur hören lernte. In dieser 
ganz besonderen Belebung des Natureindruckes erkennen wir ein 
Zurückkommen jener frühesten und stärksten Natureindrücke, die noch, 
zunächst standen den später ausgelöschten, noch stärkeren Eindrücken, 
die das Kind von der Mutter empfing. Der Glanz ihres Gefühles wird 
übertragen auf andere Gegenstände der kindlichen Umgebung (Vater- 
haus, Spielsachen usw.), von denen dann später jene magisch-seligen 
Gefühle ausgehen, wie sie frühesten Kindheitserinnerungen eigentümlich 
zu sein scheinen. Wenn sich daher Hiawatha wieder im Schöße der 
Natur birgt, so ist das wohl der Mutterschoß, und es ist zu erwarten, 
daß er wiederum in irgend einer Form neugeboren hervorgehen wird. 

Bevor wir uns dieser aus der Introversion hervorgehenden neuen 
Schöpfung zuwenden, ist noch einer zweiten Bedeutung der obigen 
Frage, ob das Leben von „diesen Dingen" abhängen müsse, zu gedenken. 
Das Leben kann auch von diesen Dingen in der. Weise abhängen, daß 
sie zur Ernährung dienen. In diesem Fall müßten wir folgern, daß 
dem Helden plötzlich die Ernährungsfrage sehr am Herzen liege. (Diese 
Möglichkeit wird sich im folgenden durchaus bestätigen.) Die Frage 
der Ernährung kommt allerdings sehr in Betracht. Erstens, indem 
das Zurückgehen zur Mutter notwendigerweise jenen besonderen 
Übertragungsweg, nämlich den der Ernährung durch die Mutter, wieder 
rege macht. Sobald die Libido auf vorsexuelle Stufe regrediert, dann 
können wir erwarten, die Ernährungsfunktion und deren Symbole 
an Stelle der Sexualfunktion gesetzt zu sehen. Daher stammt eine 
wesentliche Wurzel der Verlegung von unten nach oben (Freud), 
indem auf vorsexueller Stufe die Hauptbedeutung nicht das Genitale, 



Wandlungen und Symbole der Libido. 367 

sondern der Mund hat. Zweitens, indem der Held ja fastet, wodurch 
der Hunger überwiegend wird. Das Fasten wird bekanntlieh angewendet 
zur Beschwichtigung der Sexualität, auch drückt es symbolisch den 
"Widerstand gegen die Sexualität aus, übersetzt in die Sprache der vor- 
sexuellen Stufe. Am vierten Tage seines Fastens läßt der Held ab, sich 
an die Natur zu wenden, er liegt erschöpft mit halbgeschlossenen Augen 
auf seinem Lager, tief in seine Träume versunken, das Bild äußerster 
Introversion. 

"Wir haben bereits gesehen, daß in solchen Zuständen an Stelle 
äußeren Lebens und äußerer Realität ein inneres infantilgeformtes 
Realitätsäquivalent auftritt. Dies ist auch bei Hiawatha der Fall: 

„And he saw a youth approaching, 
Dressed in garments green and and yellow, 
Coming through the purple twilight, 
Through the splendor of the sunset; 
Plumes of green bend o'er his forehead, 
And his hair was soft and golden." 

Diese merkwürdige Erscheinung gibt sich Hiawatha folgender- 
maßen zu erkennen: 

„From the Master of Life descending, 

I, the friend of man, Mondamin, 

Come to warn you and instruct you, 

How by struggle and by labor 

You shall gain what you have prayed for. 

Eise up from your bed of branches, 

Rise, o youth, and wrestle with me!" 

Mondamin ist der Mais; ein Gott, der gegessen wird, entsteht 
aus der Introversion Hiawathas. Sein Hunger in doppeltem Sinne, 
seine Sehnsucht nach der ernährenden Mutter gebiert aus seiner Seele 
einen andern Helden, den eßbaren Mais, den Sohn der Erdmutter. 
Daher er auch wiederum entsteht im Sonnenuntergang als dem 
Symbol des Eingehens in die Mutter. Und in der Röte des Sonnen- 
unterganges (im Westlande) hebt wieder der mythische Kampf an mit 
dem selbstgeschaffenen Gotte, der ganz aus Sehnsucht nach der er- 
nährenden Mutter geworden ist. Der Kampf ist wiederum Kampf 
um Befreiung von dieser tötenden und doch gebärenden Sehnsucht. 
Mondamin ist also soviel wie die Mutter und der Kampf mit ihm 
die Überwältigung und Befruchtung der Mutter. Diese Deutung wird 
durchaus bestätigt durch eine Mythe der Cherokees, „who invoke it 



368 0. G. Jung. 

(the raaize) under the namc of ,The old wo man' in allusion to a myth 
that it sprang from the blood of an old wo man killed by her 
disobedient sons" 1 ). 

„Faint with famine, Hiawatha 
Started from his bed of branehes, 
From the twilight of his wigwam 
Forth into the flush of sunset 
Came, and wrestled with Mondamin; 
At his touch he feit new eourage 
Throbbing in his brain and bosom, 
Feit new life and hope and vigor 
Run through every nerve and fibre." 

Der Kampf im Sonnenuntergang mit dem Maisgott gibt Hiawatha 
neue Kräfte: so muß es wohl sein, denn der Kampf gegen die lähmende 
Sehnsucht nach der Mutter, nach der eigenen Tiefe, gibt dem Menschen 
schöpferische Kräfte. Dort ist ja die Quelle aller Schöpfung, aber es 
braucht Heroenmut, um gegen diese Gewalten zu kämpfen und ihnen 
die schwer erreichbare Kostbarkeit abzuringen. Wem es glückt, der hat 
allerdings das Beste erreicht. Hiawatha ringt mit sich selber um seine 
Schöpfung 2 ). Der Kampf dauert wiederum die mythischen drei Tage. 
Am vierten Tage, wie Mondamin auch prophezeit hat, überwindet ihn 
Hiawatha, und Mondamin sinkt entseelt zu Boden. Wie Mondamin es 
vorher gewünscht, gräbt ihm Hiawatha das Grab in der mütterlichen 
Erde. Und bald darauf wächst aus seinem Grabe, jung und frisch, 
der Mais zur Ernährung der Menschen. 

Was den Gedanken dieses Stückes betrifft, so haben wir darin 
eine schöne Parallele zum Mysterium des Mithras, wo zuerst der Kampf 
des Helden mit seinem Stier erfolgt, darauf trägt Mithras im „tran- 
situs" den Stier in die ,Höhle', wo er ihn tötet. Aus diesem Tode 
wächst alle Fruchtbarkeit, in erster Linie alles Eßbare 3 ). (Vgl. oben.) 
Die Höhle entspricht dem Grabe. Der gleiche Gedanke ist ja auch im 



*) Frazer: Gold. Bough. IV, 297. 

2 ) „Du suchtest die schwerste Last, da fandest du dich!" (Nietzsche). 

3 ) Es ist eine, sozusagen ständige Eigentümlichkeit, daß im Walfisch- 
drachenmythus der Held im Bauche des Ungeheuers sehr hungrig ist und anfängt, 
sich Stücke vom Tiere abzuschneiden, um sich damit zu nähren. Er befindet sich 
eben in der nährenden Mutter ,,auf vorsexueller Stufe". Seine nächste Tat ist, 
um sich zu befreien, daß er Feuer macht. In einem Mythus der Eskimos an der 
Behringstraße findet der Held im Walfisch ein Weib, die Seele des Tieres, die 
weiblich ist. (1. c, S. 85.) (Vgl. Frobenius: 1. c. passim.) 



Wandlungen und Symbole der Libido. 369 

christlichen Mysterium, allerdings zum Teil in schöneren menschlichen 
Formen dargestellt. Der seelische Kampf Christi in Gethsemane, wo 
er mit sich selber ringt, um sein Werk zu vollenden, dann der „trans- 
itus", die Kreuztragung 1 ), wo er das Symbol der tötenden Mutter 
auf sich nimmt und damit sich selber zum Opfergrabe trägt, aus dem 
er nach drei Tagen triumphierend aufersteht; all diese Bilder drücken 
denselben Grundgedanken aus. Auch die Symbole des Essens fehlen 
im christlichen Mysterium nicht: Christus ist ein Gott, der im Abend- 
mahl gegessen wird. Sein Tod verwandelt ihn in Brot und Wein, die 
wir, seiner großen Tat dankbar gedenkend, genießen 2 ). Die Beziehungen 
von Agni zum Somatrank und die des Dionysos zum Wein 3 ) dürften 
hier nicht unerwähnt bleiben. Eine deutliche Parallele ist die Erwürgung 
des Löwen durch Simson und die nachherige Besiedelung des toten 
Löwen durch Honigbienen, was zu dem bekannten Rätselspruch 



1 ) Das Baunitragen (die daAXoq)OQta) spielte auch, wie aus einer Notiz 
bei Strabo X hervorgeht, im Kult des Dionysos und der Ceres (Demeter) eine 
große Rolle. 

2 ) Ein Pyramidentext, der von der Ankunft des toten Pharao im Himmel 
handelt, schildert, wie sieh der Pharao der Götter bemächtigt, um selber göttlicher 
Natur, zum Herrn der Götter zu werden: „Seine Diener haben die Götter mit der 
Wurf leine gefangen, haben sie gut befunden und herbeigeschleppt, haben sie 
gebunden, ihnen die Kehle durchgeschnitten und ihre Eingeweide herausgenommen, 
haben sie zerteilt und in heißen Kesseln gekocht. Und der König verzehrt 
ihre Kraft und ißt ihre Seelen. Die großen Götter bilden sein Frühstück, die 
mittlem bilden sein iVIittagessen, die kleinen bilden sein Abendessen. — Der König 
verzehrt alles, was ihm in den Weg kommt. Gierig verschlingt er alles und seine 
Zauberkraft wird größer als alle Zauberkraft. Er wird ein Erbe der Macht, größer 
als alle Erben, er wird der Herr des Himmels, er aß alle Kronen und alle Armbänder, 
er aß die Weisheit jedes Gottes" usw. (Wiedemann: Der alte Orient, II, 2, 
1900, S. 18. Zitiert Dieterieh: 1. e., S. 101.) Dieses unmögliche Fressen, diese 
Bulimie schildert trefflieh die Sexuallibido in Regression auf vorsexueller Stufe, 
wo die Mutter (die Götter) nicht das Sexual-, sondern das Hungerobjekt ist. 

3 ) Die sakramentale Opferung des Dionysos-Zagreus und das Essen des 
Opferfleisehes erzeugte den veog AiövvOos, die Auferstehung des Gottes, wie 
aus dem bei Dieterich (1. c, S. 105) zitierten Kreterfragment des Euripides 
deutlieh hervorgeht: 

,.äyvov de ßiov T£ii>on>, £§ ob 
Aiög löaiov /(vörys yevöjinjv 
uai t'VKtinöÄov Zayoecos ßovtag 
tobe; (bfiotpäyovg daitac; reP.eöag." 

Durch das Essen des rohen Fleisches des Opfertieres nahmen die Mysten, 
der Kultlegende entsprechend, den Gott in sieh auf. 

Jahrbuch für ps/choanalyt. u. psychopatliol. Forschungen. IV. 24 



370 (\ 0. Jung. 

führte: „Speise ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken 1 )". 
Auch in den Eleusinischen Mysterien scheinen diese Gedanken eine 
Rolle gespielt zu haben. Außer Demeter und Persephonc ist Iakchos 
ein Hauptgott des eleusinischen Kultes; er war der puer aeternus, 
der ewig junge, den Ovid (Met. 1, IV, 18 ff.) folgendermaßen anruft: 

„Tu puer aeternus, tu formosissimus alto 
Conspiceris coelo tibi, cum sine cornibus astas, 
Virgineum caput est, etc." 

Im großen eleusinischen Festzug wurde des Iakchos Bild voran- 
getragen. Es ist nicht leicht zu sagen, welcher Gott Iakchos sei, wohl 
ein Knabe oder ein neugeborener Sohn, vergleichbar dem etrurischen 
Tages, der den Zunamen „der frischausgeackerte Knabe" führt, 
da er nach der Sage aus der Ackerfurche hinter dem Bauer, der den 
Pflug durchzog, entstanden sei. Dieses Bild zeigt unverkennbar das 
Mondaminmotiv: Der Pflug ist von bekannter phallischer Bedeutung, 
die Ackerfurche ist im Indischen als Weib personifiziert. Die Psycho- 
logie dieses Bildes ist ein auf vorsexuelle Stufe (Ern t ährungsstufe) 
zurückversetzter Koitus; der Sohn ist die eßbare Ackerfrucht. Iakchos 
geht teils als Sohn der Demeter oder der Persephone, ebenso 
als Gemahl der Demeter passenderweise. (Held als sein eigener Er- 
zeuger.) Er heißt auch xfjs Arj^rgog daificov (Aaifxcov = Libido, also 
Mutterlibido). Er wurde mit Dionysos, besonders mit dem thrakischen 
Dionysos-Zagreus identifiziert, dem ein typisches Wiedergeburts- 
schicksal nachgesagt wird: Hera hatte die Titanen aufgestachelt gegen 
Zagreus, der, in viele Gestalten sich verwandelnd, ihnen zu 
entkommen suchte, bis sie ihn schließlich erreichten, als er Stier- 
gestalt angenommen hatte. In dieser Gestalt töteten (Mithrasopfer) 
und zerstückelten sie ihn und warfen die Stücke in einen Koch- 
kessel, aber Zeus tötete die Titanen mit dem Blitz und verschluckte 
das noch zuckende Herz des Zagreus. Durch diesen Akt gab er 
ihm wieder das Dasein und Zagreus trat als Iakchos wieder an den Tag. 
Iakchos trägt die Fackel, das phallische Symbol der Zeugung, 
wie Plato (de leg. 6, 776) bezeugt. Im Festzug wurde auch die Ge- 
treideschwinge, die Wiege des Iakchos mitgeführt (Xixvov, mystica 
vannus Iacchi). Der orphischen Legende nach 2 ) wurde Iakchos bei 
Persephone aufgezogen, wo er nach Sphrigem Schlummer im Kxvov 

i) Richter 14, 14. 

2 ) Orph. Hymn. 46. Vgl. Röscher: Lsx. S. Iakchos. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 371 

erwachte. Diese Angabe weist deutlich auf unser Mondaminmotiv hin. 
Der 20. Boedromion (der Monat Boedromion dauerte zirka vom 5. Sep- 
tember bis 5. Oktober) hieß dem Heros zu Ehren Iakchos. Am Abend 
dieses Tages fand am Meeresufer das große Fakelfest statt, wobei das 
Suchen und das Klagen der Demeter aufgeführt wurde. Die Rolle 
der Demeter, die, ohne Speise und Trank zu genießen, auf der ganzen 
Erde, ihre Tochter suchend, herumirrt, hat Hiawatha im indianischen 
Epos übernommen; er wendet sich auch an alle Geschöpfe, ohne Antwort 
zu bekommen. Wie Demeter erst bei der unterirdischen Hekate von 
ihrer Tochter erfährt, so findet auch Hiawatha erst in tiefster Intro- 
version (Abstieg zu den Müttern) das Gesuchte, den Mondamin 1 ). 
Hiawatha erzeugt wie eine Mutter den Sohn Mondamin aus sich selber. 
Die Sehnsucht nach der Mutter ist auch gebärende Mutter (zuerst ver- 
schlingend, dann gebärend). Über den eigentlichen Inhalt der Mysterien er- 
fahren wir durch das Zeugnis des Bischof Asterius (um 390 p. Chr. n.) 
folgendes: ,,Ist dort (in Eleusis) nicht der finstere Abstieg und das feier- 
liche Zusammensein des Hierophanten und der Priesterin, zwischen ihm 
und ihr allein? werden nicht die Fackeln ausgelöscht, und hält nicht die 
unzählbare Menge für ihr Heil, was in der Finsternis von den beiden voll- 
zogen wird 2 )?" Das deutet unzweifelhaft auf eine Hierosgamosfeicr, die 
unterirdisch, in der Mutter Erde, gefeiert wurde. Die Priesterin der Demeter 
scheint dabei die Vertreterin der Erdgöttin zu sein, also etwa die Acker- 
furche 3 ). Der Abstieg in das Erdinnere ist auch Mutterleibsymbolik 
und war als Höhlenkult weitverbreitet. Plutarch erzählt von den 
Magiern, daß sie dem Aliriman opferten elg xortov ävrjhov. Lukian 
läßt den Magier Mithrobarzanes eig ycogiov eQf]juov xai vXcbdeg y.al ävrjXiov 
hinuntersteigen. Nach dem Zeugnis des Moses von Khorcn verehrte 
man in Armenien Schwester Feuer und Bruder Quelle in einer Höhle. 
Julian (Or. V) berichtet aus der Attislegende eine xcaäßaoig eigävxgov, 



J ) Eine genaue Parallele hierzu ist die japanisehe Mythe von Izanagi, der 
seiner toten Gattin iu die Unterwelt folgend, sie bittet, zurückzukehren. Sie 
ist bereit, bittet ihn aber: ., Mögest du nieht auf mich blicken!" Izanagi entzündet 
dann mit seinem Kamm, d. h. mit einem männlichen Balken desselben (feuer- 
bohrender Phallus), Licht und verliert so seine Gattin. (Frobenius: 1. c, S. 343.) 
Für Gattin ist Mutter zu setzen. Anstatt der Mutter bringt der Held das Feuer, 
Hiawatha den Mais, Odin die Runen, als er qualvoll am Baume hing. 

2 ) Zitiert De Jong: Das antike Mysterienwesen. Leiden, 1910, S. 22. 

3 ) Ein Sohngclicbter aus dem Demetermythus ist Iasion, der die Demeter 
auf dreimal geackertem Saatfeld umarmt. (Brautlager auf dem Acker.) Iasion 
wurde dafür von Zeus mit dem Blitz erschlagen. (Ovid. Metam. IX.) 

24* 



372 C. G. Jung. 

von wo Kybele ihren Solingeliebten wieder heraufholt, d. h. gebiert 1 ). 
Die Geburtshöhle Christi in Bethlehem („Haus des Brotes") soll ein 
Attisspelaeurn gewesen sein. 

Eine weitere Symbolik der Eleusinien gehört in die Hierosgamos- 
feier, nämlich die mystischen Kisten, die nach dem Zeugnis des 
Clemens von Alexandrien Backwerk, Salzspenden und Früchte 
enthalten haben sollen. Das von Clemens überlieferte Synthema 
(Bekenntnis) des Mysten aber weist noch auf anderes hin: 

,,Ich habe gefastet, ich habe den Kykeon getrunken, ich habe 
aus der Kiste genommen und nachdem ich gearbeitet, habe ich es 
in den Korb zurückgelegt uud aus dem Korb in die Kiste 2 )." Die Frage, 
was in der Kiste lag, beleuchtet Dieterich 3 ) des näheren. Das 
„Arbeiten" bezieht er auf eine phallisch e Tätigkeit, die der Myste vorzu- 
nehmen hatte. Tatsächlich gibt es Darstellungen des mystischen 
Korbes, wo, umgeben von Früchten, ein Phallus drin liegt 4 ). Auf 
der sogenannten Lovatellinischen Grabvase, deren Reliefbilder als 
eleusinische Zeremonien aufgefaßt werden, ist dargestellt, wie ein 
Myste die um Demeter sich windende Schlange liebkost. 
Die Liebkosung des Angsttieres deutet auf. die kultische Inzest- 
überwindung 5 ). Nach dem Zeugnis des Clemens von Alexandrien 
war auch in der mystischen Lade eine Sehlange 6 ). Diese Schlange ist 
natürlich in diesem Zusammenhang phallischer Natur (der der Mutter 
gegenüber verbotene Phallus) Rohde (Hermes XXI, 124) erwähnt, 
daß bei den Arrhetophorien Backwerk in Form von Phalli und 
Schlangen in den Schlund beim Thesmophorion geworfen wurde; die 
Feier betraf Kinder- und Erntesegen 7 ). So spielte auch die Schlange 

1 ) Siehe Cumont: Text, et Mon., I, S. 56. 

2 ) ,,'Evr]OrevOa, ämov röv uvueäva, £'Aa/?ov £u uiOTrjg, iQyaöäjuevos äne- 
de/xr)v eis uäXaßov uai iu uaAädov elg uiörrjv."- Statt ggyaöä/usvos wird auf 
Lobecks Vorschlag iyyevoäjuevos ,, nachdem ich gekostet", gelesen. Diete- 
rich: Mithraslit., S. 125, hält aber am überlieferten Textlaut fest. 

3 ) Mithraslit., S. 123 ff. 

4 ) Z. B. auf einem Campanarehef bei Lovatelli (Antichi monumenti, 
Roma, 1880, I, IV, Fig. 5. Ähnlich hat der Veroneser Priap einen Korb mit Phalli 
gefüllt. 

5 ) Vgl. Grimm: II, IV, S. 899: Durch Liebkosung respektive Küssen des 
Drachens oder der Schlange wird das Angsttier in ein schönes Weib verwandelt, 
das sich der Held auf diese Weise gewinnt. 

6 ) De Jong: 1. c, S. 21. 

7 ) Die Mutter, die Erde, ist die nahrungsspendende. Die Mutter steht 
auf vorsexueller Stufe in dieser Bedeutung. Daher St. Dominikus von den Brüsten 



Wandlungen und Symbole der Libido. 373 

in den Einweihungen eine große Rolle unter dem bemerkenswerten 
Titel: 6 ötd zohiov ßeög (der Gott durch Vagina oder Busen). 
Cle mens 1 ) erwähnt, das Symbol der Sabaziosmysteriensei: 6 diu y.olnwv 
■&e6g, ÖQaxoiv de ioxi xal ovxog öie/.xöjuevog tov y.olnov rcov teXov- 
/lisvcov. Ebenso erfahren wir durch Arnobius 2 ) folgendes: „aureus 
coluber in sinum demittitur consecratis et eximitur rursus ab in- 
ferioribus partibus atque iuris." Im orphischen Hymnus 52 wird 
Bakcheus angerufen: vtioxö/jue, was darauf hinweist, daß der Gott 
(die Libido) in den Menschen eintritt wie durch ein weibliches Geni- 
tale 3 ). Nach dem Zeugnis des Hippolyt' 1 ) rief der Hierophant im 
Mysterium: Ieqov exey.e xoivlo. xovqov, Bql^co ßgi/nov. („Einen heiligen 
Knaben hat die Erhabene geboren, Brimo den Brimos.") Dieses Weih- 
nachtsevangelium („Euch ist heute ein Sohn geboren") wird ganz be- 
sonders beleuchtet durch die Überlieferung 5 ), daß die Athener „den an 
der Epoptie Beteiligten das große und wunderbare und vollkommenste 
epoptische Geheimnis im Stillen zeigen — eine gemähte Ähre" 6 ). 
Die Parallele zum Motiv des Sterbens und Auferstehens ist das 
Motiv des Verlorengehens und Wiederfindens. Das Motiv tritt kultisch 
auch genau an derselben Stelle auf, nämlich in hierosgamosähnlichen 
Frühlingsfeiern, wobei das Götterbild versteckt und wiederaufgefunden 
wurde. Es ist eine außerkanonische Tradition, daß Moses als Zwölfjähriger 
das Vaterhaus verlassen habe, um die Menschen zu lehren. In ähnlicher 
Weise geht auch Christus den Eltern verloren, und sie finden ihn wieder 
als Weisheitslehrer; wie in der mohammedanischen Legende Moses 
und Josua den Fisch verlieren und an seiner Statt den Weisheitslehrer 



der Gottesmutter gelabt wird. Das Sonnenweib der Namaqua besteht aus Speck. 
Vgl. dazu die Größenideen meiner Patientin, welche versicherte: „Ich bin Ger- 
mania und Helvetia aus ausschließlich süßer Butter." (Psych, d. Dem. praec.) 
J ) Ref. omn. haeret., V, 8. Zitiert Röscher: Lex. II, 1, 2, 24. 

2 ) Zitiert Dicterich, 1. c, S. 123. 

3 ) Vgl. die Bilder bei Nietzsche: „eingebohrt, im eigenen Schachte" usw. 
In einem Gebete an Hermes in einem Londoner Papyrus heißt es: £Xße jitoi, 
ttvQie 'Eo/Lii], dig xä ßQCtpr) el£ rag uoiAias rebv ywaiuibv. Kenyon: Greek 
Papyr. in the Brit. Mus., 1893, S. 116, Pap. CXXII, Z. 2 ff. Zitiert Dieterich: 
1. c, S. 97. 

4 ) Zitiert Dieterich: 1. c, S. 123. 

5 ) Vgl. De Jong: 1. c, S. 22. 

6 ) Der typische Korngott des Altertums war Adonis, dessen Sterben und 
Wiedererstehen jährlieh gefeiert wurde. Er war der Sohngeliebte der Mutter, 
denn das Korn ist der Sohn und Befrachter des Erdschoßes, wie Robertson 
Evang. Myth. p. 36 sehr richtig bemerkt. 



374 CG. Jung. 

Cliidher (der Jesusknabe im Tempel) erscheint, so taucht auch der ver- 
loren und tot geglaubte Korngott in neuer Jugend plötzlich aus der 
Mutter auf. (Daß Christos in die Krippe gelegt wird, deutet auf das 
Futter. Kobertson setzt daher die Krippe dem Liknon parallel. 
Evang. Myth. S. 46.) 

Wir verstehen aus diesen Berichten auch, wie die eleusinischen 
Mysterien so trostreich für die Jenseitsh Öffnungen des Mysten waren, 
wie ein schönes eleusinisches Epitaph uns zeigt: 

„Wahrlich, ein schönes Geheimnis verkünden die seligen Götter! 
Sterblichen nicht ist ein Fluch, sondern ein Segen der Tod!" 

Dasselbe sagt auch der Demeterhymnus 1 ) von den Mysterien: 



„Selig, AVer diese geschaut hat, der erdbewohnenden Menschen! 
Wer an den Handlungen aber, den heiligen, nicht sich beteiligt. 
Ungleiches Los hat er auch in des Todes umnebelndem Dunkel!" 

Dem eleusinischen Symbol wohnt Unsterblichkeit irme: in einem 
Kirchenliede des 19. Jahrhunderts von Samuel Preis werk finden 
wir es wieder: 

„Die Sach' ist dein, Herr Jesu Christ, 

Die Sach', an der wir stehn; 

Und weil es deine Sache ist, 

Kann sie nicht untergehn. 

Allein das Weizenkorn, bevor 

Es fruchtbar sproßt zum Licht empor, 

Muß sterben in der Erde Schoß, 

Zuvor vom eignen Wesen los. 

Du gingst, o Jesu, unser Haupt, 
Durch Leiden himmelan, 
Und führest jeden, der da glaubt, 
Mit dir die gleiche Bahn. 
Wohlan, so führ uns allzugleich 
Zum Teil am Leiden und am Reich; 
Führ uns durch deines Todes Tor 
Samt deiner Sach' zum Licht empor." 

Firmicus (de err. prof. rel. XXII, I, p. 111) berichtet aus dem 
Attisrnysterium : noete quadam simulacrum in leetica supinum ponitur et 
per numeros digestis fletibus plangitur ; deinde cum se fieta lamentatione 
satiaverint, lumen infertur: tune a saeerdote omnium qui flebant 

l ) De Jong: 1. c, S. 14. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 



37J 



fauces unguentur, quibus perunctissacerdos hoc lento murmure susurrat: 
OaogeTze juvoiai tov dsov oeocoofievov' e'oxai yagfjfiTv lv, tjovov oojxijoiu. 




Das sogenannte Hl. Grab in S. Stefano zu Bologna. 

Derartige Parallelen zeigen, wie wenig Menschlich-Persönliches 
und wieviel Göttliches, d. h. Allgemein-Menschliches am Ohristus- 
mysterium ist. Kein Mensch ist oder war je ein Heros, denn der Heros 
ist ein Gott und daher unpersönlich und allgemein gültig. Christus ist 



376 



0. G. .Inner. 



ein „Geist", wie frühchristliche Interpretation aus erster Hand lautet. 
An vielerlei Stellen der Erde und in mannigfaltigster Form und Zcit- 
färbung tritt der Heiland-Heros auf als eine Frucht des Eingehens 




Matuta, eine etruskische Pietä. 



der Libido in die eigene mütterliche Tiefe. Die auf dem Stuckrelief 
des Farnesina dargestellten bakehischen Weihen enthalten eine Szene, 
wo ein Myste, verhüllt durch den über den Kopf gezogenen Mantel, 
zu Silen geführt wird, der das mit einem Tuch bedeckte Xlxvov hält. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 377 

Die Verhüllung des Hauptes bedeutet Tod. Der Myste stirbt figürlich 
wie das Saatkorn, wächst wieder empor und kommt in die Getreide- 
soll winge. Proclus berichtet auch, daß die Myste n bis zum Halse 
begraben wurden. (Cf. Dieterich: 1. c. S. 167.) Die christliche Kirche 
als Kultstätte ist wohl überhaupt nichts anderes als ein Heroengrab. 
(Katakomben.) Der Gläubige steigt in das Grab hinunter, um mit dem 
Heros zu auferstehen. Daß der der Kirche unterliegende Sinn der des 
Mutterleibes ist, kann kaum bezweifelt werden. Die Symbole der Messe 
sind zu deutlich, als daß man die Mythologie der heiligen Handlung nicht 
überall könnte hervorleuchten sehen ; es ist Wiedergeburtszauber. Am 
deutlichsten ist wohl die Verehrung des Hl. Grabes in dieser Hinsicht. 
Ein treffendes Beispiel ist das Hl. Grab von S. Stefano in Bologna. 
Die Kirche selber, ein sehr alter vieleckiger Rundbau, besteht aus 
Resten eines Isistempels. Im Innern befindet sich ein künstliches 
Spelaeum, ein sog. Hl. Grab, in das man durch eine ganz kleine Tür 
hineinkriecht. Nach längerem Verweilen kommt der Gläubige wieder- 
geboren aus diesem Mutterleib heraus. Ein etruskisches Ossuarium 
im archäologischen Museum in Florenz ist zugleich Statue der Matuta, 
der Totengöttin, d. h. die Tonfigur der Göttin ist innen hohl zur 
Aufnahme der Asche. Die beigegebene Abbildung läßt erkennen, daß 
Matuta die Mutter ist. Ihr Sitz ist mit Sphinggen geziert, wie dies 
der Todesmutter zukommt. 

Von den weiteren Taten Hiawathas können uns nur wenige 
interessieren; darunter findet sich im VIII. Gesang der Kampf mit 
Mishe-Nahma, dem Fisch könig; als typischer Sormenheldenkampf 
verdient er erwähnt zu werden. Mishe-Nahma ist ein Fischungeheuer, 
das auf dem Grunde der Gewässer haust. Von Hiawatha zum Kampf 
herausgefordert, verschlingt es den Helden samt Schiff. 

,,In his wrath he darted upward, 
Flashing leaped into the sunshine, 
Opened his great jaws, and swallowed 
Both canoe and Hiawatha. 

Down into that darksome cavern 
Plunged the headlong Hiawatha, 
As a log on some black river 
Shoots and plunges down the rapids, 
Found himself in utter darkness, 
Groped about in hclpless wonder, 
Till he feit a great heart beating, 
Throbbing in that utter darkness. 



378 CG. Jung. 

And he smote it in bis anger, 
With Jiis fist, tbe licart of Nabma, 
Feit tbe mighty king of Fishes 
Shuddcr through eacb nerve and fibre. 
Crosswisc then did Hiawatha 
Drag liis birch-canoc for safety, 
Lest from out tbe jaws of Nabma, 
In tbe turmoil and confusion, 
FortJi he might be burled and perisb." 

Es ist der sozusagen über die ganze Welt verbreitete typische 
Mythus von der Tat des Helden. Er fährt zu Schiff, bekämpft das Meer- 
ungeheuer, wird verschluckt, stemmt sieh gegen das Zerbissen- oder 
Zerdrüektwerden 1 ) (Stemm- oder Stampfmotiv), sucht, im Innern 
des ,, Walfischdrachen" angelangt, das lebenswichtige Organ, das er 
abschneidet oder sonst zerstört, öfter geschieht die Tötung des 
Monstrums dadureh, daß der Held heimlich Feuer macht im Innern, 
er erzeugt im Leibe des Todes heimlieh das Leben, die aufgehende Sonne. 
Dadureh wird der Fiseh^getötet, treibt ans Land, wo mittels ,, Vogelhilfe'' 
der Held wieder ans Tageslieht gelangt 2 ). Der Vogel an dieser Stelle 



x ) Faust: ,,\Vie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe, 

Den Schlüssel schwinge! Halte sie vom Leibe!" 

2 ) Ich erwähne hier als ein Beispiel für viele: Die polynesische Ratamythe 
(Zitiert bei Frobenius: 1. c, S. 04 — 66.) „Unter günstigem Winde segelte da? 
Boot behaglich über den Ozean hin, als Nganaoa eines Tages ausrief: ,,0 Rata, 
hier ist ein fürchterlicher Feind, der aus dem Ozean emporsteigt!" Es war eine 
offene Muschel von riesigen Dimensionen. Die eine Schale war vor, die andere 
hinter dem Bote, und das Schiff lag direkt dazwischen. Im nächsten Augenblicke 
konnte die fürchterliche Muschel zusammenklappen und das Boot und sie alle 
in ihrem Maule zermalmen. Aber Nganaoa war auf diese Möglichkeit vorbereitet. 
Er ergriff seinen langen Speer und stieß ihn schnell in den Leib des Tieres, so daß 
das zweischalige Geschöpf, statt zuzuschnappen, sofort auf den Grund des Meeres 
hinabsank. Nachdem sie dieser Gefahr entronnen waren, setzten sie ihren Weg 
fort. Doch nach einiger Zeit war die Stimme des immer wachenden Nganaoa 
abermals zu hören: ,,0 Rata, es taucht wieder ein fürchter lieber Feind aus den 
Tiefen des Ozeans hervor." Diesmal war es ein mächtiger Oktopus, dessen riesige 
Tentakeln das Boot schon umschlangen, um es zu zerstören. In diesem kritischen 
Augenblick ergriff Nganaoa seinen Speer und stieß ihn durch das Haupt des 
Oktopus. Schlaff sanken die Tentakeln herab, und das tote Ungeheuer trieb auf 
der Oberfläche des Ozeans von dannen. Abermals setzten sie ihre Reise fort, 
aber eine noch größere Gefahr harrte ihrer. Eines Tages rief der tapfere Nganaoa 
aus: ,,0 Rata, hier ist ein großer Walfisch!" Das ungeheure Maul desselben war 
weit offen, der Unterkiefer war schon unter dem Boote und der andere über dem- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 379 

dürfte das erneute Auffliegen der Sonne, der Sehnsucht der Libido be- 
deuten, die Wiedergeburt des Phoenix. (Die Sehnsucht wird sehr häufig 
durch Schwebesymbole dargestellt.) Das Sonnensymbol des vom Wasser 
auffliegenden Vogels ist (etymologisch) im singenden Schwan erhalten. 
,, Schwan" stammt von der Wurzel sven wie die Sonne und die Töne. (Vgl. 
oben.) Diese Tat bedeutet Wiedergeburt und Herausholen des Lebens 
aus der Mutter 1 ) und dadurch endgültige Zerstörung des Todes, der, 
wie ein Negermythus berichtet, in die Welt gekommen war, durch 
das Versehen einer alten Frau, die bei der allgemeinen Häutung (denn 
die Menschen verjüngten sich durch Häutung wie die Schlangen) 
aus Zerstreutheit anstatt der neuen ihre alte Haut wieder anzog, infolge- 
dessen sie starb. Aber die Wirkung solcher Tat pflegt nicht von Dauer 
zu sein. Immer und immer wieder erneuern sich die Mühen des Helden. 



selben. Ein Augenblick und der Walfiseh hatte sie verschlungen. Xunniehr brach 
Xganaoa „der Draehentöter" (the slayer of monstres) seinen Speer in zwei Stücke 
und in dem Augenblicke, als der Walfisch sie zermalmen wollte, richtete er die 
beiden Stäbe in dem Rachen des Feindes auf, so daß er seine Kiefer nicht zu 
schließen vermochte. Xganaoa sprang schnell in das Maul des großen Walfisches 
( Heidenverschlinge n) und bückte in dessen Bauch und was sah er? Da saßen 
seine beiden Eltern, sein Vater Tairitokerau und seine Mutter Vaiaroa, 
welche beim Fischen von diesem Ungeheuer in der Tiefe verschlungen 
worden waren. Das Orakel hatte sieh erfüllt. Die Reise hatte ihr Ziel er- 
reicht. Groß war die Freude der Eltern Xganaoas, als sie ihren Sohn erblickten. 
Waren sie doch jetzt davon überzeugt, daß ihre Befreiung bevorstände. Und 
Xganaoa beschloß auch die Rache. Er nahm einen von den beiden Stöcken aus 
dem Maule des Tieres — ein einzelner genügte, um dem Walfiseh das Schließen 
des Rachens unmöglich zu machen und somit Xganaoa und seinen Eltern den 
Weg frei zu halten. Diesen einen Teil des Speeres zerbrach er also in zwei Teile, 
um sie als Feuerreibhölzer zu verwenden. Er bat seinen Vater, den einen unten 
festzuhalten, wälirend er selbst den oberen Teil handhabte, bis das Feuer zu 
glimmen begann (Feuerentzünden). Indem er es nun zur Flamme anblies, beeilte 
er sich, die fettigen Teile in dem Bauche mit dem Feuer zu erhitzen (Herz). Das 
Ungeheuer, im Schinerze sich windend, suchte Hilfe, indem es an das nahe Land 
schwamm (Meerfahrt). Sobald es die Sandbank erreichte (Landen), traten Vater, 
Mutter und Sohn durch das offene Maul des sterbenden Walfisches an das Land 
(Heldenaussehlüpfen)." 

l ) In der neuseeländischen Mauimythe (zitiert bei Frobenius: 1. c, S. 60 ff.) 
ist das zu überwindende Ungeheuer die Ahnfrau Hine-nui-te-po. Maui, der 
Held, sagt zu den Vögeln, die ihm beistehen: „Meine ldeinen Freunde, wenn 
ich jetzt in den Rachen der alten Frau krieche, dürft ihr nicht lachen, aber wenn 
ich darin gewesen bin und wieder herauskomme aus ihrem Munde, dann dürft 
ihr mich mit jubelndem Lachen begrüßen." Maui kriecht dann tatsächlich der 
schlafenden Alten in den Mund. 



380 C. Ct. Jung. 

immer unter dem Symbol der Befreiung von der Mutter: Wie Hera 
(als die verfolgende Mutter) die eigentliche Quelle der großen Taten 
des Herakles ist, so läßt auch Nokomis den Hiawatha nicht rasten 
und türmt ihm neue Schwierigkeiten in den Weg, und zwar tödliche 
Abenteuer, worin der Held vielleicht siegen mag, vielleicht aber auch 
den Untergang findet. Immer ist der Mensch mit seinem Bewußtsein 
hinter der Libido zurück; er versinkt in faule Tatenlosigkeit, bis ihn 
seine Libido zu neuen Gefahren herausruft, oder auf den Höhen seines 
Daseins befällt ihn kindische Sehnsucht nach der Muttter und er läßt 
sieh jämmerlich lähmen, ohne mit Todesmut nach dem Höchsten zu 
streben. So ist die Mutter der Dämon, der den Helden zu Taten heraus- 
ruft und ihm auch die giftige Sehlange auf den Weg legt, die ihn fällen 
wird. So ruft nun Nokomis im IX. Gesang den Hiawatha heraus, 
deutet mit der Hand nach Westen, wo die Sonne purpurn untergeht, 
und spricht zu ihm: 

„Yonder dwells the great Pearl-Feather, 
Megissogwon, the Magician, 
Manito of Wealth and Wampum, 
Guarded by his fiery serpents, 
Guarded by the black pitch-water. 
You can see his fiery serpents, 
The Kenabeek, the great serpents, 
Coiling, playing in the water." 

Diese Gefahr, die im Westen lauert, ist, wie bereits genugsam 
bekannt, der Tod, dem keiner, auch der Mächtigste nicht, entrinnt. 
Dieser Zauberer hat auch, wie wir erfahren, den Vater der Nokomis 
getötet. Jetzt sendet sie ihren Sohn aus, den Vater zu rächen. (Horus.) 
Durch die dem Zauberer beigegebenen Symbole läßt sieh leicht erkennen, 
wen er symbolisiert. Schlange und Wasser gehören zur Mutter. Die 
Sehlange, als ein Symbol der verdrängten Sehnsucht nach der Mutter 
oder, mit anderen Worten, als ein Symbol des Widerstandes, umringelt 
schützend und verteidigend den mütterlichen Fels, bewohnt die Höhle, 
windet sieh am Mutterbaum empor, hütet den Hort, den geheimen 
„Sehatz". Das schwarze stygisehe Gewässer ist, wie der schwarze 
Schlammbrunnen des Dhulqarnein, der Ort, wo die Sonne erlischt 
und zur Wiedergeburt eingeht, das mütterliche Todes- und Nachtmeer. 
Auf die Fahrt dorthin nimmt Hiawatha das magische öl des Mishe- 
Nahma mit, das seinem Boot durch das Todeswasser hilft (also eine 
Art Unsterblichkeitszauber, wie das Draehenblut für Siegfried usw.). 



Wandlungen und Symbole der Libido. 381 

Zuerst erschlägt Hiawatha die große Schlange. Von der „Nachtmeer- 
fahrt" über das stygische Gewässer heißt es: 

„All night long he sailed upon it, 
Sailed upon that sluggish water, 
Covered with its mould of ages, 
Black with rotting water-rushes, 
Rank with flags and leaves of blies, 
Stagnant, lifeless, dreary, dismal, 
Lighted by the sliimmering moonlight. 
And by will-o'-the-wisps iUumined, 
Fires by ghosts of de ad men kindled, 
In their weary night-encampments." 

Diese Beschreibung zeigt deutlich den Charakter eines Todes- 
wassers. Der Inhalt des "Wassers weist auf ein bereits erwähntes Motiv, 
auf die Um- und Verschlingung hin. So heißt es im „Traumschlüssel 
des Jagaddeva 1 ) (S. 177). „Wer mit Bast, Schlingpflanzen oder Stricken, 
mit Schlangenhaut, Fäden oder Geweben im Traume seinen Körper 
umschlingt, stirbt ebenfalls." Ich verweise auf die früheren Belege 
in dieser Hinsicht. Im Westlande angekommen, fordert der Held den 
Zauberer zum Kampfe. Ein furchtbares Eingen hebt an. Hiawatha 
ist machtlos, denn Megissogwon ist unverwundbar. Am Abend zieht 
sich Hiawatha verwundet, verzweifelt für eine Weile zurück, um aus- 
zuruhen: 

„Paused to rest beneath a pine-tree, 

From whose branches trailed the mosses, 
And whose trank was coated over 
With the Dead-man's Moccason-leather, 
With the fungus white and yellow." 

Dieser schützende Baum ist geschildert als bekleidet (mit 
dem Moccasonleder der Toten, dem Pilz). Diese Anthropomorphi- 
sierung des Baumes ist auch ein wichtiger Eitus überall da, wo Baum- 
kultus herrscht, wie z. B. in Indien, wo jedes Dorf seinen heiligen 
Baum hat, der bekleidet und überhaupt als ein menschliches Wesen 
behandelt wird. Die Bäume werden gesalbt mit wohlriechendem Wasser, 
mit Pulvern besprengt, mit Kränzen und Gewändern geschmückt. 
Wie bei Menschen als apotropäischer Zauber gegen Todesfall die Ohr- 
durchbohrung vollzogen wird, so geschieht dies auch am 

*) Herausgegeben und bearbeitet von Julius v. Negelein, in Relig. 
gesch. Vers. u. Vorarb. von Dieterich und Wünsch, Bd. XI, Gießen, 1912. 



382 C. G. Jung. 

heiligen Baume. ,,0f all tlie trees in India tliere is nonmore sacred 
to tlie Hindus than tlie Aswatha (Ficus religiosa). It is known to them 
as Vrilcsha Raja (king of trees). Brahma, Vishnu and Mahesvar 
live in it, and the worship of it, is the worship of the Triad. Almost 
every Indian village has an Aswatha etc. (Anthrop. Soc. Bombay, 
VII, 88 1 ). Diese ,, Dorflinde", die auch uns wohlbekannt ist, ist hier 
deutlich als Muttersymbol charakterisiert: sie enthält die drei Götter. 
Wenn also Hiawatha sich unter den Pine-tree 2 ) zur Rast zurück- 
zieht, so ist das ein bedenklicher Schritt, denn er begibt sich in die 
Mutter, deren Kleid ein Totenkleid ist. (Verschlingende Mutter.) Wie 
im Walfischdrachen, so bedarf der Held auch in dieser Situation der 
„Vogelhilfe", d. h. der hilfreichen Tiere, welche die helfenden Eltern 
repräsentieren : 

,,Suddenly from the boughs above him 

Sang the Mama, the woodpecker: 

Aim your arrows, Hiawatha, 

At the head of Megissogwon, 

Strike the tuft of hair upon it, 

At their roots the long black tresses; 

There alone can he be wounded!" 

Nun eilt, komischerweise, muß man sagen, Mama ihm zu Hilfe. 
Seltsamerweise ist der Specht auch „Mama" von Romulus und Remus 
gewesen, der den Zwillingen mit seinem Schnabel die Nahrung in den 
Mund steckte 3 ). (Vgl. dazu die Rolle des Geiers im Traum des Lio- 
nardo 4 ). Der Geier ist dem Mars heilig, wie der Specht.) Mit dieser 
Mutterbedeutung des Spechtes steht der antike italische Volksaber- 
glaube in Übereinstimmung, daß aus dem Baume, auf dem dieser 
Vogel niste, nach kurzer Zeit Nägel, die man hineingeschlagen, wieder- 
herausfielen 6 ). Der Specht verdankt seine besondere Bedeutung dem 
Umstand, daß er Löcher in die Bäume hämmert („Nägel hinein- 
schlagen"! vgl. oben!). Es ist daher verständlich, daß er in der römi- 
schen Legende als ein alter Landeskönig gefeiert wurde, ein Besitzer 
oder Beherrscher des heiligen Baumes, das Urbild des Pater familias. 

*) Zitiert J. v. Negelein: Der Traumschlüssel des Jagaddeva, S. 256 f. 

2 ) Der Pine-tree sagte bekanntlich das bedeutsame Wort: „Mirme-wawa !" 

3 ) Im Aschenbrödelmärchen kommt auch das Vöglein auf dem Baume, 
der auf der Mutter Grab wächst, zu Hilfe. 

4 ) Freud: Eine Kindheitserinnerung des Lionardo da Vinci. 

5 ) Röscher: s. v. Picus, Sp. 2494, 62. Vermutlich ein Wiedergeburts- 
svmbol. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 383 

Eine alte Fabel erzählt, daß Circe, die Gemahlin des Königs Picus, 
ihn in den Picus martius verwandelt habe. Die Zauberin ist die ,, neu- 
gebärende Mutter", die den „magischen Einfluß" auf den Sohn-Gatten 
hat. Sie tötet ihn, verwandelt ihn in den Seelenvogel, den unerfüllten 
Wunsch. Picus wird auch aufgefaßt als Walddämon und Incubus 1 ), 
ebenso als weissagend, also reichlich auf die Mutterlibido hindeutend 2 ). 
Picus wird bei den Alten öfter mit Picumnus gleichgestellt. Picumnus 
ist der unzertrennliche Gefährte des Pilumnus und beide heißen geradezu 
..infantium dii", Götter der Kinder. Speziell von Pilumnus wird 
berichtet, daß er die neugeborenen Kinder gegen die verderblichen An- 
griffe des Waldschrates Silvanus verteidige. (Gute und böse Mutter. 
Zweimüttermotiv.) 

Der hilfreiche Vogel, ein errettender Wunschgedanke, der sich 
aus der Introversion 3 ) ergibt, rät dem Helden, den Zauberer unters 
Haar zu schießen, wo sich die einzig verwundbare Stelle befindet. 
Diese Stelle ist der ,, phallische" Punkt 4 ), wenn man so sagen darf; 
er ist auf der Höhe des Kopfes, an dem Ort, wo die mythische Kopf- 
geburt stattfindet, die auch heutzutage noch in den Sexualtheorien 
der Kinder vorkommt. Dorthin schießt Hiawatha (natürlich, möchte 
man sagen.) 3 Pfeile 5 ) (die bekannten phallischen Symbole) hinein 

J ) Roseher: s. Picus, Sp. 2196, 30. 

2 ) Der Vater des Picus soll Stcreulus oder Stereulius heißen, welcher Name 
sich deutlich von stercus: Kot, excrementum herleitet; er soll auch der Erfinder 
des Düngers sein. Der Ursehöpfer, der auch die Mutter geschaffen hat, tut es 
auf dem Wege des infantilen Schaffens, das wir früher kennen lernten. Der oberste 
Gott legt sein Ei, seine Mutter, aus der er sich wieder gebiert — auch dies ist 
ein verwandter Gedankengang. 

3 ) Introversion = Eingehen in die Mutter, versinken in die eigene Innen- 
welt oder Libidoquelle, symbolisiert durch Hineinkriechen, Durchziehen, Bohreiu 
(hinter den Ohren kratzen = Feuer machen). Ohrdurchbohrung, Nägeleinschlagen. 
Schlangen verschlucken. So ist auch die buddhistische Legende verständlich: Als 
Gautama den langen Tag in tiefem Nachsinnen unter dem heiligen Baume 
sitzend verbracht hatte, war er am Abend Buddha, ein Erleuchteter, 
geworden. 

*) Vgl. oben (pahXög und seine etymologischen Zusammenhänge. 

5 ) Spielreins Kranke erhält von Gott drei Schüsse durch Kopf, Brust 
und Auge, ,,dann kam eine Auferstehung des Geistes". (Jahrbuch III, S. 370.) 

In der tibetanischen Mythe des Bogda Gesser Khan schießt der Sonnen- 
held der dämonischen Alten, die ihn verschlingt und weder ausspeit, den Pfeil 
auch in die Stirn. In einer kalmückischen Mythe schießt der HeJd den Pfeil in 
das ,, Strahlenauge", das sieh auf der Stirn des Stieres befindet. (Genitale Be- 



384 C. G. Jung. 

und erlegt so Megissogwon. Darauf raubt er den magischen Wampum- 
panzer, der unverwundbar macht (Unsterblichkeitsmittel), den Toten 
Läßt er am Wasser liegen; charakteristischerweise — weil der Zauberer 
die furchtbare Mutter ist: 

„On the shore he left the body, 
Half on land and half in water, 
In the sand his feet were buried, 
And his face was in the water." 

So ist die Situation dieselbe wie beim Fisclikönig, denn das Un- 
geheuer ist die Personifikation des Totenwassers, welches seinerseits 
die verschlingende Mutter darstellt. Auf diese größte Tat Hiawathas, 
wo er die Mutter als den totbringenden Dämon 1 ) überwunden hat, 
folgt die Hochzeit mit Minnehaha. 

Aus dem Späteren (XII. Gesang) ist eine kleine Fabel zu erwähnen, 
die der Dichter eingeschaltet hat: Ein Greis verwandelt sich in einen 
Jüngling, indem er durch eine hohle Eiche hindurchkriecht. 

Im XIV. Gesang ist geschildert, wie Hiawatha die Schrift er- 
findet. Ich beschränke mich auf die Schilderung von zwei hiero- 
glyphischen Zeichen: 

„Gitche Manito the Mighty, 
He, the Master of Life, was painted 
As an egg, with points projecting 
To the four winds of the heavens. 
Everywhere is the Great Spirit, 
Was the meaning of this symbol." 

Die Welt liegt im Ei, das allerorten sie umhüllt; es ist die Welt- 
gebärerin, deren Symbol Plato sowohl wie die Vedas benutzt haben. 
Diese Mutter ist wie die Luft, die auch überall ist. Luft aber ist Geist: 
Die Mutter der Welt ist ein Geist. 

„Mitche Manito the Mighty, 
He the dreadful Spirit of Evil, 
As a serpent was depicted, 
As Kenabeek, the great serpent." 



cleutung des Auges, vgl. oben.) Vgl. dazu die Überwältigung Polyphems, deren 
sakraler Charakter auf einer attischen Vase dadurch gekennzeichnet ist, daß 
sich dabei eine Schlange befindet (als Muttersymbol. Siehe die Erklärung des 
sacrifioium mithriacum). 

1 ) In Vatergestalt, denn Megissogwon ist, wie Mudjekeewis, Westdämon. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 385 

Der Geist des Bösen aber ist die Angst, ist der verbotene Wunsch, 
der Widersacher, der dem nach ewiger Dauer ringenden Leben sowohl 
wie jeder einzelnen großen Tat hindernd in den Weg tritt, der das Gift 
der Schwäche und des Alters durch meuchlerischen Schlangenbiß 
in unseren Körper bringt; er ist alles Zurückstrebende, und da uns 
erste Welt, das Modell der Welt, die Mutter ist, so geht alles Bück- 
streben zur Mutter und verkleidet sich deshalb unter dem Bilde des 
Inzestes. 

In diesen beiden Bildern hat der Dichter in mythologischen 
Symbolen die aus der Mutter quellende und die zur Mutter zurück- 
strebende Libido dargestellt. 

Im XV. Gesang wird geschildert, wie Chibiabos, Hiawathas 
bester Freund, der liebenswürdige Spieler und Sänger, die Verkörperung 
der Lebensfreude, von den bösen Geistern in den Hinterhalt gelockt, 
mit dem Eis einbricht und ertrinkt. Hiawatha beklagt ihn solange, 
bis es mit Hilfe der Zauberer gelingt, ihn wieder zurückzurufen. Aber 
der Wiederbelebte ist bloß ein Geist und er wird Herr des Geisterlandes. 
(Osiris Herr der Unterwelt, die beiden Dioskuren.) Es folgen wieder 
Kämpfe und da7in kommt der Verlust eines zweiten Freundes, Kwasind, 
der Verkörperung der Leibeskraft. 

Im XX. Gesang kommt die Hungersnot und der Tod der Minne- 
haha, angekündigt durch zwei schweigsame Gäste aus dem Totenland ; 
und im XXII. Gesang bereitet sich Hiawatha zur endgültigen Fahrt 
nach dem Westland: 

,,J am going, Nokomis, 

On a long and distant journey 

To the portals of the Sunset, 

To the regions of the home-wind, 

Of the Northwestwind, Keewaydin." 

„One long track and trail of splendor, 
Down whose stream, as down a river, 
Westward, westward, Hiawatha 
Sailed into the fiery sunset, 
Sailed into the purple vapors, 
Saüed into the dusk of evening." 

„Thus departed Hiawatha, 

Hiawatha the Beloved, 

In the glory of the sunset, 

In the purple mists of evening, 

To the regions of the home-wind, 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycliopathol. Forschungen. IV. ^ a 



386 ('. G. Jung. 

Of the North westwind, Keewaydin, 
To the Islands of the Blcssed, 
To the kingdom of Poncmab, 
To the land of the Hercafter!" 

Ans der Umarmung und Umsehlingung, dorn einhüllenden Schöße 
des Meeres, entreißt sieh die Sonne, siegreich emporsteigend, und sinkt, 
die Mittagshöhe und all ihr glorreiches Werk hinter sich lassend, wieder 
ins mütterliche Meer, in die alles verhüllende und alles wiedergebärende 
Nacht. Dieses Bild war das erste, das tiefste Berechtigung hat, zum 
symbolischen Träger menschlichen Schicksals zu werden: Am Morgen 
des Lebens reißt sich der Mensch schmerzvoll los von der Mutter, dem 
heimatlichen Herde, um kämpfend zu seiner Höhe emporzusteigen, 
seinen schlimmsten Feind nicht vor sich sehend, sondern in sich tragend, 
jene tötliche Sehnsucht nach dem eigenen Abgrund, nach dem Er- 
trinken in der eigenen Quelle, nach der Verschlingung in die Mutter. 
Sein Leben ist ein beständiges Ringen mit dem Tode, eine gewaltsame 
und vorübergehende Befreiung von der stets lauernden Nacht. Dieser 
Tod ist kein äußerer Feind, sondern ein eigenes und inneres Sehnen nach 
der Stille und der tiefen Ruhe des Nichtseins, dem traumlosen Schlafe 
im Meere des Werdens und Vergehens. Selbst in seinem höchsten 
Streben nach Harmonie und Ausgeglichenheit, nach philosophischer 
Vertiefung und künstlerischer „Ergriffenheit" sucht er den Tod, die 
Bewegungslosigkeit, die Sättigung und die Ruhe. Verweilt er wie 
Peirithcos zu lange an diese Stätte der Ruhe und des Friedens, so 
faßt ihn Erstarrung und das Gift der Schlange hat ihn für immer 
gelähmt. Soll er leben, so hat er zu kämpfen und seine Sehnsucht 
nach Rückwärts zu opfern, um zu seiner eigenen Höhe emporzu- 
steigen. Und ist er zur Mittagshöhe gekommen, so hat er auch die 
Liebe zu seiner eigenen Höhe zu opfern, denn es darf für ihn 
kein Verweilen geben. Auch die Sonne opfert ihre größte Kraft, um 
vorwärts zu eilen zu den Früchten der Herbstes, welche Samen der 
Unsterblichkeit sind; in Kindern, in Werken, in Nachruhm, in einer 
neuen Ordnung der Dinge, die ihrerseits wieder den Sonnenlauf be- 
ginnen und vollenden. 

Der „Song of Hiawatha" enthält, wie diese Ausführungen zeigen, 
ein Material, das sehr geeignet ist, die Fülle uralter Symbolmöglichkeiten, 
die der menschliche Geist beherbergt, in Fluß zu bringen und zu mytho- 
logischer Gestaltenbildung anzuregen. Immer enthalten die Produkte 
aber die gleichen alten Menschheitsprobleme, die immer wieder in 



Wandlungen und Symbole der Libido. 387 

neuen Symbolverkleidungen aus der Schattenwelt des Unbewußten 
emporsteigen. So wird Miß Miller durch die Sehnsucht Chiwantopels 
an einen andern Sagenkreis erinnert, welcher in der Form des Wagner- 
schen Siegfried auf die Bühne kam. Es ist besonders die Stelle des 
Monologs von Chiwantopel, wo er ausruft: „Es ist nicht eine, die mich 
versteht, die mir ähnlich wäre oder die eine Seele besäße, Schwester 
meiner Seele." Miller erwähnt, daß der Gefühlston dieser Stelle die 
größte Analogie hätte mit den Gefühlen, die Siegfried für Brünhilde 
empfindet. 

Diese Analogie veranlaßt uns, einen Blick auf die Siegfriedsage, 
besonders auf die Beziehung von Siegfried zu Brünhilde zu werfen. 
Bekannte Tatsache ist, daß Brünhilde, die Walküre, die (inzestuöse) 
Geburt des Siegfried begünstigt. Während Sieglinde die menschliche 
Mutter ist, ist Brünhilde in der Rolle der ,, Geistmutter" (Mutterimago,) 
aber nicht verfolgend wie Hera gegenüber Herakles, sondern hilfreich. 
Diese Sünde, an der sie durch ihre Hilfe mitschuldig wird, ist auch 
der Grund zur Verstoßung durch Wotan. Die besondere Geburt des 
Siegfried aus der Schwestergattin kennzeichnet ihn als den Horus, 
als die wiedergeborne Sonne, eine Reinkarnation des abtretenden 
Osiris-Wotan. Die Geburt der jungen Sonne, des Heros, erfolgt zwar 
aus Menschen, die aber bloß die menschlichen Träger kosmischer Sym- 
bole sind. So wird die Geburt von der Geistmutter (Hera, Lilith) 
beschützt; sie sendet Sieglinde mit dem Kinde im Schoß (Marias Flucht) 
auf die „Nachtmeerfahrt" nach Osten": 

„Fort denn, eile 
Nach Osten gewandt! 



Den hehrsten Helden der Welt 

Hegst du, o Weib, 

Im schirmenden Schoß!" — 



Das Zerstückelungsmotiv findet sich im zerstückelten Schwert 
Siegmunds wieder, welches für Siegfried aufbewahrt wird. Aus der 
Zerstückelung setzt sich das Leben wieder zusammen. (Medea wunder.) 
Wie ein Schmied die Stücke aneinander fügt, so wird der zerstückelte 
Tote wieder zusammengesetzt. (Dieses Gleichnis findet sich auch im 
Timaios des Pia ton: Die Weltteile sind mit Stiften aneinander- 
geheftet.) Rigveda 10, 72 (Deussen) ist auch der Weltschöpfer Brahma- 
uaspati ein Schmied: 

25* 



388 C. G. Jung. 

,, Zusammen schweißte diese Welt 
Als Grobschmied Bralimanaspati — ." 

Das Schwert bat die Bedeutung der phänischen Sonnenkraft, 
daher aus dem Munde des apokalyptischen Christos ein Schwert geht, 
nämlich das zeugende Feuer, die Rede, oder der zeugende Logos. Im 
Rigveda ist Bralimanaspati auch das Gebetswort 1 ), dem vorweltliche, 
schöpferische Bedeutung zukommt. Rigveda 10, 31 (Deussen): 

„Und dies Gebet des Sängers, aus sich breitend, 
Ward eine Kuh, die vor der Welt schon da war; 
In dieses Gottes Schoß zusammen wohnend, 
Pfleglinge gleicher Hegung sind die Götter." 

Der Logos wird zur Kuh, d. h. zur Mutter, die schwanger ist mit 
den Göttern. (In christlichen, nicht kanonischen Phantasien, wo der 
Hl. Geist weibliche Bedeutung hat, haben wir das bekannte Zweimütter- 
motiv, die irdische Mutter Maria und die Geistmutter, den Hl. Geist.) 
Die Verwandlung des Logos in die Mutter hat insofern nichts Wunder- 
bares an sich, als der Ursprung des Phänomens Feuer-Rede ja die Mutter- 
libido zu sein scheint nach den Erörterungen der früheren Kapitel. 
Das Geistige ist die Mutterlibido. Die Bedeutung des Schwertes 
ist wohl mitdeterminiert durch die Schärfe im Sanskritbegriff tejas, 
wie oben gezeigt, in seiner Verbindung mit dem Libidobegriff. Das 
Verfolgungsmotiv (die verfolgte Sieglinde analog der Leto) ist hier 
nicht an die Geistmutter geknüpft, sondern an Wotan, also entsprechend 
der Linossage, wo auch der Vater des Weibes der Verfolger ist. Wotan 
ist auch der Vater Brünhildes. Brünhilde steht in einem eigenartigen 
Verhältnis zu Wotan. (Walk. S. 36 ed. Burg hold) sagt Brünhilde 

zu Wotan: 

„Zu Wotans Willen sprichst du, 
Sagst du mir, was du willst. 
Wer — bin ich, 
War' ich dein Wüle nicht?" 
Wotan: — Mit mir nur rat ich, 
Red ich mit dir " 

Brünhilde ist also etwa zu vergleichen dem „Engel des Antlitzes", 
jenem von Gott ausgehenden schöpferischen Willen oder Wort 2 ), eben 



x ) Vgl. Deussen: Geschichte der Philosophie, Bd. I, S. 14 f. 

2 ) Ein Analogon ist Zeus und Athene. Rigveda, 10, 31, wird das Gebets- 
wort zur trächtigen Kuh. Im Persischen ist es das „Auge Ahura's"; babylonisch 
Nabu: das Schicksals wort; persisch vohu niano: der gute Gedanke des Schöpfer- 



Wandlungen und Symbole der Libido. 389 

dem Logos, der zum gebärenden Weibe wird. Der Gott schafft durch 
das "Wort die Welt, cl. h. seine Mutter, das Weib, das ihn wiedergebären 
wird. (Er legt sein eigenes Ei.) Diese seltsame Vorstellung scheint mir 
dadurch erklärt werden zu können, daß man annimmt, daß die in die 
Rede (das Denken) überfließende Libido noch in außerordentlichem 
Maße ihren Sexualcharakter bewahrt hat (infolge der ihr innewoh- 
wohnenden Inertie). Auf diese Weise hatte nun das „Wort" alles das 
auszuführen und zu erfüllen, was dem Sexualwunsch versagt blieb, 
nämlich das Zurückgehen in die Mutter, um ewige Dauer zu erlangen. 
Das „Wort" erfüllt diesen Wunsch, indem es selber zur Tochter, zum 
Weibe wird, zu der Mutter des Gottes, die ihn wiedergebärt 1 ). 

Dieses Bild schwebt Wagner entschieden vor (Walk. S. 73 ed. 
Burghold): 

Klage Wotans über Brünhilde : 

„Keine wie sie 

Kannte mein innerstes Sinnen; 

Keine wie sie 

Wußte den Quell meines Willens; 

Sie selbst war 

Meines Wunsches schaffender Schoß; 

Und so nun brach sie 

Den seligen Bund — !" 

gottes; stoisch ist Hermes der Logos oder die Weltvernunft; alexandrinisch die 
Zo(pla, alttestamentlich der „Engel Jahwes" oder das „Angesicht" Gottes. Mit 
diesem Engel rang Jakob während der Nacht an der Furt des Jabbok, nach- 
dem er mit allem, was er besaß, das Wasser überschritten hatte. (Nacht- 
meerfahrt, Kampf mit der Naehtsehlange, Kampf an der Furt wie Hiawatha.) 
Bei diesem Kampfe verrenkte sieh Jakob die Hüfte. (Motiv des Armausdrehens ! 
Kastration wegen Mutterüberwältigung.) Dieses „Antlitz" Gottes wird in der 
rabbinisehen Philosophie dem mystischen Metatron, dem Fürsten des An- 
gesichtes (Jos. 5, 14), gleichgesetzt, der „die Gebete vor Gott bringt" und „in 
dem der Name Gottes ist". Die Naassener (Ophiten) nannten den Hl. Geist 
das „erste Wort", die „Mutter aller Lebendigen"; die Valentinianer faßten die 
niedersteigende Taube des Pneuma als das „Wort der Mutter von oben, der 
Sophia". (Drews: Christ. M. I, S. 16, 22, 80.) Assyrisch hat Gibil, der Feuer- 
gott die Logosrolle. (Tiele: Assyr. Gesch.) Bei Ephrem, dem syrischen Hymnen- 
dichter, sagt Johannes der Täufer zu Christus: „Ein Funke Feuer in der Luft 
wartet deiner über dem Jordan. Wenn du ihm folgst und getauft sein willst, so 
übernimm du selbst, dich abzuwaschen, denn wer vermag brennendes Feuer mit 
den Händen anzufassen? Du, der ganz Feuer ist, erbarme dich meiner!" 
(Usener: Pvehgionsgeschichtliche Untersuchungen, 1,64. Zitiert Drews: 1. c, S. 81.) 
J ) Vielleicht stammt die große Bedeutung des Namens von dieser Phan- 
tasie ab. 



390 C. G. Jung. 

Die Sünde Briiiüiildens ist die Begünstigung Siegmunds, dahinter 
lieft aber der Inzest; dieser ist in das Bruder-SchwesterverhältnLs 
von Sie»mund und Sieglinde projiziert: in Wirklichkeit und archaisch 
ausgedrückt ist Wotan, der Vater, in seine selbstgeschaffene Tochter 
eingegangen, um sich zu verjüngen. Diese Tatsache muß selbstver- 
ständlich verschleiert werden. Mit Recht aber ist Wotan über Brün- 
hilde empört, denn sie hat die Isisrolle übernommen und durch die Ge- 
burt des Sohnes dem Alten die Macht ans der Hand gewunden. Den 
ersten Anfall der Todesschlange in Gestalt des Sohnes, Siegmund, 
hat Wotan abgeschlagen und Siegmunds Schwert zerbrochen, aber 
Siegmund erhebt sich wieder im Enkel. Und zu diesem unvermeidlichen 
Verhängnis hilft immer das Weib ; daher der Zorn des Wotan. 

Bei Siegfrieds Geburt stirbt Sieglinde, wie sich 's gebührt. Die 
Pflegemutter 1 ) ist nun allerdings kein Weib (anscheinend), sondern ein 
chthonischer Gott, ein krüppelhafter Zwerg, der zu jenem Geschlecht 
gehört, das der Liebe entsagt 2 ). Der Unter weltsgott der Ägypter, der 
verkrüppelte Schatten des Osiris (der eine traurige Auferstehung im 
geschlechtslosen Halbaffen Harpokrates feierte), ist der Erzieher des 
Horus, der den Tod seines Vaters zu rächen hat. 

Unterdessen schläft Brünliilde den zauberischen Schlaf nach 
dem Hierosgamos auf dem Berge, wo Wotan sie mit dem Schlaf- 
dorn (Edda) in Schlaf versenkt hat 3 ), umbrannt von Wotans Feuer 



a ) Bei Grimm ist die Sage erwähnt, daß Siegfried von einer Hirschkuh 
(vgl. Hiawathas erste Tat) gesäugt wurde. 

2 ) Vgl. Grimm, Myth., T, S. 314 f. Mime oder Mimir ist eiu riesiges Wesen 
von großer Weisheit, ein „älterer Naturgott", mit dem die Äsen umgehen. 
Spätere Fabeln machen aus ihm einen Waldgeist und kunstreichen Schmied 
(nächste Beziehung zu Wieland). Wie Wotan sich bei der weisen Frau Rates 
erholt (vgl. die oben erwähnte Stelle aus Julius Cäsar über die germanischen 
Matronen), so geht Odin zum Brunnen Mimirs, in dem Weisheit und kluger 
Sinn verborgen liegt, zur Geistmutter (Mutterimago). Er begehrt dort eines 
Trankes (Unsterblichkeitstrank), den er aber nicht eher empfängt, als bis er sein 
Auge dem Brunnen opfert (Sonnentod im Meer). Der Brunnen Mimirs weist 
unzweideutig auf die Mutterbedeutung Mimirs hin. So besitzt Mimir Odins 
anderes Auge. In Mimir verdichtet sich Mutter (weiser Riese) und Embryo 
(Zwerg, unterirdische Sonne, Harpokrates); zugleich ist er als Mutter die Quelle 
der Weisheit und Kunst. („Mutterimago" kann daher unter Umständen auch als 
„Phantasie" übersetzt werden.) 

3 ) Auch bei der homerischen Hierosgamosfeier sitzt der zauberische Schlaf 
dabei. (Vgl. oben.) 



Wandlungen und Symbole der Libido. 391 

(= Libido 1 ), das jedem den Zutritt wehrt. Mime wird aber zum Feind 
Siegfrieds und wünscht ihm den Tod durch Fafner. Hier enthüllt sich 
die dynamische Natur Mimes: er ist. ein männlicher Repräsentant der 
furchtbaren Mutter, also doch auch eine Pflegemutter dämonischer 
Natur, die ihrem Sohne (Horus) den giftigen Wurm (Typhon) in den 
Weg legt. Siegfrieds Sehnsucht nach der Mutter treibt ihn fort von 
Mime, und seine Wanderschaft beginnt bei der Todesmutter und führt 
durch Überwindung der furchtbaren 2 ) Mutter zum Weibe. 
Siegfried S. 55, ed. Burghold. 

Siegfried: „Fort mit dem Alp! 

Ich mag ihn nicht mehr seh'n. 

Aber wie sah meine Mutter wohl aus? 

Das kann ich nun gar nicht mir denken! — 

Der Rehhindin gleich 

Glänzten gewiß 

Ihr hellschimmernde Augen.'" — 

Siegfried will sich trennen vom ,,Alp", der ihm Mutter war in der 
Vergangenheit, und tastet vorwärts mit der Sehnsucht, die der Mutter 
gilt. Auch für ihn gewinnt die Natur eine versteckte mütterliche Be- 
deutung (,, Rehhindin"), auch er entdeckt in den Tönen der Natur eine 
Ahnung der Mutterstimme und Muttersprache: 1. c. S. 56. 



x ) Dies ist belegt durch die Worte Siegfrieds: 

,, Durch brennendes Feuer 

fuhr ich zu dir; 

nicht Brünne, noch Panzer 

barg meinen Leib: 

nun brach die Lohe 

mir in die Brust; 

es braust mein Blut 

in blühender Brunst; 

ein zehrendes Feuer 

ist mir entzündet." 

2 ) Der Höhlendrache ist die furchtbare Mutter, öfter erscheint in der 
deutschen Sage die zu erlösende Jungfrau als Schlange oder Drache und muß 
in dieser Gestalt geküßt werden, dadurch verwandelt sich der Drache in ein schönes 
Weib. Gewissen weisen Frauen wird ein Fisch- oder Schlangenschwanz beigelegt. 
In den „goldenen Berg" war eine Königstochter als Schlange verwünscht. Im 
Oselberg bei Dinkelsbühl haust eine Schlaufe mit Frauenkopf und Schlüsselbund 
am Halse. (Grimm, II, IV, S. S09 f.) 



392 C. G. Jung. 

Siegfried: ,,Du holdes Vöglein ! 

Dich hört ich wohl nie; 

Bist du im "Wald hier daheim? — 

Verstund ich sein süßes Stammeln! 

Gewiß sagt es mir was — 

Vielleicht — von der Hoben Mutter?" — 

Dieser Psychologie sind wir bereits bei Hiawatha begegnet. 
Durch seine Zwiesprache mit dem Vogel (Vogel ein Bild des Wunsches, 
der beflügelten Sehnsucht, wie Wind und Pfeil) lockt sich Siegfried aber 
Faf ner aus der Höhle. Seine Wünsche kehrten zurück nach der Mutter 
und der chthonische Dämon, der höhlenbewohnende Waldschrecken, 
kommt hervor. Faf ner ist der Schatzhüter, in seiner Höhle liegt der Hort, 
die Quelle des Lebens und der Macht. Die Mutter besitzt die Libido des 
Sohnes und neidisch bewacht sie sie. In psychologische Sprache über- 
setzt, heißt es: Die positive Übertragung gelingt nur durch Ablösung 
der Libido von der Mutterimago, dem inzestuösen Objekt überhaupt. 
Auf diese Weise allein gewinnt man seine Libido, den unermeßlichen 
Schatz und dazu bedarf es eines gewaltigen Kampfes, des ganzen An- 
passungskampfes 1 ). Den Gewinn dieses Kampfes mit Fafner hat die 
Siegfriedsage reichlich ausgemalt: Nach der Edda ißt Siegfried Fafners 
Herz, den Sitz des Lebens. Er gewinnt die Tarnkappe, durch deren Zauber 
sich Alberich in eine Schlange verwandelt hat. Das deutet auf das 
Häutungsmotiv, die Verjüngung. Mit der Tarnkappe kann man bewirken, 
daß man verschwindet und sich verwandelt. Das Verschwinden bezieht 
sich wohl auf Sterben und das unsichtbare Zugegensein wohl auf die 
unsichtbare Gegenwart im Mutterleib. Eine glückverheißende Kappe 
ist auch die Amnionhülle, die das Neugeborene gelegentlich über dem 
Kopf trägt („Glückshaube"). Außerdem trinkt Siegfried das Drachen- 
blut, wodurch er die Vogelsprache versteht und so in eine eigenartige 
Beziehung zur Natur, in eine durch Wissen beherrschende Stellung 
kommt. Auch gewinnt er nicht zuletzt den Hort. 

Hort ist ein mittel- und althochdeutsches Wort mit der Be- 
deutung von „gesammelter und verwahrter Schatz", got. huzd, altnord. 
hodd, germ. hozda, aus vorgerm. kuzdhö — für kudtho — das Ver- 

!) Faust (II. Teil): 

„Doch im Erstarren such ich nicht mein Heil, 
Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil; 
Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteurc, 
Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 393 

borgene. Kluge 1 ) stellt dazu gr.xev&co, exvOov = bergen, verbergen, 
ebenso Hütte, (Hut, hüten, engl, hide), germ. Wurzel hud aus idg. 
kutli (fraglich) zu xevd oo undxvo&og, Höhlung, weibliche Scham. Auch 
Prell witz 2 ) stellt goth. huzd, angels. hyde, engl, hide und Hort zu 
xevOco. Whitley Stokes 3 ) stellt engl, hide, ags. hydan, nhd. Hütte, 
lat. cüdo = Helm, sanskr. kuhara (Höhle?) zu urkelt. koudo = Ver- 
heb, hing, lat. occultatio. 

Die Vermutung von Kluge wird zunächst auch von anderer Seite 
gestützt, nämlich von der Seite des urtümlichen Bildes: 

„Es bestand in Athen 4 ) ein heiliger Raum (ein Temenos) der Ge 
mit dem Beinamen Olympia. Hier ist der Boden etwa eine Elle breit gerissen; 
und sie erzählen, nach der Überschwemmung zur Zeit des Deukalion sei 
hier das Wasser abgeflossen; und sie werfen jährlich in den Spalt mit Honig 
geknetetes Weizenmehl." 

Wir haben bereits oben erwähnt, daß bei den Arrhetophorien 
Gebäck in Form von Schlangen und Phallen in einen Erdschlund 
geworfen wird. Wir erwähnten dies im Zusammenhang von Erd- 
befruchtungszeremonien. Die Opferung in den Erdspalt haben wir 
schon bei den Watschandies gestreift. Die Todesflut hat sich be- 
zeichnenderweise in den Erdspalt, also wieder in die Mutter verlaufen, 
denn aus der Mutter ist das allgemeine große Sterben einstmals ge- 
kommen. Die Sintflut ist das bloße Gegenstück des allbelebenden 
und gebärenden Wassers: 'Qxeavov, ög tteq yeveoig ndvxeooi xhvxxai 
(II. XIV, 246). Man opfert der Mutter den Honigkuchen, damit sie uns 
mit dem Tode verschone. So wurde auch in Rom jährlich ein Geld- 
opfer in den lacus Curtius geworfen, in den ehemaligen Erdschlund, 
der nur durch den Opfertod des Curtius geschlossen werden konnte. 
Curtius war der typische Held, der zur Unterwelt gefahren ist, um 
die aus der Öffnung des Erdschlundes den römischen Staat bedrohende 
Gefahr zu überwinden. (Kaineus, Amphiaraos.) Im Amphiaraion von 
Oropos warfen die durch Tempelinkubation Geheilten ihre Geldspende 
in die heilige Quelle, von der Pausanias (I, 34, 4) sagt: 

„Wenn aber jemand durch einen Orakelspruch von einer Krankheit 
geheilt ist, dann ist es üblich, eine silberne oder goldene Münze in die Quelle 
zu werfen; denn hier soll Amphiaraos schon als Gott emporgestiegen sein." 

*) Ktymol. Wörterbuch der deutschen Sprache, s. Hort. 

2 ) Griechische Etymologie, siehe nevdco. 

3 ) Urkcltiseher Sprachschatz. Fick II. 
*) Pausanias: I, 18, 7. 



394 C. G. Jung. 

Vermutlich ist diese oropische Quelle auch der Ort seiner Kata- 
basis. Hadescingänge gab es im Altertum mehrere. So fand sich bei 
Eleusis ein Schlund, durch den Aidoncus herauf- und herunterfuhr, 
als er Köre raubte. (Drache und Jungfrau : die Libido vom Widerstand 
überwältigt, Leben durch den Tod ersetzt.) Es gab Felsschluchten, durch 
die die Seelen zur Oberwelt emporsteigen konnten. Hinter dem Tempel 
der Chthonia in Hermione lag ein heiliger Bezirk des Pluton mit einer 
Schlucht, durch die Herakles den Kerberos heraufgebracht hatte, 
ebenso befand sich dort ein „Acherusischer" See 1 ). Diese Schlucht 
ist also der Eingang zu der Stätte, wo der Tod überwunden wird. Der 
See gehört dazu als ein weiteres Muttersymbol, denn Symbole kommen 
meist gehäuft vor, da sie Surrogate sind, deshalb nicht diejenige 
Sättigung des Begehrens mit sich führen, welche die Realität gewährte, 
daher der nicht befriedigte Libidorest noch weitere Symbolauslässe 
suchen muß. Die Schlucht am Areopag in Athen galt als Sitz der Unter- 
irdischen 2 ). Auf ähnliche Vorstellungen weist eine alte griechische Sitte 
hin 3 ): Die Mädchen wurden zur Jungfrauenprobe in eine Höhle ge- 
schickt, wo eine giftige Schlange hauste. Wurden sie von der Schlange 
gebissen, so war das ein Zeichen, daß sie nicht mehr keusch waren. 
Dasselbe Motiv finden wir wieder in der aus dem Ende des V. Jahr- 
hunderts stammenden römischen St. Silvesterlegende: 

„Erat draco immanissimus in monte Tarpeio, in quo est Capitolium 
collocatum. Ad hunc draconem per CCCLXV gradus, quasi ad infernum, 
magi cum virginibus sacrüegis descendebant semel in mense cum sacri- 
fieiis et lustris, ex quibus esca poterat tanto draconi inferri. Hie draco subito 
ex improviso ascendebat et licet non egrederetur vicinos tarnen aeres 
flatu suo vitiabat. Ex quo mortalitas hominum et maxima luctus de morte 
veniebat infantum. (Lilithmotiv.) Sanctus itaque Silvester cum haberet 
cum paganis pro defensione veritatis conflicturn, ad hoc venit ut dicerent 
ei pagani: „Silvester descende ad draconem et fac eum in nomine Dei 
tui vel uno anno ab interfectione generis humani cessare" 4 ). — 

St. Peter erschien dem Silvester im Traum und riet ihm, dieses 
Tor der Unterwelt mit Ketten zu schließen, nach dem apokalyptischen 
Vorbild : 



*) Rohde: Psyche, IV. Aufl., Bd., I, S. 214. 
s ) Rohde: Psyche, Bd. I, S. 214. 

3 ) J. Maehly: Die Sehlange ira Mythus und Kultus der klassischen 
Völker, 1867. 

4 ) Duchesne: Lib. pontifical., I, S. CIX. Zitiert Cumont: Text, et Mon., 
T, I, S. 351. 



Wandlungen und Symbole der Libido. 39o 

„Und ich sah einen Engel kerabkonimen vom Himmel, mit dem 
Schlüssel des Abgrundes und einer großen Kette auf seiner Hand. Und er 
griff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und Satan, und band 
ihn auf tausend Jahre, und warf ihn in den Abgrund, und schloß zu und 
legte Siegel darauf 1 )." 

Aus dem Anfang des V. Jahrhunderts erwähnt der anonyme 
Autor einer Schrift ,,de promissionibus" 2 ) folgende sehr ähnliche 
Legende : 

,,Apud urbem Romain specus quidam fuit in quo draco mirae raagui- 
tudinis mechanica arte formatus, gladium ore gestans 3 ), oculis ruti- 
lantibus gemmis* 1 ) metuendus ac terribilis apparebat. Hinc annuae devotae 
virgines floribus exornatae, co modo in sacrificio dabantur, quatenus 
inscias munera deferentes gradum scalao, quo certe ille arte diaboli draco 
pendebat, contingentes impetus venientis gladii perimeret, ut sanguinem 
funderet innocentem. Et hunc quidam monachus, bene ob meritum cognitus 
Stiliconi timc patricio, eo modo subvertit; baculo, manu, singulos gradus 
palpandos inspiciens, statim ut illum tangens fraudem diabolicam repperit, 
eo transgresso descendens, draconem seidit, misitque in partes; ostendens 
et hie deos non esse qui manu fiunt." 

Der den Drachen bekämpfende Held hat vieles mit 
dem Drachen gemeinsam, respektive er übernimmt Eigentüm- 
lichkeiten von ihm, z. B. die Unverwundbarkeit. Wie die Fußnoten 
zeigen, geht die Ähnlichkeit noch weiter (funkelnde Augen, Schwert 
im Munde). Als Psyehologem übersetzt, ist der Drache auch nur die 
nach der Mutter strebende verdrängte Libido des Sohnes, also sozu- 
sagen der Sohn selber. So ist der Sohn der Draehe, wie auch Christus 
sich selbst mit der Schlange identifiziert, die einstmals — similia simili- 
bus — , die Schlangennot in der Wüste bekämpft hat. (Joli. 3, 14.) Als! 



1 ) Apokal, 20, 1 ff. 

2 ) Zitiert Cuinont: Text, et Mon., t., I, S. 351. 

3 ) Wie sein Gegenstück, der apokalyptische „Mensehensohn", aus dessen 
Munde ein „scharfes zweischneidiges Schwert" geht. Apokal, 1, 16. Vgl. Christus 
als Schlange und der die Völker verführende Antichrist. (Vgl. dazu Apokal, 20, 3.) 
Demselben Motiv des bewehrten Drachens, der die Weiber ersticht, begegnen 
wir in einer Mythe des Oysterbaistamrnes auf Vandiemcnsland: „Ein Stachelroehe 
lag in der Höhlung eines Felsens, ein großer Stachelroehe ! Der Stachelroehe 
war groß, er hatte einen sehr langen Speer. Aus seinem Loche erspähte er die 
Frauen, er sah sie tauchen; er durchbohrte sie mit seinem Spieß, er tötete sie, 
er brachte sie weg. Eine Zeitlang waren sie nicht mehr zu sehen." — Das Un- 
geheuer wurde dann von den beiden Helden getötet. Sie machten Feuer (!) und 
belebten die Frauen wieder. (Zitiert bei Frobenius: 1. e., S. 77.) 

4 ) Die Augen des Mensehcnsohncs sind wie Eeuerflamme". Apokal, I, 15. 



39G 0. G. Jung. 

Schlange soll er ans Kreuz geschlagen werden, d. h. als zur 
Mutter Zurückstrebender soll er an der Mutter hängend 
sterben. Christus und der Drache des Antichristen haben ja nächste 
Berührung in der Geschichte ihres Auftretens und ihrer kosmischen 
Bedeutung. (Vgl. Bousset: Der Antichrist.) Die im Antichristmythus 
sich bergende Drachensagc gehört zum Leben des Helden und ist deshalb 
unsterblich. Nirgends in neueren Mythenformen sind die Gegensatz- 
paare so fühlbar einander nahe wie in Christ und Antichrist. (Ich ver- 
weise auf die bewundernswerte psychologische Schilderung dieses 
Problems in Mereschkowskis Roman: Leonardo da Vinci.) Daß 
der Drache nur künstlich sei, ist ein hilfreicher und köstlicher rationalisti- 
scher Einfall, der für jene Zeit bedeutungsvoll ist. Damit wurden die 
unheimlichen Götter wirksam banalisiert. Die schizophrenen Geistes- 
kranken bedienen sich gern dieses Mechanismus, um wirksame Per- 
sönlichkeiten zu depotenzieren, man hört öfter stereotype Klagen: 
„Es ist alles gespielt, alles künstlich, gemacht" usw. Ein Traum eines 
Schizophrenen ist sehr bezeichnend: Er sitzt in einem dunkeln Kaum, 
der nur ein einziges kleines Fenster hat, durch das er den Himmel 
sehen kann. Dort erscheinen Sonne und Mond, aber sie sind nur aus 
Ölpapier künstlich gemacht. (Ableugnung der deletären Inzestein- 
flüsse.) 

Der Abstieg von 365 Stufen weist auf einen Sonnenlauf, also 
wiederum auf die Höhle des Todes und der Wiedergeburt hin. Daß 
diese Höhle tatsächlich in Beziehung zur unterirdischen Todesmutter 
steht, dürfte aus einer Notiz bei Mala las, dem Historiker von An- 
tiochia 1 ), hervorgehen, welcher berichtet, daß Diocletian dort eine 
Krypte der Hekate geweiht habe, zu der man auf 365 Stufen hinab- 
stieg. Auch in Samothrake scheinen ihr Höhlenmysterien gefeiert worden 
zu sein. Ebenso spielte im Dienste der Hekate die Schlange als regel- 
mäßiges Symbolattribut eine große Holle. Die Hekatemysterien blühten 
in Rom gegen das Ende des IV. Jahrhunderts, so daß sich die beiden 
obigen Legenden wohl auf ihren Kult beziehen könnten. Hekate 2 ) 
ist eine richtige gespenstische Nacht- und Spukgöttin, ein Mar; sie 
wird auch reitend dargestellt und gilt bei Hesiod als Patronin der 
Reiter. Sie sendet das scheußliche nächtliche Angstgespenst, die 
Empusa, von der Aristophanes sagt, sie erschiene in eine blut- 



1 ) Zitiert Cumont: Text, et Mon., I, S. 352. 

2 ) Vgl. Röscher: Lex. I, 2, 1885 ff. 



"Wandlungen und Symbole der Libido. 397 

geschwellte Blase gehüllt. Nach Libanius hieß auch die Mutter 
des Aischines Empusa, und zwar darum, weil sie ex oxoxeivöv 
tÖttcüv xolg Ttaiolv xal xciig yvvai^lv ü)Q/uäxo. Empusa hat, wie 
Hekate, sonderbare Füße: ein Fuß besteht aus Erz, der andere 
aus Eselsmist. Hekate hat Schlangenfüße, was, wie die der Hekate 
zugeschriebene Dreigestalt, auf ihre (auch) phallische Libidonatur 
hindeutet 1 ). In Tralles kommt Hekate neben Priapos vor, auch 
gibt es eine Hekate Aphrodisias. Ihre Symbole sind Schlüssel 2 ), Geißel 3 ), 
Schlange 4 ), Dolch 5 ) und Fackel 6 ). Als der Todesmutter sind ihr 
Hunde beigegeben, deren Bedeutung wir oben ausführlich erörtert 
haben. Als Türhüterin des Hades, als Hundegöttin von dreifacher 
Gestalt ist sie eigentlich mit Kerberos identisch. So bringt Herakles 
in Kerberos die Todesmutter überwältigt zur Oberwelt empor. Als 
die Geistmutter (Mond !) sendet sie auch den Wahnsinn, die Mondsucht. 
(Diese mythische Bemerkung sagt aus, daß die ,, Mutter" den Wahn- 
sinn sende; weitaus die meisten Geisteskrankheiten bestehen auch 
tatsächlich in der Domination des Individuums durch Materialien 
der Inzestphantasie.) In ihren Mysterien wurde eine Rute, XevxöcpvMos 
genannt, gebrochen. Diese Rute schützt die Reinheit der Jungfrauen 
und macht den wahnsinnig, der die Pflanze berührte. Wir erkennen 
darin das Motiv des heiligen Baumes, der als Mutter nicht berührt 
werden durfte (was nur ein Wahnsinniger sich erlauben dürfte). Als 
Alp erscheint Hekate in der Form der Empusa in einer Vampyrrolle 
oder als Lamia, als Menschenfresserin, etwa auch in jener schöneren 
Weise der ,, Braut von Korinth". Sie ist die Mutter alles Zaubers und 
aller Zauberinnen, die Schutzheilige der Medea, denn die Macht der 
furchtbaren Mutter ist magisch und unwiderstehlich (vom Unbewußten 

x ) Die Dreigestalt wird auch auf den Mond bezogen (zunehmender, voller 
und abnehmender Mond), jedoch sind dergleichen kosmische Beziehungen in 
erster Linie projizierte Metapsyehologie. 

2 ) Faust, II. Teil. Mütterszene: Der Schlüssel kommt der Hekate JtQodvocda 
zu als Türhüterin des Hades und psychopompiseher Gottheit. Vgl. Janus, 
Petrus und Aion. 

3 ) Attribut der furchtbaren Mutter: Ishtar hat ,,das Roß mit Stachel und 
Geißel gequält und zu Tode gemartert." (Jensen: Gilgamesh hepos, S. 18.) 
Auch Attribut des Helios. 

4 ) Phallisehes Angstsymbol. 

6 ) Tötende Waffe als Symbol des befruchtenden Phallus. 
6 ) Wird schon von Piaton als phallisches Symbol bezeugt, wie oben 
erwähnt. 



39S C. G. Jung. 

her wirkend). Im griechischen Synkretismus spielt sie eine bedeutende 
Rolle: Sie vermischt sieh mit Artemis, die auch den Beinamen ixdrt], 
die „ferntreffende" oder „nach ihrem Willen treffende" führt, worin 
wir wieder ihre überlegene Kraft erkennen. Artemis ist die Jägerin 
mit Hunden, und so wurde auch Hekate durch Vermischung 
mit ihr die xvvriyexixrj, die nächtliche wilde Jägerin. (Gott als Jäger 
vgl. oben.) Ihren Namen hat sie auch mit Apollo n gemeinsam (exarog, 
ixäsQyog). Vom Standpunkte der Libidotheorie aus ist diese Beziehung 
leicht verständlieh, indem Apollo einfach die mehr positive Seite des- 
selben Libidobetrages symbolisiert. Die Vermischung der Hekate 
mit Brimo als unterirdischer Mutter ist verständlich, ebenso mit Perse- 
phone und Khea, der uralten Allmutter. Aus der Mutterbedeutung 
verständlich ist auch die Vermischung mit llithyia, der Geburtshelferin. 
Hekate ist auch direkt Geburtsgöttin {xovQotQocpog), Mehrerin des 
Vielistandes und Hochzeitsgöttin. Orphisch tritt Hekate gar in den 
Mittelpunkt der Welt als Aphrodite und Gaia, sogar als Weltseele 
überhaupt. Auf einer Gemme 1 ) trägt sie auf dem Kopfe das Kreuz. 
Der Balken, an dem die Verbrecher gezüchtigt wurden, hieß ixaxr\. 
Thr war (als der römischen Trivia) der Dreiweg oder Seheide weg 
oder Kreuzweg geweiht. Und dort, wo die Wege sich spalten oder ver- 
einigen, wurden ihr Hundeopfer gebracht, dorthin warf man die Leichen 
der Hingeriehteten; das Opfer geschieht an der Vereinigungsstelle. 
(Vgl. oben.) Etymologisch ist auch Scheide (z. B. Schwertsoheide), 
Scheide als Wasserscheide und Scheide als Vagina mit scheiden 
([spalten] o%i£(o) dasselbe Wort. Die Bedeutung eines Opfers an dieser 
Stelle wäre also: der Mutter an der Vereinigungsstelle oder an der 
Spalte etwas darbieten. (Vgl. die Opfer an die ehthonischen Götter 
in den Erdspalten.) Unschwer sind der Temenos der Ge, der Erd- 
spalt und die Quelle als jene Pforten des Todes und Lebens aufzufassen 2 ), 
„an denen jeder gern vorüberschleicht" (Faust) und seinen Obolus 
oder seine ntlavoi dreinopfert, statt seines Leibes, wie Herakles den 



*) Arch. Zeitung, 1857, Tai 99. Zitiert Röscher, I, 2, Sp. 1909. 
2 ) Vgl. die Symbolik des Melker Marienliedes (XII. Jahrb..): 

„Sancta Maria, 
Verschloß ne Pforte 
Auf getan Gott's Worte — 
Brunnen versiegelter, 
Garten verriegelter, 
Pforte vom Paradies." 



Wandlungen und Symbole der Libido. 399 

Kerberos mit dem Honigkuchen beschwichtigte. (Vgl. auch die 
mythische Bedeutung des Hundes!) So war auch die Spalte von Delphi 
mit der Quelle Kastalia der Sitz des chthonisehen Drachen Python, 
der vom Sonnenhelden Apollo überwunden wurde. (Python hat, durch 
Hera gehetzt, die mit Apollo schwangere Leto verfolgt; sie aber gebar 
auf der bis anhin schwimmenden Insel Delos [„Naehtmeerfahrt"] ihr 
Kind, das später den Python erschlug, d. h. in ihm die Geistmutter 
überwand.) In Hierapolis (Edessa) war der Tempel über dem Erdspalt 
errichtet, in den sich die Sintflut verlaufen hat, und in Jerusalem 
bedeckte der Grundstein des Tempels die große Tiefe 1 ), wie auch 
christliche Kirchen nicht selten über Höhlen, Grotten, Quellen usw. 
errichtet sind. In der Mithrasgiotte 2 ) und all den anderen Höhlen- 
diensten bis zu den christlichen Katakomben, die ihre Bedeutung nicht 
den legendären Verfolgungen, sondern dem Totenkult verdanken 3 ), 
begegnen wir demselben Grundmotiv. Auch das Begraben der Toten 
im heiligen Bezirke (im ,, Totengarten ', in Kreuzgängen, Krypten usw.) 
ist die Zurückgabe an die Mutter mit der gewissen Auferstehungs- 
hoffnung, durch welche solehe Bestattung rechtmäßiger weise belohnt 
wird. Das Todestier, das in der Höhle haust, mußte früher durch 
Menschenopfer, später durch Naturalgaben beschwichtigt werden 4 ). 
Daher der attische Gebrauch den Toten die fiehrovzta mitgab zur 
Beschwichtigung des Höllenhundes, des dreiköpfigen Ungeheuers 

Dieselbe Symbolik im Erotischen: 

„Jungfräulen, soll ich mit euch gehn 
In euren Rosengarten, 
Dort, wo die. roten Röslein stehn, 
Die feinen und die zarten, 
Und auch ein Baum daneben, 
Der seine Läublein 'wiegt, 
Und auch ein kühler Brunnen, 
Der grad darunter liegt." 

*) Herzog: Aus dem Asklepieion von Kos. Archiv für Religionswissen- 
schaft, Bd. X, H. 2, S. 219 ff. 

2 ) Ein Mithrasheiligtum war, wenn irgend möglich, eine unterirdische 
Grotte, öfter wurde die Höhle auch bloß nachgeahmt. Es ist denkbar, daß die 
christlichen Krypten und Unterkirchen von ähnlicher Bedeutung sind. 

3 ) Vgl. Sehultzc: Die Katakomben, 1882, S. Off. 

*) In den Taurobolien wurde ein Stier über einer Grube geopfert, in 
welcher sich der Consccrand befand. Seine Initiation bestand darin, daß er vom 
Blute des Opfers übergössen wurde. Also eine Wiedererzeugung und Wieder- 
geburt, Taufe. Der Täufling hieß dann Renatus. 



400 C. G. Jung. 

am Tore der Unterwelt; eine jüngere Ablösung der Naturalmitgaben 
scheint der Obolus für den Charon zu sein, daher ihn Rolide als den 
zweiten Kerberos bezeichnete, entsprechend dem ägyptischen Hunds- 
gott Anubis 1 ). Hund und Unterweltschlange (Drache) sind ebenfalls 
identisch. Bei den Tragikern sind Erinnyen sowohl Schlangen wie 
Hunde; die Schlangen Tychon und Echidna sind Eltern der Schlangen: 
Hydra, des Hesperidendrachen und Gorgo und der Hunde: Kerberos, 
Orthros, Skylla 2 ). Schlangen und Hunde sind auch Schatzhüter. Der 
chthonische Gott war wohl immer eine in einer Höhle wohnende Schlange 
und wurde mit nelavoi gefüttert. In den Asklepieia der späteren Zeit 
waren die heiligen Schlangen wohl kaum mehr sichtbar, d. h. sie waren 
vielleicht nur noch figürlich vorhanden 3 ). Es war nur noch das Loch 
da, in dem die Schlange wohnen sollte. Dort wurden die neXavoi hinein- 
gelegt, später wurde dort der Obolus hineingeworfen. Die heilige Höhle 
im Tempel von Kos bestand in einer rechteckigen Grube, darauf lag 
ein steinerner Deckel mit einem viereckigen Loch; diese Einrichtung 
entspricht den Zwecken eines Thesaurus: Aus dem Schlangenloch 
war ein Geldeinwurf, ein „Opferstock" entstanden und aus der Höhle 
ein „Hort". Daß diese Entwicklung, die Herzog sehr schön durch- 
führt, mit den Funden trefflich übereinstimmt, zeigt ein Fund aus 
dem Tempel des Asklepios und der Hygieia in Ptolemais : 

„Es ist eine zusammengeringelte, den Hals hochaufrichtende Schlange 
von Granit. — In der Mitte der Windungen ist ein schmaler, durch den Ge- 
brauch abgeschliffener Schlitz, gerade groß genug, um eine Münze von 
höchstens 4 cm Durchmesser durchfallen zu lassen. An den Seiten sind Löcher 
für Griffe zum Heben des schweren Stückes, dessen untere Hälfte als Deckel 
zum Einsetzen gearbeitet ist." (Herzog 1. c, S. 212.) 

Die Schlange liegt jetzt als Hüter des Hortes auf dem Thesaurus. 
Die Angst vor dem Mutterschoß des Todes ist zur Hüterin des Leben