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Full text of "Joseph Roth Katalog 1979"

Joseph Roth 

1894-1939 



Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek 
Frankfurt am Main 




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DIE HABSBURGER MONARCHIE 
1815-1919 

und tore Aufldsung nach den 

Friedenshestimimmgen von St. Germain 

und Trianon 



MaBstab 1:5000000 

f 7 mm W) 1 50 M J5Wi" 



Titelbild unter Verwendung einer Photographie 

aus dem Leo Baeck Institute, New York 

(Katalog-Nummer 113) 



Auf dem vorderen und hinteren Vorsatz; 

Die Habsburger Monarchic 1815 — 1919 und ihre 

Auflosung nach den Friedensbestimmungen von 

St. Germain und Trianon 

Vorlage: Grofier historischer Weltatlas. T. 3: 

Neuzeit. 3. AufL Miinchen: Bayer. Schulbuch- 

Verl. 1967, S. 157 

(Katalog-Nummer 90) 



Joseph Roth 

1894-1939 



Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek 
Frankfurt am Main 



Buchhandler-Vereinigung GmbH 
Frankfurt am Main 



Sonderveroffentlichungen der Deutschen Bibliothek. Nr. 7 
Herausgegeben von Giinther Pflug 



Ausstellung und Katalog: 

Brita Eckert und Werner Berthold 

Mitarbeiterinnen: Mechthild Hahner und Jutta Braun 



Zweite, verbesserte Auflage, 1979 



CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek 

Joseph Roth : 1894 — 1939 ; e. Ausstellung d. 
Dt. Bibliothek, Frankfurt am Main / [Katalog: 
Brita Eckert u. Werner Berthold. Mitarb.: Mecht- 
hild Hahner u. Jutta Braun]. — 2., verb. Aufl. — Frankfurt am Main 
Buchhandler-Vereinigung, 1979- 

(Sonderveroffentlichungen der Deutschen 

Bibliothek ; Nr. 7) 

ISBN 3-7657-0916-6 
NE: Eckert, Brita [Bearb.]; Deutsche Bibliothek 
{Frankfurt, Main) 

Copyright 1979 

bei Buchhandler-Vereinigung QmbH, Frankfurt am Main 

Gesamtherstellung: Johannes Weisbecker, Frankfurt am Main 



VORWORT 



Vorwort 

In der Einleitung zum Katalog unserer Ausstellung »Exil- 
Literatur 1933-1945* (3. Aufl. 1967), die einen ersten 
Gesamtiiberblick iiber die Literatur des deutschsprachi- 
gen Exils zu geben versuchte, hatten wir spatere Ausstel- 
lungen iiber Spezialthemen angekiindigt. Dies wurde teils 
durch kleinere eigene Ausstellungen, z. B. »Kurt Tuchol- 
sky 1935 — 1975*, teils durch Gastausstellungen, z. B. 
»Osterreicher im Exil« (1976) oder »Oskar Maria Graf* 
(1977/78) verwirklicht. Der Katalog zur ersten Ausstel- 
lung mit dem Thema Exil eroffnete als Nummer 1 auch 
die Reihe der »Sonderver6ifentlichungen der Deutschen 
Bibliothek«; ihm folgten als Nummer 2 und 3 der biblio- 
graphische Teil des von Lieselotte Maas erarbeiteten 
»Handbuchs der deutschen Exilpresse 1933 — 1945* 
(1976, 1978). Mit der Nummer 7 kann nun wieder ein 
Ausstellungskatalog vorgelegt werden, der Leben und 
Werk eines ins Exil getriebenen Autors dokumentiert: 
Joseph Roth 1894— 1939«. 

Der EntschlufS, gerade Roth durch eine grofie Ausstellung 
zu prasentieren, drangte sich geradezu auf. Einer der be- 
deutendsten Autoren aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg 
und des Exils ist bisher ohne eine solche Wiirdigung ge- 
blieben. Uber die Griinde dieser Zuriickhaltung — oder 
Vernachlassigung — soil spater kurz gesprochen werden. 
Die Ausgangssituation in unserem Hause war giinstig: In 
ihrer Sammlung Exilliteratur besitzt die Deutsche Biblio- 
thek die im Exil entstandenen monographischen Werke 
Roths und die Exilzeitschriften mit seinen Beitragen, aber 
auch eine ansehnliche Zahl bisher noch unveroffentlich- 
ter Briefe und Dokumente. Hinzu kam, dafi uns Herr Dr. 
Fred Grubel, der Direktor des New Yorker Leo Baeck In- 
stitute, das einen Grofkeil von Roths Nachlafi besitzt, oh- 
ne Zogern seine freundschaftliche Hilfe zusagte, so wie 
uns auch Frau Alexandra von Miquel der Unterstutzung 
des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Koln, der heute 



VI 



VORWORT 



Roths Werk betreut, versicherte. Unter diesen Vorausset- 
zungen war es moglich, nicht nur eine Dokumentation fur 
Joseph Roths Exilzeit, sondern seiner gesamten Biogra- 
phie und seines journalistischen und schriftstellerischen 
Werkes vorzulegen. 

Gewifi ist heute Joseph Roth auch iiber das literarisch in- 
teressierte Publikum hinaus langst kein Unbekannter 
mehr. Seit 1976 liegt — nach einer dreibandigen Werk- 
ausgabe im Jahre 1956 — eine rund 4000 Seiten umfas- 
sende vierbandige Werkausgabe vor, zudem seit 1974 eine 
auf Zeugenaussagen und muhevollen Literaturrecherchen 
beruhende umfangreiche Roth-Biographie von David 
Bronsen, der diese Ausstellung im Biographischen selbst- 
verstandlich viel verdankt. Die Zahl der preiswerten Ein- 
zelausgaben ist gerade in den letzten Jahren stark ange- 
wachsen. 

Warum, so konnte man fragen, ist dann eine Ausstellung 
iiberhaupt noch notig? 

Zwei Ziele steuern wir an. Keinesfalls kann eine Ausstel- 
lung, selbst wenn sie, wie es hier geschieht, von einem un- 
gewohnlich breit dokumentierten Katalog begleitet wird, 
die Auseinandersetzung mit dem reichen Lebenswerk des 
Schriftstellers und der ausfiihrlichen Biographie Bronsens 
ersetzen. Im Gegenteil: sie will zu ihm hinfiihren, in ihrer 
Anschaulichkeit (hoffentlich) einfuhren und zur Weiter- 
beschaftigung provozieren. Andererseits soil der Katalog 
doch mehr als Einfuhrung sein. Mit Hilfe der dokumenta- 
rischen Methode, die sich in Katalogen zu Literaturaus- 
stellungen in den letzten Jahren — z. B. vorbildlich in 
Marbach — entwickelt hat, kann wohl auch dem Kenner 
Roths eine Art Nachschlagewerk geboten werden, das 
ihm niitzlich zu sein und weiterzufuhren vermag. Man 
weifl: Roth entzieht sich der Festlegung in einer einfachen 
Formel. Wer sich naher mit ihm beschaftigt, wird vom 
Autor in Widerspriiche verwickelt, wird — falls man ihn 
an einer Stelle »eigentlich« nimmt, ihm aufs Wort glaubt, 
genarrt. So muflte versucht werden, etwas von dem Dialog 



VORWORT 



VII 



wiederzugeben, den Roth mit sich selbst iiihrt, indem pra- 
gnante Aussagen gedrangt zusammen- und gegeneinan- 
dergestellt werden, — erganzt, beleuchtet, relativiert von 
z. T. kaum mehr bekannten Aussagen von Freunden, Kri- 
tikern, Feinden . . . Zum Text — in einer Ausstellung 
selbstverstandlich, aber auch reichlich im Katalog — tritt 
zur Veranschaulichung das Bildmaterial, um die Welt zu 
beschworen, in der er lebte, vor allem aber, um ihn selbst, 
den scheinbar so Undurchschaubaren, im Wandel seines 
Ausdrucks — Gesicht und Gestalt — zu zeigen. 
Eine wesentliche Aufgabe, die sich unsere Roth-Ausstel- 
lung stellte, war es, den zu Unrecht vernachlassigten Jour- 
nalisten Roth bekannt zu machen. In der Roth-Rezeption, 
die in der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der 
funfziger Jahre einsetzte und seit den sechziger Jahren 
durch das Medium Fernsehen Massenwirkung erhielt, 
iiberwiegt immer wieder der Romancier und Erzahler 
Roth — und hierbei wieder vor allem mit seinem spaten 
Werk, dem »Radetzkymarsch«, dem »Falschen Gewicht*, 
der »Kapuzinergruft«, der »Geschichte von der 1002. 
Nacht« . . . 

So bilden die journalistische Wirksamkeit in der Weima- 
rer Zeit und spater im Exil wichtige Schwerpunkte der 
Ausstellung — zeigt sie ihn dort als einen der fruhesten 
Warner vor dem Nationalsozialismus (es sei hier nur auf 
seine Berichterstattung iiber den Hitler- ProzefS 1923 hin- 
gewiesen), so hier als einen der unerbittlichsten Kampfer 
gegen die Diktatur, der sich in dieser Frontstellung auch 
mit alten Gegnern (z. B. Tucholsky, Feuchtwanger) solida- 
risierte. Dabei sah er zugleich aber auch illusionslos die 
nur beschrankten Moglichkeiten und Grenzen der Wirk- 
samkeit eines emigrierten Schriftstellers und Politikers. 
Denn er registrierte von Anfang an unbestechlich : »Nur 
durch eine minutiose Beobachtung der Wirklichkeit 
kommt man zur Wahrheit« (KatNr. 297). So sah man in 
ihm auch einen der ersten Vertreter — einen Programma- 
tiker sogar — der Neuen Sachlichkeit. In seinem Urteil 



VIII 



VORWORT 



iiber den Nationalsozialismus liefi er sich von keinem or- 
ganisierten Antifaschisten iibertreffen. Vor allem sein Ver- 
halten im Streit um »Die Sammlung* (siehe Kat.Nr. 362 
bis 365) zeigt: mit dieser »Bewegung« gibt es fur ihn kei- 
nen Kompromifi: So schreibt er an den Freund Stefan 
Zweig, der dem Insel-Verlag treu bleiben zu miissen 
glaubt, am 7. November 1933: »Unter gar keinen Umstan- 
den darf ein aufrechter Mensch die >Politik< fiirchten. [. . .] 
Mir ist das Engstirnig-Gehassige zuwider, das Sektiereri- 
sche. Sie wissen es ja. Aber jetzt ist die Stunde der Ent- 
scheidung da. Starker, als im Krieg. Jetzt, angesichts dieser 
hollischen Stunde, in der die Bestie gekront und gesalbt 
wird, hatte selbst ein Goethe nicht geschwiegen. [. . .]« . 
Schon am 26. Marz 1933 hatte Roth an Zweig geschrie- 
ben: »Kein Sich-Ergeben in Das, was man das Schicksal 
nennt.« Selbst Thomas Mann, der S. Fischer nicht im 
Stich lassen will, wird scharf kritisiert: »Er hat die Gnade, 
besser zu schreiben, als er denken kann. Er ist dem eige- 
nen Talent nicht geistig gewachsen« (5. November 1933 
an Stefan Zweig). — Denken! Aber gerade dies, die Ana- 
lyse, die denkerische Bewaltigung der Phanomene Fa- 
schismus und Nationalsozialismus sucht man bei Roth 
hier wie an anderen Stellen vergebens. (Gleiches gilt auch 
fur fruhe Bekenntnisse zum Sozialismus und dessen spa- 
tere Verurteilung.) Die Feindseite wird nicht untersucht, 
sondern bezeichnet — mit Negativ-Begriffen: es handelt 
sich um »Bestien«, Vertreter des »Antichrist« u. dgl. Nur so 
erklart sich, auf der Suche nach positiver Alternative, auch 
sein Bekenntnis zur habsburgischen Monarchic, sein Ent- 
schlufi, »absoluter Monarchist zu werden, — ein Ent- 
schlufi, der alle soziale, okonomische und ethnische Wirk- 
lichkeit — das Elend z. B. gerade in seiner Heimat Gali- 
zien und anderen Randgebieten zur K.u.K.-Zeit — ne- 
giert Marcel Reich-Ranicki spricht mit Recht in diesem 
Zusammenhang von Joseph Roths Flucht ins Marchen« 
und seinem Osterreich als einer »riickwarts gewandten 
Utopie* (siehe Kat.Nr. 777). Verbliiffend: in Roth findet 



VORWORT IX 

sich Romantisches — ebenso wie niichterne Betrachtung 
und Beschreibung der Realitat Kein Wunder, daft sich die 
Literaturwissenschaftler — besonders auch die Jungen, 
die Doktoranden — nur zogernd an den Widerspruchs- 
vollen wagten. — Dabei ist iiber die Schwierigkeit, Roth 
zu begreifen, gar zu erklaren, noch nicht alles gesagt, z. B. 
iiber die Subjektivitat, die Spontaneitat seines Urteils, das 
oft kurz nach der Formulierung schon wieder zuriickge- 
nommen oder relativiert wird. Vielleicht flieht er — rebel- 
lierend — aus einer Welt, einem Ich auch, die er nicht be- 
jahen, nicht begreifen kanh, in — letzthin auch von ihm 
selbst — nur ironisch gesehene Utopien. (Man erinnert 
sich an E. T. A. Hoffmanns Marchen — z. B. den »Golde- 
nen Topf«.) Hierzu nur noch ein Briefzitat vom 31. Januar 
1934 (an Rene Schickele): Er berichtet, dafJ er an einem 
Buch »Der Antichrist* schreibe: »Das ist der Inhalt meines 
Buches: der Antichrist ist Freund und Feind. Und am En- 
de sitzt schon ein Teilchen von ihm in mir selber.« Aber 
bereits 1924, zehn Jahre vorher, schreibt Roth einen 
Roman »Die Rebellion* — die Geschichte der Rebellion 
eines Getretenen, Geschlagenen gegen Gott selbst. An- 
dreas, ein Kriegskriippel, schmaht: »Was bist Du fur ein 
Gott. Ist Deine Grausamkeit Weisheit, die wir nicht ver- 
stehen — wie mangelhaft hast Du uns geschaffenl* (siehe 
KatNr. 560). Wufite Roth vielleicht zuviel, um noch Sinn 
im Leben, um mehr in ihm als ein Narrenspiel, sehen zu 
konnen? Und doch lebte er und kampfte er, — schrieb er 
bis zuletzt seine prazise, an der Beobachtung kontrollierte 
Prosa . . . 



Zur Anlage der Ausstellung und des Katalogs 
Roths Biographie, sein journalistisches und erzahlerisches 
Werk wurden in der Ausstellung und im Katalog in vier 
Kapitel gegliedert. Kapitel I bis III — »Von Brody nach 
Wien (1894—1920)*, »Beruf: Journalist (1921-1932)*, 



X 



VORWORT 



»Im Exil (1933-1939)* - bieten eine Mischung von 
Chronologie des Lebens und systematischer Darstellung 
des journalistischen Werks. Die Romane und Erzahlun- 
gen wurden zur besseren Ubersicht als Kapitel IV aus die- 
ser Chronologie herausgenommen. So lafit sich die Ent- 
wicklung des Romanciers und die Periodik seiner Roma- 
ne von den zeitkritischen der zwanziger Jahre zu den 
Romanen und Parabeln im ostjudischen und osterreichi- 
schen Milieu besser aufzeigen. In Kapitel V wird anhand 
von Nachauflagen, Ubersetzungen, Sekundarliteratur, 
Fernseh- und Spielfilmen ein Uberblick iiber die Roth- 
Rezeption naeh 1945 gegeben. Eine Zeittafel, die alle we- 
sentlichen (bisher zu ermittelnden) biographischen und 
bibliographischen Daten enthalt, soil eine schnelle Orien- 
tierung ermoglichen. 



Danksagung 

Eine umfassende Dokumentation von Joseph Roths Le- 
ben und Werk ware nicht moglich gewesen ohne die Un- 
terstiitzung zahlreicher Institute und Privatpersonen. 
Unser Dank gilt an erster Stelle gleichermafien sowohl 
dem Leo Baeck Institute, New York, und seinem Direktor 
Dr. Fred Grubel — einem Vetter Joseph Roths — , als 
auch dem Verlag Kiepenheuer & Witsch, Koln, und hier 
besonders Frau Alexandra von Miquel. Herr Dr. Grubel 
hat uns groflzugig wesentliche Teile von Roths Nachlaft 
aus dem Leo Baeck Institute in Fotokopie zur Verfiigung 
gestellt, die im NachlafS vorhandenen Negative privater 
Bilder Roths zum Kopieren iiberlassen und immer bereit- 
willig unsere oft schwierigen Fragen beantwortet. — Frau 
von Miquel hat uns das umfangreiche Roth-Archiv des 
Verlags Kiepenheuer & Witsch — Manuskripte und Ty- 
poskripte in Kopien, Bilder und Erstausgaben — zugang- 
lich gemacht. 

Der Osterreichischen Nationalbibliothek in Wien danken 
wir fur Kopien von Beitragen Roths in schwer zugangli- 



VORWORT XI 

chen osterreichischen Zeitungen — u. a. »Osterreichs II- 
lustrierte Zeitung«, »Der Neue Tag* und »Der Christliche 
Standestaat« — , dem Dokumentationsarchiv des Osterrei- 
chischen Widerstands, Wien, fiir Kopien der Zeitschriften 
»Die Osterreichische Post« und »Nouvelles d'Autriche*. 
Das Landesarchiv Berlin fertigte uns Kopien von Beitra- 
gen Roths im ^Berliner B6rsen-Courier« und im »Berliner 
Tageblatt* an. Zahlreiche Biicher aus der Zeit vor 1933 
hat uns die Stadt- und Universitatsbibliothek Frankfurt 
am Main als Leihgaben uberlassen. Den Mitarbeitern ihrer 
Judaica-Sammlung gebiihrt Dank fiir ihre Unterstiitzung 
und Beratung, ihrem Photographen, Herrn Gerhard Ditt- 
mann, fiir seine ungewohnliche Hilfsbereitschaft beim 
Ausfiihren von Fotoarbeiten. 

Unter den . Privatpersonen miissen an erster Stelle Frau 
Maryla Reifenberg und Frau Helga Hummerich genannt 
werden, die uns Originalbriefe Roths an Benno Reifen- 
berg zur Verfiigung gestellt haben. — Alie weiteren Pri- 
vatpersonen und Institute, fiir deren Hilfe wir zu danken 
haben, sind im Verzeichnis der Leihgeber aufgefiihrt. 
Auch den Mitarbeitern der Graphischen Werkstatt, dem 
Magazin und der Biicherausgabe der Deutschen Biblio- 
thek sei gedankt — namentlich Frau Rosemarie Jocker 
und den Herren Horst Rehnert und Lothar Seidel; Herr 
Bibliotheksoberrat Harro Kieser half uns mit zahlreichen 
bio-bibliographischen Auskiinften. Frau Gerlinde Schultz 
iibersetzte den Brief Roths an Romana Mazurkiewicz vom 
20. November 1930 (Kat.Nr. 154) aus dem Polnischen. 
Herrn Bibliotheksoberrat i. R. Heinz Friesenhahn gilt un- 
ser Dank fiir sein gewissenhaftes und promptes Mitlesen 
aller Korrekturen. 

Ganz besonderer Dank gebiihrt unseren engsten Mitar- 
beiterinnen, Frau Mechthild Hahner und Frau Jutta 
Braun, die eine weit iiber das ubliche Mafi hinaus gehende 
Einsatzbereitschaft bewiesen haben. 

Die Wiedergabe von Texten aus der Werk- und Briefaus- 
gabe Roths erfolgt mit freundlicher Genehmigung des 



XII 



VORWORT 



Verlags Kiepenheuer & Witsch, Koln, der Abdruck von 
Ausziigen aus unveroffentlichten Manuskripten Roths aus 
dem Besitz des Leo Baeck Institute, New York, mit Zu- 
stimmung von Herrn Dr. Fred Grubel. Beide haben uns 
auch die Wiedergabe von Bildern aus ihrem Besitz gestat- 
tet. — Dem Molden-Verlag, Wien, danken wir fur die Ab- 
druckerlaubnis von Photographien aus dem »Jiidischen 
Familienalbum* von Franz Hubmann. Die Biichergilde 
Gutenberg, Frankfurt am Main, hat uns die Wiedergabe 
einer Portratskizze Roths von Georg Eisler gestattet, der 
Bayerische Schulbuchverlag, Miinchen, die Abbildung der 
Karte der osterreichisch-ungarischen Monarchic auf dem 
Vorsatz. 

Der Abdruck der beiden Roth-Portrats Katalog-Num- 
mern 123 und 408 erfolgt mit freundlicher Genehmigung 
des Deutschen Literaturarchivs, Marbach a. N. 
Sollten — ohne unsere Absicht — Urheberrechte nicht 
beachtet worden sein — bitten wir die Inhaber um ent- 
sprechende Mitteilung. 



Ein besonderer Grufi gilt an dieser Stelle Hermann Ke- 
sten, der die Werke und Briefe des Freundes als Heraus- 
geber betreut hat. Wir bedauern, ihn wegen seines Ge- 
sundheitszustandes nicht als Ehrengast bei der Eroffnung 
der Ausstellung am 29. Marz 1979 begriifSen zu konnen. 



Werner Berthold 
Brita Eckert 



abkOrzungsverzeichnis 



XIII 



Im Katalog verwendete Abkiirzungen und Kurz- 
bezeichnungen 

Abkiirzungen 



a.a.O. 


am angegebenen 


dt. 


deutsch 




Ort 


durchges. 


durchgesehen 


a. M. 


am Main 






a. N. 


am Neckar 


e. 


einem, einer, eines 


a.S. 


an der Saale 


Ed. 


edition(s); editura; 


Abb. 


Abbildung 




edizione 


Akad. 


Akademie 


eingel. 


eingeleitet 


Anm. 


Anmerkungen 


Einl. 


Einleitung 


Aufl. 


Auflage 


erl. 


erlautert 


Ausg. 


Ausgabe 


erw. 


erweitert 


ausgew. 


ausgewahlt 






Ausz. 


Auszug 


f. 


folgende, fiir 


autoris. 


autorisiert 


Faltbl. 


Faltblatt 






fortges. 


fortgesetzt 


b. 


bei 


FZ 


Frankfurter Zeitung 


Bd. 


Band 






bcarb. 


bearbeitet 


geb. 


geboren 


Beibl. 


Beiblatt 


gest. 


gestorben 


Beil. 


Beilage 


Gestapo 


Geheime Staats- 


Beitr. 


Beitrag 




polizei 


bibliograph 


. bibliographisch 


GK 


Gustav Kiepen- 


biograph. 


biographisch 




heuer 


Bl. 


Blatt 










H. 


Heft 


coll. 


collaboration 


hebr. 


hebraisch 


CSR 


Ceskoslovenska 


histor. 


historisch 




Republika 


Hrsg. 


Herausgeber 






hrsg. 


herausgegeben 


d. 


das, dem, den, der, 
des, die 


hs. 


handschriftlich 


d.i. 


das ist 


i.A. 


im Auftrag 


DDR 


Deutsche Demokra- 


i. Br. 


im Breisgau 




tische Republik 


i.Ts. 


im Taunus 


demokrat. 


demokratisch 


111. 


Illustration 


Dez. 


Dezember 


ill. 


illustriert 


DOW 


Dokumentationsar- 


in Komm. 


in Kommission 




chiv des Osterrei- 


Inst. 


Institut 




chischen Wider- 


introd. 


introduzione 




standes, Wien 


izd. 


izdatel'stvo 



XIV 



ABKURZUNGSVERZEICHNIS 



JR 


Joseph Roth 


S. 


Seite 






$ 


Dollar 


K.K. 
K&W 


kaiserlich-koniglich 
Verlag Kiepenheuer 
& Witsch, Koln 


SA 
SDS 


Sturm-Abteilung 
Schutzverband 
Deutscher Schrift- 


Kat. Nr. 
KP 


Katalognummer 
Kommunistische 
Parte i 


SNM/DLA 


steller 

Schiller-National- 
museum, Deutsches 


KPD 


Kommunistische 
Partei Deutschlands 




Literaturarchiv, 
Marbach a. N. 


krit. 
KZ 


kritisch 
Konzentrationslager 


sog. 

Sonderh. 

SPD 


sogenannt 
Sonderheft 
Sozialdemokrati- 


LBI 

It. 


Leo Baeck Institute, 

New York 

laut 


SPO 


sche Partei 
Deutschlands 
Sozialdemokrati- 
sche Partei Oster- 


ms. 


maschinenschrift- 


ss 


reichs 
Schutzstaffel 




iich 


StuUB 


Stadt- und Universi- 
tatsbibliothek 


Nachw. 


Nachwort 




Frankfurt a. M. 


Neuaufl. 
neubearb. 


Neuauflage 
neubearbeitet 


suom. 
sv. 


suomennos 
svazek 


No 
Nov. 

Nr. 
NS 


Nummer 
November 
Nummer 
nationalsozialistisch 


T. 

Taf. 
trad. 


Teil 
Tafel 

traduccion; traduc- 
tion, traduit; tradu- 


o.D. 


ohne Datum 




zione 


o.O. 
ONB 

Okt. 


ohne Ort 

Osterreichische 

Nationalbibliothek, 

Wien 

Oktober 


transl. 
Tsd. 

u. 


translated, transla- 
tion 
Tausend 

und 


P.E.N. 

phil. Diss. 


Poets, Essayists, 
Novelists 
philosophische 
Dissertation 


u. a. 

u. d. T. 
u. dgl. 
iiberkl. 


und andere; unter 
anderem 
unter dem Titel 
und dergleichen 
iiberklebt 


pref. 
pref. 
Pseud, 
rev. 


preface 
prefata 
Pseudonym 
revidiert 


iibers. 
Ubers. 
iibertr. 
umgearb. 


iibersetzt 
Ubersetzung 
iibertragen 
umgearbeitet 



ABKURZUNGSVERZEICHNIS 



XV 



v. d. H. 


vor der Hohe 


wyd. 


wydanie 


verand. 


verandert 






verb. 


verbessert 


2. B. 


zum Beispiel 


Verf. 


Verfasser 


z.T. 


zum Teil 


Verl. 


Verlag 


Zeichn. 


Zeichnung 


verm. 


vermehrt 


zsgest. 


zusammengestellt 


vollst. 


vollstandig 


Ztg. 


Zeitung 


Vorw. 


Vorwort 


ZV. 


zvazek 


vyd. 
WDR 


vyd an i 

Westdeutscher 
Rundfunk, Koln 







Kurzbezetchnungen fur Bucher und Briefe 



Bronsen 

Hubmann, 
Familien- 
album 
JR an GK 



JRB 



JRW 



Linden, 
Gedacht- 
nisbuch 
Roth, Der 

Neue Tag 

Siiltemeyer 



David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie. Koln: 
Kiepenheuer & Witsch 1974. 
Franz Hubmann: Das jiidische Familienalbum. 
Die Welt von gestern in 375 alten Photographien. 
Wien, Miinchen, Zurich: Molden 1974. 
Joseph Roth an Gustav Kiepenheuer. Brief. 10. 6. 1930. 
In: Gustav Kiepenheuer: Eine Reverenz vor Joseph Roth. 
In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) Koln, 
Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 43-47. JRB, S. 164- 168 
Joseph Roth: Briefe 1911 — 1939. Hrsg. u. eingel. von 
Hermann Kesten. Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch 
1970. 

Joseph Roth: Werke. Bd. 1 — 4. Hrsg. u. eingel. von 
Hermann Kesten. Koln: Kiepenheuer & Witsch 
1975-1976. 

Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) Koln, 
Hagen: Kiepenheuer 1949. 

Joseph Roth: Der Neue Tag. Unbekannte politische 
Arbeiten, 1919 bis 1927, Wien, Berlin, Moskau. Hrsg. von 
Ingeborg Siiltemeyer. Koln: Kiepenheuer & Witsch 1970. 
Ingeborg Siiltemeyer: Das Frurrwerk Joseph Roths 
1915-1926. Studien u. Texte. Wien, Freiburg, Basel: 
Herder 1976. 



XVI 



ZEITTAFEL 



ZEITTAFEL 

Ein Teil der in dieser Zeittafel zusammengestellten biographi- 
scben Daten wurde der Biographic von David Bronsen, Joseph 
Roth, Koln 1974, entnommen. 

1894 Geboren am 2. September im osterreichischen Brody, Gali- 

zien, als Sohn judischer Eltern. 

Die Eintragung im jiidischen Matrikelamt zu Brody lautet 
Moses Joseph Roth. 

1894-1901 Erste Lebensjahre bei seiner Mutter Maria Roth, geb. Gru- 
bel, im Hause des Groflvaters Jechiel Grubel in Brody; der 
Vater, der Getreideeinkaufer und Holzhandler Nachum 
Roth, war nach eineinhalbjahriger Ehe — noch vor der Ge- 
burt seines Sohnes — von einer Geschaftsreise nicht mehr 
zuriickgekehrt. 

1901-1905 Besuch der Baron-Hirsch-Schule, der »jiidischen Gemein- 
deschule«, in Brody. 

1905-1913 Besuch des K. K. Kronprinz- Rudolf-Gymnasiums in Bro- 
dy. 

Enge Beziehung zu seinem Deutschlehrer Max Landau. 
Besuche bei seinem Onkel und Vormund Sigmund Grubel 
und dessen Familie in Lemberg. 
Erste Gedichte. 
Besteht im Mai 1913 die Matura mit Auszeichnung. 

1913 Zum Wintersemester 1913/14 Immatrikulation an der K. 

K. Universitat Lemberg; ubersiedelt jedoch schon im 
Herbst 1913 nach Wien. 

1914-1916 Vom Sommersemester 1914 bis zum Sommersemester 
1916 Studium an der philosophischen Fakultat der Univer- 
sitat Wien. Vorlesungen und Seminare in Germanistik, Phi- 
losophic, Psychologie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte 
und Ethnologic 

Enge Beziehungen zu Professor Dr. Walther Brecht. 
Freundschaft mit Jozef Wittlin, spater bedeutender polni- 
scher Expressionist. 

Erste Verdffentlichungen — Gedichte, Kurzgeschichten, 
Essays — in Osterreichs Illustrierte Zeitung. Dort erscheint 
1916 die Novelle Der Vorzugsschuler. 
Anstellung als Hauslehrer bei der Grafin Trautmannsdorff. 

1916-1918 Militardienst. 



ZEITTAFEL 



XVII 



1916 Am 31. Mai freiwillige Meldung zum Militardienst, zusam- 
men mitjozef Wittlin. 

Besuch der Einjahrigen-Schule des 21. Feldjager-Bataillons. 

1917 Im Friihjahr Beorderung nach Galizien. 

Als Einjahrig-Freiwilliger in der 32. I nf ante rietruppen divi- 
sion abkommandiert zum Pressedienst. 
Veroffentlicht wahrend der beiden Dienstjahre beim Militar 
kleine Feuilletons und Gedichte in der Wiener Tageszei- 
tung Der Abend, im Prager Tagblatt und in der Wiener 
Wochenschrift Der Friede (Januar und Februar 1918). 
[Russische Kriegsgefangenschaft?] 

1918 Mitte Dezember Riickkehr nach Wien, von dort Reise zu 
seiner Mutter nach Brody. 

1919 Nach Flucht aus Brody iiber die Karpathen und Ungarn 
Riickkehr nach Wien Ende Marz 1919. 

1919-1920 Feste Anstellung bei der Tageszeitung Der Neue Tag. Vom 
20. April 1919 bis 30. April 1920 erscheinen iiber hundert 
Beitrage von Roth. 
Beginn des sozialistischen Engagements. 

1920 Am 1. Juni Ubersiedlung nach Berlin, zusammen mit Ste- 
fan Fingal. 

Beginn der Mitarbeit an folgenden Zeitschriften und Zei- 
tungen: Freie Deutsche Buhne — Das blaue Heft (bis 1923), 
Die Neue Berliner Zeitung — 12 Uhr Blatt, Berliner Tage- 
blatt. 

192 1 Mitarbeit am Berliner Borsen-Courier (bis August 1922). 

1922 Am 5. Marz Heirat mit der jiidischen Wienerin Friederike 
(Friedl) Reichler in Wien. Sie beziehen ihre einzige gemein- 
same Wohnung in Berlin-Schoneberg. 

Ab Juni Mitarbeit am Vorwdrts (bis August 1924). 

1923 Im Juni Riickkehr mit Friedl nach Wien. 
Journalistische Arbeiten in der Wiener Sonn- und Montags- 
Zeitung, im Nenen 8-Ubr-Blatt und in Der Tag. 

Im Spatsommer erste Reise nach Prag. Vom 9. Februar 
1923 bis 25. Dezember 1924 erscheinen 34 Beitrage von 
Roth im Prager Tagblatt. 

Journalistische Arbeiten in Der Drache (bis 1925) und Das 
Tagebucb(b\s 1932). 



XVIII ZEITTAFEL 

Vom 7. Oktober bis 6. November Abdruck von Das Spin- 
nennetz, Roths erstem Roman, in der Wiener Arbeiter-Zei- 
lung. 

Seit Januar standiger Mitarbeiter der Berliner Redaktion der 
Frankfurter Zeitung, der er — mit einer Unterbrechung 
1929/30 — bis 1932 verbunden bleibt. 
Nach seiner Riickubersiedlung nach Berlin Beginn einer re- 
gen Publikationstatigkeit in der Frankfurter Zeitung. 
Zum Berliner Domizil wahlt er das »Hotel am Zoo*. 

1924 Feuilletons und satirische Gedichte in Lacben links. 

Hotel Savoy. Roman, im Verlag Die Schmiede, Berlin (Vor- 
abdruck Februar bis Marz in der Frankfurter Zeitung). 
Die Rebellion. Roman, im Verlag Die Schmiede, Berlin 
(Vorabdruck Juli bis August im Vorwdrts). 

1925 Im Friihjahr Ubersiedlung nach Paris als Feuilleton-Korre- 
spondent der Frankfurter Zeitung. In dieser Position bis 
Fruhsommer 1926. 

Freundschaft mit dem Feuilleton-Chef der Frankfurter Zei- 
tung, Benno Reifenberg (bis 1933). 

September bis November Reise durch Sudfrankreich. Arti- 
kelserie Im mittdglicben Frankreich in der Frankfurter Zei- 
tung worn 8. 9. bis 4. 11. 1925. 

Die weifien Stddte (posthum veroffentlicht in Werke. Neue 
eriveiterte Ausgabe in vier Bdnden. Bd. 3, Koln 1976). 
April. Die Gescbichte einer Liebe, bei J. H. W. Dietz Nachf., 
Berlin. 
Der blinde Spiegel. Ein kleiner Roman, ebd. 

1926 Im Fruhsommer Ablosung in seiner Eigenschaft als Pariser 
Feuilleton-Korrespondent der Frankfurter Zeitung durch 
Friedrich Sieburg. 

Als »Entschadigung« im Auftrag der Frankfurter Zeitung 
von Ende August bis Dezember Reportage-Reise durch die 
Sowjetunion. Artikelserie Reise in Rufiland in der Frank- 
furter Zeitung vom 14. 9. 1926 bis 19. 1. 1927. 

1927 Kiirzere Aufenthalte in Berlin und Frankfurt, im Marz 
Ruckkehr nach Paris. 

Von Mai bis Juli Reportage-Reise durch Albanien. Artikel- 
serie Reise nach Albanien in der Frankfurter Zeitung vom 
29. 5. bis 30. 7. 1927. 

Im Herbst Reportage-Reise durch das Saargebiet. Artikelse- 
rie Briefe aus Deutschland, gezeichnet von Cuneus, in der 
Frankfurter Zeitung vom 16. 11. 1927 bis 28. 1. 1928. 



ZEITTAFEL XIX 

Am 8. September Beginn des Briefwechsels mit Stefan 

Zweig. Die hieraus erwachsende Freundschaft — Zweig 

wird zudem Roths Mazen — dauert (zumindest) von 

Zweigs Seite bis zu Roths Tod. 

Juden auf Wanderschaft (Essay), im Verlag Die Schmiede, 

Berlin. 

Die Flucht ohne Ende. Ein Bericht. (Roman), bei Kurt Wolff, 

Miinchen. 

1928 Im Februar Beginn der unheilbaren Nervenkrankheit (Schi- 

zophrenic) Friederike Roths, die sich bis zu ihrem gewalt- 
samen Tod am 15. 7. (?) 1940 in der Heil- und Pflegeanstalt 
fur Geisteskranke in Niedernhart bei Linz an der Donau 
immer mehr verschlimmert. 
Zunahme von Roths Trunksucht. 

Mitte Mai bis Mitte Juli Reportage-Reise durch Polen. Arti- 
kelserie Brief e aus Polen in der Frankfurter Zeitung vom 24. 
6. bis 9. 9. 1928. 

Oktober und November Reportage-Reise durch Italien. 
Drei der Artikel als Das vierte Italien in der Frankfurter 
Zeitung worn 28. 10. bis 11. 11. 1928. 

Das Moskauer jiidische Theater. In: Das Moskauer Jiidische 
Akademische Theater. Verlag Die Schmiede, Berlin. 
Zipper undsein Vater. (Roman), bei Kurt Wolff, Miinchen. 



1929 Im Juni Bruch mit der Frankfurter Zeitung aus finanziellen 

Griinden. Voriibergehend Mitarbeit bei den Munchner 
Neuesten Nachrichten, Veroffentlicht dort vom 18. August 
1929 bis 1. Mai 1930 etwa 30 Artikel. 

Beginn der Mitarbeit an den Berliner Zeitschriften Die Lite- 
rarische Welt und Die Neue Rundschau (bis 1932). 
Zeitweise Unterbringung Friederike Roths in der Berliner 
Nervenheilanstalt Westend. 
Verbindung mit der Schauspielerin Sibyl Rares. 
Im August erste Begegnung mit Andrea Manga Bell, Roths 
Lebensgefahrtin bis 1936. 

Rechts und Links. Roman, bei Gustav Kiepenheuer, Berlin. 
Ein Kapitel Revolution (Fragment aus dem posthum er- 
schienenen Roman Der stum me Prophet) und Der stumme 
Prophet. (Fragment). 

Briefe aus Deutschland. In: Fazit. Ein Querschnitt durch 
die deutsche Publizistik. Hrsg. von Ernst Glaeser. Gebriider 
Enoch, Hamburg. 



XX 



ZEITTAFEL 



1930 Uberfiihrung Friederike Roths von Berlin nach Wien. Zu- 
nachst Unterbringung bei ihren Eltern, von November 
1930 an in verschiedenen Sanatorien und Pflegeanstalten. 
Nach Einstellung der Mitarbeit an den Munchner Neuesten 
Nachricbten Vertrieb der Feuilletons Roths durch den Zei- 
tungsvertrieb des Gustav Kiepenheuer Verlags. 

Ab November Veroffentlichung seiner Feuilletons wieder 
in der Frankfurter Zeitung. 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes, bei Gustav Kiepen- 
heuer, Berlin (Vorabdruck vom 14. September bis 21. Okto- 
ber in der Frankfurter Zeitung. 

Panoptikum. Gestalten und Kulissen. (Feuilleton-Antholo- 
gie), im Verlag Knorr & Hirth, Munchen. 

193 1 Bis Mitte April Aufenthalt in Antibes. 
Arbeit am Roman Radetzkymarsch. 
Augenkrankheit. 

Beginn des Zusammenlebens mit Andrea Manga Bell. 
Artikelserie Kleine Reise in der Kolnischen Zeitung worn 3. 5. 
bis 21. 6. 1931. 
Amerikanische Ausgabe von Hiob. 

1932 Radetzkymarsch. Roman, bei Gustav Kiepenheuer, Berlin 
(Vorabdruck vom 17. April bis 9. Juli in der Frankfurter 
Zeitung). 

1933-1939 ImExil. 

1933 Am friihen Morgen des 30. Januar verlafk Roth Berlin, 
noch vor der Nachricht von Hitlers Ernennung zum 
Reichskanzler, und fahrt nach Paris. 

Das Hotel Foyot in Paris wird sein wichtigstes Domizil im 

Exit, aber auch Reisen nach und Aufenthalte in Salzburg, 

Rapperswil am Ziirichsee, Zurich, Marseille, Nizza, Sana- 

ry-sur-mer, Amsterdam, Briissel, Ostende, Wilna, Lemberg, 

Warschau und Wien. 

Politisches Engagement im Kreis osterreichischer Legitimi- 

sten um Otto von Habsburg. 

Standige finanzielle Note. 

Beginn der Mitarbeit an der von Leopold Schwarzschild 

herausgegebenen Exilzeitschrift Das Neue Tage-Buch. Bis 

zu seinem Tod veroffentlicht Roth dort iiber 40 Artikel. 

Stationschef Fallmerayer. In: Novellen deutscher Dichter der 

Gegenwart. Hrsg. von Hermann Kesten. Allert de Lange, 

Amsterdam. 



ZEITTAFEL XXI 

1934 Ab Juni Aufenthalt in Marseille, ab Mitte Juli in Nizza (bis 
Juni 1935). Wohnt mit Andrea Manga Bell im gleichen 
Haus mit Heinrich Mann und Nelly Kroeger sowie Her- 
mann und Toni Kesten. 

Ab 6. Juli Mitarbeit am Pariser Tageblatt, spater Pariser Ta- 

geszeitung (mehr als 60 Artikel). 

Gelegentliche Mitarbeit an weiteren Exilzeitschriften und 

-zeitungen (Neue Deutsche Blatter, Die neue Weltbuhne, Die 

Sammlung, Die Zukunft u. a.) sowie an franzosischen Htera- 

rischen Zeitschriften und Tageszeitungen {Nouvelles Litte- 

raires, 1934, Marianne, L'lntransigeant). 

Tarabas, ein Gast auf dieser Erde. Roman, Querido Verlag, 

Amsterdam. 

Le triomphe de la beaute. In : Nouvelles Litteraires, Paris. 

Le buste de I'empereur. In: 1934, Paris. Deutsche Erstverof- 

fentlichung Die Buste des Kaisers posthum in Joseph Roth: 

Romane, Erzdhlungen, Aufsdtze. Koln 1964. 

Der Antichrist, im Verlag Allert de Lange, Amsterdam. 

1935 Im Juni Riickkehr nach Paris. 

Journalistische Arbeiten in der von Emigranten in Oster- 
reich herausgegebenen Zeitschrift Der Christliche Stdnde- 
staat (bis 1938). 

Die hundert Tage. Roman, im Verlag Allert de Lange, Am- 
sterdam. 

1936 Von Marz bis Juni Aufenthalt in Amsterdam zu Verhand- 
lungen mit seinen Verlagen Allert de Lange und Querido. 
12. Juni Vortrag Der Aberglaube an den Fortschritt. 

Ab 9. Juli Aufenthalt in Ostende, zusammen mit Hermann 

Kesten, Stefan Zweig, Ernst Toller und Egon Erwin Kisch. 

Bekanntschaft und Verbindung mit der aus Deutschland 

emigrierten Schriftstellerin Irmgard Keun (bis Anfang 

1938). 

Erster Besuch (?) bei Otto von Habsburg in Steenockerzeel. 

Ende des Jahres Riickkehr nach Paris. 

Beichte eines Morders, erzdhlt in einer Nacht, (Roman), im 

Verlag Allert de Lange, Amsterdam. 

1937 Im Februar und Marz Vortragsreise auf Einladung des pol- 
nischen PEN-Clubs durch mehrere polnische Stadte und 
Wilna mit dem Vortrag Der Aberglaube an den Fortschritt. 
Vor der Riickkehr nach Paris Aufenthalt in Wien. 

Nach AbrifJ des Hotel Foyot Unterkunft im Hotel de la Po- 
ste, Cafe Tournon. Bis zu seinem Tod bleibt sein Arbeits- 



XXII ZEITTAFEL 

tisch im Cafe ein Sammelpunkt der deutschen und osterrei- 
chischen Emigration. 

Das falsche Gewkht Die Geschkhte eines Eicbmeisters. 
(Roman), im Querido Verlag, Amsterdam. 

1938 Im Februar letzter Besuch in Wien. Versucht, im Auftrag 
der Legitimisten bei Schuschnigg vorzusprechen: Verhin- 
derung der Annexion Osterreichs mit Hilfe der Monarchi- 
sten. 

Es gelang ihm, eine Unterredung mit dem Polizeiprasiden- 

ten Skubl zu erwirken. 

Beteiligung an der »Entre-aide Autrichienne*, einer Hilfs- 

organisation fur osterreichische Emigranten. 

Wahl zu einem der drei Vizeprasidenten der »Liga fiir das 

geistige Osterreich*. 

Reden auf Protestkundgebungen gegen die Annexion 

Osterreichs. 

Im Spatherbst letzter Aufenthalt in Amsterdam. 

Rapide Verschlechterung seines Gesundheitszustandes 

(Herzanfall, Magenentziindung, Leberzirrhose). 

Die Kapuzinergruft Roman, im Verlag De Gemeenschap, 

Bilthoven. 

1939 Artikelserie Schwarz-Gelbes Tagebuch in der osterreichi- 
schen legitimistischen Exilzeitschrift Die Osterreichische Post 
voml5.2.bis 1.5. 1939- 

Im Friihjahr Einladung nach USA durch Eleanor Roose- 
velt. 

Die Geschkhte von der 1002. Nacht (Roman), im Verlag De 
Gemeenschap, Bilthoven. 

Am 23. Mai bricht Roth auf die Nachricht von Ernst Tol- 
lers Selbstmord in New York hin zusammen. 
Einlieferung in das Hopital Necker. 

Am 27. Mai, 5.55 Uhr, Tod im Hopital Necker (Delirium 
tremens, Lungenentziindung). 

Am 30. Mai, 16.00 Uhr, Beisetzung auf dem Cimetiere 
Thiais, sudostlich von Paris, unter starker Beteiligung deut- 
scher und osterreichischer Emigranten und franzosischer 
Freunde der verschiedensten politischen Richtungen und 
Konfessionen. 



1939 Posthum erscheint Die Legende vom Heiligen Trinker, im 

Verlag Allert de Lange, Amsterdam. 



ZEITTAFEL XXIII 



1940 Der Leviathan, im Querido Verlag, Amsterdam. 

1949 Joseph Roth. Leben und Werk. Bin Geddchtnisbuch. Gesam- 

melt, ausgewahlt und herausgegeben von Hermann Linden, 
bei Kiepenheuer, Koln, Hagen. 

1956 Werke in drei Bdnden. Hrsg. von Hermann Kesten, im Ver- 

lag Kiepenheuer & Witsch, Koln, Berlin. 

1964 Romane, Erzdhlungen, Aufsdtze. (Teilsammlung), ebd. 

1966 Der stumme Prophet. Roman. Mit einem Nachwort von 
Werner Lengning, ebd. 

1967 Das Spinnennetz. Roman. Mit einem Nachwort von Peter 
W. Jansen, ebd. 

1970 Briefe 1911 — 1939. Hrsg. und eingeleitet von Hermann 

Kesten, ebd. 

Der Neue Tag. Unbekannte politische Arbeiten 1919 bis 
1927. Wien, Berlin, Moskau. Hrsg. und mit einem Vorwort 
von Ingeborg Siiltemeyer, ebd. 

1974 David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie, ebd. 

1975-1976 Werke. Neue enveiterte Ausgabe in vier Bdnden. Hrsg. und 
eingeleitet von Hermann Kesten, ebd. 



VON BRODY NACH WIEN 
(1894-1920) 



Heimat: Galizien 



Osterreich — Ungarn 

Ubersichtskarte. 1 : 3 000 000. 

Vorlage: Andrees allgemeiner Handatlas. 

5., vollig neubearb. u. verm. Aufl. Bielefeld, Leipzig: Vel- 

hagen & Klasing 1906, S. 69 — 70. 



2 Galizien 

[Lexikon-Artikel.] 

In: Brockhaus' Konversations-Lexikon. 14. Aufl. Leipzig 

u. a..* Brockhaus 1892-1895. Bd. 7. 1893, S. 478-479. 



dtolisten, Htonlanb ber Cfterrei<fciia>UnQari= 
[djen SKonarcfcie, gu GiSleitfjamen a,et?6ria,, um= 
jafet bie fi6nia.reid)e ©. unb flobomerien, bie fee^o^ 
turner 2lufa?uri& unb 3atot unb ba£ ®rof$I?er$oa,tum 
ttrafau, grenjt im !R. an Sfhtfslanb ($olen), tin D. 
an SHufelanb (SBotypnien imb ^obolien) unb bie 
Sufomtna, im 6. an bie SBuIomina unb Unaatrt, 
im 2B. an £>fterreid?ifa> unfc $reufcifa>6d)Uften 
unb l?at einen g^*envattm ton 78501,73 qkm, 
b. i. 2i>,i $ro&. bet ftftevt. SRriiMMlttc. 



Die osterreichisch-ungarische Monarchie in Wort 
und Bild. 

Auf Anregung u. unter Mitwirkung . . . [von] Erzherzog 
Rudolf begonnen, fortges. . . . [von] Erzherzogin Stepha- 
nie. [Sog. Kronprinzenwerk.] 

Wien: Kaiserl.-Konigl. Hof- u. Staatsdruckerei; Holder [in 
KommJ 

Galizien. 1898. XVI, 890 S. 

Aufgeschlagen Abbildung S. 234: Kaiser Franz Joseph I. 
auf der Reise durch Galizien, 1880. 
Leihgabe: Hessische Landesbibliothek, Wiesbaden. 



VON BRODY NACH WIEN 



Das Antlitz Galiziens 

Photographic Um 1930. 

Vorlage: Franz Hubmann: Das jiidische Familienalbum. 
Die Welt von gestern in 375 alten Photographien. 
Wien, Miinchen, Zurich: Molden 1974, S. 29. 

Es ist schwer zu leben. Galizien hat mehr als acht Millionen Einwohner 
zu ernahren. Die Erde ist reich, die Bewohner sind arm. Sie sind Bauern, 
Handler, kleine Handwerker, Beamte, Soldaten, Ofhziere, Kaufleute, 
Bankmenschen, Gutsbesitzer. Zu viele Handler, zu viel Beamte, zu viel 
Soldaten, zu viel Offiziere gibt es. Alle leben eigentlich von der einzigen 
produktiven Klasse: den Bauern. 

Die sind fromm, aberglaubisch, furchtsam. Sie leben in scheuer Ehr- 
furcht vor dem Priester und haben einen maftlosen Respekt vor der 
»Stadt«, aus der die seltsamen Fuhrwerke kommen, die ohne Pferde fah- 
ren, die Beamten, die Juden, die Herrschaften, Arzte, Ingenieure, Geo- 
meter, Elektrizitat, genannt: Elektryka; die Stadt, in die man die Tochter 
schickt, auf dafi sie Dienstmadchen werden und Prostituierte; die Stadt, 
in der die Gerichte sind, die schlauen Advokaten, vor denen man sich 
hiiten mufi, die gerechten Richter in den Talaren hinter den metallenen 
Kreuzen, unter dem bunten Bild des Heilands, in dessen heiligem Na- 
men der Mensch verurteilt wird zu Monaten und zu Jahren und auch 
zum Tode durch den Strang; die Stadt, die man ernahrt, damit man von 
ihr leben kann, damit man in ihr bunte Kopftiicher kaufe und Schiirzen, 
die Stadt, in der die »Kommissionen«, die Verordnungen, die Paragra- 
phen, die Zeitungen ausbrechen. 

So war's als der Kaiser Franz Joseph regierte, und so ist es heute. 
JR: Reise durch Galizien. Leute und Gegend. In: FZ. 69 (1924), 868, S. 1. 
-JRW3,S. 832 f. 



Galizische Juden auf der Flucht vor den zaristischen 
Armeen 

Photographic 1914/15. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 77. 

Das Land hat in Westeuropa einen iiblen Ruf. Der wohlfeile und faule 
Witz des zivilisierten Hochmuts bringt es in eine abgeschmackte Ver- 
bindung mit Ungeziefer, Unrat, Unredlichkeit. Aber so treffend einmal 
die Beobachtung war, daft es im Osten Europas weniger Sauberkeit gebe 
als im Westen, so banal ist sie heute; und wer sie jetzt noch gebraucht, 
kennzeichnet weniger die Gegend, die er beschreiben will, als die Origi- 
nalitat, die er nicht besitzt. Dennoch ist Galizien, das grofie Schlachtfeld 



VON BRODY NACH WIEN 




1. Markttag in Strij, Gaiizien. 1905 



VON BRODY NACH WIEN 




VON BRODY NACH WIEN 



des groften Krieges, noch lange nicht rehabilitiert. Auch fur diejenigen 
nicht, die Schlachtfelder fur Felder der Ehre halten. Obwohl westeuropa- 
ische Leiber in galizischer Erde zerfallen, um sie zu diingen. Obwohl aus 
den faulenden Gebeinen der zerschossenen Tiroler, der Niederosterrei- 
cher, der deutschen Soldaten aus dem Reiche der Kukuruz dieses Lan- 
des bluht. 
JR: Reise durch Galizien. Leute und Gegend, a. a. 0. — JRW 3, S. 832 

6 Markttag in Strij, Galizien 

Abb. l Photographic 1905. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 26 — 27. 

Die kleine Stadt liegt mitten im Flachland, von keinem Berg, von kei- 
nem Wald, keinem Fluft begrenzt Sie lauft in die Ebene aus. Sie fangt 
mit kleinen Hiitten an und hort mit ihnen auf. Die Hauser losen die 
Hiitten ab. Da beginnen die Straflen. Eine lauft von Siiden nach Norden, 
die andere von Osten nach Westen. Im Kreuzungspunkt liegt der Markt- 
platz. 

JR:Juden auf Wanderschaft Berlin: Verl. Die Schmiede 1921, S. 26. — 

JRW 3, S. 306. - Siehe auch Kat Nr. 243 



7 Markttag in Rawa Ruska, Galizien 

Photographic 1910. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 38. 

Die Stadt hat achtzehntausend Einwohner, von denen 15 000 Juden 
sind. Unter den 3000 Christen sind etwa 100 Handler und Kauf leute, 
ferner 100 Beamte, einer Notar, einer Bezirksarzt und acht Polizisten. Es 
gibt zwar zehn Polizisten. Aber von diesen sind merkwurdigerweise zwei 
Juden. Was die anderen Christen machen, weifl ich nicht genau. Von 
den 15 000 Juden leben 8000 vom Handel. Sie sind kleine Kramer, gro- 
ftere Kramer und grofte Kramer. Die anderen 7000 Juden sind kleine 
Handwerker, Arbeiter, Wassertrager, Gelehrte, Kultusbeamte, Synago- 
gendiener, Lehrer, Schreiber, Thoraschreiber, Tallesweber, Arzte, Advo- 
katen, Beamte, Bettler und verschamte Arme, die von der offentlichen 
Wohltatigkeit leben, Totengraber, Beschneider und Grabsteinhauer. 
JR: Juden auf Wanderschaft, a. a. 0., S. 27. - JRW 3, S. 306 



Innenansicht der Synagoge von Przemysl, Galizien 

Photographic 1900. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 43. 



VON BRODY NACH WIEN 



Die Stadt hat zwei KJrchen, eine Synagoge und etwa 40 kleine Bethau- 
ser. Die Juden beten taglich dreimal. Sie miiftten sechsmal den Weg zur 
Synagoge und nach Hause oder in den Laden zuriicklegen, wenn sie 
nicht so viele Bethauser hatten, in denen man ubrigens nicht nur betet, 
sondern auch jiidische Wissenschaft lernt. 
JR: Juden auf Wandenchaft, a. a. 0., S. 27. - JRW 3, S. 307 



Gemeinschaftliches Studium der heiligen Biicher. 9 

Wilna, Litauen Abb. 2 

Photographic 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 44. 

Gebetspause in der Synagoge 10 

Photographic 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 42. 

Die Handler und die andern im Leben stehenden Juden beten sehr 
schnell und haben noch hie und da Zeit, Neuigkeiten zu besprechen 
und die Politik der grofien Welt und die Politik der kleinen. Sie rauchen 
Zigaretten und schlechten Pfeifentabak im Bethaus. Sie benehmen sich 
wie in einem Kasino. Sie sind bei Gott nicht seltene Gaste, sondern zu 
Hause. 
JR: Juden auf Wanderschaft, a. a. 0., S. 28.- JRW 3, S. 307 

Gebet 11 

Photographic Abb. 3 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 31. 

Orthodoxe Juden mit Streiml und Kaftan in Krakau 12 

Photographic Um 1925. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 33. 

Sehr deutlich ist die Trennung zwischen sogenannten aufgeklarten Ju- 
den und den Kabbalaglaubigen, den Anhangern der einzelnen Wunder- 
rabbis, von denen jeder seine bestimmte »Chassidim« gruppe hat. 

[...] 

Viele Wunderrabbis leben im Osten und jeder gilt bei seinen Anhangern 
als der groftte. Die Wiirde des Wunderrabbis vererbt sich seit Generatio- 
nen vom Vater auf den Sohn. Jeder halt einen eigenen Hof, jeder hat sei- 
ne Leibgarde, Chassidim, die in seinem Haus aus- und eingehen, die mit 



VON BRODY NACH WIEN 




2. Gemeinschaftliches Studium der heiligen Bucket. Wilna, Litauen 



VON BRODY NACH WIEN 




3. Gebet 



1 VON BRODY NACH WIEN 

ihm beten, mit ihm fasten, mit ihm essen. Er kann segnen und sein Se- 
gen geht in Erfiillung. Er kann verfluchen und sein Fluch erfullt sich 
und trifft ein ganzes Geschlecht. Wehe dem Spotter, der ihn leugnet. 
JR:Juden auf Wanderschaft, a, a. 0., S. 29 und S, 33. ~ JRW 3, S. 307 
und S. 310 



13 Der Melamed (Lehrer) und seine Schuler beim 
Cheder. Tyrnau, Slowakei 

Photographic Um 1930. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 45. 

In dunklen »Chedern« werden sie erzogen. Die schmerzliche Aussichts- 
losigkeit des jiidischen Gebets lernen sie im friihesten Kindesalter ken- 
nen; den leidenschaftlichen Kampf mit einem Gott, der mehr straft, als 
er liebt, und der einen Genuft, wie eine Sunde ankreidet; die strenge 
Pflicht, zu lernen und mit jungen Augen, die noch hungrig nach der An- 
schauung sind, das Abstrakte zu suchen. 
JR-.Juden auf Wanderschaft. a. a. 0. } S. 10.- JRW 3 } S. 296 



14 Jiidisches Elend im Osten: Strafie in Wladimir 
Wolynsk 

Photographic 1914. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 64. 

Der Ostjude sieht die Schonheit des Ostens nicht. Man verbot ihm, in 
Dorfern zu leben, aber auch in groften Stadten. In schmutzigen Straflen, 
in verfallenen Hausern leben die Juden. Der christliche Nachbar bedroht 
sie. Der Herr schlagt sie. Der Beamte laftt sie einsperren. Der Offizier 
schiefit auf sie, ohne bestraft zu werden. Der Hund verbellt sie, weil sie 
in einer Tracht erscheinen, die Tiere ebenso, wie primitive Menschen 
reizt. 
JR: Juden auf Wanderschaft, a. a. 0., S. 10. - JRW 3, S. 295 f. 



13 Lastentrager. Wladimir Wolynsk 

Abb. 4 Photographic 1914. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 69. 

Dann aber gibt es noch eine ganze grofte Schar von Leidenden, Getrete- 
nen, Mifiachteten, die weder im Glauben, noch in einem Klassenbe- 



VON BRODY NACH WIEN 



11 




4. Lastentrdger. Wladimir Wolynsk. 1914 



1 2 VON BRODY NACH WIEN 

wufitsein, noch in einer revolutionaren Gesinnung Trost finden. Zu ih- 
nen gehoren zum Beispiel die Wassertrager in den kleinen Stadten, die 
von morgens friih bis zum spaten Abend die Fasser in den Hausern der 
Wohlhabenden mit Wasser fiillen — gegen einen kargen Wocheniohn. 
Es sind riihrende, naive Menschen, von einer fast unjiidischen korperh- 
chen Kraft. Ihnen sozial gleichgestellt sind die Mobelpacker, die Koffer- 
trager und eine Reihe Anderer, die von Gelegenheitsarbeiten leben — 
aber von Arbeiten, Es ist ein gesundes Geschlecht, tapfer und gutherzig. 
Nirgends ist Giite so nahe bei korperlicher Kraft, nirgends Roheit so 
fern von einer groben Tatigkeit, wie beim jiidischen Gelegenheitsarbei- 
ter. 
JR:Juden auf Wanderschaft, a. a. 0., S. 52. - JRW 3, S. 322 f. 



16 Nach dem Pogrom. Kischinew, Bessarabien 

Photographic 1905. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 72. 



/ 7 Nach dem Pogrom. Kischinew, Bessarabien 

Abb. 5 Die geschandeten Thorarollen werden feierlich zu Grabe 
getragen. 

Photographic 1905. 
Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 73. 

In Westeuropa gibt es einen gesetzlichen Schutz vor Pogromen. Juden 
werden in Westeuropa Minister und sogar Vizekonige. In vielen ostjiidi- 
schen Hausern ist das Bild jenes Moses Montefiore zu sehn, der am 
Tisch des Konigs von England rituell gespeist hat. Der grofte Reichtum 
der Rothschilds wird im Osten marchenhaft iibertrieben. Hie und da 
schreibt ein Ausgewanderter einen Brief, in dem er den Daheimgeblie- 
benen die Vorziige der Fremde schildert Die meisten jiidischen Emi- 
granten haben den Ehrgeiz, nicht zu schreiben, so lange es ihnen 
schlecht geht; und das Bestreben, die neue Wahlheimat vor der alten 
herauszustreichen. Sie haben die naive Sucht des Kleinstadters, den 
Ortsgenossen zu imponieren. In einer kleinen Stadt des Ostens wird der 
Brief eines Ausgewanderten eine Sensation. Alle jungen Leute des Orts 
— und sogar die Alteren — ergreift die Lust, auch auszuwandern; dieses 
Land zu verlassen, in dem jedes Jahr ein Krieg und jede Woche ein Po- 
grom ausbrechen konnte. Und man wandert, zu Fuft, mit der Eisenbahn 
und auf dem Wasser, nach den westlichen Landern, in denen ein ande- 
res, ein bifkhen reformiertes, aber nicht weniger grausames Ghetto sein 



VON BRODY NACH WIEN 



13 



Dunkel bereit halt, die neuen Gaste zu empfangen, die den Schikanen 
der Konzentrationslager halb lebendig entkommen sind. 
JR:Juden auf Wanderscbaft, a. a. 0., S. 11. - JRW 3, S. 296 




3. Nach dem Pogrom. Kischineiv, Bessarabien, 190) 



Familie und friihe Kindheit (1894—1901) 



Uber seine Geburt schreibt Joseph Roth zum 50. Geburtstag seines Verlegers 
Gustav Kiepenheuer am W.Juni 1930: 

Geboren bin ich in einem winzigen Nest in Wolhynien, am zweiten Sep- 
tember 1894, im Zeichen der Jungfrau, zu der mein Vorname Joseph ir- 
gendeine vage Beziehung unterhalt. 
JR an GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 165 

Stimmt das von Roth genannte Geburtsdatum mit dem Eintrag seiner Ge- 
burt im jildischen Matrikelamt zu Brody uberein, so liegt hinsichtlicb des 
Geburtsortes eine Ungenauigkeit vor: Sett 1920, der Zeit seiner Ubersiedlung 
nach Berlin, pflegte Roth Szwaby, das in seinem Brief an G. Kiepenheuer 
erwdhnte »winzige Nest in Wolhyniem, — ein etwa drei Kilometer von 
Brody entferntes Dorf — als seinen Geburisort anzugeben. Tatsdchlich 
wurde er jedoch in der Kreisstadt Brody geboren. 



18 Freitag Abend in Brody 
Gemalde von Isidor Kaufmann. 

Aus : Isidor Kaufmann. Hrsg. von H[irsch] P[erez] Chajes. 
Wien, Leipzig: Manz 1925. 15 Taf. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

19 Brody 

[Lexikon-Artikel.] 

In: Brockhaus' Konversations-Lexikon. 14. Aufl. 

Leipzig u. a.: Brockhaus 1892-1895. Bd. 3. 1892, S. 563. 



VON BRODY NACH WIEN 1 5 



©robt). 1) SBcsirf^^flnptmomtfdjaftin^alijien, 

bat 1879,29 qkm, (1890) 130 707 6. (1880 waren 
unter 129600 [63858 mdnnl., 65 832 roeibl] <S. 
328 <n?anqeliid>e, 24609 tfatbolifen, 76537 @riecb.= 
Umerte,122®riedj.:DTicntaltfcbc f 280903§racUtcn 
unto 520 iWititdrperfonen), 18683 Saufcr, 26 736 
SBobnpavtcien in 108 ®emeinben mit 114 Drtfcbaf- 
ten linb 102©ut£a,cbieten unb umfafst bic ©ericfcta?- 
bejirtc 33., #opatrm unb 3afo*cc. — 2) (Stabt unb 
6ife bcr Sejtrtebauptmannicbaft £3., 90 km norb- 
ojiiidj son Sembcra,, unfcrn bcr rufj. ©rcnjc bc£ 
cbemaliflen SBolbwiicn, in ciuer malbumarenjten, 
jumpfiam £benc, an bcr ^meialinic Jfra3ne = $. 
(42 km) bcr cbemaliani ©ali,v Marl-£ubnriaSbabn, 
jefct Gfterr. ©taatsbabn, ift 6ifc bcr SBcsirf^bauiptr 
mamvfcbaft, etneS SBesirteaeriditS (630 qkm, 36 Qfre- 
meinben, 37 Drtfcbaften, 32 ©utSflebiete, 62927 ©.), 
cinct Sinanjbcjtrfgbircttion, eincS fiauptsolW, cine* 
SteueramtS = unb eincr &anbcl3= unb ©eroctbc- 
faminer, bat (1890) 17534 mcift bcutfdic (?., barun- 
tcr jftci SJrittcl 3*raelitcn, in ©ami \ on (519 9)tann) 
ba£ 30. tialij.-bubmin. AclbjdflcrbataUlon unb bic 
2. (Mabron be? 13. c\a\\$. Utancnrcaiment3 «©raf 
9io[tit}OKienecf»; ^oft, £e(ea,rapb, f'i'mf ^orftdbte, 
breite Straftcn, mctjt ftcinevuc, init 33lecb eiuaxbedie 
.vmujer, meinrcro lUtarltpldfcc, mie bcu :)tiinv fbcv 
■llltmarft, ben 2dUotV unb ^icitmavtt, ciu alte* 
6*tof> mit (Garten, ba-> bem ©rafen 'I'tMobcdi ae 
bort, unb bvci >;mupttivdicn, cine bubfebe crmartoac, 
cin '3taatsOem\ilamuuajium, cine bbbcrc -Wdb 
dicnjdnile, cine tatb. unb cine isracl. Mauptnimle, 
cin airmen: unb cin HranionbauS unb ciu iSrael. 
Joofpital ; fcrncr cine SJampfimiblc unb ©arn- 
jpinuerei. S3, ift bic erfte £anbcl£jtabt ©allien* 
unb bilbct im SBer!ebr ben arofien £aui"d)plaU 
jmifdicn £)ftertcid) = Ungarn unb SRujslanb. liber 
20 ©roft-- unb mebr al£ 200 fteiuere £anbluna.en, 
faft nur in israel. fidnben, betrciben ©efcbdfte in 
©etrcibc, ^el^mer!, SBolle auSSRufelanb, Saum-- 
molle, Scibenroaren , oberofterr. ©enfen, £ebcr, 
$uroelen unb ^Sertcn, SBorften unb_ Jcbem. — 93. 
rourbe 1584 Don bem QBoimcben etanisiau§ 3ol= 
tiemftt geariinbet, 1684 jur £>tabt erboben unb roar 
1779— 1879 greibanbeBftabt. 9iacb ber Slufbebuna 
be» greibanbetg bat ber ftanbet adit ten unb jeit bet 
(rii'enbabntterbinbuna. i'tber Sarnopol aud> ber <r>an- 
bel won Dtobfctobuften mit SRufelanb aba.enommen. 



16 



VON BRODY NACH WIEN 







^^SIM 



6. Roths Grofivater Jechiel Griibel. 1910 



VON BRODY NACH WIEN 1 7 

Der Groftvater: Jechiel Griibel 20 

Farbphotographie nach einem Olgemalde eines unbe- Abb. 6 
kannten Malers aus dem Jahre 1910, nach dem Tode Je- 
chiel Griibels. 
Vorlage: LBI 

Jechiel Griibel 

Geb. 1847. Tucbhdndler in Brody. Heiratet 1866. Kinder: Rebekka, Maria 
— Joseph Roths Mutter — , Sigmund, Heinrich, Norbert, Salomon, Willy. 
Tod seiner Fran bei der Geburt des siebten Kindes. Im Alter Angestellter in 
einem Teegeschdft in Brody. Orthodox judischen Glaubens. Befreundet mit 
dem Brodyer Oberrabbiner Kluger. Gest. im Dezember 1907 in Brody. Im 
Ha use des Grofi vaters in der Bahngasse, einer Seitenstrafie der Goldgasse, 
der Hauptstrafie von Brody ivdcbst Joseph Roth bei seiner Mutter heran. 

Die Mutter: Maria (Miriam) Roth, geb. Griibel 21 

Photographic 

Leihgabe: K& W 

Maria (Miriam) Roth, geb. Griibel 

Tochter von Jechiel Griibel. Geb. 1872 (?) in Brody. Besuch der judischen 
Volksschule in Brody. Streng orthodox judischen Glaubens. Heiratet 1892 
Nachum Roth in der Synagoge von Brody, der im Spat herbs t 1893 — nach 
eineinhalbjdhriger Ehe — auf einer Geschdftsreise geisteskrank wird und 
nicht mehr zuruckkehrt. Am 2. 9. 1894 Geburt ihres einzigen Kindes Moses 
Joseph Roth, dem sie die Geisteskrankheit seines Vaters verschweigt. Fiihrt 
den Haushalt ihres Vaters bis zu dessen Tod 1907. Lebt ivdhrend des Er- 
sten Weltkrieges in Wien. Gest am Karfreitag 1922 im Ha us ihres Bruders 
Sigmund in Lemberg. 

Der Vater: Nachum Roth, Geb. in Westgalizien. Aufgewachsen unter 
Chassidim. Getreideeinkdufer fur eine Hamburger Export firma. Heiratet 
1892 Maria Grubel in der Synagoge von Brody. Im Spatherbst 1893 ver- 
lafit er seine Frau in Kattowitz, die ihn auf einer Geschdftsreise begleitet 
hatte. Auf der Fahrt von Hamburg nach Berlin wegen seines Betragens aus 
dem Zug entfernt und in eine Anstalt fur Geisteskranke gebracht, dann zu 
Verwandten in Rzeszow, die ihn schliefilich bei einem ]Vunderrabbi in 
Russisch-Polen unierbringen. Dort 1910 in geis tiger Vmnachtung gestorben, 
ohne von der Existenz seines Sohnes erfahren zu haben, 

Uber seine Muter schreibt Roth in dem oben erwdhnten Brief an Gustav 
Kiepenheuer: 

Meine Mutter war eine Jiidin kraftiger, erdnaher, slavischer Struktur, sie 
sang oft ukrainische Lieder, denn sie war sehr unglucklich; (und die Ar- 



1 8 VON BRODY NACH WIEN 

men sind es, die bei uns zu Hause singen, nicht die Glucklichen, wie in 
westlichen Landern. Deshalb sind die ostlichen Lieder schoner und wer 
ein Herz hat und sie hort, ist nahe dem Weinen.) Sie hatte kein Geld 
und keinen Mann. Denn mein Vater, der sie eines Tages nach dem We- 
sten nahm, wahrscheinlich nur, um mich zu zeugen, lieft sie in Kattowitz 
allein und verschwand auf Nimmerwiedersehen. 
JR an GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 165 

Uber seinen Vater schreibt er an gleicher Stelle, auch bier Dkhtung und 
Wahrheit vermischend: 

Er mufl ein merkwiirdiger Mensch gewesen sein, ein Osterreicher vom 
Sehlag der Schlawiner, er verschwendete viel, trank wahrscheinlich und 
starb, als ich sechzehn Jahre alt war, im Wahnsinn. Seine Spezialitat war 
die Melancholie, die ich von ihm geerbt habe. Ich habe ihn nie gesehen. 
Doch erinnere ich mich, daft ich als Knabe von vier, fiinf Jahren einmal 
von einem Mann getraumt habe, der meinen Vater darstellte. Zehn oder 
zwolf Jahre spater sah ich zum erstenmal eine Photographie meines Va- 
ters. Ich kannte sie bereits. Es war der Herr aus meinem Traum. 
JR an GK, 10. 6. 1930, -JRB, S. 165 

Wahrend Roths Aussagen uber seine Mutter kaum voneinander abweichen, 
gibt es von der gesellschaftlichen Stellung, dem Berufund der Konfession des 
Vaters, den er in der Tat niemals kennenlernte, die verschiedensten Versio- 
nen. So erzahlte er einem Freund, sein Vater sei »ein hoher osterreichischer 
Staatsbeamter«, einem anderen Bekannten, er sei »ein polnischer Graf « gewe- 
sen; Kunstmaler, Offizier, mn osterreichischer Eisenbahnbeamter (fruhzei- 
tig pensioniert und in Wahnsinn gestorben . . . )« und »der >Kapsel-Roth<, 
der bekannte Wiener MunitionsfabrikanU, sind weitere dem Vater zuge- 
legte Rollen. Eine ausfuhrliche Zusammenstellung von Roths Aussagen uber 
seinen Vater findet sich bei David Bronsen: Joseph Roth. Eine Biographie. 
Koln 1914, S. 33-36. 

Hermann Kesten bemerkt zu Roths Art, seine Biographie zu erzdhlen — 
besser: zu dichten: 

Verfiihrt vom romantischen Spiel seiner blitzend gescheiten, ironisch fa- 
bulosen Phantasie, formte er, neben den kostlichen Figuren seiner 
Romane und Erzahlungen, seine eigene Person zu einer groflartigen, wit- 
zigen, unvergefJlichen Gestalt 

[...] 

Solchen Kaffeehausfreunden und auch Intimeren erzahlte Roth gerne 
und amiisant aus seinem Leben, Dichtung und Wahrheit. So machte er 
aus seinem Leben eine hundertfache Legende und, spottend der Polizei- 
seelenpedanterie und Mensch en zahlungsgrundlagen und amtlichen Fra- 



VON BRODY NACH WIEN 19 

gebogen, mischte er seine Fabeln, so willkiirlich und vergniigt, dafi jeder 
seiner Freunde andere Details und Anekdoten aus Roths Leben zu be- 
richten weift 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Joseph Roth, Leben und 
Werk. Ein Geddchtnisbuch. (Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann 
Linden.) Ko'ln, Hagen: Kiepenheuer 194% S. 15 — 26, hier S. 15 und S. 17 

Joseph Roth als Kleinkind (etwa dreijahrig) 22 

Photographic Abb. 7 

Vorlage: LBI 



Das friiheste Ereignis, an das sich Roth erinnert, ist der Verlust seiner Wie- 
ge, als er etwa dreijahre alt war: 

Joseph Roth 23 

Wiege. 

In: Die literarische Welt 7 (1931), 51/52, S. 6. Nachdruck. 

Nendeln, Liechtenstein: Kraus Reprint 1973. 

JRW4, S. 882-883 

Es war ein klarer Wintertag. Ich sehe noch in dem kleinen Zimmer, in 
dem ich damals lebte, den unbestimmten blauen Abglanz des klaren 
Himmels, eine kristallene, dicke Schicht von Schnee am Fensterbrett 
und ein paar merkwurdige Eisblumenformen an einer (der rechten) Seite 
des doppelfliigeligen Fensters. Eine alte Frau in einem braungrauen, fil- 
zigen, ziemlich langen Tuch, das ihr Kopf und Riicken bedeckt, tritt ins 
Zimmer. Meine Mutter holt, Stuck fur Stuck, das Bettzeug aus meiner 
Wiege und legt es auf einen rostbraunen, gepolsterten, breiten Lehn- 
stuhl. Dann tritt die halbvermummte, ziemlich kleine Frau an meine 
Wiege, spricht etwas, hebt mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit die 
Wiege hoch, halt sie, als ware sie ein ganz geringfugiger Gegenstand oh- 
ne bemerkenswerte Dimensionen, an der Brust, spricht sehr lange, la- 
chelt, zeigt dabei grofie, gelbe Zahne, geht zur Tur und verlafit das Haus. 
Ich bin traurig, unsagbar traurig und ohnmachtig. Ich »weif5« : daft ich et- 
was Unwiderbringliches verloren habe. Ich bin gewissermaften »beraubt« 
worden. Ich beginne zu weinen; man bringt mich in ein groftes, weifies 
Bett, das meiner Mutter. Ich schlafe ein. Hier hort die Erinnerung auf. 



20 



VON BRODY NACH WIEN 










7. Joseph Roth ah Klein kind (etwa dreijdhrig) 



Schulzeit in Brody (1901-1913): 
»Ein Vorzugsschiiler« 



Von 1901 bis 1905 besuchte Joseph Roth die Baron-Hirsch-Schule in der 
Pfarrgasse zu Brody, eine durch den »Hirschchen Schulfonds in Galizien« 
des Baron Moritz Hirsch von 1891 im Gegensatz zum »Cheder« gegrundete 
Volksschule. Die Unterrichtssprache war Deutsch — zivei St widen Deutsch - 
unterricht standen aufdem tdglichen Stundenplan. Weitere Unterrichtsfd- 
cher — neben dem Religionsunterricht, zu dem der gemeinsame Besuch der 
Synagoge am Sabbat gehorte — waren Polnisch und Hebrdisch. 

Roths Schulbucher sind uns nicht bekannt. Es ware jedoch denkbar, dafi er 
die beiden ausgestellten Lehrbucher der hebrdischen Sprache benutzt hat: 



M. Goldmann 24 

Talmud leson 'eber. Praktischer Unterricht in der ebra- 
ischen Sprache. Nach e. leichtfassl. Methode in Fragen u. 
Antworten bearb., mit mannigfachen Uebungsaufgaben, 
Uebers., Analysen, u. e. vollst. Vocabularium versehen. 2., 
durchgehends umgearb., stark verb. u. verm. Auflage. 
Prag: VerL d. Verf. 1863. 184, 32, 56 S. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 



Mosche Jakob 25 

Sot ha-beracha. Dieses kleine Sefer besteht aus e. Samm- Abb. 8 

lung d. wichtigsten u. gebrauchlichsten Gegenstande f. d. 

israel. Jugend. 4., verb. u. verm. Aufl. 

Lemberg: Jisrael Dawid Zis 1889- 60 S. 

Text vollst. in hebr. Bibliograph. Angaben iibers. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 



Aufbauend aufdem Grammatik-Unterricht hatten die Schuler noch ivdh- 
rend der ersten vier Jahre den gesamten Pentateuch torn Hebrdischen ins 
Deutsche zu ubersetzen. 



22 



VON BRODY NACH WIEN 



*V 



»n a ♦an; n^nsni a.SM6te '3 ^f.bv^i^h^ 

amp ,<n *tr&i ^b*»* r&an J^s. *n.p^?i n?^ j» «; 

bkij h'jbbo lift w .t>\% »«V •wyr.ifc p:6sij mc ii«l 
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« jjseyt Tpsnt t^«i ^r «ij*t fj»e3?»j?| eg «rt w$m§ 

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Frel< &J* kr. 



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& Mosche Jakob: Sot ha-beracha. Lemberg 1889 



VON BRODY NACH WIEN 23 

Moses 26 

Harnlsa humse tora [Pentateuchus, hebr.] [Hrsg.:] Meir 

Letteris. 

Berlin: Treitzsch [5]663 [1903]. 350 S. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M 



Joseph Roth (neunjahrig) mit seiner Mutter 27 

Photographic 1903. Abb. 9 

Leihgabe: K&W 

Von 1905 bis 1913 war Roth Schiller des K. K. Kronprinz Rudolf-Gymna- 
siums in Brody, neben dem Gymnasium in Lemberg das einzige deutsch- 
sprachige Gymnasium in Galizien. Roth gehbrte jedoch zum letztenjahr- 
gang, der — aujSer in polnischer Literatur und Geschkhte — noch in 
Deutsch unterrichtet wurde, (Bei den nachfolgenden Klassen wurde Pol- 
nisch als Unterrkhtssprache eingefuhrt.) 



Roths Gymnasialklasse 28 

Roth links in der letzten Reihe. Vorn Mitte: Religionsleh- 
rer Dr. Frost. 
Photographic 1910. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

Die frubesten von Joseph Roth erhaltenen handschriftlichen Zeugnisse sind 
Karten und Brief e an die Familie seines Vormunds und Onkels mutterli- 
cherseits, Sigmund Grubel, ein Malz- und Hopfengrofihdndler in Lemberg, 
der Roths Mutter finanzi ell unterstutzte. Roth verbrachte oft die Sommerfe- 
rien bei seinen Lemberger Verivandten. Die me is ten der erhaltenen Briefe 
sind an seine beiden Kusinen Resia und Paula gerichtet, aber auch Briefe 
an ihre Mutter Rozia und ihren jungeren Bruder Heini sind vorhanden. 
Alle Lemberger Verwandten Roths sind in deutschen Konzentrationslagern 
umgekommen. 



Lemberg, Opernhaus 29 

Photopostkarte. Undatiert. 

Nationale und sprachliche Einheitlichkeit kann eine Starke sein, natio- 
nale und sprachliche Vielfaltigkeit ist es immer. In diesem Sinn ist Lem- 
berg eine Bereicherung des polnischen Staates. Es ist ein bunter Fleck 



24 



VON BRODY NACH WIEN 




% Joseph Roth (neunjdhrig) mit seiner Mutter, 1903 



VON BRODY NACH WIEN 2 5 

im Osten Europas, dort, wo es noch lange nicht anfangt, bunt zu werden. 
Die Stadt ist ein bunter Fleck: rot-weifi, blau-gelb und ein bifkhen 
schwarz-gelb. Ich wiiftte nicht, wem das schaden konnte. 
Diese Buntheit schreit nicht, blendet nicht, macht kein Aufsehen, ist 
nicht um ihrer selbst willen da, wie die Buntheit balkanisch-orientali- 
scher Stadte, wie die Budapester zum Beispiel, das balkanischer ist als 
der Balkan. Die polyglotte Farbigkeit der Stadt Lemberg ist wie am frii- 
hen Morgen noch im Halbschlummer, schon in halber Wachheit Es ist, 
wie die erste Jugend einer Buntheit. Junge Bauerinnen mit Korben fah- 
ren im Bauernwagen durch die Hauptstrafle, Heu duftet. Ein Drehorgel- 
mann spielt ein Volkslied. Stroh und Hacksel sind iiber den Fahrdamm 
gestreut. Die Damen, die in die Konditorei gehen, tragen die letzten 
Toiletten aus Paris, Kleider, die bereits den Anspruch erheben, »Schop- 
fungen* zu sein. In den Seitenstraften staubt man Teppiche. 
JR: Reise durch Galizien. Lemberg, die Stadt. 
In: FZ. 69 (1924), 869, S. h - JRW 3, S. 838 

Joseph Roth an Paula Griibel 30 

Postkarte. [Brody, 2. 4. 1909-] 1 BL hs. Abb. 10 

Kopie. — Original: LBI 

Fraulein 

Paula Griibel 

Lemberg 

Hofmanagasse No 7 

Liebe Paula! 

Ich wiinsche Dir ein frohliches Osterfest, wie Du aus der Karte schon 

ersiehst, und sende Dir viele herzliche GriifSe und Kusse. 

Dein Cousin 

Muniu 

Paula Griibel (rechts) mit Friederike Roth 31 

Photographic Abb. 1 1 

Vorlage: LBI 

Paula (Pauline) Griibel 

Geb. 1897 in Lemberg. Tocbter von Joseph Roths Onkel und Vormund Sig- 
mund Griibel. Roths Lieblingskusine, stete Freundschaft bis zu seinem Tode. 
Besafi iiber 130 Gedichtmanuskripte und andere Nachlaflmaterialien 
Roths. Bemiihte sich mit Hermann Kesten um Roths Nachlafi und reist zu 
diesem Zweck nach Frankreich, dort interniert. Letzte bekannte Adresse: 
Camp Acridueroz, Baroque 5, par Mende Lozere, France. 1941 (?) von den 
Nationalsozialisten im besetzten Frankreich umgebracht. 



26 



VON BRODY NACH WIEN 











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10. Joseph Roth an Paula Griibel 2. 4. 1909 



11. Paula Griibel (rechts) mil Friederike Roth 




VONBRODY NACHWIEN 27 

Joseph Roth an Rozia Griibel 32 

Brief. [Brody, urn 1912.] 4 S. hs. Abb. n 

Kopie. — Original: LBI 

Liebe Tante! 

Kaum, daft Ihr fortgefahren seid und nun jagen Euch schon meine Ge- 
danken nach, folgt Euch schon ein Brief. Denn so kommt es mir vor, daft 
ich mit Euch noch personlich spreche. So rasch sind diese paar Stunden 
verflogen, daft ich noch immer nicht weift, ob es eine Minute oder ein 
ganzer Tag gewesen ist. Anders verhalt sich die Sache bei Personen die 
oft nach Brody kommen und anders bei solch seltenen Gasten wie Ihr 
seid. — Daft mich Euer lieber Besuch gefreut hat, brauche ich Euch erst 
nicht zu sagen, aber bemerken will ich es, daft Ihr mir in dem Grade eine 
Freude bereitet habt, daft ich diesen Brief als Dankschreiben sende, daft 
ich Euch fur den Besuch herzlichst danke. [ . . . ] Es ist jetzt ruhig hier u. 
das Zimmer, das gestern so hell erleuchtet war, heute schenkt ihm nur 
eine kleine Lampe ihr geringes Licht. Kein Wunder! Sind doch die 1. 
Gaste leider schon fort. — Nun will ich hoffen, daft sie noch oft uns be- 
suchen werden. Es traumt doch ein jeder junger Mensch von einer 
glucklichen, groften Zukunft, wie sollte es ein Dichter nicht?! Sind es 
vielleicht Luftschlosser, die ich mir baue? Nun, man baut Aeroplane ich 
werde also in meine luftigen Palaste gelangen konnen. Hoffentlich aber 
werden sie auf festem Boden stehen, so daft Ihr noch ofters mich dort 
werdet besuchen konnen. »Der Wille ist mein Gott.« Und mit Fleift und 
Ausdauer kommt man auch zum grdftten Ziele. - - Nun habe ich aber 
genug gefaselt; es bleibt mir noch iibrig Dich zu griiften u. zu kiissen, 
trotzdem ich es erst heute gemacht habe und mich zu unterschreiben. 
— Muniu. — 

[--■] 

Die liebe Mama schlaft schon u. iaftt griiften 

M. 



Ich studiere fleiftig die Litteratur heute bis l h 

Es fliegt mein Lied. - Es breitet seine Schwingen 
und fliegt Euch nach in eilig schnellem Flug 
Auf Nebelschleiern schwebt dahin mein Singen 
Ereilt Euch noch in eilend hast'gem Zug. — 

Dann wird es tief in Eure Herzen dringen 
Und flustert Euch von mir ins Ohr genug 
Was ich gefiihlt und was ich nachempfunden 
Wahrend und nach den teuren kurzen Stunden. 



28 VON BRODY NACH WIEN 



$%</ jL\ Ji~ &/*/ J^^ys* t^<^u .-. >&■« ^v^v-; 
y^^^y^ , <*yj ic^yj^^u^ Zj- <y fc y: && +«A^ 

x^yUztyL^ #Lf<r&aM ^^C^i^^^ f •ey+^Jt* w*£t^ 

j^yt^^ j&yyrfi f^a^ti***/! fa /y *^ji Z^ 



72. Joseph Roth an Rozia Grubel Um 1912 (Auszug) 



VON BRODY NACH WIEN 29 



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3 VON BRO DY NACH WIEN 

33 Joseph Roth als Schiiler (mit Geige) 
Photographic 

Leihgabe: K& W 

Roths Lieblingsfach im Gymnasium war Deutsch. Sein Professor der deut- 
scben Literatur, Max Landau, erkannte seine Begabung und forderte seine 
ersten dichterischen Versuche und sein scbriftstellerisches Talent, das sich in 
seinen Aufsdtzen zeigte. 

Da Roths spdtere Lebensiveise — fast ausschliefilich in Hotels — ihm nicht 

gestattete, eine eigene Bibliothek zu besitzen, ist es auch nicht moglich, die li- 

terarischen Werke, die er zur Zeit seines Gymnasiumbesuches gelesen hat, 

nachzuweisen. 

Aufgrund einer Angabe in einem bisher unveroffentlichten kleinen Notiz- 

buch Roths aus demjahre 1919, das sich im Besitz David Bronsens befin- 

det, ivissen wir, dafi er grofie Teile von Goethes Faust auswendig kannte 

und Schiller, Shakespeare, Lessing und Holderlin schatzte. Seit fruhester Zeit 

bewundert er besonders Heinrich Heine und sieht ihn als Vorbild. 

Es iverden einige weit verbreitete Klassiker-Ausgaben der Zeit gezeigt, von 

denen Joseph Roth Exemplare in der Hand gehabt ha ben konnte: 

34 William Shakespeare 

Shakespeares samtliche dramatische Werke. 

In neu revidierter Uebers. von [August Wilhelm von] 

Schlegel u. [Ludwig] Tieck. Mit e. litterarhistor.-biograph. 

Einl. Bd. 1. 

Stuttgart: Cotta 1889. XIX, 582 S., 1 Titelbild 

Leihgabe: Margarethe Zirpel, Frankfurt a. M. 

33 Gotthold Ephraim Lessing 

Hamburgische Dramaturgic 

Halle a. S.: Hendel [1891]. IV, 408 S. (Bibliothek d. Ge- 

samtliteratur d. In- u. Auslandes. Nr. 479 — 482.) 

Leihgabe: Harro Kieser, Bad Homburg v. d. H. 

36 [Johann Wolfgang von] Goethe 

Faust Hrsg. von Georg Witkowski. 11.— 15. Tsd. Bd. 1. 
Leipzig: Hesse 1910. 411 S. 

Leihgabe : Harro Kieser, Bad Homburg v. d. H. 



VON BRODY NACH WIEN 3 1 

Qohann Wolfgang von] Goethe 3 7 

Werke. Nach d. vorziiglichsten Quellen rev. Ausg. 

Berlin: Hempel. 

T. 1. Gedichte 1. Hrsg. u. mit Anm. begleitet von Fr. 

Strehlke. Nebst d. Biographie d. Dichters von Fr. 

Forster u. 3 Facsimiles von Goethes Handschrift. 

[1879]. CLXXXI, 304 S. 
T. 2. Gedichte 2. Hrsg. u. mit Anm. begleitet von Fr. 

Strehlke. [1879]. XII, 496 S. 

Leihgabe: Dr. Werner Berthold, Frankfurt a. M. 

Friedrich von Schiller 38 

Wilhelm Tell. Schauspiel in ftinf Aufziigen. 
Leipzig: Reclam [1912]. 104, 32 S. 
(Reclams Universal-Bibliothek. 12.) 

Leihgabe: Dr. Werner Berthold, Frankfurt a. M 

Heinrich Heine 39 

Neue Gedichte. 8. Aufl. 

Hamburg: Hoffmann & Campe 1868. 271 S. 

Leihgabe: Harro Kieser, Bad Homburg v. d. H. 

(Eduard) Morike 40 

Werke. Hrsg. von Harry Maync. Neue, krit. durchges. u. 

erl. Ausg. Leipzig, Wien: Bibliograph. Inst. 

(Meyers Klassiker-Ausgaben.) 

Bd. 1. Gedichte. — Idylle vom Bodensee. (1914). 29, 

508 S, 1 Titelbild 
Leihgabe: Harro Kieser, Bad Homburg v. d. H. 

Joseph Roth als Schiiler (in Uniform) 41 

Photographic Abb. 13 

Leihgabe: K&W 

[Ich] war ein besonders braver Junge, voll stiller Bosheit und gefullt mit 
Gift, bescheiden aus Hochmut, erbittert gegen die Reichen, aber ohne 
Solidaritat mit den Armen. 
JR an GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 165 



32 



VON BRODY NACH WIEN 










/3. Joseph Roth ah Schiller 



VON BRODY NACH WIEN 3 3 

Joseph Roth an Heini Griibel 42 

Brief. [Brody, o. DJ 1 BL hs. 
Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 26 

Joseph Roth an Resia und Paula Griibel 43 

Brief. [Brody, o. DJ 4 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 25-26 

Seiner Kusine Resia schreibt Roth: 

Du haltst es, scheint's, mit Goethes Versen: 

»Spiel und Tanz, Gesprach, Theater, 

Sie erfrischen unser Blut — — « 

Es ist ganz recht und schon so. Naturlich, in Brody gibt es das nicht, von 

einem sogenannten .Ball* abgesehen, den meine Klasse veranstaltet, an 

dem ich jedoch nicht teilnehmen werde, da es nicht meine Gesellschaft 

ist. — Im iibrigen ist es hier sehr langweilig. — 

Joseph Roth an Rozia, Resia und Paula Griibel 44 

Brief. [Brody, 2. 9. 1912.] 3 BL hs. Abb. 14 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 24 Teilabdruck 

Nun ist bald schnell das ganze Jahr herum und die Matura und alle Mii- 
hen und Unannehmlichkeiten der Schulbank und ich gehe in die grofie, 
in die groftte aller Schulen ins Leben. Hoffentlich werde ich auch diese 
Anstalt mit sehr gutem Erfolg besuchen.— 

Ende Mai 1913 besteht Joseph Roth die Matura mit Auszeichnung. 
Siebzehn Jahre spdter erinnert er sich: 

Joseph Roth 45 

Aus dem Tagebuch des Schiilers Roth. 

In: Die literarische Welt. 6 (1930), 28, S. 3. Nachdruck. 

Nendeln, Liechtenstein: Kraus Reprint 1973. 

JRW4, S. 868-870 

Meiner torichten Hofmung, die mich von der ersten Schulstunde mei- 
nes Lebens bis hart vor der des Abiturs begleitet hat, dafl ich mit dem 
Reifezeugnis in der Hand endgiiltig den groflen und kleinen, bescha- 



34 VON BRODY NACH WIEN 



■**^ 



/ 




tf*.^ ac-v, Aj ^» **~v 4^/ t£>*, &/$&? 



Z/6 



14. Joseph Roth an Rozia, Resia und Paula Grubel. 2. % 1912 (Auszug) 



VON BRODY NACH WIEN 3 5 

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36 VON BRODY NACH WIEN 

menden und degradierenden Schikanen der Schule entronnen sein wiir- 
de, widersprach die Wirklichkeit leider in einem niederschmetternden 
Ausmafr [ . . . ] Viel tiickischer, als das Verfahren meiner Lehrer in der 
Schule gewesen ist, ist das meiner Lehrer von heute. Sie stellen sich, als 
waren sie meine Freunde, meine Kameraden, meine Kollegen, meine 
Gleichgestellten. Sie sitzen, essen, sprechen mit mir an demselben Tisch. 
Aber ich weift sehr wohl, daft sie ihren Katalog in der Tasche haben und 
daft sie ihn hervorziehen werden, sobald ich sie verlassen habe. Dort ste- 
hen wir alle, die Schiiler, nach dem Alphabet verzekhnet. Sie blattern 
bis zum Buchstaben R und tragen unter meinem Namen mit heimlicher 
Wollust eine grofte Vier ein. Spater, wenn ich die Schule des Lebens ver- 
lasse, werden sie mir ein Zeugnis aushandigen, das mich wahrscheinlich 
nicht berechtigen wird, die Nachwelt zu betreten. [ . . . ] 
Jedes Buch und jeder Aufsatz, die ich schreibe, liefere ich mit der alten, 
wohlvertrauten Angstlichkeit ab, mit der ich vor zwanzig und mehr Jah- 
ren den gefahrvollen Weg meiner Schulhefte zu begleiten pflegte. [ . . . ] 



Studium und friihe Dichtungen 

(1913-1916): 

»Der vertraumte deutsche Lyriker 



Joseph Roth immatrikulierte sich im Herbst 1913 fur das Wintersemester 
1913/14 an der K. K. Universitdt zu Lemberg. Aufgrund von Indizien 
konnte David Bronsen jedoch nachweisen, dafi er schon im gleichen Herbst 
nach Wien ubersiedelte. Das in Lemberg belegte Semester ivurde ihm bei sei- 
ner Immatrikulation an der Universitdt Wien zum Sommersemester 1914 
voll angerechnet. 

In seiner ersten Wiener Zeit wohnte Joseph Roth in Untermiete in der Rem- 
brandtstrafie 35 in der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Gemeindebezirk. Im 
Spdtsommer 1914 zog er zusammen mit seiner Mutter, die ihm bei Kriegs- 
ausbruch nach Wien gefolgt war, in eine Wohnung in die Wallensteinstra- 
fie 14/16 im 20. Gemeindebezirk, dem Arbeiterbezirk Brigittenau. 



VON BRODY NACH WIEN 3 7 

Alte Ghettohauser in der Wiener Leopoldstadt 46 

(Tandlmarkt) 

Zwei Photographien. Um 1900. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 110. 

Die Ostjuden, die nach Wien kommen, siedeln sich in der Leopoldstadt 
an, dem zweiten der zwanzig Bezirke. 

[•••] 

Die Leopoldstadt ist ein freiwilliges Ghetto. Viele Brucken verbinden sie 
mit den andern Bezirken der Stadt. Uber diese Brucken gehen tagsiiber 
die Handler, Hausierer, Borsenmakler, Geschaftemacher, also alle unpro- 
duktiven Elemente des eingewanderten Ostjudentums. Aber uber diesel- 
ben Brucken gehen in den Morgenstunden auch die Nachkommen der- 
selben unproduktiven Elemente, die Sonne und Tochter der Handler, 
die in den Fabriken, Biiros, Banken, Redaktionen und Werkstatten arbei- 
ten. 



Die Leopoldstadt ist ein armer Bezirk. Es gibt kleine Wohnungen, in de- 
nen sechskopfige Familien wohnen. Es gibt kleine Herbergen, in denen 
fiinfzig, sechzig Leute auf dem Fuflboden iibernachten. 

[••■] 

Sie haben viele Kinder, sie sind an Hygiene und Sauberkeit nicht ge- 
wohnt und sie sind gehafk. 

JR:Juden auf Wanderschaft Berlin: Verl. Die Schmiede 1927, S. 53 fi — 
JRW3, S. 323 f. - Sieheauch Kat. Nr. 243 



Wien, Universitat 47 

Blick von der Molkerbastei. Abb. n 

Photographic Um 1915. 
Vorlage: ONB 

In dem 1967 posthum veroffentlichten Roman »Der stumme Prophet* 
schreibt der Ich-Erzdhler aus der Skht seiner Hauptfigur Friedrich Kargan: 

Die schon geschwungene Rampe der Universitat erschien ihm immer 
noch nicht — wie mir — als die Festungsmauer der nationalen Bur- 
schenschafter, von der alle paar Wochen einmal Juden oder Tschechen 
hinuntergeworfen wurden, sondern als eine Art Aufgang zu »Wissen und 
Macht*. 
JRW 1, S. 711 



38 



VON BRODY NACH WIEN 



48 Joseph Roth als Student in Wien 

Photographic 1915. 

Vorlage: LBI 



49 Offentliche Vorlesungen 

Abb. 16 an der k. k. Universitat zu Wien im Sommer-Semester 
1914. 
Wien: Holzhausen 1914. 79 S. 

Kopie. — Vorlage: Bayer. Staatsbibliothek, Munchen. 

Ausgelegt S. 42 (Philosophic) und S. 54 f (Deutsche Philologie). Wdhrend 
seines ersten Wiener Semesters belegte Roth folgende Vorlesungen und Ubun- 
gen: 

»Ethik« bei Prof. Dr. Adolf Stohr; »Ubungen aus der Geschichte der Philo- 
sophies bei Prof. Dr. Robert Reininger; »Geschichte der deutschen Literatur 
von Goethes Tod bis in die Gegenwart« bei Prof. Dr. Walther Brecht; »Prose- 
minar fur deutsche Philologie: Alt- und mittelhochdeutsche Ubungem bei 




15. Universitat Wien. Urn 1915 



VON BRODY NACH WIEN 39 

Prof. Dr. Max Hermann J ellinek; »Deutsches Proseminar, moderne Abtei- 
lung« bet Prof. Dr. Robert Franz Arnold; »Goethe$ Seelendramem bei Pri- 
vatdoz. Dr. Eduard Castle. 



Franz Joseph I. 50 

An meine Volker! Aufruf. Wien, 28. 7. 1914 und 
Kriegserklarung vom 28. 7. 1914 
sowie 

Kaiser Wilhelm II. mit Zar Ferdinand von Bulgarien, 
Kaiser Franz Joseph I. und Sultan Mohammed V. 
Photographic Schonbrunn, vor 1914. 
In: Bildband zur Geschichte Osterreichs. 4. Aufl Inns- 
bruck: Pinguin-Verl.; Frankfurt a. M.: Umschau-Verl. 
1975, S. [182-183]. 



Vor den Kriegsereignissen gefliichtete galizische 51 
Juden auf dem Gaufiplatz im II. Wiener Gemeinde- Abb. 17 
bezirk 

Photographic 1915. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 113. 



Wien, Ringstrafiencafe 52 

Photographic 1915. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 99. 

Vorldufig kann Joseph Roth trotz der Kriegsereignisse iveiier studieren. 

Mit Professor Dr. Walt her Brecht, dem Ordinarius fur neuere deutsche Lite- 
ratur, verband Roth eine enge personliche Beziehung. Roths Liebe zur dster- 
reichischen Literatur und zur osterreichischen Lebensform scheint durch sei- 
nen Lieblingsprofessor geweckt tvorden zu sein. 



Walther Brecht 53 

Photographie aus seinen letzten Lebensjahren. Abb. 18 

Vorlage: Hertha Schmujlow, Miinchen. 



40 VON BRODY NACH WIEN 

OFFENTLIGHE YORLESUNGEN 



K. K. UNIVERSITAT ZU WIEN 



IM 

SOMMER-SEMESTER 1914 



Die Frist hut Immatrikulation and ioskription begiont am 9. April 1914 ond daaert 
bis einjcbiieCHch 23. April 1914. 

NachtrSgliche Inskription«n werfleti but ganz ansnahmsweiM bewilligt, wenn fttr 
diewtben die im § S2 der Stttdienordmmg angefiihrten GrQnde in tmeweifelhafter 
Art uachgewieaen werden und die Vorlesungen aicht schon *u weit vorgerflckt 
find, nm mit gehOrigem Erfolge gebSrt tn werden. Als Encttermin fHr die Ein- 
dringnng der Gestlche -am nachtrSgliche Inskription gilt im Wintereetnester 
der 10. December, im SomtneiBemester der 15. Mai, 



(Bel dem Pottier def k. k. TJ n i vorsi tat.) 



Frels 20 Heller. 



WIEN. 

DKUCK VON ADOLF HOL2UA.U3KN, 

K. UNO K. SOF- UNO UKITKflStTlTSHUCRIJKUt KKR. 

1914. 



16. Vorlesungsverzekhnis der Universitdt Wien. Sommersemester 1914 



VON BRODY NACH WIEN 



41 



55 

Bracht Waiter,, o. 6. Prof. Dr.: Geschichte der deutsehen Literatur 
von Goethes Tod bis in die Gegentvart, 5st0n<L, Mo., Dt., Do,, Fr., 
Sa. 1^ — 1 5 kl. Festsaal. *K 10.50 

„ ^Seminar fur deutsche PhUologie (moderne AbteUJ: VergUichende 
Interpretation ausgewahlter hjrischer Gedichte vonOpUsbis Morihe 
2stttnd., ML 11-4; Saal 41. Gratis 

Jellinek Max H,> 6. 6. Prof. Dr.: Erkldrung mitielhochdmtscher Lyriher, 
2stUnd., Dienstag. Donnerstag 9—10; Saal 37. * R 4.20 

„ Das Tierepos, 2sttind., Mittw. Freit 9— 10; Saal 37. *K4.20 

„ °Proseminar fur deutsche PhUologie: Alt- und mittelhochdeutsche 
Obungen, Dienstag, Freitag 11—12; Saal 38. . Gratis 

Well Alexander R. v. Wei ten, o. 9. Prof. Dr. : Interpretation von ,Her- 
mann u. Dorothea* u. anderen epischen Dichtungen Goethes, 3stUnd., 
Dienstag 6^-7, BVeitag 5— 7; Saal 38. *K 6.30 

Arnold* Robert F., a. o\ Prof. Dr. : Elementare Methodik der IAteraiur- 
geschkhte, 4stundig, Do. 6— 8> Sa. 4—6; kl. Festsaal *£ 8.40 
„ Einfuhrung in die toissenschaftliche Bibliographic, 1 stttnd., nach 
Uberemkunft. (Burerzahl besehninkt) *K2.10 

„ °Deutsches Proseminar, moderne Abt t B&. 9— 11; Saal 38. Gratia 
Wolkan Rudolf, a. 0. Prof Dr., wir4 nicht lesen. 
Nag I Johann W., Reg.-Rat Privatdoz. Dr.: Etymologien sum deutsehen 
Volksepos, bes. jsu den Nibclungen und zwr Kudrfm, $amt lUeratur- 
geschichtl Folgerungen, 2stUndig, Montag 6—8; Saal 17. *K 4.20 
K v Stefan, Privatdoz. Dr.: The jungere J^Omantih II., 4 stftndig, 
ach Ubereinkoniraen ; Saal 41. *K 8.40 

^ jVeuhochdeutsche Metrih, 2 stand ig, n, Ube rein k.; Saal 35. *K 420 
Junk Victor, Privatdoz. Dr.: Bunenlehre und Erkldrung von Runen- 
denhmalern, lstUndig, Dienstag 6— 7; Saal 39. *K2.10 

Castle Eduard, Privatdoz. Dr.: Goethes SeeUndratnen, 2stUndig, Diens- 
tag 5— 6, Saal 39; Do. 6— 6> Saal 35. *K4.20 
- Grundfragm rf. Methodik d. deutschen Unterrichts an MUlelschulen, 
IstUndig, Mi. 4-^5; Saal 35. *K 2.10 
„ Interpretationsubungenfsm Goethes und SchMers Balladen, lstiind., 
Di, 4-5; Saal 39. ■* *K 2.10 
(Alle 3 Vorlesungen f.Probekandid. a. Mittelschttlsupplenten gratis.) 

B, Slawisclie Phllologie. 

Jirecek Josef Konst, o. 6. Prof. Hofrat Dr.: Die Eroherung d Balkan- 
Hinder durch die Turhen (1389—1521), 3stundig, Di., Mi., Fr. 
9—10; Saal 16. *K 6.30 

_ Der Levantehandel d.-Mittelalters, 2stiind., Mi., Fr. 10—11 ; Saal 16. 

*K4.20 
n ^Im Seminar fur osteuropaische Geschichte: Die altruss. Ghronik d. 
Nestor (Forlsetzung), Dt. 5—7. Gratis 

Re 8 e tar Milan R. v., o. 6. Prof. Dr. : Einfuhrung in die slawische PhUo- 
logie, 2stUndig > Mont. 9— 10, Freit. 1 1—12; SaaM6, *K 4.20 



42 



VON BRODY NACH WIEN 




1 7. Vor den Kriegsereignissen gefliichtete galizische Juden 
auf dem Gaufiplatz in Wien. 1915 



VON BRODY NACH WIEN 



43 




18. Prof. Dr. Walther Brecbt 



44 VON BRODY NACH WIEN 

54 Walther Brecht 

1.8. 1876-1. 7. 1950 

[Nachruf von] Carl von Kraus. 

In: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Jahrbuch 

1950. Berichtsjahr: 1. 8. 1949 - 31. 7. 1950. 

Miinchen: Verl. d. Bayer. Akad. d. Wissenschaften; Beck 

[in Komm.] 1950, S. 183-185. 

In seinem Nachruf auf Walther Brecht schreibt Carl von Kraus: 

Am 1. Juli 1950 ist nach langjahriger Krankheit Walther Brecht, der der 
Philosophisch-historischen Klasse unserer Akademie seit dem Jahre 
1929 als ordentliches Mitglied angehort hat, verschieden. 
Brecht, geboren zu Berlin am 1. August 1876, habilitierte sich im Jahre 
1906 an der Universitat Gottingen, wurde 1910 hauptamtlicher Profes- 
sor an der Kgl. Akademie zu Posen, vier Jahre spater ordentlicher Pro- 
fessor fur deutsche Sprache und Literatur an der Universitat Wien, folgte 
1926 einem Rufe in gleicher Eigenschaft an die Universitat Breslau und 
wirkte seit 1927 bis zu seiner im Jahre 1937 erfolgten Pensionierung an 
der Universitat Miinchen. 

Brecht publizierte u. a. Die Verfasser der Epistolae obscurorum virorum. 
Strafiburg 1904. — Ulrich von Lichtenstein als Lyriker. Leipzig 1907. — 
Heinse und der dsthetische Immoral ism us. Berlin 1911. — Conrad Ferdi- 
nand Meyer und das Kunstwerk seiner Gedichtsammlung. Wien 1918. Er 
war Herausgeber der literaturgeschichtlichen und historischen Reihe "Deut- 
sche Kultur«, Wien 1928 — 1950, und Mitherausgeber von "Deutsche Lite- 
ratur. Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmdler in Entwick- 
lungsreihen«. Leipzig 1928 — 1950. 

Carl von Kraus schliefit: 

Die Priifung der bei ihren Grillparzer-, Bauernfeld- und Schillerstiftun- 
gQn einlaufenden Arbeiten hat ihm reichlich Gelegenheit gegeben, auch 
mit dem Schaffen der Gegenwart in enger Fiihlung zu bleiben, aber sie 
hat zusammen mit den Pflichten eines jederzeit iiberaus stark besuchten 
Lehrfaches die Krafte eines zarten, von Krankheit und hauslichem Un- 
gluck heimgesuchten Mannes vorzeitig fast voll beansprucht. So kam in 
spateren Jahren der Reichtum und die Vielfalt seines Wissens, sein si- 
cheres Urteil und sein asthetisches Empfinden denen zugute, die als 
Schiiler zu seinen Fiiften saften oder in naherem personlichen Umgang 
mit ihm verkehrten; daft darunter neben gelehrten Kollegen auch Dich- 
ter wie Hofmannsthal und R. A. Schroder gewesen sind, zeigt, welch rei- 
che Begabung mit ihm dahingegangen ist. 



VON BRODY NACH WIEN 45 

Walther Brecht 55 

Ulrich von Lichtenstein als Lyriker. 

Leipzig: Hirschfeld 1907. 122 S. 

Aus: Zeitschrift fur deutsches Altertum. Bd. 49. 

Mit handschriftl Widmung d. Verf. auf d. Umschlag. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Spdter, im Herbs t 1926, schreibt Roth aus der Sow jet union an Ben no Rei- 
fenberg iiber seine neu gewonnene Verbindung zu Brecht: 

Joseph Roth an Benno Reifenberg 56 

Brief. [Oktober? 1926.] 2 S. hs. mit Unterschrift. 

JRB, S. 99-101 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg t. Ts. 

Ich habe etwas Unerhortes erlebt: Horen Sie: Mein lieber Professor der 
Germanistik Dr Brecht, der jetzt nach Breslau geht, hat mir schon 6 Jah- 
re nicht geschrieben. Als ich noch sein Schuler war, war ich deutschna- 
tional, wie er. Ich glaube natiirlich, daft er infolge meiner Publikationen 
mich aus seinem Herzen gewischt hat. Ich lese aber im Kaukasus in ei- 
ner alten Zeitung, daft er 50 Jahre alt geworden ist. Gratuliere ihm. Und 
heute schickt mir die F. Z. seinen Brief: Er schickt mir seine Photogra- 
phic. 1912/13 war ich sein Schuler. Er sieht genau so aus, wie damals. 
Und er hat mich soeben einer Preisstiftung fiir junge Autoren eingereicht. 
Er hat alles von mir gelesen. Er ist eben beim Aufraumen und packt — 
meine ersten Arbeiten, die ich noch im germanistischen Seminar ge- 
schrieben habe. Er packt sie ein/Er nimmt sie mit nach Breslau! Er hat 
mich damals fiir Stipendien eingegeben und heute fiir Preise. Ein 
deutschnationaler Mann! Sohn eines Professors, Schwiegersohn eines 
Professors, war ein Freund von Roethe! Das ist ein deutscher Professor. 



In den Vorlesungen von Professor Brecht lernte Joseph Roth Jozef Wittlin 
kennen, der spdter als einer der fiihrenden Vertreter des polnischen Expres- 
sionism us bekannt iverden sollte, Ihre Freundschaft dauerte bis zu Roths 
Tod. 

Jozef Wittlin 57 

Photographic Um 1935. Abb. 19 

Geschenk von Professor Dr. Hubert Orlowski, Poznan. 

Jozef Wittlin 

Geb. am 17. 8. 1896 in Dmytrow (Ostgalizien). Besuch des polnischen Gym- 
nasiums in Lemberg, ab 1914 eines polnischen Gymnasiums in Wien. Stu- 



46 VON BRODY NACH WIEN 



dium der Germanistik in Wien. 1916 freiwilUge Meldung zum Kriegs- 
dienst. Von 1919 bis 1922 Gymnasialprofessor fur polnische Literatur in 
Lew berg, danach Drama turg am Stadttheater in Lodz. Journal istische Td- 
tigkeit, freier Schriftstelkr. 1939 ins Exil nach Paris, ab Januar 1941 in 
Neiv York. Publiziert u. a. Hymny (Hymnen). 1920. — Krieg, Frieden und 
die Seek des Dichters (Essays). 1925. — Etappen. 1932. — Sol ziemi. 1935. 
(Deutscb: Das Salz der Erde. Amsterdam 1937). — M6j Lwow. New York 
1947. — Orpheus in der Hoik des XX. Jahrhunderts (Essays). Paris 1963. 
Ubersetzt u. a. die Odyssee (1. Fassung 1924). Ediert in polnischer Sprache 
»Tausend und Eine Nacht«, »Don Ouixote« und das Gilgamesch-Epos. Gest. 
am 29. 2. 1976 in Neiv York. 

Hermann Kesten schreibt in seinem »Gedenkwort fur Joseph Wittliw im 
Jahrbuch der Deutschen Akademie fur Sprache und Dichtung 1976, Hei- 
delberg 1977, S. 178 - 182, auf S. 178 f: 

Joseph Wittlin war einer der originellen und authentischen polnischen 
Poeten unseres Jahrhunderts. 

Er war einer der ersten polnischen Expressionisten, neben Julian Tuwim, 
Jan Lechon, Antoni Stonimski, Kazimierz Wierzynski und Jarosfaw 
Iwaszkiewicz, ein Fiihrer der literarischen Gruppe Skamander, die nach 
dem ersten Weltkrieg auftrat. Wittlin war einer der wenigen entschiede- 
nen Pazifisten Polens. Er hat Homers Odyssee, wie Polen versichern, 
meisterlich in polnische Hexameter, und zwar in drei Versionen, iiber- 
tragen. Er war einer der groften Ubersetzer Polens. Er hat Gedichte von 
Richard Dehmel und Rainer Maria Rilke, von Umberto Saba und Salva- 
tore Quasimodo, von W. H. Auden und E. E. Cummings ubersetzt, so- 
wie an die zwanzig Dramen und Romane, darunter Bucher von Joseph 
Roth und Hermann Hesse. 



In seiner Rede bei der Gedenkfeier an Roths funftem Todestag in New York 
imjahre 1944 erinnert sich Wittlin an die Entstehung ihrer Freundschaft: 

58 Jozef Wittlin 

Erinnerungen an Joseph Roth. Rede bei d. Gedenkfeier, 

die anlafil. seines funften Todestages in New York statt- 

fand. 

In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 

(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 

Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 48 — 58. 

Unsere Freundschaft dauerte fast fiinfundzwanzig Jahre, und sie begann 



VON BRODY NACH WIEN 



47 



mit Haft, der, glaube ich, zwei Wochen anhielt. Zum erstenmal begegne- 
te ich Roth im Jahre 1915 auf der Wiener Universitat. Roth war alterer 
Kommilitone der philosophischen Fakultat. Wir besuchten zusammen 
die Vorlesungen iiber deutsche Literatur von Professor Walther Brecht. 
Die Vorlesungen von Professor Brecht, im ersten Jahr des ersten Welt- 
krieges, erfreuten sich grower Beliebtheit, besonders bei den Horerinnen. 
Manner gab es dort wenig, es ist also nicht zu verwundern, wenn diese 
sofort auffielen. 

Roth fiel mir auf. Er war sehr diinn, gepflegt, gut gekleidet. Sein blondes 
Haar trug er in der Mitte gescheitelt, es war immer mit Pomade glatt ge- 
kammt. Er kam mir wie der klassische Typ eines Wiener Dandy aus Be- 
amtenkreisen vor, ein sogenannter »Gigerl«. In seinen schonen blauen 
Augen, die oft ironisch blickten, trug er ein Monokel. Dieses Monoke! 
reizte mich. Es ist heute schwer zu sagen, ob Roth das Monokel deshalb 
trug, um die Welt, die ihm damals schon und zauberhaft erschien, noch 
besser zu sehen, oder ob er sich dieser Liebe zur Welt schamte und mit 
dem Monokel, das seinem Gesicht einen strengen Ausdruck gab, die Be- 
geisterung in seinen Augen verbergen wollte. Auf jeden Fall wirkte sein 
spitzes Gesicht durch das Monokel leicht arrogant. 
Sette 49 f. 




19. Jozef Wittlin. Um 193) 



48 VON BRODY NACH WIEN 

59 Jozef Wittlin an Joseph Roth 

Brief. Wien, 26. 3. [1915?] 4 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 27-29 

[ . . . ] die Sonne, die mir im Walde Nietzsches »Geburt der Tragodie* be- 
leuchtete, drang mit den Friihlingsduften und mit den unsterblichen 
dyonisischen Elementen in meine Brust. Und siehe: Ich kam urn 10 Uhr 
friih in den Wald als ein Horer der Philosophic, jiidischer Intelligenz 
Skeptiker und Selbstverneiner, und um 12 ging ich herunter, als Dyoni- 
sischer Schwarmer, naiver Lacher und Tanzer, und sah hinter mir mein 
ganzes vergangenes Leben, in Jahre gegliedert, lagern — wie ein Heer 
von Kunstwerken, und vor mir sah ich noch ein grofleres Kunstwerk die 
Zukunft, aus der Kunstwerke fur die Menschen entstehen sollen. Wie 
merkwiirdig die ultra-violetten und ultra-rothen Strahlen der Sonne wir- 
ken. Den ganzen Tag taumelte ich vor Freude des Lebens, der Starke 
und bewahrte in mir wie eine Monstranz den neuen Fund, den ich friih 
im Walde machte: Mich — den tragischen Mich. [ . . . ] 

1937 kortnte durch Roths Vermittlung eine deutsche Ausgabe von Wittlins 
Kriegsroman »Das Salz der Erde« beim Verlag Allert de Lange, Amster- 
dam, erscheinen. 



60 Joseph [Jozef] Wittlin 

Das Salz der Erde [Sol ziemi, dt.] Roman. Dt von I. Ber- 

man. (Vorw. : Joseph Roth.) 

Amsterdam: Allert de Lange 1937. 382 S. 

Im Vorwort charakterisiert Roth Wittlin: 

Joseph Wittlin ist ohne Zweifel einer der reprasentativsten polnischen 
Autoren der Nachkriegszeit, das heiflt, des neuerstandenen selbstandigen 
polnischen Staates. In jungen Jahren beruhmt geworden durch seine 
»Hymnen« — ein Gedichtband, der leider, soviet ich weift, nur zu wenig 
iiber die Grenzen hinaus bekannt geworden ist — hat Wittlin beinahe 
internationale — will sagen, in Kennerkreisen Internationale — Bedeu- 
tung und Anerkennung erlangt durch seine wahrhaft geniale Uberset- 
zung der »Odyssee«. Es gab vor ihm in polnischer Sprache keine Ho- 
mer-Ubersetzung, die man mit dem Wort »kongeniaI« hatte auszeichnen 
konnen. Die wenigen deutschen Sachverstandigen der Literatur, die sla- 
wische Sprachen kennen, werden heute genau wissen, daft sich Joseph 
Wittlin bei seiner Nation ein ewiges Verdienst erworben hat, indem er 
Homer in die polnische Sprache weit ingenioser iibersetzt hat als seiner- 
zeit der unsterbliche Voft ins Deutsche. 



VON BRODY NACH WIEN 49 

In folgendem Werk werden die Leser Gelegenheit haben, die Kiihnheit 
der Phantasie, die Leidenschaft eines schriftstellerischen Herzens, die 
echte Gesinnung eines begnadeten Autors kennenzulernen. Nicht im- 
mer kann die Ubersetzung — so trefflich sie auch sein mag — den Ge- 
setzen der ursprunglichen Sprache folgen. Dennoch bricht selbst durch 
die Ubertragung immer wieder jener Strahl der Gnade, der allein die 
Auserwahlten kennzeichnet 

Zu diesen Auserwahlten gehort Joseph Wittlin. [ . . . ] 
Der Leser wird in Wittlin den slawischen Autor par excellence finden: 
den ohne Ruhrseligkeit Ergreifenden, den ohne falschen Lyrismus stan- 
dig dichterisch Beschwingten, den immer zum Ausbruch aus dem »Epi- 
schen* bereiten Schriftsteller, der aber, mit einem wundervollen MafS be- 
gabt, genau den Augenblick zu erfassen weift, in dem er in die epische 
Form zuriickkehrt. 
Seite 5 f. 

Wittlin uber Roth: 

Ich hatte viele Freunde im Leben, aber nur Joseph Roth nannte mich 

Freund seiner Seele. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. 

In: Linden, Geddchtnisbuch, S, 48—38, hier S. 58 



Beide, Roth und Wittlin, waren Helene von Szajnocha -Schenk in jahrzehn- 
telanger Freundschaft verbunden. Roth hatte die gebildete Frau, die im 
Ha us von Roths Onkel Sigmund in Lemberg, Vlica Hofmana 7, eine Woh- 
nung besafl, dort im Herbst 1913 kennengelernt, 

Helene von Szajnocha-Schenk 61 

Photographic 1913. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

Helene Am a lie de Szajnocha, geb. Baronesse von Schenk 
Geb. am 22. 9. 1864 in Stanislau, Galizien. Tochter von Josef Edna rd F re i- 
herr von Schenk, Prdsident des Oberlandesgerichtes fur Ostgalizien und die 
Bukoivina. Ihr Bruder, Dr. Josef Wilhelm von Schenk, war einer der letzten 
Justizminister der osterreichisch-ungarischen Monarchic Heiratete am 29. 
4. 1884 Dr. Ladislaus von Szajnocha, Professor an der philosophischen Fa- 
ku I tat der Un i vers i tat Lemberg. Geschieden, Erteilte Franzosisch-Unterricht. 
J a h re la nge Kra n k he it. Ih r Kra nken z im m er in ih rer Wohn ung Ulica Hof- 
mana 7 in Lemberg war eine Art literarischer und musikalischer Salon. 
Gest. am 11. 7. 1946. Sterbeort nicht zu ermitteln. 



50 VON BRODY NACH WIEN 

Uber die Bedeutung von Frau Szajnocha-Schenk fur Roth schreibt Wittlin, 
als er sich an ihre Wiederbegegnung in Lemberg im Herbst 1918 erinnert: 

Dieses iiberraschende Zusammentreffen fand bei unserer gemeinsamen 
Freundin statt, einer alten und kranklichen Dame, die wir beide unsere 
Mutter nannten. Roth besuchte sie ofter in Lemberg, bald von Deutsch- 
land aus oder von Frankreich. Manch eine wichtige Entscheidung fur 
sein Leben und fur sein literarisches Schaffen fafke er am Krankenbett 
dieser Greisin, deren Geist jung und frisch war wie der Esprit der franzo- 
sischen Damen im Zeitalter der Aufklarung. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S.48->8,hierS. 57 



FRUHE DICHTUNGEN 

Roth schrieb auch Novellen, obgleich der »Hauptzweig« seiner schopfe- 
rischen Tatigkeit damals die Lyrik war, wenn auch nur wenige seiner Ge- 
dichte in der Wiener Presse erschienen. Leider fiel eine grofte Anzahl 
von Roths Gedichten in Manuskripten, die sich in meiner Warschauer 
Wohnung befanden, einem Bombenangriff zum Opfer. Darunter befan- 
den sich einige kurze lyrische Gedichte, die Roth mir auf gewohnlichen 
Postkarten schickte. Die Gedichte klangen so melodisch wie ukrainische 
Volkslieder. In spateren Jahren schamte sich Roth seiner lyrischen Ju- 
gendwerke und lieft sie aus diesem Grunde nicht veroffentlichen. Das ist 
sehr bedauerlich, denn wir finden in ihnen den ganzen spateren Roth, 
den Meister der Einfachheit und Klarheit. Roths Gedichte erinnern zu- 
weilen an Morike, den er sehr verehrte. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48-58, hierS. 52 

Am 5. August 1915 bot Joseph Roth »6sterreichs Illustrierter Zeitung« einige 
Gedichte zum Abdruck an. Am 17. Oktober erschien dort seine erste Verof- 
fentlichung — das Gedicht »WeltratseU: 



VON BRODY NACH WIEN 5 1 

Joseph Roth 62 

Weltratsel. [Gedicht] 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1915), 3, S. 73. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 156 



SBeltratfct. 



(Sterne gibt'3, tic cuug fd>cincu woKtcn 

Unb bodi t>erglut)*n . . . 

Molten gibf*, bic cben locinen folltcu 

ilnb lucitcr^ieb'n . . . 

3tcinc $ibt'£, bio incl ju fra 0.011 unijuen, 

0od> tcttier fprid>t . . . 

9?tcnfd)eii gibt'*, bic fid) nuvi fa^ou mitjjtcn 

Unb fagen'i nidjt . . . 



3 o f c f 9\ o t l>. 



Joseph Roth 63 

Herbst. [Gedicht] 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1915), 4, S. 97. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 156 



Gparft bu bc^ Saubc* iwffcu TOoberbuft ? 
Gicb $cr: 5)ie 3\klt if* gram unb aniu unb alt . . . 
£lnb burcb bic bammeubinnpfe 9icbelluft 
Srttmgt ein Gcbrci. — 

(Srflhujt. — (Si-flu-bf. — ^cvballt. 

5>n* ift bcr ^ob. — 

£ : r ajlbt in 9\anb unb ?\ieb, 

€r ivcltt im SMatt unb tpiclt im £onuenfdvin, 

£r jatid^t im QSMnb unb iretiit in jebem i?icb: 

(£r lebt im Gterben — unb cr ftirbt im vrciu. — 

3 o f c f ?\ o t 1). 



5 2 VON BRODY NACH WIEN 

64 Joseph Roth 

Abb. 20 Schonheit. [Gedicht] 

Manuskript. 22. 11. 1915. 1 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Schonheit 

Der Weltenschonheit siiften Trank 
Will ich in goldne Schalen gieften — 
Und ewig-trunken, taumelschwank 
Tiefschliirfend Zug um Zug genieflen — 
Dann will ich still in's Siindenmeer 
Der Erdenschonheit tief versinken 
Und sterbend noch und wellenschwer 
Nur immer trinken — trinken — 

22. November 1915 







*H 



20. Joseph Roth: Schonheit. 22. 11. 191) 



VON BRODY NACH WIEN 53 

Ich begann von nun an im Stadtpark, im Volksgarten, im Wiener Wald 
Frauen zu suchen und durch Bescheidenheit und gespielte Furchtsam- 
keit das Mitleid, spater die Liebe der Mutter meiner Schiiler zu gewin- 
nen. Die Frauen der Rechtsanwalte bevorzugten mich, weil ihre Manner 
so wenig Zeit hatten. Sie schenkten mir Hemden, Unterhosen, Krawat- 
ten, nahmen mich in die Logen der Oper, in Fiaker und verreisten mit 
mir nach Klagenfurt, Innsbruck, Graz. Sie waren meine Mutter. Ich Heb- 
te sie alle aufrichtig. 
JR an GK, 10. 6. 1930, - JRB, S. 167 

Joseph Roth 65 

Sie. [Gedicht.] 
Manuskript 1 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI. — Abdruck: Bronsen, S. 145 

Joseph Roth ^ 66 

Trost. [Gedicht.] 

Manuskript. 1 Bl. Abschrift von fremder Hand. 

Kopie. — Original: LBI 

Trost 

Sturm und Graus und Wind und Wetter! 
Graue Nebelschleier wallen — 
Und die falben, welken Blatter 
Sind gefallen, langst gefallen . . . 

Weinend Herz! lafi dir die Trauer 
Durch die letzte Hoffnung stillen 
Bald wird alle Herbstesschauer 
Weifier, milder Schnee verhiillen . . . 

Joseph Roth 67 

Des Windes Kriegsgeschichten und Der Brief. [Gedicht.] 
Manuskript. 5 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Der Brief 

Ein zager, angstverhaltner Schrei 

nach einem Gluck, das langst entwich — 

In jedem Worte zittert's scheu: 

Ich sehne mich . . . Ich sehne mich . . . 



54 VON BRODY NACH WIEN 



Ich lese es und fiihl' es tief: 
es ist noch wach! es ist noch wach! 
es war nicht tot! es schlief! es schlief! 
Nun ruffs Dir nach, nun ruft's Dir nach! 

Ich lese es und fiihl' es tief: 

Nun ist es tot! Was willst du tun? 

Das Gliick ist tot — du haltst den Brief— 

Das Gliick ist tot — la(l ruhn! laf] ruhn! 



Veroffentlichung von »Des Windes Kriegsgeschkhtem: 

68 Joseph Roth 

Herbstwindes Kriegsgeschichten. 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1915), 10, S. 

240-241. 



3n cincr fd)inut*ic|cn 6traf*c cincr polnifd)cn 
Mlcinftabt uurbcltc id) ben <2taub ouf. Q3or bcr 5iirc 
cine* altcn, balbvcrfallcncn y>ciu$cbcn$ n>c^fla<itcn 
QOcibcr, flud>tcn unit* Wofatcn. Gin 3ubc in lander 
>\apottc, mit graucm 3*art (ping auf cincm frifd)- 
$cftinimcrtc» ($algcn. 

3n cincr rctdicn motfountifeben £tabt blicttc id) 
burcb bic Tvcnftcr cine* oornc^men »mifc$. <5>a faftcn 
ruffifebe (^clcbttc bci fraitftftjifcbcm 7tfcin. 3d) f>ord)tc : 
fie prctcfticrtcn gegen bcutfefee ^arbarcn . . . 



69 Joseph Roth 

Ueber die Satire. Eine Plauderei. 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1916), 14, S. 338. 

70 Joseph Roth 

Wo? [Gedicht] 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1916), 19, S. 445. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 156 



VON BRODY NACH WIEN 55 

Joseph Roth 71 

Die Geschichte vom jungen Musikanten und der schonen 

Prinzessin. 

Manuskript [Fragment.] 2 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Joseph Roth 72 

Die Geschichte vom jungen Musikanten und der schonen 

Prinzessin. 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1916), 47, S. 1064. 

Abdruck: Sultemeyer, S. 161 — 162 

Seiner Kusine Paula schreibt Roth am 24. Februar 1918 ans Wien fiber ein 
Konzert des Violinvirtuosen und spdteren Begrunders des Orchesters von Tel 
Aviv, Bronislaiv Hubermann: 

Am Dienstag war ich bei Hubermann. Er spielte eine Bachsche Etude 
mit viel Geschick, Kalte und korperlicher Anstrengung. Dann Italieni- 
sches, mit viel Hingegebenheit und Warme. Zum Schlufl, was ich mir 
gewiinscht hatte — »Ave Maria*. Er spielte es so, dafl ich Dich nicht 
mehr damit »sekkieren« werde. Himmlisch. 

Menschlich nahe tritt mir Hubermann, wenn er sich steif und linkisch 
verbeugt. Er hat wahrend des Spiels eine herrische Miene, wenn der Bo- 
gen sinkt, ist er aller HerrHchkeit bar, ein armseliger Mensch, fast 
schuchtern. Ich muftte an mein Marchen vom Geiger denken. 
JRB, S. 37. - Siehe auch Kat. Nr. 85 

Joseph Roth 73 

Der Vorzugsschiiler. 
Manuskript [Auszug.] 4 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Verschiedene Fassungen in: 

Osterreichs Illustrierte Zeitung. 25 (1916), 50, S.122— 123 

(Abdruck: Sultemeyer, S. 162-168), u.JRW 3, S. 11-23. 

Des Brieftragers Andreas Wanzls Sohnchen, Anton, hatte das merkwiir- 
digste Kindergesicht von der Welt. Sein schmales, blasses Gesichtchen 
mit den markanten Zugen, die eine gekriimmte, ernste Nase noch ver- 
scharfte, war von einem aufterst kargen, weifigelben Haarschopf gekront. 
Eine hohe Stirn thronte ehrfurchtgebietend iiber dem kaum sichtbaren, 
weifien Brauenpaar, und darunter sahen zwei blafiblaue, tiefe Auglein 



56 VON BRODY NACH WIEN 



sehr altklug und ernst in die Welt. Ein Zug der Verbissenheit trotzte in 
den schmalen, blassen, zusammengepreftten Lippen, und ein schones, 
regelmaftiges Kinn bildete einen imposanten Abschluft des Gesichtes. 
Der Kopf stak auf einem diinnen Halse, sein ganzer Korperbau war 
schmachtig und zart. Zu seiner Gestalt bildeten nur die starken, roten 
Hande, die an den dunn-gebrechlichen Handgelenken wie lose angehef- 
tet schlenkerten, einen sonderbaren Gegensatz. 

Anton Wanzl war stets nett und reinlich gekleidet. Kein Staubchen auf 
seinem Rock, kein winziges Loch im Strumpf, keine Narbe, kein Ritz 
auf dem glatten, blassen Gesichtchen. Anton Wanzl spielte selten, raufte 
nie mit den Buben und stahl keine roten Apfel aus Nachbars Garten. 
Anton Wanzl lernte nur. [ . . . ] 
JRW3,S. 11 

Uber eine Anregung, die Joseph Roth zur Gestalt des Anton Wanzl aus der 
Wirktichkeit erhielt, erzdhlt Jozef Witilin: 

Der Assistent von Brecht dagegen, Dr. Heinz Kindermann, konnte Roth 
nicht leiden, ebenso auch uns nicht als Nicht-Germanen. Kaum, dafi er 
sich herabliefl, unsere Fragen zu beantworten. In spateren Jahren wurde 
er Professor fur Germanistik in Danzig. Heute, von einer so entfernten 
Perspektive aus gesehen, erscheint mir Dr. Kindermann als der ideale 
Prototyp eines Nazi. Und tatsachlich — er wurde Nazi. Uber ihn hat 
Roth in den Jahren an der Universitat eine sehr hiibsche Novelle, »Der 
Vorzugsschuler*, verfaflt. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48-58, hierS. 52 



Teilnahme am Ersten Weltkrieg 

(1916-1918): 

»Ein Einjahrig-Freiwilliger« 



Roths Ausbildungskompagnie 74 

Roth in der zweiten Reihe rechts. Jozef Wittlin in der 
dritten Reihe, dritter von links. 
Photographic 1916. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

Am 31. Mai 1916 meldete sich Joseph Roth gemeinsam mit Jozef Wittlin 

frehvillig zum Militdrdienst. Am 28. August ivurden sie in die Einjdhri- 

gen-Schule des 21. Feldjager-Bataillons einberufen. 

Uber seine Motive schreibt Roth in dem schon ofter zitierten Brief an G. 

Kiepenheuer: 

Als der Krieg ausbrach, verlor ich meine Lektionen, allmahlich, der Rei- 
he nach. Die Rechtsarrwalte riickten ein, die Frauen wurden ubelgelaunt, 
patriotisch, zeigten eine deutliche Vorliebe fur Verwundete. Ich meldete 
mich endlich freiwillig zum 21. Jagerbataillon. Ich wollte nicht dritter 
Klasse fahren, ewig salutieren [ . . . ] 
JR an GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 167 

Ausfiihrlicher — und wohl auch der Realitat ndher kommend — Jozef 
Wittlin: 

Also aus irgendwelchen, uns damals unklaren Motiven heraus, die einzig 
und allein Joseph Conrad erklaren konnte, beschlossen wir, trotz der 
Aversion gegen Krieg, Militar und Monarchic, uns als Kriegsfreiwillige 
zu melden. Wohlgemerkt: freiwillig, denn schon zweimal hatte uns die 
Kaiserlich-Konigliche Armee verschmaht und uns — als notorischen 
Schwachlingen — den Dienst in ihren beriihmten Regimentern verwei- 
gert. 

Ein Militdrarzt, der sie auf ihre Wehrdiensttauglichkeit hin untersuchte, 
riet ihnen tvegen ihrer schwachen Konstitution ab, sich zum Militdrdienst 
zu melden, oder hochstens einen Posten ah Kanzleischreiber zu ubemehmen. 
Wittlin iveiier: 

Als Karl-Kraus-Schuler jedoch lehnten wir solche Schreiberposten ab. 
Wir waren der Ansicht, daft der einzige und geeignete Platz fur Dichter 
im Kriege der Dienst in der »vordersten Linie« sei. Denn nur dort lernt 
man Leben und Tod kennen, selbst wenn man Pazifist ist. Wir redeten 



58 VON BRODY NACH WIEN 

so lange auf den ehrbaren Arzt ein, bis er uns als fur den Frontdienst 
tauglich anerkannte. Triumphierend kehrten wir zu dem ersehnten ex- 
klusiven 21. Feldjager-Bataillon nach Wien zuriick. Nach einer Woche 
beschwerlichen Rekrutendienstes im Bataillon hatten wir bereits genug 
vom Krieg und vom Militar. Wir erlebten dort viele Demiitigungen, so- 
wohl von seiten der Vorgesetzten, besonders der unteren Grade [...]. Es 
gab zu viele militarische Musterknaben, Karrieremacher und Denun- 
zianten. Die Atmosphare in der Einjahrigen-Schule des 21. Elke-Feldja- 
ger-Bataillons war fur uns unertraglich. Man qualte uns Schwachliche 
und Unbeholfene, erniedrigte die menschliche Wiirde und trat sie mit 
FiifJen. Herzlosigkeit und Stumpfsinn bliihten, Gemeinheit war gesell- 
schaftliche Pflicht. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Rotb. In: Linden, Geda'chtnisbuch, 
S. 48-58, bierS. 53-55 

Uber Rofbs Stimmung kurze Zeit vor dem Einriicken in die Einjahrigen- 
Schule gibt ein Geburisiagsbrief an seine Kusine Paula Attfschlufi: 



73 Joseph Roth an Paula Griibel 

Abb. 21 Brief. Wien, 14. 8. 1916. 1 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 29 

Wien, am 14. August 1916 

Liebe Paula! 

Es war wirklich ein Zufall. Denk Dir! 19 Jahre! Aber neunzehn Jahre 
wiegen wie ein Flaum auf der Wagschale der Ewigkeit. Und wir leben 
nicht anders, als in der Ewigkeit. Aus der Ewigkeit, in die Ewigkeit, fur 
die Ewigkeit. Ja, auch fur die Ewigkeit. 

Was soil ich Dir schenken? Ich habe kein Geld. Aber meine Zeile wird 
mit 6 b. honoriert. Zahle die Zeilen in diesem Brief und Du wirst eine 
kleine Summe haben. 

Was soil ich Dir wiinschen? Drei konigliche Dinge; eine Krone, einen 
Scharlachmantel, ein Szepter. Die goldene Krone der Phantasie, den 
Scharlachmantel der Einsamkeit und das Szepter der Ironie. Es ist 
schwer mit 19 Jahren diese Dinge zu haben. Seiten kriegt man sie. 
Aber vor Allem wiinsche Dir eins: das Lachen nicht zu verlieren. Das 
Lachen ist ein leichtes, silbernes Glockchen, das uns ein guter Engel mit 
auf den Lebensweg gegeben hat Aber, weil es so leicht ist und lose, ver- 
liert man es. Irgendwo am Weg. Und das Schicksal geht vorbei mit knar- 
renden Stiefeln und zertritt es, das Lachen. Mancher hat Gliick und fin- 
det es wieder. Oder ein anderer hat es gefunden, aufgehoben und dem 



VON BRODY NACH WIEN 59 

friiheren Besitzer zurikkgegeben. Das kommt selten vor! Daher, Ach- 

tung! 

Ich werde vielleicht noch in dieser Woche in Baden sein. Jedenfalls vor 

dem Einriicken. 

Leb' wohl! Auf Wiedersehn! 

Mu 

Im »Vorwort zu meinem Roman Radetzkymarsch«, das am 1 7. April 1932 
in der frankfurter Zeitung« erschien, erinnert sich Roth: 

Die Militarkapelle, die meine Marschkompanie zum Wiener Nordbahn- 
hof begleitete, spielte ein Potpourri aus den Melodien von Lehar und 
Strauft, und der Pfiff der Lokomotive, die uns zum Schlachtfeld fiihren 
sollte, verlor sich in den verwehenden Klangen der zuriickgebliebenen 
Trommeln und Trompeten, wahrend unser Zug dem Tod entgegenglitt. 
Es war eine Woche nach dem Tode des alten Kaisers. In der funkelna- 
gelneuen Felduniform, die wir bei der Abfahrt trugen, hatten wir bei sei- 
nem Begrabnis vor der Kapuzinergruft Spalier gebildet. Und es war, als 
schickte uns noch der tote Kaiser in den Tod. 
JRW 4, S. 40x - Siehe auch Kat Nr. 607 

Das Begrabnis Franz Josephs I. 76 

Photographic 1916. 

Vorlage: Hellmut Andics: Das osterreichische Jahrhun- 
dert. Die Donaumonarchie 1804—1918. Wien, Miinchen, 
Zurich: Molden 1974, S. [321]. 

Nach David Bronsen zog Roth jedoch nicht schon im Spdtherbst 1916 in 
den Krieg — Franz Joseph I. war am 21. November gestorben — , sondern 
wurde erst im Fruhjahr 1917 nach Galizien beordert. 



Reservetruppen und Train des osterreichisch-unga- 77 
rischen Heeres auf dem Wege zur Feuerlinie in Rus- 
sisch-Polen 

Photographic 1915. 

Vorlage: Bildband zur Geschichte Osterreichs. 4. Aufl. 
Innsbruck: Pinguin-VerL; Frankfurt a. 3VL: Umschau-Verl. 
1975, S. 186. 

In den ersten Monaten seines Einsatzes war Roth bei einer Kriegszeitung 
als Berichterstatter im Bereich der 32. Infanterietruppendivision in oder zu- 
mindest in der Ncihe von Lemberg tdtig. 



60 VON BRODY NACH WIEN 



V^^'/W^' ' v-'V.' 



27. /oft^A J?o/A <3« iWtf GWM 74. 8. 1916 



VON BRODY NACH WIEN 6 1 

Joseph Roth an Paula Griibel 78 

Brief. Feldpost 632, 24. 8. 1917. 4 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 35- 36 

Ich befinde mich gegenwartig in einem ostgalizischen Augiasstall, einem 
ganz kleinen Stadtchen. Im grauen Dreck sieht man blofJ ein paar Juden- 
geschafte. Alles schwimmt, wenn es regnet, alles stinkt, wenn die Sonne 
scheint. Doch hat der Aufenthalt hier einen groften Vorzug: man ist 10 
Kilometer vom Schufl entfernt Reservestellung. 

Materiell geht es mir nicht mehr so, wie fruhen Die Zeitung geht nam- 
lich ein und nun die Aureole des Redakteurs entschwunden ist, bin ich 
nichts mehr, als ein Einjahrig-Freiwilliger. Dementsprechend die Be- 
handlung. [ . . . ] 



Begriifiung osterreichisch-ungarischer Soldaten 79 

nach dem Einzug in einem Dorf in Russisch-Polen 

Photographic 1915. 

Vorlage: Bildband zur Geschichte Osterreichs. 4. Aufl. 
Innsbruck: Pinguin-Verl.; Frankfurt a. M.: Umschau-Verl. 
1975, S. 187. 

Roths Tdtigkeit bei der Kriegszeitung gab ihm nebenher die Moglichkeit, 
Gedichte, kleine Feuilletons und Reportagen in ^Osterreichs Illustrierte Zei- 
tung« } »Das Prager Tagblatt«, in der Wiener Tageszeitung »Der Abend« 
und »Der Friede. Wochenschrift fur Politik, Wirtschaft und Literature zu 
veroffentlichen. 



Joseph Roth 80 

Christus. [Gedicht.] 

In: Das Prager Tagblatt. 42 (1917), 54, Unterhaltungsbeila- 

ge Nr. 8, S. 17. 

Abdruck: Sultemeyer, S. 157 



Joseph Roth 81 

Bruder Mensch. [Gedicht.] 

In: Das Prager Tagblatt 42 (1917), 213, S. 13. 

Abdruck: Sultemeyer, S. 157 



62 VON BRODY NACH WIEN 

82 Joseph Roth 

Der Abendgang. [Gedicht.] 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 27 (1917), 1, S. 8. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 158 

83 Joseph Roth 

Soldaten. [Gedicht] 

Manuskript 1 Bl. Abschrift von fremder Hand? 

Kopie. — Original: LBI 



84 Joseph Roth 

Soldaten. [Gedicht] 

In: Das Prager Tagblatt 43 (1918), 34, S. 7. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 158 

Soldaten 

Alle haben diesen muden 
seltsamen Zug in den bleichen Gesichtern: 
in ihren Augen zittert ein schuchtern 
taumelndes Ahnen von Heimat und Frieden . . 

Alle tragen sie an den miiden 

Fuften den Staub von zerwanderten Jahren: 

Durch viele Lander sind sie gefahren 

und haben noch nicht nach Hause gefunden . 

Manchmal nur roten sich ihre Wangen, 
wenn sie frohe Kunde erlauschen 
und sie sitzen zusammen und tauschen 
fliisternde Reden von suflem Verlangen . . . 

Ihre harten, zerrissenen Hande, 

faltet die Demut und Kindheits verwehte 

Worte fassen sie still im Gebete: 

Herr, mach* ein Ende! O, Herr, gib ein Ende! 



85 Joseph Roth an Paula Griibel 

Brief. Wien, 24. 2. 1918. 4 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 36-38 



VON BRODY NACH WIEN 63 

Liebe Paula, 

Als ich herkam, war Frost, kalt, ein bewolkter Himmel, die Sonne war 
mit freiem Auge zu sehen, sie war klein und rot, wie eine Pomeranze. 
Am Freitag wurde es warm, ein heifa Wind, der Fohn. Es war sehr 
ergotzlich auf der Strafle, unter Anderem sah ich in der Elektrischen ei- 
nen Mann, der trug einen harten Hut und urn den Hut einen Spagat, 
vermutlich Papierspagat, am Kinn zusammengeknupft, wie Bander eines 
Biedermeierhutes. Eine junge Dame lief mir am Ring in die Arme und 
umklammerte mich. Vermutlich hatte sie mich fur einen Laternenpfahl 
gehalten. Einer anderen jungen Dame hob der Wind den Schofl auf, 
man sah einen zerrissenen Strumpf und ein provisorisch rotes Strumpf- 
band. Es war hubsch. [ . . . ] 

Joseph Roth 86 

Barbara. 

In: Osterreichs Illustrierte Zeitung. 27 (1918), 28, S. 

500-501. 

JRW3, S. 24-32 

Joseph Roth 87 

Nervenchok. [Gedicht] 

In: Das Prager Tagblatt. 43 (1918), 232, S. 13. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 159 

Nervenchok 

Seht her: in einem Zauberknaul gebannt 
schlottert und taumelt er an schwanker Kriicke 
bald hart am Pflasterrand und bald zuriick 
prallt klappernd sein Gebein an rauhe Wand. 

Und aller Augen sind ihm zugewandt: 
der frechen Neugier und des Mitleids Blick — 
ein Kind, das spielt, halt mitten still im Glikke, 
als blick' es plotzlich in ein dunkles Land . . . 

O, seht ihn an! In graues Tuch gewandet, 

der Menschheit Heldentum in torkelndem Zick-Zack 

zwei Kreuzchen scheppern und zwei Bander fliegen — 

Im roten Meer von Blut und Siegen 

ist des Jahrhunderts stolzes Schiff gestrandet — 

und das ist Euer Wrack! . . . 



64 VON BRODY NACH WIEN 



88 Joseph Roth 

Gnadige Frau! [Fingierter Brief.] 
Manuskript. [1918.] 
4 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Gnadige Frau! 

Jetzt noch, da ich dieses schreibe, bin ich Ihr »Feind«. Wenn dieser Brief 
erledigt sein wird — ich hoffe, er wird Sie erreichen — werde ich in je- 
nes Reich gegangen sein, wo es keine Feindschaft mehr gibt und wo 
selbst dieses fiirchterliche und nie dagewesene Morden zu einem gering- 
fugigen Nichts verkummert, das die ewigen Gesetze jenes Reiches in ih- 
rer groften, heiligen Unwandelbarkeit gar nicht beriihrt. [ . . . ] Niemand 
kann Ihnen besser Auskunft uber die letzte Stunde Ihres Mannes geben, 
denn ich. Denn er starb in meinen Armen. Er gab mir die letzten Griifte 
fur Sie mit. Noch mehr: er starb durch mich, denn ich habe ihn getotet: 
Ich bin sein Morder. 

Als der Befehl zum Angriff kam, stiirmte ich vor. Nachdem ich meine 
Handgranaten verschleudert hatte, griff ich zum Gewehr. Plotzlich fiihl- 
te ich mich umschlungen. Aug' in Aug* mirgegenuber mein »Feind«. Ich 
sah in sein wildes Gesicht. Seine Augen gliihten wahnsinnig. Wirr fiel 
ihm das Haar in die Stirn. »Er will dich toten* dachte ich und ich suchte 
mit der freien Linken nach meinem Stofimesser. Ein gliicklicher Griff: 
ich hatte es. Und — ich stieO zu. Ich sah ihn blaft werden, fiihlte mich 
frei, sah ihn vor mir niedersinken. In demselben Augenblick bekam ich 
einen dumpfen Schlag auf das Haupt. Ich dachte nur noch : ein Kolben. 
Dann schwanden mir die Sinne. Als ich erwachte, stand die Sonne rot 
im Westen. Sie blutete durch das Gewirr der kahlen diinnen Zweige. Ein 
Vogel klagte. Ringsumher lagen Tote. Lagen zerfetzte Gliedmaften, offe- 
ne Schadel und breiige Hirnmassen. Dicht neben mir horte ich stohnen. 
[ . . . ] Ich sah dem Toten ins Gesicht. Es war fahl, gelb, verfallen. Er 
mufke schon lange blutend gelegen haben. Er war ein »Feind«. Plotzlich 
durchzuckte es mich: das war derselbe. Der letzte schreckliche Augen- 
blick vor meiner Ohnmacht lebte wieder auf. Ja, es war derselbe, der 
mich hatte toten wollen, und — ich hatte ihn getotet. [ . . . ] 
»H6re«, sagte ich zu dem Toten »nicht ich habe dich getotet; Horst Du? 
Nicht ich! Der Krieg hat Dich gemordet, wie er schon Millionen gemor- 
det hat. Ich bin nicht schuldig. Oh, iiber den Wahnsinn, der uns treibt! 
Oh, ware nur Einer der Groflen dieser Erde hier und sahe ihn, den Ge- 
mordeten und sahe mich, den Morder! Mull es sein, daft jene, die regie- 
ren, weit hinten sitzen, und Augen haben und nicht sehen und Ohren 
haben und nicht horen? Mufi es sein? Und doch — und doch habe ich 
Dich getotet, mein Freund, mein Bruder! Aber ich werde Dich rachen. 
Ich werde Deinen Morder toten. Schlaf wohl, mein Freund!* [ . . . ] 



VON BRODY NACH WIEN 65 

Vom Vorhergehenden nicbt recbt belegt werden spdtere autobiograpbische 
Aussagen Rotbs iiber seinen Kriegsdienst und seinen militdriscben Rang: 

[ . . . ] ich wurde ein ehrgeiziger Soldat, kam zu fruh ins Feld, an die Ost- 
front, ich meldete mich in die Offiziersschule, ich wollte Offizier wer- 
den. Ich wurde Fahnrich. Ich war bis zum Ende des Krieges an der 
Front, im Osten. Ich war tapfer, streng und ehrgeizig. Ich beschloft, beim 
Militar zu bleiben. Da kam der Umsturz. Ich hafke Revolutionen, mufke 
mich ihnen aber fiigen und, da der letzte Zug von Shmerinka abgegan- 
gen war, zu Fuft nach Hause marschieren. Drei Wochen marschierte ich. 
JR an GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 167 

Joseph Rotb an Otto Forst-Battaglia, Ascona, 28. Oktober 1932: 

Ich war 6 Monate in russischer Gefangenschaft, entfloh und kampfte 
zwei Monate in der roten Armee, dann zwei Monate Flucht und Heim- 
kehr. 
JRB, S. 240 

Dem franzosischen Kritiker Frederic Lefevre teilt Rotb imjabre 1934 in 
Paris mit: 

J'avais vingt ans a la declaration de guerre. Je me suis engage. Je me suis 
battu sur le front russe. J'ai ete tres fier d'etre nomme sous-lieutenant. 
Fait prisonnier, je me suis evade apres trois mois de captivite. 
Frederic Lefevre: Une beure avec Joseph Roth. In: Nouvelles litteraires, 2. 6. 
1934 

Uber eine russische Kriegsgefangenschaft Roths konnte David Bronsen in 
den Kriegsgefangenen- und Vermifitenkarteien des osterreichischen Kriegs- 
archivs keinerlei Anhaltspunkte finden. 

In dem auf seiner Reise durch Sudfrankreicb im Sommer 1925 entstande- 
nen Essay »Die weifien Stddte« scbreibt Roth ruckblickend iiber seine Kind- 
heit und Jugend: 

Meine Kindheit verlief grau in grauen Stadten. Meine Jugend war ein 
grauer und roter Militardienst, eine Kaserne, ein Schiitzengraben, ein La- 
zarett. Ich machte Reisen in fremde Lander — aber es waren feindliche 
Lander. Nie hatte ich fruher gedacht, daG ich so rapid, so unbarmherzig, 
so gewaltsam einen Teil der Welt durchreisen wtirde, mit dem Ziel zu 
schieften, nicht mit dem Wunsch zu sehen. Ehe ich zu Ieben angefangen 
hatte, stand mir die ganze Welt offen. Aber als ich zu leben anfing, war 
die offene Welt verwiistet. Ich selbst vernichtete sie mit Altersgenossen. 
Die Kinder der andern, der fruheren und der spateren Generationen, 
diirfen einen standigen Zusammenhang zwischen Kindheit, Mannestum 
und Greisenalter finden. Auch sie erleben Uberraschungen. Aber keine, 
die nicht in irgendeine Beziehung zu ihren Erwartungen zu bringen wa- 



66 VON BRODY NACH WIEN 

re. Keine, die man ihnen nicht hatte prophezeien konnen. Nur wir, nur 
unsere Generation, erlebte das Erdbeben, nachdem sie mit der vollstan- 
digen Sicherheit der Erde seit der Geburt gerechnet hatte. Uns alien war 
es, wie einem, der sich in den Zug setzt, den Fahrplan in der Hand, um 
in die Welt zu reisen. Aber ein Sturm blies unser Gefahrt in die Weite, 
und wir waren in einem Augenblick dort, wohin wir in gemachlichen 
und bunten, erschutternden und zauberhaften zehn Jahren hatten kom- 
men wollen. Ehe wir noch erleben konnten, erfuhren wir's. Wir waren 
furs Leben geriistet, und schon begriiftte uns der Tod. Noch standen wir 
verwundert vor einem Leichenzug, und schon lagen wir in einem Mas- 
sengrab. Wir wufken mehr als die Greise, wir waren die unglucklichen 
Enkel, die ihre Groflvater auf den Schofl nahmen, um ihnen Geschichten 
zu erzahlen. 
JRW 3, S. 880 f. - Sieke auch Kat Nr. 322 



Wien und »Der Neue Tag« (1919/1920) 



89 Parlament in Wien, 12. November 1918 

Photographic 

Vorlage: Bildband zur Geschichte Osterreichs. 4. AufL 
Innsbruck: Pinguin-Verl,; Frankfurt a. M.: Umschau-Verl. 
1975, S. 197. 

Ausrufung der Republik Deuisch-Osterreick. Prdsident Dr. Dinghofer ver- 
kundet einer grofeen Menschenmenge vor dem Parlament den Geseizesbe- 
schlufi der Provisorischen Nationalversammlung. Am 11. November hatte 
Karl 1. (1887 bis 1922), der letzte osterreicbiscbe Kaiser, in Schonbrunn auf 
seinen Anteil an den Staatsgescbdften verzichtet: nach 650 Jahren Herr- 
schaft war das Hans Habsburg abgetreten. 

90 Die Habsburger Monarchic 1815 — 1919 

und ihre Auflosung nach den Friedensbestimmungen von 
St Germain und Trianon 
Ubersichtskarte. 1 : 5 000 000. 

In: Grofler historischer Weltatlas. T. 3: Neuzeit. Red.: Jo- 
sef Engel. 3. AufL Miinchen: Bayer. Schulbuch-Verl. 1967, 
S. 157. 
Siehe Vorsatzblatt. 



VON BRODY NACH WIEN 67 

Bet seiner An kun ft in Wien Mitte Dezember 1918 f and Joseph Roth seine 
Mutter nicht mehr vor. Er reiste ihr nach Brody nach, das er nur auf Um- 
wegen erreichen konnte. Da er befurchten mufite, in die Armee der West- 
ukrainischen Republik, die Brody besetzt hielt, eingereiht zu werden, fluch- 
tete er uber die Karpathen, wo er wiederum der Armee der Westukraini- 
schen Republik ausiveichen mufite, nach Ungarn. Ende Mdrz 1919 kam er 
schliefilich in Wien an. 

Seine erste feste Anstellung in einer Zeitungs redaktion fand Roth im April 

1919 bei der kurz zuvor gegrundeten Tageszeitung »Der Neue Tag«. Benno 

Karpeles, der ehemalige Herausgeber und Chefredaktenr von »Der Friede«, 

Begrunder und Chefredaktenr von »Der Neue Tags hatte sie ihm ver- 

schafft 

In seinem autobiographischen Brief an O. Kiepenheuer berichtet er: 

Dann fuhr ich auf Umwegen, zehn Tage lang, von Podwoloczysk nach 
Budapest, von hier nach Wien, wo ich, aus Mangel an Geld, fur Zeitun- 
gen zu schreiben begann. Man druckte meine Dummheiten. Ich lebte 
davon. Ich wurde Schrifts teller. 
JR an GK } 10. 6. 1930.-JRB, S. 167 

Joseph Roth als Journalist 91 

Photographie aus seinem Journalistenausweis. 1920. Abb. 22 

Leihgabe: K& W 

Uber Benno Karpeles und seine Mitarbeiter in der Redaktion seiner Zei- 
tung »Der Neue Tag«, der kaum langer als einjahr — vom 23. Marz 1919 
bis zum 30, April 1920 — erscheinen konnte, schreibt Rudolf Olden in sei- 
nem Nachruf auf Joseph Roth: 

Rudolf Olden 92 

In memoriam Joseph Roth. 

In: Das Neue Tage-Buch. 7 (1939), 23, S. 545. 

Vor anderthalb Jahren starb Benno Karpeles, Begrunder und Chefredak- 
teur jenes schon sagenhaften »Neuen Tag*, der nach dem Krieg und 
nach der Zerstiickelung des Habsburger Retchs, nur ein Jahr lang, in 
Wien erschien. Ich schrieb damals, Oktober 1937, im Neuen Tage-Buch 
Worte zu seinem Gedachtnis: »Nachruf auf einen Freund*. Ich zahlte 
auf, wen Karpeles in der Redaktion gesammelt hatte: Alfred Polgar, Ar- 
nold Hollriegel, Karl Tschuppik, der Zeichner Carl Josef, Egon Erwin 
Kisch, Anton Kuh, Karl Otten und auch Joseph Roth war mit ein paar 
Satzen geschildert, der abgeriistete junge Offizier, der, ebenso stolz wie 
sichtbar arm, manchmal abends erschien, von Tschuppik, dem Chef vom 



68 VON BRODY NACH WIEN 



Dienst, mit groftem Respekt empfangen, und kleine Artikel, pragnante 
kurze Schilderungen des Wiener Alltags, brachte. Noch wufite niemand, 
wer Joseph Roth war. Nur soviei wuftten die Kollegen, daft er ein Talent 
war. Von der Redaktion pflegte er zum nahen Stephansplatz zu gehen, 
zum »Kleinen Sacher*, dem Wiirstelmann, der dort seine Bude aufge- 
stellt hatte. Bei ihm nahm »Josephus« — so waren die kurzen Artikel ge- 
zeichnet— sein Souper, das nicht selten auch sein Mittagessen war. 
Manchmal habe ich ihn von der Redaktion aus begleitet und bin mit 
ihm so ins Gesprach gekommen. 

AIs jener Nachruf auf Karpeles gerade gedruckt war, kam Roth in die 
Redaktion des Neuen Tage-Buches, las ihn und schrieb mir, auf dem 
Briefpapier der Zeitschrift, ein paar Zeilen, die ich aufgehoben habe und 
die vor mir liegen. Sie lauten: »Lieber Freund Olden, herzlichen Dank 
fur den Nachruf auf Karpeles. j*. Es ist ein Nachruf auf uns alle: die letz- 
ten Zehn vom vierten Regiment. Ich griifte Sie in herzlicher Kamerad- 
schaft als der neunte. Ihr alter Joseph Roth.« Er war noch jung, der »alte« 
Joseph Roth, er war der jiingste in jenem Kreis gewesen. Daft er nicht 
lange mehr zu leben haben wiirde, konnte er aber wohl wissen. Den 
Selbstmord verwarf er, aus religiosen Griinden, wie er hier erst vor zwei 
Wochen wohl in seiner letzten offentlichen Aufterung, in der ritterlichen 
Abbitte an Major Fey, gesagt hat. Aber schon lang, viele Jahre lang, iebte 
er so, daft sein Leben ein sicherer und kurzer Weg zu einem fruhen Tod 
war, verbrannte er die flackernde Kerze an beiden Enden. 
In jenen paar Zeilen, mir teueren Zeilen, sind die Zeichen enthalten, un- 
ter denen zuletzt sein Leben stand. Karpeles hatte eine Entwicklung 
ahnlich der Roths genommen, er war als junger Mensch Viktor Adler ge- 
folgt und war als glaubiger Sohn der Kirche gestorben. So fehlte nicht 
hinter seinem Namen das christliche Kreuz. Und das Wort von den 
»letzten Zehn* war einem osterreichischen Soldatenlied entnommen. 
Auch Karpeles war ein unnachsichtiger Kritiker des alten Reichs gewe- 
sen und ist dann Monarchist geworden. Es war nicht anders mit Karl 
Tschuppik, der seither auch die schabig und glaubenslos gewordene 
Welt verlassen hat. [ . . . 1 



93 Benno Karpeles 

Photographic 

Vorlage: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft Bd. 

1. Berlin: Dt. Wirtschaftsverlag. 1930, S. 885. 

Benno Karpeles 

Geb. am 6. W. 1868 in Wien. Sein Vater war der Grunder der Speditions- 
Firma Schenker & Co. Besucb des humanistischen Gymnasiums in Wien. 
Studium der Rechts- und Staatsivissenschaften in Berlin und Wien. 1893 



VON BRODY NACH WIEN 



69 



Dr. jur. Mehrjdbriger Ait fent halt in England und in der Scbweiz. Von 
1898 bis 1914 aktiv in der osterreichischen Sozialdemokratie, besonders in 
der Genossenschaftsbeivegung. Mitarbeiter der >Arbeiter-Zeitung«, Wien. 
Grundete und redigierte 1918 die Wochenscbrift »Der Friede«, 1919 die Ta- 
geszeitung »Der Neue Tag«. 1919 zur Firma SchenherSc Co., Wien. Ab 1. 1. 
1926 Gesellschafter der Firma in Berlin. Verbracbte seine letzten Lebens- 
jabre in Wien. Publizierte u. a. Nordbobmiscbe Arbeiter-Statistik. Wien 
1892. — Die Arbeiter des mdhriscb-scblesiscben Steinkoblen-Revieres. So- 
cialstatistische Untersuchungen. 1. Bd. Leipzig 1894. — Klassenkampf, 
Fascismus und Stdndeparlament. Wien 1953. Ubersetzt und ediert: Die 
englischen Fabrikgesetze. Berlin 1900. Gest. zu Beginn des Jahres 1938 in 
Wien. 




22. Joseph Roth als Journalist. 1920 



70 



VON BRODY NACH WIEN 



94 Richard Arnold Bermann (Pseud. Arnold Hollriegel) 

Abb. 23 Photographic Wien. Wohl vor 1920. 

95 Egon Erwin Kisch 

Photographic 1911. 

Vorlage: Novinarsky sbornik. 10 (1965), 3, nach S. 236. 



96 Rudolf Olden 

Photographic 

Vorlage: Ruth Greuner: Gegenspieler. Berlin: Buchverl. 

Der Morgen 1969, nach S. 272. 



Soma Morgenstern berichtet ah Augenzeuge von einer Begegnung zwischen 
Joseph Roth und Robert Musi! im Wiener Cafe Museum, etwa im Jahre 
1930: 




23. R icha rd A mold Berm ann. Wohl vo r 1920 



VON BRODY NACH WIEN 7 1 



Roth und ich saflen schon eine Weile im »Museum«, als Musil herein- 
kam. Roth erhob sich, ohne abzuwarten, daft ich ihn vorstelle, und griifl- 
te Musil respektvoll als einen Bekannten: »Erinnern Sie sich, woher wir 
uns kennen?« — »Es mufJ schon lange her sein.« — »Zehn, elf Jahre, 
Herr Hauptmann*, sagte Roth, »wir haben uns ein paarmal in der Redak- 
tion vom >Tag< getroffen. Sie waren damals der Theaterkritiker der Zei- 
tung.« — »Ach ja«, sagte Musil, »vom ersten >Tag< natiirlich.* — »Vom 
schbneren >Tag< natiirlich*, sagte Roth; »ich war damals ein Anfanger.« — 
»Ich mufi Sie selten gesehen haben*, meinte Musil, »sonst hatte ich Sie 
gleich erkannt.« Roth gestand, dafi er zu schCichtern war, um ofter auf die 
Redaktion zu kommen. »Alfred Polgar begriifite mich immer mit hofli- 
cher Ironie: »Ach, da haben wir wieder ein schones kalligraphisches Mei- 
sterwerk von Roth.« 

Soma Morgenstem: Dichten, denken, berichten. Gesprdche zwischen Roth u. 
Musil In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (197)), 79, Bilder und Zeiten, 
S. 4. - Siehe auch Kat Nr. 199 



Robert Musil 97 

Photographic Um 1930. 
Original: Landesbildstelle Berlin 



Als erster Beitrag Roths in »Der Nette Tag« erschien am 20. April 1919 cine 
Reportage i'tber die Landes-Heil- und Pflegeanstalt fur Geistes- and Ner- 
venkranke »Am Steinhof« in Wien, in der spdtcr — vom Dezember 1933 
bis Juni 1933 — seine Frau untergebracht war; 



Josef [Joseph] Roth 98 

Die Insel der Unseligen. Abb. 24 

In: Der Neue Tag. 1 (1919), 29, S. 17. 

JRW4, S. 781-785 

Aus einem Intervieiv mit einem Kranken: 

[ . . . ] »Deutschosterreich ist ein kaiserloses Kaiserrcich, aber keine Re- 
publik. Reichsprasident, Staatskanzler oder wie das Oberhaupt heifit, 
wiirde sich zum riicksichtslosesten Bolschewismus bekehren um den 
Preis — einer Konigskrone. Samtliche ehemaligen dsterreichisch-unga- 
rischen Nationen schlieflen sofort Frieden und Donaufoderation, wenn 
man ihnen gestattet, noch einmal an einem Kaiserjubilaumsfestzug teil- 
zunehmen. Samtliche Zeitungen wiirden den Staatsanwalt — ich glaube 
er hiefi Dr. Mager — mit einem wahren Grubenhundefreudengeheul be- 
griijRen, wenn ihnen gestattet wiirde, die Rubrik »Hof- und Personal- 



72 



VON BRODY NACH WIEN 



§ ■* V- ** iy« ***** 





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24 Zter A^«<? Tag. 20. 4 7979 (Titelseite) 



VON BRODY NACH WIEN 73 



nachrichten* wiedereinzufiihren. Alle Telepathen und Ringkampfer ver- 
lieren sofort ihr ganzes Publikum, wenn irgendeine Hohcit noch einmal 
geruht, vor einem Grinzinger Kriegsspital wieder vorzufahren, und die 
Sehnsucht der Wiener nach der Burgmusik ist so unuberwindlich, daft 
sie aus Mangel an dieser Kommunistenversammlungen abhalten.* [ . . . ] 



Joseph Roth 99 

Die Juden von Deutsch-Kreuz und die Schweh-Khilles. 
In: Der Neue Tag. 1 (1919), 137, S. 5. 
JRW3, S. 830-831 

Aus der Artikelserie »Reise durchs Heanzenland*. In: Der Neue Tag, 8. und 
9 8. 1919.— JRW 3, S. 819-831 

Mitten in Deutsch-Kreuz eine Filiale der Leopoldstadt. 

Siebzig jiidische Familien wohnen seit tausend Jahren im Deutsch-Kreu- 

zer Getto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer groften Hauser- 

gruppe hinter den weiten Gehoften der reichen Bauern und fiihren ein 

eigenes Leben. 

In der Mitte steht der Tempel, mindestens ein paar jahrhunderte alt 

Links vom Tempel wohnt der Rabbiner, ein Mann in mittleren Jahren 

mit blondem Bart und einem schwarzen Samtkappchen auf dem Haup- 

te. Er sitzt an einem langen Tisch und urn ihn herum seine Jiinger. Ju- 

denburschen im Alter von sechzehn bis zwanzig. Sie lernen Talmud, alle 

durcheinander, in ihren monotonen Sing-Sang klingt nur von Zeit zu 

Zeit der gellende Schrei der Ziehharmonika vom Wirte driiben. [ . . . ] 

Die Juden von Deutsch-Kreuz und den Schweh-Khilles beschaftigen 

sich nur mit ehrlichem Handel und werden von der christlichen Bevol- 

kerung sehr geschatzt. Sie haben sich rein und unvermischt erhalten, 

und aus ihren Gesichtern klagte das jahrtausendealte Leid Ahasvers. 

Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Wei- 

nen und Fasten. Die Deutsch-Kreuzer Juden fasten zweimal in der Wo- 

che und beten den halben Tag lang. 

Der Tempeldiener kommt morgens und abends an jede Tiir, klopft mit 

einem Hammer und ruft die Juden zum Gebet. 

Ich besah mir den Hammer: er ist schon ganz klein, schwarz, fettig und 

»abgeklopft«. Er mag so alt sein wie die Gemeinde. 

Manchmal wachst ein Judenjunge heran, hat Begabung und Gluck und 

wird ein Goldmark oder Doczi. Aber nur manchmal. 

Die meisten leben und sterben, wo sie geboren sind. 

Das ist die Geschichte der Juden von Deutsch-Kreuz und der »Schweh- 

Khilles*. 



74 VON BRODY NACH WIEN 



Die »Reise durchs Heanzenland* entstand an f Roths erster Reportagereise. 
Sie fuhrte ihn im Juli und August 1919 nach »Deut$cb-Westungarn«, in 
das heutige Burgenland, wo eine Volksabstimmung uber die Zugeborigkeit 
zu Osterreich oder Ungarn durchgefuhrt werden sollte. 

100 Joseph Roth 

Die Lage in Westungarn. 

In: Der Neue Tag. 1 (1919), 164, S. 2-3. 

JRW3, S. 811-818 

101 Burgenland 

Vier Photographien. 

In: Otto F. Beer u. Franz Hubmann: Der Fenstergucker. 
Osterreich in Geschichte u. Bildern. Wien, Heidelberg: 
Ueberreuter 1974, S. 117-118. 

102 Josephus [d. i. Joseph Roth] 

Abschied von der Schaffnerin. 

In: Der Neue Tag. 1 (1919), 207, S. 8. 

JRW4, S. 61-63 

103 Joseph Roth 

Teisinger. 

In: Der Neue Tag. 2 (1920), 21, S. 4. 

JRW4, S. 513-515 

Der Untersuchungausschufi beschaftigte sich mit den »militarischen 
Pflichtverletzungen* des Feldmarschalleutnants Teisinger, der rund 
200 000 Menschen »auf seine Verantwortung* gegen das Ergebnis der 
arztlichen Untersuchung fur frontdiensttauglich erklart hatte. Der Feld- 
marschalleutnant gab ohne weiteres zu, zweimalhunderttausend Men- 
schen »widerrechtlich« in den Tod geschickt zu haben. Er wies nach, dafi 
er »nach hoheren Weisungen* gehandelt habe, nur der Hammer in der 
Hand des Kriegsmolochs gewesen sei. Der Untersuchungsausschuft 
fand, dafl kein Grund vorhanden sei, Teisinger vor ein Militargericht zu 
laden. 

Wir miissen uns erst miihsam die Mentalitat jener Zeit rekonstruieren, 
um langsam zu verstehen, was Teisinger eigentlich vorgeworfen wurde. 
Er hat »widerrechtlich« Menschen in den Tod geschickt Denn es war 



VON BRODY NACH WIEN 75 



eine Zeit, in der man — man denke! — Menschen mit Recht in den Tod 
schicken durfte. Es war eine Zeit, in der man den grotesken Widersinn 
fur selbstverstandlich ansah, daft die Gesundheit zum Sterben pradesti- 
nierte, die Krankheit des Sterbens enthob. Teisinger aber war das leben- 
dige, zweibeinige Paradoxon jener Zeit: er bestimmte die Kranken zum 
Tode. Die Verriicktheit des Krieges hatte sich so gesteigert, daft die Aus- 
geburt ihres hitzigsten Deliriums in das Gegenteil: den gesunden Men- 
schenverstand ubergriff. Teisinger, der schrecklichste der Schrecken, die 
personifizierte Kriegsfurie in Feldmarschalleutnantsuniform, wollte et- 
was ganz Verniinf tiges : daft die Kranken sterben. 

Deswegen wurde er angeklagt. Begreift man die Unlogik dieser Anklage? 
Ein Mann wird angeklagt, weil er die Kranken in den Tod schickte. Wa- 
re er damals angeklagt worden, als er sie noch schickte, so ware die An- 
klage aus der Moral jener Zeit heraus verstandlich gewesen. Denn die 
Moral jener Zeit war: Gesunde sterben lassen. Heute, da es als das groftte 
Verbrechen gilt, zu toten, fallt die Anklage gegen Teisinger in sich zu- 
sammen. Denn man klagt ihn nicht an, weil er totete, sondern weil er 
Kranke totete. Erhalt man die Anklage aufrecht, so stellt man sich eo ip- 
so auf den Moralstandpunkt jener Zeit, d. h.: Gesunde darf man toten. 
Diesen Standpunkt nimmt die heutige Offentlichkeit nicht mehr ein. Sie 
klagt nur jene an, die schlechthin getotet haben. Der letzte auf der An- 
klagebank miiftte Teisinger sein. Nicht der erste. Denn ist Kranke toten 
eine Gemeinheit, so ist es wenigstens eine vernimftigere Gemeinheit als 
Gesunde toten. Solange aber der Urquell jener Niedertracht: des allge- 
meinen Menschenschlachtens nicht einmal entdeckt ist, hat man kein 
Recht, Teisinger, der Abfluftkloake, den Garaus zu machen. [ . . . ] 
Teisinger, der Begriff, nicht Teisinger, das Lebewesen. Man sagte: -Tei- 
singer*, wie »Tod und Teufel*. Er lebte nicht. Er musterte. Er gehorte 
zum Inventar der Kommission wie das Metermaft. Er war ein Organ des 
Staates, des »Vaterlandes«, wie die Polizei, die Hascher, die den Deser- 
teur aufspiirten. Er war eine Waffe wie ein Geschiitz, die »Dicke Berta«, 
die schon im Hinterland funktionierte. Er war eine militarische Institu- 
tion, wie das A. O. K. und das Militarkommando. Er war nicht der, son- 
dern das k. u. k. Teisinger. Teisinger in Anfuhrungszeichen. 
Man konnte ihn logischer anklagen des Umstandes, daft er sich zum 
Henker hergab. Aber Teisinger mit der Erziehung und Psychologie des 
aktiven Offiziers ist so nicht zu fassen. Teisinger mit der moral insanity 
des zum Pflichtmord und Ehrentod erzogenen privilegierten Haftlings 
in dem groften Kerker des Militarismus ist nicht klagbar, nur zu bedau- 
ern. [ . . . ] 

Denn merken miissen wir uns dieses k. u. k. Teisinger. Sprechen wir ihn 
frei, aber verurteilen wir uns, stets an ihn zu denken. Auf daft er sich 
nicht wiederhole! Es konnte namlich sein, daft . . . und es konnte sehr 
leicht sein, daft er sich wiederholt. Wir haben ihn zwar freigesprochen. 
Aber so weit sind wir nicht, daft wir ihn schon uberwunden hatten! 



76 VON BRODY NACH WIEN 

Josef Teisinger von Tullenburg 

Geb. am 2. 2. 1856 in Karolinenthal bei Prag, 1. 5. 1913 — Juni 1914 Ge- 
neral-Major und Kommandant der 48. Infanteriebrigade in Przemysl. 3. 
11. 1915 Titel Feldmarschalleutnant September 1914 — 1918 Prases der 
ambulanten Inspizierungskommission fur die Militdrkonrmanden Wien, 
Innsbruck, Prag und Leitmeritz. 1. 1. 1919 i.R. Gest. am 1, 2, 1920 in 
Wien. 

104 Joseph Roth 

Die reaktionaren Akademiker. Eine Auseinandersetzung. 
In: Der Neue Tag. 2 (1920), 32, S. 4. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 178 — 181 

Revolutionsfeindlich, monarchistisch, »volkisch«, sabelsehnsiichtig, 
purpurverlangend, so ist die deutsche Jugend von heute. 
Mit der Plotzlichkeit einer Offenbarung ward uns die Erkenntnis: daft 
nicht alles jung, was neu ist und dafi Jugend nur dem Alter, nicht der 
Veraltetheit antithetisch ist. Am Ende war es seit eh und je die Fahne, 
die die Jugend mitrift und nicht die Idee, deren Ausdruck die Fahne ist. 
Der Schlachtruf und nicht die Giiter, um die Krieg gefiihrt wurde. Der 
Trompetenstofi, der Fanfarenruf. Nie die innere Gewalt einer Idee, son- 
dern der Faltenwurf threr Pellerine. Und am Ende hat die naturgemafi 
theatralisch wirksame Geste einer gewaltigen Idee die Jungen zu Wort- 
fuhrern der Idee gemacht. Die Jugend war nur bestochen und nicht 
iiberzeugt. Hypnotisiert und nicht ergriffen. Ja, nicht einmal berauscht 
war sie? Nur betrunken? [ . . . ] 

Volksfremd und weltfremd, eingeschachtelt in die Schubladen: Gelehrte, 
Mensuren, Korpsgeist, Patriotismus lebt in deutschen »Landen« eine 
agyptische Priesterklasse: die Akademiker. Seltsame Brauche und uralte 
Gesange. Holzerne Sprache und steifleinene Weltanschauung. So sitzen 
sie im Tempel nationaler Kultur und kein Blick dringt ins Allerheiligste. 
Und sie, die Priester, haben keinen Blick fur die Welt. 
Sie kennen eine »Nation«, sie bekennen sich zur »Nation«, aber sie haben 
keine Ahnung vom Volk. 

Wie sollten sie da nicht Gegner der Revolution sein? Unsere Akademi- 
ker sind Priester, unsere Hochschulen Kloster, unsere Wissenschaft— 
Kirche, der Rektor ein Erzbischof. Klerikalismus der Wissenschaft. Arte- 
rienverkalkung des G eistes. Jeder Klerikalismus ist reaktionar. 

105 Joseph Roth 

Das Antlitz der Zeit. 

In: Der Neue Tag. 2 (1920), 1, S. 4-5. 

Abdruck: Siiltemeyer, S. 175-177 



VON BRODY NACH WIEN 77 



Joseph Roth behandelt in diesem Artikel am Be i spiel der Verba filing zweier 
Sozialisten an einem der letzten Dezembertage 1883, die wdhrend eines 
Gottesdienstes randaliert hat ten, die Presseberichterstattung im Kaiserreich, 
die unliebsame Ereignisse zu beschonigen geivohnt war, und stel/t ihr die 
ungeschminkte Art der Berichterstattung seiner Zeit gegeniiber. 



Joseph Roth 106 

Karriere. 

In: Der Neue Tag. 2 (1920), 66, S. 6-7. 

JRW3, S. 33-39 

Roth erzdhlt von einem k I ein en, sehr titchtigen Bitch ha Iter, der aits Treue 
zu einem Chef] der ihn nicht einmal das Existenzminimitm verdienen id fit, 
das Angebot einer gut bezahlten S telle ausschldgt. 



Joseph Roth 107 

Die Auferstehung des Geistes. 

In: Der Neue Tag. 2 (1920), 100, S. 5-6. 

JRW 4, S. 515-518 

[■•■] 

Seit Jahrzehnten schon geht die menschliche Entwicklung in dieser 
Richtung fort, das heifit: riickwarts. Den von den Vatern iiberlieferten 
Geist spannte man in das Joch der »materiellen Kultur* (lies: Civilisa- 
tion). Die Lokomotive des technischen Fortschritts zermalmte das hu- 
manistische Ideal von der »edlen Kraft und Giite«. Der »ritterliche Held« 
ward abgelost von dem riicksichtslosen Ellenbogenmenschen, vom Un- 
terleibsmenschen. So ist es zu verstehen, warum die Folgen des letzten 
Krieges furchterlicher und tiefer sind als die vergangener. Hier gab es 
keine »Kampfer«, sondern Maschinen. Man »focht« nicht, sondern funk- 
tionierte. Und es ma(Sen sich nicht »Krafte«, sondern »Machte«. »Kraft« 
ist gottliche Auswirkung, »Macht* teuflische. Ihr zu entgehen ist fast un- 
moglich. [ . . . ] 

Der Geist fehlt, der allein Bestand verleiht, und Gottes Atem, der den 
Erscheinungen ein Stuckchen Ewigkeit einhaucht. 
Nackte Brutalitat »kampft« und »siegt«, aber behauptet sich nicht auf die 
Dauer. Nicht »eine starke Faust« fehlt der Welt, sondern ein starker 
Geist. Denn es ist wohl wahr, daft der »Unterleibsmensch« nicht mehr 
will als Brot und Sicherheit. Aber Brot und Sicherheit reichen nicht aus, 
um ihn zu befriedigen, wenn er schon einmal satt und sicher ist. Er tragt 
das Kainszeichen der Gottlosigkeit auf der Stirn. Er glaubt nicht mehr. 



78 VON BRODY NACH WIEN 

Er nennt »Hunger« seine Qual und »Brot« sein einziges Bediirfnis. Und 
ahnt doch selbst nicht, dafl er wartet: auf eine neue Religion; auf die 
Auferstebung des Geistes ...[...] 

108 Rudolf Olden 

Nachruf auf einen Freund. 

In: Das Neue Tage-Buch. 6 (1938), 6, S. 140-141. 

In seinem Nachruf auf Benno Karpeles schreibt Rudolf Olden ruckblkkend 
uber die Zeitung »Der Neue Tag«: 

Ich zweifle, ob wir wirklich eine gute Zeitung gemacht haben. Die »Ar- 
beiter-Zeitung* hieft die erste Nummer des »Neuen Tages« mit einer 
freundschaftlichen Notiz willkommen. Aber eine Woche spater hatte 
Friedrich Austerlitz, der grofte Journalist, der ein grausamer Polemiker 
sein konnte, uns en grippe genommen, und wir sind das ganze Jahr nicht 
mehr aus der Polemik herausgekommen. Eigentlich sollte sie doch die 
Burger mit den neuen Dingen versohnen und, oh oft getraumter Traum, 
die bose alte »Neue Freie Presse« entthronen. Nun war da statt dessen 
der tagliche Bruderkrieg. Darunter wird die Qualitat der Zeitung wohl 
gelitten haben, und ich zweifle, ob sie war, was sie hatte sein konnen. 



BERUF: JOURNALIST 
(1921-1932) 



»Ich habe keinen Lebensplan.« 

Joseph Roth an Stefan Zweig. Rappers- 
ivil am Zurkhsee, 24, 9 1932. — JRB, 
$. 230 



Orte und Begegnungen 
Lebensstil 



Ich habe viele Meilen zurucklegen miissen. Zwischen dem Ort, in dem 
ich geborcn bin und den Stadten, Landern, Dorfern, durch die ich in den 
letzten zehn Jahren komme, um in ihnen zu verweilen, und in denen ich 
nur verweile, um sie wieder zu verlassen, liegt mein Leben, eher nach 
raumlichen Maften meftbar als nach zeitlichen. Die zuriickgelegten Stra- 
iten sind meine zuriickgelegten Jahre. 
JR. an-GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 164 f. 




25. Joseph Roth. Fruhjahr 1926 



BERUF:JOURNALIST 



81 



Joseph Roth auf einem Bahnsteig wartend 

Photographic Friihjahr 1926. 
Vorlage: LBI 

Schauend und schrcibend fuhr er durch ganz Europa, von Moskau bis 
Marseille, ja bis in die finstersten Winkel von Albanien und Germanien. 
Er wurde rasch Deutschlands beruhmtester Feuilletonist, em Prosaist er- 
sten Ranges, ein Meister der kurzen Prosa und der deutschen Sprache. 
Die besten seiner Artikel und Feuilletons, die er durch mehr als zwanzig 
Jahre schrieb, verdienen in jeder Anthologie »klassischer« deutscher Pro- 
sa ihren besonderen und schdnen Platz. Er sah mit neuen Augen und 
schrieb mit der Kraft des Dichters und dem Mut des Moralisten, mit 
dem beifienden, zuweilen tiefen Witz des pessimistischen Skeptikers 
und mit der sanften Bitterkeit des melancholischen Romantikers. 
Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, S. 
15-26, hierS. 17 



109 

Abb. 25 



Joseph Roth 

Panoptikum. Gestalten u. Kulissen. 
Munchen: Knorr & Hirth 1930. 140 S. 

JRW3, S. 533-635 
Leihgabe: K & W 

Aufgeschlagen S. 49: Ankunft im Hotel. 

JRW3, S. 566-570 

Roth beschreibt seine Ankunft im Hotel »Nautique«, Marseille: 

Das Hotel, das ich wie ein Vaterland liebe, liegt in einer der groften euro- 
paischen Hafenstadte, und die schweren, goldenen Antiqua-Lettern, in 
denen sein banaler Name iiber den Dachern der langsam emporsteigen- 
den Hauser aufleuchtet, sind fiir mein Auge lauter metallene Fahnen, 
stehende Fahnchen, die zur Begriifkng glanzen statt zu flattern. Wie an- 
dere Manner zu Heim und Herd, zu Weib und Kind heimkehren, so 
komme ich zuriick zu Licht und Halle, Zimmermadchen und Portier— 
und es gelingt mir immer, die Zeremonie der Heimkehr so vollendet ab- 
rollen zu lassen, dafJ die einer formlichen Einkehr ins Hotel gar nicht be- 
ginnen kann. Der Blick, mit dem mich der Portier begru^t, ist mehr als 
eine vaterliche Umarmung. Und als ware er wirklich mein Vater, bezahlt 
er aus eigener Westentasche den Chauffeur, um den ich mich nicht 
mehr kummere. Der Empfangschef im Cutaway tritt aus seinem glaser- 
nen Verschlag und lachelt mehr, als er sich verbeugt. So selig scheint ihn 
meine Ankunft zu machen, daft sein Rucken seinem Mund Freundlich- 
keit abgibt und das Berufliche sich mit dem Menschlichen in der Begrii- 
fking teilt. Er wurde sich schamen, mir einen Meldezettel vorzulegen; so 



110 



82 BERUF:JOURNALIST 

genau weifi er, daft ich das Gesetz als eine personliche Beleidigung emp- 
finde. Meinen Meldezettel schreibt er spater, wenn ich schon im ZTim- 
mer bin, mit eigener Hand, obwohl er keine Ahnung hat, woher ich 
komme. Nach Lust und Laune schreibt er irgendeinen Namen hin, ei- 
nen der Stadte, die er fiir wiirdig halt, von mir besucht zu werden. Meine 
Daten sind ihm gelaufiger als mir selbst. Wahrscheinlich kehren im Lau- 
fe der Jahre noch andere Manner bei ihm ein, die so heifJen wie ich. 
Aber ihre Daten kennt er nicht, und stets erscheinen sie ihm ein wenig 
verdachtig, als waren sie illegale Usurpatoren meines Namens. Der Lift- 
boy nimmt meine Koffer unter seine Arme. So diirfte ein Engel seine 
Fliigel ausbreiten. Niemand fragt, wie lange ich zu bleiben gedenke, ob 
eine Stunde oder ein Jahr: dem Vaterland ist beides lieb. Der Portier flii- 

stert mir zu: »627! ist ihnen recht?« als wiifSte ich so genau wie er, 

was es fiir ein Zimmer ist . . . 

[•■■] 

JRW 3, S. 566 f. 

Roth war ein Zivilisationsnomade. Uralter Trieb des Wanderblutes jagte 
ihn. Seine Sefthaftigkeit wahrte hochstens Wochen. Er hatte nirgendswo 
eine Wohnung, kein Haus, kein mobliertes Zimmer. Das Hotelwar seine 
Wohnung. In den vier Stadten, in denen er die besten Jahre seines Le- 
bens verbrachte, in Berlin, Frankfurt am Main, Paris und Marseille wohn- 
te er stets in denselben Hotels. Die Hotels »Nautique« (Marseille) — 
»Foyot« (Paris) — »EngHscher Hof« (Frankfurt am Main) — »Hotel am 
Zoo« (Berlin) waren seine Domizile, seine Oasen auf der »Flucht ohne 
Ende«. In den kleinen Hotelzimmern, in der unpersonlichen Umgebung 
konventioneller Hotelbehaglichkeit safi er, der Schilderer osterreichi- 
scher Kaiserpracht. 

Hermann Linden: Tage mit Joseph Roth. In: Linden, Gedachtnisbuch, S. 
27-34, hierS. 28 f. 



Ill Joseph Roth mit einem Freund im Jardin 



Abb. 26 



du Luxembourg, Paris 

Photographic Um 1925. 

Vorlage: LBI 

Joseph Roth an Bernard von Brentano, Marseille, 22. August 1925: 

[ . . .] mir liegt nichts an einem Einkommen. Mir liegt nichts an einem 
burgerlichen Fundament. Es hindert mich eher. Es macht mich krank. 
Ich bin es schon. 
JRB, S. 56 



BERUF: JOURNALIST 



83 




26. Joseph Roth mit einem Freund im Jardin du Luxembourg, Paris. Um 1925 



27. Joseph Roth. Paris. Um 1925 




84 BERUF: JOURNALIST 

Joseph Roth 

Drei Photographien. Paris. Um 1925. 
Vorlage: LBI 

Roths Gesicht ist hart wie das Gesicht seiner Prosa, gemeiftelt wie ihr 
Stil, und doch hat man bei Gesicht und Sprache mitunter das Gefuhl, als 
hoben sich von ihnen Schleier um Schleier, um immer wieder eine neue 
Wirklichkeit auftauchen zu lassen. 

Manfred Georg; Der Roma nschriftsteller Joseph Rotb. In: Preufiiscbejabr- 
bikber. 217 (1929), S. 320-324, bier S. 320. - Siebe auch Kat. Nr. >49 

Joseph Roth war ein kleiner, schmaler, zierlicher Mensch. Auch sein 
Kopf war schmal, diinn behaart, edel in der Form, ein Amenophiskopf. 
Der Geist manifestierte sich in Augen und Mund. Roth trug keine Brille. 
Man sah ihm direkt ins Auge und wer diese Augen — die blau waren — 
oft, lange genug und richtig ansah, dem offenbarten sich die Seelenge- 
heimnisse dieses ostjudischen Romantikers, der sich so gerne die Maske 
der Arroganz vorband. Aus diesen Augen leuchteten seine Schonheits- 
traume, in ihnen spiegelte sich seine witzige Heiterkeit, die mit abgriin- 
diger Melancholie wechselte. Aus ihnen loderte der haftbereite Fanatis- 
mus des Aufklarers und Menschenfreundes, stachen die Blicke des Be- 
obachters in jedes Ziel der Wahrheit, und aus ihnen schimmerte auch je- 
ne warme Gute, die alle Tiefen des Leides und alle menschlichen Irrwe- 
ge, Schwachen und Liigen kennt. Zu diesen Augen paflte der Mund. Au- 
gen und Mund waren eine Einheit — die Einheit der Physiognomic 
Dieser Mund war ein blanker Spiegel der Ironie. Das Leben hatte ihn ge- 
formt. Viele kleine Falten zeugten von menschlicher Niedertracht. In 
der leichten Kriimmung der Lippen hatten sich Verachtung und Skepsis 
ausgepragt. 

Hermann Linden: Tage mit Joseph Rotb. In: Linden, Gedachtnisbuch, S. 
27-34, bier S. 28 



Joseph Roth im Cafe 

Photographic Paris. Um 1925. 

Vorlage: LBI 

Mein Freund, der grofie Erzahler Joseph Roth, damals noch ein zierli- 
cher blonder und glattrasierter Jungling, der nur ganz innen schon hun- 
dert war, hatte ein Rezept gegen Einoden erfunden: sich nicht innerhalb 
von vier gekalkten Mauern abschlieften, nicht einmal beim Schreiben! 
Man sitze vielmehr zwischen Wanden aus Menschen, kommenden und 
gehenden, zwischen einer wandernden Menschen-Kulisse; er machte 
von denen, ohne die er nicht sein konnte, kaum Gebrauch . . . aufier mit 



BERUF: JOURNALIST 



85 



den unersattlichsten Augen. So kommunizierte er. Er schrieb in grofien 
Hotel-Hallen und kleinen Konditoreien. 

Ludwig Marcuse: Mein zivanzigstes Jahrhundert Munchen I960, S. 83. — 
Siehe auch Kat, Nr. 185 

So einsam, wie ich im Cafe, wo ich schreibe, ist kaum einer in einer Zel- 
le. Ich brauche keine Abgeschlossenheit. Ich bin abgeschhssen. Sagen Sie 
einer Schnecke, sie soil sich noch ein Landhaus mieten. 
JR an Stefan Ziveig, 16. November 193%-JRB, S. 438 

Oft war der Tisch, an dem er schrieb, noch nicht einmal ein richtiger 
Schreibtisch. Roth brauchte nicht viel. Er schrieb seine Manuskripte mit 
der Hand, mit goldener Fullfeder, auf kleine Blockblatter. Manchmal ge- 
niigte auch als Schreibtisch die Marmorplatte des Nachtschrankchens. 
Roth war ununterbrochen produktiv. In seinen letzten fiinfzehn Lebens- 
jahren produzierte er allein vierzehn Romane. Er schrieb jeden Tag 
mehrere Stunden, Szenen des Romans oder Feuilletons fur die »Frank- 
furter Zeitung*. Seine Handschrift war einzigartig, kailigraphisch schon, 
die Buchstaben von fast grotesker Winzigkeit. Wahrend er die 
Romanprosa nur im Zimmer schrieb, zauberte er die Feuilletons im Ve- 
stibiil stets am gleichen Ecktisch, uhrpiinktlich aufs Papier. Er schrieb 
diese Feuilletons mit einer unheimlich anmutenden Geschwindigkeit. 




28. Joseph Roth im Cafe. Paris. Urn 192? 



BERUF:JOURNALIST 



Die »gefeilte Grazie* der Satze, die verbliiffenden Epigramme und 
Gleichnisse sprangen ihm aus dem Handgelenk. 
Hermann Linden: Tage m it Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, S. 
27-34, hierS. 29 



114 Joseph Roth mit Freunden in Paris, darunter ver- 
mutlich Ernst Weiss 

Photographic Um 1925. 
Vorlage: LBI 

Er besafJ das Geheimnis, die Freundschaft und das Vertrauen vieler 
Menschen zu gewinnen. Er wufke jeden als seinesgleichen zu behandeln, 
ohne seinen Rang und seine Wiirde je aufzugeben und er machte jeden 
ohne Ausnahme, den Minister ebenso wie den Nachtportier, den Ban- 
kier wie den Kellner mit seinen privaten Sorgen und Gestandnissen ver- 
traut. Das betraf ebenso seine ewige Geldnot, diesen Fluch deutscher 
Dichter, wie seine literarischen Feinde, die Dummheit und Schlechtig- 
keit der Welt ebenso wie seine Plane und kiinftigen Artikel. Immer hii- 
tete er in der Brusttasche das Verzeichnis seiner meist kleinen Schulden 
und sein Manuskript, in seiner wie gestochenen, zierlich melodischen 
Handschrift geschrieben, das er angstlich und zartlich hiitete, als einen 
Schatz — ein echter, ein geborener Sch rifts teller. 
Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch. S. 
15-26, hierS. 19 f. 



Berlin, Wien und Prag 
(1920-1923) 



Am 30. April 1920 mufite »Der Neue Tag« sein Erscheinen einstellen. Da es 
Joseph Roth nicht gelang, in Wien eine neue Stelle bei einer Zeitung zu fin- 
den, fuhr er am l.Juni 1920 zusammen mil dem Freunde Stefan Fingal, 
eben falls stellungsuchender Journalist, nach Berlin. (Zu Stefan Fingal siehe 
Kat. Nr. 436 und 43 7 J 

In einem Interview erklarte er 1934 dem franzosischen Kritiker Frederic 
Lefevre in Paris: 

L'inflation m'a chasse de Vienne, on n'y pouvait plus vivre. Je suis parti 

pour ou il y avait quelque chose a gagner. 

Frederic Lefevre: Une heure avec Joseph Roth. In: Nouvelles litteraires. 2. 6. 

1934 

Andere Griinde fur seine Ubersiedlung nennt er in dem autobiographischen 
Essay- Brief an G. Kiepenheuer: 

Ich iibersiedelte bald nach Berlin — die Liebe zu einer verheirateten 
Frau, die Furcht, meine Freiheit zu verlieren, die mir mehr wert war als 
mein dubioses Herz, zwang mich dazu. 
JR an GK, 10. 6. 1930. - JRB, S. 168 



Berlin, Friedrichstraite / Ecke Taubenstrafie H5 

Photographic Um 1923. 

Vorlage: Berlin, gestern und heute. Hrsg. von Theodor 

Miiller-Alfeld. Mit e. Vorw. von Friedrich Luft. 6., verand. 

Aufl. 

Berlin: Stapp 1977, S. 27. 

In dem 1921 erschienenen Roman »Die Flucht ohne Ende« findet sich eine 
Beschreibung Berlins aus dem Munde der Hauptfigur Franz Tunda, die 
tvohl die Sicht Roths wiedergibt: 

»Diese Stadt«, so sagte er, »liegt aufterhalb Deutschlands, aufierhalb Euro- 
pas. Sie ist die Hauptstadt ihrer selbst. Sie nahrt sich nicht vom Lande. 
Sie bezieht nichts von der Erde, auf der sie erbaut ist. Sie verwandelt die- 
se Erde in Asphalt, Ziegel und Mauer. Sie spendet mit ihren Hausern 
dem Flachland Schatten, sie liefert aus ihren Fabriken dem Flachland 
Brot, sie bestimmt die Sprache des flachen Landes, die nationalen Sitten, 
die nationalen Trachten. Es ist der Inbegriff einer Stadt. [ . . . ] Sie allein 



88 BERUF:JOURNALIST 



von alien Stadten, die ich bis jetzt gesehen habe, hat Humanitat aus 
Mangel an Zeit und anderen praktischen Griinden. In ihr wiirden viel 
mehr Menschen umkommen, wenn nicht tausend vorsichtige, fiirsorgli- 
che Einrichtungen Leben und Gesundheit schiitzten, nicht weil das 
Herz es befiehlt, sondern weil ein Unfall eine Verkehrsstorung bedeutet, 
Geld kostet und die Ordnung verletzt Diese Stadt hat den Mut gehabt, 
in einem hafllichen Stil erbaut zu sein, und das gibt ihr den Mut zur wei- 
teren Hafllichkeit. [ . . . ] 

Aufterdem duldet sie noch in sich die deutsche Provinz, freilich, um sie 
eines Tages aufzufressen. Sie nahrt die Dusseldorfer, die Kolner, die 
Breslauer, um sich von ihnen zu nahren. Sie hat keine eigene Kultur in 
dem Sinne wie Breslau, Koln, Frankfurt, Konigsberg. Sie hat keine Reli- 
gion. Sie hat die hafSlichsten Gotteshauser der Welt. Sie hat keine Gesell- 
schaft. Aber sie hat alles, was iiberall in alien anderen Stadten erst durch 
die Gesellschaft entsteht: Theater, Kunst, Borse, Handel, Kino, Unter- 
grundbahn.« 
JRWl, S.389f 



Bis 1925 wurde Berlin — allerdings mit langeren Unterbrechungen — 
Ratios stdndiger Aufenthaltsort. 

Roth hatte sich in seiner Ho ffnung, in Berlin — hiergab es a I lein zwanzig 
Tageszeitungen — seinen Lebensunterhalt mit journalist ischen Arbeiten 
verdienen zu konnen, nicht getduscht Am 30. Juni erschien als sein erster 
Beitrag in einer Berliner Zeitung der Artikel »Chiromanten« in »Die Neue 
Berliner Zeitung — 12-Uhr-Blatt«. Durch die Vermittlung von Arnold 
Hollriegel kam er zum ^Berliner Tageblatt«. Auch in der Zeitschrift »Freie 
Deutsche Buhne« veroffentlichte er bereits 1920 zahlreiche Beitrdge. Zu Be- 
ginn desjabres 1921 tvurde er fester Mitarbeiter des »Berliner Borsen-Cou- 
rier«, der fi'tbrenden Bbrsen- und Wirtschaftszeitung Berlins. Nach kurzer 
Zeit in der Lokalredaktion konnte er ab Februar fur den Feuilleton-Teil 
schreiben. 

Uberden Grund, der ihn im September 1922 zur Trennung vom ^Berliner 
Borsen-Courier« veranlaflte, schreibt er an den Theaterkritiker des Blattes, 
Herbert Ihering: 

116 Joseph Roth an Herbert Ihering 

Brief. Berlin, 17. 9. 1922. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 

Kopie. - Vorlage: K& W 
JRB S. 40 

[...] 

Ich schreibe mit gleicher Post an Herrn Dr. Faktor einen Abschiedsbrief, 

in dem ich ihm mitteile, dafi sein Brief nur die Veranlassung, nicht die 



BERUF: JOURNALIST 89 

Ursache meiner Kiindigung war. Ich kann wahrhaftig nicht mehr die 
Riicksichten auf ein burgerliches Publikum teilen und dessen Sonntags- 
plauderer bleiben, wenn ich nicht taglich meinen Sozialismus verleug- 
nen will. Vielleicht ware ich trotzdem schwach genug gewesen, fur ein 
reicheres Gehalt meine Uberzeugung zuriickzudrangen, oder fur eine 
haufigere Anerkennung meiner Arbeit. [ . . . ] 

Herbert Ihering mit Erwin Piscator, Carola Neher 111 
und Bertolt Brecht 

Photographic 

Leihgabe: Bildarchiv Preuflischer Kulturbesitz, Berlin 

Herbert Ihering 

Geb. am 2% 2. 1888 in Springe b. Hannover. Von 1918 bis 1933 Theater- 

kritiker des ^Berliner Borsen-Courier«. Wdhrend des Dritten Reiches Dra- 

maturg am Burgtheater Wien. Von 1945 bis 1954 Chefdramaturg des 

Deutschen Theaters in Berlin (Ost). 

Publiziert u. a. Aktuelle Dramaturgie. Berlin 1924. — Reinhardt, Jeflner, 

Piscator oder Klassikertod, Berlin 1929. — Berliner Dramaturgie. Berlin 

(Ost) 1947. — Heinrich Mann. Berlin (Ost) 1951. — Von Reinhardt bis 

Brecht. Vier Jahrzehnte Theater u. Film. 3 Bde. Berlin (Ost) 1959-61. — 

Gest. am 15. 1. 1977 in Berlin. 

Schon vor seiner Trennung vom ^Berliner Borsen-Courier« arbeitete Roth 
auch am »Vorivarts«, dem »Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokrati- 
schen Partei Deutschlands«, mit. 



Alfred Beierle 118 

Ich lebte mit Joseph Roth. Am 4. Juni vor 10 Jahren wur- 

de Joseph Roth begraben. 

In: Roland von Berlin. (1949), 23, S. 8-10. 

Dieser Aufsatz des Berliner Schauspielers und Rezitators Alfred Beierle ist 
eine der wenigen Quellen uber Roths erste Berliner Zeit. 
Beierle berichtet uber den Beginn ihrer Freundschaft, wobei er ihre erste Zu- 
sammenkunft fdlschlicb auf das Jahr 1918 datiert: 

In der Silvesternacht 1918 saften im Hintergrunde einer abgedunkelten 
Zimmersuite in der Wohnung des Chefredakteurs Dr. Breitner zwei 
Manner und schauten stumm und uninteressiert dem Treiben und La- 
chen in den vorderen erleuchteten Raumen zu. Plotzlich erhob sich 
mein Nachbar arn Nebentisch und sagte: »Gestatten Sie: Joseph Roth. 
Ich bemerke seit langem, dafJ auch Sie der Trubel nichts angeht Alkohol 



90 BERUF: JOURNALIST 

allein macht's auch nicht. Es miissen Personlichkeiten sein, die Stim- 
mung erzeugen wollen.* Ich druckte ihm die Hand. Wir gingen. Durch 
diesen Handedruck wurde festgestellt, dafl wir »auf derselben Welle sen- 
deten« (obgleich es damals noch kein Radio gab). Wohin wir gingen, 
weifl ich nicht mehr. Wullten wir beide nicht mehr — noch nach 15 Jah- 
ren nicht mehr, so oft wir auch versuchten, es in der Erinnerung festzu- 
stellen. Wir wufiten nur, daft »es« drei Tage und drei Nachte angehalten 
hatte, ehe wir ins neue Jahr hinubergefunden hatten. [ . . . ] In diesen drei 
Tagen und Nachten wurde eine Freundschaft geschlossen, die bis zum 
letzten Male eines Wiedersehens 1936 in Amsterdam wahrte. [ . . . ] 
»Ich habe viel Schulden. Gar kein Geld. Keine Wohnung— ich wohne 
im Hotel«, sagte er mir in jenen ersten drei Tagen. »Kommen Sie«, sagte 
ich, »ziehen Sie zu mir«. Und dann nach einer Pause kam es zogernd aus 
seinem Mund: »Und ein Madchen in Wien.« — »Holen Sie es.* Er holte 
es, und wir zogen nach der Mommsenstrafie 66. [ . . . ] 

Von der Mommsenstrafie 66 zog Roth wit seiner jungen Fran Fried I, die er 
am ). Marx 1922 in Wien gebeiratet hatte (siehe den Abschnitt »Friederike 
(Fried I)«), in ihre einzige gemeinsame Wohnung in Berlin-Schoneberg, wo 
sie bis zu ihrer Riiekkehr nach Wien im Juni 1923 lehten. Nach ihrer 
Riickubersicdlung nach Berlin am Ende des gieichenjahres wurde das »Ho- 
tel am Zoo« Roths bevorzugte Unterkunft in dieser Stadt. 



119 Berlin, Hotel am Zoo 

Joseph Roths Stammquartier in Berlin 1924—1929- 
Photographie. 1978. Von Brita Eckert 

Zu Roths Freunden in Berlin gehorte der Journalist Bruno Frei, der mit sei- 
ner Fran in Roths Nachbarschaft ivohnte. Beide Ehepaare trafen sich an- 
fangs fast tdglicb. In seiner Autobiographic »Der Papicrsdbeh hat Bruno 
Frei einige Erinnerungen an ihre Berliner Zeit festgehalten: 

120 Bruno Frei 

Der Papiersabel. Autobiographie. 
(Frankfurt a. M.:) S. Fischer (1972). 400 S. 

Joseph Roth mied das Romanische; im Hinterzimmer einer winzigen 
Konditorei auf der Potsdamer Strafte brachte er seinen ersten Roman zu 
Papier— ich glaube, es war das »Spinnennetz«. Roths Steckenpferd war 
es, Taschenmesser zu sammeln; als er bald darauf nach Paris iibersiedel- 
te, liberties er mir zum Andenken ein hornverkleidetes Prachtexemplar. 
Seite 84 



BERUF: JOURNALIST 91 

Bruno Frei mit seinem Sohn Hans 121 

Photographic 1927. 

Vorlage : Dr. Bruno Frei, Wien 

Bruno Frei (d. i. Benedikt Freistadt) 

Geb. am 11. 6. 1897 in Prefiburg/Sloivakei. Journal istiscbe Tdtigkeit. 
1922 — 192) {Correspondent der Wiener Zeitung »Abend« in Berlin. 
1925 - 1929 aufienpolitischer Redakieur des »Abend« in Wien. 1928 SPO. 
In Berlin bis 1933 Chefredakteur von »Berlin am Morgen«. Ins Exil 1933 
nach Prag und Paris, ab 1940 in Mexiko. Begrunder and Chefredakteur 
von »Der Gegen-Angriff«. In der Volksfrontzeit Herausgeber der »Deut- 
schen Informationem, zusammen mit Heinrich Mann, Max Braun und 
Rudolf Breitscheid. 1934 Ubertritt zur KPD. 1939 intemiert im Lager Le 
Vernet Mitbegrunder der Zeitschrift »Freies Deutschland* (Mexico). 1947 
Ruckkehr nach Wien. 1957— 1959 als {Correspondent in Peking. Bis 1966 
Chefredakteur der Zeitschrift »Tagebuch«, Publiziert u. a. Judisches Elend 
in Wien. Wien 1920. — Im Lande der Roten Macht. Ein sowjetrussischer 
Bilderbogen. Berlin 1929. — Wie Hitler zur Macht kam. Prag 1933.— 
Hanussen. Ein Bericht, Mit einem Vorwort von E. E. Kisch. Strasbourg 
1934. — Was geht in Deutschland vorP Paris 1936. — Die Manner von 
Vernet Berlin (Ost) 1950. — Der grofie Sprung. China heute. Berlin (Ost) 
1959. — Israel zwischen den Fronten. Wien, Frankfurt, Zurich 1965. — 
Carl von Ossietzky. Berlin (Ost) 1966. — Die anarchistische Utopie. Frank- 
furt a. M. 1971. — Der Papiersdbel. Frankfurt a. M. 1972. — Sozialismus 
und Antisemitismus. Wien, Munchen, Zurich 1978. Lebt in Wien. 

Auch der Verlagslektor Max Tan gehorte zum Berliner Bekanntenkreis 
Roths. In seiner Autobiographic »Das Land, das ich verlassen mufite« er in- 
ner! sich Tau an einen ihrer gemeinsam ver brack ten Abende in den Mam- 
pe-Stuben auf dem Kurfurstendamm } ivohl im Jahre 1925: 



Max Tau 122 

Das Land, das ich verlassen mufke. 
(Hamburg:) Hoffmann u. Campe (1961). 277 S. 

An einem dieser Abende wurde ich zum Telefon gerufen; es war Koep- 
pen. Cassirer horte das Gesprach mit einem Ohr und sagte: »Da prote- 
stiere ich ganz energisch. Ich habe Ihnen nicht vor zwei Tagen das Ge- 
halt erhoht, damit Sie jetzt den Joseph Roth — ich weifl, ich weifi, ein 
sehr groGer Dichter— aus den Mampe-Stuben auslosen.* 
Ich horte kaum mehr auf die Gesprache. Immer wieder schaute ich auf 
die Uhr. Einige Minuten, bevor die Mampe-Stuben geschlossen wurden, 
traf ich dort ein und safi dann noch mit Koeppen und Roth beisammen. 
Aber die Frohlichkeit, die Joseph Roth in uns erwecken wollte, wandelte 



92 BERUF:JOURNALIST 

sich uns in Trauer. Er gehorte zu den ersten Verzweifelten jener Zeit. 
Seine Gestalten waren auf der Flucht, und er sah die Flucht aller voraus. 
Seine Biicher sind nur Abglanz dessen, was er wahrend solcher Nacht- 
stunden im Gesprach hervorbrachte. In visionaren Bildern make er uns 
aus, was wir furchteten, urn dann in sich zu versinken. Wenn er einmal 
aufblickte, konnte er beilaufig sagen>Ist ja alles Quatsch, Kinder. Nehmt 
doch nicht so ernst, was mich qua'lt, ich verstehe eben einfach nicht zu 
leben.« 

Kaum war ich am nachsten Morgen im Verlag, lieft Bruno Cassirer mich 
rufen. Er fragte sehr streng>Sie haben also gegen meinen Willen den Jo- 
seph Roth ausgelost? Habe ich es Ihnen nicht verboten?* Als ich stumm 
blieb, lachelte er: »An Ihrer Stelle hatte ich genau das gleiche getan.« 
Dann sprachen wir nur noch iiber Roth. »Ich liebe ihn«, sagte Cassirer, 
»weil er einer der wenigen ist, die noch alles aus sich selbst schopfen.* 
Seite218f. 



Joseph Roth 

Bleistiftzeichnung. Von Benedikt Fred Dolbin. 

Vorlage:SNM/DLA 



Infolge der Inflation derjahre 1923 und 1924 kehrten viele in Deutsch- 
land tdtige Osterreicher in ihre Heimat, wo sich die Wdhrung bereits stabi- 
lisiert hatte, zuruck. Auch Roth verliefi imjuni 1923 mit seiner Frau Ber- 
lin in Richtung Wien } das ihm fur ein halbes Jahr zum Aufenthaltsort 
wurde. Seine Feuilletons erschienen in der » Wiener Sonn- und Montags-Zei- 
tung«, im »Neuen 8-Uhr-BlatU und in »Der Tag«. 

Der mit Roth befreundete osterreichische Schriftsteller Oskar Maurus Fonta- 
na ist einer der wenigen, der David Bronsen iiber Roths Wien-Aufenthalt 
Auskunft geben konnte. 



124 Oskar Maurus Fontana 

Photographic 

Vorlage:ONB 

Roths »Arbeitsstdtte« war das Cafe Rebhuhn in der Goldschmiedgasse— 
nachmittags ein Journalistentreffpunkt. Seine Abende pflegte er in dem Li- 
teratencafe Herrenhof zu verbringen, wo er u. a. Franz Werfel, Hermann 
Broch, Anton Kuh, Milena Jesenskd und Karl Tschuppik begegnete. 



BERUF.-JOURNALIST 



93 




h^fJ: ]l^, f V> kf fM 



29. Joseph Roth. Bleistiftzekhnung von Benedikt Fred Dolbin 



94 BERUF: JOURNALIST 

125 Wien, Cafe Herrenhof 

Photographic 

Vorlage: Das Wiener Kaffeehaus. 

Wien, Miinchen, Ztirich: Molden 1978, S. 79- 

Da sich seine Wiener Einnahmen a Is nicht ausreichend erwiesen, mitfite 
Roth tveitere Verdienstmoglichkeiten suchen. Durch Verm it thing des Freun- 
des Karl Tschuppik bei dessen Bruder Walter Tschuppik, dem Chefredak- 
teur des » Prager Tagblattes«, konnie er Mitarbeiter dieser verbreitetsten 
deutsch-osterreichischen Zeitung attfierhalb Wiens werden. Vom 9. 2. 1923 
bis 2X 12. 1924 crschienen 34 Artikel Roths. Im Spdtsommer 1923 fuhr er 
mil seiner Fran zum ersten Mai nach Prag. Durch mehrere Besuche in den 
folgenden Monaten zivischen Report a gerei sen in Deutschland Jest igte er die 
Beziehungen zur Redaktion des »Prager Tagblatts« f der u. a. Max Brod 
and Johannes Urzidil angehorten. 

126 Joseph Roth an Johannes Urzidil 

Brief. Wien, 21. 11. 1923. 2 Bl. hs. mit Unterschrift. 

Kopie 

127 Joseph Roth an Johannes Urzidil 

Brief. Berlin, undatiert. 1 BL hs. mit Unterschrift. 

Kopie 

128 Johannes Urzidil 

Photographic Um 1951. Von Fred Stein. 

Johannes Urzidil 

Geb. am 3. 2. 1896 in Prag, Journalist ische and schriftstellerische Td'tigkeit. 
Mitarbeiter des »Prager TagblatU. Gehorte dem Prager Dichierkreis an. Ins 
Exil 1939 uber Italien and England, 1941 in die USA. Publiziert it. a. W. 
Hollar, der Kupferstecher des Barock. Wen J 936. — Der Trauermantel. 
Erzdhlung. Neiv York 194); Miinchen 195). — Das Prager Triptychon. 
Miinchen I960. — Das Elefantenblatt. Miinchen 1962. — Goethe in Boh- 
men. Zurich, Stuttgart 1962. — Da geht Kafka. Zurich, Stuttgart 196). — 
Vdterliches aits Prag und Handiverkliches aus New York. Zurich 1969. 
Gest. am 3- 11. 1970 in Rom. 

Wdhrend seiner Prag-Attfenthalte besuchte Roth in Begleiiung der Freunde 
Walter und Tanja Tschuppik das jud ische Viertel der Stadt; aufdem alien 
Friedhof licfi er sich das Grab des Rabbi Low zeigen und beschdftigle sich 
mit den Legenden aus dem Prager Ghetto. 



BERUF:JOURNALIST 95 

Prag, Innenraum der Altneu-Synagoge und alter jii- 129 
discher Friedhof 

Zwei Photographien. 

In: Josef Ehm, Frantisek Kozik: Praha. V 88 barevnych fo- 

tografiich. 2. vyd. 

Praha [Prag]: Orbis 1973, Abb. 16 und 77. 

Wenn ich keine Sehnsucht nach Paris hatte, so hatte ich Schnsucht nach 
Prag. Es ist eine Stadt, in der ich niemals zu Hause war und in der ich je- 
den Augenblick zu Hause sein kann. Man braucht in Prag nicht »verwur- 
zelt> zu sein. Es ist eine Heimat fur Heimatlose. Sie hat keinc Sentimen- 
talitat. [ . . . ] 

JR: Heimweh nach Prag. In: Prager Tagblatt, 2x 12. 1924. — JRW 4, S 
829-831, bierS. 829 



Friederike (Friedl) 



Friederike Roth, geb. Reichler 130 

Photographic 1917. 

Leihgabe:K& W 

Friederike (Friedl) Roth, geb. Reichler 

Geb. am 12. X 1900 in Wien. Kommt a us einer arm en ji'idischen Fa mi- 
lie— ihr Vater war zeitweise Ra ten handler. Im Ersten Weltkrieg An gest eli- 
te in der Wiener Gem use- und Obstzentrale. Begegnet Joseph Roth im 
Herbst 1919 in Wien; Heirat am 5. 3. 1922 im Wiener Pazmaniteniempel. 
Begleitet Roth auf vielen seiner Reisen. Nach Aufgabe ihrer einzigen ge- 
meinsamen Wohnnng in Berlin-Schoneberg imjuni 1923 Leben in Hotels, 
u. a. in Wien, Berlin, Paris und Frankfurt a. M. Im Februar 1928 Begin n 
einer unheilbaren Nervenkrankheit (Schizophrenic). Zundchst zeitweise Un- 
terbringung in der Berliner Nervenheilansta.lt West end, von November 
1930 bis Dczember 1933 im Sanatorium Rekawinkel bei Wien, ab Dezem- 
ber 1933 in der La tides- Neil- und Pflegeanstalt fiir Geistes- und N erven - 
kranke »Am Stein hof« in Wien, abjuni 1935 in der Landespflegeanstalt 
Mauer-Ohling bei Amsietten; von dort 1940 in die Heil und Pflegeanstalt 
fur Geisteskranke in Niedernhart bei Linz an der Don a it gebracht, too sie 
nach den Besiimmungen des Gesetzes zur »Verhiltung erbkranken Nach- 
■ivuchses« am ly, 1. (?) 1940 ermordet xvurde. 



96 BERUF: JOURNALIST 

131 Friederike Roth, geb. Reichler 

Photographic Undatiert. 
Leihgabe: K & W 

Im Herbst 1919 lernte Roth im Cafe Herrenhof in Wien die neunzehnjdh- 
rige Friederike (Friedl) Reichler kennen. Sehr bald loste Friederike ihre Ver- 
lobung mit Hanns Margulies. 

Als sich Friedl im Frilhjahr 1922 auf Druck ihrer Eltem erneut mit Mar- 
gulies verlobte, fuhr Roth aufdiese Nachricht hin nach Wien. Am 2. Marx 
traf er ein; am 3. Mdrz fand die Training im Wiener Pazmanitentempel 
statt. 



132 Friederike Roth, geb. Reichler (sitzend) 

Abb. 30 Photographic 1922. 
Leihgabe: K& W 



133 Friederike Roth, geb. Reichler (im Profil) 

Photographic 1922. 
Leihgabe: K & W 

Die erste schriftliche Mitteilung Roths itber seine junge Frau findet sich in 
einem Brief an seine Kusine Paula in Lemberg vom 28. August 1922 aus 
Wien: 

Sie leidet an Menschenfurcht, »Griibelangst> insbesondere und traut nur 
Dir und Heniu. Sie geht den ganzen Tag iiber eine Furt in der Donau 
hin und zuriick, stellt sich vor, das sei Meer, und lebt das Leben einer 
Schlingpflanze. AufJerdem schreibt sie an Frau Szajnocha, bekommt von 
ihren Eltern einen neuen Mantel und kommt sich sehr weise vor. Ich 
hatte nie geglaubt, dafj ich ein kleines Madchen so dauerhaft lieb haben 
konnte. Ich Hebe ihre Scheu vor Gestandnissen und ihr Gefuhl, das 
Furcht und Liebe ist und das Herz, das immer dasjenige fiirchtet, was es 
liebt 
JRB, S. 39 



134 Friederike Roth, geb. Reichler 

Photographic Vermutlich Mitte der zwanziger Jahre. 

Vorlage: LBI 



BERUF: JOURNALIST 



97 




30. Friederike Roth, geb. Reicbler. 1922 



98 BERUF: JOURNALIST 

135 Friederike Roth an Paula Griibel 

Brief. Berlin, 14. 7. 1924. 2 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 42 

Fried! teilt der Kusine ihres Mannes ihre gemeinsame Reise nach Prag und 
Krakau mit und bittet Paula, sie in Krakau zu treffen. 

136 Friederike Roth, geb. Reichler, mit Freundin 

Photographie. Vermutlich Mitte der zwanziger Jahre. 

Vorlage: LBI 



Friederike Roth, geb. Reichler 

Photographie. Vermutlich Mitte der zwanziger Jahre. 

Vorlage: LBI 

Roth versuchte, seine Frau, die aus »bescheidenen Verbal tnissen« stammte, 
nach seinen Vorstellungen umzuformen. Er wollte eine elegante und zu- 
ruckhaltende Dame a us ihr machen und raubte ihr so — nach Aussagen 
von Freunden Roths — ihre Naturlichkeit. 

Auch intellektuell versuchte er, Fried! zu bilden, und erreichte bald, dafi sie 
ihn als Sekretdrin unterstutzen und seine Druckfahnen korrigieren konnte. 
Von Minderwertigkeitskomplexen gequdlt, ging Fried I aufalle Erziehungs- 
versuche ihres Mannes ein. 



138 Friederike Roth, geb. Reichler, mit Freundin 

Photographie. Vermutlich Mitte der zwanziger Jahre. • 

Vorlage: LBI 

Uber erste Entfremdungen zwischen dem Ehepaar schreibt Roth an Ber- 
nard von Brentano, vermutlich urn die Jahresivende 1925/26 aus Frank- 
furt QRB, S. 75): 

Selbst meine Frau entfernt sich von mir, trotz ihrer Liebe. Sie ist normal 
und ich bin, was man verriickt nennen mull Sie reagiert nicht so, wie 
ich, nicht so stark, nicht so zitternd, sie ist weniger atmospharisch be- 
stimmbar, sie ist gerade aus und gescheit. 

Ruckblickend, ah Friedl bereits unheilbar erkrankt war, sieht er die Bedeu- 

tnng seiner Frau fur sein Leben so: 

Bei meiner Abgeschlossenheit war meine Frau die einzige Beziehung zur 

Umwelt. der gesellige Teil meiner selbst. 

fR an Stefan Ziveig. Berlin, 1. 4. 1930. -JRB, S. 158 



BERUF:JOURNALIST 



99 




31. Friederike Roth, geb. Reichler. Vermullicb Mitte der zwanziger Jahre 



32. Joseph Roth mit Friederike aufeiner Parkbank. Vermutlich Sudfrank- 
reicb, Spdtsommer 192) 




100 BERUF: JOURNALIST 

139 Joseph Roth mit Friederike auf einer Parkbank 

Abb. 32 Photographic Vermutlich Siidfrankreich, Spatsommer 
1925. 

Vorlage: LBI 

Oft begleitete Friedl ihren Mann auf seinen Reisen. Wdhrend seiner Repor- 
tagereise durch die Sowjetunion votn Spatsommer bis zum Winter 1926 
hatte Roth sie allerdings bet ihren Eltern in Wien zuruckgelassen. 
Aus einem (undatierten) Brief Roths an Benno Reifenberg, vermutlich vom 
Oktober 1926: 

Meine Frau kommt mir immer naher, sie schreibt mir seltsame Liebes- 
briefe: lauter unzufriedene, scharfe, beinahe bose Kritiken iiber meine 
Artikel. Vielleicht meint sie mich und weift es nur noch nicht. 
JRB, S 100 



140 Friederike Roth, geb. Reichler 

Zwei Photographien. Vermutlich Mitte der zwanziger 
Jahre. 

Vorlage: LBI 



141 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Locarno Quli 1928?]. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 

JRB, S. 132 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Im Februar 1928 erkrankte Friedl Es waren offenbar die ersten Anzeichen 
der Nervenkrankheit (Schizophrenic), die sich als unheilbar erweisen sollte. 
Roth glaubte, an ihrer Krankheit, die er in den ersten Jahren noch fur heil- 
bar hielt, schuldig zu sein. 

Aus Briefen an die Freunde Stefan Zweig und Pierre Bertaux aus der er- 
sten Zeit von Friedls Erkrankung: 

Seit meinem achtzehnten Lebensjahr habe ich in keiner Privatwohnung 
gelebt, hochstens eine Woche als Gast bei Freunden. Alles was ich besit- 
ze sind 3 Koffer. Und Das erscheint mir gar nicht merkwiirdig. Sondern 
merkwurdig und sogar »romantisch« kommt mir ein Haus vor, mit Bil- 
dern und so weiter. Aber ich habe in einem Anfall von Leichtsinn die 
Verantwortung fur eine junge Frau ubernommen. Ich mull sie irgendwo 
unterbringen, sie ist schwachlich und halt das Leben an meiner Seite 
korperlich nicht aus. 
JR an Stefan Ziveig. Paris, 21. 2. 1929.-JRB, S 145 



BERUF JOURNALIST 101 

Was meine Frau betrifft, so ist ihre jetzige Krankheit nur eine akute Ver- 
scharfung einer chronischen Schwache, einer vollkommenen Wider- 
standslosigkeit, an der ich selbst nicht unschuldig bin, die zum Teil ihre 
Ursachen in verschiedenen Ereignissen hat. Und an diesen Dingen, von 
denen ich seit Monaten und bald seit Jahren nicht sprechen kann, bin 
ich defer bedriickt, als von Krankheiten. Vielleicht kann ich sie erst nach 
zehn Jahren schreiben, wenn ich dann noch ein Schriftsteller bin. Vor- 
laufig schleppe ich an ihnen und quale mich. 
JR an Pierre Bertaux. Paris, 7. 3. 1929.-JRB, S. 148 

Verzweiflung bricht bei Roth aus, als Friedl im Spatsommer 1929 in die 
Berliner Nervenheilanstalt Westend eingeliefert iverden mufite. Stefan 
Zweig schreibt er am 2. September 1929 aus Berlin: 

Meine Frau ist sehr schwer krank in die Nervenheilanstalt Westend 
uberfuhrt worden, und ich lebe seit Wochen ohne Moglichkeit, eine Zei- 
le zu schreiben und ringe mir muhsam das zum Leben notwendige Zei- 
lenschreiben ab. Ich erspare Ihnen eine nahere Schilderung meines Zu- 
stands. Das Wort Qual hat plotzlich einen grauenhaften Inhalt bekom- 
men, und das Gefiihl, vom Ungliick umgeben zu sein, wie von groflen, 
schwarzen Mauern, verlaflt mich nicht fur einen Augenblick. Ich hatte 
gedacht, Ihnen unter giinstigeren Umstanden mein Manuskript iiberge- 
ben zu konnen. Ich schicke es Ihnen jetzt unter den traurigsten. 
JRB, S. 154 



Joseph Roth an Rene Schickele 142 

Brief. 20. 1. 1930. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 
Kopie. - Original: SNM/DLA 
JRB, S. 156-157 

[ . . . ] Ich bin nur noch nicht imstande, Berlin zu verlassen, ehe die An- 
gelegenheit meiner Frau nicht wenigstens so weit geordnet ist, dafi ich 
weifl, wo sie bleibt. Augenblicklich ist sie bei meinem Freund. Jeden Tag 
mufi ich mir die paar Mark zusammenkratzen, die fur sie, die Pflege- 
schwester und anderes notwendig sind [ . . . ] 

Mit dem Andern, der seelischen Belastung, mufl man allein fertig wer- 
den. Und da hilft es leider nicht, dafl man selbst ein Schriftsteller ist. Das 
ist man offiziell und privat ist man ein ganz kleiner armer Teufel, der 
schwerer schleppt als ein StrafJenbahnschaffner. Die Zeit allein und 
nicht die Begabung kann uns die Distanz geben, und ich habe nicht viel 
Zeit mehr. Zehn Jahre meiner Ehe mit diesem Resultat haben mir vier- 
zig bedeutet und meine naturliche Neigung, ein Greis zu sein, unter- 
stutzt das auflere Ungliick in einer schrecklichen Weise. Acht Biicher bis 
heute, mehr als 1000 Artikel, seit zehn Jahren jeden Tag zehnstiindige 



102 BERUF: JOURNALIST 



Arbeit, und heute, wo mir die Haare ausgehen, die Zahne, die Potenz, 
die primitivste Freudefahigkeit, nicht einmal die Moglichkeit, einen ein- 
zigen Monat ohne finanzielle Sorge zu leben. Und diese Canaille von 
Litteratur! [ . . . ] 

Aus einem (undatierten) Brief an die Schiviegermutter Jenny Rekhler, Pa- 
ris, vermutlich 1931: 

Wenn es Friedl endlich besser ginge, wiirde es mir auch besser gehn. Es 
ist grausam, ich kann es nicht aushalten. 
JRB, S. 204 

Roth war nach Kraften bemiiht, seiner Fran zur Heilung zu verhelfen. Er 
engagierte Krankenschivestern, brachte sie — solange er finanziell dazu in 
der Lage war — in einem Sanatorium unter und beschaftigte sich mit 
psycbiatriscber Literatur, um mit Fried Is Arzten kor respond ieren zu kon- 



Atts der Zeit des Beg inns von Fried Is Krankheit, nicht erst aus der Emigra- 
tion, datiert die Zunahme von Roths Trunksucht An Annette Kolb schreibt 
er am 5.Juli 1932 aus Berlin: 

[ . . . ] es ist gar nicht zu sagen, wie schlecht es mir geht. Wenn Sie mich 
vor 12— 13 Jahren gekannt hatten, brauchte ich Ihnen heute nur zu sa- 
gen: so schlecht, wie vor 13 Jahren. Heute habe ich Ungliick hinter und 
neben mir, graue Haare, eine kranke Leber und bin unheilbarer Alkoho- 
liker (und das ist schlimmer, als vor 13 Jahren.) 
JRB, S. 220 

Zu dieser Zeit war Roth bereits eine neue Beziehung mit Andrea Manga 

Bell eingegangen (siehe den Abschnitt »Neue Bindung: Andrea Manga 

BelU). 

Oudlende Schuldgefuhle wegen der Krankheit seiner Frau verfolgten ihn bis 

zu seinem Tod. Er war davon uberzeugt, dafi Goit ihn auf diese Weise 

strafen ivollte. 



Bei der »Frankfurter Zeitung« 
(1923-1932) 

FRANKFURT UND DIE REDAKTION DER FZ 

Ende November oder Anfang Dezember 1923 libers ted el ten die Roths wie- 
der nach Berlin. Schon zu Beginn desjabres 1923 batte(nacb David Bron- 
sen) Rudolf Geek, der damalige Leiter des Feuilletons der ^Frankfurter Zei- 
tung«, Roth als Berliner Mitarbeiter engagiert. Sein erster grojSerer Beitrag 
in der ^Frankfurter Zeitung«, »Reise durch Deutschlands Winter*, erschien 
jedocb erst am 9. Dezember 1923 nach seiner Ruckkehr nach Berlin (siehe 
attch den Abschnitt >»Reise durch Deutschlands Winter<: A ufkom mender 
Nationalsozialismus«), Nun aber begann eine rege Publikationstdtigkeit in 
der frankfurter Zeitung«, der Roth — m it einer Unterbrechung 1929/30 — 
bis zu seiner Emigration verbunden blieb. Wdhrend 1923 nur 14 Artikel 
Roths in der FZ erschienen, war er 1924 bereits 65 Mai vertreien. 
Auch sein Roman »Hotel Savoy« erschien als Vorabdruck im Februar und 
Mdrz 1924 in der FZ. 

Joseph Roth 143 

Hotel Savoy. [1. Folge.] Abb. 33 

In: Frankfurter Zeitung. 68 (1924), 107, S. 1. 



Anders als David Bronsen berichtet Ben no Reifenberg uber das Engage- 
ment Roths bei der "Frankfurter Zeitung«: 

Benno Reifenberg 144 

Joseph Roth. Reisender mit Traglasten. 

In: Zeitungsschreiber. Politiker, Dichter u. Denker schrei- 

ben f. d. Tag. Einundachtzig Profile. 

Hrsg. u. eingel. von Nikolaus Benckiser. 

Frankfurt a. M.: Societats-Verl. 1966, S. 281-284. 

Es war Heinrich Simon, der Enkel von Leopold Sonnemann, der ihn 
nach Frankfurt brachte. Mit einer kurzen Unterbrechung war er bis 1933 
der ^Frankfurter Zeitung« treu, und sein Name bleibt fur immer mit de- 
ren Feuilleton verbunden. Der erste Artikel, den er dort erscheinen liefi, 
trug den Titel »Reisende mit Traglasten*. Es kam einer Entdeckung 
gleich, wie er eine solche Spielart seiner Mitmenschen beobachtete und 



104 



BERUF: JOURNALIST 



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33. /fltf^A Roth. Hotel Savoy. L Folge. In: Frankfurter Zeitung. 
9. Februar 1924 



BERUF:JOURNALIST 



105 



erscheinen Heft. Man konnte glauben, er rede von sich selber, wenn er 
schrieb: »Er hat sein Gepack seiner Bestimmung zu verdanken. Er ware 
auch ohne Gepack ein Reisender mit Traglasten.* 
Seite 283 

Bei seinen Besuchen in der Redaktion in Frankfurt wobnte Roth geivohn- 
lich im Hotel »Englischer Hof« gegenuber dem Hauptbabnbof. 

Hierzu bemerkt Ludtoig Marcuse in seiner Autobiographie: 

Mein Freund Joseph Roth, immer im Englischen Hof gegenuber dem 
Bahnhof, weil er der Ansicht war, man solle nie zu weit von der Stelle 
fortgehen, wo es hinausgeht .... 

Ludivig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrbunderi. Munchen I960, S. 93. — 
Siehe auch Kat Nr. 185 



Frankfurt am Main, Bahnhofsvorplatz mit Hotel 145 
»Englischer Hof« Abb 34 

Photographic 1930. 

Vorlage: Historisches Museum, Frankfurt a. M. 

Uber seinen Empfang im ^Englischen Hof« nach langerer Abivesenheit, 
ivohl im Jahre 1931, schreibt Roth an den Freund Benno Reifenberg: 




34. Frankfurt am Main, Bahnhofsvorplatz mit Hotel »Englischer Hof«. 1930 



106 BERUF: JOURNALIST 

146 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Abb. 35 Brief. Frankfurt a. M. [1931?]. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 

JRB, S. 204-205 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Englischer Hof ganz leer. Grofte Freude iiber mich, Trinkgeldspender, 
Unruhestifter, Vielverlanger. Pagen konnen wieder laufen. Kam, wie der 
Prinz in's DornroschenschlofU ... 1 



147 Verlagshaus der Frankfurter Zeitung in der Grofien 
Eschenheimer Strafie 33 — 37 

Photographic Um 1930. 

Leihgabe: Frankfurter Societats-Druckerei, Frankfurt a. M, 

Die Einstelhing Roths zur ^Frankfurter Zeitung* war zwiespdltig; sie 
wechselte zwischen Zuneigung und Ablehnung, In einem Brief an Benno 
Reifenberg torn 8.Januar 1928 aus Paris sieht er sein Verbdltnis zur Zei- 
tung so: 

Die Frankfurter Zeitung betrachte ich nicht als Sprungbrett, hochstens 
als eine Sprungm a tratze, ahnlich der, die wir im Varietee gesehn haben, 
mit den ze b rages tre if ten Springern. Sie ist mein einziger heimatlicher 
Boden und ersetzt mir so etwas wie ein Vaterland und ein Finanzamt. 
JRB,S. 117 

Jedoch scbon im Februar 1926, noch vor der Mitteilung, daft er seine Pari- 
ser Stellung an Friedrich Sieburg abzutreten babe (siehe auch den Unterab- 
scbnitt »Zerwurfnisse und Entfremdungem), fand er seine Arbeit nicht aus- 
reichend gewurdigt 



148 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Diisseldorf, 16. 2. 1926. 2 S. hs. mit Unterschrift. 

Nachtrag. 1 BL mit Unterschrift. 

JRB, S. 79-81 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Das Verbdltnis zwischen Heinrich Simon, dem Mitbesitzer und Hauptver- 
antwortlichen der ^Frankfurter Zeitung*, und Joseph Roth war nicht im- 
mer ungetrubt. So hatte Roth bereits am 30. August 192) aus Marseille an 
Benno Reifenberg geschrieben: 

[ . . . ] er halt mich fur einen »Durchtriebenen« — — und ich bin nur 
klug. Sagen konnte ich es ihm nicht. Ich furchte ja immer, daft er die 



BERUF: JOURNALIST 107 



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3.5. Joseph Roth an Benno Reifenberg. Vermutlich 1931 



108 BERUF: JOURNALIST 

Halfte nicht hort. Von den zehn Minuten Zeit, die er fur mich hat, ver- 
bringt er acht mit Gedanken an alle andern Dinge. 
JRB, S. 64 

Wie bei Roth in der Beurteilung von Menschen nicht selten, wechselten seine 
Ansichten, wie diefolgende Stelle aus einem Brief an Benno Reifenberg vom 
28. August 1932 zeigt: 

Ich bitte Sie, sagen Sie es auch dem Verlag und Dr Heinrich Simon, dafl 
seine Zuvorkommenheit eine wahre menschliche Noblesse ist: daft sie 
auch mich noch ehrt und adelt, nachdem sie mir geholfen hat. Sagen Sie 
es, bitte, bestimmt Dr Simon. Der alte Gott wird der alten Zeitung hel- 
fen. Er soil nicht verzweifeln. 
JRB, S 225 

149 Heinrich Simon 

Abb. 36 Photographic Um 1930. 

Vorlage: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Heinrich (Victor) Simon 

Geb. am 3L 7. 1880 in Berlin. Enkel von Leopold Sonnemann 
(1831 — 1909), dem Grunder der ^Frankfurter Zeitung*. Studiert in Berlin 
und Freiburg i. Br. 1905 Dr. phil. 1906 Volontdr bei der ^Frankfurter Zei- 
tung«, ab 1910 Letter des Feuilletons, ab 1914 Vorsitzender der Redak- 
tionskonferenz, ab 1919 Mitinhaber der ^Frankfurter Zeitung«. Ins Exil 
1934 nach Paldstina, dort am Aufbau des Palestine Philharmonic Orche- 
stra beteiligt, spdter liber England in die USA. 

Schriftstellerische Tdtigkeit. Publiziert u. a. Der magische Idealismus. Stu- 
dien zur Philosophic des Novalis. Heidelberg 1906. — Max Beckmann. 
Berlin 1930. — Ubersetzt Vittorio Alfieri: Saul. Frankfurt a. M. 1927. 
Ermordet 1941 in Washington. 

* 

Eine enge Freundschaft verband Roth mit Benno Reifenberg, seit 1924 der 
Leiter des Feuilletons der ^Frankfurter Zeitung*. 



130 Benno Reifenberg 

Abb. 37 Photographic Um 1940. 

Vorlage: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Benno Reifenberg 

Geb. am 16. 7. 1892 in Oberkassel bei Bonn, Seit 1919 Mitarbeiter der 
"Frankfurter Zeitung*, ab 1924 Leiter der Feuilletonredaktion, von 1930 
bis 1932 Pariser Korrespondent, 1932—43 politischer Redakteur. 1945 



BERUF:JOURNALIST 



109 





36. He in rich Simon. Urn 1930 



37. Ben no Re if en berg. Urn J 940 



45. Joseph Roth an Ben no Re i fen berg. Telegram m. 22. 8. 1928 




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kuenaisuag ieiu-iii'siiQn-'-iiiailerWs-'-aelner^^ 



"iSriiluttlS' iorgen jrien -iis rae", ;ii ■„ "faui* af '.' : leltereVi 

? schiierlsmtea.-iegeB aas 'fiuatt -oeffent'ti'Si searelfcen naDe; 



110 BERUF: JOURNALIST 



Mitbegrunder, bis 1958 Mitherausgeber der Zeitschrift »Die Gegenivart*. 
Von 1958 bis 1966 Mitherausgeber der frankfurter Allgemeinen Zei- 
tung«. Schriftstellerische Tdtigkeit als Essayist und Kunsthistoriker. 
Publiziert u. a. Karl Hofer. Leipzig 1924.— Das Abendland gem alt 
Schriften zur Kunst Frankfurt a. M. 1950. — Lichte Schatten. Aits den li- 
teral Schriften. Frankfurt a. M. 1955. — In den Tag gesprochen. Gesam- 
melte Vortrdge. Frankfurt a. M. 1962. — Zusammen mit Wilhelm Hau- 
senstein: Vermeer van Delft Muncben 1924.— Max Beckmann. Leben 
und Werk. Muncben 1949. — Johann Christian Senckenberg in seiner Zeit 
Frankfurt a. M. 1964. — Zusammen mit Anselm Jaenicke: Francofordia. 
Frankfurt 1963. — Zusammen mit Hermann Heimpel und Theodor Heuss 
Mitherausgeber von: Die grofien Deutschen. 2. Ausg. 5 Bde. Berlin 
1956—51. Goethe-Plakette, Goethe-Preistrdger der Stadt Frankfurt 1964. 
Gest am 9- 2. 1970 in Kronberg i. Ts. 

In einem Brief vom 18. Mdrz 1926 spiel t Roth auf einen Frankreich-Auf- 
enthalt Reifenbergs—sie batten sich imjuli 1925 in Paris geseben— an: 

131 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Paris, 18. 3. 1926. 2 BL hs. mit Unterschrift. 
Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[ . . . ] Es hat mich ein biftchen pikiert, daft Sie mir Ihren Aufsatz Cham- 
pagne nicht zugeschickt haben. Er ist viel zu fein, zu intim fur die Zei- 
tung und durch sie degradiert Ich hatte ihn auf keinen Fall so, ohne Zu- 
sammenhang veroffentlicht. 

Es ist ja eine geflusterte Sache, Nonpareille auf Borgis! [ . . . ] Ihre Aus- 
stellungsaufsatze vom vergangenen Jahr hab ich unterwegs mit »ehrli- 
cher Freude* gelesen. Wie Sie sich subjektiviert haben! Durch einen 
kleinen Aufenthalt in Frankreich. Wie menschlich und wie distanziert! 
Sie konnen: ich schreiben und werden trotzdem kein Deutscher. Gott 
sei Dank! [ . . .] 

Als Roth im Friihjahr 1926 seine Pariser Stellung an Friedrich Sieburg ab- 
t re ten mufite (siehe auch den Abschnitt »Bei der frankfurter Zeitung< / 
Zerwiirfnisse und Entfremdungem), wird seine Freundscbaft zu Reifenberg 
von seiner Verbitterung uber diese Entscheidung der Zeitung nicht beriXhrt: 

Wie dem aber auch sein und werden mag, mein Vertrauen zu diesem jii- 
dischen Verlag ist dahin und nichts ist geblieben, als meine Freundschaft 
fur Reifenberg. Ich weifj, daft er grau und alt werden wird, ehe er dort et- 
was erreicht und dafS er selbst noch gar nicht ahnt, wie wenig er sich 
durchgesetzt hat. Es soil ihm nur eines Tages nicht sehr schlimm ergehn. 
Er ist gar nicht vorsichtig. 
JR an Bernard von Brentano, 8. 4. 1926. — JRB, S. 86 



BERUF: JOURNALIST 111 

Was macht Ihr Herz und was macht Jan? Schreiben Sie mir eine private 
Zeile. Nichts ist so gemein, wie, dafi man einen Freund in einer Redak- 
tion ausgerechnet gewinnt. Die Freundschaft der Armen! Die Kette ras- 
selt an ihr. 
JR an Benno Reifenberg, % 4. 1926. - JRB, S. 86 

Hermann Linden uber eine Begegnttng zwischen Roth und Reifenberg in 
der Redaktion der ^Frankfurter Zeitung«, vermutlich Ende desjahres 1927: 

Einmal safl ich mit dem Feuilleton-Redakteur der ^Frankfurter Zeitung« 
zusammen in seinem Redaktionszimmer, um einen journalistischen 
Auftrag zu besprechen. Es klopfte leise. »Herein!« rief der Redakteur, der 
nicht gestort werden wollte, etwas unwirsch. Und herein trat der kleine 
Joseph Roth, dessen neuer Roman »Zipper und sein Vater« im Morgen- 
blatt lief und dessen »Cuneus-Artikel« im Abendblatt durch ihre soziale 
Polemik die Industriebonzen des Saargebiets emporten. »Merkwiirdiger 
Mensch*, knurrte der Redakteur, freundlich-verlegen, »machen Sie doch 
nicht solche Witze, indem Sie anklopfen!* 

Hermann Linden: Tage mit Joseph Roth. In: Linden, Geddcbtnisbuch, S. 
27-34, hierS. 31 f 



Zu Beg inn von Friedls Krankheit wirken sich Roths Sorgen und seine ge- 
driickte Stimmung auch auf sein Verhdltnis zu dem Freunde aus. 
Aus einem Brief an Benno Reifenberg, geschrieben auf der Rikkreise von 
Polen: 

Joseph Roth an Benno Reifenberg 152 

Brief. Wien [Juli 1928]. 2 S. hs. mit Unterschrift 

JRB, S. 134-135 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Lieber guter Herr Reifenberg, 

Ihren kurzen Brief habe ich sehr begriifk, weil er wenigstens etwas von 
Ihnen gebracht hat, aber fast nicht verstanden. Lassen Sie Sich bitte den 
Durchschlag geben und lesen Sie ihn noch einmal. Er hat eine kiinstli- 
che Knappheit und einen Durchhalteton und laflt durchblicken, dafl Sie 
eine Mission zu erfullen haben, indem Sie das Feuilleton machen und 
ich keine, weil ich einen Roman schreibe. Das sind nicht Sie, das ist 
nicht der Klang Ihrer Sprache [ . . . ] Wo sind Sie nur, lieber Freund? Ich 
weifS nicht mehr, wo Sie zu finden, als stiinden wir beide in einem stock- 
dunklen Zimmer. Die Streichung, die Sie selbst vorgenommen haben, 
trostet mich, aber nur wenig. Sie sind nicht heiter, Sie sind zu lange in 
diesem Haus, das sich so wichtig nimmt — und Sie sollen wissen, daft 



112 BERUF: JOURNALIST 

ich iiberzeugt bin, daft Sie allein (und auch nicht mit Krac und mir) die 
F. Z. bewahren werden vor dem Schicksal, ein General-Anzeiger zu wer- 
den. [ . . . ] 

Griiften Sie zu Haus. Ein Wort von Jan und Ihrer Schwiegermutter und 
ein Lacheln Ihrer Frau ist mehr als die ganze Aufgabe der deutschen 
Zeitungen und Biicher. 

153 Frankfurt am Main, Griineburgweg 95 und 153 

Zwei Photographien. 1978. Von Brita Eckert. 

Im Griineburgweg 95 wohnte Benno Reifenberg mit seiner Familie einige 
Jahre bis zu seiner Ubersiedlung nach Paris als Korrespondent der »Frank- 
furter Zeitung* im Jahre 1930, nach seiner Riickkehr im Jahre 1932 im 
Grimebargweg 133. Wie Frau Helga Hutnmerich, die ehemalige Sekretdrin 
Reifenbergs mitteilt, war Roth wdhrend seiner Frankfurt -Aufenthalte hier 
oft zu Gast. Er traf bei seinem Freunde auch Annette Kolb und Georg 
Sivarzenski, den Leiter des »Stddel«, und disputierte gem mit Reifenbergs 
Schwiegermutter, einer geborenen polnischen Grdfin, in ihrer Muttersprache. 



154 Joseph Roth an Romana Mazurkiewicz 

Abb. 38 Brief in polnischer Sprache. Goslar, 20. 11. 1930. 1 Bl. hs. 
mit Unterschrift. 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Goslar, den 20. November 1930. 

Liebe, verehrte gnadige Frau, 

ich hoffe, daft Sie gesund sind, und daft bei den Reifenbergs alles in Ord- 

nung ist! Ich schicke Ihnen einen italienischen Artikel iiber mich. Mein 

Buch ist schon vergriffen, der Verlag druckt neue 10 000 zu Weihnach- 

ten. Bis zum heutigen Tag erschienen Obersetzungen in 10 Sprachen: 

polnisch, hollandisch, franzosisch, danisch, schwedisch, spanisch, italie- 

nisch, amerikanisch, englisch, tschechisch. Und mir geht es gut! 

Meine Adresse bis zum 10. XII.: 

bei Grubel, Leipzig, Gohliserstrasse 18. 

Allerherzlichste Grxifte an alle! 

Ich bleibe immer ihr treuer alter Freund 

Jozef Roth. 



in seiner 1949 erstmals erschienenen »Erinnerung an Joseph Roth« berichtet 
Reifenberg von gemeinsamen Spaziergdngen, die sie in Paris, verm utl ich im 
Jahre 1930, unternahmen: 



BERUF: JOURNALIST 



113 




j)otel „Der ild)termann" u. ftieberfatyjiftyer ^of r S)aus pieper 

$«nfpred)tr : R d) term o nil all* ttummrr 1 uni 102, 03. 2001 und 2102 + $*ra|prtd)« : tltti>«ffi<i)|lfd)« ftef ailt ttummtf 080, Z.ft. £030 
6d4* CaflfMtftn bitten Ihjtn *ifleit aUt ntn;rft1id)«n pnntt)mlid)fril«i : 5d)rtib' un6 £ef*jloim»r ( cornel) mc eefrlifdjafteranmt, fteroiungejlmmer, 
Drtfamntlnng»ffile / £fimtli<r)t edtlafolmmtt mil macm* un6 JtaflaxtfTtrlritune / ftbgtfd)toJTni» tPeijnungtn, btfttljtno ane 0»6l)it-, <5<J)laf. tint Co6f 
jtmtntt / Oopptlriittn, Jtttfontttfatyfltity / "tin Cril dtr Jimnur ntlt Rtia>ftriifp«<i)onf<i)ttij;, $aujjf«nfpK<*)tr uno £l*i(lgnolt ouf ftArm Jimmtr / 
6»0tr, faottlgrT Ooritn nnS teintttgiwttitoHtg ttngtri^tttt fferrafftn / Aafftebaas mil ttgtnrr Keniiisrti / Jn 6tm 600 ^at>» atittt flayttmatmeturm 
Ait fllldtutfdjt Oftrb^llt mil Oiemardnifi)* xnd 6tr tgtmfaol mil gtfd)td)tll<r)*n IPan*« unb Dttftnmeltrtitn / Dtrfdjlligbort ftroftmagtieUnttrfHnftt 

^°yv^o^Odlar, den ^ j 6i'mnu/» '»«. 



u^m JLr^i ^n^~ ^'"'^ ^«*;.«*i. 
dS^'o; j^ui,; !\<"^h**^.'. rt.1^.', -*-^*^, **?*»*, 

fa' ^iu r ^ 



3S. Joseph Roth an Romana Mazurkiewicz. 20. 11. 1930 



1 14 BERUF:JOURNALIST 

153 Benno Reifenberg 

Erinnerung an Joseph Roth. 

In: Benno Reifenberg: Lichte Schatten. Aus d. literari- 

schen Schriften. 

Frankfurt a. M.: Societats-Verl. 1953, S. 205-214. 

Erstveroffentlichung in: Die Gegenwart. 4 (1949), S. 

15-17. 

Damals, es sind nun bald zwanzig Jahre her, da haben wir manche Wan- 
derungen unternommen. Es hatte freilich seinen Grund, warum wir zu 
Fufl vom Hotel Foyot aus so lange durch Paris, durch die Vorstadte spa- 
zierten, bis wir auf richtigen Feldwegen zu den ersten Ackern und Wie- 
sen kamen. Mein Gefahrte wollte rechtschaffen miide werden, um 
abends gleich einschlafen und auf solche Art nicht mehr trinken zu 
miissen. Man hatte ihm gesagt, er konne am Alkohol erblinden, und der 
Schreck vor diesem Ende trieb ihn dazu, mit Listen seinem Abgrund 
auszuweichen, dem »verfuhrerischen, sanftgebetteten Abgrund*, wie er 
spater, ein Jahr vor dem Tod, das Trinken bezeichnet hat Trotz diesem 
triiben AnlafS und trotz dem gewaltigen Selbstzwang, mit einem Mut 
von sich abverlangt, den vielleicht nur ein Arzt ermessen kann, war er 
heiter unterwegs, und wir freuten uns an den Landschaften weit im 
Osten vor dem grofien Paris [ . . . ] 
Seite 205 



156 Joseph Roth 

Abb. 39 Portratskizze. 1926. Von Benno Reifenberg. 

Vorlage: Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth, 
a.a.O., nach S. 208 

Stehen Sie gut mit Benno Reifenberg? Lieben Sie ihn! Er ist ein guter, 
guter Mensch. Er ist wahrhaftig, auch wo er es nicht ganz mit der Wahr- 
heit hat! 
JR an Fried rich Traugott G abler, o. D. [1932]. — JRB, S. 219 

A Is Benno Reifenberg nach Hitlers Machtergreifung nicht das Exil wahlte, 
sondern versitchte, mit den Mitteln der Zeitung Widerstand zu leisten, 
brach Roth die Beziehung zu ihm kompromifilos ab. 

Es tut mir leid, dafi es der Familie Reifenberg schlecht geht. Es ist mir 
aber keineswegs moglich, irgend ein Mitgefiihl fur meinen Freund Rei- 
fenberg aufzubringen. Menschen, die ihre Ehre vernachlassigen, sind 
nicht mehr meine Freunde. Wer mit dem III. Reich eine Beziehung ein- 



BERUF:JOURNALIST 



115 



geht, und gar eine offentliche, wie es mein armer Freund Reifenberg tut, 

der ist aus dem Register meiner Freunde gestrichen. 

JR an Blanche Gidon. Rappers wi '/ am Ziirichsee. 27. 9. 1933.— JRB, S. 

280 /- 

Reifenbergs Fran Maryla besuchte Roth noch einmal 1938 in Paris. 

In seiner »Erinnerung an Joseph Roth« schreibt Reifenberg ruckblkkend 

iiber die »WandIungen« in Roths Freundschaft: 

Ich denke, vor siebzehn Jahren haben wir uns zum letztenmal gesehen. 
Er umarmte mich; wenn ich ihn brauche, wolle er mir nachkommen 
und helfen, gegen die Feinde der Freiheit zu kampfen. [ . . . ] Auf einer 
Widmung vom »Radetzky-Marsch« steht in der zierlichen Rankenschrift: 
». . . in wandelbarer, aber ewiger Freundschaft.« Die Wandlungen 
schmerzten, wenn sie auch vor der Ewigkeit nicht gelten mogen. Soil ich 
mit ihm rechten? Nun, da der Dichter langst bei dem Kaiser ist, nach 
dem er nicht aufgehort hat, sich zu sehnen? Es war die Sehnsucht nach 




39. Joseph Roth. Portrdtskizze von Ben no Reifenberg. 1926 



116 BERUF: JOURNALIST 

einem Alter, dem angesichts der silbernen Schlafen wie vor einer naturli- 
chen Majestat Ehrfurcht gezollt werden mufke. Es gab solch ein Alter 
nicht mehr, und keine Ehrfurcht. Dies war der Grund des Sterbens von 
Joseph Roth. Es ist mir nicht moglich, mit ihm zu rechten. Die Zartheit 
seines Herzens iiberstrahlt das Zeremoniell des Kaiserreiches, das ihm 
so teuer war. Ertont sein Name, ist mir, als werde mir mutig und freund- 
lich zugerufen. Ich sehe ihn auf mich zukommen, er hat den Mantel of- 
fen iiber die Schulter geworfen, den leichten Hut etwas im Nacken. Die 
Wandlungen sind zu Ende, ich meine, er wiirde mir die Hand entgegen- 
strecken; wie einst. 
Ben no Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth, a.a.O., S. 212 — 214 



151 Benno Reifenberg 

Photographie einer Kreidezeichnung von Hans Scheil. 
1963. 

Vorlage: Historisches Museum, Frankfurt a. M. 



Zu Roths Kollegen bei der ^Frankfurter Zeitung«, mit denen er in engerer 
Beziehung stand und fur deren Fortkommen er sich einsetzte, gehoren Sieg- 
fried Kracauer und Bernard von Brent ano. In einem bisher unveroffent- 
lichten Brief an Benno Reifenberg urteilt er iiber beide: 

158 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Paris, 13. 5. 1926. 2 Bl. hs. mit Unterschrift. 
Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[ . . . ] Krac ist klar, fundiert, scharf, bitter. Krac holt Abstraktionen aus 
der Luft und macht sie lebendig. Krac ist ein philosophischer Poet, des- 
halb journalistisch zu verwerten. [ . . . ] Krac ist ein siamesischer Prinz. 

[...] 

Brentanos Fehler kenne ich. Er ist reich an Ressentiments, er wird erst 
ein Stilist von Rang werden, aber er gehort zu uns, ein gojischer Benja- 
min, er ist unser junger Bruder, er ist mutig. [ . . . ] 



159 Siegfried Kracauer 

Photographie. 1966. Von Fred Stein. 

Siegfried Kracauer 

Geb. am 8. 2. 1889 in Frankfurt a. M. Vor 1920 Architekt in Miinchen 

und Frankfurt a. M. 1920—1933 Redakteur der frankfurter Zeitung«, 



BERUF:JOURNALIST 117 

zuletzt Berliner Vertreter des Feuilletons. Ins Exil 1933 nacb Paris, 1941 
nach New York. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museum of Modern 
Art (Film Library). Rockefeller-Stipendium zur Analyse der NS-Filmpro- 
paganda. Seit 1952 Mitarbeiter des Bureau for Applied Social Research der 
Columbia University. Publiziert u. a. Ginster. Von ibm selbst gescbrieben. 
Roman. Berlin 1928. — Die Angestellten aus dem neuesten Deutschland. 
Frankfurt a. M. 1930. — Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. 
Amsterdam 1937. Neuausg. u. d. T. Pariser Leben. Jacques Offenbach und 
seine Zeit. Munchen 1962. — From Caligari to Hitler, A psychological his- 
tory of the German film. Princeton 1947. Dt. Ausg. Hamburg 1958. — 
Theorie des Films. Frankfurt a. M. 1964. Gest. am 26. 11. 1966 in New 
York. 

Vergessen Sie, bitte, nicht, Herrn Reifenberg in der Fr. Z. zu besuchen. 

Auch Herrn Dr Kracauer. Es gibt nicht viele solcher Menschen in 

Deutschland. 

JR an Felix Bertaux. Zurich, 26. 3: 1928. - JRB, S. 126 

Siehe auch Kat.Nr. 282-284. 



Bernard von Brentano 160 

Tuschzeichnung. Um 1933. Von Clement Moreau / Carl Akb. 40 

Meffert. 

In: Clement Moreau / Carl Meffert: Grafik fur den Mit- 

menschen. Deutschland, Schweiz, Argentinien. 

Berlin: Neue Gesellschaft fur Bildende Kunst 1978, S. 

130. 

Bernard von Brentano 

Geb. am 15. 10. 1901 in Offenbach a. M. Urgrofineffe von Clemens von 
Brentano. Von 1925 bis 1930 Berliner Korrespondent der "Frankfurter 
Zeitung«. In Verbindung mit Benn, Brecht, Bronnen u. a. 1931 und 1932 
Mitarbeiter der »Linkskurve«, Zeitschrift des Bundes proletarisch-revolutio- 
ndrer Schriftsteller. 1933 ins Exil in die Schweiz. Riickkehr 1949. 
Publiziert u. a. Kapitalismus undschone Literatur. Essays. Berlin 1930. — 
Der Beginn der Barbarei in Deutschland. Berlin 1932. — Theodor Chind- 
ler. Roman einer deutschen Familie. Zurich 1936. — Prozefi ohne Richter. 
Roman. Amsterdam 1937. —A. W. Schlegel. Geschichte eines romantischen 
Geistes. Stuttgart 1943. — Franziska Scheler. Roman. Zurich 1945. — Die 
Schwestern Usedom. Roman, Wiesbaden 1948. — Streifzuge. Tagebuch mit 
Bucbern. Neue Folge. Zurich 1948. — Du Land der Liebe. Autobiographic 
Tubingen 1952. — Schone Literatur und bffentliche Meinung. Literar. Es- 
says. Wiesbaden 1962. Gest, am 29. 12. 1964 in Wiesbaden. 



118 



BERUFJOURNALIST 



Durch Roths Vermittlung war Bernard von Brentano zur ^Frankfurter 
Zeitung* gekommen. Hierzu Bernard von Brentano in seiner Autobiogra- 
phic »Du Land der Liebe«, Tubingen 19)2 (siehe auch Kat.Nr. 161): 

Im Friihjahr 1925 kam eines Tages Joseph Roth zu mir in meine Woh- 
nung und fragte mich, ob ich wohl Lust hatte, seine Stelle bei der Berli- 
ner Redaktion der »Frankfurter Zeitung* zu ubernehmen. Roth hatte ge- 
nug von der Zeitungsschreiberei, er hatte im Sinn, nach Paris zu ziehen 
und einen Roman zu schreiben. 
Seite 224 




40, Bernard von Brentano. Tuschzeichnung von Clement Moreau/Carl 
Meffert. Urn 1933 



BERUF:JOURNALIST 119 

In einem Brief Roths an Bernard von Brentano vom 19. Dezember 1925 
a us Frankfurt am Main wird seine Ha It ting a Is Mentor Brentanos deut- 
lich: 

Sie sagen mir einige verworrene und schone Worte iiber meinen Einfluft 
auf Ihre Entwicklung. Er ist offenbar noch nicht stark genug, so lange 
Sie so verworrene Gestandnisse machen. Eine klar ausgedriickte Grob- 
heit ist mir lieber. Und Ihnen auch. Nicht nur, wenn man nichts zu sa- 
gen hat, muft man schweigen, sondern auch, wenn man etwas nicht ge- 
nau ausdriicken kann. Sie werden die schriftstellerische Vollkommenheit 
nie erreichen, wenn Sie nicht in dem Augenblick, in dem Sie Papier und 
Feder ergreifen, niichtern werden, wie ein Schlafer durch einen Kiibel 
Wasser. Sie sind ein Mitteiler, vergessen Sie das nicht. Auch Ihre Dam- 
merzustande mussen verstandlich ausgedriickt sein. Es tragt in Deutsch- 
land wenig Ruhm ein. Nur die Stammler sind hier grofle Dichter. Aber 
Sie sind ja ein Liebling der Vernunft, wie ich. Bleiben Sie ihr auch treu 
und lassen Sie Sich nicht von den Lockungen deutschen holden Wehes 
verfiihren. Sie werden Ihren Weg schon — nicht machen, wie ich. Aber 
Sie werden Ihre Genugtuung haben. 
JRB,S. 70 f 

Spdter, Ende der zivanziger Jahre, dnderte sich Roths Haltung zu Brenta- 
no, ais sich Brentano der KP ndherte. Aus einem Brief an Pierre Bertaux, 
Paris, 28. Mdrz 1929: 

Wenn Brentano ungliicklich ist, wie Sie meinen, so ist er es mit Recht. 
Noch nie hat jemand so sehr Ungluck verdient, wie er. 
JRB, S. 1)0 



Brentano iiber sein letztes Zusammentreffen mit Roth in der Emigration, 
Paris, im Friihjahr 1939: 

Bernard von Brentano 161 

Du Land der Liebe. Bericht von Abschied u. Heimkehr e. 

Deutschen. 

Tubingen, Stuttgart: Wunderlich (1952). 284 S. 

Eines Nachmittags safi ich im Cafe »Des deux Magots* und wartete auf 
Henri de Montherlant, mit dem ich verabredet war, als plotzlich Joseph 
Roth das Lokal betrat. Ich kannte ihn gut. Wir hatten uns in Frankfurt 
und Berlin oft gesehen, und ich bewunderte Roths unvergleichliches Ta- 
lent. [ . . . ] 

Gemeinsame Freunde von Roth und mir hatten mir erzahlt, Joseph 
Roth befinde sich korperlich in einem beklagenswerten Zustand. Das 



120 BERUF: JOURNALIST 

furchterliche Trinken — um nicht zu sagen: Saufen — das er betreibe, zer- 
store seine Gesundheit Aber der Anblick, den er bot, als er jetzt das Ca- 
fe betrat, iibertraf meine schlimmsten Befiirchtungen. Roth war vollig 
betrunken. Er offnete die Tiir, blieb aber beim Eingang stehen und war- 
tete, bis ein alter Kellner, der ihn wahrscheinlich kannte, auf ihn zutrat 
und ihn langsam an einen Tisch fuhrte, wie eine Krankenschwester ei- 
nen Schwerbeschadigten. Roth bestellte einen doppelten Cognak. Seine 
zarte, schone Hand, die einmal den »Radetzkymarsch« geschrieben hatte, 
zitterte wie die Hand eines kranken, alten Mannes, aber er packte das 
Cognakglas, so gut er konnte und schiittete sich den Schnaps in den 
Hals. Dann stiitzte er den Kopf in beide Hande und blieb unbeweglich 
sitzen. Nach einer Weile bezahlte er, was er schuldig war, stiitzte sich 
wieder auf den Arm des Kellners und verlieH schliirfenden Schrittes das 
Cafe. Auf der Strafte hielt er ein Taxi an, liefi sich auf den Sitz fallen und 
fuhr nach Hause. 

Hatte ich Roth ansprechen sollen? Ware es Freundespflicht gewesen, 
dem alten Kameraden Guten Tag zu sagen? 

Ich weift es nicht. Ich blickte Roth nach und konnte mich nicht dazu 
aufraffen, den Mann, den ich bei unserer letzten Begegnung als so leben- 
digen, so geistvollen und witzigen Kopf verlassen hatte, mich anlallen zu 
sehen, das schaurige Wrack zu begriiften, das ich gekannt hatte, als es 
noch ein stolzes Schiff war. 
Seite 75 und Seite 77 f. 



162 Bernard von Brentano 

Photographie aus seinen letzten Lebensjahren. 

Vorlage: Margot von Brentano, Wiesbaden, iiber Suhrkamp-Verlag, 
Frankfurt a. M. 



PARIS 

» . . . ich bin ein Franzose aus dem Osten.« 
Joseph Roth an Bernard von Brentano. Moskau, 18. 10. 
1926. -JRB, S. 98 

Auf Roths Wunsch, die Zeitung zu verlassen und sich als freier Schriftstel- 
ler in Paris niederzulassen, schlug Benno Reifenberg dem Freunde als Kom- 
promifi vor, seine Tdtigkeit bei der frankfurter Zeitung* als Feuilletonkor- 
respondent in Paris fortzusetzen. — Mitte Mai 1925 fuhr Roth mit seiner 
Frau von Berlin nach Paris. 



BERUF:JOURNALIST 121 

Joseph Roth an Benno Reifenberg 163 

Brief. Paris, 16. 5. 1925. 2 S. hs. mit Unterschrift. 

JRB, S. 45-46 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Sehr verehrter Herr Reifenberg, 

dieser Brief darf Sie nicht glauben lassen, ich ware verruckt geworden 
vor Entziicken uber Frankreich und Paris. Ich schreibe ihn in klarster 
Geistesgegenwart, im Vollbesitz meiner Skepsis und auf die Gefahr hin, 
eine »Schmockerei« zu begehn, das Schlimmste, was mir passieren konn- 
te. Es drangt mich, Ihnen »personlich* zu sagen, dafl Paris die Hauptstadt 
der Welt ist und dafi Sie hieher kommen mussen. Wer nicht hier war, ist 
nur ein halber Mensch und uberhaupt kein Europaer. Es ist frei, geistig 
im edelsten Sinn und ironisch im herrlichsten Pathos. Jeder Chauffeur 
ist geistreicher, als unsere Schriftsteller. Wir sind wirklich ein ungliickli- 
ches Volk. f . . . 1 



Joseph Roth mit Freund 164 

Photographic Paris, Jardin du Luxembourg. Vermutlich 

1925. 

Vorlage: LBI 



Friederike Roth, geb. Reichler 165 

Photographic Paris, Jardin du Luxembourg. Vermutlich 

1925. 
Vorlage: LBI 



Joseph Roth mit Bernard von Brentano 166 

Photographic Paris. Vermutlich 1925. 
Vorlage: LBI 

Paris ivurde seit dieser Zeit Roths bevorzugter Aufenthaltsort, das Hotel 
Foyot in der Rue de Tournon sein Stammquartier. Jozef Wittlin spricbt ge- 
radezu von der 

Domane Roths, [ . . . ] dem beruhmten, heute nicht mehr existierenden 
Hotel Foyot in der Rue de Tournon, gegeniiber vom Senat Dort, wo Ra- 
diguet starb und wo Rilke wohnte. Uberhaupt betrachteten wir den gan- 
zen Komplex zwischen dem Palais und dem Odeon als Roths unum- 
schranktes Reich. Dort irrt sicher noch heute sein Geist umher. 



122 BERUF: JOURNALIST 

[ . . . ] Das eigentliche Vaterland des graven osterreichischen Dichters, 
der an der slawischen Grenze zweier Monarchien geboren wurde, war 
Paris, das Pariser Pflaster, auf dem er mit seinen diinnen Beinen leicht 
dahinschritt, mit seinem Stockchen klopfend, wie ein Zauberer, einem 
Magier gleichend oder einer der Gestalten von E. Th. A. Hoffmann! 
Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48 -58, hier S. 58. - Siehe auch Kat. Nr. 58 



167 Hotel Foyot, Paris 

Abb. 41 Abbildung auf Hotelkarte. 
Kopie. — Vorlage: LBI 

Aus Moskait, wohin ihn eine im Auftrag der ^Frankfurter Zeitung* unter- 
nommene Reportagereise fuhrte, schreibt Roth am 18. Oktober 1926 an Ber- 
nard von Brentano: 

Ich sehne mich nach Paris, ich habe es nicht aufgegeben, niemals, ich 
bin ein Franzose aus dem Osten, ein Humanist, ein Rationalist mit Reli- 
gion, ein Katholik mit judischem Gehirn, ein wirklicher Revolutionar. 
JRB, S. 98 

Anldfilich der geplanten Ubersetzung seines Romans »Die Flucht ohne En- 
de« beschreibt er sein ^privates Verhdltnis zu >Frankreich<« in einem Brief 
vom 27. Februar 1929 an Felix Bertaux: 

[ . . . ] Ich bin nicht imstande, Ihnen ganz erklarlich zu machen, was fur 
mich die Aussicht bedeutet, von jungen Franzosen gelesen zu werden. 
Wenn ich ein Pathetiker ware, a la Pazifist Curtius und ahnliche »Euro- 
paer«, wiirde ich jetzt die grofk Trommel schlagen und »sto!z« sein. Aber 
diese Mittel stehn mir nicht zur Verfiigung. Ich iiberschatze keine »Na- 
tion« und kein Verhaltnis zwischen »Nationen« und fuhle mich nicht be- 
rechtigt, irgendetwas zu »reprasentieren«. Mein bescheiden privates Ver- 
haltnis zu »Frankreich« (ich mull jedes zweite Wort in Anfiihrungszei- 
chen setzen, so miftbraucht empfinde ich die Worte) ist ungefahr: die lie- 
bevolle Hoffnung, daft in diesem Land die schlichte menschliche Frei- 
heit nie untergehn wird, wie in andern. Und vielleicht kann ich dem und 
jenen jungen Franzosen eine Ahnung vermitteln, wie schrecklich die in- 
dividuelle Unfreiheit sein kann. Eine Warnung! [ . . . ] 
JRB, S. 146 f 



168 Joseph Roth 

Photographic Paris. Vermutlich 1925. 

Vorlage: LBI 



BERUF:JOURNALIST 



123 




TtUpk Hfat, 33„ Rue deToumon, PARIS fczawww 

Denton 5137 ^~ DarrtM 5139 



41. Hotel Foyot, Paris 



42. Joseph Roth mit Friederike und Ernst Weiss [?] Paris. Vermutlich 1925 




1 24 BERUF: JOURNALIST 



169 Friederike Roth, geb, Reichler 

Photographic Paris. Vermutlich 1925. 

Vorlage: LBI 

170 Joseph Roth mit Friederike und Ernst Weiss[?] 

Abb. 42 Photographic Paris. Vermutlich 1925. 
Vorlage: LBI 



/ 71 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Wie man eine Revolution feiert. [Feuilleton.] Paris, Juli 

[1925]. 2 BL hs. ohne Unterschrift. 

JRB, S. 51-53 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Glekbzeitig mit seiner Begeisterung fiir Frankreich — insbesondere fur Pa- 
ris — wuchs seine »Trauer iiber Deutschland« und seine Verztveiflung iiber 
die Wirkungslosigkeit seiner Publizistik auf die dortigen politischen und 
gesellschaftlichen Verhdltn isse, 
Aus Briefen an die Freunde Brentano und Reifenberg: 

Es hat wirklich keinen Sinn, ein deutscher Schriftsteller zu sein. Man 
sieht von hier, wie von einem groften Turm des Europaertums und der 
Zivilisation hinunter, tief hinunter, Deutschland liegt in irgendeiner 
Schlucht. Es ist mir unmoglich, einen deutschen Satz zu schreiben — mit 
dem Bewufttsein, fiir deutsche Leser zu schreiben. 
JR an Bernard von Brentano. Paris, 2. 6. 192% —JRB, S. 46 

Meine Begeisterung ist nicht kleiner geworden, meine Trauer iiber 
Deutschland nicht geringer. Ich verstehe, dafi ein deutscher Dichter her- 
kommt, sich eine Matratzengruft grabt und krepiert. 
JR an Bernard von Brentano. Paris, 14. 6. 192% —JRB, S. 48 



172 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Abb. 43 Brief. Marseille, 30. 8. [1925]. 3 S. hs. mit Unterschrift. 
JRB, S. 61-66 

Nichts bindet mich. Ich bin nicht sentimental genug, um an Zukunft, 
Familie und dergleichen zu denken. Aber sentimental genug, fiir diesen 
Verlag und diese Zeitung, die letzten Uberreste der alten, von mir huma- 
nistisch genannten Kultur, Liebe zu empfinden. Das ist aufrichtig— ich 
spreche ja zu Ihnen privat. Ich weift ganz genau, dafl ich fiir kein deut- 



BERUF: JOURNALIST 125 



HOTEL BEAUVAU \ N 

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* Ji^jr *«&««* **^*s kti ptjidita fafi&JpDfcJ *u 8*tttfi*&* 

$^ *£tj>j*»ffa i % x , wuw |A W|&'^ $tf ttyjji;*tt,. A&% ted^'itu ^ tut y 



4.i /ctf^A /?rv//? ^7« Ben no Ret fen berg. 30. 8. 192? (Seite 1) 



126 BERUF: JOURNALIST 

sches Blatt mehr arbeiten kdnrtte. Ich weift, daft mich keines mehr druk- 
ken konnte. Und ich konnte trotzdem nicht jetzt nach Deutschland. Es 
ist eine tragische Sache und keine Laune. Vielleicht ist es hochster »Pa- 
triotismus«, nicht sehen zu konnen, wie die Spitze einer Pyramide nicht 
von einem Gipfel gebildet wird, sondern von einem Quadratschadel. Ich 
kann nicht sehn, wie ganz Deutschland ein grower masurischer Sumpf 
wird. Ware ich jetzt dort, ich wiirde wahnsinnig. Alles wird bei mir per- 
sonlich. Wenn man den Becher einsperrt, sitze ich in Haft. Ich weifi 
nicht, was geschehen konnte. Ich ware imstande, jemanden zu erschie- 
fien, Bomben zu werfen, ich glaube, ich wiirde ein Ende nehmen und 
kein gutes. Ich begebe mich in Lebensgefahr, wenn ich nach Deutschland 
fahre. Ich kann es physisch nicht. 

Seite 64 

173 Joseph Roth mit Ernst Weiss[?] 

Photographic Paris. Vermutlich 1925. 
Vorlage: LBI 

Einige Monate spdter hat skh seine Verbitterung iiber Deutschland auch 
auf die frankfurter Zeitung« ubertragen: 

Das Haus der F. Z. ist so ein Deutschland im Kleinen. Es ist mir noch 
verhaflter geworden. In diesem Land habe ich keinen Verlag, keine Le- 
ser, keine Anerkennung. Aber auch keinen Schmerz, weil mich nichts 
traurig macht, keine Enttauschung, weil ich nichts erhoffe, keine Weh- 
mut, weil ich gleichgiiltig bin und kalt. 
JR an Bernard von Brentano, 29. 11. 192% — JRB, S. 68 

Vonjuli bis An fang September 1925 bereiste Roth, zusammen mit Fried!, 
im Auftrag der ^Frankfurter Zeitung« den Suden Frankreichs (siehe den 
Abschnitt »Reiseberichte«J. Von November bis zu Beginn des kommenden 
Jahres hielt er sich in Frankfurt zur Teilnahme an einer Redaktionskonfe- 
renz auf 

Dieser Deutschlandaufenthalt steigerte seine Empfindlichkeit und Uberer- 
regbarkeit dem Land gegenuber. An Brentano schreibt er t ivohl Ende 1925 
aus Frankfurt: 

Mich erregt jetzt Alles, das Gesprach am Nachbartisch, ein Blick, ein 
Kleid, ein Gang. Es ist wirklich nicht »normal«. Ich furchte, ich werde je- 
de Gesellschaft aufgeben, alle Verbindungen abbrechen mussen. Ich 
glaube gar nichts mehr. Ich sehe durch Lupen. Ich schale die Haute von 

den Dingen und Menschen, lege ihre Geheimnisse blofi dann 

kann man freilich nicht mehr glauben. Fruher als das Objekt, das ich be- 
trachte, weifl ich, wie es sich gestalten wird, verandern und was es tun 



BERUF: JOURNALIST 127 

wird. Viclleicht wiirde es ganz anders. Aber mein Wissen von ihm ist so 
stark, daft es sich genau so benimmt, wie ich gedacht hatte. Fallt mir von 
jemandem ein, er wiirde eine Schlechtigkeit begehn, flugs begeht er sie. 
Ich werde den anstandigen Menschen gefahrlich, einfach durch mein 
Wissen von ihnen. 
JRB, S. 75 

Ich bin tief ungliicklich. Verbittert iiber Deutschland, meine Arbeit und 
»das Leben*. Ich mochte gerne ein franzosischer Autor werden. Unter 
uns: ich bin iiberzeugt, daft die deutschen 100 Jahre Barbaren bleiben 
werden und daft ich keinen Sinn, kein Ziel, keine Berechtigung in 
Deutschland habe. 
JR an Felix Bertaux. Paris, 24. 2 1929. — JRB, S 144 



zerwOrfnisse und entfremdungen 

Bei seiner Ruckkebr nach Paris, ivobl Mitte Mdrz 1926 — er hatte auf der 
Ruckreise von Frankfurt das Ruhrgebiet besucht (siehe aucb S. 181) — 
fand er die Nacbricht von der Redaktion der Zeitung vor ; dafi er ab 1. Mai 
seine Pariser Stellung an Friedrich Siebnrg abzutreten babe, der als politi- 
seher Korrespondent gleichzeitig das Feuilleton mitbeireuen wollte. 
Uber diesen ersten ernsthaften Rifi zwischen Roth und der Zeitung bemerkt 
Rudolf Leonbard in seinem Nachruf: 

[ . . . ] er war stolz darauf, der Frankfurter Zeitung anzugehoren, der letz- 
ten Zeitung, konnte er damals sagen, in der man unangefochten, die 
Wahrheit sagen konne; es war ein erster Vorwurf und ein erster Rift, als 
die Zeitung einen neuen Vertreter nach Paris schickte und diesem die 
unkameradschaftliche Bedingung zubilligte, daft er hier ganz allein wirt- 
schaften und auch iiber die Vertretung des Feuilletons verfiigen konnte; 
dieser Vertreter mit der unkameradschaftlichen Bedingung hiefi Fried- 
rich Sieburg. 

Rudolf Leonbard: Gescbichten vom Joseph Rotb. In: Die neue Weltbubne. 
35 (1939), 25, S, 792-794, hier S. 793. - Siehe aueh Kat. Nr. 539 

Von Roths Enttduscbung und Verbitterung iiber diese Entscbeidung zeugen 
seine Briefe an Reifenberg und Brentano: 

Ullstein mochte mich zum Pariser Feuilletonkorrespondenten haben. 

Tucholsky ist es nicht. Die Vofi leistet sich also 3. Wir mochten einen 

halben. 

JR an Benno Reifenberg. Paris, 18. 3. 1926. — Siehe aucb Kat. Nr. 151 



128 



BERUF:JOURNALIST 



174 Joseph Roth an Bernard von Brentano 

Abb. 44 Brief. Paris, 24. 3. 1926. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

24. HI. 1926. 
Lieber Freund, 

soeben kommt Ihr Brief vom 23. Inzwischen durften Sie schon den mei- 
nigen haben. Machen Sie sich nichts aus der Tatigkeit in der Redaktion. 
An sich ist sie natiirlich keine. Aber als Vorwand ist sie gut. Und Sie 
sollten sie auch nur als Vorwand betrachten. Ich danke Ihnen sehr fur 
Ihre Mitteilung iiber Sieburg. Ich werde nichts unternehmen, bis man 
mir nicht schreibt, ich mochte Paris verlassen. Sie brauchen auch nicht 
zu fiirchten, dafi ich irgendjemanden von Ihren Mitteilungen schreiben 
werde. Aber Sie konnen selbst Herrn Reifenberg sagen, daft ich die Zei- 
tung verlassen werde, wenn man mich nicht bleiben lafit und das Ver- 
sprechen vom Herbst vergangenen Jahres nicht halt Sie konnen, wie ich 
Ihnen schon einmal schrieb, mit Reifenberg aufrichtig sein und ihm so- 
gar diesen Brief zeigen. 

Vielleicht hatte ich mich noch auf irgendeine Kompromiftlosung einge- 
lassen, wie z. B. Wohnsitz in Paris und Berichterstattung auflerhalb, 
wenn nicht Sieburg die Absicht geauftert hatte, ohne mich zu arbeiten. 
Dadurch ist alles zu einer Prestigefrage geworden. Ich kann auf keinen 
Fall nachgeben. Es gab hier kein anderes Recht als das der Prioritat. Seit 
anderthalb Jahren ist es mir versprochen. Es kann nicht plotzlich ein Be- 
liebiger daherkommen und sagen: Roth mull aus Paris weg. 
Wahrend ich dies schreibe, fallt mir ein, dafi ich eigentlich eine Unauf- 
richtigkeit begehe, wenn ich Reifenberg nichts sage. Allein, ich bin durch 
Ihre Bitte gezwungen, vor ihm, der auch mein Freund ist, zu schweigen. 
Nur Sie allein konnten mich aus diesem Dilemma befreien, indem Sie 
Herrn Reifenberg selbst diesen Brief zeigen. Ich bitte Sie darum und 
auch um Nachricht, ob Sie es getan haben. 
Ich bin Ihr alter 
Joseph Roth 
6. place de l'Odeon. 

Dafi Brentano auf Roths Bitte bin diesen Brief an Reifenberg iveiterleitete, 
beiueist die Tatsache, dafi er sich im Besitz Ben no Reif en bergs befand. 



1 75 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Paris, 26. 3. 1926. 3 Bl. ms. mit Unterschrift. 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[ . . . ] Ich habe die Empfindung, dass der Verlag mich als eine Art hei- 
matloses Subjekt betrachtet, das von der Zeitung nur so mitgeschleppt 



BERUF: JOURNALIST 1 29 



3^*..*$*^ 






$«(l*ta & aij *£« *& fe< «^«^ "fU**ViM(, 

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44 Joseph Roth an Bernard von Brentano. 24. 3. 1926 



130 BERUF: JOURNALIST 

wird. Es miisste sonst nicht so sein, dass man fur einen Mitarbeiter von 
meinen Fahigkeiten nach Verlegenheitsposten sucht und ihn gerade, 
wenn er einem andern nicht passt, aus dem Ort entfernt, in dem er sich 
aufhalt. Sie wissen, dass ich, seitdem ich bei der Frankfurter Zeitung bin, 
den Wunsch hatte, ein Jahr lang fur die Zeitung von Paris aus zu berich- 
ten. Es war mir auch zugesagt. Und nicht einmal, sondern einigemal. Es 
ist nun eine Prestige-Frage geworden und somit liegt die ganze Angele- 
genheit auf einem toten Gleis. Meine Bitte um einen Vertrag ist vom 
Verlag nicht beriicksichtigt worden, mein Honorar ist ein lacherliches 
und nicht einmal mein bescheidener Wunsch, von Paris aus zu schrei- 
ben, ist beriicksjchtigt worden. Ich kann auf keinen Fall, nur weil es ei- 
nem andern Mitarbeiter so passt, Paris verlassen und auf Reisen gehn. 

[•■■] 

Es wird also, wenn ich nicht in Paris bleiben kann, zu einer Kundigung 
kommen miissen. Es liegt mir daran, dass Sie nicht etwa glauben, das 
Angebot von Ullstein machte mich mutig. Sie wissen, daft ich zu stolz 
dazu bin, Sie wissen, wie ich iiber Ullstein denke und um wieviel mir die 
Frankfurter Zeitung angenehmer ware. Auch wenn ich gar nichts habe, 
lasse ich mich nicht so behandeln. [ . . . ] Wenn der Verlag nun glaubt, 
daft ich hier uberfliissig bin, so wird er wohl nicht weit von der Meinung 
entfernt sein, ich ware iiberhaupt uberfliissig und wichtig seien nur die 
Leute, die Parlamentsberichte machen. Das Feuilleton lesen ja doch nur 
Frauen. [ . . . ] 

Die Redaktion nahm ihre Entscheidung nicht zuruck. Als Entschddigung 
wurden Roth drei Monate lang Vorschldge fur verschiedene Auslandsreisen 
unterbreitet — Moskau, Italien und Spanien standen zur Debatte; er ent- 
schied sich fur die Sowjetunion und erreichte, dafi er diese Reise erst im 
Spdtsommer anzutreten hatte. Ende Dezember 1926 fuhr er zurilck. Schon 
im Mai des darauffolgenden Jahres reiste er filr zwei Monate nach Alba- 
nien; auf der Ruckreise besuchte er fugoslawien. Die ndchsten grofieren Re- 
portagereisen ins Ausland folgten 1928: von Mitte Mai bis Mittejuli 1928 
Polen, im Oktober und November Italien. (Zu den auf diesen Reisen ent- 
standenen journalistischen Arbeiten siehe den Abschnitt »Reiseberichte«; zu 
Italien den Abschnitt » >Ersle Begegnung mit der Diktatun: Die Internatio- 
nale des Faschismus und Antisemitismus«). 



Roths durch die Krankheit seiner Frau (siehe den Abschnitt »Friederike 
(Friedl)«) noch verstdrkten stdndigen Geldnote und sicherlich auch die 
Krankung, die ihm durch die Streichungen bei seinen Artikeln iiber den 
italienischen Faschismus durch die Redaktion der ^Frankfurter Zeitung« 
zugefugt ivurde (siehe Kat. Nr. 232), fuhrten schliefilich zu einem fast ein- 
einhalb Jahre dauernden Bruch mit der "Frankfurter Zeitung« und Benno 
Reifenberg, 



BERUF:JOURNALIST 



131 



Schon vor seiner Italienreise hatte er in einem Telegram m Benno Reifenberg 
eine mogliche Kundigung angezeigt: 



Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Telegramm. Wien, 22. 8. 1928. 1 Bl. 

JRB, S. 138 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 



176 

Abb. 45 



Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Briefumschlag. Wien, 24. 8. 1928. 
Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Ein Angebot der nationalist isch eingestellten »Munchner Neuesten Nacb- 
ricbten« bewog ibn schliefilich imjuni 1929 zur Kundigung. Schon am 29. 
Mdrz 1929 hatte er an Stefan Zweig aus Paris geschrieben: 

Inzwischen haben mich die Miinchener Neuesten eingeladen, sie wollen 
mir offenbar einen Antrag zur Mitarbeit machen. Ich habe so wenig 
Geld und die Zeitungen sind mir so gleichmafJig verhaftt, daft ich noch 
nicht weifi, ob ich nicht doch annehmen soil. 
JRB, S 152 



111 
Abb. 46 



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iWtM 




(Wuo hSi*jJ>vi^ 



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&*££ 



3h* > 






46. Joseph Roth an Benno Reifenberg. Briefumschlag. 24. 8. 1928 



132 BERUF:JOURNALIST 

Benno Reifenberg gegenuber versuchte er, seinen Scbritt zu rechtfertigen: 

1 78 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Berlin, 3. 7. 1929. 5 Bl. ms. mit Unterschrift. 
Ausgelegt: Bl. 1 u. 2. 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[ . . . ] Sie selbst wissen sehr gut, daft der Glanz meines Radikalismus' die 
ganze Frankfurter Zeitung verse hont und verjiingt und sogar manches 
Mai mit Ihrer Zustimmung legitimiert hat. Wenn ich von ihr gehe, so ist 
das also nicht ein Fall, bei dem irgend jemand nach »moralischen Grim- 
den* nachtraglich oder gleichzeitig zu suchen hatte. Das ist eine Kata- 
strophe. Ich selbst bin identisch mit Radikalismus; und wo Joseph Roth 
schreibt, wird es radikal, im Abort oder im Parlament, so wie es uberall 
kiihl wird, wo der Wind blast. Ich also bleibe Joseph Roth, so lange ich 
eine Zeile schreibe. Die Frankfurter Zeitung aber andert sich, sobald sie 
den Glanz meiner Zeilen entbehrt. 



Roths Ubertritt zu den »Munchner Neuesten Nachrkhtem beivirkte Entru- 
st ung bei mehreren linksgerichteten Zeitungen, darunter » Berlin am Mor- 
gem und »Welt am Abend«, Berlin, die Roth Kauflichkeit vorwarfen. hides 
dauerte Roths Mitarbeit bei dem Munchner Blatt nur knapp 9 Monate — 
vom 18. August 1929 bis 1. Mai 1930 veroffentlichte er dort etwa 30 Arti- 
kel Danach nahtn er den Kontakt zu Benno Reifenberg wieder auf. 
Uber seine damalige Situation gibt der folgende Brief an Benno Reifenberg 
Aufschlufi: 

1 79 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Berlin, 17. 7. 1930. 1 Bl. ms. mit Unterschrift. 

JRB, S. 172-173 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[...] 

Ich glaube, ich bin verpflichtet, Ihnen folgendes mitzuteilen: ich werde 
in der nachsten Zeit fur die Kolnische Zeitung eine kleine Reise durch 
Deutschland machen mussen. Nun weift ich ja, dafi Der und Jener meine 
neuerliche Mitarbeit an der Frankfurter Zeitung wiinschen wird; daft 
Diese und Jene aber dagegen sind. Der Verlag Kiepenheuer, dem ich, 
wie sie wissen, meine journalistischen Arbeiten verkauft habe, kann mir 
aber nicht weiter Geld zahlen, wenn ich nicht diese Gelegenheit ergreife, 
die ziemlich viel eintragt. [ . . . ] 



BERUF: JOURNALIST 133 

Ab 14. September 1930 erschien Roths neuer Roman »Hiob« als Vorab- 
drnck in der frankfurter Zeitung*. Vom November an konnte er seine 
journalistischen Arbeiten tvieder in der FZ veroffentlichen. 

Zur Einschdtzung der "Frankfurter Zeitung* durch Joseph Roth in den 
letzten Jahren der Weimarer Republik: 

Ich kann nicht mehr die Zeitung anders sehn, als nur: relativ besser als 
andere in Dtschld. Absolut gut und niitzlich ist sie nicht mehr. Und we- 
der Sie noch Reifenberg noch Picard werden sie gutmachen. 
JR an Friedrich Traugoti Gubler. Marseille, 31. 1. 1931. - JRB, S 191 



Der Verlag Gustav Kiepenheuer 



Im Verlag Gustav Kiepenheuer erschienen die beiden Meisterwerke Roths, 
die Romane »Hiob« und »Radetzkymarsch«. 

Seine ersten beiden Romane — »HoteI Savoy* und »Die Rebellion sowie der 
Essay »Juden auf Wanderschaft* — ivaren in dem 1922 gegri'mdeten fort- 
schrittlichen Berliner Verlag Die Schmiede erschienen. Der expressionist ische 
Lyriker Rudolf Leon hard, Lektor beim Verlag Die Schmiede, hatte ihre 
Veroffentlichung vermittelt. Bevor dieser Verlag in den Jahren 1928/29 sei- 
ne Production einstellte, ivar es Roth — nach Verhandlungen mit den Ver- 
lagen Ullstein, Zsolnay und S Fischer — gelungen, Kurt Wolff in Mu li- 
chen als Verleger zu gewinnen (»Die Flucht ohne Ende«, »Zipper und sein 
Vater«). Auf der Suche nach hoheren Einnahmen verhandelte er von De- 
zember 1921 bis Mdrz 1928 ivieder mit dem S. Fischer Verlag; es kam zu 
einem Vertragsabschlufi. Als sich jedoch Samuel Fischer abfdllig uber die 
Manuskripte von »Der stumme Prophet« und »Recbts und Links* dufierte, 
entschlofi sich Roth, den Vertrag tvieder zu losen. Durch Vermittlung und 
Fursprache von Hermann Kesten, des Cheflektors des Gustav Kiepenheuer 
Verlags, und Walter Landauer, des Verlagsprokuristen, kaufte Gustav Kie- 
penheuer Roths Vertrag von S Fischer und sicherte Roth eine ansehnliche 
Monatsrente zu. 1929 erschien der Roman »Rechts und Links« als erste Ver- 
offentlichung Roths bei Gustav Kiepenheuer. 



134 



BERUF:JOURNALIST 



780 
Abb. 47 



Gustav Kiepenheuer 

Photographic 

In: Vierzig Jahre Kiepenheuer. 1910—1950. Ein Alma- 

nach. Hrsg. von Noa Kiepenheuer. 

Weimar: Kiepenheuer 1951. 240 S. mit Abb. 

Gustav Kiepenheuer 

Geb. am 10. 6. 1880 in Wengern/Ruhr. Buchhdndlerlehre in Bremen. Uber- 
nahm 1908 die Telemannsche Buchhandlung in Weimar. Grundete dort 
1910 den nach ihm genannten Verlag. 1918 Umzug des Verlags nach Pots- 
dam. Verlegte zahlreicbe moderne Autoren, darunter Georg Kaiser, Leon- 
hard Frank, Ernst Toller und Bertolt Brecht sowie einzelne Werke von 
Ernst Glaeser, Carl Zuckmayer, Anna Seghers u. a., ferner Hermann Ka- 
sack und Hermann Kesten, die im Verlag als Lektoren tdtig waren. Im 
Dritten Reich mufiten Kiepenheuers wichtigste Autoren emigrieren oder 
erhielten Schreibverbot. Kiepenheuer bescbrdnkte sich auf Nachdrucke dlte- 
rer Werke und auf Ubersetzungen. Kehrte 1945 auf Einladung der Regie- 
rung des Landes Thilringen nach Weimar zuruck. Der ursprungliche Ver- 
lag besteht dort noch heute. 1947 kam es zur Grundung einer Tochterfirma, 
dem Verlag Kiepenheuer Sc Witsch, Ko'ln, durch G. Kiepenheuer und Dr. Jo- 
sef Caspar Witsch, der nach dem Tode von Gustav Kiepenheuer am 6. 4. 
1949 in Weimar selbstdndig wurde. 




41. Gustav Kiepenheuer 



BERUF: JOURNALIST 135 



Uber seine erste Begegnung m it Joseph Roth und die daraus erwachsene 
Freundschaft berichtet Gustav Kiepenheuer in seinem Nachruf in dem von 
Hermann Linden herausgegebenen »Geddchtnisbuch«: 



Gustav Kiepenheuer 181 

Eine Reverenz vor Joseph Roth. 

In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 
Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 40 — 47. 

Joseph Roth begegnete ich zum erstenmal am Anhalter Bahnhof, als er 
aus dem Wiener D-Zug stieg; von diesem Augenblick an war unsere 
Freundschaft besiegelt. Er, der ewige Passagier, kam fur einige Wochen 
oder Monate nach Berlin und nun begannen fur mich eine Reihe von 
erspriefllichen Begegnungen menschlicher und verlegerischer Art, die 
sich bei all seinen spateren Aufenthalten dort oder anderswo fortsetzten. 
Unsere Treffpunkte waren sein Zimmer im Hotel am Zoo, seine Ecke 
bei Mampe am Kurfiirstendamm, in Paris das Cafe Deux Magots und 
vor allem die Schreibstube des Hotel Foyot. Fur kurze Zeit hatte er ein- 
mal eine Wohnung gemietet, und ich sah ihn in dem diisteren, riesigen 
Berliner Zimmer, die Hande in den Manteltaschen, wie in einem Warte- 
saal auf- und abgehen, als lauere er auf das Abfahrtszeichen seines Zuges. 

[■■■] 

Seine blauen Augen schienen oft besinnlich auf einem auszuruhen und 
wichen dann langsam ab in einen fernen Himmel oder eine feme Holle. 
Hinter ihrem versohnenden Aufblitzen lag es stets wie Verzicht. Man 
war ihm nah, aber manchmal nicht naher als einem heiftgeliebten, schon 
dahingegangenen Freund. 
Seite 40 und Seite 42 



In seinem Nachruf druckt Gustav Kiepenheuer den hier schon mehrfach zi- 
lierien autobiographischen Essay- Bri ef ab, den ihm Joseph Roth zu seinem 
50, Geburtstag am lO.Juni 1930 — mit einem schottischen Schdferhund 
—schickte. Darin berichtet Roth seinerseits iiber den Beginn ihrer Freund- 
schaft: 

Joseph Roth an Gustav Kiepenheuer 182 

Brief. 10. 6. 1930. 

In: Gustav Kiepenheuer: Eine Reverenz vor Joseph Roth. 

In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 



136 



BERUF:JOURNALIST 



(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 
Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 43 — 47. 
JRB, S. 164-168 

Ich schrieb die dummsten Artikel und erwarb mir infolgedessen einen 
Namen. Ich schrieb schlechte Biicher und wurde bekannt Zweimal 
lehnte mich Kiepenheuer ab. Auch das drittemal hatte er mich abge- 
lehnt, wenn wir uns nicht kennengelernt hatten. 

An einem Sonntag tranken wir Schnaps. Er war schlecht, wir wurden 
beide krank davon. Aus Mitleid schlossen wir Freundschaft, trotz der 
Verschiedenheit unserer Naturen, die sich nur im Alkohol finden. Kie- 
penheuer ist namlich ein West-Phale, ich ein Ost-Phale. Es lafit sich 
kaum ein grofierer Gegensatz denken. Er ist ein Idealist, ich bin ein 
Skeptiker. Er liebt die Juden, ich nicht. Er ist ein Fortschritts-Phantast, 
ich bin ein Reaktionar. Er ist immer jung, ich bin immer alt. Er wird 
fiinfzig, ich werde zweihundert. Ich konnte sein Urgrofivater sein, ware 
ich nicht sein Bruder. Ich bin radikal, er ist konziliant. Er ist hoflich-un- 
bestimmt, ich bin pragnant. Er ist gerecht, ich bin ungerecht Er ist ein 
Optimist, ich ein Pessimist. Es mull wohl geheime Zusammenhange ge- 
ben zwischen uns beiden. Denn manchmal stimmen wir in allem iiber- 
ein. Es ist, als ob wir uns gegenseitig Konzessionen machten, aber es 
sind gar keine. Denn er hat keinen Sinn fur das Geld. Diese Eigenschaft 
haben wir gemeinsam. Er ist der ritterlichste Mann, den ich kenne. Ich 
auch. Das hat er von mir. Er verliert an meinen Buchern. Ich auch. Er 
glaubt an mich. Ich auch. Er wartet auf meinen Erfolg. Ich auch. Ihm ist 
die Nachwelt sicher. Mir auch. 
Wir sind unzertrennlich; das ist sein Vorzug. 
JRB, S. 168 



Bettina Hurlimann, die mit dem Schweizer Verleger Martin Hurlimann 
verheiratete Tochter von Gustav Kiepenheuer, erinnert sich in ihren 
»Aufzeichnungen« an die Beziehung Gustav Kiepenheuer— Joseph Roth: 

183 Bettina Hurlimann 

Sieben Hauser. Aufzeichnungen e. Bucherfrau. 
(Zurich, Miinchen:) Artemis-Verl. (1976). 246 S. mit Abb. 
Aufgeschlagen S. 32 f. mit Photographie des Verlags- und 
Wohnhauses Gustav Kiepenheuers in Berlin. 

Joseph Roth war ein guter Freund meines Vaters, vielleicht der beste, 
den er in jenen Jahren hatte. Das war uberraschend. 
Seite 33 



BERUF: JOURNALIST 137 



Zu Roths Geburtstagsbrief schreibt sie: 

Sclten hat ein Autor etwas Liebevolleres iiber seinen Verleger gesagt. 
Roth sagte es, als seine Bucher noch kein so grower Erfolg waren. 
Seite 33 

Bettina Hurlimann schliefit ihre Erinnerungen an Joseph Roth: 

Ich werde den kleinen, fast militarisch aufrechten Joseph Roth, dem 
man den ehemaligen Offizier ansah, der er vorgab gewesen zu sein, aber 
niemals war, und der im Angesicht des Todes vom Schreiben sprach und 
sich nach den Sorgen der anderen erkundigte, nie vergessen. 
Seite 34 

Ludwig Marcuse schilderi die Feier von Gustav Kiepenheuers )0. Geburts- 
tag im Berliner Hotel »Einsiedler«, zu der hundertzivanzig Gdste eingela- 
den waren: 

Einer schlief mittendrin. Einer las in einer Ecke andachtig seine eigenen 
Werke (im Zweifelsfalle war es immer der damals Schweigsamste, Leon- 
hard Frank — groft, duster, elegant, Salonlowe und Trappist in Perso- 
nal-Union). Der Bajuwar Brecht dozierte preufiisch, knapp befehlend, 
humorlos, das Gefolge stand wie eine Mauer urn ihn herum. Roth hatte 
verglaste Augen und schliirfte Sarkasmus aus jedem Satz, der ihm ser- 
viert wurde. 

Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Munchen I960, S. 146, 
- Siehe auch Kat. Nr, 185 



Joseph Roth 184 

Zeichnung von Max Schwimmer. Undatiert. 

Vorlage: K& W 

Etxva zur gleichen Zeit, als Roth fur Gustav Kiepenheuer den Geburtstags- 
brief schrieb, beklagte er sich — xvenn auch nicht ohne Verstdndnis — iiber 
das Einstellen seiner Vorschiisse: 

Aber das Wasser geht mir bis zum Hals. Kiepenheuers teurere Autoren, 
Feuchtwanger Zweig Glaeser Heinrich Mann riicken jetzt mit ihren Ma- 
nuscripten an, bekommen enorme Gelder, und Kiepenheuer stoppt mir 
mit Recht die Vorschiisse. Ich habe mehr als verniinftig ist, brauche 1200 
M. fur meine Frau, 800 fur mich monatlich und habe 22 000 Mark Vor- 
schufi. Nun habe ich seit voriger Woche wieder angefangen, Artikel zu 
schreiben — blode Arbeit bei meiner Erschopfung, Phantasielosigkeit, 
— und Kiepenheuers Zeitungsvertrieb vertreibt sie. 
JR an Stefan Zweig. Berlin, 20. 6. 1930. - JRB, S. 169 



138 BERUF: JOURNALIST 

Anders als den meisten anderen Menschen gegenuber, von denen er finan- 
ziell abhdngig war, empfand Roth Kiepenhener gegenuber Achtung. In ei- 
nem Brief an Stefan Zweig vom 27. September 1932 am Rapperswil am 
Ziiricksee, worin er ihm einen Brief G. Kiepenheuers mit der Bitte, den »Ra- 
detzkymarsch« zu rezensieren, ankundigt, beurteilt er seinen Verleger so: 

Kiepenheuer hat mir heute gedroht, er wiirde Ihnen einen Brief schrei- 
ben, bitte, reagieren Sie keineswegs darauf. Ich bitte Sie herzlich um 
Entschuldigung fur ihn. Er hat ja Recht, er ist ein Buchhandler, er fiirch- 
tet ja fur meinen immensen Vorschuft und fur sein Geschaft. Seien Sie 
nicht bos auf ihn! Er hat gute kameradschaftliche Fahigkeiten. An der 
Front ware er mein guter Feldwebel gewesen, tapfer und taktlos. 
JRB f S231 f 



Sympathien — Antipathien 



Einer der engsten Freunde Rotbs, von ihrer ersten Begegnung 1923 in Ber- 
lin bis zu ihrem Abschied im Exit in Paris, war der Schriftsteller Ludwig 
Marcuse. 

Behn Abschiednehmen erinnerten sich beide an den Beginn ihrer Freund- 
schaft Marcuse berichtet in seiner Autobiographie: 

185 Ludwig Marcuse 

Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf d. Weg zu e. Autobio- 
graphie. 
Munchen: List (I960). 388 S. 

An einem Marz-Morgen des Jahres 1939, einige Stunden vor unserer 
Auswanderung nach Amerika, kam Freund Joseph Roth zu uns in die 
Rue de Constantinople. Er safj da: den Hut auf dem Kopf, ein diinnes 
Stockchen glitt zwischen den schlanken Fingern hin und her, der Mantel 
hing wie ein Cape leicht an der Schulter— er wollte gar nicht erst den 
Gedanken aufkommen lassen, als beabsichtige er, sich hauslich niederzu- 
lassen. Und so kam denn auch, nach zwei Minuten, das Satzchen, das 
unabwendbar war, wenn er, selten einmal, sich gezwungen sah, in eine 
Privatwohnung einzutreten: »Gehen wir hinuber ins Bistro!* Im Bistro 
blickte er dann einer grellen Fliissigkeit tief auf den Grund. 



BERUF: JOURNALIST 139 

Die schonsten Gesprache zwischen alten Freunden beginnen: »Weiftt du 
noch, damals vor zwanzig Jahren?* »Da habe ich dich griindlich be- 
schwindelt*, sagte Roth mit zynischer Warme, »gleich zu Beginn und 
mit einer ausgewachsenen Luge. Ich Heft dir sagen, ich wollte dich ken- 
nenlernen, weil dein letztes Buch mir gefallen habe. Ich hatte es gar 
nicht gelesen. Und als ich es dann las, gefiel es mir nicht. Ich war neugie- 
rig auf dich gewesen.« »Ich habe damals, beim ersten Zusammensein, 
noch viel kraftiger gelogen« ? entgegnete ich. Er holte den Blick aus dem 
Glas langsam zuriick; das farbige Nasse schwamm jetzt in seinen Augen, 
die mich absuchten wie die Augen eines Lehrers, der ganz zufrieden mit 
seinem Schuler ist— aber noch einmal das Einzelne uberpriift. Er dachte 
etwas scharfer zuriick und sagte erstaunt: »Du warst doch aber damals 
ein Pathetiker mit einem Wahrheits-Fimmel.* 

»Es war so gekommen«, erklarte ich ihm, »du bildetest dir gerade ein, ein 
ganz grower Graphologe zu sein, und batest mich, viele Schriftproben 
mitzubringen. Ich brachte eine Reihe von Briefen bekannter Schriftstel- 
ler. Jede einzelne deiner Deutungen war grundfalsch — aber so phanta- 
siereich, so geistreich, so witzig, so grazios, du warst deiner Sache so si- 
cher, und deine reizende Wienerin war so glucklich iiber ihren zarten 
Hellseher, daft ich euch Beiden schwor: du miifttest die Handschriften 
bereits gekannt haben, es ware gar nicht anders moglich.« Roth war 
schon wieder in einem kleinen Ozean, der noch giftiger aussah, unterge- 
gangen. Von dem sparlichen blonden Schnauzbart, den er sich im letz- 
ten Jahrzehnt zugelegt hatte, tropfte es griinlich herab, als sei der Mann 
bereits ertrunken. Zwei Monate spater war er es. Und noch ein paar Mo- 
nate weiter: ganz Europa. 
Seite250f. 

Aus einem Brief Roths an Ludivig Marcuse vom 28.Juni 1927 aus Paris: 

Ihre Freundschaft aber, muft ich Ihnen sagen, erschreckt mich beinahe, 
Ihre Kameradschaftlichkeit geht bis zu einem Grad, den ich schwerlich 
je erreichen werde — und es hat keinen Sinn, daft ich mich noch bei Ih- 
nen bedanke, denn es ist viel zu ivenig. Ich werde es nicht vergessen — 
das ist vielleicht etwas mehr. 
JRB, S. 106 



Ludwig Marcuse 186 

Photographic 1962. Von Fred Stein. 

Ludivig Marcuse 

Geb. am 8. 2. 1894 in Berlin. Vor 1933 freier Schriftsteller und Tbeaterkri- 
tiker, u. a. beim ^Frankfurter Genera/a nzeiger« f der »Vossischen Zeitung« 
und »Berliner Tageblatt«. Ins Exil 1933 nach Frankreicb, Sanai-y-sur- 



140 



BERUF:JOURNALIST 



mer, 1939 nach Los Angeles. 1940 a. o. Professor, 1947 bis 1962 Professor 
fiir Philosophie an der University of Southern California, Los Angeles. 
Riickkehr 1963, letzte Lebensjabre in Bad Wiessee, Obb. 
Publiziert u. a. Strindberg. Berlin 1922. — Revolutionar und Patriot Das 
Leben Ludwig Bornes. Leipzig 1929. — Heinrich Heine. Berlin 1932. — 
Plato and Dionysius. A double biography. New York 1947 (deutsch als: 
Der Philosoph und der Diktator. Plato und Dionys. Berlin 1950). — Phi- 
losophie des Glucks. Zurich 1949. — Sigmund Freud. Hamburg 1956. — 
Mein zwanzigstes Jahrhundert Auf dem Weg zu einer Autobiographic. 
Munchen 1960. — Obszon. Geschichte einer Entrusting. Munchen 1962. 

— Aus den Papieren eines bejahrten Philosophiestudenten. Munchen 1964. 

— Nachruf auf Ludwig Marcuse. Munchen 1969. Gest. am 2. 8. 1971 in 
Munchen. 



1927 beginnt Roths lebhafte Korrespondenz mit dem franzosischen Germa- 
nisten und Gymnasialprofessor Felix Bertaux, den er in Paris kennenge- 
lernt hatte. 



187 Felix Bertaux 

Abb. 48 Photographic 

Vorlage: Professor Dr. Pierre Bertaux, Sevres 

Felix Bertaux 

Geb. 1881. Germanist und Kritiker. Deutschlehrer an einem Pariser Gym- 
nasium. Freund von Heinrich und Thomas Mann. Einer der besten Kenner 
und Verm it tier deutschen Gedankengutes in Frankreich, vor a Hem durch 
seine Schulbuchreihe, die von Generationen junger Franzosen nach dem Er- 
sten Weltkrieg benutzt wurde, und sein Panorama de la I literature alle- 
mande contemporaine, Paris 1928, ein Standardwerk uber die deutsche Li- 
teratur ztoischen 1880 und 1927. Mit Hermann Kesten Herausgeber der 
Anthologie Neue franzosische Erzdhler, Berlin 1931. Durch seine Person- 
lichkeit und seine Gastfreundschaft bedeutende Rolle in den Versohnungs- 
versuchen zwischen den beiden Weltkriegen. Gest. 1948. 



188 Heinrich Mann und Felix Bertaux 

Photographic 1927. 

In: Volker Ebersbach: Heinrich Mann. Leben, Werk, Wir- 

ken. 

Leipzig: Reclam 1978, S. 213. 

(Reclams Universal-Bibliothek. Bd. 754.) 



BERUF: JOURNALIST 



141 



Seine Beziehung zu Felix Bertaux charakterisierte Roth folgendermafien: 

[ . . . ] ich sehe Sie, wie Sie selbst wissen, ebenso gern als meinen Htterari- 
schen Schutzpatron, wie als warmen und klugen Menschen, von dem ich 
immer eine Freude mitnehme. 
JR an Felix Bertaux. St. Raphael, 24. 2. 1928. - JRB, S 124 



Mit dem Germanisten Pierre Bertaux, dem Sohn von Felix Bertaux, ver- 

band Roth eine herzliche Freundschaft. 

In Briefen an den Vater dufiert Roth seine Begeisterung uber Pierre: 

Von Ihrem Sohn Pierre bin ich aufrichtig entziickt. Er ist klug, grazios 
und ironisch, iiberlegen, kritisch und gutherzig. Er hat alle Eigenschaften 
eines jungen, echten Geistes, das Maft und die Fahigkeit zur Begeiste- 




48. Felix Bertaux 



142 BERUF: JOURNALIST 

rung gleichzeitig. Ich begluckwiinsche Sie und Ihre Frau zu diesem 

Sohn. 

JR an Felix Bertaux. Frankfurt a. M., % 3. 1928. - JRB, S. 125 

Von Ihrem Sohn Pierre kam ein reizender, kluger, sehr personlicher 

Brief. Er ist ein »Kerl«, wie man in Deutschland sagt. 

JR an Felix Bertaux. Marseille, 18. 1. 1929. - JRB, S. 142 

In Berlin — Pierre Bertaux war Ende der zwanziger Jahre Assistent am 
romanischen Seminar der Friedrich-Wilhelms-Universitat — trafsich Roth 
often mit ihm und fiihrte ihn bet seiner Tischrunde in der Mampestube ein. 

189 Pierre Bertaux 

Photographic Um 1925. 

Vorlage: Brigitte B. Fischer: Sie schrieben mir oder Was 

aus meinem Poesiealbum wurde. 

Zurich, Stuttgart: Classen 1978, vor S. 273. 

Pierre Bertaux 

Geb. am 8. 10. 1907 in Lyon. Sohn des Germanisten Felix Bertaux. Studiert 
in Paris und, ab 1921, in Berlin. Assistent an der Friedrich-Wilhelms-Uni- 
versitat. 

Bertaux's politische, ivissenschaftliche und Verxvaltungstatigkeit von 1933 
bis zum Ende des 2. Weltkriegs referiert Brigitte Bermann Fischer in t'hren 
Erinnerungen: 

Bertaux wurde 1933 Leiter des »Gesprochenen Wortes« am franzosi- 
schen Rundfunk Paris, PTT und 1934 personlicher Referent im dortigen 
Auswartigen Amt. Er leitete die franzosischen Rundfunksendungen in 
deutscher Sprache als Gegenaktion gegen die Sendungen der Nazis in 
franzosischer Sprache uber den Stuttgarter Rundfunk. Pierre habilitierte 
sich 1936 und wurde Professor fur Germanistik an der Universitat Tou- 
louse. Nebenbei diente er dem Staat in verschiedenen Missionen und bei 
Ausbruch des Krieges wurde er Dolmetscher beim Generalstab. Nach 
der deutschen Invasion 1940 organisierte er eine der ersten Untergrund- 
aktionen Siidfrankreichs, weswegen ihn die Petainregierung zu drei Jah- 
ren Festungshaft verurteilte. Nach seiner Befreiung zog er im August 
1944 als Kommissar der Republik in das befreite Toulouse ein. 
Brigitte B. Fischer: Sie schrieben mir . . . a. a. 0., S. 283 f 

Als iveitere Funktionen in Politik und Verwaltung folgen n. a. das Amt des 
Prefet du Rhone (1947 und 1948) und des Generaldirektors der »Surete Na- 
tional (Pol izei minister) (1949—1951). 1953 ivird er zum Senator fur 
den Franzosischen Sudan (heute Mali) geiudhlt (bis 1955). 1958 — 1965 
Professor fur Germanistik in Lille, ab 1965 an der Sorbonne. Direktor des 



BERUF: JOURNALIST 143 



von ibm gegrundeten Inst it ut d 'a 1 1 em and d "As n teres an der Un iters it at Pa- 
ris. 

Publiziert u. a. Holder/in. Essai de biographic inierieure. Paris 1936. — Le 
lyrisme mythique de Holderlin. Paris 1936. — Mutation der Mensehheit. 
Frankfurt a. M. } Hamburg 1963 (La Mutation bumaine. Paris 1964). — 
Afrika. Von der Vorgescbichte bis zu den Staaten der Gegenwart. Frank- 
furt a. M. f Hamburg 1966 (= Fischer-Weltgeschicbie, Bd. 32). — Holder- 
lin und die franzosische Revolution. Frankfurt a. M. 1969. — La Libera- 
tion de Toulouse et de sa region. Paris 1973. — Zur Entstehung des Henri 
Qua t re. Berlin 1973. — Friedricb Holderlin. Frankfurt a. M. 1978. — 
Herausgeber von: Friedricb Holderlin. Dichiung, Schriften, Briefe. Frank- 
furt a. M. } Hamburg 19)7. — Diet ionnaire franca is-allemand; Diction- 
naire allemand-frangais (»W6rterbucb [Felix] Bertaux — [Em He] Lepoin- 
te«). Neue Bearbeitung. Wiesbaden 1966 und 1968. — Friedricb Holderlin. 
Werke, Briefe, Dokumente. Munchen 1969. — Lebt in Sevres bei Paris. 

Der Brief xvecbsel mit Felix Bertaux endet imjabre 1935, wahrend der letz- 
te vorbandene Brief an Pierre Bertaux am 24. Februar 1938 gescbrieben 
ivurde. 

• 

Vom 8. September 1921 datiert der erste von mehr a Is ziueibundert Brie fen 
Roths an Stefan Ziveig. Es ist der Auftakt zu einem Verhdltnis, bei dem 
Stefan Ziveig immer mebr die Rolle von Roths Mazen und Vert ran ten — 
zunehmend in der Zeit des Ext Is — ubernahm. 



Stefan Zweig 190 

Photographic 1939- Von Gisele Freund. 
Vorlage: Gisele Freund: Memoiren des Auges. 
Frankfurt a. M.: S. Fischer 1977, S. 96. 

Alfred Beierle berichtet, dafi er die Bekanntscbaft Roths mit Ziveig vermit- 
telt babe: 

Er schrieb ein kleines kulturkritisches und kulturhistorisches Buch voller 
Wahrheit und Weisheit von groflartiger Gestaltungskraft und Prophetik 
(1927 Verlag die Schmiede — »Juden auf der Wanderschaft«). Ich 
schickte es Stephan Zweig, und durch dieses Buch erwuchs beiden eine 
tiefe Freundschaft, in der Roths Produktivitat zu ihrer schonsten Kraft 
gesteigert wurde und sein Stil, von seinen kleinen, feinen, gestochenen 
Buchstaben geschrieben, sich zu meisterhafter Vollendung entwickelt. 
Alfred Beierle: Icb lebte mit Joseph Roth. 
In: Roland von Berlin. (1949), 23, S. 8 — 10. - Siehe auch KaL Nr. 118 



144 



BERUF:JOURNALIST 



Aus einem der fruhen Briefe Roths an Stefan Zweig, Marseille, ZJanuar 
1929: 

Lassen Sie mich Ihnen noch einmal sagen, daft ich mich sehne, zu Ihnen 
in eine Vis a vis-Beziehung zu kommen. Ich spike bei Ihnen etwas 
Menschliches, obwohl — ich will offen sagen, was Ihnen nicht neu sein 
wird — alle Literaturhunde Sie anklaffen. Gerade deshalb! ware zu billig. 
Nein! Es ist noch etwas in Ihnen! ein humanes Herz sicherlich und eine 
sehr schone humanistische Verachtung. 
JRB, S 141 

Wdhrend Stefan Zweig Roth ah den schriftstellerisch Uberlegenen bewun- 
derte, dufiert sich Roth Dritten gegeniiber oft kritisch uber Zweig. Auch in 
seinen Brief en an Zweig verbindet er (ubertriebenes?) Lob mit Kritik. So 
schreibt er — vermutlich uber einen Korrekturabzug des Kapitels uber 
Franz Anton Mesmer aus Zweigs Buck »Die Heilung durch den Geist Mes- 
mer, Mary Baker-Eddy, Freud«, das 1931 im Insel-Verlag, Leipzig, er- 
schien: 

Sie setzen zu viel voraus, im Anfang. Dennoch fuhrt er nicht medias in 
res, sondern medias in scientias. Aber dann, aber dann! Es ist viel scho- 
ner als die Christian Science, und in den letzten Seiten wird es wirklich 
groftartig. Dazwischen Stellen mit dem gewissen Schauder. »Wohin nun 
alter Mann?« Es hat mich getroffen. Und der allerletzte Absatz — bis auf 
ein Paar Tempora Imperfect z. B. statt Perfect — ist von einer wahren 
klassischen Schonheit, erinnert an Burckhardts Prosa, hat die gewichtige 
Leichtigkeit des wirklich Guten. 
JR an Stefan Zweig. Frankfurt a. M., [September 1930]. -JRB, S 181 



191 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. Frankfurt a. M., 6. 7. 1931. 2 S. ms. mit Unterschrift. 

JRB, S. 206 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Roth berichtet uber den Besuch einer Ausstellung uber moderne Malerei im 
Frankfurter »Stddel«: 

[ . . . ] Grauenhafter Eindruck von aller moderner Malerei, ohne Ausnah- 
me. Selbst bei Beckmann glaube ich einen enormen Abstand von den 
Alten zu sehen und eine Porositat. Ich glaube zu erkennen, daft die Ma- 
lerei unmdglich geworden ist, noch weniger moglich als die Literatur. 



BERUF:JOURNALIST 145 

Natiirlich ist der Abstand zwischen Beckmann und den Anderen gegen- 
wartigen beinahe so grofJ wie der zwischen ihm und den Alten. Trotz- 
dem bleibt es fur mich ratselhaft, warum ich ohne was von Malerei zu 
verstehen, von einem alten Bild direkt korperlich beriihrt werde und bei 
einem guten neuen erst eine Anstrengung des Gehirns und der Phanta- 
sie bedarf. f . . . ] 



Adit Rene Schickele, den Roth 1930 kennenlernte und den er in der Emigra- 
tion in Nizza und Sanary-sur-mer wiedersab, verband Roth eine »Litera- 
tenfreundschaft«. Begeistert schreibt er Schickele am 3. November J 931 nach 
der Lektiire von Schickeles neuem Roman »Der Wolf in der Hiirde« aus Pa- 
ris: 

Sehr verehrter und lieber Meister Schickele, 

soeben lege ich Ihr letztes Buch aus der Hand, Fischer hatte es mir zuge- 

schickt, und es bedrangt mich, so stark ist es, so stark und rein ist es. Ich 

mud es Ihnen schnell sagen. Man wird es zu wenig, heute, fiirchte ich. 

Sie sind einer der letzten echten Schriftsteller von heute in Deutschland, 

Sie lieber Rene Schickele. Ich habe Sie immer lieb gehabt und hab' Sie 

heute und seit 3 Tagen, an denen ich Ihr liebes Buch las, doppelt lieb. 

[...] 

JRB,S.213f. 

Rene Schickele 192 

Der Wolf in der Hiirde. Roman. 
Berlin: S. Fischer (1931). 552 S. 
(Schickele: Das Erbe am Rhein. Bd. 3.) 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Joseph Roth 193 

[Antwort auf die Umfrage] Die besten Biicher des Jahres. 
In: Das Tagebuch. 12 (1931), 51, S. 1978. 

Leihgabe: Dr. Werner Berthold, Frankfurt a. M. 

Ich habe in diesem Jahr nur wenig lesen konnen: 

Rene Schickele: »Der Wolf in der Hiirde« (S. Fischer Verlag) 

Leonhard Frank: »Von drei Millionen Drei« (S. Fischer Verlag). 

Hans Sochaczewer: »Die UntaU (Kiepenheuer Verlag). 

haben mir die starksten Eindriicke verschafft. Jedes dieser Biicher 

scheint mir geeignet, den Leser mit der einzigen Quelle dichterischer 

Schopfung vertraut zu machen, die es gibt: dem Herzen, 



146 BERUF: JOURNALIST 



Wenn ich diesem Bekenntnis noch einen Wunsch hinzufugen darf, so 
ware es der, die Artikel Leopold Scbwarzscbilds gesammelt zu sehen. Al- 
les, was er in diesen Wochen geschrieben hat, ist kostlicher Beweis dafur, 
daft noch Vernunft in der Welt vorhanden ist Und wenn ich gewohnt 
ware, Weihnachten Geschenke zu geben: ich wiirde auf die Tische der 
Sentimentalen die Worte des Vernunftigen legen. 



194 Rene Schickele 

Photographic 

Rene Schickele 

Geb. am 4. 8. 1883 in Oberehnbeim/Elsafl. Solon eines Deutschen und einer 
Franzosin. Schriftsteller, journalist ische Tdtigkeit Pazifist. Griindet 1902 
mit Ernst Stadler und Otto Flake eine Aktionsgemeinschaft fiir progressive 
Dicbtung, gibt die Zeitschrift der Gruppe, »Der Stiirmer«, beraus. Seit 1909 
Pariser Korrespondent, spd'ter Cbefredakteur der Strafiburger »Neuen Zei- 
tung«. 1914—1920 Hera usgeber der pazifist iscb-expression ist iscben Zeit- 
schrift »Die iveifien Blatter*. 1916 ins Exil in die Schiveiz. Lebt von 
1920—1932 in Bademveiler. 1932 ins Exil nach Frankreich, Sanary-sur- 
mer. Zeitlebens urn Verstdndigung des deutschen und franzbsischen Volkes 
bemiihi. Publiziert u. a. Der Fremde. Roman. Leipzig 1913. — Benkal, der 
Frauent roster. Roman. Leipzig 1914. — Hans im Scbnakenloch. Schau- 
spiel, Berlin 191 X — Das Erbe am Rhein. Rotnantrilogie (Bd. 1: Maria 
Capponi Munchen 1925; Bd. 2: Blick auf die Vogesen. Muncben 1927; Bd. 
3: Der Wolf in der Hurde. Berlin 1931). — Symphonic fur Jazz. Roman. 
Berlin 1929. — Die Witive Bosca. Roman. Berlin 1933. — Liebe und Ar- 
gemis des D. H Lawrence. Amsterdam 1934. — Die Flaschenpost. Roman. 
Amsterdam 1937. — Le retour. Paris 1938 (dt. Strasbourg 1939). Gest. am 
31. 1. 1940 in Vence bei Nizza. 



Annette Kolb traf Roth offers in den zwanziger Jahren im Hause Benno 
Reifenbergs in Frankfurt. Aus einem Brief vom 5. Juli 1932 aus Berlin 
spricht seine Verehrung: 

Sehr verehrte, sehr Hebe Frau Annette Kolb, 

Ihre lieben Briefe jagen einander mit einer so reizenden Schnelligkeit, 
daft ich kaum antworten kann. Heute kam Ihr liebes Bild, ich danke Ih- 
nen von Herzen. Wenn ich ein Bett hatte, ich hangte es dariiber, voraus- 
gesetzt, daft Sie nichts dagegen hatten. Es ist ein sehr schones Bild von 
Ihnen, ein pfingstlicher Ernst ist dariiber. 

[...] 

JRB, S.219f. 



BERUF. JOURNALIST 147 

Annette Kolb 195 

Photographic 

Vorlage: Colpach. Luxembourg: Amis de Colpach 1978, 

vor S. 185. 

Annette Kolb 

Geb. am 2. 2. 1870 in Miinchen. Tochter eines Munchner Gartenarchitekten 
und einer f ran zosischen Pianist in. Romanschriftstellerin, Essayist in, Bio- 
graphin und Ubersetzerin. Pazifistin, Kosmopolitin. Lebt ivdhrend des 1. 
Weltkrieges in der Schweiz, setzt sich von tier a us fur den Frieden ein. 
Nach dem Krieg bis 1933 in Badenweiler. Ins Exil 1933 nach Paris, 1940 
in die USA. 194) Ritckkehr nach Europa (Paris, dann Miinchen und Ba- 
denweiler). Zeitlebens urn einen Ausgleich zxvischen Deutschland und 
Frankreich bemuht. 

Publiziert u. a. Das Exemplar. Roman. Berlin 1913. — Brief e einer 
Deutsch-Franzosin. Berlin 191 6. — Daphne Herbs t. Roman. Berlin 1928. 
— Kleine Fanfare. Berlin 1930. — Die Schaukel. Roman. Wien 1934. — 
Mozart. Wien 1937. — Konig Ludwig II. und Richard Wagner Amster- 
dam 1937. — Festspieltage in Salzburg und Abschied von Osterreich. Am- 
sterdam 1938. — Franz Schubert. Sein Leben. Stockholm 1941. — Memen- 
to. Erinnerungen. Frankfurt a. M. I960. — 1907—1964. Zeitbilder. 
Frankfurt a. M. 1964. Gest am 3- 12. 1967 in Miinchen. 
Siehe auch Kat. Nr. 287 und 288. 



Uber Roths Haltung zur »Gruppe 192i«, einem Zusammenschlufi junger 
Schrifts teller, der auf Initiative von Rudolf Leonhard 192) in Berlin ent- 
standen war, berichtet Leonhard in seinem Nachruf auf Roth: 

Als wir in Berlin die Gruppe 1925, eine Vereinigung junger Schriftsteller 

aktiven Charakters und mit aktivistischen Absichten, griindeten, trat 

Roth sofort bei und telegraphierte : »Empfehle Kliquenbildung im guten 

SinneN 

Rudolf Leonhard: Geschichten vom Joseph Roth. In: Die neue Weltbuhne. 

35 (1939), 2% S. 792-794, hier S 793. - Siehe auch Kat. Nr. 539 

»Grupa 1925« 196 

Rozmowa z Jozefem Rothem. Korespondencja wlasna. 
In: Wiadomosci Literackie. 16. 5. 1925. 

Interview eines polnischen Journalisten mit Joseph Roth auf dem Boulevard 
St. Michel in Paris im Fruhjahr 1926. Unter anderem berichtet e Roth uber 
die »Gruppe 1925«: 



148 BERUF: JOURNALIST 

Unsere Gruppe vereinigt eine Reihe hervorragender deutscher Schrift- 
steller, daninter Johannes R. Becher, Walter Hasenclever, Alfred Doblin, 
Ernst Toller, Hermann Ungar, Rudolf Leonhard, Walther von Hollander, 
Klabund, Ehrenstein, Hans Siemsen, und viele andere. Lauter Schrift- 
steller, die mit der geistig revolutionaren Bewegung unserer Epoche eng 
verbunden sind. Unsere Gruppe macht es sich zur Hauptaufgabe, den 
heutigen deutschen Autoren zu helfen, sich aus der Vereinsamung und 
Isolierung, welche in moralischer und materieller Hinsicht destruktiv 
wirken, herauszuarbeiten, sie mit einer starken Organisation zu verbin- 
den und ihre Stellung auf diese Art und Weise zu starken. 
Ubersetzung nach Bronsen, S. 270 

In einem Brief an Bernard von Brentano (undatiert, vermutlich Jahres- 
wende 1925/26) dufiert erjedoch Skepsis und Zuruckhaltung—Roth meinte 
fdlschlich, die Initiative zum Zusammenschlufi sei von Alfred Doblin aus- 
gegangen: 

Ich habe eine Einladung zu Doblins Runde bekommen. Ich werde in ei- 
ner Form annehmen, die keine Bindung ist, sondern nur eine Artigkeit. 
Ich will keine Bindung mit deutschen Schriftstellern. Keiner von ihnen 
empfindet doch so radikal, wie ich. Lesen Sie meinen Aufsatz iiber Dob- 
lin. Es wird ihn, glaub' ich, kranken. Es tate mir leid. Fragen Sie ihn ein- 
mal dariiber. 
JRB,S. 75 f. 

Und kurze Zeit spdter, gleicbfalls an Bernard von Brentano, am 11. Fe- 
bruar 1926 aus Essen: 

Ich habe nicht Doblin, der nicht Vorsitzender des Klubs ist, geschrieben, 
sondern Rudolf Leonhard, von dem die Sache ausgeht. Es ist kein Vor- 
zug, unter uns gesagt, diesem Klub anzugehoren. Einige sind dort, auf 
die ich pfeife. Ich habe Leonhard geschrieben, daft ich skeptisch bin, daft 
ich einen Verein loben wiirde, dessen Aufgabe es ware, alle anstandigen 
Menschen zur Auswanderung zu bewegen. Im Staate Geftlers, Strese- 
manns, Gerhart Hauptmanns, aber auch Heinrich Eduard Jacobs', Alfred 
Kerrs und Rowohlts ist nichts fur uns zu holen. 
JRB, X 19 



197 Rudolf Leonhard 

Photographic. Von Fred Stein. 

Zu Beginn desjahres 1927 trat Leonhard selbst aus der Gruppe aus, deren 
mangelnde politische Aktivitdt ihn enttduschte. Aucb fuhlte er sich bei einer 
Ausschufiwahl hintergangen. 



BERUF: JOURNALIST 149 

Im Nachlafi Rotbs findet sich die hier gezeigte Abschrift eines Brief es von 
Rudolf Leonhard an Alfred Doblin, in dem er die Grunde seines Austritts 
erkldrt: 

Rudolf Leonhard an Joseph Roth u. a. 198 

Rundschreiben. Pyrmont, 23. 1. 1927. 5 Bl. ms. mit Un- 

terschrift. 

Kopie. — Original: LBI 

Enthalt die Abschrift eines Briefes von R. Leonhard an 
Alfred Doblin. 



Soma Morgenstern, in den zivanziger Jahren eben falls Mi tar better der 
"Frankfurter Zeitung« und im Pariser Exit einer der erge bens ten Freunde 
Roths, bat ein Gesprdcb zwischen Robert Musil und Joseph Roth aufge- 
zeichnet, das im Wiener Cafe Museum, etwa im Jahre 1930, stattfand. 
Dieses Gesprdcb ist aufschlufireich fur Roths Verhdltnis soivohl zu Musil 
ah auch Angehorigen der "Frankfurter Sckule* gegenuber: 

Soma Morgenstern 199 

Dichten, denken, berichten. Gesprache zwischen Roth u. 

Musil. 

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (1975), 79, Beil.: Bil- 

der und Zeiten, S. [4], 

[ . . . ] Musil aufierte den Wunsch, Roth kennenzulernen. Das wunderte 
mich, denn er war sonst gar nicht so neugierig, Schrifts teller kennenzu- 
lernen. Ich hatte Bedenken, die zwei zusammenzubringen. Ausweichend 
sagte ich: »Er ist hier nur auf kurzen Besuch, aber ich treff ihn noch ein- 
mal, und ich werde es so einrichten, daft er wieder ins >Museum< 
kommt.. 

Ich war fast sicher, daft die zwei nicht zueinanderfinden wiirden. Musil 
war ein poeta doctus. Das fand man leicht heraus, wenn man ihn so gut 
kannte wie ich, auch vor dem Erscheinen seines groften Werks »Der 
Mann ohne Eigenschaften*. Roth hatte eine Abneigung gegen Denker- 
Kiinstler. Schriftstellern wie Ernst Bloch, Walter Benjamin — obwohl 
beide wie er auch fur die ^Frankfurter Zeitung« geschrieben haben — 
wich er in weitem Bogen aus. Gegen den damals mit mir befreundeten 
Dr. Wiesengrund-Adorno zeigte er offene Gehassigkeit. 



1 50 BERUF: JOURNALIST 

[ . . . ] »Ich bin kein Denker. Soma hat mich verleitet, eine Roman-Theo- 
rie von Georg Lukacs zu lesen. Ich habe ihm zuliebe den Versuch ge- 
macht, das Buch zu lesen. Zwei Seiten lang habe ich mich qualen lassen. 
Und damit war ich mit dem Buch fertig. [ . . . ] 

Als Musil sich verabschiedet hatte — damals ging er noch allein nach 
Haus, ohne zu warten, daft ihn Frau Martha abholte — , sagte Roth: »Er 
spricht wie ein Osterreicher, aber er denkt wie ein Deutscher. Fast so, 
wie deine Freunde Benjamin oder Bloch. Lauter Philosophen.* 

[■•] 

Ein Jahrzehnt spater, vielleicht schon im Jahre 1938 in Paris, fragte mich 
ein osterreichischer Emigrant, ob Roth den »Mann ohne Eigenschaften* 
gelesen habe. Es saften mehrere Leute an unserem Tisch, auch Roth, er 
schrieb, aber er horte die Frage und beeilte sich, sie selbst zu beantwor- 
ten: »Ich habe ein ganzes Stuck mit Vergniigen gelesen. Aber wie er 
dann auf tausend Seiten Osterreich immer wieder Kakanien nennt, und 
noch einmal Kakanien und noch einmal Kakanien, habe ich aufgehort 
Das ist ekelhaft!* Das war alles iiber den »Mann ohne Eigenschaften«. 
Doch in jenem Jahr habe ich Roths Urteile iiber Biicher und Menschen 
nicht so ernst genommen wie die Leute, die an seinem Tisch saften. 



200 Robert Musil 

Photographic Um 1935. 

Vorlage: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. 

Bd. 3. 

Lausanne: Impr. Centrale 1943, Titelbild 



Unverhohlene Antipathie empfand Roth der Zeitschrift »Die Weltbuhne* 
gegeniiber. Ihren Mitherausgeber Kurt Tucholsky bezeichnete er in einem 
Brief an Stefan Zweig vom 7. November 1933 aus Rappemvil am Zurich- 
see als »meinen alien Feind«. Bezeichnenderweise hat sich auch Tucholsky 
kaum — und dann nicht positiv — uber Roth gedufiert. 

Als sich nach Roths Bruch mit der frankfurter Zeitung« von 1929/30 im 
Mai 1930 erneut Verhandlungen ziviscben ihm und der Zeitung anbahn- 
ten s schreibt ihm Benno Reifenberg: 

Es mu(S diese lastige Geschichte in der Weltbuhne zu Ende gebracht 
werden. Sie wissen vielleicht nicht, daft die gesamte Redaktion Ihren Ar- 
tikel damals als eine Diffamierung der F. Z. aufgefaflt hat, und daft Sie 
dort also mit einem auflerordentlichen Ressentiment zu rechnen haben. 
Ich habe mir vorgestellt, man konnte durch einen offenen Brief an Sie 



BERUF: JOURNALIST 151 

und Antwort, die Sie uns dann gaben, die Geschichte aplanieren. Es wer- 
den aber auch Stimmen laut, Sie sollten in der Weltbiihne die Sache 
noch einmal aufgreifen. 
Benno Reifenberg anJR, 14. X 1930. - JRB, S. 163 

Roth antwortet dem Freund: 

In der Weltbiihne konnte ich nichts widerrufen. Ich stehe mit der Welt- 
biihne ganz schlecht. Ich will mit dieser Bagage nichts zu tun haben. 
JR an Benno Reifenberg 17. x 1930. -JRB, S. 163 



Was war vorausgegangen? 

Roths Bereitschaft, an den »Mi'mcbner Neuesten Nacbrichten« mitzuarbei- 
ten (siehe den Abschnitt »Bei der frankfurter Zeitung</Zerwiirfnisse und 
Entfremdungem), war in der »Weltbubne« von Hans Bauer scharf kriti- 
sierf worden: 

Hans Bauer 201 

Ein Vorschlag und seine Erfullung. 

In: Die Weltbiihne. 25 (1929), 39, S. 492-493. 

JRW4, S. 228-229 

Immer wieder muft man der Wirklichkeit vorwerfen, daft, wenn sie nur 
will, ihre Unwirklichkeiten den gemeinsten Kolportageroman in den 
Schatten stellen und daft sie Vorgange abrollen laftt, die zu erfinden nie- 
mandem erlaubt ist, der den bescheidensten Wert auf guten Geschmack 
und den Ruf legt, sich nicht in Kraftheiten zu verlieren. 
Ich schlage das Heft 14, sechster Jahrgang, einer verschollenen Zeit- 
schrift auf, des »Drachen« namlich, den ich vor Jahr und Tag in Leipzig 
herausgab und finde darin einen besonders ausgezeichneten Artikel des 
ausgezeichneten Schriftstellers Joseph Roth. Joseph Roth beschaftigt 
sich mit einem Preisausschreiben, das der Verlag der »Munchner Neue- 
sten Nachrichten* gemeinsam mit dem des ^Hamburger Fremdenblat- 
tes« veranstaltete und das nicht weniger als 100 000 Mark fur den »be- 
sten deutschen Zeitungsroman* auslobte. Em Motiv, auf dem Joseph 
Roth kostlich boshafte Angriffe gegen die beiden Blatter, vor allem aber 
gegen die »Miinchner Neuesten* aufbaut 

»Die deutschen Schriftsteller*, schreibt er, »sind an solche Honorare 
nicht gewohnt* Und er weift auch die Erklarung dafiir: »In einem Lande, 
in dem Zeitungen von der Qualitat und der Gesinnung der >Munchner 
Neuesten Nachrichten< erscheinen, kann es Schriftstellern von Qualitat 
und Gesinnung nicht gut ergehen. Es ware zu wiinschen, daft die 
>Munchner Neuesten Nachrichten< als Bufte fiir ihre Existenz und ihr 
Erscheinen jedem anstandigen deutschen SchriftsteHer 100 000 Mark 



152 BERUF: JOURNALIST 

zahlen, selbst wenn er ihnen keinen Roman liefert, auf daft er instand ge- 
setzt werde, seine Heimat zu verlassen und die >Munchner Neuesten* nie 
mehr zu sehen.« [ . . . ] Aber da vollzieht sich nun das Wunderbare und 
wahrhaft Unglaubliche. Im Jahre 1929 greifen die »Miinchner Neuesten 
Nachrichten*, freilich wohl ohne seinerzeit die schriftliche Fixierung zu 
Gesicht bekommen zu haben, Joseph Roths Gedanken von der Buftgeld- 
zahlung auf und wenden sich, da er fur ein normales Geld ihnen keine 
Zeile schreiben wiirde, mit dem koniglichen Honorarangebot von 2000 
Mark pro Monat fur zwei Artikel an einen der Schriftsteller, die Joseph 
Roth gewift im Sinne seines Artikels unter die anstandigen und die von 
Qualitat und Gesinnung rechnet: an ihn selber! [ . . . ] 
Es ware pharisaerhaft, dem Schriftsteller Joseph Roth mit moralischen 
Erwagungen zu kommen und ihn das den meisten Menschen eigne Stre- 
ben nach besserer Entlohnung entgelten zu lassen. In Wahrheit wird er 
auch bei den »Miinchner Neuesten Nachrichten« keine Zeile gegen seine 
Uberzeugung schreiben — das allein ware charakterlos!— und seine Kon- 
zessionen werden sich nur auf diejenigen Zeilen erstrecken, die er unge- 
schrieben lafit Er hat gehandelt, wie neunundneunzig unter hundert 
Menschen handeln wiirden, und niemandem, der es sich nicht selber zu- 
mutet, darf von einem Fremden zugemutet werden, daft er der eine, die 
Norm sprengende Sonderfall sei. 

In der politischen Chronik unserer Tage aber bleibt der bemerkenswerte 
Fall zu registrieren, daft eine Begabung, die sich nicht zuletzt durch ihre 
Kritik an der Qualitat einer reaktionaren Zeitung unter Beweis gestellt 
hatte, von eben dieser Zeitung, weniger wohl um die eignen Spalten zu 
fullen als um fremden eine Kraft zu entziehen, aufgekauft wird. 



Roth verteidigte sich mit einer Replik ^Joseph Roth antworteU: 

202 Joseph Roth antwortet 

In: Die Weltbuhne. 25 (1929), 39, S. 493-494. 

JRW4, S. 230-231 

Seit dem Jahr 1925 sind, wie man weift, vier Jahre vergangen, ein Zeit- 
raum, in dem es mir wohl gestattet sein konnte, eine Meinung zu an- 
dern. Heute wiirde ich die zitierten Satze nicht schreiben, auch wenn ich 
inzwischen nicht Mitarbeiter der »Miinchner Neuesten Nachrichten« ge- 
worden ware. Denn obwohl ich natiirlich immer noch von meinen 
schriftstellerischen Qualttaten uberzeugt bin, die mir Hans Bauer schon 
damals zugestand, kann ich doch seine Meinung iiber den gelungenen 
Witz jenes von mir im »Drachen« gemachten Vorschlags nicht teilen. Ja, 
ich finde diesen Vorschlag heute billig. Folge einer polemischen Fliich- 
tigkeit, die von einer geiibten Dialektik geschickt cachiert wird und mei- 



BERUF: JOURNALIST 153 

ner formalen Gewissenhaftigkeit unwiirdig. Zwar crinnere ich mich 
nicht mehr, in welcher Stimmung ich damals iiber die »Miinchner Neue- 
sten Nachrichten* geschrieben habe. Aber es fallt meinem Gewissen 
leicht, heute noch zu versichern, dafl ich 1925 von keiner deutschen Zei- 
tung, die einen Preis von 100 000 Mark fur den »besten deutschen 
Roman* ausgesetzt hatte, anders hatte denken konnen als von den 
»Munchner Neuesten Nachrichten*. Meine Meinung von den Zeitungen 
war iiberhaupt nicht die beste — und heute noch halte ich mehr von mir 
als von ihnen. 

Hierin scheint mir, unterscheide ich mich von Hans Bauer (und man- 
chen Andern). Ich bin mehr von mir eingenommen, als er. Wo immer 
ich schreibe, wird es »radikal«, das heiflt: hell, klar und entschieden. 
Fremd und verhaftt ist mir die subalterne Anschauung, die Institution 
ware starker als der Schriftsteller. (»Er schreibt fur . . . .«, »er ist bei . . .*). 
Niemals habe ich die » Weltanschauung* irgend einer Zeitung, in der ich 
gedruckt war, geteilt oder gar reprasentiert. Der anstandige Radikalis- 
mus, den in der frankfurter Zeitung< mit mir noch zwei, drei Freunde 
vertreten und reprasentiert haben, ist nicht der Radikalismus der >Frank- 
furter Zeitung<. Von dem Standpunkt aus, von dem ich Reaktionare, Li- 
berate, Radikale, Oppositionelle einzig sehen kann, sehen die >Kreuzzei- 
tung< aus wie der >Vorwarts<, Wilhelm II. wie Scheidemann, die Juden 
wie die Antisemiten, die jiidische Konfektion wie die arische Industrie. 
Ich habe erfahren, dafi ein wirklich unabhangiger Schriftsteller beinahe 
in keiner einzigen Zeitung schreiben kann, was er will und wie er will, 
ohne mit der Inseratenabteilung in {Collision zu geraten, mit den Herren 
Abonnenten, mit den Interessen des Verlagsdirektors. Ich nehme es den 
Zeitungen nicht iibel. Sie sind hochst mangelhafte Einrichtungen. Sie 
miissen Geschafte sein. Ich ziehe daraus nur zwei Konsequenzen: er- 
stens war ich nie Redakteur, bin kein Redakteur, werde nie einer sein; 
zweitens lasse ich mich nur von jenen Zeitungen bezahlen, die mich 
schreiben lassen, was ich will und wie ich will. 

Es ist sachlich falsch: dafl ich bezahlt werde, um etwas zu verschweigen 
und um in andern Zeitungen oder Zeitschriften nichts zu publizieren. 
Im Gegenteil: ich darf nicht nur in den »Munchner Neuesten* schreiben, 
was und wie ich will. Niemals und nirgends hat ein Verlag einem »radi- 
kalen* Schriftsteller gegeniiber eine groftere Noblesse gezeigt. Der Ver- 
lag der »Miinchner Neuesten* bringt sogar meine in der ^Frankfurter 
Zeitung* erschienenen »radikalen« Aufsatze gesammelt heraus. Wenn 
diese Noblesse Klugheit ist, um so besser. 

Es bleiben von der Glosse Hans Bauers nur zwei Tatbestande iibrig, die 
ich anerkennen kann: erstens, dafi ich im Jahre 1925 einen faulen Witz 
iiber die »Miinchner Neuesten* gemacht habe (und den bedauere ich); 
zweitens, da/] ich ein »ausgezeichneter Schriftsteller* bin. 

Siehe auch Kat Nr. 260. 



154 BERUF: JOURNALIST 

Roth fund im Lager der Lin ken nur noch ivenig Sympathies In der Zeit- 
schrift des Bundes proletarisch-revolutiondrer Schriftsteller Deutschlands, 
»Die Linkskurve«, die damals allerdings selbst mit Tucholsky, Toller, Hein- 
rich Mann und anderen unabhdngigen radikalen Demokraten unsanft 
umging, urteilte Oto Bihalji-Merin uber eine Rezension des Eisenstein- 
Films »Panzerkreuzer Potemkin« von Joseph Roth sehr scharf: 

203 Bi [d. i. Oto Bihalji-Merin] 

Die Sorgen des Joseph Roth. 

In: Die Linkskurve. 2 (1930), 5, S. 27. 

Nachdruck. Glashiitten i. Ts.: Auvermann 1970. 

In einer mehr an Worten als an Gedanken reichen Besprechung schreibt 
Roth im »Scheinwerfer« unter anderem folgenden Satz, den wir der Ver- 
gessenheit zu entreiften gewillt sind: »Der Potemkin-Film fand eine giin- 
stige Bereitschaft: Das humane Gewissen Europas, das immer Feind des 
Zarismus war. Die »Generallinie* findet iiberhaupt keine Bereitschaft: 1. 
weil unsere Maschinenmudigkeit zu grofl ist; 2. weil uns Stalins (und 
selbst Lenins) Programm zu banal ist. Wir haben ganz andere viel kom- 
pliziertere Sorgen und allerdings auch noch einen Rest von romantischer 
Zuneigung zum »ratselhaften Osten* . . . .« 

Fiirwahr, die Gedanken des Herrn Joseph Roth beschaftigen sich mit 
wichtigeren Dingen. Diese lacherliche und aufgeblasene Schreiberseele, 
dieses armselige Licht mit der romantischen Zuneigung (der irrtumli- 
cherweise zur neuen Literatur gerechnet wurde) kennt selbstverstandlich 
nur die eine gebieterische und mafigebende Sorge aller Literaturkonfek- 
tionare und geistigen Agenten des Kapitals: namlich die des Profits. 



Neue Bindung: Andrea Manga Bell 



An einem Augustsonntag 1929, im zweitenjahr von Friedls Krankheit, be- 
suchte Roth Lotte Israel, eine Freundin von Ernst Toller, in ihrem Land- 
haus am Stolpchensee bei Berlin. Neben Walter Hasenclevers Schivester Ma- 
rita traf er dort Andrea Manga Bell, eine schone Mulaitin, mit der ibn 
sechsjahre lang eine tiefe geistige und erotische Beziehung verbinden sollte. 



Andrea Manga Bell 204 

Photographic Um 1929- Von Franz Pfemfert Abb. 49 

Leihgabe: K& W 

Andrea Manga Bell 

Geb. 1900 in Hamburg.' Tochter eines farbigen Kubaners — Pianist, 

Liszt-Schuler, Komponist — und einer Hamburgerin hugenottischer Her- 

kunft. 

Heiratet nach 1918 4e Prince de Douala et Bonanyo«, fruher Deutsch-Ka- 

merun, Alexandre Manga Bell, der zeitweise am kaiserlichen Hofin Berlin 

erzogen worden war. (Sein Vater war von den Deutschen hingerichtet wor- 

den.J Lebt mit ihm in Versailles. Zwei Kinder. Folgt ihrem Mann nicht 

nach Duala. Lebt etwa seit 1925 in Berlin. Wird durch Fursprache von 

Franz Blei Redakteurin der Kunstzeitschrift »Gebrauchsgraphik« im Ull- 

stein-Verlag. Lemt 1929 Joseph Roth kennen, mit dem sie von 1931 bis 

1936, zuerst in Berlin, dann in Paris zusammenlebt. 

Lebt in Paris. 



Joseph Roth 205 

Photographic Vermutlich Ende der zwanziger Jahre. 

Vorlage: K& W 

Seit 1931 lebte Roth mit Andrea Manga Bell zusammen. Etwa im Septem- 
ber zogen sie nach Paris. Ein Brief Roths an Friedrich Traugott Gnbler, 
den Nachfolger Benno Reifenbergs in der Feuilleton'Redaktion der frank- 
furter Zeitung«, vermutlich vom September 1931, la fit Glikk und Selbstbe- 
wufitsein erkennen: 

Ich bin in Paris, will hier mdblierte Wohnung nehmen. Kann Ihnen 
nichts Genaues privates mitteilen. Brauche viel Geld, bin sehr zufrieden, 
niichtern und gescheit. 
JRB, S. 210 



156 



BERUF:JOURNALIST 




49. Andrea Manga Bell Urn 1929 



BERUF: JOURNALIST 157 

Kurze Zeit danach ist aber auch diese Beziehung von Sorgen uberschattet. 
Aus einem Brief vom 10. Oktober 1931, ebenfalls an Gubler: 

Meine GSegerrwart ist triibe und meine Zukunft finster. Ich habe nach al- 
ien Seiten hin zu sorgen, und es ist mir manchmal, als hatte ich 10 Pfer- 
de nach alien Richtungen laufen und muflte sie krampfhaft zusammen- 
halten. Und ich selbst bin auch ein dummes Roft und laufe mir selbst da- 
von. 

[...] 

Frau M. B. konnte ich nicht lassen. Im letzten Moment war mein Herz 
weh, und mein Gewissen, das ihm benachbart ist, auch — und nun glau- 
be ich, an dieser Einen gut machen zu konnen, was ich an vielen gesiin- 
digt habe — an mir selbst auch — (und sie laftt Sie herzlich griiften und 
sagt manchmal, mit mir im Verein Liebes von Ihnen). 
JRB,S. 211 f. 

Wieder sind es Geld note, die Roth bedrucken. Da Andrea Manga Bell von 
ihrem Mann keine finanzielle Unterstutzung erhielt, fiel die Sorge auch fur 
ihre beiden Kinder Roth zu. Er versuchte, die Tochter in einem Kloster und 
den Sohn in einem Pensionat unterzubringen, und bat in dieser Angelegen- 
he it seine franzosische Ubersetzerin Blanche Gidon urn Hilfe. 



Joseph Roth an Blanche Gidon 206 

Brief. Frankfurt a. M, 11. 10. 1932. 

Kopie. - Original: K& W 
JRB, S. 233-235 

[ . . . ] Der Vater der Kinder ist der unter franzosischem Protektorat ste- 
hende Furst von »Dualla und Bunanjo*. — Er hat Frau Manga-Bell, die 
Mutter der Kinder, boswillig verlassen. — Die Kinder sind in Paris ge- 
boren, also Franzosen. — Sie werden in Deutschland — ihrer Rasse we- 
gen — und ihrer Zukunft wegen — nicht lange bleiben konnen! — 1.) 
Sie sind Neger und also a priori auf Frankreich angewiesen. — 2.) Sie 
sind franzosische Neger, also Franzosen. 3.) Sie haben gute Moglichkei- 
ten in Frankreich, weil ihr Vater ein franzosischer »Negerhauptling« ist. 
Die Kinder sind: 12 und 11 Jahre alt: derjunge 12, das Madchen 11 Jah- 
re. Von Kinderkrankheiten kann keine Rede sein — von unvoraussehba- 
ren Zufallen abgesehen. 

[•••] 

Ich selbst bin sehr praokkuppiert von dem Schicksal der Kinder. Ich lie- 
be sie, als waren sie meine eigenen. — Ich wiirde sie auch adoptieren, 
wenn ich sie dadurch nicht des viel machtigeren natiirlichen Vaters be- 
rauben wiirde. 



158 BERUF: JOURNALIST 



Und aus einem Brief an Ernst Kfenek vom 10. September 1932 aus Paris: 

Ich komme nicht mehr zu Rande mit meinen verworrenen privaten Ver- 
haltnissen. Sie gehen allzu parallel mit den »6ffentlichen«. 
JRB, S. 226 

Auch diese Bindung scheiterte an Roths Unabhdngigkeitsbedurfnis. Einige 
Monate vor der Trennung, am 26. November 1935, schreibt er Stefan Zweig 
aus Paris: 

Ich mufi frei sein, am Abend, ich mu(S allein sein konnen, und mit gu- 
tem Gewissen allein sein konnen. Es steckt in dieser Frau — wie iibri- 
gens in alien — der fatale und sehr natiirliche Drang, mich einzuengen, 
familiar und zum Haustier zu machen, und ich kann mich mit gutem Ge- 
wissen nur dann davor schiitzen, wenn ich sie nicht entbehren lasse. Oh- 
ne gutes Gewissen aber kann ich mich nicht fur frei halten. Dann litte 
ich doppelt. 
JRB, S. 442 



207 Hertha Pauli 

Der Rifi der Zeit geht durch mein Herz. Ein Erlebnis- 

buch. 

Wien, Hamburg: Zsolnay 1970. 270 S. 

Hertha Pauli, eine mit Roth befreundete Schriftstellerin, erinnert sich in ih- 
ren Memoiren an »eine schone, dunkelhdutige Frau, die Roth ivie ein Schat- 
ten durchs Exil begieitete«: 

Sie hieft Manga Bell und war mit einem Hauptling oder Konig von Fran- 
zosisch-Kamerun verheiratet. Man erzahlte sich, dafS der Konig immer 
noch auf ihre Riickkehr warte, und daft Kamerun-Neger in Paris bei je- 
der zufalligen Begegnung vor ihr auf die Knie fielen. 
Ich hielt das immer fur ein Marchen, bis ich dreiftig Jahre spater im 
Schweizer Kanton Tessin zufallig mit zwei Austauschstudenten aus der 
Republik Kamerun ins Gesprach kam und meine einstige Freundin 
Manga Bell erwahnte. Der Ausdruck der jungen Afrikaner verwandelte 
sich schlagartig von freundlicher Distanz in respektvolles Staunen. »La 
femme du chef< sagte der eine. »Du roi«, verbesserte der andere. Wir hat- 
ten Manga Bell beim Fall von Paris aus den Augen verloren. Nun horte 
ich, dafi auch in Kamerun niemand wisse, was aus ihr geworden war. Ihr 
Gatte habe sich nach dem Zusammenbruch Frankreichs mit de Gaulle 
solidarisiert, um Hitler zu bekampfen, und sei dann auf mysteriose Wei- 
se gestorben. An der italienischen Grenze trennten wir uns; die Studen- 
ten schtittelten mir die Hand und schauten mir lange nach — jemand, 
der ihre Konigin gekannt hatte . . . 



BERUF: JOURNALIST 159 

An Roths Stammtisch war Manga einfach eine von uns. Sie allein hatte 
heimkehren konnen, zog es aber vor, bei Roth und uns zu bleiben. Als 
einzigen Schmuck trug sie meist eine rote Rose, die ihr der Dichter je- 
den Morgen uberreichte. So welkte sie dann langsam und leise zwischen 
uns dahin. 
S.46f. 

Auch Karl Retzlaw er inner t sich an ein Zusammentreffen in der Emigra- 
tion: 

Fast drei Jahrzehnte spater safi ich in Paris bei Josef Roth im Cafe Tour- 
non, es waren auch Valeriu Marcu, Josef Bornstein und Hermann Kesten 
in der Runde, als sich eine dunkelhautige Dame zu uns setzte. Josef 
Roth stellte sie vor: »Madame Manga Bell«. Sie war eine intelligente und 
schone Frau; teitweise deutscher Abstammung, ihre Mutter war Ham- 
burgerin. Bei Nennung des Namens fiel mir der Negerknabe aus der 
Sonntagsschule meiner Schwester ein, und ich erzahlte ihr von meiner 
Bekanntschaft mit dem Jungen Manga Bell 1912 in Berlin. Sie sagte, die- 
ser Manga Bell sei ihr Mann; jetzt Senator fur Kamerun im Senat der 
Franzosischen Republik. So erneuerte ich meine Bekanntschaft mit der 
Familie Manga Bell in der Tischrunde Josef Roths. Der Mord an King 
Manga Bell war nicht vergessen. Die Tochter des Ehepaares bestand das 
franzosische Fliegerexamen und wurde Fliegerofhzier in der Armee de 
Gaulles. 

Karl Retzlaw: Spartakus. Frankfurt a. M. 1972, S. 22. ~ Siehe auch Kat. 
Nr. 434 



Die journalistischen Arbeiten 

Jch zeichne das Gesicht der Zeit.« 

Joseph Roth an Benno Reifenberg, 22. 4. 
1926. ~JRB,S. 88 

In die Scharen der verbliiffend Produktiven, der fixen Konner, der blu- 
migen Expressionisten, niichtern Neu-Sachlichen und abgekehrten Indi- 
vidualisten trat Joseph Roth als ein Autor mit unverwechselbaren Ziigen. 
Roth, aus Ostgalizien iiber Wien nach Berlin gekommen, begann als 
Feuilletonist, dessen Name mit der ^Frankfurter Zeitung* fur immer ver- 
bunden bleibt. Obwohl er vollig »modern« sah, urteilte und schrieb, 
lehnte er sich keiner Stilrichtung an. Fine hohe geistige Souveranitat 
und die Kraft eines mitleidenden Herzens zeichneten ihn aus vor vielen 
seiner schreibenden Zeitgenossen. Schon mit seinen ersten Veroffentli- 
chungen entwickelte er einen eigenen Stil, den Stil einer einmaligen 
dichterischen Personlichkeit 

Hermann Linden: Vorwort des Herausgebers. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 7-11, hierS. 7 



Oberlegungen zum Metier 



208 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brief. 22. 4. 1926. 4 Bl. hs. mit Unterschrift. 

JRB, S. 87-89 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[ . . . ] Man kann Feuilletons nicht mit der linken Hand schreiben. Man 
darfnicht nebenbei Feuilletons schreiben. Es ist eine arge Unterschat- 
zung des ganzen Fachs. Das Feuilleton ist fur die Zeitung ebenso wich- 
tig, wie die Politik und fur den Leser noch wichtiger. Die moderne Zei- 
tung wird gerade von allem andern, nur nicht von der Politik, geformt 
werden. Die moderne Zeitung braucht den Reporter notiger, als den 
Leitartikler. Ich bin nicht eine Zugabe, nicht eine Mehlspeise, sondern 
eine Hauptmahlzeit. 



BERUF: JOURNALIST 161 

[ . . . ] Mich liest man mit Interesse. Nkht die Berichte uber das Parla- 
ment. Nicht die Leitartikel, nkht die Telegram me. Aber der Verlag 
glaubt, der Roth ist ein nebensachlicher Plauderer, den sich eine grofte 
Zeitung gerade noch leisten kann. Es ist sachlich falsch. Ich mache keine 
»witzigen Glossen«. Ich zekhne das Geskht der Zeit, Das ist die Aufgabe 
einer groften Zeitung. Ich bin ein Journalist, kein Berichte rs tatter, ich 
bin ein Schriftsteller, kein Leitartikelschreiber. 
[...] 
Seite87f. 

Ich bin langsam, gnindlich, voller Angst, ich konnte was Falsches sehn, 
mein »Stil« ist ja nichts anderes, als eine genaue Kenntnis des Zustands 
— ohne sie schreibe ich schlecht — wie Sieburg im Osterblatt. Ich bin 
kein Leerschreiber. Ich habe keine »Gedanken* — nur Kenntnisse. 
JR an Benno Reifenberg, 23. 4. 1927. - JRB, S. 102 



Bei Einem, der Tag und Nacht schreibt, spielt die Eitelkeit keine Rolle. 
Sie ist es audi nicht, die das Anhangsel an meinem Aufsatz kritisiert 
Sondern die journalistische formale Gewissenhaftigkeit. Es gibt ein typo- 
graph is ches Gewissen. Das gebietet eine Vornotiz und leidct kein Nach- 
wort. 
JR an Benno Reifenberg. Marseille, 30. 8. 192% -JRB, S. 65 

Man muft nicht nur streichen und sogar verandern diirfen, man soil es 
sogar beinahe immer. Von 40 Artikeln, die ich geschrieben habe, sind 
vielleicht zehn »unversehrt« erschienen. Sie sind kein Solosanger, son- 
dern ein Chorsanger. Sie haben Sich einzufugen. Sie konnen im Einzel- 
nen uber den Grund dieses und jenes Striches streiten. Aber Sie miissen 
es prinzipiell zulassen. Vielleicht werden Sie mit dieser eifersuchtigen 
Liebe zu jeder Zeile, die Sie von Sich geben, ein genialer Dichter. Ein 
guter Journalist niemals. Die Sache, der Sie Ihren Aufsatz widmen, ist 
heilig. Ihr Aufsatz ist Mittel zum Zweck. 
JR an Bernard von Brentano. Essen, 11. 2. 1926. —JRB, S. 78 

Wiirden Sie oft und viel schreiben, so kamen Sie von selbst zu dem 
Ergebnis, daft der Rausch des Schreibens nur 2 — 3 mal im Leben dem 
beschriebenen Gegenstand entspricht, und daft man gerade dort, wo 
man ungehemmt und mit Wollust schreibt, dreifach aufpassen muft, um 
sich nicht zu verraten. Der Rausch und die Wollust miissen eingesperrt 
Hegen in den Objekten der Arbeit, so daft sie Glanz bekommen. Von da 
allein beziehen sie ihren Glanz. 
JR an Benno Reifenberg. Wien, 30. 7. 1928. -JRB, S. 135 



162 BERUF: JOURNALIST 

209 Joseph Roth 

Feuilleton. 

In: Berliner Borsen-Courier. 53 (1921), 341, S. 5-6. 

JRW 4, S. 803-806 



Die Leute sagen: Heine hat das Feuilletonunheil in die Welt gebracht 
Heines Reisebriefe sind aber nicht nur amiisant, sondern eine kiinstle- 
risch grofle Leistung und somit eine ethische. Der entartete Homo sa- 
piens hatte zehn Jahre die Pariser verschiedenen Statistiken studiert und 
dann ein langweiliges, also unmoralisches, Buch geschrieben. 
Heine hat vielleicht kleine Tatsachen umgelogen, aber er sah eben die 
Tatsachen so, wie sie sein sollten. Denn sein Auge bestand nicht nur aus 
optischem Instrument und Sehstrangen. 

Wenn das »burgerlich« ist, so ist »burgerlich« sehr ethisch. Dann lebe das 
Burgertum ! 

[■■-] 
Seite 805 



Politik 



»EIN UNPOLITISCHER GEHT IN DEN 
REICHSTAG«: WEIMARER REPUBLIK 

210 Reichstagsgebaude, Berlin 

Photographic 

In: Reichstag- Aspekte. 

Bonn: Dt Bundestag, Presse- u. Informationszentrum 

[1972], S. 9. 

211 rth [d. i. Joseph Roth] 

Ein Unpolitischer geht in den Reichstag. 
In: Frankfurter Zeitung. 68 (1924), 402, S. 1. 
JRW4, S. 32-35 

Joseph Roth berichtet von der Eroffnungssitzung des am 4. Mai 1924 neu- 
gewdhlten Rekhstages, in dem erstmals die Nationalsozialisten, mit der 
Deutschvolkischen Freiheitspartei zur Nationalsozialistischen Freiheitspar- 
tei vereinigt, mit 32 Sitzen vertreten waren. 



BERUF: JOURNALIST 163 

Joseph Roth 212 

Ebert. 

In: Das Prager Tagblatt. 48 (1923), 257, S. 2. 

JRW4, S. 95-98 

Seine personliche Tragik wachst mit dem Ungliick Deutschlands. In die- 
sem Sinne reprasentiert er es menschlich, nicht nur beruflich. Er wurde 
Reichsprasident, unfreiwillig und aus Verlegenheit. Er blieb es aus Not- 
wendigkeit. Niemals hat er sich selbst iiberschatzt. Immer unterschatz- 
ten ihn andere. [ . . . ] Zwischen der rohen Miftgunst kleinbiirgerlichen 
Pobels und der Verstandnislosigkeit des flachkopfigen Gewerkschaftsse- 
kretars spielt sich die deutsche Tragodie Ebert ab. 

[■••] 

So, mit Erfolg, um Achtung werbend, wuchs er in den Augen seiner po- 
litischen Gegner. So konnte im Oktober 1922 sein Provisorium aufhoren 
und seine Prasidentschaft eine endgiiltige bleiben. Aber je mehr Ebert 
Gegner verlor, desto geringer wurde die Zahl seiner — Freunde.Je mehr 
er an Achtung gewann, desto mehr verlor er an Liebe. Er war den Partei- 
en entriickt, nicht mehr Gegenstand ihres Haders, sondern ihrer Ach- 
tung, einer kiihlen Achtung, und ihres leisen Mifttrauens. Er hatte die ei- 
nen angenehm enttauscht und sich von den anderen entfernt. Und weil 
es in diesen funf Jahren der deutschen Sozialdemokratie nicht gelang, 
die deutsche Republik zu reprasentieren, President Ebert es aber konnte 
und mufite, entstand — ohne beider Schuld — ein deutlicher Gegensatz 
zwischen den grundsatzlichen Anschauungen der Partei und den Auffas- 
sungen Eberts von seiner Pflicht. 

[■■•] 

Wenn ihn jetzt die Partei verlafk, verlassen muG, wird Ebert ein Heimat- 
loser sein und ein — Ohnmachtiger. Denn die Politik im Innern 
Deutschlands ist nicht durch eine menschliche Kapazitat zu beeinflus- 
sen, sondern durch einen brutal Machtigen. Aber aus dem Gegensatz 
zwischen Eberts Machtlosigkeit, Einsamkeit, Verlassenheit und den au- 
fieren Widerstanden der deutschen Parteien erbliiht das tragische 
Schicksal einer einzigartigen Gestalt, eine Art traurigen Konigtums, das 
nicht von dieser Welt ist. 



Friedrich Ebert 213 

Gemalde von Lovis Corinth. 1924. Farbphotographie, 
In: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Krafte, Ent- 
scheidungen von 1800 bis zur Gegenwart. Histor. Ausstel- 
lung im Reichstagsgebaude in Berlin. Katalog. 4., erw. 
Aufl. 



164 



BERUF: JOURNALIST 



Bonn: Dt Bundestag, Presse- u. Informationszentrum 
1979, Taf. XVIII. 

214 Joseph Roth 

Besuch im Rathenau-Museum. Zum Todestage Walter 

Rathenaus. 

In: Frankfurter Zeitung. 68 (1924), 466, S. 1. 

JRW4, S. 115-118 

Roth besuchte das zum »Rathenau-Museum« erkldrte Wohnhaus des am 
24.Juni 1922 ermordeten Reichsaufienministers Walther Rathenau in der 
Konigsallee in Berlin-Grunewald: 

[...] 

Und sah doch das nahe Ende nicht deutlich. Auf seinem Schreibtisch im 
oberen Teil des Hauses sah ich ein Buch: »Die deutsche Jugend und das 
Gebot der Stunde«. Ach! er iiberschatzte den Teil der deutschen Jugend, 
dessen Opfer er wurde. In einem Zimmer fand ich auf einem Tisch in 
friedlicher und sinnreicher Nachbarschaft den alten, weisen »Schulchan- 
Aruch«, den religiosen bon-Ton der jiidischen Diaspora-Orthodoxie, und 
das alte — »Weiftenfelsische Gesangbuch*. Durch das ganze Haus und 
durch das ganze Wesen dieses Mannes ging dieser versohnende Geist 
Sein Leben kennzeichnet der Versuch, Antike, Judentum und Urchri- 
stentum in Harmonie zu bringen. Es weht ein starker Akkord der Ver- 
sohnlichkeit durch die Bucher, die er las und schrieb. Es war der Ver- 
such, in die Gemeinschaft eines Orchesters die verschiedenen Instru- 
mente der Kulturwelten zu bringen. Er las am Tage das Neue Testa- 
ment, um es zu erforschen. Es lag neben seinem Bett, um ihn mit Liebe 
zu erfullen. Er war ein Christ; ihr findet keinen Besseren. 



215 Das Studierzimmer im Haus Rathenau, Berlin, Gru- 
newald 

Photographic 

In: Harry Wilde: Walther Rathenau in Selbstzeugnissen 

und Bilddokumenten. 

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971, S. 68. 

(rowohlts monographien. 180) 



BERUF:JOURNALIST 165 

»REISE DURCH DEUTSCHLANDS WINTER*: 
AUFKOMMENDER NATIONALSOZIALISMUS 

Schon in setnem ersten grofleren Artikel in der ^Frankfurter Zeitung*, »Rei- 
se dutch Deutschlands Winter^, der am 9. Dezember 1923 erschienen war, 
batte Roth gescbrieben: »Es fehlt in Deutschland an einem regulierenden 
BewufJtsein.* (JR: Reise dutch Deutschlands Winter, In: FZ. 68 (1923), 
912, S. 1. -JRW3, S. 651-654.) 

Nach dem Besuch eines Kostumfestes, wohl zu Beginn desjahtes 1926, das 
»zut Hdlfte von [Heinrich] Simon attangiett« wotden wat und Roth mit 
Kreisen der Frankfurter »Haute volee« bekannt gemacht hatte, schteibt er 
Bernard von Brentano — der betreffende Brief ist undatiert — : 

[...] 

Nein, lieber Brentano, in dieser Gesellschaft mochte ich nicht bekannt 
und nicht gelesen sein. Die Aristokratie ist der Industrie sichtbar unter- 
tanig, die Industrie der Bank und umgekehrt. Es ist eine in Hafllichkeit 
sterbende Welt. Wenn so die Gesellschaft Andra in Berlin aussieht, ver- 
zichte ich auch. Ich tausche mich wahrscheinlich nicht. Diese Leute ha- 
ben noch 5 Jahre die Macht. Ihre Form verlieh ihnen Macht iiber das 
Proletariat. Aber jetzt sind sie selbst formlose Plebejer. Die Proletarier 
haben viel mehr Geschmack. Ich hasse das Land und seine Machthaber 
seit gestern um ein Betrachtliches mehr. Ich verlasse es bestimmt 
[...] 
JRB, S. 11 



Joseph Roth 216 

Einstein, der »Fall«. 

In: Freie Deutsche Buhne. 2 (1920), 2, S. 33-35. 

JRW4, S. 66-67 

Zur Berichterstattung der Ullstein- und Mosse-Presse iiber Einsteins Relati- 
vitdtstheorie und zu den Angriffen einer »deutscbnationalen Vereinigung 
der Naturforscher«; 

[...] 

Die christlich-germanische Weltanschauung aber, die Wahrheiten auf 
ihre arische Abstammung priift, war irritiert durch das Jiideln der bei 
Ullstein und Mosse erschienenen Relativitatstheorie und horchte auf. 
Zwischen Reporter und Reportarier geworfen, verwandelte sich ein For- 
schungsergebnis zum politischen Fuftball. Im Saal der Disharmonie ver- 
einigten sich deutsche Naturforscher zu wissenschaftlichen Disputen auf 
antisemitischer Grundlage. Aus Relativitats- wurde Rassentheorie. 



166 BERUF: JOURNALIST 

Er verlasse das Land der Reportage und der Karikultur. Wenn die Jahr- 
hunderte erweisen, daft seine Lehre eine wissenschaftliche Tat von Be- 
deutung gewesen, bleibt der Ruhm der »deutschen Wissenschaft* ja 
doch ungeschmalert. 



21 7 Albert Einstein 

Photographic Anfang der zwanziger Jahre. 

Vorlage: Albert Einstein, Arnold Sommerfeld: 

Brierwechsel. 

Basel, Stuttgart: Schwabe 1968, vor S. 17. 



218 Joseph Roth 

Der tapfere Dichter. 

In: Vorwarts. 41 (1924), 85, S. 3. 

JRW4, S. 205-207 

Die Tradition des politisch »indifferenten* deutschen Dichterwaldes ge- 
beut Schweigen in alien Fragen des offentlichen Lebens. Vor der Revo- 
lution war diese Schweigsamkeit gerade noch vernehmbar, heute ist sie 
betaubend. Sie iibertont das barbarische Gerausch der Reaktion und den 
gellenden Todesruf ihrer Opfer. Niemals haben die deutschen Dichter so 
laut gesprochen, wie sie jetzt schweigen. 

Seit Goethe halten sie es fur ihre Pflicht, die obligate wirkliche und me- 
taphorische »Reise nach Italien* zu unternehmen, die eine Flucht vor 
Deutschland ist, — aber niemals eine zugestandene. Immer war es eine 
vorgetauschte »innere Notwendigkeit«, die verwerflichen, unwiirdigen 
Zustande des nationalen, politischen, sozialen Diesseits zu vergessen 
und von den heiteren Himmeln anderer Zonen das sogenannte »innere 
Gleichgewicht« zu entlehnen. [ . . . ] Immer sitzen sie in einem Schwa- 
bing, die Dichter. Es ist kein geographischer Begriff mehr, sondern ein 
symbolischer. 

Der ruht von der Feier seines eigenen Geburtstages aus und jener fahrt 
durch die Stadte und halt Vortrage iiber sein okkultistisches Erlebnis. Er 
wohnt in Miinchen und erlebt nicht die Materialisation der Brutalitat 
Adolf Hitler — sondern die Materialisationsphanomene des Schrenck- 
Notzing. Aber die phanomenalen Ereignisse der deutschen Reaktion 
sieht er nicht. Er ist ein »deutscher Dichter*. [ . . . ] 
In Deutschland trennt man »Politik« von »Poesie«. Der Dichter, aus dem 
Gefiige seiner Zeit, seiner Klasse gelost, lebt in einer abstrakten »Hei- 



BERUF: JOURNALIST 167 

mat*. Kein Wunder, dafl ihn die metaphysischen Wunder mehr interes- 
sieren als die irdischen, als diese Geschehnisse; Fechenbach, Miinchen, 
Diktatur, die dadurch, daft eine Republik ihr Geburtsort ist, wunderbarer 
werden als samtliche Geistererscheinungen in Deutschland. 

[...] 

Diese Vorrede war notwendig, urn eine Erscheinung zu erklaren, die in 
alien anderen europaischen Landern eine Selbstverstandlichkeit ware 
und bei uns eine Tat ist. Heinricb Mann, seit Jahren der einzige Rufer 
von Geist im briillenden Streit der reaktionaren Barbaren (des Grofikapi- 
tals, des Nationalisms, des volkischen Gedankens), schreibt ein Buch: 
»Die Diktatur der Vernunft« } in dem folgende Satze stehen: 

[...] 

Wie viele Dichter von Ansehen und Rang schreiben noch so in 
Deutschland? Wen von ihnen kiimmert das Parlament, dieser Stinnes, 
diese Industrie, dieser Patriotismus? Ware dieses Buch von Heinrich 
Mann selbst nicht so geistreich, selbst nicht so von musikalischem 
Rhythmus, vom edelsten dichterischen Atem durchweht, wie es ist, — 
es miifite nur als eine deutsche Kuriositat verzeichnet und verbreitet 
werden, zur Erleuchtung der Anstandigen, zur Beschamung der schwei- 
genden Dichter. Ich fiirchte nur: sie werden sich nicht schamen. Auch 
sie sagen : ihr Reich sei nicht von dieser Welt, und glauben sich dadurch 
berechtigt, zusehen zu diirfen, wie die anderen gekreuzigt werden. In ei- 
nigen Jahren, wenn die Republik eine Legende geworden, wird sie ihnen 
das gegebene »distanzierte« Thema geworden sein. Denn ihr Blick ist so 
auf die Nachwelt gerichtet, daft sie an dem Untergang der Mitwelt schul- 
dig werden. 

Heinrich Mann 219 

Zeichnung. 1928. Von Benedikt Fred Dolbin. Abb. 50 

Joseph Roth 220 

Getraumter Wochenbericht. 

In: Vorwarts. 41 (1924), 105, S. 3. 

JRW4, S. 531-533 

Zu dem Hochverratsprozefi, der gegen Adolf Hitler, Erich Ludendorff, 
Ernst Rohm und sieben weitere an dem Munchner Putschversuch vom 8/9. 
November 1923 Beteiligte vom 26. Februar bis 1. April 1924 vor einem 
Sondergericht in den Munchner Militdrbildungsanstalten stattfand: 

Ich leugne die Wirklichkeit des bedeutenden Ereignisses, das in dieser 
Woche Deutschland so schwer betroffen hat: ich leugne die Wirklichkeit 
des Hitler-Prozesses. 



168 



BERUF: JOURNALIST 



Man mu(l solche phantastischen Erlebnisse in das Gebiet der ohnehin in 
Munchen heimischen Metaphysikverweisen. Auch der Zeitpunkt, in 
dem dieser angeblich tatsachliche Prozeft sich vollzieht, ist meiner 
Auffassung sehr giinsttg. Mitten im Karneval kommt ein Gerichtshof zu- 
sammen, macht seine Reverenzen vor den Angeklagten, diese werfen 
den Damen im Horsaal Kufthande zu, die Justiz ist in eine Kaserne 
iibersiedelt, die Angeklagten erheben die Anklage, die Spanischen Reiter 
drauen fiirchterlich vor dem Eingang in den Kasernensaal [ . . . ] 
Es scheint mir, daft die deutsche Geschichte der Gegenwart und der letz- 
ten Vergangenheit irgendeinen konservierenden Stoff ausscheidet, mit 
dem sie ihre Verstorbenen umgibt, so daft sie zur Faschingszeit auferste- 



>^f#?* »M? im V 




yO. Heinrich Mann. Zeichnung von Bended ikt Fred Dolbin, 1928 



BERUF: JOURNALIST 169 

hen und ihre Weltanschauungen in Miinchen darlegen konnen. Aber 
das ware die private Angelegenheit eines Geister beschworenden Zirkels 
gewesen und nicht eine der Offentlichkeit und der Politik. Weil aber 
dem so ist und weil sechzig Berichterstatter die Worte der Toten steno- 
graphierten, mull ich annehmen, daft ich diesen hier geschriebenen 
Aufsatz und seine Veranlassung getraumt habe; daft ich ganz Deutsch- 
Iand getraumt habe; seinen analphabetischen Tapezierer, meinen Kolle- 
gen, der, kaum daft er lesen und schreiben aus einer Rassenfibel gelernt, 
schon Schriftsteller und eine politische Personlichkeit ward; seinen Ge- 
neral, der, ein Schweizer im Vatikan zu werden, wozu seine Begabung 
ausgereicht hatte, gegen den Papst zu Felde zieht; dieses Rasseln verro- 
steter Sabel, dieses Kadaverleuchten lebender Leichname, diese Zeitun- 
gen, die Witzblatter werden, indem sie iiber den Prozefl in Miinchen be- 
nch ten. 

Es ist nicht anders: ich traume einen Fastnachtstraum, und der heiftt: 
Deutschland. 

Traditionen deutscher Justiz 227 

Politische Prozesse 1914—1932. Ein Lesebuch zur Ge- 

schichte d. Weimarer Republik. Hrsg. von Kurt Kreiler. 

Berlin: Wagenbach (1978). 310 S. mit Abb. 

(Politik. 80.) 

Aufgeschlagen S. [184-185]: 

vier Photographien zum Hitlerprozefi: 

Verhandlungssaal wahrend der Vernehmung Pohners; 

Pernet, Dr. Weber, Frick, Kriebel, Ludendorff, Hitler, 

Bruckner, Rohm, Wagner; Der Verteidiger im Hitlerpro- 

zeft; Vor der Verhandlung. 

Joseph Roth an Bernard von Brentano, Marseille, 22. August 1925: 



Machtig in Deutschland zu werden — was bedeutet es? Ich kann schon 
iiber die »Nationalitat« hinweg. Aber nicht uber die Sprache. Deutsch ist 
eine tote Sprache, wie das mittelalterliche Latein. Es wird nur von Ge- 
lehrten und Dichtern gesprochen. Von Juden. Aber im Mittelalter war 
Einer machtig, der eine solche Sprache schrieb. In der demokratischen 
Neuzeit ist er ein Dreck. Ich kann dariiber hinweg, daft die Deutschen 
Barbaren sind. Aber nicht dariiber, dafl ich sie nicht bekehren kann. Wir 
gleichen Missionaren, die lateinisch zu Heiden sprechen, um sie zu be- 
kehren. Vergebliches Bemuhen. 

[•] 

JRB. S. 56 



170 BERUF: JOURNALIST 

222 Joseph Roth 

Vom Attentater zum Schmock. 

In: Das Tagebuch. 11 (1930), 30, S. 1191-1193. 

JRW4, S. 379-381 

In einem Berliner Spat-Abendblatt erschienen einige Wochen lang die 
Erinnerungen des Heirn Ernst von Salomon, der am Rathenau-Mord be- 
teiligt war, unter dem Titel: »Wie wir Emporer wurden. Erinnerungen 
aus dem deutschen Nachkrieg.* [ . . . ] die Krafte, die damals den Mord 
an Rathenau verursacht haben, sind immer noch lebendig. Zwischen ei- 
ner illegalen Organisation, die mit Parabellum-Pistolen hantiert, und ein- 
em legalen Minister, der Haflgebete produziert, ist der Unterschied so 
gering wie zwischen einer aufgelosten Verschworergruppe und einer na- 
tionalsozialistischen, legal zum Reichstag kandidierenden Partei. Der 
Autor mag die Zeit, in der er den Mord vorbereitet hat, heute uberwun- 
den haben. Die Welt, zu der er spricht, hat ihn noch nicht bis zu dem 
Grad vergessen, dafi sie ohne zwingenden Grund anfangen konnte, den 
Urhebern des Mordes Honorare zu zahlen. [ . . . ] 

Eine okkultistische Verworrenheit hat die nationalistischen Organisatio- 
nen, ihre Symbole und ihre Morde geboren. Eine okkultistische Verwor- 
renheit fuhrt jetzt die Schreibfedern der Manner von der Feme, wie frii- 
her ihre Pistolen. Vergeblich gemordet! Die Opfer sind zwar erledigt. 
Aber der Nebel, der die Attentater umgab, ist nicht von ihnen gewichen. 
Er hinderte sie nicht, gut zu zielen. Aber er hinderte sie, gut zu schrei- 
ben. Der Mord an Rathenau war eine traurige Sensation. Die Erinnerun- 
gen des Herrn von Salomon sind eine langweilige Schmockerei. 

Ernst von Salomon 

Geb. am 25. % 1902 in Kiel. 1919—1921 Freikorpskdmpfer im Baltikum 
und Oberschlesien. Mehrjdhrige Zuchthausstrafe wegen Beteiligung an der 
Ermordung des Reichsaufienministers Walther Rathenau am 24. 6. 1922. 
1945 — 1946 in einem amerikanischen Lager interniert. Publiziert u. a. 
Die Gedchteten. Berlin 1930. — Die Kadetten. Berlin 1933. — Der Frage- 
bogen. Hamburg 1951. — Das Schicksal des A. D. Hamburg I960. — Die 
schone Wilhelmine. Hamburg 1965. Gest. am 9- 8. 1972 in Winsen an der 
Lube. 

Der von Roth erwdhnte Titel » Wie wir Emporer wurden. Erinnerungen aus 
dem deutschen Nachkrieg« ist vermutlich mit dem 1930 als Buch erschiene- 
nen autobiographischen Roman »Die Gedchteten^ der gleichfalls von den 
Ereignissen um den Rathenau-Mord handelt, identisch. 



BERUF: JOURNALIST 171 

Ernst von Salomon 223 

Die Geachteten. (25.-54. Tsd.) 
Giitersloh: Bertelsmann [1938]. 559 S. 
Copyright: Berlin: Rowohlt 1930. 
Leihgabe: Harro Kieser, Bad Homburg v. d. H. 



Im Spdtherbst 1930 unternahm Joseph Roth im Auftrag der ^Frankfurter 
Zeitung* eine Reise durch Mitteldeutscbland und besuchte vor allem die 
Stddte im Harz. Die Reise fand nach den Reichstagswahlen vom 14. Sep- 
tember 1930 statt, die der NSDAP einen unenvarteten Zuwachs von 95 Sit- 
zen zu thren bisherigen 12 gebracht hatte. (Die KPD konnte 23 neue Sitze 
gewinnen und war nun mit 77 Abgeordneten im Reichstag vertreten.) Die 
frankfurter Zeitung« hatte am Morgen nach der Wahl geurteilt: 
»/.../ Uber ein Drittel der Abgeordneten kommt fur eine Regierungsarbeit 
ilberhaupt nicht in Frage — sie sind der Feind jeder parlamentarischen Re- 
gierung. Das ist ein schlimmer Zustand. Der neue Reichstag wird ein 
dufierst schwierig zu handhabendes Instrument sein [...]«. 



Reichstagssitzung 224 

Gemalde von Annot Jacobi. 1930. Farbphotographie 

In: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Krafte, Ent- 

scheidungen von 1800 bis zur Gegenwart. Histor. Ausstel- 

lung im Reichstagsgebaude in Berlin. Katalog. 4., erw. 

Aufl. 

Bonn: Dt. Bundestag, Presse- u. Informationszentrum 

1979, Taf. XIX. 

Vor Reiseantritt hatte Roth am 23. Oktober 1930 an Stefan Zweig von 
Frankfurt aus geschrieben: 

Ich mufi naturlich die kleinen Stadte besuchen, Sie haben vollkommen 
Recht; es ist auch der Vorschlag der Zeitung gewesen. Vielleicht, wenn 
ich sie vor der Wahl besucht hatte, ware das Resultat der Zeitung nicht 
so uberraschend gekommen und Anderen vielleicht auch nicht. 
JRB, S 186 



172 BERUF:JOURNALIST 

225 Joseph Roth 

Briefe aus Deutschland. 1. Brief (aus dem Harz). 
In: Frankfurter Zeitung. 75 (1930), 930, S. 1-3. 
JRW3, S. 685-689 

[ . . . ] Kein Museum, keine Kirche kann mich fur den unheilvollen An- 
blick entschadigen, den mir zum Beispiel das Schaufenster einer Buch- 
handlung in einer kleinen Stadt liefert: eine representative Fiille von 
Dummheit, lyrischem Dilettantismus, miftverstandener, idyllischer »Hei- 
matkunst* und einer phrasenreichen Anhanglichkeit an eine »Scholle« 
aus Zeitungspapier und Pappendeckel, in der man hochstens einen Zy- 
linder einpacken kann, die niemals ein Gefuhl birgt, keinen Keim und 
keinen Samen. Aus einem gespenstischen, aber tiber Millionen Volksge- 
nossen verbreiteten Halbdammer steigt da eine Literatur ans Tageslicht, 
mit Namen schreibender Gespenster, die sich grofter Auflagen erfreuen 
und die aller Gesetze gegen Schmutz und Schund spotten diirfen, weil 
sie die »Keuschheit« im Schilde fuhren und die vollbartige »Mannlich- 
keit* und weil sie die gesamte Zukunft des Dritten Reiches vorwegneh- 
men. Wieviel Gift in veilchenblauen Kelchen! [ . . . ] 
Seite 688 f. 

226 Versammlung der rechten Opposition in Bad Harz- 
burg: Hugenberg am Rednerpult 

Photographie. 1931. 

In: Fragen an die deutsche Geschichte. Ideen, Krafte, Ent- 

scheidungen von 1800 bis zur Gegenwart. Histor. Ausstel- 

lung im Reichstagsgebaude in Berlin. Katalog. 4., erw. 

Aufl. 

Bonn: Dt. Bundestag, Presse- u. Informationszentrum 

1979, Abb. V/206. 

Ahnlicb wie Tucholsky sab Roth den Nationalsozialismus bereits in der 
Weimar er Zeit vollig illusions ios. An Rei fen berg schreibt er am 9. August 
1932 gegen jeden Optimismus, 

[ . . . ] dafi unter den 14 Millionen Wahlern der nationalsozialistischen 
Partei Manche waren, die nichts von Mord und Burgerkrieg wissen wol- 
len. Selbst, wenn dieser Optimismus zu didaktischen Zwecken geauftert 
worden sein sollte, ist er toricht. Die Zeitung mull sich nicht nur dariiber 
klar sein, dafl alle Wahler des Nationalsozialismus Blut sehen wollen, 
sondern, dafi es auch nutzlos ist, diesen Wahlern eine zivilisatorische 
christliche Haltung zu imputieren. Es gilt heute hochstens, die von den 
14 Millionen Gewahlten zu erziehen. 



BERUF: JOURNALIST 173 



Er kundigt ein eigenes Feuilleton an, dessert Tenor sein sollte: 

Jeder, der vertuscht, daft Blut geflossen ist, ist mitschuldig am vergossenen 
Blut, bis zum harmlosen »Ansager* am Radio. Es mull ganz im AUgemei- 
nen ein Mai wenigstens in der Zeitung stehn: daft: Blut kein Wasser ist. 
Wenn es geflossen ist, darf man es nicht verschweigen. Wenn man den 
Kain kennt, darf man nicht sagen, es konnte vielleicht Abel gewesen 
sein. Diese, gerade diese alte heilige Geschichte vom Brudermorder muft 
man in alter Naivitat wiederholen. Ja, hatte ich eine Zeitung, so stiinden 
in ihr die taglichen Berichte iiber die politischen Morde unter dem Titel: 
Kain und Abel in Deutschland. 
JRB } S. 224 



Josef [Joseph] Roth 227 

Der Kulturbolschewismus. 

In: Das Tagebuch. 13 (1932), 28, S. 1050-1057. 

JRW4, S. 589-597 

Unter den Ausgrabungen, welche die neuen politischen Archaologen 
Deutschlands auf den wiisten Friedhofen der verstorbenen Phrasen zu 
veranstalten beginnen, fand sich als erste, wie man weift, das langst ver- 
moderte Wort vom »Kulturbolschewismus«. [ . . . ] 

»Zerstorer«, die mit jedem Wort, das sie ihrer lahmen Zunge abringen, 
das ewige Gesetz der Sprache, der Logik und des Volkstums schanden, 
diirfen in diesem, von ohnmachtigen Autoritaten verteidigten Staat zu 
legalisierten Kulturhiitern ernannt werden, und Tolpel, die weder eine 
Ahnung von »Kultur« noch eine vom »Bolschewismus« haben, diirfen 
ein sinnloses, offizielles Schlagwort pragen, das ihr einziges Programm 
und das einer »christlichen Regierung* wird. Autoritaten, die ihre Auto- 
ritat nicht anders bewahren konnen als dadurch, daft sie betonen, sie wa- 
ren welche, diirfen das Kreuz verteidigen, von den karikierenden Haken 
unterstiitzt, von denen es geschandet wird, wie noch niemals im Verlauf 
der zweitausend Jahre, in denen es der Erde und der deutschen Erde 
leuchtet Niemals hat ein »Jude«, niemals hat ein »russischer Bolschewik* 
das Symbol der europaischen (und der deutschen) Kultur dermaften ver- 
hohnt, wie jene Bewegung, die das Kreuz durch Haken verkrummt und 
verunstaltet. 

Leute, die, von Hakenkreuzen unterstiitzt, den »Kulturbolschewismus« 
bekampfen, erscheinen uns schlimmer als »Bolschewiken«. Der Sowjet- 
stern karikiert zumindest nicht das Kreuz. Der Sowjetstern ist ein Feind 
des Kreuzes, gewift Aber das Hakenkreuz ist ein Sakrileg! Und aktueller 
als der Kampf gegen den ^Kulturbolschewismus* scheint uns der Kampf 
der wahrhaft Konservativen gegen das Heidentum des Hakenkreuzes, 



174 



BERUF: JOURNALIST 



den Schander des Kreuzes, den nationalen, den wirklichen »Kulturbol- 

schewismus*. 

Seite 589 und Seite 597 



228 Joseph Roth 

»Bekenntnis zu Deutschlanck Aus d. Einl. zu e. Buch von 
Joseph Roth, das u. a. seine in d. »Frankfurter Zeitung* ge- 
druckten Aufsatze iiber Deutschland enthalt 
In: Frankfurter Zeitung. 76 (1931), 719/720, S. 1. 
JRW3, S. 703-707 

[■■■] 

Es wird iiberliefert, daft Napoleon von diesem Land gesagt habe: »Acht 
Monate Schnee, zwei Monate Regen, und das nennt die Bande Vater- 
land!« Zu diesem Schnee, zu diesem Regen und zu diesem Vaterland 
sich bekennen heiflt: eine europaische, eine kosmopolitische, eine grofte 
Gesinnung bekennen. Noch peinlichere Dinge als Schnee und Regen 
haben wir zu dulden und vielleicht, hoffentlich auch, zu iiberwinden: 
den torichten Ehrgeiz und die Rekordsucht, den eitlen Stolz auf die Ma- 
schine und die Phrase, die ungluckliche Veranlagung, sich nicht ausspre- 
chen zu konnen, also: nicht aussagen zu konnen, die sprachliche Unbe- 
gabtheit, die Langsamkeit des Denkens und also den leichtfertigen Griff 
nach der papiernen Wendung, die Liebe zum Klischee und den groften, 
groften Abstand zwischen dem, was wir fiihlen, und dem, was wir sagen. 
Also die Unverstandenheit. Und dies ist unser wahres Ungliick: die Un- 
verstandenheit [ . . . ] Das Bekenntnis erstirbt auf den Lippen, weil es 
von andern in den Straiten gebriillt wird. Und der Schwur verliert seine 
Giiltigkeit, die Beschworung ihre Kraft, und der Ruf wird ein Geschrei. 
Wie schwierig ist es da, ein Patriot zu bleiben! Und wie notwendig ist es 
aber auch! Kein Land hat dermafien Liebe notig. Ein junges Land, ein 
wandelbares auch [ . . . ] 
Seite 706 f. 



BERUF: JOURNALIST 175 

»ERSTE BEGEGNUNG MIT DER DIKTATUR*. 
DIE INTERNATIONALE DES FASCHISMUS 
UND ANTISEMITISMUS 

Joseph Roth 229 

»La Renaissance latine*. 

In: Frankfurter Zeitung. 70 (1926), 358, S. 1. 

JRW4, S. 550-552 

Bericht aus Paris, Mai 1926: 

Ich bin durch Zufall in die »Grande Salle des Societes Savantes* gekom- 
men. Der Universitatsprofessor Achille Mestre, der Professor am Institut 
Catholique, der Abbe Yves de la Brieve, und einige andere Autoritaten sa- 
ften auf der Buhne. Im Saal standen und saften dichtgedrangt die Studen- 
ten. Den Vorsitz fiihrte Herr Henri Massis, Chefredakteur der »Revue 
Universelle«, welche die Zeitschrift der Lateinischen Renaissance ist. 
Aus den Reden der Autoritaten, aber auch aus den gedruckten Ankundi- 
gungen erfuhr ich, daft die » Renaissance latine« den Zweck verfolgt, den 
•schadlichen Wirkungen des Germanentums und des Bolschewisnius« 
wirksam zu begegnen. 

[...] 

Die mit diesem Bild versehenen Studenten stimmen einen Gesang an — 
es ist wahrscheinlich die Faschistenhymne, die ich nicht kenne. Sie se- 
hen, wenn sie singen, den deutschen Hakenkreuzlern zum Verwechseln 
ahnlich. Es scheint, daft Nationalhymnen, die doch den Zweck haben, 
die Nationen gegeneinander aufzubringen, den ganz entgegengesetzten 
Erfolg haben: sie machen alle Volker, die singenden Teile wenigstens, 
einander verwandt. 

[...] 

Weshalb klatscht er Beifall? Weshalb griindet er Lateinische Renaissan- 
cen mit singenden Faschisten? Wo ist die Gemeinschaft zwischen Portu- 
giesen und den slawischen Rumanen? Ist nicht stdrkere Gemeinschaft 
zwischen Franzosen lateinischer Kultur und Deutschen lateinischer 
Kultur? 

Ist das neue Europa nicht ein gesiinderer Begriff als die * Renaissance la- 
tine*? 
Weshalb? Weshalb? 

Joseph Roth 230 

Der Franzose auf der Wodans-Eiche. 

In: Der Morgen. 7 (1931), 3, S. 289-293. 

JRW 4, S. 395-400 



176 ' BERUF:JOURNALIST 

Georges Bernanos, franzosischer Romanschriftsteller von Rang, verof- 
fentlicht ein Buch iiber den im Krieg verstorbenen antisemitischen Pu- 
blizisten Edouard Drummont, den die literarische Welt bereits vergessen 
hatte [ . . . ] 

Dieses Werk ware, auch wenn es einigermaften Aufsehen erregt, eine 
rein franzosische Angelegenheit, und wir hatten keinen Anlaft, uns da- 
mit zu beschaftigen, ware es nicht in einer Zeit erschienen, in der der 
deutsche Antisemitismus Triumphe feiert, die ihn allmahlich aus dem 
Stadium des Kannibalismus in das des Parlamentarismus zu fuhren 
scheinen. In dieser Zeit ist es von Bedeutung zu horen: daft ein guter 
Franzose und ein guter Katholik die Juden (besonders die Juden deut- 
scher Herkunft) fur bestimmte franzosische Miftstande haftbar macht; 
daft auch Franzosen fur eine garantierte Blondheit schwarmen konnen 
und manchmal in die Lage geraten, einen »Normannen« einem »Kelten« 
vorzuziehen und diesen wieder einem »Mediterraneer«; daft man imstan- 
de sein kann, den Katholizismus zu einer Angelegenheit der »franzosi- 
schen Rasse* zu machen, und daft also eine alte katholische Tradition ge- 
wisse Franzosen nicht hindert, sich einen Gott nach dem Ebenbild Wo- 
dans zu schaffen; daft auch unter den »Welschen« die Blauaugigkeit ge- 
schatzt wird und daft sie keineswegs ein deutsches Reichspatent ist. Wir 
haben alien Anlaft, die Franzosen zu beneiden, weil ihre Antisemiten be- 
deutend begabter sind als die unsrigen. Aber welch ein Vergniigen zu 
horen, daft jene ebenso toricht sind! Welch eine Genugtuung zu verneh- 
men, daft ein von dem Katholiken Bernanos geschatzter katholischer 
Antisemit die Tatsache bedauert, daft Jesus Christus der Sohn einer Jii- 
din war! Der Beweis dafiir, daft die barbarische Geschmacklosigkeit kein 
ausschlieftliches Kennzeichen bestimmter europaischer Lander ist, wird 
geradezu eine Garantie fur das kommende geeinigte Europa! [ . . . ] Wir 
haben einander nichts mehr vorzuwerfen. Wir sind quitt. Auch Frank- 
reich hat sein Thiiringen! . . . 
[...] 
Seite 395 und Seite 396 f. 

231 Georges Bernanos 

La grande peur des bien-pensants. 

Paris: Plon; Geneve [Genf]: La Palatine (1947). 333 S. 

(Bernanos: Werke. 3.) 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Im Oktober und November 1928 fuhr Joseph Roth im Auftrag der frank- 
furter Zeitung« uber Wien nach Triest, Meran, Mailand, Rom, Neapel und 
Genua, Am 22. April 1926 hatte er zwar auf Benno Reifenbergs Vor- 
schlag, als Ersatz fur seine Pariser Stellung nach Moskau, Italien und Spa- 
nien zu reisen, dem Freunde geantwortet: 



BERUF:JOURNALIST 177 

Wir haben nicht das Recht, gegen einen fascistischen Diktator zu schrei- 
ben, solange wir eine verborgene, viel schlimmere Diktatur haben, Fe- 
memorder und Paraden, Richter, die Morder sind und Staatsanwalte, die 
Henker sind. ICH personlich habe ein zu starkes Gewissen, urn als un- 
terdriickter Deutscher die Welt auf italienische Unterdriickungen 
aufmerksam zu machen. Es ware ein sehr billiger Mut, hinter dem Ruk- 
ken Mussolinis zu berichten und in der Heimat den eigenen Rucken ge- 
beugt zu halten und Steuern fur die Ertiichtigung durch schwarze 
Reichswehr zu zahlen. Wahrend mein Feuilleton uber, d. h. gegen den 
Fascismus unter dem Strich stehn wird, wird oben in der Politik ein ganz 
sanftes Fliistern gegen Herrn Geftler gewagt werden. Das ware FEIG. 
JRB,S. 88 f 



jetzt jedoch griff er derart schonungslos den italienischen Faschismus an, 
dafi der stdndige Korrespondent der »Frankfurter Zeitung« in Rom Ein- 
spruch gegen die Veroffentlichungen von Roths Reportagen erhob. Drei der 
Artikel konnten schliefilich — allerdings anonym und nach Streichungen 
durch die Redaktion — erscheinen: 

[Joseph Roth] 232 

Das vierte Italien. 

Anonym erschienene Artikelserie in der Frankfurter Zei- 

tung vom 28. 10—11.11.1928. UmfafSt die Artikel: 

Erste Begegnung mit der Diktatur. 

FZ 73 (1928), 808, S. 1. 

Diktatur im Schaufenster. 

FZ 73 (1928), 827, S. 1-2. 

Die allmachtige Polizei. 

FZ 73 (1928), 846, S. 1. 

JRW 3, S. 1092-1103 

Aus »Ersle Begegnung mit der Diktatur*: 

[...] 

Der erste Faschist zeigte sich mir am Bahnhof. An seinem schwarzen 
Hemd war er leicht zu erkennen. Aufierdem trug er einen feldgrauen 
Anzug, dessen Schnitt an die Uniform englischer und amerikanischer 
Offiziere erinnerte. Der Kragen und die Rockklappen waren schwarz 
umsaumt. Unwahrscheinlich breite Reiterhosen mundeten in schonen, 
glanzenden, gelben Ledergamaschen. Die Hosen erinnerten an grofie 
Schmetterlingsflugel. Wenn der Faschist ging, glaubte man, dafi er weh- 
te. An seiner rechten Hufte hing in einem neuen, braunen Lederetui ein 



178 BERUF: JOURNALIST 

winziges, reizendes Pistolchen, eher einem Schmuckstiick ahnlich als ei- 
ner Waffe. Die Hand des Faschisten fuchtelte mit einef eleganten Reit- 
gerte, metallener Knopf und Lederschlaufe am Ende. Aufter einem Pferd 
und Sporen besafl der Mann alle kavalleristischen Zubehore. [ . . . ] 
Wenn ich mich an der Grenze Italiens an die Grenze RufJlands erinnere, 
so geschieht es nur, weil taglich in Zeitungen, Zeitschriften und Bro- 
schiiren der Faschismus mit dem Bolschewismus verglichen wird, die 
Diktatur mit der Diktatur und Mussolini mit Lenin. Ich erliege gewisser- 
maflen einem Wunsch, aber auch dem Einflufi der offentlichen Mei- 
nung, wenn ich vergleiche. Aber ich finde vorldufig nur Unterschiede. Die 
Sowjetspitzel waren unauffallig und unsichtbar und wuflten langst, noch 
ehe ich sie bemerkt hatte, wer ich sei und was ich wollte. Der Rotgardist 
an der russischen Grenze war einfach und massiv. Er hatte kein impera- 
torisches Profit und keine kokette Pistole. Weit und breit kein Bahnhofs- 
kommandant mit Scharpe. Der Rotgardist hob nicht die Hand, wenn er 
grufke, er griiftte iiberhaupt nicht. Einfache Frauen untersuchten das Ge- 
pack — aber sehr genau. An der Wand hing eine billige Photographie 
von Lenin, der aussah wie ein Beamter, ohne die Pose Casars, mit einer 
schlechten und schiefen Kravatte fur zwei Francs fiinfzig, in Zurich ge- 
kauft. Ich hatte nicht den Eindruck, von der durchsichtigen Romantik 
eines Kriminalfilms empfangen zu werden, sondern von einer gefahrli- 
chen, schweren Unerbittlichkeit 

Ich wehre mich dagegen, zu glauben, daft diese Pistolchen knallen kon- 
nen. Und doch konnen sie knallen. 
JRW3, S. 1092 f. undS. 1095 f. 



233 Benito Mussolini 

Photographie. 

Vorlage: Louise Diel: Mussolini. Kampf, Sieg u. Sendung 
des Faschismus. Nach Dokumenten u. Gesprachen. 
Leipzig: List 1937, Titelbild. 



Gesellschaft und Sozialprobleme 

»KARNEVAL«: SATIRISCHES 

Vom 18. 1. 1924 bis 12. 12. 1924 erschienen mehr ah 30 Beitrdge Roths — 
Feuilletons und Gedichte—in der satirischen Zeitschrift »Lachen links. Das 
republikanische Witzblatu. Hierzu Alfred Kantorowicz, Politik und Lite- 
ratur im Exil Hamburg: Christians 1978, S. 273: »Schon 1924, als fast je- 
dermann glaubte, mit der neugeschaffenen Festmark sei der Nachkriegs- 
spuk — Raterevolution, Freikorps, Inflation — zu seinem Ende gekommen, 
diagnostizierte er die Krankheitsherde. In seinen »Deutschen Elendsreimem 
hat er die Saat der deutschen Fememorder, die ja nun aufgegangen war, ge- 
kennzeichnet: >Das ist der Lump, der alle Feind' / aufs neue gegen Deutsch- 
land eint. / Eh' Ihr dies Untier nicht gefdllt, / wird niemals Frieden aufder 
Welth Man glaubt Tucholsky zu lesen und liest — erstaunt — Joseph 
Roth.« 



Joseph Roth 

Karneval. [Gedicht] 

In: Lachen links. 1 (1924), 9, S. 107. 



234 



JOSEPH ROTH: KARNKVAL 



2111c Sogt fcicrn loir S?nnicoot, 

it>ir baben t& iiiebt n&liii, uiirf cigcnS ju ma^ticrcn, 

n>ril n»ir inner cigeutg 31ngcfid>t ocrkren; 

loir nub: ciii iliitcrttin, tin (Sergeant, cin ©entrat, 

cin bcutfcbcc StuDem mit 93a»bcrn tutb ©ebinijTcn, 

cine c pirfcH)(iube, cin gefcbliffoul ^ojoncif, 

tin febteppmber 6dbe(, tin Tioflorcnbflrett, 

uub cine 'protbefe, ctotg ju (nnten bcfliffen. 

IDir finb ctn IJolt in <OTai!cn unb ffofhlincn — 
nn* febuf ein n,6tl(id*r ffctbmcbcl nncb, fcincm Gbcnbilbc. 
TOic finb cin il«ieroffi,n'cr«Dereiii, cine 9JWli one itinaSf engine, 
cine ©etmDopoficntcitc, tin faft Icbcnbiger Ora^tucr^au, 
cin beianbeiibee Qttirnwar aug ilnifonngrau, 
naierbroefcen t>on reiacnbcn rolcn Gmtmcn . . . 

'21 1 [o gelleibel in perfebiebtne $raeb(en, 
tcbni loir muntcr, fctjicpen imb bcMcncn 



bafb eincn fiaifer unb bafb cin TOnfrbinengctPcbr — — 
i?cicgc oerlicrcnb gctoinncn loir Sdjlatbrtti, 
arbcitcti ncidj Dcm £etebucbmiiftcr bcr 33ienen 
uicrunbjipanjig (stunben im $cige unb inantbmat nicl^r. 

ilebet uiig cin ©ott, bcr fr'ifcn lunebftn lafjt. 

nttf tincm gclbmasficrtcn .foimmd auS gifiigen ©afen, 

ningcbcn »on Qhigcin, bte btn ^nbcricug'^lcr'SJJaritO 

btofen, 

mil eifcrnen $?reuj\cn gefticrf, lioricrt unb bctrcjj(, 

nebmen fie tcil an unferm $?drnei><HSfeft. 

Unb crt&ut ctn tfommcitibo, bo< ein obcrffer Jt>ieget>err ricf - 

(o tbnnen roir ntebt cnbcrS unb wcrben ctft^offen, 

infofcrn tcir ^Drolcttn, Suben unb ©enofTen 

Unb fliiftern fterbenb, batilctffiUt unb tief: 

(£br* fti bem ©eneral in ber ftbb' unb 5?anl# fattgimfcb>m 

^mpemtiu! 



Joseph Roth 

Wer hat uns in Montur geprefit . . . [Gedicht] 

In: Lachen links. 1 (1924), 15, S. 178. 

Abdruck: Roth, Der Neue Tag, S. 72 — 74, mit einer zu- 

satzlichen ersten Strophe u. d. T. »Ritter Meuchelmord«. 

Diese Strophe stammt vermutlich nicht von Roth. 



233 

Abb. 51 



180 



BERUF: JOURNALIST 




IBcr bat ung in SSKonfur geprcfjt 
unb uitfre Opferftirn bcfre^t 
mit 'Srobbctn, $otenfbpfen, 
unb mit ^land^ttcntnopfen? 
20er trdnftc ung itn <3ab auS Sra^)l 
von eelfmggrabcn ot>nc 3<d)l? 
<5)er S&iifer unb bev ©eneral, 
ber 3n"^r unb bag Capital, 
ber ^defter unb ber $abritant, 
^rofeffor mit bcm 23urid)cnbanb 
3>cr Miner, ber im Cabcn ftanb, 
^rofite flog uom £tnierlanb, 
unb nocf) cinmat unb nod) ctnin.il: 
ber Kaifcr unb ber ©cneral! 



<2Ber war ber ^rommter &omtn--imv*mit, 
ber bleid) on unfrer <£?ile fd)ritt? 
(£r paufte leig, cr pauttc Imit 
auf einer toteu tOicnfctjeulKiut 
wcr ^af ben ^roinmter fomtnaubimf, 
unb itm mit 5£rcugcn tape,ticrt? 
3)er 5?aifcr unb ber (General, 
ber 3unfer mio bag Capital, 
bie 3eitung mit bcm (?rtrablatt, 
bag unfer QSkt) bcfuitgen l>af, 
ber ©oftor mit bem 33nrfct)ciibanb, 
ber '"priepct unb ber §abritaiit — 
unb nod) cinmat unb nod) cinimtl: 
ber ^aijcr unb ber ©encrat! 



QBer ftampft aug imfcrm $leifd) unb <2Mut 
bcu Qiiiiger fur fciii 9\cnfcngiit? 
ilnb loer fofftert ben 9?eftbetrag 
»om ^icrunbjiunuaigftunbcutag '/ 
QAxr p flu n$t ben golbncn 3epteiffab 
auf mtfer "Prolefaricrgrab? 

<I}cr 5?aifcr unb ber ©enerat, 

ber ^ouvualift, bag Capital, 

Manlier, ^rofeffor, Q$urfri)cnbanb, 

unb "prieftcr, 3""fer, ^abritcmt — 

unb nod> cinmal unb nod) emmal uub nod) c i n in al 

ber SVaifer unb ber ©cncral! jo.-,,* s,, 

!7X 



31. Joseph Roth: Wer hat tins in Mont ur gepre fit . . . 
In: Lachen links. 18. April 1924 



BERUF: JOURNALIST 181 

Justitia 236 

Von Erich Weinert und Joseph Roth. [Gedichte.] 
In: Lachen links. 1 (1924), 32, S. 396. 

©cvcdjt ift ungcred&t tmb umgciefyrf : 
c$ ift nic&i aUcS cin$, ob cm ^rolctc 
crfcfyoffcn n>arb imb cin °Prop&ctc 
an* 5^ccu5 gcfc&lagcn — obcr ob 

ttcrfcfyrt 
bic gcnfferfc&cibc einc$ $abrifantcn 
worn 6fcinttntrf cinc$ ilnbefanntcn: 
bcnn oft ift cine (Sc&eibc metyr aU 

cm Cebcn tocrt — 
c$ 1)<inQt nuc baoon ab, u>cm c£, 

n?cm fie gc^&rt. 3ofep& 9?ot&. 



t)BER DIE LAGE DER ARBEITER 
IN DEUTSCHLAND 

Roth unterbrach seine Ruckreise nach Paris von einer Redaktionskonferenz 
in Frankfurt im Februar 1926 fur einen kurzen Aufentbalt im Rubrge- 
biet. Uber seine damalige psychische Verfassung und seine Oeldsorgen gibt 
ein undatierter Brief an Bernard von Brentano vor seiner Abreise 
Aufschlufi: 

Ich habe gar kein Geld. Ich komme nicht aus. Mit alien Einnahmen 
nicht. Es ist mir mieft vor Dtschld. Ich lerne jeden Tag mehr hassen und 
bin mit Verachtung zum Ersticken gefiillt. Die Sprache ist mir auch 



182 BERUF: JOURNALIST 

schon zuwider. Nirgends lernen Sie so das Land kennen, wie in der Pro- 
vinz. Diese falsche Eleganz, diese Lautheit, dieses Toben, diese Stille, 
diese Andacht, diese Frechheit. Es ist eine Unfreiheit in den Menschen, 
die schlimmer ist, als die subordinierte Untertanigkeit vor dem Feldwe- 
bel. Ich verstehe, daft Preuften alle Deutschen unterwirft. Es hat die ein- 
zige Methode: die Leute durch aufteren Zwang von ihrer inneren Unfrei- 
heit abzulenken. So wie jemand Zahnschmerzen durch Ohrfeigen heilt 
JRB,$. 14 

Dafi sich seine Lage wdhrend der Reise keinesfalls gebessert hat, zeigt ein 
Brief an Brentano vom 11. Februar aus Essen: 

Meine Frau ist in Paris, Hotel de la place de l'Odeon. Ich reise jetzt eini- 
ge Wochen herum. Aber ohne Geld. Es ist furchtbar, so zu fahren, ich 
bin verzweifelt, kann meine kostspieligen Bedurfnisse nicht aufgeben 
und die Zeitung spart und spart erbarmlich. Es macht mir keine Freude 
mehr, man hat mir nicht einmal einen Vorschuft fur Marz gegeben, ich 
habe keinen Vertrag, ich bin ganz trostlos. 

Es ist nicht schon im Ruhrgebiet, nationalistisch, wie uberall, oder noch 
arger, in Koln Alles schwarz-weift-rot, in alien Kinos nationalistische 
Schundfilme, die »Schwarze Schmach* an alien Ecken ausgerufen, der 
»Feind ist weg«, unsere Kultur ist eingezogen. 
JRB, S. 78 

Aus Paris schreibt Roth am 18. Marz 1926 an Benno Reifenberg uber den 
Artikel »Privatleben des Arbeiters«, in dem er die Eindrucke seiner Reise 
durch das Ruhrgebiet wiedergibt: 

Geschdftlich: ich schreibe einen groften Artikel: Privatleben des Arbeiters. 
Er ist (zum ersten Mai) sehr lang, sehr aufrichtig, sehr prinzipiell. Ich 
glaube: sehr neu, nicht das Gesagte, sondern der Umstand, daft es in der 
Zeitung gesagt ist. 
Siehe auch Kat. Nr. 151 



Am 10. April 1926 erscheint der Artikel in der ^Frankfurter Zeitung*: 

237 Joseph Roth 

Privatleben des Arbeiters. 

In: Frankfurter Zeitung. 70 (1926), 263, S. 1-2. 

JRW3, S. 673-677 

Ich habe die Arbeiter des Ruhrgebiets in ihren freien (und arbeitslosen) 
Stunden gesehn. Ich habe ihre Wohnungen, ihre Buchhandlungen, ihre 
Versammlungen, ihre Kinos, ihre Tanzabende gesehn. Nicht ihre Not, 
von der ich gewufJt und die ich vorausgesetzt hatte, war erschiitternd, 



BE-RUF: JOURNALIST 183 

sonde rn ihre Anspruchslosigkeit Es scheint demnach, dafl schwere Arbeit 
die Bediirfnisse des Menschen nicht steigert, sondern reduziert. Es gibt 
wahrscheinlich ebenso traurige, aber nicht ebenso trostlose Erkenntnis- 
se. 

[...] 

Wie aber soil man in dieser Enge, dieser Qual asthetische Forderungen 
aufstellen? Wieviel Arbeiter des Ruhrgebiets wohnen noch in dichtge- 
fiillten Hdusern mit krummen, ausgetretenen Stiegen, zahnlosen Gelan- 
dern, miauenden Katzen, zerbrochenen Fenstern, trocknender Wasche, 
gefiillten Kiibeln, tropfenden Wasserleitungen. Sie wohnen in abge- 
grenzten Winkeln auf Dachboden, in feuchten Kellern, Bettgeher schla- 
fen in einem Bett mit Vermietern, Kinder auf Strohsacken, Groftmiitter 
auf Kochherden. (Es sind polnische, ruthenische Arbeiter, aber auch 
deutsche.) Sie wohnen in Baracken, in schlecht gedeckten Hiitten, der 
Regen rinnt, der Wind schneidet, aus der Erde stromt die Kalte, der 
Atem des Todes, der GrufJ des Grabes. . . . 

[..-] 

JRW 3,S. 673 undS.676 



Ruhrgebiet, Schichtwechsel 238 

Drei Photographien. 

In: Ruhr-Gebiet Hrsg. von Ludwig Niemann. 

Berlin: Stapp 1967, Abb. 133-135. 

Auf eigenen Wunsch unternahm Roth im Herbst 1927 eine Reportagereise 
fur die »Frankfurter Zeitung* dutch das Saargebiet. Er brach die Reise vor- 
zeitig ab; die Begrundung findet sich in einem (undatierten) Brief an Ben- 
no Reifenberg aus Straftburg: 

3.) Bin ich mit dem Saargebiet fertig. Ich bin weggefahren, weil es mir 
unmoglich ist, im Saargebiet zu schreiben. Ich muft noch 2 solcher Hefte 
schreihen, fast ein Buck. Ich war in Werken und in einer Kohlengrube. 
Ich war einen halben Tag Verkaufer in einem Warenhaus, in einer 
Schenke betrunken und habe vor Besoffenheit mit einem hafilichen Ho- 
telmadchen geschlafen, vor dem mir heute noch iibel ist. Aber ich bin 
durchsattigt von Saargebiet und kenne es wie Wien. Sie werden sehn. 
JRB, S. Ill 



Die Artikel uber das Saargebiet erschienen vom 16. November 1927 bis 28. 
Januar 2928 als Folge »Briefe aus Deutschland« unter dem Pseudonym 
»Cuneus«, der Keil. In ihnen kommt Roth sozialistischen Vorstellungen be- 
sonders nahe. 



184 BERUF: JOURNALIST 

239 Cuneus [d. i. Joseph Roth] 

Briefe aus Deutschland. Unter Tag. 

In: Frankfurter Zeitung. 72 (1927), 882, S. 1-2. 

JRW3, S. 738-745 

Der Bericht vom Besuch einer Kohlengrube schliefit mit folgendem Absatz: 

[...] 

Um halb zehn Uhr abends kam ich aus der Grube. Wahrend ich badete 
und ein erschiittertes Wiedersehn mit meinen geliebten Kleidern feierte, 
saft der Steiger auf einem Schemel und aft ein belegtes Brot. Er mufke 
noch einmal hinunter. Obwohl er, kaum funfzigjahrig, eine Nachtschicht 
nicht mehr mitmachen kann. »Wurden Sie, wenn Sie Sonne hatten, sie 
auch in die Grube schicken?* »Keinesfalls« sagte der Steiger. Und nach 
einer Weile> Aber mein Vater hat das auch gesagt — und mein Groftva- 
ter auch.« 

Lieber Freund, die geradezu naturhafte Ausweglosigkeit scheint mir am 
erschiitterndsten in dieser Antwort ausgedriickt. Daft die Arbeit erblich 
sein kann wie ein mythologischer Fluch, haben Sie das gewufit? Er ist 
seit den Tagen des Tantalus breiter und anonymer geworden, er ist ge- 
wachsen wie ein schauderhafter Baum, und der furchtbare Schatten sei- 
ner furchtbaren Krone liegt nicht uber einem Geschlecht, sondern iiber 
tausend Geschlechtern. Ich weift, mein lieber Freund, daft Sie mit die- 
sem Brief unzufrieden sein werden. Denn die etwas nachlassige, aber 
produktive Giite, die Sie haben, mochte gerne Auswege erzeugen und 
Hilfe aus Regionen holen, von denen ich genau weifS, daft sie unzugang- 
lich und verschlossen sind. Wenn die »Rentabilitat« wichtig ist, kann die 
Humanitat nicht bestehen. Das scheint mir unabhangig von Gesell- 
schaftsordnung und Revolution. Es bleibt, glaube ich, nichts iibrig als der 
hoffnungslose Blick, mit dem ich gestern abend, als ich die Unterwelt 
verliefl, den nachtlichen Himmel begriiftte. Er erschien mir nicht trostli- 
cher als das »Hangende«. 

JRW3, S. 745 

240 Cuneus [d. i. Joseph Roth] 

Briefe aus Deutschland. Nach Neunkirchen. 
In: Frankfurter Zeitung. 72 (1927), 905, S. 1-2. 
JRW3, S. 746-752 

Joseph Roth begleitete die bekannte Sozialistin Angelica Balabanoff zu ei- 
nem Vortrag iiber den italienischen Faschismus vor Arbeitern in Neunkir- 
chen: 



BERUF:JOURNALIST 185 

[ . . . ] Frau Balabanoff ist eine alte junge Frau, sie spricht jeden Abend in 
uberfiillten, stickigen Salen, ihre Zuhorer sind Proletarier, die keine Zeit 
haben, Andacht vom Hunger, Hunger vom sparlichen Genuft und die- 
sen vom politischen Unterricht zu trennen. Diese Frau reist durch das 
Saargebiet, als ware sie dreifiig Jahre alt und als ware sie hier zu Hause, 
wie vor dreiftig Jahren in Rutland, in Italien, in der Schweiz. Sie ist auch 
in alien Landern zu Hause, in denen Proletarier leben, aber weil nicht 
nur Proletarier in alien Landern leben, ist sie aus vielen ausgewiesen. 
Rutland hat sie freiwillig verlassen, in der Stunde, in der sie zu merken 
glaubte, daft es den Sozialismus verlieil Niemals hat sie einer »Gruppe«, 
einer »Fraktion«, einem »Fliigel« angehort. Wie man ein Christ sein kann 
ohne Kirche, ist sie ein Sozialist ohne Partei. Niemals sah ich einen 
unerbittlicheren Sozialisten und niemals einen nachsichtigeren. Nir- 
gends sah ich einen heifleren Eifer und nirgends eine weichere Toleranz. 
Die Gleichzeitigkeit dieser Eigenschaften scheint mir dieser Frau beson- 
deres Abzeichen. 

[...] 

Die Frauen haben das unbestimmbare Alter der Proletarierinnen: zwi- 
schen funfundzwanzig und sechzig. Viele sind dunkel gekleidet. Sie tra- 
gen keine Hike. Sie tragen die Haare schiitter und lang und bleich und 
farblos, in gleichgultigen, veriegenen Knoten zusammengebunden. 
Strahnen streifen sie mit harten Handen aus den Gesichtern. Lockere 
Haarnadeln driicken sie wie Dolche in das Haarfleisch des Knotens. Ihre 
Gesichter sind grau und zerfurcht, Physiognomien von mannlichen 
Denkern. Die Sorgen machen Schnabel aus Nasen, Spalten aus Miin- 
dern, kleine, blasse Lichtfunkchen aus Augen. Auf den Stirnen Landkar- 
ten aus Falten, die Geographie des Kummers. Die Leiber in langen, brei- 
ten Stoffen, die keine Ahnung haben von den Formen eines weiblichen 
Korpers. Manchmal zeigt sich ein rotes, gesundes Madchengesicht Es 
mufi noch sehr jung sein, sonst ware es nicht rot und nicht gesund. [ . . . ] 
JRW3, S. 746 und S. 749 



Angelica Balabanoff 241 

Erinnerungen und Erlebnisse. 
Berlin: Laub 1927. 299 S., 1 Titelbild 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Angelica Balabanoff 

Geb. 1878 in Tsjernigov. Sozialist ische Publizistin. Studierl in Zurich, Ber- 
lin, Leipzig, Brussel und London. 1902 — 1904 Privatlehrerin in der 
Schweiz; krnt hier Mussolini kennen. Arbeitet mit ihm 1912 — 1914 bei der 
sozialistischen Zeitung »Avanti« zusammen. Wdhrend des 1. Weltkriegs 
wichtige Rolle bei der »Zimmerwalder Bewegung« und der Grundung der 



186 BERUF: JOURNALIST 

III. Internationale. 191 7 Anschlufi an die russische Kommunisttsche Par- 
tei. 1919 Sekretdrin der III. Internationale. 1920 Bruch m it Lenin. Verldfit 
1922 die Soivjetunion; 1927 Ausschlufi aus der KPdSU. Emigriert nach 
Paris; dort Redakteurin der ins Exil verlegten Zeitschrift »Avanti«. 1937 in 
die USA. 

Publiziert u. a. Erinnerungen und Erlebnisse. Berlin 1927. — Erziehung 
der Massen zum Marxismus. Berlin 1927. — Die Zimmerwalder Bewe- 
gung 1914 — 1919. Leipzig 1928. — Wesen und Werdegang des italieni- 
scben Faschismus. Wien 1931. — My life as a rebel. London 1938. — II 
traditore (The traitor). Benito Mussolini and his »conquest« of power. New 
York 1942. — Lenin. Hannover 1961. — Gest 1963 in New York. 



Die »Briefe aus Deutschland« erschienen 1929 in einer von Ernst Glaeser 
herausgegebenen Anthologie deutscher Publizistik ah enter Beitrag auf den 
Seiten 11 bis 55: 

242 Fazit 

Ein Querschnitt durch die deutsche Publizistik. Hrsg. von 

Ernst Glaeser. 

Hamburg: Enoch (1929). 313 S. 

Leihgabe: Harro Kieser, Bad Homburg v. d. H. 



UBER DIE LAGE DER OSTJUDEN 

243 Joseph Roth 
Abb. 52 Juden auf Wanderschaft. 

Berlin: Verl. Die Schmiede (1927). 103 S. 
JRW3, S. 293-369 

Leihgabe: Harm Kieser, Bad Homburg v. d. H. 
Zitiert auch in Kat.Nr. 6-8, 10, 12-15, 17, 46. 

Der Verfasser hegt die torichte Hoffnung, daft es noch Leser gibt, vor de- 
nen man die Ostjuden nicht zu verteidigen braucht; Leser, die Achtung 
haben vor Schmerz, menschlicher Grofie und vor dem Schmutz, der 
iiberall das Leid begleitet; Westeuropaer, die auf ihre sauberen Matrazen 
nicht stolz sind; die fiihlen, daft sie vom Osten viel zu empfangen hatten 
und die vielteicht wissen, dafi aus Galizien, Rutland, Littauen, Rumanien 
grofte Menschen und grofte Ideen kommen; aber auch (in ihrem Sinne) 



BERUF:JOURNALIST 



187 



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Dieses Buch beschaftigt sich in it den Ostjuden, 
mit den Verhaltnissen, in denen sie leben und 
ihrern Schkksal in ihren Cebiirtsstadten und 
in den Weltstadten, in die sie auswahdern, 

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^Z Joseph Roth;Juden auf Wanderschaft. Berlin: 
Verl Die Schmiede 1927 



188 BERUF: JOURNALIST 

niitzliche, die das feste Gefuge westlicher Zivilisation stiitzen und 
ausbauen helfen — nicht nur die Taschendiebe, die das niedertrachtigste 
Produkt des westlichen Europaertums, namlich der Lokalbericht, als 
»Gaste aus dem Osten* bezeichnet. 
SeiteB. -JRW3,S.293 



244 Joseph Roth 

Das Moskauer jiidische Theater. 

In: Das Moskauer jiidische akademische Theater. 

Berlin: Verl. Die Schmiede 1928, S. 9-16. 

JRW4, S. 467-472 
Leihgabe:SNM/DLA 

Auf seiner Reportagereise durcb die Sowjetunion besuchte Roth im Winter 
1926 das jiidische Theater in Moskau: 

[...] 

Ich bin erschuttert und erschrocken. Der grelle Glanz der Farben hat 
mich geblendet, der Larm betaubt, die Lebhaftigkeit der Bewegung ver- 
wirrt. Dieses Theater ist nicht mehr gesteigerte Welt, es ist eine andere 
Welt. Diese Schauspieler sind nicht mehr Trager von Rollen, sondern 
verwunschene Trager eines Fluches. Sie sprechen mit Stimmen, wie ich 
sie noch in keinem Theater der Welt gehort habe, sie singen mit der In- 
brunst der Verzweiflung, wenn sie tanzen, erinnern sie mich an Bacchan- 
ten, ebenso wie an Chassidim, ihre Gesprache sind wie die Gebete der 
Juden im Talles am Jom Kippur und wie die lauten Lasterungen der 
Rotte Korah, ihre Bewegungen sind wie ein Ritual und wie ein Wahn- 
sinn, die Szenen sind nicht gestellt und nicht gemalt, sondern getraumt. 
[ . . . ] Alle Maftstabe, die ich aus dem Westen mitbringe, versagen in die- 
sem Theater. 

[ . . . ] das jiddische Theater in Moskau ist der einzige Ort, wo die jiidi- 
sche Ironie mit einem gesunden Witz uber das zensurierte und sogar 
vorgeschriebene »revolutionare« Pathos triumphiert. Im jiddischen Thea- 
ter herrscht jene kritische Begabung, die man in den staatlichen Bil- 
dungsanstalten der Sowjets so dringend braucht und so vergeblich su- 
chen wiirde. [ . . . ] 
JRW 4, S. 470 und S. 472 



245 Das hebraische Theater »Habimah«, Moskau 

Buhnenfoto. 

Vorlage: Hubmann, Familienalbum, S. 71. 



BERUF: JOURNALIST 189 

»DIE FRAUEN NEBBE UND KLEIN«: 
RANDGRUPPEN DER GESELLSCHAFT 



Joseph Roth 246 

Die Frauen Nebbe und Klein. 

In: Berliner Borsen-Courier. 55 (1923), 129, S. 5. 

JRW4,S. 87-89 

Roth berichtet uber den Prozefi gegen zwei kleinburgerliche Frauen, die als 
Giftmorderinnen angeklagt sind. Wegen ihrer lesbischen Beziehung wollten 
sie ihre Ehemdnner, vor deren Brutalitdt sie sich in ihr Liebesverhdltnis ge- 
flilchtet haben, toten. »Frau Klein hat ihren Mann umgebracht, Frau Neb- 
be ist es nicht gelungen.« Alfred Doblin nahm diesen Fall zum Anlafi fur 
seine Abhandlung »Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord*. Berlin: 
Verl Die Schmiede 1924. 



Alfred Doblin 247 

Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord. 
(Frankfurt a. M.:) Suhrkamp (1971). 96 S. 
(Bibliothek Suhrkamp. Bd. 289.) 



Joseph Roth 248 

Der Zug der Fiinftausend. 

In: Frankfurter Zeitung. 68 (1924), 185, S. 3-4. 

JRW4, S. 20-22 

Wenn die Spitze des Zuges (den man taglich in der Frankfurter Allee in 
Berlin erschrocken und erschiittert sehen kann) die Frobelstrafte erreicht 
hat, ist es zwei Uhr nachmittags, und noch vier Stunden dauert es, bis 
die letzten der Fiinftausend angelangt sind. Den Zug bilden die Elende- 
sten, die Armsten, die Verworfensten dieser Stadt. Verworfenheit und 
Elend sind nicht genau zu unterscheiden. Es ist gut so. Denn dieses ist 
unverdient wie jene, und das Verbrechen, das im erschiitternden Gewan- 
de der Armut erscheint, verdient wenigstens fur eine einzige bitterkalte 
Nacht die Gnade, die man dieser zu spenden beflissen ist. Das Ziel der 
Fiinftausend ist das Obdachlosenasyl in der Frobelstrafie. [ . . . ] 
Fiinftausend Menschen ziehen taglich schweigend durch die StrafJe. 
Welche larmvolle Demonstration konnte sich mit diesem Zug verglei- 
chen. Man hort nur Keuchen, Husten, Aufschlagen der Krucken in In- 



190 BERUF: JOURNALIST 

tervallen, das Schlurfen zerrissener und nachhangender Stiefelsohlen, das 
Wimmern eines Kindes, diinn und glasern und fern, wie hinter einer 
Eismauer. Waren diese akustischen Anzeichen des Lebens nicht, der 
Zug ware ein stummer Film, ohne Musikbegleitung, durch ein techni- 
sches Wunder losgelost von seiner Grundbedingung: der Leinwand, ein 
Zug von funftausend photographischen Schatten, aus einem groften Ki- 
no an der Ecke in die Strafe verbannt Die Gesichter unglaubhaft cha- 
rakterisiert: halbe Barte; Basedowsche Krankheitsgesichter; hervorquel- 
lende Augen; leere Augenhohlen; zerrissene Uniformen; geschenkte 
Cutaways; Lackstiefel ohne Sohlen; die Statisterie eines grausamen Got- 
tes. 



249 Joseph Roth 

Noch einmal Priigel. 

In: Frankfurter Zeitung. 73 (1929), 362, S. 1. 

JRW4, S. 555-557 

Anlafi zu diesem Artikel, der sich gegen die Benachteiligung Farbiger durch 
diejustiz in Amerika und Sudafrika wendet, ist eine »Nonpareille-Notiz 
in einigen europdischen Bldtterw uber die Exekution einer Prugelstrafe in 
Wilmington soivie eine Meldung des ^Manchester Guardian* liber die Ver- 
urteilung eines Transvaal-Farmers zu zehn Stockschldgen und siebenjah- 
ren Zwangsarbeit wegen »Totschlags« an einem Eingeborenen. 

[...] 

Man kann also immer noch lernen, selbst wenn man ein Skeptiker ist. 
Eines Tages findet man in der Zeitung eine Nonpareille-Notiz uber eine 
Priigelexekution — und gerat in Aufregung. Ein anderer Tag kommt, 
und man erfahrt aus einer Zeitung, daft ein Mensch einen Menschen ge- 
stagen und gesteinigt hat; daft der Steiniger nur wegen Totschlags verur- 
teilt wird; nur zu zehn Stockstreichen; daft dieses Urteil eine Sensation 
ist, weil der Steiniger eine weifte Hautfarbe hat; daft also Farbige und 
Schwarze seit Jahren, seit Jahrzehnten gepriigelt werden, ohne daft sie ei- 
ne Sensation verursachen. Und beinahe ist man imstande, sich zu der 
Anschauung zu bekehren, daft die Prugelstrafe notwendig ist. Insbeson- 
dere fur steinigende Farmer von weifter Hautfarbe . . . 
Die vierzig Rutenhiebe aus Wilmington tun mir weh, und die zehn 
Stockstreiche, die der Herr Nafte erhalt, tun mir wohl. So kompliziert ist 
der Mensch. 



BERUF: JOURNALIST 191 

Joseph Roth 230 

Psychiatric 

In: Das Tagebuch. 11 (1930), 26, S. 1036-1041. 

JRW4, S. 567-573 

Roth greift anldfilich des Todes einer schwacbsinnigen Patten tin durch eine 
grobe Fabrldssigkeit einer Pflegerin in der Landesirrenanstalt Teupitz in 
der Mark Methoden der zeitgenossischen Psychiatric an: 

[ . . . ] Depraviert die Irren schon das »Bewufltsein«, abgesperrt und also 
aufgegeben zu sein, so werden sie durch Bemiihungen der Psychiatrie, 
sie Mores zu lehren, noch mehr depraviert. Es mufl jedem Einsichtigen 
klar sein, daft die Absperrung die asoziale Tendenz der Krankheit steigert 
und nicht mindert, Man hat in der Anstalt gewissermaften die Berechti- 
gung, zu toben und unsauber zu sein. Die Krankheit fiihlt sich durch die 
Institution der geschlossenen Anstalt unterstiitzt und nicht bekampft. 
Und es ergibt sich die groteske Schluftfolgerung: daft die praktische An- 
staltspsychiatrie die Bundesgenossin der Geisteskrankheit ist. 
Wollen wir uns aber selbst schon mit der Tatsache abfinden, daft die 
praktische Psychiatrie keine medizinischen, sondern polizeiliche Aufga- 
ben erfullt, so muftten wir immerhin noch gegen die /1/tprotestieren, in 
der sie diese ihre polizeilichen Funktionen ausiibt. [ . . . ] 
JRW 4,S. 570 

Roths Aufsatz rief unter Psychiatern starken Widerspruch hervor. Eine 
Stellungnahme von Dr. Lilienstein (Bad Nauheim) u. d. T. »Wie ein Dich- 
ter die Psychiatrie sah« sowie Roths »Erwiderung« erschienen in »Das Tage- 
buch* vom 2. 8. 1930 QRW 4, S, 574-580), 



Literatur 



Musil wunderte sich iiber Roths fast leichtsinnige Art, Probleme zu be- 
handeln. Roth sei der einzige Schriftsteller, erwiderte ich, der jedem Ge- 
sprach iiber Literatur ausweicht aber gern iiber Schriftsteller spricht und 
von einem zum anderen Mai vergiflt, wie er sie einschatzt. 
Soma Morgenstern: Dichten, denken, berichten. Gesprdche zwischen Roth u. 
Musil. In; Frankfurter Allgemeine Zeitung. (1975), 79, BeiL: Bilder und 
Zeiten, S. 4. — Siehe auch Kat, Nr. 199 



192 BERUF: JOURNALIST 

LITERATURSOZIOLOGIE - 
LITERATURBETRIEB 



251 Joseph Roth 

Von Buchern und Lesern. Ermittlungen aus den wichtig- 
sten Bibliotheken Berlins. 

In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung. 50 (1921), 
177, S. ungezahlt. [1. Beibl.] 

JRW4, S. 188-191 

Ein Bericht aus der ersten Zeit der jungen deutschen Republik: 

[ . . . ] Betrachtet man nun die Berliner Bibliotheken und ihre Besucher 
jetzt, im dritten Jahre nach dem Zusammenbruch, und vergleicht man 
die gegenwartigen Verhaltnisse mit denen vor dem Kriege und wahrend 
des Krieges, so gelangt man im allgemeinen za demselben Resultat, das 
so oft schon verschiedene Untersuchungen iiber die Wirkung der Revo- 
lution und ihrer Begleiterscheinungen auf die geistigen Gebiete deut- 
schen Lebens ergeben haben: die deutsche Revolution war im wesentli- 
chen keine Revolution auf geistigem Gebiet. Die geistige Entwicklung 
vollzieht sich in einer steten, nur zeitweise abirrenden oder gehemmten 
Evolution. 

[...] 

Man sieht: es sind die gleichen Schichten, die auch vor dem Krieg, vor 
der Revolution fur Bibliotheken in Betracht kamen. Wo sind die eigent- 
lichen »Proletarier«? Lesen die Arbeiter nur in den Arbeiterbibliotheken? 
Und die jugendlichen Arbeiter nur in ihren Zirkeln, deren Bibliotheken 
ja zum groften Teil aufierst mangelhaft sind? 



252 Joseph Roth 

E. T. A. Hoffmann in der Staatsbibliothek. 

In: Berliner Borsen-Courier. 54 (1922), 326, S. 2. 

JRW4, S. 201-203 

Die gerechte Nachwelt hat dem toten Ernst Theodor Amadeus Hoff- 
mann durch ihre autoritativen Vertreter der Wissenschaft eine Rehabili- 
tierung zukommen lassen: ein ganzer, wenn auch an Umfang geringer 
Raum in der Staatsbibliothek umfafk eine »E. T. A. Hoffmann-Ausstel- 
lung«. 



BERUF: JOURNALIST 193 

Das ist die literaturhistorische Pointe eines skurrilen und respektlosen 
Poetenlebens. Hoffmann hatte seine Nachwelt erleben miissen. Wenn es 
ihm gelungen ist, im Jenseits als Beweis fur seine im korperlichen Leben 
erwiesene Wunderglaubigkeit bewuftt weiterzuleben und in einen Kon- 
takt mit der Preuftischen Staatsbibliothek zu gelangen — den er leider 
nicht mehr beschreiben darf— , so sieht er wohl mit jenem satirischen 
Behagen, das ihn auf Erden gekennzeichnet hat, auf die offiziellen Ver- 
treter der Presse, die zu einem Rundgang durch die Ausstellung von 
Doktor Uhlendahl eingeladen sind. 

Es entsprache dem Wesen des Gefeierten wenig, wenn man durch seine 
Ausstellung mit der ganzen Seelenrustung eines Jubilaumspathetikers 
rasselte. [ . . . ] 

Er war ein Gespensterhoffmann. Aber in seinen kiihnsten Traumen — 
wer hatte paradoxer getraumt— ware ihm nie der Gedanke gekommen, 
daft ihn die offizielle Nachwelt in der Preuftischen Staatsbibliothek ehren 
wiirde. Sie versetzte ihn gewissermaften vom Blocksberg direkt auf den 
Olymp. 



Preussische Staatsbibliothek, Berlin, Aufienansicht 253 
und Kuppellesesaal 

Zwei Photographien. 1929 u. um 1920. 
Vorlage: Winfried Loschburg, Heinz Wegehaupt, Leon- 
hard Penzold: Die Deutsche Staatsbibliothek und ihre 
Kostbarkeiten. 
Weimar: Bohlau 1966, Abb. 4 u. 5. 



Joseph Roth 254 

Epilog zum Reigenprozeft. 

In: Berliner Borsen-Courier. 54 (1921), 537, S. 5. 

JRW 4, S. 194-196 

Arthur Schnitzlers »Reigen«, 1896/97 entstanden, 1900 als Privatdruck 
und 1903 im Buchhandel erschienen, wurde erst am 23. Dezember 1920 
vollstdndig im Berliner Kleinen Schauspielhaus uraufgefubrt. Der Auffiih- 
rungfolgte eine Anklage auf Pornographic. Der Gerichtsprozefi erwies sich 
jedoch als Bumerang: »Die burgerliche >Moral< } in deren Namen dem Berli- 
ner >Reigen< der Prozefi gemacht wurde, offenbarte ihre ganze Verlogenheit 
und Niedertracht. Die Sorge um die gesunde Volksmoral kam aus recht tru- 
ben Quellen: Man suchte den >zersetzenden< Juden Schnitzler zu treffen 
[ . . . ]; was katholische und nationalistische Verbdnde einte, waren Antise- 



194 



BERUF: JOURNALIST 



m it ism us, vermischt mit heuchlerischer P ruder ie.« (Dieter Borchmeyer: Rei- 
gen. Zehn Dialoge. Komodie von Arthur Schnitzler. [Lexikon-Artikel] In: 
Kindlers Literal ur-Lexikon. Zurich: Kindler 1971, Bd, VI: Werke Rb—Tz, 
Spalte 94 — 97). Der Prozefi endete mit einem Freispruch der Angekiagten. 

Aus dem A rtikel Joseph Roths: 

[...] 

Der Prozefi zeigte mancherlei: erstens, dafJ eine gesetzliche Begriffsbe- 
stimmung iiber »Sittlichkeit« (insofern sie aus einem Kunstwerk spricht) 
lacherlich ist. Es gibt keine »normalmenschIiche« Empfindung, die als 
Grundlage fur eine Gesetzesbestimmung iiber Sittlichkeit dienen konn- 
te. Zweitens: dafi das ganze grofie Gebiet der Kunst einem grofien Teil 
der gebildeten deutschen Menschheit verschlossen und unverstandlich 
ist; daft Regierungsrate in kunstlerischen Dingen Analphabeten sein 
konnen. Drittens: daft solche Regierungsrate dem Gericht maftgebend 
und sachverstandig sind; daft also die Behorden um ein paar Jahrhunder- 
te hinter der Kulturentwicklung zuriickgeblieben sind. 

[...] 

Ein iveiterer Artikel Roths zum Reigenprozefi erschien u. d, T. »Sieg der 
Vernunft. Der Freispruch im Reigenprozefi* im »Berliner B6rsen-Courier« 
vom 18. 11. 1921 (Abdruck: JRW 4, S. 196-198). 



255 Der Reigen 

Spielfilm nach der Novelle von Arthur Schnitzler von Ri- 
chard Oswald. 

Darsteller: Asta Nielsen, Conrad Veidt, Theodor Loos u. a. 
Urauffuhrung: 27. 2. 1920. 
Szenenfoto mit der Aufschrift »Verboten«. 
In: Zeit-Magazin. 1978, Nr. 41, S. [58]. 

256 Joseph Roth 

Lob der Dummheit. 

In: Die literarische Welt 5 (1929), 39, S. 3. 
Nachdruck. Nendeln, Liechtenstein: Kraus-Reprint 1973. 
JRW4, S. 231-234 

Roth wendet sich gegen jene Gattung der deutschen Literatur, die er als 
»barbarische Belletristik« bezeichnet und die unter dem Begriff »Blut- und 
Boden-Dichtung« bekannt werden sollte: 

[ . . . ] Jedenfalls glaube ich ohne Obertreibung sagen zu konnen, daft 
man in Deutschland wenn schon nicht die Dummheit fur eine Hauptbe- 



BERUF: JOURNALIST 195 

dingung des Dichtens halt, so doch die Vernunft fur ein groftes Hinder- 
nis eines Dichters. Die unausrottbare Neigung, den Begriff des »Dich- 
ters* mit der Vorstellung von dessen holdem Wahn automatisch zu ver- 
binden, war selbst wahrend der letzten Monate, in denen die »Neue 
Sachlichkeit* schon einen neuen, tatkraftigen deutschen Dichtertyp zu 
erzeugen drohte (eine Mischung von einem Piloten, einem Marxisten 
und einem Reporter), so stark, daft an ihr, jener Neigung namlich, die 
Neue Sachlichkeit iiberhaupt gescheitert sein durfte. [ . . . ] 
Aus diesen Griinden ist bei uns jene Gattung Literatur so beliebt, die ich 
die barbarische Belletristik nennen mochte. Bei uns ist es schon ein Vor- 
zug, nicht schreiben zu konnen. Wenn einer stottert, so sagt man: er 
schreibe -unvermittelt und ungekiinstelt*. Wir lieben die frischen Jun- 
gens (die blauen unter den frischen werden bevorzugt), die so rasch von 
der Realitat herkommen wie die Semmeln vom Backer und richtig was 
»erlebt« haben. Autodidakten schon werden mit Mifttrauen behandelt. 
Akademische Bildung ware sogar abzuraten, wenn es sich nicht wieder 
empfehlen wiirde, der deutschen Sitte: Herr Doktor zu sagen, nicht ge- 
rade demonstrativ entgegenzutreten. Daft ein »Dichter« vor allem schrei- 
ben muft; daft das Schreiben die primare Ausdrucksmoglichkeit des »Ge- 
dichteten* iiberhaupt ist; daft das Schreibenkonnen aber erst die Frucht 
einer langen, langen geistigen Disziplin ist, der akustische Ausdruck der 
Vernunft also; daft diese selbst eine wirkliche »Gnade« ist und eine grd- 
ftere als die ahnungslose Unmittelbarkeit; das alles versuche man erst 
einmal einem Leser klarzumachen. [ . . . ] 

Wenn ich Antisemit ware — wozu ich aber gar keine Veranlassung habe 
— , so wiirde ich diese hysterische Naivitatshascherei des deutschen Le- 
sers aus der Tatsache zu erklaren suchen, daft er grofttenteils ein jiidi- 
scher ist. Das heiftt: ich wiirde den hochmiitigen Aberglauben der Juden: 
intelligent und schwarzhaarig seien sie selbst und von Dichtern hatte 
man etwas Blond-Ahnungsloses zu erwarten, mit dem sich absolut keine 
Vernunft-Transaktion machen laftt: ich wiirde diesen Aberglauben ver- 
antwortlich machen fur die groften Auflagen der barbarischen Bucher, in 
denen die Plumpheit als »Frische« gilt, die Torheit als eine »Gnade«, 
deutsche Sprachfehler als Beweise fur arische Abstammung und Unge- 
bildetheit als »Urkraft«. Aber ich bin kein Antisemit. 



Joseph Roth 251 

Eine Rede Rudolf Borchardts. 

In: Die literarische Welt 6 (1930), 7, S. [1] — 2. 

Nachdruck. Nendeln, Liechtenstein: Kraus-Reprint 1973. 

JRW4, S. 258-261 



196 BERUF: JOURNALIST 

Uberlegungen anldfilich der Bremer Rede Rudolf Borchardts uber »Die 
Aufgaben der Zeit gegenuber der Literature vom 8. Februar 1929. 

238 Rudolf Borchardt 

Die Aufgaben der Zeit gegenuber der Literatur. 
Rede, geh. am 8. Februar 1929 zu Bremen. 
Bremen: v. Halem (1929). 64 S. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 



259 Joseph Roth 

Schluft mit der »Neuen Sachlichkeit*! 

In: Die literarische Welt 6 (1930), 3, S. 3-4 u. 6 (1930), 4, 

S. 7-8. 

Nachdruck. Nendeln, Liechtenstein: Kraus-Reprint 1973. 

JRW4, S. 246-258 

[-..] 

Es gab nur ein einziges Land, in dem das Wort von der »Neuen Sachlich- 
keit* erfunden werden konnte: Deutschland. Bei uns wurde (wie oft im 
Lauf der Geschichte) ein Ziel, was bei den andern primare Vorausset- 
zung war. Wir sind das einzige Volk, dem die Sachlichkeit »neu« erschei- 
nen konnte. Aufterst kennzeichnend, daft der Verfasser der jiingsten 
deutschen Literaturgeschichte in franzosischer Sprache, Felix Bertaux, 
kein anderes Wort fur die »Neue Sachlichkeit* gebraucht als »l'ordre 
froid«, die kalte Ordnung — eine sehr schmeichelhafte Ubersetzung, nur 
fur jene Werke anzuwenden, die irrtumlich unter der Marke »Neue Sach- 
lichkeit* erschienen sind. [ . . . ] 
JRW4 } S. 251 

[ . . . ] ich habe lange nachgedacht uber Ihre nahezu geniale Ubersetzung 
der »Neuen Sachlichkeit* und finde, daft »l'ordre froid* viel zu gut ist fiir 
jenes hafSliche Wort, das aus der deutschen Malerei in die deutsche Litte- 
ratur gekommen zu sein scheint. Es erhebt all die litterarischen Produk- 
te, die unter jenem deutschen Stichwort gesegelt sind, auf ein ganz be- 
deutendes Niveau, das sie nicht haben. Der franzosische Leser wiirde ge- 
neigt sein, diese Sachlichkeit besser zu finden als sie ist, einfach unter der 
Suggestion, Ihres prachtigen Wortes. Deshalb wiirde ich an Ihrer Stelle 
ausdriicklich sagen, daft die Ubersetzung (»ordre froid«) besser ist, als das 
Original (Neue Sachlichkeit) und weniger die Leistung, als die Tendenz 
der meisten »Sachlichen« kennzeichnet. 
JR an Felix Bertaux. Paris, 9- 1. 1927 [vielm. 1928]. - JRB, S. 118 



BERUF: JOURNALIST 197 

Joseph Roth 260 

100 000 Mark fur einen Roman. Abb. 53 

In: Der Drache. 6 (1925), 14, S. 1-4. 

JRW4, S. 212-215 

Ein Artikel anldfllicb eines Preisausschreibens der »Munchner Neuesten 
Nachrickten« und des ^Hamburger Fremdenblattes*, die 100 000 Mark fur 
den »besten deutschen Zeitungsroman* ausgesetzt haben. Roth schliefit mit 
Anspielung auf ein Mitglied der Jury: 

[...] 

Und dennoch sind 100 000 Mark eine Summe, fur die es lohnt, sich dem 
Urteil des Miinchner Landgerichtsprasidenten zu unterwerfen. Wenn er 
sich nur nicht irrt und, aus Gewohnheit, einen deutschen Schriftsteller 
zum Zuchthaus verurteilt. Dergleichen Dinge sollen in Miinchen schon 
passiert sein. Und die » Miinchner Neuesten Nachrichten* haben damals 
fur die Befreiung kein Preisausschreiben erlassen! . . . 

Siehe auch Kat. Nr. 201 und 202. 



Joseph Roth 261 

Eine halbe Stunde Kauderwelsch. 

In: Frankfurter Zeitung. 16 (1931), 759, S. 5. 

JRW4, S. 275-277 

Uber die Folgen des zeitgenossischen »Zeitungsdeutscb« fur die Leser der 
Massenbldtter: 

[ . . . ] Hunderttausende lesen Tag fur Tag die sen grauenhaften Wider- 
sinn, kauen ihn wieder, denken ihn gewissermaften nach — und horen 
auf, Menschen zu sein; weil sie die Sprache verlieren. Ja, in einer Zeit, in 
der man vor lauter amerikanisch — grofSkapitalistisch — sowjetistisch 
— revolutionarer Hast keine Ruh' mehr findet, Namen auszusprechen, 
und, statt eine Institution zu nennen, irgend etwas daherbellt, was wie 
•SOW — komprofl — tong« klingt, oder ahnlich, den Zeppelin »Zepp« 
nennt, unser Zepp, weil man noch schneller sprechen will, als er fliegen 
kann, und den Dramatiker Zuckmayer: »Zuck« und den Publizisten 
Tucholsky: »Tucho« (um nur ein paar Beispiele zu nennen): in solch ei- 
ner Zeit findet man kaum noch das »Tempo«, es selbst auszusprechen, 
und man mochte vor lauter Eile nur »Temp« sagen, nur um ein »o« zu 
ersparen. Und jenem geschlechts- und artikellosen »Mann auf der Stra- 
fie« wird es nicht erspart bleiben, das unmenschliche Schicksal: auch 
noch die Sprache zu verlieren. [ . . . ] 



1 98 BERUF: JOURNALIST 



Der DracL 



Vmhi* Uifiti VerU| Viktor £*tf*L Ufofe Bay»»cU*Str. 1. T*L *»*», 
FMteWlk«stol^p«ig5S700. Dr«.<t«.: Dr^awr V«rU* JV Dr*du". 

^V^/Dyej a>a, &a 6. Jaaoar 1925 & Jadi*ta£ ffefe 14 

i iii iii iiiM fa ii — .11 hi ■ ■ wTTTi ii tt ai rr i V ■ r i w- l »n rrv iii v ^ . T ii r«j aaag88sagsgBMgg a"ifoi>Bi«aiW iii iii B 

100000 Mark fur einen Roman. 

Voa Jo»eph Roth, Berfia. 

Der Veria^ der ^iiacbeaer Neue«tea Nackrlcbteir** 
cad der des ^Haia burger FretadeabUHea" verdffeatlkbeo 
em Prmau&schreiben im Inserateateii 4tr groBea deutschea Tages- 
batten betde Veriage zihle© IO0OOO Mark, in Wcrtea: bundcrt- 
tausead Mark, far dea J>«fen deubehea Zettuagsrotaaa*. Diese* 
lnierat &t geeigaei, Aufsebea xa errcgcn. Die deatachen Schriftstelier 
•lad an aotche Hoaorare aicbt gewShnt ta eiaem Laade, in (teat 
Zeiiiuigea voa der QuatitSt uad der Oesmnung der „MQnchen« 
Neaestta Naehricbtea" erscbeiaea* kaaa e$ Scbrfftstenern von Qualitil 
uad Oeaincung nicht gut exgeha. Es wire ru wunschea, daS die „MSa* 
cfaeaer Neuestea Nacbriebtea" ah Bote Hit ibre Ddsteast und for 
tagUebes' Erscfaemea jedem aasUadigea deutschea SchriftstcUcr 
100000 Marft zablea, setbst, weaa er ifraen keiaea Roaun Sefert, 
aof dftS er iasUndgesetzt werde, seine Helaiat zu verlassen * und 
die ^Muacheaer Keuesten'* ate mete m §thm. 

Ffirwahr, wcna kh bedenke, da& cm Maaa, der 100 000 Mirk 
besifer^ wirklicfe nicht mebr ta die Catale Uge geratea mti»\ die 
, # deaJofcraiise&c , * uad pseadodemokratiscfce Presse Dcutschlands w 
kseavco bia kb fist geaeigt, ntefe dea BedSaguagea dts ebeo er* 
wahatec Prelfeaosscfareibeas m aalerwerfea uad den btatea deutschea 
Zetogsromaa xu schreiben — ^bwobl fch kni*& geaug h&t, «i 
iwe&ebs, ob' er dea w Muncbeaer Neaestett Nachricatea** gdallen 
wild. Uad was das ^Hamburger fremdeabtaif 1 betdfft, bta kh *ebr 
sfceptisclt .£* ht tin „demofcratische$ Orgaa** uad bat vor der Waal 
gegea die Recbte ^gekampft**; mil dea Waffea gefcimpft, die m 4tt 
uberliefer^a Rustung der dcutschcn Demote ra tie gebSnta. Dies* 
WaHea siad; VC^firde, gemaBigter f&pubtikamsmus void Sanffbeti dea 
GeroSts- Wena so eia Republtksner iefer sufgeregt tst, so schrelbt er: 
*Es erStbrigt uch, aaher auf dtc Aawurfe der Rcchlsptesse eirmi* 

KAFFEEHAUS BITTNER 

■■■iibimi m imim ■■■mil mil ■ m mi wmi ihm 1 1 ■! i i mini iMa 

tei|izjg, P«ser*«tratte (Ecke Schtc^asse) fnhaber: RJ CHARD f *SCHER 
la* ^#ss!ftitdlsdie 2etbx8g&&i&W-iN[&* Ui Splelaf&ftMf 

gut >fle*j crlidN^ 1 Ve.^lcfey. 



53. Joseph Roth: 100 000 Mark fur einen Roman. In: Der Drache. 
6.Januar 1925 



BERUF: JOURNALIST 199 

ZEITGENOSSEN 

Joseph Roth 262 

Rainer Maria Rilkes »Marienleben«. 
Manuskript. Undatiert. 2 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRW4, S. 329-331 

Rezension von: 

Rainer Maria Rilke: Das Marienleben. 

Leipzig: Insel-Verl. 1913. (Insel-Biicherei. 43.) 

Ein Vergleicb der Schrift dieses Manuskript s mit Manuskripten Roths, die 
xvdhrend seiner Studienzeit entstanden sind, legt nahe, dafi es sich bei dieser 
Rezension um eine Stilubung aus Roths Studienzeit handelt. Hierfiir 
sprichi auch das Erscheinungsjabr der Erstausgabe von Rilkes Dichtung. 

Wenn in deutschen Landen die Sitte bestiinde, einem Dichter fur jeden 
schlechten Vers eine derbe Ohrfeige zu versetzen, wie es einstens einem 
Poeten in den seligen Gefilden Griechenlands geschah, so miifite Rainer 
Maria Rilke fur sein »Marien-Leben« eine tiiehtige Tracht solcher Ehren- 
bezeugungen einheimsen. Dieser Lyriker scheint auf der schiefen Ebene 
des Modernismus unaufhaltsam hinabzurollen. Oder hinaufzuklettern. 
Vielleicht hat er sogar schon den Gipfel der Moderntuerei erreicht — 
Von seinen schlichten, innigen Liedern, die er uns bei seinem ersten 
Auftreten vorsang, bis zu seinen letzten, »schwulstig-farbenprotzenden«, 
heimlichtuenden Wort- und Bilderhaufungen ist freilich ein langer Weg. 
Aber mit der Geschwindigkeit eines Schnellaufers, der im Wettlaufen 
Sieger geblieben, hat ihn Rainer Maria Rilke zuriickgelegt. [ . . . ] Wenn 
ein Effekthascher, wie es Rilke offenbar ist, heutzutage noch originell 
sein will, so bleibt ihm nichts iibrig, als Dilettant zu werden oder sich 
mindestens als solcher zu gebarden. Das ist ja das Traurige unserer Zeit: 
die Dilettanten heiilen Dichter, und die Dichter werden Dilettanten. 
Beides gelingt leider nur zu haufig! 

Dafi besonders das letztere gelingt, beweist das »Marien-Leben« von Rai- 
ner Maria Rilke. [ . . . ] 

Aber wie wenn ein Konig schlechtes Gewand anlegt, um als Bettler zu 
erscheinen, und danach das Konigliche durch alle hafilichen Lumpen 
bricht, so bricht das Dichterische in Rainer Maria Rilke durch die Lum- 
pen des Dilettantismus, die er nur zufallig angelegt. »Bettler konnen dir 
Bruder sagen, und du kannst doch ein Konig sein«, singt er selbst an an- 
derer Stelle. In Hinsicht auf sein »Marien-Leben« mochte man ihm zuru- 
fen: Dilettanten konnen dir Bruder sagen, und du kannst doch ein Dich- 
ter sein. 



200 BERUF: JOURNALIST 

263 Rainer Maria Rilke 

Das Marien-Leben. (136.-141. Tsd.) 
[Wiesbaden:] Insel-Verl. 1948. 23 S. 

Spelter dufierte Roth etne andere Ansicht uber Rilke. Im Gesprdcb mit Fre- 
deric Lefevre 1934 in Paris spricht er als Verehrer und Bewunderer: 

— J'ai ete voir Rilke a Photel Foyot quand je suis arrive a Paris en 1922. 
Je lui apportais des lettres d'amis de Prague et de Vienne. Un jour que je 
me rendais chez lui, on me frappe sur Tepaule: »M. Rilke?* Je me retour- 
ne. C'etait une dame qui, de dos, m'avait pris pour lui. II existe une allure 
autrichienne. Je portais, comme Rilke, un complet bleu, uniforme des ci- 
vils autrichiens. Je l'aimais beaucoup. Quel poete et quel homme! 
Frederic Lefivre: Une heure avec Joseph Roth. In: Nouvelles litteraires. 2. 6. 
1934 



264 Rainer Maria Rilke 

Reproduktion eines Gemaldes von Helmut Westhoff. 



265 R-th. [d. i. Joseph Roth] 

Franta Slin. 

In: Berliner Borsen-Courier. 53 (1921), 218, S. [7]. 

JRW 4, S. 332 

Rezension von: 

Ernst Weiss: Franta Zlin. Erstveroffentlichung in: Genius. 1 (1919), S. 

298-308. 

[ . . . ] Die unerbittliche Konsequenz dieses unerbittlichen Kriegsge- 
schicks mit der grausamen Genauigkeit niichterner Tatsachensprache 
verfolgt und verzeichnet zu haben ist ein unschatzbares Verdienst eines 
iiberaus schatzenswerten Dichters. Vielleicht ist trotz Barbusse und 
Frank in keiner der vielen Antikriegsgeschichten die Bestialitat der va- 
terlandischen Morderei eindringlicher in menschliches Bewufttsein ge- 
hammert worden als in »Franta Slin». 



266 Ernst Weiss 

Damonenzug. Fiinf Erzahlungen. 
Berlin: Ullstein (1928). 277 S. 



BERUF: JOURNALIST 217 

Unter Menschen, die diese bajuwarische Abart der deutschen Sprache — 
in ihrer Form gleich schauderhaft wie in ihrem Inhalt — reden, sitzt 
Ernst Toller gefangen. Daft es ihm moglich ist, »mit dem Ernste« eines 
solchen »Strafvollzugs« die Tatigkeit des Dichtens iiberhaupt »vereinbar 
sein« zu lassen, ist allein schon ein technisches Verdienst und ein Beweis 
fur moralische Ausdauer. Einem Schriftsteller, der sie nicht besaite, miifi- 
te die Hand verdorren, ehe sie nach der Feder greift — in dieser Umge- 
bung, deren Befehlen und Vorschriften »seitens der Opfer* leider »Folge 
gegeben werden* mufi. Unter solchen Umstanden ringen nur eine reine 
Glut und ein heiliger Wille mit der Gestaltung eines Stoffes. Den reinen 
Willen besitzt Ernst Toller. Aber er ist nicht stark genug, den dichterisch 
konzipierten, dramatisch bewegten und stellenweise sogar visionar bear- 
beiteten Stoff zu »bewaltigen*; das heiftt: bis zur einzigen Giiltigkeit 
durchzuformen. [ . . . ] 

Und dennoch beginnt dieses Drama (neben anderen) einen historischen 
Abschnitt in der dramatischen Literatur. Denn es fuhrt, wie einmal das 
»biirgerliche Trauerspiel* den Burger statt der Konige, den Proletarier 
statt des Burgers auf der Biihne ein. Es bricht Bahn fur die dramatische 
Behandlung der neuen Klasse, des kommenden Menschen. Das ist der 
Anfang einer neuen Literatur. [ . . . ] Der Burger mag den »Hinkemann« 
nur kritisch werten. Ihm ist es eine literarische Erscheinung. Uns aber ist 
jedes Drama, dessen Gestalten Blut von unserem Blut sind, dessen 
Handlung proletarisches Erlebnis einschlieftt, eine historische und eine 
personliche Angelegenheit. Auch der kunstlerisch unvollkommene Hin- 
kemann beriihrt uns tief: weil er ein Proletarier ist, ein Opfer der herr- 
schenden Klasse und jenes Krieges, den sie auf ihrem mangelhaften Ge- 
wissen hat. [ . . . ] 

Ludwig Marcuse erzdhlt von Tollers Minderwertigkeitsgefuhl gegenuber 
Roth: 

Ende Mai [1939] war er in unserer Wohnung. Er wollte am nachsten Tag 
nach London fliegen. Wir machten einen Spaziergang, den Hudson ent- 
lang, und sprachen uber unsern Freund Roth. »So mochte ich schreiben 
konnen*, sagte Toller sehr niedergeschlagen. Mehr als alles andere zer- 
miirbte ihn das Miftverhaltnis zwischen seinem Weltruhm und seiner 
Leistung. Es ist nie hinreichend beachtet worden, wieviel Selbstmorde 
zuriickgehen auf die Unfahigkeit, sich selbst Geniige zu tun. 
Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Miinchen I960, S. 253. 
— Siebe auch Kat Nr. 185 



Ernst Toller 300 

Photographic 1936. 

Original: Professor John M. Spalek, Albany 



218 BERUF: JOURNALIST 

301 Joseph Roth 

Die heilige Johanna. 

In: Prager Tagblatt. 49 (1924), 245, S. 2. 

JRW4, S. 464-467 

Rezension einer Auffiihrung Max Reinhardts am 14. 10. 1924 im Deitt- 

schen Theater, Berlin, (mil Elisabeth Bergner) von: 

George Bernard Shaiv: Die heilige Johanna. Berlin: S. Fischer 1924. 

[ . . . ] Dieser Satiriker liebt es, das Erhabene in jenen Staub zu ziehen, in 
dem die Hennen Eier legen. Alles Strahlende, Welthistorische, scheinbar 
Ubermenschliche, Heroische gelangt, ein biffchen zerzaust, auf das 
menschliche Niveau des Alltaglichen, Kleinen, Lacherlichen. Aus der 
Perspektive eines Wochentages blickt man auf die Historic 
[ . . . ] Die Menschen konnen nur tote Heilige brauchen. Deshalb ver- 
brennen sie die lebendigen. 

Das ist die Weltanschauung des groflen Satirikers, des grofiten unserer 
Zeit Dieses Drama ist eine der grofSten Schlachten, die er der Mensch- 
heit geliefert. [ . . . ] 

Dieses Drama hat ein leuchtender Verstand geschaffen, und ein dramati- 
sches Temperament hat es durchheizt. Es hat grofie dramatische, leiden- 
schaftliche Momente. Den leidenschaftlichsten offenbart wohl jene Sze- 
ne vor dem Tribunal der heiligen Inquisition, wenn Johanna beim An- 
blick des Henkers so wunderbar naturlich erschrickt, aufhort, eine »Hel- 
din« zu sein, und aus Furcht vor dem Flammentod alles abzuleugnen be- 
reit ist. Aber als sie erfahrt, daft selbst ihr erlogenes Gestandnis ihr nicht 
die Freiheit wiedergeben soil, sondern nur eben ein Leben in der Gefan- 
genschaft, meldet sie sich freiwillig zum Tode. Das ist der dritte echte 
Shaw. »Held« ist man nur, wenn Heldentum das bessere Teil ist. Schlim- 
mer als der Scheiterhaufen ist der ewige Kerker. Wer vor die Wahl zwi- 
schen Kerker und Scheiterhaufen gestellt, den letzten wahlt, handelt nur 
hochst naturlich. Er wird ein Held aus Zwang. Es gibt kein anderes Hel- 
dentum. 

[ . . . ] Elisabeth Bergner hatte zu wenig robuste Vitalitat fur das gesunde 
Landmadchen, zu wenig des Metaphysischen fur die verziickte Schwar- 
merin. Ihre liebliche Kindlichkeit versohnte dennoch. Sie war eine junge 
Jeanne aus einem aufteren Bezirk, wo zwar noch nicht die Wiesen begin- 
nen, aber immerhin die Villen schon stehen. [ . . . ] 

302 Elisabeth Bergner als »Heilige Johanna« 

Photographic 

Vorlage: Elisabeth Bergner: Bewundert viel und viel ge- 

scholten . . . Unordentliche Erinnerungen. 

Miinchen: Bertelsmann 1978, zwischen S. 96 u. 97. 



BERUF: JOURNALIST 219 

Joseph Roth an Therese Giehse 303 

Brief. Undatiert. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 
Faksimile in: Wolfgang Drews: Die Schauspielerin There- 
se Giehse. 

Velber bei Hannover: Friedrich 1965, S. 53. 
(Reihe Theater heute. 20) 

Siehe auch Kat. Nr. 244 und 245. 



rth [d. i. Joseph Roth] 304 

»Der letzte Mann«. 

In: Frankfurter Zeitung. 69 (1925), 20, S. 1. 

JRW4, S. 493-496 

Rezension von: 

Der letzte Mann. Spiel film von Friedrich Wilhelm Murnau. Buch: Carl 

Meyer. Darsteller: Emil Jannings u. a. Deutscbland 1924. 

Der grofte, kiinstlerische deutsche Film dieses Jahres heifk: »Der letzte 
Mann*. Sein Verfasser ist Carl Mayer, der einzige deutsche Film- Dichter. 
Ich betone »Dichter«, weil es viele Manuskriptverfasser und -verfertiger 
gibt. Carl Mayer aber dichtet Filme, wie man Gedichte, Erzahlungen und 
Dramen dichtet: das heifk: er ubertragt einen »Stoff« aus der materiellen, 
irdischen und zufalligen Ebene der »Existenz« und der »Begebenheit« in 
die metaphysische, einmalige, gultige und notwendige Atmosphare. 

Das ist die ganze »Handlung«. Ist das ein Film? Es ist eine gefilmte sozia- 
le Skizze. Sie konnte eine Novelle von Gogol sein; oder auch eine von 
Tschechow. Ihr Autor hatte sie bestimmt als Skizze geschrieben und 
nicht als Filmmanuskript, wenn er ein Sprachdichter, ein Worte-Dichter 
ware. Aber weil zufdllig nicht die Sprache sein Werkzeug ist, sondern 
das Bild und der photographische Apparat, wnrde ein Film daraus. [ ... ] 
Die Hauptrolle spielte Jannings. Seine Bewegungen sind reich und kraf- 
tig und zielsicher. Niemals ist eine Geste, eine Miene, ein Augenauf- 
schlag verschwendet. Unerschopfliche Fiille in knappster Konzentration. 
Und dazu eine stille, heitere, verstehende Einsicht in die letzten Ge- 
heimnisse der armen Seele. Wie Jannings ein gebrochener Greis in der 
Toilette und ein wiirdiger, reicher Herr ist im vierspannigen Wagen — 
— und doch immer derselbe: das gehort zu den groftten Filmleistungen 
der letzten Jahre. 



220 BERUF: JOURNALIST 

305 Carl Mayer und Friedrich Wilhelm Murnau 

Photographic 1926. 

Vorlage: Hatte ich das Kino! Die Schriftsteller und der 
Stummfilm. Eine Ausstellung d. Dt. Literaturarchivs Mar- 
bach a. N. Ausstellung u. Kat. : Ludwig Greve u. a. 
Miinchen: Kosel [in Komm.] 1976, vor S. 369. 
(Sonderausstellungen des Schiller-Nationalmuseums. Ka- 
talog Nr. 27.) 

306 Der letzte Mann 

Zwei Szenenfotos: Emil Jannings. 

Vorlage: Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films. Bd. 1: 

1895-1928. 

Berlin: Henschelverl. 1975, Abb. 210 u. 211. 

307 Joseph Roth 

Ehre den Dachern von Paris! 

In: Frankfurter Zeitung. 75 (1930), 805, S. 1 

JRW4, S. 505-507 

Rezension von: 

Unter den Dachern von Paris (Sous les toits de Paris). Spielfilm von Rene 

Clair, Frankreich 1930. 

[•••] 

Die Handlung dieses Tonfilms entsteht ebenso aus der Atmosphare der 
Stadt Paris, wie etwa ein Volkslied entsteht aus der Seele einer bestimm- 
ten Landschaft Es ist, als gebare der zitternde, ewig bewegte Nebel iiber 
den Dachern von Paris die Geschehnisse, die sich unter ihnen abspielen. 
Der leichte, graue Dunst iiber dem tanzelnden Gewirr der Schornsteine, 
der das erste Bild des Films iiberschwebt, gleicht einem Vorhang, der 
sich auflost und in das Spiel verwandelt, das er in sich geborgen hat. Ist 
das Spiel dann zu Ende, so hat es nicht etwa aufgehort, sondern es ist 
wieder eingekehrt in den fruchtbaren Nebel, der sein Ursprung ist und 
seine Heimat [ . . . ] 

308 Unter den Dachern von Paris 

Szenenfoto. 

Vorlage: Horst Knietzsch: Filmgeschichte in Bildern. 

Berlin: Henschelverl. 1971, S. 152. 



BERUF: JOURNALIST 221 

Joseph Roth 309 

Schlufi mit den Kriegsfilmen! 

In: Frankfurter Zeitung. 76 (1931), 631, S. 1. 

JRW4, S. 508-510 

Rezension von: 

Douaumont Dokumentarischer Spielfilm von Heinz Paul. Buch: Karl 
Gunther Panter u. a. Darsteller: Formationen der Deutscben Reichswehr so- 
wie ehemalige Teilnehmer des Kampfes urn Douaumont, unter ihnen 
Hauptmann Haupt u. Leutnant Radtke. Deutschland 1931. 

[. . .] Der Gedanke, daft man Statisten als Todeskandidaten verkleidet 
und in kiinstlichen Schiitzengraben herumlaufen und zum Schein ster- 
ben Iaftt, hat fur sensiblere Kriegsteilnehmer etwas Schnodes und Verlet- 
zendes. Es gibt eben Grenzen. Es gibt ein ungeschriebenes, aber sehr 
klares Gesetz von den Rechten, die sich der gute Geschmack in gewissen 
Fallen gegeniiber der Kunst herausnehmen darf, und von den Schran- 
ken, die eine so zweifelhafte Kunst, wie es die filmische ist, einhalten 
miiftte. Nicht die kiinstlerischen Leistungen der einzelnen im Film wol- 
len wir bezweifeln. Und wenn wir auch gestatten wiirden, daft etwa ein 
Schauspieler den Tod eines einzelnen Soldaten im Weltkrieg darstellte 
und also (wenn so etwas iiberhaupt moglich ware) die grofte und unbe- 
greifliche Tragodie von Millionen einmalig und infolgedessen giiltig 
nachschiife, so bleiben wir doch zweifelnd und sogar gekrankt vor den 
Versuchen, beliebig viele namenlose Darsteller zu Schein und Spiel 
kampfen und sterben zu lassen und auf diese lappische Weise das grofte 
Entsetzen kiimmerlich wiederholen zu wollen. Alle Kriegsfilmversuche 
sind einfach unglaubhaft. [ . . . ] 

Und wir glauben, sagen zu diirfen, daft wir endlich auf alle und jede 
Kriegsdarstellung verzichten: ob die Filme »gut« sind, »besser* oder 
»schlecht«. Es gibt ihrer schon zu viele. Blut und Fleisch und menschli- 
che Herzen haben dort die »Hauptrolle« gespielt. Dieses Material ist et- 
was ganz anderes als Zelluloid. Eines vom andern ist genausoweit ent- 
fernt wie die Front von der Branche und wetter als Neubabelsberg von 
Verdun! Sie mogen es weiter mit Harry Liedtke treiben und den Krieg 
in Frieden lassen . . . 

Douaumont 310 

Szenenfoto: Hauptmann Haupt. 

Vorlage: Der Weg ins Dritte Reich. Deutscher Film u. 

Weimars Ende. Eine Dokumentation. 

Oberhausen: Laufen 1974, nach S. 110. 

(Information u. Propaganda. 2.) 



222 BERUF: JOURNALIST 

311 Joseph Roth 

Die »Girls«. 

In: Frankfurter Zeitung. 69 (1925), 313, S. 1. 

JRW4, S. 546-548 

Die »Girls« sind jiingere und altere Madchen in Schwirnmkostiimen, die 
augenblicklich die Variete- und Revuebiihnen Europas, die etwas auf 
sich halten, in trockene Strandbader verwandeln. Die ohne Zweifel an- 
mutig gebauten Geschopfe konnen Beinchen schleudern, auf Seilen 
klettern, auf Handen gehn. Sie sind wie eine Ubersetzung des mannlich 
ernsten Militarexerzierens ins Weibliche. Ihre Spiele sind Kompositio- 
nen aus Militarismus und Erotik. 

[ . . . ] Sie arbeiten im Dienste der Hygiene, nicht der Erotik. Ihre Nudi- 
tat ist prude. Ihre Schwimmkostiime sind weniger lockend als Nonnen- 
gewander. Von ihren Tanzen geht ein frischer, morgenkuhler Hauch von 
Schichts Kernseife, von Schwiile totender Sauberkeit und kalten Abrei- 
bungen aus. Sie sind wie die suflen Fabelwesen der Liebe beim groften 
Reinemachen des Horselberges. 



Reiseberichte 

Wie auf Seite 130 bereits envahnt, it n tenia hm Roth im Auftrag der 
frankfurter Zeitung* mebrere Reisen in Deuischland und im Ausiand 
(siehe auch den Abscbnitt »Bei der >Frankfurter Zeitung<«). 

REISEN IN DEUTSCHLAND 



312 Joseph Roth 

Ausflug nach Chorin. 

In: Frankfurter Zeitung. 69 (1925), 273, S. 12. 

JRW 3, S. 664-668 

Uber einen Besuch der Ruine des Zisterzienserklosters Chorin im Kreis 
Eberswalde in der Mark Brandenburg, vermutlich im Fruhjahr 1925: 



Wir [ . . . ] sehen einen lebendigen Bau aus rohen, roten Backsteinen, ei- 
nen Uberrest und dennoch vollendet, ein Fragment und dennoch voll- 



BERUF:JOURNALIST 



223 



kommen, tot und dennoch ewig, gewaltig im Umfang und lieblich als 
Erscheinung, pnmitiv und formal raffiniert, eine Festung, ein Requisit 
der Frommigkeit, in die Wolken strebend, im Irdischen wurzelnd, real 
und spielerisch, niichtern und vertraumt, sinnlich und abstrakt. Die 
ziinftige Wissenschaft nennt es »Backsteingotik«. 

[...] 

1542, im Zeitalter der Reformation, wurde das Kloster leer. Ein Zufall 
bewahrte es vor der Zerstorung. Die Monche fluchteten. Ein grower Teil 
wurde erschlagen. Ein Teil kam durch wilde Tiere urn. Die Reformation 
zerrifi das Volk. Der Schnee kam, der Regen, der Sturm. Die Eulen ni- 
steten im Gemauer. Das Dach zerfiel. Die holzernen Tore zersplitterten. 
Die Zeit fraft sich durch alles widerstandslose Material 
Bis »Ordnung und Zucht* in das Land kamen, Fiirsten aufs neue anfin- 
gen, was die Monche langst vollendet hatten: Wege gehauen wurden, die 
langst vorhanden waren, Wald gerodet wurde, wo Acker schon gewesen 
war. Die letzten Konsequenzen sind: der Draht urn die Ruine, der Mann 
mit der Amtsmutze und die Verbotstafeln. Es sind mit der Zeit mehr 
Verbotstafeln als Wegweiser geworden. Die Nation hat kein Verhaltnis 
mehr zu diesem Denkmal. Es ist ein deutsches Denkmal, Backstein von 
unseren Backsteinen, Historisches von unserer Historie, Blut von unse- 
rem Blut. 

Wer kennt heute noch Chorin? Ich war einer von zehn zufalligen Besu- 
chern. Es waren Touristen, die anderen neun. [ . . . ] 
Stiinde dieses Kloster in einem anderen Land, — es hatte rings um sich 
zwanzig Gasthofe, und sein Ruf halite wider in alien Reisefiihrern. 



Das Kloster Chorin 313 

(Hrsg. von Fritz Loffler. 6. neubearb. Aufl.) 
(Berlin: Union-Verl. 1973.) 28 S. mit Abb. 
(Das christliche Denkmal. H. 4.) 



Joseph Roth 314 

In Deutschland unterwegs. Glashutte. 

In: Frankfurter Zeitung. 69 (1925), 382, S. 1. 

JRW 3, S. 708-712 

In Glashutte, von Dresden bequem in zwei Stunden zu erreichen, wer- 
den die besten deutschen Taschenuhren geboren, die kleinen, lebendi- 
gen Dinge, die uns von der ^Confirmation bis zum Grabe begleiten. Je- 
den Abend vor dem Schlafengehen ziehen wir sie auf, ihre Herzen, ihre 
Lungen, ihr Leben um neue vierundzwanzig Stunden verlangernd, und 



224 BERUF: JOURNALIST 

legen sie auf das Nachtkastchen neben Brieftasche, Fullfeder, Zigarren- 
abschneider, Taschenmesser, Schliisselbund und die anderen Trophaen, 
mit denen sich der Europaer tagsiiber behangt. [ . . . ] 
Die Hand stellt Werkzeuge und Werkzeugteile her, die Augen ohne Lu- 
pe nicht erkennen. Man schafft mit dem dichterischen Tastgefiihl eines 
Blinden. Man feilt an unsichtbaren Windungen und schleift Stahlnadel- 
spitzen, die nicht vorhanden sind, wenn man sie nicht mit dem Glase 
sucht. Das ist schon die Grenze zwischen Arbeit und Schopfung. Die 
Objekte leben in den Grenzgebieten zwischen materieller Welt und me- 
taphysischer. Sie leben — — und sind nicht da. Sie sind die letzten 
Auslaufer der »Materie«, dort, wo sie bereits in das Immaterielle vorfiihlt. 
[...] 
JRW3,S. 708 f. 

Zeit seines Lebens hatte Roth eine besondere Beziehung zu Uhren, die in 
spdteren Jahren geradezu zur Manie wurde. Ibn fasztnierte das Minutiose 
am Uhrwerk, das ibn an seine eigene schriftstelleriscbe Tdtigkeit erinnerte. 
Er sammelte Ubren und schenkte viele davon seinen Freunden mit eingra- 
vierten Widmungen. 

Wie er sich darauf verstand, Uhren zu reparieren, und vor jedem Opti- 
kerladen stehenblieb, um die Instrumente zu bewundern, so hielt er die 
Sprache als das allerfeinste Element unter den kritischen Feuerproben. 
Seine Handschrift war so geschmiedet, zierliche und federnde Ranken. 
Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth. In: Benno Reifenberg: Lich- 
te Schatten. Frankfurt a. M. 1953, S. 205 -214, bier S. 210. - Siehe auch 
Kat. Nr. 155 

315 Joseph Roth, mit seinen Uhren beschaftigt, Paris, 
Hotel Foyot 

Photographic 1932. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

316 Joseph Roth 

In Deutschland unterwegs. Der Rebell des Erzgebirges. 
In: Frankfurter Zeitung. 69 (1925), 390, S. 1. 

JRW 3, S. 712-715 

Am 24. September 1841 ist Karl Stiilpner gestorben. Sein Name, seine 
Taten, seine tief ethische und antigesetzliche Personlichkeit leben im 
Volk des Erzgebirges heute noch frisch und unmittelbar fort, denn seine 
revolutionare Kraft war der in einer einzigen Personlichkeit gesammelte 
und zum Ausbruch gelangte rebellische Wille der ganzen Bevolkerung. 



BERUF: JOURNALIST 225 

Auf dem Friedhof zu Groftolbersdorf ist er begraben. Das ganze Volk im 
Erzgebirge Hest heute von seinen Taten. Er ist einer der ersten deut- 
schen Revolutionare, der Vertreter des unbekannten, verkannten und als 
spiefterhaft verschrienen oder gewaltsam zum Spieftertum erzogenen 
deutschen Volkes, das Blut hat und wirkliche Emporer hervorbringt. 
Nur, dafS man sie nicht kennt Wo sind die Dichter, die sich dieser wirk- 
lich deutschen Menschen annehmen? In welche Fernen schweifen 
Autoren, um Helden zu finden. 

CarlStulpner 317 

Carl Stulpner's merkwuerdiges Leben und Abenteuer als 
Wildschutz im saechs. Hochgebirge, so wie dessen erlitte- 
ne Schicksale . . . Von ihm selbst der Wahrheit treu mitge- 
theilt, u. hrsg. von Carl Heinrich Wilh. Schonberg. 
Zschopau: Schon [in Komm.] 1835. 154 S. mit 2 Abb. 
Nachdruck. Leipzig: Zentralantiquariat d. Dt. Demokrat. 
Republik 1973. 

Unter »Stulpner, KarU findet sich in »Meyers neues Lexikon«, Bd. 13, Leip- 
zig: Bibliographiscbes Institut 1976, folgende Eintragung: 

Wildschutz im Erzgebirge, geb. 30. 9- 1767, gest 24. 9. 1841; wurde zum 
Anwalt der Armen, indem er sie seit den achtziger Jahren vor der Will- 
kiir der Obrigkeit durch zahlreiche Aktionen zu schutzen suchte. S. 
konnte mit der Unterstiitzung der Bevolkerung rechnen, so daft es trotz 
hoher von den Behorden ausgesetzter Kopfpramien nicht gelang, seiner 
habhaft zu werden. 



FRANKREICH 

Joseph Roth 318 

Im mittaglichen Frankreich. 

Artikelserie in der Frankfurter Zeitung vom 8. 9. — 4. 11. 

1925. 

UmfafJt die Artikel: 

Lyon. FZ 70 (1925), 667, S. 1. 

Kino in der Arena. FZ 70 (1925), 679, S. 1-2. 

Nichts ereignet sich — in Vienne. FZ 70 (1925), 688, S. 1. 



226 



BERUF:JOURNALIST 



Tournon. FZ 70 (1925), 709, S. 1. 

Stierkampf am Sonntag. FZ 70 (1925), 732, S. 1. 

Marseille. FZ 70 (1925), 770, S. 1. 

Ein Bootsmann. FZ 70 (1925), 776, S. 1. 

Die Gasse der Liebe. FZ 70 (1925), 786, S. 1. 

Nizza. FZ 70 (1925), 799, S. 1. 

Ein Kino im Hafen. FZ 70 (1925), 824, S. 1. 

JRW 3, S. 856-879 

Aus dem Artikel »Stierkampf am Sonntag«; 

Der Stier ist schwarz, kraftig, um seinen Nacken krauselt sich das Fell, 
sein guter, breiter Schadel glanzt blaulich in der Sonne, seine Augen sind 
groft, ratios, dunkelgriin und in aller Wildheit noch fromm. Die Men- 
schen, die ihn reizen, sind jung, braunhautig, dumm. [ . . . ] 
Ratios, erschopft, mit flieftendem Schaum steht der Stier, den Blick ge- 
gen das Tor gerichtet, hinter dem der gute, warme, riechende Stall ist, 
die bergende Heimat. Ach! das Tor ist geschlossen und off net sich viel- 
leicht nicht wieder! Die Menschen schreien und lachen, und es scheint, 
daft der Stier jetzt schon zu unterscheiden weift zwischen den reizenden 
Rufen und dem billigen Spott. Eine ungeheure Verachtung, grower als 
diese Arena, erfiillt die Seele des Stiers. Jetzt weift er, daft man ihn 
auslacht. Jetzt ist er zu schwach, um wiitend zu sein. Jetzt erkennt er sei- 
ne Ohnmacht. Jetzt ist er kein Tier mehr. Jetzt ist er, in einem, die Ver- 
korperung aller Marty rer der Weltgeschichte. Jetzt sieht er aus wie ein 
verspotteter, geschlagener Jude aus dem Osten, jetzt wie ein Opfer der 
heiligen Inquisition, jetzt wie ein zerrissener Gladiator, jetzt wie ein 
gemartertes Madchen vor dem mittelalterlichen Rat, und in seinem 
Blick liegt ein Schimmer von dem leuchtenden Schmerz, der im Auge 
des Gekreuzigten gebrannt hat. Der Stier steht und hofft nicht mehr. 

[•-.] 

JRUT 3, S. 867 f. 

Am 26. August 192) schreibt Roth Ben no Reifenberg aus Marseille fiber 
den Besuch eines Stierkampf es: 

Ich habe der Feuilletonredaktion heute 3 Feuilletons geschickt. In ihnen 
steht nicht alles so, wie es soil. Aber sie sind ganz ehrlich, ich glaube 
man wird es fuhlen mussen. Ich habe hier zum ersten Mai Stierkampfe 
gesehn. Wenn Sie noch nie so was gesehn haben, konnen Sie Sich kei- 
nen Begriff machen von dieser Bestialitat Ich kenne keinen franzosi- 
schen Schriftsteller, der iaber, geschweige denn gegen die provencali- 
schen Stierkampfe etwas geschrieben hatte. Daudet nicht, Mistral, glaub' 
ich, auch nicht. Ich glaube, sie schamen sich und sind zu feig. Sie schrei- 



BERUF: JOURNALIST 227 

ben vom Wind, vom Himmel, von den Menschen, von den Reitern, von 
den Frauen. Sagen Sie mir, warum ein grower Schriftsteller nicht die Ver- 
pflichtung hat, sein Land zu tadeln, statt, es zu loben. 
JRB, S. 58 



Marseille 319 

Zwei Photographien aus dem Nachlafi Joseph Roths. Ver- 
mutlich 1925. 

Vorlage: LBI 

Joseph Roth, lesend auf einer Parkbank 320 

Photographic Vermutlich Siidfrankreich, Spatsommer 
1925. 

Vorlage: LBI 



Friederike Roth, geb. Reichler 321 

Photographic Marseille. Vermutlich August 1925. 
Vorlage: LBI 

Joseph Roth 322 

Die weissen Stadte. Typoskript mit hs. Korrekturen. Un- 
datiert. 

Kopie. - Vorlage: K& W 

JRW3, S. 880-934 

Ausgelegt: Avignon. Bl. 33 — 46. 

Aus der Einleitung: 



Als ich dreifiig Jahre alt war, durfte ich endlich die weifJen Stadte sehen, 

die ich als Knabe getraumt hatte. [ . . . ] 

Ich habe die weifien Stadte so wiedergefunden, wie ich sie in den Trau- 

men gesehn hatte. Wenn man nur die Traume seiner Kindheit findet, ist 

man wieder ein Kind. 

Das zu hoffen, hatte ich nicht gewagt. Denn unwiederbringlich weit lag 

die Kindheit hinter mir, durch einen Weltbrand getrennt, durch eine 

brennende Welt. Sie war selbst nicht mehr als ein Traum. Sie war ausge- 

loscht aus dem Leben; verstorbene und begrabene, nicht entschwundene 



228 BERUF: JOURNALIST 

Jahre. Was dann kam, war wie ein Sommer ohne Fruhling. Ich fuhr mit 
der Skepsis in dieses Land, welche die Folge eines Lebens ohne Kind- 
heit ist. [ . . . ] 
JRW3,S. 880undS. 883 

Aus dem Bettrag »Avignon«: 

[■••] 

Avignon ist die weifteste aller Stadte. Sie braucht keinen Wald. Sie ist ein 
steinerner Garten voll steinerner Bliiten. Ihre Hauser, Kirchen und Pala- 
ste sind gewachsen und nicht gebaut. Noch um ihre klaren Formen webt 
ein Geheimnis. In ihren Mauern rauscht es wie in Waldern. Ihr Stein ist 
weifS und grenzenlos tragisch wie alles Unermeftliche. Einfaltige Legen- 
denbiicher enthalten manchmal Bilder von solchen Stadten. Toricht- 
fromme Menschen stellten sich so die himmlische Stadt vor, in der die 
Seligen wohnen. Knaben traumen von solchen Stadten mit weiften, brei- 
ten Mauern, hundert Glocken, flachen Dachern, auf denen Koniginnen 
spazierengehn. 

[...] 

Ist das eine mittelalterliche, ist das eine romische Stadt? Ist sie orienta- 
lisch oder europaisch? Sie ist nichts von alledem und alles zusammen. 
Sie ist eine katholische Stadt. Und wie diese Religion alle Volker umfafSt 
und wie die Religion kosmopolitisch ist, so ist Avignon die Festung der 
kathohschen Kirche, kosmopolitische, organische Verschmelzung aller 
Traditionen und Stile. Es ist Jerusalem und Rom, und es ist Altertum 
und Mittelalter. 

[••■] 
JRW3,S.901 f. 



323 Avignon 

Photographic 

Vorlage: Amtliches Franzosisches Verkehrsbiiro, Frankfurt a. M. 

Aus dem Bettrag »Marseilk«: 

[...] 

Weifi leuchtet die Stadt, sie ist aus demselben Stein wie das SchlofS der 
Troubadours in Les Beaux und der Palast der Papste in Avignon. Aber 
sie ist nicht festlich. Sie ist betriebsam. Millionen zertrummerter Exi- 
stenzen birgt sie. In Avignon waren noch die Bettler stolz. Im alten Ha- 
fen von Marseille ist die Armut mehr als eine Not. Sie ist eine unaus- 
weichliche Holle. Aufgeschichtet in hollischer Unordnung lagern die 
menschlichen Wracks aufeinander. Die Krankheit bluht gelb und giftig 
aus den verstopften Kanalen. Raudige Hunde spielen mit Kindern in 
den Pfiitzen. Die Zerlumpten kampfen mit den Tieren um weggeworfe- 



BERUF.-JOURNALIST 229 

ne Knochen, Tausende Frauen und Manner sammeln Zigarettenstum- 
mel, der Hund belauert den Menschen, die Katze den Hund, die Ratte 
die Katze, und alle lauern auf dasselbe Stiick faules Fleisch im Misthau- 
fen. 

[■■■] 
JRW3,S.929 



Marseille 324 

Photographic 

Vorlage: Amtliches Franzosisches Verkehrsbiiro, Frankfurt a. M. 

Am 18. August 1925 schreibt Roth an Benno Reifenberg aus Marseille: 

Ich habe Material fur ein schones Buch mit dem Titel: »Die weiften Stad- 
te« fiir den Buchverlag. Ich weiO aber nicht, ob der Verlag noch Bucher 
drucken wird, in denen solche Tone rauschen, wie in meinen Dingen. Ja, 
ich sehe, daft die Luft in Dtschld. sehr dick geworden ist 
JRB, S. 55 

Roth hatte sich nicht getduscbt Der Essay »Die weifien Stddte« wurde zu 
seinen Lebzeiten nicht veroffentlicht. Der Erstabdruck — allerdings in un- 
vollstandiger Fassung — findet sich im 3. Band der dreibdndigen Werk- 
ausgabe des Verlags Kiepenheuer & Witsch von 1956, S. 509— 560 (fdlsch- 
lich u. d. T. »Im mittdglichen Frankreich«), 

Ungewifi bleibt, ob das nachfolgend erwdhnte geplante Reisebuch mit dem 
Essay »Die weifien Stadte« identisch ist. 

[■■■] 

Meine Reise ist Mitte September beendet. Ich habe Stoff fiir ein Buch. 
Auch da bitte ich Sie um einen redaktionellen Rat: ich kann am besten 
ein ganz »subjektives« also im hochsten Grad objektives Buch schreiben.. 
Die »Beichte« eines jungen, resignierten, skeptischen Menschen, der ir- 
gendwohin fahrt, in einem Alter, in dem es ihm bereits ganz gleichgultig 
ist, ob er Neues sieht oder nicht. In dem es keine »Romantik des Rei- 
sens« mehr gibt. Und er sieht die letzten Reste Europas, die noch keine 
Ahnung haben von der inzwischen immer starker gewordenen Ameri- 
kanisierung und Bolschewisierung Europas. Denken Sie, bitte, an die 
Bucher der Roman tik. Abstrahieren Sie davon die Utensilien und Requi- 
siten der Romantiker, die sprachlichen und die der Weltanschauung. 
Setzen Sie dafiir die Requisiten der modernen Ironie und der Sachlich- 
keit ein. Dann haben Sie das Buch, das ich schreiben will, kann und bei- 
nahe mufi, Es ist ein Reisebuch durch die Seele des Schreibers, wie 
durch das Land, das er durchfahrt. Was halten Sie davon? Es ist im hoch- 
sten Grade dichterisch, mehr, als ein Roman. Ich glaube, daU diese Gat- 



230 BERUF: JOURNALIST 

tung fur den Buchverlag geeignet ware. Um es zu formulieren, was Sie 
nicht mogen und ich immer mull: 

Bucher m it sacblichem A nlafi in dichterische Sphare gehoben. Ware ich der 
Verleger, es ware mein Motto. 

[...] 

JR an Benno Reifenberg. Marseille, 30. 8. 1925. - JRB, S. 62 



SOWJETUNION 

Auf die Vorschlage der Redaktion der frankfurter Zeitung«, die ihm als 
»Entsehddigung« fur den Verlust seiner Pariser Stellung unterbreitet wur- 
den, antwortete Roth Benno Reifenberg am 22. April 1926: 

Von alien Ihren Vorschlagen: Moskau, Italien, Spanien ist nur Moskau 
ein Ersatz fur Paris. Ich will dabei das andere nicht ausschlieften. Sie wer- 
den verstehen, dafi ich darauf angewiesen bin, meine journalistische Re- 
putation aufrechtzuerhalten. Sie wird beschadigt durch die Abreise aus 
Paris und eine Ablosung durch Herrn Sieburg. Nur eine russische Bericbt- 
erstattung kann meinen guten Ruf retten. 
JRB, S. 88 

Wohl um Bedenken, ihn in die Sowjetunion fahren zu lassen, zu zerstreu- 
en, schreibt er am ZJuni 1926 aus Paris an die Redaktion: 

Ich mochte aber nicht, dafj Sie, auch wenn Sie es mir nicht iibelnehmen, 
von mir glaubten, ich neigte infolge meiner spezifischen Begabung, ge- 
wisse Institutionen, Sitten und Gebrauche der burgerlichen Welt iro- 
nisch zu behandeln, zur Anerkennung der zweifelhaften Erfolge der rus- 
sischen Revolution. 

[ . . . ] Ich glaube nicht an die Vollkommenheit der burgerlichen Demo- 
kratie, aber ich zweifle noch weniger an der tendenziosen Enge der pro- 
letarischen Diktatur. Ich glaube — im Gegenteil — an die furchtbare 
Existenz einer Art von »Spiei3-Proleten«, wenn Sie mir diese Bezeich- 
nung gestatten, einer Spezies, die mir die Freiheit, die ich meine, noch 
weniger gestattet, als ihre burgerliche Verwandtschaft. 
JRB, S. 91 

Im Spdtsommer 1926 konnte dann Roth die Reise in die Sowjetunion an- 

treten. 

Aus einem Brief an Benno Reifenberg vom 30. August 1926, aus der erst en 

Zeit der Reise: 



BERUF: JOURNALIST 



231 



Unglaublich viel erlebe ich. Fast zu viel, als dafl meine Aufsatze dem 
Erlebnis, seiner Fiille und Starke entsprechen konnten. Meine Krankheit 
ist beinahe verschwunden. Ich esse schwarzes Brot und Zwiebeln und le- 
be 3 — 4 Tage in der Woche wie ein Bauer. Die anderen mud ich aller- 
dings im besten auffindbaren Hotel verbringen. Ich bin acht Tage zu Fufi 
durch Tschuwaschendorfer gegangen. Ich war in Minsk und Weiftruft- 
land. Jetzt fahre ich Baku, Tiflis, Odessa, die ganze Ukraine. Einige Zei- 
tungen haben meine Ankunft begruftt: der »revolutionare deutsche 
Schriftsteller ist in Rutland*. Noch immer erscheinen Rezensionen iiber 
meine Biicher. Ich habe nichts offiziell besucht, obwohl mir die meisten 
Tiiren offen stehn. 
JRB, S. 93 



Joseph Roth 325 

Reise in Russland. 

Artikel 1 und 2 u. d. T.: Reise nach Russland. 

Artikel 6 u. d. T.: Russische Reise. 

Artikelserie in der Frankfurter Zeitung vom 14. 9. 

1926-19. 1. 1927. 

Umfafit die Artikel: 

1. Die zaristischen Emigranten. FZ 71 (1926), 683, S. 1. 

2. Die Grenze Niegoreloje. FZ 71 (1926), 702, S. 1. 

3. Gespenster in Moskau. FZ 71 (1926), 721, S. 1-2. 

4. Auf der Wolga bis Astrachan. FZ 71 (1926), 740, S. 
1-2. 

5. Die Wunder in Astrachan. FZ 71 (1926), 759, S. 1. 

6. Der auferstandene Bourgeois. FZ 71 (1926), 778, S. 1. 

7. Das Volker-Labyrinth im Kaukasus. FZ 71 (1926), 
797, S. 1-2. 

8. Wie sieht es in der russischen StrafJe aus. FZ 71 
(1926), 812, S. 1. 

9. Die Lage der Juden in Sowjetruftland. FZ 71 (1926), 
835, S. 1-2. 

10. Der neunte Feiertag der Revolution. FZ 71 (1926), 
851, S. 1. 

11. Ruffland geht nach Amerika. FZ 71 (1926), 871, S. 1. 

12. Die Frau, die neue Geschlechtsmoral und die Prosti- 
tution. FZ 71 (1926), 898, S. 1-2. 



232 BERUF: JOURNALIST 

13. Die Kirche, der Atheismus, die Religionspolitik. FZ 
71 (1926), 909, S. 1-2. 

14. Die Stadtgeht ins Dorf. FZ 71 (1926), 925, S. 2. 

15. Jewgraf oder der liquidierte Heroismus. FZ 71 (1926), 
947, S. 1. 

16. Oeffentliche Meinung, Zeitungen, Zensur. FZ 71 
(1926), 963, S. 1-2. 

17. Die Schule und die Jugend. FZ 71 (1927), 43, S. 1-2. 
FZ 71 (1927), 46, S. 1-2. 

JRW 3, S. 935-937, 601-603, 938-966, 351-357, 967-1008 



Aus dem Artikel »Rufiland geht nach Amerika«: 

Wer in den Landern der westlichen Welt den Blick nach dem Osten 
erhebt, um den roten Feuerschein einer geistigen Revolution zu betrach- 
ten, der mull sich schon die Miihe nehmen, ihn selbst an den Horizont 
zu malen. Viele tun es. Sie sind weniger Revolutionare als Romantiker 
der Revolution. Indessen ist die russische Revolution schon langst in das 
Stadium einer gewissen Stabilitit gekommen. Der illuminierte laute Fei- 
ertag ist ausgeklungen. Der nuchterne, graue, muhselige Wochentag hat 
angefangen. Im Westen aber wartet ein grower Teil der geistigen Elite auf 
das bekannte Licht vom Osten. Die Stagnation europaischen geistigen 
Lebens, die Brutalitat politischer Reaktion, die korrupte Atmosphare, in 
der das Geld gemacht und ausgegeben wird, die Hypokrisie der Offiziel- 
len, der falsche Glanz der Autoritaten, die Tyrannei der Anciennitat: das 
alles zwingt die Freien und die Jungen, von Rutland mehr zu erwarten, 
als die Revolution geben kann. Wie grofl ist ihr Irrtum! Sie mogen her- 
kommen und durch triibe, graue Straflen wandern; iiberladene Men- 
schen sprechen, die ewig zwischen einer Konferenz und einem notdiirf- 
tigen Einkauf auf Rabatt und Ratenzahlung im Staatlichen Warenhaus 
stehn; in Wohnungen sitzen, um die fortwahrend Prozesse in Mietam- 
tern schweben und deren Insassen seit Jahren in einem Provisorium le- 
ben wie in einem Wartesaal; den emsigen, millionenarmigen Apparat 
dieses Riesenstaates sehn — in einer unaufhorlichen, verwirrenden und 
manchmal verwirrten und zwecklosen Bewegung — sie mogen das alles 
sehn und dann noch glauben, dafi hier Zeit und Raum ist fur geistige 
»Probleme« und Ekstase. Die Brandfackeln der Revolution sind ausge- 
loscht. Sie ziindet wieder die ordentlichen, guten und braven Laternen 



Im heutigen Rutland mud man leider den Durchschnitt ziichten. Man 
meidet die Gipfel, man baut breite Heerstraften. Es ist allgemeine Mobi- 



BERUF: JOURNALIST 233 

lisierung. Ein zuverlassiger Marxist ist mehr wert als ein kiihner Revolu- 
tion^ . Ein Ziegelstein ist niitzlicher als ein Turm. Traktoren! Traktoren! 
Traktoren! — ruft es im ganzen Land. Zivilisation! Maschinen! Abc-Bii- 
cher! Radio! Darwin! — man verachtet »Amerika«, das heiftt den seelen- 
losen groften Kapitalismus, das Land, in dem Gold Gott ist. Aber man 
bewundert »Amerika«, das heiftt den Fortschritt, das elektrische Biigelei- 
sen, die Hygiene und die Wasserleitung. Man will die vollkommene Pro- 
duktionstechnik. Aber die unmittelbare Folge dieser Bestrebungen ist ei- 
ne unbeivuftte Anpassung an das geistige Amerika. Und das ist die geisti- 
ge Leere. [ . . . ] 
JRW 3, S. 970 undS. 972 



Joseph Roth an Bernard von Brentano 326 

Brief. Odessa, 26. 9. 1926. 3 S. hs. mit Unterschrift 

Kopie. - Vorlage: K& W 
JRB, S. 94-96 

[...] 

Es kommt mir vor, daft ich schon ein halbes Jahr aus Europa weg bin. So 
viel erlebe ich und so sehr fremd ist Alles. Niemals habe ich so stark ge- 
fuhlt, daft ich ein Europaer bin, ein Mittelmeer-Mensch, wenn Sie wol- 
len, ein Romer und ein Katholik, ein Humanist und ein Renaissance- 
Mensch. Alles, was ich Ihnen in Paris iiber mich gesagt habe, war schief 
und vieles von Dem, was Sie gesagt haben, ivar richtig. Es ist ein Gliick, 
daft ich nach Ruftland gefahren bin. Ich hatte mich niemals kennen ge- 
lernt. [ . . . ] 

Daft ich hier beruhmt bin, wissen Sie. Ich lege Ihnen einen Ausschnitt 
bei, aus dem Sie ersehen, daft ich interviewt werde, wie ein Schuhpasta- 
Konig in Amerika. In jeder Stadt kommen Journalisten. Sie schreiben 
nicht immer das Richtige. Aber ich bin der Letzte, der nicht erfreut ware 
iiber ein falsches Echo, wenn es nur ein Echo ist. (Jesuit) 
Alles, was Toller und Kisch iiber Ruftland erzahlt haben, war falsch. Al- 
les, was gegen es geschrieben wird, ist nicht nur ungerecht, sondern auch 
verkehrt. Es ist, als wenn man mit Fliegenaugen eine menschliche 
Wohnstatte gesehn hatte. Es handelt sich mir nicht urn die positive oder 
negative Einstellung den Sowjetstaaten gegeniiber — ich will Ihnen 
deutlich machen, daft sowohl die Positiven als auch die Negativen voll- 
kommen falsch sehn, wenn sie politisch sehn. Das Problem aber ist hier 
keineswegs ein politisches, sondern ein kulturelles, ein geistiges, ein reli- 
gioses, ein metaphysisches. Sie werden die richtige Vorstellung haben 
von Dem, was ich meine, wenn Sie Sich an unsere Gesprache iiber Ruft- 
land erinnern, an meine Ausfuhrungen und wenn Sie Sich graphisch die 
Sache darstellen. 



234 



BERUF: JOURNALIST 



Rutland 

p 




so sprach ich. Jetzt wiirde ich 



an ^H 



327 Hans Dollinger 

Rutland. 1200 Jahre in Bildern u. Dokumenten. Vorw. 
von Klaus Mehnert. 

(Munchen, Giitersloh, Wien:) Bertelsmann (1977). 303 S. 
Aufgeschlagen S. 218 — 219: Stalins Weg zur Alleinherr- 
schaft 1924 bis 1929 — Indus trialisierung, Kollektivie- 
rung, erster Fiinfjahresplan 1928/29. Mit 6 Abb. 



328 Joseph Roth 

Uber Die Verbiirgerlichung der russischen Revolution? 
Fragment [?] eines Entwurfs zu e. Vortrag. Manuskript. 
1927. 10 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRW3, S. 1027-1032 

Abdruck auch in: Joseph Roth: Der Neue Tag. Koln, Ber- 
lin: Kiepenheuer & Witsch 1970, S. 149-157, u. d. T.: 
Vortrag iiber die Eindriicke der RufSlandreise. 

Meine Herren, 

ich werde mich bemuhen, Ihnen heute abend zu beweisen, dafi das Biir- 

gertum unsterblich ist. Die grausamste aller Revolutionen, die bolsche- 

wistische, hat es nicht zu vernichten gemocht. Und nicht genug daran: 

diese grausame bolschewistische Revolution hat ihren eigenen Burger 

geschaffen. [ . . . ] 

Bindender als eine Gesinnungsgemeinschaft ist die Gegenwartsgemein- 

schaft, und naher als der tote Parteigenosse ist mir der lebendige Zeitge- 

nosse. Wenn also der Kommunismus Rutland, das hundert Jahre hinter 

Europa war, in die vollste Gegenwart hineinstofSen will, so mull er es 

schon burgerlich machen. Denn diese Gegenwart ist burgerlich. Die rus- 



BERUF: JOURNALIST 235 

sische Revolution ist nicht etwa eine proletarische, wie ihre Reprasentan- 
ten meinen. Sie ist eine burgerliche. Rutland war ein feudales Land. Es 
fangt an, ein urbanes, ein stadtkulturelles, ein burgerliches zu werden. 
Aber weil eine bestimmte Ideologic diese Revolution geleitet hat und 
weil bestimmte Ideologen sie noch heute verwalten, beziehungsweise 
das, was von ihr iibriggeblieben ist, wird in Rutland so getan, als regierte 
man sozialistisch, als bereite man wirklich den Sozialismus vor. Noch 
sieht es heute oberflachlich so aus, als ware dieses Land wirklich eine 
ganz neue Welt. Noch sieht es heute so aus, als gabe es die alten Klassen 
wie in europaischen Landern nicht mehr. Aber man merkt bald, daft es 
eine falsche, eine verhiillende Nomenklatur fur die alten, wohlbekannten 
Zustande ist. [ . . . ] 
JRW3 i S. 1027 und S. 1030 f. 

Wilhelm Emanuel Suskind berichtet in et'ner 1931 erschienenen Sammelre- 
zension der bis zu dieser Zeit erschienenen Romane Roths iiber eine Episode 
im Anschluft an Roths Rufilandreise: 

Vor etwa vier Jahren, als Joseph Roths Name in literarischen Kreisen viel 
genannt zu werden anfing, horte ich bei einem Bekannten von ihm spre- 
chen, und zwar erzahlte der Bekannte eine kleine Geschichte, die mir im 
Gedachtnis geblieben ist. Er sei namlich mit Roth zusammengetroffen 
und dieser habe viel von Rutland erzahlt, woher er eben zuriickgekehrt 
sei. Roth habe dies und jenes berichtet und sich von vielem sehr begei- 
stert gezeigt, aber, so habe er schliefllich ganz entsetzt hinzugefugt, die 
Erotik spiele in dem neuen Rutland gar keine Rolle, die Luft sei entsetz- 
lich unerotisch, man konne es kaum aushalten. 

Wilhelm Emanuel Suskind: Joseph Roth. In: Die Literatur. 34 (1931/32), 
1, S. 17-20, hier S. 17. — Siehe auch Kat, Nr. 550 



ALBANIEN 

Joseph Roth 329 

Reise nach Albanien. 

Artikeiserie in der Frankfurter Zeitung vom 29. 5. — 30. 

7. 1927. 

Umfafk die Artikel: 

Beim Prasidenten Achmed Zogu. FZ 71 (1927), 393, S. 

1-2. 

Siidslawien und Albanien. Innere Probleme. FZ 71 (1927), 

416, S. 1-2. 



236 BERUF: JOURNALIST 

Einzug in Albanien. FZ 71 (1927), 425, S. 1. 

Die Hauptstadt Tirana. FZ 71 (1927), 435, S. 1. 

Das albanische Volk. FZ 71 (1927), 451, S. 1-2. 

Die albanische Armee. FZ 71 (1927), 473, S. 1. 

Wo der Weltkrieg begann. FZ 71 (1927), 485, S. 1. 

Die Zivilisierten im Barbarenland. FZ 71 (1927), 495, S. 1. 

Artikel iiber Albanien. (Geschrieben an einem heifien 

Tag.)FZ 72 (1927), 558, S. 1-2. 

JRW 3, S. 1033-1042, 594-596, 1043-1056, 596-601 

Ausgelegt: Artikel iiber Albanien. (Geschrieben an einem 

heifien Tag.) In: FZ 72 (1927), 558, S. 1-2. - JRW 3, S. 

596 — 601. — Abdruck auch in: JR: Panoptikum. Gestal- 

ten u. Kulissen. Miinchen 1930, S. 89 — 96. — Siehe auch 

Kat. Nr. 110. 



330 Joseph Roth in albanischer Tracht 

Photographie, aufgenommen wahrend seines Aufenthaltes 
in Albanien. 1927. 

Vorlage: LBI 

Die Tracht ist alt und bunt wie vor Jahrhunderten, und von der ganzen 
europaischen Zivilisation der Ietzten hundert Jahre haben die Albanier 
in den Dorfern nur die Mannlicher-Gewehre ubernommen und einige 
Systeme amerikanischer Trommelrevolver. 

Aus dem Artikel »Das albanische Volk*. In: FZ 71 (1927), 451, S. 1 —2. - 
JRW3,S. 1045 f. 



POLEN 



Seine erste im Auftrag der ^Frankfurter Zeitung« unternommene Reporta- 
gereise ins Ausland hatte Roth im Sommer 1924 — in Begleitung seiner 
jungen Frau — nach Polen, auch in seine Heimat, das ehemalige Galizien, 
gefuhrt. In einem an den Rdndern mit Karikaturen bekritzelten Brief vom 
15.Juli 1924 kiindigte er seiner Kusine Paula ihre Reise und ihren Besuch 
in Lemberg an: 



BERUF: JOURNALIST 237 

Joseph Roth an Paula Griibel 331 

Brief. [Berlin, 15. 7. 1924.] 1 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 42-44 



Paula (Pauline) Griibel mit Joseph Roth (links) und 332 
Freund 

Photographic Vermutlich Mitte der zwanziger Jahre 
Vorlage: LBI 

Zu der aufdieser Reise entstandenen Reportage »Reise durch Galiziem siehe 
Kat. Nr. 4, 3 und 29. 

Zum zweitenmal fuhr Roth im Auftrag der »Frankfurter Zeitung« von 
Mitte Mai bis Mitte Juli 1928 nach Rolen, diesmal allein und in grofier 
Sorge: bei Friedl batten sich schon die ersten Anzeichen der unheilbaren 
Nervenkrankbeit gezeigt. 



Joseph Roth 333 

Briefe aus Polen. 

Artikelserie in der Frankfurter Zeitung vom 24. 6. — 9. 9. 
1928. 

Umfafk die Artikel: 

1. Abreise und Ankunft FZ 72 (1928), 466, S. 1. 
[2.] Das polnische Kalifornien. FZ 72 (1928), 479, S. 

1-2. 
[3.] Blick auf die Straiten. FZ 72 (1928), 504, S. 1. 
[4.] Russische Ueberreste — Die Textilindustrie in Lodz. 

FZ 72 (1928), 533, S. 1-2. 
[5.] Das literarische Leben. FZ 73 (1928), 571, S. 1. 
[6] Die ukrainische Minderheit. FZ 73 (1928), 599, S. 1. 
[7.] Die deutsche Minderheit. FZ 73 (1928), 675, S. 1. 
JRW 3, S. 1067-1091 

Aus dem Artikel »Das literarische Lebem: 

[...] 

Aber ich wollte Ihnen eigentlich den Enkel beschreiben, Ludwig Hie- 



238 



BERUF: JOURNALIST 



ronymus Morstin, eben jenen Mann, der die Idee hatte, eine Dichter- 
zunft zu griinden. Er hat Horaz iibersetzt und ein ausgezeichnetes, 
schwarmendes und dennoch gewissenhaftes Buch iiber Italien geschrie- 
ben, wo er zwei Jahre Militarattache war. Es wird in der heutigen Diplo- 
matic nicht viele Militarattaches geben, die Horaz iibersetzen. Offenbar 
gehort dazu eine Tradition, das heifk: gleichsam eine standig wache 
Erinnerung des Blutes an die Zeit, in der die Soldaten Schongeister sein 
durften und der Militarismus wie der Dilettantismus ein Vorrecht der 
Geburt war. 

Dieser Morstin bewirtete also die polnischen Dichter einige Tage, gab 
ihnen zu Ehren ein Fest und vermittelte zwischen ihnen und der in Po- 
len (aus Mangel an einer machtvollen Industrie) immer noch bestim- 
menden Kaste des Adels. Welch ein Optimismus! Herr Morstin findet 
Beziehungen zwischen dem Adel der Geburt und dem der Genialitat 
und will den Dichtern zu einer gesellschaftlichen Stellung verhelfen, in- 
dem er sie an der »Spitze der Nation* marschieren lafk. Das ist nur noch 
in Polen moglich, dem Land, von dem ich Ihnen vor einigen Wochen 
schrieb, es bewahrte im heutigen Europa die letzten Erinnerungen an 
den Feudalismus. Stellen Sie sich dieses Fest der Dichter vor: auf dem 
Gut defilieren alle Schulen der Umgebung vorbei, den Kindern erzahlen 
die Lehrer, daft die Dichter die Schatzhuter der Nation seien und viel 
mehr als die Besitzenden, die Reichen, die Gutsherren und die Regieren- 
den. Die Kinder sagen vor den Dichtern Gedichte auf, und die Dichter 
— als waren es Konige — kiissen die Kinder auf die Stirn. Das klingt 
Ihren Ohren wie eine ganz alte Geschichte. Denn die Phantasie, die im- 
mer eine leise Neigung zum Grotesken hat, spiegelt Ihnen vor, unsere 
Groftindustrie zum Beispiel hatte plotzlich ein so personliches Interesse 
an den Autoren deutscher Biicher wie an den Verfassern der Reklame- 
Inserate (welche ubrigens die Volksliteratur unserer Zeit genannt werden 
konnten), und wir alle waren im Ruhrgebiet zu Gast. Ermessen Sie an 
dieser Vorstellung und an jener Tatsache, wie weit Polen von uns ent- 
fernt ist und vom ganzen Zivilisationswesten ![...] 
JRW3,S. 1080 f. 



Jozef Wittlin hatte Roth in Krakau mit Ludwik Hieronymus Morstin be- 
kannt gemacht. In seiner im Exil entstandenen Novelle »Die Buste des Kai- 
sers* lafit Roth einen Grafen Franz Xaver Morstin auftreten, dessen Ge- 
stalt vom Portrdt eines Vorfahren des Grafen Ludwik Hieronymus Morstin 
angeregt worden war. (siehe auch Kat. Nr. 622 u. 623). 



334 Ludwik Hieronymus Morstin 

Photographie 

Geschenk: Professor Dr. Hubert Orfowski. Poznah 



BERUF: JOURNALIST 239 



Ludwik Hieronymus Morstin 

1886—1966. Polnischer Schriftsteller und Dramatiker. Entstammt einer 
Adehfamilie, die im 16. Jahrhundert aus Italien nach Polen gekommen 
war. Publiziert u. a. Obrona Ksantypy (Die Verteidigung der Xanthippe). 
Komodie. Krakau 1939. 



IM EXIL (1933-1939) 



242 IM EXIL 

333 Marschierende SA-Kolonne 

Photographic 1931. 

Vorlage: Erich Czech-Jochberg: Vom 30. Januar zum 21. 

Marz. Die Tage d. nationalen Erhebung. 

Leipzig: Verl. »Das neue Deutschland* 1933, S. 27. 

Joseph Roth batte die Emigration fur sich und seinesgleichen vorausgesehen. 
Brigitte Bermann Fischer berichtet in ihren Erinnerungen uber einen 
Ausspruch Roths aus der Zeit seiner Verhandlungen mit dem S. Fischer 
Verlag, den Pierre Bertaux aufgezeichnet hat: 

Bertaux erinnert sich in seinen Memoiren an einen Sonntag bei uns im 
Grunewald im Februar 1928, an dem er viele unserer Freunde bei uns 
traf : Jakob Wassermann, Alfred Doblin, Ernst Toller, Alfred Kerr, George 
Grosz und Joseph Roth, der sagte: »In zehn Jahren wird a) Deutschland 
gegen Frankreich Krieg fiihren, b) werden wir, wenn wir Gliick haben, in 
der Schweiz als Emigranten leben, c) werden die Juden auf dem Kurfiir- 
stendamm gepriigelt werden*. Keiner schenkte dem verzweifelt lacheln- 
den Roth Glauben. Aber sehr bald sollten diese prophetischen Worte 
sich bewahrheiten. 

Brigitte B. Fischer: Sie schrieben mir oder Was aus meinem Poesiealbum 
wurde. Zurich, Stuttgart 1978, S 283. - Siehe auch Kat. Nr. 189. 

Roth wurde zwar nicht offiziell ausgeburgert — einem osterreichischen 
Burger gegenuber hatten die Machthaber in Deutschland vor 1938 noch 
keine Handhabe — jedoch wurden seine Bilcher sofort auf die Schwarzen 
Listen gesetzt. 



336 Liste Dr. Hermann 

In: Borsenblatt fur den Deutschen Buchhandel. 
100(1933), 112, S. 357. 
Eintrag »Roth«. 

Diese Liste von 131 Autoren, die der vom Verband Deutscher Volksbiblio- 
thekare im Marz 1933 mit der »Neuordnung der Berliner Stadt- und 
Volksbuchereiem beauftragte Nationalsozialist Dr. Wolfgang Hermann 
zusammengestellt hatte, diente den Berliner Volksbibliothekaren und der 
Deutschen Studentenschaft bei ihren »Sduberungsaktionem als Richtlinie. 
So durfte erwiesen sein, dafi auf den Scheiterhaufen der Deutschen Studen- 
tenschaft vom 10. Mai 1933 auch die Bilcher von Joseph Roth verbrannt 
wurden. 



243 



Liste 1 des schadlichen und unerwiinschten Schrift- 337 
turns 

Gemafi § 1 d. Anordnung d. Prasidenten d. Reichsschrift- 

tumskammer vom 25. April 1935 bearb. u. hrsg. von d. 

Reichsschrifttumskammer. Stand vom Okt. 1935. 

Berlin: Reichsdruckerei (1935). 144 S. 

Ausgelegt S. 102 mit Eintrag »Roth, Joseph: Samtliche 

Schriften*. 



Liste [2] des schadlichen und unerwiinschten 338 
Schrifttums 

Stand vom 31. Dez. 1938. 

Leipzig: Hedrich [1939]. 181 S. 

Ausgelegt S. 123 mit Eintrag »Roth, Joseph: Samtliche 

Schriften*. 



Liste jiidischer und emigrierter Autoren 339 

[Stand vom] 31. 12. 1942. 

Berlin: Reichsstelle f. d. Schul- u. Unterrichtsschrifttum 

[1943]. [4] S. 

Kopie. — Vorlage: Bundesarchiv, Koblenz, Akte R 21/95. 
Ausgelegt S. [4] mit Eintrag »Roth, Josef«. 



Leitheft Emigrantenpresse und Schrifttum 340 

Marz 1937. 

[Berlin:] Der Reichsfuhrer SS, Der Chef d. Sicherheits- 

hauptamtes (1937). 49 Bl. 

Ausgelegt S. 22 u. 36. 

Auf Seite 22 wird Joseph Roths Roman »Beichte eines Morders* im Ab- 
schnitt »Die wichtigsten Verlage und ihre Produktion« als Beispiel fur die 
Produktion des Verlags »Allert de Lange«, Amsterdam, mitgenanni. 
Auf Seite 36 wird Roth im Abschnitt »Die Presse der einzelnen Gruppen / 
Die liberal-judische Emigrantenpresse* als Mitarbeiter der Zeitschrift »Das 
Wort«, Moskau, aufgefuhrt. 



244 IM EXIL 



Hermann Kesten iiber Roths Emigration: 

Am Tage, da ein Hitler Reichskanzler wurde, am 30. Januar 1933, verlieft 
Joseph Roth das Deutsche Reich und lebte seine letzten Jahre teils in 
Wien und Salzburg, teils in Marseille und Nizza, teils in Amsterdam und 
Ostende, teils in Briissel und Lemberg, in Warschau und bei Zurich und 
hauptsachlich in Paris, wo er am linken Seine-Ufer mit Unterbrechun- 
gen seit fiinfzehn Jahren wohnte, zuerst im Hotel Foyot, neben dem Jar- 
din Luxembourg und dem Senat, zuletzt, da dieses alte Hotel abgerissen 
wurde, gegeniiber im kleinen Hotel und Cafe »Tournon«, in der Rue de 
Tournon. 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Gedachtnishuch, S. 
13-26, hierS. 18 f. 



Ahweichend von Hermann Kesten berichtet Leonhard Frank in seinem 
autobiographischen Roman »Links wo das Herz ist« } daft Joseph Roth erst 
auf die Nachricht vom Reichstagsbrand in der Nacht des 21. Februar 1933 
hin nach Paris abgereist sei: 

341 Leonhard Frank 

Links wo das Herz ist. Roman. 

(Miinchen:) Nymphenburger Verlagshandlung (1952). 

259 S. 

In dieser Nacht safl Michael in der Likorstube »Mampe« am Kurfursten- 
damm. Ein Zeitungsverkaufer stiirzte herein. Die dicke Schlagzeile 
schrie: Die Kommunisten haben den Reichstag angeziindet. 
Jeder wufJte sofort, wer den Reichstag angeziindet hatte. Ein Freund Mi- 
chaels, der grofJe Rom an schrifts teller und Meister der deutschen Spra- 
che Joseph Roth, erklarte prophetisch: »Wenn die etwa glauben sollten, 
mit Gangstermethoden auch Weltpolitik machen zu konnen, waren sie 
schon jetzt zum Untergang verurteilt und wiirden wie Gangster enden.« 
Er eilte sofort heim, packte und fuhr ab nach Paris. 
Seite 183 



342 Das brennende Reichstagsgebaude 

Photographic 27. 2. 1933. 

In: Erich Czech-Jochberg: Vom 30. Januar zum 21. Marz. 

Die Tage d. nationalen Erhebung. 

Leipzig: Verl. »Das neue Deutschland* 1933, S. 97. 



IM EXIL 245 

Da Briefe Roths aus Paris von der ersten Februarhdlfte vorliegen — die 
beiden ersten vom L 2. 1933 — ist anzunehmen, dafi das von Hermann 
Kesten angegebene Emigrationsdatum zutrifft. 
In einem dieser Briefe — vom % Februar an Felix Bertaux — schreibt er: 

Ich bin all dieser Dinge mude, ich kann ohnehin wegen der Vorgange in 
Deutschland nicht einmal den geringsten privaten Entschluft fassen und 
bin tiberhaupt ganz niedergetrampelt. 
JRB, S. 247 

Und an Stefan Zweig, vermutlich Mitte Februar 1933: 

Inzwischen wird es Ihnen ldar sein, daft wir groften Katastrophen zutrei- 
ben. Abgesehen von den privaten — unsere literarische und materielle 
Existenz ist ja vernichtet — fuhrt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe 
keinen Heller mehr fur unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regie- 
ren zu lassen. Machen Sie Sich keine Illusionen. Die Holle regiert. 
JRB, S. 249 



Paris, Insel Saint Louis 343 

Photographic 1933. Von Gisele Freund. 
In: Gisele Freund: Memoiren des Auges. 
Frankfurt a. M.: S. Fischer 1977, S. 34-35. 



Joseph Roth 344 

Emigration. 

Typoskript [AuszJ, 1937. 4 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

JRW 4, S. 654-665 

Fin Versuch, Emigration und Widerstand in ibren Hauptgruppen zu cha- 
rakterisieren. 

[...] 

Tauschen wir uns nicht iiber folgende drei entscheidende Tatsachen: er- 
stens dariiber, daft die Mehrzahl der deutschen Emigranten Juden sind; 
zweitens, daft in den meisten Landern ein latenter Antisemitismus 
herrscht; drittens, daft unter den Vorwurfen, die man gegen das Dritte 
Reich erhebt, jener gegen seinen tierischen Antisemitismus am wenig- 
sten Wirkung haben kann. 

Man konnte eher im Gegenteil sagen: der Antisemitismus des Dritten 
Reiches gehort zu seinen wirkungsvollsten Propagandamitteln. Er trifft 
haargenau den latenten bestialischen Instinkt jedes Plebejers aufterhalb 



246 IM EXIL 



des Dritten Reiches, der — zum Hassen geboren — das Heimische nur 
deshalb nicht hassen kann, weil es ihm das Gesetz verbietet, und der sich 
also mit verzehnfachter Gewalt gegen jenes Element stiirzt, das von dem 
Gesetz weniger oder gar nicht geschiitzt wird. 

Alle Sympathie — und tauschen wir uns nicht, sie ist nicht gering — , 
die das Dritte Reich aufterhalb seiner Grenzen gefunden hat, hat ihren 
Grund in latentem Antisemitismus. In der Tat ist es dem Dritten Reich 
gelungen, die ganze Emigration mit dem Judentum identisch erscheinen 
zu lassen, und die Spekulation war richtig. Von vornherein nimmt man 
von jedem Emigranten an, er sei ein Jude. Dadurch wird — wenn kein 
ungerechter, so doch ein schiefer, ein »verquerter« — Blickpunkt 
erzeugt Wir werden im folgenden nachzuweisen versuchen, wie falsch 
und schief und »verquert« er ist. 

JRW4,S. 657 

Besonders wilrdigt Roth den Widerstand der Kirchen, — auch der prote- 
stantischen, der sonst seine Ablehnung gilt: 

[...] 

In den Augen der Hitlerischen Heiden sind nicht allein die Juden, son- 
dern auch die Christen Kinder Israels — und augenscheinlich ist es je- 
dem Klarsichtigen, daft der Antisemitismus ein Vorwand war und daft er 
eigentlich ein Antichristianismus ist. Man hat im Dritten Reich mit dem 
Boykott jiidischer Geschafte angefangen, lediglich, um zu dem Boykott 
christlicher Kirchen vorzugehen. [ . . . ] 

Der deutsche Protestantismus hat mit dem Anbruch des Dritten Rei- 
ches seine groftte Uberraschung erlebt. Uberrascht war auch die Welt, 
die niemals geglaubt, irgendeine politische Staatsmacht in Deutschland 
konnte den Protestantismus bekampfen. Der Antisemitismus war selbst- 
verstandliche Tradition. Der Kampf gegen die katholische Kirche war es 
beinahe ebenso. Wer hatte denken konnen, daft der Nationalsozialismus 
auch das Luthertum angreifen wiirde? Als Hitler an die Macht kam, und 
sein Werk »Mein Kampf* von alien ergebenen Zungen gelobt wurde, 
war der Vergleich Hitler — Luther geradezu landlaufig. Wir haben hier 
nicht die innere Wahrheit dieses Vergleiches zu priifen. Dem Verfasser 
dieser Zeilen scheint es in der Tat, daft das Neuheidentum Hitlers zu- 
sammenhangt mit den Thesen von Wittenberg und ohne diese undenk- 
bar ware. Aber angesichts der Verfolgungen der protestantischen Kirche 
verstummen die personlichen Uberzeugungen des Autors dieser Zeilen. 
Verstummt sind ja auch im Dritten Reich diejenigen, die Hitler mit Lu- 
ther verglichen. 

[••■] 

Die Protestanten sind ganze Christen und, wie es sich erwiesen hat, von 
einer Leidenschaft erfullt, welche die Grenze des Martyrertums erreicht 



247 



Ja, es zeigt sich noch mehr: niemals war in Deutschland die Beziehung 
zwischen Protestantismus und Katholizismus so stark wie jetzt. Niemals 
das Bewufksein so fest, daft das Bekenntnis zum gleichen Kreuz und 
gleichen Heiland wichtiger ist als die Reminiszenz an die Glaubens- 
kampfe der Vergangenheit [ . . . ] 
JRW4,S. 658 undS 661 f. 

Andere Abschnitte betreffen die nach der judischen umfangreichste Emigra- 
tion der »>revolutiondren< Elemente«, an denen er »die abstruse und abstrak- 
te Idee« kritisiert, »das Rebellische dem einzelnen zu verwehren, aber erst im 
Kollektiv dafiir die Legitimation zu erteilen . . .«, und die sogenannten bur- 
gerlichen Emigranten, die Deutschland aus okonomischen Griinden verlas- 
sen haben: in ihnen sieht er die »widerlichen Erscheinungen«, den obenauf 
schwimmenden »Absud der Emigrations 



»Die Aufgabe des Dichters in unserer 
Zeit«: Politische Publizistik 



Roths politische Publizistik in deutschen und osterreichischen Exilzeitungen 
und -zeitschriften bewegt sich zwischen ninerbittlichem Kampf« gegen das 
NS-Regime und »Resignatiom iiber die Wirkungsmoglichkeiten der exilier- 
ten Politiker und Schriftsteller. 

Es gibt kein Kompromtfl mit diesen Leuten. [ . . . ] Unsere ganze Lebens- 
arbeit ist — im irdischen Sinne — vergeblich gewesen. [ . . . ] Jede Hoff- 
nung ist sinnlos. Diese rationale Erneuerung* geht bis zum auflersten 
Wahnsinn. Es ist genau die Form der in der Psychiatrie bekannten Mani- 
schen-Depressiven. So ist dieses Volk. Man kann nur still abwarten. Las- 
sen Sie es Sich, bitte, nicht zufallig einfallen, an diese Leute direkt in ir- 
gend einer Form zu schreiben. Sie veroffentlichen es sofort oder spater. 
Es gibt keine guten Sitten bei diesen Affen. Geben Sie nichts aus der 
Hand. Protestieren Sie in keiner Form!!! Schweigen Sie — oder kampfen 
Sie: was Sie fur kliiger halten. 
JR an Stefan Zweig. Paris, 6. 4. 1933. - JRB, S. 261 

Ich fiirchte, es gibt einen Augenblick, in dem die jiidische Zuriickhal- 
tung nichts mehr ist als eine Reaktion des taktvollen Juden gegen die 
Chuzpe des taktlosen. 
Dann ist jene sinnlos und schadlich, wie diese. 



248 IM EXIL 

Man hat — wie ich Ihnen schon sagte — eine Verpflichtung gegen Vol- 
taire, Herder, Goethe, Nietzsche, wie gegen Moses und seine jiidischen 
Vater. 

Es ergibt sich daraus die Verpflichtung: 

das Leben zu retten, wenn es durch Bestien gefahrdet ist und sein 
Schreiben. 

Kein Sich-Ergeben in Das, was man voreilig Schicksal nennt. 
Und »eingreifen«, kampfen, sobald der richtige Augenblick da ist. Es ist 
die Frage, ob er nicht sehr bald da ist. 
JR an Stefan Zweig. Paris, 26. 3. 1933. - JRB, S. 260 f. 



»Unerbittlicher Kampf« 

345 Joseph Roth 

Unerbittlicher Kampf. (Antwort auf eine Umfrage.) 
In: Pariser Tageblatt. Nr. 365 (12. 12. 1934), S. 4. 
JRW 4, S. 287 

Seitdem es Dichter gibt, haben sie keine andere Aufgabe als diese: ihre 
Werke zu gestalten. Solange es Dichter gibt, werden sie keine andere 
Mission haben. 

Aber Ihre Frage, was die Aufgabe des Dichters in dieser unserer Zeit sei, 
erfordert wohl die Auskunft: ob der Dichter Stellung zu nehmen habe 
zu der Grausamkeit, zu der Niedertracht, zu der Unmenschlichkeit der 
Welt von heute. 

Darauf ist zu antworten: daft der Dichter so wenig wie jeder andere ein 
Recht hat, keine Stellung zu nehmen zu der Unmenschlichkeit der Welt 
von heute; 

daft der Dichter niemals — und auch heute nicht — das Recht hat, sich 
auf seine »Berufung« zu berufen und auf seine angebliche Pflicht, sich 
um »zeitlose« Dinge zu kummern. Talent und Genie befreien keineswegs 
von der selbstandigen Pflicht, das Bose zu bekampfen. 
Ein Dichter, der zum Beispiel heute gegen Hitler und gegen das Dritte 
Reich nicht kampfte, ist gewift ein kleiner, schwacher Mensch und wahr- 
scheinlich auch ein wertloser Dichter. 

Es gibt kein wahrhaft wertvolles Talent ohne die folgenden Eigenschaf- 
ten: 1. Mitgefiihl fur die unterdriickten Menschen; 2. Liebe zum Guten; 
3. Haft gegen das Bose; 4. Mut, das Mitgefiihl fur die Schwachen, die Lie- 
be zum Guten, den Haft gegen das Bose auch laut und unzweideutig, al- 
so deutlich, zu verkiinden. 



249 



Wer diese Eigenschaften nicht besitzt und nicht offenbart, ist gewiftlich 
em mittelmaftiges Talent oder ein Dilettant. 

Die Aufgabe des Dichters in unserer Zeit ist — um Ihre Frage ganz pra- 
zise zu beantworten : der unerbittliche Kampf gegen Deutschland, denn 
dieses ist die wahre Heimat des Bosen in unserer Zeit, die Filiale der 
Holle, der Aufenthalt des Antichrist. 



Dazu die Schriftstellerin Irmgard Keun, Roths Lebensgefdhrtin in denjah- 
ren 1936 bis Anfang 1938 (siehe auch den Abschnitt »>Begegnung in der 
Emigration: Irmgard Keum): 

Wenn er nicht an seinem Roman arbeitete, schrieb er Artikel gegen den 
Nationalsozialismus. Ich kenne niemand, der so unerbittlich klar, so 
iiberzeugend stark, so leidenschaftlich kompromifllos daruber und dage- 
gen schrieb wie Roth. Ich kenne niemand, der so erbarmungslos auch 
die kleinste politische Schwache prominenter und prominentester Emi- 
granten entdeckte und so furcht- und riicksichtslos angriff. Ich kenne 
niemand, der besser und folgerichtiger hassen konnte. Und ich kenne 
niemand, dessen HafJ so nobei, so groflziigig, so weltenweit entfernt von 
jeder kleinlichen personlichen Beleidigung war. Ich kenne niemand, der 
immer so sauber und so mutig Stellung nahm gegen jede Ungerechtig- 
keit — ganz gleich, wer sie beging, ganz gleich, wo sie begangen wurde. 
Ich habe nie wieder einen Menschen gekannt, der so viel reiner Empo- 
rung fahig war. Nie wieder einen Menschen, der weniger Rucksicht auf 
eigenen Schaden oder Nutzen nahm. 

Irmgard Keun: Bilder und Gedichte aus der Emigration. Koln 1947, S. 19. 
— Siehe auch Kat. Nr. 411 



NS-DEUTSCHLAND 

Joseph Roth 346 

Ring der Nibelungen. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 27, S. 639-640. 

JRW4, S. 619-621 

Ich glaube nicht, dafi die Germanen, die heute Deutschland regieren, 
Fleisch vom Fleisch und Blut vom Blute der alten Nibelungen sind; aber 
es ware lacherlich, zu leugnen, dafl sie den Geist der Nibelungen geerbt 
haben. Man sollte der Wahrheit die Ehre geben, den Germanen von 
heute diesen Geist konzedieren und die unmenschlichen, jeder morali- 
schen Eigenschaft baren Gestalten des Nibelungenliedes nicht etwa des- 



250 IMEXIL 

halb iiberschatzen, weil sie aus mythologischem Dimmer entstehen oder 
weil sie ihre irdischen Konturen in eirtem literarisch wertvollen Doku- 
ment finden. Mogen also die Deutschen auch nicht in direkter Linie von 
den alten Germanen abstammen, so mull man doch einsehen, daft sich 
die Vorgange und Charaktere des Nibelungenliedes oftmals in der neue- 
ren deutschen Geschichte wiederholen. [ . . . ] 

Wie nun die Recken an die Donau kommen, begegnet ihnen ein christ- 
licher Priester im Gottesgewand, das Kreuz auf der Brust. Was macht ein 
reenter germanischer Mann beim Anblick eines Christen? Herr von 
Tronje ergreift den Priester und wirft ihn in den Flufi! Ein Witz! Ein Ka- 
sinowitz! Alle Herren schauen dem Priester zu, der mit dem Wasser 
kampft, und lachen sich krank. Ein Wunder geschieht: der Mann Gottes 
erreicht das andere Ufer. Und das ist der Anfang des Konkordats, das 
Germanien mit der katholischen Kirche schlieftt . . . 

[...] 

Hierauf — wie man weift — beginnt das blutige Fest, man konnte sagen: 

die Nacht der langen Messer. Freund und Feind gehen unter, Germanen, 

Hunnen, selbst ein Spielmann, fast ein Pazifist, der Fiedler Volker. Es ist 

jener Weltuntergang, nach dem die Nibelungen, die untergehen, aber 

nicht aussterben, ewiges Heimweh haben . . . 

Ubrig bleibt der Christ, der Markgraf Riidiger von Bechlaren, der konzi- 

liante Osterreicher, der im Sinne des Gekreuzigten spricht. Er erwartet 

das Heil der Welt von dem Licht des neuen Glaubens. 

Leider irrt der fromme Markgraf, wie Jahrhunderte nach ihm viele sei- 

nesgleichen. Er hatte gedacht, die Nibelungen und die Hunnen hatten 

sich gegenseitig umgebracht. Aber sie leben nock 

Der Ring der Nibelungen ist ein seltsamer Ring; sein Zauber besteht 

darin, daft er sich nicht schlieften kann . . . 



347 Joseph Roth 

Die Juden und die Nibelungen. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 33, S. 786-788. 

JRW4, S. 621-626 

[■■•] 

Im Briinner *Tagesboten« polemisiert ein jiidischer Herr namens Karl 

Toller gegen meinen im »Neuen Tage-Buch« erschienenen Artikel *Ring 

der Nibelungen*, an den sich die Leser dieser Zeitschrift hoffentlich noch 

erinnern. 

[...] 

Daft eines Tages ein israelitischer Herr aus Briinn in Mahren, derzeit 
Tschechoslowakei, die Nibelungen gegen mich in Schutz zu nehmen 
versuchen konnte, hatte ich wahrhaftig nicht geglaubt. Die Nibelungen 



IMEXIL 251 

scheinen sehr tief gesunken zu sein! Mehr noch aber, als die Tatsache, 
daft die mahrischen Israeliten eine Lanze fur Germanen brechen, iiber- 
rascht mich die Tatsache, dafi einer von ihnen nicht weift, wer ich bin, 
und dafS er mich in frommer Tumbheit offenbar fur einen aufgeklarten 
Spotter halt; wahrend doch seine Landsleute und Glaubensgenossen wis- 
sen, dafl ich ein sogenannter »Reaktionar« bin, ein Glaubiger, ein Monar- 
chist sogar, und erfullt von Achtung gegeniiber alien iiberlieferten Wer- 
ten, mit Ausnahme jener heidnischen, vor denen manche Juden und Na- 
tionalsozialisten gemeinsam ihren paganistischen Gottesdienst verrich- 
ten. [ . . . ] 
JRW4 } S. 624 f. 

Als ein Zeugnis von »Vansittartismus« noch vor Robert Gilbert Vansittart 
konnte der folgende — zu Roths Lebzeiten unveroffentlichte — Artikel gel- 
ten: 

Joseph Roth 348 

Le »dynamisme« eternel. 

Manuskript, Friihling 1939- 12 Bl. [Nur Bl. 1-3 Roths 

Handschrift] 

Kopie. — Original: LBI 
JRW4, S. 698-701 

Der deutsche »Dynamismus« ist nicht von gestern und auch nicht von 
heute. Der Nationalsozialismus ist nicht etwa eine uberraschende, eine 
verbliiffende Umkehr des deutschen Volkes vom humanistischen und 
vom christlichen und vom humanen Geist zum barbarischen, gottlosen, 
unmenschlichen und antichristlichen; sondern der Nationalsozialismus 
ist die Erf u Hung dessen, was die Deutschen selbst ihr »Wesen« nennen. 
Ihr sogenanntes »Wesen* ist namlich: Protestantismus. Der Protestantis- 
mus ist der Dynamismus von Wittenberg. Von Luther iiber Friedrich 
den Zweiten, Bismarck, Wilhelm, Ludendorff bis zu Hitler und Rosen- 
berg fuhrt ein gerader Weg. Wer das nicht sieht, ist blinder als ein Blin- 
der: namlich ein »Realpolitiker«. 

[■•■] 

Es ist nicht meine Aufgabe, hier zu untersuchen, aus welchen uns uner- 
klarlichen Griinden unter alien Nationen Europas gerade die Deutschen 
dazu verdammt sind, mit einer unheimlichen Prazision das Diabolische 
zu pflegen und sogar zu re prase n tie re n. Ich begniige mich mit der Fest- 
stellung, die mir die Glaubigkeit allein erlauben kann, wo das Wissen 
aufhoren mufJ: offenbar mull der Ewige bestimmte Gegenden auf dieser 
Welt dazu verdammt haben, furchtbare Elite fur das Hollische abzuge- 
ben. Ich kann, was mich betrifft, bei aller Hochachtung vor den Prote- 
stanten, die unsere christlichen Dulder sind, keinen Unterschied sehen 



252 IMEXIL 

zwischen den Schriften Luthers, wie die an den deutschen Adel zum 
Beispiel, und jenen des Herrn Rosenberg. [ . . . ] Wer in dem Verrat Lu- 
thers an den Bauern, an den Fursten, an den Juden nicht schon das Vor- 
bild der politischen Verratereien des preuflisch-protestantischen Leut- 
nants an der Kirche und an der Welt sehen kann, ist geradezu ein idylli- 
scher Narr. Ohne Luther und ohne den Protestantismus waren wahr- 
scheinlich Hegel und Marx in Deutschland nicht moglich gewesen. Und 
selbst in der »dionysischen« Abwehr Nietzsches ist noch der als Heide 
verkleidete Protestant zu erkennen. 



349 Joseph Roth 

Gott in Deutschland. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 36, S. 861. 

JRW 4, S. 627-628 

Zum Abschlufi des Konkordats zwischen dem Vatikan und der nationalso- 
zialistischen Regierung Deutschlands am 20.Juli 1933. 



350 Joseph Roth 

Der apokalyptische Redner. Die Propaganda des 3. Rei- 

ches — eine Weltgefahr. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 639 (20./21. 3. 1938), 

S. 1-2. 

JRW 4, S. 671-674 

Den Deutschen blieb es vorbehalten — dank dem unerforschlichen Be- 
schlufl Gottes — , das diabolische Element in die Politik einzufuhren, 
und zwar durch jenen ihrer Minister, der in Gebarde, Antlitz und Ge- 
brest vom Schicksal und von der Holle gezeichnet, nicht nur iiber den 
Lautsprecher zu verfiigen hat, sondern auch der personifizierte Lautspre- 
cher ist. Die Stimme der Wahrheit ist leise, die Stimme der Luge laut So 
wenig sicher ist die Luge ihrer selbst, dafS sie gewaltig schreien muiS: als 
wollte sie sich selbst iibertonen. 

[ . . . ] Die Entstellung der Wahrheit erfolgt in jiingster Zeit durch die 
Ubertreibung oder die glatte Negierung der Wirklichkeit. Das ist das Ge- 
heimnis, die Methode des Propagandaministers Goebbels. Hier grenzt 
— gestehen wir es offen — das Diabolische an das Geniale. 
Das Dritte Reich war der erste Staat, der ein »Propagandaministerium« 
eingefiihrt hat, als ware sein Land eine Seifenfabrik. Wenn die Welt kri- 



IMEXIL 253 

tischer gewesen ware und weniger wohlwollend gegeniiber legalisierten 
Briganten, so hatte sie einfach durch die Tatsache, daft ein Staat Propa- 
ganda macht — und durch nichts anderes — , gegen diesen Staat mifl- 
trauisch werden miissen. [ . . . ] 

Die Propaganda des Ministers Goebbels erstreckt sich: 1. auf das Inland; 
2. auf das Ausland. 
Was die Propaganda im Inland betrifft, so gelten folgende Grundsatze: 

a) Verschweigung, Vertuschung; 

b) Leugnung; 

c) Erhitzung, Begeisterung; 

d) Falschung, Ubertreibung. 

Die fiir das Ausland bestimmte Propaganda stiitzt sich nicht nur auf die 
vier fiir das Inland geltenden Grundsatze, sondern auch noch auf die fol- 
genden: 

e) Einschuchterung, beziehungsweise — materielle oder immaterielle 
Bestechung fremder Beobachter; 

f) Schmeicheleien, beziehungsweise Drohungen; 

g) unmerkliche Beeinflussungen. 

Man sieht: diese Methoden sind plump, aber wirksam. Seitdem es Hei- 

ratsschwindler gibt, haben sie den Frauen (besonders jenen im reiferen 

Alter) gegeniiber die gleichen Methoden angewendet [ . . . ] 

Man tausche sich nicht dariiber, daft Goebbels ebenso gefahrlich ist wie 

Hitler, Goebbels ist der Radio-Herold Hitlers. Er redet ihm sozusagen 

voran. (Reiten konnen sie alle beide nicht . . . ) 

Habe ich friiher »Non olet« gesagt? Ja, es bezog sich auf judisches Geld. 

Nicht auf Goebbels . . . 



Joseph Goebbels als Redner 351 

Photographic Um 1932. 

Vorlage: Erich Czech-Jochberg: Vom 30. Januar zum 21. 

Marz. Die Tage d. nationalen Erhebung. 

Leipzig: Verl. »Das neue Deutschland« 1933, S. 75. 



Joseph Roth 352 

Am Ende ist das Wort. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 873 (25./26. 12. 1938), S. 1. 

JRW4, S. 320-323 

Anldfilich der Vergewaltigung und Verwilderung der Sprache in NS- 
Deutschland, die sich inzwischen auch auf andere Lander ubertragen ha- 
ben, erinnert Roth an »die sittliche Magie der Spracbe«. 



254 IMEXIL 

353 Joseph Roth 

Die wilde, verwegene Jagd. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 886 (6. 1. 1939), S. 1. 

JRW4, S. 693-694 

Zu einerjagd, die der jugoslawische Ministerprdsident am 19-Januar 1939 
in Bechyne an der ungarisch-jugoslawischen Grenze veranstalten wird. Als 
Jagdgdste sind u. a. der italieniscbe Aufienminister Graf Ciano und Her- 
mann Goring geladen: 

[...] 

Es ist, als ob man in diplomatischen und politischen Kreisen heutzutage 
das dringliche Bediirfnis empfande, durch eine wirkliche, ziemlich harm- 
lose Jagd auf Eber und Wildschweine die andere, viel gefahrlichere auf 
ohnmachtige Gegner im Innern der Staaten und auf machtige Nachbar- 
staaten zu sanktionieren. Im iibrigen laufen schon in den Waldern so viel 
staatenlose Nicht-Arier herum, daft die Jagd ein doppeltes Vergniigen 
werden kann, namlich sehr wenig verschieden von jener, die man zu 
Hause in Straften und Gassen zu veranstalten gewohnt ist. Es fehlt noch 
ein kleines, und man konnte endlich darangehen, die politischen Jagden 
nicht in den Grenzwaldern der Staaten zu organisieren, sondern in de- 
nen der Niemandslander, von deren Existenz die Welt, nebenbei gesagt, 
bis in die jiingste Zeit hinein gar nichts gewuftt hat. [ . . . ] 
Ach! Welch eine Jagd, welch ein Gedrange von Jagden! Neben der Mit- 
teilung von der in Bechyne liest man in der Zeitung von den 10 000 Ju- 
den, die aus der Tschechoslowakei nach Sudamerika verjagt werden, von 
der Jagd des Deutschen Reiches nach den 265 Millionen des Wiener Ba- 
rons Rothschild — man stelle sich jiidische Raffgierhande vor, wie sie zu 
germanischen Fausten im gerechten Habsuchtszorn geballt werden — 
und von den Opfern der germanischen Judenjagd am 10. und 11. No- 
vember 1938, namlich 40 in Wien allein erlegten Menschen, 375 im 
ganzen Deutschen Reich, das eigentlich das »Dritte Jagd-Revier« heifien 
sollte. 



354 Joseph Roth 

Wiegenfest. 

In: Die Osterreichische Post 1 (1939), 10, S. 5. 

JRW4, S. 702-703 

Zu Adolf Hitlers 50. Geburtstag am 20. April 1939: 

Nicht alter soil er werden! Ich wunsche ihm einen naturlichen Tod — 
freilich — , aber keinen schnellen und keinen leichten. Tausende. was 



IMEXIL 255 

sage ich: Zehntausende, vielleicht mehr, sind seinetwegen, auf seine Ver- 
anlassung unter langsamen Qualen gestorben. Da wir leider aus dem 
Mittelalter in diese Neuzeit hineingewachsen sind und es also keinen 
Bannfluch mehr gibt, sehe ich mich veranlafk, ihm zu fluchen. Obwohl 
ich kein Amt dazu habe, bin ich dennoch in den Augen aller anstandi- 
gen Menschen dazu legitimiert Es kann mich keiner verhtndern, das 
Kreuz zu schlagen, wenn mir einer der vieltausend Schwanze des Gott- 
seibeiuns entgegentritt, in Menschengestalt Ja, meine Frommigkeit ge- 
bietet mir geradezu, den Weihwedel zu schwingen gegen den Satan. 



Adolf Hitler 355 

Photographic 1938. 

In: Heinrich Hoffmann: Das Antlitz des Fiihrers. 

Berlin: Zeitgeschichte-Verl. 1939, Abb. [14]. 



Joseph Roth 356 

Eine wirklich freie Stadt. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 885 (5. 1. 1939), S. 1. 

JRW 4, S. 691-692 

Im AnschlufS an das Dekret der Freien Stadt Danzig, das dem fruheren 
Senatsprasidenten Dr. Hermann Rauschning seine Staatsbiirgerschaft 
entzieht, richtete der Senat einen Aufruf an fiinfzig Danziger, sie moch- 
ten unverziiglich in die Heimat zuriickkehren, widrigenfalls auch sie ihre 
Staatsbiirgerschaft verlieren wurden. Die fiinfzig Staatsbiirger sind Juden 
oder Sozialdemokraten. Es ist also anzunehmen, dafj sie nicht heimkeh- 
ren und ihre Passe verlieren werden. [ . . . ] 

Die strenge Einhaltung der Form aber, in der ein Staat, der tausendmal 
Bestimmungen, Verpflichtungen, Gesetze umgeht, verdreht, falscht, ver- 
leugnet und aufgibt, seine fiinfzig Burger auffordert heimzukehren, be- 
leuchtet den Zynismus der Gewalt- und Machthaber greller als die nack- 
te Gewalttat selbst. Der Senat der »Freien« Stadt — wie widerlich hohnt 
da der Name schon sich selbst — sperrt die Danziger zwar willkiirlich, 
formlos, widergesetzlich ein, aber er bedient sich einer peinlichen for- 
mellen Genauigkeit, um die Einzusperrenden bis vor die Gefangnistore 
kommen zu lassen. [ . . . ] 



256 IM EXIL 

POLEMIK 

33 7 Joseph Roth 

Abb. 55 Dichter im Dritten Reich. 

In: Das Neue Tage-Buch. 1 (1933), 1, S. 17-19- 

JRW4, S. 280-286 

Dem im Dritten Reich verbliebenen und zum kommissarischen Leiter 
der Preuftischen Akademie (voriibergehend) ernannten Sch rifts teller und 
Nerve narzt Gottfried Benn schrieb vor einiger Zeit der Sch rifts teller 
Klaus Mann einen bitteren und vorwurfsvollen Brief. Unverstandlich sei 
es ihm — so ungefahr schrieb Herr Klaus Mann, der Herrn Gottfried 
Benn verehrt — , wie ein bedeutender Schriftsteller sich in den Dienst 
des Dritten Reiches begeben konne; warum ein Mann wie Benn seine 
Anhanger enttausche, die sich jetzt in Paris, in London, in Prag aufhalten 
und die zu ihrer Verzweiflung am Vaterland auch noch die an ihrem ge- 
liebten Autor addieren miiftten; er, der Schreiber des Briefes, sei zwar als 
»Rationalist« von jeher gegen die »irrationalistische« Weltauffassung des 
verehrten Autors gewesen: denn es scheine leider so zu sein, daft der 
Hang zum »Irrationalen« notwendig zur »Reaktion« fiihre: dennoch be- 
stiinde zwischen der unzweifelhaft starken schriftstellerischen Kraft 
Gottfried Benns und dem verstandnislosen, geist- und literaturfremden 
Dritten Reich unmoglich irgendeine Beziehung. 

[...] 

Dieser antwortete: er antwortete mit einem langen Leitartikel in der 
»Deutschen Allgemeinen Zeitung« — die iibrigens ein paar Tage darauf 
verboten wurde und selbstverstandlich nicht wegen der Antwort Gott- 
fried Benns. [ . . . ] 

[■■•] 

Er ist einer der zahlreichen Kommentatoren der Revolution, dieser 
Doktor. Er (nebst manchen andern) bemuht sich, den »Rationalisten«, 
den »Liberalen«, den »Sozialisten« die elementare Unbegreiflichkeit der 
geschichtlichen Ereignisse zu erlautern. Aber auch einem »Liberalen«, ei- 
nem Gehirn des »neunzehnten Jahrhunderts* konnte es plotzlich klar 
werden, daft ein Elementargeschehen, das sich selbst unaufhorlich kom- 
mentiert, gar kein echtes sei. [ . . . ] 

[ . . . ] Und so wahr es ist, daft ein Dichter, dessen physisches Leben in 
Gefahr gerat und der deshalb (deshalb allein) auswandert, noch lange 
nicht aufhort, ein deutscher Dichter zu sein, so wahr ist es auch, daft die 
deutsche Literatur keine staatlichen Grenzen kennt; daft sie starker und 
ewiger ist als jede Staatsform, die sich die Nation gelegentlich gibt; daft 
sie alle Staatsformen und »nationalen Revolutionen* (aber auch die »in- 
ternationalen«) {iberleben wird; daft ein deutscher Schriftsteller, selbst 
wenn er emigriert ist, schon deshalb keinen Hohn verdient, weil er eben, 



257 



DAS NEUE 

TAGE-BUCH 

Herausqeber: Leopold $chwar%$cnild 



PARIS-AMSTERDAM 

Leopold Scliwarzschild ; 

Nach Hugenbergs Ende 

Bundeskanzier Dolifuss : 

Oesierreich in diesem Augenblick 

Wladimir d Grmesson : 

Der internafionale Slammiisch 

Joseph Roth: 

Dichler im driften Reich 



I, Jolt !933 



PREIS DE5 HEFTES: 

rrttnlitctch > Ft, 

Srhwei* —,60 ft. 

U.S. A —is % 

HotWi _jo a 



ERSCHEINT JEDEN SAMSTAG 

Hebdom«d«irr parasssonf k samedi 



NEDERLAND5CHE UlTGEVERtJ. PARIS. S.A R.L. 
(Socic)r Nccriandaise d 'Editions. Pons) 



PREIS D£S HEFTES: 

Owlmekh.; .. ,. — . TOSck 
TVhrchoafow. .. 4.— Kc 

&» B SW to i 

Dtu(w*!*fNi .. „ —.39 RM 



55. Das Neue Tage-Bucb. LJuli 1933 



258 IMEXIL 

starker als die Industrie, die ihn druckt, »das Deutsche*, »das Nationale«, 
in sich tragt Wo immer der deutsche Dichter ist, da ist Deutschland. 

[.-■] 

JRW4,S, 280 und S. 283-285 



358 Gottfried Benn 

Der neue Staat und die Intellektuellen. 
In: Gottfried Benn: Der neue Staat und die Intellektuel- 
len. 
Stuttgart, Berlin: Deutsche Verl.-Anst. 1933, S. 9 — 21. 



359 Gottfried Benn 

Photographic Um 1934. 

In: Walter Lennig: Gottfried Benn in Selbstzeugnissen 

und Bilddokumenten. 49.-52. Tsd. 

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1971, S. [119]. 

(rowohlts monographien. 71.) 



360 Klaus Mann 

Gottfried Benn. Oder: Die Entwiirdigung des Geistes. 
In: Die Sammlung. 1 (1933/34), 1, S. 49-50. 

Im Mai dieses Jahres schrieb ich an den Dichter Gottfried Benn einen 
Brief. Die Verehrung, die ich fur ihn gehabt hatte, machte es mir zum 
Bedurfnis und gab mir das Recht, ihn um Aufklarung zu bitten, ob Ge- 
riichte, die mir iiber seine geistig-politische Stellungnahme zu Ohren ge- 
kommen waren, den Tatsachen entsprachen. Die Aufklarung, um die ich 
ihn als Leser, als Bewunderer, fast als Freund, privat ersucht hatte, gab er 
mir in Form eines offenen Briefes, »An die Emigranten«, den er im 
Rundfunk verlas und der in der Deutschen Allgemeinen Zeitung publi- 
ziert wurde. Der peinlichen Aufgabe, auf diesen Brief Gottfried Benns, 
der mich durch die Tiefe seines sprachlichen und moralischen Niveaus, 
durch die Unhaltbarkeit und Verwirrtheit seiner Argumente und durch 
die Infamie seiner lugenhaften Angriffe gegen im eignen Land Wehrlose 
entsetzt hatte, meinerseits zu erwidern, war ich enthoben: andere sagten, 
was zu sagen war, Benn wurde mit Erwiderungen uberschuttet Ich 
konnte schweigen, und mit meiner Enttauschung iiber den einst Hoch- 
geschatzten allein fertig werden. 



259 



Dieser Brief, diese Ansprache an uns »Emigranten« bildet das zweite 
Stiick in dem Buch »Der neue Staat und die Intellektuellen*. Ihm voran- 
gestellt ist eine andre Rundfunkrede, die den Titel des Buches tragt und 
womoglich noch platter, geistig noch magerer, auch noch bosartiger ist. 
Beide Arbeiten zusammen nennt der Autor »das Resultat* seiner »fiinf- 
zehnjahrigen gedanklichen Entwicklung*. Ein bescheidnes Resultat, 
muft man sagen. [ . . . ] als Resultat der Gedankenarbeit kann man wohl 
nur bezeichnen: das hingerissene Bekenntnis zum »totalen Staat*, das er 
mit alien Leitartikeln des vergewaltigten Deutschlands gemeinsam 
ausstofk; die Erkenntnis, dafi das Volk nicht Gliick will, auch nicht Ar- 
beit, sondern »Zuchtung«; die unsinnige, hohle und demagogische For- 
mel von der »militanten Transzendenz* — nicht »militaristisch«, wohl- 
verstanden. [ . . . ] den Hohn auf die Geistesfreiheit, die keinen Platz 
mehr hat im autoritaren Staat, im »Sklavenstaat, um es einmal ganz klar 
auszudriicken* (ich zitiere;) schlieftlich noch das Kapitulieren vorm 
Kitsch, Marke Braunes Haus [ . . . ] 

Was nutzt es zu polemisieren? Halb pathologisch, halb nur gemein ent- 
wiirdigt sich ein gropes Talent vor unseren Augen. [ . . . ] 
Das Schauspiel dieses Verrates am Geist, das uns sonst nur Ekel einflo- 
fien konnte, lehrt uns doch Eines: Unversohnbarkeit gegen die Verrater. 



Klaus Mann 361 

Photographic Undatiert. 



Roth distanzierte sich sofort auch von im Exil lebenden Freunden und Kol- 
legen, sobald er bei ihnen das geringste Entgegenkommen gegenuber den na- 
tionalsozialistischen Machthabern feststellte. 



Die Sammlung 362 

Literar. Monatsschrift Unter d. Patronat von Andre Gide, Abb. 56 
Aldous Huxley, Heinrich Mann hrsg. von Klaus Mann. 
Amsterdam: Querido. 
1 (1933), 1. [Werbeprospekt] 2 Bl. 

Bei der Ankundigung seiner Exilzeitschrift »Die Sammlung* hatte Klaus 
Mann als Mitarbeiter auch Alfred Doblin, Thomas Mann, Rene Schickele 
und Stefan Zweig genannt. Auf Veranlassung der Inhaber des S. Fischer 
Verlags in Berlin gaben die drei erstgenannten Autoren — die Bucher von 
Mann und Schickele erschienen noch bei S. Fischer, Doblin hatte jedoch 



260 



IM EXIL 




AIMGUS Sir.iLiKY- &KJF.\ii£Cti St\*:\.\ 
IVfJl.S I ■ S G K €f £ I.I E !N VON AX . ■ > t 3 I £ -I A- A' 

i. JAHRGANG 1. HEFT SEPTEMBER 1933 












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3d Die Sammlung. Werbeprospekt. September 1933 



261 



scbon fur sein Buch »Judische Erneuerung« einen Vertrag mit dem Queri- 
do-Verlag abgeschlossen — Erkldrungen ab, niemals an der »Sammlung« 
mitzuarbeiten. Der S. Fischer Verlag verbffentlicbte die Telegramme seiner 
Autoren im »B6rsenblatt fur den Deutschen BuchhandeU. 

Uber Roths Reaktion berichtet Franz Carl Weiskopf in seiner Rezension 
von Roths »Tarabas«: 

Als Thomas Mann, Alfred Doblin und Rene Schickele sich von ihrem in 
Deutschland gebliebenen (und dort Bucher mit Siegheilwidmung fur 
Goering produzierenden) Verleger bestimmen Heften, vor der »Reichs- 
stelle zur Forderung deutschen Schrifttums* zu kapitulieren und offent- 
lich von einer Emigrantenzeitschrift abzuriicken, da schrieb Joseph Roth 
in einem offenen Brief die Worte: »Ich verzichte darauf, im Dritten 
Reich, derzeit Deutschland genannt, zu erscheinen.« Auch ihm hatte, 
wie anderen »dem Dritten Reich nicht gefahrlich erscheinenden Auto- 
ren« ein mit Ruckversicherung gleichgeschalteter Berliner Verleger den 
Vorschlag gemacht, sich »den deutschen Markt zu erhalten*. Er sagte 
Nein. Dieses Nein charakterisiert Roth als aufrechten, mutigen, seine 
Oberzeugung uber seinen materiellen Vorteil stellenden Antinationalso- 
zialisten. [ . . . ] 

Weiskopf relativiert jedoch Roths Stellungnahme: 

[ . . . ] Daft er darum nicht etwa zu den Antifaschisten gezahlt werden 
darf, beweist die Begriindung, die er seiner Absage an den geschaftsge- 
sinnungstuchtigen Verleger gab. Er sagte Nein als »6sterreichischer 
Monarchist, als konservativer Mann und unerbittlicher Feind jeder Re- 
gierung, an deren Spitze ein Tapezierer steht.* 

Roths Bekenntnis zum Konservatismus und Monarchismus ist keine 
Kampfansage, sondern ein Ausweichen. Der Dichter, der seit Jahren im- 
mer wieder den Typus des unstat Wandernden, Irrenden, Fliichtenden 
schildert, ist ein Bruder seiner Romanfiguren, ist selbst auf der Flucht. 

[...] 

F. C. Weiskopf: Auf der Flucht ohne Ende. In: Neue Deutsche Blatter. 1 
(1933/34), 10, $,442-644, hier S. 642. - Siehe auch Kat. Nr. 641 



262 IM EXIL 



Bei dem von Weiskopf zitierten offenen Brief Roths hdndelt es sich um den 
Artikel »Icb verzichte«, der itn »Prager Mittag« vom 6. September 1933 er- 
schienen war: 

363 Joseph Roth 

Ich verzichte. 

In: Prager Mittag. 1 (1933), 32, S. 3. 

Kopie. Durch Vermittlung von Dr. Gabriela Vesela und Dr. Jaromir Lou- 
zil, Prag. 

Sehr geehrte Redaktion: 

In der Nummer vom 31. August Ihrer geschatzten Zeitung veroffent- 

lichten Sie einen Aufsatz von Herrn Paul Stefan uber die »bedrangte 

deutsche Literature 

In diesem Aufsatz teilt Herr Paul Stefan mit, daft demnachst im »Dritten 

Reich* Bucher der Autoren : Thomas Mann, Jacob Wassermann, Franz 

Werfel erscheinen sollen. 

Im Interesse der mit Recht von Ihnen, beziehungsweise von Herrn Paul 

Stefan »bedrangt« genannten deutschen Literatur der Gegenwart (und 

vielleicht auch der zitierten drei Autoren) scheint es mir notig, die 

Ausfuhrungen des Herrn Paul Stefan zu erganzen: 

1. Die verhangnis voile Lage derjenigen deutschen Autoren, die als Fein- 
de und Gegner des »Dritten Reiches* gekennzeichnet sind, ist zum Teil 
auf die Tatsache zuriickzufuhren, daft ihre »langjahrigen« Verleger in 
Deutschland geblieben sind: in der begreiflichen, aber irrigen Auffas- 
sung, man miisse »retten ? was noch zu retten« sei. 

2. Viele deutsche Schriftsteller von Rang und Namen konnen sich von 
den in Deutschland verbliebenen Verlegern nicht trennen, weil die Vor- 
schiisse zu hoch sind. 

3. Viele deutsche Buchhandler und Verleger hoffen immer noch, die ri- 
gorose Unversohnlichkeit der Morder und Banditen, die das »Dritte 
Reich* regieren, konnte aus aufSenpolitischen Griinden einer gewissen 
konzilianten Nachgiebigkeit auf dem Gebiete der Literatur weichen. 
Einer der in Deutschland verbliebenen Verleger traf sich mit mir im 
Ausland — es sind ein paar Wochen her. Er sagte mir folgendes: 
»Wir wollen, dafl Sie, nebst anderen, dem >Dritten Reich< nicht gefahr- 
lich erscheinenden Autoren, gleichzeitig in Deutschland und im Aus- 
land erscheinen. Wir erhalten Ihnen somit den >deutschen Markt<.« 
Als osterreichischer Monarchist, konservativer Mann und unerbittlicher 
Feind jeder Regierung, an deren Spitze ein Tapezierer stent, erwiderte 
ich dem Verleger: daft ich darauf verzichte, im »Dritten Reich«, derzeit 
genannt Deutschland, zu erscheinen. 

[■••] 

Ich glaube nicht, daft meine verehrten demokratischen und »linken« 
Kollegen anders denken als ich, der »Konservative«. Ihre Solidaritat mit 



263 



dem in diesen Tagen (mittelbar oder unmittelbar auf des »Dritten Rei- 
ches« Veranlassung) ermordeten Schriftsteller Theodor Lessing — des- 
sen politischer Gegner ich immer gewesen bin — kann nicht geringer 
sein, als die meinige. 

Im ubrigen: dem ausgezeichneten Spitzeldienst des »Dritten Reiches* 
wird es nicht entgehen, daft die in Deutschland verbliebenen Verleger, 
die noch Kompromisse zu schlieften versuchen, den auslandischen 
»Emigrationsverlegern« zumindest ebenso nahestehen, wie dem Propa- 
gandaminister Goebbels. 
Ihr ergebener 
Joseph Roth 



Thomas Mann erwdhnt Roths Artikel in einer Tagebuchaufzeichnung votn 
8. September 1933: 

Thomas Mann 364 

Tagebiicher 1933 — 1934. Hrsg. von Peter de Mendels- 
sohn. 
(Frankfurt a. M.:) S. Fischer (1977). XXI, 817 S. 

Im »Prager Mittag* sehr zweifelhafte Aufierung Joseph Roths an die 
Adresse der in Deutschland gebliebenen Verleger, teils geschmacklos, 
teils denunziatorisch. Alkoholisches Emigran ten turn. 
Seite 112 

In dem Fragebogen der ^American Guild for German Cultural Freedom*, 
den Roth am 31. Mai 1931 zur Erlangung eines Stipendiums ausfullte, 
schreibt er irrtiimlich, dafi er erst »durch einen gegen Hitler gerichteten Arti- 
kel >Ich verzichte< sein Verbot in Deutschland durchgesetzU habe. Tatsdch- 
lich steht sein Name aber bereits auf der »Liste Dr, Hermann^ die am 16. 
Mai 1933 im »B6rsenblatt fur den Deutschen BuchhandeU veroffentlicht 
wurde. 
Siehe auch Kat. Nr. 336 und 46L 

In einem Brief vom 5. November 1933 aus Rapperswil an Stefan Zweig ur- 
teilt Roth iiber Thomas Mann, Schickele und Doblin schonungslos: 

Der absolut rechtschaffene Professor Thomas Mann ist einfach naiv. Er 
hat die Gnade, besser zu schreiben, als er denken kann. Er ist dem eige- 
nen Talent nicht geistig gewachsen. Bei Schickele liegt schwankende 
Feigheit vor, bei Doblin der manchmal irritierende Infantilismus, der 
zwei Drittel seiner literarischen Tatigkeit ausmacht und alle drei Drittel 
seines privaten Lebens. 
JRB, S 283 



264 IM EXIL 

Auch Stefan Zweig distanzierte skh — zwar nur in einem Brief vom 26. 
September 1933 an den Insel-Verlag — von Klaus Manns Zeitschrift, der 
jedoch ebenfalls im »B6rsenblatt fur den Deutscben BuchhandeU (als Son- 
derdruck) veroffentlicht wurde. Daraufhin schreibt ihm Roth entrustet und 
enttduscht: 



365 Joseph Roth an Stefan Zweig 

Brief. Rappers wil [am Ziirichsee], 7. 11. 1933. 

Kopie. - Vorlage: K&W 
JRBS. 286-289 

[ . . . ] Ich habe das Buchhandler-Borsenblatt und die Arbeiter Zeitung 
gesehn; das heiftt, man hat sie mir mit hohnischem Triumph gezeigt 
Selbstverstandlich habe ich den lacherlichen Versuch gemacht, zu de- 
mentieren. Sie konnen Sich denken, wie mir dabei zu mute war. Sie wis- 
sen nicht, daft ich im Begriffe war Thomas Mann, Doblin, Schickele we- 
gen ahnlicher Erklarungen anzugreifen. Als ich das von Ihnen erfuhr, 
war es wie eine Ohrfeige. Dabei konnte man noch den Dreien zu Gute 
halten, daft sie von [ . . . ] Bermann Fischer materiell abhangig sind. Sie 
sind von der Insel unabhangig. Sie muftten, meiner Meinung nach, zu 
der Zeit, als Sie Ihren Brief schrieben, schon die ohrfeigende Schluftbe- 
merkung gekannt haben, mit der die famose Reichsstelle die Loyalitats- 
erklarung der Drei tapferen Schneiderlein geschmiickt hatte: sie stiinde 
nach wie vor nicht zu der geistigen Haltung der loyalen Dichter. 
Nun, ich begriifte den Abstand, der Sie von den Dreien trennt: Diese 
schrieben an ihren Verleger mit dem Bewufttsein, daft es publik werde: 
Sie telegraph ierten sogar. Sie aber schrieben privat an die Insel. Ich be- 
griifte nicht , daft Sie iiberhaupt geschrieben haben. Gewift trennt mich 
viel von Feuchtwanger. Aber nur, was Menschen trennen kann. Von al- 
ien aber, ohne Ausnahme, die heute fur Deutschland, mit Deutschland, in 
Deutschland offentlich tatig sind, trennt mich genau Das, was den Men- 
schen vom Tier scheidet Gegen stinkende Hyanen, gegen den Auswurf 
der Holle ist selbst mein alter Feind Tucholsky mein Waffenkamerad. 
Und wenn die »Sammlung« tausendmal Unrecht hatte: gegen Goebbels, 
gegen Morder, gegen die Schander Deutschlands und der deutschen 
Sprache, gegen diese stinkenden Luther- Furze hat sogar die »Sammlung« 
Recht [ . . . ] 
JRB, S. 286 

In einem Beitrag: »Briefe, die den Weg beleuchtem nimmt die Zeitschrift 
»Neue Deutsche Bldtter« in der Nummer vom IX 11. 1933 zum Streit um 
die »Sammlung« Stellung. U. a. wird ein Brief ihres Mitarbeiters Ernst Fi- 
scher an Stefan Zweig als ein »Abschied von einer Freundscbaft, die schon 
und begluckend war«, abgedruckt. Fischer erinnert Zweig auch an seine 



IM EXIL 265 

Stella ngnabme, die er f ruber einmal im PEN -Club gegen Vorwiirfe, dafi 
die Soivjetunion die Geistesfreiheit unterdriicke, abgegeben babe: 

»Mag sein, daft der Bolschewismus die Freiheit der Wissenschaft und der 
Literatur einschrankt — aber eine Bewegung, die einen Kontinent so 
prachtvoll verandert, hat auch dazu das Recht. Es ist wichtiger, daft eine 
neue Welt aufgebaut wird, als daft ein Stefan Zweig schreiben kann, was 
ihm beliebt* 

Brief e, die den Weg beleuchten. In; Neue Deutsche Blatter. 1 (1933), 3, S. 
129-13% bierS. 135 

Joseph Roth nimmt dies zum Anlafi, Ziveig in einem Brief vom 30. Novem- 
ber 1933 aus Rapperswil schroff aufzukldren: 

Aus den Neuen Deutschen Blattern erfahre ich ferner, daft Sie diesem 
Fischer gesagt haben sollen: es sei gleichgultig, ob ein Stefan Zweig noch 
schreiben konne oder nicht, in Anbetracht Dessen, daft die Kommuni- 
sten einen ganzen Weltteil verandern. 

Nun: mir ist lieber, daft Sie und ich schreiben, als daft Ruftland verandert 
werde, oder »verbessert«. Wenn Sie wirklich glauben, der »Kommunis- 
mus* sei besser, als der »Nationalsozialismus«, dann besteht Ihr Brief an 
die Insel zu Recht. Wenn Sie dem Fischer gesagt haben, die Sowjets hat- 
ten Recht, dann miissen Sie auch sagen, daft die Nationalsozialisten 
Recht haben. 

Obwohl ich sehr bescheiden sein mochte: ein einziger kleiner Einfall 
den unsereins hat, ist wertvoller, als die ganze Scheifte von Proletariat, 
das Radio umsonst bekommt. Wo man unsereins unterdriickt, in Ruft- 
land, Italien, Deutschland, da ist der Abort. Da stinkt es. Keineswegs hat 
der Kommunismus »einen ganzen Weltteil verandert*. Einen Dreck hat 
er! Er hat den Faszismus und den Nationalsozialismus gezeugt und den 
Haft gegen die Freiheit des Geistes. Wer Ruftland gutheiftt, hat damit 
auch das Dritte Reich gutgeheiften. 
JRB } S. 295 f 



Auf Thomas Manns Art ikel »Bruder Hitler« im »Neuen Tage-Buch« vom 
25. Marz 1939 schrieb Roth in der »Osterreichischen Post« vom 15. April 
1939 eine scbarfe Entgegnung. 

Thomas Mann 366 

Bruder Hitler. 

In: Das Neue Tage-Buch. 7 (1939), 13, S. 306-309- 

Ohne die entsetzlichen Opfer, welche unausgesetzt dem fatalen Seelen- 
leben dieses Menschen fallen, ohne die umfassenden moralischen Ver- 



266 IM EXIL 

wiistungen, die davon ausgehen, fiele es leichter, zu gestehen, daft man 
sein Lebensphanomen fesselnd findet. Man kann nicht umhin, das zu 
tun: niemand ist der Beschaftigung mit seiner triiben Figur iiberhoben. 

[■••] 

Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter 
und Schicksal nicht interessant zu finden. 

[ . . . ] man kann unmoglich umhin, der Erscheinung eine gewisse ange- 
widerte Bewunderung entgegenzubringen. 

[...] 

Ein Bruder . . . Ein etwas unangenehmer und beschamender Bruder; er 
geht einem auf die Nerven, es ist eine reichlich peinliche Verwandt- 
schaft Ich will trotzdem die Augen nicht davor schlieften, denn noch- 
mals: besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der HafS, ist das 
Sichwieder-Erkennen, die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem 
Hassenswerten, moge sie auch die moralische Gefahr mit sich bringen, 
das Neinsagen zu verlernen. 

[...] 

Wenn Verriicktheit zusammen mit Besonnenheit Genie ist (und das ist 
eine Definition!), so ist der Mann ein Genie: urn so freimutiger versteht 
man sich zu dem Anerkenntnis, weil Genie eine Kategorie, aber keine 
Klasse, keinen Rang bezeichnet, weil es sich auf den allerverschieden- 
sten geistigen und menschlichen Rangstufen manifestiert, aber auch auf 
den tiefsten noch Merkmale aufweist und Wirkungen zeitigt, welche die 
allgemeine Bezeichnung rechtfertigen. [ . . . ] 



367 Thomas Mann 

Photographie 

Aus: The New York Times Magazine. 25. 4. 1937. 



368 Joseph Roth 

Schwarz-gelbes Tagebuch. Montag. 

In: Die Osterreichische Post 1 (1939), 9, S. 7-8. 

JRW4, S. 757-762 

Ich lese einen Artikel aus der Feder des groflen und von mir aufrichtigen 
Herzens verehrten Thomas Mann unter dem Titel: » Bruder Hitler*. So 
stark oder so subtil kann die in den literarischen Kxeisen bekanntgewor- 
dene Marke »Thomas Manns Ironie* gar nimmer sein, wie es der Gehalt 
des Wortes »Bruder« ist. Mit Worten dieser Art Ironie zu treiben scheint 
mir beinahe so verwegen, wenn auch nicht so frevelhaft, wie mit dem 
Entsetzen Scherz zu treiben. Meinem Sprachgefuhl nach vertragt das 



IM EXIL 267 



Wort »Bruder« ebensowenig eine ironische Note wie die Worte: Schwe- 
ster, Vater, Mutter. Der Artikel Thomas Manns beginnt aber auch mit 
einem Satz, der den mir schrecklichen Titel nicht durch Ironie, sondern 
durch Ernst rechtfertigt: »Ohne die entsetzlichen Opfer. [...] Spater: 
»Haft — ich darf mir sagen, daft ich es daran nicht fehlen lasse.« Ferner: 
»Dennoch fiihle ich, daft es nicht meine besten Stunden sind, in denen 
ich das arme, wenn auch verhangnisvolle Geschopf hasse.* Ferner: ». . . 
wie er, der auch rein technisch und physisch nichts kann, was Manner 
konnen, kein Pferd reiten, kein Automobil oder Flugzeug lenken, nicht 
einmal ein Kind zeugen . . .« Ferner: »Kunstlertum. Ich sprach von mo- 
ralischer Kastrierung, aber mull man nicht, ob man will oder nicht, in 
dem Phanomen eine Erscheinungsform des Kunstlertums wiedererken- 
nen? Es ist im Grunde . . . alles da . . .« (namlich: was das Kiinstlertum 
ausmacht) »das halbblode Hinvegetieren in sozialer und seelischer Bohe- 
me . . . dazu das schlechte Gewissen . . .« Ferner: »Ein Bruder . . . Ein et- 
was unangenehmer und beschamender Bruder; er geht einem auf die 
Nerven, es ist eine reichlich peinliche Verwandtschaft.* Und schlieftlich 
dies: ». . . und iibrigens ist Moral, sofern sie die Spontaneitat und Un- 
schuld des Lebens beeintrachtigt, nicht unbedingt Sache des Kunstlers.« 
Thomas Mann erzahlt dann noch, daft er einen Sakraltanz von Bali-Insu- 
lanern im Film gesehen habe. Und er fragt sich, wo der Unterschied zwi- 
schen »diesen Brauchen und den Vorgangen in einer politischen Mas- 
senversammlung Europas* sei? 

Zwischen dem »Sakraltanz« der Bali-Insulaner und einer europaischen 
Massenversammlung besteht ja eben genau der gleiche Unterschied wie 
zwischen einem Glaubigen und einem Fortschrittsglaubigen; zwischen 
einem Heiden und einem Zivilisationsbarbaren. Bei den »SakraItanzen« 
jener Bali-Insulaner ist die Kunst eben unbedingt Sache der Moral, das 
heiftt: der Religion, wenn auch der heidnischen. Auch die Sakraltanzer 
von Bali konnen weder ein Automobil lenken noch ein Flugzeug. Und: 
diese beiden Fahigkeiten in einem Atem zu nennen mit jener, ein Kind 
zu zeugen, scheint mir ebenso gottlos wie Rosenbergs Berufung auf ein 
germanisches Heidentum. Die Balitanzer glauben eben, wenn sie tanzen. 
Und die modernen Volksversammlungen glauben an den Fortschritt. 
Nicht Instinkte sind es mehr, nicht Gotzenglaubigkeit, sondern Gottlo- 
sigkeit treibt sie zu jenen Verbrechen, die Thomas Mann in so edler und 
unerreichbar vollendeter Weise riigt. Aber wie kommt er dazu, gerade er, 
das »halbblode Hinvegetieren* als ein Kennzeichen seines »Brudertums« 
anzusehen? »Eine peinliche Verwandtschaft«? Und »die Moral ist nicht 
unbedingt Sache des Kiinstlers*? 

Nun, just die Moral ist unbedingt Sache des Kiinstlers. Und die » Sakral- 
tanzer* von Bali sind (des bin ich gewift) ganz meiner Meinung. Und mit 
ihnen die Volksversammlungen zu vergleichen, gelingt nur einem Fort- 
schrittsglaubigen. Wenn ich zu wahlen hatte zwischen zwei Freunden: 



268 IM EXIL 

einem Gotzenanbeter und einem Anhanger der Welt, die eine Fahigkeit, 
Autos zu lenken, als Mannlichkeit betrachtet: fiinvahr, ich wahlte den 
Gotzenanbeter. Und wenn ich gegen Hitler zu kampfen hatte, gemein- 
sam mit irgendeinem seiner Feinde, ich wahlte dazu niemanden unter 
jenen Lesern Thomas Manns, die diesen Artikel von ihm begriiftt haben. 
Kein Bali-Insulaner hatte, wenn er nur wirklich sakrale Tanze vollfuhrt, 
Hitler auch nur einen »etwas beschamenden Bruder* genannt. 



KOLLEGEN ALS MITSTREITER 



369 Ein Jahr »Gegen-Angriff« 

Freunde aus aller Welt schreiben uns: 

In: Der Gegen-Angriff. 2 (1934), 18, S. [4]. 

Enthalt Zuschrif ten von Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, 

Graf Michael Karolyi, Wieland Herzfelde, Pauline Torry, 

Philippe Soupault, Max Hodann, Arthur Seehof. 

Joseph Roth 

Ich begluckwiinsche Sie zu ihrem mutigen Kampf gegen die Barbarei 

des III. Reiches und ich wiinsche Ihnen zu diesem Kampfe von Herzen 

viel Erfolg. 

24. April 



370 Der Tag des verbrannten Buches 

[Mit Zitaten aus Zuschriften von] Henri Barbusse, Hein- 

rich Mann, Joseph Roth. 

In: Unsere Zeit. 8 (1935), 4/5, S. 85-86. 

Joseph Roth: 

Die Hitler-Regierung fordert den Dilettantism us wie jeden >Ersatz<. Sie 

fordert den Geist-Ersatz. Damit dieser wirke, mufite man zuerst das Ech- 

te vernichten. 

Ich schatze alle Sch rifts teller, die vom III. Reich verbrannt worden sind, 

selbst jene unter ihnen, die mir vorher fremd waren. Denn das Feuer hat 

sie gelautert, veredelt und mir nahe gebracht 



IM EXIL 269 

Joseph Roth 371 

Aus kameradschaftlichem Herzen. 

In: Der deutsche Schriftsteller. 1938, Nov.: Sonderh. zum 

Jubilaum des SDS, S. 7. 

Ich begriifle aus kameradschaftlichem Herzen die Existenz des Schutz- 
verbandes Deutscher Schriftsteller und begluckwunsche ihn zu seinem 
dreifligjahrigen Bestehen. 

Er hat sich in der schwersten Zeit unseres Exils als die einzige represen- 
tative Stelle der Widerstandskraft gegen das Bose erwiesen. 
Ich habe ihm als Osterreicher und Legitimist nicht angehoren konnen, 
aber ich bin mit ihm, solange das Bose nicht erledigt ist, aus vollem Her- 
zen einverstanden. 

Ich gehore dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller zwar nicht an, 
aber ich gehore ihm zu in kameradschaftlichem Geiste. 

Joseph Roth 372 

Fern von der Scholle. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 28, S. 666-667. 

JRW4, S. 425-427 

Rezension von: 

Antonina Vallentin: Henri Heine. Paris: Gallimard 1934; 

Hermann Wendel: Jugenderinnerungen eines Metzers. Strasbourg: Ed. de la 

Mesange 1934; 

Alfred Apfel: Les dessous de la justice allemande. Paris: Gallimard 1934. 

Zur Heine-Biographie von Antonina Vallentin: 

[•;•] 

Diese Biographie ist wahrscheinlich die diskreteste von alien Heine-Bio- 
graphien, behutsam, zart, nachsichtig und ein wenig verliebt Alle private 
Misere des Dichters, das Gluck und das Leid seiner Liebeserlebnisse sind 
mit grofterer Zuverlassigkeit erraten, als es literarische Forschung und 
Wissen bis jetzt haben feststellen konnen. Womit wir nicht etwa sagen 
wollen, hier fehlte es an wissenschaftlichem Material. Im Gegenteil: von 
grofier literarhistorischer Gewissenhaftigkeit zeugt dieses Werk. [ . . . ] 
Es ist ein nobles Buch. Die Autorin tritt in den Schatten ihres groften 
Helden — und dennoch verrat gerade die diskrete Haltung ihre verstan- 
dige Anwesenheit. Das Buch, deutsch verfaftt, ist in franzosischer Spra- 
che erschienen, eines der wenigen wiirdigen Gastgeschenke, das die 
deutschen Autoren jenseits der Grenzen deutscher Barbarei den franzo- 
sischen Freunden Heines und seines Geistes bieten konnten. 



270 IMEXIL 

3 73 Antonina Vallentin 

Henri Heine [Heinrich Heine, franz.] 5. ed. 
Paris: Gallimard (1934). 349 S. 
~^" (N[ouvelle] r[evue] f[ran$aise].) 



Zu dem Buch von Alfred Apfel: 

[ . . . ] Die Deutschen, die dieses Buch lesen, werden sich daran mit Weh- 
mut erinnern konnen, daft Deutschland lange noch vor Hitler reif gewe- 
sen ist, ein Drittes Reich zu werden. Die Franzosen werden aus diesem 
Buch ersehen, was sie vielleicht zu spat gelernt haben und was sie reich- 
lich fruher hatten lernen konnen. (An ihrer Justiz sollt ihr sie erkennen!) 
[ . . . ] Man kann, wenn man sein Leben nach Frankreich gerettet hat, 
diesem Land nicht anders danken, als indem man es aufklart Es ist nicht 
nur ein Dank, sondern auch ein Verdienst, was immer auch die Barbaren 
von »Vaterlandsverratern« sagen mogen. [ . . . ] 

Vorhanden in einer englischen Ausgabe: 

374 Alfred Apfel 

Behind the scenes of German justice. Reminiscences of a 
German barrister 1882 — 1933. 
London: Lane (1935). IX, 172 S. 



375 Joseph Roth 

Lieber Walter Mehring. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 28, S. 670. 

JRW4, S. 423-425 



Rezension von: 

Walter Mehring: Und euch zum Trotz. Paris 1934. 

[. . •] Befreit von der Notwendigkeit, jenes armselige deutsche »Kaba- 
rett« mit »Chansons« zu versorgen, das Kabarett, das niemals in Deutsch- 
land den Mut hatte, scharf und kritisch zu sein, die Feigheit der •Revolu- 
tion* und die Bestialitat der »Reaktion« anzukiindigen, sind Sie, lieber 
Mehring, heimgekehrt in Ihre wirkliche Heimat: in die Einsamkeit, die 
dem Dichter ziemt — und in das Exil, das jedem anstandigen Deut- 
schen ziemt, der nicht im Konzentrationslager gefangen ist. In Ihrem 



IMEXIL 271 

Gedicht »Mirakel des heiligen Burokratius* haben Sie ein groftartiges 
Wort geschaffen, um das ich Sie beneide: 

Die Wache gab ihm einen Stoft — 

da stand der Mann im Staatenlos 
Das Land »Staatenlos«: dort sind wir zu Hause. [ . . . ] 

Walter Mehring 376 

Und euch zum Trotz. Chansons, Balladen und Legenden. 
Paris: Europaischer Merkur (1934). 125 S. 

Joseph Roth 377 

Wassermanns letzter Roman. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 39, S. 931-932. 

JRW4, S. 428-431 

Als ich das letztemal Jakob Wassermann sah — es war in Zurich — , hat- 
te ihn der Tod noch nicht gezeichnet. Er sprach mit Eifer, ja zuweilen 
mit Leidenschaft Von Deutschland sprach er, seinem Vater- und Mut- 
terland, dem Lande seines Herzens. Denn er war ein Jude, wie man weift, 
und ein deutscher Jude gehort zweifach Deutschland an: er gehort in 
selbstloser und wirklich tragischer Liebe Deutschland an. Er sprach auch 
mit Bitterkeit: ja, mit Bitterkeit. Noch nicht der Tod, aber schon die Bit- 
terkeit, die Vorlauferin des Todes, hatte ihn gezeichnet. Er war seinen 
Weg als Deutscher und Jude nicht zu Ende gegangen. Dieser Weg fuhr- 
te zu keinem Ziel. Er fuhrte vor eine plotzlich aufragende Mauer aus 
Haft und Brutalitat. Vor dieser Mauer muftte Jakob Wassermann umkeh- 
ren, den alten judischen Wanderstab in der Hand, und das Exil aufsu- 
chen. [ . . . ] 

Nichts konnte den harmonisch vollendeten Sinn dieses Lebens besser 
beweisen als das letzte hinterlassene Werk Wassermanns: der Roman 
Joseph Kerkhovens dritte Existenz*. Nachdem er den letzten Feder- 
strich getan hatte, legte er sich hin und starb. [ . . . ] 
[ . . . ] Um die Erscheinung des Wahns kreisten Wassermanns letzte boh- 
rende Gedanken. Deshalb hat dieses Buch eine vielleicht ungewollte, 
aber fur jeden Leser dieser Tage geradezu unheimliche Aktualitat. Viel- 
leicht mutet es wie eine Vergewaltigung an, wenn wir die Deutung, die 
dieses Buch einer Reihe von Ehewirren gibt, auf die politischen Wirren 
dieser Tage iibertragen: aber Wassermanns Beitrag zur Erkenntnis von 
Geburt und Bliite des Wahns ist tatsachlich eines der aufhellendsten 
Lichter im Dunkel dieser Tage. [ . . . ] 

[ . . . ] Dieser Roman ist die Vollendung eines literarischen Lebens. Daft 
Wassermann sich darnaph hinlegte und starb, ist ein Beweis dafur, daft er 



272 IM EXIL 

ein Liebling der Gotter war. Sie schenken Bitterkeit und Kummer, aber 
auch Vollendung, die eben aus dieser Bitterkeit und aus diesem Kum- 
mer erstehen. Er starb nicht am gebrochenen Herzen. Er starb an einem 
iibervollen. 



3 78 Jakob Wassermann 

Joseph Kerkhovens dritte Existenz. Roman. 
Amsterdam: Querido 1934. 643 S. 



379 Joseph Roth 

Martyrer und Kampfer. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 682 (11. 5. 1938), S. 2. 

JRW4, S. 316-317 

Am 5. Jabrestag der Bucherverbrennung am 10. Mai 1938 veranstaltete 
der Schutzverband Deutscher Scbriftsteller in Paris eine Kundgebung zu 
Ehren des verstorbenen Carl von Ossietzky. Der Hauptherausgeber der Zeit- 
scbrift »Die Weltbuhne*, ehemalige Sekretar der »Deutscben Friedensgesell- 
scbaft« und Friedensnobelpreistrdger war einige Tage zuvor, am 4. Mai 
1938, in einem Berliner Krankenhaus an den Folgen seiner langjdhrigen 
KZ-Haft gestorben. 

Es sprachen Andre Wurmser, Joseph Roth, Manfred Georg, Egon Erwin 
Kiscb und Bruno Frei. 
Aus Roths Rede: 



Meine Damen und Herren, wir brauchen keine Legenden von toten He- 

roen! Wir brauchen unlegendare (und selbst namenlose) lebendige 

Kampfer fur die Sache der Menschheit. Wir wollen den Barbaren, die 

sich durch Maschinengewehre vor Attentaten schiitzen, keine Opfer ent- 

gegenhalten, die mit Sicherheit von diesen Maschinengewehren durchlo- 

chert werden. 

Unser verehrter toter Freund Ossietzky ist seinem eigenen Irrtum zum 

Opfer gefallen. Er ist fur uns gestorben. Ich glaube, dafi wir am besten 

ihn dadurch ehren, indem wir sagen: Wir wiinschten, er hatte mit uns 

gelebt; und wir wiinschten, daft keiner unserer Mitkampfer seinem Bei- 

spiel folge. Er war eines der edelsten Beispiele, gewifl Aber wenn es be- 

folgt wiirde, verloren wir unsere edelsten Krafte. Ich glaube, dafl man das 

Andenken an unseren toten Freund am besten dadurch ehrt, daft man 

sagt: 

Genug der toten Martyrer! 

Es leben die lebendigen Kampfer! 



IM EXIL 



273 



Carl von Ossietzky 380 

Weltbiirger Ossietzky. Ein AbrifJ seines Werkes. Zsgest u. 
mit e. Biographie Ossietzkys versehen von Berthold Jacob. 
Vorw. von Wickham Steed. 
Paris: Ed. du Carrefour 1937. 119 S. 



Carl von Ossietzky 381 

Ein Schlag gegen die Brandstifter. Zur Verleihung des 

Friedens-Nobelpreises an Carl von Ossietzky. [Mit e. Foto 

Ossietzkys.] 

In: Neue Front. 4 (1936), 22, S. 2. 



Joseph Roth 382 

Gegen Selbstmorder. Manuskript, 1938. 2 Bl. 
Kopie. — Original: LBI 
JRW4, S. 685-686 

Zum Selbstmord des Theaterkritikers, Scbauspielers und Kulturbistorikers 
Egon Friedell am 16. Mdrz 1938 in Wien: 

[ . . . ] es wird berichtet, dafi der Wiener Schriftsteller Egon Friedell sich 
zum Fenster hinausgesturzt hat. Vorher soil er auf die Hakenkreuzfahne 
iiber seinem Fenster (oder diesem gegeniiber) geschossen haben. Viel- 
leicht hat er eine Fahne getroffen und durchlochert Es war ein Schuft 
ins Leere, die Manifestation eines Verzweifelten, sinnlos, ohnmachtig 
und fur uns Uberlebende grausam. [ . . . ] 

Auch ist meiner Meinung nach kein Mensch berechtigt, sich das Leben 
zu nehmen, da es ja nicht ihm gehort Dennoch mufl man sich fragen, 
woher es kommt, dafi so viele sich das Leben nehmen, ohne die Ursa- 
chen ihres Selbstmords in den Tod mitzunehmen. Es ist eine theologi- 
sche, eine metaphysische Frage. 

Egon Friedell hat auf die Fahnen geschossen, bevor er Selbstmord be- 
gangen hat (wenn es ein Selbstmord war). Wenn dem so ist, so wird sein 
Tod symbolischer, als er, der Epikureer, es selbst gewufit haben mochte. 
Er wollte sterben, aber er konnte nicht toten. Er schofi auf Symbole. 
Ich gestehe, dafJ ich ein Barbar bin, im Vergleich zu den vielen edlen 
Selbstmordern : hatte ich die Fahigkeit, mich umzubringen, ich ginge 
nicht so leichten Preises aus dem Leben. 



274 IM EXIL 

383 Egon Friedell 

Photographie (als Goethe). Undatiert. 

Vorlage: SNM/DLA 

384 Joseph Roth 

»Tua culpa*. 

In: Die Osterreichische Post. 1 (1939), 4, S. 8 — 9. 

JRW4, S. 442-447 

Zum Buck von Hermann Rauschning, ^Revolution des Nibilismus*, Zurich 
1938: 



Der Autor versucht, den Nationalsozialismus zu erklaren, indem er ihm 
abschwort. Die Gleichzeitigkeit dieser beiden Bermihungen erschwert 
seine Aufgabe betrachtlich. Alsbald stellt es sich heraus, daft er leichter 
imstande ist, seinen Irrtum zuzugeben, um nicht zu sagen seine Verfeh- 
lung, als den tiefsten Fall des deutschen Volkes begreiflich zu machen. 
Man kann erzahlen, wie es zugegangen ist. Alle, die Augen hatten, zu se- 
hen, sahen es. Man kann es eben nur als ein »negatives Wunder* betrach- 
ten. Wenn man es aber einigermaften »erklaren« will: dann von einem 
Standpunkt aus, der dem Rauschnings entgegengesetzt ist. Rauschning 
meint, der Ausbruch, dieser vulgare, revolutionare Ausbruch, den man 
weder »Elan« noch anarchisch nennen kann, ohne sich selbst zu degra- 
dieren, widersprache vollkommen der organischen Natur des deutschen 
Volkes. [ . . . ] 

[ . . . ] Der konstitutionell ^Conservative Rauschning erliegt dem Irrtum 
aller national Gebundenen: er unterlegt, um nicht zu sagen: unter- 
schiebt, seine eigene »personliche« Neigung der Nation, der er angehort 
und die er liebt Man sieht jeden Menschen gerne so, wie man ihn haben 
mochte, wenn man an ihn gebunden ist. Rauschning sieht in dem natio- 
nalsozialistisch gewordenen Deutschen, das heifk: in dem Deutschland, 
das sich zu sich selbst bekennt, einen zwar seltsam anmutenden, aber 
dennoch aus »aufteren«, das heifit: politischen Griinden zu erklarenden 
»Umbruch«. [ . . . ] 
JRW,S.443f. 

Roth weist Rauschnings Erkldrung zuriick mit der schon friiher erwdhnten 
Auffassung einer deutschen Tradition, die organisch von Luther iXber Fried- 
rich II bis zu Hitler reiche. 

383 Hermann Rauschning 

Die Revolution des Nihilismus. 

Zurich, New York: Europa-Verlag (1938). 510 S. 



IMEXIL 275 

Hermann Rauschning als Senatsprasident 386 

von Danzig an seinem Schreibtisch 

Photographic Um 1934. 

In: Hermann Rauschning: Hitler m'a dit Confidences du 

Fiihrer sur son plan de conquete du monde. 

Paris: Cooperation 1939, nach S. 48. 

Hermann Rauschning 

Geb. am 7. 8. 1887 in Thorn. Wird 1933 als Nationalsozialist Prdsident 
des Senats der Freien Stadt Danzig. Legt im November 1934 sein Ami nie~ 
der und emigriert 1936, u. a. in die Schweiz, Frankreich und die USA. Pu- 
blizistische Tdtigkeit gegen das NS-Regime. Lebt seit 1948 als Farmer in 
Gaston (Oregon, USA). Umfangreiche schriftstellerische Tdtigkeit. 



..DER ANTICHRIST« 

Roth sah die Ereignisse voraus, lange bevor sie eintraten. Diese Ereignis- 
se waren die unmittelbare Ursache des friihzeitigen Todes dieses Sehers, 
wie es der unvergessene Verfasser des »Antichrist« einer war. Es gibt Pro- 
pheten, die wie Jeremias auf den Trummern der zerstorten Tempel sit- 
zen und die Trummer beweinen. Roth gehorte eher zu den Jesajas-Ge- 
stalten, die die von fern herannahende Apokalypse sehen und vor ihr 
warnen. Solche Propheten nimmt Gott von dieser Welt am Vorabend 
der Katastrophe. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48-58, hier S 48. — Siehe auch Kat. Nr. 58 



Wdhrend der Entstehungszeit des »Antichrist« legt Roth Rene Schickele die 
Intention seines Buches dar: 

Joseph Roth an Rene Schickele 387 

Brief. Paris, 31. 1. 1934. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 
Kopie. - Original: SNM/DLA 
JRB, S. 312 

[ . . . ] das Buch, an dem ich jetzt schreibe, heiftt der Antichrist. Und die 
einzelnen Abschnitte enthalten eben alle Formen, in denen er auftritt. 
Und genau Das ist der Inhalt meines Buches: der Antichrist ist Freund 
und Feind. Und am Ende sitzt schon ein Teilchen von ihm in mir selber. 
JR an Rene Schickele. Paris, 31. 1. 1934. - JRB, S. 312 



276 



Wahrend der Niederschrift und in den ersten Monaten nach der Beendi- 
gung des »Anticbrist« war Roth einmal zufrieden mit seiner Arbeit. Am 26. 
Marz 1934 schreibt er Stefan Ziveig aus Paris: 

Es ist eine Stunde her, daft ich den ^Antichrist* beendet habe. Endlich, 

zum ersten Mai in meinem Leben, bin ich mit einem Buch zufrieden. 

Auch Sie, ich weift es, werden zufrieden sein. Es ist tausendmal besser, 

als »Tarabas«. Ich habe Tag fur Tag 10—12 Stunden gearbeitet, 8 ge- 

schrieben, 2 — 4 das zu Schreibende vorbereitet. 

Ich bin ganz am Ende meiner Kraft, aber sehr glucklich. 

JRB, S. 320 



388 Joseph Roth 

Der Antichrist 

Amsterdam: Allert de Lange 1934. 248 S. 

JRW3, S. 371-474 

Aus dem Kapitel »Die Versttcher«: 

[••■] 

Und just in diesen Stunden kamen die Abgesandten mancher heidni- 
schen Lander, urn Frieden mit der Heiligen Kirche zu schlieften. 
Es waren drei Lander: drei verschiedene Lander. Aber die Abgesandten 
eines jeden Landes sagten fast das gleiche. [ . . . ] 

Und der Abgesandte des zweiten Landes sprach: »Heiliger Vater, wir 
wollen in aller christlichen Demut nicht die halbe Welt, sondern die 
ganze. 

Aber auch dies nur im Namen Gottes, des Gerechten. 
Rom hat einst die halbe Welt beherrscht. Aber wir haben Rom besiegt 
Deshalb gehort uns die ganze Welt. 
Erlaube uns, Heiliger Vater, die ganze Welt zu erobern. 
Dafiir werden wir beten und dafur sorgen, daft wir keinen der Priester 
mehr foltern, denn wir sind Germanen, und wir foltern nicht gerne, 
wenn man uns etwas verspricht 

Wir wollen auch schieften und stechen und Messer tragen, und zweimal 
in der Woche werden wir die Lehren des Heilands unsere Kinder lehren. 
Aber nur siebenmal, nur siebenmal in der Woche, Heiliger Vater, wer- 
den wir stechen und schieften. 
Aber auch dies im Namen des Heilands. 

Und wir werden nicht nur ein Kreuz anerkennen, sondern sogar deren 
zwei. 

Eines, an dem der Heiland gestorben ist. Und das andere, an dem wir 
nur ein paar moderne Veranderungen vorgenommen haben. Wir nennen 
es das Hakenkreuz. 



IMEXIL 277 

Das Kreuz hat einen Haken, Heiliger Vater, erlaube uns, daft es deren 

vier habe, Heiliger Vater! 

Dafiir werden wir die Gottlosen ausrotten, die Juden zugrunde richten, 

den Sonntag durch Schieftiibungen heiligen, aber auch vor jedem Schuft 

ein Gebet verrichten lassen.« 

Und der Heilige Vater nickte. 

[■■■] 

S 243-246. -JRW3, S 471 f 

Am H.Juni 1934 antwortete Roth dem Freund aus Marseille, vermutlich 
auf einen den »Antichrist« lobenden Brief Zweigs: 

Lieber Freund, Ihr Brief macht mich so glucklich, wie ich es iiberhaupt 
werden kann, unter den Umstanden, in denen ich jetzt und seit Monaten 
lebe. Ich selbst glaube, daft mein Antichrist ein ehrlicher Schrei ist, kein 
Buch ist, ich weift, wie bitter mir das Leben wird, aus allgemeinen Griin- 
den — und leider auch aus privaten — aber es ist im Grunde dasselbe; 
und ich habe den Antichrist in der personlichen Not geschrieben. In einer 
sehr »personlichen«. 

[...] 

Sie haben recht: ich habe den Antichrist nicht aufgebaut, sondern ein- 
fach hingeschrieben, und ich fiihlte mich in dieser Zeit zum ersten Mai 
in meinem Leben detachiert von dieser Welt. Ich bekam eine leise Ah- 
nung davon, was ein Heiliger empfindet, wenn er sich einmal herablafit, 
zu schreiben. Ich war grimmig und selig zugleich. Wahrscheinlich ist 
Zufalliges und Nebensachliches dazwischen geraten. Aber ich habe die 
Empfindung, daft dieses Buch nicht von mir ist und als hatte es mir Je- 
mand diktiert. Ich habe nicht das Recht, mehr, als die Druckfehler zu 
korrigieren. 
JRB, S. 339 

Aus Stefan Zweigs »Triumpk und Tragi k des Erasmus von Rotterdam* 
und Max Picards Buch »Das Menschengesichfr, das Roth in den »Miinch- 
ner Neuesten Nachrichten« vom 29. Dezember 1929 besprochen hatte, nahm 
er Motti fur seinen »Antichrist«. 
Stefan Zweig bat er in einem Brief vom ll.Juli 1934 aus Marseille: 

Und ich muft Sie doch um etwas bitten: es ist schwerer, als Alles, worum 
ich Sie bis jetzt gebeten hatte: geben Sie mir 10 Zeilen oder mehr aus 
Ihrem letzten Buch Erasmus, — nicht veroffentlichte Zeilen, an die 
Spitze zu stellen, oder das Buch mit ihnen zu beschlieften — passend 
(oder assoziativ passend) fur meinen Antichrist. Ich will mehrere Zitate 
haben, von Freunden, es ist — nennen Sie es Aberglauben — ein stdrke- 
rer Schlag gegen die Holle. 
JRB, S 348 f 



278 IM EXIL 

389 Stefan Zweig 

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. 
Wien: Reichner 1934. 227 S. 

390 Max Picard 

Das Menschengesicht. Mit 29 Bildtaf. (5. Aufl. 12.— 14. 

Tsd.) 

Erlenbach-Zurich: Rentsch (1947). 250 S. 

Erstausgabe: Munchen: Delphin-Verl. 1930. 

Einige Monate nach Erscheinen des Buches mufite Roth eingestehen: 

Der Antichrist war ein Mifterfolg — aufter in Holland. Beides [neben 
»Der Antichrist* der Roman »Tarabas«] war zu hastig gemacht, gegen 
meinen literarischen Rhythmus. 
JR an Stefan Zweig, Nizza, IX 2. 1935. - JRB, S. 402 

391 Joseph Roth 

Antichrist [Der Antichrist, engl] (Transl. by Moray Firth 

[d. i. William Rose].) 

London, Toronto: Heinemann (1935). 206 S. 

392 Joseph Roth 

De Antichrist [Der Antichrist, niederland.] Vertaald door 
J[ohan] W[illem] Ffrederik] Werumeus Buning. 
Amsterdam: Allert de Lange 1935. 250 S. 

393 Joseph Roth 

Antikrist [Der Antichrist, tschech.] ([Ubers. von] J. O. No- 

votny.) 

Prag: Albert 1935. 190 S. 

(Knihy stoleti. Svazek 11.) 

Joseph Roth gehort zu den Schriftstellern, die Intelligenz haben, und zu 
den Schriftstellern, die bose sind, wenn sie schreiben, so ingrimmig bose, 
wie es nur wahrhaft gute Menschen sein konnen, von jener richtenden, 
predigenden, »liebenswerten Bosheit*, die sieht, daft es schlecht bestellt 



IM EXIL 279 

ist, und so gerne mochte, daf5 es gut bestellt sei. Roth gehort zum Ge- 
schlecht jener groften Moralisten und Prediger, die bose sind wie Kor- 
rektionsanstalten und feurig wie die kleinen Propheten. Er mochte re- 
den wie das Buch der Dichter und er spricht in kleinen und kurzen Sat- 
zen wie ein Kind, wie ein Neger, wie ein gutes Gesetz, wie ein Gebet. 
Hermann Kesten: Der Schriftsteller Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnis- 
buch,S. 35-39, bier S. 35 f. 

Sein politisches Vokabular hatte eine Einfachheit behalten, einfach wie 
die Fibel der Kinder, und wie diese unterschied er gute und bose Men- 
schen und irrte sich auch nicht, denn er gedachte nicht zu verstehen, da 
wo es zu urteilen gait. 

Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth. In: B. Reifenberg: Lichte 
Schatten. Frankfurt a. M. 1953, S. 205-214, hier S. 212 f. - Siehe auch 
Kat. Nr. 155 



»In trauriger Resignation* 



»DAS UNSAGBARE« 

394 Joseph Roth 

Statt eines Artikels. 

In: Das Neue Tage-Buch. 4 (1936), 42, S. 995-997. 

JRW4, S. 629-632 

Liebe Redaktion, 

Sie fragen mich, ob ich nach einer Pause, die Ihnen ungerechtfertigt lang 
erscheint, nicht wieder einen Aufsatz veroffentlichen wolle. Ich bin nicht 
mehr imstande, Artikel zu schreiben, von denen ich befurchten muft, sie 
konnten einen Grad von Pessimismus verraten, den vor einem weitern 
Publikum — und sei es noch so sehr der Wahrheit gewachsen — zu au- 
ftern nicht angebracht sein kann. Es gibt fur mich — urn unsern Metier- 
Ausdruck zu gebrauchen — kein »Thema«, das mir gestatten wiirde, ei- 
nen Artikel mit jenem Mindestmaft von Zuversicht zu schlieften, dessen 
eine Aufterung in einer Zeitschrift selbstverstandlich bedarf. [ . . . ] 
Eine ideale Zeitschrift! Ich konnte dort einen Rofttauscher einen 
Rofttauscher nennen, einen Minister einen Lautsprecher, die Niederlage 
des Proletariats eine Niederlage, die Demokratien Vorwande fur den 
Mangel an Diktatoren, die Diktaturen Vorwande fur Mangel an Ver- 
nunft, den Volkerbund eine Versammlung, in der seit ihrer Griindung 
der uberfliissige Selbstmord eines jiidischen Journalisten das bedeutend- 
ste Ereignis war, die Monarchic der Habsburger in Osterreich die sichere 
Niederlage der borussischen Dritten-Reichs-Ideologie, die Konkordats- 
politik des Vatikan ein Unheil, das »andere Deutschland* eine bisher un- 
bekannt gewesene Art von Fata morgana, die lediglich die deutschen 
Idealisten erblicken konnen, und schliefllich den weltbekannten Solda- 
ten des Weltkriegs: einen Gefreiten! 

Wie gesagt: eine ideale Zeitschrift! Unbekiimmert um die Pein der Leser 
konnte ich den »Trotz-allem-Hoffenden« zurufen, daft sie iiber ihren op- 
timistischen Kundgebungen die einzige allzu oft vergessen, die ihnen 
gemafi ist: namlich die Kundgebung: Vae victis! [ . . . ] Rom pilgert zur 
Wartburg, und der baltische Sachsenkonig Widukind Rosenberg kiindet 
das Heil. Es ist eine Stunde vor dem Ende der Welt, oder auf lateinisch: 
die pax germanica, die Tochter des furor teutonicus. Wo sie sich hin- 
streckt, rotet sich das Gras. 

All dies, oder das meiste, konnte ich in einer Zeitschrift, die ein Publi- 
kum hat, nicht noch naher ausfiihren. Es ware auch zwecklos, denn ich 
glaube, wie gesagt, nicht, daft das Wort noch eine unmittelbare »aktuelle« 



281 



Kraft hat, selbst dort, wo es keiner Art von staatlicher Zensur oder re- 

daktionellem Bedenken unterworfen ist. Den Sieben Weisen von Europa 

erzahle ich nichts Neues. Zu den siebzig Millionen andern spreche ich 

vergebens. Was soil mein Wort gegen Kanonen, Lautsprecher, Morder, 

torichte Minister, ratlose Diplomaten, dumme Interviewer und Journali- 

sten, die durch den Niirnberger Trichter die ohnehin verworrenen Stim- 

men dieser Babel-Welt vernehmen? 

Wenn Sie wollen, veroffentlichen Sie diesen Brief als einen wirklich »of- 

fenen« — statt eines Artikels. 

In trauriger Resignation, 

Ihr Joseph Roth 

Wir haben Alle die Welt iiberschatzt: selbst ich, der ich zum absoluten 

Pessimistischen gehore. 

Die Welt ist sehr, sehr dumm. Bestialisch. Ein Ochsenstall ist kliiger. 

Alles: Humanitat, Zivilisation, Europa, selbst der Katholizismus: 

Ein Ochsenstall ist noch kliiger. 

[ . . . ] Ich sehe, daft wir den Wahnsinn in Deutschland nicht iibertonen 

werden. Ihre Bucher wurden in Breslau verbrannt. Die Kundgebung der 

Deutschen Studentenschaft diirften Sie gelesen haben. 

JR an Stefan Zweig. Paris, 28. 4. 1933. - JRB, S. 262 

Joseph Roth 395 

Kriminalaffare Nobelpreis. 

In: Das Neue Tage-Buch. 5 (1937), 27, S. 638-639- 

JRW4, S. 647-649 

Zur Resolution des deutschen PEN-Clubs im Exil anldfilich der Zuerken- 
nung des Friedensnobelpreises des Jahres 1936 an Carl von Ossietzky im 
November 1936. Die Reichsregierung hatte Ossietzky die Annahme des No- 
belpreises verboten. 

Die lobliche, die verdienstliche Resolution, die der PEN-Club auf seiner 
letzten Tagung in der tragischen Angelegenheit Ossietzki gefaftt hat, 
wird leider wahrscheinlich den Weg aller Resolutionen antreten: den 
Weg in die Vergessenheit. 

[ . . . ] Ich bewundere meine Kollegen, weil sie die Fahigkeit haben, hart- 
nackig an Methoden festzuhalten, die sich hundertmal als unwirksam, la- 
cherlich und oft sogar als schadlich erwiesen haben. Der Minister und 
Schriftsteller Goebbels liest die Resolutionen mit dem gleichen Behagen, 
wie wir einst den »Simplizissimus«. Man kann nicht sagen, daft nach Os- 
sietzki ein Hahn kraht. Im Gegenteil: Alle Hahne krahen nach ihm. In 
dieser Art, hartnackig an unfruchtbaren Methoden festzuhalten, werden 
die Schriftsteller nicht einmal von der seligen Sozialdemokratie ubertrof- 
fen. [ . . . 1 



282 IMEXIL 

396 Resolutions of the German Group of the P.E.N. 
Federation at the XV. International Congress 

Undatiert, i. A. geschrieben von [Rudolf Olden], Honorary 

secretary of the German Group. 

1 Bl. ms. Durchschlag ohne Unterschrift. 

Resolutionen des deutschen PEN-Clubs im Exil, die beim 15. Internationa- 
len KongrejS des PEN vom 2L—24. 6. 1937 in Paris von Lion Feuchtwan- 
ger, dem offizielkn Delegierten der deutschen Gruppe, eingereicht werden 
sollten. 



397 Joseph Roth 

Der Maulkorb fur deutsche Schriftsteller. 
Manuskript, 1938? 3 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

JRW4, S. 323-324 

Die wirkliche Heimat des emigrierten Sch rifts tellers ist die Sprache, in 
der er schreibt, und seine Freiheit ist die Freiheit, ausdriicken zu diirfen, 
was er denkt. 
Das kann er heute nicht mehr. 

[...] 

Die Zensur der diktatorisch regierten Lander arbeitet beinahe ebenso 

kollegial mit den Zensoren der freiheitlich regierten Lander wie die Poli- 

zei, die Kriminalpolizei namlich. Und ebenso, wie man einen internatio- 

nalen Taschendieb ehemals, in jenen seligen Zeiten, in denen nur Kri- 

minalverbrecher den internationalen Steckbrief zu befurchten hatten, zu 

verfolgen pflegte, scheint man heutzutage angefangen zu haben, auch 

den heimatlos gewordenen Schriftstellern nachzustellen, deren Aufgabe 

es ist, nicht nur die Wahrheit uber ihr eigenes Vaterland auszusagen, 

sondern auch das Gastland, in dem sie Unterkunft gefunden haben, vor 

dem Feind zu warnen. 

Aber es scheint, dafi die Gastlander gar nicht gewarnt sein wollen; es 

scheint, daft sie es vorziehen, bedroht zu werden, und die Warner zu ver- 

schmahen, welche die Feinde denunzieren. 

Also wird uns, den Freunden des Auslands, ein Maulkorb angebunden. 

Auch diesen noch zu tragen kann ein Verdienst sein. 

[ . . . ] Arme deutsche Hunde, die wir sind, werden wir schweigen miissen 

und keineswegs bellen konnen, sobald unsere alten deutschen Herren 

sich gefahrlich dem Gastland nahern, das wir zu bewachen die Absicht 

hatten. 

Die Tinte ist ebenso vergeblich vergossen wie das Blut. Finden wir uns 

damit ab, daft die Welt, fur die wir einmal zu schreiben gedacht hatten, 



IM EXIL 283 

taub und stupide geworden ist und dafi wir nur noch wenig mehr — 
vielleicht gar nichts in ihr zu suchen haben. 

Joseph Roth 398 

Das Unsagbare. Typoskript, 1938. 4 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 
JRW 4, S. 687-689 

Von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, von Stun- 
de zu Stunde, von einem Augenblick zum andern wind es schwieriger, 
das Unsagbare dieser Welt sagbar zu machen. Der Bannkreis der Luge, 
den die Missetater um ihre Untaten ziehen, lahmt das Wort und die 
Schrifts teller, dessen Diener sie sind. Dennoch gebietet die Pflicht, die 
einem die Gnade auferlegt hat, die unerbittliche, bis zum letzten Augen- 
blick, das heiflt: bis zum letzten Tropfen Tinte auszuharren, das Wort im 
wahrsten Sinne des Wortes zu ergreifen, das durch Lahmung bedrohte 
Wort. Man mu(S sich heutzutage entschuldigen, wenn man schreibt . . . 
und man mull weiter schreiben .... 

Man mull schreiben, gerade dann, wenn man nicht mehr glaubt, durch 
das gedruckte Wort etwas bessern zu kdnnen. Den Optimisten mag es 
leicht fallen zu schreiben. Den Skeptikern, um nicht zu sagen: den Ver- 
zweifelten, fallt es schwer, und deshalb sollte ihr Wort gewichtiger sein. 
Es sollten sozusagen Stimmen aus dem Jenseits sein. Umglanzt sollten 
sie sein von dem Glanz des Vergeblichen. (Denn es hat seinen Glanz, das 
Vergebliche!) 



DAS AUSLAND UND NS-DEUTSCHLAND 



Joseph Roth 399 

Das Dritte Reich, die Filiale der Holle auf Erden. 
In: Pariser Tageblatt. Nr. 206 (6. 7. 1934), S. 1. 
JRW4, S. 616-618 

[ . . . ] Die epochale Erfindung der modernen Diktaturen aber besteht 
darin, dafi sie die larmende Luge geschaffen haben, in der psychologisch 
richtigen Voraussetzung, daft man dem Gerauschvollen den Kredit ge- 
wahrt, den man dem Leisen versagt. Seit dem Ausbruch des Dritten Rei- 
ches hat die Luge, dem Sprichwort zum Trotz, lange Beine bekommen. 
Sie folgt nicht mehr der Wahrheit auf den Fersen, sie lauft der Wahrheit 



284 IM EXIL 



voraus. Wenn man Goebbels eine geniale Leistung anmerken soil, so 
diese: er hat es vermocht, die offizielle Wahrhek genauso hinken zu las- 
sen, wie er selber hinkt. Seinen eigenen Klumpfuft hat er der offiziellen 
deutschen Wahrhek verliehen. Es ist kein Zufall, sondern ein bewuftter 
Witz der Geschichte, daft der erste deutsche Propagandaminister hinkt 

Aber dieser sinnreiche Einfall der Weltgeschichte hat die auslandischen 
Berichterstatter bis jetzt nur selten iiberzeugt. Denn es ist falsch zu glau- 
ben, daft die Journalisten aus England, aus Amerika, aus Frankreich usw. 
den Laut- und Lugensprechern Deutschlands nicht anheimfallen. Auch 
Journalisten sind Kinder ihrer Zeit. Es ist eine Illusion, daft die Welt 
eine richtige Vorstellung vom Dritten Reich habe. Der Berichterstatter, 
der auf die Tatsachen zu schworen hat, beugt sich vor dem Fait accompli 
andachtig wie vor einem Gotzen, diesem Fait accompli, das sogar die re- 
gierenden und machtigen Politiker, Monarchen und Weise, Philo- 
sophen, Professoren und Kunstler anerkennen. [ . . . ] 



400 Joseph Roth 

Juden auf Wanderschaft. Vorrede zur neuen Auflage. 
Manuskript. 1937. 17 Bl. hs. 
Kopie. — Original: LBI 
JRW3, S. 359-369 

Im 1927 erschienenen Essay geht es Roth um das Schicksal der Ostjuden. Er 
hatte boffnungsvoll, mit dem Blick auf die Befreiung der Juden von ihrer 
Sonderexistenz in der Sowjetunion, geschlossen: 

[ . . . ] Wenn diese Entwicklung dauert, ist die Zeit des Zionismus vorbei, 
die Zeit des Antisemitismus — und vielleicht auch die des Judentums. 

[■-■] 

S. [104]. -JRW3,S.357r- Siehe auch Kart. Nr. 243 

In der Vorrede einer 1937 fur den Verlag Allert de Lange, Amsterdam, ge- 
planten Neuausgabe wendet er sich den bedrohten Juden im Westen zu. 

Als ich vor vielen Jahren dieses Buch schrieb, das ich jetzt in abgeander- 
ter Fassung den Lesern wieder darbieten mochte, gab es noch kein aku- 
tes Westjuden-Problem. Es handelte sich nur damals in der Hauptsache 
darum, den Nichtjuden und Juden Westeuropas Verstandnis fur das Un- 
gluck der Ostjuden beizubringen: insbesondere im Lande der unbe- 
grenzten Moglichkeiten, das nicht etwa Amerika heiftt, sondern 
Deutschland. Ein latenter Antisemitismus war freilich immer dort (wie 
iiberall) vorhanden. In dem begreif lichen Bestreben, ihn entweder nicht 
zur Kenntnis zu nehmen oder ihn zu ubersehen, und in jener tragischen 
Verblendung, die bei vielen, bei den meisten Westjuden den verlorenen 



IM EXIL 285 

oder verwasserten Glauben der Vater zu ersetzen scheint und die ich den 
Aberglauben an den Fortschritt nenne, fiihlten sich die deutschen Juden 
trotz allerhand bedrohlichen antisemitischen Symptomen als ebenbiirti- 
ge Deutsche; an hohen Feiertagen bestenfalls als judische Deutsche. 
Manche unter ihnen waren leider oft versucht, fur die Aufterungen der 
antisemitischen Instinkte die nach Deutschland eingewanderten Ostju- 
den verantwortlich zu machen. Es ist eine — oft iibersehene — Tatsa- 
che, daft auch Juden antisemitische Instinkte haben konnen. Man will 
nicht durch einen Fremden, der eben aus Lodz gekommen ist, an den ei- 
genen Groftvater erinnert werden, der aus Posen oder Kattowitz stammt. 

Nun scheint es mir an der Zeit, die deutschen Juden vor ihren Lodzer 
Vettern ebenso zu verteidigen, wie ich damals die Lodzer Vettern vor 
den Deutschen zu verteidigen versucht hatte. Der deutsche Jude ist 
nicht einmal ein Ostjude. Das Wandern hat er verlernt, das Leiden und 
das Beten. Er kann nur arbeiten — und gerade dieses erlaubt man ihm 
nicht. Von den 600 000 deutschen Juden sind etwa 100 000 ausgewan- 
dert. Die Mehrzahl findet nirgends Arbeit. Ja, sie diirfen nicht einmal 
Arbeit suchen. Die Reisepasse laufen ab und werden ungiiltig. Und man 
weift, daft die zeitgenossischen Menschenleben fast ebenso von den Pas- 
sen abhangig sein konnen wie die altertumlichen von den bekannten Fa- 
den. Mit den von den klassischen Parzen ererbten Scheren stehen sie da, 
Gesandtschaften, Konsulate, Geheime Staatspolizisten. Ungluckliche 
werden von niemandem geliebt, nicht einmal von ihren nachsten Kolle- 
gen, den Unglucklichen; lediglich von Frommen und Heiligen, die man 
in dieser plebejisierten Welt ebenso verachtet wie die Juden. Wohin soil 
man gehn? Der Emigrant errat dank der Feinfuhligkeit seiner Wirrnis, 
die den sechsten Sinn verleiht, jene unsichbare Inschrift, die ringsum, an 
alien Grenzen, ihm zuruft: »Bleibe im Lande und stirb elend!« 
Diese ausgewanderten deutschen Juden bilden gleichsam ein ganz neues 
Volk: sie haben verlernt, Juden zu sein; sie fangen an, das Judensein 
langsam zu erlernen. Sie konnen nicht vergessen, daft sie Deutsche sind, 
und sie konnen auch ihr Deutschtum nicht verlernen. Wie Schnecken 
sind sie, die zwei Hauser zugleich auf ihrem Riicken tragen. [ . . . ] 

Wenn eine Katastrophe hereinbricht, sind die Menschen nebenan hilf- 
reich aus Erschutterung. Das ist die Wirkung akuter Katastrophen. Es 
scheint, daft die Menschen wissen, daft Katastrophen kurz sind. Aber 
chronische Katastrophen konnen die Nachbarn so wenig ertragen, daft 
ihnen allmahlich Katastrophen und deren Opfer gleichgiiltig, wenn 
nicht unangenehm werden. So tief eingepflanzt ist in den Menschen der 
Sinn fiir Ordnung, Regel und Gesetz, daft sie der gesetzlosen Ausnah- 
men, der Verwirrung, dem Wahn und dem Irrsinn nur eine knappe Zeit- 
spanne zugestehen wollen. Wenn der Wahn aber lange dauert, erlahmen 
die hilfreichen Arme, erlischt das Feuer der Barmherzigkeit. Man ge- 



286 



wohnt sich an das eigene Ungliick, weshalb nicht an das Ungliick des 
Nachsten, insbesondere an das Ungliick der Juden? 

[...] 

Es gibt keinen Rat, keinen Trost, keine Hoffnung. Moge man sich dar- 
iiber klar sein, daft der »Rassismus« keine Kompromisse kennt, Millio- 
nen von Plebejern brauchen dringend ein paar armselige Hunderttau- 
send Juden, damit sie bestatigt erhalten, schwarz auf weift, daft sie bessere 
Menschen sind. Die Hohenzollern (und mit ihnen der deutsche Adels- 
klub) haben den Hausmeistern ihre Reverenz erwiesen. Was konnen da 
noch Juden erwarten. Der Pobel ist schon unerbittlich genug, wenn er 
sich, gesetzlos und blinden Instinkten gehorchend, zusammenrottet. 
Wie erst, wenn er sich organisiert? [ . . . ] 
JRW3, S. 339-361 und S. 366 



401 Joseph Roth 

Die Eiffel ist eine sehr entlegene und zivilisationsfremde 

Gegend in Deutschland. . . . 

[Film-Entwurf.] 

Manuskript. 5 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Der nicht realisierte Film-Entwurf sollte vom Schicksal des judischen Vieh- 
ziichters David Fried aus einem Eifeldorf handeln: 

[ . . . ] Er ist der seltene Typ des kraftigen, des »bodenstandigen«, des »un- 
geistigen* Juden. Kurz: der baurische Jude, ohne Vorurteile religioser 
oder anderer Art; ohne schwachliche Ressentiments, ohne stadtische Bil- 
dung. 

[■■■] 

Antisemitische Hetze uniformierter Dorffremder macbt ihm das Leben zur 
Qual Auf Druck der »Soldateska« mufi er schliefilich auswandern: 

[■■■] 

Er verkauft seinen Acker fur einen lacherlichen Preis. Er treibt den Rest- 
bestand seines Viehs zusammen. Er nimmt Abschied von seinen 
Landsleuten. Die terrorisierten Bauern wagen nicht, ihm und seiner Fa- 
milie das Geleit zu geben. Nur der Pfarrer kommt, um von ihm Ab- 
schied zu nehmen. Die Uniformierten iiberwachen diesen Abschied. 
In dem Augenblick, in dem der Pfarrer heimkehren will, zwingen ihn 
die Uniformierten, mit dem Juden mitzugehen. Sie wollen keinen Geist- 
lichen mehr dulden und auch keinen Juden. Dem greisen Pfarrer bleibt 
nichts mehr ubrig, als, sich der Familie Fried anzuschlieflen und mit ihr 
uber die nahe Grenze zu gehen. 



287 



J- 

Im fremden Lande (es konnte [unleserliche Stelle] sein) warten viele 
Schicksalsgenossen. Man hat ihnen gesagt, dar] ein menschenfreundli- 
cher Kapitan eines portugiesischen Dampfers schon viele Emigranten 
ohne Papiere in sichere gute Lander gebracht habe. Alle warten auf die 
Ankunft des Schiffes "Columbia*. 

Dieser Dampfer kommt auch. Der Kapitan nimmt alle auf und fahrt 
weiter. Aber es ist fiir all diese Leute ohne Papiere unmoglich, irgendwo 
zu landen. Am wenigsten in den strengen Hafen Palastinas. Das Schiff, 
gefiillt mit verborgenen Fliichtlingen, irrt Monate lang durch die Meere 
der Welt, an alien Hafen der Welt vorbei. Der Kapitan ladt nur freie Wa- 
re ab: zum Beispieh Kohle, Munition, Waffen; niemals die Menschen, 
die er verbirgt und verpflegt. 

K. 

Eines Tages gelingt es dann auch. Man landet (irgendwo, in einem siid- 
amerikanischen Hafen z. B.). Man landet unbemerkt Ein [unleserliche 
Stelle] Pfarrer nimmt alle auf. Alle fiihlen sich gerettet. 

L. 

Aber kaum 3 Tage spater entsteht in dieser entfernten — von Deut- 
schen bewohnten — sudamerikanischen Kolonie eine von einem Nazi- 
propagandisten hervorgerufene Emeute gegen die neuen Ankommlinge. 
Nun, ehe noch die Behorden des Landes imstande sind, einzugreifen, be- 
lagern die Kolonisten das Haus des Pfarrers. Alle verteidigen sich. Alle 
fallen: die Juden und die Christen. 



Es liegt nahe, dafi Roth den Filmentivurf im Fruhjahr 1939 niederschrieb, 
zu einer Zeit, a Is er sich mit dem Them a von Emigrantenscbiffen, denen 
kein Hafen die Anlegeerlaubnis erteilte, auch an anderer Stelle befaftte. So 
schreibt er in der Folge seiner Artikelserie »Schwarz-gelhes Tagebuch«, die 
am 11. Mdrz 1939 in der Exilzeitschrift »Die Osterreichische Post« erschien: 

[ . . . ] Siebenhundertundachtzig Emigranten schwimmen im Schwarzen 
Meer herum, seit ein paar Tagen unauffindbar. Die 165 osterreichischen 
Emigranten auf dem Dampfer »K6nigstein« sind in Hungerstreik getre- 
ten, weil sie, von alien Hafen Zentral-Amerikas abgewiesen, in Gefahr 
sind, wieder nach Hamburg zuriickgebracht zu werden. Da ist also nun 
die ganze Grausamkeit der Habsburger zu erkennen? 
Wenn sie der Welt nicht das Beispiel einer tyrannischen Tendenz zur 
friedlichen Einigung der Volker in der Monarchic gegeben, eine grofizu- 
gige und weitangelegte Welt- und Volkerpolitik betrieben hatten, von 



288 IM EXIL 

wem hatten die Barbaren gelernt, Fluchtlinge ins offene Meer zu treiben 
und spater unter das Henkerbeil? [ . . . ] 
JRW4,S. 750 

402 Joseph Roth 

Der Mythos von der deutschen Seele. 

In: Das Neue Tage-Buch. 6 (1938), 11, S. 254-256. 

JRW4, S. 667-671 

[...] 

Es gibt bereits — besonders in Frankreich, dem klassischen Lande der 
Vernunft, das eine ungliickliche Liebe zum Wahn hat und das sich ein- 
bildet, in jedem deutschen Nebelfetzen die wahrhafte Walpurgisnacht zu 
greifen — die unselige Legende von der »germanischen Seele*. [ . . . ] 
Man hat sich daran gewohnt, die schandlichen Theaterszenen, die 
Deutschland von Zeit zu Zeit auffuhrt, durch jenes Lorgnon zu betrach- 
ten, das man in die Wagner-Oper mitnimmt Der okzidentale Diplomat 
und Journalist sogar fahrt nach Deutschland in der Stimmung etwa, in 
der ein Theaterbesucher in das Taxi steigt, um sich den »Ring des Nibe- 
lungen* anzuschauen. Dieser aufterst bequeme, ja lassige Snobismus 
nahrt sich von der Mythologie. Die okzidentalen Politiker, Diplomaten, 
Journalisten treiben Germanistik, nicht Politik, — und in der Tat sind 
nicht wenige von ihnen Germanisten von Beruf. [ . . . ] 
Diese Art, die deutsche Welt zu betrachten, kennen die heute regieren- 
den Deutschen selbst genau, und sie wissen sie auszuniitzen: nach innen 
und nach aufien, — was bedeutend gefahrlicher ist. Sie arrangieren eine 
Wagnersche Szenerie und machen also eine den Auslandern genehme 
Oper aus der vulgaren Nutz-Politik. [ . . . ] 

Es ist kein Zweifel, dafi ein grower Teil der Gleichgiiltigkeit, welche die 
Welt den erschreckenden deutschen Symptomen entgegenbringt, zu- 
riickzufiihren ist auf den Wagner-Snobismus Europas. Man sieht den ge- 
meinen Mord in einem bengalischen Licht Das Blut, das rot aus der 
Wunde stromt, bekommt also eine distanzierende, violette Tonung 
gleichsam, und das Opfer wie der Morder sehen beide so aus, als warte- 
ten sie nur auf das Niedergehen des Vorhangs, um sich hinter den Kulis- 
sen gegenseitig freundschaftlich den Schmerz, die Wunde und den Hals 
abzuschminken. Die Deutschen haben die Fahigkeit, seit jeher, mit 
Musikbegleitung zu toten. [ . . . ] Diese Art Barbarei hat mit der nordi- 
schen Grausamkeit ebensowenig zu tun wie mit der nordischen List. Sie 
stammt keineswegs aus der Edda, sondern aus dem preuflischen Dienst- 
reglement. [ . . .] 

[ . . . ] Die preuftische Symbolik ist genauso billig, wie die romantische 
Leichtglaubigkeit der okzidentalen Europaer grofi ist. Der mechanisierte 
Geist, der preufiische »DrilI«, hat sich mit der germanischen Mythologie 



IM EXIL 289 

drapiert Und das, was man die »europaische Welt* nennt, ist ihm, wie 
man nicht nordisch, aber richtig sagt: »hereingefallen«. 

Joseph Roth 403 

Der Feind aller Volker. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 883 (3. 1. 1939), S. 1. 

JRW 4, S. 689-691 

Zur Gleichgultigkeit der Welt gegenuber den Verbrechen des NS-Regimes: 

[ . . . ] Der anstandige Teil der Menschheit scheint namlich seit altersher 
zwar nicht die deutliche, die deklarierte Unanstandigkeit, wohl aber in- 
differente Labilitat zu unterschatzen. Das Gesetz der akustischen Trag- 
heit, das dem Ohr der Indifferenten befiehlt, auch das Abstruse fur lo 
gisch und selbstverstandlich zu halten, wenn es nur haufig wiederholt 
wird, ist gewaltig, ist naturgegeben. Und iiberall, wo Boses geplant wird, 
wo Boses geschieht, ist gewift das Bose in den Urhebern schuldig. Aber 
dem Bosen zum Erfolg verholfen haben immer die Gleichgiiltigen. 

Die noblen Kampfer gegen die Bestialitat rechnen zwar, wie gesagt, mit 
der Gefahrlichkeit dieser, aber nicht mit der viel schrecklicheren der 
»Neutralitat«. Nichts ist so tierisch wie Gleichgultigkeit gegenuber dem 
Geschehen im Bereich des Menschlichen. Ein einziger Mensch, dem es 
egal ist, ob ein Jude geschlagen wird oder nicht, ist schadlicher als die 
zehn, die den Juden — den Neger oder den Rothaarigen oder den Griin- 
augigen — mit eigenen Handen schlagen. Verglichen mit der »Neutrali- 
tat« ist die Bestialitat geradezu eine human zu nennende Eigenschaft. 
Die Gleichgultigkeit ist der Feind aller Volker; nicht die Juden; nicht 
einmal der Antisemit: nur der Gleichgiiltige. 



290 IM EXIL 

SPANISCHER BORGERKRIEG 



404 Joseph Roth 

Wir mischen uns nicht ein . . . 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 900 (22./23. 1. 1939), S. 2. 

JRW4, S. 695-697 

Zu dem von alien europdischen Grofimdchten anerkannten Grundsatz der 
Nicbteinmischung in den Spanischen Biirgerkrieg, der jedoch durcb die mi- 
lt tdrische Intervention der Achsenmdchte Deutschland und Italien gebro- 
chen ivurde. 

Noch einmal erweist es sich, daft die schabige Gleichgiiltigkeit der Welt 
grower und erschreckender ist als ihre Schlechtigkeit. Aufgefordert und 
berufen, dem blutigen Stuck, das eben in Spanien zu spielen anfing, ein 
Ende zu bereiten, ergaben sich die europaischen Menschen zuerst willig 
dem Miftverstandnis, sie waren zu einer Generalprobe eingeladen wor- 
den. [ . . . ] 

Wer sich heute noch zur »Neutralitat« bekennt, der heuchelt sie, oder er 
ist tragen Herzens und stumpfen Gehirns. Wenn irgendwo, in irgendei- 
nem Menschen jedes Lagers, jeder Weltanschauung, noch ein Sinn fur 
tragische Grofte, heldenhaften Schmerz, erhabenen Untergang, kurzum: 
fur Tugend und Glorie lebt, so ist dieser Mensch erschuttert und ver- 
zweifelt, er hat den Tod in der Seele und keinen anderen Gedanken im 
Kopf als den an die iberische Halbinsel. [ . . . ] 

Seht euch diese Halbinsel an! Flieger mit Giftgasen, aufgestiegen aus den 
zwei Filialen, die sich die Holle in Europa errichtet hat, diese Drachen 
einer unmenschlichen Hybris, bezahlt und gedungen oder zwangsweise 
verschickt und »transferiert«, werfen Bomben auf Schwangere, die spani- 
sche Kinder im Leibe tragen, und, abscheulicher als Herodes, toten sie 
also nicht nur die Neugeborenen, sondern auch das noch Ungeborene. 
Der Rechnungsfeldwebel mit Generalsrang, der Kreuze zu schiitzen vor- 
gibt, bestellt sich Hakenkreuze unter einen christlichen Himmel und be- 
zieht Siege aus den Leuna-Werken und Durchbruche aus Mailand und 
Friedenspalmen aus Manchester. Handwerker, ihrem Beruf, der ehrlich 
war, entlaufen in die wolkigen Hohen selbsterbauter Olympe, wo man 
nicht mehr erkennen kann, was Verdienst ist und was Scharlatanerie, 
schleudern Blitze, probeweise, auf ein armes Volk, das, wo es auch nur 
sein Land zu verteidigen glaubt, doch ganz Europa verteidigt. Die 
Heuchler, die den Ruhm des Leonidas auf der Zunge fiihren, sehen sie 
nicht, wo hier die Glorie scheint? 



IMEXIL 291 

Hermann Kesten 403 

Die Kinder von Gernika. Roman. 
Amsterdam: Allert de Lange 1939. 242 S. 

Joseph Roth 406 

An der spanischen Grenze. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 908 (1. 2. 1939), S. 3. 

JRW4, S. 697-698 

Zu einer in der internationalen Presse veroffentlichten Photographie eines 
Zugs von Flikhtlingen an der spanisch-franzosischen Grenze nach dem 
Fall von Barcelona am 25.Januar 1939: 

[...] 

Mir — und jedem, der heute noch das Recht beanspruchen mochte, sich 
einen Europaer zu nennen und sich also zu dem groflen, dem einzigen 
Vaterland zu bekennen, nachdem die kleinen so schmahlich oder so 
morderisch (oder auch so schmahlich-morderisch) versagt haben: uns, 
den letzten Europaern, bleibt noch dieses Photo, heute in den Zeitun- 
gen, morgen schon in den sogennanten »Wochenschauen«: ein endloser 
Zug von fliichtenden Menschen, Miittern, Greisen, Kindern — und vor- 
beiziehend an einem Hotel, dessen Schild die Inschrift zeigt: 

Hotel Italien 

tout comfort 
[ . . . ] Und es gibt viele Barcelonas und viele Lander, die Katalonien heis- 
sen konnten, und viele Hotels mit dem Namen »Hotel Italien*. [ . . . ] 



»Das bittere Brot«: Leben im Exil 
Paris, Nizza, Amsterdam (1933 — 1936) 



Roth hatte Paris, seine eigentliche Heimat, als Wohnsitz im Exil gewdblt. 
Von seinem bevorzugten Hotel Foyot aus uniernahm er jedoch, da ihm ein 
stdndiger Ortsivechsel zum Bediirfnis, ja zur Voraussetzung seines Schrei- 
bens geivorden war, Reisen nach Osterreich, der Schiveiz, Sudfrankreich, den 
Niederlanden, Belgien und Polen. 

In der zweiten Augusthdlfte 1933 war er einige Tage bei Stefan Zweig in 
Salzburg zu Besuch. Ende des Monats zog er auf Rat seines Arztes, Dr. 
Ernst Wollheim, mit seiner Lebensgefdhrtin Andrea Manga Bell und ihren 
bei den Kindern nach Rapper swil am Zurichsee. Im Hotel Schwa nen ver- 



292 



brachte er mehr als drei produktive Monate. Im Dezember kebrte Roth fur 
funfeinhalb Monate nach Paris zuruck. 

Uber seine psychische Verfassung gibt ein Brief an Stefan Zweig vom 22. 
Dezember 1933 aus Paris AufschlujS; 

[ . . . ] so sehr ich glaube, dafS die Not meine Muse ist, so deutlich sehe 
ich auch, daft sie mich zum Selbstmord treibt. Ich kann nicht mehr mit 
fiinf Francs in der Tasche leben. Es ist unmoglich, daft ich diese Zeit 
uberlebe. Bedenken Sie, daft ich 20 Jahre gehungert habe, vier Jahre 
Krieg gefiihrt, weitere sechs »bittere Not* gelitten. Erst seit drei Jahren 
habe ich halbwegs gelebt. Jetzt dieses sogenannte Weltgeschehen. Und 
vorher die Geschichte mit meiner Frau. Ich weift schon, daft all Dies zu 
mir gehort, ja, daft es mich ausmacht. Aber ich bin dabei noch auch ein 
privater Mensch, der iftt, schlaft, beischlaft und so weiter. Ich kann mich 
selber nicht »historisch« betrachten. Ich kann aber auch nicht fortwah- 
rend diesen Einbruch privaten Unheils in mein literarisches, also, wenn 
Sie wollen, »eigentliches« Leben literarisch »umsetzen«. Es ist der Tod. 
Und, glauben Sie mir, noch nie hat einem Alkoholiker der »Genuft« des 
Alkohols so wenig gefallen, wie mir. Gefallen einem Epileptiker seine 
Anfalle? Gefallen einem Wahnsinnigen seine Tobsuchts-Anfalle? 
JRB,S.298f 

Vermutlich aus finanziellen Grunden — in Sudfrankreich war das Leben 

billiger als in Paris — fuhr er Ende Mai 1934 nach Marseille, wo er im 

Hotel Beauvau Quartter nahm. 

Aus Geldnot folgte er der Einladung Hermann Kestens, zu ihm und Hein- 

rich Mann nach Nizza zu ziehen, 

Aus einem Brief an Stefan Zweig vom ll.Juli 1934 aus Marseille: 

Ich fahre in zwei Stunden. Mein guter Kamerad Hermann Kesten hat 
mich eingeladen, weil er gesehen hat, wie miserabel ich bin. [ . . . ] Ich 
werde es nicht bei ihm aushalten. Er hat Frau und Mutter. Ich werde 
nach zwei Tagen in ein Hotel gehen. Ich kann nicht gemeinsam mit Be- 
kannten Toiletten beniitzen und im Pyjama gesehen werden und die 
Anderen so sehen. Grauenhaft! Lieber ganz arm, wie ich einmal gewesen 
bin. Nichts dazwischen. Ich bin zu krank. 
JRB, S. 348 



407 Nizza 

Photographic 

Vorlage: Amtliches Franzosisches Verkehrsburo, Frankfurt a. M. 

Bisjuni 1935, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, lebte Roth mit An- 
drea Manga Bell und ihren Kindern in Nizza. Hermann Kesten, Heinrich 
Mann und Roth hatten hier ein Haus, Promenade des Anglais Nummer 



IM EXIL 293 

121, mit drei moblierten Etagenwohnungen gemietet In der ersten Etage 

wohnten Hermann Kesten und seine Frau Toni f in der zweiten Roth und 

im dritten Stock Heinrich Mann und Nelly Kroeger. 

Frau Manga Bell berichtete David Bronsen, dafi sich Roth in Nizza — er 

arbeitete aufier an Artikeln fur Exilzeitschriften und -zeitungen vor allem 

an seinem Roman »Die hundert Tage« — wohl gefuhlt habe. 

Stefan und Friderike Zweig, Hermann und Torn Kesten, Ludwig Marcuse 

und Schalom Asch waren manchmal bei ihnen zu Gast. 

Joseph Roth 408 

Photographic Nizza, 1934. Abb. 57 

Vorlage: SNM/DLA, vermutlich aus dem NachlafS von Rene Schickele. 

In Nizza begegnete Roth auch Rene Schickele, Franz Theodor Csokor und 
Valeriu Marcu; hin und wieder sah er Annette Kolb, Ferdinand Bruckner, 
Walter Hasenclever und Franz Werfel. 

Uber seine Kollegen schreibt er Felix Bertaux am 25. Oktober 1934: 

II y'a ici toute la litterature presque, la bonne et la mauvaise, meme la 
mechante. J'habite la meme maison avec Monsieur Heinrich Mann et 
Monsieur Kesten. Je vois souvent Schickele et l'ecrivain juif Schalom 
Asch. Et encore ... lis vont tous beaucoup mieux que moi. lis ont beau- 
coup plus d'argent que moi et beaucoup moins de raison. Le seul que 
festime vraiment c'est Heinrich Mann et je le plains aussi. II est en ce 
moment a Prague. II est devenu tres vieux et »ohne Halt*. C'est le verita- 
ble Professor Unrat avec ses amours, avec une femme tres blonde et tres 
menteuse [ . . . ] 
JRB,S.388fi 

Hermann Kesten uber ein Gesprdch zwischen Heinrich Mann und Joseph 
Roth im Cafe Monnod: 

Hermann Kesten 409 

Lauter Literaten. Portrats, Erinnerungen. 

Wien, Miinchen, Basel: Desch (1963). 455 S. mit Abb. 

Ausgelegt S. 399 — 401. 

[...] 

Joseph Roth und ich saften einmal mit Heinrich Mann im Cafe Monnod 
auf der Place Massena in Nizza, an einem Karnevalstag. [ . . . ] Da begann 
Heinrich Mann, von seinen Begegnungen mit Dichtern zu erzahlen, mit 
d'Annunzio und Gide, mit Rilke und Hauptmann und mit Frank Wede- 
kind, wehmutige und skurrile Geschichten, und als die Sterne am Him- 



294 



IM EXIL 




5 7. Joseph Roth. Nizza 1934 



295 



mel aufglanzten, schienen sie wie aus den Erzahlungen von Heinrich 
Mann zu kommen. 

Plotzlich wirbelte ein Windstoft einen Konfettihaufen auf, und Heinrich 
Mann sagte: »Genug von den Toten!* und begann, von Jakob Wasser-. 
mann zu erzahlen, wehmiitige und skurrile Geschichten. Da hielt er in- 
ne, und sagte: »Ich habe schon seit langem nichts mehr von Jakob Was- 
sermann gehort, wo steckt er eigentlich?* 

Roth und ich sahen uns an, und Roth sagte: »Wassermann ist tot!* — 
»So?* sagte Heinrich Mann und gab uns einen kuriosen Blick und 
schwieg eine Minute und begann, von Karl Tschuppik zu erzahlen, weh- 
miitige und skurrile Geschichten. »Ich lese ihn nirgends mehr«, sagte 
schliefllich Heinrich Mann, »schreibt er nicht mehr fur unsere Blatter?* 
Roth und ich blickten uns betroffen an, und Roth murmelte: /Tschup- 
pik ist tot.« 

»Seit wann?« fragte Heinrich Mann. Und er begann nach einer Weile, 
von Kurt Tucholsky zu erzahlen, wehmiitige und skurrile Geschichten. 
Und Roth und ich wagten gar nicht mehr, uns anzublicken; wir ver- 
stummten, und Heinrich Mann gab uns einen queren Blick und sagte 
mit einem halben Lachen: »Sie wollen mir vielleicht erzahlen, auch Kurt 
Tucholsky sei. . . « 

Er verstummte. Und Joseph Roth sagte: ^Tucholsky ist tot.* 
»Nein«, sagte Heinrich Mann. »Und . . .« Er stockte und blickte uns an 
und fragte: »Und Werner Hegemann?* »Er ist tots sagte Roth. 
[ . . . ] »Das geht weit!* erwiderte Heinrich Mann. »Ich wage nach keinem 
Freund mehr zu fragen. Ihr beide seid noch junge Leute und bringt mir 
in einer Stunde mehr Freunde um, als ich sonst in zwanzig Jahren nicht 
verloren habe. Sie scherzen doch nicht mit mir, Herr Roth?* 
»Ich?« fragte Roth mit der tiefen, krachzenden Stimme, die er bekam, 
wenn er betrunken wurde. »Ich scherze nie, Herr Mann, mit dem Leben 
von Menschen. Aber die Herren, die Sie erwahnten, sind hingegangen.* 
»Hingegangen?* fragte Heinrich Mann. 
»Sie sind tot*, sagte Roth. 



Bertolt Brecht an Bernard von Brentano 410 

Brief, o. O. [Anfang 1935]. 1 Bl. ms. Durchschlag ohne 
Unterschrift 

Kopie. — Original: Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Kiinste der 
DDR, Berlin 

lieber brentano, 

vielen dank fur die erfrischende kleine beschimpfung zum jahreswech- 
sel! die ausfiihrungen unseres strengen freundes kantorowiz iiber den 
dreigroschenroman habe ich noch nicht zu gesicht bekommen; es 



296 IM EXIL 

scheint, dafl er sich zu eng mit den kesten und roth verbundet hat, wie? 
nun, er wohnt wohl im gleichen hotel, es ist ein wenig hart, wenn Sie an- 
nehmen, ich glaubte, jedes wurstchen konne durch die blosse zugehorig- 
keit zu dem alten kleinen verein davon bewahrt bleiben, quatsch zu aus- 
sern. es ist eben schade, dass sich der verein mit solchen kraften begnii- 
gen muss — ein wenig nicht hingesehn und schon ist der Schlamassel 
fertig! wie gut dass die leute wenigstens nur infolge von fehlern der 
aufsicht ihre freie meinung aussern konnen und nicht etwa prinzipiell. 
Sie sehen aus dem vorfall deutlich, wie streng die aufsicht sein muss. 



Endejuni 1933 kehrte Roth nach Paris zuriick. Im Mdrz 1936 reiste er — 
ohne Begleitung Andrea Manga Bells — zu Verbandlungen mit seinen 
Verlagen nach Amsterdam. 

Vermutlich kurz vor seiner Abreise nach Amsterdam schreibt Roth verzwei- 
felt dem Freunde Stefan Zweig: 

[ . . . ] Mit lechzender Zunge laufe ich herum, ein Schnorrer mit heraus- 
hangender Zunge und mit wedelndem Schwanz. Wie soil ich nicht neue 
Vertrage eingehn, auf neue Biicher? Nicht einmal diese Vertrage bekom- 
me ich. Was soil ich tun, jetzt, heute, nachste Woche? Alle Ihre an sich 
richtigen Uberlegungen haben in diesem Fall gar keine Voraussetzun- 
gen. Sie miissen Sich nur einmal hineindenken, das konnen Sie doch, in 
meinen Tag, ich habe Ihnen den Verlauf ja beschrieben. Ich habe keine 
Nachte mehr. Ich [sitze?] bis 3h morgens herum, ich lege mich angezo- 
gen urn 4h hin, ich erwache um 5h und wandere irr durch's Zimmer. Ich 
bin seit 2 Wochen nicht aus den Kleidern gekommen. Sie wissen doch, 
was Zeit bedeutet, eine Stunde ist ein See, ein Tag ein Meer, die Nacht 
eine Ewigkeit, das Erwachen ein Hollenschreck, das Aufstehen ein 
Kampf um Klarheit gegen einen bosen Fiebertraum. Zeit, Zeit, Zeit ha- 
ben das ist es, und ich habe ja keine. [ . . . ] Erniedrigt, geschandet, ver- 
schuldet, lachelnd, lachelnd mit zusammengebissenen Zahnen — ein 
akrobatisches Kunststiick — damit es der Hotelwirt nicht merkt, die Fe- 
der krampfhaft in der Hand, den Gedanken, der eben gekommen war, 
fest in den Ziigeln, weil er davongaloppiert, manchmal auch hungrig, 
nach 3 Satzen im Sessel einschlafend, was wollen Sie, was verlangen Sie 
Geduld von einem Menschen, der halb eine Leiche, halb ein Irrer ist? 
[ . . . ] Schulden, Gespenster, Entbehrung und schreiben, reden, lacheln 
und kein Anzug, kein Hemd, kein Stiefel, und hungrige offene Mauler, 
und Schnorrer, um sie zu stopfen und Gespenster, Gespenster ringsum, 
immer wieder. Und hinter mir welch ein Leben! [ . . . ] 
JR an Stefan Zweig. Paris, [Februar 1936?]. - JRB, S. 450 f 



IM EXIL 297 

Wie alle emigrierten Autoren war Roth gezivungen, sich nach neuen Publi- 
kationsmoglichkeiten umzutun. Die Bestdnde des Kiepenheuer-Verlages 
waren beschlagnahmt worden, ein Grofiteil seiner Autoren ivar von der Bu- 
cherverbrennung betroffen. 

Roths Verlagsrechte ivurden durch die von Fritz Landshoff, Walter Lan- 
dauer u. a. gegrundete Gesellschaft »Orcovente« von Deutschland in die 
Schweiz transferiert; nach Anivendung der Devisengesetze und Abzug sei- 
ner Schulden blieb Roth nur ein geringer Betrag. 

Dem Wiener Verleger Bela Horovttz hatte Roth kurz nach der Machter- 
greifung geschrieben: 

Bereiten Sie sich mit aller notigen Diskretion darauf vor, daft Sie bald 
mehrere deutsche Autoren bekommen konnen. Die judischen Verleger 
in Deutschland werden zusperren. 
JR an Bela Horovitz. Paris, 18. 2. 1933. - JRB, S. 251 

Und an Stefan Zweig } Paris, 11. Mdrz 1933: 

Was das Praktische betrifft: 

unter uns: mein Verlag ist in Auflosung begriffen. Verkauft mich. An 
wen, weift ich nicht. Wovon man leben wird, ist mir vdllig unklar. Ein 
Emigrantenlos mochte ich nicht erleiden mussen. 
Was gedenken Sie zu tun? 

Es ist keine Rede davon, daft man noch in Deutschland erscheinen kann! 
Begreifen Sie, daft ich ahnungsvoll immer traurig war und bin? 
JRB, S. 255 

Roth selbst konnte mit den beiden grofien Amsterdamer Verlagen, die sich 
der deutschen Exilliteratur angenommen baben — Querido und Allert de 
Lange — Vertrage abschliefien. Fritz Landshoff und Walter Landauer, 
die den Kiepenheuer- Verlag geleitet batten, ivaren auch hier an fiihrender 
Stelle tat ig: Landshoff hatte 1933 den deutschen Querido- Verlag gegriindet, 
Landauer fuhrte seit 1934 die deutsche Abteilung des Verlags Allert de 
Lange. — Auch in dem katholischen Verlag De Gemeenschap in Bilthoven 
konnte Roth zwei Bucher erscheinen lassen. 

Dem Verleger Gerard de Lange dankte Roth mil einem Nachruf fur seine 
Verdienste urn die freie deutsche Literatur: 



Joseph Roth 411 

Nachruf. 

In: Pariser Tageblatt. Nr. 572 (7. 7. 1935), S. 3. 

JRW4, S. 288-289 

Das Andenken des jiingst verstorbenen hollandischen Verlegers Gerard 
de Lange mussen wir an dieser Stelle ehren, weil sein Leben von Bedeu- 



298 IM EXIL 

tung war fur einen grofSen Teil der wertvollen deutschen Literatur und 
weil sein allzu friiher Tod einen Verlust fur die deutsche Literatur be- 
deutet. Das Vaterland des echten Sch rifts tellers ist die Sprache, in der er 
schreibt; man kann es ihm in Wahrheit gar nicht rauben; man kann ihm 
hochstens den Reisepafi entziehen; aber ein Stuck Heimat ist dem 
Schriftsteller auch der Verlag, der seine Werke verbreitet: ein Stuck Hei- 
mat gab uns der Verleger de Lange. 

Kraftig und stattlich, blond und hellaugig, Sproft eines adeligen hollandi- 
schen Geschlechts, stellte Gerard de Lange den guten Typus des cheva- 
leresken Offiziers vor. Er war auch ein chevaleresker Verleger. Er iiihlte 
die Verpflichtung, die alte hollandische Tradition der Gastfreundschaft 
fortzusetzen, denn er hatte die Tradition seines Landes im Blut. Schnell 
entschlossen, wie er war, griindete er einen deutschen Verlag, als einer 
der ersten Verleger im Ausland. Er bereitete uns nicht nur ein Heim, er 
nahm uns darin auch mit offenen Armen auf. [ . . . ] Unter den zahlrei- 
chen kleinburgerlich rechnenden Verlegern, mit denen wir Schriftsteller 
leider zu rechnen haben, nahm sich Gerard de Lange wie der Aristokrat 
aus, der er dem Blut und dem Charakter nach war. 

[ . . . ] konservativ aus Uberzeugung und von Natur, war er stets geneigt, 
eine wahre Personlichkeit anzuerkennen, auch wenn sie im anderen po- 
litischen Lager stand. 

[•■■] 

Ein Freund ist uns gestorben; ein gutiger Verleger; ein wahrer Mensch. 

Bet seinem jetzigen Aufentkalt in Amsterdam — Besuche im Oktober 1933 
und Mai 1933 waren vorangegangen — veranstaltete der Verlag Allert de 
Lange fur Roth einen Vortragsabend. Vor einem grofieren interessierten Pu- 
blikum sprach er uber den >Aberglauben an den FortschritU — »eine ka- 
tholisch konservative Sache«, wie er spdter, am 7. Mdrz 1937, an Friderike 
Zweig aus Lwow [Lemberg] schrieb (JRB, S. 490). 
Stefan Zweig gegenuber dufierte er sich zufrieden uber seinen Erfolg: 

Ich habe sehr angestrengt an einem Vortrag geschrieben, den ich hier 
Donnerstag gehalten habe, mit grofiem moralischen Erfolg, mit einem 
materiellen sogar (50 Gulden etwa). 

JR an Stefan Zweig. Amsterdam, 15. 6. 1936. —JRB, S 479 



412 Amsterdam, Hotel Eden 

Joseph Roths Stammquartier in Amsterdam 
Photographie. 

Vorlage: K&W 



299 



Amsterdam, Cafe Reynders 413 

Joseph Roths Stammcafe in Amsterdam 
Photographic 

Leihgabe: K&W 

Aus Roths Briefen an Blanche Gidon und Stefan Zweig wdhrend seines 
Aufenthalts in Amsterdam: 

[ . . . ] Wenn ich einen Teil eines neuen Romans abliefere, kann ich even- 
tuell 800 Gulden bekommen. Aber ich bin ganz erschopft vom letzten. 
Die Correcturen im Manuskript habe ich erst gestern unter unsaglichen 
Quaien fertig gemacht. Der Roman »Stammgast* ist es. Er heiftt jetzt: 
»Beichte eines Morders*. Er erscheint im August und Sie bekommen in 
10 Tagen die Biirstenabzuge. Drei Tage war ich im Bett, mit hochge- 
streckten Fiiften. Ich habe einen Liter Milch pro Tag getrunken, um 
mich zu entgiften. Die Schwellung ist zuriickgegangen. Heute kann ich 
schon gehen und sitzen, ohne daft die Beine wieder anschwellen. Essen 
kann ich nicht vertragen, ich gebe es wieder, ich versuche, Reis mit 
Milch zu essen. Ich trinke auch roten Wein und keinen Schnaps mehr. 
Ich furchte, meine Matratzengruft wird in Holland stehen. [ . . . ] 
JR an Blanche Gidon. Amsterdam, 26, % J 936. — JRB, S. 473 f 

[-..] 

Ich bin sehr schwach und kann kaum gehen. Es ist keine bestimmte 
Krankheit Jeder Tag bringt und erzeugt andere Symptome. Wenn ich 
nicht Galle und Blut breche, sind die Augen entziindet, oder die Fiifte 
schwellen an. Herzkfopfen, Herzweh, Migrane, schauerlich, Zahnausfall. 
Es scheint mir manchmal, daft die Natur noch giitig ist, indem sie einem 
das Leben so mieft macht, daft es den Tod selig empfangt Ich habe aber 
immer noch einen Lebensinstinkt, ich will schreiben, die »Erdbeeren«, 
ich will nicht so jammerlich umkommen. Ich mochte so gerne 6 Monate 
aufatmen. Ich will nicht, ich kann nicht Ich sage es Ihnen seit einem 
Jahr. Ihr Optimismus, was mich betrifft, ist grenzenlos, Sie haben sich 
getauscht, Sie sehen es selbst. Sie haben mir nicht geglaubt Ich kenne 
die Gesetze meines Lebens. 

[ . . . ] Ich sehe schrecklich zerfallen aus. Ich bin ganz, ganz tot, in 4 Wo- 
chen, ich muft 4 Monate wenigstens das Leben gesichert haben. 

JR an Stefan Zweig. Amsterdam, 2% X 1936. —JRB, S. 476 f 

Klaus Mann zu Roths Besuchen bei seinen Verlagen: 

Die Visiten des osterreichischen Dichters Joseph Roth brachten man- 
cherlei Aufregung. Er bestand auf exorbitanten Vorschussen — sei es 
von Querido, sei es von De Lange, es kam ihm nicht darauf an — und 



300 



IM EXIL 



befremdete die Herren von der Presse durch bizarre politische Theorien, 
die er mit grower Beredsamkeit und Insistenz vertrat. 
Klaus Mann: Der Wendepunkt Frankfurt a, M. 1952, S 330. — Siebe 
auch Kat. Nr. 506 



»Begegnung in der Emigration« : 
Irmgard Keun 



Bis Anfang Juli 1936 blieb Roth in Amsterdam. Von bier aus reiste er 
nacb Belgien. Nacb einem kurzen Aufentbalt in Brussel fuhr er auf Einla- 
dung von Stefan Zxveig nach Ostende, wo er am 9. Juli ankam. Aufier 
Zweig, der ihn materiell unterstiltzte, traf er dort Hermann Kesten und 
Ernst Toller, 



414 Joseph Roths Hotel in Brussel 

Photographic 

Leihgabe: K&W 

413 Stefan Zweig und Joseph Roth in Ostende 

Abb. 58 Photographic 1936. 
Leihgabe: K&W 

Aucb in Ostende versuchte Stefan Zxveig, Roth vom Trinken abzubringen. 
Schon im November 1935 hatte ihm Roth jedoch, auf seine Mahnungen 
bin, geschrieben: 



Machen Sie sich bitte um mein Trinken gar keine Sorgen. Es konserviert 
mich viel eher, als daft es mich ruiniert. Ich will damit sagen, daft der Al- 
kohol zwar das Leben verkiirzt, aber den unmittelbaren Tod verhindert. 
Und es handelt sich fur mich darum: Nicht das Leben zu verldngern, son- 
dern den unmittelbaren Tod zu verhindern. Ich kann nicht auf Jahre hin- 
aus rechnen. Ich versetze gewissermaften die letzten 20 Jahre meines Le- 
bens beim Alkohol, weil ich noch 7 oder 14 Tage Leben mir gewinnen 
mulS, Freilich kommt dann, um beim Bilde zu bleiben, plotzlich ein 
Punkt, wo der Wucherer border Zeit iiber einen herfallt. So ungefahr ist 
die Situation. 

[...] 

JR an Stefan Zweig. Paris, 12. 11. 193X - JRB, S. 436 



IM EXIL 



301 



Ein Zeugnis ibrer Freundschaft ist Zweigs Brief vom Herbsi 1937: 

[ . . . ] Sie kommen dock nicht davon los, daft ich eine ungliickliche Liebe 
zu Ihnen habe, eine Liebe, die an Ihrem Leiden leidet, an Ihrem Haft 
sich krankt Wehren Sie sich nur, es hilft Ihnen nichts! Roth, Freund, ich 
weift daft Sie es furchtbar schwer haben und das geniigt mir, um Sie noch 
mehr zu lieben und wenn Sie bose, gereizt, voll unterirdischer Ressenti- 
ments gegen mich sind, so spiire ich nur, daft das Leben Sie qualt und 
Sie aus richtigem Instinct gegen den schlagen, gegen den Einzigen viel- 
leicht, der es Ihnen nicht ubelnimmt, der gegen alles und alle Ihnen treu 
bleibt. Es hilft Ihnen nichts, Roth. Sie konnen mich nicht abbringen von 
Joseph Roth. Es hilft Ihnen nichts! 
Stefan Zweig an JR. [Herbst 1937]. - JRB, S 31 4 

Hermann Kesten beurteilt Stefan Zxveigs Beziebung zu Joseph Roth in sei- 
ner Einleitung zu den von ihm herausgegebenen Briefen Roths: 

Zweig ist mit seinem ganzen literarischen Gewicht fur Roth eingetreten. 
Zweig hat auf noble Weise mit seinem Einfluft wie mit seinem Geld 
zahlreichen Schriftstellern in vielen Landern geholfen. Roth war unter 
all diesen der Autor, den Zweig fur das Muster eines wahren Poeten 
hielt, und da war Zweig ein solventer, aber sparsamer Mazen. 
Hermann Kesten: Joseph Roth schreibt Briefe. In: JRB, S. 9 — 1% hier S. 13 




38. Stefan Zweig und Joseph Roth. Ostende 1936 



302 



IM EXIL 



Egon Erwin Kisch, dersich in Bredene sur mer, einige Kilometer von Osten- 
de entfernt, aufhielt, war es } der Roth im Cafe Flore in Ostende mit der 
1935 freiwillig aus Deutscbland emigrierten Schriftstellerin Irmgard Keun 
bekannt machte. 

Ihr gemeinsames Leben, das in Ostende begann, dauerte anderthalb Jahre, 
bis zum Beginn desjahres 1938. 



416 Irmgard Keun 
Abb. 59 Photographic 

Vorlage: Hermann Kesten: Meine Freunde die Poeten. 
[Munchen:] Kindler 1959, vor S. 423. 

Irmgard Keun 

Geb. am 6. 2. 1909 in Berlin. 1925 Besuch der Schauspielschule Koln. 
Schauspielerin am Stadttheater Greifswald und Thalia-Theater Hamburg. 
Schriftstellerische Tdtigkeit. 1933 Berufsverbot nach ihrer Weigerung, der 
Reichsschrifttumskammer beizutreten. Indizierung ihrer Bucher. Gestapo- 
Verhore und Verhaftung. 1935 ins Exit Bis 1937 mit dem Schriftsteller Jo- 
hannes Tralow (1882 — 1968) verheiratet, 1936 bis 1938 Lebensgemein- 
schaft mit Joseph Roth. 1940 Ruckkehr mit falschem Pafi nach Deutsch- 
land, konnte bei ihren Eltern das Dritte Reich uberleben. 
Publiziert u. a. die Romane Gilgi, eine von uns. Berlin 1931. — Das 
kunstseidene Mddchen. Berlin 1932. — Das Mddchen, mit dem die Kinder 
nicht verkehren durften. Amsterdam 1936. — Nach Mitternacht. Amster- 
dam 1937. - D-Zug III. Klasse. Ebd. 1938. - Kind aller Lander. Ebd. 
1938. — Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen. Dusseldorf 
1950. — Aufierdem: Bilder und Gedichte aus der Emigration. Koln 1947. 
— Wenn wir alle gut wdren. Kleine Begebenheiten, Erinnerungen und Ge- 
schichten. Dusseldorf 1954. — Bluhende Neurosen. Flimmerkisten-Bliiten. 
Dusseldorf 1962. Lebt in Koln. 

41 7 Irmgard Keun 

Bilder und Gedichte aus der Emigration. 
Koln: Epoche-Verl. 1947. 40 S. 

In ihren Erinnerungen an Roth, die in ihren >Bildern und Gedichten aus 
der Emigration veroffentlicht wurden und u. d. T. »Begegnung in der Em i- 
gratiom in Ausziigen in dem von Hermann Linden herausgegebenen »Ge- 
dachtnisbuch* abgedruckt sind, schreibt Irmgard Keun uber ihre erste Be- 
gegnung: 

Als ich Joseph Roth zum erstenmal in Ostende sah, da hatte ich das Ge- 
fiihl, einen Menschen zu sehen, der einfach vor Traurigkeit in den nach- 



IM EXIL 



303 




39. Irmgard Keim 



304 



IM EXIL 



sten Stunden stirbt. Seine runden blauen Augen starrten beinahe blick- 
los vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschiittet unter La- 
sten von Gram. Spater verwischte sich dieser Eindruck, denn Roth war 
damals nicht nur traurig, sondern auch noch der beste und lebendigste 
Hasser. 

[...] 

Roth konnte damals noch seine Qualen und Traurigkeiten vergessen 
und gern und gut lachen. Er konnte auch zuweilen noch sehr gut, sehr 
intensiv und aufterst lebendig in der Wirklichkeit leben. 

[...] 
Seitel8f. 

418 Irmgard Keun 

Begegnung in der Emigration 

In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 
Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 59 — 61. 

Irmgard Keun begleitete Roth durch halb Europa. Die Stationen ihres ge- 
meinsamen Weges — Ostende, Paris, Wilna, Lemberg, Warschau, Wien, 
Salzburg, Brussel und Amsterdam — hat sie in ihrem Roman »Kind aller 
Lander«, einer (verfremdeten) Darstellung ihres Lebens mit Roth, nachge- 
zeichnet. 



419 Irmgard Keun 

Kind aller Lander, Roman. 
Amsterdam: Querido 1938. 229 S. 

Mein Vater sagte, er beginge einen allmahlichen Selbstmord und tue al- 
les, um sein Leben zu verkiirzen, dazu raucht er furchtbar viele Zigaret- 
ten mit scrrwarzem Tabak und trinkt tausend Getranke in alien Farben. 
Er stirbt nicht davon, aber er kann manchmal lachen. 
Seite no 



Paris 1937-1939 



Geldnote zwangen Roth, eine Einladung des polnischen PEN -Clubs, seinen 
Vortrag »Der Aberglaube an den Fortschritt*, den er imjuni 1936 in Am- 
sterdam vorgetragen hatte, auch in polnischen Stddten zu halten, anzuneh- 
men. Noch 1933 hatte er Carl Seelig auf dessen Einladung, in Zurich a us 
seinen Werken zu lesen, mitgeteilt: 

Nun leide ich aber an sogenannten psychischen Hemmungen, Ich kann 
vor einem Publikum leider nicht lesen und habe infolgedessen seit Jah- 
ren viele Erwerbsmoglichkeiten verloren. 
JR an Carl Seelig. Rappersivil am Ziirichsee, x 9- 1933. — JRB, S. 278 



Jm Februar und Mdrz 1937 ist Roth mit Irmgard Keun in Warschau, 
Wilna, Lemberg und anderen polnischen Stddten untenvegs. 
Uber seine verzweifelte Luge gibt ein Brief an seine Ubersetzerin Blanche 
Gidon vom 28. Februar 1937 a us Wilna Aufschlufi: 

Joseph Roth an Blanche Gidon 420 

Brief. Wilno [Wilna], 28. 2. 1937. 
Kopie. - Vorlage: K&W 
JRB S. 489-490 

[ . . . ] Seit Monaten friste ich mein armseliges Leben durch Vortrage in 
winzigen Ortschaften, ein miserables Leben. Ich weifl uberhaupt noch 
nicht, wie ich wieder nach Westeuropa zuruckkomme. Ich leide entsetz- 
lich. Ich danke Ihnen fur Ihren ersten Brief und fur Ihren zweiten. Sie 
sind mehr, als lieb: Sie sind nachsichtig. Wenn ich nicht bald krepiere, 
werde ich Gelegenheit finden, Ihnen sehr herzlich zu danken. Ich fahre 
von einem kleinen Ort zum andern, ein Wanderzirkus, jeden zweiten 
Abend im Smoking, es ist schrecklich, jeden zweiten Abend den glei- 
chen Vortrag. Der Penclub hat mir das verschafft, sonst ware ich langst 
tot. 



Emil Igel 421 

Literatura i — polityka. Rozmowa »Chwili« z Jozefem Ro- 

them. 

In: Chwila. Nr. 6388 (1. 1. 1937). 

In diesem Interview in der Zeitung der polnischen J uden nimmt Roth zu 
Deutschland und zum Judentum Stellung. Er wendet sich eindeutig gegen 



306 



IM EXIL 



die deutsche Kultur, die er von der osterreichischen unterscheidet Uber Polen 
dufiert er sich mit Sympathie, es set »sein Land«. Vom Judentum habe er 
sich entfernt. Dem polnischen Judentum jedoch fiihle er sich nocb verbun- 
den. Seiner politischen Uberzeugung zufolge sei er Monarchist, 



Literarisch verarbeitet hat Roth seine Geldnote und die psych ische Belastung 
des Exils in dem folgenden Artikel vom 4. September 1937: 

422 Joseph Roth 

Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers. 

In: Das Neue Tage-Buch. 5 (1937), 36, S. 856-858. 

JRW4, S. 301-305 

Montag, im vierten Jahr der deutschen Apokalypse 

Heute sind die Belegexemplare eines neuen Buches angekommen, zwei 
umfangreiche Pakete, hartes Packpapier, gut verschnurt [ . . . ] — Es ist 
mein achtzehntes Buch. Von den friiheren 17 sind 15 vergessen. In 
Deutschland sind auch die vergessenen verboten. Aufterhalb Deutsch- 
lands sind sie schwerlich in einer Buchhandlung aufzutreiben. Ein paar 
kultivierte Narren — gewohnlich unbemittelte Menschen — sagen mir 
manchmal, daft sie dies und jenes vergessene Buch kennen. 
[ . . . ] Mein Verleger ist ein Ehrenmann. Im Begleitbrief schreibt er wort- 
lich: »Es ist furchtbar, Abrechnungen zu sehn. Die Vorschiisse kommen 
nicht herein.* Ich habe schon sieben Verlage gehabt. Dies ist der achte. 
Ich kenne also bereits acht Ehrenmanner. Es ist viel — fur ein so kurzes 
Schriftstellerleben. [ . . . ] 

Freitag 
Ich habe gestern den Verlegern Unrecht getan. Sie sind wahrscheinlich 
wirklich Ersatz-Mazene. Vielleicht haben sie in der Tat eine groftere Lei- 
denschaft fur Literatur als ich und gehorchen dabei noch nicht jener »in- 
neren Stimme*, auf die wir Schriftsteller uns berufen. Die Verleger soil- 
ten sich auf sie berufen: denn sie verlegen Biicher ohne Gewinn, sogar 
mit Verlust — wie ich aus meinen Abrechnungen ersehe. Arme Narren! 
Sie verlegen deutsche Biicher in einer Zeit, in der die deutsche Sprache 
weniger verbreitet ist als Esperanto und Latein. Die deutsche Sprache 
meine ich, in der — immerhin — noch ein paar von uns schreiben. 

Donnerstag 
Merkwurdig, daft immer noch, trotz aller personlicher Not, einen die 
»anderen« und das »Offentliche« so beschaftigen! Ich erhalte die — sehr 
bescheidene — Rechnung des — kummerlichen — Hotels, in dem ich 
mehr Kredit geniefte als Behaglichkeit. Ich halte die Rechnung des Ho- 



IMEXIL 307 

tels neben die Abrechnung des Verlegers. Der Vergleich veranlafk mich, 
einen Ausschnitt aus diesem Tagebuch zu veroffentlichen. Uber das 
»Thema« eines »Artikels« nachzudenken, bin ich nicht mehr imstande. 
Ich reifte ein paar Seiten aus meinem Tagebuch und schicke sie ab wie 
eine Flaschenpost . . . 

Joseph Roth 423 

[Selbstbiobibliographie.] 

In: Das Wort. 2 (1937), 4/5, S. 192. 

JOSEPH ROTH 

Geboren 2. Sept. 1894 in Schwabendorf, war aktiver Offizier in der alten oster- 
reichisch-ungarischen Armee von 1913/1918. Begann 1921 als Journalist ia der 
..Frankfurter Zeitung** zu schreiben. 

Er veroHentlichte bis 1933: 

„April*\ Novelle. „Der blinde Spiegel**, Noyelle. „Hotel Savoy**, Roman. Re- 
bellion**, Roman. t ,Flucht ohne Ende**, Roman. „Zipper und sein Vater**, Roman. 
,Juden auf Wanderschaft**, Reportagen. „Panoptikum M , gesammelte Aufaatzc. 
„Rechts und Links**, Roman. „Hiob", Roman. „Radetzkymarsch", Roman. 
Die Mehrzahl der Biicher wurde ins Englische iibersetzt. 
Die Biicher J. Roths wurden in Deutschland nicht verbrannt. J. Roth hat als 
Kathotik und Osterreichcr einen Artikel gegen Hitler geachrieben, was ein Verbot 
seiner nachstehenden Bucher zur Folge hatte: 

Nach 1933 im Auslande verdffentlicht: 

„Tarabas** t Roman, Querido Verlag, Amsterdam, 1934. „Der Antichrist", Roman, 
Allert de Lange, Amsterdam. „Die hundert Tage**, Roman, Alien de Lange, 
Amsterdam, „Beichte eines Morders**, Roman, Allert de Lange, Amsterdam. 



3*1*% **k 



Ein schwerer Schlag fur Roth war der Abrifi »seines« Hotel Foyot im No- 
vember 1937. 

Joseph Roth 424 

Rast angesichts der Zerstorung. 

In: Das Neue Tage-Buch. 6 (1938), 26, S. 618-619. 

JRW4, S. 884-886 

Gegeniiber dem Bistro, in dem ich den ganzen Tag sitze, wind jetzt ein 
altes Haus abgerissen, ein Hotel, in dem ich sechzehn Jahre gewohnt ha- 
be — die Zeit meiner Reisen ausgenommen. Vorgestern abend stand 
noch eine Mauer da, die ruckwartige, und erwartete ihre letzte Nacht. 
Die drei anderen Mauern lagen schon, in Schutt verwandelt, auf dem 
halb umzaunten Platz. [ . . . ] An der einzigen Wand erkannte ich noch 



308 



IM EXIL 



die Tapete meines Zimmers, eine himmelblaue, zart goldgeaderte. Ge- 
stern schon zog man ein Geriist, auf dem zwei Arbeiter standen, vor der 
Wand hoch. Mit Pickel und Steinhammer schlug man auf die Tapete 
ein, auf meine Wand; und dann, da sie schon betaubt und bruchig war, 
banden die Manner Stricke urn die Mauer — die Mauer am Schafott. 

Jetzt sitze ich gegeniiber dem leeren Platz und hore die Stunden rinnen. 
Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir. Hier sitze ich 
am Wanderstab. Die Fiifte sind wund, das Herz ist miide, die Augen sind 
trocken. Das Elend hockt sich neben mich, wird immer sanfter und gro- 
wer, der Schmerz bleibt stehen, wird gewaltig und giitig, der Schrecken 
schmettert heran und kann nicht mehr schrecken. Und dies ist eben das 
Trostlose. 



Roth teilt Stefan Zweig am 2. November 1937 seine neue Adresse — Hotel 
Paris-Dinard — mit: 

Das Hotel Foyot wird auf Befehl des Magistrats demoliert, und ich bin 
gestern als der letzte Gast von dort ausgezogen. Die Symbolik ist allzu 
billig geworden. 
JRB, S. 516 



423 Paris, Rue de Tournon 

Photographic 1978. Von Brita Eckert. 

Hertha Pauli berichtet: 

Roth arbeitete weiter. Wenn er aufsah, suchte sein Blick iiber uns hin- 
weg die andere Straftenseite, wo das alte Hotel Foyot, in dem er fruher 
gewohnt hatte, niedergerissen wurde. Langsam, aber sicher verwandelte 
es sich in einen Schutthaufen. 

»Rast angesichts der Zerstorung* setzte Roth mit seiner kleinen, wie ge- 
stochenen Schrift iiber einen Artikel fur das »Neue Tagebuch*, das Leo- 
pold Schwarzschild in Paris herausgab. 

Hertha Pauli: Der Rife der Zeit geht durch mein Herz. Wien, Hamburg 
1970, S. 81 f. - Siehe auch Kat. Nr. 201 

Ahnlich Hans Natonek in seinem Nachruf auf Roth: 

[ . . . ] Er war der letzte Gast im gegeniiberliegenden alten Hotel » Foyot* 
gewesen, das vor fiinf Jahren demoliert wurde; das Haus war schon ge- 
raumt, die Spitzhacken larmten schon — Roth blieb, bis man das Dach 
abtrug, auf einer bloften Matratze. Dann zog er ins Haus gegeniiber, in 
der gleichen stillen Rue de Tournon, die er nur selten verlieft, und in der 
die Welt zu ihm kam. »Republik Tournon* nannte er diese Ecke am Se- 



IM EXIL 



309 



natspalais; er liebte die Menschen, die kamen und gingen, vor allem die 
Chauffeure, die Clochards, die Brieftrager und die Polizisten. 
Hans Natonek: Joseph Roth. In: Die neue Weltbuhne. 33 (1939), 22, S. 
680-683, hier S 680. - Siehe auch Kat. Nr. 333 

Aufier Roth ivobnten in dem kleinen Hotel de la Poste, in das Roth nach 
kurzem Zwischenaufenthalt im Hotel Paris- Dinard gezogen ivar, nur die 
Emigranten Soma Morgenstern und Jean Janes, d, i. Walter Jonas; beide ge- 
horten zu seinem engsten Freundeskreis. 



Soma Morgenstern 

Photographic 

Vorlage:K&W 

Soma Morgenstern 

Geb. am 3. 3. 1890 in Budanow bei Tarnopol. Dr. jur. et rer. pol.Journali- 
stische Tdtigkeit. 1933 Wiener Feuilletonkorrespondent der »FrankJurter 
Zeitung« und Mitarbeiter der »Vossischen Zeitung«. Emigriert 1938 nach 



426 

Abb. 60 




60. Soma Morgenstern 



310 



IM EXIL 



Frankreich. Mitarbeiter der Zeitschrift »Freies Osterreich«. 1940 interniert. 
1941 uber Marocco nach Neiv York. Publiziert u. a. Der Sohn des verlore- 
nen Sobnes. Roman. Berlin 1935 (engl. The son of the lost son. New York 
1946). — Forts.: In my father's pastures. Philadelphia 1947. — The testa- 
ment of the lost son. Ebd.1950. — Der verlorene Sohn. Roman. Koln 1963. 
— Die Blutsaule. Wunder am Sereth. Roman. Wien, Zurich, Stuttgart 
1964. - Gest. im April 1976 in New York. 



427 Soma Morgenstern an Rudolf Olden 

Brief. Paris, 6. 2. 1940. 1 Bl. hs. 

6. II. 40 

Soma Morgenstern 
Paris 6 e 

18, rue de Tournon 
Hotel de la Poste 

Sehr verehrter Herr Rudolf Olden, 

Es liegt mir daran, dem P. E. N. Club als Mitglied beizutreten und ich 
bitte Sie sehr, mir dabei zu helfen. Die zwei erforderlichen Briefe werden 
Sie gewifi schon erhalten haben: einen von Stefan Zweig, einen von Her- 
mann Kesten. Ich bin noch immer in dem Hotelchen, wo ich zwei Jahre, 
schwere Jahre, mit Joseph Roth gehaust habe, Sie konnen sich denken in 
welcher Veriassenheit und Trauer. 
Ihnen und Frau Olden 
die herzlichsten Grufte 
Ihres 

in Verehrung ergebenen 
Soma Morgenstern 



428 Paris. Le Tournon, Rue de Tournon 18 

Abb. 61 Ehemals Hotel de la Poste mit Cafe Tournon. 
Zwei Photographien. 1978. Von Brita Eckert. 

In der Besitzerin des Hotel de la Poste, Germaine Alazard, fund Roth eine 
ihn bewundernde Beschutzerin und Vertraute. 
Hierzu Hermann Kesten: 

Ich wuftte, da safi er, in dem kleinen Cafe in der Rue de Tournon, wo die 
junge Wirtin den kranken Poeten wie einen Freund behiitete und be- 
treute. Dort in dem kleinen Hotel hatte Roth seine winzige Stube. Dort 
verwahrte die Wirtin im Schanktisch, sorgsam und des Ranges des gros- 
sen Dichters durchaus bewufJt, seine neuesten Manuskripte, Korrektu- 



IM EXIL 



311 




61. Paris. Le Tournon, Rue de Tournon 18 



312 IMEXIL 



ren, Biicher. Obgleich sie, eine Pariserin, kein Deutsch verstand, wufke 
sie genau wie ein Germanist Bescheid iiber jedes deutsche Manuskript 
Sie kannte jede ins Franzosische iibersetzte Zeile Roths und seine 
Freunde und wuflte diese und jene nach ihrem Wert zu schatzen und zu 
behandeln, auch sie, wie fast alle, die ihm nahekamen, seine Vertraute 
und Bewunderin, sein Schuler und Hiker. 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, S. 
15-26, hierS. 24 

Karl Retzlaw sieht 1946 Roths Wirtin wieder: 

Als ich nach dem Kriege, im Sommer 1946, nach Paris zuriickgekehrt 
war, ging ich mit Huart zum friiheren Stammtisch Josephs Roths. Die 
Stiihle standen gruppiert, wie sie sieben Jahre zuvor gestanden hatten 
und so stand auch der Tisch, an dem Roth damals schrieb. Aufierlich war 
alles unverandert, nur die Wirtin, die sich so sorglich um Roth gekiim- 
mert hatte, war gar nicht mehr freundlich. Sie trug trotz der Hitze eine 
Haube. Huart erzahlte mir, daft franzosische Partisanen ihr die Haare ab- 
geschnitten hatten. Die Frau hatte ihre Fiirsorge fur die osterreichischen 
Emigranten auch auf die deutsche SS und Gestapo iibertragen und diese 
Eroberer angeblich freundlicher bedient, als es fur den Umsatz an Ge- 
tranken notig gewesen ware. 

Karl Retzlaw: Spartakus. Frankfurt a. M. 1972, S. 425. — Siehe auch 
Kat. Nr. 434 

Als kurz nach der Annexion Osterreichs die »Entreaide Autrichienne«, eine 
Hilfsorganisation fur osterreichische Emigranten, in Paris gegrundet wur- 
de, ist der geistig und korperlich geschlagene Roth dennoch sofort bereit, sich 
bei der Beschaffung von Aufenthaltsgenehmigungen, Unterkunften und 
Geldmitteln zu beteiligen. 
Aus einem kurzen Brief Roths an Stefan Zweig, Paris, 19. September 1938: 

Ich bin mit den osterreichischen Dingen, mit Fluchtlingskomitees und 
dergL iiberladen. 
JRB, S 522 

Hierzu ivieder Hermann Kesten: 

Noch in seiner Krankheit, selber in Not und Trauer, begleitete er wah- 
rend der letzten Monate ungluckliche Emigranten zur Polizeiprafektur 
und saft dort halbe Tage lang mit ihnen, ein Freund frommer Ungliickli- 
cher, die zu ihm kamen. 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 15-26, hierS 23 



IM EXIL 



313 



Joseph Roth. 

Photographic 1938. 

Leihgabe: K&W 



429 

Abb. 62 



Joseph Roth 

Die Kinder der Verbannten. 

In: Die Zukunft. 1 (1938), 1, S. 8. 

JRW4, S. 175-178 



430 



Ich habe (allzuoft) Gelegenheit, mit Emigrantenkindern zusammenzu- 
sein. Manchmal treffe ich sie im Wartezimmer der Polizei-Prafektur, wo 
sie, die so lange gewandert sind, endlich einmal warten durfen: auf An- 
weisungen, Ausweisungen, Zuweisungen, Abweisungen, Riickweisun- 
gen. Ich gestehe, daf^ ich mich gern in derlei Wartezimmern aufhalte. 
Der Kinder wegen, aber auch des Leides wegen, das sich hier versam- 
melt. Der gehaufte Schmerz erst wird ertraglich. 




62. Joseph Roth. 1938 



314 IM EXIL 



Zuerst, als ich anfing, mich mit dem Leid vertraut zu machen, das die 
Gastfreundschaft beschert, hatte ich alien Anlaft zu glauben, dafi die 
Kinder nichts oder nur sehr wenig von dem Ungliick wissen, das ihren 
Eltern beschert ist. [ . . . ] Wie groft aber war mein Erstaunen, als ich die 
bittere Erfahrung machte, daft die Kinder mehr wuflten als ihre Eltern! 
[ . . . ] Die Kinder wissen — und die sie gezeugt haben, scheinen ah- 
nungslos neben ihnen. Ahnungslos, wie sie in ihr furchterlich von ihnen 
selbst vorbereitetes Geschick gefallen sind, stehen sie neben ihren wis- 
senden Kindern, deren unerbittliches Auge beinahe nicht mehr die Kla- 
ge gegen die Vergehungen ihres Erzeugers ausdriickt, sondern bereits 
die Verzeihung. 

[...] 

Im Spdtherbst 1938 mttfite Roth zu Verhandlungen mit seinen Verlegern 
nach Amsterdam fahren. Wdhrend dieses Aufenthaltes schien er nach Aus- 
sagen von Freunden — er arbeitete an seiner »Legende vom heiligen Trin- 
ket* — geistig und kbrperlich am Ende zu sein. Seine Geldnote waren so 
grofl, dafi er skh den Bet rag fur die Bahnfahrt zuruck nach Paris von sei- 
nem Hotehvirt lei ben mufite. 



431 Joseph Roth 

Das bittere Brot. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 883 (3. 1. 1939), S. 4. 

JRW4, S. 886-889 

Roth beschreibt einen Tag im Leben eines Emigranten, der sich als Hausie- 
rer durchschldgt: 

Der Tag erhebt sich, und der arme Mann wunscht, die Nacht noch 
auszudehnen. Es ist zwar Dezember, also ein spater Tag, und er kommt 
dennoch zu fruh. Die Morgen sind bose, aber mit der Zeit hat der arme 
Mann gelernt, dafi man sie iiberstehen mull, um jeden Preis, denn der 
Tag wartet schon. [ . . . ] 

Es ist ein winziges Hotelzimmer im vierten Stock, mit scharlachroten, 
von gelben Sonnenblumen unterbrochenen Tapeten. Von der nahen 
Turmuhr schlagt es acht. In den Rohren der Wasserleitung drohnt es, 
weil ein Mieter im ersten oder im zweiten Stock den Hahn aufgedreht 
hat. Auch der arme Mann tritt an die Wasserleitung. Seit zwei Wochen 
hangt dasselbe Handtuch iiber der Messingstange. Der Schmutz der ver- 
gangenen Tage klebt am Handtuch, der giinstigen, der mittelmaftigen 
oder der ausgesprochen schlechten Tage. [ . . . ] 

[ . . . ] Wer weift, was alles er noch heute verkaufen konnte, wenn nicht 
nur nicht Donnerstag, sondern auch nicht der neunundzwanzigste De- 
zember ware. An diesem Tage namlich mull der arme Mann auch zur 



315 



Polizei. Er hat ein Papier, auf dem geschrieben steht, wie er heifit und 
woher er kommt und wo er wohnt. Es steht aber nicht darauf, wie lange 
er wohnen kann und wohin er gehen darf. 

Man sagt ihm nichts. Er wartet Dann stellt er den Koffer hin und steht 
an einem Schalter, und ein Herr driickt sofort einen Stempel auf das Pa- 
pier; so schnell, dafi der arme Mann fragen mochte, ob der Herr nicht 
Bleistifte braucht. Er besinnt sich aber und entfernt sich, der arme Mann. 
Was braucht er noch? Den Wirt kann er bezahlen. Vierzehn Tage kann 
er noch bleiben. Eine Wurst, einen Kase, ein Bier kann er bezahlen. Der 
arme Mann ist von Zuversicht erfullt. Und dazu an einem Donnerstag. 
Er fahrt nach Hause, zahlt, steigt ins Zimmer und legt sich ins Bett 
Heute macht er gar kein Licht: so zufrieden ist ein armer Mann. 
JRW4,S. 886 und S. 889 



Freunde 



Bis zu seinem Tod war Roths Arbeitstisck im Cafe ein Sammelpunkt deut- 
scher und osterreichischer Emigranten, 

Hermann Kesten zu Roths Fdhigkeit, immer einen Freundeskreis urn sich 
zu bilden: 

Er hat sich immer einsam gefiihlt und war der geselligste Mensch. In 
den meisten groflen Stadten Europas war sein Kaffeehaustisch eine Ta- 
felrunde und ein Stammtisch. Seine Freunde in aller Herren Lander wa- 
ren Legion, Freunde von jeder Sorte, Poeten und Journalisten, Verleger 
und reiche Leute, Schmarotzer und Stammgaste, katholtsche Priester 
und Kommunisten, Herzoginnen und Schauspielerinnen, Hilfesuchende 
und Leser, Narren und Ungliickliche. Eine ganze Gesellschaft safi an sei- 
nem Tisch, und Roth studierte und unterhielt sie, trinkend und plau- 
dernd und rauchend, noch in den mufligsten Stunden beschwingt, ein 
ausgezeichneter Erzahler, geistreich und nobel, ein flinker Beobachter, 
scharfaugig, hellhorig, immer der Mittelpunkt, anziehend und anziiglich, 
und in guten und lange auch in schlechten Zeiten die Tafelrunde bewir- 
tend. Auch die Gotter und Grazien saBen behaglich an seinem Tisch, 
Apoll und Bacchus und Merkur, der Patron der Verleger, und zuweilen 
auch, in »der Tracht eines Kleinburgers«, ein »armer Teufel«. Aber auch 
schone Frauen safien da. Und die Grazien liebten ihn. 
Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geda'chtnisbuch, 
S. 15-26, hierS. 16 f. 



316 IMEXIL 



Ahnlich Klaus Mann: 

Glasigen Blicks, aber sonst in wurdig-zusammengenommener Haltung, 
hielt er Cercle in den Kaffeehausern von Paris, Wien, Amsterdam und 
anderen Metropolen. Wo er sich auch gerade aufhalten mochte, immer 
wurde sein Tisch zum Zentrum. Dem Autor des »Hiob« und des »Ra- 
detzkymarsch*, der iibrigens keineswegs die Rolle des »Meisters« spielte, 
eignete jene kreisbildende Attraktion, die manchmal zu den naturlichen 
Eigenschaften und Manifestationen des Talents gehort. Kollegen und 
Bewunderer umgaben ihn, wahrend er mit einer nicht ganz geheueren, 
vielleicht verzweifelt scherzhaft gemeinten Begeisterung vom kaiserli- 
chen Gedanken schwarmte und dabei ein dunkles Glaschen nach dem 
anderen kippte. Die Mischungen, an denen er sich erlabte, sahen wie 
Medizinen aus, waren aber furchtbar unbekommlich: Der Dichter Roth 
beging langsamen Selbstmord, trank sich mahlich zu Tod, inmitten der 
Bewunderer und Kollegen. 

Klaus Mann: Der Wendepunkt Frankfurt a. M. 1952, S 330. — Siehe 
auch Kat.Nr. 506 

432 Joseph Roth mit fiinf Freunden im Cafe 

Abb. 63 Von links nach rechts: Joseph Roth, Frans Hannema, 
Charles Nypels, Charles Roelofsz, Joop Sjollema und 
Maurits Mok. 

Photographic Amsterdam, vermutlich Herbst 1938. 
Vorlage: LBI 

Nach David Bronsen teilte Roth selbst seine Gdste in »drei Schichtem ein. 
Vom Beginn der Dunkelheit bis Mitternacht verkehrte dort Prominenz 
(»die monddne Welu) — >Journalisten, Schauspieler, Verehrer auf der 
Durchreise«. AnschliejSend safi er mit seinen engen Freunden zusammen — 
so vor allem den Mitbewohnern im Hotel de la Poste, Soma Morgenstern 
und Jean Janes; gelegentlich waren auch Hermann Kesten, Ludwig Marcu- 
se, Ernst Toller, Stefan Zweig, Friderike Zweig u. a. zu Gast. Nach drei Uhr 
verbrachte er meist noch zwei Stunden allein mit Joseph Gottfarstein. Joseph 
Gottfarstein, ein in Litauen geborener Journalist und Talmud-Kenner 
orthodox jiidischen Glaubens, war wohl der vertrauteste Mensch Roths von 
ihrer ersten Begegnung im Jahre 1934 an bis zu Roths Tod. Beide sahen 
sich tdglich. 

Von Joseph Gottfarstein waren keine biographischen Daten feststellbar. Er 
schrieb u. a. Vecole du meurtre. Neuchdtel 1946 (361 S.) und ubersetzte aus 
dem Jiddischen u. a. Marc Dvorjetski: Le ghetto de Vilna. Rapport sanitai- 
re. Geneve 1946 (zusammen mit R. Citrinbaum), und Cholem Aleichem: Le 
Tailleur ensorcele et autres contes. Paris I960 (zusammen mit Isaak Pon- 
gatch). 



IMEXIL 317 

Joseph Roth mit Zils (links) und Soma Morgenstern 433 
im Cafe Tournon 

Photographic 1938. 

Leihgabe: K&W 



Der Journalist und Lektor Karl Retzlaw, ein ehetnaliges Mitglied des Spar- 
takusbundes und Anhdnger Trotzkis, der ofter an Roths Stammtisch in Pa- 
ris zu Gast war, berichtet: 

Karl Retzlaw 434 

Spartakus. Aufstieg u. Niedergang. Erinnerungen eines 
Parteiarbeiters. (2., durchges. Aufl.) 
Frankfurt: Verl. Neue Kritik (1972). 511 S. 

Ich erwahnte schon fruher den Stammtisch Joseph Roths im Cafe seines 
Hotels in der Rue de Tournon, ungefahr 30 Schritte vom Palais du Lu- 
xembourg. Hier trafen sich Freunde Roths aus aller Welt. Ich wurde 
durch Joseph Bornstein und Valeriu Marcu eingefuhrt. Neben mir be- 
reits bekannten Schriftstellern und Journalisten lernte ich Hermann Ke- 
sten, Walter Mehring, Alfred Doblin, Hermann Rauschning, Frau Manga 
Bell, Hertha Pauli und andere kennen. Darunter war ein naturalisierter 
Franzose, Stephane Huart, der sich mit Roth duzte und der mich gleich 
am ersten Abend einlud, ihn am nachsten Tag zu treffen. Marcu kam sel- 
ten, er wohnte in Nizza. 

Gesprochen wurde iiber alle Dinge, die politische Menschen, Schriftstel- 
ler und Journalisten interessieren, vor allem iiber den kommenden 
Krieg, ob die Deutschen geniigend zu essen haben werden, wenn sie in 
den Krieg ziehen, iiber die eigenen Arbeiten, iiber Verleger und Verlage. 
Alle waren sehr belesen und lasen und sprachen mehrere Sprachen; das 
gehorte zu ihrem Beruf. Roth sprach mit der Vision des Dichters: »Der 
Krieg kommt sehr bald, ich sehe zu viele schwangere Frauen.« Und sein 
Urteil iiber die Nazis formulierte er einmal, als gerade mehrere gut ge- 
kleidete Manner am Cafe voriibergingen, die unverkennbar deutsche Mi- 
litars in Zivil waren: »Mir steht der letzte Clochard menschlich naher als 
diese geleckten SS-Typen.« An diesem Stammtisch waren die treffend- 
sten Apercus zu horen, aber auch die pessimistischen Untergangsaufte- 
rungen. Der deprimierteste war wohl Alfred Doblin. 
Ich hatte nicht immer die Zeit, zum Stammtisch zu gehen, manchmal 
ging ich einmal in der Woche, manchmal ofters, zeitweilig wochenlang 
gar nicht Ich traf nicht immer die gleichen Personen an, nicht alle 
wohnten in Paris, andere konnten wegen ihrer Arbeiten nicht kommen. 
Roth hatte mich gleich am ersten Abend eingeladen, ihn auch gelegent- 



318 



IM EXIL 




63. Joseph Roth mit fiinf Freunden im Cafe. Von links nach rechts: Joseph 
Roth, Frans Hannema, Charles Nypels, Charles Roelofsz,Joop Sjollema 
und Maurits Mok. Amsterdam, vermutlich Herbst 1938 



IM EXIL 



319 




320 IM EXIL 

lich am Tage zu besuchen, um ungestorter miteinander sprechen zu 
konnen. Er hatte mir auch gleich das Du angeboten. Ging ich hin, dann 
traf ich ihn am Tisch schreibend an. Er schrieb immer und trank immer. 
Wenn wir diskutierten, versuchte ich ihm seinen todlichen Pessimismus 
auszureden, aber dieser brach immer wieder durch. Besonders als wir alle 
gemeinsam anfang Juni 1938 zur Trauerfeier fur Odon von Horvath ge- 
gangen waren, der, erst kiirzlich in Paris angekommen, todlich verun- 
gliickte. 
Seite 420 f - Siehe auch Kat.Nr. 451-454 



433 Joseph Roth am Cafetisch 

Zeichnung. 1938. Von Bil Spira. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 



Dem Jugendfreund Stefan Fingal, mit dem Roth 1920 nach Berlin uberge- 
siedelt war und der sich Ende der zwanziger Jahre um seine kranke Frau 
gekummert hatte, verhalf Roth 1938 durch seine Fursprache bei franzosi- 
schen Behorden zur Einreisebewilligung von Memel nach Frankreich. 

436 Republique Frangaise, Ministere des Affaires Etran- 
geres, Direction des Affaires politiques et commer- 
ciales, Controle des etrangers an Joseph Roth 

Brief. Paris, 24. 10. 1938. 1 Bl. ms. mit Unterschrift. 

Kopie. — Vorlage: Margrit Fingal, Renens, Schweiz. 

437 Stefan Fingal 

Photographic Paris, undatiert. Von Studio Harcourt 

Vorlage: Margrit Fingal, Renens, Schweiz. 

Stefan Fingal 

Geb. am 25. 9. 1889 in Mostar. Kindheit und Studium in Wien. Ubersie- 
delt 1920 nach Berlin, zusammen mit Joseph Roth. Journalistische Tdtig- 
keit, u. a, Pressechef der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn. Ins Exil, 1938 
nach Paris. Mitarbeiter der »Pariser Tageszeitung«. 1939 interniert Lebt 
nach seiner Entlassung bis 1944 im Untergrund, u. a. in den Ortschaften 
La Bourboule und Cognin. Nach seiner Ruckkehr nach Paris im franzosi- 
schen Lager Drancy interniert. Kurz vor Abtransport in ein deutsches KZ 
von den Alliierten befreit. Lebt ah 1945 in Paris. Journalistisch tdtig fur 
das ^German and Austrian Information Department*, Foreign Office, 



321 



London, dann fur den »Aufbau«, Netv York, »Welt am Sonntag«, Ham- 
burg, und »Die Presse«, Wien. Spdter, bis zu seinem Tod, stdndiger Mitar- 
beiter der »Stuttgarter Zeitung«. Ubersiedelt 1958 in die Schweiz (Renens/ 
Lausanne), Dort 1962 gestorben. 

Einige Zeit wohnte Stefan Fingal bei Roth im Hotel de la Poste. 
Nach Auskunft von Fran Margrit Fingal verhinderten es seine Bemilhun- 
gen um Geldspenden bei Freunden, dafi Roth in einem Armengrab beige- 
setzt iverden mufite* 



Immer wieder hat sich Roth in Beitrdgen in Exilzeitschriften uber Freunde 
und Kollegen gedufiert — in Rezensionen, Geburtstagsgratulationen, aber 
auch — und dies zunehmend — in Nachrufen. 



Joseph Roth 438 

Niederlage der Gerechtigkeit. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 21, S. 500. 

JRW4, S. 422-423 

Die Rezension von Hermann Kestens Roman »Der Gerechte« (1934) ent- 
hdlt Roths offenes Bekenntnis zu ihrer Freundschaft: 

Wenn es jemals eines Beweises dafiir bedurft hatte, daft die wahre Hei- 
mat eines echten Dichters die Sprache ist, so ist dieses Buch einer. Das 
Vaterland des echten Sch rifts tellers ist seine Sprache. Ihm allein ist die 
Gnade zuteil geworden, seine Heimat mit sich zu fiihren. Hermann Ke- 
sten, wie wir alle einer der »Exilierten«, hat seine frankische Heimat mit 
sich genommen. Das Vaterland, das ihn verbannt hat, hat sich seiner be- 
raubt; nicht er ist der Heimat beraubt worden. 

In diesem Roman »Der Gerechte« gibt es Schilderungen der frankischen 
Landschaft von groftartiger und leidenschaftlicher Herbheit und Sufte. Ja, 
aus der frankischen Landschaft wachsen die Gestalten dieses Buches; 
und schamten wir uns nicht, das mifibrauchte Wort »Scholle« zu gebrau- 
chen, wir wurden sagen: hier ist der klarsichtige Intellekt eines kriti- 
schen Gehirns eine organische Bildung eingegangen mit dem triebhaften 
Instinkt des »erdgebundenen« Dichters. 

[•••] 

Diese Zeilen hat Kesten nicht etwa schon nach dem Ausbruch des Drit- 
ten Reiches geschrieben, sondern lange noch vor dessen Ausbruch, wie 
mir die gliickliche Freundschaft mit dem Autor dieses aufterordentH- 
chen Buches zu wissen erlaubt. Eine der wenigen Gelegenheiten, in de- 
nen man sich erlauben darf, offentlich Zeugnis abzulegen von einer pri- 



322 



IM EXIL 



vaten Beziehung. Denn dieser junge Dichter, den ich seit seinen Anfan- 
gen kenne, wachst im Ungliick des Exils zu einer wahrhaft bedeutenden 
dichterischen Personlichkeit, und es ist mir, dem Alteren, ein Gliick, daft 
es mir vergonnt ist, sein neuestes Werk als eines der bedeutendsten Bii- 
cher der deutschen Emigrationsliteratur zu empfehlen. 



439 Hermann Kesten 

Der Gerechte. Roman. 

Amsterdam: Allert de Lange 1934. 335 S. 

Noch vordem Exil, am 3hjanuar 1931, hatte Roth an Friedrich Traugott 
Gubler von der frankfurter Zehung« aus Marseille geschrieben: 

Wollen Sie mir das neue Buch von Kesten anvertrauen? Verreiften wer- 
de ich es «/VA//Denn der Mann ist meine Entdeckung. Und unbestech- 
lich gegen mich selbst bin ich nicht. 
JRB, S. 192 



440 Hermann Kesten 
Abb. 64 Photographic 1934. Von Fred Stein. 

Hermann Kesten uber ihre Beziehung: 

[...] 

Als ich Joseph Roth zuerst sah, im Jahre 1927 zu Frankfurt am Main, 
schien es mir, als ginge schon der Genius halb verhiillt neben ihm. [. . .] 

Sein Gesprach war geistreich und leidenschaftlich. Seine hallende Klug- 
heit und sein scharfer, poetischer Witz waren ihm stets parat. Wir spra- 
chen von den Deutschen und der Poesie, von den Juden und Gott, von 
der Technik des Schreibens und der Kunst des Lebens. Selten waren wir 
einig. Immer war er amiisant, oft tief und prophetisch. Ich kannte und 
liebte ihn schon aus einigen seiner ersten Schriften. Nun fand ich ihn 
ebenso glanzend und reich (an Geist) und verzweifelt wieder, nur zartli- 
cher, und ich liebte ihn noch mehr seit jenen mittaglichen Stunden. 

[■ ■ •] 

Ich liebte Roth. Ich hatte in zwolf Jahren einen groften Teil meines Le- 
bens mit ihm verbracht. Nuchtern safl ich neben dem Niichternen des 
Mittags, wenn er schrieb. Und nuchtern safi ich neben dem Berauschten, 
des Abends und tief in die Nacht hinein, wenn er trank und lauschte mit 
dem zartlichsten Vergniigen seiner witzigen Weisheit des Tages und set- 



323 



ner witzigen Tollheit urn Mitternacht, denn auch seine Tollheit 
schmeckte nach Poesie. 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Gedachtnisbuch, S. 
13-26, hier S. 19 und S. 23 




64. Hermann Kesten: 1934 



324 IMEXIL 

441 Joseph Roth 

Abb. 65 Kein rasender Reporter. 

In: Neue Deutsche Blatter. 2 (1934/1935), 5 = Sonder- 
heft fur Egon Erwin Kisch (zum 50. Geburtstag), S. 286. 

JRW4,$.286 

Zu Kiscbs 50. Geburtstag am 29. April 1935: 

Die literarischen Verdienste des Schriftstellers Egon Erwin Kisch sind in 
der Welt bekannt. Dennoch mochte ich sie zum Zeichen der Freund- 
schaft, die uns trotz alien politischen Gegensatzen verbindet, hier nen- 
nen: 

Egon Erwin Kisch ist kein rasender Reporter; das ist ein Spitzname, den 
er sich nicht ohne Selbstironie gegeben hat; er ist ein gewissenhafter und 
griindlicher Berichterstatter. Was ihn aber zum vorzuglichen Schriftstel- 
ler macht und seine Berichterstattungen zu literarischen Werken, ist — 
der Materialist Kisch moge es mir nachsehen — die Gnade, die Gnade 
des echten Schriftstellers, die darin besteht, daft man die Wirklichkeit 
beschreibt, ohne die Wahrheit zu verletzen; daft man trotz der doku- 
mentarischen Wirklichkeit nicht versaumt, die Wahrheit zu sagen. Diese 
Fahigkeit allein ist es, die Egon Erwin Kisch eine ganz besondere, ich 
mochte fast sagen, einmalige und einzige Bedeutung gibt 



442 Egon Erwin Kisch 

Photographic Paris 1935. Von Fred Stein. 

Arthur Koestler berichtete David Bronsen iiber Begegnungen Roths mit 
Kisch in Ostende: »Die Keun sympathisierte mit uns und beteiligte sich an 
unseren Gesprdchen iiber die Ereignisse in Spanien [, . ./ wdhrend Roth mit 
seiner Ansicht zuruckhielt und nur an der Gesellschaft von Kisch interes- 
siert war. Die zwei fanden offensichtlich Gef alien aneinander, aber ihre 
Beziehung beschrdnkte sich auf ein gegenseitiges Frotzeln, zu wirklichen' 
Diskussionen zwischen den beiden kam es nicht.« (Bronsen, S. 472) 



IM EXIL 325 

l Junl 1935 "-..,.„ II. Jakr, No. S;$f 

NEUE 

DEUTSCHE 

BLATTER 

monatschrift for LITERATUR UND K-RITIK 

Red aktion 
/♦ (Berlin) O.M.Graf W.Herifelde Anna Seghers 



Sonderheft filr Egon Erwin Kisch ■ 

' rait Beitriigen voa 

Max Brod - Albert Ekrenstein - Bruno Frei - Rudolf Fuchs \ 

E, L Gumbel - Otto Heller - Peter Kast - Kurt Kersten - Ludwlg Marcuse 
Pierre Merin - Balder and Rudolf Olden - Roda Roda <* Joseph Roth - 

Kerf Schmiickle - £>«$* IV/er - Werner Turk - Arnold Zweig u. v. a* 

ii i ■ ir in- 

„Die Stimme aus ' Deutschland" J 

E B •* 



rr\ / Hr i c h - Paris- London - Amsterdam 

59 /*Q Er.l- 



fr. 5*~ sh.l!6 FL&SO "H 



6:5. A^«<? Deutsche Blatter. Juni 1935 (Sonderheft filr Egon Erwin Kisch) 



326 



IM EXIL 



443 Joseph Roth 

Fur Ernst Kfenek. 

In: 23 [Dreiundzwanzig]. Eine Wiener Musikzeitschrift 

Nr. 22/23 (10. 10. 1935), S. 1-2. 

Nachdruck. Wien: Kerry 1971. 

JRW, S. 289-290 

Ich liebe die Musik Ernst Kreneks, und ich Hebe seine Sprache. In meine 

Liebe zu seiner Musik mischt sich Dankbarkeit: denn ihm, unter alien 

lebenden, bedeutenden und »modern« genannten Musikern, habe ich die 

angenehme Erfahrung zu verdanken, daft mein widerspenstiges Ohr 

nicht ein musikalisch taubes ist, sondern lediglich ein ungeschultes, je- 

denfalls nur ein ignorantes. [. . .] Es ist wach geworden, und es hat gelernt 

zu differenzieren. [. . .] 

Ich liebe seine Sprache, weil sie den bescheidenen Glanz der Konse- 

quenz, der Grammatik, der Syntax, des Gesetzes hat. [. . .] 

Ich liebe ihn besonders, weil er ein treuer und echter Osterreicher ist. 

Ich hoffe, dafi ich mich zu seinen Freunden zahlen darf [. . .] 

444 Ernst Kfenek 

Photographic Von Fritz Eschen. 

In: Ernst Kfenek: Zur Sprache gebracht. Essays uber 

Musik. 

Munchen: Langen/Miiller (1958). 397 S., 1 Titelbild 



445 Joseph Roth [u. a.] 

Dank an Alfred Polgar. Zu seinem 60. Geburtstag am 

17.0ktober. 

In: National-Zeitung. Basel. 17. 10. 1935. 

JRW 4, S. 290-291: Fur Alfred Polgar. 

Ich habe ihm viel zu verdanken. Unter den deutschen Schriftstellern der 
Gegenwart ist er einer der behutsamsten. Die sprachliche Bebtitsamkeit 
habe ich von ihm gelernt Ich gestehe, dafi ich versucht habe, sie ihm ab- 
zulauschen; daft ich versucht habe, den Geheimnissen der deutschen 
Sprache nachzuspiiren, so wie er unter wenigen es kann, dank seiner 
Gnade zu horen und zu fuhlen. Dankbar war ich ihm noch vor dieser 
Zeit, damals also, als man noch hatte hoffen konnen, dafj das zarte und 
starke Instrument der deutschen Sprache nicht degradiert werden konn- 
te zum reichsdeutschen Lautsprecher: heute aber, da dem so ist, wird 



327 



meine Dankbarkeit gegen Alfred Polgar noch grower. Seine Zartheit ist 
siegreich gegen den Lautsprecher. In diesen jammerlichen Tagen, in de- 
nen Barbaren und Stotterer die deutsche Sprache mifthandeln, wird das 
Werk Alfred Polgars bedeutender, als es jemals »in ruhigen Zeiten* er- 
schienen ware. Ich danke ihm von Herzen: fur alles, was er fur die deut- 
sche Sprache getan; fur alles, was er mich gelehrt hat. 



Alfred Polgar 446 

Photographic Abb. 66 

Vorlage:Jahrbuch. 1934/1935. 
Amsterdam: Allert de Lange 1934, Bildteil. 

Alfred Polgar 447 

In der Zwischenzeit. 

Amsterdam: Allert de Lange 1935. 266 S. 



Joseph Roth 

An Karl Tschuppiks Grab. 

In: Das Neue Tage-Buch. 5 (1937), 31, S. 741. 

JRW 4, S. 291-293 

Zum Tode Karl Tschuppiks am 22.Juli 1937: 

[...] 

Mit diesem feinen Ohr vernahm er — der Historiker, dessen profane 
Kenntnis und wissenschaftliche Sorgfalt die Grazie des Schrifts tellers 
nahrten — die Untertone und die Zwischenklange der menschlichen 
Geschichte. Noch seine Skepsis hatte einen goldenen Glanz. Sie war wie 
ein heiterer Sonnenuntergang. Seine Ironie war elegant und versohnlich. 
Aber sein Zorn und sein Groll kannten selten eine abschwachende Mil- 
derung. Und nachsichtig, ja leichtsinnig oft, wie er sich der Frivolitat und 
der Nichtsnutzigkeit gegeniiber zeigte, blieb er hart, wurde er manchmal 
fast bedrohlich, gegen jede Manifestation der pathetischen Plumpheit, 
»des tierischen Ernstes«, des brutalen politischen, literarischen, journali- 
stischen, polizeilichen Pobels. [. . .] Sein ganzes Leben kampfte er gegen 
den »Vollbart«. In seiner Jugend gegen die sudetendeutschen Wodans- 
bartigen, gegen die Schonerianer, gegen die Vater Hitlers, und gegen die 
deutschnational betonten »Liberalen«, spater gegen die Sozialdemokra- 
ten, mit den Dogmabarten, gegen die »groftdeutschen« Historiker, gegen 
die verderblichen Minister, die nach den Hohenzollern spahten, wah- 



328 



IM EXIL 



rend sie Habsburg dienten, gegen den hochmiitigen Clan, der die iiber- 
nationale Sendung Osterreichs verleugnete, die nichtdeutschen Volker 
der Monarchic »von oben herab* behandeln wollte und also den Zerfall 
herbeifiihren half. Er kampfte spater gegen die Verengung des osterrei- 
chischen Horizonts durch die kretinischen Vorkampfer der papierenen 
deutschen Phraseologie, gegen die »Schollenmenschen«, die Blut-und- 
Boden-Fanatiker, gegen den AnschlufS und kurz vor seinem Ende gegen 
die Hitlerei. [. . .] 

Erschuttert schreibt Roth Stefan Zweig auf die Nachricht von Karl Tschup- 
piks Tod bin: 

Tschuppik war mir aus vielen Griinden viel naher, als Sie gewuflt haben, 
und sein Tod hat mir — mitgeteilt durch ein Telegramm einer Ztg: »Bit- 
ten express Nachruf Tschuppik*, um 7h morgens — jegliche Kraft ge- 
nommen. Ich bin vollkommen irre. Am Herzen: Angina pectoris: ster- 
ben sie alle, bis jetzt: Hermann Wendel, Walter Rode, von Gerlach, Ste- 
fan Groflmann, Wassermann, Werner Hegemann und noch einige. Ge- 
brochene Herzen: fur sie wird Hitler teurer zahlen, als fur die simplen 
Morde. 
JR an Stefan Zweig. Ostende, 28. 7. 1937. - JRB, S. 499 




66. Alfred Polgar 



67. Karl Tschuppik 



IM EXIL 



329 



Karl Tschuppik 

Photographie. 

Vorlage:Jahrbuch. 1934/1935. 
Amsterdam: Allert de Lange 1934, Bildteil. 

Karl Tschuppik 

Geb. am 26. 7. 1877 in Melnik bei Prag. Studiert in Prag and Zurich tech- 
nische Wissenschaften. Ab 1899 Redakteur, ab 1910 Chefredakteur des 
»Prager Tagblatt«. Seit 1918 journalist, Tdtigkeit in Wien und Berlin. 
1933 von Berlin nach Wien. Publiziert u. a. Franz Josef I. Der Untergang 
eines Reiches. Hellerau b. Dresden 1928. — Elisabeth, Kaiser in von Oster- 
reich. Wien 1929. — Ludendorff. Die Tragodie eines Fachmannes. Wien 
1931. — Maria Theresia. Amsterdam 1934. — Ein Sohn aus gutem Hau- 
se. Roman. Ebd. 1937. — Gest, am 22. 7. 1937 in Wien. 



449 

Abb. 67 



Joseph Roth 

Abschied von Karl Tschuppik. 

In: Der Christliche Standestaat. 4 (1937), 30, S. 724- 

JRW4, S. 293-296 



-725. 



450 



Das letzte Buch Karl Tschuppiks war sein erstes belletristisches, ein Ro- 
man aus dem alten Osterreich. Der Autor erwies dem Schreiber dieser 
Zeilen die Ehre, ihm sein Buch mit folgenden Worten zu widmen: 
»Dem letzten Ritter meiner Welt!* — Von einem Todgeweihten zum 
letzten Ritter der osterreichischen Welt erhoben, habe ich den Mut, die- 
sen Abschied vom Osterreicher Tschuppik mit den Worten, den nie ver- 
brauchten, zu beschlieflen : ^Austria erit in orbe ultima.* 
JRW4,S.296 

Tschuppiks letztes Buch ist der Roman »Ein Sohn aus gutem Hause«. 



Joseph Roth 

Odon von Horvaths Tod. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 702 (3. 6. 1938), S. 3. 

JRW4, S. 319-320 

Zum Tode Odon von Horvaths am l.Juni 1938: 

Odon von Horvath, einer der besten osterreichischen Schriftsteller, 
deutschsprachiger Ungar von Geburt, ist vorgestern in Paris das Opfer 
eines jener Unfalle geworden, die wir als »sinnlose« zu bezeichnen pfle- 



451 



330 



1M EXIL 



gen, weil uns das Unerklarliche sinnlos erscheint Odon von Horvath 
wurde bei einem Spaziergang auf den Champs-filysees von einem um- 
sturzenden Baum getroffen und auf der Stelle erschlagen. Er war gerade 
vor Hitler aus Osterreich gefliichtet, nachdem er schon vorher aus 
Deutschland vor dem gleichen Hitler geflikhtet war. Er war, heiter und 
gliicklich, der Pest entronnen zu sein, hierher, zu uns gekommen. Bei ei- 
nem heiteren Spaziergang durch Paris, das er liebte, traf ihn der unheim- 
liche, unbegreifliche Baum. 

Man kennt Odon von Horvath. Man kennt sein beriihmt gewordenes 
Drama »Geschichten aus dem Wiener Wald«, ein Stuck von starker Gra- 
zie und boshafter Ironie, ein Stuck, das den Autor selbst am besten 
kennzeichnet. Denn er war ein starker Mensch, leichtfertig scheinbar, 
kindlich und boshaft mit der scharfen Beobachtungsgabe ausgestattet, 
die Kinder besitzen. Man wird seinen ersten Roman Jugend ohne Gott« 
nicht vergessen, in dem sich der Charme mit der tragischen Bosheit der- 
mafien innig verbindet, dafi man kaum das eine von dem andern zu un- 
terscheiden weift. [. . .] 

452 Odon von Horvath 

Jugend ohne Gott. Roman. 

Amsterdam: Allert de Lange 1938. 219 S. 

453 Odon von Horvath 

Photographic 
Vorlage:DOW 

In seinen Erinnerungen berichtet Carl Zuckmayer ilber Horvdths Beiset- 
zung auf dem Friedhof Saint-Ouen 6 Tage nach seinem Tod, am l.Juni 
1938: 

454 Carl Zuckmayer 

Als war's ein Stuck von mir. Horen d. Freundschaft. 

(21.-60. Tsd.) 

[Frankfurt a. M.:] S. Fischer (1966). 572 S. 

Auf groteske Weise mischte sich bei diesem Begrabnis die Tragodie mit 
dem Satyrspiel. Wir fuhren, nach den Exequien in einer katholischen 
Kirche der Innenstadt, in einem langen Zug von Taxis zu dem weit ent- 
fernten, in der Nahe des Nordbahnhofs gelegenen Friedhof — die ganze 
in Paris lebende Emigration, von der die meisten heillos untereinander 
zerstritten und verfeindet waren. Es hatten sich schon bei unserer An- 
kunft die verquertesten Gesprache abgewickelt, wobei es um die Reihen- 



IM EXIL 331 

folge der Grabredner ging: denn aufter den von der Familie ausdriicklich 
dazu aufgeforderten, das waren Werfel, Mehring und ich, wollten alle zu 
Wort kommen, die fanden, bei einer solchen Gelegenheit gehort werden 
zu mussen. Es war eine betrachtliche Menge, und unter ihnen ging es 
darum, wer wem den Vortritt zu lassen habe oder wen wer zu beleidigen 
furchtete, wenn er zuerst redete. Ich schlug alphabetische Reihenfolge 
vor — fur mich am giinstigsten, weil ich dann zuletzt kam, denn ein 
Zweig, Stefan oder Arnold, war nicht anwesend. Es war nur noch ein 
Grabplatz am auftersten Ende des Friedhofs frei gewesen, und so beweg- 
te sich nach dem Verlassen der Taxis die ganze Trauergesellschaft durch 
den weitlaufigen Gottesacker, bis dahin, wo er kahl und baumlos wurde. 
Hinter dem Sarg schritten die Eltern, ein ernstes, wiirdiges Paar, der Va- 
ter und Odons einziger Bruder, den er sehr geliebt hatte, stiitzten die fast 
zusammengebrochene Mutter. Dann kam, neben dem franzosischen 
Priester, ein ungarischer Kaplan, mit der Familie befreundet, der aus Bu- 
dapest hergeflogen war. Dahinter zwei junge Frauen, die sich um den 
Rang als Odons letzte Geliebte stritten. Und dann kamen wir — eine 
jammervolle Schar zerzauster Vogel, auch soweit wir noch gute Klei- 
dung und ungeflickte Halbschuhe trugen. Da hinkte Rudolf Leonhard, 
ein heute ziemlich vergessener Autor des friihen Expressionismus, an ei- 
nem Stock, da gingen viele mit jenen undefinierbaren verschabten 
Schals um den Hals, wie sie den Beginn der Verelendung kennzeichnen, 
da wankte Joseph Roth, der verehrte Dichter, total betrunken, wie ge- 
wohnlich in dieser Zeit, mit bekleckertem Anzug, auf zwei jugendliche 
Bewunderer gestiitzt. Und auf alles das troff unablassig der Pariser Re- 
gen, den man so gern als silbrig bezeichnet. Doch war er nur naft und 
schmutziggrau. 
Seite 114 

A uch bei der Gedachtnisfeier fur Odon von Horvdth, die der Schutzverband 
Deutscher Schriftsteller am 13-Juni 1938 veranstaltete, war Roth unter den 
Rednern zu finden: er sprach neben Hertha Fault, Rudolf Leonhard, Paul 
Friedldnder, Manfred Georg und Armand Pierhal. 



Der Jugendfreund Jozef Wittlin in seinem Nachruf: 

Roth gehorte zu den Menschen, die man entweder liebte oder hafite. 
Durch seine Personlichkeit wurde jegliche Gleichgiiltigkeit beinahe che- 
misch neutralisiert. Er hatte also viele Feinde, doch hundertmal mehr 
Freunde, wovon wir uns in seinen letzten tragischen Lebensjahren iiber- 
zeugen konnten. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48-58, hier S. 4% - Siehe auch Kat.Nr. 58 



Aus Joseph Roths Korrespondenz mit einer 
Hilfsorganisation des Exils 

Zeugnisse fur Roths Hilfsbereitschaft Freunden und Kollegen gegenuber 
sind seine zahlreichen Gutachten in seiner Korrespondenz mit der Ameri- 
can Guild for German Cultural Freedom, einer uberpartei lichen Hilfsor- 
ganisation fur Emigranten, die auf Initiative von Hubertus Prinz zu Lo- 
wenstein im April 1935 mit Sitz in New York gegriindet wurde. Die An- 
trdge auf Arbeitsstipendien der American Guild mufiten von jeweils zivei 
Mitgliedern des European Council — des Senats der Deutschen Akademie 
der Kunsie und Wissenschaften im Exil — befiirwortet werden. 

Aus Roths Korrespondenz mit der "American Guild* — ihr Archiv befin- 
det sich im Besitz der Deutschen Bibliothek — werden nachfolgend einige 
Briefe zum ersten Mai veroffentlicht oder in Ausziigen wiedergegeben. 

Zundchst eine Auswahl der von Roth verfafiten Gutachten: 

455 Joseph Roth an Hans Natonek 

Abb. 68 Brief. Paris, 8. 6. 1938. 1 Bl. hs. 

18. Rue de Tournon 
Paris VI. 

Lieber Hans Natonek, hier meine Meinung iiber Sie: Hans Natonek ist 

ein Schriftsteller, durchaus wiirdig, von der Akademie unterstiitzt zu 

werden. Ich kenne ihn als ehrlichen Arbeiter und als ehrlichen, sauberen 

Menschen seit zwanzig Jahren. 

Bitte, schicken Sie diesen Brief dem Prinzen. 

Herzlichst, alles Gute, 

Ihr 

Joseph Roth 

8.Juni 1938 



456 Hans Natonek 

Bleistiftzeichnung. Von Benedikt Fred Dolbin. 

Vorlage: SNM/DLA 

Hans Natonek 

Geb. am 28. 10. 1892 in Prag. Studium in Wien und Berlin. Journalist}'- 

sche und schriftstellerische Tdtigkeit, 1920 — 1933 Eeuilleton-Redakteur der 



IM EXIL 333 






i "A Ik, 









8 . <^ u \ ^*j j 8 * 



65. /o^ 7?o^ an Hans Natonek. 8. 6. 1938 



334 IM EXIL 



»Neuen Leipziger Zeitung«. Mitarbeiter von »Der Dracbe« und zahlreicher 
expressionistischer Zeitschriften. 1933 ins Exil in die GSR, 1938 nach 
Frankreich, 1941 in die USA. Publiziert u. a. Schminke und Alltag. Bunte 
Prosa. Leipzig 1927. — Der Mann, der nie genug hat. Roman. Berlin 
1929. — Kinder einer Stadt. Berlin 1932. — Der Schlemihl. Ein Roman 
vom Leben des Adelbert von Cbamisso. Amsterdam 1936. — In search of 
myself (Autobiographie). New York 1943. 
Gest. am 23. 10. 1963 in Tucson/Arizona. 



457 Joseph Roth an Hubertus Prinz zu Lowenstein 

Brief. [Paris,] 13. 6. 1938. 1 Bl. hs. 
Betr.: Gutachten fur Josef ' Koffler 



458 Joseph Roth an Hubertus Prinz zu Lowenstein 

Abb. 69 Brief. Paris, 23. 6. 1938. 1 Bl. hs. 
Betr.: Gutachten fur Felix Hardekopf 

Sehr verehrter Prinz, 

Herr Hardekopf ist einer der besten, klarsten und subtilsten deutschen 
Prosaiker, ein Schrifts teller von Rang und ein Mensch von raren Qualita- 
ten. Ich freue mich aufrichtig, fur ihn biirgen zu diirfen. 

Ihr herzlich ergebener 
Joseph Roth 

23.Juni 1938 
Paris 



459 Joseph Roth an American Guild for German 
Cultural Freedom 

Brief. Paris, 30. 6. 1938. 1 Bl. hs. 
Betr.: Gutachten fur Elisabeth Karr 



460 Joseph Roth an American Guild for German 
Cultural Freedom 

Brief. Paris, 1. 7. 1938. 1 Bl. ms. mit Unterschrift. 
Betr.: Gutachten fur Harry Kahn 



335 






:>&£< 






69. Joseph Roth an Hubertus Prinz zu Lowenstein. 23. 6. 1938 



336 



IM EXIL 



J 



Joseph Both, 

Iter AdrJ-ie^ io-^p&n, .,ier;,ll.,. 
Ob ore Jonaustr. o7/lti. 



Alec, *l.,:ai 19 "(7, 



Am er 1 o c b (i u i H 
for ■ germs n cultural freedom, t Deutsche Akadosnie zix '*,&* i'ork. } 



8$*Be&faxfl Gerdees, 

b.e a d.0,,0 g,6. 



Ich erleabe mix. bt3/nit ibree : 
jTii£ebo&an wie i J olfct su best ntwor ten- i 



sir swi-eKor^u-jner? 



IX. 



•yex j»dr«. ; : iiay Po:siifia,>.ien t IX,Ober^ jomiuatr.S?, 



a) Jose.* H o t h 

b) 4* Jahre Bit, 

c) verheiratflt, 

d) > — 

a) Gestftrrelefcer. 

1st in j ;eut s c his a a j*:ed r u ek t Vo r d e rs # im Ver 1 a g Kl e j : je s h e : ue r , 

Berlin, ersehieaer; uo'd bat aureh den vrssturz in .Jaui&ahlaitel 

samtliche ^in^eb-nen verloren. 

Sebart zur deulsehea toi ^ration fcuf Grusd aeiser b v eberzeuj;ttn^ 

£ils Katholik uad sgterr* Lefci tir.ist, 

Hbt nicht varbr&flfit uod aioht v«rboteu and hat- selbst dureb 

fiinen go tea Hitler gsrlcbia ten j*rtikel - "Ich verziahte" aein 

Verbot ia iteutschlaad dur cheese* at . 

f) eventufelle Auasiohten ftoi' Vorschuyse von bo liar, disc J; en Verl^er*?* 

' Vor d em deutsobeo iMstura verSi^entlicM : 

A f i rll t Blimler S^i^ el,, i.&tel jftvoy , Re bellin g, vUden tsu f 

tVaqdersc'hfift . ja^ ueht phne .isae f gi t /per usd gain lat e r, Rech tB 

uad Itialca,, Hiab, , B6a ft 1 sip-tsar so b. 

Verle^er : Jti.ie 3cb?ii«de t iCurt Uoiff Vtsrlag', 4unohea, ^'ustov 
■j£le(.enheuer Veflag^berlin, 

Kacb dess deutsehsa- Unatur2 version tlicfct fcai : - ' 

^iferido^ Varlog, Amsterdam : ^rabaa^Volkaausgabe voa . iii.ob^ 

Allertde len^e Yerlag-, iet a t e r darti lo tl o h r i 8 1 . pi e 1G0_ £t> tra . 

Belch te si nea ^rdex a . 



70. Joseph Roth an American Guild for German Cultural Freedom. 
31. X 1937 



IMEXIL 337 



Ufi^erRet^ungsr): Viking Press, J-'ftw "iork, Anerike, 
KeinemeoB , Losdon, Snglfind, 
aSordadori, .lilano, Italian, 
Plon, Paris, FranXreioh, 
In andare oprec-hen ofcn-e bestimn'te Verlegor angabeo 

G«gen»8rtig nit neuem „ioma» beschriftigt. 

s)' spiel t Ira si ten Oesterreicfc, 
BJ etwa 500. Beiten, 
- c) Icann ioh nieht beantwortes, 
d) erfelStftar. Sega-er jeder -.isiktatur und .Mitarbeiter. setl- dik- 
tatoriaeher upd antl* nazi§tisobeir £eltue#ea 

&) Ysrleg: U&tgeveri;} de tteraeensohaja, Biltboven, Holland, 
Allert de iecfc-e, ^nster&am, ^.uerido, anatei-dam, 
und e vest tie 11 dor ?;eu zu grundeade Yerleg "Die 
Saatei" in -,ie&, Oeaterrsioh. 



Josapb Roth 



338 



193 7 hatte sich Roths finanztelle Lage so verschlechtert, daft er auf der 
Ruckfahrt von seiner Vortragsreise nach Polen in Wien die Hilfe der ^Ame- 
rican Guild* in Anspruch nehmen muftte: 

461 Joseph Roth an American Guild for German 
Abb. 70 Cultural Freedom 

Brief in Beantwortung des Fragebogens. 
Wien, 31. 5. 1937. 2 S. ms. mit Unterschrift. 



462 Joseph Roth an Hubertus Prinz zu Lowenstein 

Telegramm. Paris,' 24. 3. 1938. 1 Bl. 

463 American Guild for German Cultural Freedom 
an Joseph Roth 

Brief. [New York,] 2. 5. 1938. 2 Bl. ms. Durchschlag. 

2. Mai 1938. 

Herrn Joseph Roth 

c.o. Das Neue Tagebuch 

56 Boulevard Foubourg St Honore[!] 

Clipee Building 

Paris/France 

Sehr geehrter Herr Roth, 

Ich nehme hoeflichst Bezug auf mein an Sie gerichtetes Schreiben vom 

11. April ds. J. und moechte nur der Ordnung halber richtig stellen, dass 

es im ersten Absatz dieses Briefes heissen muss Schilling 200.— anstatt 

von $ 200. — . Sie wollen bitte dieses Versehen entschuldigen. 

Gleichzeitig teile ich Ihnen mit, dass Frau Hedi Pompa[n] den Ihnen 

ueberwiesenen Betrag von $ 30.— It. Mitteilung der Wiener Creditan- 

stalt an diese zurueckgegeben hat. 

An Hand unserer hier vorliegenden Unterlagen haben Sie folgende Be- 

traege bis jetzt erhalten, die die Zahlungen fuer Ihr bisher gewaehrtes 

Stipendium decken. 

$ 30.— ueberwiesen per Kabel Maerz 24. 1938 

$ 30.— ueberwiesen per Post April 4. 1938 

p. Adr. Prince zu Loewenstein 
$ 30.— an das Neue Tagebuch in Paris 
$90.- 

Es freut mich sehr Ihnen heute mitteilen zu koennen, dass bei dem letz- 
ten Meeting unser Board of Directors beschlossen hat, Ihnen Ihr Scho- 



)M EXIL 339 

larship fuer weitere 3 Monate und zwar fuer Juni, Juli und August 1938 

in Hoehe von monatlich $ 30.— zu erneuern. 

Ich hoffe aufrichtig, dass Ihnen das gewaehrte zusaetzliche Stipendium 

es ermoeglichen wird Ihre Arbeiten zu vollenden. 

Bitte lassen Sie mich ab und zu ueber den Fortgang Ihrer Arbeiten wis- 

sen, damit ich unserem Komittee auch davon Mitteilung machen kann. 

Mit den besten Empfehlungen und alien guten Wuenschen 

Executive Secretary 



Joseph Roth an Hubertus Prinz zu Lowenstein 464 

Rohrpostbrief. Paris, 22. 7. 1938. 1 Bl. hs. Abb -?i 

Joseph Roth 

Paris VI 

Rue de Tournon 18 

Prince 

Hubertus de Loewenstein 
Hotel L' Aiglon 
Boulevard Raspail, Paris 

Sehr verehrter und lieber Prinz, 

ich danke Ihnen herzlich fur Ihren freundlichen Brief. 

Ich hoffe, ich sehe Sie beim Kongrefr Um die Zuwendung steht es so: 

a.) wenn ich mit dem Roman Anfang August fertig werde, bekomme ich 

ca 5000 franz. Francs und brauche das amerikanische Geld nicht. 
b.) wenn ich meinen Film jetzt verkaufe, brauche ich es noch weniger. 
c.) wenn Beides nicht gelingt, muftte ich um das Stipendium bitten. 
d.) Ich bitte, mir auf Ehrenwort zu glauben, daft ich das Geld zuriick 

schicke, oder Ihnen, lieber Prinz, iibergebe, wenn ein Honorar einge- 

troffen ist. 
e.) Ich bitte um die Erlaubnis, sobald ich verzichten kann, einen anderen 

Schriftsteller vorschlagen zu diirfen, der an meiner Statt die 30 Dollar 

erhalt. 

Herzlichen Dank und Gruft 

und Bitte um einen gemeinsamen 

genossenen Schnaps, heute oder morgen. 

Ihr sehr ergebener 
Joseph Roth 

Freitag 

22. Juli 1938 



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DIMENSIONS MAXIMA :; S48 ^/m x IW'^ff^fAV: 

Ta*& s jusq»-& 7 grammes,, * * .. **.*>y '»*./. * 2;&* *'/ 

,, 1)Q ntSgr :.*....„ .,>.£ :.V? : j\^ 

/ . .i , , De IS 4 30 gr, (poitis maximum}...* 

I es .ktf«»Hx de post* -mutant dtws ■.&»**<« avec : cod 

<.<>rropt(»di<nces pueu m*iiq\:es : dcs #br*k ■;^**^F5e3L u ' r ' 
pm-umr (billets *le tiamjmV), et torn aftte oliffei wMr»«iM"*-fi;5j 
cartes; et er>vc!j»|ipe3 ne dalwot, r-e»fermir *a«toa cAtp* risk-' 
|»«wir Itre piiees-en- voe de tear insertion dans les fcottes <k; 

f^mie Cflfrii>^mi^asice irrrgujsbe ijip.jH I $e$. . dimensions *t SO! 
tme tcttrs nnUoiiire et l;:mc|, etmrne ye\\e. \m corresfond**Kes 

P^mc-rocri! de 1s Seine 5^<:|»e u»w l^s bwraanicr^Sft renseigncr a# bureaux <Uf |«Ktt.) 
j*>,pi*u»mii «i« b S^rm^O^ : n.ti<;;):5ira~1^B;nns, !Le Raiiicv, Sevres et Saim-ClosiS. . 
:ihxm t>n u. t^tnuiui t.Kvfe :: Viitiftbk nvw te* b^its* dewsftrviw. (Se rea^acr *nx bureaux 
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IM EXIL 341 



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342 IM EXIL 

465 Hubertus Prinz zu Lowenstein und seine Frau, 
Abb. 72 Prinzessin Helga, bei der Ankunft in New York 

Photographic 

Aus: New York Herald Tribune. 29. 9. 1939. 

Hubertus Friedrich Prinz zu Lowenstein-Wertheim-Freudenberg 
Geb. am 14. 10. 1906 auf Schlofi Schonworth bei Kuf stein (Tirol). Studiert 
Rechts- und Staatswissenschaften. Journalistische Tdtigkeit, u. a. Beitrage 
in der »Vossischen Zeitung* und im »Berliner B6rsen-Courier«. 1932 Vorsit- 
zender der Jugendorganisation des Reichsbanners. Von 1933 bis 1946 im 
Fxil, vorallem in den USA. Gastprofessor an amerikantschen und kanadi- 
schen Universitdten. 1936 Griinder und Generalsekretdr der American 
Guild for German Cultural Freedom und der German Academy of Arts 
and Sciences in Exile. Oktober 1946 Rilckkebr nach Deutschland. Von 
1951 bis 1953 Leiter der suddeutschen Redaktion der Wochenzeitung »Die 
Zeit«. 1953 Mitglied des Bundestages der »Freien Demokratischen Partei«. 
Publiziert u. a. Die Tragodie eines Volkes. Deutschland 1918 — 1934. Am- 
sterdam 1934. — After Hitler's fall. Germany's coming Reich. London 
1934. — Conquest of the past. The autobiography. [1.]. London, Boston 
1938. — Towards the further shore. Autobiography. 1968. — deutsch als: 
Botschafter ohne Auftrag. Fin Lebensbericht. Dusseldorf 1972. — Deutsche 
Geschichte. 5. Aufl. Miinchen, Berlin 1976. Seit 1973 Prdsident des »Freien 
Deutschen Autorenverbandes«, Miinchen. Lebt in Bad Godesberg und Miin- 
chen. 




72. Hubertus Prinz zu Lowenstein und seine Frau, Prinzessin Helga, bei 
der Ankunft in Neiv York. September 1939 



IM EXIL 343 

Joseph Roth an American Guild for German 466 

Cultural Freedom 

Brief mit beiliegendem Arbeitsbericht. Paris, 25. 8. 1938. 
2-Bl.hs. 

Sehr verehrte Herrschaften, 

anbei sende ich Ihnen mit herzlichem Dank den Fragebogen zuriick. 
Ich bitte Sie, versichert zu sein, daft ich, sobald ich Honorar bekomme, 
Ihr Stipendium fur bedurftigere Kollegen zur Verfiigung stellen werde. 
Ich lebe zusammen, in kameradschaftlicher Liebe mit dem osterreichi- 
schen Schriftsteller Soma Morgenstern. Ich bitte, ihn, den ich litterarisch 
hoch schatze, ohne durch meine private Beziehung zu ihm beeinflufk zu 
sein, die ihm vom Prinzen Loewenstein zugesagte Beihilfe zukommen 
zu lassen. 

Hochachtungsvoll 

ergebenst Ihr 
Joseph Roth 

Paris VI. 

am 25. August 1938 



AMERICAN GUILD FOR GERMAN CULTURAL FREEDOM 
DER GENERALSEKRETAR 

Stdndige Adresse: 

c. o, Cassavetti, Coustas d? Co. 

1—11 Moorgate 

London EC 2. 

Name und Adresse des Stipendiaten: 
Joseph Roth, 18. Rue de Tournon, Paris 

Art der Beihilfe: seit Marz monatlich 30 Dollar 

Zeitraum der Beihilfe: von/* bis 

Gesamthohe der Beihilfe (in Dollar und in Landeswdhrung): 
150 (hundertiunfzig) Dollar in Franc etwa 5000 

Bericbt: Dank dieser Beihilfe habe ich meinen Roman: »Die Kapuziner- 
gruft« beenden, ferner ein Essaybuch uber osterreichische Hi- 
storische Figuren bis zur Hdlftefortfiihren konnen. — 



344 IMEXIL 



Ich habe auGerdem etwa 16 groftere Aufsatze gegen Hitler schreiben 
konnen. Alle sind im »Neuen Tagebuch« erschienen und honoriert wor- 
den. Auch diese Honorare verdanke ich Ihnen. 

Ihr dankbar ergebener 
Joseph Roth 

467 Stefan Zweig an Hubertus Prinz zu Lowenstein 

Brief. London, 30. 3. 1939- 1 Bl. ms. mit Unterschrift L. 
Altmann (fur Dr. St. Zweig). 

468 Joseph Roth an Hubertus Prinz zu Lowenstein 

Brief. Paris, 9- 5. 1939. 1 Bl. ms. mit Unterschrift. 

Sehr verehrter, lieber Prinz! 

Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen auf Ihren Brief vom 26. Marz so spat 
antworte. Ich habe an einer langeren Novelle geschrieben. Ich hoffe, sie 
Ihnen nachsten Monat einschicken zu konnen und ich hoffe auch, dass 
Sie Ihre Freude an ihr haben werden. Ich habe auch mit tiefstem Wider- 
willen die Notiz iiber Sie gelesen. Wie wenig ich mit der Redaktion die- 
ser Zeitschrift zu tun haben wollte, mogen Sie daraus ersehen, dass ich 
bei ihrer Griindung gebeten worden war, in die Redaktion einzutreten 
und dass ich es strikte abgelehnt habe. Mein Schwarz-Gelbes Tagebuch, 
das dort erscheint, ist die Folge einer Abmachung, die ich mit dem Ver- 
leger getroffen hatte, bevor noch die Redaktion zusammengesetzt wor- 
den war. In diesem Sinne bin ich freilich ein standiger Mitarbeiter, aber 
verkracht, urn nicht einen starkeren Ausdruck zu gebrauchen, mit jenem 
Herrn, der die Notiz iiber Sie verfasst hat. Ich setze keinen Fuss mehr in 
die Redaktion. Ich muss einfach meinen Vorschuss abschreiben und 
meinen Vertrag einhalten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, dass Sie 
sich iiber diese Sache viel zu sehr aufregen. Weder Ihrer Wurde noch Ih- 
rer ausseren Wiirde, dem Titel, schadet ein Anwurf, der solch einer Fe- 
der entstammt. 

Herzlich Ihr ergebener 
Joseph Roth 

Bitte kiissen Sie Ihrer Frau die Hand. Ich bitte Sie herzlich, den beilie- 
genden Brief der Akademie vorzulegen. 

Paris, am 9- Mai 1939 

Die von Roth erwdhnte Notiz erschien in der osterreichischen Exilzeitschrift 
»Die Osterreichische Post« vom IX April 1939. Es bandelt sich urn den Arti- 



IM EXIL 345 

kel »Kommunistische Genealogies, in dem sich der Autor entrusted dafi in 
den »kommunistiscben >Nouvelles d'Autricbe<« der »Cbef des Erzbauses >Otto 
Habsburg-Lothringen< oder >Otto Habsburg<« genannt wird, wdhrend nn 
verschiedenen Drucksacben, die den >Nouvelles d'Autricbe< sebr nabestebem, 
der Autor Prinz Hubertus Lowenstein-Wertbeim-Freudenberg mit vollem 
Titel genannt wird, der angeblich niebt im »Gotba« stebe. 



Voikmar von Ziiblsdorff, ein Mitarbeiter von Prinz Lowenstein in der 
^American Guild*, sandte Roths Brief an Rudolf Olden. Olden antwortete: 

Rudolf Olden an Voikmar von Zuhlsdorff 469 

Brief. Oxford, 5. 7. 1939, 2 S. ms. mit Unterschrift. 

[. . .] haben Sie vielen Dank fur die giitige Ubersendung des schonen 
Briefs von Joseph Roth. Ubrigens scheint seine Meinung iiber jenen Re- 
dakteur die allgemeine Meinung zu sein. Was er in jenem Anwurf iiber 
den Prinzen schrieb, war ja nicht den Tatsachen entsprechend, und es 
ware amu'sant fur mich, darauf zu antworten. Fraglich bleibt in einem 
solchen Fall immer, ob man durch die Entgegnung dem Angriff nicht ei- 
ne unverdiente Publizitat gibt. Es wurde mich interessieren, Ihre Mei- 
nung dariiber zu erfahren. 



Joseph Roth an American Guild for German 470 

Cultural Freedom 

Brief. Paris, 9. 5. 1939- 2 S. ms. mit Unterschrift. 

Verehrte Herrn! 

Ich danke Ihnen sehr herzlich dafiir, dass Sie mir aus dem Jeremias- 
Fond das Geld zugestiftet haben. Ich verpflichte mich gerne, iiber die 
Tatigkeit der Akademie bis jetzt etwas zu schreiben, sobald ich genaue 
Unterlagen habe. Aber in Ihrem Fragebogen sind Ihre Bedingungen so 
strikte und so eng formuliert, dass ich sie — erlauben Sie mir die Kritik 
— fur unausfuhrbar in den meisten Fallen halte. Sie sind genau berech- 
net fur jene, die mit Ihrer Hilfe ihr erstes Buch veroffentlichen konnten, 
aber nicht fur Stipendiare [!], wie zum Beispiel Broch, Weiss und mich, 
die wir bei unserem funfundzwanzigsten halten. Keiner von uns konnte 
mit gutem Gewissen sagen, er hatte gerade dieses oder jenes Werk nur 
Ihrer Unterstiitzung zu danken. Jeder von uns hat selbst wahrend der 
Zeit, in der er von Ihnen Unterstiitzungen empfing, auch von anderen 
Arbeiten, Kritiken und Einladungen gelebt. Und so ware es wohl richtig, 
von uns alteren und bekannten Autoren zu verlangen, dass wir uns fur 
die Akademie in Wort und Schrift einsetzen, nicht aber, dass wir unsere 



346 



IM EXIL 



Werke mit einem Vermerk versehen, der der Wirklichkek und der 
Wahrheit nicht ganz entsprache. Ganz abgesehen davon, dass unsere 
Verleger, die uns ja auch Vorschuss geben, verlangen konnten, solche 
unsere bei ihnen erschienene Werke mit dem Vermerk zu versehen, dass 
wir dieses und jenes Buch ihren Vorschiissen zu verdanken haben. 
Verzeihen Sie diese Kritik. Sie erfolgt — glauben Sie mir — aus reinster 
Intention. Sie simplifizieren zu sehr das ganze Problem. Sie mussen tei- 
len zwischen a) bereits bekannten Autoren, von denen Sie mit Recht 
Propaganda envarten diirfen und auch eine nutzliche erwarten konnen 
und b) jenen Anfangern, denen Sie und Sie allein zu einer Publikation 
verholfen haben. 

Was mich betrifft, so bin ich gerne bereit, in einer grossen franzosischen 
Zeitschrift, beziehungsweise auch in einer englischen, einen Artikel iiber 
Ihre Tatigkeit zu veroffentlichen, in dem ich nicht verfehlen wiirde, oh- 
ne Umschweife zu sagen, was ich Ihnen zu verdanken habe. Aber ich 
muss eine griindliche Unterlage Ihrer Tatigkeit von Anfang an bis jetzt 
haben und so weit es nicht indiskret wirkt, auch die Quelle, wenigstens 
angedeutet, Ihrer Gelder, damit nicht Missverstandnisse und zwar bos- 
willige Missverstandnisse entstehen. 

Darf ich Ihnen noch einen praktischen Vorschlag machen: ich rede hier 
nicht nur pro domo. Ihre Sendungen kommen iiber die Bank gewohn- 
lich so spat, dass Ihre Stipendiaten in einige Schwierigkeiten kommen. 
Wollen Sie bitte bedenken, dass die meisten Ungliicklichen die schwer- 
ste Miete zu zahlen und dergleichen in den ersten Tagen des Monats zu 
erledigen haben und dass die Bangnis, in der sie zwischen dem Ersten 
und Funfzehnten zum Beispiel leben, eine hemmende und lahmende ist. 
Bedenken Sie bitte, dass geistige Menschen von einem nicht wohlwol- 
lenden Blick eines Wirtes zum Beispiel in ihrem Elan, in ihrem schopfe- 
rischen Elan behindert werden und schliesslich vier bis fiinf Tage unpro- 
duktiv bleiben. Ich habe das bei mehreren unserer Kameraden gesehen. 
Wenn es Ihnen also moglich ist, bitte ich Sie herzlich, Ihre neue Bank 
anzuweisen, sie mochte schneller vorgehen. Dies ist alles, was ich Ihnen 
zu sagen habe, ausser selbstverstandlich meiner tiefen Dankbarkeit fur 
die Hilfe und fvir die ausserordentlich delikate Art, in der Sie mir bis 
jetzt Beistand geleistet haben. Ich ware Ihnen fur eine ausfiihrliche Ant- 
wort fur diesen meinen Brief ausserordentlich dankbar. Ich ware auch 
bereit, Ihnen hier durch einige private Beziehungen eventuell Geldmittel 
zu beschaffen und Ihnen Methoden anzugeben, auf Grund derer Sie 
mehr Geld bekommen konnten als bis jetzt. 
Ihr sehr herzlich ergebener 

Joseph Roth 

18, rue de Tournon 

Paris VI 

Paris, am 9. Mai 1939 



347 



Roth konnte den versprochenen Artikel uber die ^American Guild« in einer 
grofien franzosischen oder englischen Zeitschrift nicht mebr verdffentlichen. 
Er starb zweieinhalb Wochen nach Abfassung dieses Brief es. 



Volkmar von Zuhlsdorff an Maria Heinemann 471 

Brief. New York, 3. 6. 1939. 2 S. ms. mit Unterschrift. 



You will probably have seen from American papers that also Joseph 
Roth died now. It is the news of Ernst Toller's death which he did not 
survive. When we arrived, he was already in a hospital, unconscious. It is 
a tragic loss for the world and, also, for the Guild. I am thouroughly wor- 
ried about so many German refugees who live on the edge of what hu- 
man beings can stand and whose nerves have been under constant psy- 
chic and physical strain for many years now. Many of them are in state 
where not so much is needed, and they let go. I think it would simply be 
vital to have a certain amount at Prince Loewenstein's disposition for 
such cases, to help immeadiately and possibly avert a tragedy. Today, I 
enclose a memorandum on Dr. Hans Sahl. 



Credit Lyonnais an Friderike Maria Zweig 472 

Scheck-Duplikat zu Lasten von Heidelbach, Ickelheimer 

& Co, New York. 

Paris, 19.6. 1939- 1 Bl. mit Unterschrift Friderike Maria 

Zweig. 

Mit hs. Zusatz von fremder Hand (for Joseph Roth). 

Bet riff t eine Anweisung der American Guild for German Cultural Free- 
dom fur Joseph Roth auf 1.132,10 Francs. 



Utopie Osterreich 

Der »Osterreichische Gedanke« 

473 Joseph Roth 

Maria Theresia. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 47, S. 1126. 

JRW4, S. 431-433 

Rezension von: 

Karl Tschuppik: Maria Theresia. Amsterdam 1934. 

Der osterreichische Historiker Karl Tschuppik hat das Leben der groften 
Maria Theresia mit starken und zugleich zarten Strichen nachgezeichnet 
(Allert de Lange Verlag, Amsterdam). [. . .] Er ist ein »homo Austriacus« 
unter den Historikern, und er war wie kein anderer berufen, die grofite 
Osterreicherin aller Zeiten darzustellen. Daft er fur sie Partei nimmt — 
gegen ihren Widersacher Friedrich von Preufien, ist selbstverstandlich 
— und auch von der Zeit aus gesehen, in der wir leben, objektiv gerecht. 
Maria Theresia hat Schlesien verloren, das grofle Osterreich ist zugrunde 
gegangen, furchterlich hat Preuften und das prussianisierte Deutschland 
triumphiert, aber das Besiegte hat recht behalten — wie es oft geschieht, 
daft die Geschichte noch nachtraglich gleichsam die Gnade des edlen 
Unterlegenen praktisch bestatigt. Die Geschichte hat eine Art laizisti- 
scher Heiligsprechung. 

474 Karl Tschuppik 

Maria Theresia. 

Amsterdam: Allert de Lange 1934. 458 S, 16 Taf. 



475 Joseph Roth 

In der Kapuzinergruft 

In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung. 73 (1935), 21, 

S.8. 

JRW4, S. 719-720 

Hier schlaft mein alter Kaiser, Seine k. k. Apostolische Majestdt, Franz Jo- 
seph der Erste. Er schlaft in einem einfachen Sarg, der noch einfacher und 
schmaler und anspruchsloser ist als das Bett, in dem er zeit seines Le- 



349 



bens im Schloft zu Schdnbrunn zu schlafen gewohnt war, und die Maje- 
stat, die ihn zeit seines Lebens umglanzt und die er dargestellt hatte, ver- 
biindete sich mit der Majestat des Todes, des Kaisers aller Kaiser . . . 
Als man ihn begrub, den Kaiser Franz Joseph, stand ich, einer der zahl- 
losen Soldaten seiner Armee, ein namenloses Glied des Spaliers, das wir 
damals bildeten, knapp vor der Kapuzinergruft, um seinen hohen Leich- 
nam zu begriiften. [. . .] 

Ich stand reglos in der »Habt acht«-Stellung. Aber mein Herz war 
schwer, und meine Augen, befehlsgemaft und soldatisch dem Kondukt 
zugewandt, fullten sich mit Tranen, so daft ich zwar blickte, aber gar 
nichts sah. — Wem weinte ich damals nach? — Gewift dem Kaiser 
Franz Joseph: aber auch mir selbst, meiner eigenen Kindheit, meiner ei- 
genen Jugend. Und obwohl ich in jener Stunde wuftte, daft ich bald, bald 
fur den toten Kaiser und fur seinen Nachfolger zu sterben befohlen und 
bestimmt war, und obwohl ich damals noch so jung war, schien es mir, 
daft es beinahe unschicklich sei, spater zu sterben als der Kaiser, dessen 
Glanz meine Jugend erleuchtet und dessen Leid meine Jugend verdii- 
stert hatten. Damals fuhlte ich, daft ich ein Osterreicher bin; ein alter 
Osterreicher. [. . .] 

»Lieber Kaiser! Ich habe dir gedient, und ich habe dich begraben, ich ha- 
be einmal, vielleicht im Ubermut, versucht dich zu gestalten — — — 
und ich habe dich uberlebt Im Tode noch aber bist du starker als ich. 
Vergib mir meinen Ubermut! [ . . . ]« 



Joseph Roth 476 

Radetzkymarsch. 

Stockholm: Bermann-Fischer; Amsterdam: Allert de Lan- 

ge; Querido 1939. 416 S. 

(Forum-Bucher.) 

Joseph Roth 477 

An den »Christlichen Standestaat*. 

In: Der Christliche Standestaat 2 (1935), 25, S. 607. 

JRW4, S. 721-722 

Der Artikel stellt eine Antwort auf Leserangriffe dar, die aufeine WiXrdi- 
gung Roths dutch Ernst Kfenek in der Zeitschrift »Der Christliche Stdnde- 
staaU bet der Redaktion eingegangen waren. 

[. . .] In dieser Art einen Schriftsteller anzugreifen, der eben ausgeriickt 
war, um seinen Angreifer zu verteidigen, verrat sich nicht nur geistige 
Beschranktheit, sondern auch, so furchte ich, jene unselige geographi- 



350 



IM EXIL 



sche, zu der wir Osterreicher durch den Friedensvertrag verurteilt wor- 
den sind. Wir sind dennoch nicht »das kleine Alpenlandchen«, in dem 
zu leben wir gezwungen sind, wir sind immer noch jener grofte Gedanke, 
ohne den nicht einmal unser »kleines Landchen* eine Woche Bestand 
haben konnte! Der »Osterreichische Gedanke* ist kein »patriotischer«, 
sondern beinahe ein religioser. Wir sind nicht »der zweite deutsche 
Staat«, sondern der erste, sozusagen: der allererste deutsche und ubernatio- 
nale und christliche Staat!\. . .1 



478 Ffranz] C[arl] Weiskopf 

Habsburg und die Tschechoslowakei. Eine Erwiderung an 

Joseph Roth. 

In: Der Gegen-Angriff. 3 (1935), 31, S. [4]. 

Weiskopf bezieht sich auf Roths Brief uber »Habsburg und die Tschechoslo- 
wakei* im »Pa riser TageblatU vom 19.Juli 1935, in dem sich Roth gegen 
die seines Erachtens mnhaltbare Behauptung« ivendet, »das Hans Habs- 
burg hdtte Volker >unterdruckt<.« 

Weiskopf schlie fit } nach einem Uberblick uber die Wirklichkeit der Unter- 
druckung des tschechischen Volkes dutch die Habsburger: 

[. . .] Sie sagen in Ihrem Brief, daft Sie das tschechische Volk lieben. Wer 
das tschechische Volk liebt, wirklich aufrichtig Hebt, wie nur die Interna- 
tionalisten, die tschechischen, deutschen und alle anderen es lieben kon- 
nen, der mufi gegen Habsburg sein. Gewift, der Freiheit und dem Frieden 
des tschechischen Volkes wie Europa iiberhaupt, droht die grofite Ge- 
fahr von seiten des braunen Faschismus. Aber wenn Hitler auch der 
Hauptkriegstreiber ist, es gibt neben ihm noch andere »Feinde der 
Menschheit«, die den Krieg vorbereiten und Freiheit, Kultur und Fort- 
schritt hassen, und zu ihnen gehort ohne Zweifel das Haus Habsburg. 
Und deshalb, Joseph Roth, stehen Sie bei der Verteidigung Habsburgs 
auf einem schlechten und Ihrer unwiirdigen Posten. 



479 Joseph Roth 

Grillparzer. Ein Portrait. 

In: Das Neue Tage-Buch. 5 (1937), 49, S. 1169-1172. 

JRW4, S. 306-315 

Verdrossen, verschlossen, griesgramig, verbarg er seine Scheu vor der 
Welt hinter einer scheltbereiten Demut, einer Bescheidenheit, die in 
Wirklichkeit eine hochmutige Haltung war. Er war kein »liebenswurdi- 
ger Osterreicher*, sondern das Gegenteil: ein hochst unbequemer, sogar 



351 



ein dCisterer. Es war, als fiihlte er, kraft seiner Verpflichtung, ein klassi- 
scher Reprasentant der Monarchic zu sein, vor allem die Notwendigkeit, 
die Ansichtskarten-Vorstellung, die sich die anderen deutschen Stamme 
(noch vor der Erfindung der Ansichtskarte) vom »Osterreicher« gebildet 
hatten, zu widerlegen. Zugleich widersprach er auch der in seinem Lan- 
de hoheren Orts so beliebten Auffassung von dem unbequemen, lebens- 
freudigen Untertan. Er revoltierte niemals, er rebellierte immer, und 
zwar aus konservativer Neigung, als Bekenner hierarchischer Ordnung 
und als Verteidiger traditioneller Werte, die ihm nicht von unten, son- 
dern im Gegenteil von oben her vernachlassigt, angegriffen, verletzt er- 
schienen. [. . .] 

[. . .] Vielleicht begann mit Grillparzer der (politische) »Weltschmerz« des 
osterreichischen Dichters. Jedenfalls hat ihm Grillparzer den klassischen 
giiltigen Ausdruck verliehen: dem Weltschmerz, der weifl, daft dem Eu- 
ropa des universalistischen, lateinischen, einigenden, die nationalen Ver- 
schiedenheiten aufhebenden Mittelalters — das in Osterreich immer 
noch bestand und Kraft hatte — unweigerlich das Europa der Reforma- 
tion, der Franzosischen Revolution, das Europa Napoleons und das Bis- 
marcks folgen mufite. »Von der Humanitat durch Nationalist zur Bestia- 
litztU heiftt: von Erasmus durch Luther, Friedrich, Napoleon, Bismarck 
zu den heutigen eufopaischen Diktaturen. 

[...] 

Osterreichisches reprasentieren heifit: zu Lebzeiten miGverstanden und 
mifihandelt, nach dem Tod verkannt und durch Gedenkfeiern gelegent- 
lich zur Vergessenheit emporgehoben werden. 



Joseph Roth 480 

E. A. Rheinhardt 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 941 (11. 3. 1939), S. 3: Pari- 

ser Notizen. 

JRW 4, S. 325 

Fragt man mich nach den Namen jener lebenden osterreichischen 
Schriftsteller, die unsere spezifisch osterreichische Tradition fortsetzen, 
so befindet sich unter diesen Namen der des E. A. Rheinhardt. Diese li- 
terarische Tradition: sie besteht in einer besonderen, innerhalb des deut- 
schen Sprachgebiets sehr seltenen Eigenart, aus dem Konkreten das Ge- 
dankliche herzuleiten. [. . .] Man mull das Geheimnis der deutschen 
Sprache ergriindet haben, urn zu sehen, daft wir uns durch einen anderen 
Satzbau von den Schriftstellern aus dem Reiche unterschieden, sozusa- 
gen durch eine andere Satz-Kontur. Wir haben eine eigene Melodie, und 
deren Gesetzen unterwerfen wir gelegentlich sogar die Grammatik; 
Osterreichische Schriftsteller jeder sogenannten weltanschaulichen 



352 



IM EXIL 



»Richtung«, freilich nicht jeder literarischen Qualitat, weisen diese Merk- 
male auf. Ich finde sie alle in der Person E. A. Rheinhardts. [. . .] Das 
Buch, das ihn in Frankreich am meisten bekannt gemacht hat, ist der 
»Grofte Herbst Heinrichs IV.«, der in Fortsetzungen im »Temps« erschie- 
nen ist.[. . .1 



481 E[mil] A[lphons] Rheinhardt 
Der grofte Herbst Heinrichs IV. 

Leipzig, Wien: Tal 1935. 326 S., 1 Titelbild, 7 Taf. 

Emil Alphons Rheinhardt 

Geb. am 4. 4. 1889 in Wien. Medizin-Studium in Wien. Freier Schriftstel- 
ler und Ubersetzer. Lebt in Italien, seit 1928 in Frankreich. Mitarbeiter ex- 
pression istischer Zeitschriften, u. a. von »Der Ruf«, Wien, Leipzig, »Der 
Friede«, Wien, »Die Dichtung«, Miinchen, spdter Potsdam. In Frankreich in 
der Resistance. Verhaftet, ins KZ Dachau deportiert Publiziert u, a. Stun- 
den und Schicksale (Lyrik). Leipzig, Wien 1913. — Das Abenteuer im Gei- 
ste. Berlin 1917. — Der schone Garten (Mdrchendichtung). Wien 1920. — 
Das Leben der Eleonore Duse. Berlin 1928. — Napoleon III. und Eugenie. 
Berlin 1930. — Der grofie Herbst Heinrichs IV. Wien 1935. — Herausge- 
ber der Romanreihe »Epikon«. 
Gest. 1945 im KZ Dachau (als Arzthelfer an Flecktyphus). 

IJber die Eigenart der osterreichischen Sprachmelodie schreibtjean Amiry in 
einer seiner letzten Buchbesprechungen: 

482 Jean Amery 

Atemnot. Zum dritten Teil d. Thomas Bernhard'schen 

Autobiographic 

In: Merkur. 32 (1978), 9, S. 947-949- 

Wann immer ich aus einem Buch osterreichische Sprachmelodie heraus- 
klingen hore, eine Sprechweise, die das Hochdeutsche wundersam be- 
fruchtet — wie bei der Bachmann, wie einst bei Joseph Roth — befallt 
mich zwar keineswegs ein Heimatdusel, aber jene Melancholie, die unser 
Teil ist beim Wiedervernehmen des fruh Erlauschten und die gar nichts 
zu tun hat mit dem Modebegriff »Nostalgie«. [. . .] 



483 Joseph Roth 

Seine K. und K. Apostolische Majestat. Fixr Stefan Zweig. 
In franz. Ubers. von Blanche Gidon: 



IMEXIL 353 

Sa Majeste Apostolique Francois-Joseph. 
In: L'Intransigeant. 9. 10. 1938, S. 8. 
JRW 3, S. 624-629 

Benno Reifenberg iiber dieses Feuilleton, das erstmals in der ^Frankfurter 
Zeitung« vom 6. Mdrz 1928 erschienen war: 

Er hatte der elenden Zeit den Riicken gekehrt, er schaute in langst Ver- 
gangenes, das ihm, dem Dichter, im hellen Morgen der Jugend ausge- 
breitet lag; selbst den Verfall und die ersten Schatten dieser Jugend hat 
er mit Zartlichkeit wahrgenommen. Er hat den alten Kaiser Franz Jo- 
seph so dargestellt, daft schliefllich Majestat und Alter das gleiche mei- 
nen. Joseph Roth hat einmal einen Sommermorgen beschrieben, an dem 
der Kaiser das SchlofJ Schonbrunn verlafk, um nach Ischl zu fahren. Es 
ist eine klassische Schilderung, entstanden 1930. Der Dichter hat in 
mein Exemplar zwei Veranderungen mit Bleistift eingetragen. »Der 
Krieg, die Revolution und meine Gesinnung, die ihr recht gab, konnten 
den sommerlichen Morgen nicht entstellen und vergessen machen.« 
Daraus hatte er gestrichen »und meine Gesinnung, die ihr recht gab«. 
Die Skizze beginnt mit dem Satz: »Es war einmal ein Kaiser.* Der Blei- 
stift hatte verandert: »Er war mein Kaiser.* 

Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth. In: B. Reifenberg: Lichte 
Schatten. Frankfurt a. M. 1953, S, 205—214, hier S. 213. — Siehe auch 
Kat. Nr. 155 



Kaiser Franz Joseph I. 484 

Farbphotographie nach einem Gemalde. 

Vorlage: Hellmut Andics: Das osterreichische Jahrhun- 

dert. Die Donaumonarchie 1804—1918. 

Wien, Munchen, Zurich: Molden 1974, S. 23. 

J.R. am 10. September 1932 an Ernst Krenek aus Rapperswil am Zurich- 
see: 

Was Osterreich betrifft: mag Ihnen das Leben dort schwerer sein, als mir 
in Deutschland. Denn hier in Deutschland habe ich immer noch die 
Hoffnung auf Osterreich. Wenn ich aber hie und da osterreichische Zei- 
tungen sehe, glaube ich, zu erkennen, daft es dort auch anfangt, deutsch 
auszusehen. Der preuftische Stiefel, ein hysterischer Stiefel, Kraftmeier's 
Stiefel, niedertrachtig, pervers und dekadent. Er zertritt Osterreich auch. 
A bas der Anschluft! 
JRB, S. 226 f 



354 



IM EXIL 



485 Joseph Roth 

Rede iiber den alten Kaiser. Am Abend vom 17. auf den 

18. August. 

In: Die Osterreichische Post 1 (1939), 13/14, S. 4-5. 

JRW, 4, S. 771-777 

Kaiser Franz Joseph der Erste gehorte zu jenen osterreichischen Gestal- 
ten, denen die Legende schneller entgegenkommt als die Geschichte. 
Die Legende verherrlichte sie, und die Geschichte verkleinert sie. Weder 
um die Gunst der Legende hat sich Franz Joseph jemals bemiiht, noch 
hat er sich um die Ansicht der ihm fernen Historiker gekiimmert und je- 
ner, die ihn bitter aus der Nahe kritisierten. Es ist nicht richtig, daft er 
die Wahrheit nicht vertrug. Er erlag nicht Schmeichlern, nur den Forma- 
listen (und auch den Traditionalisten). [. . .] Er ist nachsichtig, entgegen- 
kommend, aber er ist noch ein wenig Spanier, alter Habsburger, der Li- 
beralismus zerstort die Formen, der Nationalismus, dessen junges Kind, 
noch heftiger, der Klerikalismus wird dringlich, die Familie selbst wird 
anarchisch. Man muft also sehr fern werden, sehr einsam, und selbst auf 
die Gefahr hin, ganz grausam zu erscheinen in der Umgebung, mull man 
diese Grausamkeit wettmachen durch eine Milde, die in der Form wirkt. 
So mull man ausgleichen, abwagen, beschwichtigen, zurnen, und vor al- 
lem: einsam sein. Das heifit: herrschen. Gotter und Konige sind einsam. 



Eine Moglichkeit, den »Anschlufi« zu verhindern, der durch Hitlers Macht- 
ergreifung in bedruckende Nahe geruckt war, sah Roth in der Wiederher- 
stellung der Monarchic der Habsburger. Diese Vorstellung rikkte ihn in die 
Nahe der osterreichischen Legitimist en. Nach Aussage Otto von Ha bs burgs 
gehorte Roth zu den »tragenden Sdulen der Bewegung und unierstutzte sie 
durch das Prestige seines Namens« (Bronsen, S. 485), 



Kampf um Osterreich 



Schon Mitte der zwanziger Jahre ivendete sich Roth verziveifelt gegen Be- 
strebungen der sozialdemokratischen osterreichischen Regierung, die den 
»Anschluft« Osterreichs an Deutschland befiirworteten. 
Aus einem Brief an Ben no Rei fen berg vom 30. August 1925 aus Marseille: 

Ich bin sehr verziveifelt. Ich kann nicht einmal mehr nach Wien fahren, 
seitdem die sozialistischen Juden einen solchen Anschlufilarm machen. 



IM EXIL 



355 



Was wollen sie? Sie wollen Hindenburg? Als der Kaiser Franz Joseph 
starb, war ich zwar schon ein »RevoIutionar«, aber ich weinte. Ich war 
Einjahriger in einem Wiener Regiment, einer »Elite-Truppe«, die als Eh- 
renwache vor der Kapuzinergruft stand und ich weinte wirklich. Eine 
Zeit wurde begraben. Mit dem Anschluft wird noch einmal eine Kultur 
begraben. Alle Europaer miiftten gegen den Anschluft sein. Und nur die 
Mittelmaftigkeit sozialdemokratischer Gehirne weift es nicht. Wie wenig 
Unterschied zwischen deutschvolkischer und sozialistischer Weltan- 
schauung! Zwischen Jud und Christ! Die Mittelmaftigkeit bindet ihre 
Anhanger aus den verschiedensten Lagern fester als ein Prinzip es konn- 
te, ein Ideal. Fiihlt man nicht, daft ein unabhangiges Osterreich immer 
noch das Versprechen auf ein einiges Europa ist? 
JRB, S. 6X - Siehe aucb Kat.Nr. 112 



Joseph Roth an Stefan Zweig 486 

Brief. Paris, 28. 4. 1933. 

Kopie. - Vorlage: K&W 
JRB, S. 262-263 

[...] 

Was mich personlich betrifft: 

sehe ich mich genotigt, zu folge meinen Instinkten und meiner Uber- 

zeugung absoluter Monarchist zu werden. 

Ich lasse in 6 — 8 Wochen eine Broschure fur die Habsburger erscheinen. 

Ich bin ein alter osterreichischer Offizier. Ich Hebe Osterreich. Ich halte 

es fiir feige, jetzt nicht zu sagen, daft es Zeit ist, sich nach den Habsbur- 

gern zu sehnen. 

Ich will die Monarchic wieder haben und ich will es sagen. 

Mehrere geistige Menschen sind mit mir. 

Ich hoffe, daft es mir gelingt. 

Ich wage nicht, zu fragen, ob Sie mit mir sind. 

Ich nehme eher an, daft Sie mich fiir einen »Romantiker« halten werden. 

Sollten Sie, gegen alles Erwarten, zu mir halten konnen, dann wissen Sie 

selbst, wie glucklich ich bin. 

[■••] 

In engem Zusammenhang mit seinen monarckistischen Bestrebungen steht 
Roths Himoendung zutn Katholizismus, die Mi tie der zwanziger Jabre 
erstmals feststellbar ist. So batte er der Redaktion der ^Frankfurter Zei- 
tung«, wohl um Bedenken, ihn in die Sowjetunion reisen zu lasse n, zu zer- 
streuen, geschrieben: 

Ich darf Ihnen bei dieser Gelegenheit gestehen — ohne Sie mit einer 
Beichte belastigen zu wollen — daft mein Verhaltnis zum Katholizismus 



356 IMEXIL 

und zur Kirche von einer verbliiffend andern Art ist, als man von einer 
iliichtigen Kenntnis meiner Person, meiner Aufsatze und selbst meiner 
Biicher glauben konnte. 
JR an die ^Frankfurter Zeitung*. Paris, 2. 6. 1926. — JRB, S. 92 

In einem bisher unveroffentlichten Gedicht, das in Salzburg, vermutlich bei 
einem Besuch bei Stefan Zwetg im August 1933 oder im April 1937 ent- 
stand, bekennt er f Katbolik zu sein: 

487 Joseph Roth 

Jawohl, mein Herr, ich nenn' mich Katholik. [Gedicht.] 
Cafe Corso, Salzburg, o. D. Manuskript 4 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

In einem Brief an Max Hohenlohe-Langenburg vom 24. August 1933 aus 
Salzburg lehnt es Roth ab, »Jude« in dem Sinne zu sein, »in dem die Nazis 
Arier sind«: 

Mir personlich, der ich ein glaubiger Katholik bin, ist mein Judentum et- 
wa Das, was einem chassidischen Wunderrabbi : eine metaphysische An- 
gelegenheit, weit, hoch uber allem, was mit »Juden« auf dieser Erde pas- 
siert. 
JRB, S. 275 

Seinem Bekenntnis zum Katholizismus stehen andererseits Aussagen gegen- 
uber, in denen er sich ebenso offen zu seinem Judentum bekennt: 

Was ein armer kleiner Jude ist, brauchen Sie nicht ausgerechnet mir zu 
erzahlen. Seit 1894 bin ich es und mit Stolz. Ein glaubiger Ostjude, aus 
Radziwillow. [. . .] Arm und klein war ich 30 Jahre. Ich bin arm. 
JR an Stefan Zweig. Amsterdam, 2. 4. 1936. —JRB, S 465 

Irmgard Keun berichtet, dafi sich Roth nur bei seinen jiidischen Verwand- 
ten richtig zu Hause gefiihlt habe. 

Dann erklarte er mir, nie habe er sich taufen lassen (das bezog sich auf 

die katholisierenden Tendenzen seiner letzten Biicher). 

Hermann Kesten: Die Zwillinge von Nurnberg. Amsterdam 1947, S. 475. 

— Siehe auch Kat.Nr. 521 

Es ist wohl kaum moglich, festzustellen, ob Roth sich wirklich taufen liefi 

— wie einige seiner Freunde, darunter Jean Janes, behaupten. Am schdrf- 
sten durchschaute wohl Irmgard Keun sein Rollenspiel: 

Zuweilen sah er sich selbst in geisterhaft leerem Raum zwischen Ratio- 
nalismus und Mystik, gelost von der Wirklichkeit und das Unerreichbare 
nicht erreichend und wissend dabei, daft es nicht zu erreichen war. Er 



IM EXIL 357 

war gequalt und wollte sich selbst loswerden und unter alien Umstanden 
etwas sein, was er nicht war. Bis zur Erschopfung spielte er zuweilen die 
Rolle eines von ihm erfundenen Menschen, der Eigenschaften und 
Empfindungen in sich barg, die er selbst nicht hatte. Es gelang ihm 
nicht, an seine Rolle zu glauben, doch er empfand fliichtige Genugtuung 
und Trost, wenn er andere daran glauben machen konnte. Seine eigene 
Personlichkeit war viel zu stark, um nicht immer wieder das erfundene 
Schattenwesen zu durchtranken, und so empfand er sich manchmal als 
ein seltsam wandelndes Gemisch von Dichtung und Wahrheit, das ihn 
selbst zu einem etwas erschrockenen Lachen reizte. 
Irmgard Keun: Bilder und Gedichte aus der Emigration. Koln 1947, S. 1% 
— Siehe auch Kat.Nr. 41 7 

Ahnlicb Hermann Kesten: 

Katholisch und glaubig war Roth einige Jahre lang, weil er sich ange- 
sichts halbanalphabetischer, materialistischer Horden nach einer wahren, 
humanen Tradition sehnte, weil er inmitten so vieler europaischer Bank- 
rotte in der katholischen Kirche eine der wenigen kulturellen Institutio- 
nen sehen wollte, die standzuhalten schienen, und weil er ihren Univer- 
salismus liebte. Er glaubte, weil er glauben wollte. Eines der grofien Mo- 
tive in seinem Werk und in seinem Leben war die Angst, die metaphysi- 
sche Angst vor dem Nichts, vor dem Nihilismus, der ihn zugleich mit ei- 
ner seltsamen Macht anzog. 

Hermann Kesten: Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker. In: Mafi 
und Wert. 3 (1939/40), 2, S. 131-139, hier S. 136. - Siehe auch Kat.Nr. 
516 



Uber den Kreis osterreichischer Legitimisten, der sich um Roth im Cafe 
Tournon versammelte, schreiht Franz Carl Weiskopf in seiner Rezension 
von Roths Roman »Die KapuzinergrufU: 

In einem kleinen pariser Cafe nicht weit vom Jardin du Luxembourg 
kann der spat abends dorthin verschlagene Fremde eine sonderbare Ge- 
sellschaft beobachten. Die Menschen, die an einigen Tischen eng anein- 
andergedrangt beisammensitzen, scheinen geradenwegs aus den Vitrinen 
eines Wachsfigurenkabinetts gekommen zu sein. Sie halten ein kompli- 
ziertes Zeremoniell ein, klopfen mit einem Stock auf, bevor sie etwas au- 
ftern, reden einander mit Titeln aus einer langst versunkenen Epoche an; 
kurz, sie benehmen sich — um mit einem von ihnen zu sprechen — wie 
»zu Unrecht Lebende«, wie »vom Tode auf unbeschrankte Zeit Beurlaub- 
te«, wie »Exterritoriale unter den Lebenden*. Der Mann, von dem diese 
Charakterisierungen stammen — Mittelpunkt des Gespensterkreises 
osterreichischer legitimistischer Boheme — ist Joseph Roth, und die zi- 



358 



IM EXIL 



tierten Worte stammen aus seinem neuesten Roman »Die Kapuziner- 

gruft*. 

E C Weiskopf: Totentanz. In: Die neue Weltbuhne. 35 (1939), 19, S. 

589-593, hier S. 589 f. - Siebe auch Kat.Nr. 629 



Roth legte grofiten Wert daraufi mit Otto von Habsburg, dem osterreichi- 
scken Thronanwdrter, der sett 1919 im Exit lebte, bekannt zu iverden. Wie 
Otto von Habsburg David Bronsen mitteilte, besuchte ihn Roth 1936 und 
1939 einige Male auf Schlofi Steenockerzeel bet Brussel, seinem Wohnsitz 
von 1930 bis zur Annexion Osterreichs. Meist sahen sie sich jedoch in Paris. 
In seiner Artikelserie »Schwarz-gelbes Tagebuch« hat Roth eine Begegnung 
mit Otto zu Beginn desjahres 1939, nach der Annexion, aufgezeichnet: 

488 Joseph Roth 

Schwarz-gelbes Tagebuch. Freitag. 

In: Die Osterreichische Post. 1 (1939), 5, S. 5 und S. 8. 

JRW, 4, S. 745-747 

Ich habe den Kaiser Otto wiedergesehen. Er war bei der Eroffnung der 
Neuen Kunstgalerie St. Etienne. Der Osterreicher waren einige da, loya- 
le Osterreicher. Viele unter ihnen hatten vor einem Jahr noch keinerlei 
Beziehung zum Kaiser und wahrscheinlich nur eine formale zu Oster- 
reich. Es konnte keine andere sein. Die armen rot-weifl-roten Kinder ei- 
nes Landes, das der Aufgabe nicht gewachsen war, ein Reich, das Reich 
zu reprasentieren, konnten kaum mehr als Orts- und Provinzialpatriotis- 
mus entwickeln. Es war »Heimatliebe«, eine lobliche, aber notwendiger- 
weise begrenzte Gemiitsaufterung. Der Habsburgische Kaisergedanke ist 
zu grofi fur ein so kleines Land. Und es ist kaum moglich, die Seelengro- 
fle all jener zu schildern, zu besiegen, muftte man sagen, die innerhalb 
der Mesquinerie der vergangenen Jahre die Kraft hatten, Legitimisten zu 
sein. Die neubekehrten, die Legitimisten von heute, haben es leichter, 
gerade weil sie in der Verbannung leben. Aller Welt fuhlbar ist die Tatsa- 
che, daft der Habsburger, die unsichtbare Krone auf dem Haupt, ein 
Symbol ist, mehr als ein Herrscher. Diese Tatsache ist so greifbar deut- 
lich, wie jene gewesen ist, als wir noch ein Reich hatten: daft Osterreich 
mehr war als ein Vaterland, namlich fast eine Religion. 

[■••] 

Im Exil aufgewachsen, hat dieser unser Kaiser das heutige Schicksal der 
Osterreicher vorausgelebt. Als wir noch zu Hause saften, war er schon 
ein Emigrant, und so jung er ist, das Schicksal des Verbanntseins ist ihm 
vertrauter als uns. Wie man es wiirdig tragt, dafiir ist er Beispiel und Mu- 
ster. 



IMEXIL 359 

Otto von Habsburg 489 

Photographic 

Vorlage: Emilio Vasari: Dr. Otto Habsburg oder Die Lei- 

denschaft fur Politik. 

Wien, Munchen: Verl. Herold 1972, vor S. 145. 

Am 25.Juli 1934 wurde der osterreichische Bundeskanzler Engelbert Doll- 
fufi, der im Februar 1934 den Aufstand der Sozialisten in Wien und an- 
deren Stddten blutig niedergeschlagen batte, bei einem nationalsozialisii- 
schen Putsch vers uch im Bundeskanzleramt erschossen. 
In einem Brief an Klaus Mann vom 6. Oktober 1934 aus Nizza nimmt 
Roth zu den Februar-Morden Stellung: 

In Osterreich ist nicht die Religion lebendig, sondern die negativen Kraf- 
te der Kriege. Sie wissen vielleicht, daft ich aus Protest gegen die Morde 
an den Arbeitern im Februar alle meine Beziehungen zur Heimwehr ab- 
gebrochen habe. AHerdings: ich war von den »Konservativen« nicht der 
Einzige. 
JRB, S. 384 f. 



Aufbahrung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfufi 490 

Photographic 1934. 

Vorlage: Bildband zur Geschichte Osterreichs. 4. Aufl. 
Innsbruck: Pinguin-Verl.; Frankfurt a. M.: Umschau-Verl. 
1975. S. 225. 



Dollfuft' Nachfolger Kurt von Schuschnigg brachte Roth wenig Vertrauen 
entgegen. So sab er in einem unter Schuschnigg zustande gekommenen 
deutsch-osterreichischen Filmabkommen einen ersten Schritt ztim »An- 
schlufi«: 

Joseph Roth 491 

Anschlufi im Film? 

In: Das Neue Tage-Buch. 3 (1935), 8, S. 185-186. 

JRW4, 717-719 

In diesen Tagen ist ein »Film-Abkommen« zwischen dem Dritten Reich 
und Osterreich geschlossen worden. Dieses »Film-Abkommen« kann 
man nicht anders bezeichnen als den vollendeten »AnscbIuft« der osterrei- 
chischen Film produkt ion an die deutsche. 



360 IM EXTL 

Die wirtschaftlichen Griinde dieses Film-Abkommens sind leicht 
erkennbar: der starkste Abnehmer osterreichischer Filme ist 
Deutschland. Die osterreichische Filmproduktion braucht den deut- 
schen Markt. 3000 Arbeiter, Techniker und Schauspieler sind in der 
osterreichischen Filmindustrie beschaftigt, und Osterreich kann sich kei- 
ne Arbeitslosen mehr leisten. 

Aber die Angst vor dreitausend neuen Arbeitslosen der Filmindustrie 
kann zu verheerenden politischen Folgen fur ein Land fuhren, das den 
Kampf um seine Unabhangigkeit mit alien Mitteln fuhren mufi, unter 
Umstinden auch mit den Mitteln des Films. 

[■■■] 

Auf Grund dieses Film-Abkommens werden die Deutschen jahrlich mit 
Dutzenden Propagandafilmen Osterreich iiberscrrwemmen, die gewifi 
nicht formal gegen die osterreichischen Zensur-Gesetze verstofJen, aber 
das Dritte Reich als Paradies schildern werden, dem sich durch Plebiszit 
anzuschliefien hochste Zeit fur die armen Osterreicher ware. 



492 Joseph Roth 

Der Stiefbruderzwist 
Manuskript 9 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

[...] 

Wenn es je einen »bluhenden« Unsinn gegeben hat, so ist es dieser. Jene 

verantwortlichen Stellen, die den famosen » Kultur- Austausch« propagie- 

ren, behaupten ja offiziell, wir Osterreicher und die Deutschen hatten ei- 

ne »gemeinsame Kultur*! Was ist hier also noch an Kultur »auszutau- 

schen«? 

Was sollen wir austauschen? 

Den Grillparzer gegen Baldur von Schirach? 

Den Metternich gegen Goebbels? 

Europaische, christliche, abendlandische Kultur gegen die Kultur des 

wahnwitzig gewordenen Piefke? 

Unser Deutschtum gegen den Usurpator des Deutschtums? 

Was hatten wir bei solch einem Austausch zu gewinnen? 

Wir konnen auch ohne Paula Wessely leben, und ohne die gewiC nicht 

»reinarischen« Makler der Filmbranche, die da zwischen einem selbstver- 

raterischen Levysohn und Goebbels hin- und hervermitteln. 

Es gibt fur Osterreicher, die das alte K. u. K. Osterreich gesehen haben, 

kein anderes Gefuhl und keinen andern Ausdruck fur dieses Gefiihl, als: 

widerlich. 

Entweder man steht auf dem Standpunkt, Osterreich und Deutschland 

hatten die gleiche Kultur: dann brauchte man absolut nichts »auszutau- 



IM EXIL 361 



scheru; oder aber, man glaubt Osterreich und Deutschland hatten ver- 
schiedene »Kulturen«. Dann brauchen wir keinen »Austausch«. 



Doch suchte er auch bei Schuschnigg nach Himveisen, die gegen den »An- 
schlufi« sprachen: 

Joseph Roth 493 

»Dreimal Osterreich*. Bemerkungen zum Buch des oster- 
reichischen Bundeskanzlers von Schuschnigg. 
In: Das Neue Tage-Buch. 6 (1938), 4, S. 85-88. 
JRW, 4, S. 434-440 

[--■] 

Der deutsche Osterreicher ist ein universale!*, kein autarkischer Mensch. 
Der Wahlspruch der Monarchic war: »viribus unitis* — und nicht: »Aus 
eigener Kraft>. Es ist nicht nur ein Wahlspruch, dieses »viribus unitis* — 
es ist ein Schicksalsspruch. Dieser Ablativ (wie symbolisch ist hier das 
Lateinische, das Latein aller osterreichischen Wahlspruche: indivisibiliter 
et inseperabiliter; Austria erit in orbe ultima!) — dieser Ablativ, der ein 
»durch« ebenso wie ein »mit« ausdriickt, ist das osterreichische, absolut 
anti-autarkische Programm, geistig, moralisch, politisch. Osterreich ware, 
»angeschlossen« an das Reich, diesem niemals *eingefugt*. Als ein staats- 
politischer Bestandteil des Deutschen Reiches ware es ein Fremdkorper, 
ein rebellierender, standig gereizter, aufreizender und gehassiger Fremd- 
korper. [. . .] 

[. . .] Die Tendenz des Schuschniggschen Buches ist selbstverstandlich 
das alte: »Austria erit in orbe ultima!* 

Wo gibt es einen wahrhaften europaischen Menschen, der sich nicht dar- 
iiber freute, daft der verantwortliche Staatsmann Osterreichs diese Ten- 
denz geauftert hat, in Anbetracht jener »derben Einschuchterung«, von 
der heute nicht nur Osterreich bedroht ist? 



Kurt fvon] Schuschnigg 494 

Dreimal Osterreich. (2. Aufl.) 
Wien: Thomas-Verl. 1937. 335 S. 

Am 12. Februar 1938 f and ein Besuch Schuschniggs bei Hitler in Bercbtes- 
gaden statu Im »Berchtesgadener Abkommem mufite Schuschnigg eine Am- 
nestic fiir alle inhaftierten osterreichischen Nationalsozialisten und die 
Aufnahme Arthur Seyfi-Inquarts als Innen- und Sicherheitsminister in sein 
Kabinett zugestehen. 



362 



IM EXIL 



Zu einer Rundfunkrede des osterreichischen Bundeskanzlers Kurt von 
Schuschnigg unmittelbar nach dem »Berchtesgadener Abkommem: 

495 Joseph Roth 

Abb. 73 Victoria victis! Zur Rede d. Bundeskanzlers. 

In: Der Christliche Standestaat 5 (1938), 9, S. 175-176. 

JRW4, S. 726-728 

[-•■] 

Noch nie hat in den letzten zwanzig Jahren ein materiell Schwacher so 
friedfertig stark gesprochen, und noch nie seit dem Kriege hat ein 
Machtloser dermaflen eindrucksvoll bewiesen, dafS er nicht kapituliert. 
Ja, mehr als dies: seit dem Ablauf dieses unseligen Krieges und seit dem 
Ausbruch des noch unseligeren Friedens hat kein Staatsmann der »klei- 
neren Machte* eine Rede gehalten, in der der immanente Glaube an die 
wahre Sittlichkeit kluger und sogar geschickter verbunden gewesen ware 
mit der diplomatischen Zweckmaftigkeit. Es ist die Rede eines katholi- 
scben Politikers eben. 

[...] 

Ehre, wem Ehre gebiihrt; und besonders jenem, der die Demut kennt: 
der Kanzler Schuschnigg war immer ein umsichtiger, guter Staatsmann. 
Seit seiner letzten Rede ist er wahrhaftig ein bedeutender.. 



Kurze Zeit vor der Annexion fdhrt Roth im Auftrag der osterreichischen 
Legitimisten, mit Wissen und Einverstdndnis Ottos, nach Wien, um mit 
Schuschnigg in Verbindung zu treten und ihn fur einen Staatsstreich zur 
Ruckkehr der Habsburger zu gewinnen, 

Vor Abfahrt des Zuges am 24. Februar 1938 schreibt er an den Freund 
Pierre Bertaux, jetzt Chef de cabinet im Erziehungsministerium und Letter 
des franzosischen Rundfunks in deutscher Sprache bei Radio Strasbourg, 
aus dem Speisewagen: 



496 Joseph Roth an Pierre Bertaux 

Brief. Paris, [24. 2. 1938]. 

Kopie. - Vorlage: K&W 
JRB S. 520 

[-•■] 

1.) vor der Abfahrt: 

in Osterreich wahrscheinlich Belagerungszustand, 

damit Innenpolitik ganz in Handen Skubls bleibt. 2.) Jesuitisch — ty- 



IM EXIL 



363 



DER 
CHRISTLIGHE STANDESTAAT 

OSTERREICHISCHE WOCHENHEFTE 



hlr. 9 



5. JaitrgsBg 



VICTORIA VICTIS! 

Zm Rede des Bun desk anzJers 
Von Joseph Roth 



DiV Rede dt's Baiideskan2;ers Sdtaschiiigg ist ohaa 
Z-sreifel die bests IttdeuUcberSprachc™ 
?el t der Erirndung- <les R and funks und seit- 
&>jk da* M^ropbort den Sedaer von seiner Zuiifirerschaft 
ir^ai. islsit si;.*: rait .!hr zu vevbbdea, Deair cs trenat in 
VCiii^hkifc (oder «s Tinier&'ricfet vieiaiehr) den Redner 
vasi seir-er iift gieiefcen Raum viirsaaimclTaa Zahftrerechaft 
-■iaf-Mh durcii die phy&kalisthe Tatsache, daft es des 
k.4«:b s pre age, iadsa* «s die Welt Sijact. D^r 
!?■.'. i:\!.' vor ceiK Mikrophoa reagfcrf g:eichsam nicht raehr 
•s: :' t.f direkten s^elischsa and ssagisehen RcffeiM setaer 
2 .via*:, ei it deaen er skh ;M giddier, jRaum befiadet, soi> 
i .:;; sisdu verjeblich. eiaen uamog'ithea, physistil unmog- 
j.ci-iii, KoKiski mi£ den trasichtbansa zrdiSiosfin. Zubfifern 
c<:r %'<:<i (liter weiS, wie die Redes der Demosthenes und 
C.^ra fii.j^efaSiea waroij wenn sic vor cinem Mtkro- 
ru^i jjestafide:! Muea!) 

iX » !.iiff«s.; erg&l sicb iwwcndSg flws .der „Oiffcrsiqry' t 
jL'ls iwi'ii: .'ins dsr Vrntanmng. Dk' Jvwnzealratioa aiis" 
disii f .ititepnrchi*.' =$reine bes-Oftdcre g$'i$ti#e Hud mora- 
' '.si h.' i.i*.*tt«iji .Jiit »;ch". Keia rinziger RtKiicr deutscher 
S:vacbe has sie b.i jeizt jreielsfei Der hs.rzhaf;e und zu- 
v.-*;:.';i iromsefce Tirisjaij der deu'scbeii Sp niche, dor d«a 
■* rt j loosen Apjwrst vermeasenlieUt, iadeai er Hin akis- 
<.o tn and der aa3 dsai Mechanismiis eia Ageris siscaf, 
v;;,.: vr sias hiiti-jiiica* aam ,iaut«p reciter" er- 
trri.n'st. "jezeichsei den n;;&%en Zust&aa dcr nioderaen 
ki^x.-;* .-i si besiea, Der .Ueehanismus calhebt gewisser- 
■^:t$H; (Uvi R:dr«r seiner Verpfliditung: iaat, dns IteiBt 
&j*3n::.c)i; ««if:.di uftd vernaiinig zu sprechen. (Oenn 
..:i Ochu-i ds= RU'iorisciwn ist d^s „Lau:a* f ^o;di dem 
Wniurtfiigcn uftts d«s Diafiichen.) Es \si kriii ZufaiL daS 
cur S.dstv grober, das iiaifit: ur,d«atiicter greworden isi, 
fv:.irt*;-i der „l.ia:.jpreri:er", das scckalos* Instrument, a.v 
,i. , ":;:;.j;.-n K<«. ^jS ^er W^i angebJicii „^retandlich zu 
ir^^jcii", lii Vi'tfsiiciiJtrfi hat der ,,Uiifisprcfbcf" dea 
iv.i.'ur nw f, baorbicrt. Es i*t, aSs ware cr jo €in 
■a ■■;^.Tt5r,eside5 f jj! "efaikn, in cin hohies seibsCverstacc- 
i:cli : ynd st-iriC Stissjae in ihr ei^cocs Echo, das sit ge-i 
v,-if:8i?rnwfien antixipfcrt. 

• IE. 

f;r»r %vean man d:c5e neiti techniscUea Bedin^«ngen 
VAX* (uoderscn fedfiSrs i'n Bdrscht gezogen hat t kann 
Hi'i-i iL.; Ql\\\x der Scb*Jsdia;(rjjscJi«n Lciatung gafiz «r- 
hilmsw). I:: {Jif^Cin Aagc«'bJ:d(, in denx nsan aiien AnlsS 



fiat, ihs zu iobcK, dart tmn mix <kr Vt'altriicit nichf spares; 
and kinn a!$0 gesfeben, da [J er mdri immer fre; war 
voa dcr heiiiosen V^rpllichtung der Sfaafcrnanaer Uiid 
Politlfecr, „Papkr' 7« reden urtd die gcia«fi^e Phraas in 
den Dieiist sciacs Ge% f i$sens zu spamicn. Diestwa' aber 
ver2;chtete er aal si«. Nicht n«r dss: *r kyndigic ihr frisi* 
los, sozasagen. Zr eatiic/J si* aus sciaea Dienstea, wie 
man eiae scUiccbte Magd ratiaS*. Sie war zu biliig, ittii 
der Wabrhejt zu dienen, die deaj Redair am h!e:ze;i la^ 
end zu vaigaryutn- nicht das diplomatiscbt Vckahuiar z*J 
siorefi, deas*n er slcb bedicnen aJuSte. Dean die PhrasS 
tst der Knc^it <fer Vutgaritat, nichs der DipiOKiaiit. Wena 
jh der lctztai «Rsde Schusehnigga eSae vorfcomnU, so ei*- 
sdw'ni sie Kteichsam grfesseit, verSafter, 'm dir OaredaraK' 
rirbegieitung uasichibartr GaastluSdisr., «r.d jeder Zu- 
&<>rer wciil ita ^rsten Moment, cisft sie arreiiert ist tas 
Maraen des sittiirisen Gesetr-ra. •£& simi Phrasen, -deai 
Publicum in Ma«dschcif«i vorge'Bhrt, 

DjjJ ist nwisterbaft, er;i»tert an di? bss'ca i-bcior.Khea 
Tradtlior.en, uikS'wir jfiauacn nicht, da3 «ae aUzn k«kri« 
Assortaiioa uns bci cem Satz Schusebniggs : „BJs hieha: 
'mid. nicht wetter!'* JKiea attderas Sari i»s Oar zurSck- 
gerufca hat, der da kuict: „Qnb«iiaue t a n<i e as, 
Catdinal..." 

III. 
N'oeh nie hat in den letztso swsnzig Jsbrer. eia maSs- 
rk'ii Schwaciwr so friedfertijj stark gcsijroefiea, «ad noch 
me &eit dem Kriege hat. eia .Maciticser demuiSea 
eindruck5%'oiJ bewicaen, daB er aicht kapituisert. Ja, mflisr 
ats dies: seit dem Abiaaf dieses tinseiigen Krieges uud seit 
deal Auslwacii des noch tmseiigerea Frkden.». hat ke:a 
Staat$«iana der „k]«Beren Machte** eins Rede gchaiiai, 
in der der iramsseRte Glaubc an die; wahie Sdt'Jcbk'Hi 
khjger »ad sogar geschickttr vcrbis-slai gevvesen ware 
m it der diploma! tsshen ZwccicmiS^keir. Ea is; d;e Sed» 
eines fcathoiisthes PoJ i tikersVhen. 

D^e gaaze KuISiit eiacr taasitidjabi-ig'ea Krfahvusi'. 6x 
derma fen iss Biist -fibergegangta ist, di8 s!k j-^d^a ,/R3S3e- 
nachweis" Sberflassig aiadit, geh^rt dazu, n:n die irdisehs 
politische Kiugbeit mit der r.bej»iaatrcheii Mora! nicht 
atir zu vereiaea, scuidem ;iueh jeae van dieaer gEsiiifzt 
ersdrcinen zu lassca. Dagegen komra&a, trotz deai Lanu, 
den die Weli heaJzutage zu Jieber. sebciat, jene Rcda-ar 
niclit auf, die eigaitttch den Names der Appsrate ver- 



73. Joseph Roth: Victoria victis! In: Der Christliche Sttindestaat. 
6.Mdrz 1938 



364 



IM EXIL 



pisch: Halfte der Osterreicher Nazis, die freigelassen waren, schon wie- 

der eingesperrt 3.) Fur Frankreich meine Ratschlage: 

a.) mit Rutland; 

b.) m/VTschechoslovakei offen zu erklarendes militdrisches Bundnis; 

c.) Eintreten fur Osterreich, offen 

d.) Pyrenaen. 

Herzlichst, mein Zug geht 

[...] 

Gewifi istj dafi es Roth gelang, bei dem Wiener Polizeiprdsidenten Skubl 
vorzusprechen; Skubl riet ihm, Osterreich umgehend zu verlassen. 



»Totenmesse« 

1^— ^WMM^MEMBBMiMl III! | |||H | ||| | |||||||| H || | | | II I I 11 1 

497 Marsch deutscher Truppen ixber die Ringstrafie in 
Wien 

Photographic 1938. 

Vorlage: Bildband zur Geschichte Osterreichs. 

4. Aufl. Innsbruck: Pinguin-Verl.; Frankfurt a. M.: Um- 

schau-Verl 1975, S. 228. 

Am 11. Mdrz 1938 tritt Schuschnigg nach der Aufforderung an seine 
Landsleute, bei einem moglichen Einmarsch deutscher Truppen keinen Wi- 
derstand zu leisten, zurilck. Der neue Bundeskanzler Seyfi-Inquart beruft 
am gleichen Tag eine provisorische nationalsozialistische Regierung und 
ersucht um Entsendung deutscher Truppen nach Osterreich. Am 12. Mdrz 
wird Wien besetzt; am 13. Mdrz verkiindet Seyfi-Inquart den »Anschlufl 
Osterreichs an Deutschland«. 



498 Joseph Roth 

Toten-Messe. 

In: Das Neue Tagebuch. 6 (1938), 12, S. 276-277. 

JRW 4, S. 729-731: Totenmesse. 



IM EXIL 365 

Eine Welt ist dahingeschieden, und die iiberlebende Welt gewahrt der 
toten nicht einmal eine wiirdige Leichenfeier. Keine Messe und kein 
Kaddisch wird Osterreich zugebilligt. Der Vatikan muflte alle Glocken 
lauten lassen, aber er ist ohnmachtig wie ein Synedrion und liefert sich 
obendrein jeden Tag mehr dem Getto aus. Die europaische Kulturwelt 
miiftte sozusagen ein Begrabnis erster Klasse veranstalten, im wahrsten 
Sinne des Wortes : ein »Staats begrabnis* ; aber sie gleicht einem Gelahm- 
ten, der im Rollstuhl Totenwache neben einem Katafalk halten soil. Der 
preuftische Stiefel stampft iiber alteste europaische Saat. Den Stephans- 
turm, dem ein paar Jahrhunderte lang der Halbmond erspart geblieben 
ist, wird bald das Hakenkreuz in ein Unwahrzeichen verwandeln. Unter 
dem mildem Himmel, in dessen Wolbung und Wolken die Melodien 
Beethovens und Mozarts und Bruckners beinahe greifbar schweben, rat- 
tern von nun an die stahlernen Vogel Deutschlands, die Raubgeier von 
Preuflen, und iiber der Kapuzinergruft flattert die alte schwarz-weift-rote 
Feindin. [. . .] 

[. . .] 600 Jahre Habsburg konnten nicht ausgeloscht werden von der Stu- 
piditat der linken Dogmatiker und der rechten alpinen Trottel. Jetzt 
endlich sind sie es. Einer aus Braunau hat es getan. Er hat Osterreich ver- 
linzert, also ist es verloren. 

[...] 

Eine Welt ist Preufteri ausgeliefert worden. Eine Welt? Die Welt ist 
PreuGen tibergeben worden: auf Gedeih und Verderb. Auf Verderb viel 
mehr. Verloren haben sie nicht nur Beethoven, Mozart, Schubert, 
Brahms, sondern auch das letzte Land, wohin sich die grofien Schatten 
Deutschlands noch gefluchtet hatten, ohne Paft: die Goethe, die Kant, 
die Schiller und alle in geistigen Konzentrationslagern miGhandelten 
Zeugen deutscher Grofte. Die Welt verhandelt indessen mit Ribbentrop. 
Quos Deus perdere vult . . . 



Otto von Habsburg berichtete David Bronsen, dafi der dufierst verzweifelte 
Roth nach der Annexion an den Versammlungen der monarchistischen Be- 
wegung regelmdfiig teilgenommen habe. Am 16. Mdrz hielt er, nach einer 
Einleitung von Pierre Bertaux, im franzosischen Rundfunk eine Rede iiber 
die Annexion und zeichnete die Zukunftsperspektive eines freien Osterreich. 

Auch an der Kundgebung fur Osterreich, die der Schutzverband Deutscher 
Schriftsteller am 28. Mdrz 1938 veranstaltete, beteiligte sich Roth als Red- 
ner, gefolgt von Dr. K. Boskowitz, Ludwig Renn und Bruno Frei, 

Ludwig Renn ist es auch, der in seinem Nachruf fur Heinrich Mann von 
einer Vol ksfront- Kundgebung berichtet, die im Jahre 1938 im Theatre de la 



366 



IM EXIL 



Renaissance unter dem Vorsitz Heinrkh Manns stattfand. Es sprachen, sei- 
ner Erinnerung zufolge, Louis Aragon, Renn selbst und Joseph Roth: 

499 Ludwig Renn 

Nachruf fur Heinrich Mann. 

In: Neues Deutschland. 16 (1961), 85, S. 4. 

Dir, Heinrich Mann, dem wir hier eine dauerhafte Ruhestatte bereiten, 
bin ich nur einmal im Leben begegnet. Es war wohl im Jahre 1938, je- 
denfalls in Paris. Der Anlaft aber war bedeutsam genug. Wir saften ne- 
beneinander auf der Buhne des Theatre de la Renaissance, und Du hat- 
test den Vorsitz bei dieser wichtigen Kundgebung. An Deiner einen Sei- 
te saft der franzosische Dichter Louis Aragon, auf der anderen ich als Of- 
fizier der Spanischen Volksarmee und der osterreichische Schriftsteller 
Joseph Roth. 

Damals zeichnete sich schon die Bedrohung Frankreichs durch die Hit- 
ler- Regierung ab, und wir demon strierten fur zwei Ideen: fur die Volks- 
front gegen den Faschismus und fur den Schutz Frankreichs. Die deut- 
sche Volksfront, deren Vorsitzender Du, Heinrich Mann, warst, hatte 
mich ermachtigt, vor dem franzosischen Publikum zu erklaren: »Wir 
Deutschen, die in Spanien gegen die faschistische Aggression kampfen, 
sind ebenso bereit, Frankreich zu verteidigen, falls die Nazis wagen, es 
anzugreifen.* 



Roth nahm ferner, wie die Chronik des Schutzverbands Deutscher Schrift- 
steller nachweist, aktiv an der »Kundgebung fur Osterreich« am 28. Mdrz 
1938 teil sowie an einer Veranstaltung »Hommage a Vdme autrichienne« 
— zusammen mit Heinrich Mann, Emit Ludwig und Louis Aragon. 



500 Fuenf Jahre SDS in Paris 

Eine Chronik. 

In: Der deutsche Schriftsteller. 1938, Nov.: 

Sonderh. zum Jubilaum des SDS, S. 30— [32]. 

Roth sprach, wie die Chronik zeigt, 1938 noch zweimal in Veranstaltungen 
des Schutzverbandes, am 10. Mai auf der Ossietzky-Kundgebung am X 
Jahrestag der Bucherverbrennung und am 13.Juni zur Geddchtnisfeier fur 
Odon von Horvdth. 
Siehe auch Kat.Nr. 319 und nach Kat.Nr. 454 



IM EXIL 367 

Im Vortrag »Hommages pour I'dme autrichienne« begriijSt er den anwesen- 
den Heinrich Mann ah seinen Lehrmeister. Die Rede wird in der Zeit- 
schrift »Commune«, Paris, Nr. 57 (Mai 1938), abgedruckt. 

Joseph Roth 501 

Hommages pour Tame autrichienne. Vortrag. 
Manuskript. Marz 1938. 7 Bl. hs., von fremder Hand. 

Kopie. — Original: LBI 

dt: JRW 4, S. 733-735, u.d.T.: Huldigung an den Geist Osterreichs. 

[...] 

Meine Damen und Herren, 

seien wir uns klar dariiber, daft wir jetzt zu einer Leichenfeier versam- 
melt sind und daft uns die Klage angemessen ist und nicht ein Protest. 
Seien wir uns klar dariiber, daft Tote durch Proteste nicht wieder zum 
Leben erweckt werden. Seien wir uns klar dariiber, daft eine ahnliche 
Versammlung wie die heutige, vor drei Jahren, vor drei Monaten, vor 
sechs Wochen noch abgehalten, vielleicht diese unsere Trauerfeier uber- 
fliissig gemacht hatte. Ich teile den Optimismus nicht, der wahrschein- 
lich Sie, meine Damen und Herren und meine Kollegen, die Vorredner, 
beseelt. Ich glaube nicht nur, daft Osterreich verloren ist, sondern auch, 
daft durch die Unfahigkeit Europas, es zu erhalten — und auch Sie mei- 
ne Damen und Herren gehdren zu Europa — , Europa verloren ist. Bil- 
den Sie sich nicht ein, daft man in dem kommenden Sommer ruhig in 
der Seine oder Rhone schwimmen wird, solange Hitler in der Donau an- 
gelt, und bilden Sie sich ja nicht ein, daft er aufhoren wird, dort zu an- 
geln, und zwar die ganze Donau entlang bis zum Schwarzen Meer. 
[. . .] die mit Unrecht sogenannte Linke hat ohne Zweifel die Entwick- 
lung der europaischen Katastrophe gefordert. Sie hat aus doktrinaren 
Griinden, aus einer kurzsichtigen Dogmatik, die Krone und die Religion 
bekampft, die einzigen zwei sicheren Bannmachte gegen die preuftische 
Barbarei in der Welt. 

[. . .] An den Ufern der Seine sitzen wir und weinen. Wir beklagen nicht 
allein den Sieg der Barbarei, sondern, was noch schlimmer ist, daft diese 
Barbarei genahrt wird von der Neutralitat der zivilisierten oder, im neue- 
sten politischen Jargon gesagt, der Nonintervention, die es vorzieht, an- 
statt zu handeln, Zeuge zu sein am Tatort, wo sie hingerichtet wird. 



Joseph Roth 502 

Brief an einen Statthalter. 

In: Das Neue Tage-Buch. 6 (1938), 13, S. 309. 

JRW 4, S. 731-733 



368 



IM EXIL 



Roth gibt in einem Brief an den »Reichsstatthalter« fur Osterreich, Arthur 
Seyfi-Inquart, seinen — angeblichen — Rang ah osterreichischer Offizier 
zuruck: 



Ich halte es namlich fur unvereinbar mit meinem Gewissen, als ehemali- 
ger osterreichischer Soldat und Kriegsteilnehmer moglicherweise in den 
Listen der preuftischen Armee zu figurieren, und fuhle mich infolgedes- 
sen verpflichtet, meinen Rang niederzulegen. [. . .] Da ich zwei Jahre und 
drei Monate im Feld fur Osterreich gekampft habe, allerdings einem fa- 
talen historischen Irrtum zufolge, fur den ich nicht verantwortlich bin, 
an der Seite der Reichsdeutschen, oder, um noch einmal in Ihrer Spra- 
che zu reden, an deren Schulter, auf die sich Ihr Fiihrer vor einigen Jah- 
ren geschwungen hat, bin ich heute doppelt oder dreifach verpflichtet, 
jede Solidaritat mit den tadellos disziplinierten Horden abzulehnen, in 
deren Listen gefiihrt zu werden mehr als ein Ungliick ware, namlich eine 
Schande, und von denen abgelehnt zu sein mehr als ein Gluck bedeuten 
wiirde, namlich eine Ehre. [. . .] 

[. . .] Ich gedenke, Frankreich zu dienen, das Sie anzugreifen gedenken, 
und ich glaube hoffen zu konnen, daft mehrere meiner alten Kameraden 
mit mir, nicht mit Ihnen, sein werden. [. . .] 



503 Joseph Roth 

Abb. 74 Zu einigen allzu absurden Verdikten. 
Manuskript. Undatiert. 5 Bl. hs. 

Kopie. — Original: LBI 



504 Joseph Roth 

Zu einigen allzu absurden Verdikten . . . 

In: Das Neue Tage-Buch. 6 (1938), 28. S. 666-661. 

JRW4, S. 738-741 

Der Verfasser dieser Zeilen ist osterreichischer Legitimist. Er legt Wert 
darauf, es zu betonen, um mit einer nachdrucklichen Aufrichtigkeit ver- 
sichern zu konnen, daft er das Folgende sine ira et studio mitzuteilen ge- 
denkt [. . .] 

[. . .] Niitzlich [. . .] im Interesse der historischen Wahrheit, scheint uns 
die unzweideutige Feststellung: daft der osterreichische Legitimismus 
sich manchmal im offenen, immer im verborgenen Widerspruch zum 
Standestaat, vieler seiner Stiitzen und seiner paramilitarischen Gebilde 
befand. Im letzten Jahr, also ungefahr heute vor einem Jahr, konnten 
auch jene Elemente in Osterreich, die aus Gefuhls- und Gesinnungs- 



IM EXIL 



369 






A //.'■ 




V& ijix K\$V *-keu ^mmv J^fth/Lu vI-rrWuA^c ^^Jlv^oUJL 
fcMvdU* j d^K K* WuY&m| "^4*"$' h^^O d^> ^Mfef^. «tX 
V^ %* d^ ftOSJo^'tenx 'HwO^^^ ^fWrM^ 



74. Joseph Roth: Zu einigen allzu absurden Verdikten. 
Manuskript (Seite 1) 



370 



IM EXIL 



griinden, aus Ressentiment und Gewohnheit gegen Habsburg und Mon- 
archic waren, nicht umhin, aus Griinden der Vernunft die Monarchic der 
Nilpferdpeitsche Hitlers vorzuziehen. [. . .] 

Unbekannt darf es nicht langer bleiben, daft der menschlich bedauerns- 
werte, politisch keineswegs zu entschuldigende Kanzler Schuschnigg das 
hartnackige Hindernis auf dem Wege Osterreichs zur Monarchic war. 
Die Kompromift-Katholiken, die »Briickenbauer«, wie man sie in den le- 
gitimistischen Kreisen nannte, waren die Gegner Ottos — nicht etwa, 
wie die Fanatiker der Schablone glauben wollen, seine Forderer. Wen 
das »Heil Hitler!* des Wiener Kardinals iiberrascht hat, der hat Oster- 
reich niemals wirklich gekannt [. . .] Dieser »Christliche Standestaat«, 
samt seinem Tauf paten Innitzer, war keineswegs der »reaktionare« Ver- 
biindete Habsburgs, sondern dessen Feind. Der gesunde Instinkt des 
Volkes sprach nicht nur gegen das Hakenkreuz, sondern auch gegen das 
Rot-Weifl-Rot der falschen Christen; weit eher — um ganz vorsichtig zu 
sein und nicht in den Verdacht der Voreingenommenheit zu geraten — 
fur die Krone. 



505 Joseph Roth 

Die Hinrichtung Osterreichs. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 941 (11. 3. 1939), S. 2. 

JRW4, S. 765-768 

In diesem Beitrag, der zweieinhalb Monate vor Roths Tod, anldfilich des 
Jahrestages der Annexion, geschrieben wurde, versucht er } ibre Ursachen hi- 
storisch zu ergrunden: 

[. . ] Um den Sturz Osterreichs zu erklaren, genxigt es eben nicht, die 
Fehltritte aufzuzahlen, die es vorher begangen hat: sondern die konstitu- 
tionell bedingt gewesene Bereitschaft aller Regierungen zu einem offe- 
nen oder verhiillten »Anschlufi«, vom ersten Tag der Republik an bis 
zum letzten des Christlichen Stand estaates, nachzuweisen. Eine konsti- 
tutionelle Bedingtheit iibrigens, die sich aus den Irrtumern der alten 
Monarchic noch herleitet und die in der Hauptsache darin bestanden ha- 
ben, innerhalb eines groften Reiches von sechzehn Nationen die 
deutschsprachigen Osterreicher als eine Art von dominierendem »Staats- 
volk« gelten zu lassen. Groftdeutsche Professoren wilhelminischer Gesin- 
nung, und beinahe auch wilhelminischen Aussehens, hielten die wichtig- 
sten Lehrstiihle der osterreichischen Hochschulen besetzt und lehrten 
dort den Made-in-Germany-Hochmut, der nach Sedan sich anschickte, 
in der Welt zu grassieren. [. . .] Tatsache ist, dafi, je mehr die deutschen 
Osterreicher zu Wilhelm II. tendierten, sich die anderen Volker der 
Monarchic zu einer staatlichen Selbstandigkeit drangten. Die Krone 



IMEXIL 371 

liebten sie. Die Pickelhaube hapten sie. Kaiser Karl war zu spat und in 
der ungliicklichen Phase des Krieges auf den Thron gestiegen. »Schulter 
an Schulter« mit der Hybris der Deutschen gingen die makabre Sterilitat, 
die praponderante Leichtfertigkeit und das deutsche Turnvatertum 
Osterreichs unter. 

[•••] 

Nun erbten die Kinder des geistigen Turnvaters Hegel die kleine Repu- 
blik, und ihrer Tradition gemafl war ihnen nichts so dringlich wie der 
Anschlufl an das endlich kaiserlos gewordene Deutschland. Sie verwech- 
selten Kaiserlosigkeit mit Republik. Genauso simpel wie die nationalisti- 
sche Auffassung, daft »Blut zu Blut« gehore. [. . .] 

[...] 

Seitdem fliefit viel Blut in Osterreich, deutsches und anderes. Von 
Berchtesgaden fiihrt eine einzige Blutspur nach Osterreich. 
Die historische Schuld daran ist alt. Die moralische ist junger. Man darf 
nicht jene iiber dieser ubersehen, wenn man die Verge waltigung Oster- 
reichs verstehen will. Alle Schuld ist tiefer und fruher gelegen, als es der 
»Aktualitatssinn« ahnt. 

Noch zu dieser Zeit war Roth politisch fur Osterreich tdtig. Seiner Ubersetze- 
rin Blanche Gidon schreibt er mit Poststempel vom 11. Mdrz 1939 — im 
letzten in der Briefausgabe wiedergegebenen Brief — , daft er »seit 3 Tagen 
in 6 Versammlungen der Osterreicker spreche« (JRB, S. 527). 



Die Reaktion der meisten seiner Freunde und Bekannten auf Roths Habs- 
burger Legitimismus und Katholizismus Idftt Ablehnung erkennen. Klaus 
Mann bericbtet in seiner Autobiographic »Der Wendepunkt« von Roths 
»bizarren politischen Theoriem: 

Klaus Mann 506 

Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht 

[Frankfurt a. M.:] S. Fischer 1952. 551 S., 1 Titelbild 

Die Rettung Europas — Joseph Roth zufolge — konnte nur vom Hause 
Habsburg kommen, eine andere Hoffnung gab es nicht. SafJe erst wieder 
die gesalbte Majestat in der Wiener Hofburg, so wurde noch alles gut: 
das Regiment des »Antichrist« ware voriiber. Wahrend der Dichter der- 
gleichen auseinandersetzte, konsumierte er erstaunliche Mengen aufterst 
konzentrierten Alkohols; in meiner Erinnerung waren es meist Getranke 
von ungewohnlich dunkler, braunlichtriiber Farbung und geradezu dia- 
bolischer Intensitat, die unser Freund aus kleinen Glasern schliirfte. 
Seite 330 



372 IM EXIL 

Diejenigen seiner Freunde, die sich um Verstandnis bemuhten, sahen die 
Ursache in seiner dichterischen Erfindung: 

Hermann Kesten: 

Aber schreibend verliebte sich Roth in diese verdammte und tote Welt. 
Als er schon den halben »Radetzkymarsch« geschrieben hatte, beschlofl 
er erst, auf eine Anregung seines Freundes und Verlegers Walter Lan- 
dauer hin, den Kaiser Franz Joseph im Roman auftreten zu lassen. 
Schreibend wurde er ein Monarchist, abhangig so, nach dem Wort Goe- 
thes, von den Figuren, die er schuf. Schreibend wurde Roth fromm. Da 
er glauben wollte, war er — vielleicht — glaubig. In einem neuen Habs- 
burger Reich, innerhalb der katholischen Kirche, glaubte er die Ord- 
nung und die Humanitat und die Rettung vor der neuen Barbarei und 
dem alten Chaos, vor Teufel und Antichrist zu finden. 
Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, S. 
15-26, hierS. 22 

Ahnlich Rudolf Leonhard: 

Zweifellos war es die dichterische Erfindung, die dichterische Bindung, 
die dann aus dem Liebhaber und Verteidiger der Ostjuden den aktiven 
und militanten Katholiken, aus dem Genossen der linken Schrifts teller, 
der dem Schicksal, als Kulturbolschewik zu gelten, auch willentlich 
nicht entging, den Monarch is ten — oder sein wir genau: den Habsbur- 
ger Legitimisten — machte. Was war da geschehn? Er hatte ein herrli- 
ches Buch geschrieben, das eigentlich mit dem Osterreich der Habsbur- 
ger, auf eine gerechte und geschichtlichen Verlaufen gegeniiber unvor- 
eingenommene Art, endgultig abrechnet. Dabei hat er sich, wie es dem 
Schriftsteller gehn muss, in sein Sujet verliebt (ich kenne sozialistische 
Romanciers, denen die Liebe zur grossen geschichtlichen Leistung des 
Kapitalismus nach Abschluss ihrer Bucher gefahrlich geworden ist; und 
selbst liber die Nationalsozialisten kann man keinen Roman schreiben, 
ohne wenigstens fur die so grauenvoll Verfuhrten eine starke mitleidige 
Sympathie zu haben [. . .] Die Liebe zum Sujet, zum Habsburger Objekt, 
fixierte sich aber bei Roth; er war in eine Welt eingedrungen, als Be- 
schauer, als Kritiker, er wollte nun in ihr bleiben, er verhaftete sich ihr. 
Er blieb Legitimist; oder er spielte die Rolle des Legitimisten, mit alien 
Erfordernissen des ernst genommnen Spiels. Jedenfalls habe ich ihn von 
seinem Legitimismus nie ohne ein mehr oder minder kleines Lacheln 
sprechen sehn; auch wenn er von geheimnisvollen Propagandareisen 
und Putschplanen berichtete, lachelte er versteckt; sogar als er erzahlte, 
er sei nun mit seinem Kaiser Otto bose, weil der nicht, wie er, Roth, es 
wollte, die Arbeiter bewaffnet habe, war noch ein ganz kleines Lacheln 
da. [. . .] 

Rudolf Leonhard: Geschichten vom Joseph Roth In: Die neue Weltbuhne. 
35 (1939), 25, S. 792- 794, hier S. 793 f - Siehe auch Kat.Nr. 539 



IM EXIL 



373 



Hans Natonek 507 

Die Legende Roth. 

In: Die Osterreichische Post. 1 (1939), 13/14, S. 3-4. 

Roth, den Legitimisten, betrachten, bedeutet drei profunde, unterirdi- 
sche Gebiete der Dichtung und Geschichte beriihren: die Legende, die 
Romantik und die Rolle des unpolitischen Dichters in der Politik. (Sie 
seien hier nur aphoristisch gestreift.) 

Man kann den »Radetzkymarsch« und die »Kapuzinergruft« wenden wie 
man will, es wird dabei kein Programm und keine Tendenzdichtung her- 
auskommen. Wohl ein Traum, Traum eines menschenwiirdigen Reichs 
und einer Ordnung, eine Verliebtheit und eine Liebe, ein bis zum Eigen- 
sinn und bis zur Leidenschaft getriebenes Spiel. 

Als echter Romantiker hat er riickwarts gelebt, »a la recherche du temps 
perdu*; er marschierte, taumelte in eine bessere Vergangenheit zuriick 
(die er aus eigener Anschauung kaum kannte); er beschwor den Schatten 
Vorkriegsosterreichs und seines Kaisers und hielt ihm in kindlicher Soh- 
nesliebe die Treue. Einmal verliebt in den osterreichischen Traum, lebte 
er ihn in der Dichtung und in der personlichen Gestalt, im Geist und im 
Fleisch, wie ein Liebender seine Liebe erlebt; wie ein Romantiker Traum 
und Wirklichkeit nicht mehr unterscheidet. Gelebter Traum und gelebte 
Dichtung — das ist Legende. Wenn man will, nenne man es »Legitimis- 
mus«. Was liegt an Worten. Im Grunde ist Roths gelebte und gedichtete 
Legende politisch unbenennbar und unbeniitzbar. Wenn Antilegitimi- 
sten die Dummheit begehen, auf seinem Grabe eine andere Fahne auf- 
zupflanzen, wenn sie den toten Dichter fur eine andere »Richtung« bean- 
spruchen, — an dieser Stelle soil sich ein so barbarisches Missverstand- 
nis nicht wiederholen. So viel Respekt musste sogar ein politischer 
Mensch aufbringen. 

[•••] 

Aber ebenso, wie in Roths Habsburg-Romanen eine Abrechnung mit 
den Mangeln der Vorkriegsmonarchie fehlt, ebenso fehlt in ihnen ein 
Programm des kunftigen Oesterreich. Roths tiefe Dichterweisheit be- 
schrankte sich auf die Legende. Alle politische Zukunfts-Aktualitat ist 
vermieden. Es ist nicht seine Schuld, wenn man seine schone, gute Le- 
gende, so oder so, politisiert. An diesem farbigen Gemalde mit den ver- 
schwimmenden Konturen ist nichts zu andern. Er hatte nichts dagegen, 
als Legitimist zu leben und zu sterben. Er legte keinen Wert auf ein Wil- 
lensvermachtnis, in keiner Beziehung, auch nicht in religioser. Er war so, 
wie er gelebt und gedichtet hatte, legendar, ungewiss, schwer zu begrei- 
fen und gar nicht einzureihen. Er akzeptierte die Rolle, die nicht er, die 
ihn erwahlt hatte und spielte sie bis zu Ende. Daran nachtraglich, nach 
Schluss des Spiels, etwas andern zu wollen, ware nicht anstandig. 
Er war bei allem Rausch viel zu gescheit und nuchtern, um in der Ohn- 



374 



IM EXIL 



macht der Emigration politische Projekte zu entwerfen. Es gibt bei ihm 
keine politischen Entwiirfe, wie eine wiederhergestellte Habsburgmonar- 
chie aussehen werde. Er traumte die Wiederherstellung eines menschen- 
wiirdigen Reichs, in dem die Idee Oesterreich, die tibernational, humani- 
stisch und katholisch sein wird, sich entfalten kann, und in dem, nicht 
zu iibersehen, der Dichter Joseph Roth leben kann, reich an den ihm ge- 
biihrenden Ehren und Giitern und so frei, wie ein Dichter sein muss, um 
atmen und schaffen zu konnen. Wenn das ein legitimistisches Pro- 
gramm ist, so mag Roth als Legitimist gelten. Sicher ist, dass Habsburg, 
durch Leid und Erfahrung hindurchgegangen, ganz anders ist als das 
Habsburg von 1914. Das iibersehen die Gegner. 

Es kann aus Roths osterreichischer Legende Wirklichkeit werden. (Die 
Legende ist haufig das Vorstadium der Geschichte, und sie ist das, was 
von ihr iibrigbleibt.) Ob sie Wirklichkeit wird oder nicht, liegt nicht an 
ihren Interpreten, die nun an dem Reglosen herumzerren. Das liegt viel 
tiefer, in unzuganglichen Schichten der Historic Ebenso liegt die Wirk- 
lichkeit des Dichters Roth tief gebettet in der legendenhaften Gestalt, 
die politisch nicht einzureihen ist, so wenig wie Kleist, Grillparzer oder 
Fontane. Halten wir uns an die schlichte Gewissheit, dass Roth ein oster- 
reichischer Dichter war, judischer Herkunft, christglaubig, gesegnet mit 
dem Adel deutscher Sprache. Das ist genug. Das ist sehr viel. Es war 
mehr, als Joseph Roth verarbeiten und bewaltigen konnte. 

Am schdrfsten und illusionslosesten sieht wohl die Lebensgefahrtin Irmgard 
Keun: 

Er schrieb an einem Roman aus dem alten Osterreich. Wie viele seiner 
Bucher war auch dieses Buch von einer fast beklemmenden stilistischen 
Abgeklartheit, mit halb gestorbenen, dunkel bewegten Menschen — le- 
bendigen Schatten oder schattenhaft Lebendigen im erbarmungslosen 
Licht unerbittlicher Wahrheiten. Und iiber allem die zu Eis erstarrte 
Luft letzter Hoffnungslosigkeit, die noch hinter der Verzweiflung liegt. 
In seinen Biichern versenkte Roth sich gern in die Welt der alten oster- 
reichischen Monarchic — in eine Welt, von der er mit verzweifelter An- 
strengung und Inbrunst glauben wollte, daft sie ihm — zumindest friiher 
einmal — Heimat des Denkens und des Fuhlens war. Doch er wufite, 
daft er ewig heimatlos war und sein wiirde. Alles, was seinem Wesen na- 
he kam — Menschen, Dinge, Ideen — , erkannte er bis in die verborgen- 
ste Unzulanglichkeit hinein und bis in jene Kalte, die auch den leben- 
digsten warmsten Atem einmal erstarren macht. So suchte er denn nach 
Welten, die ihm wesensfremd waren und von denen er hoffte, dafi sie 
ihm unerkennbar und warmend bleiben wiirden. Doch was seiner rastlos 
schaffenden Phantasie gelang, zerstorte ihm immer wieder sein bitterbo- 
ser unerbittlicher Verstand. Er hatte den Teufel gesegnet und Gott ge- 
nannt, wenn er ihm geholfen hatte, an ihn zu glauben. 



IMEXIL 375 

Irmgard Keun: Bilder und Gedichte aus der Emigration. Koln 1947, S. 18. 
— Siehe auch Kat.Nr. 417 

Rudolf Olden nimmt Roths Utopie in Schutz: 

[•■■]. 

Ich mochte ein paar Worte zu der Wandlung sagen, die Josephus, aber 
wahrlich nicht er allein, erfahren hat. Das Gliick wurde mir zuteil, noch 
wenige Monate vor seinem Tod, einige Abende mit ihm in Paris, im Ca- 
fe Tournon, zusammen zu sein. Und siehe da, wir verstanden uns poli- 
tisch ausgezeichnet, obwohl ich nicht auf seine Glaubenssatze schwore. 
Aber im Grund stimmten wir gut iiberein, in der Sehnsucht namlich 
nach jenem »Reich«, mag es nun das Romisch-Deutsche oder anders 
heissen: nach dem Reich der Toleranz, der Nachstenhilfe und Men- 
schenliebe, des Stolzes und der Ritterlichkeit, das wohl nie ganz ein 
Reich der Wirklichkeit war, aber doch einmal der Wirklichkeit weit na- 
her, als es das jetzige ist, wie eben ein Reich der Aristokraten sich unter- 
scheidet von dem der preussischen Drill-Sergeanten, wobei es wenig 
ausmacht, dass ein Dutzend bayrische Schinder unter sie gemischt wor- 
den sind. 

Dogmatische Federfuchser haben von Zeit zu Zeit den Drang gefuhlt, 
den Dichter Joseph Roth zu riiffeln, weil er sein Antlitz der Vergangen- 
heit zuwandte. Sie haben ihn auch moniert, weil die Schilderung, die er 
von der alten Monarchic entwarf, keine photographische Treue besitze. 
Sie wollten nicht verstehen, dass das, wovon er erzahlte, zukunftig ge- 
meint war, auch wenn es die Namen und ausseren Male der Vergangen- 
heit trug. Politik, also Ermahnung und Versuch der Gestaltung der 
Zukunft, birgt immer das Element des Utopischen in sich. Gewiss nicht 
am wenigsten utopisch ist das Paradies, das mit Zahlen errechnet wird. 
Das Bild, das Roth mit den Augen der Seele ersah, zog die menschlichen 
Schwachen in Betracht, und also war es nicht so sehr von den Gegeben- 
heiten der Realitat entfernt. Im iibrigen aber trug es die Ziige der Giite 
und Warme, des Mitleids mit der Kreatur und des Vertrauens auf Gott. 
Seine Utopie zeugte von den Eigenschaften, die seinem eigenen Wesen 
innewohnten, und also war sie edler und liebenswerter, als manche ande- 
ren Utopien sind. 

Rudolf Olden: In memoriam Joseph Roth. In: Das Neue Tage-Buch. 7 
(1939), 23, S. 54X - Siehe auch Kat.Nr. 92 

Rudolf Olden 

Geh. am 14. 1. 1883 in Stettin. Jurist und Journalist. Nach dem 1. Welt- 
krieg in Wien. Mitarbeit an den Tageszeitungen »Der Friede« und »Der 
Neue Tag«. Geht Mitte der zwanziger Jahre als politischer Leitartikler an 
das »Berliner Tageblatt«. Hauptverteidiger im Hochverratsprozefi gegen 
Carl von Ossietzky. Ins Exil 1933, seit 1934 in England. Sekretdr des deut- 
schen PEN -Clubs im Exil von dessen Grundung urn die Jahreswende 



376 



IM EXIL 



1933/34 bis 1940. 1936 bis 1940 Vorlesungen u. a. an der Oxford Univer- 
sity und der London School of Economics. 

Publiziert u. a. Stresemann. Berlin 1929. — Hindenburg oderder Geist der 
preufiischen Armee. Paris 1935. — Hitler. Amsterdam 1933, — The history! 
of liberty in Germany. London 1939. — Is Germany a hopeless case? Lon- 
don 1940. — Herausgeber von: Das Schivarzbuch. Tatsachen und Doku- 
mente. Die Lage derjuden in Deutschland 1933. Paris 1934. — Ertrinkt 
nach Torpedierung des Schiffes »City ofBenares« f mit dem er nach den USA 
iveiterwandern wollte, am 17. 9. 1940. 
Siehe auch Kat.Nr. 96. 



Tod 

»Die Legende vom heiligen Trinker« 



Nach Roths Ruckkehr aus Amsterdam im Spdtherbst 1938 verschlechtertc 
sich sein Gesundheitszustand zunehmend, Hans Siemsen berichtet, dafi er 
einen Herzinfarkt erlitten habe. Kaum verldfit er noch das Hotel de la Po- 
ste. 



508 Joseph Roth im Cafe 

Abb. 75 Zeichnung. Paris, November 1938. Von Mies Blomsma. 
Geschenk: WDR 



509 Joseph Roth 

Entwiirfe, Bruchstiicke und Notizen vom 
1. 1. 1939-21. 5. 1939- 
Manuskript, 1939. 9 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

[...] 

Joseph Roth. 

Tagebuch eines Schwarz-Gelben. 
Am l.Januar 1939. 

Verdrossen, um nicht zu sagen: grieflgramig beginne ich dieses Jahr. Ich 
wiinschte mir, ich konnte zumindest traurig sein. Aber auch die Trauer 
scheint gestorben, der Freude ins [Der Text bricht hier ab.] 



377 




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75, Joseph Roth im Cafe. Zeichnung von Mies Blomsma. 
Paris, November 1938 



378 IMEXIL 

510 Joseph Roth und Klaus Dohrn. Cafe Tournon 
Zeichnung. 1939. Von Bil Spira. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

Uber seine letzte Begegnung mit Roth berichtet Hermann Kesten: 

Zehn Tage vor seinem Tode sah ich ihn das letzte Mai. Am friihen 

Abend war ich in Paris angekommen. Mein erster Gang aus dem Hotel 

gait ihm. Es war so angenehm, so heimatlich, zu ihm zu gehen. Obwohl 

ich an seinem Tisch in Berlin und Nizza, in Briissel und Amsterdam, in 

Ostende und Marseille gesessen war, schien mir Roth zu Paris zu gehd- 

ren. Hier, wenn iiberhaupt, war er zu Hause. 

[. . .] »Was schreiben Sie?« fragte ich. Und er erzahlte mir seine letzte No- 

velle, die er eben zu Ende geschrieben, die »Legende vom seligen Trin- 

ker«, wie man unter Literaten erzahlt, mehr das Technische als den In- 

halt, mehr die Bezuge und Kunstgriffe als die »schonen Stellen*. 

»Ist das nicht hiibsch?* fragte er und strich sich das blonde, struppige 

Schnurrbartchen, das er in den letzten Jahren trug und sah mich mit den 

triibblauen Augen melancholisch-freundlich an und trank langsam einen 

Schluck und wiederholte: »Ist das nicht hubsch?« 

Ich lachelte und sagte: »Hm! Ein wenig Kleist, die Trinkeranekdote und 

auch Tolstoj?* 

»Eher Tolstoj!* sagte er und lachelte sanft und trunken. Und sagte: »Die 

Geschichte wird Ihnen gefallen.* 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, S. 

15-26, hierS. 24-26 



511 Joseph Roth 

Die Legende vom heiligen Trinker. 
(Amsterdam:) Allert de Lange (1939)- 108 S. 

JRW3, S. 229-257 

Teildruck u. d. T.: 

Das Ende der Legende vom heiligen Trinker. 

In: Das Neue Tage-Buch. 7 (1939), 24, S. 570-571. 



512 Joseph Roth 

Die Legende vom heiligen Trinker. 

[Als Fortsetzungsroman in 7 Folgen.] 

In: Neue Volkszeitung. 13 (1944), 47-14 (1945), 2. 



IM EXIL 



379 



Joseph Roth 513 

Die Legende vom heiligen Trinker. (2. Aufl.) 
(Amsterdam:) Allert de Lange (1949). 109 S. 

Rudolf Olden 514 

Letzte Gabe. 

In: Das Neue Tage-Buch. 7 (1939), 33, S. 790. 

Es ist ein teures Vermachtnis, das der Verlag AUert de Lange iibernom- 
men hat und das er uns jetzt weitergibt: das letzte epische Werk, das Jo- 
seph Roth vollendet hat, ehe er uns verlieft, eine Novelle, ein kleines 
Biichlein von nur hundert Seiten, *Die Legende vom heiligen Trinker*. Es 
ist zart in weift gebunden, mit einem blaftblauen Bildchen der kleinen 
heiligen Therese geschmuckt, die darin eine bedeutsame Rolle spielt, 
und von einem Karton verhullt. Man empfindet ein Gefuhl des Danks 
fur den Verleger, ehe man noch gelesen hat. 

Welche Freude aber, zu lesen! Das ist, nun zum Ende, noch einmal ganz 
Joseph Roth, unser Freund, fromm, sanft und listig, der unschuldige 
Kinderglaube, der aus dem Schmutz, aus dem Elend, aus der Verkom- 
menheit blunt Es ist so bitter-siift, wie nur manchmal seltene Friichte 
schmecken. Aus der Bitterkeit des Lebens der wahrhaft Verlorenen er- 
wachst die Siifte des Wunders und der zuversichtlichen Hoffnung. 

[•] 

Das ist nun die letzte Gabe unseres Freundes Joseph Roth an die Welt 
und an die, die ihn liebten, aber es ist auch eines seiner schonsten Bu- 
cher. So wehmutig es stimmt, dies bitter-siifte Gedicht in Prosa zu lesen, 
so ist es doch auch trostlich, zu sehen, daft ihm zum Schluft noch eine 
Arbeit so vollkommen gelungen ist, ein so einfaches und reines und 
schones Werk. Wir wissen auch, daft er das gewuftt hat. 
Am Ende des schonen Biichleins hat er noch einen Wunsch ausgespro- 
chen: »Gebe Gott uns alien, uns Trinkern, einen so leichten und so scho- 
nen Tod!« Das ist nur ein paar Wochen zuvor gedacht und niederge- 
schrieben, ehe er dahinging. Ich glaube, man kann wohl sagen, daft Gott 
ihm seinen letzten Wunsch erfiillt hat. 



Hans Natonek 5 15 

Vom sterbenden Trinker. 

In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 32, S. 1013. 

Als Roth seine »Legende vom heiligen Trinker* schrieb (Verlag Allert de 
Lange, Amsterdam), war er bereits in der Euphorie des Versinkenden. Er 
hat dafiir ein Gleichnis gefunden, zart, ironisch, durchsichtig. Es ist eine 



380 IM EXIL 



bewundernswerte Leistung, den eigenen Verfall so zu sublimieren, die 
Umrisse eines Schattens so nachzuzeichnen. Man wird an dieser transfi- 
gurierten Selbstdarstellung das Wesen und die Kunst Josef Roths studie- 
ren (und das damonologische Wesen des Kunstwerks uberhaupt). 
Das Buch vom sterbenden Trinker ist Roths letzte groftere Arbeit. Er hat 
diese Erzahlung etwa im April geschrieben, vor sich das standig aufge- 
fiillte Glas, urn sich die debattierenden Freunde, die ihn nicht storten, 
und ringsum Paris, die geliebte Stadt. Ende Mai starb er. 

[...] 

Roths Legende ist ein kleines Wunder- Werk, nicht etwa an dichterischer 
Weite und Grofle, sondern in der Umgestaltung seines Schicksals, der ei- 
genen Trinker-Problematik mit ihrer Glaubigkeit, die proportional mit 
der Zerstorung wachst. [. . .] 

Ein wundersames Werk der Spiegelung, voll hintergriindiger, urpersonli- 
cher Beziehungen, die zu einer heiteren, giiltigen Einfalt verschmolzen 
werden. In diesen wenigen Seiten erfahren wir viel mehr als die skurrile 
Geschichte eines obdachlosen Trinkers; in dieser Legende ist Roths tiefe 
Glaubigkeit, aber auch sein bitteres Schuldgefuhl. Es liegt in diesem Mi- 
niatur-Werk die Dankbarkeit, daft ihm das Wunder geschah, nicht schon 
viel frtiher zu enden. 

516 Hermann Kesten 

Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker. 
In: MafS und Wert. 3 (1939/40), 1, S. 131-139. 

Im Gewand einer Wundererzahlung spottet »Die Legende vom heiligen 
Trinker* der Wunder und des Wunderglaubens. Diese Legende ist eine 
witzige Parodie eines verzweifelten — und inmitten seiner Verzweiflung 
sich erheiternden — Rationalisten. Sie parodiert sowohl die Erbarmlich- 
keit dessen, was heutzutage Menschen unter »Wundern« sich vorstellen, 
als auch die klappernde Mechanik der frommen Wunder, die Roth so 
sieht, als glichen sie den sogenannten >technischen Wundern< von ge- 
stern, etwa der Petroleumlampe oder dem Edisonphonographen und 
ahnlichen, endlich erfiillten Menschheitstraumen, mitsamt ihrer erhabe- 
nen und verstaubten Lacherlichkeit. 

[■■•] 

Warum aber, wird man fragen, heifk Roth diesen sanften Morder und 
tragen Trinker »heilig«? Andreas heifit so, weil er unverbesserlich und im 
Kern inkorruptibel ist, weil er nur zu vernichten, aber nicht zu bekehren, 
nicht zu retten ist. Diese Unveranderlichkeit, diesen dauerhaften Trotz 
heifit Roth heilig. Das ist der starkste antikatholische Zug in dieser Le- 
gende. 

[...] 

Seite 131 und Seite 134 



IMEXIL 381 

»Die Legende vom heiligen Trinker* betrachtete Roth selbst als sein letztes 
Werk. Danach xuerde er aufhoren zu schreiben. Von Todesabnungen erfullt, 
bemuhte er sich nicht mehr um ein »Affidavit«, um — wie viele seiner 
Freunde und Bekannten — aus dem gefdhrdeten Frankreich in die Verei- 
nigten Staaten iibersiedeln zu konnen, obwohl ihn ein amerikanisches Ko- 
mitee unter Eleanor Roosevelt dazu eingeladen hatte und auch eine Einla- 
dung von Dorothy Thompson, der amerikanischen PEN-Prdsidentin, vor- 
lag, am Internationalen PEN-Kongrefi vom 8. bis 10. Mai 1939 in New 
York als Ehrengast teilzunehmen (Dorothy Thompson an JR. The PEN. 
Club American Center, 21. 1. 1939. - JRB, S. 526 f.J 

Joseph Roth 517 

Beim Uhrmacher. 
Typoskript. 3 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

Veroffentlicht in: Pariser Tageszeitung. Nr. 960 (2./3. 4. 
1939), S. 3. 
JRW4, S. 893-895 

[. . .] heute noch, wenn ich auf den hurtigen Kreislauf des Sekundenzei- 
gers meiner Uhr sehe, merke ich mit kindischer Erschutterung jene un- 
bestimmbare, langst geahnte Beziehung zwischen der Schnelligkeit der 
Zeit und der Promptheit des Todes. Und der langst erfullte Wunsch 
meiner Jugend, die Zeit messen zu konnen, weicht einem neuen, nichts 
mehr von ihr zu wissen. 1st es schon die Wiederkehr jenes alten Heim- 
wehs nach dem Friedhof? Ein miiftiges metaphysisches Spiel aus mufli- 
gem Anlaft? Ich weift es nicht. Ich weifl nur, daft die Holzwurmer genau- 
so ticken wie die Uhren — und daft Holzwurmer in Sargen wohnen. 

Blanche Gidon, Roths franzosische Ubersetzerin, erinnert sich an ihre letzte 
Begegnung, wenige Tage vor seinem Tod: 

B[lanche] Gidon 518 

Die Kapuzinergruft. Eine Einfuhrung. (Aus d. Franz, 
ubers. von Noa Elisabeth Kiepenheuer.) 
In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 
Koin, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 195 — 206. 

Am 18. Mai 1939, einem Donnerstag, an Himmelfahrt, rief mich ein 
Rohrpostbrief zu Joseph Roth. Ein kleines Wort, wie er es mir oft sand- 
te. Ich ging sogleich zu ihm. Ich ahnte, daft er mich nur um eine Gefal- 



382 IMEXIL 

ligkeit fur einen Landsmann bitten wiirde, verbannt wie er, ungliickli- 
cher als er. Und so war es auch. Ich weifl nicht mehr genau, worum es 
sich handelte, aber an alle iibrigen Einzelheiten unserer Zusammenkunft 
entsinne ich mich gut. An jenem Nachmittag traf ich Roth im Cafe des 
kleinen Hotels in der Rue de Tournon an, in nachster Nahe des Senats, 
wo er die letzten Monate eines bis dahin unsteten Daseins verbracht hat. 
Er safi an einem Marmortisch auf der Bank neben dem Fenster; wie es 
seine Gewohnheit war, hatte er StofJe von Papieren um sich ausgebreitet, 
scheinbar kunterbunt, in Wirklichkeit aber genau geordnet: Artikel fur 
Emigranten-Zeitungen, an denen er mit peinlicher Sorgfalt arbeitete und 
von denen jeder einzelne ein kleines Meisterwerk in Bezug auf Griind- 
lichkeit, Gefuhl und Stil war. Vor sich ein halbgeleertes Glas. Einige auf- 
einander gesetzte Untertassen. Zu viele Untertassen. Als er mich eintre- 
ten sah, erhob er sich wie immer ein wenig lassig, formell und nach dem 
Handkufl, den ein Osterreicher nie versaumt, uberliefJ er mir die Bank 
und nahm mir gegeniiber Platz. [. . .] 

[. . .] Er sagte zu mir: »Ich bin sehr krank, lieber Freund. Lieber Freund.* 
Er wandte die mannliche Form des Wortes an, wie auch oft in seinen 
Briefen, um die Art der Freundschaft, die sich nach und nach zwischen 
uns gebildet hatte, hervorzuheben. »Ich bin sehr krank. Im November 
werden Sie auf meine Beerdigung gehen.* [. . .] 
Seite 195 und Seite 197 

519 Blanche Gidon 

Photographic Um 1934. 
Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

Blanche Gidon 

Geb. 1883. Ubersetzerin. Verbeiratet mit Ferdinand Gidon (gest 1954), 
Professor fur Histologie an der Ecole de Medecine de Caen. In ihrem Haus 
in der Rue des Martyrs in Paris lernte Roth u. a. Gabriel Marcel kennen. B. 
Gidon verwahrte wahrend des 2. Weltkriegs Roths Nachlafi in ihrem Kel- 
ler. — Ubersetzungen: u.a. Werke von E. T. A. Hoffmann, Gottfried Keller,, 
Bruno Frank, Hermann Kesten, Rene Schickele und Arnold Ztveig, spdter 
Heinrich Boll. Sie hat einen betrdchtlichen Teil der Werke Roths ins Fran- 
zosische iibersetzt. Lebt in Hyeres (?). 

Schon am 18. August 1937 hatte Roth in dufierster Verzweiflung an Ste- 
fan Zweig geschrieben: 

520 Joseph Roth an Stefan Zweig 

Brief. 18. 8. 1937. 

Kopie. - Vorlage: K&W 
JRB S. 505-506 



IMEXIL 383 



[. . .] Ich werde ja doch daran krepieren, an diesem Gemansch von Hirn, 
Hand, Bettel, Vorschufi, gewissenloses Garantieren fur Wechsel, die 
mein Kopf nicht sicher einlosen kann — — und alles vergebens, ohne 
Leser, ohne den Glauben, der von aufien kommt, Echo auf den innern. 
Ich spiire, wie ich mich immer wieder gewaltsam, moralisch und phy- 
sisch regenerieren mufi, zwei Monate ist Gesundheit da, dann wiistestes 
Befinden, Angst und Irrsinn, Beklemmung, Herzweh, Finsternis. Zwei, 
drei wichtige Katastrophen, innere, der Tod eines Nahen, und man ist 
erledigt. [. . .] 

Einstimmig berichten die Freunde, dafi es die Nachricht vom Selbstmord 
Ernst Tollers am 10. Mai 1939 in New York war — »der Tod eines Na- 
hen* — die bei Roth den psychischen Schock hervorrief, von dem er nicht 
mehr genesen sollte. 

Ludwig Marcuse: 

In Paris las Joseph Roth die schlimme Nachricht, im Hotel de la Poste, 
dem kleinen Bistro neben dem Luxembourg. Er schrie auf: »Das hattest 
du nicht tun sollen!* Einige Stunden spater starb er im Armen-Spital. 
Sein Tod war eine langsamere, subtilere, weniger wiitende, passivere 
Selbstzerstorung gewesen: er hatte sich zunichte getrunken. Aber beide 
gingen an der einen Krankheit zugrunde: dem Mangel an Zukunft Die 
Gegenwart war so aufdringlich geworden, dafi selbst der Legenden-Dich- 
ter Roth sich nicht mehr in Worte einkapseln konnte. 
Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert, Munchen I960. S. 255. 

— Siehe auch Kat.Nr. 185 

Ausfuhrlicher berichtet Hans Natonek in seinem Nachruf: 

Samstag vor Pfingsten starb Joseph Roth, in einem winzigen Zimmer- 
chen des pariser Hospitals Necker. Er starb seinen Tod, delirierend, fie- 
bernd, einsam und tapfer. Er ging aus diesem leuchtenden Fruhling fort, 
den er, der herbstlich versunkene Mensch, nicht mehr liebte, und dessen 
starkes Licht seinen ewig wunden Augen weh tat. Ihm graute — er sagte 
es, bevor er starb — vor der Einsamkeitstrauer des Doppelfeiertags; so 
entging er ihm zuletzt. Er wufke, dafi er nirgendwo anders sterben werde 
als in seinem geliebten Paris. »Hier«, sagte er haufig, »hier sterben an die- 
ser Ecke, an diesem Cafehausfenster.« Kein amerikanisches ^Affidavit* 

— ein Wort, iiber das sich sein grimmiger Spott ergofi — hatte ihn aus 
seiner Ecke weglocken konnen. Er wollte nicht ins Krankenhaus, als er 
in seinem kleinen Cafe, in dem er seit vielen Jahren lebte, zusam- 
menbrach. [, . .] So, wie er sich gestraubt hatte, das sturzende alte Hotel 
gegenuber zu verlassen, so weigerte er sich jetzt, als man ihn vom Cafe- 
hausboden aufhob, ins Krankenhaus zu fahren. Er wollte nicht fort aus 
seinem Leben, dessen Einsturz er gewollt und gefordert hatte. Er blickte 



384 



IM EXIL 



sich um und suchte seinen alten, zerkniillten Hut und den unentbehrli- 
chen Stock. Stock und Hut beweisen, dafl er noch an das Leben glaubte, 
nicht an den Tod. [. . .] 

Hans Natonek: Joseph Roth. In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 22, S. 
680-683, hier S. 680. - Siehe auch Kat.Nr. 533 

Von Roths Sterben erzdhlt Hermann Kesten in seinem Roman »Die Zivil- 
linge von Nurnberg«. Kesten hat seiner (freien) Darstellung die Berichte von 
Soma Morgenstern und Friderike Zweig zugrunde gelegt. 



521 Hermann Kesten 

Die Zwillinge von Niirnberg. Roman. 
Amsterdam: Querido 1947. 539 S. 

[. . .] Wie er gestorben ist? Wie stirbt ein grofter Mann? Er saft beim er- 
sten Fruhstiick mit Rum und Kaffee, hier an diesem Tisch vor seinem 
Hotel und las in der Pariser Tageszeitung, daft sein Freund Ernst Toller 
in einem Neuyorker Hotel sich aufgehangt habe, und rutschte von sei- 
nem Stuhl auf die Strafte herunter und blieb liegen, bis der Friseur ge- 
geniiber ihn sah, und weil er sein Freund war, heriibersprang und ihm 
auf den Stuhl half. Die Wirtin, die trotz ihrer strengen Art und ihrem 
jungen Gatten den Roth von Herzen gern hatte, rief mich, und wir 
schafften ihn auf seine Kammer im zweiten Stock des Hotels de la 
Poste. 

Er blieb aber mit dem Hut auf dem Kopf und den Mantel iiber die 
Schulter gehangt auf dem einzigen Stuhl in der Stube sitzen. Um keinen 
Preis wollte er ins Bett. Ich bin ein Soldat, sagte er, der im Stehen stirbt. 
Er hatte einer osterreichischen Emigrantenzeitung einen Artikel iiber 
Stifter versprochen. >Ich muft den Stifter schreiben<, sagte er. Nach einer 
Weile erklarte er, es gehe ihm schon besser, und er Heft sich ins Cafe hin- 
unterfiihren. Die Wirtin rostete ihm eine Scheibe Weiftbrot, er tunkte 
das Brot in Rotwein, aber es schmeckte ihm nicht. Ihm war kalt, und ich 
ging auf sein Zimmer, seinen Mantel zu holen, und als ich wiederkam, 
lag Roth auf der Strafle, bewufitlos. 

Mit eines Doktors Hilfe schafften wir ihn in ein Krankenhaus in einer 
hafjlichen Gegend, wo die Kranken starben, ohne ein Honorar zu zah- 
len. 

[...] 

Die Warter fesselten ihn. Nun begann der schlecht gefesselte Dichter zu 
toben. Er schrie, auf seinem Bett sitze der Antichrist und mache Grimas- 
sen und verspreche ihm ein neues Leben und alien Reichtum der Welt, 
wenn er sich nur verkaufe. Es safi aber niemand auf dem Bett aufler mir, 
und ich machte keine Grimassen, aufter, daft mir die Tranen die Backen 
herunterliefen, und ich konnte vor Kummer kein Wort sagen. Die 



IMEXIL 385 

Schwester aber steckte ihm ein Tuch in den Mund und liefl ihn fur die 
Nacht allein, im Schweifl und Toben, und bei offenen Fenstern, und sie 
trieb mich aus dem Spital wie einen bosen Feind. 

[. . .] 

AIs ich am andern Morgen in Roths Stube kam, fiinf Minuten nach 
neun, war er schon tot* 
»Schrecklich!« sagte Alexander. 

»Wieso?« fragte Volkmiiller, bestellte eine dritte Flasche Mineralwasser 
und nahm eine neue Tablette ein. »Schlimmer ist, dafl er ein so furchtba- 
res Leben gefiihrt hat. Aber das erzahle ich ein andermal. Und vielleicht 
war sein Leben gar nicht furchterlich. Wer weift, was ein anderer Mensch 
iiber sein eigenes Leben denkt. Bei einem groflen Dichter sollte seine 
Meinung iiber das Leben freilich deutlich sein . . . Nicht wahr? Oder 
zweifeln Sie daran, dafi Joseph Roth der grofke Dichter Osterreichs zwi- 
schen den beiden Weltkriegen war?* 

Seite 474 f. und Seite 477 

[. . .] Er ware groft genug gewesen, den Untergang der Menschheit zu 
schildern. Es gibt keine Dichter mehr. Natiirlich ist er zur rechten Zeit 
gestorben. Diesen Krieg wird keine Zivilisation uberleben. Ubrigbleiben 
werden nur die >Dachauer< und die >SS<, die Schlager und die Geschlage- 
nen. Die Freiheit geht kaputt. Staatsbeamte foltern die letzten Individu- 
en zu Tod — aus Idealismus natiirlich. Roth sah alles voraus und trank 
sich zu Tod, aus Verzweiflung.« 

Seite 473 

Irmgard Keun zu Roths Sterben; 

Roth starb noch vor dem Krieg in Paris. Auch er hatte zuletzt nicht 
mehr gehaflt, sondern war nur noch traurig gewesen. Er hat nicht Selbst- 
mord begangen, doch ein indirekter Selbstmord zumindest war auch 
sein Tod gewesen. 

Irmgard Keun: Bilder und Gedichte aus der Emigration. Koln 1947, S. 20. 
— Siehe auch Kat.Nr. 417 



st. fgl. [d. i. Stefan Fingal] 522 

Der letzte Weg. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 1010 (31. 5. 1939), S. 3. 

Wir haben gestern Joseph Roth begraben. Viele Hunderte waren gekom- 
men, Franzosen und Emigranten, Menschen aus alien Zonen, Menschen, 
sonst durch Welten und Anschauungen geschieden, waren geeint, im 



386 



IM EXIL 



Schmerz um dieses kostbare Leben, das ein Widersinn der Natur uns 
entrhl 

Wir standen im Maiennachmittag an der Pforte des Friedhofes von 
Thiais und warteten auf den Wagen, der die Leiche barg. Langsam fuhr 
das Totenauto heran, gefolgt von einigen Automobilen, in denen Freun- 
de Roths safien, die die Leiche aus dem Hopital Necker abgeholt hatten. 
Die schwarz-weifie Totenfahne wehte im Wind, der Wagen war geziert 
mit Blumenkreuzen und Blumenkronen, aus Rosen, Magnolien und 
Nelken. Langsam hielt das Auto an. Kanonikus Brenningmeyer, der 
Geistliche, segnete die Leiche und dann schritten wir durch den steiner- 
nen Wald des Friedhofes mit den weiften Kreuzen, aus denen Statuen 
aufragten von weinenden Madonnen, Christussen und Erzengeln in Mar- 
mor, Basalt und Alabaster. 

Die Kastanienbaume am Wegrand wiegten ihre Biatterkronen im Wind, 
der die goldenen Pollen aus den Kranzbluten auf das Gold der Buchsta- 
ben streute und sich mit den Worten auf den bunten Schleifen vermahl- 
te. Da waren Schleifen in den Farben des alten Osterreich, schwarz-gelb, 
eine davon trug die Aufschrift »Otto«, eine: »Bund der Osterreicher*. Ei- 
ne rot-weifS-rote Schleife zierte den machtigen Kranz der »Liga fur das 
geistige Osterreich*, deren Mitgninder Joseph Roth war. Eine lila Schlei- 
fe schmiickte das Blumengewinde der »Pariser Tageszeitung« und trug 
die Worte: »Joseph Roth, unserem unvergefilichen Freund und Mit- 
kampfer*. Der »Accueil Autrichien« sandte einen Kranz, von rot-weift- 
roten Bandern umwunden, ebenso die »Osterreichische Post*. 
Eine Viertelstunde lang wandelten wir im Schatten der bluhenden Bau- 
me. Da lichtete sich der Wald der steinernen Madonnen und Kreuze, ei- 
ne griine Wiese lag vor uns, ein noch jungfraultcher Gottesacker. Dort 
war auch das Grab geschaufelt, es war noch leer. 

Niemand sprach. Joseph Roth hatte diesen Wunsch geauftert, und es war 
schon, daft man ihn befolgte. Er bewunderte immer Clemenceau, der 
sich Grabreden in seinem Testament verbeten hatte. Kanonikus Bren- 
ningmeyer sprach die Totengebete, assistiert vom Kooperator Oesterrei- 
cher. Die Litaneien rannen wie Under Balsam in das Schluchzen der 
Frauen, die nun am offenen Grabe standen. 

Dann hoben sie den Sarg und versenkten ihn. Wir gingen zum letzten 
Male an ihm vorbei, warfen einen letzten Blick auf den Sarg in hellem 
Holz mit goldenem Zierat, und streuten franzosische Erde auf den Sarg 
eines osterreichischen Soldaten, der einer der grdftten deutschen Dichter 
der Gegenwart gewesen. Als wir vorbeigegangen waren an der offenen 
Gruft, welche die Arbeiter langsam zuschaufelten, da standen wir Hun- 
derte ratios in der Allee und blickten stumm in die sinkende Sonne des 
Maienabends in Thiais, als kame uns erst jetzt zum Bewufitsein, was wir 
an Joseph Roth verloren haben. 



IM EXIL 387 



Ergdnzend zu Stefan Fingal berichtet Bruno Fret: 

Als er an einem sonnigen Maitag — schon nahten die apokalyptischen 
Reiter — zu Grabe getragen wurde, warf Kisch zum Argernis der ausge- 
riickten Leibburschen die roten Nelken des SDS mit einem Gruftwort in 
die offene Grube. Ich dachte an den melancholischen, aber selbstsiche- 
ren Gatten einer schonen Frau, der mir im Berlin der friihen Lehrjahre 
aus seiner Sammlung ein Taschenmesser mit Hornschale als Andenken 
zuriickgelassen hatte. Mit leichtem Gepack liefJ Joseph Roth die Klein- 
burgerlichkeit der Wilmersdorfer Wirtsfrau zuriick, um die Welt zu er- 
obern; in einem Pariser Armenhospital erlosch das unstete Leben eines 
Dichters, der die Spur verloren hatte, aber niemals aufgab. 
Bruno Frei: Der Papiersdbel Frankfurt a. M. 1912, S, 193. — Siehe auch 
Kat.Nr. 120 

Karl Retzlaw schdtzt die Zahl der Trauergdste bedeutend niedriger ein: 

Mit Joseph Roth ging es nun auch rasch zu Ende. Der Tod Tollers warf 
ihn nieder. Im Grunde war auch der Tod Roths ein Selbstmord mit Al- 
kohol. Zwischen dem Sterben Tollers und Roths lag nur eine Woche. 
Wir waren hochstens zwanzig Personen, die am 30. Mai 1939 um das of- 
fene Reihengrab Roths standen. Ich fuhr mit Bomstein den weiten Weg 
hinaus zum Friedhof von Thiais, einige hundert Meter vor dem Ort Orly, 
wo heute der grofle Flugplatz von Paris ist. 

Es waren auch Manga Bell, Walter Mehring, Hertha Pauli am Grabe, und 
ich erinnere mich an zwei Osterreicher, die einen Kranz niederlegten, 
auf dessen Schleife »Otto« stand. 

Karl Retzlaw: Spartakus. Frankfurt a. M, 1972, S. 425. — Siehe auch 
Kat.Nr. 434 



Joseph Roths Grabstein 1939—1970 523 

Photographic 

Vorlage: Bronsen, Bildteil. 

Joseph Roth 524 

Die Scholle. 

In: Die Zukunft. 2 (1939), 24, S. 7. 

Der Artikel erschien posthum mit folgender Vorbemerkung: 

Wenige Wochen vor seinem Tode hat uns Joseph Roth den nachstehen- 
den beziehungsreichen Beitrag iibergeben, der um die Idee des Grabes 
in ferner Erde kreist. 



»In memoriam Joseph Roth« 

J2J John Bloomsbury 

Londoner Totenfeier. 

In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 26, S. 824-826. 

Bericht uber die Totenfeier des Freien Deutschen Kulturbundes, London, fur 
Joseph Roth und Ernst Toller: 

Der »Freie Deutsche Kulturbund* in London hatte seine Mitglieder und 
Freunde zu einer Totenfeier gebeten. Wiederum folgten der Einladung 
so viele, dass lange vor Beginn die Tore wegen Uberfullung geschlossen 
werden mussten (obwohl die Conway Hall tausend Menschen fasst). 
Das Brahms-Intermezzo, »Ruckblick«, meisterhaft gespielt von Franz 
Osborn, Ieitete den Abend ein. Dann folgte eine Gedenkrede Stefan 
Zweigs fur Joseph Roth. [. . .] 

Paul Demel — den Freunden des Kulturbundes kein Fremder mehr, 
seitdem er (unter der Regie Heinrich Fischers) den Lehrer in Bert 
Brechts »Spitzel« gespielt hat, las aus dem »Radetzkymarsch« jene Ab- 
schnitte, die die Zerrissenheit Osterreichs zur Todesstunde des Thron- 
folgers Franz Ferdinand grandios schildern. — Arnold Marie, der sich 
erst vor wenigen Tagen von Prag nach London rettete, rezitierte aus dem 
Roman »Hiob«: wir erlebten das Wiedersehen des polnischen Emigran- 
ten Mendel Singer mit seinem Sohn. — Fritz Valk beschloss den ersten 
Teil des Abends mit dem Schlusskapitel der »Legende vom heiligen 
Trinker*. 

[•••] 

Der emigrierte deutsche Schauspieler Albert Lieven, der in England 
schon lange Boden gefasst hat, und der einer von denen ist, auf die 
Wickham Steeds Warnung von der hundertprozentigen Assimilation 
nicht zutrifft, rezitierte jene denkwiirdige Rede, in der Ernst Toller von 
New York aus die Welt beschwor, eine gemeinsame geistige Front gegen 
den Fascismus zu bilden. — Adagio und Fuge aus Beethovens Sonate 
Opus 110, hervorragend gespielt von Franz Osborn, waren der Ausklang 
einer Feier, die zwei im Kampf Gefallene ehrte, und die denen, die wei- 
ter kampfen, den Weg wies. 



526 Alfred Kerr 

Standhaft und einig. [Nachruf f. Ernst Toller u. Joseph 

Roth.] 

In : Walter A[rthur] Berendsohn : Die humanistische 



389 



Front Einf. in d. dt. Emigranten-Literatur. T. 1. 

Zurich: Europa-Verl. (1946). 

1. Von 1933 bis zum Kriegsausbruch 1939, S. 73 — 74. 

»Ich denke zuriick an die Londoner Totenfeier fur Ernst Toller und Jo- 
seph Roth. Vor allem an den Schluft: als Franz Osborn tief Bewegendes 
aus der Sonate 110 von Beethoven gab. 

Es war, jenseits von der Trauer, um zwei Abgeschiedene, jenes wunder- 
bare Seelengemisch aus Dasein, Griibeln, Tod . . . und Standhaftigkeit. 

[...] 

Ja, wer davonzieht, um korperlicher Folter durch Bestien zu entgehen, 
den begreift man mit schwerstem Leidgefuhl. Ich wurde mich dann auch 
verfluchtigen. Das war aber hier nicht der Grund. Friede sei mit Ernst 
Toller; sein Schritt ist unantastbar fiir irgend ein Erortern. 
Aber wir alle — wir sind nicht dazu da, dem Hitler eine Freude durch 
Selbstausschaltung zu machen. Und (dies ist der Fall des Kunstlers Jo- 
seph Roth) wir sind nicht dazu da, noch jung einer nebligen Sonderent- 
wicklung zu erliegen. 

Dennoch waren beide wertvoll: Roth als der dichterische Konner; Toller 
als der einst aufrechte Gefangene. Wir mussen dabei wahr sein. Wir lieb- 
ten Tollers dichterisches Beginnen; wir verteidigten seine spateren Ver- 
suche — doch nur solang das moglich war. Toller legte friih den Nach- 
druck weniger auf das Schaffen als auf eine edle philanthropische Ge- 
schaftigkeit Roth, hundertmal gehaltvoller, heiterer, lebt in uns gerade 
wegen dieses heiteren Zugs liebreich fort. An sein Lacheln denken wir 
lange. Requiescat 



Joseph Roth gestorben. 527 

In: Nouvelles d'Autriche. Oesterreichische Nachrichten. 
(1939), 5, S. 171-172. 

Enthalt Nachrufe von Stefan Fingal u. Moritz Scheyer so- 
wie e. Todesanzeige d. »Liga fiir das Geistige Osterreich*. 

Stefan Fingal: 

Roth machte sich nichts aus Monarchen und die Personlichkeit des Fiir- 

sten war ihm Hekuba. Bei Otto von Habsburg stand er zuletzt nicht in 

Gnade, und Otto nicht bei ihm. Mit der Umgebung Ottos von Habsburg 

lebte er auf Kriegsfuss und zuletzt brach er sogar mit dem Organ der 

osterreichischen Legitimisten. 

Es ist ihm nicht die Zeit geblieben, die Resultate aus diesen letzten 

Ereignissen zu ziehen. Mit den Legitimisten hatte er gebrochen. Sein 

»Schwarz-gelbes Tagebuch* erschien nicht mehr im pariser Organ dieser 

Bewegung. Er wollte es — so sagte er mir — als »Osterreichisches Tage- 



390 



IM EXIL 



buch« in den »NouvelIes d'Autriche* fortsetzen. Zu spat erkannte er, wo- 
hin er gehorte. 

Joseph Roth ist nur 45 Jahre alt geworden. Schon sterbend sagte er: 
»Wie dumm von Ernst Toller, sich jetzt aufzuhangen, da es mit unseren 
Feinden zu Ende geht.« Joseph Roth hat den Untergang des Dritten Rei- 
ches vorausgesehen, er hatte ihn gerne erlebt, ja ihn zu erleben war ihm, 
dem Zerriitteten, einziger Daseinszweck. Es war ihm nicht vergonnt. 



Die t1 Liga fiir das (leisure Osier re ich" zeigt in 
liefer Krsehuttcrung <h*s Ableben von 

Joseph Krith, 

<lcm grosscn osterreichisehen Dichler an. 

Joseph Roth griindete im Vereiu mit den he* 
deutendstcn Hepriisentnnlen des oslerreichischcn 
(ieislesicbens u 11 sere \/\}U\ urn (Vslerrrirhs grosses 
Ktillurcrhc, trolz Frcmdherrschafl im Lande, wrirh 
zu crhaltcn. h\ diesem Sinnc wollen wir sein dieh- 
lerisches Sehaffen, unslerhlich wie Oslcrrcich 
selbst, sorgsam hiilen und wahrcn. Seine slerb- 
liehcn flberresle Werden wir einst dem befreilen 
Heimatbodcii iihergehen. • 

Die ,J'iga fiir das GeisLige ttsterreirh" entsandlc 
zu dem am 30. Mai stidl^ehahtrn , Itegriibnis 
von Joseph Holh cine Delegation, heslehend aus 
den Herrcn Professor Friedmann, Paul Stefan, 
Viktor Tisc filer, die din en Kranz in den rotwcissi 
roten Farhen am (irabe niedcrlegte, der die In- 
schrift trug: ,J*)ic I>iga fiir das deist ige (Isterreich 
ihrem Priisidenlcn, Oslcrreichs grossem 
Dichler." 



Die franzosische Zeitschrift »Marianne« ehrt Roth mit einem Artikel »Les- 
sing, un genie allemand«, den er, threr Vorbemerkung zufolge, kurz vorsei- 
nem Tod geschrieben habe: 



528 Joseph Roth 

Lessing, un genie allemand. 
In: Marianne. 14. 7. 1939. 

Kopie. - Vorlage: K&W 

Aus der Vorbemerkung der Redaktion: 

L'un des tout premiers ecrivains de langue allemande, Jean [sic] Roth, 
romancier de TAutriche des Habsbourg, vient de mourir a Paris ou Tavait 



IMEXIL 391 

rejete l'exil. Joseph Roth etait un grand ami de la France et un apotre de 
la pensee. Sa mort a ete douloureusement ressentie par ses innombrables 
admirateurs, car Joseph Roth etait de ceux qui mettent leur grand talent 
au service de la vraie pensee. 



Die Nachrufe der Freunde und Kollegen Roths sind vielfdltige Versuche, 
seine schillernde Personlichkeit zu beschworen. 



Die Osterreichische Post. Courrier Autrichien. Paris. 529 

1 (1939), 13/14: In memoriam Joseph Roth. Abb. 76 

Enthalt: 

Stefan Zweig: Abschiedsrede. 

Friederike Zweig: Aus Joseph Roths Schriften. 

Joseph-Roth-Exegeten. 

Alfred Polgar: Joseph Roth. 

Hans Natonek: Die Legende Roth. 

Franz Theodor Csokor: Ein Abschiedswort. 

H(ans) N(atonek): »Hiob« auf der Buhne. 

Stefan Zweig 530 

Abschiedsrede. [Gekiirzt.] 

In: Die Osterreichische Post. 1 (1939), 13/14, S. 1-2. 
Vollstandige Fassung in: Sunday Times. 28. 5. 1939. 
Abdruck u. d. T. Joseph Roth« in: Stefan Zweig: Europa- 
isches Erbe. Frankfurt a. M: S. Fischer I960, S. 251-264. 

[ . . . ] Immer, wenn wir einen Menschen verlieren, einen der seltenen, 
die wir unersetzttch und unwiederbringlich wissen, fiihlen wir betroffen 
und begliickt zugleich, wie sehr unser getretenes Herz noch fahig ist, 
Schmerz zu empfinden und aufzubegehren gegen ein Schicksal, das uns 
unserer Besten, unserer Unersetzlichsten vorzeitig beraubt. 
Ein solcher unersetzlicher Mensch war unser lieber Joseph Roth, unver- 
gessbar als Mensch und fiir alle Zeiten durch kein Dekret als Dichter 
auszuburgern aus den Annalen der deutschen Kunst. Einmalig waren in 
ihm zu schopferischem Zwecke die verschiedensten Elemente gemischt. 
Er stammte, wie Sie wissen, aus einem kleinen Ort an der altosterrei- 
chisch-russischen Grenze; diese Herkunft hat auf seine seelische For- 



392 



IM EXIL 



IW 1. JoH 1939 



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£=£: in mm Joseph Hi ftta 



In eigener Sache 

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76. Die Osterrekhische Post. l.Juli 1939 



393 



mung bestimmend gewirkt. Es war in Joseph Roth ein russischer 
Mensch — ich mochte fast sagen, ein Karamasowscher Mensch — ein 
Mann der grossen Leidenschaften, ein Mann, der in allem das Aeusserste 
versuchte; eine russische Inbrunst des Gefiihls erfullte ihn, eine tiefe 
Frommigkeit, aber verhangnisvollerweise auch jener russische Trieb zur 
Selbstzerstorung. Und es war in Roth noch ein zweiter Mensch, der jiidi- 
sche Mensch mit einer hellen, unheimlich wachen, kritischen Klugheit, 
ein Mensch, der gerechten und darum milden Weisheit, der erschreckt 
und zugleich mit heimlicher Liebe dem wilden, dem russischen, dem da- 
monischen Menschen in sich zublickte. Und noch ein drittes Element 
war von jenem Ursprung in ihm wirksam: der osterreichische Mensch, 
nobel und ritterlich in jeder Geste, ebenso verbindlich und bezaubernd 
im taglichen Wesen wie musisch und musikalisch in seiner Kunst. Nur 
diese einmalige und nicht wiederholbare Mischung erklart mir die Ein- 
maligkeit seines Wesens, seines Werks. 

Er kam aus einem kleinen Stadtchen, ich sagte es, und aus einer judi- 
schen Gemeinde am aussersten Rande Oesterreichs. Aber geheimnisvol- 
lerweise waren in unserem sonderbaren Oesterreich diejenigen, die an 
Oesterreich glaubten und seinen Sinn bejahten, die eigentlichen Beken- 
ner und Verteidiger Oesterreichs, niemals in Wien zu finden, in der 
deutschsprachigen Hauptstadt, sondern iramer nur an der aussersten Pe- 
ripherie des Reiches, wo die Menschen die mild-nachlassige Herrschaft 
der Habsburger taglich vergleichen konnten mit der strafferen und min- 
der humanen der Nachbarlander. In dem kleinen Stadtchen, dem Joseph 
Roth entstammte, blickten die Juden dankbar hiniiber nach Wien; dort 
wohnte, unerreichbar wie ein Gott in den Wolken, der alte, der uralte 
Kaiser Franz Joseph, und sie lobten und liebten in Ehrfurcht diesen fer- 
nen Kaiser wie eine Legende, sie ehrten und bewunderten die farbigen 
Engel dieses Gottes, die Offiziere, die Ulanen und Dragoner, die einen 
Schimmer leuchtender Farbe in ihre niedere, dumpfe, armliche Welt 
brachten. Die Ehrfurcht vor dem Kaiser und seiner Armee hatte sich 
Roth also schon als den Mythos seiner Kindheit aus seiner Heimat nach 
Wien mitgenommen. 

[...] 

Rasch hatte er seinen ersten Ruhm, freilich nur einen journalistischen 
und noch nicht den richtigen, den Ruhm des genialsten und humansten 
Reporters in Deutschland und nicht jenen des Dichters, der er immer 
war und gewesen war, und den er in seiner Scheu und Schuchternheit 
noch immer nicht selbstandig zu offenbaren wagte. 

[ . . . ] Er nahm kein Haus und hatte kein Heim. Nomadisch wandernd 
von Hotel zu Hotel, von Stadt zu Stadt mit seinem kleinen Koffer, ei- 
nem Dutzend feingespitzter Bleistifte und dreissig oder vierzig Blattern 
Papier in seinem unwandelbaren grauen Mantelchen, so lebte er sein Le- 
ben lang bohemehaft, studentisch; irgendein tieferes Wissen verbot ihm 



394 IM EXIL 



jede Bleibe, und misstrauisch wehrte er sich jeder Bruderschaft mit beha- 
big-biirgerlichem Gliick. 

Und dieses Wissen behielt recht — immer und immer wieder gegen je- 
den Anschein der Vernunft. [ . . . ] 



531 Alfred Polgar 

Joseph Roth. 

In: Die Osterreichische Post. 1 (1939), 13/14, S. 2-3. 

Nur fiinfundvierzig Jahre war der Dichter deutscher Sprache Joseph 
Roth, gleich liebenswert als menschliche wie literarische Erscheinung, 
Gast dieser »dunklen Erde«. Er schied nicht als Fertiger von ihr. Eine 
schone Ernte an geist-erfiillten, bedeutenden Biichern hat sein Talent 
des Denkens und Schreibens, sein auch in Zeiten schlimmster innerer 
und aufterer Not nie aussetzender Fleiss heimgebracht: und es steckte 
noch genug schopferische Kraft in ihm, sie um Grosses, Grosseres viel- 
leicht, zu mehren. Die ihn gut kannten, sagen, er hatte gern gelebt. 
Trotzdem hat er an dem Schicksal, das seinem Leben so friih ein Ziel 
setzte, eifrig mitgezimmert. Ans Ende zu kommen war, so widerspruchs- 
voll das klingt, wohl nicht sein Wille, aber sein heimlicher Wunsch. Er 
hat, ein Trinker nicht um des Trinkens willen, mit zaher, ihm selbst 
kaum klar bewusster Absicht der Selbstzerstorung dem Tod Hindernisse 
beiseite geraumt, ist ihm sozusagen auf halbem Weg entgegengekom- 
men. 

Roth ist in der Emigration gestorben; gewiss auch: an der Emigration. 
Aber nicht die Schrecken des Exils, nicht Armut und nicht Heimweh 
waren es, die seinen Lebenswillen ins Gegenteil verkehrten. Das Exil 
hatte er auf sich genommen, ehe noch die Finsternis, die heute iiber dem 
Stuck Welt lastet, das er Heimat nannte, hereingebrochen war, viele 
zwingend, dorthin zu fliichten, wo, bis auf weiteres, das Licht noch 
scheinet. Mit der Armut lebte er seit langem auf vertrautestem Fuss, und 
das Heimweh des inkarnierten Oesterreichers, der er war, gait weniger 
dem Stuck Erde, das so geheissen hatte, als der Idee: Oesterreich, dem 
geistig-seelischen Klima: [ . . . ] 

Nicht das Exil, nicht das Unrecht, das er duldete und andere erdulden 
sehen musste, hat Joseph Roth verzweifeln lassen. Was ihm die Aufgabe, 
weiter zu leben, so unertraglich schwer machte, war der Triumph des 
Bosen und der Dummheit, die Niedertracht, die sich als Gesetz statuier- 
te und in dessen Namen ungeheuerliche Schandtaten an Schuld- und 
Wehrlosen veriibt, war der Abbau der geistigen und moralischen Werte, 
denen die zivilisierte Welt in tausendjahrigem Bemuhen Geltung errun- 
gen hatte, war die Raschheit, mit der diese Welt vom Widerspruch zur 
beflissenen Wurschtigkeit iiberging, war ihre fortschreitende Vergiftung 



IM EXIL 395 



durch das Sekret der Hakenkreuzspinne. Dass der Himmel all dem ge- 
geniiber einen ahnlichen Standpunkt einzunehmen schien wie, in ihrem 
Bezirk, die grossen irdischen Machte, namlich den Standpunkt der 
Non-intervention, des Zuriickweichens, der immer neuen Konzessionen 
an das Infarrie — das war es, was den guten Roth, der ohne Glaubigkeit 
nicht sein konnte, umwarf. [ . . . ] 

Ein Teil seines dichterischen Werkes wird bleiben und Platz finden in 
der Ehrenhalle deutscher Literatur. Dies schon um der Schonheit, Wiir- 
de, Lauterkeit der Sprache willen, in der es abgefasst ist. Nie verriet der 
Kiinstler Joseph Roth die Naturlichkeit der Sprache an die Kunst. Er 
schrieb (verachtend die Meinung, tiefe Wasser miissten triib sein) ein kri- 
stallklares Deutsch, das Kraft und Anmut zu paaren wusste, unfehlbar si- 
cher in Wort und Wendung, lichtstark ohne falschen Glanz, musikalisch 
in Satzbau und Fiigung, reich an kleinen stilistischen Zaubereien und 
Feinheiten, aber auch fahig des weiten Schwungs, der grossen Steige- 
rung. Er hatte alles, was den Schriftsteller legitimiert, einer zu sein: Be- 
obachtungsgabe, Phantasie, Humor, das Vermogen der Gestaltung durch 
das Wort, ein empfindsamstes Auge fur die bestimmenden grossen und 
kleinen Linien im Bild der Erscheinungen, ein empfindsamstes Ohr fiir 
deren Klang und Missklang. Er hatte Leidenschaft, Geist, Mut. Er war 
ein ehrlicher Skribent, der nichts niederschrieb, was nicht der Wahrheit 
gemass, wie er sie sah, dachte oder traumte. Das Vaterland, in dem sein 
Name heute nicht genannt werden darf, wird ihn mit hoher Achtung 
nennen, wenn dort wieder das Gemeine gemein und das Edle edel wird 
genannt werden durfen. 

Franz Theodor Csokor 532 

Ein Abschiedswort. 

In: Die Osterreichische Post. 1 (1939), 13/14, S. 3. 

Lieber Josephus, 

wir sind uns funfmal begegnet in dieser Welt. Zum erstenmal auf der 
»Wasserwiese« im Wiener Prater des Weltkriegs, bei dem namlichen Ba- 
taillon, deinen Einundzwanzigerjagern, denen du viele Liebe bewahrt 
hast, dann in Potsdam, wo uns der gleiche Verleger verband, dann in 
Nizza, wohin dich, den Oesterreicher im Ausland, die erste Emigrations- 
welle warf, und schliesslich kurz vor dem »Umbruch« im Bristol zu 
Wien; dort standest du miide schon und kampfend mit der Zerstorung 
um dich und in dir Schildwache fiir eine Idee. 



Hans Natonek 533 

Joseph Roth. 

In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 22, S. 680-683. ' 



396 IM EXIL 



Joseph Roth war als Mensch und Dichter eine ganz einmalige, unver- 
wechselbare Erscheinung. Seine Grofle als Mensch war seine Noblesse; 
er war unbedingt nobel, nicht nur, solange er ein hochbezahlter, ver- 
wohnter Autor war, sondern erst recht im Verfall. Er wurde in der Ar- 
mut und in der Trauer seiner Verlorenheit immer menschlicher, zu- 
gleich giitiger und strenger, zugleich weiser und narrischer, zugleich my- 
stischer und verschlagener. Keine Triibheit konnte ihm etwas anhaben. 
Gebeugt, war er aufrecht. Gedemutigt durch auflere Miftverhaltnisse, war 
er stolz. Selbst wenn er sich selbst ubertrieb und darstellte, triumphierte 
zuletzt das Echte. Und so auch war der Dichter. Fast in jedem Satz ist er 
ganz er selbst. Das ist die Grofte des Schriftstellers Joseph Roth. Er ist 
vielleicht der grofSte Prosa-Lyriker dieser Zeit, ein Bruder Verlaines und 
ein Verwandter Rainer Maria Rilkes. [ . . . ] 

Joseph Roth gehorte zur gefahrdeten Generation zwischen vierzig und 
funfzig, die auf dem weiten Weg durch die Emigration schwach in den 
Knien wird und zusammenbricht. Er hatte gern noch gelebt, um das 
Grauen dieser Zeit zu iiberleben. Aber er tat nichts dazu; im Gegenteil, 
heimlich, zah, geradezu listig tat er alles, um sich die Qual des Wartens 
zu verkiirzen. Das Leben war ihm in einem Mafie unertraglich geworden, 
dafJ er den Schmerz nur durch die konstante Zufuhr von Alkohol be- 
schwichtigen konnte. Sein zaher, klagenloser, beinah heroischer Verfall, 
seine Vereinsamung im geselligen, bunten Kreis wechselnder Figuren, 
seine Weisheit und sein Hinschwinden im kleinen Cafe Tournon, das ist 
Gestaltwerdung eines zerstorten Lebens, Transfiguration einer von Jo- 
seph Roth gedichteten Romanfigur. 
Seite 681 und Seite 683 



334 Hermann Kesten 

Ein grofier Dichter. 

In: Das Neue Tage-Buch. 7 (1939), 23, S. 540-545. 

Leicht geanderte Fassung u. d. T. »Der Mensch Joseph 

Roth« in: Linden, Gedachtnisbuch, S. 15 — 26. 

Zitate nach dieser Fassung. 

Er war ein genialischer Mensch. Ausgestattet mit alien holden Fertigkei- 
ten eines Poeten, hatte er den Zauber einer Personlichkeit. Er besaft 
Marchenziige. 

[•■■] 

Von alien echten und falschen Dichtern, die das Bild des Poeten mit ih- 
rer Person zu verkorpern suchen, schuf er in unsern Tagen eines der ei- 
gentumlichsten und holdesten Bilder. Und das Seltene geschah: sein 
poetischer Rang war mit seiner selbstgebildeten Figur identisch. 



IM EXIL 397 

Wer immer ihn vor einem Kaffeehaus sitzen sah, wie er mit emsiger Be- 
dachtigkeit schrieb und trank, dachte mit Recht: Ecce poeta! 

[...] 

Er war ein Purist, ein Moralist. Seine Prosa scheint sanft und ist stahlern. 
Sie ist voll Gesang und plotzlicher Stilettstiche. Sie scheint spiegelklar 
und ist reich an verborgenen, geheimnisvollen Beziigen. 
Er beherrschte sein literarisches Handwerk, kannte die Regeln seiner 
Kunst, war der fleiftigste der Poeten. Wahrend zwanzig Jahren schrieb er 
taglich fiinf bis sechs, ja, acht Stunden lang, bis Sonnenuntergang, mit 
Regelmaftigkeit und Prazision. Und doch glaubte er, daft alles in der 
Kunst von der »Gnade« abhange. Er war begnadet. 

[...] 

Er hat das Leben mit der groftten Leidenschaft geliebt Sein Lebenswille 

war von einer groftartigen Kraft. Und leidenschaftlich war auch sein 

Hang zur Selbstzerstdrung. Er war einer der gewaltigsten Trinker seiner 

Zeit. 

[...] 

Seine Fahigkeit, zu leiden, war so groft, daft es Empfindungsarmeren 

scheinen konnte, als suchte er das Leiden, als genosse er Gewissensqua- 

len, als ware er neugierig auf Versuchungen der Holle. Aber er verstand, 

den Teufel zu beschworen und zu bannen. Er besclrwor die Toten und 

bannte die Lebenden. Er verstand es, Menschen zu bilden und zu schaf- 

fen. Er hat sich selbst gebildet. Und er hat sein Leben trinkend und lei- 

dend verkiirzt. Er hatte die schonste Vernunft; nur sein eigenes Leben 

zu sparen, hat er nicht verstanden, auch darin ein allzu leidenschaftlicher 

Dichter. 

[...] 

Seite 15, Seite 18 und Seite 23 f. 



Ludwig Marcuse 333 

Abschied von Joseph Roth. 

In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 
Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 237-240. 

Es gibt ein paar Menschen, die nie Distanz zu ihm gewinnen konnten, 
so sehr liebten sie ihn. Ich gehorte dazu und bin sehr glucklich gewesen. 
So kann ich ihm auch heute keinen Nekrolog ins Grab nachschicken, 
nur eine Liebeserklarung. 

[•••] 

Er hat es mit der Wirklichkeit nie sehr genau genommen, nicht nur an 
jenem ersten Tag unserer Freundschaft: nicht als Journalist, nicht als 
Romancier, nicht als Kulturphilosoph und nicht als Mitmensch. Er hatte 



398 IM EXIL 

so viel Herz und so viel Phantasie, daf] er den lieben Gott imitieren mull- 
te, sich seine eigene Realitat schuf und nicht zu bewegen war, die Pro- 
duktion des groften Kollegen fiir mehr zu nehmen als einen Steinbruch, 
der gut zu gebrauchen war. Das war bisweilen sehr hart fiir einen 
Freund, der ein aufterst empfindliches Gewissen fiir das Objektive besafi 
— bis dieser Freund so iiberwaltigt war, daft er auch den kleinen Gott 
liebte und nicht mehr kritisierte. Wozu mit ihm streiten iiber Menschen 
und Parteien? Er war kein Psychologe, aufter, wenn er die Psyche selbst 
gemacht hatte. Er war kein Politiker — sein Monarchismus, sein Katho- 
lizismus, sein Konservativismus, sein Austriazismus waren nur sehr ei- 
genwillige und schwer lesbare Geheimchiffren; nicht das, was unter die- 
sen Worten im Konversationslexikon steht. Er war ein Poet im ur- 
spriinglichen Sinne des Wortes, der Schopfer eines All — und sa(S, wie 
jeder Poet, in einem Elfenbeinturm; auch wenn er mit Schuschnigg 
sprach, mit dem Pater Muckermann korrespondierte, mit Rauschning 
diskutierte und an der Spitze der osterreichischen Legion in 
Deutschland einzuziehen gedachte. Man konnte ihn nur verstehen, 
wenn man sich in seinen Turm begab. Der stand einst im »Englischen 
Hof« und im »Hotel am Zoo«; zuletzt in der Rue de Tournon. Ich war in 
diesem Turm zu Hause. Und sehr glucklich. 

[...] 

Hermann Linden: 

Joseph Roth trug im Leben viele Masken. Gerne erschien er als Realist, 
als Skeptiker, ja sogar als arroganter Zyniker. Auch sahen wir ihn, der 
zuerst ganz links stand, spater rechts, sahen ihn als Monarchisten, vor- 
iibergehend sogar im Banne des Katholizismus, als Demiitigen, Tradi- 
tionsglaubigen, und am Ende seines Lebens sehen wir ihn wieder in der 
Maske des Anfangs, als alles verachtenden Skeptiker und Nihilisten. Wer 
Roth jedoch genau kannte, wer seine Einsamkeit teilen durfte, wer seine 
Handlungen beobachten, seine kavaliersmafiige Gas tfreundsc haft erle- 
ben konnte, wer Zeuge seiner unbeschrankten Grofiziigigkeit wurde, der 
sah tiefer. Der wahre Roth war ein wundersuchtiger Romantiker. Er, der 
die Menschen verspottete, liebte die menschliche Seele, er liebte den 
einfachen Menschen, der gut und ehrlich war (wie viele solcher liebevoll 
gezeichneten Menschen finden sich in seinen Romanen!). Roth konnte 
als Fanatiker hassen, aber er hafite nur das Bose und das Gemeine. Dem 
Bosen und dem Gemeinen gait sein unermudlicher Kampf, galten die 
Todesstiche seines immer angriffsfeurigen Intellekts. »Wo das Gute ist, 
soil meine Heimat sein!« schrieb er einmal an den Rand. 

[•••] 

Hermann Linden: Tage mit Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, S. 
27-34, bier S. 33 f. 

Eine alte Methode der Fluent ist die Maskerade. Ein alter Ausweg der 
Verzweifelnden und Leidenden ist das heitere Spiel der Komodie. Im 



IM EXIL 399 

Leben und in der Kunst hat Roth die »grofte Komodie* gespielt, und er 
hat viele Masken getragen. Man weift, wie gefahrlich das Spiel mit Mas- 
ken ist. Die Grenze zwischen Scherz und Ernst verwischt sich schnell. 
Gleich manchen, denen das Leben ganz fremd, ganz furchterlich 
erscheint, nahm er in der Jugend die Maske der vollendeten Sicherheit, 
fast der Blasiertheit vor. Spacer, in der Zeit seines gespielten Alters — er 
ist jung gestorben, mit 45 Jahren — trug er die Maske der Demut. Er 
trug die Maske des Soldaten, des Legitimisten, des Osterreichers, des Ka- 
tholiken, des Spotters und des Leidenden, des Propheten und des Ro- 
mantikers, des Neuerers und des Erben, des Weisen und des Leiden- 
schaftlichen, ja manchmal schien mir, sogar nur die Maske des Trinkers. 
Das sonderbare Leben eines Dichters! 

Zweierlei war nie Maske bei ihm, war nie Komodie: wenn er Artist war. 
Und wenn er das Bose und Gemeine hafite. Denn er war ein wahrer 
Kiinstler und ein echter Menschenfreund. Schriftsteller war er von Ge- 
burt und Neigung, Humanist durch Erziehung und Bildung. [ . . . ] 
Eben daft er in seiner »gottlosen« wie in seiner »katholischen Periode* 
dieselben Aufsatze, dieselben Anschauungen, dieselben Grundsatze, die- 
selben literarischen Methoden festhielt, beweist ja, daft er nie mit Grund- 
satzen spielte, sondern nur die Masken tauschte. [ . . . ] 
Hermann Kesten: Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker. In: Mafi 
und Wert 3 (1939/40), 1, S.131 — 139, hier S. 13 if - Siehe auch KaL Nr. 
516 



Zu Rudolf Oldens (an anderen Stellen zitiertem) Nachruf »In memoriam 
Joseph Roth«, erschienen im »Neuen Tage-Buch« vom 3.Juni 1939 (siehe 
KatNr. 92 und nach 307), schreibt Jakob Altmaier an Olden: 

Jakob Altmaier an Rudolf Olden 536 

Brief. Paris, 6: 6. 1939. 2 Bl. ms. mit Unterschrift. 

Jakob Altmaier 

9 Rue de l'Universite 

Paris-7. 

den 6. 6. 39- 

Lieber Herr Olden: 

sonderbar, eben hatte ich den letzten Satz Ihres Nachrufs auf Joseph 

Roth gelesen, als es klopfte und mir Ihr Brief in die Hand gedriickt wur- 

de. Was Sie iiber unseren armen toten Freund schreiben, ist das beste 

und feinste, was von ihm gesagt worden ist lch kann es beurteilen, denn 

ich habe im letzten Jahr viele Tage und Nachte mit ihm verbracht. Gan- 

ze Monate! Und es ist hier niemand, mit dem man sich iiber ihn unter- 

halten konnte. Sie waren ja alle so klein, die um ihn herumsassen. Eine 

Erzahlung von ihm, aus unserer letzten Unterhaltung: 



400 IM EXIL 

Heinrich Simon hatte ihn 1927 am Sylvester-Abend in Frankfurt zu sich 
geladen. »Feines Schweine-Essen«, lockte Simon, »Kircher kommt, Sie- 
burg, etc.,«. Roth lehnte ab, und als Simon drangte, sagte er: »Wenn zum 
Schweine- Essen die Schweine kommen, will ich nicht dabei sein!« 
Ich will versuchen in der »Zukunft« Roth zu skizzieren. 



537 J. B. [d. i. Joseph Bornstein] 

Abschied von Joseph Roth. 

In: Pariser Tageszeitung. Nr. 1010 (31. 5. 1939), S. 1. 

Joseph Bornstein, der Chefredakteur von Leopold Schwa rzscht Ids Zeitschrift 
»Das Neue Tage-Buch«, in dem Roth von 1933 bis zu seinem Tode mehr als 
40 Artikel veroffentlichte, erinnert sich: 

Einmal, im letzten Sommer, als wir vom Sterben sprachen, nahm er mir 
das Wort ab, ihm den Nachruf zu schreiben, und irgendetwas iiber den 
Inhalt war zwischen uns vereinbart. Ich glaube, ich sollte nicht verges- 
sen, ihn als guten Trinker zu loben, nicht nur als Dichter. Unseren Ge- 
sprachen iiber den Tod fehlte sozusagen der sittliche Ernst. [ . . . ] 
Vielleicht miisste man selber ein Romancier seines Ranges sein, urn den 
feinen, liebenswurdigen, sonderbaren Menschen zu schildern, der hinter 
diesem bedeutenden Werk stand, diesen unlite rate nhaftes ten unter den 
erfolgreichen Literaten. — der nicht eine Sekunde seiner Tage mit der 
Verwaltung seines Ruhmes verbracht hat, — diesen »Geheimarbeiter«, 
den man zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht am Trinktisch sah, so 
beruhmt bei den Wirten, dass diese gelegentlich seine Uebersiedlungen 
von Stadt zu Stadt einander signalisierten, und dass einmal sein Ein- 
spruch bei einem grossen Konzern die geplante Schliessung einer von 
ihm frequentierten Likorstube verhindert hat (er war stolz auf diesen 
Erfolg), und der doch, Tag fur Tag, sein Pensum planmassiger schriftstel- 
Ierischer Arbeit zuchtvoll absolvierte. — man wusste nicht, wo er die 
Zeit dazu hernahm. 



538 Joseph Bornstein 

Photographic 
Vorlage: LBI 

539 Rudolf Leonhard 

Geschichten vom Joseph Roth. 

In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 25, S. 792-794. 



IMEXIL 401 



Dieser Mann, den man immer herumsitzen sah, immer zum Anstossen, 
zur Erzahlung, und nicht zuletzt zum Zuhdren bereit, war ein Arbeiter; 
er hatte das starke und wunderbare Handwerksgefiihl des wirklichen 
Schriftstellers. Was er machte, war gediegene Arbeit, ohne Indirektheit, 
bildhaft ohne Metaphorik — rein im Sinne der Negation aller Gefahren, 
die die Reinheit des deutschen Stils beeintrachtigen. Von der Sauberkeit, 
Helle, DringUchkeit und von dem soliden Lichtgefunkel seines musku- 
losen und schlanken Stils werden spater die Literaturgeschichten viel 
sprechen. [ . . . ] 

Er war ein ausserordentlicher Formulierer; er liebte die Formel und das 
Formulieren, weil es sich um die Klarheit handelte, um das Zusammen- 
ziehen der Realitat. [ . . . ] 

Drei Formulierungen fassen fur mich sein Leben zusammen. Als ich vor 
meiner ersten Abreise nach Paris mich von ihm, in Berlin, verabschiedet 
hatte, kam er auf den Treppenabsatz gelaufen, um mir nachzurufen: »Sie 
werden in Paris erstaunt sein, dass man dort Burger sein kann, ohne sich 
schamen zu mussen!* Jahre spater sagte er mir, eben in Paris, als von sei- 
ner Produktion die Rede war: »Ich bin ein alter Jude, der eine geistes- 
kranke Frau hat*. Bei einer unsrer letzten Begegnungen sagte er, halb 
zerstort schon, gedunsen, mit verquollnem Blick, aus einer Art von Ver- 
wahrlosung heraus, die gewollt war, und aus der die wie immer mit gros- 
ser Sorgfalt gekniipfte Schmetterlingskravatte seltsam und riihrend ab- 
stach: »Wir tun alle nichts« — es war von der Aktivitat mancher Emi- 
granten die Rede — »wir sind alle verloren, wir sind alle tatenlos«; er war 
nicht so abgewandt, auch zuletzt nicht, wie viele glaubten. 
Arbeiter am Literaturwerk, ehrlicher und grosser Handwerker der Litera- 
tur, ganz und mit Leidenschaft Literat, der diesen Titel als einen Ehren- 
namen ansah, iiberzeugt vom Werte und vom Aktivitatswerte der Litera- 
tur, hatte er ein besonders feines Gefuh! fur die Kameradschaft unter 
den Literaten, die fiir ihn eine Einheit waren, iiber die Schulgrenzen und 
die trennenden Meinungen hinweg. Als er sich, seltsam genug, fiir einen 
Schriftsteller der Rechten hielt und sich, freilich nicht ohne ein Seitenla- 
cheln, einen Reaktionar nannte, blieb er ganz und gar und mit Leiden- 
schaft der Kamerad der Revolutionare und der Linken; auf eine sonder- 
bare Art verquickte sich ihm dieses Gefiihl zuletzt mit den Kamerad- 
schaftsuberlieferungen der vorfascistischen Armeen. Ein Wort, und noch 
sein Offizierehrenwort war ein Schrif ts teller- Wahrheits wort; er ging da- 
bei bis zum Formalismus, aber immer mit groflter Ehrlichkeit, und oft 
mit Ironie. Keiner war treuer als er, wenige waren so treu wie er. [ . . . ] 

F[ranz] C[arl] Weiskopf 540 

Abschiedssymphonie. 

In: Die neue Weltbixhne. 35 (1939), 24, S. 760-762. 



402 IM EXIL 



Wenn wir heute, riickschauend, das Leben und Werk Joseph Roths in 
diesen letzten Jahren uberblicken, so wird uns klar: die Verdusterung 
seiner Kunst, der Irrgang in die Mystik und Irrealitat, alles, was in den 
Werken nach dem »Radetzkymarsch« unsere Besorgnis und Trauer, un- 
sere Enttauschung und unseren Widerspruch erregte, war nur Zeichen 
des Todes, den Roth schon in sich trug. 

Joseph Haydn, dessen Melodien unhorbar Roths schonstes Werk beglei- 
ten, hat eine kleine Abschiedssymphonie komponiert, bei der ein Musi- 
kant nach dem anderen sein Instrument wegzulegen und sich sachte da- 
vonzumachen hat. Zum Schluss bleibt nur noch die grosse Trommel iib- 
rig, dann verstummt auch sie, die Lichter loschen aus, es wird ganz fin- 
ster. 

Fast konnte man sagen, dass Joseph Roths Leben und Kunst in diesen 
letzten Jahren Haydns Abschiedssymphonie geglichen habe. 
Wir waren oft anderer Ansicht als er. Wir haben uns oft gegen ein Wort, 
einen Artikel, ein Buch von ihm gewandt. Gleichgultig geschwiegen ha- 
ben wir nicht. Selbst in der Ablehnung schwang die Anteilnahme mit, 
und auf dem Grunde jeder Kritik lag die Erinnerung an die Freude, den 
Genuss und den Gewinn, an die Fiille der Geschenke, die uns seine gros- 
se Kunst beschert hatte. 

So liebten wir ihn mit einer Liebe, die nicht blind war, und die deshalb, 
besser vielleicht als so manche andere, zu ermessen vermag, wie schwer 
der Verlust ist, den die deutsche Dichtung durch Roths Tod erleidet. 
Durch einen viel zu fruh gekommenen Tod, dessen tragische Ziige — 
Ziige der Selbstzerstorung — uns an das Ende Grabbes erinnern. 

[...] 

Er hat dieses Ende, den Untergang der braunen Barbarei, erleben wollen. 
Er starb zu fruh. Er starb noch im Exil. Aber sein lebendiges Werk wird 
teilhaben an dem Triumph der freien deutschen Dichtung, der anhebt 
an dem Tag, da es mit »unseren Feinden« zu Ende ist. Und sein Name 
wird Glanz und Klang besitzen, wenn die Namen der Reichskulturkam- 
merlinge langst vergessen und vergangen sind. 

541 Franz Carl Weiskopf 

Photographic Undatiert. 

Franz Carl Weiskopf 

Geb. am 3. 4. 1900 in Prag. Vor 1933 Feuilleton-Redakteur der Zeitung 
^Berlin am Morgem. 1933 ins Exil, u. a. Prag und USA. Neubegrunder 
und Chefredakteur der AIZ. Von 1947 bis 1949 Botschaftsrat der CSR in 
Washington, spdter Gesandter in Stockholm und Botschafter in Peking. 
Ubersiedelt 1953 in die DDR. Publiziert u. a. Die Unbesiegbaren. Berichte, 
Anekdoten, Legenden. 1933 — 194% New York 194X — Unter fremden 



IM EXIL 403 

Himmeln. Ein Abrifi der deutscben Literatur im Exil 1933 — 1947. Berlin 
1948. — Kinder ihrer Zeit. Roman. Berlin 1951 (Spelter u. d. T. Inmitten 
des Stroms). — Ubersetzer und Herausgeber von: Das Herz — ein Schild. 
Lyrik der Tschechen und Slowaken. London 1937. Gest. am 14. 9. 1955 in 
Berlin (Ost). 

Hans Siemsen 542 

Joseph Roth. 

In: Die Zukunft 2 (1939), 22, S. 11. 

Nach Redaktionsschlufi hat uns die schlimme Nachricht ereilt. Joseph Roth- 
ist am Vorabend des Pfingstfestes einem heftigen Anfall seiner Krankheit 
erlegen. 

Eine schwarze, schlimme Woche fur die Freunde deutscher Dichter. 
Ernst Toller macht seinem Leben ein Ende. Und nun ist Joseph Roth 
gestorben. 

Auf den Freitod Tollers waren auch die, die ihm nahestanden, garnicht 
gefaftt. Daft Joseph Roth nicht mehr lange leben wurde, wuflten und 
fiirchteten seine Freunde seit dem vergangenen Herbst. Damals erlitt er 
einen schweren Herzanfall. Die Aerzte hielten es fast fur ein Wunder, 
daft er ihn iiberstand. Am vergangenen Dienstag hatte er einen gleichen 
Anfall. Er wurde in das Hopital Necker in Paris uberfuhrt. Dort ist er 
drei Tage spater gestorben. 

Toller und Roth waren so verschieden, wie nur denkbar. Eines hatten sie 
beide: ein Herz voller Giite. Selten wird es Dichter, selten Menschen ge- 
ben, um deren Tod ihre Freunde so tief im Herzen, so hilflos trauern wie 
die Freunde Tollers um ihn, die Freunde Roths um ihren Freund trau- 
ern. Und bei beiden sind diese Freunde durchaus nicht nur »literarisch 
Interessierte*, Bewunderer ihrer Werke, sondern auch ganz einfache 
Leute, denen die Literatur nicht viel bedeutet: Kellner, Friseure, Taxi- 
chauffeure, Postboten und Kanzleiangestellte. Von den Arbeitern nicht 
zu reden! 

[...] 

Alfred Doblin, ein anderer grower Erzahler und Dichter, hat vor einem 

halben Jahr iiber ihn geschrieben: »Das leidende und erliegende Herz ist 

seine Domane. Er kann wahrhaftig erzahlen, einfach und mit welcher 

Natiirlichkeit.* 

Joseph Roth hat viel geschrieben. Und er hatte das Recht dazu. Es gibt 

nicht viele wirkliche Erzahler in deutscher Sprache. Joseph Roth war ei- 

ner der wenigen seit Kleist, Hebel und Stifter. 

[■■■] 

Ich sah und sprach ihn zum letzten Mai vor einer Woche. Klein und un- 
rasiert safS er da in seinem Bistro, in dem seine Freunde (sehr verschiede- 
ner Qualitat und Observanz) sich um ihn zu sammeln pflegten. 



404 IM EXIL 



Was sagt man, wenn man jemanden ein paar Wochen nicht gesehen hat? 
— »Wie gehts?« — Roth in seiner stillen, sachlichen, jeder {Convention 
abholden Art antwortete : »Mir geht es sehr schlecht« Und er betonte das 
Wort »sehr«. 



543 Fritz Gross 

Zwei Dichter. Ernst Toller u. Joseph Roth. 

In: Sozialistische Warte. 14 (1939), 23, S. 553-556. 

Fritz Gross tiber den Dichter des »Hiob«: 



Der das schrieb, den schonsten, reichsten, tiefsten Roman des Juden- 
tums, er ist nun gestorben, fiinfundvierzig Jahre alt, aber an Leid, Erfah- 
rung und Enttauschung alter, schmerzlicher, ungliicklicher, zerbroche- 
ner als Mendel Singer, der Hiob unserer zerrissenen Zeit 
Dieser Joseph Roth war ein Kind unserer Zeit. Er kam aus dem Ghetto, 
er fluchtete nach etn paar Jahren eines fragwiirdigen Friedens in das 
Ghetto des Krieges, in dem die Morder eingekleidet waren in den Rock 
irgend eines Kaisers und getrennt von den Opfern, die keine Uniform 
trugen. Er wanderte durch die Holle des Krieges, und wanderte dann 
noch einige Jahre durch die Ghetto-Jahre der Nachkriegszeit, ein Repor- 
ter des Leides und der Zerrissenheit und Sinnlosigkeit unserer Zeit. Bis 
er, der Ruhelose, ein Sohn des Volkes, das wandern musste, sesshaft wur- 
de in Paris, der Stadt der Ruhelosen, der grossen glanzenden Herberge 
der Emigration. Aber seine Flucht war nicht zu Ende, und das Elend 
nahm kein Ende. So floh er, geborgen, scheingeborgen in der grossen 
Stadt, in die kurze Betaubung der Gifte. Bewusst und hart hat sich Joseph 
Roth, einer von den Millionen Ahasvers, selber vergiftet. Aus dem 
Rausch der Gifte fluchtete er nur noch in den Rausch eines grossen 
Selbstbetruges. ^Ly, Joseph Roth, konnte nicht mehr leben ohne Selbstbe- 
trug. So hiess seine letzte Luge die Luge des Kaisertraumes. Hiob-Roth, 
der klare Denker, der unerbittliche Entlarver unserer Lebensliigen, be- 
rauschte sich an der Berauschung, die Alkohol und Monarchismus ihm 
fur eine Spanne von Jahren noch schenkten, eine schale Gnade der Eu- 
thanasie. Dann starb er, an irgend einem Pfingsten, einem Fest, das der 
judische Kalender nicht kennt, weil ihm der Termin irgend einer 
Ausgiessung des heiligen Geistes nicht gegeben ist. 



544 Arnold Zweig 

Dem Freunde Joseph Roth. 

In: Orient Palastina. 3 (1942), 6, S. 4-6. 



405 



[--■] 

Als Joseph Roth 1933 ins Exil ging, warf er dem Hitlerstaat ein Buch 
entgegen, den »Antichrist>, der seinen Standpunkt sofort und unzwei- 
deutig umrift. Damals gab es noch jenes kleine Osterreich, das jeder Ver- 
teidigung wert gewesen ware. Wir kannten die gefraftige Art Mensch, die 
Deutschland bereits verschlungen hatte. Und wir begriffen nicht, daft 
man auf unsere warnenden Stimmen nicht horte, ob sie von links kamen 
oder von rechts, wie die Joseph Roths. [ . . . ] 

Den Ekel iiber diese Welt, den Joseph Roth erfaftte, sollte man verste- 
hen. Unsere Zeit schien ihm heruntergekommen bis zu jenem Grade, 
auf den man nur mit Erbrechen reagieren kann oder mit der Flucht in 
die Selbstzerstorung, den Alkohol, dem so viele empfindliche und wert- 
volle Geister und Konner erlegen sind. Und Joseph Roth sah keinen 
Grund mehr, sich aufzusparen. Ein liebenswerter Mensch ging den Weg 
in den Abgrund, sehenden Auges. Ihm bedeutete der Triumph, den Leu- 
te wie ein Goebbels bei der Nachricht vom Untergange Joseph Roths 
emphnden wiirde, nichts. Er legte ihr keinen Wert bei, dieser Goebbels- 
Welt. Mochte sie die Zeit mit ihren Liigen uberschwemmen, mochte 
diese Zeit ihre Liigen willkommen heiften — der Aristokrat Joseph Roth 
hatte ihre Verganglichkeit und Niederlage bereits vorweggenommen. Als 
Sohn redlicher jiidischer Geschlechter wuftte er, daft ihr Ende feststand 
und ihre Niederlage in den Jahrtausenden sich immer wiederholt hatte. 
So ging er seinen Weg, der von kostlichen Kapiteln deutscher Prosa be- 
gleitet wird wie von Meilensteinen. Und uns bleibt das Gefuhl, wieder 
armer geworden zu sein, noch einsamer, wieder einmal von einem Ka- 
meraden verlassen, dem wir nicht ziirnen konnen. Wer an seiner zarten 
Haut zugrunde geht, ist unserer inneren Treue sicher. Wir fragen weni- 
ger nach den Parolen, denen ein Mensch folgt, als nach der Klarheit sei- 
nes Wissens, der Giite seines Herzens, dem Konnen seiner Kiinstler- 
schaft und dem Adel seines Wesens. Und wir zweifeln nicht: in sehr vie- 
len Lesern seiner Biicher und Freunden seines Gesprachs wird ein Nach- 
hall schwingen der Botschaft, nun sei auch Joseph Roth dahingegangen. 
In die Ewigkeit? In die Verganglichkeit? — — — In die Erde. 
Seite 6 

Arnold Zweig 345 

Photographic 

Vorlage: Bettina Hurlimann, Zollikon. 

Ohne Freiheit ware dieser Mann erstickt Er hatte das alte Osterreich 
sterben sehen, weshalb er an ein Fortbestehen des Abendlandes wohl 
kaum mehr hat glauben konnen. Ich empfinde in seinem Ende, in dem 
unaufhaltsamen Ende einer Krankheit doch einen Akt der Freiheit. 
Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth. 



406 IM EXIL 



In; B. Reifenberg: Lichte Schatten. Frankfurt a. M. 1953, S. 205 —214, bier 
S. 213. - Siehe auch Kat.Nr. 155 



346 Irmgard Keun 

Fur Joseph Roth. (Amsterdam.) [Gedicht] 
In: Irmgard Keun: Bilder und Gedichte aus der Emigra- 
tion. 
Koln: Epoche-Verl. 1947, S. 35. 

Die Trauer, Freund, macht meine Hande dumm, 

Wie soil ich aus dem schwarzen Blut der Grachten Kranze winden? 

Das Leid, mein Freund, macht meine Kehle stumm, 

Wo bist du, Freund, ich muft dich wiederfinden. 



346a Johannes R[obert] Becher 

Literatur im Exil. 

In: Literaturnaja Gazeta. 20.6.1939. 

Riickiibersetzt erschienen in: 

Johannes Rfobert] Becher: Publizistik II. 1939—1945. 

Berlin u. Weimar: Aufbau-Verl. (1978), S. 668-673. 

(Johannes R[obert] Becher: Gesammelte Werke; Bd. 16) 

Der Tod Joseph Roths, einer der grofken stilistischen Meister in Westeu- 
ropa, ist ein schwerer Verlust fur die gesamte Weltliteratur. [ . . . ] 
Die Tragik Roths war, dafi er fur Jahrzehnte selbst zur handelnden Per- 
son dieses Untergangs geworden ist und daft er, obwohl er als Kiinstler 
den Sinn und die Richtigkeit der geschichtlichen Ereignisse, die sein Be- 
wufttsein reflektierte, erkannte, sich letztlich von der Macht konservati- 
ver Illusionen nicht zu befreien vermochte. [ . . . ] Auch nachdem er sich 
als aktiver Kampfer der antifaschistischen Volksfront angeschlossen hat- 
te, gab er seine Sympathien fur die restaurativ-reaktionaren Bestrebun- 
gen nicht auf. Der Konflikt zwischen der politischen Position Roths als 
Publizist und seinem tiefen Realismus (den er ohne Zweifel gestaltete), 
ist eine der aufschluftreichsten Erscheinungen in der gegenwartigen ka- 
pitalistischen (biirgerlichen) Literatur. 



ROMANE 

UND ERZAHLUNGEN 



»Das Schreiben ist eine irdische 
Angelegenheit . . . « 
Joseph Roth an Stefan Zweig, 17. 11. 1935. 
-JRB,S.440 



»Die Schriftstellerei ist keine Aus- 
erwahltheit« 

Joseph Roth an Stefan Zweig, 17. 11. 1935. 
-JRB,S440 



»Ich schreibe jeden Tag, nur, um 
mich zu verlieren, in erfundenen 
Schicksalen.* 

Joseph Roth an Stefan Zweig. Amsterdam, 
30.4. 1936. -JRB,S.467 



Vorbilder und Anregungen 



In einem — hier schon offers zitierten — Interview, das Joseph Roth 1934 
in der Wohnung seiner franzosischen Ubersetzerin Blanche Gidon in Paris 
dem Kritiker Frederic Lefevre gab, dufierte er sich so ausfuhrlich wie selten 
uber seine Schreibweise, seine Lekture und von ihm bevorzugte Schriftsteller 
der Gegenwart und der Vergangenheit: 

Jaime ecrire des romans. Je travaille dix heures par jour. Jai des manu- 
scrits qui ne sont pas publies. Ce qui s'impose d'abord a moi, e'est un ca- 
dre, sans plan ni details. Je suis hante par un lieu, par une atmosphere. 
J'ecris avec soin, je fais quatre manuscrits, je rature beaucoup. Je corrige 
encore sur epreuves. Je suis un ouvrier consciencieux de la langue. La 
langue allemande est ma patrie, la langue francaise une amie que j'aime 
de tout coeur et qui me donne l'hospitalite. [ . . .] 

Je lis peu et presque exclusivement des livres de geographie, d'histoire, 
de zoologie. Je n'ai lu qu un petit nombre d'auteurs allemands vivants. 
En francais, j'ai lu Radiguet, Gide que j'admire sans Taimer. II y a quel- 
que chose qui me plait chez Valery. J'aime Jouhandeau, e'est un veritable 
ecrivain. Les Traques de Malveev sont un beau livre. Panait Istrati est 
bien doue mais j'ai l'impression qu'il vit du hasard de son passe. J'estime 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 409 

le talent de Green, mais je crois qu'il fait fausse route. Toutefois, un ta- 
lent qui fait fausse route c'est deja un talent authentique. 
Parmi les ecrivains plus anciens je prefere Rabelais, mon cher La Fontai- 
ne, dont, tout petit, j'apprenais les fables par coeur, Balzac, Flaubert . . . 
[...] Jaime tous les ecrivains autrichiens: Hofmannsthal que j'ai tres 
bien connu quand je n'ecrivais pas encore moi-meme et que j'ignorais 
meme que j'ecrirais un jour. Schnitzler, Werfel, qui, pour moi, est un 
ecrivain autrichien, c'est-a-dire un bon Europeen, comme tous ceux qui 
ont appartenu au cadre de la grande Autriche, qu'ils soient tchecoslova- 
ques ou juifs polonais. Pour Freud, c'est le confesseur des belles juives de 
Vienne. [ . . . ] 

Frederic Lefevre: Une beure avec Joseph Roth. In: Nouvelles litteraires. 2 6. 
1934 

Dem Journalisten und Romancier Hans Natonek gab Roth anldfilich ei- 
ner in einem Brief vom 14. Oktober 1932 aus Frankfurt gedufierten Kritik 
an Natoneks Roman ^Kinder einer Stadu (Wien: Zsolnay 1932) Ratschld- 
ge zurAnlage von Romanen und empfiehlt a Is grofie literarische Vorbilder: 

In der (stofflichen) Beschrankung zeigt sich der Meister. Sie begehen ei- 
nen eminenten deutschen Fehler, einen, an dem ganz GroUe in 
Deutschland gescheitert sind — auch Goethe im Faust — wenn es nicht 
lasterlich ware, diesem Herrn ein Scheitern zuzumuten. — Sie haben 
einfach zu viel hineingepackt [ ■ ■ ■ ] 

a.) Lesen Sie mehr ganz grofie ewige Sachen, als wie: Shakespeare, Bal- 
zac, Flaubert! 

b.) Kein Gide! Kein Proust! Auch nichts ahnliches! 
c.) Die Bibel. Homer. 
[...] 
JRB,S.237f. 

Uber seine Beziehung zu Stendhal schreibt Roth am lO.Juli 1928 an Ste- 
fan Zweig in seinem Dankbrief fur Zweigs Buck »Drei Dichter ihres Le- 
bens«: 

Aus Ihrem Buch gefiel mir Stendhal am besten — vielleicht weil er mir 
auch sonst am nachsten ist. Aber obwohl ich uber ihn schon so viel gele- 
sen habe, scheint es mir, daft er bei Ihnen am menschlichsten heraus- 
kommt. Es ist ein wahres Lebensbild und kein Portrdt, das Sie von ihm 
entwerfen. 
JRB, S. 133 

Uber Roths Schreibweise gibt auch ein Auszug seines Briefes an Ben no Rei- 

fenberg vom 30. August 1925 aus Marseille (siehe auch Kat Nr, 1 72) Auf- 

schlufi: 

Ich mochte zwei Wochen an diesem Buch in Paris schreiben. Sie erlie- 

gen hoffentlich nicht der deutschen Anschauung, daft man ein gutes 



410 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Buch nicht schnell schreiben kann. Ich kann nur gut und schnell schrei- 
ben. Die Deutschen schreiben auch dichterische Biicher wissenschaft- 
lich. Sie fiihlen wissenschaftlich. Deshalb geht es nur langsam. Die lang- 
same Arbeit eines Flaubert z. B. beruht auf ganz andern Voraussetzun- 
gen: auf der Faulheit namlich. [ - . - ] 
JRB, S. 63 

Benno Reifenberg uber Roths (geistige) Verwandtschaft mit Gustave Flau- 
bert: 

Wir gingen am Kanal Saint-Martin vorbei, und wir lachten, daft gerade 
hier, gerade an einem so heiften Nachmittag, die beiden enormen Spiefl- 
biirger Bouvard und Pecuchet einander begegnet sind. Joseph Roth war 
nicht nur in der Verachtung, in dem unbestechlichen Blick fur die 
Dummheit Gustave Flaubert verwandt, er hatte das gleiche feine Ohr fur 
alles Phrasenhafte und wiirde den Katalog der *idees recues*, will sagen 
der Gemeinplatze, fur unsere Generation glanzend fortgesetzt haben — 
er war auch dem handwerklichen Gewissen des groften franzosischen 
Romanciers nahe. Wahrend wir die Stadt hinter uns brachten, trieb Jo- 
seph Roth oft ein Spiel, das eines Flaubert wiirdig gewesen ware: er 
suchte nach Adjektiven. Er liebte es, unterwegs fur irgendein Haus, eine 
Baumgruppe, fur einen Karren am Feldrand, fur die Himmelsfarbe, die 
Szenerie eines Bauernhofs das bezeichnendste Beiwort sich auszumalen. 
Er war dabei erfindungsreich, entziickend genau und uberraschend zu- 
gleich. 

Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth. In: B, Reifenberg: Lichte 
Schatten. — Frankfurt a. M. 1953, S. 205 — 214, hier S. 209 f — Siehe 
auch Kat.Nr. 155 

Roths literarische »Ahnenreihe« zdhlt Hermann Kesten auf: 

Er lernte von Tolstoi und Gogol, sogar von Dostojewskij, und von Sten- 
dhal und Flaubert, zuweilen auch von Gautier, ja sogar von Proust. Mit 
Absicht stellte er sich in spateren Jahren in die Tradition der »6sterrei- 
chischen Schule* innerhalb der deutschen Literatur. Er trieb einen Kult 
mit Grillparzer und Nestroy und ward der einzige grofle und originelle 
Erbe Hofmannsthals und Schnitzlers. Das grofte Komodienspiel, die 
Maskenkunst, das ist echt osterreichische Kunsttradition, da wirken die 
Einflusse der spanischen und italienischen Komodie, die Erinnerungen 
aus den Habsburger Kronlandern. 

Hermann Kesten: Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker. In: Mafi 
und Wert 3 (1939/1940), 1, S. 131-139, hier S. 137 f - Siehe auch 
Kat.Nr. 516 

Hermann Kesten zur Periodik der Romane Roths: 

Seine Romane lassen zwei scharf getrennte kiinstlerische Perioden er- 
kennen, zuerst die des Skeptikers und Neuerers und Revolteurs, danach 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 411 

die des Glaubigen und Klassizisten und Konservativen. Wenn ich nicht 
irre, ist der Unterschied bei Roth mehr ein Wandel der Haltung als der 
Anschauung, er liegt mehr in der Schreibmanier als in der stilistischen 
Substanz, mehr in der artistischen Laune als in der Tiefe des Gemiits. 
Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 15-26, hier S. 20 



Zeitkritische Romane der zwanziger Jahre 



Urn 1930 erschienen einige Sammelrezensionen, die sich mit den Romanen 

der — nach Hermann Kesten — »ersten kunstlerischen Periode« Roths aus- 

einandersetzen. 

Der Betrachtung der einzelnen Romane, wobei auch Ausziige aus diesen 

Rezensionen gebracht werden, seien einige der zusammenfassenden Urteile 

vorangestellt: 

Hermann Kesten 547 

Der Schriftsteller Joseph Roth. 

In: Joseph Roth. Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 

(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 

Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949, S. 35-39- 

Erstveroffentlichung in: Berliner Tageblatt und Handels- 

Zeitung vom 26. 6. 1931. 

[...] 

Was ist die grofte Unzufriedenheit, die brennende Bitterkeit der jungen 
Manner in Europa, deren einer Sprach- und Wortiuhrer der Kriegsteil- 
nehmer Joseph Roth ist? Es ist die grofte allgemeine Unzufriedenheit 
mit dem Leben. Weggeblasen, in eitrigem Blut ertrankt hat ein fauliger 
Krieg den ganzen Optimismus der jungen Menschen, der ganze rosige 
Zauber eines zivilisatorischen Sonnenaufgangs ist fortgewischt vom 
Pestwind eines Massen- und Millionensterbens. In Joseph Roths Roma- 
nen kommen die jungen Leute aus dem Krieg heim, das Gehause der 
Zivilisation steht da, die Maschinerie, knirschend, geht, die jungen Leute 
stehen herum, gehen herum und sind unfahig, »ein Leben zu fuhren*. 
Die schone Unbewufkheit, die notig ist zum Dasein, ist ihnen lcider zwi- 
schen Gewehrgriffen und rheumatischen Feldleiden vollig abhanden ge- 
kommen. Sie stehen herum in den Winkeln des »Vaterhauses« wie jiin- 
gere Sohne, ungeachtet, verdrossen, kiinftige Revolutionare, verbissene 



412 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Revolteure konservativer Art, ihre Resignation 1st konservativ, ihr miides 
und billiges Lacheln noch ist es, auch ihre Tatenlosigkeit zwischen vie- 
lem Tun ist es noch, aber schon ihr Witz, ihre Satire, ihre beiftende Kri- 
tik, sie sind umsturzlerisch. 

[ . . . ] Seine ersten funf Romane (^Rebellion*, »Hotel Savoy*, »Flucht oh- 
ne Ende«, »Zipper und sein Vater«, »Rechts und links*) schienen Defini- 
tionen eines aggressiven Pessimismus zu sein. Mit den Mitteln seines 
Stils macht Joseph Roth die Desillusion zu einer Pointe und tragt die 
Pointen vor als moralische Resultate einer erbarmungslosen Gesell- 
schaftskritik. Er entlarvt in der Parabel eines Schicksals die tragische Iro- 
nie des hilflosen Lebens einiger Typen aus der Zeit nach dem Kriege. Er 
beschrieb diese Typen, die Verpfuschtheit und Sinnlosigkeit ihrer Exi- 
stenz und die ausweglose Enge ihrer Ideologic in einer klassischen Wei- 
se und als erster einer ganzen Literaturgeneration, deren gelesenste Ver- 
treter formal und ideologisch Roth viel zu verdanken haben, ohne ihn je 
zu erreichen. [ . . . ] 
Seite 36—38 

Er brauchte die modemen Stilmittel der epischen Auflosung. Diese Bii- 
cher waren meist Kurzromane, voll von der unmoralischen Hast und der 
Verzweiflung unseres entgotterten Lebens. Sie schilderten den Nihilis- 
mus der Zeit. Aber ihr moralischer Rigorismus und die tragische Gewalt 
der Darstellung liehen ihnen eine Scharfe und Reinheit der Sprache, ei- 
nen prazisen Lakonismus in Handlung und Stil, die sie zu exemplari- 
schen Dichtungen unserer Zeit machten. 

Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden Geddchtnisbuch, 
S. 15-26, hierS. 21 



Ahnlich wie Hermann Kesten urteilt Hans A. Joachim: 

548 Hans A. Joachim 

Romane des Nachkriegsmenschen. 

In: Die Neue Rundschau. 41 (1930), 1, S. 267-274. 

Es sei gestattet, nach dem Roman der Jahre zu fragen, die der Kriegsro- 
man hat auf sich warten lassen. Die Gegenwart ist an der Reihe. 
Der Mensch des Nachkriegs steht mit seiner Einsamkeit nicht allein da; 
das hindert nicht, dafi er sehr einsam ist. Sein Geschick ist typisch; und 
trotzdem verlangt es nach individueller Behandlung. Das ist viel ver- 
langt. Ich glaube, daft es ihm bis heute nur bei Einem zuzusichern ist: 
bei Joseph Roth.. 

[ . . . ] Die Zeit, die man sich genommen hat, um sie zu lesen, ist nicht 
versaumt; denn es ist so gut wie gelebt, wenn man sie liest. Ihr Verfasser, 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 413 

dessen Schule die Zeitung gewesen ist, legt Wert darauf, dafJ das Wich- 
tigste das Beobachtete sei. Das steht ihm frei: denn er beobachtet das 
Wichtigste. [ . . . ] 
Seite 269 

Manfred Georg 549 

Der Romanschriftsteller Joseph Roth. 

In: Preuffische Jahrbikher. 217 (1929), S. 320 — 324 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Joseph Roth gehort zu denjenigen Erscheinungen der deutschen Litera- 
tur, die, abseits und ganz auf ihre Arbeit lconzentriert, alle modischen 
Tagesgroften allmahlich aber sicher uberfliigeln. [ . . . ] 
Roth ist einer von uns, die davorstehen. Mit klareren Augen als wir geht 
er voran, die Blendlaterne seines Wortes vor sich, die das Zwielicht auf- 
hebt. Er gehort weder zu den sogenannten Jungen, noch zu den soge- 
nannten Alten. Er ist von unserern Blut, aber er ist isoliert und vorausge- 
sandt, er hat jenen Blick, mit dem man einsam wird. Wenn anders der 
Begriff Literatur der Gegenwart sich in dem restlosen, von keiner Tradi- 
tion- oder Propagandaschwiile getriibten, dichterischem Erfassen und 
Berichten iiber die Menschen und das Wesen dieser Gegenwart 
erschopft, so ist Joseph Roth einer der wenigen Vertreter dieser Litera- 
tur. Seine Bucher gehoren zu den ganz wenigen, auf die ein moderner, 
innerlich junger Mensch, der sein Leben lebt und nicht viel Zeit hat, 
sich mit den Traumen anderer abzugeben, wartet. Weil sie in der Rich- 
tung seines Lebens geschrieben sind und ihm helfen, die Oede der Fas- 
sadenoffentlichkeit rings um ihn zu zerstoren und zu iiberwinden. 
Seite 320 und Seite 324 



W[ilhelm] E[manuel] Suskind 550 

Joseph Roth. 

In: Die Literatur. 34 (1931/1932), 1, S. 17-20. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Ausziige aus dieser Sammelrezension siebe bei den einzelnen Romanen. 



414 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

DAS SPINNENNETZ 

551 Joseph Roth 

Das Spinnennetz. Roman. 1. Folge. 

In: Arbeiter-Zeitung. Wien. (1923), 35, S. 17. 

Der Held des Romans, der aus kleinburgerlichen Verhdltnissen kommende 
Student, Leutnant der Reserve und Mitglied einer rechtsradikalen Geheim- 
organisation Theodor Lohse, scbldgt im Auftrag der »Technischen Nothilfe« 
einen Auf stand streikender Landarbeiter auf einem Gut in Pommem nie- 
der: 

[•■■] 

Man mull die Arbeiter herausfordern. Kam es zu Kampf — sie vernich- 
ten. Hundert Mann — hatten sie Waffen? Hier war ein Arsenal. Man 
wird Theodor Lohse nicht vergessen. 
Jeden Tag sangen sie: 

Der Verrater zahlt mit Blut, 
Schlagt sie tot, die Judenbrut, 
Deutschland iiber alles. 

Sie arbeiteten weniger. Sie exerzierten. Sie riickten mit Gewehren aus. 
Die Arbeiter hungerten. Ihre Kinder bekamen diinne Halse und grofle 
Kopfe. Die Frauen kreischten, wenn sie Theodors Leute sahen. Sie rie- 
fen: »Hunde!« 

Man schofl in die Luft. Arbeiter kamen, hundert, zweihundert aus der 
Nachbarschaft. Sie trugen Stocke. Sie warfen Steine. Sie zogen zum 
Gutshof. 

Theodor liefi sie in den Hof. Drinnen schrien sie. Sie drangten gegen das 
Haus. Fensterscheiben klirrten wehmiitig. In den Fenstern lag Bettzeug 
zum Auffangen der Steine. Ein Arbeiter, von Kameraden auf die Schul- 
tern gehoben, hielt eine Rede. 

Theodor scho& Der Arbeiter schwankte. Auseinander stoben alle. Vor 
dem Tor stromten sie zusammen und riittelten vergebens an der dreifa- 
chen Riegelung. Sie schwangen sich iiber die Mauer. Aber driiben blitz- 
ten Gewehrlaufe. Die Arbeiter lieften sich in den Hof fallen. Aus dem 
Hause tonten Schusse. 

Die Sterbenden stohnten. Die Lebenden schwiegen. Es erhob sich eine 
grofle Ruhe. Es wehte Stille aus dem Hofe wie aus einem weiten, geoff- 
neten Grab. Heifte Sonne strahlte von den Pflastersteinen wider. Hoch 
in der Luft trillerten Lerchen. Eine Hummel surrte wie ein grower Krei- 
sel. Aus der Feme schoH die Stimme eines Hundes heriiber. Glocken der 
Dorfkirche drohnten. 

[...] 

JRWl,S.81f. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 415 

Roths enter Roman »Das Spinnennetz« wurde vom 7. Oktober bis 6. No- 
vember 1923 in der »Arbeiter-Zeitung«, Wien, veroffentlicht, dann verges- 
sen. Wieder veroffentlicht wurde er erst imjahre 1967. Dies nimmt Peter W. 
Jansen zum Anlafi, u. d. T. »Joseph Roths fruhe Klage« iiber die Geschichte 
des Romans im Feuilleton der ^Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 3. 
Mdrz 1967 zu berichten: 

Peter W[ilhelm] Jansen 332 

Joseph Roths fruhe Klage. 

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (1967), 53, S. 32. 

Am 7. Oktober 1923 begann die Arbeiterzeitung in Wien mit der Verof- 
fentlichung eines Romans von brennender politischer und literarischer 
Aktualitat. Fur die Redaktion des sozialdemokratischen Blattes, dessen 
Chefredakteur Friedrich Austerlitz war, mochte die politische Brisanz 
des Manuskripts den Ausschlag gegeben haben, es zum Abdruck anzu- 
nehmen. Sie konnte kaum ahnen, daft die Aktualitat dem Roman auf 
den Fersen bleiben werde. Die letzte Fortsetzung erschien in der Ausga- 
be vom 6. November; am 8. und 9. November putschten in Miinchen 
Ludendorff und Hitler. 

Das Klima, in dem ein rechtsradikaler Putsch gegen die Demokratie von 
Weimar gedeihen konnte, ist in Joseph Roths Spinnennetz exakt be- 
schrieben. [ . . . ] 

Der Roman wurde vergessen. Es ist nicht festzustellen, ob Roth jemals 
eine Buchausgabe erwogen hat. Auch seinen Freunden war selbst der Ti- 
tel unbekannt, als lange nach dem Zweiten Weltkrieg ein vergilbtes, 
durch Brand- und Wasserschaden fast zerstortes Ausschnittexemplar der 
Arbeiterzeitung aus den Archiven des Verlages Allert de Lange in Am- 
sterdam wieder auftauchte, offensichtlich aus der ehemaligen Schuttmas- 
se des Emigrantenverlags, den die Gestapo nach dem deutschen Uberfall 
auf Holland in Asche gelegt hatte. Das erste Blatt dieses Exemplars tragt 
von fremder Hand die Aufschrift Joseph Roth bei Reichler Wien II. 
Am Tabor 15/Tiir 9.« und das Datum »5/6/I. 24« — die damalige Wiener 
Adresse Roths bei seinen Schwiegereltern. 



Joseph Roth 333 

Das Spinnennetz. Roman. (Nachw.: Peter W[ilhelm] Jan- 
sen.) 
Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch (1967). 159 S. JRW l, 

S. 45-127 



416 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Rezensionen 

534 Karl Heinz Bohrer 

Der angstliche Morder. Joseph Roths erster Roman: »Das 

Spinnennetz«. 

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (1967), 62, Literatur- 

blatt, S. [1]. 

Als dieser Roman geschrieben wurde, war er von brennender Aktualitat: 
eine Darstellung des rechtsradikalen Milieus der friihen zwanziger Jahre, 
die, schon wahrend man sie am Kaffeetisch las, iiberholt sein konnte 
durch bose Ereignisse. Eine Wochenschau und Zeitung schlagende Ma- 
nier, die Stunde, die es geschlagen hat, zu zahlen. Welche Stunde? Die 
Stunde des mdrderischen Kleinbiirgers, der zu hochsten Staatsamtern 
aufsteigt. [ . . . ] Personen und Szene besitzen hier noch nicht jene fur 
Roth charakteristische Tiefendimension. 

Wenn man solches dem ErstHng zubilligt und ihn dennoch mifk an den 
spaten groften Biichern, vor allem dem Radetzkymarsch, dann bleibt er 
dennoch eine Trouvaille von besonderem Rang. Roths zentrales Thema, 
der Untergang Alt-Europas, und das unverwechselbare Melos der Spra- 
che, seine melancholische Sinnlichkeit, sind da. Insofern steht diese 
Erzahlung, wie man sie nennen sollte, dem Radetzkymarsch naher als 
den in Zeit und Stoff verwandten politischen Romanen Flucbt ohne En- 
de, Links und Rechts und Der stumme Prophet. 

[...] 

Joseph Roth Ueferte mit diesem Portrat eines Entwurzelten die beste- 
chende Diagnose einer radikalen Bewufkseinslage, wie sie nur noch dem 
friih verstorbenen Carl Christian Bry drei Jahre spater mit seinem Buch 
Verkappte Religionen gelang: die Bewufttseinslage eines »Hinterweltlers«, 
der hinter der wirklichen Welt, die es mit realen Mitteln zu ordnen gilt, 
eine andere, die »eigentliche«, seine Welt vermutet, in der er Konig sein 
konnte, gestiitzt auf sektiererische Uberzeugungen und atavistische Tat- 
bereitschaft. Soweit die prophetische Stimme eines politisch engagierten 
Warners. Aber diese Prosa stammte nicht von Joseph Roth, ware die im 
guten Sinn »tendenziose« Absicht ihr Kern. Joseph Roth ist ein kalt Wis- 
sender. Er weifl damals schon mit dem »wissenden Lacheln*, von dem er 
selbst gegeniiber dem »vitalen Getue* vieler Zeitgenossen sprach, von 
hintergriindigeren Zusammenhangen, und dies hat seine Sprache, hat 
das Thema organisiert. Wer namlich ist dieser angstliche Catilinarier, der 
aus Unsicherheit mordet und den die Angst nie verlafk? Er ist ein spater 
Vetter des letzten Trotta aus dem Radetzkymarsch. Leutnant wie er, hat- 
te er nicht das Gliick, seine Hilflosigkeit in eine noch bunt glanzende 
Armee zu retten und die fehlende Individualist mit dem Bilde des Kai- 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 417 

sers Franz Joseph zuzudecken. Was ware aber jener Trotta im Berlin der 
zwanziger Jahre geworden ohne den Groflvater, den »Helden von Solferi- 
no«, ohne das Adelspradikat? Er hatte nach dem Ersatzkaiser gesucht, 
nach der Beziehungsperson, die sein kleinbiirgerlicher Vetter nur in Ge- 
neral Ludendorff, schlieftlich in seinem Gegentyp, dem undurchsichti- 
gen jiidischen Agenten Benjamin Lenz, suchte. Er gehort letztlich zum 
Geschlecht jener Beschadigten und Gequalten — Figuren, wie sie Tho- 
mas Mann, Robert Walser, Rilke, Hermann Hesse und Musil geschildert 
haben, allerdings mit der schaurigen Pointe, daft hier das Opfer selbst 
zum Henker wird. [ . . . ] 

Was Roth an seinem Helden interessieren konnte, war nicht seine Ge- 
schichte, sein Schicksal. Was ihn interessierte, war dieses Schicksal als 
spezifischer Fall von Determiniertheit: eine letzte Probe auf die melan- 
cholische Gewiftheit, daft Europa dem Untergang geweiht sei und daft im 
Gegensatz zu Oswald Spenglers Vision dieser Untergang nicht heroisch 
sein werde. 

[ . . . ] Es ist seine eigentumliche Schwermut, die kein Ereignis nur punk- 
tuell sieht, sondern unendliche Beziehungen sucht. Die Beziehungsper- 
son ist hier kein Mensch mehr, sondern ausschlieftlich nur noch ein ver- 
fallendes Europa. Deshalb entstand kein wirklicher Roman, sondern eine 
Vorstudie. 

Hans Kricheldorff 555 

Joseph Roth: Das Spinnennetz. 

In: Neue deutsche Hefte. 14 (1967), 3, S. 164. 

Dieser Erstlingsroman Joseph Roths ist eine »Ausgrabung«, aber eine un- 
gewohnlich interessante. [ . . . ] 

Joseph Roth verfafke [ . . . ] eine spannende, sachgemaft nach den Geset- 
zen des Zeitungsromans (»wellenformige« statt »bogenformige« Hand- 
lung) gebaute Geschichte, die sich die politischen, sozialen und psycho- 
logischen Hintergriinde des damaligen Nationalsozialismus, der »volki- 
schen« Bewegung, zum Thema nimmt. Der Gegner wird dabei in einer 
Weise entlarvt, die nicht nur im Hinblick auf die der Veroffentlichung 
unmittelbar folgenden Ereignisse in Munchen (Hitlerputsch), sondern 
erst recht angesichts der spateren Entwicklung bis 1945, ja, bis heute ge- 
radezu prophetisch anmutet. Man fiihlt sich an Heinrich Mann (»Der 
Untertan«) erinnert, dessen Werk damals wohl auch, neben Sternheims 
Prosa, unmittelbaren EinflufJ auf Roths Roman gehabt haben mag. [ . . . ] 

Hans Jiirgen Frohlich 556 

Im Spinnennetz des Rechtsradikalismus. Zu Joseph Roths 

erstem Roman aus d. Jahre 1923. 

In: Die Welt der Literatur. 4 (1967), 16, S. 1-2. 



418 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



[ . . . ] Sein [Theodor Lohses] Vor- und Leitbild ist Hitler, wie es der Kai- 
ser fur seinen Vorfahren Dietrich Heftling gewesen war, wie es Franz Jo- 
seph fur den alten Trotta aus Roths »Radetzkymarsch« war. Die Pseudo- 
Ideale, fur die der Nachkriegsuntertan im Auftrage seiner Geldgeber 
warb, kampfte und totete, wurden offizielle Politik erst ab 1933, weil der 
Hitler-Ludendorff-Putsch, zu dem es drei Tage nach Erscheinen der 
letzten Fortsetzung dieses Zeitungsromans gekommen war, scheiterte; 
die burgerliche Demokratie schien gesiegt zu haben. 

[...] 

Dafi Joseph Roth die Vorbereitungen, die zu jenem Staatsstreichversuch 
fiihrten, fast detailliert genau, die tatsachlichen Ereignisse vom Novem- 
ber 1923 vorwegnehmend, im »Spinnennetz« beschreibt, ist indes kei- 
neswegs Beweis einer prophetischen Gabe, es zeugt einzig von der Klar- 
sicht eines politisch informierten Autors. Der Stoff zu diesem Roman 
lag nicht »in der Luft«, sondern war der Tagespresse zu entnehmen. Un- 
geist und Untat des Leutnants Lohse sind Extrakt einer Gesinnung, wie 
sie sich in den Flugblattern, Broschiiren und Blattern des Rechtsradika- 
lismus offenbarte. 

Gleich zu Beginn der ersten Halbzeit des Nationalsozialismus stellt Jo- 
seph Roth in diesem Roman die Diagnose dieser Bewegung und lieferte 
damit eine Anamnese des deutschen Faschismus. »Das Spinnennetz« ist 
eines der ersten literarisch relevanten Werke, in denen der Name Hitler 
genannt wird. 

[...] 

Es handelt sich [ . . . ] hier um ein Erstlingswerk, jedoch ohne die krassen 
Merkmale eines Debuts. Die Vorbilder, an denen Roth sich schulte, sind 
aufter den franzosischen Realisten des 19. Jahrhunderts vor allem Hein- 
rich Mann, Carl Sternheim, der friihe Doblin und der mit dem Autor be- 
freundete Ernst Weiss. Von den Franzosen und dem Autor des »Unter- 
tan« lernte Roth die Okonomie des formalen Aufbaus, von Sternheim, 
Doblin und Weiss ubernahm er Duktus und Gestus der Sprache. 



557 Fritz Hackert 

Das Hakenkreuz im Spinnennetz. Joseph Roths erster 

Roman. 

In: Die Zeit. 22 (1967), 32, S. 14. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 419 

HOTEL SAVOY 

Joseph Roth 558 

Hotel Savoy. Ein Roman. 

Berlin: Verl. Die Schmiede 1924. 145 S. 

JRW 1, S. 129-224 
Leihgabe:SNM/DLA 

Eine weitere Ausg. mit Federzeichnungen von Franz Howanietz erschien 
im Pbaidon-VerL, Wien, Leipzig, vermutlicb 1923. 

Roth hat Polen mehrmals besucht. Er liebte dieses Land. Fast in jedem 
seiner Romane findet sich ein Stuck polnischer Landschaft und Atmo- 
sphare, und es treten Polen, Ukrainer und polnische Juden auf. Fur den 
Roman »Hotel Savoy*, der in den Nachkriegsjahren entstanden ist, bildet 
Lodsch und das dortige Savoy-Hotel den Hintergrund. Die bezaubernde 
Prosa besitzt so etwas wie podolisches oder wolhynisches Kolorit. 
Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48-38, bier S. 5 7. — Siehe auch Kat.Nr. 58 



Lodz, Piotrowska 559 

Photographic 

In: Dietmar Grieser: Schauplatze osterreichischer Dich- 

tung. Ein literar. Reisefuhrer. 

Miinchen, Wien: Langen/Miiller 1974, Abb. 11. 

Rudolf Leonhard, Lektor beim Verlag Die Schmiede, erinnert sich in seinem 
Nachruf auf Roth an die Herausgabe von Roths erstem als Buch erschiene- 
nen Roman, »Hotel Savoy« (siehe auch Kapitel II, Abschnitt »Der Verlag 
Gustav Kiepenheuer«): 

Ich hatte das Gluck und die Ehre gehabt (wie es mir vergonnt war, Tol- 
lers erstes Snick zur Auffuhrung zu bringen), seinem ersten Roman zum 
Druck verhelfen zu konnen; noch in spaten Widmungen kam er auf die- 
se »Entdeckung« zuriick; mit dem in Zeiten der Verbitterung hinzuge- 
fiigten Bedauern dariiber, dass sie »leider nur fur die deutsche und nicht 
fur die franzosische Literature erfolgt sei. 

Rudolf Leonhard: Geschichten vom Joseph Roth. In: Die neue Weltbiihne. 
35 (1939), 25, S. 792- 794, hier S. 793. - Siehe auch Kat.Nr. 539 

Joseph Roth (enttduscht) uber die Resonanz von »Hotel Savoys beim deut- 
schen Publikum im Gegensatz zum russischen: 



420 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



[ . . . ] Mein Buch ist 4 mal in's Russische iibersetzt Ich habe 200 000 Le- 
ser in Rutland. In Deutschland 4 u. l A. Bin ich ein deutscher Schriftstel- 
ler? Von den deutschen 4/j sind 27j auch russische Juden. 
JR an Bernard von Brentano. Paris, 14.6.192X — JRB, S. 48 



DIE REBELLION 

560 Joseph Roth 

Die Rebellion. Ein Roman. 

Berlin: Verl. Die Schmiede 1924. 138 S. 

(Die Romane d. 20. Jahrhunderts.) 

JRW l, S. 225 — 313 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a.M. 

Der Kriegsinvalide Andreas Pum, der durch eine Kette von Zuf alien seine 
muhsam aufgebaute bescheidene Existenz ohne eigene Scbuld verloren bat, 
rechtet in der Agonie mit Gott: 

[...] 

Aus meiner frommen Demut bin ich erwacht zu rotem, rebellischem 
Trotz. Ich mochte Dich leugnen, Gott, wenn ich lebendig ware und 
nicht vor Dir stiinde. Da ich Dich aber mit meinen Augen sehe und mit 
meinen Ohren hore, mud ich Boseres tun als Dich leugnen: ich muft 
Dich schmahen! Millionen meinesgleichen zeugst Du in Deiner frucht- 
baren Sinnlosigkeit, sie wachsen auf, glaubig und geduckt, sie leiden 
Schlage in Deinem Namen, sie griiften Kaiser, Konige und Regierungen 
in Deinem Namen, sie lassen sich von Kugeln eiternde Wunden in die 
Leiber bohren und von dreikantigen Bajonetten in die Herzen stechen, 
oder sie schleichen unter dem Joch Deiner arbeitsreichen Tage, sonntag- 
liche, saure Feste umrahmen mit billigem Glanz ihre grausamen Wo- 
chen, sie hungern und schweigen, ihre Kinder verdorren, ihre Weiber 
werden falsch und haftlich, Gesetze wuchern wie tiickische Schlingpflan- 
zen auf ihren Wegen, ihre Fiifte verwickeln sich im Gestriipp Deiner Ge- 
bote, sie fallen und flehen zu Dir und Du hebst sie nicht auf. [ . . . ] An- 
dere, die Du liebst und nahrst, diirfen uns zuchtigen und miissen Dich 
nicht einmal preisen. Ihnen erlaftt Du Gebete und Opfer, Rechtschaffen- 
heit und Demut, damit sie uns betriigen. Wir schleppen die Lasten ihres 
Reichtums und ihrer Korper, ihrer Siinden und ihrer Strafen, wir neh- 
men ihnen den Schmerz und die Siihne ab, ihre Schuld und ihre Verbre 7 
chen, wir morden uns selbst, sie brauchen es nur zu wiinschen; sie wol- 
len Kriippel sehen und wir gehen hin und verlieren unsere Beine aus 
den Gelenken; sie wollen Blinde sehen und wir lassen uns blenden; sie 
wollen nicht gehort werden, also werden wir taub; sie allein wollen 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 42 1 

schmecken und riechen und wir schleudern Granaten gegen unsere Na- 
sen und Munder; sie allein wollen essen und wir mahlen das Mehl. Du 
aber bist vorhanden und riihrst Dich nicht? Gegen Dich rebelliere ich, 
nicht gegen jene. Du bist schuldig, nicht Deine Schergen. Hast Du Mil- 
lionen Welten und weiftt Dir Iceinen Rat? Wie ohnmachtig ist Deine 
Allmacht! Hast Du Milliarden Geschafte und irrst Dich in den einzel- 
nen? Was bist Du fur ein Gott? Ist Deine Grausamkeit Weisheit, die wir 
nicht verstehen — wie mangelhaft hast Du uns geschaffen! Miissen wir 
leiden, weshalb leiden wir nicht alle gleich? [ . . . ] 
S. 135-137. -JRW l f S.311f 

Manfred Georg zu den beiden ersten Buchern Roths: 

•Hotel Savoy* und »Die Rebellion*, schildern einmal die Masse, das an- 
dere Mai den Einzelnen, die mit der Umwelt in Konflikt geraten. Im 
•Hotel Savoy* zeichnet er eine Grenzstadt im Osten, auf die Scheide 
zwischen zwei Lander und zwei Zeiten gestellt, die langsam und tumul- 
tuos alles in sich verschlingend zusammensinkt. Der Held des zweiten 
Romans ist eine Einzelfigur, ein Kriippel, der als Teil fur das Ganze den 
ungeheueren Angriff des Universums erleidet und zugrunde geht. In 
beiden Fallen ist die Entwicklung der Handlung gleich Null. Sie dreht 
sich im Strudel eines Kreises. 

Sie geht nicht nach vorn in die Breite, sondern in ihrem Kern in die Tie- 
fe. Damit ist das Wesentliche der heutigen menschlichen Problematik 
erfalk. Der Elan der Einseitigkeit, der den Mut hat, die Dinge zu treiben, 
fehlt. Der Elan des mannlichen Bewufttseins, uber den Dingen mit den 
Dingen zu jonglieren, ist da. Er erfordert heute den grofieren Mut. 
Manfred Georg: Der Romanschriftsteller Joseph Roth. In: Preufiisch'e 
Jahrbucher. 217(1929), S. 320-324, hier S. 322 f - Siehe auch KatNr. 
549 

[ . . . ] Ich bin aber durch Vertrag an die »Schmiede« gebunden. Ich geste- 
he Ihnen aufrichtig und mit der Bitte um Diskretion, dafi ich mit der 
Propaganda, dem Honorar und der Ausstattung der Bucher nicht zufrie- 
den bin. Ich glaube auch nicht, daft sich die Schmiede mit meinen neuen 
Forderungen zufrieden geben wird. 
JR an Erich Lichtenstein. Berlin, 22. 1. 1925. - JRB, S. 44 



422 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

DIE FLUCHT OHNE ENDE 

Mit dem Roman »Die Flucbt ohne Ende« gluckte Roth der Durchbruch 
auch beim deutschen Publikum. 

Aus einem Brief vom 26. September 1926 aus Odessa an Bernard von Bren- 
tano (siehe auch Kat. Nr. 326): 

[ . . . ] Endlich habe ich auch das Buch-Thema gefunden, das ich allein 
schreiben kann und vielleicht noch in Rutland schreiben werde. Es wird 
der Roman sein, auf den ich so lange gewartet habe und auf den, hoffe 
ich, noch ein paar Menschen im Westen warten. Sie waren sehr erstaunt, 
wenn ich ihn Ihnen erzahlen wiirde. Aber Sie werden ihn in einem Jahr 
lesen. 
JRB, S. 95 



361 Joseph Roth an Benno Reifenberg 

Brieffragment. o.O. [Herbst 1926]. 1 Bl. hs. mit Unter- 
schrift. 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

Ich bringe einen Roman aus Rutland mit, der sich gewaschen hat. Er 
wird es mir erlauben, trotz Sieburg in Paris zu leben. So einen Roman 
werden Sie sogar lesen. 



562 Joseph Roth 

Die Flucht ohne Ende. Ein Bericht. 
Munchen: Wolff (1927). 252 S. 

JRW 1, S. 315-421 
Leihgabe: K&W 

»Die Flucht ohne Ende* enthalt meine Autobiographic zum groften Teil 

[-•■] 

JR an Otto Forst-Battaglia. Ascona, 28. 10. 1932. -JRB, S. 240 

Roth hat dem Roman ein — oft zitiertes — Vorwort vorangestellt, das von 
vielen Interpreten als programmatisch fur die Neue Sachlichkeit angesehen 
wurde: 

Im Folgenden erzahle ich die Geschichte meines Freundes, Kameraden 

und Gesinnungsgenossen Franz Tunda. 

Ich folge zum Teil seinen Aufzeichnungen, zum Teil seinen Erzahlun- 

gen. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 423 

Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert Es handelt sich nicht mehr 

darum, zu »dichten«. Das wichtigste ist das Beobachtete. — 

Paris, im Marz 1927 JOSEPH ROTH 

JRW1,S.[317] 

Das Buch schliefit: 

[ . . . ] da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, em 
junger, starker Mann von allerhand Talenten, auf dem Platz vor der Ma- 
deleine, inmitten der Hauptstadt der Welt und wuflte nicht, was er ma- 
chen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoff- 
nung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. 
So iiberflussig wie er war niemand in der Welt. 
JRW 1,S. 421 



Joseph Roth 563 

Die Flucht ohne Ende. XII. Kapitel (Ausz.) 
Typoskript. 3 S. ms. mit hs. Korrekturen. 

Kopie. - Vorlage: K&W 

Im Roman nicht verdffentlichtes Kapitel mit dem handschriftlichen Zu- 

satz: »An den Verleger: Die folgenden ztuei Kapitel konnten retardierend 

wirken, Sie werden umgestellt oder gestrichen«. 

Es handelt sich um eine Beschreibung Tundas als Schiller aus der Sicht des 

Ich-Erzdhlers. 

Manfred Georg zum Inhalt des Romans: 

Es gibt [ . - - ] keinen Anfang und keinen Abschluft des Geschehens 
mehr. Und so deckt sich Roths Buchtitel »Die Flucht ohne Ende* restlos 
mit dem Buchinhalt. 

Er gibt den Bericht von der Flucht eines ehemaligen osterreichischen 
Oberleutnants, der in Sibirien einsam vegetiert, aus der kalten Oede in 
die Hitze der bolschewistischen Revolution gerat, sein Untertauchen 
darin und das wieder Hochgeschwemmtwerden wie ein Korken, der zu 
Ieicht ist. Dann neue Idylle zwischen Arbeitsgleichmaft und stumpfem 
Liebesallerlei, Verwehtwerden nach dem Westen, gespenstisches Auftau- 
chen deutscher Stadtkulissen, Pariser Rausch und wieder Ausgespien- 
werden, bis die Sonne iiber dem Place de la Concorde auf einen vollig 
Losgelosten scheint, der nicht einmal Egoist mehr ist. 
Nicht Roths Kunst, Satze oder Atmosphare zu schaffen, sei hier ge- 
ruhmt. Sie ist Sache seines Handgelenks. Sondern sein ihm gelungener 
Beweis von der Wichtigkeit des Beobachtens im Gegensatz zum »Dich- 
ten«. Die psychographische Beschreibung seines Helden Franz Tunda, 



424 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



eine seelische Reportage gewissermaften, liefert uns das Material zur Be- 
trachtung jenes wichtigen Menschentyps, den weder ein Dichter noch 
ein Propagandist uns heute erscheinen lassen kann, weil ihm die Mittel 
dazu fehlen. Der Zwischenzeitler, Produkt der Ubergangsperiode, da 
man, vermutlich Generationen lang, im Wartesaal der Geschichte auf das 
Umsteigen vom alten ins neue Jahrhundert (ohne Gewahr des Anschlus- 
ses) wartet, wird zum erstenmal in der deutschen Literaturgeschichte so 
objektiv geschildert, daft er sichtbar wird. Und im Spiegel seines Daseins 
blinkt die Gegenwart in alien ihren phantastischen Ueberschneidungen 
auf. Roth gibt wieder, er fugt nicht hinzu, er schreibt ein Dokumentum 
nieder, er komponiert nicht. [ . . . ] 

Manfred Georg: Der Romanschriftsteller Joseph Roth. In: Preufiische 
Jahrbucher. 21 7 (1929), S. 320-324, hier S. 321 f. - Siehe auch Kat. Nr. 
549 

Auf eine briefliche Stellungnahme Felix Bertaux] die allem Anschein nach 
nicht mehr vorhanden ist, antwortete Roth: 

[ . . . ] es gelingt mir erst heute, Ihnen zu antworten. Ich danke Ihnen 
herzlich fur die freundlichen Worte und freue mich kindlich iiber sie. 
Ich wuftte tatsachlich nicht, wessen giinstiges Urteil iiber mein Buch von 
grofterer Wichtigkeit und Entscheidung fur mich sein konnte, als es das 
Ihrige ist. Nur franzosische Europaer Ihres Grades sind heute noch in 
der Lage, die europaische Tradition in der sprachlichen Sauberkeit zu er- 
kennen — nicht mehr die deutschen Amerikaner, in deren Mitte ich 
schreibe. Ware der Brief nicht von Ihnen gekommen, ich hatte verzwei- 
feln konnen iiber die Stumpfheit aller deutschen Kritiken, die mich alle 
zwar loben, aber Vorziige an mir entdecken, die ich nicht anerkenne. Mit 
Ausnahme eines Ratschlags, den ich leider nicht mehr befolgen kann: 
franzosisch zu schreiben. Sie sprechen alle von meiner »lateinischen 
Klarheit*. Sie durfen daran ermessen, wie fern die heutigen Deutschen 
von ihrer eigenen litterarischen Tradition sind. Es ist das Land, in dem 
die amerikanischen und angelsachsischen Autoren heute die groflten 
Erfolge und Auflagen haben. Ich aber bin — nach der Meinung meiner 
deutschen Kritiker — ein *Unikum in der deutschen Litteratur*.'! Das 
Gefuhl der Heimatlosigkeit, das ich immer gehabt habe, hat mich nicht 
getauscht. 
JR an Felix Bertaux. Munchen, 21. 12. 1921. - JRB, S. 112 f 

[ . . . ] Uber meinen Tunda hatte ich viel zu sagen. Sie haben recht, es war 
ein beabsichtigter Bruch. Dieses Buch ist aus der ersten Person in die 
dritte iibertragen worden. Wahrend man an dem Erzahlenden selbst 
nicht zu wenig charakteristisch Tragisches vermiflt hatte, kann man es 
wohl an dem »Helden«, von dem erzahlt wird. Allein, ich hatte, ich habe 
immer noch Bedenken gegen dieses traditionelle »Tragische«, es scheint 
mir, dafJ dieser Nachkriegsmensch auch nicht mehr die »Klassische« Fa- 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 425 



higkeit zur Tragik hat und daft diese aus dem »Charakter« auswandert 
und nur noch in die »historische Betrachtung* iibersiedelt. Das heiftt: 
wir konnen eine Gattungstragik in dem Schicksal sehen, das ein Nach- 
kriegsmensch a la Tunda erleidet 
JR an Stefan Zweig. Koln, 24. 1. 1928. - JRB, S. 121 



Joseph Roth 564 

Es lebe der Dichter! 

In: Frankfurter Zeitung. 73 (1929), 240, S. 3. 

JRW4, S. 223-225 

In dem Feuilleton »Es lebe der Dicbter« nimmt Roth auch zu den Interpre- 
tationen Stellung, die die »Flucbt obne Ende« der Neuen Sachlicbkeit zuord- 
nen wollten: 

[ . . . ] Aus der unmittelbaren Nahe dieser Zeitung kamen Bucher wie 
»Ginster«, wie »Jahrgang 1902«, wie »Flucht ohne Ende«. Es ist nur ein 
Zufall, dafi der Verfasser dieser Zeilen auch der Autor des letztgenann- 
ten Buches ist. Jeder von uns, die wir am literarischen Angesicht dieser 
Zeitung arbeiten, konnte (zwar nicht des andern Bucher, aber) des an- 
dern Meinungen iiber die Literatur der Gegenwart schreiben. Es ist des- 
halb gestattet, bei dieser Gelegenheit zu sagen, daft der Satz, der sich im 
Vorwort zur »Flucht ohne Ende* befindet: »Es handelt sich nicht mehr 
darum, >zu dichten<. Das wichtigste ist das Beobachtete* — seinen relati- 
ven Erfolg einem absoluten Mifiverstandnis zu verdanken hat. Das heifit: 
daft bei dem Ruf nach dem Dokumentarischen durchaus nicht die be- 
ruhmte »Neue Sachlichkeit* gemeint war, die das Dokumentarische mit 
dem Kunstlosen verwechseln mochte. [ . . . ] 

Uber die Entstehung des Vorwortes berichtet Rudolf Leonhard in seinem 
Nachruf auf Roth: 

[ . . . ] schrieb er in Albanien, das er kannte und liebte, das Vorwort fur 
ein neues Buch, und schrieb am Schlusse, nach der zweiten oder dritten 
Flasche Wein, die Zeit fur Erfindungen sei vollig vorbei, die Phantasie 
habe ausgespielt, es komme nur noch auf Darstellung an. So ausschliess- 
lich war dieser leichte Satz gar nicht gemeint. Roth, der in seinem Alba- 
nien die Neigung seiner deutschen Freunde zur Programmatik nicht be- 
dacht hatte, wusste nicht, dass der Satz, unendlich zitiert, einer der 
Grundsatze der »neuen Sachlichkeit* werden wurde. 
Rudolf Leonhard: Geschichten -vom Joseph Roth. In: Die neue Weltbuhne. 
35 (1939), 2J>, S. 792- 794, bier S. 792. - Siehe auch Kat. Nr. 539 



426 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



In dem von Soma Morgenstern aufgezekhneten Gesprdch zwischen Roth 
und Musil im Wiener Cafe Museum, urn 1930, geht es auch um das Vor- 
wort zur »Flucht ohne Ende«: 

»Ich erinnere mich«, sagte Musil »Sie haben einmal zu einem Buch eine 
Vorrede geschrieben — ich weift nicht mehr den Titel des Buches. Aber 
an die Vorrede erinnere ich mich sehr gut. Jetzt ist es Zeit zu berichten, 
nicht zu dichten<, hieft der Schluflsatz*. »Ja«, sagte Roth, »das hab' ich ge- 
schrieben. Es war die Vorrede zu meinem Buch ►Flucht ohne Ende<.« — 
»Halten Sie immer noch so viel vom Berichten?* wollte Musil wissen. 
•Warum nicht?* sagte Roth. »Sie schreiben ja jetzt Romane«, sagte Musil. 
»Ich schreibe jetzt auch Berichte.* » Dichten Sie nicht auch dabei?« »In 
meinen Berichten?* — .»Offen gestanden*, sagte Musil, »ich habe Ihre 
Berichte nicht gelesen. Aber dichten Sie nicht in Ihren Romanen?* — 
» Nicht absichtlich*, sagte Roth und lachte vergniigt. 
Soma Morgenstern: Dichten, denken, berichten. Gesprdche zwischen Roth u. 
Musil. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (1975), 79, Beil: Bilder und 
Zeiten, S. 4. — Siehe auch Kat. Nr. 199 

Abschliefiend aus der Sammelrezension von Wilhelm Emanuel Siiskind 
zur »Flucht ohne Ende«: 

f . . . ] Hatte Roth in seinem Vorwort (vom Marz 1927, gegeben zu Paris) 
so etwas wie ein Grundrecht der Neuen Sachlichkeit oktroyiert, welcher 
Ausdruck damals sehr neu war, so lockt er doch schon ein paar Seiten 
weiter und das ganze Buch hindurch aufs heftigste gegen das eigene Ge- 
bot.[...] 

[ . . . ] zur Kenntnis des Autors und seiner verwirrend reichen Natur, ist 
die »Flucht ohne Ende« die lebendigste Lektiire, die man sich denken 
kann. Wer irgend Anlage hat, literarisch zu lesen, der kommt hier 
prachtvoll auf seine Kosten und (um einen bei Joseph Roth nicht immer 
vermiedenen Stilschnitzer bei dieser giinstigen Gelegenheit zu parodie- 
ren) aus dem stillen Lachen nicht heraus. Dieses erste Buch zuckt nam- 
lich vor kunstlerischer Ungebardigkeit; in einer Art stellt es ein wahrhaf- 
tes Stilchaos dar, umfafk von der skurrilen bis zur sachlichen so ziemlich 
alle literarischen Tonungen, gewahrt aber immer den Eindruck, dafJ das 
Chaos von einem Punkte her gelenkt wird. [ . . . ] 

Mehrere Roths und andere Nationalgesichter haben dieses Buch ge- 
schrieben, aber ein Roth steht dahinter, und der war reich genug, sich in 
sie alle zu verwandeln. 

W. E. Siiskind: Joseph Roth. In: Die Literatur. 34 (1931/1932), 1, S 
17-20, hier S. 17 f. - Siehe auch Kat. Nr. 550 

Nach Erscheinen des Romans hoffte Roth, sich uberwiegend seiner schrift- 
stellerischen Tdtigkeit widmen zu konnen: 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 427 

Was mich betrifft, so gedenke ich, die Journalistik als Hauptberuf bald 

aufgeben zu konnen. 

JR an Bernard von Brentano. Frankfurt a. M., 20. % 1927. — JRB, S. 109 

Ich habe seit 1920 Entwiirfe liegen, halbfertige Manuscripte, die zu voll- 
enden mich meine materielle Not gehindert hat. Nun bin ich wenigstens 
so weit, daft, ich »burgerlich« leben kann und ganz ausgefiillt von der 
Notwendigkeit, zu schreiben, zu schreiben. Leider kann ich immer noch 
nicht das Artikelschreiben aufgeben. Diese Artikel hindern mich viel- 
leicht auch an den sogenarinten »schopferischen Pausen«, die jeder 
schreibende Mensch einschalten muft. 
JR an Stefan Zweig. Koln, 24. 1- 1928. -JRB, S. 121 fi 



ZIPPER UND SEIN VATER 

Joseph Roth 363 

Zipper und sein Vater. 
Munchen: Wolff (1928). 264 S. 

JRW 1, S. 423-528 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Joseph Roth an Benno Reifenberg 366 

Brief. Grenoble, 17. 8. 1927. 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 

JRB, S. 107-108 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 

[ . . . ] Mein neuer Roman ist herrlich. Es bleibt unter uns: ich schame 
mich, es einem andern zu sagen. Ich habe doch nicht die Kraft oder die 
Unverschamtheit aufgebracht einen Illustrierte Roman Fortsetzung folgt 
zu schreiben. Vielmehr habe ich einen geschrieben, der heifk simpel 

Zipper und sein Vater. 
Wie freue ich mich darauf, ihn Ihnen zu lesen! [ . . . ] 
JRB, S. 108 

Zeitgenossische Rezensionen 

In »Zipper und sein Vater« versucht es Roth noch einmal mit dem Typ 
Mensch, der nicht zum Leben kommen sollte. Freilich ist Arnold Zipper 
dem Oberleutnant Tunda aus dem friiheren Roman nicht gleichzuset- 
zen. Tunda war ein Mensch, der in sich einging, bis er darin verschwand. 



428 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Arnold Zippers Weg zur Machtlosigkeit vollzieht sich nach den Lebens- 
gesetzen seines Vaters, wenn auch auf einem hoheren Serpentinpfad der 
Entwicklung. Dieser Vater ist eine tolle Vollfigur in Roth's Panoptikum. 
Ein SpiefJbiirger mit seinem Widerspruch, mit undefinierbaren Schwa- 
chen und Starken, voll egoistischer Brutalitit und der wunschstarken II- 
lusionskraft eines subalternen Gemiits, ist er das typische Untertanenbild 
einer Mittelbourgeoisie in jeder Beziehung, eine steckengebliebene, in 
der Entwicklung gehemmte Spukgestalt und dabei von der unfafibaren 
Wirklichkeit einer iiberdeutlichen Daumier-Plastik. 
Manfred Georg: Der Romanschriftsteller Joseph Roth. In: Preufiische 
Jahrbucher, 217 (1929), S. 320-324, hier S. 323. - Siehe auch Kat Nr. 
549 

567 Heinz Dietrich Kenter 
Achtung! Gas! 
In: Die Literatur. 31 (1928/1929), 2, S. 77-80. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Enthdlt u. a. Besprechungen von »Der Abituriententag« von Franz Werfel, 
»Sport um Gagaly« von Kasimir Edschmid und »Zipper und sein Vater« 
von Joseph Roth: 

[ . . . ] Was in dieser Hinsicht Joseph Roth in seinem Roman » Zipper 
und sein Vater* erreicht hat, erscheint mir bedeutend. 
Das, was Franz Werfel wollte, ist Roth gelungen: die Gestaltung vergan- 
gener Menschen. Die Gestaltung des Ubergangs- und Nachkriegsmen- 
schen. Die Gestaltung der biirgerlichen Welt vor und im Kriege. Ihre 
kleinen Freuden und sehr groften Leiden. Und wie all dies aus Einseitig- 
keit, Beschranktheit, politischer Passivitat und Idealwahn sich herleitet. 
Nirgends in diesem Roman der Zauber einer Dichtung. Der verklarende 
Wille eines ethischen Schriftstellers. Nirgends die Frage nach einem 
Problem oder gar dessen pathetischer Losung. Dieser Roman lauft ab, 
wie das Leben der Vergangenheit abgelaufen ist: duster, eng, trag, mit ei- 
ner unheimlichen Stille hinter jedem Tun. 

Selbst hinter dem Getose des Krieges diese unheimliche Stille. Und ru- 
helos weitergehend: wie auch das Leben ruhelos weitergeht. 
Roth weifi, was er will. Er ist nicht geschwatzig — eher, daft er ver- 
schweigt. Er beherrscht gleichmaflig Form und geistige Fiihrung. Und 
erreicht jenen Grad des sprachlichen Ausdrucks, den ich »den in Bewe- 
gung gesetzten sprachlichen Ausdruck* nenne. Welch ein Vorsprung im 
kiinstlerischen Ausdruck gegenuber der geschwatzigen Breite Werfels, 
der gezierten Gespreiztheit Edschmids und alien asthetischen Sprach- 
kunstlern, die »Dichtung« auf Kosten der Wahrheit betreiben. [ . . . ] 
Seite 79 f. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 429 

Friedrich Muckermann S. J. 368 

Roth, Josef: Zipper und sein Vater. 

In: Der Gral. 23 (1928/1929), 4, S. 334-335. 

In jedem Buch von Josef Roth begegnet man einem Sch rifts teller, der es 
ernst nimmt. Gedanken, die nicht zu voller Klarheit gediehen waren, 
gibt es bei ihm nicht. Jeder Vergleich ist gewissenhaft durchgefiihrt. 
Organisches Wachstum erreicht die Sicherheit des Wachsens eines Kry- 
stalls. [ - - - ] Joseph Roth ist ein feiner Beobachter. Wer je auch nur ein 
paar Zeilen von ihm gelesen hat, wird nie an einem noch so kleinen 
Feuilleton voriibergehen, wenn es mit diesem Namen unterzeichnet ist. 
Seine Sachlichkeit steigert sich bis zu jenem Grad von Genauigkeit, die 
mit dem plastischen Eindruck der Dinge auch ihre symbolische Bedeu- 
tung irgendwie mit erfaftt und in dieser innigen Begegnung von Dichter 
und Gegenstand eine staunenswerte Wirkung hervorbringt. Es ist nicht 
so sehr Einfiihlung, in der immer noch das Subjekt vorwiegt, es ist viel- 
mehr Auspragung des Dinges, wie es ist, in seiner Erscheinung, aber 
auch in seinem An-sich. [ . . . ] Das Schreiben gipfelt in einer Klage, die 
man als den Wehschrei einer ganzen Generation empfindet: »Dein Beruf 
(Geigenspieler in einem Variete) ist symbolisch fur unsere Generation 
der Heimgekehrten, die man verhindert hat zu spielen: eine Rolle, eine 
Handlung, eine Geige. Wir werden uns nie verstandlich machen, mein 
Iieber Arnold, wie Dein Vater es noch konnte. Wir sind dezimiert. Wir 
sind zu wenige. Zu wenige fur diese Welt, in der nichts Anderes als das 
rein physische Gewicht der Masse den Durchbruch macht und nicht die 
geistige Energie einer Einheit«. Irgendeine Weltanschauung bringt jeder 
Schriftsteller doch mit, und hier ist es eine stark marxistisch gefarbte, 
was auch die Akzente, die auf Krieg und Pazifismus stehen, beweisen. 
Der Instinkt des Verfassers wehrt sich dagegen und will im Folgenden 
dennoch an den Geist glauben und an seine unvergangliche Kraft. Und 
das ist letztlich die Schwache des Ganzen. 



Kurt Martens 5 69 

Joseph Roth. Zipper und sein Vater. 

In: Die schone Literatur. 29 (1928), 10, S. 485. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

[ . . . ] Roth hat mit seinem ersten Roman »Die Flucht ohne Ende« Be- 
achtung und Beifall gefunden, sein zweiter steht nicht ganz auf der glei- 
chen Hohe. Sein Blickfeld ist noch begrenzt; Abstecher aus den beiden 
Grofistadten in die Provinz, aufs Land hinaus wiirden es wohltatig erwei- 
tern. Den Gegensatz zwischen den Vatern und Sohnen im zerriitteten 
Kleinbiirgertum sieht er unerbittlich scharf. 



430 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



[ . . . ] die beiden Zipper sind etwas flach geraten, der Alte ist zu leicht 
genommen und den Jungen entstellt eine Passivitat, die nicht als seine 
Natur wirkt, sondern als Mangel in seiner Zeichnung. Viele tote Seiten 
stehen in dem Buch und die letzten Kapitel sind, wie ich furchte, mit 
viel Verlegenheit komponiert. 

W. E. Siiskind: Joseph Roth. In: Die Literatur. 34 (1931/32), 1, S 17-20, 
hier S. 18. — Siehe auch Kat Nr. 550 



RECHTS UND LINKS 



Wdhrend der Entstehungszeit von »Rechts und links* schreibt Roth Felix 
Bertaux iiber den Inhalt seines neuen Buches: 

Mein nachstes Buch behandelt den Unterschied der Generationen und 
heiflt: Der jiingere Bruder. Es ist die Generation der deutschen Geheim- 
verbindungen, Separatisten, Rathenaumorder — also die Generation un- 
serer jungeren Bruder, der heute 25jahrigen. 
JR an Felix Bertaux. Paris, 5. 1. 1928. - JRB, S 116 



570 Joseph Roth 

Rechts und links. Roman. 
Berlin: Kiepenheuer 1929. 370 S. 
JRW l,S. 529-690 
Leihgabe: K&W 

In zwei ineinander verschlungenen Handlungen stellt sich wiederum die 
Nachkriegssituation dar, doch ist jetzt das Werk ganz der subjektiven 
Tone entkleidet. Es ist dadurch gewissermaften optimistischer; es hat die 
gelassenen, zuversichtlichen Mienen des ironischen Romans — freilich 
auch seinen manchmal etwas stumpfen Geschmack. Als Stilgebilde ist es 
vollig einheitlich und darum wahrscheinlich objektiv Roths bestes Buch, 
so wie — objektiv — der »Hiob« sein schonstes ist. 
W. E. Siiskind: Joseph Roth. In: Die Literatur. 34 (1931/32), 1, S. 17-20, 
hier S. 19 - Siehe auch Kat Nr. 550 



Das Erscheinen der 2. Auflage von »Rechts und links« nimmt Roth zum 
Anlafi, sich in der »Literarischen Welu theoretisch uber sein Schreihen zu 
aufiern: 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 43 1 

Joseph Roth 571 

SelbstverrifJ. 

In: Die literarische Welt. 5 (1929), 47, S. 5: 

Buch-Chronik der Woche. 

Nachdruck. Nendeln, Liechtenstein: Kraus-Reprint 1973. 

JRW4, S. 240-242 

[ . . . ] mein Roman Rechts und Links leugnet ganz unmittelbar die Exi- 
stenz von Charakteren, das heiftt von Gestalten mit einer konsequenten 
Psychologic Er hat zwar einen Anfang, aber nur, weil er doch anders 
nicht hatte beginnen konnen. Er hat dafiir keincn Schluft, er hat ganz de- 
monstrativ keinen Schluft. Seine Spannung kommt hochstens aus der 
Sprache, nicht aus den Vorgangen. Der Leser, geschult an der realisti- 
schen Epik seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu Proust und Andre 
Gide, ist gewohnt, das literarisch Gestaltete am Rohmaterial zu messen, 
das dem Autor als Vorlage gedient hat. [ . . . ] Das Rohmaterial sinkt also 
in meinen Buchern zur Bedeutungslosigkeit einer Illustration. Einzig be- 
deutend ist die Welt, die ich aus meinem sprachlichen Material gestalte 
(ebenso wie ein Maler mit Farben malt). [ . . . ] 

Denn das Material des Schriftstellers ist zwar ohne Zweifel »das Leben«, 
aber ein in die Sprache verpflanztes und hierauf ihr entsprieftendes Le- 
ben. Nun ist aber nach der allgemein geltenden Anschauung des Lesers 
(und erst recht des Kritikers) der schopferische Prozeft in einem Autor 
ein viel primitiverer, ein grob-handgreiflicher — und liefte sich etwa so 
darstellen: der Autor »greift* nach dem popular gewordenen Wort »ins 
Leben«, holt sich einen »Stoff« und gieftt ihn dann gewissermaften in das 
bereits fertige Gefiift seiner Sprache. 

[ . . . ] Ich aber bestrebte mich — im Gegenteil — , im Leser ein gewisses 
Gefiihl der Langeweile zu erzeugen, die eine notwendige Konsequenz 
sprachlicher Sorgfalt ist, und der Bemuhung, die Hohlheit der Gegen- 
wart nicht etwa konvex aufzuzeichnen, die Substanzlosigkeit unserer 
Zeitgenossen nicht etwa als >Tragik» oder »Damonie« darzustellen, son- 
dern die banale Trostlosigkeit dieser Welt prazise widerzupiegeln. Gera- 
de aber in so hohlen Zeiten verlangen die Menschen Erzahlungen hero- 
ischer, leidenschaftlicher, aufierordentlicher und sogar ausgesprochen 
trauriger Natur. Ich habe dem Menschen der Gegenwart sein eigenes 
Bild vorgehalten. Kein Wunder, daft er es nicht ansehen will. Es graut 
ihm davor — und noch mehr als mir. 

[ . . . ] Und nichts wundert mich mehr als die Tatsache, daft er trotzdem 
meinen Roman kauft und daft dieser die ganz unverdiente zweite Aufla- 
ge noch vor Weihnachten erlebt. Messe ich diese Zahlen an meinen 
schriftstellerischen Mangeln, so uberkommt mich in stillen Stunden der 
torichte Wahn, ich sei der kleine Remarque von Deutschland. 



432 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

572 Franz Blei 

Rechts und links. 

In: Prager Presse. 10 (1930), 21. 

Ich weift nicht, wie es den beiden Romanen, die Roth bis zu diesem neu- 
en dritten veroffentlicht hat, beim deutschen Publikum ergangen ist. Ich 
glaube, nicht besonders. Keinerlei Inserate verkiinden das so und so viel- 
teste Hunderttausend. Es kam mir auch nichts Kritisches unter die Au- 
gen, das klipp und klar ausgesprochen hatte, dafS Roth die hochsten For- 
derungen, die man an ein Romanwerk zu stellen hat, erfullt wie bis auf 
Robert Musil kein Romancier sonst in Deutschland, kaum einer im heu- 
tigen Frankreich und in England drei: Joyce, Woolf, Huxley. [ . . . ] 
Ein Roman wie »Die Wahlverwandtschaften* stand auf der wissenschaft- 
lichen Hohe seiner Zeit: ihn zu lesen, bedeutete mehr als eine Unterhal- 
tung, namlich geistige Arbeit. Solche dem heutigen Leser von Romanen 
zuzumuten, fallt keinem iiblichen deutschen Romancier ein: selber gei- 
stig im Biedermeier behaust, wendet er sich an Biedermeierleser, mehr 
noch Leserinnen, und wird dadurch noch dummer als er schon ist. Er 
glaubt »modern« zu sein, wenn er seine Leute im Auto fahren laftt. Aber 
faktisch fahren sie noch immer in der Kalesche. Selbst dort, wo der Ver- 
fasser gar keine Anspriiche erhebt und nichts als Reportage geben will, 
ist er wesentlich ein verblasener Romantiker. Das hier Gesagte wurde 
von Roths neuem Romane veranlafk, dem ich die Manner dieser Zeit als 
Leser wiinsche. Denn er ist ein mannlicher Autor, wie es sein grower 
Ahnherr Stendhal war. Ein Darsteller, ein Ordner, ein Sinngeber seiner, 
dieser Zeit. Nicht nur so was man einen gebildeten Autor nennt, der 
sich was anliest, sondern einer, der denkt und iiber Wert und Unwert 
des Denkens genau Bescheid weifi. 

In der Anlage finden Sie die Rezension von Franz Blei, die ich mir Ih- 
nen zu iibergeben erlaube, als eine fur die vielen anderen Rezensionen 
cbarakteristische — mehr als fur mein Buch. 
JR an Felix Bertaux. Paris, 9. L 1928. - JRB, S. 119 

»Rechts und Links« ist ein aufgeloster, proustisierender, hypermoderni- 
stischer, skeptischer, ja unglaubiger Roman, ganz analytisch, ganz rheto- 
risch, spriihend von Witz und Epigrammen, ein politischer hochaktuel- 
ler Berliner Roman, in der Tradition von Stendhal und Maupassant und 
Heinrich Mann. 

Hermann Kesten: Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker. In: Mafi 
und Wert. 3 (1939/1940), 1, S. 131-139, hier S. 134. - Siehe auch 
Kat.Nr. 516 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 433 

DER STUMME PROPHET 

Joseph Roth 5 73 

Der stumme Prophet. Roman. (Nachw.: Werner Leng- 

ning.) 

Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch (1966). 285 S. 

JRW 1, S. 691-846 

Teilabdruck u. d. T. »Ein Kapitel Revolution* in: 24 neue 
deutsche Erzahler. Hrsg. von Hermann Kesten. Berlin: 
Kiepenheuer 1929 — u. »Der stumme Prophet* in: Die 
Neue Rundschau. 40 (1929), 3, S. 344-357. 

War der stumme Prophet in der N. R. einigermaflen verstandlich? Ich 

furchte, er hat verworren gewirkt. 

JR an Pierre Bertaux. Paris, 18. 3. 1929. — JRB, S. 1)1 



Rezensionen 

Peter W[ilhelm] Jansen 5 74 

In die falsche Revolution geraten. 

In: Frankfurter Hefte. 21 (1966), 8, S. 579-581. 

Zur Entsiehungsgeschichte dieses aus dem New Yorker Nachlafi Roths 
edierten Romans: 



Die andere, gewichtigere, in ihrer Konsequenz kompromifilosere Frucht 
der Rufiland-Erfahrung Roths [neben »Die Flucht ohne Ende«] ist der 
uns vorliegende Roman »Der stumme Prophet*. Stilistische Analogien 
und das Auftauchen von Randfiguren, die im ubrigen das Gesamtwerk 
von Joseph Roth wie mit einem Netz verspannen, lassen vermuten, dafl 
der Roman ebenfalls 1927 entworfen wurde und 1928 oder spatestens 
1929 in der Form vorlag, in der er sich uns heute darbietet. 1929 jeden- 
falls erschienen, in einer Anthologie von Hermann Kesten und in der 
»Neuen Rundschau«, zwei Erzahlungen, die thematisch zusammenge- 
horten und darauf schlieflen liefien, dafi sie Teile eines Romans waren. 
Die eine hiefl »Ein Kapitel Revolution*, die andere »Der stumme Pro- 
phet*. Doch der Roman kam nicht an die Offentlichkeit 
[ . . . ] Vollig ungeordnet, verstreut fanden sich unter Manuskriptblattern 
von anderen, langst erschienenen Romanen, von Zeitungsartikeln, Es- 



434 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

says, Filmdrehbuchern, friihen Erzahlungen, unter Briefen und Notizzet- 
teln, drei jeweils unvollstandige Fassungen. Es waren zwei handschriftli- 
che Fassungen, von denen die zweite eine Reinschrift der vielfach ver- 
besserten, geanderten ersten war, und es war ein wohl als endgiiltige, 
druckreife Fassung gedachtes Typoskript, das freilich nur wenig mehr als 
ein Drittel des ganzen Romanumfangs deckte. 

[ . . . ] Der Roman ist, obwohl vollstandig, nicht ganz fertig. Theoretische, 
analytische Passagen, die sonst bei Roth so gut wie ganz fehlen, stehen 
wie erratische Blocke in der Erzahlung. Anders gesagt: das Gedankliche 
ist nicht uberall und endgiiltig ins Erzahlerische aufgelost, — woran sich, 
nebenbei, wie an einem Schulbeispiel der Vorgang der rothschen Imagi- 
nation erkennen laftt, die schopferische Macht der Einbildungskraft, das, 
was Politik erst in Dichtung verwandelt Einer der Freunde Roths, Soma 
Morgenstern, hat erst kurzlich mitgeteilt, der Revolutionsroman sei das 
Sorgenkind seines Autors gewesen. Der habe versucht, das Manuskript 
Ende der zwanziger Jahre bei S. Fischer unterzubringen, aber der Verlag, 
der einen Teilabdruck als Erzahlung fur die »Neue Rundschau* uber- 
nahm, lehnte eine Veroffentlichung des ganzen Romans ab. Dann — so 
Morgenstern — sei 1929 die Autobiographic Trotzkis erschienen, und 
Roth habe die Lust an seinem Buch verloren. Also handelt es sich doch 
um einen Trotzki-Roman? 

Um einen Roman, dessen Botschaft womoglich nicht mit dem iiberein- 
ging, was Trotzki, aus Sowjetrufiland verbannt, iiber sich, die Revolution, 
seinen Anteil an der Revolution berichtete? 

Der »Stumme Prophet* des Romans heifit Friedrich Kargan, und man 
geht nicht fehl, wenn man hinter dieser Gestalt Ziige entdeckt, die von 
Trotzki stammen, — von einem idealisierten Trotzki in dem Sinne, als 
Trotzki eine Idee war, eine intellektuelle Idee gegen den terroristischen 
Kleinbiirger Stalin, der in dem Roman Savelli heiftt. Aber es ist nicht 
Trotzki allein, der sich hinter Friedrich Kargan verbirgt. Kargan tragt 
nicht wenige Ziige von Joseph Roth; er ist die unverwechselbare Gestalt 
des heimatlosen europaischen Intellektuellen, desjenigen, der in seinem 
Wesen stets ein Anarchist bleibt, der aus der Dekadenz der europaischen 
Bourgeoisie ausbricht, welche in dem Roman durch die wiener Gesell- 
schaft der zerfallenden Donaumonarchie reprasentiert wird, und der al- 
lein in der Revolution, in der Umwertung aller Werte eine Chance fur 
die Humanitat sieht; er arbeitet und kampft fur die Revolution, lafk sich 
nach Sibirien verbannen, nimmt am Burgerkrieg in Rutland teil, wirft 
sich voriibergehend dem Zynismus in die Arme; die berauschende Dro- 
ge der Macht ist ihm nicht fremd, und immer wieder entdeckt er in sich 
eine heimliche Liebe zur biirgerlichen Idylle, eine S en ti men tali tat, die 
sein Intellekt langst hinter sich gelassen hat. 

[ . . . ] Fur diesen Menschen gibt es in diesem Jahrhundert keine Heimat, 
es gibt fur ihn keinen anderen Beruf als den des stummen Propheten der 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 435 

Humanitat, als den — wie Roth Friedrich Kargan beschreibt — des 
hoffnungslosen und entschlossenen Zuschauers. 

[ . . . ] Die Vermutung drangt sich auf, daft der Schriftsteller, der auch 
weiterhin kein Hehl machte aus seiner Kritik an der Degeneration der 
Revolution, mit dem Druck des Romans dem argsten Feind des Huma- 
nismus, dem Faschismus, kein billiges Argument liefern wollte fur einen 
wohlfeilen Antikommunismus. Roth verzichtete, er Heft den »Stummen 
Prophet* verstummen, und erst heute spricht er zu uns, beredter, als er 
es in jener Zeit der Barbarei hatte tun konnen. 



Marcel Reich-Ranicki 575 

Joseph Roth — barmherzig und unerbittlich. 
Aus dem Nachlafi: »Der stumme Prophet*. 
In: Die Zeit 21 (1966), 25, S. 23. 

[ . . . ] Der stumme Prophet ist ein Torso und konnte nur ein Torso blei- 
ben. Roth muftte in diesem Fall scheitern und kapitulieren. Warum? 
Vereinfachend liefte sich sagen: Weil er hier versucht hatte, einen politi- 
schen Roman zu schreiben, und weil ihm, dem Erzahler wie dem Jour- 
nalisten, alles Politische zwar niemals gleichgultig, aber immer fremd ge- 
wesen war — so unbegreiflich und vollkommen fremd, daft er, beispiels- 
weise, Mitte und Ende der dreiftiger Jahre alien Ernstes an die Restitu- 
tion der osterreichischen Monarchic und die Riickkehr der Habsburger 
glauben konnte und dieser Sache viel Zeit und Energie opferte. 
Im Grunde haben jedoch den Schriftsteller Joseph Roth nicht Ideen fas- 
ziniert, sondern Individuen, nicht Probleme, sondern Milieus, nicht 
Weltanschauungen, sondern Sitten. Eine Gebarde war fur ihn wichtiger 
als eine These, eine Stimmung interessanter als ein Argument, eine Zim- 
mereinrichtung bedeutsamer als ein Programm. 

Einem solchen Romancier konnte es schwerlich gelingen, das Portrat 
und die Entwicklung eines Mannes zu zeigen, der im Kommunismus 
sein Heil sucht, aber nach dem Sieg der russischen Revolution zum 
Ergebnis kommt, daft sich ihre Ideale iiberhaupt nicht verwirklichen las- 
sen. Und dies ist das Thema des Romans, den Roth verfassen wollte. Die 
Handlung des Buches, die 1908 beginnt und bis etwa 1923 reicht, be- 
steht fast ausschlieftlich aus der Lebensgeschichte eines in Rutland ge- 
borenen und in Osterreich aufgewachsenen Intellektuellen namens 
Friedrich Kargan. Roth hat ihn mit seiner Unruhe, seiner Sensibilitat 
und seiner Heimatlosigkeit ausgestattet und auch mit der fur ihn selber 
so charakteristischen Verbindung von weiser Skepsis und politischer 
Naivitat, von Ironie und Weltfremdheit. 



436 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



So wenig wie Kargans Begeisterung fiir den Kommunismus episch be- 
glaubigt ist, so wenig ist es auch seine enttauschte Abwendung von der 
Revolution. Ahnliches kann jedoch den Szenen, die sich im privaten Be- 
reich abspielen, mitnichten vorgeworfen werden. Um so mehr zerfallt 
der Roman in zwei nur schwach miteinander verbundene Handlungen: 
eine politische und eine erotische. In der einen ist der Held aus Papier, 
in der anderen erweist sich derselbe Mann als eine typische Figur aus 
dem Personal der Rothschen Epik: als ein schwermutiger Auftenseiter 
und ein gehemmter Liebhaber. 

So haben sich die Akzente — offenbar gegen den Willen des Autors — 
immer mehr verschoben. Das Ergebnis ist fatal. Denn urspriinglich soll- 
te die Lebensgeschichte Kargans ein Beispiel sein — so Roth im einlei- 
tenden Kapitel — »fur die alte und ewige Wahrheit, daft der einzelne im- 
mer unterliegt«. Statt dessen zeigen die vorhandenen Bruchstucke, daft 
es fiir einen Romancier ein hochst riskantes Unternehmen ist, einen 
Schnitzlerschen Anatol in die Lederjacke eines bolschewistischen Kom- 
missars zu kleiden. Roth mull dies erkannt haben. Er wuftte, daft keine 
Korrektur, keine Hinzufugung den Roman retten konnte. 
Dennoch durfen wir fiir die Veroffentlichung des gefundenen Manu- 
skripts dankbar sein und nicht nur deshalb, weil der Weg, den Roth von 
seinen pamphletistischen Romanen der zwanziger Jahre zu seinen Le- 
genden und groften Parabeln aus den dreiftiger Jahren zuriickgelegt hat, 
jetzt weit besser iibersehen werden kann. Was immer gegen das Buch 
einzuwenden ist — es enthalt immer noch genug, um die Lektiire zu ei- 
nem Vergniigen zu machen. 



3 76 Manes Sperber 

Rebell oder Revolutionar? Zu dem nachgelassenen 

Roman von Joseph Roth. 

In: Neues Forum. 13 (1966), 154, S. 625-628. 

[■■■] 

Joseph Roths Stummer Prophet ist sehr beredt im Ausdruck des Zweifels 
an der Welt und dem Sinn des Lebens; er ist ketzerisch gegeniiber jeder 
revolutionaren Neugestaltung, gegeniiber jeglichem utopischen Glauben 
an eine Zukunft. An diesem Buch ist das Merkwurdigste der schlecht 
verhullte, kaum begreifliche Widerspruch: Kargan wird als vorbildlicher 
Revolutionar bezeichnet, als ein beispielhafter Kampfer und Fiihrer, der 
dank seinen ungewohnlichen Erfolgen weltberiihmt wird. Doch gleich- 
zeitig beweist uns der Dichter unablassig, daft Kargan an nichts glaubt, 
an nichts glauben kann, daft ihm jede wahre Begeisterung abgeht. Aufter 
in den oben zitierten Aufterungen entdeckt man an ihm kein soziales 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 437 

Pathos, ohne welches ein Revolutionar natiirlich weder psychologisch 
noch philosophisch noch politisch denkbar ist. 

[...] 

Es gilt, die Frage zu beantworten: Was ist denn dieser Kargan eigentlich, 
der, so will's der Autor, fortgesetzt in revolutionare Aktionen verwickelt 
ist — was ist er, wenn nicht ein Revolutionar? Nun, er ist ein neuroti- 
scher Rebell, somit, was auch immer er tun mag, im wesentlichen das 
Gegenteil eines Revolutionars. 

[...] 

Eben weil Roth im Grunde dennoch nur den Rebellen darstellt, ver- 
schweigt er alle konkreten Elemente, die allein die revolutionare Bewe- 
gung und schlieftlich ihre politische und moralische Verkommenheit 
faflbar und erklarlich machen konnten. Im Stum men Propheten reduziert 
sich all das auf ein hochst undeutliches, gar zu fluchtiges Schattenspiel. 
Man weifi nicht recht, worum der Kampf gegangen ist, und man erfahrt 
nicht, was die vor dem Siege verbriiderten Revolutionare auseinander- 
bringt und schliefilich gegeneinander treibt. 

Seite 627 f. 

Die iiberzeugendsten dichterischen Gestaltungen des revolutionaren 
Erlebnisses findet man bei Autoren, welche in irgendeiner Weise, die je- 
doch stets tragisch bleibt, mit der Revolution gebrochen haben. Es ist 
sehr bemerkenswert, dafl Joseph Roth dank seinem ungewohnlichen 
dichterischen Talent Erkenntnisse ausspricht, mit denen er in seinen 
Romanen nicht gar viel anfangen kann, eben weil er selbst zeitweise ein 
Rebell, doch nie ein Revolutionar gewesen ist. So bin ich tief beein- 
druckt, wenn ich bei ihm lese: »Die Seligkeit, einmal fur eine grofle Idee 
und fur die Menschheit gelitten zu haben, bestimmt unsere Entschliisse 
auch lange noch, nachdem der Zweifel uns hellsichtig gemacht hat, wis- 
send und hoffnungslos. Man ist durch ein Feuer gegangen und bleibt ge- 
zeichnet fur den Rest seines Lebens.* 
Seite 628 



Klaus Peter 377 

Die Stummheit des Propheten. Zu Joseph Roths nachge- 
lassenem Roman. 

In: Basis. Jahrbuch f. dt. Gegen warts literatur. 1 (1970), 
S. 153-167. 



438 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

PERLEFTER 

578 Joseph Roth 

Perlefter. Die Geschichte eines Burgers. 

Fragment e. Romans aus d. Berliner Nachlafi. Hrsg. u. mit 

e. Nachw. von Friedemann Berger. 

(Koln:) Kiepenheuer & Witsch (1978). 166 S. 

Friedemann Berger berichtet im Nacbwort iiber die Entstehung der Edition 
dieses Romanfragments, das vor wenigen Jahren in Roths 'Berliner Nach- 
lafi unter den geretteten Arcbivmaterialien des Kiepenheuer Verlags gef wi- 
den wurde. 



579 Joseph Roth 

Perlefter. 

Fragmente u. Feuilletons aus d. Berliner Nachlafi. (Hrsg. 

von Friedemann Berger.) 

Leipzig, Weimar: Kiepenheuer 1978. 260 S. 



Rezensionen 

580 Ulrich Greiner 

Joseph Roth und die Stiitzen der Gesellschaft. 
»Perlefter«, ein bisher unbekannter Roman. 
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (1978), 120, Beil.: Bil- 
der und Zeiten, S. [5]. 

Joseph Roth hat mit seinem Roman »Perlefter« die »Geschichte eines 
Burgers in Deutschland bis 1928* schreiben wollen. So kundigt er das 
Projekt seinem Freund Stefan Zweig an, in einem Brief vom 27. Februar 
1929. Er hat den Roman nie zu Ende geschrieben. Hatte er es getan, das 
lafk sich an diesen 140 Seiten sehen, so ware daraus eine literarische 
Analyse jenes Burgertums geworden, das dem deutschen Faschismus 
keinen Widerstand entgegensetzte, weil seine Moral am Ende nur noch 
Profit hieft. [ . . . ] 

Man sieht: die gewohnte diagnostische Pragnanz Roths, seine aphoristi- 
sche Scharfe. Aber er war 1929, als er diesen Roman begann, nicht mehr 
imstande, jene beiden Tugenden zugleich aufzubringen, ohne die sich 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 439 

ein gesellschaftskritischer Roman der geplanten Groftenordnung nicht 
schreiben laGt: den Haft, aber auch die Hoffnung. Er verachtete das deut- 
sche Biirgertum wie kaum ein anderer, und er glaubte immer weniger 
daran, daft der drohende Untergang aufzuhalten ware. 

[...] 

Perlefter, das ist der Typ des reich gewordenen Kleinbiirgers, der an 
nichts glaubt aufter an sich selber, dem jede Politik und jede Weltan- 
schauung recht ist, solange sie seinen Geschaften niitzt. »Perlefter liebte 
nicht die entschiedenen Handlungen und die unwiderrufiichen Ent- 
schliisse. Er ging nicht gern in jene Gegenden, aus denen keine geraden 
und bequemen Wege zuriickfuhren. Er liebte es, auf den Bruckeh zu 
verweilen, die' das Hier mit dem Dort verbinden . . .« Kurz: Perlefter war, 
und damit ist Roths hochste Verachtung formuliert, ein Mensch von ei- 
ner »ungewohnlichen Gewohnlichkeit*. [ . . . ] 

Joseph Roth hat diese Charakterstudie aus dem Biirgertum, wie nur er es 
konnte, mit leichter, unbeirrbarer, treffsicherer Hand geschrieben, nicht 
gelahmt von jener Bitterkeit, die aus seinen Briefen spricht. Aber viel 
mehr als eine, wenngleich glanzende Charakterstudie ist dieses Frag- 
ment nicht. Es gibt Andeutungen, worauf Roth hinaus wollte. Denn Per- 
lefter stellt er eine Kontrafigur gegeniiber, Leo Bidak, der aus den klein- 
burgerlich-agrarischen Verhaltnissen Galiziens kommt, aus denen auch 
Roth kam. Bidak, ein Athlet und Schlager, ein Auftenseiter, ein Anar- 
chist, der es liebt, auf vorbeifahrende Ziige Steine zu werfen, ein Sozia- 
Iist, der agitatorische Reden halt, »ein Rebell, in keine Rubrik und keine 
Gattung einzureihen, ein Einsamer und Machtiger, der Gesellschaft ab- 
hold und sein eigener Verbundeter«, ein lauter und frohlicher Mensch 
voller Vitalitat, diesem Bidak gehort Roths ganze Sympathie, »weil er ei- 
ner jener auftergewohnlichen Menschen war, fur die der Staat eine dum- 
me und die Freiheit raubende Einrichtung ist«. 

[...] 

Es ist anzunehmen, daft die beiden Kontrahenten Bidak und Perlefter 
den Roman gepragt hatten, der, schlieftt man aus der Scharfe und Ele- 
ganz seines Anfangs, zum Roman der Weimarer Epoche hatte werden 
konnen. [ . . . ] 



WR 581 

Ouverture eines Fragments. 

In: Frankfurter Rundschau. 34 (1978), 139, BeiL: Zeit und 

Bild, S. II. 

In dieser Besprecbung, die im vorliegenden »Text nicht mehr — aber auch 
nicht weniger — als die Ouverture zu einem grofeen Rom am sieht, eine 
»meisterhafte Charakterstudie*, erscheint der Titelheld als 



440 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

der deutsche Burger schlechthin, anpassungsfreudig, verwendbar fur vie- 
le Zwecke. Bewunderungswert, wie Joseph Roth diesem Typ individuel- 
le Ziige verleiht, durch eine Fiille sprechender Details, ohne indes die 
Grundhaltung des Typs aufzuweichen. [ . . . ] 

Otto F. Beer u. d. T. »Roths Reisetascbe« im »Rbeinischen Merkur« vom 15. 
September 1978: 

[ . . . ] Was wir vor uns haben, ist so etwas wie eine Charakterkomodie in 
moliereschem Sinn, das mit kostlicher Ironie gezeichnete Portrait eines 
judischen Mannes ohne Eigenschaften. 



Hermann Kesten iiber den Schriftsteller Joseph Roth in seiner im ^Berliner 
Tageblatfa vom 26. 6. 1931 abgedruckten Wiirdigung der bis zu diesem 
Zeitpunkt erschienenen Romane: 

[ . . . ] Er spricht sehr viele Meinungen aus, seine Bucher sind voll von 
Meinungen, aber seine wahre Meinung steht zwischen den Zeilen. Uber 
den Menschen redet er sehr lange, bei Zustanden und Gegenstanden 
wird er ganz ausfuhrlich und mit einer Haufung von Knappheiten breit, 
aber gilt es, von Taten zu reden, macht er drei oder gar keine Worte. 

Joseph Roth ist als Schriftsteller ein ausgesprochen visueller Typ. Er 
sieht, vor allem anderen! Sein Auge wird schopferisch. Ob es ein 
Mensch, ein Bergwerk, eine Zivilisation ist, zuerst gewahrt er das auftere 
Bild, die Form, das Offensichtliche. Er sieht so lange und von so viel Sei- 
ten auf sein Objekt, bis er hineinsieht und es durchschaut. Diese Art 
pragt auch den Stil. Roths Sprache ist ohne die Periodik, ohne den lyri- 
schen Schwang und Uberschwang der akustischen Typen, aber dafiir ha- 
ben seine Worte, seine Satze die scharfste Kontur, er stammelt nicht, er 
singt nicht, er ziseliert, er sticht 

Roth ist ein eminenter Beobachter, ein treffender Schilderer. Er entwik- 
kelt Romane aus Charakteren und die Charaktere entwickelt er aus dem 
Aufteren, Sichtbaren eines Menschen. Eine Geste wird ihm zur Anekdo- 
te, ein Kleidungsstuck oder ein Gesichtsmerkmal zum Charakterzug. 
Roth sieht seine Menschen, er liest sie aus ihrem Bild ab, spater hort er 
sie reden. Er ist ein Analytiker. Er zerlegt Charaktere, Gedanken, Zivili- 
sationen, Satze, Worte. Er ist voll jener heiteren Klarheit und Luziditat, 
die selbst Stimmungen und Melancholien ins klare Licht des Tages stel- 
len. Alles ist immer offenbar, nichts ist verborgen, alles ist ausgespro- 
chen, nichts ist verschwiegen, die Worte haben keinen Nachhall, sie to- 
nen rund und voll. Roths Sprache ist aber trotz aller offenbaren Klarheit 
volt Phantastik, voller Phantasie. Er hat sprachliche Einfalle, die Eigen- 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 441 

schaft derer, die etwas gut sagen konnen, der Literaten. Joseph Roth ist 
einer der wenigen groflen Literaten, die wir heute in Deutschland haben, 
ein Meister der Sprache. [ . . . ] 

Der zornige Pessimismus, die heitere Erbitterung, die revolutionare Iro- 
nie gegen ein Schicksal, das dort Gesellschaft, hier Gott hiefi und die bei- 
de vielleicht starker als das Individuum sind, die es vielleicht zerbrechen, 
aber nicht andern konnen, diese ganze wunderbare Klarheit eines Man- 
nes, der alles gesehen, alles gepriift, alles in seiner Welt venvorfen hat, 
und nicht gesonnen ist mit dieser Welt zu paktieren, dieselbe tapfere 
Verzweiflung und derselbe verniinftige Mut, in einer unverniinftigen 
Welt verniinftig bleiben zu wollen, pragen die Art aller Romane Roths. 
Es ist eine Haltung, die im grofien europaischen Roman von Voltaire 
und Stendhal und Flaubert bis Tolstoj und Thomas Mann und Heinrich 
Mann zu finden ist, eine Gesinnung, die im grofJen europaischen Gei- 
stesleben seit der Geburt des Individuums existiert und nicht unterge- 
hen wird, bevor nicht das letzte Individuum versunken sein wird in ei- 
nem kollektiven Dasein Europas. 

Hermann Kesten: Der Schriftsieller Jospeh Roth. In: Linden, Geddehtnis- 
buch, S. 35-39 



ERZAHLUNGEN 

Joseph Roth 582 

April. Die Geschichte einer Liebe. 
Berlin: Dietz 1925. 61 S. 
JRW3, S. 64-82 
Leihgabe: K&W 

Joseph Roth 583 

Der blinde Spiegel. Ein kleiner Roman. 

Berlin: Dietz 1925. 71 S. 

JRW3, S. 83-118 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen haben die Novellen »April« und 
»Der blinde Spiegel* noch die gleiche Blumenfrische wie damals, als sie 
uns zum erstenmal entzuckten. AHer Flaum von Sprache, Schilderung 
und innerer Spannung ist unversehrt. 

F. C Weiskopf: Abschiedssymphonie. In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 
24, S. 760- 762, hier S. 761. - Siehe auch Kat.Nr. 540 



Romane und Erzahlungen im ostjiidischen 
Milieu 



Mit dem »Hiob« und dem »Falschen Gewicht«, mit dem »Radetzky- 
marsch« und der »Kapuzinergruft« (diesen beiden Nach-Traumen Oster- 
reichs), den Hauptwerken Roths aus seiner zweiten Periode (neben 
»Tarabas% der »Tausendundzweiten Nacht« und den »Hundert Tagen«) 
wechseln seine Stilmittel und seine Haltung. Seine Kunstmittel werden 
klassizistisch. An die Stelle des Epigramms tritt das Bild. An die Stelle 
des witzigen Lakonismus tritt die stromende Melodie. An Stelle des at- 
zend Wahren erscheint das ruhige Schone als Kunstideal. Und im Kon- 
flikt von formaler Tradition und kompromiftloser Humanitat entstand 
jene zitternd nervichte Spannung seiner spaten Prosa. 
Hermann Kesten: Der Mensch Joseph Roth. In: Linden, Gedachtnisbuch, 
S. ly-26, hier S. 21 



HIOB 

584 Joseph Roth 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
Berlin: Kiepenheuer 1930. 299 S. 

JRW 1, S. 847-980 
Leihgabe: K&W 

585 Joseph Roth 

Abb. 77 Hiob. Roman eines einfachen Mannes. (11. — 20. Tsd.) 
Berlin: Kiepenheuer 1930. 299 S. 

Leihgabe: K&W 

Zeitgenossische Rezensionen 

Hermann Kesten in seiner 1931 erschienenen Sammelrezension: 

Sein neuester, sechster Roman, »Hiob«, schien von der Gruppe seiner er- 
sten Romane abzuweichen. Der bisher analysierende Stil ward malerisch, 
die einzelnen Szenen, fruher wie Radierungen, waren hier farbig wie Ge- 
malde. Die geschmeidige Prazision einer stahlernen Prosa verwandelte 
sich in die farbenschimmernde Melodie einer legendenhaften Poesie. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



443 



Der Roman eines 
eihfacheii Mamies 



.... von 

Joseph Roth 

11. 20.Tansend 

STEFAN ZWEIG SCHREIBT IN DER K0LNISCHEN 
ZEITDNGr ; „Ein Bacli, das jedem yerstandlich ist, der mit 
dem Herzen rersteht Kein Pathos yeri^tet die volksMed- 
hafte Natiirliehkeit dieser dimMeueMend klaren Spracha 
Man erlebt, statt zu lesen. Und man -schSant sich nicH 
endlicli auch einmal von einem wirklichen Kuiistwerk 
i gang sentimentalise!* erscMttert zu sein a . 

(Gustav Kiepenheuer Verlagy 



77. Joseph Roth: Hiob. (1 1.-20. Tsd.) Berlin: Kiepenheuer 1930 



444 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Statt einiger fur die Zeit typischen Individuen erschien eine legendari- 
sche Figur, die einer Figur der Bibel analog war, statt unserer Gesell- 
schaft eine fremde, statt der Aktualitat der modernsten und neuesten 
Psychologie und Soziologie ein Schicksal und ein Leben, das seine Bezu- 
ge und Fatalitaten nicht von Krieg, Kapitalismus und Kollektivkultur, 
sondern von Gott, der Natur und unbegreiflich tragikomodischen Mach- 
ten erhielt. Aber trotz dieser scheinbar volligen Verwandlung blieb das 
Werk Joseph Roths auch im »Hiob« konsequent Nur daft die ersten fiinf 
Romane eine Typologie unserer Zeit gaben und dieser sechste Roman 
den ewigen Bezug dieser selben Typik darstellte. Die Elemente der 
Hauptfiguren seiner ersten fiinf Romane, etwa Tunda aus »Flucht ohne 
Ende* oder die beiden Zipper, sind dieselben, aus denen der alte Mendel 
Singer gebildet ward, nur daft statt der aktuellen die immanente Seite ge- 
zeigt wird, statt der Analyse eine Syn these versucht wird. 
Hermann Kesten: Der Schriftsteller Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnis- 
buch, S. 35-39, hier S. 38 



586 Ludwig Marcuse 

Eine neue Hiob-Legende. 

In: Das Tagebuch. 11 (1930), 44, S. 1772-1773. 

Roth schreibt scheinbar abseits. Er notiert nicht die Fieberkurven der 
europaischen Gesellschaft — er notiert nur das Schicksal einer un- 
scheinbaren russisch-jiidischen Familie. Aber er schreibt in diesen Le- 
benslauf, der nicht in die Historie eingehen wird, die ehernen, zeitlosen 
Gesetze des Menschen, die regieren iiber den Gesetzen der Wirtschaft. 
So schreibt der »abseitige« Roth ins Zentrum hinein. [ . . . ] 
Roth ist einer der starksten Menschen, die heute schreiben. Und dies 
Buch ist eins der starksten Bucher, die er geschrieben hat — weil es die 
kiihle Distanz seiner geistigen Optik verringert durch eine Warme, die 
neu bei ihm ist Er schreibt ohne die Hilfe der landesublichen Requisi- 
tes Er versteckt sich nicht hinter die historische Interessantheit be- 
riihmter aktueller Ereignisse und Namen. Er versteckt sich nicht hinter 
die Interessantheit psychoanalytischer Falle. Er versteckt sich nicht hin- 
ter jene gewaltige Quantitat von Geschehen, die man Abenteuer nennt. 
Ihm geniigen einige ganz schlichte Szenen mit einigen ganz schlichten 
Figuren; er sch rifts telle rt nicht im Gefolge des Stoffs — wie der grdfJte 
Teil zeitgenossischer Literatur. [ . . . ] 

Es ist von seiner Art her zu verstehen, daft ihm die Komposition zum 
Roman problematisch ist. Die Verkniipfung ist ihm ein fremdes Ele- 
ment. Roth ist metaphysischer Positivist, jede Erscheinung wurzelt ein- 
zeln im unendlichen Boden. Die Verkettung der Erscheinungen interes- 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 445 



siert ihn nicht, weil er sie wahrscheinlich fiir zufallig halt. So fehlt seinen 
Romanen ein notwendiges Vorwarts, beglaubigt von einem notwendigen 
Abschluft Dies Buch hat allerdings einen Abschluft: das Marchen vom 
geheilten Menuchim, der ein grower Musiker geworden ist und sich sei- 
nem Vater am Osterfest zu erkennen gibt. Dieser Schluft ist aber wohl 
nur aufgesetzt; er ist zu pompos fiir Roths zart-intensive Striche. Dieser 
SchlufS riickt Mendel Singer in die marchenhafte Feme der biblischen 
Menschheit, statt ihn zu identifizieren mit der unglaubigen Glaubigkeit 
seiner Leser. Roths Schlufi, der sich an die Parallele zum alten Hiob 
klammert, ist wohl nur eine kompositorische Verlegenheit. 

Anders ah Marcuse WUhelm Emanuel Suskind zum Schlufi des »Hiob«: 

[ . . . ] Man hat den Schlufl des Buchs angefochten, deshalb, weil Mendels 
plotzlicher Segenszustand zu willkurlich hereinbreche, zu sehr aus Paral- 
lelitat mit dem Segensschluft der Legende; dieses, dachte man wohl, un- 
ser 20. Jahrhundert, sei die Zeit der maftigen Wunder! Ich stimme die- 
sem Einwand nicht bei; ich habe gerade den Schluft, das unmaftge Wun- 
der, den Taumel des Gliicks herrlich schon gefunden. Als eine Legende 
darf das Buch keinen anderen Schlufi nehmen. [ . . . ] es ist eins der Bii- 
xher, die gewissermafien anonym geschrieben sind. Niemand, der es liest 
und liebt, braucht zu wissen, daft ein Joseph Roth es geschrieben hat. 
Der »Hiob«, dieses herrliche Buch — das geniigt. Es gibt kein grofieres 
Lob fiir ein Buch, und der »Hiob« verdient es. [ . . . ] 
W. E. Suskind: Joseph Roth. In: Die Literatur. 34 (1931/1932), 1, 
S. 1 7-20, hier S. 19. - Siehe auch Kat.Nr. 550 



Louis Untermeyer 587 

Uz in America. Job : the story of a simple man. By Joseph 

Roth. Transl. by Dorothy Thompson. The Viking Press. 

1931. 

In: The Saturday review of literature. 8 (1931), 16, S. 261. 

Zur amerikanischen Ubersetzung von »Hiob« durch Dorothy Thompson, die 
1931 bei The Viking Press erschien, und der Wahl dieses Romans zum 
»Book-of- the Mont h« im November 1931: 

The choice of »Job: The Story of a Simple Man« as the November selec- 
tion of The Book-of-the-Month Club is a significant one. It signifies, 
without proclaiming the fact, that the chronicling of emotion — emo- 
tion downright and self-declared-has lost none of its potency. For an- 
other thing, it proves that a sophisticated and supposedly hypercritical 
audience is ready to shed its acquired disillusion in the presence of such 
unashamed faith, hope, and tenderness as Joseph Roth's. When the volu- 



446 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

me appeared some months ago in the original German, several commen- 
tators hinted that »Job« might serve as a great punctuation mark, ending 
the postwar period during which emptiness and defeat were the only 
subjects that could be sounded fully and triumphantly. 
[ . . . ] Roth's is an illuminated simplicity unlike any of his contempora- 
ries here or abroad; it is a little like the colloquies of Gottfried Keller, a 
little like the comments of Hans Christian Andersen. This young Ger- 
man (he is barely forty) refuses to assume the Olympian attitude so dear 
to the » detached* artist; his method places him in instant and intimate 
contact with the reader. He is not afraid to call freely upon sentiment — 
not sentimentality, which is sentiment prodded and on parade. 

[...] 

As part of a tendency, *Job« is significant in one more way: it emphasizes 
the rediscovery of the Bible as literature. In the past few years, novelists 
in every country have been utilizing the material of both Testaments in 
fiction, fictionalized biography, and historical reappraisals. [ . . . ] Roth's 
»Job« strikes me as finer than any of these revaluations. It is by far the 
clearest in conception as it is the richest and most moving in communi- 
cation. 



588 Albert Einstein an B. W. Hubsch 

Brief. Princeton, 24. 2. 1935. 1 Bl. ms. Durchschlag. 

Kopie. — Original: LBI 
JRB, S. 405 

Einstein dankt Roths amerikanischem Verleger fur die Zusendung der 
»Hiob«-Attsgabe — »dieses trostreiche Buch eines echten Menscben und 
Dichters«. 

Robert Musil zum »Hiob«: 

Ich erinnerte mich, daft Musil sich einmal lobend iiber Roth ausgespro- 
chen hatte: »Ihr Freund Roth ist in einem seiner Bucher einmal ein 
Dichter.« »Wo?« fragte ich ihn. »In seinem >Hiob< fand ich eine dichteri- 
sche Stelle. Wie der arme Mendel Singer seine Tochter eng umschlun- 
gen mit einem Kosaken aus einem Getreidefeld herauskommen sieht, in 
seiner Bestiirzung davonlauft und atemlos nach langem Lauf die Synago- 
ge erreicht und dort betet — das ist der Einfall eines Dichters.* »Ich fin- 
de den ganzen ersten Teil dieses Buches das Beste von Joseph Roth*, 
sagte ich ihm. »Solange die Familie in Rutland sitzt, ist er in seinem Ele- 
ment und ein Dichter.« 

[ . . . ] Du hast ihn iibrigens verhindert, dir was Angenehmes zu sagen.« 
Ich erzahlte ihm, was Musil mir iiber Mendel Singer gesagt hatte, wie er 
seine Tochter mit dem Kosaken erwischt und davonlauft und so lange 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 447 

lauft, bis er ins Bethaus kommt und betet, und dann beschlieftt, nach 

Amerika auszuwandern. Das ist der Einfall eines Dichters, hat er gesagt. 

»Das iiberschatzt der Goy«, sagte Roth. »So etwas fallt einem Juden leicht 

ein.« 

Soma Morgenstern: Dichten, denken, bench ten. Gesprdche zwischen Roth u. 

Must I. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (197)), 79, BeiL: Bilder und 

Zeiten, S. 4. — Siehe auch Kat. Nr. 199 

Hans Natonek unterhielt sich kurz vor Roths Tod mit ihm iiber seinen 
»Hiob«: 

Ich sprach mit ihm vor wenigen Wochen iiber dieses Buch, das ihn be- 
riihrnt gemacht hat in alien Sprachen. Roth lieft es nicht mehr gelten; 
hart und streng, mit seiner lieben, knarrenden Stimme sagte er: »Es ist 
mir zu virtuos in seinem Geigenton; Paganini; das Leid ist zu schmack- 
haft und weich.« Er war iiber dieses erfolgreichste Buch schon hinausge- 
wachsen, wiewohl er, mit Ausnahme des »Radetzkymarsch«, kaum ein 
besseres geschrieben hat. 

Hans Natonek: Joseph Roth. In: Die neue Weltbiihne. 35 (1939), 22, 
S. 680-683, hier S 682. - Siehe auch Kat. Nr. >33 



Hans Natonek ist es auch, der iiber die Pa riser »Hiob«-Auffiihrung durch 
eine improvisierte Emigranten-Truppe in einer Geddchtnisfeier fur Joseph 
Roth im Theatre Pigalle berichtet: 

H[ans N[atonek] 589 

»Hiob« auf der Buhne. 

In: Die Osterreichische Post 1 (1938/1939), 13/14, S. 

3-4. 

Joseph Roths Erzahlung vom armen Mann »Hiob«, dem das Ungliick 
wie ein Schatten folgt, wurde in einer Gedachtnisfeier fur den verstorbe- 
nen Dichter im Theater Pigalle quasi als Theaterstuck dargeboten. Die 
Transformation, immer ein mifiliches Experiment, wurde von einem 
Anonym us behutsam durchgefiihrt; das Sprachjuwel der Originalfassung 
leuchtet da und dort im Dialog auf, und man freut sich, die »schonen 
Stellen* wiederzufinden. Jedoch, um im Bilde zu bleiben, etwas anderes 
ist das Geschmeide in einer epischen Kette, und etwas anderes im dra- 
matischen Gefiige; dort ist es natiirlich, und hier mitunter wie aufgesetz- 
ter Prunk. Aus der Erzahlung wurde kein Schauspiel, jedoch die lebendi- 
ge Folge von Bildern aus dem Leben eines einfachen jiidischen Mannes 
hatte wohl auch die nachsichtige Billigung Roths gefunden. Wahrschein- 
lich hatte er geraten, auf die Texttreue mitunter lieber zu verzichten, um 
eine grofiere Knappheit und Konzentration zu erzielen. 



448 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Der dramatisierte »Hiob« verdient Beachtung und diirfte sie auch ander- 
warts finden. In der Umformung werden neue Einblicke und Quer- 
schnitte sichtbar (wie immer, wenn man etwas giiltig Gefiigtes auseinan- 
dernimmt). So erkennt man, daft Roth das Leid mit ironischer Absicht 
uberinstrumentiert, indem er die stille Klage Mendel Singers durch das 
Gejammer seiner jammerseligen Frau kontrapunktiert. Die dramatische 
Plastik macht auch die Schuld dieses Hiob deutlicher, der in der Ge- 
schaftigkeit der Abreise den kleinen kranken Sohn iibersieht und ihn 
wegstellt wie einen unniitzen Hausrat, den man nicht mitnimmt. Diese 
kalte; blinde Stelle im Herzen — unzweifelhaft eine Selbstanklage des 
Dichters — wird in der Dramatisierung eigentlich noch deutlicher als in 
der Erzahlung. Nicht genug geliebt! ist der nicht zu uberhorende Unter- 
ton. Mendel Singer ist in sein Ungliick verliebt, gleichsam bis iiber die 
Ohren, so daft er die Stimme Gottes nicht hort. Er hat etwas von der 
Harte, Dumpfheit und dem Egoismus des Leids. Hier wird ein Doppel- 
zug des komplexen Rothschen Wesens sichtbar, von dem die einleiten- 
den Worte Stefan Zweigs (gelesen von Leo Askenasi) sprachen: judische 
Starrheit und russisches Schuldgefiihl. Das dritte Element Roths, das 
osterreichische, schwingt hier nur in der Musikalitat der Sprache. 
Hugo Haas, einer der feinsten tschechischen Schauspieler des Prager 
Nationaltheaters, spielte zum erstenmal deutsch. Sein Mendel Singer be- 
sitzt die auftere Schlichtheit, die graue deckende Farbe fur den inneren 
Tumult von Geduld und Ungeduld, Schwache und Harte, Weisheit und 
Narrischkeit. Sehr schon der Wandel vom kraftvollen Mann zum kindi- 
schen Greis. Die Heimkehr des verlorenen Menuchim (Leo Askenasi) in 
das Fest des Seder-Abends wurde zu einer wahren Feier, deren dichteri- 
sche Schonheit in jeder Form unverganglich ist. Der bekannte Theater- 
mann Paul Gordon hatte mit seiner improvisierten Emigranten-Truppe 
(besonders mit Sidonie Lorm, Max Fischer, Hans Reiner und Trude 
Burg) einen verdienten Erfolg. 

Eine weitere Besprechung der Theaterauffuhrung veroffentlichte Harry 
Kahn a. d. T >»Hiob<. Joseph Roths Roman auf dem Theater^ in: Pariser 
Tageszeitung. 4 (1939), 1040, S. 6. 

Friedrich Torberg erinnert sich: 

[ . . . ] Soviel Theater im Exil, soviel Exil im Theater war wohl noch nie 
auf einem Fleck versammelt. Die sich daran erinnern, sind heute — so- 
fern sie noch leben — in alle Winde zerstreut. Das Theatre Pigalle exi- 
stiert nicht mehr. Vor ein paar Jahren ist auch Mme. Olivier [vielm. Ala- 
zard] gestorben, die Wirtin Joseph Roths [...], die in schwarzem Trauer- 
gewand der Premiere beiwohnte, obwohl sie kein Wort Deutsch ver- 
stand. Es war ein einmaliger Fall, das Ganze. [ . . . ] 

Friedrich Torberg: Ein einmaliger Fail von Exil-Theater, In: Theater im 
Exil. 1933-1945. Ansstellung 21. 10.-18. 11. 1913. Ausstellung u. Ka- 
talog: Walter Huder. Berlin: Akademie der Kunste 1913, S. 26 f. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 449 

Bei dem von Natonek erwdhnten Anonymus, der die Dramatisierung 
durchfubrte, handelt es sich um Viktor Kelemen. 

Anldftlich der ersten englischen Auffiihrung am 5. April 1940 am New 
Yorker Heckscher Theater (ebenfalls durch Paul Gordon) berichtet Kelemen 
im »Aufbau« uber Roths Haltung zu seiner Buhnenbearbeitung: 

Viktor Kelemen 590 

Joseph Roths »Hiob«. 

In: Aufbau. 6(1940), 13, S. 9. 

[■■•] 

Im Herbst 1937 saft ich in der fast leeren Bar des Hotels Bristol in Wien 
mit Joseph Roth. Der Kellner stellte eine Flasche Wein auf den Tisch. 
Auf dem Tisch lag ein Manuskript: Meine Dramatisierung des »Hiob«. 
Joseph Roth blatterte in" einem Manuskript, das vor ihm auf dem Tisch 
lag, trank von seinem Wein und sagte mit seiner charakteristisch-leisen 
Stimme: »Seit >Hiob< erschien, habe ich von Zeit zu Zeit das Angebot 
bekommen, den Roman zu dramatisieren. Ich habe alles abgelehnt, denn 
ich dachte nie, daft ein im Grunde genommen lyrisches Werk erfolgreich 
zu dramatisieren ist. Ich wollte nicht, daft ein grausamer Dramatiker alle 
Poesie in meinem Lieblingswerk ausrottet und nur die nackte Handlung 
auf die Biihne bringt. Sie allein ist eine ganz alltagliche Geschichte. Sein 
Hauptwert liegt in seiner Lyrik.« 

»Und am Ende waren Sie doch einverstanden, daft ich den Roman dra- 
matisierte. Wie kam das?« 

Roth lachelte: »Paul Gordon kam zu mir und sagte, daft er die Dramati- 
sierung bestellen wolle. Wenn mir die Sache nicht gefalle, konne ich sie 
ins Feuer werfen.* 

»Und warum haben Sie es nicht getan?« 

»Ich sah, daft der Wert meines Romans geblieben war. Und ich mochte 
es auf der Biihne sehen.« 

Aber es kam nicht dazu. Joseph Roth starb im Sommer 1939 in Paris. 
Kurz nach seinem Tode brachte Paul Gordon den »Hiob« im Theatre Pi- 
galle heraus. Das Stuck hatte, wie im »Aufbau« damals berichtet, aufteror- 
dentlichen Erfolg. 

Die erste englische Auffiihrung des Stiickes findet jetzt am 5. April, 
ebenfalls durch Paul Gordon, im Heckscher Theater statt. 



Albert Einstein ubernahm das Patronat der New Yorker Auffiihrung. Aus 
seinem Briefivechsel mit Viktor Kelemen: 

Albert Einstein an Viktor Kelemen 591 

Brief. Princeton, 18. 1. 1940. 1 Bl. ms. mit Unterschrift. 



450 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Ich freue mich, dass das Werk des vortrefflichen Dichters in New York 
aufgefiihrt wird und bin selbstverstandlich gerne bereit, als »Patron« bei 
dieser Gelegenheit zu figurieren. 



592 Albert Einstein an Viktor Kelemen 

Brief. Princeton, 22. 2. 1940. 1 Bl. ms. mit Unterschrift 

Ich bitte Sie, das Datum der Urauffuhrung des Roth'schen Stiickes ohne 
Riicksicht auf meine Person festsetzen zu wollen. Wenn es mir dann 
moglich sein wird, zu kommen, werde ich es gerne tun. 



Die Pa riser »Hiob«-Auffubrung nabm Harry Kahn zum Anlafi, um in 
der »Pariser Tageszeitung« uber eine Hollyivooder »Hiob«-Verfilmung, ver- 
mutlkh imjabre 1934, zu berichten: 

593 hk. [d. i. Harry Kahn] 

»Hiob« als Film. 

In: Pariser Tageszeitung. 4 (1939), 1041, S. 4. 

[...] 

Die grofte Hollywooder Gesellschaft, die das Buch erworben hatte, liefi 
ein Drehbuch herstellen, und zwar, vermutlich auf Roths eigene Initiati- 
ve, von einem der besten Kenner des osteuropaischen wie des amerika- 
nischen Judentums, der selbst einer der bedeutendsten ostjiidischen 
Dichter in deutscher Sprache ist: Ossip Dymow. Als filmtechnischer Be- 
rater wurde ihm Fritz Kohner beigegeben. Das Drehbuch, das aus ihrer 
Zusammenarbeit hervorging, soil ebenso wirksam wie sorgsam hinsicht- 
lich des Originals gewesen sein. 

Wie dem auch sei : die grofle Produktionsgeselischaft, die es hatte drehen 
wollen, liquidierte eines schonen Tags und wurde mit einer andern noch 
grolteren fusioniert. Mit der »Masse« gingen an diese auch die Filmrechte 
von Roths Roman iiber. Das Drehbuch von Dymow und Kohner gefiel 
ihr anscheinend nicht. Sie liefi ein neues schreiben, das sie wohl dem Be- 
diirfnis und Verstandnis ihres Publikums angepafiter erachtete. In ihm 
wurde der jiidische Melamed in einen katholischen Mesner verwandelt 
und die Handlung aus Zuchnow in Russisch-Polen nach Gossensass in 
Sudtirol verlegt! In welcher Art der psychologische Gehalt von Roths 
Roman verbogen und verloren wurde, das laftt sich nicht beschreiben. Es 
genugt, wenn man den Titel erwahnt, unter dem der Film dann lief. Er 
lautete: »Die Siinden der Vater*. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 451 

Im April oder Mai 1934 hatte Stefan Ziveig an Joseph Roth uber den 
»Hiob«-Film geschrieben: 

Ihr Hollywooder Hiob soil zum Brullen schon sein. Aus Mendel Singer 
haben sie einen Tiroler Bauer gemacht. Aus Menuchim einen Sanger. 
Ich mufi den Film bald sehen. Ich werde fur Sie frohlich sein. 
JRB, S. 327 

Marlene Dietrich 594 

ABC meines Lebens. 

Berlin: Blanvalet (1963). 211 S. 

Aufgeschlagen S. 80: 

Hiob 

Eine meiner Lieblingsgestalten aus der Bibel. Auch mein Lieblingsbuch, 

geschrieben von Joseph Roth. 

In einem Brief an Blanche Gidon aus Wilna vom 28. Februar 1937 (siehe 
auch Kat.Nr. 420) schreibt Roth, dafi Marlene Dietrich — seine »einzige 
Hoffnung* — ein gauzes Interview uber ihn gegeben babe (JRB, S. 490). 



DAS FALSCHE GEWICHT 

Wahrend der Entstehungszeit seines Romans »Das falsche Gewicht« 
schreibt Roth an Blanche Gidon, Ostende, 4. September 1936: 

[ . . . ] Je travaille, mon roman sera bon, je crois, plus parfait que ma vie. 
JRB, S 487 



Joseph Roth 595 

Das falsche Gewicht. 
Manuskript [Ausz.] 2 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Joseph Roth 

Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters. 
Amsterdam: Querido 1937. 198 S. 

JRW2, S. 767-862 



452 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



597 Gesamt-Katalog 

Amsterdam: Querido 1938. [4] Bl. 

Zeigt von Joseph Rotb »Tabaras« und »Das falsche Gewicht* an. 

Unterstreichen mochte ich auch, daft die herrlichen Gegenden, aus de- 
nen wir mehr oder weniger beide stammen, Roth durch die Nahe der al- 
ten russischen Grenze besonders faszinierten. Diese Grenze zwischen 
zwei verschiedenen Welten lockte ihn, die geheimnisvollen Menschen 
an der Grenze zogen ihn an: die Schmuggler, die Grenzposten — jene 
ganze Welt der Konterbande und Desertion, und zwar so, als ob es die 
Grenze sei zwischen Leben und Tod. Eine unvergeftliche Gestalt aus die- 
ser Welt ist der in einigen Romanen von Roth immer wiederkehrende 
Schmuggler Kapturak. 

Jozef Wittlin: Erinnerungen an Joseph Roth. In: Linden, Geddchtnisbuch, 
S. 48-38, hier S. 37. - Siehe auch Kat Nr. 58 



JOSEPH ROTH 

DAS 
FALSCHE GEWICHT 

DIE GESCH1CHTE EINES 
EICHMEEISTERS 



QUERIDO VERLAS N.V. AMSTERDAM 



7& 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 453 

Zeitgenossische Rezensionen 

R[udolf] J[akob] Humm 598 

Joseph Roth: Das falsche Gewicht. 

In: MafJ und Wert 1 (1937/1938), 1, S. 158-159. 

Es ist die Geschichte des dumpfen Mannes. Sie offnet sich. Sie schlieflt 
sich. Wachtmeister Eibenschutz wird Eichmeister in einem kleinen Dorf 
jenseits der Karpathen. Begleitet von einem Gendarm priift er Mafle und 
Gewichte in Laden und auf Markten. Er ist ein dumpfer Mann, und sei- 
ne Geschichte will lange nicht recht vom Fleck, als teile der Autor die- 
selbe Unlust wie seine Personnage. [ . . . ] 

Er gleicht viel eher einem Golem als einem Silen. Aber einmal geht auch 
in ihm etwas auf. Er verliebt sich in eine Zigeunerin, und wir konnen in 
seine Brust hineinsehen: »Ihr Bild safi fest in seinem Herzen, zuweilen 
hatte er das Gefuhl, er brauchte sich nur die Brust zu offnen, hineinzu- 
greifen, um das Bild hervorzuholen.* Dann geht langsam die Brust wie- 
der zu, das Leuchten erlischt. [ . . . ] 



F[ranz] C[arl] Weiskopf 599 

Abseits. 

In: Die neue Weltbuhne. 33 (1937), 33, S. 1033-1035. 

Es gibt nichtgleichgeschaitete deutsche Schriftsteller — und ihre Zahl 
ist nicht gering — die aus diesen oder jenen Griinden Gegen warts f rage n 
aus dem Wege gehen, sich jedoch trotzdem nicht allzu weit von unserer 
Zeit entfernen wollen. Fur sie ist das alte Osterreich ein literarischer 
Aufenthaltsort sondergleichen. Sie finden dort alles, was sie brauchen: 
Realitat, gepaart mit Marchenhaftigkeit; historische Patina und unmittel- 
bare Erinnerungsnahe; durch liebenswiirdige Schlamperei gemilderte 
Tragik, und durch das Wissen vom unausweichlichen Untergang verfei- 
nerte Komik . . . 

Joseph Roth hat uns schon einmal in die altosterreichische Welt gefuhrt, 
im »Radetzkymarsch« holdseligen Angedenkens. Hatte er es doch bei 
diesem einen Mai bewenden lassen! Ach, leider kopiert er sich selber; 
leider werden wir bei der Lektiire seines neuesten Werks (»Das falsche 
Gewicht*, Geschichte eines Eichmeisters, Queridoverlag, Amsterdam) 
immer wieder an das fruhere Buch erinnert [ . . . ] Wir erinnern uns, wir 
vergleichen, und wir fuhlen uns unbefriedigt, wenn nicht gar getauscht. 

Eine Form ist geblieben. Aber was birgt sie? Noch fangt die Geschichte 
des Eichmeisters Eibenschutz wie ein Marchen an: »Es war einmal . . .«, 



454 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



aber statt der naturiichen Einfachheit und Naivitat des Marchens begeg- 
nen wir im Lauf der Erzahlung nur einer kiinstlichen Primitivitat, statt 
riihrendem Gefuhl nur larmoyanter Sentimentalitat, statt lebendigen 
Menschen nur umgekehrten Schlemihls: Schatten, denen die Korper 
verloren gingen. 

[•••] 

Gewift, es gibt auch in dieser Geschichte kostliche Stellen. Hier und dort 
leuchtet eine Szene auf, ein Bild, wie wirs von fruher her bei Roth ge- 
wohnt waren: voller Sprachgewalt, Eigenart, Frische und Kostbarkeit 

[•••] 

Wir fiirchten, daft der Grofte Eichmeister, wenn er Roth jetzt erschiene, 
sagen miifke: alle deine Gewichte sind richtig und sind dennoch falsch, 
nur die alte Form ist da, aber sie ist leer. 



600 Fritz Erpenbeck 

Falsches Gewicht Joseph Roth: »Das falsche Gewicht«, 

Querido Verlag, Amsterdam. 

In: Das Wort 2 (1937), 9, S. 65-68. 

Joseph Roth, einer der markantesten Schriftsteller aus der groften Reihe 
derer, die ein freies Schaffen im Auslande der geistigen Knebelung im 
Dritten Reiche vorziehen, schrieb jetzt »Die Geschichte eines Eichmei- 
sters*. Also, nach diesem Untertitel zu urteilen, ein realistisches Buch? 

[■■■] 

Diese merkwiirdige Mischung von unecht Poetischem mit Realem ist ty- 
pisch fur den ganzen Roman. Das gibt ihm ein mulmiges Helldunkel, 
das oft genug ins Mystische umschlagt, das verwischt uberall dort, wo 
Fragen nach gesellschaftlichen Ursachen und Zusammenhangen auftau- 
chen, die vorher deutlich gezeichneten Konturen. 

[...] 

Das ist es, was den Leser, der Roths Kunst liebt, am meisten verstimmt: 
daft der Autor ihn immer wieder aus Szenen voll herzhafter, praller 
Wirklkhkeit, etwa vom Markt, wo Jadlowker verhaftet wird oder vom 
Deserteurgelage in der Grenzschenke, aus aufwuhlendem, ergreifendem 
Geschehen, etwa der Eichpriifung im Ladchen des armen Handlers Sin- 
ger, in mystische Gefilde, in irrationale Reflex ionen zu entfiihren ver- 
sucht: 

[•••] 

Und so irrational wie dieser Satz, ist, im Grunde genommen, die Haltung 
des ganzen Buches. Je mehr man sich dem Schiuft nahert — einmal fragt 
jemand: »Wer regiert eigentlich die Welt?« — und je mehr man ge- 
spannt wird, wie Roth die im Titel symbolisch gestellte Frage beantwor- 
ten wird, wer denn nun eigentlich mit falschem Gewicht wiege: die tat- 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 455 



sachlich falsch wiegenden armen Teufel von Handlern oder die Gesell- 
schaftsordnung, deren reale Produkte diese Handler sind, oder gar unser 
Freund Eibenschiitz als freiwillig-unfreiwilliger Schiitzer dieser Gesell- 
schaftsordnung — je mehr man auf die Beantwortung dieser Frage war- 
tet, um so enttauschter wird man. Und endlich wird man mit einem bil- 
ligen, dem groften Konnen eines Joseph Roth unwiirdigen Symbolismus 
entlassen; [ . . . ] 

Wem wird das zugebilligt: »AlIe deine Gewichte sind falsch und alle sind 
dennoch richtig*? Nur den armen Teufeln von Zlotogrod samt ihrem ge- 
mutvollen Qualer Eibenschiitz? Oder der ganzen k. und k. Doppelmon- 
archie? Warum nicht auch — wer will den Leser hindern, das Symbol so 
zu deuten? — dem Osterreich Schuschniggs oder dem Deutschland Hit- 
lers? 

Joseph Roth geht vom Hellen ins Dunkle. Das ist ein gefahrlicher Weg. 
Es ware schade um ihn, den grof^en Konner, wenn er auf diesem Wege 
umkame. 



Hermann Kesten 601 

»Das falsche Gewicht«. 

In: Das Neue Tage-Buch. 5 (1937), 24, S. 571-573. 



DER LEVIATHAN 

Joseph Roth 602 

Der Leviathan. 

Amsterdam: Querido 1940. 71 S. 

JRW 3, S. 258-287 

Teilabdruck u. d. T. »Der Korallenhandler« in: Das Neue 
Tage-Buch. 2 (1934), 51, S. 1217-1220. 



Romane und Erzahlungen im 
osterreichischen Milieu 



RADETZKYMARSCH 



603 Schlacht bei Solferino 1859 

Abbildung eines Gemaldes. 

In: Hellmut Andics: Das osterreichische Jahrhundert Die 

Donaumonarchie 1804—1918. 

Wien, Miinchen, Zurich: Molden 1974, S. [94-95]. 

Aus Brief en Roths an Friedrich Traugott Gubler, Reifenbergs Nachfolger 
als Feuilleton-Redakteur bei der frankfurter Zeitung«, in der Entstehungs- 
zeit des »Radetzkytnarscb«: 

Nach einem aufterst fatalen Zustand in Paris, den mir kein Mensch, auch 
Reifenberg kaum, ansehen konnte, bin ich hieher geflohen und fliehe 
weiter, nach Antibes. Ich fliehe vor den Mahnungen. In der letzten Zeit 
sind drei Klagen gegen mich anhangig gemacht worden. Kiepenheuer 
mahnt den Roman und droht mit Zahlungseinstellung. Phaidon mahnt 
den Orientexpreft, bzw. 2000 M. Eine Garantie, die ich fur meinen 
Schwiegervater gegeben hatte, ist am 15. II. fallig (1000 Schilling). Ihnen 
bin ich 1270 Zeilen schuldig, Alles sturzt zusammen. Ich habe viel ge- 
trunken, fast nichts gegessen, die Grippe hat mir den Rest gegeben. Erst 
seit einer Woche, seitdem ich hier bin, fange ich an, mir wenigstens Re- 
chenschaft zu geben. Ich hoffe, in Antibes vollig zur Ruhe zu kommen. 
Ich habe 100 Fr. pro Tag. Ich mull bis 15. III. 4 Kapitel meines Romans 
fertig haben. 2 sind da. Aber wie soil ich in dieser Verfassung schreiben? 
In Antibes mull es besser werden. 
JR an Friedrich Traugott Gubler. Marseille, 31. 1. 1931. - JRB, S. 191 

Lieber Freund, 

es hat mich sehr gefreut, Ihr Schreiben. Ich bin unglucklich, verworren, 
ganz unfahig, aus den Mauern herauszukommen, die ich um mich und 
den Roman gebaut habe, oder sind es Berge vielmehr, zwischen denen 
ich wandle, voller Angst. An einem Tag ist Alles gelungen, am nachsten 
Alles Dreck. Tiickisch und triigerisch ist Alles. Ich will gar nicht mehr 
davon erzahlen, daft es mir materiell am Notigsten fehlt, daft ich nicht zu 
essen habe, wenn ich nicht eingeladen bin, es ist Alles gleichgultig, im 
Grunde. Ich habe mich in die Vorkriegszeit retten wollen, aber es ist ent- 
setzlich schwer, sie so zu erzahlen, wie ich sie fiihle. Ich furchte, ich 
furchte, ich bin ein Patzer. [ . . . ] 
JR an Friedrich Traugott Gubler, [1932]. -JRB, S. 218 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 457 

Joseph Roth 604 

Radetzkymarsch. 1. Kapitel. Abb. 79 

Manuskript. 8 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Benno Reifenberg erinnert sich an eine Episode in Paris, vermutlich im 
jabre 1931: 

Ich entsinne mich, als wir uns zu einer heiflen Mittagsstunde auf dem 
Boulevard Richard le Noir befanden, urn an den Schlachthausern vorbei 
den Ourcq-Kanal zu erreichen, daft der Dichter meinen Arm ergriff, 
mich zum Stillstehen zwang und leise eine Melodie, nein, einen 
Rhythmus zu trallern begann. Es klang wie Hufgetrappel. »Kennen Sie 
das?« drang er auf mich ein. Es war der Radetzky-Marsch. Und ich mein- 
te, das Hufgetrappel nahere sich, hochmutiger Fanfarenruf umschmet- 
terte es, und eine »helle, goldige, feinkornige Staubwolke* flimmerte in 
der Sonne, erfullte die graue, nuchterne Vorstadtailee mit einem wogen- 
den Glanz, iiberholte uns, zog dahin, wurde kleiner, kompakter, noch 
einmal blitzte es auf wie von Lanzenspitzen, und dann war es vorbei und 
zu Ende, und nichts mehr bestand von der kostbaren Erscheinung, und 
die Strahlen der habsburgischen Sonne waren erloschen. Als Joseph 
Roth meinen Arm loslieft und das Wort Radetzky-Marsch aussprach, 
drehte er seine Hand herum und streckte sie flach vor sich hin. Mir 
schien aus dem weiften, sehr schon gegliederten, zarten Gebild wunder- 
Iich eine ganze Welt emporzusteigen, ein Riesengestirn der Geschichte 
fuhr auf und iiberschattete diese unsere Mittagsstunde wie der Geist, den 
einst Sindbad der Seefahrer aus dem engen VerliefS der Flasche befreite. 
Benno Reifenberg: Erinnerung an Joseph Roth. In: B. Reifenberg: Licbte 
Schatten. Frankfurt a. M. 1933, S. 205 —214, bier S. 207 f — Siehe aucb 
Kat Nr. 155 

Johann Strauss (Vater) 605 

Op. 228. Radetzky-Marsch. 

Leipzig: Benjamin. Undatiert [um 1925]. 3 S. 

Kopie. — Vorlage: LBI, aus dem Nachlafi von Joseph Roth. Auf d. Titel- 
blatt befindet sich d. Stempel e. Frankfurter Musikalienhandlung. 

Feldmarschall Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky 606 
von Radetz 

Farbphotographie nach einem Gemalde. 

Vorlage: Hellmut Andics: Das osterreichische Jahrhun- 

dert. Die Donaumonarchie 1804—1918. 

Wien, Munchen, Zurich: Molden 1974, S. 90. 



458 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



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79. yoj^/j Roth: Radetzkymarscb. Manuskript, Seite 1 
(Oberschrift von fremdcr Hand) 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 459 

Vom 17. April bis 9- Juli 1932 erschien der Radetzkymarscb als Vorab- 
druck in der ^Frankfurter Zeitung«. Der ersten Folge stellte Roth ein Vor- 
tuort voran: 

Joseph Roth 607 

Vorwort zu meinem Roman Radetzkymarsch. 
In: Frankfurter Zeitung. 76 (1932), 285/286, S. 1. 
JRW4, S. 405-406 

Ein grausamer Wille der Geschichte hat mein altes Vaterland, die oster- 
reichisch-ungarische Monarchic, zertrummert. Ich habe es geliebt, dieses 
Vaterland, das mir erlaubte, ein Patriot und ein Weltbiirger zugleich zu 
sein, ein Osterreicher und ein Deutscher unter alien Osterreichischen 
Volkern. Ich habe die Tugenden und die Vorziige dieses Vaterlands ge- 
liebt, und ich liebe heute, da es verstorben und verloren ist, auch noch 
seine Fehler und seine Schwachen. 

[ . . . ] Ich habe die merkwiirdige Familie der Trottas, von denen ich in 
meinem Buch » Radetzkymarsch* berichten will, gekannt und geliebt, die 
Spartaner unter den Osterreichern. An ihrem Aufstieg, an ihrem Unter- 
gang glaube ich den Willen jener unheimlichen Macht erkennen zu diir- 
fen, die am Schicksal eines Geschlechts das einer historischen Gewalt 
deutet. 

[ . . . ] Aus dem Vergehenden, dem Verwehenden das Merkwiirdige und 
zugleich das Menschlich-Bezeichnende festzuhalten ist die Pflicht des 
Schriftstellers. Er hat die erhabene und bescheidene Aufgabe, die priva- 
ten Schicksale aufzuklauben, welche die Geschichte fallen lafit, blind 
und leichtfertig, wie es scheint. 



Benno Reifenberg an Joseph Roth 608 

Brief. [Frankfurt a. M.] 11. 7. 1932. 1 Bl. ms. Durchschlag 

ohne Unterschrift. 

JRB, S. 221 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg L Ts. 

Lieber Roth, 

der Radetzky-Marsch ist der erste Roman, den ich in der Zeitung in 
Fortsetzungen bis zuende gelesen habe, und ich habe manchmal auf die 
Reichsausgabe gewartet, um die nachste Fortsetzung schon am Abend 
vor die Augen zu bekommen. 

[...] 

Stellen Sie sich vor, dafi mein Roman in der Zeitung zu laufen anfing, als 
er noch nicht fertig war. Und ich muftte, den grausamen Atem der Zeit 



460 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

sozusagen im Nacken und von ihm natiirlich gelahmt, nicht etwa ange- 
feuert, weiterschreiben, dazwischen umbauen, korrigieren und endlich 
einen fluchtigen Schlufi bauen. Inzwischen hat der Hamburger Buch- 
klub das Buch noch fur August gekauft. Ich muft korrigieren und umar- 
beiten, in Einem, jeden Tag ganz grausam acht Stunden und bin dabei 
vollkommen geschwacht und meine Hande zittern. 
JR an Stefan Zweig. Baden-Baden, 7. 8. 1932. - JRB, S. 222 

Der Roman titel »Radetzkymarsch« geht wohl auf einen Einfall von Roths 
Verleger zuruck. Gustav Kiepenheuer berichtet: 

Joseph Roth war der Aristokrat unter meinen Autoren. Er bezeugte ei- 
nem jeden seine Ehrerbietung; seine Stimme erhob sich nie zu einem 
lauten Wort; er war fur jeden da, ohne sich selbst jemals zu verlieren. 
Wenn er in der Dammerung zu mir kam und mit seinen schmalen, wei- 
ften Handen in den Rock griff, um ein blaues Heftchen oder perforierte 
Zettelchen aus einem Notizbuch herauszuholen, so geschah dies mit ei- 
ner gewissen Feierlichkeit und einem Respekt vor der eigenen Arbeit. 
Denn auf diesen Papierchen stand in seiner feinen, gestochenen Schrift 
das Ergebnis des Tages : haufig nur ein einziger Satz, den er langsam, ak- 
zentuiert vorlas. Daran hatte er den ganzen Morgen an einem Marmor- 
tischchen gefeilt und gegriibelt, und aus diesen Papierchen wurde der 
Roman des ehemaligen Osterreichs. 

Und eines Tages gingen wir auf dem Augustus-Platz in Leipzig auf und 
ab und besprachen den Druck des Buches und suchten einen Titel. Als 
ich rief: »Radetzkymarsch«, umarmte er mich, fafite mich am Arm und 
zog mich zu Felsche, den Einfall zu begiefSen. Dann holte er seine flache 
silberne Uhr aus der Weste, offnete den Deckel, ritzte mit einem Ta- 
schenmesser dort das Datum, unsere Namen und »Radetzkymarsch« ein 
und uberreichte sie mir zum Andenken an diese Stunde. Ich trug sie 
stets bei mir, bis sie mir im Krieg verlorengegangen ist, wie Joseph Roth 
selbst. 

Gustav Kiepenheuer: Eine Reverenz vor Joseph Roth. In: Linden, Geddcht- 
nisbuch, S. 40-47, hier S. 41 f. - Siehe auch KatNr. 181 

609 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. Roman, 
Berlin: Kiepenheuer 1932. 582 S. 

JRW 2, S. 9-323 
Leihgabe: K&W 

610 Memorandum of Agreement 

between Gustav Kiepenheuer Verlag, A-G and The 
Viking Press, Inc., »Radetzky-Marsch« — Joseph Roth. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 461 

Verlagsvertrag. Berlin, 21. 10. 1932.. New York, 3. 11. 
1932. Ascona, 24. 10. 1932. 4 Bl. ms. mit Unterschriften. 
Kopie. — Original: LBI 

Auch der Erfolg des »Radetzkymarsch« brachte Roth weder eine finanzielle 
noch eine psych ische Erleichierung. 

[. . .] ich mochte wahrhaftig ein Monch werden. Die Gnade vorausge- 
setzt. — Physisch bin ich auf dem Hund. Ich habe gar kein Geld. Mein 
Vorschufl ist enorm. Ich kann nichts mehr verlangen. Und auch der blo- 
deste Artikel kostet mich 3 Tage. Und (unter uns) die F. Z. hat mich ge- 
beten, nicht viel zu schreiben. Sie kann es einfach nicht bezahlen. — 
(Bitte wirklich unter uns.) — Nun ist es wieder eine Klagemauer. 
JR an Stefan Zweig. Rappersivil am Zurichsee, 18. % 1932. — JRB, S. 228 

Geldlich trotz dem Erfolg miserabel, weil der Verlag kein Geld hat, mir 
den Vorschufi stehn zu lassen. Krank, miefi und alt, bin ich ganz einsam 
und erbarmlich — und irgendwo oben spaziert mein Name, der nicht 
identisch ist mit meiner realen Existenz. 
JR an Albert Ehrenstein, 2% 12. 1932. ~JRB, S 244 

Roth war mit seiner Leistung unzufrieden und versuchte, das Lob seiner 
Freunde abzuschwachen: 

Ich weift, wie ich in diesem Roman gefehlt habe, die Geschichte selbst 
zu Hilfe gerufen, zu schandlicher Hilfe fur meine »Komposition«, scha- 
big war Das und verlogen. Deshalb habe ich so lange daran herumgeba- 
stelt, 2 Jahre, das ist kein Beweis fur Gesundheit, Kraft und Produktivi- 
tat Ja, ich mull Sie um Entschuldigung bitten: Ihr kritischer Sinn hat 
versagt, als Sie meinen Radetzkymarsch lasen. Es ist sehr schmeichelhaft 
fur mich: er hat versagt, weil Sie eine Sympathie fur mich haben. Ich ge- 
be Ihnen mein Wort: Ich verdiene sie nicht, und sie schadet Ihnen. 
JR an Stefan Ziveig. Rappersivil am Zurichsee, 18. 9. 1932. —JRB, S. 228 

Lieber Hans Natonek, Sie beschamen mich doppelt durch Ihre schone 
Kritik: weil ich sie nicht ganz verdiene und weil ich so lange gezogert 
habe, Ihnen fur Ihr Buch zu danken. Entschuldigen Sie diese Saumig- 
keit. Ihre Freundschaft ist eine echte. Sie iibersieht sogar die Fehler in 
meinen Schriften, obwohl sie Augen hat, derlei Fehler zu sehen. 
JR an Hans Natonek. Frankfurt a. M., 14. 10. 1932. -JRB, S. 236 

Benno Reifenberg an Joseph Roth 611 

Brief. [Frankfurt a. M.] 29- 12. 1932. 1 Bl. ms. Durchschlag 

ohne Unterschrift. 

JRB, S. 245 

Leihgabe: Maryla Reifenberg, Kronberg i. Ts. 



462 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Lieber Herr Roth, 

ich hore nichts von Ihnen. Vielleicht horen Sie aber gem diesen Satz aus 
einem Brief von Hausenstein iiber »Radetzky-Marsch«: »Das Buch ist so 
schon, daft man, wie Picard, beim Lesen weinen muft; so schon, daft ich 
nicht wiiftte, was man aus letzter Zeit danebenstellen konnte.« 



Anders als die meisten Freunde Roths urteilte Robert Musil: 

Nach dem Erscheinen des ersten Bandes von Musils Meisterwerk er- 
schien Josephs Roths »Radetzkymarsch«. Als Musil von Berlin nach 
Wien zuruckkam, fragte ich ihn gelegentlich, ob er diesen Roman gele- 
sen habe. 

Er habe es sich vorgenommen, sagte er, sei aber noch nicht dazugekom- 
men. »Liegt Ihnen sehr daran, daft ich ihn lese?« wollte er wissen. »Offen 
gestanden, ja«, sagte ich, »ich mochte gern horen, was Sie so von Monar- 
chist zu Monarchist zu diesem Roman zu sagen haben.« Nach vielen 
Monaten kam er darauf zuriick. Er habe das Buch gelesen, sagte er. Und 
das war alles. Als ich insistierte, fugte er hinzu: »Es ist ein sehr hubsch 
geschriebener Kasernenroman. Halten Sie dieses Buch fur einen bedeu- 
tenden Roman?* — »Muft ein Buch gleich bedeutend sein? Aber >Kaser- 
nenroman< ist etwas zu streng.* [. . .] 

»In seinem >Hiob< ist Roth einmal ein Dichter*, sagte Musil. >Im Radetz- 
kymarsch< ist er es keinmal. Warum schatzen Sie ihn so hoch?« 
Soma Morgenstem: Dicbten, denken, berichten. Gesprdcbe zivischen Roth u. 
Musil In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. (197^), 79, Beii: Bilder und 
Zeiten, S. 4. - Siehe auch Kat.Nr. 199 



Zeitgenossische Rezensionen 

612 Rene Schickele 

Joseph Roth: Radetzkymarsch. 

In: Das Tagebuch. 13 (1932), 49, S. 1913. 

Beantivortung einer R und f rage nach den besten Buchern desjahres: 

Mit diesem Roman hat Roth seinen »Hiob« noch ubertroffen. [. . .] Beim 
» Radetzkymarsch* geht es um das Milieu des sterbenden Osterreich in 
dem, was am meisten osterreichisch war: seinem Offizierskorps. Es ist 
ausgeschopft, wie nur ein Flaubert ein Milieu auszuschopfen verstand, 
und auch die Schreibweise bewegt sich mit einer ahnlichen Getragenheit 
und Strenge. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 463 

Auch Karl Tschuppik halt den »Radetzkymarsch« fur das beste Buch des 
Jabres: 

Ein Werk mit ganz seltenen Vorziigen: es hat die Scham der halben Ge- 
fuhls-Sichtbarkeit; es besitzt mehr Empfindung, als es zeigt. Daher die 
noble Niichternheit des Stils. Die alte Adelswelt Franz Josephs hat nicht 
den Dichter, der Dichter hat die alte adlige Welt Osterreichs nobilitiert. 
Karl Tschuppik: Joseph Roth: »Radetzkymarsch«. In: Das Tagebuch. 13 
(1932), 49, S. 1913 

Ludwig Marcuse 613 

Radetzkymarsch. 

In: Das Tagebuch. 13 (1932), 40, S. 1548-1550. 

Emil Faktor 614 

Radetzkymarsch. 

In: Die Literatur. 35 (1932/33), 4, S. 226-227. 

Ein Roman von Umfang und Inhalt iiber das Thema: Osterreichisch-Un- 
garische Monarchie — von einem Osterreicher geschrieben. Die Weltge- 
schichte ordnet sich dem Esprit unter, die Wirklichkeit zieht sich ohne 
Rucksicht auf ihre Realstrukturen in Stimmungsreize zusammen und 
den Ausschlag gibt die melancholisch einheitliche Erzahlungskunst des 
Autors. Er ist ein geistvoller Erfinder, ein glanzender Darsteller von 
Landschaften, von Stimmungen, von Situationen. Uber Roths Buch hort 
man schwarmende Urteile, seine Auffassung Osterreichs wird debattiert. 
Sein Roman driickt die These aus: Der Untergang der Monarchie war 
unaufhaltsam. Die Person des alten Kaisers hielt zusammen, was ausein- 
anderfallen mufite, als er die Augen schloft. Da das Reich zugrunde ging, 
behalt die Auffassung Joseph Roths, seine Transformation des lebenslu- 
stigen, beinahe fidelen Radetzkymarsches in eine Kassandra-Melodie 
beinahe recht. Norddeutsche Leser sind voll Lob und machen das Be- 
kenntnis: wir hatten keine Ahnung, wie nahe die schwarz-gelbe Monar- 
chie dem Untergang war. Kenner der osterreichisch-ungarischen Monar- 
chie hatten sehr wohl eine Ahnung, aber die umschattete, prinzipiell dii- 
stere These Roths weckt ihren Widerspruch. Die Sukzessionsstaaten der 
Monarchie ringen schwer um ihre Existenz, und fast jeder einzelne wiir- 
de sich in einem Foderativstaat wohler fiihlen. Er war noch mitten im 
Weltkrieg zu schaffen. Das wissen die Politiker und die Volker. Soviel 
Untergangsstimmung, als die Schilderung Roths aushaucht, war nie vor- 
handen. 

[. . .] man hat sehr viel Anlafi fur Roth zu zeugen. Man erhofft von seinen 
Fahigkeiten einen Aufstieg, der iiber Stimmungsregie hinauswachst. . . 
melancholische Auffassung unterbindet stoffliche Uberlegenheit. 



464 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Hermann Hesse kommt an f Joseph Roths »Radetzkymarsch« im Zusam- 
menhang seiner Kritik von Robert Musi Is Roman »Der Mann ohne Eigen- 
schaften« zu sprechen: 

673 Hermann Hesse 

»Der Mann ohne Eigenschaften«. 1933. 

In: Hermann Hesse: Schriften zur Literatur. Bd. 1. 2. 

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972, Bd. 2, S. 470-471. 

Erstveroffentlichung in : Neue Zurcher Zeitung. 29. 1. 

1933. 

[...] 

Der grofie Roman, dessen erster Band vor mehr als einem Jahr erschien, 
hat einen der klarsten und originellsten Manner der heutigen deutschen 
Dichtung zum Autor, und zugleich einen glanzenden Stilisten. Er hat im 
Grunde denselben Gegenstand wie Joseph Roths »Radetzkymarsch«, 
aber wahrend Roth in einer virtuosen, bewundernswert neutraien Objek- 
tivitat die Menschen des Osterreich von 1914 wie arme Marionetten in 
ihren Untergang schlendern lafk, interessiert und gewinnt uns Musil fur 
seinen Helden, der nicht einen Typus vertritt, sondern ganz erlebte, ein- 
malige Personlichkeit ist. [. . .] 

616 Karl A. Kutzbach 

Joseph Roth. Radetzkymarsch. 

In: Die neue Literatur. 34 (1933), 3, S. 143. 

Leihgabe: StuUB Frankfurt a. M. 

Beispiel einer Kritik von rechts: 

In diesem Familienroman [. . .] klingt jenes ohnmachtige Enkelgefuhl an, 
das so stark aus einigen Gedichten Rilkes spricht, und die spatherbstli- 
che Grundstimmung des Werkes erinnert an Jens Peter Jacobsens ge- 
dampfte und doch empfindungsstarke Schwermut uber die sinnlosen 
Schonheiten dieser Welt [. . .] Es ist bezeichnend, dafi in dieser sehr 
menschlichen Schilderung eines Sichtreibenlassens und der allmahli- 
chen Auflosung so wenig wie ein kraftvoll zielbewufker Wille wahrhaft 
mutterliche und madchenfrische Gestalten vorkommen, die auf Wer- 
dendes hoffen lassen; Geschichte wird hier ganz als Vergehen und Ver- 
wehen erlebt. 

617 Gabriel Marcel 

»La marche de Radetzky* par Joseph Roth. 

In: I/Europe nouvelle. 17 (1934), 850, S. 539-540. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 465 

[. . .] Mais il est rare que ces livres allemands d'apres guerre soient a pro- 
prement parler des oeuvres d'art; ce sont en general des documents hu- 
mains d'une valeur irrecusable, mais auxquels le style proprement dit fait 
trop souvent defaut. 

Ce qui assure a la Marche de Radetzky un rang insigne dans toute cet- 
te production, c'est que precisement Tauteur est essentiellement un ar- 
tiste. Notons tout de suite qu'il est Autrichien, et que sa mere etait une 
juive russe. Par certains cotes, c'est aux romanciers slaves qu'il s'apparen- 
te; par d'autres, nous le sentons tres proche de nous, et surtout par un 
don plastique et un gout de l'ordonnance claire, harmonieuse du recit 
qui se rencontrent bien rarement outre-Rhin. [. . .] 
S'il y a une epithete qui caracterise mieux qu'une autre le chef-d'oeuvre 
de Roth, c'est celle de crepusculaire. Ce n'est pas seulement l'histoire du 
declin d'un monde — celui de la monarchic habsbourgeoise; tout le livre 
baigne dans une lumiere vesperale. Une inexprimable tristesse s'en de- 
gage; tristesse d'autant plus profonde que l'auteur s'est abstenu de toute 
rhetorique et meme, sauf dans quelques dialogues, de toutes considera- 
tions sur la tragedie qui est au centre meme de son recit. 
[. . .] J'ai insiste longuement sur toute cette premiere partie du livre parce 
qu'elle en fixe merveilleusement la tonalite a la fois mineure et bemoli- 
see; c'est dans certaines ceuvres de musique de chambre de Johannes 
Brahms qu'on en trouverait l'equivalent musical le plus exact. Derriere 
une austerite presque militaire, on y discerne les tremblantes delicates- 
ses, les frileuses inflexions d'une ame qui tente de se fuir elle-meme 
parce qu'elle se connatt trop bien et qu'elle se blesse. . . 

[. . .] 

Oui, plus j'y songe, plus la Marche de Radetzky m'apparatt comme une 
des ceuvres les plus fortes, les plus chargees de memoire et de musique 
que nous ait donnees la litterature europeenne d'apres guerre. 

Georg Lukacs 618 

»Marsch Radetzkowo*. 

In: Literaturnaja gazeta. Moskau, 15. 8. 1939- 

Deutsche tlbersetzung von Maria Enberg. 

In: Fritz Hackert: Kulturpessimismus und Erzahlform. 

Studien zu Joseph Roths Leben und Werk. 

Bern: H. Lang 1967, S. 147-151. 

(Europaische Hochschulschriften. Reihe 1, Nr. 5.) 

Der »Radetzkymarsch« ist ein Buch, in dem der Zusammenbruch der 
nicht mehr lebensfahigen Monarchic Osterreich-Ungarns geschildert 
wird, ein bedeutender Roman, in dem die wichtigsten sozialen Faktoren 
des Untergangs eine abgeschlossene kunstlerische Verkorperung in den 



466 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Einzelschicksalen der dargestellten Personen des Romans gefunden ha- 
ben. Die Menschen sind lebendig gestaltet und gut charakterisiert 
Natiirlich schildert Roth lange nicht alle Faktoren des Zusammen- 
bruchs. Wenn man an die bekannte Definition Lenins denkt, wie er die 
revolutionare Situation schildert, dann miiftte man sagen: Roth zeigt, daft 
die regierenden Klassen Osterreich-Ungarns nicht mehr nach alter Art 
leben konnen. Daft jedoch die unterdriickten Klassen nicht mehr nach 
der alten Art leben wollen, darauf weist Roth iiberhaupt nicht hin, davon 
spricht er nur nebenbei. Dieser anscheinende Faktor des heranreifenden 
Zusammenbruchs dient bei Roth bestenfalls als Hintergrund, keinesfalls 
aber als Haupttriebfeder der Handlung. Und dennoch, trotz der bewuft- 
ten Einseitigkeit der Darstellung, liegt in ihr der Mittelpunkt des heran- 
reifenden Niedergangs. Die von Roth in den Mittelpunkt der Handlung 
fiir die osterreichisch-ungarische Monarchic gestellten Personen (Offizie- 
re und Beamte) haben eine weit groftere Bedeutung als fiir die anderen, 
einheitlich nationalen Staaten. [. . .] 

Auf die wirtschaftliche Notwendigkeit, die historisch das Entstehen der 
osterreichisch-ungarischen Monarchic bedingte, darauf geht er gar nicht 
ein. Ebensowenig riihren den Autor auch die sozialen Tendenzen, die 
unvermeidlich zum Sturz fuhrten. Es ist richtig: er empfindet es, daft der 
Zusammenbruch durch das Streben der Volker zur Selbstbestimmung 
hervorgerufen wurde, aber er versteht diese Bestrebungen schlecht, denn 
sein Herz ist ja auf der Seite der untergehenden Monarchic 

[■■■] 

Bemerkenswert ist auch folgendes: der grofte kiinstlerische Wert dieses 
Werkes ist, wenn er auch nicht aus der ideologischen Schwache des 
Autors hervorgeht, so doch damit stark verbunden. Hatte Roth nicht sei- 
ne Illusionen, so hatte es ihm kaum gelingen konnen, so tief in die Welt 
seiner Beamten und Offiziere hineinzublicken und so voll und ganz und 
wahrhaftig den Prozeft ihres sittlichen und sozialen Verfalls darzustellen. 
Roth ist ein Schriftsteller-Realist von auftergewohnlichen Fahigkeiten. 
Indem er die personlichen Schicksale seiner Helden schildert, dringt er 
mit einer Tiefe und Realistik in deren Psychologie ein, daft hinter ihren 
personlichen Handlungen und Erlebnissen der ganze soziale Hinter- 
grund zum Vorschein kommt und die Psychologie der Untergangsperio- 
de des Reiches hervortritt. 

[•■■] 

Wir wiederholen: Roth bringt die Geschichte des Zusammenbruchs des 
Reiches nicht voll und ganz. In dieser Beziehung laftt sich der Roman 
von Roth nicht mit dem Zyklus der Romane von Arnold Zweig verglei- 
chen. Aber das ist keine Geringschatzung des kiinstlerischen Wertes und 
der Lebensechtheit alles dessen, was er darstellen wollte und konnte. 
Sein Werk ist eines der kunstlerisch geschlossensten und uberzeugend- 
sten der neueren deutschen Literatur. In diesem Buch ist mit einer star- 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 467 

ken kunstlerischen Kraft eine sehr wichtige Etappe der Vorgeschichte 
zum ersten imperialistischen Krieg ausgefiihrt. 

Dam it kommt Roths Werk dem dam a Is von Lukdcs propagierten »kriti- 
schen Realism us« nahe. 
Ahnlicb E C Weiskopf: 

In diesem Roman von vollendet meisterhafter Komposition und beriik- 
kend schoner Sprache ist das Bild einer ganzen Epoche wie in einem kri- 
stallenen Spiegel aufgefangen. Nichts bleibt abstrakt in dieser Geschich- 
te vom Ende des alten Osterreich; alles ist zu greifen, zu fiihlen, zu 
schmecken, zu riechen; alles ist gewachsen, nichts erscheint kunstlich. 
Hier ist verdichtetes Leben zu lebendiger Dichtung geworden. Die Ent- 
wicklung und der Untergang einer Gesellschaft werden uns in den 
Schicksalen Einzeiner offenbar; die grofien Ereignisse haben ihren Nie- 
derschlag in personlichen Erlebnissen; das historische Geschehen ist 
»vermenschlicht« und wird so im besten und tiefsten Sinne interessant 
E C Weiskopf: Abscbiedssymphonie. In: Die neue Weltbuhne. 33 (1939), 
24, S. 760-762, hier S. 761. - Siehe auch Kat.Nr. 540. 



ERZAHLUNGEN 

Joseph Roth 619 

Stationschef Fallmerayer. 

In: Novellen deutscher Dichter der Gegenwart. 

Hrsg. von Hermann Kesten. 

Amsterdam: Allert de Lange 1933, S. [279] — 309- 

JRW3, S. 123-145 

Joseph Roth 620 

Triumph der Schonheit 

Typoskript mit eigenhandigen Korrekturen, 1934? 4 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

Joseph Roth 621 

Triumph der Schonheit. Novelle. 

In: Pariser Tageblatt Nr. 510 — 518 (6. 5.-14. 5. 1935), S. 

4;Nr. 516, S. 6. 

JRW3, S. 146-171 



468 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

Zuvor in franz. Ubers. von Blanche Gidon 

in: Nouvelles litteraires. 1., 8., 15. u. 22. 9- 1934. 

[ . . . ] Si les femmes trouvaient que ma nouvelle est hostile envers elles, 
je le regretterai beaucoup. Parce que ce n'est pas la haine contre les fem- 
mes — c'est simplement ma conviction que la femme trouvante un 
homme incapable de l'aimer a sa facon devient un jour l'objet du Diable. 
Eh, voila un titre juste pour mon pauvre conte: Der Teufel reitet die 
Frau Gwendolin. Comme titre impossible, naturellement. { . . . ] 
JR an Blanche Gidon. Marseille, 14. 6. 1934. - JRB, S. 337 



622 Joseph Roth 

Die Biiste des Kaisers. 
Manuskript [AuszJ, 1934? 13 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

623 Joseph Roth 

Die Biiste des Kaisers. 

In: Pariser Tageblatt. Nr. 592-597 (27. 7.-1. 8. 1935), S. 

4; Nr. 593, S. 6. 

JRW 3, S. 172-192 

Zuvor in franz. Ubers. von Blanche Gidon 

in: 1934. Paris, Dez. 1934. 



DIE KAPUZINERGRUFT 

624 Joseph Roth 

Die Kapuzinergruft. 
Typoskript [Ausz.] 5 Bl. 

Kopie. — Original: LBI 

625 Joseph Roth 

Abb. 80 Die Kapuzinergruft. Roman. 

Bilthoven: De Gemeenschap 1938. 231 S. 
JRW2, S. 863-982 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



469 




80. 



470 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Der Held, der junge Trotta, schildert sein Milieu: 

[ . . . ] Ich lebte in der frohlichen, ja ausgelassenen Gesellschaft junger 
Aristokraten, jener Schicht, die mir neben den Kunstlern im alten Reich 
die liebste war. Ich teilte mit ihnen den skeptischen Leichtsinn, den 
melarit:holiHche-n Fufwits, die Suridhifte Fahrlassigkcit, die hothrniitigc- 
Verlorenheit, alle Anzeichen des Untergangs, den wir damals noch nicht 
kommen sahen. Uber den Glasern, aus denen wir iibermiitig tranken, 
kreuzte der unsichtbafe Tod schon seine knochigen Hande. Wir 
schimpften frohlich, wir lasterten sogar bedenkenlos. Einsam und alt, 
fern und gleichsam erstarrt, dennoch uns alien nahe und allgegenwartig 
im grofien, bunten Reich lebte und regierte der alte Kaiser Franz Joseph. 
Vielleicht schliefen in den verborgenen Tiefen unserer Seelen jene Ge- 
wiftheiten, die man Ahnungen nennt, die GewifSheit vor allem, dafi der 
alte Kaiser starb, mit jedem Tage, den er langer lebte, und mit ihm die 
Monarchic, nicht so sehr unser Vaterland wie unser Reich, etwas Grofte- 
res, Weiteres, Erhabeneres als nur ein Vaterland. [ . . . ] 
S. 17 f. -JRW2,S.871 

626 Die Kapuzinergruft 

ein osterreichisches Nationaldenkmal. 

(Wien: Gesellschaft zur Rettung der Kapuzinergruft 

1959.) 28 S. mit Abb. 

Aufgeschlagen S. 26 u. 27: Abbildungen vom Sarkophag 

Kaiser Josephs I. 

Abb. 28: Lorbeerbekranzter Totenkopf mit Fledermaus- 

fliigeln auf einem Knochenkreuz. 

Abb. 29: Tod im Harnisch, mit hochgeschlagenem Visier. 

Aus Hans Natoneks Nachruf auf Roth: 

Roths Monarchismus und Konservativismus, der im »Radetzkymarsch« 
und im schwacheren Nachfolger dieses Meisterwerks, in der » Kapuzi- 
nergruft*, das Epos des alten Osterreichs geformt hat, miindet in ein 
schattenhaftes Vergehen der Letzten aus dem Geschlecht der Trotta, die 
Slowenen sind, aber gute Osterreicher. Es ist ein Roman ohne Ausweg, 
ohne Ausblick, es sei denn in eine Gruft. Nach einem solchen Buch 
schreibt man schwerlich noch eines. 

Hans Natonek: Joseph Roth. In: Die neue Weltbuhne. 35 (1939), 22, S. 
680-683, hier S. 683. - Siehe auch Kat.Nr. 533 

627 Joseph Roth 

Photographic Um 1938. 
Geschenk: WDR 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 471 



Zeitgenossische Rezensionen 

L[udwig] M[arcuse] 628 

Joseph Roths Roman vom Untergang der kaiserlich-ko- 
niglichen Monarchic 
In: Die Zukunft. 2 (1939), 10, S. 7. 

Ein stiller, feierlicher, wehmiitiger Nachruf. Wo habe ich nur diese Trau- 
erklange schon vorher gehort? Wo habe ich nur diese Schatten schon 
vorher gesehen? Dieser Leichenfeier wohnte ich doch schon bei, als es 
noch gar keine Leiche gab? Joseph Roth hat sein Land Oesterreich 
schon lange vor dem Hinscheiden betrauert. 

Die letzten zwanzig Jahre. Im Mittelpunkt der Geschichte, wie im »Ra- 
detzkymarsch«, ein Mann aus dem Geschlecht der Trottas. Fiinfter Akt. 
Trottas Abgangs-Monolog. Ganz leise erzahlt Einer, wie er sein Leben 
gestorben hat: Vorher, damals, noch in der heiteren Zeit, im Krieg und 
Nachher — bis zum Einbruch der Teufel. Die Trauer ist sammetweich. 
Die Farben auf dem Umschlag des Buches: das Gelb und das Schwarz, 
vermitteln nur schlecht die Flora dieses Romans; es sind Roths Farben 
— aber sein Gelb ist nicht so giftig und sein Schwarz ist nicht so duster. 
Roth ist ein heiterer Melancholiker, weil er von der Menschheit nichts 
halt und die Menschen liebt. 

[...] 

Ist dieser Trotta und sein Freundeskreis und seine Mutter und seine 
Frau die selige kaiserliche und konigliche Monarchie? Ist das Abbild 
portratahnlich? Man kann dies in Kurze nicht beantworten. Aber zu 
welchem Resultat auch der Leser kommen wird, er wird von diesem 
schonen Gegenstuck des »Radetzkymarsch« wahrhaft erbaut sein. Es 
gibt eine Erbauung, die liegt jenseits der theologischen Allegorie: in der 
Reinheit des Worts, in der Schonheit des Worts, in der Kraft des Worts. 
Diese heilige Dreieinigkeit ist in diesem schonen Buch. 



Ffranz] C[arl] Weiskopf 629 

Totentanz. 

In: Die neue Weltbuhne. 35 (1939), 19, S. 589-593. 



Der Umschlag dieses Buches ist in den Farben des Hauses Habsburg ge- 
halten: Schwarz und Gelb, Tod und Schwefel. Eine Landkarte des alten 
Osterreich, gewissermassen die Photographie eines Verstorbenen, und 
der Leichenzug von Assoziationen, den der Romantitel heraufbe- 
schwort, erwecken im Leser, noch bevor er das Buch aufgeschlagen hat, 
eine Art Trauerhausstimmung, und dieser erste Eindruck wird im Laufe 



472 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



der Lektiire zum herrschenden, zum endgiiltigen. Ein Geruch von wel- 
kenden Blumen, von abgestandenem Weihrauch, von verregnetem 
Friedhof entstromt den Seiten; eine makabre Welt tut sich vor uns auf, 
wachsfigurenhaft wie die Runde im Cafe am Jardin du Luxembourg. Am 
liebsten wiirde der Rezensent seine Besprechungen mit einem Trauer- 
rand versehen lassen: um dem Lebens-, vielmehr dem Todesstil eines 
Buches gerecht zu werden, das nicht nur nach einer Gruft heisst, son- 
dern auch einer Gruft gleicht . . . und weil er Abschied nehmen musste 
von vielem, was ihm einst, in friiheren Werken Joseph Roths, lieb und 
teuer gewesen ist. 

[...] 

Im »Radetzkymarsch« war die altosterreichische Welt wie in einem kost- 
lich geschliffenen Kristall gespiegelt Da gab es keinen Bruch, keinen 
falschen Ton, keine falsche Farbe; da war nichts »gemacht«, alles »ge- 
wachsen* (die Menschen, die Situation, das Milieu), wie Pflanzen wach- 
sen. Alle Moglichkeiten, die das Thema bot, waren mit vollendeter Mei- 
sterschaft ausgeniitzt. [ . . . ] Ganz verschwunden ist die schone Dreistig- 
keit friiherer Rothscher Fabeln; dahin die bewundernswerte Okonomie 
der Sprache; verloscht die Lebenswarme der Gestalten. Roth fiihrt uns 
in ein Schattenreich — ein Eindruck, der noch dadurch verstarkt wird, 
dass Figuren und Lokalitaten aus friiheren Romanen wiederauftauchen, 
allerdings nur schemenhaft, wie im Voriibergleiten. 
Der Hauptheld (zugleich der Erzahler) ist, wie im »Radetzkymarsch«, ei- 
ner aus dem Geschlecht der Trotta; Leutnant wie dieser (sein Vetter), 
auch er Letzter einer Linie seines Geschlechtes. Doch der Leutnant 
Trotta des »Radetzkymarsches« war eine tragische Figur, iibergossen 
vom Charme bittersiisser Melancholie; der Leutnant Trotta der »Kapuzi- 
nergruft* ist nur ein sentimentaler Deklassierter, ein billiger Mystiker, 
ein ressentimentvoller Schlemihl. 

[ . . . ] Die Episoden fiigen sich zu keinem grosseren Ganzen zusammen; 
man hort die melancholische Klage eines jener osterreichischen Raun- 
zer, die gestrandet sind, bevor sie recht in See stachen; die Ereignisse 
nehmen keine festen Umrisse an, der Hintergrund bleibt neblig. Der 
Text auf der Umschlagsklappe verkundet, dass »der Anschluss fur Trotta 
unerwartet* kommt. Nicht nur fur Trotta, auch fur den Leser, der fast bis 
zur letzten Seite nichts von den Veranderungen der Welt erfahren hat, 
in die Trotta nach dem Kriege heimkehrt. 
Der Untergang des neuen Osterreich bleibt vollig ungestaltet. 

[•••] 

Wird es fur die Kunst Joseph Roths einen neuen Morgen geben? Wir 
konnen die Frage nicht mit einem Ja, wir mochten sie nicht mit einem 
Nein beantworten. Der Weg, den er in den letzten Jahren beschritten 
hat, der Weg in die Legende, in die Mystik, in eine kummerliche Irreali- 
tat fiihrt nur in tieferes Dunkel. [ . . . ] 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 473 

Franz Theodor Csokors Nachruf auf Roth schliefit mit einem Hymn us a uf 
die »Kapuzinergruft«: 

[■■■] 

Und zum fiinftenmal bin ich dir wieder begegnet, zwar nicht leibhaftig, 
aber trotzdem naher als je: wie ich deine »Kapuzinergruft« las. 
Man hat an diesem Roman, deinem letzten, von der politischen Einstel- 
lung an, manches bemangelt, und soweit es das Technische traf und die 
prazise Beherrschung der Handlung, mochte man mitunter recht gehabt 
haben, trotzdem bleibt dieses Buch dein person! icbstes, we'd es dein scbmerz- 
lichstes ist! 

Gewift mag auch schon Verfall darin geistern, doch es scheint, als sei 
eben deshalb das Dichterische darin umso klarer, getautert worden zum 
Ding an sich. Die ideologische Brauchbarkeit einer Arbeit macht ja 
noch nicht ihren wirklichen Wert aus, und selbst die asthetische Lust an 
einem gelungenen Wortbild vermehrt damit nicht ihre Wesentlichkeit. 
Das bewirken allein die Gestalten, genahrt mit dem Blut und der Qual 
ihres Schopfers. Und wo fande ich in deinen iibrigen Biichern eine von 
solcher Helle erfiillte, wie sie die Mutter der »Kapuzinergruft« auf ihrem 
Scheitel tragt? 

Ja, ein Buch voll Tod und dennoch dem Leben, um das wir Versprengte 
nun kampfen, am nachsten; einem Leben, das weifi, wie sehr wir mit- 
schuldig waren an allem, was uns heute begegnet, weil jede Schuld erst 
im einzelnen anhebt. Aber auch die Erlosung, auf die wir warten, auch 
sie fangt wieder im einzelnen an, der sich durch Leid gereinigt hat. 
Du gabst uns ein Beispiel dafiir, Joseph Roth! 

Franz Theodor Csokor: Ein Abschiedswort. In: Die Osterreichische Post. 1 
(1939), 13/14, S. 3. - Siehe auch Kat.Nr.)32. 



DIE GESCHICHTE VON DER 1002. NACHT 

Joseph Roth 630 

Die Frau Matzner [Die Geschichte von der 1002. Nacht, 

Ausz.] 

Typoskript. 4 S. 

Kopie. — Original: LBI 

Joseph Roth 631 

Die Geschichte von der 1002. Nacht. Roman. Abb. 81 

Bilthoven: De Gemeenschap 1939- 240 S. 

JRW 2, S. 983-1148 



474 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

632 Joseph Roth an Barthold Fles 

Brief. Amsterdam, 10. 11. 1936. 
1 Bl. ms. mit Unterschrift. 

Kopie. — Original: LBI 

Rotb gibt Fles »eine Option von 6 (seeks) Monaten fiir das Placieren« seines 
Romans »Die Geschiebte von der 1002. Naebt«, an dem a He Rechte dem 
Alitor gehoren. 

Zu diesem Roman xvaren keine zeitgendssiscben Rezensionen zu ermttteln. 
Wahrscheinlich steht dies im Zusammenhang mit der Tatsache, dafi ver- 
muilich ein Grofiteil von »Die Geschiebte von der 1002. Nacht« vom Verlag 
De Gemeenscbap, Biltboven, beim Einrucken der deutschen Truppen im 
Mai 1940 verniebtet worden ist. Hierzu Hermann Linden im Vorwort zu 
dem von ihm herausgegebenen »Geddcbtnisbucb«: 

Mit ganz besonderer Freude erfiillte es mich, dafl ich, wofiir gar keine 
Hoffnung vorhanden gewesen war, sogar die grofiartig erzahlte »Ge- 



J O S EPH R O TH 

DIE GESCHICHTE 
VOTsf DER 

1002fJACHT 

..4 : -;;r6man.. 




DE GEMEENSCHAP .- BTLTHOVEN 



81. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 475 

schkhte von der Tausendundzweiten Nacht«, die Roth auf der Hohe sei- 
nes glanzvollen Konnens zeigt, in Holland aufspiiren konnte: ein 
Roman, der als verschollen gilt, da beim Einriicken der deutschen Trup- 
pen die Gesamtauflage vernichtet worden sein soil. 
Hermann Linden: Vorwort des Herausgebers. In: Linden, Geddcbtnisbuch, 
S. 7-11, tier S. 9f. 

Und nach dem »Hiob« erscheint sogleich der »Radetzkymarsch«, einer 
der pessimistischsten Romane, stellenweise nihilistisch, ganz irreligios, 
dessen Doppelheld das sterbende Osterreich und sein nihilistischer 
Leutnant Trotta ganz in der alten atheistischen Tradition jenes Dichters 
liegen, als dessen Schuler Roth sich immer bekannt hat, namlich von 
Flaubert. Das Ende der »Legende vom heiligen Trinker* oder vom »Ra- 
detzkymarsch« oder vom letzten Roman Roths, der zu seinen Lebzeiten 
veroffentlicht wurde, der »Kapuzinergruft« (welch offenherziger Titel: 
Die Gruft!), ist in bezug auf den vollkommen glaubenslosen Pessimis- 
mus des Lebensresumes, dem Ende der ^Education Sentimentale« von 
Flaubert durchaus ebenbiirtig. 

Hermann Kesten: Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker. In; Mafi 
und Wert 3 (1939/1940), 1, S. 131-139, hier S. 13% - Siehe auch 
Kat.Nr. 516 



Zeitkritische Romane des Exils 



TARABAS 

[ . . . ] Glanzender Stoff, fern von Dtschld. aber mit deutlicher Beziehung 

dazu, spielt im ostlichen Grenzland. Par discretion; 

St. Julien 1'hospitalier auf modern, statt der Tiere: Juden, und zum 

Schluft die Entfuhrung. 

Sehr katholisch. 

Ich habe den ganzen Stoff in einer ukrainischen Zeitung gefunden. Er ist 

ganz vollendet. 

JR an Stefan Ziveig, Paris, 22. 5. 1933. - JRB, S. 265 



Neuerscheinungen 633 

Amsterdam: Querido 1933. [6] Bl. 

Enthdlt eine Anzeige von Joseph Roths »Tarabas« mit Inhaltsangabe. 



476 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



634 Joseph Roth 

Abb. 82 Vater und Sohn (Tarabas, Ausz.) 

In: Die neue Weltbiihne. 30 (1934), 19, S. 584-585. 

635 Joseph Roth 

Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde. Roman. 
Amsterdam: Querido 1934. 287 S. 

JRW2, S. 325-472 

636 Unsere Biicher 

Amsterdam: Querido 1934—1935. [10] Bl. 

Zeigt Joseph Roths »Tarabas« mit Auszugen aus zwei Besprechungen an. 




82. Joseph Roth: Vater und Sohn (Tarabas, Ausz.) 
In: Die neue Weltbuhne. 10. Mai 1934 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 477 

Zeitgenossische Rezensionen 

Ludwig Marcuse 637 

Ein Gast auf dieser Erde. 

In: Das Neue Tage-Buch. 2 (1934), 19, S. 451-452. 

Joseph Roths neuer Roman * Tarabas* [ . . . ] hat den Untertitel »Ein Gast 
auf dieser Erde.« Alle Romane Roths hatten diesen Untertitel tragen 
konnen. Der dichtende Erdengast Joseph Roth schildert immer wieder 
jenen »Fremdling«, der nur denen fremd bleibt, die ihr Leben lang in ir- 
gendeine Gier, eine grobe oder feine, eine alltagliche oder seltene einge- 
sperrt sind. Sein jiingster Fremdling heiftt Tarabas. 

[...] 

Das Buch »Tarabas« fangt den Leser durch einen siiften Ton aus melan- 
cholischer Resignation, Hoflichkeit und kiihlem, blankem Vorbehalt. 
Der heilige Tarabas will den profanen Menschen nicht zur Heiligkeit 
verfuhren. Er ist zu Beginn wie zum Schluft in der gleichen unnahbaren 
Distanz vom Leser. Roth hat — trotz seiner moralisch-religiosen Gliede- 
rung »die Priifung*, »die Erfiillung*, — als Zuschauer, nicht als Beteilig- 
ter die Bekehrung eines Saulus dargestellt. [ . . . ] 

Roths Wort-Orchester ist verdeckt. Er zeigt immer weniger die Men- 
schen als vielmehr die Legenden der Menschen. Und die Legende vom 
wilden, furchtbaren, stolzen Herrn Tarabas, der am Ende seines Lebens 
als unerkannter Bettler an der Pforte seines elterlichen Hauses einen 
Teller Suppe loffelte und der nicht sterben konnte, ehe nicht ein kindi- 
scher alter Jude ihm das ausgerissene Biischel roter Barthaare verziehen 
hatte — diese jiingste Legende Roths ist von einer Reinheit der Sprache, 
daft der unverdorbene deutsche Leser wohl spiiren kann, wo die Heilig- 
keit des skeptischen »Tarabas«-Dichters liegt. 



Hermann Hesse 638 

»Tarabas«. 1934. 

In: Hermann Hesse: Schriften zur Literatur. Bd. 1. 2. 

Frankfurt a. M: Suhrkamp 1972, Bd. 2, S. 542-543. 

Erstveroffentlichung in: National-Zeitung, Basel. 6. 5. 

1934. 

Joseph Roth hat immer die Welt am Rande der Ordnung geliebt, die 
Welt der Fliichtlinge oder Ausgestofienen, der nicht Einzuordnenden, 
der Verfolgten und der Verbrecher, der Triebmenschen und Heimatlo- 
sen. Und nun hat er — eines seiner schonsten Biicher — diese Ballade 
vom Oberst Tarabas erzahlt, dem russischen Gutsbesitzerssohn, der 



478 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



schon fruh ins Abseitige und Gefahrliche geriet und das Verbrechen 
streifte, den dann der grofte Krieg scheinbar wieder einordnete und reha- 
bilitierte, der Major und Oberst wurde und sich gar nicht darein finden 
konnte, als der Krieg zu Ende war. [ . . . ] 

Ich weift nicht, ob diese balladenhaft erzahlte Legende vom Obersten 
Tarabas ihre Herkunft aus einer Wirklichkeit hat, ob es (wie das Buch 
fingiert) einen Mann dieser Art irgendwo im groften Rutland und im 
Chaos des Krieges und Nachkrieges gegeben hat oder ob alles des Dich- 
ters Spiel und Erfindung ist. Es kommt nicht darauf an. Die Dichtung ist 
echt. Sie hat etwas Starres und derwischhaft Monomanisches, etwas Be- 
sessenes und Verhextes; manchem wird sie vielleicht grafilich scheinen. 
Aber es ist eine echte Dichtung und wenn sie am Rande der menschli- 
chen Ordnungen spielt und einen Hang zum Chaotischen und Wilden 
hat, so reicht sie dafur ein Stuck weit in die hoheren Ordnungen hin- 
iiber, dorthin, wo es Bufie und Heiligung gibt. 

Aus Joseph Roths Dank an Hermann Hesse, den er in einem spateren Brief 
als »Dichter meiner J ugend* bezeichnete (JR an Hermann Hesse. Brussel, x 
7. 1937. -JRB,S.49>): 

Hochverehrter Herr Hermann Hesse, 

ich lese heute zufallig in der »Basler National Zeitung* vom 6. Mai die 

ehrenden Zeilen, die Sie iiber mein Buch geschrieben haben. Erlauben 

Sie mir, einem Jiingeren, der Ihre Biicher schon in seiner Knabenzeit 

verehrt hat, Ihnen von Herzen zu danken und Ihnen zu sagen, eine wie 

grofle, ehrenvolle Freude ein Lob aus Ihrer Feder bedeutet. 

[...] 

JR an Hermann Hesse. Paris, 18. x 1934. - JRB, S. 329 



639 Felix Bertaux 

»Tarabas« von Joseph Roth. 

In: Die Sammlung. 1 (1933/34), 11, S. 594-598. 



»Anarchie« — das Wort ist ausgesprochen, muG ausgesprochen werden 
angesichts dieses Romans, angesichts von alien Romanen Roths viel- 
leicht. Aber das ist merkwurdiger Weise eine iiberaus gelehrte, zugleich 
spontane und reflektierte, unuberwindliche und doch nach den Zwek- 
ken der Kunst geleitete Anarchie; das ist eine Kunst, der kein Raffine- 
ment des Morgen- und des Abendlandes fremd ist, und die noch den ge- 
meinsamen Grund beider, das am wenigsten Greifbare, Berechenbare 
beriihrt. 

[...] 

Seite 591 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 479 

Werner Turk 640 

Legende vom reuigen Soldaten. 

In: Die neue Weltbuhne. 30 (1934), 22, S. 694-695. 

[ . . . ] Dieses Buch fasciniert zwar durch die zwingende Kraft der Men- 
schendarstellung, durch die Sicherheit und Mannigfaltigkeit der Farben- 
gebung und durch die Musikalitat einer Sprache, die der zartesten seeli- 
schen Schwingung zum Ausdruck verhilft, aber es enttauscht durch die 
Sparlichkeit und Lockerheit der Beziehungen zu unserer Zeit. Es ent- 
spricht nicht dem Bediirfnis des heutigen Lesers, der unserer Zeit ratlos- 
ringend gegenubersteht und in den Buchern das chaotische Leben gei- 
stig durchdrungen und kunstlerisch geordnet sehen will. Roth bietet die- 
sem Leser keinen Stutzpunkt, er erschliefit ihm keinen Ausweg. Denn 
Roth ist dem Seienden und Werdenden nicht verhaftet. Er wurzelt im 
Vergangenen. [ . . . ] 

Es ist iibrigens kein Zufall, daft Roth den geschichtlichen Vorgangen un- 
serer Zeit nur eine untergeordnete Rolle zubilligt Denn fur ihn ist das 
Drama seines romantischen Helden von entscheidender Wichtigkeit 
» Tarabas* ist kein Buch unserer Zeit und fur unsere Zeit Es ist eine un- 
bestreitbar schon erzahlte Heiligenlegende in neuzeithcher Drapierung. 



F[ranz] C[arl] Weiskopf 641 

Auf der Flucht ohne Ende. 

In: Neue Deutsche Blatter. 1 (1933/34), 10, S. 642-644. 

[...] 

Roths jiingster »Bruder«, der Oberst Nikolaus Tarabas, der uns schon auf 
dem Titelblatt des nach ihm benannten Romans als »Gast auf dieser Er- 
de« vorgestelk wird, tragt die gleichen Zuge wie der Heimkehrer aus 
»Hotel Savoy«, wie der Oberleutnant aus »Flucht ohne Ende*, wie der 
Enkel des Helden von Solferino aus »Radetzkymarsch«. Er ist eine Mi- 
schung von ewigem Landsknecht und ewigem Juden, ein mit allem psy- 
chologischen Komfort der Neuzeit und aller Primitivitat biblischer Ge- 
schichten ausgestatteter Ahasver. 

Roth erzahlt die Geschichte des Nikolaus Tarabas in einer kunstvoll 
schlichten, edlen, schonen Sprache, bisweilen zu schon, um wahr zu 
sein; er erzahlt sie im Ton des Legendenschreibers. Mit Recht Die Ge- 
schichte des Nikolaus Tarabas ist nur der Form nach ein Roman, dem 
Wirklichkeitsgehalt nach eine Legende. 

[ . . . ] Er ist »Soldat, sonst nichts* (und gleicht so jenem von den Beumel- 
burg und Johst mit besonderer Vorliebe besungenen »ewigen Soldaten*, 
— eine Verwandtschaft mit der von Roth verachteten Literatur des Drit- 
ten Reichs, an die man sparer nochmals erinnert wird, wenn man auf die, 



480 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



sonst nur im Requisitenkasten der Blut-und-Boden-Dichtung vorratige 
»Furcht des Blutes* stofk). 

[•■•] 

Roth wird keinen solchen Sieg erfechten. Fiir wen auch? Der biirgerli- 
che Realismus liegt in Agonie. Sein Erbe wird von einem neuen realisti- 
schen Schrifttum, Ausdruck einer neuen Klasse, einer neuen Gesell- 
schaft, angetreten. Diesem neuen Schrifttum und seiner Klasse steht 
Roth fremd und in skeptischer Abweisung gegeniiber, — so skeptisch 
wie »dem Leben«, das in Absterbendes und Keimendes zu zerlegen er 
weder bemiiht noch imstande erscheint 

Er verlieft Deutschland nicht, um zu kampfen. Er wanderte aus. Ein 
Wanderer im Kreise. Auf der Flucht ohne Ende. 



DIE HUNDERT TAGE 

XJber die Intention des Romans »Die hundert Tage« scbreibt Roth an seine 
franzosische Ubersetzerin: 

[ . . . ] Le roman: Cest triste, je ne voudrais pas livrer le secret, mais je 
vous le dis a vous: les 100 jours. II m'interesse, ce pauvre Napoleon — il 
s'agit pour moi de le transformer: un Dieu redevenant un homme — la 
seule phase de sa vie, ou il est »homme« et malheureux. Cest la seule fois 
dans Thistoire ou on voit qu'un »incroyant« devient visiblemeni petit, tout 
petit. Et c'est ca qui m'attire. Je voudrais faire un »humbk« d'un »grand«. 
Cest visiblement la p unit ion de dieu, la premiere fois dans Thistoire mo- 
derne. Napoleon abaisse: voila le symbole d'une ame humaine absolu- 
ment terrestre qui s'abaisse et qui s'eleve a meme temps. 
JR an Blanche Gidon. Nizza, 17.11. 1934. - JRB, S. 394 f. 



642 Joseph Roth 

Die hundert Tage. 

Manuskript 220 S. hs. 

Kopie. — Original: LBI 

Ausgelegt: Kapitel 7 [vielm. 4]. 4 S. 

643 Joseph Roth an Rene Schickele 

Brief. [1934 oder 1935.] 1 Bl. hs. mit Unterschrift. 

Kopie. - Original: SNM/DLA 
JRB, S. 412 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 48 1 

[ . . . ] ich bin ekelhaft bedrangt sogar beangstigt von meiner dummen 
Arbeit. Das ist das erste und das letzte Mai, daft ich etwas »Historisches* 
mache. Der Schlag soil es treffen. Der Antichrist personlich hat mich da- 
zu verftihrt. Es ist unwiirdig, einfach unwiirdig, festgelegte Ereignisse 
noch einmal formen zu wollen — und respektlos. Es ist was Gottloses 
drin — ich weift nur nicht genau, was? 

[...] 

In dieser Zeit reflekiiert Roth iiber den Sinn seines Schreibens. 
A us einem Brief an Stefan Ziueig vom 17, November 1935: 

[...] 

In dem Sinne, in dem Sie Gott mit meinem Schreiben in Verbindung 
bringen, darf man es nicht tun. Das Schreiben ist eine irdische Angele- 
genheit und unterscheidet sich, vom »Metaphysischen« her gesehen, kei- 
neswegs vom Schuhmachen. 

[...] 

Ich schatze die Schriftstellerei viel zu gering, um Ihrem Appell an meine 
Glaubigkeit zu folgen. Die Schriftstellerei ist keine Auserwahltheit. Das 
ware Hochmut. Es gibt keinen >Kiinstler« und kein »Genie« in der gan- 
zen Bibel; keinen im neuen Testament; keinen in der langen Reihe der 
Heiligen. Was wir machen, lieber Freund, ist vor Gott gar nichts wert, 
oder sehr wenig. 

[■■■] 

Ich kann so nicht leben. Man kann kein Heiliger sein und zugleich pro- 
fane Sachen machen. Sie konnen mir sagen, dafi es meine Pflicht sei, der 
Literatur zu dienen. Ich diene ihr nicht. Die Literatur ist eine irdische 
Angelegenheit; mein Beruf. [ . . . ] 
JRB, S 440 f 

Joseph Roth 644 

Die hundert Tage. Roman 

Amsterdam: Allert de Lange 1936. 296 S. 

JRW2, S. 473-641 



Zeitgenossische Rezensionen 

Napoleon und Pius 645 

In: Der Deutsche Weg. 2 (1935), 46, S. [7-8]. 

Die von dem emigrierten Jesuitenpater Friedrich Muckermann und Joseph 
Steinhage in Oldenzaal, Holland, herausgegebene Zeitschrift »Der Deutsche 
Weg« urteilt: 



482 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



Josef Roth, der Verfasser des ^Antichrist* ist uns kein Unbekannter. 
Wenn wir, die wir uns einstweilen nur wenig mit Literatur beschaftigen 
konnen, gerade auf ihn hinweisen, so hat das seinen besonderen Grund. 
Er iiegt nicht im Literarischen, in der Schonheit der Sprache, in der 
Kraft der Sinnbilder oder was es sei. Fur uns ist Josef Roth einer der we- 
nigen grofien Schriftsteller, die sich ohne Vorbehalt dem Problem unse- 
rer Zeit stellen. Er entweicht nicht feige in eine der bereitstehenden 
Fronten, sei es Bolschewismus, sei es Nationalismus, er dringt in die Tie- 
fe, er fragt nach Gott, er fragt nach Christus, er fragt nach Kirche. Das 
zeigt auch wieder sein Napoleonbuch »Die Hundert Tage«. [ . . . ] Uns 
geht es um jenes geheimnisvolle Durchleuchten der Gestalt des Dichters 
in seinem Helden. Napoleon wird nach seiner grauenhaften Niederlage 
von Waterloo innerlich verwandelt. Er widersteht der Versuchung, noch 
einmal Kaiser zu sein. Er verzichtet freiwillig auf das Schwert, obwohl 
noch Aussicht auf neue Siege war. Und so erringt er seinen groftten Sieg, 
einen Sieg, in dem nicht mehr der Kaiser ist, sondern Gott. [ . . . ] 



Auf die »Botschaft« Roths iveist auch der »Neue Vorivarts«, das Organ des 
Parteivorstands der SPD im Exil, bin: 

646 Pierre Ponce 

Historie und Legende. Biicher liber Lafayette, Mazzini u. 

Napoleon. 

In: Neuer Vorwarts. Nr. 148 (12. 4. 1936), Beilage, S. [3]. 

Rezension von: 

Andreas Latzko: Lafayette. Zurich: Rascher 193); 

Adolf Sanger: Giuseppe Mazzini, Zurich: Europa-Verl 1933; 

Joseph Roth: Die hundert Tage. Amsterdam: Allert de Lange 1936. 



Wenn Joseph Roth ein ungleich starkerer Gestalter ist als Latzko oder 
Saager, ein grower Meister deutscher Prosa, so verlieren wir dafiir an sei- 
ner Hand ganz den Boden der Wirklichkeit unter den Fuften. Der Napo- 
leon, den sein Roman »Die Hundert Tage« (Allert de Lange, Amsterdam) 
heraufbeschwort, hat mit dem historischen Riickkehrer von Elba kaum 
etwas gemein als den Namen, die Gestalt und die Uniform. Der wirkli- 
che Napoleon war nach dem Bankerott von Waterloo ein gar nicht bufi- 
fertiger Sunder, aber bei Roth fiihlt er nach dem Zusammenbruch »die 
Seligkeit, die der Verzicht gewahrt«, kostet »die erste Ahnung von dem 
Gliick, das die Schwache bereitet, das die Ergebenheit beschert«, und 
halt, da ihm der Unsinn der Gewalt aufgeht, innere Einkehr wie ein zer- 
knirschter Held Dostojewskis: [ . . . ] Historie? Nein, Legende, Mythus, 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 483 



Dichtung — die Figur Napoleon ist ein zufalliges Gefafl, in das Roth sei- 
ne Botschaft an alle gieflt. 

Aber daft derart ein begnadeter Dichter gerade den groflen Machtmen- 
schen in einen Verleugner des Machtwahns verwandelt, ist nicht auch 
das ein beredter Widerspruch gegen eine Zeit, in der die brutalste Ge- 
walt dicke Triimpfe auf den Tisch haut? 



Leo Parth [d. i. Hermann Wen del] 647 

Die hundert Tage. 

In: Das Neue Tage-Buch. 3 (1935), 50, S. 1194-1195. 

Walter A[rthur] Berendsohn 648 

Joseph Roth. Die hundert Tage. Romane im Novellenstil. 
Typoskript mit hs. Korrekturen. Undatiert. 3 Bl. 

Nachdem Berendsohn vorher den »Radetzkymarscb« and den »Hiob« 
erwdhnt hatte, kommt er abschliefiend auf »Die hundert Tage« zu sprechen: 

Diese Biicher erscheinen aber noch als gelungene Kunstwerke im Ver- 
gleich zu dem Napoleon-Roman »Die hundert Tage*. Roth passt seinen 
Stil stets seinem Stoff an. Hier setzt er in — fast mochte man sagen — 
hymnischer Breite und Fulle ein, in einer gesteigerten und ein wenig 
iiberladenen Sprache, um die Spannung und Begeisterung des franzosi- 
schen Volkes bei der Ankunft Napoleons von Elba her zu schildern. 
Man erwartet nach diesem prachtvollen Eingang ein gross angelegtes 
Epos, reich an Handlungen und von geschichtlicher Wucht. Dann aber 
plotzlich lenkt Roth ab in Privatleben des Kaisers. [ . . . ] 
Dem Werke fehlt die Einheit, es ist weder Roman noch Novelle; es ist 
als Kunstwerk missgliickt. Aus den drei Biichern mochte ich schliessen, 
dass Joseph Roth eine starke Begabung fur die Novelle hat, die ihm 
erlaubt, dem Zustandlichen so viel Liebe zu widmen und aus ihm ganz 
still ein einmaliges individuelles Erlebnis herauswachsen zu lassen, 
gleichgultig, ob es eine erhellende Episode im Leben eines Menschen ist 
oder sein sich enthiillendes Schicksal. Es ist bezeichnend in diesem Zu- 
sammenhang, wie gern Roth die Stille und ihre reiche, mannigfaltige 
Sprache in der einsamen Menschenseele schildert. Gehort sie auch nicht 
unbedingt zum Wesen der Novelle fur alle Zeiten, wie Ernst Glaser 
meint, so ist fur sie und fur die Erlebnisse solcher Menschenseelen doch 
eher in ihr als im grossen Prosaepos der rechte Platz. 



484 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



BEICHTE EINES MORDERS 

649 Joseph Roth 

Beichte eines Morders, erzahlt in einer Nacht. 
Amsterdam: Allert de Lange 1936. 262 S. 

JRW 2, S. 643-765 

Ich glaube, dafl mein Roman sehr schwach ist, ich habe ihn zu schnell 
geschrieben. Mir hat Landauer nichts von ihm gesagt. Und selbst, wenn 
er gut ware, was hatte ich schon davon? Der Roman muft noch im Juni 
erscheinen, sagt der Verlag, und mein Name ist erledigt Durch das 
schnelle Erscheinen meiner Biicher. Was soil ich tun? 
JR an Stefan Zweig. Amsterdam, 4. X 1936. - JRB, S. 469 

Stefan Zweig weist seinen Pessimism us zuruck: 

Ihr Roman ist ausgezeichnet und zwar gerade darum, weil er nicht iiber 
sein Maft hinaus gedehnt ist. Der Fehler der letzten Jahre lag doch nur 
darin, daft Sie aus rein materiellen Tendenzen Ihre Stoffe iiber ihr natiir- 
liches Maft dehnten (Tarabas, Antichrist). Diesmal ist das Gleichmaft voll- 
kommen, und das Russische liegt nicht nur in den Gestalten, sondern 
auch im Rhythmus. Groften Gluckwunsch. [ . . . ] 
Stefan Zweig an JR. London, 2. 6. 1936. -JRB, S. 478 



650 C[arl] S[eelig] 

»Beichte eines M6rders« von Joseph Roth. 

In: Neue Zurcher Zeitung. 158 (1937), 25, S. [7]: Erzah- 

lende Literatur. 

[ . . . ] Auf weite Strecken mag man an Franz Kafka und Gogol und im 
leidenschaftlichen Bemiihen zu beichten, zu siihnen und in die seeli- 
schen Geheimgruben hineinzukriechen, an die grofien Russendichter 
iiberhaupt denken, denen Joseph Roth nacheifert, sicher ist, dafi er trotz 
alien zarten Schwingungen im Psycho logisch en den sachlichen, klaren 
Ton der Reportage glanzend trifft. Er verarbeitet das sprachliche Material 
mit der Liebe und Vorsicht der alten Handwerker. Sein anfangs etwas 
sproder Roman schwillt rasch zu einem in seiner Damonie packenden 
Menschenbildnis an. 

Zur Erzdhhing »Die Legende vom heiligen Trinker* siehe Kat.Nr. 
511-516. 



Neuauflagen und Obersetzungen im Exil 



Joseph Roth 651 

Hiob. Roman eines einfachen Marines. 21. — 25. Tsd. 
Amsterdam: Allert de Lange 1933. 299 S. 

Joseph Roth 652 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 26.-28. Tsd. 
Amsterdam: Allert de Lange 1937. 299 S. 

Joseph Roth 653 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
(Amsterdam:) Bermann-Fischer 1948. 199 S. 
(Bermann-Fischer-Roman-Bibliothek.) 



Joseph Roth 654 

Job [Hiob, engl.] The story of a simple man. 

(Transl. by Dorothy Thompson.) 

Oxford: East and West Library 1945. 304 S. 



Joseph Roth 655 

Job [Hiob, portugies.] O romance de um pobre professor. 
Trad, de Jose Paulo da Camara. 
Sao Paulo: Martins [1943]. 235 S. 



Joseph Roth 656 

Les fausses mesures [Das falsche Gewicht, franz.] 
Trad, de l'allemand par Blanche Gidon. 
Paris: Ed. du bateau ivre (1946). 282 S. 
(La collection »climats«.) 



486 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

65 7 Joseph Roth 
Der Leviathan. 
Amsterdam: Querido 1947. 61 S. 

658 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. 

(Stockholm : Bermann-Fischer; Amsterdam : Allert de 

Lange; Querido) 1939. 416 S. 

(Forum-Bucher.) 

659 Joseph Roth 

Radetzkymarch (Radetzkymarsch, dan.) Roman. 
Paa dansk ved Soffy Topsoe. (2. oplag.) 
Kjabenhavn [Kopenhagen]: Gyldendal 1933. 317 S. 

660 Joseph Roth 

Radetzky March (Radetzkymarsch, engl) 
Transl. by Geoffrey [A.] Dunlop. 
New York: Viking Press 1933. 430 S. 

661 Joseph Roth 

Radetzky March [Radetzkymarsch, engl.] 

Transl. from the German by Geoffrey [A.] Dunlop. 

London: Heinemann (1934). 366 S. 

662 Joseph Roth 

La marche de Radetzky (Radetzkymarsch, franz.) 
Trad, de l'allemand par Blanche Gidon. 
Paris: Plon (1934). Ill, 400 S. 
(Feux croises.) 

663 Joseph Roth 

Abb. 83 Radetzky Mars [Radetzkymarsch, niederland.] Roman. 
Vertaald door Johan Winkler en Annie Winkler- Vonk. 
Amsterdam: Arbeiderspers 1946. 423 S. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 



487 



Joseph Roth 

Radetzkymarsjen (Radetzkymarsch, norweg.) Roman. 
Pa norsk ved Charles Kent. 
Oslo: Aschehoug 1933. 325 S. 



664 



Joseph Roth 

Tarabas [engl.] A guest on earth. 
New York: Viking Press 1934. 273 S. 



665 



Joseph Roth 

Tarabas [engl.] A guest on earth. 

London, Toronto: Heinemann (1935). 311 S. 



666 




NY 0E AHBEIDERSfERS AMSTERDAM 



83. Joseph Roth: Radeizky Mars (Radetzkymarsch, niederland.) 
A msterda m : A rbet'derspers 1 946 



488 ROMANE UND ERZAHLUNGEN 

667 Joseph Roth 

Tarabas [italien.] Un passante su questa terra. Romanzo. 
(Unica traduzione autorizzata di Emma Sola.) 
Milano [Mailand]: Mondadori 1935. 260 S. 
(Medusa. 56.) 



668 Joseph Roth 

Die hundert Tage. Roman. 
Amsterdam: Allert de Lange 1948. 
[Uberkl.:] Leipzig, Wien: Tal 1936. 296 S. 



669 Joseph Roth 

The story of the hundred days [Die hundert Tage, engl] 
(Transl by Moray Firth [d. i. William Rose].) 
London, Toronto: Heinemann (1936). 290 S. 



670 Joseph Roth 

The ballad of the hundred days (Die hundert Tage, engl.) 
Transl. by Moray Firth [d. i. William Rose]. 
New York: Viking Press 1936. 303 S. 



671 Joseph Roth 

Le roman des cent-jours [Die hundert Tage, franz.] 
Trad, de l'allemand par Blanche Gidon. (3 e ed.) 
Paris: Grasset (1937). 254 S. 



672 Joseph Roth 

Confession of a murder, told in one night [Beichte eines 
Morders, erzahlt in einer Nacht, engl.] 
Transl. from the German by Desmond I [vo] Vesey. 
London: Hale [1938]. 222 S. 



ROMANE UND ERZAHLUNGEN 489 

Joseph Roth 673 

Notre assassin. Beichte eines Morders, [erzahlt in einer 

Nacht, franz.] 

Trad, de l'allemand par Blanche Gidon. 19 emc ed. 

(Paris:) Laffont 1947. 235 S. 

(Pavilions. Collection jade.) 

Joseph Roth 674 

Biecht van een moordenaar, in een nacht verteld [Beichte 
eines Morders, erzahlt in einer Nacht, niederland.] 
Vertaling van Reinier P. Sterkenburg. 
Amsterdam: Allert de Lange 1937. 253 S. 

Zur Erzdhlung »Die Legende vom heiligen Trinker« siehe Kat.Nr. 513. 



DIE ROTH-REZEPTION 
NACH 1945 



492 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

675 Joseph Roth 

Leben und Werk. Ein Gedachtnisbuch. 
(Gesammelt, ausgew. u. hrsg. von Hermann Linden.) 
Koln, Hagen: Kiepenheuer 1949. 254 S. mit Abb., 1 Titel- 
bild 

Hermann Linden im Vorwort zur Entstebung des »Gedcichtnisbuches«: 

Erst im Friihjahr 1941 erfuhr ich vom Tod des Dichters Joseph Roth 
und den tragischen Umstanden seines Sterbens. Die seit acht Jahren ge- 
hegte geheime aber starke Hoffnung auf ein Wiedersehen und erneutes 
Zusammenleben war vernichtet. Zur gleichen Stunde fafke ich den Plan 
fur dieses Buch. Aber erst mufke das scheufJliche Staatsgebilde des »An- 
tichrist*, dieses Zerrbild der Vernunft, im selbstgeschaufelten Abgrund 
versinken, ehe man es unternehmen konnte, sich fur den Verfasser des 
Buches vom Antichristen in einer neuen deutschen Offentlichkeit wie- 
der einzusetzen. 

1945. — Viele Emigranten kamen, gerufene und ungerufene. Joseph 
Roth gehorte nicht zu denen, die in das »befreite Deutschland* zuriick- 
kehren konnten. Er blieb in Paris, im Exil, unter der kiihlen Erde des 
Friedhofes von Thiais. Zu den Dingen, die ich durch einen Luftangriff 
verlor, gehorten auch Joseph Roths Briefe an mich, Photos von ihm und 
einige seiner Bucher. Den »Radetzkymarsch« und »Die Flucht ohne En- 
de«, immer im Luftschutzkofferchen mitgefuhrt, wurden gerettet Ich 
begann zu suchen, zu schreiben. Das schon seit Jahren geplante »Ge- 
dachtnisbuch* mufite zustande kommen. Es wunderte mich kaum, 
wahrzunehmen, dafi der Name Joseph Roth, der vor 1933 durch immer- 
hin einige hunderttausend Bucher bekannt geworden war, ein Name, der 
an der Spitze fiihrender Zeitungen und Zeitschriften in Fettdruck ge- 
standen hatte, der heutigen Leserschaft fast unbekannt war. Antiquare, 
allerdings meist fragwiirdige Vertreter ihrer Gattung, wuftten auch nicht 
mehr, wer Joseph Roth war. Roth-Bucher gab es nirgends. Dunne Band- 
chen sich wichtig vorkommender »Avantgardisten« dagegen blahten sich 
in Stapeln der Langeweiie und literarischen Unzulanglichkeit auf den Ti- 
schen der Buchhandler. Joseph Roth, der ein wundervolles Deutsch mit 
Silberstift und Flammenschwert schrieb, der Sarkasmus mit vollendeter 
Grazie zu vereinen verstand und aus seiner ostlich-dunklen Melancholie 
die herrlichsten Bilder aufbluhen liefi, war zur Geheimchiffre der Ken- 
ner geworden. Bucher von Roth konnte der danach Suchende nur am 
»Gedachtnistag der Bucherverbrennung* mit der Bezeichnung »aus Pri- 
vatbesitz* in vereinzelten Schaufenstern gewahren. Sie glichen Diaman- 
ten hinter eisernen Gittern. 

Ich suchte und schrieb, zahe und unverdrossen. Ich suchte in Berlin, in- 
nerhalb Deutschlands und schrieb nach Frankreich, Holland und Ameri- 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 493 

ka. Zum zehnten Todesjahr des Dichters — 1949 — mufke das »Ge- 
dachtnisbuch* vorliegen. Ich hatte Gluck, viel Gliick und fand uberall 
Hilfe. Roths Zauber envies sich als unverwelklich bei seinen Freunden 
und Bewunderern. Nach Bemiihungen, die sich iiber zwei Jahre erstreck- 
ten, hatte ich das Manuskript zusammengebracht. Wenn auch die Nach- 
forschungen nach »Roth-Briefen und Bildnissen« weniger erfolgreich wa- 
ren als das Auffinden der Bucher, gelang es mir doch noch, einige Briefe 
und Bildnisse zu erhalten. 
Seite 8f. ^ 

Auf Initiative des Osterreichischen Unterrichtsministeriums ivurde 1970 
das Grab Joseph Roths auf dem Cimetiere Thiais bei Paris neu gesialtet. 
Der neue Grabstein wurde am 17. April 1970 in einer Geddchtnisfeier, zu 
der das Osterreichische Kulturinstitut geladen hatte, eingeweiht, 

Joseph Roths neuer Grabstein auf dem Cimetiere 676 
Thiais 

Photographic 1970. 

Vorlage: K&W 

Gabriel Marcel 677 

nach der Ansprache zur Roth-Gedachtnisfeier 
Photographic Paris, 17. 4. 1970. 

Vorlage: K&W 



Deutschsprachige Ausgaben 



SAMMLUNGEN 

Joseph Roth 678 

Werke in drei Banden. 

([Hrsg. von] Hermann Kesten.) Bd. 1—3. 

(Amsterdam: Allert de Lange;) Koln, Berlin: Kiepenheuer 

& Witsch 1956. 

1. XXVI, 890 S. 

2. 929 S. 

3. 842 S. 



494 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

Heinrich Boll zur ersten Ausgabe der gesammelten Werke Roths, der ersten 
Werkausgabe uberhaupt, die im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschien: 



Daft sein Werk nun erscheint, ist nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit, es 
fiillt nicht nur eine Lucke in den meisten Bibliotheken; diese Ausgabe 
ist ein Geschenk, eine Ueberraschung weil sie das Werk eines Dichters 
bietet, den man klassisch nennen kann. Wer zunachst in diesen dreitau- 
send Seiten blattert, bevor er sich die Freude gestattet, eins der Werke in 
einem Zug zu lesen (und wenn er gerade einen Romananfang aufschlagt, 
wird er sich der faszinierenden Pragnanz, die auf eine seltene Weise 
Trockenheit und Sinnlichkeit in sich vereint, nicht entziehen konnen), 
wer also zunachst nur blattert, wird kaum eine Stelle hnden, wo Roth ei- 
ne sprachliche und gedankliche Schlamperei unterlaufen ware: selbst die 
unwichtigste der Reportagen, das unverbindlichste Feuilleton, ist klar in 
Gedanken und Stil: das dreibandige Werk eines Funfundvierzigjahrigen, 
eines Jungen also, wenn man so will, der freilich nach eigenem Gestand- 
nis zweihundert Jahre alt war. 

Roth war alter: er war funftausend Jahre alt: alle Weisheit des Judentums 
war in ihm, dessen Humor, dessen bitterer Realismus; alle Trauer Gali- 
ziens, alle Grazie und Melancholie Austrias, und Roth war ein Bohemien 
und ein Kavalier. Die Anfange seiner Romane sind wie prazise kompo- 
nierte Eroffnungstanze, die den Lesenden in den groften Raum fiihren, 
wo der Ball stattfindet: ein Ball mit zahlreichem Publikum, mit Kaisern 
und Obdachlosen, von Schwermut trunkenen k. und k. Offizieren, Ko- 
rallenhandlern, Schmugglern, Wirten und Kaufleuten; sie fiihren in 
Welten, die es nicht mehr gibt: die Welt des Ostjudentums, so wie Roth 
sie im Hiob (1930) beschrieb, existierte noch bis 1940: in diesem Jahr 
drangen die Morder ein, und der Korallenhandler Piczenik, Mendel Sin- 
ger, seine Frau Deborah — alle die zahllosen jiidischen Kinder, Manner 
und Frauen, sie sind in Auschwitz und Maidanek ermordet worden. 

[•■■] 

Der Vielschreiber Roth, dessen Gesamtwerk (das eines Funfundvierzig- 
jahrigen) monumental wirkt, verlor sich nie in Geschwatz. Er beherrsch- 
te die Sprache, sie ihn, und sie gab ihm alles: Roman und Reportage, 
Buchbesprechung, Reisebericht, gab ihm die prophetische Prosa im 
^Antichrist*, wo sich Roths konsequenter Haft gegen Hitler ins Apoka- 
lyptische steigert. 

Was an verlorener Tradition zu beweinen ware, an zu Konservierendem 
in alle Winde zerstreut wurde, das ging zum Teil mit Roth und an ihm 
verloren: nicht der aufgewarmte Schwulst, der sich gemeinhin als Tradi- 
tion gibt oder als solche verkauft wird. In Roth hatte die deutsche Prosa 
einen schopferischen Bewahrer, ein Spektrum, in dem sich Glanz und 
Harte, Melancholie und Leichtsinn noch einmal fingen. Sein Werk, diese 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 495 

drei Dunndruckbande, sind wie ein Denkmal: es bleibt zu hoffen, dafi es 
kein Denkmal bleibt, das man von aufien betrachtet. 
Heinrich Boll: Ein Denkmal fur Joseph Roth. In: Frankfurter Allgemeine 
Zeitung. 22. 9. 19)6 

Eine weitere Besprechung der Werkausgabe veroffenilichte Heinrich Boll u. 
d. T. »Die Trauer, die recht behielt«, in: Deutsche Rundschau. 83 (1957), 3, 
S. 274-278. 



Joseph Roth 679 

Werke. Hrsg. u. eingel von Hermann Kesten. 

(Neue, erw. Ausg.) Bd. 1—4. 

[Koln:] Kiepenheuer & Witsch (1975-1976) 

1. (1975.) 980 S. 

2.(1975.) 1148 S. 

3.(1976.) 1114 S. 

4. (1976.) 932 S. 

Im Vorwort herichtet Hermann Kesten auch i'tber das Schicksal von Roths 
Nachlafi, den zundchst Friderike Ziveig in ihrer Pa riser Wohnung ver- 
wahrte. lm Mai 1940, vor Einriicken der deutschen Truppen, iibergab sie 
ihn Roths Ubersetzerin Blanche Gidon. Bis zum Kriegsende blieb der Nach- 
lafi unter dem Bett des Concierge in der Portiersloge, Rue des Martyrs 41. 
Dr, Fred Gruhel, ein Vetier Roths, der jetzige Direktor des Leo Baeck Insti- 
tute, New York, brachte ihn nach Kriegsende nach New York, ivo ihn die 
Wiener Rechtsanwdltin Caroline Birmann im Inleresse aller Roih-Erben 
venvahrte, bis er schliefilich, mit Zustimmung der Verlage Allert de Lange, 
Amsterdam, und Kiepenheuer & Witsch, Koln, dem New Yorker Leo Baeck 
Institute ubergeben wurde, 
SieheJRW 1, S. 37-39 

Peter Wapnewski zur Werkausgabe: 

[. . .] Wer sie besitzt, hat mit ihr eines der groflten, eines der schonsten 
Prosawerke unseres Jahrhunderts, voller Traurigkeit, voller Weisheit, vol- 
ler Schrecknis, weil voller Menschengeschichten und Menschenge- 
schichte. 

Auch versehen mit Trost? Die Frage, meine ich, ist erlaubt. Aber erlaubt 
ist zugleich, sich die Antwort schwer zu machen. Auch wenn man diese 
4000 Seiten zu Ende gelesen hat, ist man mit ihnen nicht fertig. 
Peter Wapnewski: J ude auf Wanderschafi. In: Der Spiegel. 18. 4. 1977 



496 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

Friedrich Torberg u. d. T. »Erbarmen, Witz, Poesie und Trauer« zu Band 
III and IV der Gesamtausgabe am 9- April 1977 in »Die Welt*: 

[...] 

Aber nicht allein fur das Gesamtbild des Schriftstellers Joseph Roth sind 
diese Essays und Feuilletons, diese Kritiken und Polemiken unentbehr- 
lich. Sie entwerfen zugleich ein Gesamtbild der Zwischenkriegszeit, so- 
wohl von ihren Themen und Titeln her wie durch die Vielzahl der Zei- 
tungen und Zeitschriften, an denen Roth mitgearbeitet, durch die Viel- 
zahl der Zeitgenossen, mit denen er sich auseinandergesetzt hat. Und 
wenn der Joseph Roth dieser 2000 Druckseiten mit dem Joseph Roth 
der beiden ersten Bande nicht restlos identisch ist, so darf man vielleicht 
einen markigen, in anderen Zusammenhangen erfolgten Ausspruch aus 
dem vorigen Jahrhundert herbeizitieren: Seien wir froh, daft wir zwei sol- 
che Kerle haben. 

680 Joseph Roth 

Werke. Hrsg. u. eingel. von Hermann Kesten. 

(Neue erw. Ausg.) Bd. 1 — 4. 

(Frankfurt a. M., Wien, Zurich :) Biichergilde Gutenberg 

(1977). 

1. 980 S. 

2. 1148 S. 

3. 1114 S. 

4. 932 S. 

681 Joseph Roth 

Romane, Erzahlungen, Aufsatze. (Sonderausg.) 
Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch (1964). 705 S. 
(Die Biicher der Neunzehn. Bd. 116.) 
Enthalt: Hotel Savoy. 

Die Flucht ohne Ende. 

Hiob. 

April. 

Stationschef Fallmerayer. 

Die Biiste des Kaisers. 

Die Geschichte von der 1002. Nacht 

Im mittaglichen Frankreich. 

Juden auf Wanderschaft. 

Der Antichrist. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 497 

Joseph Roth 682 

Zwischen Lemberg und Paris. 

Eingel. u. ausgew. von Ada Erhart. 

Graz, Wien: Stiasny (1961). 127 S. 

(Das osterreichische Wort. Bd. 89) 

Enthalt: Ausziigeaus: 

Radetzkymarsch. 

Zipper und sein Vater. 

Tarabas. 

Die hundert Tage. 
Sowie: Briefe. 

Lebenstafel. 

Bibliographic 

Joseph Roth 683 

Die Legende vom heiligen Trinker und andere Erzahlun- 

gen. (Ungekiirzte Ausg.) 

(Frankfurt a. M., Hamburg:) Fischer-Biicherei (1968). 120 S. 

(Fischer-Bucherei. 861.) 

Enthalt: April. 

Stationschef Fallmerayer. 

Der stumme Prophet. 

Ein Kapitel Revolution. 

Der Leviathan. 

Die Legende vom heiligen Trinker. 

Joseph Roth 684 

Die Biiste des Kaisers. — Kleine Prosa. 
Mit e. Nachw. von Fritz Hackert. 
Stuttgart: Reclam (1969). 79 S. 
(Universal-Bibliothek, 8597.) 
Nachdruck 1977. 
Enthalt: Die Biiste des Kaisers. 

Seine k. und k. Apostolische Majestat. 

Konzert im Volksgarten. 

Die k. und k. Veteranen. 

Grillparzer. 



498 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

685 Joseph Roth 

Die Erzahlungen. 

Mit e. Nachw. von Hermann Kesten. 
(Koln:) Kiepenheuer & Witsch (1973). 288 S. 
Enthalt: Der Vorzugsschiiler. 

Der blinde Spiegel. 

April. 

Stationschef Fallmerayer. 

Triumph der Schonheit. 

Die Biiste des Kaisers. 

Die Legende vom heiligen Trinker. 

Der Leviathan. 



686 Joseph Roth 

Die Erzahlungen. 

Mit e. Nachw. von Hermann Kesten. 

[Frankfurt a. M., Zurich:] Biichergilde Gutenberg (1974). 

288 S. 

Enthalt: Der Vorzugsschiiler. 

Der blinde Spiegel. 

April. 

Stationschef Fallmerayer. 

Triumph der Schonheit. 

Die Biiste des Kaisers. 

Die Legende vom heiligen Trinker. 

Der Leviathan. 



687 Joseph Roth 

Meistererzahlungen. 
Mit e. Nachw. von Hermann Kesten. 
(Gutersloh: Bertelsmann; Stuttgart: Europaische Bildungs- 
gemeinschaft; Wien: Buchgemeinschaft Donauland; Ber- 
lin, Darmstadt, Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft 
[1974].) 288 S. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 499 

Enthalt: Der Vorzugsschiiler. 
Der blinde Spiegel. 
April 

Stationschef Fallmerayer. 
Triumph der Schonheit. 
Die Biiste des Kaisers. 
Die Legende vom heiligen Trinker. 
Der Leviathan. 



Joseph Roth 688 

Der Leviathan. Erzahlungen. 

Mit e. Nachw. von Hermann Kesten. (Ungekiirzte Ausg.) 

(Miinchen:) Deutscher Taschenbuch-Verlag(1976). 206 S. 

(dtv. 1127.) 

1. - 2. Aufl. 1. - 21. Tsd. 1976-1977. 

3. Aufl. 22.-28. Tsd. 1978. 

Enthalt: Der Vorzugsschuler. 

Der blinde Spiegel. 

April 

Stationschef Fallmerayer. 

Die Biiste des Kaisers. 

Die Legende vom heiligen Trinker. 

Der Leviathan. 

Wei tere Ausg.: 

Joseph Roth: Der blinde Spiegel. Erzahlungen. 
Berlin, Weimar: Aufbau-Verl. 1966. 177 S. 



Joseph Roth 689 

Der Neue Tag. Unbekannte polit. Arbeiten 1919 bis 1927, 

Wien, Berlin, Moskau. 

(Vorw.: Ingeborg Siiltemeyer.) 

(Koln, Berlin:) Kiepenheuer & Witsch (1970). 280 S. 

(pocket. 9-) 

Gunier Blocker im Literaturhlatt der ^Frankfurter Allgemeinen Zeitung* 
vom 22. August 1970 u. d. T. »Am deutschen Himmel keine Sterne mehr«: 



500 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 



Der Roth, den wir in diesen Arbeiten kennenlernen, lafk sich am ehe- 
sten mit Tucholsky vergleichen. Wie dieser kommt er desillusioniert aus 
dem Kriege und kompensiert seine Enttauschung mit neuen Illusionen; 
und wie Tucholsky ist er so etwas wie ein Sozialist von eigenen Gnaden, 
hausgemacht und selbsternannt, ein biirgerlicher Linker ohne Absiche- 
rung durch irgendeine Doktrin. Sein Engagement entspringt keiner 
Ideologic, es ist auf spontane Art humanitar und nimmt damit naturnot- 
wendige Richtung auf die Benachteiligten, die Ausgepowerten, das, wie 
er es immer wieder nennt, »Schlachtvieh« nicht nur des Krieges, sondern 
auch der burgerlichen Nachkriegs-Szene; und es richtet sich ebenso na- 
tiirlich gegen alles, was darauf aus ist, altes Unrecht, uberkommene fal- 
sche Gewichtsverteilungen, versteinerte Herrschaftsanspriiche, iiber- 
haupt jede Form von institutionalisierter »Bestialitat« (auch dies eine 
Lieblingsvokabel des Polemikers Roth) zu verewigen. 

[...] 

Das alles ist von einer kiihlen Genauigkeit, einer blitzenden Scharfe, ei- 
ner federnden Eleganz, mit der verglichen Tucholsky sentimental und 
schwammig wirkt. Zuweilen steigert sich die schlanke Aggressivitat zum 
visionaren Pathos, etwa wenn der Autor einen Bettler beschreibt, der in 
einer Winternacht, »Deutschland, Deutschland iiber alles* und »Heil dir 
im Siegerkranz* singt; oder sie spannt sich zum massiven, das Vulgare 
bewufk als Waffe einsetzenden Affront. Dann fallen Satze wie diese: 
»Nicht nur Siegesalleen — auch Bediirfnisanstalten konnen die Gesin- 
nung eines Volkes charakterisieren . . . Ein echter Nationaler kann keine 
Rotunde verlassen, ehe er nicht seinem Drange, ein Hakenkreuz hinter 
sich zu lassen, Geniige getan.« 

[...] 

In diesem verzweifelten Abwenden wird zum ersten Male spiirbar, was 
dann mit den Jahren immer deutlicher wird: die allmahliche Resignation 
des Humanisten Joseph Roth vor der aktuellen politischen Wirklichkeit. 
Es ist eine totale Resignation vor der Moglichkeit vernunftgemafler poli- 
tischer Veranderung uberhaupt, und sie wird ihm iiberwaltigend besta- 
tigt durch eine 1926 im Auftrage der ^Frankfurter Zeitung. unternom- 
mene Reise durch die Sowjetunion. [ . . . ] 

Ihre voile Schwere gewinnt Roths politische Erfahrung aber erst da- 
durch, daft sie sich mit einer anderen, berufsspezifischen verbindet, nam- 
Hch dem wachsenden Bewufttsein von der Ohnmacht der offentlichen 
Sprache. Oder speziell auf seinen Fall bezogen: von der Ohnmacht des 
politischen Feuilletons. Jedes Stuck, das Roth auf diesem Felde geschaf- 
fen hat, ist eine kleine Kostbarkeit — eine asthetische Kostbarkeit. Dar- 
in liegt der Ruhm dieser Arbeiten, aber auch ihre Schwache, ja, ihre 
heimliche Gefahr. Ihr Witz, ihr stilistischer Glanz, ihre formale Perfek- 
tion sind so grofi, dafi bei ihrer Lektiire die moralische Schockwirkung 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 501 

nur allzu leicht durch asthetische Befriedigung ersetzt wird. [ . . . ] Der 
Aufklarungseffekt wird asthetisch entmachtet und in sein Gegenteil ver- 
kehrt — er wird zum Bestatigungseffekt. 

Auch hierzu bietet sich die Parallele Tucholsky an. Beide — Roth wie 
schliefSlich auch Tucholsky — kapitulieren vor der deutschen Gegen- 
wart. Beide kapitulieren vor dem zu hoch angesetzten Begriff von der 
moglichen Veranderung der Welt durch Sprache, beide suchen nach ei- 
nem rettenden Abseits. Fiir Tucholsky sollte das erst Frankreich, dann 
Schweden sein — doch die sind ihrerseits zu wirklich und zu gegenwar- 
tig, um das leisten zu konnen. Roth war kliiger. Er verlagerte sein Utopia 
in die Vergangenheit. Sein Orplid hieft Alt-Osterreich. Mit dem Radetz- 
kymarsch loschte er den Neuen Tag aus. 

Joseph Roth 690 

Briefe 1911 — 1939. Hrsg. u. eingel. von Hermann Kesten. 
Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch (1970). 642 S. 

Karl Heinz Bobrer u. d. T. »Der Zeuge des Verfalh«, frankfurter Allge- 
meine Zeitung« vom 24. Dezember 1970: 

Diese Briefe sind ganz ungewohnliche Briefe. Ungewohnlich als Material 
fiir jede zukunftige Darstellung der literarischen zwanziger und dreifiiger 
Jahre. Ungewohnlich als intime Auskunft zur deutsch-jiidischen Emigra- 
tion. Ungewohnlich als Bericht iiber den Journalismus der Weimarer Re- 
publik, namentlich der ^Frankfurter Zeitung*. Ungewohnlich vor allem 
aber als Dokument des beispiellosen Zeugen der Epoche: Joseph Roth. 
Es wird Jahre dauern, bis dieser von Hermann Kesten herausgegebene 
Fund in all seinen Aspekten literaturhistorisch und literaturkritisch aus- 
gebeutet sein wird. 

[...] 

Roth hinterliefi diese Briefe. Wir lesen sie als Zeugnisse einer unverstell- 
ten Ehrlichkeit. Die Epoche explodiert, weint, stirbt in ihnen, bevor die 
Menschen starben. 

Ham-Albert Walter: 

[ . . . ] Was bringen die Briefe Neues? Sie beginnen, um Hermann Ke- 
stens Vorwort zu zitieren, als Idylle und enden als Tragodie. Sie fullen 
manche weifle Stelle in Roths Biographie, bringen Gewifiheit iiber um- 
strittene Fakten, sie widerlegen hartnackig sich haltende Klischees. Vor 
allem aber geben sie einen Begriff von der komplizierten und wider- 
spruchlichen Entwicklung dieses Schriftstellers. 

Zu Roths unerbittlicbem Kampf gegen den Nationaisozialismus und seiner 
Ablehnung jeden Kompromisses: 



502 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

Der moralische Rigorismus solcher Urteile, ihr ganz selbstverstandliches 
Pochen auf die besondere Verpflichtung der Intellektuellen — sie sind 
Erbe der Aufklarung und zeigen eine Rationalitat mehr des 18. als des 
19. Jahrhunderts. So komplex, so widerspruchlich ist Roths Denken. 

[ . . . ] Mit seiner Einschatzung des Nationalsozialismus zeigt er sich Leo- 
pold Schwarzschild verwandt; dieser hatte die Formel »Riickbildung der 
Gattung Mensch* gepragt, Roth brauchte die Worte »Hyanen«, »Bestien«, 
»Barbaren«. Auch darin offenbart sich ein ebenso aufrichtiger wie hilflo- 
ser Idealismus, der seine Vergleiche aus der Zoologie beziehen mull, weil 
er sich im Gesellschaftlichen nicht auskennt. Von der exilierten Linken 
ist Roth deshalb zu Recht auch mehrfach angegriffen worden. 

[••■] ; 

Das Klischee vom »heiligen Trinker* sollte allmahlich einer differenzier- 
teren Betrachtung weichen. Joseph Roth an einem Cafehaustisch Briefe 
schreibend und in einem Meer von giftig bunten Alkoholika versinkend: 
das ist ein Teil der Wirklichkeit. Den gewichtigeren anderen indes zei- 
gen nur die Briefe selbst, nicht die urn sie gesponnenen Legenden: den 
verworren emotionalen Politiker, den bewundernswerten Moralisten, 
den donquichottischen Leutnant der Habsburger, schlieftlich den armen 
Teufel Joseph Roth. [ . . . ] 

Hans-Albert Walter: Joseph Roths Widerspruche. Zu seinen Briefen 

1911-1939. In:Merkur. 25 (1971), 8, S. 799-802 



EINZELNE WERKE 

691 Joseph Roth 

Das Spinnennetz. Roman. 

Mit e. Nachw. von Peter W[ilhelm] Jansen. (Ungekiirzte 

Ausg.) 

(Frankfurt a. M, Hamburg:) Fischer-Biicherei (1970). 

131 S. 

(Fischer-Biicherei. 1151.) 

1.-32. Tsd. 1970-1976. 

692 Joseph Roth 

Das Spinnennetz. Roman. 

Mit e. Nachw. von Peter W[ilhelm] Jansen. (33.-37. Tsd.) 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 503 

(Frankfurt a. M.:) Fischer-Taschenbuch-Verl. (1978). 
131 S. 
(Fischer-Taschenbiicher. 1151.) 

Zur Erstausgabe 1961 siehe Kat.Nr. 553 



Joseph Roth 693 

Hotel Savoy. Ein Roman. 

(Miinchen:) Deutscher Taschenbuch-Verl. (1978). 117 S. 

(dtv. 1336.) 

Weitere Ausg.: 

Joseph Roth: Hotel Savoy. Roman. 
Leipzig: Reclam 1966. 124 S. 
(Reclams Universalbibliotbek. Bd. 26%) 



Joseph Roth 694 

Die Rebellion. — Die Legende vom heiligen Trinker. 
Miinchen: Deutscher Taschenbuch-Verlag 1962. 151 S. 
(dtv. 78.) 



Joseph Roth 693 

Die Flucht ohne Ende. Ein Bericht. 

(Miinchen:) Deutscher Taschenbuch-Verl. (1978). 132 S. 

(dtv. 1408.) 



Joseph Roth 696 

Zipper und sein Vater. Roman. 

(Miinchen:) Deutscher Taschenbuch-Verl. (1978). 132 S. 

(dtv. 1376.) 

Joseph Roth 697 

Der stumme Prophet. Roman. 

Berlin, Darmstadt, Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft 

(1967). 285 S. 



504 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

698 Joseph Roth 

Der stumme Prophet. Roman. (Ungekiirzte Ausg.) 
[Reinbek bei Hamburg:] Rowohlt (1968). 137 S. 
(rororo. 1033.) 
1.-35. Tsd. 1968-1977. 



699 Joseph Roth 

Der stumme Prophet. 

Frankfurt a. M., Wien, Zurich: Buchergilde Gutenberg 

(1969). 284 S. 



700 Joseph Roth 

Der stumme Prophet. Roman. 

(Giitersloh: Bertelsmann; Stuttgart: Europaischer Buch- u. 
Phonoklub; Wien: Buchgemeinschaft Donauland; Berlin, 
Darmstadt, Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft [1971].) 
285 S. 

Zur Erstausgabe 1966 siehe Kat.Nr. 573 

* 
Zu »Perlefter« siehe Kat.Nr. 578 and 579 

• 

701 Joseph Roth 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 

(Freiburg i. Br.: Herder 1958.) 172 S. (Herder-Biicherei. 

Bd. 25.) 

2. Aufl. 1961. 



702 Joseph Roth 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
(Ungekiirzte Ausg.) 

(Frankfurt, Hamburg:) Fischer-Biicherei (1969). 122 S. 
(Fischer-Biicherei. 1064.) 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 505 

Joseph Roth 703 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
(Koln:) Kiepenheuer & Witsch (1974). 216 S. 



Joseph Roth 704 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
(Wien: Buchgemeinschaft Donauland; Giitersloh: Bertels- 
mann; Stuttgart: Europaische Bildungsgemeinschaft; Ber- 
lin, Darmstadt, Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft 
[1976].) 216 S. 



Joseph Roth 705 

Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
(Reinbek bei Hamburg:) Rowohlt (1976). 153 S. 
(rororo. 1933.) 
39.-45. Tsd. 1978. 

Weitere Ausg.: 

Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes. 
Leipzig: St. Benno-Verl. 1967. 181 S. 
(Buchreihe katholischer Dichter unserer Zeit. Bd. 15) 
Nachdrucke 1968, 1970 und 1973. 

Siehe auch Kat.Nr. 653 



Joseph Roth 706 

Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters. 
[Frankfurt a. M.:] Suhrkamp (1965). 153 S. 
(Bibliothek Suhrkamp. Bd. 165.) 



Joseph Roth 707 

Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters. 

Roman. 

Koln: Kiepenheuer & Witsch 1977. 196 S. 



506 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

708 Joseph Roth 
[Der] Leviathan. 

(Gutersloh:) Bertelsmann 1954. 63 S. 
(Das kleine Buch. 61.) 

Siehe auch Kat.Nr. 6)7 



709 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. 

Amsterdam: Allert de Lange; Koln, Berlin: Kiepenheuer 

1950. 414 S. 

(Joseph Roth: Ausgewahlte Werke.) 



710 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. Roman. [31. — 32. Tsd.] 

Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch [1953]. 329 S. 



711 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. Roman. 

Hamburg, Berlin: Deutsche Hausbucherei (1955). 282 S. 



712 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. Roman. 

Berlin: Aufbau-Verlag 1957. 393 S. 

2. AufL 1964.* 

3. Aufl. 1972. 

4. Aufl. 1976. 

Hermann Kant zur Nettausgabe des »Radetzkymarscb« im Aufbau-Ver- 
lag, Berlin (Ost): 

[. . .] Aber ware es auch'nur um den » Radetzkymarsch* — doch es ist 
nicht nur um diesen — : Joseph Roth darf nicht vergessen werden. Im 
Gegenteil: wir rmissen ihm, dem die Faschisten die Heimstatt in 
Deutschland nahmen, neues Wohnrecht geben, und das um so mehr, als 
in Westdeutschland, wo bei Witsch und Kiepenheuer eine zwar ver- 
dienstvolle, aber zugleich recht unkritische Ausgabe seiner Werke er- 



DIE ROTH-RE2EPTION NACH 1945 507 

schienen ist, versucht wird, aus den Inkonsequenzen und letzten Mystifi- 
kationen des Dichters politisches Kapital zu schlagen. 

[•■■] 

Hermann Kant: Spate Begegnung. Znm Wiedererschcinen von Joseph Roths 
Roman »Radetzkymarsch«. In: Neues Deittschland, Bell Kunst und Litera- 
tur. 2X/26. x 1957 

Joseph Roth 713 

Radetzkymarsch. Roman. (Ungekiirzte Ausg.) 
(Hamburg:) Rowohlt (1957). 243 S. 
(rororo. 222.) 
1.-150. Tsd. 1957-1977. 

Joseph Roth 714 

Radetzkymarsch. Roman. [33.-35. Tsd.] 

Koln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch (1960). 319 S. 

Joseph Roth 715 

Radetzkymarsch. Roman. [36.-37. Tsd.] 

(Koln, Berlin:) Kiepenheuer & Witsch (1963). 417 S. 

Joseph Roth 716 

Radetzkymarsch. Roman. 

[Frankfurt a. M., Wien, Zurich :] Biichergilde Gutenberg 
(1963). 417 S. 

Joseph Roth 71 7 

Radetzkymarsch. Roman, 

Wien: Buchgemeinschaft Donauland [1965]. 417 S. 

Joseph Roth 718 

Radetzkymarsch. Roman 

Berlin, Darmstadt: Bibliothek der Deutschen Friedrich 

Schiller-Stiftung (1968). 495 S. 

(Biicher im Grofidruck.) 



508 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

719 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. Roman. [Neuaufl.] 

(Koln, Berlin:) Kiepenheuer & Witsch (1971). 382 S. 

720 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. Roman. 

(Wien: Buchgemeinschaft Donauland; Stuttgart: Europa- 

ische Bildungsgemeinschaft [1972].) 382 S. 

721 Joseph Roth 

Radetzkymarsch. — Die Kapuzinergruft. Zwei Romane. 
Stuttgart: Deutscher Bucherbund [1974]. 506 S. 

• 

722 Joseph Roth 

Die Kapuzinergruft. 

Amsterdam: Allert de Lange; Koln, Berlin: Kiepenheuer 

1950. 224 S. 

(Joseph Roth: Ausgewahlte Werke.) 

723 Joseph Roth. 

Die Kapuzinergruft. 

Berlin, Darmstadt, Wien: Deutsche Buch-Gemeinschaft 

(1961). 179 S. 

724 Joseph Roth 

Die Kapuzinergruft. Roman. (Ungekiirzte Ausg.) 

(Miinchen:) Deutscher Taschenbuch-Verlag (1967). 137 S. 

(dtv. 459.) 

2. Aufl. 18.-29. Tsd. 1975. 

4. Aufl. 40.-49. Tsd. 1978. 

725 Joseph Roth 

Die Kapuzinergruft. Roman. [Neuaufl.] 
(Koln:) Kiepenheuer & Witsch (1972). 188 S. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 509 

Joseph Roth 726 

Die Kapuzinergruft. Roman. 

(Wien: Buchgemeinschaft Donauland; Stuttgart: Europa- 

ische Bildungsgemeinschaft [1973].) 188 S. 



Joseph Roth 727 

Die Kapuzinergruft. Roman. Abb. 84 

Mit Zeichn. von Georg Eisler. 

[Frankfurt a. M.:] Buchergilde Gutenberg (1976). 226 S. 



Joseph Roth 728 

Die Geschichte von der 1002. Nacht 

(Frankfurt a. M.: Ullstein-Taschenbucher-Verlag 1959.) 

170 S. 

(Ullstein-Bucher. 243.) 



Joseph Roth 729 

Die Geschichte [von] der 1002. Nacht. Erzahlung. 

(Ungekiirzte Ausg.) 

(Miinchen:) Deutscher Taschenbuch-Verlag (1972). 169 S. 

(dtv. 826.) 

1.-4. Aufl. 1.-30. Tsd. 1972-1977. 



Joseph Roth 730 

Die Geschichte [von] der 1002. Nacht. Erzahlung. 
Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1974. 211 S. 



Joseph Roth 731 

Die Geschichte [von] der 1002. Nacht. 
Berlin: Verlag Volk u. Welt (1976). 106 S. 
(Roman-Zeitung. H. 318.) 



510 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 







. Joseph Roth. Zeichnung von Georg Eider. In: Joseph Roth: 
Die Kapuzinergruft. Frankfurt a, M.: BuchergUde Gutenberg 1 976 



DIE ROTH-RE2EPTION NACH 1945 511 

Joseph Roth 732 

Tarabas. Ein Gast auf dieser Erde. Roman. 
(Freiburg, Basel, Wien: Herder 1966.) 171 S. 
(Herder-Biicherei. 258.) 

Joseph Roth 733 

Tarabas. Roman. 

(Genehmigte, ungekiirzte Taschenbuchausg.) 

Munchen: Heyne (1977). 192 S. 

(Das besondere Taschenbuch. 2.) 

* 
Joseph Roth 734 

Beichte eines Morders, erzahlt in einer Nacht. Roman. 
K61n, (Berlin: Kiepenheuer u. Witsch); Amsterdam: (Al- 
lert de Lange [1951].) 219 S. 

Joseph Roth 735 

Beichte eines Morders, erzahlt in einer Nacht. Roman. 
[Frankfurt a. M.:] Suhrkamp (1962). 173 S. 
(Bibliothek Suhrkamp. Bd. 79.) 
1.-20. Tsd. 1962-1967. 



Joseph Roth 736 

Die Legende vom heiligen Trinker. 
[Frankfurt a. M.:] Suhrkamp (1976). 71 S. 
(Bibliothek Suhrkamp. Bd. 498.) 



Ubersetzungen 



737 Joseph Roth 

La toile d'araignee (Das Spinnennetz, franz.) 
Trad, de l'allemand par Marie-France Charrasse. 
[Paris:] Gallimard (1970). 214 S. 
(n[ouvelle] rjevue] f[rancaise]. du monde entier.) 

738 Joseph Roth 

La tela di ragno (Das Spinnennetz, italien.) 
(Trad, dal tedesco di Claudia Beltramo Ceppi.) 
(Milano [Mailand]:) Bompiani (1975). 157 S. 

739 Joseph Roth 

La tela di ragno (Das Spinnennetz, italien.) 
(Milano [Mailand]: Bompiani 1976.) 145 S. 
(Tascabili Bompiani. 19.) 

• 

740 Joseph Roth 

Hotel Savoy [franz.] 

Trad, de l'allemand par Franchise Bresson. 

[Paris:] Gallimard (1969). 187 S. 

(n[ouvelle] ifevue] f[rancaise]. du monde entier.) 

741 Joseph Roth 

Abb. 85 Hotel Savoy [span.] 

(Trad, de Feliu Formosa.) 

Barcelona: Ed. Seix Barral (1971). 160 S. 

(Bibliotheca breve. 322.) 

• 

742 Joseph Roth 

Flight without end ([Die] Flucht ohne Ende, engl.) 
Transl. by David Le Vay in coll. with Beatrice Musgrave. 
London: Owen (1977). 144 S. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 



513 



Joseph Roth 

Flight without end ([Die] Flucht ohne Ende, engl.) 

A novel. (Engl, transl.: Peter Owen.) 

Woodstock, New York: Overlook Press (1977). 144 S. 



743 



Joseph Roth 

Fuga senza fine (Die Flucht ohne Ende, italien.) 
Una storia vera. (Trad, di Maria Grazia Manucci. 4. ed.) 
(Milano [Mailand]:) Adelphi Edizioni (1978). 152 S. 
(Bibliotheca Adelphi. 64.) 



744 




8X Joseph Roth: Hotel Savoy (span.) 
Barcelona: Ed. Seix Barral 1971 



514 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1 945 

745 Joseph Roth 

Beg brez konca (Die Flucht ohne Ende, slowen.) 

(Prevedla Maila Golob.) 

(Ljubljana [Laibach]:) Mladinska knjiga 1966. 117 S. 

(Zepna knjiga Zenit. 19-) 

[Rucken- u. Umschlagt. :] Fritz Roth: Beg brez konca. 

• 

746 Joseph Roth 

Le prophete muet (Der stumme Prophet, franz.) 

Trad, de l'allemand par Michel Francois Demet. Postface 

de Werner Lengning. 

[Paris:] Gallimard (1972). 223 S. 

(n[ouvelle] rfevue] f[rancaise].) 



747 Joseph Roth 

Le poids de la grace (Hiob, franz.) roman. 
(Trad, de l'allemand par P. Hofer-Bury.) 
Paris: Calmann-Levy 1965. 269 S. 
(Traduit de. . . ) 



748 Joseph Roth 

Giobbe (Hiob, italien.) Romanzo di un uomo semplice. 
(Trad, di Laura Terreni.) 

Milano [Mailand]: Adelphi Edizioni (1977). 195 S. 
(Biblioteca Adelphi. 75.) 



749 Joseph Roth 

Job (Hiob, norweg.) En roman om en almindelig mann. 
Oversatt av Niels Magnus Bugge. 
Oslo: Gyldendal (1977). 154 S. 
(Lanterne-bokene.) 

Siehe auch Kat. Nr. 634 



DIEROTH-REZEPTIONNACH 1945 515 

Joseph Roth 750 

II peso falso (Das falsche Gewicht, italien.) 
Trad, di Ervino Pocar. Introd. di Edoardo Guglielmi. 
(Milano [Mailand]:) Mondadori (1977). 107 S. 
(Oscar Mondadori. 750.) 

[Joseph Roth] 751 

Jozef Rot Abb. 86 

Lazna mera (Das falsche Gewicht, serbokroat.) 

(Preveo sa nemackog Petar Vujicic.) 

Novi Sad [Neusatz]: Progress 1962. 98 S. (Mala knjiga. Ko- 

lo V, 42.) 

Siehe auch Kat. Nr. 656 






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86. Jozef Rot: Lazna mera (Das falsche Gewicht, serbokroat.) 
Novi Sad: Progress 1962 



516 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

752 Joseph Roth 

Radetzkymarch (Radetzkymarsch, dan.) Roman. 

Pa dansk ved Soffy Topsoe. 

[Kopenhagen:] Gyldendals Traneb0ger 1963. 307 S. (Gyl- 

dendals Traneb0ger. T 108.) 

753 Joseph Roth 

The Radetzkymarch (Radetzkymarsch, engl.) 
Transl. by Eva Tucker, based on an earlier transl. by Geof- 
frey [A.] Dunlop. 
(London:) Lane (1974). 318 S. 

754 Joseph Roth 

Radetzky-marssi (Radetzkymarsch, finn.) 
Romaani. Suom. Aarno Peromies. 
Helsinki: Tammi (1968). 367 S. 
(Keltainen kirjasto. 84.) 

755 Joseph Roth 

La marche de Radetzky [Radetzkymarsch, franz.] 
Trad, de Tallemand par Blanche Gidon. Pref. de Gilbert 
Sigaux. Chronologie de Yvan de Riaz. 111. originates de 
Andre Nicolas Suter. 

(Geneva [Genf]: Edito-Service; [Evreux]:) Cercle du Biblio- 
phile [1971]. XI, 407 S. 
(Les romans historiques.) 

756 [Joseph Roth] 

Jozefas Rotas 

Radeckio marsas (Radetzkymarsch, litauisch). 
Romanas. Is vokieciu kalbos verte Dominykas Urbas. 
Vilnius [Wilna]: Vaga 1972. 328 S. 

75 7 Joseph Roth 

Radetzky mars j en (Radetzkymarsch, norweg.) 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 517 

Oversatt av Charles Kent og Karl Brodersen. 
Oslo: Gyldendal (1977). 277 S. 
(Lanterne-bekene. 359.) 



Jozef [Joseph] Roth 738 

Marsz Radetzky'ego [Radetzkymarsch, poln.] 
Tl. [z niem. JWanda Kragen. Wyd. 2. 
Warszawa: »Czytelnik« 1977. 541 S. 
([Seria Nike.]) 

Hubert Oriowski berichtet in seinem Referat »Die Rezeption osterreichischer 
Exilliteratur in Polen, methodisch reflektierU uber die Resonanz Roths in 
Polen: 

Es erscheinen nacheinander folgende Ubersetzungen von Joseph Roths 
Werken: »Zipper und sein Vater« (1930), »Hiob« (1930), »Die Flucht oh- 
ne Ende« (1931), »Hotel Savoy (1933), .Radetzkymarsch. (1934), »Beich- 
te eines Morders* (1937), »Geschichte der 1002. Nacht* (1938), »Legende 
vom hi. Trinker* (1939), »Das falsche Gewicht* (1939). Den groflten Teil 
der Ubersetzungen bctrcute einer der bedeutendsten Verlage der Zwi- 
schenkriegszeit, der »Roj«-Verlag. 

Nacb dem 2. Weltkrieg erscheinen in der Volksrepublik 

[...] von Roth weitere Auflagen schon vor 1939 iibersetzter Werke 

(»Hotel Savoy«, 1959; »Radetzkymarsch«, 1958; »Das falsche Gewichu, 

1961) als auch bisher unbekannter (»Die Kapuzinergruft*, I960). 

In: Osterreicher im Exil 1934 bis 1945. Protokoll des International 

Symposiums zur Erforschung des osterreichischen Exits von 1934 bis 1945. 

Abgehalten vom 3. bis 6. Juni 1915 in Wien. Herausgeber: Dokumenta- 

tionsarchiv des Osterreichischen Widerstandes u. Dokumentationsstelle fur 

Neuere Osterreichische Literatur. 

Wien: Osterreichischer Bundesverl f. Unterricht, Wissenschaft u. Kunst 

1977, S. 570 



Joseph Roth 759 

Marsul lui Radetzky (Radetzkymarsch, ruman.) 

Roman. Trad. §i note de I. Cassian-Matasaru. 

Pref. de I. Negoijescu. 

Bucure§ti [Bukarest]: Ed. Pentru Literature Universala 

1966.X, 311 S. 



518 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

760 Joseph Roth 

Radetzkymarschen (Radetzkymarsch, schwed.) 
(Oversattning av Hugo Hultenberg.) 
Stockholm: Aldus/Bonnier (1966). 328 S. 
(En Delfinbok. D 221.) 

761 Joseph Roth 

Abb. 87 Radetzkeho pochod (Radetzkymarsch, slowak.) 
(Prelozila Anna Bertova.) 

Bratislava [Pressburg]: Slovensky spisovatel' 1975. 305 S. 
(Spolocnost priatelov krasnych knih. Zv. 319.) 



Radetzkeho pochod 




: StCVENSSC? 
SRSOVATK. 
BRATISLAVA 

:19£5 



87. Joseph Roth: Radetzkeho pochod (Radetzkymarsch, slowak) 
Bratislava: Slovensky spisovatel' 1975 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 519 

Joseph Roth 762 

Pochod Radeckeho (Radetzkymarsch, tschech.) 
(Prelozila Jitka Fucikova. 3. vyd.) 
(Praha [Prag]: Odeon 1974.) 290 S. 
(Klub ctenaru. Sv. 350.) 

Siehe auch Kat.Nr. 663 

Joseph Roth 763 

La cripta dei cappuccini (Die Kapuzinergruft, italien.) 
(Trad, di Laura Terreni. 6. ed.) 
(Milano [Mailand]:) Adelphi Edizioni (1978). 195 S. 
(Biblioteca Adelphi. 54.) 

Joseph Roth 764 

Cripta Habsburgilor (Die Kapuzinergruft, ruman.) 
Roman. In romaneste de Hertha Perez si Mihai Ursachi. 
Bucuresti [Bukarest]: Ed. Univers 1973. 198 S. 



Joseph Roth 765 

Kapucinska krypta (Die Kapuzinergruft, tschech.) 

(Prelozila Jitka Fucikova.) 

(Praha [Prag]:) Odeon (1969). 172 S. 

(Svetova cetba. Sv. 410.) 



Joseph Roth 766 

Conte de la 1002e nuit (Die Geschichte [von] der 1002. 

Nacht, franz.) 

Trad, de Tallemand par Francoise Bresson. 

[Paris:] Gallimard (1973). 231 S. 

(nfouvelle] r[evue] f[rancaise]. du monde entier.) 

Joseph Roth 767 

De geschiedenis van de 1002e nacht (Die Geschichte von 
der 1002. Nacht, niederland.) Roman. 



520 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

(Nederlandse vertaling: J. Verstraete.) 
Bilthoven: Nelissen (1965). 212 S. 
(Diamantreeks.) 

* 

768 Joseph Roth 

I cento giorni (Die hundert Tage, italien.) 
(Trad, italiana di Ervino Pocar.) 
(Firenze [Florenz]:) Vallecchi (1973). XI, 194 S. 
(Tascabili Vallecchi. 6.) 

769 Joseph Roth 

Biecht van een moordenaar (Beichte eines Morders, 

erzahlt in einer Nacht, niederland.) 

(Uit het Duits vertaald door Theodor Duquesnoy.) 

Amsterdam: Athenaum 1971. 177 S. 

(Kleine bellettrie serie.) 

770 [Joseph Roth] 

Jozef Rot 

Ispovest ubice, ispricana jedne noci (Beichte eines Mor- 
ders, erzahlt in einer Nacht, serbokroat.) 
(Prevela Vera Stojic.) 
Beograd [Belgrad]: Rad 1969. Ill S. 
(Biblioteka »Rec i misao«. Kolo X, 248.) 
Siehe auch Kat.Nr. 673 



Sekundarliteratur 



David Bronsen 111 

Joseph Roth. Eine Biographic 

(Koln:) Kiepenheuer & Witsch (1974). 713 S., [16] Bl. 

Abb. 

David Bronsen in der »Einleitung« zur Entstehung seiner Roth-Biographie: 

Hundertsechzig Interviews, durchgefuhrt in zwolf Landern und fiinfzig 
Stadten, Durchsicht von Archiven und Ermittlungen aller Art in New 
York, Amsterdam, Wien, Berlin, Frankfurt, Koln, Marbach a. N., Wei- 
mar, Prag, Paris, London, Jerusalem; Auswertung von Unterlagen in 
Bundesministerien, Meldeamtern, Polizeiprasidien, Spitalern und einer 
Irrenanstalt, damit hatte ich anfangs wirklich nicht gerechnet! Ich hatte 
mich auf eine iiberaus lange und oft unubersehbare Odyssee eingelassen. 

[•••] 

Nach und nach dammerte mir, dafi ich es mit der unuberwindlichen 
Einbildungskraft eines Mythomanen zu tun hatte, der seine Lebensge- 
schichte immer wieder umdichtete, der das in der Phantasie Erlebte zur 
Wirklichkeit und schlieftlich zum Mythos steigerte und damit zum gu- 
ten Teil seine Lebenshaltung begriindete. 

Aus den Aussagen von Roths Lebensgefahrtinnen und Trinkkumpanen, 
von Schriftstellern, Verlegern, Professoren, Journalisten, Hoteliers, Kell- 
nern, Polizisten, Arzten, Psychiatern, Schauspielern, Politikern, Beam- 
ten, Talmudisten und Geistlichen ergab sich eine unvergleichlich span- 
nende Lebensgeschichte, von der ich mich in all den Jahren der Nach- 
forschungen und des Schreibens nicht losen konnte. 
Bronsen, S. 11 und S. 13 

Jurgen P. Wallmann besprach Bronsens Roth-Biographie u. d. T. »Der My- 
thomane Joseph Roth«, in »Die Tat«, Zurich, vom 23. November 1974: 

[••■] 

David Bronsen, selbst Sohn ostjudischer Eltern und mit Jiddisch als 
Muttersprache aufgewachsen, hat mit seinem Buch keine blofte Fakten- 
huberei betrieben. Er hat die Biographie und die Entstehungsgeschichte 
der einzelnen Werke Joseph Roths miteinander in Zusammenhang ge- 
bracht, hat die Quellen der Romane und Erzahlungen ermittelt, ihre Zu- 
sammenhange untereinander dargestellt und die oft verdeckten Beziige 
zwischen Leben und Werk aufgewiesen bei einem Autor, der die Gren- 
zen zwischen Literatur und Leben standig zu verwischen suchte. Sein 
Buch darf als ein Muster biographischer Darstellung gelten, geschrieben 



522 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

mit Sympathie und zugleich jener notwendigen kritischen Distanz, die 
erst Erkenntnis ermoglicht und die verhindert, daft der Biograph zum 
Nachbeter und Bauchredner seines Hetden wird. 

772 Joseph Roth und die Tradition 

Aufsatz- u. Materialiensammlung. Hrsg. u. eingel. von 
David Bronsen. 

(Darmstadt:) Agora- Verl. (1975). XVI, 399 S. 
(Schriftenreihe Agora. Bd. 27.) 

773 Ingeborg Siiltemeyer 

Das Friihwerk Joseph Roths. 1915 — 1926. 

Studien u. Texte. 

Wien, Freiburg, Basel: Herder (1976). 237 S. 

774 Joseph Roth 

Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. 
(Miinchen:) Ed. Text + Kritik (1974). 140 S. 
(Text 4- Kritik. Sonderbd.) 

775 Hartmut Scheible 

Joseph Roth. Mit e. Essay iiber Gustave Flaubert. 
Stuttgart, Berlin, Koln, Mainz: Kohlhammer (1971). 
201 S. 
(Studien zur Poetik u. Geschichte d. Literatur. Bd. 16.) 

776 Wilhelm Grasshoff 

Joseph Roth. Georg Trakl. Zwei Essays. 
Holzschnitte von Werner Hofmann. 
(Zurich :) Diogenes-Verl. (1966). 50 S. 
(Die Lowengrube. Nr. 11.) 

777 Marcel Reich-Ranicki 

Joseph Roths Flucht ins Marchen. 

In: Marcel Reich-Ranicki: Nachpriifung. Aufsatze iiber 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 523 

deutsche Schriftsteller von gestern. 
Miinchen, Zurich: Piper 1977, S. 202-228. 
Enthalt die Beitrage: 
Der Fanatiker der Klarheit, S. 202 — 208. 

Erstveroffentlichung in: Die Zeit, 17. 6. 1966. 

Das liebliche Geklingel einer Narrenschelle, S. 208 — 214. 

Erstveroffentlichung in: Die Zeit, 29. 5. 1970. 

Filou und Poet dazu, S. 215 — 220. 

Erstveroffentlichung in: Die Zeit, 22. 1. 1971. 

Kakanien als Wille und Vorstellung, S. 220-228. 

Erstveroffentlichung in: Die Zeit, 7. 12. 1973. 

Vor der Gefabr intellektueller Uberinterpretation eines Autors, dessen Vor- 
stellungswelt und Werk im Entscheidenden gerade nicht von Rationalitdt, 
Abstraktion und Analyse geprdgt sind, vor der Gefahr, ihn »viel zu be- 
wufit* und »allzu ernsU zu nebmen, warnt Marcel Reich-Ranicki, der ub- 
rigens Roth — in einer anderen Kritik — »eine der liebenswertesten und 
zugleich erschutterndsten Figuren der Literatur unseres Jahrhunderts« 
nennl (S. 215 des zitierten Bandes, Besprechung der Briefausgabe): 

Man verkennt die Eigenart dieses so groften wie skurrilen Sch rifts tellers, 
wenn man seinem Werk mit philosophischen, mit ideologischen oder 
politischen Kategorien beizukommen versucht. Das Abstrakte war seine 
Sache nicht, er hielt es zumindest fur dubios. Das spekulative Denken 
blieb ihm ganzlich fremd, vom Systematischen wollte er nichts wissen. 
Nein, er war weder ein philosophischer Kopf noch ein Ideologe, sondern 
ein elementarer, ein oft impulsiver und spontaner Geschichtenerzahler. 
Gewifl war er ein gebildeter Mann, doch mitnichten ein Poeta doctus. Na- 
tiirlich aufJerte er sich haufig iiber Politisches, aber er war im Grunde ein 
ganzlich apolitischer Autor. Und er war nicht etwa — auch wenn er es 
zeitweilig selber glaubte — ein revolutionarer Journalist, sondern nicht 
mehr und nicht weniger als ein rebellischer Poet. 

Es haben ja nicht Ideen und Thesen, Argumente oder Programme Roths 
Weg und Werk bestimmt, sondern stets Emotionen und Ressentiments, 
Affekte und Leidenschaften, Sympathien und Antipathien. Sowohl sein 
(eher fluchtiger) Sozialismus in der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg 
als auch sein (eher ostentativer) Konservatismus in den dreiftger Jahren 
haben einen vorwiegend emotionalen Untergrund: Hier wie da handelt 
es sich um sehr naive und etwas sentimentale Proteste, die sich zum 
Leidwesen jener, die heute den jungen Roth zu einem eifrigen Soziali- 
sten machen mochten, auf vertrackte Weise ahneln. Denn der gemeinsa- 
me Ursprung dieser Proteste ist vor allem in romantisch angehauchten 
antiburgerlichen Affekten zu suchen. 



524 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

So haufig derartige Affekte in der Literatur jener Zeit bemerkbar sind, so 
nehmen sie doch bei Roth besondere Ziige und Dimensionen an: Sie 
werden zusatzlich gereizt und gesteigert durch die Komplexe und Res- 
sentiments des Neuankommlings und Auflenseiters, des heimatlosen 
Ostjuden. Er rebelliert gegen die mittel- und westeuropaische Gesell- 
schaft, in der er wirken will und von der er abhangig ist — und in der er 
seinen Platz nicht finden kann. Sein Antibiirgertum tragt oft genug den 
Charakter einer heftigen und — reden wir offen — sogar infantilen 
Trotzreaktion. 
Aus dem Beitrag »Kakanien als Wille und Vorstellung«, S. 222 f. 

So zeichnete, besser; beschwor Roth — zum Beispiel — auch ein stilisiertes 
Osterreich, — scbrieb er nicht Geschichte dieses Landes: 

»Ich schreibe jeden Tag, nur, um mich zu verlieren, in erfundenen 
Schicksalen« — erkannte er 1936 in einem an Stefan Zweig gerichteten 
Brief. Ja, so war es: Um uberhaupt existieren zu konnen, mufite sich 
Roth im Erfundenen verlieren. Um dem Leben standzuhalten, benotigte 
er eine Kontrastwelt. So schuf er sich aus dem habsburgischen Oster- 
reich sein Orplid. Nicht als eine politische Realitat begriff er also die Do- 
naumonarchie, sondern als Idee und Vision, als Chiffre und als eine 
riickwarts gewandte Utopie: Kakanien als Wille und Vorstellung. 
a. a. 0., S. 224 

778 Peter Wilhelm Jansen 

Weltbezug und Erzahlhaltung. Eine Untersuchung zum 
Erzahlwerk u. zur dichter. Existenz Joseph Roths. 
Freiburg i. Br. 1958. 519 Bl. 
Phil. Diss., Freiburg i. Br. 

779 Rolf Eckart 

Die Kommunikationslosigkeit des Menschen im Roman- 
werk von Joseph Roth. 
Miinchen 1959. XIII, 169 S. 
Phil Diss., Miinchen. 



780 Erika Wegner 

Die Gestaltung innerer Vorgange in den Dichtungen Jo- 
seph Roths. 
Bonn 1964. 254 S. 
Phil. Diss., Bonn. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 525 

Rolf Geissler 781 

Dekadenz und Heroismus. Zeitroman u. volkisch-natio- 

nalsozialist. Literaturkritik. 

Stuttgart: Dt. Verl.-Anst (1964). 168 S. 

(Schriftenreihe d. Vierteljahreshefte f. Zeitgeschichte. 

Nr. 9.) 

Joseph Roth: Radetzkymarsch, S. 60 — 65 

Sidney Rosenfeld 782 

Raumgestaltung und Raumsymbolik im Romanwerk Jo- 
seph Roths. 

Urbana,- Illinois 1965. IV, 295 S. 
Phil. Diss., University of Illinois. Mikrofilm. 

Frank Trommler 783 

Roman und Wirklichkeit. Eine Ortsbestimmung am Bei- 

spiel von Musil, Broch, Roth, Doderer u. Gutersloh. 

Stuttgart, Berlin, Koln, Mainz: Kohlhammer (1966). 

180 S. 

(Sprache u. Literatur. 30.) 

Fritz Hackert 784 

Kulturpessimismus und Erzahlform. Studien zu Joseph 

Roths Leben u. Werk. 

Bern: H. Lang 1967. 220 S. 

(Europaische Hochschulschriften, Reihe 1, Nr. 5.) 

Use Plank 785 

Joseph Roth als Feuilletonist. Eine Untersuchung von 
Themen, Stil u. Aufbau seiner Feuilletons. 
Erlangen (1967). VI, 169, VII S. 
Phil. Diss., Erlangen. 

Alfred Kurer 786 

Joseph Roths »Radetzkymarsch«. Interpretation. 



526 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 

Zurich 1968. 140 S. 
Phil. Diss., Zurich. 

787 Hansotto Ausserhofer 

Joseph Roth und das Judentum. Ein Beitr. zum Verstand- 
nis d. dt.-jiid. Symbiose im zwanzigsten Jahrhundert. 
Bonn 1970. XI, 389 S. 
Phil. Diss., Bonn. 

788 Helmut Famira-Parcsetich 

Die Erzahlsituation in den Romanen Joseph Roths. 

Bern, Frankfurt: H. Lang 1971. 131 S. 

(Kanadische Studien zur dt. Sprache u. Literatur. No 2.) 

789 Claudio Magris 

Lontano da dove. Joseph Roth e la tradizione ebraieo- 

orientale. 

(Torino:) Einaudi (1971). 317 S. 

(Saggi.481.) 

Deutsche Ausgabe u. d. T.: 

Weit von wo. Verlorene Welt des Ostjudentums. 

Wien: Europaverl. 1974. 

790 Werner Sieg 

Zwischen Anarchismus und Fiktion. Eine Untersuchung 
zum Werk von Joseph Roth. 

Bonn: Bouvier-Verl. Herbert Grundmann 1974. 170 S. 
(Studien zur Germanistik, Anglistik u. Komparatistik. 
Bd. 27.) 

791 Wolf R. Marchand 

Joseph Roth und volkisch-nationalistische Wertbegriffe. 
Untersuchungen zur polit.-weltanschaul. Entwicklung 
Roths u. ihrer Auswirkung auf sein Werk. Mit e. Anh.: 
bisher nicht wieder veroffentlichte Beitr. Roths aus »Das 
Neue Tage-Buch«. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 527 

Bonn: Bouvier-Verl. Herbert Grundmann 1974. 386 S. 
(Bonner Arbeiten zur dt. Literatur. Bd. 23) 

L. V. Gorelik 792 

Jozef Rot. Borec protiv militarizma i fasizma. [Joseph 
Roth. Kampfer gegen Militarismus und Faschismus.] Iz 
istorii avstrijskogo realizma 20-ch godov 20 v. 
Voronez: Izd. Voronezkogo Universiteta 1974. 56 S. 



Fernseh- und Spielfilme 

' ■-- -■■■'■■ ■■-■■ ■ ■-■• • - 



Die Rebellion 793 

Fernsehfilm von Wolfgang Staudte. 

Darsteller: Josef Meinrad, Ida Krottendorf, Fritz Eckhardt 

u. a. 

Erstsendung: Norddeutscher Rundfunk im Deutschen 

Fernsehen, 13. 9. 1962. 

Vier Szenenfotos: 

Josef Meinrad als Andreas Pum u. a.; 

Peter Vogel als Luigi Bernotat u. Fritz Eckhardt als Herr 

Arnold; 

Josef Meinrad als Andreas Pum mit Regisseur Wolfgang 

Staudte; 

Fritz Eckhardt als Herr Arnold u. Katrin Schirrmeister als 

Veronika Lenz. 

Das falsche Gewicht 794 

Fernsehfilm von Bernhard Wicki. Abb - 88 

Buch: Fritz Hochwalder u. Bernhard Wicki. 

Darsteller: Helmut Qualtinger, Agnes Fink, Bata Zivoji- 

novic u. a. 

Erstsendung: Zweites Deutsches Fernsehen, 27. 12. 1974. 



528 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 



Zwei Szenenfotos: 

Helmut Qualtinger als Anselm Eibenschiitz u. a.; 
Helmut Qualtinger als Anselm Eibenschiitz, Johannes 
Schaaf als Gendarm Slama u. a. 

793 Radetzkymarsch 

Fernsehfilm von Michael Kehlmann. 

Darsteller: Leopold Rudolf, Helmuth Lohner, Jane Tilden 

u. a. 

Erstsendung: Bayerischer Rundfunk im Deutschen Fern- 

sehen, 2 Teile, 18. 4. 1965 u. 19. 4. 1965. 

Fiinf §zenenfotos: 

Leopold Rudolf als Baron Trotta; 

Leopold Rudolf als Baron Trotta u. Helmuth Lohner als 

sein Sohn Karl Josef; 




88. Dasfalsche Gewicht. Fernsehfilm von Bernbard Wicki. Von links 
nacb recbts: Gottfried Kumpfals Sameschkin, Evelyn Opela als Euphe- 
mia, Helmut Qualtinger als Anselm Eibenscbutz und Kurt Sowinetz 
als Kapturak 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 529 

Manfred Inger als Dr. Demant u. Hertha Martin als seine 

Frau Eva; 

Leopold Rudolf als Baron Trotta u. a.; 

Aufstand der Arbeiter aus der Biirstenfabrik. 

Stationschef Fallmerayer 796 

Fernsehfilm von Walter Davy. 

Buch: Walter Davy u. Ruth Kerry. 

Darsteller: Wolfgang Hiibsch, Odile Versois, Helma Gau- 

tier u. a. 

Erstsendung: Zweites Deutsches Fernsehen, 4. 3. 1976. 

Zwei Szenenfotos: 

Wolfgang Hiibsch als Adam Fallmerayer u. Odile Versois 

als Anna Walewska. 

Trotta 797 

Film von Johannes Schaaf nach Joseph Roths Roman 

»Die Kapuzinergruftx 

Darsteller: Andras Balint, Doris Kunstmann, Rosemarie 

Fendel u. a. 

Urauffuhrung: 16. 11. 1971. 

Vier Szenenfotos: 

Anfangsszene im tiirkischen Bad, wo die Nachricht vom 

Ausbruch des Krieges von den anwesenden Offizieren 

mit Jubel aufgenommen wird; 

Andras Balint als Franz Ferdinand von Trotta; 

Rosemarie Fendel als Almarin u. Doris Kunstmann als 

Elisabeth von Trotta; 

Johannes Schaaf in e. Episodenrolle u. a. 

Die Geschichte der 1002. Nacht. 798 

Fernsehfilm von Peter Beauvais. Abt >. 89 

Buch: Herbert Asmodi. 

Darsteller: Johanna Matz, Walter Reyer, Hans Jaray u. a. 
Erstsendung: Westdeutscher Rundfunk im Deutschen 
Fernsehen, 2 Teile, 25. 12. 1969 u. 26. 12. 1969- 



530 DIE ROTH-REZEPTION NACH 1 94 5 

Acht Szenenfotos: 

Osman Ragheb als Schah u. a.; 

Johanna Matz als Grafin Wernberg u. Dietmar Schonherr 

als Hauptmann Kalergi u. a.; 

Johanna Matz als Grafin Wernberg; 

Marcel Andre als Patominos, Johanna Matz als Mizzi 

Schinagl, Grete Zimmer als Josephine Matzner; 

Johanna Matz als Mizzi Schinagl u. a.; 

Johanna Matz als Mizzi Schinagl, Helmut Qualtinger als 

Ignaz Trummer u. Trude Hajeck als Leni Kreutzer; 

Dietmar Schonherr als Hauptmann Kalergi u. Walter 

Reyer als Baron Taittinger; 

Johanna Matz als Mizzi Schinagl u. a. 

799 Die Legende vom heiligen Trinker. 

Fernsehfilm von Franz Josef Wild. 

Buch: Horst Budjuhn. 

Darsteller: Ernst Fritz Fiirbringer, Hannes Messemer, 

Herbert Kroll u. a. 

Erstsendung: Bayerischer Rundfunk im Deutschen Fern- 

sehen, 11. 4. 1963. 

Zwei Szenenfotos: 

Hannes Messemer als Andreas Kartak u. Herbert Kroll als 

Clochard Aristide; 

Ernst Fritz Fiirbringer als der fremde Herr. 

Weitere Verfilmung: 

Beichte eines Morders. 

Fernsehfilm von WUm ten Haaf. 

Darsteller: Christopb Bantzer, Helmut Fornbacher, Hannelore Eisner u, a. 

Erstsendung: Osterreichisches Fernsehen, 2. Program m, ab 4. 2. 1976 in 10 

Folgen taglicb. 



800 Hiob 

Abb. 90 Fernsehfilm von Michael Kehlmann. 

Darsteller: Giinter Mack, Martha Wallner, Ludwig Hirsch, 
Ernst Cohen u. a. 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 



531 









aEssssor 




89. 2» Gescbichte der 1002. Nacht Fernsehfilm von Peter Beauvais. 
Von links nach rechts: Trude Hajeck als Lent, Johanna Matz als 
Mizzi und Helmut Qua I linger als Ignaz Trummer 



532 



DIE ROTH-REZEPTION NACH 1945 



Erstsendung: Osterreichisches Fernsehen, 1. Programm, 

2., 5. u. 9. 4. 1978. 

Sechs Szenenphotos: 

Giinter Mack als Mendel Singer; 

Despina Pajanou als Miriam Singer; 

Martha Wallner als Deborah Singer u. Despina Pajanou 

als Miriam; 

Giinter Mack als Mendel Singer. 




90. Hiob. Fernsehfilm von Michael Kehlmann. 
Giinter Mack als Mendel Singer 



801 Joseph Roth 

Originallithographie. 1976. Von Georg Eisler. 
Geschenk: Biichergilde Gutenberg, Frankfurt a. M. 



Siehe auch KatNr. 121 



Nachtrag 



Joseph Roth 343 a 

L'Auto-da-fe de l'Esprit 

In: Cahiers Juifs. Paris. 1 (1933), 5/6 (Sept/Nov.), 

S. 161-169. 

Der Text mit deutscher Ubersetzung wird veroffentlicht in: 
Joseph Roth. 

Frankfurt am Main: Buchhdndler-Vereinigung 1919. 
(Kleine Schriften der Deutschen Bibliothek; Nr. 5) 



Hansjiirgen Boning 786a 

Joseph Roths »Radetzkymarsch«. Thematik, Struktur, 

Sprache. 

Miinchen: Fink 1968. 220 S. 

Thorsten Juergens 792 a 

Gesellschaftskritische Aspekte in Joseph Roths Romanen. 

Proefschrift. 

Leiden: Universitaire Pers 1977. 176 S. 

Phil. Diss., Leiden. 

Werner Komstke 792b 

Joseph Roths Zeitromane. Handlungsstruktur, Erzahl- 
form, Figurenwelt als Ausdruck weltanschaulicher Hal- 
ting. 

Jena 1977. 344 Bl. 
Phil. Diss., Jena. 

Chong-Kill Lhi 792 c 

Das Phanomen der Dekadenz in den spaten Romanen Jo- 
seph Roths. 
Mainz 1978. 163 S. 
Phil. Diss., Mainz. 



LEIHGEBER 



535 



Leihgeber und sonstige unterstiitzende Institute und 
Personen 

Bet den Exponaten wird der Leihgeber angegeben, sofern sie sich nicht im 
Besitz der Deutschen Bibliothek befinden. 



Amtliches Franzosisches Ver- 

kehrsbiiro, Frankfurt a. M. 
Bayerische Staatsbibliothek, 

Munchen 
Bayerischer Rundfunk, Munchen 
Bayerischer Schulbuch- Verlag, 

Munchen 
Professor Dr. Pierre Bertaux, 

Sevres 
Dr. Werner Berthold, 

Frankfurt a. M. 
Bertolt-Brecht-Archiv der Akade- 

mie der Kiinste der DDR, 

Berlin 
Bildarchiv Preuftischer Kulturbe- 

sitz, Berlin 
Sally Bodenheimer, 

Frankfurt a. M. 
Margot von Brentano, Wiesbaden 
Buchergilde Gutenberg, Frank- 
furt a. M., Wien, Zurich 
Bundesarchiv, Koblenz 
Deutscher Bundestag, Presse- 

und Informationszentrum, 

Bonn 
Deutsches Institut fur Film- 

kunde, Wiesbaden-Biebrich 
Dokumentationsarchiv des 

Osterreichischen Widerstan- 

des, Wien 
Margrit Fingal, Renens (Schweiz) 
Frankfurter Societats-Druckerei, 

Frankfurt a. M. 
Dr. Bruno Frei, Wien 
Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 
Hessische Landesbibliothek, 

Wiesbaden 
Historisches Museum, 

Frankfurt a. M. 



Bettina Hurlimann, Zollikon 
Harro Kieser, Bad Homburg 

v. d. H. 
Landesarchiv, Berlin 
Landesbildstelle, Berlin 
Leo Baeck Institute, New York 
Ernst Loewy, Frankfurt a. M. 
Dr. Jaromir Louzil, Prag 
Norddeutscher Rundfunk, 

Hamburg 
Osterreichische Nationalbiblio- 

thek, Wien 
Professor Dr. Hubert Ortowski, 

Poznan 
Maryla Reifenberg, Kronberg 

i.Ts. 
Schiller-Nationalmuseum / 

Deutsches Literaturarchiv, 

Marbach a. N. 
Hertha Schmujlow, Munchen 
Professor Dr. John M. Spalek, 

Albany 
Staatsbibliothek PreufSischer 

Kulturbesitz, Berlin 
Stadt- und Universitatsbiblio- 

thek, Frankfurt a. M. 
Suhrkamp-Verlag, 

Frankfurt a. M. 
Verlag Fritz Molden, Wien, 

Munchen, Zurich, Innsbruck 
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 

Koin 
Dr. Gabriela Vesela, Prag 
Westdeutscher Rundfunk, Koln 
Margarethe Zirpel, 

Frankfurt a. M. 
Zweites Deutsches Fernsehen, 

Mainz 



PERSONENREGISTER 



537 



Personenregister 

Kursiv gesetzte Zahlen verweisen auf die Set ten, auf denen sich eine biogra- 
phische Notiz und/oder eine Abbildung befindet. 



Adler, Viktor 68 
Adorno, Theodor 149 
Alazard, Germaine 310, 384, 448 
Altenberg, Peter 213 
Altmaier, Jakob 399 
Altmann, Charlotte Elisabeth 

(Lotte) 344 
Amery, Jean 352 
Andersen, Hans Christian 446 
Andersen-Nexo, Martin 214 
Andics, Hellmut 59, 353, 456, 

457 
Andre, Marcel 530 
Annunzio, Gabriele d* 293 
Apfel, Alfred 269, 270 
Aragon, Louis 366 
Arnold, Heinz Ludwig 522 
Arnold, Robert Franz 39, 41 
Asch, Schalom 293 
Askenasi, Leo 448 
Asmodi, Herbert 529 
Ausserhofer, Hansotto 526 
Austerlitz, Friedrich 78, 415 

Bachmann, Ingeborg 352 
Balabanoff, Angelica 185, 186 
Balint, Andras 529 
Balzac, Honore 409 
Bantzer, Christoph 530 
Barbusse, Henri 200, 268 
Batz, Philipp 

s. Mainlander, Philipp 
Bauer, Hans 151, 153, 154 
Beauvais, Peter 529, 531 
Becher, Johannes Robert 125, 

126, 148, 406 
Beckmann, Max 144, 145 
Beer, Otto F. 74, 440 
Beethoven, Ludwig van 365 



Beierle, Alfred 89, 143 
Beltramo Ceppi, Claudia 512 
Benckiser, Nikolaus 103 
Benjamin, Walter 149, 150 
Benn, Gottfried 117, 256, 258 
Berendsohn, Walter Arthur 

388,483 
Berger, Friedemann 438 
Bergner, Elisabeth 218 
Berman, L 48 
Bermann, Richard Arnold 

(Pseud.: Arnold Hollriegel) 67, 

70 
Bermann-Fischer, Brigitte 

s. Fischer, Brigitte B. 
Bermann-Fischer, Gottfried 209, 

264 
Bernanos, Georges 176 
Bernhard, Thomas 352 
Bertaux, Felix 117, 122, 127, 140, 

141, 142, 143, 196,245,293, 

424, 430, 432, 478 
Bertaux, Pierre 100, 101, 119, 

141, 142, 143,201,242, 

362, 365, 433 
Bertova, Anna 518 
Beumelburg, Werner 479 
Bihalji-Merin, Oto 154 
Birmann, Caroline 495 
Bismarck, Otto Furst von 251,351 
Blei, Franz 155,432 
Bloch, Ernst 149, 150 
Blocker, Giinter 499 
Blomsma, Mies 376, 377 
Bloomsbury,John 388 
B6U, Heinrich 494, 495 
Boning, Hansjiirgen 533 
Bohrer, Karl Heinz 416, 501 
Borchardt, Rudolf 195, 196 



538 



PERSONENREGISTER 



Borchmeyer, Dieter 194 
Bornstein, Joseph 159, 317, 387, 

400 
Boskowitz, K. 365 
Brahms, Johannes 365, 465 
Braun, Max 91 

Brecht, Bertolt 89, 1 17, 295, 388 
Brecht, Walther XVI, 38, 39, 41, 

45,44 45,47,56 
Breitner, Erhard 89 

Breitscheid, Rudolf 91 

Brenningmeyer, Adalbert 386 

Brentano, Bernard von 82, 98, 
110, 116, 777, 778,119,120, 121, 
122,124,126,127, 128,129, 
148, 161, 165, 169,181, 182, 
233,295,420,422,427 

Brentano, Clemens von 117 

Bresson, Francoise 512, 519 

Broch, Hermann 92, 345 

Brod, Max 94 

Brodersen, Karl 517 

Bronnen, Arnolt 117 

Bronsen, David XXIII, 18, 23, 30, 
36,49,53,57,59,65,92,103, 
148,224,293,316,320,324, 
354,358,365,378,387, 
521,522 

Bruckner, Anton 365 

Bruckner, Ferdinand 293 

Bruckner, Wilhelm 169 

Bry, Carl Christian 416 

Budjuhn, Horst 530 

Bugge, Niels Magnus 514 

Burckhardt, Jacob 144 

Burg, Trude 448 

Cassian-Matasaru, I. 517 
Cassirer, Bruno 91, 92 
Castle, Eduard 39, 41 
Chajes, Hirsch Perez 14 
Charrasse, Marie-France 512 
Ciano, Galeazzo, Graf von Cortel- 

lazzo 254 
Clair, Rene 220 



Clemenceau, Georges 386 

Cohen, Ernst 530 

Conrad, Joseph 57 

Corinth, Lovis 163 

Csokor, Franz Theodor 293, 391, 

392,395,473 
Curtius, Robert 122 
Czech-Jochberg, Erich 242, 244, 

253 

Daudet, Alphonse 226 
Davy, Walter 529 
Delteil, Joseph 204 
Demel, Paul 388 
Demet, Michel Francois 514 
Diel, Louise 178 
Dietrich, Marlene 451 
Dinghofer, Franz 66 
Dobiin, Alfred 148,149,189, 

206,207,242,259,261,263, 

264,317,403,418 
Dohrn, Klaus 378 
Dolbin, Benedikt Fred 92, 93, 

167, 168, 332 
Dollfufl, Engelbert 359, 369 
Dollinger, Hans 234 
Dostojewskij, Fjodor Michajlo- 

witsch4l0, 482 
Drews, Wolfgang 219 
Drummont, Edouard 176 
Dunlop, Geoffrey A. 486, 516 
Duquesnoy, Theodor 520 
Dymow, Ossip 450 

Ebersbach, Volker 140 
Ebert, Friedrich 163 
Eckart, Rolf 524 
Eckert, Brita 90, 112, 308, 310 
Eckhardt, Fritz 527 
Edschmid, Kasimir 428 
Ehm, Josef 95 
Ehrenstein, Albert 148, 461 
Einstein, Albert 165, 166, 446, 
449, 450 



PERSONENREGISTER 



539 



Eisenstein, Sergej Michailowitsch 

154 
Eisler, Georg 509, 510, 532 
Eisner, Hannelore 530 
Enberg, Maria 465 
Engel, Josef 66 

Erasmus von Rotterdam 278, 351 
Erhart, Ada 497 
Erpenbeck, Fritz 454 
Eschen. Fritz 326 



Faktor, Emil 88, 463 
Famira-Parcsetich, Helmut 526 
Fechenbach, Felix 167 
Fendel, Rosemarie 529 
Ferdinand von Bulgarien (Zar) 39 
Feuchtwanger, Lion 137, 264, 282 
Fey, Emil 68 
Fingal, Margrit 321 
Fingel, Stefan XVII, 87, 320, 321, 

385,387,389 
Fink, Agnes 527 
Firth, Moray (d. i. William Rose) 

278, 488 
Fischer, Brigitte B. 142,242 
Fischer, Ernst 265 
Fischer, Heinrich 388 
Fischer, Max 448 
Fischer, Samuel 133, 145 
Flake, Otto 146 
Flaubert, Gustave 409, 410, 441, 

462,475,522 
Fles, Barthold 474 
Fliigge, Gerhard 206 
Fornbacher, Helmut 530 
Fontana, Oskar Maurus 92 
Fontane, Theodor 374 
Formosa, Feliu 512 
Forst-Battaglia, Otto 65, 422 
Frank, Leonhard 145, 200, 244 
Franz Ferdinand (Erzherzog) 388 
Franz Joseph I. 2, 3, 39, 59, 348, 

349,353,354,355,372,393, 

417,418,463 



Frei, Bruno (d. i. Benedikt Frei- 
stadt)90, S>/, 272, 365, 387 

Freistadt, Hans 91 

Freud, Sigmund 409 

Freund, Gisele 143,245 

Frick, Wilhelm 169 

Friedell, Egon 214, 273,274 

Friedlander, Paul 331 

Friedmann 390 

Friedrich II. (der Grosse) 251, 
275,348,351 

Frohlich, Hansjiirgen 417 

Frost, Oser 23 

Fucikova, Jitka 519 

Fiirbringer, Ernst Fritz 530 



Gautier, Helma 529 
Gautier, Theophile 410 
Geek, Rudolf 103 
Geissler, Rolf 525 
Georg, Manfred 84, 272, 331, 

413,421,423,424,428 
George, Heinrich 215 
Gerlach, Hellmut von 328 
Gefiier,Otto 148, 177 
Gide, Andre 259, 293, 408, 409 
Gidon, Blanche 115,157,299, 

305, 352, 371, 381,. 182, 408, 

451,468,480,485,486,488, 

489,495, 516 
Gidon, Ferdinand 382 
Giehse, Therese 219 
Glaeser, Ernst XIX, 137, 186, 483 
Goebbels, Joseph 252, 253, 263, 

264, 281, 284, 360,405 
Goring, Hermann 254, 261 
Goethe, Johann Wolfgang von 

30, 31, 38, 39, 166 248, 365, 409 
Gogol, Nikolaj Wassiljewitsch 

219,409,484 
Goldmann, M. 21 
Golob, Maila 514 
Gordon, Paul 448, 449 
Gorelik, L. V. 527 



540 



PERSONENREGISTER 



Gottfarstein, Joseph 316 
Grabbe, Christian Dietrich 402 
Grasshoff, Wilhelm 522 
Green, Julien 409 
Greiner, Ulrich 438 
Greuner, Ruth 70 
Greve, Ludwig 220 
Grieser, Dietmar 419 
Grillparzer, Franz 350, 351, 360, 

374,410 
Gross, Fritz 404 
Groftmann, Stefan 328 
Grosz, George 242 
Grubel, Fred 495 
Griibei, Heini 23, 33 
Grubel, Heinrich 17 
Grubel, Jechiel XVI, 16, 17 
Griibei, Norbert 17, 112, 113 
Griibei, Paula (Pauline) 23, 25, 26, 33, 
34, 55, 58, 60, 61, 62, 96, 98, 237 
Grubel, Rebekka 17 
Grubel, Resia 23, 33, 34 
Griibei, Rozia 23, 27, 28, 33, 34 
Grubel, Salomon 17 
Grubel, Sigmund XVI, 17, 23, 25, 

49 
Grubel, Willy 17 
Gubler, Friedrich Traugott 114, 

133,155,157,322,456 
GugHelmi, Edoardo 515 
Gurtner, Franz 215 



Haaf, Wilm ten 530 

Haas, Hugo 448 

Habsburg (Furstengeschlecht) 66, 
280,287,328,350,354,355, 
358,362,365,369,370,371, 
372,373,374,390,410,435, 
465,471,502 

Habsburg, Otto von XX, XXI, 
345,354,358,359,362,365, 

370,372,386,387,389 
Hackert, Fritz 418, 465, 497, 525 
Hagen von Tronje 250 



Hajeck, Trude 530, 531 
Hannema, Frans 316, 318 
Hardekopf, Felix 334 
Hardt, Ludwig 201, 202 
Hasek, Jaroslav 204 
Hasenclever, Marita 155 
Hasenclever, Walter 148, 155, 293 
Haupt (Hauptmann) 221 
Hauptmann, Gerhart 148, 293 
Hausenstein, Wilhelm 462 
Haydn, Joseph 402 
Hebeljohann Peter 403 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 

252,371 
Hegemann, Werner 295, 328 
Heine, Heinrich 30, 31, 162, 269, 

270 
Heinemann, Maria 347 
Heinrich IV. 352 
Henschke, Alfred 

s. Klabund 
Herder, Johann Gottfried 248 
Herlitschka, Herbert E. 211 
Hermann, Wolfgang 242, 263 
Herrmann-Neisse, Max 214 
Herzfelde,Wieland268 
Hesse, Hermann 417, 464, 477, 

478 
Hindenburg, Paul von 355 
Hirsch, Ludwig 530 
Hirsch, Moritz 21 
Hitler, Adolf XX, 166, 167, 169, 

244,246,248,251,253,254, 

255,263,266,267,270,275, 

328,330,350,354,361,367, 

389,415,417,418,455,494 
Hochwalder, Fritz 527 
Hodann, Max 268 
Holderlin, Friedrich 30 
Hollriegel, Arnold 

s. Bermann, Richard Arnold 
Hofer-Bury, P. 514 
Hoffmann, Ernst Theodor Ama- 

deus 122, 192 
Hoffmann, Heinrich 255 



PERSONENREGISTER 



541 



Hofmann, Werner 522 
Hofmannsthal, Hugo von 44, 

409,410 
Hohenlohe-Langenburg, Max 

Prinz zu 356 
Hohenzollern (Fiirstenge- 

schlecht) 286, 328 
Holitscher, Arthur 214 
Hollander, Walther von 148 
Homer 409 
Horaz 238 
Horovitz, Bela 297 
Horvath, Odon von 320, 329, 

330,331,366 
Howanietz, Franz 419 
Huart,Stephane3l2, 317 
Hubermann, Bronislaw 55 
Hubmann, Franz 3, 6, 7, 10, 12, 

37, 39, 74, 188 
Huder, Walter 448 
Hiibsch, Ben W. 446 
Hiibsch, Wolfgang 529 
Hiirlimann, Bettina 136, 137 
Hurlimann, Martin 136 
Hugenberg, Alfred 172 
Hultenberg, Hugo 518 
Humm, Rudolf Jakob 453 
Hummerich, Helga 112 
Huxley, Aldous 259, 432 

Igel, Emil 305 

Ihering, Herbert 88, 89, 214 

Inger, Manfred 529 

Innitzer, Theodor 370 

Israel, Lotte 155 

Istrati, Panait 408 

Jacob, Berthold (d. i. Berthold Sa- 
lomon) 273 

Jacob, Heinrich Eduard 148 

Jacobi, Annot 171 

Jacobsen, Jens Peter 464 

Jakob, Mosche2 1,22 

Janes, Jean (d. i. Walter Jonas) 
309,316,356 



Jannings, Emil 219, 220 
Jansen, Peter Wilhelm XXIII, 

415,433,502,524 
Jaray, Hans 529 
Jellinek, Max Hermann 39, 41 
Jesenska, Milena 92 
Joachim, Hans A. 412 
Johst, Hanns 479 
Jonas, Walter 

s.Janes, Jean 
Josef, Carl 67 
Joseph I. 470 
Jouhandeau, Marcel 408 
Joyce, James 432 
Juergens, Thorsten 533 

Kafka, Franz 201, 202, 484 

Kahn, Harry 334, 448, 450 

Kant, Hermann 507 

Kant, Immanuel 365 

Kantorowicz, Alfred 179, 295 

Karl I. 66,371 

Karolyi, Michael Graf 268 

Karpeles, Benno 67, 68, 69, 78 

Karr, Elisabeth 334 

Kaufmann, Isidor 14 

Kehlmann, Michael 528, 530, 532 

Kelemen, Viktor 449, 450 

Keller, Gottfried 446 

Kent, Charles 487, 517 

Kenter, Heinz Dietrich 428 

Kerr, Alfred 148,242,388 

Kerry, Ruth 529 

Kesser, Hermann 214 

Kesten, Hermann XX, XXI, 
XXIII, 18, 19,25,46,81,86, 
133, 140, 159,209,210,244, 
245, 279, 290, 292, 293, 296, 
300,301,302,310,312,315, 
316,317,321,322,323,356, 
357, 372, 378, 380, 384, 396, 
399,410,411,412,432,433, 
440, 441, 442, 444, 455, 467, 

475,493,495,496,498,499, 
501 



542 



PERSONENREGISTER 



Kesten, Toni XXI, 292, 293 
Keun, Irmgard XXI, 249, 300, 

302,303,304,305,356,357, 

374,375,385,406 
Kiepenheuer, Gustav 14, 17, 57, 

67,87, 133,734135,136,137, 

138,460 
Kiepenheuer, Noa Elisabeth 134, 

381 
Kindermann, Heinz 56 
Kircher, Rudolf 400 
Kisch, Egon Erwin XXI, 67, 70, 

202,203,233,268,272,302, 

324,325,387 
Klabund (d. i. Alfred Henschke) 

148 
Klein, Elli 189 

Kleist, Heinrich von 374, 378, 403 
Kluger, Salomo Maggid 17 
Knietzsch, Horst 220 
Koeppen, Wolfgang 91 
Koffler, Josef 334 
Kohner, Fritz 450 
Koib, Annette 102,112,146, 

747,210,211,293 
Komstke, Werner 533 
Kozik, Frantisek 95 
Kracauer, Siegfried 112, 116, 777, 

208, 209 
Kragen, Wanda 517 
Kraus, Carl von 44 
Kraus, Karl 57 
Kreiler, Kurt 169 
Krenek, Ernst 158, 326, 349, 353 
Kricheldorff, Hans 417 
Kriebel, Hermann 169 
Kroeger, Nelly XXI, 292 
Kroll, Herbert 530 
Krottendorf, Ida 527 
Kuh, Anton 67, 92 
Kumpf, Gottfried 528 
Kunstmann, Doris 529 
Kurer, Alfred 525 
Kutzbach, Karl A. 464 



Lada, Josef 204 

La Fontaine, Jean de 409 

Landau, Max XVI, 30 

Landauer, Walter 133, 297, 372, 
484 

Landshoff, Fritz 297 

Lange, Gerard de 297, 298 

Latzko, Andreas 482 

Lefevre, Frederic 65, 87, 200, 
408, 409 

Lengning, Werner XXIII, 433, 514 

Lenin, Wladimir Iljitsch 154, 178 

Lennig, Walter 258 

Leonhard, Rudolf 127, 133, 147, 
148, 149,331,372,400,419, 
425 

Leonidas 290 

Lessing, Gotthold Ephraim 30 

Lessing, Theodor 263 

Le Vay, David 512 

Levysohn 360 

Lhi, Chong-Kill 533 

Lichtenstein, Erich 421 

Liedtke, Harry 221 

Lieven, Albert 388 

Lilienstein (Psychiater) 191 

Linden, Hermann XXIII, 19, 46, 
49,50,56,81,82,84,86,111, 
122, 135, 136, 160,275,279, 
302,304,312,315,331,381, 
396,397,398,411,412,419, 
441,442,444,452,460,474, 
475,492 

Loffler, Fritz 223 

Loerke, Oskar 209 

Loschburg, Winfried 193 

Low, Rabbi (Judah Loew Ben Be- 
zalel) 94 

Loewenson, Erwin 202 

Lowenstein, Helga Prinzessin zu 
342 

Lowenstein, Hubertus Prinz zu 
332,334,335,338,339,340, 
341, 342, 343, 344, 345, 347 



PERSONENREGISTER 



543 



Lohner, Helmuth 528 
Loos, Theodor 194 
Lorm, Sidonie 448 
Ludendorff, Erich 167, 169, 251, 

415,417,418 
Ludwig, Emil 366 
Luft, Friedrich 87 
Lukacs, Georg 150, 465/467 
Lunatscharski, Anatoli Wassilje- 

witsch 214 
Luther, Martin 246, 251, 252, 

275,351 

Mack, Giinter 530, 532 
Magris, Claudio 526 

Mainlander, Philipp (d. i. Philipp 

Batz) 204 
Malveev 408 
Manet, Edouard 215 
Manga Bell, Alexandre 155 
Manga Bell, Andrea XIX, XX, XXI, 
102, 155, 156, 157, 158, 159, 
291, 292, 293, 296, 317, 387 
Mann, Heinrich XXI, 91, 137, 

140, 154,167, 168,214, 259, 

268,292,293,295,365,366, 

367,418,432,441 
Mann, Klaus 256, 258, 259, 264, 

299,300,316,359,371 
Mann, Thomas 140, 214, 259, 

261, 262, 263, 264, 266, 267, 

417,441 
Manucci, Maria Grazia 513 
Marcel, Gabriel 382, 464, 493 
Marchand, Wolf R. 526 
Marcu, Valeriu 159, 293, 317 
Marcuse, Ludwig 85, 105, 137, 

138, 139, 140,217,295,516, 

383,397,444,445,463,471, 

477 
Margulies, Hanns 96 
Maria Theresia 348 
Marie, Arnold 388 
Martens, Kurt 429 
Martin, Hertha 529 



Marx, Karl 252 

Massis, Henri 175 

Matz, Johanna 529, 530, 531 

Maupassant, Guy de 432 

Mazurkiewicz, Romana 112, 113 

Meffert, Carl 

s. Moreau, Clement 
Mehnert, Klaus 234 
Mehring, Walter 270, 271, 317, 

331,387 
Meinrad, Josef 527 
Mendelssohn, Peter de 263 
Messemer, Hannes 530 
Mestre, Achille 175 
Metternich, Klemens Wenzel 

Lothar Fiirst von 360 

Meyer, Carl 219, 220 
Mistral, Frederic 226 
M6rike,Eduard31,50 
Mohammed V. (Sultan) 39 
Mok, Maurits 316, 319 
Montefiore, Moses 12 
Montherlant, Henri de 119 
Moreau, Clement (friiher: Carl 
Meffert) 117, 118 

Morgenstern, Soma 70, 71, 149, 

150, 191,202,203,309,370, 

316,317,343,384,426,434, 

447, 462 
Morstin, Ludwik Hieronymus 

Graf 238, 239 
Moses 23, 248 

Mozart, Wolfgang Amadeus 365 
Muckermann, Friedrich, S.J. 398, 

429,481 
Muhsam, Erich 205 
Miiller, Albert Gerhart 213 
Miiller-Alfeld, Theodor 87 
Murnau, Friedrich Wilhelm 219, 220 
Musgrave, Beatrice 512 
Musil, Robert 70, 71, 149, 150, 

191,202,203,417,426,432, 

446, 447, 462, 464 
Mussolini, Benito 178 



544 



PERSONENREGISTER 



Napoleon I. 174, 351, 480, 482, 483 

Natonek, Hans 308, 309, 332, 
333, 334, 373, 379, 383, 384, 
391,392,395,409,447,449, 
461,470 

Nebbe, Grete 189 

Negoijescu, I. 517 

Neher, Carola 89 

Nestroy, Johann Nepomuk 410 

Nielsen, Asta 194 

Niemann, Ludwig 183 

Nietzsche, Friedrich 48, 248, 252 

Novotny,J. O. 279 

Nypels, Charles 316, 318 

Oesterreicher, Johannes 386 
Olden, Rudolf 67, 68, 70, 78, 282, 

310,345,373,376,379,399 
Opela, Evelyn 528 
Orfowski, Hubert 517 
Osborn, Franz 388, 389 
Ossietzky, Carl von 272, 273, 

281,366,375 
Oswald, Richard 194 
Otten, Karl 67 
Owen, Peter 513 

Paganini, Niccolo 447 
Pajanou, Despina 532 
Panter, Karl Gunther 221 
Parth, Leo 

s. Wendel, Hermann 
Paul, Heinz 221 

Pauli, Hertha 158, 308, 317, 331, 387 
Paulo da Camara, Jose 485 
Penzold, Leonhard 193 
Perez, Hertha 519 
Pernet, Heinz 169 
Peromies, Aarno 516 
Peter, Klaus 437 
Pfeiffer, E. 213 
Pfemfert, Franz 155, 156 
Picard, Max 133, 278, 462 
Pierhal, Armand 331 
Plank, Use 525 



Piscator, Erwin 89 

Pocar, Ervino 515,520 

Pohner, Ernst 169 

Polgar, Alfred 67, 71, 202, 203, 

204, 326,327, 328, 391, 392, 

394 
Pompan, Hedi 338 
Proust, Marcel 409, 410 

Qualtinger, Helmut 528, 530, 531 

Rabelais, Francois 409 

Radek, Karl 208 

Radetzky von Radetz, Johann Jo- 
seph Wenzel Graf 457 

Radiguet, Raymond 121, 408 

Radtke(Leutnant)221 

Ragheb, Osman 530 

Rares, Sibyl XIX 

Raskolnikov, F. 208 

Rathenau, Walther 164, 170 

Rauschning, Hermann 255, 274, 
273,317 

Reichler, Jenny 102 

Reichler,Selig4l5,456 

Reich-Ranicki, Marcel 435, 523 

Reifenberg, Benno XVIII, 45, 100, 
103, 105, 106, 107, 108, 10% 
110, 111, 112, 114, 115, 116, 
117, 120, 121, 124, 125, 127, 
128, 129, 130, 131, 132, 133, 
144, 146, 150, 151, 155, 160, 
161, 172, 177, 182, 183, 209, 
224, 226, 229, 230, 231, 279, 
353, 354, 405, 406, 409, 410, 
422, 427, 456, 457, 459, 461 

Reifenberg, Jan 111, 112 

Reifenberg, Maryla 112, 115 

Reiner, Grete 204 

Reiner, Hans 448 

Reinhardt, Max 2 18 

Reininger, Robert 38 

Reissner, Larissa 207, 208 

Remarque, Erich Maria 431 

Renn, Ludwig 365, 366 



PERSONENREGISTER 



545 



Retzlaw, Karl 159, 312, 317, 387 

Reyer, Walter 529, 530 

Rheinhardt, Emil Alphons 351, 
352 

Riaz,Yvande517 

Ribbentrop, Joachim von 365 

Rilke, Rainer Maria 121, 199, 
200,293,396,417 

Rode, Walter 328 

Roedl, Urban 213 

Rohm, Ernst 167, 169 

Roelofsz, Charles 316, 319 

Roethe, Gustav 45 

Roosevelt, Eleanor XXII, 381 

Rose, William 
s. Firth, Moray 

Rosenberg, Alfred 251, 252, 280 

Rosenfeld, Sidney 525 

Roth, Friederike (Friedl), geb. 
ReichlerXVII,XIX,XX,25, 
26, 90, 95 ; 96, 97,98, 99,100, 
101, 102,111, 120,121, 123, 
124,126,130, 155,227,237 

Roth, Maria (Miriam), geb. Grii- 
bel XVI, XVII, 17,24 

Roth, Nachum XVI, 17 

Rothschild (Familie) 12, 254 

Rowohlt, Ernst 148 

Rudolf (Erzherzog) 2 

Rudolf, Leopold 529 

Riidigervon Bechelaren 250 

Saager, Adolf 482 
Sahl, Hans 347 
Salomon, Berthold 

s. Jacob, Berthold 
Salomon, Ernst von 170, 171 
Saphir, Moritz 212 
Schaaf, Johannes 528, 529 
Scheible, Hartmut 522 
Scheidemann, Philipp 153 
Scheil, Hans 116 

Schenk, Josef Eduard Freiherr von 49 
Schenk, Josef Wilhelm von 49 
Scheyer, Moritz 389 



Schickele, Rene 101, 145, 146, 

259, 261, 263, 264, 276, 293, 

462, 480 
Schiemann, Eduard 208 
Schiller, Friedrich 30, 31, 365 
Schirach, Baldur von 360 
Schirrmeister, Katrin 527 
Schnitzler, Arthur 193, 194, 409, 

410,436 
Schonberg, Carl Heinrich Wil- 
helm 225 
Schonherr, Dietmar 530 
Schrenck-Notzing, Albert 

Freiherr von 166 
Schroder, Rudolf Alexander 44 
Schubert, Franz 365 
Schuschnigg, Kurt von XXII, 

359,361,362,363,364,369, 

370,398,455 
Schwarzschild, Leopold XX, 146, 

400, 502 
Schwimmer, Max 137 
Seehof, Arthur 268 
Seelig, Carl 305, 484 
Seyft-Inquart, Arthur 361, 364, 

368 
Shakespeare, William 30, 212, 409 
Shaw, George Bernard 212, 218 
Sieburg, Friedrich XVIII, 106, 

110, 127, 128, 160,230,400 
Sieg, Werner 526 
Siemsen, Anna 214 
Siemsen, Hans 148, 376, 403 
Sigaux, Gilbert 516 
Simon, Heinrich 103, 106, 108, 

10% 165,400 
Sinclair, Upton 214 
Sjollemajoop 316, 319 
Skubl, Michael XXII, 362, 364 
Sochaczewer, Hans 145 
Sola, Emma 488 
Sommerfeld, Arnold 166 
Sonnemann, Leopold 103, 108 
Soupault, Philippe 268 



546 



PERSONENREGISTER 



Sowinetz, Kurt 528 

Spengler, Oswald 417 

Sperber, Manes 436 

Spira,Bil320,378 

Stadler, Ernst 146 

Stalin, Josef Wissarionowitsch 

154,234,434 
Starhemberg, Ernst Riidiger 

Furst 369 
Staudte, Wolfgang 527, 528 
Steed, Wickham 273, 388 
Stefan, Paul 262, 390 
Stein, Fred 94,117, 139, 148, 

322,324 
Steinhage, Joseph 481 
Stendhal 409, 410, 432, 441 
Stephanie (Erzherzogin) 2 
Sterkenburg, Reinier P. 489 
Sternheim, Carl 418 
Stifter, Adalbert 213, 403 
Stohr, Adolf .38 
Stojic,Vera 520 
Strauss, Johann (Vater) 457 
Stresau, Hermann 212 
Stresemann, Gustav 148 
Stulpner, Karl 224, 225 
Siiltemeyer, Ingeborg XXIII, 51, 

54,55,56,61,62,63,76,499, 

522 
Suskind, Wilhelm Emanuel 235, 

413,426,430,445 
Suter, Andre Nicolas 516 
Swarzenski, Georg 112 
Szajnocha, Ladislaus von 49 
Szajnocha-Schenk, Helene von 

49, 50, 96 

Tau, Max 91 

Teisinger von Tullenburg, Josef 

74, 75, 76 
Terreni, Laura 515, 519 
Thompson, Dorothy 381, 445, 

485 
Tilden,Jane 528 
Tischler, Viktor 390 



Toeplitz,Jerzy 220 

Toller, Ernst XXI, XXII, 148, 154, 

155,205,215,216,217,233, 

242,300,316,347,383,384, 

387, 388, 389, 390, 403, 404 
Toller, Karl 250 
Tolstoj, Leo Nikolajewitsch 378, 

410,441 
Tops0e, Soffy 486, 516 
Torberg, Friedrich 448, 496 
Torry, Pauline 268 
Trakl, Georg 522 
Tralow, Johannes 302 
Trautmannsdorff, Marie [?] Gra- 

finXVI 
Trommler, Frank 525 
Trotzki, Leo 317, 434 
Tschechow, Anton Pawlowitsch 

219 
Tschuppik, Karl 67, 68, 92, 94, 

295, 327, 328, 329, 348, 463 
Tschuppik, Tanja 94 
Tschuppik, Walter 94 
Tucholsky, Kurt 127, 150, 154, 

172, 179, 197, 264, 295, 500, 

501 
Tucker, Eva 516 
Turk, Werner 479 

Uhlendahl, Heinrich 193 
Ulrich von Lichtenstein 45 
Ungar, Hermann 148 
Untermeyer, Louis 445 
Urbas, Dominykas 516 
Ursachi, Mihai 519 
Urzidil, Johannes 94 

Valery, Paul Ambroise 408 

Valk, Fritz 388 

VaHentin, Antonina 269, 270 

Vansittart, Robert Gilbert 251 

Vasari, Emilio 359 

Veidt, Conrad 194 

Verlaine, Paul 396 



PERSONENREGISTER 



547 



Versois, Odile 529 
VerstraeteJ. 520 
Vesey, Desmond Ivo 488 
Vogel, Peter 527 
Volkervon Alzei 250 
Voltaire, Francois Marie Arouet 

de 248, 441 
Vujicic, Petar 515 

Wagner, Richard 288 
Wagner, Robert 169 
Wallmann, Jiirgen P. 521 
Wallner, Martha 530, 532 
Walser, Robert 417 
Walter, Hans-Albert 501, 502 
Wapnewski, Peter 495 
Wassermann, Jakob 242, 262, 

271,272,295,328 
Weber, Friedrich 169 
Wedekind, Frank 293 
Wegehaupt, Heinz 193 
Wegner, Erika 524 
Weinert, Erich 181 
Weiskopf, Franz Carl 261, 350, 

357,358,401,402,40.5,441, 

453,467,471,479 
Weiss, Ernst 86, 123, 124, 126, 

200, 201, 345, 418 
Wendel, Hermann (Pseud.: Leo 

Parth) 269, 328,483 
Werfei, Franz 92, 262, 293, 331, 

409,428 
Werumeus Buning, Johan Wil- 

lem Frederik 279 
Wessely, Paula 360 
Westhoff, Helmut 200 
Wicki, Bernhard 527 
Wild, Franz Josef 530 



Wilde, Harry 164 

Wilder, Thornton 211 

Wilhelmll. 39, 153,251,370, 
418 

Winkler, Johan 486 

Winkler-Vonk, Annie 486 

Wittlin, Jozef XVI, XVII, 45, 46, 
47,48, 49, 50, 56, 57, 121, 122, 
239,275,331,419,452 

Wolff, Kurt 133 

Wollheim, Ernst 291 

Woolf, Leonard 432 

WR439 

Wurmser, Andre 272 

Zille, Heinrich 206 

Zils,Wilhelm317 

Zimmer, Grete 530 

Zivojinovic, Bata 527 

Zogu, Achmed 236 

Zola, Emile 214,215 

Zuckmayer, Carl 197, 330 

Ziihlsdorff, Volkmar von 345, 
347 

Zweig, Arnold 137, 331, 405, 466 

Zweig, Friderike (Maria) 293, 
298,316,347,384,391,495 

Zweig, Stefan XIX, XXI, 80, 85, 
98, 100, 101, 131, 137,138, 
143, 144, 150, 158, 171,245, 
247,248,259,263,264,265, 
276,277,278,281,291,292, 
293,296,297,298,299,300, 
307,308,310,312,316,328, 
331,344,352,355,356,382, 
388,391,392,408,409,425, 
427,438,443,448,451,460, 
461,475,481,484,524 



Beim Abdruck von Briefen und unveroffentlichten Texten Roths wer- 
den Eigenheiten seiner Ortbographie und Zeichensetzung beibehalten. 



INHALTSVERZEICHNIS 549 

INHALTSVERZEICHNIS Seite 

Vorwort V 

Abkiirzungsverzeichnis XIII 

Zeittafel XVI 

I. Von Brody nach Wien (1894-1920) 

Heimat:Galizien 2 

Familie und friihe Kindheit (1894-1901) 14 

Schulzeit in Brody (1901 - 1913): 

»Ein Vorzugsschuler« 21 

Studium und friihe Dichtungen (1913 — 1916): 

»Der vertraumte deutsche Lyriker . . .« 36 

Teilnahme am Ersten Weltkrieg (1916—1918): 

»Ein Einjahrig-Freiwilliger* 3 7 

Wien und »Der Neue Tag* (1919/1920) 66 

II. Beruf: Journalist (1921 -1932) 

Orte und Begegnungen 80 

Lebensstil 80 

Berlin, Wien und Prag (192 1 - 1923) 87 

Friederike (Friedl) 93 

Bei der ^Frankfurter Zeitung* (1923-1932) 103 

Frankfurt und die Redaktion der FZ 103 

Paris 120 

Zerwiirfnisse und Entfremdungen 127 

Der Verlag Gustav Kiepenheuer 133 

Sympathien — Antipathien 138 

Neue Bindung: Andrea Manga Bell 733 

Die journalistischen Arbeiten 160 



550 INHALTSVERZEICHNIS 

Uberlegungen zum Metier 160 

Politik 162 

»Ein Unpolitischer geht in den Reichstag« : 

Weimarer Republik 162 

»Reise durch Deutschlands Winter* : 

Aufkommender Nationalsozialismus 163 

»Erste Begegnung mit der Diktatur*: 
Die Internationale des Faschismus 

und Antisemitismus 1 75 

Gesellschaft und Sozialprobleme 1 79 

»Karneval«: Satirisches 179 

Uber die Lage der Arbeiter in Deutschland 181 

Uber die Lage der Ostjuden 186 

»Die Frauen Nebbe und Klein«: 

Randgruppen der Gesellschaft 189 

Literatur 191 

Literatursoziologie — Literaturbetrieb 192 

Zeitgenossen 199 

Historisches 213 

Theater und Film 215 

Reiseberichte 222 

Reisen in Deutschland 222 

Frankreich 225 

Sowjetunion 230 

Albanien 235 

Polen 236 

III. Im Exil (1933-1939) 241 

»Die Aufgabe des Dichters in unserer Zeit«: 

Politische Publizistik 247 



INHALTSVERZEICHNIS 551 

»Unerbittlicher Kampf« 248 

NS-Deutschland 249 

Polemik 236 

Kollegen als Mitstreiter 268 

»Der Antichrist* 275 

»In trauriger Resignation* 280 

»Das Unsagbare* 280 

Das Ausland und NS-Deutschland 283 

Spanischer Biirgerkrieg 290 

»Das bittere Brot«: Leben im Exil 297 

Paris, Nizza, Amsterdam (1933 — 1936) 291 

»Begegnung in der Emigration*: 

Irmgard Keun 300 

Paris 1937-1939 305 

Freunde 315 

Aus Joseph Roths Korrespondenz mit einer 

Hilfsorganisation des Exils 332 

Utopie Osterreich 348 

Der »Osterreichische Gedanke* 348 

Kampf um Osterreich 354 

»Totenmesse« 364 

Tod 376 

»Die Legende vom heiligen Trinker« 376 

»In memoriam Joseph Roth* 388 

IV. Romane und Erzahlungen 

Vorbilder und Anregungen 408 

Zeitkritische Romane der zwanziger Jahre 411 

Das Spinnennetz 414 



^yi 


INHALTSVERZEICHNIS 


Hotel Savoy 




419 


Die Rebellion 




420 


Die Flucht ohne Ende 




422 


Zipper und sein Vater 




427 


Rechts und links 




430 


Der stumme Prophet 




433 


Perlefter 




438 


Erzahlungen: 






April 




441 


Der blinde Spiegel 




441 


Romane und Erzahlungen im ost 
Milieu 


:judischen 


442 


Hiob 




442 


Das falsche Gewicht 




451 


Der Leviathan 




455 


Romane und Erzahlungen im osterreichischen 
Milieu 


456 


Radetzkymarsch 




456 


Erzahlungen: 






Stationschef Fallmerayer 




467 


Triumph der Schonheit 




467 


Die Biiste des Kaisers 




468 


Die Kapuzinergruft 




468 


Die Geschichte von der 1002. Nacht 


473 


Zeitkritische Romane des Exils 




475 


Tarabas 




475 


Die hundert Tage 




480 


Beichte eines Morders 


' 


484 


Neuauflagen und Ubersetzungen 


im Exil 


485 



INHALTSVERZEICHNIS 553 



V. Die Roth-Rezeption nach 1945 


491 


Deutschsprachige Ausgaben 


493 


Sammlungen 


493 


Einzelne Werke 


502 


Ubersetzungen 


512 


Sekundarliteratur 


521 


Fernseh- und Spielfilme 


527 


Nachtrag 


533 


Verzeichnis der Leihgeber 


535 


Personenregister 


537 





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