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Full text of "Jud Suess"




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JUD SÜSS 



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ERSTES BUCH / DIE FÜRSTIN 



Wie ein Netz von Adern schnürten sich Straßen über das Land, 
sich querend, verzweigend, versiegend. Sie waren verwahrlost, voll 
von Steinen, Löchern, zerrissen, überwachsen, bodenloser Sumpf, 
wenn es regnete, dazu überall von Schlagbäumen unterbunden. Im 
Süden, in den Bergen, verengten sie sich in Saumpfade, verloren 
sich. Alles Blut des Landes floss durch diese Adern. Die holperigen, 
in der Sonne staubig klaffenden, im Regen verschlammten Straßen 
waren des Landes Bewegung, Leben und Odem und Herzschlag. 
Es zogen auf ihnen gewöhnliche Postwagen, dachlose Karren, ohne 
Polster, ohne Lehne, humpelnd, oft zusammengeflickt, und die 
schnelleren Wagen der Extrapost, viersitzige, mit fünf Pferden, die 
bis zu zwanzig Meilen im Tag fahren konnten. Es zogen auf ihnen 
die Eilkuriere der Höfe und Gesandten, auf guten Pferden, oft 
wechselnd, mit versiegelten Taschen, und die langsameren Boten der 
Thum- und Taxisschen Post. Es zogen Handwerksburschaft mit 
Ranzen, biedere und gefährliche, und Studenten, hager und sanft die 
einen, die andern fest und verwegen, und eng schauende Mönche, 
verschwitzt in ihren Kutten. Es zogen die Planwagen der großen 
Kaufleute und die Handkarren hausierender Juden. Es zog in sechs 
soliden, etwas schäbigen Kutschen der König von Preußen, der den 
süddeutschen Höfen Besuch gemacht hatte, und sein Gefolge. Es 
zogen, ein endloser Wurm von Mensch und Vieh und Wagen, die 
Protestanten, die der Salzburger Fürstbischof geifernd aus seinem 
Land verjagt. Es zogen bunte Komödianten und Pietisten, nüchtern 
von Tracht und in sich verloren, und in prächtiger Kalesche mit 
Vorreiter und großer Bedeckung der hagere, hochmütig blickende 
venezianische Gesandte am sächsischen Hof. Es zogen auf dem Weg 
nach Frankfurt unordentlich auf mühsam zusammengestapeltem 
Fuhrwerk vertriebene Juden einer mitteldeutschen Reichsstadt. Es 
zogen Magister und Edelleute und seidene Huren und tuchene 
Referenten des Kammergerichts. Es zog behaglich in vielen 
Kutschen der dicke, schlau und fröhlich schauende Fürstbischof von 
Würzburg, und es zog abgerissen und zu Fuß ein Professor der 



bayrischen Universität Landshut, der wegen aufsässiger und 
ketzerischer Reden entlassen worden war. Es zogen mit den Agenten 
einer englischen Schiffahrtsgesellschaft und mit Weib, Hund und 
Kind schwäbische Auswanderer, die nach Pennsylvanien wollten, es 
zogen fromm, gewalttätig und plärrend niederbayrische Wallfahrer 
auf dem Weg nach Rom, es zogen, den huschenden, scharfen, 
behutsamen Blick überall, Silberaufkäufer und Vieh- und 
Getreideaufkäufer des Wiener Kriegsfaktors, und es zogen 
abgedankte kaiserliche Soldaten aus den Türkenkriegen und Gaukler 
und Alchimisten und Bettelvolk und junge Herren mit ihren 
Hofmeistern auf der Reise von Flandern nach Venedig. 
Das alles trieb vorwärts, rückwärts, querte sich, staute sich, hetzte, 
stolperte, trottete gemächlich, fluchte über die schlechten Wege, 
lachte, erbittert oder behaglich spottend, über die Langsamkeit der 
Post, greinte über die abgetriebenen Klepper, das gebrechliche 
Fuhrwerk. Das alles flutete vor, ebbte zurück, schwatzte, betete, 
hurte, lästerte, bangte, jauchzte, atmete. 

Der Herzog ließ die prunkende Kalesche halten, stieg aus, 
schickte Kämmerer, Sekretär und Dienerschaft voraus. Auf die 
verwunderten Blicke seiner Herren hatte er nur ein ungeduldiges 
Prusten. Da, wo der Weg den sanftgrünen Hügel hinanstieg, hielten 
nun die Wagen, warteten. Kammerherren und Sekretär krochen vor 
dem feinen, endlosen Regen ins Innere der Kutsche, Jäger, Diener, 
Leibhusar sprachen gedämpft aufeinander ein, tuschelten, zoteten, 
pruschten heraus. Der Herzog Eberhard Ludwig, fünfundfünfzig 
Jahre, ein dicker, großer Mann, vollwangig, starklippig, blieb zurück. 
Er stapfte schwerfällig, den Samthut in der Hand, daß der feine, 
warme Regen die Perücke stäubte, und er achtete nicht der Pfützen, 
die ihm die glänzenden Stiefel bespritzten und den tief schößigen, 
silbergestickten, kostbaren Rock. Er ging langsam, beschäftigt, blieb 
oft stehen, in unmutiger Nervosität durch die starke, fleischige Nase 
schnaubend. Er war in Wildbad gewesen, der Gräfin den Abschied 
zu geben. War das jetzt erledigt? Eigentlich nicht. Er hatte nichts 
gesagt. Die Gräfin hatte auf seine halben Worte nur verschleierte 
Blicke gehabt, keine Antwort. Aber sie musste doch gemerkt haben, 
sie war ja so gescheit, sie musste, musste gemerkt haben, was er 
wollte. Eigentlich war es gut, daß es so ohne Wetter und Geschrei 
gegangen war. An dreißig Jahre waren es jetzt, daß er mit ihr 
zusammenlebte. Was hatte seither die Herzogin gejammert, gezetert, 
gewinselt, intrigiert, ihn von der Frau zu lösen. Was hatten seine 



Geheimräte angestellt, der Kaiser, die Prälaten, das verfluchte 
Gesindel vom Parlament, die Gesandten von Kurbraunschweig und 
Kassel. An dreißig Jahre war die Frau verknüpft mit allem, was das 
Land und er erlebt hatten. Sie war er, sie war Württemberg. Dachte 
man Württemberg, so dachte man: die Frau, oder: die Hure, oder: die 
Gräfin, oder: die Maintenon von Schwaben. Ob kühl oder hassend, 
wie immer interessiert, jeder Gedanke an das Herzogtum war ein 
Gedanke an die Frau. Bloß er, er allein, und er lächelte, konnte die 
Frau denken, gelöst von Politik, gelöst von dem Herzogtum. Nur er 
konnte denken: Christi, und es war kein Gedanke an Soldaten, Geld, 
Privilegien, Zänkereien mit dem Parlament, verpfändete Schlösser 
und Herrschaften, sondern nur die Frau, allein, lächelnd, sich ihm 
entgegenrekelnd. Und jetzt war es also aus, er wird sich wieder mit 
der Herzogin versöhnen, und die Landschaft wird jubeln und ihm ein 
großes Präsent machen, und der Kaiser wird zufrieden mit dem 
schlaffen Kopf wackeln, und der grobe, schlecht angezogene König 
von Preußen wird ihm Glückwünsche schicken, und die 
europäischen Höfe werden den Skandal vermissen, über den jetzt 
bereits die zweite Generation klatscht. Und dann wird er der 
Herzogin einen Sohn machen, und das Land wird einen zweiten 
richtigen Erben haben, und im Himmel und auf Erden wird 
Wohlgefallen sein. Er blies heftig durch die Nase. Ein dumpfes 
Wüten stieg in ihm auf, wenn er an die Freude dachte, mit der das 
Herzogtum, das ganze Deutschland den Sturz der Frau feiern würde. 
Er hörte, wie das Land aufatmete, er sah die fetten Bürgercanaillen 
seines Parlaments, wie sie triumphierend grunzten, breitmäulig, sich 
die Schenkel schlagend, er sah die nüchternen, steifleinenen 
korrekten Verwandten der Herzogin und ihren magern, saueren, 
höhnischen Jubel. Das ganze Geziefer wird herfallen über die Frau 
wie über ein Aas. Sein Leben lang hat er die Frau gehalten gegen das 
Gesindel; jetzt, wenn er sie lässt, er ist fünfundfünfzig, wird es ihm 
das Gesinde als Greisenschwäche ausdeuten. Er hat zahllose 
Reskripte erlassen, die jedes unehrerbietige Wort gegen die Gräfin 
schwer bestrafen, er hat sich mit dem Kaiser brouilliert, er hat seinen 
Jugendfreund und ersten Minister aus dem Land gejagt wegen eines 
frechen Wortes über die Frau, er hat sich herumgeschlagen mit 
seinen Räten, seinem Parlament, mit dem ganzen Land um Steuern, 
immer neue Steuern, um Geld, Geld, Geld für die Frau. Er hat sie 
gehalten gegen Land, Reich und Welt an dreißig Jahre. 
Was war das für ein Sturm damals durch ganz Europa, als er sich 



gleich zu Beginn ohne lange Umstände die Gräfin als zweite 
Gemahlin neben der Herzogin hatte antrauen lassen. Es regnete 
kaiserliche Bitten, Beschwörungen, Drohungen, die Stände kläfften 
wie tolle Hunde, die Verwandten der Herzogin, die Baden- 
Durlachischen, sahen grün und blau vor Wut und Verachtung, man 
wetterte von den Kanzeln gegen ihn, verweigerte ihm das 
Abendmahl, das ganze Land war ein Gischt und Strudel. Nun gut, er 
hatte sich gefügt, er hatte das Eheverlöbnis mit der Gräfin 
aufgehoben, hatte sich mit der Herzogin wieder ausgesöhnt. Was 
freilich die Zuneigung betraf und die daraus entstehende eheliche 
Beiwohnung — er lächelte, wie er sich der hübschen Phrase 
erinnerte, mit der er den Kaiser abgespeist hatte, der Bruder der 
Gräfin hatte sie ihm gedrechselt — die Zuneigung also und die 
daraus entstehende eheliche Beiwohnung war eine Sache, die von 
Gott und ihm selbst abhing und zu der ein Reichsfürst durch Fremde 
nicht gezwungen werden konnte. Und dann auf frische, scharfe 
Befehle des Kaisers hin hatte er die Christi wirklich weit außer 
Landes geschickt und sich von seinem dankbaren Parlament viel 
Geld dafür bezahlen lassen, und das ganze Land hatte gejubelt. Aber 
dann - er schmunzelte, dies war doch der beste Streich seines Lebens 
- hatte er durch seine Agenten in Wien einen mürben Trottel von 
Grafen auftreiben lassen, und mit dem hatte er die Christi verheiratet 
und ihn zu seinem Landhofmeister gemacht, und als 
Landhofmeisterin kehrte die Frau zurück unter dem Toben des 
betrogenen Württemberg, dieweil der Kaiser ohnmächtig und 
bedauernd die Achseln zuckte: Wer wollte es einem Reichsfürsten 
verwehren, die Frau seines ersten Ministers an seinem Hof zu haben? 
Und wie hatte die Christi gelacht, als er ihr für das Geld, das ihm 
sein Parlament für die Trennung bewilligt hatte, die Herrschaften 
Höpfigheim und Gomaringen kaufte. Jetzt war es ruhig geworden. 
Wohl erschien da und dort noch ein Pasquill gegen die Gräfin, aber 
seine Verbindung mit ihr war nun an dreißig Jahre eine gegebene 
Tatsache deutscher, europäischer Politik. Die Stände knurrten, aber 
sie hatten gewissen Landverschreibungen an die Gräfin zugestimmt. 
Die Herzogin residierte kahl, sauer und resigniert im Stuttgarter 
Schloss, ihre Verwandten, die steifleinenen Markgrafen, hatten sich 
in ein ägriertes, hochmütiges Schweigen zurückgezogen. Man fand 
die Tatsachen unerhört, aber das tat man schon seit dreißig Jahren, 
man hatte sich hineingewöhnt, fügte sich. Und jetzt also, eigentlich 
ohne bestimmten Anlass, sollten alle Verbindungen mit der Frau sich 



lösen, fallen, nicht mehr da sein. Sollten sie? Er hatte nicht 
gesprochen. Wenn er nicht wollte, war nichts geschehen. 

Der Herzog stand auf der kotigen Landstraße, allein, barhaupt, 
in dem feinen, rieselnden Regen. Er zog den rechten Stulphandschuh 
ab und schlug ihn mechanisch gegen den Schenkel. 
Oder war ein Anlass gewesen? Der polternde Preußenkönig hatte 
ihm, wie er jetzt in Ludwigsburg war, Vorstellungen gemacht. Er 
sollte sich doch mit der Herzogin versöhnen, dem Land und sich 
einen zweiten Erben machen, sein Haus nicht auf die zwei Augen 
des Erbprinzen stellen, wo schon die Katholischen auf das Erlöschen 
der evangelischen Schwabenherzöge spitzten. Das war es nicht. 
Nein, das war es nicht. Soll sich der Preuße nach Haus scheren, zu 
seinem Sand und seinen Kiefern, mit seiner faden Nüchternheit und 
seinem kahlen, moralischen Sermon, der in jedem dritten Satz von 
Tod predigte. Er, Eberhard Ludwig, mit seinen Fünftundfünfzig, war 
Gott sei Dank noch in Saft und Schuss. Mag doch nach seinem Tod 
wer will das Land und seine Schulden auf den Buckel nehmen und 
sich mit dem lausigen Gesindel vom Parlament herumärgern. Darum 
der Christi den Abschied geben? Dass er ein Narr wäre! 
Er nahm den Stapf schritt schneller, pfiff falsch und heftig eine 
Melodie aus dem letzten Ballett. Was hatte der Preuße weiter 
angeführt? Die Gräfin sei ein schlimmeres Unglück für das 
Herzogtum als alle Franzoseneinfälle und höchst beschwerlichen 
Reichskriege. Alle Drangsal, Jammer und Verwirrung in 
Württemberg, des sei sie Ursach und Stifterin. Sie schröpfe und 
quetsche gottserbärmlich, und aller Schweiß des Landes sei für ihre 
Taschen. Das kannte er. Kotz Donner! Die Melodie pfiff ihm aus 
hundert Schmähschriften entgegen, die Soße servierten ihm seine 
Stände jede Woche zum Braten. Sie brauchte Geld, ja, ja, und 
immerzu, soviel Geld gab es im ganzen Römischen Reich nicht, wie 
sie brauchte, sie schmeichelte darum, winselte, drohte, schmollte, 
trotzte darum, es war oft ein Jammer und eine Verzweiflung, wenn 
er nicht wusste, woher mehr nehmen und immer mehr. Aber was war 
besser, die kahle, schäbige Haushälterei der Herzogin, wo kein 
Pfennig zuviel vertan wurde, oder der rauschende Glanz der Frau, 
wo die Schlösser und Forsten und alle Einkünfte der Kammer wie 
bunte Funken verprasselten? Nein, mit solchen Argumenten konnte 
man ihm die Frau nicht verekeln. Und wenn doch vielleicht der 
Knauser, der ungehobelte, den Anstoß zur Verabschiedung der 
Gräfin gegeben hatte, so war es mit etwas ganz anderem, mit einem 



10 



viel leiseren Wort, auf das er wahrscheinlich selber kaum Gewicht 
gelegt hatte. Sie waren, der König und er, auf einen Aussichtspunkt 
hinaufgefahren, und wie der Brandenburger das weiche, wellige 
Land sah, die sanften, grünen, gesegneten Hügel mit Korn und 
Frucht und Wein und Forst, da hatte er vor sich hingeseufzt: „Wie 
schön! Wie schön! Und zu denken, daß ein altes Weib darüberliegt 
wie Meltau und Nonnenfraß." An dem Meltau und Nonnenfraß wäre 
nun Eberhard nicht viel gelegen. Aber: ein altes Weib. Das biß sich 
ihm ins Herz. Er, Eberhard Ludwig, mit einem alten Weib liiert? 
Alle Flüche, Drohungen, Beschimpfungen waren an ihr abgeglitten 
wie Wasser vom geölten Körper. Aber: ein altes Weib? Der Herzog 
erinnerte sich gewisser verjährter Geschichten. Trotz scharfer Edikte 
hatte sich immer wieder Geschwätz erhoben, die Frau habe ihn mit 
Zaubermitteln behext. Einer Sache vornehmlich entsann er sich bis 
in jede Einzelheit. Eine Zofe der Gräfin, sogar den Namen wusste er 
noch, Lampert hatte sie geheißen, war zu dem Hofprediger 
Urlsperger gelaufen und hatte dem von gottlosen, widerlichen und 
hexerischen Hantierungen erzählt, die die Gräfin treibe, um den 
Herzog an sich zu ketten. Der Hofprediger hatte ein Protokoll 
aufgenommen und den ruchlosen, scheußlichen Unflat von der 
Lampertin vereiden lassen. Danach habe die Gräfin in Genf ein 
Hemd der Herzogin in kleine viereckige Stücke geschnitten, in den 
mit Branntwein präparierten allerfeinsten Wismut getunkt und 
hernach auf freche und obszöne Manier zu Wischläppchen 
gebraucht. In Urach habe sie sich das neugeborene Kalb einer 
schwarzen Kuh bringen lassen und ihm eigenhändig den Kopf 
abgehauen, ebenso habe sie es mit drei schwarzen Tauben gemacht, 
einem Bock aber habe sie die Hoden abgeschnitten, anderer 
ekelhafter und unsittlicher Hantierung nicht zu gedenken. Durch 
solche Mittel, hieß es, habe sie ihn dahin gebracht, daß er seine 
Gemahlin durchaus nicht ausstehen, ohne sie selbst aber nicht mehr 
habe leben können, indem er Beklemmungen bekommen, sobald er 
von ihr entfernt gewesen. Die Esel die, die dürren, saftlosen! Faseln 
von Zauberei, können sich's nicht ohne Hexenhantierung 
zusammenreimen, wo jedem gesunden Mann auf die natürlichste Art 
das Blut ins Herz und zwischen die Schenkel schießen muss! Wenn 
er an Genf dachte, wie die Christi ihm entgegenlachte, damals, in 
dem blassblauen Zimmer im Gasthof Cerf d'Or, auf dem breiten Bett 
lagernd, prangend. Da brauchte sie, weiß Gott, keine Kälber zu 
schlachten und keine Tauben, um sich ihm ins Blut zu brennen. Aber 



11 



jetzt? Ein altes Weib? Er hatte doch Hände zu greifen, Augen zu 
sehen. Sie war etwas beleibt, ja, litt an Asthma: aber war es Teufelei 
und ruchlos hexerische Manipulation, was ihn weiter an sie kettete? 
Ihre grauen Augen waren immer noch bei aller Lindigkeit so groß, 
zwingend, wie vor zwanzig Jahren, ihr nussbraunes Haar hatte sich 
nicht verfärbt, und in ihrer Stimme läuteten noch alle Glocken vom 
ersten Tage. Freilich, die kleinen Narben, die ihn damals so ohne 
Maß gereizt hatten - die Lästerer behaupteten, die Spuren einer 
schlechten Krankheit - die versteckte sie jetzt hinter Puder und 
Schminke. Ein altes Weib? Sie war diesmal so schwermütig 
gewesen, so elegisch. Sie hatte ihn nicht verlacht, ihm keine Szene 
gemacht, nicht einmal Geld hatte sie verlangt. Spürte sie was? Aber 
wenn sie sanft wäre wie ein eintägiges Lamm: ein altes Weib liebte 
er nicht. Er, Eberhard Ludwig, nicht. Da könnte er gleich zu seiner 
saueren Herzogin zurückkehren und dem Land den zweiten Sohn 
machen und mit Gott und dem Kaiser und dem Reich und seinem 
Parlament in Frieden sein. Dann freilich hatte sie Lux zu ihm gesagt, 
Eberhard Lux, und die Glocken hatten geklungen wie am ersten Tag. 
Und dann hatte sie sich über die Landschaft mokiert, die aus ihren, 
der Gräfin, Dörfern und Herrschaften die Juden verjagt haben wollte, 
ihre Juden, von denen jeder einzelne am Werktag mehr Hirn im 
kleinen Finger hatte als die ganze Landschaft am Feiertag im Kopf. 
Und wie sie sich über die dumm giftige, sackgrobe Petition der 
Landschaft lustig machte, so keine zweite helle, kluge, heitere Frau, 
ob jung, ob alt, hatte er nicht mehr fflebt, von Türkenland bis Paris, 
von Schweden bis Neapel. Es war doch gut, daß er nichts 
Entscheidendes zu ihr gesagt hatte. 

Er winkte, unmittelbar vor ihm hielten seine Wagen. Er ließ 
wenden, er wollte jetzt doch nicht nach Stuttgart fahren, auch nicht 
nach Ludwigsburg. Nach Neßlach, dem kleinen, verlorenen 
Jagdhaus. Er wollte Ruhe haben, sich auslüften. Er schickte einen 
Läufer um den Geheimrat Schütz, mit dem wollte er die Affäre in 
aller Ruhe nochmals durchsprechen. Ein altes Weib? Noch auf dem 
Weg nach Neßlach schickte er auch den zweiten Jäger fort. Die neue, 
blutjunge, ungarische Tänzerin, die vor acht Tagen in Ludwigsburg 
eingetroffen war, soll ungesäumt ins Jagdhaus fahren. Donner und 
Türken! Er wird sich den preußischen Besuch vom Leib spülen. 



12 



Der herzoglich württembergische Hoffaktor Isaak Simon 
Landauer war in Rotterdam gewesen, wo er auf Rechnung des 
kurpfälzischen Hofes gewisse Kreditgeschäfte mit der 
niederländisch-ostindischen Gesellschaft geregelt hatte. Von 
Rotterdam berief ihn ein Eilbote der Gräfin Würben dringlich zurück 
nach Wildbad zur Gräfin. Unterwegs hatte er einen Geschäftsfreund 
getroffen, Josef Süß Oppenheimer, kurpfälzischen Oberhof- und 
Kriegsfaktor, zugleich Kammeragenten des geistlichen Kurfürsten 
von Köln. Josef Süß, der eine Reihe aufregender und anstrengender 
Geschäfte hinter sich hatte, wollte sich in irgendeinem Badeort 
ausruhen und ließ sich von Isaak Landauer leicht bestimmen, mit 
nach Wildbad zu gehen. Die beiden Männer fuhren in dem eleganten 
Privat-Reisewagen des Süß. „Kostet mindestens seine zweihundert 
Reichstaler jährlich, der Wagen", konstatierte mit gutmütiger, leicht 
spöttischer Mißbilligung Isaak Landauer. Hintenauf saß blass, fett 
und phlegmatisch des Süß Leibdiener und Sekretär, Nicklas Pfäffle, 
ehemaliger Notariatsgehilfe. Isaak Landauer trug jüdische Tracht, 
Schläfenlocken, Käppchen, Kaftan, schütteren Ziegenbart, rot-blond, 
verfärbt. Ja, er trug sogar das Judenzeichen, das ein Jahrhundert 
vorher im Herzogtum eingeführt war, ein Jagdhorn und ein 5 
darüber, trotzdem keine Behörde daran gedacht hatte, von dem 
angesehenen, mächtigen Mann, der bei dem Herzog und der Gräfin 
groß in Gunst stand, dergleichen zu verlangen. Isaak Landauer war 
der geschickteste Geldmann im westlichen Deutschland. Seine 
Verbindungen reichten von den Wiener Oppenheimer, den Bankiers 
des Kaisers, bis zu den Kapitalisten der Provence, von den reichen 
Händlern der Levante bis zu den jüdischen Kapitalisten in Holland 
und den Hansestädten, die die Schiffahrt nach Übersee finanzierten. 
Er lehnte in unschöner, nicht natürlicher Haltung im Polster zurück 
und barg, der unansehnliche, schmutzige Mann, fröstelnd die magen, 
blutlosen Hände im Kaftan. Leicht schläfrig vom Fahren, die kleinen 
Augen halb geschlossen, beobachtete er mit gutmütigem, ein wenig 
spöttischem Lächeln seinen Gefährten. Josef Süß, stattlich, bartlos. 



13 



modisch, fast ein wenig geckenhaft gekleidet, saß aufrecht, besah, 
den Bhck rastlos, scharf, rasch, jedes Detail der Landschaft, die noch 
immer in feinem Regen wie hinter einem Schleier lag. 
Isaak Landauer schaute mit wohlwollendem Interesse und amüsiert 
den Kollegen auf und ab. Den elegant geschnittenen hirschbraunen 
Rock, silberbordiert, aus allerfeinstem Tuch, die zierlich und präzis 
gekrauste und gepuderte Perücke, die zärtlich gefalteten 
Spitzenmanschetten, die allein ihre vierzig Gulden mochten gekostet 
haben. Er hatte immer ein Faible für diesen Süß Oppenheimer 
gehabt, dem die Unternehmungslust und die Lebgier so unbändig aus 
den großen, rastlosen, kugeligen Augen brannte. Das also war die 
neue Generation. Er, Isaak Landauer, hatte unendlich viel gesehen, 
die Löcher der Judengasse und die Lustschlösser der Großen. Enge, 
Schmutz, Verfolgung, Brand, Tod, Unterdrückung, letzte Ohnmacht. 
Und Prunk, Weite, Willkür, Herrentum und Herrlichkeit. Er kannte 
wie nur ganz wenige, drei, vier andere im Reich, den Mechanismus 
der Diplomatie, übersah bis ins kleinste den Apparat des Kriegs und 
des Friedens, des Regiments über die Menschen. Seine zahllosen 
Geschäfte hatten ihm das Auge geschärft für die Zusammenhänge, 
und er wußte mit einem gutmütigen und spöttischen Wissen um die 
feinen, lächerlichen Gebundenheiten der Großen. Er wußte, es gab 
nur eine Realität auf dieser Welt: 

Greld. Krieg und Frieden, Leben und Tod, die Tugend der Frauen, die 
Macht des Papstes, zu binden und zu lösen, der Freiheitsmut der 
Stände, die Reinheit der Augsburgischen Konfession, die Schiffe auf 
den Meeren, die Herrschgewalt der Fürsten, die Christianisierung der 
Neuen Welt, Liebe, Frommheit, Feigheit, Üppigkeit, Laster und 
Tugend: aus Geld kam alles und zu Geld wurde alles, und alles ließ 
sich in Ziffern ausdrücken. Er, Isaak Landauer, saß mit an den 
Quellen, konnte den Strom mit lenken, konnte verdorren lassen, 
befruchten. Aber er war nicht so töricht, diese seine Macht 
herauszukrähen, er hielt sie heimlich, und ein kleines, seltenes, 
amüsiertes Lächeln war alles, was von seinem Wissen und seiner 
Macht zeugte. Und eines noch. Vielleicht hatten die Rabbiner und 
Gelehrten der Judengasse recht, die von Gott und Talmud und 
Garten des Paradieses und Tal der Verwünschung als von Tatsachen 
mit genauen Einzelheiten erzählten, er persönlich hatte nicht viel 
Zeit für solche Erörterungen und war eher geneigt, gewissen 
Franzosen zu glauben, die derartige Dinge mit elegantem Hohn 
abtaten; auch in seiner Praxis kümmerte er sich nicht darum, er aß. 



14 



was ihm beliebte, und hielt den Sabbat wie den Werktag: aber in 
Tracht und Aussehen klammerte er eigensinnig an dem 
Überkommenen. In seinem Kaftan stak er wie in seiner Haut. So trat 
er in das Kabinett der Fürsten und des Kaisers. Das war das andere 
tiefere und heimliche Zeichen seiner Macht. Er verschmähte 
Handschuhe und Perücke. Man brauchte ihn, und dies war Triumph, 
auch in Kaftan und Haarlöckchen. 

Aber da war nun dieser Josef Süß Oppenheimer, die neue 
Generation. Da saß er stolz prunkend, mit seinen Schnallenschuhen 
und seinen Spitzenmanschetten, und blähte sich. Sie war plump, 
diese neue Generation. Von dem feinen Genuß, die Macht heimlich 
zu halten, sie zu haben und nichts davon zu zeigen, von diesem 
feineren Genuß des Stillfürsichauskostens verstand sie nichts. 
Berlocken und Atlashosen und ein eleganter Reisewagen und Diener 
hintenauf und die kleinen äußeren Zeichen des Besitzes, das galt ihr 
mehr, als in wohlverwahrter Truhe eine Schuldverschreibung der 
Stadt Frankfurt oder des Markgräflich Badenschen Kammergutes. 
Eine Generation ohne Feinheit, ohne Geschmack. Und dennoch 
mochte er den Süß gern leiden. Wie er dasaß, immer jede Fiber 
gespannt, gierig, sich aus dem Kuchen Welt sein mächtig Teil 
herauszufressen. Er, Isaak Landauer, hatte damals des jungen 
Menschen Schifflein ins Wasser gestoßen, als der trotz aller Mühe 
und wilden Getriebes nicht von Land kommen konnte. Nun, jetzt 
schwamm das Schifflein in vollem Strom, und Isaak Landauer 
schaute neugierig und geruhig zu, wie und wohin. 

Eine Extrapost kam ihnen entgegen. Ein feister, behäbiger Mann 
saß darin, daneben fett, rund, dumm eine Frau. Es mochte ein 
Ehepaar sein auf einer Reise zu einer Familienfestlichkeit. Während 
die Wagen umständlich und unter lärmenden Gruß-, Scherz- und 
Huchreden der Kutscher einander auswichen, schickte der Mann 
sich an, mit Süß ein kleines, gemütliches Reisegespräch zu beginnen. 
Wie er aber Isaak Landauer sah in seiner jüdischen Tracht, lehnte er 
sich ostentativ zurück und spie in weitem Bogen aus. Auch die Frau 
suchte ihrem dummen, gutmütigen Gesicht Strenge und Verachtung 
aufzusetzen. ,J)er Rat Etterlin aus Ravensburg", sagte Isaak 
Landauer, der alle Menschen kannte, mit einem kleinen, glucksenden 
Lachen. „Mögen die Juden nicht, die Ravensburger. Seitdem sie den 
Kindermordprozeß gehabt haben und ihre Juden gemartert, gebrannt 
und geplündert, hassen sie uns mehr als das ganze andere Schwaben. 
Das sind jetzt dreihundert Jahr. Heute hat man humanere Methoden, 



15 



weniger komplizierte, dem Juden sein Geld zu stehlen. Aber wem 
man solches Unrecht getan hat, versteht sich, daß man weiter gegen 
den gereizt ist, auch nach dreihundert Jahr. Nun, wir werden' s 
überleben." 

Süß hasste den Alten in diesem Augenblick. Die schmuddeligen 
Haarlöckchen, den fettigen Kaftan, das gurgelnde Lachen. Er 
kompromittierte einen mit seinem albernen, altmodischen, jüdischen 
Gehabe. Er verstand ihn nicht, den da, mit seinen senilen Marotten. 
Der hatte nun Geld wie Heu, einen unermesslichen Kredit, 
Beziehungen zu allen Höfen, Vertrauen bei allen Fürsten, er. Süß, 
saß vor ihm wie eine Eidechse vor einem Krokodil: und solcher 
Mann ging in dem schmutzigen Rockelor, forderte Hohnrufe und 
Gespei heraus, begnügte sich, Geld zu häufen, das Schreiberei in 
seinen Kontoren blieb. Was war denn Geld, wenn man es nicht 
wandelte in Ansehen, Pracht, Häuser, Pferde, prunkende Kleider, 
Weiber? Verspürte dieser Alte nicht Lust, auf andere 
herunterzuspucken, wie man auf ihn herunterspie, Fußtritte 
weiterzugeben? Wozu schuf sich einer Macht, wenn er sie nicht 
zeigte? Der Ravensburger Kindermordprozeß! Solches Zeug lag ihm 
im Sinn! Verstaubt, vermodert, vergraben. Heute war es, Gott sei 
Dank, besser, gesitteter, zivilisierter. Heute, wenn es der Jud nur 
schlau, anfing, saß er mit den großen Herren an einem Tisch. Hatte 
nicht sein Großvetter, der Wiener Oppenheimer, vor dem Römischen 
Kaiser darauf pochen können: wenn jetzt gegen die Türken die 
kaiserlichen Waffen siegreich waren, so war dieser, der Jud 
Oppenheimer, mit die vornehmste Ursach. Und die kaiserliche 
Kriegskanzlei und der Feldmarschall Prinz Eugen hatten das in 
bester Form und mit Siegel und Dank bestätigt. Brauchte sich einer 
nur nicht in alberne Kapricen verbeißen und mit Kaftan und 
Schlaf enlöckchen herumlaufen. Dann hätte auch der Ratsherr 
Etterlin aus Ravensburg seinen Diener und Kompliment gemacht. 
Isaak Landauer saß immer in der gleichen unbequemen, aufreizend 
uneleganten Haltung. Er las dem Süß wohl die Gedanken von der 
Stirn; aber er schwieg, schloß halb die spähenden Augen, mummelte. 

Süß hatte wirklich die Absicht, in Wildbad auszuruhen. Er hatte 
zwei aufregende Affären hinter sich. Einmal die Einführung des 
Stempelpapiers in der Kurpfalz. Der Kurhut hatte sich eine 
verdammt hohe Pacht zahlen lassen. Das Volk hatte sich gegen die 
neue Steuer gewehrt wie ein bissiger Hund. Je nun, er hatte sich 
nicht einschüchtern lassen, er hatte wider die Beschimpfungen, 



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Drohungen, Aufläufe vor seinen Büros, Pasquille, Tätlichkeiten, das 
Siegel und die Handschrift des Kurfürsten, er hatte von seiner Schrift 
kein Jota abgelassen, und das hatte sich auch gelohnt, er hatte den 
Vertrag mit einem Gewinn von zwölftausend Gulden weiterverkauft. 
Und er hatte sich dann nicht etwa Ruhe gegönnt, nein, die 
zwölftausend Gulden mußten sogleich weiterarbeiten. Entschlossen, 
schnell und gesammelt - man ließ ihm nur zwei Tage Bedenkzeit - 
war er in den Münzakkord mit Hessen-Darmstadt hineingesprungen. 
Ein gefährliches Geschäft. Sein Bruder, der Baron, der Getaufte, der 
doch in Darmstadt zu Hause war und das Terrain genau kannte, hatte 
es nicht gewagt; selbst Isaak Landauer hatte mit dem Kopf gewackelt 
und sein Lächeln eingestellt. Die Rentämter von Baden-Durlach, 
Ansbach, Waldeck, Fulda, Hechingen, Montfort waren erbitterte 
Konkurrenten und prägten, was sie konnten. Noch schlechtere 
Münze zu prägen, dazu mußte man verdammt kaltes Blut haben und 
eine Stirn, eisern bis zur Verzweiflung. Süß hatte sie. Und wußte 
auch dieses Geschäft mit Profit und zur rechten Zeit abzustoßen. 
Jetzt hatte er sein schönes Haus in Frankfurt, in Mannheim, beide 
schuldenfrei, dazu gewisse Liegenschaften, von denen niemand eine 
Ahnung hatte, in den östlichsten Teilen des Römischen Reiches. 
Kapital, Verbindungen, Titel, Kredit. Den Ruf eines findigen 
Kopfes, einer glücklichen Hand. Er durfte sich, weiß Gott, Ruhe und 
ein Leben aus dem Vollen gönnen. 

So falsch ihm Isaak Landauers Grundsätze schienen - seine 
eigene Art, mit Fürsten und großen Herren umzugehen, sich ihnen 
anzuschmiegen, war sicher die zeitgemäße, einzig richtige - es wäre 
Wahnsinn gewesen, von diesem Genie der vorigen Generation, 
diesem personen- und sachkundigsten Finanzmann nicht auf der 
Reise zu profitieren. Er fragte also geradezu nach der Gräfin, ihren 
Aussichten, Hoffnungen, Schwierigkeiten, ihrer geschäftlichen 
Bonität. 

Isaak Landauer schüttelte, sowie von Geschäften die Rede war, 
die Schläfrigkeit ab und richtete kluge, sehr wache Augen auf den 
Gefährten. Es war ihm Geschäftsprinzip, wenn möglich, bei der 
Wahrheit zu bleiben. Gerade durch seine gewagten und 
verblüffenden Offenheiten hatte er die größten Profite gemacht. Er 
wusste, der Süß mochte die Gräfin nicht leiden; ihre Geldgier schien 
ihm unfürstlich, ordinär. Was sollte er den Kollegen nicht ein wenig 
ärgern, indem er die Sicherheit, die Chancen des Geschäfts ins 
vollste Licht rückte. Er analysierte kurz, sachlich. Eine gescheite 



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Dame, die Gräfin. Sinn für Realitäten. Sie hat sich jede Steigerung in 
der Liebe des Herzogs mit Terrains und Privilegien zahlen lassen, 
und nahm er ab in der Liebe, dann musste er, wenn er wiederkam, 
mit Bargeld und Juwelen zahlen. Was hat sie in das Geschäft 
hineingesteckt - Ein hübsches Gesicht, einen kleinen Adelstitel, ein 
bisschen problematische Jungfräulichkeit. Nicht einmal Kleider hat 
sie gehabt, wie sie an den Hof kam. Und was hat sie 
herausgewirtschaft. Die Gräfin von Würben, die Gräfin von Urach, 
die Landhofmeisterin Exzellenz, Präsidentin des Conseils. Die 
Oberaufsicht der herzoglichen Schatulle. Achtzehntausend Gulden 
Apanage. Die Stammkleinodien und Hausjuwelen. Alle Emolumenta 
und Privilegien einer reichs-unmittelbaren Fürstin. Barkapital und 
Tratten auf Prag, Venedig, Genf, Hamburg. Die Rittergüter 
Freudenthal, Boihingen, die Dörfer Stetten und Höpfigheim, die 
Herrschaften Wilzheim, Brenz mit Oggenhausen, 

Marschalkenzimmern. Eine gescheite Frau, eine liebenswürdige 
Frau, eine Frau, die weiß, worauf es ankommt. Sie verdiente, Jüdin 
zu sein. 

„Sie soll in Disgrace sein", meinte Süß. „Sie hat sich brouilliert 
mit ihrem Bruder. In der Landschaft tuschelt man, ihr eigener Bruder 
habe dem Herzog geraten, sie abzuschaffen. Auch der König von 
Preußen hat auf ihn eingeredt. Sie wird alt, störrisch, schwer 
traktabel. Und so fett. Der Herzog ist nicht mehr für soviel Fett in 
letzter Zeit." „Sie kennt sich aus", erwiderte Isaak Landauer. „Sie 
weiß, die Bank von England hält sicherer als der Liebesschwur eines 
geilen Herzogs. Sie ist assekuriert, sie ist besser wie mancher 
Reichsfürst. Glaubt mir, Reb Josef Süß." Süß verzog den Mund. Was 
sagte er: Reb Josef Süß? Warum nicht: Herr Hoffaktor oder: Kollega 
oder so? Es war schwer, mit dem Alten zu verkehren. Er 
kompromittierte einen. „Wenn der Herzog sie fallen lässt," sagte er 
nach einer Weile, wird sie wenig retten können. „Sie ist im 
Herzogtum angesehen wie Pest und Nonnenfraß. Sie hat den Hass 
des ganzen Landes gegen sich." ,3ass des Landes", sagte Isaak 
Landauer amüsiert, geringschätzig, wiegte den Kopf, kämmte sich 
mit den Fingern den rotblonden, verfärbten Ziegenbart, lächelte. Und 
Süß spürte, er hatte recht. „Wer, so er was taugt, hat nicht den Hass 
des Landes gegen sich? Wer anders ist als die anderen, hat den Hass 
des Landes. Hass des Landes hebt den Kredit." Süß wurde gereizt 
durch den friedfertig überlegenen Ton des anderen. ,Jiine Hure," 
achselzuckte er. „Geizig, unfürstlich von Manieren, dazu fett und 



alt."„Gered, Reb Josef Süß", sagte Isaak Landauer gelassen. „Hure! 
Ein Wort. Trösten sich die tugendhaften alten adeligen Fräuleins 
damit, die ihr neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst nicht 
wissen können, ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib wird. Ich sag 
Euch, Reb Josef Süß, die Frau ist gut für fünfmaUiunderttausend 
Gulden. Sie ist gescheit, sie weiß, was sie will. Hat sie nicht die 
Juden zugelassen in ihre Dörfer und Herrschaften? Nicht aus 
Sentimentalität, bewahre. Aber sie ist klug, sie riecht, wer klug ist, 
mit wem man reden kann, handeln, klar, und es kommt was heraus. 
Fünfmalhundert? Sie ist gut bis zu fünfmalhundertundfünfzig- 
tausend!" 

Mittlerweile fuhr der Wagen beim Gasthof zum Stern in 
Wildbad vor. Der Stemwirt stürzte heraus, zog die Kappe. Aber wie 
er den Kaftan Isaak Landauers sah, warf er patzig hin: „Hier ist kein 
Judenwirt" und wollte in den Torgang zurück. Doch der blasse 
Sekretär stieg von seinem Sitz. ,JZ)as sind die Herren Hoffaktoren 
Oppenheimer und Landauer", sagte er gelassen und über die Achsel, 
während er den Herren beim Aussteigen half. Und schon dienerte der 
Sternwirt mit tiefem Bückling voraus in die Zimmer. Josef Süß hatte 
sich grimmig bewölkt bei den Grobheiten des Gesellen; aber er 
schritt schweigend neben Isaak Landauer. „Nu", lächelte der, „auch 
vor einem galonierten Geheimratsrock hätte er nicht können mit 
seinem Fuß weiter nach hinten auskratzen." Und er lächelte und 
kämmte sich mit den Fingern den schüttersträhnigen, verfärbten 
Bart. 



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Die Gräfin hatte den Herzog an den Wagen geleitet; während 
der schwere Mann umständhch in die Kutsche stieg, stand sie in der 
hebenswürdigen Sicherheit der an Bewunderung gewöhnten Frau, 
schwatzte gleitend, freundlich, lächelte, winkte. Noch als sie sich 
wandte, die Stufen zu dem blauen Kabinett hinaufstieg, war Schritt 
und Haltung leicht, elastisch. Dort erst entspannte sie sich, die 
Schultern fielen. Arme, Hände hingen kraftlos, der Mund stand 
halbauf, das Gesicht erschlaffte jäh und erschreckend. Aus, es war 
also aus. Sie hatte geschickt laviert, er hatte nicht zu sprechen 
gewagt, aber es war ja klar, mit der Absicht, ihr aufzusagen, war er 
gekommen, und wenn ihm auch das entscheidende Wort 
steckengeblieben war, seine verlegene Höflichkeit war hundertmal 
schlimmer als gelegentlich früher Geraunz oder Zornausbruch oder 
beleidigtes Schweigen. Sie saß schlaff, sie war so müde und 
ausgehöhlt; die gefasst liebenswürdige Haltung, der elegische Hauch 
darüber, während ihr Herz tobte, fluchte, geiferte, diese Gefasstheit 
war so aufreibend gewesen. Jetzt saß sie betäubt, in einer 
entsetzlichen Art bis zur Lähmung ausgeschöpft, auf dem fiedern, 
breiten Lager. Puder und Schminke auf ihrem Antlitz klafften, chs 
heitere Feuer, das sie in ihren großen Augen angezündet, losch hin, 
der mächtige gestickte Atlasrock hing in toten Falten, und unter der 
kunstvollen, mit kleinen Rubinen besetzten Sbemia - sie hatte die 
Mode aufgebracht, und sogar in Versailles ahmte man sie nach 
- unter der kunstvollen Sbernia verlor selbst das fröhliche, 
nussbraune Haar seine sorglose Frische. Aus also. Und warum? Der 
Preußenkönig hatte gebohrt, der Hund, der schäbige mit seinem 
schalen Geschwätz von Pflicht und Blödsinn. Ihr Bruder hatte 
gehetzt, der Intrigant, der verfluchte, tückische, eiskalte. Er brauchte 
sie nicht mehr, seine Stellung beim Herzog war fest genug; es war 
klüger, sie abzuschütteln, ehe er in ihren Sturz hineinverwickelt 
würde. Aber das alles konnten für den Herzog keine Gründe 
gewesen sein. Sie hatte ganz andere Stürme bestanden. Sie hatte den 
Kaiser, das ganze Reich, Volk und Landschaft und Konsistorium zu 



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Gegnern gehabt und hatte geatmet und war gestanden. Ihr Bruder! 
Der Preußenkönig! Bah, das waren keine Gründe. Und sie sah den 
wahren Grund auf sich zukriechen, sah ihn schleimig ihre Gedanken 
umklammem, wusste ihn und wusste ihn nicht, schlug wie die Raupe 
an der Nadel dagegen, daß er aus dunklem Gefühl Bewusstsein 
werde. Ihr Blick suchte den Spiegel, mied ihn. Sie sank, die schwere 
Frau, noch hilflos tiefer in sich zusammen, ein Haufe schlaffen 
Heisches in den prunkenden Stoffen. 

Auf deiner Stime wohnt / 
Minerva hoch in Ehre / 
In deinem Auge Zeus / 
In deinem Haar Cythere / 

so hatte der Hofpoet gesungen, vor dreißig Jahren. 

Sie brauchte keinen Spiegel, sie wusste den Grund. Sie stöhnte, 
lehnte vornüber, die Augen geschlossen, die Hand nach dem Herzen. 
Luft! Luft! Ihr Asthma presste sie. Erholt, raffte sie sich auf, raste 
durchs Haus, befahl, widerrief, ohrfeigte die Zofe, schrie, sandte 
Kuriere nach allen Richtungen. Noch war sie da. Man sollte sehen, 
daß sie noch da war. Er hatte nicht gesprochen. Das hatte sie 
verhindert, glücklicherweise. Sie hatte sich gezähmt. 
Übermenschlich war es gewesen, so an sich halten, aber sie hatte es 
gekonnt. Und jetzt hatte er nicht gesprochen, ah! und jetzt mussten 
sie ihren schmutzigen Jubel noch zurückhalten in ihren Därmen, und 
jetzt war sie noch da und wird es zeigen, wie sie da war. 

Sie hatte zuverlässige Korrespondenten um den Herzog. 
Eberhard Ludwig war noch immer in Neßlach, in seinem 
Jagdschloss. Täglich ritt ihr Kurier von Neßlach nach Wildbad. Um 
jede kleinste Anordnung des Herzogs wusste sie, was er aß und 
trank, wann er zu Bett ging, jagte, tafelte, spazieren ging. Er hatte 
nur die Ungarin um sich, und die nur im Tag eine halbe Stunde. 
Sonst sah er niemanden, niemanden von seinen Räten ließ er vor. 
Gut, gut. Er schämte sich wohl, daß er das Wort nicht gewagt hatte, 
wollte nicht weiter in sich drängen lassen. Die Regierungsakten 
wuchsen, warteten auf seine Unterschrift. Der schwierige Handel mit 
Baden-Durlach wegen des Kostenbeitrags für die Festung Kehl stand 
vor einem günstigen Vergleich, der Geschäftsträger der Markgraf ihn 
drängte, aber der Herzog war nicht zu erreichen. Auch das 



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Abkommen mit Heilbronn und Eßlingen über die Neckarregulierung 
forderte dringend Resolution: und kein Herzog, kein Herzog. All gut, 
all gut. Dafür ließ er jetzt die Ritter seines Hubertusordens kommen 
und soff mit ihnen herum. Er selber bgte das Ordenszeichen nicht 
ab, das goldene Kreuz mit dem rubinroten Schmelzwerk, den 
goldenen Adlern und dem Jägerhorn und der Devise: Amicitiae 
virtutisque foedus. Auch die ungarische Tänzerin mußte in Neßlach 
bleiben, die blutjunge, heillos törichte, makellos gewachsene. All 
gut, all gut. Mochte er mit den Jagdkumpanen saufen, mit dem 
blitzdummen Geschöpf huren, aber keine Räte, keine Hetzer, keine 
Intriganten. Sie gönnt sich nicht Ruhe mittlerweile. An ihre 
Verwalter und Intendanten gehen verschärfte Orders, aus ihren 
Gütern und Herrschaften den letzten Groschen herauszupressen. Sie 
schafft zwanzig neue Beamtenstellen, höchst überflüssige, und ihre 
Zutreiber müssen diese Ämter von heute auf morgen verkaufen, die 
Kaufgelder und Kautionen in die gräfliche Schatulle einliefern. Das 
herzogliche Kammergut, trotzdem ihr Holz, Wein, Früchte geliefert 
waren, erhält eine ungeheure Rechnung über Spesen, die ihr die 
letzten Besuche Eberhard Ludwigs verursacht hätten. Wie ein 
ausgehungerter Hund am Knochen nagt sie an allen Einkünften des 
Herzogtums, gierig und verbissen, und täglich geht Geld außer 
Landes, große Summen, an ihre Bankiers in Genf, Hamburg, 
Venedig. Und der Herzog ist noch immer in Neßlach. Er hat sich aus 
dem Marstall die drei großen Gespanne kommen lassen, jedes von 
acht Pferden, mit denen kutschiert er jetzt alle Künste der Reitschule. 
Die Ungarin kreischt, die Herren vom Hubertusorden applaudieren 
in ehrlicher Bewunderung. 

Endlich, hergewünscht, hergeflucht, heiß erwartet, kommt Isaak 
Landauer nach Wildbad. In seinem schmierigen Kaftan saß er im 
Arbeitskabinett der Gräfin inmitten von Lapislazuli und Zierrat, 
Spiegeln und goldenen Putten. Die Gräfin ihm gegenüber, prächtig, 
am Sekretär, zwischen ihnen in hohen Stößen Akten, Tabellen, 
Rechnungen. Er schaute durch, prüfte, die Gräfin gab ihm 
hemmungslos Auskunft, er entdeckte hier und dort noch Lücken, 
wies schärfere Schrauben, Pressungen. Die Gräfin, den zu fetten 
Nacken wie die makellosen Arme nackt, hörte aufmerksam zu, 
machte Einwendungen, notierte. Schließlich verlangte sie auf drei 
ihrer Dörfer ein ungeheures Darlehen. Isaak Landauer schaute sie an, 
wiegte den Kopf, sagte vorwurfsvoll: „Habe ich das verdient, 
Exzellenz?" „Was verdient?" ,JZ)aß Sie mich für einen ausgemachten 



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Narren halten." Sie, auffahrend: „Was will Er, Jud? Wohin zielt Er? 
Hätt Er mir vor zwei Jahren das Geld nicht geliehen? Bin ich jetzt 
weniger gut ?" Der Jude, behutsam: „Wozu braucht Euer Exzellenz 
das Geld? Es aus dem Land zu schaffen. Weshalb es aus dem Land 
schaffen? Doch nur, weil Sie Eventualitäten fürchten. Wenn aber 
Eventualitäten zu fürchten sind, dann sind die Güter keine Garantie. 
Wollen Sie, daß ich soll an Ihnen Geld verlieren ?" Die Gräfin 
schaute vor sich hin, hilflos; dann zu ihm, und ihre Augen sagten 
ihm, daß es um viel mehr ging als das Geld, ihre Augen bekannten 
ihm all ihre Ängste, Hoffnungen, Zweifel. ,Jir ist klug, Jud", sagte 
sie nach einer Weile. „Glaubt Er, daß ich es wagen darf, die Güter" - 
sie stockte - nicht zu beleihen ?" Er hätte ihr gern etwas 
Freundliches gesagt. Aber sie war eine gescheite, feste Frau, sie 
brauchte keine Vertröstung und Verschleierung, es war geradezu 
unanständig, ihr mit so was zu kommen. Er schaute sie auf und ab, 
und sie war bedenkenlos offen zu ihm, er sah ihr entspanntes 
Gesicht, den gelösten, feisten Leib, und er wußte auf ihren dringlich 
fragenden Blick keine andere Antwort als ein Schweigen und ein 
Achselzucken. Da ließ sie sich vollends fallen. Sie brach in ein 
lautes, haltloses Weinen aus wie ein kleines Kind. Dann begann sie 
unflätig zu schimpfen auf die Minister, ihren Bruder, ihren Neffen 
und die andern alle, ihre Kreaturen, die sie fallen ließen und keine 
Hand rührten, die sie noch stießen. Die Canaillen, die schmutzigen! 
Sie hatte sie in ihre Stellungen gebracht, an ihr waren sie 
heraufgeklettert. Jeden Groschen, jeden Knopf an ihren Uniformen 
dankten sie ihr. Zudem hatten sie einen förmlichen Vertrag mit ihr, 
hier in der Schublade hatte sie das Papier, einander in günstigen und 
in widrigen Umständen nach Kräften beizustehen. Die Hundsfötter, 
zu schlecht für die Hölle und den Schinden Denn selbst jeder 
Pracher, Teufel und Spitzbub hält solche Verträge und Kumpanei. 
Der Jude sah still zu, wie sie wütete, ließ sie sich ausschäumen. 
Schließlich hustete sie, ihr Gesicht lief rot an, sie schnaufte, röchelte, 
weinte zuletzt haltlos, still vor sich hin. Ach Jud, jammerte sie, ach 
Jud, zerbrochen, geschüttelt, hemmungslos, die schwere, schöne 
Frau, Schminke und Puder zerflossen, die stolzen Stoffe hingen tot 
an ihr herunter. Isaak Landauer kämmte sich mit den Fingern den 
strähnigen Bart, wiegte den Kopf. Darm ergriff er, behutsam, ihre 
große, warme Hand, murmelte vor sich hin, streichelte sie. 

Gerüchte, niemand wusste woher, stoben im Lande auf von dem 
nahen Fall der Gräfin, hier, dort, an allen Ecken. Niemand wagte ein 



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lautes Wort, aber flüsternd ging es durch alle. Es war ein großes, 
heimliches Aufatmen. In einzelnen Dörfern wurden schon Glocken 
geläutet, Dankgebete gesprochen, man verkündete nicht wofür, 
beließ es bei dem allgemeinen: für eine gnädige Fügung. Aber es 
wurde nichts anders vorläufig, im Gegenteil, der Druck wurde härter, 
erbitterter. Alte Beamte wurden ihrer Stellen entsetzt, weil ein neuer 
Bewerber ihr Amt höher bezahlte. Die Generalvisitation wütete 
gegen Gemeinden und Privatleute mit Anklagen und Inquisitionen, 
von denen man sich nur durch hohe Zahlungen lösen konnte; alle 
Staatsstellen, selbst das Kirchengut und die Witwen- und 
Waisenkassen wurden zu hohen und sehr unsichern unverzinslichen 
Darlehen an die Schatulle der Gräfin gezwungen; die Agenten der 
Gräfin schalteten herrischer und maßloser als je zuvor. Und als gar 
ein scharfes herzogliches Reskript erschien, das von neuem und 
nachdrücklich alle Übeln Redetz gegen die Gräfin mit schweren 
Strafen bedrohte, sanken auch die leichtestflügeligen Hoffnungen. 
Der engere Ausschuss des Parlaments, der Landschaft, hielt alle drei 
Tage Sitzung. Man beriet über die Möglichkeit einer neuerlichen 
Anklage bei Kaiser und Reich, über neue Beschwerden beim Herzog 
gegen gewisse Maßlosigkeiten der Grävenjzschen aus der letzten 
Zeit. Es polterte von wüsten Verwünschungen der Gräfin, mit Ruten 
müsse das Saumensch aus dem Lande gepeitscht werden, und Johann 
Friedrich Bellon, Bürgermeister zu Weinsberg, haute auf den Tisch, 
wenn es so weit sei, werde er seine kleinen Kinder mit auf die 
Gassen nehmen und sie heißen, das Luder, das pockennarbige, von 
der Lustseuche zerfressene, ins Antlitz speien. Es dröhnten stolze 
Reden, wo in Europa gebe es noch ein Land mit soviel Freiheiten, 
nur Württemberg und England habe sich soviel parlamentarische 
Sicherungen erkämpft, und die Luft im Hause des Landtags war voll 
von Bürgerstolz, Schweiß und Demokratie. Aber es kam nur zu 
schwächlichen Beschlüssen, und da Eberhard Ludwig nicht zu 
erreichen war und die Geheimräte nur höflich verzögernde 
Antworten hatten, kamen auch diese Resolutionen ins Hinken und 
blieben nach drei Wochen vergilbende Akten. 

Auch die Herzogin Johanna Elisabetha, die in dem verödeten 
Stuttgarter Schloss saß und wartete, hatte von cfer nahen Ungnade 
der Gräfin gehört. Die Herren von der Landschaft gingen bei ihr ein 
und aus, der Kaiser sandte ihr Spezialbotschaft, der König von 
Preußen hatte ihr in besonders feierlicher Form aufgewartet. Wie 
spottete man in den Kreisen der Gräfin über diese zeremoniöse 



24 



Visite des schäbigen Königs bei der verschlissenen Herzogin. Die 
Herzogin hörte aufmerksam auf alle Stimmen, verzeichnete sorglich 
jede Schwankung Eberhard Ludwigs, aber ihre Hoffnung stieg nicht 
hoch, und ihre Enttäuschung fiel nicht tief, als sich der ersehnte 
Umschwung verzögerte. Sie hatte so lange gewartet. Dreißig Jahre 
saß sie jetzt in dem kahlen Schlosse, in dem der Herzog ihr nur den 
nötigsten Hausrat belassen hatte, saß trübselig, verstaubt, 
eigensinnig, sauer, wartete. Wohl machten auch ihr die fremden 
Gesandten untertänige Besuche, aber sie wusste, es war langweilige 
Pflicht, und man zeichnete sie nur aus, wenn man mit dem Herzog 
brouilliert war, ihn ärgern wollte. Das Leben war drüben in 
Ludwigsburg, in der Stadt, die Eberhard Ludwig der Rivalin gebaut 
hatte, als sie, die Herzogin, verbissen in Stuttgart aushielt, 
Demütigungen, Drohungen nicht achtend. Das Leben war drüben in 
Ludwigsburg, wohin der Fürst seine Residenz verlegt hatte, wohin er 
die widerstrebenden Ämter, Kollegien, Konsistorium, Kirchenrat 
zwang. Dort hatte er für jene, für die Mecklenburgerin, die Mätresse, 
die Person, das prunkende Schloss gebaut, dorthin aus dem 
Stuttgarter Palais alle Kleinodien, Prunkmöbel schaffen lassen. 
Johanna Elisabetha erinnerte sich der Mecklenburgerin - auch in 
Gedanken nicht nannte sie den Namen der Verfluchten - vom ersten 
Tag an. Sie hatte ihren Gatten in Liebe und Ehren gehalten, sie war 
stolz auf den Kriegshelden und Kavalier, sie wusste auch, daß sie 
nicht schön genug war für ihn, und verdachte es ihm nicht, wenn er 
mit ihren Hoffräuleins herumscharmuzierte. Auch als sie ihm einen 
Sohn und eine Tochter gebar und man ihr andeutete, die 
Schwächlichkeit der Kinder rühre von dem wilden Leben des 
Herzogs her, trug sie es ihm nicht nach. Wie die Mecklenburgerin an 
den Hof kam, - ihr Bruder hatte sie hergebracht, der intrigante 
Kuppler, um durch sie seinen Weg zu machen - begriff sie zwar 
nicht, was viel an der Person sei, aber wenn Eberhard Ludwig sie 
wollte: sie hatte zu so vielem Augen zugedrückt, sie gönnte sie ihm. 
Überdies hätte sich der Herzog zuerst gar nichts aus ihr gemacht, erst 
später bei einer Liebhaberaufführung, in er mit ihr spielte, 
entzündete er sich. Sie sah die noch frechen, nackten Brüste, mit 
denen die Person in koketten Phylliskostüm sich an ihn drängte. 
Seither war kein Tag vergangen, daß die Person sie nicht angehasst 
hätte. Sie hatte den Herzog mit Hexerei an sich gelockt, das war ja 
klar; sie hatte auch versucht, sie, die Herzogin, zu vergiften; daß sie 
damals auf die Schokolade so schlecht geworden; da war das Gift 



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der Mecklenburgerin schuld, und eine gnädige Fügung hatte sie vor 
Schlimmerem bewahrt und sie von dem Kuchen nichts genießen 
lassen. Jeden, der Augen hatte, lag es am Tag, daß sie eine fluchte 
Hexe, Giftmischenin und Teufelsbuhle war. War sie nicht auch vor 
der Zeit eines blauschwarzen behaarten, verschrumpften 
Wechselbalgs genesen? Aber sie, die Herzogin, hatte sich durch 
keine Untat, Kränkung und Hexerei aus ihrem Rechte treiben lassen. 
Es war längst kein saftiger Hass mehr in ihr, war ein dürres, 
pedantisches, verstaubtes Warten auf den Zusammenbruch der 
Person. So saß sie in weiten, ausgeleerten Schloss, trübselig, kahl, 
und die Nachrichten die zu ihr kamen, verloren ihre Farbe und 
wurden breiig, zäh, spinnwebfarben wie sie selber. 

Um jene Wochen ward im schwäbischen Kreis hier, bald dort 
der Ewige Jude gesehen. In Lügen sagte man, er sei in einem 
Privatwagen durch die Stadt gefahren, andere wollten ihn auf der 
Landstraße gesehen haben, zu Fuß, in der Post; der Torreiber von 
Weinsberg erzählte von einem seltsamen Fremden, der einen 
sonderbaren Namen angeben und ein merkwürdiges Gewese gehabt 
habe; er aber weiter in ihn gedrungen sei um gehörige 
Legitimation, habe ihn der Unheimliche mit einem so höllischen 
Blick durch und durch geschaut, daß er in seiner Verwirrung von 
ihm abgelassen habe, und jetzt noch spüre er den Teufelsblick wie 
Reißen durch alle Glieder. Überall ging das Geraune, die Kinder 
wurden gewarnt vor dem Aug des Fremden, und Weil, die Stadt, wo 
er in der Umgebung zuletzt gesehen worden, gab ihrer Torwache 
verschärfte Instruktionen. Kurze Zeit später erschien er in Hall. Am 
Tor erklärte er kecklich, er sei Ahasverus, der ewige Jude. Der 
Magistrat, sogleich beschickt, verordnete, man solle ihn vorderhand 
in der Vorstadt belassen. Ängstlich neugieriges Volk sammelte sich. 
Er sah aus wie häufig Hausierjuden, mit Kaftan und Schläfenlocken. 
Er erzählte bereitwillig, gurgelnd, oft unverständlich. Vor dem Kreuz 
warf er sich nieder, heulte, schlug sich die Brust. Im übrigen 
handelte er mit Kleinkram, und man kaufte ihm viel ab, Amulette, 
Andenken. Schließlich vor den Magistrat gestellt, erwies er sich als 
Schwindler, wurde gestäupt. Aber diejenigen, die ihn gesehen hatten, 
erklärten, das sei freilich nicht der Rechte. Der habe nichts 
Besonderes an seiner Tracht gehabt, einen soliden holländischen 
Rock wie andere auch, leicht altmodisch, er habe ausgesehen wie ein 
hoher Beamter oder ein gutgestellter Bürger. Nur sein Gesicht und 
die Luft um ihn herum, sein Auge vor allem: kurz, man habe eben 



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sogleich gespürt, das ist der Ewige Jude. So erzählten, an allen 
Ecken des Landes, übereinstimmend die verschiedensten. 

Die Gräfin fragte Isaak Landauer, was er von den Gerüchten 
halte. Er drückte herum, er sei kein Leibniz. Er sprach nicht gern von 
diesen Dingen, hier sah man nicht klar, er war geneigt, nichts zu 
glauben, aber seine Skepsis war ohne Sicherheit. Auch bekam, wer 
sich mit solchen Dingen befasste, leicht mit der Polizei und den 
Kirchenbehörden zu tun. Sie, die Gräfin, glaubte fest an Magie und 
geheime Kunst. In Güstrow, als Kind, war sie viel mit der alten 
Johanne zusammengewesen, der Schäferin, die die Leute dann 
erschlagen hatten, weil sie das böse Wetter hergewünscht. Sie hatte 
manchmal offen, häufiger, wenn die Alte sie hinausjagte heimlich 
zugeschaut, wie sie Salben und Tränke mischte, und ganz im Innern 
war sie überzeugt, ihr Aufstieg und ihre Macht rühre bloß davon her, 
daß sie sich nach dem Tod der Alten mit dem Bocksblut, das die 
zuletzt gerührt, heimlich Nabel, Scham und Schenkel bestrichen 
hatte. Sie unterhielt sich gern und voll prickelnd scheuer Gier mit 
den Alchimisten und Astrologen, die an den Ludwigsburger Hof 
kamen, und wenn sie auch in Gesellschaft die Philosophin spielte 
und den Freigeist, so mischte sie doch in der Stille gespannt und 
schwer atmend manches Rezept zur Erhaltung der Jugend, zur 
Gewinnung der Macht über den Mann. Dass die Juden ihre 
unerhörten Erfolge, ihre genialen Einfälle in allem Finanziellen 
magischen Mitteln verdanken, so dumm war sie nicht, das nicht zu 
durchschauen. Sie hatten solche Mittel übererbt bekommen von 
Moses und den Propheten her; weil Jesus diese Mittel allen Völkern 
verraten und sie dadurch wertlos machen wollte, darum hatten sie 
ihn gekreuzigt. Und wenn jetzt Isaak Landauer sich vor ihr wand und 
drehte, und sie, die ihm soviel Vertrauen gezeigt, in ihrer Not 
verließ, so war das schäbige Konkurrenz, Angst und schweres 
Unrecht von ihm. Die Gerüchte von dem Ewigen Juden hatten ihr 
von neuem den Vorsatz gefestigt, wenn alles andere versagte, den 
Herzog mit magischen Mitteln zurückzugewinnen. Sie drang mit 
Ungestüm in Isaak Laudauer, sie zu dem Ewigen Juden zu bringen. 
Und wenn er dafür nicht zu haben sei - er solle keine Ausflüchte 
machen, natürlich könne er es bei einigem guten Willen - dann solle 
er ihr doch wenigstens einen andern Kabbalisten beschaffen, der sich 
bewährt habe, und an den sie glauben könne. Isaak Landauer rieb 
sich leicht fröstelnd die blassen Hände. Ihr Ansinnen und ihre 
Heftigkeit war ihm shr unbequem. Gott, er war ein zuverlässiger 



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Kaufmann, er beschaffte, was man von ihm verlangte, Geld, 
Ländereien, einen Adelstitel, eine kleine reichsunmittelbare 
Grafschaft, wenn es sein mußte, überseeisches Gewürz, Neger, 
braune Sklavinnen, sprechende Papageien: aber wo in aller Welt 
sollte er den Ewigen Juden hernehmen oder einen soliden 
Kabbalisten, mit dem man Staat und Effekt machen konnte? 
Natürlich dachte er einen Augenblick daran, einen geschickten 
Schwindler vor die Gräfin hinzustellen; aber er wollte schließlich 
diese gute Kundin, die sich so ganz auf ihn verließ, nicht übers Ohr 
hauen. Er war immer solid gewesen. Und dann war es auch zu 
riskant. Die Landstände hassten ihn sowieso, sie hätten ihn mit 
größter Freude vors Gericht und, Gott behüte, auf den 
Scheiterhaufen gebracht. Er beurlaubte sich von der Gräfin, gegen 
seine Gewohnheit verstimmt und mit einem widerwilligen halben 
Versprechen. Er ging zu Josef Süß Oppenheimer. Der hatte sich 
mittlerweile redlich bemüht, müßig zu sein; aber er hatte nicht die 
Gabe, sich auf solche Art zu erholen. Er litt unter dem Nichtstun; er 
fühlte sich unbehaglich, krank, wenn er nicht Projekte anzetteln, mit 
großen Herren verhandeln, Bewegung auslösen, in Bewegtem 
wirbeln konnte. Von klein auf hatte es ihn umgetrieben, ihm keine 
Rast gegönnt. Schon als Kind hatte er es durchgedrückt, daß er nicht 
bei seinem Großvater in Frankfurt bleiben musste, dem frommen und 
stillen Reb Salomon, dem Vorbeter in der Synagoge. Seine Eltern, 
der Vater war Direktor einer jüdischen Komödiantengesellschaft, 
mussten ihn auf ihre Tourneen mitnehmen. So war er schon als 
Sechsjähriger an den Herzogshof von Wolfenbüttel gekommen und 
hatte große Herren kennengelernt. Der Herzog mochte den Vater und 
mehr noch die Mutter, die wunderschöne Michaele Süß, gern leiden, 
und die Herzogin fraß ihren Narren an dem hübschen, 
leidenschaftlichen altklugen, koketten Knaben. Ah, wie war er 
anders als das flachsblonde Phlegma der Kinder am Wolfenbüttler 
Hof. Von daher schon rührte seine sehnsüchtige Neigung, mit großen 
Herren zu verkehren. Er brauchte Abwechslung, es mussten viele 
Gesichter an seinem Wege stehen, er hatte Durst auf Menschen, eine 
wütende Lust, immer mehr Gesichter in sein Leben zu stopfen, er 
vergaß ihrer keines. Der Tag war verloren, an dem er nicht 
mindestens vier neue Menschen sah, er war stolz darauf, ein Drittel 
aller deutschen Fürsten, die Hälfte aller großen Damen von 
Angesicht zu Angesicht zu kennen. Er war kaum mehr in der 
Heidelberger Schule zu halten. Dreimal in vier Jahren brannte er 



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durch, lief den Schauspielern nach. Und als gar der Vater starb, 
konnten alle Bitten, Tränen, Drohungen, Verwünschungen der 
Mutter ihn nicht zähmen. Der hübsche Junge, von der ganzen Stadt 
verhätschelt, frühreif, als Wunderkind im Rechnen angestaunt, stolz 
auf sein prinzliches Aussehen, machte die tollsten Streiche. Die 
jüdischen Nachbarn schlugen die Hände zusammen, die christlichen 
lachten amüsiert und wohlgefällig, die Mutter, unter Flehen, 
Hennen, Schimpfen, ward zwischen Stolz und Empörung hin und 
her geworfen. Auch in Tübingen, wo er die Rechte studieren sollte, 
hielt es ihn nicht in den Hörsälen. Mathe und Sprachen bewältigte er 
im Spiel, die Rabul der Jurisprudenz, die die Professoren sich in 
mühsamer Theorie zusammenklaubten stak ihm in den Fingern. Viel 
wichtiger war es ihm, mit den adeligen Studenten zusammen zu sein, 
und ließen sie ihn eine Stunde als Kavalier und Kameraden gelten, 
machte er ihnen gern dafür die ganze übrige Woche den Diener und 
Bajazzo. Er erkannte mehr und mehr: dies war seine Profession, 
große Herren zu traktieren und mit ihnen umzugehen, ihr Efeu zu 
sein. Wer verstand es wie er, in die Launen und Lüste der Fürsten 
hineinzukriechen, still zu sein zur rechten Zeit, zur rechten Zeit den 
Samen seines Willens in sie zu senken wie der Qbstspinner seine 
Saat in die reifende Frucht. Und wer gar konnte sich dem 
Frauenzimmer anschmiegen wie er und mit weicher und sicherer 
Hand auch die Sprödeste herumbiegen. Es brannte in ihm: mehr 
Länder, mehr Menschen, mehr Frauen, mehr Pracht, mehr Geld, 
mehr Gesichter. Bewegung, Geschehen, Wirbel. Nicht in Wien litt es 
ihn, wo seine Schwester in stolzer Ehe lebte, glänzte, verschwendete, 
nicht in den Kontoren seiner Vettern Oppenheimer, der kaiserlichen 
Bankiers und Armeelieferanten, nicht in der Kanzlei des 
Mannheimer Advokaten Lanz, nicht in den Büros seines Bruders, 
des Darmstädter Kabinettsfaktors, der jetzt, Christ geworden, Baron 
Tauffenberger hieß. Es trieb ihn, es jagte ihn. Neue Frauen, neue 
Händel, neue Pracht, neue Sitten. Amsterdam, Paris, Venedig, Prag. 
Wirbel, Leben. Bei alledem schwamm er in seichtem, abgespaltenem 
Wasser und konnte nicht recht auf den vollen Fluss hinauskommen. 
Erst die Hilfe Isaak Landauers hatte ihm ernsthafte Geschäfte 
verschafft, die kurpfälzische Stempelsache und den Darmstädter 
Münzakkord, und erst der flinke Mut, mit dem er diese riskanten 
Affären gepackt und im rechten Moment aus der Hand gelassen, 
hatte seinen Namen vollwichtig gemacht. Er hätte gültige Ursache 
gehabt, jetzt in Wildbad die Arme zu breiten, auszuatmen. Aber dies 



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war ihm nicht gegeben, Müßiggang juckte ihm die Haut, und er 
zetteke, nur um seine Kraft spielen zu sehen, hundert kleine 
Amouren, Projekte, Geschäfte an. Sein Leibdiener und Sekretär, 
Nicklas Pfäffle, den er dem Mannheimer Advokaten Lanz 
abgespannt hatte, der dicke, gelassene und undurchdringliche, 
unermüdliche, blasse Mensch, mußte den ganzen Tag auf dem Weg 
sein, ihm Neuigkeiten schaffen, Adressen, Hantierung, Lebensläufe 
der Badegäste. Süß sah sehr jung aus, und er war stolz darauf, daß 
man ihn gemeinhin auf rund dreißig schätzte - zehn Jahre jünger 
fast, als er wirklich war. Er musste Frauenblicke in seinem Rücken 
spüren, umgewandte Köpfe, wenn er auf der Promenade ritt. Die 
mattweiße Haut, die er von der Mutter geerbt, pflegte er mit hundert 
Essenzen. Er ließ sich gerne bestätigen, daß seine Nase griechisch 
war, täglich musste der Coiffeur ihm das Reiche dunkelbraune Haar 
wellen, daß es ja nicht unter der Perücke leide; häufig auch trug er es 
ohne Perücke, trotzdem sich das eigentlich für einen Herrn seines 
Standes nicht schickte Er achtete darauf, daß der kleine Mund mit 
den übervollen, sehr roten Lippen sich nicht durch viel Lachen 
verzerre und ängstlich suchte er im Spiegel die freie Heiterkeit der 
glatten Stirn, die ihm das Zeichen des Kavaliers war. Er wusste, daß 
er auffiel, er brauchte Bestätigungen immer neue, seiner Wirkung, 
und eine Frau, die er nach einer Nacht verabschiedet hatte, blieb ihm 
fürs Leben lieb, weil sie seine dunkelbraunen blitzenden raschen 
Augen „unter den gewölbten Brauen fliegende Augen" genannt 
hatte. Wie die Mode und sein Behagen immer neue Speisen, Weine, 
immer anderes Kristall und Porzellan für seine Tafel forderte, so für 
sein Bett immer neue Frauen. Er brauchte sie und verbrauchte sie. 
Sein Gedächtnis, ein ungeheures Museum das alles in zuverlässiger 
Konservierung hegte, hielt Gesichter, Leiber Duft, Stellung in 
sicherer Treue fest; weiter rührte keine. Eine Einzige hatte sich tiefer 
als nur in die Sinne in ihn hineingesenkt. Das Jahr, das sie mit ihm 
zusammen war, das Jahr in Holland, stand fremdartig und sehr allein 
in seinem Leben, aber er hatte das Erinnern daran verkapselt, er 
sprach nicht davon, seine Gedanken gingen scheu an diesem Jahr 
und dieser Verklungenen vorbei, nur sehr selten schlug es große 
Augen auf und sah ihn bestürzend und verwirrend an. Er hatte sich 
von Isaak Landauer auch deshalb so leicht bestimmen lassen, nach 
Wildbad zu gehen, weil die Kur in diesem Ort seit ein paar Jahren 
von jedem gebraucht werden musste, der im westlichen Deutschland 
als Kavalier gelten wollte. Selbst von Frankreich kamen Gäste 



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herüber, hier sah man das modischste Fuhrwerk, man hörte die 
eleganteste Konversation, man konnte an der Treue von Versailles 
die Eckchen und Rauheiten abschleifen, die auch der modischste 
deutsche Hof nicht ganz zu vermeiden wusste. Hier war große Welt, 
man sah hier am deutlichsten die leisen Schwankungen in der 
Wertung der einzelnen und ganzer Schichten, wer hochkam, und wer 
niederglitt, das lebendige Beispiel war hundertmal instruktiver als 
der Mercure galant. Nur hier in Deutschland konnte man mit 
Sicherheit feststellen, welches Fußgelenk der a'la mode-Kavalier bei 
der Auswahl seiner Herzdame zu bevorzugen hatte, wollte er nicht 
als rückständig angesehen werden. Da Süß in keiner größeren Aktion 
stand, ging er ganz in diesem Gewese auf, trieb sich mit flinken 
Stößen in den galanten Nichtigkeiten herum. Nicht ausgefüllt und 
hungrig nach Geschehnissen, sog er aus dem Leben der andern. Er 
konversierte mit dem Wirt und machte Projekte, wie der Gasthof, in 
dem er wohnte, rentabler werden könnte, er schlief mit der jungen 
Aufwärterin, er bestellte für den Besitzer des Spielhauses neue, 
elegantere Pharaotische, wobei er vierhundert Gulden verdiente, er 
war der am liebsten gesehene Gast beim Lever der Prinzessin von 
Kurland, er renkte die Liebeshändel des Badedieners ein, er 
beschaffte durch die Gewandtheit seines Nicklas Pfäffle aus den 
Ludwigsburger Treibhäusern Orangeblüten für die Tochter des 
Gesandten der Generalstaaten, er durfte, wenn sie im Bad saß und 
mit den Kavalieren konversierte, auf der Holzdecke, die, nur ihren 
Kopf freilassend, auf der Wanne lag, ihr zunächst sitzen, und viele 
sagten, er dürfe noch anderes. Er machte einen vorteilhaften 
Kontrakt mit einem Amsterdamer Juwelenhändler über die 
Schleifung gewisser Steine, bei einem Streithandel mit einem Grafen 
Tratzberg, einem plump frechen bayrischen Herrn, schnitt er so gut 
ab, daß der Bayer anderntags sich aus Wildbad trollen musste, er 
erwirkte dem Gärtner Kredit für neue Parkanlagen beim Badehaus 
und gewann dabei hundertundzehn Taler. Er hielt am Spieltisch, als 
alle deutschen Herren sich ängstlich zurückzogen, dem jungen Lord 
Suffolk als einziger Widerpart und verlor lächelnd und höflich 
viertausend Gulden. Er ohrfeigte einen Modehändler, der ihn beim 
Kauf eines Strumpfgürtels um vier Groschen betrügen wollte. Er 
antichambrierte täglich beim sächsischen Minister - der sächsische 
Hof suchte eine Anleihe - und stand barhaupt und tief gebückt, 
während der Minister, den Blick steif und hochmütig gradaus, 
grußlos vorüberging. Er beneidete brennend Isaak Landauer, der 



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unter dem Spott der Gassenbuben, den Verwünschungen des Volkes, 
der Verachtung der großen Welt ins Haus der Gräfin ging, rechnete, 
Geld bewegte, Land bewegte, Menschen ledig machte, unter Ketten 
begrub. 

In solcher Laune fand ihn Isaak Landauer. Er begann behutsam 
von den seltsamen Kapricen, mit denen Gott, gelobt sein Name, die 
Christen bedacht und bestraft habe. Kam dann vorsichtig auf das 
Gerede vom Ewigen Juden zu sprechen und endete mit der 
beiläufigen Mitteilung, daß die Gräfin die seltsame Laune habe, den 
Ewigen Juden oder sonst einen Magus oder Astrologus, am liebsten 
einen zuverlässigen Kabbalisten bei sich zu sehen. Dann schwieg er, 
wartete. 

Süß hatte sogleich gemerkt, der andere wolle etwas. 
Er zog sich zusammen, lauerte. Dass Isaak Landauer von dem 
Ewigen Juden anhub, warf ihn aus seiner Rechnung. Dies rührte 
einen Punkt, der nicht ins Geschäft zu ziehen war, sich nicht in 
Ziffern umsetzen ließ. Rührte an das Verkapselte. Auch er hatte 
natürlich von den Gerüchten gehört; aber sein eingeborenes Talent, 
sich abzuschließen gegen alles, was ihm die Sicherheit verwirren 
konnte, hatte ihn leicht und rasch über Ahnungen, Trübungen 
weggleiten lassen. Nicht stoßen an das Verkapselte. Jetzt aber, wie 
Landauer damit begann, kroch das unbehagliche Gefühl 
unweigerlich ihn an. Er sah den Vorschlag Isaak Landauers an sich 
herankommen wie eine ferne Welle, er fürchtete ihn und wünschte 
ihn herbei, und wie jetzt Isaak Landauer einhielt, saß er in quälend 
prickelnder Spannung. Und da fuhr der andere auch schon fort. 
Zögernd, die tastende Erwartung unter der Beiläufigkeit des Tones 
versteckt, fragte er: 

„Ich hab gemeint, Reb Süß, vielleicht Rabbi Gabriel." 

Da war es. Er zielte also, dieser Mensch, der da vor ihm saß und 
schlau und behaglich mit dem Kopf wackelte, mit sicherem Kalkül 
auf das, was er zu ahnen widerwillig abgelehnt, von sich 
abgeschüttelt hatte. Er zwang ihn, sich damit auseinanderzusetzen. 
„Ich meine", tastete er wieder, der Andere, der Lockende, Beneidete, 
„ich meine, der Ewige Jude, von dem sie schwatzen, das kann doch 
nur Er sein." Ja, ja, das hatte natürlich Süß auch gespürt, als er von 
jenen Gerüchten gehört hatte. Aber gerade davor hatte er sich 
abschließen wollen, daß solche Ahnung nicht Wissen werde. Rabbi 
Gabriel, sein Oheim, der Kabbaiist, der Unheimliche, für jeden in 
seltsamem und beängstigendem Nebel, der einzige Mensch, über den 



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er nicht ins Klare kommen konnte, der einfach durch seine 
Gegenwart sein farbiges Weltbild entfärbte, seine Wirklichkeit 
entweste, seine klaren, runden Zahlen unzweideutig machte, der 
sollte für sich bleiben, weit weg. Es war bestimmt nicht gut, den ins 
Geschäft zu mengen. Er wird an das Verkapselte rühren. Wirkung 
wird herausspringen, Druck, Zwiespalt, Dinge, die sich jeder 
Rechnung und jedem Kalkül entzogen. Nein, nein, die Geschäfte 
waren hier, und jenes andere lag dort, behütet, fem ab, und es war 
gut so, und es sollte so bleiben. 

„Ich verlang es natürlich nicht umsonst, Reb Josef Süß", tastete 
der andre sich weiter. Ich würde Euch mit hineinlassen in das 
Geschäft mit der Gräfin." 

Josef Süß hatte alle Räder seines Kalküls angedreht. Er saß in 
großer Versuchung. In ihm arbeitete es, scharf, rasch, mit ungeheurer 
Energie und Präzision. Er wog sachlich und schnell alle Vorteile 
solchen Angebots, rieb sie blitzblank, zählte, rechnete. Verbindung 
mit der Gräfin, das war viel, das war mehr als ein großes 
Geldangebot. Beteiligt an diesem Geschäft, konnte er an den Herzog 
heran, von da zum Prinzen Eugen war ein Schritt. Er sah hundert 
Möglichkeiten, schwindelnd Weites rückte ganz nah. Aber es ging 
nicht. Alles auf der Welt konnte man preisgeben für ein Geschäft. 
Frauen, Freuden, Leben. Aber das nicht. Den Rabbi Gabriel in ein 
Geschäft ziehen, ihn verschachern, das nicht. Er glaubte an Böses 
nicht und an Gutes nicht. Aber das hieß sich in Dinge stürzen, wo 
alles Rechnen und Wägen zu Ende war, das hieß sich in einen 
Wirbel stürzen, wo aller Mut so unsinnig war wie alle 
Schwimmkunst vergebens. Er atmete heftig, gedrängt. Hob, mit einer 
Bewegung der Abwehr, jäh überfrostet, den Rücken. Es war ihm 
plötzlich, als schaute ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch 
mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. 

"Ihr sollt nichts von ihm verlangen", lockte Isaak Landauer 
vorsichtig weiter. „Ihr braucht ihm keinen Vorschlag tun. Alles, was 
ich will, Reb Josef Süß, ist, daß Ihr ihn herschafft nach Wildbad. Ihr 
brauchtet ja nur Euem jungen Menschen zu schicken, den Pfäffle, 
der würde ihn gewiß auftreiben. Ich würde Euch gut assoziieren an 
dem Geschäft mit der Gräfin." 

Süß schüttelte die Benommenheit von sich ab, raffte sich 
zusammen. Die Dinge traten wieder ein in ihre Farbe, Umriß, 
Klarheit, Greifbarkeit. Das Nebelgesicht hinter seiner Schulter 
verschwand. Unsinn seine Bedenklichkeit. Er war doch kein 



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verschwärmter, dummer Junge. Ja, damals, als man ihm den 
Vorschlag gemacht hatte, sich taufen zu lassen, am kurpfälzischen 
Hof, daß er da nicht Zugriff, das waren verständliche Hemmungen 
gewesen. Er wusste zwar jetzt noch nicht recht, warum er es nicht 
gemacht hatte wie sein Bruder und sich auf so einfache Weise Glanz, 
Position und Baronie verschafft. Aber er tat es eben nicht damals und 
hätte es auch heute nicht getan und nie und für kein Geschäft der 
Welt. Doch jetzt, was dieser da von ihm verlangte, der Listige, 
Kluge, Gewiegte, was war da denn viel dabei? Kein Mensch doch 
verlangte von ihm, daß er den Rabbi, den Unheimlichen, den 
drohend Unbehaglichen, verschachere. Wie hatte ihm da wieder 
seine Phantasie, die galoppierende, viel zu rasche, die Begriffe 
gewirrt. Herrufen sollte er den Alten, nichts weiter. Und dafür die 
Verbindung mit der Gräfin, dem Herzog, dem Prinzen Eugen. Ein 
Narr wäre er, wenn er nicht Zugriffe, weil es ein wenig, er suchte das 
Wort, ein wenig unbehaglich war. Zögernd, in einem halben Satze, 
sagte er, nach dem Rabbi zu schicken, an sich ginge das ja allenfalls. 
Sofort hackte Isaak Landauer zu. Aber nun forderte Süß an dem 
Geschäft mit der Gräfin einen Anteil, den der andere unmöglich 
bewilligen konnte. Eingehend, scharf schachemd, besprachen sie die 
Einzelheiten. Nur Schritt um Schritt, heftig kämpfend, wich Süß 
zurück. Als sie schließlich übereingekommen waren, dachte Süß, 
lebte, atmete er nur noch in diesem Geschäft. Rabbi Gabriel sank 
ihm in das Verkapselte, sowie er den Diener weggeschickt hatte. 



34 



Nicklas Pfäffle fuhr mit der Post. Der schweigsame Mensch fiel 
nirgends auf. Gelassen, gelangweilt, leicht müde von Aussehen, 
versteckte er seine Betriebsamkeit hinter dem melancholischen 
Phlegma seines gedunsenen, blutleeren Gesichts. Die Aufgabe 
einmal übernommen, klebte er daran, harzzäh und gleichmütig. 
Die Spur des Fremden führte kreuz und quer durchs Schwäbische, 
ohne erkennbares Ziel, willkürlich. Verlor sich dann, tauchte in der 
Schweiz wieder auf. Der blasse, fette Mensch folgte gewissenhaft, 
Wendung um Wendung, unentrinnbar, unerregt. Das war eine 
seltsame Reise, die der Fremde machte, und sehr anders als sonst 
eine Fahrt. Selten, daß er die nächste Straße wählte, er schlug sich in 
die Nebenpfade, je rauher ein Weg war, so willkommener schien er 
ihm. Was in aller Welt suchte einer in Wüsten von Stein und Eis, die 
Gott mit seinem Zorn geschlagen hatte. Die wenigen Bauern, Jäger, 
Holzfäller dieser Gegend waren stumpf, hart von Wort. Stieg der 
Fremde höher als ihre höchsten Weiden, so wandten sie ihm wohl 
einen Blick zu, aber langsam und teilnahmslos wie ihr Vieh, und 
langsam und teilnahmslos wandten sie ihn wieder ab, war er vorbei. 
Der Fremde trug sich unauffällig, schwere Kleider von gleichgültiger 
Farbe, ziemlich altmodisch, wie sie in Holland vor zwanzig Jahren 
modern gewesen sein mochten. Klein, breit, dicklich, den Rücken 
leicht rund, wanderte er, schwer von Schritt und stetig. Hier in den 
Bergen, wo nie sonst ein Fremder hinkam, war es leicht für Nicklas 
Pfäffle, ihn nicht zu verlieren. In der menschenvolleren Ebene indes 
war es schwer gewesen, dem Unauffälligen zu folgen. Es war ein 
sehr Seltsames, schwer Deutbares, was trotz dem Mangel an äußeren 
Merkmalen seine Fährte kenntlich machte. Die Leute fanden die 
Worte nicht dafür, es war nicht zu fassen, und doch war es einmalig 
und nicht zu verwechseln, und es war immer das gleiche scheue 
Geraune, in dem man davon sprach. Sein Weg war gezeichnet durch 
seine Wirkung; wer ihn sah, atmete schwerer, das Lachen zerbrach 
vor seiner Gegenwart, sie legte sich wie ein schwüler, beklemmender 
Reifen um den Kopf. Nicklas Pfäffle, blass, fett, gleichgültig, fragte 
nicht weiter nach der Ursache. Ihm genügte die Fährte. Drei 



35 



Bauernhöfe lagen ganz in der Höhe, eine kleine Holzkapelle dabei. 
Weiter oben weidete Vieh. Dann war nichts mehr, nur Eis und Stein. 
Der Fremde klomm die Schlucht entlang. Unten, dünn und laut, 
hastete der Bach, man sah deutlich bis dahin, wo er unter Gletscher 
und Geröll ans Licht brach. Auf der andern Seite krochen Zirben 
hinan, spärlich, zäh, erstickten am Stein. Gipfel, weiß leuchtend, der 
besonnte Schnee schmerzte das Auge, zackten scharf und bizarr in 
das flimmernde Blau, schlössen in starrem Bogen das Hochtal. Der 
Fremde klomm umständlich, vorsichtig, nicht sehr geschickt, stetig. 
Überquerte Sturzbäche, Glitsch, rutschende Erde. Stand endlich auf 
einem Vorsprung, vor ihm der sperrende Bogen der vereisten 
Wände. Unter ihm streckte ein Gletscher die nackte, breite, 
zerschrundete Zunge, von der Seite her mündete ein anderer, alles 
endete in Ödnis und Geröll, Felsblöcke, wild verstreut, bildeten 
geheimnisvoll starrende, zerrissene Linien. Hoch über allem 
leuchtete höhnisch besonnt und unerreichbar der adelig zarte 
Schwung der beschneiten Gipfel. 

Der Fremde kauerte nieder, schaute. Das massige, bartlose, blasse 
Gesicht stützte er in die Hand. Über der kleinen, platten Nase sahen 
trübgraue Augen, sie standen viel zu groß in dem kurzen, fleischigen 
Kopf, voll dumpfer, hoffnungsloser Traurigkeit. Die Stirn lastete 
breit, schwer und nicht hoch auf sehr dichten Brauen. Den Ellbogen 
aufs Bein, die Wange in die Hand gestützt, kauerte er, schaute. 
War hier das, was er suchte? Eines strömte ins Andere, von der 
obern Welt in die untere, jedes menschliche Antlitz musste seine 
Entsprechung haben in einem Stück Erde. Er suchte ein Stück Welt, 
aus dem ihm ein menschliches Antlitz entgegenschaute, größer, 
lesbarer, bedeutungsvoller, das Antlitz jenes Mannes, dem er 
verhaftet war. Er suchte den Strom, der jenen, und also ihn selbst, 
band mit Stern, Wort und Unendlichkeit. Er kauerte tiefer, redete vor 
sich hin mit einer dunkeln, widrig gebrochenen, knurrenden Stimme, 
halb singend, Verse aus der heimlichen Offenbarung. Haut, Fleisch, 
Knochen, Adern sind ein Kleid, eine Schale, und nicht der Mensch 
selbst. Aber die Geheimnisse der höchsten Weisheit sind in der 
Ordnung des menschlichen Leibes. Wie am Firmament, so die Erde 
einschließt, die Sterne und Sternbilder sind und uns das Verborgene 
künden und tiefes Geheimnis, so sind auf der Haut unseres Leibes 
Linien und Falten und Zeichen und Züge, und sie sind die Sterne und 
Sternbilder des Leibes, und sie haben ihre Heimlichkeit, und der 
Weise liest sie und deutet sie. 



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Komm und sieh! Der Geist meißelt sich das Gesicht und der 
Wissende erkennt es. Wenn die Geister und Seelen der obem Welt 
sich bilden, haben sie ihre Form und sichere Bildung, und sie 
spiegelt sich später im Gesicht des Menschen. Er verstummte. Nicht 
denken. Diese Dinge wollten nicht gedacht sein, man zerdachte sie 
nur. Man musste sie schauen oder sie ruhen lassen. War dies das 
Antlitz, das er suchte? Ödnis, Eis und Geröll, der höhnisch blaue 
Glanz darüber, ein kleines Wasser mühsam herausrieselnd? 
Felsblöcke, auf zerschrundetem Eis, tollfinstere Linien bildend, war 
dies das Antlitz, das er suchte? Er versenkte sich tiefer in sich. Er 
tötete jede Regung, die fernab war von dem Gesuchten. Drei 
Furchen, scharf, tief, kurz, fast senkrecht über der Nase, zerschnitten 
seine Stirn, und sie bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den 
Anfang des Gottesnamens, Schaddai. Der Schatten einer großen 
Wolke dunkelte die Gletscher, die Gipfel in der unendlich zarten 
Linie ihres flimmernden Schnees leuchteten unerreichbar in mildem 
Hohn. Ein Geier schwamm in dem blauen Geflirr, ruhevolle Kreise 
über dem versteinert wirren Gezack des Hochtals. Der Mensch, auf 
dem Vorsprung kauernd, winzig in der maßlosen Landschaft, sog die 
Linien in sich. Des Steins, der Ödnis, des zerschrundeten Eises. Das 
zarte, höhnische Leuchten, die Wolke, den Vogelflug, die finster 
tolle Willkür der Blöcke, die Ahnung tieferer Menschen und 
weidenden Viehs. Er atmete kaum, er schaute, ergriff, begriff. 
Endlich, fast taumelnd von so gespannter Reglosigkeit, hob er sich, 
erschöpft, die Stirne lösend von dem gefurchten Zeichen, in tiefer, 
gefasster Trauer. Stieg mühsam, halb gelähmt noch, zu Tal. Unten, 
aus dem ersten der drei Höfe, kam ihm ein fetter, blasser Mensch 
entgegen, ein Unbekannter, schaute ihn prüfend an, das Gesicht 
gleichmütig, wollte sprechen, einen Brief in der Hand. Rabbi Gabriel 
schnitt ihm das Wort ab. „Von Josef Süß", sagte er, so leichthin, als 
wäre ihm der Mensch und seine Sendung längst angesagt, als 
bestätigte er Erwartetes. Nicklas, unerstaunt, daß der Fremde ihn 
kannte, neigte sich. „Ich komme", sagte Rabbi Gabriel. 



37 



Die Gräfin war nach zehn Tagen wütender Tätigkeit in dumpfes 
Warten gefallen. In trüber Lähmung saß sie zwischen Lapislazuli 
und Gold, fett, die energischen Wangen schlaff, die Arme gelöst. 
Gedankenlos ließ sie, die sonst hier jedes Kleinste angeordnet, 
kontrolliert hatte, von ihren Zofen sich massieren, schmücken, in 
Kleider und Prunk hüllen. Sie ließ in der Nacht die Kaspara Becherin 
holen, die als Hexe und Wissende galt; aber das schmuddelige Weib, 
ängstlich und verblödet vor der Pracht ringsum, stotterte nur 
verstörten Unsinn. Und der Magus und Kabbaiist, den Isaak 
Landauer ihr versprochen, kam nicht und kam nicht. Die Boten aus 
Jagdhaus Neßlach meldeten immer das Gleiche vorerst. Der Herzog 
jagte, hielt Tafel, schlief mit der Ungarin. Dann aber, von einem Tag 
zum andern, überholten sich in jäher Wendung überraschende 
Depeschen. Der Geheimrat Schütz war, verbindlich und 
unermüdlich, zum Herzog vorgedrungen. Andern Tags traf der 
elegante Prälat Weißensee in Neßlach ein, der weltläufige Diplomat 
des parlamentarischen Elf er- Ausschusses. Der Herzog konferierte 
zwei Stunden mit Schütz, die Ungarin wurde den gleichen Mittag 
nach Ludwigsburg geschickt, und am Abend gar empfing Eberhard 
Ludwig den Prälaten Oslander, den stiernackigen Polterer, den 
entflammtesten Anhänger der Herzogin. Diese Kunde in Wildbad, 
konnte die Gräfin sich nicht mehr halten. Ah, Oslander beim Herzog. 
Oslander! Sie tobte. Als sie verlangt hatte, ins Kirchengebet 
eingeschlossen zu werden, hatte der plumpe, hundsköpfige Schuft 
sich erdreistet, sie stehe ja schon drin: Erlöse uns von allem Übel 
und war breit schmunzelnd auf dem Gelächter des ganzen 
Deutschland herumgeschwommen. Der Herzog hatte nicht gewagt, 
den populärsten Mann Württembergs zu entlassen, aber er hatte ihn 
nicht mehr empfangen. Und jetzt war er in Neßlach, polterte gegen 
sie mit bäurisch groben Spaßen. Nein, nein! Warten? Unsinn. Sie 
wäre erstickt an längerem Zusehen. Nicht einmal für die Karosse 
hatte sie Geduld genug. Befehle in rasender Hast: Intendant, 
Sekretär, Zofen, Lakaien sollten folgen. Sie selber, nur mit einem 
Reitknecht, flog zu Pferde nach Neßlach, gönnte sich nicht die Zeit 



38 



zum Essen, ritt wie ein Dragoner des Satans. Traf den Herzog mitten 
im Hallo seiner Hubertusritter, kunstreich kutschierend, lärmend. 
Eberhard Ludwig, hilflos überrascht, zwischen den verstummten, 
höflich tief geneigten, heimlich feixenden Herren, hochrot, flatternd 
verlegen, schnaubte durch die fleischige Nase, führte die Gräfin ins 
Schloss, befahl ein Bad, Erfrischungen. Ein Teufelsweib die Frau! 
Solcher Ritt! Diese Christi! Ein Teufelsweib! Die Gräfin zwang ihn, 
noch im Reitkleid, heiß von der Anstrengung, dick eingestaubt, zu 
einer Auseinandersetzung. Nicht durchgehen jetzt. Halten. 
Niederhalten. Das Tastende, sich Windende, Ausbiegende, 
Hattemde, Unklare da anpacken, wieder fest in die Hand kriegen. 
Jetzt es packen, wo es überrascht ist, nicht auskann, wo kein anderer 
dazwischenredet, ihm kluge, freche, hinhaltende Maßnahmen 
einflüstert. Ruhe, ihr zuckenden Nerven. Du stoßendes Herz, Ruhe. 
Sie sprach leichthin, trank kleine Schlucke von der Limonade, 
scherzte über seine Anspruchslosigkeit; die Hubertusritter, die kleine 
Tänzerin, er gebe es billig mit seiner Gesellschaft. Dann sanfte 
Vorwürfe. Den Oslander hätte er nicht sollen empfangen. Sie 
verstehe ja, er wolle sich erlustieren an den groben Spaßen des alten 
Tölpels, aber es werde falsch ausgelegt. Eberhard Ludwig, in dicker 
Verlegenheit, wusste nicht wohin vor dem grauen Glanz ihrer 
Augen, wand sich, schwitzte in seinem schweren Rock, schnaufte. 
Die Frau! Diese Christi! Solcher Teufelsritt! Kam da einfach 
angesaust auf eins zwei und leuchtete in sein zwielichtiges Nichtein 
und Nichtaus. Dann fragte sie geradezu, das mit der Herzogin, 
Versöhnung und so, das sei doch albernes Gerede. Oder nicht? Er, 
knarrendes Räuspern, ja natürlich, es sei Geschwätze. Sie aßen 
vergnügt zu Abend, tranken, allein, ohne die Hubertusritter. Kein 
Schütz, kein Oslander. Die Gräfin erfüllte mit ihrer unbedenklichen, 
lärmenden Munterkeit das Zimmer, hüllte den erlösten Eberhard 
Ludwig ganz darin ein. Teufel! Dieser Ritt! Die Frau! Die 
Teufelsfrau! 

Die Gräfin schlief eine traumlose Nacht, tief, froh, lang. Als sie 
erwachte, war der Herzog fort. In aller Heimlichkeit im grauen 
Morgen, hatte er sich davongemacht. Sie, den devoten, 
achselzuckenden, innerlich grinsenden Kastellan geohrfeigt, dem 
Herzog nach, rasend, auf gehetzten Pferden. In Ludwigsburg das 
Schloss verödet. Kein Herzog. Der Herzog war fort, nach Berlin, den 
Besuch des Königs erwidernd. Das übliche Prunkgefolge erwartete 
er außer Landes. Sie, entzügelt, verzerrt, die Reitpeitsche wippend. 



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zwischen sich in die Wände verkriechenden Lakaien durch die leeren 
Säle. Endlich im letzten Kabinett, am Arbeitstisch des Herzogs, 
zwischen den Büsten des August und des Marc Aurel vor dem Bild 
des italienischen Meisters, das sie mit den Insignien der Herzogin 
darstellt, ein Mann in der Perücke der hohen Beamten, unendlich 
höflich, tief gebückt, süß lächelnd: Schütz. Andreas Heinrich Schütz, 
ihre Kreatur, ihr Schütz, den sie nobilitiert, zum Geheimrat gemacht 
hat. Der Diplomat, peinlich nach der Mode die Uniform, nur 
Halbedelsteine an den Schuhen, was erst vor drei Wochen in Paris 
aufgekommen war, neigte wieder und wieder in tiefen 
Komplimenten die mächtige Hakennase, scharrte mit dem Fuß nach 
hinten aus und versicherte in geläufig näselndem, verbindlichst 
geschnörkeltem Französisch, ein Gott habe Serenissimus eine 
Ahnung eingehaucht von Ihre Exzellenz Ankunft, Serenissimus habe 
aber leider nicht warten können und seinen untertänigsten Diener 
durch den Auftrag beglückt, mit Ihro Exzellenz zu speisen und ihr 
dabei eine Eröffnung zu machen. Die Gräfin, hochrot, wild 
schnaufend, fuhr ihm übers Maul, er solle keine Faxen machen und 
ihr deutsch und rund sagen, was los sei, oder - und sie gestikulierte 
mit der Peitsche. Aber der Geheimrat, unbeirrbar höflich, blieb fest, 
er sei unglücklich, seiner hohen Gönnerin nicht denen zu können, 
doch er sei an strikte Ordres gebunden. Endlich, bei Tafel, mit 
hundert Komplimenten verbrämt, bestellte er ihr den Befehl des 
Herzogs, sie habe die Residenz zu verlassen, sich auf ihre Güter 
zurückzuziehen. Sie schlug ein großes schallendes Gelächter auf. „Er 
Spaßvogel, Schütz!" rief sie. ,Jir Spaßvogel!" immer haltlos lachend. 
Der alte Diplomat saß still, verbindlich, mit den scharfen, hellen 
Augen der Aufgesprungenen, auf und nieder Gehenden folgend. 
Heimlich bewunderte er sie, wie echt und gar nicht schrill ihr Lachen 
klang, wie gut sie spielte. Die Gräfin blieb. Ah! sie dachte nicht 
daran, Ludwigsburg zu verlassen. Sie hatte sinnlose Wutausbrüche, 
misshandelte die Dienerschaft, zerschmiss Porzellan. Schütz, 
Achselzuckend, er habe lediglich Ordre, ihr den Befehl Serenissimi 
zu übermitteln, freute sich mit vielen fein gedrechselten Worten, daß 
er noch weiter das Vergnügen und die Ehre ihrer Gegenwart habe, 
aber sie bleibe auf ihre Gefahr in der sichern Aussicht allerhöchstens 
Zorns und finstrer Ungnade. Sie nahmen die Mahlzeiten zusammen. 
Der alte, in allen Brühen gesottene Intrigant, der sich unter jedem 
Regime hielt, hatte ehrliche Sympathien für die Gräfin, für die 
Kühnheit ihres Aufstiegs, und sachkundige Bewunderung vor den 



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komplizierten geschäftlichen Manipulationen, mit denen ihre Juden 
in aller Ruhe die geraubten Schätze der Gräfin außer Landes 
praktizieren. Der dürre, ausgeglühte Kavalier hätte nie geglaubt, daß 
er eine fette, alternde Frau je noch mit solcher Aufrichtigkeit und 
Beflissenheit hofieren würde. Sie machten bei Tafel geistreiche, mit 
hundert frechen Anspielungen gewürzte Konversation, und er 
wartete mit Spannung, wie weit sie die Auflehnung gegen den 
strikten Befehl Eberhard Ludwigs treiben wurde. 
Der Herzog blieb nicht lange in Berlin. Schütz konnte der Gräfin 
mitteilen, die Herzogin sei gebeten, nach Schloss Teinach zu fahren. 
Auch Deputierte des Landtags seien hinbeschieden, desgleichen die 
Gesandten von Baden-Durlach, Kurbrandenburg, Kassel. Der 
Herzog wolle sich mit seiner Gattin vor Volk und Reich aussöhnen. 
Lang, still sah die Gräfin den Geheimrat an, der sie ernsthaft und 
aufmerksam betrachtete. Dann, mit einem erstickten, kleinen Schrei 
wollte sie aufspringen, fiel ohnmächtig um. Er bemühte sich um sie, 
rief ihre Frauen. Des Abends ließ er sich wieder bei ihr melden, 
fragte nach ihren Dispositionen. Sie, ganz stille Hoheit, erklärte, sie 
gehe auf ihr Schloss Freudenthal, zu ihrer Mutter, die sie vor fünf 
Jahren dort hatte hinkommen lassen. Schütz fragte, ob er ihr keine 
Eskorte mitgeben dürfe, er hatte Angst vor Ausbrüchen der 
Volkswut. Sie, den Kopf zurück, die Lippen schmal, lehnte ab. 
Andern Tages zog sie aus Ludwigsburg. In sechs Karossen. Der 
Geheimrat stand tief geneigt an der Rampe des Schlosses, während 
ihre Pferde anzogen. Hinter den Portieren der hohen Fenster lugten 
grinsend die herzoglichen Lakaien. Die Bürger schauten stumm, 
ohne zu grüßen; zu höhnen wagten sie nicht. Aber der krähende 
Spott der Straßenjungen flog ihrer Kutsche nach. Vorausgeschickt 
hatte sie einen ganzen Wagenpark mit Möbeln und Nippsachen. Das 
Schloß war kahl nach ihrem Abzug. Selbst das kostbare Tintenfaß 
des Herzogs fehlte, und die Büste des August und des Marc Aurel 
standen sehr nackt vor dem Prunkbild des italienischen Meisters, das 
die Gräfin darstellte mit den herzoglichen Insignien. Schütz hatte sie 
lächelnd gewähren lassen. 



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Von den vier Zimmern, die Süß beim Stemwirt in Wildbad 
behauste, musste er zwei abgeben. Der Prinz Karl Alexander von 
Württemberg, kaiserlicher Feldmarschall und Gouverneur von 
Belgrad, kam früher, als er sich angesagt hatte, und brauchte die 
Zimmer. Dem Prinzen war die Gräfin tief zuwider. Er war ohne 
jedes Vorurteil. ,Jiine rechte Hure, her damit!" pflegte er zu sagen; 
„Aber eine filzige Hure, das ist der scheußlichste Sud des Teufels." 
Und die Gräfin galt ihm als eine filzige Hure. So wollte er ihre 
Abreise abwarten, um ihren Anblick zu vermeiden. Nun, da sie 
früher gegangen war, konnte er seinen Würzburger Aufenthalt 
abkürzen. Die Kurgäste des Wildbads begafften neugierig die 
Karosse des ankommenden Prinzen. Karl Alexander, Sieger von 
Peterwardeln, rechte Hand des Prinzen Eugen, kaiserlicher 
Feldmarschall, zu Wien in hohen Gnaden. Überall in Deutschland, 
und besonders in Schwaben, hing sein Bild herum, wie er beim 
Sturm auf Belgrad unter türkischem Kugelregen mit siebenhundert 
Axtmännern die Höhe emporklimmt. Ein aufregendes Bild. Ein 
Held. Ein großer General. Bravo. Evviva. Im übrigen politisch völlig 
belanglos, ein Meiner Prinz aus einer Nebenlinie. Gänzlich 
ungefährlich. Galanter Herr nebenbei, gefälliger Kamerad, guter 
Kerl. Das allgemeine Wohlwollen flog ihm entgegen, die Damen vor 
allem interessierten sich für den Kriegshelden, und die Tochter des 
Gesandten der Generalstaaten warf ihm ein Lorbeerzweiglein in den 
Wagen. 

Sein Aufzug war nicht gerade stattlich. Ein räumiger, solider, 
etwas abgebrauchter Reisewagen. Der Prinz selber freilich sehr 
elegant, das offene, fröhliche Gesicht, jetzt auf der Reise ohne 
Perücke, in dem schönen, langen, blonden Haar, die hohe, kräftige 
Statur imponierend in der reichen Uniform. Aber das Gefolge sehr 
dürftig. Der Leibhusar, ein Heiduck, der Kutscher, das war alles. Nur 
ein Auffallendes, Luxuriöses: auf dem Rücksitz ein braunschwarzer, 
schweigender, gravitätischer Kerl, ein Mameluck oder so was, der 



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Prinz mochte ihn auf einem Feldzug erbeutet haben. Süß und Isaak 
Landauer standen vor dem Gasthof unter gaffendem. Hoch 
schreiendem Volk, als der Prinz ankam. Süß starrte neidvoll auf den 
riesigen, eleganten Mann. Milletonnerre! Das war nun wirklich ein 
Prinz und großer Herr. Was sonst sich in Wildbad herumtrieb, 
reichte ihm nicht an die Achseln. Auch der Braunschwarze machte 
ihm Eindruck. Isaak Landauer aber taxierte abschätzig und mit 
gutmütigem Mitleid Kutsche und Livree. ,Jiin armer Schlucker, der 
Herr Feldmarschall. Ich sag Euch, Reb Josef Süß, nicht gut für 
zweitausend Taler." Der Prinz war in heiterster Laune. Er war jetzt 
drei Jahre nicht mehr im westlichen Deutschland gewesen, hatte lang 
unter den Heiden und Halbwilden seines Gouvernements Serbien 
gelebt, sich mit Tod und Teufel herumgehauen. So atmete der reife 
Mann, fünfundvierzig war er geworden, mit Behagen die heimatliche 
Luft. Nach der langen Fahrt nahm er zunächst ein Bad, ließ sich von 
seinem Leibhusaren Neuffer den lahmenden Fuß - ein Andenken an 
die Schlacht von Cassano - mit Essenzen reiben, saß am Fenster, im 
Schlafrock, vergnügt, mit dem Kammerdiener plaudernd, während 
der Schwarzbraune auf dem Boden hockte. Er war weidlich 
umgetrieben worden. Von seinem zwölften Jahr an war er Soldat, 
hatte in Deutschland gefochten, in Italien, den Niederlanden, in 
Ungarn und Serbien. Nächst dem Prinzen Eugen, den er herzlich 
verehrte, war er der erste General im Reich. Er hatte in Venedig und 
Wien eine hohe Kavaliersschule durchgemacht, und seine stattliche 
Tenue, sein gutmütiger, etwas lärmender Humor war beliebt bei 
Frauen, beim Wein, auf der Jagd. Was ein Meiner deutscher Prinz 
aus einer Nebenlinie erreichen konnte, das hatte er erreicht. Intimus 
des Prinzen Eugen, Wirklicher Geheimer Rat, Kaiserlicher 
Feldmarschall, Oberbefehlshaber in Belgrad und im Königreich 
Serbien, Inhaber von zwei kaiserlichen Regimentern, Ritter des 
Goldenen Vlieses. In Belgrad war ein ewiger Wirbel von Offizieren 
und Weihern um ihn. Er fühlte sich wohl in dem unordentlichen 
Leben, das die Belgrader Burg in ein Feldlager verwandelte. Wenn 
den vergnügten, lebensvollen Soldaten eine Sorge ankroch, dann war 
es immer die nämliche: Geld. Sein Sold war gering, seine prinzliche 
Apanage lächerlich. Und er konnte nicht knausern. Da saß er als 
kaiserlicher Statthalter zwischen geschwollenen ungarischen 
Baronen und Paschas des Großherm, die strotzten von allen 
Reichtümern der Königin von Saba. Er war nicht anspruchsvoll, er 
hatte schon gelebt wie der gemeinste Soldat, Dreck gefressen, daß 



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alle Därme sich umkehrten, auf vereistem Kot geschlafen. Aber er 
konnte seine Kumpane nicht an leere Tafeln setzen, seine Weiber 
nicht in Lumpen laufen lassen, seinen Marstall nicht mit 
Schindmähren füllen. Am Wiener Hof hatte man nur halbes Ohr für 
solche Klagen und Achselzucken. Gott, wenn es der Prinz nicht 
machen wollte, in den Erblanden gab es Herren und Reichlinge 
genug, die sich nach dem stolzen Posten des serbischen Statthalters 
sehnten und gern bereit waren, die Repräsentation aus eigener 
Tasche zu bestreiten. Die Wiener Bankiers hatten dem Prinzen 
gelegentlich mit kleinen Summen ausgeholfen; jetzt waren sie 
schwierig, beinahe unverschämt. Ernsthafte Teilnahme fand er erst in 
Würzburg, beim Erzbischof. Er kannte den dicken, lustigen Herrn 
seit langem, seit den frühen Jahren in Venedig. Dort hatten sie, der 
Prinz, der jetzige Fürstbischof und Johann Eusebius, jetzt Fürstabt in 
Einsiedeln in der Schweiz, gute Freundschaft geschlossen. 

Die drei jungen Herren, alle drei kleine Nebenäste großer 
Häuser, waren in Venedig, Leben und Politik zu lernen. Die alternde 
Republik, längst auf dem Abstieg, hielt, eine Kokette, die nicht 
Schluss machen kann, noch immer die Allüren einer Weltmacht fest, 
hatte Gesandtschaften an allen Höfen, die Signoria zweigte über 
Europa und die Neue Welt ein Netz von Intrigen, krampfhaft den 
Schein großer, lebendiger Politik wahrend. Gerade weil die 
Maschine leer lief, funktionierte sie um so besser, und der ganze 
junge Adel Europas studierte in den staatsmännischen Zirkeln der 
Republik die Routine der hohen Diplomatie. Die beiden jungen 
Weltgeistlichen bewunderten sachverständig diesen vollendeten 
Mechanismus und warfen sich, groß geworden in der Schule der 
Jesuiten, mit wildem Eifer auf sein Studium. Der schwäbische Prinz 
aber stand, verständnislos lachend, in dem Wirbel; was er packte, 
entglitt ihm; so hielt er sich an das rauschende, glänzende Leben der 
Gesellschaften, Redouten, Klubs, an Theater, Spielsäle und Bordelle. 
Die jungen Jesuiten amüsierten sich herzlich über sein soldatisch 
naives Geradezu, gewannen ihn aufrichtig lieb wie einen gutmütigen, 
großen, täppischen Hund und setzten ihren Ehrgeiz darein, den 
unraffinierten, liebenswerten Menschen ungefährdet durch die 
Strudel des wilden und bedenklichen venezianischen Lebens zu 
steuern. Mit feinem Lächeln bestaunten die jungen Diplomaten der 
Kirche soviel laute Harmlosigkeit, soviel lustiges, vertrauensseliges 
Im Kreise-Plätschem. Das gab es also noch. Da ging einer herum, 
machte Visiten, tanzte, spielte, liebte in den Kreisen der 



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Staatsmänner und alles ohne Zweck, er dachte offenbar gar nicht 
daran, Karriere zu machen. Und sie fassten zu ihm eine offene, leicht 
überlegene Zuneigung. 

Auf solcher Basis gründete die Freundschaft des Prinzen mit den 
beiden Jesuiten. Die waren jetzt Prälaten geworden, gefürchtet, 
standen mitteninne in allen Fragen der großen Politik. Er, der Prinz, 
saß draußen an der Ostgrenze des Reiches, ein tapferer und 
berühmter General, von den Herren, die die deutschen Geschicke 
machten, leicht und wohlwollend belächelt. Er spürte nichts von 
diesem Lächeln, er ging behaglich und geradeaus seine Straße, und 
was ihn kratzte, das war allein sein Geldmangel. In Würzburg, bei 
Tafel, auch der Fürstabt von Einsiedeln hatte sich eingefunden, 
sprach er offen mit den beiden Freunden über seine Bedrängnis. 
Kein Geld, freche Gläubiger, es war eine ewige Kalamität. Man hatte 
scharf gegessen und sich heiß getrunken, die Kirchenfürsten lüfteten 
sich, der Prinz knöpfte die Uniform auf. Der Bischof hatte das 
Prinzip, eine Antwort niemals auf der Stelle zu geben. Er versprach, 
den Fall zu überdenken. Die Prälaten, nachdem sich der Prinz 
zurückgezogen, saßen im Park, schauten von beschattetem Sitz auf 
Stadt und Weinberge. 

Man wird dem Prinzen helfen, natürlich; es war ja sehr leicht, 
ihm zu helfen. Vielleicht könnte man ihm helfen und zugleich der 
guten Sache dienlich sein. Sie schauten sich an, lächelten, sie 
dachten beide das gleiche. Sie hatten dem Prinzen oft in Venedig, in 
Wien, jetzt in Würzburg katholische Messen gezeigt, sich gefreut 
über seine naive Begeisterung an Glanz und Weihrauch. Ein kleiner 
Prinz aus einer Nebenlinie, es stand so viel zwischen ihm und dem 
Thron, es war keine große Angelegenheit; immerhin, wenn ein Glied 
des stockprotestantischen Württembergischen Hauses für Rom 
gewonnen würde, der Ordensgeneral würde den Erfolg buchen, ohne 
ihn zu überschätzen. Die Arbeit durfte natürlich nicht plump 
gemacht werden. Kunstgerecht mit feinen Fäden. Es musste sich 
alles geben wie von selbst. Die beiden geübten Herren verständigten 
sich mit halben Worten. Man wird Karl Alexander zunächst an 
protestantische Stellen weisen, an seinen Vetter etwa, den Herzog, 
der war durch die Gräfin beansprucht, an die Landschaft, die war 
kleinherzig, knauserig; man könnte für alle Fälle nachhelfen, daß sie 
bestimmt ablehne. Der Fürstbischof hatte einen Herrn an seinem 
Hof, den Geheimrat Fichtel, Spezialisten in allen schwäbischen 
Dingen, der wird das sicher zu Rande bringen. Wenn dann der Prinz 



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eingeklemmt sitzt, kahl, naiv, erbittert über die evangelische 
Filzigkeit, dann lässt man eine katholische Prinzessin auftauchen, die 
reiche Regensburgerin etwa, die Thum und Taxis, und die Kirche 
empfängt den Bekehrten mit Gold und Weihrauch und Gloria. 

Ruhevoll und wohlwollend, mit halben, lässigen Worten, 
spannen die beiden Prälaten das Projekt; von dem beschatteten Sitz 
im Park, Eis schlürfend, schauten sie auf die schöne Stadt und die 
besonnten Weinberge. 

Der Fürstbischof half somit Karl Alexander mit einer kleinen 
Summe aus, und der Prinz richtete, um für zwei, drei Jahre aus dem 
Gröbsten zu sein, ein Ersuchen an die württembergische Landschaft, 
seine Apanage zu erhöhen oder ihm wenigstens einen größeren 
Vorschuss darauf zu geben. Das Schriftstück war von dem 
Geheimrat Fichtel klug und umständlich formuliert, so daß dem 
Prinzen der Erfolg so gut wie gesichert schien. Und nun saß er also 
in Wildbad, mit der gewissen Aussicht auf das Geld, in heiterster 
Laune. Gewelltes Land, freundlich bewaldet, schaute zu den 
Fenstern seines Zimmers herein. Er fühlte sich durch das Bad und 
die Massage des lahmenden Fußes wohlig erfrischt, der Ort schien 
ihm nach dem Schmutz und der Schlamperei serbischer und 
ungarischer Dörfer doppelt artig und sauber, und er erwartete gute 
Zeit. Während er behaglich zum Fenster hinausschaute und sich von 
Neuffer rasieren ließ, kam ein Heiduck der Prinzessin von Kurland 
mit einer verbindlichen Einladung zu einem Kostümfest, einer 
Wirtschaft, die die Prinzessin anderntags veranstalten wollte. Karl 
Alexander hatte kein Kostüm, Neuffer befragte den Wirt, der meinte, 
der Hof- und Kriegsfaktor Josef Süß Oppenheimer wäre vielleicht 
aushelfen können. Oppenheimer? Gegen den Juden hatte der Prinz 
nichts einzuwenden, ein so scheeles Gesicht der Kammerdiener zog. 
Aber Oppenheimer hießen die Wiener Bankiers, die ihn so schlecht 
behandelt hatten. Doch mittlerweile war der beflissene Wirt schon 
bei Süß gewesen, und jetzt brachte er ein sehr passendes ungarisches 
Bauernkostüm, das Neuffer mit leichter Mühe für die Statur des 
Prinzen zurechtschneidem konnte. Karl Alexander schickte dem Süß 
durch Neuffer einen Dukaten, den Süß dem Neuffer als Trinkgeld 
gab. Der Prinz wußte nicht, sollte er den Juden prügeln, sollte er 
lachen. Da er guter Laune war, entschied er sich zu lachen. 

Auf dem Fest war die Neugier und die Bewunderung aller um 
ihn. Er schwamm in der Achtung der Männer, in der koketten 
Anbietung der Frauen fröhlich herum. Dann trat man zu einem 



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kleinen Zug an, paarweise, und ein Tübinger Professor und Poet im 
Kostüm eines Scherenschleifers begrüßte jedes Paar mit saftigen 
Reimen, deren lustiger Unflat mit Jubel und Gegröl aufgenommen 
wurde. Selbst der hochmütige sächsische Minister bekam sauer 
lächelnd seine Fuhre Mist ab, nur der junge Lord Suffolk, in einem 
prachtvollen römischen Kostüm, wollte zufahren, doch er wurde 
bedeutet. Des Prinzen Dame war die Wirtin, die Kurländerin. Ihn 
begrüßte der Reimschmied ernsthafter und nannte ihn unter dem 
Jubel der Gäste den Württemberg ischen Alexander, den 
schwäbischen Skanderbeg, den deutschen Achill. Es fiel Karl 
Alexander auf, daß alle Gäste ihr Sprüchlein abbekamen, nur einer 
nicht. Es war ein jüngerer Herr, sehr gut gewachsen, er trug wie ein 
paar andere eine Halbmaske. Er schien nicht weiter erstaunt, daß 
man ihn von dem Vorbeizug der Paare an dem Reimschmied 
ausschloss, er nahm diese offensichtliche Missachtung in guter 
Haltung hin, lehnte bescheiden in einem Fenster, sah zu. Der Prinz 
erkundigte sich nach dem Herrn. Achselzucken: es war der Jud, der 
Frankfurter Faktor, Josef Süß Oppenheimer. 

Ach, das war ja der, der in seinem Gasthof wohnte, der ihm das 
nette Kostüm geliehen hat, der mit dem Dukaten. Der Prinz hat 
getrunken, ist gut aufgelegt. Man könnte dem Juden eigentlich ein 
paar Worte sagen, er lehnt da so bescheiden und allein. Vielleicht 
auch wird man ihn aufziehen, seinen Spaß mit ihm haben. Der Prinz 
geht auf Süß zu, viele Blicke folgen ihm: 

„Weiß Er, Jud, daß ich Ihn fast geprügelt hätte, mit Seinem 
Dukaten ?" Süß nimmt sogleich die Maske ab, neigt sich, lächelt, 
schaut dem Prinzen von unten her mit einer gewissen 
schmeichlerischen Frechheit ins Gesicht: 

„Da war man nicht in schlechter Kompanie. Wenn ich recht 
weiß, hat auch der Großwesir des Padischah von Eurer Hoheit Prügel 
gekriegt und der Marschall von Frankreich." 

Der Prinz lacht schallend: „Hör Er, Er weiß Seine Worte zu 
setzen, als hätt Er's in Versailles gelernt." Die Florentinerin drängt 
sich herzu, eifrig: ,Jir war auch in Versailles, Hoheit." Und Süß, 
bescheiden prahlend: 

,Ja, ich kenne den Marschall, der die Prügel gekriegt hat. Er 
spricht mit größtem Respekt von Eurer Hoheit. Ich kenne auch 
Freunde Eurer Hoheit. Den erhabenen Prinzen von Savoyen." 

„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?" fragte Karl 
Alexander interessiert. 



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„Nur ein Vetter dritten Grades", erwiderte der Jude. „Aber die 
Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für 
die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern." 

"Er gefällt mir, Jud", und der Prinz schlug ihm die Achsel und 
nickte ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf 
den Ring der Gäste zutrat, die sie umstanden. Karl Alexander trank, 
tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später saß er am 
Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es Sitte 
war. Die Bank hielt der junge Lord SuffoUc, steif, zerernoniös, 
schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum 
verlor man. Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, 
heiß, mit etwas benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen 
Schlägen alles, was er hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig 
unfrei. Ringsum ein Kreis gespannter Zuschauer. Man glaubte, der 
Engländer werde Kredit anbieten. Aber der saß, höflich, korrekt, 
stumm vor dem erhitzten, verlegenen Prinzen. Wartete. Plötzlich 
stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, gewandt, leise: Wenn Seine 
Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der Prinz nahm an, 
gewann. Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer 
Auftrag gegeben, ihn beim Lever vorzulassen. Süß stand verneigt, 
hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen. 



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Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. 
Die Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog 
würdigte er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel 
möglichst schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer 
Berechnung, die Süß staunende Hochachtung abzwang, wusste er die 
schärfsten Gegner der Gräfin in dieses große Anleihegeschäft 
hereinzuziehen, so daß gerade ihre Feinde an der Erhaltung der 
gräflichen Güter geldlich interessiert waren. Sosehr Süß das 
geschäftliche Genie Landauers bewunderte, schränkte er dennoch 
seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. Er fand, daß 
der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte schallend 
über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er nicht 
einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die 
Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr 
könnt doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und 
Geld in den Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler ?" 

Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiss, er sah in 
dem Prinzen das Ideal aristokratischer Haltung. Die Sicherheit, mit 
der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte, bei aller Gutmütigkeit, 
das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel imponierte 
ihm. Aber deshalb steckte man doch noch lange kein Geld in einen 
so unsicheren Kunden. Was ihn Prinzen trieb, war ein Anderes, 
Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war gewiss. Wer 
jenes heimliche Wissen besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu 
wissen, trüglich, unumstößlich, dies oder jenes Unternehen, dieser 
Würfel, dieser Mensch bringt Glück, der mochte von den 
Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im Leben verzichten. 
Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander. Der Prinz, 
sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt, dürftig, 
nicht verlockend, kluge Finanziers wie Isaak Landauer mochten die 
Nase rümpfen. Er, er. Süß, wusste, daß dies sein Schiff war, und er 
traute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und 



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mit allem, was er war und was er hatte. Karl Alexander behandelte 
ihn vertraulicher als sonst große Herren, um ihn je nach Laune um so 
brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß beim Lever. 
Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, sich, erschreckt ein 
Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der 
Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoss, prustete lachend, 
sie solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen 
und beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit 
der auch Süß geschlafen hatte. Süß nahm die Vertraulichkeiten des 
Feldmarschalls als Geschenke hin und ließ sich seine Ausbrüche 
nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem er ihn für Mittag 
bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heute stehe ihm der Humor 
nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends dennoch 
mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie hatte ihn 
ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede kleine 
Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine Vertraulichkeiten 
beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, alles, was der 
Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester zu binden. 

Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi 
Gabriel werde kommen. Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte 
brauchte Süß den Kabbalisten nicht mehr, die Verbindung mit der 
Gräfin, die Beteiligung an der Aktion Isaak Landauers war 
hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des Augenblicks, vergaß den 
Anlass, aus dem er den Rabbi berufen, wusste nur mehr, daß er ihm 
keinen andern Nachlass genannt als den dringenden Wunsch, in sein 
Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor 
und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und 
hatte in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, 
Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte. Aber wie 
Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde 
Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: ,J)aß er sich 
immer so altmodisch trägt!" Aber das dachte er eigentlich schon nur 
nebenher und unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über 
ihm, das unentrinnbar wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo 
Rabbi Gabriel erschien. 

,JZ)u hast mich wegen des Mädchens beschickt?" begann die 
knarrige, misslaunige Stimme. Der Andere wollte erwidern, heftig, 
sich wehren, er hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber 
die hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen 
ausging, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen 



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des Mädchens?" Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und 
ohne Hebung, schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung 
und in seinen prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und 
gedrückt vor dem dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für 
einen höheren Beamten halten mochte oder für einen Bürger. Er 
konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie 
behend hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem 
Partner hinauf und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in 
jede Lücke und schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt 
und unüberzeugt, daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende 
war? Gewiß, gab er zu, er habe versprochen, das Kind zu sich zu 
nehmen. Aber es sei nicht gut, wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht 
und für das Kind nicht. Er habe so tausend Geschäfte und sei so 
gehetzt und hin und her getrieben. Und bei Rabbi Gabriel sei Naemi 
doch ganz anders behütet, und wenn er. Süß, sich auch für Bildung 
interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch das 
Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim 
besser verstehe als er. Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, 
fahrig und ohne, Kraft. Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor 
sich, in dem massigen blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit 
wuchtende Stirn, senkrecht über der Nase zerschnitten von drei 
Furchen, scharf, tief, kurz, und er sah, diese Furchen bildeten den 
heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, 
Schaddai. 

Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des 
andern zu erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben, 
steinernen, wissenden Augen, und schwieg. Und während dieses 
Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das Verkapselte auf, und 
das Jahr lag bloß, jenes seltsame und unbegreifliche Stück Leben, 
das Jahr in der kleinen holländischen Stadt, das Süß geflissentlich 
und doch mit einem geheimen Stolz, etwas Störendes und höchst 
Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er sah das weiße, 
verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so unsagbar 
fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, die 
verlöscht war wie sie aufgeklommen, kaum die neue Kerze 
gezündet. Er sah das Kind, sich selber in einer seligen und 
gleichzeitig so entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den 
Oheim, den unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie 
selbstverständlich und wie selbstverständlich wieder mit dem Kind 



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ins Dunkle zurücktauchte, sehr sehen nur, in einem Zwischenraum 
von Jahren wieder am Tag. 

,JDas Kind ist jetzt vierzehn Jahr", sagte endhch Rabbi Gabriel. 
, Jis macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn 
dann die Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft." „Ich bin 
wie der Heidenprophet Bileam", fuhr der Kabbaiist fort mit einem 
missgelaunten Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir 
spreche, und ich muß segnen. Ich werde sie also ins Land bringen", 
schloß er, „daß sie dich sieht." 

Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor 
ihm, ganz gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben 
um. Ich setze mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und 
Wirbel das Kind, die Tochter, Naemi. Ich liebe dein Leben aus den 
Angeln, ich reiße die Kapsel auf, ich reiße dein Herz aus den 
Angeln. 

„Ich bleibe noch hier", sagte der Kabbaiist, „dich aus der Nähe zu 
beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch." 
Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. 
Als kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm 
machen lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die 
rechten Worte finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer! ! ! 
Seinem schäbigen, unmodernen Rock. Aber tief innen wusste er, daß 
er das nächstemal genau so stumm und klein sitzen wird wie jetzt. 



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In Schloss Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein 
gewaltiger Fleischkloß der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. 
Erdiges Bauemgesicht unter eisgrauem Haar, äugte die Uralte mit 
harten Blicken, die Oberaufsicht über Schloß und Hof, Dienerschaft 
und Bauern schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich 
Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: 

„Aus, Mutter, es ist aus! Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er 
küsst die alte dürre Gans in Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will 
ihr ein Kind machen. Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt 
wie eine Hure, die nicht fürs Bett getaugt hat." 

„Knet ihn, Tochter", rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme 
die Alte. ,^ass ihn bluten. Hat's ihn Geld gekostet, wie er heiß war, 
lass es ihn mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, 
bis kein Heller mehr herausgeht." 

„Und Friedrich hat dazu geraten!" empörte sich die Gräfin - 
Friedrich Wilhelm war ihr Bruder. „Gib's ihm, Mutter! Zeig's ihm! 
Mach ihn klein! Schlag ihn!" 

„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich wird's ihm 
zeigen", versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig", schloß sie 
und saß da, quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das 
erdfarbene Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. 

,JZ)u hast Wagen hergeschickt mit Sachen. Das ist gut, Tochter. 
Schick mehr. Schick außer Landes. Haben, das ist es. Besitzen. Geld 
haben, Sachen haben. Das andere ist nicht wichtig." 

Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, 
berichtete, brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie 
fragte nach dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach 
Wildbad. Es war schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich 
gedulden, in zwei, drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben. 

Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der 
Zusammenkunft des herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß 



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und feierlich zugegangen wie bei einem Beilager. Die verschlissene 
Elisabeth Charlotte hatte sich und ihre Hofdamen - dies 
Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die Gräfin - neu 
und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um die 
Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, der engere 
Ausschuss des Parlaments, das ganze Kabinett. Ihr Bruder, der 
Gräfin Bruder! Der Schuft, der glatte, giftig züngelnde, hielt eine 
Rede bei der Festtafel. Am Abend gab es Ballett: Die Heimkehr des 
Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die böse 
Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen 
alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme 
Penelope am Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten 
noch lange warten, bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann 
zog sich das herzogliche Paar zurück und vor der Tür des 
Schlafgemachs spielte das italienische Quartett während der 
Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! Schmeckt's? So was hast du lange 
nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den Knochen! 

Am zweiten Abend gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen 
schrieben die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das 
Volk, den Wanst gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die 
Blase voll kostenlosen herzoglichen Weins - da ihre Aufsicht fehlte, 
wird der Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen - 
schnupfte gerührt hinauf und grölte: „Es lebe die Herzogin!" 

Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloss sie sich ein 
und schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach 
Stuttgart. Er ging an cbn Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine 
Anweisung auf dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer 
achthundert, falls er ihr vom Blut des Herzogs verschaffe. Dieser 
Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem 
der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie 
dergleichen schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß 
sie sinnlose Wut nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. 
Auch Isaak Landauer war schuld mit seinem verflucht zögernden 
Kabbalisten. 

Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten 
hatte, rechnete er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich 
noch der Gräfin zu Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher 
Zeremoniell war es ausgemacht, daß die Gräfin nichts mehr zu 
hoffen hatte. Er übergab also den Brief dem Herzog. 



54 



Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen 
Augenbhck starr gebunden vor dem Unfasshchen. Winkte dann dem 
Diener heftig Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, 
schnaubte durch die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. 

Er war also betrogen. Er, er! Der Herzog war dreißig Jahre von 
einer verfluchten Hexe und Vettel betrogen. Die andern, die 
Bürgercanaille die greinenden Pfeffersäcke von der Landschaft, die 
kahl und dürr predigenden Pfaffen vom Konsistorium, der schäbige 
Preußenkönig, die ewig beleidigte, zitronensaure Johanna Elisabetha, 
sie hatten recht, sie hatten dreißig Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt 
gegen ihn, den Herzog. Mord und Marter! 

Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde, schwarze, 
kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft und in 
mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft 
gestraffte, in feine, lange, braun glänzende Schenkel und in weiche, 
rosig - fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und 
rasende, die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten 
Zoll. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und allein Blut, 
haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere, 
Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christi. Aber er hat sich an 
keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg. 
Daß ihm gerade die Christi so im Blut stak, dieses dumpfe 
Verhaftetsein und Beklommenheit und Nichtwegkönnen, natürlich 
war das nicht mit rechten Dingen zugegangen. Und er hat's nicht 
gemerkt und saß mit dem Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, 
oh! Das Hurenmensch, das vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls 
krochen auf ihn zu, wandelten sich in fratzenhafte, scheusälige 
Bilder. Die schwarze Kuh mit dem abgehauenen Kopf, der Bock mit 
den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte sich wohl eine Puppe von 
ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und lebendiges Blut in 
das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der neunschwänz ige, 
mochte wissen, was für verfluchte und unflätige Hantierung sie mit 
dem Gebannten getrieben. 

Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es 
aus mit allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, 
daß er auch den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höliengift 
und Satanstrank. 

Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, 
heimliches, wichtiges Gewese hub an. 



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Schon anderntags in aller Frühe erschien ein Detachement 
Husaren in dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das 
Schloss, besetzten alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, 
gefolgt von seinem Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan 
vorbei, in die Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, 
an allen Türen tuschelte aufgeregt, ängstlich neugierige 
Dienerschaft. Die Exzellenz sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der 
Haushofmeister, die Exzellenz sei noch zu Bette. So werde er einige 
Minuten warten, entgegnete gelassen der Offizier und setzte sich. 
Und der Haushofmeister dringlich, überhastet: die Frau Gräfin sei 
unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht empfangen zu können. 
Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht bringe, möge 
er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt und kühl, 
es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die Gräfin 
selbst zu sprechen. Über dem erschien die Mutter der Gräfin. 
Kolossig stand die erdfarbene Uralte in der Tür, die zu den Zimmern 
der Tochter führte. Der Oberst salutierte, wiederholte, unerregt und 
sachlich, seinen Auftrag. Die Alte mit ihrer röchelnden, tiefen 
Stimme herrschte ihn an, er solle sich scheren; er wisse so gut wie 
sein Herr, ihre Tochter sei reichsunmittelbare Gräfin, nur der 
römischen Majestät unterstellt. Der Offizier achselzuckte, er sei kein 
Jurist, und so gehe sein Auftrag, und er gebe der Frau Gräfin eine 
halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann werde er die Tür sprengen 
lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte sich hin: das sei 
Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer 
Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen 
müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt 
noch sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst. Die Gräfin 
indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum, verbrannte 
Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als der Offizier 
bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand zu Bett, 
richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher 
Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte 
sich, er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre 
Exzellenz unter Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, 
hasserfüllte, röchelnde Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der 
Gräfin. Der Offizier unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, 
während die Alte den Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die 
Stimme gebrochen und wie die eines kleinen Mädchens, sie sei in 
seiner Gewalt, sie wisse, daß er sie wegführen könne, ehe die 



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Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands fähig sei. Sie sei sehr, 
emsthch krank, dieser Überfall habe ihr schlimm zugesetzt, und 
wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand wegzubringen, so 
werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, ringsum 
flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie in der 
Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag 
wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An 
ihrem Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die 
Freudenthaler Juden hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in 
großer Angst um Leib und Gut, und beteten für ihre Schützerin. 

Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als 
Standesperson in allem Respekt gehalten, durfte aber Schloss und 
Park nicht verlassen. Sie gab sich hochfahrend, schikanierte die 
Dienerschaft bis aufs Blut und verblüffte sie durch ungeheure 
Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs verweigerte sie jede 
Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur dem Kaiser Red 
und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische Reichsritterschaft 
sich in die Sache mengte und über ihre durch die Verhaftung der 
Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal verletzten Rechte 
klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in Wien Klage in 
einer Sprache, wie sie gegen das Württemberg ische Haus noch nie 
geführt worden war. Überall im Reich sprengten ihre Agenten 
Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherhejt sei im Herzogtum, 
wenn nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt 
würde. Isaak Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem 
Gesandten der Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine 
missliche Sache, in Württemberg Kapital stehenzulassen, seine 
Worte wurden in den Kontoren der großen Geldleute kolportiert und 
wirkten gefährlich weiter. - Unterdes suchte die Mutter ihren 
ältesten Sohn auf. 

Der aalglatte, eiskalt hochmütige Minister saß vor der 
schimpfenden Greisin geduckt wie ein Hosenmatz. Er legte dar, der 
Übermut und politische Ehrgeiz der Schwester hätte auf die Dauer 
sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er eingreifen müssen. Jetzt, wo 
sie politisch außer Spiel gesetzt sei, werde er sein Bestes tun, ihren 
Abgang zu retten. Er denke nicht daran, ihr Vermögen anzutasten. 
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von 
Anfang an günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles 
eingefädelt hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in 
Württemberg liegendes Vermögen zu retten. So musste sie zwar ihre 



57 



Güter Breuz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich zu 
der Zusage bequemen, das Herzogtum nie wieder zu betreten: aber 
Isaak Landauer hatte eine letzte ungeheure Summe für sie erpresst, 
deren Höhe selbst ihre Juden nur zu flüstern wagten. 
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre 
Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor 
ihr, hinter ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, 
Zierat. Erst als das letzte Stück über die Grenze war, folgte, allein in 
der Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich, die Alte. 



58 



Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, 
Konsistorialrat und Mitglied des engeren parlamentarischen 
Ausschusses, war ein Gast eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom 
Hof des Würzburger Fürstbischofs. Die beiden Herren waren seit 
Jahren befreundet, der schlanke, weltmännische Protestant und der 
unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs mit dem kleinen, klugen 
Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler, undurchsichtig für ihre 
Umgebung, schlössen sie sich gegenseitig die Mechanik ihrer Künste 
auf, freuten sich kennerisch an dem feinen Getriebe der zahllosen 
Fädchen württembergisch protestantischer Parlamentspolitik und 
höfisch-katholischer Diplomatie. Im Herzogtum schätzte man 
Weißensee, aber er war den meisten unbehaglich. Seine gelassene 
Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische Überlegenheit seiner 
weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von Fremdheit und 
Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen Bekannten, die 
seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein ausgezeichneter 
Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten Theologen 
des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, wahrhaft 
frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg 
Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, 
bis jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über 
Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im 
landschaftlichen Ausschuss. Aber es fehlte seiner mannigfachen 
Beschäftigung die Wärme. Wohl erfüllte er alles, daran er Hand 
legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit und sachkundigem Betrieb. 
Doch, ob es das Neue Testament war oder ein Referat im Landtag 
oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner Obstkultur, er 
nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die Nerven hinaus 
ins Herz drang. 

In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen 
ging groß und schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, 
neunzehnjährig, bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue. 



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erfüllte Augen, sehr merkwürdig und verwirrend unter dem dunklen 
Haar. Die Mutter war früh gestorben, zu der immer gleich 
bleibenden, lauen Freundlichkeit des Vaters fand sie keinen Weg. 
Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter Landschaftskonsulenten 
Beata Stumm, und die Lektüre Swedenborgs hatten die Vereinsamte 
in pietistische Zirkel getrieben. Denn es blühten die Konventikel im 
Land, die Bibelkollegien. Trotz aller Verbote und Strafen traten 
unter der Not der Zeit überall im Herzogtum Gläubige und Erweckte 
auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine Heilige wie 
Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die blinde 
Beata Sturmm, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit 
Verheißungen rieb, die er erhören musste, ihm durch wahllos 
zufälliges Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es 
lebte in dem stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp 
Schober, der die Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, 
Amnolds gelesen hatte, auch die verbotenen Bücher vom Ewigen 
Evangelium und der Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, 
einfältiger Mensch, der sanft vor sich hintrieb und lange, sinnierende 
Spaziergänge liebte. Der hielt in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und 
daran nahm auch Magdalen Sibylle teil, die Tochter des Prälaten. 
Die weiten, blauen Augen unter dem dunlden Haar in ein Fernes, 
Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön mit dem männlich 
kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, Armseligen, 
Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium Philobiblicum. 
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und 
sie grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen 
Gesellschaft zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen 
Zeugs mitgebracht, das die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß 
es, und von dem mußte man ihm einen schwarzen, stark riechenden 
Saft bereiten. Magdalen Sibylle schaute mit scheuen, angewiderten 
Augen, wie auch der Vater von dem Teufelstrank genoss, und betete 
mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht daran vergiften lassen. 

Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim 
Wein und sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und 
ganz verruchten Kirchenbabylons. Der Geheimrat kam natürlich 
auch auf den Prinzen Karl Alexander zu sprechen, der jüngst bei dem 
Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee kannte den Prinzen auch. 
Ein charmanter Herr. Sein Ruf drang von der untern Donau bis an 
den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume Württembergs. Der 
Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten des Prinzen, 



60 



er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, soviel er 
wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die 
Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der 
Kanzlei des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; 
jetzt, nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen 
die Manier seines verehrten Freundes, schloss er lächelnd. Die 
Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem 
die Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in 
längerem Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg 
sich Bereitschaft. Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, 
vorsichtig, ausholend, sei es sehr erwähnenswert, dem verdienten 
Prinzen die kleine Summe zu gewähren. Das würde den Bischof 
menschlich gewiss sehr freuen, antwortete langsam der Geheimrat 
Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht ablesen, wie 
er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch alles 
bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet. 
Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter 
Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, 
ob die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Der Geheimrat 
verstummte, schlürfte seinen Kaffee. 

Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: 
"Wenn ich Sie recht verstehe. Lieber, liegt dem Bischof wirklich 
wenig daran, ob wir das Geld geben oder nicht." 

Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der 
Katholik: „Wenn ich im Ausschuss säße, ich würde dagegen 
stimmen. Gerade jetzt, nach dem Zusammenbruch der Grävenitz, 
keine Konzession an das fürstliche Haus." Und die beiden 
Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll, einander sehr 
gewogen, mit dünnen, feinen Lippen. 

Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuss zur 
Sprache kam, war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz 
der Gräfin waren die elf gemütlichen Humors gebelustig. Das 
Referat hatte der plumpe, polternde Bürgermeister von Brackenheim, 
Johann Friedrich Jäger. Er führte aus, der Prinz Karl Alexander sei 
ein großer Herr und Feldmarschall, trage die Württemberg ische 
Gloire über den Erdkreis und verbreite den Respekt vor 
schwäbischer Courage und Maulschellen bei Mohren, Türken und 
sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, das 
pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die 
paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die 



61 



Stimmung der andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner 
feinen, höflichen, geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, 
die Großmut und noble Manier der wohllöblichen Herren Kollegen 
sei hoch zu schätzen, auch gönne er dem verdienten Helden das 
Geld. Nur sei die Frage, ob es praktisch sei, gerade jetzt den 
Herzoglichen entgegenzukommen. Der Herzog habe endlich mit der 
Gräfin Schluss gemacht, gut. Aber das sei ja schließlich nur seine 
vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und wenn man jetzt 
durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man dadurch 
die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und 
sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der 
Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. 

Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen 
Schädel, schwankten, waren schon überzeugt. Weißenburg hatte sie 
gepackt, wo sie am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog 
zeigen: keinen Schritt geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht 
auf dem Papier, wir brauchen sie. Das war etwas. Das Gesuch des 
Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls, Hoheit, wurde 
abgelehnt. 



62 



10. 



Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zuriickgezogen. Gegen 
Abend pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter 
hatte eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt 
schwerfällig, den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick 
auf niemand. Er ging, so unauffällig er war, zwischen 
Verstummenden, Aufschauenden, Betroffenen. Geraun stand auf 
hinter ihm, das Gerede vom ewigen Juden war wieder da. Dreimal 
durchforschten die Behörden die Papiere des gleichmütig mürrischen 
Herrn. Sie waren in Ordnung. Es war legalisiert von den 
Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten, 
erhatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden 
Vorschub zu tun. 

Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem 
seltsamen Badegast gehört, und chß er mit seinem Leibjuden, dem 
Süß, zusammenstecke. Es kam den Prinzen nachgerade eine leise 
Ungeduld an, wie er da so endlos auf das Geld von der Landschaft 
wartete, und er begann sich zu langweilen. Er hatte sich in Venedig 
und auch sonst wie so viele andere große Herren mit Stemlesekunst 
und anderer Magie abgegeben, vor allem sein Freund, der Fürstabt 
von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit solchen Dingen. Erst in 
Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt, den er jetzt an 
seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der Prinz 
verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten 
beibringen und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er 
wusste, Rabbi Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie 
hergeben. Schließlich fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei 
ihm sei, werde er dem Prinzen Botschaft schicken. Suche dann der 
Prinz ihn auf, so ergebe sich zwanglos eine Zusammenkunft mit dem 
Rabbi. Karl Alexander erklärte lachend sein Einverständnis. 

Der Kabbaiist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins 
Schwäbische bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines 
Landhaus gefunden, ganz abgelegen. Lass das Haus kaufen. Es ist 



63 



mitten im Wald, weitab von den Menschen. Nichts Schlechtes kann 
dort an sie hin." Süß nickte stumm. 

,Jis wäre gut", fuhr Rabbi Gabriel mit seiner knarrigen Stimme 
fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben hier und 
deinen Geschäften. Es ist Narrheit, daß ich an dich hinrede", schloß 
er unwirsch. Er sah das Gesicht des Süß, er sah Fleisch und Knochen 
und Blut und kein Licht, und er war zornig auf jene tiefe und 
heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen Menschen zwang zu 
immer weiteren Niederlagen. 

Wie er gehen wollte, ward die Tür aufgerissen, und an Dienern 
in Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, 
lärmend: „Ah, Er hat Besuch, Süß?" und warf sich in einen Sessel. 
Rabbi Gabriel neigte sich, nicht tief und ohne Hast, und beschaute 
gleichmütig und aufmerksam den Prinzen, während Süß in tiefer 
Verbeugung stand. Vor dem ruhigen, trübgrauen Auge des 
Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde Sicherheit, ein 
peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis Süß es löste: 
„Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg, mein 
erhabener Gönner." Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte 
der Prinz, und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der 
geheimnisvolle Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist 
Alchimist, kann Gold machen, was?" 

„Nein", sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold 
machen." 

Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen 
den Schenkel. Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, 
platten Nase starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen 
Augen an mit traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz 
anders vorgestellt; er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem 
er gewissen magischen Seancen sonst beigewohnt hatte. Das hier 
war so dumpf, als wiche langsam die Luft aus dem Zimmer. 

„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente", sagte 
er nach einer Weile. Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad", er 
gebrauchte jetzt das höflichere Ihr - ich bin nicht reich. Euer Neffe 
weiß das wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches 
Jahrgehalt wird zu beschaffen sein. 

"Ich bin kein Goldmacher", wiederholte der Kabbaiist. 
Wieder das Schweigen, das trist rinnend das Zimmer füllte, sich um 
die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte. 
Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit 



64 



Gewalt zerhauen, riss der Prinz die linke Hand hoch, dem 
Kabbalisten vors Auge. 

„Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!" lärmte er mit 
einem bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest !" und 
drängte ihm die Handfläche vor das Gesicht. Es war eine 
merkwürdige Hand. Während ihr Rücken schmal, lang, behaart, 
knochig erschien, war ihr Inneres fleischig, fett, kurz. 

Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden 
können. Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, 
wich er einen halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, 
enger, drückender nebelte herab. 

„Sprecht doch!" drängte der Prinz. 

„Ich bitte Euch, erlasst es mir!" entgegnete, kaum noch gefaßt, 
der Kabbaiist. 

„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich 
falle in Fraisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert 
Schlachten gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der 
Tod ist mir um Fingerbreite vorbeigepfjffen." Er versuchte zu 
lachen. Glaubt Ihr, ich kann's nicht hören, wenn ein alter Jud mir 
Unheil wahrsagt ?" 

„Ich bitte Euch, erlasst es mir!" sagte der Kabbaiist. Er hob nicht 
die Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den 
Prinzen, daß der einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz 
zackten die drei Furchen in die breite Stirn des Rabbj wie ein 
fremder, unheimlicher Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der 
gespannt und verängstigt zurückgewichen war, und er bäumte hoch, 
daß er so lächerlich und klein vor dem Alten stehe, und, ihm 
nochmals die Hand vor die Augen drängend, schrie er herrisch: 
,Jiede!" 

Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel 
unheimlicher in die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und 
magisches Gewese es hätten tun können: 

„Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich Euch 
nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut." 

Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. 

„Mille tonnerre! Ihr gebt's dick, Herr Magus. Nicht so obenhin 
wie sonst ein Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire 
oder so. Sondern rund und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz 
Donner! Da kann sich mein Vetter freuen." 



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Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend", wandte 
er sich an Süß. ,Jis bleibt bei dem, was ich dir sagte." Er neigte sich 
vor dem Prinzen, ging. 

Er ist nicht sehr höflich. Sein Oheim", sagte Karl Alexander zu 
Süß und versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. 

„Sie müssen ihn entschuldigen, Hoheit", beeilte sich der Jude zu 
erwidern und mühte sich, auch er, seiner Erregung Herr zu werden. 
Er ist knurrig und ein Sonderling. Und wenn auch seine Manier zu 
beklagen und zu tadeln ist", schloss er, wieder beherrscht und der 
Alte, „was er zu sagen hatte, war um so erfreulicher." 

, Ja", meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen 
Linien des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er 
verschwieg." 

,Jir hat so seine Kauzgedanken", beschwichtigte Süß. „Was er 
für wichtig hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, 
der das Leben anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was 
Reales. Das Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher 
Geträume für unsereinen und überhirnisch Zeug." 

,JZ)er Fürstenhut!" lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht 
bedenklich weit. Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein 
erwachsener Sohn und denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. 
Hat vielmehr mit seiner Frau Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr 
noch mehr lebendige Kinder mache." Der Prinz stand auf, streckte 
sich. 

„Ho, Jud! Will Er mir eine Hypothek geben auf den 
württembergischen Thron?" Und schlug ihn laut lachend auf die 
Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich stehe Eurer 
Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was ich 
habe", wiederholte er. 

Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den Finanzmann an, 
der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst vor ihm 
stand. „Genug der Spaß!" sagte Karl Alexander plötzlich, rückte die 
Schultern als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und 
strammte sich. ,JDie kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe 
gebeten", sagte er dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen 
Steinen. Schaff Er sie mir, Jud! Und das Beste!" Und während er 
hinausging, leicht hinkend: „Aber daß Er mich nicht mehr bescheißt 
als um drei Dukaten." Und er lachte schallend. 

Rabbj Gabrjel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In 
seinem soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland 



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vor zwanzig Jahren getragen hatte. Dickhch, den Rücken leicht rund, 
sah er aus wie ein verdrießhcher Bürger oder wie ein mürrischer 
hoher Beamter. Bevor er kam, hatte in der Postkutsche muntere 
Unterhaltung geflattert, jetzt saß man stumm und ungemütlich und 
Rabbi Gabriels Nachbar rückte unmerklich von ihm ab. 
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften 
Reisegesellschaft Es war der Fürst Anselm Franz von Thum und 
Taxis, der Regensburger der mit Glanz und großer Suite das 
Waldschlösschen Eremitage bezog, daß er gemietet hatte. Der Fürst, 
ein feiner, älterer Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den 
Kopf eines Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von 
seiner einzigen Tochter, Marie Auguste. Die Prinzessin, über 
Deutschland hinaus um ihre Schönheit gefeiert, auf zahllosen 
Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben ihrem Vater mit 
der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die weiß, daß 
viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgten. Mit lässiger Neugier 
schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht 
spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem 
Blick des Kabbalisten. 

Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen gemacht, 
in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme 
Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden 
Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber ja als nein zu sagen, jung, 
lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte 
klein, ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe 
alten, edlen Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, 
feine, gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund. 
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gästin. Die 
Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der 
Generalstaaten, an die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die 
Lippen und fanden die Thurn und Taxis männersüchtig und kokett. 
Die aber ging, den kleinen, ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, 
schwer deutbarem Lächeln ihre Straße, die gesäumt war von 
Bewunderern. 

Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in 
Gesellschaft erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In 
betontem Gegensatz zu den andern Herren machte er nicht den 
leisesten Versuch, den Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu 
werden. Während etwa der junge Lord Suffolk durch seine starre, 
großäugige, verblüffte Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß 



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an die jetzt vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und 
bei denen er heute in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es 
seine Damen nicht bemerken konnten, flogen seine großen, braunen 
Augen zu der Prinzessin, dann aber starrte aus seinem sehr weißen 
Gesicht so hemmungslos ergebene Bewunderung, daß Marie 
Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit ungenierter Neugier auf 
und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem leisen, erregenden 
Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die Huldigungen des 
Abends. 

Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre 
Spannung gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, 
Kaiserlicher Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und 
sonst vieler Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fem. 
Grimmig saß er in seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem 
Tisch eine einzige Kerze. Er saß im Schlafrock, den verwundeten 
gichtigen Fuß, der heute besonders schmerzte mit Tüchern 
umwickelt, er saß vor Flaschen und Karaffen. Aus dem Dunkel 
tauchte zuweilen Neuffer der Kammerdiener, das Glas 
aufzuschenken und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der 
Prinz saß, soff, fluchte. Am Nachmittag, mit der gewöhnlichen 
Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen Ausschusses 
erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein 
Darlehen ablehnte. 

Karl Alexander schäumte. Er wusste sich populär im 
Herzogtum, sein Bild hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm 
Hoch. Und nun schickten ihm diese Canaillen vom Parlament, diese 
ausgefressen Rotzbuben und hochnäsige Populace einen solchen 
Dreck und Geschmier. 

Er riss die Felle weg, mit denen Neuffer ihm den Fuß umwickelt 
stapfte auf und nieder. Da hatte ihm dieser alte Jud eine Krone 
geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! Ein Lump und 
hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen 
Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und 
lästerlich, daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch 
in der Nacht den Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber 
Neuffer, der den Juden nicht leiden konnte, wich aus. 

Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich 
angefragt, machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat 
behutsam ins Zimmer, er trug neue Strümpfe von besonderer Art, die 
er dem Prinzen zeigen wollte; Seine Hoheit hatten immer für 



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modische Dinge großes Interesse. Auch wollte er ihm von dem 
gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er ihn nie gefunden. 
Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der 
Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers Übergossen und immer 
wieder abrieben. Er schmiss ihm den Brief der Landschaft hin, und 
während Süß geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er 
triefend, prustend auf ihn ein: 

,Jiin netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat er mich sauber 
angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!" 

Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der 
Landschaft und schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten 
seine zornige Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite 
Ergebenheit zu versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, 
wie er den Süß elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen 
sah, befahl plötzlich: 

„Neuffer! Otman! Tauft's den Juden! Er soll schwimmen 
lernen!" Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gössen 
sogleich in mächtigem Schwall das Waschwasser gegen Süß, 
kläffend drang der Hund des Prinzen auf ihn ein, und der Jude 
retirierte eilends und erschreckt, die Hosen und die neuen Strümpfe 
patschnass, die Schuhe verdorben, hinter ihm das schallende Lachen 
des Prinzen und der Diener. 

Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren 
hatten solche Launen, das war nun einmal so. Und während er die 
nassen Kleider wechselte, überlegte er, er werde sich das nächste 
Mal ebenso höflich präsentieren, ja noch devoter als bisher, und 
vermutlich besser aufgenommen werden. 

Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. 
Der unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte 
noch am Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wusste 
man bereits von der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der 
Landschaft. Der Herr Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll 
Verachtung für solch erbärmliche und freche Knauserei. Aber sein 
Herr habe in seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden das der 
Not des Prinzen abhelfen könne und der arroganten Populace zum 
Exempel und großem Ärger dienen werde. Bevor er sich aber weiter 
explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis sich den Kaffeetrank 
bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, neben dem 
Stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen schwarzen 
Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit der 



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Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im 
Römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine 
insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz 
katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, 
dem Prinzen auszuhelfen auch wenn er die Mariage ausschlüge. 
Aber er halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit 
von Herzen das viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft 
den schönen gelben Ärger. Und der Geheimrat trank in behaglichen 
kleinen Schlucken seinen Kaffee. 

Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den 
Schädel noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, 
atmete, fuhr sich durch das starke blonde Haar. Schau an die Füchse! 
Katholisch wollten sie ihn haben! Der Schönborn, der Friedrich Karl, 
der gute, lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs! Er lachte. Kotz 
Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus mehreren hohen Offiziere 
waren katholisch, die Katholiken waren die besseren Soldaten. Er für 
sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in Religionssachen, die 
katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den Soldaten war 
das Katholische mit seinem Weihrauch und Skapulieren eigentlich 
das Passendere. Und wenn er seinen Freunden in Würzburg und 
Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er jedenfalls 
keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende das 
ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der 
herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen Landschaft 
spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die Regensburgerin auf 
alle Fälle. 

Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter 
Laune entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen ?" 
,Ja", erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt 
haben." „Wenn ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie 
mir geben?" „Befehlen Sie!" „Und würdest mir die Gurgel 
zudrücken, daß ich Blut schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir 
das Geld ohne einen Heller Zins!" „Sie wählen sich einen andern 
Geldmann ?" fragte erschrocken der Jude. „Nein" lachte behaglich 
der Prinz. ,J'ürs erste brauch ich dich mehr als je. Ich will noch 
wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich möchte heraus hier aus 
dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa Monbijou! Installier Er 
sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln kann, mit Möbeln und 
Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und 



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Schatullenverwalter." Süß küsste dem Prinzen die Hand, dankte 
überschwenglich. 

Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem 
Schlösschen Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr 
dann, so kurz der Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz 
der neuen Lackierung noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer 
und den Kutscher aber hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt. 
Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter 
Aufmerksamkeit empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste 
war noch der erste Thurn- und Taxissche Intendant anwesend und 
der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm von Thurn und Taxis war ein 
alter, erfahrener Herr. Wohlwollend, heiter, neugierig, von 
umständlichen, sehr guten Manieren liebte er Gesellschaft, 
medisierte gern und glaubte an nichts und niemand. Man hatte so 
viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in Würzburg, in der 
Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte kleine, boshafte 
Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, stimmte bei, 
nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen Windhundschädel 
höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander gefiel ihm. 
Gewiss, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht soll; 
auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon 
Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, 
keinen Verstand. 

Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich 
in dem taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, 
gepflegten Händen artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die 
obersten Falten des mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Mit 
dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchteten unter Spitzen 
Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll, 
eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine 
Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie den 
Prinzen, der neben dem schlanken Vater ungeheuer breit und 
männlich wuchtete. 

Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl 
Alexanders. Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, 
von einer welschen Opera in Wien, die sie gesehen, der Held 
Achilles, wo Achilles, nachdem er die Leiche geschleift, etliches 
sehr Edles gesungen habe. ,Ja", bemerkte der Fürst, „in der Antike 
war man überhaupt edel." Karl Alexander meinte, er handle nach 
dem Gefühl des Augenblicks und glaube nicht, daß er viel Anlage 



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zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die Augen fest auf dem 
Errötenden lächelte, es sei ja auch gar nicht von ihm die Rede 
gewesen. Und alle lachten. 

Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den leinen 
Würzburger Geheimrat Kaffee. Dem blonden Württemberger gefiel 
die schwarze Prinzessin ausnehmend. Mille tonnerre! Wenn die in 
dem weiten Belgrader Schloss einem Ball präsidierte, da würden sie 
Augen machen, Türken und Ungarn und all das wilde Volk da unten. 
Das war eine Gouvemeurin, mit der man Staat machen konnte, in 
Wien und überall. Und wo sie noch dazu die Dukaten mitbrachte, 
das wüste Belgrader Schloss zu renovieren. Ein Fuchs der 
Würzburger, der Schönbom, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich 
ein Freund und guter Kumpan, ihm so was zuzuschanzen. Und die 
war nicht nur repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die 
Augen, der Mund! Das war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze 
Gesicht und musste an sich halten, nicht mit der Zunge zu schnalzen. 
Die war anders als die saure Durlacherin, die Frau seines Vetters, des 
Herzogs. Da brauchten sich nicht erst Kaiser und Reich bemühen, 
daß man der Kinder mache. Und wie gescheit sie schwatzen konnte! 
Wie sie züngelte, der Racker, und ihn aufzog und die Augen fließen 
ließ! Das wird gute Bilder geben, er und die da. Da wird Eberhard 
Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander, brauchte sich keine 
kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib wird schöner sein 
und ein besserer Bettschatz als die teuerste welsche Mätresse, und 
ihm den Beutel füllen, nicht leeren. Und das Parlament! Diese 
verfluchte Bürgercanaille! Er musste hochatmen vor geschwellter 
Befriedigung. Krank, gelb und krank werden sie sich ärgern. Da 
lohnte es sich, katholisch zu werden. Er schaute Marie Auguste an, 
der Fürst sprach gerade mit den beiden andern Herren, er schaute sie 
an mit dem einschätzenden, gewalttätigen, leicht verwilderten Blick 
des Soldaten, der eine Frau ohne große Umstände aufs Bett zu 
werfen pflegt, und die Prinzessin tauchte ein in diesen Blick mit 
ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln. 

Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen Katholik zu 
werden. Josef Süß hatte das Schlösschen Monbijou mit großem 
Aufwand installiert, vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und 
den anstoßenden gelben Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas 
Pfäffle aufgetrieben, der dick und phlegmatisch Händler und 
Handwerker in weitem Umkreis hatte. So spreizte sich das neue 
Hotel des Feldmarschall, in großer Pracht, und der Prinz haute den 



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Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um wieviel 
bescheißt Er mich bei dem Handel?" Der Braunschwarze nahm sich 
trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit und 
selbst Neuffer, der einen Pik auf den Juden hatte, musste zugeben, 
daß er es nicht besser hätte machen können. Auch der Geheimrat 
Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte, bevor er darin 
die erste Fete gab, machte viel Rühmens. Im Stillen aber fand er an 
allem einen Stich ins Überladene, Parvenuhafte, und er veranlasste 
den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen 
Herrn, den Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem 
Hebräer einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas 
östlich installiert sei, und daß sein Wildbader Schlösschen mehr nach 
Jerusalem als nach Versailles schmecke. 

Ähnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an 
dem Festabend den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf 
gutes Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen 
blassgelben Rock gewählt hatte, der sich in dem blassgelben 
Hauptsaal von Monbijou nicht gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu 
einer kleinen Spieloper eingeladen: Die Rache der Zerbinetta, da er 
wusste, Marie Auguste habe Freude an Komödie, Musik, Ballett. 
Süß musste durch seine Mutter, die in Frankfurt lebte und noch viele 
Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine Truppe in aller Eile 
aus Heidelberg zusammenstapeln. Die Gesellschaft war klein und 
glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß ausschließen, aber den 
hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines Faktors hatte 
schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum großen 
Ärger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem, 
silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den 
Gästen herum. 

Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. 
Die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich 
stolz um ihre Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den 
auszeichnenden Stern, den ihr der Kaiser anlässlich eines Patronats 
verliehen. Sie sprach wenig. Aber die Prinzessin von Kurland, wie 
die Tochter des Gesandten der Generalstaaten - beide hatte sie mit 
devotester Liebenswürdigkeit als die Älteren begrüßt - glaubten in 
allen Ecken immer nur ihre lässige, kindliche Stimme zu hören. Sie 
schworen sich zu, in keiner Gesellschaft mehr zusammen mit der 
Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden sie Wildbad in den 
nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig voneinander fassten sie 



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diesen Entschluss, und Süß versicherte jede der beiden Damen mit 
den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit. Man unterhielt sich 
über die neueste Nachricht, die von Stuttgart gekommen war: die 
Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen. Hebammen und 
Ärzte bestärkten sie in diesem Glauben, cks Konsistorium ordnete 
bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den 
Hagedom in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt 
hatte nach seiner Rückkehr aus Palästina und der jetzt unerwartet 
neue Triebe bekam. Ein glückliches Zeichen! Der Geheimrat Fichtel 
riss ein paar derbe, zotige Witze über den armen Eberhard Ludwig 
und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden Er stellte 
drastische Vergleiche an zwischen der Herzogin und der 
abgeschafften Grävenjz. Die Herren in der Ecke um den Geheimrat 
pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von lüsternen 
Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der 
fröhlichen Laune. Süß übermittelte Gekicher. Man hänselte den 
Juden wegen der Triebe des palästinensischen Hagedoms. 
Dröhnendes Gelächter. Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem 
Pastellgesicht Marje Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall. 
Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der 
Erbprinz glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten 
Erben in die Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem 
Zauberonkel." Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen 
lebendigen Juden gesehen. Mit graselnder Neugier erkundigte sie 
sich: „Schlachtet er Kinder ab?" „Nur ganz selten", tröstete der 
Geheimrat Fichtel, „im allgemein hält er sich lieber an große 
Herren." Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich 
in ihren Bereich und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten 
Augen aus ehrfürchtiger Ferne zu bewundem. Nach der Oper ließ sie 
sich ihn vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte 
ihr. ,Jir ist ganz wie ein Mensch", sagte sie verwundert zu ihrem 
Vater. Karl Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten 
Hof- und Leibjuden Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses 
hinein, während er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und 
üppigen Mundes, lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichend: 
„Nein, was Euer Liebden für einen amüsanten Hofjuden haben!" 
Damit kehrten sie aus dem kleinen Kabinett in den Hauptsaal 
zurück. Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wusste, das 
dunkle Gefühl, dieser wilde und kennerische Kuss sei nicht ihr erster 
gewesen. 



74 



11. 



Im Elfer-Ausschuss des Parlaments war man schlechter Laune. 
Die Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum 
herausgestellt, und jetzt kam noch obendrein die Meldung von des 
Prinzen Karl Alexander bevorstehender Vermählung mit einer 
Katholischen und seinem Übertritt - Rücktritt hatten es in frecher 
Weise die Jesuiten genannt - in die römische Kirche. Wollte man 
ehrlich sein, so musste man sich sagen, daß man an diesem höchst 
ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im Herzogtum 
nicht ganz unschuldig war. Im Elfer-Ausschuss schimpfte man 
zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf den Prinzen. Endlich 
machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und Erste Sekretär, ein 
ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem ziellosen, unsachlichen 
Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven Vorschlägen. Der 
grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, eigentlich 
sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte 
Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen. Weißensee, 
lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt. Nachdem der 
Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl für den 
rechten Glauben wenig an ihm verloren. Aber der grobe 
Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott sei Dank, 
noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht beraubt, 
wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik auf 
so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen. 
Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, 
durchaus unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des 
Prinzen Bruder Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch 
mehr. Von diesem frommen und sanften Herrn drohe weder 
evangelischer noch ständischer Freiheit die geringste Gefahr. 
Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht 
ein bisschen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiss, für alle 
Fälle nur, unverbindlich nur. Immerhin. Der geschmeidige 
Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte weiter. Belgrad 



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sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um Sicherungen für 
Eventualia, Problematisches Selbstverständlich dürfe Geschriebenes 
nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus Evangelicorum 
habe man auf seiner Seite. Die Schädel stierten, schwer, 
unbehaglich. Auch schon die entfernteste Möglichkeit eines 
katholischen Herzogs schien unfassbar, unerträglich, machte krank. 
Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als Despot, als 
Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener Hof, 
dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen 
Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie, Elf, die da saßen, 
rieten, tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, 
sie persönlich durch den katholischen Prinzen. Man beschloss, 
Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls verhandeln, mit 
dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen Friedrich 
Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in aller, 
aller Heimlichkeit. 

In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, 
Geläut, Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte 
einen Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war 
da mit einem Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof 
von Würzburg, die besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, 
unter ihnen Karl Alexanders vertrautester Freund, der General Franz 
Josef Remchingen, der Jesuitenzögling, wulstiges, gewalttätiges 
Gesicht, weinselig leuchtend unter der weißen Perücke. Kein 
schöneres Brautpaar im Römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine 
Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des 
Goldenen Vlieses. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf 
leuchtend im Glanz alten edlen Marmors über weißem Atlas und 
Brokat, um die Brust die Schärpe des Thum- und Taxisschen 
Hausordens, an den Puffärmeln in blassem Gold den Stern des 
Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des päpstlichen Ordens. Weich 
federnden Schrittes, unter der Brautkrone, einem Wunderwerk der 
Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile überall aus Europa 
zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer deutbares Lächeln in 
den Dom. Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der 
Feierlichkeit und Gravität überall einen Rest von Komik zu 
erspähen. Mit der lässigen Neugier ihrer fließenden Augen musterte 
sie die Gäste, und während der Bischof sie feierte, daß sie den 
großen Türkensieger, den Löwen in der Schlacht, dem christ- 
katholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie, daß sicher der 



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Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur auf seinen 
Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der Jude 
feierhch im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und 
gar nicht werwolfartig, wie sie sich ursprünghch die Juden 
vorgestellt. Eigentlich seien seine Manschetten sogar mehr , ä la 
mode wie die ihres Mannes. Und es flackerten feierliche Kerzen, es 
brauste die Orgel, es wölkte der Weihrauch, es leuchteten selige 
Knabenstimmen zum Himmel. Andern Tages noch, während 
Trompeten aus Silber zum Bankett riefen, bestiegen die 
Neuvermählten die Jacht, die sie die Donau hinunterführen sollte, ein 
Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat, Jägern, 
Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt, 
Otman, der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen 
die Donau hinunter. Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger 
Bischof, der Geheimrat Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und 
der Dienerschaft Josef Süß. Leichter Wind wehte, die Luft war hell 
und anregend, man war fröhlich gelaunt. Scherzworte flogen zum 
Ufer und zurück, während die Anker heraufgeholt wurden. Marie 
Auguste stand in einem hellen, heitern Reisekleid, beschattete die 
Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der Fürst und der 
Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das letzte, was sie sah, 
war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant und in 
einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude. 
„Ich hätte nie geglaubt", lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand 
so elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud." 
,JI)er gute Jud " lachte dröhnend der Prinz. Städte und Dörfer könnte 
man sich kaufen um das, was der uns beschissen hat." Und auf ihr 
erstauntes Gesicht erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. 
Dafür ist er ein Jud. Aber er ist sehr verwendbar", fügte er voll 
Anerkennung hinzu; er schafft alles, Juwelen, Möbel, Dörfer, 
Menschen. Sogar Alchimie und schwarze Kunst." Lachend erzahlte 
er ihr die Geschichte von Rabbi Gabriel. ,JDa hat er mich schön 
beschissen, dein guter Jud. Eine Krone! Da sind noch zwei 
dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd war er, wie 
er mir seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob seine 
Herzogin noch so sauer ist, wenn's der Teufel will, kann sie doch 
Kinder kriegen wie Kaninchen." Und er lachte schallend und 
tätschelte ihre Hand, während das Schiff in leichtem Wind zwischen 
heiteren Ufern die blaugrünen Wellen hinunterglitt. Vorne hockte 
reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach Osten. In 



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den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat, das 
schlau -fröhliche des Jesuiten und das servil-elegante des Juden. 
Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine 
Staffette des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud", lächelte Marie 
Auguste. „Was hat er denn so eilig zu verkaufen ?" Karl Alexander 
riss die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben, unvermutet, 
während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt. Er reichte das Papier 
der Prinzessin. Das Blut schoss ihm zu Kopf, er hörte eine 
knarrende, misslaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut über 
trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen, drohend, 
unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab. 



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ZWEITES BUCH / DAS VOLK 



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12. 



Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und 
vierhundert Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner edler 
Garten im Römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und 
Bauern waren heiter, gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie 
das Regiment ihrer Fürsten hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so 
frohlockten sie; war er schlecht, so war dies Fügung des Himmels, 
Züchtigung des Herrgotts. An zehn Goldgulden zinste jeder 
Württemberger, Mann, Weib, Kind, den herzoglichen Renteien. War 
der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen 
kam, Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land. Aber 
Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten, 
von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land. In Paris saß der 
fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück Württemberg, die 
Grafschaft Mömpelgard war von seinem Gebiet eingezirkelt, er 
wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß die Gräfin, 
zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort noch Letztes 
zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak Landauer 
und Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der 
Staatssekretär des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum 
Fürstbischof, das Land der Mitra zu unterwerfen. In Wien die 
kaiserlichen Räte ertüftelten von dem Erbprinzen, dem Katholiken, 
Feldmarschall des Kaisers, neue Verträge, Bindungen von Stuttgart 
nach Wien, in Regensburg der alte Fürst Thum und Taxis blinzelte 
herüber, und in Belgrad der Feldmarschall Karl Alexander und 
Remchingen, sein Freund und General, wogen große Pläne. 
Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich misstrauisch, 
warfen ihre großen, stummen Schatten über das Land. Und Sonne 
kam. Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag 
gesegnet. 

In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist 
beschlossen und gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von 
Grottes Gnaden Herzog zu Württemberg und Teck, der römischen 



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kaiserlichen Majestät, des Heiligen Römischen Reiches und des 
löblichen schwäbischen Kreises Generalfeldmarschall, auch Oberster 
über drei Regimenter zu Roß und zu Fuß. Auf mächtigem Katafalk 
lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom Stickfluss, in großer 
Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische Elefantenorden und 
der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele Lichter um 
ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants. 
Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum, verstaubt 
und sauer Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so 
kurz gedauert; und daß der Mann, den Sie mit so zähem Warten, so 
blutigem Schweiß erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten Hau 
und tot und erstickt dalag, das hatte die andere ihm angewünscht, die 
Mecklenburgerin, die Hexerin, die Person. Aber sie saß da, sie allein, 
nicht die andere. Wer künftig in Württemberg herrschte, war ihr 
gleich. Der Katholik wahrscheinlich, mit seiner hochmütigen, 
leichtfertig aufgeputzten Frau. Aber sie war so ausgehöhlt, das 
interessierte sie nicht. Sie hatte nur mehr ein Geschäft auf der Welt: 
den zähen Brei ihrer Rache gar zu kochen. Noch saßen die 
Verwandten der Person an den Futternäpfen des Herzogtums, noch 
glänzte die Person in Reichtum und großem Glanz, noch zog sie 
durch hundert kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer 
Liegenschaften, durch ihre verfluchten Juden den Saft des Landes an 
sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig tot war, hatte sie keinen Schutz 
mehr, galt keine Rücksicht mehr. Sie, die Herzogin, wird sie von 
neuem peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog, bei Kaiser und 
Reich. Die Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie hatte dem 
Erbprinzen, sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Se wird, die 
Herzogin, sich jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird 
nicht ablassen von ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche 
Stimme wird nicht schweigen, bis die andere bloßsteht und in 
Lumpen und all ihrer Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, 
grau und kümmerlich, und drehte den armen Rest ihres Lebens in der 
Hand, und die schweren Blüten aus den Treibhäusern dufteten, und 
die großen Kerzen schwelten, und die Leutnants standen mit bloßem 
Degen und hielten Totenwacht. 

Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, 
nahmen die Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, 
sahen sie nur mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische 
Tugend, Pracht, Eleganz, und sie waren geneigt, alles Elend seiner 



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Regierung allein und ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei 
zuzuschreiben. 

Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, 
da wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden 
Hände und sagte: ,Jii, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben 
und große Geschäfte." Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das 
Herz aus und sie fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach 
Würzburg, da lächelte der dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen 
Geheimrat Fichtel zu sich. Und einer mch Belgrad, da atmete der 
Prinz Karl Alexander, jetzt Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er 
sah sich den Krieg hineintragen tief nach Frankreich, und er sah 
seine Hände drehen an den Speichen der Welt. Über dem allem aber 
und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, hörte er eine mürrisch 
knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste 
sag ich Euch nicht." Und er betrachtete nachdenklich seine Hand, 
eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, kurz, 
während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien. Vor 
dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war 
nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten 
Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von 
der Farbe alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine, 
eidechsenhafte Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es 
war schön, jetzt nach Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in 
goldenem Wagen, als Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in 
Belgrad, thronend über den wilden, begehrlichen, verehrenden, 
barbarischen Menschen. Aber es war sehr willkommen, jetzt am 
Kaiserhof und an den andern deutschen Höfen Verehrung aufwöUcen 
zu sehen wie Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone ohne Perücke 
tragen, es war gegen die Mode, aber sie wird es doch tun, und die 
Krone wird klein und hoch und sehr stolz auf dem 
strahlendschwarzen Haar sitzen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb 
hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, 
daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht 
atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, 
durch das Zimmer. Viele Herren werden an ihrem Hofe sein, 
deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde wie hier; man 
wird ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb 
bewundernd die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die 
Herzogin beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres 
Kreises stehen, der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die 



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Lippen. Ah, es war gut, schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es 
war gut, Herzogin zu sein. Wie herrhch, daß es Männer gab und 
schöne Kleider und Kronen und Lichter und Feste. Es war eine 
schöne Welt, es war schön zu leben. 

Auf Schloss Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel 
Karl Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe 
Verwirrung, als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem 
schönen, kleinen Schloss, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte 
er eine Geliebte zu sich genommen, ein ruhiges, dunkelblondes 
Geschöpf, die Tochter eines kleinen Landedelmannes, mit weichen 
Bewegungen, schönen, tiefbefriedeten Augen und etwas schwer von 
Verstand. Als der Prälat Weißensee zu ihm gekommen war mit dem 
Projekt, ihm an Stelle des katholischen Bruders den Thron 
zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit beiden Händen 
zugegriffen. Aber der kluge Prälat musste bald erkennen, daß der 
Prinz in seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge als 
Phantasien betrachtete und sich in Farbig-NebeDiaftes verlor. Nein, 
mit diesem Prätendenten konnte man gegen den energischen, 
zufahrenden Karl Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des 
Erbprinzen, als die Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum 
greifbare Wirklichkeit hätte werden können, traf gar aus Belgrad - 
weiß der Himmel, woher der Feldmarschall von den Zetteleien 
mochte erfahren haben - ein unzweideutiges Schreiben ein, darin 
Karl Alexander den Bruder ernstlich vermahnte, von solchen 
Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen. Erschreckt und 
verschüchtert zog sich der sanfte Prinz von allen Unternehmungen 
zurück, ja, er vermied in großer Angst jeden Umgang mit 
Weißensee. Jetzt, wie er den Tod des Herzogs erfuhr, stand all das 
bunte, phantastische Geträume wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen 
Gliedern, groß erregt, ging der schwächliche Mann in dem fahlen 
Morgen herum, dichtete sich zusammen, was alles sein könnte, wenn 
er nur ein bisschen mehr Initiative hätte, wie er von der Macht Besitz 
ergriffe, an den Kaiser schriebe, Minister bestellte, entließe, mit 
Frankreich Verträge schlösse, zündende Reden an das Volk hielte. 
Aufseufzend kehrte er schließlich wieder in das Schlafzimmer 
zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst wecken wollen, leise 
und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich bekümmert über seine 
Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre großen, warmen 
Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug, tröstete sich 



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an ihrer sanften Jugend und schlief endhch, seufzend, nachdenklich 
und befriedet, wieder ein. 

Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in 
kribbelnder Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen 
Vorhängen. Wie viele Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der 
katholische Fürst in dem stockprotestantischen Land: eine neue, 
unerwartete, noch nie dagewesene Konstellation im westlichen 
Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich rechtzeitig eingestellt, es gab 
viele Möglichkeiten, er wird bei keiner ausgeschaltet werden 
können. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne, verwarf, genoss 
wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen Intrigenzettlers 
und Projektenmachers. Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß, 
und die blauen Augen in dem bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten 
und wechselten zwischen Hell und Dunkel. Ein Katholik, ein Heide 
auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung und große Not über das Land 
herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land fest bleibe gegen die 
Versuchungen, mit denen der Götzendiener es locken, gegen die 
Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird abspenstig 
machen wollen. Und ihr Vater stand ganz vorne im Kampf, ihm lag 
es ob, Schild des bedrohten Evangels zu sein. Ach, sie wollte nicht 
sündigen gegen das vierte Gebot; aber sie hatte große Angst, ob er 
auch die rechte Festigkeit habe vor Gott und den Menschen. Sie 
flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu Gott, sie schlug die 
Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand nur den Spruch: 
„Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist, was ihr nicht 
essen dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den Sperber 
und den Pelikan." Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei aller 
Gewandtheit im Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden 
zwischen der Not des Landes, der Sorge um den rechten, festen 
Glauben des Vaters und dem Strauß und dem Pelikan, den die 
Israeliten nicht essen durften. Sie beschloss, das Orakel ihrer 
Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der Erweckten, der blinden 
Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. 

Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, 
hatten sich die elf Herren des engeren parlamentarischen 
Ausschusses im Landschaftshause zusammengefunden. Ach, daß 
man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach, daß 
man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in 
Dreck und großer Not. Der Prinz müsste ein Heiliger sein, wenn er 
jetzt, an der Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er 



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war durchaus kein Heiliger. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen 
Räten keineswegs glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit 
seinen Beigeordneten in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war, 
bestialisch fluchte und tobte, keine Widerrede duldete und Geschirr 
und Zerbrechliches an den Schädeln seiner Räte zerschmiss. Man 
wird seine Not und Höllensabbat haben mit diesem Leviathan. 
Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tüpfelchen aufzugeben 
von seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie 
leckten den Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war 
nur dazu da, zu bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie 
thronten über dem Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie 
die venezianische Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter 
sich und banden dem Herzog und seinen Ministem die Hände. 
Wohlig war es und süß, sich so wichtig und in der Macht zu fühlen. 
Da soll keiner herkommen und daran rühren. Man wird sich breit 
und kräftig hinstellen und das Land schützen vor Tyrannei und 
katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen Schutz und 
gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der Herzog 
schwören muss, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu 
wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen 
Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt 
auch nicht der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide 
und wütige Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne 
ausknirschen. Oh klares Gesetz! Oh gesegnete Religionsreversaliefl! 
Oh gute, feste Verfassung und Tübinger Vertrag ! Oh weise, heilsame, 
gepriesene altväterliche Vorsicht, die bissigen Herzögen solchen 
Maulkorb anhängt. Während die Herren durch den Austausch starker 
Worte ihre innere Unsicherheit zu maskieren versuchten, stellte sich 
ein Beauftragter des neuen Herzogs im Kriegskommissariat vor, 
verlangte auf Grund schon vor Monaten beglaubigter herzoglicher 
Vollmacht ein Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei 
der Landschaft. Drang, noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, 
im Ministerrat ein, verhaftete im Namen Karl Alexanders die 
Häupter der Grävenizschen Partei, ließ die Knirschenden, mit allen 
Himmels- und Höllendrohungen Protestierenden auf den Hohentwiel 
schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm, der Bruder der Gräfin, der 
eiskalte, der seine Schwester aus der Politik ausgeschaltet hatte, sich 
um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und Ministerpräsident, in 
Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und der 
Konferenzminister. Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und 



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Kreaturen, der Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar 
Pfau, die Regierungsräte Vollmann und Scheid und die zahlreichen 
Subalternen ihres Anhangs. Wie sie sich gespreizt hatten! Wie sie 
groß und hochnäsig getan hatten und kaum gedankt, wenn man sie 
grüßte. Jetzt saßen sie in der Zelle und in dicker Finsternis und kein 
Hahn krähte nach ihnen. Dann wartete der Bevollmächtigte der 
Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram Aufleuchtenden, 
Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold und durch 
Anschlag bekannt geben, daß Karl Alexander die Herrschaft 
übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, 
gegen ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk 
bedrückten, bereits habe vorgehen lassen, alle Freiheiten, 
insbesondere der Religion, fürsorglich schon im vorhinein mit 
fürstlich wahren und treuen Worten bestätigt habe. Jubel im Volk. 
Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person. Genau wie 
auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser her, 
das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut 
fahren. 



86 



13. 



In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein 
Karrenweg. Von dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich 
in Wald, hörte ganz auf vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. 
Bäume sperrten den Blick weiter. Von den Einheimischen hatte nur 
ein Gärtner Zutritt und ein alter Taglöhner, der Botengänge besorgte, 
beide mürrische Männer, die Ausfrager stehen hießen. Man wusste 
nur, daß ein Holländer das verfallene kleine Haus von den Erben des 
früheren Besitzers erworben hatte. Den Behörden war er als 
Mynheer Gabriel Oppenheimer van Staaten gemeldet, er hatte den 
großen Pass der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form 
vollzogen, allen Anforderungen der Polizei und Rentämter wurde 
mit peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte 
dort mit einem sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man 
erzählte eine merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen 
Einbruch in dem einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefasst, 
überwältigt worden. Der Holländer habe ihm nichts getan, den 
Abgebrühten, Höhnenden nur eine Nacht über in ein Zimmer mit 
Büchern gesperrt. Schlotternd, tief verwirrt sei der Strolch andern 
Tags durch den Wald getorkelt, habe die Gegend für immer 
verlassen. Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, 
verstummten wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame 
Spaziergänge, gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu 
Gesicht. Schließlich gewöhnte man sich an ihn. 
Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, 
der dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle 
teilnahm. Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor 
sich hin trieb und lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf 
einem solchen Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, 
der ihn von Baum zu Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte 
ihn ohne viel Gedanken und ohne besondere Mühe, durchschritt den 
Wall der hohen Bäume, stand plötzlich am Rand einer Lichtung und 
sah, inmitten von Tulpen und terrassenförmig steigenden Beeten, 



87 



anderer ihm unbekannter, sorglich gezüchteter Blumen das Haus des 
Holländers. Es stach fremdartig, ein blendend weißer, kleiner 
Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber war ein primitives 
Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend und 
verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes 
Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte 
rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft 
aber schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem 
das Bild des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den 
Tulpen. Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi 
blühte still und sanft und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, 
mürben, schweigsamen Diener und ihre holländische Zofe Jantje, die 
nun auch schon viele Jahre gutmütig, ergeben, geschwätzig und 
besorgt um sie herumwirtschaftete. Sie erging sich mit Lust in den 
Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es waren zumeist hebräische 
Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der Kabbala darunter. Sie 
dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalstische Baum, der himmlische 
Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Die Buchstabenziffem 
des Gottesnamens hatten ihre bunten, schimmernden Fahnen, es 
regten sich mit vielen Gliedern die Figuren der heiligen 
Wissenschaft, es klommen die Dreiecke, es sanken die Vierecke, es 
sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige Stern. Und alles schlang 
sich in vielwendigem, artigem Tanz. Sie las im Hohen Lied: Mein 
Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine Schäferin! Meine Schöne! 
Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei. Junge Blüten erscheinen 
am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube Stimme tönt in 
unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine Schöne! Komm! Meine 
Taube! Taube im Felsenriss, auf heimlichen Hang! Lass mich 
schauen deine Gestalt! Lass mich deine Stimme hören! Denn deine 
Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt. Sie saß, zart und 
aufmerksam, das Gesicht sehr weiß wie das des Vaters, und glitt mit 
erfüllten Augen über die großen, bockigen, hebräischen Buchstaben. 
Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung 
der Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der 
Jünglinge, welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß 
die Welt sich erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte 
es auseinander und wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; 
und schließlich versank er und verstummte. Sie hörte gläubig zu; 
aber kaum hatte er geendet, so wurden die Blumen wieder Blumen, 
und sie hörte die schlichte Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen 



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flieht und ist vorbei. Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des 
Sangs ist da, der Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Und sie 
schließt die Augen und hört auf die lockende Stimme, und sie lauscht 
hinter die Bäume und hält den Atem an: jetzt wird, gleich wird, im 
nächsten Augenblick, der Schäfer sichtbar sein, der die feinen Worte 
läutet, die silbern klingenden. Doch niemand kommt. Auch die 
Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiss das, was Rabbi 
Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit 
ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, 
sie war Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch 
Mirjam war sie noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn 
ersäuften Ägyptern. Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den 
Nagel in die Schläfe schlug, nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit 
den wenigen Menschen ihrer Umwelt staffierte sie die Geschichten 
der Bibel aus. Hagar trug die Züge der geschwätzigen Zofe Jantje, 
die Propheten hatten die trübgrauen, steintraurigen Augen des 
Onkels und seine platte Nase, und sie redeten mit seiner knarrenden, 
übellaunigen Stimme. Die Helden aber hatten die Haltung des 
Vaters, sein Gesicht, seine Augen, die gewölbten, fliegenden, seine 
schmiegsame, beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, 
glänzende! Oh, daß er so selten kam! An seinem Hals hängen, das 
war Leben, und was sonst war, das war nur die Erwartung, daß er 
wiederkommen werde. Und alle die Helden der Schrift sah sie in 
seinem Bild. Simson, der die Philister schlug, trug seinen olivgrünen 
Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich in seinen klirrenden 
Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte, wiegte sich in dem 
roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater das letzte Mal 
gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf artig 
gefaltete Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit einem 
heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume 
sich verfing, war das reiche, kastanienfarbene Haar des Vaters, und 
wenn David wehklagte: Oh Absalom! Mein Sohn! Dann jammerte er 
mit der knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die 
feuervollen, geliebten Augen des Vaters, die er zudrückte. 



89 



14. 



Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die 
sein Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte 
unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß 
massig der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der 
weißen Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem 
plärrenden Österreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat 
strahlte, hundert verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der 
Reife entgegen. Es war eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß 
er den Freund zum Präsidenten des Kriegsrats und Höchst- 
kommandierenden in Württemberg ernannte. 

Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll. 
Hochamt. Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis 
war dem Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die 
beiden geistlichen Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem 
Herzog ihre Glückwünsche bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht 
anlegte, stand der Fürstbischof von Würzburg mit seinen 
Geheimräten Raab und Fichtel, stand der Fürstabt von Einsiedeln am 
Ufer, küssten den Herzog erfreut und herzlich, tätschelten blinzelnd 
Marie Augustens Hand. Nach der Oper, die Majestäten und die 
Herzogin haben sich schon zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, 
der Fürst von Thurn und Taxis, die beiden Prälaten noch zusammen. 
Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der Herzog hat sich in Belgrad 
an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen, derweilen die Jesuiten 
sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer von Kerzen und 
Wein. Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, 
kehrt sein Herz nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner 
Dutzendfürst in seinem Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach 
mehr als darüber zu wachen, daß seine Untertanen brav ihren Wein 
bauten, ihre Leinwand woben, ihren Kleinen den Rotz schnauzten 
und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren lassen wird er seine Räte, 
er wird herrschen. Er war nicht umsonst so lange im Feldlager 
gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er so lange für ein 



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anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und gesiegt, wie 
viel besser wird er können für sich selber fechten und siegen. 
Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein gut 
Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl 
seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf 
Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen 
Staat einen größeren zu machen, vielleicht, will's Gott, einen großen. 
So, wie es jetzt ist, jedenfalls lässt er sein Land nicht. Da stößt man 
sich ja blau und kaputt an all den Ecken nach innen und außen und 
kann keinen Arm und kein Bein ausstrecken. Soviel Stratege ist er 
und versteht er von der Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage 
nach der Kern ist zu einem größeren. Wenn man nur richtig vorstößt 
nach den Württemberg ischen Besitzungen jenseits des Rheins, nach 
der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im 
Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine 
exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum 
und an den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, 
Gmünd. Weil die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das 
haben so üppig wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß 
das dem Herzog nicht wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie 
gedeihlicher Fraß. 

„Euer Liebden sind sehr kühn", lächelte der alte Thum und 
Taxis und schnupperte mit dem feinen Windhundgesjcht an seinem 
Tokaier. Wohlgefällig horte er auf die temperamentvollen Projekte 
des Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, aber mein 
Gott! Der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische 
Einsicht von ihm. Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer 
legt sich. Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den 
starken Worten Karl Alexanders. Sie hatten seine Kathohsierung mit 
großem Eifer betrieben, einmal weil man jeder irrenden Seele zum 
Licht verhelfen soll, dann weil es ein starkes Propagandamittel war, 
den Württemberger herüberzuziehen, vor allem aber aus Spielerei. 
Große politische Pläne hatten sie wirklich nicht damit verfolgt. Nun 
Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem Neugewonnenen ein 
so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd die vielerlei 
Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken. Vor 
allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften 
auszunützen. Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war 
immer gut. Daran war manches Süpplein zu wärmen. Sachte begann 
der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage sich 



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mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst Gutes 
wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in 
einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. 
Diese verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der 
deutschen Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun 
gottsjämmerlich ramponiert in Fetzen hingen. Der Herzog: Der 
Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler Untertan und dem 
Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom Parlament, diese 
obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm seinerzeit die 
Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen Hammel, 
die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem Quivive 
gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, 
und jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie 
kuranzen, daß sie sollen Blut schwitzen. Es lächelte der Abt: so 
einfach sei das nicht. Fürs erste sei da die Verfassung. Das sei 
Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom Wein und wild der 
Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiss; aber vorläufig bindend. 
Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr Rom 
und die Welt. Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl 
Alexanders Kraft und Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, 
seine Soldaten und die Güte seiner Sache würden das Papier 
schließlich zerreiben. Die Katholisierung des Herzogtums, Basis und 
Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber nicht unmöglich. Man 
denke an die vorbildlich kluge und geglückte Katholisierung von 
Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten zunächst. Da 
kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen mählich nur 
mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen im Land. 
Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie 
sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! 
Zuerst die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre 
Existenz fürchteten. Ei, wie rasch sie die protestantische Ketzerei 
abschworen, ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, 
atemlos, in den Schoß der Kirche. Man lachte, trank. Mancherlei 
Wege öffneten sich. Der Fürstbjschof versprach, er werde durch 
seinen grundgescheiten Geheimrat Fichtel Richtlinien ausarbeiten 
lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten. Man trennte sich 
angeregt, voll Hoffnung. Anderntags erschienen bei dem Herzog drei 
kaiserliche Räte, mit ihm über den französischen Krieg zu beraten, in 
den der Kaiser unbesonnen hineingeglitten war. Karl Alexander, bis 
jetzt vor den kaiserlichen Räten immer nur Bittender, Lästiger, 



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besoldeter General, blähte sich nun, umworben. Lässig, mit großer 
Geste, schmiss er den Ministern die zwölftausend Mann Subsidien 
hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit vieler Verklausulierung und 
in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür der kaiserliche 
Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität gegen 
eventuelle Übergriffe seiner Landschaft. Als der Herzog Wien 
verließ, küsste ihn die römische Majestät vor Hof und Volk auf beide 
Wangen. 



93 



15. 



Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine 
kurze Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke 
Hand gehoben wie in leichter Abwehr alles Blut zum Herzen. Am 
Ziel. Er war am Ziel. Ganz plötzlich stand er oben. Es war wie ein 
Treffer, ein einmaliger unter hunderttausend Losen, er hatte die 
rechte Eingebung gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem 
klugen Isaak Landauer, der gelächelt hatte und mit dem Kopf 
gewackelt über seinen Glauben an den kleinen Prinzen und sich die 
fröstelnden Hände gerieben. Ah, nun wird er stolz und mächtig 
herschreiten. Hundert glänzende Säle taten sich auf vor ihm. Mit 
einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt. Gleicher unter Gleichen, 
mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln sitzen. Die ihn 
antichambrieren ließen, werden vor seiner Tür warten, bis er sie 
vorlässt. Und Frauen, weiße, glänzende, vornehme, die sich seine 
Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt bettelnd die stolzen 
Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte zurückzahlen, die 
er hat hinnehmen müssen. Er wird den großen Herren weisen, daß 
ein lud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie. 
Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in 
hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen 
Forderungen an ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte 
er unter der Hand durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das 
Palais einer heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs 
prächtigste renovieren, ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, 
seinen Marstall. Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. 
Unansehnlich, schmuddelig saß der große Finanzmann in 
ungefälliger, eckiger Haltung in einem großen Sessel, wärmte sich 
die mageren, blutlosen Hände, durch seine Schläfenlocken, seinen 
Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den Süß tief reizend. Er hatte, 
musste Süß enttäuscht und geärgert konstatieren, offenbar weder 
Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt Glück gehabt, Reb Josef 
Süß", sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht spöttisch. „Es hätte 



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auch können schiefgehen, dann hättet Ihr Euer ganzes Geld an den 
Schlucker verloren." , Jetzt ist er jedenfalls kein Schlucker", sagte 
Süß ägriert. ,JI)as meine ich eben", gab der andere bereitwillig zu. 
Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für Gewese und 
Gepränge und große Geschichten? Lasst Euch sagen von einem alten 
Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was 
macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, 
wenn sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Lasst Euch sagen von 
einem alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den 
Schatten." Und mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine 
Schuldverschreibung in der Truhe ist besser als eine Goldbordüre am 
Rock." Und gutmütig, mit sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an 
den Ärmeln des Süß, während der andere, angewidert fast, sich ihm 
zu entziehen suchte. 

So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß 
verlassen hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen 
Lärm, Glanz, gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von 
den anderen. Von dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und 
Schläfenlöckchen ahnen sie nichts, diese Flächlinge. 

Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. 
Wozu denn Macht, wenn man sie nicht sehen lässt? Diese dummen, 
ängstlichen, altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht 
aufmerksam machen. Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins 
Licht stellen werde ich mich und allen mitten ins Auge schaun. 
Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich 
ihr in seinem Glänze zu zeigen. Die schöne alte Dame - von ihr hatte 
er das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen - 
lebte in behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren 
früher ihre Tage erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die 
Schauspielerin Michaele Deutschland durchjagt, und alle Straßen 
waren voll von Männern, Abenteuern, Begierden, Triumphen, 
Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt ließ sich ihr Dasein nur mehr 
äußerlich mit den Farben von Erlebnissen antünchen, sie fällte die 
Stunden mit Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende 
Korrespondenz, kroch in das Leben ihrer zahllosen Bekannten 
hinein. Süß blähte und spiegelte sich vor ihr, sie weidete sich an 
seinem Glanz, sog, die Augen groß und töricht, seine lärmenden, 
gedunsenen Prahlereien ein. In den farbigen Schaum ihrer Reden 
hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben noch hatte mit lüsternem 
Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in seinen Zimmern 



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drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt zerdrückte das 
breite, steinerne, mürrische Anthtz des Alten alle diese leichten, 
bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wusste, daß der 
neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen 
werde. Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so 
kaltem, müdem Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig 
erschien. Dann fragte er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau 
kommen werde, das Kind habe seinen Anblick not. Da Süß sich 
wand, ausbog, bestand er nicht weiter, nur die drei Falten vertieften 
sich in der Stirn. Er sah von der Mutter zum Sohn, vom Sohn zur 
Mutter. Ging bald. Süß holte nur mühsam seinen in alle Ecken 
geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam 
und nicht ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und 
machte sich vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter 
stimmte nicht ein, und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und 
befriedigt wie sein Auftritt. 

In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune 
empfing ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn 
Remchingen mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, 
der da mit seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt 
zuwider. Auch der alte Thum und Taxis verhielt sich reserviert; er 
hatte es dem Juden nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit 
seinem blassgelben Salon seinen blassgelben Frack geschlagen hatte. 
Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin 
entgegen. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuss die kleine, 
fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und 
preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes 
hielt. Ei, was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in 
ihre Hand hineingeküsst haben. Und wie modisch bis ins letzte 
Härlein er sich trug. Es war amüsant, so einen Juden um sich herum 
zu haben, der aussah wie der galanteste Herr von Versailles und sein 
arges jüdisches Herz, das doch sicherlich voll war von jeder Bosheit 
und giftigem Gewürm, hinter so einem feinen, hirschbraunen Rock 
verbarg. 

Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der 
Herzog nach der Stimmung im Land. Süß durchschaute sofort, wie 
sehr ihm an seinem Urteil lag. Sogleich stellte er sich auf Geschäft 
ein, auf Sachlichkeit, Konzentration, sorglichste Witterung. Saß, der 
kluge Finanzmann, mit gespannten Nerven, in Tätigkeit jede 
Sicherung. Holte den Herzog mehr aus als dieser ihn. Richtete 



96 



geschickt seine Antworten so ein, daß sie alle hinausliefen auf 
Bestätigung der Grundsätze Karl Alexanders. Unvermittelt schlug 
ihn der auf die Schulter: „Mit seinem Magus hat Er mich nun doch 
nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem Juden." Süß zuckte 
zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit schleppend, unfrei, 
gezwungen, er habe sich die kabbalistischen Berechnungen auch was 
kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien und stimmten. Der 
Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt: der Rabbi 
habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die 
Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine 
Dienste an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für 
gut und schlecht halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht 
spintisierende Menschen wie Seine Durchlaucht und er brauchten 
sich um dergleichen subtile, metaphysische Dinge nicht hinter den 
Ohren zu krauen. Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den 
Kopf seitlich gezogen. Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über 
die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im 
Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog schwieg. Die Dinge um ihn 
verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm verfahlte. Er sah sich 
schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz, vor ihm im Reigen 
schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die eine seiner 
Hände haltend, die andere hielt Süß. Aus dem Gesicht riss ihn der 
Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte verächtlich und erbittert 
von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen Heinrich Friedrich, und 
seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte er ein, machte sich 
behutsam lustig über den sanften, untüchtigen Verschwörer, sprach 
dann von seiner Geliebten, dem stillen, dunkelblonden, dümmlichen 
Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert, belustigt, boshaft zu. Ei 
potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen an dem sanften 
Heinrich, das war ein dünner Braten ohne Soße. Er lachte maßlos, in 
seine Augen stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude kannte das 
Mädel natürlich, er solle sie schildern. Süß beschrieb sie vorsichtig, 
zerlegte sie kennerisch, die Tochter des kleinen Landedelmanns, 
sanft, groß, schwer, ihre Blondheit, ihre warme, dumpfe Jugend. Der 
Herzog lauschte hämisch, gierig, befriedigt; sein Plan war 
offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner, Jud", lachte er. Er 
versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou." Süß, allein, lächelte tief, 
siegreich, überdachte seinen Weg. Er war klar. Dem Herzog 
schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor Übertreibung. Dem 
Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber, Soldaten, Gloire. 



97 



Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen, aber so viel 
schaffen, daß man reich wurde, bUeb auch nur ein kleiner Teil 
kleben. Keine Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen 
gegen sie stellen. Sie en Canaille trätieren. Einziges Ziel: Geld für die 
herzoglichen Kassen. Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite 
genommen. Er hatte auch gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. 
Als er Regensburg verließ, dem Herzog voraus, war er herzoglich 
Württemberg ischer Geheimer Finanzrat. Der Bestallung beigefügt 
war ein Dekret der Herzogin, das ihn zu ihrem Schatullen Verwalter 
ernannte. 

In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen 
Fürsten. Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und 
vielen allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die 
Straßen gesäumt mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, 
lustig klaren Dezembertag. Überall Ausrufer, die das Bild des 
Herzogs feilbieten, das berühmte Bild, wie er an der Spitze der 
siebenhundert Axtmänner höchst kriegerisch unter regnenden 
Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat das Bild in vielen 
tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem Volk zur 
Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und 
Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. 
Die ganze Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, 
zwei Meilen lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß 
und zu Pferd, Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Galakarosse des 
Herzogs. So fuhr er ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem 
strahlend hellblauen Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen 
wehten in die fröhliche Luft. Herzen und Mäuler offen, freuten sich 
die Stuttgarter ihres imposanten Souveräns, der, den Pelzmantel über 
der breiten, vielbestemten Brust zurückgeschlagen, mit mächtigem 
Schädel und herrischen Augen dasaß, und mehr noch vielleicht ihrer 
wunderschönen Herzogin, die unter vielem weißen Rauchwerk, den 
kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem Diadem, mit 
gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie niederblickte. Ei, 
was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr zujubelten, ei, 
wie viel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der Thüringer 
Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor, der 
sich abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der 
schwungvollen Verse, mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie 
hörte ernsthaft und aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, 
die der Herzog mit seinem Zepter zu weiden berufen sei, als er 



98 



pathetisch verkündete, Karl Alexanders Name fasse alles zusammen, 
was man von Karl dem Großen und anderen Karlen spreche, was 
sich am Griechen Alexander weise, was Gottes Volk an Simson 
reise, was Herkules besessen habe, als er ihn schließlich mit dem 
römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte sie ihr 
Amüsement, als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig 
in der Zeit, weil wie der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem 
Mentor sah. Aber innerlich fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor 
sei, der kleine, behutsame Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen 
Kaffee oder mit seiner Fuchsschläue und seiner Galanterie der 
elegante Jud. 

Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in 
einer Ecke beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne 
großes Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches 
Haus bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus 
seinem Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war 
nichts herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat 
des neuen Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime 
Finanzrat, trotzdem er aussah und sich hielt wie jeder andere große 
Herr, ein ganz gemeiner, ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich 
den Juden der Aufenthalt im Herzogtum verboten. Allein man sagte 
sich, bei den verwickelten Finanzverhältnissen des Kammerguts und 
bei der Schläue der Juden, die die Grävenizschen Finanzen 
verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch seinerseits einen 
Hofjuden zugestehen. Femer musste man zugeben, daß der neue Jud 
sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei der 
Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner 
stolzen Uniform bescheiden im Winkel. 

Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er 
schon ganz anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministem 
und blickte ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das 
kleine Häuflein des Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, 
prunkenden Uniformen, hochmütig getrennt von der dichten, 
schwärzlichen Masse der Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte 
diese Kammer und siebzig Abgeordnete der Städte und Ämter. Nur 
wenige wie der feine, kluge Weißensee und der verarbeitete 
Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten sich über der Lage; die 
meisten tmgen besorgte, befangene, schwitzende Gesichter und 
standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden, hoffärtigen 
Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des Conseils, 



99 



Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon bei 
Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen 
waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich 
Friedrich gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der 
mächtigen Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich 
unter jeder Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft 
von diesen Dreien, nichts Gutes auch von dem Juden, dessen 
Beziehung zu dem feierlichen Empfang eigentlich eine Provokation 
war. Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den 
Ministem, und daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, 
machte den Neuffer und den Juden wieder wett. Das war Georg 
Bernhard Bilfinger, der Philosoph und Physiker. Karl Alexander 
hatte den behäbigen Mann mit dem offenen, fleischigen, energischen 
Gesicht kennengelernt, als er gewisse Berechnungen und 
Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so misstrauisch 
er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht 
widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in 
sein Kabinett zu rufen statt eines Juristen. Die beiden Gruppen, die 
kleine der Minister und die große der Parlamentarier, standen sich 
gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das eine groß, plump, 
schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd, bunt, beweglich, 
gefährlich. Sie warteten. Sie warteten sehr lange, eine Stunde fast 
über die angesetzte Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, 
noch immer nicht die Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, 
noch immer die Türen verschlossen, die aus den Privatgemächem 
des Herzogs führten. Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, 
finster traten die Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den 
andern, auch die Minister begannen unruhig zu werden. Daß der 
Herzog vom ersten Augenblick an das Parlament dergestalt 
brüskierte, kam unerwartet. War es Absicht? Laune? Zufall? 
Vergesslichkeit? Nur einer wusste es. Der Jude stand, lächelte, 
kostete den seltsamen Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, 
verstehend und genießerisch mit. Die Landschaft hatte mit seinem 
Bruder gezettelt? Gut, so mochte sie sich jetzt die Beine in den 
Bauch warten, dieweilen er sich mit dbr Freundin seines Bruders, 
dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf vergnügte. 



100 



16. 



Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die 
Verfassungsakte vor, die der Herzog beschwören musste. Furchtbar 
umständlich, vorsichtig, langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr 
laut, mit gleichmäßiger, gewandter Stimme, durch die mächtige 
Hakennase leicht französelnd, las Herr von Schütz das endlose 
Schriftstück, der Saal war überheizt, eine Winterfliege summte, von 
den vielen Menschen in ihren schweren Kleidern ging Dunst, Atem, 
leises Geschnauf aus. Unwirsch, verärgert sah Karl Alexander in die 
vielen stumpfen Werkeltagsgesichter, die sich bemühten, pathetisch 
zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf den Vortrag dieser 
steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für ihn 
Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. 
Und das näselte so fort, endlos, endlos. Er musste an sich halten, um 
nicht dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. 
Er kam aus einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die 
sanfte, warme Haut des dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr 
hemmungsloses, stilles, verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, 
Arme, Brust feuchtete, er war erfüllt von einem schlaffen, rohen 
Grinsen. Sehr anstößig schien es den Herren von der Landschaft, wie 
er mit belegter heiserer Stimme - eine Nachwirkung des Genusses, 
aus dem er kam - asthmatisch, empörend gleichgültig und mit den 
Gedanken offensichtlich wo ganz anders die feierliche Eidesformel 
nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei meinen fürstlich 
wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus freiwilligem 
Herzen." Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener, das 
Rasierwasser sei nicht warm genug. Gedrückt und voll Besorgnis 
entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er sie beschimpft wie der 
verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit unflätigem Gekeife 
über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man viel leichter 
aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche, 
verblüffend nonchalante Manier. 



101 



Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte 
sich, warf sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es 
gegeben. Wie sie sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er 
schnaubte durch die Nase, sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, 
ein guter Tag. Erst dem sanften Heinrich Friedrich eins versetzt, dem 
Duckmäuser, dem Aufmucker, und dann das freche, filzige, 
schwitzende Pöbelpack heimgeschickt, begossen, würgend an dem 
hinuntergefressenen Verdruss. 

Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, 
zu Süß: „Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat 
Gusto, der Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut." Lachte 
schallend und schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter. 
„Ich will selbst regieren", sagte er zu einer Stuttgarter Deputation. 
„Ich will selbst mein Volk hören und ihm helfen." Ins ganze Land 
ließ er ergehen, er werde sich durch keine Mühe und Schwierigkeit 
von dem, was zu wahrer Aufnahme und Flor des Herzogtums 
gereichen werde, abhalten lassen, werde sorgen, daß in allen Stücken 
ohne Schleich, Intrigen und Verwicklungen nach der altberühmten 
württembergischen Treu und Redlichkeit gehandelt werde. Wer 
immer eine Beschwerde gegen einen Beamten habe oder sonst in 
diesem Behuf ein Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen 
und ihm, dem Herzog, zu eigenen Händen kommen lassen. Drei 
Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von 
allen Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am 
Rathaus jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der 
ließ nicht durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie 
Schnee im Mai schmolzen die Grävenizischen. Aufblühte an ihrem 
Sturz die saure Herzoginwitwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie 
er Belgrad erstürmt mit seinen Axtmännem, ging reißend ab, und als 
gar ein Reskript das Niederknien der Supplikanten vor dem Herzog 
verbot, denn nur Gott gebühre solche Ehrerweisung, da musste Süß 
eine neue riesige Auflage drucken lassen, und es gab kein Bürger- 
und kein Bauernhaus im Herzogtum, darin das Bild nicht am besten 
Platze hing. Den Prozess gegen den früheren Hofmarschall, den 
Gräveniz, und seine Schwester förderte der Herzog mit allem 
Nachdruck, doch ohne rechten Erfolg. Wohl wurde ein spezialiter 
verordnetes Kriminalgericht gegen die Gräfin eingesetzt, der erste 
Jurist des Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen 
in ganz Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David 
Harpprecht erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, 



102 



gedoppelten, wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten 
Ehebruchs, wegen dreier Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs 
Gemahlin, wegen Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, 
wegen Fälschung, Betrugs, Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht 
die Todesstrafe gegen sie. Ein besonderer württembergischer Agent, 
der Baron Zech, wurde nach Wien gesandt, Bestätigung und 
Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er gab viel Geld aus, die 
kaiserlichen Räte zu gewinnen, an hundertunddreiundvierzigtausend 
Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer noch mehr ausgab, sei es, 
daß er einfach geschickter war, die Geschichte wurde langwierig und 
versackte schließlich in einen umständlichen, komplizierten Geld- 
und Vergleichshandel. Dem Herzog wurde diese Affäre wie 
überhaupt die ganze Regiererei vom Kabinett aus bald öde und 
unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste erlassen, die Liebe seines 
Volkes errungen, und seine Räte, der polternde General 
Remehingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der schlaue 
Finanzmann Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle 
Missstände abgestellt, Württembergs goldenes Zeitalter 
angebrochen. Wo in Deutschland gab es einen zweiten so 
pflichtbewussten Fürsten? Stolz vor Gott, den Menschen und sich 
selbst, geschwellt von dem Gefühl, den Titel, mit dem eine Adresse 
der Tübinger Universität ihn angeredet, den Titel: treuester Hirt und 
Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht verdient zu haben, 
überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen seinen Räten und 
fuhr, sich freuend auf das Soldatenlebcn, hungrig nach neuer Gloire, 
zur Armee. Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und 
dem Professor Harpprecht über den Prozess gegen die beiden 
Gräveniz. Die Herren saßen in dem prunküberladenen 
Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank, elegant; gewichtig, breit 
die beiden Württemberger. Der Prozess stand nicht gut. Wien war 
nicht geneigt, das peinliche Verfahren gegen die Gräfin zu bestätigen 
und verwies auf den Weg finanziellen Ausgleichs. Dieser 
Kompromiss schien den beiden Württembergern mager und der 
herzoglichen Dignität nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der 
greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke. 
Die geldliche Regelung solle man ihm überlassen, er werde sie 
bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs erledigen. Die beiden 
ernsthaften und gerechten Männer fanden diese Anschauung frivol 
und jüdisch. Aber schließlich war der württembergische Agent 
erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine andere Lösung als 



103 



ein Vergleich, der Jude machte das wirkhch besser als jeder andere, 
und der Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche und 
geschickte Hand. Verdrossen fügten sie sich darein. Dies 
durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen 
über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die 
den beiden Württembergem das Herz von Grund auf bewegte. 
Harpprecht, der Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, 
gewohnt, die Dinge rundum zu drehen, genau und von allen Seiten 
zu beschauen, und Bilfinger, der vertraute Freund des 
großberühmten Philosophen Wolf, geneigt, die Dinge ernsthaft und 
aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte Patrioten beide, ruhevolle, 
sachliche Männer beide, verschlossen sich nicht der Erkeimtnis, daß 
einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf der Verfassung saßen 
wie auf privatem ererbten Eigentum und die Repräsentantenstellen 
des Volkes unter sich verschacherten; sie wussten, daß die Fahne der 
Freiheit immer dazu missbraucht wird, daß einzelne sich Fetzen 
daraus schneiden für ihren privaten Vorteil. Aber sie waren trotzdem 
tief und von ganzem Herzen überzeugt, daß das Landesgrundgesetz 
und die landständischen Freiheiten die Pfeiler des Staates waren, und 
sie interpretierten alle strittigen Grenzfragen zwischen Fürsten und 
Volk aus dem freiheitlichen und verantwortungsschweren Ernst 
heraus, aus dem der erste Württemberg ische Herzog, in kleinem Land 
ein wahrhaft großer Fürst, die Verfassung testiert hatte. Es handelte 
sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des Süß, 
die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war 
der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler 
konnte allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert 
von Bilfinger, redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und 
höflich zu. Aber plötzlich sah der Gelehrte die Augen des 
Finanzmanns, diese großen, gewölbten, süchtigen, klugen, 
lauernden, gewissenlosen Raubaugen. Was waren vor diesen Augen 
Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Vor dem raffenden, von 
keiner Idee gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen 
Dinge zu Dummejungenträumen, wurden angeschleimt lächerlich. Er 
kam sich albern vor, wie er vor diesem Handelsmann vom Geist der 
Gesetze sprach, von ihrem schönen und würdevollen Sinn. Der 
andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das heraus, was er für 
seine schmierigen und selbstsüchtigen Projekte brauchen konnte. 
Harpprecht brach ziemlich unvermittelt ab, der langsamere Bilfinger 
hatte auch gespürt, was den Freund hemmte. Die beiden 



104 



Württemberger entfernten sich bald, kühl, verdrießlich, von dem 
unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet. Unter der Tür trafen 
sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak Landauer. Süß hatte ihn 
hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin mit ihm zu regeln. 

Die beiden Männer verstanden ach, ohne daß sie einander auch 
nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam darauf 
an, einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für 
den Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf 
schachernd rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch 
seine besonderen Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den 
Herzog sowohl wie an die Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den 
Herzog einen Gewinn von dreüiundertunddreiundzwanzigtausend 
Gulden heraus, aber faktisch hatte der Herzog an die Gräfin 
hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu zahlen. Bei der 
Übergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin 
dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, 
und dem Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit 
weitere fünftausend Gulden in Rechnung. So endete der 
Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das Herzogtum 
in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen 
Gewinn für den Geheimen Finanzierrat Josef Süß Oppenheimer. Die 
Gräfin lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. 
Die saure Herzoginwitwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Übel nahm 
überhand, die Ärzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. 
Sie aber starrte voll kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach 
Berlin zu der Feindin, der Person, und sie starb erst drei Wochen 
nach ihr. 

Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzem, im 
Feldlager, ritt, fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein 
herzliches Wiedersehen mit dem alten, sehr klugen, etwas steifen 
und trockenen Oberbefehlshaber, dem Prinzen Eugen. Vor der 
französischen Übermacht wich der vorsichtige Prinz zurück, bezog 
ein festes Lager bei Heilbronn. Schon standen wieder die Franzosen 
im Herzogtum, schrieben Brandschatzungen aus, Lieferungen. Doch 
Verstärkungen der Reichsarmee, vor allem von Karl Alexander 
bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück. Mit wildem Eifer 
betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der Grenzen. Die 
Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu hatte der 
Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes 
Projekt von wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit 



105 



Geschick in Angriff genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte 
man an einigen Stellen die Berge eskarpieren, auf dem Schwarzwald 
von Schiltach bis Obemdorf Linien ziehen, bis an den Neckar, den 
Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung dieser Befestigungen 
genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf Schwadronen. Und mit 
so verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein schwäbisches 
Thermopylä, an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel 
einrennen musste. Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders 
zunächst nicht entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der 
Regierung Eberhard Ludwigs unter den Einfällen, 
Brandschatzungen, Plünderungen, Raub, Mord und Gewalt der 
Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den starken, 
sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen Fürsten 
aus ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über den 
Rhein zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr 
verschwand, wurden die Landstände schwierig. Sie reizten den 
Herzog durch mannigfache umständliche und pedantische 
Beschwerden. Jeden Augenblick erschien eine Deputation bei ihm 
mit Reklamationen über seine Maßnahmen bei der Aushebung und 
bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn durch ihre dicken, stieren, 
kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe, selbstbewusste 
Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der Truppen 
vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant 
wurden ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße 
nachgeschoben, die Kriegssteuem gingen zäh ein, der Vollzug 
stockte, die Kassen waren erschöpft. Der Herzog, an sich zum 
Argwohn geneigt, begann seinen Räten zu misstrauen, sie hielten es 
insgeheim mit der Landschaft. Er berief seinen Juden ins Lager. Der 
hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik 
gespanntest belauert und wartete längst mit Gier auf diesen 
Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er sich 
seine Ziele abgesteckt, jeder Zoll seines Weges, seines Terrains lag 
vor ihm wie eine mit mathematischer Präzision ausgeführte 
Landkarte. So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl 
Alexander empfing ihn unverzüglich. Es war Nacht. Kerzen 
brannten, in einem Winkel hockte der Schwarzbraune. Der Herzog 
saß mit Bilfinger über geometrischen Tabellen. Er polterte seinen 
ganzen Unmut und Verdruss sogleich und jähzornig heraus, vor 
diesen Beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn gegen die Minister 
hatte sich verstärkt. Sie seien im Einverständnis mit der aufsässigen 



106 



und heimtückischen Landschaft, pokerte er. Unmutig und erschreckt 
hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden an, suchte den 
Herzog mit sachhchen Gründen zu überzeugen. Süß beschränkte sich 
darauf, genau zuzuhören; sein Gesicht mit dem vieldeutigen Lächeln 
stach in dem Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab von dem roten, 
erregten des Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich wandte 
sich Karl Alexander an um: „Und Er, Jud?" Süß, achselzuckend, 
meinte, es sei allerdings auffallend, daß die klaren und weisen 
Befehle des Herzogs schlecht und unvollständig ausgeführt würden. 
Sehr wohl sei es möglich, daß die Geheimräte mit aufsässigen 
Parlamentariern Konventikel hätten; aber ob untreu oder nicht, auf 
alle Fälle seien sie nach so ungenügenden Resultaten Unfähige, 
Diffikultätenmacher, Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte 
der Herzog. Nach seinen Erfahrungen bei den österreichischen 
Kriegslieferungen, erwiderte Süß, müsse man sehr hohe Geldbußen 
auf jede passive Resistenz setzen. Mit Geldstrafen komme man am 
weitesten. Der Bürger wie der Bauer hänge am Besitz, er opfere sein 
Leben lieber als sein Geld. Der Herzog sagte, er werde es sich 
überdenken. Süß solle SpezialVorschläge ausarbeiten. Der Jude 
erklärte, das habe er bereits getan, legte ein Bündel Akten und 
Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle Gründe gegen den 
Argwohn des Herzogs säuberlich zusammenzutragen, mildere, 
langsamere Maßnahmen zu empfehlen. Karl Alexander, unwirschen 
Blickes, unterbrach ihn. Anderen Tages schon gab er Remchingen 
Order, die Vorschläge des Süß in strengste Praxis zu übersetzen. Die 
beiden Männer arbeiteten nun zusammen, der General die Faust, der 
Jude das Gehirn. Remchingen verhöhnte den Süß mit plumpen, 
unflätigen Spaßen. Süß hasste und ihn verachtete ihn, doch er ließ 
sich zu keinem Wiedestand verlocken, empfing den Hohn und 
Schmutz des Soldaten in ein glattes, unempfindliches, verbindliches 
Lächeln. Gemeinsam war den beiden Männern der unbedingte 
Ehrgeiz, dem Herzog zu gefallen, ihm Soldaten und Geld zu 
schaffen, gemeinsam auch die tiefe, selbstverständliche 
Überzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine Hunde und 
seine Pferde. Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder 
Zureden noch Gewalt hatten schaffen können. Hatte die 
Werbetrommel bisher mit allen Gelärm nur ein paar tausend 
Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug darunter, auf nicht sehr 
staatlich Beine gebracht, so barsten jetzt die Depots von Rekruten. 
In den Remonten tummelten sich die Pferde, die Kammern stapelten 



107 



Uniformen, es brachen an Geld und Wechseln die Kassen, Scheunen 
und Magazine boten kein Raum mehr für das eindringende Getreide, 
den hoch sich schichtenden Proviant. Überall Nachschub, Reserven. 
Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und rühmte vor aller 
Welt, das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen 
Finanzierrates. Übers Volk senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl 
hatte es früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur 
für Aushauser, für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den 
Gemeinden zur Last fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die 
gesamte unverheiratete Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich 
loskaufen wollte, musste eine ungeheure Summe bezahlen. 
Verheiratete waren befreit von der Rekrutierung; wer aber vor dem 
fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, musste den fünften Teil 
seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde wurden gemustert, 
alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit langfristigen 
Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren 
Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben. Ei, wie 
verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs. 
Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur, Mütter, Weiber, Bräute 
flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das 
Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, 
Kindsmord nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es 
mangelte an Menschen, die besten Pferde waren mit Gewalt 
weggetrieben. Teuerung drohte, Lebensmittel, Waren verschwanden. 
Laut fluchte es jetzt, empörte sich. Scharfe Erlasse verboten bei 
Leib- und Lebensstrafe jede respektlose Äußerungen gegen die 
herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und Unruhestiftung. Es 
wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen und 
prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche 
murrten weiter, wo man von Lauschern sicher war. 
Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. 
In der Kurpfalz, als er dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war 
er an Anläufe vor seinen Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt 
worden; das prallte ab von ihm wie Wasser von einer Teerjacke. Wer 
konnte an ihn heran? Er saß an der Macht, er war der nächste 
Ratgeber der Fürsten, keiner wusste ihn so zu behandeln wie er. 
Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, demütiger Miene die 
bollernden Zomaisbrüche des jähen, an soldatische Unterordnung 
gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als wäre 
nicht geschehen eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die 



108 



Beamten des Herzogs hatten Weisungen, sich in allen geldlichen 
Dingen unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, 
keine Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Mit 
geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in 
der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung 
des Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war 
sehr hoch, er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie 
laues Wasser, sah man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, 
um heraufzuklimmen. Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll 
war von Wartenden, Ängstlichen, Bittstellern, ging er allein in 
seinem Arbeitskabinett auf und ab, die sehr roten Lippen in dem 
weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus auf das Geflüster, das 
kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust, atmete, lächelte, schickte 
die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie zu empfangen. Oh, es 
war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben unter den 
Menschen. Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; 
der kleine, feiste, schweinsäugige Konditor Benz hatte es 
aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum Blauen Bock" mit anderen 
Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm vorigen Herzog hat eine 
Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ den Konditor vor sich 
kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit feig 
ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes 
Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sichanstoßenden, die alle 
wussten, daß er das Wort geprägt hatte, musste der kurzhalsige, 
schnaufende Mensch auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland 
versichern, er wisse nichts davon und habe sich nie ein respektloses 
Wort über Seine Exzellenz erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die 
Hand küssend, nach rückwärts schreitend, konnte er sich entfernen. 
Süß aber klagte fromm dem Herzog, wie er um der treuen Dienste 
willen, die er ihm leiste, beim Volk in Verruf komme. Er führte sein 
Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er einen Sizilianer 
berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem durch Aufträge 
des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. Seine 
Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von 
verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli 
und Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und 
Aristoteles hatte der Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die 
Büsten des Moses und des Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde 
des Speisesaals spreizte sich in vielfigurigem Fresko der Triumph 
des Merkur. Auf der Decke des Schlafzimmers aber ergötzte sich 



109 



schlaff und schleierigen Auges Leda mit dem Schwan; von dem 
Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen zahlreichen 
Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die Bürger in 
den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er war 
stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris 
kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, 
kleine, klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel 
zwischen Moses und Solon, zwischen Homer, Salomon und 
Aristoteles. Das Erstaunen und die Freude der Damen aber war in 
seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, der „Bon jour, 
Madame" krächzte und „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen 
zu haben?" und „Ma vie pour mon souverain." Seine Tafel war 
erlesener als sonst eine im Land, es war ein Wunder, woher er alle 
die fremden Fleischsorten, Muscheln, Früchte nahm, und mit 
scheelen Blicken sah der Konditor Benz auf die Kunstwerke aus Eis 
und Früchten, die der welsche Konfisier des Juden auf ziervolle, 
immer wechselnde Manier bereitete. Die weinrote, silberknöpfige 
Livree des Juden war bald überall bekannt. Er hielt sich Sekretär, 
Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer. Durch die 
Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem, 
unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. 
Der Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure 
galant musste er auswendig wissen. Der Geheime Finanzierrat legte 
Wert darauf, der eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine 
Garderobe wurde alle zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde 
Vorliebe für Schmuck. Der Solitär, den er am Finger trug, war 
berühmt, die Schnallen der Schuhe, auch die Handschuhe waren mit 
der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem Boudoir, wie in seinem 
prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit Schmuck aufgestellt, 
durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu gewissen 
italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. Er 
pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des 
Hochadels ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. 
Man höhnte, schimpfte grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, 
daß er solche Mittel brauche; aber er lächelte, er wusste, gegen diese 
Manier gab es keinen Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, 
verhaftet. An die Herren aber pflegte er, dies war sein 
Lieblingshandel, scharf und hart feilschend, Juwelen zu 
verschachern. Es war herrlich, die kleinen Kostbarkeiten, so viele, 
durch seine Hände rieseln zu lassen, einen kleinen Stein gegen 



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Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen Goldes gegen 
einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem kleinen Stein. 
Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um 
Pferde mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Auch für den 
eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute 
Assjadah, zu deutsch: die Morgenländische. Der Levantiner Daniele 
Foa hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. 
Er liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wusste, 
wie prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier 
aussah. Selbst der Polterer Remchingen musste dem Süß zugestehen, 
zu Pferde sehe er fast aus wie unsereins. Der Zutritt zu Süß war 
schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete viele Briefe, Gelauf 
und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz bestimmt bekam, 
und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er war des 
Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. Nichts 
sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. Die 
Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug 
genug, sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel 
zufrieden zu geben. Er wusste, kein Minister, auch der Herzog nicht, 
der fast immer bei der Armee weilte, er, er war der Regent des 
Herzogtums. Schon bildete sich eine Partei, die offen zu ihm hielt, 
ihn wie einen Hofstaat umgab. Der Tübinger Jurist Johann Theodor 
von Scheffer, Regierungsrat, ausgezeichneter Kenner des 
Staatsrechts, war einer der ersten, der sich offen zu ihm bekannte, die 
Räte Bühler und Mez von der herzoglichen Kammer folgten, der 
Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister Knab, die Räte 
Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von 
Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst 
des Finanzierrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten 
wie Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, und 
machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer. Bald 
aber zeigte sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten 
Seite gehängt hatten; denn immer offensichtlicher wurde das Haus in 
der Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums. Die Frauen, 
die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten 
neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die 
Vorhalle, wo massig in seiner weinroten, silberköpfigen Livree der 
Haussier ragte. Man wisperte wilde, unheimliche und lüsterne 
Geschichten von ihm, wie er in Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit 
schwarzen Mitteln den Frauen ins Blut brenne, sie dem Teufel 



111 



verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den Geschmack seines Juden 
als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß musste dem 
Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue 
Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die 
Orgien des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, 
wie ein anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen 
könne. Er müsse heillose schwarze Magie brauchen, so lachte 
dröhnend der Herzog, ein wohlschaffenes Gesicht und stramme 
Schenkel seien die beste Magie. Auch betraute er den Süß, ihm die 
Weiber für Oper und Ballett auszuwählen, und manchmal lachte er, 
der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen Schüsseln 
vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen und 
reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen 
und heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen 
Leda des Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst 
sich spreizte, versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, 
die schweren, die ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr 
leichten. Unter den vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er 
der einzig Schweigende, und weder die joviale Zudringlichkeit Karl 
Alexanders noch die verbindlich schmeichelnde Neugier 
Weißensees, noch die grob spöttischen Anzapfungen Remchingens 
konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit die leiseste 
Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken, 
unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht 
erfundene Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, 
belacht, bezotet wurden, so trugen dies jene Frauen Schuld, die, stolz 
auf den gefährlichen, so anderen, von aller weiblicher Neugier 
umwitterten Mann, ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin 
unter vielen Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den 
Busen flüstern mussten. Als der Jude sein Palais fertig installiert 
hatte, kam auf seine dringlich ergebene Einladung, begleitet von 
Remchingen, die Herzogin, sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie 
den kleinen, ziervollen Kopf von der Farbe alten, edlen Marmors 
durch die strahlenden Räume, äugte aus den langen, fließenden 
Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte vor dem Papagei 
Akiba, der Ma vie pour mon souverain krächzte, klingelte mit den 
kleinen, sehr gepflegten Fingern an den Miniaturpagoden, ließ sich 
von Süß einen merkwürdig geformten, nicht sehr wertvollen Giftring 
schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen an den tief sich 
neigenden weinroten Lakaien \orbei zu den Ställen und reichte der 



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edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoss befriedigt 
die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Aber, schon in der Karosse, 
zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte sie über den Nacken 
des tief auf ihre Hand ^neigten Finanzierrats mit ihrer langsamen, 
aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön. Aber das 
Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat Er 
mir doch nicht gezeigt." Und lachte ihr kleines, glockiges, 
amüsiertes Lachen und fuhr davon. Süß aber stand barhaupt vor 
seinem Haus und das Volk gaffte und stieß sich an, und er achtete es 
nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den wölbigen, fliegenden, 
beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen in dem weißen 
Gesicht. 



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17. 



Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, 
wie es seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den 
Blumenterrassen Er reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, 
schweres Gesicht tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte 
nirgendwo besondere Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo 
rasten, er reiste stetig und, so Zickzack seine Fahrt ging, immer 
weiter wie auf vorgezeichnetem Weg. Tauchte in die Berge. Saß 
zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer kleinen Brücke über 
einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme das 
strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, 
liegenblieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte 
Nächte hindurch das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen 
getrieben wurde. Fuhr den langsamen Pass hinauf, der nach Süden 
führte. Wind kam von Mittag, es hatte geregnet, feuchte, schwere 
Luft ging, dunkelbläulich lagen die Berge. Er stieg aus, stapfte dem 
beschwerlich knarrenden Wagen voraus. Auf dem nassen, 
sonnglänzenden Wege schleppte eine große Schnecke ihr Gehäus; 
sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine Viertelstunde 
später zerknirschte sie sein Wagen. Er überschritt, tief durch Schnee 
watend, die Passhöhe. Freier wehte es, warm und wohlig ihm 
entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht, das Land. Er kam 
an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte lange Stunden 
am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein. Dunkelgrün 
standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen 
silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf. 

Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins 
Land gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das 
Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein 
Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich 
sich in seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll 
und angehasst auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen 
ritt, daß das Tier unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor. 



114 



daß er, der sachliche Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und 
nackt in ihren Grenzen sah und bei ihrem Namen nannte, am hchten 
Tag überschreckt zusammenfuhr, atmete, die SchuUern hochzog wie 
in Abwehr; ein Gesicht schaute ihm über die Schuker, im Dämmer, 
nebelhaft, und es war sein eigenes. Längst trieb es ihn, nach Hirsau 
zu fahren in das weiße Haus mit den bunten, fröhlich feierlichen 
Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es sich gestand, immer 
wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das Atemsperrende, 
Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden, 
fordernden, trübgrauen Augen. Er gestand sich auch jetzt nicht ein, 
daß es die Abwesenheit des Alten war, die ihn nun auf einmal so 
rasch den Entschluss zur Fahrt hatte fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, 
er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle begleitet, er war so leicht und frei 
wie noch nie. Er fuhr zu seinem Kind, und er war schon bei seinem 
Kind, und alle seine Ziffern und Politik und. Macht und Eitelkeit 
blieben lahm und staubig dahinter. Er sah den jungen Acker und er 
roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel dieses Feld bringen 
werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides neue Steuern 
quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des jungen 
Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Er fuhr zu 
seinem Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann 
endlich wird er den kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses 
sehen und die Blumenterrassen davor und sein Kind darin? Da, von 
der Landstraße ab, der Karrenweg. Er verlässt den Wagen, biegt, 
immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. Hier der Zaun, er 
öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die Beete jetzt, und 
jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem Hals, 
vergehend. Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. 
Hängt an ihm, verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren 
großen, erfüllten Augen in sich hinein. Wie schön ist sein Kind! Sie 
ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr, keine leiseste Bewegung, 
kein Haar, kein Hackern in der Stimme, das er anders wünschte. 
Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und rein ist sie, 
reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie rein. Er hat mit 
ihr seine zutunlichste Freude an der alten, watschelnden, herzlich 
ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, 
erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als 
sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und 
er spürt ihr Leben in den Dingen.Aber da stand er mit Naemi in der 
Bibliothek. Tafeln waren da mit magischen Figuren und 



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astrologischen Tabellen, und plötzlich überkam es ihn, als seien die 
Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie auf ihn, 
trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Doch da sprach Naemi und die 
schwere, lähmende Luft war fort. Von den Menschen der heiligen 
Geschichten sprach sie. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an 
ihrem Vater, und kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz 
blickend, mit der Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und 
links sanken die Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der 
Makkabäer die Heiden aus dem Tempel. Und alle waren sie er, 
flössen sie in eins in ihm, borgten von ihm ihre Kraft, Schönheit, 
ihren Eifer und Sturm. Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst 
vom Wirbel seines Alltags. Am dritten Tage plötzlich, er war allein 
im Zimmer und Nickjas Pfäffle stand vor ihm, fetten, unbewegten 
Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, das Zurückgelassene Er sah 
seine Akten, auf Unterschrift wartend, getürmt, er sah die wirbelnde 
Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, Geschäftsleute, alle jagten, 
hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo er stand, gefährdeten ihn, 
und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er saß hier fernab, 
kümmerte sich um nichts. Unbegreiflich, daß er die Tage her an 
nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre 
Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, 
die Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm 
albernes Zeug. Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, 
herzogliche Reskripte, Intrigen der Landschaft, komplizierte 
Geschäfte, Leben, Macht. Mit halber Seele nur schaute er auf sein 
Kind, das ihm, verströmend, im Arm lag. Er riss sich los, und schon 
lag das Mädchen, das weiße Haus, die feierlich frohen 
Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel sprang zu. Wie 
er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg 
zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein 
Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen 
seltsam unter dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, 
hinstarren schräg hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der 
Haltung einer Ruhenden, sondern angestrengt, gekrampft. Er ging 
gerade auf sie zu; sie war schön, sehr anders als die Mädchen im 
Lande, auf dem bräunlich kühnen Gesicht standen sonderbare, nicht 
alltäglich schwäbische Gedanken. Erst als er auf dem weichen 
Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, sprang auf, starrte ihn 
an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der Teufel! Der Teufel 
geht durch den Wald!" lief fort. Dem erstaunten Süß erklärte der 



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gleichmütige, alles wissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen Sibylle 
Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin." 

In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon 
unterwegs sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten 
persönlich zu erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er 
sich selbst belog. Was nottat, war nicht persönliche Besprechung 
jener Affären in Frankfurt, was ihm nottat, was er ersehnte nach dem 
seltsamen und unsichem Hin und Her in dem Haus mit den 
Blumenterrassen, das war Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, 
seines Erfolges, Widerhall, Sicherung. Er schickte nach seinem 
Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr groß und glänzend in Frankfurt 
ein. 

Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten 
wackelnde Köpfe zusammen, schnalzend, verwundert, bewundernd, 
hoben vielbeweglich die beredten Arme. Ei, der Josef Süß 
Oppenheimer! Ei, der Württemberg ische Hoffaktor und Geheime 
Finanzienrat! Ei, was hatte er es weit gebracht! Sein Vater war 
Schauspieler gewesen, seine Mutter, die Sängerin, schön, elegant, 
nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, keine Ehre für die Judenheit, 
sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken des Gerechten zum 
Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, geachteter Mann, aber 
doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef Süß, so hoch, so 
glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der Darmstädter, 
der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu werden. Ei, wie 
sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein Jud ist, reißen 
die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich bis zum 
Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, 
als wäre er der Herzog selbst. Süß schleckte gelüstig die 
Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum Erstarren, für die 
Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger kam und 
der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner, 
nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende 
Augen, sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm 
Segenswünsche auf den Weg. Und er stand vor seiner Mutter, und 
die schöne, alte, törichte Frau breitete ihre eitle Bewunderung unter 
seine Füße wie einen weichen Teppich. Er badete in dieser lauen, 
ungehemmt über ihn hinwellenden Bestätigung, aus hundert blanken 
Spiegeln strahlte alles Erreichte berauschend auf ihn zurück; seine 
heimlichsten Träume kramte er aus versteckten Winkeln vor diese 
willigste Hörerin, die selig lächelnd seine Hand tätschelte. Zäh 



117 



entschlossen, von keiner Nachwallung des weißen Hauses beirrt, bis 
zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten Entwürfen, kehrte er nach 
Stuttgart zurück. 



118 



Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine 
Hauptstadt. Er war schlechtgelaunt. Zwar hatte er gezeigt, daß er ein 
Faktor war, daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer 
ansehnlichen Armee rechnen musste. Aber eigentlich waren das 
doch recht magere Resultate und weit entfernt von cbr Gloire, von 
der er geträumt. Verdrossen saß er in seiner Kutsche, das Übel seines 
lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, sein Asthma bedrängte ihn. 
Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der 
herzoglichen Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden 
Gesichtern erkannte Karl Alexander ein mürrisches, unerregt 
grüßendes. Breit, blass, platte Nase unter mächtiger Stirn, trübgraue 
Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, als höre er die knarrige 
Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht." Jäh schnürte ihn 
unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten in einem 
stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine rechte. 
Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch viele 
Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich 
Karl, der Schönbom, der Würzburger Bischof? Wie schaurig 
possierlich er aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer 
verdrossen fuhr er weiter. In Stuttgart hob sich von allen Seiten 
Ärgerliches. Die Herzogin hatte ihn erfreut begrüßt; in der Nacht 
dann, in seinem Arm, hatte sie in ihrer leisen, leicht spöttischen Art 
gefragt, was er ihr alles Schönes in Versailles erbeutet habe; als 
Braut habe sie geträumt, er werde dem französischen Ludwig die 
Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe bringen. Es war 
gewiss harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief gewurmt. 
Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei 
und Reklamiererei der parlamentarische Ausschuss an. Verlangte in 
einer zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach 
erfolgtem Friedensschluss, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, 
der Atem setzte ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation 
anzuhören, nicht mit Fäusten über sie herzufallen, sie nicht 



119 



verhaften, nicht kreuzweise schheßen zu lassen. Höchst unwirsch 
und ungnädig, unter Atemnot und Husten, Flüche und 
Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die Verängstigten, 
Entsetzten fort. Berief den Süß. Der trug, wie stets, ein fertiges 
Projekt in der Tasche. Karl Alexander empfing ihn nach dem Bad, 
im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den lahmenden Fuß, der 
Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab und zu. 
Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan 
auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine 
Durchlaucht sich nicht begnügen, mit den elf Herren des 
parlamentarischen Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuss müsse 
aus den übrigen Abgeordneten verstärkt werden. Was damit 
gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen Augen 
unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des 
Juden. Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei 
solcher Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren 
treue und loyale Gesinnung gegen den Herzog feststehe. 
Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte 
scharf nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf 
diese Art die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, 
die Landschaft in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste 
gewandelt werden könnte. Sprang auf, daß der Kammerdiener 
Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß rieb, zurücktaumelte. „Er ist 
ein Genie, Süß!" jubelte er los, stapfte, den einen Fuß bloß, im 
Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in seinen Winkel 
zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den 
Bewegungen seines Herrn. Denselben Abend noch konferierte Süß 
mit Weißensee. Teilte ihm mit, der Herzog halte es für notwendig, in 
einer so wichtigen Affäre den Ausschuss zu verstärken; wer wohl 
nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten Verständnis für 
die großen Probleme und Sinn genug für die europäische Bedeutung 
Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und 
somit fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. 
Behutsam saß der andere, rühmte die Umsicht und 
Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte nach langen Umschweifen, 
zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog sogleich wieder ab und 
sprach, verbindlich, von anderem. Belanglosem. Süß ging höflich 
darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der Präsident des 
Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob er, 
Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem 



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diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre 
in Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der 
Prälat, griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und 
Verräterei, nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden 
Landtag zu sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den 
nicht genannten die Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war 
durchaus nicht die beste aller denkbaren Welten, 
wie gewisse a la mode-Philosophen wollten, es war eine schlecht 
eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige konnte sich rein 
halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz abseits bleiben 
wollte vom fließenden Leben, der musste unsauber und zum 
Verräterwerden. 

Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden 
nach der Liste des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre 
Proteste nicht beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit 
starkem militärischen Geleit in den einzelnen Städten, Ämtern, 
redigierten, gewalthaberisch Wünsche, Vollmachten, bindende 
Aufträge der Bevölkerung an die Deputierten. Unter solchen 
Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf Jahrzehnte 
hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die Unterhaltung eines 
ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. Nicht im 
Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine 
Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der 
bequemeren Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem 
Ludwigsburger Schloss unter seinen Augen stattzufinden habe. Die 
kleine Stadt quoll über von Soldaten, die Deputierten tagten, 
bewacht von einem starken Militäraufgebot, immer gefährdet, von 
ihren Schützern beim kleinsten Wort der Opposition festgenommen 
zu werden. Der Herzog erschien nach einer nonchalanten 
Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade ab, hielt 
kriegerische Übungen in der Umgegend, während seine Minister 
lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, 
hochmütige Antworten gaben. 

Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen 
des Herzogs genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der 
Dreißigste von allen Früchten. Geltung haben sollte dieser 
Steuermodus, solange die bedenklichen Zeiten dauerten und das 
Land es vermöge. Nicht schärfer wagten unter den Musketen der 
Soldaten die sonst so bedächtigen, vorsichtig um jedes Jota 
feilschenden Herren diese entscheidende Klausel zu präzisieren, und 



121 



als sie in einer inoffiziellen Besprechung bescheiden die Frage 
aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der Lage und die 
Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, wurden Süß 
und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die 
Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses 
wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine 
Verfassung im Land gab, ein Württemberg ischer Herzog vom 
Parlament solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und 
sein Jude. Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von 
Hirsau, Filipp Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in 
Stuttgart. 

Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf 
dem Familienschloss Winnenthal des Herzog Bruder, Prinz Heinrich 
Friedrich. Seitdem Karl Alex aber seine Geliebte gehabt und sie 
dann breitlachend hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder 
zu geschickt hatte, verzehrte sich der schwächliche Mann in 
Ohnmacht und grellen Rachephantasien. Er sah oft mit gequälten, 
gedrosselten Blicken auf das sanfte dunkelblonde Geschöpf, dessen 
Dasein jetzt eine einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal 
legte er ihr die kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen 
vollen, gesunden Hals, drückte langsam zu, würgte ließ erschrocken 
ab, streichelte sie: ,JI)u kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts 
dazu." Er malte sich wilde, phantastische Racheszenen aus: wie er 
die Geliebte ersticht, den Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, 
durchs Land jagt, das Volk groß zur Rache aufruft. Oder wie er den 
Bruder fängt, ihn zwingt, der Geliebten die Füße zu küssen, wie er 
dann beide tötet; die Frau feierlich wie eine Kaiserin bestatten lässt, 
der Bruder einscharren wie einen Hund. Und er selber thront, ein 
theatralischer Rachegott, über allem. Tun aber konnte er von all dem 
nichts, er konnte sich nur daran verzehren und sterben. 

Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte 
den Minister Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß 
Winnenthal, die Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und 
insbesondere seine Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte 
gerade während der Tagung des Rumpfparlaments von neuerlichen 
Zetteleien seines Bruders mit der Landschaft gehört, er brannte 
darauf. Beweise, schwarz auf weiß, in die Hand zu kriegen wider 
gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie wollte er sie 
packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf zertreten. 
Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloss spärliche, bestürzt 



122 



schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch 
das blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als 
belanglose Schreiberei. 

Der schäumte gegen die Abgesandten, die ihm nur Wertloses 
beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende, 
verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt 
gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken. 
Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhassten zu stürzen, kam 
nicht wieder. Würde Karl Alexander es nicht müde, mit diesem 
zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, das, wenn nicht aus 
Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen Schikanieren!, 
Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändem bestand? Süß 
erreichte, was er wollte. In Ungnaden entlassen wurden die Minister 
Forstner, Neuffer, Negendink, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An 
den weit über Württemberg ragenden, festen, gelehrten Mann wagte 
sich der kluge Süß nicht, auch schätzte der Herzog die Unterhaltung 
des festungsbaukundigen Mannes zu sehr, als daß Süß hier etwas 
hätte ausrichten können. Ein großer Besamtenschub kam. Bisher 
waren biedere, gemütliche, schwäbische, langsame, gutartige 
Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt rückten glatte, flinke Leute 
an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, in mancherlei 
komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, die 
Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen 
entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten 
sie besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte 
nichts als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch 
Schatullen Verwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er 
war, und alle Höfe wussten dies, der wahre Regent des Landes, er 
hielt auch ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum. Befreit 
auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus der 
Krieg. Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, 
mit Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die 
jungen, festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten 
Fäuste für die Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im 
Hauswesen, fürs Bett. Einteilen wird man sich sein Geschäft können, 
nicht ins Ungefähr wird man wirtschaften. Die Pferde wird man 
wieder haben, die lieben, kräftigen Rösser, sie werden abgerackert 
sein, aber man wird sie schon glatt und hoch bringen. Alle Äcker 
wird man bestellen wie früher, den Weingarten wird man nicht 
weiter verludern lassen, das Haus nicht verdrecken und verfallen. 



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Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr Auskommen haben 
wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, Esswaren 
reichlich und Wein. Nach Westen alle Blicke, von wo die Truppen 
wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, Tross, 
Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und 
Saft zurück. Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich 
resignierte, als die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, 
auf den Mist die Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert 
Axtmänner. Verzweiflung brach aus, Rottierer hoben sich, drohender 
als bei Beginn des Krieges, aber rascher noch und energischer zur 
Ruhe gebracht. Mit Quartier belegt, denn Kasernen mangelten, alle 
Untertanen, auf je zwei Familien kam ein Soldat, überall im Land 
lagen sie bei Bürgern und Bauern. Spionierer gingen herum, wer 
murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter Last beladen. Ringsum 
die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im 
Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte 
Karl Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so 
musste er es jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die 
üppiger glänzte von Tag zu Tag. Süß, es war ein Wunder, es war 
Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er eine Wünschelrute, spürte 
er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu scharren. Während des 
Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, jetzt, langsam, mit 
unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu. Niedergehalten von 
dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das gequetschte 
Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus, seufzte 
gedrosselt, verging. Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz 
waren Ämter und Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das 
System, setzte eine eigene Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede 
freiwerdende Stelle kunstgerecht an den Meistbietenden zu 
versteigern, neue Ämter, Titel, zu solchem Behuf zu schaffen. 
Gekauft werden musste jeder Posten, vom Expeditionsrat bis 
herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und 
besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene 
Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer 
kein Geld hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im 
Ausland fortzubringen. Dem mittellosen Friedrich Christoph 
Koppenhöfer konnte selbst der warme Fürspruch Bilfingers nicht zu 
einer Professur in Tübingen verhelfen; in Sankt Petersburg, bei den 
Hyperboreern, musste sich der ausgezeichnete schwäbische Physiker 
Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus allen Winkeln 



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der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen Ämtern. Aber 
die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie versagen 
konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer 
Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer 
Rentabilität verwaltet. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt. Spionierer 
reisten im Land herum, spürten die reichen und vermöglichen Leute 
auf, die ohne Schutz standen, nicht versippt waren mit Herren am 
Hof oder vom Parlament. Dann hängte man ihnen einen Prozess an, 
sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben, schlug durch 
Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den Redlichsten so 
lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die geforderte 
Summe zahlte. Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb 
eines Jahres diese Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. In 
Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt 
innehatte, wusste man längst, daß nicht vom Schloss aus regiert 
wurde, sondern aus dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man 
Fäuste vor diesem Haus, knurrte Verwünschungen, spie aus, ein 
Kühner klebte wohl einmal ein Pasquill an, aber alles nur nächtlich, 
heimlich, spähend nach allen Seiten. Denn der Jude hatte überall 
seine Leibhusaren und Spione, und wer sich gegen ihn verging, 
konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen oder in den Kasematten 
von Hohenasperg, kreuzweise geschlossen und in ewiger Nacht. 
Im blauen Rock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, 
unter ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites 
Mal das Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt 
brauchte man nur zu sagen: ,Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte 
eine Hur", und jeder ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud." 
Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn 
wuchs, Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog 
lag darauf mit seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. 
Zweihundert Städte, zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der 
Herzog sog an ihnen, sog durch den Juden. Und das Land trug ihn 
und den Juden. In den Brüdergemeinden, Konventikeln, 
Bibelkollegien der Pietisten sammelten sich die Mühseligen und 
Beladenen. Sie krochen zu Gott wie getretene Hunde, leckten ihm 
die Füße. Überall im Herzogtum, trotz der scharfen Erlasse und 
Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In Bietigheim pries der 
Prädikant Ludwig Bronnquell den Süß als willkommene Geißel. 
Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe 
er durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien 



125 



solcher Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten 
schlagen auf sie hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf 
sie hinein, der vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen 
sie nicht aus, gehen also durch und suchen einen andern Herrn: 
Christum. 



126 



19. 



Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau 
zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem 
sie im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von 
diesem Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, 
ihn zu Gott herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen 
gemischt, trieb sie immer wieder in den Wald, aber sie begegnete 
dem Teufel kein zweites Mal. Seltsam war, daß sie von dieser 
Begegnung den Brüdern und Schwestern im Bibelkollegium nicht 
sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der Führerin, der 
Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht geheim. Es 
war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel zu 
kämpfen. Luzifer war schön, dies war seine stärkste Kraft und 
Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott zu 
führen, das musste ein Triumph sein, in dem man verging. Auch der 
Magister Jakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den 
Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich 
hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige 
Glanz auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen 
Menschen aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom 
Himmlischen Jerusalem sang. Er sah dann vor dem weißen Haus mit 
den Blumenterrassen das Mädchen im Zelt, sich dehnend und 
verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes Gesicht unter 
blauschwarzem Haar. Gelegentlich einmal hatte ihn die Stuttgarter 
Brüdergemeinde veranlasst, sich um die herzogliche 
Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran gescheitert, daß 
er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die Stelle 
gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so 
konnte er in Hirsau bleiben und um cbn Wald und das weiße Haus 
herumträumen. Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen 
Sibylle imKollegium eine merkwürdige innigere Verbindung her. 
Die Brüder und Schwestern seufzten demütig und dankbar von den 
schweren, seligen Zeiten der Not und der Erweckung, von dem 



127 



grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum gesandt hatte, 
und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen 
Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und 
gingen durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle 
miteinander und erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum. 

Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, 
gewöhnte sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte 
die Schwaben nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, 
Unweites, Verquertes nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer 
Tributzahlung in die Ställe des Kalifen gekommen, von einem 
Untersäckelmeister an den Levantiner Daniele Foa verhandelt 
worden, der wieder hatte sie an seinen Geschäftsfreund, den Süß, 
verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn es war sein Eigentum, 
und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es nicht. Er wusste 
damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm selber 
war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm 
sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. 
Aber waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er 
wusste es nicht. Doch die Schimmelstute Assjadah wusste es. Sie 
kannte den Schritt ihres Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen 
Dunst. Sie dachte, während sie unter ihm leicht und ziervoll 
hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er ist schön zu tragen. Man spürt 
ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von mir selber. Er hebt und senkt 
sich mit meinem Atem und meinen Muskeln. Wenn mich die 
anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu ihnen. Aber er 
ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte rennen und 
fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut 
klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft, fch gehöre zu ihm, 
und ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie 
reckte den Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend 
den aufhorchenden Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er! Denn 
Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her und 
zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des 
Hofs und der Gesellschaft. Er hielt darauf, das Zentrum der 
höfischen Veranstaltungen zu sein. Kein Fremder von Stand kam 
nach Stuttgart, der nicht dem allmächtigen Günstling seine 
Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte seine Dienerschaft, daß 
seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree schier eine kleine 
Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten hielt er in 
knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr als den 



128 



Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim 
leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweischließenlassen, 
Auspeitschen, Untermgalgenbegraben. 

Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl 
Alexander fühlte sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der 
als erster an seinen Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis 
so vertrauend sein ganzes Leben gestellt hatte. Voll ehrlicher 
Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr beigemischt, sah 
er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man von ihm 
verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat 
seines Finanzdirektors. 

Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu 
sich selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein 
gelähmtes, starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen 
und wie spielerisch er sie bewältigte. Er stand, der Jude, vor ganz 
Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war 
elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick 
konnte ihm kein leises Zucken nachspotten. Um sein Haus so 
fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der Hand zu 
halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und immer 
in Fluss und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener 
Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, 
gelernt, mit großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die 
Administration des gesamten Herzogtums durch seine Hand, das 
Vermögen von zweihundert Städten und zwölfhundert Dörfern stand 
ihm für seine Transaktionen zur Verfügung. Bei seiner fieberhaften 
Betriebsamkeit warf er es dahin, dorthin, ließ es rollen in rasendem 
Umlauf. Er hatte Beziehungen zu allen Geldmännern Europas, durch 
seine zahllosen, zumeist jüdischen Hintermänner floss das 
schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle, pflanzte Plantagen in 
Niederländisch- Indien, kaufte Pferde in der Berberei, jagte Elefanten 
und schwarze Sklaven an der afrikanischen Küste. Sein Grundsatz 
war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, taumelnder Umsatz. Nicht 
großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger Gewinn dadurch, daß man 
von allem ein winziges Bruchteil in der Hand behielt. 
Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am 
Württemberg ischen Hof etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn 
mit Douceurs und FVäsenten. Der Herzog, von Remchingen darauf 
aufmerksam gemacht, lachte: ,J!.ass den Kujonen profitieren. Von 
jedem Profit, den er hat, profitier ich das Doppelte." Sein Handel mit 



129 



edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem aber wuchs sein Kommerz 
mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen fanatisiert geliebt; doch 
bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein Portugiese in die Quer 
gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo, ein langer, 
stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler 
Schmuck zu erlauem war, unversehens wie durch magische Mittel 
verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, 
entfleischten Totengesicht und immer in verschollener, schlecht 
sitzender, schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am 
kurpfälzischen Hof hatte er hohe Titel und Würden inne, durch seine 
diplomatischen Beziehungen beherrschte er den Amsterdamer Markt 
und von da aus den ganzen deutschen Juwelenhandel. Jetzt nützte 
Süß seinen politischen Einfluss, den verhassten Konkurrenten 
auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und mit 
Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere, 
unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu 
machen war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die 
Geschäfte des Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und 
seltensten Steine jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz 
erlesene Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren. Auch die 
Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an 
mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und 
subalternen Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch 
ganz verkannt und gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als 
ich kein anderes Mittel übriglieb. Jetzt war es großzügiger, an dem 
erhöhten Umsatz des guten Geldes zu profitieren. So war das Geld, 
das er prägte, das beste unter allen deutschen Scheidemünzen, das 
gangbarste und gesuchteste. Vor allem aber juckte es ihn, durch die 
Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde mundtot zu machen. Er 
wusste, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen, hier konnte er 
über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er andererseits hier reell 
befunden, so musste sein Kredit ungeheuer steigen. Gespannt wartete 
er auf eine Anklage, suchte sie zu beschleunigen. Der plumpe 
Remchingen, von anderen in solchen primitiven Finanz- 
anschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden 
Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen 
Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, 
bis der endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden- 
stolz lächelnd, wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen 
zu schwer aus, es sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in 



130 



seiner Unantastbarkeit. Ein Netz von Unternehmungen, vielfältig 
verästelt, spannte er übers Land. Er dehnte sich und badete in der 
Macht. Aber manchmal war es ihm, als sei es nicht er, von dem der 
ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann hob er wohl die Schultern, 
überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn eine unheimliche 
Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich schreiten in 
einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine 
rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten 
ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch viele 
Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig 
possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in 
dem ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, 
Sichwinden. Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze 
Augenblicke. Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, 
nebelte ins Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen 
und zählen, das Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, 
haben konnte. Es war da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben. 



131 



20. 



In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin 
gehörte. Die Scherüin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein 
angefangen, jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft 
blühte, sie hatten eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in 
Stuttgart eine Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt 
hatte seinerzeit, als die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der 
Seniorchef der Familie, Christoph Adam Schertlin, ihre 
Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durchgesetzt und der Gräfin 
Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert überlassen. Auf diese 
simple Manier war die mächtige Favoritin für das Unternehmen 
interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft Privilegien und 
Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und ihr in 
Württemberg liegendes Vermögen liquidieren musste, konnte 
Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse 
Unterhandlungen mit Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt 
hatte er sich vom Kommerz zurückgezogen, das herzogliche Gebiet 
verlassen, in der freien Reichsstadt Esslingen ein Patrizierhaus 
gekauft und neu eingerichtet. Dort saß er nun, stattlich, reich, 
Ratsherr, hoch angesehen. Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, 
Maulbronner Manufaktur leitete jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein 
fester, kundiger, zupackender Mann, mit der erste unter den 
schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine Französin zur Frau 
genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im Oberamt 
Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen 
Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer 
roter Mund, in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter 
rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit 
ihr nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu 
leugnen, aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz, 
meist schwieg sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in 
Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur 
stockend. Aber Johann Ulrich Schertlin konnte sich das leisten, er 



132 



saß dick in Geld und Würden, er hatte ein Haus in Stuttgart, eines in 
Urach, abgesehen von den Manufakturen. Er stellte, Teufel noch 
eins, seinem Hauswesen vor, wen er für gut hielt. Und er wandelte 
stattlich hin mit der Frau, die er liebte, und sein Haus und Tagewerk 
gedieh. Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen 
Daniele Foa in Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, 
Juwelen, Stoffe und Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute 
Assjadah hatte er beigebracht. Diesen Daniele Foa kannte Süß schon 
von der Pfalz her, wo ihm seine Unterstützung in dem Kampf gegen 
Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll gewesen war. Der 
Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann, hatte den 
Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien in 
Gang gesetzt und benützte den Einfluss des Süß, jetzt ins 
Schwäbische hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und 
Gerechtsame, stieß aber hart auf die Konkurrenz der Schertlinschen 
Manufakturen, die überall in diesen Gegenden ausgezeichnet 
eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner gern gefällig sein wollte, 
machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht daran, diese Konkurrenz 
rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der Schertlin wurden 
schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert, ihre Verträge 
mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht, daß 
sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der 
Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen 
eine Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem 
Allmächtigen die Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen 
Höhe zu berechnen, es wurden von seinen Sendungen nur ganz 
geringe oder gar keine Abgaben erhoben. Auch die Schertlin 
persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte unter nichtigem 
Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozess an, aus dem er sich nicht 
herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem sie 
hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten 
Christoph Adam freilich, der in dem freien Esslingen saß, konnte 
man nicht heran, und auch an Johahn Ulrich wagte man sich 
vorläufig noch nicht. Aber die Hand des Juden lag schwerer auf 
dieser Familie als auf den anderen, und Johann Ulrich würgte an dem 
Kummer über den Niedergang seines Geschäfts, an der Schmach, 
zwei junge Schertlin zur Armee gepresst zu sehen, an dem Gram, 
seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können, 
den er für sie träumte. Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die 
Hand, den Johann Ulrich zu fangen. Der eine junge Schertlin, der 



133 



Soldat, hatte Urlaub erhalten nach Eßlingen zu seinem Großvater 
und kam von dort nicht zurück. Verhandlungen zwischen dem 
Herzog und der Stadt über die Auslieferung von Deserteuren 
schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf Betreiben des 
alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen Menschen 
herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief 
Johann Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, 
den Deserteur den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies 
war Kriegsverbrechen, Hochverrat. Süß, alle Trümpfe in der Hand, 
ging langsam, sänftlich vor. Zunächst wurde Johann Ulrich 
aufgefordert, sich herzoglichen Kriegsinquisitoren zu stellen. Da der 
stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er aufgehoben, auf den 
Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein Militärgericht werde ihn 
aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen. In dem verödeten 
Haus saß blass die Französin. Das neugierige Mitleid der 
Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, 
roten Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die 
Hochmütige zu trösten, die einem ja doch nicht den Gefallen tat zu 
jammern, und sie allein ließ, erschien bei ihr der Rat Bühler vom 
Fiskalatsamt, ein weitläufig Verschwägerter der Schertlin. Die hatten 
als vor einer Süßischen Kreatur immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt 
kam er wichtig, fraß seine Genugtuung: spielte den Großmäuligen, 
protzig Mitleidigen. Fand die Waldenserin in ihrem starren, 
hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den Süß 
aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart, 
das sei natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht. Ob die Waldenserin 
ihren Mann liebte, wusste niemand, und sie selbst nicht. Aber wie 
sein Prozess immer näher kam, ging sie zu Süß. Sie war aus gutem 
Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition französischen Hoflebens, 
Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle des Juden, die 
weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen. Das war 
anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin. Das war die Fülle, 
der Überfluss, jenes Überflüssige, das das Leben aus einem 
Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, 
Liebens- und Sehenswertem machte. Süß war guten Humors und die 
Frau gefiel ihm. Er traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er 
sah, es war ihr lieber, nur Französisch, streichelte sie mit mondänen 
Komplimenten, redete mit keinem Wort von ihrer Bedrängnis, das 
war ihre Luft; wäre sie nicht als Supplikantin gekommen, sie wäre 
ihm wie von selbst zugefallen. So aber, wie er plötzlich mit 



134 



zynischer Galanterie eine Brücke schlug von ihrem Anliegen zu 
seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile reglos, totenhaft fahl. 
Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich, daß sie nicht eh 
bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf er sich glatt 
und ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief verneigte: ,JI)ann 
also nicht!" sie höflich zur Tür geleitete und ihr, Abschied nehmend, 
die Hand küsste. Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte 
sich, die Affäre durch das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann 
Ulrich kam mit einer Geldbuße davon, die allerdings so hoch war, 
daß sein Handel daran für immer erlahmen musste. In der 
Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte sie 
nicht gewusst, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wusste sie, 
daß sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie 
nicht wert, wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er 
nicht Glanz und Überfluss und weinrote Lakaien und Chinoiserien 
vor sich hinbreiten konnte wie jener, weil er sich von jenem hatte 
besiegen lassen, weil sie seinethalb so kläglich vor jenem gestanden 
war. Sie verachtete ihn, weil sie seinethalb die Galanterie des Süß 
zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte sie, Johann 
Ulrich war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann Ulrich 
kein Wort, nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte 
gegen den Süß, schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. 
Aber es war hohes Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen 
mit kalter, hochmütiger Gleichgültigkeit an, und er wusste so gut wie 
sie, daß er zerknickt und ohne Kraft war und nie etwas tun werde. 
Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde 
versteigert, versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Dfcr 
Levantiner erwarb sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine 
Verwalterstelle in seinen früheren Fabriken. Vielleicht hätte er 
akzeptiert, hätte nicht die Frau, den Süß hinter dem Angebot 
witternd, scharf und kurz abgelehnt. Auch die anderen Schertlin 
gerieten mit in den Sturz. Verkauft die Häuser in Urach und 
Stuttgart, verkauft die Weinberge und Felder. Nur der alte Christoph 
Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den großen, verwittemnden 
Kopf noch höher, stieß noch heftiger mit dem Rohrstock gegen den 
Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht 
zitternder Hand. 

Johann Ulrich, wie viele andere, die bei währendem Regiment 
des Süß von Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, 
sich einem Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien 



135 



wollte. Die Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, 
wilden Kampf. Er schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen 
Kramladen auf in Urach. Verlotterte mehr und mehr, saß in den 
Kneipen, besoff sich, fluchte gotteslästerlich gegen den Herzog und 
die höllische hebräische Wirtschaft. Aber während man sonst jede 
solche Unmutsäußerung schwer strafte, ließ man ihn ruhig gewähren. 
Auch sein Kramladen wurde vom Amt in jeder Weise unterstützt. 
Die Behörden mussten von einflussreicher Stelle einen Wink 
bekommen haben. 

Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz 
wie früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. 
Wollte eine Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, 
antwortete sie karg und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch 
sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast immer welsch und 
die Landessprache nur stockend. 



136 



21. 



Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer 
seinen Kaftan, aufdringlich am Ärmel trug er das württembergische 
Judenzeichen, das niemand von ihm verlangte, das 5 mit dem Hörn. 
Die glänzenden Spiegel warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein 
Bild zurück, den klugen, fleischlosen Kopf mit den 
Schläfenlöckchen, dem schütteren, rotblond verfärbten Bart. Der 
Finanzdirektor zeigte ihm sein Haus. Der Mann im Kaftan stand vor 
den Vasen, Gobelins, klingenden Pagoden, sah mit aufreizend 
spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph des Merkur, klopfte mit 
der dürren, kalten Hand die Schimmelstute Assjadah, schritt durch 
die beiden Pagen, die Söhne des Domänenpräsidenten Lamprechts, 
die in Haltung am Eingang zu den Privatgemächem standen. Prüfte 
mit den Fingern die kostbaren Stoffe der Möbel, nannte mit 
stupender Sachkenntnis die Preise. Stand kopfschüttelnd vor den 
Büsten des Moses, Homer, Salomo, Aristoteles, äußerte: „So hat 
Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht ausgesehen." Aber aus, dem 
Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie geruhen Euer Durchlaucht 
geschlafen zu haben?" Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er 
hatte für diesen Besuch sein Palais sorglicher vorbereitet als für den 
Besuch manches Fürsten. Er lauerte auf eine Bewegung der 
Überraschung, staunenden Anerkennens; dem Mann im Kaftan, 
gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende, quälende 
Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die fröstelnden 
Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?" Durch das Kabinett 
ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des Kammerfiskals 
Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine erklärte 
Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß, 
üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinir. Als Süß sie wegen der 
Störung anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die 
Lippen geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich. „Wozu, Reb 
Josef Süß?" wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich dreißig 
Diener? Köimt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Dir habt 



137 



dreißig Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse 
haltet, ich begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein 
gutes, breites Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud 
einen Papagei ?" Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem 
Ärger. Dies war nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, 
offensichtlicher Hohn. Was kein Minister sich erkühnte, der Mensch 
im Kaftan tat es mit der schlichtesten Selbstverständlichkeit: machte 
sich ihm ins Gesicht hinein lustig über ihn. Und er war machtlos 
gegen ihn, er brauchte ihn, er konnte nur schweigen. Sicherlich wird 
er auch wieder von den altmodischen Geschichten anfangen, die für 
die Gegenwart ganz ohne Sinn und Bezug sind, dem Ravensburger 
Kindermordprozess und solcher Narretei. Und er. Süß, musste das 
alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu machen ohne Isaak 
Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden Burschen 
beiseite drängen könnte! Aber man musste froh sein, wenn er einen 
an sich heran ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum. 
Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich, 
schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er 
musste viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen 
Großgetues wie in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers 
hielt keine noch so kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang 
sofort dahinter, alles Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit 
kopfwackelndem Unglauben räumte er das schimmernde Beiwerk 
weg und nahm in seine fröstelnden Hände das Herz der Süßischen 
Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so leidiger füllten ihn 
Ärger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber der andere 
hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen. Die Geschäfte 
beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht auf den 
Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere 
jüdische Historie aus den Württemberg ischen Lauften. Das war die 
Sache mit dem großen Judenkünstler Abraham Calomo aus Italien - 
es mochte jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich 
dem Ersten - und seinem Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der 
Herzog hatte diese welschen Juden mit großen Versprechungen ins 
Land gezogen. Er war von dem aimablen Wesen, der Gelehrsamkeit, 
dem finanztechnischen Geschick des großen Judenkünstlers wie 
verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu ihm, wies alle 
Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und ungnädig 
zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen Oslander 
aus dem Herzogtum, und Abraham Calomo und die Seinen saßen 



138 



groß und prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die 
Geschichte doch mit Graus und Schrecken, etliche wurden 
martervoll hingerichtet, der Rest nackt und bloß aus dem Lande 
gejagt, Juden auf lange Zeit nicht mehr ins Herzogtum gelassen. 
„Nagende Würmer haben sie uns geschimpft", sagte Isaak Landauer. 
„Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt, nagt. Einer nagt am 
andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt, nagt, solang sie 
Euch dalassen!" Und er lachte sein kleines, gurgelndes Lachen. Als 
der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich 
verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige 
Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: 
dem Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. 
Magdalen Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. 
So hatte sie sich, schmuddelig und mit Kaftan und Schlaf enlöckchen, 
nach gelegentlichen Judenbildem die kleinen, widerlichen Sendung 
Beelzebubs ausgemalt. Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er 
als Präsident des Kirchenrats ihm einen Dankbesuch machte, 
beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe gehört, der Herr Präsident 
habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es sei nicht 
wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fem von der 
Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug, 
daß sie eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die 
Demoiselle Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte 
verbindlich, freute sich an dem ehrenvollen Interesse Seiner 
Exzellenz. Es war ihm dann leichter gelungen, als er erwartet hatte, 
seine Tochter zu vermögen, daß sie mit ihm nach Stuttgart gehe, dem 
Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der Aufforderung des Vaters 
Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre Sendung erfüllen, 
wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei seinen kleinen 
Sendungen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit ihrem 
Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft. Als sie erfuhr, daß 
Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise Enttäuschung und 
saß in stärker gespannter Erwartung. 

Sie wurden vor den andern vorgelassen. An dem Lakaien in 
Haltung vorbei schritt sie vor dem Vater in das Kabinett, sah den 
Süß, erkannte, daß er der Teufel war, schwankte, sank um. Die Sinne 
zurück, hatte sie eine dunkle, samtene Stimme im Ohr: „Ich bin 
desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzidens zustößt, just wie 
sie das erstemal meine Schwelle passiert." Ihr Vater erwiderte etwas. 
Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten. Jetzt nicht 



139 



die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu sprechen, 
ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endhch wohl oder übel lebendig 
werden musste, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen 
gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich 
wild und gekitzelt. Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf 
und ab gesehen, er sah, daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. 
Ihre Ohnmacht, der ungeheure Eindruck, der offensichtlich von ihm 
zu ihr ging, war ihm nach der ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak 
Landauer Labsal und große Bestätigung. Wie sie lag und atmete! 
Wie bräunlich blass und männlich kühn das Gesicht geschnitten war, 
wie erregend der Schwung der starken Brauen. Während Lakaien 
nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte er, ob er es wagen 
solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem alten, servilen 
Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen. Aber da 
schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu dem 
dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und 
Tonfall und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig 
um sie herum, brauchte alle geölte Kunst seiner langen Übung. Über 
das holperichte Gestammel des Mädchens, daß die verwirrten Augen 
aus dem bräunlich fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn 
hielt, breitete er seine gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, 
Arzt zur Verfügung. Hielt den sich verabschiedenden Präsidenten 
mit keinem Wort zurück. Geleitete selbst durch die ehrfurchtsvoll 
grüßende Antichambre Magdalen Sibylle stützend vors Haus an den 
Wagen. Während sie die Eingangshalle durchschritten, kreuzte sie 
die Sophie Fischerin. Faul schleifte das blonde üppige Geschöpf 
durch den Raum, äugte neugierig, schief, gehässig nach Magdalen 
Sibylle. Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, 
trübes Gemisch von Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider 
unbehaglich um die Glieder peitschend. Die Leute stehen gepresst, 
harren aus, schauen zu, wie die Karossen vorfahren, leuchtend, 
lärmend durch die Nacht, zur Redoute des Süß. Pechpfannen 
flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das Tor, 
weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum 
öffnen der Wagentüren. In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner 
der öffentlichen Bälle, an denen Süß verdienen will, wo er durch 
Listen kontrollieren lässt, wer von Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. 
Hat er durch seine öffentlichen Feste der Haupt- und Residenzstadt 
Stuttgart einen rauschenderen Karneval aufgezwungen als je zuvor, 
sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen Sitz für seine Tasche 



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mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als sonst in Wochen, 
so sollte dieser intime Maskenball lediglich der privaten 
Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die 
ersten Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des 
Herzogs waren zu diesem Feste geladen. 

Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt 
sich das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden 
etwas von den Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die 
Minister, die Generäle, der Hof. Sehr hager und die Hakennase 
doppelt mächtig über der spanischen Halskrause seines 
Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber Remchingen, hochrot 
und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken, pelzigen Rock 
seines Bojarenkostüms. Seine Laune wird noch knurriger, wie er im 
Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener vagierenden 
Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der 
internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und 
Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar 
Weiber pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, 
wie sie den mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen 
Chinesen darstellt, doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. 
Er sieht auch gar zu possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem 
lasterhaften, vergreisten Knabengesicht neben dem wuchtigen 
Remchingen einhertrippeit. Der General klirrt massig und imposant 
neben dem kleinen, geckigen Weischen; aber er weiß, die Herzogin 
wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um ihn wütig zu 
machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern 
schwatzenden Franzosen ihm vorziehen. Zu Fuß drängt sich der 
Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk, undefinierbar von 
Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und Schimpfworte 
folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige Parlamentarier, der 
geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich alles Auffällige 
meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der Fürst ist 
gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer, 
eleganter Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm 
eines genuesischen Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der 
er besonders schlank erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er 
hat offenbar Pech mit diesem verdammten Juden. Hat damals in dem 
Schlösschen Monbijou der blaßgelbe Salon seinen blassgelben Rock 
geschlagen, so hat jetzt diese hebräische Bestie ihre ganzen 
Domestiken in Weinrot gesteckt, so daß man ihn, den Fürsten, für 



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einen Lakaien halten muss, daß jedenfalls sein weinrotes Kostüm um 
allen Effekt gebracht ist. Doch neben dem verärgerten Fürsten 
watschelt klein, dick und unscheinbar der Geheimrat Fichtel, mit 
Briefen des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in Stuttgart; er 
steckt kugelig in Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt unter 
dem Fez schaut sein schlauer Kopf, jovial winkt er mit der kleinen, 
fleischigen Hand dem über die Katholiken raunenden Volk zu. 
Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener 
hintenauf in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr 
stieg heraus, merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, 
glitt durch verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische 
Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den 
widerwilligen Süß veranlasst, den jetzt auf lange in Stuttgart 
weilenden Juwelenhändler einzuladen. Dorn Bartelemi Pancorbo 
erschien wie stets, den eingedrückten Totenkopf herausgereckt aus 
schlotternder, schlecht sitzender, verschollener Hoftracht, er 
brauchte weiter kein Kostüm. Pünktlich zur festgesetzten Stunde 
fuhr die herzogliche Karosse vor. Karl Alexander entstieg ihr, heute 
nur leicht hinkend, als antiker Held mächtig und imposant: Marie 
Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem üppigen pfauenblauen 
Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich züngelnd, war 
die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen artigen 
Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer 
feinen, goldenen Rüstung; ein Page trag ihr den Schild nach, ein 
anderer die Eule. Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das 
herzogliche Paar zu begrüßen, schon erschien Süß an der Tür des 
Empfangssaals, schon rangierte man sich im Saal, als der Herzog im 
Vestibül verzog. Er hatte an Seite seines Kirchenratspräsidenten ein 
Mädchen gesehen, groß und schön von Wuchs, im Gewand einer 
Horentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel abnehmend, sich den 
riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf einen Augenblick 
die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche Wangen, 
starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten 
Brauen. Er fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim 
Anblick einer Frau, die Beine wurden ihm schwach, ein hohles 
Gefühl kroch ihm den Magen herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, 
schickte die funken Augen von Karl Alexander zu dem Mädchen, 
das die Larve sogleich wieder vorgenommen hatte. „Ich denke. Euer 
Liebden, wir sollten hineingehen", sagte sie. Da kam auch schon 
Süß, schlank und elegant in sarazenischem Kostüm, sie einzuholen. 



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„Wer ist die Dame?" fragte Karl Alexander. „Die Demoiselle 
Tochter des Weißensee, supponier ich", antwortete der Jude, „die 
Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein." Dann betraten die 
Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die 
Gäste, Fanfaren klangen. Da die Herzogin Komödie sehr liebte, 
begann Süß den Abend mit der Aufführung einer kleinen 
italienischen Oper ,JDer Wüstling wider Willen". Die neue Sängerin 
trat bei diesem Anlass zum erstenmal auf, Grazieila Vitali, eine 
Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett, gelbes, 
hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte 
sich von ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war 
sonst Karl Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch 
der Sängerin große Aussichten gemacht, und als sie nach der 
Komödie dem Herzog präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen 
um ihn herum, bot sich vor aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, 
nur darauf wartend, daß er sich mit ihr in ein verschlossenes Kabinett 
zurückziehe. Aber Karl Alexander hatte nur zerstreutes, beiläufiges 
Interesse für sie, er sagte was wie: „Auf später, auf später" Es war 
offensichtlich, daß ihm für heute eine andere im Sinn lag. Magdalen 
Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum 
abgenommen. Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie 
das nervöse, zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit 
dem Vater hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft 
nicht, den Teufel zu bestehen. Es war Eitelkeit und Vermessenheit, 
den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott hinüberzuziehen. Seit 
sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat sie eine nagende Ratte 
in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber Gott schwieg. Die 
Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier. Im 
Swedenborg stehen Worte und sie klingen nicht und sie packen sie 
nicht, sie läuft zur Beata Stumm, der Heiligen, Blinden, aber sie 
kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist ein armes, krankes, 
altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft ist um sie her. Sie 
hatte den Juden seit damals nicht wieder gesehen, und sie hatte lange 
geschwankt, ehe sie zu der Assemblage gegangen war. Nun war ihr 
der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte 
sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher 
Begrüßung an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge 
Berechnung war, sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie 
nahm die Larve ab von dem bräunlich kühnen, bewegend verstörten. 



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zuckenden Gesicht: Luzifer hatte kein Aug für sie. Dies schlug sie 
tiefer als eine Niederlage. 

Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, 
bewegte Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf 
und ab, die starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel 
zu dem dunklen Haar. Kotz Donner, diese Weissenseein! So was gab 
es also; so was war eine Schwäbin, eine Untertanin. War eine 
Schwäbjn besonderer Art. Das hätte Karl Alexander nie gedacht, daß 
dem Weißensee, dem Fuchs, so ein feines Gewächs im Haus 
heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der vagen, ziellosen 
Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war ausgeruht, 
fühlte sich frisch. Das war was anderes. Neues. Jetzt hatte die Soiree 
ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm 
vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge, 
besondere Schwäbin. Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist 
weitläufig und voll Pracht. Die Masken werden abgenommen, die 
erhitzten Gesichter schauen aus den Kostümen fremdartig und 
vertraut und reizen doppelt. Gewürzte Speisen, starke, fremde 
Weine, kräftige Trinksprüche. Gnomen tanzen herein, plündern die 
Schmuckvitrinen, überreichen possierlich den Frauen die glitzernden 
Geschenke, die Süß ihnen bestimmt hat. Dom Bartelemi schaute 
scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein um Kettlein, Spänglein 
um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange Mensch, die rechte 
Schulter kurios hochgezogen, das blaurote, entfleischte Gesicht auf 
dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der altertümlichen 
Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid die 
länglichen, starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft. 
Tief in den Höhlen lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten 
Totenkopf. Der kurpfälzische Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- 
und Kommerzien-Generaldirektor ließ sich von den Damen die 
einzelnen Geschenke weisen, wertete sie sachkundig. Mit tiefem 
Unbehagen hörte Süß die hohle, kalte, langsame Stimme, die seine 
Offerten so oft unterboten, ihm so manchen Handel gehindert, ihn so 
lange klein und unscheinbar gemacht hatte. Angewidert sah er und 
kalt überschauert die ausgeglühte Leidenschaft, mit der Dom 
Bartelemi die flirrenden Steine durch seine langen, dürren, blau- 
roten Hände rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie beschielten sich, 
zwei stoßgierige Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer erfahren der ane, 
der andere kleiner, jünger, spielerisch wilder. ,J'eine Steine, gute 
Steine", sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen den Solitär. 



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Lasst mich Euren Solitär anschauen", sagte er zu Süß. Und, den 
Sohtär zärüich zwischen den Spinnenfingem, bellte er mit seiner 
kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr 
für den Stein, Herr Finanzdirektor?" „Ich verkauf ihn nicht", sagte 
Süß. „Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur", drängte der 
Portugiese. „Ich verkauf ihn nicht", wiederholte heftig der Jude. 
Zögernd gab Dom Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin 
erklärte: „Nun steckt sich mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur 
an den Finger." Nach der Tafel, während der Ball beginnt, er hat 
stark getrunken, sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle abseits, im 
Wintergarten. Er hat dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein 
Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle 
auf irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, 
stach es fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im 
Wald das erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in 
seinem Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und 
ohnmächtig und sehr jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen 
Sibylle ganz ihm, man brauchte keine scharfen Augen zu haben und 
sah, daß das Mädel ein einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie 
jetzt Karl Alexander von ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. 
Aber er war gewohnt, daß erst das Geschäft und der Herzog kam und 
Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er sogleich 
mit dem üblichen hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue sich. 
Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er mache Seine Durchlaucht bloß 
submissest darauf aufmerksam, daß die Demoiselle, soviel er wisse, 
eine Erweckte sei, somit schwer traktabel und leicht Zustände 
kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Fass noch nicht an- 
gestochen. „Hat Er's probiert?" lachte schallend der Herzog, und 
nochmals: „Hat Er's probiert?" Und gerade nach so was jucke es ihn 
heut, und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er 
nickte dem Weißensee, der nicht fem mit Fichtel und Schütz 
Konversation machte, jovial und gnädig zu. Wie er jetzt mit ihr im 
Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre Pietisterei zu hänseln. 
Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner Ketzer, aber sein 
Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, ihr Herr Vater 
voran, sei gar nicht einverstanden mit den schwärmerischen 
Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript unterzeichnen 
müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung 
sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er 
die Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen 



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Bewegung, habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang 
mit Engeln eine Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, 
die Magdalen Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und 
den Engeln doch viel für sich habe. Magdalen Sibylle hörte dem 
platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl Alexander, vor 
seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine 
Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst wäre 
sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, 
auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins 
Gesicht zu glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müde 
und traurig, und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie 
keiner Antwort, Gott verwarf sie. Es war furchtbar heiß im 
Wintergarten, die fremdartigen Bäume und Gewächse bewegten sich 
im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm erregend 
herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen 
und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes, 
Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem 
üppigen, geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie 
stachen, zwickten, an der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich 
gespannt zum Zerreißen, gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges 
tun; da, im letzten Augenblick, erlöst sie ein Page der Herzogin, 
bringt ihr den Auftrag, Ihrer Durchlaucht aufzuwarten. 

Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, 
Herr von Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius 
Götz, blond, dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im 
Schäferkostüm, mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner 
Schwester Elisabeth Salomea. Die beiden Damen, Mutter und 
Tochter, sahen sich lächerlich ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, 
beide blaßfarbig zart und langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, 
reichen Haar und großen, schwärmerischen törichten Auge. Sie 
saßen, flachsblond und lieblich, in nicht sehr originellen, etwas aus 
der Mode gekommenen Schäferinnenkostümen, und himmelten mit 
ihren hellen, naiven Stimmen, ihren liebenswerten, unklugen Augen 
die Herzogin an. Eben schritt trag und statiös die Soph Fischerin 
zurück in den Wintergarten, die schön üppige Mätresse des Süß, und 
Marie Auguste könnt sich nicht enthalten, ihren Hausjuden ein 
weniges in ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, offenbar als Entgelt 
für die Tochter, die Ernennung des Vaters & Kamnierfiskals Fischer, 
zum Expedjtionsrat durchgesetzt. Süß stand in seinem sarazenischen 
Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; gewandt und 



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unverlegen spöttelte er zurück, gewiss, die Jungfer Fischerin sei ihm 
eine liebe und willkommen Hausdame gewesen; aber nachdem Seine 
Durchlaucht geruht hatten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu 
erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch 
nehmen; die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch 
nicht. Er lächelte und schloss frechgleichgültig er werde sie also 
morgen aus seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war 
erstaunt über die zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so 
elegant höhnend entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, 
auch Herrn von Schütz gefiel diese weltmännische Art 
offensichtlich, der junge, dumme Aktuarius Götz wusste nicht recht, 
was er machen solle, er legte großes Gewicht auf korrekte Form, er 
wusste nicht, solle er dem Juden beipflichten oder ihm zu Leib, er 
entschied sich schließlich für ein stummes, martialisches Gesicht. 
Die zarten und süßen Damen Götz aber, Mutter wie Tochter, 
bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser Kavalier ein 
Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und zärtlichen 
Interesses zu ihm auf. 

In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte 
bemerkt, wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr 
gefiel das Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und 
dem seltsamen Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. 
Neugierig wollte sie näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie 
reichte ihr wohlwollend die Hand zum Kuss, betrachtete sie lässig 
und ungeniert. Magdalen Sibylle hatte einen kleinen, scheuen 
Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, wie sie kam, tief verneigt, 
jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war wie erlöst, daß sie den 
Herzog nicht mehr hören musste, sie spürte das Wohlwollen, das von 
der Herzogin zu ihr herüberging, aber die gleichgültige Förmlichkeit 
im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. Sie saß stumm, 
während die anderen weiter leicht und belanglos konversierten, und 
plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung, Empörung, 
Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die Herzogin 
hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen, 
Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen 
Hand die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die 
Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die 
Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es 
lächelte der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz 
fand wieder keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. 



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Aber die Herzogin, unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den 
Augen ihren Gemahl und konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das 
Mädchen in seiner Nähe vorbeiführte, ihm zublinzelte. Das Zimmer, 
in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man aus 
den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war 
das Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portiere sah man das 
Prurkbett mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den 
übrigen Räumen allerlei Dinge zusammengestellt die dort dem 
Maskenfest im Weg gestanden wären. Zerbrechliches, Porzellan, 
Chinoiserien, das Bauer mit dem Papagei Akiba. Der Lärm des 
Festes klang hier nur sehr leise, nach den menschenvollen Sälen 
wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischen Luft, seiner Leere, 
Stille, Kühle wohlig sänftigend. Magdalen Sibylle saß auf einem 
niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster die Haltung. Sie sah groß 
aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von all der Wirrang und 
Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich vor ihr stand, 
begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt, daß jetzt der 
andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu schmecken 
verstand, was Köstliches ihm da zufiel. 

Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten 
Augen den Mann an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener 
hemmungslosen Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und 
solcher Hingabe im besonderen Fall etwas Väterlichkeit 
beizumischen. Armer Luzifer! dachte Magdalen Sibylle. Er ist ein 
sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat keinen Sinn, zu eifern und 
ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu Leib zu rücken. Ich 
werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit sänftlichen 
Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich 
zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet 
ja nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne. „Ich 
bin untröstlich, Demoiselle" sagte mittlerweile mit seiner dunklen, 
streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner 
Gegenwart ein Akzident unterläuft. Ist meine Visage wirklich so 
abominabel und widerwärtig? Oder sind es vielleicht doch nur fatale 
Zufälle?" Und er neigte sich zu ihr, die groß und gerötet auf dem 
Diwan saß. „Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor", 
sagte sie plötzlich mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, 
fromm und dringlich an. „Ich weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, 
Sohn des Belial, und Sie wissen, daß ich gesandt und gekommen bin, 
mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu unterwerfen." Süß hatte viel 



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Übung mit Weibern, er war an Überraschungen gewöhnt, er verlor 
nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede 
kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wusste, 
zum erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, 
daß Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, 
sondern nach einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr 
wohl, daß er glaube, Gott, sein Widersacher, werde ihn 
zurückstoßen; es sei gewiss auch ein ungeheurer Entschluss, von 
tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn dieser Trotz und arge 
Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie befreit von bösem 
Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, sichtigem Wasser. 
Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte ihm im Eifer 
die Hand hin. Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das 
pietistische Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine 
rasch präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten 
Wege, als plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren 
Pupillen, erschreckt, hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, 
gepresst, hörbar atmend. Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse 
zurück zu seinen Gästen, und auf einmal war sie allein mit dem 
Herzog, und der Papagei gellte: Ma vie pour mon souverain, und im 
Nebenraum in hellerem, nacktem Licht stand das freche, prunkende 
Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, unfreier Stimme etwas 
Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes Gesicht, das leicht 
schwitzte, sie sah seine Augen, die sich verdunkelten und 
verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst. Sie ging mit 
mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung, wollte Süß 
nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen. Karl 
Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den 
kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem 
hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm 
ihre Rand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, 
knochig, behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie bekam ihre 
Kraft zurück, wehrte sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den 
schweren, starken, erregten Mann. 

Süß, aus dem Kabinett zurück. Stürzte sich mit einer gewissen 
grimmigen Erhitztheit in das Gewühl des Maskenballs. Er wich der 
Herzogin aus, die ihn mit einem kleinen, lüsternen und amüsierten 
Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte, und machte den Damen Götz, 
Mutter wie Tochter, für die sich auch der Herzog interessierte, mit so 
wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der Aktuarius Götz, da er seine 



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drohende Miene nicht beachtet sah, sich in einer Ecke stumm und 
ratlos besoff, während die beiden Damen die zynischen Galanterien 
des Juden hingegeben und töricht himmelnd erwiderten. Die kleine 
napolitanische Komödiantin, gelb, leicht, fett und verderbt, hatte sich 
an den alten Fürsten Thum und Taxis herangemacht. Sie tat, als 
wüßte sie nicht, wer er sei, als streiche, kitzle, schmeichle sie nur 
wegen seines eleganten und distinkten Aussehens und Geweses um 
ihn herum. Der alte Fürst, als er sah, daß er trotz der gleichfarbigen 
Domestikenlivree auch in Weinrot wirkte, lebte auf, sein Ärger fiel 
zusehends von ihm ab. Zumal sich auch Remchingen um die 
Komödiantin bemühte und sie den stark trunkenen General, der mit 
schon verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt neben dem feinen, 
alten, reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke starrte der 
Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen, von 
Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und 
während sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand 
sie noch Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten 
Blick den jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in 
ihre Geleise zu zwingen. Weißensee, der Konsulent Neuffer und der 
Würzburger Geheimrat Fichtel saßen mit Schütz und Herrn von 
RioUes beim Pharao. Weißensee indes war nicht so bei der Sache 
wie sonst wohl. Er schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf 
rastlos herum, er fragte den und jenen, ob er seine Tochter nicht 
gesehen habe; aber niemand hatte Magdalen Sibylle gesehen. Und 
Weißensee schwitzte an den langen, feinen Händen, und seine 
skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links. Plötzlich, wie 
er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den anderen Herren, 
flatterte in seinem seidenen Venezianer Mantel ungewohnt hastig auf 
ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin, die 
Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres 
und kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, 
ziemlich aus der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei 
wohl am besten, die Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er 
wisse, Serenissimus selbst sich um sie bemühe. Dabei schaute er den 
Weißensee mit einem unentwegten, frechen und verbindlichen 
Lächeln an. Der begann zu zittern, musste sich setzen. Süß, nach 
einem kleinen Schweigen, meinte unvermittelt, immer lächelnd, der 
Herzog habe sich über den neuen Kirchenratspräsidenten 
ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und Orden würden 
wohl nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte ein paar 



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Mal auf eine seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit 
höflichem, leicht verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, 
begann sehr plötzlich, die Stimme belegt und unsicher, und ohne den 
Süß anzuschauen, von seinem geräumigen Haus in Hirsau zu 
erzählen. Er malte den behaglichen Landsitz: Weinberge, 
Erntekranz, Haus und Hof wohlbestellt, dörflicher Friede; wie er dort 
an seinem Neuen Testament gearbeitet, in Muße, die Händel der 
Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab und zu ein bisschen Schaum, 
man genießt ihn kennerisch; und wie zwischen all dem schlicht und 
still und sachlich und erfüllt seine Tochter herumgegangen sei. 
Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete, 
verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen 
aus, der elegante Venezianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie 
zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, 
stehend vor dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, 
schaute ihn auf und ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser 
Stimme in sein Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß 
Sie so sentimentalisch sein könnten." „Nicht doch, nicht doch!" 
erwiderte eifrig, sich zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein 
Deserteur am Leben, Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre 
ausgewichen, all meine Tage nicht. Neugier war das Prinzipium, 
nach dem ich meine Existenz eingerichtet." Er versuchte sein 
gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es muss ein sehr rastloser Stern 
sein, unter dem ich geboren bin. Er hat mich nie stillestehen lassen, 
hat mich durch viele Länder und übers Meer gejagt und hat mich 
heißen allen Kreaturen Gottes und des Satans in die Töpfe gucken. 
Ah, meine Souvenirs!" Aber während er sich mühte, diese Souvenjrs 
herbei zurufen, geschah es, daß sich ihm das weiße, lächelnde 
Gesicht des Juden mit den gewölbten braunen Augen und den 
üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er plötzlich ganz genau 
wusste, wie wenige Schritte von ihm hinter einer versperrten Tür 
sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden Kräften, 
aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren bräunlich 
kühnen Wangen wich, wie die starkblauen 

Augen unter dem dunklen Haar sich stier und glasig verdrehten. Und 
in dieses Gesicht hinein hörte er die sachliche, zifferscharfe Stimme 
des Süß: „Wie die Dinge heute abend liegen, darf ich Ihnen Orden 
und Rangerhöhung mit aller Bestimmtheit in Aussicht stellen." Das 
Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen 
und verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht hasste. Er 



151 



spielte bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so 
fahrig und zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd 
und wach vor ihm stünde. Er benahm sich dann weiterhin ganz wie 
immer, nur war alles, was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, 
wie aus Schlaf heraus gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich 
immerzu, höflich, freundlich, er erwiderte ein Scherzwort der 
Herzogin, er sprach sacht und diplomatisch mit dem Geheimrat 
Fichtel, er setzte auf eine abgründige und sehr feine Zote des Herrn 
von Riolles eine noch feinere und obszönere. Aber alle diese 
Stimmen klangen seltsam mechanisch und scheppernd und die 
Menschen gingen puppenhaft und sehr künstlich und alles war wie 
aus Wachs. Auch der Herzog, der jetzt wieder schwer und groß und 
mit müden, schlaff en und gelösten Gliedern, mehr hinkend als sonst, 
im Saal war, schien ihm wie eine Wachspuppe, wie hinter Rauch und 
Nebel. Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine 
kleine, neue Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er 
hieß sein Wissen stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit 
einer eiligen, flatternden Bewegung raffte er den Venezianer Mantel 
und trat dem Herzog in den Weg, der ganze Mann ein einziges, 
dringliches, flehendes Fragen, ob es vielleicht doch nicht ^schehen 
sei. Aber der Herzog sah ihn nicht, er wollte ihn offenbar nicht 
sehen, er hatte kein Aug für ihn; er ging, trotzdem Weißensee ganz 
nah an ihm war, starr gerade vor sich hin schauend an ihm vorbei, 
mit einem scheuen und gewalttätigen Rülpsen. Da war Weißensee 
auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine stille Ecke 
und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß und 
soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn 
Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein, 
zeremoniös auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und 
dann saßen die beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, 
und der junge, plumpe, in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf 
brodelnde, enttäuschte, und sie waren stumm und starrten in das 
festliche und überhitzte Getriebe und tranken. Karl Alexander aber 
ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl hatte er 
manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl ein 
Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über 
seine Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß 
jeder es sehen musste, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte 
seiner Frau, die ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die 
sie mühelos als ein stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an 



152 



den Pharaotischen vorbei, wo glühende und über die Störung im 
geheimen sehr erboste Spieler sich ehrfürchtig erhoben, und 
versicherte, daß er sich heute abend außerordentlich, aber ganz 
außerordentlich amüsiere. Er stürzte durstig zwei große Gläser 
Tokaier hinunter und war sehr betrunken. Er machte sich an seinen 
Schwiegervater, der jetzt ganz in der Napolitanerin aufging, was 
Karl Alexander anerkennend und gönnerisch zur Kenntnis nahm. Er 
fiel dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte zärtlich: ,Jiuer 
Liebden! Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden so jung 
fühlen." Dann prahlte er eitel und sentimental mit seiner 
italienischen Jugend, seiner lombardischen Kampagne, seinen 
venezianischen Aventüren. ,Jis geht Euer Liebden nicht schlecht," 
lallte er, „es geht mir auch nicht schlecht. Suum cuique! Suum 
cuique! Der Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf 
ein Plätzchen gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist." 
Und er tätschelt anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der 
Komödiantin und gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das 
er da zu rupfen im Begriff sei. Süß weicht dem Herzog aus. Er ist 
neidisch und erbittert, er weiß, Karl Alexander wird ihm jetzt die 
Affäre mit Magdalen Sibylle schildern, klotzig und umständlich und 
mit allen Details, und er ist nicht in der Laune, sich von diesen 
Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten, erzählen zu 
lassen. Die Gedanken daran loszuwerden, schaukelt er in den hohen 
Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist, seinen 
Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese Tafeln 
und prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen 
Herren gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in 
Deutschland stand ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird 
noch ganz anders dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg 
nach Wien zum Kaiserhof; er wird - Karl Alexander, ihm von Tag zu 
Tag mehr verpflichtet, muß ihm das durchsetzen - nobilitiert sein. Er 
ist kein Narr wie Isaak Landauer, er läuft nicht in Kaftan und 
Schläfenlöckchen; aber er denkt auch nicht daran, sich wie sein 
Bruder durch das billige Mittel eines Glaubenswechsels Titel und 
Rang zu schaffen. Durch sein Genie, nur durch sein Glück und sein 
Genie wird er ganz oben stehen. Er wird Jude bleiben und wird 
trotzdem, und gerade das wird sein Triumph sein, adlig sein und 
Landhofmeister und den rechten Platz im Herzogtum einnehmen in 
aller Form und vor aller Welt. Man tanzte. Er füllte Herz und Aug 
und Ohr mit dem bunten, huldigenden Lärm. Sein Geträume kletterte 



153 



hinauf an den Läufen der Geigen, die Pauken dröhnten seine Macht 
in den Saal, die Schönheit der Frauen, der seidene Prunk der Herren 
huldigte ihm. Er schaut hinein in sein Fest, träumt seine Hoffahrt 
hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein verzücktes Lächeln in 
dem weißen Gesicht. 

Doch plötzlich wischt ihm ein Unsichtbares die befriedigte, 
genießerische Sattheit fort vom Antlitz. Weggeblasen der farbig 
gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt rauschende Fest; 
wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er hört keine 
Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern nebelhaften, 
grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend, 
schreitet sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern 
Hand schleift, stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz 
vom aber, durch viele Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak 
Landauer, der kopfwackelnd, dürr, in albern flatterndem Kaftan, 
rhythmisch die Beine setzt? Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht 
in seiner verschollenen Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo 
vor ihm, aus tiefen Höhlen langen die lauersamen Augen nach ihm, 
langsam kriecht ihm die kellerige, makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist 
s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der Tabakmanufaktur noch die 
Schnapssteuer auf ein Monat: lasst Ihr ihn ab, den Solitär?" 
Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte 
Nicklas Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den 
komplizierten Mechanismus des Balles leitete, eine Überraschung 
ausgedacht. Die Decke mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur 
öffnete sich, auf einer Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er 
schwebte über den Gästen, streute Rosen, huldigte in zierlich 
gedrechselten Alexandrinem dem herzoglichen Paar, gratulierte dem 
Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr anstelliger Knabe, er sprach 
seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido auch ein weniges 
schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut, immerhin 
besser, als wenn er etwas gemauschelt hätte. Als unmittelbar darauf 
der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer kleinen Störung. Ein 
verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand auf einmal im 
Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend um ihn, 
glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch 
hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und 
unflätigen Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze 
hebräische Raub-, Mord- und Sauwirtschaft ernst gemeint waren. 
Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte 



154 



in Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die 
Kneipe zum Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden 
Kleinbürgern besoffen, während der Konditor Benz schweigend, 
giftig und befriedigt zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen 
Herzog regierte eine Hur", worauf allgemeines Grunzen und 
Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann Ulrich Schertlin gesessen, 
er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht, denn jetzt stand er nicht 
unter dem länglichen, Vorwurfs- und verachtungsvollen Aug der 
Waldenserin, er hatte viel getrunken und war schließlich in das Haus 
des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen. Etliche von 
seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun draußen 
im Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die 
Straße fiel; die Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur 
Heimfahrt vorgefahren waren, hatten sich ihnen zugesellt, und da 
standen sie nun, mehr neugierig als empört, bis Johann Ulrich in 
Ketten auf die Wache geführt wurde. Der aber stand eben inmitten 
der seidenen Gäste, schmutzig, stinkend, voll von schlechtem Wein, 
maßlos und unflätig schimpfend. Schon wollte man ihn der Polizei 
übergeben; doch Süß, wie er hörte, das sei der Schertlin, gab Befehl, 
ihn für diese Nacht ins Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen 
seiner Frau nach Urach heimzuschicken. Und das Fest ging weiter. 
Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der Affäre mit Johann 
Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt endlich gelingt es 
ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt sich abseits mit 
ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu reden. Er 
schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat das 
Kostüm des antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt 
warm, weindunstig, rotköpf ig, schwer, er lacht und lacht und klopft 
dem ehrfürchtig und ergeben zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein 
delikater Bissen!" schmatzt und schnalzt er. „Das hat Er gut 
gemacht, lud, daß Er mir die hat eingeladen. Ich wird's Ihm auch am 
rechten Douceur nicht mangeln lassen. Ein deutscher Fürst lässt sich 
nicht lumpen. Ein delikater Bissen!" Er schilderte Magdalen Sibylle, 
malte mit seinen roten, plumpen Händen, die seltsam waren mit dem 
schmalen Rücken und dem kurzen, fetten Innern, die Einzelheiten 
ihres Körpers, Schenkel, Brüste. Ein Füllen, ein wildes! Schlägt aus 
und hockt und beißt und glüht. Und ist eiskalt, wenn sie sich 
dreinfinden muß." Er wies auf die kleine, gelbe, geschwinde 
Napolitanerin, die bei allem Getue mit dem alten Fürsten Zeit fand, 
ihm zuzuäugen, spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im Mundwinkel. 



155 



,JZ)as da ist ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag Seine 
Durchlaucht der Herr Schwiegerpapa glücklich werden damit." Er 
gluckste ein kleines, verächtliches Lachen. „Aber die andere, die 
meine Herzdame, Kotz Donner! die ist kein welsches Gelump. 
Knickst nicht und knickt einem nicht zusammen im Arm." Er lehnte 
sich verträumt und sentimental zurück. ,JI)ie meine ist wie ein See im 
Wald", sagte er mit einer vagen, rudernden Handbewegung. „Wie 
ein See im Wald", wiederholte er lallend, sank ein wenig vornüber, 
machte die Augen zu, schnaufte. Süß wollte sich schon, wütend, 
vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da begann Karl Alexander von 
neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat sie, das Luder! 
Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst du nicht. 
Das rätst du dein Tage nicht." Ein Lachen stieg auf in ihm, still 
zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schüttemd, immer lauter: „An 
deinen Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel - Augen 
hat sie, das Luder! - Der Magus - Das Erste sag ich Euch nicht" - 
Jäh packte ihn Zorn: „Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der 
verfluchte, hintertückische! Soll er's verschlucken, soll er erwürgen 
dran und ersticken, der Hexer, der jüdische, vermaledeite!" Süß 
erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine 
abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, 
mühsam, betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine 
stolze, statuarische Feldherrnhaltung einzunehmen, so wie auf dem 
Bild mit den siebenhundert Axtmännem und Belgrad, grölte, rülpste, 
schrie: „Mir kann einer prophezeien, was er mag. Ich furcht mich 
nicht. Attempto! Ich wag's! Ich bin Karl Alexander, Herzog von 
Württemberg und Teck! Von Gottes Gnaden! Ich steh über dem 
Schicksal! Der deutsche Achill! Von Gottes Gnaden!" Und er stand 
wie sein eigenes Monument. Sehr bald aber fiel er zurück in seinen 
Stuhl. Lächelte unvermittelt. „Wie ein See im Wald", lallte er noch, 
schnaubte, schnarchte, rasselte, röchelte, schlief ein. Und das Fest 
ging weiter. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo Johann 
Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane, 
ernüchtert, müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das 
schlief, ächzte, sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf 
auffuhr, vor sich hin murmelte, knurrte. Und wieder einschlief und 
weitertrug. 



156 



DRITTES BUCH / DIE JUDEN 



157 



22. 



In den Städten des Mittelmeers, des Atlantischen Ozeans saßen 
die Juden groß und mächtig. Sie verwalteten den Austausch 
zwischen Orient und Okzident. Sie langten übers Meer. Sie rüsteten 
mit die ersten Schiffe nach Westindien. Organisierten den Handel 
mit Süd- und Mittelamerika. Erschlossen Brasilien. Begründeten die 
Zuckerindustrie des westlichen Erdteils. Legten zur Entwicklung 
New Yorks die Fundamente. Aber in Deutschland saßen sie klein 
und kümmerlich. Im vierzehnten Jahrhundert waren sie hier in mehr 
als dreihundertundfünfzig Gemeinden erschlagen, ertränkt, 
verbrannt, gerädert, erdrosselt, lebendig begraben worden. Die 
Überlebenden waren zumeist nach Polen ausgewandert. Seitdem 
saßen sie spärlich im Römischen Reich. Auf sechshundert Deutsche 
kam ein Jude. Unter raffinierten Plackereien des Volkes und der 
Behörden lebten sie eng, kümmerlich, dunkel, hingegeben jeder 
Willkür. Untersagt war ihnen Handwerk und freier Beruf, die 
Vorschriften der Ämter drängten sie in verwickelten und 
verwinkelten Schacher und Wucher. Beschränkten sie im Einkauf 
der Lebensmittel, ließen sie den Bart nicht scheren, steckten sie in 
eine lächerliche, erniedrigende Tracht. Pferchten sie in engen Raum, 
verrammelten die Tore ihres Gettos, sperrten sie zu. Abend um 
Abend, bewachten Ein- und Ausgang. Dicht zusammengepresst 
saßen sie; sie mehrten sich, aber man gönnte ihnen nicht weiteren 
Raum. Da sie nicht in die Breite bauen durften, schichteten sie in die 
Höhe, Stockwerk um Stockwerk. Immer enger, düsterer, 
verwinkelter wurden ihre Gassen. Nicht Baum, nicht Gras, nicht 
Blume hatte Raum; ohne Soime standen sie, ohne Luft, einer dem 
andern im Licht, in dickem, seuchenzeugendem Schmutz. 
Abgeschnürt waren sie von der fruchtbaren Erde, vom Himmel, vom 
Grün. Der wehende Wind verfing sich in ihren grauen, stinkenden 
Gassen, die hohen, verschachtelten Häuser versperrten den Blick auf 
die ziehenden Wolken, die blaue Höhe. Gebückt schlichen ihre 
Männer, ihre schönen Frauen welkten früh, von zehn Kindern, die 



158 



sie gebaren, starben sieben. Totes, brackiges Wasser waren sie, 
abgesperrt vom flutenden Leben draußen, abgedämmt von der 
Sprache, der Kunst, dem Geist der anderen. Dick aufeinander saßen 
sie, in übler Vertraulichkeit, jeder kannte jedes Heimlichkeit, 
klatschsüchtig, misstrauisch geben sie sich, die gelähmten 
Beweglichen, scheuerten sie sich wund. Einer am Andern, Einer des 
Andern Feind, Einer im Andern verfilzt. Denn jedes einzelnen 
kleinster Fehl oder Ungeschick konnte das Unheil aller werden. 
Doch mit der sicheren Witterung, die sie für das Neue, für das 
Morgen hatten, spürten sie die äußere Umschichtung der Welt, den 
Ersatz der Geburt und Würde durch das Geld. Sie hatten es erfahren: 
in Unsicherheit, Rechtlosigkeit, Fährnis gab es einen einzigen 
Schild, zwischen lauter wankendem, versagendem Grund ein 
einziges Festes: Geld. Den Juden mit Geld hielten die Wächter nicht 
an den Toren des Gettos, der Jude mit Geld stank nicht mehr, keine 
Behörde mehr setzte ihm einen lächerlichen, spitzen Hut auf. Die 
Fürsten und großen Herren brauchten ihn, sie konnten nicht Krieg 
und Regiment führen ohne ihn, sie ließen ihn groß und stattlich 
werden in ihrer Sonne. 

Aber die dicke Masse der Gedrückten, Rechtlosen und die 
einzelnen Mächtigen, die stolzen Juden der Levante und der großen 
Seestädte, die die Handelsstraßen Europas und der Neuen Welt 
beherrschten und in ihren Kontoren über Krieg und Frieden 
entschieden, und die verschmutzten, verkommenen, niedrigen, 
lächerlichen Juden der deutschen Gettos, die jüdischen Leibärzte und 
Minister des Kalifen, des Perserschahs, des Sultans von Marokko in 
Herrlichkeit und großem Glan und in Dreck und Verachtung der 
lausige Pöbel der polnischen Judenstädte, die Bankiers des Kaisers 
und der Fürsten, umworben und umhasst in ihren Kabine, und der 
Hausierjude der Landstraße, vom Hunde gehetzt, von den 
Straßenjungen und der Polizei in widerwärtige, komische 
Erniedrigung gepresst, alle hatte sie ein sicheres, heimliches Wissen 
gemein. Vielen war es nicht klar, aussprechen hätten es nur wenige 
können, manche hätten sich gegen die deutliche Erkenntnis gewehrt. 
Aber im Blut stak es allen, im innersten Gefühl, es war da: das tiefe, 
heimliche, sichere Bewusstsein von der Sinnlosigkeit, der 
Wandelbarkeit, dem Unwert der Macht. Sie waren so lange klein und 
gering gesessen unter den Völkern der Erde, zwerghaft, lächerlich in 
Atome verspellt. Sie wussten, Macht üben und Macht erleiden ist 
nicht das Wirkliche, Wichtige. Zersplitterten nicht einer um den 



159 



anderen die Kolosse der Gewalt? Aber sie, die Gewaltlosen, hatten 
der Welt ihr Gesicht gegeben. Und es wussten diese Lehre von der 
Eitelkeit und Belanglosigkeit der Macht die Großen und die Kleinen 
unter den Juden, die Freien und die Beladenen, die Femen und die 
Nahen. Nicht mit deutlichen Worten, nicht mit messbarem Begriff, 
aber von Bluts und Gefühls wegen. Dies heimliche Wissen war es, 
das ihnen plötzlich jenes rätselhafte, milde überlegene Lächeln um 
die Lippen legte, das ihre Feinde doppelt reizte, weil sie es als 
zersetzende Frechheit deuteten, und weil all ihr Graus und Marter 
davor versagte. Dies heimliche Wissen war es, was die Juden einte 
und ineinanderschmolz, nichts sonst. Denn dies heimliche Wissen 
war der Sinn des Buches. Des Buches, ja, ihres Buches. Sie hatten 
keinen Staat, der sie zusammenhielt, kein Land, keine Erde, keinen 
König, keine gemeinsame Lebensform. Wenn sie dennoch eins 
waren, mehr eins als alle anderen Völker der Welt, so war es das 
Buch, das sie zusammenschweißte. Braune, weiße, schwarze, gelbe 
Juden, groß und kleine, prunkende und zerlumpte, gottlose und 
fromme, sie mochten in stillen Stuben ihr Leben verbacken und 
verträumen oder in farbigem, goldenem Wirbel herrlich herfahren 
über die Erde: tief versenkt in ihnen allen war die Lehre des Buches. 
Vielfältig ist die Welt, aber sie ist eitel und Haschen nach Wind; eins 
aber und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, das Überwirkliche, 
Jahve. Manchmal wohl überwucherte ihnen das Leben dieses Wort, 
aber es stak in jedem, und in den Stunden, wo sie selber wurden, 
wenn sich ihr Leben gipfelte, war es da, und wenn sie starben, war es 
da, und was von einem zum andern flutete, war dieses Wort. Sie 
schnürten es sich mit Gebetriemen um Herz und Hirn, sie hefteten es 
an ihre Türen, sie eröffneten mit ihm ihren Tag und sie schlössen ihn 
mit ihm; als erstes den Säugling lehrten sie das Wort, und der 
Sterbende verröchelte mit dem Wort. Aus dem Wort sogen sie die 
Kraft, die gehäuften Qualen ihres Wegs zu überdauern. Blass und 
heimlich lächelten sie über die Macht Edoms, über seine Raserei und 
den Wahnsinn seines Geweses und Getriebes. Dies alles verging; 
was blieb, war das Wort. Sie hatten das Buch mit sich geschleppt 
durch zwei Jahrtausende. Es war ihr Volk, Staat, Heimat, Erbteil und 
Besitz. Sie hatten es allen Völkern vermittelt, und alle Völker 
bekannten sich zu ihm. Aber die einzigen rechtmäßigen Besitzer, 
Erkenner und Verweser waren sie allein. 

Sechshundertsundsiebenundvierzigtausenddreihundertundneunzehn 
Buchstaben hatte das Buch. Jeder Buchstaben war gezählt und 



160 



gewogen, geprüft und erkannt. Jeder Buchstab war bezahlt mit 
Leben, Tausende hatten sich martern und töten lassen um jeden 
Buchstaben. Nun war das Buch ganz ihr eigen. Und in den 
Bethäusem, an ihrem höchsten Feiertag, riefen sie, erkannten sie, die 
Stolzen, herrenhaft Schreitenden, überzeugt wie die Kleinen, 
Getretenen, geduckt: Nichts haben wir, nur das Buch. 



161 



23. 



Karl Alexander schickte Magdalen Sibylle prächtige Geschenke, 
flandrische und venezianische Gobelins, goldene Parfümfläschchen 
mit persischem Rosenöl, arabisches Reitpferd, ein Perlengehänge. Er 
war kein Filz, er Heß sich nicht lumpen, und er betrachtete Magdalen 
Sibylle als seine erklärte Mätresse. Täglich kam der Kammerdiener 
Neuffer, fragte förmlich im Auftrag des Herzogs nach dem Befinden 
der Demoiselle. Magdalen Sibylle ließ sich alles kalt und wortlos 
gefallen. Sie ging stumm wie eine Tote, starr das männlich kühne, 
schöne Gesicht, verpresst die Lippen, die Arme seltsam steif. Sie 
verließ das Haus nicht, sagte guten Morgen, guten Abend, sonst 
nichts. Sie kümmerte sich nicht um das Hauswesen Sie hatte zu 
niemandem, zu ihrem Vater nicht, zu niemandem über die Sache mit 
dem Herzog gesprochen. Es kam vor, daß sie ihren Vater tagelang 
nicht sah. Weißensee wagte keinen Versuch, sie aus ihrer Starre zu 
wecken. Er war nobiliert worden, er hatte jetzt den Rang eines 
Konferenzministers. Er war flattern und sehr elend, er fühlte das 
Misstrauen seiner Kollegen vom engeren landschaftlichen 
Ausschuss, wollte sich aussprechen mit Harpprecht dem Juristen, mit 
Bilfinger, der ein rechter, ehrlicher Mann war und sein Freund. Er 
wagte es nicht. Magdalen Sibylle saß stundenlang und starrte. Sie 
war aus sich herausgewofen, zertrampelt, zerfetzt, zerwüstet. Waren 
dies ihre Arme? Wenn sie sich stach war das ihr Blut? Das 
Seltsamste war: sie hatte keine Hass gegen den Herzog. Er war wie 
ein gutes Tier, ein Pferd oder ein Stier, warm und mächtig groß und 
in sich eingesperrt. Manchmal spürte man in den Augen eines 
solchen Tiers, wie fremd und unerreichlich anders es war, manchmal 
fühlte man sich ihm nah. Dies war das Grauenvolle und was ihre 
Welt und sie selber in einen dummen und lächerlichen 
Trümmerhaufen niederbrach: daß der andere ein Tier war, das man 
unmöglich hassen konnte. So war sie selber wohl solch Tier, sanfter 
vielleicht, nicht so rot und fauchend und dunstend, aber doch ein 
Tier. Und das, was sie geträumt hatte, von Gott und Schweben und 



162 



Aufgehen in ihm und Sehgkeit, das war alles dummes, kindisches, 
albernes Gespinst und Gefasel und Narretei. Ein Tier war man und 
keine Blume. Sie ging zur Beata Sturmin. Sie hörte die frommen, 
gefriedeten, sicheren Reden des alternden, heiligen, blinden 
Mädchens, und sie hatte Mühe, nicht dreist und trocken 
herauszulachen. Was wusste denn die! Die war eben blind. Das war 
ja ahnungslos und Heu und Stroh, was die daherpredigte! Du hast 
vor dich hingelebt, heilig und keusch und selig beflissen, und war 
kein schmutziger Gedanke an dir. Und nun kommt ein Tier, rot, 
weindunstend, schnaufend, und zertrampelt dich und wühlt seinen 
Schmutz und Glitsch in dich: und du kannst es nicht hassen. Erklär 
das doch! Deut das doch aus! 

Der Herzog ließ Weißensee und seine Tochter zu sich bitten. Sie 
ging zu dem Tier in einer Art toter Neugier. Es war alles so 
fratzenhaft und lächerlich. Da hasteten alle herum und hatten sich 
wichtig und machten sich Gründe vor, aus denen sie so heftig und 
wichtig herumzappelten. Und in Wahrheit war alles ganz ohne 
Verstand, hatte nicht mehr Sinn als das Gekrabbel von Maikäfern, 
die ein Bub in eine Schachtel gesperrt hat. Sie saß bei Karl 
Alexander. Sagte: Guten Tag, Durchlaucht, führte die Schokolade 
zum Mund. Er sprach zu ihr, nett, fröhlich, wohlwollend wie zu 
einem kleinen Kind. Sie erwiderte Belangloses, Mechanisches. Was 
sie tat, sagte, war wie angeschminkt, nicht zu ihr gehörig. Er 
bemühte sich weiter um sie. Sie dachte, er ist doch eher ein schweres 
Pferd als ein Stier, wartete darauf, mit einer stillen, angewiderten 
Neugier, ob er sie nehmen werde. Im Verlauf, wie gar nichts mit ihr 
anzufangen war, wurde er zornig. Gewiss, eine Jungfer hatte sich zu 
zieren und hernach beleidigt zu tun, das war in aller Welt so. Aber 
schließlich war es doch etwas, seine, des Herzogs von Württemberg, 
Herzdame zu sein. So kostbar wie die hatte keine getan, so ein 
kaltes, frostiges Gewese war ihm noch nie passiert. Er wurde heftig. 
Sie sah ihn an, nicht mit Vorwurf, auch nicht mit Hoheit; aber es war 
ein so abgründiger, ätzender Hohn darin, er fühlte sich unbehaglich, 
kam sich vor wie ein heruntergeputzter kleiner Fahnenjunker. Wurde 
wieder freundlich, zärtlich. Sie schwieg. Schließlich nahm er sie. Sie 
ließ es kalt geschehen, ohne sich zu wehren, und er blieb ohne 
Genuß. Als er sie die Treppe heruntergeleitete an den Wagen, starb 
den Lakaien das Grinsen auf den Gesichtern, so wie eine Tote oder 
eine Wahnsinnige ging sie. Sie ließ es auch weiterhin, ohne sich zu 
wehren, geschehen, das er sie hielt wie seine erklärte Mätresse. Sie 



163 



kam, wenn er es befahl. Zeigte sich öffentUch mit ihm. Das Volk 
freute sich, daß sein Fürst so eine anständige, schöne und saubere 
Mätresse hatte, die noch dazu im Geruch der Heiligkeit stand und 
eine Einheimische war. Daß Karl Alexander zu seiner schönen 
Herzogin so eine schöne und anständige und schwäbische Mätresse 
hatte, versöhnte das Volk zwar nicht mit seinem Juden, aber es 
machte manches wieder gut, was seiner Popularität abträglich war. 
Die Bürger zogen die Mützen vor Magdalen Sibylle, und viele 
schrien Hoch. Auch dem Weißensee kam diese Stimmung sehr 
zustatten. Sein Ansehen stieg, sogar im Parlament. Und wenn man 
unter den Elf des engeren Ausschusses auch polterte, so wären doch 
bis auf zwei, drei alle gern an seiner Stelle gewesen und beneideten 
ihn herzlich um sein Glück. Neuffer gar sah zu ihm als dem 
gewissermaßen stellvertretenden Schwiegervater des Herzogs mit 
düsterer Ehrerbietung auf. 

Langsam kehrte Magdalen Sibylle, nach Wochen, das Gefühl 
zurück. Wie wohl ein Erfrorener, wieder zum Leben gebracht, 
schmerzhaft fühlt, wie sein Blut neu zu kreisen anfängt, so spürte sie 
schmerzhaft Wallungen aufsteigen, fluten, immer wilder alle Poren 
anfüllen, Hass und Begier. Immer noch blieb Karl Alexander das 
gleichgültige, mit leichtem Widerwillen fremd angestaunte Tier, das 
sie litt: aber ihr Denken und ihre Triebe alle zielten auf einen andern, 
kreisten um den andern. Der Herzog, bah! was wusste der! was 
verstand der! Er war ein Unglück für sie. Man hasste ihn so wenig 
wie die Apfelschale auf der Straße, über die man ausgeglitten war. 
Aber der andere, der war verantwortlich, der wusste besser als jeder 
andere, sah klarer, wog, zählte genau, war hassenswert, war in 
Wahrheit cbr Teufel und alles Böse. Es war ein rechtes Gefühl und 
große, gnadenhafte Warnung gewesen, die sie damals im Wald von 
Hirsau so grauenhaft bei seinem Anblick aufgeschüttert hatte. Er 
wusste sehr gut, der freche, glatte, gescheite, ruchlose, eiskalte 
Teufel, der er war, wusste so gut wie sie, daß sie um ein ehrliches, 
warmes Wort erlöst zu ihm hingeglitten wäre, daß alle ihre 
kindischen, geheimnisfrohen, nebelhaften Gott- und Teufel-Träume 
sich in ein heißes, menschliches Gefühl gelöst hätten, wenn er nur 
die Kraft gehabt hätte, zu seinem Gefühl zu stehen, seine wahrhafte 
Neigung nicht preiszugeben für ein Lächeln und einen Brocken Geld 
oder Titel von dem Herzog. Denn er liebte sie. So schaute einer 
nicht, so sprach und neigte sich einer nicht, wenn sein Gefühl nicht 
echt war. Wenn einer aus einem Trieb heraus Soldaten presste, seine 



164 



Untertanen verelendete, Frauen vergewaltigte, das war das Tierhafte, 
da war keine Verantwortung. Aber jener andere, der sein Gefühl 
verschacherte, pfui! pfui! das war das wahrhaft Jüdische und 
Teuflische. Sie wusste nicht, wie versprenkelt und wie 
eingesprenkelt in tausend anderes das Gefühl war, mit dem Süß an 
sie dachte. Vielleicht hatte er wirklich für den Bruchteil eines 
Augenblicks ehrlich und ganz und nur sie gespürt; doch a: war viel 
zu zerspellt und in tausend Interessen zerteilt, war viel zu sehr Mann 
des Augenblicks, um solch Gefühl, selbst wenn er es gewollt hätte, 
halten zu können. Und die Grundmelodie seines Seins, seine 
Bindung mit dem Herzog, für eine Frau aufs Spiel zu setzen, auch 
nur der Gedanke daran wäre ihm absurd vorgekommen. Eiimial sah 
sie ihn. Das Herz stieg ihr hoch: was wird er tun? Wenn er es wagen 
sollte, sie anzusprechen! Aber er sprach nicht. Sondern grüßte nur 
tief und mit stillem, ernstem, ehrerbietigem Blick. Und sie hasste ihn 
doppelt. 

Die Herzogin hatte sich vom ersten Abend an für Magdalen 
Sibylle interessiert. Das große Mädchen mit dem männlich kühnen 
Gesicht gefiel ihr, sie suchte an sie heranzukommen. Sie merkte gut, 
daß jener der Herzog sehr gleichgültig war, daß er sie nicht verstand, 
sie ihn nur kalt und leidend gewähren ließ. Das begriff nun sie 
wieder nicht, so betastete sie doppelt neugierig das Mädchen mit 
dem sonderbaren Widerspiel der blauen Augen und des dunklen 
Haars. Magdalen Sibylle spürte das Wohlwollen, das von Marie 
Auguste zu ihr herüberströmte, und ließ es sich lässig gefallen. Die 
Herzogin, wie getrieben, schmiegte und schmeichelte sich immer 
enger an sie heran, sie gab sich wie eine jüngere Schwester, legte den 
Arm vertraulich um die Taille der andern, zeigte, sie, die sonst an 
allen Frauen gern ihre selbstsichere, spitze Zunge übte, allen offen 
ihre Freundschaft für die schöne Herzdame ihres Mannes. Sie 
machte sich klein, stellte hübsche Posen, machte Mündchen. Ach, sie 
war so kindisch und dumm! Magdalen Sibylle mußte ihr soviel 
erklären. Sie war ja so gescheit, sie hatte sich mit so abgründigen 
Dingen beschäftigt wie Gott und dem Tausendjährigen Reich und 
der philadelphischen Sozietät. Es wäre nett, eine so gescheite 
Freundin zu haben. Sie legte die kleine, fleischige Hand auf die 
große, warme Magdalen Sibyllens, lächelte ein spitzbübisches, 
amüsiertes Lächeln: „Haben Sie übrigens bemerkt, Liebe, gestern, 
als dem Lord Suffolk das Jabot verrutschte, daß er ganz verzottelt 
auf der Brust ist? Er hat soviel Haare wie der Herzog." 



165 



Marie Auguste war um jene Zeit schöner als je. Wie schwarze Seide 
glänzte das Haar, matt leuchtete, ein kostbares Pastell, das Gesicht 
mit den länglichen Augen unter der sehr heiteren Stirn. Der Gang 
war harmonisches, zufriedenes Schweben. Ihr Tag war erfüllt und 
befriedet, ihr einziger Wunsch, immer so weiter zu leben. Es stand 
an ihrer Straße Remchingen, der so zornig und männlich war und 
den man so amüsant und mit leiser Furcht ärgern konnte; einmal 
hatte er ganz im Ernst nach ihr geschlagen. Und es stand an ihrer 
Straße der junge Lord SuffoUc, der wortkarg war, und der, trotzdem 
seine Obliegenheiten in seiner Heimat nach ihm schrien, sein Leben 
damit vertat, sie ernsthaft und unentwegt anzustarren. Vielleicht wird 
sie ihn eines Tages erhören. Warum soll man einem jungen 
Menschen nicht gnädig sein, der so seriöse Beweise seiner Neigung 
gibt? Vielleicht auch wird sie ihn schlecht behandeln, daß er, und das 
ist doch vielleicht das Interessantere, sich erschießt. Und es stand an 
ihrer Straße der Herr von RioUes, der entzückend hässlich war und 
mit seiner leisen, hohen Stimme die boshaftesten Witze machte, vor 
allem über plumpe Frauen. Und es stand ganz in der Ferne ihr Jud, 
auf den sie sehr stolz war, und der ihr mit der größten Ehrerbietung 
die insolentesten Komplimente zu sagen wusste. 

Und sie trieb die Männer an. Und sie fuhr zur Jagd und sie hielt 
Feste und sie sah Komödie und sie spielte selber Komödie und sie 
reiste ins Bad und nach Regensburg und Wien. Und sie war sehr 
glücklich. Magdalen Sibylle aber schaute ihr zu wie einer kleinen, 
spielenden Katze. Ach, wer so hinhüpfen könnte über die Dinge, und 
nichts rührt viel tiefer als an die Haut, und man ist leicht und 
schwerlos und lächelt. 



166 



24. 



Als die Saat höher wuchs, als Felder, Wiesen, Blumenbeete 
Farbe und Gesicht bekamen, wuchsen Schriftzeichen aus dem Boden 
des Herzogtums. Es war wie eine geheime Verabredung. An den 
Rändern der Städte, überall im Land, hatten die Bauern in ihre 
Äcker, Wiesen, Gärten mit Komblumensamen, mit Mohn- und 
Kleesamen, aber auch mit dem Samen edlerer Blumen 
Schriftzeichen gesät. Nun wuchs es hoch, nun wuchs es aus dem 
schwarzen Boden ans Licht, mit ungefügen Buchstaben und mit 
zierlich gedrechselten, nun schrie es rot mit Mohnblüten, blau mit 
Kornblumen, gelb mit Löwenzahn, aber auch mit Lilien weiß und 
sehr künstlich: „Süß Saujud." Oder auch: , Josef Süß Saujud und 
Verderber." 

Da und dort griffen die Behörden ein, aber gegen die Gewohnheit 
lässlich und ohne Strenge. Man schmunzelte, der Herzog lachte, 
Marie Auguste fuhr eigens vor die Stadt, ein derartiges besonders 
kunstvolles Arrangement amüsiert zu besichtigen. Sie erzählte dann 
ausführlich Magdalen Sibyllen davon, die unter einem Vorwand 
nicht mitgekommen war. Auch in dem Forst von Hirsau, in der 
großen Wiese der Lichtung nahe bei dem Holzzaun des Hauses mit 
den Blumenterrassen, hatte ein Bauer die Inschrift gesät. Es war ein 
junger Mensch, und er saß in der Brüdergemeinde des Magisters 
Jaakob Polykarp Schober. Hier in dem Bibelkollegium war es seit 
dem Weggang Magdalen Sibyllens lahm und fahl geworden. Wohl 
waren es stille, demütige und bescheidene Menschen, die da 
zusammensaßen. Aber daß die Tochter des Prälaten unter ihnen war, 
hatte sie doch eigentlich sehr stolz gemacht, und nun sie fehlte, ging 
es in dem kleinen Kreise recht trist und geduckt zu. Auch kamen so 
merkwürdige Gerüchte über Magdalen Sibylle aus der Residenz, und 
wenngleich es den frommen Seelen fem lag, von ihrer weiland 
Schwester Böses zu glauben, so trugen diese Gerüchte jedenfalls 
dazu bei, den Hass und den Abscheu zu nähren gegen den Herodes, 
den Herzog, und seinen Trabanten, den Juden, als welcher offenbar 



167 



der leibhaftige Satanas war. Aus solchem christlichen Abscheu 
heraus hatte der junge Bauer säuberlich und gewissenhaft mit 
Blumen in die Waldlichtung geschrieben: , Josef Süß Saujud Und 
Satanas." 

Dem Magister Jaakob Polykarp Schober selbst war mit 
Magdalen Sibylle eine Tröstung und großes Licht erloschen. Er 
liebte die Einsamkeit mit Gott, aber Magdalen Sibylle ging ihm doch 
sehr ab, und jetzt erst war es ihm so recht leid, daß an der 
Geldforderung des Gratialamts seine Bewerbung um die herzogliche 
Bibliothekarstelle gescheitert war, und jetzt erst hob sich in ihm 
neben dem allgemeinen Abscheu gegen Süß ein höchst persönlicher, 
kräftiger Hass, dessen Unchristlichkeit er sich oft zerknirscht 
vorwarf. Er konnte ihn aber nicht loswerden, und wenn er im Wald 
seine sinnierenden Spaziergänge machte, so stand er oft in der 
Lichtung vor der Blumenschrift und verfolgte befriedigt die 
Linien:"Josef Süß Saujud Und Satanas." Einmal, wie es ihn wieder 
hingetrieben hatte, fand er, und das Herz stockte ihm, einen andern 
Gast vor der Blumenschrift, das Mädchen, das blauschwarze, 
mattweiße, die Prinzessin aus dem himmlischen Jerusalem. Sie lag 
hingeworfen auf der Erde, verströmend. Eine dickliche Person von 
gutmütigem Aussehen bemühte sich ratlos und verstört um die wie 
ohnmächtig Hingestreckte. Dem weichherzigen Magister schnürten 
sich die Eingeweide vor Mitleid. Er trat, über eine Wurzel stolpernd, 
näher, zog tief den Hut und äußerte unter mehrfachen Reverenzen: 
,J)emoiselle! Demoiselle!" Die Dickliche fuhr erschreckt herum, die 
Prinzessin wandte ihm langsam Augen zu, die woanders waren und 
ihn nicht sahen. Er war kein großer Kombinierer, aber er begriff, daß 
die VerStörung der Dame mit der Blumenschrift zusammenhing, und 
froh über diese Erkenntnis sagte er hurtig, höflich und mit dem 
zärtlichst ergebenen Tonfall der Welt: „Ist er Ihnen auch zu nahe 
getreten, Demoiselle, der arge Jud? Ja, dieser ist wohl ein Verderber 
und stinkender Satanas." Aber seine freundlich gemeinte Anrede 
hatte eine erschreckende Wirkung, indem nämlich die Zarte 
aufsprang, ihn anflammte und mit unerwarteter Gewalt rief: 
„Verleumder! Niedriger Verleumder!" Den Magister Jaakob 
Polykarp Schober, wie er die Liebliche aus dem himmlischen 
Jerusalem so haltlos weinen sah, überkam eine große Unsicherheit 
und Bedrängnis. Er stammelte ungeschickt: „Aber es war 
keineswegs böslich vermeint, Demoiselle. Es erweisen ihn doch 
seine Taten, Demoiselle. Es ist doch bekannt in allem Land, 



168 



Demoiselle." Er machte erneut etliche Reverenzen, während die 
Süße, Blauschwarze still und strömend vor sich hin weinte und die 
dickliche Person auf sie einsprach und sie wegzuziehen versuchte. 
Sie stützend, tröstend, führte sie sie endlich von den unseligen 
Blumen fort. Aber der Magister konnte doch den Vorwurf, er sei ein 
giftiger Verleumder, nicht so auf sich sitzenlassen. Er zottelte 
nebenher, gekränkt, sich immer wieder verteidigend, es sei doch 
bekannt in allem Land, und es sei nicht böslich vermeint gewesen. 
Doch das Mädchen, und ihre Augen standen groß und wild in dem 
sehr weißen Gesicht, eiferte: „Satanas! Er! Er Satanas! Weiß und rot 
ist er, hervorragend aus Myriaden. Seine Wangen ein würziges Beet, 
getürmte Wohlgerüche, seine Lippen fließende Myrrhe. Goldene 
Ringe seine Hände, besetzt mit Chrysolith, sein Leib von Elfenbein 
ein Schaft, eingehüllt von Saphiren." Und heiligste Hingerissenheit 
und Überzeugtheit strahlte von der klaren Stirn, während sie so 
sprach. Jaakob Polykarp Schober, wie er die Bibelverse hörte, fühlte 
sich sogleich wohler und gefasster. Jetzt konnte er sich auch ihre 
Verstörtheit zusammenreimen. Aha! Dies war eine von denen, die 
der Jude mit seiner Zauberei und Hexenkunst verführt hatte. Gegen 
die Mandragorawurzel hatte kein noch so weißes Herz eine Wehr, da 
hätte er für sich selber nicht einstehen können. Der Jude war arg aus 
auf Weiber. Und diese, die Prinzessin aus dem himmlischen 
Jerusalem, war sicherlich ein Opfer von ihm. Wie rein und lauter sie 
war, erhellte daraus, daß sie jetzt noch, in ihrer Verstrickung und tief 
ein Fall, die Bibel zitierte. Bestimmt war Beelzebub ihr in heiliger, 
englischer Vermummung genaht, als er sie verlockte. Den 
pausbäckigen Magister hob es wie mit Himmelsflügeln, während er 
diese Erwägungen anstellte. Sein Leben war mit dem Weggang 
Magdalen Sibyllens doch eigentlich recht kahl und dürftig geworden. 
Jetzt schickte ihm die Gnade des Herrn die beglückende Aufgabe, 
diese zarte und feine Prinzessin aus den Zähnen des leckerischen und 
gefräßigen Satanas zu retten. Er begann weitschweifig und behutsam 
von der Freude, die im Himmel über reuige Sünder sei, kam dann auf 
die büßende Magdalena und endete schließlich bei den feinen und 
schlauen Schlingen, vor denen auch der Reinste und Zarteste nicht 
sicher sei. Denn der Feind, der Satanas und Buhler - Aber da warf 
ihn die Entrüstung des Mädchens ein zweites Mal und noch viel 
schlimmer zurück. „Mein Vater ist kein Satan und Buhler", glühte 
sie, während die Dickliche sie verzweifelt und dringlich 
zurückzuhalten suchte. Das freundliche, pausbäckige Gesicht des 



169 



Magisters wurde ganz gelb und fahl. Der Jude ihr Vater! Der 
moosichte Boden unter ihm hob und senkte sich, die Bäume fielen 
um, über ihn, stachen ihn, deckten ihn zu. Der Jude ihr Vater! Seine 
ganze Welt, Gott, Teufel, Offenbarung stand Kopf. Das Kind hatte 
die Verwirrung des Magisters sehr wohl bemerkt. „Ah", rief sie, 
„jetzt erschreckt Ihr, weil Ihr hört, daß er mein Vater ist. Fürchtet 
Euch nicht! Er ist zu hoch, als daß er auch nur die Ferse rührt 
gegen seine armseligen Schwärzer und Verleumder." Aber das ließ 
sich nun wieder Jaakob Polykarp Schober nicht gefallen. Er sei 
demütig und sehr gering, sagte er. Aber Furcht vor Menschen kenne 
er nicht. Und wenn der Herr Jud und Vater der Demoiselle auch ein 
wütiger Nebukadnezar sei und ihn könne in einen feurigen Ofen 
werfen lassen, Gott werde er doch immer die Ehre geben. Unter 
solchen Gesprächen waren sie an den Holzzaun gekommen, und die 
Dickliche sagte, er müsse jetzt gehen. Dem Magister, der sonst sehr 
langsam von Begriffen war und dem von der Begegnung und dem 
ganzen Auf und Ab wirbelte, sah, daß die ganze Seligkeit in wenigen 
Sekunden für immer vergehen werde, und da fasste er unerwartet 
einen gar nicht demütigen Entschluss. Er sagte, er sei es seiner 
christlichen Ehre schuldig, die Demoiselle ganz darüber aufzuklären, 
daß er kein schurkischer Verleumder sei, und er müsse sie zu 
solchem Behuf unbedingt noch einmal und ausführlich sprechen. Die 
Dickliche sagte zaudernd für einen späteren Tag zu und verschwand 
mit der Prinzessin, die klagte: „Und Blumen so zu vergiften, arme, 
unschuldige Blumen!" Um Jaakob Polykarb Schober aber war von 
jenem Tag an viel Wichtigkeit und Gehobenheit. Gott hatte ihn an 
den Hebel großer und schwerer Ereignisse gestellt. An ihm lag es 
jetzt, die Seele der Jungfrau zu retten, ja, vielleicht wird er auf 
diesem Weg an den Juden selber gelangen und ihm ins Gewissen 
reden; denn es ist doch keineswegs ausgemacht, daß ein Jud von 
vornherein kein Gewissen hat. Und wenn der Herr Zebaoth seiner 
Rede Kraft verleiht, dann wird vielleicht durch ihn das ganze 
Herzogtum von seinem heillosen Druck Erlösung finden. In solcher 
Erwartung ging der pausbäckige Magister herum, und er war voll 
Gehobenheit. Er ließ sich auch in seiner Zuversicht nicht stören, als 
er hörte, daß die Bibliothekarstelle mit einem ganz Unwürdigen 
besetzt wurde, der außer seinen Talern keinerlei Eignung mit- 
brachte. Die Gnade war jetzt sichtbar über ihm, seine Rede floss ihm 
lieblich vom Mund, ja, es traf sich, daß sich ihm die Worte zu 
Reimen fügten. So dichtete er gerade nach der Botschaft von der 



170 



Besetzung der Bibliothekarstelle ein Lied, das er „Nahrungssorgen 
und Gottvertrauen" betitelte, und das mit den Versen anhub: 

Solang es anoch eine Krähe, / 
Solang es einen Sperling gibt, / 
Solang ich andere Tiere sehe, / 
Solange bin ich unbetrübt. / 
Wenn die nicht ohne Nahrung sind, / 
Warum denn ich als Gotteskind? 



Und ein anderes hieß , Jesus, der beste Rechenmeister" und 
bekannte: 

Mein Jesus kann addieren / 
Und kann multiplizieren / 
Auch da, wo lauter Nullen sind. 

Beide Lieder wurden im Bibelkollegium demütig bestaunt. Die 
Brüder und Schwestern lernten sie auswendig, sie sangen sie in allen 
Lebenslagen, wenn sie in großer Not waren und wenn sie günstig 
verkauften und wenn sie starben und wenn sie Kinder kriegten. Den 
Jaakob Polykarp Schober befriedigte das bei aller Demut sehr, und 
es tröstete ihn über den Weggang Magdalen Sibyllens. Jantje, die 
fette Zofe, erzählte schuldbewusst Rabbi Gabriel von dem 
unglücklichen Zusammentreffen. Der Rabbi winkte ihr zu gehen, 
schwieg. 

Die Zofe gegangen, verdüsterte sich noch schwerer das steinern 
mürrische Gesicht, zackten sich noch schärfer die drei senkrechten 
Falten über der Nase. Schütz ihn, Himmel und alle wohlwollenden 
Engel, daß das Kind nicht frage. Ihr lügen wollte er nicht. Ihr das 
Bild des Vaters zerhauen, das leuchtende, er hätte es auf sich 
genommen, aber damit wäre ihm ein Letztes entglitten. Lieber hätte 
er seine Blumenterrassen in Jauchgruben verwandelt als das. Und 
die Seraphim und Ophanim schützten den traurigen, mürrischen 
Mann. Naemi fragte nicht. Wäre Frage nicht Zweifel gewesen? Nein, 
ihr Vater war herrlich und in großem Glanz, und die Verleumdung 
der Heiden und Philister schmutzte ihm nicht die Sohle. Die 
blockigen Buchstaben der hebräischen Schriften schichteten sich zu 
Quadern seines Ruhmes. Er war Simson, der die Philister schlug, er 



171 



war Salomo, der weise war über alle Menschen, er war, und dies glitt 
immer öfter in ihre Träume, er war Josef, der milde, kluge, den 
Pharao setzte über alles Volk und der das Volk zinste für die 
künftige Hungersnot. Aber sie waren töricht und sahen seine 
Weisheit nicht ein. Oh, wenn er käme, endlich! Vor seinen 
feuervollen Augen verbrennt in Asche das Geschwätz des dicken 
jungen Menschen. 

Rabbi Gabriel aber las in der Schrift des Meisters Isaak Luria 
Aschkinasi, des Kabbalisten: ,Jis kann geschehen, dasß in einem 
Menschenleib nicht nur eine Seele das Erdendasein von neuem 
durchmacht, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen 
sich mit diesem Körper zu neuer Wanderung verbinden. Der Zweck 
solcher Vereinigung ist ihre gegenseitige Unterstützung in der 
Sühnung der Schuld, derentwegen sie die neue Wanderung erleiden." 
Die Wange in die Hand gestützt, saß er, sann er. Das Zimmer um ihn 
vernebelte, die Bücher vor ihm, so senkte er sich in jenes Gesicht, 
prüfte Zug um Zug. Er sah die wölbigen Augen, die kleinen, üppigen 
Lippen, das reiche, kastanienfarbene Haar. Er fand Haut und Fleisch 
und Haar, nichts sonst. Da schüttelte er die Schultern, saß schlaff, 
müd, dicklich, atmete schwer, knurrend wie ein Tier, das zu hoch 
beladen den Hang nicht weiter hinauf kann. 



172 



25. 



Bei Heilbronn, lieblich zwischen Weinbergen, lag das Schoß 
Stettenfels. Der Graf Johann Albrecht Fugger saß darauf, 
Jesuitenzögling, eifervoller Katholik, befreundet mit dem 
Würzburger Fürstbischof. Schon unter Eberhard Ludwig hatte der 
regsame Herr mehrmals um Gestattung katholischen 
Privatgottesdienstes nachgesucht, immer vergebens. Jetzt unter dem 
katholischen Herzog nahm er ohne Federlesen Kapuziner ins 
Schloss, begann auf seinem Berg weitläufig Kloster und Kirche zu 
bauen. 

Offener Bruch der Gesetze, Sturm im Parlament, drohende 
Aufforderung an das Kabinett, dem frechen Unwesen zu steuern. 
Verärgert, mit gebundenen Händen der Herzog. Nirgends konnten 
nach der Verfassung katholische Kirchen errichtet werden, der 
katholische Gottesdienst musste einzig beschränkt sein auf seine 
Privatandacht. 

Der Fall lag klar. Harpprecht, der Jurist, hatte das Referat in der 
Kabinettssitzung, das Korrektat Bilfinger. Die beiden ehrlichen, 
geraden Männer waren im Innersten froh, daß diese Affäre der 
Kompetenz des Herzogs entzogen war. Mit tiefem Missbehagen 
sahen sie das Land mehr und mehr verkommen, alle Ämter verlottert 
und korrupt. Wenn sie im Amt blieben, war es, weil sie nicht auch in 
ihren Stellen Kreaturen des Süß einrücken sehen wollten. Hier 
endlich war ein Fall, wo kein Herzog und kein Jud einreden durfte; 
hier konnte man den evangelischen Brüdern erweisen, daß das Land, 
so verkommen es von außen sah, sich in Gewissensdingen, in 
Religionssachen fest und bieder und ohne leisesten Flecken hielt. 
Gegen die zögernden und bedenklichen Schütz und Scheffer setzten 
Harpprecht und Bilfinger einen Beschluss durch, daß eine 
Untersuchungskommission, eine Lehensvisitation nach Gruppenbach 
zu dem Grafen entsandt wurde, an ihrer Spitze der Regierungsrat 
Johann Jaakob Moser, der Publizist, erst neuerdings wieder durch 
Wort und Tat und Schrift als unbeugsamer Protestant erwiesen. Er 



173 



bekam weite Vollmacht. Er fand den Grafen höhnisch, trotzig, 
durchaus nicht zur leisesten Unterordnung geneigt. Er ließ die 
Regierungskommission vor dem Schlosse stehen, in Wind und 
Wetter, schlecht und hochmütig grüßend. Als die Herren auf den 
Neubau von Kloster und Kirche wiesen, wo schon hoch am Turm 
gearbeitet wurde, fragten, wie er gegen das ausdrückliche gesetzliche 
Verbot und gegen ministerielle Verwarnung auf herzoglichem Boden 
katholische Baulichkeiten errichten könne, musterte der kleine, 
bewegliche, hagere Herr grimmig, stramm, hochmütig die 
Kommission, warf dann nachlässig, provokatorisch hin, das seien 
seine neuen Wirtschaftsgebäude. Näheren Zutritt verwehrte er. 
Kapuziner, paarweise, erschienen. Der kleine Graf, immer mit dem 
gleichen Hohn, erklärte, das sei seine neue Livree, er wünsche, die 
Mode möge recht bald überall im Land im Schwang sein. 
Unverrichteter Dinge zog die Kommission nach Heilbronn ab. 
Erzwang schließlich die Besichtigung der Baulichkeiten. Schickte 
dem Grafen durch Gerichtsdiener ein grobes Schreiben mit 
gemessenem Befehl, Kloster und Kirche niederzureißen, binnen drei 
Tagen damit zu beginnen. Der Graf schmiss den Mann eigenhändig 
die Rampe hinab, hetzte ihn mit Hunden den Berg hinunter. Da 
erschien Moser, der stattliche, wichtige, komödiantische Mann, mit 
einem Detachement Soldaten, ließ Kirche und Kloster schleifen, zog 
erst ab, als der Graf, heiser vom Schimpfen, diese Arbeit, sowie die 
militärische Exekution auf Heller und Groschen bezahlt hatte. Im 
Grundstein des Klosters fand man eine Schrift, nach der dieses 
Kloster Stettenfels der Verbreitung des alleinseligmachenden 
katholischen Glaubens und der Bekehrung des ketzerischen 
Württemberg ischen Landes geweiht sein sollte. 

Jubel im Land, im Parlament. Es polterte im engeren Ausschuss 
der massige, grobe Bürgermeister Johann Friedrich von 
Brackenheim: „Man ist noch wer. Wenn man recht will, zwingt man 
die ketzerischen Hunde noch immer, ihren eigenen Kot zu fressen." 
Unterm Volk lautes Frohlocken. Im Blauen Bock ließ sich der 
Konditor Benz noch einen Schoppen Wein geben, feixte: ,Jis gibt 
noch Dinge, wo weder keine Hur noch kein Jud einreden darf." 
Herzinnige Freude der Harpprecht und Bilfinger. Stiller, demütiger 
Dank an den Herrn in den Bibelkollegien der Pietisten. Im 
Bibelkollegium von Hirsau sang der fromme Chor gleich dreimal 
hintereinander das Lied des Magisters Jaakob Polykarp Schober: 
Jesus, der beste Rechenmeister. Aber auch weit hinaus über die 



174 



schwäbischen Grenzen, im ganzen deutschen Reich erregte dieser 
Stettenfelsische Handel das größte Aufsehen. Der Würzburger 
Fürstbischof beschwerte sich offiziell beim Herzog durch seine Räte 
Fichtel und Raab. Der Herzog, im Glauben, man habe ihn bei seinen 
eigenen Religionsverwandten mit Absicht verdächtigt und 
verächtlich machen wollen, war schwer erzürnt. Dennoch stieß ihn 
der sehr kluge Würzburger Bischof nicht weiter. Er wusste, Karl 
Alexander war durch anderes sehr beansprucht, er sparte sich eine 
energische Aktion für später. 

Karl Alexander hatte wirklich alle Hände voll mit lauter kleinen, 
misslichen Angelegenheiten. Süß dachte nun ernstlich daran, sich 
nobilitieren zu lassen. Seine Stellung war gefestigt genug, er 
begehrte zum Besitz der Macht jetzt auch ihre Titel und Würden, er 
trug sich mit dem Plan, das Amt des Landhofmeisters in aller Form 
zu übernehmen. Hätte er sich taufen lassen, so wäre das von heute 
auf morgen möglich gewesen. Aber es war sein Ehrgeiz, diese 
höchste Stelle im Herzogtum trotz seines Judentums vor Kaiser und 
Reich innezuhaben. Der Herzog hatte auch, nachdem Süß bei seiner 
Redoute ihm Magdalen Sibylle zugeführt hatte, durch seinen Wiener 
Gesandten, den Geheimrat Keller, das Gesuch seines Hoffaktors 
unterstützt, ein Adelsdiplom für ihn verlangt und tausend Dukaten 
dafür geboten. Aber nicht nur das württembergische Parlament, auch 
die Ministerkollegen des Süß intrigierten am Wiener Hof, so geriet 
die Angelegenheit ins Stocken. Süß, um den Herzog zu spornen und 
sich unentbehrlich zu zeigen, stoppte seinen Eifer für Karl 
Alexander, erbat unter dem Vorwand dringlicher persönlicher 
Geschäfte einen Urlaub ins Ausland. Sofort klappte die Rekrutierung 
nicht mehr, die Geldmittel fürs Heer kamen nicht mehr herein, die 
Weiber wurden schwieriger, tausend kleine Mißhelligkeiten, die die 
Gewandtheit seines Finanzdirektors bisher ihm femgehalten, zeigten 
dem Herzog jetzt ihr widerwärtiges Gesicht. Unzuträglichkeiten bei 
der Deckung seines ungeheuren persönlichen Geldbedarfs, von Süß 
künstlich gesteigert, bei den Militärlieferungen. Dazu reizte Karl 
Alexander die immer gleiche Festigkeit Magdalen Sibyllens, auch 
die beiden Damen Götz, Mutter wie Tochter, von Süß aus der Feme 
klug und unmerklich so geleitet, leisteten unerwarteten Widerstand. 
Remchingen war langweilig, mit Bilfinger wollte er nicht zusammen 
sein, weil er sich über seine Haltung in dem Stettenfelser Handel 
ärgerte, der Franzose Riollee war ihm zu affig, zu gescheit und zu 
spitz. Er seufzte nach seinem Juden. Wäre der dagewesen, wäre 



175 



bestimmt auch der Stettenfelser Handel anders gegangen; es war eine 
Schande, daß seine Minister die christUchsten Affären nicht ohne 
den Juden glatt erledigen konnten. Mit offenen Armen wurde der 
Rückkehrende empfangen. Er war in Holland gewesen, in England. 
Hatte sich in Frankfurt feiern lassen, hatte in Darmstadt den Bruder, 
den Baron, den Getauften, verhöhnt; er wird ohne so verächtliche 
Mittel das gleiche erreichen. Zudem hatte er in den Niederlanden 
eine portugiesische Dame kennengelernt, eine Madame de Castro, 
rotblond, stattlich, noch jung, fein, adlig, hochmütig von Ansehen 
und Haltung, Witwe des portugiesischen Residenten in den 
Generalstaaten, sehr vermöglich. Er wollte sie heiraten. Sie schlug es 
nicht ab; Voraussetzung blieb nur seine Nobilitierung. Auf alle Fälle 
wird sie ihn, und das schon in nächster Zeit, in Stuttgart besuchen. 
Marie Auguste lachte stürmisch, wie sie von dem Projekt hörte. Dem 
Herzog war die geplante Manage seines Hofjuden nicht angenehm, 
er polterte, er erlaube ihm ja, sich Mätressen zu halten. ,J)u Jud 
schleckst mir sowieso in alle Teller", brummte er. Aber Süß ließ bei 
aller lächelnden Ehrerbietung nicht von seinem Plan und erwirkte 
von dem widerstrebenden Herzog ein neues Schreiben nach Wien 
wegen der Nobilitierung. Karl Alexander schrieb eigenhändig und 
dringlich. Er betonte, wie er mit seinem Hofjuden allein weit 
mehreres als mit all seinen anderen Räten und Bediensteten 
ausrichten könne, wie er seines Genies und seiner vorzüglichen 
Geschicklichkeit halber zu allen nützlichen Vorkommenheiten zu 
brauchen sei; und wie er, der Herzog, ihm als einzige seiner 
fürstlichen Dignität angemessene Reconnaissance das Adelsdiplom 
geradezu schuldig sei. Nach solchem Schreiben glaubte Süß alles auf 
bestem Wege. Er ritt durch die Straßen auf seiner Schimmelstute 
Assjadah. Er sah zehn Jahre jünger aus als er war, er war weitum in 
Schwaben der erste Kavalier. Schmeidig und rank, nicht groß saß er 
zu Pferde, die sehr roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht, 
die kastanienfarbenen Haare drängten gefallsam unter dem breiten 
Hut vor, mit edlen Steinen besetzt blitzte die Peitsche, unter der 
heiteren Stirn wölbten sich die fliegenden Augen. Die Köpfe der 
Frauen wurden herumgerissen: Er ist wieder da! Die Damen Götz 
lagen im Fenster, himmelten, während er voll Ehrfurcht 
hinaufgrüßte: Er ist wieder da! Er ist wieder da! knurrte das Volk, 
aber er gefiel ihm. Und Dom Bartelemi Pancorbo sah an der Hand, 
die seinen Gruß erwiderte, den riesigen, strahlenden Solitär- Er ist 
wieder da! lächelte er mit den entfleischten Lippen, und über der 



176 



zeremoniösen Halskrause der altertümlichen portugiesischen 
Hoftracht schickte er begehrlich und lauersam die starren, schmalen, 
wandernden Augen dem entschwindenden Reiter nach. 
Die Stute Assjadah aber reckte den Kopf hoch auf, und sie wieherte 
hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern, den höhnisch 
neidvollen Kavalieren, den gekitzelten Weibern zu: Er ist wieder da! 



177 



26. 



In der Schertlinschen Manufaktur in Urach war ein gewisser 
Kaspar Dieterle beschäftigt gewesen, ein vierzigjähriger Mensch, 
gedunsenes Gesicht, wasserblaue Augen, rötlicher Seehundsbart, 
kein Hinterkopf. Als die Manufaktur an die Sozietät Foa- 
Oppenheimer überging, wurde der Mann als Webmeister 
beibehalten. Er führte sich unterwürfig und geduckt, schimpfte aber 
im geheimen um so unflätiger gegen die jüdische Sauwirtschaft. 
Zettelte gelegentlich kleine Meutereien, machte, selber höchst servil, 
die anderen aufsässig. War dabei roh und gemein gegen die ihm 
Unterstellten. Wurde schließlich, als seine zweideutige Haltung 
aufkam, entlassen. Er konnte sich nicht entschließen, außer Landes 
Arbeit zu suchen. Verkam mehr und mehr. Brachte sich sehr elend 
durch einen erbärmlichen Hausierhandel fort und durch 
gelegentlichen Schmuggel verbotener, nicht gestempelter Waren. 
Wurde mehrmals ins Gefängnis gesperrt, einmal auch gestäupt. 
Er hatte eine kleine, verwaiste Base zu sich genommen, die ihm 
zusammen mit dem alten Hund den Hausierkarren schob und sonst 
behilflich war; fünfzehnjährig, ein verschmutztes Kind, klein, breit, 
scheu frech, lauersam, verbockt, diebisch, dabei auf eine primitive 
Art kokett. Er hielt die Kleine schlecht, prügelte sie grausam, daß sie 
zuweilen lahm und blutig liegenblieb. Aber als die Behörde 
einschreiten, ihm das Kind wegnehmen wollte, hielt sie zu ihm, 
leugnete alle Misshandlungen, ließ sich nicht von ihm trennen. Es 
war so, daß der Mann das verwahrloste, struppige, kleine Geschöpf 
durchaus als sein Weib hielt. Sie war ihm verbunden, sie liebte ihn 
auf eine gewisse Art, seine Roheit und sein verfranster Seehundsbart 
waren ihr Zeichen hoher Männlichkeit, sie liebte ihn, wenn er 
zärtlich zu ihr war und wenn er sie schlug. Sie wurde ihm allmählich 
immer unentbehrlicher, er begnügte sich, auf Messen und Märkten 
zu grölen, mit knauserigen Kunden und solchen, die nichts kauften, 
Händel anzufangen, zu saufen, ihrer beider Unterhalt lag schließlich 
allein auf ihren Schultern. Als sie sah, wie sie ihm nötig war, und 



178 



ihre Macht über ihn spürte, begann sie widerborstig zu werden, ihn 
zu verhöhnen, vor allem reizte sie es, wenn er betrunken war, ein 
gefährliches Spiel mit ihm zu treiben. Immer öfter kam es, daß er sie 
prügelte, bis sie besinnungslos liegenblieb. Ein paar Mal lief sie fort; 
aber sie kehrte doch immer zu ihm zurück, schließlich war er der 
einzige Mensch, über den sie eine gewisse Macht hatte und der an 
ihr hing. Auf solche Manier strolchte das seltsame Paar auf den 
Landstraßen herum, stahl, hausierte, lumpte sich mehr als kläglich 
durch. Der Kaspar Dieterle konnte grässlich fluchen, unflätiger als 
sonst jemand im Land. Dies imponierte dem Mädchen ungeheuer 
und schien ihr besonders kraftvoll und männlich. Am schönsten war 
es, wenn er auf die Juden fluchte. Kaskaden von Gift und Dreck 
wälzten sich dann unter dem rötlichen Schnurrbart vor, das fahle 
Gesicht wulstete sich um die wasserblauen Augen, und das Mädchen 
hörte begeistert zu. Manchmal auch, in guter Laune, um die Kleine 
zu belohnen, mimte er einen Juden, ging krumm, mauschelte, 
versuchte sich, unter dem kreischenden Jubel des Kindes, den 
Schnurrbart als Schläfenlöckchen um die Ohren zu hängen. Ein 
Festtag aber war es, wenn er auf Märkten und Messen mit Juden 
zusammenstieß. Auf herzoglichem Gebiet zwar nahmen gewöhnlich, 
wenn auch wiederstrebend, unter dem Einfluss des Süß, die 
Polizeidiener die Juden in Schutz. Aber in den freien Städten konnte 
er die Hilflosen fest zwacken und ihnen alle sauren Possen spielen, 
die sein armes Hirn auszukochen imstande war. Nun hatten sie auf 
die Ostermesse in Eßlingen große Hoffnungen gesetzt. Dort aber war 
ein Jud Jecheskel erschienen, früher Schutzjude der Gräveniz, jetzt 
mit Stillschweigen in Freudenthal, einem ehemaligen Grävenizschen 
Besitz, geduldet. Der handelte mit Zeugnissen der Manufakturen 
Süß-Foa und machte, da er eine viel größere Auswahl hatte als der 
andere, dem primitiven Kram des Kaspar Dieterle unbesieglichte 
Konkurrenz. Jecheskel Seligmann Freudenthal war ein älterer, 
dürrer, krummer, hässlicher Mensch. Kaspar Dieterle fand tausend 
Gründe, ihn zu verspotten, er beschmierte ihm die Bank seiner 
Messbude mit Schweinefett, das dann an seinem Kaftan hängenblieb, 
er hetzte die Kinder auf ihn, er ließ ihn springen und Hepp-Hepp 
machen, und er hatte die Lacher auf seiner Seite. Der Jude ließ sich 
alles gefallen, er sah hässlich, dürr und erschöpft aus und hatte, kam 
er dann endlich unter seinen Waren zu Atem, ein japsendes, 
verzerrtes Lächeln. Die Leute hatten zwar an den Spaßen des Kaspar 
Dieterle ihre Freude und verlachten den Juden weidlich mit, aber sie 



179 



kauften doch bei ihm, da trotz der Sonderabgaben seine Waren 
bilhger und mannigfaltiger waren als der arme Plunder des anderen. 
Kaspar Dieterle hatte eine dumpfe, unsinnige Wut auf den Jecheskel 
Seligmann, er beschloss, ihn des Nachts halbtot zu schinden und zu 
treten, aber er hatte nicht genug Geld, um noch das Nachtquartier bei 
dem Meß- und Judenwirt zu bezahlen, wo der andere wohnte, und er 
musste vor Torschluss die Stadt verlassen. Das Paar übernachtete in 
einem dünnen Wald. Sie waren, der Mann wie das Mädchen, 
erbittert und grimmigster Laune. Dazu setzte Regen ein, sie froren 
und waren hungrig. Er hatte ihr versprochen, auf der Eßlinger Messe 
eine Korallenkette für sie zu kaufen, sie hatte die kleine Einnahme, 
die sie gehabt, auch zu solchem Zweck zurückgelegt, aber er hatte 
ihr das Geld entrissen und Schnaps dafür gekauft. Jetzt verlangte sie, 
er solle sie wenigstens davon trinken lassen. Er höhnte sie, schimpfte 
sie, sie lausiges Hurenbalg sei schuld, daß man nicht mehr verdient 
habe. Sie schimpfte zurück, sie werde ihn anzeigen, er habe sie 
genotzüchtigt, auch sonst geraubt und gestohlen, der Galgen sei ihm 
sicher. Er schlug zu, sie schrie und schimpfte weiter, der Hund 
kläffte er schlug heftiger, sie biß ihn. Er, da sie nicht abließ und sich 
trotz aller Schläge nur wilder in ihn verbiss, haute sie schließlich 
wuchtig mit der Schnapsflasche vor die Stirn. Sie fiel um, streckte 
sich, blieb liegen. Öfters schon war das geschehen, so ließ er sie 
liegen, schnaubte befriedigt. Leckte aus der zersplitterten 
Schnapsflasche. Hüllte sich in etliches Tuch, schlief wie ein Klotz, 
wüst schnarchend. Aber der Regen drang durch und weckte ihn bald 
wieder. Er rülpste, sie solle zu ihm rücken, ihm eine andere Decke 
geben, ihn wärmen. Da sie nicht antwortete, stieß er nach ihr, 
fluchte. Wie sie sich noch immer nicht rührte, stand er froststarrend 
auf, trat sie. Entzündete endlich, seufzend, rülpsend, umständlich, 
nach vielen vergeblichen Versuchen die blinde, zerschlagene 
Laterne. Leuchtete die Reglose auf und ab. Sah sie, Kiefer herunter, 
Augen groß auf, nass, starr. Er stand lange im Regen, in dem dünnen 
Wald, frierend, blöde, ohne Sinn, allein mit der Toten und dem leise 
winselnden Hund. Die Laterne hatte sogleich der Wind gelöscht, es 
war dunkel und frostig. Aus dem Baum, an dem er lehnte, tropfte es 
auf ihn herab, es rann ihm den armen, platten Hinterkopf herunter in 
den Nacken, sein rötlichblonder Seehundsbart tropfte gleichmäßig- 
So stand er lange und begriff durchaus nicht, wie und warum die 
Babett, das einzige Wesen, an dem ihm lag, jetzt tot war. Schließlich 
begann er ein widriges und furchtsames Heulen, der Hund fiel ein, er 



180 



hob den Fuß, nach ihm zu treten, unterheß es. Nach einer Weile 
kniete er neben die Leiche; entkleidete, nicht ohne Mühe, den 
starren, hässlichen, schmutzigen Körper, machte überall Schnitte in 
die Haut, mit stumpfer, nicht zu rascher Geschäftsmäßigkeit. Er 
verwandte hierzu den Scherben der Schnapsflasche, trotzdem er es 
mit einem Messer leichter hätte tun können. Er lud dann, es regnete 
noch immer, die Nackte, Verstümmelte auf den Karren, umstapelte 
sie hoch mit Decken und Kram, zog mit dem Hund den Karren 
wieder in die Stadt. Kam dort mit dem frühesten Morgen an, als das 
Tor geöffnet wurde. Der Torwache sagte er, er habe noch einen 
Handel mit dem Juden Seligmann. Man ließ ihn passieren. 
Er zog seinen Karren in die Herberge, wo der Jude Jecheskel 
Seligmann Freudenthal wohnte. Alles wie getrieben, mit einer 
seltsamen gleichmütigen Zielbewusstheit. Im Hof der Herberge 
stellte er seinen Karren ein. Veräußerte um ein Spottgeld auch sein 
Notwendigstes. Soff. Lief dazwischen immer wieder nach seinem 
Karren. Bis er endlich, während nur die jungen Schweine 
zuschauten, die Leiche in dem Unrathaufen notdürftig begraben 
konnte. Es regnete noch immer. Darm ging er wieder in das 
Schankzimmer. Soff. Zog die Kleider seiner kleinen Base heraus. 
Erzählte eine Geschichte. Langsam, verworren, in Stücken. Ja, man 
habe doch gehört, wie gestern er und die Babett mit dem Juden 
Jecheskel Seligmann Freudenthal ihre Händel gehabt hätten. Aber 
der Jud habe dem Kind doch eine Korallenkette versprochen. Sie 
hätte zu ihm zurückgewollt. Er, der Kaspar, habe sie gehalten. 
Geprügelt. Nachts, vielleicht hatte der Jude ihr was eingegeben, sei 
sie dann auf einmal doch weggewesen. Manchmal müsse der 
Mensch auch schlafen; da könne er dann den andern nicht halten, ja. 
Und jetzt habe er unter den Waren des Juden draußen ein Bündel 
Kleider gefunden, seien die Kleider der Babett. Müsst das Kind wohl 
jetzt nackend herumlaufen, nur mit dem Korallenkettlein. Ja, und 
jetzt sei den Juden ihr Osterfest. Dies erzählte der Kaspar Dieterle, 
während er seine letzte notwendige Habe versoff. Er erzählte es 
mehrmals, und immer mehr Leute hörten zu. Und immer gekitzelter 
hörten sie zu, und immer gebannter und entsetzter starrten sie auf 
den Mund des Menschen, wo unter dem ausgefransten rötlichen 
Schnurrbart schnapsstinkend, aus den fauligen, schwärzlichen 
Zähnen weinerlich und tückisch die grausige Geschichte 
hervorkroch. Und dann fand man auf dem Unrathaufen die 
zerschnittene Leiche, die Schweine fraßen schon daran. 



181 



Fledermausflügelig, mit phantastischen Greueln ausgeschmückt, flog 
der Bericht von der Untat durch die Stadt. Zusammen Hefen die 
Leute, alles Tagewerk in Haus und auf der Straße hörte auf, die Tore 
wurden geschlossen, der Rat zusammenberufen. Greuel über Greuel! 
Ein unschuldiges Christenkind scheußlich gemartert von den Juden, 
ihm das Blut abgezapft für die Osterkuchen, die verstümmelte 
Leiche den Schweinen vorgeworfen. Soweit war es gekommen durch 
die Judenwirtschaft des württembergischen Herzogs, daß so 
schwarze Mordtat arrivieren konnte in der freien Reichsstadt 
Eßlingen zur Schmach und Schande des ganzen schwäbischen 
Kreises. 

Tosende Erregung in der ganzen Stadt. Seit vierzig, nein, seit 
genau dreiundvierzig Jahren hat man keinen so grauenvollen 
Kriminalfall mehr erlebt im Römischen Reich. Fast schon wusste 
man nur mehr aus Büchern davon. In dieser Gegend war seit dem 
Ravensburger Kindermord nichts mehr dergleichen arriviert. Oh, wie 
klug waren die Väter gewesen, daß sie die Juden ausgeschafft aus 
dem Eßlinger Bannkreis! Seit dem Salomo von Hechingen, dem 
Arzt, hatte man nicht mehr zugelassen, dß einer von ihnen mit 
seinem Schelmenatem die ehrsame Luft der guten Stadt verstinke. 
Stolz und stark konnte man, als der Kaiser die Judensteuer 
einverlangte, erwidern, seit zwei Jahrhunderten sei keiner mehr in 
diesen Mauern gesessen. Jetzt hat der Herzog, der Ketzer, der 
Herodes, die Schelme und schwarzen Mordbuben ins Land gezogen, 
die den unschuldigen Christenkindern auflauern und ihnen das Blut 
abzapfen. Ängstlich verwarnen die Mütter ihre Kinder. Immer 
schrecklichere Einzelheiten gehen um. Was heut dem fremden Kind 
geschehen ist, kann morgen dem eigenen geschehen. Auf lange 
hinaus werden die verschreckten vor jedem Fremden davonlaufen 
und grässlich Blut und Messern und wilden Barten träumen. Der 
Jude Jecheskel Seligmann Freudenthal ging indes in der Vorstadt 
herum, seine Geschäfte besorgen. Er wurde verhaftet, wie er gerade 
demütig und beharrlich von einem säumigen Schuldner Geld 
eintreiben wollte. Er hatte durchaus keine Ahnung, worum es und 
beteuerte immerzu, er habe gestern weder Kaspar Dieterle noch 
sonstwem zurückgeschimpft, er habe überhaupt nicht den Mund 
aufgetan. Denn dies war ein beliebtes Mittel dem jüdischen 
Konkurrenten gegenüber, daß man ihn durch Wort und Tat zu einer 
Erwiderung reizte und ihn dann einsperren ließ unter der Anklage, er 
habe durch freche Beschimpfung Christen um ihres Glaubens willen 



182 



verunglimpft. Aber die Büttel schlugen ihn übers Maul, fassten ihn 
hart an, fesselten ihn. Draußen wurde der dürre, zitternde, entsetzte 
Mann von einer Menge Volkes empfangen, er sah hundert erhobene 
Arme, tobende Mäuler, Kot und Steine flogen gegen ihn, er wurde zu 
Boden gerissen, getreten, bespien, Haar und Bart wurden ihm 
gerauft. Er suchte immerzu auf seine Bedränger einzureden; japsend 
noch unter den Misshandlungen, während ihm Speichel und Blut aus 
den Mundwinkeln rann, beteuerte er, er habe kein Schimpfwort, 
überhaupt kein Wort geredet. Erst aus dem Gezeter einer Frau, die 
ihn immerzu mit einer Spindel in die Weichen stach, erkannte er jäh 
die Beschuldigung, verlor die Sinne. Ohnmächtig wurde er in den 
Turm gebracht. Aber unter den Ratsherren war eine große, 
grimmige, höhnische Freude. Die Herzoglichen, die Judenzer, sind 
schuld an der scheußlichen Moritat. Wie wird man es ihnen 
vorreiben, wie wird man es ihnen zu schlucken geben! Endlich jetzt 
kann man dem Herzog und seinem Juden eins versetzen. Hat man 
nicht ständig Händel mit ihnen und Schikanen? Während einem die 
herzoglichen Wildsäue und Hirsche und all das Viehzeug die Felder 
verderben, klagt der freche Ketzer, die Eßlinger Bürger wilderten - 
ja, wie sonst sollen sie sich helfen? - und nimmt sie hoch. Und 
queruliert er nicht ständig, die Eßlinger Straßen seien schlecht wider 
den Vertrag? Ho, ihr hochmögenden Herren! was ist ein Loch in der 
Straße gegen einen so grausligen Mord? Auch über die 
Neckarregulierung ist nicht mit ihm eins zu werden. Hat er nicht 
sogar die Einkünfte des Eßlinger Spitals aus dem Württemberg ischen 
gepfändet? Und sein Jud erst, der freche Malefizer und Schelm! Da 
hat etwa die Stadt, pro forma natürlich nur und um gewisse 
Erleichterungen zu erzwingen, den Schirmvertrag mit dem Herzog 
aufgehoben. Tut da dieser lausige Saujud nicht gleich, als nähme er 
die Geschichte ernst? Lässt einfach, als gäbe es wirklich keinen 
Schirmvertrag, die Eßlinger ganz wie andere Fremde behandeln! 
Schikaniert auf Schritt und Tritt ihren Handel und Wandel. Jedem 
einzelnen der Ratsherren hat er mehrere tausend Taler gehindert. 
Aber wart nur, Herr Jud! Jetzt wird man's dir heimzahlen! An 
deinem schwarzen und verruchten Glaubensgenossen wird man es 
dir heimzahlen. In spanische Stiefel schnüren wird man ihn, das Blut 
aus den Nägeln herausquetschen, ihn mit glühenden Zangen 
zwicken. Jetzt schon freuen sich unter den Ratsherren die Anwohner 
des Marktes darauf, wie man ihn dort verbrennen wird, und 
versprechen den Verwandten und befreundeten Fensterplätze. Nur 



183 



schade, daß man es bei einer einzigen Hinrichtungsart bewenden 
lassen muss. Man sollte ihn können zugleich hängen und rädern und 
vierteilen und verbrennen. 

Der Älteste unter den Ratsherren war Christoph Adam Schertlin, 
der seinerzeit die Uracher Manufaktur begründet hatte, und der, auf 
Altenteil in seinem Eßlinger Patrizierhaus, sein Werk langsam und 
unrettbar hatte versinken, dem Juden in die Hände gleiten, seine 
Söhne hatte verkommen und verlottern sehen. Er war hoch in den 
Siebzig. Dies war eine wilde und unvermittelte Freude vor seinem 
Grab. Tief aus der Brust holte er malmende Worte gegen die 
jüdische Verruchtheit, spie sie vor den Rat, einem ach! Unsichtbaren 
ins Gesicht. Hoch trug er den großen, verwitternden Kopf, starken 
Schrittes ging er durch die Straßen; heftig, als rennte er ihn dem 
Feind in den Leib, stieß er den Rohrstock gegen den Boden, den 
goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht zitternder 
Hand. Bei dem Messwirt aber saß der Kaspar Dieterle. Er hatte es 
nicht mehr nötig, was zu verkaufen, um Schnaps zu kriegen. Immer 
saß ein dicker Haufe Menschen um ihn herum, bänglich und 
gekitzelt. Der früher als ein Lump und Aushauser von jeder Schwelle 
gejagt worden war, galt jetzt als wichtiger Mann und wurde groß 
hofiert. Immer buntere Einzelheiten erzählte er, längst glaubte er 
selber, daß ihm die argen Juden seine letzte Stütze tückisch 
geschlachtet hätten. Als stärksten Beweis führte er die Tatsache an, 
daß das Kind in der Christnacht sei geboren worden, und alle starrten 
verstrickt und grübelnd auf seinen Mund, wenn er, die wasserblauen 
Augen geheimnisvoll weit auf, dies vorbrachte. Denn das war ein 
bewiesenes Faktum und stand in vielen Büchern zu lesen, daß, wer 
in der Christnacht geboren ist, besonders gefährdet ist, von den 
Juden umgebracht zu werden. Vor allem die Weiber hatten groß 
Mitleid mit dem Mann. War er doch Ursach und Warnung, ihre 
armen Kinder um so ängstlicher zu hüten. Sie steckten ihm 
Gebackenes und Gebratenes zu, Schinken und Schmalznudeln. Seine 
gedunsenen Wangen nahmen Farbe an, sein rötlicher Seehundsbart 
war ausgekämmt und weniger verfranst; nur seine fauligen, 
schwärzlichen Zähne blieben. Und eine Bäckerswitwe trug sich 
ernstlich mit dem Gedanken, den armen, verwaisten Mann, dem die 
Juden so übel mitgespielt, zu heiraten. 



184 



27. 



Der Leibarzt Doktor Wendelin Breyer untersuchte den Herzog. 
Ein dürrer, langer Mensch, ungeheuer beflissen, ängstlich und 
liebenswürdig, mit weiten, entschuldigenden Bewegungen, die 
hohle, angestrengte Stimme tief aus der Brust hervorgrabend. Er 
lächelte viel und furchtsam, bat unzählige Male um Pardon, suchte 
seine Mitteilungen durch kleine, schüchterne, unbehilfliche Scherze 
zu erhellen. Der Herzog war ein schwieriger Patient, den Kollegen 
Georg Burkhard Seeger hatte er mit dem flachen Degen halbtot 
geprügelt; auch zerschmiss er gerne Medizinflaschen an den Köpfen 
seiner Ärzte. 

„Also dann ?" herrschte der Herzog den Arzt an. Der Doktor 
Wendelin Breyer suchte sich mit etlichen flatternden Bewegungen 
aus dem Bereich Karl Alexanders zu bringen. 

,Jiine Goutte militaire!" wimmerte er dann mit seiner 
angestrengten Stimme und meckerte ein wenig. „Eine ganz kleine, 
unbedeutende Goutte militaire." Da der Herzog finster schwieg, 
fügte er eilig hinzu: ,Jiuer Durchlaucht mögen sich ja keine 
Melancholie und schwarze Gedanken darüber machen. Solche 
Goutte militaire hat nichts gemein mit der bösen Lustseuche oder 
französischen Krankheit. Denn während letztgenannte Krankheit aus 
einem in der weiblichen Scheide präexistierenden Gift stammt, so 
der Teufel dort hineingebannt hat, ist Euer Durchlaucht Indisposition 
nur als etwas Beiläufiges, gewissermaßen als ein leichter Schnupfen 
der Allerhöchsten Harnblase anzusprechen. Euer Durchlaucht 
werden mit Gottes Hilfe in etwa drei Monaten davon befreit sein. Ich 
erlaube mir noch submissest anzumerken, daß besagte kleine 
Indisposition bei allen großen Heerführern der Christenheit gang und 
gäbe ist. Nach den Chroniken haben auch die großen antikischen 
Generale Alexander und Julius Cäsar daran laboriert." 

Der Herzog winkte dem Arzt finster Entfernung, und der zog 
sich unter vielen weiten und entschuldigenden Bewegungen zurück. 
Der Medikus fort, schnaubte Karl Alexander durch die Nase, hieb 



185 



mit dem Marschallstab zornig eine kleine Porzellanfigur entzwei. In 
jüngeren Jahren hatte er zweimal diese schmutzige Krankheit gehabt, 
damals wusste er nicht, von wem. Diesmal wusste er es. Das 
Saumensch, das dreckige! So zier und lecker schaute sie von der 
Bühne her, so flink zappelten ihre Augen, so erfahren und angenehm 
züngelte sie, so appetitlich sah das ganze Frauenzimmer. Ein Wind, 
ein Hui, ein wohliges Parfüm. Und hatte den Dreck und Gift und 
Teufel im Leib. Metze, gottverfluchte! Aber er wird sie stäupen 
lassen, sie mit Ruten aus dem Land jagen. Er begnügte sich dann, sie 
eine Fuhre Kot durch die Stadt fahren zu lassen, wie man es mit 
Weibspersonen hielt, die der Unzucht überführt waren. In grobem 
Kittel wurde die kleine, leicht fette, gelbe Napolitanerin durch die 
Straßen geführt, schwer schleppte sie an ihrer Fuhre Mist, ratlos und 
verhetzt schauten die lebendigen Augen, ein großer Zettel mit der 
Inschrift Metze hing ihr um den Hals. Die Bürger schnalzten 
bedauernd, das hätte man eher wissen sollen; der Most wäre, eh daß 
er sauer ward, einem gewiss sehr süffig eingegangen, da hätte man 
sich gern sein Schöpplein geholt. Die Frauen aber spien sie an und 
warfen sie mit Abfall. So wurde sie krank und ohne Geld aus der 
Stadt gejagt. 

Es litten aber an der gleichen Krankheit wie der Herzog der 
General Remchingen und der Schwarzbraune. Remchingen und Karl 
Alexander saßen zusammen und fluchten auf die Weiber. Mit 
grimmigen Spaßen verfolgte der Herzog den Süß. Der hatte sie doch 
auch gehabt, als erster wahrscheinlich, und der war heil 
davongekommen. Weiß der Satan, durch was für schwarze, jüdische 
Kunst. Aber semmelblond und in dicker Ratlosigkeit saß der 
Expeditionsrat Götz. Er war der einzige, der die Zusammenhänge 
überschaute. Er hatte die Krankheit überkommen von der Kellnerin 
im Blauen Bock. Er hatte sie an die Welsche weitervererbt, die er in 
großer Unschuld als seine liebe Herrin und Geliebte ästimierte. Bei 
anderer Lage der Dinge hätte er es für seine unbedingte Pflicht 
gehalten, alles gutzumachen, ja vielleicht sogar die Welsche zu 
ehelichen. So aber, wie man in der Hofgesellschaft respektvoll 
lächelnd von dem kleinen galanten Leiden des Herzogs flüsterte, wie 
er langsam begriff, wie er erkannte, daß er, der allerdemütig ste und 
ehrerbietigste Untertan, seinem Souverän die lästige und schmutzige 
Affäre angehängt hatte, brach seine Welt zusammen. Daß er bei 
seiner Loyalität seinem Fürsten diesen schmutzigen Tort antun 
konnte, daß es möglich war, schuldlos in solche Schuld verstrickt zu 



186 



werden, warf ihn um. Er beschloss zunächst, sich zu erschießen. 
Später indes sagte er sich, daß eigenthch die Napohtanerin an allem 
schuld sei; sie hatte ihn in diese üble Verstrickung mit seinem 
gottgewollten Herrn gebracht, und er sprach sich aller Schuld ledig, 
wälzte sie auf die Sängerin und sah mit grimmiger Befriedigung zu, 
wie sie ihre Fuhre Kot schleppte. Nun liebte aber die Napolitanerin 
den unbehilflichen, semmelblonden Menschen wirklich. Sie verriet 
ihn nicht, trotzdem sie sich vielleicht dadurch hätte retten können. 
Während sie in Schimpf und großer Not durch die Straßen geführt 
wurde, dachte sie nur an üin. Sie rührte die Lippen, das Volk glaubte, 
sie bete, aber sie sagte nur tonlos und ziemlich sinnlos seinen Namen 
und zärtliche Beiworte vor sich hin. Alte Märchen spukten in ihr von 
dem Prinzen, der die Bettlerin zu seiner Prinzessin erhöht. Jetzt wird 
er, jetzt gleich hervortreten, und all dieses Gröbliche ist nur ein Alp 
und arger Traum. Erst als sie über die Grenze geschafft war, ohne 
daß er auch nur das leiseste Wort hatte hören lassen, brach sie 
zusammen. 

Das Gerücht sickerte durch von der Erkrankung des Herzogs. In 
den Bibelkollegien flüsterte man, das sei die Strafe des Herrn, und 
man erinnerte an Nebukadnezar, der zu seinem bösen Ende Gras 
habe fressen müssen wie ein Ochs. Aber in der Hofgesellschaft 
errang diese kavaliersmäßige Erkrankung dem Herzog nur größeren 
Respekt. Der Tübinger Hofpoet überreichte ein Poem, in dem er 
sagte, daß man zuweilen die Siege im Reiche Amors mit kleinen 
Wunden bezahlen müsse, die aber nicht minder ehrenvoll seien als 
die des Schlachtfeldes. Amor schieße manchmal mit vergifteten 
Pfeilen. Zum Schluss rief er aus, wer den Türken und Franzosen 
überwand, werde auch diese kleine Molestierung überwinden und 
Schwabens Alexander bald wieder Schwabens Paris sein. 
Die Herzogin sah in der Erkrankung ihres Gatten Wink und Fügung. 
Noch immer stand an ihrem Wege der junge Lord SuffoUc, mit 
seinem roten, primitiven, unbegrenzt verliebten Gesicht. Er hatte 
sich an seinem Hof und in seiner Herrschaft durch sein Fembleiben 
unmöglich gemacht, er verehrte sie hartnäckig, stumm und 
verzweifelt, es war nur mehr eine Frage von Tagen, wann er ein 
Ende machen würde. Daß jetzt ihr Gatte nicht zu ihr kommen 
konnte, war dies nicht nicht ein Wink? Und sie erbarmte sich des 
armen, treuen, zähen Menschen, lächelnd und amüsiert. Aber der 
junge Engländer war offenbar zu jedem Unstern vorbestimmt. Karl 
Alexander neigte gemeinhin durchaus nicht zur Eifersucht, er kam 



187 



gar nicht auf den Gedanken, daß man ihn. Um! hintergehen könnte. 
Aber sei es, daß er durch seine Erkrankung misstrauisch geworden 
war, sei es, daß andere ihn aufgehetzt hatten, er drang unversehens in 
die Gemächer der Herzogin ein; gerade noch, daß der junge Lord, 
schlecht bekleidet und unwürdig, sich retten konnte. Der Herzog 
machte einen Höllenspektakel, zerschlug Spiegel und Parfüms, 
zerschliss mit seinem Degen kostbare Wäsche, nannte Marie 
Auguste mit pöbelhaften Namen, ja, er schlug sie in das ziervolle, 
kleine eidechsen- hafte Gesicht, das von der Farbe alten, edlen 
Marmors war. Die Herzogin ^zählte weinend und empört Magdalen 
Sibyllen davon, sie beteuerte theatralisch ihre Unschuld, aber bald 
stahl sich in ihre Empörung ein kleines amüsiertes Lächeln, sie 
machte spitzbübisch die lärmende Aufregung des Herzogs nach, 
divertierte sich an den merkwürdigen und gröblichen 
Schimpfworten, suchte sie ins Französische und ins Italienische zu 
übersetzen. Zuletzt meinte sie lächelnd, es sei seltsam, wenn etwa 
RioUes oder Remchingen zu ihr kämen, Sie sei gewiss, die würden 
auch das Vierundzwanzigmal nicht erwischt werden; aber der arme, 
tapsige Junge natürlich gleich das erstemal, kaum zu Ende und nicht 
recht wissend, wie er es anstellen sollte. Da es sich nicht schickte 
daß der Souverän sich mit dem Lord schlage, sollte für alle Fälle, ob 
der Engländer nun Schuldig oder nicht, Remchingen sich mit dem 
jungen Lord duellieren. Remchingen brummelte vor sich hin, 
eigentlich habe er ja auch allen Grund dazu. Und zeigte er, als es 
ernster wurde, keine sonderliche Eil. Schließlich reiste der Engländer 
ab, durchaus nicht heimlich, sondern umständlich und gemächlich. 
Abzweifelnd an Gott, sein simples klares Weltbild in Scherben, 
zerfallen mit sich und den Menschen. Der kurze Genuss hatte ihn tief 
verstört er konnte sich an nichts mehr recht erinnern das einzige, was 
in seinen Gedächtnis haftete, war ein etwas beschädigter 
Strumpfgürtel der Herzogin, um den es sich eigentlich nicht gelohnt 
hätte, Leben, Ruf, Stellung in der Heimat zu gefährden. 

Karl Alexander hatte eine Menge Indizien aber keinen unbedingt 
handgreiflichen Beweis für die Untreue Marie Augustes. Unter 
sonstigen Umständen hätte er sich wohl bald beruhigt; jetzt machte 
ihn der Missmut über seine Behinderung durch die Krankheit 
zänkisch und verbissen. Marie Auguste, der Ständigen 
Beargwöhnung und Aufsicht bald Überdrüssig, spielte zunächst die 
Genoveva, trumpfte aber bald grollend auf, setzte den Grobheiten 
des Gatten eine bissige, aufreizende Ruhe und Ironie entgegen. 



188 



drohte schließlich sie werde zu ihrem Vater zurückkehren. Worauf 
Karl Alexander roh erwiderte an diesem Tage werde er alle Glocken 
läuten lassen, Böller schießen und jedem Untertan Wein und Braten 
spendieren. 

Dem alten, feinen Fürsten Thum und Taxis kam das Zerwürfnis 
höchst ungelegen. Schön, seine Tochter hatte sich ein weniges mit 
einem englischen Herrn amüsiert. Warum soll man sich nicht mit 
einem Engländer amüsieren? Sie machen schlecht Konversation und 
sind hölzern von Figur, aber sie haben vor den Welschen 
Unverbrauchtheit, Gesundheit und vor allem Diskretion voraus. 
Wäre er eine Frau, er würde sich auch einen Engländer aussuchen. 
Darum braucht man doch keinen solchen Lärm zu machen und soviel 
Spanponaden. Aber freilich, sein Herr Schwiegersohn, Liebden, war 
ein Feldherr, und als solcher gewöhnt, mit viel Geräusch aufzutreten. 
Auch verlangte man von einem Strategen Siege, aber keine 
Kinderstube. Seufzend schrieb er das seinem Freund, dem 
Fürstbischof von Würz bürg, mit der Bitte, den kindischen Handel 
möglichst rasch einzurenken. Dem klugen, schlauen, dicken Herrn 
kam diese Aufforderung sehr gelegen. Er hatte den Stettenfelser 
Handel nicht vergessen, die Niederlage der Kirche kratzte ihn sehr, 
er hielt den Grafen Fugger an seinem Hofe, er wartete nur auf einen 
Anlass, sich unauffällig nach Stuttgart zu begeben und die 
Gewinnung des Landes fiir Rom persönlich auf glatteren, rascheren 
Weg zu bringen. So ließ sich die Eminenz nicht lange bitten, sondern 
hielt sehr bald mit den Geheimräten Fichtel und Raab in zahlreichen, 
stattlichen Kutschen behaglichen, fröhlichen und komfortablen 
Einzug in Stuttgart. Fragte mit kleinem Schmunzeln den Herzog 
nach seinem Leiden, hörte mit Pläsier, daß es so gut wie geheilt sei, 
riet freundschaftlich, sich immerhin vorläufig noch mehr an den 
Kaffeetrank seines Rates Fichtel als an den Tokaier zu halten. 
Tätschelte onkelhaft die kleine, weiße, fleischige Hand der puppig 
schmollenden Herzogin. Hatte die Gatten bald so weit, daß sie sich 
ehrlich darauf freuten, bis sie nach völliger Wiederherstellung des 
Herzogs dem Land und sich und der Kirche einen Erben schenken 
könnten. 

Der Fürstbischof drängte darauf, daß man ihn den famosen 
Geheimen Finanzierrat und Hausjuden etwas aus der Nähe besehen 
lasse. Karl Alexander tat das nicht gern. Er fürchtete sehr, man 
möchte ihm seinen unentbehrlichen Juden fortlocken. Aber er konnte 
schließlich dem Freunde den harmlosen Wunsch nicht auf die Dauer 



189 



weigern. Süß erschien vor dem Fürstbischof, mit der geübten, 
grenzenlos demütigen Ergebung küsste er ihm den Ring, breitete 
geschickte Komplimente vor das große Weltorakel, den heimlichen 
Kaiser, Herz und Lenker aller Politik. Aber die Würzburger Eminenz 
war nicht so leicht zu fangen. Die beiden Füchse berochen sich 
anerkennend, und keiner traute dem andern. Glatt, fröhlich, 
unverfänglich plauderte der schlaue, feiste Mann mit dem schlauen, 
schlanken, und keiner kam dem andern näher. 

In unermüdlicher Arbeit förderten der Fürstbischof und seine 
beiden Räte ihre Projekte. Unablässig hetzten sie an dem Herzog, an 
Remchingen. Offene und heimliche Konferenzen mit Weißensee, mit 
den verschiedenen Ordensgeistlichen, die gegen die Verfassung, im 
geheimen angeknirscht, in Weil der Stadt, überall im Herzogtum sich 
eingenistet hatten. Als der Fürstbischof das Herzogtum vergnügt 
verließ, hatte der Stettenfels reichlich wettgemacht, für seine Pläne 
Großes erreicht, zu Größerem den Grund gelegt. Die Schlosskapelle 
in Ludwigsburg wurde jetzt für den katholischen Gottesdienst 
eingerichtet, Ordensleute offiziell ins Land gerufen. Katholische 
Feldgeistliche lasen öffentlich Messe, nahmen Kindstaufen vor. Es 
war ferner ein katholisches Militärreglement bis ins kleinste Detail 
ausgearbeitet, vorbereitet war eine außerordentlich feine und 
knifflige juristische Interpretation gewisser Verfassungsparagraphen, 
die die parlamentarischen Freiheiten illusorisch machte. Vorbereitet 
war endlich die förmliche Gleichstellung der katholischen Religion 
mit der lutherischen. Solches Simultaneum hatte vor dreißig Jahren 
in der Kurpfalz zur Unterdrückung des Protestantismus geführt. 
In geläufigem, elegantem Latein berichtete der Geheimrat Fichtel 
froh und fromm an Remchingens Bruder, Kämmerer am päpstlichen 
Hof zu Rom, was alles durch die Stuttgarter Visite des Fürstbischofs 
erreicht worden. Er kam dann auf den Anlass der Reise zu sprechen, 
die Erkrankung des Herzogs, und schloss: „So siehst du, 
hochzuverehrender Herr und Bruder, daß sich die göttliche 
Vorsehung oft seltsamer Mittel bedient, um die alleinseligmachende 
Kirche zu fördern und den rechten Glauben zu verbreiten." Den Süß 
nagte und zwickte es. Das Verfahren seiner Nobilitierung gestaltete 
sich umständlicher und langwieriger, als er erwartet hatte. Madame 
de Castro blieb kühl, und Süß konnte die kluge, rechnerische Frau 
nicht dazu bringen, sich zu resolvieren. Auch die Projekte des 
Würzburger Bischofs verdarben dem Süß de Laune. Er hatte sehr 
wohl gemerkt, daß es ihm nicht gelungen war, das Vertrauen der 



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Eminenz zu gewinnen, und daß man ihn in dem gewaltigen Plan, der 
recht eigentlich als Eckpfeiler der schwäbischen Politik des nächsten 
Jahrzehnts gedacht war, nicht drin haben wollte. Süß fühlte sich auch 
auf diesem Gebiete nicht so sachkundig und sattelfest wie sonst. Er 
mengte sich nicht gern in Ekklesiastika, die Fragen, die man so 
wichtig agierte, kamen ihm läppisch und erwachsener Männer 
unwürdig vor. Sein klarer, sachlicher Sinn erkannte scharf, daß 
dahinter höchst reale Dinge lagen, Beseitigung der Verfassung und 
des Parlaments, Militärautokratie des Herzogs; er verstand es nicht, 
warum man auch unter eingeweihten Politikern peinlich darauf hielt, 
sich auf so weitschweifige, skurrile und umwegige Andeutungen zu 
beschränken. Seine Mittel und Wege waren viel geradliniger, rascher 
und unmittelbarer, er konnte sich in die weichen, langsamen, 
einschläfernden Methoden der Suiten nicht einfinden. Er sah 
staunend, daß die Herren auch im engsten Kreise es peinlich 
vermieden, Dinge beim Namen zu nennen, daß sie, und wenn sie nur 
zu zweien waren, sanft und fromm alle möglichen demütigen und 
moralischen Umschreibungen anwandten, und wenn er oder 
Remchingen scharf und sacht einem Ding sein rechtes Wort gaben, 
milde und mißbilligende Blicke in die Runde schickten. So fühlte 
sich also der Jude leicht angezweifelt brauchte Bestätigungen. Er 
erreichte es bei Karl Alexander, daß der ihn beauftragte, ein 
besonders kostbares Geschenk Magda Sibyllen in seinem Namen 
persönlich zu überbringen. Er ließ sich den Tag vorher bei der 
Demoiselle melden, er erschien in großem Aufzug, mit Pagen und 
Gepräng. Magdalen Sibylle hätte den Herzog beleidigt, wenn sie den 
auf solche Art Angekündigten brüskierte. Sie empfing ihn. 
Magdalen Sibylle wohnte jetzt in einem Schlösschen vor der Stadt. 
Goldene Amoretten ließen Bänder von den Decken flattern, auf den 
kostbaren Gobelins ritten vornehme Jagdgesellschaften, glänzende 
Spiegel teilten die prunkvollen Gemächer, die erfüllt waren von 
allem Zierat einer großen Dame. Zwei Kutschen, die Schlitten, 
Portechaisen, Reitpferde warteten. Überflüssige Dienerschaft gähnte 
vornehm und müßig auf den Korridoren. Karl Alexander hatte eine 
offene Hand für seine Herzdame; auch der König von Polen konnte 
seine Mätresse nicht besser in Prunk und Schimmer setzen. 
Magdalen Sibylle hielt sich inmitten dieser Pracht mit gefrorener 
Ruhe. Der Glanz hing und stand leblos um sie herum; das 
Schlösschen war wie das Gehäng einer pomphaft aufgebahrten 
Toten. 



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Mit starrer Höflichkeit empfing sie den Süß. Mächtiges, 
violettbraunes Kleid aus Brokat, lange, streng anliegende Ärmel, 
kleiner Ausschnitt. Die bräunlichen Wangen, die blauen Augen zu 
artiger Gemessenheit gezwungen wie etwa vor dem Baden- 
Durlachischen Geschäftsträger, mit dessen Hof man gespannt war, 
die schwarzen Haare unter der Perücke zeremoniös versteckt. Süß 
suchte ihrer Kälte zunächst durch ausschweifende, muntere 
Liebenswürdigkeit und hemmungslose Galanterie beizukommen. Sie 
hatte nur verächtlich knappe Antworten. Da versuchte er es anders, 
reizte sie zum Angriff, dankte ihr überschwenglich, daß sie sich 
resolviert habe, ihn zu empfangen. Sie erwiderte, sie habe es auf 
Order Seiner Durchlaucht getan. Schwieg ein kleines, konnte sich 
nicht enthalten, hinzuzufügen, nachdem sie so vieles hingenommen, 
könne sie auch das noch über sich ergehen lassen. Jetzt war Süß in 
seiner Strömung. Hinnehmen! Über sich ergehen lassen! Des 
Herzogs von Württemberg Herzdame zu sein, welch Unglück! Die 
Töchter des ganzen schwäbischen Adels sehnten sich danach. Ein 
Prunkschloß, hundert Lakaien, Jagden, Assembleem befehlen 
können nach Belieben, arme Demoiselle, ach, wie schlecht es ihr 
erging! 

Magdalen Sibylle nahm die Maske ab. Er wollte also den 
Kampf, er glaubte offenbar, sie habe schon vergessen, er könne da 
wieder ansetzen, wo er einhielt, bevor er sie, der schachernde, 
teuflische Jude, dem Herzog verkauft. Sie stand brüsk auf, ließ das 
kleine modische, asiatische Hündchen, ein Geschenk Karl 
Alexanders, unsanft, daß es bläffte, zur Erde gleiten, funkelte ihn an: 
Er solle nicht simulieren. Er wisse sehr genau, worum es gehe, was 
er ihr getan habe. „Sie sind ja schuld an allem!" rief sie, und in ihre 
bräunlichen, männlich kühnen Wangen stieg Blut, und der feine 
Haum darauf belebte sich. Süß sah den festen, glatten Hals, die 
Kehle sich heben, sich senken. Er hatte sie, wo er sie wollte. Sie 
solle sich nicht unterschätzen, meinte er mit seiner geschmeidigen, 
streichelnden, aufreizenden Stimme. Sie sei Seiner Durchlaucht 
schon von selbst ins Blut gegangen, da habe es seiner Nachhilfe 
nicht bedurft. Aber gesetzt den Fall, er sei wirklich die Ursache, und 
er schaute sie dreist lächelnd, einverständnisvoll auf und ab, was er 
ihr dann Böses getan habe. Sie wollten doch hier nicht nach dem 
Diktionär der Bürgermoral reden, sondern sachlich, als Leute von 
Welt. 



192 



Sie atmete stark, machte raschere Bewegungen, als das feierhch 
stolze Kleid eigentlich erlaubte, ihre eingeborene Heftigkeit brach 
durch. Was er ihr getan habe? Versteller er und arger Jud! Gewandelt 
in Falschheit und Schminke, alles, was sie redet, was sie tut! Erstickt 
den lebendigen Odem Gottes in ihr! Aber das war es doch nicht, was 
sie sagen wollte. Warum log sie denn und warf ihm nicht nackt und 
wahr seinen Gefühlsschacher und seine ganze klägliche Niedrigkeit 
ins Gesicht? Warum, um Gottes willen, log sie denn? Und da hatte er 
auch schon das Unredliche ihrer Worte erkannt. 

Das seien doch nur Ausflüchte, sagte er, Selbstbetrug. Das 
Bibelkollegium von Hirsau und der Odem Gottes und Gesichte und 
Träume, das sei doch alles Schminke und Mummenschanz, gut für 
Schwächliche und Männer ohne Atem und ohne Schenkel und 
Bresthafte und hässliche Jungfern. Er sah sie auf und ab mit seinen 
frechen, dringlichen, abschätzigen Augen. „Wer gewachsen ist wie 
Sie", rief er, „wer Ihre Augen hat, Demoiselle, und, wenn Sie es. 
auch verstecken, Ihr Haar, der hat Gott nicht nötig. Seien Sie doch 
ehrlich! Belügen Sie sich nicht selber! Die Heiligkeit war ein 
Vorwand, solange Sie warteten." 

Sie wehrte sich, sie schlug zurück. „Sie haben mir stehlen 
können, was ich hatte", sagte sie. „Aber es wird Ihrer teuflischen 
Kunst nicht glücken, es hinter her zu besudeln. Reden Sie! Reden Sie 
alle Ihre armen Ruchlosigkeiten und Frivolitäten. Sie werden mir 
meinen Gott doch nicht zum Traum einer mannstollen Närrin 
hinunterschwatzen." Sie rief sich die erfüllten Stunden über dem 
Swedenborg zurück, das einfältig fromme Licht der 
Brüdergemeinde, sie zwang sich zurück in den gläubigen Dunst der 
blinden Heiligen, auf eine Minute war sie wie früher schlicht und 
ohne Zweifel, war ihr Gott lebendig. „Wenn er mich auch 
verschmäht", rief sie, und der andere war erstaunt über das fromme 
Blühen in ihrer Stimme, „Gott lebt!" Und noch einmal: 
„Gott lebt!" rief sie, und er war ihr in Wahrheit auferstanden. Doch 
ach! auf eine Minute nur. Der Jude schwieg, genoß ihr Eifern und ihr 
Glühen. Dann mit glatter Hand wischte er es weg. 

„Wenn das so ist", sagte er leichthin, „warum flohen Sie dann 
vor mir, im Wald von Hirsau? Warum dann half Ihnen Ihr Gott nicht 
gegen den Herzog? Ich glaube nicht viel; aber das glaube ich, daß 
man nicht Macht haben kann über eine Frau, die des Gottes voll ist." 
Und während ihr Gesicht erlosch, und während sie ihrem 
entflattemden Gott nachstarrte, trat er näher an sie, und jetzt sagte er 



193 



ihr, was sie gefürchtet hatte, er sprach es gutmütig, mit seiner 
streichelndsten Stimme: „Ich will Ihnen sagen, warum Sie damals im 
Wald vor mir geflohen sind. Weil Sie mich liebten. Und alles, was 
Sie seither getan und gefühlt haben, Haß und Verzweiflung und 
Gegenschlag und Starrheit und Klage, das alles haben Sie nur 
deshalb getan und gespürt. Und ich will Ihnen weiter sagen: auch ich 
habe seither keinen Tag gehabt, an dem ich Ihr Gesicht nicht sah und 
spürte." 

Magdalen Sibylle hatte geglaubt, sie werde vergehen, sowie er 
das Wort sprechen wird. Nun zog er sie nackt aus, nun nannte er 
ihren heiligen Eifer, den Satan zu Gott hinüberzuziehen, bei seinem 
rechten, kleinen und lächerlichen Namen. Es war ja alles auch so 
einfach auf seine simple und alberne Formel zu bringen: sie war 
eben ein dummes, schwäbisches Landmädel, das sich in den 
erstbesten Kavalier vergaffte, der ihr unvermutet über den Weg lief, 
und ihre Erweckung und Gottesminne war nichts als ganz ordinäre, 
armselige Geilheit. Aber merkwürdigerweise verging sie durchaus 
nicht, als er ihr das auf den Kopf zusagte. Sie bäumte vielmehr hoch, 
sie stand auf wider ihn, und auf einmal konnte sie reden, und in 
unverkünstelten, zornigen Worten schalt sie ihn: ,Ja, sie habe 
vielleicht ihr Gefühl maskiert, aber er habe das Niedrigste, 
Schäbigste, Jüdisch-Ekelste getan, was ein Mensch tun könne, er 
habe sein Gefühl verschachert." Er leckte aus ihren Worten nur den 
Honig, nach dem seine Eitelkeit gelüstig war, sah nur mit 
gesättigtem Stolz, wie ganz er sie erfüllte. Und er wollte sie wieder 
gläubig haben, um noch glänzender vor ihr zu paradieren. Mit 
geübter Sophistik, er war ja längst vorbereitet, entfaltete er denn 
auch sogleich das Argument, das sie ihn fangen musste. 
Schmeichlerisch und gewandt breitete er es vor sie hin: Ja, er wisse, 
er hätte damals leicht ihr Gefühl in seine Hand bekommen können, 
so daß sie sich ihm willig gegeben hätte. Doch er sei kein Freund der 
billigen Mittel. Mit seiner Macht und seinem Glanz auf das 
schwäbische Landmädel Eindruck zu machen, das sei ihm zu 
wohlfeil vorgekommen. So sei es ihm wie ein Wink gewesen, wie 
der Herzog nach ihr verlangt habe. Jetzt habe sie die Macht gekostet, 
jetzt stünden sie gleich zu gleich und er kämpfe mit ehrlicher Waffe. 
Und er freute sich, wie fein und glänzend er den Handel zu seinem 
Vorteil gedreht hatte. Im Tiefsten wusste Magdalen Sibylle, daß es 
Phrasen waren, galante Ausreden. Aber seine Worte gingen ihr 
lieblich ein, sie hatte so lange gekämpft, sie ließ sich gerne so wohlig 



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belügen. Er indes berauschte sich an seiner Rede, steigerte sich 
weiter. Er sah nicht oder befahl sich nicht zu sehen den Zwiespalt 
zwischen dem geraden, natürlich gewachsenen, durch seine 
Schlichtheit schönen Landmädchen und dem höfisch zeremoniösen, 
überfeinen Prunk an ihr. Nicht mehr sah er, daß mit dem unter der 
Perücke versteckten dunklen Haar ihr ein Wesentliches genommen 
war, daß der braunviolette Brokat das lebendige, atmende Mädchen 
zu einer Puppe weitete und schnürte, daß der schlanke Lauf ihrer 
Glieder, das unschuldige, unbeherrschte Feuer ihrer Augen, jetzt, 
artig gezügelt und eingeteilt, sie als Gleiche unter die anderen 
herunterzog. Er wollte sie sehen, wie er sie brauchte, sich vor ihr zu 
spreizen, sein eigenes Denkmal auf ihrem Sockel zu postieren. Er 
stand hinter seinem Stuhl, die Ellbogen auf der Lehne, beugte er sich 
vor zu ihr, sprach zu ihr, nicht laut, mit seiner dringlichen, 
eingängigen Stimme, die gewölbten Augen heiß auf ihr: „Haben Sie 
es nicht gespürt jetzt, was es heißt Macht haben? Versuchen Sie es 
doch, kehren Sie doch zurück in Ihr Bibelkollegium! Trocknen Sie 
Birnen in Ihrer Freizeit, stricken Sie Strümpfe! Versuchen Sie es 
doch! Sie können es nicht mehr!" schloss er triumphierend. „Sie 
haben geschmeckt jetzt, was Ihre Bestimmung ist." 

Sie war aufgestanden, atmend, in halber Abwehr die Hand 
gehoben. Das Hündchen hatte sich ängstlich in einen Winkel 
verkrochen. Sich sträubend, ungläubig, doch, nun er schwieg, gierig 
nach mehr, erregt stand sie ihm ^genüber in der anderen Ecke des 
kleinen mit Zierat überfüllten Gemachs, von dem sie in dem 
mächtigen Prunkgewand einen großen Teil einnahm. Schlank, 
geschmeidig, unhörbar auf dem weichen Teppich kam er ihr nach 
und nahe. 

,X-assen Sie doch Ihre naiven Träume hinter sich, Magdalen 
Sibylle! Die waren gut für den Wald von Hirsau. Jetzt ist das Schloß 
von Ludwigsburg Ihre Wirklichkeit. Schauen Sie sie an! Packen Sie 
sie fest! Es ist eine gute, schöne Wirklichkeit. Ich bin stolz, daß ich 
sie Ihnen wies. Wir haben nämlich einen Weg, Magdalen Sibylle, 
Sie und ich: er heißt Macht." Und während sie ihm, das letzte 
Mißtrauen in die fernsten Winkel gescheucht, zuschaute, ängstlich 
und bewundernd wie einem Seiltänzer, spielte er sich ihr vor. Seiner 
Mutter zu imponieren, die von Anfang an ihn glaubte, ah, das war 
leicht, das war keine Aufgabe. Aber diese hier, die Mißtrauische, 
sich Sträubende, zu sich herüberzuziehen, das lockte, das war, 
geglückt, Triumph, die ersehnte notwendige Bestätigung. Wie wohl 



195 



auf erleuchteter Bühne ein großer Komödiant, gereizt durch ein 
kaltes, ungestimmtes Publikum, immer mehr von sich hergibt, 
gerade diese Widerspenstigen hinzureißen, so steigerte er sich immer 
höher, schweigend an seinem eigenen Wesen, unvorsichtig geheime 
Wünsche preisgebend. 

Stumm, aufgewühlt, hörte sie, wie er sprach: „So, endlich, 
stehen wir gleich zu gleich, Magdalen Sibylle. Sie und ich, jeder die 
Hand am Hebel der Macht. Nicht dieser Herzog hat ein Recht auf 
Sie. Wer ist er denn, dieser Herzog?" Der erhitzte Mann redete sich 
in eine Geringschätzung hinein, die er sich selber sonst nie 
eingestand und vor deren Enthüllung später dem Ernüchterten 
bangte. ,JZ)ieser Herzog! Glaubt, ein Land mit dem 
Exerzierreglement regieren zu können. Hat keine Ahnung von den 
Zusammenhängen. Kein eigenes Aug, kein eigenes Gehirn, kaum ein 
eigenes Herz. Misst den Genuss nach der Zahl der Weiber, nach der 
Zahl der Bouteillen. Hält das wüste Gegröl seines Remchingen für 
dionysische Lust. Es ist ein Zufall, daß er auf Sie gefallen ist. Er 
sieht ja nichts, er begreift ja nichts von Ihrem Reiz. Ich hab den 
Anspruch, ich! Ich hab Sie gesehen vom ersten Tag an, ich weiß um 
Sie. Ich bin hinaufgeklettert, selber, Jud und verachtet und gering. 
Griff um Griff, Schritt um Schritt, daß ich jetzt vor diesen 
schwäbischen Tölpeln stehe wie meine Stute Assjadah vor ihren 
dicken Ackergäulen. Und so hab ich Sie höhergestellt als die anderen 
braven, wackeren, hausbackenen schwäbischen Fräuleins. So steh 
ich vor Ihnen, der Gleiche vor der Gleichen. So sag ich Ihnen meinen 
Anspruch und verlange Sie. Wären Sie unbewußt und dumpf in mein 
Bett geglitten, wie Sie aus dem Wald von Hirsau kamen, solcher 
Sieg wäre mir zu leicht gewesen und Betrug. Jetzt, erfahren, 
wissend, wer ich bin, wer Sie sind, sollen Sie sich entscheiden. Jetzt 
sollen Sie mir sagen: „ich gehöre zu dir, ich komme." 
In tiefer Verwirrung stand sie, schwieg sie. Doch er, klug seinen 
Eindruck nicht scheuchend, kehrte plötzlich aus seiner Erhitzung in 
kalten Konversationston zurück. Und eh daß sie wieder recht zu sich 
selbst kam, hatte er schon, sich neigend, ihr zerernoniös die Hand 
küssend, die Zerrissene, Verwirrte allein gelassen. Leicht, heiter 
kehrte er mit seinem Gefolge in die Stadt zurück. Er hatte die 
Bestätigung, die er brauchte. Fühlte sich hoch und sicher über denen, 
die ihn gefährdeten. Ho! Soll es ihm doch einer nachtun, der plumpe 
Remchingen, der dicke Fürstbischof. Die anderen hatten die Geburt, 
er hatte die Frau vor ihnen voraus. Das andere war müheloser 



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einzuholen. Er war der Stärkere. Und die Stute Assjadah fühlte ihn 
auf ihrem Rücken leichter, beschwingter jetzt, da er zurückritt, als da 
er kam. Es war eine Lust, ihn zu tragen, und sie wieherte hell seinen 
Ruhm in die Stadt. 



197 



28. 



Der Eßlinger Kindermord erregte weithin im Reich das größte 
Aufsehen und Geschrei. Immer schauerlichere Einzelheiten wurden 
erzählt, wie der Jude dem Mädchen martervoll das Blut abgezapft 
und in seinen Osterkuchen gebacken, um so Macht zu erringen über 
alle Christen, mit denen er zu tun habe. Alle die alten Historien 
wurden wieder lebendig, die Legende von dem heiligen Simon 
Martyr von Trier, dem Kind, so die Juden auf die gleiche Weise 
abgeschlachtet, und von dem Knaben Ludwig Etterlein in 
Ravensburg. Immer strahlender hob sich das Bild des toten 
Mädchens, was für eine süße, englische kleine Jungfer sie gewesen. 
In den Schenken sangen die vagierenden Musikanten die Moritat, 
Zeitungen und fliegende Blätter erzählten sie in wilden Versen und 
blutrünstigen Holzschnitten. Schon regte es sich im Volk, sich 
tätlich an den Juden zu rächen. Rottete sich zusammen an den Toren 
des Gettos, wer sich zu zeigen wagte, wurde mit Steinwurf, Kot und 
unflätigem Schimpfwort empfangen. Der Handel stockte, der 
christliche Schuldner trat mit Hohn vor den jüdischen Gläubiger, 
raufte ihm den Bart, bespie ihn. Die Gerichte zogen die Prozesse in 
die Länge, versagten im Bayrischen in der Gegend von Rosenheim. 
An der großen Handelsstraße von Wien nach dem Westen, hatte ein 
Getreidewucherer dem Juden das Geschäft gehindert, zusammen mit 
einem entlaufenen Schreiber eine Bande organisiert, den jüdischen 
Handelsleuten aufzulauern und ihre Transporte zu plündern. Die 
kurfürstliche Regierung schaute untätig und wohlgefällig zu. Erst 
scharfe Schwäbische Reklamationen und energische Vorstellungen 
der Wiener Kanzlei machten dem Unfug ein Ende. Auch an den 
Höfen und in den Kabinetten verfolgte man den Eßlinger Handel mit 
größtem Interesse. Man sah, wie schwach und lückenhaft der 
Indizienbeweis aufgebaut war, man schmunzelte, auf welch 
primitive Manier die Reichsstadt dem Württembergische Herzog und 
seinem Finanzdirektor mit dem toten Kind zu Leibe wollte. Fand 
aber schadenfroh gerade diese Naivität sehr geschickt. Das 



198 



Hauptstück des Beweises blieb die glückliche Spekulation auf den 
Volksglauben, daß in der Christnacht Geborene von den Juden 
besonders gefährdet seien, und daß eben das ermordete Kind in der 
heiligen Nacht geboren war. 

Gegen die Juden zog es herauf, schwere, atemschnürende, 
lehmfarbene Wolken. Geduckt in ihre Winkel krochen die 
Verängsteten, stierten auf das gestaltlos Nahende. Ai! Ai! Immer 
wenn einer von ihnen gepackt wurde um so tückisch dumme 
Beschuldigung, wurden gemetzelt Tausende, verbrannt, gehängt 
Tausende, hin und her gehetzt über die Erde. Zehntausende. 
Vergraust hockten sie in ihren Winkeln, es legte sich um sie eine 
Stille, entsetzlich, mordschwanger, unausweichlich, mit keinem 
Namen zu nennen, nicht zu tasten, als wiche die Luft aus ihren 
Straßen, daß sie vergebens um Atem japsten. Das Furchtbarste war 
die erste Woche. Dies Warten, dies schreckhafte, gelähmte Hocken 
und Nichtwissen: wer, wo, wie. Die Angesehensten liefen zu den 
Behörden. Sonst, wenn man sie brauchte, wurden sie umschmeichelt; 
jetzt wurden sie nicht vorgelassen. Dies Achselzucken in den 
Vorzimmern, diese Augen- und Herzensweide an ihrer Angst, dieser 
lauersame Hohn, dies Preisgeben, dieses Handzurückziehen von den 
Schutzlosen. Diese Behörden, die sich das teure Geld zahlen lassen 
für ihre Schutzbriefe und keine Zeit haben für die Fährnis und hohe 
Not ihrer Juden. Ai! Diese zwei kahlen und lässigen Stadtsoldaten 
am Tor des Gettos, wie sollen die schützen vor einer Horde von 
tausend Räubern und Mördern! Ai! Man sieht deutlich, wie die 
Ämter und Ratsherren die Augen und die Ohren zumachen und die 
Hände auf den Rücken legen, daß das Gesindel ungehindert kann 
herfallen über die Wehrlosen! Ai! Die grausige Not! Soll helfen der 
allgewaltige Gott, gelobt sein Name! Ai! Du armes Israel! Ai! Die 
schutzlosen, zerrissenen Zelte Jaakobs! 

Schwarzgeflügelt, geierschnäbelig, herzlähmend flog die 
Nachricht durch alle jüdischen Gemeinden, von Polen bis ins Elsaß, 
von Mantua bis Amsterdam. Sitzt einer gefangen im Schwäbischen, 
in Eßlingen, der bösen Stadt, Brutstätte der Bosheit und Niedertracht. 
Sagen die Gojim, er habe geschlachtet eines von ihren Kindern. 
Rüstet sich Edom, will herfallen über uns, heute, morgen, wer weiß. 
Höre Israel! 

Fahl und grau wurden die Männer da und vergaßen ihre 
Geschäfte. Verschreckt, mit ratlosen, törichten Ajgen Sie flatterten 
in die Winkel. Ihre schönen, geschmückten Frauen sahen gläubig auf 



199 



die Männer bereit, blind zu befolgen, was sie rieten. Den Atem 
anhielt die ganze Judenschaft des Römischen Reichs und weit hinaus 
über die Grenzen. In ihren Betsälen sammelten sie sich, schlugen die 
Brüste sich, bekannten ihre Sünden, fasteten den Montag, den 
Donnerstag und wieder den Montag vom Abend zum Abend. Aßen 
nicht, tranken nicht, rührten keine Frau an. Standen eng gepresst in 
ihren übelgelüfteten Betsälen, eingehüllt in ihre Gebetmäntel und in 
ihre Totengewänder, den Leib fanatisch schaukelnd und werfend. 
Schrien zu Gott, schrien zu Adonai Elohim, schrien mit gellen, 
verzweifelten Stimmen, die an die gellen, mißtönigen WidderMruer 
erinnerten, die sie am Neujahrsfest bliesen. Sie zählten auf Ihre 
Sünden, sie schrien: „Nicht unsertwillen, o Herr, begnade uns, nicht 
unsertwillen! Sonderz um der Verdienste der Erzväter willen." Sie 
zählten auf die endlosen Namenslisten der Vorfahren, getötet für die 
Heiligung des göttlichen Namens, die Gemarterten von den Syrern, 
die Gefolterten von den Römern, die Geschlachteten, Gewürgten, 
Verbannten von den Christen, die Märtyrer von den polnischen 
Gemeinden bis zu den Gemeinden von Trier, Speyer, Worms. Sie 
standen weiß eingehüllt in ihre Leichenlaken, den Kopf bestreut mit 
Asche, alle Glieder ekstatisch geschüttelt bis zur Erschöpfung, sie 
schacherten und zeterten mit Gott, wenn der Tag graute, und wenn 
der Tag trüb wurde und sich neigte, standen sie noch und schrien mit 
ihren hässlichen, ausgeschrienen Stimmen: „Gedenke des Bundes 
mit Abraham und der Opferung Isaaks!" Aber auf hundert Umwegen 
mündeten alle Gebete immer wieder in den wilden, gehenden Chor 
des Bekenntnisses: „Eins und einzig ist Adonai Elohirn, eins und 
einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Überwirkliche, Jahve." Aber 
durch Gitter getrennt, den Männern unsichtbar, waren die Frauen. 
Verschüchtert, mit großen Augen, wie Vögel aufgereiht auf einem 
Stab im Käfig, saßen sie, plapperten sie leis und fromm und töricht 
aus ihren Andachtsbüchem, die, in rabbinischen Lettern, in einem 
Mischmasch von Deutsch und Hebräisch die biblischen Geschichten 
und andere Legenden erzählten. 

In allen Tempeln und Betsälen von Mantua bis Amsterdam, von 
Polen bis ins Elsaß standen die Männer so, fasteten, beteten. Zu 
gleicher Stunde, wenn der Tag kam und wenn er sich neigte, stand 
die ganze Judenheit, gewendet gegen Osten, gegen Zion, die 
Gebetriemen an Herz und Hirn, gehüllt in Leichenlaken, stand und 
bekannte: „Nichts ist uns geblieben, nur das Buch", stand und schrie: 
,Jiins und einzig ist der Gott Israels, das Seiende, Überwirkliche, 



200 



Jahve." Doch wie die ersten Tage des großen Schreckens vorbei 
waren, zeigte sich, daß die Reichsstadt EßUngen den Prozess des 
Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal in die Länge zog. Sei es aus 
politischen Gründen, vielleicht wollte man bei Gelegenheit in 
konkretem Fall den Prozess gegen das herzogliche Kabinett 
ausspielen, sei es aus bloßer Lust an längerer, zögernder Quälerei, 
sei es, daß man hoffte, noch irgendein kräftigeres Indizium 
beizubringen, Monate vergingen und der Jude lag noch immer im 
Turm, seine Sache war über Vorverhandlungen und den ersten Grad 
der Folter nicht hinausgediehen. 

Die Juden aber, an jede Art von Verfolgung durch zwei 
Jahrtausende gewöhnt, aus der ersten lähmenden Angst sich 
aufraffend, liefen, rannten, bohrten in jede Ecke Schlupfwinkel, sich 
zu verkriechen, wenn der Graus losbrach. Bestätigen ließen sie ihre 
Schutzbriefe, Bewaffnete und Stadtknechte mieteten sie zu ihrer 
Verteidigung, auf allen Straßen liefen ihre Kuriere, gemeinsam den 
Schutz zu organisieren, an allen Höfen, in allen Ratsstuben 
arbeiteten ihre Agenten, die Gutgesinnten zu Maßnahmen zu 
bewegen; in Wechseln und Kreditbriefen ging ein Großteil ihres 
Kapitals ins Ausland, in Sicherheit. Doch über allem, was sie 
dachten und handelten, lag die lehmfarbene Wolke. Der 
heranziehende Graus zerstückelte ihren Schlaf, machte ihre Speisen 
zu faden, schmacklosen Brocken, ihren Wein schal, nahm ihren 
Gewürzen den Duft, lähmte ihre funken, heftigen, eifernden, 
liebevollen Dispute über den Talmud, daß sie mitten im Wort 
verstummten, vor sich stierten. Ja, hinein sogar hing die lehmfarbene 
Wolke in ihre stolzen Sabbate, die sonst, träumend vom Glanz des 
versunkenen Reichs und des künftigen Messias, ihrer Bettler ärmster 
prinzlich feierte. Man hatte jede Sicherung getroffen, aber das war 
wie Stroh, wie das Tannenreiser- und Palmendach ihrer Laubhütten. 
Die Wolke war da und das half nicht gegen die Wolke. Und wenn sie 
ihren Alltag trieben, ihre Feste feierten, aus jedem Winkel sprang die 
schnürende Angst sie an. 

Der Rabbiner von Frankfurt, Rabbi Jaakob Josua Falk, saß über 
der Schrift. Und ob er es gleich nicht wollte, rollten seine mageren, 
gerunzelten Hände jenes Kapitel auf im fünften Buch Mose, die 
grausigste Verfluchung, die je ein Menschenhim erdacht. Jene 
Verfluchung, die der Jude angstvoll zu überschlagen pflegt, über die 
der Vorbeter bei der alljährlichen Verlesung der Schrift scheu und 
eilig und mit halber Stimme hinweggleitet, sie nicht zu berufen. Aber 



201 



die Augen des alten Rabbi blieben kleben an den drohenden, 
klotzigen Buchstaben, und er las: „Senden wird Adonai gegen dich 
das Unglück, die Zerrüttung und das Verderben in allem Geschäft 
deiner Hand, das du unternimmst. Ein Weib wirst du dir verloben 
und ein anderer liegt bei ihr, ein Haus wirst du dir bauen und du 
wohnst nicht darin. Adonai wird dich geschlagen hingeben deinem 
Feinde; auf Einem Wege wirst du ihm entgegenziehen und auf 
sieben Wegen wirst du vor ihm fliehen. Die Frau, die unter dir die 
weiblichste ist und sehr verzärtelt, deren Fußballen es nicht versucht, 
auf die Erde zu treten vor Verzärtelung und Weichlichkeit, deren 
Auge wird feindselig schauen auf den Mann ihres Schoßes und auf 
ihren Sohn und ihre Tochter. Wegen des Säuglings, den sie geboren 
zwischen ihren Füßen, daß jene nicht ihr zuvor ihn aufäßen aus 
Mangel an allem, im geheimen, in der Drängnis und Enge, in die 
dein Feind dich engen wird in allen deinen Toren. Und Adonai wird 
dich zerstreuen unter alle Völker; und du wirst nicht rasten unter 
diesen Völkern und es wird keine Ruhestatt sein für den Ballen 
deines Fußes. Und Adonai wird dir daselbst geben ein zitterndes 
Herz, ein bängliches Aug und ein schwächliches Geblüt. Am 
Morgen wirst du sprechen: Wer gäbe Abend! und am Abend wirst du 
sprechen: Wer gäbe Morgen! vor Bangigkeit deines Herzens, die du 
bangen wirst, und vor dem Gesicht deiner Augen, das du sehen 
wirst." 

So las der alte Mann und er schlug seinen Gebetmantel über den 
Kopf, die großen, drohenden Buchstaben nicht länger zu sehen, und 
er weinte und stöhnte. Seine Frau, die nicht wagte, ihn beim Studium 
zu stören, stand erschreckt an der Tür und ihr altes Herz schlug vor 
Angst bis hinauf in ihren dürren Hals. Aber sie wagte nicht, ihn zu 
stören. Rabbi Jaakob Josua Falk aber weinte aus seinen ein- 
gesunkenen, betagten Augen, und sein Gebetmantel war ganz nass 
von Tränen. 



202 



29. 



Der Kirchenratsdirektor Filipp Heinrich Weißensee, von 
Weißensee jetzt, hatte sich sehr verändert seit jener Nacht, da 
Magdalen Sibylle dem Herzog zugefallen war. Wohl gab es noch 
immer keine politische Affäre im Reich, und im Schwäbischen Kreis 
im Besonderen, darein er nicht seine gelüstig schnuppernde Nase, 
seine feinen, spielerischen Finger gesteckt hätte. Aber seine Flinkheit 
hatte jetzt etwas Fahriges, seltsam Lebloses, Mechanisches. Es kam 
vor, daß der gewandte, weit- und redekundige Mann mitten im 
Gespräch absprang, von Abseitigem zu reden begann. Dann wieder 
erschien etwa der peinlich nach der letzten Mode Gekleidete ohne 
Kniegürtel oder machte sonst einen unbegreiflichen Toilettefehler. 
Sehr merkwürdig war sein Benehmen zu den Frauen. Er sprach und 
bewegte sich vor ihnen mit größter Courtoisie, aber es konnte 
geschehen, daß er ihnen in aller Verbindlichkeit etwas dermaßen 
Zotiges sagte, daß selbst der General Remchingen darüber stutzte. 
Auch wollte man wissen, daß er, von dem früher nie dergleichen 
bekannt war, jetzt galante Liaisons unterhielt. Sonderbarerweise 
bevorzugte er solche Damen, die nach allgemeiner Meinung durch 
die Hände des Süß gegangen waren. An den Süß attachierte er sich 
noch mehr als früher. Dies fiel auf. Denn in der nächsten Umgebung 
des Herzogs wusste man, daß der Jude nicht mehr so immittelbar im 
Nabel der Macht saß wie vor Monaten. Auch hätte Weißensee bei 
der Vertrauensstellung, die er als Haupt des katholischen Projekts 
genoss, dieses Schwänzeln und Schmeicheln um den Finanzdirektor 
nicht not gehabt. Allein er ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihn zu 
sprechen, ihn zu betasten, ja, er gab sich so vertraulich, daß der 
argwöhnische Süß glaubte, er wolle ihn ausholen, ihn stürzen und 
sich vor ihm mit jeder Vorsicht spickte. Für einen Abend bat der 
Kirchenratsdirektor plötzlich und sehr wichtig Bilfinger und 
Harpprecht zu sich, seine beiden alten Freunde. Die Herren kamen 
auch sogleich, fragten besorgt, hilfsbereit, was es denn sei. Aber es 
war nichts; Weißensee brauchte irgendeine durchsichtig leere 



203 



Ausflucht. Die Herren, verblüfft, sahen sich an, sahen ihn an, 
erkannten seine Not, blieben. Da saßen sie nun. Schulkameraden, 
sehr umgetrieben alle drei, begabt von Natur alle drei und 
wohlgefüllt mit allem Wissen der Zeit, geachtete Namen, in starker 
Position. Da saßen sie und tranken, und die beiden breiten und 
behäbigen Männer waren einsilbig, während der schlanke, elegante 
Weißensee sehr vieles und Gleichgültig-Geistreiches sprach und fast 
ängstlich bemüht war, kein Schweigen aufkommen zu lassen. 
Unvermittelt fragte ihn Bilfinger, wie weit sein Bibelkommentar 
gediehen sei. Die Bücher der Andreas Adam Hochstetter, Christian 
Eberhard Weißmann, Johann Reinhard Hedinger über diese Materie 
seien doch eigentlich bestenfalls braver Durchschnitt, und man 
entbehre sehr des Freundes vorhabendes Werk. Weißensee mit 
einem fahlen und fahrigen Lächeln und einer leeren Handbewegung 
meinte, es wäre vielleicht besser gewesen, er hätte sich nie von 
Hirsau weggerührt und wäre zeitlebens über dieser Arbeit gesessen. 
,Ja", sagte Harpprecht und eigentlich war dies keine Antwort, „es ist 
eine schmutzige Zeit, alle Wege sind schmutzig, und es ist verflucht 
schwer, sich sauber zu halten." 

Die politische Stellung Weißensees wurde immer mehrdeutiger. 
Er vereinte Unvereinbares. Er saß im Elfer-Ausschuss des 
Parlaments, formulierte und stilisierte die Beschwerden der 
Demokraten gegen das WilLkürregiment des Herzogs und war eben 
dieses Herzogs illegitimer Schwiegervater und Vertrauter. Er 
konferierte mit Süß, mit den Jesuiten, den Generälen und verfasste 
schwungvolle Apologien der Konstitution und der evangelischen 
Freiheiten. Er hatte seine Töpfe auf allen Feuern, seine Schlingen in 
allen Wäldern. Der frühere Weißensee wäre selig gewesen, so vieler 
Komplotte, Intrigen, Konventikel, komplizierter Machinationen 
Hebel und Angel zu sein. Der Kirchenratsdirektor ließ wohl auch 
jetzt Aug und Hand in jeder Aktion, aber zum Staunen aller zog er 
sich plötzlich mitten in dem hunderthändig wichtigen Getriebe 
zurück, erklärte, er müsse rasten, setzte sich nach Hirsau in sein 
verödetes Haus über seinen Bibelkommentar. Er kam nicht voran 
damit. Verdrießlich sah er auf die dicken Kompendien der 
Weißmann, Hedinger, Hochstetter, die umständlich und wacker den 
gleichen Acker gepflügt hatten. Ach, noch lange werden die 
Studenten an dieser zähen Weisheit zu kauen haben. Ach, es wird 
noch gute Weile dauern, bis er diesen Riesenkörper wird mit Herz 
und Leben gefüllt haben. Nein, es ging nicht voran mit dem Werk. 



204 



Wohl brannte die Lampe tief in die Nacht über seinen Büchern; aber 
seine Augen sahen nicht die Buchstaben, nicht die krausen 
griechischen, nicht die festen deutschen, nicht die blockigen 
hebräischen. Sahen eine, die nicht da war; bräunliche, flaumige, 
männlich kühne Wangen, blaue, starke Augen in seltsamem 
Widerspiel zu dem dunklen Haar. Sahen sie im stillen Kreis der 
Lampe, verschlossen, mit kindhaft wichtigem Gesicht. Die Tage 
schlurfte er durch die Räume, wie waren sie weit und leer! schlurfte 
in Pantoffeln, ohne Perücke, vernachlässigt, schnupperte in die 
Winkel, strich mit der feinen, dürren Hand zärtlich über eine 
Tischdecke, die Lehne eines Sofas, abwesend, mit verrenktem 
Lächeln. 

Dann ließ er den Magister Jaakob Polykarp Schober vor sich 
rufen. Der erschrak gewaltig. Sicher wird ihn der Kirchenratsdirektor 
wegen seines Glaubens zur Rede stellen, ihn der Sektiererei 
bezichtigen, vor Gericht schleppen, einkerkern, unstet und flüchtig 
über die Erde jagen. Jetzt, wo seine Tochter nicht mehr im 
Bibelkollegium sitzt, kann er ja alle Rücksicht fallen lassen. Dem 
pausbäckigen Mann brach der Schweiß aus, seine frommen 
Kinderaugen wurden sehr rund und ängstlich, er lief mit kurzen 
Schritten, bedrückt schnaufend, auf und ab. Aber sehr bald kriegte er 
seinen Schreck klein. Wenn Gott ihn zum Märtyrer bestimmt hat, so 
wird er solche Auserwählung dankbar auf sich nehmen. So trat er, 
wenngleich merklich schwitzend, so doch aufrecht und mannesmutig 
vor den Prälaten und hub sogleich an, streitbar von den drei Männern 
im Feuerofen zu sprechen. Doch Weißensee, zunächst erstaunt, 
unterbrach ihn bald, erklärte verbindlich, er habe ihn durchaus nicht 
in amtlicher Eigenschaft zu sich gebeten, er habe nur den alten 
Freund seiner Tochter wieder einmal sehen und sprechen wollen. 
Der Magister, sehr erleichtert, sprach einfältig, herzlich und 
ehrerbietig von Magdalen Sibylle, und wie der ganze Kreis diese 
fromme, edle und erlesene Schwester vermisse. Weißensee hörte 
gierig zu, er befriedigte sich sichtlich an dem wohltuend schlichten 
Geschwätz, er kam öfters mit dem Magister zusammen, ja, die 
beiden machten gemeinsame Spaziergänge im Wald. Zaghaft begann 
schließlich Schober von seinen Versen zu sprechen, er rezitierte sein 
Poem: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen" und jenes andere von 
Jesus dem besten Rechenmeister. Als Weißensee freundlich zuhörte, 
als er gar etwas von Drucklegung verlauten ließ, gewann diese 
Leutseligkeit des großen und gelehrten Herm den jungen Menschen 



205 



ganz ohne Vorbehalt. So, daß er, dem schon lange das Herz fast 
bersten wollte, ihm sein Geheimnis von der Prinzessin aus dem 
Himmlischen Jerusalem und dem argen Juden, ihrem Vater, 
anvertraute. 

Aufhorchte da Weißensee. Abfiel seine Müdigkeit, Fahrigkeit. 
Tagelang streifte er mit dem über solche Ehre strahlenden Magister 
durch den Wald. Stand am Holzzaun, ließ sich jede Einzelheit wieder 
und wieder erzählen. Forschte nach dem Alten, dem Holländer, 
Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten. Kombinierte. Bekam 
zwar Naemi nicht zu sehen, setzte sich aber aus all der Mosaik die 
Wahrheit ziemlich getreu zusammen. 

Lang in die Nacht hinein brannte auch jetzt seine Lampe. Aber 
nicht mehr schlurfte der Prälat mit unsicheren, vergreisten Schritten; 
federnd, jung ging er durch seine weiten, weißen Räume, seine regen 
Träume füllten sie mit Menschen und künftigen Begebenheiten. Tief 
und gekitzelt lächelten seine feinen und sehr beweglichen Lippen, 
und manchmal wohl sprach er, Akteur seiner Träume, vor sich hin: 
„Voyons donc, mein Herr Geheimer Finanzrat!" oder: „Ei, ei, wer 
war sich das vermutend, Exzellenz?" Ja, wer war sich das 
vermutend! Man war ein alter Fuchs, man hatte das Leben und die 
Menschen von allen Seiten bewittert und beschnuppert. Man bildete 
sich ein, sich auf Menschengesichter zu verstehen. Und musste 
wieder einmal erkennen, daß auf diesem großen Welttheater doch 
immer noch mehr Schminke und Maske ist, als selbst der 
ausgekochteste Zweifler supponiert. Wer hätte das geahnt? Er rief 
das Gesicht des Juden vor sich in sein einsames, nachtstilles Zimmer. 
Er schloss die Augen und spähte es aus, Zug um Zug, den gelüstigen, 
sehr roten Mund, die weißen, kalten, eleganten Wangen, das 
unbarmherzige, zufahrende Kinn, die lauersamen, raschen, 
fliegenden Augen, die glatte, unverträumte Stirn mit den 
Recbnerbuckeln über den Brauen. Wer hätte hinter diesem eiskalten, 
eisklaren Geschäfts- und Machtmenschen die sentimentalische Idylle 
im Wald von Hirsau gesucht! Ei, ei, mein Herr Finanzdirektor! Wie 
Sie vor mir gestanden waren an jenem üblen Abend in Ihrem Palais! 
Was für eine wache, mondäne, medisante Miene Sie hatten! Ei, ei, 
mein Herr Hebräer, ich hätte mich wohl sollen ein weniges mehr 
zusammennehmen. Ich war wohl ein wenig faselig und plapperig 
und habe mich nicht ganz ä la mode geführt an jenem Abend. Ich saß 
wohl sehr elend und vertan auf meinem Stuhl, dieweilen Sie rank 
und schlank und schneidig vor mir standen, und das Mark krümelte 



206 



sich kurios in meinem Gebein. Nun ja, ich wäre wohl neugierig, wie 
sich Euer Exzellenz führen in einem ähnlichen Fall. Der 
Kirchenratsdirektor Filipp Heinrich von Weißensee hielt ein auf 
seinem Gang durchs Zimmer. Die Lampe brannte still durch den 
weiten Raum, plump surrte ein Nachtfalter, die vielen Bücher 
ringsum schauten stumm und gelassen, durch das offene Fenster 
drang stark der Hauch des nächtlichen Waldes. War das Rache, 
womit er sich da abgab? Waren das Rachepläne? Fi donc, er 
besudelte sich nicht mit so bürgerlich gemeinen Empfindungen. Er 
war nur - ja, was war er? Neugierig war er, wie der Jude sich halten 
wird. Ob er auch plötzlich so schlapp und alt sein wird und was 
überhaupt er tun wird. Ei ja, sehr sehenswert wird das sein, höchst 
lehrreich wird das sein, viel interessanter, als was es gemeinhin in 
den Romanen zu lesen, auf den Komödienbühnen zu sehen gibt. 
"Voyons donc, Exzellenz! Eh voilä, mein Herr Geheimderat!" sagte 
der feine, elegante Prälat vor sich hin, tief und gekitzelt lächelnd. 
Dann setzte er sich über seinen Bibelkommentar, sehr belebt; mit 
abschätzigen, spöttischen Augen glitt er über die wackeren Arbeiten 
der Hochstetter, Weißmann, Hedinger, der braven, umständlichen, 
gelehrten Männer, und flink und fröhlich ging ihm jetzt das Werk 
vonstatten. 

Unterdes hatten die Sendlinge des Würzburger Bischofs still und 
zäh in Stuttgart weitergearbeitet. Hell im Licht standen jetzt neue 
Männer, Militärs zumeist, die sich wenig um den Süß kümmerten 
und bei äußerlich gutem Einvernehmen ihre Verachtung des Juden 
nicht verbargen. Der war der General Oberburggraf von Röder, ein 
ungeschlachter Mann, dann der Kommandant vom Asperg, 
Oberstleutnant von Bouwighausen, femer ein Rudel lärmvoller und 
farbiger Offiziere, die jetzt immerzu wie ein Zaun um den Herzog 
waren, die Obersten Tornacka und Laubsky, der Rittmeister 
Buckow. Ein anderer Offizier sodann, der dem Süß besonders 
zuwider war, der Major von Röder, Vetter des Burggrafen, 
Kommandant der berittenen Stuttgarter Bürgergarde, des 
Stadtreiterkorps, ein knarrender Mann, niedere Stirn, harter Mund, 
rohe Tatzen, doppelt unförmig in den Handschuhen. Doch am 
meisten zu Hass und Ekel blieb dem Juden jener Dom Bartelemi 
Pancorbo, der kurpfälzische Geheimrat, Tabaksmanufaktur- und 
Kommerzdiengeneraldirektor, der Juwelenhändler, der jetzt wieder 
ins Licht rückte, die rechte Schulter wie stets kurios hochgezogen, 
immer in streng zeremoniöser, verschollener portugiesischer 



207 



Hoftracht, über mächtiger Halskrause das blaurote, verdrückte, 
entfleischte Gesicht mit der Geiemase und dem gefärbten 
Knebelbart, hinter faltigem Lid nach dem Süß äugend mit 
länglichen, starren, schmalen Augen. Diese alle, dazu die anderen 
alten Feinde, Remchingen, der Kammerdiener Neuffer, staken jetzt 
in dem katholischen Projekt. Süß, so klar und weit er das Ganze 
überschaute, viel klarer als die groben, großspurig törichten 
Offiziere, sah sich außerhalb dieses Planes. Er erfuhr Wichtiges 
nebenher oder gar nicht; nur wenn man seinen finanztechnischen Rat 
unbedingt brauchte, teilte man ihm lustlos, von obenher, beiläufig 
das eine oder andere mit. Ja, einmal, wie er sich leise etwas weiter 
vortastete, schnauzte ihn der Herzog grob an, er solle solche 
Spioniererei ein für allemal lassen. Wenn es Zeit sei, mit dieser 
Katze durch den Bach zu fahren, werde man es ihm, vielleicht! 
sagen. 

Karl Alexander, rascher als er erhofft und völlig 
wiederhergestellt, war groß tätig und gut gelaunt. Dazu kam, daß die 
von dem Würzburger erwirkte Versöhnung mit Marie Auguste die 
erwünschten Folgen gehabt hatte; die Herzogin war schwanger. Das 
Land hörte diese Botschaft missvergnügt. Wäre der Herzog kinderlos 
gestorben, so wäre die protestantische Linie wieder ans Regiment 
gekommen; so aber sah man sich Rom und den Jesuiten aufs 
unabsehbare ausgeliefert. Die angeordneten Bittgottesdienste für die 
Herzogin waren schlecht besucht; nur wer musste, kam. Aber der 
Herzog freute sich täppisch. Er sprach jedem von dem zu 
erwartenden Erben, breites Vergnügen über dem fleischigen, 
sanguinischen Gesicht, er machte derbe Witze, umgab Marie 
Auguste mit plumpen Rücksichten. Der war diese Schwangerschaft 
durchaus nicht gelegen gekommen. Sie fürchtete die Entstellung, sie 
fürchtete auch sonst Behinderung durch das Kind, sie hatte Angst 
und Ekel vor der Entbindung; überdies erschien ihr Mutterschaft an 
sich als etwas Genantes, Plebejisches, einer Aristokratin nicht 
Anstehendes. Sie dachte auch daran, die Schwangerschaft beseitigen 
zu lassen, ja, sie machte schon dem Doktor Wendelin Breyer 
Andeutungen solcher Art. Doch der Medikus verstand sie nicht oder 
wollte sie nicht verstehen. Mit weitläufigen, entschuldigenden 
Bewegungen sprach er mit seiner hohlen, angestrengten Stimme vom 
Glück der Mutterschaft, er bezog sich auf die Antike, erwähnte die 
Mutter der Griechen und jene andere Heldenmutter, die ihren Sohn 
lieber auf dem Schild als ohne ihn zurückkehren sehen wollte. 



208 



Seufzend, in Gedanken auch an die simpel generalsmässige 
Einstellung des Herzogs, gab Marie Auguste es auf. Gierig hingegen 
und angenehm übergruselt hörte sie zu, wie Süß gelegentlich von 
Lilith erzählte, der Dämonenkönigin. Diese, die langhaarige, 
geflügelte, Adams erste Frau, hatte Streit mit ihrem Gatten; denn er 
war ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen, wie sie es 
verlangte. Da sprach sie mit schwarzer Kunst den verbotenen 
Gottesnamen und flog nach Ägypten, dem Land alles bösen Zaubers. 
Seither, hassend Eva und jede gesunde Ehe, bedroht sie Wöchnerin 
und Säugling mit Fluch und argem Schaden. Doch es ereilten sie in 
Ägypten die drei Engel, die Gott ihr nachgesandt, Senoi, Sansenoi 
und Semangelof. Zuerst wollten sie sie ertränken; dann aber ließen 
sie sie frei, nachdem sie mit dem Eid der Dämonen hatte schwören 
müssen, keine Wöchnerin zu schädigen und keinen Säugling, die 
durch die Namen der drei Engel geschützt sind. Deshalb schützen die 
jüdischen Frauen ihr Wochenbett durch Amulette mit den Namen der 
drei Engel. Gekitzelt, leise überschauert, fragte die Herzogin 
vertraulich den Juden, ob er ihr nicht ein solches Amulett beschaffen 
könnte. Gewiss könne er das, versicherte er eifrig ergeben. Sie 
erzählte dann bei Gelegenheit ihrem Beichtvater davon, dem Pater 
Florian. Der verwarnte sie wild und dringlich. Aber sie beschloss 
dennoch, sich das Amulett geben zu lassen. Besser war besser, und 
nach Benützung konnte sie es ja beichten. Im übrigen nahm sie ihre 
Schwangerschaft nach der ihr gemäßen Art in einer leichten, 
spöttischen Manier. Sie gab sich wie jemand, der, in leichtem 
Sommergewand in ein Gewitter geraten, die durchnässten Kleider 
gegen Bauerntracht vertauscht und sich jetzt über solche Munimerei 
überlegen amüsiert. 

So saß sie am Weihnachtsabend gebrechlich und ziervoll, ganz 
in weißen, hauchenen Spitzen, aus denen überzart in der Farbe alten, 
edlen Marmors der Eidechsenkopf unter dem strahlend schwarzen 
Haar Spitzbübisch züngelte. Um sie her die kleine Assemblee der 
Vertrauten, die für den Christabend geladen waren. Der Herzog hatte 
den Süß ausschließen wollen. Aber Marie Auguste hatte mit ihrem 
amüsanten und galanten Hofjuden, seitdem er ihr jene Geschichte 
von dem Amulett gegen die Lilith erzählt hatte, ein besonderes, 
heimliches und wortloses Einverständnis und wollte ihn auch an 
diesem Abend nicht missen. Er empfand es gerade in der Isolierung 
dieser Zeit als Genugtuung, zugezogen zu werden. In ehrlicher 
Dankbarkeit verehrte er der Herzogin als Präsent eine sehr hübsche 



209 



Gremme, in die ein gefaschter Säugling geschnitten war, und eine 
ziervolle chinesische Kinderklapper aus Porzellan und Elfenbein; 
äußerst fein geschnitzte bezopfte Männer kletterten den Stiel hinauf 
mit beweglichen Köpfen, und winzig kleine Pagoden läuteten und 
klapperten. Als drittes aber mit einem Lächeln voll Geheimnis und 
Verehrung überreichte er ihr ein kleines goldenes Etui; sie wusste, 
darin war das Amulett. Doch die anderen, missvergnügt, daß Süß 
noch immer so fest in Gunst stand, empfanden ihn gerade an diesem 
Abend als Eindringling und fielen mit plumpen, bösartigen Spaßen 
über ihn her. Der Herzog, ein Wort Remchingens aufnehmend, 
mahnte Marie Auguste, sie solle sich nicht an dem Juden versehen, 
daß Württemberg keinen krummnäsigen Herzog bekomme. Marie 
Auguste lächelte nur. Heimlich streichelte sie das kleine Etui; 
heimlich, von den anderen ungesehen, nahm sie das Amulett heraus, 
betrachtete es: ein Pergamentstreifen, mit roten, bockigen, 
hebräischen Buchstaben beschrieben; dazwischen schlangen sich, 
zackten sich beunruhigend krause Figuren, hockten komisch und 
bedrohlich primitive Vögel. Süß hörte indes Sticheleien und grobe 
Attacken mit der gleichen aufmerksamen und gelassenen 
Verbindlichkeit an. Später dann wandte er sich an den Herzog und 
Weißensee, er habe gehört, wie der Herzog und der Herr 
Kirchenratsdirektor gelegentlich über den katholischen und den 
evangelischen Text des Weihnachtsevangeliums debattiert hätten, ob 
die evangelische Lesart: „und den Menschen ein Wohlgefallen" oder 
die katholische: „den Menschen, die guten Willens sind" die richtige 
sei. Er freute sich, als kleines Weihnachtsgeschenk einen Beitrag zur 
Lösung dieses Problems beibringen zu können. Einigermaßen 
verblüfft sahen die Herren ihn an, auch die anderen schwiegen und 
horchten skeptisch und spöttisch auf, während Süß höflich und 
gleichmütig fortfuhr: Seit dem Professor Baruch d'Espinosa, den der 
höchstselige pfälzische Kurfürst an seine Universität Heidelberg 
habe berufen wollen, hätten seine Glaubensgenossen sich eingehend 
mit dem wissenschaftlichen Studium auch des Neuen Testaments 
befasst. Er habe nun wegen der besagten Textstelle an einen 
Geschäftsfreund nach Amsterdam geschrieben und folgende 
Auskunft erhalten. Im griechischen Text heiße es „eudokjas" was die 
Vulga und die Katholiken richtig mit bonae voltmtatis, „guten 
Willens" übersetzten. Erasmus aber habe seine Bib nach einem 
Manuskript gedruckt, in dem fälschlich „eudokia" ohne s, stand, und 
danach habe Luther: „ein Wohlgefallen" übersetzt. Erasmus wäre 



210 



sicherlich auf den Fehler gekommen, wenn er nicht solche Eile 
gehabt hätte. Aber er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Bibeldruck dem 
des Kardinals Ximenes zuvorzukommen. Darum also sei bei allem 
Respekt vor der Gelehrsamkeit des Herrn Kirchenratsdirektors das 
lutherische Weihnachtsevangelium hier nicht in Ordnung und Seine 
Durchlaucht hätten den rechten Text. Süß bracht' diese Erklärung 
bescheiden, höflich und sachlich vor. Was er sagte, war so 
einleuchtend, daß sogar von den Offizieren der eine oder andere es 
verstand; und Marie Auguste freute sich über die Gescheitheit ihres 
Hofjuden. Aber die anderen alle ärgerten sich, daß der Jude am 
Weihnachtsabend das Evangelium so sachkundig auseinander- 
blätterte und Reinchingen polterte, jetzt also schacherten die Juden 
nicht nur mit Wechseln und Juwelen, Sondern auch mit dem Wort 
Gottes. Weißensee verbreitete sich über die der Frau im Alten und 
im Neuen Testament. Dies Thema, in das er sich unter dem 
schmerzhaften Erkennen und Erleben der letzten Zeit auch in seinem 
Bibelkommentar wild verbissen hatte. Im Neuen Testament: die 
Madonna, im Alten: die tausend Weiber des Salomo. Er sprach glatt, 
elegant, geschmeidig verbindlich, wie das seine Art war. Aber es 
klang irgend etwas Verstecktes so Feindseliges durch, daß Magdalen 
Sibylle tief erblasste und daß ihre Hand ganz kalt wurde. Sie saß 
neben der ziervollen, launischen Marie Auguste schön und stattlich. 
Die Herzogin hielt ihre Hand, streichelte sie, es tat ihr wohl, mit 
ihrer kleinen, gepflegten, fleischigen Hand die große des Mädchens 
zu streicheln. 

Magdalen Sibylle rang von neuem und leid voller um den Süß. 
Sie übersah nicht klar die politische Konstellation, aber sie sah, daß 
er sehr allein stand, sie sah lauter Feinde um ihn herum, er kam ihr 
vor wie ein schlanker, schneidiger Panther unter plumpen, zottigen 
Bären. Und sie ahnte auch die seltsame Verstrickung zwischen ihm 
und dem Herzog und zwischen ihm und ihrem Vater. Süß sagte 
leichthin, nach seinem Geschmack seien weder die Damen aus dem 
Alten, noch die aus dem Neuen Testament - Die einen seien ihm zu 
heroisch, die anderen zu sentimentalisch. Und seine Augen glitten 
mit beredtem Schmeicheln von der Herzogin, deren neugierig 
lüsternes Wohlwollen ihn angenehm überrieselte, zu Magdalen 
Sibylle, die ihm willkommen fester Grund und Bestätigung war, von 
der rotblonden, pompösen Madame de Castro, der klugen Rechnerin, 
die, merklich kühler, die Mariage immer noch nicht ganz aufgegeben 
hatte, zu den süßen Damen Götz, die, genau nach dem Vorbild der 



211 



Mutter die Tochter, sich dem Herzog noch immer weigerten. 
Remchingen beharrte bei dem Thema von dem Alten Testament. In 
dem plärrenden Wienerisch, daß er, der im Augsburgischen 
Geborene, sich angewöhnt hatte, weil er es für aristokratisch hielt, 
meinte er, nach dem Gemauschel, das man zuzeiten höre, müsse die 
Heilige Schrift im Urtext als recht ein ärgerliches und zuwideres 
Gequäke und Gegurgel klingen. „Glauben Sie, Exzellenz", fragte 
sehr höflich Süß zurück, „daß unser Herrgott mit Adam im Paradies 
wird wienerisch oder daß er mit ihm wird hebräisch parliert haben ?" 
Die Herzogin lachte, freute sich über ihres Juden feines Maulwerk, 
über Remchingen Abfuhr, streichelte verstohlen das Etui mit ihrem 
Amulett, ließ in ein Schweigen hinein die Glöckchen der 
Kinderklapper fein und zärtlich klingeln. Aber der Burggraf Röder 
erachtete es für nötig, dem Remchingen zu sekundieren. Er wandte 
sich an die Herzogin, es sei gut, daß Ihro Durchlaucht noch nicht so 
weit seien. Die Kinder die heute nacht geboren würden, hätten nichts 
zu lachen. Und da war man denn endlich da, wo man schon lange hin 
wollte, und man Sprach eingehend umständlich und gewichtig 
dieweil Süß zäh schwieg, von dem Eßlinger Kindermord. Die 
Offiziere vor allein hatte das Argument, daß das Mädchen in der 
Christnacht geboren war, durch aus überzeugt. Nur Herr von Riolles, 
der ein Freigeist war, meinte, wenn wirklich die Juden die in der 
Christnacht Geborenen gefährdeten so hätte Jesus von Nazareth 
einfach eine andere Nacht sollen für seine Geburt wählen; dann wäre 
ihm das Kreuz, uns allen das Christentum erspart geblieben. 
Indessen hatte der Geheimrat Pancorbo die Herzogin gebeten, die 
Geschenke des Süß näher betrachten zu dürfen. Mit seinen dürren, 
blauroten gichtknotigen Fingern betrachtete er sie, nah an die 
Geiernase vor die starren, länglichen, tief in den Höhlen versteckten 
Augen führte er sie; dann äußerte er sich sachlich und eingehend 
über das wertvolle Material der von Süß geschenkten Geznme und 
der Kinderklapper und daß es im Juwelenhandel Usus sei, solches 
Zeug umsonst dreianzugeben. Hämisch im Gegensatz wies er wieder 
einmal darauf hin, wie ungeheuren Wert der Solitär habe, den Süß 
selber am Finger trage, und aus ihren tiefen Höhlen blinzelten hinter 
faltigem Lid die schmalen Augen gierig nach dem Ring. Doch Marie 
Auguste verteidigte ihren Juden. Dies sei keineswegs alles, was er 
ihr geschenkt habe, sagte sie mit ihrer gleiten lässigen leicht 
Spöttischen Stimme, und sie wies das Amulett vor, und sie erzählte 
die Geschichte von Lilith, der Dämonenkönigin. Scheu und gekitzelt 



212 



hörte man zu, beschaute man die primitiven, bedrohlichen Vögel, die 
bockigen, unheimlichen Buchstaben des Pergaments. Bis endlich 
Karl Alexander mit lautem, etwas gewaltsamem Lachen die 
Lähmung löste, gutmütig und lärmvoll spottend, sie werde noch 
Jüdin werden, und sie könne sich freuen, daß sie sich wenigstens 
nicht werde müssen beschneiden lassen. Doch nach der Tafel nahm 
er den Süß beiseite, haute ihn auf die Schulter, war sehr gnädig. Das 
mit dem katholischen und evangelischen Text, wie er da eine so 
runde, einleuchtende Erklärung habe schaffen können, das sei sehr 
amüsant gewesen, und er sei doch ein Tausendassa. Unvermittelt 
dann sprach er dem geschmeichelten Süß von dem Magus, ob man 
den nicht einmal könne wieder zu sehen kriegen. Er wisse schon, 
von wegen dem, womit er nicht habe herausrücken wollen. Süß, 
unbehaglich, wich aus. Karl Alexander bestand nicht, sagte, es sei ja 
wahr, dem Magus sei schwer beizukommen, er sei ein schwieriger 
Onkel. Aber eines müsse der Süß ihm schaffen: ein Horoskop von 
dem Magus über das, was er sich für die Zukunft von den Frauen 
Böses oder Gutes zu versehen habe. Nach der Affäre mit der 
Napolitanerin, nach dem Auf und Ab mit der Herzogin, bei dem 
blöden, zimperlichen Getue der Damen Götz wolle er darüber was 
wissen. Es sei nur recht und billig, daß ihm der Süß von dem 
Kabbalisten das Horoskop darüber stellen lasse. Nachdem er der 
Herzogin das Amulett beschafft habe, werde er ihm wohl auch den 
Gefallen tun; und nachdem er so Schwieriges beigebracht habe wie 
jene Bibelerklärung, müsse ihm das doch ein leichtes sein. Süß 
konnte nicht wohl ablehnen, zauderte, gab nach. Man trennte sich 
bald. Die katholischen Herrschaften wollten noch in die 
Schlosskapelle zur Messe. Weißensee bat den Süß, ihn begleiten zu 
dürfen. 

Die Herren schickten die Wagen voraus, gingen zu Fuß. Die 
Nacht war lau, starker, erregender Wind ging. Weißensee kam auf 
sein Thema zurück, wie seltsam es sei, daß die morgenländischen 
Geschichten sich nun im ganzen Erdteil so fest angesiedelt hätten. Er 
sprach vom deutschen Wald, wie kurios es sein müsste, man 
dahinein plötzlich so irgendein morgenländisches Gebäu stelle. In 
seiner Gegend im Wald von 111 habe ein Holländer diese sonderbare 
Intention gehabt. Unter solchen Reden war man vor dem Haus des 
Juden in der Seegasse angelangt und der Kirchenratsdirektor 
verabschiedete sich besonders umständlich und verbindlich. Sowie 
sein Bibelkommentar in dem die liebwürdige Auskunft des Süß eine 



213 



besondere Stelle finden werde, fertig sei, werde er sich die Ehre 
geben, Herrn Finanzdirektor mit als erstem ein Exemplar 
überreichen. 

Süß schritt durch die matterleuchtete Vorhalle, es klang ihm in 
den Ohren: „Oh du fröhliche. Oh du selige, gnadenbringende 
Weihnachtszeit." Auf leisen Sohlen erschien der Kammerdiener, ob 
er Seine Exzellenz schon auskleiden dürfe. Süß winkte ab. Er konnte 
nicht schlafen. Lag ihm der Föhn im Blut? Und was der alte Fuchs 
da gesagt hatte von Hirsau, es klang ja sehr harmlos, auch war ja das 
Haus des Oheims eigentlich nicht morgenländisch; aber war in den 
Worten des Weißensee nicht doch ein Hinterhalt? Er setzte sich an 
seine Akten. Allein die Ziffern schauten ihn nicht mit der kalten 
Sachlichkeit an wie sonst. Das krause Gerank des weißen Hauses mit 
seinen Blumen hängte sich an sie. Er warf den Kiel weg ging auf und 
ab in Splitternden, unbehaglichen Gedanken, während ringsum die 
Glocken der Messe läuteten. 



214 



30. 



Isaak Landauer saß in unschöner unbequemer Haltung in einem 
der prunkvollen Sessel des Süß. Man hatte die geschäftlichen Dinge 
zu Ende gesprochen und Süß, durch die schmuddelige Gegenwart 
des anderen gereizt, wartete nervös auf seinen Aufbruch. Doch Isaak 
Landauer traf keinerlei Anstalt, er strähnte sich den rotblonden, 
verfärbten Bart und sagte: ,Ja, der Prozess gegen den Reb Jecheskel 
Seligmann Freudenthal ist also in vier Wochen. Unbehaglich, Reb 
Josef Süß. Muss Euch sein besonders unbehaglich. Da habt Ihr Eure 
Lakaien, Eure Chinesen, Euren goldenen Rock, Euren Papagei. Aber 
die Eßlinger spucken Euch drauf und bringen um den Reb Jecheskel 
Seligmann Freudenthal." Da der andere schwieg, fuhr er fort: „Wenn 
ich Euch gesprochen hab von dem Ravensburger Kindermord, habt 
Ihr gemacht ein Gesicht, hoffärtig wie ein Goj, und habt gesagt: Alte 
Geschichten. Jetzt seht Ihr's mit Euren alten Geschichten, jetzt 
springt Euch das Schlamassel an den eigenen Hals." Aber Josef Süß 
schwieg zäh. Als die ersten Nachrichten gekommen waren von den 
Maßnahmen der Eßlinger, hatte er natürlich sogleich erkannt, daß sie 
gegen ihn gerichtet waren, nur gegen ihn. Er wollte zufahren, zwang 
sich, seinen Zorn zu überschlafen, das Für und Wider eines 
Eingreifens in aller Ruhe zu überdenken. Nahm er Partei für den 
Jecheskel Seligmann, so gefährdete er seine Nobilitierung und die 
Mariage mit der Portugiesin, beschwor tausend aufreibende Kämpfe 
mit dem Parlament herauf, musste als Kompensation mannigfache 
Vorteile gegen die Eßlinger preisgeben. Somit war seine Taktik klar. 
Er kannte den Juden Jecheskel Seligmann nicht. Wenn die Eßlinger, 
bloß um ihn zu ärgern, ihre Justiz durch einen offenbaren Fehlspruch 
kompromittieren wollten, mochten sie es. Ihre Sache. Er wird sich 
nicht einmengen. Streng neutral bleiben. Eisern schweigen. 
Demgemäss handelte er. Beschränkte sich auf wirksame 
Schutzmaßnahmen für die von ihm im Herzogtum zugelassenen 
Juden und ihre etwas zweifelhaften Rechte. Ließ sich im übrigen 
durch keine Stichelei und keinen Hohn aus seiner Passivität 



215 



herauslocken. Auch für die Reden Isaak Landauers, sosehr sie ihn 
ägrierten, hatte er keine Antwort. Doch der andere beharrte 
eigensinnig: „Ich hab aufgekauft mit ein paar anderen alle 
Schuldforderungen an die Stadt Eßlingen. Besteht sie auf dem 
Prozess, komme ich acht Tage vorher mit meinen Obligationen Lässt 
sie nach, lass ich nach. Drückt sie zu, drück ich zu. Aber man kann 
nicht Wissen" schloss er bekümmert und rieb sich die fröstelnden 
Hände. „Diese Gojim sind geschlagen mit aller Bosheit und 
Dummheit Wenn es gegen einen Juden geht, wollen sie Blut lieber 
als Geld. Und Ihr, Reb Josef Süß?" fragte er endlich geradezu, da 
sonst kein Wort aus ihm herauszupressen war. Süß, lang vorbereitet 
erwiderte ablehnend: „Ich kenne den Juden Seligmann nicht. In 
meinem Bezirk werde ich mich zu schützen wissen." Aber Isaak 
Landauer erregte sich: „Kennt nicht Werdet Euch zu schützen 
wissen! Was heißt das! Sitzt da mit seinen Lakaien, seinem golden 
Rock, seinen Chinesen und kennt nicht! Wird sich zu schützen 
wissen! Lasst Euch sagen von einem alten Geschäftsmann: „Wozu 
ist gut das ganze Gelump, wer glaubt Euch das ganze Gelump, wer 
lässt sich dumm machen davon, wenn Ihr nicht könnt Schützen den 
Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal?" Und er schwenkte 
aufgebracht die Hände vor dem Gesicht des anderen, sein Kaftan 
flatterte zornig. „Papagei, Gobelins Steinköpfe! Wozu sind gut 
Steinköpfe?" höhnte er giftig. „Moses der Prophet und Salomo, der 
König haben ihrer Lebtage nicht ausgeschaut wie Eure weißen 
Steinköpfe! Und die Augen- haben sie auch nicht immer zu gehabt. 
Sonst hätten sie es nie so weit gebracht." Und er starrte, empört 
durch das gelassene Schweigen des anderen, hitzig vor sich hin. ,Jiin 
guter Jud wird sich hüten, mit Euch in Zukunft zu machen 
Geschäfte", spielte er plötzlich starr, lauernd, bösartig seinen letzten 
Trumpf aus. Aber Süß achselzuckte nur: „Ich lasse mir nichts 
abpressen", und wandte ein feindseliges hochfahrendes Gesicht weg. 
Es blieb Isaak Landauer nichts übrig, als vor sich hinkläffend, heftig 
den schütteren Bart strähnend, zu gehen. 

Einige Wochen später, der Eßlinger Prozess musste nun bald 
stattfinden, standen im Vorzimmer des Süß zehn jüdische Männer, 
an der Spitze Jaakob Josua Falk, der kleine, welke Rabbiner von 
Frankfurt mit den eingesunkenen Augen, mit ihm der Pfleger und die 
drei angesehensten Vorstände seiner Gemeinde, und eine Deputation 
der Fürther Juden, gleichermaßen zusammengesetzt. Sie waren in 
Freudenthal zusammengetroffen, wo seit den Zeiten der Gräveniz 



216 



eine kleine jüdische Gemeinde saß, sie hatten die Frau des Jecheskel 
Sehgmann aufgesucht; doch die war stumpf und keiner Tröstung 
erreichbar. Sie waren dann, vom Volke bösartig angeknurrt, nach 
Stuttgart gefahren, bei dem widerwilligen Judenwirt abgestiegen. Sie 
hatten in großer und umständlicher Ordnung gebetet, früh, 
nachmittags und am Abend, denn zehn Männer bildeten eine 
Gemeinde, in der alle Feinheiten und Umwege der Gebetsordnung 
abgewandelt werden konnten. Sie waren feierlich vor der Rolle der 
Heiligen Schrift gestanden, die sie mit sich schleppten, sie hatten sie 
geküsst, erregt und gesammelt, eingehüllt in ihre Gebetmäntel, die 
Riemen an Herz und Hirn, das Gesicht gerichtet gegen Osten, gegen 
Zion. So hatten sie mit Händen, Lippen und allen Gebeinen in 
großer, flackernder Not und Andacht gebetet. Und nun standen sie 
matt und erregt, in Schläfenlocken und schwerem Kaftan, den 
spitzen Judenhut auf dem Kopf, den Fleck am Ärmel, im Vorzimmer 
des Süß zwischen Büsten, Stuck, Gobelins, Gold und Lapislazuli. Sie 
schwitzten und sprachen nur selten ein flüsterndes, heiser gurgelndes 
Wort. Eine Spieluhr schlug die volle Stunde und spielte eine dünne, 
silbern rieselnde Melodie, und sie warteten, bis der Geheime 
Finanzierrat sie vorlassen würde. Es fasteten aber an diesem Tag alle 
Juden in Deutschland, so sie über dreizehn Jahre alt waren, 
achtzig tausend an der Zahl. Süß hätte die Deputation am liebsten 
nicht empfangen. Diese Leute waren töricht. Sie mussten sich doch 
selber sagen, wenn er hätte eingreifen wollen, hätte es von alleine 
getan. So konnten sie ihn nur kompromittieren. Das Parlament wies 
immer energischer auf die längst nicht mehr beachteten, aber formal 
noch gültigen Gesetze hin, die die Anwesenheit von Juden in 
Herzogtum nur in Sonderfällen und mit vielen Verklausulierungen 
erlaubten. Von dem Herzog hatte er nichts mehr erlangen können als 
eine Erklärung, was seinen Finanzdirektor und die von diesem 
zugelassen Juden anlange, so lasse er sich die Hände nicht binden; 
im übrigen möge es bei den alten Vorschriften bleiben. Die 
Landschaft hatte daraufhin, den Eßlinger Fall nützend, diese alten, 
strengen Vorschriften neuerlich und mit Nachdruck veröffentlicht. 
Seltsam war, daß an der Spitze dieser Agitation im Parlament 
Weißensee stand. Wollte er seine katholische Intrige hinter dem 
Kampf gegen die Juden verstecken? Jedenfalls war unter solchen 
Umständen die jüdische Deputation überflüssig wenn nicht 
schädlich. Andererseits waren es die angesehensten Männer 
deutscher Judenheit, die ihn zu sprechen wünschten; er musste sie 



217 



wohl empfangen. Hätte er ihrer Bitte stattgeben können, so hätte es 
ihm geschmeichelt sie großartig als Schutz flehende anzuhören. So 
empfing er sie ungern, fest gewillt, sie mit einem hinhaltenden 
Bescheid zu entlassen. 

Ein traten die zehn jüdischen Männer, ungelenkt, scharrend, 
hüstelnd, umständlich, das kleine Kabinett sehr füllend. Schlank, 
elegant, gemessen stand Süß den gegenüber. Schnaufenden Sich- 
bewegt-Wiegenden gegenüber. Es sprach Jaakob Josua Falk, der 
Rabbiner von Frankfurt. 

„Wir haben uns zusammengetan die ganze Judenheit, und haben 
gewirkt mit Geld und mit Präsentern. Aber es hat nicht wollen 
fruchten. Denn das Volk ist sehr verhetzt. Der Rat von Eßlingen will 
seine Judenheit schinden, es ist wohl auch, um Euch zu ärgern, weil 
ihr so mächtig seid bei Eurem Herzog. Die Bosheit der Frevler ist 
groß, die Tücke Edoms hebt sich mächtig auf gegen Israel. Sie frisst 
Geld, aber sie wird nicht sanfter." Da Süß nicht antwortete, sondern 
abwartend schwieg, begann der Rabbiner von Fürth, ein beleibter, 
bekümmerter, behaarter Mann: 

„Es ist keine Hilfe mehr, Reb Josef Süß, nur bei Euch. Der Reb 
Jecheskel Seligmann Freudenthal ist zuständig nach Württemberg. 
Wir bitten Euch, daß Ihr verlangt seine Auslieferung an den Herzog, 
daß seine Sach kann verhandelt werden nach Württemberg ischem 
Recht. Es ist keine andere Hilfe mehr", schloss er, dringlich 
fordernd, gurgelnd, nah an Süß heranrückend. Der lehnte an seinem 
Schreibtisch, höflich, elegant, unberührt. 

„Der Jud Jecheskel Seligmann", erwiderte er sachlich, „hat 
keinen ordentlichen Konsens von mir, er steht nicht in meinen 
Listen; es ist zweifelhaft, ob er nach dem Herzogtum zuständig ist. 
Die Stadt Eßlingen wird opponieren bei Kaiserlicher Majestät in 
Wien, die Landschaft wird sich dreinmelieren. Es ist nicht opportun, 
daß ich seine Auslieferung verlange." 

„Nicht opportun!" eiferte der Rabbiner von Fürth. Aber der 
kleine, weUce, milde Rabbiner von Frankfurt fiel ihm ins Wort: 

„Ihr habt viel für uns getan. So haben wir gehofft, daß Ihr uns 
werdet helfen auch diesmal, damit nicht vergossen werde dies 
unschuldige Blut." Doch der dicke, hitzige Rabbiner von Fürth ließ 
sich nicht beschwichtigen. 

„Nicht opportun!" erregte er sich. Ein Menschen-leben retten, 
einen Juden retten, der nichts getan hat, nur daß er Jud ist, nicht 
opportun!" 



218 



„Dir seht immer nur eins, Rabbi unser Lehrer", erwiderte Süß, 
und er blieb Kjflich und ruhig und gab ihm seinen Titel. „Ich muss 
weiter sehen, Zusammenhänge sehen. Gesetzt den Fall, ich könnte 
den Reb Jecheskel Seligmann retten, dann müsste ich solche Rettung 
bezahlen mit Konzessionen an die Stadt Esslingen, an den Kaiser. 
Ich kann mir solche Mildherzigkeit nicht gestatten. Ihr habt Euer 
simples, klares Prinzip: da ist ein Jud, der soll nicht sterben. Ich darf 
nicht so einfach handeln; ich muss rechnen, zählen, wägen. Ihr habt 
bloß Eure jüdischen Sorgen, ich hab tausend andere." Mit seiner 
milden, zittrigen Stimme erwiderte Jaakob Josua Falk, der Rabbiner 
von Frankfurt: 

„Wie viel in Israel gäben ihr ganzes Hab und Gut und mehr als 
das, um zu verhüten, daß dies unschuldige Blut vergossen werde. Ihr 
könnt es hindern mit einem einzigen Federstrich. Sperrt Euer Herz 
nicht zu, Reb Jose Süß!" Und der feiste Rabbiner von Fürth fügte 
hinzu: 

„Wollt Ihr die ganze Judenheit im Stich lassen, weil ihr Angst 
habt vor ein paar schalen Redereien, die sie könnten machen in der 
Landschaft?" Süß lehnte noch immer am Schreibtisch, schlank, 
höflich, elegant, und seine Ruhe war ein Damm gegen die Erregung 
der anderen, die schnaufend und sehr bewegt das kleine Kabinett 
füllten. Aus seinen wölbigen, braunen Augen schickte er einen 
raschen, hochmütigen Blick zu dem dreisten, eifernden Rabbi; aber 
er hatte sich sogleich wieder im Zaum und erwiderte gelassen: 

„Ich hab genug für die deutsche Judenheit getan, daß jeder sieht, 
es fehlt mir nicht an gutem Willen. Wäre ich Christ geworden, hätte 
ich mich abgekehrt von der Judenheit, nach dem römischen Kaiser 
wäre ich heute der erste Mann im Reich. Aber ich war nicht feig, ich 
hab mich hingestellt vor die Judenheit, ich hab es nicht 
hinausgebrüllt, aber ich hab es auch nie geleugnet, daß ich ein Jud 
bin." 

,JZ)ann bekennt Euch jetzt dazu! Jetzt, jetzt!" gurgelte zufahrend, 
drängend, den schweren, behaarten Kopf vorstoßend der Rabbiner 
von Fürth. Doch Süß, mit größerer Kälte, sagte: 

„Ihr könnt doch sonst wägen, messen. Messt doch! Wägt doch! 
Schaut weiter als in den Augenblick! Den Reb Jecheskel Seligmann 
anfordern? Ich wäge in der rechten Hand seinen Tod, in der linken 
die Verdrießlichkeiten, Schimpf, Gefahr, Komplikationen, die mich 
treffen, wenn ich ihn salviere." Er hielt ein, schaute ruhig in die zehn 
Gesichter, die aufmerksam, erregt, gespannt in seines starrten. Er 



219 



schloß leichthin: „Ich will mich heute nicht entscheiden. Aber es ist 
leicht möglich, daß, wäge ich so, ich keinen Sturm riskiere wegen 
einer Lappalie." Auffuhren die Männer da. Empört fuchtelten Hände 
durch die Luft, öffneten sich Münder. Kleine Rufe: „Ai ai!" 
Aufgebrachte, sich überstürzende, halbe Sätze. Gurgelnd, drohend 
darüber die unschmiegsame, ungebärdige Prophetenstimme des 
Rabbiners von Fürth: 

,J!^appalie! Ein Mensch wie Ihr, ein Jud, Euer Bruder, wird 
gemartert, soll hingerichtet werden voll Qual und Schmach, um 
nichts und wieder nichts. Mir steht das Herz still, wenn ich dran 
denke, daß ich soll müßig zuschauen. Und Ihr achselzuckt: 
,J!^appalie!" Und er drang schnaufend, feist und zornig auf ihn ein. 
Aber der kleine Rabbiner von Frankfurt schob ihn zurück. Mit seiner 
sehr alten, sanften Stimme sagte er: 

„Wir wollen Euch nicht drängen, Reb Josef Süß, wir wollten 
Euch nur bitten. Gott hat Euch sichtbarlich erhöht wie noch nie einen 
Juden in Deutschland. Er hat das Herz Eures Fürsten wie Wachs 
gemacht in Eurer Hand: wollet nicht das Eure verhärten vor der Not 
Eurer Brüder ! " 

Die anderen waren ganz still geworden, während der alte Mann 
mit seiner nicht lauten Stimme dies sagte. Auch der Rabbiner von 
Fürth schwieg. Süß, nach einem Schweigen, erwiderte, und seine 
Stimme klang weniger sicher als sonst: Er habe ja keineswegs 
abgelehnt, einzugreifen. Bloß, wenn er nach reiflichem Erwägen 
nicht intervenieren könne, sollten sie ihn nicht für bösen Willens 
halten und seine Gründe verstehen. Damit gingen sie, und er 
geleitete sie höflich durch das Vorzimmer. Allein geblieben, ärgerte 
er sich. Er war wärmer geworden, als er beabsichtigt hatte. Er hatte 
ihnen einen Teil seiner wirklichen Gründe gezeigt. Warum eigentlich 
und wozu? Er hätte kühler, höflicher bleiben sollen, er hätte mehr 
und unverbindlicher versprechen sollen. Sie sind ja doch nicht 
zugänglich für feinere Argumente. Sie stieren zäh und wie behext 
immer auf das Eine: sie wollen ihren lumpigen Jecheskel Seligmann 
salviert haben. Er ging in immer dickerer Verdrießlichkeit in seinem 
Kabinett auf und ab. Daß sie so gar nichts begriffen! Hatte er ihnen 
nicht in Frankfurt ungeheure Spenden zukommen lassen? Förderte er 
nicht, wo er konnte, ihren Handel? Schaffte hier, dort, überall 
Erleichterungen? Wenn heute gegen die Landesgesetze mehrere 
hundert Juden im .Herzogtum saßen, des war er alleinige Ursach. 
Wie hatten sie damals in Frankfurt ihn hofiert und die Hände vor ihm 



220 



zusammengeschlagen! Und jetzt galt das alles nicht mehr und sie 
wollten seine Verdienste nicht sehen, nur weil er ihnen in dem einen 
Fall nicht zu Willen sein konnte. Immerhin, es wäre ein angenehmes 
Gefühl gewesen, ihnen seine Allmacht auch diesmal zu präsentieren. 
Es traf sich zu dumm, daß er den Eßlingem ihren Juden nicht ohne 
weiteres entreißen konnte. Sicherlich wird er in Zukunft der ganzen 
Judenheit viel weniger imponieren. Dies nagte an ihm. Er beschloss 
mit aller Energie, nicht mehr daran zu denken. Stürzte sich in Arbeit. 
Entfesselte einen neuen Wirbel von Frauen um sich her. Aber seine 
Nächte waren schlecht. Er träumte, vor ihm gehe ganz langsam und 
feierlich der Hinrichtungszug mit dem Juden Jecheskel Seligmann 
Freudenthal. Er, Süß, brauste auf seiner Schimmelstute Assjadah 
hinterdrein, wollte den Zug zum Stehen bringen. Aber so langsam 
der Zug immittelbar vor ihm dahinschlich und sosehr er seine rasche 
Stute spornte, er konnte und konnte ihn nicht einholen. Er schrie, 
winkte heftig mit den Einspruchsakten. Aber es war großer Wind, 
und die vor ihm gingen und gingen. Plötzlich war Dom Bartelemi 
Pancorbo da. Mit seinem entfleischten Gesicht, die eine Schulter 
hoch, in seiner großen, verschollenen Halskrause stand er vor ihm, 
sagte, wenn er den Solitär an seinem Finger gebe, werde er den Zug 
zum Halten bringen. Süß war, schwitzend und bekümmert, 
einverstanden. Aber wie er den Ring vom Finger ziehen wollte, saß 
der wie eingewachsen, und Dom Bartelemi sagte, ja, da müsse er 
eben die Hand abhacken. Darüber erwachte Süß, unerquickt und mit 
Kopfschmerzen. Wenn er noch so müde war, hatte er jetzt Angst vor 
dem Schlaf. Denn der Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, der 
seine von Arbeit und Frauen berstenden Tage nicht behelligte, 
schlich in seine kurzen, unerfreulichen Nächte. 

Vor dem erschreckten, in sich zurückgescheuchten Süß hockte 
mürrisch Rabbi Gabriel. Saß da, dicklich, vergrämt, die drei 
scharfen, senkrechten Falten in der Stirn. Erzählte mit kargen, 
altfränkischen, vieldeutigen, bedrohlichen Worten. Es waren also 
Gerüchte zu dem Kind geflogen, böse, ätzende Gerüchte über Süß. 
Das Kind hatte nicht gesprochen, aber das Kind war aus seiner Ruhe, 
getrübt. Süß, erschreckt, ängstlich: Was er denn tun könne? Und 
Rabbi Gabriel mürrisch, grimmig: Hier nützen Worte nichts, 
Ausflüchte nichts. Stellen müsse er sich dem Kind. In seinem 
Gesicht lesen lassen müsse er das Kind. Vielleicht, setzte er höhnisch 
hinzu, entdecke das Kind mehr als er, der Rabbi. Vielleicht finde es 
mehr in dem Antlitz des Süß als Fleisch und Haut und Knochen. Den 



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Süß, wie er allein war, hob es hoch, tauchte es hinunter. Warf es, den 
Umgewühlten, hin und her. Dabei war er, im Grund, von Anfang an 
entschlossen. Dabei kam ihm, im Grund, diese gefährliche und 
hönische Forderung des Rabbi als Zeichen und groß Licht und sehr 
erwünscht. 

Dem Kind sich stellen, dem Kind ein Gesicht zeigen rein und 
leuchtend von innen her. Daß solche Nögung just in diesem 
Augenblick kam, das musste auf dem Zweifelsüchtigsten Wink und 
Zeichen sein. Er war kein Hundsfott, sicher nicht, er konnte sich 
sehen lassen, jederzeit und vor jedermann, und wenn es wirklich 
einen Gott geben sollte, der prüfte und Buch führ und Wechsel zog: 
er konnte beruhigt sein und brauch vor Saldo und Tratten keine 
Angst zu haben. Immerhin, wenn er sich jetzt dem Kind stellen soll, 
so ein Kind hat sonderbare Augen, es sieht immer bloß Blumen und 
lichten Himmel, es hat keine Ahnung von menschlichen 
Komplikationen, und es sieht vielleicht Makel und Schmutz, wo 
unsereinem Herz und Hand leidlich sauber scheinen. Und wenn 
bereits Gerüchte zu ihr geflogen sind, wenn sie von vornherein voll 
Angst und Zittern ist, dann ist es sicher geraten, sich nochmals 
gründlich zu säubern, eh daß man vor sie hintritt. Er geht, den Kopf 
gesenkt, die schlemmerisch Lippen aneinanderreihend, die Arme 
sehr straff, auf und ab. Er ist, Teufel noch eins! nicht der Mann, 
Opfer zu bringen. Er schenkt ringsumher, er verstreut rings um sich, 
weil er generös ist und ein großer Herr und Kavalier. Aber Opfer? 
Ihm hat auch noch niemand Opfer gebracht, im Leben geht es hart 
auf hart und Keil auf Klotz, und wer Bangen hat und weichmütig ist 
muß unten bleiben und sich auf den Kopf speien lassen. Er hat kein 
Bangen, vor murrender Populace nicht und vor frechen, großen 
Herren nicht und vor keinen Parlament und keinem eventuellen 
Herrgott nicht. Dennoch: in diesem einen Fall ein Opfer zu bringen, 
es wäre ein kitzelnd wollüstiger Schmerz, man könnte dann vor das 
Kind hintreten, blitzblank, und auch ein Aug, das nur Blumen 
gewohnt ist und lichten Himmel, könnte kein winziges Staubkorn an 
einem finden. Aber was alles schwämme hinunter, wenn er das 
Opfer brächte! Es war sinnlos, es war, nahm man es politisch, barer 
Widersinn, den Jecheskel Seligmann zu salvieren, nur um ein paar 
krause Gedanken des Kindes wegzujagen. Die Mariage mit der 
Portugiesin schwämme hin, die Nobilitierung schwämme hin, ein gut 
Stück Grund und Boden, darauf er stand, schwämme hin. Nein, nein! 
Und wenn es auch vielleicht Zeichen und Wink war, er wird sich 



222 



nicht soweit nachgeben, er wird nicht um eine kindische Laune 
soviel blutig Erkämpftes einfach hinschmeißen. 

Im Grund wusste er, daß er es tun wird. Im Grund wusste er es 
von dem ersten Augenblick an, da er Rabbi Gabriel sah. Und er hatte 
harte Mühe, gewisse nebelhafte Vorstellungen, die immer wieder zu 
ihm heraufdrängten, nicht allzu greifbare Bilder werden zu lassen: 
wie er nun doch fortan der ganzen Judenheit imponieren wird, wie er 
überall in Europa als erster der Juden im Römischen Reich wird 
erhöht und gepriesen werden, wie er das Einmalige und 
Unausdenkliche wird zu Rand bringen, als einzelner Jude einer 
ganzen christlichen Stadt einen verfallenen Menschen zu entreißen. 
Und während dies eitel und schwellend in ihm hochdrängte, hatte er 
Mühe, sich selber die schwere Größe so opfermütigen Entschlusses 
vorzuspielen. 

Anderntags ging er zum Herzog. Er machte weniger 
Umschweife als sonst, war weniger servil, forderte dringlicher. Er 
betonte, es vertrage sich nicht mit der Dignite des Herzogs, daß er 
den Eßlingern seinen Juden so ohne weiteres überlasse; auch seine, 
des Süß, Autorität leide unter den kontinuierlichen Hohn- und 
Stichelreden der insolenten Eßlinger. Karl Alexander fuhr ihn barsch 
an, er solle ihn in Frieden lassen mit seinen blöden 
Judengeschichten, er habe genug Scherereien davon mit seinem 
Parlament, er sei als Judenzer im ganzen Reich verschrien, und jetzt 
solle er sein freches Maul halten. Doch Süß, gegen seine 
Gewohnheit, bestand auf seinem Thema, er ließ durchaus nicht 
locker, er häufte, trotzdem der Herzog ihn erneut anschrie, die 
Argumente. Er verlangte, daß zumindest Johann Daniel Harpprecht, 
der erste Jurist des Landes, gutachtlich gehört werde über die 
Kompetenz des Eßlinger Gerichts, wenn anders er. Süß, seine 
mühevollen und gefährlichen Arbeiten für den Herzog fortführen 
solle. Denn würde weiter seine Autorität durch die Eßlinger in 
gleichem Maße geschwächt, so müsse er submissest um Enthebung 
von seinen Funktionen bitten. Karl Alexander, hochrot und 
schnaufend, brüllte ihn an, er solle sich scheren. Süß entfernte sich 
vergnügt und lächelnd. Er wusste, dies war Phrase; morgen wird der 
Herzog tun, als ob nichts gewesen wäre. Karl Alexander konnte ihn 
nicht entbehren, musste ihm willfahren, musste ihm den Gefallen 
tun. 

Er teilte also tags darauf dem Rabbi Gabriel mit, daß er die 
Befreiung des Jecheskel Seligmann so gut wie erwirkt habe, spreizte 



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sich, prahlte, welch ungeheure Last er dafür auf sich nehme. 
Während er dies weitläufig prunkend dem steinern schweigenden 
Kabbalisten auseinander setzte, polterte unwirsch, von der Parade 
kommend, in großer Uniform mit Stern und Band der Herzog ins 
Kabinett. War es Zufall, daß er hier mit dem Magus zusammenstieß? 
Hatte er von seiner Gegenwart gehört und wollte es machen wie 
damals in Wildbad? Jedenfalls war er nun da und füllte das Kabinett 
mit Lärm und Prunk und Getöse. Ei, wie habe er sich kostbar, schrie 
er mit gemachter Lustigkeit dem Magus zu. Oder ob er es überhaupt 
verweigere. Ungeschnittenen das Horoskop zu stellen? Süß 
vermittelte, beschwichtigte. Es handle sich um das Horoskop von 
wegen der Frauen, er habe ja dem Oheim mehrmals dringlich 
geschrieben. Er hatte zwar nur einmal geschrieben, und da nur 
tastend, leise andeutend; doch Rabbi Gabriel wusste, worum es ging. 
Allein er schwieg. Sah dem drängenden, langsam sich verdüsternden 
Herzog ins Gesicht und schwieg. Schließlich setzte Karl Alexander 
von neuem an und fragte, immer mit gemacht überlegener 
Scherzhaftigkeit, ob etwa seine Frauengeschichten zusammenhingen 
mit dem fatalen Ausgang, den der Magus bei ihrem 
Zusammentreffen vorausgesagt, oder recte, vorausver-schwiegen. 
Der Herzog erwartete keine Antwort auf diese Frage, auch Süß 
vermutete, der Oheim werde ausweichen. Aber Rabbi Gabriel, 
immer die Steinaugen auf dem Herzog, erwiderte ein mürrisches, 
quarrendes, unzweideutiges: ,Ja." Karl Alexander, auf so runden 
Bescheid nicht gefasst, langte nach dem Herzen, atmete schwer, 
Schweigen lag dick und beklemmend auf dem Zimmer. Schließlich 
sagte Karl Alexander noch mit mattem Scherz, sieh da, nun habe er 
ja Bescheid, brach ab und sprach von anderem. Warf dem Süß hin: 
Ja, weshalb er gekommen sei: er habe also dem Harpprecht ein 
Gutachten aufgetragen wegen seines lumpigen Eßlinger Juden. Sein 
Kreuz und lauter Schweinerei habe man mit ihm! Verlangte nach 
seiner Kutsche, entfernte sich misslaunig, nach einem schlechten, 
verärgerten Witz über die Büste des Moses. 
Der Herzog gegangen, trumpfte Süß groß auf. Nun habe er also den 
Juden Jecheskel Seligmann Freudenthal glücklich los aus den 
Händen Edoms. Was bisher niemals geglückt sei im Römischen 
Reich, habe er. Süß, jetzt erreicht. Ob der Oheim immer noch sein 
Leben und große Mühe für so eitel und Haschen nach Wind ansehe? 
War nicht die Tat, die er jetzt getan, allein Sinns genug für ein 
Leben? Und wenn diese Tat, dieses Erreichnis nur eine Perle in einer 



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Kette wäre? Wenn sein ganzes Leben, von diesem Punkt aus zu 
erklären, nichts als Aufopferung, Auswirkung einer frommen, 
jenseitigen Idee wäre? Er hielt inne in seinem Gang durchs Zimmer, 
kittete sich sofort fester an diesen Gedanken. Es gefiel ihm, dem 
Mann cfes Augenblicks, dem großen Komödianten seiner selbst, sein 
Leben sentimentalisch von diesem Punkt aus zu sehen. Er zwang 
sich selber, an einen tiefen, schicksalhaften, frommen Sinn seiner 
Tage zu glauben, in seinem Aufstieg Lehre und Gleichnis zu 
erblicken. Eifrig schritt er hin und her, flüsternd und geheimnisvoll 
mit seiner geübten Stimme auf den schweigenden Hörer einredend. 
Mit der ganzen advokatischen Beredsamkeit, mit der Beflissenheit, 
mit der er um eine große Staatsaktion warb, brannte er vor dem 
Rabbi ein brillantes Feuer frommer Eitelkeit ab. Wenn er nur hätte 
Karriere machen wollen, ei, warum dann sei er Jude geblieben? 
Warum dann habe ex sich nicht taufen lassen wie sein Bruder? Nein, 
der Oheim tue ihm groß Unrecht, wenn er sein Leben so gar gering 
und verächtlich ansehe. Durchaus nicht aus bloßer Lust am Gold 
oder an der Macht stehe er hier, auf so hoher, umneideter und 
gefährlicher Steile. Er klammerte sich an die Idee, sie schmeichelte 
ihm, er suggerierte sie sich, um sie dem andern suggerieren zu 
können, er spielte, vor sich fast mehr als vor dem andern, Schicksal, 
Überzeugtheit, Sendung. Wie? Wenn er nun ausersehen wäre, Israel 
zu rächen an Edom? Das kann doch nicht blinder Zufall sein, daß er 
dasteht wie Josef, den Pharao erhöht hat. Wenn er jetzt so hoch ist 
und sehr in Glanz, daß die, welche sonst Israel anspucken und mit 
Füßen treten und sich den Ärmel wischen, wenn sie an einen Juden 
gestreift sind, den Rücken rund machen müssen vor ihm und seinen 
Staub lecken: ist das nicht Rache? Heut liegt er, der Jud, über dem 
Land und saugt von seinem Blut und wird fett von seinem Mark. 
Und wenn einer von den Seinen bedrängt ist, hält er die Hand über 
ihn, und Edom schleicht sich fort, den Schwanz gekniffen wie ein 
geprügelter Hund. Ist das nicht Kern und Sinn und Rückgrat für ein 
Leben? Aber Rabbi Gabriel schwieg, und wie er den Schweigenden 
sah, wurden auch seine fliegenden Worte immer lahmer, und 
schließlich fielen sie ganz zu Boden. Er verstummte und stand da 
wie ein Schuljunge, der sein Pensum schlecht gelernt hat und nicht 
zu Ende weiß, und seine Worte waren wie schlechte, übelriechende 
Schminke, rasch eintrocknend und abblätternd. Der Kabbaiist 
erwiderte nicht auf die lange, feurige und empfindliche Rede des 
Süß. Er stand auf und sagte: „Bevor du dich dem Kind zeigst, fahr 



225 



nach Frankfurt zu deiner Mutter." Damit ging er. Süß blieb in 
dumpfer Wut. Nun hatte er das Opfer gebracht, nun hatte er sich die 
Tat abgerungen. Was noch woUte der Alte von ihm? Was noch sollte 
er tun? Warum schwieg er seine Tat an mit seinem hochmütigen und 
klein machenden Schweigen? Und was war das mit Frankfurt? Ei, 
gewiß wird er nach Frankfurt gehen, zu seiner Mutter. Die 
Frankfurter werden mehr Verstand haben für das, was er getan. Seine 
Mutter wird ihm andächtig zuhören. Und die Frankfurter Juden, der 
weise, kleine Rabbi Jaakob Josua Falk und der Vorsteher und alle, 
wie wird er sich tragen lassen von ihrem Raunen, Segnen, Rühmen 
und Bewundem. Schweigt Rabbi Gabriel, so werden zehntausend 
andere Münder so lauter reden und Zeugnis ablegen für ihn und 
seine Tat. 



226 



31. 



In der Bibliothek des Professors Johann Daniel Harpprecht, über 
Akten und Urkunden, lächelte der Hausherr seinem Freunde, dem 
Geheimrat Bilfinger, mit verstehender und gütiger Abwehr zu. In das 
geräumige, solid möblierte Zimmer schrägte die Sonne eine 
Lichtsäule aus Myriaden Staubflöckchen. Die beiden gewichtigen 
Männer hatten ernsthaft die Württemberg ischen Dinge 
durchgesprochen, insonderheit das umständlich und mit großem 
Eifer vorgetragene, von Weißensee verfasste Anliegen des 
landschaftlichen Ausschusses, sich unter keinen Umständen in den 
Eßlinger Judenhandel zu mengen. „Sieht Er, Herr Bruder", sagte 
Harpprecht und legte dem Freund die Hand auf die schwere Schulter, 
„es wäre mir auch wärmer ums Herz, könnte ich den Juden Jecheskel 
in der Patsche sitzen lassen und dem Süß eins auswischen. Auch dem 
Weißensee gönnte ich den Triumph. Und wenn ich denk, was wir 
zahlen müssen als Kompensation für die Auslieferung dieses 
Stinkjuden, und was für Emolumenta und wohlverdiente Ansprüche 
wir den konfiszierten Eßlinger Krämern dafür müssen in ihren 
gierigen Schlund schmeißen, und wie wir dafür nicht anderes haben, 
als daß wir im ganzen Reich als Judenser werden verlästert und 
verlacht werden. Her Bruder, ich brauch Ihm nicht zu sagen, wie es 
mir gallenbitter hochsteigt, wenn ich das denk. Aber der Herzog hat 
von mir ein juristisches Indizium verlangt, kein politisches. Und 
wenn's mich noch so fest verdrießt, und wenn ich dem Juden noch 
so gern möchte all Kompendien und Kommentare um seine insolente 
Fratze schlagen: zuständig ist der Jecheskel zu uns; und wem es 
Recht und Gesetz gelten soll, dann zählen alle die kleinen Formalia 
nicht, die man mit Rabulisterei in-contrarium kann kommentieren. 
Als Jurist muss ich judizieren: der Jecheskel muss ausgeliefert 
werden an die herzoglichen Gerichte." 

Bilfinger senkte den massigen Nacken. Gewusst hatte er das, 
gewusst hatten das alle; gewusst hatte es sicher auch der Herzog, und 
wie er ein Gutachten von Harpprecht gefordert hatte, war die Affäre 



227 



eigentlich schon entschieden. Aber schön wäre es doch gewesen, 
wenn der Harpprecht anders judiziert hätte. Der Herzog hätte die 
Ausheferung wahrscheinhch doch verlangt, aber der Jud hätte einen 
derben Stoß gekriegt:„So steht er fest oben", grollte er, und lacht, 
wie wir uns müssen abzappeln, ihm den Gefallen zu tun." Aber er 
machte weiter keinen Versuch; er wusste, der Jurist wird sich eher 
die Finger abhacken, eh daß er in ein Indizium ein Wort hineinsetzt, 
das Recht um Fadenbreite zu krümmen. Er verabschiedete sich von 
dem Freund, verdüstert und ohne Hoffnung, aber mit festem gutem 
Händedruck. 

Allein geblieben, war Harpprecht nicht disponiert, sich sogleich 
wieder an die Arbeit zu setzen. Er schenkte sich das Glas neu voll, 
schaute in die schräge Lichtsäule aus tanzenden Stäubchen. Dachte. 
Er war gewohnt, die Dinge aus großer Höhe zu beschauen. Er reihte 
den Fall ein. Er sah über die Grenzen des Herzogtums hinaus. Er sah 
die Affäre des kleinen Handelsjuden als Welle im Fluss 
europäischen Werdens und Geschehens. Denn der kleine 
Hausierjude, gefoltert, willkürlich um Mord verklagt, und Süß, der 
allmächtige, umneidete Finanzdirektor, wichtiger Faktor in den 
Kalküls der europäischen Höfe, schaukelten auf einer Welle. Wie 
sonderbar das Los dieser beiden sich ineinanderschlang. Wäre Süß 
nicht hoch und in Glanz, hätten die Eßlinger den armen Teufel 
sicherlich laufen lassen. Wäre Süß nicht hoch und in Glanz, könnte 
er den armen Teufel nicht erlösen. Was band den Finanzdirektor an 
den Hausierjuden? Das gemeinsame Blut? Dummes Zeug! Der 
gemeinsame Glaube? Schwatz! Nichts war gemeinsam zwischen den 
beiden, nur eines: der Haß, der anbrandete gegen den großen Juden 
wie gegen den kleinen. Nachdenklich blätterte Harpprecht in den 
Chroniken und historischen Urkunden der GabeUdiover Magnus 
Hessenthaler, Johann Ulrich Pregizer, in den Verordnungen, 
Reskripten, Landtagsabschieden, die vor ihm gestapelt lagen. Darin 
war verzeichnet, wie man es bisher mit den Juden im Land gehalten 
hatte, das war die Gesetzgebung der schwäbischen Herzöge und 
Stände, die Juden anlangend, war der schwäbischen Juden 
Geschichte und Recht. Seit Urzeiten saßen sie da. Immer wieder 
waren sie verklagt worden um Mord, Brunnenvergiftung, 
Hostienschändung und vor allem um ihren unleidlichen, 
volksverderblichen Wucher. Immer wieder hatte man sie 
totgeschlagen und ihre Forderungen null und nichtig erklärt, in Calw, 
in Weil der Stadt, in Bulach, Tübingen, Kirchheim, Horb, Nagold, 



228 



Öhringen, Cannstatt, Stuttgart. Aber immer wieder hatte man sie 
zurückgerufen. Man solle allenthalb im Reich ihr Gut nehmen, stand 
da in einer kaiserlichen Urkunde, und dazu ihr Leben und sie töten, 
bis auf eine geringe Anzahl, so verschont bleiben solle, um ihr 
Gedächtnis zu erhalten. Ein andermal, in einem Gutachten des 
Konsistoriums, hieß es, nächst dem Teufel hätten die Christen keine 
größeren Feinde als die Juden. In einem Vertrag zwischen dem 
deutschen König und dem Grafen Ulrich dem Vielgeliebten waren 
Maßregeln getroffen wegen der vielfältigen Klagen über die 
Jüdischheit, die nach ihrer gewöhnlichen Härtigkeit geistliche und 
weltliche Reichsuntertanen durch ihren Wucher unziemlich und 
unleidentlich beschwere und sich auch in anderweg so grob und 
unordentlich halte, daß dadurch Uneinigkeit, Krieg und 
Mißhelligkeit entstehe. Und im Testament des Grafen Eberhard im 
Bart wurden die Juden gescholten als Gott dem Allmächtigen, der 
Natur und der christlichen Ordnung gehässig, verschmäht und 
widerwärtig, als nagende Würmer, dem gemeinen armen Mann und 
Untertanen verderblich und unleidentlich, und sie wurden Gott dem 
Allmächtigen zu Ehren und des gemeinen Nutzens wegen hart und 
scharf des Landes verwiesen. Warum aber, wenn man so urteilte, 
ließ man oder rief man gar sie immer wieder ins Herzogtum? Warum 
schützten sie Eberhard der Greiner, Graf Ulrich? Warum, wenn 
Eberhard im Bart, die Herzöge Ulrich, Christoph, Ludwig sie 
austrieben, riefen sie Friedrich der Erste, Eberhard Ludwig wieder 
ins Land? Es war zu billig, sie ein vermaledeites, von Gott 
verworfenes Volk zu neimen. Warum konnte man nicht gleichgültig 
vor ihnen bleiben wie vor anderen Fremden, den eingewanderten 
französischen Emigranten etwa? Warum stießen sie ab oder zogen an 
oder waren gar widerlich und reizvoll in einem? Johann Daniel 
Harpprecht hob den Kopf von den Papieren. In den tanzenden 
Stäubchen der schrägen Sonnensäule formte sich ihm das Bild des 
Herzogs und das Bild des Juden, eines im anderen, eines ins andere 
rätselhaft übergleitend. Beide waren ein Unglück. Gegen den Herzog 
gab es ein Bollwerk: die Verfassung; aber es war löcherig und 
frommte nicht. Gegen die Juden gab es Gesetze, Reskripte; aber sie 
nützten nichts. Die nagenden Würmer, so stand in den Gutachten, 
Verboten. Das Land verkam, Armut, Elend, Verbitterung, 
Verlotterung, Verzweiflung riss ein. Die nagenden Würmer saßen im 
Land, fraßen in seinem Mark. Nagten, wurden fett. Obenauf, sich 
ineinanderringelnd, der Herzog und der Jud, sich .spreizend in 



229 



frecher, gemästeter Nacktheit, schillernd, üppig. Dem festen, 
geraden, sachlichen Mann knäuelten sich die Gedanken. Hier war so 
schwer fester Boden zu gewinnen; diese Juden und alles, was mit 
ihnen zusammenhing, waren beunruhigend und voller Rätsel. Sie 
austreiben nützte nichts, man rief sie doch immer wieder zurück; ja 
selbst das primitive Mittel, sie totzuschlagen, brachte keine Lösung. 
Das Rätsel quälte doch weiter, hinterher; und dann plötzlich, von wo 
man sie nie vermutete, tauchten sie neu auf. Du siehst einen 
Hausierjuden, er geht herum, wackelnd, hässlich, schmutzig, 
lauersam, geduckt, hinterhältig, krumm an Seel und Leib, du hast ein 
ekles Gefühl vor ihm, hütest dich, an seinen dreckigen Kaftan zu 
streifen; aber auf einmal schlägt in seinem Gesicht eine uralte, 
weisere Welt das Aug auf und schaut dich mild und verwirrend an, 
und der lausige Saujud, eben noch zu schlecht, als daß du ihn mit 
deinem guten Stiefel hättest in den Kot treten mögen, hebt sich wie 
eine Wolke, schwebt über dir, hoch, lächelnd, unerreichbar, weit. Es 
war widerwärtig und unbehaglich, zu denken, daß so ein schmutziger 
Trödeljudd sollte aus dem Samen Abrahams sein. Es war ärgerlich 
und beunruhigend, daß ein Weltweiser wie Benedikt d'Espinosa dem 
verfluchten Stamm angehörte. Es war, als hätte an diesem Stamm die 
Natur beispielsmäßig wollen demonstrieren, wie bis zu den Sternen 
hoch ein Mensch sich heben, wie tief in Schlamm er einsinken kann. 
Nagende Würmer. Nagende, schädliche Würmer. Der Professor 
Johann Daniel Harpprecht zwang sich zurück zu seinen Urkunden, 
aber sieh da! der vernünftige, ruhige Mann hatte ein Gesichte wie ein 
Schwärmer. Die Buchstaben selber wurden zu Würmern, kriechend, 
ekel sich streckend, feucht, klebrig, mit Köpfen des Herzogs und des 
Süß. Nagende Würmer, nagende Würmer. Er verzog den Mund, spie 
aus. Rettete seine Gedanken in den Bereich, wo Wallungen und 
Gesicht am leichtesten konnten gehemmt werden, in sein eigensten 
Bereich, ins Staatswirtschaftliche. Was die Juden am Leben erhielt, 
war die wirtschaftliche Notwendigkeit. Umschichtete sich die Welt 
Früher war eines Mannes Wert bestimmt von Stand und Geburt, jetzt 
war er bestimmt durch das Geld. Als man die Verachteten und 
Gehassten zu den monopolisierten Verwaltern des Geldes gemacht, 
hatte man selber ihnen das Seil zugeworfen an dem sie 
hochkletterten. Jetzt war das Getriebe des Geldes das lebendig Blut 
des Staates und der Gesellschaft, und die Jude waren dieses 
Getriebes wichtigstes Rad, waren der ganzen komplizierten 
Maschinerie Angelpunkt und erster Hebel. Nahm man sie heraus, so 



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brach Gresellschaft ein und Staat. Der Herzog, Zeichen und Symbol 
der alten Ordnung, des Standes und der Geburt, und der Jude, 
Zeichen und Symbol der neuen Ordnung, des Geldes, reichten einer 
dem andern die Hand, waren verknüpft miteinander, lagen auf dem 
Volk, einträchtig, sogen sein Mark, einer für den andern. Nagende 
Würmer, nagende Würmer. Aufseufzend kehrte Harpprecht zurück 
zu seiner Arbeit. Zurück wandelte sich unter seinem festen Willen 
das ekle Geringel in klare, trockene Buchstaben, und sachlich, 
sorglich, gewissenhaft, umständlich schrieb er sein Gutachten. 

Die Eßlinger, nach hartem Feilschen und gegen fette 
Kompensationen, übergaben den Juden Jecheskel Seligmann den 
herzoglichen Gerichten, nach außen gewaltig schimpfend, in der 
Seele heilfroh. Die Württemberg ischen Gerichte ließen ihn schon 
nach wenigen Tagen ledig. Zerbrochen, fahrig, irr und verstört von 
dem Schreck, der Todesangst, der Folter kehrte Jecheskel nach 
Freudenthal zurück, auf den Rest seiner Tage von dem 
Ausgestandenen bis ins Mark zerwest. Oft fiel ihn nervöses Zucken 
an, schütterte ihn, riß ihm die Schultern, die Arme lächerlich 
zappelnd hin und her, zerrte sein Gesicht; oft auch, unversehens, 
wimmerte er, heulte leise, tierhaft. Andere Juden sorgten für ihn, 
schafften ihn außer Landes, nach Amsterdam. Ehe er Deutschland 
verließ, schrieb er dem Finanzdirektor, ob er bei ihm vorsprechen 
dürfe, ihm zu danken. Süß überlegte, schwankte. Es wäre Triumph 
gewesen, den Stuttgartern die Beute vorzuführen, die er den 
Eßlingern entrissen. Aber andernteils sah diese Beute doch gar zu 
schäbig und gerupft aus, die Stuttgarter hätten, wenn nicht laut 
geschimpft, zumindest grobe Witze gemacht, und dann wagte er 
nicht, den Herzog, den der ganze Handel arg verdross, durch 
Aufführung des Jecheskel weiter zu reizen. Großmütig verzichtete er 
also darauf, persönlich den Dank des Befreiten entgegenzunehmen. 
Gestand sich aber, wie dies in letzter Zeit seine Art war, die wahren 
Gründe nicht ein, sondern spreizte sich vor sich selber, wie es sich 
nun erweise, daß er nicht um Dank, sondern nur aus reinen und edlen 
Motiven die Tat getan habe. Um so fetter mästete er in Frankfurt 
seine Eitelkeit. Ei, wie drängten sich in den Gassen des Gettos die 
Juden, ihn zu sehen, gurgelten Bewunderung, flehten allen Segen 
Gottes auf ihn herab, hoben ihre Kinder hoch, daß sie mit ihren 
fremdartigen, schönen, länglichen Augen sein seliges und 
beglückendes Bild einfingen. Wie über einen Teppich schritt er über 
hemmungslose Bewunderung und gute Wünsche. Ei, was für einen 



231 



Retter und großen Frommen hat da der Herr, gelobt sein Name, 
Israel in seiner großen Not geschickt. Und in der Synagoge stand er, 
wurde aufgerufen zur Vorlesung der Schrift, und während das 
Gesumme, das den menschenvollen Raum immer füllte, so stumm 
ward, daß das ergriffene Schweigen der aus wildester Furcht 
Erlösten die Mauern fast sprengte, ließ mit seiner zittrigen Stimme 
der welke Rabbiner die schönen, milden, alten Segnungen wie aus 
edler Schale laues, wohlriechendes Wasser auf ihn niederrieselnd. 
Nur eine breitete ihre Bewunderung nicht so weich und willig vor 
ihn hin, wie er erwartet hatte: seine Mutter. Sie, sonst seine 
demütigste, seligste Anhängerin, schien dieses Mal eng, ängstlich, 
gehemmt. Wohl fand sie immer neu Lob und Preis, wie groß und 
herrlich und schlank und reich und edelmütig und elegant und 
gescheit und tief und mächtig er sei, wie begabt er sei an allen 
Gütern der Welt, an Geld und Gemüt und Schönheit der Gestalt und 
Edelsinn und Frauen. Aber sie ging nicht so auf in ihm wie sonst. 
Die törichten, großen Augen in dem schönen, weißen Gesicht 
wurden plötzlich wie in tiefster Angst erschreckt von ihm 
weggerissen; ihre Hände, die an ihrem gescheiten, eleganten, 
mächtigen Sohn herumstreichelten, hielten unvermittelt, ohne 
Anlass, inne. Die schöne, heitere, gern plappernde, leichtlebige alte 
Dame hatte gegen ihre Art etwas Fahriges, Nervös- Verschrecktes, 
Gepresstes. 

Während sie so in dumpfer Luft unfrei zusammensaßen, trat 
Rabbi Gabriel in ihr Gespräch. Michaele fuhr mit einem kleinen 
Schrei hoch, hob wie flehend und in leichter Abwehr die Hände. 
"Hast du sie ihm gegeben?" fragte der Kabbaiist. Michaele, fahl, die 
Augen weit auf, trat einen Schritt hinter sich. „Gib sie ihm jetzt" 
sagte der Rabbi, ohne die Stimme zu heben, doch so, daß Widerstand 
starb. Michaele, mit schlaffen Gliedern, gepresst wimmernd, ging. 

„Was soll das?" fragte betreten und unmutig Süß. „Warum quält 
Ihr sie? Was wollt Ihr von ihr?" ,JDu hast mir gesagt", erwiderte der 
Rabbi, „was du vor das Kind hinstellen willst als Sinn und 
Rechtfertigung. Ich nehme deine Rechtfertigung in die Hand und 
zeige sie dir, wie sie wirklich ist." Schleppend, wie gezogen, kam 
Michaele zurück. Brachte einen Pack Schriften, Briefe, wie es 
schien. Legte sie scheu vor den Erstaunten. „Muß ich bleiben?" 
fragte sie mühsam, und ihre Stimme war ganz klein und voll Furcht. 
„Geh nur!" sagte, fast gütig, der Rabbi. Zögernd griff, nachdem sie 
eilig sich entfernt. Süß nach den Schriften, hielt sie in der Hand, 



232 



unentschlossen, begann endlich zu lesen. Galante Briefe, leicht 
altmodisch, gleichgültiges Zeug. Er wunderte sich, verstand nicht. 
Was soll das? Sah schließlich Zusammenhänge, kombinierte rasch 
weiter, sah getroffen nach einer jähen, schlaghaften Erhellung von 
den Papieren auf, sah nach dem Rabbi. Der war nicht da, er war 
allein im Zimmer. Auf sprang er, schritt, schleifte sich hin und her. 
Die Augen hell, wieder dunkel, wieder hell. Gehetzte Wolken, 
wieder Sonne, wieder Nacht überm Gesicht. Flatternde, ungereimte 
Armbewegungen, die Füße taumelig wie trunken. Gelall, 
Wortfetzen, dann, während der ganze Körper sich straffte, ein klarer 
Satz. Und schon wieder zusammengefallen, schlaff, stammelnd, 
zerschlagen alle Gliedmaßen. Der beherrschte Mann wie ein 
Komödiant, der eine Rolle lernt, die ihn zu allen Sternen hochtreibt, 
in alle Schlünde hinunterstürzt. Bis er wie ein Sack zusammenfällt, 
sitzend, alle Arbeit tief innen wühlend, Gesicht und Glieder reglos. 
Eine lange, ewige Weile wie tot. 

So also griff das ineinander. So waren auf einmal alle diese 
schattenden, düsteren Winkel hell. Man hatte ihn ja, der verfluchte, 
hexenmeisterische Rabbi und die Mutter, gemein, niederträchtig, 
infam betrogen, daß man ihm das so lange gehehlt und verheimlicht 
hatte. Es war ein arger Possen und echt jüdischer, tückischer 
Schelmenstreich, ihn so lange an diese schlechte, niedrige, gemeine, 
lächerliche und verachtete Gemeinschaft zu binden. Er hatte sich 
freilich, Gott sei Dank, vermöge seines Genies und seines 
eingeborenen adeligen Blutes doch nicht unterkriegen lassen. Sein 
Ingenium hatte strahlend floriert trotz allen gemeinen Hemmungen 
und Bindungen. Aber wie viele empörende, blutvergiftende 
Demütigungen, wie viele erniedrigende, krumme Schleich- und 
Umwege hätte er sich erspart, wie viele bizarre, alberne Kanten und 
Winkel wären glatt und gerade gewesen, hatte man ihn nicht 
verbrecherisch in diesem falschen und pöbelhaften Stand und 
Glauben belassen. Aber wie das? Nur Ruhe! Nur keine Wallungen! 
Alles ruhig wägen und überdenken! Lag jetzt sein Weg wirklich so 
glatt und im Licht vor ihm? Es war also nicht der kleine Kantor und 
Komödiant Issaschar Süß sein Vater. Es war klar und unumstößlich 
erwiesen, daß Georg Eberhard von Heydersdorff sein Vater war, 
Baron und Feldmarschall. Er war nicht aus schlechtem Samen, seine 
Allüren, seine Tenue, sein Temperament war nicht willkürlich 
angenommen, war nicht erlernt und künstlich. Seine 
kavaliersmäßigen Neigungen, sein Aufstieg, sein herrenmäßiges. 



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adeliges Gewese war selbstverständlich, brach notwendig durch alle 
Hemmungen; denn es kam aus dem Geblüt und innerster Natur. Er 
war Christ von Geburt und Kavalier. Bastard? Je nun, das waren die 
Fähigsten und Besten, die in solchem wilden, von ungezügeltem 
Trieb bestimmten Nächten bettgezeugt waren. Wo sich nicht 
erkältend und ernüchternd praktische Erwägung zwischen Blüte und 
Frucht gestellt hatte. Wenn nicht auf dem Thron selbst, so doch auf 
seinen höchsten Stufen saßen, überall in Europa, Bastarde. Es ehrte 
seinen Vater, daß er sich von keiner sauern Aristokratentochter, daß 
er sich von der schönen Jüdin den Sohn gebären ließ. Heydersdorff 
sein Vater, Georg Eberhard von Heydersdorff. Ein schöner Name. 
Ein wilder Name. Ein blutiger, zerfetzter, unseliger Name. Er kannte 
Bilder dieses Mannes. In tapferer Schamlosigkeit hatte die Mutter 
das Bild in ihrem Zimmer hängen lassen, auch als der Mann 
diffamiert und in letzte Not gejagt war. Wie oft war er als Junge 
davorgestanden, vor dem Bild des prunkenden Generals, an seinem 
Namen hatte ihn die Mutter sprechen gelehrt, der umständliche 
Name Georg Eberhard von Heydersdorff war mit das erste gewesen, 
was das frühreife Kind fehlerlos hatte aussprechen können; die 
Mutter hatte ihm ein Zuckerlein in den Mund gesteckt, als er das 
erstemal damit zu Rande kam. Ah, von ihm also hatte er das 
kastanienbraune Haar, von ihm die herrenhaft schlanke Haltung, und 
die rote, stolze Uniform war es, was ihm vorschwebte, was ihn 
immer weiter lockte auf dem Weg, den er so märchenhaft 
hinaufgelangt war. Georg Eberhard Heydersdorff: ein Schicksal, das 
in steilem Triumph hinaufführte und jäher hinab. 
Feldmarschallleutnant, hochverdient in den Türkenkriegen, Komtur 
des Deutsch-Ritterordens zu Heilbronn, Kommandant zu Heidelberg 
im französischen Krieg. Neid und Eifersucht schleppten ihn nach 
dem Fall der Festtung vors Kriegsgericht. Er habe sie feig und 
voreilig übergeben, er hätte sie halten sollen bis zur Ankunft 
Ludwigs von Baden. Todesurteil. Der Kaiser begnadigt ihn. Doch 
wie! Der Knabe hatte Bilder gesehen, wie die Begnadigung 
vollzogen ward. Deutlich noch jetzt sieht er jede Einzelheit der 
fliegenden Blätter. Das rechte Neckarufer entlang hat der 
scheelsüchtige Markgraf die Truppen aufgestellt. Wie steif er sich 
hält auf seinem dürren Gaul. Das war also sein Vater, der da die 
Front des ganzen kaiserlichen Heeres entlanggeführt wird. Eine 
endlose Front; die Soldaten schlängeln sich das ganze Blatt hindurch 
in immer neuen Zeilen. Und sein Vater hockt auf dem 



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Schinderkarren, schimpflich ausgestoßen aus dem Deutsch- 
Ritterorden, entsetzt all seiner Ehren, und der Heilbronner 
Scharfrichter und seine Knechte führen ihn. Noch andere Stiche und 
Schnitte und fliegende Blätter hat er gesehen. Doch die sind ihm 
minder klar in der Erinnerung. Auf einem sieht er noch ganz 
deutlich, wie jemand einen Säbel zerbricht. Das ist offenbar, wie 
dem Feldmarschall vor dem Regiment, das seinen Namen führt, sein 
Todesurteil vorgelesen wird und die Verwandlung in Verbannung. 
Als treuloser Schelm wird er verbannt aus Österreich und Schwaben. 
Der Henker reißt ihm den Degen von der Seite, schlägt ihn dem 
Delinquenten dreimal ums Maul, zerbricht ihn. Laut wehklagend 
wird der Verbannte über den Neckar geführt, in einem Nachen. Das 
Weitere blieb Gerücht. Er soll zu den Kapuzinern geflohen sein nach 
Neckarsulm, als Kapuziner gestorben in Hildesheim. Die Mutter 
weiß wohl Näheres. Jedenfalls hat heute der Name nicht mehr 
schlechten Klang. Scheelsucht und Ungerechtigkeit sollen das Urteil 
gefällt haben. Als Held gilt dem Volke Heydersdorff der Soldat, als 
Märtyrer Heydersdorff der Mönch. Solcher Mann also ist sein Vater. 
Ein wilder Name, ein wildes Schicksal. Der Kabbaiist mochte für 
sein Fatum allerlei herausdeuten aus dem sehr rastlosen Stern des 
Vaters. Weg mit dem Geträume! Zugepackt! Was nun? Was wird 
nun sein? Was wird er jetzt tun? Er wird vor den Herzog hintreten 
mit den Papieren, Legalisierung verlangen, Anerkennung seiner 
christlichen Geburt. Vielleicht wird er selber nach Wien fahren. Er 
wird die Nobilitierung mühelos durchdrücken, er wird dann in aller 
Form Landhofmeister werden, auch Präsident des Konseils. Dies 
also wird sein. Ja, und dann? Ist er dann anderes, als er jetzt ist? Er 
wird es leichter haben, seine Hände in das katholische Projekt zu 
mischen. Der Fürstbischof von Würzburg wird sich nicht mehr vor 
ihm verschließen, die höhnischen Mäuler unter den Offizieren 
werden stumm bleiben. Er wird zum faktischen Besitz der Macht 
auch ihren Namen haben und ihren Schein. Ja, und dann? 
Ist er dann mehr als jetzt? Er ist weniger. Ein Schock solcher 
Diplomaten gibt es im Reich, wie er dann einer sein wird. Das 
Singulare, Einmalige, Besondere wird weg sein, das jetzt um ihn ist. 
Jetzt ist er der jüdische Minister. Das ist etwas. Man lacht, man 
höhnt; aber unter diesem Lachen steckt Staunen vermummt und 
Bewunderung. Daß ein Aristokrat Minister wird, was da weiter? 
Aber ein Jud, der so einsam hochklettert, das ist doch wohl mehr als 
ein Schock Aristokraten. Soll er das hinwerfen? Wofür? Wozu? 



235 



Schließlich hätte er sich doch früher schon taufen lassen können. 
Hätte vielleicht sogar mehr erreicht, als wenn er jetzt als geborener 
Christ sich offenbarte. Christ sein, das war Einer unter vielen sein. 
Aber Juden gab es auf sechshundert Christen nur einen. Jude sein, 
das hieß verachtet, verfolgt, erniedrigt sein, aber auch einmalig sein, 
immer bewusst, aller Augen auf sich zu haben, immer gezwungen, 
gespannt, gerafft zu sein, alle Sinne lebendig und auf der Hut. 
Warum zeigte ihm der Rabbi diese Dokumente jetzt, so unvermittelt, 
wo er längst in der zweiten Hälfte seines Lebens stand? Gönnte man 
ihm den Triumph nicht, den er in der Affäre des Jecheskel 
Seligmann gehabt? Wollte man ihn arglistig um ein bestes Erbteil 
betrügen? Ihm schlau und verächtlich seine wertvollste 
Zugehörigkeit ablauem? Der große Geschäftsmann sah sich in einen 
Handel verstrickt, wo man mit Ziffern und Kalkulationen nicht 
weiterkam, wo auch seine kluge Kunst, Menschen zu erraten, 
versagte. Was zum Teufel wollte dieser Rabbi damit, daß er ihm jetzt 
die Papiere vorlegte? Welche Absicht hatte er dabei? Wenn er. Süß, 
jetzt als Christ auftrat, was hatte Rabbi Gabriel damit gewonnen? Er 
konnte sich nicht losreißen von seinem Geschäftsprinzip, daß bei 
jeder Handlung der Mensch etwas gewinnen, den Partner um etwas 
prellen wolle. Die polnischen Juden, wenn sie sich taufen ließen, der 
lausigste Dreckjude selbst, erhielten sie den Adel, warum taten sie es 
nicht? Warum verschmähten sie diese schlauen Geschäftsleute, so 
leichten Gewinn? Ließen sich totschlagen lieber, eh daß sie ihn 
nahmen! Frömmigkeit? Glaube? Überzeugung? Sollte doch etwas an 
diesen Worten sein? Und war es denkbar, daß solch ein dreckiger 
polnischer Jude das hatte, war sich hinter so tiefem und tönendem 
Schall verbarg. War es denkbar, daß solch ein Niedriger in seinen 
primitiven Gefühl weiser war, für ein dunkles Drüber besser 
vorbereitet als er in seiner vielverschlungenen Klugheit? Er fühlte 
sich wie ein Kind, unsicher und ohne Rat und Hilfe. Heute war er der 
erste unter den deutschen Juden. Man hob die Kinder hoch an seiner 
Straße, flehte, aufgeregt und mit vielen dringlichen Gebärden, alles 
Heil des Himmels auf ihn herab. Er dachte, wie er in der Synagoge 
gestanden war, mitten in dem ergriffenen Schweigen der sonst so 
Lauten und Beweglichen, überrieselt von den milden, zitternden 
Segnungen des Rabbiners, und ein laues, süßes, schlaffes Gefühl 
überkam ihn. Es kostete Entschluss, man musste die Zähne 
zusammenbeißen, auf dies alles zu verzichten. Wenn er einen Erfolg 
erzwungen hatte, gewiss, es war schön, ihn den höhnenden Gegnern 



236 



paradierend in das verzerrte Gesicht zu werfen, es war schön, damit 
vor Frauen, vor Magdalen Sibylle zu strahlen, aber der satteste 
Triumph war es doch, ihn vor Isaak Landauer, in der Judengasse, vor 
der Mutter ihn auszubreiten. Hier konnte man behaglich, ohne Furcht 
vor hämischem Wort und Blick, an seinem Erfolg kauen, seinen 
letzten Saft auskosten, und wusste, im Grund freuten die anderen 
sich mit. Hier war man zu Hause, hier konnte man Miene, Geste, 
Wort lockern, ausspannen. Hier war man in Frieden und 
wohlgebettet. Seine Mutter. Sie hat sich also, wie sagt man? 
Vergangen. Seltsam, daß sie dadurch nicht um ein Haar anders für 
ihn wird. Der, den er für seinen Vater gehalten, der sanftmütige, 
höfliche, geschwinde, liebenswürdige, betuliche Sänger und 
Komödiant, den sollte er jetzt wohl verachten. Merkwürdig, daß er 
kein anderes Gefühl für ihn aufbringen konnte als Zärtlichkeit. Wie 
muß dieser Mann seine Mutter geliebt haben, daß er sie den Bastard 
nie entgelten ließ. Er hatte kein hässliches Wort gehört von ihm zu 
ihr. Und wie war auch zu ihm selber dieser Mann zeitlebens zart und 
einfühlsam und väterlich gewesen. Ihn in Gedanken anders als Vater 
zu nennen gelang nicht. Und die edlen Regungen in der Affäre des 
Jecheskel Seligmann, das Opfer, das war also alles Selbstbetrug, 
Schwindel? Das hat er sich selber vorgespielt? Er bäumte hoch. Die 
Gehobenheit, die er damals verspürt, als er sich die Tat abgerungen, 
dies selige Schwimmen und Sichlösen und Aufgehen und 
Verströmen: das soll alles Lüge und Eitelkeit gewesen sein? Und das 
mit Edom, die Rache an Edom, das war nur Schwatz, schöne 
Rednerei, den Rabbi hinters Ohr zu hauen? Aber es hatte ihn doch 
gehoben, aus seinen Grenzen, über sich selber hinausgehoben! Er 
hatte es doch geglaubt, er hatte doch gewusst, daß es wahr war! Und 
das Kind? Wenn man ihm die Papiere nicht gewiesen hätte, dann 
wäre er also mit der Lüge vor das Kind getreten, hätte selber an die 
Lüge geglaubt und durch den eigenen auch das Kind zum Glauben 
an die Lüge verführt. Nein, nein, das war nicht möglich. So war es, 
daß, was er damals gespürt hatte, Repräsentant Judas gegen Edom, 
Schutz und Rächer, daß dies ehrlich war und unverfälscht. Das war 
schon seines Lebens Sinn und Hebel. Er war eben seiner Mutter 
Sohn, nicht seines Vaters. Aber daß er sich nur in Glanz und Macht 
zu Hause fühlte? Das war zu Recht, das war von Erb und Bluts 
wegen, daß die Dinge sich ihm schmiegten! Daß Gold, Glanz, Macht 
ihm zufiel wie von selbst, ihm stand wie ein Kleid, sorglich für ihn 
gefertigt, das war seines Vaters rechtens überkommenes Erbteil. 



237 



Daram zog es den Herzog zu ihm, daß er sein Herz vertrauend in 
seine Hand legte. Er war seines Vaters Sohn. Es war Recht und 
Pflicht, herauszutreten aus den Reihen der Niedrigen und 
Verachteten, groß zu stehen im Licht, die Hand zu legen auf seinen 
Namen, Erbe und Stellung. Die Gedanken wirrten sich ihm. Was 
tun? Wohin sich bekennen? An goldenen Fäden zog die Macht; doch 
auch die Lockung, unter den Verachteten zu stehen, war so zäh wie 
mild. Mitten im Traum sah er sich, der zuweilen ihn anfiel. Sah sich 
schreiten in jenem gespenstischen Tanz, an einer Hand hielt ihn der 
Herzog, der Rabbi an der andern. Schritt da vorne nicht sein Vater, 
der Feldmarschall, abgerissen die Epauletten, im Takt klirrend mit 
dem zerbrochenen Degen, winkend mit den Urkunden seiner 
Abkunft? Aber der Mönch dort hinten, der Kapuziner, der ist doch 
auch wieder sein Vater! Sonderbar, daß man nicht erkennen kann, ob 
das der zerbrochene Degen ist oder der Rosenkranz, was ihm da 
herunterhängt. Aber wer dort vorne lächerlich im Kaftan hüpfend 
sich ihm zuneigt, mit dem strähnigen Bart, das ist Isaak Landauer. 
Nein, nicht Isaak Landauer ist es, sondern Jecheskel Seligmann. Er 
kommt sich zu bedanken, und er verbeugt sich albern, und er knickst 
tief und küsst ihm den Rock, und es sieht komisch und beklemmend 
aus, wie er immer wieder mit dem von der Folter zerrissenen Gesicht 
lächelt und dann wieder knicksend mit dem Kaftan den Boden 
schleift. 

Mit Gewalt aus seiner Benommenheit und Dämmer reißt sich 
Süß. Er will jetzt seine Mutter sehen. Er will sich jetzt nicht 
entschließen; mit Ziffern und Kalküls kommt er hier nicht weiter. 
Und er hat jetzt diese Gedanken satt, und er will jetzt Ruhe haben 
vor diesen albernen Träumen, und er will jetzt das Gesicht seiner 
Mutter sehen. Doch wie er geht, an der Schwelle des Zimmers, tritt 
ihm Rabbi Gabriel entgegen. Das massige Gesicht scheint minder 
steinern als sonst, weniger scharf über der platten Nase zacken die 
drei Falten, selbst sein Missmut scheint gelöster, bewegter, 
menschlicher. „Willst du mich anzeigen?" fragt er höhnisch. Es kann 
deiner Karriere nur nützen, wenn du mich einem Kirchengericht 
übergibst, weil ich einen gebürtigen Christen so lang im falschen 
Glauben hielt." Und da Süß einen ungestümen Schritt vorwärts tut: 
„Oder willst du mit deiner Mutter rechten? Sie schelten, weil sie dir 
so lange schwieg? Ihr danken, daß sie dir einen so kavaliersmäßigen 
Vater gab ?" Eine wilde, unsinnige Wut steigt in Süß hoch. Wie 
kommt dieser Mann dazu, so ohne weiteres anzunehmen, daß er nun 



238 



in ein bequemes Christentum schlüpfen wird? Wie steht er höhnisch 
da mit seinen grauen Augen, die gipfelhoch auf einen niederschauen, 
wie ein Hofmeister, der den dummen Zögling über einer albern 
armseligen Ausrede ertappt. Will er ihm jetzt etwa seine jüdische 
Geburt abstreiten, sein Opfer, sein großes Spüren als Schaum und 
Lüge abtun, ihn um sein bestes Erbteil prellen? Seine Empörung 
gegen den Rabbi, so dumpf sie war, war ehrlich. Zum erstenmal, 
spürte er, war er ohne Rabulistüc gegen ihn im Recht, zum erstenmal 
verhöhnte ihn jener ohne Grund. Ganz fort war die lähmende Enge, 
die sonst von dem Kabbalisten ausging, und plötzlich war der 
Entschluß da, der so lang gestaltlos im Dunkel sich versteckt hatte, 
sprang klar und sicher ins Licht, war da, selbstverständlich, 
unumstößlich. 

,JI)ie Stimme frei, sachlich, sagte er: Ich fahre nach Hirsau. Zu 
Naemi." Näher an Süß riss es den Überraschten. Heller das Gesicht, 
halb ungläubig, mit fast gutmütigem Scherz: 

„Als Rächer an Edom?" Doch Süß blieb ruhig. Ohne 
Gereiztheit, zuversichtlich und fest sagte er: 

„Sie will mich sehen. Ich stelle mich ihr." Rabbi Gabriel nahm 
seine Hand. Sah sein Gesicht. Sah Unreines, Unwahres, Schutt. Sah 
darunter anderes. Sah unter Haut, Fleisch, Knochen zum erstenmal 
ein Helles, Anderes. 

„Sei es!" sagte er, schon klang seine Stimme wieder misslaunig 
wie sonst. „Komm mit zu dem Kind!" 



239 



VIERTES BUCH / DER HERZOG 



240 



32. 



Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler 
Chajjim Vital Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. 
Aus der Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den 
See. Der Meister sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister 
über den Wassern, der Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er 
nicht sank; denn schwer vom Leben von Millionen war der Rabbi 
und sein Wort. Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. 
Und wieder tranken sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. 
Einen Bogen in die Luft bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen 
Querstrahl darüber. Hinein in den Bogen trat der Rabbi als dritter 
senkrechter Strahl. So ward aus ihm und dem Quell der Buchstab 
Schin, der Anfang des erhabensten Gottesnamens Schaddai. Und der 
Buchstab wuchs und spannte sich über den See und spannte sich 
über die Welt. Als der Schüler Chajjim Vital zurückfand aus seiner 
Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der Rabbi Isaak Luria 
war nicht mehr da. Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten 
Buchstabens das einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. 
Denn die Worte seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren 
wie Schnee. Er ist da, er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten 
kann man ihn nicht. So fiel von seinem Mund die Lehre und man 
konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie nicht nieder und 
duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das 
Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist 
auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und 
Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im 
Mund des Wissenden steht sie auf und lebt. Allein nachdem der 
Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht enthalten, 
die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen, 
lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom 
Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der 
Seele. 



241 



Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine 
Erkenntnis nicht besudeU durch die Schrift, daß er die Lehre nicht 
verzerrt durch den üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte 
war Elia der Prophet getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die 
Sprache der Vögel war ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, 
des Steins. Die Seelen derer in den Gräbern konnte er sehen und die 
Seelen der Lebenden, wenn sie sich an den Sabbat-Abenden zum 
Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen der Menschen 
ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen, sie dann 
wieder zu ihren Eignem entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm 
geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem 
Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen 
und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel 
kamen und hielten Zwiesprache mit ihm. Er wusste, daß überall 
Geheimnis war, aber ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, 
schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund. Wunder blühten an 
seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn durch, seine 
Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im Himmel 
fächelten das Gesicht Gottes. 

Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese 
Weisheit. In wilder Unzucht keimten aus ihnen Narrheit und 
Erkenntnis. Falsche Propheten und Messiasse wuchsen aus den 
Buchstaben, Zauberei und Wirrwarr, Entrückung und Wunder und 
Hurerei und Machttaumel und Gottesversunkenheit entgossen sich 
aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz des Simon ben Joebai 
schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp seines silbernen 
Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von Frommen und 
Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher nackt und 
frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd und 
lallend und mit schwindelnden Sinnen die Kinder der Lust und der 
Macht. 

Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak 
Luria Aschkinasi: ,Jis kann geschehen, daß in Einem Menschenleib 
nicht nur Eine Seele eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu 
gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer 
Erdenwanderung einen. Mag sein, die eine ist Balsam, die andere 
Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, die andere eines Priesters 
und Beflissenen. Nun sind sie in Eines gebannt. Einem Leib 
zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie durchdringen sich, sie 
verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie fließen 



242 



ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich 
aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur 
andern um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue 
Wanderung erleidet." 

Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak 
Luria, des Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der 
sieben Jahre sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine 
Weisheit nach Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der 
niemals seine Lehre entweihte durch Schrift und Papier, und der 
geheimnisvoll verschwand auf dem Tiberiassee im achtund- 
dreißigsten Jahre seines Lebens. 



243 



33. 



Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das 
gesegnete Land. Wohhg atmete der dicke Herr, bequem 
zurückliegend in den weichen Polstern des gut federnden Wagens, 
den milden Duft der ersten Obstblüte; alles schwamm in junger 
Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün auf Boden, Baum 
und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe des 
Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche, 
gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert. 
Friedrich Karl von Schönbom, Fürstbischof von Würzburg und 
Bamberg, der erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das 
große Weltorakel, der deutsche Ulysses gefeiert, von den 
Evangelischen als tückische Schlange, Haman und Herodes begeifert 
und verlästert, war ein jovialer, behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, 
am Wiener und am päpstlichen Hofe zu Hause, vielgereist und 
beweglich, war er von einer weit überschauenden, gütigen 
Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in 
einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war 
dumpf, dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so 
eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war 
schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man musste 
das beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer 
darob Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Änderung solcher 
Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen 
Schwärmern. Er, Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien 
verbracht, hatte seine diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er 
liebte die helle, südliche Luft, er fand sie in seinem Würzburg 
wieder. Sein Katholizismus kam ihm tief aus dem Blut, sein Essen 
und Trinken, wie er stand und ging, war katholisch. Er sah die 
Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen eingesogen hatte. Die 
Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die venezianische 
Diplomatie war ein Teil davon, selbst das ADianergebirge war ein 



244 



Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei 
Dank! sehr vieles, IVfessen und Kirchen und Wein und Kunstwerke 
und Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene 
Frau, alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und 
katholisch. Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und 
spinnwebfarben, das war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. 
Er hasste den Protestantismus nicht; denn er hasste nichts auf der 
Welt. Aber er war ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, 
diese fahle, verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, 
war Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie 
heute wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese 
sogenannten Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser 
dumpfen, grauen Welt. Aber, gloria in excelsis! von diesen heiteren 
schwäbischen Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, 
hatte sein gut Teil dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische 
Luft zu schaffen, die ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen 
neuen Herzog im rechten Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine 
gut eingerichtete Welt! Ei, wohl war es eine Lust zu leben. Und er 
atmete fröhlich die milde Luft und er scherzte mit seinen klugen 
Räten und er schenkte den Kindern an seinem Wege Münzen und er 
schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen im Wirtshaus. 
Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein feistes, kluges 
Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung. Aber dem 
Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender Vollmond. 
Ach, der Sieg, den man im Stettenf eiser Handel errungen, war nur 
eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land 
umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft 
waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien 
gegen die höllisch schlauen Interpretierungsküflste der Würzburger 
Räte! Und selbst wenn man dagegen aufkam, wenn man sie 
säuberlich Punkt um Punkt widerlegte, frommte es doch zu nichts; 
denn hinter den Würzburgern stand das Militär, standen die 
Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud den Leib und das 
Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die Seele. 
Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller 
menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär- 
Absolutismus, hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und 
Tüchtigkeit, hieß eine große, dumpfe Masse von Knechten und ein 
kleines Häuflein zuchtloser Höfhinge schrankenlos darüber. Wie 
eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein hoffnungsloses 



245 



Umsichschlagen. Der Jud hatte gut vorgearbeitet, so hatte der 
Katholik leichtes Werken. Resigniert und stumpf, eingeschüchtert 
von dem herrischen Gewese der Beamten, den Fußtritten der 
katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die Bürger, hatten 
für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein ohnmächtiges, 
höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man's ja! Da sieht man's ja! 
Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie jetzt 
wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt. Nur eine 
ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der Elfer-Ausschuß 
des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des Weißensee, an 
Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen Evangelischen 
und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den 
Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich 
ausgezeichnet hatte. Er war der Jüngste im Ausschuss, doch 
trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener 
Mann; hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum 
Wechsel, ein Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer 
Gesten, sehr geübt mit der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Er 
schrieb und redete immerzu und in großen Massen, es gab kein Ding 
des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede und seine 
Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann Geist, 
noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, 
Arndt, Spener, Franeke zu stellen. 

Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im 
Stettenfelser Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als 
berufener Erlöser Württembergs. Er beschloss, vertrauend auf seine 
Rhetorik, ganz einfach und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu 
David, zum Herzog zu gehen und dem Fürsten kraftvoll und 
dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen zu reden. Überzeugt von 
der Macht und dem Eindruck seiner Persönlichkeit erbat er sich also 
Audienz und ging, ausgezeichnet disponiert, publizistisch, 
advokatisch, prophetisch in bester Form, zum Herzog, geschwellt 
und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf eine gut geübte 
Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief unerwartet. Karl 
Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ sich 
dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, 
gründlich, mit Überzeugung, brachte moraltheologische Argumente, 
Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, 
mischte Staatsrechtliches mit praktisch-Billigem, brachte Vergleiche 
aus der Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der 



246 



Jude hörten aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin- und 
Herschreitenden ein Sessel im Wege stand, rückte der Herzog 
eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht behindert sei. Doch als der 
Publizist nach etwa zwanzig Minuten innehielt, den einen Arm rund 
und mit schöner Geste erhoben, klopfte der Herzog ihm auf die 
Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das die Herzogin 
erwartet, ein Junge wird, muss Er ihm die Rhetorik beibringen." Süß 
hingegen machte etliche Anmerkungen über den Unterschied in der 
deutschen und der welschen Deklamation. Und als der schwitzende 
Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft 
entlassen war, musste er sich gestehen: „Armes Land! Armes 
Vaterland! Dir kann selbst ich nicht hellen." Der Würzburger hatte 
also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt in Stuttgart einzog. 
Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so günstigen 
Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die 
württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den 
größten Feierlichkeiten und unter großem Zustrom katholischer 
Fürsten und Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlass 
durch einen Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des 
Maltheserordens schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen 
diesen Orden, die Königin von Spanien und die Fürstin Ucella in 
Rom. 

Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, 
in ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den 
primitiven, bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen 
Buchstaben lag trotz des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem 
Kopfkissen; sie lächelte spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, 
wüsste er es, wütete. Sie war fest überzeugt, nur das Amulett habe 
sie gerettet; denn die Entbindung war langwierig und schmerzhaft 
gewesen. Jetzt, nachdem die Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, 
sie mochte dauernd entstellt sein, und die Medici Doktor Wendehin 
Breyer und Doktor Georg Burkhard Seeger mussten ihr immer 
wieder versichern, daß keinerlei Narben und silberne Furchen den 
Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr aber als auf die 
Ärzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara Holz hin, die 
ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Ärzte bestätigte. 
Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch. Sie 
betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt 
gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen 
geschenkt, sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem 



247 



mächtigen Rand von getriebenem Gold: nun war sie demnach im 
wahrsten Sinn Landesmutter. Kurios war das, kurios. Es taufte aber 
der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von Württemberg 
und Teck, Erbgrafen von Mörnpelgard, Erbgrafen von Urach, 
Erbherm von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen 
Karl Eugen. Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. 
Galatafel, Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, 
gegen ein „Vergelt' s Gott" Wein verschenkt. Und sosehr das Volk 
über den katholischen Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen 
Nachmittag kein Bissen Braten, von den zahllosen ungeheuren 
Fässern kein Schlückchen Wein mehr da. 

Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. 
Früher hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger 
Herren herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit 
Absicht. Das katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der 
schwäbischen Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger 
Diplomaten und der Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, 
den Finanzdirektor nur mit Mühe und unter allen möglichen 
Tifteleien und Vorwänden auszuschalten, so sahen sie jetzt 
verwundert, daß er allem, was mit dieser Frage zusammenhing, 
sorglich auswich. Früher hatte er, da schließlich alles an irgendeinem 
Faden mit Geld zusammenhing, in der Eigenschaft des 
Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des Regierungsapparates 
kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm vorlegte, zurück als 
nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der Regierung 
betrachteten ihn mit Misstrauen, schnüffelten nach seinen 
heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der 
Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines 
großen Coups. 

Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des 
Juden durch Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren musste, 
so dankte er dies dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in 
seiner Umgebung hielt, dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild 
zupackend stürzte sich der hagere Mann mit dem blauroten, 
fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den Händen ließ, hakte 
sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden Platz, den ^ner 
freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. Die schwierige, 
sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des katholischen 
Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die Oberleitung 
der Staatsgeschäfte in die Hand. Auch die Geselligkeit, die früher so 



248 



wild um ihn wirbelte, ließ Süß jetzt abflauen. Es kam jetzt vor, daß 
er einen Flirt begann und ihn vor dem Ziel müd und gelangweilt 
abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines Bettes, die er verlassen, 
die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, die in jeden Spott 
einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das Erlebnis als 
etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen Schmuck, 
den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel antun 
darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an 
seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis 
er außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so 
bald weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, 
sie bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und 
längst vergessen hatte, als teuersten Besitz. 

Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und 
Sekretär Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, 
langsamen und unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie 
man eben einen so ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen 
Menschen hält. Aber daß dieser Mensch außer seiner 
Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch andere Eigenschaften 
hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die sich nicht auf seinen 
Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß jetzt zum 
erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu Nicklas 
Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem 
blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und 
Notwendige hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, 
seine Augen gingen anders zu ihm, seine Haltung war vom 
Menschen zum Menschen. Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr 
Herr als ein anderer auf ihr saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in 
so großem Glanz als früher, vielleicht fühlte man rings im Volk, daß 
seine Hand nicht mehr die einzige war am Hebel des Regiments; 
aber die Stute Assjadah spürte, daß sie ihm jetzt anderes war als sein 
Kleid und sein Schmuck und Hausrat, daß er jetzt ihre Augen sah, 
daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floss in ihm und ihr. 

Während man in Stuttgart und Ludwigsburg fieberhaft an der 
Exekution des katholischen Projekts arbeitete, mit den anderen 
katholischen Höfen und Herren zettelte, Militärkonventionen 
schloss, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins Unrecht zu setzen, 
die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während Pancorbo, 
nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des 
Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Marm plötzlich ganz aus den 



249 



Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des 
Wichtigsten den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und 
ohne jede Begleitung die Hauptstadt. Er fuhr nach Hirsau. Er kam 
sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt ungeheuer edelmütig und 
erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem einzigen Wort, mit einer 
einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich gewinnen, sich in die 
Mitte des katholischen Projekts setzen, die hämischen, triumphierend 
grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie zurückwerfen könnte. Zu 
denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das mühsam 
Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller Welt, 
wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie 
opferfroh! 

Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den 
Kabbalisten fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die 
verströmende Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, 
fast geschuldete Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr 
Gesicht, Stimme, Haltung des Vaters schon bei seiner ersten Ankunft 
die Verdächtigungen des Magisters doppelt leer und haltlos hatten 
erscheinen lassen, war durch seine neue Maske leicht verwirrt. Sie 
sah den Vater als Simson, der die Philister, als David, der den 
Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht recht dazu, und 
wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder drängte 
sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem reichen 
Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des 
Vaters. 

In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm 
Süß das Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es 
hin und her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen 
den rastlosen Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich 
bekannte, wer durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, 
daß er demütig sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das 
Recht, aus der Demut aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens 
zustand? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt, aus der 
Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß 
ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur 
an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt? 
Hochmütig stellten die Tulpen in seine Träume, wie ein weißer, 
besonnter Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen 
Erwägungen die seltsamen Formen der magischen Figuren, die 
blockigen hebräischen Buchstaben, schematisch stand der 



250 



himmlische Mensch, es blühte der kabbalistische Baum. Sein Vater. 
In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben. Je 
nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er 
war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig, als nach seiner Seele zu 
jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der musste sich wohl verkriechen 
und nach innen schauen. Bei ihm. Süß, lagen die Dinge anders. Er 
hatte Erfolg. Ihm schmiegte sich das Leben, duckte sich ihm, 
unterworfen. 

Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? 
Der Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den 
er einem höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so 
unbeschwert leben können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur 
natürlich und sein gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ 
bekennte, immer würde er die Verachtung dieses lächerlichen, 
schlecht angezogenen Mannes eisig im Nacken spüren. Wenn er sie 
nur herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die 
aus dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten. 
Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille 
und Getragenheit. 

Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich 
krampfender, prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und 
Ehrhunger, langte unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine 
herzogliche Kommission habe Bücher und Kassen des Süß 
beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor sei verdächtigt, 
in amtlichen und privaten Affären formidabel defraudiert zu haben, 
peinliche Untersuchung sei angeordnet. Die Feinde des Süß hatten 
seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß genützt. Freunde, auf 
die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der Hofkanzler 
Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen 
Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Öffentlichkeit. 
Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu 
erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die 
beiden Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und 
Tornacka, der Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit 
Verdächtigungen des Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl 
Alexanders nahmen nur Bilfinger und Harpprecht nicht an dem 
Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen Sendlinge noch mehr 
zuwider als der Jude. Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit 
langem den Juwelenhandel des Süß genau überwacht. Er legte dem 
Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im 



251 



Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise sehr variabel; 
fielen sie, so erkläre, oft noch ein Jahr später. Süß die zu teuer 
gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so halte er 
sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf den 
Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für 
sich einsacke. Allein zum großen Verdruss des Portugiesen machten 
diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen Eindruck; 
er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde 
er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen 
war er durchaus nicht geneigt. 

Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des 
Süß, über die ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der 
Finanzdirektor hatte das Kaminfegen von Staats wegen geregelt, 
dergestalt, daß gegen eine zu entrichtende Pauschalgebühr die 
Behörde die Reinigung der Schornsteine übernahm. Diese 
Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der 
Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber 
in die Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel: 
„Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und 
Unholden an seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, 
im Namen aller aufgesetzt und überreicht von gesamter 
nachtliebender Sozietät Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor." 
Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten 
Gesichten. Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen 
Tanz, er hörte die knarrende, misslaunige Stimme des Magus, er 
hörte, hörte körperlich, sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf 
sich zukriechen, vielarmig, gestaltlos. Er wollte los aus dieser 
verdammten Hexerei. Warum hielt er denn den Juden? Er hatte doch 
bloß Spott und Schererei von ihm. Rot angelaufen, schnaubend, den 
einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und her. Er wollte es ihm 
zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei und schwarzen 
Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Order, die die 
Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des 
Finanzdirektors befahl. Und es lief der Hofkanzler, es liefen die 
Generäle, es lief der Portugiese, reckte über der Krause den dürren 
Hals, hackte zu mit dem entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig 
hockten die Revisoren, schwitzend, vertieft, spähten durch die 
Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers Papier. Rechneten, luchsten, 
witterten. Bauten Säulen von Ziffern, Wälder von Ziffern. Schütteten 



252 



sie aus, klaubten sie wieder zusammen. Spähten, schnüffelten, 
schwitzten. 

Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten 
Gäulen der Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen 
ihn, dieser Stoß und Sturz war ihm ein Wink.. Das Glück, das Fatum 
wollte gepackt, wollte gezwungen sein. Sowie man es nicht 
umklammerte mit allen Sinnen, sowie man nicht unverückt Gemüt 
und Willen darauf richtete, lockerte es, löste es sich. Hätte das 
Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit gespürt, nie hätten sie 
den frechen, plumpen Angriff gewagt. So war er in der ersten 
Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas Pfäffle stürmisch 
aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige Gesicht des 
Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den trübgrauen 
Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und rasch 
die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu 
Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: 
Was tun? Was jetzt tun? Klar formte sich ihm, während schon die 
Pferde in Sicht der Hauptstadt dahinhetzten, sein Entschluss. Jeder 
Schritt seines Weges, jedes Wort, das er sprechen wollte, lag 
deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, nicht geschäftstüchtig, 
nicht politisch. Annehmen wird er die Herausforderung des 
Schicksals. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie 
der Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er 
dann, in der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. 
Hält ihn der Herzog, dann, ja - dann - als der Feind wird er dann 
leben, als der Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung 
bezahlen lassen. Die Hand den Feinden an den Hals! Zudrücken! 
Würgen! Pressen! 

Bei Hof hatte man erwartet. Süß werde sich verteidigen, 
geschmeidig, vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten 
hinweisen, pathetisch seine Unschuld beteuern; oder um sich 
schlagen, wüten. Nichts dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. 
Erwiderte auf die kollernden, polternden Vorwürfe des Tobenden 
mit keiner Silbe. Bat, als endlich der Herzog verschnaufend einhielt, 
in ruhigen, gesetzten Worten um seine Entlassung. Für allenfallsige 
Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein gesamtes liegendes und 
mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann sinnlos 
schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und 
steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit 
gehobenem Arm auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf 



253 



rasche Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen 
Wunsches drängend. Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl 
Alexander. Fragte, die Stimme gepresst vor Wut, ob sie Beweise 
gefunden hätten. Überhäufte, stimmlos keifend, die Stammelnden, 
Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten, kotigen, pöbelhaften 
Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn als sie in ihren 
Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre ohnmächtig 
neidischen, himrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe hereinfallen 
können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen 
Christenschelmen. 

Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem 
riesigen Doueeur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl 
in ihre Winkel krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich 
Süß die verlorenen Positionen zurück. Dem katholischen Projekt 
hielt er sich noch immer fem; aber in jedem andern Bereich wieder 
drängte er zu, griff zu, wo man seine Interessen streifte. Da saß er 
nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im Herzogtum 
spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, wurde 
überprüft, korrigiert. Die Kaminfegerverordnung, schon zurück- 
gezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter verschwan- 
den, nur heimlich im Abort des Blauen Bock zeigte der Konditor 
Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden 
Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident 
Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er 
hatte es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt. So schien 
äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch trieb er 
wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer, 
minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, 
hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den 
General Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art 
wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von 
oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam 
dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, 
lachte ihm plötzlich der Jude seinesteits gräulich und unheimlich ins 
Gesicht. Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei 
weitem nicht mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles 
weniger amüsant geworden! Auch die Beziehungen zwischen dem 
Herzog und Süß hatten sich geändert. Karl Alexander war sehr 
häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein Misstrauen 
wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich, es 



254 



wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl 
nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zu viel, 
könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, 
nachdem er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den 
Grenzen zu lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden 
band wie das, was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem 
Blute lag. 

Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen 
ließ, in sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann 
streckte wohl aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom 
Bartelenii Pancorbo den zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter 
faltigem Lid das Aug nach dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, 
krümmte die Finger zum Griff. Doch er war sehr vorsichtig 
geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten. 



255 



34. 



Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, 
beschaute sich. Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. 
Atmete auf, lächelte. Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht 
entstellt. Sie war glatt und rank wie früher. Mit den kleinen, 
fleischigen Händen tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Er war 
weich wie früher und doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie 
ernsthaft und schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im 
Glas. Die Beschwerden der langen Schwangerschaft, die wilden 
Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und keine Zerrung 
hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich unter dem 
strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von den 
Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, 
mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum 
Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und 
feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend 
fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser 
über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle 
Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie 
lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr. Doch in 
der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch 
heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den 
andern Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch 
länger jede Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, 
grauenvolle Furcht vor dem Altem war in ihr. Es war nicht 
auszudenken, daß dieses Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, 
dieses Fleisch vermürben sollte. Sie wird mühsam einherhumpeln, 
hüsteln, spucken, die Männer werden froh sein, wenn sie die 
zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich haben, die 
Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schieierten sich, wenn sie es 
dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen. Erwog sie, daß 



256 



das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich über den 
Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es war 
unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen 
sein. 

Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke 
Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt 
aus. Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie 
gebe als Mutter ein charmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte 
Tieferes für den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen 
modischen Pinscher, von dem sie wusste, daß er hübsch aussah, 
wenn er unter dem Saum ihres weiten Rockes vorlugte. Ihr Tag war 
wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller Heiterkeit. 
Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von RioUes begann sie zu 
langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien nicht mehr 
recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht 
mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten 
widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann 
Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale 
dieses stattlichen, pathetischen Publizisten zu werden. Für den 
Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und 
Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und 
nichts davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein 
Selbstbewusst sein arg ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und 
der Gunst der Iferzogin richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei 
der rechten Witterung. Kotz Donner! Er musste doch ein Kerl sein, 
wenn jemand wie Marie Auguste, in ganz Europa berühmt um ihre 
Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm, dem Gegner, so 
offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im Parlament 
mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat, der 
große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese 
Ärmlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyss genug, der 
schwäbischen Circe zu widerstehen. Der imposante, wichtig sich 
habende Mann verbrachte also jede Stunde, die er durfte, bei der 
Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war sie im Bad, auf den 
Holzbrettem, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne bedeckten. Er 
deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines 
massigen Cäsarenkopf es blitzten, der Degen schwankte rhythmisch 
auf und ab, lang hinrollend flössen die Worte aus seinem Mund. So 
saß er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, 
daß die Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem 



257 



möglichen, er las ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, 
und größere Werke und Broschüren, theologische, juristische, 
nationalökonomische, Abhandlungen über politische Tagesfragen, 
doch auch Ästhetisches, Botanisches, Mineralogisches; denn Johann 
Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte alles mit dem gleichen 
Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte Marie Auguste 
nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach, oder 
maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht 
sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das 
gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit 
hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die 
stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor 
Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und 
Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend 
anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren 
Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam 
fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend, 
schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit 
vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, 
und wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein 
Herz gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die 
Knie und betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr 
wohlgesetzter Rede, Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, 
gegebenenfalls den Mantel im Haus der Herzogin zurückzulassen. 
Unter den Frauen schloss sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine 
einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, sprach zu 
ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu der alles wissenden älteren. 
Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft und gescheit und voll 
Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin, kleinen Kopf 
flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige Mücken und 
alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber Magdalen 
Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah, sorgsam 
auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in 
ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und 
Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor 
ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn 
Landesmutter war und sogar Inhabern des Maltheserkreuzes. 
Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, 
suchte sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare 
Greschöpf einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein 



258 



Grauen vor solch tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, 
an der alles abglitt. Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur 
ihrer leiblichen Gestalt lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht 
ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger 
Schatten? 

Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen 
Wangen war müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so 
unwirklich und unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde 
blasser, die Haltung der straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte 
sich abgekämpft, sie war niedergebrannt, nun war sie still und nicht 
mehr geneigt, wild und empört zu lodern. Sie war durch Demut und 
Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die Schrift hatte ihr 
Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel hatten 
sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im 
Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, 
ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der 
Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten 
überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und 
Grün war tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich 
verlaufen hatten, war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot. 
Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der 
ersten Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne 
angeschaut und hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des 
Leibes und der Seele ihm willig und mit gewusster, grenzenloser 
Hingabe geöffnet. Aber er war eine Sonne gewesen, die nicht wärmt 
und die fahl und mitleidlos und unerreichlich ihre Straße zieht. Sie 
hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich 
mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch, mehr als jeder andere, 
von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden von seiner 
Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner Gelähmtheit, 
seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes 
Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr 
höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle 
männliche Glut war verascht. Sie verzweifelte daran kein zweites 
Mal; sie beschied sich. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur 
Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich 
verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf 
seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun 
hatte sie ein böser Irrstem in die falsche Welt getrieben. Sie selber 
war nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer. 



259 



wie sie damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, 
Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, 
darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof 
gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere 
erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit 
tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle 
Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der 
Teufel im Wald von Hirsau. Häufiger wieder ging sie zu Beata 
Sturmin. Schon war ihr die blinde Heilige kein törichtes, altes 
Madchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte, war ihr in 
Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder kahl 
und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie 
einen guten, warmen Mantel. Bei der Beata Sturmin traf sie öfters 
den Stadtdekan Johann Konrad Rieger, Stuttgarts besten Prediger, 
und seinen jüngeren Bruder Immanuel Rieger, Expeditionsrat. 
Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende Beredsamkeit 
auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war ein 
gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht 
wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und 
er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer 
wie kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen 
Sibylle ward durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser 
erinnert, den sie zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach 
sie auch von dem Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos 
und ohne große Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige 
Prediger giftig an, er geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes 
Redners, und wie überhaupt solche profane Rhetorik Blendwerk sei 
und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige konnte die Wut 
des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur mühsam 
zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied. 
Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, 
wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, 
unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht 
ein bisschen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen 
kürzen Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute 
zu sehen, betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig 
verehrten Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine 
Bescheidenheit wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als 
durch leicht wehrende Handbewegungen kundzutun. Es war dem 
fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, 



260 



es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer verehren zu 
dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu gelten. 
Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet 
hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu 
ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so 
vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu 
dürfen. 

Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, 
knienden Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses 
reinste und tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, 
was musste sie gelitten haben, wieviel tausend Tode musste sie 
gestorben sein, als der letzerische Souverän sein Aug auf sie warf. 
Sein Aug auf sie warf, eine andere Formulierung wagten seine 
dreistesten Träume nicht. Und wie würdig trug sie, diese mit allen 
Wundern des Leibes und der Seele begabte Heilige, ihre 
Dornenkrone. Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, 
schnurrbärtige Herr manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von 
seiner ungeheuren Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er 
sprach von einem gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob 
Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, 
zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach, der dickliche, gutmütige, 
pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Äpfel und der 
andächtige, plärrende Gesang vom himmlischen Jerusalem floss in 
ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat 
Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich 
und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: 
„Nahrungssorgen und Gottvertrauen" und auch von jenem andern: 
, Jesus, der beste Rechenmeister", und Magdalen Sibylle hörte den 
ehrbaren Worten des Expeditionsrats still und friedlich zu. Die 
grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so 
selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, 
auch wenn sie nur die nötigsten Visiten abstattete und empfing, warf 
ihr zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich 
und krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr 
absonderlichen Stellung nichts anzufangen wussten. Sie war 
Mätresse des Herzogs und Pietistin und Freundin der katholischen 
Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte man nicht klug 
werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie zusammenkam, 
ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und 
Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt. 



261 



daß ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr 
klang. Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung 
des Mannes freundlich ein. Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe 
und kleinem Leben. Dem wilden und leeren Getriebe des Hofes, dem 
glänzenden und aufreibenden Apparat der Macht schrieb sie es zu, 
daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und dieses höfische Dasein 
ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch in ihr von dem 
dumpfen, vererbten Hass ihrer Vorfahren gegen die glänzenden, 
brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer Führer 
im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich 
hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer 
schlichter ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, 
verschmähte, wo es ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig 
mit ihr zu reden wusste und sie eigentlich nur mehr deshalb hielt, 
weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm gut und sei populär, sah 
erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die Herzogin belustigt mehr 
als chokiert schien, mit verständnislosem Kopf schütteln. Wer aber 
Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und 
erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie 
nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm 
nie Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber 
doch war sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus 
feinerem Stoff als die anderen Menschen. Sie hatte ihre eigene Luft 
um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach 
zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und 
urteilskräftige Mann wusste genau, daß ihm bei aller Begabung letzte 
menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen 
Sibylle aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme 
hatte jenes natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, 
daß sie seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich 
selbst. Er wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, 
was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen 
Menschen fem und unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck 
einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam 
und sie zertrampelte, konnte dies, sosehr es ihn umwarf und 
aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in 
Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen 
sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest. Wie sie aber in 
Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr verbürgerte, 
zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste Stütze 



262 



und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes 
Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. 
Die philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogs- 
mätresse, ihrer Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem 
anderen Stern zu Haus, waren Verpuppungen gewesen. Die 
nüchterne Bürgerfrau, praktisch im Alltag wirkend und an ihm 
zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst ordinäre letzte Form 
und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden. Vagantin, 
Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie 
entwurzelt. Nur dies eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven, 
gemeinen, alltäglichen anderen durfte sie nicht zurückschrumpfen, 
diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht die ihre sein. 
Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern 
endgültigen Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. 
Auch jetzt nicht überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier 
verstärkte sich, die feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: 
Was wird jener tun im gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich 
ändern, seine Haltung, seine Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, 
war wellig um ihn, wenn er einschlief, kroch ihm juckend, kratzend 
vom Kreuz her die Wirbelsäule hinauf, füllte ihn ganz an. Mit dem 
Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder. Er 
hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine 
Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht 
vereinen lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren 
parlamentarischen Ausschuss. Aber als man ihn dann, seine 
Krankheit nutzend, in der mildesten Form aus der Elferkommission 
ausschloss, wurmte es ihn doch tief und schmerzhaft. Er nahm nun 
ohne weitere Rücksichten immer offener Partei für die Regierung 
des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung als der plumpe 
Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den Treibereien 
gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und Ohnmacht 
des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die 
Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und 
dem Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich 
nicht ging. Von den alten Freunden Bilfinger und Harpprecht löste er 
sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne Hass in heil- 
und ruchlose Verstrickung sinken. Enger von Tag zu Tag schmiegte 
er sich dem Herzog an, nützte jetzt bedenkenlos die seltsame 
Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine Menschenkunde 
bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen, und der 



263 



Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der Intrigen 
gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere 
Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei, und Willigkeit des 
Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher 
der Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, 
Zuführung und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm 
nun unmerklich und gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Er 
lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf raffinierte, 
lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann, der an 
solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere 
Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen 
Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. 
Der Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht 
gefielen, die aber in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und 
er verschaffte ihm welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn 
immer tiefer in den vergifteten Garten und machte sich als Mentor 
unentbehrlich. Seltsam war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht 
gern in dieser Freundschaft sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie 
liebte es, sich von lasterhaften Dingen erzählen zu lassen, und bekam 
dabei ein angestrengt nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte 
auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das zerknittert war von 
vielen lustigen und verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des 
Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht ursprünglich, 
sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht leiden 
mochte. 

Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, 
er wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er 
einen künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei 
solchem Anlass regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz 
kleiner Gesellschaft jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine 
Repräsentation, kein Divertissement Der Herzog stimmte zu. Später 
gelegentlich sprach der Kirchenratsdirektor von dem schönen, 
wildreichen Forst bei Ersau; es wäre vielleicht willkommene 
Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloss, Komfort, große 
Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren akkompagnien, 
ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun, wie ein 
Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre 
es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu 
begrüßen, davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm 
ohne Umstände und vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde 



264 



seiner Proposjtion geschickt gewählt; auch traf es sich gut, daß der 
Herzog nur zweimal in dem berühmten Kloster gewesen war. Schon 
für die allernächste Zeit, und um das Inkognito zu wahren, in großer 
Heimlichkeit wurde die Partie festgesetzt. Von da an zeigte 
Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und Gehobenheit. Er 
verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender, seine 
klugen Augen fassten mit tieferem Glanz nach Menschen und 
Dingen. Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es 
anging, war er um ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den 
feinen, schmächtigen Mund hörte er zu, wenn er sprach, den 
schmalen Gescheiten meine Seele vom Schwert und mein Leben aus 
der Gewalt des Hundes! 



265 



35. 



Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, 
unerwarteten Bäume - Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in 
Myriaden Gestalten, waren um den Menschen und beirrten den zur 
oberen Welt Dringenden. Eingebannt in Millionen Dinge büßen die 
Seelen der Toten, eingebannt in Tier und Pflanze und Stein. 
Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des Schwätzers, 
der das Wort missbraucht, in die zuckende Flamme der Unkeusche, 
in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi 
Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die 
Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn 
sie an den Sabbatabenden zum Paradies emporzogen. Oh, könnte er 
jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr helfen. 
Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der 
Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos 
im Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach 
zerstäubt in jedem Augenblick. Kannten die Menschen diese Pein, 
sie hörten nicht auf zu weinen. Dumpfer umschnürte es ihn, 
atemsperrender Zwang in üim, aufzuschauen. Zwischen dem Laub 
tausend Augen waren auf ihm, die Augen des Kindes, die bräunlich 
goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus, Naemis Augen. Und sie 
riefen, flehten mit dringlicher, angstvoller Beschwörung: „Hilf!" 
„Hilf!" riefen sie, immer dringlicher, gepresster, flehender, und 
ließen nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das 
Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum 
Himmel. Da waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr 
und zogen nicht. Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei 
hebräische Buchstaben, die sagten: „Hilf!" Weg riss er das Antlitz, 
da sah er, die Äste des Baumes, unter dem er saß, formten die 
gleichen Buchstaben: „Hilf!" Die Wurzeln die gleichen: „Hilf!" 
Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen Gaumens, 
überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es herauf, 
engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den 



266 



Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die 
gleichen Buchstaben, das ganze stumme Tal war Ein Mund, seine 
Wände, Steine, Wasser beschworen ihn, schrien in Not und Graus: 
„Hilf!" Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern 
das Tal hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu 
Menschen, hetzte seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im 
Wagen. Im Nacken die bräunlich goldenen, angstvollen Augen des 
Kindes, gepresst ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden 
Buchstaben: „Hilf!" 

In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit 
den großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der 
geschmeidige Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende 
Major von Röder mit den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. 
Noch hingen im Raum die kindlich verschwärmten Gesichte 
Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater das Mädchen sitzen im 
stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit kindhaft wichtigem 
Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die bräunlichen, 
flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken Augen in 
dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wie viel Licht und 
Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und frostig 
war es erloschen! In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen 
Erwartungen, von seiner Arbeit an dem Bibelkommentar und von 
den Träumen des Mädchens, soff und grölte jetzt mit seinen 
Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander fühlte sich jung, 
frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen, das Wams 
gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein blitzgescheiter 
Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart und 
Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische 
Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der 
Oper, die Honka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie 
eigentlich können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. 
Tags nur Wind ins Gesicht, Abends Wein und gutes, kräftiges 
Männergespräch. Keine Weiber! Keine Politik! Kein Parlaments- 
gesindel! Wie war man jung! Man spürte, mille tonnerre! nichts von 
seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an nichts als einem 
bisschen Wald und einem guten Schuss seine Lust haben. Der 
Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, 
außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der 
Schwarzbraune. Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor 
sich, lachte dröhnend über die plumpen Zoten Röders, die feinen 



267 



Weißensees, über die sehr schweinischen Anekdoten, die Herr von 
Schütz vornehm und untermischt mit vielem Französisch hemäselte. 
Erzählte dann selber, Geschichten aus dem Feldlager, Aventüren aus 
seiner Venezianer Zeit. Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. 
Wenn man es recht überlegte, war der Jude daran schuld, daß er jetzt 
mit dieser Roheit und stumpfem Gewäsch seine weißen Stuben 
verschmutzen musste. Ei nun, wenn man was wissen wollte, wenn 
man neugierig war, dann musste man wohl zahlen für solche 
Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen! Als die Herren zu 
Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem Herzog, er 
habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate 
submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann 
werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine 
Überraschung vorzeigen. „Weißensee!" lachte der Herzog. „Alter 
Fuchs! Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für 
jeden Tag was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat." Und er 
klopfte ihm auf die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer. 

Anderntags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den 
alten Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die 
Landstraße entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier 
den Wagen zurück, folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor 
einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick 
weiter. Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der 
Wein war ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, 
rissen Witze. Dahinter stecke also die Überraschung; ob es denn 
lohne; ob Weißensee nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die 
Mühe nicht scheuen, kletterte voran über den Zaun. Sie folgten 
prustend, mühsam. Drangen weiter, neugierig, angeregt, amüsiert. 
Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. 
Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl 
Alexander: Venedig, Belgrad. Doch keiner wusste mit dem weißen, 
fremdartigen Ding mitten in dem schwäbischen Wald was 
anzufangen. ,JZ)as Haus gehört dem Magus", sagte Weißensee, „dem 
Oheim des Herrn Finanzdirektors." Verblüffte, großäugig dumme 
Gesichter. Ein leicht übler Nachgeschmack des Weines stieg dem 
Herzog auf, er fühlte sich plötzlich schwerer, spürte den lahmenden 
Fuß, den schlechten, holperichten Weg durch den Wald. Mit einer 
schleierigen Befangenheit schaute er auf cks Haus, in einem vagen 
Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue Augen auf ihn. ,JI)em 
Magus? So?" sagte er dann mit einer heiseren, belegten Stimme. , Jii 



268 



freilich ist das eine Surprise." „Das ist nicht alles", lächelte 
Weißensee mit feinem, breitgezogenem, genießerischem Mund. 
„Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?" 
Karl Alexander riss sich zusammen, räusperte sich frei. ,JI)er alte 
Hexer ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig", lärmte er. 
„Scheuchen wir den Schuhu in seinem Gemäuer auf!" Näher traten 
die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins Haus. Der 
alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten - ? 
Seinen Herrn. - Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch 
niemanden, setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus 
ein wenig anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte 
mürrisch der Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand 
was zu suchen. „Maul halten!" schrie der zornige Major Röder. Doch 
der Alte wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. 
Niemand hat hier zu befehlen, nur mein Herr." „Und der Herzog von 
Württemberg", sagte Karl Alexander. Und an dem erstarrten Diener 
vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu und 
spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen 
Baumes, des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. 
Tauschten ironische Anmerkungen aus. Doch der unheimliche Raum 
hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und 
gedämpft. 

„Kotz Donner!" schrie plötzlich Karl Alexander in die 
Befangenheit hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche! Den 
Wein, Neuffer! Wenn der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir 
sehen, ob wir seine Geister nicht durch ein gutes Glas Wein an 
unseren Tisch hexen können." „Wollen wir nicht erst auch die 
anderen Stuben anschauen?" bat Weißensee. „Vielleicht spüren wir 
doch noch etwas auf!" Und seine feine, lange Nase schnupperte, und 
seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle Winkel. Während 
Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen 
Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke, 
plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie 
drängten sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im 
äußersten Winkel angstvoll, großäugig und abwehrend empört in 
östlicher Gewandung das Mädchen. Zurückprallten vor der 
Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, des blauschwarzen Haars, der 
redenden, erfüllten Augen die Herren. Daß dich der 
Langschwänzige! fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. So was 
also hält sich mein Jud, so was versteckt er vor mir, der Filou! 



269 



„Möcht sich allein delektieren an dem Braten." Noch immer war ein 
paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den Herren. Ein 
Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter ihrem 
Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch 
das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, 
starrten. 

In die Stummhejt hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme 
des Konsistorialpräsidenten: ,JDie Demoiselle ist die Tochter des 
Herrn Finanzdirektors." Und, auf die mundaufreißende Verblüffung 
der Herren, liebenswürdig lächelnd: ,Ja, das war meine 
Überraschung." „Kotz Donner! Kotz Donner!" sagte mehrmals 
hintereinander knarrend der Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. 
Doch der Herzog, aus seiner Überraschung zurück, enthusiasmiert, 
mit seinen großen blauen Augen an ihr fressend, erging sich geläufig 
in entzückten, modischen Bildern: „Ein Meisterstück das Mädel! Ein 
Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. Wie eine Fabel aus 
Morgenland." Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu: Der 
Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt Seiner Lenden sei 
doch noch besser als alle Geburten seines Hirns. Weißensee schwieg. 
Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank das 
Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem 
trockenen Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes 
Kompliment fand als sein rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!" 
Doch Weißensee stand stumm. Er schaute nur das Mädchen an, 
schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln um seine genießerischen 
Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat, gewiss doch, diese 
war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein. Achtes 
Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten 
Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich 
anzuschauen. Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und 
sprachen zu ihr. Zu dieser mögen die Propheten kommen. Sie waren 
schlauer als ich, Herr Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. 
Hätten sie noch femer und heimlicher müssen hüten. „Voila! Jetzt 
werden wir sehen, was Sie für kurioses Gesicht ziehen." 
Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß 
Rühmens gemacht. Selbst Herr von Räder fand ein Weiteres und 
sagte: „Wer hätte dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?" Naemi 
aber stand in ihrer Ecke, den ganzen Leib gespannt in Scheu und 
Abwehr, und schaute auf die Männer. „Wie heißt Sie denn, 
Demoiselle?" fragte jetzt der Herzog. Und, da sie nicht antwortete: 



270 



„Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu Ihren Füßen 
legen?" Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem 
Schmerz vor Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, 
diese Schüchternheit", konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major 
von Räder fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, 
Judenbalg, wenn dein Herzog dich fragt." „Halt's Maul, Räder!" 
sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in ihre Ecke sich 
Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir nichts, ich 
fress dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie nicht 
so zimpferlich!" Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das 
Mädchen geschoben, dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller 
Angst und Ratlosigkeit. „Ich bin wirklich dein Landesherr", fuhr 
leicht ungeduldig Karl Alexander fort, „dein und deines Vaters 
wohlaffektionierter Herzog und Herr. Und jetzt sag endlich, wie du 
heißt!" "Die Demoiselle heißt Naemi", sagte statt ihrer die Zofe. 
„Nun wissen wir's also", grunzte befriedigt Räder. „Naemi, 
komischer Name!" und pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: 
„Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie Ihrem Landesvater die Hand!" 
Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie sanft vor. Langsam, die 
Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und mit gierigen 
Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu. Sie gingen in die 
Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen Bescheid zu tun. An 
den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, kletteten sich blockige 
Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der 
Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu 
halten. Sie floh, schloss in ihr Zimmer sich ein, überschauert, 
zitternd den ganzen Leib und eiskalt. In der Studierstube aber, unter 
den Trinkenden, konstatierte Herr von Schütz, auf die magischen 
Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach Judenschul und Kirchhof 
gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und nach Parfüm und nach 
Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist weg. Merkwürdig, 
wie ein bisschen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten Magus um 
sein Prestige bringt." Man brach auf. Räder und Schütz voraus, dann 
der Herzog mit Weißensee, als letzter Neuffer. Der schwere Herzog 
stützte sich vertraulich auf den feinen, schlanken Weißensee. ,JZ)as 
hat Er schlau gemacht", freute er sich. Da werden wir noch lang 
unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und Duckmäuser, mein Jud. 
„Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und blass werden." So 
aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den 
Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich 



271 



nicht die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wusste, was er 
an dem Kind hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, 
jedenfalls wird er sie nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. 
Der Jud war gewitzt; und selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte 
den Magus, der ihn hielt. Ging aber der Herzog jetzt, dann war er 
kein zweites Mal nach Hirsau zu bringen. Dann musste des 
Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer ungestillt bleiben. 
Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepresst, 
die großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, 
angewidert, und ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. 
Aber dieses Gefühl zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, 
die ihn ganz anfüllte, ihm süß beklemmend die Eingeweide 
heraufkroch, den Atem schnürte. Er verlangsamte den Schritt, bat 
den Herzog, er solle sich nicht überanstrengen, riet, kleine Rast zu 
machen. Neuffer hatte noch Wein, Weißensee bediente den Herzog. 
Der trank. Weißensee lenkte immer von neuem die Rede auf das 
Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen Stimme, in halben 
Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie jung und doch 
reif sie sei. In solcher Blüte seien die Jüdinnen schön und einzigartig, 
über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. Doch diese 
Blüte dauere sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. So 
müssten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der 
den Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das 
ihm bleiben werde seiner Tage. So träufelte er sein feines Gift in den 
Herzog. Karl Alexander trank, fühlte sein Blut wellen, steigen, 
fallen. Der Abend kam, Föhn ging in warmen Stößen, in den 
Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre weichen, 
scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber 
ausgeschaut haben", sprach Weißensee seine Träume vor sich hin 
und sie galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich 
hielt. Tausend Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem 
Alten Testament. Des Herrn Finanzdirektors seinem Testament." 
Und er lachte ein kleines, stilles Lachen. Karl Alexander stand 
plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub des Waldbodens 
vom Rock, sagte, die Stimme gepresst, zu Weißensee, er wolle noch 
ein weniges allein im Wald Spazierengehen. Weißensee möge ihn bei 
den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten, 
sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den 
Neuffer behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. 
Erst wie er allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte 



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das bewegliche Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende 
Laute aus. Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß 
zuließ, gefolgt von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in 
den der Abend einfiel. Als er an chs Haus mit den Terrassen kam, 
war es schon ganz dunkel, fetzig, schwärzlich zogen schnelle 
Wolken, kein Mond war, in starken, warmen Stößen riss ihm der 
Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung war man, jung! 
Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, gut war das, 
besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über 
Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte 
man sich wie in Venedig so jung. Schlug kein Hund an? Vielleicht 
hatte der Magus Zauberkreise gezogen, die Schwelle mit Hexerei 
gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht regen konnte. Er ließ den 
Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er hatte sich 
den einfachen Grundriss leicht gemerkt. Dort war das Zimmer des 
Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum 
mit den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort - ? An dem Spalier 
war leicht hinaufzuklettern. Er wird ja sehen. Leicht ächzend 
kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie. Arme schlaff, ganz still, mit 
ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er sie flüsternd 
an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau. Sie schrak auf, sah das rote, 
massige Gesicht, die blauen, gierig hervorquellenden Augen. Warf 
krampfig den Oberkörper zurück, starrte vergraust auf den 
Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt? Dummes Kind! 
Hab Sie keine Angst!" Er schwang sich vollends ins Zimmer, kam 
schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr 
Landesvater für ein Kletterer ist." Sie, im letzten Augenblick, 
flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete 
lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach 
beruhigend wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine 
grauenhafte Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauem. Die 
Augen wie gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er 
endlich ungeduldig, brutal sie an sich riss, küssend über die Eiskalte 
herfiel, nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, 
schrie mit kleiner, tonloser Kinderstimnme nach dem Oheim, riss 
sich los, gewann die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe 
führte zum Dach. Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die 
nächtige Föhnluft ein. Der warme, feuchte Wind nahm sie in seine 
Arme, trieb sie vor. Sie lauschte hinter sich, es blieb still. Sie breitete 
die Arme, fühlte sich frei, der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der 



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feuchte, wohlige Wind den Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. 
Sie schritt, tanzend fast, vor an den Rand des sehr flachen Daches. 
Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? Die tiefe, samten streichelnde 
des Vaters und die knarrende, misslaunige und doch, oh! so 
tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht hinaus. Da 
stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier. 
Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, 
ein Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, 
mit gleitendem Schritt stieg sie ein. 

Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die 
Treppe heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, 
Gift und Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, 
sich in den Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der 
schwarze Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines 
Mensch! Er stand enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riss 
ihm den Rock zurück, die schweißklebenden Haare. Alter Esel, der 
er war! Hätte er doch unten den Judenbalg genommen, den 
zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen, nicht achtend das 
Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der Herr? Jetzt 
kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn sie ihn 
auslachten. Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. 
Der Fuß schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und 
umständlich durchs Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er 
flüsternd, furchtsam und erregt heiser die Stimme des 
Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!" Er dachte, sie habe sich 
dort versteckt, lachte: „der Racker!" hastete stolpernd durch das 
unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die Neuffer 
gewiesen. 

Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten 
heftig im Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag 
ganz reglos. Er rief sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß 
herausgekommen?" Da sie nicht antwortete, griff er sie sacht beim 
Arm, bog ihr den Kopf zurück, tastete hastig, erschreckt sie ab. 
Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht. Fetziges Gewölk jagte. 
Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der junge Mond. Der 
Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg aber 
kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den 
Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner 
Mensch in Wind und Nacht. Was eigentlich war geschehen? War sie 
ins Leere getreten? War es Absicht? Auf irgendeine Art war er mit 



274 



dieser Toten verknüpft, war er Ursach dieses Todes. Bah! Er hatte 
geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer so 
zimperlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders 
angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! 
Da brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam 
vor, daß Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser 
gingen, sich was antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die 
gehörten nicht ins Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne 
Schuld. 

Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht 
loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, 
und nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit 
aller Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß 
woher, und man war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr 
verwickelt. Da war sie vorhin noch im Licht gesessen und ihre 
Augen hatten gebrannt von Leben und jetzt lag sie da in der Nacht 
und kein warmer Wind half ihr vorm Erkalten. Der Wald lag 
schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen aus 
ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es. 
Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von 
einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im 
Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Anne streckten sich. 
Und plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften 
Tanz; der Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die 
linke. Tanzte da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit 
im Reigen? Und er hörte die knarrende, misslaunige Stimme des 
Magus. Er hörte deutlich jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; 
aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und alles war so trüb, 
nebelhaft, farblos. Mit einem knurrenden, bösen Laut riss er sich los 
aus der Gebundenheit. Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da 
lag eine Tote im Wind. Je nun, er hat schon viele Tote gesehen. 
Wenn er eine Attacke befahl und dann lagen die Toten herum, war 
schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn und überhirnisch, 
darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken an die tote 
Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die 
rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. 
Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder 
Tod einfiel. Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie 
so liegen lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen 
mehr. Wenn er jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die 



275 



Domestiken werden morgen das Mädchen finden, den Süß 
benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln, warum sie eigenthch und 
wieso tot ist. Aber vermutUch wird er weiter keinen Schnaufer tun. 
Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er sein Mädchen 
und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und die 
anderen. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben, und 
Schluss. Ex, ex, ex! Er wird also - Nein, er wird nicht. Soll er sich 
etwa davonmachen? Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er 
Angst vor dem Juden. Wecken wird er die Domestiken, einen 
Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten hier, ihm sagen: 
Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man dein Mädel, im 
Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du Heimlicher, du 
Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie wäre das 
arriviert. 

Ein großer Schlag und dickes Unwetter musste das ja sein für 
den Juden. Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang 
er einen in die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger 
Handel hinein. Und auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, 
und wie man es anfassen wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie 
aus und ex gewesen, auch wenn er jetzt einfach wegginge und nach 
Stuttgart zurückführe und niemals jemand ein Wort darüber spräche. 
Das Gesicht dieses Kindes war schwerer zu vergessen als tausend 
tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er rief sich das 
Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen, üppigen 
Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. Mattweiß war es wie das 
Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn 
herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem 
verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn 
man es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen 
gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar 
Batzen Vorschuss verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem 
nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich auch anders ging 
und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ, gut war 
ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm schon 
an dem Juden Jecheskel soviel lag, musste ihm wohl das Kind, das 
zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem 
Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot. Los 
sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes 
Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und alles 
was er sich aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen. 



276 



ungehindert. Er wird ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber 
fort soll er! Gehen soll er! Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, 
als hätt er ein übles, drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird 
ihm doch nicht aufsagen. Aber Schluss jetzt! Er wird sich das später 
überlegen. Jetzt wird er sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er 
ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies dem öffnenden, 
verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging ohne 
weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte 
Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten 
Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte 
für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem 
verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige 
Grimasse. Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomnane. Schlief 
röchelnd, schnarchend, totenhaft tief. Als er erwachte, strahlte klarer 
Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und schmutzig. In einer Ecke, 
eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander streckte sich. Ah, er 
wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach Hirsau 
zurückkehren in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut 
frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein 
paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese 
Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so 
angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer 
aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der sich 
zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster 
waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des 
Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens 
aber stand Rabbi Gabriel. Über der platten Nase die triibgrauen 
Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbj fragte 
nichts, forschte nichts. Mit seiner knarrenden misslaunigen 
Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr Herzog!" Und der Herzog, 
betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine große Dumpfheit und 
Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah nicht, wie 
festlich und heiter die Blumen in den hellen Tag standen, er sprach 
nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem 
Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, 
und bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er 
kein Wort. 

Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi 
Gabriel gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten 
Brauen zogen sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten 



277 



noch tiefer in die breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach 
er, der zu sprechen war beim Anbhck eines Toten: „Gerühmt seist 
du, Jahve, Gott, gerechter Richter." Er bettete das Mädchen, zur 
Brust faltete er ihr die starren Arme, richtete der Toten Zeige-, 
Mittel- und Goldfinger so, daß sie das Schin bildeten, den 
Anfangsbuchstaben des allerheilig sten Namens: Schaddai. Er 
verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des 
Himmlischen Menschen. Wasser goss er hinter sich, da er das 
Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des 
Mädchens. Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod 
anlockt. Nur Samael, der Linke, der Engel des Todes, lässt sich nicht 
vertreiben. So blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, 
dem Linken. Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde 
hinein sprach er die drei Hymnen, der großen Heiligung, der 
Entzückung in den dritten Himmel, der Heere der Toten. Da war die 
Seele des Mädchens da, und der Linke konnte sie nicht verbergen. 
Ach, Rabbi Gabriel hatte gewusst, sie war noch da, sie wird nicht auf 
geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch wartete ein Werk 
auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind gerufen. 
Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh daß 
er gekommen war. Ein kleines, verlorenes Bündel, hockte der 
dickliche Mann in dem Raum, der ganz erfüllt war von Samael, dem 
Linken, und der flatternden, verschüchterten Seele des Kindes. Und 
er sprach zu ihr mit seiner knarrenden, misstonigen Stimme; doch er 
konnte ihr nichts sagen, sie war ja schon über der Schwelle der 
dritten Welt, und sosehr sie es wollte, er konnte sie nicht halten. Und 
da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte, 
rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie 
liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe! 
Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!" Da spürte er ein letztes 
flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als er und trieb sie 
weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer und erdig 
gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller 
Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger 
gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war 
im Raum, und er blieb allein und hilflos in herz schnürender Not mit 
Samael, dem Linken. 

Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was 
geschehen war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl 
Alexander, während er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende 



278 



Heiterkeit, aß mächtig, trank, zotete, jagte. Weißensee hörte nur, daß 
das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht des Herzogs höflich 
und gefasst zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas. Der Jud war 
ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es war 
nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt, 
rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein 
komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war 
tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und 
verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen 
wollte, hat es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es 
keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus 
nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, 
ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und 
immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!" 
Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der 
Herzog sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug 
hinkommen, war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. 
Gewissheit war ihm, daß dem Kind etwas drohte, vielleicht schon 
geschehen war. Doch in Hirsau, im Hause des Weißensee, hieß es, 
der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im Wald, ob er den Herrn 
Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß wartete den 
zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte 
sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die 
hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. 
Kein Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne 
Überlegen, Verweilen, geradeswegs schritt er in das große 
Studierzimmer. Die verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die 
Tote, Arme zur Brust, Zeige-, Mittel-, Goldfinger im Zeichen des 
Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden ohne Besinnung. Der Rabbi 
stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen 
verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen 
Rücken krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und 
unsauber, farblos hässlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote 
balsamiert, jetzt ging er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goss 
dämonenscheuchendes Wasser. Nach einem langen, ewigen 
Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog gestorben?" „Sie ist 
um dich gestorben", sagte Rabbi Gabriel. „Wenn ich fortgegangen 
wäre mit ihr", fragte Süß, „längst, weit fort, in die Stille, wäre sie 
dann nicht gestorben?" „Sie ist um dich gestorben", sagte Rabbi 
Gabriel. „Kann man mit Toten reden?" fragte Süß. Rabbi Gabriel 



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zitterte. Dann sagte er: , Jis steht im Buch von den Heeren der Toten: 
Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. ihr könnt ihn 
innerhch beschwören, er muss kommen; ihn halten, er muss bleiben. 
Denkt seiner mit Liebe oder mit Hass, er spürt es. Mit stärkerer 
Liebe, stärkerem Hass, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr 
dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, 
schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt." „Kann ich mit 
ihr reden?" fragte Süß. Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte 
er: „Sei rein, und sie wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die 
dritte Welt, mit dir wird auch sie in das Meer der dritten Welt 
tauchen." 

Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag 
graute herauf, er rührte sich nicht. Der Rabbi sagte: ,JDer Herzog will 
dich sprechen." Süß antwortete nicht. Karl Alexander trat ein. Fuhr 
zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt. Dieser Mensch mit den 
schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund und die Wangen 
hinauf, mit dem hässlich farblosen Haar, den eingesunkenen, 
rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud und 
Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen? 
Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals 
ansetzend, sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er 
sich nicht in Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, 
wie sie war. Ich spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er 
hat noch sehr viel anderes im Leben. Er bat die Gunst, Er hat die 
Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein." Mit einer stillen, 
gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte der 
verwahrloste, hässliche Mann: , Ja, Herr Herzog." 

Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es 
wäre ihm lieber gewesen. Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, 
der Herzog, hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein 
können. Dieses mönchische Gehabe passte ihm gar nicht. Wie hatte 
Schütz gesagt: es roch nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages 
Erinnern weilte noch an die knarrende Stimme des Magus, an das, 
was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch haben, er wird jetzt 
einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer gewissen 
gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: ,Jis ist dumm, 
daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein 
Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ 
und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag 
sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei 



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schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg." Da Süß 
schwieg, fügte er hinzu: ,Jis ist mir in der Seele leid, Jud, wahr und 
wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der 
coüte que coüte seinen Willen haben muss. Natürlich hab ich ihr ein 
bissle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen 
können, ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuss hätte ich 
verlangt. Parole d honneur! Wer hätte auch denken können, daß das 
Mädel so wenig Spaß versteht." Mit der gleichen stillen, gefrorenen 
Demut sagte Süß: ,Ja, Durchlaucht, wer hätte das denken können." 
Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte 
er: „Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich 
Ihn um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was 
zwischen uns soll treten. Sei Er mir nicht nach trägerisch! Tu Er mir 
treue Dienste wie bisher! Geb Er mir die Hand!" Da legte Süß seine 
Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des Herzogs. Eine kurze 
Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne Druck 
ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum 
andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der 
Kerzen regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der 
Linke, war im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur 
jenes blassen Reigens, den sie im Traum und Nebel getanzt. 
Aus der Gebundenheit riss sich der Herzog. „Bien!" sagte er. 
„Bestatte Er jetzt Seine Tote! Fahr Er dann nach Ludwigsburg! Es 
gibt zu tun." Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, 
fröhlich den hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein 
Fürst von Herz und Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich 
eine der festlich heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das 
weiße Haus im Rücken, pfeifend durch den Wald, freute sich der 
Sonnenflecke fuhr in guter Laune zurück in seine Hauptstadt. 

Bei der Toten hockte Süß. Unter den hässlichen Stoppeln mit 
fahlen Lippen lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief 
er das Kind, und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er 
gewesen war, und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War 
er nicht ein Mann? Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt 
gewesen? Nicht nur nicht an die Gurgel gesprungen war er jenem, 
freundliche Worte hatte er ihm gesagt und die Zunge war ihm nicht 
lahm geworden. Die Hand hatte er ihm gereicht und hatte ihn nicht 
gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er geatmet und war nicht erstickt. 
Wie verwirrt er war, der andere. So gar nicht konnte er es kapieren, 
daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel davongegangen war, eh 



281 



daß er noch seine Lust hatte stillen können. Was hatte er zuletzt 
gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen wollte er ihm, 
durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod seines 
Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war ruhig 
geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war 
ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil 
losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein 
armes Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der 
andere, wenn er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel 
springt, dann ist er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr 
Herzog! Gefehlt, allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob 
ist der Süß nicht, er ist kein Landsknecht und Bauer und Toffel, daß 
ihm so plump einfältige Rache genügt. Er arrangiert seine Rache 
raffinierter. Er siedet sie und brät sie und kocht von allen Seiten sie 
gar. Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die 
Zähne, sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß. 
Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen um- 
ständlichen Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef", sagte er 
plötzlich mit seiner knarrenden, misstönigen Stimme. Süß sah auf, 
sah ihn feindselig an. Hoi, war der wieder da? Wollte er ihm wieder 
einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich 
dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen 
Abgrund und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, 
entzündeten Augen gehässig an. Aber er sagte nichts. Auch Rabbi 
Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre 
Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im 
Raum, und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder 
zurück zu Samael, dem Linken. 

Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die 
Nachricht: Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen 
Herrn beim Herzog von Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, 
grausiger Not ist gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein 
einziges Kind. Ist ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es 
begraben in Frankfurt. Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter 
Richter. Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost 
und West und Süd und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef 
Süß Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Es kamen die 
Rabbiner von Fürth und von Prag und von Worms, ja, es kam aus 
Hamburg unser Lehrer Rabbi Jonathan Eybeschütz, der 
Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und Nachfahr des 



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kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi. Nach Hirsau in das weiße 
Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner von Frankfurt 
und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er drückte dem 
Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich freuen 
müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht 
mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit 
seinem hässlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig 
hängenden Kleidern sah er sehr jüdisch aus und roch nach Getto. 
Aber Isaak Landauer, sosehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche 
Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem 
Kopf, strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und 
blieb stumm. Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr 
ein kleines, goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild 
Davids das Wort Schaddai. Er winkte dem Süß. 

Mit gelblicher, blutloser Hand hob der die herzoglichen Kassen. 
Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den 
Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er 
auf das ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche 
Art erpresste, leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders 
Tresors. Hatte er bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld 
herauszupressen, sachlich und zweckmäßig, so würgte und drückte 
er jetzt das Land aus raffinierter Freude an der Pressung. Er tat dies 
alles mit dreister Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl 
Alexander es merke, suchte auf jede Art durch seine 
Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg. Das 
Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war 
härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die 
Wangen, und das reiche, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es 
anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter 
strenger Perücke. Älter war, verhärteter, der ganze Mann. Die dunkle 
Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie 
nun, herrisch, widerwärtig mauschelnd, sagten die Feinde. Die 
Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll 
beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen 
ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein 
feindseliges, gelblich dunkles Feuer. Schwerer schritt unter ihrem 
Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trag sie den glänzenden, 
angehassten und doch bewunderten, adlig freien Herm; eine Last 
trag sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte, den 
Feind aller und von allen befeindet. Prunkende Feste gab er nach wie 



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vor. Doch diese Feste waren vergiftet und keine Freude für die 
Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlass dem oder jenem in größter 
Öffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie wohlzielende, 
herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder politische 
Elend eines Geladenen bloßzustellen, und er traf sehr gut die Stelle, 
wo es am wehesten tat. Zu den Frauen war er von einer höhnischen, 
wegwerfenden Galanterie. Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war 
ihre Haut, in ihren Augen träumten die Träume der Jahrtausende; 
sprachen sie, dann war die Stimme der Nachtigall Krächzen vor ihrer 
kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter 
ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten, plapperten, lachten 
und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel. Nun ja, so 
waren diese: aber die eine hatte gelebt. Weißensee war aus seiner 
tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht, schnupperte an Süß 
herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren, maßlosen 
Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine 
grandiose, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er, der war 
nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig 
schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den 
Schwefelgeruch des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, 
hielt den Ausgehöhlten aufrecht. Und des Süß herausfordernder 
Übermut wuchs. Er gab sich offen wie der Herr des Landes, scheute 
keine Grenze. 

In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael 
Koppenhöfer. Dieser Fall lag so: Nach zweijähriger Studienreise 
durch Flandern, Frankreich, England war der junge Mensch, Neffe 
des Professors Johann Daniel Harpprecht, verwandt auch mit Philipp 
Heinrich von Weißensee, in die schwäbische Heimat zurückgekehrt, 
um als Aktuarius in herzoglich Württemberg ischen Dienst zu treten. 
Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen unter 
dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder 
Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische 
Ideen mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher 
Verantwortung, einen wilden Hass gegen jede Despotie; alle die 
jungen, märzlich grünen, reinen Gedanken neuen, besseren 
Staatsgefüges, einer gerechteren, humaneren Ordnung drängten ihn 
mit Saft und Überschuss, sprengten dem jungen, glühenden 
Menschen fast die Brust. Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde 
Herr, dem die Frau nach einer Ehe von wenigen Monaten in sehr 
jungen Jahren gestorben war, hatte den Neffen großgezogen, er hatte 



284 



ihn die zwei Jahre im Ausland bitter vermisst, er warf jetzt alle seine 
wortarme Liebe auf den Jüngling. Michael Koppenhöfer war durch 
seine Reise doppelt stolz geworden auf die vor den anderen 
deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung seiner Heimat. 
Wohl hatte er immer gewusst um die militärische Autokratie des 
Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des 
Juden. Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu 
lesen, ein anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, 
die nackte, höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu 
greifen. Der junge Mensch sah den Stellen- und Ämterhandel, den 
Schacher mit der Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. 
Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, zu 
den Fahnen gepresste Tausende, in Lumpen und Hunger 
Zehntausende, zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In 
Völlerei und Unzucht sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten 
Uniformen frech sich spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei 
über die klare, edle Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die 
Verwaltung, zerhurt die Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene 
Freiheit ein Spott und Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und 
der Jud sich den Hintern wischen. Eine heilige, fressende Empörung 
füllte den Jüngling an, spannte männlicher sein kühnes, braunes 
Gesicht, entzündete dringlicher die starke Bläue seine Augen. Oh, 
seine schlanke, junge Beredsamkeit! Oh sein adliges Zürnen und 
Sich-bäumen! Der zehrend Gram über die Fäulnis der Heimat hatte 
den alten Johann Daniel Harpprecht doch arg geschüttelt und 
zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann seine ganz Hoffnung an 
den Jungen, und die trockenen Abend des Einsamen wurden grün 
und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart. Dem Süß war der 
Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der hohe Wuchs 
des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an der 
gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch 
die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Überzeugung hatte ihn 
verstimmt. Aber er hatte das junge Ungestüm des Aktuarius Michael 
Koppenhöfer so wenig fürchtend wie das routinierte Pathos des 
Publizisten Moser, vor dem Schlag in Hirsau, den wie jenen 
unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen 
Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden. Jetzt, 
nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten 
Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des 
Jünglings. Der dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch 



285 



bösartig zum Sprang. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen 
fand sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu 
verwarnen. 

Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst 
vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne 
Glühen Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, 
unklug zu sein, sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu 
machen, auch wenn der Arm daran erlahmen musste. Aber es 
schnürte ihm die Brast und stieg ihm bitter die Kehl herauf, wenn er 
dachte, daß er seine müden Abende wieder allein sein sollte, ohne 
den wärmenden Scheu des Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des 
Harpprecht, großes Ansehen werde den Süß hindem, stärker gegen 
den Michael vorzugehen. In dem Elend des Vaterlandes, in der 
wüsten Verlotterung ringsumher sah der Aktuarius Michael 
Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war die Demoiselle 
Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde, pastellfarbene 
Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht Entzündlichen tief 
ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl Alexanders 
sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als Symbol der 
menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins andere, 
und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle 
Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie. Jetzt 
glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu 
müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der 
Verwamung weiterhin die Ehrfurcht gegen cbn Herzog außer acht 
gelassen und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn 
geführt habe, seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und 
Gnaden wurde von einem Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. 
Doch hatte er binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen und 
wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen verwiesen. Dies war immer am 
Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch unerwartet 
und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem 
großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; 
und die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb 
des Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen 
Auswanderern, zu Hungemden und zu Zerlumpten, oder sie strecken 
hagere, gierige Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über 
einen her und nehmen einem die Luft weg. Und da wäre nun der 
Junge, trotzig und lebendig, und wenn er seine dicken, dunklen 
Brauen hochzieht, zergehen die Schatten, seine starkblauen Augen 



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jagen aus allen Winkeln die bedrohliche, erkältende Dämmerung. 
Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes verwiesen, der Jud 
lässt ihn nicht zu ihm. Der schwere Herr rang sich ab, entschloss 
sich, stand vor dem Herzog. Er hatte nie gebeten, er hatte immer nur 
guten Anspruch eingefordert, er war gewohnt, daß man zu ihm kam 
und bat. Es war dem aufrechten Mann arge Pein, als Supplikant 
dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und stockend. 
Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle der 
Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn 
der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht 
besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander 
hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, 
versprach unsicher, er werde es überdenken. Unwirsch forderte er 
Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war alles so, wie der 
Professor es dargestellt. Nur seien eben er. Süß, und der Professor 
verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignität not 
sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche 
Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren 
oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und 
einzige Bitte abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, 
daß es Seiner Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen 
Professor einen Wunsch zu refüsieren als dem jüdischen 
Finanzienrat. Er habe aber noch ändere, sehr gute Gründe gehabt, 
den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn nämlich, fügte er mit 
dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den Damen Götz nicht 
recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit die erste 
Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle 
Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg 
der Herzog. Allein, beschloss er, jetzt erst recht den Aktuarius im 
Land zu lassen. Der Jud ist so himrissig wie insolent. Ho! Soll etwa 
er, Karl Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und 
Rebellant komme bei der Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder 
vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der Herzog, Scheu vor 
jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine Männlichkeit? Eine 
grimmige Geilheit überkam ihn. Mille tonnerref. Er heißt Karl 
Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die 
Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre 
machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das 
Urteil annullieren. Aber wie er die Order diktieren wollte, nahm er 
sich vor, es doch noch einmal zu überdenken, und schob es auf 



287 



morgen. Anderntags ging er nach Ludwigsburg. Amüsements, 
Repräsentation, andere politische Geschäfte drängten vor. Der Tag 
kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine Gegenorder war 
erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer musste außer Landes 
gehen, und der Abend des Professors Johann Daniel Harpprecht 
wurde kahl und ohne Licht. Nun konnte Karl Alexander vorderhand 
nicht mehr gut etwas rückgängig machen. Dachte er an die Damen 
Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt darüber. Doch dies gestand 
er sich nicht ein. Es fasste ihn vielmehr eine dumpfe Wut gegen den 
Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor die Wahl gestellt: 
Harpprecht oder ihn, den Juden. Süß wusste, Karl Alexander hatte 
eigentlich nie eine bewusste Schurkerei begangen; sicherlich auch 
wird er sich die wahren Motive dieser Ausweisung nicht 
eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf zu stoßen, 
daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich 
hin: , Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, 
nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Lichte 
geschafft." Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu 
einem Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?" 
Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und schwieg. Seinen Feinden 
kam zu Ohren, daß cbm Herzog das Vorgehen des Juden gegen den 
jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie 
begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlass, gegen 
solche unfassliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin 
und belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und 
sauge, nur für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei 
herausspringe, wie er in jedem Geschäft den Herzog begarniere und 
bewuchere. Sie sprachen fast zwei Stunden, und Karl Alexander 
wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende, ja, er ließ sich Details, 
die er nicht recht verstand, genauer erklären; vor allem ließ er sich 
von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie schamlos Süß 
ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die Herren 
fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Äußerung. Anderntags, 
unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre, sagte er, man 
intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die Beschämung 
ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere durchschnüffle. Er 
bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um seine 
Entlassung. „Hör, Jud!" sagte Karl Alexander, du hast mir im 
Oktober einen Stein verkauft um was mehr als fünf, tausend 
Dukaten. „Was ist der Stein wert?" „Heut keine fünfhundert", sagte 



288 



der Jude. Und das Aug in dem des Herzogs, mit einem frechen, 
fatalen Lächeln fügte er hinzu: ,Ja, solche Steine haben 
Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt." ,Jis ist gut", sagte Karl 
Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog läutete und befahl 
sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es vergingen aber 
zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser zwanzig 
Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch 
nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes 
Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und 
Träume kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem 
Herzog. Die knarrende Stimme des Magus war in diesen Träumen, 
und das tote Kind war darin, die Finger gestreckt im Zeichen des 
Schin. 

Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden 
des Süß, er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog 
wolle ihn dem Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den 
teufelsgewandten Mann einen schweren Stand haben. Allein es ging 
anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war, nahm 
Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu 
dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor 
klagt über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert 
seine Entlassung. In Ansehung seiner zu unserm völligen, gnädigen 
Vergnügen geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, 
ihn zu halten. Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde 
aufsetzen, eine Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie 
Sie es benennen wollen, eine herzogliche Gesetzesorder, die den 
Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen, die vergangenen 
wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von niemand, 
mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur 
Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück 
sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, 
daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir 
warten." 

Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so 
eisig gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. 
Nicht der Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während 
Scheffer die Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl 
Alexander. Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler 
an: „In das Amtsblatt den Wisch!" Zitternd retirierte der Minister. 
Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die 



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enorme, unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch 
seine Augen waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und 
höhnisch. Stumm und feindselig maßen sich die beiden Männer, und 
Karl Alexander erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte. „Geh, 
Jud!" schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der 
Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem 
tiefen, machtbewussten, bösen Lächeln. Der Herzog aber, allein, 
schäumte, raste. Riss, zerrte, scheuerte sich wund an der 
unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu 
jenem. 

Der semmelblonde Expeditionsraf Götz, der jetzt, auffällig jung, 
als Kammerprokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit 
Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, 
die Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die 
Demoiselle Elisabeth Salomea. Er wusste nicht recht, wie er sich 
verhalten solle. Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverän einer 
Dame seinen Hof machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem 
gottgewollten Herrn mit Leib und Seele zu gehören; auch für seine 
Karriere konnte solche Neigung des Souveräns nur gewinnbringend 
sein. Andemteils führte der Weg vom Herzog und zum Herzog 
immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte den Eindruck, 
Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog. Und 
wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank 
des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine 
peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer 
Relation zu besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte 
auch vielleicht seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, 
den Abschied genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein 
Landgut bei Heilbronn zurückgezogen. Doch die Affäre mit der 
Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders hatte ihn tief 
verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld verstrickt, 
und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm und in 
unklarer Not ließ er die Dinge laufen. Sie gingen aber zunächst 
stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder die Bremse an 
und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl 
manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit 
Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß 
er mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in 
den versperrten Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das 
lange Warten seine Brunst immer höher. Er schickte den Damen, 



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abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne Geschenke. Der 
Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer schwieg, so 
daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige, 
dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fem und 
melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloss 
und auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten 
Damen Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke 
überbrachte, fraß er an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen 
tiefen, wüstentraurigen Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth 
Salomea, wie sie seine dringlichen und ungebührlichen Blicke 
gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft empfindungslos ins 
Gesicht. 

Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide 
töricht und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander 
eifersüchtig gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig 
in der Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die 
Mutter sein Genie pries, sie hatte längst erkannt, daß er im 
Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und während sie ihn 
rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und doch 
liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und 
gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der 
ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die 
lauten, brutalen Offiziere. Und aneinanderlehnend, gleich 
Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die 
beiden ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie 
hofierten, während der Expeditionsrat unbehaglich schwieg. Süß 
hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch 
er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für 
seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte 
sich, sie so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen. Es 
begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler 
einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses 
genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn 
von dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier 
erworben. Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste 
und reinste Stein seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen 
ungeheuren Preis dafür zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins 
Morgenland entschwand, fragte der Amsterdamer Händler bei den 
großen Herren der Christenheit an, ob keiner den Preis des Heiden 
überbiete. Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl 



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Alexanders rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß 
der Stein jetzt feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk 
präsentiere, der erweise, daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen 
Preis biete, an den sei keiner Dame Gunst verschleudert. Es geschah, 
wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die Demoiselle 
Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl 
Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, 
und was er kosten könne. Ei, das sei wohl an Demant und große 
Köstlichkeit, sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und 
streckte begehrlich den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch 
was er koste! Und er nannte den Preis, den der Großwesir geboten. 
Fünf Herrschaften hätte man und die zugehörigen Dörfer dafür 
kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die ungeheure Summe 
hörte, und gab den Auftrag nicht. Er ahnte, er wusste sehr wohl, wer 
in dem zarten, blonden Kopf die begehrliche Laune angezündet 
hatte. Aber er war kein Narr, daß er das gewaltige Geld - was konnte 
man Land und Soldaten darum kaufen! - hinwarf für ein Weib, das 
er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett schmeißen können; und 
durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er Zeit, Galanterie 
und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird der Jud 
ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine 
undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche 
Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und 
Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! 
Kann eine Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als 
dreckiger Knauser vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab 
dem Aufblühenden Order, den Stein zu erwerben. Allein das Aug 
des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu dem 
Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wusste es nicht. Ein 
Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs 
unwahrscheinlich hoch überboten. „Um so besser!" schmunzelte der 
Herzog, erzählte den Damen Götz die Sache, bedauerte, daß er ihnen 
die Freude nicht habe machen können. Zwei Tage darauf schenkte 
Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge des Paradieses. Es 
war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen westlichen 
Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz 
wusste durchaus nicht, was er anfangen solle. Ungerufen erschien 
Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl Alexander zu 
tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und sehr ins 
Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle. Die Faust 



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erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und bedrohlich 
auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute ihn an. 
Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, 
Jud!" sagte er endlich heiser. Aber der Jude schwieg. Und der 
Herzog wusste, daß er nicht erlöst war. 

Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von 
Würzburg einen besonders feinen, kniffligen Plan ausgetüftelt. Nach 
dem Muster der Regierung der österreichischen Niederlande sollte 
Württemberg eingeteilt werden in zwölf militärische Obervogteien. 
Jedem Obervogt sollte ein Regiment Soldaten zugeordnet, die 
Beamten ihm unmittelbar unterstellt sein. Das bedeutete die rein 
militärische Verwaltung des Landes, die Legalisierung der 
Militärautokratie. Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt 
Konferenzen, schrieb selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. 
Er stürzte sich in das katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. 
Kein Aderlass hatte ihm, keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und 
Seeger ihm geholfen, wenn der dumpfe Zorn über den Juden ihm das 
Blut dick und schwer zu Kopfe steigen machte. Jetzt hatte er ein 
vages Gefühl, es könne ihn das katholische Projekt frei und los 
machen. 

Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die 
himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen 
Kirche bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis 
und ein Sack voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher 
freigeistiger Scherze nicht geneigt zu einem prinzipiellen und 
bedingungslosen a la mode- Atheismus. Jetzt wurde sein lässiger 
Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein Religionsbekenntnis 
nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische Vorbedingung 
einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen 
Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm 
der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. 
Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die Macht, um 
die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er 
wurde zur Freude seines Beichtigers, des Vaters Kaspar, und der 
befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in 
der Befolgung der Bräuche. Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu 
gestehen, in solchem Gottesdienst eine Sühnung sah für seine 
seltsame, hassvolle, unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit 
verschmitzter, von den Jesuiten erlernter Rabulistik machte er sich 
vor, er habe den Juden aus politischen Gründen nötig, nur darum 



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toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, 
werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung setzen. 
Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche 
in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen 
aus der peinvollen Bindung mit dem Juden. Karl Alexander hatte, 
trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht widerstehen 
können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren, die der 
Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch in 
Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuss. Immer wütiger sich 
in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald 
ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten 
auf ihren zarten Pastellgesichtem den Kummer nicht verstecken, 
insonderheit die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat 
knirschte vor sich hin und wusste nicht, wie er sich verhalten solle. 
Er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein Gut bei Heilbronn 
zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein Zorn noch 
leise nach. Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen 
Damen den Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie 
immer vor der Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, 
und in jener schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog 
gekommen war. Er hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er 
hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut 
gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloss verließ, 
verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden Herzogs 
plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl Alexander 
mit so wildem, tierhaftem Hass nach, daß der in unwillkürlicher 
Abwehr den Rücken rundete. Der Schwarzbraune wusste sehr gut 
alle Zusammenhänge. Er wusste, von wem Elisabeth Salomea das 
Aug des Paradieses hatte, und er wusste, was dieser Besitz bedeutete. 
Wunderlicherweise hasste er nicht den Süß darum; ja, er spürte eine 
sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie zuerst 
gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Hass gegen Karl 
Alexander. 

Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er 
glaubte wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären 
nicht mehr als ein Tier, und harte nichts Heimliches vor ihm. Wo 
Karl Alexander war, immer stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in 
einer Ecke Otman; des Nachts sogar lag er in einem Winkel des 
Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber ein viel besserer 
Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und Ohr gut auf und 



294 



konnte sich auch Abhegendes sehr wohl zusammenreimen. Auf 
seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei 
Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm 
diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht 
wissen konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich 
an, die fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in 
die stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das 
gleiche, wilde, zähe Wissen. Einige stillere Tage nutzte Süß, nach 
Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi 
Gabriel sprach kein Wort; die Männer begrüßten sich, sonst sahen 
sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es dem Rabbi den Mund 
auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein Gesicht, Josef." "Bin 
ich anders geworden?" fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu: 
, Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich 
noch immer meines Vaters Sohn?" ,J.eid kratzt die Tünche vom 
Gesicht", sagte Rabbi Gabriel. ,JI)u hast ein zerlittenes Gesicht, du 
hast ein jüdisches Gesicht." ,JDein Weg ist falsch, Josef, sagte er 
nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen zurückgehen." Aber 
Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte nicht 
erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht. 
Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das 
Kind geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen 
Baums und des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen 
erfüllt hatte, er starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen 
Buchstaben des Hohenlieds, das sie vor den anderen Büchern der 
Bibel geliebt hatte. 

Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. 
Weißensee hatte sieh wieder zu seinem Bibelkommentar 
zurückgezogen, schlurfte herum in seinen geräumigen Stuben mit 
den weißen Vorhängen, führte nachdenklich Konversation mit dem 
Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine Begleitung zu erlauben. 
Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für Zustimmung, schloss 
sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit ihm durch 
den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte, durch 
die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in sonderbarer 
Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach 
einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei 
Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt 
waren, sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die 
Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es 



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deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor 
Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, 
und sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit. 
Anderntags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war 
gewillt, nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, 
gelöster als sonst. Sosehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so 
höhnisch er jene Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als 
weichmütiges Gefasel abtat, er hätte ihn doch gern in seiner Nähe 
gewusst. Es war auf dem Antlitz des dicken, häßlichen Mannes ein 
Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren hinter seiner breiten, 
nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den eingezackten Furchen des 
Schin. 

Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein 
milderes Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war 
mürrisch und misslaunig wie sonst. Seine Bücher und das 
kabbalistische Gerät war fast alles schon weggebracht. Mit seiner 
knarrenden Stimme gab er dem alten Diener noch die und jene kurze 
Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, sprach er das 
Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei Wendungen 
das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete 
nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und 
misstönig den letzten Gruß: , J'riede mit dir." Dann ging er, gefolgt 
von Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat 
bringen wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden 
Rücken in der altfränkischenl Tracht zwischen den Blumenterrassen, 
dann im Wald verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der 
Rabbi möchte sich noch einmal wenden. Doch mit seinem so 
schwerfälligen wie steten und unbeirrbaren Schritt stapfte er 
geradeaus und fort. 

Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das 
weiße Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in 
besonnter Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die 
weißen Fensterläden waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, 
die festlich heiteren Blumen verdarben und niemand erneute sie. 
Geraun erhob sich um das verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; 
kindisch blutrünstige Phantastereien wurden darum gewoben, 
drangen bis in die Hauptstadt. Im Wirtshaus zum Blauen Bock 
flüsterte der Konditor Benz, die Schweinsäuglein weit und 
bedeutsam aufgerissen, den angenehm erschauernden Gästen das 
neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz 



296 



eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen 
Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie 
sich unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen 
Teufelssud, sich die Sympathie des Herzogs immer neu zu 
gewinnen. 

Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, 
altes, unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden 
mögen, und Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. 
Nachdenkend, bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf 
den Magister Jaakob Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es 
anging, an Naemis Weg gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte 
zu ihr gesprochen, hatte auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie 
zu seinem sauberen, tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem 
hatte er sie durch inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten 
versucht. Als sie aber solche Bemühungen brennend und empört 
zurückwies, hatte er abgelassen und sich begnügt, sein Herz in 
Züchten an ihrem englischen Anblick zu erfreuen. Wie sie dann so 
plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige Mann tagelang in 
tiefster, schmerzhaftester Benommenheit herum, fahl, die 
Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß 
er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluss ihres 
Lebens in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am 
Weg gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen 
wurde, mit einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele 
betrübt, als die vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die 
ausschauten wie dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige 
Gabe nicht nahmen. Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und 
Papier zur Hand und schrieb eine gereimte Totenklage, auch Nänie 
genannt, für die abgelebte Demoiselle Naemi Süßin, , Jüdin, doch 
ehrbar", ein Poem, welches anhub mit den Versen: 

Itzt hat der harte Tod, so vielen Übels Quelle, / 
Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle. 

Dieses Poem rezitierte er dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie 
ihr dicke, bittere Tränen kamen. Dem gutmütigen, redlichen 
Menschen also anvertraute die Zofe ihre schwarzgraue Katze, und er 
empfing sie gern und mit freundlichen Vorsätzen. Bei diesem Anlass 
sah Süß den Magister. 



297 



Der Jude ging jetzt, wenige Tage, bevor das Haus mit den 
Blumenterrassen verlassen wurde, um für immer in weiße Stille und 
Vergessenheit zu versinken, in großer Unrast und Getriebenheit 
herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, in die der 
Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. Wie 
er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige rauhe 
und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder 
Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und 
finstem Wesen des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er 
seine angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel 
zurückschickte. Der pausbäckige Mann richtete sich also 
herzklopfend, schnaufend und streitbar hoch und rüstete sich, die 
Katze im Arm, den Satanas Finanzdirektor mit der schaffen, guten 
Waffe seiner Gläubigkeit zu bestehen und ihn auf den rechten Weg 
zu zwingen. Süß, der durch Magdalen Sibylle von dem Magister 
wusste, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi unterrichtet 
war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht ironisch wie 
sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon zu hoffen 
begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der 
heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne 
seine eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu 
werden suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluss 
gekommen, er winkte unversehens, doch milde, dem Magister ab, 
sprach von anderem. Ohne Mühe machte er den jungen Menschen 
zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er bald etliches von den 
privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu hören, auch 
von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle. Er zeigte 
sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige 
Holofemes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ 
er den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für 
seine Verse, sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata 
ausgesprochen habe, dem Beglückten die Drucklegung mit aller 
Bestimmtheit zu. Die Bibliothekarstelle, schloss er, sei zwar definitiv 
vergeben, aber vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon 
ander Tages ließ er Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als 
Sekretär in seine Dienste zu treten; Not sei dabei Redlichkeit und 
Rhetorik, was beides ja der Magister in illustrem Grade besitze. 
Jaakob Polykarp Schober sah sich so auf eine herrliche, gottgefügte 
Art die Hauptstadt und den Dunstkreis der Schwester Magdalen 
Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter Brüdergemeinde, bei der 



298 



heiligen Beata Stunnin, dem guten, freundhaften Immanuel Rieger. 
Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden, ja vielleicht 
dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Enge im Himmel 
singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er gestern 
in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam das 
schwarzgraue unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause. 

In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war 
nichts von der erhofften Seligkeit, sondem seine Tätigkeit bei Süß 
brachte ihm ungeahnte Qual und Wirrung. Denn Süß diktierte ihm 
Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene, daß sie 
auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb 
evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mussten. 
Akten, von denen jede Zeil den Herzog und den Finanzdirektor 
schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die 
heimlichsten wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischer 
Projekts in die Hand gaben. Taumelig drehte und wirbelte es dem 
unseligen Jaakob Polykarp Schober das ganze Innere. Süß diktierte 
seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten mit glatter unbewegter 
Stirn und Stimme; er musste unbegrenztes Vertrauen in seinen 
Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er 
nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das 
Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war freud nur ein Jud: 
aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den 
Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? 
Wenn er aber wiederum schweigend zusah, wie der Glaube und die 
Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt 
und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und 
letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr 
ein Schelm und Verdammter? Gezwickt und zerfetzt von allen 
Hunden des Zweifels war der Magister. Wie erwählt war er sich in 
Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung hatte, von Gott an 
den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu werden. Und 
nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so grausame, 
zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der 
schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen 
Seele retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein 
geschorener Hund. Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des 
Tags, wechselnd mit kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn 
schlaflos hoch, daß er aufstand, über die alte, hässliche Katze 
stolpernd, stöhnend auf und ab lief. 



299 



36. 



Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend, entließ Karl 
Alexander die Herren, denen er die Leitung des katholischen 
Projektes anvertraut hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden 
hielt er mit ungeduldigem Wink zurück. ,Jir hat gar nichts gesagt, 
Jud!" herrschte er den höflich Abwartenden an. ,Jis war nicht wert, 
daß man antwortete", erwiderte Süß und wischte mit einer leichten 
Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war. Karl 
Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die 
Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der 
Jud recht hatte. Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem 
Hirn, formulierte sie. ,JI)ie Herren tifteln herum", sagte er mit seiner 
geschmeidigen, höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den 
Spinnwebfaden, haben keinen Blick fürs Ganze. Was wissen denn 
die!" Und sein Ton verwies sie in die unterste Region der Dummheit 
und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme, mit fadenscheinigen 
Advokatenkniffen der Verfassung da ein Komma \\egzupraktizieren 
und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige Krämer- 
methoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander, 
Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns 
Gott gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch 
abgezwackt hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit 
der Herr des Landes. Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die 
Herren feig und lahmarschig zurück. Das verstehen sie nicht, da 
schütteln sie die Köpfe und haben Bedenken und Zungenschnalz und 
Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist ihnen zu einfach, zu groß, zu 
fürstlich, zu königlich." Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, 
den er gegen den Juden nährte, spürte wieder, daß nur der ihn 
verstand, daß nur der wusste, worauf es ankam. Mit einer 
widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich, daß er nur 
durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen 
können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände 
nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem 



300 



fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte 
Mühe lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe 
Erfolge zettelten. Was überhaupt wussten denn die anderen? Für sie 
war das katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine 
lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit 
viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben 
und Sinn selber war, das wussten doch, spürten doch nur er und der 
Jude. Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so 
hatte es unter dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm 
ins Blut gebrannt. Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, 
Dekoration, nichts weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte 
Lösung aus einer Bindung, Religion. Jetzt hatte es sieh verwandelt in 
sein Leben und Blut selber. Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone 
des Planes, das Land selber werden. Nicht ein Diener oder Fürst des 
Landes, nicht ein Gesetzgeber oder Feldherr, dies alles ist armseliges 
Gestümper und Unsinn. Er wird das Land ganz in sich 
hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er das 
Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten, 
wenn er schreitet, wenn er stillesteht, steht es still. Leibhaft 
geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein 
Herz, der Neckar seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist 
seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, 
leibhaft, Württemberg nichts als er. So Großes, süß und bluthaft 
schwellend Lebendiges konnte nicht mit kleinen, kniffligen 
Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht? Hatte der 
Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: „Geniehaft und in 
Einem muss es gepackt sein. Auf solche Art muss es geschehen, daß 
das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog steckt, 
in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut und 
Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und 
albernes, leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, 
naturhaft muss es geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie 
soweit ist." Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und 
unvorstellbar, daß man darum soll streiten und disputieren. Denn 
dann wäre er ein Hanswurst und alberner Fant und sein Leben 
Gestümper und ein ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, 
die Remchingen und Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, 
gute Offiziers und gewitzte Diplomaten: doch das Genie, 
das Lebendige, um so etwas Wundervolles in seiner ganzen heiligen 
Selbstverständlichkeit zu fassen, das hatten sie nicht. Das hatte - es 



301 



war verteufelt, es machte einem das Hirn sieden, aber es war nun 
einmal so - das hatte nur der Jude. Es wurde nichts Wort von 
alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es wellte von einem 
zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es immer 
gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der 
Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, 
Heischen Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die 
jener einzog; sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft. 
Immer wilder hatte der Jude den Herzog hineingehetzt in seine 
Gottähnlichkeit, in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein 
ganzes schwelendes, fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der 
vergiftete Fürst suchte gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in 
dem heimlich einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal 
freilich, auf Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte 
dann, wohinaus diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. 
Es war unausdenkbar grauenhaft, auf Lebenszeit solchen 
unheimlichen Mitwisser seines Blutes und seiner vergrabensten 
Heimlichkeit zu haben. Man wusste selber kaum, was alles Trübes, 
Giftiges man zuunterst im Herzen trug, man stieß es hinunter, wenn 
es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein anderer gar, in 
den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, es war 
nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. Jetzt 
braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn; nur 
die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst gewirkt, 
dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den 
tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde, 
Verderbliche, Urböse des eigenen Herzens nicht ans Licht lässt. Er 
sah hinüber zu dem Juden, misstrauisch, hasserfüllt. Wusste der nicht 
schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript 
auf, wie Er es für gut hält!" herrschte er ihn an. Süß neigte sich 
höflich, beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen 
Augen wölkte dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere 
Erwartung. 

Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher 
Spannung und Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen 
mit ihren Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster 
Zeit schon losschlagen würden. Überall häufte sich Bedrohliches, 
das keine bloßen Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem 
Sorglosen Gewissheit aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde 
allerorts fremdes Militär zusammengezogen, bayrisches. 



302 



würzburgisches. Der Elferausschuss hatte sichere Nachricht, daß 
dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker allein von 
Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in 
Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf 
Befehl zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, 
die fremde Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie 
marschierten des Nachts in kleinen Trupps. Die herzoglichen 
Schlösser und Forts barsten von Truppen. Alle Festungen, Asperg, 
Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke Schloss Tübingen waren mit 
den Künsten modernster Strategie instand gesetzt worden; der 
schlechte Weg auf den Asperg musste in Tag- und Nachtschichten in 
der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend organisierter 
Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, besorgte 
die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die 
Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des 
Hans Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut 
herzustellen. In endlosen Transporten wurden Kanonen und 
Munition herbeigeschafft; das Volk, wenn es die geheimnisvollen 
Wagen sah, behauptete, sie enthielten lauter Rosenkränze für die 
vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere Kugeln. Die 
augenscheinliche Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten 
aus ihrem Frieden. Überall bildeten sich Konventikel und 
Geheimbünde zur Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer 
versahen sich insgeheim mit Waffen, die beherzte Zunft der 
Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt entlehnten sich von den 
Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und Standbüchsen; aus 
dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals Waffen in 
größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten Kleinbürger 
aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz ihren 
Freunden versteckte Gewehre. Der Herzog seinerseits erzwang bei 
der berittenen Stuttgarter Bürgergarde die Einstellung der 
Waffenübungen. Kommandant dieser stärksten Milizgruppe des 
Herzogtums war der Major von Röder, jener Offizier aus dem 
intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war guter Protestant 
und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der militärischen 
Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge Mann 
fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand 
nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen 
Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben 
wollte, warum denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war 



303 



da. Verfassung? Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, 
aufmuckende Pöbelfaulheit, die mehr fressen und weniger arbeiten 
wollte. Was schrien denn die Burschen? Er war doch, Kreuztürken! 
ein guter Protestant, und hatte ihn doch noch nie jemand im 
geringsten gehindert. Konnte jedermann in die Kirche gehen, wann 
und wie es ihm beliebte, und die Herren Überschläge - so nannte er 
die Prälaten und Prediger - nahmen, weiß Gott, das Maul voll genug, 
ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und 
schikanierten. Die Welt war so einfach. Man musste nur ein bisschen 
guten Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem 
gottgewollten Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von 
Röder trotz solcher Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit 
dem Herzog, der führenden Stellung im katholischen Projekt beim 
Volk zunehmend beliebt war. Seine plumpen, banalen Scherze 
wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen und beifällig 
belacht, die von einer gewissen grobianischen Leutseligkeit zeugten. 
Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk ohne 
ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, 
dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, 
der brutal rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er 
war fraglos der populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war 
es zu danken, daß die Einstellung der Waffenübungen des 
Stadtreiterkorps nicht zu Tumulten führte. Unterdes lag jeder Winkel 
der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste Kirchenbehörde ordnete 
eine allgemeine Büß- und Betwoche an. Viele machten ihr 
Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum 
Genuss des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein 
erleuchtet bleiben mussten. In ihrer Not und Bedrängnis beschloss 
die Bürgerschaft, nochmals eine Deputation zum Herzog zu 
schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm Vorstellungen zu 
machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man keine 
Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn 
rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von 
Ansehen und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog 
seine Rüstungen betrieb. Bevor sie ins Schloss aufbrachen, nahmen 
sie Imbiss und ein Glas Wein im Gasthof. Der eine sagte: ,J)as ist 
eine kleine Stärkung vor einem so schweren Gang." „Wenn des 
Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der Tag", sagte der zweite, 
„dann scheint uns keine Sonne." „Sei alles Gott befohlen!" sagte der 
dritte. 



304 



Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, 
hockte Otman, der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die 
wutschnaubende, heisere Stimme des Fürsten: „Ketzer, Mörder, 
Hochverräter!" Fussgestampf dann, nach und nach endigend. Nach 
wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren, zweie erst, 
sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie verschreckt und 
verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen, bräunlichen 
Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen die Männer 
die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen sich 
nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen 
schweigsam während der Fahrt, nur der älteste, einmal, betete laut 
und aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien 
wir zu dir, lass uns Hilfe kommen aus deinen Bergen." In Stuttgart 
warteten viele auf die Rückkehr der Deputierten. Als sie die 
Gesichter sahen, zerstreuten sie sich kopfhängend und mit gepresster 
Brust. 

Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien 
Städte gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen 
wurde Karl Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und 
verhöhnt. Hier war eine größere Kolonie von Emigranten aus dem 
Herzoglichen, von Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, 
Vertriebenen. Johannes Kraus hatte sich hergefluchtet, der junge 
Michael Koppenhöfer saß hier, der uralte Christoph Adam Schertlin, 
den nur mehr der Hass aufrecht hielt. Der fressende, Eingeweide 
aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen, glühenden, 
schwelenden Reden. Ängstlich in ihre Häuser verschlossen sich die 
paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der Durchreise 
wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher Kammer- 
fiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des 
Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger 
Bürgersöhne, nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik 
gebracht hatten, lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den 
aus dem Bett Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller 
Hast brachte sie den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis 
der Stadt. Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam 
es am Sonntag der Büß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, 
von der sich blind stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge 
Burschen zwei Strohpuppen, als der Herzog und sein Jud 
gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden, diffamierende, 
unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag 



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beschaute sich lachend, grölend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit 
schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die 
ganze Stadt das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein 
Scheiterhaufen errichtet, die Puppen feierlich darauf gefesselt, ein 
paar jener Bilder, auf denen der Herzog mit seinen siebenhundert 
Axtmännem Belgrad stürmt, mit Kot beschmiert, um die Puppen 
gereiht, das Ganze schließlich mit parodistischem Zeremoniell 
angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend kreischte das 
entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in jaulendem, 
japsendem Vergnügen. In der Menge stand der junge Michael 
Koppenhöfer, die starkblauen Augen in dem bräunlichen Gesicht 
brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh, daß alle Tyrannen so 
endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam Schertlin, 
dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock stieß 
gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes, 
zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Hass. In der Menge 
stand, schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die 
Französin, die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war 
nun ganz verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den 
Kopf mit dem kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den 
länglichen Augen warf sie hochmütige Blicke auf das geile, 
kreischende Volk, das die Puppen verbrannte und den Rücken 
krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin richtete das Wort an 
sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr hinunter, sagte nichts, 
verließ langsam den Platz, mit gefeilten, kostbaren, hoffärtigen 
Schritten. 

In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beate Stunnin saßen 
um die blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der 
Prediger, sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister 
Schober. Magdalen Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar 
von Stoff und sehr schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war 
behäbiger geworden, die starkblauen Augen stumpfer, die 
bräunlichen Wangen schlaffer, alle Glieder träger. Leicht fett und 
zufrieden fast saß sie, eine Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem 
Stiftsdekan zu, der von seiner gestrigen Predigt erzählte, von ihrer 
starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien daraus wiederholte, 
hallend und geübt. Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp 
Schober. Der arme, gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen 
Stellung bei Süß, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor der Unrast 
der eigenen Brust. Er schaute aus seiner Ecke auf den Prediger, der 



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auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, er schaute von ihm auf 
die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos hockte und hörte, er 
schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, der ehrfurchtsvoll 
an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders hing. Er sah 
aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug des 
hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts 
unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu 
Magdalen Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die 
behäbig, fast matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch 
kindlichen Hände lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, 
hechtsilbernen Kleides. Er sah diesen demütig begehrenden Blick, er 
deutete diesen Blick, und langsam sah er einen Weg, seine 
Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige Tat ein weniges 
sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare und submisse 
Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre ein 
sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so 
schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er 
wird resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den 
Weg ganz und gar frei lassen. Unterdes hatte der Stiftsdekan seine 
Predigt und Erzählung geendet, und nun ereignete sich etwas 
Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und dies mit großer 
Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie habe, 
angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp 
Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den 
Brüdern und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie 
dann las, waren unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal 
moralisierende Reimereien. Die Hörer aber merkten nichts von der 
Öde dieser Poemata, sie ließen sich schlicht und ehrlich packen, und 
dem Expeditionsrat Immanuel Rieger liefen vor Weichmut und 
Verehrung die Tränen über den Schnurrbart. Als sie dann gingen, 
schloss sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der schwärmte in 
seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da raffte sich 
Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem andern 
Entschluss und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats 
feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten 
Stimme fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine 
Möglichkeit sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese 
große, erhabene, illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter 
Missbilligung von soviel Vermessenheit abwenden? Aber Schober 
glaubte ihn trösten zu dürfen, und er war beglückt. Magdalen Sibylle 



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hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht misswollend an. 
Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in Versen zu 
antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und 
Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, 
das fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war 
das Wort; das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort 
tragen zu lassen, auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses 
Geträume, in Gott zu tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne 
Maß und Fug, war wild dummsinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und 
Fug und Reinheit, hier glitt man sänftlich weg über alles 
Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche Tiefe, plätschernd, 
leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das Blut vergiftete, 
verdampfte, harmlos-lau und behaglich in dem glatten, schaukelnden 
Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt ebneten sich, 
verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinnen. So saß sie auch 
heute, dem Emanuel Riegeer antwortend. Ihre Gedanken und 
lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich 
schließlich in in einen vielwortigen umständlichen, schlechten, 
ernsthaften Poem zu einem erst zögernden, dann immer festeren ja. 
Die Reime häuften lang und ausführlich alle Argumente für und 
wieder, erging sich über Freiheit und Verantwortung, priesen Gesetz, 
Ordnung, Stille, gefestigte Begrenzung. Es kam freilich, während sie 
diese klugen, gelassen biederen Betrachtungen niederschrieb, ein 
Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim und Rhythmus aussetzten. In 
einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten sich ihr die Glieder, sie 
sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte sich von einer 
dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt wie 
von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für 
ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch 
schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich 
finstemder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur 
Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende. Solche Mariage der 
Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre Verbürgerlichung 
aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog ärgerte sich, daß 
nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für alle Zeit 
offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie 
gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft 
Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar 
Süß schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden 
Gebrodel. So war die Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich 



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erwies sich im Kern alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und 
süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch diese von Karl 
Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh 
da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende wirklich 
noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien, wenn 
er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten 
Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken 
Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich 
und in großem Glanz ritt er nach dem Schlösschen Magdalen 
Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann, der 
bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor 
der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst 
nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs. 
Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht kitschig kamen 
die Worte aus dem kleinen, roten, guten Mund: „Sie scheinen nicht 
zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?" Und 
ihm plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das 
unter dem strahlend schwarzen Haar alten, edlen Marmors matt 
leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsem 
Hofjuden heiraten?" ,Ja Durchlaucht", sagte Weißensee. Und es 
klang aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und 
grimmig und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein 
wenig betreten aufsah und nach einem kleinen Schweigen von 
anderem sprach. In der Antichambre schloss der Kammerdiener 
Neuffer die Tür hinter dem ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. 
Sogleich dann im Rücken des Finanzdirektors, erschreckend und ihn 
fast unkenntlich machend verwandele sich die Steifheit und Gravität 
seines Lakaiengesichts in brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Immer 
der Jud! Wohl hatte der Herzog einmal, als der Neuffer ihn 
auskleidete, in einem Anfall sinnlosen Zornes geschäumt, auf die 
Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre ihn Kugeln schleifen 
und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das, Regent des Landes 
war und blieb doch der Jud! Der Herzog schimpfte auf seine 
Ratschläge, lobte die andren: aber kam es zum Schlag, tat er doch 
nur, was der Jud ihm einblies. 

In der anderen Ecke der Antichambre hockte einem Teppich der 
Schwarzbraune. Er hatte wohl sehen, wie das Gesicht des 
Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz 
im Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des 
christlichen Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge 



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hockend, verschlossenen Gesichts. Währenddes hielt Süß dem 
Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die Verschworenen 
losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell sollte der 
Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall des 
Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren, 
dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den 
größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner 
Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung 
ein: unter dem Vorsitz der Herzogin - die sich in dieser Rolle sehr 
gravitätisch vorkam-, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat 
Lauz, die Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte 
in Abwesenheit Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach 
Besetzung aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung 
der katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung 
vieler Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, 
zwangsmäßige Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze 
und mehr derart durch Gesetz verkünden. Süß legte noch einmal 
zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die reibungslose, 
kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen Nacht. Als 
konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als 
absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog 
sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, 
Kampf, Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die 
Zauderer und Zager recht gehabt. Denn weiter als man die 
Verfassung verbogen hatte, ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es 
ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr 
heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte 
man nicht allmählich, das konnte man nur in Einer Anspannung 
erreichen. Misslang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache 
der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht 
fühlte; das Corpus evangelicorum wird über einen herfallen, die 
Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und enger 
gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die 
Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die 
geglückte Überrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die 
anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen 
brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in 
diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, 
Entscheidende, das in Einem Schöße Flor oder Verderb trug. 
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß 



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dem Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und 
beredter führte er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die 
Idee verhunzt wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit 
fürstlicher Macht, wenn sie erst zerzettelt und zerknabbert würde 
durch Streitereien und Prozesskniffe und kleine Scharmützel mit 
Bürgergarden und ridikülem, miserablem Kleinkampf. Hier ging es 
in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte das Herzogtum 
naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu schlecht, 
als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte. In drängendem, 
schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht, wie 
immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen 
hineinschaute! Fort, fort musste er, auf ewig ins Dunkel musste er! 
Und was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die 
große Idee? Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, 
daß das Projekt misslang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu 
schlecht? Das Land? Oder - wagte er es, wagte er es wirklich, der 
Jud? - oder er, der Fürst? Natürlich wagte er es! Hinter seiner 
höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd der freche, 
achselzuckende, aufreizende Zweifel. Über den schamlos dreisten 
Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig 
blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber 
dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, 
unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Iimerste. Weg musste 
er! Ins Nichts musste er! Für ewig ins Dunkel musste er! „Haben 
Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?" fragte die 
unbewegte, sachliche Stimme des Juden. ,Ja", sagte Karl Alexander 
kurz, barsch, militärisch. ,E^s heißt: Attempto!" Überrascht sah, mit 
einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf. „Attempto! Ich 
wag's!" Das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer Witz. 
„Attempto! Ich wag's!" hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster 
deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! 
Ich wag's!" war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, 
dem Zedemstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein 
Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfem Wahlspruch hatte er 
den Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke 
zurückgegeben. Wenn einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses 
„Attempto!" verstand er; denn es war die Grundlage der Verfassung 
und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich 
wag's!" wählte jetzt Karl Alexander als Losungswort, eben diese von 
seinem Ahn begründete Verfassung zu zerschlagen, die Macht 



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wieder an sich zu reißen, an Stelle der ausgebildetsten Demokratie 
den nackten Absolutismus zu setzen. Donnerwetter! Dazu gehörte 
soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander war doch ein Kerl! 
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach 
Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm 
angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück 
Heisch einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. 
Wie plump wäre es und simpel gewesen ihm dazumal an die Gurgel 
zu springen. Jetzt hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, 
es ansehnlich und wert gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, 
weigerte sich der Priester wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er 
jetzt darbot, konnte bestehen. Er ging in seinem Arbeitskabinett auf 
und nieder, angeregt, geschwellt, alle Kerzen brannten, auch in den 
anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi Gabriel gesagt? An jedem 
Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr 
ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt. Mit 
allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen; aber 
sie war nicht gekommen nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen 
dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie 
heraufsteigen muss. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog 
opfern, auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem 
Moment aus dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart 
Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in 
Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, 
durch eine neue Ewigkeit. Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein 
bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenhauf 
eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten 
opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! 
So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im 
Felsenriss, auf heimlichen Hang! Lass mich schauen deine Gestalt, 
lass mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und 
lieblich deine Gestalt. Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies musste 
ja noch geschehen. Er wollte nicht, unter keinen Umständen wollte 
er, daß es scheinen könnte, er verquicke seine Sache gegen Karl 
Alexander mit irgendwelcher persönlichen Sicherung oder gar mit 
Vorteilen für sich. Vor anderen nicht und vor sich selber nicht durfte 
er leisesten solchen Verdacht aufkommen lassen. Sprang für das 
Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich, nicht zu 
erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er 
jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das 



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Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch 
zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu 
zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann 
kam, ach, wie fern das war und wie nichts! 

Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, 
verschreckt, aus dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor 
möchte ihn in neue Nöte des Gewissens treiben. Unglücklich, in 
einem nachschleifenden Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte 
ihm keine Zeit gelassen, mit runden, furchtsamen Kinderaugen, 
stand er vor seinem Herrn. Süß war munter, vergnügt, gütig wie 
lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des Magisters, wieso die 
Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der Druckerei doch 
schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer Durchlaucht 
geschlafen zu haben?" fragte der Papagei Akiba. Der Magister 
stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei 
Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich 
abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig, 
schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: ,Jir ist, Teufel 
noch eins! ein schlechter Protestant, Magister" und da der Zitternde 
nur Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner 
jüdischen, rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: 
„Wenn ich den Juden Verrat, dann Verrat ich einen einzigen und 
dazu bloß einen Juden; aber wenn ich den Juden nicht Verrat, dann 
Verrat ich eine Million evangelischer Christen." Und dann war ich 
hingegangen und hätte dem Sturm und dem Jäger oder sonst einem 
vom Elfer-Ausschuss die Geschichte haarklein erzählt. Ich muss 
sagen, Magister, Er ist von einer Treue und die schon zum Himmel 
stinkt." Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den 
Kerzen, wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der 
ihm über das fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, 
entgeisterten Augen den Juden an. , Jetzt hält Er mich wohl für 
verrückt?" fragte der nach einer Weile, gutmütig. „Nein, Magister, 
ich bin durchaus nicht verrückt", sagte er, wieder nach einem 
Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als jeder andere." 
Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der 
Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die 
Zimmer überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in 
einer seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober 
vergessen zu haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm 
aus Seinem Dilemma heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom 



313 



Parlament, sag Er ihnen: „die Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die 
Losung: Attempto", und wenn die Herren Blutvergießen vermeiden 
wollen, dergestalt daß das ganze Projekt zusammenklappt wie eine 
Marionette nach zerschnittenem Draht, dann sollen sie den Montag 
Abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken. Der Mameluck 
erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt sie zum 
Herzog." Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und 
geschäftsmäßig an ihn hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor 
angestrengter Aufmerksamkeit, Unverstand und Erregung. 

„Bedingung ist", fuhr Süß mit der gleichen geschäftsmäßigen 
Kühle fort, „und diese Bedingung muss Er mir in die Hand 
schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das 
gesagt oder gar Ihn geschickt habe." 

,Jixzellenz", stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, 
ich versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie 
erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben sal vieren 
wollen. Aber wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und 
man weiß nicht, daß Sie es haben kaputt gemacht, dann wird doch, 
mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft zuerst Ihnen den 
Kriminalprozess machen. Ich bin nicht stark in politicis, aber der 
Herzog wird Sie dann nicht können schützen. 

„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen", sagte Süß trocken. 
,J!.ass Er's gut sein, Magister", fügte er sanft, mild, väterlich fast 
hinzu. ,JDie Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein 
evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an 
den lichten Galgen, eh daß er's zulässt. Daraus kann Er sich keinen 
Reim machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist." 

Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem 
Schlafrock, Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über 
die dunklen Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer 
trieb es ihn bis zum Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll 
Rauch und Nebel. Aber soviel war gewiss: Gott hatte ihn dennoch 
ersehen und auserlesen. Durch das Zimmer schleifte er, ruhelos, 
Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den Boden. Die alte 
schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war eine 
verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder 
ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte 
sie nicht. 

Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, 
entblößte die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem 



314 



Schreibtisch, Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller 
Widmung, seine gewalttätigen Schriftzüge darbuntergesetzt, 
verweilte er, sagte leise: „Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher 
Achill!" Und noch einmal, wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! 
Adieu, Louis Quatorze!" Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war 
ein Handel nur zwischen ihm und Karl Alexander, ohne das Kind. Er 
schwamm auf einem dunklen, violettroten Meer herz- und 
sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie es in die Ohren ging 
und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend roch! Er hörte den 
Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den blutigen Blick 
des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken, ungestümen 
Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger drum 
schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes 
zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des 
Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben 
Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch 
sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte 
zu leben! 

In sein wildes Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos 
und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte 
sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre 
gegeben. - Welche Ordre? - Die Liste. - Ach so, die Liste der zu 
Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber 
daß Karl Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden 
ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune 
Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm 
in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon Namen 
aufzuzählen. Johann Georg Andrea, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, 
die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber 
was sollte das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste 
aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig 
Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß 
machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die Liste 
geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging. Süß, allein, 
vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das, diese 
Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, 
weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen 
wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, 
ihn einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, 
die er selber aufgesetzt hat, das war - souverän, witzig war das. Er 



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sah die beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie 
zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der Herzog mit 
seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß 
Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein 
General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der 
Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! 
Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und 
amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein 
säuberlich die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du 
hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät 
aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale höher, 
hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich 
über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und 
Held! Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger 
und Schuft! 

Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er 
einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer 
wieder im letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn 
scharf in die Hand biss. Er sah noch den heißen Hass, die rote, 
blutige Wut im Aug des gereizten und immer wieder betrogenen 
Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß 
ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in der Lust auf die 
Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine Gieraugen! 
Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog! Zwei Tage noch, 
nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden. Er 
lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner 
Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, 
Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden 
ergingen sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der 
Triumph des Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck 
strahlte, und in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba 
krächzte: „Bon jour, madame!" und „Ma vie pour mon souverain!" 
Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle wandelnde Mann 
hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von seinen 
Gedanken, Bildern, Gesichten. 

Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloss 
zurückkam und sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte 
im Winkel streckte, hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen 
stöhnte, um sich schlug, gurgelte. 



316 



37. 



Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel 
Oppenheimer van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes, 
Unseres Lehrers Rabbi Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war 
voll von Besuchern, Verehrern, Ratheischenden, und trotzdem die 
Schüler sie immer wieder bedeuteten, der Rabbi sei über den 
Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie empfange, 
wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens 
seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, 
aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber 
auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen 
Meer. Denn der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners 
von Hamburg, war in Demut verehrt über weites Land. Aber auch 
verhasst und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land. Ei, 
wie hatte unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von 
Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als 
Feind Israels, des Talmuds, der Rabbiner, des wahren Wortes ihn 
gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name 
riss die Juden auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf 
allen Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und 
Hymnus um ihn und Spott und Bannstrahl. Wer war dieser Mann? 
War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, keifend an den Riten 
klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun des Gesetzes 
mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend? Hatte seine 
philosophische, historische, mathematische, astronomische 
Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben 
zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis 
gemacht? Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist 
heimlicher Jünger und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, 
segnend, fluchend, wunderwirkend im Namen dieses Erlösers? 
Warum dann aber flucht er öffentlich den Jüngern des Sabbatai und 
tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder schickt er seine Söhne 
zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen Jüngern jenes 



317 



zwielichtigen Messias? Schreibt wirkhch dieser eifernde, orthodoxe 
Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätem in Rom 
Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu 
machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng 
rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht 
ausgerechnet von dem Heimstätter Professor Karl Anton verteidigen 
lässt, seinem früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und 
Apologet des christlichen Evangels? 

Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi 
Jonathan. „Sei Friede mit dir!" sagten sie, und die verschlossene Tür 
des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe 
seines Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und 
listigste der Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott 
und erfreut lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, 
milchig weißen Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten 
zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling 
entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund und behaglich. 
Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar, sein langer 
Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten Ärmel die 
Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden Bart 
lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. 
Nur über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, 
schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die 
weiße, fleischige, vorgebeugte Stirn die drei Falten, bildend das 
Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheilig sten Namens: 
Schaddai. ,Jis schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder 
und Herr!" begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in 
seinem Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuld- 
bewusstsein und sogar ein wenig SchaUdieit. Über allem aber eine 
magische, einlullende Liebenswürdigkeit. Doch an Rabbi Gabriel 
versagte diese Magie. Über der kleinen, platten Nase die viel zu 
großen trübgrauen Augen schwelten Traurigkeit, und von der 
schweren, breiten, nicht lohen Stirn über den dichten Brauen ging 
beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war 
nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen zu lassen. „Hast 
du", fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel, die neue 
Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes 
gelesen? Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel 
Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. 
Jetzt hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen. 



318 



für jeden Stamm Israels eines", fuhr er fort, und seine braunen, 
weisen, listigen Augen lachten spöttisch-vergnügt, ,Jaakob Hirschel 
aus Amsterdam ist ein Zwölf-Ender geworden." Mit der kleinen, 
gepflegten Hand blätterte er in den großen Seiten der Streitschrift. 
,JZ)er arme Nüchterling", sagte er mitleidig amüsiert. „Alles muss 
klar sein, alles muss hell sein, alles muss Tag sein! Er ahnt nicht, der 
kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine getrocknete Blume 
Heu ist und nur gut für einen Ochsen." Und er wiegte spöttisch und 
amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig fließenden Bart. 
Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. 

„Warum hast du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?" fragte 
er mit seiner knarrigen Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst 
dich und leugnest ab? Warum lässt du dich verteidigen von einem 
Goj mit dummen und albernen Sophistereien? Warum resignierst du 
nicht? Ist es so wichtig, daß du Rabbiner von Hamburg bist und 
deine Stuben voll von Menschen? „Warum hast du" - und in seiner 
Stimme war Klagen und Drohung - „dich selber in Bann getan?" 
Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen 
behaglich aus seinem milden Bart heraus. „Lass gut sein, Gabriel", 
sagte er. ,JZ)u bist nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich 
nicht strenger. Ich könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist 
oder Goj oder Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich 
könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; 
aber ist nicht mehr Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als 
von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden, der ein guter Jud ist 
und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein bornierter 
Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre 
Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbataj Zewi selber ist 
Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein 
Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, 
in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit 
drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche gegen 
mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig, Märtyrer 
sein es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee willen. 
Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht Gabriel." 

Er stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen 
Kaftan auf den dicklichen, trüben altfränkisch beamtenhaft 
gekleideten Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich 
sagte er: „Ich räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die 
Sterne haben es gut mit mir gemeint, haben mich zur Gefäß großer 



319 



Weisheit gemacht, ich hätte können ein Kanal sein, aus dem 
mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern Welt und der 
Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, brüchiges Gefäß. Ich weiß 
und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig 
ruhevoll es ist in Gott schweben, und wie die Unterwelt eitel ist und 
farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muss hinein in 
sie, immer wieder. Tun ist albern. Tun ist dumm und schmutzig und 
tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Übel. Aber ich 
muss immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Lass 
mich dumm sein. Lieber! Lass mich, schmutzig und tierhaft sein! 
Lass mich meinen Bar mehr pflegen als meine Seele!" Und mit 
frechen Scherz schloss er: „Meine Seele werde ich finden und 
reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür daß ich ein 
zweit Mal einen so schönen Bart finde?" 

Lind nieselten diese Lästerungen von den süßen 
schmeichelnden, beredten Lippen des weisen und leicht fertigen 
verlorenen Rabbi. Der andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er 
sah plötzlich eine Landschaft. Stein, Ödnis, zerschrundetes Eis; 
zartes, höhnische Leuchten darüber, schattende Wolke, Geierflug, 
finste tolle Willkür, riesige, aufs Eis geworfene Blöcke. Gelähmt fast 
von dem Bild erkannte er: die gleiche Entsprechung hier wie dort. 
Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem Mann, an den er 
gefesselt war, zu diesem. 

An den nackten, frechen Brüsten der Lilith lag jener; aber er 
sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei den Heiligen und 
Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag dieser, aber 
es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die 
gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als 
dieser. Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich 
schwieg. Er sagte nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!" und 
ging in das Schlafgemach, das man ihm bereitet. 

Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen, etwas 
gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln 
schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er 
minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine 
Bücher und Pergamente setzte. 



320 



38. 



Müde und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach 
Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem 
Putsch zurückzureisen. In aller Frühe hatte er sich von der Herzogin 
verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr 
hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei 
die letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan 
werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl 
werde man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen 
Durchlaucht grüßen. Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die 
schöne, nackte Frau hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber 
doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere 
Umarmung entbrannter als lange schon erwidert. Müde jetzt von 
dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt, nervös und 
fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes vor 
mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht 
nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch 
weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es 
ihn durch alle Glieder, war' s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. 
Auch der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe 
halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. 
Bald Sonne, bald Schloßen, es stritt alles gegeneinander. Starker, 
feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile fetzten über den 
Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der 
Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl 
Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht 
lange her war's, wie dort der rote Schein, hatte ein starkfarbiger 
Mond sich gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald 
war es verwirrend, gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes 
Mädel war auf der Erde gelegen, zwischen Blumen, im starken 
Wind. Blödes Erinnern. Was soll das jetzt? Er hat, weiß Gott, 
Besseres zu denken. Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. 
Kuriere, Meldungen von den entfernteren Garnisonen. Ärger, 



321 



Gehetz. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte Fleischbrühe, wollte 
sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiss die Tasse an die 
Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des Eglosheimer 
Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Überall im 
Schloss klirrende Fenster, schlagende Türen. Den Herzog litt es 
nirgends. So, endlich, kam der Abend. 

In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein 
Licht. Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes 
Klirren von Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle 
Bürgerschaft wusste, daß es in diesen Stunden um die Entscheidung 
ging. Die Meldung Schobers hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, 
gewaffnet, voll dumpfer, klemmender Spannung, nicht ohne Zagheit, 
aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief in Stuttgart in dieser 
Nacht, nur die kleinen Kinder. In Ludwigsburg indes im Schloss 
hatte man alle Kerzen entzündet. Der Herzog gab, bevor er ins 
Ausland ging, dem Spezialgesandten des Kaisers, dem Grafen 
Palffy, und den Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft 
war nicht zahlreich, auf die in das Staatsstreichprojekt Eingeweihten 
beschränkt. Viele Militärs waren da, die beiden Röder, der General 
und der Major. Feixend hatte Karl Alexander den knarrenden, 
niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg eingeladen; die berittene 
Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er war, werde ihn in 
dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz einzugehen - denn 
er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr ernst - dumm 
und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte Tatze 
militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch 
den Saal hin äugte das blaurote, geiemäsige entfleischte Gesicht des 
Dom Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen 
Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, 
er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, 
Feuer, Wetter, Untergang. 

Süß selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten 
Zeit, seine wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, 
witzig, siegerisch, seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von 
der flackerigen Unrast Karl Alexanders. Manchmal tauchten in die 
seinen die bräunlichen Tieraugen des Mamelucken, dem er, dem 
stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille Weisungen gegeben 
hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen und 
Erwidern vom Aug des einen zum andern. In den ersten 
Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der Verfassungspartei 



322 



verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen 
Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der 
Meldung käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, 
wollte Karl Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser 
Gewissheit schlafen gehen. Er hatte die neue Gespielin in sein 
Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa, eine dralle, 
heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre 
durch hatte er sich gemahnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau 
ein Aphrodiskum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte 
nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten 
müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl 
er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken. Dar Kurier mit der 
Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast des wartenden 
Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte durch den 
ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an. Regen 
prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben den Rauch der 
schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen 
verjagen können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer 
üppiger klang, aus den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde 
geschenkt, man hatte die prunkendste Gala, die behaglichste Laune 
angetan; aber man kam über eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit 
nicht hinaus. 

Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, 
huldvolle Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu 
überhören, jäh abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, 
meldete, die Demoiseile Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, 
ungeniert, sagte: ,JI)as Mensch soll warten!", setzte sich mit Süß zum 
Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in silberner Tasse, das 
Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du's auch genügend stark 
genommen?" fragte Karl Alexander. ,Ja, Durchlaucht", erwiderte 
mit seiner rauhen, gleichmütiger Stimme der Mameluck. Karl 
Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb 
unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die 
eine Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der 
goldenen Kette spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und 
Schlag. ,JI)ass der Kurier nicht kommt!" fieberte er. „Der Sturm", 
begütigte Süß, „die aufgeweichte Straße." Der Schwarzbraune war 
wieder da, mit seinem stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die 
Demoiselle warte noch immer. „Soll sich ausziehen derweil!" schrie 
der Herzog. „Ich kann meine Depeschen nicht herhexen." Ein Kreis 



323 



ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete das Jeu 
mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug 
eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. 
„Heut musst du mir einen Teil wieder hergeben, Jud", lachte er, 
„des, was du mich beschissen hast." „Heut tu ich's gern", sagte Süß. 
Die widrige Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn's so Leib an 
Leib geht, dann tut sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So 
von der Feme her mit Papieren und Tricks und ohne daß man dem 
andern muss ins Gesicht sehen, geht's leichter." Auch den nächsten 
Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den Architekten Retti unter den 
Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so weiter geht mit meinem 
Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für die Galerie 
projektiert." Der Architekt lachte laut, beflissen. Don Bartelemi 
Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: 
„Den Stein verliert er nicht, der Jud." Und die starrten begehrlich 
und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und 
sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus 
schössen. 

Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: 
„Man ist da." Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die 
Karten zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen 
gewonnenen Geldes zu: ,JI)a, Jud! Die Galerie lass ich später bauen. 
Das verehr ich Ihm." Süß, wohlwollend fast und amüsiert, dachte: 
„Sieh an, schenken lässt er sich nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, 
ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld darauf. Dann 
sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt 
Trinkgeld wieder ein." Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog 
an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: 
„Kannst mitkommen." Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, 
schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, 
jung der Jude, gingen sie. Durch die sich neigenden Lakaien der 
Vorsäle erst, dann durch stille Korridore, in denen nur der fetzende 
Atem des Sturms war, nach dem andern Flügel des Schlosses in die 
Privatgemächer des Herzogs. Arbeitszimmer, kleines Zwischen- 
kabinett, das Schlafzimmer mit der wartenden Frau. Der Mameluck 
riss die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht der Kurier war da, den 
Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die er nicht kannte. 
Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und schmächtig wie 
Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, 
proletarierhaften Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich. 



324 



die jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, 
von den im Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild 
beschattet und erhellt. 

Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, 
die Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: 

„Bist du verrückt? Lässt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu 
mir?" Schleuderte ihn mit einem Fußtritt in den Winkel. ,JDer 
Kurier!" brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?" 

„Wir sind kein Gesindel", tat da einer von den Männern 
schwerfällig, feindselig den Mund auf. „Wir sind von der 
Landschaft." Karl Alexander fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, 
lümmelhaften Menschen, schüttelte ihn: 

„Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!" Er 
schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, 
sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber 
es ist aus mit euch!" brüllte der entzügelte Herzog weiter. 
„Vermodern bei lebendigem Leib lass ich euch, Gesindel! Rottierer! 
Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuss 
schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!" 

, Jis ist nicht an dem, Herr Herzog", sagte da mit einer höflichen, 
feinen Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem." 
Und er verneigte sich viele Male. ,E^s ist so, daß mit Euren 
Durchlaucht allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart 
verhaftet wird. Es werden auch sehr wenig bayrische und 
würzburgische Truppen einrücken, und was unter der Losung: 
Attempto! eingetroffen ist, sind mit Euren Durchlaucht 
allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und wenn 
auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist 
darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen 
Umständen halten." 

Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten 
darlegen können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und 
vertan war, als der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit 
vielen Kratzfüßen und Permiß-Einholungen noch mehr Details 
aufzählte. Aber er konnte nicht zu Ende kommen und zum Zweck 
seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die ersten Sätze gehört; dann 
begab sich mit ihm eine erschreckende Veränderung. Die Hand, die 
den gedrungenen, proletarisch aussehenden Deputierten noch immer 
festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief blaurot an, ein 
seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der Mund 



325 



schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann auf dem 
Boden, verkrampft und grässlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie 
das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das 
Schloss war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf 
geheimnisvolle verdächtige Art, unangemeldet, durch eine Hintertür 
eingelassen worden, sie besorgten, sie möchten misshandelt oder gar 
kurzerhand erschlagen werden; sie machten sich eilends fort und 
waren froh, als sie in Sturm und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche 
fanden und zitternd vor Frost und Erregung glücklich wieder auf 
dem Weg nach Stuttgart waren. 

Karl Alexander lag indes auf dem Boden, dlein mit Süß und 
dem Schwarzbraunen. Über der mächtigen, behaarten Brust hatte er 
sich die Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte vor 
nebenan und sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, 
tierhafte Rasseln, das vor ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte 
er sein erstarrendes Aug mit einer wilden, grenzlos hassvollen Etage 
auf die Suche. Süß, ihm entgegenkommend, sagte: ,Ja, Herr 
Herzog." 

Der Jude wusste nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie über- 
haupt er gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung 
des Putsches aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die 
Ermattung durch den Karneval oder das Aphrodisiakum mit schuld 
waren an diesem Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und 
willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben hatte er alles so 
angeordnet, wie es dann kam, es so gelenkt daß der erhitzte Herzog 
statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche Unheilsdeputation 
vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen des Gegners 
für immer lähmen und zermalmen musste, war gewiss. Kam nun 
auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, 
doch nicht unwillkommen. Mit aller Kraft hob er den schweren Leib 
in einen Lehnstuhl, warf dem Schwarzbraunen hin: ,Jis wird gut 
sein, du holst den Pater Kaspar." zögernd nur entfernte sich Otman 
und ließ den Juden mit dem Sterbenden allein. Vereisend hörte die 
Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem wilden Gefühl 
bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den jetzt 
stummen Herzog einsprach; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, 
hassenden Triumph dieser heißen, flüsternden Stimme. Es sprach 
aber der Jude dies: 

„Herzog! Grober, einfältiger Herzog! Dummer, stiertölpischer 
Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren zumachen, was? 



326 



Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören? Möchtest 
beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung 
eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich lass dich 
nicht sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, rassle 
mit all deiner Lunge: du musst mich hören. Ich spreche ganz leise, 
ich hebe die Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, 
gewalttätiges Herz sind doch voll davon. Und du musst ganz 
stillhalten und darfst nicht sterben und musst mich hören. 

Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa 
und Gegröl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie 
hat dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten 
ihr die Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit 
deinem ratlosen, dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht 
hineinspie, hast du geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts 
gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, 
ich bin dir nicht in das geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig 
hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab 
dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. 
Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein trauriges, 
lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen. 
Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum 
schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar- 
Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als 
ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab 
dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst." Er ließ 
ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er, verändert, 
milder: , Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein Freund 
sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und 
dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen 
und es blühen lassen in Schuss und Saft. Du großer Herr und Held, 
du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!" 

Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor 
Wendelin Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch 
Pater Kaspar, der Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden 
gewesen, er war in der Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, 
kluggesichtigen Würzburger Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt 
von der allgemeinen Unruhe, den Triumph dieser Nacht auskostend, 
behaglich viele Tassen seines braunen Kaffeetranks schlürfte. Jetzt 
stürzte das alles her, betätigte sich hastig, hilflos, sinnlos um den 
Verlöschenden, grausam Entstellten, befragte verstört den Süß, der 



327 



lässige, flüchtige Auskunft gab und sich bald unbemerkt aus dem 
Getriebe um den Sterbenden fortmachte. Im Nebengemach die 
Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich einfressende, 
triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im Ohr; fahl, 
fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte sie 
unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter 
sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor 
stand, das Schloss im Rücken, im stoßenden Wind. Der Doktor 
Wendelin Breyer wollte dem Herzog zur Ader lassen. Aber es kam 
nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still 
ganz nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannten, 
grausamer Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, 
das aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die 
grässlich offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner 
dunklen, sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle 
zusammenfuhren - die meisten hatten ihn überhaupt noch nie 
sprechen gehört - ,Jir ist tot." Dem Doktor Wendelin Breyer blieb 
nichts übrig, als das gleiche zu konstatieren. Während der Arzt noch, 
die hohle Stimme tief aus der Brust hervorgrabend, etlichen vagen 
Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener Spasmus 
diaphragmatis, Steckfluss, stagnatio sanguinis plenania, - still und 
höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich 
abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann - raunte es durch die 
Gänge, flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister 
in den Ballsaal: ,JI)er Herzog ist tot." 

Die Musik brach ab. Das ungeheure, lähmende Entsetzen, die 
verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das ratlose Gewimmel, 
Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das verlegene 
Von-nichts-wissen-woUen der Gäste, der kaiserlichen, bayrischen, 
würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie dumme, 
große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle 
zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte 
jedem einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben 
gehen. Sogar der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit 
Jahrzehnten hatte er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; 
jetzt bekam er mit einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauem- 
gesicht und fluchte leise und unflätig vor sich hin. Süß stand 
derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er kümmerte 
sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug 
nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah 



328 



nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. 
Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe 
Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. 
Er saß, still, mit einem gelösten fast törichten Lächeln und wartete. 
Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden 
Augenblick kälter, leerer, schwerer werden - Und plötzlich wusste 
er, sie wird nie kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, 
entstellte Gesicht, die raushängende Zunge, die vorquellenden 
Augen. Übelkeit fiel ihn an. Er erschrak. Er begriff nicht mehr, wie 
ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte hochtragen können. Was denn, um 
Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu tun? Das Kind war weiß, 
sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem Herzog, das 
violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in welcher 
himrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem 
Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, 
begriff sich nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl 
Alexander, die war ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie 
ein Beilagen mit einer Frau, aber kein Schweben und Gelöstsein. 
Und jetzt war er dumpf, traurig, voll Übelkeit und weiter weg von 
dem Kind als je. Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob 
den Rücken, überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm 
über die Schulter. Es war sein eigenes Gesicht. Er schüttelte sich, 
stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er schloss fester die 
Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem Ohr, war im 
Zimmer, eine misstönige, traurige Stimme, die Stimme des Oheims. 
Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie füllte das 
Schloss an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da hatte er 
Gewissheit: er war falsch gegangen. 

Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis 
oder gar empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten 
in jener stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine 
rechte, cbr Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten 
ihre Pas, verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem 
nebelhaften, farblosen Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die 
Tanzenden sahen sich an, still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie 
nickten einer dem andern ein letztes Mal zu, dann gingen sie 
auseinander. 

Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie m seinem Leben 
war er so ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und 
Müdigkeit gewesen. So musste es sein, in lauem Bad sitzen und aus 



329 



geöffneten Adern, ganz langsam, das Leben ausströmen lassen. 
Dieses Schmelzen, Weichwerden, Zusammenstürzen in ihm. Dieser 
süße, ziehende, lüstige, alle Glieder pressende, reibende, lösende 
Schmerz. Dieses Sichaufgeben, Stürzen, Getragensein. Dieses 
Nichtwollen, dieses zum erstenmal Sich treibenlassen, dieses selige, 
willenlose Vergleiten, Verströmen. Als entfließe sein Blut und mit 
ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er sich sinken in glückhafter, 
schmerzhafter, grenzenloser Erschlaffung. 

So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchter- 
beschließer, der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu 
machen. Erschreckt, wie er den blasser, hingesunkenen Mann 
erkannte, ließ er die Stange fallen, machte: , Jesus, der Herr 
Finanzdirektor!" Aber der richtete sich matt hoch und sagte, er solle 
ihm was zu essen bringen, was immer, es sei ihm schwach vor 
Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, machte sich fort, 
brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, ziemlich 
gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner Vernichtung nicht 
stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, er könne doch 
nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln - Aber Süß 
unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich 
nicht um mich." 

Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte 
wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der 
Alte beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, 
schielte nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, 
schmatzte. Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte 
er: „Häng Er Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen 
Testament, was?" 

„Ich versteh Euer Exzellenz nicht", stotterte ängstlich der Alte. 
,^ass Er's gut sein", sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und 
leucht Er mir!" 

Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne 
des Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den 
Haupttrakt des Schlosses. Hier saßen, in einem Nebenraum die 
Führer des katholischen Projekts, Generale, Minister. Sie waren 
lauter Württemberger unter sich. Die Würzburgischen und 
bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen Majestät, sie 
hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter 
davongemacht. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, 
schwitzend, in dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als 



330 



Süß kam, schauten ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung 
entgegen. Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen 
Augen über die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massiger Major 
Röder, der mehr als die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen 
nicht recht klar, Herr Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun 
ist?" Er trat sehr nahe an den stumpfen, verständnislos schauenden 
Mann und sagte, sehr liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer 
immer Oberhand behält, Sie sind für alle Fälle salviert." Das sagte er 
ganz leicht, höflich, fast konversierend. 

Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in 
ihre Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der 
Jude hinauswollte; aber soviel war gewiss: wenn man ihn packte, 
wenn man ihn festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, 
auf den alle Wut zuerst sich stürzen, alles Übelste abgeladen werden 
konnte. Eine lange Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit 
den gleichen Worten fast, in der gleichen Folge fast, dachten die 
nämlichen Gedanken. Und alle mündeten in den Entschluss: Ja! Den 
Juden packen! Das ist die Rettung! Der Jud muss hängen! 
Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man 
doch nicht länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden 
Angst. Man stellte doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen 
Mann: was war denn das für ein dummes, dreckiges, hosen- 
bekleckerndes, hündisch übles Gefühl gewesen, in das man sich da 
hatte hineinjagen lassen, das einem so widerwärtig Herz und Magen 
heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt auf so gute Manier aus 
diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute wird man die 
ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression hinter sich 
und vergessen haben. Und da stand auch schon der Major Röder auf. 
Er war ganz, vor sich und den anderen, Patriot, Christ, Soldat. 
Massig kam er, charaktervoll, von seinem Recht und seiner 
Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte ihm die unförmige, 
behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante Schulter, öffnete 
schwer den harten Mund: Im Namen der Herzogin und der 
Verfassung: „Ich verhalt Ihn, Jud." 

In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende 
Stille in tobendes, sieghaftes, tierisches Grölen gelöst. Der Jude 
lächelte still, einsam, sehr fem. Durch kotiges Geschimpf, ihn 
stoßend und tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses 
Lächelns nicht in ihr Inneres dringen zu lassen. 



331 



332 



FÜNFTES BUCH / DER ANDERE 



333 



39. 



Wo Morgenland und Abendland ineinandergehen, winzig klein, 
liegt das Land Kanaan. Und Mittagland, das uralte Mizraim, streckt 
seine Zunge vor, leckt hinein in die Bindung. Wo die Wege des 
Westens die Wege des Ostens treffen, liegt die Stadt Jerusalem, die 
Burg Zion. Und wenn sie sich zum Gotte Israels bekennen, dem 
Einen, Überwirklichen, Jahve, bei Sonnenaufgang und Sonnen- 
untergang, dann stehen die Juden mit geschlossenen Füßen und 
schauen nach der Stadt Jerusalem, nach der Burg Zion, die des 
Westens schauen nach Ost, die des Aufgangs nach West, alle zur 
gleichen Stunde, alle nach der Stadt Jerusalem. Vom Abendland her 
schlägt eine wilde, ewige Welle nach dem Lande Kanaan: Durst 
nach Leben, nach Persönlichkeit, Wille zum Tun, zur Lust, zur 
Macht. Raffen, an sich reißen. Wissen, Lust, Besitz, mehr Lust, mehr 
Besitz, leben, kämpfen, tun. So klingt es vom Westen her. Aber im 
Süden unter spitzen Bergen liegen in Gold und Gewürz tote Könige, 
der Vernichtung herrisch ihren Leib versagend; in die Wüste gesetzt, 
in kolossalischen Alleen höhnen ihre Bilder den Tod. Und eine 
wilde, ewige Welle schlägt von Mittag her nach dem Lande Kanaan: 
wüstenheißes Haften am Sein, schwelende Begier, nicht die Form 
und Bildung, nicht den Körper zu verlieren, nicht zu vergehen. Aber 
von Ost her klingt sanfte Weisheit: Schlafen ist besser als Wachen, 
tot sein besser als lebendig sein. Nicht widerstreben, einströmen ins 
Nichts, nicht tun, verzichten. Und die milde, ewige Welle verebbt 
von Morgenland her nach Kanaan. Ewig fluten die drei Wellen über 
das Meine Land und münden ineinander; die helle, rauschende vom 
Wollen und Tun, die heiße, glühende vom herrischen Nicht-dem- 
Tod-sich-fügen, die milde, dunkle vom Verströmen und Verzichten. 
Still und aufmerksam liegt das winzige Land Kanaan und lässt die 
Wellen über sich hin und ineinander fluten. In dem winzigen Land, 
helläugig, hellhörig, saß das Volk Israel. Lugte nach Osten, lauschte 
nach Westen, spähte nach Mittag. Es ist ein so kleines Volk, und es 
sitzt zwischen Kolossen: Babel-Assur, Mizraim, Syrien, Rom. Es 



334 



muss scharf aufpassen, will es nicht unversehens zerdrückt werden 
oder in den Riesen zergehen. Und es will nicht zergehen, es will 
dasein, es ist ein kluges, kleines, tapferes Volk, es denkt nicht daran, 
sich zerdrücken zu lassen. Die drei Wellen kommen, in ewigem 
Gleichmaß, immer wieder. Aber das kleine Volk hält stand. Es ist 
nicht dumm, es wehrt sich nicht gegen das Unmögliche; es duckt 
sich, wenn eine Welle gar zu hoch einherkommt, und lässt sich ruhig 
bis über den Scheitel überspülen. Aber dann taucht es wieder hoch 
und schüttelt sich ab und ist da. Es ist zäh, aber nicht töricht obstinat. 
Es gibt sich allen Wellen hin, doch keiner ganz. Nimmt sich aus den 
drei Strömungen, was ihm tauglich scheint, passt es sich an. Die 
ständige Gefährdung zwingt das kleine Volk, keine Bewegung der 
gigantischen Nachbarn zu übersehen, immer vorsichtig zu spüren, zu 
wittern, zu sichten, zu erkennen. Sichtung, Einordnung, Erkenntnis 
der Welt wird ihm zur Natur. Es wächst ihm eine große Liebe zum 
Mittel solcher Erkenntnis, zum Wort. Durch Religionsgesetz ächtet 
es den Analphabeten, Kenntnis der Schrift wird göttliches Gebot. Es 
zeichnet auf, was ihm die drei Wellen Iringen. Wandelt in eigene, 
selbstschaffene Worte die helle, schmetternde Lehre vom Tun, die 
dumpfe, schwelende vom Trotz zur Unsterblichkeit, die linde, 
verrieselnde von der Seligkeit des Nichtwollens und Nichttuns. Und 
das kleine Volk schreibt die beiden Bücher, die von allen am meisten 
das Gesicht der Welt veränderten, das große Buch vom Tun, das Alte 
Testament, und das große Buch vom Verzicht, das Neue. Trotz zur 
Unsterblichkeit aber bleibt der Grundton in allem seinem Leben und 
Wort. 

Die Söhne des kleinen Volkes gingen aus in die Welt und leben 
die Lehre des Westens. Wirken, ringen, raffen. Doch sie sind trotz 
allem nicht recht heimisch im Tun, sie sind zu Hause auf der Brücke 
zwischen Tun und Verzicht. Und immer wenden sie sich, schauen 
zurück nach Zion. Oft wohl, in der Erfüllung des Siegs, in der 
Erkenntnis der Niederlage, mitten im rasendsten Lauf bleiben sie 
stehen, überschauert, hören aus tausend Schällen heraus eine ganz 
leise, verrieselnde Stimme: nicht wollen, nicht tun, verzichten auf 
das Ich. 

Und mancher von ihnen schreitet den Pfad ganz aus: „vom 
rasenden Wirbel des Tuns, aus Macht, Lust, Besitz über den Trotz 
gegen die Zerwesung zur seligen Ledigung und Lösung, zur 
Verebbung in Nichtwollen und Verzicht." 



335 



40. 



Durch Nacht, Wolken, Sturm jagten die Kuriere nach Stuttgart. 
Zu den Herren des Parlaments, zu Remchingen, zur Herzogin. Sie 
überholten die Kutsche mit den Deputierten, die beim Herzog 
gewesen waren. Vor den Deputierten schon passierte die Kunde vom 
Tod Karl Alexanders das Tor, flackerte schüchtern durch die dunkle, 
stille Stadt, in der doch überall Geraun um Fieber war. Auf die 
Straßen, zum Nachbarn, eilten die Bürger. Ist es wahr? Die Strafe 
Gottes, der sichtbarliche Finger des Herrn. So erschütternd groß und 
wahrscheinlich die Erlösung. Aber ist es auch wahr, ist es keine 
Falle? Zaghafte Lichter brannten auf in den Häusern. Verstärktes 
Geraun, erste, unterdrückte Freudenrufe. Bis endlich Gewissheit 
kam, unzweifelbar Nachricht, vom Rathaus herab verkündet wurde: 
der Herzog ist tot. Jetzt toste der langgezügelte Jubel los. Umarmen, 
Beten. Freude auf allen Gesichtern als der Geretteten. Lichter und 
Feiertag. Der schweinsäugige Konditor Benz malte, mit seinen 
Kumpanen aus dem Blauen Bock, ein Transparent, auf dem über 
einer Kirche mit zwei Türmen ein geflügelter Teufel einen 
Menschen wegtrug. Untenhin mit riesigen Lettern setzte er den 
Reim: „Schaut, wie den Renegat ums Gold / Leibhaftig hier der 
Teufel holt." Mit freudezitternden, schwitzenden Händen stellte er 
das Transparent ins kerzenstrahlende Fenster, jubelte, wie die Menge 
davor stehenblieb, den Reim durch die Stadt trug. Bald hieß es 
überall, den Herzog habe der Teufel geholt. Habt ihr nicht gehört, 
was für schwarzblaues, grässlich entstelltes Gesicht die Leiche hat? 
Mit den Krallen erwürgt hat Beelzebub den ketzerischen Fürsten. In 
flatteriger Fassungslosigkeit saß Manie Auguste in ihrem Kabinett. 
Um sie der Hofkanzler Scheffer, der General Remchingen, ihr 
Beichtiger, der Kapuzinerpater Florian. Sie saß in einem 
entzückender Neglige, das heute früh erst durch Spezialkurier aus 
Paris angelangt war, und sie musste immer denken, wie schade es 
sei, daß sie das Neglige nicht schon einen Tag vorher gehabt hatte, 
dann hätte sie es in jener Abschiedsnacht getragen und Karl 



336 



Alexander hätte es noch gesehen. Nun war er grässlich tot und wird 
sich nie an keinem Neglige und keiner Frau mehr freuen. Sie 
empfand es wie eine gute Tat, daß sie wenigstens in der letzten 
Nacht Karl Alexander so willig gewesen war. Von unten her dröhnte 
der Jubel der Stadt über den Tod des Herzogs. Der massige 
Remchingen, in aller Angst und Betretenheit unwillkürlich und ohne 
Gedanken an den nackten Armen Manie Augustens fressend, 
knurrte, berstend vor machtloser Wut: Dreinhauen! Dreinhauen! 
Trotz allem das Projekt durchführen. Man habe die Soldaten. Er 
stehe für die Soldaten. Schön, ein paar Regimenter werden meutern. 
Er werde füsilieren lassen. Man vereidige eben auf die Herzogin. 
Semiramis. Elisabeth. Katharina. Dreinhauen! Dreinhauen! 
Ängstlich wehrte der schlotterichte Hofkanzler. Nur um Gottes 
willen jetzt kein Blutvergießen. Der Putsch sei erledigt und vorbei. 
Nur behutsam jetzt und legitime. Alles legitime. Das Testament gebe 
Handhaben. Ähnlich argumentierte Pater Florian, doch bestimmter 
und minder furchtsam. Die rasche Phantasie des Kapuziners spann 
an einer luftigen Kette. Er, der staatskluge Mann, als Beichtiger der 
regierenden Herzogin, an dieser vielleicht wichtigsten, 
aussichtshellsten Stelle im Reich. Er träumte sich schon, während er 
leise, vorsichtige Worte setzte, als deutschen Richelieu oder 
Mazarin. Aber Manie Auguste war, während ihr pastellfarbener, 
kleiner Eidechsenkopf aufmerksam zu lauschen schien, sehr 
abwesend, sie dachte an Karl Alexander, an das Neglige, an den zu 
bestellenden Witwenschleiermann, der konnte das sehr pikant und 
kleidsam machen, selbst die hässliche Herzogin von Angoulme hätte 
gut darin ausgesehen - und nachdem die Herren höchst positive 
Vorschläge gemacht hatten, sagte sie unvermittelt mit kleiner, 
wichtiger Stimme: „Que faire, messieurs? Que faire?" 

Der engere Ausschuss des Parlaments trat noch in der Nacht 
zusammen; auch anderen Parlamentariern konnte man es nicht 
verwehren, an der Sitzung teilzunehmen. Dieser wichtig sich 
gehabende Jubel, dieses Machtgespreiz. Die Herren taten so, als sei 
der Tod des Herzogs ihr persönliches Verdienst, als hätten sie 
umsichtig und staatsklug diese einfachste Lösung der Krise 
herbeigeführt. Schon war die Freude über die Errettung verdrängt 
von dickem Besitz-, Macht-, Rachegefühl. Ho! Jetzt war man 
obenauf! Ho! Jetzt wird man heimzahlen, dem Juden, den Ketzern, 
allen, vor denen man hat kuschen müssen. Es war klar, daß der 
Herzog Rudolf von Neuenstadt Obervormund des kleinen Herzog- 



337 



Nachfolgers werden musste, wie immer das Testament Karl 
Alexanders lauten mochte. Auf den konnte man sich verlassen. Der 
war guter Protestant und von ihrer Partei. Noch morgen wird man 
ihn beschicken. Und noch heute, heute nacht noch wird man den 
Ketzern und Landverderbem und Judenzem zum Tanz aufspielen. 
Ans Militär wagte man sich nicht heran; aber was an Zivil von der 
Süßischen Partei in Stuttgart, nicht in Ludwigsburg, war, packte man 
noch in derselbiger Nacht. Es war ähnlich wie nach dem Tode 
Eberhard Ludwigs beim Sturze der Grävenizischen. Die Büttel und 
Gerichtsdiener gingen herum, verhafteten, schleppten die Gestürzten, 
schief Blickenden, wild Fluchenden, giftig Schimpfenden, 
verächtlich Bettelnden und Lamentierenden durch das gaffende, 
höhnende, jubelnde Volk auf die Wache. In Haft die Bühler, Mez, 
Hallwachs, in Haft die Lamprechts, Knab, ja selbst der Hofkanzler 
Scheffer. Knirschend schaute Remchingen zu. Ausdrückliche Order 
der Herzogin verbot ihm, einzuschreiten. Aber sollen sie sich nur ans 
Militär wagen! Einen einzigen von seinen Offizieren sollen sie 
anlangen mit ihren stinkigen Pöbelfingern! Dann ist er nicht mehr zu 
halten, dann haut er drein! Doch in weitem Bogen gingen die 
Beauftragten der Landschaft um die Militärs herum. Von einem, 
merkwürdigerweise, sprach man in Stuttgart nicht oder nur leise, ihn 
streifend, den Namen nicht nennend. Und doch war der eine der 
letzte Untergrund all ihrer Gedanken, heimliche Hoffnung der 
Herzogin und der Militärs, heimliche Furcht des Parlaments und der 
Bürger. Was tat Süß? Wo setzte er an? Wird er angreifen? Oder wie, 
der Aalglatte, Teufelsgewandte, sich verteidigen? Er war in 
Ludwigsburg, man hatte keinen Buchstab Nachricht von ihm, keine 
Depesche, nichts. Der erste Schimmer des Tages graute herauf, ein 
warmer, regnichter Märzmorgen. Man war todmüde und zerschlagen 
nach der wirren Nacht mit ihrem Auf und Ab, streckte sich aufs 
Lager. Und noch immer keine Depesche von dem Juden. Es war 
hinterhältig, rücksichtslos, gemein. In die ersten Träume hinein glitt 
den verbissen Wütenden um die Herzogin, den triumphierenden 
Parlamentariern, den Gestürzten, Verhafteten dumpf Furcht und 
Hoffnung: Was tat Süß? 



338 



41. 



In Ludwigsburg diktierte der Doktor Wendelin Breyer den 
ärztlichen Befund. Zusammen mit den Kollegen Georg Burkhard 
Segen und Ludwig Friedrich Bilfinger hatte er die Leichenöffnung 
vorgenommen. Alle drei hatten die Leibärzte, während sie an der 
Leiche herumschnitten, die gleichen Gedanken: Ei du! Jetzt liegst du 
fein still, stößt nicht mit dem Fuß, schmeißt mir keine Medizin- 
flasche an den Kopf. Aber ihre Mienen blieben ernsthaft und voll 
gravitätischer Trauer, wie es Wissenschaftlern ziemt. Und jetzt 
diktierte der Doktor Wendelin Breyer mit seiner hohlen Stimme und 
mit großen, flatterigen Bewegungen das umständliche und 
gewissenhafte Judicium medicochirurgicum, den Befund des 
Kollegiums. „Aus diesem Viso reperto", diktierte er, „erhellet 
genugsam, daß Seine Hochfürstliche Durchlaucht nicht an einem 
Schlagfluss, nicht an einer Inflammation oder Gar graena, nicht an 
einem Blutsturz, auch nicht an einem Polypo etc., sondern an einem 
Steckfluss verschieden und in dem Blut recht ersticket ist. Zu dieser 
so schnellen Veränderung hat ohne allen Zweifel Gelegenheit 
gegeben einesteils der ehemals öfter rekurierte, letzthin aber allzu 
heftig ausgebrochene Spasmus diaphragmatis etc. und der große, das 
Zwerchfell über sich pressende, mit vielen Blähungen angefüllte 
Magen, andemteils aber die ad stagnationem sanguinis plenaniam, 
ob atoniam et debilitatem connatam (allermaßen die betrübte 
Erfahrung nur allzu deutlich zeigt, daß die meisten Durchlauchtigen 
Fürsten vom Haus Württemberg an Brustzuständen dahingehen) 
ohnehin disponierte Pulmones." 

In Stuttgart wurde unterdes, schon am Tag nach dem Tode Karl 
Alexanders, sein Testament eröffnet. Das Testament setzte in siner 
ursprünglichen Fassung die Herzogin zusammen mit dem Herzog 
Karl Rudolf von Neuenstadt als Vormünder ein. Ein späteres, von 
den Geheimräten Fichtel und Raab veranlasstes Kodizill bestimmte 
indes den Erzbischof von Würzburg als Mitvormund, ein zweiter, 
von Karl Alexander erst kurz vor seinem Tod unterschriebener 



339 



Zusatz stattete den Bischof mit besonderer Machtvollkommenheit 
aus. 

Sogleich fuhr eine Deputation des Elfer-Ausschusses nach dem 
stillen Neuenstadt zu Herzog Karl Rudolf, ihn um sofortige 
Übernahme der Regentschaft untertänigst zu bitten. Karl Rudolf war 
ein karger, hochbetagter Herr. Er hatte in Tübingen studiert, in 
jungen Jahren schon die Welt von allen Seiten berochen, war in der 
Schweiz, in Frankreich, England, in den Niederlanden gewesen. Er 
hatte dann venezianische Dienste genommen, in Morea gefochten, 
sich bei der Belagerung von Negroponte groß ausgezeichnet. Hatte 
als Freiwilliger in Irland gekämpft, im spanischen Erbfolgekrieg die 
zwölftausend dänischen Söldner geführt, den blutigen Sieg bei 
Ramillies hatte er entschieden. Prinz Eugen und Marlborough 
schätzten ihn hoch, sein Name glänzte unter den Heerführern 
Europas. Plötzlich dann, als durch den Tod seines Bruders ihm die 
Württembergisch-Neuenstädtischen Apanage-Güter zufielen, legte 
der Fünfzigjährige alle Kriegsstellen nieder, zog sich in die kleine 
Stadt zurück, lebte als Bauer, als strenger, gewissenhafter Hausvater 
seines kleinen Volkes. 

Er hatte keinen Verkehr mit Karl Alexander gehabt. Der 
prächtige Fürst mit seinem üppigen Hof, seinem frechen, 
gaunerischen Juden war ihm tief zuwider. Er war ein strenger, karger 
Herr und nun über siebzig. Er liebte seine kleine, versponnene, 
umblühte Stadt; sprach man von Marie Auguste, der Ketzerin, der 
frivolen Liebhaberin von Putz und Komödianten, verzog er sauer 
und angeekelt die harten Lippen. Er war klein, dürr, etwas schief, 
sein Wort von militärischer Kürze, seine Kleidung und sein Hofhalt 
streng geregelt, sauber, schäbig. Er sagte: Pflicht! Er sagte: 
Gerechtigkeit! Er sagte: Autorität! Er war trotz seines Alters ein 
starker Arbeiter. 

Er hörte die Stuttgarter Herren schweigend an, ließ sie ihre 
umständlichen Sätze zu Ende reden und wiederholen und schwieg 
noch immer. Er war sehr betagt, er wäre gern seine wenigen Jahre 
noch in seiner kleinen, umblühten Stadt geblieben, hätte, ein alter 
Bauer, seine Felder inspiziert und seine Weinberge und die einzelnen 
seiner Untertanen beaufsichtigt, wie sie ihre Kinder hielten und ihr 
Vieh. Nun legte Gott ihm alten Mann diese harte Arbeit auf, das 
verlotterte Land zu säubern und auszumisten, sich vor seinem 
Sterben noch mit Kaiser und Reich herumzuschlagen, sich mit dem 
fetten, schlauen Jesuiten von Würzburg abzuärgern. Gott 



340 



kommandierte; er war Soldat und kannte Subordination, hielt 
Disziplin, fügte sich. Er sagte den Stuttgartern, er nehme die 
Verweserschaft an, doch unter dem Beding, daß kein zweiter 
Vormund neben ihm sei, die Herzogin nicht, die Katholikin, die 
Regensburgerin, und gar erst nicht der Jesuit, der Würzburger. Er 
sagte, er werde schon anderntags in die Residenz kommen. 
Sehr vergnügt fuhren die Stuttgarter zurück. Das war der Mann, den 
sie brauchten. Der wird mit dem Remchingen fertig werden und auch 
mit dem Juden, von dem man, seltsamerweise, noch immer nichts 
hörte. 

Remchingen schlug sogleich wild um sich. Er hasste den dürren 
Neuenstädter von je, hatte sich öfters lustig gemacht über den Filz 
und Kleinkrämer. Jetzt stützte er sich auf das Kodizill des 
Testaments, auf die Vollmachten des Fürstbischofs von Würzburg, 
auf die Truppen, die ihm ergeben waren. Er verweigerte dem 
Herzog- Verweser die Handtreue, nahm von ihm keine Parole an, 
verbot beides auch seinen Untergebenen, vereidigte sie auf Karl 
Alexanders Testament. Um die Armee gegen Karl Rudolf 
aufzureizen, sprengte er aus, der neue Herr gehe mit dem Parlament 
auf eine Verringerung des Heeres aus, große Entlassungen stünden 
bevor. 

Unter solchen Umständen zog Karl Rudolf still und karg in 
Stuttgart ein, bezog Wohnung in einem Nebenflügel des Schlosses, 
wollte der Herzogin- Witwe seine Aufwartung machen, die nahm ihn 
nicht an. Er kümmerte sich nicht darum, saß, der 
Einundsiebzigjährige, andern Morgens schon um sechs Uhr, wie er 
es gewohnt war, bei der Arbeit. Er mistete, zunächst in der 
Hauptstadt, rücksichtslos aus, alle unzuverlässigen Beamten wurden 
entlassen, ihre Papiere beschlagnahmt, viele verhaftet. Die Mehrzahl 
der Führer der katholischen Partei war bereits geflohen. 
Im Volk verhöhnte man laut und allenthalben den toten Herzog, der 
noch nicht unter der Erde lag, die Herzogin- Witwe, die grollend und 
zappelig und machtlos in ihren Zimmern saß. Der Herzog- Verweser 
ließe strenge Ordens ausgehen, die solche Äußerungen verboten. Er 
sagte: Pflicht! Er sagte: Gerechtigkeit! Er sagte Autorität! 
Mit anderen wurde auch der Konditor Benz, der das poetische 
Transparent mit dem Herzog und dem Teufel fabriziert hatte, infolge 
solcher Orders drei Tage auf die Bürgerwache gesetzt. Hierbei holte 
sich der schweinsäugige Mann eine starke Influenza. Wieder in 
seinem Haus, musste er sich ins Bett legen, er trank allerlei Tee, bald 



341 



wusste man, er wird nicht mehr aufkommen. An seinem Lager 
standen seine Freunde aus dem Blauen Bock. Er feixte schief: 
„Unterm vorletzten Herzog regierte eine Hur, unterm letzten ein Jud, 
witert jetzigen ein Narr." Er tobte gräßlich, als er starb, spie 
scheusälige, kotige Flüche vor sich. Im Bock sagten sie, der Ketzer- 
herzog und sein Jud seien jetzt auch am Tod dieses guten Bürgers 
schuld. 

Manie Auguste arbeitete mit Remchingen wild und fahrig gegen 
Karl Rudolf und das Parlament. Es schmeichelte üir, sich als große 
Frau bewundem zu lassen. Die erste Dame Deutschlands war sie 
lange genug gewesen, jetzt reizte es sie, ein weibliches Gegenspiel 
zu dem jungen Preußenkönig zu werden, der eben den Thron bestieg. 
Ei, sie wird der katholische Widerpart dieses großen Protestanten 
sein. Hatte sie nicht den Kaiser, Kurbayern, ihren Vater, ja selbst 
Frankreich für sich? Sie sollte, die kluge, mondäne Frau, es nicht 
aufnehmen können mit diesem alten Kracher und Bauern und 
versauerten Trottel und Tappergreis, dem frechen Usurpator Karl 
Rudolf? Zusammen mit Remchingen, ihrem Kapuzinerpater Florian 
und ihrem Bibliothekar Hophan, den sie für einen großen Politikus 
ästimierte, spann sie unzählige, kleine, kindische Intrigen, 
schmollend, wenn etwas nicht sogleich gelang. Tausend Depeschen 
liefen, nach Wien, nach Würzburg, nach Brüssel zu ihrem Vater. Als 
trauernde Witwe zeigte sie sich dem Hof und dem Land, sehr 
ziervoll der kleine, langäugige, blasse Kopf in dem schwarzen Pomp. 
Ihr Söhnchen, den Herzog, ließ sie aus Brüssel kommen, wies die 
fürstliche Waise, das Kind mit den strahlend großen Augen, dem 
gerührten Volk. 

Aber Karl Rudolf, der alte Soldat, ließ sich nicht irremachen. Er 
veröffentlichte eine Erklärung, er denke nicht daran, die Armee zu 
verringern, veranlasste auch das Parlament zu einer ähnlichen 
Kundgebung. Tags darauf stellte er die Truppen unter den 
Oberbefehl des Generals von Gaisberg, diktierte dem schäumenden 
Remchingen Hausarrest, stellte Wachen vor seine Tür. Dies war 
kühn, es konnte Blutvergießen, Krieg, bewaffneten Widerstand von 
innen und von außen zur Folge haben, alles verderben oder alles 
retten. Es verdarb nichts. Die Truppen und mit ihnen das Land 
fügten sich, huldigten dem Herzog- Administrator. 

Der Kaiser zögerte mit der Bestätigung dieser gewaltsamen 
Regelung. Die Jesuiten der Herzogin drängten darauf, daß der 
Wiener Hof Karl Alexanders letztes Testament für rechtsgültig 



342 



erkläre, den Fürstbischof und die Herzogin als Vormünder 
sanktioniere. Der Fürstbischof selber reklamierte, protestierte in 
eigenhändigen Briefen an den Kaiser. Aber Karl Rudolf saß, nach 
der Ausschaltung Remchingens, fest im Besitz der Macht, war ohne 
Krieg, den niemand wollte, nicht zu beseitigen. Die Proteste, 
Reklamationen blieben platonisch. Der kluge Würzburger hatte 
anderes wohl auch nicht erwartet. Er ließ seine Maschinerie ohne 
inneren Schwung arbeiten, nur um das Gesicht zu wahren. Er hörte 
den Vortrag seines höllisch schlauen, unscheinbaren Rates Fichtel. 
Er pflichtete ihm durchaus bei. Hier \\ar für jetzt mit Gewalt gar 
nichts auszurichten. Die Kirche hatte Zeit, die Kirche arbeitete auf 
lange Sicht. Es galt, nun auf den jungen Herzog zu rechnen, ihn fest 
im katholischen Glauben zu erziehen; er freilich, der Bischof, wird 
diese Frucht nicht mehr reifen sehen. Im übrigen, armer Karl 
Alexander! Guter, fester, angenehmer Freund! Requiescas in pace. 
Er wird selber Messen für ihn lesen. Was im Augenblick zu tun 
blieb, war nur, auf gute Manier aus der württembergischen Affäre 
herauszukommen, unkompromittiert. 

Unterdes hatte der alte Regent die Armee durch seine 
soldatische Art ganz fest in die Hand bekommen, er verschärfte jetzt 
die Haft des Generals Remchingen, ließ ihn mit seinem Adjutanten, 
dem Hauptmann Gerhard, auf den Asperg schaffen. Diese 
Behandlung ihres lieben, wichtigsten Helfers riss Manie Auguste aus 
ihrer stolzen Reserve gegen den Herzog- Vormünder. Sie bequemte 
sich, Karl Rudolf um eine Unterredung zu ersuchen. Der alte Herr 
erschien ohne Zeremonien, stand schäbig, schlottericht, dörfisch, 
schief vor der geschmückten, mit allen Mitteln moderner Kosmetik 
hergerichteten, lieblich duftenden Dame. Er war allein; sie hatte 
ihren Paten Florian bei sich, den Beichtiger, und ihren Bibliothekar 
Franz Josef Hophan, den Politikus, einen jungen, katzenhaft sanften, 
literarischen, modisch gekleideten Menschen; er war nach dem Fall 
Remchingens neben dem Kapuziner ihr vertrautester Berater. Karl 
Rudolf beäugte kalt und vorsichtig das unsympathische dreiblättrige 
Unkraut, das leider Gottes den guten Garten Württemberg so betrübt 
überwucherte. Manie Auguste ihrerseits beschaute hochmütig und 
leicht amüsiert den schäbigen, dürftigen, kleinen Soldaten, der 
sicherlich die raffinierte Manier ihres Trauerkleides nicht zu 
würdigen wusste. Stumm hörte Karl Rudolf ihre vielen Beschwerden 
an. Seine Stummheit reizte sie, sie wurde hastiger, zählte neben 
Bedeutsamem lächerliche Kindereien auf, verhaspelte sich; ihre 



343 



Beiständer mussten ihre Reden wieder ins rechte Garn bringen. 
VerächtUch und angewidert hörte Karl Rudolf zu, wie sie, 
gewöhnlich am falschen Ort, mit wichtigem Gehabe juristische 
Fachworte gebrauchte. Die heiligen Begriffe Verfassung, bürgerliche 
Freiheiten, schienen ihm profaniert in diesem kleinen, törichten, 
dimenhaften Mund. Er antwortete kurz, behutsam, grob, griff 
geschickt auf, was sie Unsinniges gesagt hatte, die Einwände und 
Korrekturen des Kapuziners und des feinen Bibliothekars überhörte 
er hart und verächtlich; er hatte, der Fürst, nur mit der Fürstin zu tun. 
Er schalt Manie Auguste, sie sei übel beraten und es stehe ihrer 
Dignität nicht an, Remchingen, den schlechten, landesverräterischen 
Mann, zu verteidigen. In allen kleinen Etikettefragen, die sie groß 
und wichtig vorgebracht hatte, versprach er ungesäumte Abhilfe, um 
so fester bestand er auf allem politisch wirklich Wichtigen. Der 
Kapuziner und der Bibliothekar rangen die Hände, wie die Herzogin 
triumphierend diese kleinen Konzessionen einstrich, um dem 
schlauen, groben Usurpator dafür alles Wesentliche preiszugeben. 
Der Herzog kam erstaunt und befriedigt zu der Überzeugung, Marie 
Auguste sei gar keine große Babel, sondern eine Gans, und die 
Herzogin nahm erstaunt und befriedigt wahr, Karl Rudolf war 
eigentlich gar kein stiernackiger, bäurisch zäher Usurpator, sondern 
schlechthin ein Esel. Auf Grund solcher Erkenntnis trennten sich die 
beiden fast mit einem gewissen überlegenen und verächtlichen 
Wohlwollen. 

Es kam natürlich auch späterhin noch zu zahlreichen kleinen 
Streitereien. Doch der Herzog- Administrator war durch diese einzige 
Entrevue sich hinreichend klar geworden über die einzuschlagende 
Politik. Wollte er von Marie Auguste ein ernstliches Zugeständnis in 
Verwaltungsfragen erreichen, so kränkte er sie in Dingen der 
Etikette. Stritt ihr etwa einen Titel ab, schickte ihr einen 
Subalternoffizier statt des bisherigen Stabsoffiziers als Wache, 
schikanierte ihren Liebling, den feinen, modischen Bibliothekar. 
Reklamierte sie, so verlangte er mit Erfolg als Kompensation für die 
Abstellung solcher Misslichkeit Konzessionen in politischen Fragen. 
Zu einem ernsthaften Streit kam es anlässlich der Vorbereitungen zu 
Karl Alexanders Leichenbegängnis. Marie Auguste freute sich durch 
zwei Monate darauf, bei diesem Anlass als die schönste und 
mondänste Witwe des Reichs, als die vielumstrittene große Fürstin, 
auf die Rom und die ganze katholische Welt ihre Hoffnung setzten, 
vor den Augen Europas zu paradieren. Allein der Herzog- 



344 



Administrator verbot als aufreizend die Ausübung katholischer Riten 
bei der Bestattung; die katholischen Fürsten und Herren drohten 
daraufhin der Feier fernzubleiben, Marie Auguste ärgerte sich krank 
und alt vor Wut. Der Kaiser musste durch persönliches 
Handschreiben Karl Rudolf zur Nachgiebigkeit bringen. Die 
Trauerfeier wurde dann auch mit ungeheurem Gepräng vollzogen. 
Die endlosen Reihen der Trauerwagen, Kerzenträger, Gugelmänner, 
die schwarze Gala der Fürsten und Herren, Beamten, Livree. Der 
stundenlange Aufmarsch der Truppen. Die Glocken, Reden, 
Gesänge, Ehrensalven für den Toten. Und viele tausend 
bewundernde, begehrliche, heiße Augen auf der wunderschönen 
Herzogin-Witwe. Dünnstielig und geschmeidig über dem weiten 
schwarzen Brokat des Rockes die Taille; unwahrscheinlich weiß und 
edel Gelenk und Hände aus den schwarzen Spitzen der Ärmel 
heraus; kein Schmuck außer Stern und Kreuz des päpstlichen Ordens 
und eine Kette von sechzehn erlesenen schwarzen Perlen. Der 
Witwenschleier so gesetzt, daß sein Schwarz stumpf blieb vor dem 
strahlenden Schwarz des Haares. Der kleine Eidechsenkopf, 
klarstirnig, von der Farbe alten edlen Marmors, äugte bei aller fernen 
Hoheit ziervoll und begierdenerweckend. So sonnte sich Marie 
Auguste in Trauer und großem Glanz. Es war übrigens ein leerer 
Prunksarg, für den die Glocken läuteten, die Reden klangen, die 
Gesänge feierlich hochstiegen, die Salven der Geschütze krachten. 
Der tote Karl Alexander war während des Streites seiner Witwe mit 
dem Herzog- Vormünder trotz der Balsamierungskünste seiner Ärzte 
so zerwest und stinkend geworden, daß man ihn lange vor der 
offiziellen Trauerfeier in aller Stille in der neuen Gruft von 
Ludwigsburg hatte beisetzen müssen. 

Die Diplomaten und Militärs, die in Ludwigsburg vom Tod Karl 
Alexanders überrascht worden waren, blieben zunächst sehr still und 
abwartend. In der Person des verhafteten Süß hatten sie für alle Fälle 
einen Beweis ihrer staatstreuen Gesinnung. Schon nach wenigen 
Tagen war auch den Schwerfälligen klar, daß die Verfassungspartei 
selbstverständliche Siegerin bleiben musste, und daß an Militär- 
revolte und katholisches Projekt nicht mehr zu denken war. Sie 
stellten sich also auf den Boden der Tatsachen. Sie hatten an gewalt- 
samen Umsturz nie gedacht, alle ihre Maßnahmen waren natürlich 
immer im Rahmen der Verfassung und unter Voraussetzung 
parlamentarischer Billigung geplant gewesen. Es gab einen einzigen 
Verbrecher und Gewaltmenschen, Urheber alles Schlechten, Hebel 



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aUen Unheils, Ratgeber allen Übels, der den guten Fürsten verleitet 
und alle seine edlen Pläne ins Gegenteil verkehrt hatte, 
Landverderber und Schelm und Schurken, einen einzigen, den Juden. 
Und wie rein und staatstreu man sich selber fühlte, erhellte daraus, 
daß man den Juden nicht hatte entwischen lassen, daß man ihn 
sogleich gepackt hatte. 

Nun war ja die Verhaftung des Süß eigentlich sehr einfach 
gewesen und nicht gerade sehr glorios und dem Prestige der Herren 
förderlich. Man musste also die simple Manier, wie man in 
Ludwigsburg seiner habhaft geworden, ein weniges ausstaffieren und 
nobler und romantischer machen. Durch Stuttgart ließ man das 
Gerücht wispern, schon ward es lauter, war Gewissheit, Süß habe 
sich gleich nach dem Tode des Herzogs aus Ludwigsburg 
fortgestohlen, sich in die Hauptstadt in sein Haus geschlichen, sich 
dort verborgen gehalten, schließlich unter Mitnahme von Preziosen 
und belastenden Papieren ins Ausland zu fliehen versucht. Aber die 
braven Offiziere, voran der wackere Major Röder, der Biedermann 
und gute Protestant, den die ganze Stadt liebte und ehrte, hatten 
Aufenthalt und Flucht des Kujonen gerade noch rechtzeitig 
ausgespäht. Man erzählte genaue Einzelheiten. Süß habe sich durch 
die Weinberge geschlichen, sei auf der hintern Kriegsbergstraße 
schon eine gute Strecke weit entkommen. Da aber hatte der Major 
Röder seine besten Stadtreiter genommen - sogar die Namen wusste 
man, Guckenberger, Trefts, Weis, Mann, Meier - und so zu sechsen 
seien sie ihm nachgebraust. Auf der Kornwestheimer Höhe hätten sie 
den Flüchtling eingeholt. Mit gespannter Pistole habe der wackere 
Röder ihm sein Halt! entgegen, gedonnert. Nichts habe dem Juden 
seine Unverschämtheit, sein Geschrei und seine Drohungen 
geholfen. Die wackeren Stadtreiter hätten seinen Wagen gewendet, 
und jetzt, jetzt gleich werden sie ihn über die Galgensteige durch das 
Ludwigsburger Tor einbringen. Eine festlich grölende Menge 
erwartete die Kutsche mit dem Häftling. Derbe Witze, frohe 
Erregung, Lausbuben hoch auf den Bäumen, auf den Vorsprüngen 
des Tors. In dem Wirtshaus zum Grünen Baum, hart am Tor, saß mit 
anderen wohlhabenden Bürgersöhnen der junge Langefass, ein 
aufgeräumter, fetter Bursch, sehr blond, rotes Gesicht mit blauen. 
Meinen Augen. Der bewirtete seine Kumpane mit altem Uhlbacher, 
scherzte lärmend mit den Mädchen, es war eine lustige Gesellschaft, 
angeregt wie beim letzten Karneval. Als endlich unter gellendem 
Geschrei die Kutsche mit Süß das Tor passierte, von Röder und 



346 



seinen Reitern eskortiert, stürzten sich etliche vom Tisch des jungen 
Langefass auf den Wagen, rissen den Gefangenen heraus, stauchten 
ihn hin und her, pufften ihn, schlugen ihn, stießen ihn, zerrten ihn. 
Der junge Langefass ließ derweilen den Major Röder hochleben, der 
nahm das Glas an, tat schmunzelnd Bescheid, während das Volk den 
Juden verprügelte. Süß benahm sich übrigens keineswegs geduckt 
und ängstlich, er hieb kräftig zurück, einem Knirps, der sich in seine 
Wade verbiss, gab er eine Maulschelle, daß der Junge unter die 
Beine der Nachdrängenden kollerte; auch erwiderte er kräftig die 
Hüche und Beschimpfungen seiner Angreifer. Es war keine 
fanatische, sondern eine sachliche, saftige Rauferei. Aber schließlich 
wäre der Jude, trotzdem es dem Volk eine im Grund harmlose 
Angelegenheit war, aus purem Gaudium totgeschlagen worden, 
wenn nicht Stadtgrenadiere dazugekommen wären und ihn mit Hilfe 
der Stadtreiter dem Volk entrissen hätten. Erschöpft und atemlos 
hockte er im Wagen, zerrauft und zerrissen, voll Schmutz und Blut. 
Der junge Langefass, der ein Spaßvogel war und deshalb bei den 
Frauen sehr beliebt, hatte witzigerweise die Perücke aufgehoben, die 
dem Juden bei dem Geraufe entfallen war, und trug sie zum 
allgemeinen Ergötzen auf seinem Stöckchen voraus. So fuhr unter 
Kreischen und Jubel Süß auf den Markt in das Herrenhaus. Da dieser 
ihm entzogen war, fing sich der Pöbel unter Anleitung des jungen 
Herrn Langefass die anderen Juden zusammen und trieb seine 
Kurzweil mit ihnen. Besonderen Spaß machte es, einem alten Juden, 
der sich verzweifelt wehrte, das grauweiße Haar und den Bart 
auszurupfen, wobei Langefass unter dröhnendem Beifall etliches 
Witzige über Läuse von sich gab. Ein junges, zitterndes, nicht 
hübsches Mädchen, eine gewisse Jentel Hirsch, wurde unter vielem 
Gewieher nackt ausgezogen und nach Flöhen abgesucht. Alle 
Stuttgarter Juden, vom Greis zum Säugling, wurden auf solche Art 
von dem geschäftigen Pöbel zusammengefangen und unter einer 
riesigen Eskorte von Straßenjungen, unter Stein- und Kotwürfen, 
dem Stadtvogt überstellt. Zwei Prager Juden kamen just während 
dieser Vorgänge mit Eilpost an, um mit dem allvermögenden 
Finanzdirektor gewisse Bankgeschäfte zu regeln. Sie waren nicht 
sehr vertraut mit schwäbischer Politik, sie hatten insbesondere keine 
Ahnung, wieso das katholische Projekt mit ihren 
Landbankgeschäften zusammenhing; sie wussten nur, daß Süß der 
mächtigste Jud Europas war und daß die Judenheit Württembergs 
besonderen Schutz genoss. So mehr waren sie erstaunt, als sie, kaum 



347 



dem Postwagen entstiegen, gepackt, geschüttelt, geprügelt, in 
Verhaft gebracht wurden, und als sie hörten, in welchen 
jämmerlichen Zustand der großmächtige Finanzdirektor gestürzt 
war. Es kamen übrigens bei diesen Verfolgungen verschiedene Juden 
ums Leben, darunter drei Frankfurter Schutzjuden, weshalb die freie 
Reichsstadt bei der württembergischen Regierung energische Klage 
führte. Der Herzog-Administrator sagte denn auch: Pflicht! 
Autorität! Gerechtigkeit! und setzte drei von den Schuldigen für 
zwei Tage auf die Wache. 

Ein rascher Poet brachte die Gefangennahme des Süß in 
eingängige Reime. Bald flog seine Dichtung durch Stuttgart und 
durchs ganze Land; insbesondere zwei Verse wurden allenthalben 
zitiert und prägten sich jung und alt fürs Leben ein: ,JZ)a sprach der 
Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder!" Die Popularität des 
Majors Röder hatte überhaupt durch die umsichtige Art, wie er die 
Hucht des arglistigen und gottlosen hebräischen Landverderbers 
verhindert hatte, womöglich noch zugenommen, und wo er mit 
seinem harten Mund, seiner niederen Stirn, seiner knarrenden 
Stimme auftauchte, brachten ihm begeisterte Bürger Ovationen. 
Am Tage, an dem Süß nach Stuttgart eingebracht wurde, versuchte 
man auch sein Palais in der Seestraße zu stürmen und zu plündern. 
Führerin bei diesem Unternehmen war die Sophie Fischerin, die 
Tochter des Expeditionsrats, frühere Mätresse des Süß. Die träge, 
schöne, üppige Person hatte sich seltsam verändert. Sie schrie, 
glühte, arbeitete sich ab, dicke, blonde Strähnen zottelten ihr. 
Schweiß troff ihr übers Gesicht. Die Häuser der anderen Juden 
waren schutzlos geblieben, und manches gute Stück Hausrat, auch 
Schmuck und bares Geld, kam bei diesem Anlass unter die Leute. 
Das Haus des Süß hingegen war durch ein starkes Militäraufgebot 
geschützt. Nicklas Pfäffle hatte rechtzeitig Vorsorge getroffen. Noch 
ein anderer hatte sich kräftig und mit Erfolg um den Schutz des 
Hauses bemüht, Dom Bartelemi Pancorbo. Als Regierungs- 
kommissar erschien er mit Polizei und Militär und beschlagnahmte 
Haus und Habe. Geleitet von Nicklas Pfäffle schlurrte er langsam 
durch die weiten, glänzenden, sehr geordneten Räume, äugte aus 
entfleischtem, blaurotem Kopf in alle Winkel. Verächtlich ging er 
vorbei an edlen Teppichen, Möbeln, Bildern, Nippes. Gerade von 
den kostbaren Steinen, nach denen sein Herz und seine Finger 
hungerten, war nichts da. Behutsam und misstrauisch forschte er 
Nicklas Pfäffle aus; unbewegt, phlegmatisch antwortete der blasse. 



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fette Mensch. Der Portugiese wurde drohend, aber seine modrige 
Stimme glitt wirkungslos ab an dem Gleichmut des Sekretärs. 
Schließlich verhaftete man Nicklas Pfäffle, forschte ihn peinlich aus, 
durchschnüffelte seine Korrespondenz. Man fand nichts und musste 
den langsamen, schweigsamen, unbewegten Burschen bald wieder 
freilassen. 

Süß würde zunächst auf die Festung Hohenneuffen gebracht und 
dort nicht schlecht gehalten. Er wurde auf eigene Kosten reichlich 
und nach seinem Geschmack verpflegt, durfte Besuch empfangen, 
sich nach Belieben Garderobe und Hausrat bringen lassen. Er machte 
von diesen Freiheiten nicht übermäßigen Gebrauch. Er war gern und 
viel allein. Dann ging er wohl auf und ab, vergnügt, schmunzelnd 
fast, unmelodisch vor sich hinbrummend, den Kopf geruhsam listig 
hin und her wiegend wie ein alter Kaftanjude. Ei, wie war es gut und 
lieblich, in Ruhe zu sein und zuzuschauen. Rings um ihn zappelten 
sie sich ab. Die einen zappelten sich ab, um ihn möglichst tief zu 
ducken und einzutauchen, er selber zappelte, um ihnen zu 
entwischen, wieder an die Luft zu kommen. Hoho! Mochten sie 
zupacken, mochten sie ihn fangen! Die Narren die! Sie wussten 
nicht, daß das gar nicht er selber war, der da zappelte, den sie 
haschen wollten. Daß das der alte Süß war, der törichte, unwissende 
Süß, der noch nicht gelernt und erkannt hatte. Der wirkliche Süß, der 
neue Süß, hoho! - er lachte in einem wilden, hohnvollen Behagen - 
der war jenseits aller Lebenszappelei, den fing kein Herzog, kein 
Kaiser, kein Gericht. 

So hatte es die Kommission nicht eben leicht, die konstituiert 
war, um die vielen arglistigen, gottlosen, landesverderblichen 
Gewalttaten und Streiche zu untersuchen, die Josef Süß 
Oppenheimer, Jud und gewester Finanzienrat, mit seinen Genossen 
verübt hatte. Es war eine gewichtige Untersuchungskommission. An 
ihrer Spitze stand der Geheimrat von Gaisberg, Bruder des Generals, 
ein im Grunde träger Mann, der allen Dingen mit einer gewissen 
jovialen Barschheit beizukommen suchte; Beisitzer waren der 
Geheimrat von Pflug, ein hagerer, bitterer, hochmütiger Herr, 
angefüllt von Haß und Ekel gegen die Juden, die Professoren 
Harpprecht und Schöpf, die Regierungsräte Faber, Dann, Renz, 
Jäger, strebsame, karrierebeflissene Beamte in mittleren Jahren; 
Sekretäre waren der Assessor Bardili und der Aktuarius Gabler. Es 
bestand für diese Kommission kein Zweifel, daß Süß eine ganze 
Reihe todeswürdiger Verbrechen begangen hatte. Aber es zeigte sich 



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bald, daß man ihm streng juristisch wenig anhaben konnte. Die 
Hauptschwierigkeit, ihn nach den Gesetzen zu verarteilen, lag darin, 
daß er nicht vereidigter Beamter, ja nicht einmal Staatsuntertan war. 
Er hatte lediglich unter dem Titel eines Geheimen Finanzienrates 
völlig als Privatperson dem Herzog Ratschläge erteilt. Wenn die 
vereidigten Minister und Räte diese verderberischen Projekte 
ausführten, so waren sie die Hjchverräter, nicht er. So verzettelte 
sich die Untersuchung in der Prüfung von tausend Einzelheiten, aus 
denen man die Möglichkeit der Verurteilung zu konstruieren suchte. 
Man verzögerte die Inquisition, schleppte sie endlos hin. Warum 
auch sollten die Richter Eile haben? Man fühlte sich so angenehm 
wichtig in dieser Untersuchungskommission. Alle Bekannten fragten 
einen: „Nun, was habt ihr wieder Neues aus dem Juden 
herausgekriegt?" Es waren gewissermaßen die Augen des ganzen 
schwäbischen Kreises auf einen gerichtet. Dann war auch die 
Teilnahme an der Kommission mit sehr hohen Extrabezügen 
verbunden, die natürlich aus dem beschlagnahmten Vermögen des 
Angeklagten bezahlt wurden. Vor allem den strebsamen Beamten in 
mittleren Jahren kamen diese Sondereinnahmen sehr gelegen. Die 
Herren verhörten Süß bald einzeln, bald in korporativen Sitzungen. 
Man inquirierte auf Münzverbrechen, Majestäts verbrechen, 
Hochverrat. Der biedere, streng rechtliche Professor Harpprecht, 
überzeugt, daß Süß ein Schuft, aber im Sinn des Gesetzes nicht 
schuldig sei, angewidert von dem Bestreben, den Juden haftbar zu 
machen für Verbrechen, für die andere rechtlich einzustehen hatten, 
zog sich bald zurück, beschränkte sich darauf, die Akten zu 
begutachten; sein Kollege, der Professor Schöpf, folgte ihm. Der 
Präsident der Kommission, der Geheimrat Gaisberg, kam allein zu 
Süß, haute ihm auf die Schulter, sagte in seiner barschen, jovialen 
Art: „Was macht Er uns und sich das Leben sauer, Jud? Daß Er auf 
dem Schinderkarren muß zur Hölle fahren, ist sicher. Nehm Er nicht 
zu viel Gepäck mit! Leg Er ein anständiges Geständnis ab!" Süß 
lächelte, ging auf seinen Ton ein, meinte schließlich, höher als der 
Galgen sei, könnten sie ihn doch nicht hängen. Er spielte mit dem 
plumpen, gemütlichen Grobian, warf ihm Dinge hin, daß der schon 
glaubte zupacken zu können, entzog sich ihm wieder, höflich 
lächelnd, ließ ihn mit langhängender Zunge stehen. Auch die 
anderen versuchten, jeder für sich, ihr Glück an dem geschmeidigen 
Sünder. Sie besuchten ihn immer wieder, beschlichen ihn, redeten 
ihm gut zu, bedrohten ihn. Süß, aus seiner jenseitigen Sicherheit 



350 



heraus, trieb ein fast sportliches Spiel mit ihnen, voll mildspöttischer, 
kopfwiegender Überlegenheit. Wie aus einem andern Erdteil, wie 
aus einem späteren Säkulum schaute er seinem Prozess zu, amüsierte 
sich still über die Herren, ihre Besonderheiten, ihre Kniffe und 
Listen, ihn zu fangen. Die Armen! Wie sie sich abmühten, jagten, 
schwitzten! Wie sie schnüffelten, hetzten, besessen auf den Weg 
stierten, von dem sie glaubten, er führe hinauf. Karriere! Karriere! 
Und wie neugierig sie alle waren, und wie ganz fem und ohne einen 
Schimmer Lichtes sie ihn beschauten, wie ohne Gefühl sie ihn 
betasteten, ohne Witterung ihn berochen. Dabei war der eine oder 
andere guten Willens, gewann im Lauf der langen Untersuchung 
sogar ein gewisses Wohlwollen für den Mann, der sicher ein 
Spitzbub, aber mit seinem behenden Witz, seiner scharfen 
Geistigkeit etwas sehr Ungewohntes, Aufrüttelndes war. Mit fast 
zärtlichem Spott sah Süß, wie sogar die beiden Sekretäre kamen, 
jung, dumm, schlau, streberisch, ihr Glück und ihre Geschicklichkeit 
an ihm zu versuchen. Die Armen, Stumpfherzigen! Süß ließ sie an 
sich heraufklettem wie junge Hunde und streifte sie dann sanft und 
lässig wieder ab. Alle waren diese Männer mäßig begabt. Mäßig 
begabt von Haus aus war auch der Geheimrat Johann Christoph 
Pflug, der Treiber und Hebel der Untersuchungskommission. Doch 
ihm schärfte Judenhass den Witz, machte ihn spürsinnig. Wäre der 
ehemalige Süß in der Zelle gewesen, es hätte ihm die Seele 
zerfressen, wieviel tausend Nuancen der hagere, scharfe, bittere Herr 
erfand, ihn Ekel und Verachtung spüren zu lassen. Herr von Pflug 
atmete nur mit Überwindung den Dunstkreis des Juden, er fühlte 
leiblichen Widerwillen, Übelkeit, wenn er die Zelle betrat. Aber er 
hielt es für seine Pflicht, diesen Verkommenen, diesen schlechtesten 
der Menschen immer neu zu demütigen, seine Menschenwürde zu 
zerfetzen, in der Schmach dieses Halunken herumzustochern. Dass 
ihm dies nicht gelang, machte ihn elend, erschöpft verließ er die 
Zelle, um doch immer wiederzukommen. Süß schaute ihm höhnisch 
und mit Erbarmnis zu. Hätte der adelsstolze Herr erfahren, daß der 
verworfene Jud und Lump den Heydersdorff zum Vater hatte, den 
Feldmarschall und Baron, seine ganze Welt wäre zusammengestürzt. 

Kein Advokat gab sich freiwillig dazu her, die Sache des Juden 
zu führen. Seine Verurteilung stand fest. Man gefährdete bei 
solchem Handel höchstens das eigene Weiterkommen. So musste das 
Gericht dem Angeklagten einen Verteidiger stellen. Die Kommission 
dotierte dieses Amt sehr reich, immer aus dem konfiszierten 



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Vermögen des Finanzdirektors, und betraute damit einen Mann aus 
den herrschenden Parlamentarierfamilien, den Hofgerichtsadvokaten 
Lizentiaten Michael Andreas Mögling. Der musste sich also nach 
Stuttgart setzen und die Verteidigungsschrift abfassen, wofür er 
ungewöhnlich hohe Diäten bezog. Man legte ihm nahe, er solle sich 
nicht anstrengen, alle Welt wusste, dass diese Verteidigungsaktion 
eine leere Geste war. Aber der Lizentiat Mögling, ein treuherziger 
Blonder mit rosigem, rundem, freundlich fettem Knabengesicht war 
ein redlicher Mensch, er ließ sich nichts schenken, nahm seine Sache 
verflucht ernst, lief, schwitzte, schrieb. Die Herren des 
Inquisitionsgerichts lächelten, wenn sie ihn sahen, der Jude selber 
lächelte. Man erschwerte dem guten Menschen seine Arbeit sehr. 
Wichtige Aktenstücke wurden ihm vorenthalten, die Protokolle der 
einzelnen Verhöre ihm geradezu verweigert. Während man sonst den 
Süß kaum hinderte, ungestört Besuche zu empfangen, wurde der 
arme Lizentiat sehr schikaniert, wenn er mit seinem Klienten 
schriftlich oder mündlich kommunizieren wollte. Er aber ließ es sich 
nicht anfechten, sondern tat redlich, beflissen und ohne Talent seine 
Advokatenpflicht. 

Süß war noch immer auf dem Hohenneuffen, gut gehalten. Um 
ihn herum waren die Herren des Inquisitionsgerichts, mästeten Leib 
und Seele und Geldbeutel an ihm. Er aber saß still und befriedet, in 
einer sonderbaren, wachen Rast, er saß wie in Watte, man konnte 
nicht heran an um. Dies nagte vor allem an dem hageren, bitteren 
Herrn von Pflug. Man kam nicht weiter, die Untersuchung stockte, 
dieser Jud und Auswurf mokierte sich über einen. Er bat Herrn von 
Gaisberg, eine Plenarsitzung einzuberufen, er habe einen Antrag zu 
stellen. Die zehn Mitglieder der Kommission versammelten sich, 
sahen erwartungsvoll auf Herrn von Pflug. Der stand kantig schmal, 
geiemäsig, dünnlippig, mit trocken gierigen, harten Augen. Sagte, 
man habe bisher immer nur auf Majestätsverbrechen, Hochverrat, 
Münzfälschung inquiriert; es sei an der Zeit, die todeswürdigen 
Verbrechen zu untersuchen, die der Jud auf anderem Gebiet 
begangen habe. Das Reichskriminalgesetz bestrafe mit dem Tod den 
fleischlichen Umgang eines Juden mit einer Christin. Es sei aber 
männiglich bekannt, auf welch säuische Art der Inquisit christliche 
Jungfrauen defloriert, vornehme Damen und geringe 
Frauenspersonen profitiert habe. Es sei an der Reihe, die 
Untersuchung auch auf diesen Punkt auszudehnen. 
Unbehaglich schwiegen die Herren. Das war eine kitzlige Sache. 



352 



Wenn man hier hineinstocherte, wo endete das? Wen alles konnte 
man nicht kompromittieren, wenn man diese Affäre anschnitt? Es 
war ja sehr reizvoll, Vorhänge und Bettlaken zu lüpfen, am Wann 
und Wo und Wie und Vorn und Hinten sich zu erlustieren; schon 
malte sich auf den Gesichtern einzelner Herren eine leicht genierte 
Lüsternheit. Aber das ganze Römische Reich in diesen Sumpf 
schauen zu lassen, solche Courage wollte gut überlegt sein. Wer 
auch mochte wissen, wie viele Familien dahinein verstrickt waren, 
mit wem allem man sich im Lauf solcher Untersuchung verfeinden 
konnte. Es war eine sehr kitzlige Affäre. Sehr ferne von solchen 
Erwägungen erwiderte endlich Johann Daniel Harpprecht, er sei 
nicht der Meinung, dass diese hohe Kommission genötigt sei, in 
diesen Dreck und Schweinerei ihre Nase zu stecken. Wohl sei es ein 
betrübtes Ding, dass so viele christliche Jungfern und Frauen sich 
dem Juden prostituiert hätten. Aber nur für die Fleischessünden des 
gewesten Finanzdirektors hätte gewiss weder der Herzog- 
Administrator noch das Kabinett noch das Parlament ein 
Sondergericht eingesetzt. Diese Vergehungen des Süß hätten Fürsten 
und Land nicht gefährdet. Auch sei jenes Kriminalgesetz, das auf die 
leibliche Vermischung von Jud und Christ den Tod setze, zwar nicht 
formaliter auf gehoben, aber seit zwei Jahrhunderten praktisch nicht 
angewandt und somit außer Schwang und Übung. Ferners gebe er zu 
bedenken, daß nach solchem Gesetz nicht etwa allein der Jud, 
sondern auch die betroffenen Christinnen Strafe des Verbrennens 
leiden müssten. Man möge also, eh dass man in dieser Richtung 
prozediere, sich die Konsequenzen gut überlegen. Mit kaltem 
Fanatismus entgegnete der Geheimrat Pflug, er brauche den weisen 
und strengen Herren nicht zu sagen, daß sie nicht bestellt seien, hier 
Politik zu treiben, sondern das strenge Recht zu suchen. Hier gelte es 
nicht staatsklug zu sein, sondern nur, ohne Ansehen der Person, 
gerecht. Die anderen hatten mittlerweile das Für und Gegen weiter 
überdacht. Sie sahen sich an, erspähten prüfend heimliche 
Hintergedanken, geheimes Einverständnis einer im andern. Dehnte 
man die Untersuchung auf die Bettsünden des Juden aus, ei, den Ruf 
und das Schicksal wie vieler Frauen, wie vieler Familien würde man 
in die Hand kriegen. Man kannte Namen, es waren große, 
weitverzweigte Familien. Jedenfalls bedeutete solche Ausdehnung 
der Untersuchung für den einzelnen ungeheuren Zuwachs an Macht, 
Wichtigkeit, Einfluss. Man hing wie eine blitzschwangere Wolke 
über dem Land, konnte nach Gutdünken treffen und verschonen. 



353 



Und wie viele Heimlichkeiten wird man zu hören kriegen, die man 
für den Augenblick gar nicht zu nutzen braucht, die man aber nach 
Gutdünken später verwerten kann. Wie ein spanisches 
Inquisitionsgericht war man mächtig und unheimlich, wie der 
verborgene Rat der Republik Venedig. Das zog an, das juckte, das 
lockte. Was wird man für verschlossene, vielsagende Gesichter 
machen können! Wie viele werden einen ängstlich demütig 
umschleichen, beklommen lauernd, ob man sie packen oder gnädig 
übersehen wird. Und wie viele pikante Details wird man erfahren, 
mit denen man einen Freund und Bruder, Frau oder Geliebte 
vertraulich erfreuen, später einem fröhlichen Zecherkreis Gaudium 
und Schall und Gelächter bieten kann. Ein leises Schmunzeln zog 
über das grob joviale Gesicht des Geheimrats Gaisberg, die jüngeren 
Herren ließen die Mienen schlaff werden und sich entspannen, 
senkten halb die Lider, blinzelten. Man beschloss nach dem 
Vorschlag des Herrn von Pflug. Süß wurde zuerst in einer 
Plenarsitzung über diesen Punkt vernommen. Die Professoren 
Schöpf und Harpprecht waren ferngeblieben. Süß war beleibter 
geworden, weniger straff, der Rücken runder. Sein Gesicht schien 
breiter, seine braunen Augen waren weniger gewölbt, langsamer, 
milder. In die Stime begannen sich über der Nasenwurzel Furchen 
einzuzacken. Seine Bewegungen waren sachter, es war eine milde 
und listige Ruhe um ihn. 

Als man ihn fragte, ob er fleischlichen Umgang mit Christinnen 
gehabt habe, schaute er die Richter zunächst verwundert an. Das 
Gesetz, das solchen Verkehr mit dem Tode bestrafte, war ihm nicht 
gegenwärtig, so außer Übung war es. Er hielt die Frage für 
höhnische Neugier, lediglich bestimmt, ihn auf irgendeine Art zu 
demütigen, wusste nicht, worauf man hinauswollte, schwieg. Der 
Geheimrat von Gaisberg drängte ungestüm weiter, er solle keine 
Faxen machen, sondern unverweilt die Menscher herzählen, mit 
denen er geschlafen habe. Der Jude sah die Herren aufmerksam an, 
glitt mit wägendem Blick von einem zum andern, sagte sachlich, 
ohne Spott, er vermöge durchaus nicht einzusehen, was das solle mit 
Hochverrat und Münzfälschung zu tun haben. Scharf fuhr ihn Herr 
von Pflug an, das sei ihre, der Richter, Sache, er möge seine jüdische 
Frechheit zähmen. 

Süß stand, wiegte den Kopf, überlegte. Da fiel ihm jener Artikel 
des Reichskriminalgesetzes ein, den man seit Jahrhunderten nicht 
ernst genommen, den man ihm vielleicht gelegentlich im Scherz 



354 



zitiert hatte. Was? Mit dieser alten, rostigen Kamevalswaffe wollte 
man ihn hinmetzgen, auf solche Narrenweise sollte er sterben? Mit 
einem war der alte, glänzende Süß wieder da. Er straffte sich, 
schickte rasche, fliegende Blicke über die Richter, sagte schlank, 
höhnisch: ,JZ)aß ich mit christlichen Frauen geschlafen hab, leugn ich 
nicht. Wenn die Herren mich darum wollen zum Tod verurteilen, 
mögen sie es. Das ganze Römische Reich wird lachen. Nicht über 
mich." Während die Empörten auf ihn losfuhren, über seine 
Frechheit keifend, grölend, durcheinanderschreiend, stand Süß kalt, 
unbewegt. Er sah seine Richter. Den Hass, die Lüsternheit, die 
Grausamkeit, die geblähte Eitelkeit. Das freche, kalte, erpresserische 
Spiel, das mit den Frauen getrieben werden sollte. Er sah die 
menschlichen Masken abfallen, die nackten Fratzen darunter, Wilfe 
und Säue. Doch ehe sein geballter Zorn ausbrach, hatte er ihn schon 
hinter sich, Erbarmnis überkam ihn mit den Armseligen, Bösartigen 
da vor ihm. Das alte, milde, listige Lächeln auf den Lippen, sagte er: 
,J)ie Namen nenne ich nicht. Da müssen sich die Herren die Damen 
schon selber zusammensuchen." 

Die Richter, sogar die gutmütigeren und bisher wohlwollenden, 
ärgerten sich über ihn bis zur Erbitterung. Daß der Jude vielleicht aus 
Rücksicht auf die Frauen die Namen verschweigen könnte, den 
Gedanken ließen sie nicht hochkommen in sich selber. Denn es war 
doch ausgeschlossen, daß sie, die hochmögenden Herren, weniger 
kavaliersmäßig sein sollten als ein Jud, daß der Jude nobler sein 
sollte als etwa ein württembergischer Geheimrat. Nein, es war pure 
Bosheit und Verstocktheit von dem Halunken, eine Art jüdischen 
Geizes, daß er sie, die ein verbrieftes Recht darauf hatten, nicht an 
seinen Bettfreuden teilhaben lassen, ihnen die Namen verbergen 
wollte. Man hatte es sich schon so fein ausgemalt, die Sensation, den 
Kitzel, alles Drum und Dran, und nun wollte er es einem aus purer 
Bosheit verhunzen. Aber man wird den Kujonen kleinkriegen, wird 
dem Saujuden Respekt beibringen vor einem schwäbischen 
Gerichtshof. 

Man hielt ihn härter, brachte ihn aus der Botmäßigkeit des 
freundlichen Kommandanten von Hohenneuffen. Überführte ihn in 
strenge Haft auf den Asperg. Hier regierte der Major Glaser, ein 
pedantischer Mann, dessen Atem Disziplin war. Süß wurde in ein 
enges, feuchtes Loch gesperrt. Der Tag war hier nicht viel anders als 
die Nacht, die Kleider stanken in der nassen, modrigen Luft, faulten 
am Leib. Er erhielt keine Lagerstatt, der Boden war nackt, kalt. 



355 



bucklig, nass. Er wurde auf Wasser und Brot gesetzt, durch viele 
Stunden kreuzweis geschlossen. Dicke Ratten trippelten widrig über 
seinen verrenkten Leib, und er konnte ihnen nicht wehren. 
Sein kastanienbraunes Haar verfärbte sich, seine weiche, 
geschmeidige Haut runzelte sich fahl, und graue, hässliche Stoppeln 
wuchsen aus den früher so straffen, glatten Wangen. Er ließ wohl 
seinen Wärtern gegenüber viele böse Worte von sich fließen, Flüche 
und Verwünschungen, wehrte sich auch körperlich, wenn man ihn 
krumm schloss. Doch wenn er allein saß, hungernd, die Glieder in 
Tortur verzerrt, hustend, frierend, dann sahen die Wärter, die durch 
den Türspalt lauerten, ihn manchmal sonderbar zufrieden den Kopf 
wiegen, sie hörten wohl auch, wie er vor sich hinsprach, mit 
hässlicher Stimme vor sich hinsummte. Manchmal schien es, als 
spräche er mit einem zweiten, er nickte jemandem zu, wartete 
Antworten ab, gab Gegenrede. Es war aber niemand in der Zelle 
außer den Ratten. Die Wärter stießen sich an, grinsten, pruschten 
heraus, fingen an, ihn für gestört und irrsinnig zu halten. Er war aber 
durchaus nicht irrsinnig. Es war dies. Er hatte Stunden so voll Ruhe, 
daß er jenseits des Hungers war und jenseits des Frostes und jenseits 
der ziehenden, zerrenden Schmerzen des gewaltsam verrenkten 
Körpers. Dann verwandelte sich ihm wohl das Rascheln der Ratten 
sogar in eine kleine, liebliche Stimme, und er sprach und erhielt 
Antwort und konnte gut lächeln. Ein zäher Kampf begann zwischen 
ihm und dem Major Glaser. Dem Major hatte man gesagt, es komme 
alles darauf an, den Juden zum Bekenntnis der Weiber zu bringen, 
mit denen er Umgang gehabt; dann könne man ihn gebührend 
hinrichten, diese Wanze vor aller Augen zerquetschen. Der Major 
verhörte also den Juden täglich zwischen neun und zehn Uhr. Süß 
gestand zu, hohe und niedere Damen profitiert zu haben. Der Major 
sagte, das genüge nicht, er müsse Namen haben. Süß: er als Offizier 
müsse doch verstehen, daß er die Namen nicht und nie nennen 
werde. Der Major: was einem christlichen Offizier anstehe, zieme 
sich nicht für einen stinkigen Juden, und behandelte den Verstockten 
immer härter. Süß legte es durchaus nicht darauf an, heroisch zu 
erscheinen. Er hatte nach Perioden lächelnder Resignation 
Wutanfälle und Depressionen. Es überkam ihn etwa solcher Ekel vor 
seinen übelriechenden, modrigen Kleidern, daß er sie abwarf, nackt 
herumlief; der Kommandant ließ ihm die Kleider mit Gewalt wieder 
anlegen. Der Major referierte über jede Regung des Gefangenen 
pedantisch genau an Herrn von Pflug mit einer erbitterten 



356 



Sachlichkeit. Berichtete, weilen der Hebräer, die Bestie, von dem 
Wärter Hofmann Gift nicht habe erhalten können, habe er, sie für 
giftig ästimierend, sich die Nägel abgebissen und die Nägelabstöße 
verschluckt. Hätten alle weidlich gelacht über den Blödkopf. Oder, 
seit vier Tagen habe der Hebräer, die Bestie, nicht eines Kreuzers 
wert genossen und ihn in Sorge gestellt, er möchte liegenbleiben und 
krepieren. Heute speise er wieder, so daß er also wieder Hoffnung 
habe, ihn lebendig zum Galgen schicken zu können. 
In arger Schwäche klagte Süß wohl auch, ob man denn nicht genug 
an seinem Vermögen habe, sondern ihn dazu auf so ruchlose Art ums 
Leben bringen wolle. Ein andermal meinte er listig, man könne ihm 
ja gar nichts anhaben, das alles sei eine stupide Farce, er wette 
fünfzigtausend Gulden, daß er nun bald frei werde. Einmal auch, 
unter johlender, schenkelschlagender Heiterkeit seiner Wärter, befahl 
er, drohte, tobte, man solle ihn sofort freilassen, das sei sein gutes 
Recht, er müsse nach Stuttgart, um nach seiner Haushaltung zu 
sehen. 

Dann wieder kamen Wochen, in denen Süß still und befriedet 
war, in der Einsamkeit seiner Zelle zu den nassen Wänden und der 
modrigen Luft sprach. Er sah seinen Vater, sehr leibhaft. Er stand in 
der Zelle, im Habit des Kapuziners, die schlanke, elegante Gestalt 
verfettet und verfallen, aber mit stillen, friedlichen Augen. Und er 
sprach mit ihm und sie waren sehr einig und er ging Arm in Arm mit 
ihm, der gestürzte Marschall und der gestürzte Minister, der 
Bettelmönch und der gefolterte Häftling in seinen stinkenden 
Lumpen, und sie lächelten sich zu und sie gingen in gutem Gefühl 
auf und ab in dem engen, feuchten Geviert und die Ratten raschelten 
über ihre Füße. 

Die Herren von der Kommission untersuchten indessen weiter, 
stetig und sehr langsam, und bezogen ungeheure Diäten. 
Marie Auguste, die Herzogin- Witwe, hatte solche Lust an politischer 
Kabale gewonnen, daß sie sogar ihre Toilette der Politik 
hintanstellte. Geleitet von ihrem Beichtiger, dem Pater Florian, und 
dem Bibliothekar Franz Joseph Hophan, saß sie als Anlaß unzähliger 
Komplikationen, Ränke, Intrigen ziervoll und kokett im Stuttgarter 
Schloss oder auf ihrem hübschen Witwensitz Teinach und machte 
Karl Rudolf Schwierigkeiten. Der junge, katzenhaft sanfte, 
literarische, modisch gekleidete Bibliothekar entwarf, an seinem 
Schreibtisch phantasierend, die Projekte, der zähere Pater Florian, 
der Kapuziner, suchte sie auszuführen, und Marie Auguste griff 



357 



überall mit blinder, liebenswürdiger Geschäftigkeit störend ein. Der 
geschweifte, geschnörkelte, feine Bibliothekar ging auf in seliger, 
wortreicher Bewunderung der Herzogin, er verglich sie in zahllosen, 
modischen Gedichten mit allem Schönen zwischen Himmel und 
Erde. Sie badete wohlgefällig in seiner beredten und eleganten 
Anbetung, ja, sie nahm allmählich viel von seinem Vokabular und 
seinen Gesten an. 

Den kargen, sachlichen, soldatischen Herzog-Administrator 
behinderte es, dass er immer wieder Zeit verlieren musste, um ihre 
albernen Gespinste zu durchhauen. Er beschloss, sich dieser lästigen 
Kabalemacherin ein für allemal zu entledigen. Überall im Land 
tauchte plötzlich das Gerücht auf, die Herzog in- Witwe wolle nun 
doch mit Gewalt die Projekte ihres glücklich beseitigten Gatten 
durchführen, sie habe schon Anstalt gemacht, die Teinacher Kirche 
zum katholischen Gottesdienst einzurichten. Das Perfide lag darin, 
dass die Herzogin zwar tausend andere Händel angezettelt hatte, dass 
aber just an dieser Sache kein wahres Wort war. Es war klotzige 
Ironie, sie gerade darüber zu Fall zu bringen. Das Volk jedenfalls 
glaubte die Gerüchte. Wilde Reden, fliegende Blätter, auf der Straße, 
wenn sie vorüberfuhr. Stummheit, freche Verweigerung des Grußes. 
Als die Polizei einschritt, etliche, die den Gruß unterließen, 
verhaftete, wurden, wenn die Kutsche der Herzogin erschien, die 
Straßen leer, eilig verschwand alles in den Häusern, in den 
Nebengassen, um nicht grüßen zu müssen. Marie Auguste ertrug das 
nicht, Pater Florian und der feine Bibliothekar streuten große 
Summen aus, ihre Straße mit Hochrufem zu bepflanzen. Aber sie 
merkte, dass die Huldigung gekauft war, und litt doppelt. Pater 
Florian musste an den Herzog-Administrator schreiben, die weiße 
Unschuld Marie Augustens vornehmlich in dem Teinacher Handel 
entrüstet betonen, die freche Ungebühr der aufgehetzten 
Bevölkerung mit scharfen Worten brandmarken, Abhilfe heftig und 
hochfahrend verlangen. Karl Rudolf erwiderte nicht. Marie Auguste, 
schäumend, ging zu ihm. Er sagte, er könne den Untertanen 
befehlen, nicht ungebührlich gegen die Herzogin zu sein, doch er 
könne sie nicht zwingen, ihr Liebe und Freude zu bezeigen: Er gebe 
Ihrer Durchlaucht den kollegialen Rat, sich ähnlich zu führen wie er, 
dann würden sie die Untertanen ohne weitere Ordre und sicherlich 
auch ohne Gage mit geziemender Huldigung begrüßen. Nach dieser 
Demütigung beschloss die Herzogin, das dumme, undankbare 
Schwaben zu verlassen, in Brüssel, Regensburg, Wien Hof zu halten 



358 



und schmollend, ein weiblicher Koriolan, abzuwarten, bis man sie 
zurückrufe. Sie verabschiedete sich von Magdalen Sibylle. Die 
Expeditionsrätin Magdalen Sibylle Riegerin saß ernsthaft und 
hausbacken vor der ziervollen, beweglich züngelnden, äugenden 
Herzogin, die, angeregt von der bevorstehenden Abreise, sich 
doppelt jung und spitzbübisch launisch gab. Magdalen Sibylle saß 
breit und mächtig da, sie trug ein Kind, einen kleinen Rieger. Sie 
hatte der Freundin ein pedantisches, hölzern ehrliches 
Abschiedskarmen mitgebracht, Marie Auguste hörte es mit 
gebührender Rührung und Dankbarkeit an. Dann jedoch, froh, das 
notwendige Gravitätische hinter sich zu haben, begann sie sich über 
die tölpischen, klotzigen Schwaben zu mokieren, die sie nun, Gott 
sei Dank, bald im Rücken haben wird; über den schiefen, schäbigen, 
eselhaften Karl Rudolf, über Johann Jaakob Moser, den feuervollen, 
komischen Rhetor, über alle die grobe, ungehobelte Populace. Nur 
eines bedauerte sie: dass sie den treuen, guten, kräftigen Remchingen 
in Haft musste auf dem Asperg sitzen lassen. Und, ach! auch ihren 
netten, amüsanten, galanten Hausjuden. Den quälten sie und 
schlössen sie krumm, und sie, Marie Auguste, konnte gar nichts für 
ihn tun. Denn - und sie setzte ihr wichtigstes Gesicht auf - das hätte 
sie unpopulär gemacht und das hatte ihr lieber Bibliothekar aus 
politischen Gründen nie erlaubt. Nun hatte ja wahrscheinlich der Jud 
Kinder geschlachtet und weiß der Himmel was für schwarze Kunst 
getrieben. Aber er war ein galanter, gut gewachsener Mann und 
sicher der amüsanteste in diesem ennuyanten Stuttgart, und es war 
jedenfalls ein Jammer, dass diese plumpen Bestien ihn torturierten 
und verunstalteten. „Helas, helas!" machte sie mit gespitzten Lippen, 
wie es ihr feiner Bibliothekar zu tun pflegte. Eine halbe Minute war 
Schweigen zwischen den Frauen. Beide dachten an Süß. Marie 
Auguste sah seine heißen, fliegenden Augen, die dringliche 
Ergebenheit seiner Mienen, seiner Haltung, seine einfühlende, 
kitzelnde, freche Galanterie. Und sie dehnte sich leicht und lächelte 
angenehm überrieselt. Magdalen Sibylle saß ganz still, die großen, 
schönen, fraulichen Hände im Schoß. Im Wald von Hirsau war sie 
ihm begegnet, da war er der Teufel; dann in Stuttgart hatte er sie 
nicht genommen, sondern sie dem Tier hingeworfen, dem Herzog; 
dann hatte er jenen Traum vor sie hingebreitet von Macht und 
Rausch und sie genommen; dann war er fremd und anders und 
verkrustet geworden und war höflich zu ihr. Und jetzt saß er auf dem 
Asperg und sie quälten ihn und verrenkten ihm die Glieder. Sie aber 



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trug ein Kind, es wird wohl ein braves Kind werden, denn es stammt 
von einem braven Mann, der sie hemmungslos verehrt. Es wird groß 
werden in den friedlichen, behaglichen Räumen von Würtigheim und 
auf Wiesen mit gepflegtem Vieh und zwischen Obstbäumen. Auf 
dem Asperg wird es nie sitzen, und auch dem Teufel wird es wohl 
nie begegnen. Vielleicht wird es dafür Verse machen, brave, redliche 
Verse, die jedem eingehen und manchen tröstlich erheben. Aber dem 
Teufel wird es wohl nie begegnen. Marie Auguste unterbrach das 
erfüllte Schweigen. Daß sie es nicht vergesse, sagte sie mit einem 
kleinen, verschmitzten Lachein, sie habe ja ein Abschiedsgeschenk 
für ihre liebe Magdalen Sibylle, ihre Freundin und gute Vertraute, 
ein, wie sie hoffe, gut gewähltes und apartes Abschiedspräsent. 
„Cara mia!" sagte sie, "cara mia Maddalena Sibilla!" Es sei etwas für 
ihre schwere Stunde, flüsterte sie geheimnisvoll, rückte ganz nahe an 
sie heran, streichelte die große Frau. Ihr selber habe es geholfen. Daß 
es bei ihr so leicht gegangen sei und daß sie jung und ohne 
Entstellung geblieben sei, das danke sie nur dem, was sie jetzt ihrer 
lieben Freundin als Präsent verehren wolle. Sie selber, auch wenn sie 
nicht gerade die Intention habe, ins Kloster zu gehen, werde das 
Remedium ja kaum mehr benötigen. Und mit süßer, spitzbübischer, 
gekitzelter Geste zog sie das Amulett hervor, das Etui des Juden, der 
nun in feuchter, stinkender Zelle saß, kreuzweis geschlossen. Den 
Pergamentsschnipsel mit den roten, blockigen, hebräischen 
Buchstaben, mit den Namen der Engel Senoi, Sansenoi und 
Semangelof, den beunruhigend krausen Figuren dazwischen, den 
komisch und bedrohlich hockenden, primitiven Vögeln. Kichernd 
erzählte sie, wie sie das Etui von Süß bekommen habe, und die 
kleine, unanständige Geschichte von Lilith, der ersten Frau des 
Adam, der ihr beim fleischlichen Verkehr nicht so zu Willen war, 
wie es ihr gefiel. Magdalen Sibylle streckte die Hand nach dem 
Amulett, ließ sie wieder sinken, nahm es schließlich, unsicher, leicht 
übergruselt. 

Dann verließ Marie Auguste Stuttgart. Sie reiste mit großem 
Gefolg, in ihrer unmittelbaren Umgebung der Pater Florian und, in 
einem modischen Reisehabit, der sanfte Bibliothekar. In unendlich 
vielen Wagen war der Riesenapparat ihrer Garderobe 
vorausbefördert worden. Die Straße war gesäumt mit Gaffern. Man 
war, nun die Herzogin abzog, wohlwollend gestimmt, riss gutmütige 
Witze. Ihre Rendanten und Almoseniers hatten mit Douceurs nicht 
gespart, die Hochrufe klangen geradezu herzlich. Auch Johann 



360 



Jaakob Moser stand an ihrem Weg, in Begleitung seiner Frau. Er war 
gerührt. ,J)a zieht sie hin", sagte er zu seiner Frau. „Glaubt, sie 
werde der Versuchung nicht länger standhalten können. Flieht lieber 
aus dem Land. Großer Gott, wie dank ich dir, daß du mich hast stark 
und beherrscht sein lassen und mein Blut bezähmtest." Und er 
drückte fest die Hand seines Weibes. Als ihre Karosse fertig stand, 
erschien am Schlag schief, klein, schäbig der Herzog-Administrator, 
sich zu verabschieden. „Ich habe geglaubt", schmunzelte er 
insgeheim, ich müsste einen Teufel austreiben; aber jetzt gackert mir 
eine Gans aus dem Haus." Doch Marie Auguste dachte spöttisch 
überlegen: „Was da jetzt zurückbleibt, ist einander wert: Esel reibt 
sich an Esel." Und unter dem riesigen, schwarzen Hut nickte das 
zarte, pastellfarbene Gesicht mit liebenswürdigem Spott dem alten 
Soldaten zu, der den Schlag zuwarf, militärisch grüßte, ungewohnt 
höflich schmunzelte. 

Die Untersuchungskommission bekam aus Süß trotz aller Tortur 
nichts weiter heraus als ein allgemeines Geständnis, ja, er habe mit 
Christinnen verkehrt. So lud man denn Lakaien vor, Kammerzofen, 
befragte sie peinlich nach jedem winzigsten Detail. Etliche hatten 
durch Schlüssellöcher geguckt, andere Schreie, Kreischen, 
wollüstiges Gestöhn gehört. Das alles, wann, wo, wie lange, wurde 
gewogen, hin und her besprochen, zerkaut, in die Akten 
aufgenommen. Bettlaken, Hemden, Nachttöpfe wurden berochen, 
der Befund in den Protokollen erörtert. So kam man allmählich auf 
eine lange Liste von Frauen, hohen und niederen, ledigen und 
verheirateten. Alle wurden sie umständlich ohne Erlass des 
minutiösesten Details von den gierigen Richtern ausgeforscht, wann, 
wie oft, wie lange, welcher Art der Jude sie beschlafen habe. Das 
wurde dann verzeichnet, schwarz auf weiß, in dreifacher 
Ausfertigung, bestimmt, als Staatsurkunde im Archiv niedergelegt zu 
werden. 

Das Gericht ordnete das Erscheinen auch der Damen Götz an. 
Wieder einmal fand sich der junge Geheimrat Götz in der äußersten 
Verlegenheit. Er hatte es für gut befunden, Mutter und Schwester für 
eine Weile auf sein Landgut bei Heilbronn zu schicken. Sie hätten 
können einfach in die Reichsstadt Heilbronn gehen, dann waren sie 
der herzoglichen Jurisdiktion entzogen; aber dann auch musste er 
von seinen Ämtern zurücktreten. Oder sie stellten sich dem Gericht; 
dann galt es, bevor einer einen schiefen Blick wagte, ihn so kühn und 
drohend anzuschauen, daß ihm der Spott erstickte. Dies war 



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aufreibend, denn man wird sehr viele, ja fast alle so anschauen 
müssen. Aber er war tapfer und entschied sich dafür. 
An einem strahlenden Sommertag erschienen die Damen vor den 
Richtern. Auskosteten die Männer die Pücanterie, erst die Mutter, 
dann die Tochter zu verhören. Sie hatten Mühe, die Spannung, die 
geile Freude an der Situation hinter der gleichmütigen Gravität der 
Richtermasken zu verstecken. Elisabeth Salomea, die pastellfarbene 
Lieblichkeit des blonden Gesichts mit den gejagten graublauen 
Augen durch ein schwarzes, einfaches Kleid gehoben, stand verstört 
und zitternd. Seltsam war, daß sie, völlig schmucklos sonst, den Ring 
mit dem Auge des Paradieses trug, gegen das ausdrückliche Verbot 
ihres Bruders, und die Blicke der Herren kamen nicht los von dem 
Stein. Sie wand sich unter der unerbittlichen Sachlichkeit, mit der 
diese Männer, durch den aufreizend wertvollen Stein vor sich selber 
doppelt gerechtfertigt, ihre zotig neugierigen Fragen stellten. 
Fröstelnd trotz der blanken Frühsommersonne bog sie sich peinvoll 
unter der brutalen Deutlichkeit dieser Fragen, von denen sie viele 
überhaupt nicht verstand, duckte sich, rückte zuckend den Kopf, den 
schamlosen Blicken ausweichend, bog und streckte krampfig die 
schmalen, knochigen Finger. Ihre Antworten kamen leise, aus 
gedrosseltem Kehlkopf, manche unhörbar; man beschied sich nicht, 
sie musste sie wiederholen, der schwerhörige Regierungsrat Jäger 
machte: „Wie? Wie?" und verlangte manches dreimal. Ebenso 
eingehend dann kam man auf ihre Affäre mit dem Herzog zu 
sprechen. Vor allem der Geheimrat Pflug ließ nicht locker, er wollte 
daraus, daß der Jude dem Herzog vorgeschmaust, ein 
Majestätsverbrechen konstruieren. So krümmte sie sich, jung, blond, 
lieblich, an dem unsichtbaren Pfahl, und keiner schonte sie, alle 
drangen sie auf sie ein. Voran der hagere, hochmütige, scharfe Herr 
von Pflug, der, voll Hass und angewidert wie von Gestank, immer 
wieder fragte, ob sie sich denn nicht vor dem Geruch des 
Beschnittenen geekelt habe; sodann die Regierungsräte Faber, Renz, 
Jäger, Dann, die strebsamen, karrierebeflisseneii Beamten in 
mittleren Jahren, die, gekitzelt von diesem endlich einmal 
anregenden Amtsgeschäft, immer neue Umstände wissen wollten, 
erst genießerisch umschreibend, gleich als wollten sie sich sonnen, 
dann plump eindeutig; die Sekretäre, der Assessor Bardili, der 
Aktuarius Gabler, die mit übler Galanterie und fatalem Tonfall, wie 
wohl Männer ihre Gutmütigkeit an einer Hure repräsentativ 
betätigen, mildernde Umstände beizubringen suchten; der Präsident, 



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der Geheimrat Gaisberg, der mit polternder Stimme auf sie losfuhr, 
sie solle sich nicht so flennerisch und zimpferlich haben, nun habe 
sie es getan und gekostet, jetzt solle sie sich nicht stellen wie ein 
zwölfjähriges Jüngferlein, sondern in Dreideibelsnamen das Maul 
aufmachen; sie habe ja auch andere Dinge aufmachen können. Mit 
fliegenden Gliedern lag sie schließlich und zuckenden Schläfen, 
halbtot vor Schande und Erschöpfung, in einem verdunkelten 
Zimmer ihres Hauses; ihr Bruder schritt grollend deklamierend auf 
und ab, seine Worte gingen quälend, doch ohne daß sie ihren Sinn 
verstand, in ihr Ohr. 

Trotzdem die Herren der Untersuchungskommission 
verschlossene, geheimnisvolle Gesichter machten und sich 
verschwiegen gaben, drangen von diesen Vernehmungen viele 
Details in die Stadt, ins Land. Wiederum war das Haus in der 
Seegasse, das Prunkbett, die Leda mit dem Schwan in den Gedanken 
aller. Die Namen der Frauen wurden bekannt, sie konnten sich nicht 
heimlich genug verkriechen, sie wurden verfemt, man rief ihnen 
kotige Schimpfworte nach, spie sie an, schnitt ihnen die Haare ab. 
Auch andere Details drangen durch. Eine Welle von Geilheit schlug 
von den längst vergangenen Nächten des Süß aus über das 
Herzogtum. Die Männer zoteten in den Wirtshäusem, die 
Kellnerinnen konnten sich ihrer derben Liebkosungen kaum 
erwehren, die Huren machten gute Geschäfte. Die Frauen und jungen 
Mädchen kicherten, entsetzten sich, vieler Mienen wurden dürr, 
neidisch, bitter, andere atmeten schwerer, Gesicht und Glieder 
erschlafften. Ein englischer Sammler machte das Angebot, das 
vielumraunte Prunkbett des Juden um eine ungeheure Summe zu 
kaufen. 

Natürlich hörte auch der junge Michael Koppenhöf er von der 
Schmach der Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin. Die veränderten 
Laufte hatten den jungen Menschen nach Stuttgart zurückgeführt. Er 
war in der Verbannung männlicher geworden, er hatte für seine 
Überzeugung gelitten, galt als Märtyrer, vielen von den Jungen war 
er Führer und Ideal. Vielleicht wusste der eine oder andere von 
seinen Kameraden, dass ihm an der Demoiselle Götzin gelegen war, 
aber sie hatten darum nicht minder starke Worte des Hohns und der 
Verachtung gegen das Mädchen, sie dachten daran, sie zumindest 
durch irgendein kräftiges Symbol ihrer Erbitterung und ihres Spottes 
für alle Zeit zu bestrafen. Niemand hielt es für möglich, dass die 
Neigung Michael Koppenhöfers, des jungen, festen, tugendhaften 



363 



Demokraten, eine solche Bloßstellung überdauern könnte. Michael 
Koppenhöfer sagte auch kein Wort zu ihrer Verteidigung. Doch auch 
kein Schmähwort, wie die anderen erwarteten. Er schwieg. Er litt. Er 
war durchaus nicht geneigt, schwächlich zu verzeihen. Aber er sah 
das reine, helle Gesicht, das blasse Haar und litt. Er bat den Onkel 
Harpprecht um die Akten. Für den hatte mit der Rückkehr des 
Jungen gute Zeit begonnen. Bücher, Recht, Demokratie, Vaterland, 
was und wofür er gelebt hatte, war jetzt lebendig, saß atmend vor 
ihm in dem jungen Menschen mit den bräunlich kühnen Wangen und 
den starkblauen Augen. Wie nun die Affäre der Demoiselle Götzin 
langsam in die Stadt drang, schaute der alte Herr besorgt dem 
Gewese des Jungen zu, er wusste, dass er schwerblütig war und dass 
sein Handel mit Elisabeth Salomea nicht von heut auf morgen 
vernarbte. Er sah das gespannte, mühsam gleichgültige Gesicht des 
Jungen, überlegte, gab die Akten. Michael begann zu lesen, er 
konnte es nicht lange, rote Wut stieg hoch in ihm gegen den Herzog, 
gegen den Juden, gegen die Richter, gegen diese Männer. Es erhellte 
aus dem Protokoll überklar, daß Süß nicht eben viel Gewalt hatte 
anwenden müssen. Aber Michael wollte das Mädchen missbraucht 
sehen, er sah sie missbraucht. Er sah sie hell, zart, lieblich vor den 
rohen, massigen Richtern. Er konnte sich nicht helfen, es war 
wahrscheinlich sentimental, aber das Herz stieg ihm hoch, wenn er 
an sie dachte, er konnte sie nicht herausreißen und mit festem 
Männertritt weitergehen. Er rang sich ab; wenn der alte Harpprecht 
ihm sanfte, andeutende Fragen stellte, bog er aus. Er suchte sich 
zusammen, was er alles Kühnes, Freigeistiges über den Unwert der 
Keuschheit gehört hatte, aber es blieb ihm Theorie, es wurde nicht 
lebendig, all sein Gefühl bäumte sich dagegen. Er bezwang sich 
schließlich. Er wird aller praktischen Politik entsagen, wird, und mag 
man sich noch so sehr über ihn, den Mann der Hure, lustig machen, 
Elisabeth Salomea zu sich emporheben, sie ehelichen, sie entmakeln, 
als stiller Wissenschaftler, von ihrer Reue und Dankbarkeit getragen, 
fem von der Welt, nur mit Büchern und ihr, auf dem Lande leben. Er 
fuhr, ohne den alten Harpprecht zu verständigen, in die Nähe von 
Heilbronn auf das Götzische Landgut, wohin sich die Damen nach 
ihrer Vernehmung zurückbegeben hatten. Er wurde erst lange nicht 
vorgelassen. Dann fand er Elisabeth Salomea in raschen, heftigen 
Vorbereitungen zur Abreise. Er kam nicht dazu, sein großmütiges 
Anerbieten vorzubringen. Die Demoiselle war auf eine bestürzende 
Art verändert. Sie fuhr hastig herum zwischen Stapeln von 



364 



Toilettedingen, Nippes, Büchern, Wäsche, schichtete, schnürte, 
packte, machte mit bitterer, höhnischer Lustigkeit frivole 
Konversation. Äußerte erschreckende Prinzipien. Moral sei etwas 
durchaus Relatives. In Stuttgart sei es vor einem Jahr guter Ton 
gewesen, höfisch und galant zu sein, jetzt sei das Gegenteil Postulat. 
Ihrer Meinung nach sei der Jud der beste Mann im Schwäbischen 
und der einzige Kavalier. Im übrigen gehe sie jetzt ins Ausland, 
zuerst nach Dresden und Warschau, dann nach Neapel und Paris. 
Und somit Gott befohlen. Sie winkte ihm mit der Hand, an der in 
verwirrendem Feuer das Aug des Paradieses strahlte. Aufgewühlt, 
mit zerpressten Lippen, kehrte Michael Koppenhöfer zurück. Später 
hörte er, Elisabeth Salomea führe an den europäischen Höfen das 
Leben einer großen, erfolgreichen Abenteuerin. In ihrem Gefolg 
befand sich als ihr Leibjäger und Vertrauter Otman, der 
Schwarzbraune. 



365 



42. 



In die Zelle des Süß trat der Magister Jaakob Polykarp Schober. 
Es war dunkel und feucht in dem engen Geviert, Moder und Gestank 
war in der Luft. Süß hockte gebeugt, sein Atem ging beschwerlich, 
er war verfettet und verfallen, das Gesicht wüst umstoppelt. Der 
Magister erschrak ins Innerste, als er, zunächst zweifelnd, in dem 
verlumpten Menschen seinen weiland so großen und mächtigen 
Herrn erkannte. Ihm selber ging es nicht gut. Er litt darunter, daß er 
den Finanzdirektor in diesen Zustand gebracht hatte, eigentlich hatte 
doch der den evangelischen Glauben im Herzogtum gerettet, es 
drückte den Magister in die Erde, daß er dem Juden Schweigen 
zugeschworen hatte, er wollte reden, dieses Verfolgten Unschuld 
offenbaren, ihn befreien. Kopfwiegend hörte Süß seine 
unbehilflichen, verwirrten Klagen, Bitten, Beteuerungen, sagte 
schließlich: , Jir ist ein guter Mensch, Magister. Es sind nicht viele." 

Und nach einer Weile, zwielichtig lächelnd: „Wenn Er es 
durchaus will, kann Er jetzt reden." Der Magister küsste ihm die 
Hand, ging beglückt. Lief zu den Herren vom Parlament, denen er 
damals, autorisiert von Süß, das katholische Projekt verraten hatte. 
Erklärte, setzte auseinander, beteuerte. Erstaunt, verständnislos hörte 
man ihn an. Glaubte, er wolle eine nachträgliche Entlohnung für 
seinen damaligen Verrat des Putsches, für die Mitwirkung an seiner 
Entlarvung. Ziemlich reserviert versprach man ihm, sich für ihn zu 
verwenden, ließ etwas fallen von Anstellung im Staatsdienst. Wie er 
eifrig berichtigte, aufklärte, darauf beharrte, er habe mit Willen, ja 
im Auftrag des Süß die ketzerischen Pläne offenbart, wurde man 
ungeduldig, sagte, er solle keine Witze machen, glaubte an 
Erpressungsversuche, an irgendwelche Manöver des Juden. Vor 
allem der Geheimrat Pflug witterte einen ganz verruchten 
Verteidigungsplan des Süß und bewirkte, daß man den Magister, als 
er nicht abließ und die Richter immer wieder mit seinen Märchen 
behelligte, ins Gefängnis setzte. Da der Jude selber aber nichts in der 
Richtung der Schoberschen Äußerungen zu seiner Verteidigung 



366 



vorbrachte, hielt man den Magister schUeßlich einfach für 
geistesgestört, für einen harmlosen Verrückten, erklärte seinen 
Irrsinn aus seiner Pietisterei und Schwarmgeisterei und ließ ihn mit 
einer scharfen Verwarnung laufen. Erschöpft vom Entsetzen über die 
Verstrickungen und die Blindheit der Welt zog sich der Magister 
nach Hirsau zurück und lebte der Tugend, der alten Katze und der 
Poesie. 

Nach Hirsau auch folgte ihm bald Philipp Heinrich Weißensee. 
Weißensee hatte auf das Amt des Konsistorialpräsidenten resignieren 
müssen. Vielleicht hätte der frühere Weißensee sich halten können; 
aber jetzt war er müde und ausgelaugt, er ließ sich fallen mehr als 
daß er gestürzt wurde. Magdalen Sibylle war der Vater sehr fremd 
geworden. Jetzt in seinem Verfall zog er sie an, sie suchte wieder an 
ihn heranzukommen, sie fand, es sei ihm unrecht geschehen, schrieb 
Verse, in denen er als nicht durch Schuld, sondern durch Glücksspiel 
und Menschenhass gestürzt hingestellt wurde. Doch der alte 
Weißensee ließ sie nicht an sich heran, er verkrustete sich gegen sie, 
sie war ihm in ihrer Verbürgerlichung tief zuwider, und ihre 
Schwangerschaft reizte ihn bis zu leiblichem Ekel. Was sollte ihm 
ein Enkel aus ihr und dem Samen des Immanuel Rieger, des hageren, 
unansehnlichen, schnurrbärtigen, braven, pedantischen, leer- 
gesichtigen Mannes? Dazu schämte er sich der albernen Dichterei 
der Tochter. Sein Leben war Takt und Weltgefühl und Erlesenheit 
und Diplomatie gewesen, und jetzt schämte er sich. Er zog sich, arm, 
kahl, zurück nach Hirsau zu seinem Bibelkommentar. 

Unterdes blühte das Land auf. Atmete, reckte sich, nicht mehr 
von drosselnder Hand gewürgt. Die Preise gingen herunter, senkten 
sich unter das Niveau der ersten, guten Regierungsjahre Karl 
Alexanders. Sechs Pfund Brot kosteten neun Kreuzer, der Schoppen 
alter Wein im Ausschank sechs Kreuzer, das Pfund Ochsen- oder 
Schweinefleisch fünf Kreuzer, ein Klafter buchenes Holz zehn, 
tannenes fünf Gulden. Und wenngleich es sonst innerpolitisch nicht 
eben zum besten aussah, - Pflicht! sagte Karl Rudolf; Gerechtigkeit! 
Autorität! und war nicht gewillt, dem Parlament gegenüber von 
seinen fürstlichen Rechten auch nur ein Tüpfelchen abzulassen - so 
berief er anderseits den klugen, redlichen, umsichtigen Bilfinger ins 
Kabinett, und solche Sicherung der religiösen und bürgerlichen 
Freiheiten war zusammen mit der wirtschaftlichen Entspannung 
Ursach genug zu allgemeiner Zufriedenheit. Man suchte altmodische 
Bilder her, auf denen sich Karl Rudolf an der Spitze von Truppen in 



367 



verschollenen Uniformen mit pumphosigen Türken und krumm- 
säbeligen Sarazenen herumschlug, und wo der kleine, schiefe, 
schäbige Soldat erschien, schrie man Hoch. 

So war mit viel Wolken und Wind ein Frühjahr vergangen, ein 
strahlender Frühsommer, ein drückender, vielgewittriger Sommer, 
jetzt neigte sich ein klarer Herbst zu Ende, erster Frost setzte ein, und 
Süß stak noch immer zwischen den triefenden, engen Wänden seiner 
Zelle. Er war jetzt gedrückt und trüb. Es war nicht schwer, Folter zu 
ertragen, es war vermutlich auch nicht schwer zu sterben, aber es 
wurde mit jedem Tag schwerere Last, die stinkige Luft dieser Haft 
zu atmen, das ekle Brot dieser Festung zu schlingen. Sein Rücken 
war gekrümmt, seine Glieder verzerrt, seine Gelenke 
wundgescheuert von den Fesseln. Draußen war Luft, draußen war 
Sonne und Wind, draußen waren Bäume und Felder, Häuser und 
helle Stimmen, Männer gingen geschäftig und gewichtig, Kinder 
sprangen. Madchen schaukelten die Röcke. Oh, einmal einen Mund 
voll freier, wehender Luft, einmal sieben Schritte machen dürfen 
statt der fünfeinhalb durch die Zelle. Er schrieb. Er schrieb an den 
Herzog- Administrator. Der war ein betagter Herr; vielleicht hörte er. 
Er schrieb ehrerbietig, nicht servil, sachlich. Wies sachlich, ohne 
Erbitterung, nach, daß er nach den Gesetzen des Herzogtums nicht 
schuldig sei. Selbst übrigens, wenn er sich da und dort gegen die 
Ordnungen des Landes verfehlt habe, schütze ihn sein von dem 
Herzog Karl Alexander ihm zugestelltes Absolutorium, nach dem er 
nicht könne verantwortlich gemacht werden. Dennoch sei er erbötig, 
zu ersetzen, was durch seine Tätigkeit jemand an Schaden zugefügt 
sei. Bereits sei er vierunddreißig Wochen im Arrest und zum Teil 
geschlossen. Er sei auf der Festung ein alter Mann geworden. Er 
hoffe daher, der Herzog- Administrator, dem er sich zu Füßen lege, 
werde für ihn Gnade haben. Mit einer Spannung wie lange nicht 
mehr wartete er auf Bescheid. Morgen kam und Abend und wieder 
ein Tag und noch einer und eine Woche und aber eine Woche. 
Endlich, bei dem täglichen Verhör zwischen neun und zehn Uhr, 
nachdem der Major Glaser ihm triumphierend wieder ein paar 
Frauennamen genannt hatte, die die Kommission ausgeschnüffelt 
hatte, fragte er geradezu, ob keine Antwort vom Herzog- 
Administrator eingelaufen sei. Der Major fragte kalt höhnend 
zurück, ob er im Ernst glaube, daß man den Regenten mit seinen 
jüdischen Frechheiten molestiere: selbstverständlich habe man seine 
Expektorationen, als eines verstockten Schelmen und Juden, nicht an 



368 



den Herzog, sondern nur an die Richter geleitet. An den Geheimrat 
Pflug berichtete er in seinem täglichen Referat, der Hebräer, die 
Bestie, sei ganz klein geworden bei diesem Bescheid. Doch Süß 
hatte alle Räder der alten Zähigkeit und Tatkraft wieder angedreht. 
Er wollte atmen, er wollte am Licht sein. Seit den unglücklichen 
Versuchen des Magisters Schober durfte er keine Besuche mehr 
empfangen, selbst sein Verteidiger, der brave Lizentiat Mögling, 
wurde nicht mehr zugelassen. Doch in dem kranken, zerbrochenen 
Mann war die alte Schlauheit wachgeworden. Er bat angemessen um 
Verstattung eines Geistlichen. Den konnte man nicht wohl 
verweigern. Den wollte er zur Mittelsperson machen, um durch ihn 
den alten Regenten zu erreichen. Allein seine Hoffnung war rasch 
vereitelt; man schickte ihm den Stadtvikar Hoffmann, den er als 
alten Anhänger der Verfassungspartei und erklärten Gegner kannte. 
Der Vikar glaubte natürlich Süß in seiner jetzigen Lage sei leicht zu 
bekehren, und begann ihm sogleich höhnisch und salbungsvoll ins 
Gewissen zu reden. Der Jude sah achselzuckend durch diese 
unglückliche Wahl die letzte Hoffnung hinschwimmen, erwiderte, er 
denke nicht daran, überzutreten, gestand schlicht und klar, er habe 
ihn nur rufen lassen, um durch seine Vermittlung Audienz beim 
Herzog- Vormünder zu erwirken. Der Geistliche schnaubte, dies sei 
nicht seines Amtes, Süß erwiderte trocken, er danke für seinen 
Besuch. 

Allein der Stadtvikar kam wieder. Er war ein eifriger Herr, er 
hatte wohl bemerkt, wie übel es um den Körper des Juden stand, und 
er vermeinte, in einem mürben Körper müsse auch eine mürbe Seele 
stecken. Süß lächelte, als er ihn wieder sah. Er hörte ihn ruhig an und 
mit Aufmerksamkeit. Am Ende sagte er, kopfwiegend: Religion 
ändern ist Sache für einen freien Menschen und steht nicht wohl an 
einem Gefangenen. - Doch der Stadtvikar beschied sich nicht. Er 
hatte es sich in den Kopf gesetzt, diesen Mann, dessen Fama durch 
das ganze Römische Reich geflogen war, von den Wahrheiten der 
Augsburg ischen Konfession zu überzeugen. Er brachte sogar einen 
Helfer mit, den Stiftsprediger Johann Konrad Rieger. Die beiden 
Herren Geistlichen arbeiteten sich ab; Johann Konrad Rieger breitete 
allen Samt seiner berühmten Rhetorik vor ihn hin, der Stadtvikar 
sekundierte, verstärkte, eine ganze Missionsgesellschaft konnte nicht 
mehr und gründlichere Argumente häufen. Aber Süß, als ein 
verstockter Jud, verharrte dennoch in seinem Irrtum. Die anderen 
Gefangenen, die Scheffer, Hallwachs, Bühler, Mez wurden sehr viel 



369 



glimpflicher behandelt. Sie hatten verwandtschaftliche Beziehungen 
zu den Familien der Parlamentarier; ihre Prozesse wurden sänftlich 
geführt; es wurde umgebogen, umschrieben, vertuscht. Ihre, der 
vereidigten Beamten, Taten, Majestätsverbrechen und Hochverrat 
nach dem Gesetz, erschienen als immer weniger beträchtliche 
Vergehen; die Untersuchung wurde zur bloßen Formsache. Sie 
wurden zur Bezahlung der Untersuchungskosten verurteilt, aus der 
Haft entlassen, des Landes verwiesen. Vorsichtshalber hatten sie von 
den großen Summen, die sie an den Unternehmungen des Süß 
verdient, das Wesentliche ins Ausland geschafft. Es wäre nicht not 
gewesen; man tastete ihren Besitz selbst im Herzoglichen nicht an. 
Sie zogen nun mit anderen früheren Mitarbeitern des Süß anderthalb 
Meilen weiter in die freie Reichsstadt Eßlingen, lebten in der 
freundlichen, angenehmen Stadt in Ruhe von ihren großen 
Vermögen, ließen sich täglich Besuch aus Stuttgart kommen, 
verfolgten als behagliche Zuschauer mit wohlwollendem Interesse 
den Prozess gegen Süß und warteten ab, bis etwa ein 
Regierungswechsel sie zurückriefe; der junge Herzog blieb ja nicht 
ewig unmündig und Karl Rudolf war ein alter Herr. Das Vermögen 
des Süß, soweit es im Herzogtum gegriffen werden konnte, vor allem 
auch sein Palais, wurde vorläufig beschlagnahmt. Die Liquidierung 
der weitverzweigten, unübersichtlichen Geschäfte des 
Finanzdirektors machte ungeheure Schwierigkeiten. Dom Bartelemi 
Pancorbo mußte knirschend Nicklas Pfäffle zu Rate ziehen. Der 
blasse, fette Bursche fügte sich auch; doch stellte er in seiner 
gleichmütigen Art Bedingungen. Vor allem ließ er keine fremde 
Hand heran an Dinge, mit denen sein Herr in leiblicher Berührung 
gestanden war. Sowie der Portugiese hier anzutasten wagte, wurde 
Nicklas Pfäffle sogleich widerspenstig, verwirrte die Fäden der 
schwebenden Finanzangelegenheiten, übte passive Resistenz, und 
Dom Bartelemi mußte die dürren Finger wieder wegziehen von den 
Dingen, die ihm der stille Sekretär nicht erlaubte. Die Stute Assjadah 
fiel ab, so gut sie gehalten wurde, seitdem sie nicht mehr die Hand 
ihres Herrn spürte. Der Major Röder wollte sie haben, und der 
Portugiese sagte sie ihm zu. Doch Niddas Pfäffle verhinderte es. Das 
Angebot des Majors war plötzlich überboten; ehe der Major sich 
rückäußern konnte, war das edle Tier dem fremden, unbekannten 
Käufer überlassen worden, und Herr von Röder, dessen Lied: Halt! 
oder stirb entweder! noch immer in aller Munde war, musste sich 
dem stets enthusiasmierten Volk auf seinem alten Fuchs zeigen. Die 



370 



schöne Morgenländische tauchte dann bei der Demoiselle Elisabeth 
Salomea Götzin auf, wo der Schwarzbraune sie wartete. Später in 
starker Geldnot musste die Demoiselle sich ihrer entäußern. Sie 
verkaufte sie an einen reichen Moslem, und die Stute Assjadah 
verschwand wieder nach dem Osten, aus dem sie gekommen war. 
Auch den Papagei Akiba, der „Ma vie pour mon souverain!" rief 
und: „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?" entzog 
Nicklas Pfäffle den Händen des gierigen Siegers. Er selber brachte 
das Bauer mit dem Vogel nach Frankfurt zu Isaak Landauer, der 
einen dem Nicklas Pfäffle sympathischen Käufer ausfindig gemacht 
hatte. Der große Finanzmann empfing den Sekretär in dem dumpfen, 
schlecht gelüfteten Privatkontor seines hässlichen, schiefen, 
verwinkelten Gettohauses. In unschöner unbequemer Haltung saß er 
in seinem schmierigen Kaftan vor dem fetten, blassen Sekretär, 
beschaute gehässig den kreischenden Vogel, sprach schließlich. Ich 
hab es ihm rechtzeitig gesagt: „Was braucht ein Jud einen Papagei ?" 
Er strähnte mit den dürren Fingern hastig den rotblonden, verfärbten 
Ziegenbart, schickte schiefe, eilige, missmutige Blicke herum. 
Nicklas Pfäffle schwieg. Aber dann blieben die Männer doch noch 
einige Stunden zusammen und besprachen sehr vieles, einsilbig und 
gleichmütig der eine, hastig. Jammernd, drohend, anklagend, heftig, 
dringlich der andere. 

Infolge dieser Unterredung machte sowohl Jsaak Landauer wie 
Nicklas Pfäffle einige Reisen. Von Anfang an hatte die Judenheit für 
den gestürzten Finanzdirektor zu wirken gesucht. Jetzt wurde diese 
Tätigkeit organisiert. Bei den Ministem und großen Herren an den 
verschiedensten europäischen Höfen saßen jüdische Bankiers herum, 
besprachen den Württembergischen Prozess. Legten Gewicht nicht 
etwa auf die Person des Süß, auch nicht auf die üble Behandlung, die 
er leiden musste. Betonten vielmehr, wie willkürlich und gegen 
römisches und deutsches Recht sowohl wie gegen die Landesgesetze 
dieser Prozess geführt werde. Die vereidigten Beamten ließ man 
laufen, gegen den Privatmann und Nichtuntertan inquirierte man 
wegen Verrats an der Verfassung. Ein herzogliches Reskript war da, 
das ihn vor allen Verfolgungen durch Gesetzeshüter schützte. Man 
setzte sich über diese höchste, heiligste Unterschrift hinweg und 
prozessierte um Majestätsverbrechen. War das Justiz? Hatte man 
Rechtssjcherheiten, Garantien in einem solchen Staat? Konnte man 
verhandeln mit einer solchen Regierung, Geschäfte mit ihr 
abschließen? Gegen einen einzigen Gesetzesparagraphen hatte Süß 



371 



sich vergangen. Er hatte - ei du Kriminalverbrechen! - mit christ- 
lichen Frauen geschlafen. Darum konfiszierte man sein Vermögen. 
Hieß das Recht? Hieß das Justiz? Konnte man solch einem Staat 
Kredit geben? 

So ging es an allen Höfen. Man hänselte die Württemberg ischen 
Gesandten, mokierte sich vor allem über die profitliche Staatsmoral, 
die das Schäferstündchen eines Privatmannes zur Deckung des 
Staatsdefizits ausnützte. Auch daß die Richter den Prozess nur 
hinschleppten, um an den Diäten fett zu werden, wurde überall 
festgestellt. An jedem Beischlaf des Juden, hieß es, schnüffelten die 
Herren so lange herum, bis der einzelne seine tausend Taler verdient 
hätte. 

Johann Daniel Harpprecht erschien bei dem Herzog- 
Administrator, ihm über den Verlauf der Untersuchung zu referieren. 
Er sprach frank und geradezu. Wenn das so kontinuiere, verliere die 
schwäbische Justiz jedes Prestige. Man habe sich jetzt zur Genüge 
blamiert. Er brauche nicht zu betonen, daß er den Juden für eine 
schädliche Wanze ästimiere. Aber es gehe nicht an, einen Menschen 
in einem modernen Rechtsstaat derart physisch zu torturieren. Man 
möge endlich die Argumente zusammenstellen und zu Deduktion 
und Spruch schreiten. Es sei ein Skandal, daß man die anderen 
größeren Schelme habe aus dem Netz gelassen. Er begreife die 
politische Notwendigkeit solcher Milde; aber dann solle man sich 
wenigstens nicht durch überflüssig barbarisches Traktament des 
Juden weiter bloßstellen. Vornehmlich die Geschichte mit den 
Frauenzimmern, wie sie die Kommission betreibe, sei eine 
landesverderberische Sauerei. Der alte Jurist redete sich rot und heiß 
und gebrauchte starke Worte. Man müsste, gehe man nach dem 
nackten und längst entwesten Buchstaben des Gesetzes, auch die 
Weiber verbrennen. Daran denke niemand. Was also in 
Dreiteufelsnamen der ganze Handel solle. Es würden jede Nacht 
hunderttausend Weiber im Herzogtum beschlafen Im Bett, eine Frau 
beschlafend, gefährde kein Jud und kein Ketzer die Sicherheit des 
Staates, der Religion und der Verfassung. Es wäre gut gewesen, der 
Jud hätte sich all seine Tag und Nächte nicht anders betätigt. 
Übrigens wolle ihm der Jud, der sich keinen Namen entpressen lasse, 
nobler erscheinen als seine eifrigen Richter. Und man solle endlich 
aus dieser Sauerei Hände und Nasen herauslassen Finster hörte der 
alte Regent zu. Harpprecht polterte nur klar und hart heraus, was er 
selber schon dumpf gespürt hatte. Pflicht! Gerechtigkeit! Und er gab 



372 



Weisung, die Inquisition wegen der Weiber einzustellen. Etliche von 
den Frauen ließ er stäupen, die übliche Fuhre Mist durch die Stadt 
schleifen. Den Süß befahl er nicht weichlich, aber als einen 
Menschen zu behandeln. Pedantisch genau befolgte der Major Glaser 
diese Instruktionen. Nicht weichlich. Die Zelle des Juden maß nach 
wie vor nur fünfundeinenhalben Schritt, er wurde jeden zweiten Tag 
geschlossen, erhielt Fleisch nur des Sonntags, durfte nur einfachste 
Kleider tragen. Als einen Menschen. Er bekam einen Tag über den 
andern Waschwasser, seine Zelle hatte Holzboden und eine Pritsche 
zum Schlafen. 

Auf die Herren der Kommission wirkte die Order des Regenten. 
Auch wurde ihnen, trotzdem sie große Worte machten, bei der 
immer lauteren, klug geschürten Missbilligung des Auslands 
unbehaglich. Es war wirklich nicht so ganz einfach, eine 
Verurteilung formal einwandfrei zu begründen. Daß Harpprecht und 
Schöpf nicht zustimmen würden, war gewiss; aber auch andere, 
vornehmlich die jüngeren Herren, wurden unsicher, bekamen Angst, 
sich zu blamieren. Der Lizentiat Mögling, der ehrliche Advokat, 
blühte auf. Er feilte seine Defensionsschrift immer schärfer durch, er 
setzte die Worte immer glatter und schöner, so daß er sich beruhigt 
sagen konnte, er verdiene seine Diäten mit Schweiß und ehrlich. Voll 
Sorge und Erbitterung sah der Geheimrat Pflug, daß durch jüdische 
Machinationen die Verurteilung und Vernichtung des Süß ernstlich 
gefährdet und in Frage gestellt war. Sein trockener Fanatismus 
empörte sich, fraß ihm am Herzen, jagte ihn herum. Das Ziel war zu 
nahe gewesen; wäre es ihm nun doch entglitten, er hätte es nicht 
überwunden. Hager, bitter, besessen von seinem Zweck, keinem 
andern Argument zugänglich, saß er herum bei den Parlamentariern, 
die er als grimmigste Feinde des Süß kannte. Beriet unermüdlich mit 
Dom Bartelemi Pancorbo. Sparte nicht Geld, nicht Mühe. 
Hugschriften erschienen gegen den Juden, die Erbitterung des 
Volkes, daß die Mez, Bühler, Hallwachs so glimpflich davon- 
gekommen waren, wurde in ihrer ganzen Wucht gegen Süß gelenkt. 
Das Gerücht wurde ausgesprengt, auch Süß solle demnächst 
entlassen werden. Die Richter, von denen man annahm, sie würden 
milder sprechen, selbst der hochangesehene Harpprecht, wurden von 
allen Seiten bearbeitet, schließlich sogar im Wirtshaus belästigt. Es 
kam zu Rottierungen, Demonstrationen. ,JI)er Jud muß hängen!" 
gaben Herr von Pflug und Dom Bartelemi die Weisung aus. ,JDer Jud 
muß hängen!" wetterte es im Parlament, von den Kanzeln. ,JDer Jud 



373 



muß hängen!" brüllte das Volk, sangen es in einem .eingängigen, 
gassenhauerischen Rhythmus die Buben, konstatierten schweri'ällig 
und überzeugt in den einsamsten Höfen die Bauern. Durch solchen 
Druck erreichte Herr von Pflug, daß einzelne von den Richtern aus 
der Kommission ausschieden. An ihre Stelle traten persönliche 
Feinde des Süß, deren Votum sicher in seinem Sinn ausfallen 
musste. Die früheren Minister Forstner und Negendank, die Süß 
gestürzt hatte; der unter Karl Alexander überall von Süß gehemmte 
kalte, glatte Ehrgeizling Andreas Heinrich von Schütz; ja, Herr von 
Pflug drehte es, daß auch der junge Geheimrat von Götz in das 
Kollegium berufen wurde, an dem Verderber von Mutter und 
Schwester Wut und Rache auszutoben. Diese alle waren nun zu 
Richtern des Süß bestellt. In ihnen brannte Hass viel heißer als 
Geldgier, das Volk drängte auf endliches Urteil, und sie waren sehr 
bereit, diesem Drängen stattzugeben. Sie beschleunigten die 
Untersuchung. 

Die Anklageakte des Regierungsrats Philipp Heinrich Jäger 
legte dem Süß ungefähr alles zur Last, was unter Karl Alexander 
Übles geschehen war, auch Dinge, von denen er unmöglich Kenntnis 
gehabt haben konnte. Machte ihn als einzigen voll verantwortlich für 
die Amtshandlungen sämtlicher Staatsbeamten von den Mitgliedern 
des Kabinetts bis zum letzten Subalternen. Die wackere 
Verteidigungsschrift des braven Lizentiaten Mögling wurde kaum 
gelesen. Hassblind setzten sich die Richter über den klaren 
Tatbestand hinweg, streiften in der Urteilsbegründung kaum die 
zahllosen Einwände, die sich gegen ihre Kompetenz erhoben und 
eine gesetzmäßige Verurteilung des Süß ausschlössen. Sie erkannten 
den Juden für schuldig zahlloser Verbrechen: erstens gegen den 
Herzog, zweitens gegen dessen getreue Räte, Minister und die ganze 
Nation, die er bei dem Fürsten angeschwärzt und in Ungnade und 
Misstrauen gesetzt habe; drittens und hauptsächlich gegen das 
Parlament und die Verfassung - hier mussten sehr viele 
Verordnungen des Süß herhalten, vor allem auch jenes Reskript 
wegen der Kaminfeger; und viertens gegen Gemeinden und einzelne 
Untertanen. Sie erkannten ihn für einen Majestätsverbrecher, 
Staatsverbrecher, Münzverbrecher, Hochverräter und Landverderber. 
Aus diesen Gründen verurteilte das zur Untersuchung seiner 
Verbrechen eingesetzte Sondergericht den Josef Süß Oppenheimer, 
Juden und gewesten Finanzdirektor, zum Tod durch den Strang. 
Diese Hinrichtungsart wurde dem Angeklagten zuerkannt, weil sie 



374 



ohnedies die gewöhnliche Strafe war bei verschiedenen dem 
Angeklagten zur Last gelegten Verbrechen; insonders aber, weil sie 
die Mitte hielt zwischen der gegen Majestätsverbrecher üblichen 
Strafe der Vierteilung, zwischen der gegen Falschmünzer zu 
verhängenden Strafe des Lebendigverbranftwerdens und zwischen 
der ehrenhafteren Hinrichtung durch das Schwert. Die Herren gingen 
geschwellt herum. Sie hatten das Urteil in eine Form gekleidet, die 
einigermaßen passabel aussah. Mochten pedantische Juristen daran 
makein, sie wussten, das Volk und sein gesundes Empfinden war auf 
ihrer Seite. 



375 



43. 



Unbehaglich und mit unruhigen Ghedem saß der Darmstädter 
Finanzienrat und Kabinettsfaktor Baron Tauffenberger in seinem mit 
Akten überstapelten Salon. Ihm gegenüber saß ratlos, schön und 
töricht seine Mutter, Michaele Süß. Seit sieben Jahren, seitdem er 
nicht mehr Nathan Süß Oppenheimer hieß, sondern sich zum Baron 
Ludwig Philipp Tauffenberger hatte taufen lassen, hatte sie ihn nicht 
mehr besucht. Die schöne alte Dame, ihr leeres Leben mit 
Toilettensorgen, Korrespondenz, Theater, Protektion junger 
Künstler, Reisen, Geselligkeit ausfüllend, hatte Darmstadt, den Sitz 
ihres älteren Sohnes, immer ängstlich gemieden. Sie hatte es 
begriffen, wenn der jüngere, wenn Josef sich zum Glauben seines 
Vaters bekannt hätte, ja, sie hätte es vielleicht gern gesehen, sie 
suchte mit zärtlichem Schuldbewusstsein die Züge des Vaters in ihm. 
Aber dass Nathan, der Sohn des Kantors Isaschar Süßkind, zum 
Christentum übertrat, schien ihr ein großer Frevel, der sich gewiss 
einmal bitter rächen musste. Scheu betrachtete sie sein Glück und 
seinen Aufstieg. Daß jetzt Josef, der fromme, edle, der den Jecheskel 
Seligrnann Freudenthal gerettet hatte, der trotz Lockung und 
unerhörter Versuchung Jude geblieben war, dass der jetzt so grausam 
stürzen musste, während der Frevler und Getaufte üppig und in Blüte 
stand, machte sie vollends wirr und hilflos. Michaele Süß hatte ihren 
Mann, den Kantor Isaschar, auf ihre Art geliebt. Er war ein netter, 
betulicher Mann gewesen und ein großer Sänger und Komödiant und 
vor allem auch ein sanfter, bequemer Mann, der viel auf Reisen war 
und auf die bösen Dinge, die man ihm über seine Frau zutrug, nicht 
hörte, sondern immer gleich zärtlich und voll dankbarer 
Bewunderung ihrer Schönheit blieb. Sie hatte auch sonst in ihrem 
langen, leichten Leben viele Männer gern gehabt. Aber jene Monate 
mit dem strahlenden Georg Eberhard Heydersdorff waren doch die 
Krone ihrer Tage gewesen. Wie er in Schmach und Jämmerlichkeit 
stürzte, war dies der echteste Schmerz, den sie all ihrer Tage gespürt 
hatte. Sie hatte dann in ihrem Sohn Josef den Vater wiedererlebt. 



376 



atemlos und schwach vor Bewunderung hatte sie seinen 
beglückenden Aufstieg mitangeschaut, alle Jugend und Süßigkeit, 
allen Glanz und Rausch liebte sie in dem Sohn, sie schwamm selig in 
hemmungslos gläubigem Aufblick zu seinem Genie, seinem Stern, 
seiner Herrlichkeit. Und nun wiederholte sich in ihm noch viel 
grausiger Wendung und Sturz des Vaters. Sie hatte erst geglaubt, die 
Haft des Sohnes sei eine List, eine Vermummung, aus der er bald um 
so glänzender auftauchen werde. Aber jetzt musste sie sehen, dass es 
grässlicher Ernst war. Das Urteil war zwar noch nicht bekannt, aber 
immer drohender und bestimmter hieß es im ganzen Reich, dass die 
Württemberger ihren gewesten Finanzierrat in den allernächsten 
Wochen würden aufhenken. Das Liedchen: ,JI)er Jud muss hängen!" 
wurde nicht nur am Neckar, sondern auch den ganzen Rhein hinauf, 
hinunter gepfiffen. Sie brachte den grausigen Gassenhauer nicht aus 
dem Ohr, wurde immer fahriger, ratloser. Machte ungeschickte 
Versuche, dem Sohn zu helfen, schrieb törichte Bittbriefe in die Welt 
hinein. Wenn wenigstens Rabbi Gabriel von sich hätte hören lassen! 
Sie schrieb einen drängenden, ratlosen Brief an ihn; aber sie wusste 
nicht, ob er ihn erreichte; denn sie hatte nur die Vermutung, keine 
Gewissheit, er sei in Holland. Sie schrieb ihrer verheirateten Tochter 
nach Wien, schrieb mit ihrer flatterigen, marklosen Schrift eine 
ganze Reihe von Briefen an die Wiener Oppenheimers, entschloss 
sich endlich zu diesem Äußersten, suchte ihren ältesten Sohn auf, 
den Getauften. Da saß sie nun, den Mund ängstlich, erwartungsvoll 
halb offen, schaute mit gescheuchten, törichten Augen auf ihn. „Was 
soll man tun? Was soll man tun?" jammerte sie. 

Der Baron Tauffenberger rückte unbehaglich auf seinem Sessel, 
kramte nervös und mechanisch in seinen Papieren, zappelte herum. 
Er war ein fast kleiner, etwas zu feister Herr, die Haut hell und sehr 
gepflegt, die raschen Augen traten zu groß aus dem Kopf heraus, die 
Finger krümmten sich dick, weiß und beweglich, er war unelegant 
trotz reicher und sorgfältiger Kleidung. Sein Christentum war ihm 
unbehaglich bei aller gespielten Freigeisterei. Er mokierte sich gern 
über jüdische Sitte und jüdisches Wesen, verkehrte auch mit dem 
Heimstätter Professor Karl Anton und dem als Prediger nach 
Stuttgart versetzten früheren Propst von Denkendorf Johann 
Friedrich Paulus, die, beide frühere Juden, jetzt konvertiert und 
fanatische Verkünder der christlichen Heilslehren waren. Aber er 
neidete es dem jüngeren Bruder aus tiefster Seele, dass der es soviel 
weiter hatte bringen können als er selber und doch Jude bleiben. 



377 



Auch hatte Josef ihn als einen Getauften unverhohlen und reichlich 
Spott und Verachtung spüren lassen, ihm, als sie einmal am 
kurpfälzischen Hof zusammengetroffen waren, kalt den Rücken 
gekehrt. Stießen sie geschäftlich aufeinander, so begannen sie ohne 
Vergleichsversuch zu prozessieren, und es reizte den Getauften bis 
aufs Blut, dass der Bruder voll Widerwillen und Ekel auch in 
importanten Affären es verschmähte, mit ihm persönlich 
zusammenzutreffen, und lieber, Verluste nicht scheuend, alles durch 
Agenten erledigen ließ. Der Sturz und die Schmach des Bruders traf 
ihn tief, auch wurde er darüber gehöhnt und gehänselt; gleichwohl 
konnte er, wie jetzt die Mutter ratlos vor ihm saß, für den geliebteren 
und bewunderten Sohn bei ihm zu betteln, ein leises Triumphgefühl 
nicht unterdrücken. ,JI)a habt Ihr's, da habt Dir's!" sagte er mehrmals 
mit seiner hohen, hellen Stimme. ,Jis geht nicht, dass einer da 
hinaufsteigt und Jud bleibt. Es schickt sich auch nicht", eiferte er, 
heftig gestikulierend, „es soll nicht sein, es ist gegen göttliche 
Ordnung und menschlichen Fug." Aber Michaele ging nicht darauf 
ein. „Was soll man tun? Was soll man tun ?" jammerte sie, immer im 
gleichen Ton. Der feiste Mann stand auf, lief nervös herum, legte 
einen Stapel Akten von einer Seite des Tisches auf die andere. ,£s 
gibt nur ein Mittel", sagte er endlich. Da Michaele ihn gespannt und 
hoffend anschaute, nahm er Anlauf und warf es wie gleichmütig und 
selbstverständlich hin: ,Jir muss sich taufen lassen." Michaele 
überlegte. Dann sagte sie mutlos: ,Jir wird es nicht tun." Und, nach 
einer Weile: „Rabbi Gabriel erlaubt es nicht." Der Sohn höhnte nach: 
,Jirlaubt es nicht! Mir hat er es auch nicht erlaubt. Hätte ich ihm 
gefolgt, wäre ich jetzt vielleicht so weit wie der Josef. Erlaubt es 
nicht! Erlaubt es nicht!" ärgerte er sich, mit seiner hellen Stimme vor 
sich hinschimpfend, stark gestikulierend. „Was anderes weiß ich 
nicht", sagte er plötzlich, mit einem Ruck stehenbleibend. Und da er 
die Mutter mutlos und erloschen sitzen sah, fügte er noch hinzu: „Ich 
will gern tun, was ich kann, von seinem Vermögen zu halten, was zu 
halten ist. Obzwar er es nicht um mich verdient hat. Was man in 
Heidelberg, Frankfurt, Mannheim für ihn retten kann, ich will die 
Hand darauf legen. Ich will auch mit Geld nicht sparen. Versuche zu 
machen in Stuttgart bei der Regierung, bei den Richtern, im 
Gefängnis. Aber wenn er sich nicht taufen lässt", schloss er 
achselzuckend, „wird es schwerlich gut ablaufen." Michaele setzte, 
als sie ging, die Füße schwerer als beim Kommen. 



378 



In Stuttgart wirkte unterdessen stetig und gleichmütig Nicklas 
Pfäffle für seinen Herrn. Große Gelder flössen an Regierungsstellen, 
Gerichtsbeamte. Da der Herzog- Administrator angeordnet hatte, dass 
peinlich genau untersucht werden müsse, was unzweifelbarer, 
legitim erworbener Besitz des Süß sei und dass dieser Besitz nicht 
angetastet werden dürfe, hatte der Sekretär reiche Mittel zur 
Verfügung. Kostbare Vasen, Teppiche, Steine gingen aus dem Haus 
des Süß in der Form von Andenken an einflussreiche Parlamentarier, 
Hof- und Staatsbeamte, die offiziell mit der Affäre nichts zu tun 
hatten, mittelbar um so mehr wirken konnten. 

Durch alle Judenheit aber lief es, raunte es, schwoll an: ,Jir hat 
gerettet den Reb Jecheskel Seligmann Freudenthal, er hat seine Hand 
ausgestreckt und geschützt die Juden am Neckar und am Rhein. Jetzt 
haben sie sich zusammengetan, Edom und alle Frevler, und sind 
hergefallen über üin. Er war ihnen zu groß, er hat ihnen zuviel Glanz 
gestrahlt über die Judenheit. Sind sie hergefallen über ihn wie 
Haman der Frevler und wollen ihn totschlagen. Helft und rettet den 
Reb Josef Süß Oppenheliner, der ein guter Jud war und seine Hand 
gehalten hat, wie er in Glanz war, zu gutem Schutz über alle 
Judenheit." Da wurde gebetet und gefastet in den Bethäusem, da 
wurde gewirkt in den Kanzleien und Kabinetten, da wurde Geld 
gesammelt, viel Geld, immer mehr Geld, ungeheures Geld, alles zu 
Händen des Reb Isaak Simon Landauer, Hoffaktors und guten Juden, 
der bestellt war von den Rabbinern und den Gemeinden, zu schützen 
mit aller Kraft und Schlauheit und Vermögen den gefallenen Reb 
Josef Süß Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Isaak 
Landauer aber hatte einen Plan, keinen besonders schlauen Plan, 
aber kühn und geradezu, für den Fall, daß sie es wirklich wagen 
sollten, den Süß zu verurteilen. Zu diesem Plan brauchte er Geld, 
märchenhaft viel Geld. Und märchenhaft viel Geld strömte in seine 
Kassen, blankes Gold, Wechsel, Verschreibungen, der Geringe gab 
gering, der Große gab groß, aus allen Ländern, aus allen Gemeinden, 
von den Juden aller Welt. 

Johann Daniel Harpprecht saß in seiner Bibliothek, arbeitend. 
Der Herzog-Administrator hatte den Spruch der Kommission nicht 
bestätigt, hatte befohlen, üin vorläufig geheimzuhalten, und hatte 
ihm, dem Harpprecht, das Urteil nebst dem ganzen zugehörigen 
riesigen Aktenmaterial zur Begutachtung schicken lassen. 
Ingrimmig saß der alte Herr. Dies war der vierte Winter, seitdem er 
das Judizium über den Fall des Jecheskel Seligmann hatte 



379 



abgegeben, den Stinkjuden wider Willen hatte retten müssen. Die 
nagenden Würmer hatten abgelassen jetzt und sich verkrochen; die 
obenan aufringelten, die fetten, gemästeten, der Herzog und der Jud, 
davon war der eine tot, der andere lag machtlos und unterm Fuß, und 
es stand bei ihm, zuzutreten. Ei, sie hatten gut genagt seither. Er, 
Harpprecht, war ein fester Mann gewesen, jetzt war er ein Greis 
durch sie, und viel Land und Wald und Acker und Menschenleib und 
Menschenseel war übel zerfressen und vertan durch sie, und der 
Junge, der Michael, war angenagt und die sanfte, liebliche Elisabeth 
Salomea Götzin war eine Hur geworden durch sie. Und wenn auch 
jetzt das Gewürm gescheucht ist und sich verkrochen hat, es wird 
wiederkommen, wie es immer wiedergekommen ist, und das alte 
Gebäu wird vollends zusammenstürzen. Und nun also saß er und 
sollte judizieren, ob es rechtens sei, diesen nagenden und 
schädigenden Wurm zu zertreten. 

Bilfinger kam. Er war jetzt der eigentliche Regent im Land, ein 
treuer, uneitler Regent, der arbeitete wie ein Ross und mit Erfolg. 
Die Arbeit schlug ihm gut an, der schwere, vollblütige Herr sah, der 
Gleichaltrige, zehn Jahre jünger aus als Harpprecht. „Wie steht's, 
Herr Bruder?" fragte er, den Blick auf dem Wust von Akten. „Ist es 
das gleiche", setzte er langsam, unbehaglich hinzu, „wie damals bei 
dem Juden Jecheskel?" Draußen schneite es weich und dick. Es war 
sehr still im Zimmer. Von nebenan hörte man den Schritt des jungen 
Michael Koppenhöfer. ,Ja, Herr Bruder", sagte Harpprecht. ,Jis ist 
das gleiche. Er ist formal, nach dem Buchstaben des Kriminalrechts, 
nicht genug überwiesen." Bilfinger nahm von den Papieren, zerteilte 
sie, schichtete sie wieder zusammen. „Ist nicht zu bedenken, Herr 
Bruder", sagte er nach einer Weile, „dass er sich im Verfassungsstaat 
Württemberg so viel Ausnahmen permittiert hat vom Verfassungs- 
mäßigen, dass er es sich muss gefallen lassen, wenn man jetzt auch 
mit ihm eine Ausnahm macht von der Rechtsform?" ,JI)as ist zu 
bedenken", erwiderte Harpprecht. „Aber nicht von mir. Vom 
Herzog." 

Indessen war auch der Prozess gegen den General Remchingen 
seinem Ende entgegengeführt worden. Der Freiherr, Jesuit und 
österreichische Oberst wurde nicht so glimpflich behandelt wie die 
eingesessenen Hallwachs, Mez, Bühler, Lamprechts, Scheffer, er 
hatte keine Verwandten in der Kanzlei sitzen, er hatte alles Zivil als 
Federfuchser, alles Nichtadelige, besonders das Parlament, stets nur 
als Canaillen, Rotüre, Populace traktiert und war sehr verhasst. Man 



380 



inquirierte also scharf und trug Material zusammen, das, wenn nicht 
zum Todesurteil, so zumindest zur Bestrafung mit lebenslänglicher 
Festungshaft genügte. Nun war aber um diese Zeit der Vergleich 
Karl Rudolfs mit der Herzogin- Witwe über die Vormundschaft bis in 
alle Details fertiggestellt worden, auf eine für den Regenten sehr 
günstige Art, und unterlag zugleich mit dem Regierungsreglement 
für die Administrationszeit der Prüfung und Bestätigung der 
kaiserlichen Kanzlei. In solchem Augenblick durch harte Bestrafung 
des Katholiken und Österreichers den Wiener Hof zu reizen, schien 
höchst inopportun. So beschloss man, die Urteilsfällung hinauszu- 
schieben, und ließ den General einstweilen frei, gegen Handtreue 
und Ehrenwort. Remchingen brach, wie erwartet, schnurstracks sein 
Ehrenwort, floh außer Landes, trat unter dem General Schulenburg 
in venezianische Dienste. Wurde in Kontumaz verurteilt, tat in 
mehreren Klageschriften an Kaiser und Reich erbitterten Einspruch. 
Spie noch durch Jahre Kot, Gift und Galle gegen Württemberg. Das 
Volk war empört über Remchingens Flucht. Nun waren alle 
Bluthunde ungestraft entkommen, saßen in Eßlingen, anderthalb 
Meilen entfernt, lachten sich den Buckel voll oder machten gar noch 
wie Remchingen Stank und Diffikultäten. Den einzigen Juden hatte 
man noch. Aber der wenigstens sollte büßen. Wieder waren die 
Geheimräte Pflug und Pancorbo Vomean, schürten, zahlten 
Demonstrationen. Wilder, heftiger, drohender, drängender ging es 
durch das Land: ,JDer Jud muss hängen!" 

So lagen die Dinge, als Harpprecht dem Herzog-Administrator 
sein Gutachten abstattete. Der rechtliche, wahrhaftige Mann ließ sein 
Urteil nicht trüben durch den Hass gegen den Juden, nicht durch das 
tobende Volk, das laut und wie mit Einer Stimme nach dem Tod des 
Juden brüllte, nicht durch die Gunst oder Missgunst des Kabinetts 
und des Parlaments. Der Rechtslehrer urteilte: Die auf Verfassung 
und Amt vereidigten Räte und Minister, welche die angeklagten 
Befehle und Verordnungen signiert haften, müssten prozessiert und 
gestraft werden, nicht der unvereidigte, in keinem Staatsamt 
stehende Ausländer. Jene seien nach römischem und deutschem 
Recht des Todes schuldig, dieser nicht. Einen einzigen Punkt 
ausgenommen, den fleischlichen Verkehr mit Christinnen. Und 
dieser Punkt könne aus mancherlei Ursach ernsthaft nicht 
herangezogen werden, auch habe ihn die Kommission gar nicht erst 
in ihre Entscheidungsgründe aufgenommen. Er kam zum Schluss, 
auf Grund der bestehenden Gesetze des Römischen Reichs und des 



381 



Herzogtums könne Inquisit zum Tod nicht verurteilt werden; man 
solle ihm seinen Raub, soweit er erwiesen sei, abnehmen und ihn des 
Landes verbannen. 

Klein, schäbig, schief saß der eisgraue, verwitterte Herzog und 
hörte aufmerksam dem schweren, treuen, sachlichen Mann zu. „Er 
vermeint also", sagte er schließlich, „die Kommission hat den Juden 
mehr als den Schelmen verurteilt ?" , Ja", sagte Harpprecht. 

Draußen pfiff einer den Gassenhauer: ,JI)er Jud muss längen!" 
Der alte Regent hielt die Lippen hart geschlossen. „Ich wollte, ich 
könnte tun nach Seinem Rat", sagte er endlich. Damit entließ er den 
Juristen. Andern Tages unterzeichnete er das Todesurteil. „Besser, 
der Jud wird zu Unrecht erwürgt", sagte er, ,3ls er bleibt zu Recht 
leben und das Land gärt weiter." Auch sagte er: ,JZ)as ist ein seltenes 
Ereignis, daß ein Jud für Christenschelmen die Zeche zahlt." 



382 



44. 



Durch die kahlen, dumpfen Gänge der Festung Hohenasperg, 
über verwinkehe Treppen, ein mürrischer Korporal mit einem 
ungefügen Schlüsselbund voran, flatterte Michaele Süß. Der alten, 
verzärtelten Dame beschleunte sich das Herz, Mauern überall und 
klobige Waffen, ein großer, beklemmender, bedrohlicher Apparat. 
Der Korporal stapfte mit raschen Schritten voraus, sie konnte nur mit 
Mühe folgen und kam außer Atem, aber sie wagte nichts zu sagen. 
Endlich knarrte rasselnd eine niedrige, hässliche Tür auf. Sie 
schaute, schnaufend, in ein kahles Geviert, da saß auf einer Pritsche 
ein alter Mann, den Rücken krumm, schlaff und übel verfettet, mit 
schmutzig weißem ungepflegtem Bart, und summte und döste vor 
sich hin mit einem abwesenden, törichten Lächeln. Sie sagte zaghaft 
zu dem Korporal: „Nicht zu dem, guter Mann; ich will zu Josef 
Süß." Der Korporal sagte übellaunig: „Das ist doch der Jud, Frau." 
Angefüllt von tiefem, kältendem Schrecken schaute Michaele Süß 
auf den eingesperrten Mann, der ihr jetzt langsam das Gesicht 
zuwandte, die braunen, blinzelnden, etwas entzündeten Augen. Der 
Korporal verschloss draußen umständlich rasselnd die Türe. Das ihr 
Sohn! Der hässliche, verwahrloste Mann, älter als sie, ihr strahlender 
Sohn! Oh, es war nichts mehr, nicht die leiseste Spur mehr vom 
Heydersdorff in ihm, viel eher, merkte sie mit Grauen und Neugier, 
glich er trotz des Bartes dem Rabbi Gabriel. Sie beschaute ihn scheu, 
voll Grauen, sie spürte nichts von dem früheren fressenden, 
schmerzhaften Mitleid, sie spürte, wie er aus ihr glitt, wie sie leer 
wurde, es war ein fremder, schmutziger, verwahrloster Mensch, mit 
dem man, versteht sich! Bedauern haben musste, denn er war 
eingesperrt, und es ging ihm schlecht und zudem war er ein Jud. 
Aber sie hatte sich schon wieder verkapselt und ihr Inneres war 
umkrustet. Sie stand, eine fremde, elegante Dame, verlegen vor dem 
Ungepflegten, in den Schmutz gerutschten Mann. Als sie dann 
redeten, fand sie kein echtes Wort mehr. Er sprach mild zu ihr, mit 
einer leichten, überlegenen, fast scherzenden Güte, und streichelte 



383 



ihre sehr weißen Hände. Sie weinte ein weniges. Aber keines seiner 
Worte drang zu ihr. Sie dachte immer nur: dieser alte Mann ihr 
Sohn! und war umkrustet. Sie war eigenthch froh, als die Stunde um 
war, die sie bei ihm bleiben durfte und der misslaunige Korporal sie 
wieder abholte. Umschaute sie noch einmal aus der Tür voll scheuen 
Grauens nach dem alten Mann, der ihr Sohn war. Als sie dann die 
Festung verließ, war sie es, die den Schritt schneller nahm. 

Bald darauf tauchte ein sanfter, stiller, trauriger Herr in die 
Zelle, neigte sich, war sehr höflich. Große, weiße Hände, 
melancholische, fließende Augen in dem fleischigen, vom Rasieren 
bläulichen Gesicht. Er sprach leise, mit einer beredten, traurigen 
Stimme. Es war Johann Friedrich Paulus, früher Propst von 
Denkendorf, jetzt Prediger in Stuttgart, der Konvertit. Der Stadtvikar 
Hoffmann hatte ihn geschickt. Der Stadtvikar hätte zwar gern selber 
der Kirche diesen Verstockten gewonnen; aber er sah, hier war 
wenig Hoffnung, und lieber sollte ein anderer das Werk vollenden, 
als daß es ^ nicht geschah. Der frühere Jude konnte sich vielleicht 
tiefer hineinschmiegen, hineintasten, hineinschmuggeln in die 
verhärtete Seele, sie aufzuweichen. Still und höflich saß der 
Konvertit an der Wand, trotz seiner Fülle merkwürdig schattenhaft. 
Er ließ seine traurigen Mandelaugen herumgehen in der kahlen Zelle. 
Sprach leise konversierend. ,JI)ies alles sind nur Kleider und 
Masken", sagte er. „Ihr Palais, diese Zelle, Ihr Judentum, mein 
Christentum: Kleider, Masken. Es ist nur dies, dass einer den Strom 
Gott in sich spürt. Es ist dies, dass einer ein Schein im Schein, ein 
Wort im Wort ist. Ich habe Sie steigen sehen, Herr Finanzdirektor, 
ich habe Sie in Ihrem großen Glanz gesehen und hoch im Blau. Ich 
bin ein Freund und Schüler des Rabbi Jonathan Eybeschütz, der 
wieder ein Freund ist Ihres Onkels, des Rabbi Gabriel. Ich hatte oft 
Lust, mit Ihnen zu reden, Herr Finanzdirektor. Nicht weil Sie mich 
vielleicht verachteten um meine Taufe und mein Christentum und 
weil ich Sie besser belehren wollte. Wie ich Sie jetzt sehe", schloss 
er, und seine streichelnde Stimme war noch leiser, und er war fast 
erschüttert, „sehe ich sehr genau, daß ich um unser beider willen 
gekommen bin, für mich nicht weniger als für Sie." „Sie sind doch 
gekommen", sagte Süß, „um mich zum Christentum zu bekehren?" 
,JDer Stadtvikar Hoffmann hat Sie doch geschickt? Ist's nicht so, 
ehrwürdiger Herr? Oder soll ich Sie Rabbi Unser Lehrer nennen?" 
lächelte er. Der stille Mann an der Wand sagte: ,E^s ist nicht schwer, 
und es ist billig, zu trotzen und ein Märtyrer zu sein. Viele verachten 



384 



mich, weil ich Christ wurde. Aber die Beschmutzung tut nicht weh. 
Ich rühre mich nicht und wische sie nicht weg. Denn ich hab es getan 
nicht um Brot und Kleid und Titel, nur für die Idee, für mein Gesetz. 
Sie haben Ihr Gesetz, Sie haben Ihre Idee. Ist es nicht vielleicht 
richtiger, dies Gesetz fertig zu leben, dieses Licht nicht verlöschen 
zu lassen, auch wenn man statt des Kleides Judentum das Kleid 
Christentum anziehen muß? In solcher Zelle zu leben" - sein sanfter, 
fließender Blick glitt über die kahlen Wände - „ist sicher hart. Aber 
wer sagt Ihnen, Exzellenz, daß alles, was hart ist, Verdienst ist?" 
„Sie haben eine sehr liebenswürdige Manier, ehrwürdiger Herr", 
sagte Süß, „die Heilslehren Ihrer Religion in eine komfortable Hülle 
zu verpacken. Ein weiches Bett, ein warmes Zimmer, Rehrücken, 
alter Madeirasekt sind unbestreitbare, eingängige, angenehme 
Wahrheiten; auch was Sie da sagen vom Wort im Wort und vom 
Schein im Schein, klingt gut und passabel. Aber sehen Sie, ich habe 
mein Palais in der Seestraße mit dieser Zelle vertauscht. Man hat 
mich in jedem Stück angezweifelt; aber nie hat jemand gezweifelt, 
dass ich ein tüchtiger Kaufmann bin. Ich muss also wohl" - er 
lächelte listig - „zu solchem Tausch meine guten Gründe gehabt 
haben. Sagen Sie dem Herrn Stadtvikar", schloss er heiter und 
verbindlich, und sagen Sie sich selbst: „Sie haben getan und geredet, 
was einem Menschen möglich ist. Es liegt an mir, es liegt wirklich 
nur an mir." Allein, summte er, lächelte, wiegte den Kopf. Dachte an 
Michaele. Die liebe, törichte Frau. Er fühlte sich schwach, 
schwerlos, angenehm müde. Wie ein Kranker, wohlig im Bett, 
Genesung spürend. So saß er, dösend, auf der Pritsche. 

Da, ganz unvermutet, kam das Kind zu ihm, sprach zu ihm. Es 
war noch viel kleiner und jünger geworden, es war klein wie eine 
Puppe, und es setzte sich ihm merkwürdigerweise auf die Schulter 
und zupfte ihn zärtlich am Bart, und es sagte: „Dummer Vater! 
Dummer Vater!" Sie blieb etwa eine halbe Stunde. Sie sprach auch, 
aber lauter ganz kleine Dinge, sie sprach mit der Wichtigkeit und 
dem Ernst der Kinder, von den Tulpen, von der Auslegung einer 
Stelle im Hohen Lied, von dem Futter seines neuen Rockes. Als sie 
fort war, atmete Süß wie ein Schlafender, den Mund halb auf, 
glücklich. So gerufen hatte er sie, und sie war nicht gekommen, mit 
wilden, heißen, törichten Taten sie gerufen, ein grelles, ungeheures 
Totenopfer ihr angezündet, und sie war nicht gekommen. Was für 
ein Narr war er gewesen! Sie war ja so klein, ein so kleiner, sanfter, 
befriedeter Mensch war sie. Was denn hätte sie sollen mit seinen 



385 



großen, grellen, schreienden Taten und Opfern anfangen. Aber jetzt, 
nun er ganz still war und sich schon beschieden hatte, sie nicht mehr 
zu sehen, nun auf einmal kam sie, und es war ein großes, anfüllendes 
Geschenk. Er ging die Zelle auf und nieder, seine fünfeinhalb 
Schritte, und die Zelle war reich und voll und die ganze Welt, und er 
streckte die Arme aus und lachte, allein und jungenhaft und laut und 
glücklich, daß der Wächter draußen auf dem Gang aufschrak und 
misstrauisch hereinspähte. Der Major Glaser eröffnete dem Süß, er 
solle sich bereit halten, anderen Tages in der Frühe nach Stuttgart zu 
fahren. Der Major wusste, der Jude fahre nach Stuttgart, sein 
Todesurteil zu hören, aber er hatte nicht Ordre, ihm das zu sagen, 
und hielt es nicht für not. Süß, im linden Nachgeschmack der Worte 
Naemis, glaubte, es gehe in sein Haus zurück und in die Freiheit. Er 
hielt es nicht im entferntesten für möglich, man werde ihm gegen 
den klaren Buchstaben des Rechts ans Leben gehen. Gutmütig 
scherzend und in schwerloser Laune sagte er, er freue sich des 
schönen Wetters für die Fahrt, fragte den Kommandanten, ob er ihm, 
der ein großer Schnupfer war, eine Tabaksdose zum Andenken 
übersenden dürfe. Gemessen lehnte der Major ab; doch gestattete er, 
das harte Gesicht kaum vor dem Grinsen wahrend, dass Süß einen 
Galarock für die Fahrt anlege. Auch vor dem Wärter erging sich Süß 
in leichten, schwingenden Worten über Rückkehr und Freiheit und 
gab dem erstaunten Mann, der nicht wusste, was tun, eine 
Anweisung auf eine ansehnliche Summe als Trinkgeld. Wie er sich 
des Abends auf seine Pritsche legte, fand er sich ganz entlastet und 
selig. Er wird jetzt irgendwohin ins Ausland gehen, an einen See 
oder ans Meer, in ein winziges, stilles Nest, und ganz klein und mild 
leuchtend vor sich hinleben. Ein paar Bücher oder auch keine. Und 
bald wird er leicht und leise verklingen, und unter den Menschen 
wird nur ein dummer, lauter Hall bleiben von seinem Leben und von 
seinem Gewese, und der wird im Guten und im Bösen ganz anders 
sein und sehr verzerrt. Bald aber wird auch sein Name gar nichts 
mehr bedeuten, wird nichts sein als etliche Buchstaben ohne Sinn; 
schließlich werden auch die verklingen, und es wird große, reine 
Stille sein und nur mehr ein Schweben und sachtes Leuchten in der 
Oberen Welt. 

Anderen Morgens, es war ein frostklarer, weißer, sonniger Tag, 
fuhr Süß bei guter Zeit. Trotz der Kälte im offenen Wagen. Er hockte 
schwach und froh im Fond, ein Wärter neben ihm, einer ihm 
gegenüber. Starke Wache auch zu beiden Seiten, vor, hinter dem 



386 



Wagen. Er wollte erst mit seinen Begleitern sprechen, aber die hatten 
strenge Weisung, nicht zu erwidern. Ihn grämte es nicht. Er lehnte 
zurück, atmete, kostete, schluckte, sah, tastete nach den vielen 
dumpfen Monaten die reine, freie, beglückende Gottesluft. Blick, 
nicht an Mauer stoßend, wie köstlich! Bäume, sanfter, herrlich reiner 
Schnee darauf. Weites, weißes Feld, weich und zärtlich in den 
Himmel mündend. Weite Welt, feine, herrliche, reine, weite Welt! 
Luft! Freie, liebe Luft! Sie griff ihn an, den Eingesperrten, Ent- 
wöhnten, er lehnte ganz schlaff und schwach und erschöpft; aber er 
war selig. Er hatte den roten, goldbestickten Taftrock mit dem 
zottigen Samtfutter aufgeschlagen, selbst das grüne, goldbordierte 
Kamisol der Luft geöffnet. Die Beine in den braunen Beinkleidern 
zitterten und waren sehr matt. Den Samthut und die auf dem schlecht 
gepflegten Haar übelsitzende Perücke hatte er abgenommen, er ließ 
wohlig den Luftzug der raschen Fahrt durch das weiße Haar 
streichen. 

Aber in Stuttgart am Tor stand dick der Pöbel, wartete. Schrie, 
johlte, als die Kutsche kam, schmiss Steine, Kot. Stürzte sich auf den 
Juden, riss ihn heraus, stauchte ihn hin und her, zerrte ihn an dem 
weißen Bart. Hob Kinder hoch: ,J!^ugt her! Da ist er, der Schinder, 
Judas, Mörder, Saujud!" Spuckte, trat. Zerrissen der feine Rock, in 
Kot getreten der artige Samthut. Die aus dem Blauen Bock sagten in 
wehmütiger, sentimentaler Genugtuung: „Das hätte der selige 
Konditor Benz noch erleben sollen." Nur mit Mühe gelang es der 
Eskorte, den Juden herauszuhauen. Mit fliegender Brust saß er jetzt 
im Wagen, das graue Gesicht zerschrundet. Rinnsei von Speichel 
und Blut langsam in den zerrauften Bart rinnend, Soldaten um ihn, 
drohend gegen die Menge, die Hand an der Waffe. 

Das Geschrei und Gejohle drang auch in das große Zimmer, in 
dem Magdalen Sibylle lag, ein Kind des Immanuel Rieger gebärend. 
Der Expeditionsrat hätte gern gehabt, daß sie das Kind auf dem 
Land, auf ihrer schönen Besitzung Würtigheim, zur Welt bringe; 
aber da sie aus unerklärlichen Gründen durchaus in Stadt bleiben 
wollte, fügte er sich. Da lag sie, in den Wehen, eine geschwätzige 
betuliche Hebamme wuschelte geschäftig herum, der Expeditionsrat 
ging blass, dienstwillig demütig und schwitzend auf und ab. 
Trotzdem sie breit schien und gebärtüchtig war die Einbindung nicht 
so leicht, wie man gehofft hatte. Sie schrie, stemmte sich, presste, 
keuchte. Jetzt war eine Minute der Erleichterung gekommen. 
Zurückgesunken, fahl, schweißüberdeckt bebte sie, immer wieder 



387 



überschauert In die Stille klang das Johlen der Volksmenschen 
herein, ganz deutlich hörte man den Gassenhauer. ,JDer Jud muss 
hängen!" Der Expeditionsrat rieb sich die Hände. ,Jiin gutes Omen", 
sagte er, „daß das Kind im Zeichen der Gerechtigkeit geboren wird." 
Aber sie schaute voll Hass auf den hageren, unscheinbaren Man und 
betete unhörbar, ohne Reim und Schnörkele dringlich und stark: 
„Herr Gott im Himmel! Lass es nicht werden wie den da! Herr Gott 
im Himmel! Du hast mir soviel verhunzt. Das gib mir, das wenigsten 
gib mir, daß mein Kind nicht werde wie der da!" 

Süß wurde inzwischen auf das Rathaus gebracht. Der große Saal 
war gestopft mit Zuschauern das Richterkollegium war versammelt, 
feierlich in schwarzen Mänteln. Der Jude sah das jovial brutale, 
massige Gesicht des Gaisberg, das feine, höhnische, hakennasige des 
Schütz, das harte, grausame hagere des Pflug, das des jungen Götz 
sogar, sonst leer, fad, rosig, schien belebt von Hass, Rache, Triumph. 
Da erkannte er, daß er nicht zur Freiheit, sondern zum Tode 
bestimmt war. Und da begann auch schon der Präsident, der 
Geheimrat Gaisberg, mit seiner dröhnenden ungefügen Stimme, 
stark schwäbelnd, das Urteil zu verlesen. Süß hörte in monotonem 
Wechsel Landschaden, Plünderung, Beraubung, Hochverrat - 
Staatsverbrechen und den Schluss, daß er mit dem Strang vom Leben 
zum Tod solle hingerichtet werden. Er sah in dem überheizten Saal 
die dichtgedrängte Menge, die großen Herren alle, die Minister, 
Parlamentarier, Generäle, dünstend, schwitzend, voll Hochgefühl. Er 
sah die kleinen, eklen Tiere, da das große sich hingestreckt hatte in 
freiwilliger Wehrlosigkeit, darüber herfallen, sich festbeißen, 
geschäftig übereinanderwimmeln, daß ja ein jeder noch sinnlos die 
Zähne hineinschlage in die verendende Masse Lebens. Da war 
plötzlich wieder in ihm der frühere Süß. Er bäumte hoch, er begann 
zu reden, der alte, verfallene Mann, überdeckt mit dem Blut und dem 
Kot der Misshandlungen, richtete sich hoch, erwiderte seinen 
Richtern. Kratzte, eiskalt sachlich, schneidend, dem Urteil die 
pathetische Tünche herunter. Lautlos hörte man seine ersten Sätze 
an. Dann aber, rot angelaufen über solche Frechheit, stürzten sich, 
nicht anders als das Volk, die vornehmen Herren auf ihn, brüllend, 
mit den flachen Degen auf ihn einschlagend, und wie dem Volk, 
konnte die Eskorte auch ihnen nur mit Mühe den Delinquenten 
entreißen. Wie er abgeführt wurde, über den tosenden Saal hin, 
packten ihn die harten, höhnischen Worte des Geheimrats Pflug im 



388 



Nacken: ,Jir hat gesagt, Jud, höher als der Galgen ist, könnten wir 
ihn nicht hängen. Wir werden' s Ihm beweisen." 

Mit Eilwagen fuhren von Hamburg her Rabbi Gabriel 
Oppenheimer van Straaten und Rabbi Jonathan Eybeschütz. Die 
beiden Männer sprachen auf der langen Fahrt nur das Nötigste. Sie 
sahen die schaukelnden Schenkel der Pferde, oft gewechselt, braune, 
schwarze, weiße; sie sahen das vorübergleitende Land, flaches Land, 
Berg, Wald, Fluss, Weinhügel. Aber nur ihre Augen waren darauf, 
nicht ihr Sinn. Meilenstein um Meilenstein tauchte auf, verschwand. 
Sie sahen nur das Antlitz, dem sie zustrebten, daß sie es erreichten, 
ehe es verlösche. Rabbi Gabriel saß wie immer massigen, 
misslaunigen Gesichts, den dicklichen Leib in großbürgerlichen, 
etwas altmodischen Kleidern. Rabbi Jonathan, in seidigem Kaftan, 
mild leuchtend aus dem weißen, milchig fließenden Bart das listige, 
nicht alte Antlitz, war nach lüstern weltlichen Wochen wieder 
zurückgetaucht in Versunkenheit, Erkenntnis, Gott. Die letzte Zeit 
und Wandlung des Süß zog ihn mit grausamer Lockung an. Es war 
nicht das Schauspiel dieses Untergangs. Er und Rabbi Gabriel, ohne 
daß sie darüber gesprochen hatten, wussten, spürten die 
merkwürdige Verquickung von Freiwilligkeit und Zwang in diesem 
Ende. Die Entsprechung, das heimliche Band, der Fluss von jenem 
zu ihnen hatte nun auch den Rabbi Jonathan ergriffen, hob ihn, 
senkte ihn. Er stak in jenem, eine stärkste Wurzel von ihm starb in 
jenem. So fuhren die beiden Männer, gradaus das Aug, dem Tode 
des Josef Süß zu, wolkig schwer brütete um sie die Erkenntnis ihrer 
Bindung. 

Auch auf anderen Straßen zog es nach Stuttgart, zu Süß, um 
Süß. Mit viel Wache und Bedeckung kam der Hoffaktor Isaak Simon 
Landauer; er hatte, trotzdem er sehr schlicht zu reisen pflegte, mit 
sich drei jüdische Kassiere und außer der gemieteten Polizeiwache 
ein paar sehr kräftige, verlässige Burschen. Es kamen der kleine, 
welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der dicke, 
hitzige Rabbiner von Fürth. Die drei Männer trafen in der Nähe von 
Stuttgart zusammen, sie waren beim Herzog- Vormünder zur 
Audienz gemeldet, und es war Sorge getragen, daß sie bei der 
Einfahrt nicht belästigt wurden. Karl Rudolf empfing sie in 
Gegenwart Bilfingers und Pancorbos. 

Es sagte der Rabbiner von Fürth: ,Jiuer Durchlaucht sind 
hochberühmt in der ganzen Welt um der Gerechtigkeit willen. Ist es 
gerecht, daß die Räuber sitzen ringsum in Reutlingen, in Eßlingen 



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und lachen und fressen ihren Raub und daß der Jud, der weniger 
schuld ist vor dem Gesetz, muss zahlen ihre Zeche? Euer 
Durchlaucht sind gerecht gegen hoch und nieder, gegen Schwaben 
und Österreicher, gegen Katholik und Protestant. Seien Sie gerecht 
auch gegen Ihren Juden." 

Es sagte der Rabbiner von Frankfurt: „Reb Josef Süß 
Oppenheimer ist gestanden vornean unter den Juden, er ist geboren 
aus einer alten, angesehenen jüdischen Familie. Was er getan hat, 
wird man sagen, hat die ganze Jüdischheit getan. Wenn man ihn wird 
aufhenken, und die Christen, seine Konsorten, gehen frei herum, 
wird man sagen, die Judenheit ist schuld an allem, und es wird 
kommen neuer Hass und Verfolgung und Bosheit über die ganze 
Judenheit. Euer Durchlaucht sind ein gnädiger Herr und Fürst, Euer 
Durchlaucht wissen, daß der Jud ist nicht mehr schuld und nicht 
weniger als seine Genossen, die Christen. Es kommt Ärgernis in die 
Welt und neue Heimsuchung über die Getretenen und Gedrückten, 
wenn er wird anders gerichtet als die anderen. Wir bitten Euer 
Durchlaucht aus peinvollem und demütigem Herzen um Gnade für 
den einen und die ganze Judenheit." 

Es sagte Isaak Landauer: „Was getan hat der Reh Josef Süß 
Oppenheimer, hat gewirkt, daß Schaden hat genommen an Geld und 
Gut der und jener und das Land Württemberg. Was gesündigt ist 
durch Geld, kann gutgemacht werden durch Geld. Wir haben uns 
zusammengetan, alle Judenheit, und haben zusammengesteuert Geld, 
viel Geld, ungeheures Geld. Und so sind wir gekommen und bitten 
Euer Durchlaucht: lassen Sie ledig den Reh Josef Süß Oppenheimer. 
Wir wollen machen gut, was er kann haben gesündigt, wir wollen es 
machen gut und aber gut, daß das Land Württemberg kann kommen 
in Flor und Gedeih. Wir bieten an, wenn Sie lassen ledig den Juden 
Josef Süß Oppenheimer, eine freiwillige Buße von 
fünfmaUiunderttausend Doppeldukaten." 

Schweigend hatten der Herzog-Administrator und die beiden 
Minister die Juden angehört. Bei dem Angebot des Isaak Landauer 
zuckten sie auf. Das Angebot war eine Frechheit. Aber die Summe 
war so ungeheuerlich, soviel größer als der höchste Betrag, der 
jemals im Budget des Herzogstums gestanden war, daß man diesem 
Angebot nicht wohl mit so simplen Worten wie Unverschämtheit 
und Arroganz beikommen konnte. FünfmaDiunderttausend 
Golddukaten! Den Josef Süß loskaufen wollen, war eine Frechheit 
und eine Dummheit. Den Josef Süß mit einer so ungeheuren Summe 



390 



loskaufen wollen, war ein kühnes, geniales Projekt, das in seiner 
naiven Großartigkeit verblüffte. Damit auch hatte Isaak Landauer 
gerechnet, darauf baute er seinen Plan. Er war von Anfang an 
überzeugt, mit Listen, mit Argumenten, mit Pochen auf 
Gerechtigkeit, mit Flehen um Gnade war hier nichts auszurichten. 
Vielleicht wirkte so plumpes, naives Geradezu. Für Geld konnte man 
alles in der Welt kaufen: Boden und Vieh, Berg, Fluss und Wald, 
Kaiser und Papst, Kabinette und Parlamente. Warum sollte man 
nicht können abkaufen diesen schwäbischen Gojims ihre Rachgier 
und ihr albernes Gerede von Justiz. Sie war, seine dumme, schiefe 
Gerechtigkeit, diesem Herzog teuer. Gut, so bezahlte man sie eben 
teuer. Fünfmalhunderttausend Golddukaten. Damit konnte man zur 
Not ein kleines Herzogtum kaufen: es war ein guter Preis für ein 
Stückchen sogenannter Justiz. 

Ehe die Herren sich von ihrer Überraschung erholen konnten, 
sprach Isaak Landauer weiter: „Wir zahlen nicht in Wechseln, wir 
zahlen nicht in Verschreibungen. Wir zahlen Gold, blankes Gold. 
Golddukaten, runde, unbeschnittene." Er schlurfte zur Tür, er winkte 
seinen Leuten mit einem kopfwiegenden, überlegenen. Anstaunung 
einfordernden Lächeln. In stummer, gespannter Bannung schauten 
der Regent und seine Minister auf die eintretenden Burschen. Die 
trugen Säcke, kleine, sehr schwere Säcke, sie entleerten sie auf einen 
Wink des schmuddeligen Mannes. Heraus floss Gold, gemünztes 
Gold aller Währungen, rotes Gold, spanisches, afrikanisches, 
türkisches, aus allen Zonen. Häufte sich, türmte sich, hörte nicht auf, 
wuchs mannshoch, breitete sich dick wie eine ausgewachsene Eiche, 
ein Berg von Gold. Stumm schaute der kleine, schiefe, schäbige 
Herzog, der massige Bilfinger. Dom Bartelemi Pancorbo reckte den 
entfleischten, blauroten Kopf aus der verschollenen Krause, seine 
dürren Finger streckten sich, krümmten sich, konnten nicht länger 
widerstehen, streichelten das Gold, das liebe Gold, badeten in dem 
endlosen Fluss. Isaak Landauer stand daneben in seinem schmierigen 
Kaftan, die Schläfenlöckchen ungekämmt, in unschöner, 
unselbstverständlicher Haltung, lächelte fatal, hielt den einen 
Oberarm eng am Körper, die Handfläche hochgehoben nach außen, 
mit der andern Hand strähnte er den rotblonden, verfärbten 
Ziegenbart. 

Das Angebot Isaak Landauers wurde abgelehnt. Aber die Worte 
der alten Männer klangen nach in dem Herzog. Er war ungerecht! Er 
war gezwungen, vor seinem Sterben ungerecht zu sein. Nicht nur 



391 



gegen den Süß, auch gegen die anderen Juden. Besitz packte ihn 
nicht, Gold rührte ihn nicht an. Aber diese Leute hingen daran. Gold, 
Gold! war ihr Leben und ihr Sinn. Und dennoch hätten sie freiwillig 
so ungeheuer reich gesteuert und gezinst, sein Unrecht abzuwenden. 
Seine Pflicht war klar: er musste vornächst seinen Schwaben recht, 
also den Juden unrecht tun. Aber dieser Berg von Gold drückte ihn, 
scheuerte ihn wund. 

In einem dringlichen Brief bat er den Herzog Karl Friedrich von 
Württemberg-Öls um seinen Besuch. Er war gewillt, diesem die 
Vormundschaft und die Regentschaft abzutreten. Er hatte sein Bestes 
getan, das Land aus dem ärgsten Dreck herauszuziehen, er hatte es 
wohl erreicht. Gerechtigkeit! hatte er gesagt, Pflicht, Autorität! Aber 
es war nicht möglich, in diesen Zeiten das Regiment nach solchen 
Prinzipien zu führen. 

Er hatte müssen zusehen, wie man die todeswürdigen Schelmen 
hatte laufen lassen, jetzt musste er zusehen, wie man den Juden, 
trotzdem es unrecht war, aufhenkte. Er war einundsiebzig Jahre alt 
und müde. Er fühlte seine Leibes- und Geisteskräfte merklich 
schwinden. Es sei ihm beschwerlich, schrieb er dem Kaiser, erklärte 
er den Geheimräten, dem völligen Detail einer so verwirrten als 
wichtigen Regierung nach eigenem Wunsche genugsam abzuwarten. 
Er sehnte sich, der schiefe, schäbige, ehrliche Soldat, nach der 
bäuerlichen Ruhe seines kleinen, umblühten Neuenstadt, nach einem 
stillen Sterben. 

Nachdem Süß sich bei der Verkündung des Urteils so frech und 
widerspenstig erwiesen hatte, wurde er im Herrenhaus, wo er bis zur 
Vollstreckung des Urteils bleiben sollte, kreuzweis geschlossen und 
ohne Nahrung den Tag über in ein kahles, vollkommen leeres Gelass 
gesperrt. Er war, nach dem Ausbruch vor den Richtern, sogleich 
wieder still geworden, beschaute, lächelnd, kopfwiegend, Blut und 
Schmutz, mit dem er überdeckt war. Hockte, in den Fesseln 
verkrümmt, auf dem Boden an der Wand des leeren, nicht dunklen 
Raumes. Haman, der Minister des Ahasver, besuchte ihn; er hatte die 
Hakennase des Herrn von Pflug und seine harte, hochmütige 
Stimme. Goliath kam, haute ihn mit der Bewegung des Herrn von 
Gaisberg plump, jovial und schmerzhaft kräftig auf die Schulter. 
Andere kamen. Freundlichere, machten halb schwäbisch, halb 
hebräisch Konversation. Der treue Elieser-Pfäffle war da, Abraham 
feilschte in Gestalt Johann Daniel Harpprechts mit dem Herrn um 
Gerechtigkeit. Und die Menschen kamen, die zu Naemi gekommen 



392 



waren. Jesaia, der Prophet, knurrte und sänftete mit der übellaunigen 
Stimme des Oheims. An dem reichen Haar hing Absalom im Geäst; 
doch das Haar war weiß und das Gesicht darunter sein eigenes. 
Aber da kläffte es hinein, schepperte, bellte. Ach, das war wieder der 
Stadtvikar Hoffmann, die Segnungen der Augsburgischen 
Konfession anpreisend. Ja, der eifrige Seelsorger war wieder zur 
Stelle, er glaubte, jetzt sei der Braten weich und mürb genug. Doch 
Süß war durchaus nicht gestimmt, heute mit ihm zu disputieren. 
Diese grobe Stimme verdrängte die sanfteren um ihn. Still und ohne 
Hohn bat er, von ihm abzustehen; er wolle gern, lasse man nur von 
ihm ab, der evangelischen Kirche zehntausend Taler für ihre 
Bemühungen testamentarisch verschreiben. Hoffnungslos zog sich 
der ergrimmte Geistliche zurück. 

Anderer, unerwarteter Besuch kam. Ein feiner, älterer Herr, 
Windhundschädel, schnuppernd, ganz unauffällig und sehr vornehm 
gekleidet. Der Vater der Herzogin-Witwe, cfer alte Fürst Thum und 
Taxis. Es hatte ihm keine Ruhe gelassen, es hatte ihn aus den 
Niederlanden hergetrieben. So ging das nicht, so konnte man den 
Süß nicht sterben lassen. Einen Mann, den seine Tochter besucht, 
dem er selbst die Hand gegeben hatte. Einen Mann, von dem die 
katholische Kirche, zwar nicht offiziell, doch so, daß alle Höfe es 
wussten, Dienste angenommen hatte. Nein, nein, es vertrug sich 
nicht mit seinen Anschauungen von Höflichkeit, er hatte eine zu gute 
Kinderstube, das geschehen zu lassen. Ein Mann, mit dem man 
soweit gegangen war, war ein Herr. Takt, Anstand, Manierlichkeit 
gebot, daß man ihn nicht mit dem Galgen in Berührung kommen 
ließ. Der alte Fürst fuhr selber nach Stuttgart, inkognito, als ein 
Baron Neuhoff. Er hatte den Juden nie leiden mögen, er hatte es ihm 
nie vergessen, daß der gelbe Salon von Monbijou seinen gelben 
Frack, die weinrote Livree seiner Dienerschaft seinen weinroten 
Rock geschlagen hatte. Es wäre geschmacklos gewesen, sich jetzt an 
den üblen Umständen des andern zu freuen; immerhin, er brauchte 
jetzt nicht Angst zu haben, daß das Milieu des Juden die eigene 
Repräsentation beschatte. 

Er kam mit einem festen Plan. Er wird dem Süß zur Flucht 
helfen, wie er den Remchingen hat fliehen lassen. Es wird im Fall 
des Juden nicht so einfach gehen; aber er war entschlossen, Geld und 
Mühe nicht zu sparen. Vielleicht wird es am Ende sogar diesem 
unsympathischen, alten, bäurischen Regenten und Toffel angenehm 
sein, den Juden auf diese Art loszuwerden. Jedenfalls: es wird gehen. 



393 



Nur wird er eine Bedingung stellen. So viele Efforts zu machen für 
einen Juden, das ging auch wieder nicht. Es durfte eben kein Jud 
mehr sein. Der Jud musste, und wird da in seiner Situation wohl auch 
keine Historien machen, der Jud musste selbstverständlich 
übertreten. Es war Gewinn und Triumph für die katholische Kirche, 
diesen schlauen Finanzmann und gerissenen Politiker, der übrigens 
viel kavaliermässiger war als die meisten schwäbischen sogenannten 
Herren, in ihren Schoß aufzunehmen. 

Angewidert schreckte der elegante Fürst zurück, als er lächelnd, 
der Surprise sich freuend, die Schwelle überschritten hatte. Was war 
das? Da hockte ein alter, krummer Mauscheljude. War das der 
Finanzdirektor? War das der große Seladon? Unbehagen kroch ihn 
an, als wäre er selber schmutzig. Süß sah das Gesicht seines 
Besuchers. ,Ja", sagte er mit einem ganz kleinen Lächeln, „ja, 
Durchlaucht, ich bin es." Man hatte jetzt eine Pritsche, einen Stuhl 
und einen Tisch in das Gelass gestellt. Der Fürst setzte sich 
vorsichtig, unbehaglich. Er konnte sich den Mann, der da vor ihm 
hockte, durchaus nicht zusammenreimen mit dem eleganten Herrn, 
den er im Gedächtnis hatte. Sollte der Jude die Welt wieder einmal 
übertölpeln wollen? Sollte das Ganze ein Trick sein? Er hatte das 
gleiche unangenehme Gefühl wie damals in dem gelben Salon und 
vor den weinroten Livreen. Sollte der Jude das Unmögliche 
fertiggebracht und ihn selbst unter solchen Umständen, in dieser 
Zelle, geschlagen haben? Aber, wenn alle darauf hereinfallen: er 
nicht. Er denkt nicht daran, dem Juden auf den Leim zu kriechen. Er, 
der welterfahrene, skeptische Herr und Fürst, er lässt sich nicht 
bluffen. „Vor mir brauchen Sie nicht zu simulieren, Exzellenz", 
tastete er glatt und höflich, als säße er im Salon. „Sie können mir 
unmöglich zumuten, daß ich Ihnen diesen Mummenschanz glaube. 
Es ist ein Trick. Unterm Galgen werden Sie plötzlich den 
widerlichen Bart abnehmen und der gescheite, mondäne, versierte 
Kavalier sein von früher. Es ist ein Manöver", sagte er sieghaft. 
„Natürlich ist es ein Manöver. Aber, mein gewester Herr Finanzrat, 
auf ein solches Theater fallen vielleicht die Herren vom Parlament 
herein. Ich nicht. Mir können Sie nichts vormachen." Süß schwieg. 
„Sie haben wahrscheinlich noch Trümpfe in der Hand", tastete 
wieder der Fürst, „die Sie im letzten Augenblick ausspielen wollen. 
Sie wollen vermutlich jetzt den leidenden Heiligen spielen, um dann 
eine so glänzendere Auferstehung zu halten. Seien Sie vorsichtig! 
Die Stimmung ist gefährlich hier. Vielleicht wird man Sie gar nicht 



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so weit kommen lassen. Vielleicht wird man Sie - entschuldigen Sie! 
- aufhängen mitsamt Ihren Trümpfen in der Hand." Da Süß noch 
immer schwieg, wurde er ungeduldig. ,Jixzellenz! Mann! Mensch! 
Begreifen Sie doch! Reden Sie doch! Ich meine es gut mit Ihnen. Es 
ist Ihnen schwerlich an der Wiege gesungen worden, daß ein 
deutscher Reichsfürst sich um Sie soviel Mühe geben wird. Hören 
Sie! Reden Sie!" Er setzte ihm, enerviert durch seine Haltung, 
schwunglos, seinen Plan und seine Bedingung auseinander. Als er zu 
Ende war, machte Süß keine Bewegung, tat nicht den Mund auf. 
Tiefer als je fühlte der Fürst sich geschlagen. Da hatte er die Reise 
gemacht, und nun saß der Jude da, refüsierte nicht einmal pathetisch, 
sagte einfach nichts. Der Fürst fühlte sich plötzlich alt und matt, er 
ertrug das Schweigen nicht mehr, sagte mit gemachtem Spott: „Sie 
haben im Gefängnis Ihre guten Manieren verlernt. Wenn man sich so 
für Sie abplagt, könnten Sie doch wenigstens Mille merci sagen." 
"Mille merci", sagte Süß. Der Fürst stand auf. Daß dieser Jude sich 
nicht von ihm retten, sondern sich lieber an den lichten Galgen 
hängen lassen wollte, empfand er als persönliche Kränkung. „Sie 
sind ein Narr in Folio, mein Lieber", sagte er und seine verbindliche 
Stimme wurde überraschend scharf. „Ihr Stoizismus ist durchaus 
veraltet. Man stirbt nicht mehr, um in den Historienbüchern der 
Schuljungen eine bessere Zensur zu kriegen. Besser ein lebendiger 
Hund als ein toter Löwe, bemerkte sehr richtig Ihr König Salomo." 
Er stäubte sich den Rock ab, schloss, schon unter der Türe: „Lassen 
Sie sich wenigstens den Bart halbieren und ziehen Sie sich gut an, 
wenn Sie" - er rümpfte die Nase - „partout dahinauf wollen. Das 
kann man verlangen von jemandem, den man so freundlich in seinen 
Kreis aufgenommen hat. Sie haben ein zahlreiches und prominentes 
Publikum. Ihr ganzes Leben haben Sie gute Figur gemacht. Stellen 
Sie sich Ihrem Kavaliersruf nicht selber in den Schatten, wenn Sie 
von diesem Welttheater abtreten." Damit ging er. 

Der Galgen, an den Süß gehenkt werden sollte, war 
hundertundvierzig Jahre vorher erbaut worden. Es war ein sehr 
kostspieliger Galgen, er hatte schon in jener frühen, wohlfeilen Zeit 
dreitausend oberländische Gulden gekostet, er war durchaus etwas 
Besonderes und sehr anders als der hölzerne Ordinari-Galgen. Er war 
hoch wie ein Turm, fünfunddreißig Fuß war er hoch. Er war ganz aus 
Eisen erbaut, aus den sechsunddreißig Zentnern und achtzehn 
Pfunden Eisen, die der Alchimist Georg Honauer ausgesucht hatte, 
um dem Herzog Friedrich Gold zu machen, wobei er den Herzog um 



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zwei Tonnen Goldes schädigte. Diesem Georg Honauer zu Lieb und 
Leid war der Galgen errichtet worden, schön rot angestrichen, auch 
mit Gold verziert und der Honauer daran gehenkt. Ihm waren rasch 
hintereinander mehrere andere Alchimisten gefolgt, von denen sich 
Herzog Friedrich hatte betrügen lassen. Der erste war ein Italiener, 
Petrus Montanus. Ein Jahr darauf Hans Heinrich Neuscheler aus 
Zürich, der blinde Goldmacher genannt. Wieder ein Jahr später ein 
anderer Hans Heinrich, genannt von Müllenfels. Sein Glück hatte 
länger geblüht; er hatte sich oft lustig gemacht über die drei in freier 
Luft schwebenden Kunstgenossen; nun schwebte er wie sie. Dann 
wurde der Galgen lange nicht benützt. Bis ein Schmied aus der 
Grafschaft Öttingen auf den Gedanken kam, ihn sukzessiv 
abzutragen und zu stehlen. Schon hatte er drei Stangen losgemacht 
und über sieben Zentner Eisen nächtlicherweile entwendet, als er 
gepackt und mit dem Instrument seines Verbrechens justifiziert 
wurde. Über ein Jahrhundert seither war der eiserne Galgen 
leergestanden. Jetzt bestimmte Herr von Pflug, der das Arrangement 
der Exekution übernommen hatte, dem Juden als sechstem den Tod 
auf diese besondere Manier. Seit Beginn des Prozesses hatte der 
hagere, harte Mann darauf gewartet, seinem Hass dieses Fest zu 
rüsten. Jetzt wollte er es so feiern, daß Europa es nicht vergessen 
sollte. Mit allen Raffinements des Schimpfes bereitete er die 
Hinrichtung vor. Die Geilheit des Juden, seine Fleischessünden, die 
Schändung christlicher, deutscher Frauen durch den beschnittenen 
Hund hatte ja leider, sehr gegen seinen Willen, in den Urteilsgründen 
keine Stelle finden dürfen. Jetzt bei der Exekution hatte er freie 
Hand. Er wird dem Juden seine Wollust und freche Luderei 
anstreichen. Nicht einfach am Galgen wird er ihn hängen lassen, 
nein, die wüste Tätigkeit seiner liederlichen Nächte mit populärem 
Wortspiel verhöhnend, in einem Vogelbauer. Das 
Untersuchungsgericht ließ sich die solenne Vollziehung des Urteils 
etwas kosten. Auf dem Richtplatz, der Tunzenhofer Steige, auch 
Galgensteige genannt, der Prag zu gelegen, wurden komfortable 
Logen gebaut für die Kavaliere und Damen. Das Militär, das den 
Delinquenten eskortieren und die Absperrmaßnahmen durchführen 
sollte, übte seine Manöver ein. Der eiserne Galgen wurde sorgsam 
repariert, der Schinderkarren wurde mit höheren Rädern, das 
Malefikantenglöcklein mit einem neuen Strick versehen, die 
Schinderknechte bekamen neue Uniformen. Größtes Gewicht wurde 
auf die solide Ausführung der witzigen Pläne des Herrn von Pflug 



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gelegt. Der Jud hat gespottet, höher als der Galgen ist, könnte man 
ihn nicht hängen. Man wird ihm zeigen, was man kann. Man wird 
einfach den eisernen Käfig, das Vogelbauer, über den Galgen 
hinaufziehen. 

Die Ausführung des Käfigs und des zugehörigen umständlichen 
Apparates wurde den Meistern Johann Christoph Faust und Veit 
Ludwig Rigler anvertraut. Der Käfig war in zwei Teile zerlegbar, 
acht Schuh hoch, vier Schuh weit, er hatte in der Rundung vierzehn 
Reifen und siebzehn Stangen in die Höhe. Eine sinnreiche 
Maschinerie ermöglichte es, ihn leicht über den Galgen 
hochzuziehen. Seine Herstellung war außerordentlich teuer. Zuletzt 
musste das gesamte Schlosserhandwerk einen Streich an dem Käfig 
tun. Sechs Pferde schleppten zwei Tage vor der geplanten Exekution 
das monströse Ding die steile Tunzenhofer Steige hinauf. Die 
Schuljugend der Hauptstadt lief mit. Ganz Stuttgart zog in diesen 
Tagen hinauf zur Galgensteige. In rasch errichteten Buden wurde 
Wein und Bier verschenkt, Händler boten fliegende Blätter aus mit 
dem Bild des Juden und Spottversen. In der fröhlichen Kälte trieb 
man sich lärmend herum auf dem Richtplatz, schaute interessiert der 
Aufschlagung der Logen zu, bewunderte die Polierung des Galgens, 
den sinnreichen Käfig. 

Die Wirkung dieses Vogelbauers auf das Volk übertraf noch die 
Erwartungen des Herrn von Pflug. Ein ungeheures Gewieher und 
Gegrinse ging durch die Stadt, durch das ganze Land. Zahllose 
Reime mit Vögeln flogen auf, wurden von den Kindern auf den 
Straßen gesungen. Nur wollte man nicht glauben, daß Herr von Pflug 
der Autor dieses guten Witzes sei; das Volk schrieb vielmehr die 
ingeniöse Idee mit dem Vogelbauer seinem Liebling zu, dem 
allgemein geschätzten Major von Röder. Im Anschluss an die 
Vogelverse wurde denn auch gewöhnlich das Lied gesungen mit den 
Reimen: Da sprach der Herr von Röder: / Halt! oder stirb entweder! 



397 



45. 



In der Zelle des Süß saßen Rabbi Gabriel und Rabbi Jonathan 
Eybeschütz. Der große Pass der Generalstaaten hatte dem Mynheer 
Gabriel Oppenheimer van Straaten das Gefängnis ohne weiteres 
geöffnet. Nun saßen die drei Männer und hielten Mahlzeit. Rabbi 
Gabriel hatte Früchte mitgebracht, Datteln, Feigen, Apfelsinen, auch 
Backwerk und starken, südlichen Wein. Süß trug den 
scharlachfarbenen Rock, ein Barett über dem weißen Haar, über der 
Nase zackten ihm wie den beiden Rabbinen in die Stirn die drei 
Furchen, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des göttlichen 
Namens Schaddai. Er tauchte Feigen in den Wein. Dies war seine 
letzte Mahlzeit. Rabbi Gabriel zerteilte mit den dicklichen Fingern 
eine Apfelsine. Die drei Männer saßen, verzehrten die Früchte, 
schweigend und in großem Ernst. Aber ihre Gedanken gingen 
schwer und flutend vom einen zum andern. Rabbi Gabriel und Süß 
waren eins und Rabbi Gabriel empfand zum erstenmal diese 
Bindung nicht als Zwang und böses Schicksal, sondern als 
Geschenk. Der dritte aber, Jonathan Eybeschütz, spürte den gleichen 
Strom wie sie, allein er war ausgeschlossen davon, er stand am Ufer 
und die Welle trug ihn nicht. Er saß mit ihnen, er trank mit ihnen, er 
trag das Zeichen des Schin wie sie, er war wissend und erweckt wie 
sie: aber die Welle trug ihn nicht. Rabbi Gabriel bestreute 
umständlich die Schnitten der Apfelsine mit Zucker und verteilte sie. 
Er schenkte von dem südlichen, schwarzfarbenen Wein. Die Zelle 
war voll von ungesprochenem Wort, von Gedanke, Gesicht, Gott. 
Doch an Rabbi Jonathan nagte es, bitter, zerrend, bösartig. Er machte 
sich mit zynischem Witz lustig darüber: es war leicht, Aufschwung 
zu haben, wenn man gehenkt wurde. Aber dieser schlimme Trost 
verfing nicht, er fühlte sich, der Reiche, Wissende, als kahlen 
Neidling und halben Verräter. Und als er den beiden anderen die 
Verse des Tischgebets zurückgab, prunkend in seidigem Kaftan und 
milchig fließendem weißem Bart, würdig, wissend, hochgeehrt, war 
er ein armer, trüber, vertaner Mann. 



398 



In der Eingangshalle des Rathauses, während ihm oben 
nochmals das Urteil verkündet und der Stab über ihn gebrochen 
wurde, warteten auf Süß der milde, welke Rabbiner von Frankfurt, 
der beleibte, sanguinische Rabbiner von Fürth und fröstelnd und 
erregt Isaak Landauer. Flockiger, sich lösender Schnee fiel, durch 
nebelige, trübe Luft brach, immer wieder verschwindend, blasse 
Sonne. Draußen vor dem Portal drängte sich neugierig und 
unabsehbar zahllos das Volk, Herr von Röder hielt auf seinem alten 
Fuchs vor der starken militärischen Eskorte, auf hohen Rädern ragte 
kahl der Schinderkarren, der Henker mit seinen Gehilfen in grellen 
Farben um ihn herum. 

Endlich wurde Süß die Stufen heruntergeführt. Es war den Juden 
verstattet worden, ihn hier nochmals zu sprechen. Er beugte den 
Kopf nieder. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk legte ihm die 
welken, milden Hände aufs Haupt und sagte: ,Jis segne dich Jahve 
und behüte dich. Es lasse leuchten Jahve sein Antlitz über dich und 
begnade dich. Es wende Jahve sein Antlitz dir zu und gebe dir 
Frieden." „Amen Sela", sagten die beiden anderen. Umständlich 
wurde der Jude auf den hohen Schinderkarren gesetzt und gebunden. 
Trotz Frost und Nässe stand der ganze Marktplatz dick voll von 
Volk. Alle Fenster des Herrenhauses, des Rathauses, der Apotheke, 
des Sonnenwirtshauses waren weiß von Gesichtern. Auf dem 
Röhrbrunnen, ja selbst auf dem Schnapsgalgen und dem Hölzernen 
Esel hingen die Buben. Stumm glotzte das Volk. Herr von Röder gab 
seinen Reitern mit seiner knarrenden Stimme das Kommando. In 
Bewegung setzte sich die Eskorte, Stadtreiter voran, zwei Trommler, 
dann eine Kompanie Grenadiers zu Fuß. Jetzt schwang sich ein 
Schinderknecht auf das Pferd des Karrens, schnalzte mit der Zunge, 
der Gaul zog an. Der kleine Rabbi Jaakob Josua Falk, mit fahlen 
Lippen, wiederholte: „Und gebe dir Frieden." Doch der zornige 
Rabbiner von Fürth konnte sich nicht halten, wilde Flüche gurgelte 
er hinter dem Karren her gegen Edom und Amalek, die Feinde und 
Frevler. Isaak Landauer aber brach in ein geiles, ungezähmtes, 
tierisches Heulen aus. Es war sonderbar, den großen Finanzmann zu 
sehen, wie er den Kopf gegen die Torpfosten des Rathauses schlug 
und ohne Hemmung heulte. Nun begann auch die Malefikanten- 
glocke zu läuten. Dünn, scharf, scheppernd mischte sie sich in das 
Geheul des Juden, drang durch die schneeige, dämpfende Luft, ins 
Mark reißend. Schepperte in das Zimmer Magdalen Sibyllens. 



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Sie hatte die Geburt gut überstanden, doch musste sie noch 
hegen. Sie schaute auf das Kind, ein normales Kind, nicht groß, 
nicht klein, nicht schön, nicht hässlich. Sie hörte das scharfe 
Gewimmer der Glocke, sie krümmte sich nervös, sie schaute auf ihr 
und Immanuel Riegers Kind und sie liebte es nicht. 

Die Glocke schepperte auch ins Schloss, wo der alte Regent saß 
mit Biifinger und Harpprecht. Die drei Männer schwiegen. Dann 
endlich sagte Harpprecht: „Das Läuten klingt mir nicht lieblich ins 
Ohr." Karl Rudolf sagte: „Ich hab es müssen tun. Ich schäm mich, 
ihr Herren." 

Unterdes wurde Süß durch die Stadt geführt, der Galgenstejge 
zu. Er saß auf dem Schinderkarren, hoch wie ein Götzenbild, in 
seinem scharlachfarbenen Rock, der Solitär glänzte an seinem 
Finger, der Herzog-Administrator hatte nicht erlaubt, daß man ihn 
des Ringes beraube. Die Straßen waren gesäumt mit Menschen, es 
flockte, die Prozession schritt sonderbar lautlos, die Menge schaute 
sonderbar lautlos zu. Die Zehntausende zogen, war der Delinquent 
vorbei, zu Fuß, zu Pferd, zu Wagen, neben, hinter den eskortierenden 
Truppen her. In der blassen, nebligen Luft, in dem schmutzigen, sich 
lösenden Schneegeflocke war alles doppelt schwer und still. Man 
nahm nicht den nächsten Weg, man führte den Juden langsam und 
umständlich im Bogen. Viele Zuschauer waren von weither 
gekommen, das ganze Land wollte dabei sein, auch von jenseits der 
Grenzen waren viele gekommen, man wollte allen das Schauspiel 
zeigen. Süß thronte hoch auf dem Karren, gebunden, steif, Schnee 
fiel auf seine Kleider, auf seinen weißen Bart. An seinem Weg stand 
der Lizentiat Mögling. Er war betrübt und bedrückt, dass seine 
Verteidigungsrede so gar nichts genützt hatte. Er durfte sich zwar 
sagen, er habe alles getan, auch sprach die vox populi einheitlich und 
mächtig gegen den Verurteilten. Aber es war doch bitter und 
schnürend, dass dieser Angeklagte, der ihm anvertraut war, ohne 
juristisch zureichenden Grund gehenkt wurde. Er fühlte sich 
unbehaglich, angefrostet. Er veranlasste einen Henkersknecht, dem 
Süß einen Becher Weins hinaufzureichen Der nahm ihn zwar nicht, 
er dankte nicht einmal, er blieb vollkommen unbeweglich, aber der 
Lizentiat fühlte sich leichter und wärmer. 

Am Wege des Juden stand auch die Frau des Schertim, die 
Waldenserin. Sie sah den Süß gebunden, sonderbar still, reglos wie 
ein Heiligenbild, das in Prozession durch die Stadt gefahren wird, 
Schnee in seinem Bart, Schnee auf seinem Rock. Sie, als einzige 



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vielleicht dieser Zuschauer, ahnte Zusammenhänge, ahnte die 
Freiwilligkeit dieser schimpflichen Schaustellung. Gierig starrte sie, 
in zerrissenem, hohnvollem Triumph, auf den Mann, ihre kurzen, 
sehr roten Lippen standen halb offen, ihre länglichen Augen 
brannten. Eine Frau neben ihr sagte halblaut, stark schwäbisch: ,Jir 
hot immer hoch hinauf wollen. Jetzt kommt er noch höher." „Säle 
bete!" sagte die Waldenserin vor sich hin in den flockenden Schnee. 

An einer neuen Wegbiegung stand der Publizist Johann Jaakob 
Moser. Er begann, als der Zug in Sicht kam, eine kurze, markige, 
patriotische Ansprache. Aber seine feurigen Worte zündeten nicht, 
der Schnee löschte sie aus, die Leute blieben stumm, er tat den Mund 
zu, bevor er zu Ende war. Kurz, ehe der Zug sein Ziel erreichte, 
stand am Wege Nicklas Pfäffle, der blasse, gleichmütige Sekretär. 
Wie sein Herr ein letztes IVkl vorüberkam, grüßte er tief. Süß sah 
um, nickte zweimal. Nicklas Pfäffle, wie der Karren vorbei war, 
folgte nicht zur Richtstatt, ging abseits, schluckte. 

Als der Zug vor dem Hochgericht ankam, hatte Nebel und 
Geflock aufgehört. Sehr klar im Frost unter dem hellen, weißlichen 
Himmel standen die Weinberge. Der Jude sah oben in den 
Rebenterrassen das kleine Wachhaus, sah unten den Wasserturm, das 
Andräenhaus, das Bad. Er wandte sich und sah Stuttgart. Die 
Stiftskirche, Sankt Leonhart, das alte Schloss und den Neuen Bau, 
für den er das Geld geschafft hatte. Zu seiner Linken ragte kahl der 
hohe Holzgalgen. Aber er schien unansehnlich vor dem 
abenteuerlichen, künstlichen, riesigen Eisengeriist, das für ihn 
bestimmt war. Eine gedoppelte Leiter mit zahllosen Sprossen, 
vielfach gestützt, türmte sich hinauf, Räderwerk, Ketten und 
Gewinde schlang sich, den Käfig hochzuziehen. Das weite Feld war 
besetzt mit Menschen. Das hockte gierig und gespannt auf allen 
Vorsprüngen, Zäunen, Bäumen. Von ganz weit her schaute es nit 
großen, plumpen Femrohren. Auf dem Rock des Süß war der Schnee 
gefroren, in Frost und Helle schimmerten die kleinen Kristalle auf 
seinem Barett, in seinem weißen Bart. 

Auf drei großen Tribünen, jede für sechshundert Menschen, 
saßen die Damen und Kavaliere, die Herren des Hofes, hohe Beamte 
und Militärs, die auswärtigen Gesandten, die Herren des Gerichts, 
des Parlaments. Der Geheimrat von Pflug vornean. Er hatte bis 
zuletzt gefürchtet, der Hebräer, die Bestie, werde doch noch durch 
irgendeinen ganz verschmitzten jüdischen Schlich entkommen. Jetzt 
war es an dem, jetzt war das Ziel seines Lebens erreicht. Jetzt wird. 



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jetzt gleich, der Verhasste hochschweben, erwürgt. Die harten Augen 
des Geheimrats suchten gierig unter dem Kragen des Rockes den 
Hals des Juden, den Platz für den Strick. Herrlich ist es, den Tod des 
Feindes mitanzuschauen, ein Bad für die Augen, angenehm und 
lieblich ist der Klang der Todestrommeln, das Scheppern des 
Glöckleins. Unter den Damen waren manche, die den Süß sehr genau 
kannten und trotzdem aus irgendwelchen Gründen der Untersuchung 
entgangen waren. Nun schauten sie auf den Mann, mit dem sie 
verstrickt waren, befremdet, angefrostet. Er hatte sich sehr jung 
gegeben, er hatte, weiß Gott, erwiesen, daß er die Kraft eines 
Jünglings besaß, er konnte auch allerhöchstens vierzig sein, und jetzt 
hatte er weißes Haar und sah aus wie ein alter Rabbiner. Man musste 
sich eigentlich vor sich selber schämen, daß man mit ihm im Bett 
gelegen war. Doch merkwürdigerweise schämten sie sich nicht. 
Gierig und gelockt schauten sie auf den sonderbaren Mann. Jetzt 
wird er gleich tot sein, jetzt wird er gleich für immer stumm und alle 
Gefahr vorbei und ihre Verstrickung sehr gewaltsam und schauerlich 
gelöst sein. Sie warteten darauf, lüstern und zitternd, sehnten sich 
danach, fürchteten sich davor. Die meisten von ihnen hätten sich 
lieber für ihr ganzes ferneres Leben unter die Gefahr der Entdeckung 
geduckt, hätte er leben dürfen. 

Auch der junge Michael Koppenhöfer war auf der Tribüne. Nun 
also wird der Mühlstein zermahlen, der dem Land so lange um den 
Hals hing, der Landverderber schimpflich justifiziert. Aber: diesen 
hätt die Demoiselle Elisabeth Salomea nicht verabschiedet, fahrig 
hin und her hastend zwischen Büchern und Stapeln von Wäsche, 
diesem war sie zugefallen, und er hatte sich wohl nicht einmal 
sonderliche Mühe zu geben brauchen. Der alte, krumme Jud, was 
war an ihm? Was war sein Geheimnis? Neidisch und bitter starrte er 
hin zu dem Mann auf dem Schinderkarren. Doch der junge 
Geheimrat Götz, unter den Richtern, schaute voll dummer, dumpfer 
Befriedigung. Jetzt wird die Schmach seiner Mutter und seiner 
Schwester ausgelöscht. Soll dann einer wagen, schief zu blicken. 
Wie wird er ihn niederblitzen! Wie wird er wissen, was er zu tun hat! 

Aber fein und schwach saß auf der Tribüne der alte, verfallene 
Weißensee. Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie! Ach, der Jude 
hatte ihn wiederum besiegt. Hatte von allen Tafeln geschmaust, alle 
feinsten Leckerbissen dieser Welt mit Augen, Sinnen, Hirn 
geschmeckt, jeden Sieg und jede Niederlage ausgekostet, hatte sich 
angefüllt mit dem tragischen Ende des Kindes, hatte die farbige. 



402 



überfeine, höllenschweflige Rache gerüstet und vollendet, und nun 
starb er diesen Tod, die Augen der ganzen Welt auf sich, diesen 
abenteuerlichen und wahrscheinlich freiwilligen Tod, viel heroischer 
als etwa der Tod vor dem Feind. Umprasselt vom Hass, umhegt von 
Liebe, zwielichtig, groß. Was blieb von ihm, von Weißensee? Ein 
paar jämmerliche Verse seiner armselig verbürgerten Tochter. Doch 
jener wird weiterleben. Immer wieder wird, was er war, lebte, sah, 
dachte, starb, von Späteren in die Hand genommen werden, 
nachdenklich beschaut, nachgelebt, nachgespurt, nachgestorben 
werden. 

Süß wurde vom Schinderkarren losgebunden. Er stand, die 
Glieder steif, blinzelte. Er sah die Menschen in den Logen, die 
Perücken, die geschminkten Gesichter der Frauen. Er sah die 
Truppen, die den Platz absperrten. Ei, man hatte sich mächtig 
angestrengt; das waren allein um den Galgen mindestens fünf 
Kompanien. Selbstverständlich hatte, sichtbarlich vornean der Major 
von Röder die militärische Oberleitung. Ja, ja, es brauchte viel 
Strategie, ihn, den Süß, jetzt vollends aus der Welt zu schaffen. Süß 
sah die Zehntausende von Gesichtern, neugierige Weiber, die 
Münder bereit zum Keifen, Männer, bereit, befriedigt zu schmatzen 
und zu knurren, Kindergesichter, pausbäckig, großäugig, bestimmt, 
so leer und bösartig zu werden wie die Fratzen der Eltern. Er sah den 
Atem der Menge, weißlich dampfend, sehr leibhaft in dem hellen 
Frost, die gierigen Augen, die gereckten Hälse, die sich vormals so 
devot vor ihm gebeugt hatten. Er sah das Vogelbauer, den 
umständlichen, schimpflichen Apparat seiner Tötung. Und während 
er dies sah, drang in sein Ohr etwas Plärrendes, Kläffendes. Der 
Stadtvikar Hoffmann hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn unterm 
Galgen zu erwarten, nochmals auf ihn einzureden, von Himmel und 
Erde, von Verzeihung der Menschen und Gottes, von Sühnung und 
Glauben. Süß sah dies und hörte dies, er schaute langsam den 
Stadtvikar auf und ab, wandte sich weg, spie aus. Aufgerissene 
Augen, leises, empörtes, rasch verstummendes Schnauben der 
Menge. 

Jetzt machten sich die Schinderknechte in ihren neuen, grellen 
Uniformen an ihn heran, öffneten ihm den Rock. Er spürte die rohen, 
ungefügen Hände, Ekel stieg hoch, er reckte sich, seine Steifheit war 
weg, er schlug um sich, wehrte sich verzweifelt. Alle Hälse wurden 
länger. Es war kurios anzusehen, wie der Mann in dem weißen Bart, 
in den Galakleidem, den blitzenden Edelstein an der Hand, sich mit 



403 



den Knechten heramschlug, zappelte. Die Kinder lachten, jubelten, 
patschten in die Hände; auf den Tribünen begann eine geschminkte 
Frau schrill und anhaltend zu schreien, man musste sie wegbringen. 
Das Barett des Juden fiel auf die nasse Erde, wurde in Kot gestampft. 
Die Henker packten ihn hart an, rissen ihm den Rock auf, sperrten 
ihn in den Käfig, legten ihm die Schlinge um den Hals. Da stand er. 
Hörte leisen Wind, den Atem der Menge, die scharrenden Hufe der 
Pferde, das Keifen des Geistlichen. War dies das Letzte, was er auf 
Erden hören wird? Er dürstete nach anderem, er tat Herz und Ohr 
weit auf, er wollte anderes hören. Doch er hörte nur dies, dazu den 
eigenen Atem und das Surren des eigenen Blutes. Schon schwankte 
der Käfig, hob sich. Da, durch die leeren, grausamen Geräusche ein 
anderer Ton, gehende, gurgelnde Stimmen, schreiende: ,E^ins und 
ewig ist das Seiende, das Überwirkliche, der Gott Israelis Jahve, 
Adonai." Es sind die Juden, der kleine Jaakob Josua Falk, der dicke 
Rabbiner von Fürth, der schmierige Isaak Landauer. Sie stehen, in 
ihre Gebetmäntel gehüllt, sie und sieben andere, zehn, wie es 
Vorschrift ist, sie kümmern sich nicht um das Volk, das vom Galgen 
weg auf sie schaut, sie wiegen heftig die Leiber, stehen und schreien, 
gellen, gurgeln die Sterbegebete, über den weiten Platz hin: „Höre, 
Israel, eins und ewig ist Jahve Adonai." Weißliche Wolken in dem 
starken Frost ziehen die Worte von ihren Mündern, in die Ohren des 
Mannes im Käfig, und der Sohn des Marschalls Heydersdorff tut den 
Mund auf, schreit zurück: , Jiins und ewig ist Jahve Adonai." Behend 
wimmeln, klettern die bunten Knechte die Leitern hinauf. Der Käfig 
hebt sich, die Schlinge drosselt zu. Unten flucht der Stadtvikar dem 
Sterbenden nach: ,J'ahr zur Hölle, verstockter Schelm und Jud!" Das 
gelle Adonai der Juden ist in der Luft und in den Ohren aller. Aus 
dem Käfig tönt es zurück, bis die Schlinge den Ton erdrosselt. 

Ganz vom auf der Tribüne hat sich der Geheimrat Dom 
Bartelemi Pancorbo erhoben, er stützt die dürren, knochigen Hände 
auf die Brüstung, reckt aus der riesigen Halskrause den entfleischten, 
blauroten Kopf. Gierig hinter faltigen Lidern äugt er dem Käfig 
nach, wie er hochschwebt und in ihm der Mann in dem 
scharlachfarbenen Galarock und an dem Finger des Mannes der 
Solitär, tausendfarbig blitzend in der hellen Winterluft. 

Nachdem der Kordon der Truppen aufgelöst war, beschaute sich 
die Menge den Galgen genau, ein paar Buben erstiegen die Leiter bis 
zur halben Höhe, man befühlte das Gerüst, oben auf den Stangen des 



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Käfigs saßen in dicken Scharen schwarze Vögel. Langsam zog die 
Menge in die Stadt zurück. Man hielt den Tag als Feiertag, aß gut, 
trank gut, soff, tanzte und raufte in den Schenken. Der junge Bürger 
Langefaß hatte aus dem Kot das zertretene Barett des Süß erobert, er 
war ein lustiger Bruder, berühmt als Witzbold; er stülpte sich das 
Barett auf, er stülpte es auch Mädchen und Mägden auf, die 
vergraust kreischten unter dem Barett des gehenkten Juden. 

Dennoch kam die rechte Lustigkeit nicht auf. Man wusste nicht 
recht wie, aber man hatte sich den Tag anders, befreiter, heiterer 
vorgestellt. Man sang: Der Jud muß hängen, man sang: Da sprach 
der Herr von Röder: Halt! oder stirb entweder! Doch das Adonai des 
Juden wollte nicht aus dem Ohr. Die Kinder spielten Hängen; und 
das Spiel ging so, daß einer oben stand und Adonai schrie und die 
anderen standen unten und schrien, brüllten, johlten, gellten: Adonai. 

In der Nacht nach der Hinrichtung, gegen drei Uhr etwa, kam 
ein hagerer, großer Herr die Tunzenhof er Steige herauf zu dem 
eisernen Galgen. Der Weg war ein übles Gemisch von Dreck und 
schmelzendem Schnee, beschwerlich zu gehen. Der hagere Herr, 
sehr fröstelnd, hüllte sich tief in einen weiten Mantel von 
altmodischem, verschollenem Schnitt. Er hatte zwei Burschen mit 
sich, verkommene Bürgersöhne, in Stuttgart bekannt als beherzt und 
zu jeder Unternehmung willens, wenn sie nur Geld trug. Die beiden 
Burschen stiegen ungesäumt die Leiter zu dem Galgen hinauf. Sie 
hatten Mühe, die Sprossen waren glitschig und gefroren, sie fluchten 
leise vor sich hin. Um sie herum flatterten Vögel, die Tag und Nacht 
in dicker Menge auf dem Galgen hockten. Oben hielten sich die 
beiden Burschen ungebührlich lange auf. Der dürre Herr, der unten 
wartete, zog nervös die Schultern hoch, trat von einem Fuß auf den 
andern, murmelte unterdrückt und unwirsch vor sich hin. „Habt ihr 
ihn?" herrschte er sie leise an, als sie endlich wieder unten waren. 
,Jir ist nicht da!" stammelten verstört die Burschen. „Ihr habt ihn 
gestohlen, ihr habt den Stein gestohlen!" bellte heiser, mühsam 
gedämpft, der Portugiese. „Ich lasse euch den Prozess machen, ich 
lasse euch rädern!" Doch die Burschen, verängstet, versicherten: 
,JDer ganze Jud ist nicht da. Es hängt ein anderer im Käfig. Der 
Teufel ihn geholt." Dom Bartelemi, lang ungläubig, ließ schließlich 
noch in der Nacht durch Leibhusaren, amtlich, den Käfig 
untersuchen. Ja, die Leiche war gestohlen, ausgetauscht. In aller 
Frühe schon war der wütende, geprellte Mann beim Herzog- 
Administrator. Das kam von der Güte Seiner Durchlaucht. Jetzt 



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hatten die Juden den Solitär gestohlen. Den Sohtär? Karl Rudolf 
dachte an den Berg von Gold, glaubte es nicht. Die Leiche, ja, die 
konnten sie gestohlen haben. Er überlegte, hellte sich auf, 
schmunzelte fast. Eigentlich waren sie Teufelskerle, diese Juden. 
Stahlen einfach die Leiche vom lichten Galgen weg; Christen und 
Soldaten hätten das nicht besser machen können. Er gönnte ihnen 
gern den Solitär als Entgelt, ließ sie nicht verfolgen. Blaurot, dumpf 
wütend, mit seiner moderigen Stimme grausige Flüche vor sich 
hinbellend, zog der hagere Portugiese ab in seiner verschollenen 
Hoftracht. 

Die Leiche indes, in großer Eile in Rupfen gewickelt, unter 
Stapeln von Waren und Kram versteckt, fuhr auf einem Karren nach 
Fürth. Hausierjuden geleiteten sie, wechselten ab von einem Ort zum 
andern. Der Solitär stak am Finger des Toten; keiner von den 
Geleitem fürchtete, sein Nachfolger könnte ihn stehlen. In Fürth 
wurde die Leiche gewaschen, in das weiße, lange Totenleinen 
gehüllt, eingesargt. Zeigefinger, Mittelfinger, Goldfinger gerichtet 
im Zeichen des Schin, des Anfangsbuchstabens des göttlichen 
Namens Schaddai; ein kleines Häuflein Erde unter das Haupt, 
schwarze, krümelnde Erde, Zions Erde. Den Aufsichtsbehörden war 
gemeldet, ein nicht weiter bekannter toter Jude aus Frankfurt, 
gestorben auf der Landstraße, werde beerdigt. Auch den Mitgliedern 
der Gemeinde wurde nichts mitgeteilt. Aber es raunte von Mund zu 
Mund. 

Da lag der Unbekannte, das schwarzblaue erwürgte Gesicht 
sonderbar umrahmt von dem schmutzig weißen Bart, die Augen 
hatten sich nicht zudrücken lassen, sie quollen trüb bräunlich heraus, 
doch zwischen ihnen über der Nase zackten sich tief in die Stirn die 
drei Furchen des Schin. Aus dem weißen, einfachen Laken leuchtete 
riesig und verwirrend der Solitär. Die zehn angesehensten Männer 
der Gemeinde saßen zwischen großen Kerzen und verhängten 
Fenstern und hielten Wache. 

Unter sie trat ein Fremder. Dicklich, bartloses, massiges Gesicht, 
graue, trübe Steinaugen, altfränkische Tracht. Wasser goss er hinter 
sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu 
Füßen des Toten. Die Männer erkannten den Kabbalisten, flüsterten, 
gaben Raum. 

An die Leiche trat Rabbi Gabriel, knarrte mit seiner misstönigen 
Stimme den Segensspruch: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter 
Richter." Mit den dicklichen Fingern, behutsam, rührte er die Lider 



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des Toten, da schlössen sich die Lider. Dann setzte er sich auf den 
Boden, senkte zwischen die Knie den Kopf. Die zehn Männer waren 
bis zur Wand zurückgewichen. Sehr allein trotz ihrer Gegenwart, ein 
kleines, verlorenes Bündel, hockte Rabbi Gabriel bei dem Toten. 
Alle Juden aus Fürth waren auf der Gräberstatt, als der Unbekannte 
beerdigt wurde. Sie senkten den Sarg in den Grund. Der Solitär war 
am Finger des Toten, unter seinem Haupt das kleine Häuflein Erde 
von der Erde Zions. Im Chor antworteten sie dem Vorbeter: , Jiitel ist 
und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und 
ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Überwirkliche, Jahve." Dann 
rissen sie Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie 
das Gras welken wird aus dem Licht." Und sie sprachen: „Wir 
gedenken, daß wir Staub sind." Dann wuschen sie sich die Hände in 
fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den 
Friedhof. 



ENDE 



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