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Full text of "Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für Vaterländische Kultur"






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HARVARD UNIVERSITY. 




LIBRARY 

OF THK 
MUSEUM OF COMPARATIVE ZOÖLOGY. 



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An 

Zweiundaehtzigster 

Jahres -Bericht 



^ Schlesischen Gesellschaft 

für vateiiänilische Ciiltur. 



E n t li ii 1 t 



(leji Gpruralberlcht Aber die Arbeiten und Veränderungen 
der Gesellschaft 

im Jahre 1904. 






JJresliiu. 

i;. r. Ailrrliolz' liiiclilüUHllung. 

lOOf), 



H 



Zv/eiund achtzigster 

Jahres-Bericht 



Schlesischen Gesellschaft 

für vaterländische Cultur. 



Enthält 

den tteiieralbericht über die Arbeiten und Veränderungen 
der (jesellschaft 

im Jahre 1904. 



Breslau. 

G. P. Aderholz' Buchhandlung. 
1905. 



fr'C^ 



Inhalt des 83. Jahres -Berichtes. 

Seite 

Allgemeiner Bericht 

über die Verhältnisse und die Wirlssamkeit der Gesellschaft im Jahre 1904, 

abgestattet vom General-Sekretär, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ponfick 1 

Bericht über die Bibliothek 9 

Bericht über das Herbarimn der Gesellschaft 10 

KassenverwallungsbericUt pro 190t 10 

Baufonds H 

I. Abteilung: Medizin. 

a. Sitzungen der medizinischen Sektion. 

Alexander, C: Zum Vortrage (S. 6) von Gottstein 11 

Anschütz: Demonstration zweier Fälle von Gastroduodenostomie 98 

Asch: Zum Vortrage (S. 26) von Kausch 27 

Brieger, 0.: Zum Vortrage (S. IM) von Gürich 146 

Buchwald: Zum Vortrage (S. 1) von v. Mikulicz * 

— = = (S. 22) von Stern u. Körte 23. 25 

— - . (S. 60) von Ponfick 66 

— = . (S. 130) von Cohn 132 

— = = (S. 134) von Rosenfeld 135 

Cohn, H.: Zum Vortrage (S. 70) von Uhthoff 72 

— Erneute Demonstration eines Falles von Cysticercus subretinalis, der 

vor 26 Jahren aus der Macula lutea extrahiert wurde 130 

Czerny; Zum Vortrage (S. 60) von Ponfick 61 

Determeyer: Über einen Fall doppelseitiger isolierter Lähmung des M. 

extens. quadriceps cruris 1*8 

Pilehne: Zum Vortrage (S. 31) von Jensen, 33 

Pittig; Vorzeigung von Abbildungen eines mit Röntgenstrahlen erfolgreich 
behandelten Falles von symmetrischer Erkrankung der Parotis (Miku- 

licz'scher Krankheit) ^* 

Fraenkel, L: Zum Vortrage (S. 28) von Licbtwitz jr 28 

Freund, W.: Kind mit Pylorusstenose und Magenperistaltik 66 

Freymuth: Zufälhg entdeckte beginnende Syringomyelie bei leichter Lungen- 
tuberkulose 76 

Gerhardt: Auszug aus den in „Pflügers Archiv" veröffentlichten Unter- 
suchungen ^'^ 

Gottstein, G.: Über die Verwendbarkeit des Luysschen Separateurs anstelle 

des Uretorenkatheters 6.14 

— Prostatecto mie 85 

— Vorstellung eines Falles von Pneumaturie 86. 88 

Gürich; Über die Beziehungen zwischen Erkrankungen der Mandeln vind 

Gelenkrheumatismus 53. 55 

— Die tonsillare Therapie des GelenkrheumaJismus 141-. 148 



Inhalts - Verzeichnis. 



Seite 
Halbers laedter: Mitteilungen über die Lichtbehandlung nach Finsen und 

Dreyer ] 6 

— Zur Röntgen- und Lichtbehandlung. 

L Demonstration zur Röntgentherapie 66 

n. Bemerkungen zur Lichtbehandlung 69 

Harttun g: Demonstration einiger Fälle einer Hauterkrankung von höchster 

Eigenart 140 

Heine: Vorstellung von Patienten mit PseudoneuriLis optica congenita 77 

— Demonstration einer Nachbildung des von Pulprich konstruierten Modells 78 

— Demonstration Stereoskopischer Photogramme 78 

— Demonstration einer nach Koster angefertigten Dose zur Mentholein- 
almung 84 

Heintze: Vorstellung zweier Patienten die durch Messerstiche schwerverletzt 

wurden 11,3 

Henke, F.: Demonstration von doppelseitigen Cystennieren mit gleichzeitiger 

Cystenbildung in Leber und Pankreas 17 

H en 1 e : Zur Casuistik des Ileus 35. 44 

— Ein Fall von Aörocele colli 99. 101 

— Zum Vortrage (S. 124) von Tietze 1 28 

Hinsb erg: Zum Vortrage (S. 92—96) von Kausch 98 

Hirt, W.: Zum Vortrage (S. 6) von Gottstein 7 

Hürthle: Auszug aus den in „Pflügers Archiv" veröffentlichten Unter- 
suchungen 30 

— Zum Vortrage (S. 31) von Jensen 33 

Jacoby, E.: Über einige seltenere Geschwulstformen in der Nachbarschaft 

des Auges mit Krankendemonstration 78 

— Demonstration eine.s Falles von Morbus Basedowii mit hochgradigem 
Exophthalmus und Hornhautaffektion 133 

Jensen, P.: Über die Innervation der Gehirngefäße 31 

J ochmann: Über Bakteriämie (L Teil) 58 

— Über Bakteriämie und die Bedeutung der bakteriologischen Blutunter- 
suchung für die Klinik (Fortsetzung) 58 

Karpel: Zum Vortrage (S. 99) von Henle 100 

Kausch: Demonstration einer Handschelle zur Befestigung der Hand l)ei der 

Operation resp. Narkose 26. 28 

— Zur Demonstration (S. 33) von Wernicke 34 

— Zur Krankendemonstration (S. 55) von Tietze 57. 58 

— ■ 1. Kohle — imprägnierte Supraclaviculardrüse 95! 

2. Implanation eines Silberdrahtnetzes in einem Bauchbruch 93 

3. Spina bifida komphziert mit Naevus pilosus und Hydrocephalus 94 

4. Hysterisches Ödem der Hand .■ 95 

5. Lokale Asphyxie kompliziert mit Dupuytrenscher Kontraktion 96 

— Zum Vortrage (S. 124) von Tietze 126 

Kay ser, R,: Zum Vortrage (S. 118) von Partsch 124 

K ohrak: Zur Demonstration (H. 33) von Wernicke 34 

— Otogene Pyämie 142 

Körte, W.: Über den Nachweis der bakteriziden Reaktion im Blutserum der 

Typhuskranken 22 



Inhalts - Verzeichnis. 



Seite 
Krause, P. : Über die zurzeit üblichen bakteriologischen Untersuclmngs- 

methoden zur Sicherung der klinischen Typhusdiagnose 44. 47 

— Zum VorLrage (S. 53) von Gürioh 54 

— 1. Über therapeutische Versuche bei Kranken mit Leukämie und 

Pseudoleukämie durch Bestrahlung mit Röntgenstrahlen 101 

II. Demonstration von Röntgenbildern lOSi 

III. Demonstration eines vor kurzem abgetriebenen Bothriooephalus latus 103 

IV. Demonstration von einer Kurve mehrmonatlichen Fiebers ohne be- 
kannte Ursache 103 

— Demonstration eines Muskelgymnasten 128 

Küstner: Zur Demonstration (S. 33) von Wernicke 34 

Lichtviritz jr.: Zum Vortrage (S. 22) von Stern u. Körte 24 

— Über Immunisierung mit Corpus luteum 28 

Lilienfeld: Vorstellung eines Patienten mit multipler Atherombildung 51 

— Vorstellung eines Jungen mit kompliziertem Bruch des Hinterliauplbeins 142 
Loe wenhardt: Zum Vortrage (S. 6) von Gottstein 10 

— Vorstellung eines Kranken, der nach ALropininjektion Purpura be- 
kommen hat 26 

Ludloff: Vorstellung eines Patienten mit Fraktur der Halswirbelsäule 90 

Mann, Ludvfig: Demonstration über sogen. Tabes superior 74 

— Zum Vortrage (S. 137) von v. Strümpell 137 

V. Mikulicz: Zur Pathologie und Therapie des Gardiospasmus mit konse- 
kutiver Oesophagusdilatation. (Ist anderweitig erschienen.) 1. 4 

— Demonstration eines mittels Oesophagotomie entfernten Fremdkörpers 18 

— Zum Vortrage (S. 31) von Jensen 33 

— Über den heutigen Stand der chirurgischen Behandlung der Proslata- 
hypertrophie 35 

— Zum Vortrage (S. 80) von Wernicke 83 

— Zur Vorzeigung der Ablnldungen (S. 84) von Fittig 85 

— Demonstrierung eines durcli Sektion gewonnenen Präparates 90 

— Zum Vortrage (S. 137) von Röhmann I3i> 

Müller: Fall von Tabes dorsalis mit chronischem Morphinismus 105 

Neisser: Demonstration eines Falles mit über den ganzen Körper verbreitetem 

papulösen Syphilid mit gleichzeitiger Abducenslähmung rechterseils . . . 1 

— Mitteilungen über die Lichtbehandlung nach Finsen und Dreyor 15 

— Zum Vortrage (S. 22) von Stern u. Körte 25 

Oppler, B.: Zum Vortrage (S. 1) von v. Mikulicz 3 

— . . {S. 18) von Rosenfeld 20 

~ . . (S. 36) von Henle 43 

Ossig: Ein Fall von operativ geheiltem LungenabszeU 47 

Bartsch: Zum Vortrage (S. 60) von Ponfick 62 

Vorstellung eines Falles von osteoplastischer Gaumenresektion (nach 

Partsch) 1 18. 124 

1 aul: SchuUverletzung der linken Orbitalgegend und des linken Auges 79 

— Demonstration zweier Geschwister mit Nystagmus bei monocularem 
Sehen, Fehlen des Nystagmus bei binocularer Fixation 79 

— Vorstellung einiger Patienten mit exzessiver Myopie. , 99 

Ponfick: Zum Vortrage (S. 31) von Jensen - 33 

— - = (S. 35) von Henle 43 

— Zur Vorstellung des Patienten (S. 51) von Lilienl'eld 51. 52 



Inhalts - Verzeichnis. 



Seite 

P n fi c Ic: Zur Krankendeinonstration (S. 55) von Tielze 58 

— Über Pylorospasmus 60. 65 

— Zum Vortrage (S. 89) von Stern 8!) 

^ Worte der Erinnerung an Carl Weigert 107 

— Zürn Vortrage (S. 124) von Tietze 127 

Richter: Zur Vorstellung des Patienten (S. 51) von Lilienfeld .5;{ 

Riegner: Zum Vortrage (S. (i) von Gottstein 13 

— ' = (S. 80) von Wernicke 83 

— Zur Vorstellung von Pneumaturie (S. 86) von Gottstein 87 

— Zum Vortrage (S. 118) von Partsch 123 

— Vorstellung dreier Fälle von Blasentumor 142 

Riesenfeld, E.: Zum Vortrage (S, 134) von Rosenfeld 135 

Rohm ann: Zum Vortrage (S. 134) von Rosenfeld 135 

— Über das p-Jodoanisol (Isoform) und sein Verhalten im tierischen 
Organismus i37 

Rosenfeld: Zum Vortrage (S. 1) von v. Mikulicz 2 

— Praxis der Entfettungskur 18. 21 

— Demonstration der Entfettungskur einer Patientin 33 

— Zum Vortrage (S. 60) von Ponfick 64 

— = = (S. 73) von Ulithoff 76 

— Zur Vorstellung von Pneumaturie (S. 86) von Gottstein S8 

— Über die Bildung von Fett aus Kohlenhydraten 134. 136 

Rothe: Zum Vortrage (S. 26) von Rausch 27 

Sachs, A.: Zum Vortrage (S. 18) von Rosenfeld 20 

Sackur: Zum Vortrage (S. 1) von v. Mikulicz 4 

Sandberg jr.: Demonstration von zwei pathologisch-anatomischen Präparaten 106 

Schmidt: Vorstellung von drei Nierenfällen 98 

Seidelmann: 1. Fall von Dystrophia muscularis 104 

— 2. Fall von Chorea hereditaria (Huntington'sche Chorea) 105 

Stern, R.: Zum Vortrage (S. 18) von Rosenfeld 20 

— Über den Nachweis der bakteriziden Reaktion im Hlutserum der Typhus- 
ki'^fiken 22. 23. 25 

— Zum Vortrage (S. 44) von Krause 47 

— Zur Vorstellung von Pneumaturie (S. 86) von Gottstein 88 

— Über Lungensteine 89 

— Zum Vortrage (S. 124) von Tietze 125 

— - - (S. 137) von Röhmann 139 

Storch: Zur Demonstration (S. 33) von Wernicke 3B 

— Demonstration eines Falles von multipler Sklerose mit hemiplegischem 
Charakter 70 

V. Strümpell: Zur Demonstration (S. 33) von Wernicke 33 

— Zum Vortrage (S. 60) von Ponflck 62 

— Vorstellung eines Knaben mit abgelaufener Poliomyelitis acuta anterior 77 

— Vorstellung eines Kranken mit rechtsseitiger Hemiplegie 105 

— Worte der Erinnerung an Carl Weigert 111 

— Vorstellung eines jungen Mannes mit Friedrcich'scher Krankheil 137 

— Über primäre Degeneration der Seitenstränge 140 

Ti etze: Zur Vorstellung des Patienlen (S. 51) von Lilienfeld 51 

— Krankendemonstrationen (Beiträge zur Osteoplastik) 55. 58 

— Über Pankreatitis indurativa 124 



Inhalts- Verzeichnis. 



Seite 

Uht.lioff: 1. Über Keratomahcie mit Xerose der Conjunctiva und Hemeralogie 

bei Erwachsenen 70 

— 2. Über einen forensisch beinerlcens werten Fall von sympathischer 
Ophthalmie 73 

— Vorstellung zweier Patienten mit Xeroplitlialmus luid Hemeralopie .... 83 

— Zum Vortrage (S. 130) von Cohn 132 

— ' . (S. 134) von Rosenfeld 135 

W alter: Zum Vortrage (S. 22) von Stern und Körte 24 

Weigert: Über einen Fall von angeborener Stenose der Aorta an der Ein- 
mündung des Ductus arteriosus Botalli 149 

Wernicke: Demonstration eines Patienten mit Muslcelkrämpfen (Crampus- 

neurose) 33. 34 

— Vorstellungeines Falles vonlinksseitiger PanOphthalmie nacliPyelonephritis 80 

Winkler: Zur Vorstellung des Patienten (S. 51) von Lilienfeld .52 

Wolffberg: L.: Zum Vortrage (S. 130) von Cohn 132 

Ziegler, K.: Vorstellung eines Falles V(m typischer alkoholischer Polyneuritis 106 

b. Sitzungen der hygienischen Sektion. 

Asch : Zur Spezialdebatte (S. 51) 67 

Buchwald: Zum Vortrage (S. 16) von Freymutb 22 

— = = (S. 23) von H. Cohn 47 

— Zur Spezialdebatte (S. 51) 66 

Colin, H.: Rede zu dem Bericht der Kommission (S. 1) 2 

— Über sexuelle Belehrung der Schulkinder 23. 50 

— Zur Spezialdebatte (S. 51) 51 

CljDlzen: Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 38 

— Zur Spezialdebatte (S. 51) 58 

Diskussion über den Bericht der Kommission für Anstellung von Schulärzten 

an höheren Lehranstalten 1 

Praenkel, E.: Zur Spezialdebatte (S. 51) 62 

Preymuth: Die Dispensaires antituberculeux in Belgien und Frankreich und 

ihre Bedeutung für die Tuberkulosebekämpfung in Deutschland 16 

Günther: Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 45 

H'ppau f : Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 46 

Jacobi: Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 48 

Ky nast: Zur Spezialdebatte (S. 51) 70 

Leitsätze 51 

Magen: Zum Vortrage (S. 16) von Freyrauth 18 

Martins: Zum Vortrage (S. 16) von Freymutb 20 

Michaelis: Zur Spezialdebatte (S. 51) ö4 

Neisser, Clemens: Zur Spezialdebatte (S. 51) 69 

Rosenfeld: Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 48 

Saniosch: Zum Vortrage (S. 16) von Freymutb 19 

— . -. (S. 23) von H. Cohn 44 

^ - Zur Spezialdebatte (S. 51) 70 

Spezialdebatte über sexuelle Belehrung der Kimler 51 

Stern, R.: Über Armenpflege und Tuberknlosekämpfung 14 

Ti etze: Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 4"^ 

Tschirn: Zum Vortrage S. 23) von H. Cohn *9 

Wiedemann: Zum Vortrage (S. 23) von H. Cohn 41 



VIII Inhalts -Verzeichnis. 



Seite 

II. Abteilung: Naturwissenschaften. 

a. Sitzungen der naturwissenschaftliehen Sektion. 

Fisclier, W.: Physikalisch-chemische Studien an MeLallhydroxyden 146 

Flegel, K.: Heuscheuer und Ädersbach-Weckelsdoif 114 

Herbing, J.: Über Steinkohlenformation und Rotliegendes bei Landesliut, 

Schatzlar und Schwadowitz 38 

Herz, W.: Über die Oxyhaloide des Wismuthes 2 

— Über die Natur der alkalischen Lösung von Chromhydroxyd 144 

Hintze, C: Demonstration krystalloplischer Erscheinungen mit einem neucu 

Projektionsapparat 145 

Milch, L.: Über Deformation von Quarzkörnern durch Gebiigsdruck 1 

Rechenberg, G.: Allgemeine Übersicht der meteorologischen Beobachtungen 

auf der Königl. Universitäts-Sternwarte zu Breslau im Jahre 1904 150 

Sachs, A.: Über Zinkoxydkrystalle von der Falvahiitte in Oberschlesien.... 155 

Scliäfer, C: Neuere Arbeiten über Elastizität "2 

Schmidt, A.; Obercarbon und Rotliegendes ini Braunauer Ländchen und in 

der nördhchen Grafschaft Qlatz 4 

b. Sitzungen der zoologisch-botanischen Sektion. 

Dittrich, R.: Über die psychischen Fähigkeiten der Ameisen und Bienen .. 1 

Grosser, W.: Über einige Schädlinge unserer Kulturpflanzen 3 

Holdefleiß, F.: Über vorgeschichtliche Funde von Rinderschädeln in 

Schlesien 2 

Knuth, R.: Die geographische Verbreitung der Primulaceen 

Fax, F.: Über Bastardbildung in der Gattung Acer I 

— Über succulente Euphorbien aus Afrika 1 

— G'ber den Blütenbau der Primulaceen 21 

— Über eine neue Euphorbia aus Afrika 23 

Promnitz: Die Orchideenflora von Pyrmont 6 

Remer, W.: Über den retardierenden Einfluß des Lichtes auf die Keimung 

von Phaoelia tanacelifolia 13 

— Die Früchte der Pomoideen 13 

- Über Versuche mit Fanglaternen 21 

— Mitteilungen über Pflanzenschädlinge in Schlesien im Sommer 1904 . . . 64 

Richters: Triticum cylindricum 1 

Schuhe, Th.: Ergebnisse der phänologischen Heobachlungen in Schlesien 

im Jahre 1904 24 

— Arbeiten zum Waldbuche von Schlesien 29 

— Ergebnisse der Durchforschung der schlesiachen Gefäßpflanzenvvelt im 
Jahre 1904 41 

Zoltän von Szabo; Mykologische Beobachtungeu 16 

0. Sitzungen der Sektion für Obst- und Gartenbau. 

Dannenberg: Betrachtungen über die Verwendung von Pflanzen und Rluraon 

in unseren Wohnräumen 10 

Grabo wsky: Erinnerungen aus meinem Pflanzerleben 15 

Haupt, C. E.: Über landwirtschaftlichen Obstbau . . 12 

Kölscher, J.: Bericht über die Tätigkeit der Sektion lür Obst- und Garten- 
bau im Jahre 1904 1 



Inhalts -Verzeichnis. IX 

Seite 

ivirchner, H.: Regelmäßiger o(ier Landschaflsgarten S 

Pax: Bodenstote Pflanzen Ü 

Remer: Über einige Nützlinge des Land- und Gartenbaues in Tier- und 

Pflanzenwelt , 17 

Schütze, J.: Erzielung und Erhaltung des Rasens in den Stadtgärten C, 

in. Abteilung: Grescliiclite und Staatswissenscliaften. 

a. Sitzungen der historischen Sektion. 

ßeyerle: Über ein neu entdecktes Rechtsdenkmal zur älteren deutschen 

Stadtverfassung \ 

Krebs: Über den Feldzug des Kurfürsten Johann Geoi-g gegen Bauer bis zum 
Eintreffen des kaiserlichen Feldmarschalls Melchior von Hatzfeldt 

(1635^1636) 1 

Langenbeck: Über den Reichstag von Regensburg (1640—1641) 1 

Meyer, H.: Über die Handelsprivilegien der Juden und Lombarden ira Mittelalter 1 

Simon son; Zur Geschichte der Gerichtsorganisation der Provinz Posen J 

b. Sitzungen der Staats- und rechtswissenschaftlichen Sektion. 
Beyerle: Ein neuentdecktes Rechtsdenkinal zur älteren deutschen Sladt- 

verfassung j 

Engelmann: Die Grundzüge des neuen österreichischen ZivilprozeJJrechtes '2 

Hedemann: Neuere Papyrusforschung 1 

KlingmtiUer: Zinsgesetzgebung Ü 

Leonhard: Urteile des Reichsgerichts über die Eigentümerhypothek 1 

— Eine französische Stimme über das deutsche bürgerhclie Gesetzbuch.. 3 
Meyer, H.: Handelsprivilegien der Juden und Lombarden im Mittelalter .... SJ 

Riemann: Das Schlesische Auenrecht 1 

Simonson: Zur Geschichte der Gerichtsorganisation der Provinz Posen .... 2 

Warnauth : Die Reform des Strafprozesses 2 

Wolf, J.: Zur Taler- und Fünfraarkstückfrage 2 

IV. Abteilung. 

a. Sitzungen der philologisch-archäologischen Sektion. 

B auch; Zu den Anfängen des Humanismus in Erfurt 2 

Foers ter: Über eine cyprische Doppellierme mit Hermes 2 

Leonhard, R.: Die antiken Völkerschaften des nördlichen Kleinasiens 1 

Volkmann: Die Komposition des vierten Buches der Aeneide Vergils 1 

— Lessings Vergilkritik (Laokoon XVIll) 3 

Zacher: Die Ursprünge und der Name des lambus 3 

b. Sitzungen der orientalisch-sprachwissenschaftlichen Sektion. 

^'raenkel: Über Nachrichten der Mischnah 1 

Hillebrandt: Über die Götter und ihre Opfertiere im indischen Ritual 1 

Meißner: Neuarabische Volkspoesie im Irak 1 

c. Sektion für neuere Philologie. 

^Ppel, C: Zur Geographie der italienischen Gedichte Petrarcas, Reiseerinne- 
rungen aus der Provence I 

"Jantzen, H. : Eine bisher unbeachtete Schrift Gottscheds, seine Vorrede zur 

Philosophie Terra.ssons 1 



Inhalts-Verzeichnis. 



Seite 

V. Abteilung. 

a. Sitzungen der mathematischen Sektion. 

Franz: Über einfach erscheinende Doppelsterne 1 

S türm; Nekrolog auf Luigi Cremona i 

b. Sitzungen der philosophisch-psychologischen Sektion. 

Allgemeiner Bericht der Sektion 1 

Freudenthal: Über die Philosophie Lorenzo Vallas 9 

Hamburger, G.: Einiges über den Begriff der Gesamtpersönlichkeit 2 

Stern, W.: Die Sprachentwicklung eines Kindes, insbesondere in grammatischer 

und logischer Hinsicht 2 

c. Sitzungen der katholisch-theologischen Sektion. 

Allgemeiner Bericht der Sektion i 

Nürnberger: Der Einfluß des nationalen Faktors auf die Entstehung des 

Kirchenstaates ^ 

— Der Bericht eines schlesisohen Zeitgenossen über die Ertränkung des 
heil. Johannes von Nepomuk 17 

Rohr: Über den Mithraskult 35 

d. Sitzungen der evangelisch-theologischen Sektion. 

Cornill: Über Probleme des Buches Hiob 3 

Kawerau: Allgemeiner Bericht der Sektion 1 

— Über Jesus als Davids Sohn 2 

— Über Denifles Luther 9 

Löhr: Über die Weltanschauung in dem Buche „Prediger Salomo" 2 

— Zum Verständnis des Buches Hiob 3 

Wrede: Über Jesus als Davids Sohn '_ g 

Nekrologe auf die im Jahre 1904 verstorbenen Mitglieder i_24 



ScWesJsclie Gesellschaft für vaterländische Cultur. 



Jahresbericht. , 
1904. 



Allgemeiner Bericht. 



Allgemeiner Bericht über die Verhältnisse und die 
Wirksamkeit der Gesellschaft im Jahre 1904, 

abgestattet 

von dem General -Sekretär 

Herrn Geh. Medizinal rat Professor Dr. Ponflck. 



Die am 17. Dezember 1904 unter dem Vorsitze des Präses, Herrn 
Geh. Reg. Prof. Dr. Förster, gehaltene ordentliche Hauptversammlung, 
welche auf Grund des § 17 der Satzungen durch einmalige Anzeige in der 
nSchlesischen Zeitung", und in der „Breslauer Zeitung" bekannt gemacht 
Worden war, erteilte zunächst dem Schatzmeister Herrn Dr. phil. Max 
Wiskott sen. Entlastung für die vom Präsidium geprüfte Rechnung des 
Jahres 1903. Der Präses sprach ihm und seinem Stellvertreter, Herrn 
Reichsbankdireklor Mannowsky für ihre Sorgfalt und Umsicht den Dank 
der Gesellschaft aus. Darauf gab der General-Sekretär eine Übersicht der 
Verluste, welche die Gesellschaft während des verflossenen Jahres 1904 
durch Tod oder Ausscheiden erlitten hat. 

Aus der Reihe der Ehrenmitglieder ist verstorben: 
Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Weigert in Frankfurt a. M. 

Von wirklichen einheimischen Mitgliedern sind acht verstorben, nämlich 
die Herren: 

1. Redakteur und Rittergutsbesitzer H. Baum, 

2. Apotheker W. Bluhm, 

3. Domherr August Knoff, 

4. Rentier Max Pringsheim, 

5. Dr. med. Hans Wagner, 

6. Stadtkämmerer Franz Weller, 

7. Medizinalrat Dr. Wendt, 

8. Universitäts-Professor Dr. J. Caro; 

von wirklichen auswärtigen Mitgliedern die Herren: 

1. Dr. med, Otto Basset in Glogau, 

2. Realgymnasial-Professor H. Rose in Neisse. 

1904. 1 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultii: 



Infolge des Wechsels ihres Wohnortes sind 12 Mitglieder ausgeschieden. 
Dagegen sind im Jahre 1904 aufgenommen worden als wirkliche ein- 
heimische Mitglieder die Herren: 

1. Ober- und Religionslehrer Freiherr von Kleist, 

2. Vorsteher der Fürstbischof!. Geheimkanzlei Käsehagen, 

3. Domvikar Richard Kretschmer, 

4. Pastor Karl Schultz e, 

5. Professor Dr. theol. W. Wrede, 

6. Kaplan Paul Berndt, 

7. Pfarrer Dr. Anton Her gel, 

8. Domherr Joseph Klose, 

9. Domherr August Knoff, 

10. Ober- und Religionslehrer R. Kober. 

11. Kuratus Georg Müller, 

12. Kaplan Joseph Reimann, 

13. Ober- und Religionslehrer Karl Bohn, 

14. Kaplan Alfred Schubert, 

15. Direktor Monsignore Dr. Steinmann, 

16. Subregens Robert Stosiek, 

17. Pastor Fritz Bederke, 

18. Pastor Paul Wackernagel, 

19. Propst und Pastor prim. J. Decke, 

20. Kaplan Dr. Alfons Wolf, 

21. Dr. med. Walter Freymuth, 

22. Lic. theol. Professor Dr. E. Bratke, 
23- Oberstleutnant a. D. von Riclithofen, 

24. Domvikar Pius Gayde, 

25. Kuratus Michael, 

26. Kuratus Viktor Bohn, 

27. Dr. med. Alfred Sommer, 

28. Lic. theol. Professor Dr. Kropatscheck, 

29. Lic. theol. Professor Juncker, 

30. Kaufmann Gustav Pätzold, 

31. Ingenieur Erich Mestel, 

32. Privatdozent Dr. J. Ziekursch, 

33. Pastor prim. Emil Zickermann, 

34. Oberlehrer Dr. Karl Wenzig, 

35. Generalsuperintendent Nottebohm, 

36. Professor Dr. Bruno Meissner, 

37. Dr. med. Kurt Ossig, 

38. Landwirt Albert Disch, 

39. Rentier Otto Salin g, 

40. Professor Dr. med. C. Bonhoeffcr, 



Allgemeiner Bericlit. 



41. Oberregierungsrat Alfred Falkenhahn, 

42. Oberregierungsrat Dr. Schauenburg, Direktor des Provinzial- 
Schulkollegiums, 

43. Landgerichts-Präsident Dr. Adolf von Staff, 

44. Dr. med. Franz Heilborn, 

45. Prof. Dr. med. H. Reichenbach, 

46. Stadt. Gartenbau-Inspektor P. Dannenberg, 

47. Bankdirektor Emil Berve, 

48. Präfekt Lic. theol. Dr. Carl Lux, 

49. Verwaltungs-Gerichts-Direktor Georg von Glasow, 

50. Privatdozent Dr. med. Georg Gottstein, 

51. Oberarzt Professor Dr. med. Walter Kausch, 

52. Professor Dr. theol. F. J. von Tessen-Wesierski, 

53. Rektor Friedrich Kern, 

54. Apothekenbesitzer Fritz Seiffert; 

als wirkliche auswärtige Mitglieder die Herren: 

1. Pastor Otto Schnitze in Königszelt, 

2. Pastor prim. Foerster in Landeshut i. Schi. 

3. Stadtpfarrer Robert Huck in Reichenbach i. Schi. 

4. Handelskammer-Syndikus Dr. Wildner in Schweidnitz, 

5. Dr. med. Determeyer in Salzbrunn. 

In der Präsidialsitzung vom 1. Dezember wurde Herr Archivar 
Df. Heinrich Nentwig in Warmbrunn zum korrespondierenden Mitgliede 
ernannt. 

Die Gesellschaft zählt mithin: 

596 Wirkliche einheimische Mitglieder, 

154 Wirkliche auswärtige Mitglieder, 
54 Ehrenmitglieder, 

127 Koi-respondierende Mitglieder. 
Die Sektion für Obst- und Gartenbau zählt außer 60 Gesellschafts- 
Mitgliedern noch 119 zahlende Mitglieder. 

In den Verwaltungs-Ausschuß für 1905/06 wurden gewählt die Herren: 

Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Förster als Präses, 

Oberbürgermeister Dr. Bender als Stellvertreter, 

Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ponfick als General-Sekretär, 

Prof. Dr. Pax als Stellvertreter, 

Dr. Max Wiskott sen. als Schatzmeister und 

Reichsbank-Direktor Mannowsky als Stellvertreter. 
Dem Präsidium gehören außerdem an: 

Herr Geh. Med.-Rat Prof. Dr. von Mikulicz-Radecki, 

Herr Stadtrat Direktor H. Milch, 

Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Josef Partsch, 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Fabrikbesitzer Dr. F. Promnitz und 

Oberregierungs- und Kuratorialrat Schimmelpfennig; 

ferner als Delegierte der Sektionen und zwar der Medizinischen: 

Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Uhthoff, Geh. Med. -Rat Prof. Dr. Neisser 

Prof. Dr. Carl Partsch, Dr. G. Rosenfeld und Prof. Dr. Tietze, 
der Hygienischen: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Cohn, 
Naturwissenschaftlichen: Prof. Dr. Hintze und Prof. Dr. Franz 
Zoologisch-Botanischen: Prof. Dr. Schübe, 
Für Obst- und Gartenbau: Kaufmann Paul Riemann, 
Historischen: Archiv-Direktor Archivrat Dr. Meinardus, 
Rechts- und Staatswissenschaftlichen: Geh. Justizrat Prof. 

Dr. Leonhard und Prof. Dr. J. Wolf, 

I'hilologisch-Archaeologischen: Prof. Dr. Norden, 
Orientalisch-Philologischen: Prof. Dr. Hillebrandt, 
Für Neuere Philologie: Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Nehring, 
Mathematischen: Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Sturm, 
Philosophisch-Psychologischen: Prof. Dr. Freudenthal, 
Katholisch-Theologischen: Domherr Prof. Dr. Sdralek, 
Evangelisch-Theologischen: Konsistorialrat Prof. Dr. Kawerau 

Magnifizenz. 

Über die Tätigkeit der einzelnen Sektionen berichten die Herren 

Sekretäre das Folgende: 

Die medizinisolie Sektion 

hielt im Jahre 1904 21 Sitzungen ab, einschließlich drei klinische Abende. 
Für die Periode 1904/05 wurden gewählt: als 1. Sekretär, zugleich 

als Vorsitzender der Sektion: Herr Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ponfick 

und als dessen Stellvertreter Herr Prof. Dr. Buchwald. 
Die hygienisclie Sektion 

hielt 4 Sitzungen. 

Die naturwissensckaftliclLe Sektion 

hielt 3 Sitzungen. 

Die zoologisck-botaniscke Sektion 
hielt 7 Sitzungen. 

Die Sektion fiir Obst- und Gartenbau 
hielt 8 Sitzungen ab. 

Die bistorisclie Sektion 
hielt 5 Sitzungen, davon 2 in Gemeinschaft mit der für Rechts- und Staats 
Wissenschaften. 

Die Sektion für Eechts- und Staats-Wissenscliafteii 
hielt 12 Sitzungen. 

Die pMlologisch-archäologiscie Sektion 
hielt 6 Sitzungen. 



Allgemeiner Bericht. 



Die orientaliscli-spracliwisseiiscliaftliclie Sektion 

hielt, 2 Sitzungen. 

Die Sektion für Neuere Philologie 

lüelt 2 Sitzungen. 

Die mathematisclie Sektion 
hielt 2 Sitzungen ab. Zu Sekretären wurden gewälilt die Herren Geh. 
Reg.-Rat Prof. Dr. Sturm und Prof. Dr. Tö plitz. 

Die pMlosophiscli-psycliologisclie Sektion 
hielt 5 Sitzungen ab. Zu Sekretären wurden gewählt die Herren Prof. 
Dr. Ebbinghajis, Prof. Dr. Baumgartner, Prof. Dr. Freudenthal, 
Privatdozent Dr. William Stern. 

Die katholisck-tlieologisclie Sektion 
hielt 3 Sitzungen ab. Zu Sekretären wurden gewählt die Herren Prof. 
Dr. Nürnberger und Herr Kuratus Schade. 

Die evangelisch-tlieologisclie Sektion 

hielt 5 Sitzungen ab. Zu Sekretären wurden gewählt die Herren 
Konsistorialrat Prof. Dr. Kawerau und Pastor primarius und des. städt, 
Kircheninspektor Matz. 

Pr äsidial-Si tzungen haben im Laufe des Jahres 6 stattgefunden. 
In der allgemeinen Versammlung am 17. Dezember 1904 sprach 
Herr Prof. Dr. Ebbinghaus „Über den klugen Hans". 

Wenden wir uns den sonstigen Ereignissen im Leben der Gesellschaft 
zu, so ist vor Allem die erfreuliche Tatsache hervorzuheben, daß 2 neue 
Sektionen, eine für katholische und eine für evangelische Theologie 
gegründet worden sind. Beide haben bereits eine lebhafte Tätigkeit entfaltet. 
Außerdem hat die philosophisch- psychologische Sektion dadurch 
einen willkommenen Zuwachs erhalten, daß sich die bisher hier bestehende 
Psychologische Gesellschaft, nachdem sie sich als solche aufgelöst, mit 
ihr verbunden hat. 

Über die Aufbewahrung und Benutzung der Gesellschafts-Bibliothek 
sind längere Verhandlungen mit der Direktion der Kgl. und Universitäts- 
Bibliothek geführt worden. Aus ihnen ist ein für beide Teile vorteilhafter 
Vertrag hervorgegangen, welcher zurzeit dem Herrn Kultusminister zur 
Genehmigung vorliegt. 

In Schriftenaustausch ist die Gesellschaft neuerdings mit folgenden 
Vereinen bezw. Corporationen getreten: 
der Universität Sassari, 
der Asiatic Society of Bengal zu Calcutta, 
dem Beskiden-Vereine zu Bielitz-Biala, 
den Heraldisch-genealogischen Blättern zu Bamberg. 



6 Jahresbericht der Scliles. Gesellschaft für vaterl. Cullur. 



Die verstorbene schlesische Schriftstellerin Friederike Kempner 
hat ihre Bibliothek und wertvolle an sie gerichtete Briefe namentlich von 
Nees von Esenbeck der Gesellschaft vermacht. 

Ganz besonderes Interesse hat das Präsidium während des abgelaufenen 
Jahres dem Baue eines Gesellschafts-Hauses zugewendet, nachdem, die 
reichen Schenkungen, welche der Gesellschaft bei ihrer Hundertjahrfeier 
zuteil geworden sind, die Errichtung eines solchen der Verwirklichung 
nahe gebracht haben. 

Allen hochherzigen Gebern sei auch an dieser Stelle unser ehrerbietiger 
und herzlicher Dank ausgesprochen. Doch bleibt noch viel zu tun übrig. 

Eine dankenswerte Bereicherung des Baufonds stellt ^ucli ein Schritt 
dar, welcher hoffentlich vielfache Nachahmung finden wird. Eine schon 
jetzt ansehnliche Zahl von Mitgliedern hat seine Anteilscheine an dem 
,,Vercinshaus-Unternehmen" der Gesellschaft überwiesen. 

Gestützt auf diese dem angesammelten Vermögensbestande zu- 
gewachsenen Verstärkungeu hat jüngst die für den Bau des Gesellschafts- 
hauses eingesetzte Kommission vorgeschlagen, demnächst eine Konkurrenz 
auszuschreiben für Pläne zur Herstellung eines auf der Matthias-Insel mit 
Erbbaurecht zu errichtenden Gesellschaftshauses. Das Präsidium hat 
dementsprechend beschlossen. 

Die Sektion für Obst- und Gartenbau bat ein etwa 7 Morgen 
großes, an ihr bisheriges Grundstück in Klettendorf anstoßendes Gelände 
angekauft und in Aussicht genommen einen auf 15 000 Mk. lautenden 
Grundschuldbrief auf dem schon in ihrem Eigentume befindlichen Grund- 
besitz eintragen zu lassen. 

In das Kuratorium des Museums der bildenden Künste wurde Herr 
Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ponfick und als dessen Stellvertreter Herr 
Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Neißer wiedergewählt. 

Von festlichen Anlässen, bei denen die Gesellschaft hervortrat, seien 
folgende namhaft gemacht: 

Bei dem 50jährigen Jubiläum des Kopernikus-Vereins zu Thorn über- 
brachte der Vizepräses Herr Oberbürgermeister Dr. Bender die Glück- 
wünsche der Gesellschaft. 

Zu der 125jährigen Gedenkfeier der „Oberlausitzischen Gesellschaft 
der Wissenschaften" überreichte der Präses in Gemeinschaft mit Herrn 
Prof. Dr. G. Kaufmann ein Glückwunschschreiben. Die feiernde Gesell- 
schaft ernannte den Präses zum Ehrenmitgliede. Das von Herrn Professor 
Dr. Garo verfaßte Schreiben hatte folgenden Wortlaut: 

Mit freudigem Anteil begrüßt und beglückwünscht die Schlesische Gesell- 
schaft für vaterländische Cultur ihre ältere Schwesteranstalt in der Lausitz zu 
ihrem Ehren- und Jubeltage. Mehr noch als die räumliche Nähe gibt uns die Ver- 
wandtschaft der Wurzeln und Zwecke beider Vereine Anrecht und Antrieb dazu, 
eine Verwandtschaft, die auch auf den Wegen unseres geistigen Betriebs nicht 
selten in der Gemeinsamkeit der behandelten Gegenstände ihren Ausdruck fand. 



Allgemeiner Bericht. 



Anders jedoch war Ihre Entwickelung. Dem ruhmreichen und für die Pflege der 
Ideale unermüdlichen und opferbereiten Gründer und Stifter Ihrer Gesellschalt 
schwebte ein wissenschaMiches Arbeitsfeld vor, auf dem,Geistes- und Naturwissen- 
schaften in gleicher Weise tietriebcu und zur Blüte geliraeht werdeu sollton. So- 
Weit die verfügbaren Kräfte es enn<3gUcbleii, hiilien Sie dem hndigcspanuten Ziele 
zu entspreclien gesucht. Allein die Scliwierigkeil war groß. Entbehrten Sie doch 
des belebenden Zuflusses geistiger Nubn|uelleii, den die Nähe einer blühenden 
Hochschule gewährt; standen Sie doch in wechselnden historisch-politischen Ver- 
hältnissen, die Ihnen den andauernden Schutz und die Hilfe emes eingesessenen 
fürstlichen Mäcenntentums fast ganz versagten. Wie einst auf Ihrem Territorium 
anderthalb Jahrhunderte lang der Verband des Bürgertums in den Sechsstädten 
die Wacht und Wehr des Landes bilden mußte, so war auch jetzt das Bürgertum 
und der beimische Adel der Grund, auf den Sie einen Tempel für die edelsten 
Güter der Menschheit aufzurichten strebten. 

Wie mühsam das Werk auch war, so zeigte sich doch durch lel^cnslcräftige Aus- 
zweigungen seine Fruchlharkeil, und Sprießkraft. Die Bildung der „Naturforschen- 
den Gesellschaft", eines Sprosses aus Ihrem Stamm, ermöglichte Ihnen fortan 
alle Ihre Kräfte .auf die Erforschung Ihrer Landesgeschichte in politischer, sozialer, 
wirtschaftlicher und literarischer Hinsicht zu richten. Auch hier bot sich llnien 
eine Aufgabe von besonderer Eigenart. Es galt zu erweisen und zu erklären, wie 
sich hier ein von höherer Kultur getragener Teil des deutschen Volkes über einem 
fremden Volkstum als veredelnder Überbau auftürmte, ohne dasselbe zu ver- 
gewaltigen, zu unterdrücken und zu zerstören, und wie Sie vielmehr die Heim- 
genossen fremder Zunge mit der ganzen Fülle llu'er sittliclieu Beziehungen durch- 
zogen und ihre Liebe dem deutschen Vaterlande zu gewinnen und zu befestigen 
vermochten. Sie mußten und konnten es ertragen, diilj mnii Sie bei der Kreis- 
Einteilung Deutschlands außerhalb desselben stehen ließ. Deutsch war darum 
doch Ihr Fühlen, Ihr Lieben, Ihr Handeln — deutsch bis in die Tiefe des 
nationalen Grundes. 

Aber nicht blos um der Erhellung dieses Problems willen ist der reiche Nieder- 
schlag Ihrer wissenschaftlichen Leistungen, der in Ihrem „IVIagazin", in Ihren vorzüg- 
lichen „Codices diplomatici" und in Ihren „Scriptores rerum Lusaticarum" aufge- 
speichert ist, von der wissenschafthohen WeU aufgesucht worden. Wie hätte es auch 
anders sein können bei literarischen Hervorbringungeu, an die ein J. G. Worbs, 
ein Ernst Priedr. Haupt, ein Hermann Knothe, ein Richard Jecht und viele Andere 
ihre besten Kräfte gewandt haben. Und als in einem zeitlich begrenzten Stadium 
Ihres Fortwirkens die Neigung hervortrat, die Gegenstände Ihrer Bearbeitung der 
Universalgeschichte zu entnehmen, da beschenkten Sie die Literatur mit jenen 
schönen und wertvollen Dante-Forschungen, die den Namen Ihres IWitglieds und 
langjährigen Vizepräsidenten Theodor Paur mit weithin schallendem Ruhme be- 
deckten. Und aucli das ist unvergessen, daß in Ilirem Kreise der süße Sänger 
des „Laienbreviers" seine geistige Heimat hatte, aus der seine sanften Weisen der 
beifällig lauschenden Nation entgegentönten. 

Wer lieute in Ihrer Provinz um sich schaut, begegnet gemeinnützigen Anstalten, 
die entweder Iln-er Anregung entsprungen, oder durch Ihre Beiliilfe emporgekommen 
sind. Sie sclmfen fast ganz aus eigenen Kräften und Mitteln Sammlungen von 
einem Umfang und einer Bedeutung, die selbst mit vielen altberühmten den Ver- 
gleich auszuhalten vermögen. Sie streuten vielfachen veredelnden Samen aus, 
der in dem Glück, in dem hohen Bildungsstande der Bevölkerung, in der Blüte 
Ihrer Provinz und in der dankbaren Anerkennung der gesamten Nation auf- 
gegangen ist. Mit stolzer Genugtuung dürfen Sie auf Ihr Wirken und Schaffen 



.Jahresbericht der Scliles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



in den 25 Lustren Uires l_^es(ancles zurückbhcken. Und wir — wir freuen uns 
leilnahnisvoll li.res HochpietiiliLs; wir legen im Geiste Kränze auf die Gräber Ihrer 
Heimgegangeneu und vercwife-tea Mitarbeiter, den Lebenden aber reichen wir 
brüderlich die Hand mit dem innigen Wunsche: „Mögen Ihr Verband und sein 
Werk fortbestehen, gedeihen und wachsen Jahrhunderte hindurch!" 
Breslau, den 1. Juni 1904. 

Zum 150 jährigen Jubiläum der „Akaderaio der Gemeinnützigen Wissen- 
schaften zu Erfurt" hat die Gesellschaft ein von Herrn Konsistorlalrat 
Prof. Dr. Kawerau verfaßtes Glückwunschschreiben abgeschickt. Dasselbe 
lautete: 

An die Königliche Aicatlemie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. 

Als die unterzeichnete Schlesische Gesellschaft für vaterländische Cultur vor 
wenigen Monaten die Feier ihres lOOjährisen Bestehens festlich beging, da erwies 
die Kömghche Akademie zu Erfurt uns die Elire, daß sie ilire lierzlichen Glück- 
wünsche zu unserem Jubiläuum uns durch eines ihrer hochgeschätzten Mitglieder 
aussprechen heß. Es gereicht uns zu hoher Freude, daß das bevorstehende 
Jubiläum des ISOJälirigen ßesteh..i,s ,;.. U., ..liehen Akademie uns Gelegenheit 

bietet, diese Glückwünsche aufs Im , ,: , . .rwidern. Wir verehren in der 

Jubilarin eine der ältesten Gesellscl,;,!!..- hui sehen Vaterlande, die den Zweck 

verfolgen, die wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Mitglieder zu fördersamem Aus- 
tausch zu bringen, die Ergebnisse der strengen Arbeit der Wissenschaft weiteren 
Kreisen zuzuführen und zugleich die Wissenschaft mit den praktischen Aufgaben 
der Nation in Fühlung und Zusammenhang zu bringen. Ein Rückblick auf die 
150 Jahre, während deren die Königliche Akademie ihr Werk getrieben, gil,t ilir 
das Recht, auf den Weg, den sie dabei zurückgelegt hat, mit Freude und Gemi- 
tuung zurückzuschauen. Siml es .loch mannigfache Hindernisse gewesen die sk' 
in treuem Festhalten an ilirer scliönen Aufga.be glücklich überwunden 'hat. Sie 
war gegründet in einer altberühmten Universitätsstadt und auf die geistigen Krafle 
welche die Hochschule bieten konnte, in erster Linie angewiesen ^Aber'die 
Universität war in sichtlichen Niedergang geraten und trieb bereits ihrem Unter- 
gange entgegen. Um so höher ist es /,u sebiilzen, daß es der Königlichen Akademie 
gelungen isl, trotz dieser Ungunst der Verhältnisse sich zu behaupten und nun 
gerade nach dem Absterben der Universität der Mittelpunkt wissenschaftlicher 
Arbeit und geistigen Lebens für Erfurt und die umliegenden Städte zu bleiben 
Und weiter mußte sich du Königlieh. Akademu dun h den Wandel dei politischen 
Geschicke Erfurts hindui Chi nifeen aus kuiminui <hei HeiTs.hift iluich die dunklen 
Zeiten der französisclun Besit/eigicifung hmduich und hinein in die neuen Vu 
haltnisse unter pieußischcm /<plu Fs ist keni ^enn^.r Ruhmesütel d. i Konig 
hohen Akademie d iß ticue und ulnge Mitghedei diien oft gefährdeten Fmtbestind 
durch diesen Wechsel de, Zeiten Inndmeh ihi cistiitlen und schheßhch sichei 
gestellt haben Abei imh dirm möchten wu eimnern daß es m dei Gesclm ht( 
der Jubdarin Zeiten gegeben hat in welchen die ihr von Anfang an milbig. b(m 
Bestimmung, die nulzhchen oder wie mm l i h die gcmeiimut/i tu 

Wissenschaften zu pflegen die Gefahi Iki i .on ih.ei H,uptuir,bt 

der Pflege und Fördeiung dei vnssenschallh , , n „ uu, ihm sehist willen 
abgelenkt zu Wird, n und si. h iuf Populansuiuu, d. i W isscnsdi ift und öfiintluhi 
Wohhahrtsbesliehuiigen zu beschranken Es.nuihl du Ivoni^hchm Ak id, mie 
zu besonderem i uhu,^ ] .jj sie der Versuüiuu,, m diesei Weise ihn Aufgab, 
zu veraußcriichcn lapfti und < ntschlossen sich eiwelrrt und ohne jemals die Wuk 



Allgemeiner Bericht. 



samkeit auf weitere Kreise und die Förderung der Volkswohlfahrt aus den Augen 
zu verlieren, doch den Charakter eines wissenschaftlichen Instituts sich zu wahren 
gewußt hat. 

IVIöge es der Königlichen Akademie vergönnt sein, in diesem Geiste noch auf 
lange Zeit hinaus ein lebenskräftiger Mittelpunkt wissenschaftlicher Arbeit und 
regen geistigen Lebens für Erfurt und das Thüringer Land zu sein und in ihren 
Jahrbüchern kräftig und erfolgreich mitzuarbeiten an der Pflege der Wissenschaften 
und einer gesunden vaterUindischen Kultur. 

Aus Anlaß des am 10. Dezember d. J. stattgehabten öOjährigen philo- 
sophischen Doktor-Jubiläums wurde dem Herrn Prälaten Geh. Regierungs- 
rat Prof. Dr. Lämmer ein Glückwunschschreiben übersandt. 

Die deutsche Geologen-Versammlung, welche im September d. J. 
in Breslau tagte, begrüßte der Präses mit den Herren Professoren Geheimrat 
Dr. Joseph Partsch, Hintze, Fax in der Aula Leopoldina, indem er gleich- 
zeitig eine unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Frech verfaßte Festschrift 
»Zur Geologie des böhmisch-schlesischen Grenzgebirges" nebst einer Ex- 
kursionskarte überreichte. 

Ebenso sprach er, begleitet von denselben Herren im Stadttheater der 
vom 19. — 25. September hier tagenden Versammlung Deutscher 
Naturforscher und Ärzte die Glückwünsche der Gesellschaft aus, indem 
er gleichzeitig die kurz vorher vollendete ,, Geschichte der Schlesischen 
Gesellschaft für vaterländische Cultur" in 200 Exemplaren überreichte. 

Herr Professor Dr. Th. Schübe hat den zweiten (Schluß)-Teil seines 
Werkes, ,,Die Verbreitung der Gefäßpflanzen in Schlesien, preußischen und 
österreichischen Anteils", welches er der Gesellschaft als Festgabe zur 
Hundertjahrfeier gewidmet hat, überreicht. Es sind noch jetzt Exemplare 
für Mitgheder der Gesellschaft erhälthch. 

Herr Archivar Professor Dr. Nentwig hat die ,, Literatur der Landes- 
und Volkskunde Schlesiens 1900—1903" als Ergänzungsheft zum 81. Jalires- 
bericht herausgegeben. Beiden Herren sei auch an dieser Stelle herzlich 
gedankt. 



Bericht über die Bibliothelt. 

Die im Laufe des Jahres 1904 der Gesellschaft durch Schriften- 
austausch und Geschenke zugegangenen Schriften wurden in 4 Sendungen 
•ler hiesigen Königlichen und Universitäts-Bibliothek übergeben: 

1. am 13. April 1904 No. 54—171, 

2. ,, 30. Juni „ „ 172—320, 

3. ,, 10. August „ „ 321. 

4. „ 18. Oktober „ „ 322—477. 

Als Geschenkgeber seien mit Dank genannt: Se. Exzellenz der Herr 
Mmister der geistlichen, Unterrichts- usw. Angelegenheiten Dr. Studt, 
das Kuratorium der Komraerzienrat Fraenckelschen Stiftungen, Prof. 



10 Jaliresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur, 



L. V. Graff in Graz, Gymnasialdirektor Guhrauer in Wittenberg, Fabrik- 
direktor Krieg in Eichberg bei Schildau am Bober, Hofrat Prof. Prokop 
in Wien, Rittergutsbesitzer v. Salisch auf Postel, Prof. Spribille in 
Inowrazlaw, Prof. G. Stenzel, Kgl. schwedisch-norwegischer Konsul 
V. Wallenberg-Pachaly, Baurat Wingen in Bonn. 

In den Schriftenaustausch sind im Jahre 1904 eingetreten: 

1. Die Schriftleitung derHeraldisch-GenealogischenBlätter inBamberg, 

2. der Beskidenverein in Bielitz-Biala. 

Die Bibliothekarsgeschäfte versah während des 1, Vierteljahres Herr 
Dr. G. Marquardt, vom 1. April 1904 ab der Unterzeichnete. 

Dr. G. Türk. 



Bericht über das Herbarium der Gesellschaft. 

Im Laufe dieses Jahres wurde der Rest der Metachlamydeen des Herbars 
kritisch durchgearbeitet, sodaß jetzt der ganze Bestand an Gefäßpflanzen ge- 
sichtet ist. Neue Beiträge spendeten außer dem Unterzeichneten die Herren 
Alt-Bunzlau, Buchs-Zülz, Gzmok-Gleiwitz, Ei tn er -Breslau, Hellwig- 
Grünberg, Liersch-Haynau, Limpricht-Breslau, Pfeiffer-Steinau, 
Rieht er -Ober-Glogau, Schikora-Haynau, Schmidt- Grünberg, Schöpke- 
Schweidnitz, Tischbierek-Beuthen, Weeber- Friedeck und Ziesche- 
Breslau. Herr Richter lieferte auch Beiträge für die Sammlung von 
Standortskarten und schenkte das mit den Eintragungen versehene Blatt 
Ober-Glogau. 

Für alle Gaben sei auch an dieser Stelle herzlich gedankt! 

Breslau, den 8. Dezember 1904. 

Theodor Schübe. 



Kassen-Verwaitungsbericht pro 1904. 

Zu dem Bestände des Gesellschaftsvermögens Ende 1903 von 

in bar in Effekten 

2 960,55 Mk. 96 200,00 Mk. 
traten an Einnahmen im Jahre 1904 hinzu 
einschließlich der gezahlten Beiträge zum 

Baufonds (51 055,00 Mark) .... 6(5002,23 ,. — 

ferner in Effekten die dem Baufonds der 
Gesellschaft als einmalige Beiträge über- 
wiesenen acht verschiedenen Breslauer 
Vereinshaus- Anteilscheine mit ... . 5 100,00 



Sa. 68 962,78 Mk. 101 300,00 Mk. 



Allgemeiner Bericht. 



11 



in bar in Effekten 

Übertrag 68 962,78 MIj. 101 300,00 Mk. 
wogegen verausgabt wurden ... 12 309,40 ,, — 

verbleiben 56 653,38 Mk. 101 300,00 Mk. 
Von diesem Überschuß konnten angeschafft 
werden : 

Nom. 54 000 4 % Schles. Boden- 

Credit-Pfandbriefe, Se rie V— IX . . 55 263,75 „ 54 000,00 ,. 
so daß sich Ende 1904 ergibt ein Bestand 

von 1 389,63 Mk. 155 300,00 Mk. 

in bar in Effelcten. 

Das Vermögen der Gesellscliaft hat sich sonacli verringert um 
1570,92 Mark in bar, dagegen vermehrt um 59 100,00 Mark in Effekten. 
Breslau, den 31. Dezember 1904. 

Mannowsky 

Stellv. Schatzmeister der Schles. 

Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Geprüft, mit den Belägen und Depotscheinen verglichen und richtig 
hefunden. 

Breslau, den 6. März 1905. 

Paul Riemann 
Rechnungsrevisor. 



Baufonds. 

An einmaligen Beiträgen sind dem Baufond zur Erbauung eines 
eigenen Geschäftshauses im Jahre 1904 zugeflossen: 

Von Sr. Majestät Kaiser Wilhelm II. 30 000 Mk.; zweite Rate des 
Provinzialbeitrages 10 000 Mk.; von der Schles. Generallandschaft 3000 Mk.; 
von Frau Auguste Agath, Georg v. Giesches Erben, Frau Geheimrat 
Heinaann, Frau Fabrikbesitzer Kemna, Se. Durchlaucht Fürst Pless, Frau 
Kommerzienrat Rosenbaum je 1000 Mk.; Herrn Regierungsrat Udo Schulz 
500 Mk.; Graf Viktor Matuschka 300 Mk.; Bankdirektor 0. Degenkolb, 
Fräulein Marie von Kramsta-Muhrau, Bankdirektor Moritz Lyon je 200 Mlc; 
Kaufmann Adolf Friedenthal, Rosenthal 150 Mk.; Geheimrat Professor von 
Strümpell, Professor Dr. A. Tietze je 100 Mk,; Professor Dr. Gadamer 
"0 Mk. ; durch denselben von Ungenannt 40 Mk. ; von Sanitätsrat 
Dr. Burchard 50 Mk.; Dr. Jungnitz, Geistlicher Rat, Prof. Dr. F. Pax je 
3ü Mk.; Prof. Dr. 0. E. Meyer, Prof. Dr. W. Volkmann, Prof. Dr. Julius 
Wolf je 20 Mk.; Prof. Dr. Freudenthal 15 Mk.; Redakteur H. Baum, Prof. 
J- Nickel je 10 Mk. 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Ferner wurden der Gesellschaft überwiesen an Brcslauer Vereinshaus- 
Anteilscheinen : 

Von Herrn Kommerzienrat Karl Skene, Fabrikbesitzer Georg Schöller, 
Fabrikbesitzer Dr. Max Wiskott sen. je 1000 Mk.; Kaufmann Alfred Moser, 
Prof. Dr. Carl Partsch, Geheimen Medizinalrat Prof. Dr. E. Richter je 500 Mk. ; 
Stadtrat Fedor Pringsheim, Prof. Dr. Piöhmann je 300 Mk. 

An Jahresbeiträgen von den Herren : 

Oberbürgermeister Dr. Bender, Medizinalrat Dr. Wolffberg, Oberlandes- 
gerichtsrat A. Simonson, Fabrikbesitzer Georg Schöller -Rosenthal je 10 Mk.; 
Dr. med. V. Winkler 5 Mk. 

Für diese Spenden sei auch an dieser Stelle im Namen der Gesell- 
schaft bestens gedankt. Zugleich aber sei der Baufond allen Freunden 
und Gönnern der Gesellschaft zu weiterer freundlicher Berücksichtigung 
warm empfohlen. 

Dr. Max Wiskott sen., 
Schatzmeister. 



ä 



Kassen -Abscliluss für das Jahr 10O4-. 



Allgemeine Kasse. 

Einnahme. 

Zinsen von Wertpapieren: 

pro I. Semester 

„II. „ 

Zinsen aus dem Depot bei der städtischen Bank 

Zinsen aus dem vorübergehenden Guthaben bei 

Eichborn &, Co. hierselbst 



1779 M 38 



2381 
107 



87 
65 



a. von einheimischen Mitgliedern: 

pro I. Semester von 530 Mitgliedern ä 



M 



11 

5 

1 

5.57 

5 



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110 „ — 

22 „ 50 

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2785 „ — 



50 



888 



1). von auswärtigen Mitgliedern : 
von 1 48 Mitgliedern h Q Ji 

Jahresbeitrag des Provinzialausschusses 

Jahresbeitrag des Magistrats zu Breslau 

Beiträge zum Staats- und rechtswissenschaftl. Losezirkel für 1904: 

von 17 Mitgliedern ä 2 Ji ?A J( — /\ 

„8 „ k l Ji 8 „ — , 

,, 2 ,, zusammen . , . . ■ . 5 ,, — , 

Jährliche Beiträge zum Baufonds: 

von 1 Mitglied h h Ji 

„ 4 Mitgliedern h 10 Ji ....... 

Außergewöhnliche Einnahmen : 

A. in Bar: Einmalige Beiträge zum Daufonds . 

II. Rate des Provinzialbeitrages (v. ^^30000) p. 1 904 

durch Verkauf von Schriften 

von Herrn Kommerzienrat Rosenbaum s. Z. 
übernommenes Kassenplus 



Wert- 
papiere 

■M 



Ji - 



41055 

10000 

152 



B. in Wertpapieren: Als einmalige Beiträge zum Baufonds der Ge- 
sellschaft überwiesene Breslauer Vereinshaus-Anteilscheine . 



Neu erworbene Wertpapiere: 
4 "/o Schlesische Bodenkredit-Pfandbriefe . 
Hierzu: Bestand aus dem Jahre 1903. . 



6487 

3000 

300 



54000 
96200 



51245 51 



66002 23 



68962 78 



Allgemeine Kasse. 

Ausgabe. 



Wert- 
papiere I 

M I 



Miete für Versammlungsräume, für das Geschäftszimmer und Wohnung 

des Kastellans . . 

Honorare und Renumerationen .... 

Gehalt dem Kastellan 

Für Heizung 

Beleuchtung 

Schreib-Bedürfnisse 

Zeitungs-Inserate 

Druckkosten 

Buchbinder-Arbeiten, bei Pos. 8 inbegriffen 

Porto-Ausgaben 

Kleine Ausgaben 

verschiedene Sektionen 

die Bibliothek 

unvorhergesehene Ausgaben : 

a. für 1500 Festschriften zur Hundertjahrfeier 
der Gesellschaft 1603 JI. — aI, 

b. für Herstellung von 200 geolog. Karten des 
Heuscheuergebirges 500 ,, — ,, 

c. für 200 Festschriften zum Geologcn-Kongress 1202 ,, 05 ,, 

d. diverse Ausgaben 270 „ — ,, 

gekaufte Wertpapiere: 

54000 Ji 4 7(, Schles. Bodenkredit-Pfandbriefe 



Bestand am Schlüsse des Jahres 1904 . . . 
Wertpapiere: 

^Vä % Pi'euss. konsol. Staatsanleihe . . 

4 7o Schlesischer Rentenbrief 

31/2 7o Schlesische Bodenkredit-Pfandbriefe 

4«/o 
3%7o 

31/2 % Posener Pfandbriefe 

3 % Schlesische Pfandbriefe 

3% % » „ .... 

Schlesischer Bankvereins-Anteil . . • 

Breslauer Vereinshaus-Anteilscheine. 



B ar 



1050 

330 

1200 

115 

57 

8« 

369 

4039 

550 
5 74 
359 



27900 

300 

10500 

81200 

10000 

4000 

5000 

1000 

300 

15100 



67573 
1389 



155300 68962 



Breslau, den 31. Dezember 1904. 

Mannowsky, st(;llvertr. Schatzmeister der Gesellschaft. 



Geprüft, 



mit den Belägen und Depotscheinen verglichen und richtig befunden. 
Breslau, den 6. März 1905. 
Paul Riemann, z. Z. Revisor der Gesellschaft. 



Kassen -Abschluss der Sektion für Obst- und Gartenbau für das Jahr 1904 



Einnahmen. 

An Vortrag aus Rechnung 1903 

,, Mitglieder-Beiträgen: 

119 Beiträge für 1904 

„ Garten -Erzeugnissen: 

Verkaufte Baumschul-Artiliei ;2791 Ji 15 

Verkauftes Gemüse, Obst etc 1144 „ 10 

Verkaufte Schnittblumen 143 „ 15 

,, Subventionen: 

Subvention des Schlesischen Provinzial-Landtages 

Zinsen: 

31,2 7„ vom I./IO. 1903 bis 30./9. 1904 von 
2000 Ji Schles. Bodenkredit - Pfandbriefe 
Ser. IV 70 M — 

4 0/^ vom l./l. bis 31./J2. 1904 von 1000 M 

Schles. Bodenkredit-Pfandbriefe Ser. VII . . . 40 ,, — 

Zinsen auf Rechnungsbuch der Schles. landschaft- 
lichen Bank vom 1./12. 1903 bis30./ll. 1904 11 „45 



Effekten 



598 43 



6991 I 28 



Ausgaben. 

Für den Garten: 

Gärtner-Gehall. 1440 Jl 

Arbeitslöhne . . . . • . . 1772 

Dungstoffe 138 

Wildlinge, Sämereien etc 1 3 1 (; 

Baulichkeiten, Utensilien etc. . 292 

Versicherungen, Steuern etc 211 

Zinsen für Restkaufgeld 720 



8« 
25 
17 



Insgemein: 

Gratis-Sämereien-Verteilung 

Vereinsbeiträge, Honorare, Inserate, Porti etc. 



97 Jl 15 

245 „ 76 



Cassa-Bestand im Vortrage 



Effekten-Bestand im Vortrage: 

Anteilschein Breslauer Vereinshaus .... 2000 M — xi^ 

37;^ 7o Schles. Bodenkredit-Pfandbriefe Ser. IV. 2000 „ -- „ 

4 7o v " " " ^^^_^^^" " — " 



Effekten 

M 



B ar 



342 : 91 

75(i ! 84 



Breslau, den 31. Dezember 1904. 



5000 

Max Müller, z. Z. Kassenvorsteher der Sektion für Obst- und Gartenbau. 
Geprüft und richtig befunden: Dannenberg, Beckmann, 



üclilesiscle Gessllsclsll fir faterläfiicle Cültiir. 



S2. 
Jahresbericht. 



I. Abteilung. 

[VIcdicin. 
a. Medieiniselie Seotion. 



Si('/iiiis;((n (Ici- nuMHcinisclien Sodion hu Jalire 1904. 



Sitzung vom 15. Januar 1904. 
ViiiHilzeixlor: Hoit Poufiok. Solirirtfrihror: Hiut NeissHr. 
ITcii V. Mikulicz: Zur Pathohjgici usidThwflpäe dfl.s Cartüo- 
siuiHmus mit conseeutiver OesophüKiisdiiatation. (Ist anddr= 
\voi(,in- oraehioiUMi.) 

iSitzuno- vom 22, .Tanuar 1904. 

Vorsitzender: Herr B u oh w,i,l d. S oh ri f tfü hrer : Korr Noi a s « r. 

Vor der Tagesordnung: 

Herr Neisser: Demonstration eines Falles mit ültor doii 
finnzeii Körper verbreitetem papulöson Sypliilii! mit sl«''i<'l>- 
zeitiger Abducenslähmuiig rechteracits. 

Der Fall wird wesentlich deshalb vorgestellt, um darauf hin- 
zuweisen, daß derartige Lähmungsersoheinuugen ebenso wie sonstigo 
f'i'ivbrale, spinale, intestinale Syphilisprocesso nicht ohne Weiteres, 
wie OS gewöhnlich geschieht, als tertiäre Formen aufgofaüt 
Worden dürfen, sondern jedes Mal auch der Möglichkeit, es köniitet\ 
Sficundilro Erscheinungen der Früliperiode sein, Eechnung ge 
ti'agen werden müsse. Practisch-therapoutisoh ergielit sioli daraus. 
•I'iü OS falsch wäre, einen solchen Kranken nur mit Jodkulium 
^■" behandeln. Voraussichtlich würde der die Abducensliilimung 
hertingende, vermutlich wohl periostale Proceß ebenso wonig oder 
jedenfalls ebenso langsam einer reinen Jodkaliumbeliandlung 
Weichen, wie es ein papulöses Hautsyphilid thut. Es ist (hilior 
"1 diesem Falle, der sicherlich der Frühsyphilis angehöri, unt-or 
allen Uinstäiulen eine Queoksilberbehandlung indicirt. Tat man 
Wegen Mangels au genügender Anamnese zweifelhaft, ob man oe 
"ei einer Abducenslähmung oder einer ähnlichen der directeii 
örtlichen Untersuchung unzagängliohen Affection mit einer Früh- 
°'1er Späterscheinung zu thun hat, so wird man \in tor allen Um 
^t-änden sicherer vorgehen, eine co mbinirtc Qiiookailbor 
^^i>d .Todbohandlung einzuleiten. 

1 



Jabresbericht der Scliles. Gesellscbaft für vatorl 



T a. g e s r (1 n u n g : 
Disoussion zu dorn Vortrag dos Herrn v. Mikulic/.; Zur 
Pathologie und Therapie dos Oardiospasmu s in it co n h o- 
cutiver Oesophagusdilafcation. 
Herr Rosenfeld: Zu den interessanten und wichtigen Aus- 
führungen des Herrn v. Mikulicz, die eine Fülle von Beob- 
achtungen bieten, möchte ich einige Bemerkungen liinzufugen. 
Was die Diagnose anbetrifft, so hat Herr v. M i k u 1 i o z die Röntgen- 
durchleuchtung für sehr wichtig erklärt; ich kann dem nur bei- 
pflichten, besonders wenn man sie in der Art ausführt, daLi man 
die von mir angegebene mit Luft zu füllende CondomBonde an- 
wendet. Die helle Luftblase ist im Röntgensohirmbilde sehr 
deutlich zu sehen und der lufterfüllte Ball gestattet durch Ver- 
schiebung nach auf- und abwärts die Ausdehnung der Dilatation 
zu beurteilen. Das Verfahren dieser Sondirung mit der Coudom- 
sonde ist auch ohne Durchleuchtung schon im Stande, einiger- 
maCen über die vorliegenden Verhältnisse der Speiseröhre zu 
Orientiren. Damit kommt man über die complioirten diagnostischen 
Methoden hinweg. Die Oesophagoskopie wird durch Aufklärung 
von Details immer einen großen Wert behalten. Zu beachten 
ist für die Sondirung, daß die Sonde von einer sonst 
normalen Cardia Widerstände erfahren kann. Das koirimt 
wohl auf die Art der Sonde an. Sehr dicke Sonden und sehr 
weiche Sonden lassen vielleicht die zu schildernden Fälle über- 
sehen. Es giebt nicht allzu selten Patienten, bei welchen eine 
halbweiche Sonde mittlerer Dicke, die ich wegen der großen 
Erleichterung des Sondirens für den Patienten vorziehe, an der 
Oardia hacken bleibt und erst durch einen Druck in den Magen 
eintritt. Gewöhnlich ist das bei nüchternem Magen zu sehen, und 
verschwindet mit der Nahrungsaufnahme. 

Die Bedeutung der Oesophagusdilatationen für die Ernährung 
ist nicht von ihrer Größe abhängig. Faustgroße Erweiterungen 
können sehr verderblich und größere ohne viel Bedeutung sein. 
Die Therapie der Sondirung, der Auswaschung etc. führt oft zu 
wesentlichen Besserungen. Einen Fall habe ich gesehen, in dem 
längere Zeit die Flüssigkeitsaufnahme durch eine die Cardia 
nicht passirende, ihr nur möglichst genähorte Sonde gelang, 
während durch den normalen Schluokact fast nichts in den Magen 
befördert werden konnte. 

Aus den Erfolgen der Mikulicz'schen operativen Dilatation 
müssen wir uns wohl die Malmung entnehmen, die Dilatations- 



i. Abteilung. Medioiiiische Sectioii. 



verfahren vom Munde aus eveut. unter Leitung des Oesophago- 
sliops bei allen milderen Fällen moglichat stark 7,u betonen, um 
ihnen so hifige wie angängig die Cardia, deren JBehandlvmg 
das wesentliche Moment darzustellen scheint, ganz im Sinne der 
operativen Dehnung vom Magen aus offen zu erhalten. 

Herr B. Oppler: Auf die physiologischen und pathologisch- 
anatomischen Thatsachen, die uns Herr v. Mikulicz mitgeteilt 
hat, will ich hier nicht weiter eingehen, da eine Kritik derselben 
nur auf dem Wege der Nachprüfung möglich ist, sondern mir 
nur vom klinischen Standpunkte aus einige ergänzende Bemerkun- 
gen gestatten. 

Da muß ich zunächst betonen, dnß das Leiden durchaus 
nicht so selten ist, wie es den Anschein hat; ich habe beispiels- 
weise in den letzten Jahren 6 oder 7 Fälle davon gesehen. Frei- 
lich sind dabei einige wesentlich leichtere dabei, bei denen ent- 
weder die Erkrankung noch in den Anfangsstadien sich befand, 
oder zum mindestens nicht so schwere Symptome machte. Ueber- 
haupt sieht man niclit gar so selten Fälle, bei denen wohl gewisse 
dyspliagische Beschwerden bestehen, jedoch die Untersuchung 
keine Dilatation des Oesophagus, sondern lediglich einen gewissen 
mit mäßiger Gewalt überwindbareu Widerstand an der Cardia 
(nicht nur bei nüchternem Magen) und eine Oesophagitis ergiobt. 
Diese lassen sich durch entsprechende Behandlung sehr leicht 
bessern oder zum mindesten in dem betreffenden Stadium er- 
halten. Aber auch die weiter vorgeschrittenen Fälle mit aus- 
gesprochener Erweiterung des Oesophagus werden durch Behand- 
lung der Oesophagitis, regelmäßige Spülungen der Speiseröhre und 
teilweise Sondenfütterung, falls sie noch nicht gar zu weit vor- 
geschritten sind, oft so weit gebessert, daß man auf eine chirur- 
Kificho Behandlung verzichten kann und diese für so schwere 
■ Fälle reserviren mag, wie sie uns der Herr Vortragende gezeigt hat. 

Herr v. Mikulicz glaubt nun, daß den als spindel- oder saok- 
torniige oder idiopathische Dilatation des Oesophagus bezeichneten 
Päileu wahrscheinlich ausnahmslos ein Cardiospasmus zu Grunde 
Ju-'ge, und hat das für seine letzten Beobachtungen durch exacte 
Versuclio gestützt. Ich kann nicht sagen, daß ich bei allen meinen 
""d den litterarisch bekannten Fällen diesen Eindruck gehabt 
l'abe, sondern bin der Ansicht, daß es sich dabei doch wohl nur 
"m eine, allerdings wohl eine Hauptgruppe von Fallen handelt. 
'"^0 reclamirt auchKelling neuerdings in einer Arbeit einen Teil 
'ißr Fälle für eine andere, Aetiologie, nachdem er in einem solchen 
Pinen Schwund der Längsmusculatur des Oesophagus (der natür- 

1* 



4 Jalirosberiolit dor Scliles.'Gosollscliaft für vatovi. Ciiltnr.^ 

lieh ebenfalls eine gestörte Fortbewegung und Liegenbleiben der 
Speisen, somit auch Erweiterung verursacliou muü) hat feststelleii 
können. Es leuchtet ein, daß für derartige Fälle eine Delniung 
der Cardia keinen Nutzen bringen könnte und dalier jodei- rin/ylii« 
Fall auf seine Aetiologie vorher genau ku prüfen ist. 

Herr Buchwald fragt den Vortragenden , «ob ihm eine Mor- 
liiditrtts-Statiistik zur Verfügung stehe? Wie varhiUt es sich mit 
dem Alter, Geschlecht der Patienten? Im Allgemeinen müsse 
das Leiden doch ein sehr seltenes sein. Woim man auch jet/.t 
infolge der neueren Arbeiten mehr auf solol\e Fälle achte als 
früher, so würde doch bei dem großen Kraiikonmaterial, welches 
im Allerheiligen-Hospital zur Beobachtung stehe, ein derartiger 
Kranker öfter zur Beobachtung gekommen sein, als dies that- 
slichlich der Fall sei. Event, hätte bei nicht gestellter Diagnose 
die Section Aufschluß gegeben. Tu den 30 Jahr(!n hosiii(aliu-/,t- 
Ücher Thätigkeit habe Buchwald jodocli mir nein- wniig dor- 
artigo Kranke gesehen. 

Herr Sackur: Herr v. IVIikulio?, hat die Aottologic des 
Cardiospasmus als unsiolior bezeichnet; man müSBSo an eine 
Reflex-Neurose oder dergleichen denken. Bei dor großen Aohnlicli- 
keit, die das geschilderte Krankheitsbild mit dem Spliiiicter- 
krampf bei Fissura ani hat, möchte ich mir die Frage erlauben, 
ob Herr v. Mikulicz bei seinen Operationen, die ihm ja er- 
laubten, durch die Mageuwunde hindurch die Schleimhaut der 
Cardia-Gcgend mit dem Finger, vielleicht auch mit dem Auge, 
'/u controliron, in dor Lage war, das Vorhandensein von Rhagaden 
oder Fissuren dieser Schleimhaut als Ursache des Cardiospasmus 
sicher auszuschließen. Wem; man nämlich eine solche Fissur als 
Krankheitsursache annehmen dürfte, so würde das ganze Kvank- 
hoitsbild unserem Verständnis viel näher gerückt werden uml 
uns anch der heilende Effect der Cardiadohnung ~ analog dem 
therapoutiBchen Verfahren bei Fissura ani — viel plausiblar sein. 
Herr V. Mikulicz erwidert Herrn Buchwald, daß die bisher 
sicher beobachteten Fälle von Cardiospasmus doch noch zu spärlich 
sind, um statistisch vorwertet werden zu können. Nach seiner 
Erfahrung kann Redner nur sagen, daß das mittlere Lebensalter 
vorwiegend von der Krankheit befallen ist, und daß Männer und 
Pnauen gloichmilLÜg daran partioipiren. 

Eine Verijinderung analog der Fissura ani konnte Redner bei 
den Operationen an der Cardia nicht wahrnehmen. Auch spriolit 
der ösophagoskopische Befund n icht dafür. Der von Herrn p p 1 e r 
angeführte Kelling'sche Fall, in welchem dieser Cardiospasmus 



I. Abteilung. Medicinisclie Soction. 



mit yicberheit aussohließeu zu können glaubt und eine priraiVro 
Atrophie der Liiiigsmusoulatur annimmt, erscheint Vortr. uictit 
beweiskräftig. Wenn der Fall mit Stagnation von Flüssigkoiten 
im Oesophagus vcrljunden war, was Herr Oppler bestätigt, so 
kann dies unmöglich auf Atonio der Musoulatur zurüokgefiVhrt 
worden, da eine solche, wie Redner nachgewiesen hat, allein nicht 
VAX Rückständen im Oesophagus führen kann. Auch wäre es 
nicht verständlich, wie eine Atrophie der Längsmusoulatur zur 
Dilatation führen süUte. Es müßte vorwiegend die Ringmuscvdatur 
atrophisch sein. Vortr. hält die Entscheidung, ob ein Cardio- 
spasmus vorliegt oder nicht, in erster Linie von dorn Ausfallen 
der in seinem Vortrage angegebenon Druckversuche abhängig. 
Diese sind in dem Kelling'schen Falle sicher nicht vorgenommen 
worden, da Redner dieses wichtige diagnostische Hilfsmittel oV)eii 
erst veröffentlicht hat. 

Was das Vorkommen leichter Fälle von Cardiospasmus ohne er- 
hebliche Dilatation betrifft, so hat auch der Vortragende eine Reihe 
von solchen beobachtet. Daß diese, sowie die leichteren Fälle von 
Cardiospasmus mit Dilatation ohne chirurgisches Eingreifen geheilt 
oder wenigstens erheblich gebessert werden können, hat Redner 
schon in seinem Vortrage ausführlich hervorgehoben. Die chirur- 
gischo Therapie bleibt nur für die schwersten Fälle rosorvirt, in 
welchen nicht nur die subjeotiven Beschwerden bei der Nahrungs- 
aufnahme, sondern auch ein constautes Heruntergehen des Körper- 
gewichtes zu energischem Eingreifen auffordert. Ob eine rationelle 
interne Therapie in jedem Falle vor der Entwicklung dieser 
schworen Erscheinungen schützt, wie Herr Opplor meint, möchte 
Redner doch bezwoifoln. Der letzte vom Vortragenden oporirte 
und domonstrirte Fall war vor der Ausführung der Gastrotomio 
ein Jahr lang von Boas, also gewiß mit allen modernen Hilfs- 
mitteln der internen Therapie, behandelt worden. Nochmals hervor- 
hoben möchte Redner daß die Sondenbohandluug ein zwei- 
schneidiges Schwert ist, da sie in manchen Fällen des Cardiu- 
' Spasmus geradezu steigern kann. 

Der Vortragende hat selbstverständlich längst daran gedacht, die 
forcirto Dilatation der Cardia anstatt vom eröffneten Magen vom 
Munde aus vorzunehmen; er hat auchschon vor mehreren Jahren und 
niiuerdings wieder lustrumonto construiron lassen^ die das sicher 
bewerkstelligen können. Er hat es aber bisher nicht gewagt, 
ein solches Instrument ohne jede Controle in der Tiefe des 
Körpers wirken zu lassen, da eine Zerreißung der Cardia fast 
sicher einen letalen Ausgang herbeiführen wurde. Die forcirto 



Jahresboriclit der Sohles. Gesellscliatt füf vuterl. Cultur. 



Dilatation vom Magen aus gestattet, den Grad der Dehnung 
wenigstens mit den Fingern zu controiiren. 

Herr (i. (Jottstein: lieber die Verwendbarkeit des Lujs- 
schoü Separateurs an Stelle des üreterenkathefers. 

Redner geht zunächst auf die verschiedenen Untersuchungs- 
inethoden ein, erwähnt die Comxwessiou des Ureters, die Sondirung 
der Ureteren und bespricht die Scheidung der Blase sowohl von 
außen als von innen her. Er beschreibt genau die Technik der 
Untersuchungen mit dem Cathelin'sohen Diviseur sowie mit 
dem Luys'scheu Separatem-. Während das Oatheliu'sche In- 
strument wegen seiner Coustruotion nicht ungefährlich erscheine, 
ist der Luys'sche Separateur als ein technisch vorzügliches 
Instrument zu bezeichnen. 

Im Weiteren beschreibt Redner die bisherigen tlieoretischeu 
Versuche und weist diese als unmaßgeblich zurück. Er maclit 
darauf aufmerksam, daß vor jeder Untersuchung mit dem Harn- 
soheider die Cystoskopie notwendig ist behufs Feststellung der 
Lage der Ureterenöffnungen und von eventuellen Veränderungen 
in der Blase selbst. 

Redner geht ausführlich auf die großen Vorteile des In- 
struments ein, verkennt aber keineswegs die Nachteile desselben. 

Mit dem Instrument wurden 39 Untersuchungen in 24 Fällen 
vorgenommen. 

Vortr. schließt daran eine Kritik des Ureteronkathetorisinua 
und vergleicht diesen mit dem Harnscheider. Er kommt zu dem 
Resultat, daß beide Methoden, wie sie bisher gebraucht werden, 
unvollkommen sind. Sowohl der Ureterenkatheterismus wie die 
Untersuchung mit dem Separateur haben ihre Berechtigung, es 
sind zwei Methoden, die sich gegenseitig ergänzen. Ergiebt der 
Separateur einen characteristischen Unterschied der beiden ge- 
trennt aufgefangenen Urine, so ist seine Wirksamkeit erwiesen. 
Mit dem Ureterenkatheterismus köiuieu wir nur die anatomischen 
Veränderungen der Niere nachweisen, erhalten aber kein sichoruH 
funotionelles Resultat. 

Der große Vorteil des Harnseheiders vor dem Urctei-on- 
katheterismus ist insbesondere der, daß die Handhabung deH 
Harnseheiders eine außerordentlich einfache ist, während der 
Ureterenkatheterismus specialistische Technik, große Uebung \nid 
Erfahrung voraussetzt. 

Andererseits ist der Harnscheider absolut sterilisirl)ar inid 
kann keinerlei Gefahren einer lufection eines noch gesunden 



I. Abteilung. Mediciuische Seotion. 



Organs horbeiführen, wie dies tlem üretereiikathetorismua viel- 
fach luioligesagt wird. (Der Vortrag erscheint im Original in 
den „Mittoilungeu zu dou CTreuzgobieteu".) 

Sitzung vom 29. Januar 1904. 
T a g e s o r d n u u g : 
Dis<-,\i8siou /.um Vortrage des Herrn Gottstciii: 
Uobcr die Verwendbarkeit des Luys'schon Separatours 
au Stelle des Ureterenkatheters. 
Herr Willi Hirt: Ich möchte mir erlauben, in Ergiinzvuig 
der Ausführungen des Herrn Crottsfcein auf die großen Schwierig- 
keiten hinzuweisen, die der Anwendung der Luys'schen und 
alier ähnlichen Instrumente erwachsen aus der großen Ver- 
Bohiodenheit der anatomischen Beschaffenheit des Blasenbodens 
auoli bei normalen Blasen. loh habe hier eine Anzahl normaler 
uionsohlichcr Blasen aufgestellt, die diese Verschiedenheiten demon- 
striren. 

Zunäclist springt das Ligamoutum interureterioum häufig als 
ein starker musculösor Strang so stark in das Blasencavum 
liervor, daß es eine wasserdichte Teilung des Blasonbodens durch 
den Divisour absolut unmöglich macht. Ferner finden sich häufig 
auf dem Trigonum sowohl, wie am übrigen Blasenboden starke 
Faltcubildungen, die denselben Effect haben. Nicht anders steht 
ÜB mit dou nicht selten auftretenden Trabckelbildungen. In dem 
Netzwerk dos trabeculäron Blasenbodens ist eine Trennung der 
beiderseitigen ürino ausgeschlossen. Auch finden sich hin und 
wieder Vorlagerungen dos Ureterendreiecks derart, daß beide 
Uroteren in einer Blasenhälfte sich befinden (Demonstration). Ich 
habe absichtlich alle erheblich pathologischen Veränderungen, 
wie sie sich namentlich bei Prostatahyportrophie einstellen, un- 
beriicksiolitigt gelassen; die Unmögliclikeit, bei diesen Vor- 
änderungen den Diviseur erfolgreich zu benutzen, liegt klar auf 
der Hand. 

Nun fijidet sich wiederholt in der Litteratur die Angabo, daß 
liesundera in der weiblichen Blase das Luys'sche Instrument 
erfolgreich verwendet worden kann. Meine Herren, wer viele 
weibliche Blasen cystoskopirt hat, wird dieser Angabe recht 
skeptisch gegenüberstehen. Gerade der Boden der weiblichen 
Blase ist durch die zwischen Mastdarm und Blase dazwischen 
gelagerten G enitalorgaue häufig überaus unregelmäßig gestaltet. 
Das Trigonum springt als mächtig hervorragender Wulst, 



Jahresbericht der Bchles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



häufig erheblich von der Meiliaiilinie abweichend, stark hervor, 
zu seinen beiden Seiten finden sich tiefe, nacli hinten zu oft 
commuuicirende Recesse. Ich habe mich selbst bei gegen 100 
In den letzten Jahren in der hiesigen Frauenklinik vorgenommenen 
Cystoskopien bei häufig sonst ganz normalen Blasen von diesen 
Verhältnissen überzeugt und erblicke in ihnen große Schwierig- 
keiten für die Anwendung des Diviseurs bei der Frau. 

Man hat nun empfohlen, um sich vorher über Abnoi'mitäteu 
des Blasenbodens zu informireu, vor der Anwendung des Harn- 
scheiders zu oystoskopiren. Man kann diesen Zweck aber dadurch 
nicht mit Sicherheit erreichen, da die Cystoskopie bei gefüllter, 
die Anwendung des Harnscheiders bei absolut leerer Blase vor- 
genommen werden muß, und die Configuration des Blaseninneru 
bekanntlich vom PüUungsgrade wesentlich abhängig ist. 

Trotzdem ist die vorherige Cystoskopie absolut notwendig 
um andere Irrtümer zu vermeiden. Bei Hämaturie z. B. würde 
auch der wiederholte Nachweis mit dem Harnsoheider, daß das 
Blut nur von einer Seite herrührt, die Diagnose nicht wesentlich 
fordern, da die Blutung dann sowohl aus einer Niere wie aus 
einer einseitigen Blaseuaifection , z. B. einem am Ureterostium 
sitzenden Papillom herrühren könnte. Bei Pyurie könnten ein- 
seitige Blasendarmfisteln oder einseitige, mit eitrigem Urin gelullte 
Divertikel dieselben Irrtümer hervorrufen, falls die Cystoskojiiu 
unterlassen wird. 

Wenn nun also ilio Forderung der vorherigen Cystoskopie 
kategorisch gestellt werden muß, dann liegt doch .auf der Hand, 
daß die Anwendung des Luys'sohen Instrumentes eine erhol)- 
licho, unnötige Belästigung des Patienten mit sich bringt. Will 
ich die Uroteren katheterisiren , so führe ich nach Füllung der 
Blase das Ureterencystoskop einmal ein, kathetcrisiro die Uro- 
teren, ziehe das Instrument heraus und lasse beide Uroteren- 
katheter, die absolut keine Belästigung bei ihrem dünnen Kaliber 
lier vorrufen, liegen. Der Patient kann sich dabei ganz ungenirt 
bewegen. Will ich dagegen den Harnsoheider anwenden, so muß 
ich erst die Blase anfüllen, dann das Cystoskop einführen luid 
mich über den Blasenbefnnd informiren, dann die Blase wieder 
sorgfältig mit dem Katheter entleeren und nun als vierten Ein- 
griff das dicke Luys'sohe Instrument einführen und bei un- 
tieweglichor Haltung dos Patienten längere Zeit, ev. eino halbe 
Stunde lang und länger, in der Blase liegen lassen. Daß diese 
Art der Untersuchung gerade Jiicht einfach und xait genannt 
werden kann, liegt auf der Hand. 



I. Abteiluiiff. Mediciiiische Section. 



Man wird nun einwenden, es giebt .aber doch Fälle, in denen 
auch der goübteste Speoiaüst den Ureterenkatheterismus Jiioht 
zu Stande bringt. 

Gewiß, das sind dann aber immer Fälle mit abnorm ver- 
ändertem Blasenboden oder mit abnorm reizbarer Blase: und 
diese Fälle sind auch für deu Harnscheider durchaus ungeeignet. 

Was nun noch zum Schlüsse die dem Ureterenkatheterismus 
innnor wieder vorgeworfene Infectionsgefahr betrifft, so leugnen 
die competentesten und erfahrensten Untersucher, z. B. Kümmoll 
in Hamburg, diese Gefahr vollkommen. Kilmmell bezeichnete 
auf dem letzten Chirurgencongresse seine Erfolge hinsichtlich 
der aseptischen Durchführung des Ureterenkatheterismus bei 
vielen Hunderten von Fällen als geradezu glänzend. Hin und 
wieder kommen Infectionen vor; diese aber dem Ureteren- 
katheterismus zur Last zu legen, ist meiner Ansicht nach durch- 
aus mibereehtigt; denn jeder Urologe wird bei schwer infioirten 
unteren Harnwegen nach Eingriffen, die den Ureter überhaupt 
nicht betreffen, z. B. nach Sondirungen der Urethra, schwere, 
acute Infectionen der Niere und des Nierenbeckens erlebt haben. 

Es kommt eben hier vor allem die hämatogene secundäre lu- 
Ittction der oberen Harnwege in Betracht. 

Von diesem Gesichtspunkte aus aber ist das Luys'solie In- 
strument als ein äußerst gefährliches zu bezeichnen, da es V>oi 
seinem langen Aufenthalt in der Blase, bei seiner Große und 
Schwere leicht zu kleinen Verletzungen der Blasenschleimhaut 
füiiren kann, die schwöre hämatogene Infectionen der oberen 
Harnwego zur Folge haben können. 

Derjenige Krankheitserreger, dessen Verschleppung in die 
ol)oren Haruwege wir am meisten zu fürchten haben, der Tuliorkcl- 
'liicillus, hat viel von seiner Gefährlichkeit in dieser Beziehung 
verloren, seit wir durch die Untersuchungen Baumgartens und 
V. Bruns wissen, daß er sich nicht dem Flüssigkeitsstromo ent- 
gegen vorbreitet. Wenn man also die Vorsicht gebraucht, den 
Urotoronkathotor nur ein kurzes Stück in den Ureter vor- 
ausohieben, so würdo naoli diesen Anschauungen selbst der 
etwaige Import von TvLberkolbacillen aus der Blase in den Ureter 
keine üblen Folgen nach sich ziehen. 

M. H. ! Herr Gottstein hat den Luy.s'.schon ilarnsegregalor 
inir in sehr bedingter und roservirter Weise empfohlen und ich 
glaube, wir müssen ihm für seine Versuche und Mitteilungon 
dankbar sein; eine weitere, allgemoinero Vorwendung des In- 



10 Jahreslierk'ht der SeUes. CosoUscliaft für vaterl. Cultur. 



Btnrmeuts aber in der urologisohen Chirurgie würde meines Er- 
aclitous einen Rückschritt bedeuten. 

Herr Loowenharrtf: Die Bestrebungen den Ureteron-Ksitho- 
torisiaus durch andere Methoden einzusühriiukeu oder zu ergänzen 
sind gewiß berechtigte. 

Es ist dankend anzuerkennen, daß Herr Gottstein wiederum 
die Brauchbarkeit des Luys'schen Haruscheiders untersucht hat. 
Er hat auch gezeigt, daß es möglich ist, aus jeder Seite vor-- 
schiodenen Urin zu erhalten. 

In jedem einzelnen Falle muß sich aber ein Zweifel erhoben, 
ob diese Verschiedenlieit auch den wirklichen Verhältnissen ent- 
spricht und nicht doch eine teilweise Vermischung eintritt. Un- 
zweifelhaft muß dieses unangenehme Ereignis aus anatomischen 
Gründen öfters eintreten, also nur die ganz eindeutigen Fälle, 
d. li. wo auf einer Seite normaler und auf der anderen patholo- 
gischer Urin zu Tage tritt, wären brauchbar. 

Aber auch in diesen Eällen kann ein Irrtum vorliegen, indem 
z. B. bei einer einseitigen, nur wenige Eiterpfropfe abgcboiulon 
Erkrankung zwar auf die gesunde Seite wegen der dicken Gon- 
sistenz nichts übertritt, wohl aber von der gesunden auf die 
kranke Seite klarer Urin herüberläuft, sich mit den dicken Eiter- 
pfropfen vermischt und nun falsche functionelle Bestimmungen 
ergiebt, wie mir ein eolcher Fall bekannt ist. 

Wir sind also nioiiials sicher, ein richtiges Resultat zu er- 
halten. 

Herr Gottstoin hat selbst mit Rocht erwäiint, daß die vor- 
herige Cystoskopie notwendig sei, um zu bostimraon, oli der 
Diviscur augelegt werden könne. Mau möchte sagen, daß auch 
noch nachher stets der Ureteren-Kathetorismus notwendig ist, 
um. zu bestimmen, ob der Diviscur auidi ein richtigoy 
Resultat ergeben hat. 

Für Frauen halte icih den Apjiarat nooii für einen Notbehelf, 
wenn die Blase nicht dio für den Ureteren-Kathetorismus notigo 
Capacität besitzt. 

Beim Manne ist von allem anderen abgesehen in solchen 
Fällen die Einführung viel zu schwierig und verletzend. 

Die sogen. Benirpo Krümmung, welche als orleichtonul lür 
den Gebrauch des Instrumentes erwähnt wurde, liegt nämlicli 
gar nicht in dem Teil, dem sie sich sonst aocommodirt, uändich 
der liinteren Harnröhre, sondern muß in die Blase gebracht 
werden, was bei Männern nicht ohne Schwierigkeiten ist und 
mindestens eine stärkere Füllung wünschenswert macht, um mit 



[. Abtolliiiig. Moiliciiiischo Section. 11 

der Ivrüraraung nicht die Blasenwand beim Einführen zu stark 
zu, drücken. 

Der in meinem Besitz befindliche Luys'sche Harnscheidcr 
zei<;hnet sich zwar durch geringes Caliber aus (Charriero 21), ist 
aber docli unter anderem für den Mann eine große Belästigung. 

Das Caliber der üreteren- Cystoskope ist neuerdings auch 
sehr reducirt worden. 

Ich habe ein üreteren- C^'stoskop mit einem Umfang von nur 
18 mm und 30 .cm verwendbarer Sohaftläuge anfertigen lassen, 
welches besonders sich für Prostatiker vorteilhaft erwiesen hat. 

Für die Infectionsfrage halte ich das Trauma des Harn- 
scheiders für viel schwerwiegender als alle gegen den Uretoren- 
Katheterismus geäußerten Bedenken, Auch in der Litteratur ist 
von den verscliiedensten Seiten aus der Harnsclioider ungünstig 
beurteilt worden. 

Immerhin ist es nicht unwichtig, wie Herr Gottstein beab- 
sichtigte, nach Ergänzungsmittelu für den Ureterenkatheterisraus 
zu suchen. 

Ich möchte auf die von Voelcker und Joseph iu der 
Heidelberger chirurgischen Klinik angewandten Indigokarmin-In- 
jcctionen hinweisen, wodurch, wie ich mich überzeugte, man 
KwoifelloB unter Umständen die Localisation sonst schwer erkenn- 
barer Ureterenmünduugen an dem Blau-Urinstrahl feststellen kann. 

In wie weitem Umfange aber der Ausscheidungstypus Rück- 
Kclilüsse auf die Nierenfunctionen erlaubt, wie diese Autoren 
angeben, darüber möchte ich mich noch zurückhaltend äußern. 

Herr Carl Alexander: Am Schlüsse seines eingelienden 
Vortrages hat Herr Gottstein die Vorteile und Nachteile 
des Luys'schou Harnseparators abgewogen und ist dabei zu 
einer Bewertung dieses Instruments — im Gegensatz zum Ure- 
toren-Katheter — gelangt, welcher ich nicht beipflieliten kann. 
Auch ich möchte, im Einklänge mit den Collegen, welche soeben 
ihre Bedenken geäußert haben, feststollen, daß das Luys'sche 
Instrument die wesentliche Forderung, nämlich die sichere 
Trennung der Harnportionen der beiden Nieren, iu vielen Fällen 
durchaus nicht erfüllen kann. Es genügt ein Blick in Nitzos 
«'ystophotographischen Atlas (den ich zum besseren Verständnis 
herumgebe), insbesondere auf die Bilder des ITlaseuinneru bei 
Prostatahypertrophie, um das zu erweisen. Die Unebenheiten 
des Niveaus, die Buclitungen und Falten der „A'cßsie ä colouncs", 
die tlivortikelartigen Vertiefungen, wclclio durcdi stark vor- 
springende Muskelbalken überljrückt werden, bedingen, sobald 



Jaliresbericlit der Scbles. Gesellschaft für vaterl. Oultiir. 



dcas Instrument auf einen oder mehrere solcher Balken zu liegen 
kommt, die Unmöglichkeit, sich der Form der Blase derartig an- 
zufügen, daß eine Communication zwischen rechter inid linker 
Blasenhälfte ausgesohlosson werden kaini; vor allem ist dei' 
„RocesBus prostatae" in der Blase in Form und, Größe so viol- 
ycstaltig, daß das starre, in seiner Krümmung festgelogto 
Luys'sche Instrument sicher nicht in jedem Falle zur Trennung 
in zwei Hälften genügen würde. Hierzu kommt die knotenförmige 
Verdickung unil Wulstung des Orilicium internum in ihren bi- 
zarren, in den einzelnen Fällen so ungleichen Bildern, (s. Nitzo- 
schcr Atlas), durch welche die Richtung des eingeführten In- 
struments von der Medianlinie leicht abgelenkt werden kann. 
Der von Luys empfohlene und von Herr Gottstein angenouunonc 
Hilfsgriff: vom ßectum aus die Blase gegen das Instrument an- 
zudrücken, erscheint mir sehr bedenklich; nach Vorschrift soll 
ja der Separateur etwa eine halbe Stunde in der Blase liegen 
bleiben, und es dürfte dann diese Manipulation für den Arzt 
nicht angenehm und für den Patienten nicht sehr dienlicii 
sein. Man unterschätze hierbei die Gefahr des Traumas nicht! 
Aber noch mehr; bekanntlich führen starke Reizungen der 
Urethra posterior und der Blase reflectorisch zu Aenderungou 
der Niereufunotion und unter Umständen zur Eiweißabsondorung 
aus einer sonst gesunden Niere; und so kann mau dann leicht 
zu falschen Schlüssen kommen, die unser therapeutisches Handeln 
in falsche Bahnen lenken. 

Auf dioAnomalion des Ureters (boideUretercn auf einer Seite etc.) , 
wch.'.ho weitcrliin die Kichoriioit dos öoparateurs beeinträchtigen, 
wdl ich, da Herr L ö w eu hard t uiul Herr H irt darüber gesprochen 
JKiben, nicht mehr eingehen. Nun hat Herr Gottstoin zugegeben, 
daß joder Benutzung des „Separateurs" die Cystoskopio voran- 
gehen müsse. Ja, wozu daim noch die für den Patienten schmerz- 
hafte und des Traumas wegen riskante Umwochselung der Instru- 
mente':' Dann führe man doch lieber gleich das Uretorencystoskop 
ein, welches zudem handlicher und dünner als der Luys'schö 
Segtogator ist, und katheterisire dieUretercn oder den einen Ureter! 
Die Behauptung, daß auch dieser Methode noch gewisse Mängel an- 
haften, trifft in gewissem Sinne zwar zu; aber sie liefert wenigstens 
sicherere Resultate. Denn wenn auch, wie es öfters vorkommt, 
Harn aus dem Harnleiter neben dem Katheter vorbeilließt, ist 
man wenigstens sicher, in domjenigou Teil des Harns, der durch 
den Ureterkatheter abfließt, wirklich nur den Harn der einen 
Niere au haben. Don Vorwurf, den Herr Gottstoin erhobt, daß der 



t. Ablöiluiig Medicinisclui Scclidii. 



la 



TTrotci'kiit.hoter sich so häufig veratopfe, kann ich nicht anorkeniioii. 
Moiatüiis handelt es sich dal^ei nicht um Verstopfung, soiuloni 
uin ein Plineingelangeu des Katheterendes in eine Tasche oder 
um eine Aspiration der erschlafften Wandung an der StoUö 
des Katheterauges, Verlmltnisse, die ja z. ß. auch beim einfachen 
Katheteriamus der Blase gelegentlich eintreten und eine Ver- 
stopfung oder eine leero Blase vortäuschen. In solchen fallen 
genügt eine geringe Drehung oder Zurüokjiiehung oder andere 
Lageanderung dös Katheters, um die Schwierigkeit zu iil)orwindon. 
Freilich, eine gewisse Technik gehört hierzu, und das iiat Herr 
Gottstein, Luys folgeud, auch als einen Grund angoflihrt, mn dorn 
Luys'achon Instrumente den Vorzug zu geben. Es geht aber, 
meines Eraclitens, nicht an, ein derartiges Moment zum Kriterium 
der Brauchbarkeit einer Methode zu machen. 

Die von rair erhobenen Einwiinde richten sich n.'itürlich 
durclMuia nicht gegen Herrn Gottstoin persönlich; im Gegen- 
teil, ich meine, wir können ihm nur dankbar sein, (lall er 
das Luys'sche Instrument aus Paris mitgebracht und uns die 
Gelegenheit gegeben hat, uns darüber auszusprechen. Er wird 
OS uns aber nicht verargen dürfen, wenn wir auf Grund eigener 
Erwägung diesem Harnseparator nicht denjenigen Wort beinu^Haen, 
welclien er in den Augen seines Erfinders besitzt. 

Herr Riegner: Den Harnsegregator vonCatholin kann iih 
nach den Erfahrungen auf meiner Abteilung leider gar niclit 
empfohlen. Es hat sich niol\t nur unbrauchbar erwiesen zur 
Bicheren Trennung des Harnes aus beiden Nieren, sondern ist 
aiu'.h nicht einmal als ein ungefährliches Instrument zu bezeichnen. 
In einem Falle ist der die Kautschuckmeinbran anSB]>annendö 
Draht in der Blase gebrochen und ich hatte die größte Mülie, 
duM Instrumont ohne größere Schädigung der Harnröhre wieder 
herauszubekommen. Glücklicher Weise iat dem Patienten ein 
dauernder Nachteil daraas nicht erwachsen. 

Ich freue mich, aus den Mitteilungen dos Herrn HotiHtein 
zu ersehen, daß ihm mit dem Luys 'seilen Segregator docii in 
mehreren Fällen eine sicliere Hari\acheidung gelungen ist. Daß 
es wünschenswert wäre, durch weitere Verbesserungen des In- 
struments einen guten Ersatz für den Harnleiterkatheterismus 
zu bekommen, erscheint mir schon deshalb gerechtfertigt, weil es 
immer Fälle geben wird (und icli selbst habe deren mehrere ge- 
sehen), in denen es auch einem sehr geübten Specialisten nicht 
gelingt, die Ureteren zu sondiren. 



Jahresbericht der Schles. GeselLscliaft für vatorl. Cultur. 



Ilerr Güttstein: Es war vorauszusehen, daß der Luys'sohe 
Harnscheider, der, wie ich ausführlich auseinandergesetzt habe, 
eine Anzahl von Nachteilen besitzt, starke Anfeindungen von 
Seiten der Speoialisten finden würde. 

Der Hauptzweck, dem Harnscheider als Untersuchungsmethode 
seine Berechtigung zu verschaffen, liegt darin, die Untersuchung 
des gRtrennt aufgefangenen Urins auch dem Niohtspecialisten zu 
ermöglichen, insbesondere dem Chirurgen und Internen. 

Icli habe ausdrücklich in meinem Vortrage betont, daß nur 
dann das Resultat de.s Ltiys 'sehen Harnscheiders als maßgebend 
angesehen werden darf, wenn sich ein characteristischer Unter- 
schied zwischen den Urinen der beiden Seiten ergiebt, sei es in 
der Farbe, der Reaction, dem Albumengehalt, der kryoskopischen 
Untersuchung, der electrischen Leitfähigkeit, der Methylenblau- 
Untersuchung, dem Zuckergehalt naüh Phloridzininjectionen eic, 
anderenfalls müßten wir zum Uretereidtatheterismus zurück- 
greifen. 

Allein die neuesten Untersuchungen, inabesondere die von 
Kapsammer haben das Resultat ergeben, daß auch durch den 
Ureterenkatheterismus selbst bei Einführung von zwei Ureteren- 
knthetern — die Berechtigung der Einführung auch in den gesunden 
Ureter ist bekanntlich eine umstrittene — für die funotionello 
Untersuchung nur in einem gewissen Prooentsatz der Fälle sich 
ein einwandsfreies Resultat ergiebt. Nur der Nachweis der 
anatomischen Erkrankung ist mit Sicherheit möglich. 

Was die Bemerkungen des Herrn Geheimrat Riegner über 
den Cathelin'schen Diviseur betrifft, so bin ich ausführlich 
darauf eingegangen, daß nach meiner Ansicht dieses Inatrumont 
aus verschiedenen Gründen keine Verwendung finden sollte. 

Wenn weiterhin Herr Dr. Hirt darauf aufmerksam gemacht 
hat, daß Anomalien des Blasenbodcns vorkommen können, daß 
ferner Blutungen der Blase sich von Blutungen der Niere duich 
den Harnscheider nicht unterscheiden lassen, so bin ich in meiiKMU 
Vortrage gerade auf diese Punkte so ausführlich eingcgang(>,n, 
daß ich nur nochmals darauf verweisen kann. 

Daß Blutungen durch den Separateur, wie Herr Dr. Hirt 
behauptet hat, und wie auch Herr Dr. Loewenhardt meinte, 
viel schwerwiegender sind, als die durch den Ureterenkathetor, 
kann ich nicht zugeben; ein richtig und vorsichtig eingelegter 
L\iys'scher Diviseur sollte noch viel weniger Blutungen hervor- 
rufeii !ils ein Ureterenkathetor. 

Weini Herr Dr. Loewenhardt an einem bestimmten Fall 



1. Abteilung. Modicinisclio Seotion. 15 



exempliticiron will, «laß bei einem auf der einen Seite normalen, 
auf der anderen Seite pathologischen Urin, dieses scheinbar 
hranohbare Resultat docli ein irrtümliches ist, so mnl.i ich ihm 
darin entgegentreten. In jenem Falle lagen die Verhältnisse so, 
dat'i auf der einen Seite ein völlig normaler klarer, intensiv gelb 
gefärbter Urin entleert wurde, während auf der anderen Seite 
nvir wenige Tropfen einer stark getrübten, Eiter enthaltenden, 
aber ganz weißen Flüssigkeit ohne jedem Farbstoff entleert wurde. 
Es erscheint mir" nicht recht angängig anzunehmen, dali in einem 
solchen Falle Urin von der gesunden Seite auf die kranke 
liorübergelioasen ist, denn dann müßte sich auch auf der kranken 
Seite eine gewisse Gelbfärbung des Urins zeigen. 

Ich glaube, es hat nicht viel Zweck, auf die einzelnen Punkte 
nochmals näher einzugehen, da ich fast an allen Punkten, die 
von den Herren Vorrednern bemerkt worden sind, bereits in 
meinem Vortrag Kritik geübt habe. 

Den besten Beweis dafür, wie ausgezeichnet das Instrument 
wirkt, mögen Ihnen hier diese Nieren geben, die ich mir erlaube 
Ihnen herumzugeben. In dem einen Fall handelt es sich um 
eii\en Nierentumor, ein Hypernephrom, in dem anderen um einen 
Fall von Nephrolithiasis mit enormen Steinen, bei dem auf Grund 
der Untersuchung mit dem Harnscheider die Nephrectomie aus- 
geführt worden ist. Beide Fälle sind ohne jede Störung ver- 
laufen. 

Betonen möchte ich nochmals, daß der große Vorzug des 
Luys'sohen HarnBchciders vor dem Urelerenkatheterismus der 
ist,' daß das Instrument seihst völlig sterilisirbar ist, daß dasselbe 
niemals eine Infeotion eines höher gelegenen, noch gesunden 
Organs hervorrufen kann, und daß, worauf es hauptsächlich an- 
kommt, das Instrument ohne jede Schwierigkeit und ohne große 
techni.sche Erfalirung und Hebung zu gebrauchen ist, so daß es 
eine Emancipation dos Chirurgen und Internen Von dem S|iei'ia- 
liatcn bedeutet. 

Das ist der Hauptgrund für mich gewesen, den Versuch tm 
machen, den Harnscheider als eine neben dem Urctercnkathrtev 
wohl herechtigto Methode zu empfehlen. 

Herr Neisser und Herr Halberstaedtftr : Mitteihmgeii über 
die Lichtbehandlung nach Finsen und Dreyer. 

Herr Neisser: Die Ltchttherapie, wie sie von Finsen aus- 
gebildet ist, beruht auf drei Eigenschaften des Lichtes, der 
bacteriontötenden, der entzündungserregenden und der Fähigkeit 
in das Gewebe einzudringen. Was die beiden ersten Eigen- 



16 JiihreHhericJil, (]ei- ßcliles. Öes(!l^cliaft f(ii- vaterl. Culliir. 

sohiil'teii bütrifft, so sind dieselben schon lange liokiiinit iiiul 
koinmon, wie durch eiucg roße Aiiüahl von Experimenten evwii'Sfii 
iMl,, allen Strahlen des Spectrums iüu, den Strahlen des lolen 
Endes: rot, orange, gelb, grün jedoch in nur sehr geringem MaÜt^, 
den Strahlen des blauen Endes: blau, violett dagegen in aohi' 
hohem Grade, weitaus am intensivsten jedoch den idtraviolelton 
Strahlen. Auf Grund dieser Tiiatsaohen wählt Finson ein au 
ultravioletten Strahlen reiches Licht, das ist das electrisclie 
Bogenlicht, und ooncentrirt die Strahlen durch QuarsiconcentratioiiM- 
apparate, um die ultravioletten Strahlen zu erhalten. Ebenso wie 
Finsen haben sich aucli andere Lichttherapeuten stets bemüht, 
möglichst ultraviolette Strahlen zur Behandlung zu verwendon.' 
Was die dritte oben erwähnte Eigeuscliaft dos Liciites bctrift't, 
so ^koramt dieselbe auch nicht allen Strahlen des SpcclrumM in 
gleichem MaUe zu; hier verhalten sich dieselben aber gerade inii- 
gekehrt, wie bezüglich der entzündungserregenden und bacteri- 
ciden Eigenschaften, d. h. gerade die am meisten wirksamen 
ultravioletten Strahlen haben so gut wie gar keine Penetratioiu- 
kraft, wcährend die fast unwirksamen roten, gelben, grtinen 
Str.ahlen eine sehr große Penetrationskraft besitzen. Nun hat 
Dreyer in Kopenhagen gefuuden, daß man ßacterien und In- 
fusorien durch Behandlung mit Erythrosiu für gelbe und grüne 
Lichtstrahlen, die sonst beinahe völlig ohne Einfluß auf dieselben 
sind, sehr empfindlich machen kann, ebenso wie man eine photo- 
gi'aphische Platte durch dieselbe Lösung für die sonst nnwirk 
samen roten, gelben, grünen Strahlen sensibilisircn kann. D reyer 
liat weiterhin gezeigt, daß sich auch tierisclie Gewebe dundiLi- 
jection einer Erytlirosinlösung (1 : 1.000) für gelbe uiul grtinj 
Strahlen sensibilisircn ließen, so daß sie auf diese Str.ahlen dann 
ebenso reagirten, als normale Gewebe auf ultraviolette Straldcn. 
Auf diese Weise wird das Mißverhältnis zwisolien WirksamkoÜ 
und Penetrationskraft, das bisher bestand, ausgügliohcn, d(Mni >-u 
mt ilnrch die Sonsibilisirung möglich, stark penetrirende und 
wirksame Strahlen ku benutzen. Es ist also durcli diont^ Knt 
dcckung ein ungeheurer Fortschritt auf dem (^el)ictc der Licht- 
iJierapie gemacht wordou. 

Herr Halberstaedter: Durch eine Anzahl von UntcrHuclumgen 
lionnl.Mi die Dreyer'achen Angaben bestätigt werden. Was 
l)esonder8 die Einwirkung des Lichtes auf tierische und mensch 
lieh.; Haut betrifft, so zeigt die histologisclie Untersuciinng, daß 
man an sensibilisirtor Haut eine Liohtwirkung noch in 'l'iefen 
oriialten kann, in denen sie bei normalen Geweben nie zu con- 



I. Abteilung. Medicitiischo Soction. l7 



sl.alirtMi ist, iiinl (i:iü diese. Einwirkung; beruitjS iincli beclovitend 
kürzerer Zeit. iMiitrilL. Forner ist. es iiiöglioh, durch Sensihili- 
airiing mir der tieferen Schichten eine Wirkung auf diese zu ho- 
kommen, ohne die darüber gelegene Haut stärker zu schädigen, 
was man bei keiner anderen Behandlung mit Strahlungen (Röntgen, 
Radium, gewöhnliche Pinsenbehandlung) erreichen kann. Dia 
Resultate der therapeutischen Versuche mit dieser Methode, die 
nicht nur an Lvtpus, sondern auch au den früher einer Licht- 
therapie völlig unzugänglichen tiefer gelegenen tuberoulösen Pro- 
cessen: Sorophuloderma, tuberculösen Lymphdrüsen und bei 
Carcinom der Haut versucht wurde, lassen sich zur Zeit noch 
nicht absehen, doch läßt sich aus der Stärke der Reaction und 
ihrem Verlauf schließen, daß dieselbe wirksamer und energischer 
zu sein scheint als bei der gewöhnlichen Finsenbehandlung. Die 
zu behandelnde Stelle wird mit einer Iprom. Lösung von Ery- 
throsin in 0,85 pOt. Kochsalzlösung mittels Schleich'scher Spritze 
infiltrirt und 2 — 5 Stunden später mit der Finsonlampe 10 bis 
20 Blinuten belichtet. 

Herr F. Henke: Demonstration von doppBlseitigen Cysten- 
nieren mit gleichzeitiger Cystenbildung in Leber und Pankreas. 

Der Vortragende erinnert an einen von ihm vor drei Jahren 
demonstrirten Fall von Cystennieren und sehr fortgeschrittener 
Cystenleber bei einem Neugeborenen (Allg. Itfed. C.-Ztg., 1902, 
No. 5). Der damalige Fall wurde, auch nach dem Ergebnis der 
mikroskopischen Bearbeitung, als eine Entwioklungsstörung auf- 
gefaßt, unter eventueller Mitwirkung einer intrauterinen Ent- 
zünilung. Die Benennung GrCfeohwulst für den ganzen Vorgang 
(Hufschmidt-Nauvperok, v. Kahlden, Borst, Borrmann) 
möchte Vortr. nicht für ganz zutreffend halten, da die Wucherungs- 
erscheinungen doch zum Teil zurücktreten. Es wäre viel- 
leicht richtiger, den ganzen Proceü mehr den Mißbildungen an- 
zugliedern. 

Indes soll nicht in Abrede gestellt werden, daß die in Rede 
stehenden Cystenbilduiigen vielleicht das Produot sehr verschieden- 
artiger Vorgänge sein können und die Aetiologie keine einheit- 
liche ist, 

Es hat aber Manches für sich, anzunehmen, daß die ätio- 
logischen Momente alle in eine frühe Entwicklungsperiode zu 
verlegen sind. 

Die vorliegenden Präparate stammen von einem 48jährigen 
Mann, der zwei Tage vor seinem Tode mit den Erscheinungen 
'■-hies apoplectiachen Insultes in das Allerheiligenhospital auf- 



18 Jahresbericht clor Soiilfis. Gosellaohaf't für vaterl. Gultnr. 

genommen worden war. Die Obduction bestätigte diese Annahme. 
Als unerwarteter Befund — der Mann hatte nur ganz geringe 
Mengen EiweiLi im Drin und sollte bis daliin immer gesund ge- 
wesen sein — ergab sieh I)eiderseit8 eine sehr fortgeschrittene 
Cystenniere. Nur eine mäßige Hypertrophie und Dilatation des 
linken Ventrikels wifs darauf hin, daß die Nioreuaffeotion doch 
nicht ganz ohne Folgen für den Gesamtkörper geblieben war. 
Man könnte auch entfernt daran denken, ob nicht eine gewisse 
Gefäßschädigung durch das urämische Gift mit zu der verhältnis- 
mäßig frühzeitigen Apoplexie beigetragen haben möchte. 

Die in mächtige Cystenconglomerate verwandelten Nieren 
enthalten, wie das herumgereichte mikroskopische Präparat zeigt, 
doch noch mehr erhaltenes Nierengewebe, als der makroskopische 
Eindruck es erwarten ließ. Die Nierenbecken sind nur gering- 
fügig erweitert, die Ureteren von normaler Weite. In der Leber 
eine größere Zalil meist an der Oberfläche gelegener kleinerer 
und größerer Cysten mit einem serösen Inhalt. Das Besondere 
unseres Falles ist, daß gleichzeitig auch im Pankreas eine An- 
zahl glattwandiger Cysten von durclisohnittlioh Kirschgroße sich 
fanden, auch mit einem serösen Inhalt erfüllt. Besondere mecha- 
nische Momente für die CystenVjildung, Narben oder Steinbildung 
im Ductus pancreaticus ließen sich auch hier nicht nacliweisen. 
— Das mu](ij)lo Auftreten der GystenbiJilung in diesem Falle, 
außer in den Nieren und der Leber auch noch im Pankreas, 
scheint mir doch sehr für die Annahme einer Entwicklungsstörung 
mit einer gemeinsamen ürsaelie (fölalo Entzündung?) zu sprechen, 
und dagegen, den ganzen Proceß als eine echte Geschwulstbildung 
aufzufassen. — Die nähere liistologische Untersuchung des Falles 
soll folgen. 

Heir V. Mikulicz: Deinoiisiration eines mii<e!s Oesophago» 
toinis eiill'vnileii Fr(Miidkör|»iM'S. 



Sitzung vom ti. Februar 190.3, 
Vorsitz.: FTerr Ponfiok. — Schi'iftf. ; Herr Partsch. 

Herr Roseiil'cld: Praxis der EiUMtungskiir. 

Der Vortragende definirt die Fettleibigkeit, olnie Fälle von 
vermindeiter protoplasmatischer Oxydationsenergie ganz aus- 
zuschließen , als durch Uebermaß der Zufuhr erworbenen Fett- 
ansatz. Diese]' Fettansatz kann nicht auf das Eiweiß der Nahrung, 
muß vielmehr auf deinen Ft-tlo und Kohlenhydrate zurückgeführt 



Alil.fiiliiiig. Mpdioiiiisohe Seolinn. 



werden. Die beiden Nahruiigsstoffo sind für die Fettbildung 
nicht, allein nach ihren calorischen Energien zu werten: denn 
Fett sei diejenige. Substanz, welche am leichtesten Fettansatz be- 
wirke. Hierfür führt Rodnor die stärkere Fettbildung in Hof- 
m a n n s Speckversuch gegenüber dem W e i s k e 'sehen Kohlenhy drat- 
mastverauehe als Beweis an; die Sparwirkung auf Eiweiß, welche 
andererseits die Kohlenhydrate kennzeichnet, illustrirt ein eigener 
Versuch an kartoffelgenährteii Eiiteu, die in der Hauptsache Eiweil,! 
angesetzt hatten". Der Grund dieses Unterschiedes in der Wirkung 
wird in der leichteren Oxydation der Kohlenhydrate gegenüber 
^^en Fetten gesehen. — Die Mittel zur Verminderung übertriebenen 
Fettgehaltes bestehen in Nahrungsbeschränkung, Dabei wird 
erstrebt, den Eiweißbestnnd möglichst zu wahren. Eiweißverluet 
ist entweder zu vermeiden oder.nur unbedeiitend, wenn das Ent- 
fettungstempo nicht zu rapid ist, etwa 150 g Körperwichts- 
abnahme pro die. Ein© wirkliche Einsicht in die N-Bilanz geben 
nur vollständige Stoff'wechselversuohe, die Dapper'sohen Stich- 
prob(!n reichen bei den großen Schwankungen der N-Bilanz nicht 
aus. Die Eiwoißmengeu für Entfettungskureii sind für Muekel- 
schwaoho 90—100 g pro die, für Musoulösero 120—130 g. Mehr 
Eiweiß in der Nahrung führt zwar vielleicht zum Ansatz von 
Eiweiß, der aber zu seinem späteren Foi'tbestehen wieder große 
Mengen von Eiweiß verlangt und so zur Polyphagie führt. Als 
Nebetdcost haben die schwerer fettbildenden und voluminösen 
Kohlenhydrate den Vorzug vor den Bchleoht zu dosirondon Fetten, 
liesonders sind Kartoffeln sehr zu empfehlen. Die Ent/.ichnng 
von Wasser ist für den Zweck der Entfettung ganz wirkuuga- 
lo8 : in keinem Versuche von Wasserentziehung ohne Nahrungs- 
beschränkung ist etwas anderes als nur geringer Eiweiß- 
verlust ohne joden Fettschwund und starke Wasserehibuße zu 
beobachten gewesen. Die Wasser - Beschränkung ist also nur 
eine Entwässerung des Körpers , die liei mangelnder Herzkraft, 
leichter H3'dropsie oft gute Dienste leistet. Bei rein fettleibigen 
Personen ohne Hydropsie ist gerade durch die reichliche Zufuhr 
kalten Wassers eine Fettschmelzung zu erzielen: da zur Er- 
wärmung und Austreibung des kalten Wassers pro Liter ca. 3 g 
Fett verbrarnit werden müssen. Das Wasser muß vor der 
Mahlzeit genommen werden, damit durch die Erfüllung des 
Magens mit dem kalten Wasser der Magenraum für die Auf- 
nahme consistenterer Speisen beschränkt werde. Aus demselben 
Zwecke werden möglichst dünne Suppen in reichlicher Menge 
empfohlen. 

2* 



20 Jahi'esiioi'iclit der ScLles. Gesollsdiaa Cdr vateii. Oiiltur. 

Das Eegitne kann die verscliiedensten Formen haben; eine 
sehr zweckmaüige ist die folgende: außer Kaffee, Thee werden 
2 Liter kalten Wassers pro die vor den Mahlzeiten zu nehmen, 
ordinirt, dazu 250 g (roh gewogen) gekochten Fleisches, etwas 
Kcäse und 800—1200 g Kartoffeln, Salate, gekochte grüne Gemüse. 

Muskelbewpgung ist mit Auswahl zu ordiniren: bei denjenigen 
Patienten, welche nach einem Spaziergang von einer Stunde, der 
13 g Fett consumirt, mit erhöhtem Appetit heimkehren, diesem 
Appetitnicht wi<ler8tehen können und viel mehr als die abgearbeiteten 
13 g Fett eonBumirt, ist sie zunächst nicht augezeigt. Auch ist 
Bettruhe keine Ersohweiung der Entfettung, Gymnastik bei Ueber- 
wachung der ELUeistung ist vorteilhaft für die Schulung der Mus- 
en latur. 

Es wird Wert darauf gelegt, daß häufig kleine Zwischen- 
roahlzeiten ohne wesentliolien calorischen Inhalt und immer mit 
reichlichen Mengen kalten Wassers genossen werden. 

Disoussion: 
Herr R. Stern betont, daß hei Fettleibigen häufig außer der 
Indication der Entfettung auch eine solche der Entwässerung 
besteht. Dies gilt namentlich von solchen Patienten, die jahre- 
lang gi'oße Mengen alkohnlischei' Flüssigkeiten zu sich genommen 
halieii. Hier wirkt eine voi'.sich ti «i' und milde l{nn<' h riui k u ng 
dei' Flüssigkeitsaufnahme selir güiitilig. Füi' coiil,iaindi(,-irt 
hält Redner reichliche Wasserzufuhr bei denjenigen Patienten, die 
bereits Erschei:njngen von Herzinsuffioionz bieten. Lleberhaupt 
empfiehlt es sich nicht, ein bestimmtes Schema für Entfettungs- 
kuren aufzustellen, da man auf die verschiedenste Weise unter 
Berücksichtigung der besonderen Indioationen des Einzelfalles 
zum Ziele gelangen kaun. 

Herr Albert Sachs äußert ebenfalls Bedenken gegen die 
starke Waeserzufuhr. Er fragt den Vortragenden an, ob er auch 
bei Compensationsatürung seitens des Herzens reichliches Trinken 
verordnen würde. 

Herr B. Oppler: Betreffs der Frage der Wasserentziehung 
möchte ich mich dem vollkommen anschließen, was Herr Stern 
gegenüber dem Vortragenden ausgeführt hat, und nur noch darauf 
Hinweisen, daß bei jeder Entfettungskur auch die geringsten Mengen 
Bier aufs Strengste zu verbieten sind, weil der hohe Nährwert 
dieses Getränks die Bilanz sehr au verschieben geeignet ist. 

Im Uebrigen kann ich mich mit den Principien des Voi- 
trageuden durchaus ein^trstandon cjkluiMi, wenn ich mir auch die 



I. Abteilung. Modieiiiisohe Section. 



Bemerkung erlauben möchte, dali man schließlich auf alle Weise 
entfetten kann, wenn man dafür sorgt, daß weniger zugeführt wie 
verbraucht wird, und daß eine gewisse Individualisirung statt des 
vom Vortragenden empfohlenen Schemas mitunter wohl am Platze 
ist. Auch ich pflege unter Aussoliluß der Fette — wobei natür- 
lich statt des gebraten«! gekochtes oder am Rost gesottenes Fleisch 
vorzuschreiben ist - die voluminösen Kohlenhydrate als Beikost 
zu bevorzugen, wende dabei aber statt der vom Vortragenden 
empfohlenen Kartoffeln mit Vorliebe die voluminösen und wasser- 
reichen Gemüse (Kohl, Kraut, Rüben etc.), Gurken, Blattsaiat etc. 
an. Neben dem Vorteil, große Blengeu kalten Wassers (nach 
Vorschlag des Vortragenden) auf diese Weise entbehren zu 
können und dem ebenfalls erreichten Sättigungsgefuhl, werden 
so eine Reihe für den Körperhaushalt durchaus nicht gieiohgiltiger 
Salze in angenehmster Weise zugeführt. Ich habe so fast aus- 
nahmslos ausgezeichnete Resultate erzielt, ohne eigentlich je 
unangenehme Nebenerscheinungen beobachtet zu haben. Ich darf 
schließlich darauf hinweisen, daß die heute hier vorgetragenen 
Prinoipien jetzt schon vielfach, z. ß. auch bei Hirschfeld und 
von Noorden, in Geltung stehen, so daß sich also der Vortr. 
mit den Autoren in größerer Uebereinstimmung befindet, als er 
selbst anzunehmen scheint. 

Herr RosenMd: Der Anfrage von Herrn Kuznitzki sei er- 
widert, daß bei einer mehrwöchentlichen Bettruhe eine Muskel- 
atrophie nicht zu fürchten sei. Im Gegenteil zeigten Dapper'sche 
Patienten, die sich auch im Bett hielten, einen N - Ansatz. 
Herrn Stern gegenüber möchte ich betonen, daß ich in der Em- 
pfehlung eines reep. mehrerer Schemata für die Entfettungskur 
doch einen Vorteil für den Praktiker sehe, da auf solche Weise 
noch am ehesten großen Eiweißverlusten, wie sie frei gewählte 
und oh\ie jede Controle durchgeführte Methoden verursachen 
können, vorgebeugt wird. Wenn Herr Stern die Wasserentaiehung 
bei Fettleibigen mit Hydrämie angezeigt findet, so stimme ich ihm 
völlig bei, wie ich auch in meinem Vortrage auseinandergesetat 
habe; nur solle man sich eben klar werden, daß die Wasserent- 
ziehung eine Entwässerungskur, nicht aber das, wofür sie 
irrigerweise gehalten wird, nämlich eine Entfettungskur dar- 
stelle, wie ich oben dargelegt habe. 



.liihroyljoriclit der üvMim<. CiBsollscliafi lür vatorl. C'ultur. 



iSitKung vom l'J. Februar 1904. 

Vorsitz.: Herr Ponfiok. — üchriftf,: Herr Partsch. 

Herr R, Stern und Herr W. Körte: lieber den Nachweis 
der bactericiden Reaction im Blutserum der Typhuskranken. 

Durch bactericiüe Reitg-ennglasverauche gol;ing es, im Blut- 
Berum von 32 Typhusknmkeii eleu „Zwischimkörpei " stets noch 
in über tausendfacher, mehrfach noch in milliouenfaoher Verdünnung 
nachzuweisen. Die Versuclie wurden so angestellt, daü zu einer 
an sich unwirksamen Combinatlon von frischem Kaninchensorum 
und Typhusbacillen fallende Mengen des zu untorsuchonilon 
(durch Erwärmung Rxii 56" inactivirteu) menschliolieu Serums 
augesetzt wurden. Das Resultat des Versuches läßt sieh nach 
ctwaHstundigem Stellen der Serum-Cultur-BIischuugen im Brütofen 
(37"J durch directe Besichtigung feststellen (Trübung oder Klar- 
bleiben der Mischungen); oder man gießt nach drei Stunden 
(event. schon eher) Agarplatten und besichtigt diese am nächsten 
Tage. (Demonstration eines Versuches.) 

Im Blutserum von fünf Menschen, die vor mehreren Jahren 
Typhus gehabt hatten, war die Reaction nicht in stärkerer Ver- 
duiniung nachweisbar alfs im Blutserum mancher „Nicht- Typhösen". 

Im Blutserum von 21 Menschen, die, soweit festzustulleu, 
niemals Typhus gehabt liattou, war die Reaction oft selbst in 
relativ hoher Serumooncentration (1 : 20) nicht nachweisbar. Doch 
giebt es manche derartige Sera, die auch noch in 200fachor, 
1000 fiicher Verdünnung und darüber — • wenn auch nur schwach — 
wirksam sind. Ob sich eine bestimmte Verduunuugsgrenze des 
menschlichen Serums wird nachweisen lassen, über welche hinaus 
die Wirkung als sicher für Typhus beweisend angesehen werden 
darf, erscheint zweifelhaft. Vielmehr dürfte es sich nach den 
bisherigen Erfahrungen hier ähnlich verhalten wie bei der Agglu- 
tination ; d.h. eine derartige Grenze besteht nur in dem Sinne, daC 
die diagnostische Bedeutung um so wahrscheinlicher ist, je mehr 
der „baotericide Titro" darüber hinausgeht. 

Tür die Idinischs Diagnostik wird sich die bacturioide Reaction 
hauptsächlich in den Fällen verwerten lassen, in denen die Agglu- 
tinationsreaction versagt oder nur in relativ hohen Serum Con- 
centrationon nachweisbar ist und deshalb zu Zweifeln Anlat! giebt. 

Zum Schluß werden einige Ergebnisse der angestellten Unter- 
suchungen, welche Bezug auf die Prägen der Imznuuität und 



I. Abteiiuug. Mudiciniscjlio Bection. 



Sorumtberapie haben, besprooluMi. Besonders bemerkenswert ist 
ein Fall in dem am ersten fieberfreien Tage der höchste bisher 
beobachtete baotericide Titre (1 : 4000000) gefunden wurde nnd 
einige Tage später ein schweres Reoidiv eintrat. Wiederholt 
wurde eil) Absinken des bacterioiden Titres gegen Ende der 
Fioberperiode oder in der ersten Zeit der Reconvalesoenz beob- 
achtet. 

Diacussion: 

Herr Buchwald fragt den Vortragenden, ob er die Conradi- 
Drigalaki'sohe Reaction vorgleiobsweiae bei seinen erneuten 
Untersuchungen -berncksichtigt iiabe, und ob dabei ein brauchbares 
Resultat für die Praxis herausgekommen sei. ^ 

Er hebt hervor, wie die G-ruber-Widal'sohe Reaotioii oe- 
züglich ihrer Verdünnung immer weniger sicher wurde und aucii 
bei Pyelo-Nephritis ihm selbst in zwei fällen positive Resultate 
gegeben habe. 

Für den practischen Arzt werde die Deutung hier immer 

schwerer. 

Herr R. Stern erwidert, dal.5 er bei den von ihm benolitoten 
Blutuntersuohungen gleichzeitige Versuche mit Züchtung der 
Typhusbaoillen aus dem Stuhlgang auf dem Conrad. -Drigalski- 
schen Nährboden nicht vorgenommen habe. Der Wert dieser 
letzteren Methode darf nach neueren Nachprüfungen nicht zu hoch 
eingeschätzt werden. 

Was den Wert der sogenannten Gruber- Widal'schen Reac- 
tion anlangt, so habe er sich darüber ausführlich im vorigen Jahre 
(Berl. klin. Woohenschr., 1903, No. 30 u. 31. )au8ge8proohen. Der 
weitere Ausbau unserer Kenntnisse hat gezeigt, daß es unrichtig 
ist, von positiver oder negativer Wi dal 'scher Reaction zu reden. 
Mau muß vielmehr die Agglutinatiousreactiou als ein klinisches 
Symptom ansehen, das ebenso zu verwerten ist, wie andere 
Symptome. Lubowski und öteluborg haben im Laboratorium 
der Breslauer Poliklinik gezeigt, daß os in oinzehieu Fällen von 
Proteusinfectiou beim Menschen zu einer erhöhten Agglutinations- 
wirkung des Blutserums kommen kann, und haben das Gleiche 
im Tierexperiment gefunden. Derartige Beobachtungen zeigen, 
daß zwischen dem Protoplasma verschiedenartiger Bacterien eine 
Verwandtschaft besteht, die sich gerade durch derartige biologische 
Reactiouen kund giebt (Analogie mit den Präoipitmeu). Freilich 
werden die biologischen Reactionen durch die weitere Forschung 
immer complioirter und können nicht vom practischen Arzt aus- 



24 Jalirnglioriclit der Sohles. GosollFchaft fllr yatov). Oulttir. 

geführt werden; aber ihr Nutzeu für die DiagnoHe und für den 
weiteren Fortschritt unserer Kenntnis der Infeotionskrankheiton 
ist so bedeuto/ul, daß ihr Wert bei Benutzung geeigneter Labo- 
latorien auoli für die Praxis heute schon ein sehr hoher ist. Der 
Arzt braucht nur eine kleine Menge Blut am Kraukenbett ent- 
Jiehmen; er muß aber über den Stand unserer Kenntnisse so weit 
unterrichtet sein, daß er weiß, welche Schlüsse er aus dem ihm 
zugehenden Bescheide über das Ergebnis der Untersuchung 
ziehen darf, 

Herr Lichtwilz jr. (Ohlau): loh möchte mir erlauben, auf 
den scheinbaren Widerspruch hinzuweisen, iu dem von Herrn 
Stern erwähnten Falle, wo trotz des außerordentlich holieii 
Immunkörpertitres der Exitus letalis eintrat. Es ist nicht das 
Bacterium, welches die Krankheit hervorruft, sondern das von 
den Bacterien abgegebene Gift. Kommen nun in einen Organis- 
mus, der eine hohe baotericide Kraft besitzt, die betreffenden 
Keime hinein, so wird gerade der hohe Immunkörpertitre den 
fatalen Ausgang herbeifuhren, wenn die Antitoxinbildung keine 
ausreichende ist. Es werden uämlioh durch die bactericiden 
Kräfte die Bacillen gelöst; damit werden die Toxine frei, so daß 
der Körper mit Giftstoffen überschwemmt wird. Es kommt also 
für den Ausgang der Krankheit weniger auf die Bactericidine als 
auf die Antitoxine an. 

Nachträglicher Zusatz: Trotz eines hohen Immunkörper- 
titres und gerade wegen desselben können sich die eingedrungenen 
Bacterien vermehren (Neisser- Wachs berg'sohes Phänomen 
der Complementablenkung). Mit der wachsenden Zahl der Bac- 
terien ändern- sich aber die Verhältnisse der Complement- 
verankerung dadurch, daß die Zahl der an die Bacterien ge- 
bundenen Ambooeptoren scIilieOlich größer ist als die der freien. 
Dann geht das Complement an die verankerten Immunkörper; es 
kommt zu einer rapiden Baoteriolyse und Befreiung massenhafter 
Toxine. 

Herr Walter: Der klinisch diagnostische Wort der Conradi- 
Drigalski 'sehen Methode des Typhusnachweises reicht nicht an 
den der serodiagnostisohen Methoden heran. Aber für den Hy- 
gieniker ist jene wertvoller als diese, und zwar deswogeii, weil 
sie den Nachweis von Typhusbacillen bei „Nicht- Typhuskranken" 
gestattet. Gerade, weil solche Leute nicht „krank" sind, ver- 
streuen sie leicht die für sie unschädlichen, aber anderen leicht 
gefährlich werdenden Keime aus und verbreiten die Seuche. 
Serodiagnostisch sind solche Fälle nicht erkennbar. Ihre baldige 



I. AtiteiUuig. Medicinische Seotion. 



Erkennung bildet ein Hauptmomeut der Koch'solien Versuche 
der Typhusbekämpfung. 

Herr Neisser spricht sich auch dafür aus, daß die Fest- 
steJluDg der Anwesenheit von Typhusbaoillen iu deu Dejectioiieu 
als eine eminent wichtige hygienische Maßregel bei der 
Typhusbekämpfung angesehen werden müßte; ja, man könnte 
vielleicht sogar die Behauptung aufstellen, daß in all den Orten, 
in denen durch geeignete Aufsicht und Desinfectionsmaßregeln 
jetzt schon die wirklich Typhuskrankeu in sorgsamer Beob- 
achtung stehen, die Weiterverbreitung des Typhus wesentlich 
durch solche Nicht-Typhuskrauke aber mit Typhusbaoillen 
Behaftete vor sich gehe. Damit sei allerdings noch nicht aus- 
gesprochen, daß die Typhusbekämpfung in der Isoliruug aller 
mit Typhusbaoillen beliafteten Menschen bestehen müsse. Man 
könnte sehr wohl an andere Maßregeln , welche nur die Uji- 
Bohädlichmaohung der Dejeotionen erreichen, denken. Ebenso 
wenig brauche man ja jeden Mensclien , der Diphtheriebacilleti 
im Halse habe, isoliren, während doch sehr wohl an eine Sterili- 
sation der Mundhöhlen solcher Menschen gedacht werden könne. 
Daß die Aufdeckung all dieser Infectionsherde nur auf bacterio- 
logischem und nicht auf klinischem Wege erfolge, erschwere 
zwar die Thätigkeit des praktischen Arztes, aber darin werde 
doch wohl niemand einen Rückschritt für die Seuchenbekämpfung 
und für das Wohl der Menschheit erblicken. Ganz dasselbe 
Spielt sich ja bei der chronischen Gonorrhoe a-b, wo auch die 
klinische Untersuchung vollkommen im Stiche lasse. 

Herr Buchwald hebt im Anschluß an die Desinfeotion und 
isolirung hervor, daß ein Zwang zur Isolirung Typhuskranker 
nicht bestehe und diese ja auch in der hiesigen Klinik selbst, 
wie in anderen Kliniken, nicht durchgeführt werde. Im AUer- 
•leiligen Hospital trennt er jetet Typhuskranke von anderen. Man 
solle auch bei der Isolirung nicht zu streng vorgehen, etwa auf 
Grund von Laboratoriumadiaguoseu, sonst komme man event. zw 
ilerqelbeu Grausamkeit wie jetzt bei den Tuberculosen. 

Herr R. Stern hält auch eine Isolirung der Typhuskranken 
'ür wünschenswert. Wenn eine solche bisher iu der medicinischen 
■•^huik nicht vorgenommen worden sei, so liegt dies — so weit 
seine Kenntnis der Verhältnisse reicht — daran, daß geeignete 
■Räume dafür dort nicht vorhanden sind. 

Herr Lichtwitz habe ihn mißverstanden, wenn er glaube, 
daß er (Vortragender) den tätlichen Ausgang in einem Typhus- 



26 Jaliresberichl der Schles. Gowellscliafl- für vaterl. Cultur. 

falle mit hohem bacterioiden Titro als Beweis gegen die Bedeutuug 
des sogeiianiiten Iminunkorpers für die Immunität augesehen habe, 

Sitzung vom 19. Februar 1904. 
Vor der Tagesordnung; 
Herr Löweiihardt stellt einen Krankon vor, dor uach Itropin» 
injection Purpura bekommen liat. 

Tagesordnung: 

Herr Kausch demonstrirt eine von ihm construirte. llantl- 
sclielle zur Befestigung der Hand bei der Operation resp. Narcose. 

Daa Prinoip derselben ist folgendes: Liegt der Arm aus- 
gestreckt neben dem Rumpfe, so steht das Handgelenk etwas 
unterhalb der Leistenbeuge. Eine Schlinge, welche einerseits 
den Oberschenkel in der Leistenbeuge umfaßt, andererseits das 
Handgelenk, fixirt so in einfacher Weise die Hand. Der Apparat, 
den Redner construirt hat, besteht aus zwei aneinander befestigten 
Bügeln, die entgegengesetzt zueinander gerichtet sind, der eine 
für den Oberschenkel, der andere für das Handgelenk. Nachdem 
die Extremität in tlen Bügel hineingelegt ist, wird derselbe ver- 
schlossen mittels je eines durchlöcherten Riemens, welcher auf 
einen Knopf des Bügels gehakt wird. Handschellen sind für den 
Operateur ein sehr zweckmäüiges Hilfsmittel, sie ersparen ein bis 
zwei die Hände haltende Personen. Eine gute Handschelle macht 
das Zustandekommen einer Narooseulahmurig unmöglich. Bei der 
Chloroformnaroose kann jedenfalls eine Hand, bei der Aother- 
narcose, ohne bestehendes Herzleiden, können beide Hände an- 
geschnallt werden; es genügt dabei die gelegentliche Putscontrole 
an dar Carotis oder Temporaiis. 

Die bisher in Gebrauch behndlichen Handschellen, wie die 
auf der Breelauer chirurgischen Klinik, auf der Kocher'sohen 
Klinik, befestigen die Hand am Operationstische; dies ist un- 
zweckmäßig, indem jede Verschiebung des Körpers auf dem 
Tisclie den an demselben befestigten Arm beeinträchtigt, ferner 
schnellen Lagerangswechsel, Aufrichten, Entfernen vom Tische 
erschwert oder verzögert. Außerdem functioniren alle Redner 
bekannten Handschellen auch sonst solileoht. 

Viele helfen sich, indem sie die Hände mittels Bindeuzügoln 
fixireu, zusammenbinden oder auf ähnliche Weise. Diese Ver- 
fahren sind sämtlich schlecht, indem sie die Hände einschnüren 
oder abknicken, ungenügend fixiren, die Hände meist auch am 
Tisch befestigen. 



I. Ahteiluug. MediciiiLsche Secüoii. 27 

Die Voizügo von lieduers Hauclsohelle beruhen iu Folgendem: 

Die Hand resp. Häudo werden absolut fest fixirt. 

Ein Schaden kann niemals entstehen, weder eine Einschnürung 
noch eine Narcosenlähmung. 

Die Hand folgt jeder Bewegung des Körpers; Patient kann 
jeder Zeit aufgerichtet werden, ein Gelenk an der Verbindungs- 
stelle der beiden Bügel erleichtert dies. 

Für den Patienten hat diese Art der Fesselung das Angenehme, 
dati die Hand nicht an eujem leblosen Gegenstaude, wie dem 
Tisch, befestigt wird, sondern am eigenen Körper. 

Die Handschelle wird seit einiger Zeit regelmäßig auf der 
chirurgiselien Klinik angewandt zu allgunieiuer Zufriedenheit. 

Anmerkung: Der Instrumeuteinuailier Georg Haertel 
(BreHhui) liefert die Handschelle. 

Disouasion: 

Herr RüÜie: Mir scheint der Hauptwert von Arn)haltern bei 
der Narcose iu der Vermeidung von Narcosenlähmungen zu liegen. 
Dann muß man natürlich beide Arme dem Körper anlagern und 
auf tlie Controle des Pulses au der Radialis verzichten. Herr 
Kausoh meint, dies höchstens bei der Aetheriiarooso vorsuohea 
zu wollen. Ich habe schon vor zwei Jahren Armhalter angegeben, 
üiit denen beide Arme dem Körper angelagert werden. Wir 
ohloroformiren schon über zwei Jahre, ohne jede Controle des 
Pulses, da wir die natürlich um so genauere Beobachtung der 
Piipilhin für viel wichtiger halten. Ich möchte also die von 
^. Holst kürzlich in der „Münch. med. Wochenschrift" veröffent- 
uchten Armhalter ablehnen, halte dagegen die von Herrn Kausch 
f>i'gege))eno Befestigung für einen glücklichen Gedanken , wenn 
siü sich auch gerade bei gynäkologisolien Operationen nicht immer 
■wird anbringen lassen. 

Herr Asch: Die Verschiedenheit der Construction solcher 
■'Apparate hängt wohl im Wesentlichen von der verschiedenen 
'Lage des Operationsgebietes ab. Bei gynäkologischen Operationc n, 
" Steißrüokenlage, in der Leistengegend, auch bei Laparotomien, 
■Würde die von Herrn Kausoh empfohlene Handschelle oft stören. 
■[ifl Uebrigen kommen wir bei diesen Operationen stets damit aus, 
daß man die Arme des Nareotisirteu in das nach oben umgeschlagene 
üemd verwickelt luul letzteres nach oben mit Sicherheitsnadeln 
ansteckt. Dabei kann man sich auch die Radialis freilassen, ohne 
daß Jig Patientin nach unten greifen kann. Die Arme liegen 
lüoad Lähmung unbedeuklich. 



28 Jahresbericht der Sdiles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Herr Kauscli: Auf die Aufrage des Collegen Rothe bemerke 
ich, daß auf der Breslauer chirurgischen Klinik bei der Chloroform- 
narcose, die nur ausnahmsweise angewandt wird, stets der Eadial- 
puls gefühlt wird, bei der Aetheruarcose in der Regel auch. Bei 
der Chloroformnaroose den Puls nicht ständig zu oontroliron, hält 
Redner für gefährlich und unerlaubt. 

Herr Lichtwitz jr. (Oiilau). lieber Immunisiruiig mit Corpus 
luteum. (Die ausführliche Veröffentlichung wird an anderer 
Stelle stattfinden.) 

Nach einer kurzen Besprechung der Seitenkettentheoi'ie und 
einigen Bemerkungen über die Cytotoxine, entwickelt Vortragender 
die thcuretiöclicn Ueberlegungeu, die zu den Versuchen führten. 
L. Fräukel hatte das Corpus luteum als eine periodische Drüse 
erkannt, der die Function zukommt, die Insertion des Eies im 
Uterus zu ormügiiohcn. Ein Serum gegen Corpus luteum müßte 
also im IStande sein,, die Einbettung des Eies zu verhindern. 
Außerdem schien der gelbe Körper ein sehr geeignetes IMaterial, 
die Frage der Cytolyse zu studireu, da der freiwerdende Farb- 
stoff, ähnlich wie das Hämoglobhi, einen guten Index für die 
Zerstörung der Zellen abgeben konnte. Es gelang dem Vor- 
tragenden, durch zum großen Teil mit L. Franke 1 gemeinschaft- 
lich geführte Untersuchungen, ein Immunserum gegen Corpus 
luteum herzustellen, das im Staude ist, die Zellen des gelben 
Körpers in exquisiter Weise zu zerstören und die freiwerdenden 
oder gelösten Eiweißkörper zu präoipitiren. (Demonstration von 
Heagensglasversuchen undmikroskopisohen Präparaten.) Das Serum 
ist nicht für das Corpus luteum der Kuh, das zur Immunisirung 
diente, apecifisoh, sondern wirkt auch, auf die gelben Körper 
von Schwein, Schaf und JVIensch. Außerdem hat es eine präci- 
pitirende Wirkung auf Eigelb. Bezüglich seiner hämolytischei) 
Eigenschaften zeigte sich, daß in der überwiegenden Anzahl von 
Fällen das Blut gravider Kühe stärker gelöst wird als das Blut 
nicht gravider Viezw. männlicher Tiere. Vortragender führt diese 
Erscheinung auf eine Aeuderung des Receptoreriapparates der 
roten Blutkörperchen in der Gravidität zurück. Der Frage der 
Conceptionsverhinderung soll jetzt im Frühjahr nähergetreten 
werden. 

Disoussion: 
Herr L. Fraenkeh Die hämolytischen Eigenschaften des 
Corpus luteum- Immun serum müssen genau studirt werden, ehe 
wir berechtigt sind, praktische Schlußfolgerungen zu ziehen. 



I. Abteilung-. Medieinischfl Section. 29 

Demgegenüber steht der Vorgang, den wir als „Luttiolyse" be- 
zeichneten, einwandsfrei fest und führt zu der Erkenntnis, daß 
die Einverleibung von artfremder Eierstockasubstanz die Er- 
zeugung eines Gegenkürpera im Blutserum zur Folge hat. Daraus 
ergiebt sich eine therapeutische Nutzanwendung, um sie zu 
erläutern, ziehe ich den Vergleich mit der Schilddrüse, bei welcher 
gleichfalls eine innere Secretion angenommen wird. 

Eine Allgemtoinerkrankung, bedingt durch mehr oder minder 
Tollständiges Fehlen der Schilddrüse, ist das Myxödem. 

Diese Krankheit wird durch den Gebrauch von Thyreoidin 
wesentlich gebessert. 

Eine zweite Erkrankung, meist einh6rgehen<] mit anatomischer 
Vergrößerung der Drüse, ist der Basedow. 

Diese Krankheit wird durch den Gebrauch von Thyreoidin 
verschlechtert, durch ßesection der Struma häufig gebessert. 

In letzter Zeit hat man an Stelle der Strumectomie ein Anti- 
thyreoidin-Serum empfohlen, welches nach Möbius aus der 
Milch entkropfter Ziegen bereitet wird und laut Angabe vieler 
Kliniker eine ausgesprochen günstige Wirkung besitzt. 

Niui bitte ich, das Gesagte mutatis mutandis auf den Eier- 
stock zu übertragen; 

Eine Allgemeinerkrankung, bedingt durcli den Verlust dei- 
Eierstocksfuiiction, sind die sog. Ausfallserscheinungen, besserungs- 
fähig durch den Gebrauch von Oophorin, noch zuverlässiger 
Lutein (s. meine Arbeit im „Aroh. f, Gyn.", Bd. 68). 

Eine zweite Erkrankung wird durch die Function der Ovarien 
verschlimmert, denn Castration heilt dieselbe mit Sicherheit, das 
ist die Osteomalaoie. 

Es liegt nahe, von einem „Anti oo phorin-Serum" eine 
Besserung der Krankheit zu erhoffen. Wir müssen hierzu die 
Milch oder das Blutserum castrirter Tiere verwenden; nach 
unseren Versuchen werden sich auch durch überreichliche Ein- 
verleibung von Oophorin die Gegenkörper in besonderer Menge 
erzielen lassen. 

Die organo-therapeutische Fabrik in Berlin ist mit Her- 
stellung von „Antioophorin'' zu Versuchszwecken beschäftigt. 
Die Aussichten dieses Präparats halte ich darum für besonders 
günstige, weil die Heilwirkung des Luteia und der Castration 
nach Ausfallaersoheinungen bezw. Osteomalaoie noch viel deut- 
licher ist, als die der analogen Mittel bei den Sohilddrüsen- 
erkrankungen. 



30 Jahresbericht der Sohlos. Oesellschaft für vaterl. Cultur. 



Sitzung vorn 4. Mari^ 1904. 

Vorsitzender: Herr Poiifiok. — Sohriftführer: Herr Roaoii fehl. 

Herr Hürthle: Dio ünaersuchungen 1 — 4 sind Bf.hoii in 

„Pflügers Archiv", Bd. 97 vi. 100, verüffentliolit, im Folgenden 

wird daher nur ein kurzer Auszug aus den Abhandlungen gegeben. 

1. Bei Versuchen, isolirte Muskelfasern unter dem Mikro- 
skop zur Contraction zu veranlassen, setzte Redner Muskelfasern 
Animoniakdämpfen aus und beobachtete nun unter dem Mikro- 
skop, daß im Verlauf einer Minute gefiederte Krystalle an den 
Fasern entstehen. Dio chemische Untersuchung derselben ergab, 
dal.! sie aus phosphorsaurera Ammoniak- Magnesium bestehen. 
Solche Krystalle findet man mm nicht blos au Muskel- 
fasern, sondern in fast allen tierischen Geweben, wenn sie 
Ammoniakdämpfen ausgesetzt werden. Es scheint daher die 
Giftwirkung des Ammoniaks darauf zu beruhen, daß es die 
Phosphoraäure und das Magnesium aus der lebend.en Substanz 
herausreißt und mit ihnen eine unlösliche Verbindung bildet. 

2. Beim Hunde wird die Temperatur des aus der Glandula 
Bubmaxillaris abfließenden Speichels gemessen und dio Drüse 
abwechselnd durch Reizung der Chorda tympani und des Hals- 
sympathicus zur Thätigkeit veranlaßt in der Weise, dal' in beiden 
Fällen gleiche Secretmengen producirt worden; es zeigt sich nun, 
daß die Temperatur des Speichels nach Ohordareizung wesent- 
lich höher steigt, als nach Sympatiiicusreizung, auch wenn <lcr 
EinHuß der veränderten Blutzufuhr durch Abldemitunig der 
Speicheldrüsenarterio aufgehoben ist. 

3. Herr (Jerhardt: Durchschneidung der Chorda tympani 
beim Kaninchen hat eine starke Gewiclitsabnahme der Glandula 
submaxillaris zur Folge; Durchschneidung des Halssympathicus 
eine geringere, Bei der mikroskopischen Untersuchinig zeigt 
sich, daß nach Chordadurohsohneidung im Wesentlichen das 
Protoplasma der Drüsenzellen verändert ist, nach Syinpathicus- 
durchschneidung dagegen der Zellkern. 

4. Herr Hiirthl»; Die Blutversorgung verschiedener Organe 
wird untersucht mit Hilfe der registrirenden Stroimihr von 
Htlrthle und für die Gewichtseinheit des Organs (IQO g) und 
einen Druck von 100 mm Hg berechnet. Dabei zeigt sich, daß 
die relative Blutversorgung bei den verschiedenen Organen um 
mehr als das 100 fache schwankt, die bisher untersuchten Organe 
ordnen sich in folgende Reihe: 



I. Abteilung. MediciniRcho Section 



Organ 



Zustand 



Stromroliimen in Oc. 
I proJüniitouncI 100p 
Oi'f>aii. bei finein 







ünu'k V. 100 nun Htr. 


Hintere Extremität 
do. 


Kein Eingriff 
Nerv, diirohsclmitten 


4,7 
12,0 


Kopf 


Kein Eingriff 


20,0 


Mnsl^^el graoilis 
do. 


Kein Eingriff 
ISferv durchaohnitten 


12,1 
26,5 


Niere 
(nach E. Tigerstedt) 


" 


100 


Gehirn (Dr. Jensen) 


- 


130 


Rcliilddrüee 
do. 


Kein Eingriff 
Nerv duroheohnitten 


565 
870 



Im Muskel nimmt der Blntstrom während einer gleichmäßig- 
andauernden Zusammenziehung ab und hescldeunigt aich nacli 
derselben; bei rliythmiscli wechselnder ZuRammenziehimg und 
Erschlaffung ist er beBchleiniigt. 

5. Uirr P. Jensen: Heber die Innervation der JJehun- 
gefässe. 

Hyperämie und Anämie des Q-ehirns, Erweitei'ungen und 
Verengerungen seiner Gefäße spielen in der Phj'siologie und 
Pathologie dieses Organs eine wichtige Rolle. Solche Aenderungen 
"Br Gefäßweite werden bei anderen Orgauen urd Körperteilen 
durch Nerven bedingt, und es liegt daher die Vermutung nahe, 
daß dies auch für das Gehirn gelte. Das ist aber durch eine 
■Anzahl von Untersuchungen nicht bestätigt worden ; besonders 
schwerwiegend schien der Umstand, daß sich bei Anwendung der 
besten histologischen Methoden keine Nervenelemente an den 
Öehirngofäßen nachweisen ließen. Demgegenüber haben freilich 
Untersuchungen nach anderen Methoden Ergebnisse geliefert, die 
■Gr die Existenz von Gehirnvasomotoren sprechen. Eine endgiltige 
Entscheidung steht aber noch aus. Es schienen daher weitere 
Untersuchungen nach neuen Methoden erwünscht. 



3Ü Jahresbericlit der Sohles. Öesellsohaf't ffif vaterl. C'idtur. 

Für solche Untersuchungen bot sich die registrlrende Strnin- 
iihr von Hi'u'thlp drir. Zu diesom Zweck wurde von dorn Vorir. 
eine experimentello Untersucluing der Frnge uiiternoiiiuieii, ob 
der Halssympathicus des Kaiiinoheus, welcher GefUßnerven für 
die CarotxB communis im Allgemeinen führt, auch solche für die 
Carotis iiitorna und ihre Verzweigungen im Gehirn besitze. 
Diese Frage war zu entscheiden auf Grund folgender Ueberlegung : 
Weini der Sympathicus Gehirnvasomotoren enthält, so muß seine 
Durchschueidung eine Erweiterung der Strombahn der Carotis 
interna und damit eine Vergrößerung ihres Strom volumeas 
liedingen, ohne gleichzeitiges Steigen des Blutdruckes, während 
die Reizung eine Verengerung der Strombahn und Verminde- 
rung des Stromvolumens erzeugen muü, ohne daß der Blutdruck 
sinkt. 

Das Ergebnis der Untersuchung war insofern auffüllend, als 
die Durchschueidung des Sympathicus niemals eine Wirkung 
hatte. Dagegen folgte auf die Reizung stets eine Abnahme 
des StromvoluxBena um durchschnittlich etwa 60 pCt. Hieraus er- 
giebt sich also eine Verengerung der Strombahn der Carotis 
interna infolge der Nervenreizuug, d. h.: der Halssy mpathi cus 
fühi't Vasoconatrictoreu für die G ehirngefäOe. Diese 
Folgerung ist nicht zu erschüttern (hirch das Ausbleiben der 
D uro hs ohnoi du ngs Wirkung, 

Wie ist diese letztere, bei Vasoconstrictoren sonst nicht vor- 
kommende Thatsache zu erklären:' Der Untersuchungsmethode 
dürfte sie schwerlich zur Last fallen, da auch bei Anwendung 
einer wesentlich anderen Methode, nach der die Blntdruok- 
änderungen im Circulus arteriosus Willisii bei Durchsolmeidung 
und Reizung untersucht werden, eine analoge Erscheinung ein- 
tritt, wie Hürthle feststellte. Es handelt sich hier daher offenbar 
um eine Eigentümlichkeit der Gehiruvasomotoren. 

Unerhört ist diese Thatsache insofern nicht, als wir wissen, 
daß überhaupt nicht alle Gefäßnerven in ihrem Verhalten völlig 
übereinstimmen. Für den vorliegenden Fall giebt es verschiedene 
Erklärungsmögliohkeiten: Zunächst könnte man daran denken, 
daß die Nerven der Gehirngefäße keinen Tonus besitzen. Ferner 
wäre mit der Möglichkeit zu rechnen, daß schon durch die Prä- 
paration und Isolirung des zarten Nervenfadens eine dauernde 
mäßige Erregung zu Stande käme, welche die Durchschneidungs- 
wlrkuiig verdeckte; Beobachtungen in dieser Richtung hat schon 
Tschuewsky gemacht. Diese und andere Erklärungsmöglioh- 
keiten wären in weiteren Untersuchungen zu prüfen. 



1 

4 



t. Abteilung-. Medicinische Section. 33 



Discussion: 

Herr Filehne : Lassen sich die am künstlich gereizten Muskel 
gewonnenen Ergebnisse auch auf den willkürlich innervirten 
übertragen? 

Herr Hürthle: Wahrscheinlich qualitativ, aber nicht quanti- 
tativ; deini die Versuche, die wir über den Blutstrom des will- 
kürlich bewegten Muskels besitzen, ergeben eine weit stärkere 
Vermehrung des Blutstroms bei rhythmischer Thätigkeit, als die 
Versuche am künstlich gereizten Muskel. Vielleicht treten bei 
<1er willkürlichen Thätigkeit Vasodilatatoren in Action , welche 
bei der künstlichen nicht mitgereizt werden. 

Herr von Mikulicz: Sind bei den auffallend hohen Werten 
des Blutstromes der Schilddrüse Fehlerquellen durch Gefäß- 
anastomosen ausgeschlossen? 

Herr Hürthle versichert, daß sie ausgeschlossen sind. 

Herr Ponfick vermutet, daß die verschiedene Stärke des 
Blutstromes der einzelnen Organe eine Rolle bei der Erscheinung 
spiele, daß die Häufigkeit der Erkrankung durch Embolie bei 
den einzelneu Organen sehr verschieden ist. 



Sitzung vom IS. Mäiz 1904. 

Vorsitzender: Herr Ponfick. 
Schriftführer: Herr Rosenfeld. 
Vor der Tagesordnung: 
Heir Roseiifeld demonstrirt eine Patientin, welche durch 
eine Entfettungskur nach der von ihm am 5. Februar vor- 
getragenen Methode 23 Pfund (176 auf 153 Pfund) in drei Monaten 
»bgenomraen hat. Dabei shid auch Atemnot, Herzbeklemmung 
und Magensohmerzen verschwunden. Die Diät der Pat. bestand 
»1 mehr als 2 Liter kalten Wassers, 800 g Kartoffeln, 250 g 
fleisch, 20 g Käse, 40 g Brot, welches Menü Pat. ohne jede Be^ 
sohwerdo durchzuführen vermochte. 

Herr Wernicke: Demonstration eines Patienten mit Muskel- 
Krämpfen (Crampusneurose). 

Discussion: 

Herr Strümpell: Ein Fall mit so ausgedehnten und heftigen 

schmerzhaften Muskelkrämpfen, wie der von Herrn Wernicke 

vorgestellte, ist mir noch nicht vorgekommen. Geringere Grade 

des Leidens sind aber nicht sehr selten und ich habe sie oft 

3 



ä4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vatei'l. öulttir. 

gerade bei Alkoholistoii gesehen. Außerdem habe ich das Auf- 
treten tonischer Muskelkrämpfe bei willkürlichen Bewegungen 
beobachtet, bei Kranken mit Schrumpfniere und chronisch-urämi- 
schen Symptomen. Doch mag freilich auch in diesen Fällen der 
Alkoholismus eine Rolle gespielt haben. In gewisser Hinsicht 
erinnert das in Rede stehende Symptom auch an die Mj^otonie. 
Manche vielleicht hierher gehörige Fälle sind als Myotonia acquisita 
(im Gegensatz zur Myotonia congenita) beschrieben worden. Ein 
Unterschied liegt aber in der großen Sohmersihaftigkei t der 
tonischen Krämpfe bei den eigentlichen Crampis. Worauf diese 
Schmerzen beruhen, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich handelt 
es sich um eine Reizung der sensiblen Muskelnerven und diese 
löst vielleicht den Krampf erst reflectorisch aus. Vielleicht handelt 
es sich aber auch um rein musculäre Reizzustände. 

Herr Wernicke: Der Myotoniker hat nur ganz kurze Krämpfe, 
analog sind eher die Geburtskrämpfe durch Druck des Schädels 
auf die Nervenstämme. 

Herr Kausch fragt den "Vortragenden, ob bei dem Patienten 
keinerlei hysterische Symptome vorhanden sind. Redner hatte 
den Eindruck, als wenn der Pat, sich mit gewissem Wohlbehagen 
vorstellen ließe, obwohl doch die Auslösung der Krämpfe ihm 
lebhafte Schmerzen verursachte. Wenn Redner auch weit entfernt 
ist das Krankheitsbild für hysterisch zu halten, so läßt sich viel- 
leicht doch bei dem vielgestaltigen Bilde, unter dem die Hysterie 
auftreten kann, eine solche Annahme nicht ohne Weiteres von 
der Hand weisen. 

Herr Kobrak berichtet über eine größere Anzahl von Fällen, 
bei denen Grampi im Anschluß an einen sehr anstrengenden 
Marsch bei heißem Wetter eintraten. Die Erscheinungen setzten 
unmittelbar nach der Rückkehr der Soldaten in die Kaserne ein. 
Herr Wernickii findet für seinen Fall keine Analogie in dem 
sogen. Muskelkater. 

Herr Rüstner spricht sich dahin aus, daß er in dem Ent- 
stehungsmodus der Crampi bei dem Vorgestellten und dem meist 
bei dem Eintritt des Kopfes in das Becken während der Geburt 
auftretenden Waden- (seltener Adductoren-)Krampf Unterschiede 
zu bemerken glaube. Bei den letztgedachten Krampfformen drückt 
der Khidsteil auf den Stamm des Plexus ischiadicus, wo dieser 
das Becken durch die Incisura ischiadioa major verläßt. Je größer 
der Kindsteil, um so intensiver der Druck, um so lebhafter die 
Krampferapfindung. Bei der gewöhnlichen Hinterhauptslage wird 
folgerichtig der Krampf lebhafter oder aiissohließlioh auf der 



1. Abteilung. Medicinische Sectioü. 35 

Seite, wo das breitere, dickere Hinterhaupt des Kindes liegt, 
empfunden, 

Herr Storch berichtet von einem ähnlichen Fall bei einem 
öiohtiker. 

T agesordnuug: 

Herr v. Mikulicz: lieber den heutigen Stand der chirurgi* 
sehen Behandlung der Prostatahypertrophie. 



Sitzung vom 6. Mai 1904, 
Vorsitzender: Herr Ponfick. — Schriftführer: Herr Uhthoff. 

Tagesordnung: 
Herr Uenle: Zur Casuistik des Ileus. 

M. H.! Der erste Fall, von dem ich Ihnen heute sprechen 
möchte, ist dadurch bemerkenswert, daß sich an eine soheinbur 
ganz harmlose und gelungene Operation ein schwerer Ileus an- 
schloß, der durch eine Kette unglücklicher Verliältnisse den Tod 
herbeiführte. 

Die Krankengeschichte ist kurz folgende : Anfangs April d. J. 
kam ein 44jähriger, sehr kräftiggebauter Mann mit starkem 
Panniciüus adiposus zu mir mit einer taubeneigroßen, nicht ganz 
J-eponiblen Nabelhernie. Wir machten zunächst einen Versuch 
mit Heftpflastercompression; ich betonte aber gleich, daß außer 
tlieaer nur eine Operation in Frage kommen könne, da ein brauch- 
bares Nabelbruchband nicht existirt. Am 10. IV. kam der Pat 
wieder mit der Bitte, die Radicaloperation möglichst bald aus- 
zuführen; das Heftpflaster hatte ihm Ekzem gemacht und er hatte 
trotz des Verbandes Beschwerden. 

Am 11. IV. Radicaloperation, die ohne Besonderheiten ver- 
lief. Ein adhärenter Netzstrang wurde mit zwei Ligaturen unter- 
bunden und versenkt, Darm kam nicht zu Gesicht. Die Operation 
war unter Schlei ch'scher Anästhesie ausgeführt worden, da mir 
«ine Narcose contraindicirt schien. Ich fürchtete ein Fettherz 
und wußte außerdem, daß der Patient erst nach sehr langem 
Studententum ein tüchtiger Beamter geworden war. Sein Gesicht 
war leicht cyanotisch gefärbt. 

Am Tage der Operation und am nächsten ging es dem Pat. 
gut; daß er katheresirt werden mußte und daß Winde nicht ab- 
gingen, beunruhigte mich nicht, da wir derartige Erscheinungen 
ja nach Bauchoperationen leicht eintreten sehen und sonst nichts 

8* 



Jahresberiolit der Sclilos. Gesellschaft filr vaterl. Ciiltur. 



Bedrohliches vorlag, kein Erbrechen oder Aufstoßen, keine 
Temperatursteigerung, keine erhöhte Pulsfrequenz. 

Im Laufe der folgenden Nacht aber entwickelte sich das Bild 
eines Ileus. Anstatt der leichten Auftreibung, die am Tage vorher 
dagewesen war, sehr starker Meteorismus; durch Stäbchen- Pless- 
meter-Percussion ließ sich eine gewaltige Sohlinge feststellen, die 
oben quer und rechts senkrecht durchs Abdomen zog. Peristaltik 
war überall zu hören; im Bereich der geblähten Schlinge waren 
die Geräusche ausgesprochen metallische. Druokempfindlichkeit, 
bestand nur an der Operationsstelle, dagegen hatte der Pat. alle 
10 — 20 Minuten das Gefühl vergeblicher Darmcontractionen, ohne 
angeben zu können, wo diese ihr Ende fanden. Zu sehen war 
durch das Fettpolster weder der Contur der geblähten Schlinge, 
noch Peristaltik. In der rechten Flanke war, so weit man 
percutiren konnte, laut tympauitisoher Schall, auch sonst nirgends 
Dämpfung; Leber etwas nacli oben verschoben. Zu palpiren war 
nichts Pathologisches. 

Ich machte zunächst noch Versuche mit Eingießungen, con- 
atatirte dabei, daß reichlich 1 Liter einfloß, aber irgend welchen 
Erfolg hatte der Einguß ebenso wenig wie eine subcutane In- 
jeotion von 0,001 Atropin. sulfur. ; es entleerten sich weder Stuhl 
noch Winde. Im Laufe des Vormittags einmal Erbrechen von 
iia. 200 com nicht fäculenter Massen. 

Ich mußte mich zur Relaparotoniie entschließen und fiihrfe 
diese 48 Stunden nach dem ersten Eingriff aus. Vorher war zu 
entscheiden, welcher Art der vorhandene Ileus wäre. 

Es konnte nicht zweifelhaft sein, daß es sich um einen Dick- 
darmverschluß handelte, und zwar mußte ich als Sitz der 
Occkision die Flexura lienalis annehmen. Die geblähte Schlinge 
entsprach offenbar dem aufsteigenden und Queroolon. Daß der 
Vei'Bchluß nicht tiefer unten gelegen war, lehrte einmal das; 
Fehlen einer nachweisbaren Blähimg der tieferen Darmabschnitte, 
andererseits auch die Größe der per rectum einzugießenden 
Wassermengen. Wodurch freilich der Verschluß herbeigeführt 
wurde, war nicht zu eruiren. Denken mußte man an einen la- 
tenten Tumor, oder noch mehr an eine innere Incarceration. Daß 
diese mit der Operation in direotem Zusammenhang stände, 
war mir höchst unwahrscheinlich. Da dies immerhin möglich 
war, machte ich die Inoision in der Mittellinie unter Exciaion 
der Operationswunde. Hier fand sich nichts Besonderes; das 
Netz mit seinen reactionslosen Ligaturen bedeckte die Darm- 
Böhlingen. AU ich dann aVjer versuchte, das Netz nach oben zu 



T. Abteilung. Modicinisohe Section. 



schlagen, zeigte sich, daß dieses durch strangförmige, zur Baucl\- 
wand hiuziehoude Adhäsionen verhindert wurde. Somit wuchs 
mein Verdacht, daß derartige Adhäsionen auch weiter oben ge- 
legen wären und den Darmverschluß bedingten. Nachdem iclx 
das Netz unten befreit und nacli oben geklappt hatte, lagen 
mäßig geblähte, spiegelnde und nicht gerötete Dünudarmsclilingen 
vor. Leider sah ich mich jetzt genötigt, die Operation so schnell 
wie möglich zu beendigen. Der Pat. hatte nur unter der Be- 
dingung einer Narcoso seine Einwilligung zum Eingriff gegeben. 
Ich verwandte Morphium-ßromäthylAether. Trotz aller Vorsiclit 
der Dosirung nahm die Cyanose alsbald bedenklichste Formen 
an, der Puls wurde schlecht, die Wunde blutete fast gar nicht. 
Ich entschloß mich daher, die Aufsuchung des Hindernisses auf- 
zugeben und einen Anus coeoalis anzulegen, auf den ich auch 
"ach Herstellung der Passage nicht hätte verzichten mögen. Um 
Platz zu gewinnen, wurde das colossale Netz entfernt, die 
mediane Wunde verschlossen und von einem in der recliten lu- 
guinalgegend gelegenen Schnitt aus der Bhnddarm aufgesucht. 
Auch die Anlogung des Anus begegnete besonderen Schwierig- 
keiten infolge dos enormen Fettpolsters, dann auch besonders, 
weil alle an dem vorgezogenen Darm angelegte Nähte durcli die 
infolge der Blähung papierdünne Wand durchstachen und sich 
aus den Stichkanäleu Darminhalt entleerte. Es blieb mir nichts 
übrig, wie einen Zipfel des Coecums zwischen zwei Klemmen zu 
fassen und mittels dieser nach außen zu ziehen. Nach aus- 
giebiger Umstopfung mit Jodoformgazebeuteln wurde der Darm 
zwischen den Klemmen eröffnet und in das Loch sofort ein 
fingerdickes Glasrohr mittels vorher gelegter Schnürnaht ein- 
gebunden. Sofortige Entleerung von reichlichen Gas- und Kot- 
mengeu. Nach der Operation besserte sich der Puls nur kurze 
Zeit, um dann trotz Kampher immer schlechter zu werden. Um 
4 Uhr Nachts ist er nicht mehr zu fühlen, gegen Morgen Be- 
nommenheit und dann Exitus. Stuhl hatte sich aus dem Anus 
nur noch wenig entleert. 

Die im Königl. pathologischen Institut ausgeführte Section 
ergab Folgendes: Frische Peritonitis, offenbar herrührend von 
tler Anlegung des Anua. Starke Blähung von Coecum und Quer- 
colou, gerhige des übrigen Darms. Processus vermiformis normal 
und frei. Das Ende des Quercolon ist durch einen dicken, vom 
Ligamentum gastrocolicum zum Anfang des Colon descendens 
hinüberziehenden Strang diesem stark genähert. Dadurch ist die 
i'lexura lienalis in einen scharfen Knick verwandelt. Dieser 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



wird vermehrt durch ein vom Scheitelpunkt des Kniokes aufwärts 
zur Bauohwand ziehendes Band. Sie sehen die Verhältnisse hier 
wiedergegeben in einer Zeichnung, die ich habe anfertigen lassen 
(Demonstration). 




Der Verschluß des Darmes ist nicht etwa durch eine Um- 
sohnürung zu Stande gekommen; es zeigen sich keine Ver- 
änderungen an der Darmwand, welche auf einen Druck schließen 
ließen. Vielmehr ist die Obturation lediglich Folge der Knickung 
von deren Wirkung man sich ja an jedem Gummischlauoh leicht 
überzeugen kann. Aehnliche Verhältnisse aber in geringerem 
Grade und nur wenig stenosirend finden sich auch an der flexura 
hepatica. Außerdem wird constatirt eine hochgradige Fett- 
durohwachsung, besonders des rechten Herzens, eine colossale 
Ectasia ventriouli nebst chronischem Katarrh. In der Gallenblase 
zwei Steine und eine circuläre Einschnürung der Wand, die zu 
einer Sanduhrform geführt hat. Weder die Magenerweiterung 
noch die Gallensteine waren überraschende Befunde, erstere war 
bei der der Narcose vorangegangenen Magenspülung constatirt 
worden, bei der sich sehr große Mengen von Luft und flüssigem, 
vielleicht ein klein wenig fäculent riechendem Inhalt entleert 
hatten. Gallensteinkoliken waren anamnestisch angegeben worden 
80 daß ich auch an pericholecystitische Adhäsionen als Ursache 
des Ileus gedacht hatte, allerdings ohne größere Bestimmtheit, 
da ja die Ooclusion links gelegen war. In der Umgebung der 
Gallenblase waren keine Adhäsionen. 

Nach diesem Befund waren einige Fragen zu stellen: Die 



I. Abteilung. Medicinisohe Seotion. 



erste nach der Ursache der Straugbildungen mußte unbeantwortet 
bleiben. Die zweite nach der Möglichkeit eines Zusammen- 
hanges zwischen Bruchoperation und Darmversohluß ist un- 
bedingt zu bejahen. 

Hochenegg hat vor einer Reihe von Jahren (Wiener khii. 
Wochenschr., 1897, No. 51) eine Art des Ileus beschrieben, die 
or als Combinationsileus bezeichnet. Die Genese eines solchen 
ist kurz folgende: Irgendwo im Verlauf des Dickdarms besteht 
eine allmählich zunehmende Stenose, die zu einer Blähung der 
darüber gelegenen Darmpartien führt. Höher oben im Darm be- 
findet sich ein Hindernis (ein Strang, ein Bruchring), das bei 
normalem Darm die Fortschaffung des Inhalts kaum stört. Für 
den geblähten Darm aber ist die Passage zu eng und es kommt 
durch Einschnürung, Abkniokung etc. zum völligen Darmversohluß 
an dieser Stelle. Wird jetzt laparotomirt, so impomrt die obere 
Abschnürung als einziges Hindernis, da die darunter, d. h. 
zwischen den beiden Stenosen gelegene Schlinge ihren Inhalt 
inzwischen entleert hat, und zwar wie Gersuny wohl mit Recht 
annimmt (Discussion zu H ochenegg's Vortrag) durch das nicht 
vollständig verschließende untere Hindernis hindurch. 

Was hat nun dieser Gegenstand mit unserem Fall zu thun? 
Ich muß aus der Sectionsgesohichte noch Folgendes nachtragen: 
Der Dickdarm wurde im Zusammenhang mit dem Peritoneum 
parietale und unter Schonung der Stränge liorausgenommen. 
Ließ man nun in das entleerte Quercolon Wasser einfließen, so 
passirte dieses zunächst die Stenose ungehindert. Sobald aber 
bei stärkerem Wasserstrom das Queroolou sich blähte, bildete 
sich der oben beschriebene Knick und es trat ein ventilartig 
wirkender, absoluter Verschluß ein. 

Die eine Voraussetzung des Combinationsileus ist also ge- 
geben, der infolge der Darmblähung eintretende Verschluß. Auch 
die andere Componente ist vorhanden, aber nicht in Gestalt einer 
v-weiten Ocolusion. Das tiefer gelegene Hindernis ist in diesem 
IJ'alle vielmehr gegeben durch die Darmparese, die der Hernieu- 
operation gefolgt ist. Wollen wir das Bild eines Combinations- 
ileus in diesem Falle aufrecht erhalten, so müssen wir sagen, es 
besteht eine Combination eines freilich nur angedeuteten para- 
lytischen Ileus mit einer Ocolusion durch Abkniokung. 

Wenn man das Präparat resp. die nach ihm hergestellte 
Zeichnung betrachtet, kann man es nur bedauern, daß die Re- 
laparotomie nicht zum gewünschten Ende geführt werden konnte. 



40 Jahresbericht der Schles. G-esellschaft für vaterl. (Jnltiii-. 

Ein Scheerensohlag hätte genügt, das an der richtigen Stolle 
diagnostioirte Hindernis zu beseitigen. 

Sollen wir nun aus diesem traurigen fall etwa den Schluß 
ziehen, daß die Radicaloperation der Nabelbrüche wegen der mit 
ihr verknüpfton Gefahren vermieden werden muß? Wir können 
diese Frage getrost mit „Nein" beantworten. Glücklicher Weise 
ist ein Fall wie der besprochene eminent selten. Wir dürfen sagen, 
daß die Gefahr der Operation heutzutage geringfügig ist und 
nicht im Vergleich steht zu der Gefahr, welche mit dem Besitz 
enies Nabelbruches verbunden ist. Einen solchen dauernd reponirt 
■Ml halten ist schwierig, oft unmöglich. Ist es aber enimal m 
Incarceration oder was bei großen meist violkämmerigeu Nabel- 
brüchen häufig ist, durch Abknickung von oft adhäronten Darm- 
schlmgen zum Ileus gekommen, dann ist die Prognose immer 
recht dubiös, auch wenn bald chirurgisch eingegriffen wird. 
Endlich müssen wir von unserem Fall noch sagen, daß auch ohne 
Eadicaloperation wohl über kurz oder laug einmal die Abknickung 
erfolgt wäre und der Fall hätte auch dann vermutlich ein un- 
glückliches Eude genommen. 

Zweifellos hätte ich besser gethan, die fielaparotomie früher 
vorzunehmen. Andererseits schien mir bei dem wenig stürmischen 
Verlauf des Ileus der Vorsuch eines nicht operativen Vorgehens 
wohl gerechtfertigt. Endlich kann der Verschluß im höchsten 
Falle 48 Stunden bestanden haben. Der Hauptnaohteil, den das 
Abwarten gebracht hat, war die inzwischen immer stärker ge- 
wordene Darmblähung. Aus ihr entsprangen die Schwierigkeiten 
bei der Anlegung des Anus praeternaturalis und damit indirect 
die Peritonitis. Ob aber nicht auch ohne die letztere die Herz- 
schwäche zum Tode geführt hätte, steht dahin. 

Ich halte es für unzweifelhaft, daß Combinationen der be- 
sprochenen Art vonparetischerDarinbläliung und relativem Hindernis 
öfter zum Ausbruch eines Ileus führen. Wie oft finden wir bei 
einer Laparotomie Stränge als Ursache einer Knickung oder Ein- 
schnürung, deren Aussehen dafür spricht, daß es sich um Dinge 
handelt, die schon längst vorhanden waren. Irgend eine Ver- 
anlassung muß also in einem derartigen Fall den gelegentlichen 
Verschluß herbeigeführt haben. Daß man diese Veranlassung 
in Gestalt der postoperativeu Darmparese so eolatant nachweisen 
konnte, halte ich für das Besondere des hier besprochenen Krank- 
heitsbildes. 

Viel erfreulicher ist der zweite Fall, von dem ich Ihnen 
berichten möchte. Die 22jährige Patientin erkrankte 



am 



I. Abteilniig. Medioinische Seclion. 



'"27. X. 1903 plötzlich beim Versuch der Defäoatioii. Patientin 
wurde sehr blalJ, bekam Ohumachtsgefühl , furchtbare Leib- 
schmerzen und Eibrechen. Letzteres wurde alsbald übelriechend ; 
kein Stuhl, keine Winde. Am 3. Tage auf Xlystier reichliehe, 
sehr stinkende Entleerung von schwarzer Farbe (Blut?). Am 
5. Tage Nachlassen des Erbrechens, Nahrungsaufnahme. Am 
18. Tage (14. XI.) Singultus, wieder Erbrechen. Am 22. Tage wird 
ein wurstförmiger Körper entdeckt, der aus dem Anus hervorragt : 
das freie, reichlich 15 om lange Stück wird abgetragen. Bei der 
Besichtigung erweist es sich als ein Stück Darm. Trotz hoch- 
gradiger Eäulnis ist zu constatiren, daß es sicli um Dünndarm 
handelt. Am 30. Tage entleert sich mit etwas Stuhl die Fort- 
setzung dos Darmstüokes, die noch etwa 13 cm lang ist, so daL5 
stlso die Gesamtlänge des abgegangenen Darmstückes reichlicli 
28 cm beträgt. Das Erbrechen läßt nach, Pat. nimmt Hüssige 
Nahrung zu sich. Aber schon am folgenden Tage erneutes Er- 
brechen wenig veränderter Ingesta mit Gallenbeimischung. Winde 
gehen ab; Nährklystiere. 

Als ich die Kranke am 1. XIL, am 37. Tage der Krankheit, 
2uai ersten Male sah, fand ich (>ine hochgradige Abmagerung, 
mätiige Anhydrämie, kleinen Puls von 110—120; Temperatur 
normal. Der Leib war eingesunken, im Ganzen nicht ilruck- 
empiindlich; Peristaltik überall zu hören, Darmsteifungen nicht 
sicher zu sehen. Links oberhalb des Nabels leichte Resistenz und 
uiäüige Druckempfindlichkeit. 

Ueber die Diagnose konnte man nach dieser Anamnese niclit 
'm Zweifel sein; sie war bereits von Herrn Dr. Oppler zwei 
Tage vorher gestellt worden, der trotz dos schlechten Allgemein- 
befindens zur Operation geraten hatte. Es handelte sich offenbar 
um Eolgen einer luvaginatiou. Das gangränöse luvaginatura war 
angegangen, aber es hatte sich im Anschluß daran eine sehr 
hochgradige Stenose entwickelt. Diese mußte hoch sitzen; dafür 
sprach vor allem das Eehlen tles Metoorismus, dann auch die 
Beschaffenheit dos Erbrochenen. 

In Bromäthyl-Aether-Narcose machte ich vom Nabel aufwärts 
in der Mittellinie eine Incision und fand in der druckempfindlichen 
Resistenz das Hindernis. Die Stelle, wo nach Abgang des gangrä- 
nösen Invaginatums die beiden Darmenden miteinander verwachsen 
waren, machte sich als tiefe, circuläre Einschnürung kenntlich. 
«■Is ich den stenosirten Darmabschnitt vorziehen wollte, löste sich 
plötzlich die "Verwachsung. Das eine Ende ließ sich nun unschwer 
herauslagern, das andere, glücklicher Weise das abführende und 



.lahroshericht der Sohles. Gesellschaft für vatcrl. Oultiir. 



ganz leere war in der Tiefe Jixirt. Da sich aus seinem minimalen 
Lumen Inhalt nicht entleerte, ließ ich es an Ort und Stelle, 
nachdem ich es durch mehrfache Schnürnaht verschlossen hatte. 
Nachdem von dem vorgeKOgenen Schenkel etwa 10 cm abgetragen 
waren, wurde dieser nach Doyen verschlossen. Dann Herstellung 
der Communication zwischen den beiden Darmpartien in Gestalt 
einer breiten Naht-Anastomose. Verschluß der Bauchdeckon. 
Vorher war noch constatirt worden, daß die Operationsstello sich 
etwa 90 cm unterhalb der Plioa duodeno-jejunalis befand. 

Der Verlauf war günstig, Pat. erholte sich. Im oberen Teil 
der Wunde hatte sich eine oberflächliche Fistel gebildet, die sich 
schloß, nachdem eine der versenkten Seidennähte entfernt worden 
war. Sie können sich jetzt persönlich von dem Wohlbelinden der 
jungen Dame überzeugen. 

Das abgetragene Darmende, welches ich Ihnen hier herum- 
gebe, zeigt an seinem Ende, aber nicht genau in der Darmaohse, 
die Oeffnung, durch welche die Communication mit dem tiefer- 
gelegenen Darm stattgefunden hat. Sie sehen ohne Weiteres, 
welch colossale Stenose hier vorhanden war. (Demonstration.) 

Es wird, m. IL, niemandem zweifelhaft sein, daB in einem 
Falle wie der vorliegende nur von einer Operation Rettung zu 
erwarten ist. Es sind derartige Eingriffe bisher nur wenige aus- 
geführt; ich finde nur zwei analoge Fälle, einen vonKofmann') 
und einen von v. ßramann'-) (bei Haasler). Der Grund für 
diese Seltenheit ist gegeben einmal darin, daß Invaginationeu bei 
uns wenigstens überhaupt selten sind, des Weiteren darin, daß 
Stenosen der beschriebenen Art nach Invaginationeu sich nicht 
häufig ausbilden. Das heißt nun nicht etwa, daß eine Spontau- 
lieilung der Invagination ohne Stenose das Gewöhnliche wäre. 
Auch solche Fälle sind freilich beschrieben in etwas größerer 
Zahl als die mit Verengerung geheilten, aber immerhin spärlich 
genug. Die bei weitem meisten Invaginationeu erliegen, wenn 
nicht rechtzeitig eingegriffen wird, zweifelsohne der Perforations- 
peritonitis. 

Aus diesem Grunde kann man Naunyn nur recht geben, 
wenn er der Ansicht ist, daß jode Invagination dem Chirurgen 
gehört, wenn nicht in den allerersten Stunden durch Eingüsse 
und sonstige innere Mittel die Desinvaginatiou herbeigeführt ist. 
In frischen Fällen ist die operative Therapie einfach und die 



») Centralbl. f. Chirurgie, 1895, pag. 941. 

») V. Langenbecks Archiv, Bd. 68, pag. 817. 



I. Abteilung. Medicinische Secüon. 43 

Prognose als günstig zu bezeichnen. Ich erinnere mich eines 
Falles, den ich in der chirurgischen Klinik operirt habe. Ein 
Kind war wenige Stunden nach Entstehung der Invagi- 
nation von Herrn Collegen Weile der Klinik zugeführt worden. 
Nach Ausführung der Laparotomie gelang die Desinvagiuatioii 
ohne Schwierigkeiten. Das Kind ist geheilt und gesund ge- 
blieben, wie es ja überhaupt bekannt ist, daß Recidive der lii^ 
vagination im Allgemeinen selten sind. Auch wenn die Des- 
mvagination nicht mehr möglich ist, wird die Darmresection mit 
erheblich größerer Wahrscheinlichkeit einen guten Ausgang ver- 
sprechen, als das Zuwarten, zumal wenn man extraperitoneal 
operirt nach der Methode, welche von Herrn Geh.-Rat v. Mikulicz 
angegeben, wiederholt mit Glück ausgeführt und vor einiger Zeit 
auch an dieser Stelle besprochen worden ist. In dem vorliegenden 
Fall wäre übrigens vermutlich auch viel früher zur Operation 
geschritten worden, wenn nicht die Fat. und deren Eltern sich 
gegen eine solche gesträubt hätten. 

Wenn in dem ersten heute besprochenen Falle eine Summe 
übler Faotoren den traurigen Ausgang herbeigeführt hat, so kann 
man von dem zweiten das Gegenteil behaupten. Nur dem Zu- 
iäammentreflen vieler glücklicher Umstände, wie dem Ausbleiben 
tler Peritonitis und einer sehr erheblichen Widerstandskraft des 
rlugendlicheu Oi-ganismus ist es zu danken, daß es noch mehr 
'W'-ie fünf Wochen nach Eintritt der Invagination möglich war zu 
"periren und durcli einen relativ einfachen Eingriff die Heilung 
lierbeizuführen. 

Disoussion: 

Herr Pontick: Für das Verständnis der verhängnisvollen 
*"ge, welche an der Stelle der narbigen Ausheilung der Invagi- 
'^ation bestanden hat, würde es von Interesse sein, etwas über 
*^ie Ursache der letzteren zu erfahren. 

Ist der Herr Vortragende im Stande gewesen, liierüber eine 
Ansicht KU gewinnen? 

Herr B. Oppler: M. H.! Wenn ich zu dem zweiten der 
■■'eiden vom Herrn Vortragenden besprochenen Fälle mir einige 
Bemerkungen gestatten darf, so möchte ich zunächst darauf hin- 
''^eisen, wie selten bei uns in Schlesien Fälle von Darminvagi- 
nation überhaupt vorkommen, und daß im vorliegenden die Aetio- 
^Ogie eigentlich ganz dunkel ist. Von der Patientin resp. deren 
Angehörigen wurde mir damals mitgeteilt, daß längere Zeit vorher 
Schon Obstipation bestanden habe, und daß der Ileus plötzlich 



44 .luhresbericht, der Schles. Gesollschaft für vtil.orl. DriHur. 

auf dorn Closet bei heftigem Pressen eiitstandüu sei; man wird 
troUdom das starke Pressen für den Eintritt der Invagiiiation 
nicht allein verantwortlich machen können und zu einer Ent- 
scheidung dieser Frage nicht gelangen. 

Als ich die Patientin zum ersten Mixle sah — oiiieu Tag 
vor der Operation — , bot die DiagnoBo eigentlich keinerlei 
Hohwierigkeit, nur über den Sitz der oitenbar vorliegenden 
Darmstenose konnte man Zweifel hegen, die sich ebenfalls 
duroll den Typus des Erbrechens und die Configuration dos 
Abdomens bald lösten. Es mußte sich um eine sehr hoch- 
sitzende Düundarmstonose handeln. Sehr schwierig war daiui 
die Entscheidung, ob man im Hinblick auf den geradezu 
elenden Kräflezustand der Patientin und in der Erwägung, daiJ 
die Stenose vielleicht doch noch so weit durchgängig sei, daß 
man eine Aufbesserung durch sorgfältige Ernährung erreichen 
könne, die jedenfalls notwendige Operation noch etwas auf- 
aohiehen oder wegen der bei hochgradiger Enge drohenden Gefahr 
des weiteren rapiden Kräftevorfalls trotssdom sie sofort vornehmen 
sollte. Ich hatte mich nach reiflicher Ueberleguug flir das letztere 
entschieden und Herr Ilonle nahm denn auch den Eingriff boi 
der nicht in Breslau befindlichen Patientin schon einen Tag daraui 
vor. Sie haben sich selbst von dem günstigen Erfolge sowohl, 
als auch von der ßorechtigung des sofortigen Eingreifens boi 
dem fest absoluten Verschlusse des Darmlumens überzeugen 
können. 

Herr Uenie: lieber die Ursache der Invagination war Jiicljt« 
zu eruiren, zumal die ursprünglich betroffene Stelle ja sich ab- 
gestoßen hatte und wegen hochgradiger Fäulnis wohl kaum einen 
Befund gegeben hätte. 

Herr Paul Krause : lieber die zur Zeit üblichen bncterio- 
lugischen üntersuchungsinethodeii zur Sicherung der klini- 
schen Typhusdiagnose. 

Nach einer kurzen historischeu Bemerkung giobt dur Vor- 
tragende auf Grund meist eigener Erfahrung und eigener Unter- 
suchungen eine Uebersicht über die bacteriologischon Unter- 
suchungsmethoden, welche uns zur Zeit zur Sicherung der 
klinischen Typhusdiagnose zur Verfügung stehen. 

I. Methoden zum Nachweis der Typhusbacillen in den Fäces. 

Die Nährböden von Capaldi, Marpmann, Petruschky, 
Kruse, Loeseuer worden nur kurz kritisch besprochen; etwas 
ausführlicher die Eis n er 'sehe Kartoffelgelatiue (mit Jodkalium- 
zusatz) und vor allem der Piorkowski- und Conradi-Dri- 



I. Abteilung. Medicinisohe Seotion. 45 

galski'sche Nährboden. Die Piorkowski'sohe Nährgelatine hat 
ilem Vortragenden iu einer ganzen Reihe von ITällen gute Dienste 
geleistet; die Herstellung des Nährbodens, ebenso das Arbeiten 
'lainit, erfordern aber viel iVIühe, groBe Erfahrung und strenge 
Kritik. 

Die ausgedehntesten Erfahrungen konnte der Vortragende 
sieh iu der Verwendung des Conradi-Drigalski'sohen Nähr- 
bodens sammeln. Er untersuchte damit über 800 Stühle, darunter 
'lie von 72 Typhusfällen. In einer ersten Versuchsreihe 
(104 Typhusstühle) hatte er in etwas weniger als 60 pCt., in einer 
^Weiten Serie (ca. 560 Typhusstühle) etwa 64 pCt. positive Re- 
sultate. Nach seiner Ansicht gewährt der Co nr ad i-Drigalski'sche 
Agar wohl die Möglichkeit, mit verhältnismäßiger Leichtigkeit 
und in kurzer Zeit den Typhusbacillus von seinem wichtigsten 
Nebenbuhler, dem Baot. coli, zu unterscheiden; zur sicheren 
Diö'erenzirung genüge aber die Agglutinationsprobe allein nicht, 
vielmehr sei es unvimgänglioh notwendig, die bekannten biologi- 
schen Differenzirungsmethoden anzuwenden. 

Es unterliegt nach den Untersuchungsergebnissen des Vor- 
^''■agenden keinem Zweifel, daß trotz aller Sorgfalt und Mühe in 
3u_4o pCt. der Fälle die Conradi-Drigalski'sche Methode 
^■iim Nachweis der Typhusbacillen aus dem Stuhle versagt; ein 
R-osultat, welches sehr begreiflich ist, wenn man überlegt, daü 
b'aglos nur immer verhältnismäßig wenig Material zur Ver- 
wendung kommt, allerseits aber sehr wahrscheinlich in einem 
gewissen Prooentsatze der Fälle überhaupt nur eine spärliche 
'^ahl von Bacillen im Typlmsstuhle vorhanden sind. Die An- 
gaben von anderen Autoren, welche in 90 — 100 pCt. Typhus- 
bacillen in den Fäces von Tj^phuskranken nachweisen konnten, 
'^anii der Vortragende nicht bestätigen. 

Es stimmt in jeder Weise mit der Ansicht Neufelds über- 
öi'i, daß es bei der bacteriologischeu Untersuchung von Typhus- 
Stühlen nicht so sehr auf die Methode, als vielmehr auf die 
^^ebung, welche man in ihr besitzt, \ind die Geduld, die man 
'larauf verwendet, ankommt. 

II. Die Milzpunction bei Typhuskranken vorzunehmen, 
^^^ in dem auf diese Weise erhaltenen Blute Typhusbacillen 
kulturell nachzuweisen, hält der Vortragende für durchaus un- 
zulässig, trotz der Empfehlung dieser Methode durch Adler, 
■^velcher in den letzten Jahren gegen 300 Milzpunctionen auf der 
Jacksch'schen Klinik vornahm und dabei keine unangenehmen 
Zwiachenfälle erlebte, trotz der Empfehlung durch Jane so, 



46^ Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

welcher bei 36 Kranken 37 mal die Milz punctirte. Dabei hatte 
der zuletzt genannte Autor, ebenso wie früher Haedke, eine 
ernstliche Schädigung einem seiner Patienten verursacht. 

Die Warnung von Oursohmann, E. Fraenkel vor dieser 
Methode besteht zu Recht. 

ITI. Die Züchtung der Typhusbacillen aus den Roseolen, 
welche, früher schon geübt (Neu hauss,Rütimey er, Thiem ich), 
durch die Empfehlung von Neufeld und Curschmann in' 
neuerer Zeit wieder häufiger zur Anwendung gekommen ist, 
führt bei richtiger Anwendung in einem großen Proeentsatze von' 
Fällen zu positiven Resultaten und kann event. dort Anwendung 
finden, wo eine Blutentnahme durch Venenpunctioi, nicht erfolgen 
kann. 

IV. Im circulirenden Blute gelingt es bei Anwendung 
größerer Blutmengen und sofortiger Aussaat auf Agar — Methoden, 
wie sie von Sittmann, Stern, Lenhartz, Schottmüller aus- 
gebildet sind — mit Leioiitigkeit in 60-80 pCt. der Fälle 
Typhusbacillen nachzuweisen. Die Methode ist speciell zur 
Frühdiagnose in unklaren Fällen geeignet, wo die klinische Beob- 
achtung und andere Methoden, wie die Serumreaction den Dienst 
versagen. Castellani hatte bei 14 Fällen 12mal, Schottmüller 
bei 220 Fällen 182 mal, Auerbach bei 10 Fällen 7 mal, Stern 
unter 38 Fällen 2r)mal, Jochmann in 7 Fällen 6mal, Jochmann 
und Krause (Med. Klinik zu Breslau) unter 29 Fällen 23mal 
positive Resultate. Tn geeigneten Fällen sei die Methode auch 
m der Privatpraxis anwendbar, allerdings stoße manchmal <lie 
Bliitentnnhme bei den Patienten auf Widerstand. 

V. Die Untersuchung des Urins, des Sputums, des 
Schweißes auf Typhusbacillen ist leicht mit den gewöhnlichen 
culturellen Methoden möglich, doch werden ijositive Resultate 
zur Sicherung oder Klärung des Krankheitsbildes nur in 
selteneren Fällen beitragen, da die Diagnose „Typhus" bei Cora- 
plicationen seitens der Lungen oder des Harnapparats meist schon 
durch klinische Beobachtung feststeht. 

Zum Schlüsse bemerkt der Vortragende, daß er absichtlich 
auf die Bedeutung der Widal'schen Reaction für die Diagnose 
des Typhus nicht eingegangen sei; er bemerke nur, daß er auf 
Veranlassung von Herrn Geheimrat von Strümpell in einer 
großen Anzahl von Controlversuchen das Ficker'sche Typhus- 
diagnosticum als brauchbar und zuverlässig zur Anstellung 
der makroskopischen Agglutinationsprobe gefunden habe; die 
mikroskopische Probe kann damit nicht angestellt werden. Ueberall 



I. Abteilung. Medioinisclie Seotion. 



dort, wo frische Typhusoulturen schwer zu beschaffen sind, dürfte 
sich das Picker'sohe Präparat als nützlich erweisen. 

D i s c u s s i 11 : 

Herr R. Stern wendet die Milzpuoction zur Diagnose des 
Ahilominaltyphus ebenfalls nicht an, da sie, wie ein erst kürzlich 
von Jan OSO mitgeteilter Fall zeigt, nicht absolut ungefährlich 
ist. Die Venenpunction giebt gute Resultate, namentlich für die 
Frühdiagnose, ist jedoch außerhalb der Krankenhäuser nicht 
iiäufig anwendbar. Weniger günstig sind die Resultate der 
bacteriologischen Untersuchung des Venenblutes 1. nach der 
dritten "Woche der Krankheit, zu welcher Zeit (steile Curven!) 
in atypisch verlaufenden Fällen noch diagnostische Schwierigkeiten 
bestehen können, ferner 2. in den ganz leichten und atypischen 
Fällen, deren Diagnose auch in hygienischer Beziehung besonders 
wichtig ist. Hier liefert die Serodiagnostik und die bacterio- 
logische Untersuchung der Stuhlgänge bessere Resultate. 

Herr Krause bemerkt, daß sich doch der Nachweis der 
Typhusbacillen aus den Roseolen unter Umständen diagnostisch 
Wertvoll erweisen kann, wie z. B. ihm selbst in einem Falle, wo 
wegen eines verdächtigen Exanthems die Diagnose auf Fleck- 
typhus gestellt war; der Nachweis der Typhusbacillen aus den 
Roseolen klärte die Diagnose. 

Sitzung vom 13. Mai 1904. 
Vorsitzender: Herr Ponfick. — Schriftführer: Herr Uhthoff. 
Herr Oasig berichtet über einen Fall von operativ ge- 
hfillem Ijungonalnscess. ') 

Der 40jährigo J. F. stammt aus einer Familie, deren Ana- 
"Wese nichts Besonderes enthält. Er giebt auch an, selbst stets 
Sesund gewesen zu sein bis zum Jahre 1888. Im Frühjahr dieses 
Jahres, also vor 16 Jahren, nahm er Dienste bei der holländischen 
^'olonialarmee und kam nach Batavia. Noch im selben Jahre 
P-rkrankte er an Typhus. Nach Ablauf desselben hat er noch 
"fter an rasch vorübergehenden hohen Fieberanfällen gelitten, 
~~ dort als Morastfieber bekannt — ohne jedoch in sehiem All- 
gemeinbefinden gestört zu werden. In der Zeit von März bis 
Juni 1902 litt F. an Dysenterie. Im Laufe des December 1902 

') In Vertretung von Herrn Geheimrni Dr. Riegner von Ür. 
^^'^aig demonstrirt. 



48 Jahresbericlit der Sohles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

begann er wieder zu fiebern und will zu dieser Zeit eine gelb- 
Hohe Gesichtsfarbe gehabt haben, sowie Schmerzen in der rechten 
Schulter. Dieser Zustand dauerte an bis Februar 1903; in diesem 
Monat wurde unser Patient nach Europa wegen „schleppenden 
Leberleidens" zurückgeschickt. Wahrend der Seefahrt stellte 
sich, wie F. angiebt, ein quälender, trockener Husten ein. Einen 
T.T,g nach der Ankunft in Europa trat plötzlich blutig-eitriger 
Auswurf in großer Menge auf; wie F. angiebt, soll die Menge 
des Ausgeworfenen etwa zwei Liter betragen haben. Die nächs't-e 
Zeit ist charaoterisirt durch periodisch (besonders frühmorgens) 
auftretenden, reichlichen, schleimig-eitrigen Auswurf, wechselndes 
Fieber, Schmerzen in der rechten Schulter und leicht gelbliche 
Verfärbung der Haut. Im Laufe des Juni 1903 wurde im 
Militärlazareth n. Utrecht eine erfolglose Probepunotion im 
VI. Interoostalraum in der Mammillarlinie gemacht. F. wurde 
dann als Invalide aus holländischen Diensten entlassen, und 
kehrte in seine Heimat Breslau zurück. Hier trat wieder eine 
Verschlimmerung ein, die Fiebersteigerungen kamen häufiger nud 
F. kam sehr in seinem Allgera einzustand zurück. N;ichdem von 
verschiedenen Seiten eine operative Behandlung abgelehnt worden 
war, t-Mid F. am 8. II. 1904 Aufnahme in der chirurgischen Ab- 
teilung dos Allerheiligen-Hospitals. 

Bei der Aufnahme machte F. einen schwer kranken Eindruck. 
Die Gesichtsfarbe war blaß-gelblich, der Ernährungs- und Kräfte- 
zustand schlecht, das Körpergewicht betrug 138 Pfd. Es be- 
stand zeitweise starker Hustenreiz, und es wurde dann eine Menge 
scldeimlg eitrigen Sputums ausgeworfen. Die Untersuchung der 
Lungen ergab link.s normale Verhältnisse. Hechts vorn fand sich 
eine ca. drei Finger breite, nach unten in die Leberdämpfung 
übergehende Dämpfung, die aber vom Stamm leicht abüugrenzen 
wer. Die Durchleuchtung mit dem Orthodiagraphen ergab an 
der Stelle der Dämpfung eine reichlich hühnereigroße, dunkle 
Stelle oberhalb des Zwerchfelles, die einen hellen Innenraum 
aufwies. 

Die mikroskopische Untersuchung des Sputinns zeigte Eiter 
körperchen, rote Blntkörperchen und Fettaänrenadeln, son.ii nichis 
Besonderes. 

Bei wiederholten Durchleuchtungen, die in der nächsten Zeit 
vorgenommon wurden, zeigten sich .ibwechselnd zwei verschiedene 
Befunde; hatte eben vorher eine reichlichi^ Spntumentleerung 
stattgefi;nden, so war der helle Innenraura des oben erwähnten 
Schattsms deutlicher, und es gelaug bisweilen den Schatten selbst 



I. Abteilung. Medioinisohe Section. 



gegen den Lebersohatten abzugrenzen. Lag dagegen vor der 
Durchleuchtung ein längerer, hustenfreier Zeitraum, so war die 
Abgrenzung des Schattens gegen die Leber lli(^ht möglich und 
auch der helle Innenraum undeutlicher. 

Am 29. IL 1904 wurde im Bereich der Dämpfung eine Probe- 
pnnction gemacht, es fand sich dabei dickflüssiger gelber Eiter 
Von derselben. ßeschafi'enheit wie das Sputum. 

Am 1. IIL 1904 wurde in Morphium-Aethernarcose im ße- 
feich der Dämpfung ein Stück der V. Rippe entfernt. Die Lunge 
Züigte sich hier der vorderen Bruatwand adhärent. Nach noch- 
maliger Function wurde mit dem Thermocauter in der Richtung 
cler Nadel eingegangen. Beim Herausziehen des Platinbrennors 
hing an der Spitze desselben ein wenig Eiter von demselben 
Aussehen, wie es der bei der Punotion gefundene Eiter gezeigt 
hatte. Eine Entleerung von Eiter trat nicht ein, offenbar weil 
der geschaffene Kanal noch zu eng war. Es wurde deshalb mit 
<^em Thermocauter eine Erweiterung versucht, die aber schließlich 
eingestellt wurde, weil Hämoptoe eintrat. Es wurde nun in den 
Vom Platinbrenner geschaffenen Kanal ein feiiwa Streifchen Vio- 
formgazo eingeführt und die übrige Wunde mit Vioformgaze 
tamponirt. Der Kranke wurde zu Bett gebracht, erliielt Morphium 
wid Eisblase. Abends stieg die Temperatur auf 38,7, Puls 100. 
"■IIL 1904. Allgemeinbefinden gnt. Hämoptoe ist etwas geringer 
geworden; Abendtemperutur 38,4, Puls 104. 3. III. 1904. Hä- 
moptoe hat fast ganz aufgehört, das Sputum zeigt schon ein ganz 
'ähnliches Aussehen wie das vor der Operation. G. IIL 1904. 
Kntferrunig der Tampons. Die Wunde sieht sauber aus, aus dem 
^anal entleert sich nichts. Derselbe wird wieder taraponirt. Der 
Verband erhält sich andauernd fast trocken, das Allgemeinbefinden 
ist leidlich, aber der Auswurf unverändert, bis plötzlich einmal 
"ach einem HustenstoÜ der Kranke angiebt, daß der Verband 
"aß geworden sei. Bei Abnahme .les Verbandes entleert sich 
naassenhaft dicker, rotbrauner Eiter aus dem Kanal, der sich — 
OHenbar durch Abstoßuug der verschorften Wände — bedeutend 
erweitert hat. Lockere Tamponade des Kanals und der 
^ unde. Von diesem Zeitpunkte an bewegt sich die Temperatur 
^Wischen 36 und 37", der Auswurf hörte fast ganz auf und 
''at nur ein, wenn die Tamponade etwas v.n fest ausgeführt 
^ar. Das Allgemeinbefinden besserte sich nun zusehends. 
8 , J"'*'^''^''^ f?'"P^ ^"''^ '^'''' «ecretion der Wunde zurück, hörte 
schheßlich auf; der Kanal verengte sich und etwa Mitte April, 



50 Jahresbericht der Schles. Geseliscliaft für Yaierl. Onltur. 

also sieben Wochen nach der Operation, war die Wunde 
bis auf eine minimale, kaum sichtbare Fistel geschlossen. 

Der augenblickliche Zustand des F. am 13. V. 1904 ist ein 
sehr guter, er hat seit der Operation 28 Pfund zugenommen. 

Die Gesichtsfarbe ist immer noch ganz leicht gelblich. Der 
Husten und Auswurf hat ganz aufgehört. Atemnot besteht nicht, 
selbst nicht bei starker körperlicher Anstrengung. Nur bei tiefer 
Inspiration hat F. etwas Spannuugsgefühl in der rechten Seite. 

Der Peroussions- und Ausoultationsbefund des Herzens ist 
normal. 

Die linke Lunge zeigt ebenfalls normale Verhältnisse. 

Ueber der V. Rippe rechts findet sich eine ca. 10 cm lange 
eingezogene Narbe, in deren Mitte sich eine ganz feine, fast gar 
nicht secernirende Fistel findet. 

Rechts vorn über der Lunge normaler Percussionsschall. Bei 
ruhiger Atmung nach unten begrenzt durch eine in Höhe des 
unteren Randes der IV. Rippe beginnende Dämpfung. Bei tiefer 
Atmung liegt die obere Grenze der Dämpfung weiter abwärts. 
Diese Dämpfung geht direct in die Leberdämpfuug über, welche 
in der Mamraillarlinie mit dem Rippenbogen abschließt. 

Die Auscultation ergiebt rechts vorn oben abgeschwächtes 
reines Vesiculäratmen , welches nach unten zu immer schwächer 
wird und bis zur VI. Rippe hörbar ist. 

Rechts hinten ergiebt die Untersuchung normale Verhältnisse. 

Die Durchleuclitung (dorsoventral) mit dem Orthodiagraphen 
ergiebt der unteren Hälfte des früheren Schattens entsprechend 
einen Schatten, welcher sowohl bei Inspiration, wie auch bei 
Exspiration vom Leberschatten völlig abzugrenzen ist; nur nach 
unten und medialwärts besteht eine Verbindung zwischen beiden 
in Gestalt eines etwa 1 cm breiten dunklen Striches. 

Faßt man zum Schluß die Hauptmomente des Kranklieits- 
bildes kritisch zusammen, so muß man wohl annehmen, daß an 
December des Jahres 1902 eine Exacerbation eines auf die 
Dysenterie zurückzuführenden Leberabscesses stattgefunden hat. 
Der während der Seefahrt aufgetretene trockene Husten dürfte 
zwangslos seine Erklärung finden durch die Annahme einer 
adhäsiven Pleuritis, hervorgerufen von dem an der Convexität 
der Leber vorgewölbten Absceß. Au dem Tage der Ankunft in 
Europa, srar Zeit der Entleerung der großen Eitermenge per oö, 
ist der Durohbruch des Leberabscesses in einen Bronchus anzu- 
nehmen. Zur Zeit der Aufnahme iu's Allerheiligen-Hospital war 
der Leberabsceß vielleicht schon so gut wie geheilt und es lag 



I. Abteilung. Medicinische Section. 



nur noch ein Lungenabsceß vor, welcher durch die Operatioa 
eröffnet wurde und der nach dem jetzigen Befunde ersetzt ist 
durch eine etwa halb so große, bei der Durchleuchtung sich als 
Schatten darstellende Narbe. Von diesem Narbenschatten zieht 
ein schmaler dunkler Schatten zum Leberschatten, so daß man 
darin vielleicht eine Narbe zu sehen hat, die an die Stelle der 
früheren Perforation des Leberabscesses getreten ist. 

In Anbetracht des bis jetzt sich ständig bessernden Allgemein- 
befindens ist wohl auf eine dauernde Heilung zu rechnen. 

Herr Lilienfeld stellt einen 29jährigen Patienten vor mit 
multipler Atherombildung. Einer der Tumoren hat das rechte 
Scheitelbein in einem Bezirk von Kleinhandtellergrüße usurirt 
und saß direct der Dura mater aif. Exstirpation des Tumors. 
Heilung. Die mikroskopische ünterisuchung ergab reines Atherom, 
feeine für Dermoid sprechende Characteristica. 

D i 8 o u s s i o n : 

Herr Tietze macht eine Reihe von Bedenken gegen die Auf- 
fassung des fraglichen Tumors als Atherom geltend. Er ist 
geneigt ihn für ein Dermoid zu halten, eine Auffassung, welche, 
wie er im Gegensatz zu dem Herrn Vortragenden betonen muß, 
ganz gut mit dem Sitise der Geschwulst vereinbar wäre. Die 
letzte Entscheidung muß die mikroskopische Untersuchung der 
ßalgwand geben, wobei freilich die Schwierigkeit besteht, daß 
bei größeren Dermoiden die Bestandteile der Haut im Einzelnen 
nicht mehr so gut erlialten sind wie bei kleinen, so daß auch 
selbst auf diese Weise eine Abgrenzung gegenüber den Atheromen 
^iK'ht immer ganz einwandfrei gelhigen dürfte. 

Herr Ponflck: Die Frage, welche HerrTietze an mich ge- 
ruhtet hat, vermag ich nur teilweise zu beantworten : nämlich in 
Bezug auf den allgemeinen Punkt, ob und in welchem Um- 
fange das Wachstum von Atheromen einen Schwund des Schädels 
^tt liedingen vermöge. 

Im Einklänge mit seinen Darlegungen halte auch ich es für 
äußerst selten, daß eine so tiefe Usur des Knochens durch ein 
Atherom hervorgebracht werde. Einen anschaulichen Maßstab 
tlafür, wie zutreffend eine solche Ansicht sei, liefert z. B. auch 
fhe Thatsache, daß unsere Sammlung keinen einzigen Schädel 
enthält, wo ein Tumor der genaanten Art eine nennenswerte 
Atrophie auch uur der äußeren Tafel bedingt hätte. 

Was dagege» die zweite Frage anlangt, die sich auf den 



52 Jahresbericht der Schles. Gosells<'haft für vatorl. Oultiir. 



conoreten Fall bezieht, welcher uns in diesem Augenblicke 
beschäftigt, so bin ich außer Stande, mich über die histologische 
Beschaffenheit des von dem Herrn Vortragenden entfernten Ge- 
wächses zu äußern. Denn die mikroskopischen Präparate, die 
daraus gewonnen worden sind, habe ich selber gar nicht ku 
Gesicht bekommen. 

Zweifellos wird dazu alier der liier anwesende College 
Winkler bereit seui, der sie ja genau geprüft hat. 

HerrWinklor: Die mikroskopisclie Untersuchung des Atheroms 
ist auf Ersuchen dos Herrn Vortragenden von mir vorgenommen 
worden. Ich muß gestehen, daß ich angesichts einer so weit- 
gehenden Usur des Knocliens, welche der Tumor verursacht hatte, 
selbst zuerst Bedenken trug ihn als „Atherom" anzusprechen. 
Ich dachte vielmehr, daß es vielleicht ein Dermoid oder ein in 
carcinomatöser Umwandlung begriffenes Atherom darstelle. 

Die mikroskopische Untersuchung der entfernten Neubildung 
ergab nun lediglich massenhafte Plattenepithelien, die zum größton 
Teile verhornt, kernlos waren, dazwischen viele Eetttröpfohen 
und Cholestearin tafeln. Dagegen war es nicht möglich, weder 
in der Wand des Tumors, noch in seinen centralen Partion Haar- 
bälgo, Talg- oder Schweißdrüsen nachzuweisen, welche für das 
Vorhandensein eines „Dermoides" sprechen. Demnach halte ich, 
trotz der auffallenden Veränderung am Schädeldaohe , die vor- 
liegende Neubildung auf Grund des mikroskopischen Bolüiulea 
für ein „Atherom". 

Herr Ponfick: Sicherlich könnte man, wenn man lediglich 
den Sitz des in Rede stehenden Tumors berücksichtigt, auch 
nach meinen Erfahrungen die Möglichkeit eines Dermoids wohl 
gelten lassen. 

Allein wenn man dosson von Herrn Winklor angeführte 
Eigenschaften in Betracht zieht, so muß man billiger Weise doch 
sagen, daß eine derartige Annahme in dem mikroskopischen 
Verhalten keine Stütze fiudot. Ebenso spricht die Thatsache da- 
gegen, daß der Patient gleichzeitig eine solche Menge Tumoren 
der nämlichen Art auf seinem Kopfe trägt: ein Zusammentreffen, 
das nach allem, was wir sonst wissen, unleugbar weit mehr auf 
Atherom als auf Dermoid hindeutet. 

Alles in allem muß ich es sonach, trotz der ungewöiuilichea 
Ausdehnung des Scliädeldefectes, für wahrscheinlicher erachten, 
daß der Tumor, welcher ihn verursacht hat, ebenso die übrigen 
in der Kopfhaut sitzenden, ein einfacheH Atherom sei. 



I. Abteilung. Modiciuische Section. 



Herr Richter glaubt nicht, daß man im vorliegenden Fall ein 
sicheres Urteil über die Eigenart der entfernten Geschwulst ab- 
geben kann. Zu Gunsten der Annahme eines Atheroms spricht 
die gleichzeitige Entwicklung einer Anzahl sicherer Atlierome und 
das Alter des Mannes; dagegen die Erfahrung, daß Atherom© 
den Knochen nicht durchbohren, die auch durch das vorgezeigte 
Scheitelbein aus dem Besitz des Herrn Prof. Lesser, Über das 
Genaueres nicht bekannt ist, nicht vimgestoßen wird. Gegen ein 
Dermoid — dessen Neigung den Knochen zu durchwachsen be- 
kannt ist — spricht, daß das angeborene Mißbildungen sind, die 
sich weit früher, als es im vorliegenden Falle geschehen, zu 
größeren Geschwülsten auszuwachsen pflegen. 

Herr (üüricli: Ucbpr die Beziohungon zwischen Erkraiikun- 
gciu der Mandeln und Gelenkrheumatisnius. 

Nach den UnterttuclTungeu des Vortragenden ist der Gelenk- 
rheumatismus in vielen Fällen durch die chronische desquamative 
Entzündung der Maudelgruben , die Angina fossularis chronica 
bedingt, welche sich meist durcli die sogen. Mandelpfröpfe kenn- 
zeichnet. In den Mandelgruben bleibt das Virus virulent, aber 
latent. Acute Steigerungen der chronischen Angina, welche 
namentlich durch die infectiöeen Fremdkörper, die Mandelpfröpfe, 
Verursacht werden, öffnen dem Gift die Eintrittspforten in den 
Körper und verursachen die rheumatischen Attacken. Die angi- 
nöseu Beschwerden können dabei sehr unbedeutend sein, so daß 
sie vom Patienten ganz in Abrede gestellt werden ; sehr oft aber 
leitet eine Angina jeden neuen Anfall von Rlieumatismus ein. 
Dadurch kam Vortr. auf den Gedanken, durcli Behandlung der 
iossulären Angina den Gelenkrheumatismus zu heilen. Die Erfolge 
dieser Behandlung waren frappireiid; jahrelang bestehende, häufig 
rooidivirende Rheumaiisimüi verschwanden nach der Curettage 
und Aetzung der Maudelgruben ohne Anwendung innerer Mittel 
Sofort. Wenn trotzdem ein Rückfall eintrat, so waren noch un- 
behandelt gebliebene, Pfropfe enthaltende Gruben daran schuld. 
Die Diagnose der fossuläreu Angina besteht im Wesentlichen im 
Nachweis der Mandelpfröpfe. Sie erfordert in den meisten Fällen 
eine sorgfältige Durchsuchung der Maudelgruben mit der Hakeu- 
sonde; sie kann sehr schwierig sein. Die landläulige einfache 
J^'ispeotion dos Pharynx unter Benutzung des Zungenspatels ist 
''i'f Stellung der Diagnose ganz ungenügend. 

Vortragender stellt eine Patientin vor die vor, vier Jaluen 
^'> (Gelenkrheumatismus erkrankt ist und häufig Recidive bekommt, 
^■fan sieht bei ihr auf den Mandela zahlreiche Pfropfe und als 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Ciiltur. 



besondere Rarität eine große Zahl Pfropfe in der Zungen man clel, 
den Seitensträngen und der Rachenmandel. Auf Grund dieses 
Falles glaubt Vortragender, daß nicht nur die Gaumenmandeln, 
sondern auch die übrigen Teile des lymphatischen Schlundringes 
die Eintrittspforte des rheumatischen Giftes sein könne. Vielleicht 
seien selbst die lymphatischen Apparate des tieferen Darmtracfcus 
gelegentlich das Eingangsthor. 

Discussion: 

Herr Paul Krause: M.. H.! Im Anschlüsse an den inter- 
essanten Vortrag von Herrn Gürioh, auf dessen therapeuti- 
schen Teil ich nicht eingehen will, weil erst größere Erfahrung 
uns über den Wert desselben aufklären muß, erlaube ich mir, 
ein paar Bemerkungen über die Angina und ihre GomplioatioiiBn 
anzuschließen auf Grund einer Zusammenstellung von 
207 Fällen der medicinischen Klinik aus den letzten Jahren, 
welcheHerr Dr. Martin als Dissertation veröfientlichte (Dissortat. 
Leipzig). 

Wenn ein Zusammenhang zwischen Angina und anderen 
Infectionskrankheiten besteht, so ist er nur auf dem Woge der 
bacteriellen , meist wohl hä-matogenen Infection möglich. Da 
bisher der Erreger des Gelenkrheumatismus nicht bekain.it ist, 
trotz der Arbeiten von Meyer, Michaelis, Münzor u. A., igt 
es zur Zeit unmöglich, aus der bacteriellen Flora (Streptokokken, 
Staphylokokken, Diplokokken, Mischinfectionen dieser Keime, 
Tetragonus, Bact. coli u. a.) der Angina irgend welchen be- 
rechtigten Schluß zu machen. Sehr wichtig ist es im Augfi zu 
halten, daß nach der trefflichen Arbeit von Hubert stets Strepto- 
kokken, und zwar zum Teil sehr virulente, auf den normalen 
Tonsillen vorkommen. 

Unter unseren 207 B'ällen trat im Anschluß an die Angina 
in 13 Fällen (3mal bei Männern, lOmal bei Frauen) Gelenk- 
rheumatismus auf; in einigen Fällen traf der Beginn des 
Gelenkrheumatismus mit dem der Angina zusammen; in 2 Fällen 
verging bis zum Auftreten des Gelenkrheumatismus 1 Tag, in 
7 Fällen 2—8 Tage, in einem Falle 19 Tage, in einem Falle 3 Wochen. 
Der klinische Begriff der Angina rheumatica ist auch 
meiner Ansicht nach überflüssig, weil es unmöglich ist, einer An- 
gina anzusehen, ob ein Gelenkrheumatismus sich daran anschließen 
wird oder nicht. 

Der Vollständigkeit wegen sei erwähnt, daß sich unter den 
207 Fällen von Angina in 33 Fällen Herzgeräusche an- 



I. Abteilung. Miedicinisohe Section. 56 



schlössen, 9mal verschwanden dieselben nach einiger Zeit, 24mal 
persistirten sie, 10 mal handelte es sich um sichere Endo- 
carditis recens. 

In 2 Fällen trat septische Venenthrombose auf (1 mal 
eine Thrombose des Sinus cavernosus, ausführlich be- 
schrieben von Herrn Dr. Tollens); je Imal entwickelte sich 
kurze Zeit danach eine Pleuritis und Pneumonie. 

Albuminurie wurde 9mal beobachtet, 9mal Nephritis 
acuta (unter 1261 Anginafällen der Leipziger medicinischen 
Klinik fand Heinze in 38 Fällen Nephritis); die letztere trat 
meist 2—6 Tage, Imal 3 "Wochen nachher auf. 

In 3 Fällen wurde im Anschlüsse an die Angina eine acuta 
Appendicitis beobachtet (ausführlich publicirt von Herrn Dr. 
Weber, „Münch. med. Wochenschrift", 1903); experimentelle 
Versuche, welche ich an Mäusen und zwei Hunden anstellte, um 
den Zusammenhang sicher zu stellen, führten zu keinem sicheren 

Ergebnis. 

Von Hautkrankheiten wurden 8raal Herpos facialis, 
Imal Herpes zoster, Imal Purpura rheumatica, Imal 
Urticaria beobachtet. 

Ueber den Zusammenhang von chronischer Angina mit 
Infectionskraukheiten vermag ich Ihnen keine Zahlen an- 
zugeben; in unseren Fällen handelte es sich meist um acute 
Angina lacunaris (die Fälle der Scharlachabteilung wurden 
nicht berücksichtigt). 

Herr (iürich: DaL5 das Gift des Gelenkrheumatismus bei 
seinem Einmarsch durch die Mandeln eine acute Angina erzeugen 
könne, hält Vortr. für sehr möglich; er bezweifelt aber, daB die 
Fälle der Klinik vorschriftsmäßig mit der Hakensonde auf Mandel- 
pfröpfe untersucht worden seien. Die sog. Angina simplex acuta 
biete bei der Inspection oft dasselbe Bild wie ein acutes Recidiv 
einer chronischen Angina. 

Sitzung vom 10. Juni 1904. 
Vorsitzender: Herr Ponf ick. — Schriftführer: Herr Kosen fei d. 
Herr Tietze: Krankendemonstrationon. (Beiträge zur 
Osteoplastik.) 

I. Vorstellung zweier Patienten mit osteoplasti- 
schem Verschluß von Schädeldefecten nach der Methode 
von Müller-König. Im ersten Fall handelt es sich um ein 
15,iähriges Mädchen, bei welchem Vortragender vor fOnf Jahren 



56 Jahresbericlit der Seliles. Gesellschaft für vater], Ciiit.ur. 

einen otogenen Hirnabsceü operirt hat. Die Eigenart dos Falles 
brachte es mit sich, daß eine große Lücke im Schädel angolegt 
werden mußte, die sich senkrecht vom linken Ohr in die Hoho 
zog und eine Höhe von 10 cm, eine Breite von 5—8 cm besaß. 
Nach der vor einem halben Jahre ausgeführten plastischen 
Operation ist knöcherner Verschluß des Defeotes eingetreten. 

Im zweiten Fall handelte es sich um einen traumatischen 
Defect auf dem Schädeldache von etwas geringerer Ausdehnung. 
Heilung. 

n. Zwei Fälle von Autoplastik. Im ersten Falle wurde 
vor vier Jahren das untere Ende des Eadius, das wegen Sarkoms 
resecirt worden war, durch eine Großzehenphalange ersetzt. Beide 
Knochen, d. h. centrales Ende des Radius und iraplantirter Zehen- 
knoohen sind nunmehr zu einem einheitlichen Knochen ver- 
schmolzen, die eine Gelenkfacotte der Handwurzel .Tiukehrt. lieber 
den Fall wurde 1902 auf dem Chirurgencongreß berichtet. Ende 
1902 trat ein Woichteilrecidiv ein, seitdem ist Patientin gesund. 

Im zweiten Falle handelte es sich um ein periostales Sarkom 
der linken ülna, das die Resootion erforderte. Ersatz des De- 
fectes durch ein aus der Tibia ausgesägtes Knochenstüok. Die 
Operation fand Anfang 1904 statt. Der Knochen ist eingeheilt 
und es beginnt sich eine verbindende Knochenspalte zu bilden 
von der allerdings nicht gesagt werden kann, ob sich an ihrer 
Entstehung auch der implantirte Knochen beteiligt. Im ersten 
Falle glaubt Vortragender nach den Röntgenbildern eine Knocheu- 
production aus dem Periost des implantirten Knochens annehmen 
zu sollen. 

III. Bericht über eine atypische Resection am Fuße 
bei welcher die schließlich restirende hühnereigroße Höhle iu 
der Gelenkspalten klafften, und die von den Muskeln der Fuß- 
sohle begrenzt wurde, durch Paraffin ausgegossen wurde. Es 
kam Heilung zu Stande bis auf zwei kleine Fisteln, die sich 
aber schließen. Der Fall ist jedoch noch nicht abgeschlossen. 

In zwei anderen Fällen hat Vortragender mit Erfolg aus- 
gedehnte Fußgelenksreseotionen vorgenommen, obgleich nament- 
lich in dem einen von sehr competenter Seite bereits Amputation 
vorgeschlagen war. Vortragender wendet bei der Fußgelenks- 
resection einen hinteren Q,uerschnitt an. In dem zuletzt erwähnten 
Falle fiel aus Fuß und Unterschenkel ein Viereck fort, das außer 
den schwer erkrankten Weichteilen ein ca. 4 cm langes Stück 
der Unterschenkelknochen , den Talus und die obere Hälfte des 
horizontal abgesägten Calcaneus enthielt. Der Fuß hing nur 



I. Ahlpiliiiipf, Mrdiriiiiischo SecUon. 



noch an einer knapp 5 cm breiten Weichteilbrücke. Die Unter- 
sohenkelknocheii wurden auf den Rost des Calcaneua aufgesetzt. 
HeiJung mit knöcherner Vereinigung in fünf Wochen. Patient 
war 45 Jahre alt. Vortragender glaubt, daß das Gebiet der Re- 
sectio)ieii zur Zeit mit Unrecht etwas zu eingeschränkt sei. 

Herr Kausch: Im Anschluß an die Demonstration der inter- 
essanten Fälle von Knochenplastik des Herrn Tietze gestatte 
ich mir, Ihnen ein Präparat zu demoustriren , welches ich der 
Liebenswürdigkeit des Herrn Tietze verdanke. 

Ich habe im April 1902 ein lOjähriges junges Mädolien 
wegen Sarkom der Tibia öperirt, indem ich die Continuitäts- 
rosection ausführte und ein Knoclienstück von 7 cm Länge im- 
plantirte. Ich entnahm das-Knoohenstück aseptisch einem Tags 
ztivor wegen frisclier oomplicirter Fractur amputirtou I3ein, extra- 
liirto es mit Alkohol und Aethor und kochte es dann aus. Da 
der Tumor bis nahe an die Gelenkilächo der Tibia heranreichte, 
mußte ich die Gelenkfläche mitontfernen. Ich sägte die Knorpel- 
flache am Femur ab und verband das implantirte Knochenstück 
sowohl mit dem Femur als mit dem unteren Tibiaende mittels 
eingeschlagener Elfenbeinstifte. Auf dieselbe Weise verband ich 
das abgesägte obere Fibulaende mit dem Oondylus externus. 

Das Knoohenstüok lieilte anstandslos ein; das Bein war um 
3 cm verkürzt. Leider trat nach einem Vierteljahre ein Reoidiv 
auf. Patientin verweigerte die nimmehr vorgeschlagene Ampu- 
tation. Diese Amputation wurde später von Herrn Tietze vor- 
genommen, welcher mir, wie bemerkt, das Präparat überließ. 

Sie sehen, meine Herren, daß in diesem Falle eine feste 
knöcherne Vereinigung des implantirten Knochenstücks sowohl 
am unteren, wie am oberen Ende eingetreten ist; es ist keine 
Spur von Beweglichkeit vorhanden. Sie sehen auch, namentlich 
am unteren Ende, wie Knoohensubstanz von dem stehengebliebenen 
Knochen über den implantirten herübergewaohsen ist. Es sind 
das die hier sichtbaren Zacken, während bei der Operation au 
dieser Stelle eine glatte Sägefläche bestand, deren Niveau Sie 
noch orkonuon. Auf der anderen Seite sehen Sie, daß der im- 
plantirte Kjioohen an mehreren Stellen angenagt ist. 

Es wird Ihnen bekannt sein, daß das Scliicksal implantirter 
toter Knocheiistücke, gleiohgiltig ob sie mit oder ohne Periost 
eingepflanzt werden, stets das ist, daß der implantirte Knochen 
im Laufe der Zeit allmählich durch neuen Knochen ersetzt wird, 
welcher vom stehengebliebenen aus, namentlich dem Periost, ge- 
bildet wird. In diesem Falle war nun natürlich das Periost im 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterJ. Oultnr. 



ganzen Bereich des entfernten Knochenstüoks mit entfernt worden. 
Es konnte folglich der Ersatz nur von den beiden Knochenenden 
her erfolgen. Sehr interessant wäre es gewesen zu sehen, ol) 
im Laufe der Zeit das ganze implantirte Knochenstlick ersetzt 
worden wäre. Auf jeden Fall ist es aber auch jetzt bereits von 
höchstem Interesse zu sehen, daß solch' implautirter Knochen 
wirklich fest verwächst. Meines Wissens ist es das größte bisher 
eingepflanzte Knochenstüok, welches festgewachsen ist. 

Im Uebrigen habe ich das Präparat erst soeben erhalten, 
werde es noch genauer untersuchen und an anderer Stelle aus- 
führlich darüber berichten. 

Herr Tietze: Ist Periost aber den toten Knochen gewachsen ? 

Herr Kauseh: Auch mir wäre es von höchstem Interesse zu 
erfahren, ob die auf dem implantirten Knochonstück liegende 
Schicht neugebildetes Periost ist oder nicht. Es scheint mir 
denkbar, daß es nicht Periost ist, sondern nur Bindegewebe, 
welches, da es der glatten Knochenfläche aufliegt, gleichfalls 
glatt geworden ist. Ich frage Herrn Ponfick an, ob er es für 
möglich hält, daß sich auf solch' weite Strecken hin Periost 
neu bildet? 

Herr Ponlick: Es ist möglich und hier gewiß geschehen. 

Herr Jochinann hält den ersten Teil seines Vortrages : lieber 
Bacteriämie. 

Sitzung vom 17. Juni 1904. 
Vorsitz.: Herr Ponfick. — Schriftf.: Herr Neisaer. 

Herr Jochmanii setzt seinen Vortrag: „Ueber Bacteriämie 
und die Bedeutung der bacteriologischen Blutuntersmuhung 
für die Klinik" fort. 

An der Hand von eigenen Beobachtungen worden die ver- 
schiedenen Typen der Bacteriämie besprochen. Gleiolizeitig wird 
die Bedeutung der bacteriologischen Blutuntersuchung für die 
Klinik, soweit das für den inneren Mediciner Interesse hat, er- 
örtert. 

Die Prognose der Streptokokkenbacteriämie nach primärer 
Streptokokkeninfeotion ist nicht absolut ungünstig. In acht der- 
artigen Fällen sah Vortragender dreimal einen günstigen Ausgang, 
und zwar in einem näher beschriebenen Fall von Streptokokken- 
bacteriämie nach Pneumonie, in einem Fall von Puerperalsepsis 
und einer Sepsis nach Strumaoperation. Genauer geschildert 
wird ferner ein Fall von septischer Endocarditis, der nach sieben- 



1. Abteilung. Medicinischo Seotion. 



monatlicher Erkrankung an chronischer Streptokokkensepsis zu 
Grunde ging. Erreger war der von Schottmi'i Her beschriebene 
Streptococcus mitior seu viridans. 

Als weitere Beispiele für die Streptokokkeubacteriämie nach 
primärer Infection werden erwähnt: eine Sepsis, die von einer 
einfachen katarrhalischen Angina ausgegangen war, ferner eine 
von den Harnwegen ausgehende Sepsis nach Cystitis und Urethral- 
strictur und eine Streptokokkenblutinfeotion im Anschluß an eine 
Sinusphlebitis nach Cholesteatombildung. 

Bei der Streptokokkenbacteriäraie nach secuiuliirer Infection 
ist die Prognose ungünstiger. Von den Scharlach- und Diphtherie- 
kindern, bei denen Vortragender Streptokokken im Blut nachwies, 
blieb nur äußerst selten eins am Leben. 

Sechs Eälle von Staphylokokkenbacteriämie konnte Vor- 
tragender beobachten. Kein einziger kam mit dem Leben davon. 

Der eine dieser Fälle war eine „kryptogenetische Septico- 
pyämie", d. h. der Ausgangspunkt der Staphylokokkenblutinfeotion 
war in diesem Falle nicht nachzuweisen. 

In 18 Fällen von Pneumonia orouposa fand Vortragender 
sechsmal Pneumokokken im kreisenden Blut. Zwei von den 
Fällen mit positivem Befund blieben am Leben ; bei einem davon 
war es zu septischer Gelenkentzündung gekommen. 

Auch nach des Vortragenden Beobachtungen ist demnach der 
Uebergang der Pneumokokken in's Blut bei Pneumonie nicht immer 
80 constant, wie das Prochaska und Fraenkel hinstellen. 

In zwei Fällen wurden an der medioinischen Klinik Gono- 
kokkeji im kreisenden Blut nachgewiesen. Genauer beschrieben 
sind die Fälle durch Krause in der „Berliner klin. Wochen- 
schrift". 

In einem dritten Fall von Gonokokken-AUgemeinerkrankuug 
fanden sich im Gelenkexsudat des Ellenbogens Gonokokken, nicht 
aber im Blut. 

Typhusbacillon fand Vortragender unter 30 Fällen 25 Mal, 
also in 83,3 pCt., fast regelmäßig während der Continua. 

Von den fünf Fällen mit negativem Blutbefund hatten drei Fälle 
remittirendes Fieber. Kurz vor der endgiltigen Entfieberung 
pflegt die Blutentnahme häufiger zu versagen. Zwei von den 
negativen Fällen waren drei Tage nach der Blutentnahme völlig 
entfiebert. 

Fünf von den Fällen mit positivem Blutbefund ergaben noch 
keine positive Agglutination sreaction. 

.Es giebt Fälle, die weder anamnestisch, noch nach ihrem 



60 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für val.erl. Cnif.iir. 

klinischen Bilde zunächst die Annahme einer typhösen lufoction 
nahe logen, Fälle, die erst durch den Nachweis der Typhus- 
bacillen im Blut in das richtige Licht gesetzt werden. Dafür 
werden drei sehr bemerkenswerte Beispiele angeführt. 

Eine geringe Einschränkung erfährt die diagnostische Be- 
deutung des Nachweises der Typhushacilleu im Blut dadurch, 
daß bei Eälleri mit unregelmäßigem Fioberverlauf und bei Abortiv- 
fällen die Blutuntersuchuug häufig versagt. Hier wird die Sero- 
diagnostik oder die Stern 'sehe bacterioide ßeaction vou besserem 
Erfolge begleitet sein. 

Zum Schluß wird darauf hingewiesen, daß wir aucii für das 
Studium in ihrer Aetiologie noch unbekannter Infeotionskrank- 
heiteu durch systematische Blutuntersuchungen manch wichtigen 
Fingerzeig bekommen. 

Auf Grund einer großen Reihe eigener Untersuchungen lohnt 
Vortragender die Annahme einer Stroptokokkenätiologlo des 
Gekukrhoumatismus ab. Auch beim Scharlach habe die Blut- 
untorsuchung zu dorn Resultat gefülirt, daß den Streptokokken 
nur eine secundäre, nicht eine specifisohe Kelle zukomme. 

Herr Ponflck: lieber Pylorospasmus. 

Ihnen Allen, meine Herren, wird der Vortrag noch in leb- 
hafter Erimierung sein, welchen Herr v. Mikulicz über den 
merkwürdigen Symptomencomplex des Cardiospasmus hier ge- 
halten hat. Im Hinblick darauf dürfte mein Befund doppeltes 
Interesse bieten, welchen ich gestern bei einem längere Zeit an 
Pylorospasmus leidenden Kinde beobachtet habe. 

Sie sehen hier einen Magen vor sich von so gewaltigen Di- 
mensionen, daß man wohl glauben könnte, er müsse einem Kinde 
von mindesten vier Jahren angehören. In Wirklichkeit stammt 
er von einem Säuglinge, der erst zwei Monate alt ist. 

Allerdings geben sich diese Ersclieinungeu heute längst nicht 
mehr so handgreiflich kund wie gestern an dem noch nicht er- 
öffneten Organe, an welchem die starke Wölbung der Vorder- wie 
Hinterfläohe und die Prallhoit beider so sehr auffiel. 

Obwohl sich also jetzt, wo der Magen bereits aufgeschnitton 
ist, jene außerordentliche Zunahme des Kalibers nicht mehr mit 
voller Sicherheit beurteilen läßt, so ist doch die Steifheit der 
Wand des Behälters auch jetzt noch sehr ausgesprochen. Wie 
eine genauere Prüfung ergiebt, beruht diese auf allgemeiner 
Verdickvuig seiner Wandung, insbesondere der Muskelsohicht. 
Neben dieser allgemeinen Hyperplasie der contractilen Elemente 
besteht aber noch eine ungleiche stärkere, örtlich begrenzte, 



1. Abteilung. Mediciuische Soction. tit 



indem der Pylorusteil eine unverhältnismäßige Zunahme erfahren 
hat. Je näher dem Pförtner, um so dicker wird nämlich die 
Wand und um so enger die Lichtung. Unmittelbar oberhalb 
derselben erreicht dieser Zustand einen so hohen Grad , daß die 
Pars pylorica lediglich eine feste Masse zu bilden und ein Lumen 
überha\ipt nicht mehr zu besitzen scheint. In der That ist es 
nicht nur mit der Spitze des kleinen Fingers, sondern auch mit 
einem weiblichen Katheter ganz unmöglich, von oben her in das 
Duodenum einzudringen. Erst mit einer Sonde gelingt es, den 
Pjrlorus KU passiren. Aber selbst dann drängt sich die Schleim- 
haut in so mannigfachen Falten und Wülsten dicht gegen das 
Instrument heran, daß es nur mit Mühe in den Darm zu gelangen 
vermag. 

Weit mehr als alle diese noch so merkwürdigen Erscheinun- 
gen befremdet uns aber ein anderer Umstand, eben der, welcher 
(Ho Analogie mit dem eingangs erwähnten Cardiospasmus hiii- 
stellt: ich meine das Fehlen jeder organischen Veränderung an 
der Wand des Magens, insbesondere an dessen Schleimhaut. 
Vergebens sucht man nämlich nacli irgend welchem ursächlichen 
Momente, welches sich heranziehen ließe, um einerseits den 
Kramjif, d. h. die habitxielle Neigung des Säuglings zum Er- 
brechen zu erklären, andererseits einen so hohen Grad von Aus- 
weitung des Behälters und von Hypertrophie seines Stratum 
muHcnlare, wie wir das hier am ganzen Pförtnerteilo wahrnehmen. 

Eine ähnliche Anomalie des Magens ist zwar schon früher, 
ailenliiigs nur recht selten, beobachtet luul als „idiopathische 
Hypertrophie", vor Zeiten auch wohl als „Induratio benigna 
ventriculi" bezeichnet worden. Ihr Zusammentrefi'en mit einer 
solchen kaum stillbaren Neigung zu habituellem Erbrechen jedoch, 
wie sie sich bei diesem zweimonatlichen Säuglinge geltend ge- 
macht hat, ist erst neuerdings beobachtet oder wenigstens mit 
dem erforderlichen Nachdrucke hervorgehoben werden. 

Im Hinblicke auf die ungemein eingreifende Störung der 
Verduuungsfunctionen, durch welche bei dem Kinde ein schließlich 
zum Q.^ode führender Erschöpfungszustand hervorgerufen worden 
ist, habe ich Herrn Czerny gebeten, Ihnen vor allem über den 
Krankheits verlauf Näheres zu berichten. 

Herr €«orny bespricht im Anschluß an die Demonstration 
die klinischen Erscheinungen, welche die Pj'lorusstenose bei 
Säuglingen charaoterisiren. Er weist darauf hin, daß eine An- 
zahl einschlägiger Fälle bei lediglich diätetischer Behandlung in 
eine scheinbare Heilung ausgeht, während ein anderer Teil Ver- 



^^ Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

anlassung giebt zu operativen Eingriffen, wenn nicht die Kinder 
an Inanition zu Grunde gehen sollen. Sich über die ausschließ- 
hohe Berechtigung der einen oder anderen Methode zu äutieni 
ist vorläufig unmöglich, da nicht genügend bekannt ist, was aus 
den Kindern, welche im ersten Jahre die Symptome der Pylorus- 
stenose aufwiesen, wird. 

Die nicht operative Behandlung ist vorläufig keine ziel- 
bewußte, sondern nur empirische, fortgesetzte Magenausspülungen 
haben sich als wirkungslos gezeigt. Die Erfahrungsthatsache, 
daß Säuglinge am häufigsten an Erbrechen leiden, wenn sie sehr 
fette Nahrung zugeführt bekommen, läßt die Verwendung fett- 
armer Nahrung bei Pylorusstenose als empfehlenswert erscheinen. 
Die klinischen Erfahrungen sprechen zu Gunsten der Richtig- 
keit dieser Ansicht. Hyperacidität und Hyperchlorhydrie, welche 
als Ursachen der Pylorusstenose vermutet wurden, ließen sich 
bisher nicht durch Untersuchungen des Mageninhalts siclier be- 
stätigen. 

Die trotzdem gegen die hypothetische Hyperacidität ge- 
richteten Ernährungsversuohe mit unverdünnter Kuhmilch und 
Zugabe von Alkali (Karlsbader Mühlbruunen) waren zwar in 
einzelnen Fällen von Erfolg begleitet; doch läßt sich nicht aus 
den Erfolgen die Richtigkeit der Voraussetzung beweisen, da noch 
andere Erklärungsversuche möglich sind. 

D i s c u s s i o n : 

Herr ron Strümpell: Analoge Pälle kommen auch beim Er- 
wanhsaii.ni vor. Ich beobachtete einen Kranken, l)ei dem die 
Diagnose auf Pyloruscarcinom gestellt war. Es bestanden alle 
Anzeichen der stärksten Pylorusstenose: Dilatation des Magens, 
ungenügende Entleerung, Erbrechen, Abmagerung etc. Der 
Kranke starb und die Section ergab eine sehr l)eträchtliche 
Pylorusstenose infolge einfacher Hypertrophie des Pylorua, 
Nichts von Garcinom oder von Ulcusnarbe. Derartige Fälle sind 
vereinzelt auch sonst beobachtet worden (z. B. von Zahn in Genf) 
Möglicher Weise liegt auch hier ursprünglich ein Pylorospasmus 
vor. In therapeutischer Hinsicht könnte man — abgesehen 
von chirurgischen Eingriffen — an die Anwendung von Atropin 
(Belladonna) denken. 

Herr Partsch: Zu dem vorgelegten Präparat und den in der 
DiscHSsion erwähnten Fällen von Pylorusstenose möchte ich mir 
vom chu-urgisohen Sfcaudpu.ikt noch eiinge Bemerkungen erlauben : 
In dem vorgelegten Präparat tritt die Erweiterung des Magens 



I. Abteiluiin'. Medicinische Section. 



trotz der hochgradigen Verengerung des Pförtners ziemlich stark 
zurück, und die Magenwand hat anscheinend durch Verdickung 
ihrer Musouiatur etwas Starres, erscheint dicker und mäclitiger, 
als das in ähnlichen Fällen der Fall ist. Der Zustand ist bei 
neugeborenen Kindern bis zum Ende des ersten Lebensjahres 
anscheinend nicht so selten, als man früher angenommen; 
wenigstens konnte, als vor drei Jahren auf dem Chirurgen- 
congreß dieses Thema zur Debatte stand, von mehreren Rednern, 
namentlich von Loebker, über eine größere Zahl von Fällen, die 
chirurgisch erfolgreich behandelt worden waren, berichtet werden. 
Gegenüber diesen Fällen der ersten Lebensperiode müssen ähnliche 
Verändervmgen auch im späteren Kindesalter vorkommen, wenn- 
gleicli mir das Bild, welches derartige Fälle bieten, nach meiner 
Erfahrung etwas von dem heut demonstrirten abzuweichen scheint. 
Ich habe vor kurzem einen Fall bei einem IBjährigen Knaben 
und vor zwei Tagen bei einem 18jährigen jungen Menschen zu 
operiren Gelegenheit gehabt. Im ersten Falle handelt es sich 
um einen Knaben, der schon wiederholt auf der inneren Ab- 
teilung unserer Anstalt gelegen und an den Erscheinungen der 
Mageodilatation behandelt worden war. Sowohl die verschiedenen 
medicamentösen und diätetischen Methoden, als auch die Aus- 
spülung des Magens hatten nur ganz vorübergehend Besserung 
zu erzielen vermocht, und waren nicht im Stande gewesen, die 
allmähliche Entkräftung aufzuhalten. Als der Patient auf die 
oliirurgische Station verlegt wurde, bot er das Bild vollkommener 
Inanition; das Fettpolster war ganz geschwunden, die Augen 
tiefliegend, tiefe Furchen im Gesicht prägten ihm greisenhafte 
Züge auf. Er hatte an Körpergewicht über 40 Pfund verloren. 
Bei dem gänzlich al.igemagerten Kranken ließ sich der stark er 
weiterte Magen nicht nur abtasten, sondern seine Zusammen- 
ziehungen auch durch die Bauchdecke hindurch deutlicli sehen. 
Die untere Grenze des Magens lag in der Mitte zwischen Nabel 
und Symphyse. Links neben der Leber, etwas unterhalb, ließ 
sich gelegentlich eine etwas stärkere Resistenz fühlen. Bei der 
Eröffnung der Bauchhöhle zeigte sich der Magen so verdünnt, 
daß seine Wand die Dicke eines Kartonblattes nicht überschritt. 
Die Gegend <les Pförtners war ganz wie in dem vorgezeigten 
Falle in der ganzen Peripherie verdickt auf eine Strecke von 
5—6 cm, aber doch noch so weit, daß man mit dem kleineu 
Finger bis zur Mitte der Verdickung mit Einstülpung der Magen- 
wand vordringen konnte. Einige stralilige Züge liefen von der 
Verdickung auf die Magenwand hinüber; die Breite der Ver- 



04 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vatevl. Cultur. 

dickung ließ eine Pyloroplastik nicht rätlich erscheinen, so daß 
ich mich zu einer Gastroenteroanastomia anterior entschließen 
mußte. Die starke Verdünnung der Magenwand erschwerte 
technisch die Ausführung der Operation sehr erheblich, aljer sie 
gelang deiniooh und ich hatte die Freude, innerhalb der nächsten 
vier Wochen den kleinen Patienten um 25—30 Pfund zunehmer) 
zu sehen. Er hat sich dann in dem mit unserer Anstalt ver- 
bundenen (-f-enesungsheim in Lilienthal so außerordentlich erholt, 
daß er jetzt einen gesunden kräftigen Eindruck macht. Re- 
merkenswert ist dabei, daß die vor der Operation vollständig 
verschwundene Salzsäurereaction nuiunehr bereits wiedergekehrt 
ist, wenn sie auch die normale Höhe noch nicht erreicht hat. 
Der zweite Fall, der erst vor zwei Tagen operh-t wurde, bot 
nicht so erhebliche Dilatationserscheinungen, auch keine so deut- 
liche spindelförmige Verdickung des Pförtners. Der ersterwähnte 
Fall bot bei der Aehnlichkeit des Befundes am Pförtner doch 
die Zeichen einer erheblichen Verdünnung und Erweiterung des 
Magens und gerade nach dieser ßichtung hin ein wesentlich 
anderes Bild als der heut vorgeführte Fall. Es müssen demnach 
Unterschiede in den verschiedenen Formen der Pylorusstenose 
bestehen, auf welche ich durch Erwähnung meines Falles hin- 
zudeuten mir erlauben wollte. 

Herr Rosenfeld: Bei meinen Untersuchungen über die Form 
des Magens habe ich abweichend von Luschka eine vertioale 
Füllhornform des Magens gefunden. 

Diese Form erfährt in zwei Grundtypen eine Erweiterung: 
entweder tritt eine Verlängerung in die Verticale (Gastromakrosis) 
od,T eine Verbreiterung in die Horizontale (Gastroplateosis) auf. 
Die Verlängerung führt zur Bombardonform, die Verbreiterung 
zur Schinken form '), wie ich diese Magenformen nach den ihnen 
ähnlichsten Objecten genannt habe. Bei jungen Kindern findet 
sich nun keineswegs selten eine Erweiterung des Magens, und 
zwar allermeist mir die sich in die Horizontale erstreckende 
Plateosis, die Sohinkenform. Sie ist etwas häufiger als bei Er- 
wachsenen (20 pCt. bei Kindern gegen 15 pCt. bei Erwachsenen) 
und vielleicht dadurch bedingt, daß das Queroolon, das bei 
Kindern wirklich quer verläuft, einen Schutz gegen die verticale 

') Vergl. I-iosenfeld: Vorträge in der Schlesischen Uesellschaft, 
95. XI. 1898. Ceiitralblatt für innere Med., 1899, No. 1; Zeitschrift 
für klinische Medicin, Bd. 37, Heft 1/8; Congreß für innere Medioin, 
1899, Münoh. med. WocheDSchr., 1900, No. 85. 



1. Abteilung. Meflicinisolio Seotion. 65 

Verlängerung, gegen die Gastromakroais, bietet. Ob diese Di- 
latationen mit Pylorusstenosen zusammenhängen, habe ich damals 
nicht untersucht. 

Wenn Herr Parts ch in dem einen Falle Dilatationen fest- 
stellen kann, im anderen sie vermißt, so hängt das wohl von dem 
Widerstand der Wandung, der Leichtigkeit des Erbrechens und 
der für die Ausbildung dieser Dilatationsformen verfügbaren Zeit 
ab, obwohl ich Schinkenmägen schon bei Kindern von fi/o, 8 und 
9 Monaton gesehen habe. 

Lieber die Behandlung der Pylorusstenose beim Säugling 
kann ich nicht berichten, wohl aber über die Therapie bei Er- 
wachsenen. Hier haben wir reiche Erfolge zu verzeichnen: 
denn die „Nichts -als -Sahnenkost" im Anfang, darauf die „Pett- 
Eiweißkost" in der von mir beschriebenen 2) Methodik, erreichen 
auffallend günstige Resultate, welche die Zuziehung des Chirurgen 
fast stets überflüssig machen. Während die kohlenhydratreiche 
Kost solche Patienten gewöhnlich kränker macht, wirkt die Pett- 
Eiweißkost wie eine Panaoee. 

Herr PonRck: Legt mau im Hinblick auf die Entstehungs- 
weise des rätselhaften Vorganges diejenigen Erfahrungen zu 
Grunde, welche wir über Erweiterungen des Magens sonst be- 
sitzen, oder überhaupt von Hohlorganen, so wird man auch im 
vorliegenden Pallo zu dem Glauben geneigt sein, daß für die 
Dilatation und Hypertrophie eine habituell gewordene Ueber- 
füUung des Magens mit Nahrung verantwortlich zu machen sei. 

Aehnlioh wie in anderen sackförmigen Behältern ließe sich 
hier ebenfalla annehmen, daß ein üebermaß von Dehnung, 
wenn es auch nur einmal oder wenige Male wirksam geworden 
wäre, im Stande sei, eine bleibende Erweiterung des Cavums zu 
Wege zu bringen. Mag es nun auf dem Wege des Erschlaffens 
der Muscularis geschehen oder durch Bildung einer Art Ventil- 
verachluß; sicherlich bedarf es keiner näheren Darlegung, daß 
sich diese Momente, deren jedes geeignet ist, einen Circulus 
vitiosus einzuleiten, vermöge des ungleich schwächeren Tonus 
eines Säuglingsmagens sehr viel leichter geltend machon werden. 

Li diesem Sinne hätte man vermuten mögen, daß das Kind 
auf künstliche Weise ernährt worden sei. 

Diesmal trifft dies indessen, wie wir soeben von Herrn Czerny 
gehört haben, keineswegs zu. Ja, er versichert uns, daß das 



2) Vergl. 31. Schlesisoher Bädertag vom 11. Docembor 1902, 
B-üiuerz 1903, und Balneologische Ceutrakeitung, 4. Mai 1908. 



66 JahresbericM der Schles. Gesellschaft für vaterl. Oultur. 

hartnäckige, von ihm auf Pylorospasmus zurückgeführte Erbrechen 
bei Brustkindern sogar häufiger zur Beobachtung gelange als 
bei Flaschenkindern. 

Angesichts dessen kann ich nur sagen, daß es mir völlig 
dunkel ist, wie sich die uns beschäftigende Dilatation und Hyper- 
trophie des Magens entv7iokelt haben mag. Bios die negative 
Behauptung läßt sich vertreten, daß sie keiner organischen Ver- 
änderung der Wand der Pars pylorica entsprungen sei. 

Herr Buchwald hebt hervor, daß die genannte Erkrankung 
des Säuglingsalters und die bei älteren Personen beobachteten 
Verengerungen am Pylorus mit ihren Folgezuständen wohl nichts 
miteinander zu thun haben. Vielleicht handele es sich um eine 
Entwicklungsanomalie, die nur deswegen nicht öfter beobachtet 
werde, weil der kindliche Magen sich allmählich den abnormen 
Verhältnissen anpasse, und ein Ausgleich und damit Besserung 
und Heilung eintrete. Er ist auch der Meinung, daß es wichtig 
sei, über das Schicksal dieser Kinder, ganz gleich, ob sie operirt 
worden seien oder nicht, genaue Daten zu sammeln und fragt 
Herrn Professor Cizerny an, ob derartige Nachforschungen, 
namentlich bezüglich operirter Kinder, schon gewisse Schlüsse 
auf die Indication zur Operation zulassen. 



Klinischer Abend vom 24. Juni 1904. 
Vorsitzender; Herr Uhthoff. 
Herr W. Freund zeigt im Anschluß an die Demonstration 
des Herrn Ponfick aus der vorigen Sitzung ein Kind mit Pylorus- 
stenose und Magenperistaltik. 

Herr Halberstädter: Zur Röntgen- und Lichtbehandlung. 

I. 

Demonstration zur Röntgentherapie. 

M. H.l Ich gestatte mir, Ihnen zunächst einen Patienten zu 

zeigen, der schon 1896 und seitdem sehr häufig wegen eines 

schweren Lupus der inneren und äußeren Nase in unserer 

Behandhuig war. Trotz wiederholter Auskratzung, Behandlung mit 

Cos me'scher Paste und Pyrogallussalben etc. traten immer wieder 

Reoidive auf, die zu einer hochgradigen Zerstörung der Nase 

führten. Anfang 1903 wurde Pat.mitEöntgenstrahlen behandelt, und 

zwar wurden sehr energische Bestrahlungen vorgenommen, 

die zu einem tiefgreifenden Röntgonulcus führten. Diese 

Ulceration heilte, wie stets, nur ganz allmählich und war erst 



I. Abteilung. Medioinisohe Sectiori. 07 

nach einem halben Jahr epithüliBirt. Damit aber war und ist 
eine völlige Heilung erzielt worden. Heut sehen Sie an 
Stelle des erkrankt gewesenen Gebietes eine glatte Narbe, in der 
nirgends lupöse Stellen mehr zu entdecken sind, und ebenso ist, 
was das Wichtigste und Bemerkenswerteste ist, das Innere des 
Nasenrestes vollkommen geheilt. Am Rand der völlig geheilten 
Partie finden sich dagegen jetzt noch einige Lupusknötchen. Es 
sind das aber nicht frisch entstandene, sondern, wie ein Vergleich 
mit der vor der Bestrahlung augefertigten Photographie und 
Moulage zeigt, Knötchen, die vor der Behandlung bereits vor- 
handen waren, auf welche aber die Einwirkung der Röntgen- 
strahlen keine genügend starke war. Dies liegt jedenfalls daran, 
daß bei der nur von vorn vorgenommenen Bestrahlung die seit- 
lichen Partien an der Wange vom Pocus weiter entfernt waren, 
als die centralen und daß erstere von schräg auffallenden 
Strahlen getroffen wurden. Au diesen weniger beeinflußten 
Stellen war auch die jetzt vorgenommene Tuberoulinreaction noch 
positiv, während das ganze Centrum keine Reaction mehr zeigte, 
also als völlig ausgeheilt betrachtet werden kann. 

Im Anschluß an diesen Fall zeige ich Ihnen die Moulage 
einer Patientin, die Anfang 1897 wegen Lupus vulgaris faciei 
et nasi mit Röntgenstrahlen behandelt wurde, und zwar 
ebenfalls bis zum Auftreten einer tiefgreifenden und langsam 
heilenden Röntgenulceration, welche Nase und benachbarte 
Wangenteilo einnahm. Auch hier trat eine Monate in Anspruch 
nehmende spontane Heilung mit glatter, weißer Narbe ein, die, 
wie Sie an der Moulage sehen, nur am Rand die typischen, stern- 
förmigen Grefäßectaaieu aufweist, aber völlig frei ist von lupösem 
Gewebe. Auch späterhin blieb dieser Zustand unverändert , die 
vorgenommene Tuberoulinreaction war negativ. Pat. starb 1902 
an Darmtuborculose und war bis dahin bezüglich des Lupus 
völlig geheilt. 

Die Patientin, die ich Ihnen nun noch zeige, litt ebenfalls 
an einem ausgebreiteten Lupus der Nase und Wange, 
der zwar reichlich und wiederholt mit Aetzungen, Paquelin etc. 
behandelt, aber nie völlig geheilt wurde. Anfang 1903 wurde 
die Nasengegend bestrahlt, aber nur bis zu einer nicht sehr 
heftigen Erosion, die in kurzer Zeit heilte und eine, wie Sie 
sehen , oosmetisch sehr schöne Narbe zurückließ. Jedoch war 
hier die Heilung keine vollkommene; es blieben in der 
Narbe wie in der Umgebung derselben noch einzelne Knötchen 
bestehen, die nachträglich mit dem Spitzbreuner , z. T. mit con- 

5* 



68 Jahresbcficlit der Sckles. GeseJlscImft für vatorl. C'uH-ur. 



centrirtem Licht behandelt wurden. Jetzt ist völlige Heilung 
mit kosmetisch sehr gutem Effect erzielt wordeu, Tuberculinreaotion 
war negativ; Pat. ist jetzt etwa acht Monate unbehandelt. 

Es ist also bei diesen Tällen nur nach sehr intensiver 
Röntgenbestrahlung eine völlige Heilung des Lupus erfolgt 
und diese Erfahrung ist an unserer Klinik bei der großen Anzahl 
bestrahlter Lupusfälle noch öfters gemacht worden. Nur be 
den Fällen, in denen Röntgenulcerationen eintraten 
haben wir völlige Heilung gesehen, in den milder be- 
strahlten Fällen trat wohl erhebliche Besserung: Heilung lupöser 
Ulcerationen , Eilckgang der Schwellung und Hypertrophie etc. 
ein, aber es blieben doch hartnäckig die Lupusknötchen 
bestehen. Es besteht für die Wirkung der milden Bestrahlungen 
eine große Aehnliohkeit mit der Wirkung der Tuberculiuinjeotioneu 
auf den Lupus- Die Röntgenulcerationen sind nun freilich be- 
kanntlich äußerst hartnäckig, heilen meist erst nach monatelangem 
Bestehen und verursachen Schmerzen, die \mv schwer, oft gar 
nicht zu bekämpfen sind. (Sehr empfehlenswert ist die Appli- 
cation einer lOproc. Anästhesinvaselin und öfteres Auftupfen von 
2proc. Euoainlösung.) Es können sogar bei sehr starken Be- 
strahlungen auch Ulcerationen — richtiger: Necrotisirungen — 
entstehen, die schließlich überhaupt nicht mehr spontan heilen 
und durch Transplantation beseitigt werden müssen. Außerdem 
giebt es cosmetisch vinschöne Pigmentirungen, Gefäßectasien und 
sklerodermieähnIicheVeräuderungen,die nach sehr starkenRöntgen- 
bestrahlungen zurückbleiben. Aus allen diesen Gründen haben 
wir in letzter Zeit nur mildere Bestrahlungen angewandt, aber 
alle völlig ausgeheilten Fälle, die dann auch auf Tuber- 
oulin nicht mehr reagirten, stammen in der That aus der 
Zeit, wo bis zur Eöntgenuloeration bestrahlt worden ist. 

Bei einer Anzahl von Röntgennecrosen hatten wir den Ein- 
druck, als ob diejenigen die schwersten und hartnäckigsten 
wären, bei welchen trotz bereits eingetretener Röntgenreaction 
event. trotz schon bestehender Erosion, die Bestrahlungen fort- 
gesetzt oder bei noch nicht abgelaufener Reaotion schon wieder auf- 
genommen wurden, während dort, wo die Bestrahlungen an einem 
oder mehreren aufeinander folgenden Tagen in starker Dosirung 
upplicirt, aber vor Eintritt oder mit Eintritt der ersten Reactions- 
zeicheu ausgesetzt wurden, zwar auch sehr ausgedehnte und hoch- 
gradige Ulcera entstanden, diese aber doch milder verliefen als 
die ersteren. Bei den von uqs beobachteten spontan nicht 
mehr heilenden Eöntgenneorosen war jedenfalls immer auf 



[. Abteilung. Modicinische Section. 69 

in Reaotion befindliche Gewebe oder schon bestehende 
Neorotisirungen bestrahlt worden. Es wird also davor zu 
warnen sein, Röntgenbestrahlungen vorzunehmen, wenn die Stelle 
sich in Röntgenreaotion befindet, auch dann, wenn man die Ab- 
sicht hat, sehr starke Röntgenwirkung zu erzielen. — 

II. 

Bemerkungen zur Lichtbehandlung. 

Anknüpfend an eine früher an dieser Stelle gemachte Mit- 
teilung möchte ich in Folgendem noch einige Bemerkungen über 
die Lichtbehandlung mit Zuhilfenahme der Sensibili- 
sirung durch Erythrosin nach Dreyer zufügen. 

Was zunächst die Experimente an Tieren (Meerschweiuohen) 
betrifft, so wurden von mir in früherer Mitteilung (Deutsche med. 
Wocheusohr., 1904) starke Infiltrate und sogar Necrose im Centrum 
derselben bei sensibilisirter und dann belichteter Meerschweinchen- 
haut beschrieben. Ich habe bei späteren Versuchen, wenn jede 
Wärmewirkung peinlich vermieden wurde — was bei Tieren 
wegen des Fehlens der Controle durch die Angabe des Schmerzes 
schwer ist — weder so deutliche Infiltrate noch die Necrosen 
bei Meerschweinchen erhalten, so daß ich glaube, jetzt annehmen 
zu müssen, daß dieselben auf Wärmewirkung zurückzuführen 
sind. Auch bei menschlicher Haut sind anfangs ähnliche ober- 
flächliche Necrosen eingetreten, die aber späterhin stets ver- 
mieden werden konnten, so daß dieselben wohl auch nicht auf 
Lichtwirkung beruhen. Dagegen zeigte sich bei weiteren Ver- 
suchen an menschlicher Haut oonstaut Folgendes: Bei 30 Mi- 
nuten langer Belichtung (nach vorhergehender Sensibilisirung) 
mit Quarzlinsen (also bei Mitwirkung der ultravioletten Strahlen) 
traten stets tiefe furunkelartige Anschwellungen und 
oberflächliche Blasenbildung ein, bei Belichtung mit Glas- 
linsen (also ohne ultraviolett) 30—50 Minuten lang, traten nur 
die tiefen, furunkelartigen Infiltrationen ohne Blasenbildung auf. 
Nur einige Male sind bei lupöser Haut bei Glascoucentratiou 
auch oberflächliche Blasen entstanden; es ist aber noch nicht 
sicher, ob dies reine Lichtwirkung ist. 

Aus diesen Beobachtungen ging also hervor, daß nach vorher 
gehender Sensibilisirung durch die Belichtung auch in größeren 
Tiefen eine entzündliche Reaotion sich einstellt, und daß die 
ganze Reaotion eine viel intensivere ist, als bei der reinen 
Finsenbehandlung. 

Es war aber damit noch nicht erwiesen, wenn auch a priori 



70 Jalircsboricljt dor Sclilos, Gosellschaft ftlr vatcri. Cullur. 

dio Annahme nahe lag, ob dieser viel stärker in die Erscheinung 
tietenden Eeaction auch ein größerer therapeutischer Effect 
entsprechen würde. Freilich ist die Abschätzung und der Ver- 
gleich der bei den verschiedenen Lichtbehandlungsmethoden er- 
zielten Effecte, zumal heim Lupus, um den es sich ja fast aus- 
schließlich handelt, äußerst schwierig, so daß es begreiflich ist 
daß wir auch heut, trotzdem wir bereits ca. 40 Fälle so be. 
handelt haben, noch kein definitives Urteil abgeben können. Es 
ist uns aber aufgefallen, und das müohto ich schon jetzt er- 
wähnen, daß trotz eingetretener, sehr starker Eeaction, 
von der wir einen guten therapeutischen Erfolg erwarteten 
nach Ablauf derselben Lupusknötohen fast unbeeinflußt 
wieder zum Vorschein kamen. Es scheint also, als ob in 
diesen Fällen die sehr starke entzündliche Eeaction auf das 
Lupusknötohen selbst keinen Einfluß gehabt hätte. Anderer- 
seits haben wir rasche Heilung lupöser Ulcerationen gesehen, 
ferner günstige Einwirkung bei tumiden und hypertrophischen 
Formen und bei subcutan gelegenen Infiltraten und 
Drüsen; aber, wie gesagt, auch ein völliges Unbeein- 
flußtbleiben von Lupusknötohen, trotz starker Eeaction. 
Wie weit dies noch an der Unvollkommenheit der Technik liegt 
und inwiefern diese noch zu ändern ist, müssen erst weitere Ver- 
suche ergeben. Ebenso ist noch klar zu stellen, welche Eolle 
die starke entzündliche Eeaction bei den Heilungs vergangen im 
lupösen Gewebe spielt, ob sie allein zur Heilung führen kann 
und ob es möglich ist, TuberkelbaciUeu im lebenden Gewebe zu 
sensibilisiren und mit Hilfe der tief penetrireuden gelb-grünen 
Strahlen zu töten. 

Bemerken möchte ich schließlich noch, daß die Versuche 
Hautcarcinome nach Sensibilisirung mit Licht zu behandeln 
bisher absolut resultatlos waren. Es wurde wohl ein besseres 
Aussehen der öeschwürsfläohen und teilweise Epithelisirung der- 
selben erzielt, aber von einer Heilung war absolut nicht die Eede. 

Herr Storch domonstrirt einen Fall von multipler Sklerose 
mit hemiplegischem Character. 

Herr ühihoff: 1. üeber Keratomalacie mit Xeroso der 
Coiäjunctiva und Hemeralopie bei Erwachsenen. 

Vortragender stellt einen 57jährigen Mann, W. F. mit 
Keratomalacie und Xerose der Conjunctiva nebst Heme- 
ralopie vor. Der Patient wurde am 1. VI. 1904 in die Klinik 
aufgenommen unter dem Bilde einer beginnenden linksseitigen 
Panophthalmie nach vollständigem necrotisoheu Zerfall der Cornea 



1. Abteilung. Mf'.^licimscbe Section. 



mit Secuudärinfection des ganzen Bulbus. Eine Verletzung war 
angeblich nicht voraufgegangeu. 

Auf dem rechten Auge zeigt sich die Cornea diffus ober- 
flächlich getrübt mit leichter Rauhigkeit der Epithelschicht. Die 
Conjunctiva bulhi war weitgehend in ganzer Ausdehnung xerotisch. 
Durch die getrübte Cornea war die Papille und der Augen- 
hintergrund noch undeutlich sichtbar und boteu, soweit zu con- 
Btatiren war, keine pathologischen Veränderungen, die Sehschärfe 
war infolge der Hornhauttrübung stark herabgesetzt, es bestand 
ausgesprochene Hemeralopie. Das rechte Auge hat sich 
ersCm allerletzter Zeit so sehr verschlechtert, während das linke 
Auge seit drei Wochen vor der Aufnahme erkrankte und relativ 
schnell völlig zur Grunde gegangen war. 

Mit der Aufnahme des Kranken besserte sich der Zustand 
unter einer reichlichen Verpflegung und roborirender Diät sehr 
schnell, so daß nach einer Woche, sowohl die Xerose der Con- 
iunctiva und der Cornea des rechten Auges, sowie die Hemeralopie 
gewichen war; auch die diffuse oberflächliche Trübung der Cornea 
war rückgängig geworden. Es waren also in erstaunlich kurzer 
Zeit unter einer reichlichen guten Ernährung die bedrohlichen 
Erscheinungen verschwunden und damit das rechte Auge vor 
dem Zerfall der Hornhaut und der Patient vor der Erbhndung 

Vortragender hält es nach dem ganzen Krankheitsverlauf für 
gar nicht zweifelhaft, daß hier thatsächlich ein solcher schwerer 
Fall von Xerophthalmus mit Keratomalaoie bei einem Erwachsenen 
vorliegt, wie wir sie sonst eigentlich nur bei kleinen Kindern 
unter dem Einfluß schwerer Ernährungsstörungen vorkommen 

sehen. 

Eine solche Hornhautnecrose mit Xerophthalmus infolge hoch- 
gradiger allgemeiner Ernährungsstörungen bei Erwachsenen ist 
eiv sehr seltenes Vorkommen, besonders hier in Mitteleuropa. 
Vortragender sah im Ganzen drei EäUe auf ca. 120000 Augen- 
kranke. Bekanntlich sind in der ausländischen Litteratur öfter 
derartige Beobachtungen mitgeteilt, so namentlich aus Brasilien 
bei sohlecht genährten Negersklaven u. s. w. (de Gouvea, 
Teuscher, Gama Lobo u. A.). 

Der vorgestellte Patient war Epileptiker, Insasse eines Arbeits- 
hauses, sehr schwerhörig, mäßig dement. Die Verpflegung war 
oflenbar eine durchaus unzureichende (nie Fleisch u. s. w.) ge- 
wesen Dazu kam die Indolenz und die Hilflosigkeit des Patienten 
und so wurde es möglich, daß diese schweren Augenstörungen 



72^ Jabrfl shericht rlor ScMos. Gesollschaft für vaforl. Cultur. 

eintraten auf Grund dieser durchaus abnormen Existenzbedingungen, 
Wie wir sie glücklicher Weise doch als sehr selten bezeichnen 
müssen. Tür die Richtigkeit dieser Auffassung spricht nach 
Vortragenders Ansicht unbedingt die prompte Einwirkung der 
besseren Ernährung. Wcäre Pat. noch länger uuter den alten 
Bedingungen verblieben, wäre er wahrscheinlich erblindet. 

Disoussion: 
Herr Hermann Cohn : Der Fall des HerrnUhth off gehört gewiß 
zu den allergrößten Seltenheiten. Hier in Schlesien ist sowohl 
die trianguläre als aucJi die totale Xerose überhaupt selten In 
meiner Klinik sah ich unter 100000 Augenkrankheiten nur 46 mal 
Xerose der Bindehaut und nur 22mal Xerose der Hornhaut also 
4 resp. 2 Fälle auf 10000. (Vergl. meine Schrift: 30 Jahre 
augenärztlioher und akademischer Lehrthätigkeit. Breslau 1897 ) 
- Ganz anders ist die Häufigkeit in Aegypten. Fast vor jeder 
Moschee, namentlich in Ober- Aegypten, fand ich blinde Bettler 
mit Xerophthalmus, freilich meist infolge von Trachomschrampfung. 
Ich habe mich für die Xerose stets besonders interessirt, da 
ich vor 36 Jahren meine Habilitationsschrift über diese Krankheit 
geschrieben; ich lege sie Ihnen hier vor, da sie auch heut noch 
einen gewissen historischen Wert hat. Sie enthält nämlich die 
erste mikroskopische Zeichnung des xerotischen Bindehaut- 
epithels, und zwar von Prof. Waldeyer, der damals die von 
mir abgeschabten Schuppen der Conjunotiva maß und sie mit den 
verhornten Zungenepithelien verglich. An Bacillen dachte im 
Jahre 1868 noch kein Mensch. 

In dieser Abhandlung habe ich 17 Fälle von Xerose be- 
schrieben, von denen 11 Kinder, die schlecht ernährt waren be- 
trafen. Nur bei 6 Erwachsenen sah ich die Krankheit, aber 'auch 
hier nur infolge alten Trachoms. Die Hemeralopie kam bei der 
triangulären Form der Kinder vor und verschwand nebst den 
Schuppen in einigen Fällen von selbst. 

Die Berichte aus Rußland, wo in der Fastenzeit vor Ostern 
die Xerose epidemisch viele Personen befällt, die später bei 
Fleisohgenuß die Trockenheit und Hemeralopie wieder verlieren 
hat auch meinen Lehrer Förster vor 40 Jahren bewogen, den 
Kranken gute Kost zu verordnen. Aber bei Erwachsenen sah 
ich die Xerose dadurch nicht heilen. 

Jedenfalls ist es hier, wo es sich um einen Einäugigen 
handelt, sehr wichtig zu hören, daß gute Nahrung, wenn die 
Krankheit erst im Beginne ist, Genesung herbeigeführt hat 



(. Abieiliiiiji:. Merliciiiischö Socüoii. 73 

Herr ühtli off: 2. IJober einen forensisch bemerki^nswerteii 
Fall von sympathischer Ophthalmie. 

Der zweite vorgestellte Krankheitsfall betrifft einen Patienten 
mit sympathischer Ophthalmie. Der 46j;lhrige Mann, B. II., 
kommt am 7. November 1903 mit einer schweren Verletzung 
seines linken Auges und einer ausgesprochenen, frischen sym- 
pathischen Ophthalmie des rechten Auges zur Aufnahme. Das 
linke Auge war vor sieben Wochen in einer Schlägerei angeblich 
durch einen Schlag mit der Hand verletzt worden, es war zu 
einer Euptur der Sklera am oberen Hornhautrande gekommen 
mit Vorfall der Iris und Austritt der Linse. Die Iris fehlte bis 
auf geringe Reste in der Nähe der Wunde vollständig, sie war 
fast völlig dialytisch geworden und ein Teil derselben war in 
der Wunde eingeklemmt (traumatische Irideremie). Patient war 
anfangs nicht augenärztlioh behandelt worden, dann aber in die 
Behandlung eines Augenarztes übergegangen, als schon die Er- 
scheiniuigen der sympathischen Ophthalmie (Iritis, Beschläge auf 
der Descemetisohen Membran u. s. w.) sich entwickelt hatten. 
Die entzündlichen Erscheinungen an dem verletzten linken Auge 
waren relativ gering, der Bulbus nicht schmerzhaft, der Druck 
normal, Gesichtsfeld frei, Fingerzählen ca. 30 cm, starke Glas- 
körpertrübungen (Blutungen). 

Bei dieser Lage der Dinge war es schwierig zu entscheiden, 
ob Enuoleation des linken Auges vorgenommen werden sollte, 
um eventuell die beginnende sympathische Ophthalmie des rechten 
Auges im günstigen Sinne zu beeinflussen. Die Entscheidung 
mußte gegen die Enucleation ausfallen, denn erstens war es 
fraglich, wie weit und ob die sympathische Ophthalmie des 
linken Auges noch beeinflußt werden könne durch die Enucleation 
des verletzten Auges, und zweitens war das letztere noch nicht 
absolut verloren zu geben, sondern es bestand noch Aussicht 
auf Besserung. Eine längere klinische Behandlung (Inunotions- 
kur u. s. w.) führte denn auch allmählich zu Besserung auf beiden 
Augen. Das verletzte linke Auge besitzt jetzt S=i/^2, Gesichts- 
feld frei, Papille sichtbar, die Glaskörpertrübungen erheblich 
aufgehellt, die Beschläge auf der Descemet, geschwunden, keine 
entzündlichen Erscheinungen. Das rechte Auge hat eine Seh- 
schärfe von Vg der normalen, freies Gesichtsfeld, es ist frei von 
entzündlichen Erscheinungen. Die Beschläge auf der Desoemeti 
sind sehr zurückgegangen, Tension normal, es bestehen noch fast 
ringförmige hintere Synechien, die Glaskörpertrübungen sind er- 
fiRblich vermindert und ist die Papille gut sichtbar. Da jetzt über 



Jahresbericht der Scliles. nosolL-ir-huTt fib' vatcri. Cnlltir. 



ein Jialbes Jahr seit Ausbruch der Erkranltung vergaugeu ist, und 
beide Augen frei von entzündlichen Erscheinungen geblieben sind, 
ja das Sehen sich in letzter Zeit noch erheblich gebessert hat, so 
steht wohl zu hoffen, daß beide Augen oder wenigstens ein Teil 
der Sehkraft auf beideu Augen dem Patienten duuernd erhalten 
bleiben. 

Vortragender geht dann auf die forensische und sonstige 
Bedeutung des Falles näher ein. Dio Fälle sind immer noch als 
sehr selten zu betrachten, wo nicht nur das zweite erkrankte, 
sondern auch das erste verletzte A\igo erhalten bleibt. Die an- 
fängliche Entscheidung der Frage vor Ausbruch der sympathi- 
schen Entzündung, ob Euuoleation des verletzten Auges oder 
nicht, war außerordentlich schwer und verantwortungsvoll, doch 
glaube ich, daß in diesem Falle ärztlicherseits nicht anders ge- 
handelt werden konnte. Zunächst ließen die relativ geringen 
entzündlichen Erscheinungen dou Ausbruch einer sympathischen 
Erkrankung des zweiten Auges kaum wahrscheinlich erscheinen, 
zweitens bot das verletzte Auge zur Zeit des Ausbruchs der Er- 
krankung des anderen Auges noch relativ gute Chancen für Er- 
haltung eines Teiles der Sehkraft, eine Annahme, die durch den 
weiteren Verlauf auch ihre Bestätigung im günstigen Sinne ge- 
funden hat. Wie schwer aber bei ungünstigem Verlaufe die 
Folgen einer Unterlassung der Enucleation sich hätten gestalten 
können, liegt auf der Hand, nicht nur, daß die Erblindung des 
Verletzten dadurch hätte herbeigeführt werden können, sondern 
auch die Strafe für den Thäter wäre eine sehr viel höhere ge- 
wesen. Nachdem die sympathische Entzündung des rechten Auges 
aber einmal eingetreten war, konnte unter obwaltenden Umständen 
die Enucleation des verletzten Auges nicht mehr iti Frage 
kommen. 

Herr Ludwig Mann: Deinoaslration über sogen. Tabes 
superior. 

Vortragender demonstrirt einen Tabeskrankeu, bei dem seit 
ca. zwei Jahren Atrophia optici besteht (links Fingerzählen in 
1 — 2 m, rechts etwa Y-t Sehschärfe). Außerdem findet sich nur 
eine gürtelförmige Hypalgesie am Thorax und eine Sensibilitäts- 
störung im Gebiet des Trigominus. Sonst nichts von tabisohen 
Symptomen, speciell keine Spur von Ataxie. 

Vortragender hat diesen besonderen Typus der Tabes dor- 
salis in der Augenklinik sehr häufig zu beobachten Gelegenheit 
gehabt. Es sind Fälle, bei dem zuerst nur eine Optiousatrophie 
(bisweilen auch reflectorische Pupillenstarre) bemerkt wird. 



I. Abteilung. Morliomische Serüon. 76 

Die übrige UntersuoLung ergJebt daiiu in sehr vielen Fällen 
nichts als eine Sensibilitätsstörung am Thorax, meist au 
den oberen Partien desselben, die sich in der Regel zuerst für 
Schmerzempfindung nachweisen läßt; in manchen Fällen finden 
sich auch noch, wie in den vorliegenden, Störungen im Bereich 
des Trigeminus; an den unteren Extremitäten findet sich aber 
nichts von sensiblen ataotischen Eracheiniingeu etc. (Uebrigens 
ist kürzlicli von einem französischen Autor ein Fall anatomisch 
untersucht worden, welcher iutra vitam nur refleotorische Pupillen- 
starre gezeigt hatte. Es fand sich eine Degeneration mehrerer 
Wurzeln im mittleren Brustmark.) 

Der Verlauf dieser Fälle ist meist der, daß die Optious- 
atrophie ziemlich rasch fortschreitet, während im Uebrigeu die 
tabisohen Symptome keine oder nur eine ganz langsame Ver- 
mehrung zeigen, so daß die Patienten viele Jahre in vollkommen 
amaurotischem Zustande zubringen können, ohne auch nur eine 
Spur von Ataxie zu zeigen. 

Solche Fälle haben bekanntlich Dejerine u. A. veranlaßt, 
den Satz aufzustellen, daß der Eintritt der Opticusatrophio das 
Fortschreiten der Tabes zum Stillstand bringt. 

Diese Auffassung kann ich nicht bestätigen; ich habe nie 
einen Fall gesehen, bei dem der Eintritt der Atrophie im ataoti- 
schen Stadium die Ataxie zum Rückgang gebracht hätte. 

Die Fälle wie der vorgestellte sind vielmehr nach Ansicht 
des Vortragenden folgendermaßen zu deuten: 

Es giebt eine Form der Tabes, die die oberen Abschnitte 
des Cerebrospinalsystems, speoiell das Gebiet des Opticus zuerst 
befällt und dann nach unten fortschreitet, gewöhnlich aber (für 
die Dauer oder doch für längere Zeit) im Brustmark zum Still- 
stand kommt, so daß die unteren Extremitäten in den meisten 
Fällen frei bleiben. Diese Form kann man passend als „Tabes 
Buperior" bezeichnen und in Gegensatz bringen zu der gewöhn- 
lichen Tabes oder „Tabes inferior", welche im Sacral- und Lenden- 
mark beginnt, zur Ataxie der Beine führt, dann nach oben bis 
zum Brustmark fortschreitet, aber nur in vereinzelten (etwa 10 pCt.) 
Fällen die oberen Gebiete, speciell den Opticus, befällt. 

Die Tabes nimmt also bei diesen beiden Typen gewisser- 
maßen eine entgegengesetzte Verlaxifsrichtung und es geschiebt 
nur relativ selten, daß sie von der einen oder der anderen 
Richtung her bis an das andere Ende fortschreitet, daß also das 
gesamte Cerebrospinalsystem ergriffen wird. 

Daß übrigens dieser Stillstand in der Mitte nicht so ganz 



76 Jaliresboricht der Koliios- Oesullschiiil flii' vatorl. Ciiltiir. 

strenge innegehalten -wird, wie es soeben schematisch dargestellt 
wurde, sondern daß auch in dem Gros der Fälle einzelne Gebiete 
aus dem entgegengesetzten Abschnitte herausgegriffen werden, 
ersehen wir daraus, daß bei der Tabes inferior ganz gewöhnlich 
reflectorische Pupillenstarre (bei iutactem Opticus) und bei der 
Tabes superior sehr häufig Fehlen der Achillessehnenreflexe oon- 
statirt wird. Letzteres ist auch bei dem demoustrirten Patienten 
der Fall, während alle sonstigen Tabessymptome an den Beinen 
durchaus fehlen. 

Herr ßosenfold berichtet von einem analogen Fall, wo die 
totale Erblindung vor 23 Jahren eintrat, bis jetzt aber außer der 
gürtelförmigen anästhetischen Zone, mangelnden Patellarreflexen 
keine Störung vorliegt. Dabei ist die Function der Beine so 
wenig gestört, daß der blinde Patient tadellos orientirt ist und 
gehen kann. Er hat in seiner Blindheit sogar, als er seinen 
Lehrerberuf aufgeben mußte, mit kaufmännischen großartigen 
Unternehmungen, die er persönlich zu leiten verstand, ein Ver- 
mögen zu erringen verstanden. Diese Lebensgeschichte zeigt, 
von dem medicinisoh wichtigen langen Verlauf einer Tabes nach 
Erblindung abgesehen, noch wie wenig wir die restirenden 
sinnlichen und geistigen Fähigkeiten nach Verlust der Sehkraft 
auf ihre Bedeutung für das sociale Leben voll zu würdigen 
gewohnt sind. 

Herr Preymuth: Zufällig entdeckte beginnende Syringo- 
myelie bei Idehtor Langentuborculose. 

Bei Aufnahme der Anamnese wurde entdeckt, daß Patient 
sich eine ausgedehnte Hautverbrennung, deren Narbe unter der 
rechten Brustwarze sichtbar ist, im Sommer 1903 ohne es zu 
merken, zugezogen hat; erst Abends beim Auskleiden entdeckt 
er die Wunde. 

Symptome. 

1. Leichte Atrophie des rechten Daumenballens, rechter Unter- 
arm 1,5 cm schwächer wie der linke. Einsinken der Spatia inter- 
ossea, Händedruck links kräftig, rechts sehr schwach. 

Andere Muskelgruppeu noch nicht ergriffen, auch nicht Bauch- 
muskeln und untere Extremität, Gang intact. 

Reflexe ohne Besonderheiten. 

Sensibilitätsstörungen ganz typisch, halbseitig. 

Halbseitige Lähmung des Schmerz- und Temperatursinnes 
an der rechten Körperhälfte, am ausgesprochensten am Bauch, 
Rücken, Arm und Hand, weniger stark, aber doch gegen links 



I. Abteilung. Mediciuische Section. 77 

stark herabgesetzt an der rechten Kopfhälfte und der rechten 
unteren Extremität. 

Berührungsempfindung erhalten, aber herabgesetzt. 

Anästhetisohe Gürtelzone in der Höhe der .Darmbeinkämme. 

Leichte Skoliose im Dorsalteil der Wirbelsäule. 

Kein Eomberg. Keine refleotorisohe Pupillen starre. 

Die Lungentuberonlose ebenfalls rechtsseitig. 

Herr v. Strümpell «teilt einen 12jährigen Knaben mit ab- 
gelaufener Poliomyelitis acuta anterior vor. Die Krankheit 
trat plötzlich mit nur geringen Allgemeinerscheinungen vor ca. 
l^o Jahren ein. Dauernd nachgeblieben ist eine Lähmung der 
Bauchmuskehi , der Glutaei und einer Anzahl von Muskeln am 
Ober- und Unterschenkel bezw. der rechten Seite. Die dadurch 
bedingten eigentümhchen Veränderungen der Körperhaltung und 
des Ganges werden eingehender erörtert. 

Herr Hoine stellt einige Patienten vor mit dem typischen 
Bild der Pseudoneuritis optica congenita: Völlig verwaschene 
Papillengrenzen , Rötung der Papille, Schlängelung der Gefäße, 
Prominenz von 2 D., also ganz das Bild der beginnenden Stauungs- 
papille. Nur ist der Zustand stationär und durchaus nicht als 
pathologisch aufzufassen. Bisweilen ist er mit Hyperopie oder 
Astigmatismus oombinirt, verschwindet aber durch Brilletragen 
nicht. Die Differentialdiagnose gegenüber wirklich pathologischen 
Processen ist mitunter erst nach längerer Beobaclitnug möglich. 
Jedenfalls empfiehlt sich bei der großen Tragweite der Diagnose 
die größte Reserve. 

In einem Falle handelte es sich um ein junges Mädchen, 
der eine eiserne Wage auf den Kopf gefallen war. Die Diagnose 
schwankte zwischen Absceß, Meningitis und Hysterie. Der Augen- 
spiegelbefund war außerordentlich verführerisch. War die Papille 
als pathologisch aufzufassen, so sollte trepanirt worden, handelte 
es sich um Pseudoneuritis, so mußte exspeotativ verfahren werden. 
Letzteres geschah. Nach Jahr und Tag war der ophthalmo- 
skopische Befund derselbe, so daß die Diagnose Pseudoneuritis 
damals complioirt mit Hysterie gerechtfertigt erscheint. Abgesehen 
davon, daß die Papillengrenzen völlig verwaschen, die Gefäße 
geschlängelt, die Papillen selbst hyperämisch und deutlich pro- 
minent waren, lag die Versuchung, einen pathologischen Proceß 
zu diagnosticiren in diesem Falle noch ganz besonders nahe, da 
einige Drusen an der Grenze der Papille leicht Exsudationen oder 
verfettete Blutungen vortäuschen konnten. 

In einem zweiten Falle, der ein sonst kerngesundes Mädchen 



78 Jahresbericht der Sohles. Qesellscluift für vaterl. CuRur. 

betraf, veranlaßten leichte cerebrale Anfälle von Kopfweh ohne 
Erbrechen eine ophthalmoskopische Untersuchung: das Bild der 
Neuritis optica wurde als vorläufig nicht pathologisch im Sinne 
der Pseudoneuritis congenita aufgefaßt und weitere Beobachtung 
abgewartet. Bald war das Bild der typischen Stauungspapille 
mit kranzförmig angeordneten Blutungen ausgebildet. Obwohl 
für Lues keinerlei Anhaltspunkte waren, wurde Inunotion ver- 
ordnet: nach wenigen Wochen war das Kind gesund und die 
Stauungspapille war ad integrum zurückgekehrt. Da auch nicht 
einmal das Bild der Pseudoneuritis zurüokblieb, muß nachträglich 
die damals bei der ersten Untersuchung angenommene Pseudo- 
neuritis als wirklich bereits pathologisch aufgefaßt worden. Ein 
Reoidiv der cerebralen Symptome mit Stauungspapille wurde 
durch dieselbe Therapie beseitigt. 

Diese beiden Pälle scheinen recht geeignet, die Schwierig- 
keiten der Differentialdia,gnose unter gewissen Verhältnissen dar- 



Herr Heine demonstrirt ferner die Nachbildung eines von 
Pulprioh (Jena) oonstruirten Modells für einen Apparat, durch 
den mau gleichzeitig mit normaler und vergrößerter Pupillen- 
distanz einfach oder doppelt sieht. 

Bei einer bestimmten Justirung des Apparates stehen die 
Doppelbilder nur dann in einer Front, wenn man eich in einer 
ganz bestimmten Entfernung von dem geseheneu Object befindet, 
bei größerer Annäherung tritt das mit größerer Pupillendistanz 
gesehene Bild vor, bei größerer Entfernung zurück. Praktische 
Anwendungsmöglichkeiten werden erörtert. 

Herr Heine demonstrirt ferner Stereoskopische Photogranime, 
welche mit normaler Pupillendistanz aufgenommen sind und am 
besten im Z ei ß 'sehen Doppelveranten betrachtet werden. Dabei 
zeigt sich, daß es ziemlich irrelevant ist, ob man storeoskopisohe 
oder identische Copien der Bilder betrachtet. Es handelt sich 
überhaupt nicht um Tiefen Wahrnehmung, sondern um Tiefen- 
vorstellung, von einer richtigen Plastik kann daher keine Rede 
sein. Eine solche demonstrirt Vortragender vielmehr an den 
Stereogrammen, welche unter 11" Convergenz der Cameraachsen 
mit einem Seitenabstand der Objective aufgenommen wurden, 
welcher dem genannten Convergenzgrad entspricht, (of. Zeitschr. 
f. wiss. Phot, Bd. II, H. 2 u. 3.) 

Herr E. Jacoby: üeber einige seltenere Geschwulstformen 
in der Nachbarschaft des Auges mitKrankenderaonstrationen. 

Im ersten Falle handelte es sich um ein junges Mädchen, 



I. Abteilung. Medioinische SectioB. 79 

bei dem sich ein orbitaler Tumor unter mäßigem Exophthalmus 
entwickelt hatte. Der Tumor hatte sich klinisch durcli sehr 
malignes, flächenhaftes Wachstum ausgezeichnet und erwies sich 
histologisch als ein adenomatös gebautes, von der Thränendrüse 
ausgegangenes Oaroinom. 

Im zweiten Falle hatte sich ein Tumor des Oberlides auf 
der Grundlage eines chronischen Ekzems entwickelt. Histo- 
logisch fand sich ein Carcinom von tuberculös drüsigem Bau, 
das von den Ausführungsgängen der Talgdrüsen seinen Ursprun g 
genommen haben dürfte. 

Bei dem dritten Patienten hat sich eine eigentümliche 
Anschwellung am Limbus corneae gebildet, die auf die Cornea- 
oberfiäohe hinübergewachsen war. Histologisch fand sich Tumor- 
gewebe vom Bau eines alveolaren Endothelioma, wie es aber gut- 
artig auch bei Warzen etc. vorkommt. 

Herr Paul: Schussverletzung der linken Orbitalgegend 
und dos linken Auges. 

Eindringen einer Revolverkugel von der linken Sohläfen- 
gegend in die linke Orbitalhöhle, wo sie durch Röntgenaufnahme 
nachweisbar ist. Zeichen von hinterer Skleralruptur des linken 
Auges. Sehr heftige Schmerzen im Ausstrahlungsgebiet des 
I. Trigeminusastes. Enucleatio bulbi auf Drängen des Patienten. 
Die Kugel fand sich eingekeilt in der oberen Skleralwand, die 
von ihr zerrissen worden war. 

Die Schmerzen waren ausstrahlende Ciliarnerveuschmerzen 
gewesen und sofort mit der Enucleation beseitigt. 

Herr l'«ul: Demonstration zweier (Jesehwister mit Ny- 
stagmus bei monocularem Sehen, Fehlen des Nystagmus bei 
binocularer Fixation. 

Bei dem älteren, 11jährigen Patienten stellen sich, sobald 
das eine Auge verdeckt wird, horizontale N3'stagmu8bewegungen 
beider Augen ein, die jedoch sofort wieder verschwinden, sobald 
das verdeckte Auge freigelassen wird, der Patient also binooular 
fixiren kann. Wird vor die Nase eine Scheidewand gehalten, 
so daß seitlich vorgehaltene Gegenstände nur monooular gesehen 
werden können, so stellt sich auf beiden Augen der Nystagmus 
ein. Nur solche Gegenstände, die in der Mitte in dem binocular 
gesehenen Gebiet liegen, können ruhig und sicher fixirt werden. 

Bei Aufhebung des binooularen Sehactes, z. B. durch Vor- 
schaltung eines Höhenprismas vor das eine Auge, tritt der Ny- 
stagmus meist dann ein, wenn die Aufmerksamkeit des Patienten 
künstlich nur auf das Bild des einen Auges gelenkt und von 



80 Jahresbericht der Schles. Geaollsohaft für vatorl Ciiltur. 

dem anderen Auge abgelenkt wird, wird jedoch erheblich ge- 
ringer, wenn beide Bilder gleichzeitig mit voller Aufmerksamkeit 
betrachtet werden. 

Bei dem fünfjährigen jüngeren Bruder bestehen nicht ganz 
so ausgesprochen die gleichen Erscheinungen. 

Bei beiden Patienten findet sich geringe Hyperopie mit fast 
voller Sehschärfe, sonst keine Abnormitäten oder Krankheits- 
erscheinungen. 

Als Erklärung paßt am besten die von Wilbrand auf- 
gestellte Hypothese, nach der das verdeckte Auge, auf welches 
der Kranke seine Aufmerksamkeit nicht ausreichend richtet, in 
Nystagmushewegungen gerät, an denen secundär das fixirende 
Auge teilnimmt. Nur wenn beide Augen gleichzeitig zum Fixiren 
verwendet werden und ihre Stellung mit der nötigen Aufmerk- 
samkeit controlirt wird, kann der Nystagmus unterdrückt werden. 



Klinischer Abend vom 8. Juli 1904. 
Vorsitzender: Herr von Mikulicz. 

Herr Wernicke: Vorstellung eines Falles von linksseitiger 
Panoptithalmie nach Pyelonephritis. 

67 jähriger, früher gesunder Patient. Anfang Mai 1904 
plötzliche Erkrankung mit Blasenbeschwerden; vier Wochen lang 
Katheterisation und ßlasenausspülungen. Im Juni beginnt ohne 
erhebliche Schmerzen der linke Bulbus sich vorzuwölben und zu 
entzünden ; wenige Tage später stellt sich stärkere Eiterung nach 
außen ein. Aufnahme in die Universitäts-Augenklinifc am 6. Juli 
1904. Pyelonephritis. Links: starker entzündlicher Exophthalmus, 
vorderer Bulbusabschnitt ist verhältnismäßig wenig ergriffen, 
jedoch besteht vollkommener Pupillarverschluß. Im oberen äußeren 
Quadranten findet sich nahe am Hornhautrande ein oberflächliches, 
schmierig belegtes Ulcus mit einer in die Tiefe des Bulbus 
reichenden Fistel, aus welcher reichlich Eiter quillt. Aus dem 
Glaskörper wird Staphylococcus pyogenes aureus in Eeinoultur 
gezüchtet. Der Absceß geht wahrscheinlich von der Chorioidea 
aus. Bei diesem an und für sich seltenen Fall von einseitiger 
metastatisoher Augenerkrankung ist noch besonders der Durch- 
bruch der Eiterung nach außen bemerkenswert. 

Herr Hinsberg: Zur Behandlung von Larynx- und 
Trachealstenosen vermittelst der Mikuliea'schea Glascauiile. 

M. H. ! Ich möchte Ihnen kurz die Resultate einer Methode 



Abteilung. Modicinischo Section. 



zur Beseitigung von Stenosen im Bereiche der Larynx und der 
oberen Trachea demonstriren, die Herr von Mikulicz zuerst im 
Jahre 1888 angewandt hat, und über die Kümmel später aus- 
führlioli berichtet hat (Archiv für Laryngologie, 1896, Bd. 4). 
Man geht dabei im Princip so vor, daß mau nach Spaltung des 
Luftrohrs die verengte Stelle freilegt und eventuell operativ be- 
seitigt, dann aber, um die Bildung einer neuen Stenose zu ver- 
hüten, ein mit solidem Griff versehenes, gerades Glasrohr so 
lange einlegt, bis sich ein genügend weites Traoheallumen um 
dasselbe herum definitiv gebildet hat. 

Das, was der Methode eine erhebliche Ueberlegenheit über 
andere zum Teil ähnliche (z. B. Dupuis'scher Canüle) verleiht, 
ist die Wahl des Materials für die Canüle. Glas besitzt nämlich 
die sehr wertvolle Eigenschaft, daß es nicht wie Metall, Kaut- 
schuk, Horu etc. bei längerem Oontact mit dem Wundaeoret von 
diesem oberflächlich arrodirt wird, so daß das Rohr sich leicht 
mit Schleim incrustirt, und oft zur Reinigung herausgenommen 
werden muß, sondern daß an seiner stets glattbleibenden Ober- 
fläche das Secret nur schlecht haftet. 

Während, wie bekannt, die Metalloauülen fast täglich event. 
mehrmals gewechselt werden müssen, kann das Glasrohr wochen- 
lang liegen bleiben, wie sie an diesem kleinen Patienten (Knaben 
von IY2 Jahren) sehen. Er trägt seine Canüle bereits vier Wochen, 
ohne daß sie nur ein einziges Mal gereinigt worden wäre. 

Seine Krankengeschichte ist nun folgende: 

Er mußte im Februar dieses Jahres wegen Diphtlierie in der 
medicinisohen Universitätsklinik tracheotomirt werden, die Er- 
krankung selbst verlief ohne Störung, als man jedoch versuchte, 
die Canüle fortzulassen, trat heftige Dyspnoe ein. Alle Versuche, 
die Canüle durch den O'Dwyer'schen Tubus zu ersetzen, oder 
die Passage durch Entfernung von Granulationen frei zu machen, 
schlugen fehl. Anfang April wurde nun deshalb der kleine Pat. 
zur operativen Behandlung überwiesen. Auf Grund verschiedener, 
hier nicht näher zu erörternder Momente diaguostioirteu wir eine 
Stenose durch Abknickung der hinteren Trachealwand, wie man 
sie ja nicht selten oberhalb der Tracheotomiecanüle findet. Der 
Befund bei der danach vorgenoramonen Spaltung des Larynx und 
der oberen Trachea bestätigte diese Annahme: wir fanden weder 
Narben noch Granulationen, nur die hintere Trachealwand war 
stark vorgewölbt. 

Gerade zurBeseitigung dorartigerStenosen ist die M i k ul i c z 'sehe 
Canüle vortrefflich geeignet, wir legten deshalb ein Glasrohr mit 

6 



Jahresbericht der Schles. rTesellscliaft ftlr vatevl. Cultur. 



solidem Griff von entsprechendem Kaliber ein, und zwar so, daß 
sein oberes Ende nicht zwischen die Stimmbänder zu liegen 
kam, wie das bei den Kü mm el'schen Fällen meist der Fall war, 
sondern unterhalb der Glottis. Dadurch hofften wir unsern 
Fat., der normale Stimmbänder besaß, den Gebrauch der Stimme 
zu ermöglichen. Der Effect war zunächst ausgezeichnet: das 
Kind atmete frei und schrie und sprach mit klarer, lauter Stimme. 
Am zweiten Tage nach der Operation jedoch trat plötzlich ein 
heftiger Erstickungsanfall ein, der uns zwang, schleunigst das 
Glaarohr mit der gewöhnlichen Trachealoaniile zu vertauschen. 
Die Atmung wurde nun wieder frei, die Stimme war jedoch voll- 
ständig heiser. Als Ursache hierfür und für die Atmungsstörungen 
fanden wir eine beträchtliche Schwellung beider Stimmbänder, 
die offenbar durch den Reiz der dicht unter ihnen liegenden 
Glascanüle bedingt war. Nach dem Schwinden dieser entzünd- 
lichen Erscheinungen, etwa vier Wochen nach dem ersten Ein- 
griff, legten wir zum zweiten Mal eine Glascanüle ein, diesmal 
jedoch, um uns vor einem zweiten Erstickungsanfall zu sichern, 
in etwas modifioirter Form: an Stelle des soliden Griffes hatten 
wir nämlich ein zweites, mit dem ersten communicirendes, gleioh- 
kalibriges Rohr angebracht, das nun, nachdem das Rohr an Ort 
und Stelle lag, zur Laryngofissurwunde herausragte. Wurden 
dessen äußere Schenkel verschlossen, so atmete das Kind nur 
durch den Mund, nach Entfernung des Stöpsels teils ebenso, 
teils durch das äußere Rohr. Während also das Kind im letzteren 
Fall gegen Erstickungsgefahr vollständig gesichert war, konnte 
es, wie ein normales, durch den Mund atmen und sprechen, so 
lange der Stöpsel einlegt war. In der ersten Woche nach der 
Operation mußte die äußere Oeffnung manchmal zu Hilfe genommen 
werden, in den letzten drei Wochen — das Kind wurde mittler- 
weile in ambulatorische Behandlung entlassen — konnte sie 
dauernd verschlossen bleiben. Das Rohr ist, da sich die Larynx- 
fistel mittlerweile sehr verklehiert hat, durch die Narbe voll- 
kommen fixirt, es kann also nur nach deren Spaltung entfernt 
werden. Das soll in kurzer Zeit vorgenommen werden, gleich- 
zeitig wollen wir die Fistel plastisch schließen. 

Ein zweiter Fat., bei dem wir in ganz analoger Weise vor- 
gingen, wurde vor 14 Tagen bereits geheilt nach Hause entlassen, 
so daß ich ihn heute nicht mehr zeigen kann. Bei ihm war die 
Stenose durch eine Perichondritis der linken Ringknorpelhälfte im 
Anschluß an Typhus bedingt. Der Herd wurde operativ frei- 
gelegt, auch hier wieder legten wir eine Mikulicz'sche Canüle 



I. Abteilung. Medioinische Seotion. 



unterhalb der ralativ wenig veränderten Stimmbänder ein. Auch 
bei diesem Fat. bedingte jedoch nach 24 Stunden der ßeiz der 
Canüle ein Glottisödem, dessen Gefahren durch eine modifioirte, 
T-förmige Glasoanüle beseitigt wurde. Das Rohr konnte in 
diesem Fall bis zur Bildung einer soliden Narbe in der ßing- 
knorpelgegeud, etwa 14 Tage lang, bei Verschluß der äußeren 
Schenkel, liegen bleiben, dann wurde es, nachdem der obere 
Mundwinkel etwas gespalten, entfernt. Die Heilung ging glatt 
von statten, der als Ganzinvalide vom Militär entlassene Patient 
atmete heute ganz normal und spricht mit heiserer, aber lauter 
Stimme. 

Da durch den Ersatz des soliden Griffs durch ein offenes 
Rohr die Br.iuohbarkeit der Canüle in keiner Weise beeinträchtigt 
wird, andererseits dieser äußere Schenkel ein oft sehr erwünschtes 
Sicherheitsventil bildet, so glaube ich, diese kleine Modifioation 
allgemein für das Mikulicz'sohe Glasrohr empfehlen zu dürfen. 

Discussion: 

Herr v. Mikulkz hält die Hin sb er g 'sehe Modifioation der 
Glascanüleu zur Behandlung von Kehlkopf- und Trachealstenosen 
für sehr wertvoll, hauptsächlich aus dem Grunde, weil bei sub- 
glottischen Stenosen die Qlascanüle nicht über die Stimmbänder 
hinausreiühon muß, diese also nicht ohne Not dem längeren Druck 
der Cauülen ausgesetzt zu werden brauchen, v. Mikulicz hat 
früher die Glascanülen stets so eingeführt, daß sie über die 
Stimmbänder hinausragten. 

Herr Riegner: Ich habe die v. Mikulicz'sohen Glascanülen 
bei Trachealstenosen mehrfach mit Erfolg angewandt und zwar 
ebenfalls in der von Herrn Hinsberg angegebenen Modification 
und aus denselben Gründen wie dieser; den einzigen Nachteil 
der Glascanülen fand ich in deren Zerbrechlichkeit. Eine Frau 
bei welcher sich die Stenose nach einer in selbstmörderischer 
Absicht ausgefahrten Durohschneidung der Trachea entwickelt 
hatte, erhielt von ihrem Manne einen heftigen Schlag, wobei die 
Canüle zerbrach. Es kostete einige Mühe, die Glasscherben zu 
entfernen. 

Herr Uhlhoflf stellt im Anschluß an seine Demonstration am 
klinischen Abend in der Universitäts-Augenklinik am 24. Juni 
zwei weitere Patienten mit Xeroplithalmus und Hemeralopie aus 
derselben Anstalt vor. 

Bei dem Einen, einem ca. 50jährigen Manne, ist es wiederum 
zu einer Keratomalaoie mit totalem Zerfall der Hornhaut gekommen, 

6* 



84 Jabroßlericht der Sohles. Gesellschaft für vuterl. Cnltur. 

■während auf dem zweiten Auge weitgehende epitheliale Xerose 
der Conjuuctiva und Hemeralopie besieht. Auch hier muß dieser 
schwere Verlauf in erster Linie auf eine gänzlich unzureichende 
Ernährung mit anstrengender Arbeit im Freien und in der Sommer- 
hitze zurückgeführt werden. Die Hornhaut des zweiten Auges 
ist noch intaot. 

Der zweite Patient, ein ebenfalls ca. 45 jähriger Mann, der 
unter analogen Bedingungen wie der erste gelebt hat, bietet das 
gewöhnliche Bild der partiellen epithelialen Xerose der Conjunotiva 
bulbi im Lidspaltenteil (Bitot'sche Flecke) und Hemeralopie; 
zu einer Hornhauterkrankung ist es hier bisher nicht gekommen. 

Nach der Aufnahme der Patienten in die Klinik und bei aus- 
reichender Verpflegung wird der Zustand sich hoffentlich bald 
bessern und auch die Hemeralopie nebst Xerose der Conjunotiva 
verschwinden, wie bei dem früheren Fall. 

Herr Heine demonstrirt eine nach den Angaben von Koster 
angefertigte Dose zur Mentholeinatmung durch die Nase z. B. 
bei Heufieber (s. Zeitsohr. f. Augenheilkunde, IX, pag. 249). 

Herr Fittig zeigt Abbildungen eines mit Röntgenstrahlen 
erfolgreich behandelten Falles von symmetrischer Erkrankung 
der Parotis (Mikulicz'scher Krankheit) und bespricht kurz den 
Unterschied der Empfindlichkeit des lymphatischen Gewebes und 
seiner Geschwülste gegen die Einwirkung der Röntgenstrahlen 
gegenüber derjenigen der Haut und der Carcinome. Außer dem 
Fall von symmetrischer Erkrankung der Parotis hat Redner auch 
eine sehr große Geschwulst von malignen Lymphomen am Halse 
nach zwei Bestrahlungen ohne Latenzstadium völlig zurückgehen 
sehen entsprechend den in der „Münch. med. Wochenschrift" 
kürzlich von Hei necke mitgeteilten experimentellen Unter- 
suchungen, stellt es aber als fraglich hin, ob die Heilungen von 
Dauer sein werden. 

Weiterhin stellt Redner ein Sjähriges Mädchen vor mit 
multiplen, in den Diaphysen der langen Röhrenknochen sitzenden 
Cysten. Die Krankheit wurde erkannt infolge der mehrmaligen 
Spontanfracturen und durch die deshalb von allen Extremitäten 
angefertigten Röntgenbilder. Nach Meinung des Redners handelt 
es sich im vorliegenden Fall nicht um erweichte Tumoren, auch 
nicht um Osteomalaoie, sondern um die von v. Recklinghausen 
als Ostitis fibrosa mit Cystenbildung bezeichnete Knochen- 
veränderung. 



I. Abteilung. Mudicinisclii» Seotion. 



D i s c u s s i n : 

HoiT Y. Mikulicz bemerkt, daß der günstige Einfluß der 
Röntgenstrahlen auf die vergrößerten Speicheldrüsen bei der sog. 
Mikulioz'schen Krankheit sehr bemerkenswert ist, nicht nur in 
praktischer Beziehung, sondern weil er auch zum Verständnis 
der Aetiolgie dieses bisher noch wenig aufgeklärten Leidens 
beiträgt. Es besteht zweifellos eine gewisse Aehulichkeit zwischen 
dieser Erkrankung und den pseudoleukämischen Tumoren. Diese 
Aehnlichkeit wird dadurch vermehrt, daß auch die pseudo- 
leukämischen Tumoren nach unseren jüngsten Erfahrungen unter 
dem Einflüsse der Eöntgenstrahlen in manchen Fällen rasch 
zurückgehen. 

Herr G. (xottstein spricht über Prostatectotnio. 

Herr Geheimrat v. Mikulicz hat vor einigen Monaten in 
dieser Gesellschaft einen üeberblick über den augenblicklichen 
Stand der Behandlung der Prostatahypertrophie gegeben und 
auf's Wärmste die Prostatectomia perinealis empfohlen, wie sie 
in den letzten Jahren von England und Amerika aus eingeführt 
worden ist. Es wurden bei der damaligen Demonstration fünf 
Fälle vorgestellt. In der Zwischenzeit sind noch drei weitere 
Fälle in der Klinik operirt worden, von denen der eine, ein 
Mann von 66 Jahren, vorgestellt wird. Auch in den beiden 
anderen Fällen handelt es sich um Männer über 60 Jahre. 

Mit der Vervollkommnung der Technik hat sich die Dauer 
der Operation immer mehr abgekürzt; bei dorn vorgestellten 
Patienten dauerte sie nur 12 Minuten. Es werden die drei ent- 
fernten Prostatae demonstrirt; in dem einen Falle wurde die 
Prostata in einzelnen Stücken herausgeschält, in den beiden 
anderen wurde die totale Prostatectomie mit Entfernung eines 
Teiles der Harnröhre und der Blase vorgenommen. 

Was den Endeffeot der Operation betrifft, so befindet sich 
der vorgestellte Patient am 23. Tage nach derselben. Die Wunde 
am Perineum ist fast ganz verheilt, Urin kommt nicht mehr 
durch. Der Dauerkatheter wurde am 14. Tage entfernt. Patient 
urinirt auf normalem Wege durch die Urethra und kann den 
Urin jetzt schon 2 — 2^/2 Stunden völlig zurückhalten. Patient 
selbst ist mit dem Effect der Operation sehr zufrieden. Die 
beiden Patienten mit totaler Prostatectomie befinden sich am 
12. und 26. Tage nach der Operation. Bei diesen entleert sich 
vorläufig nur ein Teil des Urins durch die Harnröhre. Voraus- 
sichtlich wird man in Zukunft von der totalen Prostatectomie 



86 J.-ihresbericlit dor Selilea. Oesollschiift ftlr vuifiii. Ciiltui'. 

Atistand nehmen und sich mit der Entfernung des größten Teiles 
derselben unter mögliohstor Erhaltung der Urethra begnügen. 

Der zuletzt operirte Fall ist besonders dadurch interessant, 
daß die cystoskopische Untersuchung neben der Hypertrophie 
der Prostata vier Steine zeigte, von denen drei in einem Diver- 
tikel zusammenlagen. Die mehrmals vorgenommene Röntgen- 
untersuchung hatte stets ein negatives Resultat ergeben. 

Patient wurde unter Tropacocain-Rüokenmarksanästhesio, 
die durch Herrn Professor v. Kader aus Krakau ausgeführt wurde, 
operirt. Herr Professor v. Kader berichtete, daß er schon mehrere 
100 Operationen unter dieser Anästhesie mit ausgezeichnetem. 
Erfolge gemacht habe. Die Anästhesie trat schon eine Minute 
nach der Injeotion ein und war eine totale. Während der Ope- 
ration schlief Patient ein und hörte auf zu atmen, während das 
Herz weiter schlug. Durch künstliche Atmung gelaug es, den 
Patienten über dieses Stadium, das etwa eine Stunde anhielt, 
hinwegzubringen. Herr Professor v. Kader ist geneigt, diese 
Atemlähmung auf eine Combination des Tropacocain mit Morphin 
— Patient hatte vor der Operation 0,01 Morphin erhalten — zu 
beziehen. 

In allen bisher operirten Fällen haben die Patienten trotz 
des Alters und der meist schon weit vorgeschrittenen Arterio- 
sklerose die Operation gut überstanden. Die Patienten stehen 
schon am Tage nach der Operation auf, so daß die Gefahren 
der Sohluckpneumonie dadurch vermieden werden. Wir können 
auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen diese radicale Ope- 
rationsmethode behufs Heilung vorgeschrittener Fälle von Prostata- 
hypertrophie warm empfehlen. 

Herr G. Gottsteiu stellt einen Fall von Pneumaturie vor. 
Der 37jährige Patient hat vor längerer Zeit eine Rippenfell- 
entzündung durchgemacht, will im Uebrigen nie krank gewesen 
sein. Ende Mai vorigen Jahres, vor IV4 Jahr, erkrankte er mit 
Magenbeschwerden, Erbrechen und häufigem Urindrange. Der 
Urin soll damals molkig und gelb ausgesehen haben; keine 
sonstigen Beimengungen. Wegen hohen Fiebers, bis 40", ließ 
er sich in ein Hospital aufnehmen, indem er sechs Woclien lang 
mit Blasenspülungen behandelt wurde. Es trat eine Besserung 
des Leidens ein, doch keine Heilung; der Urin blieb trübe. Der 
Harndrang war geringer geworden. Vor etwa 14 Tagen erkrankte 
er wiederum mit Magenbeschwerden, und da er an einen Zu- 
sammenhang derselben mit seinem Blasenleiden dachte, ließ er 
sich in der Klinik aufnehmen. Er machte die Angabe, daß am 



1. AbUüluiig. Mcdioinisclio Soctiüii. 



Schluß des Wasserlassens manchmal Schaum mit herauskomme, 
besonders, wenn er zu Stuhl gehe oder presse. 

Wir beobachteten bei dem Patienten am Schlüsse des Uriu- 
lassens das Emporkommen zahlreicher Luftblasen. Am deutlichsten 
sah man dieses eigenartige Symptom, wenn mau den Patienten 
unter Wasser uriniren heß. Die herauskommende Luft roch 
deutlich fäculent. Die cystoskopische Untersuchung ergab neben 
einer ausgesprochenen Cystitis rechts oben, neben dem Vertex 
der Blase, zwei feine Stellen, aus denen zwei silberhelle Strahlen 
herauskamen. Betrachtete man den Blasenfundus, so sah man 
daselbst zahlreiche feinste Luftbläschen anschlagen und nach 
oben steigen. Es wurde daraufhin die Diagnose auf Pneu- 
maturie gestellt. 

Woher kam nun die Luft, die Patient in der Blase hatte? 
Derartige Luft kann sich in der Blase von Diabetikern infolge 
von Zuckergärung finden. Ferner giebt es eine Reihe von 
Baoterien, die Schwefelwasserstoff entwickeln können. Ein 
fäculent riechendes Gas, wie dieses, könnte durch derartige 
Schwefelwasserstoff producirende Baoterien hervorgerufen werden. 
Der cystoskopische Befund belehrte uns, daß eine Gomraunication 
der Blase mit einem lufthaltigen Orgaue vorhanden war. Wir 
konnten von vornherein eine Communication mit der Niere und 
dem Ureter ausschalten, sowie den baoteriellen Ursprung der 
Luft in der Blase. Es handelte sich um eine Blasendarmfistel. 
Weiterhin war noch festzustellen, mit welchem Darmteil die 
Blase communicirte. Zu diesem Zwecke wurde der Dickdarm 
aufgeblasen; es zeigte sich, daß bei dem bald darauf erfolgenden 
Uriniren eine größere Menge von Luft mit dem Urin sich ent- 
leerte. Es ist daher wahrscheinlich, daß eine Blasendickdarm- 
fistel vorliegt. Die Digitaluntersuchung per rectum ergab keine 
Communication mit demselben. Im Stuhl ist Urin niemals beob- 
achtet worden. Es handelt sich hier um einen Durchtritt von 
Luft in die Blase, während von der Blase zum Darm nichts 
(kirohzutreten scheint. Carmin in Kapseln per os gegeben ließ 
im Urin nichts davon nachweisen, während die Fäces rot ge- 
färbt waren. Bei einer späteren Untersuchung konnten aber im 
Urin, was früher nicht der Fall war, Fäces auch Oxyuris vermi- 
oularis nachgewiesen werden. 

Discussion: 
Herr Riegner: Ich habe den Paliouten längere Zeit aiif 
meiner Abteilung behandelt. Er litt damals an heftiger, mit 



88 Jahresbericht der Sclilcs. G(3Sollsclial't für vatorl. (Jultur. 

Pneumaturie verbundener Cystitis. Letztere wurde durch geeig- 
nete Ausspülungen und ürotropin erheblich gebessert. Da wir 
damals weder oystoskopisoh eine Fistel zwischen Blase und Darm 
nachweisen konnten, noch es uns trotz verschiedener Maßnahmen 
gelang, Darminhalt im Urin nachzuweisen, glaubten wir schließlich, 
wenn auch mit Widerstreben einen der seltenen Fälle von gas- 
bildenden Baoterien in der Blase vor uns zu haben. Es wurden 
solche auch durch Herrn Dr. Lubowsky (medicinische Poli- 
klinik) nachgewiesen. Da es dem Patienten erheblich besser 
ging, drang er auf seine Entlassung und hat sich unserer weiteren 
Beobachtung entzogen. 

Vor etwa zwei Jahren habe ich eine Pneumaturie, deren 
Ursache durch eine oystoskopisch deutlich sichtbare Fistel zweifel- 
los waren, durch Durchtrennung des Verbindungsstückes zwischen 
Blase und Flexur und gesonderter Vernähung beider OeffnungoJi 
zur Heilung gebracht. 

Herr Rosenfeld macht darauf aufmerksam, daß man ver- 
schiedene Kohlenhydrate bei Eingabe per os und per anum zur 
Diagnostik insbesondere zur topischen Diagnostik der Blasen- 
darmfistel verwerten kann, insbesondere Kohlenhydrate die 
per os gegeben, nicht in Harn übergehen, da deren Auftreten 
das Bestehen einer Darmblasenfistel beweisen würden. (Zucker 
aus Stärke, die im Dickdarm verschwunden ist, könnte, wenn er 
im Harn erscheint, für Düundarmblasenfistel sprechen; Dextrose 
per anum gegeben, würde, im Harn erschienen, das Bestehen 
der Fistel beweisen.) 

Herr K. Stern: Zwischen den beiden vorhin erwähnten 
Arten des Zustandekommens der Pneumaturie besteht kein stricter 
Gegensatz. Besteht eine Communication zwischen Darm und 
Blase, so können Darmbacterien eine Zersetzung des Harns 
unter Gasproduction hervorrufen. Ob dies im vorliegenden Falle 
in Betracht kommt, ließe sich durch baoteriologisohe Unter- 
suchung des Harns feststellen. 

Herr (J. Gottstein: Was die Aetiologie derartiger ßlasen- 
darmfisteln betrifft, ao ist die Annahme eines latent verlaufenden 
Darmcarcinoms mit Durchbruch nach der Blase nicht recht wahr- 
scheinlich, da Patient die ersten Symptome schon vor l'/j Jahr 
dargeboten hat, Erscheinungen von Kachexie nicht vorhanden 
sind, er sogar auffallend gut genährt aussieht. Wahrscheinlicher 
ist, insbesondere zusammengehalten mit der früheren Pleuritis, 
daß es sich um eine Tuberculose handelt. 

Es wird sich wohl bald eine Operation bei dem Patienten 



I. Abtoiliiiig. Mediciiiisohe Section. 89 

als notwendig erweisen. Die geeignetsto Operationsniethode ist 
hier die Aussolialtung des pcrforirten Darmstüoiies und Anlegung 
einer Anastomose, da sich die Vernähuug solcher Blasendarm- 
fisteln sehr schwierig gestaltet. 

Herr R. Stern: lieber Lungensteino. (Der Vortrag wird 
au anderer Stelle ausführlich veröffentlicht.) 

D i s c u s 8 i n : 

Herr Ponflck: Im Anschlüsse an die Demonstration von 
Lungensteinen, die ja freilich bei weitem nicht so oft nach auBen 
gelangen, wie sie im Innern von Lungen mit alten phthisisclien 
Residuen angetroffen werden, möchte ich kurz der Anwesenheit 
wirklichen Knochens in dem genannten Organe Erwähnung 
thuu : eines Vorkommens, welches sich begreiflicher Weise un- 
gleich seltener ereignet. 

Vor einiger Zeit beobachtete ich bei einem 5jährigen Mädchen 
die Anwesenheit dreier kleiner unregelmäßig gestalteter Knochen- 
stückohen in der rechten Lungenspitze. Im Gegensätze zu der 
den Lungensteinen, ursprünglich mindestens, zukommenden Eigen- 
schaft, in das verdichtete Clewebe der Umgebung ungemein fest 
eingebettet zu sein, lagen diese ganz lose und auch gegeneinander 
frei verschiebbar inmitten eines etwa kirschgroßen, von einer 
lebhaft geröteten Granulatiousschioht ausgekleideten Hohlraumes. 

Woher stammten diese deutlich aus spongiösem 
Knochen bestehenden Sequester? Und wie waren sie 
wohl dahin geraten? 

Die Beantwortung dieser Erage konnte nicht allzu schwer 
fallen. Bestand doch eine Osteomyelitis tuberculosa der unteren 
Halswirbel, die mit Necrose ansehnlicher Abschnitte der Wirbel- 
körper verbunden war. Von diesem Blittelpunkte aus hatte sich 
längs der vorderen Fläche der Wirbelsäule eine Eitersenkung 
entwickelt. Nachdem nun mehrere allmählich gelöste Sequester 
sei es zugleich hiermit, sei es im weitereu Verlaufe, nach unten 
geglitten waren, hatten sie einesteils die hintere Wand der Speise- 
röhre durchstoßen oder usurirend durchbrochen, anderenteils sich 
einen Weg gebahnt in den obersten Abschnitt der rechten Lunge, 
welcher ja bis dicht au den lateralen Rand der Wirbelsäule 
hinanreicht. 

Hieraus ergab sich der sehr eigenartige Befund einer in- 
d Ir e et en Speiseröhren-Lungenfistel. 

Die naheliegende Vermutung, daß die jene Knochenfragmente 
enthaltende Höhle etwa eine tuberculöse Caverne sei, ließ sich, 



Jalu-Oriliericht dor Sclilcs. GdscJlsduifl, liir Viilev). OuUiir. 



gestutzt auf die mikroskopische Untersuohuug sowohl clor sie 
auakleiJeutlen Membran wie des austoßendeu (und alles übrigen) 
Luugeupareixohyms als unzutreffend nachweisen. 

Herr Ludloff stellt einen Patienten mit Fractur der Hals- 
Wirbelsäule vor. Vor einem halben Jahre ist der 43jährige 
Zimmermann dadurch verunglückt, daß er rückwärts durch ein 
„Leiterloch" ein Stockwerk hoch hinunter auf den gebeugten 
Nacken fiel. 

Von objectiven Befunden besteht eine etwas gebeugte Haltung 
des Kopfes und eine vollständige Lähmung des linken Deltoides. 

Die Bewegungen der Halswirbolsäulo mit Ausnahme geringer 
Einschränkung der Flexion sind activ und passiv vollständig frei 
und normal. Palpatorisch ist nichts Anormales nachweisbar. 

Pat. klagt über Neuralgien im Hinterkopf und Qbor das 
Gefühl, daß „das Genick nu lose sei" und bei unvorsichtigen 
Bewegungen „knupse". 

Mit Hilfe von zahlreiolien Routgenphotographien (27 von 
Patienten und üahlreiohcn von normalen Personen) ist es Referenten 
gelungen, einwandsfrei die Fracturstello nachzuweisen. Bruch 
durch die Basis des Bogens des 6. Brustwirbels auf dor rechten 
Seite. Vorschiebung dos 5. und 6. Halswirbelkörpers etwas nach 
hinten, Störung im „Parallelismus" der Gelenkflächeu der Gelenk- 
fortsätze. Zusammenstauchungder linken Hälften des 5. und G. Hals- 
wirbels in der Gegend der Foramina intervertebralia. 

Dieser Röntgenbefund der Fracturstelle wird bestätigt durch 
die bestehende Deltoideslähmuug links, da der Nervus axillaris 
gerade mit seinen beiden Wurzeln aus dem Foramen interverte- 
brale des 5. und 6. Halswirbels heraustritt. 

Referent betont, wie notwendig es ist, von allen schwierigen 
Fällen, besonders aber von der Halswirbelsäule, zahlreiche Röntgen- 
aufnahmen von den verschiedenen Seiten in verschiedenen Lagen 
zu machen. Nur dadurch kann man sich vor Irrtümern schützen. 
Ein Urteil, das sich auf einem Röntgenphotogramm aufbaut, 
besonders mit negativem Befund, ist wertlos. Zu dieser Be- 
liarrlichkeit in der Fortsetzung der Röntgenuntersuchung wurde 
Referent besonders durch die Mitteilung eines Falles von Wirbel- 
fractur von Dr. Stempel (Breslau) angeregt. Hier wurde erst 
nach der Exhumirung des betreffenden Patienten die von ver- 
schiedenen Speoialisten bei Lebzeiten geleugnete Fractur ver- 
schiedener Halswirbel nachgewiesen. 

Herr v. Mikulicz demonstrirt ein Präparat, welches durch 
die Section eines 37jährigen Mannes gewonnen wurde Es handelte 



T. Aliteiliiiig. 'Moiliomische Sectioii. 91 

Hlch um eine seit vielen Jahren klinisch festgestellte t>-aekjirtige 
ItüaiatJon des Oesophngua, zn welcher sieh _secundä.r ein Car- 

cinoni im obersten Brustteil der Speiseröhre hinzugesellt hat. 
Die Beschwerden des Verstorbenen fingen schon mit dem siebenten 
Lebensjahre an und bestanden in Schwierigkeit und gelegentlich 
krampfartigen Schmerzen beim Schlucken. Der Pat. — er lebte 
in Berlin — wurde in verschiedenen Anstalten behandelt, und 
sein Zustand durch diätetische Vorschriften gelegentlich auch 
gebessert. Die richtige Diagnose auf sackartige Dilatation wurde 
erst in der Berliner Charite durch Prof. Strauss gestellt. Dieser 
hat den Fall auch in der „Deutschen med. Wochenschrift" vor 
drei Jahren publioirt. Es waren die typischen Symptome, wie 
wir sie beim Cardiospasmu s mit conseeutiver Oesophagus- 
dilatatiou kennen. Vor einem halben Jahre steigerten sich die 
Beschwerden derart, daß selbst Flüssigkeiten nur mit Scliwierig- 
keit in den Magen befördert werden konnten. Pat. magerte rasch 
ab. In diesem Zustand wurde Pat. von Prof. Strauss der Bres- 
lauer Klinik zugeschickt. Er kam im Zustande höchster Inanition 
an, und es wurde deshalb nur die Gastrostomie vorgenommen 
und von jeder weiteren Therapie, sowie von einer genaueren 
Untersuchung abgesehen. Auch die Oesophagoskopie wurde mit 
Rücksicht auf den schlechten Allgemeinzustand unterlassen. Der 
Ernährungszustand des Pat. hob sich nach der Gastrostomie sichtlioli, 
jedoch nur auf kurze Zeit. Es stellten sich im rechten Obcr- 
lappen der Lunge Erscheinungen ein, die für einen Gangränherd 
sprachen. Die Gangrän wurde auf Aspiration des regurgitirten 
Oesophagusinhalts bezogen. Da der Lungenherd au Umfang zu- 
nahm, und der Pat. sichtlich herunterkam, wurde unter liesection 
der 2. und 3. Rippe von vom her der Gangränherd eröffnet. 
Pat. starb trotzdem eine Woche nach dem Eingriff. Die Section 
ergab nun, daß das obere Drittel des Brustösophagus oberhalb 
der am meisten dilatirten Partie von einem verjauchten Carcinom 
eingenommen war, welches bis in die benachbarten Wirbelkörper 
gedrungen und gleichzeitig in die Lunge perforirt war. Die 
Lungengangrän war also durch Perforation des Oaroinoms in die 
Lunge gesetzt worden. Interessant ist ein Versuch, welcher an 
der Leiche noch kurz vor der Section vorgenommen wurde. Es 
zeigte sich, daß in den Oesophagus eingegossene Flüssigkeiten 
ohne erheblichen Widerstand in den Magen gelaugten, ein Beweis 
dafür, daß es sich beim Cardiospasmus in der That um einen 
muBCulären Verschluß handelt, welcher infolge der Erschlaffung 
Ut'3 Muskels !in der Leiche aufgehoben ist. 



92 Jahresbericht der Schlos. fiesolLschiift für vaturl. Oiiltur. 

Ein analoger Fall von Seoundärentwicklung eines Carcinoma 
an der oberen Grenze der sackartigen Dilatation des Oesophagus 
wurde schon vor mehreren Jahren einmal in der \Breslauer Klinik 
beobachtet. Der Fall ist seiner Zeit von Dr. Gottstein in seiner 
„Klinik der Oesopliagoskopie" ausführlich mitgeteilt. 

HerrKausch: 1. Kolilc-imprägnirte Supraclaviculardiüso. 

Der 45jährige Patient, welchen ich Ihnen zunächst vorstelle, 
kam in die chirurgische Poliklinik wegen eines Knotens oberhalb 
der Mitte des rechten Schlüsselbeins. Der Knoten war zufällig 
vor vier Wochen von einem Arzte bemerkt worden, machte dem 
Patienten keine Beschwerden. Er hat die Größe einer Lambert- 
nuß, war nicht empfindlich, außerordentlich hart, nicht höckerig, 
wenig verschieblich. Weiter oben am Halse befanden sich noch 
3 — 4 kleine Lymphdrüsen von Erbsen- bis Bohnengröße, sämtlich 
auch hart, 

Die Affection machte durchaus den Eindruck einer oarci- 
nomatöseu Supraolaviculardrüse, doch war ' trotz eingehendsten 
Suchens kein primärer Herd zu finden, weder im Abdomen, noch 
im Larynx, Eachen u. s. w. Auf Drängen des behandelnden 
Arztes und des Patienten, welche Gewißheit haben wollten über 
die Art der ErkranJcung, exstirpirto ich in localer Anästhesie die 
Drüse. Sie entpuppte sich bei der Operation als ein schwarzer 
Knoten, welcher zunächst einen melanotischen Eindruck machte, 
doch war er auf dem Durchschnitte so absolut gleichmäBig 
schwarz, daß ich diesen Gedanken bald fallen ließ und eine mit 
Kohlenstaub imprägnirte Drüse annahm. 

Die mikroskopische Untersuchung bestätigte diese Annahme, 
es lag eine schiefrig indurirte Drüse vor, von genau dem Typus, 
wie ihn die Bronchialdrüson so gewöhnlich zeigen. Von Tuber- 
culose war nichts zu finden, hingegen Fremdkörper-Riesonzellen. 

Obschon wir Chirurgen doch sehr viele Drüsen am Halse 
sehen, habe ich noch keinen derartigen Fall erlebt und weiß 
auch nichts von solchen Supraclaviculardrüsen aus der Litteratur. 
Die Erklärung für diesen Fall scheint mir folgende zu sein : 

Patient arbeitet in der Schuh warenbran che als Modelleur 
und sitzt infolgedessen fast den ganzen Tag im Staube. Er hat 
nun vor 15 Jahren ein Lungenleiden durchgemacht, welches an- 
scheinend tuberculöser Natur war. Als Rest davon finden wir 
jetzt noch eine Schallverkürzung rechts vorne oben und eine ge- 
ringe Absohwächung des Atemgeräusches. Im Uebrigen hat 
Patient später nie wieder Lungenbeschwerden gehabt und hat 
auch jetzt keine. loh nehme nun an, daß infolge dieses Lungen- 



I. ÄliteiUing, Medioiuische Sectiou.' S3 

leidens dor normale Lymphstrom von iler Lungu nach dorn Hikis 
verlegt ist und die Lymphe direct nach den Supraclavioular- 
drüeen abgeführt, hierhin infolgedeBsen auch der eingeatmete 
Staub abgeleitet wird. 

2. Im zweiten Falle handelt es sich um die Tiiiplaiitatioii 
eines Silberdrahtnetzes in einen Bauclibnicli. 

Der jetzt 4Bjährigen Trau wurde vor 14 Jahren wegen 
Wanderniere die rechte Niere festgenäht. Ein halbes Jahr darauf 
wurde sie wegen intensiver Abdominalbeschwerden relaparotomirt, 
im Wesenthchen ein negativer Befund erhoben: es bestanden 
nur einige unbedeutende Adhäsionen um den Magen herum. Es 
ist wohl zweifellos anzunehmen, daß die Beschwerden', wegen 
deren die Patientin zum zweiten Male operirt wurde, nervöser, 
hysterischer Natur waren. 

Die zweite Operation hatte eine locale Peritonitis zur Eolge; 
es mußte die Bauchnaht wieder geöffnet werden und es resultirte 
eine große Bauchhernie. Wegen dieser, welche im Laufe der 
Jahre kindskopfgroß geworden war, und welche der Patientin 
starke Beschwerden verursachte, kam die Patientin zur Aufnahme 
in die Klinik. 

Es handelte sich nicht etwa um eine Diastase der Recti, 
wie ich hervorheben möchte , sondern um einen regelrechten 
Bruch mit kreisrunder, soharfrandiger Bruchpforte. Da eine di- 
recte Vereinigung der Bruchräuder von vornherein ausgeschlossen 
war, faßte ich die Implantation eines Silbernetzos in's Auge. 
Ich legte zwei Querschnitte au, je einen am oberen und unteren 
Rande des Bruches, präparirte so einen breiten Brückenlappen 
frei. Es war dies ziemlich schwierig, da die Haut direct dem 
Bruchsacke, d. h. dem Peritoneum anlag, ohne jedes Eett und 
Unterhautzellgewebe. Die Patientin ist, wie Sie auch jetzt sehen, 
außerordentlich mager. Es gelang mir dies aber doch ohne Er- 
öffnung des Bauchfells. Dann löste ich noch weiterhin den 
Brückenlappen außerhalb der Bruchpforte von der Musculatur 
ab. Da das mir zur Verfügung stehende größte Silbernetz, 
welches nur 18 : 18 cm hatte, zur Deckung des Bruches zu klein 
war, indem es nur eben die Bruohpforte überragte, verkleinerte 
ich durch eine Anzahl von Drahtnähten, welche ich am oberen 
und unteren Ende in der Medianlinie anlegte, wesentlich die 
Bruchpforte, so daß sie nunmehr nur noch die Q-rößo einer 
Männerfaust hatte. Das eingelegte Silbernetz übarragte nunmehr 
die Bruchränder an der schmälsten Stelle um mehr als zwei 
Einger. Ich fixirte das Netz mittels acht Drahtnähteu an der 



94 Jn,lire«bericbt der Sehles. Gesellschaft für vaterL Cultur. 

Bauchmusoulatur und verschloß ilami die liaufcwundo vollständig. 
Das Netz ist primär, reactionalos eingeheilt. Sie fühlen es, 
m. H., mit Leichtigkeit durch die Bauohwand hindurch. 

Das Verfahren haben wir nunmehr in drei Fällen auf der 
Klinik ausgeführt. In einem Falle trat ein Reoidiv auf, indem 
am unteren Rande des Drahtnetzes eine neue Hernie durch- 
schlüpfte. Gorade mit Rücksicht auf diesen Fall halte ich es 
für notwendig, das Netz dauernd mit Draht zu befestigen, nicht 
wie Göpel es thut, mit Catgut. Wir nehmen stets das 
Göpel'sohe Silberdrahtnetz, welches ich Ihnen hier zeige. Es 
scheint dies besser zu sein, als das aus Kettenringen gebildete 
Netz, welches ich Ihnen auch herumgebe. Es ist auch besser, 
als das Filigrannetz Witzeis, welches der Vorläufer dieser Be- 
strebungen war. Dieses wird bekanntlich erst bei der Operation 
hergestellt dadurch, daß lange Silbsrfäden in der Form eines 
Filigrannetzes in das Gewebe selbst hineingelegt werden. Im 
vorliegenden Falle wäre dies überdies gar nicht möglich ge- 
wesen. 

3. Spina bifida coraplicirt mit Naevus pilosus und Hydro- 
cephalus. 

Das ''/^ Jahre alte Kind, welches ich Ihnen hier zeige, kam 
in die Klinik wegen einer Spina bifida von der Grüße einer 
Männerfaust, welche im Bereiche der Lenden Wirbelsäule saß. 
Complioirt war dieser Fall einmal durch einen Hydrocephalua 
mäßigen Grades, die große Fontanelle ist etwa thalergroß. 
Ferner besitzt das Kind ein Naevus pigmentosus, welcher den 
größten Teil des Rückens einnimmt und auch nach vorn über 
die Schulter hinüber etwas auf die Brust reicht. Der Nävus ist 
mit langen braunen Haaren bedeckt bis zu 2 cm Länge. Eine 
Anzahl von kleineren Pigmentmalen befinden sich über den 
unteren Teil des Rumpfes zerstreut. 

Die Operation der Spina bifida habe ich nun nicht in der 
gewöhnlichen Weise ausgeführt, weil ich fürchtete, daß der 
Hydrooephalus dadurch verschlimmert würde. Haben wir doch 
hier auf der Klinik einen Fall erlebt, in welchem nach der 
Radicaloperation einer großen Spina bifida ein Hydrooephalus 
auftrat, während vorher der Schädel völlig normal war. Ich 
ging deshalb so vor, daß ich nach Freilegung und Eröffnung des 
Meningensackes denselben größtenteils abtrug bis auf ein recht- 
eckiges- Stück, welches ich zu einem Schlauch vernähte, von 
3 cm Länge und Y2 °^ Durchmesser. Mittels dieses Schlauches 
wollte ich eine Dauerdrainage des Subaraohnoidalraumes in das 



I. Abteilung. M''dic'uisclie Section. 95 



subcutane Gewebe herbeiführen und so den Hydrooephalus ent- 
lasten. Die Haut vernälite ich dann natürlich vollständig. Die 
Wunde heilte primär. 

Ich glaube, daß diese Drainage auch wirklich in Kraft ge- 
treten ist. Die Fontanelle, die vorher prall gespannt war, ist 
jetzt zweifellos viel weicher geworden, leicht eindrückbar. Das 
Kind ist nach Ansicht aller, die sich mit ihm beschäftigen, 
geistig reger geworden; es war vor der Operation ziemlich blöde, 
kann noch nicht stehen. 

Im Anschluß an diesen Tall möchte ich Ihnen kurz das 
Präparat eines Falles von Racliischisis zeigen, welcher in die 
Klinik kam und heute früh starb. Herr Ponfiok hatte die 
Güte, mir das Präparat zur Demonstration zu überlassen. Sie 
sehen am durchgesägten Präparate, wie das Rückenmark hier 
schwer verändert ist, eine niedrige breite Platte darstellt, nach 
unten in die Cauda equina übergehend, dorsal mit Granulationen 
bedeckt. Ein Oentralkanal ist an dieser Stelle überhaupt nicht 
vorhanden, an mehreren Stellen sickerte bei Lebzeiten der klare 
Liquor cerebrospinalis aus der etwa markstückgroßen Rücken- 
marksfläche hervor. 

Den schweren Rüokenmarkveränderungen entsprechend waren 
die Beine total gelähmt, anscheinend anästhetisch, auch die 
Sphincteren waren total gelähmt. 

Die Prognose ist in diesen Fällen bekanntlich absolut trist, 
ein operatives Vorgehen durchau.?; zwecklos , es würde nur den 
ungünstigen Ausgang beschleunigen. Auch iinser Fall ging an 
einer Meningitis zu Grunde. 

4. Hysterisches Oedem der Hand. 

Dieser 18jährige junge Mann hat vor einem halben Jahre 
eine Verletzung der Hand mittels Glasscherben erlitten. Im 
Laufe der Zeit wurden mehrere Incisionen angelegt, um Glas- 
splitter zu entfernen, da Pat. andauernd Schmerzen in der Hohl - 
band hatte. Alles Suchen war aber vergeblich, hingegen ent- 
leerten sich allmählich teils aus den Wunden, teils spontan durch 
die Haut hindurch einige kleine Glasstückchen, Seit drei Mo- 
naten wird Pat. in der chirurgischen Poliklinik behandelt. Audi 
hier verlief eine Inoision ergebnislos, das Röntgenbild war negativ. 
Spontan kamen aber wieder drei kleine Glasstückchen heraus, 
das letzte vor vier Wochen. 

Die Schmerzen waren damit wesentlich gebessert. Da Pat. 
aber mit der Hand immer noch nicht recht zufassen konnte, 
wurde zur Massage geschritten. Am dritten Tage nach der 



96 JaJifOsberichf. der Soliles. Gosellschaft für vateii. Odltur. 

Massage begann die ganze Hand stark anzuschwellen, besonders 
der Rücken; gleichzeitig reißende Schmerzen. Die Schwellung 
besteht nunmehr 14 Tage lang, ist bald stärker, bald schwächer, 
nimmt auf Massage, Bewegungen, Herabhängen zu. Niemals 
Temperatursteigerung, die Hand fühlt sich auch nicht wärmer 
an. Die Farbe der Hand ist leicht bläulich. An einer Stelle 
bildete sich auch eine erbsengroße Blase, die jetzt ein- 
getrocknet ist. 

Patient machte mir von Anfang au einen recht nervösen 
Eindruck und auch das Oedem faßte ich bereits nach einigen 
Tagen als ein nervöses auf. Diese Annahme ist meiner Ansicht 
nach zur Gewißheit geworden durch einen Befund, den ich seit 
zwei Tagen erhoben habe: Patient zeigt nämlich eine vollständige 
Hemianalgesie der ganzen rechten Körperseite. Sie sehen, ich 
kann die Nadel durch das ganze Ohrläppchen bindurchstecken, 
ohne daß der Patient eine Miene verzieht, während er links sofoit 
intensive Schmerzen äußert. Dasselbe kann ich, wie gesagt, an 
der ganzen rechten Körperseite ausführen, auch an den Schleim- 
häuten. Die Berührungsempfindung ist ebenfalls deutlich herab- 
gesetzt; auch die höheren Sinne zeigen, wenn auch geringe, Ab- 
stumpfung. Im Uebrigen zeigt der Pat. keine ausgesprochenen 
hysterischen Stigmata. 

Ich glaube, daß wir danach mit Sicherheit ein hysterisches 
Oedem annehmen müssen. Bei uns sind diese Pällo jedenfalls 
ziemlich selten. Ich habe noch keinen gesehen. Die Franzosen 
sehen solche Fälle bekanntlich häufiger, ihr Oedeme bleu des 
hyst6riques. 

5. Locale Asphyxie complicirt mit Dupuytren'soher Con- 
traction. 

Der folgende Fall betrifft eine 25jährige, anämische, sonst 
gesunde Frau, bei welcher sich einige Wochen nach der vor 
l'/i Jahren erfolgten Entbindung allmählich Kriebeln und Absterben 
der Finger einstellte. Seit einem halben Jahr werden die Finger 
auch blau, namentlich in der Kälte, kurz, es handelt sich zweifellos 
um einen Fall von localer Asphyxie, Eaynaud'scher Krankheit. 

Auffallend in diesem Falle ist, daß sich zuweilen spontan, 
mit Sicherheit nach Druck an den Fingern, wobei die Finger 
zunächst einige Zeit blaß bleiben, zinnoberrote Flecke bilden, 
welche den Händen ein ganz auffallend buntscheckiges Aussehen 
verleihen, violett, weiß, hellrot. loh kann mir diese Eotfärbuug 
nur als eine eigentümliche locale arterielle Hyperämie vorstellen, 
bei Anämie der Venen. 



I. Abteilung. Modioinische Seotioii 97 

Auch sonst zeigen die peripheren Körperenden, Nasenspitze, 
Ohrläppchen, Zehen, eine deuth'che abnorme Kälte, namentlich, 
wenn man die außerordentlich warme Temperatur am heutigen 
Tage und in, diesem Eaume in Erwägung zieht. Auch der Ge- 
sichtsausdruok der Pat. erscheint pathologisch, Pat. ist selbst 
von ihrer Umgebung darauf aufmerksam gemacht worden, daß 
ihr Gesicht neuerdings ein maskenartiges Aussehen angenommen 
habe. Möglicherweise begiinit sich hier eine Sklerodermie zu ent- 
wickeln. Der Proceß an den Händen ist jedenfalls zur Zeit nicht 
als Sklerodermie aufzufassen. 

Auffallend ist ferner an diesem Falle, daß Pat. eine leichte 
Verkrümmung beider 4. Finger zeigt, welche sie nicht völlig zu 
Btreoken vermag. Die distale quere Hohlhandfalte zeigt an ihrer 
Kreuzung mit den Beugesehnen des 4. Fingers jederseits eine 
deutliche grübcheiiförmige Einziehung. Ich glaube, daß wir hier 
eine beginnende D upuytren 'sehe Fingeroontractur annehmen 
müssen, so daß dann eine Combination beider Erkrankungen vor- 
läge, eine, wie es scheint, recht seltene Complication. 

G. Dieses 19jährige junge JVIädchen verdankt ihr Leiden dem 
Tragen von Ohrringen. Im Alter von 2 — 3 Jahren wurden ihr 
in der üblichen Weise Löcher in die Ohrläppchen gestochen und 
Seidenfäden durchgezogen. Ein halbes Jahr danach bildeten sich 
allmählich Knoten, die bis zu Haselnußgröße wuchsen und dann im 
Alter von fünf Jahren entfernt wurden. Bald bildeten sich neue 
Knoten, die im Alter von 13 Jahren entfernt wurden, aber auch 
bald wiederkehrten. 

Der Knoten rechts ist wallnußgroß, geht, wie Sie sehen, von 
der Vorderseite aus, während an der Rückseite vorhandene Narben 
beweisen, daß hier früher einmal ein Knoten saß. Der haselnuß- 
große Knoten links geht von der Hinterseite des Ohrläppchens 
aus, das vordere Ohrringloch sehen Sie noch als trichterförmige 
Einziehung deutlich gekennzeichnet. Die Knoten sind hart, ob 
Sie sie als Fibrom oder als Keloid, wie wir vorziehen, bezeichnen 
wollen, lasse ich dahingestellt. Hervorlieben möchte ich, daß 
gleichzeitig mit der ersten Operation der Pat. eine kleine Ge- 
schwulst vom Oberschenkel entfernt wurde, welche kein Keloid 
zur Folge hatte und mit linearer Narbe heilte. Wir werden die 
Geschwülste abtragen und suchen eine aseptische Heilung herbei- 
zuführen, wissen wir doch, daß das Eintreten einer lufection das 
Zustandekommen eines Keloids erleichtert. Im Uebrigen soll, 
nach den Angaben der Pat. und dos Vaters, früher niemals eine 
Eiterung bestanden haben. 



Jalirosborioht der Schlos. GosoUschaft für vaterl. Cultnr. 



D i s c u s s i n : 

Herr llinsberg: In tlor otologisohoii Littoratiir sind Beriohfe 
über Keloide oder Fibrome der Ohrläppohon iiiclits Seltenoa. Sio 
entstehen meist in der Umgebung der Ohrringlöcber. Die schwarze 
Rasse soll eine besondere Disposition zur Bildung derartiger 
Tumoren besitzen. Aus Amerika sind Fälle beschrieben, bei denen 
die Geschwulst fast bis zur Schulter heruntorhing. Auch hier 
in Breslau konnten wir verschiedentlich Keloide der Muschel 
beobaohton. 

Herr Ansckiitz domonstrirt zwfii Fiilie von Uastroiliiodoino- 
stomie. 

Herr Schmidt: loh mochte Union in aller Kürze noch drei 
Nierenfälhi vorstellen. 

Hier zunächst zwei Patienten, die beide eine subcutane Nieren- 
quetschung durchgemacht haben. Der eine, ein ziemlich gebrech- 
licher Mann im Alter von G2 Jahren, wurde am 18. Juni 1903 
von einem 80 Centner schweren Zicgelwagen überfahren und erlitt 
dabei einen Bruch der 7. — 9. Rippe rechts, der Dornfortsätze des 
11. nud 12. Brust- und 1. Lendenwirbels und eine erhebliche 
Quetschung der rechten Niere, welche sich durch Schwellung und 
Druckschmerz der rechten Nierengegend und mehrtägiger Gehalt 
des Harnes au roten Bhatkörperchen und Nierenbestandteilen zu 
erkennen gab. Trotz der Schwere der Verletzung heilte sie glatt 
aus. Der alte Mann ist jetzt bis auf einen mäßigen traumatischen 
Gibbus an der Stelle der Wirbelbrüohe gesund. — Der zweite Fall, 
ein junger Mann, der im Alter von 19 Jahren steht, stürzte im 
Ootober 1903 fünf Stockwerk hoch herab und zog sich dadurch 
eine subcutane Quetschung der linken Niere zu. Auch hier erfolgte 
in kurzer Zeit reaotionslose Ausheilung. — Nach den statistischen 
Zusanamenstellungen von Maass und Küster stellt sich die 
Sterblichkeit der subcutanen Nierenquetsohung auf naliezu 50 pCt., 
bei complicivten Fällen, denen der erstgenannte wegen der anderen 
Verletzungen und des Allgemeinznstande.'? des Kranken wohl zu- 
gerechnet werden kann, sogar auf 90 pCt. Die bisher in der 
Breslauer Klinik beobachteten sechs Fälle subcutaner Nioren- 
quetschung sind sämtlich ohne weitere Folgen ausgeheilt. — Die 
dritte Patientin, 30 Jahre alt, litt seit 1898 an periodisch wieder- 
kehrenden, mit Schüttelfrösten, hohem Fieber, Erbrechen, starker 
Störung des Allgemeinbefindens einhergehenden Sohmerzanfällen 
zunächst in der rechten, bald auch in der linken Nierengegend. 
Sie wurde lange Zeit wegen beiderseitiger Pyelitis behandelt, 



1. Ahtciluiif!:. Mediciiiisclio Soction. 9H 

kam immer weiter herunter, bis es gelang, durch Blenden-Röntgo- 
gramme in beiden Nierengegenden fast symmetrische kreisrunde 
Schatten zur DarstelUmg zu bringen, dio unzweideutig Steinen im 
Nierenbecken entsprachen. (Demonstration.) Die nunmehr in- 
dicirte Operation — Nephrotomie mit Sectionsschnitt, Entnahme 
jo eines walnußgroßen Pjiospbatsteines (Deuionstration) aus dem 
Nioronbeokcn und AuBspülung desselben, Naht der Niere bis auf 
einen in's Becken führenden Drainkanal — wurde von Herrn 
Geheimrat von Mikulicz am 9. III. links, am 16. VI. rechts 
ausgeführt. Sie sehen hier rechts den Pistelkanal bereits ge- 
schlossen, links — wo die Niere laut Cystoskople und Krjo- 
skopie stärker angegriffen war — , noch einen dünnen, kurzen 
Fistelgang, der keinen Urin mehr entleert und sich höchst wahr- 
scheinlich auch bald schließen wird. Die Kranke hat sich gut 
erholt, ist jetzt lieber- und schmerzfrei und wird nach Heilung 
dos noch bestehenden Blasenkatarrhs in Bälde gesund dio Klinik 
verlassen. 



Klinischer Abend vom 15. Juli 1904. 
Vorsitzender; Herr v. Strümpell. 

Herr Paul stellt in Vertretung von Herrn Heine einige 
Patienten mit excessiver Myopie vor, welche sehr schön dio 
Weis 'sehen Schatten erkennen lassen. Die Indicationen der 
Linsenentfernung untl die Prognose des Verfahrens wird be- 
sprochen. 

Herr llenle: Bin Fall von Aiiroi^ole colli. 

Die an der rechten Halsseite gelegene Geschwulst war bei 
einem älteren Mann im Verlauf von 10 Jahren allmählich ent- 
standen. Sie reichte nach oben unter den Kiefervvinkel, nach 
hinten an den Kopfnioker, endete unten vier Finger oberhalb 
des Schlüsselbeins, vorne zwei Finger von der Mittellinie. Haut 
über ihr intaot. Der Tumor bildet auch an der seitlichen Pharynx- 
wand eine Vorwölbung und läßt sich dort palpiren, besonders 
wenn man ihn von außen entgegendräugt, Kehlkopf befund ganz 
normal. Patient konnte dio Geschwulst durch massirende Ma- 
növer zum Verschwinden bringen, wobei ein lautes quakendes 
Geräusch entstand. Im Verlauf von Stunden trat die Schwellung 
wieder ein. Besonders groß war sie nach der Nachtruhe. Per- 
cussionssohalldes gefüllton Tumors tyrapanitisch. Auch während der 
Expression war laryngoskopisoh gar nichts wahrzunehmen. Es 

7* 



100 Jahresbei'icht der Sohles. Oesellgchaft für vaterl. Oultur. 

handelte sich offenbar um einen mit den Luftwegen communi- 
cirenden und sich mit Luft füllenden Hohlraum, eine Aerocele. 
Die Commuuioation derselben mit den Luftwegen mußte sehr 
klein sein. Dafür sprach, daß zur Entleerung und noch mehr 
zur Wiederfüllung eine relativ lange Zeit nötig war. Einige 
Male hatte sich der Ausgang verlegt. Dann wurde die Schwellung 
noch größer und gleichzeitig traten Beschwerden beim Schlucken 
und in geringerem Grade auch beim Atmen ein. Subjective 
Störungen sonst geringfügig. 

Am 14. Juni Exatirpation. Der Tumor ließ sich leiclit aus- 
schälen. Gerade an dem Operationstage gelang die Expression 
nicht. Um mit einem kürzeren Hautschnitt auszukommen, wird 
der Tumor durch Incision verkleinert, wobei sich nur Luft ent- 
leert. Bei der Ausschälung ist der Verbindungsgang nach dem 
Kehlkopf durchrissen und nachher nicht mehr zu finden. Die 
Gegend, in der er lag, läßt sich aus feineu Luftblasen eruireu, 
die in Kochsalzlösung aufsteigen, mit der die Wundhöhle ge- 
füllt wurde. Dieselben kommen von der Grenze zwischen Scliild- 
und ßingknorpel. Das Suchen wird alsbald aufgegeben, da es 
für die Heilung vermutlich irrelevant ist. Ein Drain. Naht. 
Die Wand des Sackes ist papierdunn. Seine innere Oberfläche 
bildet ein flaches, nicht flimmerndes Epithel. In der Nacht nach 
der Operation hat Patient das Gefühl, daß beim Atmen und be- 
sonders beim Husten Luft durch die Wunde entweicht, daini 
nicht mehr. Heilung ungestört. 

Mamlok hat 18 Fälle von Aerocele zusammengestellt, von 
denen aber nur drei mit dem vorgestellten nahe verwandt sind. 
Nicht hierher gehören die medianen Laryngocelen, ebenso wenig 
die durch Aufblähung des Ventrikelblindsackes entstehende 
Aerocele ventricularis, bei der sich immer ein intralaryngeal ge- 
legener Luftsaok findet, der evont. mit einem extralaryngealen 
communicirt. Es handelte sich hier um eine subglottische Aerocele, 
von der wie gesagt drei Fälle bekannt sind. Der Vorgestellte 
zeichnet sich aus durch die Größe des Tumors und durch die enge 
Communioation zwischen Sack und Kehlkopf. 

D i s c u 8 8 i o n : 
Herr Karpel: Ich möchte den Herrn Vortragenden darüber 
um Auskunft bitten, was er von der Möglichkeit oder Wahr- 
scheinlichkeit eines ßeoidivs hält. Nach seiner Angabe be- 
stand eine Verbindung der Geschwulst mit dem Kehlkopfinnern. 
Es ist nicht gelungen den freien Gang zu sondiren. Der Gang 



T. Abl:oiliiny. Mediciiüsclie Scction. 101 



ist aber noch vorhanden. Ist es nun nicht möglich, daß durch 
diesen feinen Kanal vom Kehlkopf aus Luft in das lockere Binde- 
gewebe am Halse dringt und dadurch ein Eecidiv hervorruft? 

Herr Uonle: Nach Analogie anderer Heilungsvorgänge an 
den Luftwegen glaube ich, daß auch hier der Erfolg ein durchaus 
sicherer ist. Eine Laxyngofissur schließt sich ebenso wie eine 
Tracheotomiewunde ohne jede Naht von selber. Ganz analoge 
Verhältnisse haben wir hier nach Abreißuug des Ganges unmittel- 
bar am Kehlkopf, Daß der Verschluß eingetreten ist , dafür 
spricht auch das schnelle Aufhören des Luftaustritts. 

Ich liabe absichtlich die Genese dieser Tumoren nicht be- 
sprochen, weil sie strittig ist. Am wahrsohehilichsten ist es 
wohl für die subglottischen, daß os sich um oongenitale Bildungen 
handelt, die sich durch den in ihnen lierrsohenden Druck all- 
mählich weiten. Da ein Sack sicher nicht zurückgeblieben ist, 
scheint mir auch die Gefahr eines Recidivs nicht vorlianden. 

Herr Paul Krause: I. lieber tlierapcwtische Versuche bei 
Kranken mit Leukämie und Pseudoloukämie durch Be- 
strahlung mit Röntgenstrahlen. 

Der Vortragende wurde durch die Arbeiten von Senn, 
Bryant, ßrangor (American Medical Record), durch die Mit- 
teilungen von Ahrons und Krooke (Münchner med. Wochen- 
schrift) veranlaßt, auch seinerseits bei Leukämie- und Pseudo- 
leukämiekranken die Röntgenbehandlung zu versuchen. Die in- 
zwischen publioirten Versuche Heineckes schienen den Angaben 
der oben genannten Autoreu eine gewisse experimentelle Grund- 
lage gegeben zu haben, so daß ein solcher Versuch in jeglicher 
Weise heutzutage seine Berechtigung liat. Naoli kurzen tecl\- 
nischon Mitteilungen beriolitet der Vortragende, daß er bisher 
zwei Eälle von Pseudoleukämie' und drei Eälle von Leukämie mit 
Röntgenstrahlen behandelt habe. 

1. JTall. Fat. R. , 30 Jahre alt, faustgroßes Drüsenpaket 
pseudoleukämischen Ursprungs unter der rechten Achselhöhle. 
Blutbefund normal. Der Kranke wurde 570 Minuten mit einer 
liarten Röhre bestrahlt. Das Drüsenpaket, vor allem das peri- 
glanduläre Gewebe erweichte sich, es trat eine Verkleinerung 
mäßigen Grades ein. Das Allgemeinbefinden war ein gutes. 

2. Fall. Pat. P, , 36 Jahre alt, Diagnose: lienale Pseudo- 
leukämie. Die Milzgegend wurde im Ganzen 465 Minuten be- 
strahlt. Subjeotiv große Besserung. Objeotiv konnte keine Ver- 
kleinerung der Milz constatirt werden. 



102 Jahreslienriit flor Soliles. Oow.llFoiiafl, liir valorl. Oiiltur. 

3. Fall. Pttt. St., S7 Jahre alt, DiaguoBe: myelogene Lcju- 
kämie. Die Milz und die laugen Eöhrenknoclien wurden im 
Ganzen 570 Minuten lang bestrahlt. Die Leukocytenzahlen be- 
trugen: Am 17. V. 156000, am 4. VI, 2G000, 13. VI. 24000, 
20. VI. 29000, 26. VI. 31000. Die Erytlirocytenzahl stieg von 
2,4 auf 3,2 Millionen. Das Allgemeinbefinden besserte sich sehr. 
Ohjeotiv konnte eine Verkleinerung der Milz nicht constatirt 
werden. 

4. Fall. Fat. W., 31 Jahre alt, Diagnose: myelogene Leu- 
kämie; bisher wurden im Ganzen 565 Minuten die Gegend der 
Milz, des Sternums, der Oberschenkel, Unterschenkel, Unterarme 
bestrahlt. Wegen eines aufgetretenen leichten Erythems (nach 
340 Minuten) wurde von einer weiteren Bestrahlung der Milz 
Abstand genommen. Leukocytenzahlen: am 21. III. 1904 243000, 
bei der Wiederaufnahme am 13. VI. 281600, am 19. VI. 285800, 
am 25. VI. 340000, am 2. VII. 240000, am 15. VII. 120000. Die 
Erythrocyteuzahl hob sich von 1,5 auf 2,3 Millionen. Das All- 
gemeinbefinden war in den letzten Wochen ein ungestörtes. Eine 
objeotive Verkleinerung der Milz konnte bisher nicht constatirt 
werden. 

5. Fall. Patientin B. , 22 Jahre alt, Diagnose: myelogene 
Leukämie. Die Kranke wurde bisher 585 Minuten bestrahlt 
(Milz und Röhrenknochen). 

Wegen eines leichten Erytlioms der Bauchdeckon wird von 
einer weiteren Bestrahlung der Milzdecken vorläufig Abstand ge- 
nommen. 

Die Leukocytenzahlen betrugen am 28. V. 1904 220000, am 
11. VI. 166400, am 19. VI. 100000, am 24. VI, 90000, am 28. VI. 
80000, am 2. VII. 90000, am 4. VII. 105000. 

Das Allgemeinbefinden hat sich gebessert; in den ersten 
Tagen der Behandlung trat ein starkes palpatoriach nachweis- 
bares Reiben über der Milzgegend auf. 

Ueber den weitereu Verlauf uud die genaueren Befunde soll 
an anderer Stelle berichtet werden. Bei der Aussichtslosigkeit 
jeglicher anderer Therapie der Leukämie uud Pseudoleukämie 
scheinen weitere Versuche mit Röntgentherapie angezeigt. 

IL Demoiistrallosi voa ßöalgeiäbiSdern: 

a. Röntgenbilder von arteriosklerotischen Arterien: 
Es werden eine Serie von Röntgenbildern domoustrirt, auf welchen 
die Ai'teriae radiales, ulnares, brachiales, zum Teil in ihrer ganzen 
Ausdehnung als doppelt oonturirte breite Schatten in einwand- 



r. Abtoüiiiig, Mediciiiische Soctiun. 103 

freier Weise zur Darstellung gebracht sind; auf mehreren Bildern 
ist auch die Arteria tibialis postioa, die Arteria pediaea gut 
sichtbar. 

Der Vortragende giebt im Anschluß au die Demonstration 
eine kurze Uebersicht über die röntgograph Ischen Beobachtungen 
au arteriosklerotischen Gefällen. 

b. Röntgenbild eines Seropneumothorax nebst Be- 
merkungen über die Diagnose des Pneumothorax durch 
Röntgenstrahlen. 

An dem demonstrirtöu Bilde sieht man die horizontale 
Sohattenliuie des Exsudats scharf sich abheben vou dem leicht 
für Röntgenstrahlen durehsichtigen Pneumothorax. In dem 
medialen Teil ist ein uudurchsichtiger Schatten in Form eines 
großen Zapfens zu sehen (comprimirte und infiltrirte Lunge). 

Bei der Durchleuchtung wurde außerdem noch folgende 
Phänomene constatirt: 1. eine feine undulatorische Bewegung der 
oberen Schattenlinie verursacht durch die Herzschläge; 2. eine 
großwellige Bewegung derselben Schattenlinie bei Hin- und Her- 
bewegung des Kranken, „sichtbare Succussio Hippokratis"; 3. ein 
geringes Höhertreteu der Exsudatgrenze bei tiefster Exspiration. 

Das Herz war stark nach rechts gedrängt. 

Die Section ergab die Richtigkeit der Deutung dieser Be- 
funde. 

Der Vortragende erwähnt, daß er bei drei weitereu Fällen 
vou Sero- resp. Pyopnoumothorax ähnliche Beobachtungen ge- 
macht habe. 

III. Deraonstrattüu eines vor kurzem abgetriebenen Bo- 
thriocophahäs latsis, dessen Träger den lebenden AVurm nach- 
weislich mehr als ein Jahr beherbergt hatte, ohne irgend welche 
Krankheitssymptome zu zeigen; vor allem zeigte eine genaue 
Untersuchung des Blutes durchaus normale Verhältnisse. 

Unter 75 in den letzten Jahren in der medioinischon Klinik 
abgetriebenen Bandwürmern finden sich 43 Fälle bei Vi^eibern, 
32 bei Männern; in allen Fällen handelte es sicli um Taenia 
sagiuata. In den letzten 12 Jahren wurden, soweit aus den 
Krankengeschichten ersichtlich, nur zweimal Taenia solium 
und einmal Bothriooephalus latus, dessen Trägerin mäßige 
Anämie hatte, nachgewiesen. 

IV. Demonstration von einer Curvo niislirmonalüehon 
Fiebers ohne bekannte llrsaehe. 

Da dieser und m_ehrore ähnliclie Fälle an analerer Stelle 



104^ Jalireshcriclit der Sclilos. CiescJlscliall für valoil f'iilliir. 

publicirt werden, genüge hier der Hinweis, daß durch genaxieste 
klinische Untersuchung mit Ausnützung sämtlicher gebräuch- 
lichen experimentellen Untersuohungsmethoden eine UrsaQlie für 
das nach sieben Monate langer Dauer zum Tode führende Fieber 
nicht gefunden werden konnte; auch die sehr genau und sorg- 
fältig ausgeführte Seotion brachte keine Klärung. 

Herr Söidelmaiir. : 1. Fal! von Dysirophia muscularls. 

Es handelt sich um einen 14jährigen Knaben, der angeblich 
seit vielen Jahren an Schwäche in den Beinen leidet und seit 
etwa drei Jaliren nicht mehr so herumlaufen kann wie früher- 
besonders das Treppensteigen und das Aufrichten aus gebückter 
Stellung macht ihm Schwierigkeiten. Auch die Arme seien nicht 
mehr so kräftig wie früher. 

Die Betrachtung des Patienten ergiebt, daß in erster Linie 
diejenigen Muskeln von der Atrophie betroffen sind, welche dou 
Schulter- und den Beckengürtel umgeben. Die Schulterblätter 
können nicht genügend fixirt werden, beim Versuch, den Jungen 
unter den Schultern emporzuheben, gehen diese mit in die Höhe 
(sogen, „lose Schultern"). Die Oberarramusculatur ist beiderseits 
nur wenig, die Vorderarm- und kleinen Hand- und Mngermuskelu 
sind gar nicht betroffen. Von den Beckoumuskeln sind haupt- 
sächlich die Glutaei befallen, wodurch die Streckung im Hüft- 
gelenk unmöglich gemacht wird; daher erklärt sich die Unfähig- 
keit, Treppen zu steigen. Auch die Ein- und Auswärtsroller der 
Oberschenkel, sowie der M. quadrioeps und die Adduotoren sind 
in ihren Functionen geschwächt, während die Unterschenkel- und 
Fußmuskeln wieder intact sind. 

Characteristisch ist die Lordose der Lendeuwirbelsäule, die 
auch durch die Schwäche derjenigen MuakeLi bedingt ist, die 
die Streckung im Hüftgelenke besorgen. Der Gang ist infolge 
der ungenügenden Fixation des Beckens watschelad. Typisch ist 
endlich das Aufrichten des Körpers aus der Rückenlage: der 
Patient wälzt sich zunächst auf den Baucli, sucht darauf in kniende 
Stellung zu gelangen, stützt sich dann mit den Händen auf die 
Knie und klettert gewisserraaikn an seinen eigenen Beineu empor, 
um sohlicßlicli mit einem Ruck den Oberkörper vollends auf- 
zurichten. 

Die Sensibilität ist alleuthalbeti lutaot, die Sehnenrellexe sind 
ziemlich schwaoli, es bestehen keine fibrilläreri Zuckungen in den 
atrophischen Muskeln, es findet sich keine Entartungsreaction, 
sondern lediglicli eine quantitative Herabsetzung der electrischen 
Erregbarkeit. 



{. Abtoilunn;. Mcdiciiiisolio Sektion. 105 

Bemerkt sei noch, daß die Gesiohtsmusculatur nicht ergriffen 
ist, und daLi auch hinsichtlich der hereditären Vorhäitnisse niclits 
zu eruireu war. 

Eine sogen. Pseudoliypertrophie der Musculatur ist nirgends 
nachweisbar. 

Es ist der Fall ein klassisciios Beispiel für die uij'opathische 
Form der infantilen progressiven Muskelatrophie ohne Beteiligung 
der Gesiohtsmusculatur und ohne deutliche Pseudohypertrophie. 

2. Fall von Chorea hereditnria (Hiniüngton'sclse Chorea). 

Der Patient, ein 43 jähriger Schuhmacher, leidet seit etwa 
6 — 7 Jahren an allmählich eutstaudener, allgemeiner körperlicher 
Unruhe, die sich in ungewollten, ungeordneten und zwecklosen 
Bewegungen der Arme und Beine äußert; auch die Gesiohts- 
musculatur, der Kopf und in geringem Grade auch der Rumpf 
sind betroffen. Seit l^/j Jahren hat die Krankheit an Intensität 
zugenommen, so daß Pat. seiner Beschäftigung nicht mehr nach- 
gehen kann. Bei körperlicher Ruhe lassen die Bewegungen nach, 
im Schlaf sistireu sie gänzlich, bei Aufregungen und auch bei 
längerer Beobachtung werden sie stärker. In psychischer Be- 
ziehung finden sich bis jetzt noch keine Alterationen, wenngleich 
der Pat. behauptet, daß sein Gedächtnis in der letzten Zeit nach- 
gelassen hat. 

In hervorragendem Maße ist bei dem Pat. das für die Chorea 
chronica progressiva characteristische Moment der Heredität aus- 
geprägt: sein Großvater, sein Vater, der Bruder des Vaters und 
ein Bruder von ihm selbst haben viele Jahre hindurch an der- 
selben Krankheit bis zu ihrem Lebensende gelitten! 

Herr v. Striimpüll zeigt einen Krankeji mit reclitsscitiger 
Hemiplegie, bei dem das sog. Tibialisphänotneu in besonders 
starker Weise vorhanden ist. Es bespricht kurz die Bedeutung 
dieser namentlich in theoretischer Hinsicht beachtenswerten Er- 
scheinung. 

Herr Müller: Fall von Tabes dorsalis rait chronischem 
Morphinismus bei einem 41 Jahre alten Patienten. Beginn der 
Erkrankung vor sechs Jahren, ungefähr ein Decennium nach der 
syphilitischen Infeotion mit lancinirenden Schmerzen in den ünter- 
extremitäten und gastrischen Krisen. Wegen der quälenden 
Initialsymptome zunehmender Morphiumuiißbrauch; im Gefolge 
der stetigen Injeotionen multiple Abscesse namentlich an Bruat- 
nnd Bauohhaut sowie an der Vorderseite beider Oberschenkel. 
Erfolgreiclie Entziehungskur. Kurze Besprechung der Therapie. 



lüö Jalircshericlit dor Sclilcs. GosellBoluift für vaterl, Culliir. 

Herr K. Ziegler &teilt einBii Eali von typischer alkoholischer 
Polyneuritis bei einer 34 jährigen Gastwirtsfrau vor. Die Krank- 
heit hatte mit starken Schmerzen und Parästhesien in den 
Beineu und psychischen Störungen begonnen, bestand seit drei 
Monaten und zeichnete sich durch periphere Lähmungen im Ge- 
biete dor Nervi peronei, tibiales, radiales, mediani und ulnares 
mit completer Entartuugareactiou aus. 

Herr Sandberg jr.: Demonstration von zwei pathologisuh- 
smatomischen Präparaten. Dieselben stammen von einer 39 jährigen 
Frau, welche am 9. VI. 1904 in die medicinisohe Klinik auf- 
genommen wurde und am 29. VI. 1904 daselbst gestorben ist. 

Das eine Präparat zeigt einen typischen reitenden Embolus, 
der auf dor Teilnnc;3SLcllo dor Aort:'. doscendens reitet, beiderseits 
ein Stück weit in uio Iliacae liiiioinreicht, und sich dann weiter 
in die Femorales und Hypcgastriciie in Geatalt von roten Thromben 
fortsetzt. Mit der Wand der rechten Iliaca ist der Thrombus 
im oberen Teil verwachsen. 

Das andere Präparat ist die rechte Niere, welche durch 
zahlreiche anämische Infarote hochgradig verändert ist. Die 
Arteria renalis iat durch einen Embolus verstopft. 

Der Ausgangrpuiikt beider Embolien ist ein großer wand- 
ständiger Thi'ombus im liidieu Herüohr. 

Am Herzen beatiind eine Mitralstenose und eine schwere 
Myooarditis. 

Der kludsühe Verlauf gestattete eine fast sichere Diagnose: 

Patientin hat früher zweimal Gelenkrheumatismus durch- 
gemacht. Im Anschluß an den zweiten Gelenkrheumatismus hat 
sich ein Herzfehler entwickelt. 

Wegen erheblicher Compensationsstoruugen suchte Patientin 
die Aufnahme in die Klinik nach. Am IG. VI. 1904 klagte die 
Patientin über einen plötzlich auftretenden Schmerz in beiden 
Beinen. Die Beine waren eiskalt. Schon die bloße Berührung 
der Beine war sehr schmerzhaft. Dabei Vertaubungsgofühl. 
Crural- und Eußpulso fehlten beiderseits und waren bis zum 
Tode nicht melir zu fühlen. 

Im Laufe der nächsten Tage wechselte die Temperatur der 
unteren Extremitäten etwas. Symptome einer beginnenden Gangrän 
waren nicht vorhanden. Es war ohne Zweifel der Verschluß ein 
nicht ganz vollständiger, und ein wenn auch geringer Blut- 
zufluß zu den unteren Extremitäten möglich. Fünf Tage vor 
dem Tode gesellten sich plötzlich heftige Schmerzen in der 
rechten Nierengegond hinzu, am nächsten Tag auch in dor linken 



I. Abteilung, fiiedicini.sche Soctidii. 107 

Nierengegend. Die Urinmenge, die bis zu diesen letzten Sohmerz- 
anfallen nicht auffallend vermindert war, verringerte sich jetzt 
von Tag zu Tag. Der Urin enthielt große Mengen Eiweiß, Blut 
und zahlreiche hyaline und grauulirte Cylinder. Die linke Niere 
zeigte sich bei der Autopsie, wenn auch in geringerem Grade 
als die rechte, durch anämische Infarcte verändert. 



Sitzung vom 28. October lOOl. 
Tagesordnung: 
Herr Fossfik und Herr von StrümpelS: Worte tlivs- Er- 
iiuicrnng an Cnri Weigert. 

I. Rede des Herrn Gehcimrat Professor Ponfiek. 
Hochgeehrte Herren ! 

In den Augusttagen dieses Jahrea drang, allen unerwartet, 
die Trauerkunde an unser Ohr, daß das hochgeschätzte Ehren- 
mitglied dieser Clesellechaft, daß Carl Weigert plötzlich aus 
dem Leben geschieden ist. 

Scheinbar in voller Gesundheit war er, inmitten der gewohnten 
stillen Arbeit, der Wissenschaft und den Seinigen entrissen worden. 
Nach einem im nächsten Freundeskreise harmlos und heiter ver- 
lebten Abende hatte man ihn am folgenden Morgen tot im Bette 
gefunden: ein Entschlafen, wie es die Götter nur ihren Lieblingen 
EU gewähren pflegen! — 

Zwar war in Prankfurt a. M., der Stadt, welcher seine au 
wissenschaftlichen Erfolgen so reiche Wirksamkeit 20 Jahre hin- 
durch angehört hat, die Teilnahme für den v/eithiu anerkannten 
Forscher, den allgemein geschätzten und geliebten Menschen so 
umfassend und so lebendig, daß sie sich in selten großartigem 
Maße bethätigte. 

Siolierlicli nicht minder tief war und ist aber die Trauer in 
derjenigen Stadt, wo er nicht nur seine Universitätszoit verlebt, 
sondern wo er auch seine besten Lebensjahre zugebracht hat, wo 
er die Grundlagen legte zu der fruchtbaren Entwicklung der fol- 
genden Jahrzehnte. 

Und war diese Zeit des Eintrittes und der zunehmenden 
Vertiefung in dasjenige Fach, welches er alsdann zu seinem 
Lebensberufe erwählte, nicht insofern doppelt bedeutsam, als 
gerade damals die neue Wissenschaft der pathologischen Anatomie 
eben erst Leben und Gestalt gewann? 



108 Jalire.'iiwricilt der Schlos. Gesolls^chaft für vatorl. OulUir. 

So spiegelt uns denn die Thatsache, daß Weigert naoli- 
einaiider als Asaisteiit von Leben, Waldeyer und Cohnheim 
fungirt hat, in den Namen dieser drei in sich so verschieden- 
artigen Männer die weoheelvoUe Reihe aller der an Mühen reichen 
Phasen wieder, welche der Entwicklungsgang der jungen Disoiplin 
zu durchlaufen hatte. Zugleich sagt sie uns aber, daß jeder 
dieser drei Förderer der neuen, die Pathologie umgestaltenden 
Richtung eifrig darauf bedacht war, sich die Unterstützung eines 
80 begabten Mitarbeiters zu sichern, eines Mauues, dessen Sach- 
kenntnis und Tüchtigkeit nur übertroffen wurde von seiner Hin- 
gebung für die gemeinsame große Aufgabe. 

In der That ward sein Verhältnis zu dem letzten der drei 
Genannten, zu Julius Cohnheim, mit der Zeit ein so enges, das 
Band, das ihn mit diesem geistvollen Forscher verknüpfte, ein so 
unzerreißbares, daß es mit den Breslauer Jahren (1873 — 1878) 
keineswegs seinen Abschluß fand. Vielmehr begleitete er den 
bald zum Freunde gewordenen Meister auch nach Leipzig, um 
an seiner Seite eine immer umfassendere Lehr- und Forsoher- 
thätigkeit zu entfalten. Vollends als sich bei jenem immer 
ernstere Zeichen des Leidens kundgaben, welchem seine kräftige 
Constitution vor der Zeit erliegen sollte, übernahm er mehr und 
mehr die gesamte Vertretung bis über Cohnheims 1884 erfolgten 
Tod hinaus. 

Von jenem Jahre ab bis vor wenigen Wochen hat er dann 
in Frankfurt a. M. als Forscher gewirkt an jener weithin bekannten 
Stätte naturwissenschaftlich -medicinischer Forschung, die der 
Gemeinsinn eines einfachen Bürgers, des uns schon aus „Wahrheit 
und Dichtung" vertrauten Arztes Johann Senckenberg ge- 
stiftet hatte und deren Ansehen die folgenden Geschlechter immer 
mehr zu steigern gewußt haben. 

Hier entstand jene lange Reihe von Arbeiten, in denen uns 
Weigert, ein Meister der histologischen Methodik, die Mittel 
an die Hand gegeben hat, um bestimmte Gewebsbestandtoile, 
deren Anwesenheit im Einzelfalle oft genug ungewiß, ja mannig- 
fach bestritten hatte bleiben müssen, rasch und sicher zu erkennen. 
Hiermit fuhr er freilich nur fort in einer Arbeitsriohtung, dem 
Studium der specifischeu Tinctionsfähigkeiten, in welcher 
er bereits lange zuvor, beinahe noch Anfänger, große Erfolge 
erzielt hatte. War es ihm doch schon 1871 gelungen, auf dem 
Wege der Färbung Baoterien als solche kenntlich zu machen, 
wonige Jahre danach sogar, sie auch im Schnittpräparate so dout- 



I. A.bteilinig. Modiciiusclie Sectiuii. 109 

Höh gegenüber den sie umgobeudeii Elementen herauszuheben, 
(lau sie sich unschwer von ihnen unterscheiden ließen (1876). 

Welchen Nutzen die neue, eben dararils auftauchende Wissen- 
schaft der Bacteriologie von diesem folgenschweren Fortschritte 
gezogen hat, das lag bald klar vor aller Augen. Das hat denn 
anoh kein Geringerer als Robert Kooh selber ausdrücklich an- 
erkannt. 

Allein erst die Uebertragung ähnlicher Principieu auf die 
mannigfachsten anderen Gewebsbestandteile zeigte auch dem Kreise 
der engeren Fachgenossen, wie wertvolle Ergebnisse sich bei 
consequentem Verfolgen der von Weigert eingeschlagenen Bahn 
erlangen ließen. Die Fruclit dieser äußerst mühevollen Unter- 
suchungen war das Auffinden einer einfachen Methode zur Färbung 
des Aohsenoylinders (1882) und einer eben solchen für die Mark- 
scheiden der Nerven (1884). 

Die lange erstiebte Ergänzung beider, die er jedoch, wegen 
der Sprödigkeit des zu behandelnden Substrates, erst viel später 
erreichte, ist verkörpert in seinem letzton großen Werke, den 
„Beiträgen zur Kenntnis der normalen menschlichen 
Neuroglia" (1896). Der Umstand, daß er diese Abhandlung 
dem Frankfurter ärztlichen Vereine zu dessen SOjährigem 
Jubiläum gewidmet hat, ist zugleich ein sprechendes Zeugnis für 
die nahen Beziehungen, in welchen er zu der dortigen Aerzto- 
sohaft stand als deren eifrig gesuchter Lehrer und Berater. 

Indem er darin alle künftigen Bearbeiter eines so schwierigen 
Objectes, wie der Neuroglia, eine für diese charaoteristische 
Färbung lehrte, schuf er die Vorbedingung nicht blos für ein 
gesiclierteres Verständnis von deren normalem Baue, sondern auch 
von einer Fülle pathologischer Processe, 

Inzwischen aber hatte er vormöge des Scharfsinnes, der un- 
ermüdlichen Ausdauer, womit er es verstand, ein einmal gestocktes 
Ziel — allen im Stoffe gelegeneu Hindernissen zum Trotz — 
dennoch z\i erreichen, eine Methode entdeckt, um Fibrin kenntlich 
zu machen (1887), der 1898 eine solche für den Nachweis von 
Elastin folgte: Errungenschaften, die sehr mit Unrecht da und 
dort als lediglich technische bewertet worden sind. Gewährten 
doch erst sie die Möglichkeit, eine Reihe allgemein-pathologischer 
Fragen der Entscheidung zuzuführen, au der nicht am wenigsten 
er selber sich lebhaft beteiligt hat. Zogen ihn doch gerade solche 
in besonderem Maße an, fand er doch auch dabei vielfach Ge- 
legenheit, fruchtbare neue Wege einzuschlagen. 

Ich erinnere nur an seine erste größere Abhandlung, die 



no Jiilmisbaviolit der Sclilos. nosollwchaft für viitoi-I. Cultiiv. 

Moiiograplüö über die Pocken (1874), weiterhin an die ver- 
schiedenen Arbeiten, in denen er, ausgehend von dem Stadium 
des Croup und der Diphtlierie, die Lehre von der Coagulatious- 
necrose begründete. Er zeigte nämlich, daß derjenige Vorgang, 
welcher die mannigfachen Erscheinungsforraen des örtlichen Todes 
einleitet, auf einer Gerinnung beruhe, die sich unter dem Ein- 
flüsse plasmatischor Saftatröme innerhalb des Zellproptoplasmas 
vollzieht. 

Von großem, zugleich praktisoh-klinisohem Interesse war sodann 
die 1SV9 herausgegebene Abhandlung „lieber die Bright'solvo 
Nierenkrankhoit vom pathologisch-anatomischen Stand- 
punkte". Denn sie räumte nicht nur auf mit mancher Unklar- 
heit, manchem inneren Widerspruche der bis dahin herrschenden 
Anschauungen. Sondern es wohnte ihr auch eine erhebliche 
Tragweite inne für die gesamte Entzündungslehre. Denn gestützt 
auf die an der Niere erhobenen Befunde sah er sich gedrungen, 
als Ursache und Ausgangspunkt jeder Entzündung die „Zell- 
sohädigung" liinzustellen anstatt der bis dahin in den Vorder- 
grund gerückten „Zellreizung". 

Wie großen Wert er darauf legte, diesem Gedanken eine 
immer weitere Verbreitung zu verschaffen, das geht klar hervor 
aus der Thatsache, daß er für Beinen auf der Frankfurter Natur- 
forsoherversammlung gehaltenen Vortrag eben dieses Thema ge- 
wählt hat. Hier, in den „Neuen Fragestellungen in der 
pathologischen Anatomie" war er bomülifc, die allgemeine 
Giltigkeit der erwähnten Atiffassung darzuthun und ihr zugleich 
eine noch bestimmtere Fassung zu geben. 

Unstreitig noch universelleres Interesse erweckten seine 
Untersuchungen über die Verbreitungaw eise der 
Tuberculose. Führten sie ihn doch dazu, die getrennten oder 
zerstreuten Erscheinungen, aus denen sich die Pathogenese der 
acuten Miliartubercidose zusammensetzt, mittels neuer bedeut- 
samer Zwisohongiieder z;i einer fortlaufenden Kette zusammen- 
zuschließen. Es gesoliah da,s in der Abhandlung „Uebor Venon- 
tuberculoso und ihre Beziehung zur tuberculösen Blut- 
infection". 

Wie Sie alle wissen, hochgeehrte Herren, ist dieses bislang 
fohlende Glied diejenige Stelle des Gefäßsystems, wo der tuber- 
culose Herd die ihm benachbarte Wand einer Vene, oft genitg 
einer recht ansehnlichen, durchbricht, wo er hiermit freie Bahn 
schafft für die Fortschwemmung des in ihm angesammelten 
Virus in die allgemeine Säftemasse. 



r. Abtoiluiig. Medicinisoho Soctinn. 111 



Insofern lauser hochgesoViätztes Ehreninitgiied den ersten 
Gedanken, welcher ihn allmählich zu dem soeben bezeichneten 
Ziele leitete, nicht nur hier in Breslau gefaßt, sondern auch die 
erste kurze Mitteilung darüber in unserer CTesellsohaft gemacht 
liat, glaube ich, meine flüchtige Skizze seines wissenschaftlichen 
Lebensganges nicht besser beschließen zu köimen, als indem ich 
der bedeutsamen Bereicherung gedenke, welche unsere Einsiciht 
in die häufigste und wichtigste aller den Arzt beschäftigenden 
Krankheiten durch ihm gewonnen hat. 

Meine Herren! Der Mehrzahl von Ihnen allen war Carl 
Weigert auch als Mensch wohlbekannt und teuer. Vielen von 
Ihnen hat er auch persönlich nahe gestanden. Denn ein treuer 
Sohn seiner schlesischen Heimat empfand er stets ein inneres, 
weder durch Raum noch Zeit jemals zu minderndes Bedürfnis, 
ihr und den in ihr wirkenden Männern geistig nahe zu Ijleiben. 

Eben dieser Gesinnung hat er selber einen schönen, aller 
Herzen erhebenden Ausdruck verliehen in jenen „letzten Worten", 
die er vor noch nicht Jahresfrist uns Allen, hier in der Aula 
Leopoldina, zugerufen hat: „Als langjährigem einstigen Mitgliede 
ist es mir eine besondere Freude, Ihnen bei solch festlichem 
Anlasse meinen Willkomm zuzurufen. 

Denn wo immer Soiilesier auch leben mögen, stets 
und überall fühlen wir uns mit dem teueren Boden 
unserer Heimat eng verbunden"! 

Um zugleich diesem Menschen Weigert den Zoll unserer 
Verehrung darzubringen, wollen Sie nun auch Herrn Collegon 
von Strümpell eit}ige Worte des Gedenkens gestatten. 

IL Rode des Herrn Geheimrat Prof. v. Strümpol]. 
Meine hochverehrten Herren Coliegen! 

Nachdem Sie soeben aus berufenstam Munde einen Abriß 
der Lebensgeschichto Carl Weigerts und eine Würdigung seiner 
Verdienste auf dem Gebiete pathologischer Forschung gehört 
haben, bitte ich Sie nun auch mir zu gestatten, einige Worte 
der Erinnerung an meinen verstorbenen Freund und Lehrer 
hinzuzufügen. 

Als J. Oohnheim im Frühjahr 1877 von Breslau nach Leipzig 
übersiedelte, um dort die Professur für allgemeine Pathologie 
und pathologische Anatomie zu übernehmen, brachte er von 
Breslau seinen ersten Assistenten, den aus diesem Anlaß zum 
außerordentlichen Professor ernannten Carl Weigert mit. Der 
Eintritt dieser beiden Männer in den raedicinisohen Lehrkörper 



Jaliros}jei'icIit der Sdiles. Gesonscliaft, für vatp.rl. Ciiltur. 



dor Uuiveinität bedeutete für uns Jüngere — ich selbst war 
damals seit 1^2 Jahren Assistent der medioinisclien Klinik — 
den Aufarg einer neuen Epoche. Zwar hatten wir auch schon 
zuvor ausgezeichnete Männer als Lehrer gehabt. Aber mit Cohn- 
heim und Weigert trat mit einem Mal eine Fülle neuer, uns 
bis dahin ungewohnter Anschauungen und Ideen in unseren 
Gedankenkreis, ganz neue Fragestellungen wurden uns vertraut 
und wir empfanden an unserem geringen Teile etwas mit von 
der Freude und Lust, auf neuen Bahnen neuen wissenschaft- 
lichen Zielen entgegenzustreben. Von unseren bisherigen Lehrern 
war Wunderlich ein Meister der klinischen Symptomatologie 
nnd Krankeubeobachtung gewesen, Wagner ein vortrefflicher 
pathologischer Anatom, der die vorkommenden krankhaften ana- 
tomischen Veränderungen genau beschrieb und einteilte. Mit 
Cohnheim und Weigert traten aber zum ersten Male die Fragen 
der Aetiologie, das Forschen nach den Ursachen der Krankheits- 
erscheinungen , nach der Art ihres Entstehens und ihrer Auf- 
einanderfolge durchaus in den Vordergrund des Interesses. Wir 
befanden uns damals sozusagen im Prodromalstadium der Lehre 
von den Infeotionskrankheiten. Noch waren die Tuberkelbacillen 
nicht entdeckt, aber niemand im Cohnheim'sohenlnstitut zweifelte 
im Geringsten an der infectiijsen Natur der Tuberculoae und 
gerade an dieser so häufigen Krankheit konnten die Aufgaben 
der pathogenetischen Forschung am besten gelehrt und studirt 
werden. In jedem Falle tuberculöser Erkrankung wurden die 
Fragen nach der Eingangspforte des Virus und nach den Wegen 
seiner weiteren Ausbreitung im Körper genau erörtert. — Fragen, 
an die man bis dahin kaum gedacht hatte. Ich erinnere mich 
noch jetzt ganz genau, wie mir Weigert zum ersten Male mit- 
teilte, daß die gewöhnliche, sogen, primftre exsudative Pleuritis 
fast ausnahmslos eine tuberoulüse Erkrankung sei und wie wir 
klinischen Assistenten nun alsbald in jedem eiuKelnen Falle von 
pleuritisohem Exsudat die Entstehung der Infoction im Pjinzeluen 
nachzuweisen suchten. Wie oft haben wir damals discutirt über 
die Entstehungsweise der tuborcidösen Meningitis, der tuber- 
culöaen Knochenerkrankungen und vor allem der acuten Miliar- 
tuberculose. Mit welcher Spannung und welchem geduldigen 
Eifer verfolgten wir bei den Sectionen der an Miliartuberoulose 
Verstorbenen das oft so mühsame Suchen nach dem Orte, wo 
ein tuberculöser Herd in die venöss Blutbahn eingebrochen war 
und von hier aus den ganzen Körper mit tuberculösem Infections- 
material überschwemmt hatte. Wie groß war die Freude, wenn 



I. Abteilung. Medicinische Soctiori. 



die Weigert'sohe Entdeckung der Veneutuberculose wieder ein- 
mal eine neue Bestätigung erhielt! 

üeberhaupt lag das Schöne und Fruchtbare jener Zeit vor 
allem in dem gemeinsamen Arbeiten der Klinik und des patho- 
logischen Instituts, wie es in dieser Weise gewiß selten wieder- 
kehren wird. Freilich waren wir Kliniker mehr die Empfangenden, 
als die Gebenden, aber die Anatomen brauchten doch auch oft 
genug unsere Angaben zur völligen Aufklärung der einzelneu 
Fälle. Der leitende Geist der gemeinsamen Arbeit war Gohn- 
heim, aber wir Jüngeren traten natürlich zunächst dem Assistenten 
Weigert persönlich näher, als dem Director deslnatitutes. Weig ert 
machte die meisten wichtigeren Scctionen und mit ihm wurden die 
oin^elnen Fälle immer zuerst eingehend besprochen. Dann aber 
kamen zweimal in der Woche die pathologisch -anatomischen 
Demonstrationen von Cohnheim. Vor jeder Demonstrations- 
stunde war eine bestimmte Zeit festgesetzt, in der Cohnheim 
sich das gesamte für die Demonstration vorhandene Material 
ansah und die einzehien den Studenten zu demonstrirenden Fälle 
auswählte. Bei diesen Vorbesprechungen war Weigert stets 
dabei, aber besonders liebte es Cohnheim, wenn auch die be- 
treffenden klinischen Assistenten, die Auskunft über den Krank- 
heitsverlauf der einzelnen Fälle geben konnten, an den Vor- 
besprechungen mit teilnahmen. Dies waren für uns die 
lehrreichsten Stunden. In durchaus ungezwungener, aber stets 
lehrreicher und äußerst anregender Weisö wurden hier alle 
wichtigen allgemein -pathologischen Fragen, zu denen die einzelnen 
Fälle Anlaß gaben, erörtert und an dem vorliegenden Material 
geprüft. Für Cohnheim und Weigert war das Ergebnis einer 
Section niemals ein bloßes gleichzeitiges Nebeneinander der ver- 
schiedensten krankhaften Veränderungen in den einzelnen Organen. 
Die Aufgabe des Anatomen war erst erfüllt, wenn die Ursaclie 
aller Veränderungen, ihre zeitliche Aufeinanderfolge, die Art ihres 
Entstehens klargelegt waren. Dies mag heute selbstverständlich 
erscheinen. Damals war es aber nicht so. Wenigstens hatten 
wir zuvor uns noch niemals so ernstlich bemüht, z. B. in jedem 
Falle von scheinbar idiopathischer Herzhypertrophie die möglichen 
functionellen Ursachen herauszufinden, die Entstehung der socun- 
dären Pneumonien durch Versolilucken oder durch Blutintoxication 
(bei der Nephritis) zu erklären, der Ausbreitung der Entzündungen 
von einer serösen Haut zur anderen nachzuspüren, die Ursache 
der häufigen Combination von Lobercirrhose mit tuberculöser 
Peritonitis zu ergründen u. s. w. So lernten wir durch Cohn- 



114 Jahrosboricht der Sohlos. Qesellsehafl für vaterl. Oiiltur. 



heim und Weigert in dem pathologisch- anatomischen Zustande 
der Gewebe immer nur das Ergebnis des pathologischen G-e- 
sohehens zu erblicken und unsere Gedanken bei allen Einzel- 
heiten immer auf die allgemeinen pathologiBoheu Vorgänge zu 
richten. Die Unterordnung der krankhaften Vorgänge in den 
einzelnen Organen unter allgemein giltigo pathologische Gesetze 
war ein für Weigert besonders charaotGristisohea Bestreben. 
Sein Lieblijigsgedanke, gewissermaßen der Grundpfeiler seiner 
allgemein- pathologischen Anschauungen, war die Annahme, daß 
der Beginn aller exogenen, d. h. auf äußere Ursachen zurück- 
zuführenden krankhaften Vorgänge immer zuerst in einer Sohädi- 
gung des Gewebes, und zwar des eigentlichen specifischen 
Organgewebes bestehe. Also nicht die Reizung, sondern die 
Schädigung und der sohließliohe Untergang der Leberzellati, 
der Nierenzcllen, des Nervengewebes u. s. w. sei dar primäre 
krankhafte Vorgang, an den sich erst seoundär infolge des ge- 
störten Gleichgewichts zwischen dem Organgewelio und dorn 
Stützgewebe die Wucherung dos letzteren, also die Zunahme dos 
Bindegewebes bei der Leber- und Nierenschrurapfung, die Zu- 
nahme der Glia bei den nervösen Degenerationen anschließe. 
Weigert nannte diese seine Lieblingstheorio im Scherz gewöhnlich 
die Sohiwa-Theorie, nach dem indischen Gotto der Zerstörung. 
Wie oft genügte das eine mit einem bedeutsamen Blick aus- 
gesprochene Wort „Sohiwa", um uns gegenseitig über eine ganze 
pathologische Streitfrage zu verständigen. Am eiiigehendsten 
durchgeführt hat Weigert die „SchiwaThoorio" bei seiner Dar- 
stellung der acuten und olironischen Nepliritis. Ich erinnere mich 
eines Semesters aus der damaligen Zeit, wo wir überhaupt fast 
ganz in Nierenpathologie aufgingen. Wagner schrieb an der 
Bearbeitung des Morbus Brightii für die neue Auflage dos 
Ziemssen'sohen Handbuchs, Weigert arbeitete an seinem klassi- 
schen Aufsatze über die verschiedenen Formen der chronischen 
Nephritis in den Volkmann'schen klinischen Vorträgen, Cohn- 
heim interessirto sich vor allem für die allgemein- pathologisch 
so überaus wichtige Frage nach den ürsaolien der Herzhyper- 
trophie bei den Nierenerkrankungen und wir Assistenten unter- 
suchten den ganzen Tag die Nierenkranken und ihre Harn- 
sed'iniente. Wie sehr hat aber auch die Nierenpathologie an 
Klarheit und Einheitlichkeit durch die Untersuchungen Weigerts 
gewonnen ! 

Die pathologische Histologie und der Unterricht in der mikro- 
skopischen Technik ruhten ausschließlich in der Hand We ige rts. 



I. Abteilung. Medicitiische Soction. 



Cohnheim hatte seine Arbeit fest ausschließlich in das Ex- 
perimentiraimmer verlegt, die histologischen Untersuchungen be- 
sorgten unter der Anleitung Weigerts die Assistenten. Wer 
damals die neuesten und besten histologischen Untersuohungs- 
methoden für die kranken Gewebe kennen und anwenden lernen 
wollte, mußte zu Weigert in's Leipziger pathologische Institut 
kommen. Hier konnte man am besten „Sohneiden" und „Färben" 
lernen! Die Anwendung der kernfärbenden Anilinfarbstoffe und 
zahlreiche besondere histologische Färbungsmethoden (Färbung 
der elastischen Fasern, der Markscheiden, der Neuroglia) ver- 
danken wir Weigert. Man hat ihm zuweilen den Vorwurf ge- 
macht, er sei zu sehr „Färber" gewesen und habe zu viel Zeit 
und Mühe auf die Ausarbeitung der technischen Methoden ver- 
wandt. Kein Vorwurf kann ungerechter sein. Denn nie war 
die technisoho Methode ihm Selbstzweck, sondern immer nur das 
unentbehrliche Mittel zur Lösung bestimmter wissenschaftlicher 
Aufgaben. Weigert hat der histologischen Färbeteohnik eigent- 
lich erst ihre wissenschaftliche Grundlage gegeben, indem er die 
Notwendigkeit der electiven Färbemethoden hervorliob. Li 
seiner Hand wurde die Gowebefärbung ein analytisches Hilfsmittel, 
der Farbstoff zum chemischen Reagens auf ganz bestimmte Ge- 
webearten und Gewohebestand teile. Mit unendlicher Geduld und 
Ausdauer arbeitete er an der Vervollkommnung seiner Methoden. 
Wenn die Sache nicht gehen wollte, dachte er fast beständig an 
neue Versuche und Abänderungen und war dann für nichts anderes 
zu haben. Nicht seiton, wenn ich früh in's Listitut kam, geschah 
08, daß er, fast ohne zu grüßen, mich gleich mit einem lebhaften 
Ausruf: „Jetzt weiß ich's, man muß das Kupfersulfat erwärmt 
einwirken lassen" oder dergleichen empfing. Wie viel Fortschritte 
verdankt die Pathologie diesen Methoden, deren Anwendung er 
stets sofort willig und ohne jede kleinliche Eifersucht auch seinen 
Schülern überließ, die dann ohne viel Mühe manoli neuen Fund 
machten, den sie eigentlich nur Weigert und seiner Methode 
vordankten. 

Wie sehr Weigert auch ständig in dem Gedankenkreise 
seiner Arbeit und seiner Untersuchungen lebte, so war er doch 
nichts weniger, als ein einseitiger Fachgelehrter. Schon sein 
stetes Bestreben nach dem Auffinden allgemein giltiger Gesetze 
für das pathologische Geschehen führte ihn zu dem Studium der 
übrigen biologischen Wissenschaften und so hat er namentlich 
die Fortschritte der Entwicklungsgeschichte, der allgemeinen 
Zoologie und Botanik stets eifrig verfolgt. Seine histologisch- 



116 Jahi-Rsbericlit der Schles. Qesenscliail für vateri. rultiir. 

technischen Bestrebungen brachten ihn mit der Chemie in nähere 
Beziehung und ich erinnere mich ihn wiederholt getroffen zu 
haben über dem eifrigen Stadium eines rein chemischen oder 
technisch - chemischen Werkes über die Teerfarbstoffe und ähn- 
lichem. Aber auch die "Welt des Schönen war ihm nicht ver- 
schlossen. Für Musik hatte er freilich kein sehr empfängliches 
Ohr, sein Goethe war ihm a,ber oft ein Herzensgefährte und 
auch in der neueren Litteratur war er gut zu Hause. Die vielen 
fremdländischen Schüler, die der Ruf des pathologisclien Instituts 
nach Leipzig lockte, gaben Anregung zu roancherloi Sprachstudien 
und Weigert machte es besonderen Spaß, wenn er den Russen 
mit einigen russischen Redensarten empfangen konnte. Besonders 
nahe standen ihm einige scandinavische Freunde und Schüler 
und so kam es, daß sich Weigert allmählich eine recht weit- 
gehende Kenntnis der nordischen Sprachen aneignete. Die Meister- 
werke Ibsens und Björnsons las er in norwegischer Sprache. — 
Aber auch an einfacherer geistiger Beschäftigung fand er Gefallen 
zur Erholung und Abwechselung. Wer ihn am Sonntag Morgen 
besuchte, fand ihn wohl oft mit dem Lösen von Räthseln, Rössel- 
sprüngen und besonders gern der mathematischen Aufgaben der 
Sonntagsnumraer vom „Leipziger Tageblatt" beschäftigt. Wei gert 
war durch und durch eine offene, liebenswürdige, fröhliche, mit- 
teilsame Natur, die auch an geselliger Kurzweil, an Scherz und 
Spiel gern teilnahm. Er hatte etwas kindlich Heiteres in 
seinem Wesen und auch manche schwere persönliche Sorge konnte 
diesen Grundzug seines Wesens — wenigstens in der damaligen 
glücklichen Leipziger Zeit — nicht trüben. Wenn Weigert, 
was oft geschah, Abends nach dem Abendessen zu uns Assistenten 
in dieKlinik herüberkam, war er stets der Mittelpunkt des allgemeinen 
heiteren Gesprächs, erzählte seine — freilich oft schon bekannten, 
aber doch immerwiedergern gehörten, woil vorzüglich vorgetragenen 
Geschichten, oder ließ sich sogar bewegen, ßauohredekünste und 
Gedankenlesen zum besten zu geben. Aber diese Nebendinge 
taaten doch ganz zurück gegenüber dem wissenschaftlich fördern- 
den Einfluß, den er auf uns ausübte. Mit welcher Begeisterung 
wurden all die Entdeckungen der neuen Koch 'sehen bacterio- 
logischen Aera aufgenommen und in ihrer Bedeutung besprochen. 
Ich erinnere mich genau, wie Weigert einmal noch spät Abends 
zu uns in die Klinik kam, und uns voller Erregung die Ent- 
deckung des Tuberkelbacillus mitteilte. Niemand war so em- 
pfänglich für den Eindruck fremder Größe, wie er, niemand so 
neidlos und freudig in der Anerkennung fremder Leistungen. 



I. Ahteiliing. Mudioinisolie Sect.ion. 117 



Im Sommer 1884 starb Cohnhoim. Die Frage seiner Nach- 
folgerschaft besohät'tigto auf's Lebliafteste alle jungen medicini- 
sohen Gemüter und natürlich richteten sich die Gedanken in 
erster Linie auf Weigert, dessen wisseuBohaftliche Leistungen 
ilin unzweifelhaft als würdigen Nachfolger erscheinen ließen. 
Aber Weigert mußte die große Enttäuschung erfahren, daß die 
Facultät ihn nicht für den erledigten Lehrstuhl vorschlug, der 
anderweitig besetzt wurde. Dieser Vorfall wurde damals natürlich 
viel besprochen und ist auch jetzt, nach dem Tode Weigerts, 
in den Nekrologen wiederholt erörtert worden. Man hat oft aus- 
gesprochen, daß die jüdische Confession Weigert« die alleinige 
Ursache seiner Uebergehung gewesen sei. So weit ich mir ein 
Urteil über die damaligen Vorgänge erlauben darf, ist dies nicht 
der Fall. Wie das sächsische Ministerium über die Sache dachte, 
weiß ich nicht. Der Leipziger Facultät lag aber, wie ich aus wieder- 
holten Gesprächen mit mehreren mir persönlich näher stehenden 
damaligen Mitgliedern derselben entnehmen konnte, eine rein 
confessionelle Engherzigkeit völlig fern. Die Bedenken gegen 
eine etwaige Ernennung Weigerts zum Nachfolger Cohu heims 
bezogen sich vielmehr teils auf gewisse persönliche Eigentümlich- 
keiten Weigerts, teils auf die Eigenartigkeit seiner Lehr- 
begabung. Ich selbst habe vorliin voller Dankbarkeit der reich- 
lichen Anregung und wissenschaftlichen Förderung gedacht, die 
wir Jüngeren fast alle Weigert schuldeten. Mit Stolz nenne 
ich ihn noch jetzt meinen Lehrer. Trotzdem mul3 ich aber 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade zugeben, daß Weigert 
kein guter Lehrer für Anfänger war. Gerade die Selbständig- 
keit und Lebhaftigkeit seiner pathologischen Anschauungen machten 
ihn für den elementaren Unterricht weniger geeignet, als für die 
Unterweisung der bereits fortgeschritteneren älteren Schüler. Er 
selbst hat mir gegenüber oft darüber geklagt, wie schwer ihm 
die leicht verständliche, übersichtlich angeordnete Darstellung 
irgend einer wissenschaftlichen Frage wurde. Wer Weigerts 
Arbeiten gelesen hat, weiß, daß sie sich, wie man gewöhnlich 
sagt, nicht leicht lesen. Kurz, ich benutze hier gern die 
Gelegenheit, um manche Aeußerungen über die damaligen Vor- 
gänge in der Leipziger medicinisohen Facultät, so weit meine 
eigene Kenntnis reicht, richtig zu stellen. Damit ist aber nicht 
ausgeschlossen, daß ich das bittere Gefühl des Unrechts, das 
Weigert damals empfinden mußte, vollständig mitempfunden 
habe. Dieses Gefühl hat Weigert auch später nie wieder ganz 
überwunden. Blieb ihn doch nun die Erreichung des höchsten 



118 Jalu-osbericht der Sclilos. Gesellsclial'l für vaterJ. Cultur. 



Zieles jedes akademischon Doconten, die Erlangung eines Ordinariats 
an einer Hochschule, bis an sein Lebouaeude versagt. 

Ein Glück für ilm war es, daß er noch vor dem EintrefTon 
des neuen Leipziger Pathologen nach Frankfurt a. M. übersiedeln 
konnte, wo ihm am öouckcii borg'sclion Institut eine ötellung 
geschaffen wurde, die zwar vielleicht zunächst nicht ganz seinen 
persönlichen Wünschen, sicher aber in hohem Grade seiner 
persönlichen Sondorart entsprach, üeber die Frankfurter Zeit 
Weigorts will ich hier nicht weiter sprechen. Jedermann, der 
die Frankfutter Vorhältnisse nur einigermaßen kennt, weiß, welche 
allgemeine Verelirung und — wie man wohl sagen kann — welche 
allgemeine Liebe sich Weigert in Frankfurt erworben hat, 
nicht nur bei den Aerzteu, sondern auch in den besten Kreisen 
der Frankfurter Bürgerschaft. Zahlreiche Schüler sammelten sicli 
auch hier um den Meister der pathologiach-histologischon Technik 
und in seineu alljährlichen Demonstrationsoursen für praktische 
Aerzte konnte Weigert in Frankfurt auch eine ihm durchaus 
zusagende Lehrthätigkeit fortsetzen. Von größeren wissenschaft- 
lichen Arbeiten gehört die Monographie über die Neuroglia ganz 
der Frankfurter Zeit an. Ein umfassendes großes Werk über 
allgemeine Pathologie, in dem Weigert die Summe sehior Er- 
fahrungen und seines Nachdenkens niederlegen wollte, ist leider 
inivollendet geblieben. Er hat mit mir oft über den Plan dieses 
Buches gesprochen; ich ermunterte ihn immer nicht zv. weit aus- 
zuholen, sondern sich mit dem Erreichbaren zu begnügen. Weiger t 
wollte aber seine Studien nocli immer mehr vertiefen und erweitern 
und so hat ihn schließlich der Tod überrascht, ehe auch nur ein 
größerer Teil des Werkes abgeschlossen vollendet war. 

Nur zu früh hat ein unerbittliches Scliicksal ihn uns und der 
Wissenschaft geraubt. Sein Andenken wird aber in den Herzen 
seiner Freunde fortleben, sein Name in der Goschichto der 
Pathologie stets mit Ehren genanut werden! 



Herr Partsch: Vorstellung eines Falle« von osteoplasti- 
scher GauKienrosüction nach Partseh. 

Dem liebenswürdigen Entgegonkominon dos Vortragenden 
des heutigen Abends, Herrn Professor Tietze, verdanke ich die 
Möglichkeit, Ihnen einen Fall vorzustellen, der einen Beitrag zur 
operativen Behandhing der Naaenrachentumoren darstellt. Die 
Chirurgie hat zur Entfernung dieser vom Schädelgrunde herab- 
kummeuden, in Nasen- und ßachenhöhle sich verbreitenden Go- 



J. AbtüiUuig. Mudiciuische Hectioii. 



sohwülste im WBBüiitliclion Kwei Wege eJDgL-Bclilagen, den faoialon 
durch die Gosichtsweichtoile und die Vorderfläohe des Oberkiefers 
und (Ion oralen, vom harten und weichen Gaumen her. Der 
erstei'e, hauptsäühHuh repräsentirt durch die Langenbeck'sche 
oaleoiilastisoheOberkieferreBoclion, ist verknüpft mit umfangreichen 
Weichteilschuitteu durch das Gesicht hindurch, die, mag mau 
sie noch so schonend anlegen, immer einen gewissen Grad kos- 
metisober Entstellung bedingen. Zudem ist der durch die ße- 
ßoction gewonnene Zugang uiolit sehr breit und gestattet nur 
spärlich die Uobersioht über die oft recht ausgedehnte Basis, mit 
vvülchor diese Geschwülste aufzusitzen ])flegen, Und docli ist 
gerade Inji der erhelilichen Blutungsgefahr eine sehr genaue Ueber- 
sicht geboten, um nach Möglichkeit Schritt für Scliritt den Tumor 
abtragen und die Blutung möglichst beherrschen zu können. 

Die Methode, vom Gaumen her das Operationsfeld ku erreichen, 
ist unter dem Vorgänge von Dieffenbaoh und Maisonuouve 
hauptsächlich von Güssen bau er ausgebildet worden, und gipfelt 
darin, nach Spaltung des weichen und Freilegung des harten 
Gaumens soviel von letzterem wegzumeiüeln, daß die Geschwulst 
zugängig wird. Auch dieser Weg läßt das Operationsfeld nicht 
recht übersichtlich erscheinen, weil das entgegenströmende Blut 
durch die angelegte Oeffnung abfließen muß, und die Entfernung 
von der Mundhöhle aus bis zum Schädelgrunde eine recht er- 
iiobliohe bleibt. Es ist daher diese Methode von Kocher später 
dadurch verändert worden, dal] der Oberkiefer in der Mitte ge- 
spalten und durch seitliche Einschnitte so mobil gemacht wurde, 
daß er sich mit Haken zu beiden Seiten auseinanderziehen ließ, 
and den von der Schädelbasis herunterkommenden Geschwülsten 
unter Leitung des Auges beizukommon gestattet. Letztoren beiden 
Methoden ist außerdem gemeinsam, daß bei G usaenbauer voll- 
kommen, bei Kocher fast ganz eine Entstellung des Gesichtes 
wegfällt. Aber beide Methoden haben den Nachteil, daß eine 
primäre Vereinigung des medianen Schnittes durch den Gaumen 
eintreten muß, und daß demgemäß leicht Fisteln zurückbleiben, 
welche enio dauernde Gommunication zwischen Mund- und Nasen- 
höhle bedingen und neue Eingriffe erfordern. 

Um diesen Nachteilen zu begegnen, habe ich im Jahre 189G, 
geleitet von der klinischen Beobachtung eines Falles von voll- 
ständigem Abbruch beider Alveolarfortsätze und der Gaumen- 
platte vom Gesichtsskelett, eine neue Blethode angegeben, welche 
auf dem Herunterklappen des ganzen Gaumendaches beruht. Ich 
sah bei einem Patienten, der in den Schacht eines Fahrstuhles 



120 Jahrcisbericht der ScUes. GesolJscljal'fc für vatcrl. Ciiltur. 

herabgefallen war, ohne äußere Verletzung beide Obcrkiefor- 
zahiifortsätzc mit tleoi Gaumen so abgebrochen, daß sie sich voU- 
ßtändig horizontal gegenüber dem Gesicht verschieben ließen. 
Der Bruch kam ohne besondere Hilfsmittel in drei Wochen zur 
Heilung ohne jede Störung des Bisses, Der Fall brachte mich 
auf den Gedanken, auf operativem Wege diese Trennung aus- 
zuftihren und dadurch Zugang zu den Kieferhöhlen und zurNasen- 
liöhle, sowie zum Nasenrachenraum zu gewinnen. Ein damals 
von mir nach dieser Methode operirter Fall eines wiederholt 
recidivirendeu Nasenrachenfibroida lehrte die leichte Auaführbar- 
keit dieser Methode, den bequemen Zugang zu dem Tumor und 
die glatte Heilung ohne jede kosmetische Entstellung. Spaltet 
man die Schleimhaut des Mundvorhofes von einem Mahlzahn zum 
anderen mit einem horizontalen Schnitte auf der Vorderfläche 
beider Kiefer, so lassen sich die Gesichtsweiohteile ohne Schwierig- 
keit soweit aufwärts schieben, daß die Flächen der Oberkiefer 
und die Apertura pyriformis freiliegt. Dann laut sich mit einem 
breiten, nicht zu dicken Meißel mit einem Schlage das ganze 
Gaumendach samt den Alveolarfortsätzen so ablösen, daÜ liei 
Durohtreauung das Septum narium bei geöffnetem Mundo so ab- 
wärtsgeschlagen werden kann, daß nun ein breiter Zugang zur 
Nasenhöhle, zu beiden Kieferhöhlen und dem Nasenrachenraum, 
gegeben ist. Die Blutung ist dabei gering, da das ganze am 
Gaumendach sich ausspinnende Gefäßnetz der Art. palatinao, 
sowie auch deren Stämme unverletzt bleiben und die beiden 
unteren Enden der Laminae pterygoideae gleichsam die Scharniere 
darstellen, in welchen sich das Gaumendach nach unten dreht. 
Die bei der Entfernung dieser Tumoren immer erhebliche Blutung 
wird auf dem aaoh unten gelagerten Boden der Nasenhöhle nach 
außen geleitet und fließt nicht in den Mund hinein, so daß man 
wegen Verschlucken des Blutes oder Aspiration keine besondere 
Sorge zu haben braucht. Das Operationsfeld liegt nahe und frei 
zugängig vor den Augen des Operateurs, und man ist in der 
Lage ganz genau zu übersehen, wie man dem breit aufsitzenden 
Tumor am besten beizukommen vermag. Die Blutung aus dorn 
derben harten Gewebe ist natürlich stark, kann aber durch 
Tampouade bei schrittweisem Abtragen des Tumors in mäßigen 
Grenzen gehalten werden. Der nach Abtragung des Tumor ein- 
gelegte Tampon wird zur Nase herausgeleitet, das Gaumeudach 
wieder nach oben geschlagen und nun mit Seiden- oder Draht- 
ligaturen die Eänder des Sohleimhautschnittos vernäht. Die 
Heilung ist in den von mir operirteii Fällen ohne jede Com- 



-I. Abiciliing. MeiiiciiiiscliH Sortion. 



pliuaüonon und so riisch eingotreten, dal.i die Patioiiten schon 
von der zweiten Woche ab in der Lage waren feste Öpoisen zu 
genießen. 

Den letzten von mir oporirten Patienten beoliro ich mich 
Ihnen vorzustellen, um Ihnen zu zeigen, wie wenig man nacli 
einer so eingreifenden Operation bei dem Patienten sehen kaini. 
Der 18jährige Arbeiter Jakob A, bomerkto im Mai vorigen 
Jahres zum ersten Male Erscheinungen, die auf eine Erkrankung 
des Nasenrachenraumes hindeuteten. Er bekam schwer Luft durch 
die Nase und litt an dauerndem Schnupfen. Er begab sich in 
die Behandlung eines Speoialisten , der aus der Nase mit der 
Glühsohlinge Gewebsteile entfernte. Die darauf folgende Er- 
leichterung hielt aber nur bis zu Weihnachten an, von wo wieder 
eine Verschlimmerung in der Hinsicht eintrat, daß der Eintritt 
der Luft durch die Nase behindert war und starke Absonderung 
aus der Nase auftrat. Im April wurden ihm, in einem Krauken- 
hause der Provinz mit der Zange Gewebsstücke aus der N.a60 
entfernt, ohne daß es gelang endgiltige Heilung herbeizufüliren. 
Von dort wurde der Pat. dem Kloster der barmherzigen Brüder 
überwiesen. Der für sein Alter kleine, schwächlich gebaute Pat. 
atmet nur durch den Mund, den er dauernd offen hält. Bei ge- 
schlossenem Munde kann Pat. gar keine Luft durch die Nase 
ziehen, nur ein wenig ausatmen. Die Gegend des Nasenrückens 
erscheint verbreitert, die Nasenöffnungeu zeigen flüssiges Beeret. 
Der rechte untere Nasengang ist durch Seitwärtsdrängung der 
Nasenscheidewand erheblich verengt. In dem linken füllt eine 
teilweise etwas bewegliche Gewebsmasse die Nasenhöhle so aus, 
daß man von der unteren und mittleren Muschel nichts zu sehen 
vormag. Die Gewebsmasse ist von Schleimhaut überzogen, nicht 
besonders geschwürig verändert. Die Mandeln erscheinen etwas 
vergrößert, der weiche Gaumen leicht nach abwärts gedrängt, 
aber gut beweglich. Der in den Nasenrachenraum geführte Finger 
fühlt die linke Partie der Choaue mit derben zapfenförmigen 
Bildungen ausgefüllt, welche sich an der linken Seite dos Nasen- 
rachenraums breit herabziehen, die linke Choane ganz verlegen 
und nach rechts soweit herüberreichen, daß der Nasenrachenraum 
fast bis auf Bleistiftdicke verengt ist. Der Tumor fühlt sich sehr 
derb an und ist großhöckerig. Von Seiten des Gehörs scheint 
keine Störung zu bestehen. Das Gebiß des Pat. ist durch un- 
regelmäßige Zahnstellung nicht ganz normal, die Erontzähne des 
Oberkiefers stehen vor den Zähnen des Unterkiefers und die 
Gobißlinie zeigt durch die veränderte Stellung der Bicuspidateu 



122 Jahresbfiricbt clor Schlcs. GesollscLafl, lilr vatoi'l. OuUur. 



eine stark S-förmige Sclnvingung. Die Drüson der Submaxillar- 
gegend und des rechten seitlichen Halsdreieoks sind mäßig ge- 
schwollen, aber nicht druckempfiiidlich. Die inneren Organe 
weisen keine Voränderungen auf. 

Am 1. IX. wird in Morplüum-Chlorofurmnarcose in aufrechter 
Stellung ein horizontaler Schnitt hooli oben im Vestibuhim oris 
von einem 2. Molaren bis zum anderen geführt, bis die Spina 
nasalis erscheint. Mit dem breiten Elovatorium worden die 
GesichtBweichteile rings am Oberkiefer herum so weit hoch- 
geschobeu, daß oberhalb des Nasenbodons mit einem breiten 
horizontal gestellten Meißel mit einem Schlage beide Oberkiefer 
und das Septum narium durolitrennt werden können und das 
ganze Gaumendaoh nach unten geklappt werden kann. Nach 
Stillung der ersten Blutung durch Tamponade erscheint die Ge- 
schwulst in der linken Nasenhöhle. Sie füllt dieselbe ganz aus, 
hat die Nasenscheidewand weit nach rechts ausgobuchtet, hat 
Fortsätze in den rechten Nasenrachenraum und die linke Nasen- 
höhle geschickt und sitzt mit breiter Basis in der ganzen Aus- 
dehnung der ÜTikeu Lamina pterygoidea des Wespenbeines auf, 
um am oberen Ende in den Sohädelgrund überzugehen. Ihre 
derbe Structur erschwert das Ablösen von der Unterlage un- 
gemein. Nur langsam dringt die Scheere, teilweise das Elova- 
torium vor, wobei eine ziemlich erhebliche Blutung erfolgt. Es 
gelingt, die Geschwulst in drei Stücken mit der Scheere von 
ihrer Unterlage abzutragen und den ßest mit dem scharfen Löffel 
fortzunolimen. Nachdem überall die glatte Knochenfläche er- 
schienen, wird die Wuudhöhle mit Jodoformgaze tamponirt und 
der Tampon zum linken Nasenloch herausgeleitet. Dann wird 
der Gaumen in seine Lage zurückgebracht und die Schleimhaut 
mit Metallnähten ringsherum vernäht und damit der Kiefer in 
die richtige Lage eingestellt. Er hat vorläufig noch die Neigung, 
etwas herabzusinken. Da der Puls beim Patienten, der inzwischen 
zum Bewußtsein gekommen ist, sich verschlechterte, wurde eine 
subcutane Infusion von 400 com Kochsalzlösung gemacht. Der 
Patient klagt über lebhaften Durst und trinkt drei Glas Wasser. 
Dauer der ganzen Operation 35 Blinuten, 

Verlauf: Da am Abend der Puls immer noch kloin und die, 
Zalil der Schläge auf 130 gestiegen ist, wird eine nochmalige 
Infusion von 600 com gemacht, worauf der Patient sich sichtlich 
erholt und Abends schon flüssige Nahrung zu sich nehmen kann. 
Die Temperatur bleibt noch subuormal, steigt aber schon am 
zweiten Abend auf 37°, um sich dann in normaler Höhe zu be- 



1. Al)l,oiluiig. ModiciiÜBuliü Sectioi 



Wügon. Der Puls bleibt auch in den iiächBteu Tagen imiuur 
noch beschleunigt. 

Am 6. IX. wiril der stark durch fouohtete Nasentampou ge- 
lüftet, läßt sich leicht herausziehen, muß aber, da noch dünnes 
Blut nachfiießt, wieder erneuert werden. Der Oberkiefer steht 
gut und wird durch den Unterkiefer richtig in der Mitte ge- 
halten. Er erscheint Tiooh abnorm beweglich, aber, trotzdem 
einige Ligaturen durchschnitten, doch so fixirt, daß er für das 
Schlucken flüssiger Nahrung vollen Widerstand liositzt. Die 
Wunde im Vestibulum oris ist bereits verklebt. Vom 17. IX. 
ab erhcält Patient feste Speisen. Der Tampon der Nase wird 
gekürzt und am 20. IX. vollständig entfernt. Der Oberkiefer ist 
nur noch sehr wenig beweglich, steht vollkommen in richtiger 
Lage. Der Pat. fühlt sich subjeotiv vollkommen wohl. Nason- 
spüluug zur Entfernung des Secrotos und öfters auftretender 
Borken, 

Heute stellt sich der Patient mit vollständig gesohlossonem 
Mundo, ohne jedes Geräusch duroii die Nase frei atmend dar, 
hat in seinem Gesicht nur noch die Spuren dos Druckes, den 
der Tumor auf das Naseugerüst ausgeübt hat, in Form einer 
mäßigen Verbreiterung der Nasenwurzel und der knöchernen 
Nase. Der Oberkiefer ist unverrückbar fest, vollkommen in der- 
■ selbou Stellung wie vor der Operation, alle Zälnie fest, keiner 
gelockert. Die Narbe im Vestibulum oris ist nur bei scharfem 
Zusehen bei hoch erhobener Lippe siclitbar. Der Nasenrachen- 
raum ist vollkommen frei, die Wuudfläohe fast vollkommen mit 
Schleimhaut überzogen, nur an einzelnen Stellen noch mit Borken 
bedeckt. 

D i s c u s s i n : 
Herr Kiognor: Ich habe solche ausgedehnteren Nasenrachen- 
geschwülste bisher dreimal nach der Gussenbauer'sohen Me- 
thode mit Spaltung des mucösperiostalen Gaumenüberzuges, 
Herausmeißelung des knöoliornen Gaumens und folgender pri- 
märer Gaumennaht operirt. Bezüglich der Freilegung und leichten 
Entferubarkeit des Tumors ließ die Metliode nichts zu wünschen 
übrig. Auch die Gaumennaht heilte zweimal primär ohne Fistcl- 
bildung. Narben im Gesiolit werden auch bei dieser Methode 
vormiedea. Reoidive gerade dieser Tumoren sind bekanntlich 
durch keinerlei Operationsmethodo zu vermeiden. Sie ver- 
schwinden nicht selten (auch in einer meiner Beobachtungen 
war dies der Fall) mit dem weiteren Wachstum der jugendlichen 



Jalirosbtu'iclit dor Sciilcs. Gosollschaft fdr valprl, (Tiiltiir. 



Patienten spontan. Immerhin würde ich die Partsoh'sohe Ope- 
ration geeigneten Falls versuchen. 

Herr R. Kayser: Ich möchte Herrn Part seh nur fragen 
ob der operirte Tumor untersucht worden ist und sich als sog. 
typisches Nasenraohenfibroid herausgestellt hat. Diese Tumoren 
treten bekanntlich vorzugsweise bei Knaben auf, haben eine 
colossale Wachstumsenergie und recidiviren sehr leicht, um 
meistens später, gewöhnlich nach dem 20. Jahre, spontan zurück- 
zugehen. 

Herr Partsch: Auf die Bemerkungen des Herrn Riegnor 
erlaube ich mir zu erwidern, daß bei der G ussen baue r 'scheu 
Methode sowohl, als bei der Kocher'sohen wiedejholt keine pri- 
märe Vereinigung der Gaumennaht eingetreten ist und Pistelu 
zurückgeblieben sind, welche nochmalige operative Eingriffe nötig 
machten. Was die Frage des spontanen Verschwindens dieser 
Tumoren anlangt, so bin ich wegen Kürze der Zeit auf dieselbe 
nicht näher eingegangen. Die Natur des Tumors aber, ein außer- 
ordentlich derbes, festes, von Blutgefäßen reich durchzogenes 
Pibroid, macht es mir unwahrscheinlich, daß er nach doppeltem 
Recidiviren von selbst verschwinden sollte. Er hatte eine solche 
Größe, daß der Knabe ernstlich gefährdet war. Natürlich ist die 
Frage des Recidivs ja heute nicht zu beantworten , aber der im 
Jahre 1898 von mir operirte Patient ist, wie ich mich habe vor 
Jahresfrist überzeugen können , trotz zweimaligen Recidives vor 
der Operation, nach der Operation recidivfrei geblieben. Der 
Blutverlust war selbstverständlich auch bei meiner Operation 
groß, ist aber in der Natur des Tumors und der Scliwierigkeit 
seiner Ablösung begründet. 



Sitzung vom 4. November 1904. 

Vorsitzender: Herr Ponfiok. 

Schriftführer: Herr Roseufeld. 

Herr Tietze hält seinen Vortrag über Pankreatitis iiidu- 

rativa. Nach einem kurzen üeberblick über die Entwicklung 
der Chirurgie des Pankreas schildert er die topographischen Ver- 
hältnisse der Bauchspeicheldrüse, deren versteckte Lage es 
wesentlich verscliuldet hätte, wenn die Chirutgie dieses Organes 
zur Zeit noch nicht recht entwickelt sei. Tiotzdem besitzen wir 
heute bereits eine Reihe von Methoden, das erkrankte Organ zu- 
gänglich zu machen. Jode derselben komme unter besonderen 



I/ Abteilung. Midiciniache Seotioii. 195 



Verhältnissen in Frage, am seltensten wahrsoheinlioh die extra- 
peritoneale Methode von Bardeuheuer und Riiggi. Nachdem 
dann Redner aneführlich die Physiologie der Drüse besprochen 
und darauf hingewiesen hat, daß trotz der großen Bedeutung des 
Pankreas im Stoffwechsel Ausfallserscheinungen bei Erkrankungen 
des Organes nicht immer vorhanden sein brauchen, was natürlich 
die Diagnose recht erschwert, wendet er sich dann seinem eigent- 
lichen Thema zu, das er an der Hand von vier eigenen Beob- 
achtungen und auf Grund der Litteratur bespricht. Die Diagnose 
sei vor der Operation wohl kaum jemals mit Sicherheit möglich, 
da zum mindesten eine Abgrenzung gegenüber dem Pankreas- 
caroinom vor der Operation, ja oft auch während derselben nicht 
stattfinden könne. Wir operirten in solchen I'ällen lediglich auf 
Grund des vorhandenen chronischen Cholodochusverschlusses, aber 
in der That sei dies eine Indicatio vitalis. Als Operations- 
methode der Wahl habe die Cholecystenteroanastomose ku gelten ; 
nur in den Fällen, wo etwa die Gallenblase so geschrumpft sei, 
daß eine Anastomosenbildung technisch sehr schwierig und riskant 
sei, sei es erlaubt, eine Gallenblasen- oder Choledochusfistel an- 
zulegen, denn in der That sei dennoch ebenfalls Heilung beob- 
achtet worden. In einigen Fällen sei dieselbe eingetreten, trotzdem 
nur Laparotomie und Tamponade angewandt worden waren. Zu 
den vier bisher in der Litteratur bekannten Fällen kann Redner 
noch einen eigenen hinzufügen. In diesem Falle war bei dem 
schwer icterischen Patienten Gallenblase und Ausführungswege 
zu einem unentwirrbaren Knäuel verbacken, so daß dem Vor- 
tragenden gar nichts übrig blieb, als zu tamponiren, wollte er 
nicht nach dem Vorschlage von Kehr eine Leberdarmfistel an- 
legen, deren Erfolg doch sehr zweifelhaft scheint. Trotzdem trat 
völlige Heilung ein. Zwei andere Patienten des Verfassers (Frauen) 
bei denen Cholecystenteroanastomose gemacht worden war, starben 
trotzdem an cholämisohen Blutungen. Es scheint dem Vortragenden 
sicherer, außer der Verbindung zwischen Gallenblase und Darm 
noch Hepatiousdrainage anzulegen, um möglichst schnell die 
Gallenstauung zu beseitigen. Der vierte Patient starb unoperirt 
ebenfalls an cholämisohen Darmblutungen, 

Discussion: 
Herr R. Stern hebt hervor, daß es eine Gruppe von Pankreas- 
erkrankungen giebt, die verhältnismäßig leicht zu diagnosticiren 
sind. (Sehr voluminöse Fäoes mit starkem Stickstoff- und Fett- 
gehalt; mikroskopisch sehr reichlich Muskelfasern und Fett; rasche 



126 Jahresbericht der Sohles. Gesellschaft für vateri. Oultur. 



Besserung bei Pankreasclarreichung.) Er berichtet übor einen 
kürzlich von ihm klinisch beobachteten derartigen Fall, der auch 
mit geringer GlykoBurio verlief und bei dem vorangegangene 
heftige Schmorzanfälle an Pankreassteine denken ließen. 

Die Oourvoisior'sche B,ege], die Herr Tietze erwähnt hat, 
hat so viele Ausnahmen, daß sie f'Qr die praktische Diagnostik 
HUT mit großer Vorsiclit zu verwenden ist. 

Herr Eausch: Ich möchte zunächst Herrn Tiotzo darin 
widersprechen, daß das Pankreas kein lebenswichtiges Organ 
sei. Ich weiß sehr wohl, daß eine ganze Anzahl von Fällen in 
der Litteratur bekannt sind, bei denen bei vollständiger Zer- 
störung des Pankreas der Diabetes ausgeblieben sein soll. In 
einem Teile dieser Fälle felilt aber der exaoto Nachweis, daß das 
Pankreas wirklich total oder so gut wie ganz zu Grunde gegangen 
ist. Bekanntlich genügt ein kleiner Pankreasteil, um den Functions- 
ausfall zu verhindern, bei Hu)iden ungefähr der 10, Toll. So ist 
in dem von Herrn Tietze angeführten Fall Chiaris der Patient 
lebend geblieben; es fehlt die Seotion, und ob kann dai^er kein 
Mensch sagen, ob wirklich, wie behauptet wird, das ganze 
Pankreas ausgestoßen worden ist, was ich eben l)e8treito. In dem 
bekannten Fall von Pankreasexstirpation Frankes ist es durchaus 
zweifelhaft, ob das ganze Pankreas bei der Oparation entfernt 
wurde. Ueberdies hatte der Patient, soviel ich mich erinnere 
wenigstens vorftbergohond einen Diabetes. Jedenfalls mehren sich 
die Fälle, in welchen bei Pankroasevkrankang Glykosurio und 
Diabetes beobachtet wird. 

In den Fällen von Pankreascarcinom kommt noch ein anderer 
Punkt hinzu. Es besteht die Möglichkeit, daß die Carcinomzellen 
hier die Function des Organea übornommen haben, analog wie 
das Martin Benno Schmidt in einem Falle von Lebercarcinom 
beobachtet hat. 

Und schließlicli ist das Ausbleiben des Diabetes beim Pankreas- 
carcinom auch dadurch zu erklären, daß der Diabetes bei sehr 
heruntergekommenen Individuen überhaupt nicht durch die Glyko- 
surie in die Erscheinung zu treten braucht; ist einmal das letzte 
Zehntel vom Carcinora ergriffen, so ist gewiß der Patient in seiner 
Ernährung auf das Schwerste gestört. Minkowski sah aber bei 
den Hunden mit Diabetes infolge Pankreasexstirpation die Glyko- 
surie zum Schluß schwinden und ausbleiben, wenn es mit den 
Tieren zu Ende ging. 

Ich kann mir auch vom biologischen Standpunkte aus nicht 
denken, daß das Pankreas kein lebenswichtiges Organ sein sollte. 



I. Abteilung.'! Medicinische Soction. 



In der ganzen Tiorreihe, vom Frosch, dem Vogel bis zu den 
Säugetieren seheii wir nach der Pankreasoxstirpation zum Tode 
führenden Diabetes auftreten. Ich halte es für ganz undenkbar, 
daß beim Menschen, dem höchsten Säugetiere, das Pankreas plötz- 
lich keine wichtige Function haben sollte. 

Bei der Erklärung des Ileus infolge von Fettgewebsnecroao 
hat HerrTietzo einen Punkt nicht erwähnt, der meiner Ansicht 
nach doch von Wichtigkeit ist: nämlich die Wirkung des Exsudates 
auf die Darmwand, die, glaube ich, erst eine erregende, dann 
eine lähmende ist und so den Ileus hervorruft. 

Ich glaube, dai3 diese Erklärung häufiger zutrifft, als die 
Ijüiden anderen angeführten, der Druck des vergrößerten Pankreas 
nnd die Reflexwirkung auf dem Wege über das Ganglion solaraa. 
Was die operative Behandlung betrifft, so ziehen wir auf der 
Broslauer Klinik die Anlegung der Gallenblasen-Darmfistel der 
der Gallenfistel vor, hat letztere doch für die Patienten immer 
große Unannehmlichkeiten. Im Uebrigen schließe ich mich den 
Ausführungen dos Herrn Tietze durchaus an, namentlich auch, 
was die Schwierigkeit der Differentialdiagnose zwischen Carcinom 
und chronischer Pankreatitis betrifft. 

Herr PoBfick: Wie schwer es mitunter sei, selbst post 
rnurtom über die Natur einer zweifelhaften Verhärtung der Bauch- 
speicheldrüse in's Klare zu kommen, lehrt sehr deutlich eine 
Beobachtung, die ich au einem auf der chirurgischen Klinik 
Inparotomirten Manne gemacht habe. 

Dieser Patient war acht Monate vor dem Tode gelegentlich 
eines Sturzes auf den Bauch gefallen. Diesem Ereignisse folgten 
zwar keine unmittelbaren Beschwerden. Im Hinblick auf die 
notorische Vieldeutigkeit jedoch der an eine Verletzung des 
Pankreas sich anschließenden Symptome mußte sich ein ursäch- 
licher Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen aufdrängen. 

Angesichts der Unmöglichkeit nun, die im Kopfe des Pankreas 
gelegene Verhärtung irgend schärfer abzugrenzen, verzichtete 
Herr v. Mikulicz auf einen weiteren Eingriff um so mehr, als 
die Annahme eines Carcinom s des Caput panoreatis geboten 
schien. 

Bei der Seotion stieß ich nun auf eine so gleichmäßig speckige 
Umwandlung seines Drüsenparenchyms, welches daneben nur eine 
Reihe weicherer, mit schwefelgelbem Brei gefüllter Herde und 
Spalträume enthielt, daß ich meinerseits mehr als eine krobsigo 
Entartung, ninn chronische Induration, zu (erwarten geneigt 



128 Jaliresboricht der SrJiles. Gesollsohaft für vaterl. Oiiltur. 

war,- wie sie sich ja gerade nach solch' stumpfen Gewalt- 
oinwirkungen öfters einstellt. 

In der That schienen auch die ersten mikroskopischen Prä- 
parate, welche davon hergestellt wurden, diese Vermutung zu 
bekräftigen. Fortgesetzte Untersuchung machte es freilich 
zweifellos, daß es sich trotzdem um Krebs handele. 

Erwägt man, wie schwer es in jeder Drüse, vollends aber in 
der uns beschäftigenden, unter gewissen Umständen halten 
kann, einen chronischen, einesteils mit Neubildung, anderenteils 
mit Degeneration und narbiger Schrumpfung verbundenen Proceß 
von einem, vielleicht erst in früher Entwicklung begriffenen 
Krebse zu unterscheiden, so wird man einen solchen Wechsel der 
Anschauungen gewiß minder erstaunlich finden. 

Daß man es indessen im vorliegenden Falle jedenfalls nur 
mit einem soloheu initialen Stadium zu thun habe, das ging 
andererseits daraus hervor, daß weder die regionären Lymph- 
drüsen, noch gar das Peritoneum eine gleichartige Erkrankung 
zeigten, noch weniger aber Zeiclien allgemeiner Metastasenbildung 
anzutreffen waren. 

Herr Henle glaubt, daß, abgesehen von den experimentellen 
Erfahrungen, auch ein von Peiser beschriebener Fall aus der 
Sonnenburg'schen Klinik für die Unentbohrliohkoit des Pankreas 
spricht. Nach Ausstoßung des necrotisohen Pankreas durch eine 
Incisionswunde trat ein schwerer Diabetes ein, dem der Kranke 
in kurzer Zeit erlag. Hier ist zu viel vom Pankreas zu Grunde 
gegangen, während in dem Chiari'schen Fall, wie schon Herr 
Kausch bemerkt hat, offenbar noch genug Drüsensubstanz übrig 
geblieben ist. 

Was den Ileus nach Pankreaserkrankuugen anlangt, so giebt 
es zwei streng voneinander zu trennende Arten. Eine erheblich 
vergrößerte Drüse kann das Duodenum durch Druck von außen 
verschließen; andererseits beobachten wir Darmparalysen, mögen 
sie nun refleotorisch oder sonstwie zu Stande kommen. Diese 
können auch partiell sein, wie ein von dem Redner durch Ope- 
ration geheilter am gleichen Ort schon besprochener Fall zeigt. 

Herr Paul Krause: Demonstration eines Muskelgyranasten. 

Vortr. berichtet auf speoiellen Wunsch des Herrn Vorsitzen- 
den der Section über die röntgoskopisohen Befunde, welche er 
bei dem Muskolathleten erhoben hat. Der röntgoskopische Be- 
fund der Brustorgane während der Ruhe wich von der Norm 
nicht ab. Der Vortragende untersuchte darauf den Kranken, 
während derselbe sich in „vier Demonstrationen" produoirto, die 



I. Abt-oilung. Modiciuische Section. 



stets durch stereotype Redensarten des „Muskelkünstlers" ein- 
geleitet wurden, und fand Folgendes: 

I. Demonstration: „Die Eingeweide zur Brust hinauf- 
gepreßt, so daß der Brustkorb zwischen 17—19 cm auf den 
unteren Rippen sich ausdehnt." 

Röntgoskopisoh: Beide Zwerohfellhälften steigen bis etwa 
zur IV. Rippe in die Höhe, der Zwerchfellschatten ist dabei au 
beiden medialen Teilen leicht oonvex nach oben, der Herzscliatten 
wird dadurch in seinem unteren Teile verdeckt. 

Fordert man den Patienten auf, die „Eingeweide" wieder 
nach unten zu bringen, so sinken beide Zwerchfellhälften ganz 
langsam wieder nach unten zurück; rechts wie links vergehen 
aber eine Anzahl von Secunden (etwas über 20 Secundon), bis 
die Norm beinahe wieder erreicht ist, 

Rechts bleibt der Zwerchfellsohatten längere Zeit noch liöher, 
als er vorher in der Ruhe war. Anscheinend wird in den unteren 
Teilen des Abdomens eine leichte Aufhellung bewirkt, in dem 
Augenblicke, in welchem die „Eingeweide" in die Brust gepreßt 
werden. 

II. Demonstration: „Die ,Eingeweide' werden zur Brust 
hinaufgepreßt, ohne daß der Brustkorb sich ausdehnt." 

Es fällt jetzt auf, ehe der Pat. seine „Demonstration" be- 
ginnt, daß die Helligkeit unter dem linken Zwerchfellsohatten 
verschwunden ist, anscheinend ist der vorher aufgeblähte Magen 
comprimirt. 

Im Allgemeinen sind bei der zweiten Demonstration ähnliche 
Verhältnisse wie bei der ersten. Nur steht der rechte Zwerch- 
fellschatten noch etwas höher (etwa 1/2 om), ebenso der linke. 
Es schien, als ob der obere Teil des Herzschattons resp. der 
untere Teil der großen Geftiße nach einer gewissen Zeit an Breite 
zunahm. 

N. B. Bei Wiederholung des Versuchs zeigt sich thatsäch- 
lich eine nicht unbeträchtliche Verbreiterung der unteren Teile 
der großen Gefäße. 

III. Demonstration: „Die Musoulatur preßt die , Ein- 
geweide' nach der linken Brustseite herauf, dadurch wird die 
Spitze des Herzens nach oben gepreßt, es sinkt in der Achse 
und verlagert sich nach der Mitte." 

Der linke Zworchfellschatten wird bis etwa dicht unter die 
III. Rippe in die Höhe gepreßt, die Clavicula steigt dabei tief 
herab. Unter dem linken Zworclifellrand ersclieint eine größere 
Helligkeit (Magen). 

9 



l30 JaJiresboricIit der ScUes. Qosellsohaf't für vatorl. Cnltiir. 



Der Herzsohatten wandert nach links hinüber (in mäßigem 
Grade) und scheint sich in den unteren Teilen etwas nach hinten 
zu verschieben. Die Pulsation des Herzens ist etwas schwächer, 
aber deutlich vorhanden. Bei Wiederholung derselbe Befund. 

IV. Demonstration: „Künstliche Erzeugung der Trichter- 
brust." 

Der untere Teil des Thorax wird breiter, die oberen Partien 
sinken nach unten (vor allem deutlich sichtbar an der Clavicula), 
der Zwerchfellschatten wird abgeflacht. Der Herzsohatten etwas 
breiter, wohl dadurch, daß der obere Teil desselben der Thorax- 
wand genähert wird. Außerdem scheint eine Achsendrehung des 
Herzens einzutreten. An der Pulsation keine Aenderung. 



Sitzung vom 18. November 1904. 
Vorsitzender: Herr Ponfiok. Schriftführer: Herr Uhthoff. 

Herr Hermann Cohn: Erneute Demonstration eines Falles 
von Cysticercus subretinalis, der vor 26 Jahren aus der 
Macula lutea extrahirt wurde. 

M. H. ! Ich habe in unserer Seotion am 5. Juli 1878 eine 
Köchin von 26 Jahren vorgestellt, der ich neun Tage vorher 
durch meridionalen Skleralsohnitt einen Cysticercus von 8 mm 
Durchmesser herausgenommen, welcher dicht an der Macula lutea 
die rechte Netzhaut emporgehoben hatte. 

Die genaue Kranken- und Operationsgeschichte habe ich in 
dem „Berichte der Schlesischen Gesellschaft", 1878, S. 200, und im 
„Centralbl. f. Augenheilk.", 1878, .Tuliheft, veröffentlicht, und den 
Befund, den ich nach drei Jahren der Gesellschaft wieder deraon- 
strirte, in dem Berichte von 1881, S. 113, sowie in der „Bresl. 
ärztl. Zeitsohr.", 1881, No. 23 u. 24, ausführlich geschildert. Es 
war überhaupt erst der zweite Fall in der Litteratur, der die 
Extraction eines macularen Wurms betraf. 

Indem ich auf diese Aufsätze verweise, bemerke ich hier nur, 
daß die Pat. vor 26 Jahren von mir gut geheilt entlassen wurde 
mit einer centralen S von ^g^, einem schon vor der Extraction 
bestandenem großen Gesiohtsfelddefect nach oben, gutem Farben- 
und Lichtsinn. Das Lager des Wurmes war damals als große 
weiße Fläche zu sehen, auch die lange Schnittnarbe in der Nähe 
des Lagers. 

Der Zufall führte Patientin jetzt nach mehr als Y Jahr- 



I. Abteilung. Mediciiiisclie Section. 



hundert erst einmal zu mir; sie wünschte für das andere völlig 
gesund gebliebene Auge wegen Presbyopie eine Convexbrille. 

Das rechte Auge bat auch jetzt gute Stellung, gute Spannung, 
gute Beweglichkeit, gute Pupillen reaction und guten Licht- und 
Farbensinn behalten. Die Sehschärfe ist ^so geblieben. Mit + 6,0 
werden noch Buchstaben von Snellen 2,0 gelesen. Das Gesichts- 
feld hat sich allerdings iu der ganzen Peripherie verengert; 
im hinteren Teile des Cortex sind Kataraktstreifen aufgetreten, 
der Sehnerv hat etwas enge Gefäße und ist nicht ganz scharf 
conturirt; das Lager des WurmoR und der Skleralschnitt sbul noch 
deutlich sichtbar, aber mit unzähligen tiefbraunen und 
tintenschwarKon größeren und kleineren Flecken über- 
schüttet, die wie bei einer Ciiovioretiiiitis disseminata bis an die 
Peripherie hin sich verbreiten. Auch ziehen einzelne helle und 
dunklere Stränge von der Gegend des Schnittes in den Glaskörper 
nach vorn, und eine flache Ablösung der Netzhaut ist am Rande des 
Wurmlagers zu sehen. 

Es ist gewiß ein Unicum, einen solchen Fall nach 26 Jahren 
derselben Gesellschaft zeigen zu können. 

Früher wurde behauptet, daß über lang oder kurz selbst 
nach gelungenen Wurmextractionen aus großer Tiefe der Bulbus 
später zu.sammensohrumpfe, Hier ist keine Schrumpfung ein- 
getreten und der Rest des Sehvermögens wie vor der Operation 
geblieben. 

Ich habe unter 100000 Augenkrankheiten im Ganzen nur 
44 Cystioerkeu beobachtet: 30 suhretinale, 13 vitrinale und 1 in 
der Linse. 

Ich machte in den Jahren 1878—1890 im Ganzen 13 Ex- 
tractionen, 9 unter der Netzhaut, 4 aus dem Glaskörper. Von 
diesen 13 Würmern gelang es mir 11 unverletzt herauszuziehen. 
5 Fälle sind in der „Berl. ärzti. Zeitaohr.", 1881, No. 23 u. 24, 
genau beschrieben. 

Den ersten Wurm im lebesulen Auge, und zwar in der Vorder- 
kammer, beobachtete bekanntlich 1830 der Anatom S ö m m e r i ug und 
ließ ihn von Dr. Scliott extrahiren. Später behandelte A. v. Gräfe 
über 100 Cj^sticerken in allen Teilen des Auges, warnte aber 
noch in seiner letzten Arbeit 1868 auf das Strengste vor Operation 
am hinteren Teile des Auges. Alfred Gräfe machte uns auch 
diese Würmer durch den meridionalen Skleralschnitt zugängig, 
loh hatte hier eben diese Methode mit Nutzen angewandt. 

Seit 1890 habe ich nie mehr einen Cysticercus im Augo 
unter 24327 Augenkraiikon gesellen, offenbar eine Folge des 

9* 



132 Juhresboriclit der Scliles. OcspIIschaft ffii' valerl. Ciiltnir. 

segeiisreichen strengen FJeisobschaugesetzes, das eine scharfe 
Controle in den Schlachthöfen bestimmte. 

Leider ist dieses treffliche Gesetz zu Gunsten der einfaolion 
Haussohlächtereien seit zwei Monaten aufgehoben, und ich bin 
überzeugt, daß wir mit finnigem Fleische auch wieder Oysticerken 
im Auge sehen werden. Scheueji wir dann auch vor der Ex- 
traotion selbst aus tiefen Regionen de» Augea nicht zurück ! 

(Patientin wird vorgestellt.) 

D i s c u s 8 i o n : 

Herr Buchwald macht elienfalls auf dieThataache aufmerksam, 
daß im Allerheiligen -Hospital fast gar keine Taenia solium 
mehr beobachtet werde. 

Hingegen werde Taenia mediooanellata nicht selten gefunden. 
Die Oysticerken des Hirnes, welche man früher wogen ihrer 
Häufigkeit kaum beachtete, seien eine Rarität geworden. 

Allerdings sei es auch auffällig, daß die Echinokokken, welche 
in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts etwas Gewöhnliches 
waren, seit 10—15 Jahren kaum mehr gefunden würden, mindestens 
sehr selten geworden seien. 

Herr Uhthoff zeigt zunächst einige anatomische Präparate 
von intraooularem Cysticercus bei Lupen Vergrößerung und ebenso 
eine einschlägige stereoskopisohe Photographie von einer BuUms- 
hälfte, auf deren Schnittfläche der Sitz des Cysticercus zu erkennen ist. 

Er berichtet ferner über einige seiner früheren Operations- 
resultate bei Cysticercus intraocularis und giebt statistische Daten 
über seine eigenen Erfahrungen. Vor Einführung der obligatori- 
schen Pleischsohau sah er in Berlin einen Fall von intraooularem 
resp. subconjunctivalem Cysticercus auf ca. 1100 Augenkranke, 
in der späteren Zeit und aucli jetzt hier in Breslau einen Fall 
auf oa. 25000 Augenkranke. 

Die Frage, ob ein Auge , welches einen intraocularen Cysti- 
cercus beherbergt, immer unbedingt zu Grunde gehen muß, ist 
wohl durchweg zu bejahen, doch giebt es einige Ausnahmen, und 
erinnert Redner an die jüngste Mitteilung von Stoelting im 
„Archiv für Ophthalmologie", der in einem Falle die Cysticercus- 
blase durch einen Nadelstich zur Abtötung brachte und dam.it 
dem Auge einen Teil seines Vermögens erhalten konnte. 

Herr L. Wolffberg: Zur Ergänzung der statistischen An- 
gaben des Herrn Vortragenden führe ich an, daß ich unter den 
letzten 50000 Patienten (d. h. etwa seit 1890) nur einen Fall von 
Cysticercus im Auge gestehen habe, rnul dieser <;ine Fall wai' aua 



1. AbteiJiJiiy-, Mediciniscti« Socticm. 133 

Lodz in Russisch-Polen. .Soviel mir erinnerlich, berichtet Hirsch- 
berg in einer kürzlich t-rschieuenon Arbeit, daß er selbst unter 
den letzten 60000 seiner Patienten keinen Fall von Cysticercus 
zur Beobachtung bekommen. 

Herr E. .lacoby : Demonstration eines Falles von Morbus 
Hasedowii mit hochgradigem Exophthalmus und Uornhaut- 
afTection. 

Die 27jährige Patientin erkrankte vor zwei Jahren mit den 
typischen Symptomen des Morbus Basedowii: Herzklopfen, vaso- 
motorischen Störungen und Struma. Erat '% Jahre später begann 
Exophthalmus aufzutreten, der teilweise zurtiokging, bald aber 
wieder zunahm, so daß die Augen nach Angabe der Patientin 
„vor den Lidern" lagen. Es stellten sich gesohwürige Prooesse 
an den Hornhäuten ein, die nach mehrmonatlicher Krankenhaus- 
behandlung zur Heilung kamen. Als Residura dieser Affeotion 
tindet sich jetzt beiderseits eine dichte leukomatöse Trübung der 
unteren Hornhauthälfte, an der die Iris adhärirt, so daß rechts 
nur der obere Teil der Pupille frei ist, links keine Pupille vor- 
handen ist. Die Sehschärfe beträgt rechts = V„„, links = Hand- 
bewegung. Die übrigen äußeren Augensymptome sind ebenfalls 
vorhanden: die weite Lidspalte, das Gräfe'sche und das Stell- 
wag 'sehe Symptom, die den Basedow-Kranken den eigentümlichen 
Gesiohtsausdruck geben. Die übrigen Symptome sind sehr zurück- 
getreten. Es findet sich keine wesentliche Pulsbeschleunigung, 
die Herzthätigkeit ist ruhig, vasomotorische Störungen sind nicht 
mehr zu bemerken. Auch die Struma ist offenbar in Rückbildung 
begriffen: sie fühlt sich hart, geschrumpft, stellenweise knochen- 
hart an, was auf regressive Metamorphosen, Verkalkung otc. hin- 
weist. — So wird das Krankhoitsbild jetzt ganz von den Sym- 
ptomen seitens der Augen beherrscht, — Die Prognose ist danach 
•wohl günstig, zumal eine Zunahme des Exophthalmus bei der 
allgemeinen Rückbildung der Symptome, specioU auch der Struma 
flicht mehr zu erwarten ist, und die Lider gut geschlossen werden 
können, so daß eine Eintrocknung der Cornea oder eine Keratitis 
e lagophthalmo nicht mehr zu befürchten ist. Aufgabe der 
Therapie wird es sein, die Lidspalten durch Tarsorhaphie zu ver- 
engern und die optischen Verhältnisse durch Iridectomie zu 
bessern. 

Der Hornhaut proceß, der zu der starken Leukombildung und 
ssu dieser Verdickung und Rötung der Conjunctiva solerae zu 
beiden Seiten der Corneae geführt hat, ist als Keratitis e lag- 
ophthalmo anzusehen, da er sich ganz auf deu Bereich der Lid- 



Jahresbericht der Schles. GesoUschal't für vulcu'l. ("liiltiir. 



spalte, soweit sie bei unvollkommenem Lidsohluß offen geblieben 
ist, beschränkt. — Die Hornhautaffeotiouen bei Morbus Basedowii 
sind verhältnismäßig selten, wenn man die Häufigkeit dos Ex- 
ophthalmus bei dieser Krankheit in Betracht zieht. Sonderbarer 
Weise finden sie sieh noch häufiger bei Männern als bei Frauen, 
obgleich doch die Erkrankung vorwiegend das weibliche Geschlecht 
befällt. loh kann Ihnen hier ein Bild eines Patienten zeigen, 
bei dem der gleiche Hornhautproceß bei Morbus Basedowii zum 
Verlust des Sehvermögens beider Augen geführt hat. 

Herr Mosenfeld hält seinen Vortrag: lieber die Bildung 
VOM Fett aus Kohlenhydraten. 

ßedner erörtert die Frage, in welchem Organ das Fett aus 
Kohlenhydraten entstände. 

Von der Leber ließe sich zeigen, daß in ihr ein completor 
Antagonismus zwischen dem Auftreten der Verfettung und der 
Einlagerung von Glykogen (und ähnlichen Stoffen) bestände, so- 
wohl in physiologischen als in pathologischen Verhältnissen. 
Kohlenbydratfütterung vermindere den procentualen Fettgehalt 
in der Leber, ebenso verhütet Kohlenbydratfütterung die Leber- 
verfettung durch fette Nahrung; andererseits verhindert Kohlen- 
hydratzufütterung die Verfettung der Leber auf Phloridzin, 
Alkoliol etc. Auch findet sich bei Fröschen trotz Leberexstir- 
patiou nach Kohlenhydratfütterung ein höherer Fettgehalt als bei 
Controlhungerfröschen mit Leberexstirpation. Darum läßt sich 
die Lober nicht als Organ der Fettbilduug aus Kohlenhydraten 
ansehen. 

Die Muskeln, welche auf leberverfettende Agentieu nicht 
verfetten, sondern entfettet werden, werden auch durch Kohlen- 
hydratfütterung nur fettärmer. Ebenso ist das Herz kohlon- 
hydrat gefütterter Tiere nicht fettreicher als das Herz der Hunger- 
hunde. 

Die Nieren werden durch Kohlenhydratfütterung fettarmer, 
sowohl die normalen, als auch Nieren nach Alkohol-, Phloridzin- 
vergiftung, nach Pankreasexstirpation etc. 

Das Pankreas kohlenhydratgefütterter Hunde erscheint um 
4 pCt. fettreicher, als das der Hungertiere; da die Schwankun- 
gen des Fettgehaltes am Pankreas verschiedener Tiere aber 
groß sind, wird ein kleines Stück Pankreas als Testobject ex- 
Btirpirt, und der Rest des Pankreas bei demselben Tiere (acht 
Versuche) uach Kohlenhydratfütterung untersucht. Auch auf 
diese Weise ergiebt sich eine Fettzunahme von i pCt. , welche 
jedoch ebenso vorhanden ist, wenn zwischen der Entnahme des 



I. Abtoilurig. Alediciuisclie Section. 



Probestückohens und der Untersuchung des Gesamtpankreas 
keine Kohlenhydratfüfcterung liegt. Ueberhaupt wird gezeigt, 
daß die einzelnen Teile ein und desselben Pankreas eines normalen 
Tieres bis zu 9 pCt. im Fettgehalt differiren können (8 und 17 pCt.). 
Bei Fröschen, welche nach Pankreas- und Leberexstirpation 
stark mit Zucker gefüttert werden, findet sich gegenüber den 
Controltieren eine Fettzunahme. 

Für die Milz und die Lunge ergaben Kohleuhydratfütterun- 
gen auch keine Fettzunahme gegenüber dem Hungertiere. 

Die Thyreoidea der einen Seite, verglichen mit der nach 
Kohlenhydratfütterung entnommenen auderseitigen Drüse zeigt 
keine Vermehrung des Fettes, 

Den Darm fand Plosz nach Kohlenhydratfütterung mikro- 
skopisch fettfrei. 

Somit findet sich in all diesen Organen keine Fettanreicherung 
nach Kohlenhydratfütterung, weswegen sie auch nicht als der 
Sitz der Fettbildung aus Kohlenhydraten angesprochen werden 
können. 

Das Arterienblut von Hunden im Hungerzustand, ver- 
glichen mit dem derselben Tiere nach Kohlenhydratfütterung, ist 
um ca. 1 pro Mille fettärmer, ebenso ist das Blut der Kohlen- 
hydratmastgänse um 1,6 pro Mille fettärmer als das der Hunger- 



Alles dieses deutet darauf hin, daß in keinem hnieren Organe 
das Fett aus Kohlenhydraten bereitet und auf dem Blutwege 
nach seiner Lagerstätte, dem Uuterhautbindegewebe oder den 
Mesenterialfalten , transportirt würde, sondern daß es in loco 
depositionis entstände und von den Zellen des Fettgewebes 
synthetisch bereitet würde. 

Discussion: 

Herr Röhmann wendet sich in kritischen Bemerkungen gegen 
die Schlußfolgerungen des Vortragenden. 

Herr Buchwald und Herr ühthoff richten Fragen an den 
Vortragenden. 

Herr B. ßiesenfeld: Herr Roeenfeld hat ausgeführt, daß 
nach einem Diner jeder Teilnehmer eine Fettleber bekommen 
müßte, wenn er nicht — wofür ja gesorgt sei — gleichzeitig 
Zucker zu sich nähme: nur hierdurch werde die Bildung einer 
Fettleber verhindert. Andererseits hat der Vortragende vor 
längerer Zeit die Behauptung aufgestellt, jeder Diabetiker leide 
an „Fettleber". Abgesehen von dem hierinliegenden Widerspruche 



136 ,'IaJiresberichl der Sciiles. Gesellsc.hafl, für valerl. Ciiltiif. 



habe auch ich besonders bei Diabetikern der leichteji JTorm, 
die innerhalb ihrer Toleranz, also zuckerfrei, blieben, ebensoweui/,^ 
wie andere Beobachter das Vorkommen einer Tettleber linden 
können. Dabei muß mau bedenken, daß solche Diabetiker eine 
Fettmenge von täglich 150 — 200 g zu sich nehmen — das wider- 
spricht also geradezu den Behauptungen des Herrn Vortragenden 
resp. den von ihm gezogenen Öchlußfolgerungen. 

Auch mit der Behauptung, daß nur mit dem Zuckergehalt 
dos Blutes der Durst beim Diabetiker steigt reap. fällt, kann ich 
mich ebensowenig wie Herr Buchwald einverstanden erklären. 
Denn auch ich vormag mir alsdann nicht die Thatsache zu deuten, 
daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der Fälle von schwerem 
Diabetes gar kein Durstgefühl hat, so daß solche Patienten bei 
6 pCt. Zucker nur eine Diurese von 1500, ja von 1300 ocm haben 
— und dabei sind das oft genug Leute mit hochentwickelter 
Intelligenz und scharfer Beobachtungsgabe — hier nur eine 
„Torpidität" annehmen zu wollen, erscheint mir nicht angebracht. 

Ein dritter Einwand gegen die Schlußfolgerungen Rose n - 
felds bezieht sich auf seine eigenen Ergebnisse resp. auf die 
von ihm selbst aufgestellte letzte Tabelle. Der Vortragende be- 
trachtet es als unzweifelhaft, daß seine Blutuntersuchungen ilm 
zu seinen Schlußfolgerungen berechtigen — aber ein Blick auf 
diese Tabelle zeigt, daß von sechs Versuchen ein Versuch ein 
entgegengesetztes Resultat ergeben hat. Ferner aber hat sich 
der Vortragende geirrt, wenn er behauptet, es spreche für die 
Richtigkeit seiner Ergebnisse, daß er zu Gunsten derselben eine 
Diöerenz von 1,6 pro Mille erhalten habe — das ist ja gar nicht 
der Fall! Nach seiner eigenen Tabelle beträgt die Differenz nur 
1,'2 pro Mille — daß heißt also 25 pGt. weniger. 

Herr RosenMd replicirt Herrn Roh mann und Buch wähl 
und beantwortet die Fragen von Herrn Uhthoff. Herrn ßiesen- 
feld antwortet der Vortragende, daß Herr Eies enfeld einerseits 
die Begriffe torpid und unintelligent verwechsele, und daß die 
citirte Aeußerung über die Fettleber des Diabetikers nur auf 
einem Mißverständnis beruhen könnte, da es sich nur um durch 
Pankreasexstirpation diabetische Hunde handle. Die Entstehung 
einer Fettlebor beim (b'abetisohon Menschen hänge von seinem 
Kohlenhydratumsatz, seinem Füttverbrauoh und seinem Fett- 
roichtum ab. 



J. Äbt.üilung. XlediciiiiscliB Soution. 



Sitzung vom 25. November 1904. 
Vors.; Horr Ponfick. — Schriftf.: Herr Rosen fehl. 

Herr von Strümpell stellt einen 22jährigen jungen Mann 
mit Friedreich'scher Krankheit vor. Hereditäre Verhältnisse 
sind nicht nachweisbar (Fat. hat nur einen jüngeren Bruder von 
14 Jahren). Das Leiden begann im Anschluß an einen Fall aus 
dem Schlitten im 14. Lebensjahre. Sehr allmählich entwickelte 
sich eine Gehstörung und eine Unsicherheit im Gebrauche der 
Arme und Hände. Schmerzen und Blasenstörungen waren niemals 
vorhanden. Gegenwärtig besteht eine ausgesprochene Ataxie in 
den Armen und Beinen, sowie im Rumpfe. Unsicherer, schwanken- 
der Gang. Unsicheres Stehen mit geschlossenen Füßen. Patellar- 
reiiexe fehlen. Pupillarreaction normal. — Bemerkenswert ist, 
daß in den atactischen Armen trotz genauester Untersuchung 
nicht die geringste Sensibilitätsstörung nachweisbar ist. In den 
Beinen ist dagegen eine geringe Störung des Muskelsinns und 
Driicksinns nachweisbar, besonders in den distalen Abschnitten. 

Herr Ludwig Mann fragt an, ob der Herr Vortragende auch 
auf dem Standpunkte steht, daß die Friedreich'sche Ataxie auf 
einer Erkrankung der zum Kleinhirn führenden Hinterstrangs- 
anteile beruht. Neuere Erfahrungen der Pathologie haben be- 
kanntlich gezeigt, daß die Ataxie ohne nachweisbare Sensibilitäts- 
störungen als ein Kleinhirnsymptom aufzufassen ist. Auch die 
vom Herrn Vortragendon erwähnte Thatsaohe, daß gewisse Klein- 
hirnerkrankungen bei Kindern ein ähnliches Symptomenbild liefern 
wie ilie Friedreich'sche Ataxie, spricht in diesem Sinne. 

Tagesordnung; 
Horr F. Röhmann : üeber das p-Jodoanisol (Isolorm) und 
sein Verhalten im tierischen Organismus. 

Durch Versuche, welche ß. Heile (Arch. f. kiin. Chirurgie, 
Bd. 71) unter Mitwirkung von F. Röhmann ausgeführt hatte, 
war festgestellt worden, daß das Jodoform durch die Bestandteile 
der Gewebe und bei Ausschluß von Sauerstoff unter Bildung von 
baotericiden Stoffen zersetzt wird. Hat der Sauerstoff Zutritt, 
80 findet auch eine Zersetzung statt. Die entstehenden Producte 



138 Jaliresbericht dor Schles. GesellscJialt fllr vaterl. Cultur. 



sind aber ungiftig. Diese Beobachtungen geben eine Erklärung 
für den Widersprucli , welcher bisher zwischen dem negatiTen 
Ausfall der Versuche, die die bactericide Wirkung des Jodoforms 
experimentell beweisen sol'ten, und den praktischen Erfahrungen 
der Chirurgen bestand. Sie erklärton zugleich, warum das Jodo- 
form nur unter ganz bestimmten Bedingungen, z. B. bei der Be- 
handlung von Höhlen wunden, von Gelenken etc., nämlich unter 
Verhältnissen, wo der Sauerstoff nur mehr oder weniger schwer 
zum Orte der Anwendung hinzutreten kann, wirksam ist, während 
es auf oberfläoliliohen Wunden und Verbänden als Antisopticum 
versagt. Als den wirksamen Stoff, der bei der Zersetzung des 
Jodoforms entsteht, betrachtet Heile dasDijodacetyliden = C = CJj. 

Im Anschluß an diese Versuche prüfte Heile einige Körper, 
welche man als Derivate des Dijodacetylidens auffassen kann, 
das Dijodstyrol CeH5CH = CJ2, das Trijodstyrol CeH^CJ -= CJ2, 
den Dijodzimmtsäureäthylester C^HgCJ : CJ . COOC2H5 auf ihre 
antiseptische Wirksamkeit. Sie zeigten eine solche nicht. 

Bei weitereu Versuchen fanden Eöhmann und Heile in 
dem von Dr. A. Liebrecht dargestellten p-Jodoanisol einen 
Körper von ausgezeichneten antiseptischen Eigenschaften. 

Das p-Jodoanisol ^e^iQng^ i welches unter der Bezeichnung 
Isoform von den Farbwerken vorm. Meister Lucius & Brüning 
zu Höchst a. M. in den Handel gebracht wird, ist eine farblose, 
krystallinisohe Substanz, in Wasser schwer, in Alkohol und Aether 
80 gut wie unlöslich. Sic zersetzt sich bei 230" C, ; sie hat nur 
einen ganz schwachen Geruch nach Anis, sie reizt die Haut nicht 
und wirkt nach den Versuchen von Heile im Gegensatze zu 
anderen Antiseptiois auch in stark eiweißhaltigen 
Medien äußerst energisch auf Bacterien. 

Wenn man Gaze mit den verschiedenen gebräuchlichen Anti- 
septiois und zum Vorgleich mit Jodoanisol imprägnirt, so läßt 
sich die Ueberlegenheit des letzteren leicht durch folgenden Ver- 
such zeigen. Man taucht die Gazestüokohen in infioirten Eiter 
und übergießt sie in Petrischalen mit Nährgelatine. Dann wachsen 
die Bacterien z.B. auf Gazen, die mit5proc. Carbolsäure, 0,2 bis 
0,3proo. Sublimat etc. imprägnirt sind, aber nicht in Sproo. Iso- 
formgaze. Dem entspricht seine Wirksamkeit bei Verwendung 
in der chirurgischen Praxis. Das p-Jodoanisol ist ungiftig. 

Nach Eingabe per os erscheint im Harn Jodphenylschwefel- 
säure. Dies beweist, daß im Darm das p-Jodoanisol zu Jodanisol 
reducirt, und daß dieses weiter zu Jodphenol gespalten wird. 



1. Abteilung. Mediciiiischo Scction. 



Cß^^* OCH, ■^ *^«^* OOH3 + ° 

Jodoarn'sol Jotloaoanisol 

CeH^ OCH == ^«'^■i OCH3 + ^ 
Jodosoanisol Jodanisol 

Jodanisol Jodphenol. 

Auf letzteres läßt sich die antiseptisohe Wirkung jedoch nicht 
zurOokführen. Denn Jodanisol, aus welohem auch Jodphenol 
entstehen müßte, besitzt nur eine sehr geringe antiseptisohe 
Wirkung. Es scheint vielmehr, als ob diese auf der Abspaltung 
von aotivem Sauerstoff aus dem Jodoanisol beruht. 

Daß das Jodoanisol auch im Darmkanal seine Wirkung auf 
die Bacterien entfaltet, wurde von Heile bei Patienten mit Anus 
praeternaturalis nachgewiesen. 2 — 4 Stunden nach der Eingabe 
war die Bacterienentwicklung stark gehemmt, zuweilen ganz unter- 
drückt. Beim hungernden Hund verschwand die Indosylreaotion 
im Harn. 

D i s c u s s i n : 

Herr v. Mikulicz verweist auf die ausführlichen Mitteilungen 
Dr. Heiles über die Verwendung dos Isoforms in der Chirurgie 
(Vortrag auf der diesjährigen Naturforsoherversammlung in Breslau). 
Er erwähnt nur, daB das Isoform in seiner Klinik seit ^j., Jahre 
in immer größerer Ausdehnung gebraucht wird und daB sich 
dabei eine Reihe von Vorzügen gegenüber anderen Antiseptiois 
gezeigt habe. Das Isoform ist bestimmt, im Wesentlichen mit 
dem Jodoform und dessen Surrogaten zu concurriren. Doch glaubt 
ßedner nicht, daß es das Jodoform vollständig verdrängen wird. 
Beide Mittel sind Dauerantiseptioa und haben ihre Licht- und 
Schattenseiten. Ein Hauptvorteil des Isoforms ist der, daß es, 
nach den bisherigen Erfahrungen wenigstens, nicht giftig zu 
sein scheint. Im Uebrigen wird noch eine längere klinische 
Beobachtung notwendig sein, um die beste Art seiner Anwendung 
festzustellen und ihm den richtigen Platz in der Wundbehandlung 
anzuweisen. 

Herr K. Stern: Duroli die von Herrn ßöhmann erwähnten 
Beobachtungen des Herrn Heile über Darmdesiufeotion finden meine 
früheren gemeinsam mit Dr. von Mieczkowski auf der 
V. Mikulicz 'sehen Klinik angestellten Versuche weitere Bestäti- 
gung: durch unsere Versuche wurde — soviel ich weiß, zum 



Jalirosbcrielit öm- ScJilos, GopoUsoliaft iTu- val.e 



, Onltnr. 



ersten Male - der Nachweis geführt, daß es durch größere Dosen 
eines per os gereichten, schwer löslichen Autiseptioums (Menthol) 
gelingt, im Darminhalt am untersten Ende des Dünndarms Des- 
infeotionswirkungen zu erzielen. Ob allerdings das Isoform sich 
praktisch als Darmantisepticum bewähren wird, erscheint nach 
den Ausführungen von Herrn Roh mann fraglich, da es in größeren 
Dosen reizend wirkte. 

Herr v. Strümpoli hält einen Vortrag über die primär« 
Degeneration der Seitenstränge (spastische Spinalparalyse). Nacli 
einleitenden allgemeinen Erklärungen über den Begriff und die 
Aotiologie der nervösen Systemerkrankungen berichtet der Vor- 
tragendeüberd reiFälle,dieden Symptomencomplex der spastischen 
Spinalparalyse dargeboten haben, und bei denen die anatomische 
Untersuchung als wesentlichaten Befund eine primäre aufsteigende 
Degeneration der Pyramiden-Seitenstrangbahnen (teils bis in das 
Halsmark, teils noch höher hinauf) ergab. Die ausführliche Mit- 
teilung der Beobachtung ist im XXVII. Bande der „Deutschen 
Zeitschrift für Nervenheilkunde" erfolgt. 



Klinisoher Abend vom 2. Docomber 1 !I04. 
im Allerheiligen Hospital. 

Herr Harttung: M. H.I Ich gestatte mir, Ihnen einige Fälle 
zu demonstrireu, welche sämtlich das Bild einer Hauterkrankuiig 
zeigen von höchster Eigenart, über deren Pathogenese die Acten 
noch nicht vollständig geschlossen sind. Sie sehen oder fühlen 
bei allen Kranken an den Extremitäten, und nur an ihnen, eigen- 
tümliche, z. T. plattenförmige , z. T. halbkugelige oder kugelige 
Tumoren, von denen einige bis zu Hühnereigröße gewachsen sind. 
Sie sind z. T. mit der Oberhaut fest verlötet, z. T. liegen sie in 
der Suboutis und sind teils looker, teils schwerer verschieblich- 
an einzelnen Stellen imponiren sie vollkommen als den Muskel 
durchsetzende Geschwülste; aber bei dem Versuche, sie zu ent- 
fernen, zeigt .sich, daß sie doch an der Fascia Halt machen, und 
obwohl sie dieser fest aufliegen, doch leicht von ihr abzutrennen 
sind. Bei der Betastung der Gebilde fühlt man von ihnen 
einzelne Stränge wie sklerosirto Gefäße in die Umgebung sich 
abzweigen. 

Höchst characteristisoh sind die länglichen, ''/^--l cm dünnen 
Platten, welche vom Epithel ausgehend den Papillarkörper ein- 
nehmen unil derb und hart, wie eine Bleiplatte, scharf abgegrenzt 



I. ÄbteiLing. Mediciiiisclic Seotion. 



gegen die Umgebung sich über der Tela subcutanea hin- und her- 
Bohieben lassen. Die Entwicklung geschieht so, daß zuerst auf 
dor Haut eine leicht rötliche oder livide Stelle auftritt, die all- 
mählich ein Infiltrat zeigt und in die Tiefe wächst. Es kommen 
aber auch Eruptionen vor, bei denen der erste Herd in der Sub- 
cutis sitzt, nachdem anscheinend dorthin auf dem Blutwege der 
erste Entwioklungskeim geschleppt ist. Diese Herde entwickeln 
sich dann zunächst nach oben und verlöten erst allmählich mit 
der Epidermis. Auf dem Durchschnitt sieht man ein derbes, 
ziemlich homogenes Gewebe, wie Sarkomgewebe, das mit mehr- 
fachen kleinen, eine ölige Flüssigkeit enthaltenden Hohlräumen 
(coUiquirtes Fett) durchsetzt ist. Histologisch findet sich bei allen 
Kranken chronische Entzündung, Wuoheratrophie des Fettgewebes 
(Flemming) mit großen, mächtigen Riesenzellen und, wenigstens 
nach unserer Auffassung, echte Tuberculose. 

loh muLi hier gleich einschalten, daß unsere Auffassung von 
der tuberoulösen Natur der Ihnen vorliegenden Bilder (eine An- 
zahl von Präparaten wird herumgegeben) nicht von allen Seiten 
geteilt wird. Während eine Anzahl namhafter pathologischer 
Anatomen (Geh-Rat Ponfick, Prof. Lubarsch) die bezeichneten 
Stellen als sichere Tuberculose des Fettgewebes ansprechen, 
leugnen ebenso namhafte Histologen, wie Jadassohn, dem sich 
neuerdings auch v. Recklinghausen angeschlossen hat, ihre 
tuberculose Natur. Hervorzuheben ist, daß die Kranken sämt- 
lich Spitzenaffectionen zeigten. Die Untersuchung auf Tuberkel- 
bacillen fiel negativ aus, auch zahlreiche Impfversucho waren 
negativ. 

Ueber die Pathogenese dieser Krankheit bestehen, wie ge- 
sagt, verschiedene Auffassungen; Caesar Boeck in Christiania 
hat vor drei Jahren zwei histologisch ganz ähnliche Fälle be- 
schrieben, die nur insofern klinisch eine Abweichung zeigten, 
als sie auch Eruptionen im Gesicht und auf dem Stamm auf- 
wiesen. Auch Boeck bezeichnet ihre tuberculösen Veränderun- 
gen nur .als tuberkelähulich, hat stets ein Zurückgehen auf Arsen 
beobachtet und iiezeiohnet sie als sarcoide Tumoren. Ihm schließt 
sich ein Teil der Franzosen an, von denen einige neuerdings die 
Auffassung vertreten, daß die Tuberculose im allerersten Anfang 
der Erreger dieser nun nicht mehr tuberoulösen, sondern sarcoiden 
Tumoren sei. Wir sind der Auffassung und mit uns eine Anzahl 
hervorragender Franzosen, daß es sich um eine echte embolisohe 
Tuberculose mit abgeschwächten Tuberkelbaoillen handele. 
Schließlich bostoht noch eine Auffassung der Prager Schule, 



142 Jahresbei icht der Schlos. Gesellschaft für vaterl. Culti^r. 



wonach es sich bei diesen Gebilden um oircumscripte chronische 
Entzündungen des Fettgewebes handelt. Diese Auffassung trifft 
wenigstens für drei von den Patienten, die Sie hier sehen, jeden- 
falls nicht zu. 

Die Erkrankung ist außerordentlich selten, es ist mir aber 
gar kein Zweifel, daü sie auch sehr häufig übersehen wird; es 
wäre doch ein merkwürdiger Zufall, wenn ich über sechs Fälle 
verfügen sollte, während im ganzen Deutschland (Reichsdeutsoh- 
land) nur etwa 10 beschrieben sind. 

Wir bezeichneten die Erkrankung bisher als Erytheme indure 
Bazin, einer Schilderung von Bazin aus seinem Buche „La 
scrophule" folgend; wir haben uns aber von Barthelemy be^ 
lehren lassen müssen, daß er, obgleich er sonst mit unserer 
pathogenetischen Auffassung übereinstimmt, und mit ihm die 
meisten seiner französischen Oollegen, unsere Fälle nicht als 
Bazins bezeichnen würde. Der erste Fall aus Deutsehland stammt 
übrigens von uns aus dem Allerheiligen-Hospital. 

Die Zukunft muß noch weitere Klärungen über diese Frage 
bringen. 

Herr Franz Eohrak: Otogene Pyämie. 

Redner bespricht an der Hand klinischer Fälle drei Typen 
acuter otogener Pyämie : 

1. Pyämie mit Sinusthrombose — durch Freilegung des Sinus 
sigmoideus und Unterbindung der Jugularis geheilt. 

2. Pyämie infolge eines unter Druck stehenden otogenen 
Abscesses — geheilt durch Eröffnung eines um den Sinus bis 
zum Bulbus jugularis sich erstreckenden extraduralen Abscesses, 
ohne wesentlichen Eiterherd im Antrum mastoideutn und den 
Zellen des Warzenfortsatzes. 

3. Pyämie bezw. Baoteriämie, bei der sich die Invasion 
lediglich durch eine Infeotion der Paukenschleimhaut erklären läßt. 

Unter Demonstration von Blutagarplatten bespricht der Vor- 
tragende den diagnostischen und prognostischen Wert der aus 
dem Blute angelegten Culturen. 

Herr Riegnor stellt drei Fällo von Blasentumor bezüglich 
deren Präparate vor. Zweimal handelte es sich um den in der 
Blase sehr seltenen Gallertkrebs, einmal um den Fall, daß ein 
gutartiges Papillom neun Monate nach der ersten Operation als 
maligner Tumor recidivirt ist. (Genaue Veröffentlichung erfolgt 
in „Bruns Beiträgen zur klinischen Chirurgie".) 

Herr Lilienfeld stellt einen 8jährigen Jungen vor, der durch 
Sturz von der Treppe einen coinplicirten Bruch des Hinter- 



I. Abteihing. Modiciriiscbe Beclioii. 



Iiauptbeines erlitten hatte. Nach anfänglich glattem Verlauf 
stellten sich Erscheinungen ein, die einen Gehirnabsoeü vermuten 
ließen. Die Trepanation ergab einen großen Absceß dos rechten 
Occipitallappens. Ausgang in Heilung. Im 'Anschluß daran de- 
monstrirt der Vortragende das Präparat eines Falles von Absceß 
des linken Stirnhirna, der im Anschluß au eine Splitterfractur 
des Stirnbeins entstanden war. Tod an Meningitis. 

Ferner stellt Herr Liljenfold zwei Fälle von durch Lapar- 
otomie geheilter diffuser, eitriger Peritonitis vor. Im einen Fall 
handelte es sich um einen 43jährigen Tischler, der durch ein 
gegen das Abdomen von einer Kreissäge geschleudertes Brett 
eine .Ruptur des Oo ecuras erlitten hatte, bei Intactsein der Bauch- 
decken. 30 Stunden post trauma Laparotomie. Trotz diffuser Perito- 
nitis Ausgang in Heilung. Bei dem anderen Fall, der eine 35jährige 
Frau betraf, lag eine Quetschung der untersten Ileumsohlinge 
ohne makroskopisch nachweisbare Perforation vor, die infolge 
von schwerer Mißhandlung entstanden war. Die Läsion der 
Darmwand hatte zu diffuser, eitriger Peritonitis geführt, die durch 
Laparotomie geheilt wurde. (Die Fälle werden in extenso in 
„Bru ns' Beiträgen zur klinischen Chirurgie" veröffentlicht werden.) 

Herr Heintze stellt zwei Patienten vor, welche in der Nacht 
vom 25, zum 26. September er. nach einer Messerstecherei schwer 
verletzt in das Wenzel Hancke'sche Krankenhaus eingeliefert 
worden waren. 

Der erste, ein 27jähriger Schmied Paul R., hatte einen Stich 
in den Unterleib erhalten. Die Wunde lag in Nabelhöhe nach 
außen von der linken Mammillariinie. Durch dieselbe war etwa 
% m Dünndarm vorgefallen. Dieser war infolge Absohnürung 
durch die enge Bauchwunde angeschwollen, sah dunkelrot aus 
und zeigte etwa in der Mitte des prolabirten Convolutes eine quere 
scharfe Durchtrennung bis auf den Mesenterialansatz sowie etwa 
2 cm davon entfernt noch zwei einander gegenüberliegende Durch- 
stichswunden. Es wurde eine typische Darmresection ausgeführt 
(das resecirte Stück von 25 cm Länge wird demonstrirt). Darauf 
wurde die Bauchwunde, welche einen ganz engen Schnürring 
darstellte, erweitert, ein entfernterer Seroaadefect durch drei Nähte 
übernäht, der Darm reponirt und die Bauciawunde durch Etagen- 
nähte bis auf eine 1 cm lange Oeffuung, durch welche ein schmaler 
Streifen Vioformgaze eingeführt worden war, geschlossen. Un- 
gestörter Wundverlauf. Patient konnte am 29. Ootober er. ge- 
heilt das Krankenhaus verlassen. 

Der zweite Patient, ein Sljähriger Arbeiter Paul G., hatte 



144 Jahresberidit dor Schles, Gesellschaft für vaterl. Onlt.ur. 

außer einer Schnittwunde am linken Unterarm sowie einer Stich- 
wunde am Sorotum vier Bauchstiohe davongetragen, welche sämt- 
lich perforirten. In einer Wunde im linken 9. Zwischenrippen- 
raume sowie in der linken ITnterbauohgegend war Netz vor- 
gefallen, bei einer dritten Wunde in der linken Axillarlinio war 
der 10. Rippenknorpel scharf durohtrennt und die vierte Wunde 
lag zweifingerbreit unter dem Processus ensiformis sterni. Die 
Beschaffenheit des Pulses, der Peroussionsbefund sowie die geringe 
Druckempfindlichkeit und Spannung des Abdomens ließen eine 
innere Organverletzung nicht sehr wahrscheinlich erscheinen. 
Trotzdem wurde wenigstens die eine Wunde in der linken Ilnter- 
bauchgegend erweitert. Es fand sich keine Darmverletzung, 
sondern nur eine stärkere Blutansammlung in der linken seit- 
lichen ßauchpartie, welche nach der Lage der Wunden wahr- 
scheinlich aus einer Stichverletzung der Milz herrührte. Die 
Blutung war nicht so erheblich, daß ihre Ursprungsstelle un- 
bedingt freigelegt worden mußte. Die Wunden wurden durch 
Naht geschlossen und Patient verließ zugleich mit dem ersten Ver- 
letzten am 29. Ootober er. geheilt und arbeitsfähig das Krankenhaus, 



Sitzung vom 9. Dooember 1904. 
.Vorsitzender: Herr Ponfick. 
Schriftführer: Herr Uhthoff. 

Herr (Jürich: Die tonsillara Therapie des (Jelenkrheuma- 
tismus. 

Die übliche medicamentöse Therapie des Gelenkrheumatismus 
ist nur symptomatisch, kein Medioament kann die Recidive der 
Krankheit verhüten. Die Recidive beruhen auf dem immer wieder 
erneuten Eindringen des Virus in die Circulation. Die Medi- 
namente wirken nur auf das in der Circulation befindliche Gift, 
den Neueintritt von Gift können sie nicht verhindern, 

Der oft wiederholte Eintritt von Krankheitserregern in die 
Circulation zwingt uns, im Körper des Krauken einen chronischen 
Infectionsherd anzunehmen. Dieser ist nach dem Vortragenden 
in den Tonsillen gelegen. 

Die chronisch eitrige fossuläre Angina ist der primäre In- 
fectionsherd. 

Die chronische fossnläre Angina findet sich in jedem Palifi 
von Gelönkrheumatismus. 

Jede acute Exacerbation dorsclhon hat rheumatische Er- 



I. Abloiliiii^!,', ILcdicinisclic Secfioii. 145 

soheinungen zur Folge. Durch küustlioh herbeigeführte Exacer- 
bationen kann man experimentell Gelenkrheumatismus hervorrufen. 
Durch Beseitigung der chronischen Augina wird der Gelenk- 
rheumatismus rasch und dauernd geheilt ohne Anwendung von 
Medicamenten. 

Diese Thatsaohen gelten nach den Erfahrungen des Vor- 
tragenden für alle Fälle von Gelenkrheumatismus, auch für die, 
in denen anginöse Beschwerden fehlen. Das Fehlen anginöser 
Beschwerden beweist nicht, daß die Eintrittspforte des Giftes 
außerhalb der Majideln liege. Im Gegenteil steht die Ansicht, 
daß in den klinischen Erscheinungen au der Eintrittspforte und 
deji Erscheinungen der AUgemeininfection ein Parallelismue be- 
stehen müsse, im Widerspruche mit der modernen Lehre von der 
AUgemeininfection. 

Zum Beweise der Heilwirkung der tonsillaren Therapie eignen 
sich weniger frisch erkrankte Patienten, bei denen man Spontan- 
lieilungen nicht ausschließen köiuio, sondern vorwiegend solche 
die schon Monate oder gar jahrelang bestehen. 

In solchen Fällen hat man streng zu unterscheiden zwischen 
den durch die Erkrankung erzeugten bleibenden Veränderungen 
der Gelenke — Status metarheumatious — und den auf immer 
wiederholter Neuinvasion des Virus beruhenden Nachschüben 
— Rheumatismus acutus permaiiens. 

Es werden vorgestellt: 

H. 8., 20 Jahre. Rheumatismus acut, perman. seit 8 Jahren ; 
von der Landesversicherungsanstalt in Breslau als unheilbar er- 
klärt: erhält Invalidenrente, Heilung durch 6 wöchentliche ton- 
sillaro Behandlung. 

P. K., 43 Jahre, ßheumatii-mus acut, perman. seit 17 Ja.hren, 
m etarheumatisohe Ankjrlose Ijoider Handgelenke. Heilung durch 
3 wöchentliche Kur. 

A. W., Militärinvalide, 23 Jahre, erkrankte als Soldat im 
December 1903. Im Mai 1904 als unheilbar mit Militärpension 
entlassen. Begijui der Kur im September 1904. Heilung nach 
4 Wochen. 

A. Z. Rheumatismus acut, perman, seit V/^ Jahren, War bei 
Beginn der Kur gänzlich arbeitsunfähig. Heilung nach 3 Wochen. 
'P. S. Rheumatismus perman. seit fi/j Jahren; Kurdauer 
4 Wochen. Völlige Heilung. 

Cl. M. Rheumatismus permanens gravis seit 4 Jahren, nocli 
«nbedeutende Schmerzen im rechten Knöohelgelenk, noch in Kur 
seit () Wochen. 



14C .Tahresberlclit der Sdilos. Guscllscliafi für vnicri. Cultur. 

A. K. , 20 .ralire. Chorea minor gravis. Seit lo Wocli«n. 
Kurdauer 10 Tage, völlige Heilung. 

0. H. EheumatismuB permanens seit '/^ .J;ihr. Kurdauer 
10 Tage, YöUige Heilung. 

Die Diagnose der chronisohon fossuliireu Angina ist nach den 
Lehren der Specialdisciplin durch Sondonuntersucliung der Mandel- 
gruben irnd durch die mikroskopische Untersuchung des Gruben- 
inhaltes zu stellen. Meist findet man Mandelpfröpfe. Die ein- 
fache Inspeotiou gestattet die Diagnose nicht. 

Die tonsillare Therapie besteht in der Spaltung der Mandel- 
gruben und ExHtirpation der zwischen den Spalten stehenbleiben- 
den Mandolreste. Die hierzu nötigen Instrumente sind nach den 
Angabi-n des Vortragenden constniirt. (Sie werden herumgereicht.) 
Die bisher übliche Therapie der Mandelpfröpfe reicht 7A\r Therapie 
des Gelenkrheumatismus nicht ans. 

Jeder Eingriff an den Tonsillen bewirkt durch acute Steigerung 
der chronischen Angina eine Exacerbation des Eheuraatismus, die 
nach einigen Tiigen der definitiven Besserung weicht. Diese 
„rheumatische Reaction" muß abgelaufen sein, ehe ein neuer 
therapeutischer Eingriff vorgenommen wird. 

D i s c u s s i n : 

Herr 0. Brieger: Die von dem Vortr. vorgeschlagene Therapie 
begegnet zunächst erhel)lichen priuoipiellen Bedenken. Daß die 
Tonsillen eine der Eingangspforten für das Virus des Gelenk- 
rheumatismus, vielleicht die am häufigsten beschrittene darstellen, 
steht außer Zweifel. Die Propfbildung in den Mandeln ist aber 
als ein Procei.', der geeignet wäre, wiederholte Infectionen mit 
dem Virus des GeleukrheumatismuB zu vermitteln, von vornherein 
nicht anzusehen. Wohl enthalten die Pfropfe meist zahlreiche 
Mikroorganismen, wie sie als Epiphyten der Tonsillen bekannt 
sind, diese aber so eingeschlossen in gesohichtete Hornmassen, 
daß, zumal bei der gewöhnlich zu Grunde liegenden Dioken- 
zunahme des Plattenepithela, das Eindringen in das Gewebe der 
Mandel so sicher als möglich verhütet ist. Bei der Pfropfbildung 
ist nicht ein entzündlicher Proceß, wie der Vortr. ihn als Quelle 
des recidivirenden Gelenkrheumatismus annimmt, sondern nur 
eine Hyperkeratose des Mandelepithels im Spiele. 

Wenn der Vortr. meint, daß es seiner diagnostischen Methode,n 
zur Aufdeckung der Mandelpfröpfe bedürfte, irrt er ebenfalls. 
Mit Hilfe einer ähnlichen, schon immer gebräuchlichen Methodik, 
aber selbst auch ohne diese — am einfachsten durch einen auf die 



Moiüciiiisclie Sociion. 147 

Maiidelbasis während der Betrachtung geübten Druck mittels des 
Spatels ^ bringt man sich die in den Mandelbuohten sitzenden 
Pfropfe mindestens ebenso gut zu Gesicht. Die Zuverlässigkeit 
der seit je geübten Methoden für die Erkeinmng der Pfropfe 
geht schon daraus liervor, daß sie mit diesen weit häufiger, als 
sie dem Herrn Vortr. aufgestoGeu zu sein scheinen, ebenso Jiäufig 
etwa, als man sie nach Maßgabe der histologisohen Erfahrungen 
an exoidirten Mandeln erwarten muß, nachgewiesen werden. 

Bei dieser Häufigkeit des Vorkommens von Mandelpfröpfen 
ist es nicht wunderbar, wenn der Herr Vortr. der von ihm als 
Ursache der Pfropfbilduug zu Unrecht supponirton „chroiiisohon 
eitrigen Tonsillitis" in jedem seiner Fälle von Gelenkrheumatismus 
begegnete. Nur ist der Zusammenhang dieser beiden Processs 
miteinander damit durchaus noch nicht erwiesen. Diese Befunde, 
wie auch die therapeutischen Resultate und noch mehr die eigen- 
tümlichen B,eactioneu an den Gelenken auf Eingriffe im Bereich 
der Mandeln bedürfen vielmehr durchaus der Nachprüfung au 
größerem Material. Aus meinen bisherigen Erfahrungen in gleicher 
Richtung habe ich weder den Eindruck einer constanten Beein- 
flussung der Recidive des Rheumatismus durch Behandlung der 
Tonsillen gewonnen, noch auch jemals eine typische Reaotion, 
wie sie der Vortr. beschreibt, feststellen können. Indessen gegen- 
über solchen positiven Erfahrungen, wie sie hier mitgeteilt wurden, 
ist, wie ich anerkenne, die Beibringung eines größeren, von den 
Gesichtspunkten des Vortr. aus sorgfältig beobachteten Materials 
als Grundlage der Kritik notwendig. 

An der Anwendung einer weniger wirksamen Behandlungs- 
methode, als der vom Herrn Vortr. vorgeschlagenen, können die 
negativen Resultate — wie ich , um diesem Einwand gleich zu 
begegnen, hervorheben möchte — nicht liegen. Der Herr Vortr. 
irrt wieder, wenn er meint, daß sein Verfahren principiell neu, 
und daß es geeignet sei, das lymphoide Gewebe in diesem Ab- 
schnitt des Schlundringos vollkommen und dauernd auszurotten. 
Zutreffend ist sein Urteil über den geringen Nutzen der Methode 
der Mandelschlitzung. Dauerresultate im Sinne dauernder Be- 
seitigung der Pfropfbildung sind dabei, gleichviel ob man danach 
auf das Epithel in den Buchten noch andere Mittel durch mehr 
oder weniger lange Zeit einwirken läßt, nicht allzu häufig. Seit 
langem wird aber vielfach und von mir z. B. regelmäßig an Stelle 
dieses Verfalirens die Excisiou derjenigen Tonsillarabschnitto, in 
denen die Buchten sich finden, und zwar so weit gegen die 
Mandelbasis hin, daß die ganze 'J'iefo der Buchten erreicht wird, 

10* 



Id8 Jfilirosliiriclii dor ScIilftS. r!os(>l!scliua liir vatcrl. Oiiiliir. 

mittels geeigueter Zangen geübt. Nur wenn mau die Laounon 
in toto excidirt oder aus den tiefen Buchten offene Mulden macht, 
in denen die Hornmassen sich nicht mehr anhäufen können, wird 
die Pfropfbildung ständig verhütet. 

Aber auch damit kommt es obouso wenig, wie es bei dem 
vom Vortr. bevorzugten Verfahren möglich ist, zu einer Aus- 
rottung des lymphoiden Gewebes au den betreffenden Stellen. 
Seibat wenn es vorübergehend zu wirklicher Narbenbildung in 
der Tonsille käme, werden auch solche Bezirke, zumal bei jugend- 
licheren Individuen, so vollkommen durch allmähliche Lympho- 
cyteninfiltration wieder „adenoid" umgewandelt, daß man auch 
in den radioalat operirten Fällen immer noch Reste adenoiden 
Gewebes finden wird. 

Auf Grund aller dieser Erwägungen kann ich nur davor warnen, 
die Folgerungen des Herrn Vortr. einfach anzunehmen und nur 
raten, die Discussion über diesen Gegenstand wieder aufzunehmen, 
wenn ausgedehnte Nachuntersuchungen von möglichst vielen 
Seiten her vorliegen. 

Herr Güricli: Daß nicht jeder Mandelpfropf rheumatisclies 
Gift enthält ist selbstverständlich. Der nach Eingriffen an den 
Tonsillen auftretende reactive Gelenkrheumatismus findet sich 
selbstverständlich nur bei rheumatisch infioirten Individuen. 

Herr Detenneyer: lieber eijieii Fa!J «ioppflgtiitiger isolirter 
Liiljmnisg des M. extons. quadriceps cruris. 

M. H. ! Gestatten Sie mir, Ihnen einen oasuistischen Beitrag 
zum Capitol der peripheren Lähmungen mitzuteilen. — Ein etwa 
30jähriger, rüstiger und gesunder Mann hatte eine Fußtour unter- 
nommen, bei welcher er den vom Hochwald nach Bad Salzbrunn 
hinabführenden steilen sogen. Zickzackweg passirto. Den ca. ein- 
stütidigen Weg vom Fuße des Hochwaldes nach Bad Salzbrunn 
legte er ohne Beschwerden zurück und besuchte hier die Pro- 
menade, vfo or sich auf einer Bank ausruhte. Beim Aufstehen 
bemerkte er eine Schwäche in den Beimen, konnte noch eine 
Weile gehen und brach ,dann in den Kniegelenken zusammen. 
Hinzugerufen stellte ich fest: Dor im Uebrigen gesunde Mann 
war nicht im Stande, sich ohne Hilfe aus sitzender Stellung zu 
erheben. Auf die Füße gestellt, vermochte er mit passiv durch- 
gedrückten Knien zu stehen, brach aber bei der geringsten 
Beugung der Knie zusammen. Dio Bewegungen im Hüftgelenk, 
besonders die Beugung, wurden ohne jegliche Beschwerde aus- 
geführt, dio Streckung des Unterschenkels war aber unmöglich, 
dor Pat^llarreflex fehlte, der Kremasterreflex war lobhaft, die 



I. Abtcjluim-. Mcdioinische Scctioti. Hf» 

Sensibilität naoii joiier Eiohtung isornial. Diese Eraoheinungen 
zeigten sicli an beiden Beinen gleiciimäCig. Eine Untersuchung 
auf eleotrische Erregbarkeit konnte leider nicht vorgenommen 
werden, da der Patient baldmöglichst in seine Heimat abreisen 
wollte, was auch mit Unterstützung seiner ihn begleitenden 
Freunde geschah. Ueber den weiteren Verlauf hat mir der be- 
handelnde Arzt, Herr Dr. Troche (Warmbrunn), folgende, Beob- 
achtungen gütigst zur Verfügung gestellt: Zwei Tage nach Be- 
ginn der Erkrankung stellte sich der Patellarreflex auf beiden 
Seiton wieder ein. Die Lähmungsorschainungon ließen, erst links, 
dann auch rechts, alhuäiilich nach und ca. 14 Tage nach dem 
Beginn der Erkrankung konnte Patient seine Thätigkeit in 
vollem Umfange wieder aufnehmen. Es war völlige Heilung ein- 
getreten, welche auch heute andauert. 

Es handelte sich also um eine doppelseitige isolirto Lähmung 
des Muse, extenaor cruris quadrieeps. Die übrigen vom Nerv, 
cruralis versorgten Muskeln, vor allem die Beuger des Ober- 
schenkels (Mm. psoas und iliacus internus) waren völlig frei, 
ebenso waren die sensiblen Aeste des Nerven (Nerv, femor. 
cutan. med., Nn. saphen. major, und min.) intact. — Als Ursache 
der Lähmung dürfte Ueberanstrengung bei dem Abstieg über 
den steilen Zickzackweg anzunehmen sein. 

In der Litteratur ist über solche Lähmungen wie die vor- 
liegende wenig zu finden, üeberoinstimraend geben die Autoreu 
(v. Strümpell, Bernhardt u. A.) an, daß isolirte Lähmungen 
im Gebiete des N. orural. überhaupt zu den selteneren Lähmun- 
gen gehören. Speciell über die durch Ueberanstrengung ent- 
standene Lähmung finde ich nur in der in Nothnagels Handbuch, 
1902, IL Aufl., gebrachten Abhandlung Bernhardts: „Ueber die 
peripheren Nerven", folgende Notiz: „Eine offenbar seltenere Ur- 
sache einer Cruraliaparalyse und speciell der Lähmung der Unter- 
Bchenkelstrecker habe ich einige Male nach Ueberanstrengung 
der Beine (Emporsteigen und Tragen schwerer Lasten) beob- 
achtet und ein Beispiel davon in meiner Electrotherapio mit- 
geteilt." Leider stand mir dieses letztere Work nicht zur Ver- 
fügung. Ueber doppelseitige Quadricepslähmung liabe ich 
nirgends eine Angabe gefunden. 

Dieses seltenen Vorkommens wegen gla\dite icli Ihnen den 
Fall hier mitteilen au dürfen. 

Herr Eicliard Weij^ert: IJebar tincts Fall von ani^^eborMsor 
Stenose ih^v Aorta an der Rii'imiindinig' dc.s F>iic{us artfriosus 
Botalli. 



150 Jahresboriclit der Hehles. aesBllschaCt IVir \'.dw\. Ciiltur. 

M. H. ! Das Kind, das ich mir ^-estatte, Ihnen vorzustellen, 
kam am 4, X. a. or. wegen Eachendiphtherie auf die Infeotions- 
abteilung der kgl. Kinderklinik. Die Diphtherie verlief glatt und 
bot nichts weiter Bemerkenswertes. Dagegen zeigte das Kind 
einen Befund, der heut wie damals zu constatireu ist. Er erregte 
unser besonderes Interesse, weil es zuerst nicht gelingen wollte, 
ihn zu deuten. 

Es handelt sich um ein roageres, graciles Mädchen mit lioch- 
gradigerJCyaaose, die sieh besonders auf die Eitremitäteuenden, 
die Nase, die Lippen, die Zunge und die Augen bezieht. Diese 
Oyanose soll nach den Angaben der Mutter bald nach der Ge- 
burt des Kindes bemerkt worden sein. Sie nimmt in Aufregungs- 
zuständen und bei größeren Anstrengungen noch zu. Pinger 
und Zehen sind trommelschlägelartig aufgetrieben. Die Herz- 
gegend ist vorgewölbt. Der Spitzenstoß ist verbreitert und im 
6. Intercostalraum bis 1,5 cm außerhalb der Mammilla deutlich 
zu fühlen. Auch percutorisch kann die Verbreiterung des linken 
Herzens in demselben Maße nachgewiesen werden. Die rechte 
Herzgrenze liegt am rechten Sternalraud. 

Die Herztöne sind rein. Der zweite Ton an der Aorten- 
Tind Pulmonalklappe ist weder verstärkt noch abnorm leise. Da- 
gegen hört man über dem Manubrium sterni ein lautes Blasen. 
Es pflanzt sich vom Manubrium sterni nach rechts fort und hat 
sein punctum maximum genau unterhalb der Mitte der rechten 
Clavikel. Auch rechts hinten ist es über der Lunge laut zu 
hören. Das Geräusch erstreckt sich über die ganze Systole, 
greift aber anscheinend auch noch auf die Diastole über. 

Alle Versuche diesen Befund unter eines der bekannten 
klinischen Krankheitsbilder unterzubringen scheiterten, und erst 
die nach Abheilung der Diphtherie in der Eöntgenabteilung der 
chirurgischen Klinik ausgeführte Köntgenaufnahme lenkte auf 
den richtigen Weg. Das Röntgenbild zeigt nämlich, wie Sie sich 
an der mitgebrachten Platte überzeugen können, unterhalb der 
rechten Clavikel Stränge, die angesichts des Auscultationsbefundes 
als dicke Gefäße gedeutet werden müssen. Denn das gerade 
an dieser Stelle am lautesten zu hörende Geräusch liat den 
Charaoter sogenannter Gefäügeräusohe. Nach der anatomischen 
Situation gehen die Gefäßstränge von der Arteria subclavia dextra 
aus und streben nach unten. Nunmehr war die Diagnose un- 
schwer zu stellen, denn dieser Befund kann nach der vorliegen- 
den Litteratur nur auf eine Stenose der Aorta an der Eintritts- 
stelle des Ductus arteriosus Botalli bezogen werden. 



I. Abtciliiiig. Medicinisclie Sectioii. 151 

Während dieser Befund auf de)n Sectioustisolie eolioii weit 
über 100 Mal gefmideu und beschrieben worden ist, während 
diese Diagnose bei Erwachsenen aus bald zu erörternden Gründen 
leicht ist, ist sie bei Kindern fast unmöglich und bisher auch 
Mur einmal, und zwar von Hoohsingeri) (1889) gemacht worden. 
Unser Fall wäre also der zweite derartige, beim Kinde ia vivo 
diagnosticirte. Aber unser Verdienst hieran ist klein, denn wir 
befanden uns infolge der Röntgenaufnahme den Voruntersucbern 
gegenüber im Vorteil. 

Da die Affeotion relativ selten ist, sei es mir gestattet, einige 
Worte über die Entstehung und Symptomatologie zu sagen. Ich 
folge hierbei im Wesentlichen der Darstellung von Hochsinger 
in seiner Monographie über die Auscultation des kindlichen Herzens 
(Wien 1890) und der von Vierordt in Nothnagels Handbuch 
der speciellen Pathologie und Therapie (Wien 1898). 

Ueber die Aetiologie sind mehrere Theorien aufgestellt worden, 
von denen zwei als die meist discutirten hervorgehoben seien. 
Nach der ersten wird angenommen , daß die im Ductus ßotalli 
mit Beginn des extrauterinen Lebens einsetzenden Involutions- 
vorgänge auf den Aortenbogen übergreifen und so zur Stenose 
führen. Die zweite Theorie, die von B.okitanski stammt, ist 
heut wohl allgemein maßgebend geworden. Sie stützt sich auf 
die Thatsache, daß der Aortenbogen da wo die Einmündungsstelle 
des Ductus Botalli liegt, am sogenannten Isthmus aortae, im 
fötalen Leben gegenüber dem übrigen Arterienrohr verengtest. 
Dieser Isthmus kann im embryonalen Leben völlig veröden oder 
er kann im extrEuitorinen Leben auf seiner fötalen Eiiiwicklungs- 
stufe stehen bleiben. Alsdann ist schon bei der G-eburt der 
sogenannte Isthmus gegenüber dem übrigen Aortenbogen vun 
^/j — 2 mm verengt, jedoch noch so weit, daß I)isufficien>!erscheiiiungen 
eventuell gänzlich fehlen. 

Die Situation wird jedoch mit dem Wachstum des Indivi- 
duums und speciell des Herzens und des Gefäßsystems unange- 
nehmer, weil nuu bei wachsender Blutmenge und zunehmendem 
Blutdrucke die stenosirte Stelle den gestellten Ansprüchen nicht 
mehr genügen kann. Die ursprünglich nur geringe Differenz wird 
mit dem Wachstum des ganzen Gefäßsystems und dem Zurück- 
bleiben des einen kleinen Teiles immer größer und documentirt 
sich im Zunehmen der Insvifficienaerscheinungen. Der Körper 
schafft sicli einen Ausweg, indem er dem Blut, das die stenosirte 

1) Wiener mediciuisclio Presse, 1890, No. 1. 



1,52 Jalirosboriclit der Sclilos. Gcsollsohaft für vat.erl. Ciiliiir. 

Stelle uiohfc zu passireii vermag, durch Auastomoseu der ober- 
halb des Isthmus aus der Aorta abzweigenden Arterienäste mit 
den Aesten der Aorta descendeus Abfluß versohafft. Zuerst pflegen 
Anastomosen der visceralen Aeste der Aorta auszureichen, und 
da diese vor Einführung des Röntgenverfahrens dem Untorsucher 
nicht sichtbar waren, so konnte auch in diesem Stadium bisher 
die Diagnose nicht gestellt werden. Mit Eintritt der Pubertät 
pflegen auch diese Bahnen niolit mehr auszureichen. Herz und 
Arterienrohr wachsen weiter, und so wird die Stenose relativ 
immer größer, der vor ihr gelegene Abschnitt der Aorta wird 
aiifurysmatisch erweitert, die allmählich eingetretene Hypertrophie 
des linken Ventrikels nimmt dauernd größere Dimensionen an. 

Das bald nach der Geburt über dem Manubrium sterni nach- 
weisbare Geräusch wird immer lauter und pflanzt sich nach rechts 
zu der Abgangsstelle der Collateralen fort. Bald müssen neue 
Bahnen geschaffen werden und diese werden, in Anastomosen der 
oberflächlichen Arterien hergestellt, die an Brust, Abdomen und 
Rücken sieht- und fühlbar werden, zuweilen pulsiren und Ge- 
räusche aufweisen. 

Iq diesem Stadium ist dio Diiiguose kücht und schon vielfach 
gestellt worden. Der Zeitpunkt, in dem der Symptomencomplex 
zur vollen Entwicklung gelangt, ist verschieden. Er hängt von 
dem absoluten Grade der Stenose und von den Wachtumsver- 
hältnissen des befallenen Lidividuums ab. Bei manchen Kranken 
bleibt die Affeotion während des ganzen Kindesalters sozusagen 
latent und documentirt sich nur in unwesentlichen physikalischen 
Symptomen, deren Deutung unmöglich ist. 

Tür die Differentialdiagnose mit angeborenen Anomalien, die 
ähnliche Symptome machen, ist besonders wertvoll die Looalisation 
des Geräusches auf der rechten Brustseite und die Hj'pertrophie 
des linken Ventrikels. In einzelnen Fällen findet sich auch eine 
Hetardiruug dos Pulses der Arterien , die sich unterhalb der 
Stenose von der Aorta abzweigen gegenüber denen, die oberhalb 
der Stenose entspringen. Das Aneurysma des Aortenbogens ist 
demgegenüber neben Reourrenslähmung und anderer Looalisation 
der Geräusche durch die Ungleichheit der Pulse auf beiden 
Körperseiteu zu unterscheiden. Dio Prognose der Anomalie ist 
relativ gut. la der Litteratur wird für die Patienten ein Durch- 
schnittsalter von 34 Jahren berechnet; unter ihnen befinden sich 
sogar Soldaten mit mehreren Eeldzügen. Der liäuligste Ausgang 
der Affection ist die Ruptur der Aorta oder des Hoi'zons sowie 
Gehirnblutungen. 



I. Abteilung Medioinische Section. 



Um nun nochmals zu unserem Falle zurückzukehren, so sehen 
wir, daß die Patientin sich in dem Stadium befindet, in dem der 
Organismus mit visceralen, durch das Röntgenbild nachgewiesenen 
Collateralen auskommt. Sie befindet sich in der Ruhe ganz gut, 
zeigt jedoch schon bei geringen Aufregungen und Anstrengungen 
eine starke Zunahme ihrer Cyanose, so daß der Organismus wohl 
bald für neue Collateralen wird sorgen müssen. 

Ich möchte schließlich, noch auf die zwei Zeichnungen hin- 
weisen, die ich nach Abbildungen inVierordts Darstellung an- 
gefertigt habe. Die erste zeigt den Entstehungsmodus der 
Anomalie nach der Hypothese Rokitanskis, die zweite ist ein 
Schema der Collateralen, das von Reynaud angegeben ist. 

Bei der Wahl der Delegirten für das Präsidium werden die 
Herren Neisser, Partsoh, Rosenfeld, Tietze, ühthoff 
gewählt 



ScüesiscliB Gesfiisciiafi fir yaterläDiclie Cütar. 



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82. 




I. Abteilung. 






Jahresbericht. 




Medicin. 






1904. 




b. Hygienische Section. 




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Sitzungen der hygienischen Section im Jahre 1904. 



I. Sitzung vom 20. Januar 1904. 
I. Nach weiterer Discussion über den Bericht der Commission 
für Anstellung von Schulärzten an höheren Lehranstalten werden 
die von den Referenten Herren Dr. Sana o geh, Dr. Reich und 
Prof. Dr. H. Cohn aufgestellten Leitsätze in der folgenden Fassung 
angenommen : 

1. Die Anstellung von Schulärzten für höhere Schulen ist 
notwendig mit Rücksicht auf die Schulen und die Schüler. 

Gründe: 

a) Die längere Dauer des Schullebens und die intensivere 
geistige Arbeit in den höheren Schulen legen die Möglich- 
keit eines gesundheitsschädlichen Einflusses gerade hier 
besonders nahe. 

b) Die hygienische Ueberwachung seitens der Eltern ist nicht 
immer in genügendem Maße vorhanden, auch nicht immer 
ausführbar. 

c) Statistische Untersuchung hat ergeben, daß der Gesundheits- 
zustand in höheren Schulen ebenfalls viel zu wünschen übrig 
läßt. 

2. Ohne Einzeluntersuchungen und Beobachtungen der Schüler 
läßt sich der Einfluß der Schule auf den Gesundheitszustand der 
Schüler nicht feststellen. 

3. Die Aufgaben der Schulärzte in den höheren Schulen sind 
im Wesentlichen dieselben wie in der Volksschule. 

4. Die befriedigende Lösung der Aufgaben der Schulhygiene 
auch in den höheren Schulen kann nur durch Zusammenwirken 
von Schulärzten und hygienisch vorgebildeten Lehrern erreicht 
werden. 

5. Auch der Kampf gegen Tuberculose, Alkoholismus und 
nervöse Erkrankungen gehört zu deu Aufgaben der Schulhygiene 
in höheren Schulen. 

1 



2 Jahresbej'icht der ScLles. Gesellscljaft für vaterl. Cultur. 

An der Disoussion beteiligten sich die Herren Wo If f berg sen., 
Oebbecke, Reich, Steuer, Samosoh, Jacobi und H. Cohn. 

II. Im Anschluß an diese Disoussion hält Herr Prof. Dr. H. 
Cohn die folgende Rede: 

Auf die Bemerkungen des Herrn Stadtarztes Dr. Oebbecke 
habe ich Tolgendes zu erwidern: Derselbe meint, daß das von 
mir geprägte Wort „diotatorisoher Schularzt" ihm im Anfange 
seines schulärztlichen Ueberwachungssystems vor zwei Jahren 
Schwierigkeiten, Empfindlichkeiten und Mißtrauen bei den Lehrern 
eingebracht habe. Es wäre ein trauriges Zeichen gerade für die 
Breslauer Volkslehrer, wenn sie deswegen in den Angstruf 
„Der Schularzt kommt" ausbrechen, während doch eine große 
Zahl von Lehrervereinen und hervorragenden Pädagogen sich für 
Schulärzte ausgesprochen haben , so der Berliner Lehrerverein, 
der Berliner Realschulmänner -Verein, die General-Versammlung 
des allgem. sächsischen Lehrervereins, die 8. und 10. General- 
Versammlung des rheinischen Lehrertages, der 7. deutsche Lehrer- 
tag, die katholischen Lehrervereine von Coblenz, Wiesbaden, 
Duisburg, die Lehrer in Bremen (wie B erninger sie zusammen, 
stellt). Von bedeutenden Pädagogen seien nur genannt: Schiller 
(Dresden), Herberioh (München), Schotten (Halle), Dörr- 
Grieben, Autenrieth, Glauning, Seehausen u, A. 

Immerhin ist es mir lieb, hier Gelegenheit zu haben, mitzu- 
teilen, wie ich zu dem Rufe nach dictatorisohen Schulärzten 
gekommen bin. Ich bitte daher, den Schluß der Rede „Ueber 
Schrift, Druck und überhandnehmende Kurzsiohtigkeit", die ich 
in der 1. allgemeinen Sitzung der Naturforscher -Versammlung i) 
in Danzig 1880, also vor 24 Jahren gehalten habe, vorlesen zu 
dürfen. Nach Schilderung der jammervollen, finsteren, alten 
Schulen Breslaus sagte ich: „Es handelt sich, wenn wir den 
Schäden, die ja in Menge schon aufgedeckt sind, wirklich zu Leibe 
gehen wollen, um einen Beamten, der mit diotatorisoher Ge- 
walt ausgerüstet, alle schlecht beleuchteten Sohullocale schließen, 
elendes Schulmobiliar kassiren und die Gemeinden zu sofortiger 
Anschaffmig körpergerechter Subsellien zwingen, die Schulbücher, 
die zu klein und zu eng gedruckt sind, beseitigen, den Lehrplan 
mit Rücksicht auf Ueberanstrengung mitbearbeiten, genug alle 
Schädlichkeiten mit fester Hand entfernen kann, die das Auge 
unserer Schuljugend bedrohen, mit einem Worte: um den 
Schularzt. 



1) Tiigebh d. Naturforsoher-Versammhiuff in Dnnzig, 188(J, N(j. 3. 
Auch Deutsche llimdschau. Decamberheft 188U. 



I. Abteilung. Hygienische Sectioti. 



Derselbe müßte mit den größten Machtvollkommenheiten 
ausgerüstet werden und hätte in mancher Stadt wahrlich reich- 
lich zu thun. Ist es z. B. zu billigen, daß noch heut (1880) in 
Breslau in Schulen Unterricht erteilt wird, die bereits vor 
15 Jahren (186B) von einer Commission von Aerzten und 
Pädagoge* als zu fins ter bezeichnet worden? Ist ea zu billigen, 
daß im Elisabeth- und Magdalenen- Gymnasium zu Breslau, deren 
Primen und Secunden durch die Zahl ihrer Kurzsichtigen eine 
traurige Berühmtheit erlangt haben, in einer Anzahl Klassen im 
Winter mehrere Stunden am Tage Gas und noch dazu in offener 
Flamme ohne Glocke und Cylinder gebrannt werden muß? 

Allerdings werden die neuen Schulen besser gebaut; aber 
immer wieder werden neue Generationen in die alten Schul- 
höhlen, gestatten Sie den Ausdruck, hineingezwungen! Und 
wir kennen wenigstens die Mehrzahl unserer Klassen und haben 
die schlechten öffentlich nomiuirt; aber wie viele unter den 
60000 Schulen in Deutschland existiren, die niemals ein ärzt- 
licher Fuß betreten hat? Wie wenige Lehrer können sich 
überhaupt erinnern, einen Arzt in ihrer Klasse gesehen 
zu haben? 

Ja, es dürfte eine würdige Aufgabe für die hier versammelten 
Aerzte und Naturforscher sein, in ihrer Heimat nach besten 
Kräften dazu beizutragen, daß das edelste Organ unserer Kinder 
mehr geschützt werde, und mitzuwirken, daß endlich Schulärzte 
nicht blos mit Sitz, sondern auch mit einflußreichster Stimme in 
den SchulcoUegien ihren Platz erhalten." 

So sprach ich vor 24 Jahren. Es fehlte natürlich schon 
damals nicht an Leuten, die meinten, mit der Dictatur sei nichts 
anzufangen, man müsse lieber bemüht sein, in immer weiteren 
Kreisen die Einsicht von der Nützlichkeit und Not- 
wendigkeit der Reformen zu verbreiten; polizeiliche Ein- 
wirkung könne nur schädlich wirken. Ich erwiderte Herrn Ober- 
bürgermeister Dr. Winter: „Bei der Kanalisation von Danzig 
könne es freilich fraglich sein, ob sie so nützlich, so allein 
empfehlenswert, so gesundheitsfördernd wäre, daß man ihret- 
wegen Millionen opfern müsse. Während es also für so kost- 
spielige und in ihrem Endresultate noch nicht Allen ganz ein- 
leuchtende Unternehmungen, wie die Kanalisation, gut sein mag 
zu warten, bis die Einsicht von der Nützlichkeit der Reformen 
verbreitet wird, ist dieses Warten bei Durchführung einer 
energischen Schulhygiene durchaus nicht richtig; denn es wider- 

l* 



4 Jahresbericlit der Schlos. Gosellsohaft für vaterl. Cultiir. 

spricht niemand der Ansicht, daß an Stelle finsterer Klassen 
helle Zimmer kommen müssen, um die Myopie zu verringern. 

loh speciell habe die Ueberzeugung gewonnen, daß man nicht 
mehr hier warten darf; denn infolge dieses Wartens sind seit 
fast 20 Jahren trotz beständiger Belehrungen und Besprechungen 
von Einzelnen und auf Versammlungen nachgewiesenermaßen 
Tausende von Schülern wieder kurzsichtig geworden. Wollen 
wir so weiter warten, so werden noch mehrere Generationen 
von Schulkindern in den alten schlechten Schullocalen myopisch 
werden. Aber auch auf deren Nachkommen wird sich die 
Disposition zur Myopie in vielen Fällen übertragen. 

Also ist schnelle Hilfe nötig. — Gern giebt keine Gemeinde 
Summen zur Beseitigung alter Gebäude; da wird gern gesagt: 
,Unsere Väter und wir haben ebenso gesessen, da mag die 
jetzige Generation nur auch dort weiter gebildet werden. Nur 
keinen Zwang, nur keine Polizei! Wir werden mit der Zeit 
das schon verbessern.' — loh kann nur meinen Wunsch wieder- 
holen, statt viel zu reden, endlich zu handeln und durch Ein- 
setzung staatlicher Schulärzte, die eisern vorgehen 
dürfen, der Myopieepidemie schleunigst Einhalt zu thun!" 

Wenn ich diese vor 24 Jahren gehaltene Rede wieder lese, 
kann ich nur beklagen, daß man damals keine dictatorischen 
Schulärzte anstellte. Vieles hätte inzwischen sich gebessert, was 
noch 20 Jahre in alter Stagnation geblieben! 

Der Herr Stadtarzt Oebbecke ist erst wenige Jahre hier 
und kennt die früheren Schulhöhlen Breslaus — heut möchte 
ich sie noch treffender als Nachtasyle bezeichnen — durchaus 
nicht. Aber auch er wäre zurückgeprallt, wenn er die Parterre- 
klassen z. B. in der finsteren, engen Weißgerbergasse, in der 
Harrasgasse, in den Gymnasien gegenüber der hohen Magdalenen- 
und Elisabeth-Kirche gesehen hätte. 

Glauben Sie, meine Herren, daß irgend ein Director oder 
Lehrer in diesen Höhlen von selbst eine Eingabe je gemacht 
hätte, in der er um bessere Lichtverhältnisse oder Verlegung der 
Zimmer gebeten hätte?! Die größte Lethargie herrschte unter 
der Lehrerschaft. Ich bin ja überhaupt der erste Arzt gewesen, 
der 1865 die Schulzimmer betrat. Und wenn ich feststellte, daß 
in manchen dieser entsetzlichen Parterrezimmer 70—80 pCt. der 
Kinder überhaupt kein Stückchen Himmel sahen, und später 
1884 z. B. feststellte, daß Mittags 12 Uhr nur 1 Meterkerze 
Helligkeit auf den Sohreibpulten vorhanden war, glauben Sie, 
daß ein Director sich bemüht hätte, Aeuderuug zu verlangen? 



Idygieuische SecUou. 



Es ist keiue UeberViebung und keine Prahlerei, sondern 
einfach historische Thatsache, wenn ich sage: Nur ich war die 
treibende Kraft, die allerdings nur durch ewig fortgesetzte öffent- 
liche Angriffe endlich die Beseitigung der elendesten Schul- 
Nachtasyle durchsetzte. 

Nun ist nach 40jährigem Kampfe meinerseits das Elisabeth- 
Gymnasium geschlossen und in ein neues helles Haus vor dem 
Thore verlegt worden"). 

Wie steht es, frage ich den Herrn Stadtarzt, mit dem Mag- 
dalenen-Gymnasium? Endlich hat man nun auch eingesehen, 
daß meine wiederholte Kritik „diese Anstalt sei zu finster" richtig 
ist. Denn ein großer Umbau mit riesigen Fenstern soll bald 
vorgenommen werden. Ich frage: Warum kommt nicht auch 
diese Schule in ein neues Haus vor das Thor? Wenn sie 
wieder an den alten Platz vor die hohe Magdaleuen-Kirche ge- 
Ijaut werden soll, so wird sie finster bleiben, auch wenn sie statt 
der Mauern nur Glaswände bekäme. Denn die hohe Kirche und 
das hohe neue Warenhaus von Barrasch werden ihr stets das 
llimmelslioht rauben. Schade um das viele Geld für den Umbau^)! 

Wie gut wäre es gewesen, wenn ein dictatorischer Schul- 
arzt vor 20 — 30 Jahren schon diese verderblichen Locale ge- 
schlossen hätte! 

Freilich, seit wir unseren ausgezeichneten Oberbürgermeister 
Herrn Dr. Bender haben, änderte sich die Situation in Breslau. 
Er hat meinen Vortrag: „Geschichte und Kritik der Breslauer 
Schulhygiene" hier im Jahre 1891 in der Hygienischen Section 
angehört, und nun begann das ernste Bestrebeii, den alten 
Schlendrian aufzuheben \ind Reformen einziiführen. Seitdem habe 
ich auch öffentlich erklärt, daß ich auf den dictatorischen 
Schularzt verzichte und hoffe, die durchaus nötigen Verbesserun- 
gen werden jetzt schneller geschehen. 

Wie konnte da mein vor 24 Jahren gesprochenes Wort der 
Breslauer Lehrerschaft ein Mißtrauen gegen den Herrn Stadiarzt 
einflößen? üebrigens konnte ihm ein solches eventuell um so 



2) Wocliojilii.iL- h;\l)i> i<-lj |)linluiiu'lTisol)e iiniT BnumwiukoliiioKSun- 
^■on in dorn nlion ( ly muMsliuii -viuiidit iin.l ilio Finslornis y.alilininiäßig 
nachgewioson (vci'.ü,-!. DouJischc im'd. AVoohensclir., 1881, TN'o. :'.s); diese 
Untersuchungen sollen auch in der Festschrift, die beim Umzüge er- 
schienen, erwähnt sein; übersendet wurde mir aber die Festaohrift 
nicht; auch kenne ich das neue Haus nicht. 

■'•) Der Herr Stadtarzt gab auf meine Frage keine Auskunft. 



Jfiliresbericht dor Schlos. (lesellscliait fltr vafcrl. CnlUi 



gleiohgiltiger ^ soin , als er ja officiell vom Magistrat geschickt 
wurde und seinen Anweisungen Folge gegeben werden mußte. — 

Bei dieser Gelegenheit -will ich auch nicht unterlassen zu 
beweisen, daß in Breslau gerade die Lehrer in der städtischen 
öchuldeputation seit 40 Jahren dio Verhinderer hygieni- 
scher Fortschritte waren, und daß diese Deputation noch 
heut den Namen einer antihygienischen Deputation verdient. 

Diese Deputation kann auf folgende antihygienisohe 
Leistungen zurückblicken: 

1. Im Jahre 1866 schrieb die Pädagogische Section der 
Schlesischen Gesellschaft ein Promemoria „Zur Verbesserung der 
Schulzimmer", in welchem sie eine Anzahl unhygionisoher Hcludon 
namentlich aufführt und deren Beseitigung, sowie richtig gebaute 
Bänke beantragt. Trotzdem wurde im Jahre 1867 an dem alten 
finsteren Platze das Magdalenen- Gymnasium wieder neu aufgebaut 
und 25 Jahre mußten vergehen, bis die als allerschlechtest be- 
zeichneten Schulen in der Weißgerber- und Harrasgasse ver- 
lassen wurden. 

2. In jenem Promemoria 1866 war angeraten worden, statt 
der alten falschgehauten Subsellien neue richtig construirto einzu- 
führen. Im Jahre 1873 wurde das neue Johannis- Gymnasium mit 
gajiz unrichtigen Subsellien mit positiver Distanz eröffnet. Wiederum 
wurde eine Commission eingesetzt, in der ich auf's Wärmste für 
die allein richtige negative Distanz eintrat. Die Schuldeputation 
beharrte gerade auf Einführung der alten schlechten Bänke. Ich 
trat natürlich mit Separat- Gutachten aus. Heut freilich denkt 
man allgemein an nichts anderes als an negative Distanz. 

3. Die Deputation stellte bei der großen Lehrerversammlung 
in Breslau im Jahre 1874 ihre falschgebauten Subsellien, die sog. 
Bock'sche Hockbank aus; der Schulrat Thiel verteidigte sie in 
einer großen Zeitungspolemik gegen mich und ließ immer wieder 
Exemplare für die neuen Schulen arbeiten. 

4. Trotzdem ich in Danzig öffentlich auf die jämmerlichsten 
Schullocale Breslaus mit Fingern hinwies, ließ man sie ruhig 
bestehen. 

5. Endlich entschloß man sich, die Parterreklassen des Elisa- 
beth-Gymnasium zu räumen und 1882 ein drittes Stockwerk dort 
aufzusetzen ; dazu wxirden die Ferien benutzt, die neuen Zimmer 
aber naß nach V^ Jahr schon bezogen. Darob Zeitungskampf 
zwischen dem Director Dr. Paech und mir. 

6. Der Genfer hygienische Oongreß spricht sich für Schul- 
ärzte aus. Die Deputation reagirt darauf nicht. 



I. Abteilung. Hygionische Section. 



7. Prof. Weber erfindet sein Tagesliohtphotometer 1884. 
Meine Messungen ergeben die traurigsten Zahlen iu vielen Schulen, 
mitunter nur 1 Meterkorze in der Mittagsstunde. Daher mein 
Vortrag 1886 in der Hygienischen Section, daß Schulärzte an- 
gestellt werden müßten. 57 Aerzte erbieten sich freiwillig 
zu unentgeltlicher Thätigkeit. Eingabe der Hygienisoheu 
Section mit der Bitte, sie anzustellen. Schroffe principielle Ab- 
lehnung jeglicher Schularztanstellung seitens der Sohuldeputatiou, 
da „durch Schulärzte Vorurteil und Mißtrauen gegen die Schul- 
behörden entstehen würde". 

8. Internationaler hygienischer Oongreß in Wien 1887. Meine 
These „In jeder Schulcommission muß ein Arzt Sitz und Stimme 
haben" wird vom Comite, versendet. Die Sohukleputation schickt 
Herrn Stadtschulrat Tfundtner nach Wien, um diese These zu 
Fall zu bringen; sie wird aber mit 170 gegen 2 Stimmen an- 
genommen. 

9. Es wird 1891 ein Schularzt (für alle Schulkinder!) Breslaus 
in die Deputation aufgenommen, der nur als Soheinachularzt be- 
zeichnet werden konnte. 

10. Der Stadtarzt Dr. ebbecke, welcher 25 Schulärzte für 
die 50000 Volkschüler auf Wunsch des Magistrats im Jahre 1901 
angestellt hat, weigert sich im Jahre 1903, besondere Schul- 
augenärzte anzustellen. 

11. Die Gymnasialdeputation lehnt die Anstellung von Schul- 
ärztou au den höhereu Lehranstalten ab, obgleich auf Ersuchen 
des Magistrats der Stadtarzt, die hygionische Section und 
die Aerztekammer dieselbe dringend empfohlen hat. Eine 
würdige S c h 1 u ß 1 o i s t u n g der Breslauer Gymnasialschuldoputation, 
die zur Hälfte aus höheren Lehrern besteht! 

Es entsteht die Frage, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, 
durch Sendung einer größeren Zahl von Aerzten iu diese Deputation 
die antihygienisohen Directoren in die Minorität zu bringen. 

Hier in Breslau gehen die Reformen infolge dieser Hemmungs- 
Commission eben äußerst langsam voran. Vielleicht werden im 
Jahre 1944 unsere jetzigen Wünsche erfüllt sein! 

Was die Frage nach Augenärzten in Schulen betrifft, so 
stehe ich auf dem entgegengesetzten Standpunkte wie der Herr 
Stadtarzt. 

Er meint, durch meine Kritik seines ersten Jahresberichts 
seien ihm neue Widerstände erwachsen. Ich bitte ihn, mir auch 
nur eine Zeile zu zeigen, in der ich seinen Bericht als solchen 
angegriffen hätte. Ich habe nur auf den großen Fehler desselben 



8 jTahresbonchl; der Schlcs. Gesellscbal'i für vatnrl. Oulkir. 

betreffs der Augenkrankheiten hingewiesen, und das mußte ge- 
schehen und wird alljährlich weiter geschehen, weil hier eine 
große organische Unrichtigkeit vorliegt; wir haben bisher 
keine Augenhygieue in den Schulen, weil der Stadtarzt 
principiell keine Augenärzte in den schulärztlichen Dienst 
einstellen will. Und dagegen muß unbedingt gekämpft werden. 
Wenn Herr Prof. Burger st ein den Bericht des Herrn Dr. 
Oebbecke brieflich gelobt hat, so geschah es, wie er mir 
schreibt, in erster Linie meinetwegen; denn es freute ihn, „daß 
nun endlich einmal in Breslau etwas geschehen und darüber 
berichtet wird. Hinsichtlich des oculistischen Teiles bin ich, 
schreibt er, natürlich ganz inoompetent." 

Dagegen schreibt Dr. Ingerslev, Schularzt und Augen- 
arzt in Randers in Dänemark: „Welch unübersichtlicher Jahres- 
bericht! die Augenuntersuchungsresultate darin sind ja völlig 
wertlos!" 

Der Herr Stadtarzt sagte: „Den Bericht müsse man als 
Ganzes beurteilen; Einzelnes herauszugreifen hat keinen Wert." 
Ganz im Gegenteil. Wie soll Besserimg kommen, wenn die Kritik 
nicht einzelne Fehler besprechen dürfte! Wer etwas drucken 
läßt, muß Kritik ertragen können. 

Um alle anderen Krankheiten, die der Bericht bringt habe 
ich mich gar nicht gekümmert; ich bin streng bei meinem Leisten 
geblieben, und da glaube ich durch eigene, jahrzehntelange Ar- 
beiten mich als Sachverständiger legitimirt zu haben. 

Und die Augenleiden sind die Hauptsache unter den 
Schulkrankheiten. Ueber sie gerade muß klar berichtet werden. 
Sie wissen ja aber gar nicht, was den Augen fehlt, und doch wollen 
Sie sie überwachen?! 

Sie schreiben; 831 Kinder hatten herabgesetztes Seh- 
vermögen. Was heißt das? Wodurch ist es herabgesetzt? Da 
können die verschiedensten Leiden Ursache der Herabsetzung 
sein. Was würde man sagen, wenn Sie 800 Kinder anführen 
würden mit herabgesetztem Geh vermögen? Da kann Rücken- 
markslähmung, Beinbruch, Kniegelenkleideu die Veranlassung 
sein, die doch ganz verschieden beurteilt und überwacht werden 
müßten. 

Fern sei es von mir, den Bericht als solchen im All- 
gemeinen anzugreifen. Aber was ist das für ein Bericht, der 
angiebt, daß in sechs Schulen (Sohulbezirk 2 von Schularzt Dr. 
Toeplitz) unter 2366 Kindern auch nicht ein einziger Fall 
von Sehschwache oder Kurzsiohtigkeit oder Augenkrankheit vor- 



T. Al)(cil\iiig. Hygionischo Seclioii. 



gekommen sei! Das ist ganz unmöglich! Solclie Statistik ist 
keine Statistik. Muß denn gedruckt werden, daß ein Knabe in 
der 3. Klasse im 16. Schulbezirk an „Bettnässen" und ein Mädchen 
der 6, Klasse im 3. Schulbozirk an „Kopfläusen" gelitten hat? 
Aber das Wort Kurzsichtigkeit existirt gar nicht in dem 
Bericht, geschweige die hochwichtige Procentzahl der Kurz- 
sichtigen ! 

Der Herr Stadtarzt sagt: Gerade auf die Differenzen, welche 
die 26 Schulärzte gefunden haben, komme es an. Auch die 
Fehler der Einzelnen sollen durch den Druck in den Tabellen 
zum Ausdruck kommen. Ob solche Fehler, wie der im zweiten 
Schulbezirk gemachte, den teuren Tabellendruok lohnen, scheint 
mir sehr zweifelhaft; besser wäre es, solche Tabellen nicht zu 
veröffentlichen. 

Der Herr Stadtarzt sagte wörtlich: „Wir werden un- 
bedingt dabei bleiben, daß wir uns auf augenärztlicho 
Untersuchungen gar nicht einlassen; unsere Schulärzte 
stellen fest, wie jeder Landarzt: das Kind hat herabgesetztes 
Sehvermögen; die Fjltorn bekommen ihre Mitteilung, daß das 
Kind einem Specialisten zugeschickt werden soll. Und in allen 
Polikliniken macht es sich, wie mir Prof. Uhthoff mitteilte, be- 
merklich, daß viele Fälle aus den Schulen zur Beratung kommen." 

Dieser Standpunkt, den der Herr Stadtarzt durchaus bei- 
behalten will, ist es eben, den ich immer bekämpfen werde und 
der über kurz oder lang fallen muß. Wenn wir das schul- 
ärztliche Thätigkeit und Ueberwaohung nennen wollen, dann 
brauchen wir überhaupt keine Schulärzte. Da kann im Anfange 
des Semesters der Lehrer fragen: 

Wer von Euch sieht schlecht? Ab in die Augenklinik! 

Wer von Euch hustet? Ab in die innere Klinik! 

Wer von Euch hat einen Ausschlag? Ab in die Hautklinik! 

Wer von Euch hat eine Knochenkrankheit? Ab in die 
chirurgische Klinik! etc. etc. Wozu sind dann überhaupt noch 
Schulärzte nötig? 

Gefreut hat es mich, vom Herrn Stadtarzt zu hören, daß 
acht Brillen an arme Kinder, auch einige Stahlschienen und 
Corsets an Kinder mit Verkrümmungen geschenkt worden sind. 
Diese Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln werden von den 
Eltern nicht gern nachgesucht, da der Vater sonst der politischen 
Rechte verlustig geht. Meiner Ansicht nach würden von den 
50000 Kindern mindestens 3— BOOO Brillen brauchen. Sehr an- 



10 Jahrenhoi'icht der f-iclilos. rieKollschnfl, für v.itorl. V,\\\iur. 

erkeutieiiswert ist es, daß auch Milch in den Öohuloii frei vor- 
abreicht werden soll. 

Dagegen muß ich jedoch protestiroii, daß der Stadtarzt sagte; 
„Wenn unsere Schulärzte sich auf specialistisohe Untersuchungen ein- 
lassen sollten, würde alles verpfuscht werden; daß wir auf richtigem 
Wege sind, werden Sie zugeben." 

Nein, das gebe ich durchaus nicht zu; das ist ja der 
Grund unserer Disharmonie. Sie wollen die Augenkranken in 
die Polikliniken einfach abschieben und das soll eben die Schul- 
hygiene nicht; sie soll systematisch uns ein ßild von dorn 
Augenzustande aller Kinder geben. Ich hoffe, daß meine Bitte, 
die ich in wenigen Tagen an den Magistrat in einem schon im 
Druck befindlichen offenen Briefe richten werde, erfüllt worden 
wird, Derselbe wird auch in der „Wochenschr. f. Hygiene des 
Auges" ausführlich erscheinen. 

Hätte ich gestern gewußt, was ich heut weiß, daß der Herr 
Stadtarzt allen Argumenten zum Trotz ausdrücklich hier erklären 
wird; Ich werde doch mit den Berichten so weiter fort- 
fahren wie bisher, so hätte ich freilich meine Eingabe an den 
Magistrat noch energischer geschrieben. 

Denn der Einwand von Herrn Collegon Oebbeokc ist ganz 
hinfällig, daß die verschiedenen Specialisteu, als evont. Augen-, 
Ohren- und Zahnärzte, gleichzeitig mit den Schulärzten in den 
Klassen erscheinen und gemeinsam den Unterricht stören würden. 
Diese Specialisteu können und sollen ihre Haupt thätigkeit nicht 
in der Klasse, sondern auf dem Turnplatz und in einem kleinen 
Privatzimmer ausüben, sie können also die allgemeinen Schul- 
ärzte gar nicht stören! 

Ich erkläre schließlich nochmals öffentlich, daß tler Herr 
Stadtarzt sich durchaus täuscht, wenn er glaubt, daß ich gegen 
seine Person das Geringste habe oder aigrirt sei; ich sehe wohl, 
daß er ein sehr fleißiger Beamter ist. Aber in dem einen 
Punkte bleibe ich sein unerbittlicher Gegner, und ich vi'erde ja 
Ostern in Nürnberg auf dem I. internationalen Schulhygieno- 
Congreß Gelegenheit haben, mit ihm das Detail auszukämpfen, 
wobei ich auch die finanzielle Frage beleuchten werde. Ich 
habe dieselbe bei meinem neuen Vorschlage, den ich jetzt dem 
Magistrate unterbreite, so dargestellt, daß für zwei Augenärzte, 
die ich probeweise dem schulärztlichen Dienste einzufügen bitte, 
nur 1000 Mark zu bezahlen sind, eine Summe, welche für eine 
Stadt wie Breslau kaum eine Eolle spielen kann. 

Ich bitte Sie dringend, meine Herren, meinen offenen Bi'ief 



^ 



I. Abteiliiiiß-. Hygieiiischo Sdctioi 



an den Magistrat zu studiren, und ich hoffe, Sio werden mir bei- 
])t]iohten. 

Zusätzlich bemerke ich iu Erwiderung des Satzes von Herrn 
Stadtarzt Dr. Oebbecke, daß ich am 29. April 1903 meinen 
Vortrag: „Warum müssen besondere Schul augenärzte angestellt 
werden?" gehalten, obgleich er damals eine Urlaubsreise an- 
getreten. Folgendes: 

Der Vortrag konnte damals nicht auf sechs Wochen ver- 
schoben werden, weil er als Einleitung für die für den 13. Mai 
einzuberufende Sitzung betr. der Frage der Anstellung von Schul- 
ärzten au höhereu Schulen, zu dem die Mitglieder der Aerzto- 
kammer geladen wurden, nötig war. 

Herr Stadtarzt Dr. Oebbecke hält seine früheren Aeußerun- 
gen in ganzer Ausdehnung aufrecht, insbesondere auch was er 
über die Worte des Herrn Cohn von der dictatorisohen Gewalt 
des Schularztes und ihrer ungünstigen Wirkung gesagt habe. 

Herr Professor Dr. Jacobi hält die Kurzsichtigkeit bei den 
höheren Schulen für die wichtigste Schulkrankheit und daher 
ihre sachverständige Feststellung und Ueberwaohung bei den 
höheren Schulen für unerläßlich. Herr Samosch stelle mit Un- 
recht die wissenschaftliche Tbätigkoit in einen Gegensatz zu der 
praktischen der Schulärzte. Auch die Eiuzelbcobaohtungon müßten 
in wissenschaftlicher Weise vorgenommen werden, sonst gäben 
die Tabellen trotz der größten Zahlen immer nur Summen von 
Unrichtigkeiten und verdienten nicht veröffentlicht zu werden. 
Die Section erkenne die Verdienste des Herrn Dr. Oebbecke 
um die Organisation des schulärztlichen Dienstes in Breslau an, 
halte aber eine Kritik der bisherigen bezüglichen Leistungen in 
diesem sachverständigen Kreise nicht nur für zulässig, sondern 
auch für nützlich, da solche Dingo sonst leicht in Formalismus 
und Schematismus erstarreu. Bedauerlich sei, daß die Disoussiou 
zwischen den Herren Cohn und Oebbecke sich zu persönlich 
zugespitzt habe und in die breiteste Oeffentlichkeit gebracht 
worden sei. Der Sache würde ein einträchtiges Arbeiten förder- 
licher sein. 

Herr Reich: Die letzten Ausführungen des Herrn Collegen 
Samosch kann ich nicht unwidersprochen lassen, da mir sein 
Standpunkt doch ein einseitiger zu sein scheint. Gewiß ist die 
Einrichtung der Schulärzte aus praktischen Gesichtspunkten heraus 
erfolgt. Sollen sie aber ihre Aufgabe erfüllen, sollen sie die 
Gesundheitsstörungen der Schüler durch die Schule feststellen 
und auf Abhilfe sinnen, so müssen sie sich in ihre Aufgabe wissen- 



12 .laliroshcricht dor Sclilos. GeKeliscliaft ITir valüd. Ciill.iir. 

sohaftliüh vertiefeu , miisseu wissenschaftlich den Zusammenhang 
zwischen Schule und Schulkrankhoiteu feststellen. loh möchte 
als Analogen an die Thätigkeit der Aerzte bei der staatlichen 
Unfall- und Invaliditäts-Versioherung der Arbeiter erinnern. Auch 
hier fiel den Aerzten die praktische Aufgabe zu, die Unfall- 
erkrankung festzustellen und den Grad der Erwerbsunfähigkeit 
anzugeben. Um aber diese Aufgabe erfüllen zu können, mußte 
wissenschaftlich der Zusammenhang zwischen Verletzung und Er- 
krankungen, insbesondere innere Erkrankungen, nachgewiesen 
werden. Es entstand daraus eine neue Speoialwissensohaft, die 
Lehre von den Unfallkrankheiton. 

So werden auch unsere Scliulärzto nicht umhin können, bei- 
spielsweise der schweren Frage der Ueberbürdung der Schüler 
wissenschaftlich näher zu treten. 

Nun sei es mir noch gestattet, mit einer kurzen Bemerkung 
auf die Controverso zwischen Herrn Prof. Colin und Herrn Stadt- 
arzt Oebbecke einzugehen. Meiner Ansicht nach ist die Differenz 
in beider Standpunkt gar nicht so groß. Auch Herr Oobbeoke 
ist von der Notwendigkeit der Schulaugenärzte überzeugt. Wenn 
er sich aber zur Zeit gegen die Austeilung derselben ausspricht, 
so thnt er es wohl nur in Rücksicht auf die finanzielle Lage der 
Commune. Für mich besteht kein Zweifel, daß über kurz oder 
lang die Präge in bejahendem Sinne gelöst werden muß, da der 
gegenwärtige Usus, deu augenkranken Schüler zu überlassen, ob 
sie sich an Augenärzte oder Augenkliniken wenden wollen, nur 
ein Notbehelf ist. 

Herr Samoseh: Für die Beurteilung schulärztlicher Erfolge 
und Berichte dürfte es zweckmäßig sein, sich zunächst darüber 
klar zu werden, welche Aufgaben der schulärztliche üeberwachungs- 
dienst zu losen hat, ob er neben seineu praktischen Zielen der 
Förderung medicinischer Wissenschaft dienen soll und kann , ol) 
er z. B. auf die Lösung einzelner medicinischer Problome zu- 
geschnitten sein soll oder ob er im Wesentlichen nur als eine 
social- hygienische Maßregel mit ausschließlich praktischen Zielen 
zu betrachten sei. Von vornherein muß zugegeben werden, daß 
das Eine das Andere nicht ausschließt; es fragt sich nur, welcher 
Gesichtspunkt soll bei Beurteilung schulärztlicher Thätigkeit der 
leitende seinV Für die Beantwortung dieser Frage dürfte es 
zweckmäßig sein, Volksschulen und höhere Schulen mit Rücksicht 
auf i^ie ganz verschiedenartige Organisation gesondert zu betrachten. 
Was die ersteren nun anlangt, so möchte ich allerdings glauben, 
daß hier der schulärztliche Ueberwachungsdienst im Wesentlichen 



I. Abteilung. Hjrgienische Seotion. 13 

nur rein praktischen Zielen zu dienen hat; der Schularzt soll den 
Gesundheitszustand der Kinder feststellen, beobachten und cou- 
troliren, um verborgene Krankheitskeime zu entdecken und recht- 
zeitige ärztliche Behandlung zu veranlassen. Der Sclmlarzt an 
Volksschulen ist eigentlich kein Schularzt, sondern ein Volksarzt 
— sit venia verbo — , dem die Aufgabe zufällt, die Lehren der 
Hygiene und der Prophylaxe in das Volk hineinzutragen; er ist in 
seiner amtlichen Thätigkeit nicht Forscher, sondern hygienischer 
Lehrer des Volks. Daraus ersieht man, daß eine exacte, bis in's 
feinste Detail ausgearbeitete Diagnosenstellung nicht Vorbedingung 
schulärztlicher Thätigkeit ist; es genügt, die ev. vorhandene Ab- 
weichung von der Norm als solche festzustellen und nach Kräften 
auf Beseitigung des Krankheitszustandes, durch die an die Eltern 
gerichtete Aufforderung, anderweitig ärztlichen Rat nachzusuchen, 
zu dringen. Die Beantwortung medioinischer Probleme, die sehr 
sorgfältige und zeitraubende Untersuchungen voraussetzt, kann 
nicht in den Rahmen des systematischen, schulärztlichen Ueber- 
wachungsdienstes an Volksschulen fallen, der ausschließlich den 
Zwecken einer praotischen Volkshygiene zu dienen hat. Auch 
für das Studium des Schuleinflusses auf die Gesundheit der 
Kinder dürfte die Volksschule nicht gerade der geeignete Platz 
sein, da bei den Volksschulkindern der Schuleinfluß gegenüber 
den sonstigen event. gesundheitsschädlichen Lebensbedingungen 
nicht sehr in Betracht kommt. Gleichwohl dürfte aus der schul- 
ärztlichen Thätigkeit der medioinischen Wissenschaft ein sehr 
beträchtlicher Nutzen erwachsen, und zwar wie ich in üeberein- 
stimmung mit Herrn Dr. Reich annehmen möchte, ganz analog 
der Förderung der Medicin , die dieselbe durch ihre Mitwirkung 
an der Versicherungsgesetugebmig erfahren hat. Wenn nämlich 
innerhalb der nicht zu weit zu ziehenden Grenzen des schulärzt- 
lichen Wirkungskreises exaot und sorgfältig nach wissenschaft- 
lichen Prinoipien gearbeitet wird, so dürfte eine Fülle wissen- 
schaftlichen Materials gewonnen werden, dessen Bearbeitung und 
Sichtung eine wertvolle Bereicherung unserer Wissenschaft be- 
deuten würde, xmä die uns vielleicht einmal zu einer Rassen- 
hygiene, um einen Ausdruck von Prof. Tietze zu gebrauchen, 
führen wird. Falsch aber wäre es, die wissenschaftlichen Be- 
dürfnisse der Medioin in den Vordergrund als leitenden Gesichts- 
punkt des schulärztlichen Ueberwachungsdienstes an Volksschulen 
zu stellen. Dadurch könnte die segensreiche schulärztliche In- 
stitution ihrer eigentlichen Aufgabe, Verbreitung der Hygiene im 
Volke, entfremdet werden, lieber die Aufgaben des Schularzt- 



14^ ^ Jahresbericht der Sohles. Gesellschaft für vatei'l. Cultur. 

liehen Dienstes an höheren Schulen habe ich mich bereits in 
einem Vortrage im Sommer v. J. ausführlicher ausgesprochen. 

II. Sitzung vom 24. Tebruar 1904. 

1. Herr Prof. Dr. R. Stern sprach über Armenpflege und 
Tuberculosebekämpfung. 

Die Heilstättenbehandlung kann — entsprechend ihren ludi- 
oationen und ihrer Kostspieligkeit — nur einer verhältnismäßig 
kleinen Zahl von Lungenkranken zu Gute kommen. 

In hygienischer Hinsicht, d. h. bezüglich der Ansteokungs- 
fähigheit, sind gerade diejenigen Fälle, welche sich nicht bezw. 
nicht mehr zur Heilstättenbehandlung eignen, besonders wichti«-. 

Die Bekämpfung der Tuberculose muß ausgehen: 

1. Auf eine Ermittelung der Kranken, 

2. auf eine Unschädlichmachung der von ihnen ausgeschiedenen 
Infectionserreger. 

Bezüglich der Ermittelung der Kranken sind wir — bis zu 
einer etwaigen späteren gesetzlichen Regelung der Anmeldung — 
auf freiwillige Meldungen angewiesen. 

Nach dieser Richtung können die in den letzten Jahren in 
verschiedenen Stätten Deutschlands eingerichteten besonderen 
Polikliniken bezw. poliklinischen Sprechstunden für Lungen- 
kranke, — wie sie auch hier in Breslau an der medicinischen 
TJniversitäts- Poliklinik abgehalten werden — von großem Nutzen 
sein, indem sie die unbemittelte Bevölkerung veranlassen, sich 
frühzeitig bei den ersten Anzeichen einer Lungenerkrankung 
untersuchen zu lassen. In derartigen Polikliniken kann die physika- 
lische Untersuchung, ebenso die bacteriologisohe Untersuchung 
des Auswurfs in zweifelhaften Fällen wiederholt ausgeführt werden, 
was dem beschäftigten Armen- oder Kassenarzt nicht immer 
möglich ist. 

In diesen Polikliniken sollen die Kranken nicht nur unter- 
sucht, sondern auch bezüglich ihres Verhaltens in hygienischer 
Beziehung belehrt werden. Eine Behandlung wird im Allgemeinen 
nicht beabsichtigt und nur auf Wunsch der betreffenden Armen- 
oder Kassenärzte übernommen. 

Eine weitere Einrichtung, die auch in Deutschland schon 
Beräoksichtigung gefunden hat, sind die in Frankreich und Belgien 
während der letzten Jahre eingerichteten Dispensaires anti- 
tuberculeux. Vortr. verweist auf den folgenden Vortrag von 
Freymuth. 



I. Abteilung. Hygieiiischo Sootiüii. 15 

Aber auch bei der jetzigen Organisation unserer Armenpflege, 
die gerade hier in Breslau eine sehr gute ist, kann manches 
geleistet werden, wenn die Armenpfleger und Armenpflegerinneu 
bei Gelegenheit ihrer Eesuohe in den Wohnungen durch Baiehrung, 
durch Drängen auf ärztliche Untersuchung und weiterhin durch 
Zuweisung geeigneter Unterstützungen die speoiellen Aufgaben 
der TuberouloBebekämpfung fördern helfen. 

Sind die Kranken durch ärztliche Untersuchung ermittelt, 
so ergeben sich im Einzelnen folgende praktische Aufgaben: 
I. Belehrung der Kranken. 

1. Bezüglich der Vorsichtsmaßregeln beim Husten und bei 
Beseitigung des Auswurfs, beim Verkehr mit ihrer Familie u. s. w. 

2. Bezüglich ihrer Ernährung und sonstigen Lebensweise. 

II. Unterstützung der Kranken. 

1. Behufs Verminderung der Infectionsgefahr in der 
Wohnung: 

a) Durch Lieferung von Spucknäpfen und Spuckfläschchen 
(geschieht bereits seitens der Armenverwaltung). 

b) Formalin-Desinfeotion der Kleidung und Wohnung nach 
Todesfällen bezw. Ueberführung eines Schwerkranken in 
ein Krankenhaus. 

c) Zeitweilige Entlastung der Wohnung und der Familie durch 
Entfernung des Kranken in ein Krankenhaus oder eine 
Heimstätte; ist dies nicht thunlich, dann event. Entfernung 
der gefährdeten Kinder in ein Kinderheim oder zu gesunden 
Verwandten. 

d) Zumietung eines Zimmers in solchen Fällen, in denen ein 
Schwerkranker mit seiner Familie in einem Räume lebt (Stadt- 
rat Pütter in Halle). Durch Controle seitens der Armen- 
pfleger bezw. Armenpflegerinneu kann eine mißbräuchliche 
Benutzung des zugemieteten Zimmers verhütet werden. 

2. Zum Zwecke ihrer Behandlung. 

Bis zur Entdeckung einer etwaigen specifischen Therapie 
sind wir auf die hygienisch-diätetische Behandlung angewiesen. 
Außer Unterstützung der Kranken zum Zwecke einer ausreichenden 
Ernährung und Pflege kommt in geeigneten Fällen die Ueber- 
weisung an Wald-Erholungsstätten (Becher und Lennhoff) 
in Frage. 

Mit dieser Einrichtung sind in Berlin und anderen Städten 
günstige Erfahrungen gemacht worden und sie werden hoffentlich 
auch hier in Breslau zu schaffen sein. 

Zum Zwecke der praktischen Ausführung der im Vorstehenden 



16 Jaliresbericht der Schlos. Gesellschaft l'iir vaterl. Cidtur. 

nur kurz geschilderten Vorschläge ist ein Comite in Bildung 
begriffen. Auch hat sich die städtische Armeudirectiou auf eine 
Anregung des Vortragenden bereit erklärt, so weit thunlich, die 
hier skizzirten Bestrebungen zu fördern. 

2. Der Oberarzt am Krankenhause der Sohlesiachen Landes- 
Versicherungsaustalt Herr Dr. Freymuth sprach über: „Die 
Dispensaires antituberciileux in Belgien und Frankreich und 
ihre Bedeutung für die Tuberculosebekämpfung in Deutsch- 
land." 

Vortr. betont zunächst, daß der Tuberculosekampf in Frank- 
reich mangels einer socialen Gesetzgebung andere Wege gehen 
müsse wie bei uns, der Bau und die Unterhaltung von zahlreichen 
Heilstätten erfordert so große Geldmittel, daß dieselben durch 
Privatwohlthätigkeit nicht erreichbar sind. 

Zum großen Teil sicher aus diesem Grunde steht in Frank- 
reich nicht wie bei uns die Therapie, sondern die Prophylaxe im 
Vordergrund. 

Das Hauptkampfmittel bildet in Belgien und Frankreich das 
Dispensaire antituberculeux. 

Redner schildert dasselbe ausführlich ; da eine genaue Schilde- 
rung in der leicht zugänglichen Arbeit von Prof. Jacobs; „Die Dis- 
pensaires in Belgien und Frankreich", Deutsche med. Wochen- 
schrift, 1903, No. 44 u. 45, enthalten ist, werden Interessenten 
auf diese verwiesen. 

Die Hauptpunkte des Dispensairebetriebes sind folgende: 

Ein solches besteht: 

1. Aus einer Poliklinik, in welcher die ratsuchenden Patienten 
untersucht werden, eine ßeihe hygienischer Verhaltungsmaßregeln 
bekommen, sowie Spuckfläschchen und Desinficientien. 

Eine eigentliche Behandlung findet im Dispensaire selbst mit 
Rücksicht auf die Aerzteschaft nicht statt, dagegen 

2. eine sehr genaue Controle und Belehrung über die ge- 
gebenen hygienischen Vorschriften durch das dem Dispensaire 
specifische System der Enqueteurs ouvriers, aus dem Arbeiterstande 
entnommen, speciell instruirte Controleure, die durchschnittlich 
2 — 4 mal monatlich den Krankon und seine Familie besuchen. 

3. Das Dispensaire unterstützt den Kranken nach seiner Be- 
dürftigkeit mit Nahrungsmitteln, Liegestuhl, Betten etc.; der 
leitende Gesichtspunkt hei den Unterstützungen ist hauptsächlich 
der, die allgemeine Widerstandsfähigkeit des Erkrankten zu heben 
und die Gesunden in der Familie vor Ansteckung zu schützen; 
es wird daher 



1. Abteilung. Hygienischo Sectiou. 1? 

4. großer Wert auf die Gewährung von unentgeltlicher 
Wolmungs- und Wäsehedesinfeotion gelegt. 

5. Soweit dies möglich, werden die Kranken Erholungeatätteu 
oder Heilstätten überwiesen, deren es aber in Frankreich vor- 
läufig noch wenige giebt. 

Der Hauptuntersohied von dem deutschen System ist 1. das 
Princip der Laienassistenz durch die Enquöte ouvriere; 2. die Ver- 
legung dos Kampfes gegen die Tuberculose in die Tamilie des 
Kranken selber und nicht in Specialkraukenhäuser. Die Kosten 
eines Dispensairebetriebes sind niedriger wie die einer deutschen 
Heilstätte; immerhin ergiebt eine Berechnung nach französischen 
Angaben, daß z. B. für Paria 2 Millionen 400000 Pros, jährlich 
notwendig wären. 

Bei den circa 30000 Lungenkranken, die jetzt jährlich in 
deutschen Heilstätten verpflegt werden, wüi'den BVa Million Mark 
jährlich herauskommen, eine Ersparnis der Heilstätte gegenüber 
um 4 Million. 

Daß es ohne Sanatorien doch nicht geht, hat Frankreich und 
Belgien schon selbst eingesehen und baut neben den Dispensaires 
solche. 

Die Frequenz der Dispensaires ist, an deutscheu Vei'hältnisse 
gemessen, gering (Lüttich im Jahre 1902 157 Patienten, ein 
Dispensaire in Paris 700 Patienten in acht Monaten, Lille unter- 
stützt durchschnittlich 240--360 Kranke pro Jahr; die Berliner 
Poliklinik hatte im letzten Jahre 9000 Patienten, die Heilstätte 
Grabowsee 1902 997 Kranke behandelt, Weich in Görbersdorf 1451, 
Ruppertshain 760 etc.) 

üeber ch'e Erfolge des französischen Systems läßt sich noch 
nichts sagen, da die Dispensaires erst 1—2 Jahre bestehen. 

Redner führte sodanu aus, daß auf der Conferenz deutscher 
Tuberculose -Aerzte im November 1903 die Uebertragung des 
Dispensairosystems auf deutsche Verhältnisse mit gewissen Ab- 
änderungen allseitig als zweckmäßig bezeichnet wurde und daß 
ähnliche Einrichtungen zum Teil in Deutschland schon beständen 
(Poliklinik für Lungenkranke in Berlin, Breslau etc., ganz dispen- 
saireähnliche Institute in Charlottenburg, Hamburg, Dassel, Halle). 

Bei Neubegründungen wird es sich zunächst darum handeln, 
ob dieselben vorhandenen Pohkliniken anzugliedern oder selbst- 
ständig sein sollen. Ferner ist schwierig die Schaffung eines 
für die Enquete ouvriere geeigneten Stabes. 

Redner hält bei der großen Verschiedenheit, die in Deutsch- 
land zwischen Versicherten und nicht versicherten Unbemittelten 

2 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vatorl. Gultuf. 



besteht, eine Trennung für diese beiden Kategorien für not- 



Er schlägt für große Gemeinwesen folgenden Organiaations- 
plan vor. 

1. Eine ärztliche ßeratungsatelle für Versicherte, zu gründen 
oder zu aubventioniren von den Landes- Versicherungsanstalten. 

2. Ebensolche für Niohtversioherte, am besten üuiversitäts- 
Polikliniken und groOen Hospitälern anzugliedern. 

3. Ein communales Wohlfahrtsinstitut, das in engster Fühlung 
mit 1 und 2 arbeitet und hauptsächlich Familienhygiene und 
Prophylaxe treibt. 

Absolute Notwendigkeit ist: 

1. Schonung der Interessen der praktischen Aerzte, die durch 
Dispensaires keine Patienten verlieren dürfen. 

2. In Verbindung mit 1 — 3 Walderholangsstätten , da sonst 
der zu erwartenden größeren Anzahl zu versorgender Patienten 
nicht die Plätze der Heilstätten genügen werden. 

Für die Enqu§te ouvriere können in Deutschland vielleicht 
heilstättenentlassene Eeconvalescenten ausgebildet worden. 

Discussion zu dem Vortrag des Herrn Dr. Preymuth: Die 
Dispensaires antituberculeux in Belgien und Prank- 
reich und ihre Bedeutung für die Tuberculose- 
bekämpfung in Deutschland. 
Herr Magen: Die Bekämpfung der Tuberculose ist ein 
so erstrebenswertes und dabei so schwieriges Problem, daß man 
alle Ursache hat, alle Vorschläge, die anderwärts Erfolge zeitigen, 
zu prüfen, daß man aber mit zahlreichen Mißerfolgen rechnen 
muß. Dabei wird man aber auch electiv vorgehen müssen, 
denn nicht alles, was in anderen Landen gut ist, eignet sich 
schon von vornherein für uns. Die Herren Vortragenden haben 
dargelegt, daß Deutschland in der Tuberculosefrage schon eine 
bestimmte BÄohtung hat und neue Vorschläge sind zunächst zu 
prüfen, ob sie in diese Richtung passen. Wir haben Tuberouloae- 
heimetätten in stattlicher Zahl, wie sie anderwärts nicht vor- 
handen sind, und ob die belgischen Dispensarien in diese Richtung 
passen, ist mir zweifelhaft. Zu der Gewährung aller dieser 
Dinge, wie wir sie gehört haben, Lebensmittel, Brennmaterial, 
eigene Schlafzimmer etc., fehlt vor allem das Geld. Herr Prof. 
Stern hat die Bekämpfungsbestrebungen eingeteilt 1. in solche 
zur Verhütung der Weiterverbreitung und 2. in die individuelle 
Diagnose und Behandlung. loh muß bekennen, daß in weiten 



1. Abteilung. Hygienisnhe Seotion. 19 

Kreisen der Praktiljev die unmittelbare Gefalir der Ansteckung 
der Kinder von kranken Eltern nicht für sehr groß gehalten wird. 
Man kann in diesem Punkte auch zu viel thun. Wenn Herr 
Dr. Freymuth es beklagt, daß geheilt oder gebessert entlassene 
Arbeiter schwer Anstellung finden, weil man sich vor Ansteckung 
fürchtet, so ist das eben schon die Wirkung der Furcht, die man 
im Publikum durch allzu rigorose Forderungen erweckt hat; hier 
muß man in Zukunft vorsichtiger vorgehen. Was den zweiten 
Punkt betrifft, so scheint mir die Forderung des Herrn Prof. 
Stern nicht die nächstliegende. Er sagt, daß man fftr die be- 
stehenden Heilanstalten die passenden Fälle, d. h. Initialfälle 
aussuchen müßte. Da man diese Auslese von den vielbeschäftigten 
Kassen- und Armenärzten nicht verlangen könne, so müßten 
Polikliniken für Lujigenkranke geschaffen werden. Mir scheint 
diese Schlußfolgerung durchaus nicht zwingend, sie wäre es nur 
dann, wenn diese eine genaue Untersuchung der Patienten 
hindernde Vielbesohäftigung der Kassen- und Armenärzte in 
einem notorischen Mangel an ärztlichen Kräften ihren unabänder- 
lichen Grund hätte. Nun klagt man aber im Gegenteil in 
Deutschland über einen Ueberfluß an Aerzten, deren Inanspruch- 
nahme für den vorliegenden Zweck nur durch eine engherzige 
Art der Anstellung dieser Kassen- und Armenärzte gehindert 
wird. Mir scheint es demgemäß näherliegend, daß man diese 
Fesseln sprengt und den reichen Besitz an ärztlichen Kräften, 
die zu einer sorgfältigen Untersuchung und Unterweisung durch- 
aus Zeit, Willen und Fähigkeit haben, nutzbar macht. Woku 
lernen die Aerzte in den ausgezeichnet eingerichteten Universitäts- 
instituten, wozu bilden sie sich in den staatlioherseits geförderton 
Fortbildungscursen weiter, wenn man sie verkümmern läßt und 
lieber wieder neue Institute, diese genannten Polikliniken, 
schafft? So spielt auch für die Frage der Bekämpfung der 
Tuberculose die Frage der freien Arztwahl eine nicht unter- 
geordnete Rolle. Man sieht vor weitgehenden Plänen das Nächst- 
liegende nicht. 

Herr Dr. Samosch macht auf die Schule als wertvollen 
Bundesgenossen im Kampf gegen die Tuberculose aufmerksam. 
Welche Stellung man auch gegenüber den neuesten Forschungen 
und Behauptungen Behrings betr. die infantile Tuberculose- 
infection einnehmen mag, so viel ist jedenfalls sicher, daß der 
Kampf gegen die Tuberculose des schulpflichtigen Alters aus- 
sichtsreicher erscheint, als gegen die des .späteren Alters. In 
der Schule und durch dieselbe kann nun, nachdem die Schul- 

2* 



20 JaLresbericht der Sohles. Gesellschaft fto vaterl. Caltur. 



arztinstitution eine weite Verbreitung gefunden hat, der Kampf 
gegen die Tuberculose mit mehr Aussicht auf Erfolg als bisher 
geführt werden und zwar nach zwei Seiten hin. Erstens könnte 
durch. Vorträge der Schulärzte vor den Lehrern oder auch vor 
den Schülern der höheren Klassen über Entstehung und Ver- 
hütung der Tuberculose, über das zweckmäßige Verhalten des 
Kranken und seiner Umgebung eine weitgehende und Erfolg 
versprechende Belehrung des Volkes erfolgen; es ist zu hoffen 
und zu erwarten, daß die Jugend modernen hygienischen Maß- 
regeln und Lehren gegenüber sich empfänglicher zeigen wird 
als das höhere Alter. Vor allem aber geben die Schülerunter- 
suohungen den Schulärzten Gelegenheit, der Tuberculose direct 
zu Leibe zu gehen; es ist ein zweifelloser und überaus wert- 
voller Vorzug der Schularztinstitution, daß durch dieselbe eine 
viel größere Anzahl von Schulkindern zur ärztlichen Untersuchung 
überhaupt gelangt als vorher, dementsprechend wird es mit Hilfe 
des Schularztes möglich sein, mehr als bisher tuberculoseverdächtige 
Kinder, auf die es ja besonders ankommt, herauszufinden. Denn 
wenn auch der Schularzt selbst bei seinen Massenantersuchungen 
nur selten die exacte Diagnose „beginnende Tuberculose" wird 
sicher stellen können, so hat er doch die Möglichkeit, die Eltern 
auf die Möglichkeit des Bestehens einer beginnenden schweren 
Erkrankung hinzuweisen, und es ist anzunehmen, daß auf schul- 
ärztliche Intervention hin eine erhebliche Anzahl tuberculose- 
verdäohtiger oder für dieselbe prädisponirter Kinder zur genauen 
ärztlichen Untersuchung gelangen wird. Die exacte Diagnose 
bleibt nach wie vor dem Hausarzt oder dem Arzt der Poliklinik 
etc. vorbehalten. Wenn es nun aber gelingt, Meldungen von 
sicheren Tuberculoseerkrankuugen bei Schulkindern seitens der 
behandelnden Aerzte an den zuständigen Schularzt zu erlangen, 
am besten vielleicht dadurch, daß diese Meldungen von dem 
Staate oder der Stadt honorirt werden, dann wäre ein Weg ge- 
geben, auf dem wir etwas Genaueres über die Verbreitung der 
im schulpflichtigen Alter beginnenden oder schon fortgeschrittenen 
Tuberculose erfahren könnten. Von dem Resultat derartiger 
Eeststellungen würde es dann abhängen, ob besondere Maßregeln 
zur Bekämpfung der Tuberculose im schulpflichtigen Alter, wie 
z. B. die Errichtung von Erziehungs- und Heilstätten für tuber- 
culose Kinder notwendig sind. 

Herr Stadtrat Martius: Als Leiter der hiesigen Armen- 
verwaltung gestatte ich mir zu dem Thema: „Armenpflege und 
Tuberculosebekämpfung" einige Worte. 



I. Abteilung. Hygienisclie Section. 21 

Auch die hiesige Armenverwalfcung ist von der eminenten 
Wichtigkeit eines energischen Vorgehens gegen die Tuberculoee 
durchdrungen; wenn ihre bezügliche Thätigkeit hinter derjenigen 
anderer rühmend erwähnter Großstädte — wie Hamburg, Char- 
lottenburg, Halle — bisher zurückgeblieben ist, so wollen Sie 
berücksichtigen, daß bei diesen anderen Städten eben auch ganz 
andere günstigere Verhältnisse obwalten. Hamburg z. B. ist durch 
die großartige Stiftung eines reichen Mitbürgers in den Besitz 
einer eigenen Lungenheilstätte gelangt; Charlotteuburg erfreut 
sich einer ganz außergewöhnlich ateuerkräftigen Bevölkerung; 
Halle endlich ist die einzige preußische Großstadt, welche nocli 
eigene Polizeiverwaltung hat; dadurch ist das Zusammenwirken 
von Armenverwaltung und Sanitätspolizei natürlich sehr erleichtert, 
insbesondere stehen für die Controle darüber, daß die von der 
Armenverwaltung für Schwindsüchtige zugemieteten Extrazimmer 
zweckentsprechend benutzt werden, in Halle sowohl die Schutz- 
leute zur Verfügung, als auch die besoldeten Waisenpflegerinnen 
(welche letzteren im Grunde auch nicht sowohl für Zwecke der 
Armenpflege, als vielmehr für polizeiliche — nämlich die Con- 
trole des Ziehkinderwesens — angestellt worden sind). 

Auch die hiesige Armendirection hat indessen der Anregung 
des Herrn Prof. Stern betreffend das Zumieten von Zimmern 
für arme Schwindsüchtige in geeigneten Fällen versuchsweise 
stattzugeben grundsätzlich beschlossen — aber sie hat sich dabei 
nicht verhehlt, daß sich der thatsächliohen Durchführung enorme 
Schwierigkeiten entgegenstellen werden. Die betreibende Familie 
wird fast immer bestrebt sein, die Wohnungsvergrößerung zu 
anderen Zwecken, namentlich durch Aufnahme von Sohlafleuten 
auszunutzen. Dies zu hindern, ist eine ununterbrochene Controle 
notwendig, welche die uns hierfür allein zur Verfügung stehen- 
den ehrenamtlichen Organe nur ausnahmsweise auszuüben 
bereit und im Stande sein dürften. 

Sehr gern haben wir die Offerte der Veranstaltung aufklären- 
der Vorträge für Armenpfleger und Armenpflegerinnen acceptirt, 
auch zur Verbreitung geeigneter Flugblätter uns bereit erklärt. 

Ein Ausfindigmachen von Tuberculoseverdäohtigen durch 
die Armenpfleger wird sich u. E. auf Fälle beschränken müssen, 
wo die Armenpfleger eben schon als solche thätig sind — sie 
werden alsdann diese Fälle zunächst dem zuständigen Bezirks- 
armenarzte zuzuweisen haben. 

Für sehr erwünscht und fördernswert halten auch wir die 
Einrichtung von „Walderholungsstätten" — auch da haben sich 



22 Jahresborioht der Schlos. GesuJJschafl, für vatcrl. CuKiir. 

leider, wie Herr Prof. Stern auegeführt hat, fürBrcshxu besonilere 

Schwierigkeiten ergeben. 

Die „Dispeusaires" sind, wie Herr Dr. i'reymuth bemerkt, 

wohl nur ein „unvoUkommeues Surrogat" der Heilstätteubehaudlung ; 

immerliia dürften sie eine sehr dankenswerte Ergänzung derselben 

darstellen. 

Die Hauptsache ist m. E., daß ein einheitlich orgauisirtes 

Zusammenwirken aller beteiligten Stellen — also der Sauitüts- 

))olizei, der Landesversicherungsanstalt, der städtischen Armcn- 

\ erwaltung, der Schulverwaltung, der Krankenkassen, der Aerzte- 
schaft u. s. w. — herbeigeführt und zu diesem Zwecke ein 

Comite oder eine sonstige Centralstelle geschaffen werde. 

Herr Professor Buchwald begrüßt es mit Freuden, daß wieder 
ein Vorschlag gemacht wird zur Bekämpfung der Tuberculose. 
Jeder hat ja das Interesse und die Pflicht, hier mit zu helfen, 
nicht blos die Aeriate allein. Die Erholungsstätten könnten in 
Breslau gewiß ebenso eingerichtet werden wie in anderen Orten. 
Vor allem müßte man aber dabei betonen, daß die Lungenkranken 
nicht die große Gefahr für ihre Umgebung darbieten, wie dies 
jetzt noch vielfach angenommen wird. Daß eine Infectiou durch 
Lungenkranke stattfinden kann, wird niemand leugnen, jedoch 
ist die Gefahr gering, sonst müßte sich dies in der 30jährigen 
Hospitalthätigkeit dem Redner längst bemerkbar gemacht haben, 
dies sei nicht der Fall. Die Isolirung der Kranken, wie sie jetzt 
gefordert wird, sei grausam. Geht mau darin noch weiter, so 
würde dies nur zur Verheimlichung der Krankheit führen. In 
Davos, Reinerz, Görbersdorf etc. würde sich doch, wenn eine so 
große Gefahr vorliege, dies längst bemerkbar gemacht haben. 

Daß man die Sputa vernichte, sei selbstverständlich. Redner 
mischt seit längerer Zeit die Sputa mit fünf Teilen Sägespreu 
und verbrennt sie. Die Gläser, welche kaum noch Spuren ent- 
halteji, bleiben zweimal 248tunden in antiseptischer Lösung stehen. 
Auf den Infectionsmodus, ob durch trockene oder feuchte 
Sputa, ob durch die Milch etc., brauche man nicht einzugehen. 
Jedenfalls sei der Weg kein einheitlicher und die Controversen 
darüber noch groß, wie es die letzten Vorträge v. Behrings etc. 
gezeigt haben. 

Die Tuberculose werde sicher nicht allein bekämpft durch 
die Behandlung und Isolirung der Krauken; hier sei nur 
die Prophylaxe von endgiltigem Erfolge. 

Beim Kinde müsse man anfangen vorzubeugen. Die Schul- 
kinder müsse man daraufhin beaufsichtigen, in der Wahl des 



1. AbteiliiBg. [-lygioiiischo Sectio)). 28 

Berufes beeinflussen otc. Ebenso könne man Merkblätter be- 
lehrender Art in Menge verbreiten. 

Am besten wäre es, wenn eine ständige Commission vor- 
handen vt^äre, welche alle Beteiligten stets auf dem Laufenden 
erhält. Die Vorträge darüber, wenn sie zu selten stattfinden, 
erfüllten nicht ihren Zweck. 

Auf die Tuberoulinbehandlujig will Redner zunächst nicht 
eingehen. 

Die weitere Disoussion wird auf den Antrag des Herrn Eeioh 
vertagt. 



3, Sitzung am 31. October 1904 

im Fürstensaale des Eathauses zu Breslau. 

Vorsitzender: Herr Sanitätsrat Dr. Steuer. 

In den öffentlichen Einladungen war besonders bemerkt 
worden, daß Lehrer und Aerzte als Gäste willljommen seien. 
Lehrer waren auch in großer Zahl erschienen, so daß der Fürsten- 
Baal überfüllt war. 

Tagesordnung: 

Herr Geh. Med, -Rat Prof. Dr. Hermann Colin: lieber 
sexuelle Belehrung der Schulkinder. 

M. H.! Als mir vor 10 Jahren von dem Organisationscomite 
des VIII. internationalen hygienischen Congresses zu Budapest der 
ehrenvolle Auftrag erteilt wurde, Themata vorzuschlagen, welche 
für die Discussion geeignet wären, nannte ich auch die Frage: 
„Was kann die Schule gegen die Masturbation der Kinder 
thuu?" Ich hoffte, daß das Comite die Prüderie, welche bisher 
einer öffentliclien Besprechung dieser Frage entgegengebracht 
worden war, als unbegründet anerkennen und dieses wichtige 
Capitel der Schulhygiene nicht denen zu Liebe, welche gern 
einen dichten Schleier über derartige Schattenseiten des Jugend- 
lebens ziehen möchten, von der Tagesordnung absetzen würde. 

Meine Hoffnung wurde erfreulicher Weise nicht getäuscht. 
Ich gebe zu, daß ein gewisser Mut dazu gehört, eine uralte, 
immer nur übertünchte Wunde endlich einmal aufzureißen und 
eine dem heutigen Standpunkte ärztlicher Ansichten entsprochende 
Behandlung zu versuchen. Aber ein solcher Mut ist nötig; 
denn mit der bisherigen Vogel-Strauß-Politik ist hier nichts zu 
erreichen. Es gilt hier ganz besonders der Satz von Johii 
Stuart Mill: 



24 .lahresbericUl, der Schlos. Oesclitidiaa für vaterl. ("^ultur. 

„Die Krankheiten der Gesellschaft können ebenso wenig als 
die des Körpers verhindert oder geheilt werden, ohne daß mo,n 
offen von ihnen spricht." 

Welcher Platz wäre geeigneter, diese gewiß nicht appetit- 
liche, aber darum nicht minder bedeutungsvolle Frage von allen 
Seiten zu erörtern, als eine Versammlung, an der sowohl Aerzte 
als Lehrer und Behörden teilnehmen? 

Das Unappetitliche darf ia einer hygienischen Versammlung, 
in der ja die Fragen der Desinfection, der Abfuhrsysteme, der 
Syphilis, der Bordelle ohne Prüderie erörtert werden, niemanden 
abschrecken. Da!.! meine Thesen auf mancherlei Widerspruch 
namentlich von nichtärztlicher Seite stoßen werden, weiß ich. 
Ich hatte denselben Kampf vor 40 Jahren auazufechten , als ich 
meine Ansichten über die Kurzsichtigkeit der Schuljugend und 
die zur Verhütung notwendigen Reformen veröffentlichte. Heute 
sind die letzteren zu meiner Freude fast in allen civilisirten 
Ländern durchgeführt. 

Vorstehende Einleitung auf dem Congreß zu Budapest ]894 
schloß ich mit den Worten: „Wenn ich jetzt von neuem einen 
Kampf aufnehme in einem meines Erachtens nicht minder wichtigen 
Capitel der Schulhygiene, so hoß'e ich, wenn ich auch nicht mehr 
die Durchführung meiner Vorschläge erlebe, — denn nur langsam 
brechen sich neue Vorschläge Bahn — daß doch wenigstens die 
Anregung zu vielseitiger Untersuchung, Prüfung und Er- 
wägung durch die folgenden Erörterungen gegeben wird. Viel- 
leicht werden in späteren Jahren in Betreff der Verhütung der 
Onanie meine Vorschläge Berücksichtigung finden." 



Eine Statistik giebt es aus naheliegenden Gründen über 
die Onanie noch nicht, doch stimmen alle medioiuischeu Schrift- 
steller darin überein und auch ich kann mich dem nach 
40jähriger Praxis nur anschließen, daß die Onanie unter der Jugend 
enorm verbreitet ist. Ja, einige ausgezeichnete Nervenärzte 
gehen so weit, zu behaupten, daß es überhaupt k ei neji Menschen 
gebe, der nicht zeitweilig Onanie getrieben habe. So sagte der 
sehr erfahrene, leider zu früh verstorbene Professor Oscar 
Berger: „Die Masturbation ist eine so verbreitete Manipulation, 
daß von 100 jungen Männern und Mädchen 99 sich zeitweilig 
damit abgeben und der hundertste, wie ich zu sagen pflege, der 
reine Mensch, die Wahrheit verheimlicht." Nach Moll äußerte 
ein Arzt: „Wer es bestreitet, on.inirt zu haben, der hat es oft 



I. Abteilung. Hygiouisclio Seotiun. 25 

nur vergessen." Ein anderer Arzt that den bekannten Ausspruch: 
„Wer behauptet, nie onanirt zuhaben, der thut es noch." Wenn 
wir auch diesen Satz nicht unterschreiben, so stimmen wir doch 
voilkommen der Ansicht von Moll bei, daß die meisten Menschen 
zuerst den Geschlechtstrieb durch Onanie befriedigen. Daß schon 
bei ganz kloinen Kindern onanistisohe Bewegungen beobachtet 
werden, steht fest. Piirbringer, Cursohmann, Moll und ich 
sahen dieselben bei Kindern schon unter fünf Jahren, dooli sind 
das gewiß Ausnahmen, ebenso wie die Beobachtungen bei alten 
Leuten. 

Dagegen stimmen alle Schriftsteller übereiu, daß in der Zeit 
der beginnenden Pubertät am heftigsten onanirt wird. Die Schul- 
kinder stellen also die Hauptmenge der Onanisten. Darüber ist 
schon 1756 von Barth, 1759 von Tissot, 1780 von Johann 
Peter Prank berichtet worden, und später schilderten Piir- 
bringer, ßagiusky, Bensemann, Pournier, Chevalier, 
Taruowsky und Andere die ungemeine Verbreitung der Onanie 
in den deutschen, französischen und englischen Schulpensionaten, 

Prof. Schiller, Gymnasiaklirector in Gießen, Verfasser eines 
Lehrbuches der Pädagogik, in welchem er besonders betont, daß 
er „in 34jähriger Amtsthätigkeit wiederholt in der Lage war, 
betreffs der Onanie reichere Erfahrungen zu sammeln, als dies 
insgemein der Pall zu sein pflegt", und daß er alle Pälle acten- 
mäßigem Material entnommen habe, ist gewiß ein zuverlässiger 
Autor. Er schreibt: „Daß die Selbstbefleckung in den Schulen 
weit verbreitet ist, bezeugen zahlreiche Beobachtungen. Sie findet 
sich von Sexta an, selten ganz unten und ganz oben, am häufigsten 
in den Tertien und Secundcn. Keine Anstalt wird vermutlich 
frei sein, aber in einzelnen Schulen erreicht das Uebel 
eine sehr große Ausdehnung. Tradition und Schülermaterial 
sind hier von größtem Einflüsse. Besonders gefährlich sind die 
Anstalten als Brutstätten und Verbreiterinnen des Fehlers, an 
welchen zahlreiche Schüler, die das normale Alter um mehrere 
Jahre überschritten haben, in die mittleren Klassen vom Lande 
eintreten. Teils bringen dieselben die schlimme Gewohnheit schon 
mit, die unter der Ijaudbevölkeruug bekannt und heimisch ist, 
teils erfahren sie dieselbe von älteren Schülern und verbreiten 
sie dann weiter." 

Moll erzählt, er kenne eine derartige Epidemie aus einer 
Berliner Schule, wo ein jetziger Schauspieler die mutuelle 
Onanie in soliamlosester Weise eingeführt habe. Er glaubt, daß 
es derartige Epidemien in Schulen zu allen Zeiten gegeben hat. 



26 .TB,hresb6richt der Scbles. Gesellsoliaft für vaterl. Oultur. 

Dem schließe ich mich auf Gruud eigener 40jilhrig6r Er- 
fahrungen an. Nur Einiges will ich angeben. Ich kenne genau 
die Tertia eines Gj'tnnasiums, in welcher das Uebel eiu halbes 
Jahr verbreitet war, ohne daß es zur Kenntnis der Lehrer kam. 
Einige ältere Schüler hatten es in die Klasse gebracht und die 
übrigen verführt. Während dieser langen Zeit wurde in jeder 
Freiviertelstundo täglich, da die Thür geschlossen war 
und kein Lelirer die Aufsicht führte, gegenseitige 
Onanie systematisch betrieben. Die jüngeren unschuldigeren 
Schüler flüchteten wohl in den Hof, aber die älteren gaben sich 
schließlich gern der Aufregung hin. Nur durch einen Zufall kam 
die Sache heraus, und als man die jüngeren Schüler fragte, 
warum sie nicht längst Anzeige gemacht hätten, antworteten sie, 
sie hätten wohl Ekol vor dieser gegenseitigen Friction gehabt, 
allein sie fürchteten, sich durch eine Anzeige als Klatscher 
(Petzer) mißliebig zu machen. Allerdings wurden nach dieser 
Entdeckung die betreffenden Hauptverführer aus der Schule ent- 
fernt, zwei anderen wurde die Entlassung angedroht, allein viele 
Schüler waren doch nun einmal verdorben. 

Aus einem anderen öymnasium habe ich die bestimmte Mit- 
teilung von Secundanern, daß alle miteinander in der Pause, wie 
sie sich euphemistisch ausdrückten, „Jugendspiele" trieben, 
d. h. gegenseitig raasturbirteu. Aus einer dritten Anstalt wurde 
mir dasselbe erzählt, nur daß der Ausdruck „Eiern" gebraucht 
wurde. 

Ein ganz zuverlässiger Student erzählte mir, daß er als 
13 jähriger Untertertianer noch unschuldig war; damals machte 
er mit sieben älteren Mitschülern einen Ausflug in's Gebirge. 
Dabei setzten sich diese in einen Straßengraben und luden ihn 
zur mutuellen Onanie ein, wobei es bei vielen schon zur Aus- 
spritzung des Samens kam, während dies bei ihm noch nicht der 
Fall war. 

Aber nicht blos in den Zwischenpausen werden diese 
gegenseitigen Frictionen betrieben, sondern auch in der Unter- 
richtsstunde selbst. Ich besitze genaue Notizen darüber. Eiu 
Schüler schilderte mir sehr treffend die Sache so: „Oben haben 
wir Caesar getrieben und unten haben wir miteinander onanirt 
und zwar über den Beinkleidern." 

Aehnliches berichtet Hermann Schiller. Ein Arzt, dessen 
Sohn beteiligt war, constatirte, daß derselbe in einer sogenannten 
Arbeitsstunde im Hanse des Lehrers eingeweiht wurde, und daß 



I. Afeteilnug. Hygieniscke Section. 



dort regelmäßig, während der Lehrer im Zimmer die Aufeicht 
führte, Onanie getrieben wurde, 

Wohl einzig in ihrer Art aber ist die autenmäßig festgestellte 
Mitteilung von Sclüller in Gießen, „daß die Schüler ganzer 
Bankreihen die Taschen der Beinkleider durchbohrt 
hatten und gegenseitig während des Unterrichts die 
verderbliche Gewolmhoit pflegten." 

Man sieht hieraus, daß der Frage von Seiten der Scliul- 
hygiene noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu Teil wurde. 
Der ungeheueren Verbreitung der Selbstbefieckung auf unserem 
Gymnasium vor 50 Jahren erinnere ich mich sehr wohl, doch 
habe ich niemals in meiner Jugend etwas von mutueller 
Onanie gehört. Dasselbe bestätigte mir auch Virohow vor 

10 Jahren. 

In meinem Vortrage in Budapest „Was kann die Schule 
gegen die Masturbation der Kinder thun", den ich in Berlin im 
Verlage von Schoetz 1894 habe erscheinen lassen, hudet man 
Ausführliches über die Folgen der Onanie, namentlich die 
Neurasthenie, die functionellen Geschlechtsstörungen, 
wie Tagespollutionen, Spermatorrhoe u. s. w. 

Besonders habe ich schon vor 22 Jahren auf bestimmte Augen- 
leiden hingewiesen, welche sich am häufigsten bei ausgesprochenen 
Onanisten beobachten lassen (siehe meinenAufsatz„Augenerkrankuu- 
gen bei Masturbanten" [Archiv für Augenlioilkunde, 1882, Band 11, 
Seite 198 und folgende] und ferner mein „Lehrbuch der Hj'giene 
des Auges", Wien 1892, Seite 650 und folgende). Es gie'bt ge- 
wisse subjective Lichtersoheinungen, Photopien, bei denen 
man fest überzeugt sein kann, daß bei irgendwelcher Wahrheits- 
liebe die jugendlichen Personen eingestehen, daß sie sehr stark 
masturbiren. 

Meist zeigen sich bei ganz gesunden Augen Lichterscheinuu- 
gen, die entweder in einer Blendung bestehen, wie von einer 
beleuchteten und bewegten Fensterscheibe oder einer glänzenden 
Wasserfläche, oder einem hellen Flimmern, das bald als Er- 
scheinung von hellen Sternen, hellen Rädchen, hellen Strahlen, 
hellen Kreisen, hellen Punktchen, bald als Schneeflocken oder 
flatternde Luftbewegung vor beiden Augen beschrieben wird. 

Mitunter führen diese Photopien zu Lichtscheu, Photo- 
phobie, 80 daß die Augen zusammengepreßt werden müssen, 
besonders wenn der Patient sohnellem Wechsel von Hell und 
Dunkel ausgesetzt wird. Mooren hat eine amerikanische Dame 
beobachtet, welche von frühester Jugend auf onanirte und selbst 



Jalireshoriclit der Scbles. Gesellschaft für vaterl. Ciiltiir. 



iii Gesellschaft die Manipulation nicht unterlassen konnte, und 
welche nicht den Glanz eines fremden Auges zu ertragen ver- 
mochte. 

Höchst oharacteristisch ist auch der trockene Bin deh.iut- 
katarrh der Masturbanten, welcher in Brennen und Drücken 
mit geringer Rötung der Schleimhaut, aber ohne jede Secretion 
besteht und nach meiner Erfahrung besonders bei onanirenden 
Mädchen und alten Jungfern vorkommt. Dieser Katarrh ist gar 
nicht zu beseitigen, da die Patienten von der Masturbation nicht 
ablassen. Auch Förster hat besonders betont, daß einfache 
Katarrhe und Bläschenkatarrh der Bindehaut, die sonst immer 
sicher und leicht in der Jugend heilen (ähnlich wie chronische 
Pharynxkatarrhe), allen Behandlungsweisen trotzen bei jugend- 
lichen Personen, die eingeständlioh stark onanireu. 

Gewiß sind die Polgen der Onanie in Bezug auf Rücken- 
markschwindsucht und Gehirnerschöpfung übertrieben 
worden, und es ist gewiß schwer, hier das post hoc und propter 
hoc sicher auseinanderzuhalten; indessen ist im Vergleich von 
Onanie und Beischlaf, wie alle Nervenärzte angeben, doch aus 
zwei Gründen die Onanie schädlicher. Erstens wird sie schon 
in so früher Jugend begonnen, in der noch gar nicht au den Bei- 
schlaf gedacht worden kann, und dem Kinde sind die nervösen 
Erschütterungen, die schon das ganze Nervensystem des Er- 
wachsenen erregen, viel schädlicher als diesem; zweitens aber ist 
die Gelegenheit zur Ausführung der Onanie unbegrenzt 
und wird daher leider auch oft übermäßig ausgenützt. 

Aus allen Mitteilungen der Nervenärzte folgt, daß "mäßige 
Grade von Masturbation bei geschlechtsreifen Personen in der 
Regel ebenso wenig Schaden bringen wie mäßige Ausübung des 
Beischlafs, daß aber frühzeitig begonnene und jalirelang 
täglich fortgesetzte Onanie dauernde Nachteile der 
körperlichen und geistigen Gesundheit bringen kann, 
die freilich je nach der Körperconstitution der Onanisten 
bedeutenden Schwankungen unterliegen. 

Mit Sicherheit erkennen läßt sich freilich nicht, ob ein 
Schüler onanirt, außer wenn man die Samenflecken findet (doch 
auch diese werden oft in die Taschentücher entleert), oder wenn 
man den Onanisten in flagranti ertappt, wovor er sich in der 
Regel wohl zu hüten weiß. 

loh habe in meinem Vortrage in Budapest alle Gelege u- 
h eitsursaohen , welche die Schule bietet, ausführlich be- 
sprochen. Die Gefahr liegt, wie gesagt, in dem frühen Beginn, 



I. Abteilung. Hygieuische Seotiun, 'i& 

in der grenzenlosen Wiederholung und in der Schwierig- 
keit, dem Triebe, der einmal mit elementarer Gewalt den Schüler 
eigriiTen, zu widerstehen. Aber selbst zugegeben , daß die 
Masturbation gar nicht schadet, so wird doch jeder mir bei- 
stimmen, wenn ich sage: „Die Onanie ist nicht nützlich, und 
wir haben die Aufgabe, alles zu vermeiden, wenigstens in der 
Schule, was dem Laster Vorschub leisten kann." Ea sei hier nur 
kurz erwähnt, daß zu den Gelegenheitsursaohen das stunden- 
lange Sitzen in der Schule gehört, das allzu lange Sitzen bei 
häuslichen Arbeiten, namentlich auf Polsterstühlen, die Art 
des Sitzens mit übereinandergeschlagenen Beinen und das Reiten 
auf den Stühlen. Auch die Bewegungen an der Nähmaschine 
drängen vielfach zur Onanie, ebenso das Klettern mit den Beinen 
auf Kletterstangen, das längere Verweilen auf Aborten und das 
Zurückhalten von Urin und Stuhlgang, erotische Leetüre und 
Bilder. 

Hier ist die Schule von Vorwürfen durchaus nicht frei- 
zusprechen. Vor allem dürften in der Schule keine Bibeln 
geduldet werden, die nicht von den vielen, für den Schüler 
keineswegs passenden , auf geschlechtliche Verhältnisse bezug- 
nohmondeu Stellen frei sind, loh habe oft genug gehört und weiß 
es aus meiner eigenen Schulzeit, daß gerade diese anstößigen 
Stellen von den Schülern am liebsten gelesen werden. Auch 
H, Schiller Ijetont mit Recht auf Grund einer reichen Erfahrung, 
daß die Bibel in ihrer ursprünglichen Gestalt eine große Gefahr 
für die Sittenreinhoit der Jugend ist und daß die Onanie auf 
Knaben- und Mädchenschulen sich zunächst an die Vorlesung von 
Bibelstellen angelehnt hat; es sollte daher keine unverkürzte 
Bibel in der Schule benutzt werden. Schiller macht ferner 
darauf aufmerksam, „daß häufig im Religionsunterricht, wenn 
auch in der besten Absicht von Hurerei, Ehebruch und anderen 
geschlechtlichen Dingen mit einer Ausführlichkeit gesprochen 
wird, die regelmäßig den Blick auf Gebiete lenkt, denen er noch 
lange fern bleiben müßte". 

Ganz dasselbe gilt von der antiken Lectüro. Auch sie reizt 
die jugendliche Phantasie in geschlechtlicher Beziehung oft genug. 
Der Ovid wurde bei uns bereits in Tertia gelesen und enthielt 
ganz bedenkliche Verse. Am schlimmsten war es in Prima bei 
der Leetüre des Herodot. Unser guter Griechischlehrer glaubte 
etwas besonders Geschicktes zu leisten, wenn er am Anfange des 
Halbjahres alle Stellen des Herodot genau bezeichnete, die nicht 
gelesen werden würden, Natürlich haben wir sie zn Hause zu 



fiü Jahresbericht der Schles. QosoUsohaft für vatorl. Cultur. 

allererst studirt. Homer und Horaz sind ja bekanntlich auch 
nicht arm au geschlechtlich aufregenden Versen, und diese werden 
in den allgemein käuflichen Uebereetsiungen am liebsten gelesen. 
Möge man doch Schulausgaben der alten Klassiker veranstalten, 
in denen die schlüpfrigen Stellen fehlen. 

Ein Gleiches wäre auch bei den Wo r t e r b ü o h e r n zu empfehlen. 
Viele Schüler haben mir erklärt, daß sie ihre Aufklärung über 
geschlechtliche Dinge den Lexiois verdanken- Auch manche illu- 
strirte Schulbücher könnten decenter sein. Endlich wissen wir 
aus dem Munde stark onanirender Kinder, daß sie im Alter der 
beginnenden Pubertät durch den Besuch von Bildergalleri en , 
von Statuen -Museen, von Balletten, selbst von Kinderbällen 
besonders erregt wurden, und daß nach dem Besuche derselben 
trotz der besten Vorsätze der Trieb zur Onanie immer wieder mit 
unbegrenzter Kraft ausbrach. Hier können nur die Eltern und 
Erzieher helfen; sie dürfen keine schlüpfrige Leotüre gestatten, 
keine weichen Betten geben, sie müssen Biergenuß verhüten und 
immer darauf halten, daß die Hände auf den Betten oben bleiben. 

Ich habe nun in Budapest vor 10 Jahren vier Thesen ver- 
teidigt: 1. Die wichtigste Aufgabe scheint mir eine beständige 
Aufsicht der Lehrer während des Unterrichts und während 
der Pausen in Bezug darauf, daß die Schüler nicht Auto- oder 
mutuelle Onanie treiben. Darüber sind wohl alle Hygieniker 
jetzt einig. 

2. Ich bin dafür, daß der Lehrer die Schüler von der Schäd- 
lichkeit der Auto- und mutuellen Onanie in Kenntnis setzt, 
gewiß eins der schwersten Probleme, weil die Lehrer der ganzen 
schmutzigen Sache am liebsten aus dem Wege gehen und weil 
sie fürchten, daß manche bisher unschuldige Kinder durch eine 
Warnung erst recht auf das Laster hingewiesen werden. Alle 
Lehrer fürchten, daß sie nicht den taktvollen Ton, um nicht zuviel 
zu sagen, treffen werden. Auch dem Vater wird es nie angenehm 
sein, mit seinem Sohne über diese Frage zu sprechen. Aber ich 
frage: „Ist es für den Vater vielleicht angenehmer, daß der 
Sohn eines Tages mitteilt, einige Schüler, die ihm mutuelle Onanie 
beigebracht hätten, seien von der Schule fortgejagt worden?" 
Ich frage ferner: Ist der Schaden größer, der entsteht, wenn 
in einer bestimmten, noch näher zu besprechenden Form den 
Kindern eine verhütende Warnung erteilt wird, oder ist der 
Schaden größer, wenn durch Mangel an Warnungen eine 
Zahl von Schülern der unbegrenzten Onanie entgegentreibt?" 
Daß ich hier zwischen zwei Uebeln zu wählen habe, bestreite 



I. Abteilung. Hygienisclie Section. 31 

ioh keinesfalls, aber da ich wählen muß, entscheide ich mich für 
daa kleinere, und das ist meiner Ansicht nach die prophylaotische 
Warnung. Es ist hier wie mit der Warnung vor der Syphilis. 
Wie viele Tausende würden für ihr ganzes Leben frei von Syphilis 
bleiben, wenn sie die Gefahren in der Jugend nur ahnen würden? 
Ich betrachte die Warnung für das kleinere Uebel, denu in 
Wirklichkeit liegt ja die Sache so: jeder Knabe onanirt, der 
eine mehr, der andere weniger. Schon die unvermeidlichen Be- 
rührungen der Geschlechtsteile beim Wasserlassen und beim Stuhl- 
gang zeigen den meisten Kindern, daß ein gewisses Wollust- 
gefühl durch Eeibung erzeugt wird. Ich gehe sogar infolge zahl- 
reicher Mitteilungen soweit zu behaupten, daß kein Knabe, der 
älter als 10 Jahre ist, existirt, der diese Thatsache nicht kennt. 
Aber selbst wenn er in dem Alter noch völlig unschuldig ist und 
nichts von dieser Thatsache ahnt, so erfährt er sie über kurz oder 
lang entweder zufällig oder durch Mitteilungen von seinen Mit- 
schülern. Es ist daher gewiß klüger, das Feuer zu dämpfen, 
wenn die ersten Funken zu glimmen beginnen, als erst dann, 
wenn das Haus in lichten Flammen steht. Aehnlich sprechen 
sich auch Puschmann, Moll und Baginsky aus. Aber alles 
kommt natürlich auf das „Wie" an. 

Längere Erklärungen über diesen Funkt sollen in unteren 
Klassen nicht erteilt werden ; allein ich kann nicht einsehen, daß 
es schädlich sei, wenn der Lehrer bei Gelegenheit von Regeln 
über Sauberkeit, namentlich über den Besuch von Aborten, den 
Kindern einprägt: „Merkt euch, jede Berührung der Ge- 
schlechtsteile ist dem Körper schädlich." 

In den oberen Klassen kann auch, ohne daß das Gespenst 
der Rtickenmarksschwindsucht oder Hiruerweichung an die Wand 
gemalt wird, von den üblen Folgen, welche Körper und Seele 
durch hartnäckige Onanie erleiden, gelegentlich des anthropolo- 
gisch-naturwissenschaftlichen oder noch besser hygienischen Unter- 
richts gesprochen werden. 

Fournier meint, man solle die Kinder vor den Berührungen 
der Genitalien ebenso warnen wie davor, die Finger in die Nase 
oder in die Ohren zu stecken. 

Am strengsten aber muß sich die Warnung auf die mutuelle 
Onanie beziehen, und hier genügt gewiß in den unteren Klassen 
schon die Bemerkung: „Ganz besonders schädlich und schimpflich 
ist die gegenseitige Berührung der Geschlechtsteile, 
indem die eigene Gesundheit und die des anderen dadurch ge- 
ichädigt wird." 



an JahrosbericJit der Schles. Gesollschaft für vaterl. Oultur. 



Solche Belehrung müßte in Knabenklassen bei lOjährigeu 
Kindern gegeben werden, die motivirtere Darstellung aber bei 
13 — 14jährigen besonders in Tertia. Natürlich wird alles auf den 
Takt des Lehrers ankommen. 

In den Mädchenschulen müßte natilrlioii eine Lehrerin eine 
solche Warnung ergehen lassen. 

Drittens hatte ich die These aufgestellt, die natürlich Wider- 
spruch hervorrief, Straflosigkeit demjenigen Schüler zu ver- 
sprechen, der mutuelle Onanie zur Anzeige bringt. Nur so würden 
die Kinder die Furcht vor der eigenen Bestrafung verlieren. 

Die vierte These lautete: „Durch Vorträge und gedruckte 
Belehrungen sind aucli die Eltern und Pensionsgeber darauf 
hinzuweisen, daß sie die Pflicht haben, den Kindern die Gel'ahren 
der Onanie auseinanderzusetzen, so wie wir schon seit Jahren in 
Breslau den Eltern, welche eine Geburt anmelden, prophylaotisch 
kurze Belehrungen über die Gefahr der Augeneiterung der Neu- 
geborenen einhändigen. Eltern und Pensionsgeber müssen selbst 
auf Elternabenden durch die Schulärzte über den geeigneten Weg 
der Aufklärung aufgeklärt werden". 



So lagen die Dinge vor 10 Jahren auf dorn Congi-eß in 
Budapest. 

Nur ganz schüchtern wagten sich seitdem einzelne Stimmen 
in die Oeffentliohkeit, welche meinem damaligen Wunsche, die 
Frage populär zu erörtern, entsprachen. Immer noch schreckte 
man in unverantwortlicher Prüderie vor einer öffentlichen Er- 
örterung dieser gewiß kitzliohen Frage zurück, indem viele Leute 
glaubten, daß man durch Belehrung die Kinder erst auf die 
Onanie, die ihnen noch unbekannt sei, hinführe. Auch fehlte 
bisher ein Modus der Belehrung, den jeder Vater und jeder 
Lehrer gern bei seinen Kindern anwenden würde. 

Allein, die Zeiten der Verhüllung dieser eminent wichtigen 
Fragen sind nun glücklicherweise endlich beendet. Der Verein 
„Jugendsohutz" in Berlin hat schon 1900 die gute Schrift 
Ethelmers „Baby Buds", übersetzt von Hanna Bieber-Böhm, 
unter dem Titel „Wo kam Brüdej'ohen her'?" sowie das Flugblatt 
von E. Stiehl „Auch eine Mutterpflicht" verbreitet. Auf dem 
diesjährigen internationalen hygienischen Oongresse in Nürnberg 
1904 hielten Prof. Schusohny, Dr. Epstein, Prof. Stanger, 
Dr. Oker-Blom und Frau Hofrat von Forster bedeutende 
Vorträge über die sexuelle Belehrung der Kinder, und man be- 



1. Abteilung. Hygienische Seotion. 

Bchlol.1 dott, eine permanente OommisBlon zur weiteren Prüfung 
der Frage und zur Vorlegung bestimmter Thesen für den nächsten 
Londoner Congreß einzusetzen. Der vierbändige Bericht der 
Nürnberger Versammlung ist aber noch nicht erschienen. 

Es kann daher hier nur kurz angedeutet werden, was in 
dieser Beziehung über die sexuelle Belehrung der Schulkinder 
vorgetragen worden ist. 

Schularzt und Professor der Hygiene H. Sohuschny aus 
Budapest meinte, die Schule könne der sexuellen Frage nicht 
a,u8 dem Wege gehen. Die Aufklärung geschehe bisher ge- 
wöhnlich durch aufgeklärte ältere Genossen, die ihre Kenntnisse 
liinsichtlioh des Geschlechtslebens auf demselben Wege erlangt 
haben. Eltern, die ihre Khider mit der größten Sorgfalt erziehen, 
können das nicht verhindern und pflegen sich um die bezüglichen 
Kenntnisse ihrer Kinder nicht zu kümmern. Der Trieb zur 
Wahrheit soll nicht nur unsere Kinder, sondern auch uns leiten, 
und deshalb dürfen wir nicht die Storchpoesie festhalten, wenn 
unsere Kinder schon längst darüber hinaus sind. Man erziehe 
das Kind vor und in der Volksschule so, daß es an der sexuellen 
Frage gar nichts Besonderes findet. Um die zumeist fehlende 
pädagogische Sicherheit der Eltern zu fördern, sollten Eltern- 
abende veranstaltet werden. Ist das Kind vor der Pubertät auf- 
geklärt, dann wird es, wenn diese eintritt, vom Eeiz des Mysti- 
schen nicht mehr so erfaßt werden als jenes, das nach den Regeln 
der Conventionellen Sittlichkeit erzogen wurde. 

Prof. Schuschny berichtete sodann über den in ungarischen 
Schulen eingeführten Hygieneuuterricht, der in den obersten 
Klassen erteilt wird, wobei dem Vortragenden Gelegenheit ge- 
boten ist, das sexuelle Gebiet einschließlich der Geschlechts- 
krankheiten zu streifen. Dieser Unterricht ist ferner auch gegen 
die Masturbation gerichtet, und es wird den Schülern Enthaltsam- 
keit an's Herz gelegt. Er berichtet endlich, daß er den Abi- 
turienten der Staatsoberrealsohulen in Budapest seit 10 Jahren 
alljährlich vor der üebernahme des Reifezeugnisses einen Vortrag 
über sexuelle Hygiene halte. 

Dr. Epstein (Nürnberg) meinte: Daß eine Aufklärung 
der Jugend über Geschlechtskrankheiten nötig ist, darüber 
besteht heute kein Zweifel mehr ; nur die Einzelfragen erfordern 
eine endgiltige Lösung, von wem, wie und wann dieser Uziter- 
richt zu erteilen sei. Da Eltern und Lehrer hierfür verläufig 
weniger in Betracht kommen, erscheint der schon von Fournier 
und Anderen gemachte Vorschlag am zweckmäßigsten, die Be- 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft ftlr vaterl. Oiiltiir, 



lehrung durch die Schulärzte erteilen zu lassen, nicht in Form 
eines besonderen Curses, sondern als Teil einer Vortragsreihe 
über die wichtigsten Abschnitte der Gesundheitspflege. Es soll 
kein CoUeg über Pathologie und Therapie der Gresohlechtskrauk- 
heiten geboten werden, sondern es sollen diese Krankheiten, ihre 
Häufigkeit, ihre Gefahren eindringlich dargestellt werden. Es muß 
hingewiesen worden auf die ethische und gesundheitliche Bedeutung 
der sexuellen Enthaltung. Auch auf die Onanie wird hierbei in 
tactvoUer und nicht übertreibender Weise einzugehen sein. Als 
Altersstufe, die für die Belehrung zu wählen wäre, erscheint 
etwa das 16. Lebensjahr am geeignetsten. Der Unterricht würde 
also nicht in die Volksschule fallen, sondern in die letzten Monate 
der Sonntags- und Fortbildungsschule, auf den Mittelschulen 
etwa in die sechste Klasse. 

Realschulprofessor Dr. Stanger (Trautenau) sagte, es Bei 
eine bekannte Thatsache, daß unsere Jugend der Mehrzahl nach 
nicht nur wissend, sondern auch verdorben ist, eine Thatsaclie, 
für welche sie gewiß nicht allein verantwortlich gemacht werden 
kann. Das Elternhaus sollte auch behilflich sein; es möge 
darüber belehrt werden, daß der Weg zur Keuschheit durch die 
Nüchternheit führt. Für die Schule ist die ausgiebige Förderung 
gesunder körperlicher Uebungen zu jeder Jahreszeit ein wichtiger 
Factor. Privatleotüre der Jugend ist gleichfalls ein wichtiges 
Moment. Tanzunterricht, Tanzvergnügungen, Theater können 
verderblich werden. Auch die Sittenpolizei möge mithelfen. Bei 
geheimen Erkrankungen ist Anzeigepflioht zu fordern; öffentliche 
Häuser sind in der Nähe von Schulen nicht zu dulden, Studirendo 
sollen mit Dirnen nicht in einem Hause wohnen. Statt der Schluß- 
kneipen sollen Abschiedsfeierlichkeiten stattfinden. 

Frau Hofrat von Porster (Nürnberg), die Vertreterin des 
deutschen Frauenvereins und des Bundes deutscher Prauen- 
vereine, eine rhetorisch und logisch hoch hervorragende Frau, 
hob hervor, daß die Heranziehung der Mütter zu jenem Auf- 
klärungswerk von der größten Wichtigkeit sei, und daß Unter- 
weisungen über die Art, in der die Aufklärung zu geben wäre, 
als ein dringendes Erfordernis für die Mütter angesehen werden 
müsse. Sie hält die Teilnahme der Mütter an Besprechungen 
der Lehrerschaft, auch der männlichen, hinsichtlich dieser 
Fragen für wertvoll. 

Auch Herr Dr. Max Oker-Blom, Arzt und Docent der 
Physiologie aus Helsingfors, setzte in Nürnberg seine Ansichten 
auseinander und gab seine Rede bereits schwedisch heraus. Ich 



I. Abteilung. Hyg-ienisohe Section. 



halte es für meine Pflicht, auf die soeben im Erscheinen be- 
griffene, kleine, vortreffliche Schrift von Max Oker-Blom auf- 
merksam zu machen, welche den Titel führt: „Beim Onkel Dootor 
auf dem Lande; vorbeugende sexuelle Belehrungen für Knaben 
von 8 bis 12 Jahren mit Hilfe der Eltern", übersetzt von Pro- 
fessor Leo Burgerstein in Wien; Verlag von Piohlers Witwe 
und Sohn in Wien, Preis 85 Pf. Ich eile, dieses wirklich aus- 
gezeichnete Büchlein allen Eltern und Lehrern auf das 
Dringendste zu empfehlen, weil die Frage noch niemals bisher 
in einer für die Kinderwelt so passenden Form gelöst worden 
ist. Man kann dem Professor Burgerstein, dem Verfasser des 
ausgezeichneten Lehrbuches der Solnilhygiene, nicht dankbar 
genug sein, daß er dieses vortreffliche kleine Buch sogleich in's 
Deutsche übertragen hat. 

Mit Recht betont Oker-Blom in einem Vorwort an die 
Eltern, daß viele Kinder aus reinem Unverstand der Selbst- 
büfleokung zum Opfer fallen, weil kein Verständiger mit ihnen 
von der Gefährlichkeit solcher Spiele spricht und sie rechtzeitig 
warnt. Die Kinder merken leicht, daß die Eltern ihnen die 
Wahrheit der Geschlechtsverhältnisse vorenthalten; das spornt 
ihre Neugier an und führt dahin, daß die Kenntnis auf andere 
Art erworben wird. Es werden daher die etwas älteren Knaben 
zu Lehrmeistern der jüngeren, und ein unglückliches Spiel ist 
den jüngeren Kindern beigebracht. Während wir sonst in den 
zahlreichen Fächern des Wissens für unsere Kinder die besten 
Lehrer suchen, überlassen wir es hingegen in Sachen des Ge- 
schlechtslebens dem Zufall, den Lehrmeister zu wählen, und ent- 
fremden uns das Vertrauen der Kinder. 

Schon mit 8 und 10 Jahren, mitunter schon früher, macheu 
sie Erfahrungen in solchen Dingen, die sie wohlweislich als ihr 
heimliches Wissen behandeln und phantastisch bearbeiten; denn 
die Eltern zeigen ja deutlich genug, daß mau mit ihnen darüber 
nicht reden kann. Der Verfasser hofft, den Eltern einen Dienst 
zu erweisen durch Angaben einer Form, in welcher die not- 
wendig befundene Mitteilung geschehen könnte. Oker-Blom 
hat daher geglaubt, mit Hilfe passender Erzählungen, die sich 
an kleine, im Alltagsleben vorkommende Ereignisse anknüpfen, 
die Kinder über die geschlechtlichen Fragen am leichtesten be- 
lehren zu können, und er wünscht, daß diese Geschichtchen 
langsam den Kindern von den Eltern vorgelesen werden sollen. 
Sie werden dann der Ausgangspunkt für vertrauliche Aussprache 
zwischen Eltern und Söhnen werden und dem Kinde zeigen, daß 

a* 



H6 Jahresbericht der Sclilos. Oesollscliaft für vatorl. Cultur. 

es in seinen eigenen Eltern seine natürliohBten Eatgeber findet. 
Es möge die Belehrung zur Zeit geschohon , ehe sie von schäd- 
lichen Nebeneinflüssen überholt wird, „besser ein Jahr zu früh, 
als eine Stunde zu spät", sagt der Verfasser mit Recht. 

Oker-Blom schildert einen Knaben, den ein Onkel, welcher 
Arzt ist, eingeladen hat, die Sommerferien auf dem Lande bei 
ihm zu verleben, und den er wie ein Vater belehrt. Dieser Knabe 
schreibt nun an einen Freund in einer seinem Alter entsprechenden 
Form, wieviel Interessantes er gehört und gelenkt habe. Der 
Onkel begann in einfachster Weise ihm eine Apfelblüte zu 
erklären und die Bedeutung der Staubgefäße, ihres Mehles, der 
Narbe des Stempels and des Fruchtknotens ihm klar zu machen, 
daß also nur durch die Wechselwirkung zwischen männlichen 
und weiblichen Teilen eine Frucht entstehen und reifen könne. 
Gelegentlich der Beobachtung von Schwalben wurden die Ver- 
hältnisse auf Vögel übertragen, die Entstehung der Eier im 
Eierstock, das Eierlegen und Ausbrüten durch das Schwalben- 
weibchen erörtert. In einem anderen Briefe wird geschildert, 
wie die Hündin des Arztes fünf Junge geboren , nachdem sich 
diese im Leibe des Muttertieres aus kleinen Eikugeln völlig ent- 
wickelt haben. 

Der Doctor sagt dem Knaben, daß auch er wie die jungen 
Hündchen aus dem Leibe seiner Mutter geboren, und nicht, 
wie ihm vorgeredet worden, vom Storch in die Welt gesetzt 
worden sei, und wie schwer die Geburt der Kinder wäre. 
Den Ersatz für die vielen Beschwerden und Schmerzen, die die 
Mutter erduldet, könne sie nur in dem Bestreben des Kindes, 
artig und folgsam zu sein und immer nur das Gute thun zu 
wollen, finden. „Das sollst du wissen, um deine Schuldigkeit 
gegen deine Eltern zu kenneu. Wenn sie nicht vorhanden ge- 
wesen wären, wärest du nie zur Welt gekommen." 

Eines l'ages strauchelte der Knabe und stürzte über einen 
Baumstumpf. Das verursachte ihm gerade zwischen den Beinen 
einen heftigen Schmerz. Er hatte sich auf der Innenseite des 
einen Schenkels die Haut etwas geritzt, da wo der Schenkel 
vom Körper abzweigt. Der Arzt erklärte ihm, daß die Sache 
viel schlimmer gewesen wäre, wenn die Vorletzutjg an den kleinen 
Teilen zwischen den Beinen stattgefunden hätte, da diese sehr 
empfindlich sind und leicht anschwellen. Also riet er ihm, diese 
Teile nie zu beunruhigen, nie au ihnen her umzureiben oder 
zu ziehen. 

Später wurde dem Arzte ein Bauernknabe in die Sprech- 



I. Abtoilmig. Flygioiiische Soction. 



stunde gebracht, bei dem wegen vieler absiohtliolier Reibungen 
an den Geschlechtsteilen eine solche Entzündung derselben ein- 
getreten war, daß der Doctor in Gegenwart seines Neffen, den 
der Patient vorher zu ähnlicher Spielerei hatte verleiten wollen, 
eine Operation vornehmen mußte. 

Ea folgen andere sehr lehrreiche Erzählungen : das wahrhaft 
Großartige an diesen ist die Keuschheit, in der sie entworfen 
aiud, und der ganze Ton, der völlig für das Verständnis und die 
Empfindung des Kindes berechnet ist. Jeder Vater, der 
heranwachsende Knaben hat, wird selbst bei der Leetüre finden, 
daß es gar keine bessere Methode geben kann, in einer dem 
jugeJ\dliohen Alter entsprechenden Weise sexuelle Belehrungen 
zu erteilen. Das Buch müßte also in jeder Familie angeschafft 
werden, zumal es so hillig ist. 

Es ist nur wünschenswert, daß rocht bald eine Umarbeitung 
für Mädchen von dem vortrefflichen Verfasser herausgegeben 
werde, damit sie die Mütter und Lehrerinnen den heranwachsenden 
Töchtern vorlesen, bei denen ja leider ebenso wie bei den Knaben 
die Onanie sehr verbreitet ist. 



Ich knüpfe hieran den Hinweis auf einen Aufsatz, welchen 
die erste preußische Sohulärztin, Fräulein Dr. med. Thereso 
Oppler in Breslau, soeben in der Erismann'schen „Zeitschrift 
für Sohulgesundheitspflege" veröffentlicht und überschrieben hat 
„Zur Frage der sexuellen Aufklärung". Die darin enthaltenen 
Gedanken sind höchst bemerkenswert. Die Verfasserin sagt sehr 
richtig: „Der Beginn der Pubertät an sich giebt beim Mädchen 
schon genug Veranlassung, über die Gefahren des krankhaften 
und ungeordneten Geschlechtslebens unterrichtet zu werden." Sie 
tadelt diejenigen Pädagogen, welche möglichst wenig auf die 
sexuellen Beziehungen der reifenden Jugend hinweisen wollen, 
und behauptet mit Eecht: „Jeder normale Mensch muß zur Zeit 
der Pubertät die Geschlechtsorgane und ihre Functionen ihrem 
Wesen nach kennen. Wird ihm. von berufener Seite keine Be- 
lehrung, so schöpft er sein Wissen aus trüben Quellen. Der 
Reiz des Geheimnisvollen und des Verbotenen nimmt seine Sinne 
gefangen. Aus der gesunden und natürlichen Wißbegierde wird 
Neugierde, schließlich Gier. Die heranwachsende Tochter hat 
zu einer Zeit, da sie der Mutter am meisten bedarf, ein Wissen 
daß sie, weil auf unsauberem Wege erlangt, ängstlich vor ihr 
verheimlichen muß. Sie sucht glühend vor geheimer Erwartung 



Jahresbericht clor ScUes. Gesellschaft für valeri. Ciiltnr. 



die Erklärung irgend welcher aufgeschnappten Worte im Con- 
versationalexicon, oder sie schließt sich einer „erfahrenen" Sohul- 
genossin an, die ihrerseits in den Nachtstundon ein gemeines 
Buch zu ihrer Aufklärung gelesen hat und im Anschluß an diese 
Leetüre Masturbantin geworden ist. Schickt ein ISjähriges 
Mädchen regelmäßig bei Gesprächen Erwachsener hinaus, so 
horcht es schließlich an der Thür." 

Fräulein Dr. Oppler meint, daß die Aufklärung nur durch 
die Schule gegeben werden könne. In einigen Mädchenschulen 
wird seit mehreren Jahren Gesundhoitslohre vorgetragen, jedoch 
derart, daß die Existenz der Organe unterhalb des Nabels wohl- 
weislich verschwiegen wird. Aber gerade über Entwicklung, 
Bau und Funotion des menschlichen Körpers und Verhütung von 
Schädigungen müßte Aufschluß gegeben werden. Sie meint mit 
Recht, es sei gar nicht abzusehen, was für einen sittlichen Schaden 
ein dreizehtijähriges, noch kindliches Mädchen davon tragen sollte, 
wenn es in der Schule lerne, daß es eine Gebärmutter und Eier- 
stöcke beherbergt. 

„Fragen, die in wissenschaftlich ernster Weise erörtert sind, 
können nicht mehr das unerschöpfliche Gesprächsthema während 
der Schulpausen bilden. Der einzelnen Schülerin wird das aus 
mindestens zweifelhafter Quelle stammende Wissen nicht melir 
so unendlich wichtig vorkommen. Dann wird die Entdeckung, 
daß irgend eine Frau sich Mutter fühlt, nicht eine Sensation für 
eine ganze Schulklasse bedeuten. Ein derart vorgebildetes 
Mädchen wird sich mit Ekel von einer Gesellschaft abwenden, 
in der über geschlechtliche Fragen gewitzelt und getuschelt wird. 
Nur so werden die traurigen Zeichen eines überreiiäten Siunen- 
lebens meist von selbst verschwinden." — — 

M. H. ! Mein Referat kann nicht erschöpfend sein, es sollte 
nur die mannigfachen Gesichtspunkte zusammenstellen, welche in 
dem letzten Jahrzehnt über das große und schwierige Problem 
der sexuellen Belehrung der Schulkinder veröffentlicht wurden. 
Möge die folgende recht vielseitige akademische Discussion von 
Aerzten und Lehrern der wichtigen Frage förderlich, sein! 



Discussion: 

Herr Dr. Chotzen: Die Fülle der Gesichtspunkte, welche der 

Herr Vortragende vor uns ausgebreitet hat, ist so groß, daß es kaum. 

möglich ist, auf jeden einzelnen einzugehen; aber wenn wir uns 

darauf beschränken wollen, uns nur streng an den Wortlaut des 



I. Abteilurift-. Hygienische Sectioii. 39 

angekündigten Tlieraas zu halten, wird es wohl möglich sein, zu 
einer Einigung der verschiedenen Anschauungen zu gelangen. 

Zur Disoussion steht die Trage der „sexuellen Belehrung 
der Schulkinder". Unter der Bezeichnung „Schulkinder" dürften 
wohl auch nach der Auffassung des Vortragenden nur die Kinder im 
schulpflichtigen Alter, d. h. vom 6. — 14. Lebensjahre, zu verstehen 
sein. Es wäre zunächst nur zu erörtern, ob es zweckmäßig ist, 
Kinder dieses Alters im SllternhauBe oder — respective und — 
in der Schule eine ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe entsprechende 
Aufklärung über die Entstehung des Menschen und — ganz all- 
gemein ausgedrückt — weitere sexuelle Dinge zu geben oder nicht. 

Wer die Litteratur, und zwar die ernsthafte Eachlitteratur, 
welche von Aerzten, Pädagogen und Seelsorgern herrührt, in den 
letzten Jahren verfolgt hat, weiß, daß in allen diesen Kreisen 
Uebereiustimmung darin herrscht, es müsse schon frühzeitig dem 
Schulkinde unter Fallenlassen des Storchmfirchens eine den that- 
sächlichen Verhältnissen nahekommende Aufklärung gegeben 
werden, um die Gefälirdxmg der kindlichen Sittlichkeit durch Ein- 
wirkung ungeeigneter Personen (Altersgenossen, Dienstboten) zu 
verhüten. Auch von anderer Seite als der der Fachgelehrten, 
selbst von Seiten der Eltern, namentlich solcher Eltern, welche 
in naturwissenschaftlichem Denken groß geworden sind, bricht 
sich die Erkenntnis Bahn, daß mit dem bisherigen Nichterörtern 
der Menschentstehung und dem Nichterörtern der vor oder im 
Beginn der Pubertät ausgeübten Masturbation gebrochen werden 
müsse, daß es Pflicht der Erzieher sei, auch in dieser Eichtung 
Lehrer und Beschützer der Jugend zu sein. 

Eine Meininigsverschiedenheit besteht nicht mehr darüber, 
daß auf diesem Gebiete die Erziehung anders geleitet werden 
müsse, sondern höchstens darüber, wem diese Aufgabe zufallen 
solle und wie sie zw leisten sei. Naturgemäß erscheint zunächst 
das Elternhaus hierzu berufen. 

Thatsächlioh sind aber selbst in den Kreisen der sogenannten 
Gebildeten die für eine derartige Jugendbelehrung notwendigen 
Voraussetzungen nicht vorhanden: es fehlt selbst den Erwachsenen 
nur allzu oft die Kenntnis vom Körperbau, von der Entwicklung 
und physiologischen Aufgabe der Geschlechtsorgane, sowie von 
den Schädigungen durch Mißbrauch derselben; es fehlt den meisten 
Eltern die Fähigkeit, zur geeigneten Zeit, von Stufe zu Stufe 
fortschreitend mit ilrreu Kindern über diese Dinge belehrend zu 
sprechen, und viele, die seihst die Fähigkeit hierzu besitzen, 
werden noch durcli eine gewisse Scheu davon zurückgehalten. 



Jahresbericht der Schlos. Gesollschaft für vaterl Oultnr. 



Selbst die Eltern müssen zu dieser ihrer Erzieheraufgabe 
erst herangezogen werden. In der letzten Zeit sind die Bestrebungen 
der Volksbildungsvereine (hier in Breslau z. B. der Humboldt- 
Akademie), für Herron und Damen in getrennten Cnrsen auf 
diesem Gebiete aufklärend und belehrend zu wirken, von bestem 
Erfolge gekrönt worden. Es ist zu erwarten, daß die rrüoht© 
solcher Vorträge, wenn sie ausgiebig wiederholt werden, binnen 
wenigen Jahren sich geltend machen. 

Wie das Elternhaus aber die Kindererziehung nur zum Teil 
— in vielen Familien niir zum geringsten Teil — zu erfüllen 
vermag, die hauptsächliche Arbeit aber der Schule zufällt, so ist 
auch bei der sexuellen Belehrung der Schulkinder die Mithilfe 
der Lehrer und auch der Seelsorger nicht zu entbehren. 

Der naturgesohichtliche Unterricht bietet dem Lehrer die 
beste Gelegenheit, im Anschluß an die Befruchtung der Pflanzen 
auch über die Entstehung des Tieres und des Menschen Be- 
merkungen anzufügen und auf diese Weise der sonst im Geheimen 
gepflogenen Unterhaltung der Kinder über diesen Gegenstand 
den Sinuliohkeitskitzel zu nehmen. 

Auch der Lehrerstand ist aber hierfür im Allgemeinen noch 
nicht genügend vorgebildet; auch in seinen Kreisen herrscht eine 
häufig ganz erstaunliche Unkenntnis nicht nur über Körperbau 
und Körperfunctionen, sondern noch viel mehr über die Bedeutung 
des Geschlechtslebens, der Gesclüeohtskrankheiten und Geschlechts- 
verirrungen sowohl für das Einzelwesen, als auch für die Gesamtheit, 
den Staat. 

Ein Lehrer, der auch nur Schulkindern über sexuelle Dinge 
Hinweise geben soll, muß aber über die Materie hinreichend 
unterrichtet sein. 

Es ist Sache der Behörden, dem Lshrerstande auf diesem 
Gebiete die genügende Unterweisung zu Teil werden zu lassen. 
Falls die Behörden hiermit allzu lange zögern sollten, ist es Sache 
der Lehrervereine, in gewissen Zwischenräumen ihren Mitgliedern 
Vortragscurse hierüber halten zu lassen, damit sich allmählich 
ein Lehrerstamm entwickelt, der seinerseits wieder auf kommende 
Jahrgänge von Lehren\ anregend wirkt. 

So wünschenswertes auch ist, schon Schulkindern eineBelehrung 
über sexuelle Dinge zu geben, vorläufig, so lange weder Eltern 
noch Lehrer hierfür genügend vorgebildet sind, ist an eine 
systematisch organisirte Durchführung dieser Be- 
lehrung noch nicht zu denken; vorläufig ist nur darauf hin- 
zuweisen, daß zunächst eine Aufklärung und Unterweisung der 



T. Abteilung. Hygienische Section. 41 

Eltern und Lehrer — und zwar für letztere durch staatliche oder 
städtische Einrichtungen — zu schaffen sei. 

Erst wenn dies erreicht ist, erst dann ist die Frage discutir- 
bar, in welcher "Weise die Schule bei der sexuellen Belehrung 
der SchulkiHder mitwirken soll. 

Mit der letzteren Frage hat sich bereits im Mai dieses Jahres 
der „Landesverein preußischer VolhaschuUekrerinnen", sowie der 
„Bezirkslehrervorein München" beschäftigt und eine Anzahl dies- 
bezüglicher Thesen aufgestellt. 

Ganz besonders notwendig ist eine sexuelle Belehrung der- 
jenigen Schulkinder, welche sich kurz vor resp. in der Pubertät 
beiluden, um sie in dieser Zeit des Erwachens dos Geschlechts- 
triebes vor der Geschlechtsverirrung, der Masturbation, zu be- 
wahren, und derjenigen Halberwaohsenen, welche, sei es noch 
während ihres Aufenthaltes in den oberen Klassen der höheren 
Schulen, sei es kurz nach der Entlassung aus der Volksschule, 
zum frühzeitigen Geschlechts verkehre verleitet werden. Wegen 
der daraus erwachsenden Gefahren ist eine Belehrung durch 
Veranstaltung von Elternabenden, von Sohüleroonferenzen der 
Secundaner und Primaner in Gegenwart der Lehrer und Vorträgen 
von Aerzten, wie in Leipzig, von Vorträgen in Fortbildungs- 
schulen etc. dringend notwendig, denn gerade die in das Leben 
hinaustretende, reif werdende Jugend bedarf der Warnung. 

Herr Direotor Dr. Wiedemaun führte etwa Folgendes aus: 

Für die Lehrerschaft, der man einen hervorragenden Anteil 
an der Belehrung der Jugend über Selbstbeileokung zuweisen 
wolle, sei diese Frage nach zwei Richtungen eine Terra incognita. 
Einmal wisse man aus den Erfahrungen in der Schule nicht, wie 
weit jene sittlichen Verfehlungen um sich gegriffen hätten. Die 
Angaben in Schillers Lehrbuch könne er persönlich nicht be- 
stätigen; ihm sei in 20jähriger Lehrerthätigkeit nicht ein Fall 
vorgekommen, wo er einen Schüler in flagranti ertappt habe. 
Blasses Aussehen dagegen und Schlaffheit beim Unterricht, 
worüber oft genug geklagt werde, sei nach ärztlichem Ausspruch 
noch kein hinreichend sicheres Anzeichen. Zweitens seien solche 
Belehrungen für den Lehrer eine schwierige Sache, weil sie etwas 
Neues seien, dem sich nicht jeder gewachsen fühle; ein, ver- 
kehrter Weg aber, eine Entgleisung auf diesem Gebiete sei ver- 
hängnisvoller, als wenn über solche Dinge überhaupt nicht geredet 
werde. Im naturgesohichtliohen Unterricht könne nacii der 
Biohtung wohl etwas geschehen und werde unter Capitel Ge- 
sundheitspflege auch wohl Manches vorgetragen, aber wie weit 



42 Jahresbericht iler Schlos. GosoHsch.ift für vaterl. Oultur. 

das geschehen müsse und ob der Erfolg nicht ausbleibe, sei eine 
ofifene Trage. Ihm sei es sogar in der Sprechstunde vorgekommen, 
daß eine Mutter für das Vergehen ihres Sohnes, der sich an der 
Verbreitung unflätiger Lieder beteiligt hatte , die Schule verant- 
wortlich machen wollte, weil der Naturgeschichtslehrer in einer 
Stunde von Fortpflanzungswerkzeugen, also von „unsittlichen" 
Dingen gesprochen habe! Die Schule müsse daher auch aus 
diesem Grunde mit Vorsicht au Werke gehen. 

Sie thue am besten, wenn sie die Schüler in und außerhalb 
der Stunde, also in den Erholungspausen, auf das Sorgfältigste 
überwache. Im Uebrigen müsse sie diese heikle Aufgabe in erster 
Linie dem Elternhause und dem Hausärzte überlassen ; Rück- 
sprachen mit Eltern und Erziehern und Hinweise auf bestimmte 
Anzeichen im Verhalten des Schülers seien geboten und hätten 
oft Nutzen gehabt; auch sogen. Elternabende, bei denen erzieh- 
liche Fragen, auch zur eigenen Belehrung der Eltern, erörtert 
würden, seien von Wert. 

Wie weit der Arzt durch hygienische Vorträge in der Schule 
zu wirken vermöge, darüber stehen dem Redner keine Erfahrungen 
zur Seite; er möchte aber glauben, daß solche Belehrungen eines 
Fachmannes, über denen der heilige Ernst der Wissenschaft 
schwebe, jedenfalls wirksamer seien, als wenn sie vom Lehrer 
gegeben würden, der auf diesem Gebiete leicht fehlgreifen könne. 
Ob aber auf diese Weise ein sittlicher Erfolg sicher verbürgt sei, 
stehe nicht fest. Ergebnis: Dem Wirken der Lehrer auf dem 
Boden sexueller Belehrungen seien sehr enge Grenzen gesteckt, 
die Hauptarbeit falle dem Vater oder der Mutter in der Aus- 
sprache unter vier Augen zu; wann und wie das zu geschehen 
habe, sei deren Sache. 

Herr Prof. Dr. med. Tiotze: M. H. ! Das, was Herr Director 
Wiedemann gesagt hat, unterschreibe ich Wort für Wort, das ist 
ganz meine Meitumg. M. H. ! Das Thema, das der Herr Referent 
behandelt hat, ist ja ein sehr zeitgemäßes. Er hätte unter den Schriften, 
die er citirt hat, auch noch den bekannten Roman Götz Krafft 
erwähnen können, wo ja dies Problem, wie viele andere, ebenfalls 
angeschnitten, aber ebenso wenig tief wie die anderen ausgeführt 
worden ist. Ich hatte Gelegenheit, mich mit diesem Thema zu 
beschäftigen, als ich bei einer Studienreise in Born mit einer sehr 
liebenswürdigen und klugen Frau sehr häuflg über diese Fragen 
verhandelte. In der Schweiz ist nämlich zur Zeit eine sehr starke 
Bewegung etwa in dem Sinne, wie sie der Herr Vortragende ge- 
schildert hat. Man hat dort vor allen Dingen dem Storch den 



I. Abteilung. Hygionisclie Section. 



Krieg erklärt und sagt sich, es sei hohe Zeit, mit dieser albernen 
Legende zu brechen, es sei besser, die Kinder würden über 
sexuelle Fragen von den Eltern in zarter und ihrem Verständnis 
angemessener Weise aufgeklärt, als daß sie von diesen Dingen 
durch Dienstboten oder gewitzigte Schulkameraden Kenntnis er- 
hielten. Damals habe ich auch durch Vermittelung meiner ver- 
ehrten Freundin das vorhin erwähnte Schriftchen: „Wo kommt 
Brüderchen her?" neben anderen dieser Art gelesen. Ich gebe 
den Inhalt dieser Broschüre nach meinem Gedächtnis wieder. Es 
ist eine Disoussion zwischen einer Mutter und ihrem sechsjährigen 
Söhnchen. Die Mutter ist guter Hoffnung. Nachdem sie den 
Kleinen über die Entstehung der Pflanze, des Hühnchens etc. 
belehrt hat, spricht sie von der Abstammung des Menschen und 
sagt dem Sohne, daß auch er seiner Zeit unter ihrem Herzen 
geschlummert habe. Und siehst Du, schließt sie, in nächster Zeit 
werden wir wieder ein kleines Geschwisterchen erhalten, gieb nur 
Dein Händchen, Du kannst seine Bewegungen fühlen. (Zuruf 
von Herrn Prof. Cohn: Das steht nicht in dem Buche.) So? 
Dann muß ich mich sehr irren, dann steht es aber ganz bestimmt 
in einem anderen, dem genannten inhaltlich und in der Form 
sehr ähnlichen Buche, das mir damals zum Lesen gegeben wurde. 
Gelesen habe ich diesen Passus ganz bestimmt und als ich so 
weit war, hatte ich nur eine Empfindung, nämlich „ekelhaft". 
M. H. ! Sie werden vielleicht aus diesem Eingeständnis entnehmen, 
welche Stellung ich zu der heute aufgeworfenen Frage einnehme. 

Ich glaube, daß ich mich den Fragen der neuen Zeit gegen- 
über auch nicht stumpfsinnig verhalte, aber hier kann ich nur 
sagen, hier kann ich nicht mit, M. H.! Ich habe sechs Kinder, 
und ich kann mir wohl denken, daü für mich auch eine Zeit 
kommen wird, wo ich ihnen manche Fragen nach sexuellen 
Problemen sachgemäß beantworten und sie von selbst zweck- 
entsprechend belehren werde, aber wenn ich das mache und wie 
das geschehen soll, das kann ich heute noch nicht sagen; jeden- 
falls werde ich mir nicht in pedantischer, schematischer Weise 
eines Tages vornehmen, jetzt muß es geschehen, und ich werde 
nun nicht meine Kinder um mich versammeln und ihnen einen 
Vortrag halten, sondern das muß einmal der Zufall, der Augen- 
blick ergeben, die Gelegenheit, die sich ja in den Fragen der 
Kinder so häufig findet. 

Deshalb halte icli es auch für ganz falsch, diese Sache 
pflichtgemäß einfach der Schule aufzutragen. Gewiß würde der 
Lehrer zu solchen Besprechungen sehr geeignet sein, aber er 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Oultiir. 

kann, wie Herr Direotor Wiedemann schon ganz richtig gesagt 
hat, in solchen Fragen, die Mann für Mann, Auge in Auge be- 
sprochen werden müssen, bei Vorträgen in einem Auditorium, 
wo er des Einzelnen nicht sicher iat, auüerordentlioh schaden, 
man soll solche Dinge seinem Takt und seinem Zartgefühl über- 
lassen, aber man soll ihm keinen Lehrauftrag nach dieser Rich- 
tung erteilen. 

Und dann noch ein paar Worte über jenes Storchmärchen. 
M. H., man will es abschaffen, weil man sagt, man muß die 
Wahrheit sagen, man muß die realen Dinge sehen wie sie sind 
und nicht mit einer Brille vor den Augen durch die Welt gehen. 
M. H. ! Für diese Wahrheitsfanatiker, die alle Illusion, alle Täuschung, 
alle Kunst aus der Welt schaffen wollen, habe ich nur ein mitleidiges 
Lächeln , sie erinnern mich immer an Gregor Werle, und Sie 
wissen ja, welches Unheil derselbe schließlich anrichtete. Und 
dann, zum Schluß, m. H. , wenn icli, der Vater, den Kindern 
nicht Keuschheit beibringe, dann wird sie ihnen auch nicht ein 
Lehrer beibringen; wenn ich nicht weiß, was ich ihnen in dieser 
Richtung zu sagen habe, so kann es ihnen auch kein Arzt sagen. 
M. H.! Die sexuelle Belehrung gehört in die Kinder- 
stube, nicht in die Schule. 

Herr Dr. Sainoseh macht darauf aufmerksam, daß die Schule 
denn doch eine gewisse Verpflichtung hinsichtlich der sexuellen 
Belehrung der Schvdkinder habe. Der obligatorische Schulbesuch 
bedingt ein mehr oder minder enges Zusammenleben von Kindern, 
wobei es z. B. unvermeidlich ist, daß Kinder recht verschiedener 
Altersstufen in einer Klasse zusammentreffen. (Vgl. Dr. Samosoh: 
Einige bemerkenswerte Ergebnisse von Schulkinder-Messungen 
und Wägungen. „Zeitschrift für Sohulgesundheitspflege" , 1904, 
S. 389.) Es ist kein Zweifel, daß das Zusammensein von Kindern, 
die sich in der Zeit der beginnenden Geschlechtsreife be- 
finden, insbesondere aber das Zusammensein von solchen, die das 
Pubertätsalter überschritten haben, mit solchen, die dasselbe noch 
nicht erreicht haben, die Entstehung und Verbreitung sexueller 
Verirrungon begünstigen kann. Sonach erwächst für die Schule 
die Pflicht, derartigen gesundheitsschädlichen Begleiterscheinungen 
des Sohullebena, deren Vorkommou erwiesen ist, nach Möglichkeit 
vorzubeugen. Aber abgesuhen von den im Jugendalter vor- 
kommenden sexuellen Verirrungen muß auch sonst principaliter 
verlangt werden, daß die Kinder über sexuelle Fragen in der 
Schule aufgeklärt werden, weil, wie Herr Prof. Merkel auf dem 
diesjähi'igen Naturforsciier-Gongreß in Breslau ausgeführt hat, 



I. Abteiluug. Hygienische Section. 45 

jedes Kind das Recht hat, über den Bau und die Functionen 
seines Körpers belehrt zu werden. Nun geht es nicht an, bei 
der Beschreibung des menschlichen Körpers und seiner Organ- 
f'uuctionen einzelne Organe fortzulassen, namentlich wenn es sich 
um solche handelt, deren Function die Aufmerksamkeit der 
Kinder mehr erregt, als irgend welche andere. Die Lösung 
des Problems, ob und wie den Kindern in der Schule eine 
sexuelle Belehrung zu Teil werden solle, würde vielleicht 
schon näher gerückt sein,, wenn Klarheit darüber bestände, wer 
die sexuelle Belehrung erteilen solle. Wie ein der Lehrerschaft 
angehörender Vorredner ausgeführt hat, würden die Lehrer vor- 
aussichtlich bis auf Weiteres die Erfüllung dieser Aufgabe ab- 
lehnen, weil sie sich einer derartigen Aufgabe nicht recht ge- 
wachsen fühlten. Wer könnte es soust thun? Die Antwort lautet: 
Der S ohularzt. Diesem hygienischen Beamten liegt es ob, allen 
Gresundheitssohädigungen, die event. das Schulleben mit sich 
bringen könnte, entgegenzuarbeiten und den Gesundheitszustand 
der Schüler zu überwachen. Kraft seines Amtes tritt er zu den 
Schülern, deren köi-perlichea Wohlbefinden er ev. durch Unter- 
suchungen am entblößten Körper zu oontroliren hat, in ein ge- 
wisses Vertrauensverhältnis. Bei seiner Amtsthätigkeit ist er 
schon jetzt häufig in der Lage, den Schulkindern hygienische 
Belehrungen zu Teil werden zu lassen. Es erscheint sonach der 
Schularzt als der geborene Lehrer der Hygiene, der in Vorträgen 
vor Schülern die Lehre vom menschlichen Körper und seiner 
Functionen zu erläutern hätte. Damit ist implicite die Gelegen- 
heit zu einer sexuellen Belehrung der Schulkinder gegeben. 

Herr Pastor Günther: Herr Dr. C hetzen hatte von der 
Schwierigkeit und Notwendigkeit, das gebildete Publikum über 
die betr. Sache zu belehren, gesprochen und auch die Geistlich- 
keit zur Mitarbeit einzuladen angeraten, und Herr Director Wiede- 
manu sprach u, a. auch von der Schwierigkeit, in Lehrerkreisen 
Beihilfe zu gewinnen. Dies' veranlaßt mich, gleichsam zur Be- 
stätigung dessen, was Herr Dir. W. gesagt, und zur ergänzenden 
Beleuchtung dessen, was Herr Dr. Chotzen gewünscht, die 
Aufmerksamkeit der Zuhörer auf zwei Vorgänge in Breslau hin- 
zulenken, und zwar 1. auf ein Ereignis auf der Breslauer Kreis- 
synode, das sich vor etwa 10 Jahren in folgender Weise zu- 



Ein Geistlicher bekannte sich frei von der Prüderie, mit 
Confirmandinnen gelegentlich wenn auch mit größter Vorsicht, 
Fragen zu behandeln, welche dem sexuellen Gebiete angehören, 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Oultur. 



und wurde von einem Laien mitgliede unter dem allgemeinen 
Beifall der Versammlung gründlich abgeführt. Derselbe Herr 
versicherte dem Geistlichen, daß er ihm bei solcher Gesinnung 
niemals eine Tochter in den Confirmandenunterrioht anvertrauen 
würde, und keine Lippe regte sich, den Angegriffenen in Schutz 
zu nehmen. (Ob nicht die Gebildeten heute vielfach noch ebenso 
denken mögen?) 

2. erinnere ich daran, daß wir evangelische ßeligionslehrer 
schon seit Jahren bemüht sind, statt der Vollbibel mit ihren 
vielfach anstößigen Stellen der Jugend eine Schulbibel in die 
Hand zu geben und die Bibel von dem Vorwurf zu befreien, 
daß sie zur Sittenverderbnis der Jugend beitrage, daß aber unsere 
letzten Bemühungen an einem viele Bogen umfassenden, von dem 
hiesigen Provinzial-Sohuloollegium eingeforderten Gutachten des 
früheren General-Superintendenten von Sohlesien, Herrn Professor 
Dr. Erdmann, gescheitert sind, welcher den uns entgegen- 
gesetzten Standpunkt von autoritativer Stelle mit Erfolg ver- 
treten hat. 

Und so komme ich zu dem Schluß, daß, da z. Z. weder der 
Geistliche als solcher, noch der evangelische Religionslehrer in 
der Lage sind, sich von Amtswegou an, der Behütuug der Jugend 
vor sexuellen Schäden wirksam zu beteiligen, dies am besten 
den jetzt mehr tind mehr zur Geltung kommenden Schulärzten 
ex officio auferlegt würde. 

Herr Schulrat Dr. Hippauf: Die Discussion über „sexuelle 
Belehrung der Schulkinder" ist durch das letzte Wort des 
Themas auf eine enge Grenze beschränkt. Unter „Schulkindern" 
ist doch nur die Jugend vom 6. bis vollendeten 14. Lebensjahr, 
also der gesetzlichen Sohulpfliohtigkeit unterliegend, zu verstehen. 
Solche Kinder gehören der Volksschule oder nur Hinteren Klassen 
gehobener Schulen an. 

Diesen Kindern sexuelle Belehrungen beizubringen muß 
die Lehrerschaft, männliche wie weibliche, ganz entschieden ab- 
lehnen, und zwar aus folgenden Gründen: 

In der Volksschule, welche zumal auf dem Lande und bei 
kleinstädtischen Verhältnisse sowohl Knaben wie Mädchen in 
einer und derselben Klasse umfaßt, verbietet sich schon unter 
diesen Umständen die Behandlung solch heikler Materie ganz 
von selbst. Aber auch in getrennton Knaben- und Mädchen- 
klassen großer Schulsysteme wird der Lehrer wie die Lehrerin 
es nimmer wagen, im naturkuiadliohen Unterricht, wohin die 
fragliche Lehrstofi'behandlung nach Ansicht der zumeist ärzt- 



I. Abteilung. Hygienische Section. 



liehen Befürworter des iu Rode etehendeu Themas gehören 
solle, ein Gebiet zu betreten, auf welchem die einzig dazu Be- 
rechtigten und Berufenen, das sind Vater und Mutter, nur mit 
Widerstreben in dringendsten Notverhältnissen daheim ihrem Kinde 
allein, unter vier Augen, ein Collegium privatissimum zu lesen 
sich entschließen könnten. 

Im Schulplan giebt es nur einen Unterrichtsgegenstand, in 
welchem der Lehrer nach Pflicht und Gewissen und in Hoffnung 
auf segensreichen Erfolg dem Kinderlierzen die Mahnungen und 
Warnungen vor Unzucht, vor sexuellen Verirrungen und Gefahren 
eindringlichst zu Herz und Gemüt führen kann, das ist der 
Religionsunterricht. Ganz besonders dazu geeignet ist die 
Behandlung des sechsten Gebotes: 
„Du sollst keusch und züchtig leben in Worten und 
Werken! " 
Diese Mahnung ist deutlich und dem Kinderherzen ver- 
ständlich genug. Lehre dazu auch den Spruch: 

„Bewahre Dir Herz, Hand und Mund, 
Dann bleiben Leib und Seele gesund!" 
Im Uebrigen sollen die Jugendlehrer und Erzieher das Wort 
dos Dichters auch auf das in Rede stehende Gebiet beziehen 
und beherzigen: 

„0 rühret, rühret nicht daran! 
Führwahr, es ist nicht wohlgethan!" 
Herr Prof. Dr. Buchwald hebt hervor, daß es sich wohl um 
eines der schwierigsten Probleme handelt, dessen Lösung wohl 
unzählige Menschen beschäftigt hat. Wenn es in der hygieni- 
schen Section besprochen wird, so zeigt dies deutlich, daß nicht 
der Arzt, der Schularzt in specie, nicht der Theologe oder Lehrer 
08 allein lösen können, sondern daß alle mithelfen müssen, und 
zu entbehren ist dabei nicht die Frau. 

Wenn gesagt wird, der Schularzt sei geeignet, so ist zu be- 
merken, daß wir Aerzte, die wir doch Sachverständige sind, bei 
unseren eigenen Kindern in dieselbe schwierige Lage kommen, 
wie jeder Vater, jede Mutter. 

Das „Wann" und „Wie" sollen wir belehren ? läßt sich nicht 
in einfachen Q?hesen niederlegen. 

Daß im naturwissenschaftlichen Unterricht Manches erreicht, 
die Storohlegende aufgeklärt werden kann, trifft nicht den Kern- 
punkt der Frage. 

Wenn wir auch aufklärend wirken müssen, ausgehend von 
dem Satze, daß natürliche Dinge nichts Schimpfliches an sich 



Jahresbericht dor Schles. Gesellschaft für vaterl. üultur. 



tragen, so ha,ben wir doch zu bedenken, daß es sich einerseits 
um Knaben und Mädchen handelt, andererseits um versoliiedene 
Altersstufen und ganz ungleiche Entwicklung bei derselben 
Altersstufe. Man wird eben individualisiren müssen. Vielleicht 
ist es beim Mädchen leichter zu erreichen mit der beginnenden 
Entwicklung. Aber auch hierbei darf die Keuschheit nicht unniltü 
verletzt werden, denn lieber etwas später wissen als zu früh. 

Daß die Selbstbefleckung der Knaben solche Dimensionen 
annehmen soll, wie sie zum Teil geschildert worden sind, kann 
ßedner aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. 

Er schlägt vor: 1. die heutige Besprechung als eine an- 
regend informirende anzusehen, 2. in bestimmten Intervallen die 
Besprechung des vielleicht anders gefaßten Tliemas wieder auf 
die Tagesordnung zu setzen. 

Hier heißt es sicher: Nicht übereilen. 

Herr Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Jacobi: In so großen practi- 
schen Fragen muß man sich besonders vor üebertreibungen 
hüten. Ein erfahrener Lehrer und ein erfalxrouer Arzt haben 
hier erklärt, daß ihnen die Bedeutung der Masturbation bei Schul- 
kindern bei weitem nicht so groß erschienen sei, wie sie der 
Herr Referent schildorte. Ich schlieKe mich ihnen nach den 
Beobachtungen meiner eigenen über 40jährigen Praxis an. Die 
Masturbation ist bei den Schulkindern sehr verbreitet, doch nicht 
so allgemein, wie behauptet wurde, und bei den meisten eine 
nur kurze Zeit dauernde Verirrung. Ernste Gesundheitsschädi- 
gungen können dadurch herbeigeführt werden, sind aber that- 
säohlioh außerordentlich selten dabei zu beobachten. Die Frage, 
ob und wie den Kindern ein© sexuelle Belehrung zu Teil werden 
solle, ist nicht neu. Rousseau spricht schon in seinem „Emil" 
ausführlich darüber. Daß die Beseitigung aller Prüderie bei der 
Besprechung sexueller Verhältnisse vor den Kindern einen Schutz 
vor sexueller Unsitthchkeit bietet, wage ich zu bezweifeln. Ich 
verweise auf zwei Beispiele. Solche Prüderie bestand nicht im 
Altertum und besteht nicht bei der Landbevölkerung, aber 
niemand wird behaupten wollen, daß die antiken Menschen und 
unsere Landleute in der sexuellen Sittlichkeit zum Muster dienen 
können. 

Herr Dr. med. Rosenfeid : Die Belehrungstendenzen erstrecken 
sich auf drei Gebiete, die Entstehung des Menschen, die Ver- 
hütung der Masturbation und die Verhütung der Geschlechts- 
krankheiten. Die Empfänger dieser Aufklärungen befinden sich 
in recht verschiedenen Altersstufen und nach ihnen sind die 



I. Äbtoilimg. HygieuiFclio SocUoii. 49 

Schwierigkeiten der Belehrung sehr verschieden. Während die 
Erörtenmg über die Verliütung der Gesclrlechtskrankheiten nur 
fast erwachsenen Jihiglingen ziigedacJit und somit wenig 
schwierig sein kann, ist die Aufklärung über die beiden anderen 
Punkte recht difficil, so diffioil sogar, daß man fürchten muß, 
leicht mehr zu schaden, als zu nutzen. Was soll denn überhaupt 
durch die Belehrung über die Entstehung des Menschen ge- 
wonnen werden? Es soll die Lüsternheit nicht geweckt werden, 
wie sie die Mitteilungen von Kindern untereinander über die 
Entstehung des Menschen meist verursachen. Ich glaube nun 
erstens, daß man meist mit diesen Aufklärungen zu spät kommen 
wird, zweitens, daß die Zuthaten der Mitschüler etc. trotzdem 
nicht fohlen werden, und drittens, daß dadurch die Lüsternheit 
des Kindes, das von Eltern, Arzt, Lehrern nur im Allgemeinen 
aufgeklärt wird, nicht vermieden, sondern im Gegenteil hier und 
da begünstigt werden wird: ich wenigstens stelle mir nicht vor, 
daß dadurch, daß den Kindern die Oker-ßlohm'schen Auf- 
klärungen gegeben werden, sie von der Masturbation fern ge- 
halten werden. Auch die prophylactisohe Belehrung über diese 
letztere sehe ich sehr skeptisch an : denn ich glaube durch vieles 
Darüberreden und vieles Vigiliren versieht man es so leicht, daß 
auch dadurch leicht mehr Nachteil als Vorteil entsteht. Mir 
erscheint eine natürliche, einfache und richtige Erziehung, reich- 
liche Beschäftigung der Kinder, eine nicht allzu ängstliche Beob- 
achtung das beste Propliylacticum — alle die Vorsicht mit 
Büchern und Bildern ist heutzutage doch illusorisch. Wo danu 
trotzdem eine faßbare Missotliat vorliegt, wie bei den mastur- 
birenden Klassen, oder bei einem übermäßig masturbireuden 
Kinde, dann mögen Vater oder Mutter, Arzt oder Lehrer mit 
einigen kräftigen Worten , Schlägen oder anderen Strafen eine 
energische ßemedur schaffen. Wenn auch die Masturbation 
unter Knaben sehr verbreitet ist, unter Mädchen viel weniger, 
so ist es gewiß eine große Uebertroibung, wenn man ihr nach- 
sagt, daß sie in mehr als ganz seltenen Fällen zu Schädigungen 
-— die auch meist leicht reparabel sind — führt. Falsch erscheint 
aber, sie als moralische Versündigung zu verdammen, hat doch 
der Verdammende sie meist selbst geübt — sie verdient vielmehr 
lediglich aus hygienischen Gründen corrigirt zu werden. 

Herr Prediger Tscliirn: Es kann im Ernst nicht bestritten 
werden , daß die Aufklärung der heranwachsenden Jugend 
über die Herkunft dor kleinen Kinder ein hochwichtiges 
Erziehungecapitel ist, da alo je nacli iluer Art sittigcnd 

4 



50 Jahresbericht der Sohles. Gesellschaft ftlr vatefl. Cultnr. 

oder höchst verderblich wirken kann. Wenn diese Auf- 
klärung nun in methodisch-akademiBoher Weise unter Loifcung 
der staatlichen und städtischen Behörden von der ärztlichen 
Wissenschaft in der Schule gegeben werden soll , so möchte 
ich keineswegs den Wert einer solchen von obei} organisirten 
Belehrung unterschätzen. Aber sie bleibt einseitig, begrenzt und 
unvollkommen, wenn sie nicht fundamentirt wird durch die ent- 
sprechende allgemeine Volkastimmung , durch die Mitarbeit des 
Elternhauses, Es ist ja schon das zweijährige Kind, welches 
nach der Herkunft dos ueugoboreuen Gfeschwistorohens fragt. 
Ich wundere mich nun, daß so wenig das Entwickluugsprinoip 
betont und verwertet wird, das doch für Methode und Inhalt der 
diesbezüglichen Aufklärung deutliche Fingerzeige giebt. Es gilt 
nicht, mit Wahrheits-Fauatismus dem Kinde plötzlich die ganze, 
seinem Verständnis fernliegende Wahrheit zu offenbaren, sondern 
es dieselbe im Latife eines Jahrzehnts allmählich verstehen und 
ernst begreifen zu lehren. Wenn dem zweijährigen Kinde die 
volkstümliche Storohfabel erzählt wird, so paßt das durchaus zu 
seiner Märchenwelt und Fassungsgabe. Forscht es später weiter, 
so bietet jene Fabel mit dem Bilde des Teiches , aus dorn die 
kleinen Kinder geholt werden, die Brücke zu durchaus wissen- 
schaftlich vorbereitender Belehrung. Man erkläre, wie der Mensch 
in dunkler Tiefe aus einem winzigen Keime wachse — gleich der 
Pflanze etc. — , wie er genährt werde durch einen Lebensfadcm 
oder „Stengel", an dem er mit seinem Leibe festgewaohsen, von 
dem er „losgepflückt" werde, wenn er „reif" ist. Nach Jahren 
bedarf das sinnende Kind der Aufklärung, daß Mensch von 
Mensch stammt, wie der Pflanzenkeim etwa vom Baume, daß sein 
erstes Keimen unter dorn Mutterherzen vor sich ging und von 
mütterlichem Blute genährt wurde. Und wieder bietet die Pflanze, 
die Blume, wie ja schon öfter von mancher Seite betont worden 
ist, dem weiter foriächonden Kinde, das in der Scliule inzwischen 
Naturlehre getrieben, ein wunderbar reines Bild, wie in der Ver- 
einigung von Weiblichem und Männlichem der Keim zu neuem 
Leben befruchtet wird. So kann Haus und Schule zusammen- 
arbeiten. In umfassender Weise gelingen wird dies freilich erst, 
wenn die ganze geistige Luft eine andere geworden ist, wenn 
das Natu» liehe nicht als sündlich, niedrig und schimpflich, sondern 
mit Unschuldsgefühl betrachtet wird in Leben, Kunst und Religion. 
Herr Prof. 11. Colin als Referent bittet, die Discussiou in 
der nächsten Sitzung fortzusetzen, da die Zeit zu weit vor- 
gfischritten und noch viel zu sagen sei. Nur das Eine sei heut 



I. Abteilung. HjgioniscLo Sectiou 51 

schon bemerkt: In dem Buolie „Wo kam das Brtiderchen her?" 
findet sich die von Herrn Collegen Tietze mit Recht beanstandete 
Stelle nicht; er muß iäie einer anderen Schrift entnommen haben. 
Für die Specialdebatte werden die Secretäre bestimmte Leitsätze 
zu Grunde legen. 

Dies wird beschlossen. 



4. Sitzung am 14. November 1904 
im Fütstensaale des Rathauses. 
Vorsitzender: Herr San, -Rat Dr. Steuer. 
Derselbe eröffnet die Sitzung mit der Mitteilung, daß die 
Secretäre beschlossen haben, der weiteren Debatte fünf Leit- 
sätze zu Grunde zu legeu und wiederum Lehrer und Aerzte als 
Gäste der Section willkommen zu heißen. Er begrüßt dieselben 
(i'ibor 100 Personen waren erschienen). 

Die Leitsätze lauten: 

1. Die Verbreitung der Onanie bei beiden Geschlechtern, 
besonders der mutuellen Onanie, verlangt eine weit strengere 
Beaufsichtigung, als ihr bisher zu Teil geworden ist. 

2. Unter den dagegen anzuwendenden Bütteln ist neben 
einer fortlaufenden Beobachtung die sexuelle Belehrung von 
hervorragender Wichtigkeit. 

3. Diese Belehrung fällt in erster Linie dem Elternhausc zu ; 
mitzuwirken hat aber auch die Schule. 

4. In beiden Fällen ist die Beteiligung der Aerzte eine 
unerläßliche. 

5. Für die Vorbildung der Eltern und Lehrer nach dieser 
Richtung hin ist durch den Staat und die Gesellschaft Sorge zu 
tragen. 

Tagesordnung: 
Spöelaldobatte über sexuelle Belolirungöit der Kinder. 
Hierauf sprach Herr Geh. Med.-Rat Prof. Dr. HenitRHU Colin 
als Referent: M. H.! In der letzten Sitzung am 31. Ootober 
begannen wir eine akademische Besprechung der Frage über die 
sexuelle Belehrung der Schulkinder. Ich gab Ihnen ein nur 
historisches Referat über die Litteratur; die Kritik überließ ich 
der nachfolgenden Debatte. 

Ich ging von dem Vortrage aus, den ich vor 10 Jahren auf 
dem internationalen hygienischen Congreß in Budapest über die 
Masturbation der Schulkinder gehalten habe, besprach dann die 

4* 



52 Jaliroshevicht der Sclilos. Gescllpcliaft für vatorl. Oiiltiir. 

Vorträge, die in diesem April auf dem interiiationaleii Siiiiui- 
hygiene-Oongreß zu Nürnberg gehalten wurden von Professor 
Schucliuy (Budapest), Dr. Epstein (Nürnberg) und Professor 
Stanger (Trautenau), bericlitete ausfülirlich über das neue intur- 
eesante Buch von Okor-Blom in Helsiugfors, welches auch 
bereits inzwischen in's Französische und Englische übersetzt 
worden ist, sowie über den Aufsatz von Fräulein Dr. Oppler, 
Schulärztin in Breslau. An der Debatte beteiligten sich sechs 
Aerzte: die Herren Oollegen Dr. Chotzen, Prof. Tietzo, Dr. 
S am OS oh, Prof. Buchwald, Geheimrat Jacobi und Dr. Rosen - 
feld, zwei Schulmänner: Herr Direotor Dr. Wiedemann und 
Sohulrat Hippauf, und zwei Geistliche: Herr Pastor Güuth(ir 
und Herr Prediger Tsohirn, 

Die entgegengesetztesten Ansichten wurden laut. Während 
die einen nur den Storch gelten lassen wollten, wie bisher, und 
meinten, man solle ja die Frage nicht anrühren, da man die 
Kinder dadurch erst auf die sexuellen Fragen hinführen würde, 
waren andere für eine relativ frühzeitige Aufklärung über Ent- 
stehung des Menschen und für Warnung vor Onanie. Die Zeit 
war alsdann soweit vorgeschritten, daß ich kein Schlußwort an- 
fügen konnte und die Debatte auf heute verschöbe i werden 
mußte, wobei der Wunsch geäußert wurde, daß einige Leitsätze 
der so sehr verschiedene Gesichtspunkte umfassenden Discussion 
zu Grunde gelegt werden möchten. 

Es sind uns nun von verschiedenen Eednern zusammen 
22 Leitsätze zugeschickt worden, die manches Verwandte ent- 
halten. Hauptsächlich waren es drei miteinander innerlich zu- 
sammenhängende Punkte: I. Was soll gegen die Onanie geschehen? 
IL Wenn, wie und von wem sollen die Kinder über die Ent- 
stehung des Menschen belehrt werden? III. Wie soll die Sj'philis 
der Kinder verhütet werderi? 

Wir Secretäre der Seclion beschlossen nach längerer Be- 
ratung fünf Leitsätze aus den eingeschickten zusammenzustellen 
und Ihnen in der Einladung und hier vorzulegen, die Frage der 
Syphilis aber ganz auszuscheiden, weil sie bei Kindern doch nur 
als größte Ausnahme beobachtet wird. 

Sie werden bald Gelegenheit haben, sich zu diesen Leitsätzen 
zu äußern, wobei wir aber darauf schon jetzt aufmerksam machen, 
daß hier niemals eine Abstimmung stattfinden darf, 
sondern daß sich alles nur im Rahmen einer akademisohou Er- 
örterung abspielen muß. 



Abtuiluiig. Hygienische Seoticm. 53 



Ich will nun keineswegs meinen neulichen Vortrag hier 
wiederholen; in meiner Broschüre: „Was kann die Schule gegen 
die Masturbation der Kinder thun?" finden Sie meine Ansichten 
ausführlich; dieselbe ist 1894 bei Schötz in Berlin erschienen. 

Ich halte mit meiner persönlichen Kritik über die neuliohe 
Debatte zurück, schon um die Fortsetzung derselben nicht Inn- 
Kuhalten. Nur zwei Berichtigungen muß ich vorausschicken: 
Erstens, ich hatte in der Litteratur eine kleine Schrift erwähnt, die 
von Frau Bieber-Böhm in's Deutsche übersetzt worden ist und 
den Titel führt: „Wo kam Brüderchen her?", und welche ich 
empfehlen zu können meinte. 

Herr College Prof. Tietze erwähnte aber, (hiLi dieselbe ekel- 
haft sei, es käme in derselben der Satz vor: „Eine Mutter be- 
lehrte ihren kleinen Sohn über die Entstehung des Menschen 
dadurch, daß sie ihn auf ihrem Loibe die Bewegungen des zu 
erwartenden Brüderchens fühlen ließ." Ich unterbrach sogleich 
Herrn CoUegen Tietze mit der Bemerkung, daß ein solcher, 
ganz sicher unpassender Satz in diesem Buche bestimmt nicht 
vorkomme. Die Mutter bemerkt hier nur: „Du hast auch unter 
meinem Herzen gelegen." 

Am anderen Tage schrioi.i mir auch Herr College Tietze, 
daLl er sich geirrt habe und daß der Satz in einer Schrift „Rein- 
heit" von Frau Pieozynska stehe. „Die ihm selbst sehr unlieb- 
same Verwechslung sei ihm passirt, weil er beide Bücher vor 
mehreren Monaten, und zwar unmittelbar hintereinander gelesen 
habe, so daß sich ihm der Inhalt beider, die sehr verwandt sind, 
verwischt habe. E^r sei in der letzten Versammlung nicht darauf 
vorbereitet gewesen, daß eines dieser Bücher hätte erwähnt 
werden können, und er hätte sich deshalb bei dem Citat auf sein 
Gedächtnis angewiesen gesehen, das ihn zu seinem lebhaften Be- 
dauern im Stiche gelassen habe." — loh ließ mir diese aus dem 
Französischen übersetzte, 1901 im Vorlage von Grieben in Leipzig 
erschienene Schrift sogleich konnnen , und in dieser steht aller- 
dings Folgendes: „Weißt Du", sagte eine mir befreundete Mutter, 
„daß der liebe Gott Dir ein Brüderchen oder Schwesterchen 
schenken wird? Siehst Du", fuhr sie fort, „indem sie des Kindes 
Hand sanft auf ihren Schoß legte, da ist es, fühlst Du es auch? 
Ganz nah an meinem Herzen schläft es, und Du, Du hast auch 
hier gelegen bei mir lange Zeit, fast ein Jahr lang. Bevor irgend 
jemand Dich sah, kannte ich Dich, wir lebton zusammen und Du 
warst ganz tief bei mir verborgen." 

Das ist auch meiner Ansicht nacJi offenbar eine große Ent- 



54 Jaliresberielit dor Sohles. Gosollschaft für vaterl. Oiiliiir. 



gloisung der Verfasserin, die ich so wenig wie College Tietze 
billige. Im Uebrigen aber hat mir dieses Buch gut gefallen, 
und ich glaube, auch Sie werden es mit Interesse lesen. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch ein anderes sehr 
gutes Buch nennen, daß ich eben erst kennen gelernt habe. Es 
ist ein prächtiger Vortrag von Prof. Kopp in München, welchen 
derselbe in einer großen Laienversammlung im Enthaussaalo zu 
München im Februar dieses Jahres gehalten hat, über „Das 
Geschlechtliche in der Jugenderziebung", erschienen in Leipzig 
bei Barth. 



Zweitens möchte ich einen anderen Irrtum berichtigen, der 
sich bei der Discussion gezeigt hat. Es v/urde von einigen 
Rednern die Häufigkeit der Onanie der Schüler, auf die ich 
hingewiesen, als Uebertreibung bezeichnet. Herr College Geh. 
Med. -Rat Prof. Jakobi meinte, man müsse ei'st durch eine 
Statistik festzustellen suchen, ob wirklich, wie ich mit sehr vielen 
Aerzten gemeinsam behaupte, die Onanie so arg verbreitet sei. 
Auch auf Anfertigung einer solchen Statistik habe ich schon vor 
10 Jahren' in meinem Vortrage in Budapest hingewiesen. Dort 
finden^Sie folgende Sätze: „Eine Statistik der Verbreitung der 
Onanie existirt bisher nicht, und gerade hygienische Maß- 
nahmen bedürfen zur Begrün düng ein er großen Statistik. 
Unmöglich wäre übrigens auch betreffs der Masturbation eine 
Statistik nicht. Ich würde vorschlagen, einen Fragebogen zu 
entwerfen, in welchem um Beantwortung der in dieser Broschüre 
erörterten Frsga'i auf Grund eigener Schulorinnerungen gebeten 
würde. Dieser Fragebogen wäre am besten an die 21000 deutschen 
Aerzte oder an die 8000^ deutschen Studenten der Medicin zu 
senden. Die meisten derselben würden schon aus Interesse an 
der Sache antworten, und die Antworten v/'aren, um unverhüllte 
Nachrichten '.zu erhalten, anonym zu erbitten. So könnte ein 
zuverlässiges statistisches Material für den Anfang erhalten werden; 
später dürfte die Sammelforschuug auf alle Studirenden aller 
Universitäten und Hochschulen ausaudehnen sein. 

Eine derartige Umfrage würde für Portis, Drucksachen, 
Schreibwerk u. s. w. etwa 6000 Mk, kosten. Hier müßten die 
wissensohaftliolieu Akademien, welche ja über große Goldmittol 
verfügen, oder die Naturforscherversammluug Hilfe leisten. Unter- 
stützungen für solche Untersuchungen scheinen mir ebenöo wichtig. 



I. Abtüilung. riygienisclui Sc.cUon. 55 

als für andere von Akademien subventionirte Arbeiten, z, B, für 
seltene Käfer oder Pflanzengattungen." 

„Aber"' sagte ich, „wenn auch lieute noch keine statistischen 
Untersuchungen vorgelegt weiden können, so ist doch die über- 
einstimmende Ansicht aller zuverlässigen Autoren die, daß 
die Onanie eine viel verbreitetere Volkskrankhoit sei, als z. B. 
die Myopie, ja, sie ist iwobl das verbreitetste unter allen Leiden. 
Wir verzichten natürlich auf die vielfachen Uebertreibungen, die 
in allerlei populär geschriebeneu, in den politischen Zeitungen oft 
genug annoncirten Broschüren dem Publikum geboten werden, 
und halten uns außer an unsere eigenen, seit vier Jahrzehnten 
gesammelten Erfahrungen nur au die zuverlässigen Quellen, 
welche hier in der Litteratur am Schlüsse aufgeführt sind." 



Wenn einige Collegen , die ich ak viel erfahrene Aerzte 
hochschätze, meinton, ihnen wäre während ihrer langen Praxis 
eine solch' arge Ausbreitung der Onanie nicht bekannt geworden, 
so bezweifle ich die Richtigkeit ihrer Mitteilungen nicht im Ent- 
ferntesten. Aber diese negativen Erfahrungen hervorragender 
innerer Aerzte sind doch weniger beweisend als die Tausende 
von Beobachtungen von Nervenärzten, die, wie man aus der 
Litteratur nachweisen kann, so weit gehen, zu behaupten, daß es 
überhaupt keinen Menschen gebe, der nicht zeitweilig 
Onanie getrieben habe. 

Ich wiederhole den Satz von Prof. Oskar Berger: „Die 
Masturbation ist eine so verbreitete Manipulation, daß von 
100 jungen Männern und Mädchen 99 sich zeitweilig damit ab- 
geben und der Hundertste, wie ich zu sagen pflege, der reine 
Mensch, die Wahrheit verheimlicht." Und Moll sagt sogar: 
„Wer es boHtroitefc onauirt zu haben, der hat es oft nur ver- 



Natürlich leugnen alle Kinder, so lange sie noch onanireu, 
hartnäckig; um so offener bekennen sie meist später, wenn sie 
die Sache aufgegeben haben. Ich habe Hunderte von Studenten 
der Medioin ganz vertraulich gefragt, und alle, alle haben mir 
gesagt, daß sie, manche nur kürzere Zeit, viele andere aber 
jahrelang auf der Schule Onanie getrieben haben. Erst kürzlich 
wurde in einer Verbindung nachgefragt, und alle Mitglieder 
gaben ea zu. loh glaube auch nicht, daß die großen Hospital- 
ärzte über die Masturbation Erfahrungen sammeln können, sie 



Juiireshericlit der EcMos. Gesdltcliiift für vaterl. OnHur. 



liabeii andere, wichtigere Dinge auatnnestisch zu erkunden bei 
Typhus, bei Lungenentzündung, bei Darmleiden. Allenfalls 
könnten sie bei Tuberculose nachforschen. Ich möchte aohr be- 
zweifeln, daß in den Krankengeschichten, der großen Hospitäler 
regelmäßige Notizen über das Eingeständnis der Onanie zu finden 
sein werden, und selbst wenn in dem KraiikenprotocoU stände, 
der Patient leugnet Onanie, so wäre damit noch gar nichts be- 
wiesen. Denn spontan kommt doch kein Kind zum Arzt und 
macht darüber Mitteilung, im Gegenteil, mau muß immer einen 
eigenen Tric anwenden, um in der Schulzeit ein Geständnis zu 
erhalten. Ich liabo während mehrerer Jahrzehnte weit über 
1000 Schulkinder zu dem Zugeständnis gebracht, denn ich habe 
bestimmte Zeichen, bei denen ich nicht frage: „Mein Sohn, Du 
treibst wohl Onanie?", sondern denen ich mit Sicherheit auf den 
Kopf zusage: „Lieber Junge, leugne nicht erst, Du treibst sehr 
stark Onanie, denn Deine Klagen kommen überliaupfc nur in 
diesem Falle vor." 

Wenn mir schon einer thut, als wetm er gar nicht wüßte, 
was Onanie überhaupt sei, so ist er ganz sicher ein Schwindler. 
Natürlich kennen viele Kinder das Wort Onanie gar nicht, aber 
jeder Knabe über 12 Jahre weiß sicher, daß Reibungen der 
Geschlechtsteile wollüstige Empfindungen hei vorrufen. 

Ich erwähne hier, daß es zwei Augenleiden giebt, die mit 
Sicherheit auf Masturbation bezogen werden können. Erstens 
sind es endlose Augenkatarrhe, die durchaus nicht auf die. 
gewöiinliohen adstringirenden Mittel weichen. Diese Hartnäckig- 
keit teilen sie, wie Förster, unser ausgezeichneter Lehrer, sagte, 
mit clironischen .Rachenkatarrhen, die stets reoidiviren und nicht 
gründlich beseitigt werden können, und welche erfahrene Aerzto 
an Personen beobachtet haben, die an dauernden Samenvorlusten 
leiden. 

Zweitens tage ich, wenn ein Knabe mir gebracht wird, der 
von sehr viel hellen Lichterscheinungon geplagt wird, die 
entweder in einer Blendung bestehen, wie von einer bewegten 
und beleuchteten Fensterscheibe oder wie von einer glänzenden 
Wasserfläche oder in einem Flimmern, das bald als Erscheinung 
von hellen Sternen, hellen Rädchen, hellen Strahlen, hellen 
Kreisen, hellen .Pünktchen oder als Schneeflocken oder als 
flackernde Luftbewegung geschildert wird, und der dann Abends 
lichtscheu ist, einem solchen Knaben sage ich auf den Kopf zu; 
„Du bist eiH starker Onanist, bekenne und lasse, es," und ich 
habe immer Zustimmung erhalten. 



I. Abteilung. Hygionisßho Sectioii. 57 

Schwer ist es natürlich, mit den Schulmiidoheu darüber zu 
iäprochen. Ich lasse mir dann die Mutter kommen und fordere 
sie auf, genau Acht zu geben, wenn sich die Tochter uubeaohtot 
glaubt, namentlich Nachts im Bette, und ich halie immer den 
Dank der Mutter für diesen Wink geerntet. 

Also ich muß dabei bleiben, daß die Onanie colossal ver- 
breitet ist und wir allen Anlaß haben, gegen sie zu kämpfen. 

Ganz unrichtig ist es aber zu glauben, man würde durch 
eine Belehrung die Schulkinder, die noch völlig unschuldig 
sind, erat auf die Onanie hiuleiten. Es könnte dies nur bei einem 
Kinde geschehen, wtlches völlig allein erzogen wird. Aber wo 
Kinder gemeiuBam sind, plaudern und tuscheln sie über diese 
Dinge, so daß sie mit 12 Jahren alle schon die Onanie keimen. 



Was nun schließlich die mutuelle Onanie betrifft, so haljc 
ich neulich aus Schiller, aus Moll und aus eigenen Erfahrun- 
gen vielerlei mitgeteilt. Ich selbst habe allerdings während 
meiner eigenen Schulzeit, wo in allen Klassen sehr viel Auto- 
Onanie getrieben wurde, niemals eine Ahnung gehabt, daß über- 
haupt mutuelle Onanie existirte. Auch Vir oho w, mit dem ich 
vor 10 Jahren, nachdem er meine Schrift gelesen, lange conferirte, 
konnte sich aus seiner Sohukeit an derartiges überhaupt nicht 
erinnern. Aber sie ist namentlich in Instituten und Pen- 
sion aten in allen Ländern enorm verbreitet. Erst vor kurzem 
kam ein Secundaner aus der Provinz mit Klagen über die typi- 
schen Lichterscheinungen zu mir. Ich drang in ihn, und er er- 
zählte mir, daß seine Mitachüler alle Wochen zweimal auf der 
Stube eines Freundes in dessen Pension zur gegenseitigen 
Masturbation zusammenkämen. Ich Z6Jgte'\lies natürlich sogleich 
dem Director ohne Nameuanennung an, und diese scherzweise 
„Jugendspiole" genannten Zusammenkünfte wurden inhibirt. Sie 
sehen also, daß unser erster Leitsatz oben wogen der großen 
Verbreitung des Uebels volle Berechtigung hat. 



Die Ansichten über die Belehrung der Kinder, wann, von 
v/em und wie sie auszusprechen ist, gingen in der vorigen Sitzung 
sehr auseinander, und ich weiß sehr wohl, daß wir hier vor einem 
der schwersten Probleme stehen. Das darf uns aber als Hygieniker 
nicht verhindern, die Fragen zu besprechen. Natürlich ist es am 



r>S Jiihreshericht der Scliles. üosoUecliart Üir vatcrl. Gultiir. 

bequemstoD, das „laisser aller" zu verteidigen. Aber mit dem 
12. Jahre lachen uns doch die Kinder selbst aus, wenn 
wir sie auf den Storch hinweisen; also scheint mir eine passende 
Belehrung verständiger. 

Herr Dr. Cisotzen: Die bisher gegen eine sexuelle Belehrung 
der Schulkhider vorgebrachten Einwieudungen erschoiueu mir 
nicht stichhaltig. 

Ich kann der Auffassung nicht beistimmen, daß Kinder, welche 
das Märchen vom Storche zurückzuweisen beginnen, von einer 
allmählichen naturwissenschaftlichen Erklärung über die Mensch- 
Entstehung sich nicht befriedigt fühlen, weil ihr ganzes Denken 
nach der Kenntnis vom Zeugungsacte hiiistrebe, und daß mau 
von jeder Belehrung absehen solle, weil mau ihnen diesen Wunsch 
nicht erfüllen könne. 

Ich kann auch nicht jeuer Ablehnung jeder Belehrung zu- 
stimmen, weil in einer der belehrenden Schriften von Pieozynska 
u. s. w. irgend eine persönlich unangenehm berührende Stelle 
vorhanden wäre. Diese Schriften wollen nicht einen Katechismus, 
nicht ein sklavisch nachzuahmendes Schema darstellen , sondern 
nur Eltern und Erziehern eine vorbildliche Anleitung geben, wie 
sie selbst mit kleinen Kindern über die Menscheutstehung in 
einer der Wirklichkeit nahekommenden Weise sprechen können, 
ohne dadurch Siniiliciikeitsvorstellungen auszulösen. Wenn die 
eine oder andere darin enthaltene Redewendung den einen oder 
anderen \mai)genohm berührt, so wird der Wert der Blethode 
dadurch noch nicht vermindert und eine Begründung für eine 
Zurückweisung solcher Belehrung noch nicht gegeben. Es ist 
von anderer Seite betont worden, die hier ärztlich vorgebrachten 
Angaben über die Verbreitung der Masturbation seien übertrieben 
und entsprächen der Wirklichkeit durchaus nicht. Hausärzte 
erlangen eine Kenntnis von der Masturbation der Knaben oder 
Mädchen ihrer Clientel höchst selten; selbst wo der Arzt oder 
die Eltern einen Verdacht haben, ist ein Eingeständnis kaum zu 
erreichen, höchstens von jenen Kindern, welche körperliche Be- 
schwerden auf jene Verirrung zurückführen und sich vor einer 
Verschliminerung der Beschwerden füfchten. Die meisten Menschen 
reden von ihrer Masturbationazeit erst dann, wenn sie lange 
darüber hinaus sind und normalen Geschlechtsverkehr ausüben. 
Man forsche nur bei solchen nach, aber unter diesen nur bei 
denen, welche ohne Scheu oifen und ohrlich über ihre früheren 
Gesohlechtsvorirrungeu redan, und man wird eine volle Be- 



L Abtoiliuig. HygiöJiischü Section. 69 

Rtätigmig von der ganz außerordentlichen Verbreitung dor Onanie 
erfahren. Derjenige Arzt, welcher viele Geschlechtskranke zu 
sehen bekommt, ist am ehesten in der Lage, von seinen Patienten 
Angaben über früher geübte oder gegenwärtig |nooh bestehende 
Masturbation zu erhalten, und aus dieser Erl'ahrvmg heraus kann 
ioli dem nur zustimmen, daß besonders" unter Knaben diese Un- 
sitte außerordentlicli herrscht. Auch Nervenärzte, welche am 
häufigsten die Folgen der Onanie zu sehen bekommen , be- 
stätigen dies und Dr. Staugen (Trautenau) hat sich zu seiner 
auf dem internationalen Congreß für Schul- Gesundheitspflege in 
Nürnberg gethanen Aeußerung „die Beichtväter können erzählen, 
daß die Knaben fast ausnahmslos dem Laster der Selbstbefleckung 
fröhnen", nur auf Grund völlig einwandfreier Mitteilungen be- 
stimmt gesehen. 

Wenn auch im AlJgemeiueu die Masturbanten diese Körper - 
Schädigung gut überstehen, trotzdem zu kräftigen, widerstands- 
fälligen jungen Männern heranwachnen und späterhin eine ge- 
sunde, kräftige Nachkommenschaft erzeugen, so ist doch nicht 
jener Pällo zu vergessen, welche von dieser Gewohnheit über- 
haupt nicht oder erst sehr spät lassen und nicht geringe Einbuße 
an geistiger und körperlicher Spannkraft davontragen. Ein jeder 
Vater und Erzieher, welcher die Entwicklung seines Kindes nur 
mit der naturgemäßen, gar nicht etwa übertriebenen Sorgfalt und 
Verantwortung verfolgt, muß das größte Interesse haben, sein 
Kind vor dieser Gewohnheit zu bewahren. Die Häufigkeit des 
Vorkommens der Masturbation ist daher mit vollem Rechte als 
einer der wesentlichsten Gründe für die Einfül\rung einer sexuellen 
Belehrung der Schulkinder anzusehen. 

Es ist, wenn auch nicht öffentlich in der Sitzung diesei 
Section, so doch vielfach nach derselben gesagt worden, eine Dis- 
cussion über das vorliegende Thema wäre zwecklos, praktische 
Resultate könne sie nicht zeitigen, weil positive, genau durohfülir- 
baro Vorschläge für eine Ausül)uug der sexuellen Belehrung 
nicht gemacht werden könnten, weil höchstens das Elternhaus 
in dieser Eiohtung erfolgreich wirken könnte, dieses aber zur 
Zeit dieser,; Aufgabe noch nicht gewachsen sei. 

Dieser Gedankengang ist nicht richtig. Die ÄufroUung dieser 
Frage in einer hygienischen Section ist vollkommen gerechtfertigt 
und sie ist nicht zwecklos, wenn sie selbst nichts anderes er- 
reichen sollte, als daß nur eine Aussprache über diesen Gegen- 
stand, eine Anregung zum Nachdenken, ein Hinweis auf ein- 
zuführende Maßnahmen den Behörden und freien Verein igungcn 



Jalu'osbcriclit der Scbles. Gesellscliiift für vaLcrl. Oultur. 

gegeben und so ein Saatkorn ausgestreut wird, das in absehbarer 
Zeit aufgehen kann. 

Zunächst ist nur eine principielle Entscheidung darüber herbei- 
zuführen, ob überhaupt Schulkindern eine sexuelle Belehrung 
gegeben werden soll oder nicht; die Frage wie und von wem 
sie zu geben sei, ist eine erst später zu erörternde, pädagogisch- 
technische Frage. 

Zu dieser priucipiellen Entscheidung kann man nur gelangen, 
wenn man sich die Frage vorlogt, ob die bisher in der Kindor- 
erziehung geübte Gewohnheit über alle sexuellen Dinge mit ;ib- 
sichtlichem Verschweigen oder Besprechungsverweigern hinweg- 
zugehen in gleicher Weise weiter aufrecht erhalten werden soll, 
oder ob diese Gewohnheit Uebelstände gezeitigt hat, welche ein 
Fallenlassen der Gewohnheit erfordert. Meinem Ermessen nach 
hat die bisherige Gewohnheit solche Uebelstände hervorgerufen, 
und zwar frühzeitigeSinnlichkeitserweckung der Kinder, geschlecht- 
liche Verirrungen (Masturbation) und vorzeitigen Geschlechts- 
verkehr noch nicht geschleohtsreifer Personen. 

Diese drei Uebelstände können durch geeignete Belehrung 
wenn auch nicht aufgehfiben, so doch wesentlich eingeschränkt 
werden. 

Im Allgemeinen ist die Bevölkerung, und zwar nicht nur 
die Kreise der höher Gebildeten, sondern auch die mit Volks- 
achulbildung ausgestatteten einer solchen Belehrung zur Zeit 
zugänglicher als ,jo zuvor. Alle Kreise sind von einem mächtigen 
Streben erfüllt, sich mit Dingen, welche auf die Gesundheits- 
erhaltung abzielen, zu beschäftigen. Das ist kein Zufall, sondern 
das Ergebnis des naturwissenschaftlichen Forschens und Arbeitens 
der letzten Jahrzehnte, welches ganz besonders durch die Aerzto 
in die weitesten Kreise getragen wird und jenen treffenden Aus- 
spruch ßjörustjerne Björnsons gezeitigt hat: „Ihr Aerzto 
werdet wieder unsere ethischen Eatgeber!'' 

Gegen die uns vom Vorstände der hygienischen Section für 
die heutige Sitzung behändigten Leitsätze, mit denen ich prin- 
cipiell einverstanden bin, möchte ich mir nur einen Einwand er- 
lauben, und zwar gegen Satz 1. 

Es könnte meinem Empfinden nach Satz 1 den Anaohein 
erwecken, als ob die Unterdrückung der Masturbation das Endziel 
der hier angeregten Disoussion sei. Es wird durch diese be- 
sondere Hervorhebung der Masturbation der Schwerpunkt des 
angekündigten Thema, welches die Frage der sexuellen Belehrung 
der Schulkinder umfaßt, verschoben; die Masturbation bildet nur 



I. Abteilaug. Uy-ioaisolio Süction. 61 

einen der Beweggründe, welche eine Belehrung der Schulkinder 
empfehlenswert erscheinen läßt, aber nicht den einzigen. 

Ich gestatte mir die Schlußsätze vorzutragen, zu welchen ich 
in der vorliegenden Präge gelangt bin, welche zwar im Großen 
und Ganzen mit den uns vorliegenden übereinstimmen, aber in 
einigen Punkten etwas ausführlicher und weitergehender sind: 

I. Eine sexuelle Belehrung der Schulkinder empfiehlt sich: 

1. um zu verhüten, daß Kindern über die Entstehung des 
Menschen durch ungeeignete Personen (Altersgenossen, 
Dienstboten) Sinnlichkeit erregeiule Vorstellungen er- 
weckt werden ; 

2. um zu verhüten, daß Kinder vor oder im Beginn der 
Geschlechtsreife sich körperschädigenden geschlechtlichen 
Erregungen (Masturbation) überlassen; 

3. um zu verhüten, daß die mit dem 14. Lebensjahre aus 
der Schule Austretenden oder die in ihr noch verbleibenden 
Halberwachsenen im Glauben, sie seien bereits völlig 
gesolileoiitsreif, sich vorzeitig dem Gesohlechtsverkelir 
hingeben. 

II. Die sexuelle Belehrung der Kinder ist Aufgabe des 
Elternhauses, der Scluile und des Religionsunterrichtes. 

III. Das Elternhaus ist dieser Aufgabe zur Zeit nur in den 
seltensten Fällen gewachsen. 

Es ist zu empfehlen, daß Volksbildungsvereine, Wohlfahrts- 
verbände (Krankenkassen), ßerufsgenossenvereiuiguugen u. s. w. 
durch Vorträge über diesen Gegenstand auf Eltern erzieliend ein- 
wirken. 

IV. Die Lelu'er und Leljrerinnen der Volks- und Jiöheren 
Schulen sind für eine erzieherische Thätiglieit auf dem Gebiete 
der sexuellen Belehrung zur Zeit noch nicht genügend vorgebildet. 

Es ist Aufgabe der Staats- und städtischen Behörden bei der 
Ausbildung resp. Fortbildung der Lehrer diesen Gelegenheit zu 
geben, sich auch über die sexuelle Hygiene und deren Bedeutung 
für die Gesamtbevölkerung systematische Kenntnisse zu erwerben. 

V. Der Religionsunterricht bedarf der Einführung einer 
Sohulbibel, um die Kinder vor der Kenntnisnahme jener Stellen 
der Vollbibel zu bewahren, welche das sexuelle Gebiet betreffen 
ujid die Sinnlichkeit der Schulkinder zu erregen geeignet sind. 

Herr Dr. Steuer berichtet, der Vorstand der Seotion sei bei 
der Abfassung der fünf Leitsätze von der Ansicht ausgegangen, 
daß es nicht möglich sei, festzustellen, von wo aus die Belehrung 
der Jugend in sexueller Beziehung auszugehen habe, — jode 



62 Jalirosbcricht der ScLlos, Gesellschaft für vatorJ. CuHur. 

Instanz, welche bei der Erziehimg und Entwicklung 
der Jugend mitzuwirken Iiabe, sei unter Umständen 
hierzu am geeignetsten und zumeist verpf4iohtot. Ein 
Zusammenwirken von Haus, Schule und ärztlicher Fürsorge würde 
am ehesten Auasiclit auf Erfolg haben. 

Herr Stadtrat Prof. Dr. med. E. Fraeukcl konnte der vorigen 
Sitzung nicht beiwohnen, glaubt aber in den vorliegenden Leit- 
sätzen den Extract der vorangegangenen Besprechungen zu er- 
kennen, den er dahin auffaßt, daß mau die Notwendigkeit einer 
sexuellen Aufldäruug der Jagend anerkannt habe, und zwar zum 
Zweck der Bekämpfung der Masturbation und auch sonstiger, 
aus Unkenntnis entstehender psychischer und körperlicher Schädi- 
gungen durch das Geschlechtsleben. Allerdings scheint ihm in 
den Leitsätzen die Masturbation zu sehr in den Vordergrund 
gerückt zu sein. Ohne irgendwie die Erfahrungen des Herrn 
Geh.-Eat Prof. H. Gohn. anzweifeln zu wollen, kann er von 
seinem Standpunitt als Frauenarzt aus ihre Bedeutung nicht 
so hoch wie dieser einschätzen. Sie ist allerdings auch im weib- 
lichen Geschlechte stark verbreitet, aber vielleicht nicht so in dem 
Maße wie im männlichen. Zweifellos sind manche Fälle von 
hartnäckiger Bleichsucht und Neurasthenie (Nervenschwäche) 
darauf zurückzuführen, ebenso bisweilen das Bestehen von 
Scheiden- und Gebärmutterkatarrh (sog. „weißem Fluß"), ver- 
ursacht durch die Einführung von den Fingern oder Fremd- 
körpern anhaftenden Eutzündungskeimen in die inneren Teile, 
oder duich die oft wiederholten Oongestiouen zu denselben. Aber 
die Bedeutung dieser Afl'ectionen tritt nach Art und Häufigkeit 
weit zurück hinter den Schädlichkeiten, die das Weib durch 
Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und vor allem durch die 
so häufige Tripperinfection bedrohen. Die von Herrn Geh.-ßat 
Cohn gewünschte Statistik über die Häufigkeit der Onanie, die 
von Aerzten und Studirenden nach ihren Schulerinnerungen ein- 
zuholen wäre, würde kein der Wahrheit entsprechendes Resultat 
geben. Es gilt nicht blos der Satz „Omnis syphiliticus mendax", 
sondern auch die Variante „Omnis masturbator mendax", und 
selbst anonyme Selbstbekenntnisse würden davor nicht schützen. 
Aber selbst wenn sich durch eine solche Enquete eine enorme 
Verbreitung der Onanie sicher constatiren ließe, so wäre damit 
nur der Beweis gebracht, daß dieselbe nicht von so schweren 
Nachteilen gefolgt ist, wie hier angenommen wird; sonst müßte 
ja unser ganzes Volk sittlich und körperlich dogenerirt sein. Die 
Masturbation wird nicht blos durch schlechtes Beispiel und die 



I. Abteiliiug. Hygieiusobe Section. 63 

Naoliahmuug, wie in Schulen, Peusionaten etc. weiter verbreitet, 
ihre Entstehung wird man vor allem durch den Sexualtrieb, der 
im Menschen oft sehr frühzeitig entwickelt und mächtiger als 
alle anderen Triebe ist, so daß er jeder Belehrung spottet, be- 
günstigt. Dafür spricht die Thatsache, daß Masturbation zu- 
weilen schon bei ganz kleinen Kindern im Alter von 4 — 5 Jaliren 
Ijoobachtet werden kann. Im Eutwicklungsalter sind ferner die 
Phantasie anregende und dadurch auf die Gresohleohtssphäre 
wirkende Reize, wie Schaustellungen, Romanleottire etc., ihre 
Entstehung begünstigende Blomente. Vor allem aber sind es in 
unseren socialen Verhältnissen begründete Schädlichkeiten, die 
sexuelle Mißstände aller Art in den weitesten Volkskreisen ver- 
breiten. Ich rechne hierzu in erster Reihe das Zusammenwohuen 
der ärmeren Klassen in engen, ungesunden und unsauberen 
Wohnungen. In einem und demselben Zimmer schlafen Kinder 
und Erwachsene Gelder Gesohlechter, oft mehrere in demselben 
Bett; was sich hier ungesoheut vor Aller Augen abspielt, muß 
vorzeitiges Verständnis und Nachahmung erwecken. Die Regierung 
hat den hieraus entspringenden Krebsschaden erkannt; ein Be- 
weis dafür ist der Entwurf eines Wohnungsgesetzes. Es genügt 
aber nicht, gute, hygienisch eingerichtete Wohnungen zu schaffen; 
man muß den Arbeitern und ärmeren Volkaklassen auch die 
Möglichkeit gewähren, solche Wohnungen wirklich zu mieten. 
Gute, saubere und billige Wohnungen nützen für die Volks- 
gesundving im weitesten Sinne des Wortes mehr, als alle auf- 
klärenden und belehrenden Schriften und Vorträge. Und man 
kann es, auch ohne Bodenreformer zu sein, billiger Weise als 
eine unabweisbare Aufgabe des Staates und der Gemeinden hin- 
stellen, durch Ueberweisung billiger Ländereien in geeigneter 
Lage an gemeinnützige Baugesellschaften die Herstellung solclier 
Wohnungen zu ermöglichen und zu fördern. 

Einen ferneren Punkt indes vermißt Redner in den vor- 
liegenden Leitsätzen vollständig, die Belehrung der weib- 
lichen Jugend über die Gesundheitspflege während der 
Entwicklungsjahre und in der folgende-n Lebenszeit. 
Verstöße gegen die Forderungen der Hygiene in dieser Epoche 
rächen sich zuweilen schwer \nid bilden nicht selten die Grund- 
lagespäterer ernster Frauenleiden. Mütter, Peusions Vorsteherinnen, 
Lehrerinnen ignorii-en zuweilen den Vorgang des ersten Eintrittes 
der Menstruation und ihre Wiederkehr ganz und verleiten dadurch 
die unerfahrenen, sich selbst üborlassenen Mädchen zur Außer- 
achtlassung jeder Vorsicht und Schonung in dieser Zeit. Eine 



(14 Jahi-esbeviiilit der Sclilos. Goscllscliafi für vaioH. Ciiltui', 

Belehrung durch die Mutter oder Erzieherin wäre hier ja das 
Naturgemäße; aber diesen fehlt selbst meist jede wissensohaftlioh 
begründete Kenntnis des Frauenlebens und sie sind oft in den 
durcli Tradition und blinden Autoritätsglaulien eingewurzelten 
und in der Frauenwelt weit vorbreiteten Irrtümern und Miß- 
liriuichon aufgewachsen, die sich „wie eine ewige Krankheit fort- 
erben". Hier wäre Belehrung zunächst der Lehrerinnen in 
Cursen, die am besten von Schulärztinnen abzuhalten wären, zu 
empfohlen. Die Lehrerinnen ihrerseits hätten beim naturgeschiolit- 
lichen Unterrichte entsprechende Belehrung über sexuelle Hygiene 
zu geben; ihr Takt würde heikle Fragen zu umgehen oder ent- 
sprechend dem Alter, der Individualität imd dem Verständnis 
ihrer Zöglinge einzukleiden wissen. So würde allmählich die 
jetzige und künftige Generation ohne Engherzigkeit, aber mit 
möglichster Schonung der Deconz und Unschuld der Seelen eine 
richtige hygienische Unterweisung erhalten. 

Herr Oberpräsidial-Rat Dr. Michaelis: Meine Herren! Ich 
bin auf folgende Weise dazu gekommen, mich eingehend mit der 
Frage der Unsittlichkeit, insbesondere der Onanie, bei Knaben, 
und zwar den Schulern der höheren Lehranstalten, zu befassen. 

Es bestehen hier in Breslau im „Christlichen Verein junger 
Männer" Gymnasiastonabeudo, an denen sich die Schüler zu 
sittlich-religiösen Gesprächen und zum Bibelstudium vereinigen. 
Gegen diese Einrichtung erhoben sich gewisse Bedenken. Um 
sie zu prüfen, trat ich der Sache näher. 

Der Leiter teilte mir mit, daß es sich unter anderem darum 
handele, den Knaben einen sittlich -religiösen Halt zu geben in 
dem Kampfe gegen die ünkeusohheit, die Selbstbefleokung. Die 
Onanie sei in den höheren Schulen in erschreckender Weise vor- 
l)reitet. Schon Quartaner kämen zu ihm, von Unruhe und Ge- 
wissensnot getrieben, weil sie in der Onanie steckten. Ea sei 
wohl sohulenweise und klassenweise verschieden, aber daran sei 
kein Zweifel, daß ein unglaublich hoher Prooentsatz iufioirt sei. 

Man verschließt da oft in Schwäche die Augen; aber es muß 
hier jede Scheu weichen und ich bitte Sie, an Ihre eigene 
Jugend zu denken und sich vor Gott und Ihrem Gewissen zu 
prüfen. Ich glaube ganz fest, daß, wenn wir hier in dieser Ver- 
sammlung, jetzt in dieser Stunde, uns bereit erklärten, jeder still 
und ungesehen auf einen Zettel das Wort „Ja" oder „Nein" 
hinzuschreiben, je nachdem wir zugeben müssen, in unserer 
Jugend in gleicher Schuld und Notlage gewesen zu sein oder 
nicht, es würde eine Statistik zu Stande kommen, die Ohfg(mi 



I. Abteilung-. Itygienische Seoüon. 65 

üiitspräolio. Und diesen Procentsatz könnten Sie dann unbedenklich 
einsetzen für die Verhältnisse bei der jetzigen Jugend. 

Meine Herren! Es handelt sich um unsere Söhne! Icli darf 
wohl sagen: ein jeder von uns, der Söhne hat, würde sein Herz- 
blut hergeben, wenn er seine Kinder freihalten könnte von der 
Onanie in der Jugend und den Geschlechtssünden des späteren 
Alters. Ich weiß, daß es Väter giebt, die zu ihren Söhnen sagen: 
„Geht nur ruhig zum rrauenzimmer, das ist nun mal nicht anders, 
aber seid vorsichtig uird wenn Ihr mal krank werdet, so thut 
gleich was Ordentliches dagegen!" Aber ich nehme an, daß kein 
solcher Vater liier ist. Was sollte er in dieser sittlich ernsten 
Versammlung wollen ? ! 

Nein, wir wollen doch bewahren und retten und da müssen 
wir in der Gefahr, die unseren Söhnen droht, in der sie stecken, 
fragen: Was ist zu thun? 

Sie sagen: „Aufklärung". Ich gebe zu, daß offene Besprechung 
natürlicher Vorgänge die Denkatmosphäro des Kindes reinigen 
und große Gefahren, die im Heimlichen liegen, beseitigen kann. 
Aber die Aufklärung allein thuts nicht; sie kann, namentlich etwa 
allgemein — in der Schule — vorgeschrieben, einem unheiHgen 
Mund und nicht keuschen Herzen übertragen, vieles zerstören 
und verschlimmern. 

Ich habe vier Jahre in ehiem Lande gelebt, das jedem, der 
für Aufklärung auf gosohleohtlichem Gebiet schwärmt, ideal er- 
scheinen muß, in Japan. Dort herrscht eine Naivetät der An- 
schauungen auf geschlechtlichem Gebiet, die ohne Gleichen 
ist. Die intimsten Vorgänge des geschlechtlichen Lebens sind 
den Kindern nichts Unbekanntes. In den offenen, oder nur durch 
Papierwände verschlossenen Zimmern und Häusern sind Geheim- 
nisse schlecht zu wahren. Das gemeinsame Baden beider Ge- 
schlechter, das ungenirte Stillen der Kinder in der Oeffentlichkeit 
(im Theater u. s. w.), die naiv- ungebundene Unterhaltung über 
Geschlechtsleben, alles negirt die Schleier, die in Europa ge- 
senkt sind. 

Nun, und die Folge? Es ist richtig, daß das ganze Ge- 
schlechtsleben in Japan etwas Naives hat. Solcher Schmutz der 
Sünde, wie er uns in unseren Groß- imd Hafenstädten, im Ver- 
kehr mit den Weibern, die sich gewerbsmäßig den Männern hin- 
geben, entgegentritt, ist in Japan nicht vorhanden. Er tritt dort 
nur allmählich in den Plätzen auf die trübe Oberfläche, wo Fremde 
den Fuß an's Land gesetzt liattcn. Auch soll die Onanie dort 
wenig goübt sein. 



66 



Jalirusbericlit der Sohlos. GeselJscliaft für vatorl. CulUir. 



Aber im Uebrigeii sind die Japaner ein sittlioii tiofstelieudcH 
Volk auf geschlechtlichem Gebiet. Der Begriff jungfräulicher 
Ehre ist uubekamit; der eben geschlechtsreif gewordene Jüngling 
wird vom Vater mit cynischem Amüsement nicht nur nicht ge- 
warnt, sondern zugelassen, oft wohl animirt, den ersten Versuch 
zu machen. Ernste Japaner sahen das selbst ein und gaben es 
zu. So las ich neulich erst ein Buch, in dem der Betreffende 
schrieb; „Am schwächsten zeigt sicli unsere Sittenlehre gerade 

im Punkt der eigentlichen Sittlichkeit. Die Nachsicht hat 

eine allgemeine Laxheit zur Folge". 

Also die allgemeine Aufklärung allein macht es nicht. Zur 
Aufklärung muß der Wille und die Kraft kommen, Herr 
zu werden über die Naturtriebe. Hier nnUiten Sic einsetzen, 
meine Herreu! 

Es handelt sich darum: „Wie?" — Ich pcn-aönlioh bin davon 
überzeugt, daß es nur eine wirklich durchgreifende Hilfe giebt, 
das ist der lebendige Glaube an einen allgegenwärtigen Gott, 
der uns sieht und bewahrt, nicht bloßes Fnrwalnhalton göttlicher 
Begriff'e, nicht ein Buchstaben-, Autoritäts- und schomatisoher 
Glaube, sondern ein Glaube, der eine wirkliche Hingabe fordert 
an seinen Herrn und Heiland ^ der wiederum demjenigen, der sich 
dazu entschließt, die Kraft giebt, ein neues Leben zu führen. 

Ja, meine Herreu Aerzte, Sie können hier wieder, wie in so 
vielen Dingen, zum großen Segen der Menschheit Woge weisen. 
Neues fordern und Wniko geben, Ihrer Mithilfe wird nie entraten 
worden können, aber die eigentliche Arbeit wird von audoron 
gethan werden müssen. Ich bitte, mich hierbei an die anwesenden 
Herrn Vertreter des Lehrstandes wenden zu dürfen. 

Sie können überzeugt sein, daß die hier beratenen wichtigen 
Fragen beim Herrn Oberpräsidenten, dessen Vertreter ich bin, 
lebhaftestes Interesse finden. Sie werden ihn ja vielleicht amtlich, 
als Vorsitzenden, des Proviuzial-Schiücollegiums und Aufsiohts- 
instanz über die Lehrerbildungsanstalten zu beschäftigen haben. 
Und so wollen vi^ir hoffen, daß alle zur Mitarbeit Berufenen sich 
verständnisvoll die Hand reichen zum Segen der Jugend. 

Herr Prof. Dr. üuchwald hält die Anregungen Dr. Rosen- 
felds und Dr. Ghotzens für richtig, die Onanie nicht so in den 
Vordergrund der Beratung zu stellen. Er hätte gewünscht, daß 
der Vorstand heut; wesentlich den Punkt berücksichtige: Ist eine 
.sexuelle Belehrung notwendig oder nicht? Die Ansichten waren 
darüber geteilt. Außerdem hätte er gewünscht, Vorschläge darüber 
zu hören, in welcher Weise man vorgehen könne. 



1. Ahloilung. Ilygionischp, Scc.tion. 67 

Man würde nicht vorwärts kommen, wenn man immer und 
immer wieder nur von diesem einen Gegenstaude spreche. 

Die auch bei Tieren beobachtete Selbstbefleckung sei nicht 
so verbreitet, wie vielfach angegeben werde. 

Bei der Belehrung müsse man wohl unterscheiden zwischen 
Kindern gebildeter Stände und Kindern der niederen Volks- 
schichten, auch seien 'die gleichen Altersstufen wesentlich ver- 
S(!hieden au beurteilen, Mädchen und Knaben anders zu belehren. 

Was man in Kreisen gebildeter Eamilicn vortrage, eigne sich 
nicht ohne Weiteres für das Volk. 

Er schlägt vor: 1. Die heutige Versammlung spricht sich 
dafür aus: Sexuelle Belehrung ist notwendig. 

2. Es wird eine Commission gebildet aus Vertretern ver- 
schiedener Berufsklassen (Aorzte, Lehrer, Geistliche, auch Frauen 
sollen mitwirken), welche sich zur Aufgabe stellt, gangbare Wege 
zu ermitteln. 

Er ist damit einverstanden, daß diese Anträge dem Vorstände 
zur weiteren Behandlung übergeben werden , warnt aber vor 
Uebereilung in einer so schwierigen Angelegenheit. 

Herr Frauenarzt Dr. Robert xiscli : Die Verschiedenartigkeit 
der Bestrebungen , die während der ungemein anregenden Ver- 
handlungen dieser beiden Sitzungen zu Tage getreten sind, die 
auseinandergehenden Vorschläge zur Erreichung des allseitig als 
notwendig und erstrebenswert anerkannten Zieles erschweren die 
Erfüllung des Zweckes unserer Besprechung. Die Aufklärung 
der Kinder, Belehrung in sexueller Beziehung, soll die Onanie 
verhüten oder ihre Ausschreitungen wenigstens eindämmen. 
Legen wir nicht unsere, der Erwachsenen ethische Begriffe hier 
fälschlich den oft unbewußten Handlungen junger Kinder zu 
Grunde? Nicht der Drang nach Erkenntnis „wo kommt Brüderchen 
her", nicht die Sehnsucht nach Erfahrung in Bezug auf die 
geschlechtliche Vereinigung treibt die Knaben zur Masturbation. 
Der vielleicht durch ganz andere Ursachen manchmal zu früh 
erwachte Trieb, den die Menschenkinder mit Affen, Hunden und 
so vielen anderen Tieren teilen, zufällige körperliche Reize beim 
Spielen und Liebkosen, nicht zum wenigsten mit Erwachsenen, 
selten m. E. Träume und Pollutionen, häufiger noch schlechtes 
Beispiel und Nachahmung, ruft die üble Gewohnheit hervor. 

Durch Belehrung werden wir nur schwer den Onanisten 
davon abbringen, den noch unerfahrenen Knaben selten davor 
bewahren. Die Ausschreitungen, vor allem die schlimmste, die 
Hiutuelle Onanie, können wir wohl besser durch Beaufsichtigung, 

5* 



68 Jalivesbericlit der Sclilcs. Gesoüsciiid't für valc-ii. Oullur. 

durch Verhüten des Alleinseins, auch des Alleinseins zu zweien, 
mindern. 

Der Begriff des aufrichtigen Glaubens liegt dem Kinde 
wohl noch zu fern, aber darin muß ich dem Herrn Ober-Präsidialrat 
beistimnaen: die Furcht, daß os der liebe Gott sieht, auch wenn 
kein Mensch zugegen ist, die Papierhtitie der Japaner, das durch- 
sichtige Leben des Kindes vor den Augf.n der Eltern und Er- 
zieher kann gutes wirken. Hier berühren sich unsere Bestrebungen 
mit denen der Wohnungs- und Schulhygiene. Die Belehrung 
kommt hier wolil zu früh oder zu spät. Die Ausführungen von 
Herrn Prof. Pruenkel, daß wir Frauenärzte so selten Gelegen- 
heit haben, üble Folgen der Onanie zu constatiren, kann ich be- 
stätigen; ich möchte sie aber dahin erweitern, daß ich gerade aus 
meinem Berufe heraus Grund habe anzunehmen, daß die Anzahl 
onanirender Mädchen verschwindend ist gegenüber den durch 
Erfahrung oder Statistik eruirten Zahlen bei Knaben. Der Trieb 
ist eben hier so gering, daß sogar die auf schlechtem Beispiele 
beruhende, schon vorhandene üble Gewohnheit noch in frühen 
Jahren, lange bevor an eine normale Befriedigung des Geschlechts- 
triebes gedacht werden kann, ja auch bevor Erkenntnis oder 
Belehrung einsetzen, wieder verlassen wird. Schon der Wegfall 
der Anregung durch Splalgenossinnen genügt, um die häßliche 
Manipulation vergessen zu machen. In Fällen fortgesetzter 
maeturbatoriseher Bethätiguug sind es wolil zumeist patholo- 
gisch e R e i z z u st an d e, die zuruubewußteu Ursache geworden sind. 
Für den Knaben scheint es nun wirklich verhältnismäßig 
nebensächlich, wann er erfährt, wo Brüderchen herkommt oder' 
wo ea hergekommen ist. Ob das für Mädchen noch während der 
Schulzeit notwendig ist, bleibe dahingestellt. Aber eine ganze 
Reihe \irgemoin wichtiger Fragen in Bezug auf Körperteile und 
deren Functionen auf allgemeine Lebensbedingungen müßten den 
Mädchen vor Verlassen der Schule in natürlicher und natur- 
wissenschaftlicher Weise beigebracht und erklärt werden. Nicht 
nach sexueller Richtung — darunter ist derVerkehr der Gesohlechter 
zu verstehen — , sondern zum Verständnis ihrer Gesundheit, 
ihrer Lebensfunctionen ist diese Belehrung OTiszudohnen. 
Küunten wir in den obersten Klassen der Mädclionschuleu unter- 
richten, wir würden uns eine große Anzahl von Bcaucherinnen 
unserer Sprechstunde ersparen. Hier darf uiid muß die Thätigkeit • 
der Aerzte in persönlicher Aussprache einsei Ken und wird erst 
wieder überflüssig werden, wenn es uns gelungen ist, Mül'.ter 
und Erzieherinnen heranzubilden, die nun ihrerseits wahres Wissen, 



L Abtoiliing. Hygicnisclio Sectic 



f.9 



wirkliche Keiuitnisso auf ihre Schutzbefohlenen zu übertrao-eii 
im Stande sind, nicht die irrefahrenden Lehren der Naturheil- 
büoher oder die allzu oft mißverstandenen Belebrungen populärer 
Schriften oder allgemeiner öffentlicher Vorträge. 

Herr Dr. Clemens Neisser, Direotor der Irren ans (alt in ßunzlou : 
Nachdem einmal die Frage der Masturbation in dieser Verhandlung — 
Wühl durch die weitgehende Fassung der These 1 — so sehr in den 
Vordergrund gerückt ist und weil von Seiten des Herrn Geheimrat 
Cohn gerade an die Erfahrungen der Nervenärzte appellirt worden 
ist, gestatte ich mir auf einen anderen ärztlichen Gesichtspunkt 
hinzuweisen, nämlich auf die Gefalir, welche in der zu starken 
und einseitigen Betonung der schädlichen Folgen der Onanie 
gelegen ist. Durch d ie Furcht vor den Folgen der Onanie, 
durch die Furcht vor der angeblich aus der Hingabe 
an dieses „Lastor" eutspringeudan Nerve uzerrüttung 
werden viele Individuen ernster und nachhaltiger in 
Ihrer Gesundheit geschädigt als durch die Onanie selbst. 

Die Forderung des Herrn Prof. Buchwald, die Frage der 
Art und Weise der Belehrung der Jugend als eine pädagogisch- 
technische Frage bei Seite zu setzen und zunächst nur zu deore- 
tiren, daß überhaupt eine Belehrung Platz greifen solle, scheint 
mir nicht erfüllbar; solange man nicht weiß, in welcher Weise 
in welchem Alter und von wem die Belehrung zu geben sei ist 
auch das Bedenken nicht zu entkräften, daß durch die Belehrun«- 
mehr geschadet als genützt werden könnte. 

Zur Sache selbst will ich nur einige kurze Andoutungtn 
machen. Erstens halte ich es für durchaus notwendig, daß die 
Frage der sexuellen Belehrung bei Knaben und bei 
Mädchen ganz getrennt behandelt werde, da die Verhältnisse 
völlig differente sind. (Es sei nur an die Frage der sexuellen 
Abstinenz eritniert, welche in reiferem Alter sicher für beide 
Geschlechter eine gesonderte Prüfung erheischt.) In Bezug auf 
die Mädchen und Frauen möchte ich mich den düsteren Auf- 
fassungen, welche geäußert worden sind, ganz und gar nicht an- 
schließen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß Kenntnis 
von sexuellen Dingen und Unkeusohheit sich durchaus nicht 
decken. Die sexuelle, überhaupt physische Hygiene, 
wie sie von Herrn Prof. Fränkel gefordert wird, halte auch ich 
für das erste Erfordernis. Andererseits hat Herr Oberpräsidial- Rat 
Michaelis unzweifelhaft recht, daß dies allein nicht ausreicht, 
sondern daß die sittlicho Kraft, überhaupt die Widerstands- 
fähigkeit dos Individuums gegen Augonblicksantriebe 



7ü JaLreKbenrlit der Sdiles. GosoUseliaft für vutcri. Oiiltiir. 

mit allen Mitteln zu fördern ist. Und damit komme ich zu dem 
zweiten Punkte: Diese Widerstandsfähigkeit fehlt mehr oder 
weniger bei der großen Gruppe der Dögeneres, der angeboren 
payohopathischen Naturen, bei welchen bekanntlich das sexuelle 
Tfiebleben häufig eine überstarke und vorzeitige Entwicklung 
zeigt und solche Individuen sind es in erster Linie, welche in 
Internatenschulen etc. die Genossen verderben. Diese Elemente 
in ihrer pathologischen Eigenart rechtzeitig zu er- 
kennen und fernzuhalten ist eine dringende Aufgabe 
und hierbei dürfte den Schulärzten die wichtigste Rolle zu- 
fallen. (Die von Herrn Michaelis mitgeteilte Erfahrung, daß 
gerade in religiösen Hebungen dienenden Gemeinschaften traurige 
Vorkommnisse auf sexuellem Gebiete zur Kenntnis gekommen 
seien, hat für den Psychiater nicht Befremdliches, da religiöse 
und sexuelle Ekstase in der völligen sensitiven Hingabe der 
Persönlichkeit eine physiologische Verwandtschaft aufweisen, 
was schon sprachlich durch die Worte „Brunst" und „Inbrunst" 
gekennzeichnet ist ) Daß für jedes Lebensalter, für jede sociale 
Schicht zudem noch besondere Verhältnisse in Betracht kommen, 
sei nur noch in dem Sinne erwähnt, daß es mir falsch er- 
scheint, zu einer einheitlichen mehr soliematischen 
Lösung der ganzen Frage hinstreben zu wollen. 

Auf alle Fälle gebührt dem Vorstande der hygienischen Section 
großer Dank für die Anregung in so überaus wichtiger, die Ge- 
samtheit wie den Einzelnen tief berührender Angelegenheit. 

Herr Dr. Samosch spricht sich entschieden für eine sexuelle 
Belehrung in der Schule aus. Der Redner führt aus, daß es 
unmöglich sei, Kinder im Pubertätsalter vor der Beschäftigung 
mit sexuellen Fragen zu bewahren. Um die Phantasie zu zügeln, 
und um zu verhüten , daß Aufklärung von unberufener Seite in 
verkehrter, meist schädlicher Form gegeben werde, sei eine von 
sachverständiger Seite zu gebende sexuelleBelehrung zu empfehlen. 
In der Schule sei dieselbe im Rahmen einer allgemeinen Be- 
lehrung über den menschlichen Körper und seine Functionen zu 
geben. 

Herr Rector Kyiiast: Nachdem bis jetzt vorwiegend Medi- 
ciner ihre Ansicht über die vorliegende Frage goruiL'nul, haben, 
sei es einem mitten in der Praxis stehenden Pädagogen gest-atict, 
seine Meinung kurz darzulegen. Zunächst finde ich, daß die 
Leitsätze nur von der Onanie sprechen; diese ist aber nur ein 
Gapitel aus der sexuellen Belehrung. Unter letzterer versteht 
man Belehrungen, die unsere Kinder mit allem bekannt maohon 



1. Aliteiliiiig. Hyginiiisclie Sectioii. 71 

wollen , was mit dem Worden des Menscheu von der Begattung 
bis zur Geburt zusammenhängt; eine der weitgehendsten Forde- 
rungen ist die, der Jugend auch die äußeren und iinieren Fort- 
pflanzungsorgane des Menschen in Abbildungen zu zeigen und 
sie mit ihnen zu besprechen, so\?ic Belehrungen über die Er- 
kiaiikungen der Gescbleohtsorgano zu geben. Vom pädagogi- 
sclien Standpunkte und unter Berüoksichtiguiig meiner jahrzehnte- 
langen Erfahrung, die ich bei Knaben imd Mädchen im volks- 
sohulpflichtigen Alter in Stadt und Land gemacht liabe, halte ieh 
diese eingehenden Belehrungen für verfrüht; es hieße, den Hauch 
der Keusohlieit vorzeitig von der Jugend abstreifen und sie — 
wenn auch in bester Absicht — bekannt machen mit dem 
Schmutze, vor dem sie bewahrt werden sollen. Die Kinder der 
Volksschule sind sittlich nicht so verdorben, daß z. B. Onanie 
in größerem Umfange getrieben wird ; es sind glücklicher Weise 
nur vereinzelte Fälle, und in diesen Ausnahmefällen möge eine 
Belehrung bezw. Verwarnung unter vier Augen und unter Hinzu- 
ziehung der Eltern und des Arztes (Haus- bezw. Schularztes) 
erfolgen. Redner erwähnt aus seiner Praxis einen Fall in einer 
hiesigen höheren Mädchenschule, wobei in der angedeuteten 
Weise verfahren wurde und guten Erfolg hatte. 

Die Belehrung über das Sexualleben der Menschen ist für 
die Volksschule verfrüht; diese Belehrungen gehören in das 
spätere Alter und vor allen Dingen in das Elternhaus; damit soll 
jedoch nicht gesagt sein, daß die Schule sich gänzlich passiv 
verhalten solle. Im Religionsunterricht, im naturgeschichtlichen 
Unterricht und der Lehre vom Menschen kommen Ausdrücke 
vor, die auf das Geschlechtsleben Bezug haben; diese mögen 
kurz und mit Vorsicht erklärt werden, am besten vielleicht unter 
Hinweis auf die biologischen Belehrungen über Pflanze und Tier. 
Bei Beurteiluug der ganzen Frage hüte man sieh vor Ueber- 
Bchätzuug des Wertes der sexuellen Belehrung. Nicht das 
Wissen allein schützt vor Goschlechtsverirrung und Geschlechts- 
ausschweifuug , dazu ist der Geschlechtstrieb viel zu stark, das 
Wissen und Erkennen ist nur ein Mittel und nicht das stärkste; 
wirksamer wird sein, die Stärkung des kiudliclien Willens und 
daß dieser auf das Gute und Schöne gerichtet ist; aus diesem 
Gesichtspunkte heraus sind die Kunstbestrebungen für die Schule 
fördernswert. Außerdem wird scharfe Beobachtung und Ueber- 
wachuDg in Schule und Haus notwendig sein; man überlasse die 
Kinder in der schulfreien Zeit nicht sich selber, sondern gebe 
ihnen so viel als möglich Beschäftigungen, die auf Stählung und 



72 Jaliresbericlit der Sclilos. GesoUscbaft für vateri. Cultur. 



Kräftigung des Körpers gerichtet sind, wie Turnen, Jugendspiele, 
Schwimmen, Baden, Eislauf u. s. w. ; auch arbeite man der 
Scliundlitteratur und dem iibormäßigan Alkoholgenuß entgegen. 

An der Belehrung über das Sexualleben der Menschen und 
dem Eindämmen der Geschlechts verirrungen und Geschleclits- 
krankheiten sind außer der Schule Eltern, Aorzte, Gemeinde und 
Staat beteiligt. Die Volksschule wirkt an ihrem Teile am besten, 
wenn sie — von Einzelfällen abgesehen — eine eingehende Be- 
lehrung ablehnt, dagegen durch strenge Ueberwachung der 
Schüler und durch Erziehung zu sittlich-starken und gesunden 
Menschen gesciileohtlicheu "Verirrungen nach Möglichkeit vor- 
beugt. 

Hierauf schließt der Vorsitzende die Versammlung mit dem 
Danke für die rege Teilnahme und übernimmt es, im Namen 
des Vorstajides: der Frage der sexuellen Belehrung der Jugend 
weitere Aufmerksamksdt zuzuwenden. 



ScUesische Gesellscliaft für vaterländisclie Knltar. 




IL Abteilung. 
Naturwissenschaften. 

a. Naturwissenschaftliclie Sektion. 

- juS) 



Sitzungen der naturwissenschaftlichen Sektion im Jahre 1904. 



Sitzung am 3. Februar 1904. 

Über Deformation von üuarzkörnern durch Gebirg sdruck. 

Von 
Professor Dr. L, Milch. 
Die Möglichkeit einer homogenen Deformation des Quarzes 
durch Druclc ist in letzter Zeit bestritten worden, und aus der ange- 
nommenen Unmöglichkeit wurde gefolgert, daß Gesteine, die „ausgewalzte" 
Quarze enthalten, sich nicht durch Gebirgsdruck aus normalen Sedimenten 
oder Eruptivgesteinen gebildet haben können, wie es die Lehre von der 
dynamometamorphen Entstehung der kristallinen Schiefer annimmt. Gegen 
die Annahme, daß die bisher als mechanisch deformiert betrachteten Quarze 
unveränderte Bildungen einer Kristaüisation unter einseitigem Druck seien, 
macht der Vortragende geltend, daß durchaus entsprechende Bildungen 
auch in typisch sedimentären Bildungen vorkommen; er zeigte im 
Mikroskop und in Abbildungen einen gewundenen langgestreckten Quarz 
aus einem gepreßten Conglomerat des Verrucano des Murgtales (Kanton 
Glarus, Schweiz), der in seiner gegenwärtigen Umgrenzung durch die 
Nachbargerölle deutlich beeinflußt ist und seine jetzige Gestalt weder der 
Abroljung beim Ti-ansport, noch weniger natürlich den Verhältnissen bei 
seiner Entstehung verdanken kann. Auf die Frage übergehend, ob die 
Annahme einer homogenen Deformation des Quarzes durch Druck 
physikalisch gerechtfertigt ist, betonte der Vortragende, daß nach den 
neueren Untersuchungen Plastizität eine allen kristallisierten Körpern 
zukommende Eigenschaft ist, und daß gerade unter den beim Gebirgsdruck 
eintretenden Verhältnissen auch geringe Grade von Plastizität wirksam 
Verden können; für das Vorhandensein von Translationsflächen sprechen, 
übrigens beim Quarz auch die mehrfach in gepreßten Gesteinen beob- 
achteten, an Zwillingslamellierung erinnernden Streifen bei der Unter- 
suchung zwischen gekreuzten Nikols. Schließlich machte Verfasser darauf 
aufmerksam, daß gegen die Annahme der Entstehung gestreckter und 
1904. 1 



Jahresbericht der Schlea. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



gebogener größerer Kristalle durch eine Kristallisation unter ein- 
seitigem, Druck der Umstand spricht, daß ein einseitiger Druck sich 
nur in sehr zähflüssigen Massen geltend machen kann, deren Zähflüssigkeit 
die Bildung von größeren Kristallen verhindert — auch ist es bisher weder 
durch das Experiment bewiesen, noch aus physikalischen Gründen zu er- 
schließen, daß unter einseitigem Druck gebogene, kristallographisch nicht 
gesetzmäßig begrenzte Gebilde entstehen. 

Neuere Arbeiten über Elastizität. 

Von 
Privatdozent Dr. Clemens Schäfer. 
Der Vortragende berichtet über neuere Arbeiten über Elastizität 
und schlägt im Anschluß daran eine veränderte Definition des Elastizitäts- 
modulus vor. Derselbe ist bisher durch die Gleichung definiert: 

wo L die Länge, X die Verlängerung, Q der Querschnitt des Stabes, P das 
spannende Gewicht, E den Elastizitätsmodulus bedeutet. Indessen zeigen 
die neuen Arbeiten, daß das Hookesche Gesetz, das in der obigen Gleichung 
auch für endliche Dilatationen als giltig angenommen ist, in diesen 
Fällen nicht mehr richtig ist. Man muß also richtig schreiben: 

dL _ dP 

TT "" QE' 
wo d L eine unendlich kleine Verlängerung bedeutet; im allgemeinen 
ist E als Funktion von L zu betrachten. Indessen kommt man zu einer 
einfachen Annäherungsformel, wenn man E als konstant betrachtet und 
integriert: 

, L P— Po 

'°s-l; = ^E- 

Der Vortragende hat diese Formel an den vorliegenden experimentellen 
Daten geprüft und gefunden, daß sie — • für das vorliegende Beobachtungs- 
material natürlich! — ausreichend ist; weitergehende Prüfungen sind in 
Aussicht genommen. 

Über die Oxyhaloide des Wismuthes. 

Von 
Privatdozent Dr. Walter Herz. 

Die in Gemeinschaft mit Herrn cand. phil. G. Muhs ausgeführte Unter- 
suchung ergab, daß bis zu einem Gleichgewicht die Reaktionen 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Bi O Gl + K H ^ Bi H + K Gl 

Bi Br + K H ^ Bi H -f K Br 

^or sich gehen. Das Massenwirkungsgesetz liefert für diese Reaktionen 

[KOH ] _ [Bi H] 

[KCl] — [ßiOClJ 



[KOH] _ [Bi H] 
[KBr] ~ 1 [BIO Er] 
Da Bi H, Bi Gl und Bi Br als feste Phasen von konstanter 

Wirkung sind, so müssen -r^rnTT ^^'^ nr r. i f"r die erste bezw. zweite 
[K Olj [K Brj 

der beiden Umsetzungen konstant sein. (Die in Klammern stehenden 
Zeichen sollen die Konzentrationen der Stoffe bedeuten.) 

Die Untersuchung wurde derart ausgeführt, daß Bi Gl resp. Bi Br 
mit Kalilauge verschiedener Anfangskonzentrationen bei 30" bis zur Ein- 
stellung des Gleichgewichtes geschüttelt wurden, worauf die freie Lauge im 
Gleichgewicht titrimetrisch bestimmt wurde. Die Differenz der Laugen- 
Konzentrationen im Anfang und im Gleichgewicht entsprach der Konzentration 
des K Gl resp. K Br, so daß die Konstanten hieraus berechenbar sind. 
Es ergibt sich, daß für verschiedene Gleichgewichte die Konstante bei der 
Umsetzung mit Bi Gl = 3,55 im Mittel und mit Bi Br = 2,9 im 
Mittel wird, solange die Laugenkonzentrationen klein sind. In diesen 
Konstanten ist als konstanter Faktor der Quotient der Löslichkeitsprodukte 
^on Bi H und Bi Gl bezw. Bi Br enthalten, weswegen man auf 
das Verhältnis der Löslichkeiten von Bi Gl und Bi Br schließen 
Kann. Dividiert man die anfänglich gegebenen Gleichungen des Massen- 
^irkungsgesetzes durch einander, so heben sich KOH und Bi H fort, 
Und man erhält 

[KCl]_k [BiO_Cl] 

[KBr] ~ kl [Bi Ol^rJ' 

Da die verlaufende Jonenreaktion in beiden Fällen 
Bi 0' + H' = Bi H 
'st, so muß k = k^ sein, und es müssen sich die Löslichkeiten von Bi Gl 
lind Bi Br verhalten wie die Konzentrationen von K Gl und KBr in 
^Wei entsprechenden Gleichgewichten. Die Löslichkeiten verhalten sich, 
^ie die Versuche lehren, wie: 

[BiOBr ] _1,14 
[BTOCI]"!^ 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Sitzung am 1. Juni 1904. 

Der folgende Bericht über die am 1. Juni 1904 gehaltenen Vorträge der 
Herren Dr. Axel Schmidt, Joh. Herbing und Kurt Flegel ist unter 
dem Titel „Zur Geologie des böhmisch-schlesischen Grenzgebirges" als Fest- 
schrift der Gesellschaft der Versammlung der Deutschen geologischen Ge- 
sellschaft am 16. September überreicht worden. 

Obercarbon und Rotiiegendes im Braunauer Ländchen und 
in der nördlichen Grafschaft Glatz. 

Von 
Dr. Axel Schmidt. 
Lange, bevor man an die Ausbeutung der Bodenschätze in Ober- 
schlesien dachte, ging der Steinkohlenbergbau in Niederschlesien schon um, 
besonders in der Umgegend von Waidenburg. Zum ersten Male wurde er 
1594*) urkundlich erwähnt; ein späterer Bericht des Jahres 1769 zählt 
bereits 15 im Betrieb befindliche Gruben auf, und 1789 wurden aus 
45 Gruben schon 59 000 t Kohlen in Niederschlesien gefördert. In den 
folgenden Jahrzehnten machte die Produktion nur geringe Fortschritte, so 
daß 60 Jahre später, im Jahre 1851 von 36 betriebenen Gruben nur 
400 000 t gefördert wurden. Die Produktion beginnt dann aber mit der 
Verbesserung der Transportverhältnisse — die Freiburger Bahn wurde 
1853 bis nach Waidenburg und 1867 bis nach Hirschberg-Görlitz durch- 
geführt — und der VergrötSerung des Absatzgebietes sich erheblich zu steigern- 
Der Friede des Feldzuges von 1866 bewirkte überdies den Anschluß der 
preußischen Grenzstrecken an das österreichische Eisenbahnnetz. Die 
Produktion der letzten 40 Jahre geht aus nachfolgender Tabelle hervor: 





Förderung 


Wert 


s ^ 


Belegschaft 




(rund) t 


(rund) Jl 


1 ^ 


(rund) 


1861 


750 000 


4 250 000 


43 


4 000 


1871 


1 970 000 


13 670 000 


37 


1 1 1 50 


1881 


2 700 000 


16 290 000 


47 


1 2 500 


1891 


3 400 000 


24 500 000 


28 


17 250 


1900 


4 300 000 


^1 000 000 


18 


21 000 



Altere Litteratur. 

Hand in Hand mit der Produktionsstcigerung der letzten Jahrzehnte 
und dem dadurch bedingten Vorrücken der Grubenbaue in größere Teufen 
ging auch die geologische Erforschung der Lagerungs- und Altersverhältnisse 
des niederschlesischen Gebirges. Bereits 1860 erschien die „geognostiscbe 
Karte vom niederschlesischen Gebirge" ^j von Beyrich, Rose, Roth und 

') V. Festenberg-Packiscli, EnLwickelung des niederschlesischen SteinkohleD- 
berghaues. II. Aufl., Waidenburg 1892. 

2) Berlin, S. Schropp 1860 Maßstab 1 : 100 000. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Runge, nachdem die fossile Flora durch die Preisschrift von Goeppert 

und Beinert*) neun Jahre vorher bearbeitet und durch sie der Nachweis 

erbracht war, daß man es mit zwei gesonderten Floren und daher mit 

Ablagerungen verschiedenen Alterszu tun habe. Im Jahre 1865 erschien dann 

eine erste Arbeit Schützes^), der 1882 die bekannte „geognostische Darstellung 

•ies nicderschlesisch-böhmi sehen Steinkohlenbeckens'") folgte, auf die man 

wegen ihrer Ausführlichkeit, besonders in bezug auf die Tjageruugsverhältnisse 

der einzelnen Gruben stets bei Arbeiten über dies Gebiet zurückgreifen wird. 

Gliederung von Schätze. 

In dieser Arbeit und einem Briefe Schützes aus dem Jahre 1879*) ist 

die Teilung in die von Stur auf Grund der Verschiedenheit der Floren 

aufgestellten Stufen^) für das ganze Waldenburger Becken durchgeführt, 

und die Einteilung anderer Steinkohlenreviere') berücksichtigt. Es sei 

Tabelle I. 





Niederschlesiach-Böhmisches 
Becken 

Preußisch | Böhmisch 


Ober- 
Schlesien 


Saar- 
revier 


Rotliegendes 


Rotliegendes 


Rotliegendes 


- 


Rot- 
liegendes 


/ ojI obere 
|\ 
^ Imittlere 

l £ hintere 

1 ^i 

1 Ol 

S f 


~- 


Radowenzer 

Hexenstein- 
Arkosen 

Idastollen er 
bangender 
Flötzzug 


- 


obere 
Ottweiler 

mittlere 
Ottweiler 

untere 
Ottweiler 


'f / f l obere 
O 1 js hintere 


hangender Flötz- 

zug der Ruben- 

griibe 

Waldcnbui'ger 

Hangend-Zug 


Xaveristollener 
liegender Plötzzug 

Schatzlarer 


/Karwin- 

)Orzescher 
l Schichten 


obere und 

mittlere 
Saarbrücke 

untere 
SaarbrUcker 


1 J (obere 
f s {untere 


Reichheuners- 

dorfer Sandsteine 

Waldenburger 

Liegend-Zug 


- 


Sattelflötze 

Rybnicker 

u. Ostrauer 

Schichten 


- 



üntercarbon. 

i) C. C. Beinert und H. H. Goeppert, Abhandlung über die Beschaffenheit und 
Verhältnisse der fossilen Flora in den verschiedenen Steinkohlenablagerungen eines 
Und desselben Revieres. Leyden 18,50. 

2) A. Schütze, die schlesischen Steinkohlen und deren Fortsetzungen nach 
Böhmen und Mähren, in Geinitz, Steinkohlen Deutschlands. München 1865. 

3) Abhandlungen zur geologischen Spezialkarte von Preußen und den Thü- 
ringischen Staaten. Band III, Heft 4. Berlin 1882. 

*) Zeitschi', der Deutschen geologischen Gesellsch. 1879, Bd. XXXI, S. 470 ff. 
S) Stur, CulmClora der Ostrauer und Waldenburger Schichten, Seite 365, in: 
Abhandlungen der k. k. geologischen Reiehsanstalt, Bd. VIII, 2, 1877. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



gestattet, die Einteilung hier in tabellarisclier FormO zu geben und Ober- 
sclilesien und das Saarrevior zur Vergleichung mit heranzuziehen. (Tab. I.) 
In dieser Zusammenstellung sind für Oherschlesien die älteren von 
Potomö im Jahre 1896 aufgestellten Bezeichnungen ^'j angewandt und nicht 
die neueren von Michael vom Jahre 1902'), weil durch sie lediglich Ver- 
wirrung angerichtet wird. Wenn Michael seine Bezeichnungen so wählt, 
daß sie für das ganze oberschlesisch-mährische Becken Giltigkeit haben 
sollen, so sei daraufhingewiesen, daß bereits vorher Potonie die Flötzgmppen 
von Ostran und Karwin in seiner Ruhrizierung unterbringt, und ebenso Frech, 
der die Potoniöschen Bezeichnungen weiter zusammenfaßt.") Somit erübrigte 
sich eine Neubenennung gemäß des Artikels, der auf dem internationalen 
Geologentage zu St. Petersburg im Jahre 1897 einstimmig angenommen ist 
„La date de la publication decide de la priorite des noms 
stratigraphiques, donnes ä, une meme serie de couches."«) 
Auch bedarf die ganze Nomenclatnr bei Michael besonders in bezug 
auf die gewählten Bezeichnungen hinsichtlich ihrer Rangfolge der Revision. 
Er hat bei der Einteilung des Obercarbons — „Abteilung" — die Be- 
zeichnung „Gruppe« anstatt „Stufe", und weiter „Stufe" anstatt „Zone" 
gewählt. Dies steht im Widerspruch mit den Beschlüssen der internatio- 
nalen Geologen-Tage von Bologna und Berlin, nach welchen die Teilung 
durchzuführen ist:") 
groupe — Gruppe [Paläozoicum] 
systfeme — System [Carbon] 
Serie — Abteilung [Obercarbon] 

etago — Stufe [Saarbrücker, Sudetische Stufe] 

Zone — Zone [Sehatzlarer Schichten, Sattetnötzhorizont]. 
Eine andere Verwendung der Namen als die vorstehende ist also un- 
zulässig, also auch die Michaels, der teilt, wie folgt: 
Obercarbon (.Abteilung) 

Stufe (Schlesische = unteres Obercarbon = Sudetische Stufe Frech) 
Gruppe (Rand-, Sattel-, Mulden-Gruppe) recte: Zone 
Stufe (untere, obere) recte: ünterhorizont einer Zone. 

1) Mit Berücksichtigung der späteren Arbeiten von Polonie und Weithofer. 

2) Potonie, floristische Gliederung des deutseben Carbon und Perm Abhand- 
lungen der kgl. preu(3. Landesanstalt, Neue Folge Heft 21. 1896. 

5) Michael, Gliederung der ober.schlesischen Steinkohlenformation, im Jahrbuch 
der Kgl. Preuß. Landesanstalt Bd. XXIl. 1901 Seile 317—340. 

") Frech, Lethaea gcognostica, Teil I, Bd. 11, 2 Stuttgart 1899. Siehe 
Tabelle XXIl 

s) Gongres geologique international, compte rendu de la VIl. session 1897. 
St. Petersburg 1899. 

Vergleiche auch das Heferat Holzapfels über die Michaelsche Arl)eit Neues 
Jahrbuch. 1903; II. 

") Congrös geologique international VIU. .session 1900. Proces-verbaux de.s 
s6ances. Paris 1901. 



U. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Ob bei Durclifülirung seiner Teihmg Michael die Verwendbarkeit von 
BezeiolmuDgen wie: 

obere Stufe der unteren Randgruppe der sclilesisclien Stufe 
für möglicli hält, bleibe imentscliieden. 

Schiclitenfolge auf dem preiissischen Flügel. 

AuB der Tabelle Seite 5 geht hervor, daß während der Carbonzeit 
in dem niederechlesisch- böhmischen Becken die Flotzbildung nie ganz 
unterbrochen wurde. Das Becken hat man sich wohl als einen vorwiegend 
sumpfigen großen Süßwassersee zu denken, der von Fischen^), Griganto- 
stracen-), Sohalenkrebsen und Muscheln, wie sie in Sedimentärschichten u. a. 
auf Rudolfgrube bei Neurode gefunden wurden, belebt war. Die Ufer 
dieses Sees kann man im Osten, Norden und Nordwesten noch sehr gut 
feestiramen, da sie mit der Grenze der älteren Gesteine und des ünter- 
carbona gegen das Obercarbon zusammenfallen. Nur von Mittelsteine, wo, 
■^ie später gesagt wird, eine bisher nicht bekannte Carbonscholle erhalten 
geblieben ist, bis nach Straußeney, wo flötzführendes Carbon sich wieder 
einstellt, fehlt jede Andeutung der Ufer dieses ehemaligen Gewässers. 
Denn die mächtigen Bildungen des Rotliegenden und der jüngeren Kreide, 
die einzigen, die dann noch im Gebiet zur Ablagerung gelangt sind, über- 
decken alles und schließen sich den gleichaltrigen Bildungen in Nord- 
böhmen und in der Grafschaft Glatz direkt an. Zwar ist von Stratißeney 
bis Schatzlar, wo das Steinkohlengebirge sich an die Glimmerschiefer des 
Landoshuter Kammes wieder anlegt, nur der obere Teil des Carbons ent- 
wickelt. Denn es fehlen auf diesem Teile des böiimischen Flügels, der 
an einer Stelle') von jüngeren Gebilden überdeckt ist'), die älteren Schichten 
ganz, sodaß über ihre Ausdehnung nach Westen nichts gemutmaßt werden 
kann; die Lage des Seeufers ist somit auch hier nicht genau zu bestimmen- 
Öanz unsicher ist im Süden und Südosten die üferbegrenzung, da dort 
wie schon erwähnt, Rotliegendes und Kreide transgrediert. 

Schichten des böhmischen Flügels. 

Auf dem böhmischen Siidwestflügel sind also ältere carbonische Ge- 
bilde nicht vorhanden. Auch begleitet nur ein sich immer mehr ver- 
schmälernder Streifen der oberen SaarbrUcker Schichten') die jüngeren der 



1) Acantiiodes Agassiz- Stacheln in den Sammlungen des hiesigen Museums. 

2) Eurypterus Scouleri Woodward; vergl. Römer in der Zeitschrift der deut- 
sclien geolog. Gesellsclmfl 1873. 

s) Die südhch von Zlicko bei Hronov von Weithofer als Carbon kartierte 
Insel hat sich nach neueren Aufnahmen Flegels als Cenoman erwiesen, 

'') Östlich von Hi-onov überdeckt an einer Stelle Kreide das schmale 
Carbonband. 

5) Die Schatzlarer Schichten, die Weithol'er von den Xaveristollenern nicht 
'•■f^nnt, keilen schon weiter nördhch aus. Im XavoristoUen sind sie nicht mehr 
angetroffen. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Ottweiler Stufe äquivalenten Bildungen bis Bodaschin. Die älteren Soliichten 
(sudetische und Saarbrücker Stufe z. T.) sind daher wohl an dem schon 
zur „unteren Rotliegend" -Zeit angedeuteten Bruch von Parschnitz- 
Hronov abgesunken. Die postcretacische Aufrichtung der Sudeten ver- 
schärfte diesen Bruch, sodaß jetzt Rotliegendes discordant an das Carbon 
von Westen herantritt. 

Die oberflächliche Verteilung der einzelnen Schichten geht aus der 
beigegebenen Karte i) hervor. Diese zeigt, daß die Saarbrücker Stufe 
besonders die Schatzlarer Schichten den weitaus größten Flächenraum be- 
decken und daß sie von Bodaschin bis Hausdorf, von Buohau bis Eckers- 
dorf überall ununterbrochen auftreten. Die sudetische Stufe, besonders 
die flötzfiihrenden Waldenburger Schichten sensu stricto sind nur im 
Muldeninnern und hinter dem Walle des Neuroder Gabbrozuges entwickelt, 
während Vertreter der Ottweiler Stufe flötzführend lediglich auf den 
böhmischen Flügel beschränkt zu sein acheinen. 

Lagerungsverhältnisse 
und Brüche auf dem preussischen Flügel. 

Die Lagerungsverhältnisse sind ziemlich einfach, wenn man von den 
„Riegel"bildungon8) im Waldenburgischen absieht. Denn bis auf den er- 
wähnten bedeutenden Sprung, der das Absinken des ganzen alten Mulden- 
randes auf dem böhmischen Flügel bewirkte, sind die Verwerfungen nur 
von lokaler Bedeutung. Zu diesen gehören die zahlreichen kleineren 
Sprünge, die bei der Intrusion des Hochwaldporphyres in unmittelbarer 
Nähe dieser Masse entstanden sind. Das Empordringen des Hochwald- 
porphyres wird jetzt, wie es scheint, allgemein ins Rotliogende verlegt^) 
und damit dürfte auch der Beginn dieser Sprungbildung dem Alter nach 
bestimmt sein. 

Außer diesen Verwerfungen gewinnen nur noch je zwei parallele 
Sprünge einige Bedeutung. Die beiden ersten schufen den in die sudetische 
Richtung fallenden Flötzgraben von Rotwaltersdorf -Volpersdorf, dessen Ver- 
wurfshöhe Dathe zu 1000 m annimmt*). Ihm nahezu parallel laufen weiter 
südlich die beiden anderen Sprünge, deren einen bereits Schütze kennt»), 
während der andere mit demselben Streichen nahe der Grenze der anstehenden 
Urschiefer durchsetzt. Diese Verwerfungen haben ebenfalls ein Absinken 
des Carbons zur Folge gehabt, sodaß man hier von einem Eckersdorfer 

1) Die nach Weithofer gezeichnet ist; W. vereinigt fä!,9chlicherweise z. T. Ott- 
wciler Schichten und Unterrotliegendes (von Albendort ab nach Süden). 

2) .Allhans, Hiegelbildungen im Waldenburger Steinkohlengebirge, Jahrbuch 
der preuß. Landeaanstall für 1891. 

3) Frech, Lethaea palaeozoica, IL, Seile 668 Tabelle und Seite 673, 674. und 
später Dathe in der Sitzung der deutschen gnolog. Gesellschaft vom 5. XL 1903. 

■*) Jahrbuch der preuß. geolog. Landesansialt Bd. XX. 1899, Seite CXII. 
^) Siehe Schütze 1. c. Seite 213. 



11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Flötzgraben nach Analogie des obengenannten sprechen kann. Im nord- 
westlichen Portstreichen des letzteren Spninges setzt der Porphyrgang von 
Walditz') anf, der mit einer Mächtigkeit von 8 m im Eisenbahneinschnitt 
bei der genannten Ortschaft zwischen den (gen.) Stationen Neurode und 
Mittelsteine die roten Sandsteine und Couglomerate des Rotliegenden^) 
ohne deutlichere Kontaktwirkung durchsetzt. 

Mittelsteine. 

„Hier endigen," sagt Schütze^), „in der Hauptsache die Ablagerungen 
des Carbons auf der schlesischen Seite". Seine Meinung wurde als völlig 
richtig von niemandem in Zweifel gezogen und galt als stillschweigend 
angenommen. Einige in der Nähe*), '') gestoßene Bohrlöcher, die bis zu 
400 m Teufe niedergebracht nur Rotliegendes antrafen, bestärkten diesen 
allgemeinen Glauben. Sie stehen entweder in dem Eckersdorfer Plötz- 
graben oder weiter nach dem Muldentiefsten •'') zu. Man war daher in den 
mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Kreisen sehr erstaunt, als die 
Gewerkschaft der konsolidierten Wenceslaus- und Ferdinand-Grube weiter 
westwärts auf Steinkohlen bohren ließ und filndig wurde. Durch die 
Liebenswürdigkeit des Direktors der Gruben wurde mir die Ausbeutung 
und wissenschaftliche Bearbeitung der Funde aus dieser interessanten 
Mutung gestattet. 

A n m e r k u n g. Es sei mir auch hier gestattet, dei' Gewerkschaft und be- 
sonders dem Direktor Herrn Dr. A. Gaertner an dieser 
Stelle meinen besten Dank zu sagen. 

Oberfläohengestaltung. 

Von den Fundpunkten, den Bohrlöchern, aufgrund deren die Gewerk- 
schaft Mutung eingelegt hatte, liegen zwei von dem Bahntibergange der 
Mlttelsteine-Schlegeler Chaussee aus 200 und 230 m entfernt und 15 m 
südlich von dem Kommtmikationswege von der Chaussee nach der von 
Ltittwitzschen Ziegelei, der dritte liegt in südlicher Richtung 40 m von 
der Stelle entfernt, wo die Seilbahn nach der Johann-Baptista-Grube die 
Schlegeler Chaussee überschreitet. 

Die Oberflächengestaltung des Geländes wird bestimmt durch das 
NNW — SSO verlaufende Steinetal und die ostwärts aufragenden einzelnen 
Gipfel. Das Mittelrotliegende") bildet den Vogelberg — 413 m den 

1) Vergleiche weiter unten das über diesen Sprung gesagte. 

2) Nach Dathe, Jahrbuch d. preuß. geolog. Landesanstalt Bd. XX, 1899, S. CXUI: 
1, untere Cuseler-Schichten". 

3) Scluilze, 1. c. Seite 213, Absatz 3. 

*) Vergleiche den Vortrag des Verfassei's, gehalten in der naturwissenschaft- 
lichen Sektion der Schlesischen Gesellschaft für vaterLändische Kultur am 19. No- 
vember 1902. 

s) Bei Böhmisch-Ottendorf. 

8) Das Unterrothegende fehlt hier. Vergleiche den Abschnitt dieser Arbeit 
über das Rotliegende. 



Jahresberichl, der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Allerheiligen Berg bei Schlegel — 648 m — und die Wolfskuppe — 
580 m, während jenseits des tief eingerissenen Tales des Schlegeler Wassers 
der Silberberg — 352 m — , der Ilopfenberg — 407 m, — aus Hom- 
blendegneigi) bestehen. Das Gelände senkt sich also nach SW allmählich 
zum Steinetal, die ehemals schroffen Höhen sind gerundet und der Detritus 
ist im Alluvium der Flußtäler abgelagert 2). 

Geologischer Bau. 

An dem geologischen Aufbau der Gegend beteiligen sich außer den 
genannten Gesteinen bezw. Formationen oberflächlich keine weiteren. Die 
untertägigen Grenzen zwischen den einzelnen Bildungen sind aber recht 
verschieden von den oberflächlichen, geht doch der Hornblendegneis bis 
nahe an die Schlegeler Chaussee heran'). Außerdem beteiligt sich noch 
das Carbon an der Bildung der tieferen Erdrinde. 
Kunigun de- Schacht, 

Nach der Verleihung wurde der Kunigunde-Schurfschacht, der zur 
genaueren Orientierung über die Lagerungsverhältnisse dienen sollte, 
gleichzeitig aber auch als späterer Hauptförderschacht gedacht war, ca. 50 m 
nordöstlich vom Bahnhofsgebäude zu Mittelsteine angesetzt. In ihm wurde 
unter einer 38 m mächtigen Bedeckung von lockeren Kotliegend-Conglo- 
meraten, die ein flaches westliches Einfallen zeigten, das Ober-Carbon an- 
getroffen. Dasselbe hatte im Schachte eine Gesamtmächtigkeit von 12 m. 
Diese verteilte sich auf 3 Flötze von 2,6; 1,0 und 1,0 m Mächtigkeit. 
Die Zwischenlagon bestanden aus Schieferton und sandigem Ton- 
schiefer. Im hangenden Flötze, dem 2,6 m mächtigen wurden nach Aus- 
bruch des Füllortes zwei Grundstrecken getrieben; die östliche, die dem 
Plötz im Streichen folgt und ganz im Kohl steht, zeigt einen häufigen 
Wechsel der Streichrichtung, wogegen die westliche, die zwar auch dem 
Flötz folgend getrieben ist, weniger Krümmungen aufzuweisen hat. Im 
Laufe des Sommers wurde das weitere Auffahren eingestellt, weil infolge 
starker Wasserzuflüsse die Arbeit sehr erschwert wurde. Überdies er- 
schien es ratsam, den gesamten Betrieb einzustellen bis nach dem Aus- 
trag einer Klage, die von Seiten der Nachbaren, denen man für ihre 
industriellen Unternehmungen durch die Baue das Wasser entzogen hatte, 
gegen die Gewerkschaft eingereicht war. Gegebenenfalls sollte erst mit 
dem Beginne des regelmäßigen Abbaues der Betrieb und das Auffahren 
der Strecken wieder aufgenommen werden. 

Um weitere Wasserzirkulationen sowie ein etwaiges Ersaufen der ge- 
samten Baue zu verhindern, mauerte man die Strecken zu und setzte auch 
de^ Schacht bis auf das Liegende des letzten Flötzes in Mauerung. 

i) Siehe Dathe, Jahrb. ä. jjreuß. gef.log. Landesanstnll, Bd. XX, 1899. S. CVI. 

'■') Die östliche Terrasse des Steiiieiaics besteht meist aus Conglomeraten. 

S) Nacli Dalhe, Jahrb. d. pr. Landesanst. XX, 1899, S. CVi beim Brunnonbohren 
auf dem Holzhofe südlich der Chaussee angetroffen. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Da man jedoch im Hinblick auf die ostwärta gelegenen Naclibargraben, 
die Johaun-Baptista-Grube bei Sohlegel und die Frischauf-Grube bei Eokers- 
dorf, deren Flötze man vor sich zu haben wähnte, eine größere Mächtig- 
keit der Carbonschiohteri und vor allem noch mehr Kohle zu finden hoffte, 
so teufte man den Schacht in wasserloaem Gebirge weiter ab. Erst bei 
112 m Gesamtteufe wurde das weitere Niederbringen eingestellt, und es 
sollte durch Querschläge das flötzführende Carbon angefahren werden. 

Das durchteufte Liegende der Flötze war anfänglich ein weicher Ton- 
schiefer, der ab und zu die auch bei sonstigen untercarbonischen Schiefern 
beobachteten Wülste aufwies. Mit zunehmender Teufe ging der Tonschiefer 
in härteren Schieferton über und wurde immer mehr grauwacke-ähnlich. 
Auch stellte sicli Pyrit in Krystallen oder dicht in Trümmern ein. Dünne 
Quarz- und Kalkspathäderchen durchsetzten das Gestein netzförmig. Korn- 
Pakte Knollen von Kaikspath gesellten sich auch dazu. Die schiefrige 
Struktur verlor sich immer mehr, das Gestein wurde dicht und nahm fein 
krystallines Gefüge an, ohne so grob kiystallin zu werden, wie die 
Phyllite der Glatzer Gegend. Vorläufig wird man diese Schiefer nach 
ihrem Gesteinscharakter dem Untercarbon, bezüglich den tiefsten unpro- 
duktiven Horizonten der sudetischen Obercarbonstufe zuweisen. Damit ist 
auch die Aussicht, noch Flötze anzutreffen, kaum mehr vorhanden. 

Die vorher erwähnten Strecken ermöglichten es auch, die Lagerungs- 
verhältnisse einigermaßen zu klären. Danach stellt sich dieses 
Carbonvorkommen als eine keilförmige Scholle dar, die von 
Verwerfungen fast allseitig begrenzt, horstartig auf den alten 
Hornblendeschieforn aufsitzt und deren Ränder durch die Sprünge 
abwärts gebogen sind. 

Eine derartige Abbiegung findet man auch auf der böhmischen Seite 
der Mulde längs des Parsohnitz-Hronover Bruches. Dort sind besonders 
Schatzlarer Schichten beim Absinken des älteren Randes abgebogen und 
2. T. auch geschleppt, so daß sie steil nach auswärts zu fallen scheinen.^) 

Bei Mittel steine streicht der OstflUgel WNW— OSO und fällt mit 20" 
nach dem Innern einer Spezialmulde, nach NNO ein. Der andere Flügel 
streicht NW— SO und fällt mit 28—30« nach 8W ein. 

Die beim Abteufen und Auffahren gewonnenen Kohlen waren von 
vorzüglicher Beschaffenheit, und sowohl als Ilausbrandkohle wie für Fabrik- 
Zwecke geeignet. Das spezifische Gewicht betrug nach selbst angestellten 
Untersuchungen im Durchschnitt 1,27. Leider sind die beabsichtigten 
Proben über die Fähigkeit der Kohle zum Vei'koken und über den Asche- 
gehalt bisher nocli nicht gemacht worden. Doch darf man auch hier wold 
öin gutes Resultat voraussetzen. Schwefelkies wurde nur sehr vereinzelt 
*Ji kleinen Mengen gefunden. 

1) Siehe Weithofer im Jahrbuch der k. k. geol. Reichsanstalt 1897, Band 47 
'i'afel XIII. Profil 4 (Idastollen). 



12 Jahresbericht, der Sei des. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Altersbestimmung des Mittelsteiner Carbonfnndes. 
Die Altersbestimmung dieser Carbonscbichten wurde mir durch Farne, 
die eine sehr gute Erhaltung aufweisen, sehr erleichtert. Bei meiner 
zweiten Befahrung des Schurfschachtes im Februar 1902 fand ich im 
hangenden Schieferton nahe an dem damaligen Ortsstoße in der westlichen 
Strecke eine Tonscliieferplatte, die Abdrücke folgender Farne enthielt: 

Adiantites oblongifolius Goeppert, 

Sphenopteris divaricata Goeppert, 

Neuropteris Schlehani Stur und 

Mariopteris muricata forma typica (Schlotheim) Zeiller.') 

Auf der Halde, die nachher und anläßlich eines dritten Besuches im 

September 1902 abgesucht wurde, fand ich von den schon genannten 

Farnen besonders zahlreiche Exemplare von Sphenopteris divaricata und 

Mariopteris muricata forma typica und nervosa, sowie in einzelnen Stücken 

Annularia radiata (Brongniart) Sternberg, 

Neuropteris gigantea Sternberg, 

Alethopteris decurrens (Artis) Zeiller, 

Calamites Suckowi Brongniart und 

eine nicht genauer zu bestimmende Palaeostachya-Art. 

Nach Potonie^) ist Neuropteris Schlehani für den Sattelflöt'<horizont 
leitend, wenigstens in Deutschland. Wir hätten also hier Schichten, 
die den Sattelflötzen und damit den Reichhennersdorfer 
Sandsteinen äquivalent wären. Die anderen Farne widersprechen 
in ihrer Gesamtheit dieser Beobachtung nicht, sondern sind vielmehr ein 
neuer Beweis für das Vorhandensein und die Richtigkeit der von Potoniö 
1. c. eingeschalteten MischOora, die „das Verbindungsglied zwischen den 
beiden schroff gegenüberstehenden Floren des Liegend- und Hangendzuges 
auch für Niedersclilesicn" bildet. Denn wir begegnen neben echten 
Vertretern der Liegendzug-Flora, wie Sphenopteris divaricata und Adiantites 
oblongifolius und der die Übergangsflora charakterisierenden Neuropteris 
Schlehani auch solchen Typen, die unzweifelhaft der Flora der Saarbrücker 
Stufe zuzurechnen sind: Neuropteris gigantea, Calamites Suckowi, die 
Palaeostachyaart, Alethopteris decurrens und Mariopteris muricata. 

Die schon totgefahrene Concordiagrube ^) bei Hartau gehört, nach 
Potoniö, ebenfalls zu diesem Horizont, der dem „großen Mittel", den 
Reichhennersdorfer Sandsteinen (= Weißsteiner Schichten Dathe) ent- 



1) teste: Zeiller, Valenciennes, Atlas. Tfl. XX. 2. 

2) Potonie, floristische Gliederung des deutschen Carbon und Perm. Berlin 
1896 und Potonie, Pflanzenpaläontologie, Berlin 1899, pag. 372. 

31 Siehe Potoniö Carbon u. Penn. pag. 6. 



11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. ] 3 



spricht. Hieraus erklärt Potonie die Flötzavmut der besonders in Ober- 
schlesien durch einen außergewölmliehen Kohlenreichtum gekennzeichneten 
Ablagerungen der Übergangsflora. ^) 

Das Mittelsteiner Vorkommen erinnert also mit seinem in diesen 
Horizonten Mederschlesiens sonst kaum beobachteten Kohlenreiohtum an 
oberschleaische Verhältnisse und bildet die Ausnahme zu der sonst als 
Norm für dieses Kohlenrevier geltenden flötzarmen, wenn nicht flötzleeren 
Ausbildung dieser Zone. 

Stratigraphie des preußischen Teiles. 

Betrachtet man im Anschluß an die erbrachten Tatsachen unter 
gleichzeitiger Berücksichtigung der schon bekannten die Bildung des 
Steinkohlengebirges auf dem preußischen MuldenflUgel, so findet man 
Anklänge an die Ablagerungen in der Löwenbei-ger Mulde. Wie dort, 
so wird auch hier durch finger- oder zungenförmiges Aufragen älterer 
Gesteine in die jüngeren Ablagerungen die Bildung mehrerer Spezial- 
mulden veranlaßt. 

Von Tannhausen bis Ilausdorf tritt das Garbon mit dem normalen 
SW-Einfallen nach dem Muldeninnern in schmaler Zone ^) zu Tage. Dann 
erfolgt an dem Neuroder Gabbrozug die erste Muldenbildung. 

Der Waldenburger Liegendzug unterteuft auf dieser ganzen Strecke 
den Hangendzug samt den darüberlagernden Schichten ^) und tritt erst 
wieder südlich von Hausdorf zu Tage. Hier bildet er dann /.wischen 
Eulegneis und Untercarbon einerseits und dem Gabbro andererseits die 
„Volpersdorfer Spezialmulde", die durch die Baue der Rudolf- und der 
zur Zeit gefristeten Fortunagrube erschlossen ist. 

Durch die Verwerfungen des Flötzgrabens von Rotwaltersdorf-Volpers- 
dorf ist dann der dem Gabbrozuge angrenzende Teil dieser Carbon- 
bildungen so tief abgesunken, daß nach Dathe „obere Cuseler Schichten" 
an dem Licgendzug abstoßen. Von den Brüchen, die diese Graben- 
senkung hervorgerufen haben, ist der westliche schon lange in den Bauen 
der Rubengrube bei Kohlendorf bekannt und kann über Tage*) im 



1) In Westfalen sind die tiefsten flölzführenden Schichten, die Magerkohlen- 
pai'tie mit rteu Leitllötzen Mausegatli und Sonnenschein ebenfalls hierljer zu 
rechnen. 

2) Meisl kaum 1 km breit. 

3) Der Dathe'schen Ansicht, daß hier und weiter südlich unproduklive Otl- 
weiler Schichten abgelagert sind, möchte ich mich nicht sogleich anschließen. 
Bei dem Mangel an Fossilien ist aber der Gegenbeweis schwer zu erbringen. — 
Vergl. den Beriebt Dathes im Jahrbuch der preuß. geol. Landesanstalt für 1899. 

1) Ein deutliches Bild dieser Verwerfung bietet, der „Italienische Einschnitt" 
bei Kohlendorf', von dem ein schematisches Profil beigegeben ist. 



1 4 Jahresbericht der Scbles. ßesellschaft für vaterl. Kultur. 



Walditztale aufwärts bis Ludwigsdorf und Köuigswalde verfolgt werden.') 
Der andere Sprung ist durcli Dathe bekannt geworden,^) der an der 
nämlichen Stelle die Verwurfhöhe auf etwa 1000 m angibt. Für den 
Zeitpunkt, an dem der westliche Teil der Volpersdorfer Mulde abgesunken 
ist, kommt nur das Obercarbon oder das ünterrotliegende in Betracht. 

Westlich vom Gabbrozuge stellen dann die Flötze des Waldenburger 
Hangendzuges sich ein. Ihre anfangs in WNW — OSO verlaufende Streich- 
riohtung, die bald in die normale NW — SO-Rictitung umbiegt, weist darauf 
hin, daß ehemals der Gabbro mantelförmig von ilmen umlagert wurde. 

Im Felde der Rubengrube treten die Flötze dann in ungestörter 
Lagerung auf, wenn auch niclit in der Mächtigkeit, wie in den Spezial- 
mulden westlich und ostlich vom Hochwald. Die Flötze streichen dann 
am Gabbrozuge ^) entlang und wei-den von der Johann-Baptistagrube ab- 
gebaut; es haben sich jedoch die hangenden Partien'') der Rubengrube 
inzwischen ausgekeilt. 

Im Felde der konsolidierten Frischaufgrube bei Eckersdorf erfahren 
die von Johann-Baptista eintretenden Flötze eine Umbiegung aus der 
NW — SO-Richtung, indem sie dann nämlich in NNO — SSW streichen. 
Sic werden aber bald nachher durch einen „Hauptverwurf ins Liegende"'') 
abgeschnitten. Schütz e erblickt hier das Ende der Steinliohlenablagerungen 
auf dem preußischen Flügel.") 

Betrachtet man jedoch die geologischen Verhältnisse der Gegend 
genauer, so wird man namentlich im Hinblick auf das Mittelsteiner Carbon- 
vorkommen zu der folgenden Ansicht geführt: 

Ebenso wie bei der Volpersdorfer Spezialmulde, waren auch hier die 
Bedingungen für eine Muldenbildung gegeben. Den nordöstlichen Rand 
bildet der Gabbrozug, den südwestlichen die Möhltener ürschiefer, während 
der Ausdehnung nach SO die dunkelen von Gürich dem Silur zuge- 
rechneten Tonschiefer der Glatzer Gegend eine Grenze setzten. In dieser 
auf drei Seiten völlig geschlossenen Mulde lagerte sich das Kohlengebirge 
ein. Man wird auch hier mit Rücksicht auf das Mittelsteiner Vorkommen 
daran denken müssen, daß hier auch die tiefsten Horizonte des produk- 
tiven Carbons zur Ablagerung gelangten. Jedoch ist das Fehlen von 



1) Herrn Oberbergamtsmarkscheider Ullrich verdanke ich diese Angaben. 
Es sei mir gestattet, ihm hierfür und für andere wertvolle Fingerzeige, die er niif 
gab, auch an dieser Stelle nochmals zu danlcen. 

2) Vergi. .Jahrbuch der preuß.-geol. Landesanstalt Band XX, 1899, pag. CXIJ. 

■') Daß der alte Gabbro schon damals der Denudation ausgesetzt war, be- 
weisen die in den Zwischenmitteln der unteren Flötze und im Liegenden der 
Joh.-Bapt.-Grube liilufig gefundenen Galibrogerölle. cf. Dathe. 

^) Nach Potonie obere Saarbrücker-, untere Schwadowitzer Schichten. 
8) Schütze in einem Brief an Weiß. Zeitschrift der Deutschen geologischen 
Gesellschaft 1879, Seite 432. 

6) Schütze, niederscldesiscli-böhmisches Steinlcohlenbeclten, Seite 213. 



J 



n. Abteilung. Naturwissenscha tliche Sektion. 



Äquivalenten des Waldenburger Liegendzuges auf der SW-Seite des 
Gabbrozuges kein Grund dafür, ihr ehemaliges Vorhandensein in Zweifel 
ZB ziehen, zumal die intensive Wildbachtätigkeit dafür eine befriedigende 
Erklärung bietet: In der Zeit zwischen der Ablagerung des Liegend- und 
Hangendzuges wurden die noch nicht verfestigten älteren Schichten weg- 
gewaschen. ^) 

Dieser ganze das ältere produlitive Carbon umfassende Schichten- 
komplex bildete die Eckersdorfer Mulde, umlagerte die ürschiefer und 
zog sich an ihnen vielleicht noch weiter nach Süden entlang. 

Stärkere Bruohbildung, die man in den Beginn der Rotliegendperiode 
zu verlegen hat, gestalteten das geologische Bild dieser Gegend wesentlich 
Um, indem in der Eckersdorfer Mulde das gesamte Carbon als ein Plötz- 
graben absank.^) 

Auch die Brüche der Glatzer Gegend, die durch Leppla bekannt 
geworden sind, haben mit ihren nördlichen Ausläufern das an die Möhl- 
tener alten Schiefer angelagerte Steinkohlengebirge absinken lassen.'') 

Wir haben also auch innerhalb der Sudeton zwei in deren ungefähren 
Längsrichtung verlaufende Mulden, die durch Brüche kompliziert werden. 
Während postume Faltungen in anderen Gebieten, z. B. in Sachsen, fehlen, 
beanspruchen sie in den Sudeten besondere Beachtung, indem durch sie 
die sicher vorhandene intracarbonische Diskordanz erheblich in ihrer all- 
gemeinen Bedeutung zurücktritt. 

Jüngere Cai'bonbildungen weiter nordwärts. 

Wenn vorher gesagt wurde, daß auch nördlich von dem Volpersdorfer 
Plötzgraben noch jüngere Bildungen, als die des Hangendzuges vorhanden 
Bind, so bedarf dies noch des Beweises, der im folgenden auf Grund 
stratigraphischer und paläontologischer Forschungen erbracht werden soll. 

Durch Potoniö ist die hangende Flötzgruppe der konsolidierten 
ßubengrube dem Horizonte der oberen Saarbrücker Schichten (= untere 
Schwadowitzer) zugewiesen. Bei Betrachtung der Profile wird man 
nicht fehl gehen, dieser Gruppe die drei hängendsten Rubenflötze: das 
Joseph-, Rüben- und das zweibänkige Antonflötz einzureiheu, wenn auch 
•bisher nur in hangendem Schieferthon des erstgenannten die Leitform der 
oberen Saarbrücker Schichten, die Annularia stellata gefunden wurde. 
Denn soweit mir Material in Sammlungen vorgelegen hat,-*) sind in den 
letzten .Tahren im Ruhen- und Antonflötz Funde fossiler Pflanzen kaum 

1) Die GabbrogeröUe auf Johann-Baptista sind ein Beweis dieser erhöhten 
^ildbachtätigkeit. 

2) Ähnlich sind die Bildungen in der Lähner Kreide-Mulde. 

3) Vergleiche die Karte Lepplas. 

"•) Auch die Waldenburger Bergschulsamnilung, die icli durch die Krcundlich- 
''eit des Direktors, Bergassessors Hülsen, .«eben durfte. 



16 Jahresbericht, der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 

gemacht worden. Überdies werden die drei jetzt neubenannten Plötze 
schon von Schütze als hangende Gruppe zusammengefaßt. Denn ein 
qiierachlägig 300 m mächtiges Zwischenmittel trennt sie von der liegenden 
Partie. 

Diesen entsprechen ihrer Lage nach auf der konsolidierten Wenceslaue- 
grube bei Hausdorf das Pelsenkohlen-, das Wenceslaus-, das erste und 
zweite hangende Plötz, von denen zur Zeit nur im Wenceshiusflötz Abbau 
umgeht. Auch diese werden durch ein Sandsteinmittel von 220 m 
Mächtigkeit von den liegenden Wilhelmsflötzen getrennt. Es liegt also 
nahe, diese beiden hangenden Flötzgiuppeu der konsolidierten Wenceslaus- 
und der Rubengrube für gleichalt anzusprechen. 

Zu diesem Schlut5 führt auch folgende Betrachtung: das dritte 
Wilhelmsflötz der Wenceslausgrube, die Oberbank des Franzflötzes der 
Rubengrube (früher das „erste liegende") und das dritte der .Johann- 
Baptistagrube sind alle bei wenig differierender Mächtigkeit durch ein 
0,1 bis 0,2 m starkes Thoneisensteinbänkchen im Liegenden charakterisiert. 
Dieses zeigt bei den beiden entferntesten Gruben noch so bedeutende 
Ähnlichkeit, daß man nicht fehl gehen wird, es als Beweis für die 
Identität der Flötze anzusehen. 

Bei dieser Gleichstellung ist es (siehe Profil I) raögiich, die hangenden 
Flötze ohne Schwierigkeit zu parallelisieren. Überdies werden auch noch die 
identen Flötze: Anton und Felsenkohlen in fast gleicher absoluter Höhe 
über NN angetroffen. 

Alle diese Gründe, so überzeugend sie auch sind, genügten allein 
zur Identifizierung nicht, solange nicht paläontologische Ergebnisse die 
Gleichstellung beweisen. Es gelang mir auch in dem hangenden Sand- 
stein des Wenceslausflötzcs eine Ensphenopterisart zu finden. Diese 
Varietät genügt den Anforderungen, die Potonio in seiner Pflanzen- 
paläontologie für Leitpflanzen der oberen Saarbrücker Schichten stellt.^) 

Diese Sphenopteris ähnelt im Umriß am meisten der Sph. Sohlotheimi 
Brgt., wie sie Stur abbildet. 2) Doch unterscheidet sie sich dadurch, daß 
im Gegensatz zu dieser die Fiederchen dritter Ordnung nie vierlappig» 
sondern meist zwei- und nur die untersten undeutlich dreilappig sind. 
Auch zeigen die oberen Fiederchen nicht eine spitzige oder halbnindo 
Spitzenausbildung'') und elliptische Form, sondern eine abgestumpfte 
längliche Form bei geringerer Breite. Die Nervatur stimmt mit der von 
Sphenopteris neuropteroides Boulay*) überein. loh nenne diese neue 
Varietät: Sphenopteris Boulayi var. Wenceslai. 

1) Vergl. Seite 374. uoten. 

2) Vergl. Stur, Schatzlarer Flora, Tafel XX uriil XXV. 

■•) Stur: „elliptica, apice acuta vel subrotunda . . . ehendnrt Seite 336. 
*) Zeiller, Valenciennes, Tafel II, 1, 2. 



LI. Abteilung. NaturwissenschafUiclie Sektio 



Auf Grund dieser Tatsachen kann es als sicher gelten, daß auch die 
hangende Flötzgruppo der Wenzeslausgrube den Xavoristollener-, oberen 
öaarbrücker Schichten zuzuzählen ist. 

Es liegt nun nahe, auch bei Waidenburg die hangenden Flötze: 
Amalienflötze, Anhaitaegen, Ernestine bei Dittersbach, Friederike bei 
Neuhain — die einander entsprechen — das Franz.Josephflötz und die 
weiteren Kohlenbänkchen aiii FoUhammertunnel diesen oberen Saarbrücker 
Schichten zuzuzählen, wenn man die Mittel von 220, 300 m mit dem von 
6üO m identifizieren will. 

Die dem geologischen Institut von der ffirstlidi Tleßschen Gruben- 
diroktion geschenkten Farne ans diesen hangenden Flötzen sind meist 
Pflanzen, die für die Horizontbestimmung nicht in Betracht kommen, oder 
solche, die im allgemeinen für den Waldenburger Hangendzug charakteristisch 
Sind, ohne auf ihn allein beschränkt zu sein. 

Indessen ist in zahlreichen Stücken aus diesen Flötzen Nenropteris 
tenuilolia Schloth hierher gelangt. Zwar erscheinen die Waldenburger 
Exemplare zarter in der Nervatur, doch hat ein Durchzählen der Nerven 
am Bande völlige Übereinstimmung in der Anzahl mit Exemplaren von 
^nderen Fundorten ergeben. Diese Spezies ist nun nach Zeiller in 
Valenciennes in der Zone moyenne ziemlich selten, dagegen in der Zone 
superieure mehr verbreitet'), als in der mittleren. Ebenso ist sie von 
tremer^) m der Gasflammkohlenpartie Westfalens, also der hängendsten 
Häufig gefunden und nimmt nach unten allmählich ab. Die Zone supörieure 
steht nach Z eiller s), ebenso wie die Gasllammkohlenpartie Westfalens 
■lach Potonie, den oberen Saarbrücker Schichten gleich. Auch ist der 
iarn nach Kidston'*) nur auf die middle and transition coal-measures 
ot tho Upper carboniferous sc. forraation in seinem Vorkommen beschränkt, 
ö.ese Horizonte sind nach Z eiller «) der Zone supörieure von Valenciennes 
S^eichzustellen. 

Bei dieser Gleichartigkeit der bedeutendsten europäischen Kohlen- 
becken gewinnt es an Wahrscheinlichkeit, daß die obere Saarbrücker 
'^tufe m höherem Maße, als man es bisher annahm, auch auf dem 
preußischen Flügel des niederschlesisch -böhmischen Steinkohlenbecken 
entwickelt ist. 

Nachdem ihr Vorhandensein durch Potoni6 für die Faibengrube 
»jewiesen ist, wird man ihr Auftreten auch auf Wenceslausgrube und in 
^en hangenden Partien bei Waidenburg jetzt nicht mehr in Zweifel 
Ziehen können. 

J) Zeiliei, Valencisnius pai^. 276. 

11 rl'^u!:'' '"'",'' ' '1 '"^ de*' weslfäl. Carbon. DisseiL Marburg 1893. S. 29 
Balleül^le ,„r'r , "'"''"^'1' "^^ weH|,,,l,a,lMM, ,h, nord de la France 

anetm de la s,,, , i . ,i„ „,„c de France XXU. isiil, Soiie 590 folg. 

•ü PrnrPPHmM "?;i^"n'"^", '',"""'', °" "''' ''"^^«'""'^ of Ihe carboniferous formation 
t^roceedinys ot the Key il physienl sociely of Edinburgh XII. 1892. Seite 246 table 
1904. 



"18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Tektonische Veränderungen. Aufhören der Kohlenbildung. 

Die verminderte Flötzbildung in den oberen Schioltten des mittleren 
produktiven Carbon deutet darauf hin, daß eine Änderung in den Vege- 
tationsbedingungen eintrat. Das Fehlen der Ottweiler Stufe wird man 
füglich auf eine physiisalische oder tektonische Veränderung dieses preußi- 
schen Mukienfltigels zurückführen. 

Dadurch war die Kohlenablagerung imterbrochen auf dem Nordost- 
flügel und im Muldeninnern im Norden. Eine Kohlenbildung scheint dann 
auch später nicht mehr eingesetzt zu haben. 

Die" obersten Saarbrücker Schichten in Böhmen 
auf Wilhelmiua-Orube bei Ztliareli. 

Altersbestimmung. 

Im tektonisohen Gegensatze zur preußischen Seite des Steinkohlen- 
beckens steht der böhmische Flügel. Dieser hat an der zur oberen Ober- 
oarbonzeit einsetzenden Veränderung nicht teilgenommen, so daß wir auf 
ihm auch weiter flötzfUhrcnde Ablagerungen der Ottweiler Stufe antreffen. 
Zwar bleibt der Kohlenreichtum gegen die reichen Schätze der beiden 
den Hochwald umgebenden Spezialmulden erheblich zurück, immerhin ist 
aber die Kohlenführung noch bedeutend genug und lohnt den Abbau. 
Denn wir begegnen z. B. dem bei Bohdaschin durch Stollenbetrieb auf- 
geschlosBenen Josephiflötz') mit einer bis zu 3,7 m anschwellenden Mächtig- 
keit. Flötze von l'/g m Mächtigkeit sind häufiger, so auf Procopi-Grube ) 
bei Schatzlar, im Xaveristollen ^) bei Sedlowitz, im Idastollen*) bei Stra§- 
kowitz und auf Wilhelmina- Grtibe-'j bei Zdiarek zu beobachten. 

Die Zugehörigkeit der böhmischen Flötze zu den 3 Flötzzügen, dem 
XaveristoUener, dem Idaatollener und dem Radowenzer, ist schon 1879 
von Stur und Schütze richtig erkannt worden. 

Die einzelnen Flötzgruppen werden von einander durch sehr be- 
deutende Zwischenmittel getrennt. So mißt im Xaveristollen das die 
Saarbrücker und Ottweiler Stufe trennende Mittel quersohlägig 800 m, was 
bei der flachen Lagerung einer absoluten Mächtigkeit von 700 m gleich- 
kommt. Ebenso ist das Zwischenmittel''), das die Idastollener Schichten 
vom Radowenzer Flötzzug trennt, zu 1300—1500 m Mächtigkeit vo» 
Schütze angegeben. Die Einteilung Schützes ist von Weithofer iio 
allgemeinen übeirnommen. Jedoch zählt dieser Autor die den Kadowenze' 

lyNach Schütze 1. i: pag. ^222. — Der Abbau ist augenblicklich nicht un 
Betriebe. 

2) Nach Schütze 1. c. pag. 216, 217: 3 Flötze, X mit 2 m, XI mit U "^' 
XIII mit 1—2 m absoluter Kohlenmächtigkeit. 

3) Nach Schütze: 2 Flötze = 2--5 m Mächtigkeit. 1. c. p. 221. 

4) Nach demselben: Hauplflötz ^ 1,05 m Kohle, 1. c. ^31. 
6) Ebenfalls: 111. Flötz = ),20 m. I. c. p. 222. 

C) Ebenfalls Seite 236. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Selition. 19 



FlÖtzzug überlagernden Schichten ') fälschlich noch zum Obercarbon, und 
nicht zum Rotliogenden; aul3erdem fohlt in seiner Karte richtigerweise die 
auf der Karte des niedersclüesischen Gebirges und von Schütze über- 
nommene liotliegendinsel zwischen ßernsdorf und Bösig. 

Die Abgrenzung der einzelnen Fiötzgruppen und Zwischenmittel ist 
auf dem böhmischen Flügel besonders schwierig. Denn zunächst weisen 
die einzelnen Schichten keine bedeutenden Unterschiede in ihrem Gesteins- 
charakter auf. Es sind zumeist rote, bald feine, bald gröbere Sandsteine 
mit einem wechselnden Tongehalt und graue Feldspathsandsteine — 
„Arkosen" — , die sich in allen Horizonten der Ottweiler Stufe wieder- 
holen. Außerdem ist in dem waldbestandenen, wegearmen tschechischen 
Gebiet das Kartieren und Abgrenzen der Horizonte infoige Mangels an 
Aufschlüssen sehr erschwert. Endlich bedingt das zum Terrainneigungs- 
winkel fast senkrechte Einfallen der Schichten einen sehr häufigen Wechsel 
Und dadurch eine neue Schwierigkeit, auf einem so kleinen Maßstabe 
1 : 75000 zu kartieren. 

Infolgedessen unterblieb dann mit Rücksicht auf die Arbeit Weit- 
hof er s, eines sehr sorgfältigen Forschers, die Revision dieses Teiles bis 
zum Mettaudurchbruch bei Hronov. 

Bald hinter diesem Erosionstale transgrediert dann die südliche Kreide 
der Scholle von Kudowa und stellt auf diese Weise eine Verbindung mit 
der des ßraunauer Ländchens her. Schon Krejci erwähnt die Transgression 
1867, während Michael ihre Fortsetzung nach Nofden 1893 nicht weiter 
berücksichtigt. Sie liegt zwischen Podborky-Zdiarek und Sedmakowitz- 
Zlicko. 

Carbon bei Zdiarek, 

Hinter dieser Kreidebrücke erscheint dann wieder das Carbon, das 
sich noch etwa 3 km bei Mokrziny an den Granit von Lewin anlehnt, und 
bald darauf endgültig unter der dort sehr mächtigen Kreide verschwindet. 

Dieses Vorkommen wurde von Stur und Schütze den Sohatzlarer 
Schicliton zugerechnet, während Weithofer es wenigstens zum Teil den 
Unteren Ottweiler Schichten gleichstellt. 

Der dort umgehende Bergbau der Wilhelmina-Grube auf der öster- 
reichischen Seite und der Clemens- und Eieonore-Grube auf der preußi- 
schen hat schon seit langer Zeit bedeutende Ausbeute an fossilen Pflanzen- 
resten geliefert. Diese sind von Stur^) in seiner Flora der Schatzlarer 
Schichten schon berücksichtigt; auch Feistmantel'^ hat sie bearbeitet 

1) Über diese Frage gibt die Arbeit J. Herbings, die denmächst erscheint, 
Aufschluß. 

2) Stur, die Carbon-Flora der Schatzlarer Schichten, Wien 1885. 

3) Feistmantel, Versteinerungen der böhmischen Kohlenahlagerungeu in 
Palaeontographica XXllI, 1875/76. 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Beide Forscher sehen in dem Vorkommen von Zdiarek-Straußeney Bil- 
dungen, die den Schatzlarer Schichten gleichstehen. Hierbei ist allerdings 
zu berücksiclitigen, daß damals die floristische Trennung der Schatzlarer 
von den Xaveristollener Schichten noch nicht durchgeführt war. 
Stur führt von Zdiarek folgende Farne an: 

Khacopteris Busseana Stur (— R. asplenites Schimper) Sj '). 

„Senftenbergia" crenata L. a. H. 

„Hawlea" Schaumburg-Lippeana Stur (= Pecopteris spec.) 

„Hawlea" Zdiareckensis Stur (= Pecopteris spec). 

„Oligocarpia" pulcherrima Stur = (Pecopteris?). 

Discopteris Goldenbergii Andrae (= Ovopteris). 

Saccopteris Essinghii Andrae (= Sphenopteris). 

„Desmopteris" belgica Stur (= D. elongata Pres!). 

„Calyramotheca" Walteri Stur. 

„Calymmotheoa" Schaumburg -Lippeana Stur. 

„Diplothmema" (= Sphenopteris) ti-ifoliatum Artig. 

„Diplothmema" (= Mariopteris) muricatum Schloth. 

„Diplothmema" belgicum Stur (= Mariopteris latifolia). 
Bei den nicht deutlichen Abbildungen Sturs ist eine Identifizierung 
mit Farnen, die die jetzt übliche Bezeichnung tragen, nur zum Teil mög- 
lich und daher können nur diese für eine Vergleiclmng herangezogen 
werden. 

Eine bessere Verwendung für die Vcrgleichung gestatten die von 
Feistmantel ^) aufgezählten Farne; 

Annularia longifolia Brgt. 

Asterophyllites equisetiformis Brgt. 

Asterophyllites foliosus L. a. H. 

Sphenopteris Schlotheimi Brgt. 

Sphenopteris Hoeninghausi Brgt. 

Sphenopteris Asplenites v. Gutb. 
, Sphenopteris coralloides v. Gutb. 

Cyatheites ') arborescens Gppt. 

Cyatheites Miltoni Gppt. 

Cyatlieites Oreopteridis Gppt. 

Alethopteris pteroides Brgt. 

Alethopteris Serli Brgt. 

Alethopteris longifolia Stbg. 

Alethopteris aquilina Brgt. 

Neuropteris heterophylla Stbg. 

1) Sa := für obere Saarbrücker ScUicliten charakteristisch u. s. w. 

2) 1. c. pag. .315. Calamarien u. Lepidodendren, Stigmarien u. s. w. nicht berück- 
sichtigt. 

8) Cyatheites =: Pecopteris. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 21 



Netiropteris temiifolia Brgt. 
Neui'opteris gigaiitea Stbg. 
Dictyopteris Brongniarti. 
Odontopteris Britannica v. Gutb. 
Zu diesen gesellen sich von mir gefunden , noch folgende pflanzliche 
Reste ; 

Sphenopteris Schilliflgsii Andrae. 

Sphenopteris artemisiaefolioides Crep. 

Sphenopteris macilenta L. a. H. 

Lonchopteris rugosa Brgt. 

Pecopteris abbreviata Bvgt. 

Annularia stellata v. Schloth. 
Diese Stücke sammelte ich teils auf meinen Befahrungen in der Grube 
selbst, teils entnahm ich sie der Sammlung des dortigen Obersteigers 
Herrn W. H o f f m a n n. 

Diese neuere Sammlung, obwohl ohne System zusammengebracht, 
zeichnete sich durch das Fehlen typischer Leitpflanzen der Schatzlarer 
Schichten wie: Neuropteris gigantea Stbg. und Pecopteris dentata aus. 
Auch Mariopteris muricata war nur in 2 Exemplaren vertreten. Zwar sind 
einige dieser Leitpflanzen nach Stur und l^'ei8tmantel auch bei Zdiarek 
Vorgekommen, doch dürfte es sich hierbei mir um unzweifelhaft vereinzelte 
frühere Funde handeln. 

Bei der Häufigkeit des Auftretens der Farne in den „Schatzlarer" 
Schichten und ihrem hier einsetzenden Zurücktreten oder Fehlen wird 
man zu dem Schlüsse gedrängt, daß die Zdiareker Flötze jünger sind, 
als die Schatzlarer Schichten. Weithof er hat sie daher auch richtiger 
den XaveristoUener Schichten zugezählt und die hangenden roten Sand- 
steine^) als Äquivalente der unteren Ottweiler Stufe angesehen. 

Die neueren Pflanzenfunde, insbesondere das Vorkommen von Annularia 
stellata und Annularia longifolia rechtfertigen diese Ansicht. 

Durch das nicht vereinzelte Auftreten von Leittypen der Ottweiler 
Stufe erscheint es wahrscheinlich, daß sogar noch etwas höhere 
Horizonte als die im Xaveristollen angetroffenen Schichten 
liier flötzfUhrend entwickelt sind. 

Vergleieluing mit dem Piesberg und Ibbenbüren. 
Eine Vergleichung der Zdiareker Pflanzen mit denen des Piesberges 
lud von Ibbenbüren nach v. ß oehl ^) ergibt eine so große Übereinstimmung 
"eider Floren, wie sie in Anbetracht der verschiedenen Vegetationsbedin- 

1) Diese werden dann von den Hexenstein-Arliosen tiberlagert, aus denen die 
Höhen im NW von Straußeney bestehen. 

2) Die Einwände gegen diesen Forscher sind mir bekannt; doch ist, wie es 
Scheint, keine Richtigstellung erfolgt, sodaß ich mich auf ihn stützen muß. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



gungeii nur gedacht werden kann. Hier sind es Sümpfe und Moräste am 
Ufer eines Binnensees und dort Waldungen am Strande des offenen 

Meeres. 

Beiden Fundorten sind folgende Farne gemeinsam: 

Sphenopteris Hoeninghausi Brgt. 

Sphenopteris Asplenites v. Gutb. 

Sphenopteris coralloides v. Gutb. 

Cyatheites arborescens Gppt. 

Cyatheites Miltoni Gppt. 

Alethopteris pteroides Brgt. 

Alethopteris Serli Brgt. 

Alethopteris aquilina Brgt. 

Neuropteris heterophylla Stbg. 

Diotyopteris Brongniarti. 

Odontopteris Britannica — neuropteroides. 
Außerdem noch : 

Lepidodendron dichotomum Stbg. 

Calamites Suckowi Brgt. 

Calamites Oisti Brgt. 

Annularia longifolia Brgt. 

Asterophyllites equisetiformis Brgt. 
Bei einer solchen Übereinstimmung der Floren wird man auch bei 
größter Vorsichti) nicht fehlgehen, wenn man dieses Vorkommen von 
Zdiarek dem vom Piesberge und von Ibbenbüren gleichstellt und beide 
nach Potonie und Frech den obersten Saarbrüoker Schichten noch über 
den XaveristoUener einreiht. 

Eine Zusammenstellung der paläontologisch-stratigraphischen Ergebnisse 
sei in folgender Tabelle gegeben: 



1) Die den Beobachtungen Feistn 
erscheint. 



intels und v. Roehls gegenüber geboten 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 
Böhmischer Flügel [ Muldeninneres 



Hexenstein - Arkosen 



IdastoUener Flötzzug 



Kotliegend 



Diskordanz 



Preußischer Flügel 
Rotliegend 



Diskordanz 



Zdiareker Flötze 
Xaveriflützzng 



Hchatzlarer Schichten 



Amalien-Flötze 



Waldenburger 
Hangendzug 



hang. Partie von 
Wenceslaus & Rnlien 

Waldenburger 
Hangondzug 



=1 Reichhennersdorfer 
"2 Sandsteine (mit Flötzen 
•g der Coiicordia-Gnibe) 



Mittelsteiuer Flötze 



Waldenburger Liegendzug 



üntercarbon 
Verwerfungen des Carbons auf dem böhmischen Flügel in der 
Zdiareker Grube: Parschnitz - Hron o ver Bruch, Reinerzer 
Quellenspalte. 

Die tektonischen Veränderungen, die den böhmischen Muldenflügel 
betroffen haben, sind meist schon längere Zeit bekannt. Der Parschuitz- 
Hronover Bruch, an dem nach der Kreide - Periode gebirgsbildende 
Kräfte ausgelöst wurden, ist schon ebenso lange bekannt, wie die kleinen 
durch den Bergbau aufgeschlossenen Verwerfungen bei Schatzlar und am 
Idastollen. 

Die älteren von Jokely^) zur Erklärung der Schichtenfolge ange- 
nommenen Staffelbrüche sind schon seit langem von der Wissenschaft 
verworfen worden und es hat eine natürlichere Auffassung der Gebirgs- 
bildung an ihrer Stelle Platz gegriffen. 

Der Bergbau hat jedoch in neuerer Zeit noch das Vorhandensein 
eines Bruches erwiesen, der an Bedeutung die genannten lokalen Ver- 
werfungen übertrifft, ohne so weiter Beachtung würdig zu sein, wie der 
Parschnitz-Hronover Bruch. 



1) im Xaveristollen wurde in einem Blindschacht im Liegenden der Schiefer- 
tone des mittleren produktiven Carbon ein Gestein angetroffen, das nach seiner 
petrographischen Beschaffenheit untercarbonischen Alters sein dürfte (nach Herrn 
Markscheider Irrmann-Schwadowitz). 

2) Vergl. das in Katzer, Geologie von Böhmen hierüber gesagte. 



Jahresbericht, der Scliles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Bei der letzten Befahrung der jetzt in Fristen liegenden Wilhelmina- 
grube, die ich in Gemeinschaft mit dem Bergbaiibeflissenen Herr K. Flegel 
im April 1903 unternahm, wurde uns vom Obersteiger eine Sprungkluft 
(„Rutschung") gezeigt, hinter welcher die Flötze abgesclmitten waren. 
Die Eichtung der Verwerfung verlief von WNW nach OSO. Die Gruben- 
beamten nahmen an, daß es sich nur um einen Sprung von geringem 
Ausmaß handelte und hatten hinter der „Rutschnng" eine söhlige Vor- 
richtungsstrecke getrieben, mit der sie ihre Flötze wieder anzufaln^en 
hofften. Eine Besichtigung des Ortes und eine nachherige Vergleiohnng 
einer mitgenommenen Gesteinsprobe ergab, daU die Strecke in einem dem 
Cenoman zuzurechnenden Sandsteine stand. Eine genauere üntersucliung 
dieses Fundes wird Herr K. Flegel in seiner demnächst erscheinenden 
Arbeit über die Kreide der Heuscheuer und von Adersbach-Weckelsdorf 
vornehmen. Für diese Arbeit genügt es, zu konstatieren, daß im Norden 
die Flötze der Wilhelminagrube durch eine OSO— WNW streichende 
Verwerfung abgeschnitten sind und daß hinter dieser obere Kreide an- 
steht. Berücksichtigt man ferner, daß auch im Süden die Flötze an dem 
Parschnitz-llronover Bruch ein vorzeitiges Ende erreichen und daß dort 
ebenfalls jenseits des Sprunges Kreide ansteht, so ergibt sich, daß die 
Wilhelminagrube die Plötze einer zwischen cretaceischen Bildungen horst- 
förmig stehen gebliebenen Carbonscholle gebaut hat. 

Der nördliche Sprung auf der Wilhelminagrubc erwie» sich nach den 
Untersuchungen Flegels als die Fortsetzung eines durch Lcppla von 
Grafenoi-t bi.s Reinerz konstatierten Bruches. 

IL 

Diis Kotliegende bei Neurode, Wünschelburg, Braunau. 

a. Zur Altersbestimmung. 

Die Feststellung eines Zusammenhanges der nördlichen Brüche mit 
denen der südlich angrenzenden Kreide der Grafschaft Glatz veranlaßten 
mich, auch auf dem preußischen Flügel um Neurode, WUnschelburg und 
bis gegen Braunau den toktonischen Verhältnissen nähei-e Beachtung zu 
schenken. Denn es war nicht unwahrscheinlich, daß .inch nordöstlich von 
dem Heuscheuerblock die dort kartierten BrUche Lepplas weiter nach 
Norden fortsetzten. 

Die im September und Oktober 1003 zu einem gewissen Abschlul5 
gebrachten Untersuchungen sind im folgenden niedergelegt. 

Es sei zunächst gestattet, die bisherigen Ansichten über den Bau 
dieses Teiles des preußischen Muldendügels, etwa zwischen dem Neuroder- 
Gabbro und WUnschelburg kurz zu erwähnen. 

Nach den ersten Aufnahmen zu der Karte von Beyrich, Rose, 
Roth, Runge, die im produktiven Carbon noch nicht die einzelnen 
Stufen von einander trennen, hatte eine konkordante Überlagerung des 
Rotliegcnden über dem Carbon statt. 



II. Abteilung. Naturwissenscliaftliche Sektion. 25 



Schütze gliederte 1882 das Rotliegende zwar niclit weiter, nahm 
aber mit Recht eine Diskordanz zwischen Carbon und Rotliegendem an. 

Erst in neuerer Zeit 1889 und 1899 griff dann Dathe') wieder auf 
die erste Anschauung der koiikordanten Auflagerung zurück, indem er die 
bisher für Rotliegend geltenden Sandsteine als unproduktiv entwickeltes 
Carbon den Ottweiler Schichten zuwies und so den gleichförmigen un- 
unterbrochenen Übergang jm jungen Paläozoicum für diese Gebiete wieder 
als Lehre aufzustellen versuchte. 

Die unzutreffenden Ansichten des Genannten beruhen ebenso sehr 
auf einem Mißverständnis der Ergebnisse eines anderen Forschers und 
einer Verkennnng des paläontologischen Cliarakters der schon längst 
bekannten Fannen und Floren von Ottendorf, Braunau und Neurode, wie 
auf einer Mißdeutung der Tektonik jener Gegenden. 

Aucl) erschien die Vergleichung der Ablagerungen der nördlichen 
Grafschaft Glatz mit dem weitentfernten Saarrevier unter gänzlicher 
Übergebung der näher liegenden ebenfalls jungpaläozoischen Bildungen 
Thüringens, Wettins und Sachsens nicht günstig gewählt. 

Was das Mißverstehen der Ergebnisse anderer Forscher anlangt, so 
sei bemerkt, daß Dathe die Zugehörigkeit der durch Walchia piniformis 
(v. Schloth) Sternberg als Rotliegendes charakterisierten Schichten bei 
Gvüßauisch-Albendorf zu der genannten Formation direkt leugnet. 

Dadurch stellt er sich in unmittelbaren Gegensatz zu Göppert^) 
Potoniö») und Sterzol'). 

Die Mißverständnisse des paläontologischen Charakters der Tier- und 
Pflanzenwelt von Ottendorf und Braunau sind nicht weniger schwerwiegend. 
Dathe spricht dort von PalaeoniBcns, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, 
daß diese Gattung im Sinne Traquairs, des besten Kenners dieser 
Fische — dessen Ansichten auch die bekanntesten Handbücher Zittel 
und Steinraann folgen — auf den viel höheren Zechsteinhorizont des 
Kupferschiefers beschränkt ist. 

Auch die zitierten Anthraoosien widersprechen der jetzt gebräuchlichen 
Begrenzung der Gattung, sind doch durch Ludwig ISli'i ■'] und 
Amalitzky«) die dyadisclien zahnlosen Sllßwassermuscheln mit dem 
Namen Anodonta, Najadites und jetzt Palaeanodonta belegt worden. 

*) Vergl. Dathe im Jahrbuch der geol. Landesanstalt 1889 u. 1899. 

2) Unppei-t, fossile Flora der permischen Formation (Paläontographica XU 
1864/65, Seile "2?Ar. „VVaJeliia |Mnifoiini.s . . . wegen ilirer allgemeinen Verbreitung 
als wahre Leitpü.-uizo des l'.otliegeiulen zu l)etracl)ten". 

3) [-' o 1,0 II i.- , lloiisliscln' Gliederung des deutschen Corbou u. Perm, 1896. Seite 9. 
,, Typische Lei! lns,;i|iiMi ([es Mo 1,1 legenden, wie .... Walchia piniformis Siernberg." 

•') SLorzel, piihi.outologischer Charakter der Steinkohlenforraalion und des 
Rothegenden von Zwickau: Referat im neuen Jahrliueh R)r Min., (leol. und 
Paläont. 11. 1903, Seite 467; „Rotliegondtypen, wie . . . WidchLa". 

5) Ludwig, zur Paläontologie des Ural, PaLiontograpliica X. 1863, 

<5) Ama1it7.ky, Anthrakosien des Perm. Paläontographica XXXIX. 1892. 



26 Jahresbericlit der Schles. Gesellsoll aft für vaterl. Kultur. 



Auch in aaderen Punkten stellt sich Dathe mit neueren Anscliau- 
ungen in Widerspruch, ja er nimmt nicht einmal die neueren Rotliegend- 
teilungen Beyschlags, die dieser für thüringische, also näher liegende 
Gebiete in Gemeinschaft mit mehreren anderen preußischen Landesgeologen 
durchgeführt hat, an. Daß diese Teilung durchaus brauchbar ist, geht 
daraus hervor, daß sie auch von der sächsischen geologischen Landes- 
anstalt angenommen ist. Auch Ch. Ernst Weiß^), auf den sich wohl 
Dathe bezielit, liat bis 1887 unter-, Mittel- und Ober-Eotliegendes unter- 
schieden, dann aber 1888^) eine völlig unübersichtliche Gliederung ein- 
geführt: 

bis 1887 1889 

Oberro fliegend Oberrotliegend 

MittelrotUegend \ ^„^,„„,1; „^^ ,,,,_ 
Unterrothegend ) 

Eine praktische Verwertung dieser letzten Gliederung kann kaum in 
frage kommen. 

Dies ergibt sich auch aus den neueren paläontologischen Funden. 
Die „Anthracosien", von denen in den 70- und 80er Jahren zahlreiche 
Exemplare an das hiesige Museum gelangt sind, haben sich als Palae- 
anodonta Keyserlingi Amalitzky und Najadites cf. Fischeri Am. erwiesen'). 
Nach den Untersuchungen von Geinitz und den schon 1900 vorliegenden 
gründlichen Untersuchungen Amalitzkys liegen die diese Zweisehaler 
führenden bunten Mergel der Okastufe hoch im Rotliegenden, z. T. schon 
an der Grenze des Zechsteins. Sie also dem Unterrothegend en zuzu- 
weisen, widerspricht völlig den bisher bekannten Tatsachen. 

Auch sonstige Fossilien lassen die Einfügung der Neurode- Wünachel- 
burger Eotliegendschichten in die untere Abteilung nicht nur nicht ratsam, 
sondern sogar direkt falsch erscheinen. Abgesehen von den in ihrer 
Altersstellung für eine genaue Fixierung ziemlich indifferenten Pflanzen 
ist der vor 4 Jahren im Dr. Linnarzschen Steinbruch bei den Schindel- 
bäusern gemachte Fund eines echten Reptils für die Altersbestimmung 
ausschlaggebend. Dieses Reptil, als solches von Professor Fr aas an- 
erkannt und der Unterordnung der Proterosauriden und der Familie der 
Palaeohatterien '^) zugewiesen, hat seine nächsten Verwandten im Mittel- 
rotliegenden von Niederhaeßlich bei Dresden. 

Überhaupt sind ReptiUen erst vom Mittelrotliegenden bekannt, während 
Amphibien schon aus dem Untercarbon, wenn nicht schon aus dem Devon 
beschrieben sind. Die Dathesche Zusammenfassung der beiden gänzlich 
verschiedenen Wirbeltiorklassen der Amphibien und Reptile als „Saurier" 



1) Weiß, fossile Flora, Bonn 1869. 

a) Derselbe, ErläiUeruii!„'en zum Blatt Lebach, Berlin 1889. 

») Versl. Seite 22, Anm. 5. 

*) Cf. Frech, Lethaea paiäozoica pag. G94. 



U. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 27 



und die dadurch bedingten Trugschlüsse sind schon in der Letliaea palaeo- 
zoioa') zurückgewiesen worden ; ein Eingehen darauf auch an dieser Stelle 
ist also übertlUssig. 

b. Die Ottendorfer und Braunauov Kalke. 

Die häufige Wiederkehr von „Kalksteinflötzen", „Anthracosienschiefern" 
z. T. mit denselben Versteinerungen innerhalb der von Dathe angegebenen 
ununterbrochenen Schichtenfolge veranlaßte mich, auch diesem Punkte meine 
Aufmerksamkeit zu schenken. Das Ergebnis war folgendes: Es handelt 
sich um zwei scharf getrennte kalkfilhrende Horizonte, deren liegenden 
schwarzgefärbten und stets durch einen starken Bitumengehalt ausgezeich- 
neten als „Ottendorfer" und deren hangenden stets buutroten mit dem 
schon lange üblichen Namen als „Braunauer Kalk" zu bezeichnen ist. 
Die Namen sind z. B. bei Göppert, Frech längst im Gebrauch. 

Petrographisches und geographische Verbreitung. 

Über die petrographische BeBchaffenheit, Altersstellung, Fossilien- 
fiihrung dieser mittelrotliegenden Kalkhorizonte ist folgendes zu be- 
merken. Die roten Braunauer und schwarzen Ottendorfer Kalke sind 
schon in ihrem Verlauf auf der alten Beyrichschen Karte ausgeschieden; 
auf der demnächst erscheinenden geologischen Exkursionskarte der Heu- 
scheuer ist die Trennung weiter durchgeführt. 

Die Braunauer Kalke besitzen eine rote, selten graue Färbung mit 
graugrüner Flamnmng und sind gewöhnlich in Flötzform den oberen roten 
Sandsteinen des Mittelrotliegenden eingelagert. Sie werden technisch als 
Baukalk verwertet und dazu durch primitiven Pingenbau^) gewonnen. Am 
Südabhange des Ölberges sind diese Braunauer Kalke mit derselben Farbe 
etwas abweichend entwickelt; sie erscheinen in Knollenform den tonigen 
Sandsteinen als Lagen eingebettet und sind durch ein tonig-sandiges leicht 
auswitterndes Zement verkittet. Der Calciuragehalt ist sehr wechselnd und 
beträgt im Durchschnitt 42 ''j^ (Analysen von Dr. F. Jander, Halle-Trotha). 

Die Ottendorfer Kalke unterscheiden sich unzvpeideutig chemisch und 
petrographisch von den Braunauern. Dieser meist als „Brandschiefer" 
bezeichnete Kalk ist ein schwarzes, stark bituminöses schiefriges Gestein 

1) Seite 694 von l''reclis Lethaea palaeozoica. 

2) Eine solche Finge hefuhr ich im Juni 1903. Sie lag auf den Höhen süd- 
üc)) von Hauptmannsdorf bei Braunau. In einer Teufe von 20 m wird unter den 
zum Oberrotliegenden zu rechnenden Porphyrlconglomeraten und den sie unter- 
teufenden Sandsteinen („Sonnensteinen", weil sie an der Luft zerfallen) der Kalk, 
der eine MäctiUgkeit von 0,6—1,0 m hat, um den Schacht herum abgebaut. Man 
bedient sich liei dieser Arbeit auch des Pulvers, so lange nicht die sich sammeln- 
den Wässer solches uumöglich machen. Bricht dann der Bau zusammen, so wird 
er mit einem Bohlenbelag versehen und man bringt in 10—2.5 m Entfernung eine 
neue Ringe nieder. 

Da der Kalk nur bei Bauten in der näheren Umgegend Verwendung findet und 
niclit versandt wird, so ist diesewenig ökonomische Abbaumethode zur Zeit noch üblich. 



ti 



Jahresbericbt dar Scbles, Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



lait etwas reiclilicherem Calciiimgelialt, das an der Luft aufblättert, seinen 
Bitumengehait verliert und vollkommen ansbleicbt. Dieser Schiefer bildet 
ebenso wie der Braunauer Kalk regelmäßige flötzartige Lageni) in den 
grauen bis schwarzen raittelrotliegenden sandigen Tonschiefern. Diese sind 
z. T. durch einen Kupfergehalt charakterisiert. Im frischen An- 
bruch strömt der Kalk einen intensiven Bitumengeruch aus und wird des- 
halb vielfach in der Literatur^) auch als Stinkkalk bezeichnet. 

Die Hauptgewinnungspunkte des Braunauer Kalkes liegen am Ölberg, 
nördlich bei ßuppersdorf-Heinzendorf; dann finden sich einzelne Kalköfen 
um Hermadorf, südlich von Hauptmannsdorf und bei Weckersdorf' (Barzdorf). 
Auf der preußischen Seite sind nur wenige Gewinnungspunkte dieses Kalkes 
bekannt geworden. So wurde der Kalk bei einer Brunnenbohrung bei Biehals 
unweit Neurode nachgewiesen; weiter südlich finden sich bei DUrrkunzcndorf 
(Kreis Glatz) einige verlassene Öfen, in denen dieser Kalk gebrannt wurde. 

Von dieser Örtlichkeit stammt ein im hiesigen Museum befindlicher 
Unterkiefer eines Sclerocephalus (Druck und Gegendruck). Von Sc. iaby- 
rinthious Gein. em. Credner unterscheidet er sich, abgesehen von der 
Größe, die beim vorliegenden Exemplar 28 : 6,5 cm beträgt, durch den 
Kieferwinke], der hier nur 128" gegen 145" bei Sc. labyrinthicus ist. Da. 
von Sc. latirostris Jord. aber ein Unterkiefer'') noch nicht beschrieben wurde, 
sei er als Sclerocephalus ef. latirostris vorläufig zu der Spezies gestellt. 

Die in der Lethaca palaeozoiea Band II, Seite 522 erwähnten Pflanzen 
von Dürrkunzendorf und Niedersteine stammen aus den die Braunauer 
Kalke unmittelbar begleitenden Tonschiefern. 

Der Ottendorfer „Brandschiefer" scheint im Streichen und seinem 
Calciuragehalt beständiger zu sein als der Braunauer. Außer den zahlreichen 
bereits genannten Gewinnungspuukten um Ottendorf und bei der Kolonie 
Scheidewinkel erscheint er auf preußischem Gebiet bei der Reichenforster 
Schmiede, wo er gebaut und gebrannt wurde und wo noch zahlreiche ver- 
witterte Platten zu finden sind. Von den drei einzelnen Kalköfeu im 
oberen Tal des Sohlagwassers haben zwei auch diesen Kalk gebrannt, 
während es bei dem dritten, nicht mehr nachgewiesen werden konute. 
Weiter nach Süden ist dann Nieder-Bathen und Glätzisch-Albendorf als 
Fundort zu nennen. Von hier gelangten mehrere Platten mit Regentropfen 
und Fußspuren'*) in das hiesige Museum. Besonders bei Nieder-Rathen 

1) Seine ßewinnung, die zurzeit nur auf den Anhöhen südlicli und licsonderH 
nördlich von Ottendorf belriebea wird, ist die gleiche, wie die des roten Kalkes. 
Er wird jedoch nicht wie Jener meist sofort gebrannt, sondern bleibt erst eine Zelt 
lang an der Luft liegen, um zu verwittern. 

ä) cf. Göppert, Permlloiii,, Pidiiont. XII. pag. 8. 

ä) Der außerdem noch bekannte Untej'kiefer der Weissia bavarica Brancn (Jahrb. 
d. geol. Landesanst. 1886 Tat', t) zeigt eine völbg abweichende feinere ßezahnung. 
,,^ ■*) cf. Göpijert, IJeirnllora,, l'idaont. XII. pag. Sund die neueren Aufsätze von 
vy Pabst in der Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft 189B, 1897, 
l.)00 und Ui der naturwissenscballQchen Woehenschritt 1896, 1898, 1900. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 29 



sind durcli den Balmbau Mittelsteine — Wiinschelburg schöne Aufschlüsse 
in diesem kalkfUhrenden Horizont vorübergehend geschaffen worden. Ent- 
sprechend der verwickelten Tektonik der Gegend (siehe unten) finden wir 
diesen Kalk außer an einer zweifelhaften Stelle im unteren Schlagwaasertal 
auf dem linken Ufer der Walditz in einem Einschnitt der Linie Ditters- 
bach — Glatz bei dem Wärterhause Nr. 672 wieder. Hier fällt sofort die 
gleiche Verwitterungsart auf. Die Böschungen, deren Winkel gleich dem 
Fallwinkel ist, sind vollkommen weiß. Infolge dieser weit vorgeschrittenen 
Verwitterung sind liier Fossilien, die man bei Ottendorf und Rathen so 
häufig findet, sehr selten^). 

Die AltersBtellung der Ottendorf er und Braunauer Kalke geht aus der 
Karte hervor. Hier liegen in den einzelnen in sieh gleichförmig nach 
tiW und WSW fallenden Schollen die Braunauer Kalke stets im Hangen- 
den der Ottendorf er. 

Fossilfühvung. 
Über die Fossilführung ist folgendes zu sagen: Die pflanzlichen 
Fossilien sind in beiden Kalken ungefähr die gleichen. Jedenfalls tritt 
bei Braunau keine neue Form hinzu. In Anbetracht der im allgemeinen 
zahlreichen tierischen Reste fällt allerdings das Zurücktreten der Pflanzen 
in den Braunauer Kalken auf. 

Es hat also in den höheren Schichten die ununterbrochen fortschreitende 
Verarmung der Rotliegendflora weiter zugenommen. Nach den bisherigen 
Funden scheinen bei Braunau zu fehlen^) 

Odontopteris subcrenulata Zeil 1er. 

Taeniopteris fallax Gppt var. coriacea. 

Neuropteris cordata Brgt. 
Größere Verschiedenheit zwischen Ottendovf und Braunau weist die 
Tierwelt auf. So sind die Ottendorfer Kalke durch die großen Fisch- 
spezies: 

Amblypterus Rohani Heckel, 

Amblypterus luridus Heckel, 

Amblypterus obliquus Heckel 
ausgezeichnet. Amblypterus vratislaviensis''^) Agassiz konnte einwandsfrei 
von Ottendorf*) nicht erkannt werden, hingegen bildet er das typische 
Leitfossil der roten Braunauer Kalke, in denen er in zahllosen Exemplaren 
zusammen mit den anderen kleineren Spezies: 

1) Es gelang mir trotz längerem Suchens, nur einen Koprolithen, einen Ani- 
hlyplerus-Schwanz und ein ganz undeutliches Callipteris-Wedelstück zu finden. 

2) Cf. Lethaea palaeozoica IL pag. 522. 

S) Es sei gestattet, auf das siebzigjährige Jubiläum dieses Fisches hinzuweisen. 
Auch anläßlich der Versammlung Deutscher Naturforscher u. Ärzte im Jahre 1833 
wurde dieser Fisch von Agassiz beschrieben und der Stadt Breslau zu Ehren, woher 
er die Stücke erhalten hatte, benannt, obwohl sein Fundort Braunau doch recht 
weit entfernt ist. 

-t) Cf. Fritsch, Fauna der Gaskohle III. 104. 



30 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



Amblypterus KabUkae Geinitz, 
Amblypteriis Zeidleri Fritsch, 
Amblypterus augustus Agassiz, 
Amblypterus lepidurus Agassiz 
gefunden wird. 

Abgesehen von einer Größenverminderung ist auch eine deut- 
liche Verschiedenheit der Speziesmerkmale zu verzeichnen, wie Fritsch 
nachgewiesen hat. 

Übrigens ist Braunau auch durch das Vorkommen von folgenden 
Selachiern bez. Proselachiern ausgezeichnet: 
Pleuracanthus oelbergensis Fritsch, 
Xenaoanthus Decheni Goldf. und 
Acanthodes gracilis F. Körner. 
Ferner fehlen in den Ottendorfer Kalken im Gegensatz zu den 
Braunauern Amphibienreste vollkommen. 

Es ergibt sich also, daß in den Floren der beiden kalkfiihrenden 
Horizonte wesentliche Unterschiede bisher nicht nachzuweisen sind, daß 
aber die Ottendorfer Kalke durch große Fischspezies und das Fehlen von 
Amphibien, die Braunauer durch kleine Fische und zahlreiche Amphibien 
charahterisiert sind. 

Fritsch nennt folgende Stegocephalen : 
Branchiosaurus nmbrosus Fritsch. 
Melanerpeton pusillum Fritsch. 
Melanerpeton pulcherrimum Fritsch. 
Chelydosaurus Vranyi Fritsch. 

Sclerocephalus latirostris Jordan, letzterer nach Frech. 
Es bedarf keiner weiteren Ausführungen, um auf Grund dieser fau- 
nistischen Verschiedenheiten zwischen Ottendorf und Braunau zwei gleich- 
wertige Zonen innerhalb der Stufe des Mittelrotliegenden auszuscheiden. 

c. Tektonik: die 3 Verwerfungen. 
Der vierte Funkt, den Dathe bei seiner Gliederung des Rotliegenden 
außer Acht gelassen hat, ist nicht minder wichtig, als die vorhergehenden. 
Er spricht von einer vollständigen Entwickelung, die nur durch die 
zwischen seinem „Unter"- und Ober-Rotliegenden bestehende Diskordanz 
eine Unterbrechung erfährt. So ungestört ist aber die Ablagerung durch- 
aus nicht, vielmehr durchsetzen 3 Brüche die Schichtenfolge. Auf dem 
westlichen und dem östlichen Sprunge ist sogar Porphyr in Gangforro 
emporgedrungen. Daß Dathe die Störungen übersehen hat, ist um so 
wunderbarer, als durch ihn nördlich auf den Blättern Rudolfswaldau und 
Neurode mehrere Brüche bekannt geworden sind und südlich Leppla eben- 
falls mehrere Verwerfungen nachgewiesen hat, eine ungestörte Schichten- 
folge also nicht wahrscheinlich war. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 31 



1. AValditzer Porphyrgan«^. 

Der östliche Sprung ist die sclion seit Schütze in der Literatur be- 
kannte Hauptverwerfnng der Frischaiif-Grube bei Eckersdorf und ihre un- 
mittelbare Fortsetzung: der Walditzer Poi-pliyrgang. Auch die Tendenz 
dieser Verwerfung ist durch Schütze bekannt: die westliche Scholle ist 
abgesnnkeu, bezw. die östliche gehoben. 

Die Bedeutung dieses' Sprunges ist außerordentlich groß. Obwohl die 
Gesamtmächtigkeit des Obercarbons wegen ungentigender Aufschlüsse nicht 
festzustellen ist, so beträgt sie doch entschieden einige hundert Meter. 
Am Hauptsprung schneiden nun die Flötze gegen Eotliegendes ab, ohne 
daß die Fortsetzung in ungestörter Lagerung') bekannt geworden wäre. 
Ein Bruch von solchem Ausmaß kann aber in horizontaler Richtung auf 
eine so kleine Entfernung wie 5000 m um so weniger verscjiwinden, als 
in seinem unmittelbaren Fortstreichen der Walditzer Porphyrgang aufsetzt. 

Wir haben also eine erste, selir erhebliche Störung im 
Bereiche des Datheschen Normalprofiles. 

2. Stein etalsprung. 

Die zweite große Vei'werfung ist der im Anfange dieser Arbeit genauer 
besprochene Sprung, der dem Kohlenvorkommen bei Mittelsteine nach W 
zu ein Ende setzt. Auch dieser zeigt die gleiche Eigentümlichkeit des 
Absinkens der westlichen, dem Muldeninnern zugekehrten Scholle, bezw. 
der Hebung der östlichen. 

Das Ausmaß dieses Steinetalsprunges muß noch mindestens um 300 m^) 
bedeutender sein als das des obigen, da bei Mittelsteiue die flötzfülirenden 
Horizonte der Reichhennersdorfer Schichten, nicht die höheren Schatzlarer 
Schichten wie bei Eckersdorf vorhanden sind. Oberflächlich verschwindet 
der Bruch zwar unter den Alluvialbildungen des Steinetales, hat aber 
offenbar den ersten Anla(5 zu dieser das Antlitz der Gegend beherrschenden 
Furche gegeben. 

Wie weit die Verwerfung nach Norden fortsetzt, ob sie nur bis 
Scharfeneck streicht, oder ob die mächtigen Melaphyr- und Porphyrdecken 
weiter nordw<ärts bei Böhmisch-Schönau auf dieser Sprungkluft empor- 
gedmngen sind, oder ob nur die kleinen Melapliyrdeckenreste nordöstlich 
von Tuntschendorf ihm ihr Dasein verdanken, entzieht si^h vorläufig noch 
unserer Kenntnis. 

1) Einige Flötzfetzen, die man anfuhr, können für die Berechnung des Sprung- 
ausmaßes nicht in Betracht gezogen werden. 

2) Die einzige z:iJilenui;ißig bekannte Mächtigkeit des „großen Mittels", der 
Reichhennei-sdoifev Sanilsleine, stammt von der Fuchsgrube, wo das Mittel zwischen 
Liegend- und Hangend-Zug 310 in betragt. 



32 Jahresbericht der Schles. Gesellsohal't für vaterl. Kultur. 

3. Undulierende Lago,rung. 

Weiter nach Westen schreitend, begegnen wir dann ab und zu einer 
«ndulierenden Lagerung, so im Bahueinsclmitti) bei der Fabrik Villa Nova 
im Tale des Eathener Wassers. Eine zweite bedeutendere Schichtenwelle 
konnte nördlich von der Tuntschendorfer Mühle am Sttdabhang des Täuber- 
hlibels und jenseits der Landesgrenze am Täuberbusoh beobachtet werden. 
Ebenso zieht ein dritter Schichtensattel von den EndebUschen bei Barz- 
dorf das Schwarzbachtal entlang, und weiter nördlich von Ottendorf bis 
in die Höhe von Braunau. Auf der „grauen Flur", 700 m nördlich vom 
Popelbauerhof wurde die tiache Lagerung auch noch konstatiert. 

Wenn auch die Höhen ditferenz zwischen Sattel und Mulde nicht 
erheblich ist, so beweist doch das Vorhandensein wellenförmiger Lagerung, 
daß Dathes Ansicht eines völlig gleichartigen Einfallen und einer nor- 
malen Aufeinanderfolge innerhalb des Schichtenkomplexes nicht richtig ist. 

Es folgt dann die von Dathe in dem tiefsten Horizonte seiner 
Lebacher Schichten gestellte „Eruptivstufe mit Ergüssen von Melaphyr, 
Augitporphyrit, Poi-phyren, Porpliyr- und Melaphyrtuflfen". Hiermit sind 
wohl die Melaphyrquellkuppen des Bieter Busches, des Steinberges und 
des Huppnch südlich von Tuntschendorf, die Porphyre des Kahlenberges, 
der Hauptmann- und Dinterkoppe nördlich gemeint^). 

4. Der Rath en-Tuntschendorfer Porphyrgang. 

Weiter nach Westen hatte dann Dathe eine dritte Verwerfung über- 
sehen, die durch das Vorhandensein eines Porphyrganges deutlich auf 
ca. 8 km Länge verfolgt werden konnte. Auf demTäuberhttbel nordöstlich von 
Ottendorf beginnend erreicht der Gang in 300 m Abstand vom preußischen 
Zollamte Tuntschendorf die Landesgrenze, folgt ihr, im Steinetal durch 
Alluvialbildungen verdeckt, dann wieder zu Tage tretend bis zur Kolonie 
Schcidewinkei. Der Porphyrgang streicht dann an der Pieichenforster Schmiede 
vorüber, überschreitet die Quellarmc des Schlagwassers in der Richtung auf 
Schloß Käthen zu. Er setzt dann unter den schmalen Alluvialbildungen 
des Rathener Wassers hindurch auf das Südufer, wo er in einem Bahn- 
einschnitt der neuen Nebenstrecke Mittelsteine— Wünschelburg aufgeschlossen 
ist. Weiter nach Süden zu ist es noch nicht gelungen, ihn aufzufinden^). 
Der Gangoharakter dieses Gesteines wird dadurch erwiesen, daß in flach 
gelagerten Schichten ein teils breiterer teils bis auf 8 m verschmälernder 
Eruptivzug auf 8 km geradliniger Entfernung verfolgt werden konnte. 

Das Porphyrgestein selbst ist nach dem Urteile des Herrn Professor 
M ilch "), dem ich Handstücke vorlegte, ein typischer Ergußporphyr, nicht 

1) vergleiche das beigel'ügie Profil H. 

,2) Die Orientierung in dem Dathesohen Profil ist sehr ersoliweit, da es 
vermieden ist, Orientierungspunkte, wie Täler, Flüsse oder Ortschaften anzugeben. 

«) Weäthch von den Kalköfen über dem grünen Hof zu Niedersteine wurde 
aucti I orphyr nachgewiesen. 

*) Dem ich hierfiir auch an dieser Stelle meinen besten Dank sage 



11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektio: 



33 



ein 'J'uff. Er neigt ebenso wie der des Walditzer Ganges zu kugliger 
Absiiiiderung. Infolge von Zersetzung ist die Grundmasse, in der ver- 
blaute Feldspätlie eingebettet sind, grünlich gefärbt. 

Das Verhalten in dem Bahnanschnitt, der kurz vor der Haltestelle 
Nieder-Rathen- Albendorf gelegen ist, zeigt deutlich, daß auch hier der 
Sprung Absenkungen in gleichem Sinne wie der Steinetal- und der Eckers- 
dorfer Bruch hervorgerufen- hat. Siehe Profd III. 

Hervorgehoben sei noch, daß der Porphyr an einigen Stellen^) die 
durchbrochenen Schichten im Kontakte verändert hat. So sind die roten 
Sandsteine, die an den Kathener Porphyrgang herantreten, durch Kontakt- 
metamorphose entfärbt und zeigen als charakteristische Erscheinung der 
Hitzewirkung zahlreiche kleine Glimmerscbüppchen ausgeschieden.^) 

d. Versuch einer neuen Gliederung. 
Betrachtet man nun unter Berücksichtigung der besonders im letzten 
Punkte erbrachten Tatsachen die komplizierte Rotliegendteilung Dathes, 
80 ergibt sich eine sehr erhebliche Vereinfachung. Denn durch die drei 
erwähnten widersinnig einfallenden Staffelbrüche sind immer 
wieder dieselben Schichten an die Oberfläche gebracht. 

Daher gehe ich folgende Teilung: 
C. Oberrot- ^ V. Tonige Sandsteine mit KnoUenkalkflötzen („QucUkalkon")^) 
liegend. flV. Grobe Konglomerate. 

/HI. Feine rote Sandsteine, tonig, meist fossilleer mit bunten 
„Braunauer Kalken" (diese mit Amphibipien , Amblypterus 
vratislaviensis, Walchien). 
Ul. Graue Schiefer, z. T. sandig oder malacbitführend mit 
B. Mittel- j Palaeanodonta und Einlagerungen von schwarzen Brand- 
rot- \ schiefern: „Ottendorfer Kalke" mit Amblypterus Rohani, 
liegend. 1 A. luridus, Palaeanodonta, Callipteris und Walchia«''). 

I I. Rote Sandsteine: „Neuroder Bausandsteine" mit tonigen 
r pflanzenführenden Zwischenlagen, aus denen auch die 

I Palaeohatteria bekannt geworden ist, zu unterst gröber 

werdend und in Konglomerate übergehend. 
A. ünterrotliegend. (Fehlt in dieser Gegend.) 

Diskordanz. 

Obercarbon: Xaveristollener Schichten*). 

1) z. B. auf der Höhe über dem Rathener Schloss. Ken- Professor Milch halte die 
'iüie, die Deutung der mitgebrachten Stücke als Contaotmetamorphose zu bestätigen. 

2) Diese dtirften mit den Sohömberger und Trautliebersdorfer identifiziert 
werden. 

3) Auch mit schwachen Kohlenflötzen, so im Höllengraben, wo auf ein 0,03 m 
'nächtiges Flötz Ende der 60er Jahre die Mutung „Selbsthilfe" eingelegt wurde. 

•1) Es sei gestaltet, diese Teilung mit der Dat besehen in einer Tabelle zu 
\'eveinigen, siehe Seite 36 u. 37 Tabelle. 

1904. 3 



34 Jahresbevicht der Schles. Gesellschaft, für vaterl. Cultur. 



Mittel-, nicht Unter-Rot liegßiides. 

Die Zureclmung des gesamten Schichtenl^omplexes mit Ausnahme der 
hangenden Partien zum Mittelrotliegenden ist schon erörtert. Jedenfalls 
fehlen die Unterrotliegendschichten hier bei Neurode völlig; denn es ist 
auch nicht die geringste Andeutung der Unterrotliegenden schwarzen 
Tonschiefer hier vorhanden, die bei Grüßauisch- Albendorf sogar flötz- 
ftihrend') entwickelt und zeitweise durch den Bergbau der „Neue Gabe- 
Gottes -Grube" erschlossen sind. 

Diskordanz zwischen Mittel- und Oberrotliegendem? 

Die Frage, ob zwischen Mittel- und Oberrotliegendem, wie Dathe 
annimmt, eine Diskordanz vorliegt, soll hier nicht erörtert werden. Zwar 
deuten die an der Basis des Oberrotliegenden entwickelten Konglomerate 
auf tektonische Veränderungen und Neubelebung der Wildbachtätigkeit 
hin. Ob aber diese Veränderungen so bedeutende sind, um eine Diskordanz 
zu rechtfertigen, kann zunächst bei dem Mangel an deutlichen Aufschlüssen 
nicht mit genügender Sicherheit behauptet oder verneint werden. 

c. Oberrotliegendes. Zur Frage der Wüstenbi Iduug. 

Ebenso wie die Gerolle der unterrotliegenden Konglomerate, tragen 
auch die der oberen, wie besonders südlich von Barzdorf-Weckersdovf zu 
beobachten ist, die charaktei-istische Rundung der im flieJäenden Wasser 
bewegten Geschiebe. Nirgends wurde bisher ein Kantengeschiebe oder 
sonst etwas, was an die Arbeit des Windes erinnert, aufgefunden. 

Auch für den deutschen Buntsandstein, dessen Wüstenursprung Wo it- 
hofer als bewiesen annimmt, ist inzwischen von E. Philipp i in der 
Lethaea mesozoica gezeigt worden, daß nur Huviatile Entstehung in Frage 
käme. Ein trockner und kälter Werden des Klimas ist, wie Frech ver- 
schiedentlich erwähnt, für das Rotliegende Böhmens erwiesen; aber für 
die Hypotliese einer reinen Wüstenbildung des Eotliegende» 
reichen die bisherigen Beweise nicht aus. 

Diese oberrotliegenden Konglomerate^) setzen die langwelligen Höhen- 
rücken im Südwesten, so z. B. zwischen Barzdorf und Scheibau zusammen. 
Sie werden von roten milden Tonschiefern und Schiefertonen überlagert, 
in deren tieferen Horizonten, stellenweise direkt an der Grenze gegen die 
Konglomerate -bunte Knollcnkalke sich in Nestern einstellen. 

Das Gelände steigt allmählich weiter an und kulminiert in den 
schroffen Kreidefelsen^) der Heuscheuer und des Braunauer Sternes. Den 
Abhang bedecken zahllose TrUmmer des weißgelben Quadersandsteines, 
der durch die bei der Transgression umgearbeiteten Rotiiegendschicliten 
in seinen unteren Partieen gelb bis rot gefärbt ist. 

.1) Das FlöU der „Selbsthilfe -Grube" gehört zu II. 
^) Die schon auf der alten Karte meist richtig kartiert sind. 
3) Die Bearbeitung der Kreide von K. Flegel erscheint demnächst. 











L. 




k 



II. Abteilung. Naturwi.s^enschaftliche Sektion. 



Ergebnisse: 

1. Das Mittelsteiner Carbonvorkommen stellt einen auf den südlich 
anstehenden Möhltener Urschiefern aufsitzenden keilförmigen Horst dar, 
der gegen NNO und gegen SW von divergierenden Brüchen begrenzt 
wird. 

2. Das Mittelsteiner Carbonvorkommen gehört den Reichhennersdorfer 
Schichten an (= Sattelflötzhorizont). 

3. Die Eckersdorfer Carbonmulde ist zwischen zwei Brüchen ein- 
gesenkt: Eckersdorfer Flötzgraben. Analogie: Der Lähner Graben. 

4. Die hangende Plötzpartie der Wenceslausgrube, die hangenden 
Flötze bei Waidenburg (Amalienrösche) gehören ebenso wie die hangenden 
Partien der Rubengrube der oberen Saarbrücker Stufe an. 

5. Das Carbon der Wilhelminagrube bei Zdiarek steht dem Alter 
nach zwischen den Xaveri- und Idastollener Schichten, dürfte also etwa 
dem Piesberg-Carbon und dem von Ibbenbüren gleichzustellen sein. 

6. Die Rotliegendschichteu von Neurode sind mittelrotliegenden 
Alters. Das ünterrotliegende fehlt infolge einer Diskordanz. 

7. Die nordwestlichen Ausstrahlungen des Neißegrabens haben bei 
Neurode das Rotliegende verworfen. 

8. Durch 3 parallele nahezu im Streichen liegende widersinnig 
einfallende Staffelbruche ist bei Neurode eine viermalige Wiederholung 
des gleichen Mittelrotliegend-Schichtenkomplexes bedingt. 



36 



Jahresbericht der Sohles. Gesellschaft für vaterl. Cultiir. 



111. obere Sandsteine mit 
roten Kalken (Brau- 
naue r) 
IL graue oder schwarze 
,,Anthraco8."-Scliiefer 
und schwarze Kallie 
(Ottendorfer) 
1. untere Sandsteine (z. t. 
tonig) U.Konglomerate 



IlL 
11. 



Oegeuüberstellung der Gliederung Datlie's'! 

Oberrotliegendes. 
14. Rötheischiefer, dunnbänkige grauröt- 
liche Sandsteine und Kai klager (Brau- 
nauer Kalke) 
13. Graue Walcliienschiefer u. Sandsteine 
mitKalkstcinflötzen(Ottendorfer 
Kalk) 
12. Eruptivstufc (Melaphyr, Porphyr) g_A 
Walchienschiefer und Kalkstein- S^ ' 
flötze. £- 

Rathen-Tuntschendorfer 0- 

Porphyrgang. 'S 

Obere Bausandsteine mit rotbraunen ^ 1 
Kalksteinflötzen (Braunauer Kalk)^/ 



11 



1) Für die Dathesche Glied ei 
gewählten Nummern I — III. 



10. Oberste braunrote Schiefertone 

9. Graue Arkosesandsteine mit Kohlen- 
flötzen u. schwarzen „Anthracosin"- 
Schiefer (Ottendorfer Kalk) 

b. Rotbraune Schiefertone, graue Arkose- 
sandsteine u. grauschwarze Walchien- 
scliiefer (Walchia). 

Steinetalsprung. 

7. Porphyrtuife 

6. Hellrotbraune Bausandsteine mit Kalk- 
steinflötzen (Braunauer Kalke) 

5. Rotbraune Konglomerate und Sand- 
steine m. scliwarzen „Antbracosien"- 
Schiefer (Ottendorfer Kalke). 
Kontakt. 

4. Lyditkongl. , graue Arkosesandsteine, 
Kohleschmitzen. 

Walditzer Porphyrgang. 

3. ,,Anthracosien"- Schiefer mit dünnen 
Kalksteinflötz. (Zweischaler u. Pllanzen) 
(Ottendorfer Kalke) 

2. Botbraune Schiefertone und diinn- 

plattige Sandsteine (Walchia, Odon- 

topteris) 

1. Kotbr. Sandsteine und Konglomerate 

m. Porphyrgeröllen (Walchia „Saurier' ) 

die 7 + 4 + 2 + 1 Stufen ausscheidet, ist 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



"'Hl des neuen (xliederungsversuches. 



ÜI, 



Hellrotbr. Bausand- 
steine m. KaUfsteinflötz. 
jl _ (Braun. Kalke) 
' ^- niitschwarzen„Anthra- 
cosien"-Schief.(Otteu- 
j dorfer Kalke) 
■ ^' Rotbr. Kongl 
U. Sandsteine. 
i, j Kontakt, 
r .i^yditkonglomerate, grai 
(Kose - Sa - ■ " ■ ■ 

'ttiUzen 



' 11. Obere Bausandst. m. 
j rotbr. Kalksteinflötz. 
) 10, Oberste braunrote 
Scliiefertone 
9. Graue Arkosesand- 
steine m. Kohlenflötz. 
u.schwarzen„Anthra- 
cosien"-Schiefern 
8. Rotbr. Schiefertone, 
graue Arkosesand- 
steineu.grauschwarze 
Walchienschiefer 
7. „Porphyrtuffe" 



Oberrotliegendes 
(Diskordanz?) 



14. Rötheischiefer, dünn- 
bänk. Sandsteine u. 
Kalklager (B r a u n a u. 
Kalk) 

13.Gra.ueWalchienschief. 
u. Sandsteine m.Kalk- 
steinflötzen (Otteu- 
dorfer Kalk) 

12. Eruptivst. (Melaphyr, 
Porphyr) Walchien- 
sohief. u. Kalkstein- 
flötz. (Ottend. Kalk) 



Ziffern gewählt, die andere entspricht den in der Arbeit 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Über Steinkohlenformation und Rotliegendes bei Landeshut, 
Schatzlar und Schwadowitz. 



Joh. Herbing. 

Einleitung. 
Die ältere Literatur über das Karbon und Rotliegende der nieder- 
sclilesisch- böhmischen Steinkohlenmulde ist durch die Aufnahmen von 
Beyrich, Rose, Roth und Runge^) und namentlich durch die Arbeiten 
Schützes überholt worden. Es soll daher auf jene älteren Erscheinungen^) 
nicht eingegangen werden, da Schütze sie in seinen Werken ausführlich 
bespricht. 

Bereits 1865 veröffentlichte Schütze als Mitarbeiter vonGeini tz") einen 
kurzen Aufsatz über das ,,Niederschlesisch-böhmische Steinkohlenbecken". 
Durch den Verkehr mit Stur und Weiß und eine 17jährige Forschungs- 
und Sammeltätigkeit wurde es ihm möglich, in seinem Hauptwerke'^) eine 
genaue Stufeneinteilung des produktiven Karbon in Niederschlesien und 
Böhmen kartographisch sowohl wie pflanzenpaläontologisch durchzuführen, 
die im wesentlichen noch heute Geltung hat. Er gibt folgende Gruppierung-"^) 
der Flözzüge: 
V. Stufe. Der Radowenzer Flözzug (Obere Ottweiler 

Schichten Weiß, Radowenzer Schicliten Oberes 

Stur) mit der 5. Flora. 
IV. Stufe. Der IdastoUner Flözzug (Untere Ottweiler 

Schichten Weiß, Schwadowitzer Schichten Mittleres 

Stur) mit der 4. Flora. 
III. Stufe, üer Waldenburger Hangendzug (Saar- 
brücker Schichten Weiß, Schatzlarer 

Schichten Stur) mit der 3. Flora. 
II. Stufe. Der Waldenburger Liegendzug (Waiden- Unteres 

burger und Ostrauer Schichten Stur, 

Ober-Kulm Stur) mit der 2. Flora. 



Ober- 
' karbon. 



1) Geognostische Karte vom Niederschlesischen Gebirge und den umliegenden 
Gegenden 1865 und die von Roth zusammengestellten Erläuterungen von 1867 mit 
einer bis dahin vollständigen Literaturangabe. 

2) Werke von Zobel und v. Garn all (lU. u. IV. Band von Karstens Archiv 
1831 u. 1832), von v. Wavnsdorf, Semenow, Göppert u. Beinert. 

3) Geinitz, Steinkohlen Deutschlands und anderer Länder Europas, München 
1865 Bd. 1, Kap. 8 S. 209—237. 

*) Schütze, Geognostische Darstellung des niederschl.-bohnusch. Steinkohlen- 
beckens, Berhn 1882. 
■') 1. c. S. 13. 



II. Abteilung. Niitnrwissensohaftliche Sektion. 



I. Stufe, Kolilenkalk und Kulm (Unter-Kulm Stur) Unler- 

mit der 1. Flora. karbon. 

Als Weiterführung der Schütz eschen Angaben gelang esPotonie,') 
den 5 Floren 2 neue hinzuzufügen. Er wies 2 Mischfloren nach, von 
denen er eine, die „Reichhennersdorf-Hartaucr Schichten''^) zwischen 
Liegend- und Hangendzug als Flora 3^) und die andere als Flora 5 = 
Xaveristollner- Schichten zwischen die Schatzlarer und Schwadowitzer 
Schichten Sturs einfügte. Diese letzteren waren schon von älteren Autoren'') 
als „steilstehender Flözzug von Schwadowitz" dem „flach fallenden" 
(= Idastollner Pot.) gegenübergestellt, floristisch jedoch noch nicht abge- 
trennt. 

Weithofer^) endlich schied auf der seiner Abhandlung beigegebenen 
Karte zwischen Idastollner und Piadowenzer Schichten den Zug der ,,Hexen- 
stein-Arkosen" aus und stellte ihn der mittleren Ottweiler Stufe gleich. 
Auf österreichischem Gebiet ist die weitere Teilung der Saarbrücker Stufe 
bisher durchzuführen noch nicht gelungen. Daher faßt auch Weithofer 
Schatzlarer s. str. -\- Xaveristollner als „Schatzlarer Schichten" im weiteren 
Sinne zusammen. Ebenso verwies er das Unter-Rotliegende der alten Karte 
ins Karbon bis auf einen kleinen Gebietsteil nord- nordwestlich Werners- 
dorf, in dem die zu behandelnden Kupferlager gelegen sind. Seine Arbeit 
ist die beste, die bisher über den österreichischen Anteil an der Nieder- 
schlesisch-böhmischen Karbonmulde erschienen ist. 

Die Aufnahme tätigkeit des Verfassers beschränkte sich zunächst auf 
das produktive Steinkohlengebirge und das Rotliegende der Exkursions- 
karte") westlich der Kreideausfüllung der Mulde und reichte etwa von 
Zbecnik bis Reichhennersdorf. Interessante einem glücklichen Zufall zu 
dankende Funde fossiler Pflanzen veranlaßten aber eine Ausdehnung der 
Arbeit nördlich über das Gebiet der Exkursionskarte hinaus bis in die 



1) Potonie, Die floristischi! Gliederung des deutschen Karbon und Penn. 
Glückauf 1896. 

2) Dathe nennt (Zeitschr. d. D. geol, Ges. 1902) dieses tlözleere Mittel „Weiß- 
steiner Schichten", ein Name, welcher aus Prioritätsrücksichten hier nicht gewählt 
worden ist. Wir nennen dieses Mittel hier der Kürze halber immer nur „Reich- 
liennersdorfer Schichten". 

3) Potonie, Die floristisclie Gliederung des deutschen Karbon und Perm. 
Berhn 1896, S. 14/15. 

i) Vgl. Jokely, Steinkohlenablagerungen von Sohatzlar, Schwadowitz etc. 
Jahrb. der k. k. geol. Reichsanst. 1862. Verhandl. S. 169 ff. imd Schütze 1. c. S. 5. 

6) Weithofer, Der Schatzlar-Schwadowitzer Muldenflügel des Niederschles.- 
böhmischen Steinkohlenbeckens, Jahrb. d. k. k. geol. Reichsanst. 1897, S. 454—478. 

6) Geolog, Exkursionskarte des [leuscheuer- und Adcrsbaidi-Weckelsdorfer 
Gebirges. Breslau 1904 



40 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Umgegend von Landeshut,. i) Außer diesem neuen Oberkarbo n 2) bei 
Landeshut soll die iVrbeit des Verfassers neuere Beobachtungen aus dem 
eben begrenzten Gebiete der Exjiursionskarte bringen. Die Reihenfolge 
ergibt sich von selbst aus dem Alter der Schichten, die behandelt werden 
sollen vom Liegenden zum Hangenden, vom Unterkarbon zum Rot- 
liegenden. 



ievor 



■ die Ergebnisse der Aufnahmen im folgenden niedergelegt werden, 
sei es gestattet, allen den Herren zu danken, die dem Verfasser bereit 
willigst ältere Aufzeichnungen und Fossilien überlassen haben. Ihnen allen 
namentlich zu danken verbietet mir der beschränkte Raum dieser Zeilen. 
Besonders aber bin ich Herrn Bergwerksdirektor a. D. Schönknecht- 
Landeshut verpflichtet, dessen Sammlung so manches wertvolle hier ver- 
wendete Stück von Landeshut und aus Albendorf (Bez. Liegnitz) entstammt; 
ebenso auch Herrn Rentner Thomas-Landeshut, der in selbstloser Weise 
mich auf einem Teil der Aufnahmen und ßcgeliungen in Landeshuts näherer 
und fernerer Umgebung begleitete. 

Vor allem aber möchte ich meinen hochverehrten Lehrern, Herrn 
Professor Dr. Fr. Frech, der mich auf dieses Gebiet aufmerksam machte 
und mich im Verein mit Herrn Professor Dr. Milch S) in liebenswürdigster 
Weise bei der Anfertigung der Arbeit unterstützt hat, an dieser Stelle 
meinen aufrichtigsten Dank aussprechen. 

Rundblick vom Einsiedelberge. 
Nicht so deutlicli wie in der Grafschaft Glatz heben sich die Schichten- 
folgen topographisch in dem zu behandelnden Gelände ab. Auf dem West- 
abhang des Einsiedelberges nördlich von Liebau vom Bethlehemer Wege 
aus sieht der Beschauer zu seinen Füßen den raittelrotliegenden Porphyr mit 
seinem westlichen Steilabfall. Darunter lagern sich ziemlich am Fuße des 
Berges an der Chaussee die Schichten des Rotliegenden an, die durch eine 
oberflächlich nicht wahrnehmbare Diskordanz von den Schatzlaror Schichten 
getrennt sind. Eine nord-süd verlaufende Reihe von Schürfhalden des 
ehemaligen Bergbaues markiert den Verlauf der Reichhonnersdorfcr Schichten, 
die mit den Schatzlarer Schichten zusammen das im Bobertale abgelagerte 
Oberkarbon dieser Gegend darstellen. 



1) Von der geplanten Fortsetzung der Exkursionskarte nordwärts wurd<3 Ab- 
stand genommen, weil es den Anschein hatte, als ob die im yonimer 190-3 durch 
die ICrankheit des Herrn Landesgeologen Dr. E. Dathe unterbroclieiien Aufnahmen 
im Sommer 1904 fortgesetzt werden sollten. 

2) Vergl. des Verf. briefliche Mitteilung im „Zentralblatt für Min. etc," 1004, 
S. 403—405. 

3) Bei den petroKrapiuscIien Bestimmungen der Gesteine. 



11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 41 



Man erblickt hier hart an der Grenze rler Unterkarbonsedimente die 
Sandgrube, aus der der für die ßetonarbeiten der Buchwaldcr Talsperre 
nötige Sand gewonnen wird. Das IJnterkarbon hebt sicli mit seineu sleilen 
Konglomeralhülien scliarf von diesem unter den Boberalluvien verborgenen 
Oberkarbon ab, und den Westrand des Gesamtbildes bilden die krystallinen 
Scliiefer des Riesengebirges. So haben wir hier ein vollständiges Bild 
der nachstehend behandelten Schichten erhalten, dem nui' das hier nicht 
entwickelte Oberkarbon der höheren Horizonte fehlt. 

I. IKis Uiiterkarboii von Landeshut^) und die HeicliheiiTiersdorfer 
Schichten Pot. 
Unterkarbon. 

Die Masse der Unterkarbonsedimente, unterkarbonischer Pflanzengrau- 
wacke, sogenannten Kulms, ^) im ganzen behandelten Gebiete besteht der 
Hauptsache nacli aus mehr oder weniger groben Konglomeraten, zwischen 
denen nuf vereinzelt Sandsteine und Tonschiefer auftreten. Beyrich 
unterscheidet petrographisch zwei besonders hervortretende Konglomerat- 
zijge,''') deren liegender, im wesenthchen am Rande der krystallinen Schiefer 
von Kunzendorf an verläuft. Der hangende Konglomeratzug bildet etwa 
die Grenze der produktiven Steinkohlenformation, soweit das Gebiet der 
Exkursionskarte in vorliegender Arbeit in Frage kommt. Er beginnt bei 
Tschöpsdorf, erreicht im Schartenberge bei Buchwald mit 723,7 m seine 
höchste Erhebung und verläuft im Kartengebiete über die Höhen westlich 
von Blasdorf. Weiter bilden die Konglomerate des Zuges ,,die niedrigen 
Höhen zwischen Nieder-Schreibendorf und Landeshut, und gehen zwisclien 
Vogelsdorf und Ruhbank auf das rechte Boberufer ülser". 

Einen besonders guten Aufschluß bietet der Bau der Talspeii-e bei 
Buchwald am südlichen Abhänge des Schartenberges. Die Schichten 
streichen hier N 35 W und fallen mit ca. bO '^ gegen SO ein. Es steht 
im Gegensalze zu den Konglomeraten des Oberkarbon hier ein überaus 
festes dunkelbraunes, etwas ins siennafarbene spielendes Konglomerat an, 
in dem weiße Gangquarze*) zurücktreten, während Phyllite und Quarzite 
vorwiegen. Eingelagert sind nicht wie in den oberkarbonischen Konglo- 
meraten weiße bis graue Sandsteine, sondern grünlichgrau gefärbte Grau- 



1) Bis zur Landesgrenze nördlich Bober bei öcliwarzwasser. 

ü) Frech, Lethea geognostica 2.'Band. Stuttgart 1897—1902 S. 323 (Tabelle) 
gliedert das Unierkarbon in der Grafschaft Cllatz in 3 Zonen: Oben Schiefer, 
Pflanzengrauwacke und Konglomerate mit eingelagerten Kalkbänken, Kalke mit 
Productus sublaevis und unten die Gneiskonglomerate. 

3) Roth, Erläuterungen 1867 S. 323—324. 

*) Im Oberkarbon wiegen in scharfem Gegensatze dazu diese Gangquarze vor. 



i 



42 Jaliresbericht der Scbles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



wackensandsteine. Das Gefüge ist ebenfalls wie am später zu behaiidelnden 
Leuschnerberge, östlich Landeshut, ein schuttkegelartiges. 

Dieses feste Gestein ist für die Pundierung einer Talsperre und als 
Stützpunkt für die große Sperrmauer derselben überaus geeignet, ganz ab- 
gesehen davon, daß die Härte dieses Konglomerates hier gleichzeitig eine 
Verengung des Bobertales veranlaßt, und die Sperrmauer so gewissermaßen 
eine Brücke zwischen den Konglomeraten der südlichen Höhen und dem 
Schartenbergzuge herstellt. Eine gleiche Anlage in den weicheren Kon- 
glomeraten des Oberkarbon wäre undenkbar gewesen. 

Eruptivgesteine. 

Wenn von dem Sattelwaldporphyr abgesehen wird, tritt als einziges 
bisher auf den geologischen Karten abgegrenztes Eruptivgestein der Por- 
phyrzug zwischen Alt- und Neu -Weißbach auf,i) der hier den Mühl-, 
Zinnseilen-, Buch- und Bärberg zusammensetzt. Seine höchste Erhebung 
bildet der Bärberg mit 766,3 m; am westlichen Fuße des Mühlberges 
schießen die Schichten, wie schon Schütze betonte, dem, Hauptfallen der 
ganzen Ablagerung entsprechend, ostwärts unter den Porphyr ein, während 
am Ostabhange des Bärberges ein steileres Fallen nicht zu bemerken war. 

Das Orthoklasporphyrvorkommen am westlichen Boberufer unweit 
Ruhbank bei Merzdorf, das auf den geologischen Karten bisher fehlt, ist 
schon von Schütze^) angeführt worden. 

Gedacht sei noch eines Glimmerporphyrites mit kcrsanti tisch ern Ha- 
bitus,''') der an einigen Stellen gangartig zutage tritt, beispielsweise am 
Wege vom „Aurelienschacht" im Kreppelwalde nach Krausendorf und an 
der alten Schreibendorfer Straße. Im Felde der Grube „Martin"'"') soll er 
das Hangende des Fundflözes bilden. Dieser Porphyrit tritt immer im 
Hangenden des erwähnten Beyrichschen hangenden Konglomeratzuges auf. 

Organische Reste. 
Die Fauna mid Flora des Landesliuter Kulm ist von Schütze 
tabellarisch übersichtlich zusammengestellt,'^) so daß es sich erübrigt, hier 
näher darauf einzugehen. Die auf Figur 1 wegen ihres guten Erhaltungs- 
zustandes abgebildete Cardiopteris polymorpha Göppert entstammt der 
Sammlung des Herrn Hauptlehrer Patschovsky in Dittersbach bei Liebau*") 
und stimmt mit dem Göppertschen Originale vollständig überein.') 



\ Schütze, 1. c. S. 37—39 u. Roth, Erläuterungen 1867 S. 324 f. 
2) Schütze, 1, c. S. 238 unten. 

•1) Nacli freundlicher Üntersueliung von Herrn Professor Dr. Milch. 
't) Nach mündlicher Angabe des Herrn Thomas -Landeshut. 
5) Schütze, \. c. S. 62—69. 

") Gypsabguß des Originals im Museum des Breslauer geol. Inst. 
') Herrn Patschovsky möcbic ich an dieser Stelle für die tTberlassung 
dieses Prachtstückes nochmals verbindlichst danken. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



43 




J<'igur 1. Cui-flioplei'is pol.i (.Ii., mopp.) Schini. aus Oppau. 

(gez. nach einet- Photngrnpliie vnm Vevf. u. Dr. Loeschmann) etwas verkleinert. 

Das Gebiet übci- dem oberen Konglomeratzuge 
wurde bislier allgemein dein Unterkarbon oder Kulm zugesprochen. Aus 
diesen hängenderen Partien sind bisher bei Landeshut nur Asterocalamites 
scrobiculatus (Göpp.) Pot. und Lepidodendron, namentlich Lepidodendron 



k 



44 Jahresbericht der Schles. Gesellschiift iui- vaterl. Cultur. 



Veltheimianam Sternbg. in teilweise selir gut erlialtenen Riesenexemplaren 
bekannt und beschrieben i) worden, dagegen gehörten Funde von Farnen und 
SigiUarten bislang zu den Seltenheiten. Auch die mit großem Fleiße von 
Oberlehrer Hög er -Landeshut zusammengebrachte Sammlung^) enthält aus- 
schließlich Asterocalamites und Lepidodendron. Aus dem massenhaften 
Vorkommen dieser Pflanzen war wohl der Schluß, gezogen worden, daß 
das Landeshuter Gebiet dem Kulm angehöre. 

Jedoch veranlaßte das häufige Auftreten von Flözausbisson in diesem 
Gebiete den Verfasser, diese Anschauung auf ihre Richtigkeit zu prüfen, 
zumal Asterocalamites scrobiculatus (Göpp.) Pol. und Lepidodendron Velthei- 
mianum Sternbg. schon längst nicht mehr als Leitpflanzen des Kulm gelten, 
sondern ihr Vorkommen auch in der sudetisohen Stufe bekannt ist. Dazu 
kam noch, daß ein älteres, nicht veröffentlichtes Gutachten aus 1872') das 
Landeshuter Kulmgebiet teilweise für Oberkarbon erklärte, und ein Ende 
1903 begonnener Versuchsschacht auf Krausendorfer Terrain ein Profil 
ergab, welches dem Czettritzschen Gutachten nicht zu widersprechen 
schien. Der Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht konnte natürlich 
erst erbracht werden, nachdem typisch oberkarbonjsclic Pflanzen auf- 
gefunden waren. 

Das ist dem Verfasser gelungen. Teils gab es Belegstücke für diese 
Ansicht bereits in der Schönknech tschen Sammlung, teils wurden über- 
einstimmende und andere Spezies auch vom Verfasser im Gelände selbst 
im April bis Mai 1904 gefunden.*) 

Vor langen Jahren war etwa 500 m nordnordwestlich des 
Bahnhofs Landeshut ein tonnlägiger ,, flacher" Schacht ,,Albinus" an der 
Reußendorfer Straße im Betriebe. In diesem liatte Herr Schön knecht 
gesammelt : 

Sphenopteris divaricata Göpp. (2 Exempl.), 

= Larischi Stur spec. (3 Exempl.), 

Mariopteris muricata (Schloth.) Zeiller (2 Exempl.), 
Ovopteris typ. Brongniartii Stur. 
Alloiopteris quercifolia (Göpp.) Pot. und 



1) Stur, Kulmtlora des Mährisch-schlesisehen Dachsohiefers. Tiifel XXXIX, 
Fig. 3a u. b bildet z. B. einen solchen Lepidodendron Veltheinaianum aus Landes- 
hut ab. 

2) Die Reste der Sammlung- werden jetzt im Realg-ymnasium Landeshut auf- 
bewahrt und sind mir in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt worden. 

3) Das Nähere über die handschriftlichen Quellen, die ich Herrn Ulogner- 
Freiburg zu danken habe, wird später erwähnt werdeii. 

*) Vgl. des Verfassers briefliche Mitteilung im Zentralblatt für Mineral, etc. 
1904 S. 403-405. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 45 



Palmatojiteris n sp.') 
Diese Funde l)]ieben nicht allein. Unter der Bezeichnung „Roland- 
grube — Lenschnerberg" übersandte Herr Schöuknecht im Februar v. J. 
noch folgende Spezies; 

Cardiopteris cf. polymorpha (Göpp.) Schimper, 
Sphenopteris Larischi Stur spec.,^) 

= divaricata Göpp.,^) 

Mariopteris muricata (Schloth.) Zciller (schlecht erhalten), ') 
Ovopterls n. sp., 
Pecopteris dentata Brgt. (2 Excmpl.), 

cf. dentata Hrgt., 
Neuropteris Schlehani Star (2 Exempl.). 
Die Schiefer, auf denen diese Pflanzen erhalten waren, stimmten 
genau mit denen von Reichhcnnersdorf und Concordiagruhe (östlich Landes- 
hut bei Forst) überein und auch einzelne vorliegende Stücke vom Paul- 
schacht der Schles. Kohlen- und Coakswerke, „Segen Gottes" bei Altwasser 
und „Heddy"-MiLtelsteine zeigten in ihrer Struktur und ihrem Aussehen 
keine Abweichung von den pflanzenführenden Schiefern der beiden Fund- 
punkte „Albinusschacht" und ,, Rolandgrube". 

JMehrtägige Exkursionen in dem fraghchen Gebiete unter Zugrunde- 
legung der Aufnahmeblätter früherer Kartierübungen des Breslauer Institutes 
brachten neue Beweise. Das Abklopfen der alten Halden von „Aurelie" 
im Kreppelwalde und des alten verschütteten ,, Johannesschachtes" nördlich 
von diesem auf Krausendorfer Gemarkung lieferte folgende Pflanzen: 

1) Bei der Bestimmung von Sphenopteris divaricata hat mir das im Breslauer 
Museum belindüche Stur sehe Original (Kulmflora Tafel XIII la u. b) vorgelegen. 
Mit diesem stimmt der Abdruck aus dem Albinusschacht genau' tifaerein. Nach 
freundlicher Untersuchung von Herrn Prof. Dr. Zeiller (Paris), für die ich von 
dieser Stelle aus meinen verbiiidhchsten Dank auszusijreclien gestatte, ist die an 
ilm gesandte, von mir als Splionopteiis cf. Boulayi Zeill. bestimmte Pflanze eine 
Sphenopteris (Ovopteris) von dem Typus Heyriclii-Brongniartii. Es sei liieidurch 
die Angabe der ersten Ausgabe 1004 berichtigt. Zur Ideulilizieiiiiit; der 
Sphenopteris Larischi diente die Potoniesche Abbildung (Jahrb. d. k. geol. 
Landesanst. 1890 Tat". VII) einer Sphenopteris Höninghausi Brgt. 1. Lanscliiformis 
Pot. aus den Czernitzer Schichten. Auch mit einem Stursehen Originale stimmt 
diese Sphenopteris Larischi vom Albinusschacht genau üborein, soweit der Erhal- 
tungszustand des Sturschen Originales einen Vergleich überlian|it gestattel. Die 
Bestimmung von Mariopteris muricata machte bei dem vorhandenen reichen Material 
des Breslarier Institutes von gegen 50 Stück, darunter Originale verschiedener 
Autoren, keine Schwierigkeit. Die Be.stiminung von AUoiopteris quercifoha nahm 
ich nach dem Göppertschen von Frech in Lethea palaeozoica Atlas Taf. XXXVIIb 
nochmals abgebildeten Stücke vor. Die vollkouniicne Übereinstimmung dieser 
beiden Stücke war augenfällig. Palmatopteris ist vielleicht eine neue Spezies und 
wird ebenso wie die später zitierten Spezies, falls sie sich als neu erweisen 
sollten, in einem paläontologischen Anhange dieser Arbeit .abgebildet und be- 
schrieben werden. 



46 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultn 



von „Aureliengrube": 

Sphenopteris cf. Honingliausi Brgt. (4 Exernpl.), 
vom „Johannesschacht": 

Sphenopteris cf. trifoliolata (Artis) Brgt. 
Aus dem Bruch von Breitenau (südlich Landeshut) und dem Einschnitt 
der Ziedertalbahn in seinem oberen Teile stammen : 

Sigillaria spec. aus der Gruppe der SigiJlaria camp totaenia Wood i) n.sp. 

Sphenopteris cf. trifoliolata (Artis) Brgt. 

Mariopteris muricata (Schloth.) Zedier (Spitzentrieb). 

Stratigraphische Beobachtungen des Verfassers in diesem 
Horizonte. 

Im Aufschluß am Leuschnerberge, an dessen westlichem Hang der 
Schacht der Rolandgrube gelegen haben mag, wurde ein grobes graues 
Konglomerat in sehr häufigem Wechsel mit grauem Sandsteine anstehend 
gefunden, [nteressant ist hier das spitze Auskeilen der Konglomerate. 

Eine ausgesprochene Schuttkegelstruktur und Andeutungen von Kreuz- 
schichtung waren zu beobachten. Das Streichen bog entsprechend dem 
Umbiegen der Mulde aus Nordost-Südwest (N 40 ".) nach OW um bei 
38 — 45 Einfallen. Das Konglomerat selbst enthält häufige Kieselschiefer 
und zerquetschte Quarze^) neben vereinzelt auftretenden, Phylliten. 

Die Quarz- und Kieselschiefergerölle sind harnischartig (pseudoglacial) 
mit deutlichen Rutschflächen geschliffen und sehen wie poliert aus. Der 
Leuschnerberg kann wohl nach allem Gesagten dem {)roduktiven Steinkohlen- 
gebirge zugesprochen werden. 

Weitere gute Aufschlüsse bietet der Bruch an der Schreibendorfer 
Straße, in dem besonders das Einfallen bemerkenswert ist. Ein hier an- 
stehender plattiger pflanzenführender Sandslein fällt 25 — 30 " gegen S, 
während östliches Fallen zu erwarten v^ire. Der Aufschluß befindet sich 
also in der Nähe einer lokalen Störung.^) Solche lassen sich im fraglichen 
Gebiete auch noch vereinzelt an einigen anderen Punkten konstatieren. 
Im Aufschlüsse (Bruch) an der alten Schreibendorfer Straße findet sich 
der grünliche grauwackenartige Sandstein ebenfalls, den der neue Versuclis- 
schaclit ,,Aurelie" mit 6 — 10 m Teufe durchsank. Ca. 50 m westlich 



1) Weiß, Sigillarien II Taf. 5. Die Breitenauer Spezies ist bisher noch nicht 
beschrieben und wird von mir daher in einejii paläontologischen Anhange abgebildet 
und beschrieben werden. 

2) Gürioli, Erläuterungen zur geologischen Übersichtskarte von Schlesien. 
Breslau 1890, S. 57 ist bezüglich des Vorkommens solcher Gerolle in der produk- 
tiven Steinkohlenforniation zu vergleichen. Auch das Breslauer Museum besitzt 
zahlreiche solcher zerquetschten Kiesel aus dem Oberkarbon. 

■'') Gürich, Geologischer Führer in das Riesengebirge. Berlin 1900, S. 105. 



II. Abteilung. Natuvwissensclioftliclie Sektiim. 



vom alten Johannesschaclit sieben grünlicbgraue Konglomerate bei sehr 
steilem Einfallen an, die in ihren liegenderen Partien denen des Bruches 
an der alten Schreibendorfer Straße makroskopisch ziemlich gleichen. 

Bei der verhältnismäßig sehr kurzen Zeit, die zur Orientierung in 
diesem Gebiete dienen mußte, mögen diese Angaben genügen. 

Alter der Schichten. 
Die gefundenen Pflanzen zeigen, daß wir es hier mit der Po tonie- 
schen 3ten Karbonflora, der Mischflora der Reichhennersdorfer Schichten, 
zu tun haben. Dem widerspricht nicht das zahlreiche Auftreten von Astero- 
calamiles scrobiculatus (Gopp.) Fol. und Lepidodendron Veltheimianura 
Stur, da ja Potonie deren Vorkommen im Reichhennersdorfer Horizont 
schon angegeben hat; auch Stur hat deren Vorkommen in Ostrau bereits 
nachgewiesen.^) 

Grenze. 

Eine genauere kartographische Begrenzung der Ablagerung läßt sich 
zurzeit nicht geben, aber wahrscheinlich dürfte der hangende Konglomerat- 
zug die Grenze gegen das Unterkarbon darstellen. Auf Kosten des Unter- 
karbon rückt nach den neuen Pflanzenfunden das Oberkarbon bei Landes- 
hut etwa 2 — 3 km nach West, während bei Reichhennersdorf die Ver- 
schiebung nur etwa 1—1,5 km betragen dürfte. 2) 

Interessant und von einiger geologischer Wichtigkeit sind folgende 
historische Angaben, die etlichen alten Manuskripten entnommen wurden.''') 

Die 5 Grubenfelder „Aurelie", ,,Albinus", ,,Am Wehr", „Antonie im 
Wald" und „Zum Bahnhof" wurden in den Jahren 1872 und 1873 ein- 
gemutet. Sie erstrecken sich von Schreibendorf bis nördlich von Reußen- 
dorf und Landeshut gegen Ruhbank hin und gehören unter dem Namen 
,,Reuüendorfer Gruben" einer Gewerkschaft. Wie Bergmeister Czettritz 
in seinen Gutachten von 1872 und 1873 angibt, durchziehen 2 Flözzüge 
diesen Grubenkomplex, die durch ein 1100 m mächtiges Mittel getrennt 
werden. Er unterstützt seine Annahme 1872 durch die Aufzählung 
folgender Pflanzennamen: Stigmaria ficoides Brgt., Calamitcs distans Stern- 
berg (?), Asterophyllites radiatus Brgt., Lycopodites , Ulodendron 

punctatum Presl., Sigillaria Brongniarti Gein., Sphenopteris lanceolala Phill., 



1) Potonie, Lehrbuch der Pflanzenpaläontologie. Berlin 1899, S. 373/7, 
Stur, Mähr.-schlesisch. Dachschiefer. Tai'. I, Fig. 3. — Taf. V, Flg. 2, Archaeo- 
calamites radiatus. 

2) Vgl. d. Verf. briel'liohe Milieilung iiu Zentralblatl lür Mineralogie eic. 
1904, S. 403—405. 

8) Die unveröffentlichten Manuskripte wurden mir von Herrn Maurermeister 
Glogner-Freiburg in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt. 



Jahresbericht der Schles. GeselJschafl, für vaterl. Cultur. 



Sphenopteris Coemansi Andrae, Sphenopteris chaerophylloides Brgt., Spheno- 
pteris (Mariopteris) acuta Brgt., Sphenopteris formosa v. Gutb., Sphenopteris 
Bronnii v. Gutb., Pecopteris polymorpha Brgt., die fast sämtlich Schatzlarer 
Arten bezeiclinen. Da die Belegstücke aber verloren, und eine Nachprüfung 
deshalb ausgeschlossen ist, so unterliegt diese Bestimmung um so größeren 
Zweifeln, als bei dem damaligen Zustande der Literatur die Sicherheit einer 
Bestimmung keineswegs gewährleistet ist. Die unten zitierte Angabo des 1873er 
C4utachtens^) hat durchdesVerfassersUntersuchungen ihre Bestätigung gefunden. 
Ein neueres Gutachten von C. Hütter aus 1901 hält an der Czettritzschen 
Ansicht fest und gibt auf Grund inzwischen stattgehabter Schürfungen den 
„hangenden Zug" zu 7, den „liegenden Zug" zu U abbauwürdigen Flözen 
an. Abzuwarten bleibt, ob man in diesem ,, liegenden Zug", den ,, Liegend- 
zug", die Waldenburger Schichten Sturs vor sich hat. Hier seien sie auf 
Grund der Flora In die Reichhennersdorfer Schichten hineingezogen, bis 
das geplante Stollenprojekt^) auf den „liegenden Zug" Aufschluß darüber 
gibt, ob wirklich die Reichhennersdorfer Schichten bei Landeshul noch 
von Waldenburger Schichten unterlagert werden. 

Nach neueren Ansichten fehlt der „Liegendzug" im fraglichen Gebiete 
von Scliwarzwaldau bis zur Landesgrenze gänzlich, wenn auch Schütze^) 
vorübergehend den Liegendzug bis an die Landesgrenze bei Tschöpsdorf 
roichen ließ und die Flöze der Auroragrube bei Tschöpsdorf, Georggrube 
bei Blasdorf, ") Friedrich -Theodorgrube bei Reichhennersdorf, Luisegrubo 
und Concordiagrube bei Landeshut diesem Zuge zuwies. Von dieser An- 
sicht ist er später^) wieder abgekommen und rechnet die Flöze der oben 
genannten Gruben im Gegensatze zu Stur dem Hangendzugo zu, obwohl 
sich einige Pflanzen, die sonst nur im Liegendzuge vorkommen, auf den 
Flözen dieser Gruben ebenfalls fanden. Auf dieser Tatsache fußend, trat 
Potonie zwischen beide Parteien und schied zwischen den beiden Flözzügen 
die Reichhennersdorfer Schichten aus. 

Bevor ich mich der Betrachtung dieser Schichten bei Reicldicnnersdorf 
selbst zuwende, möclite ich noch auf die beiden Flöze des Versuchsschachtes 



1) „Es wird daher wohl an der Zeit sein, in der Umgegend von Landeshul 
eine anderweitige Grenze zwischen Kohlensandstein (gleich Oberkarbou — d. V.) 
und Grauwacke zu ziehen und einen nictit unl;)edeutendeii Teil der letzteren dem 
produktiven Steinkohlengebirge einzuverleiben." 

''^) Herr Glogner-Freiburg teilte mir mündlich von dem Plane mit. 

3) Zeitschr. d. D. g. G. 1879, S. 432—33. 

'') Hier soll nach Angaben des Herrn Scbötiknecht-Landeshul Sphenopteris 
Schönknechti, von Stur zunächst aus Vnlpersdorf bestimmt (Schlitze 1. c. S. l-lfi) 
vorgekommen sein. Es muß also — die Richtigkeit der P.estimmung vnvausgesetzt 
— vvie a,uch in der Tabelle S. 60 f. angegeben, ein Hinaufreichen dieser Spezies in 
den Iteiclihennersdorfer Horizont angenoinmen werden. 

») Schütze 1. c. S. 76. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



„Aurelie" hinweisen. Die beiden Winter 1903/4 erschürften Flöze 1 und II 
treten in etwas verdrücktem Zustande bei fast seigerer Lagerung (86") auf: 
Flöz I 0,4 m mächtig (Lette + Kohle), 

0,78 m Zwischenmittel. 
Flöz II 0,38 m mächtig. 
Das Flöz besteht aus: 

Oberbank 0,15 m Kohle, 

0,09 m Lette, 

Unterbank 0,14 m Kohle. 

Die Flöze gehören dem Hütterschen „liegenden Zuge" an, dessen Kohle 

187,5 und 187G in Landeshut und Freiburg probeweise zur Gaserzeugung 

verkokt wurde. 

In Landeshut ergab 1 Zentner Förderkohle 384 Kubikfuß gutes Gas, 
welches am Photometer im Schnittbrenner 15 Kerzenstärken Leuchtkraft 
entwickelte bei einem stündlichen Verbrauch von 5 Kubikfuß. Erzielt wurde 
dabei 0,(; Zentner Koks. 

4 Zentner Steinkohle ergaben in Freiburg nach 4 stündigem Glülien 
1580 Kubikfuß Gas und ca. 3 hl Koks von einer Beschaffenheit, die man 
mit „gut" bezeichnen muß und die „sich bei einem so kleinen Quantum 
von anderem Gaskoks nicht unterscheidet". 



Ablagerungen bei Rei chhennersdorf. 
Den besten Vergleich mit den Ablagerungen der eben beschriebenen 
Reichhennersdorfer Schichten um Landeshut bieten die leider sehr lücken- 
haften Reste aus den zahlreichen Reichhennersdorfer Bohrungen diesseit 
und jenseit des Porphyrdeckenergusses. Es sind die Tabellen der einzelnen 
Bohrungen, soweit sie sich überhaupt identifizieren lassen, >) am Schlüsse 
dieses Abschnittes S. 62 ff. wiedergegeben. Die untersuchten Kerne ergaben 
abgesehen von der später zu behandelnden Diskordanz zwischen Rothegen- 
dem und Karbon, nur das schon von Schütze angegebene Resultat 2) Es 

1) Herr Berginspektor Böhnisch-Mittel-Lazisk war so freundlich, dem Ver- 
fasser bei der Identifizierung der einzelnen Bohrlöcher zu helfen, und hat auch 
weitere wertvolle Beiträge geliefert. Trotz der Lückenhaftigkeit der einzelnen 
Bohrproflle ist es doch möghch geworden, das Bohrloch XIU vollständig zu rekon- 
struieren und auf der beigegebenen Tafel ein vollständiges Profil, das durch die 
neueren Untersuchungen etwas verbessert ist, beizugeben. Durch die Liebens- 
würdigkeit der Herren Bergrat S c li ü t z e - Görlitz, Kreisbauinspektor Schütze- 
Landeshut, Oberbergamtsmarkscheider Ullrich-Breslau und des Direktors der 
Waldenburger Bergschule Herrn Bergassessor Hülsen konnte Verfasser die verloren 
geglaubten Profile Schützes verwerten. 

2) Schütze 1. c. S. 140/44. 

1904. 4 



50 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Ciiltur. 



seien hier einige geschichtliche Angaben eingeschaltet, die auf Grund eines 
unveröffentlichten Gutachtens des früheren Direktors Hermann und Er- 
mittelungen des Verfassers 1) zusammengestellt sind. 

Die Bohrungen begannen in dem ganzen, 33 Grubenfelder umfassenden 
Gebiete des Liebauer Kohlenvereines vor dem Feldzuge 1870/71 zunächst im 
südlichen, dem „Liebauer Reviere". Resultate aus den (Stoß-)Bohrungen in 
diesem Gebiete sind nie bekannt geworden, wie ja überhaupt dieser ganze 
Gebietsteil der Niederscldesisch-böhmischen Steinkohlenmulde südlich von 
Landeshut bisher keine genauere Bearbeitung gefunden hat.^) 

Die im nächsten Kapitel genauer beschriebenen 10 Flöze ^) mit einer 
Mächtigkeit von 0,4 — 0,9 m (15 — 35 Zoll) veranlaßten den sich bald nach 
dem Feldzuge entwickelnden Bergbau. „Die aufgeschürften Flöze enthalten 
durchaus gasreiche und zum Teil auch gut backende Kohlen, die gern ge- 
kauft wurden," sagt das Gutachten über die Beschaffenheit der Kohle. 

Die Gewerkschaft richtete ihr Hauptaugenmerk aber nordwärts auf das 
Reichhennersdorfer Revier, weil man hier beide Waldenburger Flözzüge 
anzutreffen hoffte, jedoch „die durchgeführten kostspieligen Arbeiten haben 
nur einige Repräsentanten des an Kohle ärmeren Flözzuges aufgeschlossen, 
während von der hangenden reicheren Partie nichts erreicht wurde". 

Zwei Bohrlöcher wurden hier dicht bei dem heuligen „Waldschlößchen" 
südlich Reichhennersdorf getrieben. Das Resultat des einen Bohrloches 
wurde — die Denkschrift gibt es ebenfalls an — durch den Bohrmeister 
gefälscht und auf Grund dieses Ergebnisses wurden unter großen Kosten 
die Zwillingsschächte ,, Müller" und „Fohr" niedergebracht bis zur pro- 
jektierten Teufe von 200 m. Aber Kohle war nicht oder nur sehr wenig 
erreicht worden. 

Hand in Hand mit den Abteufungsarbeiten hatte sich eine rege Bau- 
tätigkeit entfaltet: Maschinen- und andere Gebäude .zwischen den beiden 



1) Für die Auffindung der Denkschrift und Überlassung anderen wertvollen 
Materials sei Herrn Haupllehrer Patsohovsky-Dittersbach bei Liebau und Herrn 
Obermarkscheider Schraidt-Gotl.esberg von dieser SLelle aus bestens gedankt. 
Die Durchsicht der oborbert;aoillichen Aki.'ii hui, in [Geologischer tliiisichl, keinen 
wesentlichen Anhaltspunkl, ebensowenig komile ich iius den iuif dein tJcigivvici'c 
Waidenburg aufbewahrten Hissen dev l'ristenden üraben et.was üt)er die Lage 
der einzelnen Bohrlöcher ermitteln. 

2) Einzige dem Verfasser bekannt gewordene Literatur, abgesehen von einigen 
Stellen bei Schütze: Steinkohlenscliürfungen bei Liebau, Wochenschr. d. Scldes. 
Ver. f. Berg- und Hüttenwesen, Jahrg. l, 18.59, S. 305 u. 386. Und vonlJechen, 
Die nutztiaren JVIineralien und Gebirgsaxten iin deutschen Reiche, Berlin L873 
S. 391 f. (nur wenige Zeilen). 

3) Auf der „Flözkarte" eingezeichnet. Ein 11. „Flöz mit 4f) Zoll etwas veP: 
steinerter Kohle" wurde um 1880 kurz vor Auflassung des Betriebes nördhcb von 
Tschöpsdorf erschürft. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Schächten, ein Verwaltungsgebäude *) südlich dieser Anlage, Arbeiterhäuser 
in Reichhennersdorf, Verwaltungsgebäude in Dittersbach bei Liebau etc. Die 
Konkurrenz mit der eben in Betrieb gesetzten Concordiagrube^) bei Landes- 
hut trieb zur Beschleunigung der Anlagen. Nur so wird es verständlich, 
daß solche Summen — man spricht von 33 Millionen Taler oder Mark — 
nutzlos dahingeopfert wurden. Die ganze stattHche Reichhennersdorfer Tief- 
bauanlage, die allein nicht weniger als 9 Millionen Mark gekostet hat, 
wurde, weil nutzlos angelegt, am 23.— 24. März 1893 bis auf wenige Reste 
durch ein Kommando 6. Pioniere aus Glogau in die Luft gesprengt. 

Die Schächte waren auf der projektierten Teufe angekommen, Kohle 
in ausreichendem Maße nicht erreicht worden. ,,Um wenigstens etwas von 
dem verbrauchten Kapital zu retten", suchte man querschlägig die weniger 
mächtigen Flöze zu erreichen und abzubauen. Eine Zeit lang förderte man 
auch tatsächlich von dem einen Schachte.') 

Die Bohrungen, ihre Lage und ihre stratigraphischen 

Ergebn isse. 
Die Anlage war also zwecklos, statt aber sich ins Liegende auf das 
,, Günstige Blick-Flöz"*) allein zu setzen, suchte man noch im Hangenden 
nach Kohle und brachte unter anderen folgende 6 Bohrlöcher nieder, die 
auf den beigegebenen Kärtchen (Textfigur 2) eingezeichnet sind: 

Rohrloch XIII '^j am Ostabhange des Reichhennersdorfer (Langen) 
Berges an der Porphyrgreuze bei der Wegkreuzung Scholtisei 
Ober-Zieder nach Liebau und nach Reichhennersdorf. 
Ein weiteres Bohrloch ebenfalls dicht am Wege etwa 400 m südlich 

von diesem. 
Bohrloch XXIV^) südlich des Angenelliberges im Porphyr an- 
gesetzt.^) 
Ein Bohrloch bei der Kapelle von Bethlehem. 
Bohrloch XIX etwa südwestlich von diesem auf der Wiese am 

Waldcsrand uild endlich 
Bohrloch XXVe in der Lindenauer Ziegelei, angesetzt in der Ki'eide. 



1) Das heulige Waldscblößchen bei Reichbonnersdorf. 

2) Nach mundhchen Angaben von Herrn Schönknecht-Landeshul. 

3) Nach freundUcher Mitteilung des Herrn Bühnisch-Mittel-Lazisk halte 
man hier einzelne Partien des „Günstige BMck-Flözes" abgebaut. 

"i) Längst bekannt und lange Jahre zuvor von der 1842 gemuteten „Friedrich 
Theodor-Grube" gebaut. 

B) Aus diesen Bohrlöchern liegen Kerne vor (nach Böhnisch, Mittel-Lazisk). 

6) Eine genauere Lage kann für dieses Bohrloch nicht mehr angegeben 
werden. Nach dein über dieses Bohrloch später gesagten er.scheint es zweifelhaft, 
ob die Stelle des Loches riclitig eingetragen ist. Wahrscheinlich trägt das an 
dieser Stelle befindliche Loch eine andere Nummer. 



52 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 




i) Die Begrenzung der Formationen nach den Ergebnissen der Karüerübungen 
von 1003. Kreidegrenze nach der Revision von K. J'legel. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 5g 



Letzteres halte technisch die größten Schwieri[;keitcn zu überwinden. 
Ursprünglich hatte man 1200 m ca. ostnordöstlich von XXVe herunterzu- 
kommen versucht, war aber auf Betreiben Sturs^) weiter ins Hangende 
gegangen, hatte zwei weitere kleine Versuche unternommen, begann 420 ni 
ostnordösthch von XXVe ein Bohrloch XXVd, mußte aber wegen großen 
Wasserzuflusses das Loch in fast N. S. -streichenden 18" östl. fallenden ,, Rot- 
liegend -Arkosen" stehen lassen. Die, endgültige Bohrung XXVe mußte bei 
rund 305 m Teufe aufgegeben werden, da wegen des vielen Wassers^) 
trotz der Verrohrung des Loches ein Bruch der Rohre nach dem anderen 
erfolgte und schließlich das Gestänge überhaupt abbrach. Leider sind von 
diesem Loche keine Kerne in des Verfassers Hände gelangt, da das durch- 
sunkene Gestein^) zu brüchig und milde war, und deshalb nur als Bohr- 
mehl heraufkam. Es seien deswegen hier nur einige Angaben aus dem 
Tagebuche des Herrn Böhniscli-Mittel-Lazisk angel'ührt, der seinerzeit die 
Bohrungen dort leitete: 

24 m ganz zerklüfteter Mergel, der nicht bis 30 ra hielt und ein 

Verrohren des Loches nötig machte. 
Rotei' Sand im Kernrohr. Unter dem roten Ton Sandstein, der aber 
wieder nur Sand im Kernrohr abgab. 
In die nun folgende große Lücke wäre wohl der in der Amnerkung 3 
wiedergegebene Brief Sturs einzuschalten. 

158 — 231 m grobkörnige rote Sandsteine mit feinkörnigen wechselnd. 
Fallen 48". 



1) Mündliche Mitteilung des Herrn Böhni.sch-Mittel-Lazisk. 

2) 5 Quellen soll der Bohrer hier durchsunken haben, und tatsächlich sprudelt 
auch heute noch ein klares Wässerchen aus dem Loch. Quellen sind auch noch 
mehrfach angetroffen worden, so beispielsweise in Bohrloch XIX am Bethlehemer 
Walde. In XXVe wurde eine Quelle bei 156 ni, eine andere von 80 R bei 279,5 m 
angetroffen. 

3) Die vorhandenen Kerne scheint Stur erhalten zu haben, denn Herr 
Höhnisch stellte dem Verfasser einen an ihn gerichteten Brief Sturs vom 
26. 1. 1880 zur Vei'fügung, in dem es heißt „Die Bohrzapfen reichen schon his in 
die rohen Arkosen des Rotliegenden und ich bin nicht vrenig begierig zu erfahren, 
ob Sie darunter gleich die Steinkohlenformation antreffen werden oder den Porphyr. 
Die Beobachtung, da^ in diesen Arkosen keine Porphyrbruchstücke vorkommen, 
dieselbe vielmehr aus Bruchstucken von krystallinischem Gestein, vielleicht Granit 
und namentlich Gneiß mit roten großen Ortolvlaskrystallti'ümmern zusammenge- 
backen ist, sollte man erwarten, daß die Arkose älter ist als der Porphyr, daher 
die älteste Schichte (Ick itollieccnden darstellt, unter welcher gleich die Stein- 
kohlenformation sich eirial.cMrii sullto." 

Nach freundlicher Mitteilung des Herrn Höhnisch hatte Stur hier zunächst 
ein „zweites Böliuüsctibrod" befürchtet (vgl. neben Krejoi, Geologie cili nauka o 
litvarech zemskych, V. Praze 1879 Slavik a Borov^ S. B96 auch Katzer, Geol. von 
Böhmen, Prag 1892 S. 1185). Bekannthch erreichte das dortige Bohrloch die 
Steinkohlenformation nie, sondern blieb mit 700 ra immer noch im Rotliegenden. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



(217,6 — 220,2 m roter Letten. Dann grobkörnige rote Sandsteine.) 
231^239 m Tonstein in Sandstein übergehend. Fallen flacher. 
(245 ''/iQ m fester roter Tonstein.)*) 

274 Porphyrstücke folgend auf feinen Sandstein, unter dem Porphyr 
wieder roter Sandstein mit gelbem wechselnd, mit eckigen 
Porphyrstücken vermengt. (Forphyr-Breccie.) 
273 rote und gelbe Sandsteinbreccie mit Porphyrstücken. Breccie 
ähnlich der aus Bohrloch XIII, ^) worunter gleich Steinkohlen^ 
gebirge kam. 
283,3 — 299 Sandsteinbreccie mit Porphyrbreccie wechselnd. 
305 Ein Bruch der Rohre nach dem anderen. Bohrung eingestellt. 
Aus diesen lückenhaften Angaben läßt sich irgendwelche Schluß- 
folgerung nicht ziehen. 

Ebenso mangelhaft sind die folgenden Notizen über Bohrloch XXIV. ■■■) 
Ganze Teufe. 10,04 m grauer feiner Sandstein mit viel Fe. S. 
110,64 -■> 1,49 m Schieferton mit Sandstein wechselnd bis 

111.15 * 0,85 m gebänderter bituminöser Schieferton mit viel Fe. S. 
121,10 = 3,43 ra feiner glimmerreicher Sandstein mit Schieferton 

wechselnd. 
124,53 = 2,75 m grauer Schieferion mit feinem Sandstein 

wechselnd. 
127,28 5 5,0 m grobkörniger Sandstein mit Fe. S. 
132,28 = 6,5 m Schieferton mit gebändertem Standstein wechselnd. 
138,75 = 

201.16 (16. 7. 1879.) Total gestörtes Gebirge. Kein Resultat zu 
erhoffen; Abdrücke fast gänzlich fehlend. Die letzten Schiefer- 
tone hatten eine rötliche Färbung. 

Als besonders bemerkenswert hat Herr Böhnisch aufgezeichnet die 
Imprägnierung der Schiefertone und Sandsteine mit Schwefelkies und ihre 
starke Zerklüftung. 

Noch viel unvollständiger sind Angaben über weitere Bohrlöcher (XXII, 
XXI, XIX, VII usw.), deren Lage sich nach so langer Zeit sogar nicht mehr 
feststellen ließ. Diese Bohrungen werden deshalb hier auch gänzhch über- 
gangen. 

Ein weiteres Bohrloch im Hangenden der Reichhennersdorfer Schacht- 
anlage im Querschlage angesetzt, ist mit ziemlich vollständigen Ergebnissen 
tabellarisch auf S. 66 ff. wiedergegeben. 



1) Die Bohrung hörte 1879 mit 173,5 m auf und aus 1880 schrieb Herr 
Böhnisch „bei dem milden Gestein ist kein Kern zu erhalten; die Bohrung geht 
sehr schlecht". 

2) Vgl. d. Tab. d. Bohrloch XIII auf S. 62 ff. 

•'') Siehe als Ergänzung zu diesen Angaben das vom Verfasser Seite 36 f, aus 
den Bohrkernen zusammengestellte Profil. 



Übersicht der Flöze, die von Landesiiut bis zur Landesgrenze bei Tschöpsdorf aufgeschlossen wurden. 



(Namentlich nach Schütze.) 



liedeckt vom Rotiiegenden 
wurd, angefahren i. (^uer- 
schlage d. Tief bauanlage 



Rotliegend- 
decke 

vielleicht 

Wiederholung 

der „Alexander-* 

flözgruppe'' 



F1Ö7. 

in ;! 


mit 0,6 m unreiner 

Kohle. 
Bänken- Alexanderll. 




110 m 




i Fll 


/ mit 0.7 n 


Kohle 


^Fl( 


•/ mit 0,4 11 


1 KShliT 




t"' 




Flu 


7. mit 0.5 n 


1 Kohle 



Ehemalige Gruben | u 

„Friedrich Theodor" u. j g 

„ßünstiger Blick" ^ 



I.lebaner 
Flifxj^ruppe 

umfassend : 
Fliize 



<)rrniiauer 
Flözgruppe 



Biipliwälder 
Flözgrnppp 



die G B\ichwald- 
stollenllözc 



Alexander- 
ttiizgrnppe 

(Reichhennerb-j 

dorfer 

Flözgruppe) 1 

Leitfloz 
„Alexander" 



wischen Rotliegendem und Steinkohlenformation, (Diskordanz). _ 
i i6,Fl«7,0,9mKohlei.2Bänk.-«- 

^ - --T 



56 t 



5. Flöz 0,^ m mächtig U- - - 

22 m ! 

± 

4. Flöz (),2 m mächtig 

""" V 

28 m 



-«- — 



3. Flöz 0,4 m mächtig 
12 m 



2. Flöz 0,6 m mächtig 

I i 

I 1. Flöz 0,0 m mächtig |-^ 



.¥\öt. 0,9m Kohle i.2Bänk. ! 
^""" ">__ """1 

^V" ! 

5. nöz 0,3 m mächtig j 



22 m I 

__t I 

4. Flöz 0,2 m mächtig 

3. Flöz 0,4' m mächtig 

:r ! 

12 m 

t_ ! 

2.JFlöz_0,(i m mäclitig_ 



1. Flöz 0,6 m mächtig 



3. Flöz 0,8 m mächtig 



" 2. Flö z 0,5 m mächtig 



i. Flöz 0,4 m mächtig 





6. Buchwälder Stollenflöz 
0,7 m mächtig (3 Bänke) 

t I 

5. Buchw. S't.-Fl. 0,6 m mächtig 
(2 Bänke) 




17,5 m 




4. Buchw.'St.-Fl. 0,5 m mächtig 
(2 Bänke) 




lli m 

___± 

3. Buchw. St.-Fl. 0,3 m mächtig 

7,5^m 




2. Buchw. St.-Fl. 0,4 m mächtig 

9 m 
l7 Buch wTs Ö^oVs^mächt [g 



Flöz 0,3 m mächtig 



5. Flöz 0,3 m mächtig; 

(1*) + 



4. Flöz 0,3 m mächtig 
(13.)-'— ^ - 



3. Flöz' 0,6 m mächtig 
(12.) Alexanderflöz 



Jtlasdoi'fri- 
FHIJigruppe i 

(3. Flözgruppe) ' 
vielleicht noch 
.,zur Maximilian-, 
gruppe gehörig" 



2. Flöz 0,2 m mächtig 

(110 :j,- 



>)^260m Zwischenmittel ^ 
I m.ein.Zahlv. 0,1-0,2 m I 
f mächt. Kohlenbesteg.f 4- 



3. Flöz mit 0,6 m Kohle \ 



2. Flöz mit 0,3 m Kohle 



i i. Flöz mit 0,0 m Kohle 



C.robes 
Conglomerat 



Kohlen- 
mächtigkeit 



Maxlmillan- 
grnppe 

(Tschöpsdorfer 

F'lözgruppe) 
Leilflöz „Maxi- j._ 
milian" (David-,; 

Concordia-, jconcordiiitll 
Luise-, Günstiges "i^— J>* 

Blick-Flöz) 
SchützesTschöps- 
ilorferFlöz! 



Untere 
Begrenzung der 
Schichten zur Zeit 
nicht bekannt, 
auch Flöze 

liegendzuges [ 
bisher nicht auf- 
geschlossen. 



Hangendflöz 0,3—0,4 m Kohle 1-«-- 



-«. 33( m > 

im Streichen 

entfernt 


grobes Conglomerat 


X 


Luise-Oberflöz 0,31—0,47 m Kohle 




..5^m 

_ _ ' t'" __ 

Luisc-MitteUlöz 0,36—0,52 m Kohle 


\ II 


_^. 


\ ^ 


t 


^ 


I.uise-Kiederttöz0,52-I,05m Kohle 









grobes Conglomerat? 


^ 


0,8 m Kohle 




9 m 
t 


> 


0,7 m Kohle in 3 Bänkei 




10 m 
t 


•>- 


0,2 m Kohle 



50 m 
grobes f Congloi 



Oberflöz 0,1—0,2 m Kohle 

10 m 
t 
Mitttlllöz0,6-l,0mKi 

3 m 

t_ 

Niederflöz 0,2—0,5 



(r > 



--> 



Schieferkohle 



V Uie 14 Flöze Hiitter.s 

ca. 1100 m Mittel. 

Die 7 Flöze HUtters bei 

Reussendorf 



|a 






. und ^^l^vodv^ 



,, steinkoWenfot^alio?::^- 






11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 57 



Bei 400 m traf man im Hangenden der Reichliennersdorfer Bohrung 
auf das Rotliegendc, welches das Karbon diskordant überlagert. Der Unter- 
schied der Fallwinkel beträgt nach einem Schülzeschen Profile i) 24". Der 
Differenz des Fallwinkels entspricht auch die stratigraphische Lücke, weiche 
hier einen großen Teil der Saarbrücker und die ganze Ottweiler Stufe 
in Wegfall gebj-acht hat. 

Flüzführung. 

Dieser ganze groß angelegte Betrieb stützte sich auf einige Flöze, die 
von Schütze bereits gruppiert sind, und hier tabellarisch wiedergegeben 
und, soweit möglich, ergänzt werden. 

Bei Reichhennersdorf ist im Querschlage, wenn von den unter Rot- 
liegendbedeckung angefahrenen Flözen, deren Stellung mehr als zweifelhaft 
ist, abgesehen wird, vom Hangenden zum Liegenden eigentlich nur die 
Alexanderflözgruppe = Reichhennersdorfer Flözgruppe ^) angetroffen 
worden, die wohl am besten zwischen die Blasdorfer und Buchwalder 
Flözgruppe zu stellen wäre. Es würden dann, wie auf der Tabelle dar- 
gestellt, noch rund 710 m Mittel zwischen den Flözen der Reiclihenners- 
dorfer und denen der Buchwälder Flözgruppe auftreten. 

Eine solche Menge von Flözen, wie sie im Hangenden des „Hangend- 
flözes" der Tschöpsdorfer Flözgruppe auftreten, innerhalb dieses quer- 
schlägig kleinen Raumes drängt dazu, sie irgend einer Flözgruppe von be- 
nachbarten Gruben zu parallelisieren. Da aber kein sicherer Beweis ej'bracht 
werden kann, weil die Flöze über der Tschöpsdorfer Flözgruppe regelrecht 
eigentlich nie im Bau gewesen, sondern nur in Schürfungen angetroffen 
sind und Pflanzen so gut wie ganz felilen, ist man nur auf Vermutungen 
und Schlüsse angewiesen. 

Schütze stellt die hängendste ,,Liebauer" Flözgruppe des Hermann- 
stollens den liegendsten Schatzlarer Schichten gleich, und schließt seine 
Untersuchungen über die Reichbennersdorfer Anlagen^) mit dem Resultate: 
„der bei Gottesberg und Waldcnburg so viele bauwürdige Flöze enthaltende 
Hangendzug ist in der Strecke von Tschöpsdorf bis Landeshut nur aus 
wegen ihrer geringen Stärke unbauwürdigen Flözen zusammengesetzt, und 
dieselben sind außerdem in dei' Richtung vom Liegenden nach dem Han- 
genden zu durch mehrfach wiederholte streichende Sprünge in solche 
Tiefen versetzt, wo ein lohnender Abbau auf denselben nicht geführt 
worden kann". Auf Grund der wie in Schatzlar oft jäh und plötzlich 
eintretenden Störungen glaubte Hermann^) seine bauwürdigen 10 Flöze 



1) Dieses Profil wurde in dieser Arbeit nicht wiedergegeben, da ich seine 
Lage niiiht genau mehr feststollen konnte. 

2) Der Name „Reichhennersdorfer Scliichton" ist also auch geographisch voll 
berechtigt und deshalb zur weiteren Verwendung geeignet. 

3) Schtitze 1. c. S. 141. 

i) unveröffentlichte manuskri|)tliche Denkschrift. 1S90 (21. Febr.). 



58 Jaliresberioht der Schles. Gesellschaft für vatcrl. Cultur. 



hmsiclitlich der Koblenmächtigkeit als Scliatzlarer ansprechen zu müssen. 
Verfasser glaubt nun, daß man die ganze Ablagerung von der Reich- 
hennersdorfer Flözgruppe aufwärts den Schatzlarer Schichten zuteilen 
muß. Beweisen läßt sich diese Annahme wahrscheinlich nie, da alle Auf- 
schlüsse fehlen und die lückenliaften Bohrprofile auch keinen Anhalt dafür 
oder dagegen geben. Es ließe sich dieses nur durch eingehende mikroskopisc!,- 
petrogjaphische Untersuchung der Kerne in Verbindung mit Fossilien nach- 
weisen. Die Pflanzen aber fehlen gänzlich. 

Ausgegangen ist diese Behauptung davon, daß Verfasser in dem Con- 
cordia-, Louise- und Günstigen Blick- dasselbe Flöz sieht, und es den 
Maxmidmn - Flözen der Fuchsgrube bei Weißstein gleich setzt Das 
Maximilian-Flöz besitzt nach dem Profile der Fuchsgrube ') eine Kohlen- 
machUgkeit von 1,6 m, eine Zahl, die der mittleren Mächtigkeit des 
Uncordia-Flözes (1,8) ebenso nahe kommt, wie südwärts die des Louisen- 
flözes mit im Mittel 1,0 m und dos Günstige Blick-Flözes mit 1,7 m 

Das Hangende des Concordia-Flözes und seiner westlichen, sowie 
nachher südlichen Fortsetzungen bildet ein grobes Konglomerat. Autor 
Identifiziert nun das Davidflöz der Davidgrube mit den Maximilianflözen und 
somit wäre eme fortlaufende Verbindung zwischen dem Maximilianflöze 
und der Landesgrenze nördlich Bober konstruiert. Im Gegensatze zu 
Schütze schlage ich nun für die ganze Tschöpsdorfer Gruppe den Namen 
„Maximihan- Gruppe" vor, um die Verwirrung, welche durch Lokalnamen 
in die Literatur hinemkommen kann, zu mildern. 2) 

Fossilführung. 
V\^ie schon gesagt, ist die ganze vorgeschlagene Einteilung der Reich- 
hennersdorfer Flözablagerungen eine noch rein hypothetische. Von Pflanzen 
aus der Zone des „Großen Mittels" entstammen von Concordia- Grube der 
Sammlung Schönknecht folgende sicher bestimmte Reste: 

1) Durch die Liebenswürdigkeit des ehemaligen Direktor Stolz dem Verfasser 
zur Verfügung gesteflt. Frech gibt im Jahreaber, der Sohlcs. Ges. für vaterl. Cultur 

ST'l^o"!,!t"''f ''';''";'■'■': l~'^''''' """•=' ■^'^ *^"^' ™^«"-«^<^ig. ^«gen 
vest (,UoO . eu Davulgrul.o hm) bauwürdig werden. Dies sei als literarischer 
Beleg angeführt. Das dund.gehcnde Maximilianflöz, welches man so mit Recht 
a s das Leitth« dieser Flözgruppe ansprechen darf (Tschöpsdorfer Gruppe), erfährt 
i'" '"«„?' Da^idgrabe eine Anreicherung, die nach West in der Concordiagrube 
Ihre größte Ausdehnung erfälirt. Weiter nach Westen „innnt die Bauwürdigkeit 
wieder ab, verschwindet bei Tschöpsdorf fast ganz, um anscheinend bei S.hatzlar 
wieder emzutreten. (Vgl. unter Schatzlarer Schichten R. 74.) Wir haben hier also 
eine Anreicherung und Abschvvachung zu beobachten, welche denen der Flöze in 
Uberschlesien .ihnelt, 

IWl VllVtrl^^'f' in Michael (Jahrb. der k. geol. Landesan.st., XXIL Bd., 
iWl, b. 317-340). Im übrigen vgl. zur Frage der Leitflöze den vor, Herrn Bern- 
assessor Geisenheimer im „geologischen Führer für die Exkursion na.ti Ober.chlet 
lind die Breslauer Gegend" bearbeiteten Teil über das Steinkohlengebirge (Z.d.D g G)' 



11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 59 

Cardiopteris cf. polymorpha (Göpp.) Schiinper. 
Sphenopteris cf. trifoliata (Artis) Brgt. 

= spec.ä) 

AUoiopteris quercifolia (Gopp.) Pot. (2 Exempl). 
Mariopteris latifolia Brgt. 
Neuropteris gigantea Sternbg. 
Asterocalamiteä scrobiculatus (Göpp.) Pot. 
Stigmaria ficoides (Sternbg.) Brgt. 
Lepidodendron.aculeatum Sternbg. 

dichotomum Sternbg. 
Sigillaria alternans L. a. H. 
tessalata Brgt. 
= cf. elliptica Brgt. 

= spec. 

Artisia aproximata Brgt. 
Trigonocarpus spec. 

= Schultzianus Göpp, 

Carpolithes spec. 
Von Louise-Grube war in derselben Sammlung vorhanden: 

Neuropteris Schlehani Stur. 
Herr Schönknecht übersandte vom Haberschaeht-Reichliennersdorf: 
Neuropteris Schlehani Stur.i) (2 Exempl.) 
Mariopteris latifolia Brgt. 
Pecopteris dentata Brgt. 2) 
Von der großen Anlage: 

Mariopteris latifolia Brgt. 2) 
Stigmaria ficoides (Sternbg.) Brgt. 
Sigillaria spec. 

Trigonocarpus Schultzianus Göpp. 
Die Bohrkerne endlich ergaben: 

Neuropteris cf. gigantea Sternbg. und 
Stigmaria cf. Eveni Lesqu. 
Rechnet man zu diesen Pflanzen noch die von Potonie für seine 
3te Karbonflora angeführten Reste, die wesentlicli der Fuchsgrube ent- 
stammen dürften,-'') die von Schmidt und Frech'') angeführten und die 

2) Vielleicht n. sp. 

1) Figur 3 und 4 geben diese beiden Stücke wieder. 

2) Von diesen beiden Stücken stellte mir liebenswürdiger Weise die Direktion 
der k. k. geol. Reiohsanstalt Stur sehe Originalbestimmungen aus „Reiclihennevs- 
dorf" zur Verfügung. 

8) Glückauf 1896, S. 122, Anm. 

*) Schmidt in der Festschrift zur Tagung der deutschen geolog. Gesellschaft 
„Zur Geologie des böhm.-schles. Grenzgebirges", Breslau 1904, S. 9. Frech im 
Centralbl. 1900, S. 340. 



60 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



von mir bereits erwähnten, aus den Schachtanlagen bei Landeshut bestimmten 
Pflanzen hinzu, so erhält man ein klares Bild über die in den wenig bekannten 
Reichhennersdorfer Schichten vorkommenden Pflanzen, die ich, nach den 
einzelnen Fundpunkten geordnet, hier tabellarisch zusammengestellt habe. 
Durch die neuen Pflanzenfunde hat die 3 te Karbonflora eine wesentliche Be- 
reicherung erfahren. Ein Vergleich der Reste von den verschiedenen Fund- 
punkten spricht auch für die von mir vorhin vorgeschlagene Identifizierung 
des Maximilian-, (David-), Concordia-, Louise- und Günstigen Blick-Flözes. 

Übersicht der Flora der Reichhennersdorfer Schichten. 

Nach den verschiedenen Fundpunkten geordnet. 

Autoren Potonie (Pot.), Schütze (Seh.), Stur (St.), Schmidt (A. S.) 

und dem Verfasser (Hbg.). 



Namen der Pflanzen. 


ja 


c3 


j 


J3 


5 
< 


4J 

ii 




M 


ö 

ja 


m 
ja 


s 


1 


t4 


Autoren : 


CL, 


j=f 

ji 
r/i 


m 
jq 


ja 


m 




m 


ja 




ja 






< 


Adiantites sessihs (v. Röhl pro var.) Pot. 

oblongifohus Göpp 

Cardiopteris cf. polymorpha(Göpp.) Schimp. 
Falraatopteris geniculata (Stur, em.) Pot. 


+ 
+ 
+ 

+ 

+ 


+ 

+ 
+ 


- 


+ 

+ 


+ 

+ 

+ 

+ 

+ 


+ 


+ 


_ 

+ 
+ 


+ 
+ 


+? 


i 


- 


+ 


spec 

Sphenopteris v. Typ. elegantiforrnis (Stur.) 

divaricata Göpp 

„ Larischi Stur, spec 

cf. Hoeninghausi Brgt 

,, cf. trifoliolata (Artis) Brgt. . 


+ 


,, Schönknechti Stur 

Alloiopteris quercifolia (Göpp.) Pot 

grypophylla (Göpp.) Pot. . . . 

Mariopteris muricata (Schloth.) Zeil 

„ „ forma typica Zeil. . . 

„ latifolia Brgt 

Ovopteris typ. Brongniartü Stur 

,, spec , 


+ 



n. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Namen der Pflanzen. 




o 


XI 

'B 


"3 

ÖD 
Ö 

Cd 


^ 


< 


^ 


^ 


M 


s 

xi 
X, 




1 

3 

oa 


ja 




Autoren: 


s, 


1 


X 




33 


J3 






J 


J3 








Pecopteris dentata ßrgt 

cf. dentata Brgt 

Alethopteris decurrens (Artis) Zeil 

„ lonchitica (Schlotli.) Ung. . . . 

Lonchopteris Eschweileriana Andr 

Neuropteris Schlehani Stur 

„ gigantea Sternbg 

of. gigantea Sternbg 

Sphenophyllum tenerrimum v. Ett 

„ cuneifolium(Sternbg.)Zeill. 
Asterocalamites scrobiculatus (Göpp.) Pot. 

Stylocalamites Suckowi Brgt 

„ acuticostatus W 

Annularia radiata (Brgt.) Sternbg 

Palaeostachya spec. 

Stigmaria flcoides (Sternbg.) Brgt 

cf. Eveni. Lesqu 

Lepidodendron aculeatum Sternbg 

dichotomum Sternbg 

„ Veltheimii Sternbg 

Volkmannium Sternbg. .. . 
Lepidophyllum Waldenburgense Pot. .... 

Sigillaria alternans L. a. H 

cf. elliptioa Brgt. 

,, tessalata Brgt 


+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 
+ 


+ 
+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 

+ 


+ 

+ 
+ 


+ 

+ 

+ 

+ 
+ 


+ 

+ 


+ 
+ 


+ 

+ 


+ 

+ 
+ 

+ 


+ 
+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 


+ 


+ 


+ 


+ 

+ 
+ 

+ 

+ 
+ 


„ spec . . .' 

„ spec. aus derGruppe derSigillaria 

camptotaenia Wood 

(Favularia) elegans Brgt. em. . . 

(Rhytidolepis) undulata Göpp. . . 

Artisia approximata Lindl 


+ 



und Reste von Cordaiten (borassil'olius) und Früchte. 



Jabresbericht der Scbles. Gesellschaft für vaterl. Cultnr. 



Tabellen der Reichhennersdorfer Bohrungen. 
Bohrloch XIII. 
Nach einem Schützeschen Profile (der Bergschule Waidenburg). 




67,4/) 


7,36 


74,76 


1,13 


75,89 


0,57 


76,46 


2,83 


79,29 


3,12 


82,41 


2,27 



84.,68 


5,09 


89,77 


0,88 


90,65 


0,24 


90,89 


0,86 


91,74 


1,42 


93,16 


4,53 


97,69 


1,02 


99,11 


11,33 


110,44 


0,28 


110,72 


0,65 


111,37 


1,90 


113,27 


2,26 


115,53 


2,55 


118,08 


2,83 


120,91 


0,33 


121,24 


1,65 


122,89 


1,13 


124,02 





Beschaffenheit der Gesteine. 



(Humusschichten, Verwitterungen des 



Dammerde und Gerolle. 

Porphyr.) 

Porphyrlconglomerat und Porpliyrbreccie. 
Porphyrkonglomerat mit größeren Prophyrstücken. 

(Von 33,98—34,41 Rollstück von rotem feinem Sandstein, 
42,48—42,91 roter Letten.) 

Rotliegendes ('?). 
Brauner konglomeralischer Sandstein mit größeren Sandstein- 
stücken. 
(Von 56,64—51,21 Porphyrrollstück. Bei 62,31 ein Rollstück 
von Porphyrkonglomerat.) 
Gelbweißer körniger arkosiger Sandstein. 
Röthch-grauer Schiefer. 
Grobkörniges graubraunes Konglomerat. 
Brauner Sandstein mit Quarzkörnern. 
Grobkörniger graubrauner Sandstein mit Grünsandstein. 
Wechsel von grauem Sandstein und rotem Scbiefei-. 

0,08 m grobkörniger graubrauner Sandstein; 0,63 m Schiefer; 
0,57m grobkörniger graubraunerSandstein; 0,41m Schiefer: 
0,58 m körniger graugelber Sandstein. 
Grau-braungelber groljkörniger arkosiger Sandstein. 
Rötlicher Sandstein. 

Oberkarbon (?). 
Feiner graubrauner Sandstein. 
Graues Konglomerat. 
Grauer Schiefer. 

Feiner grauer Sandstein mit sandigen Schieferschichlen. 
Grauer Schiefer. 

Grauer Sandstein und Schiefer abwechselnd. 
Grauer melaphyrartiger Sandstein. 
Grauer feiner Sandstein übergehend bei 111,29 m in graues 

Konglomerat. 
Feiner grauer geschichteter Sandstein. 
Rötlich gefleckter grauer Sandstein. 
Letten- und Schiefer-Kluft (Verwerfung). 
Feiner grauer Sandstein mit verwittertem Sphärosiderit. 
Kohlenflözchen. 

Braungelber grobkörniger arkosiger Sandstein. 
Weißes Konglomerat mit Porphyrkörnern. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 




schaffenheit der Gesteine. 



124,02 


28,03 


152,05 


3,68 


155,73 


0,85 


156,58 


9,62 


166,20 


1,21 


167,41 


0,77 


168,18 


4,52 


172,70 


2,83 


175,53 


1,69 


177,22 


6,81 


184,01 


8,49 



205,51 


0,85 


206,36 


2,55 


208,91 


7,92 


216,83 


9,62 


226,45 


3,14 


229,59 


2,30 


231,89 


1,06 


232,95 


3,39 


236,34 


5,09 


241,43 


3,11 


244,54 


4,53 


249,07 


0,63 


250,70 


2,89 


253,59 


1,13 


254,72 


1,42 


256,14 


0,85 


256,99 


9,06 


266,05 


5,94 


271,99 


2,83 


274,82 


0,28 


275,10 


5,38 


280,48 


1,42 


281,90 


0,57 


282,47 


3,97 


2S(i,44 


0,85 


287,29 


2,55 


289,84 


2,26 


292,10 


0,85 


292,95 





Braungelber grobkörniger arkosiger Sandstein, 

Grauer Schiefer mit schwarzen Rutschflächen und Neuropteri,^ 

gigantea Sternberg. 
Grauer geschichteter Sandstein. 

Sandiger grauer Schiefer mit Cordaites und Calamiten. 
Braungraues Konglomerat. 

(iVIelaphyrartiger) nngeschichteter dichter Sandstein. 
(Melaphyrartiger) geschichteter Sandstein. 
Graues Konglomerat. 
Feinkörniger Sandstein. 

Feinkörniger Sandstein mit verwittertem Sphärosiderit. 
Sandiger Schiefer und schiefriger Sandstein abwechselnd, mit 

Cordaites und Calamiten. 
Sandiger Schiefer mit häufigen Sandsteinmitteln und Cordaites 

und Calamiten. 
(Melaphyrartiger) dichter fester Sandstein., 
Brandschiefer mit Cordaites und Calamiten. 
Brandsandstein. 

Vertikal zerklüfteter grauer Schiefer mit Cordaites und Calamiten. 
Vertikal zerklüfteter Sandstein. 
(Melaphyrartiger) dichter fester Sandstein. 
Brandschiefer mit Cordaites und Calamiten. 
Brandsandstein. 

Geschichteter feiner Sandstein. 

Vertikal zerklüfteter Brandschiefer mit Cordaites und Calamiten. 
Sandiger Schiefer mit Cordaites und Calamiten. 
(Melaphyrartiger) dichter fester Sandstein. 
Brandsandstein. 
Feiner Sandstein. 
Feiner geschichteter Sandstein. 
Brandsand.stein. 

Brandschiefer mit Cordaites und Calamiten, 
Feiner grauer Schiefer mit Cordaites und Calamiten. 
(Melaphyrartiger) un geschichteter Sandstein. 
Sandstein. 

Feiner grauer Schieferund Sandstein mit Cordaites und Calamiten. 
(Melaphyrartiger) dichter fester Sandstein. 
Zerklüfteter Sandstein. 
Geschichteter Sandstein. 
Weißgiauer körniger Sandstein. 
Brandschiefer mit Cordaites und Calamiten. 
Sandstein. 
Brandschiefer mit Cordaites und Calamiten 



Jahresbericlit der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



S .£. 




Beschaffenheit der Gesteine. 



292,95 


1,13 


294,08 


1,69 


295,77 


1,63 


297,40 


21,85 


319,25 


5,38 


324,63 


0,57 


325,20 


4,20 


329,40 


6,23 


334,63 


5,67 


340,20 


2,26 


342,46 


0,28 


342,74 


0,28 


343,02 


7,85 


350,87 


6,01 


356,88 


0,57 


357,45 


0,28 


357,73 


0,57 


358,30 


1,13 


359,43 


2,27 


361,70 


0,57 


362,27 


1,13 


363,40 


0,85 


364,25 


8,78 


373,03 


2,55 


376,58 


23,50 


399,08 


2,83 


401,91 


1,13 


403,04 


3,68 


406,72 


0,28 


407,00 


1,69 


408,69 


2,74 


411,43 


0,09 


411,52 


1,41 


412,93 


2,28 


415,21 


0,55 


415,76 


0,28 


416,04 


3,40 


419,44 


1,13 


420,57 


0,61 


421,18 


0,01 


421,19 


0,24 


421,43 





Sandstein mit verwittertem Sphärosiderit. 

Brandschiefer mit Stigmaria ficoides (Sternberg) Brgt. 

Braungiauer ungeschichteter Sandstein. 

Gelbweißer arkosiger Sandstein mit weißen Prophyrgeröllen. 

Gelbweißer arkosiger Sandstein mit einzelnen Kieseln. 

Graues Konglomerat mit Urgestein und Quarz. 

Schiefer mit Kohle und Cordaites und Calamiten. 

Zerklüfteter sandiger Schiefer mit schwarzen Kluftflächen. Kohle 
in schwachen Lagen und feiner Sandstein. 

Grauer Schiefer mit Cordaites und Calamiten. 

Grauer körniger schiefriger Sandstein. 

Graues Konglomerat. 

Brandsandstein. 

Körniger (melaphyrartiger) grauer Sandstein. 

Glimmerreicher dunkelgrauer geschichteter Sandstein, stellen- 
weise dünn gesciiichtet mit Pflanzenabdrücken (?). 

Brandsandstein. 

Dichter quarziger grauer Sandstein. 

Brandsandstein mit schwarzen Schieferschichten. 

Grauer feiner geschichteter Sandstein. 

Ungeschichteter grauer feiner quarziger Sandstein. 

Brandsandstein. 

Ungeschichleter grauer feinkörniger Sandstein. 

Brandsandstein. 

Grauer zerklüfteter Schiefer mit glänzenden Kluftflächeu. 

Feiner grauer wenig geschichteter Sandstein. 

Glirnmerreicher mehr geschichteter Sandstein. 

Ungeschichteter quarziger Sandstein. 

Lichtgrauer Brandschiefer. 

Körniger dichter grauer Sandstein. 

Körniger geschichteter grauer Sandstein. 

Zerklüfteter blauer Schiefer. 

Graugrüner tonigor feiner Sandstein. 

Schwarzer Schieferton. 

Dunkelgrauor feiner Schieferton mit Bleiglanz. 

Gelbgrauer Sandstein. 

Dunkelgrauer fester Schieferton mit Bleiglanz. 

Unbezcichnete Schicht (?) 

Dunkelgrauer fester Schieferton mit Calamiten. 

Feiner grauer Sandstein. 

Lichtgrauer sehr grobkörniger Sandstein. 

Feinschichtiger grauer Sandstein. 

Licht.grauer sehr grobkörniger Sandstein. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



t/3 ö 



Beschaffenheit der Gesteine 



421,43 
429,64 
429,72 
429,92 
432,18 
440,39 
441,24 
444,92 
450,58 
457,93 
458,49 
459,61 
463,29 
464,98 
466,10 
470,34 
473,17 
474,86 
478,81 
489,28 
498,62 



8,21 
0,08 
0,20 
2,26 
8,21 
0,95 
3,68 
5,66 
7,35 
0,56 
1,12 
3,68 
1,69 
1,12 
4,24 
2,83 
0,69 
3,95 
10,47 
9,34 



Grauer Sandstein mit grobkörnigen Einlagerungen. 

Quarzit. 

Grauer Sandstein mit grobkörnigen Einlagerungen. 

Grauer grobkörniger Sandstein mit schwarzen Streifen. 

Dichter gebänderter Sandstein mit Pflanzen (?). 

Körniger grauer Sandstein. 

Grauer grobkörniger Sandstein. 

Weitigraues feines Konglomerat mit Quarz. 

Bräunlicher feinkörniger grauwackenartiger Sandstein. 

Weißgraues feines Konglomerat mit Quarz. 

Bräunlicher feinkörniger Sandstein. 

Grauer fester Schiefer. 

Gebänderter feiner grauer Sandstein. 

Weißgraues feines Konglomerat mit Quarz. 

Gebänderter feiner grauer Sandstein. 

Grobkörniger grauer Sandstein. 

Gebänderter körniger Sandstein. 

Grobkörniger Sandstein mit Kolilenpflanzen ('?). 

Gebänderter Sandstein mit grobkörnigen Lagen. 

Grobkörniger grauer Sandstein mit Schiefernüttel. 



? 


? 


21,96 


— 


24,93 


1,13 


26,06 


1,54 


27,6 


1,99 


29,59 


1,10 


30,69 


3,45 


34,14 





Bohrloch XXIV. >) 

Rötlich-graues feinkörniges Arkosekonglomerat, stellenweise in 
feinen Sandstein übergehend mit vereinzelten Phyllit- und 
großen QuarzgeröUen. 

Grauer feiner Arkosesandstein mit größeren QuarzgeröUen. 

Grober dunkelgrauer Sandstein, ganz schwach schiefrig. 

Grauer grobkörniger Arkosesandstein, anscheinend in mäßig 
grobes Konglomerat übergehend. 

Toniger mittel- bis grobkörniger Arkosesandstein mit gelegent- 
lichen QuarzgeröUen. 

Roter mittelkörniger Arkosesandstein. Eingelagert anscheinend 
ein grobes Konglomerat, da v. 30,9—31,76 große QuarzgeröUe 
vertreten. 



1) Den dm-cbsunkenen Schichten nach kann die für Bohrloch XXIV auf dem 
Kärtchen (Fig. 2 S. 52j angegebene Lage unmöglich richtig sein. Es ist anzunehmen, 
daß Bohrloch XXIV an anderer nicht mehr zu ermittelnder Stelle gelegen hat und 
XXIV des Kärtchens eine andere Nummer trägt. Vgl. auch die Angaben des 
Böhnisch'sclien Tagebuches S. 25. 



66 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



^ "^ 


'S 
3 1 


Beschaf fenlieit der Gesteine. 


1 ^ 1 

in Metern. 




34,14 





Grobes grünlich-graues, toniges Arkosekonglomerat mit Quarz 


^ 




bei 34,19. 


38,58 


2,22 


Fein- bis mittelkörniges, toniges Arkosekonglomerat, mit Quarz 
und Glaukonitkörnchen in gröberes Konglomerat übergehend. 


40,8 


5,69 


Rötliches Arkosekonglomerat mit schwarzem Glimmer und Quarz- 
geröllen in etwas gröberes Konglomerat mit dunkler Grund- 
masse übergehend. 


46,49 


2,0 


Grau-grünliches mittelkörniges Konglomerat, anfänglich etwas 
gröber. 


48,49 


2,0 


Feines grünhch bis rötliches Arkosekonglomerat mit Quarz. Bei 
60,49 gröbere Quarzgerölle. 


50,49 


1,80 


Feines rötlich-grünliches Konglomerat mit größeren Quarzen. 


52,29 


15,70 


Graues bis rötlich-grünliches Arkosekonglomerat mit wechselnder 
Größe der Gerolle. 


67,99 


1,61 


Grobes grünliches Konglomerat, nach der Teufe zu größere 
Quarzgerölle. 


69,60 






72,9 


1,0 


Grobes rotes Konglomerat, sehr fest. 


73,9 






? 




Steinkohlengebirge. (?) 


82,99 


4,29 


Grünlicher grober glimmerreicher Sandstein mit größeren Quarzen. 


87,28 


2,31 


Gliminerreicher grauer Arkosesandstein, übergehend in Konglo- 
merat. 


89,59 


15,19 


Ghmmerreicher grauer konglomeratischer Arkosesandstein. 


104,78 




Teufe unbekannt (vielleicht cf. S. 57 = 201,16 m). 
Bohrloch im Querschlage. 


3,3 

7,5 


13,2 


Rotes Arkosekonglomerat. 


36,19 


2,09 


Grauer bis grünlicher und rötlicher etwas sandiger Tonschiefer. 


38,28 






39,8 


33,6 


Ziemlich grobes rötliches Arkosekonglomerat mitPliyllitgeröllen, 
nach der Teufe zu gröber werdend. 


73,4 


4,7 


Grauer bis roter Sandstein. 


78,1 


3,7 


Grauer glimmerhaltiger Sandstein (schiefernd). 


81,8 


3,2 


Graues Arkosekonglomerat mit gelegentlichen Kieselschiefer- 
geröllen, anfänglich feiner. Fallen 28". 


85,0 


3,7 


Grau-grüner glimmerreicher mittel- bis grobkörniger Arkosesand- 
stein mit schiefernden Lagen, mit zunehmender Teufe kon- 


88,7 




glomeratisch. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



88J 


3,3 


92,0 




94,6 


"2,4 


97,0 


5,4 


103,4 


4,3 


107,7 
108,6 


0,9 
1,6 


110,2 





111,3 

118,8 

120,8 
121,5 
124,2 



130,4 
133,9 



14fl,6 
141,0 



175,0 
179,1 



7,5 



0,7 

2,7 



6,2 
3,5 



0,4 



4,1 
1,9 



Beschaffenheit der Gesteine. 



Graues, stellenweise grünliches grobes Arkosekonglomerat mit 
Quarz-, Kieselschiefer- und Phyllitgeröllen, nach der Teufe hin 
Einlagen eines giUnlichen glimmerreichen Tonschiefers. 



Grünlich graues glimmerreiches Arkoselconglomerat mit Phyllit- 
und QuarzgeröUen (mittelgroß bis klein). Nach unten zu bläu- 
hch-schwarzer Tonschiefer mit etwa 30» Einfallen eingelagert. 

Grauer bis schwarzer glimmerhaltiger Tonschiefer, stellenweise 
sandig. 

Grauer mittelkörniger glimmerreicher schiefriger Arkosesand- 
stein, Einlagen eines blaugrauen Tonschiefers mit Kohlen- 
häutchen, üljergehend in grauschwarzen Tonschiefer mit 
Stigmaria. 

Grauer schiefriger Sandstein mit Kohlenhäutchen. 

Grauer glimmerhaltiger schiefriger Sandstein mit Kohlen- 
schmitzchen. Einfallen 270. 



Glimmerreicher grauschwarzer Tonschiefer, mehi' oder weniger 
sandig mit Kohlenhäutchen und Coi'daites und Calamites. 



Sandiger glimmerreicher grauschwarzer Tonschiefer. 

Gi'au-grünliches mittelkörniges Arkosekonglomerat mit Kiesel- 
schiefer- und QuarzgeröUen und Glimmer, nach der Teufe zu 
feiner. 

Dasselbe wie vorher, nur feiner, nach unten glimmerreicher 
Tonschiefer. 

Grauer feinkörniger Sandstein mit Kohlenhäutchen. 

Grünlich-graues feinkörniges Arkosekonglomerat mit Phyllit- und 
QuarzgeröUen, Ghmmer und Kohlenschmitzchen. Nach unten 
zu Sandstein mit Kohlenhäutchen. 



Grünlich-grauer sandiger Tonschiefer. 



Glimmerreicher feiner Sandstein mit Kohlenhäutchen. 



Fester grauer feinkörniger Sandstein. Calamites. Fallen 20 — 400. 
Dasselbe mit Kohlenschmitzchen, nach der Teufe zu in Ton- 
schiefer mit Kohlenschmitzchen übergehend. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



L Metern. 



Beschaffenheit der Geste 



181,0 
184,1 

199,7 



201,7 
202,6 
204,1 



214,8 

216,7 

218,6 

222,6 

224,0 

228,0 
228,0 

230,0 



272,6 


2,3 


274,9 


1,9 


276,8 


1,9 


278,7 


1,3 



3,1 



2,0 



0,9 
1,5 

10,7 



1,4 

4,0 



Sandiger glimmerreicher fester Tonschiefer. 



Bläulich-grauer glimmerreicher Tonschiefer mit Cordaites. Nach 
der Teufe zu geht er über in grauen glimmerreichen sandigen 
Tonschiefer. 

Glimmerreicher Tonschiefer mit Calamites und Kohlenschmitzchen. 

Grauer feinkörniger Arkosesandstein. 

Grauer feinkörniger schiefriger Sandstein mit Kohlenschmitzen 
und Kohlenhäutchen. Bei 212 m ein mittel- bis grobkörniges 
Arkosekonglomerat mit Glimmer, Quarz- und Phyllitgeröllen 
eingelagert. 

Bläulich-grauer Tonschiefer mit undeutlichen Pflanzenresten und 
Kohlenhäutchen. Eingelagert feinkörniger grünlich-grauer Ar- 
kosesandstein mit größeren Quarzkörnern. 



Bläulich-grauer glimmerreicher Tonschiefer mit undeutlichen 
Resten einer Sphenopterisspezies (etwa der Gruppe Höning- 
hausi) im Wechsel mit schiefrigem tonigem feinkörnigem 
Sandstein und feinkörnigem gxauem Arkosesandstein mit 
größeren Quarzkörnern. 

Feinkörniger grünhch-grauer schwach schiefernder Sandstein mit 
Kohlenhäutchen. 

Grauer feinkörniger glimmerreicher Arkosesandstein mit Phyllit- 
geröllen und Kohlenhäutchen sowie grauer sandiger Ton- 
schiefer. 

Blaugrauer, mitunter sandiger und ghmmerreicher Tonschiefer 
nach der Teufe zu durch festen grünlich-grauen schwach 
schiefernden Sandstein vertreten. Fallen 30—400. 



Grauer ghmmerreicher Tonschiefer, nach unten zu in graublauen 

Tonschiefer übergehend. 
Grünlich-grauer und bläulich-grauer Tonschiefer mit Resten von 

Cordaites und Calamiten; feinkörniger grauer Sandstein mit 

Kohlenhäutchen. 
Glimmerreicher feinkörniger grauer Sandstein. Nach der Teufe 

schwarzgrauer Tonschiefer mit Cordaitenresten. 
Dunkelgrauer glimmerreicher schwach schiefernder feinkörniger 

Sandstein. Sandiger glimmerreicher Tonschiefer. Zu unterst 

fester grauer feinkörniger glimmerreicher Sandstein. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



69 




chaffenheit der Gesteine. 



280,0 
284,0 

310,0 

313,0 

317,7 



323,1 


2,9 


326,0 


3,1 


329,1 


4,0 


333,1 


7,4 


340,5 


2,5 



343,0 



346,4 



353,0 
354,9 

357,9 

361,7 
364,7 

368,1 
373,1 



3,0 

4,7 



6,6 



1,9 
3,0 



3,0 
3,4 



Blaugrauer Tonschiefer. 



Grauer toniger glimmerreicher feinkörniger Sandstein und 
schwarzgrauer Tonschiefer. 

Grünlich-grauer Arkosesandstein mit Phylhtgeröllen von wech- 
selnder Korngröße und Kohlenhäutchen; anfangs feinkörnig, 
nach der Teufe Konglomerat. 

Grauer Sandstein im Wechsel mit grauem grobem ghmmer- 
reichen Konglomerat mit Einlagerung glimmerreichen 
schiefrigen tonigen Sandsteins. Fallen 50 — 60". 

Grobes graues Konglomerat mit Phyllit- und Kieselschiefer- 
geröUen. 

Mittelkörniger grauer Sandstein. 

Bläulichschwarzer Tonschiefer. 

Grünlich-graues Arkosekonglomerat mit Phyllit- und Kiesel- 
schiefergeröllen und kohligen Sohmitzen. Hiernach glimmer- 
reicher bläulicli-grauer Tonschiefer. 

Schwarzgrauer Tonschiefer. 

Scliwarzgrauer sandiger Tonschiefer und fester grauer fein- 
körniger Sandstein. 

Fester grauer feinkörniger toniger Sandstein mit Kohlenhäutchen, 
eingelagert grobes Konglomerat und blaugrauer glimmerreicher 
toniger schiefriger Sandstein. 

BläuUch-grauer glimmerreicher sandiger Tonschiefer, schwarzer 
bis schwarzgrauer Tonschiefer und grauer glimmerreicher 
feiner Sandstein mit Kohlenhäutchen, gelegenthch tonig und 
sohiefrig. 

Grünlich-grauer etwas sandiger Tonschiefer. 

Schwarzgrauer Tonschiefer und dunkelgrauer feinkörniger 
glimmerreicher schiefriger Sandstein. 

Schwarzgrauer glimmerreicher Tonschiefer. Fester grauer 
glimmerreicher feiner Sandstein, nacli der Teufe grünlich- 
grau mit Calamites und Kohlenhäutchen. 

Grauer kohliger Sandstein in feines Konglomerat übergehend. 

Feiner grauer Sandstein und schwarzgrauer glimmerreicher 
Tonschiefer. 

Schwarzgrauer ghmmerreicher Tonschiefer. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



ohaffenheit der Gesteine. 



375,0 
379,7 

391,0 
394,6 

397,1 

400,3 

402,4 
404,4 

412,9 
416,6 
420,B 



3,2 



3,7 
3,9 



Hellgrauer fester glimmerreicher Sandstein und schwarzgrauer 
sandiger Tonschiefer. 



Feinkörniger grauer Sandstein mit Kohlenschmitzchen in grobes 
Konglomerat mit gelegentlichen PhyllitgeröUen übergehend. 

Fester grauer Sandstein, sohwarzgrauer ghmmerreicher sandiger 
Tonschiefer und feiner grauer toniger Sandstein. Nach der 
Teufe in feinliörmges Konglomerat übergehend. 

Grauer Arkosesandstein mit größeren QuarzgeröUen; schwarz- 
grauer Tonschiefer. Graues feinkörniges Arkosekonglomerat 
mit Phyllit- und KieselschiefergeröUen. 



Schiefriger toniger Sandstein. Fallen: 28». 

Grauer Sandstein mit Kohlenschmitzchen. 
Glimmerhaitiger feiner Sandstein mit Kolilenhäutohen. 



IL Die Schatzlarer Schichten (Stur) Weit hofer. 

Bei Schwarzwasser überschreiten diese Schichten, die wir eben bei 
ReichhennersdorfundLiebau verlassen hatten, die Landesgrenze und führen 
hier zunächst bei Schatzlar in ihrer größten Breitenausdehnung wieder eine 
große Zahl abbauwürdiger Flöze. 

Unter „Schatzlarer Schichten" versieht Weithofer „die Schatzlarer 
Schichten Sturs + den Xaveristollener Schichten Potonies". Auch der 
Verfasser sieht sich genötigt, wenigstens kartographisch diese beiden 
Schichtenkomplexe zusammenzuziehen, da eine Trennung dieser beiden 
bisher noch nicht möglich geworden ist.') 



1) Auf der Exkursionskarte sind deshalb die Schatzlarer Schichten und die 
XaveristoUner Schichten mit demselben Farbenton wie die Reichhennersdorfer 
Schichten gehalten. Auch die eventuelle Verschiebung der Unterkarbongrenze im 
Bereiche der Exkursionskarte westvfärts ist unberücksichtigt gelassen worden, da 
sich, wie bereits gesagt, eine sichere Grenze zurzeit noch nicht geben läßt. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 71 



Begrenzung der Scliatzlarer Schichten Weithofers. 

Die Nordbegrenzung dieses Scliichtenkomplexes bilden von der Landes- 
grenze gegen Südwest die nicht an jedem Punkte sicher abzugrenzenden 
Sedimente des ünterkarbon. Gegen Westen stößt das Flözgebirge an die 
Phyllite und Hornblendeschiefer des Rehorngebirges, die auf der Settmacher- 
sclien Karte wohl ziemlich richtig geschieden sind.^) Eine kleine Ver- 
schiebung der Grenze gegenüber der Weithoferschen Karte wird durch 
das Anstellen von Konglomeraten des Schatzlarer Typus am Ostabhang der 
Reissenhöhe an der Straße Schatzlar-Traulenbach bewirkt. 2) Südwärts von 
diesem Punkte trifft die Grenze der Schatzlarer Schichten auf den Trauten- 
bacher Melaphyr, dessen Hauptmasse hier auf einer dem Streichen der 
Schichten parallelen Spalte emporgedrungen ist. Weiter bildet bis Hronov 
der altbekannte Parschnitz-Hronover Bruch die Begrenzung des Palaeo- 
zoicums. Westlich dieses Bruches folgt zunächst Rotliegendes, dann Kreide 
und hiernach wieder Rotliegendes. 

Schwieriger ist die Abgrenzung der Schatzlarer Schichten im Osten. 
Eine Reihe von gangartigen Porphyrvorkommen entspricht hier ungefähr 
der stratigraphischen Grenze. Das nördlichste Vorkommen ist der Porphyr 
des Schanzenberges, sodann der des Heidenberges, der durch die Lokal- 
bahn Schatzlar-Königshan angeschnitten wurde und dessen Ausdehnung auf 
dei- Karte nach Bohrungen der Schatzlarer Grubenverwaltung eingetragen 
werden konnte. Bei der alten Halde des Josefistollens am Strumpfbache 
erscheint ein kleines Porphyrlager, dessen Begrenzung ebenso wie die des 
Porphyrs beim alten Schulhause in Lampersdorf leider nicht raögHch war. 
Der Porphyr des Heidenberges ist auf der ExkursionskarLe zum ersten Male 
abgegrenzt worden. 

Nach der Untersuchung von Herrn Professor Milch ist das Eruptiv- 
gestein des Heidenberges ein Quarzporphyrtuff, der sehr stark gequetscht 
ist. Es muß also nach dem Empordringen des Eruptivmagmas eine starke 
Faltung der Gebirge stattgefunden haben. Südlich des Strumpfbachtales 
l)ildet dann der große Krinsdorfer Porphyrerguß die Begrenzung gegen die 
ostwärts sich auflagej'nden Sedimente der Ottweiler Stufe. Nördlich Drei- 
häuseln setzt der Porphyr anscheinend^) aufs linke Ufer des Litschebaches 
über und stellt, der Bahnlinie folgend, eine Verbindung mit dem Gabersdorfer 
Melaphyr her. Weiterhin finden sich kleinere Porphyreinlagen noch an 
der Straßenbiegung nordöstlich von Gabersdorf am Wege nach Döberle. 
Ferner sind zu nennen die beiden kleinen Porphyre des Burger Waldes 

1) Bezirkskunde von Trautenau, herausgegeben vom Trautenaucr Bezirks- 
lehrerverein 1901. (Verlag des Trautenaucr Bezirkslehrervereins.) 

2) Leider konnte diese Grenzversohiebung auf der Exkursionskarte niclit niehr 
berücksichtigt werden. 

^) Diese Annahme fehlt tiuf der Exkursionskarte noch. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für valerl. Cultur. 



und der südwärts dieser beiden am linken Ufer des Glaserbaches. Zwei 
wenig ausgedehnte Mclaphyrvorkommen finden sich bei Hertin und nörd- 
lich ßohdaschin. Die kleine Grenzverschiebung gegenüber der Weithofer- 
schen Karte zwischen Klein-Krinsdorf und dem Schanzenberge ist lediglich 
durch den neuabgegrenzten Porphyr des Heidenberges bedingt worden. 
Eine Ostbegrenzung dieser Schichten wird auch noch durch das Rot der 
Idastollner Schichten im Gelände erleichtert, die sich überaus deutlich von 
den Verwitterungsprodukten der Schatzlarer Schichten und ihrer graueren 
Färbung abheben. 

Die südliche Begrenzung der Schatzlarer Schichten gegen die Xaveri- 
stollner Schichten Potoniegi) wird nach Ansicht des Verlassers durch das 
Diagonaltal des Litschebaches gebildet, da sich eine Verschiedenheit in 
der Färbung der Felder auf der Goldenölser Seite des Bolkenberghöhen- 
zuges gegen die Felder südöstlich des Trautenbacher Melapbyrs bemerkbar 
macht. Außerdem sucht auch Weithofer die Begrenzung in ungefähr dieser 
Gegend. Freilich tritt im linksseitigen Melaphyrsteinbruche des Gabersdorf- 
Goldenölser Quertales 3—4 m über der Bachsohle ein kleines Lager grauer 
Konglomerate^) auf, welches aber im rechtsseitigen Steinbruche nicht mehr 
zu konstatieren war. Das Streichen dieser etwa 1 m mächtigen, auf kurze 
Erstreckung ausbeißenden Konglomerate ist N 20 W und das Fallen ca. 
40 g^ NO. 

Orographisches. Die Schatzlarer Schichten sind im allgemeinen 
tiefer gelagert zwischen höheren Randgebirgen, nur nach Nord gehen sie 
allmählich sanfter in die steileren ünterkarbonhöhen über. Ihre Schichten- 
köpfe erreichen im Galgenberge mit 634 m und dem Berge Östlich Bahnhof 
Schatzlar mit 629 m Seehöhe ihre höchsten Erhebungen. Ihre größte 
Breite erlangen sie mit ca. 4500 m zwischen Bober und Königshan. 

Petrographisches. Wie die Reichhennersdorfer Schichten, so kenn- 
zeichnet auch die Schatzlarer Schichten die typische Entwickelung der 
grauen feineren bis groben Konglomerate, die auch mehrfach die Decken 
der Flöze bilden. Am gröbsten sind diese Konglomerate, in welchen man 
bisweilen über kopfgroße Gerolle antrifft, westlich des Krinsdorfer Porphyres 
entwickelt. Wesentliche Bestandteile dieser Konglomerate sind Gerolle der 
umhegenden Gebirge, namentlich Phyllite und Hornblendeschiefer. Unter- 
geordnet, meist nur in der Begleitung der Flöze, finden sich auch 
gelegentlich helle bis dunkelgraue Schiefertone. 

Flözführung und Lagerung der Flöze. Die Flözführung der 
Schatzlarer Schichten ist eine überaus reiche. Die Zahl der Flöze beträgt 



1) Den „stejlstehenden Flözzug" der ftlteren Autoren bei Markausch. 

2) Weithofer 1. c. S. 466. 



II. Abteilung. NatuTwissenschaftliche Seliliou. 73 



im allgemeinen 28,') von denen jedoch nicht alle Flöze bauwürdig sind. 
Die Miieliligkeit der bauwürdigen einzelnen Flöze wechselt von 0,5 — 3 m. 
Auf dem hier beigegebenen Profil über die Flözablagerungen im vierten 
Horizont^) des Marienschachtes ist die JVIächtigkeit der einzelnen Flöze 
durch die Stärke der Linien gekennzeichnet. Indes sind die Flöze 
keineswegs immer rein, sondern werden durch Zwisehenmittel häufiger 
in mehrere Bänke zerlegt. Die Flöze sind in einem Schiciitenkoin|)lex 
von etwa 250 m wahrer Mächtigkeit verteilt. 

Durch mannigfache Störungen und Verwerfungen bekommt die Lage- 
rung des FJözgebildes etwa die Form eines S.*j Bei Schwarzwasser streichen 
die Flöze im wesentlichen NO — SW und machen dann plötzlich eine 
scharfe Wendung nach SO. Mit diesem Streichen durchziehen sie den 
Elisabeth- und Marienschacht, wenden sich dann sofort gegen WSW und 
werden hier durch die sog. ,, Johannakluft", die den südlichen Teil ab- 
sinken läßt, ,,ca. 1 30 m^ horizontal anscheinend ins Liegende verschoben". 
Endlich verlaufen die Flöze ziemlich nach Süd gegen Groß-Krinsdorf hin. 
Ihr Fallen beträgt im allgemeinen 15^45" gegen SO. 

Nördlich dieser ,,.lohannakluft" streicht ziemlich parallel der Lampers- 
dorfer Straße eine zweite Hauptverwerfung, die sog. ,,Fannykluft", über 
deren Wesen man sich aber bisher noch nicht recht hat klar werden 
können, da sich der Abbau fast nur südlich dieser Kluft bewegt und 
Bohrungen im Kluftber*eiche noch nicht stattgefunden haben. Auch sonst 
sind lokale Störungen, Verwerfungen, Sprünge und Verdrückungen ebenso 
wie im Reichhennersdorf-Liebauer Revier zahlreich vertreten, eine Tatsache, 
auf Grund deren Her mann die Flöze des Reichhennersdorf-Liebauer Re- 
vieres den Schatzlarer Flözen gleichsetzen zu müssen meinte, wie schon 
anderwärts betont ist. Diese kleinen Störungen (Sprünge) dislocieren die 
Flöze meistenteils analog den gleich alten Bildungen im preußischen Teil 
der Mulde vom Liegenden zum Hangenden, während die großen Verwer- 
fungen (Klüfte) hier die Flöze vom Hangenden ins Liegende verschieben. 

Über Groß-Krinsdorf hinaus ist der Schatzlarer Flözzug mit Sicherheit 
nicht mehr bekannt, denn es läßt sich heute nicht mehr feststellen. 
Welchem Flözzugo die Flöze des Stollens am linken Ufer des Litschebaches 
zuzurechnen sind, die in der Literatur mehrfacli Erwähnung linden, weil 
Pflanzeureste von dort nicht bekannt sind. 

Die Resultate des verunglückten Bohrloches bei Schwarzwasser und 
der Krinsdorfer Bohrung können leider liier nicht wiedergegeben werden, 
weil der westböhmische Bergbau -A kli en-Ver ein seine Bohrtabellen 

1) Miueralkohlen Österreichs. Wien 1903 S. 203. 

3) Die Schatzlarer Verwaltung (Ingenieur Haberfeiner, jetzt Pergine) hat mir 
freundlichst dieses Profil überlassen. 
s) Siehe die Schülzesche Karte. 



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'r^i.dr.^^n. geheim hält und so eine Prü- 
fung von deren Ergebnissen 
für die Wissenschaft augen- 
blicklich nicht möglieh ist. 

In neuester Zeit lenkt eine 
Bohrung in Schatzlar selbst 
das Interesse auf sich. Durcli 
Bohrung im Marienschachte 
ist anscheinend eine neue 
Plüzgruppe erteuft worden. 
124,86 m tiefer als die Sohle 
des Marienschachtes (S35 ni) 
hatte man mhtulst Stoßbohrers 
10 Flöze konstatiert. Von 
diesen 10 Flözen sind bisher 
4 querschlägig 100 m west- 

■ lieh vom Julienschacht (335 m 
Seigerteufe)') angefahren. Das 
Streichen dieser Flöze ist 
SW— NO und ihr Fallen 
beträgt 45" gegen 0. Ihre 
Mächtigkeit soll bis 1 m be- 

, tragen und die Kohle eine 
recht gute sein. Eines dieser 
Flöze hat nach Angaben des 
Herrn Oberingen. Sandtnor 
ein grobes Konglomerat zur 
Decke. Die Identifikation mit 
Flözen benachbarter Gruppen 
läßt sicli erst durchführen, 
wenn Pflanzen vorHegen. Es 
ist wahrscheinlich, daß diese 
Flöze als Reichhennersdorfer 
Schichten anzusprechen sind, 
insbesondere wäre dieses Flöz 
dem Maximilian - Concordia- 
Flöz gleichzustellen. Jeden- 
falls deutet das von Weisstein 
bis TschÖpsdorf verfolgte Auf- 
treten der Konglomeratdecke 
auf eine solche Ulentiflzierung 
hin. 

Beschaffenheit der 
Kohle. Der kalorische Wert 
der Schatzlarer Kohlen beträgt 
nach Schwackhöfer^) 6000 
bis 6800 hei oiiiera Aschen- 
gehalt von 10,a — 19,0 %. 
Zum Vergleiche sei nach dem- 
selben Autor'') der kalorische 
Wcrtvon46niederachlesischen 
Proben angeführt. 20 Proben 

1) = 248 m tiber dem Spiegel 
des adriatischen Meeres. 

») Sciiwuckhöfer, die 
Kohlen Österreich -Ungains und 
Preiißiscli-Sclilesiens. Wien t'JOl 
S. 55. 55. Tabellarische Ober- 
sielit der Analysen S. 138— l^d. 

3) Ebenda S. 68. 



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IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 75 

ergaben 6500 — 7000 Kai, 24 Proben 7000—7500 Kai. und 2 sogar über 
V500 Kai. Der Heizwert der Schatzlarer Kohlen ist also geringer als der 
der niederschlesischen Kohlen. Verbrennlichen Schwefel enthalten die 
Schatzlarer Kohlen 1,2 bis 1,7 o/^, im Mittel 1,3—1,5 "/o- 

Fossilführung. 
Bereits 1885 — 87 veröffenthchte Stur sein bekanntes 2 bändiges Werk 
über die Karbonflora der Schatzlarer Schichten. Durch Zeiller^) wurden 
dann die im französischen gleich alten Karbon vorkommenden Pflanzen der 
ötage houiller moyen (bassin de Valenciennes) beschrieben und abgebildet. 
So erscheint die Flora dieses Flözzuges wohl als die bestbekannte. Des 
Verfassers Tätigkeit in Schatzlar bezweckte in erster Linie eine Unter- 
suchung über die Häufigkeit der einzelnen Pflanzenreste in den verschiedenen 
Flözen, eine Aufgabe, die leider nur sehr unvollkommen geglückt ist. Das 
Ergebnis sei im folgenden tabellarisch mitgeteilt. 



1) Zeiller, Description dela Acre fossile du bassin houiUer de Valenciennes. 
Atlas 1886. Text 1888. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



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16. Flöz. 
































Liegend. 



Zweckmäßig sollten hier die Bohrungsergebnisse von Petersdorf, die 
zwischen oben begrenztem Schatzlarer Flözzuge und dem bei Markausch 
beginnenden Xaveristollner Flözzuge im Petersdorfer Tale stattgefunden 
haben, angeführt werden. Leider muß ich mich hier auf meine etwas 
unvollständigen Ermittelungen beschränken. Es war nicht möglich, von 
zuständiger Seite (Schatzlarer Gruben) genauere Angaben zu erhalten. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Auf beiden Seiten des Petersdorfer Tales, nicht weit östlich der großen 
Parsohnitz-Hronover Dislokation, ist von bis 0,6 m mächtigen Flözchen 
lange Zeit hindurch aus Stollen gefördert worden. Auch aus den am 
rechten Ufer des Glaserbaches im Burger Walde nördlich der Straße 
liegenden alten Stollen soll in früheren Zeiten gefördert sein, wegen Wasser- 
zufluß mußte der Betrieb aber eingestellt werden. Der später unternommene 
Versuch, das Lager wieder aufzufinden, scheiterte gänzlich. 

Ein von der Schatzlarer Gesellschaft niedergebrachtes Bohrloch an 
dem rechten Bachufer ergab bei ca. 300 m Teufe das Vorhandensein von 
4 Flözen, dessen stärkste? im Mittel 2,3 m Mächtigkeit besaß. Von diesen 
angeljüch 3 — 4 Flözen sind 2 bauwürdig gewesen, ein drittes zeigte sich 
unrein!) und das vierte Flöz endlich war unbauwürdig. In nördlicher 
Richtung von diesem Bohrlochc wurde von derselben Gesellschaft im Tale 
von Döberle am Nordhang des Burger Waldes ein weiteres Bohrloch ge- 
stoßen, welches mehrere schwache Flöze nachgewiesen^) hat. 



in. Die Xavorislolluer Scliicliten Foto nie. 

Schon vor Markaiisch finden sich östlich der Bergkoppe die ersten 
Ausgehenden der Flöze dieses Zuges. Ihr weiterer Verlauf bis Schwado- 
witz wird durch eine Reihe alter Anlagen gekennzeichnet, wie Ignatzi- 
schacht, Petrischacht, Xaveri(erb)stollen, Hugostollen und zahlreiche Schurf- 
halden. 

Grenzen und Petrographisches. 

Durcli die älteren Bergwerksaufschlüsse ist die Mächtigkeit dieses Flöz- 
zuges ziemlich genau bekannt geworden. Der 796 m lange Xaveristollen 
durchfuhr zunächst NW einfallende Kreideschichten, hernach rote Schiefer 
Und Sandsteine mit Konglomeraten, die sich immer steiler stellten, um 
etwa 130 m vom Stollenmundloch Nordostfallen anzunehmen. Auf diese 
Schichten des Rotliegenden lagern sich dann die XaveristoUner Schichten 
ßiit ihren graueren Konglomeraten, schwarzgrauen Schiefern und 11 Flözen. 
Das Fallen der Flöze beträgt 65 — 70 Grad gegen NO, während ihr Streichen 
dem Hauptstreichen (N 30 W) des gesamten Muldenflügels ziemlich genau 
^olgt. Hinter diese Schichten wurde der Stollen noch 250 m weiter ge- 
führt, ohne ein Ergebnis zu bringen.^) Gegen SO verschwächt sich diese 
ochicht, die im Idastollen nur noch 250 m an Mächtigkeit mißt, immer 
'^lehr, bis sie schließ] icli (nach den Mineralkohlen) ganz verschwindet. 
■Veithofer und mit ihm die vorliegende Aufnahme, läßt diese Schichten 

1) Nach dortiger Ausdrucksweise „unreif". 

2) Auch das Ergebnis dieser Bohrung kann niolil nälier angegeben werden. 

3) Mineralkohlen Österreichs. Wien 1903. S. "203. 



78 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cullur. 



in gaBZ schmalem Zuge bis Zbecnik durchstreichen, da östlich dieses 
Dorfes wieder eine Flözanreicherung und Zunahme der Mächtigkeit der 
Schichten erfolgt. Etwa 370—380 m vom Mundloch des ostwärts in den 
Berg hineingehenden Xaveristollens haben wir an einer vermauerten Stelle 
den Parschnitz-Hronover Bruch zu suchen, der auch im Idastollen-Klein- 
Schwadowitz nur noch durch Mauerung gekennzeichnet ist. In dem 1800 m 
langen Hugostollen nördlich Klein-Schwadowitz liegt diese Dislokationskluft 
etwa 600 m vom Mundloche entfernt. Dieser Bruch stellt die Ostgrenze 
der Xaveris tollner Schichten vor. Leider ist auficr dem Idastollen keine 
dieser alten Anlagen mehr zu befahren, und sind diese Angaben daher nur 
den Profilen der Schwadowitzer Gesellschaft^) entnommen. 

Die westliche Begrenzung der Schichten läßt sich heute nicht mehr 
genau feststellen. Beide Horizonte bestehen vorwiegend aus rötlichen bis grauen 
gröberen und feineren Konglomeraten, während die rötlichen Schiefertone 
und rötlich grauen Sandsteine zurücktreten. Es ist daher an der Weit- 
hoferschen Grenze festgehalten worden, die durch schon früher genannte 
Ergüsse von Eruptivgesteinen (Porphyre bei Petersdorf und Melaphyre bei 
Bohdaschin und Hertin) gekennzeichnet wird. 

Flözführung. Bei Markausch und im Erbstollen sind 8—11 Flöze 
bekannt. ä) Hier beträgt die qucrschläglge Entfernung vom liegendsten 
2. Flöz bis zum 11. hängendsten 130 m. Das 2. Flöz war 2—5 m stark, 
das 4., 5., 7., 8. und 9. bis über 1 m mächtig. Die Flöze, die im Streichen 
auf 3 km aufgeschlossen waren, verflachen sich an den genannten Orten 
mit 65—70 gegen NO, weshalb die älteren Autoren diesen Flözzug als 
,, steilstehenden Flözzug bei Markausch"'') bezeichnet haben. Gegen Süd 
verringert sich die Breite des Flözzuges wie oben gesagt immer mehr. 
Bei Bohdaschin ist nur noch ein einziges Flöz weit ab im Liegenden der 
Idastollner Flöze erschürft worden. 2) Erst bei Zdiarek in der Wilhelminen- 
grube treten dann wieder 5 Flöze auf, deren nähere Beschreibung bereits 
früher durch Schmidt erfolgt ist."^) 



1) Herrn Oberingenieur Karlik und Herrn Markscheider Irr mann bin ich für 
die freundliche tjljerlassung der Profde zu Danke verpflichtet. 

2) Minei'alkohlen. S. 203. — Vgl. Schütze 1. c. S. 221. 

3) Vgl. Jokely, Steinkohlenablagerungen von Schatzlar, Schwadowitz etc. 
.Jahrb. d. k. t. g. Reich.sanst. 1862. Verhandl. S. 169 ff. und Schütze 1. c. S. 5. 

*) Dr. A. Schmidt hat in seiner Inaugural-Dissertation „Oberkarbon und 
RotUegendes im Braunauer Lilndchen und der nördlichen Grafschaft Glatz" 
Breslau 190*. (S. 16—19) durch die Flora nachgewiesen, daß die Flöze der 
Wilhelminagrube nicht ident mit den XaveristoUner Flözen sind, sondern eine 
Zwischenstellung zwischen Xaveri.stollner und Idastollner Schichten einnehmen, so 
daß sie, wie ich auch in der vergleichenden Übersicht (S. 107) angegeben habe, den 
Ablagerungen von Piesberg-Ibbenbüren gleichzusetzen sind. (= Wilhelmina- 
schiohten S. 108—113.) 



IL Abteilung. Naturwissenschaitliche Sektion. 79 



Beschaffenheit der Kohle. Die Kohle dieser Flöze war bedeutend 
besser als die der Idastollner Flöze und wurde hauptsächlich zur Koks- 
erzeugung verwandt. 

Fossilien. War kartographisch und petrographisch eine genaue 
Abgrenzung dieser Schichten nicht möglich, so ist floristisch eine solche 
doch schon seit langem geglückt. Potonie stellte die Ergebnisse früherer 
Autoren zusammen und schaltete auf Grund erneuter Beobachtungen zwischen 
Schwadowitzer und Schatz'larer Schichten s. str. die Flora des Xaveristollen 
als 5. (Misch-) Flora ein. Leider war es mir nicht möglich, hier neuere 
Beobachtungen zu machen, da der gesamte Bergbau auf den Xaveristollner 
Schichten schon seit langem ruht. 

Eruptivgesteine. Außer den bei'eits erwähnten Melaphyrvorkommen 
von Hertin und Bohdaschin sind im ganzen Gebiete dieses Schichten- 
komplexes Eruptivgesteine nicht aufgefunden worden, die auch der jüngeren 
Ottweiler Stufe in Böhmen fast gänzlich fehlen, i) 



IV. Ottweiler Stufe Weiß. 

a. Idastollner Schichten, 

Potoniö — Schwadowitzer Schichten, Stur. 

Grenzen, Im ganzen Gebiete unserer Arbeit, in dem die Schwadowitzer 
Schichten überhaupt entwickelt sind, lagern sie den Schatzlarer Schichten 
s. str. bezw. den Xaveristollner Schichten auf und werden von den hernach 
zu behandelnden Hexensteinarkosen konkordant überlagert. Ihre größte 
querschlägige Breite erreichen sie mit etwa 3,7 km in der Linie Bolkenberg- 
Bernsdorf (Richtung auf den Kutschenberg). Bei Königshan verschwinden 
die Schichten unter den AUuvionen, so daß sich ein Hinüberreichen auf 
preußisches Gebiet^) nicht nachweisen und eine genaue Nordgrenze zur 
Zeit nicht ziehen läßt. 

Orographisches. Ihre höchste Erhebung erreichen die Idastollner 
Schichten mit 618 m im ,, Kreuzweg" südlich der Bernsdorfer Kirche und 
öiit 644 m nördlich Döberle. 

Petrographisches. Die kartographischen Aufnahmen werden 
Wesentlich erleichtert durch die schon oben erwähnte intensiv rote Farbe 
der Konglomerate, Sandsteine und Schiefer dieser Schichten, die nur in 
*ier Nähe der Flöze eine graue bis grauschwarze (Schiefer) Färbung 



1) Schütze gibt 1. c. S. 232 Porphyr von sehr geringer Ausdehnung an, den 
'Ißr Ida- und Benigne- Stollen durchfahren hat, der aber kaum über die Stollen- 
sohlo hinaufsteigt. 

2) Weithofer und Dathe nehmen ein Durchstreichen der Scluclilen im 
preußischen Anteile der niederschlesischen Kohlenmulde an. Vgl. Weithofer 1. c. 
^' 4G8 und Dathe an mehreren Stellen. 



Jaliresbericht der Schles. Gesellschaff, für valerl. Cullui-. 



annehmen. Auch hier sind Konglomerate das vorherrschende Gestein. 
Die rote Färbung der Schichten veranlaßte wohl auch die Herausgeber 
der Beyrischschen Karte und nach ihnen Schütze und Dathe,^) den Teil 
der Schwadowitzer Schichten um Bernsdorf, Krinsdorf, Goldenöls, Döberle, 
Petersdorf bis Bösig dem Rotliegenden zuzusprechen, eine Annahme die 
durch Weithofer wohl als völlig überwunden anzusehen ist. Bemerkens- 
wert und petrographisch interessant ist im Idastollen und Bohdaschin 
ein häufiges Auftreten von Kaliglimmer in den Sandsteinen. 

Kupfer führung. Ehe der Idastollen südlich Schwadowitz den 
Plözzug erreichte, durchfuhr er eine Sandsteinschicht, die mit Malachit 
(CuCO^) imprägniert war, ähnlich wohl dem später zu beschreibenden 
Albendorfer Vorkommen. Es ist dies die älteste Kupferablagerung, die sich 
im Kartengebiete beobachten laßt, gleichsam ein Vorläufer der ausgedehnten 
Kupferlagerstätten des Rotliegenden, die sich in unserem Gebiete teilweise 
sogar zur Abbauwürdigkeit anreichern. Ein Versuch, diese Idastollner 
malachithaltigen Sandsteinschichten technisch zu verwerten, scheiterte an 
ihrer völligen Unbauwürdigkeit. 

Flözführung und Lagerung der Flöze. 
Der einzige Bergbau auf diesem Zuge, der 1660 m lange Idastollen 
bei Klein- Schwadowitz, besitzt folgende 4 Flöze (vom Hangenden zum 
Liegenden) : 

1. Das Hangendflöz 0,6 — 0,7 m mächtig. 

18 m Zwischenmittel. 

2. Das Hauptflöz mit 1,0 — 1,3 m Kohlenmächtigkeit. 
Im westlichen Teile tritt es in 2 Bänken auf: 

Oberbank 0,6—0,8 m, 

Mittel 1,0—2,8 m, 

Unter bank 0,4—0,5 m, 

2,0—4,1 ra, 

während sich nach Osten zu dieses Mittel auskeilt und das Kohl 

dann in einer mittleren Mächtigkeit von 1,0 — 1,2 m auftritt. 

10 m Zwischenmiltel. 

3. Putzenflöz von einer Mächtigkeit bis zu 3 m. Tritt es regelmäßig 
auf, so beträgt seine mittlere Mächtigkeit 0,45 — 5,0 m. 

210 m Zwischenmittel. 

4. Pulkrabekflöz, im Mittel 0,3 m mächtig. Angefahren wurde es 
etwa 1400 m vom Stollenmundloch entfernt. 

Der Abbau bewegt sich nur auf dem ersten und zweiten Flöz und 
gegenwärtig sogar fast ausschließlich auf dem Hauptflöze. 



1) Dathe Geol. Beschreibung d. Umgebung v. .Salzbrunn. Berlin 1892 Taf. !• 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 81 



Gegen Vodolov zu wird dieses Flöz plötzlich durch eine N 52 
(hör. 3.5) streichende mit 44" gegen NW einfallende Verwerfung abge- 
schnitten. Beim Ausrichten derselben und dem Versuche, das Flöz wieder 
zu erlangen, gelangte man zunächst in grauen Sandstein. Darauf folgten 
dann rote Sandsteine und auf diese wieder die zuerst angetroffenen grauen. 
Jetzt ist man endlich wieder in das gesuchte Hauptflöz gekommen, welches 
von der ehemaligen prinzlich Schaumburg-Lippeschen Anlage im Eisflußtale 
ijJibkaschacht" südlich Jibka in Bau genommen werden soll; zu diesem 
Zwecke wird gegenwärtig dieser Schacht tiefer geteuft, eine Arbeit, bei der 
der Bergmann ziemliche Schwierigkeiten infolge Quellenzufluß zu über- 
winden hat. 

Leider ist über die eben beschriebene Verwerfung, die Verfasser trotz 
ihrer in der Grube genau festgelegten Lage über Tage nicht hat auffinden 
können (unter Tage 270 m vom Jibkaschacht entfernt angefahren), bisher i) 
noch zu wenig bekannt, um genauere Angaben über diese Verwerfung 
und die dahinter noch angetroffene zweite machen zu können. 

In früherer Zeit wurden noch im Benigne-Stollen und Josephi-Schacht 
bei Bohdaschin die Flöze dieses Zuges abgebaut. Die Flöze dieser beiden 
Anlagen identifiziert Schütze mit den Idastollner Flözen wie folgt:^) 
Ida-Stollen Benigne-Stollen Josephi-Schacht. 
Hangend (Letten) Flöz — — 

Haupt-Flöz = Haupt-Flöz = Friedrich-Flöz. 
Putzen-Flöz =: Benigne-Flöz := Barbara-Flöz. 

— — Adolph-Flöz. 

— Dorothea-Flöz = Josephi-Flöz. 

— — Franziska-Flöz. 

Das Barbara-Flötz enthielt^) 0,3 — 4 m sehr gute Kohle. Die anderen 
"löze wechseln in ilu-er Mächtigkeit bis 1,5 m in maximo. Hier im 
ßenigne-Stollen und Josephi-Schacht sollen die Flöze in einem Schichten- 
komplex von 270 m querschlägiger Breite verteilt gewesen und 38 " gegen 
NO eingefallen sein. Weiterhin erscheinen die Flöze, deren Verlauf durch 
^churfhalden gekennzeichnet wird, ziemlich mächtig, sind aber stark ver- 
^chiefert. Bei Hronov*) treten noch 3 Fiöze auf, die aber wegen ihrer 
Verschieferung unbauwürdig sind. 

Interessant ist auch, daß der Verfasser des Kapitels in den Mineral- 
kohlen bereits die oben erwähnte Verwerfung anführt; freiUch gibt er nur 
^in anscheinendes Auskeilen des Haupt- und Lettenflözes (= Hangend- 



1) Ende Mai 1904. 

2) Schütze 1. c. S. 234. 

3) Mineralkohlen, S. 206. 
*) Mineralkohlen, S. 206. 



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82 Jahresbericht der Hehles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

flöz d. V.) an in der gedachten südöstlichen Richtung zwischen Vodolov 
und Bohdaschin. 

Durch den ehemaligen Bergbau sind die Flöze auf 8 km streichende 
Länge aufgeschlossen, während die ganze Ausdehnung im Streichen von 
Königshan bis Zdiarek 36 km an Länge mißt. Nördlich des Petersdorfer 
Tales sind Flöze dieses Zuges bisher nicht bekannt geworden. 

Beschaffenheit der Kohle. Die Flöze dieser Idastollner Schichten 
treten keineswegs immer rein auf, auch das Hauptflöz enthält bis über 
2 m taube Einlagerungen. i) Im allgemeinen ist die Kohle eine milde 
backende Glanzkohle von guter Qualität, die viel zur Kokserzeugung ver- 
wendet wurde. Wenig willkommen jedoch ist ein größerer Schwefelgehalt, 
wie er namentlich im Hangendflöz sehr stark vertreten ist. Nach 
Schwackhöfer ^) gibt gewaschene Förderkohle 6312 Kalorien ab; sie 
enthält 2,45 "/(, hygr. Wasser, 16,44 »/q Asche, 3,53 % verbrennlichen 
Schwefel und 67,10 % Kohlenstoff. 

Die Qualität der Kohle in dem Hauptflöze hinter den oben erwähnten 
Verwerfungen hat sich nach Mitteilung des Herrn Karlik wesentUch ge- 
bessert. 

Kürzlich wurde sie, wie folgt, analysiert; 
C = 67,66 % 
H = 4,03 o/o 
= 13,31 o/„ 
N = 0,23 o/o 
S = 2,30 o/o 
Asche = 10,45 o/^ 
hygr. Wasser = 2,02 o/q 
100,00 o/o 
Brennwert = 6 408,29 Kai. 
Es zeigt sich namentlich eine Verminderung des unbequemen Schwefel- 
gehaltes und eine beträchtliche Abnahme des Aschengehaltes. 

Die Kohle des Benig neflözes enthält nach einer Bestimmung von 
C. F. Kapaun-Karlowa (1869) 3,57 o/„ Malachit, was einem Gehalte 
von 2,4 "/o Cu entspricht. 

Fossilien. Hinsichtlich der organischen Reste wird auf die ver- 
gleichende Florenübersicht S. 76 ff. hingewiesen. Die Schwadowitzer Schichten 
kennzeichnet Stur*) durch das erste Auftreten der Pecopteris (Alethopteris) 
Pluckenetii (Schloth.) Brgt. 



1) Ebendort. 

2) 1. c. S. 138—141 (Analyse aus 1899). 

3) Stur, Verhandl. der k. k. geol. Reichsanst. 1874, S. 207. Vgl. auch 
Katzer, Geol. von Böhmen, Prag 1892, S. 1142. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 83 



Geplante Neu anlagen. Sollte das Hauptdöz durch den Jibka- 
Schacht wirklich in der angenommenen Mächtigkeit und Güte anhalhend wieder 
aufgeschlossen werden, so dürfte dieser Anlage voraussichtlich binnen kurzem 
auf Dfewizer Terrain eine zyveite folgen und so der Betrieb der Schwado- 
witzer Aktiengesellschaft die doppelte, ja vielleicht dreifache Größe erreichen. 

Ferner plant man^) weitab vom Mundloch des Idastollen etwa in dem 
Dreieck Vodolov-Batnowitz-Schwadowitz ein Bohrloch anzusetzen, um zu unter- 
suchen, ob der Xaveristollner Flözzug sich nicht unter der Rotliegend- 
bedeckung westlich des Parschnitz - Hronover Bruches noch vorfindet. Die 
Bohrung würde sicherlich auch der Wissenschaft manchen Aufschluß über 
die Tektonik des Parschnitz -Hronover Bruches bringen. 

b. Hexenstein-Arkosen, Weithof er = 
Mittlere Ottweiler Stufe, Weiß = 
Potzberger Schichten, Gümbel. 
Grenzen. Die Hexenstein-Arkosen mit teilweise rotem, teilweise grauem 
Bindemittel finden wir im ganzen österreichischen Anteile an der nieder- 
schlesisch-böhmischen Steinkohlenmulde von Berggraben im Streichen süd- 
wärts bis gegen Hronov hin den IdastoUner Schichten konkordant aufgelagert. 
Die Westgrenze des Arkosenzuges kann mit ziemlicher Deutlichkeit von Peters- 
dorf ab südwärts am Westabhaug des Zaltmanrückens gezogen werden, 
Während die Westgrenze nördlich des Petersdorfer Tales bis Berggraben 
hin, wo sie unter den Alluvionen gänzlich verschwindet, nicht so deutlich 
hervortritt. Ebensowenig scharf ist die Ostgrenze, indem zwischen Jibka 
und Wüstrey die Höhenzüge inmitten der Radowenzer Schichten und des 
Rotliegenden von ihnen gebildet werden. Verwischt und undeutlich zeigt 
sich diese Grenze ferner bei Preußisch-Albendorf und nordwärts, wo die 
Hexenstein-Arkosen in arkoseartigen roten konglomeratischen Sandstein 
übergehen, der den Höhenzug im Osten des Johannesberg-Zuges bildet und 
hier an einer Stelle namentlich verkieselte Hölzer-) führt. Eine genaue 
kaitograpliische Abgrenzung dieser Schichten ist dem Verfasser bis zur 
Drucklegung der Exkursionskarte ^) noch nicht möglicli gewesen. Jedenfalls 
bilden sie auch hier die Höhenzüge bis ans (5te) 4te Flöz herauf, bilden 
aber wahrscheinhch auch noch das Mittel zwischen diesem und dem (4 teil) 
3ten Flöz der Albendorfer Flöze der Radowenzer Schichten. Es ist daher 
vorläufig auf der Exkursionskarte die Weithofersche Grenze noch bei- 
behalten worden. Als Nordgrenze ist das Verscliwinden dieses Zuges unter 
den Alluvionen bei Königshan angegeben. NördHch dieser Linie wurden 

1) Herr Obenngenieur Karlik teilte dies freundUchst mit. 

2) Die Hölzer bestimmte Dr. Gothan-Berlin als cf. Dadoxylon spec. Eine 
genauere Bestimmung ist nach den vorliegenden Stücken und deren Schliffen 
nicht möglich. 

S) Anfang März 1904. 



84 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



im Bereiche der Exkursionskarte typische Hexenstein-Arkosen nicht wieder 
angetroffen und auch über dem Nordrande der Karte im ganzen Gebiete 
unserer Arbeit nicht aufgefunden. Die südliche liegrenzung bei Hronov 
liegt außerhalb des Aurnahmegebietes. 

Ein Blick auf die Karte zeigt deutlich die durch Erosion bedingte 
lappenförmige Auflagerung auf die Schwadowitzer Schichten südlich des 
Petersdorfer Tales. Den Gipfel des Türkenberges südlich Wüstrcy bilden 
Ablagerungen der oberen Kreide (Cenoman-Quader), während sich sonst auf 
seinen Hängen die Hexenstein-Arkosen in typischer Entwickelung finden. 

Ihre mittlere Breitenausdehnung beträgt südlich des Petersdorfer Tales 
etwa 3,5 km. 

Einteilung. Es lassen sich im ganzen Bereiche der Hexenstein- 
Arkosen im allgemeinen 2 Zonen, eine liegendere und eine hängendere Partie 
unterscheiden. Die liegendere Partie keilt etwa südUch des Petersdorfer 
Tales aus. Bei Wüstrey und Jibka lagert sich ihr die hängendere Partie 
auf, die hier ihre höchsten Erhebungen erreicht und dann nordwärts allein 
das Glaserbachtal überschreitet, sich in ihrem Streichen den Porphyren des 
Rabengebirges nördlich vom Johannisberge immer mehr anschmiegt und 
schließlich bei Berggraben unter den Alluvionen verschwindet. 

Orographisches. Ihre mächtigste Ablagerung haben die Hexenstein- 
Arkosen ungefähr in der Linie ,,Bohdaschin-Radowenz" erhalten, wo gleich- 
zeitig auch die höchsten Erhebungen liegen. Südlich sowohl wie nördlich des 
738 m hohen Hexenstein werden diePIöhen immer geringer. NaPerny nördhch 
Bohdaschin (6.38 m), Schwedenberg mit 659 m, der Kühberg mit 631 m, 
Koluerkö mit 689 m, der Brenden mit 733 und 688 m und der Johannes- 
berg mit 696 m Seehöhe sind einige seiner bemerkenswertesten Erhebungen. 
Hervorzuheben ist, daß sich diese höchsten Berge in der liegenderen Partie 
der Hexenstein-Arkosen im Zaltmanrücken finden. 

Petrographisches. Vom Hexenstein gegen Nordwest schalten sich 
nach Weithofer') bereits mehrfach rote Schiefertone ein, die an 
Mächtigkeit in gedachter Pachtung immer mehr zunehmen und den ganzen 
liegenden und mittleren Teil des Zuges allmähUch verdrängen. 

Fossile Pieste. Der berühmte versteinerte Wald von Radowenz, der 
die Bewunderung jedes Forschers, jedes Laien ül)erl.iaupt erregte, hat infolge 
der rücksichtslosen Sammeltätigkeit desMenscheii fast aufgeliört zu existieren.^) 
Nur veiliältnismäßig wenige Bruchstücke der einstigen Herrlichkeit trifft man 
an weniger begangenen Stellen des dichten Hochwaldes, von dem diese 
Hexenstein-Arkosen meist bestanden sind, noch an. Göppert untersuchte 
als Erster die hier verkieselt vorkommenden Stämme genauer und beschrieb 



1) Weitliofcr 1, 0. S. 4G2/63. 

'■') Der Breslauei- botanische Garten liesitzt gUlcklicIierweise einige der besten 
und schönsten Exemplare. 



II. Abteiluup;. Naturwissenschaftliche Sektion. 




II 






1904. 



8(5 Jaliresbcrichl der Sohles. GeseÜscliaCt für valer). Ciiltuv. 



die gefundenen Araucarlten als Arancaiites Schrollianusi) und Araucari- 
oxilon Ri'andlingn. Bruchstücke dieser beiden Pflanzen llndel, man aucli 
jetzt nooli gelegentlich, jedoch relativ selten. Um so mehr bin ich dem 
prinzlich Schaumburg-Lippeschen Forstrale Herrn Baron von Ulmenstein 
zu Danke verpflichtet, der mir mitten im Hochwalde auf steiler Bergeshöhe 
südlich des Kühberges zwei solcher Araucariten zeigte. Ihre Bestimmung ist 
aber nicht ausführbar, ohne das jetzt selten gewordene Vorkommen zu 
zerstören. Das hier beigegebene Bild (Fig. 4) zeigt das Vorkommen des 
Araucariten im Muttergestein ziemlich deutlich. Der größte Stamm ist 
3,70 m lang, von ovalem Querschnitt mit 0,57 m größtem Durchmesser 
und vollständig eingelagert, ja fast verborgen in den fcldspatreichen Sand- 
steinen dieses Zuges. 

Alter. Allgemein wird jetzt diese Ablagerung den mittleren Ottweiler 
Schichten gleichgestellt und speziell den ganz gleichartigen Ablagerungen 
des Siebigeröder Sandsteines, der hangenden Partie (ß) der Mansfelder 
Schichten^) des Wettiner Revieres pärallelisiert. So alle deutschen Forscher 
und österreichischerseits Wcithofer und Jan Krejci.^) Nur Katzer*) hält 
noch an der Auffassung Jokelys und der beiden Feistmantel fest und 
rechnet diese Schichten, sowie das ,,R.adowenzer Flöz" seinem ,, Post- 
karbon" zu. 

c. Radowenzer Schichten Stur = Obere Otlwei 1er Schichten Weiß. 

Konkordant finden wir diese Schichten im ganzen Kartengebiete den 
Hexensteinarkosen aufgelagert. Eine stratigraphische Abgrenzung gegen 
das Unterrotliegende zu ziehen, soll der Zweck nachstehender Zeilen sein. 
Es sollen deshalb zunächst die gesamten Sedimente zwischen Kreide und 
Hexensteinarkosen zusammen betrachtet werden. 

Grenzen. Im Norden reicht die Ablagerung bis Berggraben und ver- 
schwindet hier zusammen mit den Hexensteinarkosen unter den Älluvionen. 
Gegen Westen bildet der Hcxensteinzug die nicht immer scharfe Grenze, die 
westliche Begrenzung bildet die obere Kreide, die K. Flegel in seiner „Studie 
über die obere Kreide im böhmisch-schlesischen Gebirge. Heuscheuer 
und Adersbach-Weckelsdorf Breslau 1904" eingehend bearbeitet hat. 
und als Südgrenze tritt die außerhalb unseres Gebietes liegende Hronov- 
Zdiareker. Kreidelransgression auf. 

1) Göpperi, Jahrb. d. k. k. 5,'eol. R.-Anst. 1857, S. 725 ff. 

Göppert, Über die versteinten Wälder im niirdl. Böhmen und iu Schlcs. — 
36. Jalu-esber. d. Schles. Ges. f. vaterl. Cultur. 1859. 

a) Abhandl. der kgl. geol. Laudesanst. Neue Folge Heft 10. Berlin 1899. S. 1(>2 
und Lethea palaeozoica 2. Bd. Stuttgart 1897—1902. S. 341 u. 354. 

3) Jan Krejci,' Geologie cili nauka o ütvarech zemskych. V Prazo 1869. 

4) Katzer, Geologie von Böhmen, Prag 1892, S. 141. — Auf eine neuere 
Arbeit Katzers (1904) werde ich bei Besprechung der Radowenzer Schichten ein- 
gehen und dabei nochmals auf seine irrige Altersbestimmung zurückkommen. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Selition. 37 



Orographisches. Das gesamte an manchen Stellen nur wenige 
100 m breite Bereich des Flözzuges ist im allgemeinen flach abgelagert. 
Die größeren Erhebungen finden sich erst weiter im Hangenden, welches, 
wie hier gezeigt werden soll, bei'eits postkarbonen, rotliegenden Alters ist. 
Die höchsten Erhebungen sind der Berg zwischen Qualisch und Radowenz 
mit 589 m und die beiden Erhebungen westlich von Potschendorf mit 583 
und 584 m über dem adr. Meere. 



Zusammenvorkommen von Kohle mit Kalk, Kupfer- und 
Eisenerzen an der Grenze von Karbon und Dyas. 

Die ganze Ablagerung bis zur Kreide wird außer durch das Auftreten 
von Flözen noch durch das erste Vorkommen von Kalk und Kupfererzen 
in ihren Schichten charakterisiert. Als Hängendstes finden wir im Rot- 
liegenden Kalkbänke, Kupfererze und Eruptivgesteine, in der 
mittleren Lage Kalkbänke, Kupfererze und Kohle neben Eisenerz, 
während die untere Lage, die eigentlichen Radowenzer Schichten, 
vornehmlich durch die Ablagerung von Kohlenflözen, zwischen denen 
gelegentlich auch Eisensteinflöze vorkommen, bezeichnet wird. Zu- 
letzt soll hier der Kupferlager, die samtlich dem Rotliegenden angehören, 
gedacht werden. 

Flöze des Radowenzer Horizontes. 
Es dürfte sich empfehlen, jetzt erst die liegenderen Schichtenkomplexe 
mit den Kohlenflözen hier vor den hängenderen wesentlich durch Kalkzüge 
charakterisierten Partien zu besprechen. Leider sind die Grubenbaue zum 
weitaus größten Teile so verbrochen, daß, eine Befahrung absolut aus- 
geschlossen ist und südwärts über Radowenz hinaus fehlen künstliche Auf- 
schlüsse überhaupt ganz. Erschwert wird die Beschreibung und vor allem 
eme identifizierende Gruppierung der Flöze noch durch den Umstand, daß 
es ungeheuer schwierig ist, Pflanzen von den verschiedenen Punkten 
emstiger Bergbauaufschlüsse zusammen zu bringen. So fehlen solche aus 
Qualisch und Radowenz gänzlich und aus Jibka Hegen nur wenige, sehr 
Schlecht erhaltene kaum bestimmbare Reste vor. So war die Sammlung 
Schönknecht eigentlich die einzige Quelle, aus der Verfasser wenigstens 
emige Anhaltspunkte für eine Flözgruppierung schöpfen konnte. Liegen 
erst vollständigere Sammlungen vor, so lassen sich die etwa hier gemachten 
'Jngenauigkeiten ausgleichen. Vielleicht muß man dann sogar fast den 
ganzen Flözzug als Rotliegendes ansprechen, soweit der preußische Gebiets- 
teil in Frage kommt. 

Petrographisches. Die Sedimentgesteine sind, wie schon oben 
'^''Wiihnt, neben roten Konglomeraten rote Schiefer- und Sandsteine, die erst 

6* 



88 Jahresbericht der Sciües. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

unmittelbar bei den Flözen eine graue bezw. schwarzgraue Färbung 
annehmen. Durch das vorherrschende Rot wird es fast zur Unmöglichkeit, 
die Gesteine dieser Schichten vom Rotiiegenden zu trennen, wenn l<eine 
fossilen Reste erhalten sind. 

Beschreibung der Radowenzer Flöze. 

Dicht über den Arkosen finden wir die 9 — 10 Flöze dieses Zuges 
abgelagert, die auf eine streichende Länge von rund 3 Meilen von Berg- 
graben l)is zum Türkenberge durch zahlreiche Schürfe aufgedeckt sind, 
indessen nur bei Berggraben, Potschendorf, Teichwasser, Albendorf, 
Qualisch, Radowenz und Jibka für längere oder kürzere Zeit der Gegen- 
stand eines kleinen Abbaubetriebes waren. Gegenwärtig sind nur das 
St. Gülestin-Steinkohlenwerk (Völkel) bei Qualisch und die ehemals Drechsel- 
l'.zehakschen Gruben bei Radowenz im Betriebe, von denen letztere nur 
für den Bedarf der eigenen Spinnerei fördern und Völkel je nach den Ab- 
satzverhältnissen fristet. 

Infolge dej- starken Verschieferung haben sich in Österreich bisher 
von den Flözen kaum 3 als bauwürdig erwiesen.^) Da von den Flözen 
nur das weißmittelige im Streichen ziemlich weit bekannt ist, kann man 
dieses vielleicht als Leitflöz bezeichnen. Verfolgt man die alten Baue von 
Nord nach Süd, so treten zunächst bei Berggraben 2 Flöze auf, die durch 
einen Stollen gebaut wurden. Näheres über die Ablagerungen in diesem 
Stollen konnte nicht ermittelt werden, so auch nicht, mit welchen Flözen 
die beiden hier einst gebauten zu identifizieren sind. 

Bei Teichwasser finden wir den nächsten Betrieb vor, der sicli ledig- 
lich auf den Abbau des Walchienflözes (Karlsröschen) = ersten Albendorfer 
Flözes beschränkte.^) Geht man von hier aus etwa 1 km im Streichen 
nach Süd, so trifft man auf den alten Walzeischen tonnlägigen Schacht im 
Potschendorfer Gebiete. Dieser hat ein 230 m querschlägig im Hangen- 
den des Karlsröschenflözes befindliches Steinkohlenflöz gebaut, welches sich 
durch geringen Kupfergehalt auszeichnet. Die auf der Halde lagernden 
Kohle- und Schieferreste tragen einen leichten Malachitanflug, eine Tat- 
sache, die sich ebenfalls, freilich in viel geringerem Grade, beim 5. Alben- 
dorfer Flöz wahrnehmen läßt. Im Hangenden des unten zu behandelnden 
Zemenlkalkflözes ist beim Auffahren eines Kalkstollens in Potschendorf ein 
nur wenige Zoll mächtiges Flözchcn durchfahren worden, welches man als 
das hängendste der gesamten Flözablagerung anzusprechen hat. 



1) Mineralkohlen, S. 206/7. 

ä) Die Angaben über Potschendorf, Teichwasser und Albeiidorf füllen auf 
einer im Manuskripte vervielfältigten Denkschrift aus 1889, die uns ihr Verfasser 
Herr Scbönkneoht-Landeshut, freundlichst zur Verfügung gestellt hat. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 89 



Ein genaueres Bild der Ablagerung erhält man durch die Albendorfer 
Gruben „Neue Gabe Gottes", „Bergmannshoffnung" und „Ida Robert'-. 
Dazu zu rechnen ist, weil ursprünglich derselben Gewerkschaft gehörend, 
der jetzt aufgelassene Freischurf ,, Johanna", hart an der Landesgrenze auf 
Qualischer Gebiet beim sog. Felsenkeller. Sind die Gruben auch gegen- 
wärtig in Fristen, so datieren die Aufschlüsse doch immerhin aus jüngerer 
Zeit, so daß man unter Führung ortskundiger Herren eigentlich alles das 
findet, was das ,, Expose" angibt, und noch etwas mehr. 

Vom Hangenden angefangen, tritt uns hier das Karlsröschenflöz oder 
erste Flöz in einer Mächtigkeit von 0,5 — 0,7 ra^) entgegen. Durch die 
Karlsrösche der ,, Neuen Gabe Gottes" ist es 900 m und im Almastollen 
der ,,Bei'gmannshoffnung- Grube" weitere 2<S0 m Streichen untersucht 
worden. 

Nach 8 m Zwischenmittel folgt im Liegenden ein Kohlenbesteg von 
8 — 10 Zoll und 24 m weiter das 0,3 m starke zweite Flöz, das auf beiden 
Gruben bekannt, aber nie zum Abbau gelangt ist. 

50 m unter diesem lagert, wenn ein ToneisensteinOöz übergangen wird, 
das ,, leitende" dritte oder ,,weißmittelige" Flöz, das beständigste der ge- 
samten Ablagerung mit einer mittleren Mächtigkeit von 0,8 — 1,75 m, voo 
welcher 0,4 — 1,0 m auf das Zwischenmittel entfallen.") Die mittlere 
Mächtigkeit in Albendorf beträgt 1,5 m. Schütze gibt die Stärke auf 
1,35 m an, wovon 0,78 m auf die Oberbank, 0,47 m auf das Mittel und 
0,1 m auf die Niederbank entfallen. Das Interessanteste an diesem Flöze 
ist das weiße Mittel, welches schon auf größere Entfernung die Halde der 
„Bergmannshoffnung" u. a. Grubenbaue kennzeichnet. Ein Versuch, dieses 
Mittel, einen feuerfesten Ton, zu Schamotteziegeln und Schamottemörtel zu 
verarbeiten, ist nach dem vorliegenden Schönknechtschen Manuskripte 
zur größten Zufriedenheit ausgefallen. Deshalb sei die bisher unbekannte 
Analyse dieses Mittels, wie sie die Handschrift enthält, hier beigefügt. 
Dr. Koßmann- Breslau bestimmte darin: 

Kieselsäure . . 54,83 %, 
Tonerde . . . 22,17 = 
Eisenoxydul . . 6,82 - 
Manganoxydul . 0,81 = 
Kalkerdc . . . 1,32 = 
Magnesia . . . 1,40 -- 
Transport 87,35 7o, 



1) BezügUch der Mächtigkeitsangaben, die von den Untersuchungen früherer 
Autoren etwas abweichen, sei auf Schütze 1. c. S. 237— 4-0 zum Vergleich hin- 
gewiesen. 

3) Mineralkohlen, S. 207. 



90 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cullur. 



Kalium 

Natrium 

Wasser 

Kohlensäure 

Titansäure 



Übertrag 87,35 7„, 



1,51 
1,00 
6,66 
2,51 
0,96 



Sa. 99,99 »/q. 
Umgerechnet auf Verbindungen ergibt das: 

Tonsubstanz . . 46,48 «/g, 

Feldspat . . . 27,70 .. 

Sand (Quarz) . 18,12 » 

Spateisen . . . 6,ül = 

Titansäure . . 0,96 = 



Sa. 99,87 %. 

Die Niederbank dieses Flözes ist unrein. Da sie indessen in Radowenz 
rein auftritt, wäre es nicht ausgeschlossen, daß man diese Bank des Flözes 
in größerer Teufe auch hier in Albendorf rein antreffen würde. 

Etwa 40 m querschlägig im Liegenden dieses Flözes trifft man auf das 
4. Flöz mit einer Mächtigkeit von 1 m. Bisher ist nur sein Ausgehendes 
bekannt und der Betrieb von 1898 auf der ,, Neuen Gabe Gottes" hat es 
durchfahren. Man weiß aber dadurch nur von ihm, was bereits Schütze 
angab, daß es aus mehreren Bänken von 0,15 — 0,21 m Kohle besteht. 

Das ca. 50 m unter dem 4. Flöz lagernde,, bisher als liegendstes der 
Albendorfer Gruben auf ,, Johanna" aufgeschlossene 5. Flöz wird im Gegen- 
satze zu Schütze von vorliegender Denkschrift zu 1,5 m Mächtigkeit an- 
gegeben und soll auch Bauwürdigkeit zeigen. 

Flöze bei Qualisch und Radowenz. 
Die Völkelsche Grube St. CöIesLin und das Radowcnzer Kohlenwerk 
besitzen vom Hangenden zum Liegenden folgende 6 Flöze: 

1. das ,, muldige Flöz", 0,8 m mächtig mit 0,15' — 0,46 m Kohle, 

20 m Zwischenmittel ; 

2. das ,, große Flöz", 1,4 rn mächtig, mit 0,65 — 0,7 m Kohle, 

4 m Zwischenmittel; 

3. das ,,weißmittelige Flöz", 1,3 m mächtig, mit durchschnittlich 
0,75 m Kohle, 

80 m Zwischenmittel ; 

4. das ,, kleine Flöz", bestehend aus 0,32 m reiner Kohle, 

12 m Zwischenmitte]; 

5. das ,,Putzenflöz", 0,78 m mächtig, davon 0,16 m reine, 0,32 m 
unreine Kohle, 

50 m Zwischenmittel; 

6. das ,,Baltliasarnöz", 1,3 — 1,8 m mächtig, mit 42 m reiner Kohle. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 91 



Alle diese Fiüze streichen im wesentlichen N 30 W und verflachen 
sich in n. o. Richtung mit 18 — 32". 

Um vorerst die Albendorfer Ablagerungen zu Ende zu führen, seien 
hier noch die Eisenerzlager besprochen. 

Die aus sandigem Schieferton und Sandstein bestehenden Zwischen- 
mittel führen in Albendorf mehrfach Eisenerze, die bereits früher zum Teil 
abgebaut und verhüttet' wurden. ' Zwischen dem 3. und 4. Flöze tritt 
ein etwa 3 m mächtiges Sphärosideritlager auf mit 19,81 "/q Fe.,') welche 
seinerzeit von der ,,Fried«nshütte" durch den Eugenstollen abgebaut wurde. 
Sein Ausgehendes trifft marT mehrfach auf der nördlichen Talseite an. 

3 rn im Hangenden des ersten Flözes soll ein 0,6 m mächtiges Black- 
band abgelagert sein, d. i. Tonschiefer, der Sphärosiderit in feinverteiltem 
Zustande führt; dieses wurde kurze Zeit hindurch ebenfalls verhüttet. 

Toneisensteinablagerungen finden sich in Albendorf auch mehrfach, so 
ein ToneisensteinQüz") zwischen dem zweiten und dritten und eines zwischen 
dem vierten und fünften Flöz. 

Interessant ist ferner ein Vorkommen von Koteisenstein, welcher, ohne 
daß man sein Anstehendes bisher näher kennt, etwa 75 — 100 m im Hangenden 
des ersten Flözes häufig auf den frisch gebauten Feldern zu finden ist. 

Im Laboratorium der Fürstlichen Bergwerksdirektion Ober-Waldenburg 
wurden zwei Proben dieses Minerales in diesem Jahre analysiert und 
folgender Eisengehalt bestimmt: 

I. 48,33 »/o und II. 40,74 »/q Fe.'') 

In etwa demselben Schichtenhorizont fand der Verf. am Südwestabhang 
des Radowenz-Jibkaer Höhenrückens ebenfalls auf frisch gepflügten Feldern 
mehrere Stücke Roteisenstein. Es erscheint also nicht ausgeschlossen, daß 
sich das Roteisensteinlager bis Jibka fortsetzt. 

In der folgenden tabellarischen Vergleichung sei der Versuch gemacht, 
die Flözablagerungen von Albendorf und Qualisch zu identifizieren: 

1) Neue Analyse freundlichst mitgeteilt durcli das Chemische Laboi'atorium 
der Fürsthohen Bergwerksdirektion zu Waidenburg. 

a) Nach einer Analyse des chemischen Laboratoriums der Fürstlichen Bergvverks- 
Jirektion aus dem laufenden Jahre enthält dieser ToneLsenstein 25,55 O/o Fe. 

3) Für die freundliche (Überlassung der Analysenergehnisse sei es gestattet 
iler Fürstlichen BergwerksdirekLion von dieser Stelle aus zu danken. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultu 



Preuß. Albendorf. 



Qualisch (Cölestingrube). 



Walchienflöz 0,5 — 0,7 m mit 
Walchia piniformis, 
8 m Mittel; 

erstes Flöz (Kohlenbesteg) 0,21 
bis 0,26 m 

24 m Mittel; 



[Oben. 



zweites Flöz 0,3 m 
50 m Mittel; 



= Muldiges Flöz, 0,8 ni (Kohle 0,1.5 
bis 0,46 m), 
20 m Mittel; 

=^ großes Flöz, 1,4 m (Kohle 0,65 
bis 0,7 m), 

4 m Mittel; 

drittes Flöz 0,8—1,75 m (0,88 m = weißraitteliges Flöz, 1,3 m (Kohle 
Kohle) 

40 m Mittel; 
viertes Flöz 1 m mächtig (mehrere 
schwache Bänkchen Kohle) 
50 m Mittel; 

fünftes Flöz, 1,5 m (Kohlernächtig- 
keit?) mit der typischen Rado- 
wenzer Flora 



0,75 m), 

80 m Mittel; 

= kleines Flöz, 0,32 m (reine Kohle), 
12 m Mittel; 

= Putzenflöz, 0,78 m (0,48 m Kohle), 
50 m, Mittel; 

' — Balthasarflöz, 1,3—1,8 m (0,45 m 

reines Kohl). [Unten. 

Die Richtigkeit der Gruppierung kann nur geprüft werden, wenn durch 
bergmännische Aufschlüsse die Albendorfer Flöze noch einmal näher unter- 
sucht worden sind. An der Identität des weißmitteligen Flözes kann wohl 
kaum gezweifelt werden, es fragt sich nur, ob der kleine Kohlenbesteg 
bei Albendorf wirklicli identisch mit dem „muldigen Flöz" von Qüalisch ist. 

Aus der Flora der Radowenzer Schichten liegen nur wenige 
Reste vor. 

Vom 5. Flöz der Johanna-Grube, Qualisch, stammen aus der Sammlung- 
Schön k n e c h t ; 

Pecopteris hemitelioidcs Brgt. (2 Exempl.) 

Annularia sphenophylloides (Znk.) Ung. (brevifolia Brgt.) 

Neuropteris (Mixoneura) gleichenioides. (Göpp.) Stur. 

Die Sammlung des hiesigen Institutes besitzt vom selben Fundpunkte 
noch folgende von Dr. Kirchner bestimmte Reste: 

Sigillaria (Subsigillaria) Defrancei Brgt 
Annularia stellata (Schloth.) Wood. 
— sphenophylloides (Znk.) Ung. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Callipteridiura pteridium (Schlolh.) Zeil. 

Calamites Suckowii Brgt. 
— cruciatus Sternbg. 

Asterophj'llites equisetiformis (Schlolh.) Brgt. 

Stigmaria flcoides (Sternbg.) Brgt. 
Das in der vorangegangenen Tabelle unter „Albendorf-' isoliert stellende 
Walchienflöz gehört, wie die nachfolgend erwähnten fossilen Reste dargetan 
haben, einem höheren Horizonte an. Inwieweit etwa die liegenderen Flöze, 
vor allem das muldige Flöz (= Kohlenbesteg) ebenfalls dem Rotliegenden 
angehören, das kann erst auf Grund zahlreicher vorliegender Pflanzenreste 
klargestellt werden. Herr Schönknecht gab nun freundlicher Weise 
an, es habe kein Unterschied bestanden in der Struktur und dem Aus- 
sehen der Schiefer und der Sandsteine aus dem Bereiche sämtlicher Flöze 
einschließlich des Walchienflözes. Es erscheint demnach noch lange nicht 
ausgemacht, ob nicht die gesamte Albendorfer Flözablagerung dem Rot- 
liegenden einzubeziehen ist, wenn sich aucli freilich vorläufig eine solclie 
Annahme nicht beweisen läßt. 

Flözablagerungen südlich lladowenz. 

Südöstlich von Radowenz wurde vor Jahren bei Jibka ein etwa 0,3 m 
mächtiges Flöz') abgebaut. Das Abklopfen der Halde ergab nur eine 
Pecopteris vom Typus oreopteridia, die wegen ihres schlechten Erhaltungs- 
zustandes nicht näher bestimmt worden ist. „Bei Wüstrey wurde ein 
Flöz von 1,25 m (einschl. 0,47 in Mittel) erschürft und zur Verleihung 
gebracht." 1) 

Der genau östlich Jibka am westlichen Talhang gelegene ,, Franziska- 
stollen" hat bei seinem kurzen Betriebe auch kein besonderes Ergebnis 
gehabt. 

Eine Identifizierung dieser letztgenannten Flöze wird vielleicht möglich 
sein, wenn die Ergebnisse einer Tiefbohrung, die, wie mir Herr Hofmann - 
Jibka freundlichst mitteilte, auf seinem Freischurgebiet in Aussicht genommen 
'St, geologisch bearbeitet sein werden. Die im allgemeinen ruhige Lagerung 
dieses Flözgebirges wird nur an einer einzigen Stelle stärker unter- 
brochen, wenn von den kleinen Verwerfungen, Flözverdickungen etc. ab- 
gesehen wird. 

Im Kaspnrstollen des Völkelschen Kohlenwerkes in Qualisch ist das 
^eißniittelige Flöz durch einen widersinnigen Sprung etwa 100 m von 
West nach Ost ins Hangende verworfen. Im Streichen südlich gegen 
f^adowenz vom Kasparstollen bricht das weißmittelige Flöz (hier „Albendorfer 
^eißmitteliges" genannt) plötzlich ab und 120 m gegen Nord vom selben 

1) Mineralkolilen, S. 207. 



94 .lahvesbericht der Sohles. Gesellschaft, für vaterl. Cultur. 



Stollen keilt das ,,Radowenzer weißmittelige" Flöz aus. Die Beobachlung, 
daß sich die Flöze hier wie im ganzen behandelten österreichischen Oe- 
bietsteii, abgesehen von den beiden Schatzlarer Klüften, vorn Liegenden zum 
Hangenden verwerfen, kann luan überall im ganzen preußischen Gebiets- 
teile der Waldenburger Steinkohlenmulde machen. 

Durch diesen Sprung soll sich auch die Beschaffenheit des Mittels ge- 
ändert haben. Während in Albendorf, wie oben gesagt, bei dem Versuche, 
dieses Mittel zu Schamotteziegeln zu verarbeiten, ein günstiges liesultat er- 
zielt wurde, zeigt sich beim ,,Radowenzer" weißmitteligen Flöz keine der- 
artige Eigenschaft mehr, und wird es deshalb einfach in der Grube ver- 
setzt, auf die Halden gestürzt oder günstigen Falles zur Straßenausbesse- 
rung verwandt. Indes sind hier weder in Qualisch noch in Radowenz Ver- 
suche mit dem weißen Mittel angestellt worden, und deshalb möchte ich 
diese Beobachtung doch etwas anzweifeln. Mit dem weißmitteligen Flöz 
sind natürlich die übrigen Flöze auch mit verworfen, jedoch hebt sich, 
eben vermöge des weißen Mittels, die Verwerfung bei diesem ,,Leilflöz der 
Radowenzer Schichten" besonders gut ab. 

Beschaffenheit der Kohlen. Die Kohle ist eine schwach backende 
Glanzkohle von milder Beschaffenheit, ihr Bruch ist im. allgemeinen muschelig. 
Der Stückkohlcnfall ist verhältnismäßig hoch (in Albendorf, Walchienflöz 
40%). Der Schwefelgehalt ist ungefähr derselbe wie bei den vorerwähnten 
älteren Flözen der Xaveri- und IdastoUner Gruppe. Vom 3. Flöz in Qualisch 
liegen 2 Analysen vor, die ich beide anführen möchte: Schwackhöfer,^) 
untersuchte Kleinkohle vom 3. Flöz und fand 1,57 "/o verbrennlichen 
Schwefel, 22,92 ^o Asche, 6,14 "/p hygroskopisches Wasser. Den Ver- 
dampfungswert gibt er zu 8,18 und den kalorischen Wert zu 51.54 an. Die 
aschen- und wasserfreie Kohle enthält 78,99 o/» Kohlenstoff. 

Die andere, ältere Analyse^) von Steinkohle II, Großkohle des 3. Flözes 
ergab, daß diese 88,0 "|^, brennbare Substanz, 4,4 "/o Wasser und 7,6 7o 
uuverbrennbare Stoffe enthält. Der kalorische Wert stellt sich in dieser 
Analyse wesentlich höher, beträgt .5642 Kalorien und erreicht so fast den 
Wert der Schatzlarer Kohlen. Indes erscheint mir dieser Wert doch etwas 
hoch zu sein. Bei der Verkokung wurden 60 "/g Koks erzielt. Schramm 
bezeichnet diese Kohle als Gas- und Schmiedekohlen. 

Hinsichtlich der Beschaffenheit der Kohle des Walchienflözes sei das 
Schönknechtsche Manuskript zitiert. 

Die Kohle ist Kokskohle und wurde in der Kulmizschon Koksanstalt iu 
Rothonbach einer Probe unterzogen, ferner gute Gaskohle, wie ein Ver- 
such in der Landeshuter Gasanstalt ergab. Ein Zentn. Kohle gab 360 
Kubikfuß gutes Gas und 63 "/„ Koks. 



1) Scbwackböfer 1. c. S. 14-0/41. 

2) Carl Schramm, Scliacht dem Koldenwucher. Wien 1876 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 95 



Vergleich der Otlweiler und Saarbrücker Stufe mit den 

Ablagerungen bei Semil. 
Versuchen wir auf Grund der vorhandenen Literatur^) und namentlich 
nach Weithofer eine Parallelisierung, so ergibt sich folgende Tabelle: 

Jokely. Semil. Böhmischer Muldenflüge]. 

Obere Etage: Intensiv rote Schiefertone •_! 0" , f^ S 

mit ^ ^" -^ ^• 

Mergel- u. Brandschieferflözehen, rg 'rß §" § fc '" 

Cu-Gehalt g =^ | "= S S 

und dem 4. Melaphyrstrome. -S. ^ ^ t S, ^, 

Starke Diskordanz Konkordanz 

Mittlere Etage: Rote, oft grün geflammte Sand- o g Ö "£ S a 

steine und Schiefertone stellen- 2 o 'S S , 'ft 

^ -o ^ O S^ ■" 

weise mit Mergelkalksteinen. s =5 9 ii -^ ■^ 

Arkosen mit häufigen Araucarites. Hexenstein-Arkosen. 

Untere Etage: Brandschiefermit Schwarzkohlen- oj o ^■ 

flözcheii und Mergelkalksteinen 
(bei Slana, Hofensko, Nedwez 
und nördUch Pohof ) und 3 Mela- 
phyrströmen, in deren Liegendem 
von Semil bis Mohren ein Brand- 
und Mergelschieferflöz mit Cu- 

Imprägnierung auftritt. 
Zwischen- und angelagert sind 
diesen Melapliyrströmen im Lie- 
genden graulich bis grünlich- 
braune oder graue Sandsteine 
mit verschiedenen Bänken eines 
gleichgefärbten Schiefertones, der 
nach oben allmählich herrschend 

wird. ^ <^ 

Graue und braune Konglomerate 
mit wenigen Schiefertoneinlagen. 



^ i=i -g 



^ 



Schatzlarer Schichten. 



J) Porth, Verh. der k. k. geol. R.-A. 1858 S. 37. — Jokely, Jahrb. d. k. k. 
geol. R.-A. 12. Bd. 1861/62 S. 381—395. — O. Feistmantel, ebendaselbst 1873 S. 254. 
~~ Krejci, Geologie cili nauka ütvarech zemsky'ch. V Praze 1876 S. 594. — 
^Veithofer, 1. c. S. 473. ~ Ders., Verh. d. k. k. geoL R.-A. 1897 S. 317. — Ders., 
«bendort 1901 S. 336. — Ders. ebendaselbst 1902 S. 399. — Ders., Sitzungsber! 
^- tais. Akad. d. Wiss. Mathem.-nat. Kl. Bd. 107. Wien 1898 S. 53. — Katzer, 
^erh. d. k. k. geol. R.-A. 1904 S. 1.50ff. — Helmhaoker, Über das Steinkohlen- 
Vorkommen in der Pennformation in Böhmen, „Der Kohleninteressent" Tephtz 
189B Nr. 4-7. 



96 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Diese Ablagerungen bei Semil hatte man bereits früher schon mit den 
Ablagerungen Östlich des Parschnitz-Hroriover Bruches in Zusammenhang 
zu bringen versucht. Namentlich handelte es sich dabei ura die Alters- 
bestimmung der beiden Flözablagurungen von Stepanitz und Koschtialow- 
Hofensko. Po rth, Jokely und Feistmantel rechneten sie, letzterer unter 
Aufzählung von 22 Pflanzen, ins Rotliegende*, Krejci trennte die beiden 
Züge und setzte den von Stepanitz den oberen Ottweiler Schichten gleich, 
während er dem anderen Flözzuge das mittelrotl legende Alter der Braunauer 
Schichten zusprach. Stur sah die Stepanitzer Flöze (1874 und 1878) 
auf Grund ihrer Flora als oberkarbonisch (= P>ossitzer Schichten) an 
und Helmhacker verwies sie ins Rotliegende. 

■In seiner neuesten Veröffentlichung führt Katzer folgende Pflanzen- 
reste von den alten Halden der Stollen bei Cikvaska und Nedwez (vom 
(Nadeje- und Rohan-Stollen) aus dem Hangenden der Kohle an: 

Sphenopteris cf. tridactylites Brgt. 

Pecopteris arborescens Brgt. 
= den lata Brgt. 

Alethopteris Serlii Brgt. 

Neuropteris spec. 

Calamites Suckowii Brgt. 

Stigmaria ficoides Brgt. 

Cordaites principalis Germar. 

Poacordailes palmaeformis (Göpp.) Sterzel. 
Auch durch diese wenigen Pveste ist die Altersstellung noch nicht 
sicher. Da keine typische Rotliegendflora vorliegt, so kommt nur eine 
Parallelisierung mit den Radowenzer oder Schwadowitzer Schichten in 
Frage. Jedenfalls aber gehören die Radowenzer Schichten ebenso wie die 
Hexenstein-Arkosen (Anm. 4 S. 86) zum Karbon, obwohl Katzer, wie 
ich au anderer Stelle bereits hervorhob, diese Tatsache noch immer be- 
zweifelt. Das Rotliegende beginnt erst, aber dann auch stets mit dem 
Auftreten von Walchia, Callipteris, Calamites gigas, Gomphostrobus, Di- 
cranophyllum und dem häufigen Vorkommen vonCallipteridium und Mixoneura. 
Die Richtigkeit der Bestimmung obiger Pflanzen vorausgesetzt, sind wir der 
Lösung der Altersfrage vielleicht einen Schritt näher gerückt, aber die end- 
gültige Entscheidung ist erst von einer Neuaufnahme der Gegend zu erwarten. 
Konkordanz und Diskordanz zwischen Karbon und Dyas. 
Zwischen dem Radowenzer Flözzuge und den 'J'eichwasser Schichten 
konnte im ganzen Gebiete nicht die kleinste Diskordanz, nur ein leiser 
Fazieswechsel bemerkt werden. Wir müssen also eine völlige Konkordanz, 
ein Übergehen der älteren Sedimente in die jüngeren annehmen. Tritt 
aber wie bei Reichhennersdorf das Rotliegende als Hangendes der Schatz- 
larer Schichten auf, so bemerkt man eine starke Diskordanz. Der Unter- 
schied der Fallwinkel nach dem seinerzeit angefertigten Profile (Tafel D 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliclie Sektion. 



97 



beträgt 24". Die Untersuchung der Bohrkorne widerspricht dem keines- 
wegs. Steilfallende Schichten (40 — 70") werden in den Kernen von Rot- 
liegend-Sandsleinen mit meist geringerem Einfallen (ca. 18") überlagert. 
Diese Diskordanz wurde bereits von Schütze*) erwähnt. Ebenfalls dis- 
kordante Auflagerung nimmt er bei Porst östl. Landeshut an,*) A. Schmidt 
hat in seiner schon mehrfach zitierten Dissertation die Diskordanz zwischen 
Karbon und Rotliegendem festgestellt und im sächsischen Erzgebirge ist 
dieselbe Diskordanz schon längst bekannt. 

Diese und andere Beobachtungspunkte veranlassen mich, für den 
größten Teil der Wäldenburg - Schatzlarer Mulde eine Diskordanz 
zwischen dem Karbon und 
Rolliegenden anzunehmen. Xy?\'/?a(yo, 
Zwischen den Ablagerungen 
des jüngeren Karbon der Ott- 
Weiler Stufe und den Sedi- 
menten des unteren Rotliegen- 
den läßt sich bei Albendorf 
eine Diskordanz nicht be- 
merken; es ist hier nur ein 
Fazieswechsel eingetreten. 

Das Auftreten zweier ver- 
schiedener Floren''') in dem 
unteren und oberen Horizonte 
der Flözablagerungen des bis- 
herigen Radowenzer Zuges 
veranlassen eine paläontolo- 
gische Trennung des strati- 
graphisch zusammenhängen- 
deu Schichtenkomplexes. 

1. Kupfererzlagerslätle von Unter -VVernersdorf in Böhmen. 

Da seit einer Reihe von Jahren der Betrieb der Kupferstollen ruht und 
eine Befahrung unmöglich war, so sei hier nur an der Hand der literatur") 
das Ergebnis von Erkundigungen wiedergegeben, die Verfasser bei dem 




'ä/fed- 



Carbon 

Obere Grenze dei 
^Unteren Canglomeräte 

Untere Grenze der 

n Conglom 
-^ Porphyr 
l Gottfried -Stollen 
Z, Johannen » " 
3. Theresen « » 



Kartenskizze der Unter-Wernersdorfer Kupfererz- 

lagerstälte. 

(Aus dein zit. Gürich'schen .Aufsatz.) 



1) Schütze, Geognost.-bergmänn. Beschreib, der lieiden Waldenbiirger Berg- 
'■eviere. Selbstverlag 1892. Festsclirift zum V. allgemeinen deutscheu Bergmannstage. 

2) Von der Flora des Unteri-otliegenden wird in einem der folgenden Absätze 
gehandelt werden. 

3) Gilricb, die Kupfererzlagerstätte von Wernersdorf bei Radowenz i. B. 
Zeitsclir. f. prakt. Geol. 1803, S. 370/71. 

Dei'selbe, Geolog. Ftihrer in das Riesengeb. Berlin 1900, S. 101. 

Fürth im Jahrb. der k. k. geol. Reir.hsanst. 1859. 

Österr. Zeitschr. f. Berg- u. Hüttenwesen 1888. S. 676 f. (C. A. Hering, 
f^ber die Kupfererzlager der Dyas im nordöstlichen Böhmen.) 

C. A. Horin g, Bericht etc. Zeitsohr. f. Berg-, Hütten- u. SaHnenwesen im preuti. 
Staate. Band 45, 1897. S. 52. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft, 




früheren Betriebslei ler in 
Unter- Wernersdorf anstellte, 
und im übrigen auf das 
beigegebene dem zitierten 
Gü rlchschen Aufsatze Inder 
Zeitschrift für prakt. Geologie 
entnominene Profil (Textfig. 6) 
verwiesen. 

Lagerung d e r K u p f e r - 
ei'ze. Gürich unterscheidet 
inderSchicht über demKarbon 
zun;ichst eine Zone „untere 
Konglomerate", darüber „röt- 
liche, seltener grünliche 
Schiefertone, die stellenweise 
etwas sandig werden", und 
im Hangenden „obere Kon- 
glomerate, die nach dem 
Hangenden in mürbe Sand- 
steine übergehen". Die 
„unteren Konglomerate" sind 
bis gegen Radowenz hin, wo sie 
mächtige Felsen bilden, etwa 
2 km weit verfolgbar. Die oben 
genannten beiden liegenden 
Zonensetzen denHöhenzug zu- 
sammen, der dasWernersdorfer 
Tal vom Radowenz -Jibkaer 
Längstale trennt. Am West- 
abhange dieses Rückens finden 
wir die zwei sedimentären 
Wernersdorfer Lager, die man 
mit Kupferschieferflöz be- 
zeichnen muß. Beide Lager 
sind den unteren Konglo- 
meraten im Hangenden und 
fliegenden angelagert. Als 
Hauptgestein treten In beiden 
Lagern grünlich-blaue Schiefer 
auf. Ein Stollen, Gottfried- 
stollen, von der Radowenz - 
Jibkaer Talseite aus in den 
Berg hineingetrieben, schloß 



IL Abteilung'. Naturwissenschaftliche Sektion. 91) 



beide Erzlager auf, wälirend der von der Wernersdorfer Talseite aus in einem 
tieferen Niveau angefahrene Joliannesstollen nur das hangende Erzlager löste. In 
einem mittleren Horizont wurde durch denTheresienstollen, der nordwestwärts 
also im Streichen, getrieben war, ebenfalls nur das obere Lager abgebaut. 

Das obere Lager ist das reichere. Namentlich sind es hier handteller- 
große Nieren, die inwendig aus feinkörnigem Kupferglanz bestehen, nach außen 
aber Malachit- und aucli wohl Schwefelkies aufnehmen. Sie enthalten bis 
14% Cu. Auch das zwischen beiden Erzlagern befindliche Konglomerat ent- 
hält Erz in feinverteiltem staubförmigen Zustand, dessen Ag-Gehalt bis 
2 "/g vom Cu beträgt. Auch soll hier Gold in Spuren gefunden sein. 

Dein unteren Erzlager fehlen die Nieren, dagegen ist die Mächtigkeit 
des Kupferglanz und Pyrit führenden Hauptgesteins etwas größer. Inwie- 
weit sich ein Abbau dieser Erze gegen Nordwest, der Richtung ihrer An- 
reicherung, lohnen würde, müßte erst durch eine Bohrung feslgestellt 
werden. Die erzführenden Schichten streichen fast genau nordwestlich 
(N 32 W) und fallen nach NO mit etwa 24" ein. Der angebliche Kupfer- 
gehalt von 14 — 15 "/q ist unbedingt etwas hochgegriffen, wenigstens nach 
den Stücken zu urleileii, welche Verfasser in die Hand bekam. 

Das Ausgehende dieser Lager selbst findet man über Tage nicht, hin- 
gegen bemerkt man auf dem Kommunikationswege Radowenz-Jibka und in 
dessen ganzer Umgebung selir häufig das Ausgehen der oben erwähnten 
rötlichen und grünlichen Schiefertone, von denen letztere häufig einen 
Malachitüberzug zu tragen scheinen, i=o daß sie leicht mit den Nieren ver- 
wechselt werden können. - 

2. Kupfervorkommen von Albendorf. 

Im Streichen weiter nach Norden folgt nicht weit entfernt die 
preußische Gi'enze mid die dort verliehenen nicht im Beiriebe befindliclien 
Gruben. Hier wurde im Felde der ,,15ergmanixs-HolTnunggrube" ein mala- 
chithaltiger Sandstein in den 50er Jahren angefahren und der Grube darauf- 
hin unter dem Namen ,,Doppelfcld" die Berechtigung des Abbaues der ., ein- 
brechenden Kupfererze" gestattet. 

,,Die gesamte Lagerstätte besteht aus einer im Durchschnitt 6 Zoll 
mächtigen Sandsteinschicht, welche g^/g Lachter (r. 19,7 m), im Hangenden 

des 4. (Hängendsten = Karlsröschen = Walchien-) Steinkohlenflözes 

belegen ist. Gedachte Schicht unterscheidet sich von dem in derem Han- 
genden und Liegenden befindlichen Kohlensandstein lediglich dadurch, daß 
dieselbe durch Kupfermalachit, welcher in kleinereu Schüppchen, Schnürchen 
Und rundlichen Partien (Nieren?) auftritt, imprägniert ist."') Das Streichen 
Wird zu hör. 10,5 und das Einfaricn auf ca. 26" gegen angegeben. 



1) Aus dem „Fundbesichtigungsprotokolle" vom 21. Novbr. lS5i mitgeteilt 
*lurc,h Herrn Schönknecht. 



100 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

3. Kupfervorkommen bei Qualisch. 
Nördlich vom Unter-Wernersjdorfer Vorkommen finden sich beim Pfarr- 
kreuze bei Qualisch (Weg Qualisch-Adersbach) abermals zwei ganz schwache 
Ausbisse eines malachitschüssigen grünen Schiefertones, der auch hier flöz- 
artig dem Gebirge eingelagert ist und sedimentären Ursprunges sein dürfte. 
Sein observiertes Streichen beträgt in dem kleinen Hohlwege, in dem die 
schwachen Lager je 30—40 m östlich und westlich vom Kreuze ausbeißen, 
N 38 W bei etwa 15" nordöstlichem Verflachen. 

Vergleich der drei Kupferlager des Rotliegenden und 
Identifizierung. 

Will man diese 3 Kupfervorkommen in Zusammenhang bringen, so 
läßt sich dies nur unter Berücksichtigung der besprochenen Flöz- und 
Kalkablagerungen tun. Jedenfalls zeigt ein Blick auf die Exkursionskarte, 
daß die Ablagerung i) beim Qualischer Pfarrkreuze zu weit im Hangenden 
der übrigen Ablagerungen liegt, um sie mit dem malachitschüssigen Sand- 
stein Albendorfs und dem Unter -Wernersdorfer kupferhaltigen Schiefer 
irgendwie identifizieren zu können. Dieses Qualischer Vorkommen muß 
daher von vornherein ausscheiden und als eines von den zahlreichen 
Kupferlagern angesehen werden, an denen das fiotliegende ja überhaupt 
allerorten so reich ist. 



V. Das Rotliegende. 

I. Die Potschendorfer und Teichwasser Schichten. 

Das Unterrothegende zerfällt in folgende zwei Zonen. 
Obere Zone. Potschendorfer Schichten. Konglomerate, Sandsteine 
und dunkle Schiefer. Charakterisiert durch die 2 m mächtige Bank von 
Zement kalk mit folgendem Profile: 

Oben Unbauwürdiger Plözbesteg. 
Zementkalk. 

Kohlenflöz von fraglicher Bauwürdigkeit. 
Untere Zone. Teichwasser Schichten. Dunkle Gesteine. Gekenn- 
zeichnet namentlich durch das abbauwürdige Walchienflöz (s. o.) an der 
Basis. Die Reihenfolge der Mineralien ist folgende: 
Oben Roteisensteinflöz. 
Marmorbank. 

Malachithaitiger Sandstein. 
Blackband. 
Walchienflöz. 

1) Kartograpliisch bisher noch nicht abgegrenzt. 



IL Abteilung. NaturwissenscliafUiche Sektion. 



Zur Namengebung. 

1 . Bei der Abgrenzung der Rotliegendschicliten von den Radowenzer 
Schichten war eine Neubenennung nicht zu umgehen. Der sonst wohl nahe- 
liegende Name „Cuseler Schichten" entspricht in der Datheschen Nomen- 
klatur der Basis des MittelroÜiegenden in der Grafschaft Glatz.i) Eine 
Wiederverwendung dieses Namens ist wegen der abweichenden Beschaffen- 
heit der Ablagerungen bei Albendorf nicht ratsam. 

2. Petrographisches. Die übrigen gleicbalten Schichten in den 
Rotliegendgebieten Mitteldeutschlands zeigen einen abweichenden petrogra- 
phischen Charakter. Den Stockheimer Schichten (= unteren Gehrener) 
des Fichtelgebirges fehlen die charakteristischen Kennzeichen unserer Teich- 
wasser Schichten: die Malachitimprägnierung und die Eisensteinflöze. 

In dem tiefsten Horizont bei Albendorf ist der Kalk nur durch 
eine schwache Mai'morbank vertreten, es findet sich hier aber ein abbau- 
würdiges Flöz, während den Königsberger (= Wolfsteiner = Unteren Cuseler 
Schichten) der bayerischen Pfalz Kohlen ebenso wie Eisenerze fehlen. Dafür 
enthalten diese Schichten Kalkbänke ohne Flöze. Nur die Odenbacher 
Schichten der bayerischen Pfalz führen das Odenbacher Kalkkohlenflöz, 
Welches von dem Feister Konglomerat unterlagert wird. 2) Ebenso ist eine 
fazielle Verschiedenheit von den äquivalenten Manebacher Schichten des 
oberen Unterrotliegenden mit ihren 6 Kohlenflözen vorhanden. 

3. Fossilien. Auch der paläontologische Charakter rechtfertigt eine 
Neubenenuung. 

Aus dem Walchienflöz der Teichwasser Schichten konnten bestimmt 
Werden : 

OdontopLeris Reichiana v. Gutb. 

Callipteridium gigas (v. Gutb.) Weiß. 

Alethopteris Grandini Brgt. spec. 

Pecopteris vom Typus oreopteridia (zahlreiche Exempl.). 

Annularia stellata Schloth. 

Mixoneura sp. (n. sp.?) 

Walchia piniformis (Schloth.) Sternbg. 
Diese Pflanzen wurden zum Teil der Schönknecht sehen Sammlung 
entnommen und zum Teil vom Verfasser gefunden, während die Walchia 
piniformis von Herrn Prof. Frech') in Albendorf gefunden wurde. 



Ztschr. d. d. g. G. 1900 Verb. S. 77. Nach Dathe dem Unterrothegenden 
"■^gehörig. Indes hat A. Scbmidt in seiner Dissertation nachgewiesen, daß dieses 
"atbesche UnterroUiegende zum MittelroÜiegenden zu stellen ist. 

2j Auf Grund der Angaben der Lethaea geognostica IL Übersicbtstabellen zu 
^eite 350 (b), zu Seite 354 und S. 533 sind alle Vergleiche durchgeführt. 

3) Während des kurzen Betriebes ilev „Neuen Gabe Gottes" in 1899. 
1904.. 7 



Jahresbericht, der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Im Gegensatz zu der Radowenzer Flora fehlen dem Walchienflöz 
Lepidodendron, Sigillaria und Stigmaria gänzlich. Ferner weist das Vor- 
walten der Pecopteriden und das Vorkommen der Walchia auf Rot- 
liegendes hin,'') während typische Karbonarten absolut fehlen. Fünf von 
den sieben Arten gehören jedoch Formen an, welche aus dem Oberkarbon 
ins Rotliegende übergehen, aber hier erst ihre Hauptverbreitung finden. 
Bemerkenswert ist die gänzliche Verschiedenheit von der Radowenzer Flora 
(s.o.S.92 — 93). Von ausschlaggebender Bedeutung ist das Callip teridiuni 
gigas und die Walchia piniformis, welche zweifelsohne Leitformen des 
Rotliegenden sind. 

Die Zementkalkbank der Potschendorfer Schichten enthält nach Mit- 
teilung des Herrn Schönknecht-Landeshut eine Menge Fischschuppen 
und Fischzähne, die im sicheren Carbon der näheren Umgebung fehlen. 
Dem Verfasser ist es indessen nicht gelungen, solche Überreste auf- 
zufinden. So erscheint also vom Walchienflöz aufwärts eine Flora und 
Fauna, die dem typischen Rotliegendcn entspricht. 

Die Beschaffenheit der Teich wasser und Potschendo rfer Kai ko. 
a. Marmorbank. Wie oben bemerkt, lagern die Teichwasser 
Schichten den Radowenzer Schichten konkordant auf. (,,Marmor" ist hier 
im Sinne eines zwar dichten, aber zu Ornamenten geeigneten Kalksteines 
gebraucht.) In ihnen finden wir rund 80 m im Hangenden des Walchien- 
flözes eine Bank schokoladenbraunen Marmors, dessen Anstehen nirgends 
mehr zu sehen ist. Einst hat man ihn am rechten Ufer des Glaserbaclies 
dicht unterhalb der Mittelmühle durch Stollenbetrieb gebrochen und dann 
auch zum Bau des Taufsteines in der Grüssauer Klosterkirche verwendet. 
Etwa gegenüber dem alten Stollenmundloche am linken Bachufer wurde in 
neuerer Zeit beim Graben des Grundes zu einer Scheuer das Lager aber- 
mals angetroffen und die gebrochenen Steine zum Aufbau der Grundmauern 
benutzt, so daß man sie heute noch antreffen und daraus etwa die Ent- 
fernung vom Walchienflöz schätzen kann. Im Hangenden scheint eine 

i) Dathe (Ztschr. d. D. g. G. 1903 Vcrli. S. 3 ff.) erwähnt Walchia piniforinis 
schon aus den Oberen Ottweiler .Schichten. Dem Verfasser scheint ein solches 
Auftreten der Walchia im JCarbon nictil recht glaubhaft, da Walchia pinifovniis 
erst an der Basis des Rotliegenden auftritt und als „Leitpflanzo des Roüiegendeii' 
allgemein angesehen wird. Ich stütze mich dabei auf die Autoren, welche A- 
Schmidt bereits S. 22 Anm. 2—4 seiner Dissertation angeführt und zitiert ha' 
Vgl. auch Weithofer, Verh. d. k. k. g. R. A. 1897. S. 319 „. . . stets aber in 
Verbindung mit einer typischen Permflora mit Callipteris, Walchia, Calamites 
gigas etc.". Es erübrigt sich daher wohl auf diese Frage nochmals einzugehen. 

2) Auf der Exkursionskaite fehlen dieser M.arraor sowohl wie der Zemeidtcalk' 
da beide Ztige nirgends zu Tage ansiebend, sondern aberall er.st durch Stollen' 
betrieb erschlossen, unter einer mächtigen Schicht von Verwitterungsprodukten 
verborgen sind. 



ä 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



Bank grauschwarzen Kalkes diesen Marmor zu überlagern. Jedenfalls findet 
man solchen auf den Feldern der Hänge gegen Qualisch im Hangenden 
des Marmors so häufig, daß man diese Bank für anstehend, und zwar in 
ziemlicher Mächtigkeit anstehend halten muß. Die Mächtigkeit des Marmors 
soll nicht besonders groß gewesen sein (höchstens 1 m). Eine Analyse 
aus Albendorf liegt bisher noch nicht vor. 

In etwa demselben Horizont der Teichwasser -Schichten ist auf den 
Bergen zwischen Quahsch und Grünwald in neuerer Zeit ein dort an- 
stehender Kalk, der unter lö» gegen NO einfällt, gebrochen und versuchs- 
weise gebrannt worden. Jetzt ruht der Betrieb vollständig und die Öfen 
und Stollen sind verbrochen. Dieses Lager kann nur als Fortsetzung des 
Albendorfer Marmors angesehen werden. Freilich scheint sich das Aus- 
sehen dieses Kalkes stark verändert zu haben. Er ähnelt in seinem petro- 
graphischen Charakter eher dem nacherwähnten Zementkalk der Potschen- 
dorfer Schichten. Die südliche und nördliche Fortsetzung dieser Marmorbank 
konnte nicht ermittelt werden. Daher ist sie nur bis Radowenz reichend 
angenommen worden. 

Prof. Dr. Wilhelm Gintl analysierte^) diesen Kalk aus Qualisch und 
bestimmte 0,66 % Feuchtigkeit. 
Er wies darin nach: 

0,82 7o Wasser, 
33,65 »/o Kohlensäure, 
16,96 % Kieselsäure, 
0,68 7o Eisenoxyd, 
2,60 % Tonerde, 
0,63 % Manganoxydul, 
42,02 7o Kalk, 
0,98 o/o Magnesia, 
0,16 % Natron, 
0,26 % Ka lium 
Sa. 98,76 % 

4- 0,66 % Fe uchtigkeit 
Sa. 99,42 %. 
Bezüglich der technischen Verwendbarkeit des Kalkes gab Gintl an- 
bei Zusatz von Vio (des Kalknettogewichtes) Tonerde habe er recht guten 
Zement erhalten. 

b. Zementkalkbank der Potschendorfer Schichten. In einer 
Horizontalentfernung von 150 m, die einer Mächtigkeit des Zwischenmittels 
von ca. 60 m entspräche, folgt das oben beschriebene Flöz, welches im Walzel- 
schen Stollen gebaut wurde. Darüber lagert die Albendorfer Zementkalk- 
bank, welche aber in ihrer ganzen Erstreckung verdeckt bleibt und überall 



1) Herr Völkel-Qualisoh stellte mir diese Analyse freundhchst zur Verfügung. 



]04 Jahresberichl der Schles. Gesellschaft für val.erl. Cultur. 

durch Stollenbetrieb gelöst wird. Bekannt ist sie von Potschendorf bis 
Qualisch. Südlich von Qualiseh scheint sie unter der Kreide zu ver- 
schwinden. Ihr Streichen und Fallen (24") geht parallel dem der übrigen 
Schichten. Der gegenwärtige Betrieb in Potschendorf und die eingehenden 
Gutachten^) über den Albendorfer Teil verschaffen einen ziemlich klaren 
Überblick über die Lagerung des Zementkalkflözes. Die Bank teilt sich in 
mehrere Lagen, deren Mächtigkeit an den beiden Orten ihres Erschlossen- 
seins aus der folgenden Übersicht klar werden: 

Albendorf (Koßmann). Potschendo rf. 

Gesamtmächtigkeit 2,04 m, davon: 1,28 m, davon: 

Deckel 0,25 m hellgrauer Kalkstein, Oberklotz 0,24 m, 

Oberbank 0,34 m gelber Kalkstein, Knoten 0,42 m, 

Schramlage 0,15—0,20 m blau- Böse Platte 0,12 m, 

grauer schieferiger Mergel, 
Unterbank 1,30 m blauer bis grauer { Gute Platte 0,15 m, 

Kalkstein. ( Grundstein 0,35 m. 

Diese kleine Übersicht zeigt gleichzeitig auch die Verschiedenheit der 
einzelnen Kalklagen, In Potschendorf wechselt die Mächtigkeit der ein- 
zelnen Lagen sehr häufig. Decke bezw. Oberklotz bleiben aus technischen 
Rücksichten ungebaut. In Albendorf wurde namentlich die Unterbank eine 
kurze Zeit lang gebrannt und soll jetzt, soweit noch Vorrat bei den Öfen 
vorhanden, wieder gebrannt werden. Der gebrannte Kalk kommt als 
Staubkalk und Putzkalk in den Handel. Dr. Koßmann gibt folgende 
Analyse des Kalksteines, die von Dr. 0. Heintzel, Lüneburg (Laboratorium 
für Zementindustrie) 1900 angefertigt wurde: 

Ton ... 3,37 %, 

Kohlensaurer Kalk . . 95,31 %, 
Kohlensaure Magnesia 1,14 "/q, 
Schwefelsäure (Spur) . — 

Wasser 0,03 %, 

Sa. 99,85 %. 
In der Umgegend des Kalkes treten hier, wie im ,,Schömberger Kalk 
zuge", häufig Hornsteine, in Albendorf auch dann und wann Karneole auf- 
Die Frage, ob sich unter den Alluvionen nordwärts Berggraben der 
Radowenzer Flözzug und unsere Teichwasser und Potschendori'er Schichten 
fortsetzen, wie vor allem Weithofer annimmt, könnte nur durch Auf- 
findung der Leitpflanzen in Verbindung mit genauer Untersuchung der 
Felsarten beantwortet werden. 



1) Von Herrn Schönknecht erliielt ich 2 manuskriptliche Gutachten, von 
Dr. Koßmann, Breslau, August 1900 und G. Fichtner, Mansfeld, JuU 1900- 
Vgl. auch: Dr. Koßmann „Über die Entwickelung der Kalkindustrie im Bober- und 
Katzbachgebirge". Vortrag gehalten am 7. Dezember 1896 in der Sitzg. des Ver- 
zur Ford, des Gewerbefleißes. 



11. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 105 

Etwa CO in querschlägig über der Potschendorfer Kalkbank lagert 
dann noch das auoh oben bereits erwähnte, nur wenige Zoll starke Kohlen- 
flözchen, und etwa 100 m querschlägig über diesem Bestege im Flußtale 
haben wir die Grenze gegen die roten Tone und Sandsteine des Mittel- 
roüiegendcn zu suchen. 

2. Das Mittel- und Oberrotliegende. 

Über das Mittelrotliegende ist wenig zu bemerken, da die Mächtigkeit 
verhältnismäßig gering und eine ausführliche Darstellung bereits an anderer 
Stelle gegeben ist. Die Mittelrotliegendsedimente bilden das Liegende und 
Hangende des Porphyrlagers des Rabengebirges. 

Eruptivgesteine des Mittelrotliegenden. 

Eine neue Aufnahme der Grenzen des Quarzporphyrs ergab das genaue 
Bild der alten Karte von Beyrich, Rose, Roth und Runge, welches 
von der Weithoferschen Aufnahme nicht unerheblich abweicht. 

Der Zug der Eruptivgesteine erreicht in Preußen sein Ende und nur 
das kleine, auf der Exkursionskarte nicht eingetragene') Porphyrvorkommen 
bei Jibka ist vielleicht als Fortsetzung dieses Zuges anzusehen. 

Die höchste Erhebung im Porphyrgebirge ist im Kartengebiete der 
Königshaner Spitzberg mit 879 m Seehöhe. Das ganze sogen. Raben- und 
Überschargebirge mit seinen zahlreichen landschaftlichen Reizen besteht 
aus diesem blaßroten Quarzporphyr, während nur selten, wie im Einsiedel- 
bruche nördlich Liebau ein weißer, dem Jibkaer Gestein gleichender Por- 
phyr ansteht. Der weiße Porphyr des Einsiedelbergbruches ist auch durch 
das Vorkommen von Schwefelkies, Bleiglanz, Fahlerz etc. interessant, 
"Welches einst^) Veranlassung zu einem kurzen, unlohnenden Bergwerks- 
betriebe gegeben hatte. 

Nach Westen zu steiler abfallend senkt sich das Porphyrgebirge, 
Welches vollkommen der Muldenform folgt und nördlich des Langen Berges 
bei Reichhennersdorf außerhalb der Exkursionskarte vom Melaphyrzuge 
abgelöst wird, in sanfterer Kurve ins Innere der Mulde zum Ziedertale 
hinab. Der Melaphyr ist in seinem ganzen Verlaufe reich an quarzitischen 
'''inschlüssen. Gangförmiger, gelber Jaspis und roter Karneol ist reichlich 
Vertreten im Bruche am Westabhange des Preisberges. Am, Osthange findet 
''»an ebenfalls einen solchen Gang von Karneol quer über den zum Ge- 
nesungsheim führenden Weg streichen, und beim Genesungsheim selbst 
Endlich kann man Knollen dieses Minerales begegnen, welche beinahe 
Kopfgröße erreichen. 

5) Wegen schlechter Aufschlüsse; vgl. aber in dieser Arbeit die Textfigur 
'^o- 6, auf der dieser Porphyr erscheint. 

2) Vgl. Wochenschr. des Schles. Vereins für Berg- und Hüttenwesen, Jahrg. 
^859 S. 305. 



106 Jaliresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Oberrotl legendes. 

Schöniberger Quellkalk. In den Rotliegendschichten am Innen- 
rande der Mulde hart an der Kreidegrenze steht ein Kalkzug an, dessen ab- 
weichende Beschaftenheit eine Neubenennung erfordert. Er bildet die Höhen 
zwischen Klein-Hennersdorf und Neuhäuser und ist nördlich der Jägerhäuser 
von Qualisch noch eine Strecke weit auf österreichischem Gebiete zu verfolgen. 
Bei Jlbka tritt er dann nochmals i) mit weit geringerer Mächtigkeit im 
Hangenden des Porphyres in Begleitung von Hornstein und eines Brand- 
schieferflözes auf. Die horizontale Breite des Lagers beträgt durchschnitt- 
lich etwa 150 m und steigt ausnahmsweise bei Voigtsdorf bis 300 m, was 
einer Mächtigkeit von 50 — 100 m entspräche. Das Streichen des Schömberger 
Kalkzuges wechselt ebenso wie sein Fallen, welches im Mittel etwa 20" 
muldeneinwärts beträgt. 

Der Schömberger Quellkalk des Oberrotliegenden hat ein petro- 
graphisches Gepräge, welches ihn auf den ersten Blick von den Kalken 
des Unterrotliegenden unterscheiden läßt. Im Gegensatze zu diesen dichten 
Kalksteinen besteht er aus körnigem Kalk als Grundmasse, in der Gerolle 
von Quarz, Phyllit und gelegentlich auch rote Feldspäte eingeschlossen 
sind. Organische Reste wurden in diesen Quellkalken nie gefunden, deren 
Magnesia- und Tongehalt sehr bedeutend ist. Ihre Entstehung tritt auch 
in scharfen Gegensatz zu den dichten Albendorfer Kalken. Sind diese in 
Binnenseen abgesetzt, so haben wir den Schömberger Kalk wahrscheinlich 
als Niederschlag aus Quellen anzusehen. 

Der einstige Betrieb der Öfen dieses Kalkziiges in Voigtsdorf, Berthels- 
dorf und Neuhäuser ruht heute gänzlich. Die chemische Zusammensetzung 
des dolomitischen Kalkes ist wechselnd, wie aus der Gegenüberstellung 
zweier von Dr. C, Heintzel gefertigten Analysen hervorgeht. 
Berthelsdorf Neuhäuser 

13,82 "/„ Ton 14,71 ^ 

47.98 % Kohlensaurer Kalk 47,23 % 
37,710/,, Kohlensaure Magnesia 37,69 »/q 

— Schwefelsäure (Spur) — 

0,48 % Wasser 0,14 % 

99.99 % Sa. 99,77 7„. 

Es zeigt sich also eine Zunahme des Tongehaltes auf Kosten der 
Magnesia und des Kalkes. Versuche über die Verwertung als Zement sind 
nicht bekannt geworden. 

Die Abgrenzung des Mittelrotliegenden von dem durch den Schöiß" 
berger Quellkalk charakterisierten Oberrotliegenden ist wegen Mangels »0 
geeigneten Aufschlüssen und des Fehlens organischer Keste nicht durch' 
geführt worden. 



1) Vgl. das Textprofil No. 6 auf Seite 98. 



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Horizontale durch den Amsterdamer Pege! 




IK X Tiefe 421,61 m 



Liih. von Grass, Barih & Comp. (W. Friedrich) in Breslau. 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Selition. 



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Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Vorkommen der wichtigeren Pflanzen in den in der Arbeit 
besprochenen Schichten. 

Zusammengestellt nach den Bestimmungen von Potonie (F.), Stur (St.), Weiß (W.), Axel 
Schmidt (A. S.), Schütze (Seh.) und eigenen Beobachtungen. Geordnet nach Potoni^. 
Lehrbuch der Pflanzenpaläontologie 





des 


der 

Sudetisch. 

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Schicht 

der 
SaarbrUcker Stufe 


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Otlweiler Stufe 


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St. 


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Verf. 


Archaeopteriden: 
Adiantites tenuifolius (Göpp.) Schimper 

giganteus Göpp 

oblong] folius Göpp 


+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 
+ 
+ 

X 

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+ 

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+ 
(cf. 
Pot.) 


+ 


+ 


- 


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- 


- 


sessilis (v. Roehl pro var.) Pot. . . 

Reussi Ett 

antiquus (Ett.) Stur . . . . 


- 


Machaneki Stur 




rhomboideus Ett 

Archaeopteris obovata Schenk 


- 






Sphenopteridium Tschennaki Stur . . . 
Schimperi 


- 


Dawsoni Stur 




dissectum (Göpp.) Schimper 

pachyrrhachis Göpp 

Columbianum Schimper 

Ettinghauseni Stur 

Cardiopteris polymorpha (Göpp.) Schim. 

frondosa Göpp 


-' 


Rhacopteris petiolata (Göpp.) Stur 

Roemeri (0. Feistm.) Stur 

transitionis Stur 


- 


paniculifera Stur 

alciphylla Phill 


" 


sphenopteridia (Crep.) Pot 

subpetiolata Pot 


' 






■■ - 1 





1) Von selten Potonies liegt eine Trennung der Flora VI (Idastollner + Kadowenzer 
Schichten) nicht vor. Die Namen der Pflanzen erscheinen deshalb in beiden Kolumnen- 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



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des 


der 

Siidetisch. 

Stufe 


Schicht 

der 
Saarbrücker Stufe 


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der 
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Namen der Pflanzen 


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St. 


P. 

Verf. 


^hacopteris elegans (Ett.) Schim 

speciosa Ett 

asplenites Schim 

^ Splienopteriden: 

"todea Stachel Stur 


+ 

+ 

+ 
+ 
+ 

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dissecta (ßrongn.) Presl 




Patentissima (Ett.) Stur 

Souichi Zeil 


- 


Condrussorum Gilk 




^Ittiatopteris geniculata (Stur em.) Pot. 
ftircata (Brgt.) Pot 


- 


Palmata (Schim.) Pot 

Coemansi Andr 

g spec. (nov. spec. ?) 

Phenopteris elegans Brgt 

elegantiformis Stur 

divaricata (Göpp.) Stur 


- 


tofoliolata (Artis) Brgt 




obtusiloba Brgt 

Höninghausi Brgt 


- 


Larischi Stur 

Boulayi, var. Wengeslal A. Schmidt 

Schönknechti Stur 

dicksonioides Göpp 


E 


»auveuri Crep 

Bäumleri Andr 

tridactylites Göpp 

a'^temisiaefolioides Crep 

«oralloides v. Gutb 

Schillingsii Andr 


- 


"lacilenta L. a. H 

distans Brgt 


- 


'leuropteroides Boulayi 


- 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 





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Schicht 

der 
Saarbrücker Stufe 


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Verf. 


Sphenopteris Schlotheimü Brgt 

Asplenites v. Gutb 

spec. (nov. spec. ?) 

AUoiopteris quercifolia (Göpp.) Pot. . . 

grypophylla-coralloides(Göpp.)Pot. 

Sternbergii (v. Ett.) Pot 

Essinghii (And.) Pot 

Mariopteris muricata (Schloth.) Zeil... 

muricata (Schloth.) Zeiller forma 
typica Zeiller 


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Ovopteris karwinensis (Stur) Pot. .... 

Asohenborni (Stur) Pot 

Schumanni (Stur) Pot 

Brongniartii Stur 

chaerophylloides (Brgt.) Pot 


- 


Goldenbergii (Andr.) Pot 

spec. (nov. spec. ?) 

Eremopteris artemisifolia (Brgt.) Schim. 

Pecopteriden: 
Pecopteris arborescens (Schloth.) Brgt. 
oreopteridia (Schloth.) Brgt 


+ 


unita Brgt 

feminaelbrmis (Schloth.) Sterzel . . 
hemilelioides Brgt 


+ 




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Pluckenetii (Schloth.) Brgt 


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II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 





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Pecopteris polymorpha Brgt 


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+ cf. 

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+ 


Miltoni Göpp 


Bredowi Germ 


Sterzelii Zeil 

Alethopteris decurrens (Artis) Zeil 

lonchitica (Schloth.) Ung 

Serli (Brgt.) Göpp 

Davreuxi (Brgt. erw.) Göpp 

Grandini Brgt. spec 

aquilina Brgt 

longifolia Sternbg 

pteroides Brgt 

CaUipteridium pteridium (Schloth.) Zeil- 

gigas (v. Gutb.) Weiß 

Regina (A. Rom. erw.) Weiß 

Callipteris cotiferta (Sternbg.) Brgt. . . 

Naumanni (Gutb.) Sterzel 

Odontopteris Reichiana v. Gutb 

Coemansi Andr 

Brardii Brgt 

minor Brgt 

osmundaeformis (Schloth. erw.) 
Zeil 

subcrenulata (Rost) Zeil, erw 

obtusa (Brgt. u. p.) Weiß 

Britanica v. Gutb 

Lonchopteris rugosa Brgt 

Defrancei (Brgt.) Weiß 


+ 

+ 

+ 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 

+ 
+ 

+ 
+ 


Bricei Brgt 


— — 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 





des 


der 

Sudetisch. 

Stufe 


Schicht 

der 
Saarbrücker Stufe 


e n 

der 
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Unt. 
Rotl. 


Namen der Pflanzen 


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St. 


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Verf. 


Neuropteriden: 
Neuropteris (Mixoneura) gleichenioides 

(Göpp.) Stur 

spec. (n. sp. ?) 

Neuropteris auriculata Brgt. erw 


(+) 

+ 


(+) 


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+ 


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gigantea Sternbg 

Planchardi Zeil 

pseudogigantea Pot 

flexuosa Sternbg 

heterophylla Brgt 


+ 


angustifolia Brgt 

rarinervis Bunbury 

Scheuchzeri Frdr. Hoffmann 

acutifolia Brgt 

obovata Sternbg 


- 


tenuifolia Brgt 


+ 
+ 

+ 
+ 


Loshii Brgt 

Linopteris neuropteroides v. Gutb. . . . 

Brongniarti v. Gutb 

sub-Brongniarti Gr. Eury. =; obliqua 
(Bunbury) Zeil 

Münsteri Eichw 

Germarii (Giebel) Pot 

Taeniopteris jejunata Gr. Eury 

Cyclopteris adiantopteris Weiß 

triohomanoides Brgt 


orbicularis Brgt 


-" 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 





des 


der 

Sudetisch. 

Stufe 


Schicht 

der 
SaarbrBcker Stufe 


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Sch. 


p. 

Verf. 


Sphenophyllaceae : 
Sphenophyllum cuneifolium (Sternbg.) 
Zeil 


(+) 

(-1 ) 


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+ 

+ 

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+ 

+ 
+ 
+ 


+ 


tenerrimura v. Ett 

verticillatum Schloth 

Thoni Mahr 

myriophyllum Crep 

malus Bronn 

oblongifolium (Germ, et Kaulf.)Uug. 

Cycadofllicis : 
Nöggerathia foliosa Sternbg 

Calamariaceae (Blätter) : 
Annularia stellata (Schloth.) Wood. . . 

pseudostellata Pot 

spicata 

radiata (Brgt.) Sternbg 

sphenophylloides (Zenk) üng 

Asterophyllites equisetiformis (Schloth.) 
Brgt 


+ 
+ 

+ 

+ 
+ 

+ 

+ 

+ 
+ 


grandis (Sternbg.) H. B. Glin 

longifolius (Sternbg.) Brgt 

fohosus L. a. H 

Pinaceae: 
^alchia piniformis (Schloth.) Sternbg. 



1 1 4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Geologische Ergebnisse. 

1. Die Reich!) ennersdorfer Schicliten reichen bei Landeshut etwa 
3,5 km weiter nordöstlich als die bisherigen Karten angeben. 

2. Zwischen Karbon und Dyas ist eine Diskordanz vorhanden, 
welche sowohl einer wesentlichen Verschiedenheit des Fallwinkels, als 
auch einer bedeutenden Schichtenlücke zwischen Steinkohlenformation 
und Mittelrotliegendem (bei Reichhennersdorf) entspricht. Nur bei 
Albendorf lagert das Unterrotliegende konkordant der oberen Ottweiler 
Stufe auf. 

3. Bei Reichhennersdorf sind die Flöze der gleichnamigen Schichten wenig 
mächtig und die Flöze der Schatzlarer Schichten stark ver- 
worfen. 

4. Das Günstige Blick-Flöz ist dem Concordia-, Luise- und Aurora-Flöz 
gleich zu stellen. Eine Reihe von Schurfhalden in den längst ver- 
liehenen Grubenfeldern kennzeichnet seine Ablagerung. 

5. Das Unterrotliegende von Albendorf kennzeichnet sich petro- 
graphisch durch Zusammenauftreten von Kohlen- und Kalk- 
flözen, durch kupferschüssige Schieb ten, sowie durch Rot- und 
Toneisensteinlager. Zu dieser im Bereich Niederschlesiens einzig da- 
stehenden petrographischen Beschaffenheit kommt das von Frech 
durch den Fund einer Walchia piniformis festgestellte Auftreten 
einer Rotliegendflora. 

Bergbauliches Ergebnis. 

6. Die Reichhennersdorfer Tiefbauanlage konnte, abgesehen von dem 
Vertrauensbruche eines Beamten, nicht gedeihen. Die Bauten waren 
zu kostspielig, denn die hängenderen Schatzlarer Flöze, welche die 
Tiefbauanlage erschließen sollte, sind nur stellenweise bauwürdig; der 
Abbau des Günstigen Blick-Flözes ist wohl für ein Unternehmen von 
geringerem Umfange rentabel, reicht aber für einen so groß angelegten 
Betrieb bei weitem nicht aus. 



Heuscheuer und Adersbach-Weckelsdorf- 

Eine Studie über die obere Kreide im böhmisch-schlesischen Gebirge. 

Von 

Kurt Flegel. 

Stand der Kenntnis. 

Die älteste nennenswerte Aufzeichnung über die Adersbach-Weckels- 
orfer Kreideablagerungen und das Heuscheuergebirge findet sich bei 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 115 

Geitiitz.^) Er unterscheidet einen unteren Quader, darüber einen 
PI an er und schließlich einen oberen Quader, ohne eine Begrenzung 
der einzelnen Schichten zu geben und ilrre sti-atigraphische Stellung näher 
zu beleuchten. Die Felsmasse der Heuscheuer und die Sandsteinpartien 
von Adersbach-Weckelsdorf hält er für gleichaltrig und rechnet im wesent- 
lichen richtig beide zum oberen Quader, während er in dem ,, feinkörnigen 
glaukonitischen Sandsteine" zwischen Schömberg und Finedland unteren 
Quader vermutet. 

Etwas schärfer ist die von Beyrich") 1849 aufgestellte Gliederung des 
Quadersandsteingebirges. Er unterscheidet (von oben nach unten): 

4. oberen Quadersandstein, 

3. Pläner, 

2. Plänersandstein, 

1. unteren Quadersandstein. 
Die Ausdehnung des unteren Quaders wird von ihm bereits richtig an- 
gegeben, ebenso wie das inselförmige Auftreten des oberen Quaders bei 
Adersbach-Weckelsdorf, bei Neuen und Görtelsdorf und auf der Heuscheuer, 
die er ebenfalls für ein Äquivalent des Quaders von Adersbach und Weckels- 
dorf hält. Auf der letzteren nicht zutreffenden Annahme und auf der 
Ansicht, daß der Quader der Wünschelburger Lehne dem unteren .Quader- 
sandstein angehöre, beruht seine jetzt nicht mehr aufrecht zu erhaltende 
Meinung, daß der am Fuße der Braunauer Lehne sich entlang ziehende 
Plänersandstein dem unteren Quadersandsteine angelagert sei und nicht als 
Unterlage desselben hervortrete. Die von ihm 1867 herausgegebene 
geognostische Karte von Niederschlesicn zeigt zwar eine Scheidung in die 
vier erwähnten Stufen, rechnet aber alle vier zum Cenoman, ohne daß 
diese Altersbestimmung in den Erläuterungen') zu dieser Karte begründet 
vvurde. Eine genauere paläontologische Untersuchung wurde durch den 
Beginn der Aufnahme des Harzes verhindert. 

A. Fritsch*) hat seit 1869 bei den Studien im Gebiete der böhmischen 
Kreideformation für die Fixierung der als selbständig erkannten Schichten 
Lokalbezeichnungen benützt. Später hat er die einzelnen Glieder in die 
Formation einzureihen und mit auswärtigen Vorkommen zu parallelisiei'eu 
Versucht. Er unterscheidet von oben nach unten : 



1) Geinitz: Die Versteinerungen von Kieslingswalde imd Nachtrag zur Charak- 
teristik des sächsisch-böhmischen Kreidegebirges. Dresden und Leipzig 1843, 
S, 3 u. 4. 

2) Beyrich: Das Quadersandsteiugebirge in Schlesien. Zeitschr. d. d. geol. 
Gesellsch. L 1849, S. 390 ff. 

") Beyrioli: Erläuterungen zu der geognostischen Karte vom niederschlesischen 
Gebirge und den umliegenden Gegenden. Berlin 1867. 

*) Fritsch: Archiv für die naturwissenschafthche Landesdurchforschung von 
Böhmen. Prag 1869. 



1 1 6 Jaliresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



8. Chlomcker Schichten, Emscher. 

7. Priesen er Schichten, Oberturon. 

6. Teplitzer Schichten, 1 

5. Iser-Schichten, \ 

4. Malnitzer Schichten, 

3. Weißenberger Schichten, Unterturon. 

2. Korytzaner Schichten, ) 

1 D i r, .■ , , } Cenoman. 

1. rerutzer Schichten. \ 

Die Identität der Teplitzer und Iser-Schichten ist von Jahn und 
Petrascheck bereits nachgewiesen worden. Es werden die Perutzer und 
Korytzaner Schichten dem Cenoman, die Weißenberger, Malnitzer, Iser- und 
Teplitzer und die Priesener Schichten dem Turon und die Chlomeker 
Scliichten dem Emscher zugerechnet. 

Die cenomanen Quadersandsteine hat Fritsch richtig als Korytzaner 
Schichten erkannt und ausgeschieden. Die darüber lagernden Plänersand- 
steine und Pläner hat er als Weißenberger und Malnitzer Schichten zu- 
sammengefaßt und versucht, sie in 6 Horizonte mit Lokalnamen zu trennen. 
Diese 6 Horizonte lassen sich aber kartographisch nicht ausscheiden, da 
sie nur geringe auf Facieswechsel beruhende petrographische Unterschiede 
aufweisen. 

Die Quaderbedeckung der Braunauer Lehne hält Fritsch im Gegen- 
satz zu Beyrich ganz richtig für ein Äquivalent des Sandsteins von Aders- 
bach und Weckelsdorf, identifiziert sie aber auch mit dem Sandstein der 
Heuscheuer. 

Gürich ') schließt sich in seinen 1890 erschienenen ,, Erläuterungen zu 
der geologischen Übersichtskarle von Schlesien" bei der Gliederung der in 
Rede stehenden Kreideablagerungen yollständig an die älteren Arbeiten an. 

Michael, 2) der die unteren Schichten der oberen Kreide in der Um- 
gebung von Cudowa 1893 bearbeitet hat, erwähnt nur kurz^) die Massen 
der Heuscheuer. Er hält sie für eine Fortsetzung der Aders- 
bach und Weckelsdorfer Felsen und rechnet sie mit diesen zu der 
böhmischen „Iserstufe (Unter Senon)." 

Leppla') mußte bei seiner 1900 herausgegebenen Arbeit über das 
Niederschlagsgebiet der Glatzer Neiße auch das Heuscheuergebirge berühren. 
Er liat „die stratigraphischen Einzelheiten in der Gliederung der Kreide mit 
Rücksicht auf die Zwecke seiner Untersuchung außer acht gelassen und 



') «ürich: Erläuterungen zu der geologischen Übersichtskarte von Schlesien. 
Breslau 1890, S. 141—144. 

2) Michael: Cenoman und Turon in der Gegend von Cudowa in Schlesien. 
Z. d. d. geol. G. 1893, S. 199. 

^) Leppla: Geologisch-hydrographische Beschreibung des Niederschlagsgcbiets 
der Glatzer Neiße. Abliandl. d. K. p. geol. Landesanstalt, Neue Folge H. 32, 
Berlin 1900. 



II. AJjleilung. Naturwissetischaftliclie Sektion. 



nur den petrographisclien EigensciiafLen der Gesteine, welche für die Be- 
ziehungen zum fließenden Wasser am meisLen in ßelraelit kommen, be- 
sondere Beachtung geschenkt." Er bedauert, daß die in der Literatur vor- 
handenen Angaben über die Gliederung der Kreide, insbesondere der 
turoncn und senonen Schichten der Reinerzer Gegend und der Neiße- 
Soiike keinen genügenden Aufschluß über die tatsächlichen Verhältnisse 
geben. Gegenüber den Angaben der älteren Literatur hebt er hervor, daß 
in den mittleren Schichten der oberen Kreide an der Heusclieuer, also außer 
dem. von Beyrich als unteren Quadersandstein bezeichneten Gebilde zwei 
Zonen von Quadersandstein sich mit aller Sicherheit erkennen lassen. Er 
unterscheidet vom Gipfel der großen Heuscheuer nach NO zur Straße nach 
Wünscbelburg von oben nach unten folgende Schichtenglieder: 

(1. Quadersandstein der großen und kleineu Heuscheuer (l<\-iedrichs- 

grunder Lehne), hellgrau bis weiß, mehr als 50 ra mächtig. 
5. Graue und grüngraue Mergel und sandige Kalksteine. Pläner- 
Untergrund der Kolonie Klein -Karlsberg, ungefähr 100 m mächtig. 
4. Quadersandstein der Wünschelburger Lehne, au der großen öst- 
lichen Serpentine der Wünschelburger Straße (Schalasterberg, Käse- 
breit, Leiersteig bei Klein-Karlsberg), etwa 60 — 70 m mächtig. 
3. Graue bis grünlich-graue Mergel (Pläner) , etwa 10—20 m mächtig. 
2. Hellgraue bis grünlicli-gTaiie, glaukonitführende, kalkige Sand- 
steine, etwa 10 — 20 m mächtig. 
1. Braunrote mürbe Sandsteine, Arkosen und untergeordnete 
konglomeratischeLagen an der westlichen Straßenkebre, südlich 
Kolonie Hain. Rotliegendes. 
Neuerdings hat Petrascheck M eine Altersbestimmung des Heuscheuer- 
gebirges versucht und ist zu dem nocli nicht abgeschlossenen Urteil ge- 
langt, daß man „in der Pläners tufe des Heuseh euergebirges kein 
jüngeres Niveau als das des Bron gniarti - Pläners (Malnitzer 
Schicliten) zu suchen hat". Er nimmt an, daß eine teilweise facielle Ver- 
tretung von Pläner durch Sandstein statt hat, daß also der Quadersandstein 
der Wünschelburger Lehne ein Äquivalent des Pläners von Karlsberg und 
ßukowine ist. Er glaubt nicht au die Möglichkeit, letztere beiden Pläner 
kartographisch von einander trennen zu können. 

-Für den Heuscheuersandstein kommt dauu der Scaphiteu- 
Pläner in Betracht. Es ist also der Heusclieuer-Quader nach Petra- 
Schecks AnsicJit ein Äquivalent des Brongniarti-Quaders der 
Sächsischen Schweiz. Er macht jedoch ausdrücklich darauf auf- 
üierksarn, daß seine Altersbestimmung noch unsicher und die Vertretung 
des Pläners durch den Sandstein an dei- Wünschelburger Lehne noch durch 
J^ossilien zu erweisen ist. 

1) Petrasekeck: Zur Geologie des Heuscheuergebirges. Vei'h. d. k. k, s. R. 
1003, No. 13. 

1904. 8 



118 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



































































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II. Abteilung. Nalurvvissenscliaftliche Sektion. 119 



II. Sti-atigrapliie. 

Stratigraphiscb lassen sich in diesem Gebiete 7 Horizonte deutlich 
unterscheiden, von denen die obersten beiden nur im Südosten, im Gebiete 
der Heusclieuer, auftreten: 

7. Quader der Heuscheucr und des Spiegelberges mit Inoc. 

Cuvieri var. Geinitziana und Inoc. percostatus u. a. Em seh er. 
6. Plan er von Karlsberg mit Pachydiscus peramplus, Inoc. Brongniarti 

var. aunulata u. a. Ober-Turon. 
5. Quader von Ader sbach- Weckelsdorf und an der Wünschel- 

burger Leime, nach Südwesten durch Facieswechsel in Pläner 

übergehend. Exogyra columba, Lima canaliferau. a. Mi l tel-T uron. 
4. Pläner mit Inoceramus Brongniarti, Mittel-Turon. 
3. PI änersandstein mit Inoceramus labiatus. Unter-Turon. 
2. Blaugrauer mittelkörniger Grenz-Quader mit tonigem Bindemittel 

(plänerähnlicb). Grenze zwischen Cenoman und Turon. 
1. Quader mit Pecten asper und Exogyra columba, Cenoman. 

A. Cenoiiiane Ablagerungen. 

1 . Q u a d r. 

Der untere Ceiioman-Quader tritt als das tiefste Glied der Ab- 
lagerungen naturgemäß nur an den Rändern der Mulde auf. Zwischen 
Schömberg und Friedland bildet er einen mächtigen Querriegel und trennt 
daselbst die nördlichen Kreideablagerungen bis Kloster Grüssau als eine 
kleine Spezialmulde^) ab, deren Synklinale Lagerung deutlich ausgeprägt ist. 
In seinen oberen Lagen bildet der feine gelbe, oft glaukonitische Quader 
ein geschätztes Baumaterial, das liei Piaspenau und Liebeuau in zahlreichen 
Steinbrüchen^) gewonnen wird. 

Die liegendsten Schichten des Cenoman -Quaders bestehen aus einem 
rötlichen Quarzkonglomerat, das mit einem groben, ebenfalls rötlichen 
Sandstein^) stellenweise wechsellagert. Dieser Wechsel wird bedingt durch 
ein Oscillioren des Kreidemeeres, die rötliche Farbe durch die unter- 
lagernde Dyas, da das hereinbrecheiide Kreidemeer nur das rote Material 
dieser Formation zur Ablagerung bringen konnte. 

Von dem Querriegel nach Norden nimmt die Mächtigkeit des Quaders 
immer mehr ab, bis er sich schließlich an beiden Flandern im Westen bei 
Klein-Hennersdorf, im Osten bei Trautliebersdorf auskeilt. Südlich von 
Klein-Hennersdorf ist er in einem Steinbruche gut aufgeschlossen. 
Es lagern dort übereinander: 

1) Siehe Profil No. 1. Tafel J. 

2) Siehe Textligur 1 Seite 121. 

3) Siehe Textligur 2 Seite 123. 



120 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft I 



3. Sandstein, gelb, glaiikonitiscli, feinkörnig, 1 '/g — 2m mächtig mit 

Fossilien. 
2. Quarzkonglomerat, grob, 10 cm mächtig. 
]. Quarzsandstein, sehr fest, weiß, mittelkürnig, ca. 7 m mächtig; 

von zwei 10 — 30 cm mächtigen Bänken von liellgraucm, schiefrigem 

Mergel durchsetzt. 

Südlich von dem Querriegel zieht sich das Cenoman als mehr oder 
weniger breiter Streifen an beiden Rändern der Mulde hin. Nördlich von 
Hronov keilt es sieh aus und sinkt in die Tiefe, wie später noch ' dar- 
gelegt wird. Am Ostrande läßt es sich noch deutlich bis zur Braunauer 
Lehne, zum Hutberg, verfolgen. Weiter nach Süden findet man nur noch 
große Quaderblücke, die von der Oberkante der Braunauer Lehne, dem 
ßrongniarti-Quader, stammen. Ob unter diesem Schuttkegel das Cenoman 
noch anstellt oder ob es sich ausgekeilt hat, läßt sich wegen Mangels an 
Aufschlüssen nicht feststellen. 

Im Cenoman-Q)uader finden sich eine ganze Anzahl von Fossilien, 
unter den Pecten asper Lam. und Exogyra columbaLam. oft ganze 
Bänke zusammensetzen. Exogyra columba ist jedoch kein Leitfossil für das 
Cenoman, da sie in dem jüngeren Brongniarti- Quader mit ebensolcher 
Häufigkeit auftritt. 

Äußer diesen beiden Zweischalern fand ich in dem Cenoman-Quader 
noch Vola aequicostata Lam., Vola quadri cosla ta Sow., Vola 
(|uinquecostata Sow. und einen prachtvollen Zapfen eines Dammarites 
crassipes Goeppert, alles Arien, die bereits aus dem Cenoman 
bekannt sind. 

B. Tnrone Ablageriiugen. 

2. Grenz -Quader. 

Von großer stratigraphischer Bedeutung ist das Auftreten eines 
4—5 m mächtigen blaugrauen mittelkörnigen Quaders über dem 
feinen gelben glaukonitischen cenomanen Sandstein. In frischem Zustande 
sieht der blaugraue Quader fast wie ein Pläner aus und besitzt ebenfalls 
sehr große Festigkeit. Seine Wetlerbeständigkeit ist jedoch infolge des- 
tonigen Bindemittels sehr gering. Er verwittert an der Luft sehr bald, und 
zwar zu Sand, im Gegensatz zum Pläner, der infolge seines Kalkgebaltes 
und seiner platten- und blättchenfönnigen Absonderung zu Mehl verwittert 
und einen guten Ackerboden liefert. In dem cenomaaen Querriegel von 
Schömberg-Friedland steht er in allen Steinbrüchen über dem Bausandstei» 
an imd bildet eine unangenehme Decke des letzteren, die durch ihre Härte 
nur mühsam zu entfernen ist. 



IL Ableilung. Naturwissenscliaftliche Sektion. 



121 



Dieser gänzlich Ibssilleere blaugraue tonige Sandstein bildet eine reclit 
gute und scharfe Grenze zMaschen dem Cenoman und dem, Turon. 
Auch in der südlichen CirafschafL Glatz tritt er in derselben Mäclitii^keit auf. 




i?ur 1. Sandsteinbrucli (Cenotnan- Quader) bei Raspenau in dem Querriegel 

Schömberg-Friedland. Über dem dickbankigen senkrecht geklüfteton Quader (1 1) 

V^' m mächtig) ruht eine Schicht von sehr hartem blaugrauem tonigen Sandstein 

(2 2) von gleicher Mächtigkeit (Grenze zwischen Cenoman und Turon). 



122 Jahresbericht der Sohles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Arn Roten Berge bei Glatz steht er über dem Cenoman-Quader in über- 
kippter Lagerung an und bildet auch liier eine scharfe Grenze zwisclien 
Conoman und Turon. 

Ein Äquivalent findet er sogar in der obej'schhjsisclien Kreide von 
Groschowitz bei Oppeln. Leonhard^) erwähnt dort alB tiefste auf- 
geschlossene Schicht ]<onkordant über dem cenomanen Sandstein eine 4 bis 
5 in mächtige Schicht zähen blauen Tones. Derselbe ist durch Sand 
verunreinigt, reich an kohlensaurem Kalk und Konkretionen von Schwefel- 
kies. Dieser Ton ist nach Leonhard als tiefstes Glied des Turon zu be- 
trachten, da der Wechsel der petrograpbisclien Facies bei koakordanter 
Lagerung auf eine durchgreifende Änderung der Bedingungen des Absatzes 
hinweist. 

3. Unterturoner PI äne rsands tein. 

Der Plänersandstein ist dem oberen Cenoman-Quader petro- 
grapliisch verwandt. Die Feinheit des Kornes und die gelbliche Farbe 
haben beide gemeinsam. Zuweilen ist der Plänersandstein auch glauko- 
nitisch. Vor allem unterscheidet er sich aber durch seine Festigkeit vom 
Cenoman-Quader. In seinen oberen Lagen wird der Plänersandstein stellen- 
weise von grauen Schrnitzen durchzogen, nimmt bisweilen auch ganz graue 
Farbe an und ist dann von dem ihn überlagernden Planer nicht mehr leicht 
zu unterscheiden. 

Seine größte Verbreitung besitzt der Plänersandsteiu in der nördlichen 
Spezialmulde, wo er das Liegende der Krcideablagerungen bildet und nur 
an einigen Stellen in Pläner übergeht. Südlich von dem llaspenauer Quer- 
riegel ist er orograplilsch scharf vom Cenoman getrennt und begleitet 
letzteres an beiden Mündern nach Südosten. Seine Mächtigkeit wird dabei 
immer geringer, bis er schließlich am, Übergange der Adersbach-Weckels- 
dorfer Kreide in das Heuscheuergebirge an der preufSischen Gi'enze nur 
noch einen schmalen Streifen von wenigen Metern Mächtigkeit bildet. 

Da der Ph'inersaudstein praktisch nicht verwendet werden kann, ist er 
auch durch Brüche nicht aulgeschlossen. Versteinerungen sind in ihm ebenso 
selten, wie in den liölieren Horizonten dieser für den Geologen so trost- 
losen Gegend, wie sie Fritsch mit Hecht klagend genannt hat. Als Leit- 
fossil führt der Plänersandstein Inoceramus lab latus Schloth. Seine 
Zugehörigkeit zum Unter- Turon und zwar zur v. Strombeckschen Zone 
des Inoceramus lahiatus darf als sicher angenommen werden. 

Entspricht der Cenoman-Quader mit seinen rötlichen Konglomeraten 
im Liegenden einer Brandungs- und Flachseebildung, so sehen wir da® 
Kreidemeer zur Zeit der Ablagerung des Plänersandsteins sich vertiefen 
und auf seinem Grunde jene kalkigen und tonigen Gebilde absetzen, cl'^ 
unter dem Namen Pläner (Plauener Stein) bekannt sind. 

1) H. Leonhard: Die Fauna der Kreideformation in Oberscidosien. Palaeonto- 
graphioa Bd. M, S. 16. 



IL Abteilu 



Naturwissenschaftliche Sektion. 



123 



4. Pläner. 
Der Brongniarli-Pläner ist ein sehr fester grauer bis blau- 
grauer Kalkstein mit tonigem Bindemittel. Der Kalkgehalt nimmt zuweilen 
so zu, daß das Gestein schon als unreiner Kalk bezeichnet werden kann. 




Zur Blockbildung, wie der Quader, neigt der Pläner ebensowenig wie der 
Plänersandstein, da beide in plattenförmiger Absonderung verwittern und 
nicht die senkrechte Klüftung des Quaders besitzen. Da die Pläner sicli als 



124 Jahresbericlit der Sohles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

Pflastersteine für Chausseen gut eignen, werden sie in zahlreichen Stein- 
brüchen, die aber meist nur im Winter im Betrieb sind, gebrochen. 

Nur geringe Verbreitung besitzt der Pläner in der nördlichen Spezial- 
inulde. Erst südlich von dem Piaspenauer Querriegel tritt er in größerer 
Mächtigkeit auf. In ziemlich steilen Wänden erhebt er sich auf seiner 
Unterlage, um dann sanft nach dem, Muldeninncren einzufallen.!) In der 
MuldenmiLte überlagert den Pläner der durch yeine bizarren Verwitterungs- 
formen berühmt gewordene Quader von Adei'sbach -Weckelsdorf. 

Noch größere Mächtigkeit als bei Adersbach erieicht der Brongniarti- 
Pläner weiter im Süden bei Politz, wo er die oberste Muldenausfüllung 
bildet. Der bedeckende Quader ist denudiert. Die Mettau und ihre Neben- 
flüsse haben sich hier Erosionstäler bis zu 100 m Tiefe im Planer ge- 
schaffen. 

Fritsch hat Pläner und Plänorsandstein in der Adersbach -Weckeis- 
dorfer Mulde nicht getrennt, sondern beide unter dem Namen Weißen- 
berger und Malnitzer Schicliten zusammengefaßt. Die von ihm als Unter- 
abteilungen des Planers aljgegrenzten und nach den einzelnen Örtlichkeiten 
benannten Horizonte erwicseji sich in dem unLej'suchten Gebiet als Facies- 
unterschiede, die als getrennte Horizonte nicht haltbar sind. 

Durch mehrfaches Vorkommen von Inoceramus Brongniarti Sow. 
erweist der Pläner seine Zugehörigkeit zum. Mittel-Turon und zwar zu 
der nach dieser Inocerarnen-Art benannten Zone. 

5. Mittelturoner Quader von Adersbach- Weckelsdorf elc. 

Das oberste Glied in der ScbichLeufolge des Adersbach- 
Weckelsdorfer Kreidebeckens bildet der schon erwähnte Quader- 
sandstein. Er stellt kein zusammenhängendes Ganzes dar, wie die 
tieferen Glieder, sondern ist auf einzelne örtliche Vorkommen beschränkt. 
Ein einheitlicher Meeresabsatz unter gleichartigen Verhältnissen ist mit 
Sicherheit anzunelunen. Allein die ungleiche petrographische Beschaffenheit 
des Sandsteins bot der Erosion stellenweise leichtere Angriffspunkte, so 
daß schließlich ziemlich ausgedehnte Flächen ganz weggewaschen wurden. 

Der Normallypus dieses Quaders ist ein weißer bis gelbliclier mittel- 
körniger Sandstein. Seine Festigkeit ist geringer, wenn das Bindemhtel 
tonig, größer, wenn es kicselig ist. WasHettncrS) über die Felsbildungen 
der sächsischen Schweiz gesagt hat, gilt ebenso vom Brongniarti-Quader 
der Weokelsdorfer Mulde und vom oberen Heuscheuer-Quader. Es sei 
daher gestattet, hier einige Stellen aus Hettners Arbeit zu zitieren: 

„Der Quader wird von zahllosen regelmäßigen Klüften durchsetzt, 
die im allgemeinen senkrecht stehen und, im Grundriß betrachtet, an jeder 

1) Siehe Profil 2 Tafel I. 

2) A. Hettner: Die Felsbilduntjen der sächsischen Schweiz. Geoer. Zeitschr. 
1903, Bd. 9, H. 11, S. GIO. 



II. Abteilung. Naturwissen.schaftliclie Sektion. 1-25 



Stelle der Hauptsache nach in zwei, einander unter rechten Winkeln 
schneidenden Systemen angeordnet sind. Diese Klüfte sind erst durch die 
Verwitterung zu klaffenden Spalten geworden, sind aber der Anlage nach, 
wie die Beobachtung in jedem Steinbruche zeigt, schon im Gestein vor- 
handen und sind wahrscheinhch die Folge einer Zerreißung der Gesteins- 
masse, die im Zusammenhange mit, den großen Verwerfungen und Dis- 
lokationen der mittleren Tertiärzeit stattgefunden hat. Auf diesen Klüften 
beruht die quaderförmige Absonderung, welclior das Gestein seinen Namen 
verdankt. 




^igur 3. Der Holsterberg östlich von Adersbach (Brongniarli- Quader) sitzt auf 
Brongniarti-Pläner auf, dessen Verwitterungskrume fruchtbaren Ackerhoden (Vorder- 
grund) liefert. 

Drei verschiedene Eigenschaften sind es, weiche uns am Quadersand- 
^tein als die Ursachen seiner eigentümlichen Oberflächenformen entgegen- 
treten; Die Zusammensetzung fast ganz aus Quarz, welche nur mechanische 
Verwitterung erlaubt, die große Durchlässigkeit für das Regenwasser, und 
^'e in der quaderförmigen Absonderung begründete Neigung zur Bildung 
senkrechter Wände." 



1-26 JalireKbericht der Sclilcs. Gesellschaft für vaterl. Ciillu: 



In der nördlichen Spezialmulde trilL der Brongniarli-Qüader als Ober- 
kante auf, besitzt aber nur an einer Stelle, um Neuen herum, größere 
Miichtigkcit und Ausdehnung. Südwestlich von Görtelsdorf bildet er die 
sogenannten Zwergsteine, graue bis weiße 6 — 10 m mächtige Quader- 
sandsteine mit vorwiegend senkrechter Klüftung, Einzelne anstehende 
Denudationsrestc finden sicli noch an der Chaussee von Kloster Grüssau 
nach Neuen und Görtelsdorf, von denen der ca. 6 m hohe Teufels te in') bei 
Görtelsdorf einsam und verlassen, wie ein Gebilde aus Amerikas Wüsten 
dem Volke Anlaß zu den wunderbarsten Sagen gegeben hat. Südwestlich 
von Neuen deuten zahlreiche Sandgruben, in denen ein sehr feiner weißer 
Sand gewonnen wird, an, daß auch hier einst der Brongniarti-Quader in 
größerer Mächtigkeit vorhanden gewesen sein muß. 

Seine größlo Ausdehnung erreicht der Mittelquader südlich von dem 
cenomanen Querriegel in der Adersbach -Weckelsdorfer Mulde. ^) Seinen 
bizarren Verwitterungsformen, welche die wildromantischen Felsenstädte 
von Adersbacli') und Weckelsdorf geschaffen haben, verdankt die 
Gegend ihre Berühmtheit. Der Quader lälät sehr deutlich zwei vertikale, 
fast senkrecht aufeinander stehende Kluftriciitungen erkennen, die eine dem 
Generalstreichen folgend von SO nach NW, die andere senkrecht dazu von 
SW nach NO. Diesen beiden Kluftrichtungen folgen auch die kleineren 
und größeren Erosionstüler, welche die Mettau und ihre Nebenflüsse in 
den Quader zuweilen bis 100 m tief eingeschnitten haben. 

Einige Überreste der ehemals zusammenhängenden Sandsteindecko haben 
sich auf den Gipfeln höherer Berge noch erhalten. So zeigen der Molster- 
berg*) bei Adersbach, der Haide-Berg bei Weekelsdorf und der Vosta^ 
bei Politz sämtlich Quaderbedeckung. Im südlichen Teile des Kreidebeckens 
fehlt der Quader in der Mitte und am Westrande ganz, zieht sich, aber 
am Ostrande als Oberkante an der Braunauer [>ehne entlang, vom Hutberg 
beginnend bis an die preußische Grenze, um sich dann unter dem Narnen 
Wünschelburger Leime noch weiter nach Südosten fortzusolzen. Diese 
Leime stellt den Zusammenhang zwischen den Kreideablagcrungen von 
Adersbacli-Wockelsdorf und dem Heuscheuei'gebirge dar, während beide 
Gebiete südwestlich dieser Lehne durch ein liofes Erosionstal, in welchem 
Machau liegt, getrennt sind. An der Wünschelburger Leime ist der 
turoue Quader in einem großen Steinbruche gut aufgeschlossen und 
läßt petrographisch folgende 4 Schiohtenglieder unterscheiden: Zu unters* 
lagert eine 5 m mächtige Schicht von feinem gelbem Sandstein, die nach 
oben gröber wird und bei einer Mächtigkeit von 30 m in einen sehr feineö 
weißen Quader von 5 m Mächtigkeit übergeht. Den Abschluß nach oben 

1) Siehe Textfigur 6 und 7 Seite KIO und VM. 

2) Vergl. Profil No. 2. Tafel I. 

s) Siehe Textfli^'ur 4 folgende Seite und Figur 5 Seite 129. 
1) Sietie Texttlgur 3 vorhergebende Seite. 



ir. Aliteilunp. Naturwissenschaftliche Scl;lio 



127 



bilden dann gröbere weiße Sandsteine. Die Gesamtmächtigkeil dieser Ab- 
lagerung dürfte ca. GO — SO m betragen. 

Fritscli,') der einzige Autor, der die Adersbacli-Weckelsdorfer Kreide- 
mulde bisher einer genaueren stratigrapliischen und paliiontolügiscben Unter- 
suchung unterzogen hat, rechnet den BroTigniarti-Quader den Iserscbichten 




Fiiiur 4. Partie aus den Adersbaelier Felsen (Brougiiiarti-Quader). 
zu. Er sclieidet ihn in einen unleren, den erstfen Kokofiner Quader, einen 
Zwischenpläner und einen oberen, den zweiten Kokoviner Quader. Eine 
derartige Zweiteilung des Quaders, die Fjitsch auf Grund eines Analogie- 



1) A. Tritsch: Studien im Gebiete der böhmischen Quaclerforination. Arclnv 
ib naturw. Landesdurchforsclmug von Böhmen, V. Band, No. 3, 1883. 



Jahresberidit der Scliles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Schlusses mit den Kreideablagerungen des westlichen Böhmens durchführen 
zu können glaubt, läßt sich im Adersbach- Weckelsdorfer Kreidebecken nicht 
machen. Ebensowenig ist es mir gelungen, bei der Begehung des Ge- 
ländes an irgend einem Punkte seinen ,,Zwischenpläner" zu finden. Sollte 
er wirklich vorhanden sein, so ist er sehr einfach durch Faciesweohsel zu 
erklären, wie er gerade in der Zone des Inocoramus Brongniarti fast in 
allen Kreideablagerungen vorhanden ist ') und auch beim Hensclieuergobirge 
soll dieses Punktes noch Erwähnung geschehen. 

Fritsch^) bildet ferner ein Proül der Kreideablagerungen zwischen 
Halbstadt bei Braunau und Weckelsdorf ah, das den tatsächlichen Ver- 
hältnissen keineswegs gerecht wird. Er läßt die Schichten unter einem 
Winkel von 40 o und mehr einfallen, während sie in Wirklichkeit nur 
eine schwache Neigung von etwa 4 O — 8", höchstens 10» erreichen. 3) Von 
einer Rutschungsspalte, an welcher sich die Kreideformation Ijei der Bahn- 
station Bodisch an die Permformation anlegen soll, konnte ich nichts. ent- 
decken. Der Cenomanquader lagert hier mit scliwacher Neigung nach 
Südwesten ganz einfach diskordant dem Rotliegenden auf. Seine unter 
einem Winkel von 50— 60" nach Südwesten einfallende Klüflung hat 
vielleiclit den Anstol.i zu jenem Irrtum gegeben. 

Facieswechsel von Quader und Pläner im Mitlclturon. 

Leppla'') betont die Uni'egehnäßigkoit in der horizontalen Verbreitung 
der Schichten südlich der Heuscheuer, glaubt jedoch, dafJ diese Erscheinung 
sich auf tektonische Störungen zurückführen lassen wird. Petraseheck 
hat hingegen seitdem nachgewiesen, daß das Fehlen des Sandsteins 
der Wünschelburger Lehne auf der Südwestseite der Heu- 
scheuer durch Facieswechsel zu erklären ist. Aus dieser Tatsache 
erklärt sich auch das isolierte Auftreten des Brongniarti-Quaders bei Gold- 
bach und Utschendorf, indem gerade hier das Mittelturon in Sandfacies, 
weiter nordwestlich in der Facies des Pläners entwickelt ist. 

Auf derselben Erscheinung beruht auch der Unterschied in den beiden 
Rändern der Adersbach-Weckelsdorfer Kreidennildc. Der Nordostrand, die 
Braunauer Lehne, erhält sein Gepräge durch den Quadersandstein, 
welcher die steilen Wände des Spitzberges, Hutberges, Sternes, 
der Ochsenkoppe und der Ringelkoppe bildet und sich an der 
Wünschelburger Lehne nach Südosten fortsetzt. Der Brongniarti 
Pläner ist zwar auf dieser Seite unter dem Sandstein noch vorhanden, 
erreicht aber nur eine Mächtigkeit von fi— 20 m. Am Südwestrande hin- 

1) Siehe die Übersiolitstahelle Seite liS. 

"') 1. c. p. 68. 

3) Nach zahlreichen Messungen an etwa zehn verschiedenen Stellen. 

*) Leppla: Geolog, hydroyraph, Beschreibung des Niederschlagsgebietes der 

Glatzor Neiße. Abh. d. IC. p. geol. L., Berlin 1900, N. F., Heft 32, S. 31. 



IL Abteihing. Naturwissenschaftliche Sektion. 



129 



gegen wird die Mächtigkeit des Pliiners immer größer, je weiter man nach 
Süden I^omrat, und übersteigt sogar 100 m. Das vollständige Fehlen des 
Quaders auf dieser Seile, sein Vorhandensein hingesen auf der Ostseite 




Figur 5. Bergrutsch in der Wolfssclduclit, einem tiefen kaum gangljaren Erosions- 
talo im Brongniarli-Quader zwisclien Adersbach imd Weckelsdorf. 

•st nur durch Facieswechsel zu erklären. Gerade in der Zone des Ino- 
('craiuus Lirongniarti ist ein derartiger Facieswechsel wiederholt beobachtet 



Jahresbericlit der Schles. Gesellscliaft für vaterl. Ciiltur. 



worden, so von Sturm') in der südlichen Grafscliaft Glatz und von 
Petrascheck^) u. a. in der s.ächsischen Scliweiz. 




1 



Figur P>. Ein Zeuge aller Zeil, ,|,'i Ten I rl s- 1 ei ii , o.si 
(BrongniiU-li-Ouiiilcr) Scliiiialseitp. 



t) .Sturm: Der SiinilHlein von Kioslingswalde in der Grafschaft (ilatz und seine 
Fauna. J. d. K. ]k g. L. 1000, S. -1-3. 

2) Petrasclicc];; Hludieii ül)er FacieMbildunü-en im (Jeliietc der säcbsisclieB 
Kroidefonnation. Dresden 1899. Dissert. 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



131 



An Fossilien ist die Zone des Inoceramus Brongniar ti ebenso 
arm wie die älteren und jüngeren Glieder der Adersbach-Weckelsdorfer 
Kreidemulde. Der Pläner lieferte außer Inoceramus Brongniarti 
nur noch Pecten Du- 
jardini, Vola (|uin- 
q u e c s t a t a , Lima 
canalifera sowie 

einige wegen ihrer 
schlechten Ei-haltang 
nicht genauer bestimm- 
bare Ostreen und Pho- 
ladomyen. Aus dem 
Qu ade r von Adersbach- 
Weckelsdorf konnte ich 
keine Versteinerung er- 
halten. In der nörd- 
lichen Spezialmulde fand 
ich in den Sandstein- 
ablagerungen um Neuen 
eine E x o g y r a c o 1 u m - 
ba. Öcrselbe Zwei- 
schaler wird in den 
Sandsleinbrüchen der 
Wünschelburger Lehne 
und bei Goldbach zu- 
sammen mit Lima 
canal I ferainaulfallen- 
der Häufigkeit ange- 
troffen, indem er ganze Figur 7. Der Teufelsstein von Görtelsdorf bei Neuen- 
Bänke zu Hunderten Trautliebersdorf als letzter Rest der Adersbacher 




durchsetzt. Aus dem 



Sandsteinfelsen. Breite Seite. Schütze pliot. 



Bruch an der Wünschelburger Lehne zitiert Petiascheck noch Inoce- 
ramus Brongniarti Sow., Steliaster Scliulzei Cotta et Reich 
Und Trigonia limbata. 

6. Oberturoner Pläner von Karlsberg. 
Bildete der Mittelquader in der Schichtenfolge der Adersbach- 
Weckelsdorfer Kreidemulde das oberste Glied, so finden wir im Heuscheuer- 
gebirge über dem Brongniarti-Quader noch eine 100 — 120 m mächtige 
Schicht von Pläner, auf dem die Kolonie Karlsberg steht, i) und 
der das Liegende der Heuscheuersandsteine bildet. Es befindet sich dort 
dicht unter der Heuscheuer ein dem Heuscheuerwirt, Herrn Stiebler, ge- 



1) Siehe Profil 4. Tafel 11. 



• ScJiles. Gesellscliaft für vatoH. Cultnr. 



höriger Plänerbruch, in welchem das Gestein, wie bei fast allen Pläner- 
brüchen, nur im Winter gebrochen wird. Aus diesem Steinbruch erhielt 
ich folgende Fossilien: 

Pachydiscus peramplus Mant. 

Nautilus spec. 

Inoceramus Brongniarti Sow. mutat. aunulata Goldf. 

Inoccramus percostatus Müller. 

Lima canalifcra Goldf. 

Micraster breviporus Ag. 

Pleurotomaria linearis Mant. 
Petrascheck 1) kennt aus demselben Bruch noch Nautihis sublaevi- 
gatus d'Orb., Nautilus cf. rugatus Fr. (nicht ganz sicher, nur 1 Abdruck), 
Mutiella Piingmererisis Mant. und noch eine Anzahl verdrückter Steinkerne, 
die an Cyprina r|uadrata d'Orb. erinnern, sowie eine schlecht erhaltene 
Pholadomya, die Ph. designata Goldf. nahe steht. 

Nach diesen Fossilien möchte Petrascheck auf Brongniarti-, wenn 
nicht gar auf Scaphiten-Pläner schließen, denn auch dieser letztere führt 
bei Strebten noch den Inoceramus Brongniarti. So hoch aber geht nach 
seiner Ansicht Inoceramus labiatus, der von Michael^) und Fritsch^) 
in genanntem Pläner gefunden worden ist, nicht hinauf. „Nautilus rugatus 
würde allerdings für ein ziemlich junges Alter sprechen, er geht nicht tiefer 
als bis in den Scaphiten-Pläner. Andererseits hat Nautilus sublaevigatus 
sein Verbreitungsgebiet gerade im Labiatus- und Brongniarti-Pläner (Weißen- 
berger und Malnitzer Schichten). Lima canalifera ist auch schon im La- 
biatus-Pläner vorhanden. Micraster breviporus ist zwar ein Leitfossil des 
Scaphiten-Pläners, er ist aber doch auch schon im Brongniarti-Pläner gefunden 
worden." „Namentlich mit Rücksicht auf das Vorkommen von Inoceramus 
labiatus und von Nautilus sublaevigatus," so schließt Petrascheck, 
„scheint es gerechtfertigt zu sein, in der Plänerstufe des Heuscheuer- 
gebirges kein jüngeres Niveau als das des Brongniarti-Pläners 
(Malnitzer Schichten) zu suchen." 

Gegen diese Argumentation Petraschecks spricht vor allen Dingen 
die Tatsache, daß die Carlsberger Pläne r die Quader derWünschel- 
burger Lehne, ein Äquivalent der Sandsteine von Adersbach- Weckelsdorf 
(Iser-Schichten), überlagern, nicht unterlagern. Die Carlsberger Pläner 
müssen also den jüngeren Priesener Schichten entsprechen und können 
unmöglich zu den die Iser-Schichten un torlagernden Malnitzer 
Schichten gerechnet werden. 



1) Petrascheck: 1. c. pag. 263. 

2) Michael: 1. c. pag. 228. 

3) Archiv f. böbm, Landesdurchforschurig. Bd. I, pai;. 160 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektio 



Von den angeführten Fossilien ist Inoceramus Brongniarti Sow. mutat. 
annulata, wie schon erwälmt, im Scaphiten-Pläner von Strehlen bei Dresden 
angetroffen worden. Schlüter i) erwähnt ihn ebenfalls aus dem Scaphiten- 
Pläner der norddeutschen Kreide und bemerkt, daß er sich auch hin und 
wieder im Cuvieri-Pläner zeigt, jedoch niemals in kleineren Exemplaren, sondern 
nur in den großen Formen, welche Goldfuß Inoceramus annulatus nannte. 
Die aus dem Carlsberger Pläner vorliegenden großen Stücke gehören eben- 
falls zu der Mutatio annulata und konnten mit einem großen auch zu dieser 
Mutation gehörigen Exemplar aus dem Kieslingswalder Ton identifiziert 
werden. Paehydiscus peramplus Mant. wird von Fritsch^) in allen Hori- 
zonten des Turons zitiert, nach Schlüter^) ist er selten im Unterturon 
im Oberturon dagegen häufig. Lima canalifera besitzt nach Sturm*) im 
Oberturon, Emscher und Untersenon weite Verbreitung. Pleurotomaria 
linearis Mant. wird von Fritsch^) aus den Priesener Schichten zitiert. 
Inoceramus percostatus Müller-'') ist bis jetzt nur aus dem Emscher 
bekannt. Berücksichtigt man noch, daß Mutiella Ringmerensis Mant. in 
Böhmen im Emscher gefunden worden ist, so kommt man zu dem Ergebnis, 
daß der Carlsberger Pläner dem Oberturon zuzurechnen ist. Petrascheck 
neigt auch zu dieser Ansicht, läßt sich aber durch das Vorkommen von 
Inoceramus labiatus und Nautilus sublaevigatus davon abschreoken.. 

G. Müller'') hat jedoch aus dem Emscher eine neue Inoceramenart, 
den Inoceramus sublabiatus, beschrieben. Durch einen Vergleich des Ori- 
ginals mit Exemplaren aus dem Scaphiten-Pläner von Strehlen bei Dresden 
und aus dem derselben Zone angehörigen Mergel von Groschowitz OS. 
konnten letztere auch als Inoceramus sublabiatus bestimmt werden. Vergleicht 
»nan den unterturonen Inoceramus labiatus mit dem Emscher Inoceramus 
sublabiatus Müller, so findet man, daß Inoc. sublabiatus nur noch feinere 
Skulptur zeigt als der Inoc. labiatus, im Habitus sind beide gleich. Der 
neue Inoc. sublabiatus Müller wird somit besser als Mutation des Inoc. 
labiatus mit feineren Rippen bezeichnet werden. 

Geinitz kennt Inoc. labiatus allerdings nur aus dem Unterturon, in 
Welchem genanntes Fossil nur den tiefsten, wenig mächtigen Horizont 
kennzeichnen soll. Nach Leonhard findet sich Inoc. labiatus in Oppeln 

1) Clemens Schlüter: Cephalopoden der oberen deutschen Kreide. Palaeonto- 
ei'aphioa 1876, Bd. 24, S. 283. 

2) Archiv d. naturw. Landesdurchforschung von Böhmen, Bd. X], No. 1, S. 50. 
») 1. c. p, 222 u. 225. 

■^) Sturm: 1. c. p. 91. 

^) G. Müller: Beitrag zur Kenntnis der oberen Kreide am uördhcben Harz- 
'■ande. Z. f]. k. p. g. Landesanstalt 1887, S. 413. 
•"O G. Müller: ibidem pag. 411. 
1004. ü 



134 Jahresbericht, der Schles. GeseHscliaft für vatcrl. Ctillui'. 

auch noch in der Scaphitenzone, nach frauzösischen Autoren auch im 
gleichen Horizont des Pariser Beckens. Die von F. Römer') abgebildete 
und beschriebene Inoceramenspezies aus dem Senon von Zalesie bei Janow 
läßt sich an der Hand des Originals ebenfalls als Inoc. labiatus bezw. sub- 
labiatus bestimmen. Auch aus unserem der Scaphiten- bezw. Cuvieri-Zone 
angehörigen Pläner von Carlsberg u. d. Heuscheuer ist Inoc. labiatus, wie 
bereits erwähnt, von Fritsch und Michael in zwei Exemplaren gefunden 
worden. Wollemann hat ihn in dem Brongniarti-PIäner von W<)llcnl)ültel 
typisch nachgewiesen. Faßt man die verschiedenen eben aufgolülirlcn Voi'- 
kommen dieses Zweischalers noch einmal kurz zusammen, so ergibt sich, 
daß Inoceramus labiatus im ganzen Turon, im Emscher und noch im Senon 
zu finden ist. Das Vorkommen von Inoc. labiatus spricht also ebensowenig 
gegen das oberturone Alter des Carlsbergcr Pläners wie das Vorkommen 
von Nautilus sublaevigatus d'Orb., der von Fritsch*) auch schon in den 
böhmischen Chlomeker Schichten (Emscher) gefunden worden ist. 

Der Carlsberger Pläner ist also ein Äquivalent der Priesen er Schichten 
in Böhmen und der näher gelegenen Kieslingswalder Tone in der Graf- 
schaft Glatz. In der Löwenberger Mulde entspricht er den Tonen von 
Neu-Warthau und den Mergeln und Plänorkalken bei Löwenberg. In der 
Gegend von Oppeln bilden diese Pläner mit Inoceramus Cuvieri und 
Scaphites Geinitzi das oberste Glied der Schichtenfolge. Die oberturonen 
Kreideablagerungen sind also in sämtlichen schlesischen und böhmisch- 
sächsischen Vorkommen in mergeliger Facies als Plänerkalke entwickelt. 
Eine Vertretung des Pläners durch Quader, wie sie im Mittelturon in der 
Zone des Inoceramus Brongniarti fast in allen erwälmten Kreideablage- 
rungen bisher nachgewiesen werden konnte, findet im Oberturon nicht statt. 

Da das Hangende der Carlsberger Pläner, die Quader der beiden Heu- 
scheuern und ihres Zwillingsbruders, des Spiegelberges, wie im folgenden 
nachgewiesen werden wird, zur Emscherstufe gehört, ist der Carls- 
berger Pläner der Zone des Scaphites Geinitzi und der des 
Inoceramus Cuvieri zuzurechnen. 

Nach Nordwesten findet der Carlsberger Pläner in dem tiefen von 
Straußeney nach Nordosten sich erstreckenden Erosionstale eine natürliche 
Begrenzung. Ebenso deutlich läßt er sich nach Nordosten kartographisch 
ausscheiden, da er sich hier von seiner Quaderunterlage scharf abhebt. Inwiß' 
weit es gelingen wird, ihn im Südwesten, wo er infolge Facieswechsels auf 
Brongniarti-PIäner aufliegt, von letzterem zu trennen, kann nur durch ein^ 
Spezialaufnahme des Heuscheuergebirges festgestellt werden und würde über 
den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen. 



1) F. Römer: Obersclilesien pag. 353, Taf. 38. Fig. 7. 

2) Archiv der naturw. Landesdurchforschung von Böhmen. 1897, Eiand X, 
No. 4, S. 29, 



li AbLeilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



C. Emscher Alblagerungen. 

7. Quader der Heuscheuer. 
Das 7. Glied iu der Schichtenfolge des Heuscheuergebirges und zu- 
gleich die jüngste marine Ablagerung im inneren Sudetengebiet und in 
Böhmen überhaupt bildet ein Quadersandstein, der die beiden Heu- 
scheuern und ihren Zwillingsbruder, den Spiegelberg, zusammensetzt. 
Aus der direkten Fortsetzung des letzteren, den Sandsteinablagerungen der 
Friedrichsgrunder Lehne, i) erhielt ich eine Anzahl von Fossilien, welche 
über die Altersstellung des obersten Quaders hinreichenden Aufschluß ge- 
währen : 

Inoceramus Cuvieri Sow. var. Geinitziana. 

Inoceramus percostatus Müller. 

Inoceramus Frechi n. sp. 

Inoceramus Glatziae n. sp. 

Pinna cretacea Schloth. 

Pinna decussata Goldf. 

Cardiaster Ananchytis Leske. 
Inoceramus Cuvieri tritt nach Sturm erst im jüngsten turonen 
Pläner (Cuvieri-Pläner) auf und reicht bis in den Emscher hinein. Auch 
nach Schlüter^) ist ,,Inoc. Cuvieri im Scaphiten-Pläner noch nicht ge- 
funden worden, findet sich dagegen häufig im jüngsten turonen Pläner 
(Cuvieri-Pläner) und steigt als Seltenheit hinauf in den Emscher Mergel." 
Wollemann') äußert sich über das Vorkommen von Inoc. Cuvieri folgen- 
dermaßen: „Diese Art soll nach v. Strombeck, a. a. 0., bei Lüneburg 
auch im Quadraten-Senon vorkommen, welcher Ansicht sich StoUey an- 
fänglich a. a. O. anschließt. Später sagt letzterer dagegen über diesen 
Punkt: ,,In jüngeren Schichten als dem Emscher ist Inoceramus Cuvieri 
Sow. bisher mit Sicherheit bei Lüneburg nicht beobachtet worden." Spätere 
Untersuchungen haben jedoch sicher erwiesen, daß Inoc. Cuvieri auch in 
Lüneburg dem nach ihm benannten obersten Turon angehört und im 
Senon nicht mehr vorkommt." Petrascheck*) erwähnt Inoc. Cuvieri aus 
den Priesener Schichten (= Kieslingswalder Tone) von Neudörfel bei 
Böhm.-Kamnitz, aus den Chlomeker Schichten (Emscher) von Podsemin 
bei Klein-Lhota und aus dem Quadermergel (Emscher) von Kreibitz. 

^) Diese Sandsleine bilden ein sehr geschätztes Baumaterial, das u. a. auch 
zum Bau des neuen Reiclistagsgebäudes in Berlin Verwendung gefunden hat. 

2) Schlüter: Kreide Bivalven. Zur Gattung Inoceramus. Palaeontographica 
Bd. 24, S. 267. 

s) Wollemann: Die Fauna der Lüneburger Kreide. Abhandl. d. K. p. g. Landes- 
anstalt, Neue Folge 1902, Heft 37, S. 67. 

■") Petrascheck : Über Inoceramen aus der Kreide Böhmens und Sachsens. 
Jahrb. d. k. k. geol. Reichsanstalt 1903, Bd. 53, Heft 1, S. 163. 

D* 



136 Jahresberichl der Scliles. Gesellschaft für vaterl. Cullur. 

Inoceramus percostatus Müller ist von mir, wie schon erwähnt, 
auch in dem oberturonen Carlsberger Pläner und im Kieslingswalder Sand- 
stein gefunden worden. Bisher war er nur aus dem Emscher bekannt. 

Diese Art ist, wie in einer späteren paläontologischen Arbeit begründet 
werden soll, durchaus scharf und sicher abgegrenzt und die vorliegenden 
8 Exemplare sind gut bestimmbar. 

Pinna cretacea Schloth. erscheint nach Geinitzi) „zuerst im 
Mittel-Quader von Groß-Cotta, ist aber die vorherrschende Form in dem 
oberen Quader des Eibtals. Zu ihr gehören Exemplare aus dem Grün- 
sandsteine von Kieslingswalde in der Grafschaft Glatz und aus dem oberen 
Quadermergel von Kreibitz, sowie aus dem Quader am südlichen Abhänge 
des Hochwaldes in Böhmen; Gümbel fand sie in oberturonen und unter- 
senonen Schichten von Bayern; von Hagenow zitiert sie aus der Kreide 
von Rügen; aus der Tuffkreide von Maastriclit stammen die zuerst abge- 
bildeten Exemplare. Nach Zittel ist sie häufig in den Gosaugebilden der 
nordöstlichen Alpen, sowie in dem oberen Kreidcmergel von Dülmen und 
Halden in Westphalen". 

Pinna decussata tritt allerdings bereits im unteren Turon auf, 
besitzt aber ihre Hauptverbreitung im Emscher und ist von Fritsch^) 
sehr häufig in den Chlomeker Scliichten und auch im Sandstein von Kies- 
liiigswalde gefunden worden. 

Cardiaster Ananchytis Leske ist bis jetzt aus dem Turon noch 
nicht bekannt. Sein erstes Auftreten fällt in den Emscher Mergel. 
Geinitz^) zitiert ihn aus dem oberen Quader der sächsischen Schweiz, 
Fritsch*) aus den Chlomeker Schichten und Schlüter') aus der oberen 
Kreide von Vaels bei Aachen und aus den Mukronatenschichten von Ahten 
im Lüneburgischen. 

Inoceramus Frechi n. sp. gehört in die Verwandtschaft des Ino- 
cei-amus Brongniarti. S) Die ziemlich hochgewölbten Klappen sind von nahezu 
gleicher Grüße, die rechte überragt die linke nur um ein weniges. Das 
gerade Schloß ist nicht so kräftig gebaut, wie bei dem typischen Inoc. 
Brongniarti und bildet mit dem Vorderrand einen Winkel von ca. 100 "• 
Der Wirbel ist hochgewölbt und zugespitzt. Da die Höhe der Schale (Ent- 
fernung vom Schloßrand bis zum ünterrand), die Länge (Entfernung voiD 
Vorderrand zum Hinterrand) etwa um die Hälfte übertrifft und ihre Seiten 



1) H. B. Geinitz : Das Eltithalgebirge in Sachsen. Palaeoiitogr. 187"2, Bd. 20, 
II, S. 54 

2) Archiv der naturw. Landesdurchforsclmng von Böhmen. J897, Band X, 
No. 4, S. 57. 

3) 1. c. *p. 10. 

4) 1. c. **p. 71. 

5) und scheint auch von Pelrascheck als der Inoceramus aus der Verwandt- 
schaft des J. Brongniarti gemeint zu sein. 



11. Abteilung. Na.turwissenscliaftliclie Sektion. 



steil abfallen, erhält der Zweisclialer eine schlanke Gestalt. Gleichmäßig 
abgerundete starke Rippen, durch breite Furchen von einander getrennt, 
ziehen sich in regelmäßigen Abständen über den Rücken. Die Wölbung 
der Rippen ist stärker wie bei Inoc. Cuvieri. Ein Exemplar aus Hockenau 
(Unter-Senon) stimmt mit denen aus Friedrichsgrund überein. 

liioceramus Glatziae n. sp. ist ein Verwandter des Inoc. Cuvieri. 
Er hat scharfe unregelmäßige Rippen mit derselben Wölbung wie Inoc, 
Cuvieri. Das bedeutendste Unterscheidungsmerkmal von letzterem liegt vor 
allem in der viel stärkeren Wölbung der Schalen und Wirbel des Inoc. 
Glatziae. Letztere sind nach vorn gekrümmt. Durch die hohe Wölbung 
und den steilen Abfall der Seiten sowie durch die Gleichheit von Höhe 
und Länge der Schalen erhält die Schale einen dicken Habitus, der durch 
eine Einbuchtung, ähnlich wie bei Inoc. striatus, noch deutlicher hervortritt. 
Der Schloßrand ist kurz und der Flügel daher auch nur von mäßiger Breite. 

Diese neue Art ist bis jetzt nur im Sandstein der Friedrichsgrunder 
Lehne in mehreren Exemplaren gefunden worden. 

Nach diesen Fossilien ist der Heus che u er qu ade r als ein Äqui- 
valent des Kieslingswalder Sandsteins in der Grafschaft Glatz 
und des Ober-Quaders des sächsischen Eibsandsteingebirges und 
der Löwenberger Mulde aufzufassen und dem Emscher zuzurechnen. 
In Böhmen ist er mit den Clilomeker Scliichlen ident. 

111. Tektonik. 

Die Kreideablagerungen von Adersbach -Weckelsdorf und der Heu- 
scheuer bilden die innerste AusfuUung der großen niederschlesiscli-böhmi- 
schen Steinkohlenmulde. 

Das Liegende der oberen Kreide bildet größtenteils die deutsche Dyas, 
und zwar teils die roten Sandsteine und groben Quarzkonglomerate des 
oberen Rotliegenden, teils die miltelrotliegenden Porphyr- und Melaphyr- 
decken. Im Südwesten grenzt das Heuscheuergebirge infolge eines später 
noch zu erwähnenden Bruches an die Granite und Glimmerschiefer des 
Adlergebirges. 

1. Lagerung der Schichten. 
Die Lagerung der Schichten ist in dem nördlichen Teile eine flach- 
muldenförmige. Durch den cenomanen Querriegel zwischen Schömberg 
und Friedland werden die nördlichsten Ablagerungen bis Kloster Grüssau 
als kleine Spezialmuldei) abgetrennt, deren Synklinale Lagerung deutlich 
ausgeprägt ist. Die Regelmäßigkeit der Kreidemulde kann einem Beobachter, 
der von den Rändern eine Wanderung 2) nach den malerischen 

i) Siehe Prot» No. 1. Tafel I. 
2) Siehe l^rolil No. 2. Tafel L 



138 Jahresbesicht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



bizarren Felsen von Adersbach und Weckelsdorf unternimmt, kaum 
entgehen. Jede neue jüngere Stufe beginnt mit einer steileren Erhebung 
und senkt sich dann sanft nach dem Inneren. Geht man z. B. von Qualisch 
nach den Felsen von Adersbach, so hat man zuerst den steilen Bergrücken 
des Kraupenberges (Cenoman-Quader) zu ersteigen, welcher bald nach seiner 
höchsten Erhebung in Plänersandstein übergeht und sich nach Hottendorf 
zu sanft einsenkt. Bald hinter dem kleinen Flüßchen, das ebengenanntes 
Dorf durchzieht, erhebt sich der Brongniarti-Pläner als steiler Hügel, um 
sich dann ebenso sanft wie der Plänersandstein unter den Adersbacher 
Quader hinabzusenken. 

2. Oberflächengestaltung. 
Dieser tafelartige Aufbau, der in ganz besonderem Maße auch dem 
Heuscheuergebirge*) eigentümlich ist, wird bedingt durch den Wechsel 
von Quadersandstein und Pläner und durch die verschiedene 
Verwitterung beider Gesteine. Da der Quadersandstein seiner Zusammen- 
setzung nach fast nur aus Quarz besteht und eine große Durch- 
lässigkeit für Wasser zeigt, ist er einer sehr starken mechanischen Erosion 
ausgesetzt. Der sehr feste kalkig -tonige Pläner dagegen ist vollkommen 
undurchlässig für Wasser. Letzteres kann also nur chemisch auf ihn ein- 
wirken. Die chemische Einwirkung von kohlensäurehaltigem Wasser auf 
den Pläner bewirkt zuerst eine Entkalkung^) and gibt ihm eine bräunliche 
Farbe. Der entkalkte sandige Pläner ist nunmehr, wenn auch 
in geringerem Grade wie der Quadersandstein einer mechanischen Ver- 
witterung zugänglich, indem das Wasser in ihn einzudringen, durch Weg- 
waschen des Bindemittels und durch Spaltenfrost seine zerstörende Wir- 
kung auszuüben vermag. Die oberste Verwitterungsschicht schützt den 
Planer vor weiterer Erosion. Auf Grund seiner chemischen Zusammen- 
setzung und seiner plattenförmigen, der Schichtung parallelen Absonderung 
im Gegensatz zu der stark ausgeprägten senkrechten Klüftung des 'Quaders 
vermag der Pläner der Erosion länger zu widerstehen. Er bildet daher 
sanfte Abhänge') ohne Schuttkegel im Gegensatze zu den steilen Felsen 
und abgerollten Gehängeblöcken des Quaders. 



1) .J. Partsch (Schlesien. Breslau 1896, I. Teil S, 72) nennt das Heuscheuer- 
gebirge das reinste Tafelgebirge Deutsclilan<ls. 

2) „Die entkalkten Pläner" sind ein rein chemischer Verwitterungszustand de^ 
Pläners. Die entkalkte Rinde ist so dünn, daß selbst für eine agronomische Aat' 
nahme eine kartographische Ausscheidung nicht lohnend wäre. 

3) Vergl. ,1. Partsch: Schlesien, Breslau 1896, S. 77: „Im allgemeinen aber 
sind die tonigen Plänergesteine geneigt zu liotgründiger VerwitLerung und sanft- 
welligen weichen Bodenformen. Herrliche Wiesen bedecken die feuchten JWuldel 
der Oberfläche, aber auch die Getreidefelder gedeihen vortrefflich. Die obere ein- 
förmigere Stufe, die vielfach 150-200 m Mächtigkeit erreicht, bildet der Quader- 
sandstein. Seine Verwitterungskrume ist unfruchtbar; Waldung deckt daher den 
größten Teil seiner Oberflache und wirtschaftlich wertvoll erscheinen nur die festen 
Bänke von gleichmäßigem Korn, die einen' guten Baustein liefern. 



U. Ableilung. Naturwissenschaftliohe Sektion. 139 

Hat die Adersbacli-Weckelsdorfer Mulde orographisch den Charakter 
einer Hügellandschaft, so kann man ihre südwestliche Fortsetzung bereits 
ein Mittelgebirge nennen, wie auch der Name Heuscheuergebirge sagt, 
dal3 man es mit Bergen und nicht mit Hügeln zu tun hat. Ein tiefes 
Erosionstal, das sich nördlich von Straußenei über Machau, Motten bis 
Biclai hinzieht, bildet die Grenze zwischen beiden genannten Kreideahlage- 
rungen und nur am Nordostrande stehen sie durch den Mittelquader der 
Braunauer Lebne in Verbindung mit einander. Entsprechend der größeren 
Höhe der Berge treten im Heuscheuergebirge auch jüngere Glieder der 
oberen Kreide . auf. Über dem Brongniarti-Quader lagert noch ein ober- 
luroner Pläner und ein Emscher-Quadersandstein, der die Oberkante der 
Ki-eicie in der niederschlesisch-böhmischen Steinkohlenmulde bildet. 

Der Unterschied zwischen dem Heuscheuergebirge und den Kreide- 
ablagerungen von Adersbach- Weckelsdorf ist auch in tektonischer 
Hinsicht scharf ausgeprägt. Letztere bilden, wie schon erwähnt, eine ganz 
regelmäßige typische Synkline auf dyadischer Basis ohne jede teklo- 
iiische Störung. Das Heuscheuergebirge besitzt zwar auch Synkli- 
nale Lagerung, die aber größtenteils nur undeutlich und schwach aus- 
geprägt ist. Eine Anzahl von Verwerfungen') sind für den Gebirgs- 
charakter von größerer Bedeutung. 

3. Straußenei er Sprung. 
Im Frühjahr 1 903 konnte ich in Begleitung von Herrn Dr. Schmidt 
und Herrn Obersteiger Hoffmann durch eine Einfahrt in die Wilhelmina- 
grube bei Straußenei 250 m unter Tage eine WNW — OSO streichende 
Verwerfung konstatieren, durch welche das nach NNO einfallende Kohlen- 
flöz plötzlich abgeschnitten wurde. Als man den Vortrieb der Strecke 
dennoch fortsetzte, kam man in einen weißen Sandstein, der sich als zum 
Cenoman gehörig erwies. Später gelang es mir, diese Verwerfung auch 
über Tage nachzuweisen. Sie beginnt in Dfewitz und zieht sich in einem 
flachen nach NOX geöffneten Bogen nach Straußenei. Durch diesen Sprung 
erklärt sich auch das plötzliche und unerwartete Auskeilen des Rotliegen- 
den ^) bei Dfewitz, indem die Schichten hier abzusinken beginnen. Diese 
Verwerfung, welche zum Unterschiede von anderen in dieser Gegend vor- 
handenen den Namen „Straußeneier Sprung" führen möge, ist zweifellos 
postkretazisch. Denn bei Zliöko fanden sich Pläner, die infolge des Straußen- 
eier Sprunges eine Steilaufrichtung bis zu 90° zeigten. Da die postkar- 
bonischen Ablagerungen südlich von Straußenei ebenfalls an dem schon 

i) Hiebe Tafel IH. Tektonisclie Skizze des Heuscheuergobu-ges. 

2) J. Herbing weist in seiner ,, Karbon und Rotliegendes bei Landesliut, 
Sehatzlar und Schwadowitz, Breslau 1904" betitelten Sclarift nach, daß von den 
Hadowenzer Schichten (Ol)erkarbon) A. Weitliofers der obere, an die Kreide an- 
grenzende Teil, dem Üiiler-Rotliegendeu zuzurechnen i.«t. 



Jahresbericlil, der Sebles. Gesellschaft füi' vatevl. Ciillni'. 



bekannten Parschnitz-Hronover Bruche abgesunken sind, bildet die Kai- 
bonscliolle von Hronov-S traußenei einen einfachen Längsliorst. 

4. Parpchiütz-rironovei- Brach. 

Der Parschnitz-Hronoyer Bruch ist bis jetzt von fast allen 
Autoren, so auch von Weithofer, ') für postkretazlseh gehalten worden. 
Dafür spricht, daß die Kreide an allen postkretazischen wahrscheinlich 
oligocänen tektonischen Bewegungen teilgenonimen hat, beiHronow an dei' 
Störungslinie infolge einer beträchtlichen Überschiebung*) sogar überstürzt 
und von Karbonschichten überdeckt ist, vorausgesetzt, daß Weithofers 
Profil 5, Tafel XJII richtig ist. Bei der Begehung des Geländes war icli 
anfangs der Ansicht, daß der besagte Bruch präkretazischen Alters sei 
weil die Kreide bei Zlicko ungestört über das Karbon transgrediere. Die 
bei Zdarek anstehenden Cenoman-Quader biegen in das Flußlälchen nach 
Norden um, transgredieren also über das Karbon und haben wahrscheinlich 
mit den infolge des Straußeneier Sprunges abgesunkenen cenomanen Sand- 
steinen in direkter Verbindung gestanden. Bei genauer Untersuchung er- 
weist sich diese Transgression jedoch als keine einfache und ungestörte. 
Die transgredierenden Sandsteine fallen anfänglich 30 *> nach Südwesten 
ein, neigen sich nach Norden immer mehr der Horizontalebene zu, bis sie 
schließlich etwa 600 m nördlich von Zdarek in dem kleinen Erosions- 
tälchen mit einem Fallen von 6 — 12*' nach NO aufgeschlossen sind. Es 
bilden diese Quader die obere Falte einer großen Überschiebung, 
deren untere Palte, wie schon Weithofer^) angibt, vom Karbon bedeckt 
wird. Jedenfalls steht fest, daß die Kreide bei Zdarek und Zhcko nicht 
ungestört transgredicrt, sondern daß sie überschoben und vom Karbon teil- 
weise bedeckt ist. Die durch die Überschiebung, bedingte Spannung löste 
sich an dem Parschnitz-Hronover Bruch aus und ließ den Südüügel absinken. 
Diese tektonischen Vorgänge können nur nach der Ablagerung der 
Kreide erfolgt sein. 

Weithofer bildet in Profil 2 und 4, Tafel Xlll, die Karbonscliichlen 
nordöstlich des Parschnitz-Hronover Bruches in überkippter Lagerung ab. 

>) A. Weithofer: Der Schatzlar-Schwadowitzer Muldenflügel des niederschles.- 
hühmischcn Steinkohlenbeckens. Z. d. k. k, geol. Reiohsanstalt 1897, Band 47, 
Heft 3, S. 4.75. 

2) Vergl. A. Weithofer 1. c. pag. 4G9 u. 470: „Noch stärker gestört zeigt sich 
das Profil im Hronover Durchbruchstal. Ein in den Schwadowitzer Schichten, i"' 
Liegenden eines dem Schwadowitzer Flözzug angehörigen Flözes angesetztes 
Bolirlocli orreiclile mit ca. 50 m Tiefe nach Durchsinfcung einer auljerst g'eslört^" 
Zone hellgraue, kalkreiche Mergel, die ihrer ganzen Nutur und Mächtigkeit nacl' 
nur der Kreide angehören können. Wir sind hierdurch zu dem Schliisse g*' 
zwungen, daß hier eine nicht unbeträchtliche Überschiebung der Kai- 
bonformation über die Kreide iu südUcher Richtung stattgefunden hat, '^^ 
dies etwa Profil No. 5 (Tat, XIII) versinnlicht." 

31 Weithofer: 1. c. p. 470. 



n. Ableilung. Natnrwisseiiscliaftlicbe Sekl.it 



Sind die Profile i-ichtig, dann kann eine derartig intensive Dislokation, die 
einerseits die Karbonablagerungen überkippt, andrerseits die Rotliegenden- 
und Kreideschichten nur einmuldet, nicht als die Folge einer einmaligen 
Auslösung gebirgsbildeuder Kräfte aufzufassen sein. Man ist dann ge- 
lungen, zwei Phasen für die Bildung besagten Bruches anzunehmen. Die 
erste läßt nach der Ablagerung und überkippung des Karbon den Südwest- 
Hügel der Mulde absinken. In der zweiten postkrelazischen Phase findet 
ein Nachsackeh der bereits eingemuldeLen Rotliegend- und Kreideschichten 
statt. Die Entstehung des Bruches in zwei Phasen wäre jedoch unnatürlich 
und gekünstel-t. Die Erklärung der Protile wird einfach und natürlich, 
wenn man sie etwas anders deutet, ohne an den Tatsachen etwas zu 
ändern. Tn Weithofers Profil 2 fallen die Schatzlarer Schichten unter 
450 nach NO ein, richten sich weiter im Liegenden steiler auf bis zur 
Saigerstellung und fallen schließlich bei der Bergkoppe unter einem Winkel 
von ca. 80" nach SW. Die Annahme Weithofers, daß man es hier mit 
einer Überkippung zu tun habe, entbehrt jedoch eines zwingenden Grundes, 
zumal Aufschlüsse unterläge, die einen überzeugenden Beweis liefern würden,' 
nicht vorhanden sind. Eine viel einfachere Erklärung findet das Südwest^ 
fallen durch die Annahme eines Luftsattels, i) der durch Schleppung der 
Karbonschichten 2) beim. Absinken des Südwestflügels entstanden ist."^ Im 
Profil 4 zeichnet Weithoicr diese Schleppung der Schatzlarer Schichten, 
läßt ihnen aber diskordant nach Südwesten andere Schichten mit einem 
Einfolien von 80" nach SW folgen, deren Lagerung man nicht verstehen 
kann und die höchstens durch Annahme eines neuen, dem Parschnitz- 
Hronover j)arallelen Bruches erklärt werden könnten. Ein solcher ist 
allerdings vorhanden, aber nur von geringer lokaler Bedeutung und durch 
eine lokal stärker wirkende Kraft bei der Schleppung bedingt. Da das 
Weithofersche Profil nur generelle Bedeutung haben soll, kann diese kleine 
lokale Verwerfung außer acht gelassen werden. Faßt man diese steil nach 
SW fallenden Schatzlarer Schichten ebenfalls als eine Schleppung auf, so 
braucht man die im Profil bereits nach Südwesten einfallend gezeichneten 
Schatzlarer Schichten nur mit den steil aufgerichteten zu verbinden-^) und 
ftian erhält ein leicht verständliches Bild jener Ablagerungen, das den Tat- 
sachen in jeder Weise gerecht wird. 

Man ist also durch die tatsächlichen Verhältnisse nicht gezwungen, 
für die Ausbildung des Parschnitz-Hrono ver Bruches gebirgsbildende 

1) Scbütze: Geogiiosti.sche Darstellung des niederschlesisch-böhmisclien Stein- 
|^ohlenbecJien.s. Iv. p. geol. h. t88"i ,S.2Ü0: Das interessante Faktum, daß zwischen 
Welhota, Pösig und Markauscli iin Steinkoblcngcbirge ein Sattel sich befindet, 
iQdem ein schmaler Streifen desselben südwestliches, der ungleich größere Teil 
'Nordöstliches Einfallen besitzt, wurde bereils in der Einleitung erwähnt 

2) Siehe Profil No. a. Tafel T. 
») Siehe Profil No. 3. Tafel II. 



142 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für valcil Ciiltnr. 



Kräfte zweier altersvorschiedener geologischer Perioden in Anspruch zu 
nehmen. Er ist vielmehr die Auslösung einer einzigen post- 
kretazischen tektonischen Bewegung. 

5. Reinerzer Q uellensp alte. 

Das Angrenzen der oberen Kreide südlich von der Heuscheuer an den 
Granit und Glimmerschiefer ist ebenfalls durch eine Verwerfung i) bedingt. 
Südöstlich von Straußenei findet man bei dem Teufelsstein die Pläner 
infolge dieses Bruches senkrecht aufgerichtet. Die Verwerfung selbst 
beginnt bei Straußenei und bildet bis zur Schwarzen Koppe einen 
(lachen, nach Nordosten offenen Bogen, wendet sich dann nach SSO und 
schließlich nach S bis Keilendorf. Hier naacht sie abermals einen nach 
NO geöffneten Bogen über Roms nachReinerz. Dies letzte Stück der Rein- 
erzer Quellenspalte ist bereits Leppla bekannt und bildet die Verlängerung 
einer gleichgerichteten und glcichwirkenden Störung Falkenhain-Grafenort. 
6. Heuscheuer Bruch. 

Auch innerhalb des Heuscheuergebirges ist eine von Leppla kartierte 
Störung Alt-Hai de -Friedrichsgrund vorhanden, welche die Hochfläche 
der Heuscheuer in zwei schmale Streifen in der Längsrichtung durch- 
schneidet. Der Südwestflügel ist an dem Bruche abgesunken. Denn es 
stoßen von Alt-Haide bis Friedrichsgrund die Brongniarti-(Mittel-)Quader 
unmittelbar an die oberturonen Carlsberger Pläner an, und von Neu- 
Rückers bis zu den Seewiesen berüliren sich an dieser Bruchspalte Emscher- 
Sandsteine mit Brongniarti-Quadern. 

Die Pläner und Sandsteine von Friedersdorf-Rückers liegen also in 
einer von zwei Brüchen begrenzten Grabensenke. Ob innerhalb der- 
selben, wie Leppla (1. c. p. 31) annimmt, noch Störungen vorhanden sind, 
welche die Begrenzung des Goldbach-Utschendorfer Sandsteins und andere 
Unregelmäßigkeiten in der horizontalen Verbreitung der Scliichten erklären, 
muß einer Spezialaufnahme überlassen bleiben. Soviel ich bei einer 
flüchtigen Begehung genannter Sandsteinablagerungen feststellen konnte, 
sind keine Störungen der Schichten vorhanden. Vielmehr beruht das un- 
regelmäßige Auftreten und Verschwinden des Brongniarti-Quaders südlich 
der ELeuscheuer auf Facieswechsel.^) 

7 . C u d w a e r Sprung. 
MichaeP) konstatiert in der südlich des Karbonhorstes Hronov- 
Straußenei gelegenen Kreidescholle von Cudowa „eine Verwerfung, welche 
an der Einmündung des Jakobowitzer Seitentales den regelmäßigen Zug ^^^ 

1) Siehe Profil No. 4. Tafel II. 

2) Siehe stratigraphischen Teil S. \U u. 125. 

n) Michael: Cenoman und Turon in der Gegend von Cudowa in Scblesie • 
Z. d. d. geol. G. 1893, S. 20"J, 



Kl. Hennersdorf 

Zieder-Bach 



Neuen 



Post-Berg 



Tfzfel l 
Laessig-Bach 

! 

Conradswaldau 




Rotliegendes 



Porphyr 



Quader 



Pläiiersandstein 



Quader 



No. 1. Profil durch die nördliche Spezialmulde. 



Maßstab 1 : 25 000. 



2V2 mal überhöht. 



Bergkoppe 



Ziegenrücken 



Kraupenberg 
Qualisch 1 Hottendorf 



Adersbach 



Merkelsdorf 



Friedland 



Ober-Wald 




Schatzl. Schicht. Schwadow. Seh. Hexenst. Arkosen Radowenzer Flözzug Rotliegend. 



Quader 



Plänersandst. 



Quader 



No. 2. Profil durch die Adersbacher Kreidemulde (nach a. weithofer). 



Maßstab 1 : 75 000. 



3 mal überhöht. 



Lith. V, Qr.ass, Barth & Comp. (W. Friedrich) in Breslau. 



I 



Tafel II 



Ida-Stollen 



Schwadowitzer Flözzug Hexenstein 



Radowenzer Flözzug 



Ober-Wernersdorf 




sw 











Carbor 








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cr> c::> C3 



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Schatzl. Schicht Schwadow. Seh. Hexenstein Ark. Radow. Flz. 



Rotliegendes 



Quader 



NO 



No. 3. Profil durch den SW.- Flügel des niederschl.-böhm. Steinkohlenbeckens 

(nach A.Weithofer Prof. 4). 



Reinerzer Quellenspalte 



Spiegel-Berg 



Col. Carlsberg Heuscheuer Co!. Kl.-Carlsberg 



Col. Hain Kaltwasser 




Qlimmerschiefer 



Rotliegendes 



Quader 



Plänersandstein 



Quader 



Quader 



No. 4. Profil durch das Heuscheuergebirge. 

Maßstab 1 : 25 000. 



Lith. V, Grass, Barth & Comp. (W. Friedrich) in Breslau. 



Tektonische Skizze der Grafschaft Glatz und ihrer Umgebung. 

Tafel III. 




Zeichenerklärung 

Brüche (der Pfeil bezeic 
"^ die abgesunl^ene Scholle)^ 

Nicht ganz sich er l^onßta= 

* tterte Brüche 

+ 4- + ++.-(. Achsen der5^nklinen 

A\aasstab 

j 

^00000 



Unter Zugrundelegung der „Tektonischen Kartenskizze von Schlesien und seinen Naclibargebieten" von Frech (Geogr. Zeitschr. 

Jahrg. VllI Tafel 15) und der „Geologischen Übersichtskarte des Niederschlagsgebietes der Glatzer Neisse" von Leppla nach Ergebnissen 

von Exkursionen aus dem geologischen Institut Breslau und eigenen Aufnahmen zusammengestellt vom Verfasser.'' 



11. Ablcilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



älteren Glieder der Kreideformation unterbricht," und mutmaßt, daß ,,das 
Auftreten isolierter Plänersandsteinschollen bei Groß-Georgsdorf südöstlich 
Von Cudowa mit ähnlichen Ursaclien in Zusammenhang steht". Höchst- 
wahrscheinlich hat man es hier mit einer von Straußenei ausgehenden, 
NW — SO gerichteten Verwerfung zu tun, welche die Cudowaer Kreide- 
scholle im Osten analog dem Heuscheuergebirge im Süden begrenzt. Beide 
stoßen mit ihren Verwerfungsklüften an alte Granite oder Glimmerschiefer. 
Straußenei bildet also den Treffpunkt von 4 spießwinkelig sich 
kreuzenden Dislokationen. Der Parschnitz-Hronover Bruch und der 
Straußeneier Sprung bilden einen spitzen Winkel mit einander und 
könnten auch als Gabelung der Rein erzer Quellenspalte aufgefaßt werden. 
Alle drei folgen im großen und ganzen dem Generalstreichen der Kreide- 
ablagerungen. Spießwinklig zur Reine rzer Quellenspalte erstreckt 
sich der Cudowaer Sprung in der Hauptrichtung von SSO nach NNW. 



Ergebnisse. 

f- In der Adersbach -Weckelsdorfer Kreidemulde sind nur 
die untersten Glieder der oberen Kreide (vom Cenoman 
bis einsclil. der turonen Zone des Inoceramus Brongniarti) 
vertreten, während im Heusch euergebirge alle Glieder 
lückenlos vom Cenoman bis zum Emscher nachgewiesen 
werden konnten. 

2. Den obersten Horizont des Adersbach - Weckelsdorfer 
Kreidebeckens bildet ein Quader, wclclier der Zone des 
Inoceramus Brongniarti angehört, während der obere 
Quader des Heuscheuergebirges als Äquivalent des Kies- 
lingswalder Sandsteins aufgefaßt und dem Emscher zu- 
gerechnet werden muß. 

^- Die Zone des Scaphites Geinitzi läßt sich von der des Ino- 
ceramus Cuvieri im Heuscheuer gebirge überhaupt nicht 
trennen, da beide in ihrem Gesteinshabitus gleich sind 
und eine Sciieidung auf Grund pal äontologischen Materials 
wegen Mangels an Aufschlüssen nicht durchgeführt werden 
kann. 

'^^ Der tafelartige Aufbau des Heuscheuergebirges wird be- 
dingt durch den Wechsel von Quadersandstein und Pläner 
und durch die verschiedene Verwitterung beider Gesteine. 

5- Die Kreideablagerungen von Adersbach- Weckelsdorf bilden 
in tektonischer Hinsicht eine Synkline, deren Charakter 
durch einfache Einmuldung ohne Bruclibildung bedingt 
ist. Das Heuscheuergebirge verdankt seine Entstehung 
einer Kombination von Bruchbildung und Einmuldung. 
Letztere tritt .jedoch sehr zurück. 



Jahresbericlit der Schles. Gesellschafl, für vaterl Cultur. 



6. Nördlich von Straußenei ist die Kreide infolge einer Ver- 
werfung (Straußeneier Sprung) abgesunken. Da die Kar- 
boüscholle Hronow-Straußenei auch südlich durch eine 
Verwerfung, den Parschnitz - Hronower Bruch, begrenzt 
ist, bildet sie einen einfachen Längshorst. 

7. Das südlich der Heuscheuer beobachtete Angrenzen der 
oberen Kreide an Granit und Glinrmerschiefer ist eben- 
falls auf eine Verwerfung, die Reinerzer Quellenspalte, 
zurückzuführen. 

8. Die erwähnten Brüche sind, wie auch alle anderen Ver- 
werfungen im Heuscheuergebirge, pos tkretazischen Alters. 

9. Inoceramus labiatus Schloth. ist im ganzen Turon, Emscher 
und sogar im Unter-Senon nachgewiesen worden, und zwar 
in unveränderter Form. Er kann somit nicht mehr als 
Leitfossil für das Unter-Turon gelten. Inoceramus sub- 
labiatus Müller ist nur eine Mutation von I. labiatus 
Schlotheim mit etwas feinerer Skulptur. 

10. Ebenso wie L labiatus für das Unter-Turon verliert Exo- 
gyra columba Lara, ihren Wert als Leitfossil für das 
Cenoman. Exogyra columba tritt ebenso häufig wie im 
Cenoman in der mi ttel turon en Zone des Inoceramus 
Brongniarti auf. 

Über die Natur der alkalischen Lösung von Chromhydroxyd. 



Privatdozent Dr. Walter Herz. 

Vor einiger Zeit haben W. Fischer und iclii) die Ansicht aus- 
gesprochen, daß die Auflösung des Chromhydroxydes in Laugen nicht auf 
der Bildung eines Chromits beruht, sondern eine kolloidale Lösung vor- 
stellt. Zu dieser Anschauung kamen wir vor Allem deswegen, weil die 
alkalischen Lösungen des Chromhydroxydes gegen Elektrolyte nicht beständig 
sind (besonders die Lösung in Barytlauge gegen Baryumsulfat), weil die 
Leitfähigkeil durch Ausfällung des Hydroxydes nach dem Erwärmen nicht 
geändert wird, und weil das gelöste Hydroxyd im Dialysator nicht diffundiert. 
Unsere Ansicht war um so wahrscheinlicher, als kurz vorher Hantzsch') 
bei anderen analogen Metallhydroxydlösungen zu ähnlichen Anschauungen 
gelangt war. Unserer Auffassung trat aber Kremann^) entgegen, welcher 
aus Überführungsversuchen auf die Existenz von Chromiten schloß, und 
seine Meinung durch Dialysatorversuche zu bekräftigen suchte, wo die 



1) Zeitschr. anorg. Chem. 31, 352. 

2) Zeitschr. anorg. Chem. 30, 289. 
s) Zeitschr. anorg. Chem. 33, 87. 



II. Abteilung. Naturwissenschaflliche Sektion. 



Dialyse gegen Laugen im Außengefäße stattfand, und eine Wanderung des 
Chroms beobachtet werden konnte. Die Angaben von Kremann sind 
aber keineswegs bindend. Daß aus den Überführungsversuchen kein Schluß 
gegen die Kolloidnatur des gelösten Chromhydroxydes gezogen werden kann, 
wurde kurz nach der Kremann scheu Arbeit von B redig') betont, der 
darauf hinwies, daß auch Kolloide mit dem elektrischen Strome wandern. 
Daß aber die Kremannschen Dialysatorversuche nicht gegen die Fisch er- 
Herz sehe Auffassung geltend gemacht werden können, liegt daran, daß 
Herr Dr. Kremann — wie er mir brieflich mitzuteilen die Freundlichkeit 
hatte — seine Versuche mit Chromalaun anstellte, welcher, wie Fischer 
und Herz^) aber in ihrer Abhandlung bereits angegeben haben, deshalb zu 
den Dialysatorversuchen ungeeignet ist, weil der Alaun Chromschwefelsäuren 
enthält, deren Alkahsalze diffundieren. Stellt man den Dialysatorversuch 
mit dem von uns immer benutzten grünen Chromchlorid an, so findet auch 
gegen Lauge im Außengefäße während 36 Stunden keine Dialyse statt. 
iNIach noch längerer Zeit auftretende geringe Chrommengen im Außengefäße 
rühren daher, daß die Membran des Dialysators allmählich durch die Lauge 
Zerstört wird. 

Ich glaube, durch diese Angaben den Beweis geführt zu haben, daß 
die von Fischer und mir ausgesprochene Ansicht zu Recht bestehen 
bleibt, daß die Auflösung von Chromhydroxyd in Laugen, — wenigstens 
soweit es sich um solche aus grünem Chlorid handelt — auf der Bildung 
eines Kolloids beruht. Über nähere Angaben wird Herr Dr. W. Fischer 
m der Zeitschrift für anorganische Chemie berichten. 

Demonstration krystalioptischer Erscheinungen mit einem 
neuen Projektionsapparat. 

Von 
Professor Dr. C. Hintze. 

Der Vortragende demonstrierte einen neuen, für das mineralogische 
Institut beschafften Projektionsapparat mit elektrischer Beleuch- 
tung, welcher nicht nur die Dienste eines gewöhnlichen Skioptikons in 
hervorragender Weise leistet, sondern auch die objektive Darstellung 
sämtlicher in Polarisationsinstrumenten und Mikroskopen zu beobachtenden 
Erscheinungen, speziell sämtlicher optischen Interferenzerscheinungen von 
Kryslallplalten auf einem Wandschirm von neun Quadratmeter Größe 
gestattet. 



') Zeitschr. anorg. Chem. 34-, 202. 
3) 1. c. 



146 



Jahresbericht der Sohles. Gesellscliaft, (ur vaterl. Cultur. 



Sitzung am 14. Dezember 1904. 

Physikalisch-chemische Studien an Metallhydroxyden. 

Vorläufige Mitteilung von 
Dr. Waldemar Fischer. 

Gelegentlich meiner Doktorarbeit hatte ich die Lösungen von Chrom- 
hydroxyd in Basen untersucht. (W.Herz und H.W.Fischer. Zeitschr. 
f. anorg. Chemie, XXXI. 1902, S. 3ö2.) 

Wir hatten damals unsere Ergebnisse dahin zusammengefaßt, daß das 
Chromhydroxyd in Natron- und Kalilauge kolloidal gelöst ist. Zu dieser 
Anschauung waren wir durch die Beobachtung gekommen, daß die 
alkalische Lösung besonders in ßarytlauge durch Electrolyte gefällt werden 
konnte, daß die Leitfähigkeit durch Ausfällen des Chromhydroxyds nach 
dem Erwärmen nicht verändert wurde, und daß eine aus grünem Chrom- 
chlorid durch Lauge hergestellte Lösung gegen reines Wasser nicht 
dialisierte. Diese Auffassung wurde noch wahrscheinlicher durch einige 
unmittelbar vorher erschienene Arbeiten von Hantzsch und Rubenbauer 
(Z. f. anorg. Chem. XX, 284, 331, 338), die bei anderen Hydroxyden unter 
analogen Verhältnissen zu einem ähnlichen Schlüsse gekommen waren. 
Es handelte sich nunmehr darum, herauszufinden, warum in solchen Fällen 
das Hydroxyd sich kolloidal löst, anstatt, wie bei den Fällungen mit iiber- 
schüssigem Ammoniak, auszufallen. 

Diese Frage wurde dann in einer weiteren Arbeit (Z. f. anorg. Chem. 
XXXX S. 39) behandelt. Während früher in dem System starke Base, 
schwache Säure, gearbeitet worden war, wurde der Einfachheit halber das 
entgegengesetzte System, nämlich Salzsäure und Aluminiumhydroxyd unter- 
sucht. Nun ist es ja bekannt, daß sich Aluminiumhydroxyd in Aluminium- 
chlorid kolloidal auflöst, hat doch Graham so Aluminiumhydroxydhydrosol 
hergestellt; an dem kolloidalen Charakter einer solchen Lösung ist also 
kein Zweifel. 

Nun wurde denn zunächst mit Hilfe der Methylacetatmethode unter- 
sucht, welchen Einfluß die Gegenwart oder Abwesenheit des Kolloids auf 
das Gleichgewicht zwischen Salzsäure und Aluminiumhydroxydchloriden 
hat, wobei sich zeigte, daß dieser jedenfalls ein minimaler ist, worauf 
wir bei der vorliegenden Arbeit zurückzukommen noch Gelegenheit 
haben werden. 

Folgende Überlegung half mir dann die Hauptfrage der Arbeit lösen: 

(Hierbei ist die den Kolloidalisierungsprozeß bewirkende starke Base, wie 

beim Chromhydroxyd oder starke Säure, wie beim Aluminiumhydroxyd als 
der Kolloidalisator bezeichnet.) 



II. Abteilung. Naturwissenschaf tlicbo Sektion. 



1. Die Salze, die sich aus dem Koiloidalisator und dem Metallliydroxyd 
bilden, sind der Hydrolyse in hohem Grade unterworfen. 

2. Das ursprüngliche Hydroxyd muß Icichler chemisch angreifbar sein 
als das Kolloid und das Hydrogel. 

Der zweite Salz kann durch folgende Überlegung bewiesen werden: 
Wenn man z. B. zu Natronlauge ein paar Tropfen Chromchloridlösung 
hinzutropfen läßt, so sieht man zunächst eine Abscheidung von Chrom- 
hydroxydflocken, die beim Umschütteln verschwinden und sich in der 
Lösung als Kolloid vorfinden. 

Es bildet sich also zunächst das Hydroxyd, dann das Kolloid. Nachdem 
Ostwald sehen Satze, daß sich imjxier der unbeständigste Körper zuerst 
hildet, ist das Chromhydroxyd unbeständiger als das Kolloid. Wäre nun 
das Kolloid chemisch leichter angreifbar als das Hydroxyd, so würde sich 
folgender Versuch ausführen lassen müssen: 

Man setze zu einer kolloidalisatorhaltigen Lösung, z. B. Salzsäure, ein 
Kolloid X(OH)n. Dann bildet sich teilweise eine Verbindung aus dem 
Hydroxyd und dem Kolloidalisator. Diese zerfällt wieder hydrolytisch in 
X(OH)n und den Kolloidalisator. X(OH)n scheidet sich in der unbeständigsten 
Form, dem Hydroxyd, ab, wodurch der Kolloidalisator frei wird. Er kann zur 
neuen Salzbildung entweder mit dem Kolloid oder dem Hydroxyd zusammen- 
treten, und da laut Voraussetzung das Kolloid die leichter angreifbare 
Substanz sein soll, geht das Kolloid in Verbindung über; diese wird 
hydrolysiert und neues Hydroxyd bildet sich wieder. Das hieße: der un- 
beständigere Körper bildet sich auf Kosten des beständigeren, was gegen 
den zweiten Hauptsatz verstößt. Folglich muß unsere Voraussetzung falsch 
Und das Hydroxyd angreifbarer als das Kolloid sein. 

Führt man die eben angestellte Betrachtung unter der eben bewiesenen 
Voraussetzung durch, daß das Hydroxyd angreifbarer als das Kolloid ist, 
so erhält man eine Vorstellung, wie das Hydroxyd in Kolloid übergeht. 

Da man an Stelle der Säure als Kolloidalisator irgend eine starke Base 
anwenden kann, so läßt sich die analoge Überlegung wie oben ausführen. 

Diese Theorie konnte einige Erscheinungen sehr gut erklären, sie 
hedurfte zu ihrer Aufrechterhaltung des Nachweises der die Kolloidali- 
^lerung vermittelnden basischen Verbindungen, und mit diesen, soweit sie 
'n Lösung bestehen, beschäftigt sich nachstehende Arbeit. 

Es handelte sich zunächst darum, eine Methode ausfindig zu machen, 
die den Nachweis von in Lösung befindlichen basischen Chloriden gestattet, 
'^u diesem Zwecke stellte ich folgende Überlegung an. 

Habe ich mir eine Lösung, die r Mol Me Clg-^ OHq und s Mol Me 

'a-y OHy enthält (wir wollen im folgenden die Salze der Kürze halber 

*^'s Salz x, y, z etc. bezeichnen) durch Titration einer Lösung von Me 

's mit Natronlauge dargestellt, dann enthält die Lösung r • x -f s . y Mol 

'^a.Cl. Nun bilde sich das Salz y durch Ersatz von y— x Cl gegen OH 



148 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

aus dem Salze x. Füge ich nun k Mol Na OH hinzu, so verschwinden 

-. r Mol Salz X, es bilden sich r Mol Salz v und k Mol Na Gl. 

(x— y) (y~x) 

Nun mögen alle Salze vollkommen dissocierl, die molekularen Leitfähig- 
keiten der Salze x, y, Na Gl gleich 1^, ly, l^^ ci, sein, so ergibt sich die 
Änderung der Leitfähigkeil des gesamten Systems bei Zufügung von dk 
Mol Na OH zu: 

d 1, = dk . (^ - ^ + ^N" C,) 

Die OH Gruppen beteihgen sich an der Leitfähigkeit nicht, da die 
Lösungen stets sauer reagieren. Da nun 1^, ly, IfjaCi und (y — x) Kon- 
stanten sind, so erhalte ich d Ij = dk • G, . 

Fahre ich mit der Titration fort, bis alles Salz x zur Bildung von y 
verbraucht worden ist und nunmehr auf Kosten von y Salz z entsteht, so 
nimmt die Gleichung folgende Form an; 

d \ = dk . (-i^^ - -i- + In, ci) = dk . C,. 

Da nun diese beiden Gleichungen die von geraden Linien sind, deren 
Konstanten verschieden sind, so müssen sich die Linien schneiden. Dieser 
Schnittpunkt muß, wenn ich die Leitfähigkeiten als die eine, die mole- 
kularen Mengen Natronlauge als die andere Axe eines rechtwinkeligen 
Koordinatensystems auftrage, mit irgend einem stöchiometrischen Punkte 
zusammenfallen. 

Diese Überlegung gilt natürlich nur für den — in Wirklichkeit wohl 
schwerlich zu realisierenden — Grenzfall, daß stets das gesamte Metallio» 
in der Form nur eines basischen Chlorides vorliegt, das dann restlos in ein 
anderes übergeht. Eine Erweiterung dieser Betrachtung lehrt aber weiterhin, 
daß, wenn diese Forderung nicht streng erfüllt ist, ebenfalls Knicke auf- 
treten, oder doch wenigstens Änderungen des Krümmungsradius der Kurven 
deutlich werden müssen. 

Die experimentelle Ausführung der oben geschilderten Methode 
war folgende: Es würde viel zu umständlich sein, einzelne ab- 
gewogene Baryumhydratmengen in die Metaüchloridlösung einzutragen, es 
wurden also der Lösung gemessene Mengen Baryumlauge zugesetzt und 
dann die Leitfähigkeit bestimmt. — Gearbeitet wurde bei Grad in 
einem Eisthermostaten, bei höheren Temperaturen in einem Thermostaten 
mit elektrischer Heizung und Regulation, der auf 0,01 Grad konstant 
gehalten werden konnte. Auf die Konstruktion des ziemlich verwickelten 
Apparates einzugehen, verbietet der mir hier zur Verfügung stehende 
Raum. Es wurde so gearbeitet, daß immer dieselbe Menge Baryumhydrat 
zugesetzt wurde, dann bestimmte ich mittelst der Kohlrauschen Walze den 
Widerstand w, rechnete w/1— w aus und trug die so erhaltenen Werte 



11, Abteilung. NaturwissenschafUiche Sektion. 



als die eine Axe eines Koordinatensystems auf, die molekularen Mengen 
Baryumlaugen als die andere. Die so erhaltene Kurve wurde auf Knicke 
untersucht. Die in dieser Mitteilung gezeichneten Kurven sind in so 
starkem Maße verkleinert dargestellt, daß die einzelnen Werte der Leit- 
fähigkeit so dicht nebeneinander liegen würden, daß ihre zeichnerische 
Darstellung Schwierigkeiten bietet; sie sind also nur nach den großen 
Kurven kopiert worden. Die mit dieser Methode erhaltenen Resultate 
sind folgende: 

Versuciie mit Ahiminiumchl orid. 
A 1 u mi n i u m - C h 1 r i d. 




Die ersten Versuche wurden zunächst mit Aluminiumchlorid ange- 
stellt, weil es als wahrscheinlich erschien, daß hier die Verhältnisse am 
einfachsten lägen. Die Hydiolyse ist bei Aluminiumchloridlösungen durch 
'-'^y gemessen worden und ziemlich gering; Komplikationen durch Ab- 
ächeidung von Hydroxyd beim Stehenlassen sind hier nicht zu fürchten; 
''le Lösungen und ihre Verhältnisse waren mir von früheren Arbeiten her 
^olil bekannt. Gearbeitet wurde mit A 1. Clg + 6 H^ 0, das durch wieder- 
holtes Auflösen in Wasser und Ausfällen durch Einleiten von Salzsäure- 
gas vollkommen eisenfrei geworden war. Das Eisenchlorid bildet dann eine 
•^ornplexverbindung mit der Salzsäure und bleibt in Lösung, während das 
^luminiumchlorid ausfällt. Die Versuchsergebnisse zeigt beiliegende Tabelle, 
le Kurve scheint nur einen deutlichen Knickpunkt zu haben, nämlich bei 
"^sr Stelle, wo 5/G des vorhandenen Chlors durch das Baryumhydrat 
^utralisiert worden sind. Es scheint also nur eine Verbindung, nämlich 
'ä OH. Gl zu existieren. Die Lösungen blieben bis dahin vollständig 
1904, 10 



Jahresbericht dei' Schles. Gesellschaft für vateil Cullur. 



durchsichtig und klar, erst nach Überschreitung des 5/6 Punktes trat die 
prachtvolle orange Fluoreszenz des kolloidalen Alunainiumhydroxyds in 
Erscheinung. Ein vorläufiger Versuch, bei dem Aluminiumclüoridlösung 
auf 250 Grad im geschlossenen Piohr erhitzt wurde, und bei dem große 
Mengen eines weißen Stoffes ausfielen, der sich bei monatelangem Stehen 
nicht wieder löste, zeigt, daß bei diesei' liehen Temperatur die Verhältnisse 
nicht so einfach liegen dürften. 

Versuche mit E isenciil or i d. 

Nach den Versuchen beim Aluminium wandte ich mich dem Eisen- 
chlorid zu. Zu den Versuchen benützt wurde sublimiertes Eisenchlorid 
von Kahlbaum Fe Gl,. Beim Eisen ist von vornherein zu sehen, daß 
die Verhältnisse, die sich dure.li die Hydrolyse ergeben, recht komplizierte 
sein müssen. 

Es herrscht in weiten Kreisen die Ansicht, daß Eisenion gelb wäre, 
weil sämtliche Lösungen von nicht komplexen Salzen des dreiwertigen 
Eisens diese Farbe zeigen. Daß die braune Farbe aber nicht vom Perriion 
herrührt, läßt sich leicht so >;eigen, daß man eine Eisenchloridlösung stark 
mit Salpetersäure ansäuert, wodurch die Konzentration der durch die 
Dissociation des Wassers entstandenen OH-Jonen zurückgedrängt wird und 
mit ihnen die Hydrolysationsprodukte: die gelbe Lösung wird beinahe ent- 
färbt. Mit Schwefel- und Clorwasserstoffsäure läßt sich dieser Versuch 
nicht ausführen, weil in beiden Fällen intensiv gelb gefärbte Komplexver- 
bindungen entstehen. 

Die genauei'e Betrachtung der Veränderungen einer Eisenchloridlösung 
unter verschiedenen Umständen lehrt, daß mehrere Eisenoxydhydrate 
existieren. Stellt man sich aus Fe Clg eine etwa 0,1 n. Lösung her, so 
ist diese zunächst ziemlieh schwach gefärbt, erhitzt man sie aber, so wird 
sie sehr schnell intensiv braun, weil Wasser bei höherer Temperatur sehr 
viel stärker dissociiert ist, ebenso erhält man die braune Lösung dadurch, 
daß man zu einer Eisenchloridlösung einige Tropfen Lauge setzt. Dann 
fällt zunächst in Flocken ein Hydroxyd aus (Hydroxyd I), das sich aber 
bald wieder auflöst (Hydroxyd H); die hinterbleibende Lösung ist intensiv 
braun. Man kann das kolloidalisierte Hydroxyd IL mit Baryumsulfat wieder 
ausfällen, dann ist die Lösung wieder nur noch schwach gelb, ebenso 
genügen einige Tropfen Salzsäure, um das Kolloid wieder zu lösen. 

Erhitzt man eine nicht mit Base versetzte Lösung einige Zeit weiter, 
so tritt zunächst ganz schwach eine grünliche Fluoreszenz (Hydroxyd W 
auf, die sich nach und nach verstärkt; nach einigen Stunden ist die Lösung 
im auffallenden Lichte stark trübe, undurchsichtig, und fluoresziert, in^ 
durchfallenden dagegen mit tiefbraunroter Farbe durchsichtig. 

Die Zeit, nach welcher die Fluoreszenz eintritt, ist in hohem Grade 
verschieden, und zwar tritt sie, wie Versuche zeigten, bei der kälteren un 



«■ 



il. Abteilung. NaturwisaenscharUiche Sektion. 



konzentriei'teren Lösung später auf, als bei der verdünnteren und wärmeren. 
Man muß bei diesen Versuchen die Gefäläe sorgfältig mit warmer Salz- 
säure reinigen, weil durch Impfung mit fluoi-eszierender Lösung die Fluo- 
i'eszenz sehr viel früher eintritt. Wenn man die Fluoreszenz häufig be- 
obachtet hat, so sieht man sie auch da, wo sie ganz schwach ist, zum 
Beispie] in den Platzflaschen mit Eisenchlorid der chemischen Laboratorien, 
l^ie ganze Ersclieinungsreihc tritt also auch in der Kälte ein, uuv sehr 
viel langsamer. 

Wenn man dagegen eine mit Base in erheblicherer Menge versetzte 
F'lüssigkeit erhitzt, so treibt sie sich viel später, wie eine Flüssigkeit von 
gleicher Konzentration und Temperatur, aber ohne Basezusatz. Versuche 
'-eigten, daß bei einer Lösung, in der ^/^ des Chlors neutralisiert war, nach drei 
Stunden die Fluoreszenz noch nicht eingetreten war, während ein sich 
'inter gleichen Bedingungen befindliches Gefät5 ohne Base in kurzer Zeit 
l-rübte. In einem Gefäß voll siedenden Wassers trübten sich Lösungen 
genau in dei- Reihenfolge der zugesetzten Basenmengen. 

Die Ursache der Fluoreszenz ist ein Kolloid (Hydroxyd III). das sich 
gleichfalls durch Baryumsulfatzusatz niederreißen läßt. Wie es analysiert werden 
Sollte, in feuchtem Zustande und unausgewaschen, um nicht durch Aus- 
waschen mit Wasser etwa vorhandene basische Chloride zu zerstören, zeigte 
sich, daß es in konzentrierter Salpetersäure kaum löslich war, es mußte 
'^Iso durch Stehen au der Luft getrocknet werden, dann wurde es fein 
gepulvert, mit siedendem wässerigem Ammoniak behandelt und in Salpeter- 
säure gelöst; es enthielt nur wenig Chlor, etwa Y24 '^ß^ vorhandenen 
Eisens entsprechend, so daß es sich hier wahrscheinlich bloß um eine Ver- 
'Jßreinigung mit absorbierter Mutterlauge handelt, wozu die Tendenz bei 
•^'olloiden stark entwickelt ist. 

Das verschiedene Verhalten von Lösungen mit und ohne Busenzusatz 
'^'iirften wir aus den am Anfange dieser Arbeil erwähnten Gesichtspunkten 
erkUhen können. Das Hydroxyd I entsteht zunächst, löst sich wieder zu 
'basischem Salz und liefert durch Hydrolyse IL Dieses ist nun schon 
^'i'hebheh weniger leicht chemisch angreifbar, es bedarf einer viel größeren 
^älzsäurekonzentration, um sich zu lösen, wie I. Wenn ich nun einen 
Teil der überhaupt abhydrolysierbaren Salzsäure neutralisiere, so ist leicht 
^u verstehen, daß durch solche Schwächung des Kolloidalisators die durch 
ihn vermittelte Überführung von II in III sehr verzögert wird. 

Um zu seilen, wie nach mehrstündiger Hydrolyse der Gehalt einer 
'^^isenchloridlösung an chemisch gebundenem Eisen noch ist, wurde folgender 
Versuch angestellt. Sechs Flaschen mit Eisenchlorid verschiedener Kon- 
zentration wurden 7 Stunden auf 99,2 Grad erhitzt, gelegentlich Baryum- 
^ulfat zugesetzt und geschüttelt. Dann wurde das ausgeschiedene Hydrogel 
*bfiltriert, und der Gebalt der Lösungen am Eisen und Chlor bestimmt. Es 
•^Ußte zur gewichtsanalytisoheu Bestimnmng gegriffen werden, weil sich die 



Cl • n. 


n. 


Fe 
Cl n. 


2,18 


2,185 


1,00 


0,855 


0.800 


0,905 


0,348 


0,233 


0,67 


0,144 


0,099 


0,68 


0,057 


0,31 


0,55 


0,021 


0,01« 


0,75 



152 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

titrimetrischen Methoden in diesem Falle sowolil zur Bestimmung des 
Eisens wie des Chlors als unbrauchbar cswiesen. Die Analysen gaben 
folgende Resultate: 

Lösung 



1 

II 

III 

IV 

V 

VI 

Die Analysen sind ohne große Sorgfalt und ohne Kontrollbestimmungen 
ausgeführt. 

Ein exaktes Verfahren wäre in diesem Falle auch Zeitverschwendung, 
da der in 7 Stunden bei 100 Grad erreichte Zustand — wie wir gleich 
sehen werden — keineswegs ein endgültiger ist. Sie wurden nur 
gemacht, um einen Einblick in den Zusammenhang zwischen Farbe und 
Reiclitura der Lösung au chemisch gebundenem Eisen zu gewinnen. Die 
Lösungen sind nämlich außerordentlich schwach gefärbt. Nr. 1, die etwa lOOgr 
Eisen auf den Liter enthält, also recht konzentriert ist, ist kaum stärker gefärbt, 
wie eine gewöhnliche 0,ln. Lösung, die einige Tage gestanden hat. V und 
VI sind vollkommen farblos, IV gerade noch schwach gelb. Die Erklärung 
dieser Erscheinung findet man in der Einleitung des das Eisen behandelnden 
Teils dieser Arbeit. 

Zugleich scheint es, als ob mit wachsender Verdünnung das Verhältnis 
vom Eisen zum Chlor abnähme, was theoretisch zu erwarten wäre. 

Erhitzt man eine 0,ln. Lösung Tage lang auf etwa 100 Grad, so ist 
folgendes zu beobachten: Die Lösung wird schnell braun, bald darauf 
beginnt die Fluoreszenz aufzutreten, nach vielleicht zwei Tagen ist sie auch 
im durchfallenden Lichte nicht mehr durchsichtig, sondern nur noch mit 
braunroter Farbe durchscheinend, am Boden beginnt sicli ein Niederschlag 
(IV) abzuscheiden; dann beginnt die Fluoreszenz und die Undurchsichtig- 
keit nachzulassen, der Niederschlag am Boden nimmt zu. Vielleicht nach 
S — 10 Tagen ist die Lösung nur noch ganz schwach gefärbt, der Nieder- 
schlag zeigt das Schwarzrot des gepulverten Hämatits. Dieser Niederschlag 
muß, wie die von dieser Lösung aufgenommene Kurve zeigt, gleichfalls ein 
Oxydhydrat sein. Er wurde mikroskopisch untersucht, doch war selbst bei 
700facher Vergrößerung nicht zu sagen, ob er kristallinisch sei, die 
einzelnen Teilchen sind dazu zu fein. Suspendiert zeigt er hellrote Farbe 
und violette Fluoreszenz. 

Interessant ist, daß das Eisenhydroxyd so immer gröbere Formen an- 
nimmt; von IT an, das dem Lichte noch als gelöst erschien, übei' drei, '^^'^^ 



IL Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 



153 



seinen Suspensionscharakter durch seine starke Fkioreszenz veniet, zu IV, 
das wegen seiner Grobkörnigkeil ausfällt. 

Bei dem heutigen Stande der Methoden der physikalischen Chemie 
erscheint mir der Versuch, die wirklichen chemischen Formeln dieser 
Körper und ihre Molekulargröße festzustellen, ganz aussichtslos, denn einer, 
seits sind sie praktisch unanalysierbar, da eine der wichtigsten Fragen die 
nach ihrem Wassergehalt ist, rmd da man nie wissen kann, ob nicht die 
angewandete Trocknungsmethode diese empfindlichen Körper zerstört hat, 
andererseits, weil z. B. Hydroxyd II wohl schwerlicli ein einheitlicher 
Körper spin wird, sondern wohl ein Gemisch von mehreren, zwar als 
chemische Individuen verschiedenen, wegen der aber nur geringen unter- 
schiede in ihrer Molekulargröße ähnlichen Körpern. 

So dürften denn Schlüsse, die aus physikalischen Eigenschaften eines 
solchen Gemisches, von dem man nicht weiß, aus wieviel Komponenten es 
besteht und wie stark jede einzelne vertreten ist, wenig zuverlässig sein. 
Das einzige Instrument, dessen Anwendung namenthch auf II vielleicht 
doch einige Resultate ergeben könnte, scheint mir das Ultramikroskop zu 
sein, was mir aber leider nicht zur Verfügung steht. 

W^ir wollen nun die Resultate der Kurvenaufnahmen besprechen. 
Eisen-Chlorid, 











^ 


^ 


^ 




Mit Bi 


(OH) . 


/ 


2 
/ 

1 






""" 


~~- 


-''^ 


^^^ 












\ 



B;iryuni-Hyar;il. 
Da, wie wir aus den eben erwähnten Versuchen sehen, die Hydrolyse 
in Eisenchloridlösungen nur sehr langsam fortschreitet, so ist es selbst- 
verständlich, daß je nach der Dauer der Hydrolyse die Kurven verschieden 
aussehen. So zeigt z. B. Kurve 1, die mit ziemlich frisrher Lösung bei 



154 



Jaliresbericht der Scliles. Gesellschaft für valerl. Cultur. 



Grad aufgenommen ist, nur 3 Knicke, nämlich bei '/f., 'Yr)' Ve' 
entsprechend den Verbindungen Fe^ (OH) Gl,, Fe._j (OHjg Clg und 
Fe, (0H)5 Gl. 

Kurve 2, die bei 43 Grad aufgenommen ist, bei '/,., ■^/g, ^/g, ^/^ ent- 
sprechend den Verbindungen Fe^ (OH) C\, Fe,^ (0H)3 CI^, Fe^ (0H)3 
CI3, Fe^ (OH)g Gl, doch scheint sich auch schon ein Knickpunkt bei '^/^ 
anzudeuten. Kurve 3 wurde aufgenommen, um den Unterschied zu sehen, 
der zwischen einer vor dem Erhitzen mit Baryumhydrat versetzten Lösung 
und einer solchen ohne diesen Zusatz besteht. Sie ist bei 79 Grad auf- 
genommen und unterscheidet sich von den anderen nur durch das stärkere 
Hervortreten der Verbindung bei Ve- Andere, zur Erforschung des Ein- 
flusses der abhydrolisierten Salzsäure auf die basischen. Ghloride ange- 
stellte IVIessungen haben so verwickelte Resultate ergeben, daß mir ihre 
Veröffentlichung noch nicht an der Zeit zu sein scheint. 

Versuche mit blauem, und grünem Chromchlorid. 




Baryni-Hydrat. 
Die Versuche mit den Chromchloriden wurden nur zu dem Zwecke 
angestellt, um zu sehen, ob es auch dort ähnliche basische Verbindungen 
gibt. Sie ergaben die Kurven der Tafel 3; beide Kurven wurden bei 
Grad aufgenommen und erstrecken sich nur etwa über die Hälfte des 
Gebietes. Ihre Resultate sagen daher nur etwas über die existierenden 
Verbindungen der ersten Hälfte aus. Beim grünen Ghromchlorid existieren 
augenscheinlich die Verbindungen Cr^ (OH) Clj und Cr^j (CHj^ Cl^, deren 
Existenz sich auch durch Titrationsversuche feststellen läfJt. 



IL Abteilung. NaturwiHSenscliaftliclje Sektion. 



scheint die Verbindung Cr^ (OH)g CI3 nicht zu existieren, weil die Kurve 
den 3/6 Punkt ohne von der linearen Gestalt abzuweichen berührt. Die 
Versuche mit grünem Chromchlorid sind insofern nicht leicht reproduzier- 
bar, weil es eine ganz unbeständige Verbindung ist, die sich schon in der 
Kälte langsam in das blaue Chlorid umwandelt; ist nun in dem Baryum- 
hydrat ein Katalysator vorhanden, so wird diese Umwandlung dadurch 
sehr beschleunigt und so jede Kurvenaufnahme unmöglich gemacht. Ein 
solcher Katalysator stellte sich bei späteren Versuchen auch stets ein — 
es war wahrscheinlich Eisenhydroxyd — und so war es nicht möglich 
den Endtgil der Kurve aufzunehmen. Die Kurve des blauen Chlorids zeigt 
in dem untersuchten Intervalle nur die Verbindung Cr^ (OH) Gl 

Über Zinkoxydkrystalle von der Falvahütte in Oberschlesien. 

Von 

Privatdozent Dr. Arthur Sachs. 

Der Vortragende legte den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse 
von diesem Mineral, die wir vor allem dem Studium künstlicher Krystalle 
verdanken, dar und machte einige kurze vorläufige Mitteilungen über die 
Ergebnisse seiner Untersuchungen mit dem Hinweis, daß ein ausführlicher 
Bericht demnächst im „Zentralblatt für Mineralogie, Geologie und 
Paläontologie"*) erscheinen soll. 

I) s. Zentrafblalt 190.5, Heft 2. 



isberichl der Schles, Gesellschaft für vaterl. GuUur. 



Allgemeine Übersicht 

der meteorologischen Beobachtungen auf der Künigl. Universitäts- 
Sternwartc zu Breslau im Jahre 1904. 

Mitgeteilt von Dr. G. Rechenberg. 
Höhe des Barometers über N. N. 147.0:^. m. 



- 


I. Barometerstand, 


n. Temperatur der Luft 


1904. 


reduziert auf 0" Celsius und 


in Graden nach Celsius 




Normalschwere, in JVlillim. 




Monat 


3 


S •;; 


£ 


s 


- 1 IL 


f.- 






B 1 "^ 


j^ 


Ji 1 "o 


B "g 


ts 




Q ! S 


a 1 e 


a 


P 1 -a 


Q '• '3 


g 


.liinuar 


mm 
22 i 7G4,3 


[ 
14 ; 732,7 


mm 

752,72 




14 " 8,5 







—0,88 


Februar .... 


28 1 54,3 


11 1 24,4 


41,47 


22 i 10,3 


27 ; — 6,8 


1,64 


März 


28 55,5 


30 : 34,7 


50,12 


26 i 15,3 


7 1—7,5 


2,86 




3 1 57,8 


7 36,8 


48,45 


17 , 23,9 


4 1 0,0 


9,26 


Mai 


14 1 .59,1 


7 : 42,9 


49,82 


28 ' 28,6 


14 1 .3,6 


12,93 


.luni " 


5 57,4 


25 ; 37,9 


49,21 


18 1 31,8 


5 i 6,4 


16,91 


.Tuli 


14 ; .57,1 


25 ! 41,6 


50,09 


16 ' 33,8 


19 8,6 


20,48 




4 1 56,3 


23 39,5 


49,27 


5 j 31,9 


26 i 9,4 


18,50 




18 ! 02,0 


14 43,0 


52,06 


8 26,9 


19,20i 1,5 


13,87 


Oktober 


29 1 58,5 


fi 31,7 


51,19 


1 i 20,3 


15 , 0,1 


8,86 


November . . 


14 


68,3 


9 29,5 


48,43 


8 


13,3 


17 - 7,0 


3,01 


Dezember. . . 


21 


61,9 


30 25,4 


47,29 


8 


12,6 


31 ] --13,0 


2,16_ 


Jahr 


Jan. 

22 


764,3 


1'^/ 724,4 
11 


749,18 


Juli 
13 


33,8 


Dez 
31 


— 13,0 


9,13 








! 






1 ' — 




III. Feuchtigkeit der 


Luft, 


IV. Wolken- 


1904. 


a. absolute b. 


relative 


bildung und 




in Millimetern in 1 


Prozenten. 


Niederschläge. 




» 






1 




, II mi 


Monat 


a 

a 


Ja 


Q '3 


1 1 
1 1 


ja 


B ^ 

ci 4 
Q c 


S 


i !|i 






Tage. 




Januar 


14 


5,9 


5 !'2^i3,65 


öfter 


100 


29 i6 


83,9 


1 1 15 


15 10,05 


Februar . . . . 


4,22 


.5,8 


25 ! 2,6i4,18 


öfter 


100 


13 l4 


6 80,2 


— ! 8 


21 


36,dO 


März 


30 


.5,9 7 i 1,7|4,32;| 


öfter 


100 


20 133176,2 


7 11 


13 


23,15 
43,50 
29,00 
20,40 
24,60 
37,80 
14,10 
44,05 
89,75 
_30^ 


April 


17 


11,3 


18 


2,0 6,14 


15 


99 


18 'l 


7 69,6 


2 


15 


13 


Mai 


29 


13,5 


21 


3,4 6,69 


4 


98 


31 i2 


1 60,6 


1 


22 


8 


Juni 


25 


12,3 


8, 14 


4,0 7,64 


10 


100 


14 !l 


9 54,6 


5 


18 


V 


Juli 


26 


14,5 


20 


4,3 8,09 


26 


90 


16 11 


6 46,8 


17 


13 


1 


August 


7 


11,6 


19 


4,317,65 


23 


99 


5 !l 


8 50,8 


4 


22 


b 


September . . 


14 


12,7 


19 


3,87,63 


9, 30 


93 


öfter 29i64,4 


4 


13 


13 


Oktober 


18 


9,8 


14 


3,8!6,68 


öfter 


lOÜ 


7 ? 


978,9 


2 11 


18 


November . 


4 


7,9 


16 


2,6!4,85!| 


öfter 


lüü 


16 5 


6l82,8 


1 1 12 


17 


Dezember . . 


7 


7,1 


31 


1,3 


4,46|15,20 


1ÜÜ 


24 6 


8;81,2 


— 1 16 


Ib 


Jahr 


Juli26 


14,5 


D 


ez. 
31 


1,3 


5,99 


öfter 


100 


Juli , 
16 ^ 


6 69,2 


44 


176 


146 


403,65 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion. 157 

V. Herrschende Winde. 

Januai'. Die Winde wehten überwiegend aus Südost, demnächst aucli 
häufig aus Südwest und Süd, während die sonst häufigen Nord- 
west- und Westwinde nur selten auftraten. 

Februar. Die Winde, die besonders um die Mitte des Monats herum 
stärker als gewöhnlich auftraten, verteilten sich mit Ausnahme dei' 
seltenen Nordwinde sehr gleichmäßig auf alle Richtungen der 
Windrose. 

März. Die Winde, die etwas stärker als gewöhnlich auftraten, wehten 
Überwiegend aus östlichen Richtungen, Südwestwinde wurden 
gar nicht, die sonst häufigen Westwinde nur dreimal notiert. 

April. Die Winde, die gegen Mitte des Monats etwas stärker als gewöhn- 
lich auftraten, wehten überwiegend aus Südost und West, doch 
trat keine andere Richtung ganz zurück. 

Mai. Die Winde, die im zweiten Monatsdrittel etwas stärker auftraten, 
wehten überwiegend aus Südost, West und Nordwest, doch trat 
mit Ausnahme der seltenen Nordwinde keine andere Richtung 
ganz zurück. 

•luni. Die Winde, die in der zweiten Monatshälfte oft stärker als gewöhn- 
lich auftraten, wehten überwiegend aus westlichen Riehtungen, 
demnächst auch häufig aus Südost und Nordost, während die 
übrigen Richtungen zurücktraten. 

Juli. Die Winde wehten überwiegend aus westlichen Richtungen, dem- 
nächst auch häufig aus Nordost und Nord, doch trat keine andere 
Richtung ganz zurück. 

August. Die Winde, die um die Mitle des Monats herum stärker als 
gewöhn! icli auftraten, wehten überwiegends aus Nordwest und 
West. 

September. Die Winde welrten überwiegend aus östlichen Richtungen, 
selbst die im September gewöhnlich selten auftretenden Nordost- 
winde übertrafen an Häufigkeit die sonst im Durchschnitt vor- 
herrschenden Westwinde. 

Oktober. Die Winde, die im allgemeinen etwas stärker auftraten, wehten 
überwiegend aus östlichen Richtungen, demnächst auch häufig 
aus West und Nordwest, doch trat keine andere Richtung ganz 
zurück. 

'November. Die Winde, die wiederholt stärker als gewöhnlich auftraten, 
wehten überwiegend aus Südwest und West, doch trat keine 
andere Richtung ganz zurück. 

Dezember. Die Winde, die bei dem Vorüberziehen tiefer Luftdruck-Minima 
wiederholt stärker als gewöhnlich auftraten, wehten überwiegend 
aus westlichen Richtungen, demnächst aach häufig aus Südost und 
Süd, während die anderen Richtungen nur sehr seilen vorkamen. 



158 Jahresherichl, der Schles, Gesellschaft für vaterl. Cultar. 



VI. Witterungs -Charakter. 

Januar. Der Luftdruck bewegte sich im ersten und im lelzLen Monats- 
dritte] meist über dem normalen Durchschnitt, um die Mitte des 
Monats herum aber mit bedeutenden Schwankungen überwiegend 
unter demselben. Die Tomperatur war nur in der ersten Monats- 
woche unter Normal, stieg dann aber schnell an und überstieg 
am 14. den Mittelwert um mehr als 10*^; dann sank sie wieder, 
hielt sich aber bis Ende des Monats fast besttindig über dem 
Durchschnitt. Die Feuchtigkeit der Luft und die Himmels- 
bedeckung waren annähernd normal, dagegen erreichten die 
Niederschläge, die fast nur in der zweiten Monatshälfte fielen, 
und überwiegend aus Regen bestanden, etwa nur ein Drittel des 
Mittelwertes. Eine zusammenhängende Schneedecke, die noch aus 
dem Dezember herrührte, hielt sich nur in der ersten Monats- 
woche, bildete sich noch einmal am 20. in einer Höhe von 1 cm, 
verschwand aber auch bald wieder. 

Februar. Der Luftdruck bewegte sich in den ersten drei Wochen des 
Monats mit beständigen und meist auch sehr beträchtlichen 
Schwankungen ausschließlich unter Normal und erhob sich nur 
in der letzten Woche etwas darüber, so daß das Monatsmittel um 
8 ^2 mm zu niedrig wurde. Die Temepratur hielt sich bei dem 
niedrigen Luftdruck beständig über dem, Mittelwerte, ihn oft um 
6 " und mehr übersteigend und sank nur in der letzten Woche 
stark. Die Feuchtigkeit der Luft war annähernd normal, die 
Himraelsbedeckung dagegen zu groß. Niederschläge waren häufig, 
fielen aber immer nur in geringer Menge; sie bestanden in den 
ersten drei Wochen aus Regen, in den letzen aus Schnee, sodaß 
sich bei den herrschenden niederen Temperaturen eine zusmmen- 
hängende Schneedecke von 3 cm Höhe bilden konnte. 

März. Der Luftdruck bewegte sich mit geringen Schwankungen fast durch- 
weg über dem normalen Mittel; erst in den letzten Tagen des 
Monats sank er bei dem Vorüberziehen eines tiefen Minimums 
sehr stark (innerhalb 2 Tagen um mehr als 20 mm). Die Tem- 
peratur setzte etwa normal ein, sank aber dann ziemlich bedeutend 
und hielt sich beinahe eine Woche lang fast beständig unter 0; 
dann stieg sie wieder an und blieb bis zum Schluß des Monats 
überwiegend über dem Durchschnitt. Die Feuchtigkeit der Luft 
und die Himmelsbedeckung waren annähernd normal. Nieder- 
schläge, die fast ausschließlich aus Regen bestanden, waren sehr 
selten. Die Schneedecke, die uns der ergiebige Schneefall des 
letzten Februar gebracht hatte, und die eine Höhe von 3 cm er- 
reichte, konnte sich infolge der trockenen Witterung nur 3 Tage 
halten. Elektrische Ersclieiuungen wurden noch nicht beobachtet- 



II. Abteilung. Naturwissenschaftliche Sektion, 159 



April. Der Luftdruck bewegte sich in meist nur mäßigen Schwankungen 
überwiegend über dem normalen Wert. Auch die Temperatur 
hielt sich zumeist über normal und erreichte gegen Mitte des 
Monats zuweilen beinahe sommerliche Höhe. Die Himmels- 
bedeckung hielt sicli etwas über dem Mittel, auch waren die 
Niederschläge, die nur noch an einem einzigen Tage aus Schnee 
sonst durchweg aus Regen bestanden, sehr häutig, sodaß ihre 
Summe den Durchschnittswert um Yj übertrifft. Von elektrischen 
Erscheinungen wurde ein Nahgewitter in den Nachmittagsstunden 
des 23. notiert, das besonders im Südwesten iinserei' StadI be- 
deutende Graupelmengen entlud. 

Mai. Der Luftdruck war im ersten Monatsdi'itlel etwas unter Normal, be- 
wegte sich aber sonst fast durchweg über dem Mittelwert. Die 
■ Temperatur stieg nur gegen Mitte und in den letzten Tagen des 
Monats übei- den Durchschnittswert, blieb aber außer diesen 
Perioden oft in empfindlickei- Weise sich bemerkbar machend 
darunter. Die Himmelsbedeckung war annähernd normal, dagegen 
war die Feuchtigkeit der Luft zu gering. Niederschläge fielen 
fast nur im ersten Monatsdrittel in erheblicher Menge, sodaß ihre 
Summe etwa nur die Hälfte des Mittelwertes erreichte. Von 
elektrisdien Erscheinungen wurden 4 Gewitter beobachtet, 2 am 
2. und je eins am 9. und am !.'),. die jedoch in nur mäßiger 
Stärke auftraten. 

''uni. Der Luftdruck war während des ganzen Monats beständigen und 
oft auch beträchtlichen Scliwankuugen unterworfen. Infolgedessen 
war das Wetter im allgemeinen sehr veränderlich. Die Tempe- 
ratur hielt sich im ersten Monatsdrittel im Duichschnitt normal, 
wies dabei aber beträchtliche Schwankungen auf, bUeb im zweiten 
Drittel überwiegend über dem Durchschnitt und während der 
letzten 10 Tage beständig darunter. In der Nacht vom 17. zum 
18. und in den Nachmittagsstunden des IS. traten bei dem Vor- 
überziehen tiefer Depressionen unter Gewdttererscheinungen starke, 
böige Winde auf, die durch ungeheure Staubmassen, die sie in- 
folge der außerordentlich trockenen Witterung des ganzen Monats 
aufwirbein konnten, sich besonders lästig bemerkbar maciiten. 
Meßbare Niederschläge fielen nur an sieben Tagen und mit Aus- 
nahme des 25. immer in so geringer Menge, daß ihre Summe 
noch nicht den dritten Teil des Durchschnittswertes erreichte, 
"li- Der Luftdruck bewegte sich zumeist in nur mäßigen Schwankungen 
überwiegend über dem normalen Werte. Auch die Temperatur 
hielt sich fast beständig über dem Durchschnitt und erreichte be- 
sonders gegen Mitte des Monats extrem hohe Grade. Niederschläge 
waren selten; nur an viei' Tagen Rel Regen in nennenswerter 



160 Jaliresbüriclil der Sclile.y. öesellscliari, für vaterl. Ciiltur. 



Menge, und seine Summe erreichte dalrer nur knapp den dritten 
Teil des normalen Wertes. Da nun auch schon der Mai und 
der Juni sehr trocken waren, und wir in den letzten 3 Monaten 
zusammen nur 74,0 mm Regen hatten, während im Durchschnitt 
in diesem Zeitraum 199,7 mm Regen fallen, so erhalten wir einen 
Fehlbetrag von 125,7 mm, d. h. jedem Morgen Landes fehlen in 
diesem Sommer 6285 Zentner Regen. Infolge der geringen Nieder- 
schläge blieb auch die Feuchtigkeit der Luft im Juli um den 
außergewöhnlich hohen Betrag von 20 Prozent unter dem Mittel- 
werte. Elektrische Erscheinungen wurden Gmal beobachtet und 
zwar 5 Gewitter und Imal Wetterleuchten. 

August. Der Luftdruck bewegte sich überwiegend in nur mäßigen 
Schwankungen meist über dem Mittelwerte. Die Temperatur war 
in den ersten drei Wochen außergewöhnlich hoch, auch war die 
Feuchtigkeit der Luft sehr gering und bheb um 26 Prozent unter 
dem Durchschnitt, da in diesem Zeiträume nur 5 mm Regen fielen. 
Am 22. trat bei dem Vorüberziehen einer tiefen Depression ein 
vollständiger Witterungsumschlag ein; am 23. regnete es den 
ganzen Tag hindurch und auch in so ergiebiger Weise, daß die 
ausgedorrten Felder endlich die zur Bearbeitung notwendige 
Feuchtigkeit erhielten. Dabei sank auch die Temperatur beträcht- 
lich und blieb bis Ende des Monats unter Normal, so daß trotz 
der vorhergegangenen heißen Wochen der Mittelwert der Wärme 
den Durchschnittswert nur um weniger als einen Grad übertraf- 
Elektrische Erscheinungen waren nur selten; es wurde beobachtet 
ein Ferngewitter in den Abendstunden des 7. und einmal Wetter- 
leuchten am 18. 

September. Der Luftdruck bewegte sich mit Ausnahme der Monatsmitte 
in meist nur geringen Schwankungen überwiegend über dem 
Durchschnitt. Die Temperatur war in der ersten Monatshälfte 
annähernd normal, sank in der dritten Woche beträchtlich, wieder- 
holt bis 5 " unter den Mittelwert, stieg aber in den letzten Tagen 
wieder an, sodaß die Durchschnittstemperatur die normale fast 
genau erreichte. Die Himmelsbedeckung war etwas zu groß, d*' 
gegen blieb die Feuchtigkeit der Luft, wie auch schon in den vorher- 
gehenden Monaten wieder beträchtlich unter dem Mittel. Nieder- 
schläge waren nur selten und fielen auch immer nur in geringer 
Menge, sodaß ihre Summe etwa nur den vierten Teil des Durch- 
schnitsswertes erreichte. Von elektrischen Erscheinungen wurden 
beobachtet 2 Perngewitter und einmal Wetterleuchten. 

Oktober. Der Luftdruck war im allgemeinen hoch, sank aber wiederholt 
bei dem Vorübergange dieser Minima beträchtlich, sodaß das 
Monatsmittel nur um 1 '/g mm zu hoch wurde. Die Temperatur 



^ 



II. Abteiluiift- Naturwissenschaftliche Sektion. 161 

war in den ersten Tagen des Monats eine Fortsetzung der sommei'- 
lichen Wärme des Vormonats, fiel aber noch in der ersten Woche 
stark und bewegte sich dann bis zum Ende des Monats in geringen 
Schwankungen um den Mittelwert, sodaß der Durchschnittswert 
dem normalen nahezu entsprach. Niederschläge, die gemäß den 
Tempei'aturen über Null noch durchweg aus Regen bestanden, 
waren häufig und fielen auch oft in beträchtlicher Menge, sodaß 
ihre Summe den Durchschnittswert um den vierten Teil überstieg, 
seit vielen Monaten wieder zum ersten Mal. Die Feuchtigkeit der 
Luft war annähernd normal, dagegen die Himmelsbedeckung zu 
groß. Von elektrischen Erscheinungen wurde nur noch einmal 
Wetterleuchten beobachtet in den Abendstunden des 6. 

November. Der Luftdruck war sehr zahlreichen und auch oft sehr be- 
deutenden Schwankungen unterworfen. Ahnlich verhielt sich auch 
die Temperatur, die im allgemeinen im ersten Monatsdrittel zu 
hoch, im zweiten normal und im dritten zu niedrig war, sodaß 
zwar das Monatsmittel dem normalen genau entsprach; indessen 
waren auch bei ihr die Schwankungen oft sehr bedeutend. Nieder- 
schläge waren sehr häufig; sie bestanden außer in der Mitte und 
gegen Ende des Monats noch durchweg aus Regen und fielen 
wiederholt in so bedeutender Menge, daß ihre Summe den Durch- 
schnittswert um das 2 '/^ fache überstieg. Eine zusammenhängende 
Schneedecke bildete sich am 23.; sie erreichte im Maxlriium 6 cm 
und hielt sich bis zum Ende des Monats. Elektrische Erscheinungen 
wurden nicht mehr beobachtet. 

Dezember. Der Luftdruck bewegte sich während des ganzen Monats in 
beständigen und sehr oft auch in beträchtlichen Schwankungen. 
Bedeutend geringer waren die Schwankungen der Temperatuj-, die 
sich fast stets über dem normalen Wert hielt und nur an drei 
Tagen, am 27., 28. und 31. darunter blieb; da der 30. sehr 
warm war und der 31. sehr kalt, so hatten wir in diesen beiden 
Tagen innerhalb 24 Stunden einen Temperatur-Unterschied von 
über 20". Die Feuchtigkeit der Luft und die Himmelsbedeckung 
waren annähernd normal. Niederschläge waren häufig; sie be- 
standen zum größten Teil aus Regen, fielen aber immer nur in 
geringer Menge, sodaß der Durchschnittswert nicht ganz erreicht 
wurde. Dr. Rechenberg. 



Schlesische Gesellschaft für vaterländlsclie Kultur. 




II. Abteilung. 
Naturwissenschaften. 

b- Zoologisch-botanisclie Sektion. 



Sitzungen der zoologisch-botanischen Sektion im Jahre 1904. 



1. Sitzung am 14. Januar 1904. 

Herr I^. Dittrich spricht 

Über die psychischen Fähigkeiten der Ameisen und Bienen. 

Vortragender behandelte die Frage: „Wie finden die Ameisen und 
Bienen ihren Weg?" Ausgehend von den Versuchen Bethes und den 
Von ihm aus den Ergebnissen gemachten Schlußfolgerungen erörterte er 
die entgegenstehenden Ansichten Wasmanns und von Buttel-Reepens 
und kämpft besonders gegen die Annahme der unbekannten Kraft, welche 
lach Bethe die Bienen zum Stocke zurückführt. 



2. Sitzung am 28. Januar 1904. 
Herr Richters erwähnt 

Triticum cylindricum, 

Uas er bei Breslau, eingeschleppt, beobachtet hat. 

Hierauf hält Herr F. Fax einen Vortrag über 

Bastardbildung in der Gattung Acer. 

Derselbe ist in den Berichten der deutschen dendrol. Gesellsch. 
^•^3, S. 83 ausführlich abgedruckt worden. 

Ferner spricht Herr F. Fax über 

sueculente Euphorbien aus Afrika. 
Unter Vorlage eines reichen Herbarmaterials und zahlreicher photo- 
»'■^pliischer Aufnahmen berichtet der Vortragende über seine weiteren Studien 
^f polymorphen Gattung. Er hat in Englers bot. Jahrb. (Bd. 34 S. 61) 
ßine Untersuchungen zur Aufstellung eines Systems der Section Diacanthium 
^ßutzt, das die bisher bekannten Typen enthält. 

1904. 1 



Jahreshei'ichl. der Scliles. Gesellschaft, für vaf.erl. Kultur. 



3. Sitzung am 11. Feljriiar 1904. 
Herr F. Holdefleiß spricht über 

vorgeschichtliche Funde von Rinderschädeln in Schlesien. 

Das heutzutage in Schlesien gehaltene einheimische Rind, welches sich ^ 
von den in neuerer Zeit in großer Anzahl eingeführten Schlägen ganz 
deutlich luiterscheidet, ist zum Teil einfarbig rot, zum Teil rot und weiß 
gefleckt. Das erstgenannte, das einfarbig rote ist das charakteristischste, 
in seinen Formen am einheitlichsten gestaltet. Da es in der Provinz seit 
längerer Zeit einheimisch gewesen ist, so entspricht es den hiesigen Ver- 
hältnissen, und bei genügender Zuchtpflege paßt es sich den verschiedensten 
Zuchtzielen an. Es ist sehr gutes Zugvieh, kann aber bei richtiger 
Futterung und Haltung ebenso zu befriedigender Milchergiebigkeit und 
anderwärts zu Mastfähigkeit gebracht werden. Es ist das Charakteristisch^ 
eines solchen Schlages mit kombinierter Leistungsfähigkeit, nicht daß iß 
denselben Tieren zugleich alle drei Leistungsrichtungen in gleichvorzüglicher 
Art vorhanden sind, sondern, daß es gelingt, in der einen Herde ausge- 
zeichnete Zugtiere zu züchten, in der anderen desselben Schlages dagegen 
die Milchergiebigkeit zu recht guter Höhe zu steigern, und wieder in 
anderen recht mastfähige Tiere sich entwickeln zu lassen. 

Für den Zucht- und Gebrauchswert einer solchen Hausliergruppe ist 
es von der größten Bedeutung, ob sie eine bestimmte, schon längere Zeit 
bestehende Rasse ist, sowie ferner zu welcher Rassengruppe sie gehört, 
welches ihre Rasse- Verwandten sind, kurz, welche Stelle sie in der Rassen- 
kunde einnimmt. Nach den Feststellungen des Vortragenden, welche von 
seinem Schüler Dr. Ullrich noch weiter tortgeführt sind, gehört dieses 
einfarbig rote schlesische Rind, entgegen der früheren Ansicht, daß in ih"' 
die verschiedensten Formen zu finden seien, unzweifelhaft zu der große» 
Rassengruppe Bos brachyceros. Das Brachyceros-Vieh findet sich jetzt u» 
Hochgebirge der Schweiz als Schwyzer Rind, in Bayern als Allgäuef 
Rind, nimmt aber namentlich die Gebiete der deutschen Mittelgebirge eiOi 
erstreckt sich über Schlesien, Galizien, bis in den südlichen Teil voo 
Rußland und ebenso in die gebirgigen Teile der Balkanhalbinsel. 

Es ist besonders seit Rütimeyers Forschungen bekannt, daß dai' 
Brachycerosrind zur Zeit der Pfahlbauten Haustier war, und es ist vo» 
großem Interesse, daß hier und dort in Torfablagerungen Reste diese 
Haustieres gefunden werden. Es wurde ein gut ex'haltenes Schädelstiic ' 
vorgelegt, bestehend aus dem oberen Teil des Stirnbeins mit Stirnbeiö' 
kante, Nackenteil und Hornzapfen, welches in Niederschlesien in eine 
Torflager in der Tiefe von einigen Metern zusammen mit Tonscherb^ 
gefunden worden ist. Dieses l'^undslück zeigt deutlich die Merkmale n*^ 
Brachyceros-Rasse. Der Schädel zeigt namentlich deutlich die bekan» _^ 
nucli vorn und oben gebende Erhöhung bezw. Vorwölbung, welche 



IL Abteilung. Zoologisch-botanische Selctioii. 



Brachycerosschädcl auszoiohnet, und ist, da die Hörner nälicr aneinander 
gerückt sind, im Verliällnis üur' Breite des Kopfes, oben sehr verengt. 
Vor allem aber kündigt sicli der Schädel als zu einem Haustier gehörig 
an durch die glatte Beschalfenheit der Knochen, auf welchen die ausge- 
prägte Furchenzeichnung fehlt, die sich an dem Schädel des damals wild 
lebenden Bos primigenius findet. Von diesem wurde zum Vergleich eben- 
falls ein aus dem geologischen Institute der Universität stammender Schädel, 
welcher im Prosnabett gefunden worden ist, vorgelegt. Die an dem letzt- 
genannten Schädel deutlich sichtbaren rauhen und starkgefurchten Muskel- 
ansatzstellen kündigen an, daß diese Tiere im wildlebenden Zustande mit 
Aufwendung größerer Kraft sich ihre Nahrung aneignen mußten, während 
die glatten Flächen des Schädels jenes Torfrindes darauf hinweisen, daß 
diesem die Nahrung in so leichter Weise zugänglich gewesen, wie es nur 
bei einem Haustiere der Fall ist. Auffallend ist auch die geringe Größe 
dieses Torfrindschädels gegenüber derjenigen des Primigeniusschädels. 

Dieser Fund im Torf zeigt, daß das Brachycerosrind in Schlesien 
schon in ältester Zeit als Haustier gehalten wurde, und ähnliche Funde 
Sind in mehr oder weniger älteren Ablagerungen gemacht worden, so 
2- B. in tiefen Schichten der Dominsel zu Breslau. Es gewinnt hiernach 
immer mehr an Wahrscheinlichkeit, daß das Brachycerosrind in Schlesien 
^on den ältesten Ansiedelungen bis jetzt heimisch gewesen ist und daß 
das heute noch vorhandene einfarbig rote Vieh, welches unverkennbar den 
Brachycerostypus besitzt, eine von jeher in diesem Lande eingeborene 
eigentümliche Rasse ist. 

Auch nach diesen Feststellungen hat man Grund zu der Annahme: 

1) daß das jetzt vorhandene rote schlesische Rind eine echte ein- 
heitliche Üasse darstellt; 

2) daß es eine sehr alte Rasse ist; 

o) daß diese Rasse mit den einfarbigen Brachyceros-Schlägen rasse- 
^erwandt ist; 

4) daß sie daher wie alle diese mehr Höhenvieh Charakter besitzt; 

5) daß sie in erster Linie gutes Zugvieh liefert, aber wie alle die 
'ir verwandten Schläge zu kombinierter Leistungsfähigkeit neigt. 

Die exakten Untersuchungen über die Geschichte des schlesischen 
«indes, mögen sie sich auf die älteste Zeit oder auf die Zeit des vorigen 
jnrhunderts beziehen, haben bisher nichts ergeben, was der günstigen 
*lemung widerspricht, daß es eine selbständige alte Rasse mit guter Ver- 
^«•bungsfähigkeit ist. 

Sodann hält Herr W. Grosser einen Vortrag übei' 
einige Schädlinge unserer Kulturpflanzen. 

^ Untei' denjenigen Parasiten, welche fast alljährlich unsere Rflben- 
^ der befallen, deren Entwicklung aber meist eine lokale ist und 

1* 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft, für vaterl. Kultur. 

gewöhnlich nur in solchen Mengen ei'folgt, daß sie als Übeltäter wenig 
.empfunden werden, verursachten zwei im Sommer 1903 durch Massen- 
entwicklung im ganzen Gebiete der Provinz Schlesien recht erhebliche 
Schadenwirkungen, nämlich die Runkelfliege und die schwarze Blattlaus. 

Die Runkelfliege (Anthomyia conformis Meig.) trat in Schlesien das 
letzte Mal vor 8 Jahren epidemisch auf, und zwar lag damals nach den 
Berichten des Sonderausschusses für Pflanzenschulz der deutschen Land- 
wirtschafts-üesellschaft das Zentrum ihrer Entwicklung in den Kreisen 
Trebnitz, Breslau und Neumarkt. Die diesjährige Epidemie hatte eine weit 
größere Ausdehnung, fast alle Rübenbau treibenden Kreise Schlesiens 
waren durch die im Juni und der ersten Woche des Juli erfolgte Massen- 
entwicklung des Schädlings erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. 
Anfang Juni erscheinen die den Schaden verursachenden Maden der Fliege, 
welche unserer Stubenfliege ähnlich ist, und fressen das grüne Blattgewebe 
zwischen der Epidermis der Ober- und Unterseite der Rübenblätter aus, 
sodaß helle, sich rasch verfärbende Flecke auf denselben entstehen. 
Zwischen der sich bald blasenförmig emporwölbenden Epidermis beider 
Blattseiten sitzt dann die noch nicht ganz 1 cm lange weißliche Made. 

Im Laufe des Sommers folgen mehrere Generationen der Fliegfii 
mindestens zwei, meist aber mehr aufeinander, so zwar, daß die letzte 
Generation im August die Erde zur Verpuppung und Überwinterung auf- 
sucht, um Ende Mai des nächsten Jahres als Fliege zu erscheinen und 
alsbald mit der Eiablage zu beginnen. Wahrscheinlich entstammen aber 
die im Frühjahre auskriechenden Fliegen nicht nur allein der letzten 
Generation des Vorjahres, es dürften vielmehr, wenn es mehrere Generationen 
gab, auch die vorangegangenen Generationen im Sommer nicht alle als 
Fliegen ausschlüpfen, sondern in einem Bruchteile überwintern. Dem- 
gemäß fällt die Hauptschadenwirkimg der Maden in den Juni ünä- 
Anfang Juli. 

Leider sind uns zur Abwehr des Schädlings wirksame Mittel nicht zur 
Hand; vielfach wird empfohlen, die Rübenblätter zu entfernen, solange die 
Maden noch darin sitzen und letztere zu zerdrücken. Für kleine Schläge 
mag dies wohl durchführbar sein, sicherlich aber nicht dann, wenn die 
befallenen Flächen, wie es meist der Fall ist, größere Ausdehnung besitzen- 
Den erfolgreichsten Kampf gegen den Schädling führt jedenfalls eine nicht 
selten in den Maden schmarotzende kleine Braconide, deren Namen sich"' 
festzustellen mir bisher noch nicht gelang. 

Da die Herzblätter der Rüben von der Made verschont bleiben, 
regeneriert sich allmählich wieder der Blattapparat. Jedoch schwächt die 
Notwendigkeit, Ersatz für die zerstörten Blätter zu schaffen, natürlich die 
junge Rübe ungemein, was gerade in regenarmen Jahren mit erheblichen 
Nachteilen verbunden sein kann, jedenfalls aber bei Zuckerrüben iniffie^' 
einen wesentlich geringeren Ertrag zur Folge hat, ganz abgesehen davon, 



II. Abteilung. Zoologisch-botanische Sektion. 



daß dem Boden durch die Neubildungen der Pflanzen außerordentlich stark 
Nährstoffe entzogen werden. 

Der andere Schädling, die scliwarze Blattlaus (Aphis Papaveris F.), 
welche ebenfalls im Juni und Juli in ungezählten Mengen die Hüben- 
felder befiel, findet sich für gewöhnlich auf den verschiedensten Pflanzen 
zu dieser Jahreszeit; es erfolgt daher die Infektion der Kulturgewächse 
meist von Stellen außerhalb der Felder, die mit wilder Vegetation bestanden 
sind. Die Blattläuse erscheinen auf der Unterseite der Rübenblätter; 
letztere bleiben zwar grün und am Leben, kräuseln sich aber stark unter 
Bildung zahlreicher Falten und Ausbauchungen. Angesichts des Umstandes, 
daß die Lause gerade in letzteren zu sitzen pflegen, ist ihre Vertilgung 
so gut wie unmöglich. Die Anwendung von insecticiden Mitteln, wie 
Petroleumemulsion, Quassia- und Tabaksextrakt, welche sonst gute Dienste 
ieislen, ist bei Rüben nicht ohne weiteres angängig, da besondere Vor- 
kehrungen dazu gehören, die Unterseite der Blätter bezw. das Innere der 
Falten und Ausbauchungen an denselben zu treffen. Auch hier kann 
Wirkungsvoll die Natur nur helfen, indem sich da, wo die Läuse in dichten 
Mengen vorhanden sind, meist zahlreiche Larven der Coccionella Septem 
Punctata einSnden, die bekanntlich zu den eifrigsten Vertilgern der Blatt- 
iäuse gehören. 

Der Vortragende besprach dann noch zwei Ackerunkräuter, das 
"Franzosenkraut und den Sumpfziest, die in diesen -lahrcn mehr als sonst 
^h gewissen Orten aufgetreten waren. 

Das Franzosenkraut (Qalinsoga parvißora Gew.) hatte sich in einem 

•Preise der Provinz so stark vermehrt, daß die Behörde Schritte zu seiner 

"ortilgung unternahm. Es entspricht der Eigentümlichkeit dieses Unkrautes 

'Qr gewöhnlich nur in geringerer Menge, bisweilen aber in großen Massen 

aufzutreten. Diese Erscheinung dürfte damit zusammenhängen, daß die 

''amen der Galinsoga mehrere Jahre hindurch die Keimfähigkeit behalten 

•^nd dann zufällig durch nicht näher ergründete Ursachen plötzlich zur 

'Keimung angeregt werden. Im allgemeinen ist das Unkraut harmloser 

'8.tur und läßt sich durch Jäten leicht beseitigen, es verdient aber insofern 

Pachtung, weil seine Wurzeln sehr oft mit Nematoden (Heterodera radicicola 

^J'^ff.) behaftet sind. Es stellt daher die Pflanze einen Wwi und damit 

hien Erhalter und Verbreiter einer der Aelchenarlen dar, die den jungen 

"anzen unserer Corealien öfters verderblich werden. Diese Eigenschaft 

Sollte einen Fingerzeig dafür geben, daß bei Vertilgung des Unkrautes 

'cht nur der oberirdische Teil, sondern auch sein Wurzelsystem, am besten 

Urch Verbrennen, vernichtet wird. 

Das zweite Unkraut, der Sumpfziest (Stachys palustris L.), findet sich 
^Jährlich auf feuchten Äckern, meist Kartoffel- und Rübenschlägen, und 
ird gewöhnlich durch Jäten, das allerdings in diesem Frühjahre durch 
® überaus feuchte Witlci'ung sehr erschwert war, in Schranken gehalten. 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft iür valerl. Kiütur. 

Solange die Früchte auf dem Felde stehen, wird der Sumpfziest meist 
nicht beachtet; gewöhnlich wird man erst dann auf ihn aufmerksam, wenn 
beim Pflügen lange elfenbeinweiße, perlschnurartige oder spargelförmige 
Gebilde zutage gefördert werden, die Herbslausläufer der Pflanze, mit 
denen sie unterirdisch den Winter überdauert. Es war interessant zu 
beobachten, daß an Stellen, wo eine reichliche Entwickelung solcher 
Plerbstausläufer stattgefunden hatte, nach dem Pflügen fast in jedem der 
überaus zahlreichen Mäuselöcher eine Menge der abgerissenen Stolonen 
zu finden wai'. Dieselben konnten nicht zufällig in den Bau der Nager 
gekommen sein; offenbar waren sie von den Tieren zusammengetragen 
worden. Wahrscheinlich bilden sie durch den in ihnen enthaltenen 
Süßstoff Galactan für die Mäuse ein geschätztes Genußmittel, wie denn 
auch ihr Geschmack in frischem Zustande vielen Menschen nicht unan- 
genehm ist. 

Endlich spricht Herr Proranitz über 

Die Orchideenflora von Pyrmont 
unter Vorlage der dort gesammelten Arten. 

4. Sitzung am 25. Februar 1904. 

Herr R. Knuth hält einen Vortrag über 

die geographische Verbreitung der Primulaceen. 

Die Primulaceen, deren charakteristischen Mei'kmale in der freien 
Zentralplazenta und den epipetalen Staubblättern bestehen, sind mit ihren 
ungefähr 500 Arten zum größten Teil Bewohner der gemäßigten Zone der 
Nordhemisphäre. Eine geringe Zahl von Arten sind in der südlich- 
gemäßigten Zone heimisch, nur sehr wenige sind in tropischen Gebirgen 
zu finden. In Eurasien ist die Familie fast überall vertreten. Im arktischen 
Teile des Gebietes kommen Primula sibirica., Androsace chumaejaswei 
Androsace aretica vor. Ostasien in den chinesischen Provinzen Hupeb, 
Yunnan und Szetschuan kann als Hauptareal der Pimulaceen betrachtet 
werden. Hier erreichen Primula, Androsace und Lysimachia ihre reichste 
Entwickelung. Westasien bietet mehr die Übergangsformen zu europäischen 
Arten, während Südasien an Primulaceen ziemlich arm ist {Primula proliß^'' 
a. Lysimachia cuspidata auf Java, Lysimachia deltoidea auf Ceylon). Al'rik^ 
zeigt im Norden und Nordosten eine deutliche Anlehnung an westasiatische 
Arten, uud dieser Einfluß Eurasiens auf die afrikanische Flora ist bei der 
Gattung AnagaUis bis nach Deutsch-Ostafrika, bei Lysimachia bis Nata) ^u 
verfolgen, während die am Kap heimische Lysimachia nutans ihren nächsten 
Verwandten (L. Leschenaultii) im südlichen Vorderindien hat. Australien be^ 
sitzt außer einigen Samolusformen von halbstrauchigem Habitus kaum irgend' 
welche nennenswerte Arten. Dasselbe gilt für Südamerika, indemsicheinJg 
weitere Spezies von Samolus finden, während Nordamerika wieder eine 



II. Abteilung. Zoologisch-botanische Sektion. 



ziemlich reiche Primulaceenfiora besitzt, die sich allerdiiigs meist aufe 
engste an eurasiatische Gattungen anlehnt. Dodecatheon und das Subgenus 
Steironema treten im gemäßigten Teile des Gebietes auf, Douglasia mehr im, 
arktischen. In bezug auf die vertikale Verbreitung der Familie lassen sich 
allgemeine Grundsätze kaum aufstellen. Die Arten gehören teils der 
Niederung, mehr jedoch der montanen und subalpinen, häufig auch der 
alpinen Region an. Die vertikale Verbreitung der einzelnen Arten pflegt 
im allgemeinen aber nur eine mäßige zu sein, wenn auch hiervon hin und 
wieder Ausnahmen vorkommen. Über die Vorliebe einzelner Arien für 
Salzboden und die Nähe des Meeres s. u. 

Die Familie der Primulaceen gliedert sich in b Stämme, in die 
Androsaceae mit kluppiger Knospenlage und oberständigem Fruchtknoten, 
in die Samoleae mit klappiger Knospenlage und halbunterständigem Frucht- 
knoten, in die Lysimachieae mit gedrehter Knospenlage, in die Cyclamineae 
mit zurückgeschlagenen Blumenkronenblättern und in die Gorideae mit 
median zygomorphen Blüten und stacheligem Kelch. 

Zu den Androsaceae. rechnet man 4 Typen, den Primulu-Ändrosace- 
Typus, den Soldanella-, den Hottonia- und den Dodemiheon-Typus. Frimula 
und Androsace sind die weitaus wichtigsten Gattungen des ersten Typus. 
Ihre größte Entfaltung zeigen beide im mittleren Ostasien, in dem von 
20 Primulagruppen nicht weniger als 12 heimisch sind. Hier ist auch 
die zu den Primeln überleitende Sektion Pseudoprimula der Gattung 
Androsace heimisch. Diese Androsacearten bilden durch ihre verlängerte 
Blumenkronenröhre und die langgeslielten Blätter einen allmählichen Über- 
gang zu der Gattung Frimula. Androsace saxifragifolia ist hier die 
einzige Art mit weiter Verbreitung. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von 
Südsibirien bis zu den Philippinen. Das zweite Areal dieses Typus ist 
Europa-Westasien, auf welches 4 Primelgruppen und die in der Ebene 
Wachsenden einjährigen Androsacearten wie A. septentrionalis und A. maccima 
entfallen. Auch die nordafrikanischen Formen gehören hierher. Das dritte 
Areal wird eingenommen vom arktisch-alpinen Element, dessen Charakter- 
pflanzen Pr. farinosa, Pr. sibiricxt, A. ckamaejasme, A. villosa sind. Die 
Arten dieser Sektion bewohnen das arktische und subarktisclie Gebiet und 
tehren schließlich auf den Hochgebirgen Europas, Asiens und Nord- 
amerikas wieder. In bezug auf die geographische Verbreitung der einzelnen 
Aften ist beachtenswert, daß A. ckamaejasme mit Wimperhaaren und A. villosa 
"lit Seidenhaaren, die in Europa als scharf von einander gelrennte Arten 
erscheinen, in Ostasien sich in inorphologischer Beziehung derart nähern, 
claß sie äußerst schwer von einander zu unterscheiden sind, so daß ver- 
schiedene Forscher, wie Ledebour, Maximowicz u. a. beide Arten 
zusammengezogen haben. Auffällig ist ferner das Vorkommen von 
-P*". jarinosa an der Magalhaes-Straße. 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Kultur. 



An die Gattung Androsaee schließt sich auls engste Äretia an. 
Merkwürdig ist zunächst der Umstand, daß die Arelien in zwei von ein- 
ander getrennten Arealen vorkommen. Die europäischen Arten gehen über 
die Ostalpen ostwärts nicht hinaus, während die asiatischen ihre West- 
grenze im Elbrusgebirge haben. Die Gattung ist durchaus arktisch-alpin 
und teilt ihr Verbreitungsgebiet völlig mit der See«. Ghamaejasme der Galtung 
Androsaee. Bei genauer Untersuchung findet sich dann auch, daß das 
wesentliche Merkmal der Einblütigkeit zur Unterscheidung der Gattungen 
nicht ausreicht. Finden sich doch schon bei einigen Arten unterhalb der 
Blüten Brakteen, in deren Achseln unter Umständen mehrere (2—3) Blüten- 
stiele entspringen. Es ist daher unbedingt nötig, beide Gattungen mitein- 
ander zu vereinen, besonders da A. villosa eine einblütige Varietät, 
A. villosa var. dasyphylla, aufzuweisen hat, die schon als Arelia in Anspruch 
genommen worden ist. Auf diese Weise erklärt sich aucli leicht das 
Fehlen von Aretien im Kaukasus. 

Zwischen die beiden Aretienareale schiebt sich nun in Persien die 
Gattung Dionyaia ein, deren Arten zierliche, bis fußgroße Polster bilden 
und durch die stark verlängerte Blumenkrone ausgezeichnet sind. Ihre 
20 Arten, die von Bornmüller eine sehr gründliche Bearbeitung erfahren 
haben, sind nur in Persien heimisch und wachsen dort in trockenen Fels- 
spalten der subalpinen und alpinen Piegion. Äußerlich sind sie unserer 
Douglasia vitaliana sehr ähnlich, die in der alpinen Region der Alpen und 
der sj)anischeu Gebirge anzutreffen ist. Bezeichnend für die Fixierung der 
Primiilaceengattungen ist es, daß Linnö die letztgenannte Art zu Primula, 
Lamarck zu Arelia, Duby zu Dionysia, und Hooker sie zu Douglasia 
stellte. Die Gattnng Douglasia vertritt in Nordamerika unsere Aretien, 
denen sie äußerlieh so ähnelt, daß z. B. ein Forseber wie Haußknecht 
sie mit ihnen verwechseln konnte. Währejjd die bisher genannten 
Gattungen Androsaee, Arelia, Diomjsia, Douglasia sich an das arktisch-alpine 
Element von Primula aufs engste anschließen und es ins Extrem, weiter- 
bildeten, lehnen sich Cortusa, Ardisiandra und Slimpsonia an das west- 
asiatisch-europäische an. Während Cortusa, für welche Franchet und 
nach ihm A. Richter eine Vereinigung mit Primula vorschlug, dei' 
Heimat ihres Typus treu geblieben ist, ist Ardisiandra merkwürdigerweise 
im ganzen tropischen Afrika und auf der Insel Fernando Po heimisch. 
Äußerlich ähnelt die Gattung einer Veronica ehamaedrys, zeigt also infolge 
des beblätterten Stengels einen den Primuleen sonst fremden Habitus. 
Sie nähert sich darin aber der Gattung Slimpsonia aus dem ostasiatischen 
Gebiet. Vielleicht läßt sich der eigentümliche Wuchs beider Pflanzen unter 
Zuhilfenahme der Androsaee axillaris, die an Stelle einiger Brakteen 
wirkliche Blätter besitzt, erklären. 

Der Soldanella-Typus, ausgezeichnet durch den mit einer Kapsel auf- 
springenden Deckel, der die rein europäische Gattung Soldanella, die im 



II. Abteilung. Zoolotfisch-botanische Sektion. 



Himalaja lebende Bryocarpum und die chinesische Pomatosace umfaßt, ist 
ein Typus, der völlig auT die eurnsiatischen Hochgebirge beschränkt ist. 
Alle drei Gattungen sind eigentlich von einander ziemlich verschieden und 
haben auch mich zu der Ansicht gebracht, daß das Merkmal des Deckels 
bei den Primulaceen durchaus nicht so wesentlich ist, wie es auf den 
ersten Anblick zu sein scheint. Bryocavpum vertritt durch deu siebonteiligen 
Aufbau der Korolle innerhalb der Primuleen die Stelle, die unter den 
Lysimachieen Trientalis einnimmt, während Pomatosace, die äußerlich einer 
Androsace nicht unähnlich ist, sich von allen ihren Verwandten durch die 
gefiederten Blätter stark unterscheidet. 

Der /?o«onrotypus umfaßt nur 2 Arten. Die eigentümliche Geslall der 
Blätter ist ebenso wie bei verschiedenen Ranunculaceen auch hier eine An- 
passung an das Wasserleben, während der quirlige Blütenstand innerhalb 
der Gattungen Primula und Androsace seine Analoga findet. 

Der Dodecatheon-Tjpus umfaßt nur die Gattung Dodecatheon, deren 
Arten im Habitus manchen Primuleen nicht unähnlich sind, sich aber von 
allen anderen Typen durch die zurückgeschlagenen Blumenkrouenblätter 
Unterscheiden. Es ist nicht zu leugnen, daß die Gattung in Nordamerika 
eine ziemliche Variabilität besitzt, doch werden von den ca. 30 Arten der 
Gattung bei einer späteren Siclitung des Materials, das zur Zeit zu ge- 
nauem Studium nicht ausreicht, sicher eine große Zahl sich als Synonyme 
erweisen. Verbreitungsgebiet der Gattung sind die Rocky Mountains einer- 
seits, Sierra Nevada und Cascadengebirge andererseits. Im atlantischen 
Nordamerika scheint nur eine Art vorzukommen, die schon von Linne 
beschriebene D. Meadia. Diese letztere Art sowie D. Jeffret/i gelten als 
beUebte Zierpflanzen. 

T)enDodecatheona.ri.tin durch die zurückgekrümmten Blumcukronenblätter 
ahnlich, von allen Primuleen aber durch die gedrelite Knospenlage unter- 
schieden ist der zweite Stamm,, die Gyelamineae. Erst vor wenigen 
"ahren hat Hillebrand die Cyelanienarten, die fast sämtlich mediterran 
^^nd, zum Gegenstand einer sehr sorgfältigen monographischen Bearbeitung 
fe'einaclit. Bei genauem Studium der geographischen Verbreitung der 
Gattung ersieht man, daß die Arten vielfach als Lokalformen aufzufassen 
^ind und sich einander teilweise ausschließen, so daß in vielen Fällen aus 
^er Angabe des Standortes ohne weiteres auf die eine oder die andere 
A-i't geschlossen werden kann. Über das mediterrane Gebiet gehen von den 
*5 Arten eigentlich nur C. europaeum und G. comu hinaus. C. europaeum 
■^oinrnt noch selten in den Karpathen, C. coum in Armenien vor. Einige 
Ai'ten haben eine sehr beschränkte Verbreitung, wie 0. cyprium auf 
"^ypern, C. africanum in den Kalkbergen Algiers, C. Rohlfsianum in der 
'^yrenaischen Wüste Nordafrikas. Sämtliche Arten besitzen die dem 
•■ockenen Klima der Mediterranländer so vorzüglich angepaßte Knolle, 
"'elclies Organ bei der Trennung der einzelnen Arten eine große Rolle- 



"T 



Jatiresberidit. der Schles. Gesellscliaft für vaterl Kultur. 



spi(3]t. Da die gesammelten Exemplare i}irer aber sehr häufig entbehren, 
so stößt die Bestimmung in vielen Fällen auf große Schwierigkeilen, und 
so sind daher die Cyclamensivien in den Herbarien viel häufiger falsch 
bestimmt, als z. B. die viel zahlreicheren LysimaeMaartcn. Die bei uns 
kultiviei'ten Alpenveilchen stammen wohl in der größten Mehrzahl von 
0. iMlifolium Sibth., dessen Kulturform von Miller als C. persieum be- 
schrieben worden ist, ein im übrigen recht unpassender Name, da die Art 
gar nicht in Persien vorkommt, sondern ostmediterran ist. Morphologisch 
muß übrigens die Knolle als das hypocotyle Glied aufgefaßt werden ; jeden- 
falls beteiligt sich die Wurzel nicht an der Knollenbildung. 

Der zweite große Stamm der Primulaceen umfaßt die Satnoleen mit 
der einzigen Gattung Samolus. Während S. Valermdi fast völlig kosmo- 
politisch ist, sind die übrigen Arten, welche merkwürdigerweise zum großen 
Teil auf der südlichen Hemisphäre helmisch sind, auf engere Gebiete be- 
scliränkt. 2 Arten finden sich im Küstengebiet Australiens, 1 im Kapland 
und 3 in Südamerika. Die Samolecn sind entschieden sehr alte Formen. 
Äußerlich schon recht auffällig durch den häufig lialbstrauchigen Habitus, 
nähern sie sich durch den halbunleistäiuligen Fruclilknoten und durch die 
deutlich ausgebildeten 5 episepalen Staminodien den Myrsinaceen. 

Den Primuleen an Artenzahl zwar etwas nachstehend, an Formen- 
reichtum sie aber übertreffend, steht der dritte große Stamm, die Lysimachieen, 
dem ersten völlig koordiniert da, ohne die langsamen Übergänge, die wir 
sonst bei den Primulaceen gewöhnt sind. Die zahlreichen Gattungen lassen 
sich ohne Mühe 2 Typen unterordnen, dem Lyaimaehia- und dem m'' 
einem Fruchtdeckel versehenen Anagallis-typus. So charakteristisch auch 
dieses Merkmal für die Trennung der beiden Gruppen ist, so ähnlicli sind 
beide sich oft im Habitus. AnngaMü (^uartiniana hat bis zum. Jahre lä^-' 
noch für eine Lysimachia i;et;x)llen. Zu den Lysimachieen gehören außer 
Lyaimaehia noch die (lattungen Trientalis, Asterolinum., Felletiera^ GkM^- 
Die letztere ist fast kosmopolitisch imd ist durch das Fehlen der Korolle 
vor den anderen scharf gekennzeichnet. Auch die südamerikanische 
Felieliera besitzt in der Dreiteilung der Korolle ein gutes Gattungsmerkmal- 
Die paläarktisohe Gattung Trientalis und die mediterrane Asterolinum 
jedoch können eben so gut als Sektionen von Lysimachia aufgefaßt werden, 
die durch Lysimachia stenophylla und Lysimachia allernifnliu mit den 
typischen Lysimachien verbunden werden, wie Klalt es auch getan hat- 
Die Gattung Lysimachia selbst kann daher unbedingt als Ausgangspunk 
und Zentrum des dritten Stammes angesehen werden. Sie ist über dw 
ganze Nordhemisphäre verbreitet und zwar von der Tiefebene bis in die 
subalpine Region, überschreitet in Ostafrika den Äquator und tritt dann 
mit je einer Art in Südafrika und Südamerika auf. Schließlich ist sie noc 
auf den Sandwichinseln zu finden. Sie bevorzugt gern buschige, feuch e 
Stellen innerhalb des Verbreitungsgebietes. Die Mannigfaltigkeit de)- Forme 



II. Ableilimg. Zoologisch-botanisclie Sektion. 



dieser Gattung ist eine sehr große, trotzdem ist eine große Anzahl von 
Typen ziemlich leicht zu erkennen. 

In den beimischen Arten L. nummularia und L. nemorum, L. punctata 
und L. vulgaris haben wir die Repräsentanten von 4 Typen, von denen 
die ersten 2 eurasiatisch, die beiden letzten aber in der ganzen nördlicli ge- 
mäßigten Zone anzutreffen sind. Diese letzteren sind ziemlich formenarm, 
während der iVemorM!u-ieroMa;ia-Typus in den ostasiatischen L. japonka 
und L. delioidea Pflanzen weiter Verbreitung besitzt. Besitzen die ge- 
nannten Typen in Oslasien die größte Artenzahl, so sind eine weitere Reihe 
von Typen nur dort zu finden. Dem Nummularia-Tyyins ähnlich, aber 
durch stark geflügelte Kelchblätter von diesem unterschieden ist der Typus 
der Fteranthae, zu dem nur eine Art gehört. Ebenfalls in unserer Flora 
nicht vorhanden sind die Lysimaohien mit gegenständigen Blättern, axillären 
Blüten und aufrechtem Wuchs, die OpposiUfoliae, und solche mit alter- 
nierenden Blättern und axillären Blüten, die Aüernifoliae, Zu dieser 
letzteren Gruppe gehört die einzige Lysimachie mit einem stark ausge- 
prägten Geruch, L. Foenum-graecum. Bei den rein ostasiatischen Cepha- 
lanthae hat die axilläre Stellung der Blüten zur Ausbildung von 
Wirtein und schließlich von endständigen Köpfchen geführt, deren Blüten- 
«alil aber genau der der Blätter entspricht, im Gegensalz zu dem Punctata- 
Typus. Die Gruppe der Rosulatae steht durch die Ausbildung einer Grund- 
rosette und Verkümmerung des Stengels zu einem einblütigen Schafte 
Völlig vereinzelt da. In der Sect. Lubinia mit der Art L. mauridana haben 
wir eine echte maritime Ausbildung vor uns. Äuiäerlich fällt uns an der 
Pflanze die lederartige Beschaffenheit der Blätter auf, die uns von den 
ßieisten Strandpflanzen her bekannt ist. Ihr Verbreitungsgebiet ist das 
pacifische China, Korea, Japan, Marianen, Sandwichinseln, Bourbon. Der 
Typus der i*'r«<joo«oe gehört ausschließlich den Inseln des Sandwicharchipels 
an. Ähnlich wie bei der Gattung Oeranium sind auch die hawaischen 
Lysimachiaa-vica von den übrigen durch ihre Strauchform unterschieden. 
ßie meisten dieser hawaischen Lysimachien sind I Y^ — 2 m hoch und sind 
ausgezeichnet durch dicke, lederartige Blätter und einzeln auftretende, 
sehr große Blüten. Ihr Standort ist die mittlere und obere Gebirgszone. 
Die großen, weithin leuchtenden und gewöhnlich violett-rot gefärbten 
ßlüten deuten ohne weiteres auf die Insektenbestäubung hin, die in diesen