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Full text of "Jenseits des Lustprinzips [2.Aufl.]"

\^%' BEIHEFTE 

DER 

INTBRNATIOFXLEN'^ITSCHRIFT FÜR PSyCHOANALySE 

HERA SGEGEBEM VON PÖOF, DH. SIGM. FREUD. 

Nr. IL 



JENSEITS 

DES 

LUSTPRINZIPS 

VON 

SIGM. FREUD 

2. DURC^HGEäBHENE AUFLAGE 




5 9 2 1 
INTERNATIONALER PSyCHOANALyTISCHEP VERLAG, G.M, B.H. 
LEIPZIG ' WIEN ZÜRICH 



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Jlkam, 



»817 




ARTES SCIENTIA VEHffAS 



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BEIHEFTE 

DIE 

INTERNATIONALEN 2E1TSCHRIPT FÜR PSyCHOANALySE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR, SIGM. FREUD. 

Nr. II. 



JENSEITS 

DES 

LUSTPRINZIPS 

VON 

sioiviVreud 

2, DURCHGESEHENE AUFLAGE 
(2.-4. TAUSEND) 




19 2 1 
INTERNATIONALER PSyCHOANALyTISCHERVERLAG,G.M.B.H 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



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Alle Rechte, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten. 
Copyright 1921 by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag Ges. m. b. H." 

Wien, I. 



Cresellschaft für graphische Industrie, Wien, III. Rüdengasse 11, 



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j 



4 ; 



5F- 



I. 



In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenk- 
lich an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch 
durch das Lustprinzip reguliert wird, das heißt, wir glauben, 
daß er jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird 
und dann eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis 
mit einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Ver- 
meidung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. 
Wenn wir die von uns studierten seelischen Prozesse mit Rück- 
sicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den ökonomi- 
schen Gesichtspunkt in unsere Arbeit em. Wir meinen, eine 
Darstellung, die neben dem topischen und dem dynami- 
schen Moment noch dies ökonomische zu würdigen ver- 
suche, sei die vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen 
können, und verdiene es, durch den Namen einer meta- 
psychologischen hervorgehoben zu werden. 

Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, inwie- 
weit wir uns mit der Aufstellung des Lustprinzips einem 
bestimmten, historisch festgelegten, philosophischen System 
angenähert oder angeschlossen haben. Wir gelangen zu solchen 
spekulativen Annahmen bei dem Bemühen, von den Tatsachen 
der tägUchen Beobachtung auf unserem Gebiete Beschreibung 
und Rechenschaft zu geben. Priorität und Originalität gehören 
nicht zu den Zielen, die der psychoanalytischen Arbeit gesetzt 
sind, und die Eindrücke, welche der Aufstellung dieses Prinzips 
zugrunde Hegen, sind so augenfällig, daß es kaum möglich ist, 
sie zu übersehen. Dagegen würden wir uns gerne zur Dank- 
barkeit gegen eine philosophische oder psychologische Theorie 
bekennen, die uns zu sagen wüßte, was die Bedeutungen der 
für uns so imperativen Lust- und Unlustempfindungen sind. 



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4 Stern. Freud. 

Leider wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das 
dunlcelste und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens, und 
wenn wir unmöglich vermeiden können, es zu berühren, so wird 
die lockerste Annahme darüber, meine ich, die beste sein. Wir 
haben uns entschlossen, Lust und Unlust mit der Quantität der 
im Seelenleben vorhandenen — und nicht irgendwie gebunde- 
nen — Erregung in Beziehung zu bringen, solcher Art, daß Un- 
lust einer Steigerung, Lust einer Verringerung dieser Quantität 
entspricht. Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis 
zwischen der Stärke der Empfindungen und den Veränderun- 
gen, auf die sie bezogen werden; am wenigsten — nach allen 
Erfahrungen der Psychophysiologie — an direkte Proportiona- 
lität; wahrscheinUch ist das Maß der Verringerung oder Ver- 
mehrung in der Zeit das für die Empfindung entscheidende 
Moment. Das Experiment fände hier möglicherweise Zutritt, 
für uns Analytiker ist weiteres Eingehen in diese Probleme 
nicht geraten, solange nicht ganz bestimmte Beobachtungen 
uns leiten können. 

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir 
finden, daß ein so tiefblickender Forscher wie Q. Th. F e c h n e r 
eine Auffassung von Lust und Unlust vertreten hat, welche im 
wesentlichen mit der zusammenfällt, die uns von der psycho- 
analytischen Arbeit aufgedrängt wird. Die Äußerung Fechner's 
ist in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs- und 
Entwicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, 
Zusatz, p. 94), enthalten und lautet wie folgt: „Insofern bewußte 
Antriebe immer mit Lust oder Unlust in Beziehung stehen, kann 
auch Lust oder Unlust mit StabiHtäts- und Instabilitätsverhält-, 
nissen in psychophysischer Beziehung gedacht werden, und es 
läßt sich hierauf die anderwärts von mir näher zu entwickelnde 
Hypothese begründen, daß jede, die Schwelle des Bewußtseins 
übersteigende psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit 
Lust behaftet sei, als sie sich der vollen Stabilität über eine 
gewisse Grenze hinaus nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als 
sie über eine gewisse Grenze davon abweicht, indes zwischen 
beiden, als qualitative Schwelle der Lust und Unlust zu bezeich- 
nenden Grenzen eine gewisse Breite ästhetischer Indifferenz 
besteht, " 



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Jefnseits des Lustprirazlps. 5 

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft 
des Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren 
Ausdruck in der Annahme, daß es ein Bestreben des seelischen 
Apparates sei, die in ihm vorhandene Quantität von Erregung 
möglichst niedrig oder wenigstens konstant zu erhalten. Es ist 
dasselbe, nur in andere Fassung gebracht, denn wenn die Arbeit 
des seeüschen Apparates dahin geht, die Erregungsquantität 
niedrig zu halten, so muß alles, was dieselbe zu steigern geeig- 
net ist, als funktionswidrig, das heißt, als unlustvoll empfunden 
werden. Das Lustprinzip leitet sich aus dem Konstanzprinzip 
ab; in Wirklichkeit wurde das Konstanzprinzip aus den Tat- 
sachen erschlossen, die uns die Annahme des Lustprinzips auf- 
nötigten. Bei eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, 
daß dies von uns angenommene Bestreben des seehschen Appa- 
rates sich als spezieller Fall dem F e c h n e r'schen Prinzip der 
Tendenz zur Stabilität unterordnet, zu dem er die 
Lust-Unlustempfindungen in Beziehung gebracht hat. 

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, 
von einer Herrschaft des Lustprinzips über den Ablauf der 
seehschen Prozesse zu reden. Wenn eine solche bestände, 
müßte die übergroße Mehrheit unserer Seelenvorgänge von 
Lust begleitet sein oder zur Lust führen, während doch die 
allgemeinste Erfahrung dieser Folgerung energisch wider- 
spricht. Es kann also nur so sein, daß eine starke Tendenz zum 
Lustprinzip in der Seele besteht, der sich aber gewisse andere 
Kräfte oder Verhältnisse widersetzen, so daß der Endausgang 
nicht immer der Lusttendenz entsprechen kann. Vgl. die Be- 
merkung Fechner's bei ähnlichem Anlasse (ebenda, p. 90): 
„Damit aber, daß die Tendenz zum Ziele noch nicht die Errei- 
chung des Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in 

Approximationen erreichbar ist, " Wenn wir uns nun der 

Frage zuwenden, welche Umstände die Durchsetzung des Lust- 
prinzips zu vereiteln vermögen, dann betreten wir wieder 
sicheren und bekannten Boden und können unsere analytischen 
Erfahrungen in reichem Ausmaße zur Beantwortung heran- 
ziehen. 

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips 
ist uns als ein gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das 



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^ Stern. Fremd. 

Lustprinzip einer primären Arbeitsweise des seelischen Appa- 
rates eignet, und daß es für die Selbstbehauptung des Organis- 
mus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt so recht von 
Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Qrade gefährlich ist. Unter 
dem Einflüsse der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom 
Realitätsprinzip abgelöst, welches ohne die Absicht 
endlicher Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der 
Befriedia^g, den Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer 
solchen md die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen 
Umwege zur Lust fordert und durchsetzt. Das Lustprinzip 
bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise der schwerer 
„erziehbaren*' Sexualtriebe, und es kommt immer wieder vor, 
daß es, sei es von diesen lederen aus, sei es im Ich selbst, das 
Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen Organismus über- 
wältigt. 

Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprin- 
zips durch das Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht 
für den intensivsten Teil der Unlusterfahrungen verantwortUch 
gemacht werden kann. Eine andere, nicht weniger gesetzmäßige 
Quelle der Unlustentbindung ergibt sich aus den Konflikten und 
Spaltungen im seelischen Apparat, während das Ich seine Ent- 
wicklung zu höker zusammengesetzten Organisationen durch- 
macht. Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus 
den mitgebrachten Triebregungen, aber diese weräen nicht 
alle zu den gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unter- 
wegs geschieht es immer wieder, daß einzelne Triebe oder 
Triebanteile sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unver- 
träglich mit den übrigen erweisen, die sich zu der umfassenden 
Einheit des Ichs zusammenscMießen können. Sie werden dann 
von dieser Einheit durch den Prozeß der Verdrängung abge- 
spalten, auf niedrigeren Stufen der psychischen Entwicklung 
zurückgehalten und zunächst von der Möglichkeit einer Be- 
friedigung abgeschnitten!" Gelingt es ihnen dann, was bei den 
verdrängten Sexualtrieben so leicht geschieht, sich auf Um- 
wegen zu einer direkten oder Ersatzbefriedigung durchzu- 
ringen, so wird dieser Erfolg, der sonst eine Lustmöglichkeit 
gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden. Infolge des 
alten, in die Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat das Lust- 



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Jenseits des Lustprinzips. 7 

Prinzip einen neuerlichen Durchbruch erfahren, gerade wäh- 
rend gewisse Triebe am Werke waren, in Befolgung des Prin- 
zips neue Lust zu gewinnen. Die Einzelheiten des Vorganges, 
durch welchen die Verdrängung eine Lustmöglichkeit in eine 
Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstanden oder 
nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Unlust 
von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden wer- 
den kann. 

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken 
noch lange nicht die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber 
vom Rest wird man mit einem Anschein von gutem Recht 
behaupten, daß sein Vorhandensein der Herrschaft des Lust- 
prinzips nicht widerspricht. Die meiste Unlust, die wir ver- 
spüren, ist ja Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung 
des Drängens unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrneh- 
mung, sei es, daß diese an sich peinlich ist, oder daß sie unlust- 
volle Erwartungen im seelischen Apparat erregt, von ihm als 
„Gefahr" erkannt wird. Die Reaktion auf diese Triebansprüche 
und Qefahrdrohungen, in der sich die eigentliche Tätigkeit des 
seelischen Apparates äußert, kann dann in korrekter Weise 
vom Lustprinzip oder dem es modifizierenden Realitätsprinzip 
geleitet werden. Somit scheint es nicht notwendig, eine weiter- 
gehende Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und 
doch kann gerade die Untersuchung der seelischen Reaktion 
auf die äußerhche Gefahr neuen Stoff und neue Fragestellungen 
zu dem hier behandelten Problem liefern. 



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IL 



Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisen- 
bahnzusammenstößen und anderen, mit Lebensgefahr verbun- 
denen Unfällen ist seit langem ein Zustand beschrieben worden, 
dem dann der Name „traumatische Neurose" verblieben ist. 
Der schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine große 
Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens 
der Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung 
des Nervensystems durch Einwirkung mechanischer Gewalt 
zurückzuführen \ Das Zustandsbild der traumatischen Neurose 
nähert sich der Hysterie durch seinen Reichtum an ähnlichen 
motorischen Symptomen, übertrifft diese aber in der Regel 
durch die stark ausgebildeten Anzeichen subjektiven Leidens, 
etwa wie bei einer Hypochondrie oder MelanchoUe, und durch 
die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen Schwächung 
und Zerrüttung der seeHschen Leistungen. Ein volles Verständ- 
nis ist bisher weder für die Kriegsneurosen noch für die trau- 
matischen Neurosen des Friedens erzielt worden. Bei den 
Kriegsneurosen wirkte es einerseits aufklärend, aber doch 
wiederum verwirrend, daß dasselbe Krankheitsbild gelegent- 
lich ohne Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zu- 
stande kam; an der gemeinen traumatischen Neurose 
heben sich zwei Züge hervor, an welche die Überlegung an- 
knüpfen konnte, erstens, daß das Hauptgewicht der Verur- 
sachung auf das Moment der Überraschung, auf den Schreck, zu 



Vgl Zur Psydioanalyse der Kriegsneurosen, mit Beiträgen von 
Ferenczi, Abraham, Simmel und C Jones. Band I dear Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Bibliothek, 1919. 



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Jenseits des Liistprinzips. 9 

lallen schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene Ver- 
letzung oder Wunde zumeist der Entstehung der Neurose 
entgegenwirkte. Schreck, Furcht, Angst werden mit Unrecht 
wie synonyme Ausdrücke gebraucht; sie lassen sich in ihrer 
Beziehung zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst bezeichnet 
einen gewissen Zustand wie Erwartung der Gefahr und Vor- 
bereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein; 
Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich 
fürchtet; Schreck aber benennt den Zustand, in den man gerät, 
wenn man in Gefahr kommt, ohne auf sie vorbereitet zu sein, 
betont das Moment der Überraschung. Ich glaube nicht, daß 
die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an der 
Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen 
die Schreckneurose schützt. Wir werden auf diesen Satz 
später zurückkommen. 

Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässig- 
sten Weg zur Erforschung der seeUschen Tiefenvorgänge be- 
trachten. Nun zeigt das Traumleben der traumatischen Neurose 
den Charakter, daß es den Kranken immer wieder in die Situa- 
tion seines Unfalles zurückführt, aus der er mit neuem Schreck 
erwacht'^'Darüber verwundert man sich viel zu wenig.^Man 
meint, es sei eben ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, 
den das traumatische Erlebnis gemacht hat, daß es sich dem 
Kranken, sogar im Schlaf immer wieder aufdrängt. Der Kranke 
sei an das Trauma sozusagen psychisch fixiert. Solche Fixie- 
rungen an das Erlebnis, welches die Erkrankung ausgelöst hat, 
sind uns seit langem bei der Hysterie bekannt. Breuer und 
Freud äußerten 1893: Die Hysterischen leiden großenteils 
an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen haben Beob- 
achter, wie F e r e n c z i und S i m m e 1, manche motorische 
Symptome durch Fixierung an den Moment des Traumas er- 
klären können. 

Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer 
Neurose Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinne- 
rung an ihren Unfall beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich 
eher, nicht an ihn zu denken. Wenn man es als selbstver- 
ständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum sie wieder in die 
krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die Natur 



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10 Stern. Fretwf. 

des Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem Kranken 
Bilder aus der Zeit der Gesundheit oder der erhofften Gene- 
sung vorzuführen. Sollen wir durch die Träume der Unfalls- 
neurotiker nicht an der wunscherfüllenden Tendenz des 
Traumes irre werden, so bleibt uns etwa noch die Auskunft, 
bei diesem Zustand sei wie so vieles andere auch die Traum- 
funktion erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt wor- 
den, oder wir müßten der rätselhaften masochistischen Tenden- 
zen des Ichs gedenken. ^ 

Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere 
Thema der traumatischen Neurose zu verlassen und die 
Arbeitsweise des seelischen Apparates an einer seiner früh- 
zeitigsten normalen Betätigungen zu studieren. Ich meine das 
Kinderspiel. 

Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst 
kürzlich von S. P f e i f e r in der „Imago" (V/4) zusammen- 
gestellt und analytisch gewürdigt worden; ich kann hier auf 
diese Arbeit verweisen)^ Diese Theorien bemühen sich, die 
Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der 
ökonomische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in 
den Vordergrund gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze 
dieser Erscheinungen umfassen zu wollen, eine Gelegenheit 
ausgenützt, die sich mir bot, um das erste selbstgeschaffene 
Spiel eines Knaben im Alter von 1/4 Jahren aufzuklären. Es 
war mehr als eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte durch 
einige Wochen mit dem Kinde und dessen Eltern unter einem^ 
Dach, und es dauerte ziemlich lange, bis das rätselhafte und 
andauernd wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet. 

Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keines- 
wegs voreiHg, es sprach mit 1*/^ Jahren erst wenige verständ- 
liche Worte und verfügte außerdem über mehrere bedeutungs- 
volle Laute, die von der Umgebung verstanden wurden.^ Aber 
es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem einzigen 
Dienstmädchen und wurde wegen seines „anständigen** Charak- 
ters gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, befolgte 
gewissenhaft die Verbote, manche Gegenstände zu berühren 
und in gewisse Räume zu gehen, und vor allem anderen, es 
weinte nie, wenn die Mutter es für Stunden verließ, obwohl es 



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Jenseits 4es Lustpriazips. 11 

dieser Mutter zärtlich anhing, die das Kind nicht nur selbst 
genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe gepflegt und 
betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die gelegentlich 
störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es hab- 
haft wurde, weit weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein 
Bett usw. zu schleudern, so daß das Zusammensuchen seines 
Spielzeugs oft keine leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit 
dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, lang- 
gezogenes — — — hervor, das nach dem übereinstimmen- 
den Urteil der Mutter und des Beobachters keine Interjektion 
war, sondern „Fort" bedeutete. Ich merkte endHch, daß das 
ein Spiel sei, und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu 
benütze, mit ihnen „fortsein" zu spielen. Eines Tages machte 
ich dann die Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. 
Das Kind hatte eine Holzspule, die mit einem Bindfaden um- 
wickelt war. Es fiel ihm nie ein, sie z. B. am Boden hinter sich 
herzuziehen, also Wagen mit ihr zu spielen, sondern es warf 
die am Faden gehaltene Spule mit großem Geschick über den 
Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin ver- 
schwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o — o — o — o und 
zog dann die Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, 
begrüßte aber deren Erscheinen jetzt mit einem freudigen „Da". 
Das war also das komplette Spiel, Verschw inden und Wieder- 
kommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu sehen 
bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als Spiel 
wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten 
Akt anhing \ 

Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zu- 
sammenhang mit der großen kulturellen Leistung des Kindes, 
mit dem von ihm zu^tandg^jcebrachten Triebverzicht (Verzicht 
auf Triebbefriedigung), das Fortgehen der Mutter ohne Sträu- 



^ Diese Deutung wurde dann doiroh eine weiter"© Beobachtung völlig 
gesichert. Als eines Tages die Mutter über viele Stunden abwesend gewesen 
war, wurde sie beim) Wiederkommen mit der Mitteilung begrüßt: Bebi 
o-~o— 0— Ol, die zunächst unverständlich blieb. Es ergab sich aber -bald, 
daß das Kind während dieses langen Alleinseins ein Mittel gefunden hatte, 
sich selbst verschwinden zu las®enxEs hatte sein Bild in dem fast bis zum 
Boden reichenden Standspiegel entdeckt md sich dann nieder gekauert, so 
daß das Spiegelbild „fort" war. 



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12 Slgm. Freud 

ben zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam dafür, indem 
es dasselbe Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm 
erreichbaren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die 
affektive Einschätzung dieses Spieles ist es natürHch gleich- 
gültig, ob das Kind es selbst erfunden oder sich infolge einer 
Anregung zu eigen gemacht hatte. Unser Interesse wird sich 
einem anderen Punkte zuwenden. Das Fortgehen der Mutter 
kann dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur gleich- 
gültig gewesen sein. Wie stimmt es also zum Lustprinzip, daß 
es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man 
wird vielleicht antworten wollen, das Fortgehen müßte als 
Vorbedingung des erfreulichen Wiedererscheinens gespielt 
werden, im letzteren sei die eigentliche Spielabsicht gelegen. 
Dem würde die Beobachtung widersprechen, daß der erste Akt, 
das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert wurde, und 
zwar ungleich häufiger als das zum lustvollen Ende fortgeführte 
Ganze. 

Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine 
sichere Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt 
man den Eindruck, daß das Kind das Erlebnis aus einem 
anderen Motiv zum Spiel gemacht hat. Es war dabei passiv, 
wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in eine aktive 
Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel 
wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem Bemächti- 
gungstrieb zurechnen, der sich davon unabhängig macht, ob 
die Erinnerung an sich lustvoll war oder nicht. Man kann aber 
auch eine andere Deutung versuchen. Das Wegwerfen des 
Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte die Befriedigung eines 
im Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die Mutter sein, 
weil sie vom Kinde fortgegangen ist und dann die trotzige Be- 
deutung haben: Ja, geh' nur fort, ich brauch' dich nicht, ich 
schick' dich selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit li4 Jahren 
bei seinem ersten Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein 
Spielzeug, über das es sich geärgert hatte, auf den Boden zu 
werfen und dabei zu sagen: Geh' in K(r)ieg! Man hatte ihm 
damals erzählt, der abwesende Vater befinde sich im Krieg, 
und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die deut- 
lichsten Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter 



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Jenseits d^s Liistprinzips. 13 

nicht gestört werden wolle ^/ Wir wissen auch von anderen 
Kindern, daß sie ähnliche feindselige Regungen durch das Weg- 
schleudern von Gegenständen an Stelle der Personen auszu- 
drücken vermögen '.x^ Man gerät so in Zweifel, ob der Drang, 
etwas Eindrucksvolles psychisch zu verarbeiten, sich seiner 
voll zu bemächtigen, sich primär und unabhängig vom Lust- 
prinzip äußern kann. Im hier diskutierten Falle könnte er einen 
unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen, 
weil mit dieser Wiederholung ein andersartiger, aber direkter 
Lustgewinn verbunden ist. 

Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft diesem 
unserem Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. 
Man sieht, daß die Kinder alles im Spiele wiederholen, was 
ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die 
Stärke des Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu 
nerren der Situation machen. Aber anderseits ist es klar 
genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflüsse des Wunsches 
steht, der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches: groß zu 
sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht auch 
die Beobachtung, daß der Unlustcharaliter des Lrlebnisses es 
nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn der 
Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine kleine Opera- 
tion an ihm ausgeführt hat, so wird dies erschreckende Erlebnis * 
ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber der 
Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. 
Indem das Kind aus der Passivität des Erletens in die' Aktivität • 
des Spielens übergeht, fügt es einem Spielgefährten das Unan- 
genehme zu, das ihm selbst widerfahren war, und rächt sich so 
an der Person dieses Stellvertreters. 

Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die 
Annahme eines besonderen NacMhi;iutigstnel)es als Motiv des 
Spielens überflüssig ist. Schließen wir noch die Mahnungen an, 



^ Als das Kind 57* Jahre alt war, starb die Mutter. Jetzt, da sie wirk- 
lioh „fort" (o — — o) war, zeigte der Knabe keine Trauer um sie. Allerdings 
war inzwischen ein zweites Kind geboren worden, das seine stärkste Eifer- 
sucht erweckt hatte. 

* Vgl. Eine Kindheitseriunemng aus „Dichtung und Wahrheit". Image, 
V/4, Sammlung kleiner Schriften zur NeuTösenlehre, IV. Folge. 



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14 Sigm, Fretid. 

daß das künstlerische Spielen und Nachahmen der Erwach- 
senen, das zum Unterschied vom Verhalten des Kindes auf die 
Personen des Zuschauers zielt, diesem die schmerzHchsten Ein- 
drücke z. B. in der Tragödie nicht erspart und doch von ihm 
als hoher Qenuß empfunden werden kann. Wir werden so da- 
von überzeugt, daß es auch unter der Herrschaft des Lust- 
prinzips Mittel und Wege genug gibt, um das an sich Unlust- 
volle zum Gegenstand der Erinnerung und seelischen Bearbei- 
tung zu machen. Mag sich mit diesen, in endHchen Lustgewinn 
auslaufenden Fällen und Situationen eine ökonomisch gerichtete 
Ästhetik befassen ; für unsere Absichten leisten sie nichts, denn 
sie setzen Existenz und Herrschaft des Lustprinzips voraus und 
zeugen nicht für die Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des 
Lustprinzips, das heißt solcher, die ursprüngHcher als dies und 
von ihm unabhängig wären. 



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III. 



Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich 
gebracht, daß die nächsten Ziele der psychoanalytischen Tech- 
nik heute ganz andere sind als zu Anfang. Zuerst konnte der 
analysierende Arzt nichts anderes anstreben, als das dem 
Kranken verborgene Unbewußte zu erraten, zusammenzu- 
setzen und zur rechten Zeit mitzuteilen, k Die Psychoanalyse 
war vor allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Auf- 
gabe dadurch nicht gelöst war, trat sofort die nächste Absicht 
auf, den Kranken zur Bestätigung der Konstruktion durch seine 
eigene Erinnerung zu nötigen. Bei diesem Bemühen fiel das 
Hauptgewicht auf die Widerstände des Kranken ; die Kunst war 
jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem Kranken zu zeigen und 
ihn durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für die als 
„Übertragung'' wirkende Suggestion) zum Aufgeben der 
Widerstände zu bewegen. 

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte 
Ziel, die Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem 
Wege nicht voll erreichbar ist. Der Kranke kann von dem in 
ihm Verdrängten nicht alles erinnern, vielleicht gerade das 
Wesentliche nicht, und erwirbt so keine Überzeugung von der 
Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr 
genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu wie- 
derholen, anstatt es, wie der Arzt es lieber sähe, als ein 
Stück der Vergangenheit zu erinnern". Diese mit uner- 
wünschter Treue auftretende Reproduktion hat immer ein 
Stück des infantilen Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes 

^ S. Zur Technik der Psychoanalyse II. Erinnern, Wiederholen und 
Durcharibeiten. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge, 
S. 441, 1918. 



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16 Slgm. Freud'. 

und seiner Ausläufer zum Inhalt und spielt sich regelmäßig auf 
dem Gebiete der Übertragung, d. h. der Beziehung zum Arzt 
ab.* Hat man es in der Behandlung so weit gebracht, so kann 
man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische 
Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, den 
Bereich dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, 
möglichst viel in die Erinnerung zu drängen und mögUchst 
wenig zur Wiederholung zuzulassen. Das Verhältnis, das sich 
zwischen Erinnerung und Reproduktion herstellt, ist für jeden 
Fall ein anderes. In der Regel kann der Arzt dem Analysierten 
diese Phase der Kur nicht ersparen; er muß ihn ein gewisses 
Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben lassen und 
hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten 
bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität doch immer wie- 
der als Spiegelung einer vergessenen Vergangenheit erkannt 
wird. Qehngt dies, so ist die Überzeugung des Kranken und der 
von ihr abhängige therapeutische Erfolg gewonnen. 

Um diesen „W iederholungszwan g", der sich wäh- 
rend der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker äußert, 
begreiflicher zu finden, muß man sich vor allem von dem Irr- 
tum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung der Wider- 
stände mit dem Widerstand des Unbewußten zu tun. Das Un- 
bewußte, d. h. das „Verdrängte'*, leistet den Bemühungen^der 
Kur überhaupt keinen Widerstand, es strebt ja selbst nichts 
anderes an, als gegen den auf ihm lastenden Druck zum Be- 
wußtsein oder tm Abfuhr durch die reale Tat durchzudringeri.X 
Der Widerstand in der Kur geht von denselben höheren Schich- 
ten und Systemen des Seelenlebens aus, die seinerzeit die Ver- 
drängung durchgeführt haben. Da aber die Motive der Wider- 
stände, ja diese selbst erfahrungsmäßig in der Kur zunächst 
unbewußt sind, werden wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit 
unserer Ausdrucksweise zu verbessern. Wir entgehen der Un- 
klarheit, wenn wir nicht das Bewußte und das Unbewußte, 
sondern das zusammenhängende I c h und das Verdrängte 
in Gegensatz zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich 
selbst unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs 
nennen darf; nur einen geringen Teil davon decken wir mit 
dem Namen des Vor bewußten. Nach dieser Ersetzung 



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Jenseits des Lustpiinzips. 17 

einer bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch eine systema- 
tische oder dynamische können wir sagen, der Widerstand der 
Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen wir 
sofort, der Wiederholungszwang ist dem unbewußten Ver- 
drängten zuzuschreiben. Er konnte sich wahrscheinUch nicht 
eher äußern, als bis die entgegenkommende Arbeit der Kur 
die Verdrängung gelockert hatte. 

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und 
vorbewußten Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja 
die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden des Verdrängten 
erregt würde, und unsere Bemühung^geht dahin, solcher Unlust 
unter Berufung auf das Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. 
In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der Wieder- 
holungszwang, die Kraftäußerung des Verdrängten? Es ist klar, 
daß das meiste, was der Wiederholungszwang wiedererleben 
läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja Leistungen 
verdrängter Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die wir 
schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, 
Unlust für das eine System und gleichzeitig Befriedigung für 
das andere. Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir 
jetzt zu beschreiben haben, ist, daß der Wiederholungszwang 
auch solche Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die 
keine Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befrie- 
digungen, selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen, 
gewesen sein können. \ 

Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der 
Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit der ReaHtät und der 
Unzulänglichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe zum Unter- 
gang bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten Anlässen unter 
tief schmerzlichen Empfindungen zugrunde. Der Liebes verlust 
und das Mißlingen hintedießen eine dauernde Beeinträchtigung 
des Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfah- 
rungen wie nach den Ausführungen Marcinowski's^ den 
stärksten Beitrag zu dem häufigen „Minderwertigkeitsgefühl" 
der Neurotiker. Die Sexualforschung, der durch die körperHche 



^ Marcinowski, Die erotischen Ouelilea (der Minderwertigkeits- 
gefüihle. Zeitschrift für Sexualiwissensohaft, IV., 1918. 



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18 Sigm. Freiid. 

Entwicklung des Kindes Schranken gesetzt waren, brachte es 
zu keinem befriedigenden Abschluß; daher die spätere Klage: 
Ich kann nichts fertig bringen, mir kann nichts geUngen. Die 
zärtliche Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Eltern- 
teil, erlag der Enttäuschung, dem vergebUchen Warten auf 
Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kindes, 
die unzweideutig die Untreue des oder der QeUebten erwies; 
der eigene mit tragischem Ernst unternommene Versuch, selbst 
ein solches Kind zu schaffen, mißlang in beschämender Weise; 
die Abnahme der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit, der 
gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine 
gelegentUche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang der 
ihm zugefallenen Verschmähung enthüllt. Es gibt hier 
einige wenige Typen, die regelmäßig wiederkehren, wie der 
typischen Liebe dieser Kinderzeit ein Ende gesetzt wird. 

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen 
Affektlagen werden nun vom Neurotiker in der Übertragung 
wiederholt und mit großem Geschick neu belebt. Sie streben den 
Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen sich den Ein- 
druck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu 
harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie 
finden die geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen 
das heiß begehrte Kind der Urzeit durch den Vorsatz oder das 
Versprechen eines großen Geschenks, das meist ebensowenig 
real wird wie jenes. Nichts von alledem konnte damals lust- 
bringend sein; man sollte meinen, es müßte heute die gerin- 
gere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung auftauchte, als 
wenn es sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Es handelt sich 
natürhch um die Aktion von Trieben, die zur Befriedigung 
führen sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch 
damals nur Unlust brachten, hat nichts gefruchtet. Sie wird 
trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu.>. 

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungs- 
phänomenen der Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben 
nicht neurotischer Personen wiederfinden. Es macht bei diesen 
den Eindruck eines sie verfolgenden Schicksals, eines dämoni- 
schen Zuges in ihrem Erleben, und die Psychoanalyse hat von 
Anfang an solches Schicksal für zum großen Teil selbstbereitet 



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Jens-eits des Lustprinzips. 19 

und durch frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten. Der 
Zwang, der sich dabei äußert, ist vom Wiederholungszwang 
der Neurotiker nicht verschieden, wenngleich diese Personen 
niemals die Zeichen eines durch Symptombildung erledigten 
neurotischen Konflikts geboten haben. So kennt man Personen, 
bei denen jede menschUche Beziehung den gleichen Ausgang 
nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer Schützlinge nach 
einiger Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden sie 
sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle Bitter- 
keit des Undanks auszukosten ; Männer, bei denen jede Freund- 
schaft den Ausgang nimmt, daß der Freund sie verrät ; andere, 
die es unbestimmt oft in ihrem Leben wiederholen, eine andere 
Person zur großen Autorität für sich oder auch für die Öffent- 
Uchkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach abgemes- 
sener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen; 
Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe die- 
selbeij Phasen durchmacht und zum gleichen Ende führt usw. 
Wir verwundern uns über diese „ewige Wiederkehr des 
Gleichen" nur wenig, wenn es sich um ein aktives Verhalten 
des Betreffenden handelt, und wenn wir den sich gleichbleiben- 
den Charakterzug seines Wesens auffinden, der sich in der 
Wiederholung der nämüchen Erlebnisse äußern mußr^Weif"^ 
stärker wirken jene Fälle auf uns, bei denen die Person etwas 
passiv zu erleben scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, 
während sie doch immer nur die Wiederholung desselben 
Schicksals erlebt.^ Man denke z. B. an die Geschichte jener 
Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete, die nach 
kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden 
mußten \ Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen 
Schicksalszuges hat Tasso im romantischen Epos „Gerusa- 
lemme liberata" gegeben. Held Tankred hat unwissentlich die 
von ihm geliebte Clorinda getötet, als sie in der Rüstung eines 
feindUchen Ritters mit ihm kämpfte. Nach ihrem Begräbnis 
dringt er in den unheimlichen Zauberwald ein, der das Heer der 
Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen Baum mit 



^ Vg"!. hiezu die treffenden Bemertongen in dem Aufsatz von C. Q. 
Jung, Die Beideoitung des Vaters für das Schicksal des Einzelnem. Jahrbuch 
für Psyohoatialyse, I, 1909. 



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20 Sigm. Fr-eid. 

seinem Schwerte, aber aus der Wunde des Baumes strömt 
Blut und die Stimme Clorindas, deren Seele in diesen Baum 
gebannt war, klagt ihn an, daß er wiederum die QeUebte 
geschädigt habe. 

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in 
der Übertragung und aus dem Schicksal der Menschen werden 
wir den Mut zur Annahme finden, daß es im Seelenleben wirk- 
lich einen Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lust- 
prinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein, die 
Träume der Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des 
Kindes auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir 
uns sagen, daß wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges 
nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, er- 
fassen können. Beim Kinderspiel haben wir bereits hervor- 
gehoben, welche andere Deutungen seine Entstehung zuläßt. 
Wiederholungszwang und direkte lustvolle Triebbefriedigung 
scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken. 
Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig im Dienste 
des Widerstandes von selten des auf der Verdrängung behar- 
renden Ichs; der Wiederholungszwang wird gleichsam von 
dem Ich, das am Lustprinzip festhalten will, zur Hilfe gerufen. 
An dem, was man den Schicksalszwang nennen könnte, scheint 
uns vieles durch die rationelle Erwägung verständüch, so daß 
man ein Bedürfnis nach der Aufstellung eines neuen geheimnis- 
vollen Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten ist viel- 
leicht der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung 
muß man doch zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen 
der Sachverhalt durch die Leistung der uns bekannten Motive 
nicht gedeckt wirdXEs bleibt genug übrig, was die Annahme 
des Wiederholungszwanges rechtfertigt, und dieser erscheint 
uns ursprünglicher, elementarer, triebhafter als das von ihm 
zur Seite geschobene Lustprinzip, Wenn es aber einen solchen 
Wiederholungszwang im Seelischen gibt, so möchten wir gerne 
etwas darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter 
welchen Bedingungen er hervortreten kann und in welcher 
Beziehung er zum Lustprinzip steht, dem wir doch bisher die 
Herrschaft über den Ablauf der Erregungsvorgänge im Seelen- 
leben zugetraut haben. 



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IV. 



Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekula- 
tion, die ein jeder nach seiner besonderen Einstellung würdi- 
gen oder vernachlässigen wird. Im weiteren ein Versuch zur 
konsequenten Ausbeutung einer Idee, aus Neugierde, wohin 
dies führen wird. 

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der 
Untersuchung unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck 
an, daß das Bewußtsein nicht der allgemeinste Charakter der 
seelischen Vorgänge, sondern nur eine besondere Funktion der- 
selben sein könne. In metapsychologischer Ausdrucksweise 
behauptet sie, das Bewußtsein sei die Leistung eines beson- 
deren Systems, das sie Bw. benennt. Da das Bewußtsein im 
wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert, die aus 
der Außenwelt kommen und Empfindungen von Lust und Un- 
lust, die nur aus dem Inneren des seelischen Apparates stammen 
können, kann dem System W-Bw. eine räumliche Stellung zu- 
gewiesen werden. Es muß an der Grenze von außen und innen 
liegen, der Außenwelt zugekehrt sein und die anderen psychi- 
schen Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit die- 
sen Annahmen nichts Neues gewagt, sondern uns der lokali- 
sierenden Hirnanatomie angeschlossen haben, welche den 
„Sitz'' des Bewußtseins in die Hirnrinde, in die äußerste, um- 
hüllende Schicht des Zentralorgans verlegt. Die Hirnanatomie 
braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, warum — 
anatomisch gesprochen — das Bew^ußtsein gerade an der Ober- 
fläche des Gehirns untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt 
irgendwo im innersten Innern desselben zu hausen. Vielleicht 
bringen wir es in der Ableitung einer solchen Lage für unser 
System W-Bw. weiter. 



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22 Stern. Freud, ( 

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, diei 
wir den Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir stützenj 
uns auf die Eindrücl<:e unserer psychoanalytischen Erfahrung^ 
wenn wir annehmen, daß alle Erregungsvorgänge in den ande- 
ren Systemen Dauerspuren als Grundlage des Gedächtnisses 
in diesen hinterlassen, Erinnerungsreste also, die nichts mit dem 
Bewußtwerden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und 
haltbarsten, wenn der sie zurücklassende Vorgang niemals 
zum Bewußtsein gekommen ist. Wir finden es aber beschwer- 
lich zu glauben, daß solche Dauerspuren der Erregung auch im 
System W-Bw. zustanjdejkommen. Sie würden die Eignung des 
Systems zur Aufnahme neuer Erregungen sehr bald einschrän- 
ken \ wenn sie immer bewußt blieben ; im anderen Falle, wenn 
sie unbewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die 
Existenz unbewußter Vorgänge in einem System zu erklären, 
dessen Funktionieren sonst vom Phänomen des Bewußtseins 
begleitet wird. Wir hätten sozusagen durch unsere Annahme, 
welche das Bewußtwerden in ein besonderes System verweist, 
nichts verändert und nichts gewonnen. Wenn dies auch keine 
absolut verbindliche Erwägung sein mag,Yso kann sie uns doch 
zur Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden und Hinter- 
lassung einer Gedächtnisspur für dasselbe System miteinander 
unverträglich sind. Wir würden so sagen können, im System 
Bw. werde der Erregungsvorgang bewußt, hinterlasse aber 
keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf welche sich 
die Erinnerung stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erre- 
gung auf die nächsten inneren Systeme in diesen zustande. In 
diesem Sinne ist auch das Schema entworfen, welches ich dem 
spekulativen Abschnitt meiner „Traumdeutung" 1900 eingefügt 
habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus anderen Quellen 
über die Entstehung des Bewußtseins wissen, wird man dem 
Satze, da,s Bewußtsein entstehe an Stelle der 
Erinnerungsspur, wenigstens die Bedeutung einer 
irgendwie bestimmten Behauptung einräumen müssen. 

i Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit aus- 



^ Dies tdurchaois nach J. Breaier'« Afusemandersetzutitg im theoreti- 
sclien Abschnitt der „Studien über Hysterie", 1895. 



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Jenseits des Lustprinzips. 23 



gezeichnet, daß der Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen 
anderen psychischen Systemen eine dauernde Veränderung 
seiner Elemente hinterläßt, sondern gleichsam im Phänomen 
des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche Abweichung von der 
allgemeinen Regel fordert eine Erklärung durch ein Moment, 
welches ausscWießhch bei diesem einen System in Betracht 
kommt, und dies den anderen Systemen abzusprechende Mo- 
ment könnte leicht die exponierte Lage des Systems Bw. sein, 
sein unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt. 

Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größt- 
möglichen Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reiz- 
barer Substanz vor; dann ist seine der Außenwelt zugekehrte 
Oberfläche durch ihre Lage selbst differenziert und dient als 
reizaufnehmendes Organ. Die Embryologie als Wiederholung 
der Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, daß das 
Zentralnervensystem aus dem Ektoderm hervorgeht, und die 
graue Hirnrinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven 
Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften derselben 
durch Erbschaft übernommen haben. Es wäre dann leicht denk- 
bar, daß durch unausgesetzten Anprall der äußeren Reize an 
die Oberfläche des Bläschens dessen Substanz bis in eine 
gewisse Tiefe dauernd verändert wird, so daß ihr Erregungs- 
vorgang anders abläuft als in tieferen Schichten. Es bildete 
sich so eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durch- 
gebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten Ver- 
hältnisse entgegenbringt und einer weiteren Modifikation nicht 
fähig ist. Auf das System Bw. übertragen, würde dies meinen, 
daß dessen Elemente keine Dauerveränderung beim Durch- 
gang der Erregung mehr annehmen können, weil sie bereits 
aufs äußerste im Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann 
sind sie aber befähigt, das Bewußtsein entstehen zu lassen. 
Worin diese Modifikation der Substanz und des Erregungs- 
vorgangs in ihr besteht, darüber kann man sich mancherlei 
Vorstellungen machen, die sich der Prüfung derzeit entziehen. 
Man kann annehmen, die Erregung habe bei ihrem Fortgang 
von einem Element zum anderen einen Widerstand zu über- 
winden und diese Verringerung des Widerstandes setze eben 
die Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw. be- 



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24 Slgm. Fremd. 

Stünde also ein solcher Übergangswiderstand von einem Ele-{ 
ment zum anderen nicht mehr. Man kann mit dieser Vorstellung^ 
die Breuer'sche Unterscheidung von ruhender (gebundener) 
und frei bewegUcher Besetzungsenergie in den Elementen der 
psychischen Systeme zusammenbringen \- die Elemente des 
Systems Bw. würden dann keine gebundene und nur frei ab- 
fuhrfähige Energie führen. Aber ich meine, vorläufig ist es bes- 
ser, wenn man sich über diese Verhältnisse mögHchst unbe- 
stimmt äußert. Immerhin hätten wir durch diese Spekulationen 
die Entstehung des Bewußtseins in einen gewissen Zusammen- 
hang mit der Lage des Systems Bw. und dem ihm zuzuschrei- 
benden Besonderheiten des Erregungsvorganges verflochten. 
An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden 
Rindenschichte haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses 
Stückchen lebender Substanz schwebt inmitten einer mit den 
stärksten Energien geladenen Außenwelt und würde von den 
Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es nicht mit 
einem Reizschutz versehen wäre. Es bekommt ihn da- 
durch, daß seine äußerste Oberfläche die dem Lebenden zukom- 
mende Struktur aufgibt, gewissermaßen anorganisch wird und 
nun als eine besondere Hülle oder Membran reizabhaltend 
wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die Energien der Außenwelt 
sich nur mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten 
lebend gebhebenen Schichten fortsetzen können. Diese können 
nun hinter dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelas- 
senen Reizmengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch 
ihr Absterben alle tieferen vor dem gleichen Schicksal bewahrt, 
wenigstens so lange, bis nicht Reize von solcher Stärke heran- 
kommen, daß sie den Reizschutz durchbrechen. Für den leben- 
den Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wichtigere 
Aufgabe als die Reizaufnahme^^er ist mit einem eigenen Energie- 
vorrat ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die beson- 
deren Formen der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor 
dem gleichmachenden, also zerstörenden Einfluß der über- 
großen, draußen arbeitenden Energien zu bewahren. Die Reiz- 
aufnahme dient vor allem der Absicht, Richtung und Art der 

^ Studien über Hysterie von J. Breuer und S. Freud, 3. unver- 
änderte Auflage, 1917. 



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Jensteits des Lustpximzips. 25 

1 

äußeren Reize zu erfahren, und dazu muß es genügen, der 

Außenwelt kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen Quan- 
titäten zu verkosten. Bei den hochentwickelten Organismen 
hat sich die reizaufnehmende Rindenschicht des einstigen Bläs- 
chens längst in die Tiefe des Körperinnern zurückgezogen, aber 
Anteile von ihr sind an der Oberfläche unmittelbar unter dem 
allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind die Sinnes- 
organe, die im wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme spezi- 
fischer Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem besondere 
Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße Reiz- 
mengen und zur Abhaltung unangemessener Reizarten. Es ist 
für sie charakteristisch, daß sie nur sehr geringe Quantitäten 
des äußeren Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben 
der Außenwelt vor; vielleicl^ darf man sie Fühlern vergleichen, 
die sich an die Außenwelt herantasten und dann immer wieder 
von ihr zurückziehen. 

Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu be- 
rühren, welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. 
Der Kant'sche Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen 
unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser psycho- 
analytischer Erkenntnisse einer Diskussion unterzogen werden. 
Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an 
sich „zeitlos" sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich 
geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß 
man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es 
sind dies negative Charaktere, die man sich nur durch Ver- 
gleichung mit den bewußten seeHschen Prozessen deutlich 
machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung scheint viel- 
mehr durchaus von der Arbeitsweise des Systems W-Bw. her- 
geholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu ent- 
sprechen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein 
anderer Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, 
daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber 
auf solche Andeutungen beschränken. 

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen 
mit einem Reizschutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. 
Vorhin hatten wir festgelegt, daß die nächste Rindenschicht 
desselben als Organ zur Reizaufnahme von außen differenziert 



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26 Siigm. Freud. 

sein muß. Diese empfindiiclie Rindenschicht, das spätere System 
Bw., empfängt aber auch Erregungen von innen her; die Stellung 
des Systems zwischen außen und innen und die Verschiedenheit 
der Bedingungen für die Einwirkung von der einen und der 
anderen Seite werden maßgebend für die Leistung des Systems 
und des ganzen seeUschen Apparatsy Gegen außen gibt es einen 
Reizschutz, die ankommenden Erregungsgrößen werden nur in 
verkleinertem Maßstab wirken; nach innen zu ist ein Reiz- 
schutz unmögHch, die Erregungen der tieferen Schichten setzen 
sich direkt und in unverringertem Maße auf das System fort, 
indem gewisse Charaktere ihres Ablaufes die Reihe der Lust- 
Unlustempfindungen erzeugen. Allerdings werden die von ihnen 
kommenden Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen 
qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) der 
Arbeitsweise des Systems adaequater sein als die von der 
Außenwelt zuströmenden Reize. Aber zweierlei ist durch diese 
Verhältnisse entscheidend bestimmt, erstens die Praevalenz 
der Lust- und Unlustempfindungen, die ein Index für Vorgänge 
im Innern des Apparates sind, über alle äußeren Reize, und 
zweitens eine Richtung des Verhaltens gegen solche innere Er- 
regungen, welche allzu große Unlustvermehrung herbeiführen. 
Es wird sich die Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob 
sie nicht von innen, sondern von außen her einwirkten, um die 
Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung brin- 
gen zu können. Dies ist die Herkunft der Projektion, der 
eine so große Rolle bei der Verursachung pathologischer Pro- 
zesse vorbehalten ist. 

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Über- 
legungen die Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis 
angenähert haben; eine Aufklärung jener Fälle, die sich ihm 
widersetzen, haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir darum 
einen Schritt weiter. Solche Erregungen von außen, die stark 
genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir 
traumatische. Ich glaube, daß der Begriff des Traumas 
eine solche Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung 
erfordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird gewiß 
eine großartige Störung im Energiebetrieb des Organismus her- 
vorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber das 



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i Jenseits des Lustpiiozips. 27 

Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die Über- 
schwemmung des seelischen Apparats mit großen Reizmengen 
ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich vielmehr eine 
andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen 
Reizmengen psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung 
zuzuführen. 

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen 
Schmerzes der Erfolg davon^^aß der Reizschutz in beschränk- 
tem Umfange durchbrochen wurde.x Von dieser Stelle der 
Peripherie strömen dann dem seelischen Zentralapparat konti- 
nuierUche Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem Innern des 
Apparates kommen konnten ^ Und was können wir als die 
Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? 
Von allen Seiten her wird die Besetzungsenergie aufgeboten, 
um in der Umgebung der Einbruchstelle entsprechend hohe 
Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird eine großartige 
„Qegenbesetzung** hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen 
psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Läh- 
mung oder Herabsetzung der sonstigen psychischen Leistung 
erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, unsere 
metapsychologischen Vermutungen an solche Vorbilder anzu- 
lehnen. Wir ziehen also aus diesem Verhalten den Schluß, daß 
ein selbst hochbesetztes System imstande ist, neu hinzukom- 
mende strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende Be- 
setzung umzuwandeln, also sie psychisch zu „binden". Je höher 
die eigene ruhende Besetzung ist, desto größer wäre auch ihre 
bindende Kraft; umgekehrt also, je niedriger seine Besetzung 
ist, desto weniger wird das System für die Aufnahme zuströ- 
mender Energie befähigt sein, desto gewaltsamer müssen dann 
die Folgen eines solchen Durchbruchs des Reizschutzes sein. 
Man wird gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwenden, 
daß die Erhöhung der Besetzungen um die Einbruchsstelle sich 
weit einfacher aus der direkten Fortleitung der ankommenden 
Erregungsmengen erkläre. Wenn dem so wäre, so würde der 
seelische Apparat ja nur eine Vermehrung seiner Energie- 



^ Vgl. Triebe und Triebschicksale. Sammluntg kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre, IV, 1918. 



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28 Slgm. Freuid'. 

besetzungen erfahren, und der lähmende Charakter des Schmer- 
zes, die Verarmung aller anderen Systeme bUebe unaufgeklärte" 
Auch die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören 
unsere Erklärung nicht, denn sie gehen reflektorisch vor sich, 
das heißt, sie erfolgen ohne Vermittlung des seeHschen Appa- 
rats. Die Unbestimmtheit all unserer Erörterungen, die wir 
metapsychologische heißen, rührt natürlich daher, daß wir 
nichts über die Natur des Erregungsvorganges in den Elementen 
der psychischen Systeme wissen und uns zu keiner Annahme 
darüber berechtigt fühlen. So operieren wir also stets mit 
einem großen X, welches wir in jede neue Formel mit hinüber- 
nehmen. Daß dieser Vorgang sich mit quantitativ verschiedenen 
Energien vollzieht, ist eine leicht zulässige Forderung, daß er 
auch mehr als eine Qualität (z. B. in der Art einer Amplitude) 
hat, mag uns wahrscheinHch sein; als neu haben wir die Auf- 
stellung Breuer's in Betracht gezogen, daß es sich um 
zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt, so daß eine frei- 
strömende, nach Abfuhr drängende, und eine ruhende Besetzung 
der psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu unterschei- 
den ist. Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, daß die 
„Bindung'* der in den seeHschen Apparat einströmenden Energie 
in einer Überführung aus dem frei strömenden in den ruhenden 
Zustand besteht. 

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine 
traumatische NeurosQ. als die Folge eines ausgiebigen Durch- 
bruchs des Reizschutzes aufzufassen. Damit wäre die alte, 
naive Lehre vom Schock in ihre Rechte eingesetzt, anscheinend 
im Gegensatz zu einer späteren und psychologisch anspruchs- 
volleren, welche nicht der mechanischen Qewalteinwirkung, 
sondern dem Schreck und der Lebensbedrohung die ätiolo- 
gische Bedeutung zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht 
unversöhnlich, und die psychoanalytische Auffassung der trau- 
matischen Neurose ist mit der rohesten Form der Schocktheorie 
nicht identisch. Versetzt letztere das Wesen des Schocks in die 
direkte Schädigung der molekularen Struktur, oder selbst der 
histologischen Struktur der nervösen Elemente, so suchen wir 
dessen Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für 
das Seelenorgan und aus den daraus sich ergebenden Aufgaben 



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Jetis<eits des Lustprimzips. 29 

.2U verstehen. Der Schreck behält seine Bedeutung auch für uns. 
Seine Bedingung ist das Fehlen der Angstbereitschaft, welche 
die Überbesetzung der den Reiz zunächst aufnehmenden 
Systeme einschließt. Infolge dieser niedrigeren Besetzung sind 
die Systeme dann nicht gut imstande, die ankommenden Erre- 
gungsmengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung des 
Reizschutzes stellen sich um so vieles leichter ein. Wir finden 
so, daß die Angstbereitschaft mit der Überbesetzung der auf- 
nehmenden Systeme die letzte Linie des Reizschutzes dar- 
stellt. Für eine ganze Anzahl von Traumen mag der Unter- 
schied zwischen den unvorbereiteten und den durch Über- 
besetzung vorbereiteten Systemen das für den Ausgang ent- 
scheidende Moment sein; von einer gewissen Stärke des 
Traumas an wird er wohl nicht mehr ins Gewicht fallen. Wenn 
die Träume der Unfallsneurotiker die Kranken so regelmäßig 
in die Situation des Unfalles zurückführen, so dienen sie damit 
allerdings nicht der Wunscherfüllung, deren halluzinatorische 
Herbeiführung ihnen unter der Herrschaft des Lustprinzips zur 
Funktion geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß sie sich 
dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren 
Lösung vorangehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft 
beginnen kann. Diese Träume suchen die Reizbewältigung 
unter Angstentwicklung nachzuholen, deren Unterlassung die 
Ursache der traumatischen Neurose geworden ist. Sie geben 
uns so einen AusbUck auf eine Funktion des seelischen Appa- 
rats, welche, ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch 
unabhängig von ihm ist und ursprüngHcher scheint als die Ab- 
sicht des Lustgewinns und der Unlustvermeidung. 

Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem 
Satze, der Traum ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die 
Angstträume sind keine solche Ausnahme, wie ich wiederholt 
und eingehend gezeigt habe, auch die „Strafträume'' nicht, denn 
diese setzen nur an die Stelle der verpönten Wunscherfüllung 
die dafür gebührende Strafe, sind also die Wunscherfüllung des 
auf den verworfenen Trieb reagierenden Schuldbewußtseins. 
Aber die obenerwähnten Träume der Unfallsneurotiker lassen 
sich nicht mehr unter den Gesichtspunkt der Wunscherfüllung 
bringen, und ebensowenig die in den Psychoanalysen vorfallen- 



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30 Sfetn. Freud. 

den Träume, die uns die Erinnerung der psychischen Traumen 
der Kindheit wiederbringen. Sie gehorchen vielmehr dem 
Wiederholungszwang, der in der Analyse allerdings durch den 
— nicht unbewußten — Wunsch, das Vergessene und Ver- 
drängte heraufzubeschwören, unterstützt wird. So wäre also 
auch die Funktion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des 
Schlafes durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu 
beseitigen, nicht seine ursprüngliche, er konnte sich ihrer erst 
bemächtigen, nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft 
des Lustprinzips angenommen hatte. Gibt es ein „Jenseits des 
Lustprinzips", so ist es folgerichtig, auch für die wunscherfül- 
lende Tendenz des Traumes eine Vorzeit zuzulassen. Damit 
wird seiner späteren Funktion nicht widersprochen. Nun er- 
hebt sich, wenn diese Tendenz einmal durchbrochen ist, die 
weitere Frage: Sind solche Träume, welche im Interesse der 
psychischen Bindung traumatischer Eindrücke dem Wieder- 
holungszwange folgen, nicht auch außerhalb der Analyse mög- 
lich? Dies ist durchaus zu bejahen. 

Von den „Kriegsneurosen", soweit diese Bezeichnung mehr 
als die Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, habe 
ich an anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl trauma- 
tische Neurosen sein könnten, die durch einen Ichkonflikt er- 
leichtert worden sind ^ Die auf Seite 8 erwähnte Tatsache, daß 
eine gleichzeitige grobe Verletzung durch das Trauma die 
Chance für die Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht 
mehr unverständüch, wenn man zweier von der psychoanalyti- 
schen Forschung betonten Verhältnisse gedenkt. Erstens, daß 
mechanische Erschütterung als eine der Quellen der Sexual- 
erregung anerkannt werden muß (vgl. die Bemerkungen, „Die 
Wirkung des Schaukeins und Eisenbahnfahrens" in „Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie", 4. Auflage, 1920), und zweitens, 
daß dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein während 
seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der 
Libido zukommt. So würde also die mechanische Gewalt des 
Traumas das Quantum Sexualerregung frei machen, welches 



^ Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Internationale 
Psychoanalytisch« Bibliothek, Nr, 1, 1919. 



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Jenseits des Lustprinizips. 31 

infolge der mangelnden Angstvorbereitung traumatisch wirkt, 
die gleichzeitige Körperverletzung würde aber durch die An- 
spruchnahme einer narzißtischen Überbesetzung des leidenden 
Organs den Überschuß an Erregung binden (s. „Zur Einfüh- 
rung des Narzißmus", Kleine Schriften zur Neurosenlehre, 
4. Folge, 1918). Es ist auch bekannt, aber für die Libidotheorie 
nicht genügend verwertet worden, daß so schwere Störungen 
in der Libidoverteilung wie die einer MelanchoUe durch eine 
interkurrente organische Erkrankung zeitweilig aufgehoben 
werden, ja daß sogar der Zustand einer vollentwickelten 
Dementia praecox unter der nämHchen Bedingung einer vor- 
übergehenden Rückbildung fähig ist. 



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V. 



Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende 
Rindenschicht gegen Erregungen von innen her wird die Folge 
haben müssen, daß diese Reizübertragungen die größere ökono- 
mische Bedeutung gewinnen und häufig zu ökonomischen Stö- 
rungen Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen gleichzu- 
stellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung 
sind die sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsen- 
tanten aller aus dem Körperinnern stammenden, auf den seeli- 
schen Apparat übertragenen Kraftwirkungen, selbst das wich- 
tigste wie das dunkelste Element der psychologischen 
Forschung. 

Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß 
die von den Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus 
des gebundenen, sondern den des frei bewegHchen, nach Ab- 
fuhr drängenden Nervenvorganges einhalten. Das Beste, was 
wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der 
Traumarbeit her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den 
unbewußten Systemea von denen in den (vor-)bewußten 
gründHch verschieden sind, daß im Unbewußten Besetzungen 
leicht vollständig übertragen, verschoben, verdichtet werden 
können, was nur fehlerhafte Resultate ergeben könnte, wenn 
es an vorbewußtem Material geschähe, und was darum auch 
die bekannten Sonderbarkeiten des manifesten Traumes ergibt, 
nachdem die vorbewußten Tagesreste die Bearbeitung nach 
den Gesetzen des Unbewußten erfahren haben. Ich nannte die 
Art dieser Prozesse im Unbewußten den psychischen „Primär- 
vorgang'' zum Unterschied von dem für unser normales Wach- 
leben gültigen Sekundärvorgang. Da die Triebregungen alle 



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! , Jenseits des Lustprinizips. 33 

an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum eine Neue- 
rung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang folgen, und anderer- 
seits gehört wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang 
mit der frei beweglichen Besetzung, den Sekundärvorgang mit 
den Veränderungen an der gebundenen oder tonischen Be- 
setzung Breuer's zu identifizieren \ Es wäre dann die Auf- 
gabe der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im 
Primärvorgang anlangende Erregung der Triebe zu binden. 
Das Mißglücken dieser Bindung würde eine der traumatischen 
Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter 
Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seiner 
Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen. 
Bis dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelenapparates, 
die Erregung zu bewältigen oder zu binden, voranstehen, zwar 
nicht im Gegensatz zum Lustprinzip aber unabhängig von ihm 
und zum Teil ohne Rücksicht auf dieses. 

' Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an 
den frühen Tätigkeiten des kindUchen Seelenlebens wie an den 
Erlebnissen der psychoanalytischen Kur beschrieben haben, 
zeigen im hohen Qrade den triebhaften, und wo sie sich im 
Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den dämonischen Charak- 
ter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß das Kind 
auch das unlustvolle Erlebnis darjim wiederholt, w^U es sich 
durch seine Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des 
starken Eindruckes erwirbt, als beim bloß passiven Erleben 
möglich war. Jede neuerliche Wiederholung scheint diese an- 
gestrebte Beherrschung zu verbessern, und auch bei lustvollen 
Erlebnissen kann sich das Kind an Wiederholungen nicht genug 
tun und wird unerbittlich auf der Identität des Eindruckes be- 
stehen. Dieser Charakterzug ist dazu bestimmt, späterhin zu 
verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz wird fast 
wirkungslos bleiben, eine Theateraufführung wird nie mehr 
zum zweitenmal den Eindruck erreichen, den sie das erstemal 
hinterließ; ja, der Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, 
ein Buch, das ihm sehr gefallen hat, sobald nochmals durchzu- 



^ Vgl. den Abschnitt VH, Psychologie der Traoimvorgänge in meiner 
„Traumdeutung". 



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34 ' Sigtn. Freud. 

lesen. Immer wird die Neuheit die Bedingung des Genusses 
sein. Das Kind aber wird nicht müde werden, vom Erwach- 
senen die Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit ihm an- 
gestellten Spieles zu verlangen, bis dieser erschöpft es ver- 
weigert, und wenn man ihm eine schöne Geschichte erzählt hat, 
will es immer wieder die nämliche Geschichte anstatt einer 
neuen hören, besteht unerbittUch auf der Identität der Wieder- 
holung und verbessert jede Abänderung, die sich der Erzähler 
zuschulden kommen läßt, mit der er sich vielleicht sogar ein 
neues Verdienst erwerben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei 
nicht widersprochen ;'^ es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, 
das Wiederfinden der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet. 
Beim Analysierten hingegen wird es klar, daß der Zwang, die 
Begebenheiten seiner infantilen Lebensperiode in der Über- 
tragung zu wiederholen, sich in jeder Weise über das Lust- 
prinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich dabei vöUig wie 
infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten Erinnerungs- 
spuren seiner urzeitUchen Erlebnisse nicht im gebundenen 
Zustande in ihm vorhanden, ja gewissermaßen des Sekundär- 
vorganges nicht fähig sind. Dieser Ungebundenheit verdanken 
sie auch ihr Vermögen, durch Anheftung an die Tagesreste eine 
im Traum darzustellende Wunschphantasie zu bilden. Derselbe 
Wiederholungszwang tritt uns so oft als therapeutisches Hin- 
dernis entgegen, wenn wir zu Ende der Kur die völHge Ab- 
lösung vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist anzunehmen, 
daß die dunkle Angst der mit^der Analyse nicht Vertrauten, die 
sich scheuen irgend etwas aufzuwecken, was man nach ihrer 
Meinung besser schlafen ließe, im Grunde das Auftreten dieses 
dämonischen Zwanges fürchtet. 

Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang 
zur Wiederholung zusammen? Hier muß sich uns die Idee auf- 
drängen, daß wir einem allgemeinen, bisher nicht klar erkann- 
ten — oder wenigstens nicht ausdrücküch betonten — 
Charakter der Triebe, vielleicht alles organischen Lebens 
überhaupt, auf die Spur gekommen sind. Ein Trieb wäre 
also ein dem belebten Organischen innewoh- 
nender Drang zur Wiederherstellung eines 
früheren Zustande s, welchen dies Belebte unter dem 



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Jenseits des Lustprinizips. 35 

Einflüsse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine Art von 
organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der 
Trägheit im organischen Leben \ 

Diese Auffassung des Triebes khngt befremdhch, denn wir 
haben uns daran gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und 
Entwicklung drängende Moment zu sehen, und sollen nun das 
gerade Gegenteil in ihm erkennen, den Ausdruck der konserva- 
tiven Natur des Lebenden. Andererseits fallen uns sehr bald 
jene Beispiele aus dem Tierleben ein, welche die historische 
Bedingtheit der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse 
Fische um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen unter- 
nehmen, um den Laich in bestimmten Gewässern, weit entfernt 
von ihren sonstigen Wohnorten abzulegen, so haben sie nach 
der Deutung vieler Biologen nur die früheren Wohnstätten 
ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der Zeit gegen andere 
vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der Zug- 
vögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen enthebt 
uns bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erblich- 
keit und in den Tatsachen der Embr3^ologie die großartigsten 
Beweise für den organischen Wiederholungszwang haben. Wir 
sehen, der Keim eines lebenden Tieres ist genötigt, in seiner 
Entwicklung die Strukturen all der Formen, von denen das 
Tier abstammt — wenn auch in flüchtiger Abkürzung — zu 
wiederholen, anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner defini- 
tiven Gestaltung zu eilen, urid können dies Verhalten nur zum 
geringsten Teile mechanisch erklären, dürfen die historische 
Erklärung nicht beiseite lassen. Und ebenso erstreckt sich weit 
in die Tierreihe hinauf ein Reproduktionsvermögen, welches 
ein verlorenes Organ durch die Neubildung eines ihm durchaus 
gleichen ersetzt. 

Der nahehegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß 
es außer den konservativen Trieben, die zur Wiederholung 
nötigen, auch andere gibt, die zur Neugestaltung und zum Fort- 
schritt drängen, darf gewiß nicht unberücksichtigt bleiben; er 
soll auch späterhin in unsere Erwägungen einbezogen werden» 
Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß alle 

^ Ich bezweifle niaht, daß ähnliche Vermutungen über die Natur der 
„Triebe" bereits wiederholt geäußert worden sind. 



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I 

\ 
j 

36 Shgm. Freud. ^ 

Triebe Früheres wiederherstellen wollen, in ihre letzten Kon- 
sequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei herauskommt, den 
Anschein des „Tiefsinnigen" erwecken oder an Mystisches an- 
klingen, so wissen wir uns doch von dem Vorwurf frei, etwas 
derartiges angestrebt zu haben. Wir suchen nüchterne Resul- 
tate der Forschung oder der auf sie gegründeten Überlegung, 
und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen Charakter als 
den der Sicherheit verleihen. 

Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch 
erworben und auf Regression, Wiederherstellung von Früherem 
gerichtet sind, so müssen wir alle Erfolge der organischen Ent- 
wicklung auf die Rechnung äußerer, störender und ablenkender 
Einflüsse setzen. Das elementare Lebewesen würde sich von 
seinem Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte unter sich 
gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den nämüchen Lebens- 
lauf wiederholt. Aber im letzten Grunde müßte es die Entwick- 
lungsgeschichte unserer Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne 
sein, die uns in der Entwicklung der Organismen ihren Ab- 
druck hinterlassen hat. Die konservativen organischen Triebe 
haben jede dieser aufgezwungenen Abänderungen des Lebens- 
laufes aufgenommen und zur Wiederholung aufbewahrt und 
müssen so den täuschenden Eindruck von Kräften machen, die 
nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß 
ein altes Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. 
Auch dieses Endziel alles organischen Strebens ließe sich an- 
geben. Der konservativen Natur der Triebe widerspräche es, 
wenn das Ziel des Lebens ein noch nie zuvor erreichter Zustand 
wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein Ausgangszustand, sein, den 
das Lebende einmal verlassen hat, und zu dem es über alle 
Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als aus- 
nahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles Lebende aus 
inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so 
können wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der 
Tod, und zurückgreifend: DasLeblosewarfrüherda 
als das Lebende. ^ 

Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine 
noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften 
des Lebenden erweckt. Vielleicht war es ein Vorgang vorbild- 



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Jenseits des Lustprinizips. 37 

lieh ähnlich jenem anderen, der in einer gewissen Schicht der 
lebenden Materie später das Bewußtsein entstehen ließ. Die da- 
mals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff 
trachtete darnach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb 
gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren. Die damals 
lebende Substanz hatte das Sterben noch leicht, es war wahr- 
scheinUch nur ein kurzer Lebensweg zu durchlaufen, dessen 
Richtung durch die chemische Struktur des jungen Lebens be- 
stimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag so die lebende Sub- 
stanz immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben 
sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, daß sie 
die noch überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkun- 
gen vom ursprünglichen Lebensweg und zu immer komplizier- 
teren Umwegen bis zur Erreichung des Todeszieles nötigten. 
Diese Umwege zum Tode, von den konservativen Trieben ge- 
treulich festgehalten, böten uns heute das Bild der Lebens- 
erscheinungen. Wenn man an der ausschließlich konservativen 
Natur der Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen 
über Herkunft und Ziel des Lebens nicht gelangen. 

Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, 
was sich für die großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir 
hinter den Lebenserscheinungen der Organismen statuieren. 
Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe, die wir jedem leben- 
den Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz zur 
Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der Herbeiführung 
des Todes dient. Die theoretische Bedeutung der Selbsterhal- 
tungs-, Macht- und Geltungstriebe schrumpft, in diesem Licht 
gesehen, ein; es sind Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen 
Todesweg des Organismus zu sichern und andere Möglich- 
keiten der Rückkehr zum Anorganischen als die immanenten 
fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen Zusammenhang 
einfügbare Bestreben des Organismus, sich aller Welt zum 
Trotz zu behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus 
nur auf seine Weise sterben will; auch diese Lebenswächter 
sind ursprüngHch Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt 
das Paradoxe zustande, daß der lebende Organismus sich auf 
das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) sträubt, die 
ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege 



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38 Slgm. Fr^euid. 

(durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten 
charakterisiert eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem 
intelligenten Streben \ 

Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein 
ganz anderes Licht rücken die Sexualtriebe, für welche die 
Neurosenlehre eine Sonderstellung in Anspruch genommen hat. 
Nicht alle Organismen sind dem äußeren Zwang unterlegen, 
der sie zu immer weiter gehender Entwicklung antrieb. Vielen 
ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegen- 
wart zu bewahren; es leben ja noch heute, wenn nicht alle, so 
doch viele Lebewesen, die den Vorstufen der höheren Tiere 
und Pflanzen ähnlich sein müssen. Und ebenso machen nicht 
alle Elementarorganismen, welche den kompUzierten Leib 
eines höheren Lebewesens zusammensetzen, den ganzen Ent- 
wicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige unter 
ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüng- 
hche Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen 
ererbten und neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer 
gewissen Zeit vom ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es 
gerade diese beiden Eigenschaften, die ihnen ihre selbständige 
Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen gebracht, 
beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, dem sie 
ihre Entstehung verdanken, zu wiederholen, und dies endet 
damit, daß wieder ein Anteil ihrer Substanz die Entwicklung 
bis zum Ende fortführt, während ein anderer als neuer Keim- 
rest von neuem auf den Anfang der Entwicklung zurückgreift. 
So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Sub- 
stanz entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als 
potentielle UnsterbHchkeit erscheinen muß, wenngleich es viel- 
leicht nur eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im 
höchsten Grade bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die 
Keimzelle für diese Leistung durch die Verschmelzung mit einer 
anderen, ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, ge- 
kräftigt oder überhaupt erst befähigt wird. 

Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen 
überlebenden Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre 

^ Vgl. übrigens die später fol'gende Korrektur idieser extremen Auf- 
fassung der Seil'bsterihialtunigstriebe. 



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Jenseits des Lustprinizips. 39 

sichere Unterbringung sorgen, so lange sie wehrlos gegen die 
Reize der Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit den 
anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden die Gruppe der 
Sexualtriebe/Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die 
anderen, indem sie frühere Zustände der lebenden Substanz 
wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem Maße, indem sie 
sich als besonders resistent gegen äußere Einwirkungen er- 
weisen, und dann noch in einem weiteren Sinne, da sie das 
Leben selbst für längere Zeiten erhalten. Sie sind die eigent- 
lichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der Absicht der anderen 
Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt, entgegen- 
wirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den 
übrigen an, den die Neurosenlehre als bedeutungsvoll erkannt 
hat. Es ist wie ein Zauderrhythmus im Leben der Organismen; 
die eine Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das Endziel des 
Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt an einer 
gewissen Stelle dieses Weges zurück, um ihn von einem be- 
stimmten Punkt an nochmals zu machen und so die Dauer des 
Weges zu verlängern. Aber wenn auch Sexualität und Unter- 
schied der Geschlechter zu Beginn des Lebens gewiß nicht 
vorhanden waren, so bleibt es doch mögUch, daß die später 
als sexuell zu bezeichnenden Triebe von allem Anfang an |b 
Tätigkeit getreten sjnd und ihre Gegenarbeit gegen das Spiel 
der „Ichtriebe*' nicht erst zu einem späteren Zeitpunkte auf- 
genommen haben. 

Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, 
ob nicht alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. 
Gibt es wirklich, abgesehenvon denSexualtrieben, 
keine anderen Triebe als solche, die einen früheren Zustand wie- 
derherstellen wollen, nicht auch andere, die nach einem noch nie 
erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt kein siche- 
res Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik wider- 
spräche. Ein allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in der 
Tier- und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn 
auch eine solche Entwicklungsrichtung tatsächüch unbestritten 
bleibt. Aber einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Ein- 
schätzung, wenn wir eine Entwicklungsstufe für höher als eine 
andere erklären, und andererseits zeigt uns die Wissenschaft 



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40 Sigm. Freud. 

des Lebenden, daß Höherentwicklung in einem Punkte sehr 
häufig durch Rückbildung in einem anderen erkauft oder wett- 
gemacht wird. Auch gibt es Tierformen genug, deren Jugend- 
zustände uns erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr 
einen rückschreitenden Charakter genommen hat. Höherent- 
wicklung wie Rückbildung könnten beide Folgen der zur An- 
passung drängenden äußeren Kräfte sein, und die Rolle der 
Triebe konnte sich für beide Fälle darauf beschränken, die auf- 
gezwungene Veränderung als innere Lustquelle festzuhalten \ 
Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den 
Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur 
Vervollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe 
geistiger Leistung und ethischer Sublimierung gebracht 
hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine 
Entwicklung zum Übermenschen besorgen wird. Allein 
ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und sehe 
keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen. Die 
bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner 
anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und 
was man an einer Minderzahl von menschhchen Individuen 
als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, 
läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung ver- 
stehen, auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur 
aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner 
vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines 
primären Befriedigungserlebnisses bestünde ; alle Ersatz-, 
Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um 
seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz 
zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungs- 
lust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der 
hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach 
des Dichters Worten „ungebändigt immer vorwärts dringt" 

^ Auf aiüderem Weg€ ist F<ere.nczi zur Möglicbkeit derselben Auf- 
lassung gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes, Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913): „Bei konsequenter Durchführung 
dieses Gedankenganges muß man sich mit der Idee einer auch das orga- 
nische Leben beherrscheinden Bebarroings- r^sp. Regressionstendenz ver- 
traut machen, während die Tendenz nach Fortentwicklung, Anpassung etc. 
nur auf äußere Reize hin lebendig wird/* (S. 137.) 



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Jenseits des Lustprinzips. 41 

(Mephisto im „Faust", I, Studierzimmer). Der Weg nach rüclc- 
wärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die 
Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht halten, ver- 
legt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, 
noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings 
ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichen 
zu können. Die Vorgänge bei der Ausbildung einer neurotischen 
Phobie, die ja nichts anderes als ein Fluchtversuch vor einer 
Triebbefriedigung ist, geben uns das Vorbild für die Entstehung 
dieses anscheinenden „Vervollkommnungstriebes", den wir 
aber unmögUch allen menschlichen Individuen zuschreiben 
können. Die dynamischen Bedingungen dafür sind zwar ganz 
allgemein vorhanden, aber die ökonomischen Verhältnisse 
scheinen das Phänomen nur in seltenen Fällen zu begünstigen. 



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VI. 



Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegen- 
satz zwischen den „Ichtrieben'' und den Sexualtrieben aufstellt, 
die ersteren zum Tode und die letzteren zur Lebenserhaltung 
drängen läßt, wird uns gewiß nach vielen Richtungen selbst 
nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir eigentlich nur für die 
ersteren den konservativen oder besser regredierenden, einem 
Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des Triebes 
in Anspruch nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme 
rühren die Ichtriebe von der Belebung der unbelebten Materie 
her und wollen die Unbelebtheit wieder herstellen. Die Sexual- 
triebe hingegen — es ist augenfällig, daß sie primitive Zustände 
des Lebewesens reproduzieren, aber ihr mit allen Mitteln an- 
gestrebtes Ziel ist die Verschmelzung zweier in bestimmter 
Weise differenzierter Keimzellen. Wenn diese Vereinigung nicht 
zustande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie alle anderen 
Elemente des vielzelHgen Organismus. Nur unter dieser Bedin- 
gung kann die Qeschlechtsfunktion das Leben verlängern und 
ihm den Schein der Unsterblichkeit verleihen. Welches wich- 
tige Ereignis im Entwicklungsgang der lebenden Substanz wird 
aber durch die geschlechtliche Fortpflanzung oder ihren Vor- 
läufer, die Kopulation zweier Individuen unter den Protisten, 
wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum würden 
wir es als Erleichterung empfinden, wenn unser ganzer Qedan- 
kenaufbau sich als irrtümüch erkennen Heße. Der Gegensatz 
von Ich(Todes-)trieben und Sexual(Lebens-)trieben würde 
dann entfallen, damit auch der Wiederholungszwang die ihm 
zugeschriebene Bedeutung einbüßen. 



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Jenseits des Lustprinzips. 43 

Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen An- 
lahme zurück, in der Erwartung, sie werde sich exakt wider- 
legen lassen. Wir haben auf Qrund der Voraussetzung weitere 
Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende aus inneren Ursachen 
sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorglos gemacht, 
weil sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt so zu 
denken, unsere Dichter bestärken uns darin. Vielleicht haben 
wir uns dazu entschlossen, weil ein Trost in diesem Glauben 
Hegt. Wenn man schon selbst sterben und vorher seine Lieb- 
sten durch den Tod verHeren soll, so wiü man lieber einem 
unerbittlichen Naturgesetz, der hehren 'AvayKr], erlegen sein, 
als einem ZufaH, der sich etwa noch hätte vermeiden lassen. 
Aber vieUeicht ist dieser Glaube an die innere Gesetzmäßigkeit 
des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns geschaf- 
fen haben, „um die Schwere des Daseins zu ertragen". Ur- 
sprüngHch ist er sicherHch nicht, den primitiven Völkern ist die 
Idee eines „natürHchen Todes'' fremd; sie führen jedes Sterben 
unter ihnen auf den Einfluß eines Feindes oder eines bösen 
Geistes zurück. Versäumen wir es darum nicht, uns zur Prü- 
fung dieses Glaubens an die biologische Wissenschaft zu 
wenden. 

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die 
Biologen in der Frage des natürHchen Todes einig sind, ja daß 
ihnen der Begriff des Todes überhaupt unter den Händen zer- 
rinnt. Die Tatsache einer bestimmten durchschnittHchen 
Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht natürHch 
für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß ein- 
zelne große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein sehr 
hohes und bisher nicht abschätzbares Alter erreichen, hebt 
diesen Eindruck wieder auf. Nach der großartigen Konzeption 
von W. Fließ sind aUe Lebenserscheinungen — und gewiß 
auch der Tod — der Organismen an die Erfüllung bestimmter 
Termine gebunden, in denen die Abhängigkeit zweier lebenden 
Substanzen, einer männHchen und einer weibHchen, vom 
Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Aüein die Beobachtungen, 
wie leicht und bis zu welchem Ausmaß es dem Einflüsse äuße- 
rer Kräfte möglich ist, die Lebensäußerungen insbesondere der 
Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen Auftreten zu verändern, sie 



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44 Sigm. Freud. 

ZU verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben sich gegen die 
Starrheit der F 1 i e ß'schen Formeln und lassen zum mindesten 
an der Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze 
zweifeln. 

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behand- 
lung, welche das Thema von der Lebensdauer und vom Tode 
der Organismen in den Arbeiten von A. Weismann gefun- 
den hat\ Von diesem Forscher rührt die Unterscheidung der 
lebenden Substanz in eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; 
die sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das S o m a, sie 
allein ist dem natürhchen Tode unterworfen, die Keimzellen 
aber sind potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, unter 
gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem neuen Indivi- 
duum zu entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem 
neuen Soma zu umgeben ^ 

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit 
unserer eigenen, auf so verschiedenem Wege entwickelten Auf- 
fassung. Weismann, der die lebende Substanz morpholo- 
gisch betrachtet, erkennt in ihr einen Bestandteil, der dem Tode 
verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen vom Ge- 
schlechts- und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben 
dieses Keimplasma, welches der Erhaltung der Art, der Fort- 
pflanzung, dient. Wir haben nicht den lebenden Stoff, sondern 
die in ihm tätigen Kräfte eingestellt, und sind dazu geführt wor- 
den, zwei Arten von Trieben zu unterscheiden, jene, welche das 
Leben zum Tod führen wollen, die anderen, die Sexualtriebe, 
welche immer wieder die Erneuerung des Lebens anstreben 
und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches KoroUar zu 
W e i s m a n n's morphologischer Theorie. 

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung ver- 
flüchtigt sich alsbald, wenn wir W e i s m a n n's Entscheidung 
über das Problem des Todes vernehmen. Denn W e i s m a n n 
läßt die Sonderung vom sterblichen Soma und unsterbHchen 
Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen gelten, bei 
den einzelligen Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle 



^ über die Dauer des Lebens, 1882; Über Leben und Tod, 1892; Das 
Keimplasma, 1892, u. a. 

^ Über Leben und Tod, 2. AufL 1892, S. 20. 



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Jenseits des Lustprinzips. 45 

noch ein- und dasselbe \ Die Einzelligen erklärt er also für 
potentiell unsterblich, der Tod tritt erst bei den Metazoen, den 
Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren Lebewesen ist aller- 
dings ein natürlicher, ein Tod aus inneren Ursachen, aber er 
beruht nicht auf einer Ureigenschaft der lebenden Substanz ^ 
kann nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens begründete 
Notwendigkeit aufgefaßt werden ^ Der Tod ist vielmehr eine 
Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung 
an die äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung 
der Körperzellen in Soma und Keimplasmen an die unbegrenzte 
Lebensdauer des Individuums ein ganz unzweckmäßiger Luxus 
geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser Differenzierung bei den 
VielzelHgen wurde der Tod möglich und zweckmäßig. Seither 
stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus inneren Gründen 
zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich 
geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem 
Tod eingeführt worden, sie ist vielmehr eine Ureigenschaft der 
lebenden Materie wie das Wachstum, aus welchem sie hervor- 
ging, und das Leben ist von seinem Beginn auf Erden an konti- 
nuierlich geblieben*. 

Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natür- 
lichen Todes für die höheren Organismen unserer Sache wenig 
hilft. Wenn der Tod eine späte Erwerbung der Lebewesen ist, 
dann kommen Todestriebe, die sich vom Beginn des Lebens 
auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die Vielzelligen 
mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den 
Mängeln ihrer Differenzierung oder an den Unvollkommen- 
heiten ihres Stoffwechsels; es hat für die Frage, die uns be- 
schäftigt, kein Interesse. Eine solche Auffassung und Ableitung 
des Todes liegt dem gewohnten Denken der Menschen auch 
sicherlich viel näher als die befremdende Annahme von „Todes- 
trieben". 

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von Weis- 
mann angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Rich- 



^ Dauer des Lebens, S. 38. 
^ Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67. 
^ Dauer des Lebens, S. 33. 
* Über Leben und Tod, Schluß. 



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46 Sigm. Freud. 

tung Entscheidendes ergeben ^ Manche Autoren sind zum 
Standpunkt von Qoette zurückgekehrt (1883), der in dem 
Tod die direkte Folge der Fortpflanzung sah. Hartmann 
charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer „Leiche*', 
eines abgestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern 
definiert ihn als den „Abschluß der individuellen Entwicklung". 
In diesem Sinne sind auch die Protozoen sterbHch, der Tod fällt 
bei ihnen immer mit der Fortpflanzung zusammen, aber er wird 
durch diese gewissermaßen verschleiert, indem die ganze Sub- 
stanz des Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen 
übergeführt werden kann (1. c, S. 29). 

Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, 
die behauptete UnsterbUchkeit der lebenden Substanz an den 
Einzelligen experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, 
Woodruff, hat ein bewimpertes Infusorium, ein „Pantoffel- 
tierchen", das sich durch Teilung in zwei Individuen fortpflanzt, 
in Zucht genommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er 
den Versuch abbrach, verfolgt, indem er jedesmal das eine der 
Teilprodukte isoUerte und in frisches Wasser brachte. Dieser 
späte AbkömmHng des ersten Pantoffeltierchens war ebenso 
frisch wie der Urahn, ohne alle Zeichen des Alterns oder der 
Degeneration; somit schien, wenn solchen Zahlen bereits Be- 
weiskraft zukommt, die Unsterbhchkeit der Protisten experi- 
mentell erweisbar ^ 

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. 
Maupas, Calkinsu. a. haben im Gegensatz zu Woodruff 
gefunden, daß auch diese Infusorien nach einer gewissen An- 
zahl von Teilungen schwächer werden, an Größe abnehmen, 
einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich sterben, 
wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. 
Demnach stürben die Protozoen nach einer Phase des 
Altersverfalls ganz wie die höheren Tiere, so recht im 
Widerspruch zu den Behauptungen Weismann's, der 



^ Vgl. Max Hartmiann, Tod und Fortpflanz-ung, 1906; Alex. 
Lipschütz, Warum wir sterbeni, Kosmsosbücher, 1914; Franz Doflein, 
Das Problem des Todes und der Unsterblichkeit bei den Pflanzen und 
Tierem, 1919. 

^ Für -dies 'und das Folgende vgl. Lipschütz 1. c, S. 26 und 52 ff. 



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Jenseits des Lustpiinizips. 47 

den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden Organismen 
anerkennt. 

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir 
zwei Tatsachen heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten 
scheinen. Erstens: Wenn die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da 
sie noch keine Altersveränderung zeigen, miteinander zuzweit 
verschmelzen, „kopuHeren" können — worauf sie nach einiger 
Zeit wieder auseinandergehen — , so bleiben sie vom Alter 
verschont, sie sind „verjüngt'' worden. Diese Kopulation 
ist doch wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung 
noch nichts zu tun, beschränkt sich auf die Vermischung 
der Substanzen beider Individuen (W e i s m a n n's Amphi- 
mixis). Der auffrischende Einfluß der Kopulation kann aber 
auch ersetzt werden durch bestimmte Reizmittel, Ver- 
änderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit, 
Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert sich an das 
berühmte Experiment von J. L o e b, der Seeigeleier durch ge- 
wisse chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die sonst 
nur nach der Befruchtung auftreten. 

Zweitens: Es ist doch wahrscheinüch, daß die Infusorien 
durch ihren eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod 
geführt werden, denn der Widerspruch zwischen den Ergeb- 
nissen von Woodruff und von anderen rührt daher, daß 
Woodruff jede neue Generation in frische Nährflüssigkeit 
brachte. Unterließ er dies, so beobachtete er dieselben Alters- 
veränderungen der Generationen wie die anderen Forscher. 
Er schloß, daß die Tierchen durch die Produkte des Stoffwech- 
sels, die sie an die umgebende Flüssigkeit abgeben, geschädigt 
werden, und konnte dann überzeugend nachweisen, daß nur die 
Produkte des eigenen Stoffwechsels diese zum Tod der 
Generation führende Wirkung haben. Denn in einer Lösung, die 
mit den Abfallsprodukten einer entfernter verwandten Art 
übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, 
die, in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde 
gingen. Das Infusor stirbt also, sich- selbst überlassen, eines 
natürlichen Todes an der Unvollkommenheit der Beseitigung 
seiner eigenen Stoff Wechselprodukte; aber vielleicht sterben 



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48 Sigm. Freud. 

auch alle höheren Tiere im Grunde an dem gleichen Unver- 
mögen. 

Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt 
zweckdienlich war, die Entscheidung der Frage nach dem 
natürlichen Tod im Studium der Protozoen zu suchen. Die 
primitive Organisation dieser Lebewesen mag uns wichtige 
Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben, aber 
erst bei höheren Tieren erkannt werden können, wo sie sich 
einen morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn wir 
den morphologischen Standpunkt verlassen, um den dynami- 
schen einzunehmen, so kann es uns überhaupt gleichgültig sein, 
ob sich der natürHche Tod der Protozoen erweisen läßt oder 
nicht. Bei ihnen hat sich die später als unsterbUch erkannte 
Substanz von der sterbHchen noch in keiner Weise gesondert. 
Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen, 
könnten auch in ihnen von Anfang an wirksam sein, und doch 
könnte ihr Effekt durch den der lebenserhaltenden Kräfte so 
gedeckt werden, daß ihr direkter Nachweis sehr schwierig 
wird. Wir haben allerdings gehört, daß die Beobachtungen der 
Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden inneren 
Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, wenn 
die Protisten sich als unsterblich im Sinne von W e i s m a n n 
erweisen, so gilt seine Behauptung, der Tod sei eine späte Er- 
werbung, nur für die manifesten Äußerungen des Todes und 
macht keine Annahme über die zum Tode drängenden Prozesse 
unmöghch. Unsere Erwartung, die Biologie werde die Aner- 
kennung der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. 
Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen, 
wenn wir sonst Gründe dafür haben. Die auffällige Ähnlichkeit 
der Weismann'schen Sonderung von Soma und Keimplasma 
mit unserer Scheidung der Todestriebe von den Lebenstrieben 
bleibt aber bestehen und erhält ihren Wert wieder. 

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit duahstischen Auf- 
fassung des Trieblebens. Nach der Theorie E. H e r i n g's von 
den Vorgängen in der lebenden Substanz laufen in ihr unaus- 
gesetzt zweierlei Prozesse entgegengesetzter Richtung ab, die 
einen aufbauend — assimilatorisch, die anderen abbauend — 
dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Rich- 



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Jenseits des Lustprimzips. 49 

tungen der Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden 
Triebregungen, der Lebenstriebe und der Todestriebe, zu er- 
kennen? Aber etwas anderes können wir uns nicht verhehlen, 
daß wir unversehens in den Hafen der Philosophie S c h o p e n- 
h a u e r's eingelaufen sind, für den ja der Tod „das eigentliche 
Resultat" und insofern der Zweck des Lebenst ist \ der Sexual- 
trieb aber die Verkörperung des Willens zum Leben. 

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach 
allgemeiner Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu 
einem Lebensverband, die Vielzeüigkeit der Organismen, ein 
Mittel zur Verlängerung ihrer Lebensdauer geworden. Eine 
Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu erhalten, und der 
Zellenstaat kann weiter leben, auch wenn einzelne Zellen ab- 
sterben müssen. Wir haben bereits gehört, daß auch die Kopula- 
tion, die zeitweilige Verschmelzung zweier EinzeUigen, lebens- 
erhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit könnte man 
den Versuch machen, die in der Psychoanalyse gewonnene 
Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zueinander zu über- 
tragen und sich vorzustellen, daß es die in jeder Zelle tätigen 
Lebens- oder Sexualtriebe sind, welche die anderen Zellen zum 
Objekt nehmen, deren Todestriebe, d. i. die von diesen an- 
geregten Prozesse, teilweise neutraUsieren und sie so am Leben 
erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen und 
noch andere in der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich 
selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst würden sich absolut 
„narzißtisch*' benehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu 
bezeichnen gewohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine 
Libido im Ich behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen 
verausgabt. Die Keimzellen brauchen ihre Libido, die Tätigkeit 
ihrer Lebenstriebe, für sich selbst als Vorrat für ihre spätere, 
großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf man auch die 
Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus zer- 
stören, für narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die Patho- 
logie ist ja bereit, ihre Keime für mitgeboren zu halten und ihnen 
embryonale Eigenschaften zuzugestehen. So würde also die 



^ „Über die anschseinende Absichtlichkeit im Schicksiale des Einzelnen", 
Qroßlherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd,„ S. 268. 

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50 Sigm. Freud. 

Libido unserer Sexualtriebe mit dem Eros der Dichter und 
Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende zusammenhält. 
An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Ent- 
wicklung unserer Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse 
der Übertragungsneurosen zwang uns zunächst, den Gegensatz 
zwischen „Sexualtrieben", die auf das Objekt gerichtet sind, und 
anderen Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend erkannten 
und vorläufig als „Ichtriebe" bezeichneten. Unter ihnen mußten 
Triebe, die der Selbsterhaltung des Individuums dienen, in 
erster Linie anerkannt werden. Was für andere Unterscheidun- 
gen da zu machen waren, konnte man nicht wissen. Keine 
Kenntnis wäre für die Begründung einer richtigen Psychologie 
so wichtig gewesen, wie eine ungefähre Einsicht in die gemein- 
same Natur und die etwaigen Besonderheiten der Triebe. Aber 
auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man so sehr im 
Dunkeln. Jedermann stellte so viele Triebe oder „Grundtriebe" 
auf, als ihm beliebte, und wirtschaftete mit ihnen wie die alten 
griechischen Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem 
Wasser, der Erde, dem Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, 
die irgendeiner Annahme über die Triebe nicht entraten konnte, 
hielt sich vorerst an die populäre Triebunterscheidung, für die 
das Wort von „Hunger und Liebe" vorbildlich ist. Es war 
wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit reichte man in der 
Analyse der Psychoneurosen ein ganzes Stück weit aus. Der 
Begriff der „Sexualität" — und damit der eines Sexualtriebes — 
mußte freihch erweitert werden, bis er vieles einschloß, was 
sich nicht der Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber 
gab es Lärm genug in der strengen, vornehmen oder bloß 
heuchlerischen Welt. 

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse 
näher an das psychologische Ich herantasten konnte, das ihr 
zunächst nur als verdrängende, zensurierende und zu Schutz- 
bauten, Reaktionsbildungen befähigte Instanz bekannt gewor- 
den war. Kritische und andere weitblickende Geister hatten 
zwar längst gegen die Einschränkung des Libidobegriffes auf 
die Energie der dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe Ein- 
spruch erhoben. Aber sie versäumten es mitzuteilen, woher 
ihnen die bessere Einsicht gekommen war, und verstanden 



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Jenseits des Loistprinzips. 51 

nicht, etwas für die Analyse Brauchbares aus ihr abzuleiten. In 
bedächtigerem Fortschreiten fiel es nun der psychoanalytischen 
Beobachtung auf, wie regelmäßig Libido vom Objekt abgezogen 
und aufs Ich gerichtet wird (Introversion), und indem sie die 
Libidoentwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen stu- 
dierte, kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und 
ursprünghche Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf 
das Objekt erstreckt werde. Das Ich trat unter die Sexual- 
objekte und wurde gleich als das vornehmste unter ihnen er- 
kannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte, wurde sie narziß- 
tisch genannt ^ Diese narzißtische Libido war natürUch auch 
die Kraftäußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne, 
die man mit den von Anfang an zugestandenen „Selbsterhal- 
tungstrieben*' identifizieren mußte. Somit war der ursprüngliche 
Gegensatz von Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend 
geworden. Ein Teil der Ichtriebe war als libidinös erkannt; 
im Ich waren — neben anderen wahrscheinlich — auch Sexual- 
triebe wirksam, doch ist man berechtigt zu sagen, daß die alte 
Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem KonfHkt zwischen 
den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, was heute 
zu verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Triebarten, 
der ursprünghch irgendwie qualitativ gemeint war, ist jetzt 
nur anders, nämHch t o p i s c h zu bestimmen. Insbesondere die 
Übertragungsneurose, das eigenthche Studienobjekt der 
Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis eines Konflikts zwischen 
dem Ich und der libidinösen Objektbesetzung. 

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der 
Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren 
Schritt wagen, den Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros 
zu erkennen und die narzißtische Libido des Ichs aus den 
Libidobeiträgen ableiten, mit denen die Somazellen aneinander 
haften. Nun aber finden wir uns plötzUch folgender Frage 
gegenüber: Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe libidinöser 
Natur sind, dann haben wir vielleicht überhaupt keine anderen 
Triebe als Hbidinöse. Es sind wenigstens keine anderen zu 



^ Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 
1914, und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge, 1918. 



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52 Slgm. Freud. 

sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern recht geben, 
die von Anfang an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre 
alles aus der Sexualität, oder den Neuerern wie Jung, die, 
kurz entschlossen, Libido für „Triebkraft'' überhaupt gebraucht 
haben. Ist dem nicht so? 

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir 
sind ja vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ich- 
trieben == Todestrieben und Sexualtrieben == Lebenstrieben 
ausgegangen. Wir waren ja bereit, auch die angeblichen Selbst- 
erhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu rechnen, was 
wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere Auf- 
fassung war von Anfang eine dualistische und sie ist es 
heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht 
mehr Ich- und Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe 
benennen, J u n g's Libidotheorie ist dagegen eine monistische ; 
daß er seine einzige Triebkraft Libido geheißen hat, mußte 
Verwirrung stiften, soll uns aber weiter nicht beeinflussen. 
Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die libidinösen 
Selbsterhaltungstriebe tätig sind, wir sollten nur imstande sein, 
sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs 
so wenig fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht 
schwer wird. Die libidinösen Triebe des Ichs mögen allerdings 
in besonderer Weise mit den anderen, uns noch fremden Ich- 
trieben verknüpft sein. Noch ehe wir den Narzißmus klar 
erkannt hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse die 
Vermutung, daß die „Ichtriebe" Hbidinöse Komponenten 
an sich gezogen haben. Aber das sind recht unsichere 
Möghchkeiten, denen die Gegner kaum Rechnung tragen wer- 
den. Es bleibt mißlich, daß uns die Analyse bisher immer nur 
in den Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe nachzuweisen. Den 
Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten wir darum doch nicht 
mitmachen. 

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir 
wohl nicht gut, irgend einen Einfall, der uns Aufklärung ver- 
spricht, zurückzuweisen. Wir sind von der großen Gegensätz- 
lichkeit von Lebens- und Todestrieben ausgegangen. Die 
Objekthebe selbst zeigt uns eine zweite solche Polarität, die 
von Liebe (Zärthchkeit) und Haß (Aggression). Wenn es uns 



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Jenseits dies Lustprinzips. 53 

nun gelänge, diese beiden Polaritäten in Beziehung zu einander 
zu bringen, die eine auf die andere zurückzuführen! Wir haben 
von jeher eine sadistische Komponente des Sexualtriebes aner- 
kannt %• sie kann sich, wie wir wissen, selbständig machen und 
als Perversion das gesamte Sexualstreben der Person beherr- 
schen. Sie tritt auch in einer der von mir sogenannten „prä- 
genitalen Organisationen" als dominierender Partialtrieb her- 
vor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der auf die 
Schädigung des Objektes zielt, vom lebenserhaltenden Eros 
ableiten können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser 
Sadismus eigentHch ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß 
der narzistischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er 
erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er tritt dann in den 
Dienst der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium der 
Libido fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung 
des Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische 
Trieb ab und endlich übernimmt er auf der Stufe des Qenital- 
primats zum Zwecke der Fortpflanzung die Funktion, das 
Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als es die Ausführung des 
Geschlechtsaktes erfordert. Ja, man könnte sagen, der aus dem 
Ich herausgedrängte Sadismus haben den libidinösen Kompo- 
nenten des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen 
diese zum Objekt nach. Wo der ursprüngHche Sadismus keine 
Ermäßigung und Verschmelzung erfährt, ist die bekannte Liebe- 
Haß-Ambivalenz des Liebeslebens hergestellt. 

Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so 
wäre die Forderung erfüllt, ein Beispiel eines — allerdings ver- 
schobenen — Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auf- 
fassung von jeder Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen 
geradezu mystischen Eindruck macht. Wir kommen in den 
Verdacht, um jeden Preis eine Auskunft aus einer großen Ver- 
legenheit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns darauf be- 
rufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir sie bereits 
früher einmal gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch 
keine Rede war. Klinische Beobachtungen haben uns seinerzeit 
zur Auffassung genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre 



„Drei Abhandlungen zur Sexuailtheorie", von der 1. Auflage, 1905, an. 



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54 Sigjn. Freud. 

Partialtrieb des Masochismus als eine Rückwendung des 
Sadismus gegen das eigene Ich zu verstehen sei\ Eine Wen- 
dung des Triebs vom Objekt zum Ich ist aber prinzipiell nichts 
anderes als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier als neu 
in Frage steht. Der Masochismus, die Wendung des Triebs 
gegen das eigene Ich, wäre dann in WirkUchkeit eine Rückkehr 
zu einer früheren Phase desselben, eine Regression. In einem 
Punkte bedürfte die damals vom Masochismus gegebene Dar- 
stellung einer Berichtigung als allzu ausscMießhch; der Maso- 
chismus könnte auch, was ich dort bestreiten wollte, ein pri- 
märer seinl 

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben 
zurück. Schon aus der Protistenforschung haben wir erfahren, 
daß die Verschmelzung zweier Individuen ohne nachfolgende 
Teilung, die Kopulation, auf beide Individuen, die sich dann bald 
voneinander lösen, stärkend und verjüngend wirkt. (S. o. L i p- 
schütz.) Sie zeigen in weiteren Generationen keine Degene- 
rationserscheinungen und scheinen befähigt, den SchädHch- 
keiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich 
meine, daß diese eine Beobachtung als vorbildlich für den Effekt 
auch der geschlechtlichen Vereinigung genommen werden 
darf. Aber auf welche Weise bringt die Verschmelzung zweier 
wenig verschiedener Zellen eine solche Erneuerung des Lebens 
zustande? Der Versuch, der die Kopulation bei den Protozoen 
durch die Einwirkung chemischer, ja selbst mechanischer Reize 
(1. c.) ersetzt, gestattet wohl eine sichere Antwort zu geben: 
Es geschieht durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt 



^ Vgl. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, aind „Triebe und Triebs chicksale" 
in Sammlung klteiner Schriften, IV. Folge. 

^ In einer inhalts- und gedankenreichen, für mich leider nicht ganz 
durchsichtigen Arbeit hat Sabina S p i e 1 r e i n ein ganzes Stück dieser 
Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die sadistische Komponente 
des Sexualtriebes als die „destruktive". (Die Destruktion als Ursache des 
Werdens. Jahrbuch für Psychoanalyse, IV, 1912.) In noch anderer Weise 
suchte A. 'S t ä r c k e (Infciding by de vertaling, von S. Freud, De sexuele 
beschavingsmoral etc., 1914) den Libidobegriff selbst mit dem theoretisch zu 
supponierenden biologischen Beigriff eines Antriebes zum Tode zu 
Identifizieren. (Vgl. auch Rank, Der Künstler.) Alle diese Bemühunigen 
zeigen, wie die im Texte, von demi Drang nach einer noch nicht erreidhten 
Klärung in der Trieblehre. 



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Jenseits des Loiistprirnzips. 55 

nun aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Indivi- 
duums aus inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Span- 
nungen, das heißt zum Tode führt, während die Vereinigung 
mit einer individuell verschiedenen lebenden Substanz diese 
Spannungen vergrößert, sozusagen neue Vitaldifferen- 
zen einführt, die dann abgelebt werden müssen. Für diese 
Verschiedenheit muß es natürlich ein oder mehrere Optima 
geben. Daß wir als die herrschende Tendenz des Seelenlebens, 
vielleicht des Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herab- 
setzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der inneren Reizspan- 
nung erkannten (das Nirwanaprinzip nach einem Aus- 
druck von Barbara L o w), wie es im Lustprinzip zum Aus- 
druck kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die 
Existenz von Todestrieben zu glauben. 

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges ver- 
spüren wir es aber noch immer, daß wir gerade für den Sexual- 
trieb jenen Charakter eines Wiederholungszwanges nicht nach- 
weisen können, der uns zuerst zur Aufspürung der Todestriebe 
führte. Das Gebiet der embryonalen Entwicklungsvorgänge ist 
zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinungen, die 
beiden Keimzellen der geschlechtUchen Fortpflanzung und ihre 
Lebensgeschichte sind selbst nur Wiederholungen der Anfänge 
des organischen Lebens; aber das WesentUche an dem vom 
Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist doch die Verschmelzung 
zweier Zelleiber. Erst durch diese wird bei den höheren Lebe- 
wesen die UnsterbUchkeit der lebenden Substanz gesichert. 

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die 
Entstehung der geschlechtlichen Fortpflanzung und die Her- 
kunft der Sexualtriebe überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein 
Außenstehender zurückschrecken muß, und die von den Spe- 
zialforschern selbst bisher noch nicht gelöst werden konnte. 
In knappster Zusammendrängung sei darum aus all den wider- 
streitenden Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen 
Anschluß an unseren Gedankengang zuläßt. 

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflan- 
zung seinen geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung 
als eine Teilerscheinung des Wachstums darstellt. (Vermehrung 
durch Teilung, Sproßung, Knospung.) Die Entstehung der Fort- 



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56 Sigm. Freud. 

Pflanzung durch geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte 
man sich nach nüchterner D a r w i n'scher Denkungsart so vor- 
stellen, daß der Vorteil der Amphimixis, der sich dereinst bei 
der zufälligen Kopulation zweier Protisten ergab, in der fer- 
neren Entwicklung festgehalten und weiter ausgenützt wurde ^ 
Das „Geschlecht" wäre also nicht sehr alt, und die außer- 
ordentlich heftigen Triebe, welche die geschlechtHche Ver- 
einigung herbeiführen wollen, wiederholten dabei etwas, was 
sich zufällig einmal ereignet und seither als vorteilhaft be- 
festigt hat. 

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei 
den Protisten nichts anderes gelten lassen soll, als was sie 
zeigen, und ob man annehmen darf, daß Kräfte und Vorgänge, 
die erst bei höheren Lebewesen sichtbar werden, auch bei 
diesen zuerst entstanden sind. Für unsere Absichten leistet die 
erwähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man wird 
gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz von Lebens- 
trieben, die schon im einfachsten Lebewesen wirken, voraus- 
setzt, denn sonst wäre ja die Kopulation, die dem Lebensablauf 
entgegenwirkt und die Aufgabe des Ablebens erschwert, nicht 
{estgehalten und ausgearbeitet, sondern vermieden worden. 
Wenn man also die Annahme von Todestrieben nicht fahren 
lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an Lebenstriebe 
zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an 
einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der 
Wissenschaft über die Entstehung der Geschlechtlichkeit fin- 
den, ist so wenig, daß man dies Problem einem Dunkel ver- 
gleichen kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl einer 
Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer Stelle begegnen wir 
allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so phantasti- 
scher Art ist — gewiß eher ein Mythus als eine wissenschaft- 
hche Erklärung — , daß ich nicht wagen würde, sie hier anzu- 



^ Obwohl Weismiann (Das Keimplasma, 1892) auah diesen Vorteil 
leugnet: „Die Delruohtung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung oder Er- 
neuerung des Lebens, sie wäre durchaus nicht notwendig zur Fortdauer des 
Lebens, sie ist nichts alseineEinrichtung, umdieVermischung 
zweier verschiedener Vererbung stendenzen möglich tm 
machen." Als die Wirkung einer solchen Vermischung betrachtet let aber 
doch eine Steigerung der Variabilität der Lebewesen. 



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Jenseits 4qs Lustprimzips. 57 

führen, wenn sie nicht gerade die eine Bedingung erfüllen 
würde, nach deren Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich 
einen Trieb abvondemBedürfnisnachWiederher- 
stellung eines früheren Zustande s. 

Ich meine natürlich die Theorie, die P 1 a t o im Sympo- 
sion durch Aristophanes entwickeln läßt, und die nicht 
nur die Herkunft des Geschlechtstriebes, sondern auch seiner 
wichtigsten Variation in bezug auf das Objekt behandelt \- 

„Die menschUche Natur war ja einst ganz anders. Ur- 
sprüngUch gab es drei Geschlechter, drei und nicht wie heute 
zwei: neben dem männUchen und weibHchen lebte ein drittes 
Geschlecht, welches an den beiden ersten gleichen Anteil 

hatte, '' Alles an diesen Menschen war aber doppelt, sie 

hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte 
Schamteile usw. Da Heß sich Zeus bewegen, jeden Menschen 
in zwei Teile zu teilen, „wie man Birnen, um sie einzukochen, 

entzweischneidet " „Als nun auf diese Weise die ganze 

Natur entzwei war, kam in jedem Menschen die Sehnsucht 
nach seiner eigenen anderen Hälfte, und die beiden Hälften 
schlugen die Arme umeinander und verflochten ihre Leiber 
und wollten wieder zusammenwachsen "' 



^ Übersetzung von Rud. Kaßtier. 

^ Prof. Heinricih Gomperz (Wien) verdanke ich die nacli- 
stehendee Andeutunigen über die Herkunft des P 1 a t o n i sehen Mythus, die 
ich zium Teil in seinciU Worten wiedergebe: Ich möchte darauf aufmerksam 
machen, daß sich wesientUch dieselbe Theorie auch schon in den U p a n i- 
s h a d e n findet. Denn Brihad-Aranyaka-Upanishad I, 4, 3 
(D e u s s e n, 60 Upanlshads des Veda, S. 393), wo das Hervorgehen der 
Welt aus dem Ätmann (dem Selbst oder Ich) 'geschildert wird, heißt es: 

„ Aber er (der Atman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude; 

darum hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte ler nach 
ieineim Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn 
sie sich umschlungen halten. Dieses sein Selbst zerfällte er in zwei Teile: 
daraus entstanden Gatte lund Gattin. Darum ist dieser Leib an dem Selbst 
gleichsam eine Halbscheid, so nämlich hat es Tajnavalkya erklärt. 
Daruim wird dieser leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt." 

Die Brihad-Sranyaka-Upanishad ist die älteste aller 
Upanishaden und wird wohl von keinem urteilsfähigen Forscher später an- 
gesetzt als etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob eine, wenn auch 
sehr mittelbare Abhängigkeit P 1 a t o n's von diesen indischen Gedanken 
möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur herrschenden Meinung nicht 



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58 Stern. Freud. 

Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die 
Annahme wagen, daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung 
in kleine Partikel zerrissen wurde, die seither durch die Sexual- 
triebe ihre Wiedervereinigung anstreben? Daß diese Triebe, in 
denen sich die chemische Affinität der unbelebten Materie fort- 
setzt, durch das Reich der Protisten hindurch allmählich die 
Schwierigkeiten überwinden, welche eine mit lebensgefähr- 
lichen Reizen geladene Umgebung diesem Streben entgegen- 
setzt, die sie zur Bildung einer schützenden Rindenschicht 
nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen lebender Substanz so 
die Yielzelligkeit erreichen und endHch den Keimzellen den 
Trieb zur Wiedervereinigung in höchster Konzentration über- 
tragen? Ich glaube, es ist hier die Stelle, abzubrechen. 

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzu- 
schließen. Man könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst 
von den hier entwickelten Annahmen überzeugt bin. Meine 
Antwort würde lauten, daß ich weder selbst überzeugt bin, 
noch bei anderen um Glauben für sie werbe. Richtiger: ich 
weiß nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir, daß das 
affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in Betracht 
zu kommen braucht. Man kann sich doch einem Gedankengang 
hingeben, ihn verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaft- 
Hcher Neugierde, oder wenn man will, als advocatus diaboli, 
der sich darum doch nicht dem Teufel selbst verschreibt. Ich 
verkenne nicht, daß der dritte Schritt in der Trieblehre, den ich 
hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit beanspruchen kann 



(unbedingt verneinen, da eine solche Möglichkieit wohl auch fiür die Seelen- 
W(andertings.lehre nicht geradezu in Abrede gestellt werden kann. Eine 
solche, ZTinädist durch Pythagoraeer vermittelte Abhänigigkeit würde dem 
gedanklichen Zusammentreffen kaum etwas von seiner Bedeutsamkeit 
nehmen, da P I a t o n eine derartige ihm irgendwie aus orientalischer Über- 
liefemmg 2)ugetragene Geschichte sidi nicht zu eigen gemacht, geschweige 
denn ihr eine so bedeutsame Stelliung angewiesen hätte, hätte sie ihm 
nicht selbst als wahrheitshältlg eingeleuchtet. 

In einer Schrift von K. Ziegler, Menschen- und Weltenwerden 
(Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Bd. 31, Sondenab druck 1913), 
die sich planmäßig mit der Erforschung des fraglichen Gedankens vor 
Plato besclhäfUgt, wird dieser au! babylonische Vorstellungen zurück- 
geführt. 



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Jeriiseits dies Lustprinzips. 59 

wie die beiden früheren, die Erweiterung des Begriffes der 
Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese Neuerun- 
gen waren direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, 
mit nicht größeren Fehlerquellen behaftet, als in all solchen 
Fällen unvermeidlich ist. Die Behauptung des regressiven 
Charakters der Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem 
Material, nämlich auf den Tatsachen des Wiederholungszwan- 
ges. Allein vielleicht habe ich deren Bedeutung überschätzt. 
Die Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht anders mög- 
Hch, als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit 
bloß Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der Beob- 
achtung entfernt. Man weiß, daß das Endergebnis um so unver- 
läßhcher wird, je öfter man dies während des Aufbaues einer 
Theorie tut, aber der Qrad der Unsicherheit ist nicht angebbar. 
Man kann dabei glückHch geraten haben oder schmählich in die 
Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition traue ich bei sol- 
chen Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe, schien 
mir eher der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des Intel- 
lekts. Nur daß man leider selten unparteiisch ist, wo es sich um 
die letzten Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft und 
des Lebens handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich 
tief begründeten Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner 
Spekulation unwissenthch in die Hände arbeitet. Bei so guten 
Gründen zum Mißtrauen bleibt wohl nichts anderes als ein 
kühles Wohlwollen für die Ergebnisse der eigenen Denk- 
bemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß 
solche Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz 
gegen abweichende Meinungen verpflichtet. Man darf unerbitt- 
lich Theorien abweisen, denen schon die ersten Schritte in der 
Analyse der Beobachtung widersprechen, und kann dabei doch 
wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt, doch nur eine 
vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation über die 
Lebens- und Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so 
viel befremdende und unanschauliche Vorgänge darin vor- 
kommen, wie ein Trieb werde von anderen herausgedrängt, 
oder er wende sich vom Ich zum Objekt u. dgl. Dies rührt nur 
daher, daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen Ter- 
mini, das heißt, mit der eigenen Bildersprache der Psychologie 



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60 Sigm. Freud. 

(richtig: der Tiefenpsyciiologie) zu arbeiten. Sonst könnten wir 
die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, ja 
würden sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unse- 
rer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn 
wir anstatt der psychologischen Termini schon die physiologi- 
schen oder chemischen einsetzen könnten. Diese gehören zwar 
auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit längerer 
Zeit vertrauten und vielleicht auch einfacheren. 

Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Un- 
sicherheit unserer Spekulation zu einem hohen Qrade durch 
die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen bei der biologischen 
Wissenschaft zu machen. Die Biologie ist wahrlich ein Reich 
der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die überraschend- 
sten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht 
erraten, welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten 
Fragen einige Jahrzehnte später geben würde. Vielleicht gerade 
solche, durch die unser ganzer künstlicher Bau von Hypothesen 
umgeblasen wird. Wenn dem so ist, könnte jemand fragen, 
wozu unternimmt man also solche Arbeiten wie die in diesem 
Abschnitt niedergelegte, und warum bringt man sie doch zur 
Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, daß einige 
der Analogien, Verknüpfungen und Zusammenhänge darin mir 
der Beachtung würdig erschienen sind \ 



^ Ansdhließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namengebung, 
die im Laufe dieser Erörterungen leine gewisse Entwicklung durchgemacht 
hat. Was „Sexualtriebe" sind, wußten wir aus ihrer Beziehung zu den Ge- 
schlechtern und zur Fortpflanzungsfunktion. Wir behielten dann diesen 
Namen bei, als wir durch die Ergebnisse der Psychoanalyse genötigt waren, 
deren Beziehung zur Fortpflanzung zu lockern. Mit der Aufsteilung der 
narzißtischen Libido und der Ausdehnung des Libidobegriffes auf die ein- 
zelne Zelle wandelte sich uns der Sexualtrieb zum Eros, der die Teile der 
lebenden Substanz zu einander zu drängen und zusammenzuhalten sucht, 
und die gemeinhin so gemanntien Sexualtriebe erschiienen als der dem Objekt 
zugewandte Antieil dieses Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom 
Anfang des Lebens an wirken und als „Lebenstrieb" imi Gegensatz zum 
„Todestrieb" treten, der durch die Belebung des Anorganischen entstanden 
ist. Sie versucht das Rätsel des Lebens durch die Annahme dieser beiden 
von Uranfang an miteinander ringendien Triebe zu lösen. Unübersichtlicher 
ist vielleicht die Wandlung, die der Begriff der „Ichtriebe" erfahren hat. 
Ursprünglich nannten wir so alle jene von uns nicht näher giekannten Trieb- 
Tichtungen, die sich von den auf das Objekt igeriahteten Sexualtrieben ab- 



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Jenseits des Lustpritiizips. 61 

•soheiden lassen, oind brachten die Iditriebe in Qegeinsatz im den Sexual- 
trieben, deren Ausdruck die Libido ist. Späterhin näherten wir uns der 
Analyse des Ichs und erkannten, daß audh ein Teil der „Ichtriebe" libidi- 
tiöser Natur ist, das eigene Ich zrum Objekt genommen hat. Diese narzißti- 
schen Selbsterhaltungstriebe mußten also jetzt den libidinösen Sexual- 
trieben zugerechnet werden. Der Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben 
wandelte sich in den zwischen loh- und Objekttrieben, beide libidinöscr 
Natur. An 'seine Stelle trat aber ein neuer Gegensatz zwischen libidinösen 
(Ich- und Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statuieren und viel- 
leicht in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die Spekulation wandelt 
diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) und von Todestrieben um. 



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VII. 



Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter der Triebe 
Ist, daß sie einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, so 
dürfen wir uns nicht darüber verwundern, daß im Seelenleben 
so viele Vorgänge sich unabhängig vom Lustprinzip vollziehen. 
Dieser Charakter würde sich jedem Partialtrieb mitteilen und 
sich in seinem Falle auf die Wiedererreichung einer bestimmten 
Station des Entwicklungsweges beziehen. Aber all dies, wor- 
über das Lustprinzip noch keine Macht bekommen hat, brauchte 
darum noch nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Auf- 
gabe ist noch ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wieder- 
holungsvorgänge zur Herrschaft des Lustprinzips zu bestimmen. 

Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funk- 
tionen des seelischen Apparates erkannt, die anlangenden 
Triebregungen zu „binden", den in ihnen herrschenden Primär- 
vorgang durch den Sekundärvorgang zu ersetzen, ihre frei 
beweghche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhende 
(tonische) Besetzung umzuwandeln. Während dieser Um- 
setzung kann auf die Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht 
genommen werden, allein das Lustprinzip wird dadurch nicht 
aufgehoben. Die Umsetzung geschieht vielmehr im Dienste des 
Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender Akt, der die 
Herrschaft des Lustprinzips einleitet und sichert. 

Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, 
als wir es bisher getan haben. Das Lustprinzip ist dann eine 
Tendenz, welche im Dienste einer Funktion steht, der es zu- 
fällt, den seelischen Apparat überhaupt erregungslos zu machen, 
oder den Betrag der Erregung in ihm konstant oder mögHchst 
niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine dieser Fas- 
sungen sicher entscheiden, aber wir merken, daß die so be- 



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Jenseits des Lustprinzips. 63 

stimmte Funktion Anteil Iiätte an dem allgemeinsten Streben 
alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzu- 
kehren. Wir haben alle erfahren, daß die größte uns erreichbare 
Lust, die des Sexualaktes, mit dem momentanen Erlöschen 
einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung 
der Triebregung wäre aber eine vorbereitende Funktion, 
welche die Erregung für ihre endgültige Erledigung in der 
Abfuhrlust zurichten soll. 

Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob 
die Lust- und Unlustempfindungen von den gebundenen wie 
von den ungebundenen Erregungsvorgängen in gleicher Weise 
erzeugt werden können. Da erscheint es denn ganz unzweifel- 
haft, daß die ungebundenen, die Primärvorgänge weit inten- 
sivere Empfindungen nach beiden Richtungen ergeben als die 
gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die Primärvorgänge 
sind auch die zeitlich früheren, zu Anfang des Seelenlebens 
gibt es keine anderen, und wir können schHeßen, wenn das 
Lustprinzip nicht schon bei ihnen in Wirksamkeit wäre, könnte 
es sich überhaupt für die späteren nicht herstellen. Wir kom- 
men so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis, daß das 
Luststreben zu Anfang des seelischen Lebens sich weit inten- 
siver äußert als späterhin, aber nicht so uneingeschränkt; es 
muß sich häufige Durchbrüche gefallen lassen. In reiferen 
Zeiten ist die Herrschaft des Lustprinzips sehr viel mehr ge- 
sichert, aber dieses selbst ist der Bändigung so wenig entgan- 
gen wie die anderen Triebe überhaupt. Jedenfalls muß das, was 
am Erregungsvorgange die Empfindungen von Lust und Unlust 
entstehen läßt, beim Sekundärvorgang ebenso vorhanden sein 
wie beim Primärvorgang. 

Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. 
Unser Bewußtsein vermittelt uns von innen her nicht nur die 
Empfindungen von Lust und Unlust, sondern auch von einer 
eigentümlichen Spannung, die selbst wieder eine lustvolle oder 
unlustvolle sein kann. Sind es nun die gebundenen und die un- 
gebundenen Energievorgänge, die wir mittels dieser Empfin- 
dung von einander unterscheiden sollen, oder ist die Span- 
nungsempfindung auf die absolute Größe, eventuell das Niveau 
der Besetzung zu beziehen, während die Lust-Unlustreihe auf 



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Leipzig, Wien, ZOriüi, imimn, hir w Yorü 



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Zeifs^hrin lOr Anwendang mr Ps^fii^analgse aiai die 



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Redigiert von Dr. OITO »*NM und Dr. € - ^N^ITIIS 

Aus dem Inhalte der letzten Hefte: Dr. Hon^r'o P. ' p n J o {' .. 
Der Liebesreiz der Augen. — Dr, Fiela v. Felszeghy (buüanes ). ia; "■: und ' 
Koiuplex, — Prof. Dr. Sigmund Freud (Wien): Das Unheimliche. — l r. Hrm ■ 
G i a (Wien): Das Zersingen der Volkslieder. — Dr. John L a n d q u i s t «S wi^;; . 
Das k'-nstlerische Symbol. — Dr. Ludwig Lcvy (Brunn): Die Kastration in der ßil^I. 
Dr, Erail Lorenz (Klagenfurff : Der politische Mythus. — Dr. Oskar Pf ister (Zürich-: 
Die EniwicWung des \postels Paulus. — Frida Teller (Prag): Seelischer Konflikt und 
körpeiiiches Leiden bei Schiller. -~ Van der W ol k (Haag): Psychoanalyse des Rauchopfers. 



INTERNATIONALE ZEITSCHRirT 
riJR PSYCHOANALYSE 

Oliizlelles Oraasi der infernatlonalen 
PsiFäioanolndsJieii Vereinigung 

Pröi."s1V^. ri'fcsi» 

' /« r ^Uiwirmaz von Dr. KARL ABRAH-M (iJerlfi ■, r. i . \ n I MDhM 

(Ma'"-< .H-, S. FFRENCZI (Budapest), Dr. hDÜ.4RD Mii ^v^^Ia^-.NN -VK -i^ 

V'i\ :. . -T JONES (London) und Dr. EMIL OBERHGLZHR (Zürich). 

rerii -eil von Dr, OTTQ RANK (Wier.). 

A u s d .1 ' :. > '^ 1 : e r ' e t ^ . - h T «» i t « ■ Ur- X. A b r <i h a m (Berlin): Znr 

ProptioS! ;.viy. ho. -rilx tisch!.: P'^'^- r. ^ ..:.!"; ''■: -.nri;! 1, -TteTien 
feno, zl (ßuddpesf): Über ;J..:,: Tic. — '■ V i j • - - j 
au sujet de !a signification syrnbjüque dt 1 eau et du u - 
über die Psychogenese eines Falles von v/fv.blicher R'jt"; ,„j 
(Leiden) ; Tf^'orie des Gefühls, — J. H. W. van p h ii i j ^ • 
der Ernpfinüi.-ig des Verfolgtwerdens, — Bugenia S •> k o 1 n i 
einer infaniilon Zv/angsneurose. 



^h, nr'ilt'^r. ~- Dr. <. P e- 
*' ^ V h Ouf laues r v.^s. 

: S F r .: u d ^ V;. -•■ 

: f. J e 1 g c r c 
•^ ^'l.' "■: L-;. : die QUv 
. k a (v. urstliau): AnaLv •. 



Jede der {»eiden Zeitschriften erscheint^ viermal jälirllch im Gesamtiitiifangc voi! zirka 'e 
50 Onickl.iOgen (GroüquarO und ist ciiwdi it-dc ijüchhandlung /u i,bezic?iti;u Bezugspreise lüi 
jede di'- beide?? Zeitschriften, iülirMu' ni Pctschland 60 Marksi,,i!i DentschüSiC-rreich ."40 Kronen- 
in Arnerika i i)Gi!ur; in i^nelanü 25 :: Ji'n.-i^c; in Hollaiid 12 Calden; in dt-.* f"!»-. eiz 25 Pranken; 

in. Ungarr. Z'^.Q \roucn. 



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