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Full text of "Klinische Beiträge zur Psychoanalyse"

r~ 



Internationale Psychoanalytische Bibliothek 
========= Band lo = 



Klinische Beiträge 
zur Psychoanalyse 



aus den Jahren 
1907 — 1920 



von 



Dr. Karl Abraham 




I 9 2 I 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 
Leipzifl - Wien - Zürich 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten. 
Copyright by .Internationaler Psyehoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H." Wien, I. 



„Ja, das ist das rechte Gleis, 
Daß man nicht weiß, was man denkt, 
Wenn man denlct: 
Alles ist wie geschenkt.' 

Goethe. 



Vorwort. 



Wenn ich, einer Aufforderung des „Internationalen Psycho- 
analytisclien Verlages" nachkommend, meine klinischen Beiträge zur 
Psychoanalyse gesammelt herausgebe, so erscheint mir ein Hinweis 
auf ihre Entstehung angebracht, außerdem aber eine Bemerkung über 
die gegenwärtige Giltigkeit der in ihnen niedergelegten Ergebnisse. 
Denn in dem Zeitraum von vierzehn Jahren, während dessen diese 
Arbeiten verfaßt wurden, hat die psychoanalytische Wissenschaft 
ungeahnte Fortschritte gemacht. 

Bevor ich im Jahre 1904 in Zürich als Assistent Bleulers 
mit den Anschauungen Freuds bekannt wurde, hatte ich eine Reihe 
wissenschaftlicher Beiträge zur klinischen Deskription der Geistes- 
und Gehirnkrankheiten geliefert. Nunmehr nahmen die psycho- 
analytischen Forschungen alsbald mein ganzes Interesse in Anspruch. 
Meiner damaligen Tätigkeit entsprechend zog mich die noch wenig 
erforschte Psychologie der Geistesstörungen am stärksten an ; ihr galten 
daher auch meine ersten psychoanalytischen Arbeiten. Später, nachdem 
ich die Anstaltstätigkeit mit der freien psychotherapeutischen Praxis 
vertauscht hatte, bot sich eine reiche Fülle ungelöster Aufgaben 
psychologischer und praktisch-medizinischer Art. So erklärt es sich, 
daß der größte Teil meiner Schriften klinischen Gegenständen 
gewidmet ist. Diese Arbeiten sind in der vorliegenden Sammlung 
vereinigt. Ausgeschlossen von ihr blieben diejenigen meiner 
Publikationen, welche den außermedizinischen Anwendungsgebieten 
der Psychoanalyse (Mythologie, Kulturgeschichte, Kunstpsychologie etc.) 
angehören. 



Zur Zeit meiner ersten Bekanntschaft mit der Psychoanalyse 
war die Fachliteratur kaum über ihre ersten Anfänge hinausgekommen. 
Außer den „Studien über Hysterie" waren von Freuds grund- 
legenden Werken nur die „Psychopathologie des Alltagslebens" und 
die „Traumdeutung" erschienen. Meine eigenen Beiträge zur 
Psychoanalyse entstanden in enger Fühlung mit der sich allmählich 
entwickelnden Spezialliteratur. Außerdem aber wurden sie durch 
mündlichen und schriftlichen Gedankenaustausch mit Freud 
und den anderen an Zahl allmählich zunehmenden Mitarbeitern 
der neuen Wissenschaft gefördert. So ist denn jede Arbeit aus der 
Zeit ihrer Niederschrift zu verstehen. Meine Aufstellungen über 
Hysterie und Dementia praecox (1908) wären nach dem heutigen 
Stand der Wissenschaft in mancher Hinsicht zu ergänzen. Das Gleiche 
gilt unter anderen auch für den Aufsatz vom Jahre 1908 zur Psycho- 
logie des Alkoholismus. Ich habe aber von jeder Änderung der 
ursprünglichen Form abgesehen, teils um die historische Treue nicht 
zu beeinträchtigen, teils weil ich keines der Ergebnisse meiner 
Abhandlungen als prinzipiell irrig zu widerrufen habe; auch enthalten 
die späteren Aufsätze manche Ergänzung der früheren. 

Gleichzeitig mit der vorliegenden deutschen Ausgabe befindet 
sich eine englische in Vorbereitung. 



Berlin-Grunewald, im Juni 1920. 



Dr. Karl Abraham. 



Über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für 
die Symptomatologie der Dementia praecox/ 

Den Symptomen der Hysterie liegen nach Freuds Theorie gefühls- 
betonte Reminiszenzen zugrunde, welche in erster Linie dem Gebiet 
der Sexualität angehören und sich bis in die frühe Kindheit des Indi- 
viduums zurückverfolgen lassen. Unerfüllte Wünsche und unlustbetonte 
Erlebnisse, welche dem Selbstbewußtein unerträglich sind, werden aus 
dem Bewustsein verdrängt. Sie wirken aber im Unbewußten fort und 
können unter besonderen Umständen später als hysterische Symptome 
aus dem Unbewußten wieder auftauchen. Die Mechanismen dieser 
psychischen Vorgänge — der Verdrängung und der Konversion in 
hysterische Symptome — sind uns ebenfalls durch Freuds Forschungen 
bekannt geworden. Neuere Untersuchungen — ich verweise u. a. auf 
die Veröffentlichungen von Bleuler^ und Jung^ — haben gezeigt, 
daß die Freud'schen Theorien auch für die Auffassung der Dementia 
praecox außerordentlich fruchtbar sind, daß wir in den Symptomen 
der Dementia praecox das gleiche Material verarbeitet finden wie bei 
der Hysterie, daß hier wie dort die Sexualität eine dominierende Rolle 
spielt, und daß hier wie dort die gleichen psychischen Mechanismen 
wirksam sind. Es bestehen also weitgehende Analogien zwischen 
Hysterie und Dementia praecox. Es schien mir nun von großem Interesse, 
festzustellen, ob die i n f a n t i I e S e x u a 1 i t ä t des Individuums in den 
Symptomen einer späteren Dementia praecox in der gleichen Art zum 
Ausdruck komme, wie Freud es für die Hysterie erwiesen hat, ob 
die Analogie zwischen den beiden Krankheiten sich auch auf dieses 
Gebiet erstrecke. Die Vermutung, daß dem so sei, hat sich mir in einer 



1 Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Nach einem Vortrag, 
gehalten auf der Jahresversammlung des deutschen Vereins für Psychiatrie in Frank- 
furt am 27. April 1907. Zuerst veröffentlicht im „Zentralblatt für Nervenheilkunde und 
Psychiatrie", XXIV. Jahrgang, Nr. 238, 1907. 

^ Bleuler: Freudsche Mechanismen in der Symptomatologie von Psy- 
chosen. Psychiatr.-neurolog. Wochenschrift 1906. 

* Jung: Die Psychologie der Dementia praecox. Halle 1907. 



Reihe von Fällen bestätigt. Ich teile zunächst aus einer meiner Kranken- 
geschichten mit, was zum Thema von Interesse ist. 

Im väterlichen Hause der Patientin, welche jetzt 57 Jahre alt ist, 
wurde mit den Kindern ein noch unerwachsener Bruder der Mutter, 
also ein Onkel der Patientin, erzogen. Er wurde vom Vater der Patientin 
öfter bestraft und lief deshalb eines Tages davon. Nach Jahren kehrte 
er zurück, drohte mit Rache für die frühere schlechte Behandlung und 
trieb sich in den Wirtshäusern der Umgegend herum. Einmal nahm 
er die damals zehnjährige Patientin mit sich in die Scheuer und ver- 
gewaltigte sie. Er drohte ihr, wenn sie den Eltern davon erzähle, werde 
er das Haus anzünden. Da der Onkel oft betrunken und auch gegen 
den Bruder der Patientin sehr roh war, fürchtete sie, er könne die 
Drohung ausführen. Sie verriet daher von dem Vorgefallenen nichts 
und war dem Onkel noch mehrmals zu Willen.- Der Onkel verschwand 
nach einiger Zeit wieder, das Mädchen verschloß aber das Erlebte 
auch weiter in sich. Einige Zeit nach dem Attentat hatte sie oft 
Sensationen an den Genitalien, welche denen beim Attentat des Onkels 
ähnlich waren und die Patientien zur Masturbation veranlaßten. Weiter- 
hin bekam sie ein Gefühl der Unsicherheit: es war ihr, als wüßten alle 
Leute von dem, was vorgegangen war und verachteten sie deshalb. Auf 
der Straße kam es ihr immer vor, als lachten die Leute über sie: wenn 
sie daherkam, erwiderten die Leute ihren Gruß nicht und sprachen über 
sie. Sie selbst sagt, sie sei nach dem Attentat des Onkels „finster und 
verrückt" geworden. Lange Zeit war sie sehr deprimiert und beschäftigte- 
sich mit Selbstmordplänen. Sie blieb ihr Leben lang scheu und ein- 
gezogen. Sie litt ferner über viele Jahre an nächtlichen Visionen, 
besonders sah sie die Scheuer brennen. Diese Vision ist offenbar zwiefach 
determiniert : der Onkel hatte mit Feueranlegen gedroht und hatte sie 
in der Scheuer mißbraucht. Daneben hatte sie schreckliche Träume. 
Einmal kam ein Schwärm von Nachteulen; die Tiere sahen sie scharf 
an, flogen zu ihr, rissen ihr Decke und Hemd fort und schrien: schäm' 
dich, du bist ja nackt! Offenbar ist dies eine Reminiszenz an das 
Attentat. In späterer Zeit sah sie im wachen Zustande die Hölle. Die 
Szenen, die sie hier sah, waren stark sexuell gefärbt. Sie sah „ver- 
wandelte Geschöpfe", halb Tiere, halb Menschen, wie Schlangen, Tiger, 
Eulen. Es kamen auch Trunkenbolde, die verwandelten sich in Tiger 
und gingen auf die weiblichen Tiere los. Auch hier wieder eine 
Erinnerung an den trinkenden Onkel. Hinter dem Angstaffekt verbirgt 
sich wahrscheinlich der Wunsch nach sexueller Befriedigung. Die 
Patientin hat im Laufe ihres Lebens sehr wenig Erfreuliches erlebt, 
dagegen viel mit ihrer Familie durchmachen müssen und hat oft Not 



gelitten. Mit 37 Jahren hatte sie eine besonders böse Zeit. Da hörte 
sie die Stimme eines anderen Onkels. Der war ihr von Jugend an 
sympathisch gewesen; er lebte in unglücklicher Ehe, Zuneigung und 
Mitleid fesselten sie besonders an diesen Onkel, der ihr zugleich in 
allem der Gegensatz des bösen Onkels war. Zu der Zeit, als sie die 
Stimme hörte, war dieser gute Onkel bereits gestorben. Seine Stimme 
kam vom Himmel, sie war eine Engelsstimme. Die Stimme verbot der 
Patientin den Selbstmord und weissagte ihr, sie werde alle ihre 
Geschwister überleben, das Heimwesen erben, einen Nachbarsohn heiraten 
und zwei Kinder bekommen. Diese Halluzination begreift eine klare 
Wunscherfüllung in sich, wie sie nach Freuds Forschungen im Traume 
vor sich geht, hier allerdings meistens in mehr verschleierter Form. 
Diese Halluzination im 37. Jahre ist einfach eine Lebensbejahung, sie 
will sagen: du brauchst noch nicht alle Hoffnung aufzugeben. Die 
Hoffnung hat sich aber nicht erfüllt. Vor einigen Jahren hat ein 
Schwindler die Patientin um ihr kleines Vermögen gebracht. Sie war 
nur noch beschränkt erwerbsfähig, mußte aus öffentlichen Mitteln unter- 
stützt werden und führte ein kümmerliches Dasein. So trat wieder eine 
starke Depression ein. Die nun 57 jährige Kranke hat vom Leben nicht 
mehr viel zu erwarten. Wieder traten Selbstmordpläne auf. Und wieder 
kamen Halluzinationen. Dieses Mal aber ertönte die Stimme aus der 
Hölle und war die Stimme des bösen Onkels. Sie machte der Kranken 
Angst vor der Zukunft und riet ihr den Selbstmord an. Wegen dieses 
Depressionszustandes ist sie in die Anstalt gekommen. 

Soweit die uns hier interessierenden Züge aus der Kranken- 
geschichte. In diesem Falle ist es außerordentlich klar, daß ein mit 
starkem Affekt verbundenes Erlebnis aus der Kindheit, also ein Trauma 
der Vorpubertätszeit im Sinne Freuds, den Halluzinationen und 
Wahnideen der Patientin einen ganz bestimmten Inhalt gegeben hat. 
Der Eindruck dieses Erlebnisses auf die kindliche Psyche wirkt noch 
jetzt, im 57. Lebensjahre der Patientin, bestimmend auf die Symptome 
der Psychose. Damit soll nun keineswegs behauptet sein, daß die Person 
ohne dies sexuelle Trauma geistig gesund geblieben wäre, schon mit 
Rücksicht darauf, daß zwei Geschwister der Kranken ebenfalls an 
Dementia praecox gelitten haben. Auch erleidet ja noch manches Kind 
in seiner Jugend ein ähnliches Trauma und wird dennoch nicht geistes- 
krank. Wir halten vorläufig fest, daß in diesem Falle die manifesten 
Zeichen der Psychose sehr rasch nach einem sexuellen Trauma auf- 
getreten sind. Ich teile zunächst weitere Beobachtungen mit und werde 
später auf die Bedeutung des sexuellen Traumas zurückkommen. 

Eine andere Patientin wurde mit neun Jahren von einem Nachbar 



in den Wald gelockt. Er versuchte, sie zu vergewaltigen, es gelang 
ihr aber noch, sich zu befreien. Sie erzählte daheim nichts von dem 
Vorfall. Damals überstand sie den Schrecken ohne bemerkbare Folgen. 
Erst als mit dem Auftreten der ersten Menstruation ihre Phantasie 
sich mehr mit sexuellen Dingen beschäftigte, mußte sie viel an das 
Erlebnis denken. Sie selbst sagt : ich durchlebte es immer wieder. Doch 
wurde sie allmählich wieder heiter und lebenslustig. JMit 23 Jahren 
wollte sie heiraten; der Vater hintertrieb aber die Heirat aus egoistischen 
Gründen. Die Patientin befand sich in starker sexueller Erregung. Als 
sie nun den Geliebten nicht heiraten durfte, bekam sie, zum ersten 
Male in ihrem Leben, einen Anfall. Sie schrie auf und schnaufte heftig^ 
ohne das Bewußtsein zu verlieren. Die Analyse ergab, daß die Patientin 
damals in den Reben arbeitete. Sie ging gegen das Haus ihres 
Geliebten zu und war voller Erwartung, ob sie ihn etwa sehen würde. 
Dabei mußte sie plötzlich tief atmen, und nun gab es den ersten Anfall. 
Als ich mit vorsichtigen Fragen etwas auf die Anfälle einging, gab 
die Patientin an, sie spüre, daß die Anfälle mit dem Attentat des 
Nachbarn zusammenhingen. Es ergab sich, daß dieser so furchtbar 
geschnauft hatte, während die Patientin unter Angstschreien von ihm 
loszukommen versucht hatte. Daher das Schreien und Schnaufen. Die 
starke sexuelle Erregung im 23. Lebensjahre rief die Erinnerung an 
das erste sexuelle Erlebnis der Patientin wieder wach. Die Anfälle sind 
nur als ein Ausdruck des Wunsches nach sexueller Befriedigung zu 
betrachten. Die Kranke träumt sich gewissermaßen in diejenige sexuelle 
Situation zurück, die ihr in der Kindheit einen starken Eindruck hinter- 
lassen hatte. Der Anfall will sagen : das Unbewußte der Patientin wäre 
froh, wenn jetzt nur ein Mann käme und sie in eine solche Situation 
versetzte. Nachdem die Anfälle eine Zeit lang sich oft wiederholt 
hatten, setzten sie Jahre lang aus. Mit 33 Jahren wurde der Patientin 
abermals ein Heiratsplan zunichte, während kurz daraufjhr jüngerer 
Bruder heiraten konnte. Als Reaktion darauf gab es nun wieder Anfälle 
nach Art der früheren. Zugleich bildete sich ein Verfolgungswahn 
gegen die Frau des Bruders aus, in den nach und nach immer mehr 
Leute einbezogen wurden. Die Bemerkungen, die sie von den Leuten 
zu hören glaubt, beziehen sich alle darauf, daß sie nicht geheiratet 
hat. Sie war von Anfällen wieder Jahre lang frei. In ihrer Phantasie 
beschäftigte sie sich beständig mit Heiratsplänen, auch noch in vor- 
geschrittenem Alter. Wegen ihrer sexuellen Erregung suchte sie sogar 
ärztliche Hilfe. Vor kurzem haben ihr nun äußere Verhältnisse die 
letzten Zukunftsaussichten geraubt, und daraufhin gab es wieder Anfälle. 
Wegen ihrer gleichzeitigen heftigen Erregungsausbrüche gegen ihre 



vermeintlichen Verfolger mußte die jetzt 43jährige Person in die 
Anstalt gebracht werden. 

Die Anfälle waren hysterischen durchaus ähnlich; die Diagnose 
der Dementia praecox war aber aus vielerlei Gründen, auf die ich 
hier leider nicht eingehen kann, durchaus sicher. Auch in diesem 
Falle, wie in dem zuerst mitgeteilten, besteht ein Zusammenhang 
zwischen sexuellem Trauma und Symptomen der Psychose. Nur sind 
in dem zweiten Falle die Symptome erst längere Jahre nach dem 
Erlebnis aufgetreten. Auslösend wirkte ein Erlebnis, das mit dem Attentat 
das sexuell Erregende gemeinsam hatte. Während im ersten Falle der 
Anschluß ein unmittelbarer war, bildet hier ein Analogiefall das aus- 
lösende Moment. Ich habe Gelegenheit gehabt, noch andere Fälle mit 
der einen oder der anderen Verlaufsart zu beobachten. Ich erwähne 
nur kurz den Fall einer Frau, die seit der frühen Jugend beständig 
unter den sexuellem Nachstellungen ihres Vaters und ihres älteren 
Bruders zu leiden hatte. Als sie erwachsen war, ließ sie sich von. 
einem Manne verführen und heiratete ihn später. Er stieß sie durch 
rohe Behandlung ab, sodaß die Frau von einer tiefen Abneigung 
ergriffen wurde. Während der ersten Gravidität kam die Psychose zum 
Ausbruch. Während derselben wurde sie von Visionen geängstigt. Ein 
Stier, der dem Vater ähnlich war, kam drohend auf sie zu, andere 
Mal sah sie den Teufel mit den Zügen ihres Mannes; er trug einen 
Speer, mit dem er nach ihr stach. Wer die Symbolik der Träume 
kennt, wird über die Bedeutung dieser Vision nicht im Zweifel sein. 
Die Ideengänge dieser Patientin bewegten sich ganz und gar in dieser 
durchsichtigen Sexualsymbolik. Die Roheit und die Rücksichtslosigkeit 
des Mannes rief in ihr die Erinnerung an die analogen Eigenschaften 
ihres Vaters wach, und in der Psychose kam beides wie erwähnt zum 
Ausdruck. 

Freud hat ursprünglich gelehrt, daß jede Hysterie ihren Aus- 
gang von einem psychosexuellen Trauma der Vorpubertätszeit nehme. 
Er hat diese Lehre neuerdings modifiziert.^ Er legt jetzt das Haupt- 
gewicht auf die Art, wie ein Individuum vermöge seiner angeborenen 
Veranlagung auf sexuelle Eindrücke reagiert. Bei Personen, welche 
später an Hysterie erkranken, finden sich in der Jugend Zeichen einer 
abnormen Sexualität. Die letzte Wurzel der Hysterie liegt also auch 
jetzt in der infantilen Sexualität; nur ist das Trauma keine Conditio 
sine qua non und hat eine mehr sekundäre Bedeutung. Meine Erfah- 
rungen bei der Dementia praecox sprechen nun in dem nämlichen 



1 Kl. Schiiften zur Neurosenlehre. 1906. S. 225 f. 



Sinne, wenngleich ich erst eine verhältnismäßig kleine Anzahl von 
Fällen in dieser Hinsicht analysieren konnte. Ein Teil dieser Fälle 
weist ein sexuelles Trauma auf, wie die mitgeteilten. Andere dagegen 
lassen Abnormitäten der Sexualität in der Kindheit erkennen, ohne daß 
ein schwerer Eingriff von außen stattgefunden hat. Die abnorme 
Sexualität dieser Patienten kommt, wie es mir nach den bisherigen 
Erfahrungen scheint, außer in vorzeitigem Auftreten der Libido in einer 
krankhaften Phantasie zum Ausdruck, welche sich vorzeitig und in 
solchem Grade mit sexuellen Dingen beschäftigt, daß diese die übrigen 
■ Bewußtseinsinhalte beiseite schieben. Bricht im späteren Leben eine 
Dementia praecox aus, so gewinnt diese Phantasie vollends die Oberhand. 
Ich möchte diese Anschauung mit einem prägnanten Beispiel belegen. 
Ein Knabe wird schon in früher Jugend durch den Anblick 
weiblicher Personen erregt und bietet auch sonst Zeichen sexueller 
Frühreife. Eine erwachsene Schwester, die ihn sehr zärtlich liebt, betet 
er förmlich an. Diese Schwester bildet den Mittelpunkt der späteren 
Psychose. Der Patient, der jetzt 24 Jahre alt ist, erzählt nach anfäng- 
lichen starken Sperrungen schließlich mit großer Lebhaftigkeit eine 
Szene aus seiner Kindheit. Eines Morgens kam die Schwester, die ihn 
durch ihre üppige Gestalt sehr anzog, zu ihm ins Schlafzimmer und 
umarmte ihn zärtlich. Sie starb kurze Zeit darauf, Patient bewahrte ihr 
aber auch nach ihrem Tode seine schwärmerische Liebe. Er war damals 
zehn Jahre alt. Von der Pubertätszeit an kam er in der Schule nicht 
mehr vorwärts, konnte auch keinen Beruf erlernen und bietet seither 
die ausgesprochenen Erscheinungen der Katatonie dar. Aus dem sehr 
komplizierten Krankheitsbilde seien nur einige Züge erwähnt. In den 
Gesichtshalluzinationen des Patienten spielt die Schwester die Haupt- 
rolle. Sie erscheint ihm z. B. als Christus, weshalb er sie auch als das 
Christusmädchen bezeichnet — nebenbei ein schöner Beleg dafür, wie 
religiöse und sexuelle Ekstase in psychopathischen Zuständen nahe 
bei einander wohnen. Oder der Patient sieht, wie ein sehr schöner 
Jüngling in den Besitz einer schönen Jungfrau zu gelangen sucht. Es 
sind Apollo und Diana; diese sind ja im griechischen Mythus 
Geschwister. Die Diana hat die Züge der verstorbenen Schwester, 
während Apollo dem Patienten selbst gleicht. 

So wird in diesen und vielen anderen Halluzinationen des Patienten 
die sexuelle Attraktion, welche die Schwester auf den Patienten in 
seiner Kindheit ausgeübt hat, abgebildet, und die sexuelle Vereinigung 
als vollzogen dargestellt. Wir wissen aus Freuds Traumforschungen, 
wie in den Träumen der Erwachsenen infantile Wünsche wiederkehren. 
Das Gleiche gilt für die Halluzinationen der Dementia praecox. 



Bei einer hebephrenen Patientin mit Wahnideen, deren sexuelle 
Natur auf der Hand liegt, konnte ich deren Wurzel in einem Erlebnis 
aus dem sechsten Lebensjahre finden. Damals hatte sie beobachten 
können, wie bei ihrer Mutter die Periode eintrat. Dieser Eindruck hatte 
von da ab ihre Phantasie beständig beschäftigt. 

Leider kann ich in Rücksicht auf die begrenzte Zeit nur diese 
Fragmente aus Krankengeschichten geben. 

Es bleibt fraglich, ob die vorhin angenommene abnorme Phantasie 
schon eine Früherscheinung der Dementia praecox ist, oder ob eine 
im späteren Alter ausbrechende Dementia praecox die infantilen Sexual- 
phantasien und -erlebnisse nur ausnutzt. Ich halte aber jedenfalls die 
individuelle Veranlagung durchaus für das Primäre. Erlebnisse sexueller 
Art, seien es solche vom wirklichen Werte eines Traumas, seien es 
weniger heftige Eindrücke auf die kindliche Sexualität, bilden nicht 
die Ursache der Krankheit, sondern sie determinieren die Symptome 
der Krankheit. Sie sind nicht die Ursache, daß Wahnideen 
und Halluzinationen auftreten, sondern sie geben diesen einen indi- 
viduellen Inhalt. Sie sind nicht schuld am Auftreten von Wort- und 
Haltungsstereotypien, sondern bedingen nur deren Erscheinungsform im 
einzelnen Krankheitsfall. Ob jede Dementia praecox infantil-sexuelles 
Material enthält, oder ob dies nur für einen beschränkten Teil der 
Fälle zutrifft, wird schwer zu entscheiden sein. Die Nachforschungen 
in dieser Hinsicht sind schwierig und scheitern nicht selten gänzlich. 
In den verschiedenen Fällen, welche ich als Beispiele angeführt 
habe, und in einer Reihe von anderen Fällen konnte ich feststellen, 
daß die Kranken das sexuelle Erlebnis in der Kindheit und auch später 
in sich verschlossen hatten. Breuer und Freud haben in den Studien 
über Hysterie der gleichen Tatsache bei Hysterischen eine große 
Bedeutung beigelegt. Das spätere „Abreagieren" der ins Unbewußte 
verdrängten Erinnerungen haben sie zur Grundlage der psycho- 
analytischen Behandlung der Hysterie gemacht. Ich möchte hier nur 
beiläufig bemerken, daß eine ganze Anzahl von Patienten einen Wahn 
der Versündigung daran knüpften, daß sie in der Jugend nicht auf- 
richtig gewesen seien und ihren Angehörigen von dem Erlebnis nichts 
mitgeteilt hätten. Auf die psychische Wirkung des Abreagierens bei 
der Dementia praecox kann ich leider an dieser Stelle nicht eingehen. 
Die Form, unter der die sexuellen Vorstellungskomplexe in der 
Dementia praecox auftreten, ist vorwiegend symbolisch. Der Bildung 
einer Symbolik sind alle die Zustände besonders günstig, welche mit 
einer Störung der Aufmerksamkeit einhergehen. Daß bei der Dementia 
praecox die Aufraerksamkeitsstörung von grundlegender Bedeutung 



8 

ist, haben die neueren Forscliungen erwiesen. Ganz das Gleiche trifft 
für die Neurosen und für unsere Träume zu, und auch hier finden 
wir die gleiche Neigung zum Symbolisieren. Die Bedeutung des 
Infantilen im Traum und in der Hysterie ist durch Freuds Arbeiten 
nachgewiesen worden. Wir haben uns davon überzeugt, daß ganz 
Ähnliches für die Dementia praecox gilt. Damit haben wir eine neue 
Analogie zwischen Traum, Hysterie und Dementia praecox kennen 
gelernt. 

Am Schlüsse möchte ich dem Einwand begegnen, den Patienten 
seien die Erzählungen von sexuellen Erlebnissen suggeriert worden. 
Bei der Untersuchung wurde alles Suggestive streng vermieden. In 
verschiedenen Fällen trugen die Patienten mir ihre Berichte darüber 
förmlich entgegen. Die Möglichkeit, daß Geisteskranke ihre jetzigen 
sexuellen Phantasien in die Kindheit zurückverlegen, ist freilich 
zuzugeben. In keinem der Fälle, die ich meinen Mitteilungen zugrunde 
gelegt habe, besteht aber ein begründeter Verdacht in dieser Richtung. 
Übrigens haben wir ja bei einer Dementia praecox Mittel genug, um 
wahnhafte und tatsächliche Berichte voneinander unterscheiden zu 
können. 

Aus der Analyse der Symptome der Dementia praecox ersehen 
wir, daß in der Psychologie dieser Krankheit dem infantilen Vor- 
stellungsmaterial und der Sexualität die gleiche Bedeutung zukommt 
wie in der Hysterie und im Traum. Die psychologische Erforschung 
der Dementia praecox wird daher auf die Freudschen Lehren zurück- 
gehen müssen. Aus ihnen kann sie eine mächtige Förderung erfahren. 



Das Erleiden sexueller Traumen als Form 
infantiler Sexualbetätigung/ 

Freuds Lehre von der Ätiologie der Hysterie hat im Laufe der 
Zeit bedeutende Wandlungen durchgemacht. Freud hat aber, wie er 
selbst betont,^ zwei Gesichtspunkte festgehalten und ist in die Erkenntnis 
ihrer Bedeutung immer tiefer eingedrungen: das sind die Gesichts- 
punkte der Sexualität und des Infantilisraus. An den Wandlungen der 
gesamten Sexualtheorie und Neurosenlehre hat auch das Problem des 
sexuellen Jugendtraumas Anteil genommen. Freud sah in diesem 
eine Zeit lang die letzte Wurzel der hysterischen Erscheinungen und 
nahm an, eine solche Wurzel sei in allen Fällen von Hysterie auffindbar. 
Diese Anschauung hat sich nicht in ihrer ursprünglichen Form halten 
lassen. In seinem Aufsatz : „Meine Ansichten über die Rolle der 
Sexualität in der Ätiologie der Neurosen" ^ hat Freud dem sexuellen 
Jugendtrauma eine sekundäre Rolle angewiesen und eine abnorme 
psychosexuelle Konstitution als primäre Grundlage der Neurosen 
angenommen. Diese Auffassung wird der Tatsache gerecht, daß keines- 
wegs alle Kinder, die ein sexuelles Trauma erleiden, später an Hysterie 
erkranken. Die zur Hysterie veranlagten Kinder reagieren nach Freud 
infolge jener abnormen Veranlagung in einer abnormen Weise auf 
sexuelle Eindrücke aller Art. Ich selbst habe vor kurzem auch bei 
Geisteskranken das Vorkommen infantiler Sexualtraumen erwiesen.* 
Ich habe die Ansicht vertreten, daß ein solches Trauma nicht als 
Ursache' der Krankheit in Betracht komme, wohl aber einen formgebenden 
Einfluß auf die Krankheit ausübe. In der Annahme einer abnormen 
psychosexuellen Konstitution schloß ich mich Freud an. 

Diese Annahme bringt uns jedoch nur um einen Schritt vor- 



1 Aus der psychiatrischen Klinik der Universität Zürich. Zuerst veröffentlicht 
im .Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie", XXX. Jahrgang, Nr. 249, 1907. 

2 Kleine Schriften zur Neurosenlehre, 1907, S. 232. 

3 ibid. S. 225 f. 

* Über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die Symptomatologie der 
Dementia praecox. (Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 1907.) 



10 

wärts, während sie vor dem zweiten, wichtigeren, Halt macht. Sie 
erklärt uns zwar, warum ein in der Kindheit erlittenes Sexualtrauma in 
der Geschichte vieler Individuen von so großer Bedeutung ist. Dagegen 
bleibt das Problem, warum so viele neurotische und psycho- 
tische Personen in ihrer Kind h eits- Anam nese ein 
sexuelles Trauma aufweisen, unaufgeklärt. Lösen wir dieses, 
so werden wir auch über das Wesen der angenommenen abnormen 
Konstitution, wenigstens zum Teil, Aufschluß erhalten. 

Mit der vorliegenden Arbeit beabsichtige ich diesen Fragen näher 
zu treten. Ich werde dabei insbesondere den Nachweis führen, daß in 
einer großen Anzahl von Fällen das Erleiden des Traumas vom 
Unbewußten des Kindes gewollt wird, daß wir darin eine Form infantiler 
Sexualbetätigung zu erblicken haben. 

Jeder, der Kinder in ihrer psychologischen Eigenart beobachtet, 
wird die Wahrnehmung machen, daß das eine Kind Verlockungen oder 
Verführungen schwer, das andere dagegen leicht zugänglich ist. Es 
gibt Kinder, welche der Aufforderung eines Unbekannten, ihm zu 
folgen, fast ohne Widerstand nachkommen, und andere, welche in dem 
gleichen Falle entgegengesetzt reagieren. Geschenke, Süßigkeiten, oder 
auch die Aussicht auf dergleichen Dinge wirken auf Kinder sehr ver- 
schieden ein. Ferner gibt es Kinder, welche Erwachsene in sexueller 
Hinsicht geradezu provozieren. Sehr lehrreich sind in dieser Hinsicht 
die Akten der Prozesse wegen Vornahme unsittlicher Handlungen mit 
Kindern. Aus zwei Fällen, in denen ein Senil-Dementer sich an Kindern 
vergangen hatte, ist mir ein solches Verhalten der Kinder bekannt; in 
einer ganzen Anzahl anderer Fälle bestand in der gleichen Richtung 
ein dringender Verdacht. Selbst unter Geschwistern erlebt man in 
dieser Hinsicht auffällige Differenzen. Mir sind mehrere derartige Fälle 
bekannt. Von mehreren Schwestern läßt sich, z. B. die eine von einer 
fremden Person verlocken, mit ihr zu gehen, ein anderes Mal folgt 
sie beim Spielen einem älteren Knaben in einen abgelegenen Raum 
und läßt sich von ihm küssen. Die beiden anderen Schwestern zeigen 
das entgegengesetzte Verhalten. Die erste Schwester, von der sich noch 
mehr ähnliche Züge erzählen ließen, bietet schon in der Kindheit 
neurotische Züge und erkrankt später an einer ausgesprochenen Hysterie. 
Dieses Beispiel ist nicht singulär, sondern typisch. Wir stellen vorläufig 
ganz allgemein fest, daß gewisse Kinder gegenüber Verlockungen — 
sexuellen und anderen — ein stärkeres Entgegenkommen zeigen als 
andere. Diese Erfahrung kann uns dazu dienen, die sexuellen Traumen 
trotz ihrer großen Mannigfaltigkeit in Gruppen zu teilen. Wir können 
diejenigen sexuellen Traumen, welche unvorhergesehen über ein Kind 



11 



hereinbrechen, unterscheiden von denjenigen, welche durch Verführung 
oder Verlockung eingeleitet werden, oder irgendwie vorauszusehen 
waren, oder aber geradezu provoziert wurden. In den Fällen der ersten 
Gruppe fehlt jeder Grund, auf seiten des Kindes ein Entgegenkommen 
anzunehmen. In den Fällen der zweiten Gruppe kann man sich dagegen 
der Annahme eines solchen Entgegenkommens nicht verschließen. In 
diesen beiden Gruppen gehen noch nicht alle Fälle auf: bricht ein 
sexuelles Attentat unvorhergesehen herein, so kann die davon betroffene 
Person sich aktiv und ernstlich, abwehrend verhalten, oder sie kann 
sich der Gewalt fügen. In letzterem Falle finden wir wieder ein Ent- 
gegenkommen, eine Hingabe auf Seiten der angegriffenen Person. Mit 
einem in den Quellen des römischen Rechtes gebräuchlichen Ausdruck 
möchte ich sagen: eine solche Person unterliegt einer vis haud 
in grata. 

Die „vis haud ingrata" hat zu allen Zeiten das Interesse der 
Gesetzgeber auf sich gezogen, wo es sich um Bestimmungen über die 
Ahndung sexueller Vergehen handelte. Ich verweise z. B. auf die 
mosaische Gesetzgebung, welche ihr voll Rechnung getragen hat, und 
zitiere aus dem fünften Buche Mosis Kap. 22, 22—27: 

„Wenn eine Dirne jemand verlobet ist, und ein Mann krieget sie 
in der Stadt und schläft bei ihr, so sollt ihr sie alle beide zu der Stadt 
Thor ausführen, und sollt sie beide steinigen, daß sie sterben; die 
Dirne darum, daß sie nicht geschrien hat, weil sie in der Stadt war; 
den Mann darum, daß er seines Nächsten Weib geschändet hat; und 
sollst das Böse von dir tun. Wenn aber jemand eine verlobete Dirne 
auf dem Felde krieget und ergreift sie und schläft bei ihr, so soll der 
Mann allein sterben, der bei ihr geschlafen hat, und der Dirne sollst 
du nichts tun; denn sie hat keine Sünde des Todes wert getan, sondern 
gleich wie jemand sich wider seinen Nächsten erhübe, und schlüge 
seine Seele tot, so ist dies auch. Denn er fand sie auf dem Felde, 
und die verlobete Dirne schrie, und war niemand, der ihr half." 

Ich verweise ferner auf die vortreffliche kleine Geschichte aus 
Don Quijote, welche Freud (Psychopathologie des Alltagslebens, 
IL Aufl. S. 87) mitteilt: 

„Eine Frau zerrt einen Mann vor den Richter, der sie angeblich 
gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat. Sancho entschädigt sie durch die 
volle Geldbörse, die er dem Angeklagten abnimmt, und gibt diesem 
nach dem Abgange der Frau die Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr 
die Börse wieder zu entreißen. Sie kommen beide ringend wieder, und 
die Frau berühmt sich, daß der Bösewicht nicht imstande gewesen sei, 
sich der Börse zu bemächtigen. Darauf Sancho: Hättest du deine Ehre 



12 

halb so ernsthaft verteidigt wie diese Börse, so hätte sie dir der Mann 
nicht rauben können." 

Die angeführten Beispiele beziehen sich nun freilich auf 
Erwachsene; wir werden uns aber nochdavon überzeugen, daß in dieser 
Hinsicht kein Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen besteht. 

Das mosaische Gesetz macht die Bestrafung des Mädchens davon 
abhängig, ob es um Hilfe gerufen hat. Das will sagen: ob es von 
der Möglichkeit, das Vorkommnis zu verhüten, Gebrauch gemacht 
hat. Ich habe in dieser Hinsicht u. a. die Fälle geprüft, die ich früher 
(1. c.) veröffentlicht habe. In jedem dieser Fälle hätte das Trauma ver- 
hindert werden können. Statt den Verlockungen zu folgen, hätten die 
Kinder um Hilfe rufen, flüchten, oder sich widersetzen können. In einer 
Reihe von anderen Fällen habe ich das Gleiche feststellen können. 

Beweisend für die Annahme eines Entgegenkommens auf selten 
des Kindes ist nicht nur sein Verhalten während der Vorbereitungen 
zum Attentat und während des Attentates selbst, sondern auch sein 
Verhalten nach erlittenem Trauma. Schon Breuer und Freud haben, 
als sie erwiesen, daß Hysterische an Reminiszenzen leiden, die Auf- 
merksamkeit auf die Tatsache gelenkt, daß das infantile Sexualtrauma 
von den Kindern nicht den Angehörigen mitgeteilt, sondern ver- 
schwiegen wurde. Dies geschieht nicht nur unter dem frischen Eindruck 
des Erlebnisses, sondern, wie die Autoren erwiesen, wird das Erlebnis 
in das Unterbewußte verdrängt, so daß es der willkürlichen Erinnerung 
gar nicht zugänglich ist. Ich habe (1. c. 8. 415) ein ähnliches Verhalten 
bei Kindern ■ mit späterer Dementia praecox konstatiert. Auf eine 
Erklärung dieses Verhaltens bin ich damals nicht eingegangen. 

Daß ein Kind ein sexuelles Erlebnis hat und es trotz der damit 
verbundenen Emotion seinen Eltern verschweigt, ist eine auffällige 
Erscheinung. Ein Kind, das etwa von einem anderen verfolgt und 
geprügelt worden ist, wendet sich klagend an seine Mutter. Ich erwarte 
hier den Einwand, die konventionelle Prüderie hindere das Kind am 
Sprechen, da es ja dazu erzogen werde, im Gespräch alles auf das 
Sexuelle Bezügliche zu vermeiden. Dieser Einwand ist aber keineswegs 
stichhaltig. Erstens kümmert sich ein Kind unter dem Eindruck einer 
heftigen Emotion durchaus nicht um das Konventionelle. Namentlich 
aber zeigen durchaus nicht alle Kinder, denen ein Erlebnis sexueller 
Art begegnet ist, dieses Verhalten. Ich will das durch ein Beispiel und 
ein Gegenbeispiel erläutern. 

Im Keller eines Hauses muß ein Wasserrohr revidiert werden. 
Ein Arbeiter betritt das Haus und verlangt den Kellerschlüssel. Eine 
im Hause wohnende Frau ruft ihm zu, er solle nur die Treppe hinunter- 



13 



gehen, sie werde ihm den Schlüssel schicken. Er geht hinunter ; gleich 
darauf bringt ihm die kleine Tochter jener Frau den Schlüssel. Der 
Mann geht in den Keller und kommt nach kurzer Zeit zurück. Auf 
der halbdunklen Treppe erwartet ihn das Kind, um den Schlüssel 
zurückzubringen. Ehe die Kleine es sich versieht, nimmt der Mann 
eine unsittliche Handlung vor. Erschreckt läuft sie die Treppe hinauf 
und meldet sofort der Mutter, was vorgefallen sei. Der Mann wird 
darauf verfolgt und festgenommen. 

Als Gegenbeispiel diene einer meiner früher veröffentlichten Fälle. 
Das neunjährige Mädchen wird von einem Nachbarn in den Wald 
gelockt. Es folgt ohne Widerstand. Er versucht dann, das Kind zu 
vergewaltigen. Erst als er seinen Zweck nahezu oder ganz erreicht 
hat, gelingt es dem Kinde, sich zu befreien. Es eilt nach Hause, 
erzählt aber nichts von dem Geschehenen. Auch später bewahrt es 
das Geheimnis vor seinen. Angehörigen, 

Das Verhalten dieser zwei Kinder nach erlittenem Trauma ist 
völlig entgegengesetzt; warum dies? Zunächst sei auf das Verhalten 
von Kindern bei andern Gelegenheiten verwiesen. Ein Kind zum 
Beispiel, das sich bei einem ihm verbotenen Spiel verletzt hat, wird 
den Schmerz verbeißen und in, diesem Falle nicht wie sonst den Trost 
der Mutter suchen. Der Grund ist klar: das Kind ist dem Reiz des 
Verbotenen unterlegen und hat das Gefühl, daß es schuld an seinem 
Unfall ist. 

Dieses Schuldgefühl ist bei Kindern außerordentlich fein. Aus 
der Jugend einer Dame ist mir folgende Geschichte bekannt, die zu 
dem uns beschäftigenden Problem eine interessante Illustration gibt, 
Sie suchte als kleines Mädchen mit einer Freundin Blumen. Da kam 
ein fremder Mann hinzu und redete den beiden Mädchen zu, mit ihm 
zu kommen, er werde ihnen zeigen, wo es viel schönere Blumen 
gebe. Sie gingen ein Stück weit mit ihm. Dann kamen ihr Bedenken, 
mit dem Fremden weiterzugehen; sie wandte sich plötzlich um und 
lief davon. Ihre Freundin tat es ihr dann nach. Obgleich nun zwischen 
dem Manne und den beiden Kindern nichts weiter geschehen war, 
als daß sie eine Strecke miteinander gegangen waren, erinnert die 
Dame sich bestimmt, daß sie damals eine Scheu empfunden hat, 
daheim von dem Erlebten zu sprechen, Sie hütete das Geheimnis streng 
vor ihren Angehörigen und sprach sogar mit der Freundin nie mehr 
davon. Dieses Schweigen ist nur aus einem Gefühl der Schuld zu 
erklären. Das Kind hat offenbar die mehr oder weniger bestimmte 
Empfindung, daß die Schuld nicht allein auf selten des Verlodienden 
liegt, sondern auch auf Seite dessen, der sich verlocken läßt. 



14 



Die gleiche Erklärung trifft ganz offenbar auf die zwei vorhin 
angeführten Beispiele zu. Das eine Kind wurde ahnungslos überfallen 
und befand sich dabei in einer Situation, die es nicht selber herbei- 
geführt hatte; es war ja von der Mutter in den Keller geschickt 
worden. Ihm kann niemand einen Vorwurf machen, und darum findet 
es sofort Worte, der Mutter zu erzählen, was ihm zugestoßen ist Das 
andere Kind hingegen ließ sich verlocken. Es folgte dem Nachbarn 
in den Wald und ließ ihn in der Ausführung seines Vorhabens ziem- 
ich weit kommen, ehe es sich aus seinen Händen befreite und davon- 
lief. Es ist nicht zu verwundern, daß dieses Kind das Vorkommnis 
verschwieg. 

Das Verlockende jeder sexuellen Betätigung ist der mit ihr ver- 
bundene Lustgewinn. Freude unterscheidet bei jedem sexuellen 
Akt zwischen der Vorlust und der Befriedigungslust. Die 
Vorlust kann auf körperlichem Wege durch direkte taktile Reizung 
erogener Körperzonen erzeugt werden, sie kann aber auch durch 
andere sinnliche Reize, z. B. durch optische Eindrücke, hervorgerufen 
werden, und endlich rein psychisch durch Vorstellungen, - etwa 
durch das Spannende und Erregende der Situation. Es ist schwer zu 
entscheiden, welche dieser beiden Arten von Lust bei einem Kinde 
die größere Rolle spielt. Gewiß gibt es hier starke individuelle Diffe- 
renzen. In einigen von mir beobachteten Fällen schien es mir als 
wenn das Außergewöhnliche und Geheimnisvolle der Situation also 
das Abenteuer als solches, den Hauptreiz auf das Kind ausgeübt hätte 
Andrerseits muß ich wieder auf die Fälle verweisen, in welchen Kinder 
Erwachsene direkt zu sexuellen Handlungen provozieren; hier müssen 
wir selbstverständlich auch ein Verlangen nach Befriedigungslust 
annehmen. * * 

Der Gewinn an sexueller Vorlust oder Befriedigungslust ist es 
nach dem die kindliche Libido tendiert, wenn das Kind sich dem' 
Trauma hingibt. Dieser Lustgewinn ist das Geheimnis, welches das 
Kind ängstlich hütet. Er allein erklärt das Schuldgefühl des Kindes 
und die weiteren psychologischen Vorgänge, welche sich an das 
Erleiden eines sexuellen Traumas anschließen. Ich muß hier auf F r e u d s 
Anschauungen über die frühen Phasen der Sexualität verweisen 
Freud hat die alte Fabel von der bis zur Pubertät reichenden sexu- 
ellen Latenzzeit gründlich zerstört. Wir erfahren aus seinen Unter- 
suchungen, daß die ersten Spuren sexueller Betätigungen schon sehr 
früh auftre ten, und daß sie eine Zeitlang autoerotischen Charakter 

1 Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. 



15 

tragen. Es folgt ein Stadium, in welchem sich das Kind zur „Objekt- 
liebe" wendet; das Sexualobjekt braucht jedoch nicht anderen 
Geschlechtes zu sein. Neben heterosexuellen und homosexuellen Regun- 
gen kommen sodann noch andere zum Ausdruck, welche sadistischen 
oder masochistischen Charakter tragen. Freud spricht daher von 
einem polymorph-perversen Stadium. Alle diese frühen Regungen 
kommen dem Kinde natürlich nicht in ihrer wahren Natur zum 
Bewußtsein. Sie entspringen dem Unbewußten. Sie tendieren nach einem 
bestimmten Sexualziel, ohne daß dem Kinde diese Tendenz klar wird. 
Ganz in diesem Sinne ist für das zur Hysterie oder zur Dementia 
praecox veranlagte Kind das sexuelle Erlebnis ein Sexualziel. Das 
Kind erleidet das Trauma aus einer Absicht seines Unbewußten. Das 
Erleiden sexueller Traumen in der Kindheit gehört, wenn ihm ein 
unbewußtes Wollen zugrunde liegt, zu den masochistischen Äußerungen 
des Sexualtriebes. Es stellt also eine Form infantiler Sexualbetäti- 
gung dar. 

Die Übergänge vom Normalen zum Abnormen sind auf dem 
Gebiete der Sexualität fließend wie tiberall. Dennoch halte ich es für 
berechtigt, in dem sexuellen Reizhunger, der zur Hingabe an sexuelle 
Traumen führt, im allgemeinen eine abnorme Art der Sexualbetätigung 
zu erblicken. Es ist auffallend, daß wir ihr gerade in der Vorgeschichte 
neurotischer oder geisteskranker Individuen begegnen, in deren späterem 
Leben sich sexuelle Abnormitäten in Hülle und Fülle finden. Als ich 
(1. c.) Freud's Lehre von einer psychosexuellen Basis der Hysterie 
auf die Dementia praecox zu übertragen versuchte, habe ich bereits 
in einigen groben Umrissen ausgeführt, inwiefern die Sexualität der 
Kinder, welche später diesen Krankheiten unterliegen, abnorm sei. Ich 
gelangte zu der Annahme, daß die Sexualentwicklung zeitlich verfrüht 
und die Libido selbst quantitativ abnorm sei, daß außerdem aber die 
Phantasie dieser Kinder sich vorzeitig und in abnormem Grade mit 
sexuellen Dingen beschäftige. Diese Anschauung läßt sich nunmehr 
bestimmter fassen, indem wir sagen: die Kinder jener Kategorien 
zeigen ein abnormes Begehren nach sexuellem Lustgewinn und infolge- 
dessen erleiden sie sexuelle Traumen. 

Verfolgen wir das weitere Schicksal der mit dem erlittenen 
Trauma zusammenhängenden Vorstellungen, so finden wir neue An- 
haltspunkte für die vertretene Anschauung. 

Das Schuldgefühl ist dem Bewußtsein des Kindes, ebenso wie 
dem des Erwachsenen, nicht erträglich. Das Kind sucht daher die 
unlustbetonten Reminiszenzen in irgend einer Weise zu verarbeiten, 
durch welche ihr störender Einfluß ausgeschaltet wird. Sie werden 



16 

daher von den übrigen Bewußtseinsinhalten abgespalten. Sie führen 
alsdann eine Sonderexistenz als , Komplex". 

Anders bei solchen Kindern, welche ein sexuelles Trauma 
eriitten haben, ohne ihm in irgendeiner Weise entgegengekommen zu 
sein. Solche Kinder können sich frei aussprechen; sie brauchen daher 
die Reminiszenzen an den Vorfall nicht gewaltsam aus dem Felde 
des Bewußtseins zu verdammen. 

Der Prozeß der Ausschaltung unlustbetonter Vorstellungen 
aus dem Bewußtsein ist bei der Hysterie und bei der Dementia prae- 
cox (resp. bei Personen, welche später an einer der beiden Krank- 
heiten leiden) der gleiche. Übrigens können wir ihn ja auch bei 
Gesunden täglich beobachten. Früher oder später zeigt es sich aber, daß 
die Verdrängung nur ein Notbehelf ist. Der Komplex kann zwar lange 
im Unterbewußten verbleiben. Aber dann kommt eines Tages ein dem 
primären SexuaHrauma analoges Eriebnis und bringt das verdrängte 
Vorstellungsmaterial in Aufruhr. Dann geschieht die Konversion in 
Symptome einer Hysterie oder einer Dementia praecox. Bei der 
Dementia praecox besteht freilich noch die andere Möglichkeit, daß aus 
endogenen Gründen ein „Schub" der Krankheit auftritt, und daß nun 
dieses Material in den Symptomen verarbeitet wird. 

Freud hat uns noch andere Mechanismen kennen gelehrt, 
welche im Grunde dem gleichen Zwecke dienen wie die Verdrängung. 
Hier ist z. B. die Transposition des Affektes auf indifferente Vorstel- 
lungen zu erwähnen ; wird dieser Weg eingeschlagen, so entstehen 
Zwangssymptome. Ebenso wie der Prozeß der Verdrängung, so kommt 
auch der Prozeß der Transposition auf indifferente Vorstellungen bei 
der Dementia praecox ganz in der gleichen Weise vor wie bei den 
»Neurosen". Ich erinnere in ersterer Hinsicht nur beispielsweise an 
die eingebildeten Schwangerschaften bei der Dementia praecox, die 
ihrer psychologischen Genese nach den hysterischen Schwangerschaften 
durchaus gleichen, und in letzterer Hinsicht an die Tatsache, daß in 
manchen diagnostisch durchaus klaren Fällen von Dementia praecox 
Zwangsvorstellungen den hervorstechendsten Zug des Krankheitsbildes 
ausmachen. Zwei Arten des Ausdruckes eines sexuellen Schuldgefühls 
sind also der Hysterie und der Dementia praecox gemeinsam. .Die 
Dementia praecox verfügt noch über eine dritte : die Ausbildung eines 
Versündigungswahnes, welcher auf indifferente Vorstellungen ver- 
schoben wird. Ich kann an dieser Stelle nicht an der Hand von 
Krankengeschichten den Nachweis führen, daß Selbstvorwürfe sexu- 
ellen Inhaltes eine wesentliche Quelle des Versündigungswahnes sind. 
Ich habe in meiner letzten Arbeit darauf verwiesen, daß eine Anzahl 



17 

von Patienten früher oder später einen Wahn der Versündigung daran 
knüpfen, daß sie in der Jugend nicht aufrichtig gewesen seien, indem 
sie von einem sexuellen Erlebnis ihren Angehörigen nichts mitteilten. 
Das Schuldgefühl, welches sich in Wirklichkeit an das widerstandslose 
Hinnehmen eines sexuellen Traumas knüpft, wird auf die weit geringere 
„Sünde" der mangelnden Aufrichtigkeit verschoben. Mir scheint, daß 
dieser psychische Mechanismus der Verschiebung auf eine weniger 
affektvolle Vorstellung mit der Transposition, wie sie der Bildung von 
Zwangsvorstellungen zugrunde liegt, nahe verwandt ist. Verschieden 
ist das Resultat : hier Zwangsvorstellung, dort Wahnvorstellung. Andere 
ähnliche Mechanismen, welche uns ebenfalls durch Freud bekannt 
geworden sind und verwandten Zwecken dienen, kann ich hier nur 
streifen, wie z. B. die bei der Hysterie und Dementia praecox (übrigens 
auch im Traum) so überaus häufigen „Verlegungen", z. B. die 
Verlegung einer Genitalsensation nach dem Munde. 

Also auch die weiteren Schicksale des Komplexes und seine 
späteren Äußerungen sprechen durchweg für die oben vertretene 
Auffassung vom Wesen des sexuellen Jugendtraumas. Einen besonders 
merkwürdigen, ., aus unserer Anschauung aber durchaus erklärlichen 
Beweis dafür, daß ihr Unbewußtes dem sexuellen Trauma entgegen- 
kommt, liefern Kinder, welche später der Hysterie oder der Dementia 
praecox verfallen, dadurch, daß es bei ihnen häufig nicht mit e i n e m 
Traum sein Bewenden hat. Man sollte erwarten, gebrannte Kinder 
würden das Feuer scheuen, d. h. jeder Wiederholung eines sexuellen 
Traumas, ja der bloßen Möglichkeit einer Wiederholung ausweichen, 
zumal das Vorkommnis außer der Lust für sie Schmerz oder andere 
Unlustgefühle direkt mit sich brachte oder indirekt nach sich zog. 
Die Erfahrung lehrt aber das Gegenteil. Individuen, welche einmal 
ein sexuelles Trauma erlitten haben, an welchem sie selbst durch ihr 
Entgegenkommen einen Teil der Schuld trugen, aus dem sie aber 
auch einen Lustgewinn gezogen haben, neigen auch ferner dazu, sich 
solchen Erlebnissen auszusetzen. Erleiden sie ein zweites Trauma, so 
wird dieses vom Unbewußten dem verdrängten ersten assimiliert. 
Das zweite oder ein späteres Trauma wirkt „auxiliär", um das psychische 
Gleichgewicht zu stören, und die Krankheit bricht aus. Je nach der 
angeborenen Veranlagung ist es eine Hysterie oder eine Dementia praecox. 

Die Neigung zum fortgesetzten Erleiden sexueller Traumen ist 
eine Eigentümlichkeit, die wir oft genug bei erwachsenen Hysterischen 
beobachten können. Man könnte bei ihnen von einer traumatophilen 
Diathese sprechen, die sich übrigens nicht auf sexuelle Traumen 
beschränkt. Die Hysterischen sind in der Gesellschaft die interessanten 



Menschen, denen immer etwas passiert. Weiblichen Hysterischen 
besonders begegnen beständig Abenteuer. Sie werden auf offener 
Straße belästigt, auf sie werden dreiste sexuelle Attentate verübt, etc. 
In ihrem Wesen liegt es, daß sie sich einer traumatischen Einwirkung 
von außen exponieren müssen. Es ist ihnen Bedürfnis, als die einer 
äußeren Gewalt unterliegenden zu erscheinen; wir finden hierin eine 
allgemeine psychologische Eigenschaft des Weibes in übertriebener 
Form wieder.i Da wir also auch bei ausgesprochener Hysterie im 
erwachsenen Alter eine Neigung zum Erleiden von Traumen finden, 
so erhält die Annahme einer solchen Neigung in der Kindheit dieser 
Personen eine wichtige Stütze. 

Freud hat in seiner Psychopathologie des Alltagsiebens die 
Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß kleine Ungeschicklichkeiten, Fehl- 
griffe, Selbstbeschädigungen, Unfälle und ähnliche Vorkommnisse des 
alltäglichen Lebens vielfach auf einer unbewußten Absicht dessen 
beruhen, dem sie begegnen. Ich habe oben eine von Freud 
mitgeteilte Anekdote zitiert; diese zeigt, daß auch sexuelle „Unfälle" auf 
einem Wollen des Unbewußten beruhen können. Diese Lehre Freuds 
gibt der von mir vertretenen Anschauung, daß dem iijfantilen Sexual- 
trauma in den genauer bezeichneten Fällen ein Wollen des Unbewußten 
zugrunde liegt, eine weitere und sehr wichtige Stütze. Um die 
Berechtigung zu erweisen, mich hier auf Fr e u d s Forschungsergebnisse 
^ zu berufen, will ich aus meiner eigenen Erfahrung einige einschlägige 
Beispiele mitteilen. 

Ein 19jähriges Mädchen wird in einer breiten, gut übersehbaren 
Straße am hellen Tage von einem Soldaten, der im Trab reitet, über- 
ritten. Sie ist kurze Zeit bewußtlos, hat aber keine schweren körperlichen 
Verletzungen erlitten. Kurze Zeit darauf treten die Symptome einer 
sogenannten traumatischen Neurose auf. 

Die Vorgeschichte des Mädchens ergibt folgendes. Seit ihrer 
Kindheit haben die verschiedenstens Eindrücke und Erfahrungen 
deprimierend auf sie gewirkt. Sie war zuerst Zeugin des Zerwürfnisses 
ihrer Eltern. Als diese sich scheiden ließen, wurde die Tochter der 
Mutter zugesprochen. Sie hatte aber keine Sympathien für diese, eine 
ungebildete Frau ohne Feingefühl. Der Vater hingegen, der trotz seines 
einfachen Handwerkerberufes literarisch tätig war, besaß ihre Sympathien. 

1 Nebenbei sei hier auf die Träume gesunder Mädchen und Frauen hingewiesen, 
in denen sie von einem Manne erstochen oder sonstwie ermordet werden. Freud hat 
uns gelehrt, daß hierin eine symbolische Darstellung sexueller Wünsche zu erblicken ist. 
Im Traume wird dem Manne die Rolle des Angreifers, der Träumenden eine passive 
Rolle zuerteilt, Sie ist dann nicht einmal Schuld an dem symbolischen sexuellen Akte. 



19 



Mit 12 Jahren entlief sie der Mutter und ging zum Vater. Sie war 
eine der besten Schülerinnen und machte schon früh dichterische 
Versuche. Ihr Wunsch war, Lehrerin zu werden, wozu sie außer ihrer 
Veranlagung die Schwärmerei für einen Lehrer bestimmt zu haben 
scheint. Da aber dem Vater die Mittel fehlten, seine Tochter das 
Seminar besuchen zu lassen, so mußte sie früh die Schule verlassen 
und nacheinander verschiedene Aushilfsstellen als Dienstmagd versehen. 
Sie fühlte sich sehr unglücklich, da sie weder ihren Lerneifer befriedigen, 
noch in ein höheres soziales Milieu gelangen konnte. An einer Stelle 
blieb sie IV2 Jahre. Dann versuchte sie, sich weiter zu bringen, indem 
sie Stenographie und Maschinenschreiben erlernte. Ehe sie ihr Ziel 
erreichte, versagten aber die Geldmittel; sie nahm daher Arbeit in 
einer Fabrik, wo ihr aber der Verkehr mit den ungebildeten Arbei- 
terinnen nicht zusagte. Das Verhältnis zur Mutter war ganz schlecht 
geworden, seitdem die Patientin sich zu dem Verdacht berechtigt 
glaubte, daß ihre jüngere Schwester aus einem unerlaubten Verhältnis 
ihrer Mutter vor der Ehescheidung hervorgegangen sei. Sie stand 
gänzlich isoliert da, zumal auch der Vater sich wenig um sie kümmerte; 
sie mußte in einem ihr verhaßten Beruf und in einem ihr verhaßten 
sozialen Milieu leben. Die jüngere Schwester, welche Patientin aus 
ihrem Verdienst unterstützte, um sie einen Beruf erlernen zu lassen, 
lohnte ihr dies mit Undank. All diese Umstände, wahrscheinlich außer- 
dem noch ein unglückliches Liebesverhältnis, wirkten so deprimierend 
auf sie ein, daß sie alle Lust am Leben verlor. Sie schrieb in der 
Zeit, welche dem Unfall vorausging, Gedichte, in welchen sie ihre 
Lebensmüdigkeit zum Ausdruck brachte. Da ereignete sich der oben 
erwähnte Unfall. 

Wenn — wie in diesem Falle — einer Persori die Freude am 
Leben verloren gegangen ist, wenn der Gedanke: lieber sterben als 
unter solchen Verhältnissen leben, offenbar vorhanden ist und wenn 
dann dieser Person ein Unfall unter Verhältnissen zustößt, die ein 
Entrinnen keineswegs ausgeschlossen hätten, so halte ich die Annahme 
einer unbewußten Absicht zum Selbstmord für berechtigt. Das Mädchen 
hat sich nicht etwa absichtlich vor das Pferd geworfen, das wäre ein 
bewußter Selbstmord, sondern es hat die Möglichkeit des Ausweichens 
nicht genügend wahrgenommen. Freud hat bereits ähnlichen Fällen 
von Selbstmord oder Selbstmordversuch, die äußerlich als Unfall 
imponierten, diese Erklärung gegeben. Bemerkenswert ist, daß sich der 
Zustand besserte, als man ihr Beschäftigung gab, welche in der Richtung 
ihres Komplexes lag, und sich um eine bessere Stellung für sie bemühte. 

Welch sonderbare und doch zweckmäßige Wege das Unbewußte 



2» 



20 

einschlägt, um einen Zweck zu erreichen, zeigt folgende Unfalls- 
geschichte einer an Dementia praecox leidenden Dame. Die Patientin 
äußerte vor allem einen Versündigungswahn, als dessen Grundlage 
sich lange fortgesetzte Masturbation erweisen ließ. Sie gab an, die 
Masturbation gehe auf einen Unfall zurück, der ihr vor einer Reihe 
von Jahren zugestoßen sei. Damals war sie ausgeglitten und gerade 
mit der Genitalgegend gegen eine Tischecke gefallen. Nach der Art, 
wie die Patientin den Hergang beschreibt, kann man sich den Mecha- 
nismus dieses Unfalls gar nicht anders vorstellen, als indem man eine 
unbewußte Absicht bei der Patientin annimmt. Die Patientin spürte 
damals offenbar einen geschlechtlichen Reiz und konnte ihn nicht auf 
dem normalen Wege befriedigen. Sie kämpfte gegen den Drang zur 
Masturbation an. Was das Bewußte ihr sich zu verschaffen verbot, 
verschaffte ihr auf dem geschilderten Wege das Unbewußte. 

Eine andere Patientin hatte von klein auf eine überaus starke 
Zuneigung zu ihrem Bruder. Als sie erwachsen war, maß sie jeden 
Mann an den Eigenschaften ihres Bruders. Sie verliebte sich später 
in einen anderen, diese Liebe nahm aber einen unglücklichen Ausgang. 
Kurz darauf, als die Patientin noch sehr deprimiert war, brachte sie sich 
auf einer Bergtour durch Ungeschicklichkeit zweimal in die größte 
Gefahr. Da sie eine geübte Touristin war, so blieb der zweimalige Absturz 
an ganz leichten und ungefährlichen Stellen ihrer Umgebung rätselhaft. 
Später ergab sich, daß sie damals schon mit Selbstmordplänen spielte. 
Seit jener unglücklichen Liebe wandte sie ihre ganze Zuneigung wieder 
dem Bruder zu, der sich einige Zeit danach verlobte. Bald danach 
erkrankte sie an Dementia praecox. (Vermutlich hatte die Krankheit 
sich ganz schleichend entwickelt.) In dem initialen Depressionszustand 
suchte sie sich aus dem Fenster zu stürzen — offenbar eine Analogie 
zu dem Absturz im Gebirge. In der Anstalt besserte sich der Zustand 
sehr langsam. Schließlich konnte Patientin mit einer Wärterin im Park 
spazieren gehen. Damals wurde dort ein Kanal angelegt. Sie über- 
schritt den Graben täglich auf einer Brücke von Brettern, obgleich sie 
ihn ganz leicht auch hätte überspringen können. In jener Zeit erfuhr 
sie den Tag, an welchem ihr Bruder heiraten sollte. Sie sprach beständig 
von dieser Hochzeit. An dem der Hochzeit des Bruders vorausgehenden 
Tage benutzte sie auf ihrem Spaziergang nicht die Brücke, sondern 
sprang über den Graben, und zwar so ungeschickt, daß sie sich den 
Fuß verstauchte. Auch später kamen solche Selbstbeschädigungen bei 
ihr öfter vor, so daß sogar die Wärterin Verdacht schöpfte, daß irgend 
etwas Gewolltes im Spiele sein müsse. Offenbar brachte das Unbewußte 
durch diese kleinen Unfälle eine Absicht zum Selbstmord zum Ausdruck. 



^ 



21 



Alle solchen Vorkommnisse erscheinen in einem ganz anderen 
Licht sobald man die vorausgehenden Ereignisse und die begleitenden . 
Umstände kennt. Je mehr man dergleichen Vorkommnisse der psycho- 
logischen Analyse unterwirft, desto umfassender lernt man die 
Bedeutung des „Wollens des Unbewußten" einschätzen. Selbstverständlich 
ist eine strikte Grenze zwischen unbewußter und bewußter Absicht 

hier nicht zu ziehen. 

Für das fortgesetzte Erleiden von Traumen (nicht nur sexueller 
Art) bieten uns erwachsene Neurotiker und Geisteskranke auch sonst 
höchst interessante Beispiele. Wir müssen einen kleinen Exkurs auf 
ein nahe benachbartes Gebiet machen. Daß die traumatische Hysterie 
in einer überaus großen Zahl von Fällen gleichbedeutend ist mit einer 
Rentenhysterie, steht außer Diskussion. Der Kampf um die Erlangung 
einer Entschädigung läßt die Krankheitserscheinungen nicht zum 
Verschwinden kommen. Droht im Falle der Besserung Reduktion oder 
gar gänzliche Entziehung der Rente, so treten die schon geschwundenen 
oder milder gewordenen Symptome von neuem oder in verstärktem 
Grade auf. Hier öffnet sich uns ein Einblick in die Mannigfaltigkeit 
der Arten, wie das Unbewußte solche Wünsche, die dem Bewußten 
gar nicht klar zu werden brauchen, zu realisieren weiß. In nicht 
seltenen Fällen erleiden Personen, welche einmal einen Unfall 
erlitten haben, bald noch einen weiteren, oft ganz unbedeutenden 
Unfall, der zur Unterstützung des Rentenanspruchs wie gerufen kommt. 
Namentlich habe ich diese Erfahrung bei einer zur Hysterie besonders 
disponierten Menschenklasse gemacht, nämlich bei polnischen Arbeitern 
unter dem deutschen Unfallversicherungsgesetz. Nach allgemeiner 
Erfahrung verteidigen diese Leute ihre Rentenansprüche mit einer ganz 
besonderen Zähigkeit, und die traumatisch-hysterischen Symptome 
haften bei ihnen mit einer ganz ausnehmenden Hartnäckigkeit. Die 
Zahl der polnischen Arbeiter, welche wegen mehrerer Unfälle auf 
Rentenzahlung dringen, ist überraschend groß. 

Die Tendenz, den ersten Unfall durch einen zweiten zu verstärken, 
äußert sich sogar, wenn die Person, welche den Unfall erlitten 
hat, an ihren hysterischen Symptomen krank liegt und daher keine 
Gelegenheit hat, einen zweiten Betriebsunfall zu erleiden. Ein 
italienischer Arbeiter, den ich kürzlich zu begutachten hatte, war durch 
eine von einem Gerüst herabfallende eiserne Klammer am Kopf verietzt 
worden. Ich ließ ihn seine Träume erzählen. Wiederholt berichtete 
er mir, im Traume habe ihn jemand mit einem Stock über den Kopf 
geschlagen, oder ein anderer Unfall sei ihm zugestoßen. Sein 
Unbewußtes wünschte offenbar den traumatischen Symptomenkomplex 



22 



wachzuhalten und brachte diesen Wunsch im Traume zum Ausdruck. 
• Daß die begleitende Angst nicht gegen diese Auffassung spricht, geht 
aus Freuds Traumtheorie hervor. Ich glaube auf diese Art die so 
häufigen Angstträume Unfallverletzter mit Freuds Wunschtheorie in 
Einklang bringen zu können. Das Unbewußte ruht nicht, wenn es gilt, 
den Komplex zur Geltung zu bringen. Es sorgt dafür, daß der affek- 
tive Wert des erlittenen Traumas nicht verloren geht und bringt das 
Erlebnis von Zeit zu Zeit durch einen Angsttraum wieder zur Erinnerung. 
Alle diese Beobachtungen bei Erwachsenen wie bei Kindern, die 
Analyse von Träumen der Gesunden wie der Neurotiker und Geistes- 
kranken, von Symptomen der Hysterie wie der Demetia praecox, führen 
uns zu dem Schlüsse, daß den sexuellen Traumen und speziell den 
infantilen, ebenso wie anderen Traumen in vielen Fällen eine unbewußte 
Absicht auf Seiten des scheinbar passiven Teiles zugrunde liegt. Daß 
Personen, welche später an Hysterie oder Dementia praecox erkranken, 
m der Jugend ein abnormes Entgegenkommen gegen sexuelle Traumen 
zeigen, haben wir auf ihre schon im Kindesalter abnorme Sexualität 
zurückgeführt. Wir kamen zu der Auffassung dieses Verhaltens als 
einer Form abnormer infantiler Sexualbetätigung. Die ursprüngliche 
Freud sehe Lehre erleidet dadurch eine wesentliche Änderung. Das 
infantile Sexualtrauma spielt für die Hysterie und die Dementia praecox 
keine ätiologische Rolle. In dem Erleiden sexueller Traumen spricht 
sich vielmehr schon in der Kindheit die Veranlagung zu der späteren 
Neurose oder Psychose aus. An Stelle der ätiologischen Bedeutung 
des sexuellen Traumas tritt seine formgebende Bedeutung. Wir 
verstehen so, wie das Sexualtrauma der Krankheit eine bestimmte 
Verlaufsrichtung und vielen Symptomen das individuelle Gepräge 
zu geben vermag. 

Unsere Untersuchungen haben uns die weitgehende Ähnlichkeit 
in der Symptomatologie der Hysterie und der Dementia praecox aufs 
neue vor Augen geführt. Ungelöst bleibt die Frage der zweifellos 
vorhandenen Differenzen zwischen den beiden Krankheiten. Diese liegen 
zu einem großen Teil auf psychosexuellem Gebiet; sie sollen den 
Gegenstand einer weiteren Untersuchung bilden. 

Nachwort (1920). 

Der vorstehende Aufsatz, der im Jahre 1907 geschrieben wurde, enthält mancherlei 
Irrtümliches in der Wiedergabe der Freu d'schen Anschauungen. Der Verfasser begann 
damals, sich in die Gedankenwelt der Psychoanalyse einzuarbeiten Ein allgemeiner 
Hinweis hierauf erscheint ihm jetzt richtiger als eine nachträgliche Korrektur im 
Einzelnen, zumal die Ergebnisse der Untersuchung durch jene Irrtümer nicht 
beeinflußt werden. 




Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie 
und der Dementia praecox \ 

Die psychoanalytische Methode hat uns mit wichtigen Analogien 
Tn Aufbau der Hysterie und der Dementia praecox bekannt gemacht^. 
In diesem Kreise wird ein Hinweis auf die wichtigsten Punkte genügen. 
Die Quellen für die Symptome beider Krankheiten liegen in verdrängten 
sexuellen Komplexen. In beiden Fällen können sowohl normale 
wie perverse Regungen determinierend auf die Symptombildung wirken. 
Die Ausdrucksmittel beider Krankheiten sind zu einem erheblichen 
Teil die gleichen; ich brauche nur auf die sexuelle Symbolik zu 
verweisen. Daß trotz dieser gemeinsamen Züge ein prinzipieller Gegensatz 
besteht, darin sind sich alle Beobachter einig. Aber sie haben diesen 
Gegensatz bisher nicht in einer befriedigenden Form präzisiert. Was 
sie uns gaben, waren nur graduelle Verschiedenheiten, die uns eigentlich 
nur wiederum die Ähnlichkeit beider Krankheitsbilder vor Augen führten. 

Da nun wichtige gemeinsame Züge der Hysterie und der Dementia 
praecox psychosexueller Natur sind, so liegt die Frage nahe, wo dieses 
analoge Verhalten seine Grenzen finde. Mit andern Worten : Auf der 
Suche nach prinzipiellen Differenzen der beiden Krankheiten werden 
wir wiederum auf das psychosexuelle Gebiet gelenkt. 

Die Grundlage für eine solche Untersuchung bieten Freuds 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) und speziell die in 
diesen niedergelegten Anschauungen über die Sexualität des Kindes, 
die sexuellen Perversionen und den Sexualtrieb der Neurotiker. Alles 
Theoretische, was ich Ihnen über die Sexualität der chronisch Geistes- 
kranken vortragen möchte, steht und fällt mit Freuds Sexualtheorie s. 

' Nach einem Vortrag. Zuerst veröffentlicht im .Zentralblatt für Nervenheilkunde 
und Psychiatrie." 31. Jahrgang. Zweites Juliheft 1908. Neue Folge 19. Bd. 

2 Vgl. besonders Jung, Über die Psychol. der Dementia praecox. Halle 1907. 

3 Die wichtigste Anregung zu den folgenden Ausführungen, welche über die 
veröffentlichten Anschauungen Freuds erheblich hinausgehen, verdanke ich schrift- 
lichen und mündlichen Mitteilungen von Herrn Prof. Freud; manches hat durch 
Besprechung mit den Herren Prof. Bleuler und Dr. Jung während meiner Tätigkeit 
in der Züricher Psychiatrischen Klinik festere Form angenommen. 



24 

Die frühesten sexuellen Regungen des Kindes stehen nach Freud 
in Zusammenhang mit einer einzigen erzogenen Zone — dem Munde. 
Während der ersten Lebensjahre übernehmen außer der oralen Zone 
noch weitere Körpergegenden die Funktionen erogener Zonen. Die 
ersten Äußerungen der Libido beim Kinde tragen autoerotischen 
Charakter. Das Kind kennt in diesem Stadium noch kein Sexualobjekt 
außer sich selbst. In der folgenden Entwicklungsperiode geht es zur 
Objektliebe über. Diese hat aber nicht sogleich eine bestimmte und 
definitive Richtung auf Personen des anderen Geschlechtes. Das Kind 
trägt eine Reihe von Partialtrieben in sich, unter welchen normaler- 
weise ein einziger, der heterosexuelle, die Oberhand gewinnt und 
behält. Die den anderen Partialtrieben entstammenden Energien werden 
der sexuellen Verwendung entzogen und auf wichtige soziale Ziele 
gelenkt; dies ist der Prozeß der Sublimierung. In de'r Hauptsache 
entstehen aus der Sublimierung der homosexuellen Komponente die Ekel- 
gefühle, aus der Sublimierung der infantilen Schau- und Exhibitionslust 
die Scham, aus der Sublimierung der sadistischen und masochistischen 
Komponenten Grauen, Mitleid und ähnliche Gefühle. 

Die psychosexuelle Entwicklung ist nicht damit erschöpft, daß 
das Kind seine Libido auf Personen des anderen Geschlechtes über- 
tragen lernt und seine übrigen Partialtriebe zu jenen sozialen Gefühlen 
umformt. Sowohl die Sexualübertragung als die Sublimierung sexueller 
Energien gehen weit über diese Grenzen hinaus ; beide Prozesse wirken 
normalerweise harmonisch zusammen. Künstlerische ^ und wissenschaft- 
liche Tätigkeit, und bis zu einem gewissen Grade auch viele andere 
Berufstätigkeiten beruhen auf Sublimierungsvorgängen. Personen mit 
unbefriedigter Libido setzen die nicht gebundene sexuelle Energie in 
eine oft fieberhafte Berufstätigkeit um. Andere wenden ihre über- 
schüssige Libido sozialen Bestrebungen zu und finden darin, wie die 
deutsche Sprache überaus treffend sagt, ihre „Befriedigung". Der 
Kranken- und Säuglingspflege, der öffentlichen Wohltätigkeit, den 
Tierschutzbestrebungen usw. strömen aus diesen Quellen die besten 
Kräfte zu. 

Das soziale Verhalten des Menschen beruht auf der Fähigkeit 
der Anpassung; diese aber ist sublimierte Sexualübertragung. Zwischen 
Menschen entsteht nach einer gewissen Dauer des Beisammenseins ein 
positiver oder negativer psychischer Rapport, der sichln Gefühlen der 
Sympathie oder Antipathie äußert. Die Gefühle der Freundschaft, der 
seelischen H armonie erwachsen auf diesem Boden. Das Verhalten eines 

1 Vgl. hierzu Rank, Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsvcholosie 
Wien 1907. 



25 



Menschen im sozialen Verkehr entspricht durchaus seiner Art, auf 
sexuelle Reize zu reagieren. Hier wie dort zeigen die gleichen Menschen 
sich leichter oder schwerer zugänglich, derb oder feinfühlig, wählerisch 
oder anspruchslos. Was wir im Auftreten des einen als steif, linkisch, 
eckig, im Auftreten des andern als graziös, gewandt usw. bezeichnen, 
ist Anzeichen seiner geringeren oder größeren Anpassungsfähigkeit, 
d. h. Übertragungsfähigkeit. 

Von der Übertragung machen wir therapeutisch wie bei jeder 
Form psychischer Behandlung so auch bei der Psychoanalyse 
Gebrauch ^ Eine eklatante Form der Sexualübertragung ist die Suggestion, 
die wiederum ihren höchsten Grad in der Hypnose erreicht. 

Der Mensch überträgt seine Libido nun aber nicht allein auf 
lebpnde, sondern auch auf leblose Objekte. Er steht zu einem großen 
Teil der ihn umgebenden Gegenstände in einem subjektiven Verhältnis, 
welches aus seiner Sexualität entspringt. In einer Abhandlung über 
„Traum undMythus''2, welche demnächst erscheint, werde ich diese Frage 
ausführlich erörtern. Hier erwähne ich nur einige wesentliche Gesichts- 
punkte. Unsere Sprache legt den leblosen Gegenständen ein Geschlecht 
bei, weil sie sie auf Grund bestimmter Eigenschaften mit dem Manne 
oder Weibe vergleicht. „Der Mensch sexualisiert das All", wie Klein- 
pauF sagt. Aus der gleichen Quelle entspringt die Sexualsymbolik 
der Sprache, der wir im Traume und in den psychischen Störungen 
wieder begegnen. Zu Gegenständen, die uns durch Gebrauch oder 
durch ästhetische Werte der verschiedensten Art lieb geworden sind, 
stehen wir in einem offensichtlich persönlichen Verhältnis, welches 
ganz der sexuellen Attraktion entspricht. Die Geschmacksrichtung in 
der Wahl von Gegenständen entspricht durchaus der sexuellen Objekt- 
wahl. Der Grad dieser Art der Objektliebe differiert sehr; manche 
Personen sind fast bedürfnislos in dieser Hinsicht, andere werden von 
ihrer Neigung für bestimmte Gegenstände als von einer Leidenschaft 
völlig beherrscht. Mit feinem Gefühl für diese psychologischen 
Zusammenhänge nennt die deutsche Sprache den, welcher zur Erlangung 
eines begehrten Objektes kein Opfer scheut, einen „Liebhaber", stellt 
ihn also neben den Verehrer einer weiblichen Person. Die ausge- 
prägteste Spezies des Liebhabers ist der Sammler. Seine übertriebene 
Wertschätzung des Sammelobjektes entspricht durchaus der Sexual- 

1 Vgl. Freud, Bruchstück einer Hysterie-Anlayse, Monatsschr. f. Psychiatrie und 
Neurol. 1906, und Sa dg er, Die Bedeutung der psychoanalyt. Methode nach Freud, 
Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 1907. 

2 Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft 4. 

3 Kleinpaul, Stromgebiet der Sprache, S. 468. 



26 

Überschätzung des Verliebten. Eine Sammelleidenschaft ist manchmal 
geradezu das Surrogat einer sexuellen Neigung ; in der Wahl des 
Sammelobjektes liegt dann bisweilen eine feine Symbolik verborgen. 
Die Sammelneigung des Junggesellen erlahmt oft, wenn er heiratet. 
Bekannt ist, daß Sammelinteressen mit dem Lebensalter wechseln. 

Dem normalen Sexualtrieb gegenüber ist der des Neurotikers 
zunächst durch übermäßige Stärke des Verlangens ausgezeichnet. Sodann 
fehlt es ihm an innerer Harmonie: die Partialtriebe werden dem hetero- 
sexuellen Triebe nur unvollkommen untergeordnet, während anderer- 
seits eine Neigung zur Verdrängung des heterosexuellen Triebes 
besteht. Die mit der normalen Sexualbetätigung zusammenhängenden 
Vorstellungen rufen Widerwillen und Ekel hervor. Im Neurotiker kämpft 
zeitlebens ein Partialtrieb mit dem anderen, kämpft übermäßiges 
Verlangen mit übermäßiger Ablehnung. Aus diesem Konflikt flieht der 
Mensch in die Krankheit. Mit d^em Ausbruch der Neurose kommt 
verdrängtes Material ins Bewußtsein herauf, wobei es in hysterische 
Symptome konvertiert wird. Die Konversion dient der Abfuhr verdrängter 
Strebungen normaler, besonders aber perverser Art; die Krankheits- 
symptome sind abnorme Sexualbetätigung. 

Die neurotische Libido manifestiert sich außerhalb der Krank- 
heitszeiten im engeren Sinne durch eine gesteigerte Übertragung; die 
Objekte werden in abnormem Grade mit Libido besetzt. Auch zur 
Sublimierung besteht eine über das gewöhnliche Maß hinausgehende 
Neigung. 

Auf Grund dieser Anschauungen können wir nun das psycho- 
sexuelle Verhalten der an Dementia praecox Leidenden mit dem der 
Gesunden und der Neurotischen vergleichen. Wir vergegenwärtigen uns 
zu diesem Zwecke ein paar Typen aus der großen Gruppe der chronisch 
Geisteskranken, welche wir mit Kraepelin als Dementia praecox 
zusammenfassen. 

Einen Patienten mit schwerer Krankheitsform in vorgeschrittenem 
Stadium sehen wir in der Anstalt in irgendeinem Winkel stehen oder 
auch unstet umherlaufen. Er starrt wie abwesend vor sich hin, hallu- 
ziniert, flüstert ein paar Worte, gestikuliert sonderbar. Er spricht mit 
niemandem und weicht jeder persönlichen Begegnung aus. Er hat 
keinen Trieb zu einer Tätigkeit. Er vernachlässigt sein Äußeres, ißt 
unappetitlich, verunreinigt sich auch oder schmiert mit seinen 
Exkrementen und onaniert öffentlich ohne Scham. Es ist, als existierte 
die Umgebung für ihn überhaupt nicht. 

Ein weniger schwer Erkrankter zeigt im Grunde das gleiche 
Verhalten ; es ist nur nicht so ins Extrem getrieben. Auch er ist unsozial 



27 



und ablehnend; er produziert Verfolgungs- und Größenideen, Sein 
Benehmen und seine Redeweise sind sonderbar, maniriert, geschraubt. 
Er klagt lebhaft über seine Internierung, trägt diese Klagen aber — 
wie alles andere — ohne adäquaten Affekt vor. Er faßt die Vorgänge 
in der Außenwelt auf, zeigt aber kein wirkliches Interesse für sie. Er 
läßt sich zu mechanischer Arbeit herbei ; aber er findet keine Befriedi- 
gung in ihr. 

Ein Patient, dessen Erkrankung keine ganz groben Erscheinungen 
macht und die Internierung des Kranken vielleicht umgehen läßt, fühlt 
sich leicht von anderen beeinträchtigt, verträgt sich nicht mit seinen 
Angehörigen, findet keine Freunde, entbehrt sie aber auch nicht. Er 
ist ohne gemütliche Bedürfnisse, ohne Takt und Feingefühl. Wir 
erlangen keinen gemütlichen Rapport mit ihm. Er besitzt vielleicht 
eine mehr als normale Intelligenz; dennoch sind seine Leistungen in 
der Regel nicht vollwertig. Was er in intellektueller Hinsicht produziert, 
ist zumeist sonderbar und geschraubt, verletzt die Ästhetik und ent- 
behrt einer normalen Gefühlsbetonung. 

Allen diesen Formen^ gemeinsam sind die gleichen Anomalien 
des Gefühlslebens; die Unterschiede in dieser Richtung sind nur 
graduell. Aus einer leichten Form kann eine schwere werden; eine 
schwere kann erhebliche Remissionen bieten. Während die Vorstel- 
lungen des gesunden Menschen von adäquaten Gefühlen begleitet 
sind, fehlt den Vorstellungen dieser Kranken die adäquate Gefühls- 
betonung. Wir haben aber alle Gefühlsübertragung auf die Sexualität 
zurückgeführt. Wir kommen zu dem Schluß, daß die Dementia 
praecox die Fähigkeit zur Sexualübertragung, zur 
Objektliebe vernichte. 

Die erste, unbewußt sexuelle Zuneigung des Kindes gilt den 
Eltern, speziell dem andersgeschlechtlichen Teil des Elternpaares. Auch 
unter Geschwistern findet eine lebhafte Übertragung statt. Doch 
kommt es, besonders den Angehörigen des gleichen Geschlechtes 
gegenüber, auch zu Gefühlen der Auflehnung, des Hasses. Diese 
verfallen unter der Einwirkung der Erziehung und anderer exogener 
Faktoren der Verdrängung. Unter normalen Verhältnissen besteht 
zwischen Eltern und Kindern ein Verhältnis der Zuneigung, ein Gefühl 
der Zusammengehörigkeit. Bei Hysterischen finden wir diese Zuneigung 
der einen Person gegenüber oft krankhaft gesteigert, der anderen 
gegenüber in heftige Ablehnung verwandelt. Bei Kranken mit Dementia 

1 Mit .schwerer" und .leichter" Erkranlcung soll hier nichts über den Kranl<- 
heitsprozeß ausgesagt werden, sondern nur über die praktischen (sozialen) Folgen der 
Erkrankung. 



28 

praecox vermissen wir in der Regel die Zuneigung zu den Angehörigen ; 
wir finden Gleichgültigkeit oder ausgesprochene, in Verfolgungswahn 
übergehende Feindschaft. 

Ein gebildeter Patient erhielt die Nachricht vom Tode seiner 
Mutter, die ihm in seiner langen Krankheit trotz seines abweisenden 
Verhaltens eine zärtliche Liebe bewahrt hatte. Seine Reaktion auf die 
Nachricht bestand darin, daß er unwillig äußerte: „Ist das das Neueste?" 
— Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß die Dementia praecox in ganz 
derselben Weise die Gefühle der Eltern für ihre Kinder erkalten läßt. 

Bei einem jungen Manne, den ich beobachtete, war die Krank- 
heit s6hr früh zum Ausbruch gekommen. Er hatte in früher Kindheit 
in solchem Grade auf die Mutter übertragen, daß er mit drei Jahren 
einmal erklärte: „Mutter, wenn du stirbst, werfe ich mir einen Stein 
auf den Kopf, und dann bin ich auch tot." Er gönnte die Mutter dem 
Vater keinen Augenblick, nahm sie bei Spaziergängen für sich allein 
in Anspruch, überwachte sie eifersüchtig und war gehässig gegen seinen 
Bruder. Von klein auf zeigte er eine abnorme Neigung zum Wider- 
spruch ; die Mutter sagt von ihm : er war schon damals der Geist, der 
stets verneint. Anderen Knaben schloß er sich nicht an, sondern hing 
nur an der Mutter. Mit 13 Jahren wurde er zu Hause undisziplinier- 
bar, so daß die Eltern ihn in fremde Hände geben mußten. Die Mutter 
brachte ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte. Vom Augenblick des 
Abschieds an war er völlig verändert. Die bisherige übergroße Liebe 
und Zärtlichkeit für die Mutter verwandelte sich in absolute Gefühls- 
kälte. Er schrieb steife, förmliche Briefe, in denen er die Mutter nie 
erwähnte. Allmählich hat sich bei dem Patienten eine schwere, halluzi- 
natorische Psychose entwickelt, in deren Verlauf die Verödung des 
Gefühlslebens immer deutlicher geworden ist. 

Wie die psychoanalytische Untersuchung ergibt, ist eine heftige 
Feindschaft bei Geisteskranken sehr oft an Stelle einer vorherigen 
überschwänglichen Zuneigung getreten. Diese Abkehr der Libido von 
einem Objekt, auf welches einstmals mit besonderer Intensität über- 
tragen wurde, ist bei der Dementia praecox unwiderruflich. 

In der Anamnese unserer Patienten heißt es überaus häufig : er 
(oder sie) war von jeher still, neigte zum Grübeln, schloß sich 
niemandem an, mied Geselligkeit und Vergnügungen, war nie recht 
fröhlich wie andere. Solche Personen hatten also von jeher nicht die 
rechte Fähigkeit, ihre Libido auf die Außenwelt zu übertragen. Diese 
Personen bilden später die unsozialen Elemente in den Anstalten. 
Ihren Worten fehlt der Gefühlsinhalt. Sie sprechen^ vom Allerheiligsten 
und vom Nichtigsten mit dem gleichen Tonfall, mit der gleichen Mimik. 



29 



Nur wenn wir im Gespräch den Komplex berühren, gibt es mitunter 
eine Reaktion des Affektes, welche sehr heftig sein kann. 

Die Kranken mit Dementia praecox sind in gewissem Sinne sehr 
suggestibel, und dies könnte als ein Widerspruch gegen die ange- 
nommene mangelhafte Sexualübertragung erscheinen. Die Suggestibilität 
ist aber durchaus anderer Art als bei der Hysterie. Sie scheint mir 
lediglich darin zu bestehen, daß der Patient sich gegen diese oder 
jene Beeinflussung nicht sträubt, weil er momentan zu indifferent 
ist, um sich zu sträuben (Kraepelins „Befehlsautomatie"). Die 
Störung der Aufmerksamkeit ist hier sicher von großer Bedeutung. Es 
scheint mir also, als wäre diese Suggestibilität einfach Widerstands- 
losigkeit. Sie schlägt sehr leicht in Widerstand um. Der Negativismus 
bei der Dementia praecox ist das vollste Gegenteil der Übertragung. 
Die Kranken sind — im Gegensatz zu den Hysterischen — der Hypnose 
nur in beschränktem Maße zugänglich. Auch beim Versuch der Psycho- 
analyse bemerken wir das Fehlen der Übertragung ; als therapeutisches 
Verfahren kommt diese bei der Dementia praecox daher kaum in Betracht. 

Im Verkehr mit den Patienten bemerken wir die mangelnde 
Übertragung auch sonst. Wir sehen sie nie wirklich heiter. Sie haben 
keinen Sinn für Humor. Ihr Lachen ist oberflächlich, oder krampfhaft, 
oder grob erotisch, aber niemals herzlich. Oft bedeutet es auch nicht etwa 
Heiterkeit, sondern zeigt nur an, daß der Komplex getroffen ist; dies 
gilt z. B. für das stereotype Lachen der Halluzinierenden, denn die 
Halluzinationen betreffen stets den Komplex. Das Auftreten der Kranken 
wird ungewandt und steif; es zeigt das Fehlen der Applikation an 
die Umgebung besonders deutlich. Kraepelin spricht sehr 
bezeichnend von einem „Verlust der Grazie". Das Bedürfnis, ihre 
Umgebung behaglich und freundlich zu gestalten, geht den Kranken 
verloren. Wie die Anhänglichkeit an Menschen, so schwindet auch 
die Anhänglichkeit an Tätigkeit und Beruf. Die Kranken versinken 
gern in sich und — was mir besonders charakteristisch scheint — sie 
kennen keine Langeweile. Man kann die Kranken in den Anstalten 
allerdings großenteils zu ganz brauchbaren Arbeitern erziehen. Es 
gehört dazu eine Arbeitssuggestion, der sich die Patienten gleichgültig 
unterordnen, ohne Freude an ihrem Tun. Hört die Suggestion auf, 
so stellen sie die Arbeit ein. Eine scheinbare Ausnahme bilden jene 
Patienten, die unermüdlich, ohne Erholungsbedürfnis, von früh bis 
spät arbeiten. Dieses Arbeiten geschieht dann ausnahmslos einem 
Komplex zuliebe. Ein Kranker ist z. B. in der Landwirtschaft der 
Anstalt überaus tätig, weil er das ganze Anstaltsterrain für sein 
Eigentum hält. Ein hochbetagter Patient ist unermüdlich in der 






30 

Abwaschküche seiner Abteilung tätig und duldet nicht die Hilfe eines 
andern. Er hört nämlich aus dem Wasser des Abwaschtroges die 
Elfen sprechen. Einmal haben sie ihm geweissagt, er werde zu ihnen 
kommen, wenn er vor seinem Tode noch 100.000 Stück Geschirr 
abwasche. Der 80 jährige Mann zeigte für nichts Interesse als für diese 
Tätigkeit, der er unter geheimnisvollen Zeremonien nachginge 

Zu den Gegenständen, zu ihrem Eigentum, haben die Kranken 
kein intimeres Verhältnis mehr. Alles, was sie umgibt, ist ohne Reiz 
für sie. Oft freilich äußern sie das intensive Verlangen nach einem 
Gegenstande ; aber die Erfüllung des Wunsches bleibt ganz ohne 
Eindruck. Auch behüten sie gewisse Gegenstände mit Sorgfalt, aber 
es zeigt sich dann doch bei Gelegenheit, daß ihr Herz nicht an den 
Dingen hängt. Ein Patient z. B. sammelt eine große Menge von 
gewöhnlichen Steinen, erklärt sie für Edelsteine und mißt ihnen einen 
ungeheuren Wert bei. Die Schublade, in der er sie aufbewahrte, brach 
schließlich von der Last. Als man die Steine nun beseitigte, protestierte 
der Patient gegen den Eingriff in sein Recht. Den verlorenen Kostbar- 
keiten trauerte er nicht nach, sondern suchte sich neue Kieselsteine 
zusammen. Diese eigneten sich zu Symbolen seines vermeintlichen 
Reichtums ebensogut wie die früheren. — In dem Fehlen der Freude 
an Gegenständen wurzelt sicher auch teilweise die so häufige 
Zerstörungssucht der Kranken. 

In sehr vielen Fällen betrifft die Störung nicht nur jene feineren 
sozialen Sublimierungen, die sich im Laufe des Lebens allmählich heraus- 
gebildet haben, sondern auch diejenigen, welche in früher Kindheit 
entstand'en sind: Scham, Ekel, moralische Gefühle, Mitleid usw. Eine 
genaue Untersuchung dürfte wohl in jedem Falle von Dementia praecox 
ein wenigstens teilweises Erlöschen dieser Gefühle ergeben. In allen 
schweren Fällen ist die Störung ohne weiteres wahrnehmbar. Die 
gröbsten Vorkommnisse dieser Art sind das Schmieren mit den 
Dejektionen, das Urintrinken, die Unsauberkeit, die alle auf einen 
Verlust des Ekelgefühls hinweisen, ebenso wie das aufdringlich 
erotische Benehmen, das Exhibieren auf den Verlust des Schamgefühls 
schließen lassen. Wir werden hier an das Verhalten des Kindes 
erinnert, das den Ekel vor den Exkrementen und das Schamgefühl 
bei Entblößung noch nicht kennt. In dasselbe Gebiet gehört auch die 
Hemmungslosigkeit, mit welcher viele Kranke über Intimitäten ihres 
Vorlebens sprechen. Sie stoßen auf diese Weise nur Reminiszenzen 
von sich ab, die Wert und Interesse für sie verloren haben. Daß auch 
das Mitgefühl schwindet, zeigt uns besonders das Verhalten der Kranken 
angesichts grausamer Handlungen, die sie selbst begangen haben. Ich sah 



n 




31 



einmal einen solchen Kranken, wenige Stunden nachdem er einen 
harmlosen Nachbarn erschossen und seine Frau schwer verletzt hatte, 
mit aller Seelenruhe von den Motiven der Tat und von dieser selbst 
erzählen und dabei das ihm gereichte Essen behaglich verzehren. 
Wir lernen aus dem Bisherigen zwei Reihen von Erscheinungen 
kennen : die einen zeigen, daß die Libido von belebten und unbelebten 
Objekten abgekehrt wird, die andern zeigen den Verlust der durch 
Sublimierung entstandenen Gefühle. Die Dementia praecox 
führt also zurAufhebung der Obj ektlieb e^ und der 
Sublimierung. Einen solchen Zustand der Sexualität kennen wir 
sonst nur in der frühen Kindheit. Wir benannten ihn hier mit Freud 
„Autoerotismus" Auch in dieser Zeit fehlen Objektbesetzung und 
Sublimierung. Die psychosexuelle Eigenart der Dementia praecox 
besteht somit in der Rückkehr des kranken Individuums zum Auto- 
erotismus. Die Symptome der Krankheit sind eine Form autoerotischer 
Sexualbetätigung. 

Selbstverständlich soll nicht gesagt sein, daß jede sexuelle 
Regung der Kranken rein autoerotisch sein müsse. Wohl aber ist jede 
Neigung der Kranken zu einer anderen Person sozusagen von der 
Blässe des Autoerotismus angekränkelt. Wenn wir bei einer weiblichen 
Kranken eine anscheinend sehr starke, ja stürmisch sich äußernde 
Liebe bemerken, so wird uns zugleich jedesmal der Mangel an Scham- 
gefühl in der Äußerung auffallen. Der Verlust des Schamgefühls als 
eines Sublimierungsproduktes bedeutet für uns aber einen Schritt in 
der Richtung zum Autoerotismus. Ferner sehen wir diese Kranken 
sich rasch und wahllos in eine Person verlieben, diese aber ebenso 
rasch gegen eine andere vertauschen. In der Anstalt sind immer 
gewisse Frauen in den jeweiligen Arzt verliebt; bald hat jede von ihnen 
den Wahn, mit dem Arzt verlobt oder verheiratet zu sein, glaubt sich 
von ihm geschwängert, sieht in jedem Wort von ihm ein Zeichen der 
Liebe. Geht der Arzt fort, so tritt im Gefühlsleben jener Patientinnen 
sehr rasch der Nachfolger an seine Stelle. Die Kranken sind also wohl 
noch imstande, ihr sexuelles Bedürfnis auf eine Person zu projizieren, 
aber nicht mehr zur wirklichen Applikation an die geliebte Person 
fähig. Andere Patienten pflegen jahrelang eine imaginäre Liebe; diese 
existiert nur in ihrer Phantasie — das Sexualobjekt haben sie viel- 
leicht nie gesehen; in Wirklichkeit sperren sie sich gegen jede 
Berührung mit einem Menschen ab. Kurz, irgendeine Äußerung des Auto- 
erotismus ist stets nachweisbar. — In solchen Fällen, welche durch 

' Ein von mir beobachteter Patient redete sich in seinen zahllosen Schriftstücken 
selbst .du" an; er selbst- war eben das einzige Objekt, das ihn interessierte. 



"1 ;l 
I 



32 

weitgehende Remission eine Heilung vortäuschen, ist die mangelnde 
Fähigkeit der Applikation an die Außenwelt in der Regel derjenige 
krankhafte Zug, der sich am leichtesten erkennen läßt. 

Der Kranke, der seine Libido von den Objekten abkehrt, setzt 
sich damit in einen Gegensatz zur Welt. Er allein steht nun einer 
Welt, die ihm feindselig ist, gegenüber. Es scheint, als ob die Ver- 
folgungsideeni sich besonders gegen diejenige Person richten, 
auf welche der Patient einstmals seine Libido in besonderem Grade 
übertragen hatte. In vielen Fällen wäre also der Verfolger ursprüng- 
lich Sexualobjekt gewesen und der Verfolgungswahn hätte einen 
erogenen Ursprung. 

Im Autoerotismus der Dementia praecox liegt nun nicht bloß 
die Quelle des Verfolgungswahns, sondern auch die des Größenwahns. 
Unter normalen Verhältnissen besteht zwischen zwei Personen, die 
ihre Libido aufeinander übertragen haben, ein Verhältnis gegenseitiger 
verliebter Überschätzung (von Freud als „Sexualüberschätzung" 
bezeichnet). Der Geisteskranke überträgt die gesamte Libido, die der 
Gesunde all den lebenden und unbelebten Objekten der Umgebung 
zuwendet, allein auf sich selbst, als auf sein einziges Sexualobjekt. 
Die Sexualüberschätzung gilt ebenfalls nur ihm selbst. Sie nimmt ge- 
waltige Dimensionen an, bedeutet er selbst sich doch die Welt '.Die 
auf das Ich zurückgewandte reflexive oder autoer o- 
tischeSexualüberschätzungistdieQuelledesGrößen- 
wahns bei der Dementia praecox^. Verfolgungswahn und 
Größenwahn sind also eng miteinander verknüpft. Jeder Verfolgungs- 
wahn bei Dementia praecox enthält implizite einen Größenwahn. 

Die autoerotische Absperrung gegen die Außenwelt wirkt nicht 
nur auf das reaktive Verhalten des Kranken, sondern auch auf das 
rezeptive ein. Der Kranke verschließt sich gegen die ihm zuströmen- 
den realen Sinneswahrnehmungen. Sein Unbewußtes formt sich auf 
halluzinatorischem Wege Sinneswahrnehmungen, wie sie den ver- 
drängten Wünschen entsprechen. Der Kranke geht also in der Selbst- 
absperrung so weit, daß er die Außenwelt gewissermaßen boykottiert -^ 
er produziert nicht mehr für sie und bezieht nicht mehr von ihr, für 
die Lieferung der Sinneseindrücke erteilt er sich selbst das Monopol. 



1 Die Abkehr der Libido von der Außenwelt ist die Grundlage für die Bildung 
des Verfolgungswahns im allgemeinen. Auf die weiteren in Betracht kommenden 
Faktoren kann hier nicht eingegangen werden. 

2 Ich sehe die autoerotische Sexualüberschätzung als Quelle des Größenwahns 
bei der Dementia praecox im allgemeinen an. Die spezielle Form des Wahns — 
die Gröfienidee — wird durch einen bestimmten verdrängten Wunsch determiniert- 



33 



Der Patient, der sich für die Außenwelt nicht interessiert, der 
völlig in sich gekehrt dahinvegetiert, der durch seinen unbelebten 
Gesichtsausdruck den Anschein völliger Abgestumpftheit erweckt, 
erscheint der gewöhnlichen Betrachtung als intellektuell und gemütlich 
verblödet. Für diesen Zustand ist der Ausdruck „Demenz" gang und 
gäbe. Derselbe Ausdruck wird aber auch für die Folgezustände anderer 
Psychosen angewandt, die tatsächlich von der uns hier interessieren- 
den Form absolut verschieden sind. Ich meine die epileptische, para- 
lytische und senile Demenz. Gemeinsam ist diesen Zuständen nur die 
Wirkung — eine Herabsetzung der intellektuellen L e i s fc u n g e h — 
und auch diese nur bis zu einem gewissen Grade. Nur wenn man 
dies im Auge behält, darf man den gemeinsamen Namen anwenden. 
Vor allen Dingen sollte man sich hüten, etwa — wie es oft geschieht 
— eine Wahnidee „schwachsinnig" zu nennen, weil sie absurd ist. 
Man müßte dann auch die sinnvollen Absurditäten des Traumes als 
schwachsinnig bezeichnen. Die paralytische Demenz, desgleichen die 
senile zerstört die intellektuellen Fähigkeiten von Grund aus ; sie 
führt zu groben Ausfallserscheinungen. Die epileptische Demenz führt 
zu einer außerordentlichen Verarmung und Monotonie des Vorstellungs- 
lebens, zu einer Erschwerung der Auffassung. Die Veränderungen bei 
diesen Krankheiten sind höchstens eines zeitweisen Stillstandes fähig, 
im allgemeinen aber progressiv. Die „Demenz" bei der Dementia 
praecox hingegen beruht auf Gefühlsabsperrung. Die intellektuellen 
Fähigkeiten bleiben erhalten ; das oft behauptete Gegenteil ist wenig- 
stens noch nie erwiesen worden. Infolge autoerotischer Absperrung 
nimmt der Kranke nur keine neuen Eindrücke auf und reagiert auf 
die Außenwelt gar nicht oder in abnormer Weise. Der Zustand kann 
sich jederzeit lösen; die Remission kann einen solchen Grad 
erreichen, daß kaum mehr der Verdacht eines intellektuellen Defektes 
entsteht. 

Während die „Demenz" bei der Dementia praecox ein autoerotisches 
Phänomen ist, während wir in diesem Zustande jede normale Gefühls- 
reaktion auf die Außenwelt vermissen, reagieren die epileptisch oder 
organisch Dementen überaus lebhaft mit dem Gefühl, sofern sie noch 
fähig sind, einen Vorgang aufzufassen. Der Epileptiker verhält sich nie 
indifferent ; er steht mit einem Gefühlsüberschwang auf seiten der Liebe 
oder des Hasses. Er überträgt seine Libido in außerordentlichem Maße 
auf Menschen und Gegenstände, er bezeugt seinen Angehörigen Liebe 
und Dankbarkeit. Er hat Wohlgefallen an seiner Arbeit und hängt mit 
großer Zähigkeit an seinem Eigentum, bewahrt jeden Papierfetzen 
sorgsam auf und betrachtet seine Schätze immer wieder mit Freude. 



.,1 J 



34 

Im Autoerotismus liegt der Gegensatz derDementia 
praecox auch gegenüber der Hysterie. Hier Abkehr der 
Libido, dort überm äßige Ob j ektbesetzung, hier Verlust 
der Sublimierungsfähigkeit, dort gesteigerte Sublimierung. 

Die psychosexuellen Eigentümlichkeiten der Hysterie können wir 
häufig schon in der Kindheit beobachten, während der Ausbruch der 
schweren Krankheitserscheinungen erst viel später erfolgt. Ein Teil der 
Fälle bietet aber auch schon Inder Kindheit manifeste Krankheitszeichen. 
Wir schließen daraus, daß die psychosexuelle Konstitution der 
Hysterischen angeboren sei. Der gleiche Schluß ist für die Dementia 
praecox berechtigt. In den Anamnesen finden wir überaus häufig, daß 
die Kranken von jeher sonderbar und träumerisch waren und sich 
niemanden anschlössen. Sie vermochten schon lange vor dem „Ausbruch" 
der Krankheit ihre Libido nicht zu übertragen und machten daher die 
Phantasie zum Felde ihrer Liebesabenteuer. Von diesen Eigentümlich- 
keiten dürfte kaum ein Fall frei sein. Auch auf die besonders große 
Neigung dieser Personen zur Onanie soll verwiesen werden. Solche 
Individuen haben also den infantilen Autoerotismus nie völlig über- 
wunden. Die Objektliebe hat sich bei ihnen nicht voll entwickelt, und 
daher wenden sie sich, wenn die Krankheit manifest wird, dem 
Autoerotismus vollends wieder zu. Die psychosexuelle 
Konstitution der Dementia praecox beruht demnach 
auf einer Entwicklungshemmung. Die Minderzahl von 
Krankheitsfällen, die schon in der Kindheit psychotische Erscheinungen 
im groben Sinne darbietet, bestätigen diese Anschauung in eklatanter 
Weise, indem sie ein pathologisches Verharren beim Autoerotismus 
klar erkennen lassen. Ein von mir beobachteter Patient hatte schon 
im dritten Lebensjahre ausgesprochenen Negativismus gezeigt. Wenn 
er gewaschen war, krampfte er die Finger ein und ließ sie nicht 
trocknen. Dies Verhalten zeigte er später noch als Sekundaner des 
Gymnasiums. Derselbe Patient war im dritten Lebensjahr monatelang 
nicht zu bewegen, seinen Stuhl zu entleeren; die Mutter mußte ihn 
alle Tage bitten, von dieser Gewohnheit abzulassen. Dieses Beispiel 
zeigt ein abnormes Festhalten an einer erogenen Zone — eine typisch 
autoerotische Erscheinung. — Der jugendliche Patient, von dem ich 
berichtete, daß mit 13 Jahren plötzlich seine Libido von der Mutter 
abkehrte, verhielt sich ebenfalls schon in frühester Kindheit negativistisch. 

Die Hemmung der psychosexuellen Entwicklung äußert sich nicht 
nur darin, daß das Individuum den Autoerotismus nicht vollkommen 
überwindet, sondern auch in einem abnormen Persistieren der Partial- 
triebe. Diese Eigentümlichkeit, welche eine gesonderte und eingehende 



35 



Betrachtung verdient, soll hier nur durch einen einzelnen Zug aus 
der Krankengeschichte des gleichen Patienten illustriert werden, dessen 
autoerotisch-negativistisches Verhalten ich soeben geschildert habe. Als 
er (im Alter von 27 Jahren) wegen Nahrungsverweigerung einmal vom 
Arzt mit Hilfe der Schlundsonde gefüttert worden war, sah er in diesem 
Eingriff einen päderastischen Akt und in dem Arzt fortan einen 
homosexuellen Verfolger. Hier finden wir in einem Beispiel die 
Äußerung des homosexuellen Partialtriebes, dessen Verschiebung von 
der analen Zone auf eine andere erogene Zone („Verlegung nach oben" 
Freud's) und den erogenen Ursprung einer Verfolgungsidee. 

Ein abnormes Persistieren der Partialtriebe ist auch den Neurosen 
eigen. Auch diese weisen also eine Hemmung in der psychosexuellen 
Entwicklung auf. Dieser fehlt jedoch die autoerotische Tendenz. Die 
Störung bei der Dementia praecox greift viel tiefer; das Individuum, 
das vom tiefsten Stadium der psychosexuellen Entwicklung nie völlig 
losgekommen war, wird mit der Progression des Krankheitsprozesses 
mehr und mehr in das autoerotische Stadium zurückgeworfen. 

Die Annahme einer abnormen psychosexuellen Konstitution im 
Sinne des Autoerotismus scheint mir einen großen Teil der Krankheits- 
erscheinungen der Dementia praecox zu erklären und die neuerdings 
erörterten Toxin-Hypothesen entbehrlich zu machen. 

Natürlich ist es unmöglich, die zahllosen Krankheitsphänomene, 
welche auf diese Entwicklungshemmung zurückzuführen sind, in einem 
kurzen Vortrag zu erschöpfen. Auch eine ausgedehnte Abhandlung 
wäre hierzu heute nicht imstande. Denn die Analyse der Psychosen 
auf Grund der F r e u d'schen Lehren ist noch in den Anfängen begriffen. 
Sie scheint mir aber berufen, uns Aufklärungen zu bringen, die auf 
keinem andern Wege zu erzielen sind. Ich habe hier in erster Linie 
die differential-diagnostische Abgrenzung der Dementia praecox gegen 
Hysterie und Zwangsneurose im Auge. Sodann erscheint mir die Genese 
der verschiedenen Wahnformen der analytischen Erforschung zugänglich. 
Vielleicht verhilft uns die Methode aber auch zur Klarheit über die 
intellektuellen Störungen im Krankheitsbilde der Dementia praecox, 
von deren Verständnis wir heute noch weit entfernt sind. 



3* 



Die psychologischen Beziehungen zwischen 
Sexualität und Alkoholismus\ 

Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß im allgemeinen das 
männliche Geschlecht dem Alkoholgenuß mehr zuneigt, als das weibliche. 
Wenn auch in manchen Gegenden täglicher Alkoholgenuß den Frauen 
ganz wie den Männern etwas Selbstverständliches ist, wenn auch 
mancherorts betrunkene Frauen eine häufige Erscheinung im Straßen- 
bild sind, so ist doch der Alkohol mit dem geselligen Leben der 
Frauen nie in derjenigen Weise verknüpft, wie mit dem der Männer. 
Trinkfestigkeit gilt bei uns in weiten Kreisen als Zeichen der Männ- 
lichkeit, ja als Ehrensache. Von der Frau verlangt die Gesellschaft 
das Trinken nie in rigoroser Weise. Unsere landläufige Moral neigt 
eher dazu, das Trinken für unweiblich zu erklären. Unter normalen 
Frauen ist das Trinken auch nie Gegenstand der Renommage wie 
unter Männern. 

Es scheint mir der Untersuchung wert, ob dieses verschiedene 
Verhalten der Geschlechter zum Alkohol in den Unterschieden der 
Sexualität seine Begründung finde. Eine solche Untersuchung muß auf 
die neueren Auffassungen der psychosexuellen Konstitution des Mannes 
und Weibes zurückgehen, wie sie besonders in den Arbeiten F r e u d s ^ 
niedergelegt sind. , 

Unser Körper enthält, wie die Entwicklungsgeschichte nachweist, 
die Anlage zu den Genitalorganen beider Geschlechter. Eine der 
beiden Anlagen wird im Verlauf der normalen Entwicklung reduziert 
oder übernimmt anderweitige Funktionen. Die andere hingegen 
entwickelt sich weiter, bis sie funktionsfähig wird. Ein ganz analoger 
Vorgang spielt sich auf psychosexuellem Gebiet ab. Die Differenzierung 
der Geschlechter nimmt auch hier von einem ursprünglichen Zustande 
der Bisexualität ihren Ausgang. Im Kindesalter haben die Äuße- 
rungen des Sexualtriebes bei Knaben und Mädchen noch große 
Ähnlichkeit. 

1 Zuerst veröffentlicht in „Zeitschrift für Sexualwissenschaft", I, Jahrg., 1908. 



2 



Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. 




37 



Wie wir besonders durch Freuds Forschungen erfahren haben, 
fehlen der Kindheit die sexuellen Regungen keineswegs. Nur die 
Fortpflanzungsfunktion ist noch aufgeschoben, und der Trieb erhält 
erst allmählich seine definitive Richtung. Wie Freud darlegt, ist die 
infantile Libido objektlos, „ autoerotisch ". Sie strebt nach Lustgewinnung 
durch Reizung gewisser Körperstellen, welche als erogene Zonen 
dienen. Doch werden nicht alle sexuellen Energien in der Vorpubertäts- 
zeit zur autoerotischen Lustgewinnung verbraucht; zu einem wesent- 
lichen Teil werden sie aus dem Bewußtsein verdrängt, um nicht mehr 
sexuelle Verwendung zu finden, sondern um wichtige soziale Funktionen 
zu übernehmen. Die „Verdrängung" ist ein von Freud 
eingeführter Begriff, der zum Verständnis vieler — normaler und krank- 
hafter — psychologischer Vorgänge nicht entbehrt werden kann. Die 
Ablenkung-verdrängter sexueller Vorstellungen und Gefühle auf soziale 
Ziele bezeichnen wir mit F r e u d als S u b 1 i m i e r u n g. Durch diesen 
Prozeß werden bei beiden Geschlechtern die Schranken des Geschlechts- 
triebes errichtet. 

Mit dem Eintritt der Reifung gewinnt der Knabe wie das Mädchen 
die ausgesprochenen körperlichen und physischen Charaktere seines 
Geschlechtes. Auf psychosexuellem Gebiet findet der wichtige Prozeß 
der Ob j ekt find ung statt. Die Libido richtet sich nun auf das 
andere Geschlecht. Aber nicht nur in dieser Hinsicht differenzieren 
sich männliche und weibliche Libido ; uns interessiert hier namentlich 
noch eine Differenz. Die weibliche Sexualität zeigt größere Neigung 
zur Verdrängung, zur Bildung von Widerständen. Die infantile Sexual- 
verdrängung erfährt beim Weibe in der Pubertät, gleichsam durch 
einen neuen Schub, eine mächtige Verstärkung. Daraus resultiert der 
mehr passive Sexualtrieb des Weibes. Die männliche Libido ist mehr 
aktiver Natur. Sie überwindet die psychischen Widerstände, denen sie 
beim Sexualobjekt begegnet, vermöge ihrer aggressiven Komponente. 
Zwei Ausdrücke der deutschen Sprache charakterisieren den psycho- 
sexuellen Unterschied der Geschlechter : der Mann erobert, das Weib 
gibt sich- hin. 

Die alkoholischen Getränke wirken auf den Geschlechtstrieb, 
indem sie vorhandene Widerstände aufheben und die sexuelle Aktivität 
erhöhen. Das sind allbekannte Erfahrungen ; aber man pflegt auf ihr 
eigentliches Wesen nicht einzugehen. 

Je länger die Forschung sich mit dem sexuellen Problem befaßt, 
desto mehr zeigt sich die Kompliziertheit des Geschlechtstriebes. Er 
umfaßt neben der „normalen" heterosexuellen Liebe eine Reihe von 
„perversen" Regungen. Der Sexualtrieb des Kindes zeigt uns das bunte 



38 

Chaos dieser Triebe ; er ist „polymorph-pervers" (Freud). Nur allmäh- 
lich ordnen sich die „Partialtriebe" dem einen, heterosexuellen, unter. 
Sie verfallen der Verdrängung und Sublimierung. Aus ihnen entstehen 
Scham und Ekel, moralische, ästhetische und soziale Gefühle, Mitleid 
und Grauen, die Pietät des Kindes gegen die Eltern, die fürsorgende 
Liebe der Eltern für das Kind. Künstlerische und wissenschaftliche 
Tätigkeit beruhen zu einem wichtigen Teil auf der Sublimierung sexu- 
eller Energien^. Auf diesen Produkten der Sublimierung 
beruht unser soziales Leben, unsere gesamte Kultur. 
Unter ihnen ist keines, das nicht durch die Wirkung 
des Alkohols beeinträchtigt oder auf geh oben würde. 

Beim normalen Individuum verfällt die homosexuelle Komponente 
des Sexualtriebes der Sublimierung. Die Gefühle der Harmonie und 
Freundschaft unter Männern sind alles Bewußt-Sexuellen • entkleidet. 
Der gesund empfindende Mann hat einen Widerwillen gegen jede zärt- 
liche Berührung mit Männern. Eine Reihe ähnlicher, aus der gleichen 
Quelle stammender Regungen des Widerwillens oder Ekels ließe sich 
hier anführen. Der Alkohol hebt sie auf. Beim Trinken fallen Männer 
einander um den Hals und küssen sich. Trinkende Männer fühlen sich 
durch besonders innige Bande vereinigt, sind darob zu Tränen gerührt 
und sind schnell mit dem intimen „Du" bei der Hand. Im nüchternen 
Zustande nennen die gleichen Männer ein solches Gebaren „weibisch". 
Ereignisse der jüngsten Zeit gaben den Anlaß, daß man viel von 
„abnormer Männerfreundschaft" hörte. Die Gefühlsäußerungen, die da 
als etwas Krankhaftes oder Unmoralisches gebrandmarkt wurden, kann 
jeder Sehende bei jedem Trinkgelage beobachten. Durch jede Kneipe 
geht ein Zug von Homosexualität. Die gleichgeschlechtliche Kompo- 
nente, die wir unter den Einflüssen der Erziehung verdrängen und 
sublimieren gelernt haben, kommt unter der Wirkung des Alkohols 
unverkennbar wieder zum Vorschein. 

Ein Paar von Partialtrieben, dessen Bedeutung erst von Freud 
richtig eingeschätzt worden ist, wird durch die sexuelle Schau- und 
Exhibitionslust repräsentiert. Mit ihnen steht die sexuelle Wißbegierde 
in engem Zusammenhang. Die Sublimierung dieser Triebe erzeugt das 
Schamgefühl. Das Kind kennt in seinen ersten Lebensjahren kein Scham- 
gefühl; es muß das „Genieren" erst lernen. Erfolgt die Sublimierung 
nicht, so entsteht eine Perversion (Voyeurs, Exhibitionisten). Das Scham- 
gefühl erstreckt sich nun nicht nur auf die körperliche Entblößung, sondern 
richtet für den gesellschaftlichen Umgang, für die Konversation usw. 

1 Vergl. Freud, drei Abhandlungen, und Rank, „Der Künstler, Ansätze zu einer 
Sexualpsychologie", Wien und Leipzig 1907. 



39 



wichtige Schranken auf. Gerade diese fallen dem Alkohol zum Opfer. 
Untrennbar vom Alkoholgenuß ist der obszöne Witz, der nach Freuds^ 
ausgezeichneter Analyse eine psychische Entblößung darstellt. Forel^ 
hat mit Meisterhand geschildert, wie unter der Wirkung des Alkohols 
der „Flirt" rohe, widerwärtige Formen annimmt. 

Ein anderes, ebenfalls im Verhältnis von Aktivität und Passivität 
stehendes Paar von Partialtrieben drängt nach der Herrschaft über das 
Sexualobjekt, resp. nach Unterwerfung unter dessen Willen. Durch 
Sublimierung dieser Tendenzen entstehen die Gefühle des Mitleids, des 
Grauens usw. Bleibt die Sublimierung aus, so haben wir die als Sadis- 
mus, resp. Masochismus bezeichneten Perversionen vor uns. Daß zahl- 
reiche Roheitsdelikte im Alkoholrausch ausgeführt werden, bedarf kaum 
der Erwähnung. Die verdrängten Partialtriebe brauchen sich jedoch 
nicht in dieser krassen Form zu äußern. Auch in mehr larvierter Form 
erkennen wir sie wieder. Seit Urzeiten kennt man Trinksitten und 
-gesetze ; der Trinkkönig bei einem Gelage ist unumschränkter Hferrscher. 
Ich erinnere an den noch heute gebräuchlichen, studentischen „Komment" 
mit seinem rigorosen Trinkzwang, an das stolze Vergnügen, mit 
welchem der ältere Student den jüngeren zum Trinken zwingt, und 
an die blinde Unterwerfung des letzteren unter das Kommando. Ich 
weiß, daß ich mit dieser Auffassung der Gebräuche auf Widerspruch 
stoße; ich weise deshalb noch darauf hin, daß die studentischen 
Trinksitten sich aus einem Treiben von unglaublicher Roheit ganz 
allmählich zu den heutigen, zivilisierteren Formen entwickelt haben. 
Noch eine wichtige Schranke des Sexualtriebes müssen wir 
erwähnen. Das normale heranwachsende Kind überträgt seine Libido 
zuerst auf die andersgeschlechtlichenPersonen seiner nächsten Umgebung: 
der Knabe auf Mutter und Schwester, das Mädchen auf Vater und 
Bruder. Einer langen kulturhistorischen Entwicklung bedurfte es, bis 
die nächsten Blutsverwandten von der Objektwahl ausgeschlossen 
wurden. Die Verwerfung des Inzestes führte zur Sublimierung der 
Elternliebe; die Liebe des Kindes wurde zur pietätvollen Verehrung 
der Eltern. Jedes Kind muß diese Entwicklung wiederholen ; es über- 
trägt zu einer gewissen Zeit seine erwachenden sexuellen Wünsche 
auf den andersgeschlechtlichen Teil der Eltern. Diese Regungen werden 
verdrängt, wie denn unsere Moral auch eine nicht sublimier'te Neigung 
des Vaters zur Tochter verwirft. Auch diese Sublimierungen verschont 
der Alkoho l nicht. Schon Lots Töchter wußten, daß der Alkohol die 

'Freud, Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewußten. Wien und 
Leipzig 190.5. 

^ Forel, Die sexuelle Frage. 



40 

Inzestschranke niederreißt; sie erreichten ihr Ziel, indem sie ihrem 
Vater zu trinken gaben. 

Man liest gewöhnlich, daß der Alkohol psychische Hemmungen 
beseitigt. Wir haben jetzt das Wesen dieser Hemmungen kennen 
gelernt: sie sind die Produkte der Sublimierung sexueller Energien. 

Während nun verdrängte sexuelle Regungen wieder auftauchen, 
wird zugleich die dem Manne normalerweise eigne sexuelle Aktivität 
erhöht, woraus ein Gefühl gesteigerter sexueller Leistungsfähigkeit 
resultiert. Der Alkohol wirkt als Reiz auf den „Komplex" der Männ- 
lichkeifi. Der Stolz des Männchens ist uns aus vielen Beispielen des 
Tierreichs bekannt. Mutatis mutandis begegnen wir den gleichen 
Erscheinungen beim Menschen. Der Mann fühlt sich stolz als der 
Zeugende, Gebende; das Weib „empfängt". Wie tief dieser Größen- 
komplex im Manne wurzelt, das beleuchtet in überraschender Weise 
die Analyse der Schöpfungsmythen. In einer demnächst erscheinenden 
Schrift^ werde ich den ausführlichen Nachweis erbringen, daß die 
Schöpfungssagen der verschiedenen Völker ursprünglich eine 
Vergötterung der männlichen Zeugungskraft darstellen, daß sie also die 
letztere als Prinzip alles Lebens proklamieren. Männliche Zeugungs- 
kraft und göttliche Schöpferkraft werden im Mythus identifiziert und 
eine an Stelle der andern gebraucht. Wir stoßen hier auf einen psycho- 
logischen Vorgang von außerordentlicher Wichtigkeit. Wir können 
seine Wirkungen in allen Gebilden der menschlichen Phantasie erkennen, 
seien es nun Werke der Individual- oder der Massenphantasie, seien sie 
normaler oder krankhafter Natur. Wir bezeichnen ihn als I d e n t i f i k a t i o n. 

Eine Frage, die von jeher die Menschen beschäftigen mußte, die 
wir aber auch heute noch nicht in befriedigender Weise zu beantworten 
vermögen, ist das Zustandekommen der „sexuellen Erregung". Die 
Annahme, daß die Erregung beim Manne vom Samen ausgehe, lag 
sehr nahe. Die naive Vorstellung des Volkes identifiziert nun das 
berauschende Getränk, weil es sexuell erregt, mit dem Samen oder 
mit dem sonstigen unbekannten Etwas, das (bei Abwesenheit künstlicher 
Reizmittel) die sexuelle Erregung hervorruft. Diese populäre Theorie 
findet in der Bezeichnung „Liebesrausch" ihren Ausdruck. 



' Mit dem abgekürzten Ausdruck „Komplex" bezeichne ich (nach dem Muster 
der psychologischen Arbeiten aus der Züricher psychiatrischen Klinik) einen Komplex 
von Vorstellungen nebst den ihnen anhaftenden Gefühlen, der unter gewissen Ver- 
hältnissen ins Unbewußte' verdrängt wird, unter veränderten Verhältnissen sich aber 
wieder ins Bewußtsein eindrängen kann. 

» „Traum und Mythus.' In: „Schriften zur angewandten Seelenkunde", 
Heft 4. 



41 



Die Wirkungssphäre gerade dieser Identifikation ist besonders 
groß. Durch die indogermanische Mythologie ziehen sich Erzählungen 
vom Göttertrank und von seiner Entstehung. Dieser Trank, den 
man sich belebend und begeisternd vorstellt, wird mit den berauschenden 
Getränken der Menschen identifiziert. Die Identifikation geht aber 
noch weiter. An der Hand der alten indischen Mythen führe ich in der 
erwähnten Schrift den Nachweis, daß der Göttertrank dem menschlichen 
Samen gleichgestellt wird. Die lebenspendende Wirkung des Samens 
hat die Veranlassung dazu gegeben. Es ist bemerkenswert, daß die 
Sagen von der Zeugung (Erschaffung) des ersten Menschen (Prometheus- 
Sage u. a.) mit den Sagen vom Göttertrank in den denkbar engsten 
Beziehungen stehen. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, auf die 
psychologische Analyse der genannten Mythen genauer einzugehen. 
Erwähnt sei nur, daß die griechischen Sagen von der Geburt des 
Weingottes Dionysos dieselbe Identifikation erkennen lassen. 

In der gesamten Sagenwelt spielen die Liebestränke eine 
große Rolle. Ihre erotische Wirkung ist zweifellos von den alkoho- 
lischen Getränken entlehnt. Rauschwirkung und sexuelle Erregung 
werden auch hier identifiziert. Dem gleichen Gedankengange begegnen 
wir in zahllosen Gebräuchen. Die dem Gotte des Weines gewidmeten 
Feste sind stets zu gleicher Zeit erotische Feste. In vielen Gebräuchen 
ist der Wein das Symbol der Zeugung oder Befruchtung. In einem 
von Riklini erwähnten Gebrauch ist die symbolische Vertretung 
des Samens durch den Wein ganz durchsichtig : in einer bestimmten 
Gegend ist es üblich, beim Frühlingsfest den Mädchen Wein in den 
Schoß zu gießen. Ein allgemeiner Gebrauch ist das Zutrinken. Hier 
vertritt das alkoholische Getränk wegen seiner erregenden Wirkung 
die Lebenskraft. Trinkt man auf das Wohl eines andern, so heißt das : 
die im Wein enthaltene belebende Wirkung solle ihm zugute kommen. 

Die uns interessierende Identifikation muß überaus fest begründet 
sein. Der Respekt vor Trinkleistungen und derjenige vor sexuellen 
Leistungen sind fest miteinander verbunden. Wer nicht trinkt, gilt als 
Schwächling. Der Alkoholgenuß des Mannes beginnt in der Pubertäts- 
zeit, also dann, wenn man als Mann gelten möchte. Wer nicht mit- 
trinkt, gilt bei seinen Altersgenossen nicht als reif. Das Renommieren 
mit Trinkleistungen ist in keinem Lebensalter so ausgeprägt, wie in 
der Zeit der beginnenden Männlichkeit. Eriischt in späteren Jahren 
die Potenz, so greift der Mann gern zum Lustbringer Alkohol, der 
ihm nun zum Surrogat der schwindenden Zeugungskraft wird. 

1 Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Schriften zur angew. 
Seelenkunde. Heft 2. Wien und Leipzig 1908. 



« 



42 

Der Mann hängt am Alkohol, weil dieser ihm ein erhöhtes 
Gefühl der Männlichkeit verleiht, seinem Männlichkeitskomplex 
schmeichelt. Das Weib erhält durch seine psychosexuelle Konstitution 
weit weniger Anlaß zum Alkoholgenuß. Die Aktivität des weiblichen 
Geschlechtstriebes ist geringer, die Widerstände gegen die Regungen 
des Triebes sind größer. Wir führten dieses abweichende Verhalten 
auf den Verdrängungsschub der Pubertät zurück. Durch seine 
psychischen Widerstände reizt das Weib den Mann, wie ihm selbst am 
Manne energische Initiative gefällt. Das Mädchen hat keinen Anlaß, 
sich in der Pubertät dem Alkohol zuzuwenden. Dieser hebt ja die 
Verdrängungswirkungen, die Widerstände auf. Gibt das Weib sie preis, 
so verliert es an Reiz für den Mann. Weibliche Personen, die eine 
starke Neigung zum Alkohol zeigen, dürften bei genauer Beobachtung 
stets eine starke homosexuelle Komponente aufweisen. 

Der Alkohol ruft seine Wirkungen — Erleichterung der Sexuai- 
übertragung und Aufhebung der Verdrängungswirkungen — nicht nur 
vorübergehend hervor, sondern bekanntermaßen auch chronisch. Chro- 
nische Trinker zeigen einen charakteristischen Gefühlsüberschwang, 
S sind plump vertraulich, sehen jedermann als alten Freund an und 
' zeigen eine unmännliche Rührseligkeit. Sie büßen das Schamgefühl 
ein; was für Szenen die Kinder eines Trinkers ansehen müssen, 
braucht hier nicht ausgef(ihrt zu werden. Kurz, jedes der feineren 
Gefühle, die der Sublimierung ihre Entstehung verdanken, wird 
vernichtet. 

Es sind nicht die Sublimierungen des Sexualtriebes allein, welche 
beim Trinker zugrunde gehen. Schon der akute Alkoholrausch setzt 
ja die sexuelle Leistungsfähigkeit in Wirklichkeit herab. Wir kennen 
des weiteren die Giftwirkung des Alkohols auf die Keimzellen 
(Blastophthorie) ^. Wir wissen, daß ein großer Teil der Trinker impotent 
wird. Der Alkohol hat sie betrogen. Sie glaubten ihm, daß er ihre 
Männlichkeit erhöhe, weil er ihnen ein sexuelles Kraftgefühl gab. Statt 
dessen raubte er ihnen die Kraft ; sie aber bemerken den Betrug auch 
jetzt nicht. Sie lassen nicht vom Alkohol, identifizieren ihn auch weiter 
mit ihrer Sexualität und gebrauchen ihn als Surrogat der letzteren. 
Ich erblicke hierin eine Analogie zu gewissen sexuellen Perversionen, 
bei welchen ein sexueller Reiz, der normalerweise als Einleitung 
des sexuellen Aktes dienen könnte, an Stelle des letzteren gesetzt 
wird. Freud bezeichnet dies als „Fixierung eines vorläufigen Sexual- 
ziels". Beispielsweise bildet das Beschauen des Sexualobjekts unter 

2 Vgl. Forel und Juliusburger, Über Blastophthorie in Zeitschrift für 
Sex. Wiss. I, 1908, p 346. 




43 



normalen Verhältnissen nur eine Quelle der Vorlust, während erst der 
sexuelle Akt selbst die Befriedigungslust herbeiführt. Gewisse Perverse 
begnügen sich dagegen mit dem Betrachten allein. Ganz analog 
verhält sich der Alkoholiker. Der Alkohol wirkt sexuell erregend ; dieser 
Erregung jagt der Trinker nach und büßt dabei die Fähigkeit zur 
normalen Sexualbetätigung ein. 

Zwischen Akolholismus und sexueller Perversion können wir 
noch weitere Analogien auffinden. Durch Freuds Forschungen haben 
wir die intimen Beziehungen zwischen Perversion und Neurose kennen 
gelernt. Freud^ hat erwiesen, daß viele Symptome der Neurosen 
den Ausdruck verdrängter pervers-sexueller Phantasien und somit eine 
Art von Sexualbetätigung des Patienten bilden. Dem Versuch einer 
psychologischen Analyse seiner Symptome setzt der Patient stets einen 
außerordentlichen Widerstand entgegen, der sich aus der Verdrängung 
sexueller Komplexe erklärt. Beim Versuch der psycho-analystischen 
Auflösung der Krankheitserscheinungen tönt dem Arzt immer nur ein 
Nein entgegen, und wenn seine Frage noch so begründet ist. Statt 
der wirklichen Ursachen bringt der Patient Deckmotive vor. Auch der 
Alkoholiker negiert bis aufs Blut Tatsachen, welche gar nicht bestritten 
werden können. Er hat für seinen Alkolholismus Deckmotive in reicher 
Auswahl. Jeden Versuch ernstlichen Eingehens wehrt er ab. Der 
Neurotische wehrt sich für seine Symptome, weil sie ihm seine Sexual- 
betätigung sind. Aus demselben Grunde — so glaube ich schließen 
zu müssen — wehrt der Trinker sich für seinen Alkoholismus. 

Noch ein Gesichtspunkt scheint mir der Erwähnung wert. Unter 
den krankhaften Veränderungen des Vorstellungslebens der Alkoholiker 
spielen solche von unbestreitbar sexuellem Inhalt eine auffallende Rolle. 
Ich meine die bekannte Eifersucht der Trinker, die sich bis zum Wahne 
steigert. Auf Grund vieler Erfahrungen, die ich hier nicht im Detail 
anführen kann, sehe ich als Ursache der Eifersucht des Alkoholikers 
das Gefühl abnehmender Potenz an. Der Trinker benutzt den Alkohol 
als Quelle müheloser Lustgewinnung; er wendet sich vom Weibe ab 
dem Alkohol zu. Dieser Tatbestand ist seinem Selbstbewußtsein im 
höchsten Grade peinlich; er verdrängt ihn, ganz v/ie der Neurotiker 
es tut, und nimmt zugleich eine Verschiebung vor, wie wir sie im 
Mechanismus der Neurosen und Psychosen zu finden gewohnt sind. Er 
verschiebt sein Schuldgefühl als Anklage auf die Frau : sie ist ihm untreu. 

Zwischen Alkoholismus, Sexualität und Neurose bestehen also 

1 Freud, Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. 
Zeitschrift für Sex. Wiss. 1,1908; abgedruckt in Sammlung kleiner Schriften 
zur Neurosenlehre, II. Folge. 



44 



mannigfache Beziehungen. Es scheint mir notwendig, das von Freud 
ausgebildete psychoanalystische Verfahren, das uns das Eindringen 
in die Struktur der Neurosen ermöglicht, auch zur Analyse des 
Alkoholismus nutzbar zu machen. Aus mündlichen Mitteilungen von 
Kollegen weiß ich, daß in Fällen von Morphinismus die Psychoanalyse 
überraschende Beziehungen zwischen Sexualität und Mißbrauch des 
Narcoticums ergeben haben. Ich erwähne hier auch das so rätselhafte 
Verhalten vieler nervöser Personen gegenüber den Narcotica. Hysterische 
bitten den Arzt oft, ihnen nur ja kein Morphium oder Opium zu 
verordnen, da sie es nicht vertrügen; sie erzählen dann von unan- 
genehmen, früheren Erfahrungen. Aller Anschein spricht dafür, daß 
jene Mittel bei gewissen Hysterischen eine sexuelle Erregung hervor- 
rufen ; diese wird infolge der eigentümlichen psychosexuellen Konstitution 
der Hysterischen in körperliche Symptome und Angstgefühle konvertiert. 
Vielleicht hat die bei Nervösen so häufige Intoleranz gegen Alkohol 
eine ähnliche Wurzel. Endlich will ich einer merkwürdigen Erfahrung 
gedenken, die ich wiederholt bei Geisteskranken gemacht habe. Wenn 
man den Kranken ein narkotisches Mittel unter die Haut einspritzte, 
so faßten sie dies als eine sexuelle Vergewaltigung auf. Sie deuteten 
Injektionsspritze und Flüssigkeit symbolisch um. 

Wie man sieht, bietet die psychologische Erforschung des 
Alkoholismus noch genügend ungelöste Probleme. Äußere Einwirkungen, 
wie soziale Einflüsse, Erziehungsfehler, erbliche Belastung usw., genügen 
allein nicht zur Erklärung der Trunksucht. Ein individuelles Moment 
muß hinzukommen. Dieses zu erforschen ist die nächste Aufgabe. Sie 
erscheint mir nur dann lösbar, wenn man sich die Zusammenhänge 
zwischen Alkoholismus und Sexualität stets vor Augen hält. 




Die Stellung der Verwandtenehe in der 
Psychologie der Neurosen\ 

Die Anschauung, daß die Ehe unter Blutsverwandten auf die 
Nachkommenschaft- einen nachteiligen Einfluß ausübe, ist sehr alt. 
Besonders daß die Konsanguinität der Eltern den Grund zu den 
verschiedenartigsten Nerven- und Geisteskrankheiten lege, 
wird in der medizinischen Literatur wie auch im Volksglauben allgemein 
angenommen. Daß in vielen Familien Inzucht und nervöse oder psych- 
ische Störungen zusammentreffen, kann keinem Zweifel unterliegen. 
Daraus folgt aber nicht ohne weiteres, daß beide Erscheinungen in 
dem einfachen Verhältnis von Ursache und Wirkung zueinander stehen 
müssen. Es fragt sich vielmehr, ob das Vorkommen von Verwandten- 
ehen in gewissen Familien nicht seinerseits eine spezifische Ursache 
hat, ob nicht gerade in neuropathischen Familien eine eigentümliche 
Veranlagung dazu drängt, daß die Familienmitglieder untereinander 
heiraten. Versucht man, die Verwandtenehe als psychopathologisches 
Phänomen zu betrachten, so bemerkt man, daß sie sich als solches 
von einer Reihe anderer Phänomene nicht sondern läßt, mit welchen 
sie bestimmte psychologische Wurzeln gemein hat. 

Die Ansichten über die Psychologie der Verwandtepehe, die ich 
im folgenden mitteile, erheben keinen Anspruch auf allgemeine Gültig- 
keit. Natürlich kann eine Ehe unter Blutsverwandten ebenso wie eine 
andere aus rein praktischen Gründen geschlossen werden. Oder äußere 
Gründe, wie z. B. das Abgeschlossensein vom allgemeinen Verkehr, 
lassen eine Verbindung mit fremden Familien nicht zustande kommen. 
Auch dürfte nach Rassen und gesellschaftlichen Schichten die Neigung 
zur Inzucht verschieden groß sein. Für diejenigen Fälle aber, in 
welchen Verwandte nur durch individuelle Sympathie zusammengeführt 
werden, nehme ich an, daß die Fähigkeit, die Liebesneigungen auf 
fremde Personen zu übertragen, unzureichend ist, während die 

1 Mit Benutzung eines Vortrages (Sitzung der Berliner Gesellscliaft für Psych- 
iatrie und Nervenkranlcheiten am 9. November 1908). Zuerst veröffenUicht im .Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen", I. Band, 1909. 



46 



Zuneigung zu Mitgliedern der eigenen Familie das normale Maß 
übersteigt. 

Ein solches Verhalten läßt sich von den Eigentümlichkeiten der 
Sexualität bei den Neurotikern herleiten. Abweichungen von der Norm 
treten bei ihnen ja schon in der Kindheit hervor. Neuropathische 
Kinder zeigen schon früh ein übermäßiges erotisches Verlangen. Das 
übertriebene Liebesbedürfnis der neuropathischen Kinder bedeutet 
freilich nur eine Steigerung der normalen Verhältnisse ^. Auch das 
normale Kind überträgt seine Neigung naturgemäß zuerst auf die 
Personen, mit welchen es ständig zusammenlebt. Daß es sich hier um 
eine Äußerung der Sexualität handelt, kann schon deshalb keinem 
Zweifel unterliegen, weil' sich die Zuneigung des Knaben vorzugs- 
weise auf Mutter oder Schwester, die des Mädchens auf Vater oder 
Bruder richtet 2. In der zweiten Kindheitsperiode lassen die Äußerungen 
dieser Liebe oft auch keinen Zweifel an ihrer Natur aufkommen. 
Neurotische Kinder zeigen mit Bezug auf die geliebte Person eine starke 
Eifersucht, verlangen sie allein zu besitzen und sehen in den übrigen 
Familienangehörigen nur Rivalen, ganz nach Art verliebter Erwach- 
sener. Es sei übrigens bemerkt, daß neurotische Kinder in dieser ihrer 
Eigenart oft noch von den Eltern bestärkt werden, indem diese die 
Kinder verzärteln, ihre Ansprüche auf Liebesbeweise steigern und 
gelegentlich wohl auch vorzeitig geschlechtliche Sensationen bei 
ihnen hervorrufen. 

Unter normalen Verhältnissen verfällt die infantile Sexualüber- 
tragung auf den andersgeschlechtlichen Teil der Eltern (resp. auf 
Geschwister des anderen Geschlechtes) der Sublimierung, d. h. der 
Umwandlung in Gefühle der Verehrung, der Pietät usw. Durch diesen 
Prozeß wird, wie Freud ausgeführt hat, die Liebe zu Eltern und 
Geschwistern des Bewußt-Sexuellen entkleidet. Nur in gewissen Träumen 
lebt die infantile Inzestphantasie fort=. 

Die Pubertät mit ihren psychischen Umwälzungen führt eine je 
nach der Individualität verschieden weitgehende Ablösung des Kindes 



1 Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. 

2 Unter den Autoren, welche die Anschauungen Freuds im allgemeinen 
ablehnen, verweist Oppenheim (Lehrbuch der Nervenkrankheiten, 5. Auflage, 
Seite 1256) auf die besondere Zärtlichkeit, die überschwengliche Liebe der hyste- 
rischen Kinder; er erblickt in diesen Erscheinungen jedoch keine Äußerungen der 
kindlichen Sexualität (Vgl. den Sitzungsbericht der Berliner Gesellschaft für Psych- 
iatrie und Nervenkrankheiten vom 9. November 1908 im Neurolog. Zbl. 1908, 
Heft 23). 

3 Bezüglich des „Ödipusmotivs" im Traume vgl besonders Freud, Die Traum- 
deutung, 2. Auflage, 1909, Seite 185. 




47 



^^^^ von der elterlichen Autorität herbei. Die Libido wird frei, um auf 
^K fremde Personen des anderen Geschlechtes übertragen zu werden; 
^B die . Personen der nächsten Familie sind fortan von der Objektwahl 
^m ausgeschlossen. Im Unbewußten bleibt freilich der verdrängten infan- 
^B tilen Neigung ein wichtiger Einfluß erhalten. Vielfach läßt sich z. B. 
^B deutlich erkennen, daß der Mann durch solche weibliche Personen 
^m angezogen wird, bei welchen er Eigenschaften seiner Mutter (oder 
^m Schwester) wiederfindet. 

^P Bei neuropathischen Individuen ist der Ablauf dieses wichtigen 

Entwicklungsvorganges gestört. Die abnorme Stärke der infantilen 
Sexualübertragung hindert die vollkommene Verdrängung der Inzest- 
phantasie. Sie erschwert ferner die Ablösung von der elterlichen Autorität. 
Bei vielen Neurotischen bleibt daher eine kindliche Unselbständigkeit 
bestehen. Bleibt der Sohn nun in der Pubertät unter dem ungeschmälerten 
Einfluß der Eltern, bleibt seine Libido auf das infantile Sexualobjekt 
übertragen, so entstehen daraus für ihn doppelte Folgen. Erstens wird 
ihm die normale Übertragung auf fremde weibliche Personen zeitlebens 
erschwert, ja auf Jahre hinaus unmöglich gemacht, zweitens wird die 
Neigung zu einer so nahen Angehörigen von der herrschenden Moral 
verworfen. So kommt es zur Triebunterdrückung. Der neuro- 
tisch Veranlagte schwankt ja stets hin und her zwischen der abnormen 
Stärke seiner Libido und seiner Tendenz zur Trieb Verdrängung. Hier 
bietet sich ihm der Anlaß zu einer weitgehenden Unterdrückung seiner 
Triebe. Als Paradigmen dieses Vorganges nenne ich die Mustersöhne 
und -töchter, denen wir gerade in neuropathischen Familien begegnen; 
ihre Liebe zu den Eltern bewahrt auch nach der Pubertät den infan- 
tilen Charakter 1. 

Aus dieser eigentümlichen psychosexu eilen Entwicklung können 
für den Neurotischen sehr verschiedenartige praktische Konsequenzen 
hervorgehen. In der Reihe dieser Möglichkeiten nimmt auch die uns 
besonders interessierende Erscheinung, die Verwandtenehe, ihren Platz 
ein. Wenn ich die der Verwandtenehe psychogenetisch nahestehenden 
Erscheinungen aufzähle, so muß ich mit derjenigen beginnen, die 
streng genommen nicht hierher gehört, nämlich mit dem wirklichen 
Inzest. Kommt es tatsächlich zum inzestuösen Verkehr, so fehlt ja 
die Triebunterdrückung. Ein kurzer Hinweis scheint mir aber gerecht- 
fertigt. Einmal erfährt man aus der Anamnese nervöser Personen nicht 
selten, daß in der Kindheit zwischen den Geschwistern sexuelle Hand- 
lungen vor gekommen sind. Sehr bemerkenswert ist aber die starke 

1 Vgl. hierzu Freud, .Die kulturelle Sexualraoral" usw. in der Zeitschrift 
„Sexualprobleme", 1908, Seite 123. 



48 

Neigung zum Inzest unter den an Dementia praecox leidenden Geistes- 
kranken. Ich verfüge über eine Anzaiil einwandfreier Beobachtungen 
dieser Art, die sich auf das Zusammenleben geisteskranker Geschwister 
(resp. von Vater und Tochter) beziehen. 

Ich gehe auf die Frage des wirklichen Inzestes nicht näher ein, 
sondern wende mich zu den neuropathischen Personen, deren Neigung 
im Unbewußten an das infantile Sexualobjekt fixiert bleibt und denen 
deshalb die Applikation an fremde Personen des andern Geschlechtes 
erschwert ist. Dem Manne stehen zunächst zwei Möglichkeiten offen : 
er bleibt unverehelicht oder er heira tet eine Bluts- 
verwandte^. Die Betrachtung dieser beiden Fälle läßt sich nicht 
trennen, weil sie überraschend oft in der gleichen Familie zusammen- 
treffen. Familien, in denen sich die Verwandtenehen häufen, pflegen 
auch viele ehelose Personen aufzuweisend Ich erwähne z. B. eine 
Familie, in welcher während mehrerer Generationen Verwandtenehen 
vorkamen. In einer Generation blieben die meisten Geschwister ledig 
und von den zwei Brüdern, welche heirateten, wählte einer eine 
Verwandte. 

Offenbar liegt in solchen Familien eine verminderte sexuelle 
Aktivität vor. Die Wahl einer Verwandten erfordert geringere Initiative ; 
man ist der Schwierigkeit enthoben, einer Fremden näherzutreten. Ein 
Mädchen aus der Verwandtschaft kennt man entweder von Jugend 
auf oder die Bekanntschaft wird doch sehr erleichtert. Wichtiger aber 
erscheint mir noch, daß man bei einer Verwandten am leichtesten 
gewisse Eigenschaften wiederfindet, die man bei Mutter oder Schwester 
besonders liebte. So wird namentlich die Cousine zum Ersätze der 
Schwester. Mir sind zwei Fälle bekannt, in welchen der Mann seine 
Cousine heiratete, weil er der festen Überzeugung war, daß er keine 
andere, als eine Verwandte wählen könne. Der eine dieser beiden 
Herren, der wegen nervöser Beschwerden in meiner Behandlung stand, 
war zu Studienzwecken ins Ausland gegangen und besuchte dort 
Verwandte, die er vorher nie gesehen hatte. Während er sonst eine 
sehr spröde Natur war, verliebte er sich sofort in seine Cousine und 
heiratete sie. 

Ein Teil der Männer mit solcher Veranlagung heiratet erst sehr 
spät. In solchen Fällen trifft die Wahl mit Vorliebe auf eine Nichte. 
Ich habe eine kleine Anzahl solcher Ehen eruiert. Sie haben unter 
eineinder eine merkwürdige Ähnlichkeit, indem stets der Mann völlig 

1 Ich spreche hier vorwiegend vom Manne, weil er häufiger der Wählende ist. 
« Diese Beobachtung wurde mir u. a. auch von Herrn Professor Oppenheim 
aus seiner Erfahrung bestätigt. 



«I'l 
1} 



49 



unter der Herrschaft der Frau steht. Es handelt sich in allen mir 
bekannten Fällen um sehr unselbständige Männer, die als der 
schwächere Teil in die Ehe eintraten, weil sie auf diese eine Frau 
angewiesen waren. 

Die Häufung der Verwandtenehen in manchen Familien 
spricht natürlich sehr für das Vorhandensein einer eigentümlichen 
Veranlagung. Mir sind Familien bekannt, in welchen durch mehrere 
Generationen eine merkwürdig konsequente Inzucht getrieben wurde. 
In einem Falle z. B. heirateten drei Brüder ihre drei Cousinen, die 
untereinander Schwestern waren. Diese Familie leistete an Inzucht 
Derartiges, daß ihr Stammbaum kaum entwirrbar ist^. 

In manchen Familien tritt die Ehelosigkeit auffallender hervor, 
als die Neigung zur Inzucht. Nach den wenigen Erfahrungen, die mir 
in dieser Hinsicht zu Gebote stehen, scheint es sich hier um schwer 
neuropathische Sonderlinge zu handeln, die sich auch sonst von der 
Welt abschließen. Ich erwähne eine Familie, in welcher sämtliche 
acht Brüder unverheiratet blieben. Ob hier noch anderweitige psycho- 
sexuelle Abnormitäten im Spiele sind, kann ich leider nicht entscheiden 2. 
Den Neuropathen, welche dauernd ehelos bleiben, steht eine 
andere Gruppe nahe. Sie umfaßt solche Individuen, welche außerstande 
sind, selbst eine Wahl zu treffen. Interessant ist es nun, daß solche 
Männer es vielfach ihrer Mutter oder Schwester überlassen, eine Frau 
für sie auszuwählen. Diese Unselbständigkeit zeigt die außerordentliche 
Macht der infantilen Übertragung. Ein berühmtes Beispiel 
dieser Art werde ich noch erwähnen. 

Es gibt unter den Neuropathen ferner Männer, die zwar außerhalb 
ihrer Familie eine Wahl treffen, aber ihre Liebe auf eine bedeutend 
ältere weibliche Person richten. Nicht selten gelingt der Nachweis, 
daß ein Ersatz für die Mutter gesucht wurde. 

Allen diesen Gruppen aber ist eine psychosexuelle Eigentümlichkeit 
gemeinsam, die ich als monogamischen Zug bezeichnen möchte. 
Bei den meisten anderen Männern ist es die Regel, daß die Neigungen 
der Pubertätszeit nicht von Bestand sind, daß vielmehr die 
Neigung sich verschiedenen Personen zuwendet, bevor eine 
endgültige Wahl erfolgt. Es kommt außerdem sehr gewöhnlich zu 

' Herrn Dr. M. H irschf eld verdanke ich die sehr interessante Mitteilung, 
daß Manner mit homosexueller Veranlagung häufig ihre Cousinen heiraten. Da bei 
solchen Männern die sexuelle Aktivität gegenüber dem weiblichen Geschlecht minimal 
ist, so ist für sie die Wahl einer Verwandten eine besondere Bequemlichkeit. 

" Selbstverständlich soll nicht behauptet werden, daß jedem Falle von 
Ehelosigkeit Ursachen wie die hier geschilderten zugrunde liegen. 



50 

intimen Beziehungen, welche wieder gelöst werden. Bei vielen Ange- 
hörigen solcher Familien, welche eine Neigung zur Inzucht erkennen 
lassen, ist die Entwicklung eine andere. Es fehlt ihnen die polygamische 
Neigung. Sie eignen sich nicht zum Flirt, zum raschen Anknüpfen 
und zum raschen Wechseln persönlicher Beziehungen. Wie es ihnen 
schwer wird, die früheste Fixierung ihrer Libido zu lösen, so ergeht 
es ihnen auch späterhin. Übertragen sie ihre Neigung auf eine Person 
des anderen Geschlechtes, so pflegt diese Neigung dauernd und 
endgültig zu sein. Kommt es bei diesen Personen nicht zur Heirat mit 
einer Verwandten, so ist doch die Beschränkung in der Auswahl auch 
hier kenntlich. 

Bis hierher hatten wir es mit Äußerungen der neurotischen Libido 
zu tun, die man gewöhnlich nicht als krankhaft bezeichnet, obschon 
eine Abweichung vom Normaltypus vorliegt. Es gibt nun auf der 
gleichen psychologischen Grundlage eine Reihe anderer Erscheinungen, 
die unbedingt als pathologisch erscheinen. Für sie ist aber mit Nachdruck 
zu betonen, daß an ihrer Entstehung noch andere, ebenso wichtige 
psychologische, vielleicht auch somatische Faktoren beteiligt sind. 
Hierher gehört beim Manne die psychische Impotenz. Die 
abnorme Fixierung der Libido an Mutter oder Schwester, d. h. eine 
verdrängte Inzestphantasie, legt den Grund zu diesem Krankheitszustande. 
Andere konkurrierende Faktoren treten hinzu. Ich verweise in dieser 
Beziehung besonders auf die von StekeU veröffentlichten Analysen. 
Ich habe selbst verschiedene Fälle dieser Art beobachtet, in denen sich 
dieser Faktor als sehr bedeutsam herausstellte. Ich erwähne z. B. zwei 
Brüder, welche beide an psychischer Impotenz leiden. Beide waren in 
einem entschieden abnormen Grade in ihre Schwester verliebt. 

Weibliche Personen, die ihre Neigung im Übermaße auf Vater 
oder Bruder übertragen haben, sind sehr häufig frigid in der Ehe. 
Bei solchen Personen wirkt also ihre infantile Sexualübertragung mit 
anderen Faktoren zusammen, um sie im späteren Leben zu einer 
erfolgreichen Übertragung unfähig zu machen. 

Andere Personen bestreben sich, die Inzestphantasien gewaltsam 
zu unterdrücken. Während sie ihnen ausweichen, werden sie nun leicht 
auf die Bahn homosexueller Neigungen gedrängt. Sie wenden sich 
von der Mutter ab dem Vater zu. Auch hier fehlt es nie an anderen 
Ursachen, die in der gleichen Richtung wirken. Ich möchte hier auf 
die Tatsache verweisen, daß nach den Beobachtungen der erfahrensten 
Autoren viele Homosexuelle, die sonst kein Interesse für weibliche 



S t e k e I, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. Berlin und Wien 1908. 



51 



Personen zeigen, mit einer vergeistigten, sublimierten Liebe an ilirer 
Mutter hängen^. 

Bei ausgesprochener Neurose bestehen noch weitere Ausdrucks- 
möglichkeiten für die uns beschäftigenden sexuellen Infantilismen, auf 
die ich kurz hinweisen will. Nicht selten drücken hysterische 
Symptome den Wunsch des Patienten aus, sich mit einer bestimmten, 
geliebten Person zu identifizieren. Ein Patient, den ich wegen 
psychischer Impotenz behandle und bei dem eine abnorme Verliebtheit 
in die Mutter deutlich hervortritt, kopiert z. B. diese in einer Anzahl 
von Symptomen«. 

, Bei chronischen, in das Gebiet der Dementia praecox gehörenden 
Geisteskrankheiten sind mir besonders zwei Arten aufgefallen, in denen 
die infantile Inzestphantasie zum Ausdruck kommt. Ein Teil der 
Kranken bildet einen Wahn, der die Vereinigung mit der in der 
Kindheit geliebten Person als vollzogen darstellt. Ich erwähne kurz ein 
Beispiel aus einer meiner früheren Publikationen^*: Bei dem Patienten 
stand im Mittelpunkte seiner Wahnbildungen eine Schwester, die er 
in seinem zehnten Lebensjahre durch den Tod verloren hatte. Sie 
erschien auch beständig in seinen Halluzinationen. Einmal fand ich 
den Patienten ganz einer Vision hingegeben. Er sah — so teilte er 
mir mit — wie ein sehr schöner Jüngling in den Besitz einer schönen 
Jungfrau zu gelangen suchte. Es waren Apollo und Diana. Die Diana 
trug die Züge der verstorbenen Schwester des Patienten, Apollo glich 
dem Patienten selbst. Apollo und Diana sind ja im Mythus Geschwister. 
So sprach sich die infantile Fixierung der Libido noch in den 
Halluzinationen des Erwachsenen aus. 

Eine andere Möglichkeit bei der Dementia praecox ist das Um- 
schlagen der übermäßigen Übertragung in Negativismus und Ver- 
folgungswahn gegen die früher geliebte Person. Ich habe diesen Hergang 
in einer früheren Arbeit genauer behandelt*. 

Zum Schluß möchte ich ein paar berühmte Beispiele anführen, 
die mir sehr zugunsten meiner Ansichten zu sprechen scheinen. Sie 

' Zwischen Konsanguinität und Homosexualität dürften noch andere Beziehungen 
bestehen. Herr Dr. M. Hirschfeld teilte mir eine wertvolle Beobachtung mit: Der 
aus einem Inzest von Vater und Tochter hervorgegangene Sohn ist homosexuell. 

'^ Vgl. hierzu besonders Freud, Bruchstück einer Hysterieanalyse. JWonatsschrift 
für Psychiatrie und Neurol. 1905, Bd. 18 und neu herausgegeben in seiner „Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre II.' 

»Abraham. Über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die Sympto- 
matologie der Dementia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde. 1907. S. 409 f. 

* A b r a h a m. Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia 
praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde. 1908. S. 521 f. 



52 

ließen sich gewiß vermehren. Aber auch aus diesen wenigen Beispielen 
dürfte hervorgehen, daß meine Anschauungen nicht auf künstlichen 
Deutungsversuchen beruhen. 

Ein Beispiel für den reellen Inzest ist L o r d Byron. Er konnte 
sich nie von der Neigung zu seiner Schwester befreien. Seine Ehe mit 
einer Fremden nahm daher einen unglücklichen Ausgang. Der Dichter 
Konrad FerdinandMeyer hing mit einer abnormen Verliebtheit 
an seiner Mutter und Schwester i. Er heiratete in vorgeschrittenem. 
Alter ein Mädchen, das seine Schwester für ihn ausgewählt hatte. 
Endlich sei Mörike erwähnt, dessen Neigung in außerordentlichem 
Grade seiner Schwester galt ; er ging erst mit 47 Jahren eine Ehe ein. 

Die hergebrachte Lehre, daß die Ehe unter Blutsverwandten 
nervöse und psychische Erkrankungen der Nachkommenschaft zur 
Folge habe, trägt der Kompliziertheit der Verhältnisse nicht genügend 
Rechnung. 

Die eigentümliche psychosexuelle Konstitution, welche nach 
Freud die Grundlage der Neurosen bildet, ist selbst die wichtigste 
Ursache der Verwandtenehe. Letztere wird erst sekundär zum 
belastenden Moment, indem durch sie die bereits vorhandene neu- 
rotische Veranlagung gezüchtet wird. Die Verwandtenehe ist also 
in erster Linie eine Folge neuropathischer Veranlagung und erst 
sekundär ein die nervöse Disposition steigerndes Moment. 

Die ihr gebührende Stellung kann man der Verwandtenehe unter 
den Phänomenen der Neurosenpsychologie nur dann anweisen, wenn 
man sie mit einer Reihe anderer Erscheinungen unter gleichen Gesichts- 
punkten betrachtet. In ihrer Gesamtheit zeigen sie, welch außer- 
ordentliche Bedeutung den sexuellen Infantilismen im Seelen- 
leben des Erwachsenen zukommt. 



1 Vgl. Sadger, Konrad Ferdinand Meyer. In: Grenzfragen des Nerven- 
und Seelenlebens. Wiesbaden, 1908. In dieser Schrift findet auch die homosexuelle 
Komponente Berücksichtigung. 



über. hysterische Traumzustände\ 



p 

^M In einem kürzlich erschienenen Aufsatz „Über traumartige und 

^V verwandte Zustände" hat L ö w e n f e 1 d ^ eigentümliche, bei Neurotikern 

^B auftretende Störungen behandelt, die bisher in der Literatur keine 

^1 genügende Würdigung gefunden haben. Zur Orientierung zitiere ich 

^^^ Löwenfelds allgemeine Beschreibung dieser Zustände. 

■PP »Die Außenwelt macht nicht den gewöhnlichen Eindruck, das 

■^ wohl Bekannte und täglich Gesehene erscheint verändert, wie unbekannt, 

■ neu, fremdartig, oder die ganze Umgebung macht den Eindruck, als 

■ sei sie ein Phantasieprodukt, ein Schein, eine Vision. In letzterem 

■ Falle besonders ist es den Patienten, als ob sie sich in einem Traum 
■[ oder Halbschlaf befänden, hypnotisiert oder somnambul seien, und 
^- sie sprechen dann auch zumeist von ihren Traumzuständen." — Der 

Autor erwähnt ferner, daß diese Zustände dem Grade nach sehr 
verschieden sein können und in der Dauer große Schwankungen 
aufweisen, daß sie oft mit dem Affekte der Angst verknüpft sind und 
daß sich neben ihnen in der Rege! noch andere nervöse Symptome 
nachweisen lassen. 

Löwenfeld gründet seine Beschreibung auf eine beträchtliche 
Anzahl von Krankengeschichten. Ich selbst bin bei einer ganzen Reihe 
meiner Patienten, die ich psychoanalytisch behandelte, auf diese 
Zustände gestoßen. Da die bisherigen psychoanalytischen Arbeiten 
sich mit den Traumzuständen noch nicht beschäftigt haben, so teile 
ich meine hauptsächlichsten Resultate mit. Sie bilden eine Ergänzung 
derjenigen Aufschlüsse, die uns die Psychoanalyse über das Wesen 
der anderen episodischen Erscheinungen im Krankheitsbilde der 
Hysterie gebracht hat. 

Ein einfaches Beispiel möge zunächst zeigen, bis zu welchem 
Grade wir das Wesen der Traumzustände zu begreifen vermögen, 
wenn wir von der Psychoanalyse keinen Gebrauch machen. Die 



'Aus „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen" 
Band II. 1910. ' 

" Zentralblatt für Nervenheilkunde, 1. und 2. Augustheft 1909. 



54 

Exploration eines Patienten, den ich nur ein einzelnes Mal in der 
allgemein geübten Art explorieren konnte, ergab nach der hier 
interessierenden Richtung folgendes i; 

Beobachtung A. 

Der in jugendlichem Alter stehende Patient A neigt zu Tag- 
träumereien von großer Lebhaftigkeit. Wie er angibt, reizen ihn 
namentlich aktuelle Ereignisse zu wachen Träumen. Die Nachricht 
von der Entdeckung des Nordpols z. B. gab ihm Anlaß zu der Phantasie, 
er wäre an einer großen Expedition beteiligt. Er malte sich diese mit allen 
Einzelheiten aus, besonders in bezug auf seine eigene Tätigkeit. 
Derartige Phantasien nahmen ihn schon seit längerer Zeit fast ganz 
in Anspruch. Er brauchte nur etwa auf der Straße aus der UnterhaUung 
Vorübergehender ein Wort wie z. B. „Zeppelin" aufzufangen und schon 
geriet seine Einbildungskraft in die lebhafteste Tätigkeit. Haben nun 
diese Träumereien eine große Intensität erreicht, so fühlt Patient sich 
mehr und mehr der Wirklichkeit entrückt. Eine traumhafte 
Benommenheit kommt über ihn. Dann tritt für eine kurze Zeit eine 
„Leere" im Kopf ein, auf welche rasch ein lebhaftes Schwindel- 
gefühl folgt, das sich mit Angst und Herzklopfen verbindet. 
Patient bezeichnet den Zustand bis zum Eintreten des Schwindel- 
gefühles als lustvoll. 

Neben diesen Erscheinungen bestehen nervöses Erbrechen, 
nervöse Diarrhöen, Anfälle von Kopfschmerz, ferner Reizbarkeit, 
Schreckhaftigkeit usw. 

Der mitgeteilte Fall — und, wie sich zeigen wird, auch jeder 
der folgenden — läßt den Zusammenhang der Traumzustände mit 
den Tagträumereien ohne weiteres erkennen. Ich betone diese 
Tatsache, weil Löwenf eld ihr keine besondere Beachtung geschenkt 
hat. Die typische Einleitung des Traumzustandes bildet ein Stadium 
der phantastischen Exaltation, dessen Inhalt ein durchaus 
individuelles Gepräge zeigt. 

Es folgt der Zustand traumhafter Entrückung «. In ihm 
erscheint den Patienten, wie L ö w e n f e 1 d treffend schildert, die ihnen 
wohlbekannte Umgebung unwirklich, fremd, verändert. Sie selbst fühlen 

1 Die Krankheitsfälle, die ich im folgenden bespreche, sind in alphabetischer 
Reihenfolge mit den Buchstaben A bis F versehen. Alle für das Verständnis der 
Sache entbehrlichen Angaben über Alter, Beruf und sonstige persönliche Verhältnisse 
der Patienten habe ich fortgelassen. 

2 Den Ausdruck „E n t r ü c k u n g" entlehne ich von Breuer (cf. Breuer 
und Freud, Studien über Hysterie, Seite 191 der 2. Auflage). 



55 



sich „wie im Traum". Die Bezeichnung „Traumzustand", die von 
vielen Patienten spontan gebraucht wird, gründet sich auf die 
phantastische Gedankenrichtung im ersten und auf die Alteration des 
Bewußtseins im zweiten Stadium. 

Ich unterscheide weiter ein drittes Stadium der Bewußtseins- 
leere. Es wird charakterisiert durch das von den Patienten bemerkte 
„Stillstehen der Gedanken" (auch : „Leere im Kopf" oder ähnlich 
benannt). 

Den Abschluß bildet ein depressiver Zustand, dessen wichtigstes 
Kennzeichen der Affekt der Angst mit seinen gewohnten Begleit- 
erscheinungen (Schwindel, Herzklopfen usw.) bildet. Die meisten 
Patienten beschreiben überdies Phantasien von depressivem Charakter. 
Die Abgrenzung der einzelnen Stadien gegeneinander ist nicht 
absolut scharf. Im Gegenteil lassen sich Übergänge zwischen ihnen 
erkennen. Die praktische Brauchbarkeit und Wichtigkeit der Einteilung 
wird erst bei der Besprechung der genau analysierten Fälle hervortreten. 
Alsdann wird die obige, summarisch gehaltene Schilderung der einzelnen 
Stadien auch eine ausgiebige Vervollständigung erfahren. 

Den Höhepunkt des Zustandes bildet ohne Zweifel das dritte 
Stadium. _ Auf ihm findet, sozusagen, die Peripetie statt, nicht nur 
insofern, als die phantastische Produktion beim Eintritt dieses Stadiums 
eine jähe Unterbrechung erfährt. Von ebenso großer Bedeutung ist es, 
daß das dritte Stadium die Grenze zwischen zwei entgegengesetzten 
Affektbesetzungen bildet. Es ist keine spezielle Eigentümlichkeit des 
skizzierten Falles, daß der Traumzustand bis zum dritten Stadium als 
lustvoll geschildert wird, während dem letzten Stadium ein starker 
Unlustaffekt zugeschrieben wird. 

Wir vermögen so durch die Exploration des Patienten mancherlei 
Kenntnisse über Vorstellungen und Gefühle im Traumzustand, über den 
auslösenden Anlaß, über die Schwankungen des Bewußtseins zu erhalten. 
Würden wir eine Reihe weiterer Fälle in derselben Weise betrachten, 
so könnten wir noch dazu gelangen, die individuelle Mannigfaltigkeit 
in den genannten Beziehungen kennen zu lernen; wir würden auch 
Löwenfelds Angaben über die Differenzen in bezug auf Intensität 
und zeitliche Ausdehnung der Zustände bestätigen können. Damit 
sind wir aber an der Grenze der Erkenntnismöglichkeiten angelangt, 
sofern wir uns auf das dem Patienten Bewußte als einzige Quelle 
unseres Wissens beschränken. Unerklärt bleibt die Ursache des Auf- 
tretens der Traumzustände. Im allgemeinen begnügt sich der Neurotiker 
mit wachen Träumereien. Es bleibt dunkel, warum diese gelegentlich 
eine Steigerung zu akuten, anfallsähnlichen, mit einer leichten Alteration 



56 

des Bewußtseins verbundenen Zuständen erfahren. Unklar bleibt in 
ihrem ganzen Wesen die Entrückung, speziell das Gefühl des Fremd- 
artigen, Unwirklichen. Vollends in Dunkel gehüllt bleiben die temporäre 
Bewußtseinsleere und endlich das Auftreten der Angst mit ihren 
Begleiterscheinungen. Alle diese Erscheinungen sind überdies der 
individuellen Variation unterworfen. Jeder einzelne Fall bietet seine 
Rätsel. Insbesondere die Phantasien des Anfangsstadiums (und auch 
die des Schlußstadiums) sind ohne eingehende Analyse nur in ganz 
beschränktem Umfange verständlich. 

Den Schlüssel zur Lösung dieser Rätsel gibt uns die Kenntnis 
vom Phantasieleben des Neurotikers, die durch die psycho- 
analytischen Forschungen gewonnen wurde. 

Wir haben durch Freud gelernt, daß unsere Phantasien Verlaut- 
barungen unserer Triebe sind. Wünsche, deren Erfüllung verhindert 
ist, sucht unsere Einbildungskraft als erfüllt oder in Erfüllung begriffen 
darzustellen. Beim Neurotiker ist nun das gesamte Triebleben, sind 
alle Partialtriebe von ursprünglich abnormer Stärke. Gleichzeitig ist die 
Neigung zur Triebverdrängung besonders groß. Aus dem Konflikte 
zwischen Trieb und Verdrängung geht die Neurose hervor. Der 
Vielgestaltigkeit und der Macht seines Trieblebens, der Fülle verdrängter 
Wünsche entspricht es, daß der Neurotiker ein Phantast ist. 
Er neigt darum, wie die Erfahrung lehrt, in hohem Grade zur 
Tagträumerei ; auch sein Schlaf pflegt reich an lebhaften Träumen zu sein. 
Die Triebkraft seiner verdrängten Wünsche ist aber so gewaltig, daß 
der Neurotiker mit diesen auch dem Normalen eigenen Ausdrucks- 
mitteln nicht sein Auskommen findet. Die Neurose selbst steht ganz 
und gar im Dienste dieser Tendenzen. Der neurotische Traumzustand 
ist, wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll, nur eines der mannigfachen 
Phänomene, durch welche das Heer der verdrängten Wünsche sich 
manifestiert. 

Der Krankheitsfall, aus dessen umfangreicher Analyse ich das zum 
Verständnis der Traumzustände Notwendige nun zunächst mitteile, 
eröffnet klärende Einblicke in das Gewirr der einander verstärkenden 
oder unter sich widerstreitenden Triebregungen. Die Analyse läßt die 
alles beherrschende Bedeutung der Sexualphantasie erkennen; es wird 
vollkommen durchsichtig, daß die bewußten, dem äußeren Anscheine 
nach nicht sexuellen Phantasien durch den Prozeß der Sublimierung 
aus sexuellen Wünschen hervorgegangen sind. Die von der Zensur 
zum Bewußtsein zugelassenen Phantasien dienen lediglich zur Vertretung 
verdrängter Wünsche; ihre Triebkraft haben sie von den letzteren 
entlehnt. 



57 



Beobachtung B. 

Der Patient B leidet an einer ungewöhnlich schweren Hysterie 
mit Phobien und Zwangserscheinungen. Seine Angst, allein das Haus 
zu verlassen, macht ihn seit fünf Jahren zur Ausübung seines Berufes 
und überhaupt zu fast jeder sozialen Betätigung unfähig. Neben 
schweren Angstzuständen treten mit großer Häufigkeit Traumzustände 
bei ihm auf. 

Den ersten derartigen Zustand erlebte Patient, wie er sich 
erinnert, im Alter von zehn Jahren, als er sich einmal zurückgesetzt 
fühlte. Es bemächtigte sich seiner ein „Gefühl des Weltschmerzes", 
dem rasch Kontrastvorstellungen folgten: „Später, wenn ich erst groß 
bin, werde ich euch schon imponieren." Er geriet dabei in eine eksta- 
tische Begeisterung und empfand eine traumartige Veränderung seines 
Bewußtseins. Seither führt jede Situation, in der ihm die Überlegen- 
heit anderer und seine eigene Tatenlosigkeit besonders zu Bewußtsein 
kommen, einen Traumzustand herbei. Durch seine Lage ist er also zu 
solchen Zuständen fortwährend disponiert. Es genügt z. B., daß man 
in seiner Gegenwart die Tüchtigkeit oder die Erfolge eines Alters- 
genossen erwähnt; sofort reagiert er mit einem Traumzustand. Im 
Laufe der Zeit hat sich eine größere Variabilität in bezug auf den 
auslösenden Anlaß herausgebildet. Der Anblick weiblicher Personen, 
Theater, Musik, Lektüre wirken in diesem Sinne, indem sie bei dem 
Patienten ehrgeizige oder erotische Phantasien hervorrufen. Weniger 
leicht verständlich ist schon die auslösende Wirkung, welche von 
lebhafter Körperbewegung (z. B. Gehen auf der Straße) oder vom Hören 
starker Geräusche (z. B. Fahrt eines Eisenbahnzuges über eine Brücke) 
ausgeht. Am häufigsten tritt der Zustand auf der Straße ein. 

Alle diese Anlässe rufen zunächst eine lebhafte Tätigkeit der 
Phantasie hervor und zugleich den Vorsatz, mit aller Energie an der 
Verwirklichung der phantastischen Wünsche zu arbeiten. Patient rührt, 
wie er sich ausdrückt, seine ganze Willenskraft auf. Im JVlittelpunkt 
steht immer der Gedanke, dereinst aus der Absonderung hervorzutreten 
und aller Welt zu imponieren. Er wird einst durch großes Wissen 
Aufsehen erregen, wird als Autor eines Dramas vor den Vorhang 
gerufen werden und aller Blicke auf sich ziehen; oder er wird ein 
Meister im Schachspiel werden und als Simultanspieler im Cafe von 
Tisch zu Tisch gehen, die Figuren ziehen und dabei von bewundern- 
den Menschen beobachtet werden. In anderen Fällen erdenkt er sich 
die Idealgestalt eines großen Feldherrn, hinter der er seine ehrgeizigen 
Wünsche verbirgt. Die energischen Vorsätze dokumentieren sich 



58 

äußerlich darin, daß Patient im Zimmer liastig umhergeht oder auf 
der StraiJe einen Sturmschritt anschlägt. 

Patient selbst bezeichnet den geschilderten Vorgang als einen 
immer höher gehenden „Enthusiasmus". Dieser geht bald und 
unmerklich in das zweite Stadium über. Die Schilderung des Patienten 
ist sehr bezeichnend : es findet eine völHge „Nachinnenkehrung" statt, 
eine Ausschaltung aller äußeren Eindrücke. „Man verliert beim Phan- 
tasieren den Boden unter den Füßen." Das soll heißen, daß er die 
Herrschaft über den Flug seiner Gedanken verliert und sich völlig 
vom realen Boden entfernt. Nun kommt er sich wie im Traume vor, 
die ganze Umgebung, sogar der eigene Körper erscheint ihm fremd 
und es treten Zweifel an dessen wirklicher Existenz auf. Alsbald folgt 
das typische dritte Stadium : der Gedankenstillstand. Rasch tritt dann 
der Angstaffekt auf und leitet das vierte Stadium ein. Patient wird 
von Schwindel ergriffen; er hat das Gefühl, daß er nicht mehr 
vorwärts kommen, die Beine nicht mehr heben kann, als wenn er gleitet, 
fällt, versinkt. Diese Sensationen sind mit höchster Angst verbunden. Die 
Menschen erscheinen ihm merkwürdig groß ; dies gilt auch von den 
ihn umgebenden Gegenständen. Er selbst kommt sich klein vor, hat auch 
den Wunsch, es zu sein, um nur nicht gesehen zu werden; er möchte „als 
nichts gelten, ganz in die Erde sinken". Er beschreibt ferner das Gefühl, 
als müsse er auf allen Vieren kriechen, um nach Hause zu kommen. 

Patient bezeichnet die ersten Stadien als lustvoll ; doch tritt, wie 
er sich ausdrückt, schon während des Enthusiasmus eine entgegen- 
gesetzte Nebenströmung auf, die sich zuerst durch ein Kältegefühl 
bemerkbar macht. Wir treffen hier auf Parästhesien und vasomotorische 
Symptome als Begleiterscheinungen des Traumzustandes, die bisher 
nicht genügend beachtet worden sind. Im Stadium der Gedankenleere 
wird das Kältegefühl intensiv. Mit der Angst setzt manchmal eine 
plötzliche „Hitzewelle" ein, eine Kongestion nach dem Kopfe. Macht 
die Angst schließlich dem Gefühl der Schwäche Platz, so ist das Gefühl 
der Kälte stets sehr lebhaft ; zugleich besteht die Sensation, daß Teile 
des Körpers abgestorben seien. 

Das Eintreten eines Traumzustandes ist dem Patienten wegen 
der begleitenden Lust erwünscht. Er versucht jedoch manchmal, bevor 
der Höhepunkt, d. h. die Bewußtseinsleere, erreicht ist, den Vorgang 
zu unterbrechen. „Ich will mich vom Enthusiasmus losreißen, ich 
versuche, wie aus einer Wolke herauszukommen." Der Ausdruck „Wolke" 
ist zu beachten ; er deutet das Gefühl einer Umnebelung des Bewußtseins, 
also das Traumhafte an. Bei vorzeitiger Unterbrechung tritt Angst- 
und Schwächegefühl ein. 



59 



Das letzte Stadium ist bei diesem Patienten sehr protrahiert. Um 
sich von der Angst, die nicht weichen will, zu befreien, bedient er 
sich eines eigentümlichen Mittels : er zündet sich eine Zigarre an. 
Übrigens taucht auch schon im Stadium des Enthusiasmus der Wunsch 
zum Rauchen auf. 

Als ich auf die Analyse seiner Traumzustände einging, gab mir 
der Patient spontan die Erklärung, er halte diese Zustände schon seit 
langer Zeit für eine Art Vergeistigung des Sexualtriebes. Unsere 
Nachforschungen sollten diese Auffassung durchaus bestätigen. 

Patient gehört zu den Neurotikern, die sich in früher Kindheit 
der Masturbation ergeben und später mit ihrer masturbatorischen 
Neigung in einem steten Kampfe leben. Die Abgewöhnung der Onanie, 
oft mißlungen und immer wieder versucht, hat dem Patienten die 
bekannten Enttäuschungen, Selbstvorwürfe und hypochondrischen 
Sorgen eingetragen. Eine Reihe von Symptomen seiner Neurose steht 
unter dem determinierenden Einfluß dieses Vorganges; doch soll auf ~ 
diese hier nicht eingegangen werden. Der Konflikt zwischen Wunsch 
und Verdrängung hat, wie so oft in der Neurose, seinen Abschluß in 
einem Kompromiß gefunden. Der Patient hat oft für längere Zeit auf 
die Onanie verzichtet. Er meidet dann die körperliche Selbsterregung 
mitsamt ihrem Endziel, der Ejakulation. Für eine oberflächliche 
Betrachtung hat er damit die gewohnte Sexualbetätigung aufgegeben. 
Aber sein Unbewußtes verlangt eine Ersatzbefriedigung, deren Wesen 
und Ziel dem Bewußtsein entgeht, die daher ungehindert von hemmenden' 
Einflüssen vor sich gehen kann. 

Freud^ hat den Nachweis erbracht, daß gewissen episodischen 
Erscheinungen der Hysterie die Bedeutung einer Ersatzbefriedigung 
für die aufgegebene Masturbation zukommt ; wir müssen später dieser 
Anschauung unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Eine Ersatz- 
befriedigung in dem angegebenen Sinne ist nun auch 
der Traumzustand. Bevor ich diese Auffassung begründe, muß 
ich noch erwähnen, daß der Patient besonders neuerdings den Traum- 
zuständen auch zu solchen Zeiten unterworfen ist, in denen er dem 
Drange nach Masturbation häufig nachgibt. Doch spricht dies nur 
scheinbar gegen die Auffassung der Traumzustände als Ersatzbefriedigung. 
Denn gerade zu solchen Zeiten sind lebhafte Gegenvorstellungen 
vorhanden, die den Patienten hindern, dem Drange ganz ungehemmt 
nachzugeben. Die Triebstärke ist. außerdem so groß, daß eine volle 

' „Allgemeines über den hysterischen Anfall." Zeitschrift für Psychotherapie 
und medizinische Psychologie, 1909, auch in der zweiten Folge der „KI. Schriften 
zur Neurosenlehre", Wien 1909. 



60 



Befriedigung schwer zu erzielen ist. Auch bei häufiger Ausübung der 
Masturbation werden daher Surrogate nicht entbehrlich. Endlich bilden 
diese selbst eine Lustquelle und es ist bekannt, wie schwer namentlich 
der Neurotiker eine solche wieder aufgibt. 

Patient hat sich in der frühen Jugend gewöhnt, Tagträumereien 
nachzuhängen und auf der Höhe lebhafter Phantasietätigkeit der 
angesammelten Erregung durch Masturbation Abfuhr zu verschaffen. 
Als er sich von der Masturbation zu entwöhnen suchte, bedurften die 
Tagträumereien eines andern Abschlusses ; sie bilden seither die 
Einleitung zum Traumzustand wie früher zum Masturbationsakt. Das 
zweite und dritte Stadium — Entrückung und Bewußtseinsleere — 
entsprechen der steigenden Sexualerregung und ihrer Akme im Moment 
der Ejakulation. Das Endstadium mit Angst und Schwäche ist 
unverändert vom masturbatorischen Vorgang herübergenommen ; diese 
Symptome sind uns ja als jedesmalige Folgen der Masturbation bei 
Neurotikern geläufig. 

Diese Auffassung bedarf bezüglich des zweiten und dritten 
Stadiums noch einer weiteren Begründung. Ein der „Entrückung" im 
Traumzustand analoges Stadium findet sich auch im masturbatorischen 
Akt. Die steigende sexuelle Erregung führt zu einer Absperrung gegen 
alle äußeren Eindrücke. Dieser Vorgang findet sich im Traumzustande 
mehr ins Psychische übersetzt. Der Patient empfindet eine absolute 
„Nachinnenkehrung". Durch diese autoerotische Abschließung von der 
Außenwelt erhält er das Gefühl der Isoliertheit. Er „tritt aus der 
Gemeinschaft heraus"; seine Vorstellungen versetzen ihn in eine andere, 
seinen verdrängten Wünschen entsprechende Welt. So groß ist die 
Macht der verdrängten Wünsche, wenn sie einmal dem Unbewußten 
entsteigen, daß ihre phantasierte Erfüllung als Wirklichkeit, die 
Wirklichkeit aber als ein nichtiges Traumgebilde erscheint. Die gesamte 
Umgebung, selbst der eigene Körper, erscheint dem Patienten fremd 
und unwirklich. 

Das Gefühl des Isoliertseins ist vielen Neurotikern eigen, die 
sich zur einsamen Sexualbetätigung von der Welt zurückziehen. Unser 
Patient erinnert sich aus der frühen Jugend einer von ihm bevor- 
zugten Phantasie von einem verborgenen Zimmer, das irgendwo im 
Walde unter der Erde versteckt sei: dahin wünschte er mit seinen 
Phantasien zu flüchten. Der Wunsch machte später einer Angst 
Platz: der Angst, allein im geschlossenen Räume zu sein, die ihn 
noch als Erwachsenen beherrscht. 

Das dem dritten Stadium eigentümliche Schwinden der 
Gedanken, die Bewußtseinsleere, entspricht dem mehr oder weniger 



61 



erheblichen »Bewußtseinsentgang" (Freud^), wie er sich besonders 
ausgesprochen beim Neurotiker auf der Höhe jeder sexualen Erregung 
einstellt. Gleichzeitig setzt ein heftiges Schwindelgefühl oder eine 
andere, dem Schwindel ähnliche, aber schwer zu beschreibende 
Sensation ein. Unser Patient gibt mit Bestimmtheit an, daß das nämliche 
Gefühl bei der Masturbation im Augenblick der Ejakulation eintrete. 
Die kurze, der Entleerung der Sexualprodukte entsprechende Bewußt- 
seinspause findet sich auch im hysterischen Anfall. 

Nunmehr ist es nicht länger verwunderlich, daß der Traum- 
zustand bis zum Stadium der Bewußtseinsleere lustvoll ist. Er 
verleugnet dadurch nicht seine Herkunft von der Masturbation, die bis 
zu dem entsprechenden Stadium lustvoll, beim Neurotiker oft die 
lebhaftesten Unlustgefühle nach sich zieht. Sehr interessant ist es, daß 
der Patient, wie erwähnt, manchmal den Traumzustand vorzeitig, d. h. 
vor dem Eintritt der Bewußtseinsleere unterbricht. Das ist gleichsam 
ein Versuch, sich die Traumzustände abzugewöhnen. Ganz das gleiche 
tun Neurotiker sehr häufig, wenn sie sich von der Masturbation, 
entwöhnen wollen 2. Sie sind oft der Meinung, der Samenverlust sei das 
eigentlich Schädliche an der Masturbation und begnügen sich daher 
mit einer vor der Ejakulation abgebrochenen Masturbation. Sie geben 
sich dann der beruhigenden Vorstellung hin, in Wirklichkeit nicht 
masturbiert zu haben. Diesem Sophismus kann man bei Nervösen 
häufig begegnen. Den Verzicht auf die Endlust suchen sie durch sehr 
ausgiebigen Vorlustgenuß wettzumachen. Der abschließenden Angst 
freilich vermögen sie nicht zu entgehen. Die zu einer gewissen Höhe 
angewachsene Sexualerregung, der die Abfuhr versagt wird, verwandelt 
sich in Angst. 

Wenn wir nun in dem Traumzustand die Ersatzbefriedigung für 
eine aufgegebene Form der Sexualbetätigung erkennen, so sind wir 
doch noch entfernt von einem vollen Verständnis seiner Eigentümlich- 
keiten. Die Phantasien im ersten und vierten Stadium sind so indivi- 
dueller Natur, daß wir sie nur aus einer genauen Kenntnis des Trieb- 
lebens des Patienten werden begreifen können. 

Bei dem Patienten haben sich in der dem Psychoanalytiker 
geläufigen Art die infantilen Neigungen in solchem Grade an die ihm 
am nächsten stehenden Personen fixiert, daß in der Pubertät die 
normale Ablösung nicht gelingen konnte. Es handelt sich im vorliegen- 
den Falle um eine ausgesprochen bisexuelle Fixierung. Die 

1 .Allgemeines über den hysterischen Anfall", 1. c. • 

2 Vgl. hiezu Rohleder, Über' Masturbatio interrupta. Zeitschrift für Sexual- 
wissenschaft, 1908. 



62 

heterosexuelle Komponente seiner Libido hat zum Objekt die M ut t e r. 
Ihr gegenüber identifiziert er sich mit dem (übrigens verstorbenen) 
Vater. Mit seiner homosexuellen Komponente hängt er dem Vater 
an und identifiziert sich ihm gegenüber mit der Mutter. So spielt er 
in der Neurose bald den Vater, bald die Mutter. Im allgemeinen ist 
das Verhalten des Patienten als ein äußerst passives zu bezeichnen; 
er ergibt sich in das Elend seiner Neurose. Auch seine Liebe zum 
Vater, der eine sehr energische Persönlichkeit v\^ar, trägt den Charakter 
der Unterwerfung unter eine unbedingt überlegene Person. Patient 
bietet die typische Eifersucht des Neurotikers, die sich aus seiner 
Kindheit erhalten hat. Als Knabe betrachtete er den Vater als seinen 
Rivalen bei der Mutter, während die Mutter seiner Neigung zum Vater 
im Wege stand. Daraus ergaben sich feindselige Wünsche, die — wie 
so oft bei neurotischen Kindern — in der Phantasie, Vater oder 
Mutter zu töten, gipfelten. Diese Äußerungen des Sadismus fanden 
eine intensive Verdrängung. Von der Fortdauer dieser Wünsche im 
Unbewußten legt eine große Zahl von Träumen, in denen er den 
Tod des Vaters oder der Mutter erlebt, Zeugnis ab. Dazu kommen 
häufige Tagesphantasien der gleichen Art sowie plötzliche aggressive 
Impulse. Die Vorstellung, verbrecherisch zu sein, sowie eine Menge 
psychischer Zwangserscheinungen beruhen auf jenen verdrängten 
Regungen und auf gewissen Fällen aggressiver Betätigung im Kindes- 
alter und in der Pubertät. 

Die Aggressionsneigungen wurden in weitem Umfang sublimiert. 
Sie könnten nun Verwendung finden als impulsive Energie und als 
Neigung zu hochfliegenden Plänen auf anderem als erotischem Gebiet. 
Aber dieser Wall genügt nicht gegen eine solche Impulsivität der Triebe. 
Zu ihrer wirklichen Unschädlichmachung müssen sie geradezu in ihr 
Gegenteil verkehrt werden. Die gewalttätigen Regungen gegen die 
Mutter werden ersetzt durch völlige Passivität, durch eine absolute 
Abhängigkeit von der Mutter, die bei dem längst erwachsenen 
Patienten fortdauert. Er ist nun gänzlich an sie und an das Haus 
gefesselt wie ein kleines Kind. Dies ist die wichtigste Quelle der 
Angst, die ihn hindert, allein das Haus zu verlassen. Man vermißt 
diese Abhängigkeit von einer bestimmten Person (oder auch von 
mehreren) in keinem Falle von Straßenangst. Der Versuch, sich allein 
vom Hause zu entfernen, würde eine dem Patienten verbotene Aktivität 
in sich begreifen, er würde syiiibolisch eine Ablösung von der Mutter 
bedeuten und — wie die Analyse ergibt — zugleich eine Hinwendung 
nach der väterlichen (homosexuellen) Seite. Will Patient sich von den 
heterosexuellen Inzestphantasien losreißen, so verfällt er den homo- 



63 



sexuellen, die wiederum vom Bewußtsein energisch abgewiesen 
werden. Es findet also eine umfassende Triebunterdrückung statt; 
ihr entspricht die besondere Heftigkeit der nervösen Angst in 
unserem Falle. 

Der Patient korrigiert nun, wie jeder Neurotiker, die unbefriedigende 
Wirklichkeit mit Hilfe seiner Phantasie. Er macht von diesem Mittel 
besonders dann Gebrauch, wenn ein äußerer Anlaß ihm vor Augen 
führt, wie sehr er sich durch seine kindliche Abhängigkeit und durch 
sein passives Verhalten, namentlich aber durch seinen Hang zur 
Masturbation von gesunden Altersgenossen unterscheidet. Schon als 
Knabe litt er unter diesem Empfinden ; sein heftiger Wunsch war es, 
sein zu können „wie die andern". Er quälte sich mit Vorwürfen, daß 
er sich durch seme Neigungen von den „andern" entferne, daß er 
dadurch unfähig werde, mit den anderen zu konkurrieren. Besonders 
peinigte ihn die Befürchtung, den anderen lächerlich oder verächtlich 
zu erscheinen. Aus diesen Gründen erklärt sich die übermäßige 
Empfindlichkeit für eine Zurücksetzung gegenüber „andern". In der 
Zurücksetzung sah er ein Zeichen dafür, daß man ihn nicht achte. 
Das mußte alle seine unterdrückte Aktivität in Aufruhr bringen. Seine 
ursprünglichen Aggressionsneigungen hätten ihn auf eine Zurück- 
setzung mit einem Gewaltakt antworten lassen. Aber sie wurden ja 
frühzeitig durch „Reaktionsbildung" unschädlich gemacht und wagten 
sich nur noch als geheime Phantasien hervor. Auf eine Beeinträchtigung, 
die ihm seiner Meinung nach zuteil geworden war, reagierte er mit 
sublimierten Aktivitätswünschen, mit Größenphantasien, deren 
Erfüllung er in die Zukunft verlegte: „wenn ich nur erst einmal 
erwachsen bin ... ." 

Je mehr Patient heranwuchs, um so mehr trat das Gefühl bei 
ihm hervor, er bleibe ein Kind. Es entging ihm, daß es der stärkste 
Wunsch seines Unbewußten war, diesen kindlichen 
Zustand zu erhalten. Sein Bewußtsein reagierte darauf mit der 
entgegengesetzten Tendenz. Jeder Traumzustand diente dem Wunsch, 
e-rw a c h s e n zu sein. Das bedeutete für ihn ein Vielfaches : unabhängig, 
selbständig, energisch zu sein (wie der Vater), frei von der ihn be- 
herrschenden Gewohnheit und vor allem fähig zu sexueller Aktivität. 
Denn die Angst vor Impotenz beherrscht ihn wie jeden Neurotiker, 
der von der infantilen Sexualbetätigung und von den Objekten der 
infantilen Sexualphantasie nicht lassen kann. 

Mit den Größenphantasien, die wir von der Sublimierung 
„sadistischer" Regungen ableiteten, verbindet sich bei dem Patienten 
regelmäßig die Vorstellung, sich vor Zuschauern hervorzutun, aller 



64 

Blicke auf sich zu lenken. Sie erklärt sich aus der Sublimierung 
verdrängter Exhibitionswünsche. Bei Neurotikern, die einen krankhaft 
gesteigerten Ehrgeiz aufweisen, konnte ich stets den Nachweis erbringen, 
daß in diesem Charakterzuge die verdrängten sadistischen und 
exhibitionistischen Wünsche sich gewissermaßen einen gemeinsamen 
Ausweg suchen. In unserem Falle läßt sich nun feststellen, daß es in 
der Jugend wirklich zu sadistisch-exhibitionistischen Handlungen 
gekommen ist, aus denen der Patient schwere Selbstanklagen herleitet. 
Die immer wieder notwendige Verdrängung dieser Triebe ist eine 
stetige Quelle der Angst. Er vermag z. B. nicht die Straßenbahn zu 
benutzen, weil oft plötzlich der Impuls auftaucht, vor den anwesenden 
Personen zu exhibieren oder auf eine weibliche Person einen sexuellen 
Angriff zu machen. Ähnliche Impulse treten auch sonst, z. B. in der 
Unterhaltung mit Frauen auf. Der Sublimierungsprozeß führt nun zu 
einem partiellen oder gänzlichen Verzicht auf das ursprüngliche Ziel 
des Exhibitionstriebes, die Entblößung. Die unerlaubte Exhibition wird 
durch Phantasien ersetzt, die sich mit einem weit harmloseren Ziel 
begnügen. Der Patient zieht die Blicke der Menschen auf sich, aber 
nicht die sexuell begehrenden oder neugierigen, sondern die 
bewundernden Blicke. 

Wir hatten verschiedenartige Eindrücke kennen gelernt, welche 
bei dem Patienten zum Auftreten der Traumzustände Anlaß geben. 
Ihre Wirkung beruht, wie wir nunmehr . sagen können, darauf, daß 
sie Wünsche der sexuellen Aggression oder der Exhibition bei ihm 
wachrufen, die in sublimierter Form zum Ausdruck gebracht werden. 
Daß der Anblick weiblicher Personen einen Traumzustand auslösen 
kann, ist nun leicht verständlich. Wird dem Patienten anderen, 
tatkräftigen Menschen gegenüber seine Passivität allzu fühlbar, so korri- 
giert er die Wirklichkeit, indem er sich mit Hilfe seiner Einbildungs- 
kraft zu einem sehr aktiven Manne macht, der die Aufmerksamkeit 
auf sich zieht. Starke Körperbewegung kann zur auslösenden Ursache 
dadurch werden, daß sie dem Patienten das Gefühl der Aktivität gibt. 
Das Poltern eines Eisenbahnzuges erregt in ihm den Wunsch nach 
Kraftentfaltung. Auch die sich nun anschließenden Phantasien gehören 
ganz in das Gebiet .der erwähnten Betriebe. Als Simultan-Schach- 
spieler im Cafe von Tisch zu Tisch zu schreiten, das ist allerdings 
eine besonders gute Gelegenheit, sich den Blicken anderer zu expo- 
nieren. Das Schachspiel selbst bietet überdies dem Patienten, wie die 
Analyse ergeben hat, vollauf Gelegenheit zur Betätigung sublimierter 
Triebe. Daß auf dem Brett zwei Parteien kämpfen, daß man angreift, 
schlägt, die feindliche Stellung zertrümmert usw., das sind Vorstel- 



65 

lungen, die den Patienten seiner eigenen Aussage nach geradezu faszi- 
nieren. Er schwelgt in diesen technischen Ausdrücken; er befriedigt 
in einsamen Schachübungen seinen Aggressionstrieb. 

Während die phantasierte Erfüllung seiner ehrgeizigen Wünsche, 
d. h. die Befriedigung sublimierter Triebe, mit Gefühlen der Lust 
verbunden ist, weist das Schlußstadium des Traumzustandes den 
entgegengesetzten Affekt der Angst auf. Es läßt sich nun dartun, daß 
auch der Inhalt der Phantasien im Schlußstadium in einem gegensätz- 
lichen Verhältnis zum Inhalt der einleitenden Phantasien steht. 

Im Beginn des Traumzustandes erhebt sich der Patient aus seiner 
habituellen Passivität zur Aktivität. Das Schlußstadiura leitet wieder 
zu dem alten Zustand hinüber. An Stelle der großen Pläne finden 
wir jetzt Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Der Patient, der 
vorhin voller Kraftgefühl war und in Sturmschritt verfiel, fühlt sich jetzt 
schwach und in seinen Bewegungen gehemmt. Er glaubt, nicht mehr 
vorwärts kommen zu können — eine treffende, symbolische Charakte- 
ristik seiner tatsächlichen Situation. Er wird wieder zum kleinen 
Kinde, das ja nicht allein laufen kann \ Die unbewußte Tendenz, die 
den infantilen Zustand aufrecht erhalten will, hat den Sieg davon- 
getragen. Darum kommt Patient sich so winzig vor, erscheinen ihm 
Menschen und Dinge so groß l Wie ein Kind, das noch nicht laufen 
gelernt hat, möchte er auf allen Vieren kriechen, nach Hause zur 
Mutter. Wollte er vor wenigen Augenblicken noch aller Blicke auf 
sich lenken, so möchte er jetzt verschwinden, in den Boden sinken, 
um nur nicht gesehen zu werden. 

Das sehr intensive Gefühl der Schwäche im vierten Stadium 
ist mehrfach determiniert. Es bedeutet zunächst die befürchtete sexu- 
elle Schwäche. Nahm Patient im Beginn des Traumzustandes einen 
Anlauf zur kraftvollen Aktivität, so fällt er nun wieder in die Passivität 
zurück ; es fehlt ihm die männliche Kraft. Das Gefühl, vor Schwäche 
nicht stehen zu können, enthält einen symbolischen Hinweis auf die 
Impotenz. Eine weitere Determinierung für diese Hinfälligkeit geben 
die Todesphantasien, die ja niemals fehlen, wenn Aggressionspläne 
gegen Angehörige unterdrückt werden mußten. Diese Todesphantasien 
des Schlußstadiums stehen in einem beachtenswerten Gegensatze zu 
der energischen Vitalität im einleitenden Stadium. 



1 Auf die anderweitigen Determinierungen des .Gleitens" und „Fallens" will 
ich hier nicht eingehen. 

2 Dies die wichtigste Ursache des als .Makropsie" beschriebenen Symptoms. 
Ich habe es in ganz gleicher Weise in den Angst anfallen einer Patientin 
beobachtet. 



66 

Aggressionstrieb und Exliibitionstrieb sind nun wieder der Unter- 
drückung verfallen. Aus dem zurückbleibenden Zustand der Depression 
sucht Patient sich, wie erwähnt wurde, durch Rauchen einer Zigarre 
zu befreien. Es ist aber nicht so sehr die Nikotinwirkung, der die 
Depression allmählich weicht. Vielmehr hat auch das Rauchen für den 
Patienten die Bedeutung einer Ersatzbefriedigung. Es ist ein Zeichen 
der Männlichkeit, die er entbehrt i. Das Rauchen ist ihm ein Trost in 
dieser Situation. 

Die vasomotorischen und parästhetischen Begleiterscheinungen 
erfordern ein gesondertes Eingehen. Das von diesem Patienten (und 
wie sich zeigen wird, auch von anderen) beschriebene Hitzegefühl 
gehört zu den normalen Begleiterscheinungen der Sexualerregung; es 
wurde aus dem masturbatorischen Akt in den Traumzustand über- 
nommen. Es ist bemerkenswert, daß Patient auch sehr leicht errötet; 
sobald er unter Menschen kommt, tritt seine außerordentlich erregbare 
Sexualphantasie in Tätigkeit und äußert sich im Körperlichen durch 
die Hitzewelle. Es kann uns nicht verwundern, daß diese kongestive 
Blutwelle auch die Aktivitätsphantasien des Patienten begleitet, denn 
letztere vertreten ja nur unbewußte Sexualphantasien. 

Schon während der phantastischen Exaltation nimmt der Patient 
neben der aufsteigenden Hitze eine „Unterströmung" von Kälte und 
Angst wahr. Im abschließenden Stadium der Angst ist das Kältegefühl 
vorherrschend. Im allgemeinen also tritt das Hitzegefühl auf, wenn 
Patient sich zur sexuellen Aktivität aufschwingen möchte, während das 
Kältegefühl erscheint, wenn mit der Umwandlung der Triebregungen 
in Angst die Verdrängungstendenz wieder die Oberhand gewinnt. Das 
Blut wird nun nicht mehr nfit der vorherigen Heftigkeit nach der 
Peripherie getrieben. Das nun einsetzende Kältegefühl ist jedoch noch 
anderweitig determiniert. Patient fühlt, wie ihm Körperteile absterben ; 
er glaubt, im nächsten Augenblick zusammenzubrechen, hinzuschwinden. 
Es kommt also im vierten Stadium zu einem symbolischen Sterben, 
welches u. a. in dem Kältegefühl seinen Ausdruck findet. Die weiter 
fortgesetzte Analyse ergibt dann, daß auch dieses Sterben eine 
doppelte Bedeutung hat. Es erhält einen besonderen Sinn durch die 
vom Patienten befürchtete Impotenz; die eigentliche Lebenskraft 
fehlt ihm. 

Dient das erste Stadium 4es Traumzustandes den Phantasien 
von der kraftvollen Männlichkeit, so weist das letzte Stadium eine 
Verdichtung zweier Vorstellungsreihen auf, welche den Männlichkeits- 

1 Ich gehe der Kürze halber auf die anderen Determinationen des Rauchens 
(Betätigung der Mundzone ; Identifikation mit dem Vater) nicht näher ein. 



67 

t 

Phantasien entgegengesetzt sind: 1. ein Kind bleiben und 2, sterben. 
Der erwachsene Mann mit seiner energischen Vitalität steht in der 
Mitte zwischen Kindheit und Tod. 

Die Traumzustände dieses Patienten gewähren uns Einblicke in 
den Kampf zwischen Trieb und Verdrängung, wie er sich in jeder 
Neurose abspielt. Verdrängte Triebe von ursprünglich abnormer Stärke 
ringen sich vom Unbewußten los, um rasch den verdrängenden Mächten 
wieder zu erliegen. Jeder solche Zustand dieses Patienten stellt eine 
Revolution gegen die Neurose dar, freilich eine stets vergebliche. Schon 
der nächste Fall wird aber zeigen, daß die Traumzustände nicht bei 
allen Patienten die nämliche Tendenz haben. 

Beobachtung C. 

Die Ti-aumzustände entstehen bei der Patientin C ebenfalls, 
wenn sie sich durch eine aktuelle Situation, der sie nicht entgehen 
kann, gequält, deprimiert, erniedrigt fühlt. Ein Gespräch mit peinlichem 
Inhalt gibt den Anlaß, oder ein körperliches Übelbefinden. In dieser 
Beziehung kommt besonders der Menstruation die Rolle des 
auslösenden Anlasses zu. Die Patientin äußert: „Während der Periode 
geht mir jede Realität verloren." Ganz wie bei dem vorigen Patienten 
findet auch hier im Traumzustand eine Isolierung von der Außenwelt 
statt. Man könnte nun nach Analogie jenes Falles erwarten, der 
Traumzustand entführe die Patientin der quälenden Wirklichkeit. Das 
Gegenteil trifft zu. Tatsächlich versetzt Patientin sich durch ihre 
Phantasien in einen Zustand noch größeren Leidens, in absolute 
Passivität, und zieht daraus masoch istischen Lustgewinn. Aus ihrer 
Kindheit ließen sich interessante Details über wirkliche masochistische 
Betätigung mitteilen. Aber auch jetzt ist diese Triebrichtung deutlich 
erkennbar. Die Patientin versteht es nämlich, ganz wie ich es auch 
bei verschiedenen anderen Patienten sah, den Traumzustand 
auch willkürlich herbeizuführen. „Manchmal verlockt mich 
etwas, den Traumzustand herbeizuführen." Sie rezitiert zu diesem 
Zwecke aus dem Gedächtnis eine Stelle aus Hebbels „Maria 
Magdalena" (III. Akt, 2. Szene). Es sind folgende Worte der Klara: 

„Ich will dir dienen, ich will für dich arbeiten, und zu essen 
sollst du mir nichts geben, ich will mich selbst ernähren, ich will bei 
Nachtzeit nähen und spinnen für andere Leute, ich will hungern, wenn 
ich nichts zu tun habe, ich will lieber in meinen eigenen Arm hinein- 
beißen, als zu meinem Vater gehen, damit er nichts merkt. Wenn du 
mich schlägst, weil dein Hund nicht bei der Hand ist oder weil du 



6* 



68 

ihn abgeschafft hast, so will ich eher meine Zunge verschlucken, als 
ein Geschrei ausstoßen, das den Nachbarn verraten könnte, was 
vorfällt. Ich kann nicht versprechen, daß meine Haut die Striemen 
deiner Geißel nicht zeigen soll, denn das hängt nicht von mir ab, 
aber ich will lügen, ich will sagen, daß ich mit dem Kopf gegen den 
Schrank gefahren oder daß ich auf dem Estrich, weil er zu glatt war, 
ausgeglitten bin, ich wills tun, bevor noch einer fragen kann, woher 
die blauen Flecke rühren. Heirate mich — ich lebe nicht lange. Und 
wenn's dir doch zu lange dauert und du die Kosten der Scheidung 
nicht aufwenden magst, um von mir loszukommen, so kauf Gift aus 
der Apotheke und stell's hin, als ob's für deine Ratten wäre, ich 
will's, ohne daß du auch nur zu winken brauchst, nehmen und im 
Sterben zu den Nachbarn sagen, ich hätt's für zerstoßenen Zucker 
gehalten!" 

Die Patientin gerät, wenn sie diese typisch masochistischen 
Vorstellungen in sich eingesogen hat, in einen Zustand traumhafter 
Entrückung. Sie empfindet als lustvoll einerseits die masochistische Unter- 
werfung der Klara, mit welcher sie sich identifiziert, andererseits ihre 
eigene Isolierung von der Welt. Sie betont mit großem Nachdruck 
das Lustvolle dieser Abgeschiedenheit ; in ihren Träumen durchlebt sie 
ähnliche Situationen. Die Welt ist ihr fern, der eigene Körper erscheint 
ihr verändert, die eigene Stimme fremd. „Der Mensch, der da spricht, 
ist mir ganz fremd." Um die Qual noch zu erhöhen, nehmen alle 
Dinge bizarre, verzerrte Formen an, so daß sie an Zeichnungen von 
Kubin erinnern. „Alles ist grausamer, schwärzer als in Wirklichkeit." 
Diese masochistischen Phantasien gipfeln in Vorstellungen vom Tode, 
in der Idee, zum Fenster hinausspringen zu müssen usw. Nach Über- 
schreitung des Höhepunktes setzt heftige Angst ein. Dazu gesellen 
sich angstvolle Vorstellungen, die entsprechend der momentanen Lage 
variieren. Macht Patientin z. B. auf der Straße den Zustand durch, 
so hat sie das Gefühl, sie müsse fallen, sie könne nicht allein nach 
Hause gelangen, müsse irgend einen beliebigen Mann ansprechen. 
„Fallen" und „einen beliebigen Mann ansprechen" sind doppelsinnige 
Ausdrücke. Sie charakterisieren nicht nur den Zustand der Hilflosigkeit 
und Hilfsbedürftigkeit, sondern sie deuten auf die bei hysterischen 
Frauen so häufigen, aber streng geheim gehaltenen Prostitutions- 
phantasien hin 1. Patientin empfindet den Trieb, sich dem ersten besten 
Manne hinzugeben und hat dies zu Zeiten, in denen Zustände wie 
die geschilderten häufig auftraten, wirklich getan. Die Prostitutions- 

1 Diese kommen bei der Patientin in häufigen Träumen zum deutlichsten 
Ausdruck, desgleichen in verräterischen Symptomhandlungen. 



69 

gelüste erscheinen hier nur als eine spezielle Form des Masochismus; 
sie begreifen für die Patientin, die im allgemeinen selbstbewußt, ja 
herrschsüchtig ist, die tiefste Erniedrigung in sich. 

Bei dieser Patientin lernen wir auch das Vorkommen sehr 
protrahierterTraumzustände kennen, wie ihrer L ö w e n f e 1 d 
ebenfalls Erwähnung tut. Bei manchen Neurotikern dauert das Gefühl, 
in einem Traum -befangen zu sein, mitsamt den Zweifeln an der 
Realität der Umgebung durch Monate und noch darüber. Patientin 
litt sehr lange unter dem Eindruck, alles um sie sei nur ein Schau- 
spiel, sie selbst sei körperlich tot, sei nur ein geistiges Wesen, das 
die wirkliche Welt beobachte, ohne mit ihr irgend etwas gemein zu 
haben. Sie erklärt, dieser langdauernde Zustand sei eigentlich eine 
Qual gewesen, aber eben dadurch habe er ihr den Zugang zu Dingen 
verschafft, die ihr sonst verschlossen geblieben wären. Diese Zustände 
gestatteten es der Patientin, sich aus der Welt, die ihre Wünsche 
unbefriedigt ließ, in eine Traumwelt zu flüchten. 



Beobachtung D. 

Der noch jugendliche Patient D leidet seit seiner Kindheit an 
einer schweren Hysterie, die ihn fast völlig unsozial macht. Er spricht 
z. B. mit anderen Menschen kaum das Nötigste und vermeidet es, in 
Gegenwart Fremder zu essen, weil er bei jeder solchen Gelegenheit 
schwere Angst ausstehen muß. Schon durch seine Art zu leben schließt 
er sich also gegen die Außenwelt ab. Dieser Tendenz dienen auch 
seine Traumzustände. 

Das Sonderlingsleben eines so jungen Mannes ist motiviert durch 
eine ganz ausnahmsweise starke Fixierung der Libido an die nächsten 
Angehörigen. Patient ist außerordentlich fest an den engen Kreis dieser 
Personen gebunden; jedes Hinaustreten aus diesem erregt Angst. Geht 
er aus dem Hause, will er Fremden einen Besuch machen, will er 
mit einem Vorgesetzten sprechen, stets tritt Angst ein. Die ungewöhnlich 
starke Sexualphantasie des Kranken hängt an seiner Familie, und zwar 
sind nicht nur seine heterosexuellen Wünsche an Mutter und Schwester 
fixiert, sondern in ganz besonderem Grade beschäftigt er sich in homo- 
sexuell-masochistischem Sinne mit der Person seines Vaters. Nähert 
sich Patient nun irgend einem fremden Menschen, so beschäftigt sich 
seine Sexualphantasie sofort mit diesem. Der Versuch einer „Über- 
tragung" erfährt aber ebenso rasch eine Unterdrückung. Patient wollte 
einen Augenblick lang aus dem engen Kreise heraustreten, aber die 
Fixierung seiner Libido auf die Angehörigen ist zu stark und so folgt 



70 

jedem Versuche, den er in dieser Richtung unternimmt, die Angst 
auf dem Fuße. 

Die erwähnten sexuellen Phantasien bildeten für den Patienten 
stets die Einleitung zur Masturbation. Er betreibt nun die Masturbation 
in einer raffinierten Weise, indem er nie brüske Manipulationen 
anwendet, sondern im Gegenteil ganz leichte, dafür aber lange fortgesetzte 
Reize appliziert (leichtes Zusammenpressen der Schenkel, Manipulationen 
durch die Kleider hindurch). Unter diesen körperlichen Reizen und 
den sie begleitenden Phantasien tritt nun die traumhafte Entrückung 
ein. Es kommt beim Patienten nie zur Ejakulation, dagegen zu einem 
sehr ausgeprägten Stadium der Bewußtseinsleere. Wir sehen in diesem 
Falle die Traumzustände noch in ihrer direkten und ursprünglichen 
Verknüpfung mit der Masturbation. Doch treten sie auch ganz spontan 
auf, und zwar namentlich in Anwesenheit des Vaters des Patienten. 
Dann regen sich eben jene Phantasien, denen Patient in der 
Einsamkeit nachhängt. Sie leiten jetzt den Traumzustand wie sonst 
die Masturbation ein. 

Jahrelang hat Patient diese für ihn in hohem Grade lustvollen 
Zustände während des Schulunterrichtes genossen. Er war, wie seine 
Lehrer bemerkten, ohne Teilnahme für den Unterricht und meist wie 
geistesabwesend. Ihn beherrschten eben Phantasien, die vom Unter- 
richte weit abseits lagen. Wurde er nun durch eine Frage des Lehrers 
aus seinem Dämmern aufgescheucht, so trat heftige Angst ein. Im 
Laufe der Jahre hat sich in dieser Hinsicht bei ihm nichts geändert. 
Der Traumzustand dient ihm auch jetzt dazu, sich in völliger Einsamkeit 
abzuschließen. Er ist ganz in sich gekehrt und es fällt ihm schwer, 
sich auf irgend etwas, das außerhalb des Kreises seiner Phantasien 
liegt, zu konzentrieren. Befindet der Patient sich in einer ihm 
unerwünschten Situation, so ruft er nicht selten den Traumzustand 
willkürlich durch ein einfaches Mittel hervor, das den Abschluß gegen 
äußere Eindrücke in deutlichster Weise symbolisiert: er schließt die 
Augen. Während der psychoanalytischen Sitzungen schloß er die 
Augen stets, wenn wir auf ein Gebiet kamen, über das er nicht 
zu reden wünschte. Dann war es unmöglich, auch nur ein Wort aus 
dem Patientefi herauszubringen, der wie erstarrt und geistesabwesend 
dasaß. Als ich ihm erklärte, die Traumzustände erforderten ein genaues 
psychoanalytisches Eingehen, trat sofort ein Traumzustand ein, der 
natürlich ein solches Eingehen zunächst unmöglich machte. Übrigens 
ist Patient auch imstande, den Traumzustand selbst zu unterbrechen. 
Er tut dies durch einen plötzlichen Ruck des Kopfes. 

Eine besondere Verwendung findet der Traumzustand noch, wenn 



71 



Patient unter einem eigentümlichen, psychisch bedingten Schmerz zu 
leiden hat. Er ruft dann durch sexuell erregende Manipulationen den 
Traumzustand hervor. Der Schmerz verwandelt sich dann 
allmählich in ein Lustgefühl. 



ganz 



Beobachtung E. 

Auch bei dem Patienten E begegnen wir einer überaus starken 
infantilen Sexualübertragung auf beide Eltern und vermissen nicht 
die stets zugehörigen, vom Bewußtsein streng abgelehnten Todes- 
wünsche. Diese letzteren waren besonders auf die Mutter gerichtet, 
durch den Vorgang der Reaktionsbildung aber in eine übergroße 
Anhänglichkeit von durchaus kindlichem Charakter verwandelt. Dem 
längst erwachsenen Manne kommt es noch jetzt sonderbar vor, daß 
er erwachsen ist ; er hat das Gefühl, eigentlich noch ein Kind zu sein. 
Es ist sehr bemerkenswert, daß der Tod der Mutter bei diesem Patienten 
den ersten Traumzustand auslöste, welcher einen sehr protrahierten 
Verlauf nahm. Patient hatte viele Monate hindurch beständig das 
Gefühl, im Traum umher zu gehen ; nur die Intensität dieses Gefühles 
bot große Schwankungen. Ganz spontan äußert Patient: „Ich kann 
mir die Realität nicht vorstellen, wenn ich nicht 
Seite an Seite mit ihr (der Mutter) bin." An die Stelle der 
verdrängten Phantasien, die sich einst gegen das Leben der Mutter 
gerichtet hatten, ist also im Bewußtsein die Vorstellung getreten, das 
eigene Leben des Patienten hänge vom Leben der Mutter ab und 
höre auf, wenn das ihrige aufhöre. Die Todesphantasien haben sich 
gegen den Patienten selbst gekehrt. Er äußert weiter wörtlich : „Hand 
in Hand damit geht die Vorstellung vom Unwert alles Vorhandenen". 
Mit dem Tode der Mutter hat die Welt aufgehört, für den Patienten 
Wert zu haben! Seine Libido zieht sich zeitweise von den Dingen 
zurück. Nun erscheint ihm, ganz wie wir es bei den anderen Kranken 
sahen, alles fremd, als hätte er es nie gesehen. Die Menschen, mit 
denen er spricht, scheinen ihm gar nicht wirklich zu existieren. Alle 
früheren Erlebnisse — d. h. diejenigen, welche sich zu Lebzeiten 
seiner Mutter zugetragen haben — sind weit von ihm abgerückt: 
„Rückwärts hat alles etwas Traumhaftes, als wäre es unendlich 
lange her." 

Der geschilderte Zustand herrscht auch jetzt öfter, ohne daß 
sein Kommen und Gehen dem Patienten besonders auffällt. Patient 
ist auch im allgemeinen imstande, die in seinem Berufe notwendige, 
sehr intensive geistige Arbeit zu leisten. In den letzten Jahren sind 



72 

nun Traumzustände von kurzer Dauer und akutem Verlaufe hinzu- 
getreten. Sie haben eine sehr eigenartige Entstehungsgeschichte. 

Patient leidet an periodischen Kopfschmerzen von quälendster 
Heftigkeit, über deren Ursprung später einiges erwähnt werden soll. 
Vor ungefähr drei Jahren entschloß er sich, die Hilfe eines Nerven- 
arztes in Anspruch zu nehmen, der sich speziell mit hypnotischer 
Therapie beschäftigte. Da eine Reihe von Versuchen nicht zu einer 
Hypnose führte, gab Patient die Behandlung auf, versuchte nun aber 
selbst, sich in einen von dem gewöhnlichen abweichenden Bewußtseins- 
zustand zu versetzen, in der Hoffnung, dadurch den Kopfschmerz zu 
verlieren. Es gelang ihm eine Anzahl von Malen, einen solchen 
höchst lustvollen Zustand hervorzurufen, den er selbst als 
eine „Autohypnose" auffaßt. Der Kopfschmerz wurde freilich dadurch 
nicht beeinflußt. ^ 

Patient hat den Wunsch, hypnotisiert zu werden, auch mir wieder- 
holt und auffallend eindringlich geäußert. Die Unterordnung unter den 
Willen eines andern liegt in der Richtung seines iVlasochismus. Er 
spricht es selber aus, daß sein höchstes Ideal sei, sich völlig passiv 
verhalten zu können, daß er es als eine Qual empfinde,, im Leben alle 
seine Energie anstrengen zu müssen. Seine Sexualität bietet unverkenn- 
bare masochistische Züge in Menge. Lange Zeit masturbierte er unter 
masochistischen Phantasien, bis er sich unter schweren Kämpfen halb- 
wegs von der Masturbation befreite. Ein für das Verständnis der Traum- 
zustände ausschlaggebendes Symptom der sexuellen Passivität ist aber 
seine psychische Impotenz. Sie ist bei dem Patienten in der gleichen 
Zeit entstanden, als er die Traumzustände hervorrief. Patient hat sich 
übrigens, wie er spontan erklärt, schon früher gewünscht, sexuell passiv 
sein zu können. Er möchte sich der sexuellenLust passiv 
hingeben können wie ein Weib. 

Der Traumzustand bringt die Erfüllung dieser Ideale unter hoher 
Lust. Dem Wunsche nach dem Ende aller Aktivität entspricht es, daß 
Patient sich, um den Zustand herbeizuführen, mit aller Gewalt darauf 
konzentriert, nichts zu denken. Sein Leben dient im allgemeinen 
der angestrengten Denkarbeit; er wünscht das Gegenteil dieses 
Zustandes herbei. Wir sahen bereits bei den anderen Patienten auf 
der Höhe des Traurazustandes eine „Gedankenleere" eintreten. Im 
vorliegenden Falle finden wir ein ganz bewußtes Tendieren nach diesem 
Stadium, das ja dem Moment der höchsten Lust entspricht. 

Hören wir nun die eigene Beschreibung, die der Patient unter 
den Zeichen eines starken Affektes spontan gegeben hat; sie ist uns 
nach dem Gesagten ohne weiteres verständlich. „Zuerst ist es eine 



73 



Anstrengung, wie beim sexuellen Verkehr; wenn ich es jetzt m^achen 
wollte, ich müßte mich hinlegen und müßte arbeiten. Es ist die strengste 
Konzentration darauf, nichts zu denken. Ich schließe die Augen. 
Nichts von der Außenwelt darf zu mir dringen. Dann kommt das 
kurze Stadium der Wonne, der vollständig umgekehrten Lebensgefühle, 
die größte physische Veränderung, die ich kenne. Ich glaube, ich 
kann die Worte nicht extrem genug gebrauchen. Das kurze Stadium 
der Lust ist doch wie eine Unendlichkeit." Auf dem Höhepunkte des 
Erregungsvorganges — als einen solchen müssen wir ihn bezeichnen 
— ist das Denken unterbrochen. 

Der Patient vervollständigt seine Schilderung wie folgt: „Man 
hat die Idee im Leben, als wenn alles vorwärts drängt; ich meine 
z. B. den Blutkreislauf. Mit einem Schlage ist alles anders; nun ebbt 
alles zurück, als wenn es nicht mehr vorwärts, sondern rückwärts 
ginge. Es ist, als wenn ein Zauber in Kraft getreten wäre. Während 
sonst alles aus dem Körper hinaus will, wird es nun in den Körper 
zurückgetrieben. Ich strahle nicht aus, sondern ich ziehe ein." Dann 
nach einer kleinen Pause fortfahrend: „Es liegt darüber eine absolute, 
harmonische Ruhe, eine wohltuende Passivität, im Gegensatze zu 
meinem wirklichen Leben. Die Wogen strömen über mich hin. Es 
wird etwas mit mir gemacht. 'Wenn der Zustand nicht aufhörte, ich 
würde mich bis ans Ende der Tage nicht bewegen." 

Diese Traumzustände dienen dem Patienten dazu, in seiner 
Phantasie uneingeschränkte Lust aus sexueller Passivität zu gewinnen. 
Er möchte ein Weib sein; im Traumzustand erlebt er die Erfüllung 
dieses Wunsches. Er hat vollkommen recht, wenn er von der „denkbar 
größten physischen Veränderung" spricht. Eine eingreifendere 
Veränderung als die Verwandlung in ein Wesen des anderen Geschlechtes 
kann ja nicht erdacht werden. Für den Patienten bedeutet sie nicht 
nur eine Veränderung seines Geschlechtes, sondern eine Umkehrung 
seiner gesamten Lebensführung. 

Der Wunsch, Weib zu sein, weist uns auf die homosexuelle 
Triebkomponente bei dem Patienten hin. Da wir von der intensiven 
Übertragung der infantilen Libido auf den Vater bereits erfahren haben, 
so wird die Annahme nahegelegt, der Patient identifiziere sich, wenn 
er ein Weib sein will, mit seiner Mutter, um beim Vater ihren Platz 
einzunehmen. Diese Annahme wird gesichert durch die Ätiologie des 
schon erwähnten Kopfschmerzes, der in erster Linie der Identifizierung 
des Patienten mit seiner Mutter dient. Die Mutter litt schon in der 
Kindheit des Patienten an Anfällen von Kopfschmerz, welchen die 
seinigen auffallend gleichen. Der Kopfschmerz der Mutter kam stets 



74 

mit der Periode ; sie war gleichzeitig einige Tage lang sehr empfindlich 
gegen jeden Reiz und mußte sich vollkommen schonen. Auch bei 
dem Patienten wiederholte sich der Kopfschmerz 
jahrelang in vierwöchentlichen Intervallen und 
dauerte jeweilen drei bis vier Tage. Patient ist während 
des Kopfschmerzes äußerst empfindlich gegen jeden Reiz, muß die 
Arbeit aussetzen und einen bis zwei Tage im Bette zubringen. Patient 
identifiziert sich also durch den Kopfschmerz mit seiner Mutter. Daß 
er eine dunkle Ahnung von diesem Zusammenhange hatte, geht daraus 
hervor, daß er in der ersten Zeit der Behandlung einmal scherzend 
sagte: „Ich habe augenblicklich meine Periode." 

Kopfschmerzanfälle und Traumzustände dienen bei dem Patienten 
der Metamorphose zum Weibe. Die vierwöchentliche Periode und die 
sexuelle Passivität sind zwei hervorragend wichtige Züge im Geschlechts- 
leben des Weibes. Patient handelte aus einem ganz richtigen Instinkt 
heraus, als er den Kopfschmerz durch den Traumzustand zu vertreiben 
oder — wie wir jetzt richtiger sagen werden — zu ersetzen suchte. 
Denn beide dienen ja dem gleichen Ziele, der sexuellen Passivität. 
Wäre ihm sein Plan gelungen, so hätte er eine unlustvolle Krankheits- 
erscheinung durch eine gleichsinnige lustbetonte ersetzt gehabt. 
Daß seine Erwartung getäuscht wurde, vermögen wir freilich auch zu 
erklären. Der Kopfschmerz beruht eben nicht nur auf dem einen 
erwähnten Motiv, sondern er steht noch im Dienste anderer verdrängter 
Wünsche, die durch den Traumzustand keinen adäquaten Ausdruck 
gefunden hätten. Der Traumzustand konnte daher nur neben den 
Kopfschmerz, nicht aber an seine Stelle treten. 

Die beabsichtigte Unlustverhütung ist dem Patienten mißlungen; 
aber er hat eine neue Lustquelle gewonnen. Vermag der Traumzustand 
den Patienten auch nicht von seinem Schmerze zu befreien, so 
entschädigt er ihn doch durch eine Lust, die ihn den ausgestandenen 
Schmerz verwinden läßt. 

Beobachtung F. 

Übergänge zwischen Tagträumereien und eigent- 
lichen Traumzuständen. 

Ich schließe hier ein Fragment einer weiteren Psychoanalyse an; 
dieser Fall weist keine ausgesprochenen Traumzustände im Sinne der 
bisher beschriebenen auf, macht uns aber mit einer Art Vorstufe zu 
diesen bekannt. Er demonstriert in besonders einleuchtender Weise 
die Abkunft der Traumzustände von den Wachträumen und überdies 



I 



75 



die nahe Verwandtschaft zwischen den neurotischen' Traumzuständen 
und den nächtlichen Träumen. 

Der Patient F wird von gewissen, häufig wiederkehrenden 
Phantasien in so hohem Grade beherrscht, daß er sie als seine 
„Zwangsvorstellungen" bezeichnet. Namentlich Lektüre gibt ihm die 
Anregung zu seinen Träumereien. Er identifiziert sich sofort mit dem 
Helden der Erzählung. „Wenn ich einen Liebesroman lese, glaube ich 
der Held zu sein, den die Frauen umschwärmen." In Wirklichkeit ist 
die geschlechtliche Aktivität des Patienten sehr r e d u z i e r t. Neben 
den erotischen Träumereien beschäftigen den Patienten Größen- 
phantasien. Hat er von gewissen historischen Persönlichkeiten gelesen, 
so kommt die Vorstellung, er sei der Held. Er durchlebt dann in der 
Phantasie die Rolle seines Helden, „Ich lese z. B. gern von Napoleon. 
Den Jubel, den er hörte, empfinde ich auch." Ja, Patient braucht nur 
an Jubel, Ruhm und Beifall zu denken, so überläuft ihn ein Schauern. 
Auch Musik (z. B. Militärmusik) wirkt begeisternd auf ihn und ruft 
ein „Schauern" hervor. In dem Wachtraum, der durch solche erregende 
Anlässe ausgelöst wird, erlebt der Patient, der von Beruf Kaufmann 
ist, wie er ein bedeutender oder reicher Mann wird, „etwa ein Fabrikant 
wie Krupp." Er malt sich dann aus, wie er gegen seine 
Angestellten rücksichtslos vorgehen, ihnen seinen 
Willen aufzwingen würde. (Napoleon!) Es wird ihm schwer, 
sich von diesen Vorstellungen frei zu machen. „Wenn ich die Zwangs- 
vorstellungen (= Tagträume) habe, rezitiere ich ein Gedicht, um mich 
abzulenken, meist die ,Lorelei', ,Heil dir im Siegeskranz' oder ein 
anderes Gedicht aus meiner Schulzeit." Er muß das Aufsagen solcher 
Gedichte aber oft wiederholen, ehe er die Wirkung erzielt. 

Im Mittelpunkte der Phantasiegebilde des Patienten steht entweder 
ein Sexualheld oder ein rücksichtsloser Despot oder Kriegsheld. Man 
errät unschwer, daß Patient in diesen Wachträumen diejenigen Wünsche 
zu befriedigen sucht, die aus der „Verschränkung" des Sexualtriebes mit 
dem Aggressionstrieb hervorgehen, also seine „sadistischen" Regungen. 

Patient hat im allgemeinen das Gefühl, als 
erwecke er nicht den Eindruck der Männlichkeit, als 
beha.ndle man ihn wie ein Kind. Dieses Gefühl beruht auf 
der Unterdrückung seines Sadismus. In seinen Träumen wird er zum 
energischen, despotischen Manne, um sich hernach wieder in das 
abhängige, schwache „Kind" zurück zu verwandeln. Die Gedichte aus 
der Schulzeit sind geeignet, die Phantasien zu unterbrechen-, weil 
Patient sich durch sie in die Kindheit zurückversetzt fühlt. Die 
inhaltliche Ähnlichkeit der Phantasien dieses Patienten ftiit denjenigen 



76 . 

des ausführlich beschriebenen Falles B fällt sofort auf. Die Ähnlichkeit 
erstreckt sich übrigens noch auf ein besonderes Symptom. Bei dem 
Patienten B konstatierten wir eine auffällige Neigung zum Erröten. 
Patient F leidet an Erröten und ausgesprochener Erythrophobie. 

Es handelt sich in diesem Falle nicht um Traumzustände von dem 
früher geschilderten Charakter, denn es fehlt die Entrückung, die Bewußt- 
seinsleere und die nachfolgende Angst. Auch der Verlauf ist ein anderer. 
Aber es handelt sich um sehr intensive, über das Gewöhnliche hinaus- 
gehende Tagträumereien, die mit dem Traumzustand (sensu strictiori) 
einen wichtigen Zug gemeinsam haben. Der Patient verliert während des 
Phantasierens die Herrschaft über seine Gedanken; er kann sie nicht ohne 
weiteres nach seinem Belieben unterbrechen. Er mußte, ganz wie wir es 
bei anderen Patienten sahen, ein Mittel erfinden, um die Träumereien 
unterbrechen zu können, und muß von diesem einen ausgiebigen 
Gebrauch machen, bevor es wirkt. Besonders ist noch zu erwähnen 
die große visuelle Lebhaftigkeit der Tagträumereien in 
diesem Falle; sie wird noch eine genauere Besprechung finden. 

Der gleiche Fall zeigt nun außerdem sehr schön, daß die Tages- 
phantasien auch die Vorstufe der nächtlichen Träume bilden. Der 
Patient berichtet über einige Träume, die seit seiner Kindheit öfter 
wiederkehren. In einem dieser Träume wird er im Bett von einem 
bärtigen Manne überfallen. Dieser sticht mit einem Dolch auf ihn ein. 
Er selbst liegt ruhig da, als wären ihm die "Hände gelähmt. Er 
erwacht aus dem Traum mit großer Angst. Noch häufiger wird Patient 
im Traum von einem Löwen verfolgt. In großer Angst schlüpft er 
schließlich durch einen Mauerspalt, durch welchen der Löwe ihm 
nicht folgen kann^. Der Mann mit dem (symbolischen) Dolch ist der 
Vater, dessen „Überfall" auf die Mutter der Patient als kleiner Knabe 
beobachtet hat. Der Traum verrät den verdrängten Wunsch des 
Patienten, beim Vater die Stelle der Mutter einzunehmen. Auch der 
Traum vom Löwen gehört diesem Komplex an. 

Forderte ich diesen Patienten, der nur kurze Zeit in meiner 
Behandlung stand, auf, in der zur Analyse notwendigen Weise mitzu- 
teilen, was ihm einfiele, so schloß er gewöhnlich die Augen und 
berichtete über Bilder, die vor seinen Augen erschienen. Zu dem Traum 
vom Erdolchtwerden ließ er sich folgendermaßen vernehmen ^r „Ich 

1 Ähnliche perennierende Träume berichtet auch Patient B. Die Analyse solcher 
Träume habe ich aber der Darstellung des Falles B nicht eingereiht, um die Ober- 
sicht nicht zu erschweren. 

2 Die oben gegebene Deutung des Traumes war dem Patienten unbekannt, als 
er seine Visionen mitteilte. 



j 



77 



sehe, wie ein Mann von einem anderen gestochen wird; der eine 
h'egt auE dem Diwan, der andere kniet auf ihm und sticht zu in die 
Brust. Der Liegende hält mit der linken Hand die rechte des Gegners 
fest. Der Kniende mag etwa 30 Jahre alt sein, er sieht sehr wild 
aus, hat einen dunklen Bart. Der Liegende ist vornehm, wie von 
altem Adel, er hat ein Seidenwams mit Spitzenkragen." 

Daß diese Bilder den erwähnten perennierenden Träumen inhalt- 
lich gleichen, ist ohne weiteres ersichtlich. Der Liegende ist Patient 
selber; er liegt übrigens während der Vision auf dem Diwan in meinem 
Sprechzimmer. Sehr zu beachten ist die Form der Darstellung durch 
das Passivum : ein Mann wird von einem anderen gestochen. Patient 
selbst ist das Subjekt. Der Vater war zur Zeit, als Patient das 
Schlafzimmer der Eltern teilte, ungefähr 30 Jahre alt und trug einen 
Bart. Daß Patient den Liegenden als Adeligen vornehm ausstattet, 
wird aus den typischen Abkunftsphantasieni verstandlich, die 
beim neurotischen Kinde mit großer Lebhaftigkeit auftreten. Das 
Seidenwams mit Spitzenkragen hat er einem über dem Diwan hängen- 
den Bilde entnommen (der „lachende Kavalier" von Franz Hals); er 
hatte es eifrig betrachtet, bevpr er die Augen schloß, weil es den 
infantilen Vornehmheitskomplex traf. Als er es jetzt nochmals betrachtet, 
bemerkt er, die Kleidung erinnere an ein vornehmes Frauenkleid. Das 
Bild hatte also noch einen weiteren Komplex — den homosexuellen 
— berührt. 

Einen Tag später produzierte Patient, wiederum auf dem Diwan 
liegend, noch folgende Visionen : 

„Ein Zentaur — jetzt kommt ein kleines Kind ... ein kleiner 
Zentaur hinzu." (Vater und Patient selbst. Zu beachten die sexuelle 
Symbolik im Vergleich mit dem wilden Zentauren oder dem Hengst !) » 

„Ein Wettrennen ... wie die Reiter die Hürde nehmen." pie 
Rivalität mit dem Vater. Patient hat überhaupt den Charakterzug, 
den Patient B bei sich selbst als „Wetteifergefühl" bezeichnet.) 

„Ein gestürztes Pferd vor einem Wagen." (Patient gibt an, auf 
dem Wege zu mir ein gestürztes Pferd gesehen zu haben. Die tiefere 
Begründung dieses Bildes liegt in den typischen Phantasien vom Tode 
des Vaters^. . 



1 Vgl. meine Schrift „Traum und JVlythus" (Seite 40) sowie Rank, .Der 
Mythus von der Geburt des Helden", beide in, Schriften zur angewandten Seelenlcunde". 

2 Die gleiche Phantasie vom gestürzten Pferd habe ich kürzlich wieder in 
einem anderen Falle gefunden. Ihre Analyse bei einem Knaben findet man in Freuds 
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" in Band I des Jahrbuches f. psa. 
Forschungen. 



78 

„Der Mann mit dem Helm, das Bild von Rembrandt.' (Dieses 
Bild hängt nicht in meinem Zimmer ; es ist aber ein Lieblingsbild des 
Patienten. Der Vater des Patienten war eine große, kraftvolle Erscheinung; 
er hatte zwei Kriege als Gardist mitgemacht. Patient hat den Wunsch, 
ein Krieger zu sein wie der Vater; dieser ist auch das Vorbild der 
Napoleon-Phantasien.) 

Es folgten dann noch weitere Erscheinungen von ähnlichem 
Charakter. 

Phantasien aus der Kindheit des Patienten geben in gleicher 
Weise seinen Wachträumereien und seinen nächtlichen Träumen den 
Inhalt. Sogar die halluzinatorischen Bilder sind beiden gemeinsam. 
Eine der „Traumarbeit" analoge psychische Leistung formt auch in den 
Traumzuständen aus dem verdrängten (latenten) Gedankenmaterial den 
manifesten Inhalt. Ich verweise hier nur auf die ausgiebige Verwendung 
der Symbolik sowie auf die sehr intensive Verdichtungsarbeit. Wir 
sind zahlreichen Beispielen begegnet, welche zeigen, daß irgend ein 
Detail des Traumzustandes (und dieser selbst, als Ganzes betrachtet) 
sehr verschiedenen, ja entgegengesetzten Phantasien zum Ausdruck dient. 

Träume und neurotische Traumzustände sind nicht 
die einzigen Abkömmlinge der Tagträumereien. Wir können ihnen 
zwei weitere, durch eine tiefergehende Störung des Bewußtseins 
ausgezeichnete Gebilde anreihen. Aus dem Traum geht der somnambule 
Traum hervor ; in ihm setzt der Neurotiker seine Phantasien in mehr 
oder weniger komplizierte Handlungen um, für welche er später 
keine Erinnerung hat. 

Zu den Traumzuständen stehen in ganz analogem Verhältnis die 
„hypnoiden Zustände" und „Dämm erzustände". In diesen 
letzteren finden wir Erscheinungen wieder, die uns von denTraumzuständen 
her geläufig sind; ich nenne mit den Worten Breuers^ die „Entrückung", 
das „Verdämmern der umgebenden Realität" und das „affekterfüllte 
Stillestehen des Denkens". In den Dämmerzuständen werden oft 
komplizierte Handlungen ausgeführt. Dem Grade der Bewußtseinsstörung 
entspricht die den Dämmerzuständen folgende Amnesie; den von uns 
betrachteten Traumzuständen ist diese nicht eigentümlich. 

Diesen episodischen Erscheinungen im Krankheitsbild der Hysterie 
sind noch andere, nahe verwandte Phänomene anzureihen, deren 
Beziehungen zu den Tagträumereien bereits durch frühere Unter- 
suchungen erwiesen sind. Ich nenne zunächst die hysterischen Anfälle. 
Freud^ hat kürzlich seine Anschauungen von ihrem Wesen in sehr 

1 „Studien über Hysterie" von Breuer und Freud, Seite 191 der 2. Auflage. 

2 Vgl. Zitat auf Seite 59. 



79 



knapper Form zusammengefaßt. Aus seinen Ausführungen, auf die ich 
schon früher zu verweisen hatte, zitiere icii einige Stellen wörtlich: 

„Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer lehrt, daß 
der hysterische Anfall zum Ersatz einer ehemals geübten und seither 
aufgegebenen autoerotisch en Befriedigung bestimmt ist." Wir 
sind durch die Analyse derT raumzustände zu analogen 
Resultaten gelangt. 

„Die Anamnese der Kranken ergibt folgende Stadien: a) auto- 
erotische Befriedigung ohne Vorstellungsinhalt, b) die nämliche im 
Anschlüsse an eine Phantasie, welche in die Befriedigungsaktion 
ausläuft, c) Verzicht auf die Aktion mit Beibehaltung der Phantasie, 
d) Verdrängung dieser Phantasie, die sich dann entweder unverändert 
oder modifiziert und neuen Lebenseindrücken angepaßt im hysterischen 
Anfalle durchsetzt und e) eventuell selbst die ihr zugehörige, angeblich 
abgewöhnte Befriedigungsaktion wiederbringt. Ein typischer Zyklus 
von infantiler Sexualbetätigung — Verdrängung — Mißglücken der 
Verdrängung und Wiederverkehr des Verdrängten." Die ersten drei 
Entwicklungsstadien sind also dem Traumzustand 
und dem hysterischen Anfalle gemeinsam. 

Der Bewußtseinsverlust, die Absence , des hysterischen Anfalles 
geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewußtseinsentgang 
hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven Sexualbefriedigung 
(auch der autoerotischen) zu verspüren ist ... . „Der Mechanismus 
dieser Absencen ist ein relativ einfacher. Zunächst wird alle Aufmerk- 
samkeit auf den Verlauf des Befriedigungsvorganges eingestellt, und 
mit dem Eintritte der Befriedigung wird diese ganze Aufmerksamkeits- 
besetzung plötzlich aufgehoben, so daß eine momentane Bewußtseins- 
leere entsteht. Diese sozusagen physiologische Bewußtseinslücke wird 
dann im Dienste der Verdrängung erweitert, bis sie all das aufnehmen 
kann, was die verdrängende Instanz von sich weist." 

Aus gleichen Anfangsstadien hervorgegangen und den gleichen 
Zwecken dienend, differieren Traumzustand und hysterischer Anfall 
in den Mitteln der Darstellung und meist auch im Verhalten 
des Bewußtseins. Während die Absence im Traumzustand fast 
stets von kurzer Dauer ist, namentlich im Vergleiche mit der Ausdehnung 
der anderen Verlaufsstadien, erweitert sich beim hysterischen Anfalle 
die „Bewußtseinslücke" je nach Bedarf. Zur Darstellung der verdrängten 
Phantasien bedient sich der hysterische Anfall des „Reflexmechanismus 
der Koitusaktion" und bewirkt so die „motorische Abfuhr der verdrängten 
Libido." Im Traumzustande spielt sich der Vorgang auf dem Gebiete 
der Phantasie ab, wenn wir von gewissen motorischen Äußerungen 



80 

(wie z. B. Veränderung der Körperhaltung oder des Ganges) absehen, 
die zur Koitusaklion keine Beziehung haben. 

Nächst den motorischen Anfällen der Hysterie stehen die Angst- 
anfälle in naher genetischer Beziehung zu den Traumzuständen. 
Auch in dieser Art episodischer hysterischer Erscheinungen haben wir 
umgewandelte sexuelle Erregungsvorgänge zu erblicken i. Ich möchte 
hier erwähnen, daß die Patienten, über deren Traumzustände ich 
ausführlich berichtet habe, sämtlich mehr oder weniger häufig auch an 
Angstanfällen, nicht dagegen an motorischen Anfällen leiden. Hier 
liegen individuelle Differenzierungen im Krankheitsbilde vor, in die 
wir noch keinen genügenden Einblick gewonnen haben. 

Ich will hier erwähnen, daß Traumzustände von ganz analoger 
Struktur auch bei Geisteskranken (Dementia praecox) vorkommen. 
Ihre Entstehung aus den Wachträumen konnte ich kürzlich bei einem 
jungen Hebephrenen mit Sicherheit fesstellen. In diesem Falle war 
der Zustand der Entrückung besonders ausgesprochen ; in den Traum- 
zuständen schien es dem Patienten, „als wäre alles nur ein Jheater". 
Ich erinnere daran, daß im Verlaufe der Dementia praecox auch 
Dämmerzustände vorkommen, die wichtige Züge mit den hysterischen 
gemeinsam haben. Traumartige Zustände von protrahiertem Verlauf 
mit besonderem Hervortreten des Fremdheitsgefühles sind von 
Wernicke, Juliusburger u. a. Autoren beschrieben worden 2. 

Die analysierten Fälle gehören sämtlich zu den schweren 
Psychoneurosen. Es darf daraus aber nicht der Schluß gezogen werden 
daß Traumzustände bei leicht Neurotischen nicht vorkämen. Sicherlich 
ist eine große Zahl Leichtkranker wie Schwerkranker mit ihnen behaftet. 
Zur Tagträumerei neigen sie alle; es will ihnen nicht gelingen, das 
Heimweh nach der autoerotischen Betätigung ihrer Kindheit zu über- 
winden. Die einfachen Wachträume oder die von diesen ableitbaren 
komplizierteren Gebilde dienen ihnen dazu, sich zeitweise aus der 
Wirklichkeit in ihr Kinderland zu flüchten, Ist ein Individuum zur 
Produktion von Traumzuständen disponiert, so genügt ein sehr geringer 
Reiz, der die verdrängten Komplexe berührt, zur Hervorrufung des 
Zustandes. 

Besonders bei leicht Neurotischen entziehen sich die Traum- 



1 Vgl. hiezuStekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung, Berlin und 
Wien, 1908. 

2 Ich konnte kürzlich bei einer Patientin eine Serie katatonischer 
Anfälle beobachten. Sie wurden durch heftige Kußbewegungen des Mundes 
eingeleitet und stellten im weiteren unverkennbar einen sexuellen Akt dar. Also auch 
hier Analogie zum hysterischen Anfall. 



81 



zustände oft der ärztlichen Beobachtung, oder sie werden nicht in ihrer 
eigentlichen Bedeutung erkannt. Nicht selten erklärt z. B. eine Patientin 
dem Arzt — und zwar keineswegs nur bei der Psychoanalyse — , daß 
sie sich von ihm hypnotisiert fühle. Das ist ein durchsichtiges Phänomen 
der „Übertragung". Die Patientin ist unbewußt dazu bereit, sich dem 
Willen des Arztes unterzuordnen, d. h. bereit zum passiven Verhalten 
gegenüber einem von ihrem Unbewußten gewünschten Angriff des 
Arztes. Ihre Phantasie bearbeitet intensiv die Erfüllung dieses Wunsches. 
Es kommt dann zur traumhaften Entrückung und zu den bekannten 
weiteren Erscheinungen. Die Patientin macht, während sie beim Arzt 
weilt, einen Traumzustand durch. Andere Hysterische fühlen sich durch 
die Gegenwart eines beliebigen Mannes hypnotisiert. Ich behandelte 
eine Patientin, die in der Straßenbahn stets von Angst befallen wurde. 
Sie hatte das Gefühl, sie werde von den Blicken eines beliebigen ihr 
gegenüber sitzenden Mannes „durchbohrt". Daraus ging jedesmal ein 
Zustand hervor, den sie als eine Art Hypnose bezeichnete, und der 
mit Angst abschloß. 

Andere neurotische Mädchen berichten, daß sie mitten im 
Gespräche mit einem Manne sich plötzlich entrückt fühlen, ihrer eigenen 
Stimme zuhören, als spräche eine Fremde. Dann tritt die „Gedanken- 
leere" ein, der schließlich Angst und ein Gefühl der Beschämung folgt. 
Durch die Analyse erfährt man, daß solche Individuen sich in aus- 
giebiger Weise mit Tagträumereien beschäftigen. Besonders lieben sie 
es, morgens im Bette liegend sich den Phantasien hinzugeben. Bei 
geeignetem Anlaß wird der Faden dieser Träumereien wieder auf- 
genommen, und es folgen dann die anderen typischen Stadien des 
Traumzustandes. 

In seiner oben zitierten Abhandlung hat Freud eine gedrängte 
Übersicht auch über Anlaß und Zweck des Auftretens hysterischer 
Anfälle gegeben. Der hysterische Anfall wird assoziativ hervor- 
gerufen, wenn der Komplex durch eine Anknüpfung des bewußten 
Lebens angespielt wird; organis ch wird er dann hervorgerufen, 
wenn die Libido, durch äußere oder innere Gründe gesteigert, keine 
Abfuhr hat. Es liegt auf der Hand, daß in der Regel beide Anlässe 
gleichzeitig vorliegen. Die nämlichen auslösendenFaktoren 
wirken auch bei der Entstehung derTraurazustände. 

Die hysterischen Anfälle dienen nach Freud zunächst der 
primärenTendenz der Krankheit (Flucht in die Krankheit), bilden 
also eine Tröstung für den Patienten ; außerdem stehen sie im Dienste 
der sekundären Krankheitstendenzen, wenn das Kranksein 
praktisch nützt. Von den Traumzuständen läßt sich durchaus das 



82 

Nämliche erweisen. Ein ausgezeichnetes Beispiel einer Flucht in die 
Krankheit bietet der Patient E, der nach dem Tode der Mutter in 
einen langdauernden Traumzustand geriet. Daß die Traumzustände 
auch einem aktuellen, praktischen Zweck dienen, zeigt jeder einzelne 
der mitgeteilten Fälle. Bei mehreren Patienten stellt sich in peinlicher 
Situation der Traumzustand »wie gerufen" ein. Besonders aber muß 
hier angeführt werden, daß manche Patienten ihn bewußt und absichtlich 
herbeirufen, um Unlustgefühlen zu entgehen oder Lust zu gewinnen. 
Man wird hier wieder an die genetischen Beziehungen der Traum- 
zustände zur Onanie erinnert; auch der letzteren bedient sich der 
Neurotiker häufig zum Trost, um z. B. eine Verstimmung zu beseitigen. 

Gemeinsam mit dem Traume ist den neurotischen Traumzuständen 
die Funktion der Unlustverhütung'. Aber die letzteren dienen darüber 
hinaus auch positiv der Lustgewinnung. Der Patient B, welcher durch 
den Traumzustand aus dem Zustande der Passivität entrückt wird, 
entgeht dadurch nicht nur der Unlust, sondern er zieht in den ersten 
Stadien des Vorganges positive Lust aus phantasierter Aktivität. 

EinWechsel des Sexualziels, wie er in den Traumzuständen 
des Patienten B stattfindet, ist nicht die Regel. Es gibt einen andern 
Typus, der z. B. durch die Patientin C vertreten wird. Die Phantasien 
bewegen sich hier in der Richtung der schon herrschenden Passivität. 
Den masochistischen Gefühlen wird hierdurch eine außerordentliche 
Intensität verliehen. 

Die Traumzustände bieten dem Neurotiker, ganz wie die übrigen 
Phänomene der Neurose, Ersatz für eine ihm versagte Sexualbetätigung. 
Sein Unbewußtes macht von diesem Surrogat Gebrauch, solange die 
Befriedigung bestimmter Wünsche ausbleibt. Erfährt dagegen die 
Libido eine ausreichende Befriedigung, so treten die Traumzustände 
zurück, ja sie verschwinden gänzlich. Letzteres geschah einer leicht 
neurotischen Dame meiner Beobachtung, sobald sie in der Ehe sexuell 
befriedigt wurde. Bei einem jungen Manne, der wegen psychischer 
Impotenz in meiner Behandlung stand, ging die ruhelose Tätigkeit 
seiner Sexualphantasie auf ein normales Maß zurück, als er wieder 
potent wurde und eine genügende Befriedigung erzielen konnte. 

Die Analyse der Traumzustände beweist aufs neue die außer- 
ordentliche Fruchtbarkeit der Freud sehen Ideen. Seit es eine psycho- 
analytische Forschung gibt, sind wir nicht mehr darauf beschränkt, 
die Symptome der Neurosen lediglich zu beschreiben, ohne zugleich 
ihr Wesen erfassen und ihr individuelles Gepräge im Einzelfalle 

1 Vgl. Freud. Der Witz. Seite 154. Wien 1905. 



83 



erklären zu können. Wir vermögen die Bedingungen und Motive ihrer 
Entstehung zu begreifen, die in ihnen wirksamen Triebkräfte und die 
in ihnen verborgenen Tendenzen aufzuzeigen. Wir vermögen die 
individuelle Eigenart eines Krankheitsfalles zu verstehen, indem wir 
nicht nur das gegenwärtige Triebleben des Neurotikers berücksichtigen, 
sondern seinen verdrängten Kindheitswünschen nachforschen. Denn 
sein innerstes Dichten und Trachten strebt nach der Wiederholung 
infantiler Befriedigungssituationen, deren Erinnerung sein Unbewußtes 
bewahrt. 



Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles 
von Fuß- und Korsettfetischismus \ 

Die psychoanalytische Forschung hat bis in die letzten Jahre 
den Problemen des Fetischismus keine besondere Aufmerksamkeit 
zugewandt. Noch in der ersten Auflage der „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie" wies Freud ihm eine Sonderstellung zu, sowohl gegen- 
über den anderen sexuellen Abirrungen als auch gegenüber den Neu- 
rosen. Die fortschreitenden Erfahrungen haben aber gelehrt, daß in 
nicht wenigen Fällen Fetischismus und Neurose bei dem gleichen 
Individuum zusammentreffen. Die zweite Auflage der genannten Schrift 
enthält einen kurzen Hinweis darauf, daß Freud die Entstehung der 
fetischistischen Phänomene jetzt auf eine eigentümliche Abart der 
Verdrängung („Partialverdrängung") zurückführt. Der früher 
betonte Gegensatz ist somit aufgehoben. 

Die Analyse eines Falles von Schuh- und Korsettfetischismus, 
über die ich im folgenden berichte, ergab mir bestimmte Resultate 
über die Psychogenese dieser Form des Fetischismus; andere Fälle 
haben diese Ergebnisse vollauf bestätigt. 

Als Grundlage muß eine eigentümliche sexuelle Konstitution 
angenommen werden, welche durch die ursprünglich abnormeStärke 
bestimmter Partialtriebe charakterisiert ist. Auf dieser Basis 
ist der uns interessierende Komplex von Erscheinungen entstanden 
durch das Zusammenwirken zweier Faktoren: der bereits erwähnten 
Partialverdrängung uud eines näher zu erörternden Ver- 
schiebungsvorganges^. 

Der Patient, über den ich nunmehr in möglichster Kürze 
berichte, war zur Zeit der Analyse 22 Jahre alt und studierte an einer 
Hochschule. Er übergab mir bei Beginn der Behandlung eine Auto- 
biographie, die besonders seine Sexualität eingehend berücksichtigte. 
Von diesen Aufzeichnungen ist zunächst erwähnenswert, daß Patient 

1 Aus .Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen" 
1911, Band III. 

2 Über den Begriff der Verschiebung vgl. Freud, Traumdeutung, S. 209 f. 



85 



sich in der Pubertät von seinen Altersgenossen deutlich unterschied, 
indem ihm deren sexuelles Interesse für das weibliche Geschlecht 
durchaus fremd blieb. Aber auch für männliche Personen spürte er 
, keine Liebesneigung im gewöhnlichen Sinne. Er gelangte auch auf- 
fallend spät zu bewußter Kenntnis der wichtigsten Tatsachen des 
Geschlechtslebens; als er sie aber erworben hatte, stieg ihm alsbald 
die Vermutung auf, er werde impotent sein. Gegen die von gleich- 
altrigen jungen Leuten geübte manuelle Selbstbefriedigung fühlte er 
eine starke Antipathie. 

Sein Sexualinteresse wandte sich nach anderer Richtung. Mit 
14 Jahren begann er sich selbst zu fesseln ; er wiederholte dies, so 
oft er zu Hause ungestört war. Er fand Gefallen an Büchern, in denen 
von Fesselungen die Rede war, so namentlich an Indianergeschichten, 
in denen die Gefangenen an den Marterpfahl gebunden und dann 
gepeinigt wurden. Er versuchte aber niemals, einen anderen zu fesseln, 
noch reizte es ihn, von anderen dergleichen in Wirklichkeit zu 
erdulden. 

Als er zirka 15 Jahre alt war, sah er in einem Kurort einen etwa 
acht- bis zehnjährigen Knaben, der seine Aufmerksamkeit sofort durch 
elegante Schuhe auf sich zog. „Bei jedem Zusammentreffen — so 
schreibt Patient in seiner Selbstbiographie — wo ich auf seine Stiefel 
achten konnte, empfand ich Freude, und ich sehnte die Gdegenheit 
dazu herbei." Aus den Ferien zurückgekehrt, achtete er auch in der 
Heimatstadt auf elegante Schuhe, besonders bei seinen Mitschülern. 
Bald verschob sich dieses Interesse aber auf weibliche Schuhe und 
wurde nun zur Leidenschaft. „Meine Augen wurden wie von magischer 
Gewalt auf weibliche Schuhe gezogen . . . Ein uneleganter Schuh 
stößt mich ab und flößt mir Abscheu ein." Beim Anblick schöner 
Damenschuhe erlebt er seither eine „innere Freude". Dieses Wohl- 
gefühl geht manchmal in heftige Erregung über, besonders wenn er 
Lackstiefel mit hohen Absätzen sieht, wie sie vielfach von Halbwelt- 
damen getragen werden. Was ihn erregt, ist aber nicht nur der 
Anblick der Schuhe, sondern er malt sich lebhaft aus, wie unbequem 
das Gehen in solchen Schuhen sein müsse. Um das Gefühl eines 
quälenden Druckes an den Füßen aus eigener Erfahrung kennen zu 
lernen, hat er öfter seine eigenen Stiefel miteinander vertauscht und 
den rechten Fuß in den linken Stiefel, den linken Fuß in den rechten 
Stiefel gezwängt. 

Bald nach dem Interesse für die Fußbekleidung entstand dasjenige 
für Korsetts. Mit 16 Jahren nahm er ein altes Korsett seiner Mutter an 
sich, schnürte sich fest darin ein und trug es verschiedentlich auf der 



86 

Straße unter seinem Anzüge. Charakteristisch ist folgende Schilderung 
in der Lebensbeschreibung: „Sehe ich enggeschnürte Frauen und 
Mädchen und vergegenwärtige ich mir den Druck des Korsetts auf 
ihre Brust und Unterleib, so kann ich Erektionen erzielen. Schon 
öfters ist mir dann der Wunsch aufgetaucht, ein Weib zu sein, um 
mich tüchtig schnüren zu können, Damenstiefel mit hohen Hacken 
tragen und, ohne aufzufallen, vor Korsettläden stehen bleiben zu 
können. Da das nicht geht, so ist es mitunter mein sehnlicher Wunsch, 
Frauenkleider, Korsetts und entsprechendes Schuhwerk tragen zu 
können. " 

Das Ausschauen nach eleganten Schuhen oder nach enggeschnürten 
Taillen wurde zur hauptsächlichsten Sexualbetätigung des Patienten. 
Dieses Interesse nahm auch in seinen lebhaften Tagträumereien den 
ersten Platz ein. Nächtliche erotische Träume handelten oft von Korsetts, 
vom Schnüren usw. Als Lektüre wählte Patient, wie erwähnt, mit 
Vorliebe Erzählungen von sadistischem Charakter. 

Alles auf seine Neigungen Bezügliche hatte Patient streng geheim 
gehalten, bis er den Rat eines Spezialarztes suchte, der ihn zum Zwecke 
der Psychoanalyse an mich wies. In bezug auf den therapeutischen 
Erfolg verhielt ich mich von vornherein skeptisch. 

Akzidentelle Ursachen, denen in der älteren Literatur eine große 
ätiologische Bedeutung für die Entstehung fetischistischer Neigungen 
zugeschrieben wurde, konnten in unserem Falle nicht eruiert werden. 
Daß Patient als Knabe zu öfteren Malen seiner Mutter zusah, wenn 
sie ihr Korsett anlegte, kann nicht im Sinne eines psychischen Traumas 
gewirkt haben. Das Interesse, welches er dem Korsett der Mutter oder 
später den Schuhen eines Knaben zuwandte, war zweifellos schon eine 
Äußerung seiner, Perversion. Ein ätiologischer Wert kann diesen 
Vorkommnissen nicht beigelegt werden. 

Was in unserem und in jedem gleichartigen Falle am schärfsten 
hervortritt, das ist die außerordentliche Herabsetzung der 
sexuellen Aktivität. Von sexuellen Handlungen kann eigentlich 
kaum geredet werden, wenn man davon absieht, daß Patient in früherer 
Zeit Schnür- und Fesselungsversuche an sich selbst verübt hat. An anderen 
Personen hat er nie ein sadistisches oder sonstiges Gelüste betätigt; 
seine dahin zielenden Wünsche b^riedigte er lediglich in der Phantasie. 
In der Praxis hat er nie die Grenzen des Autoerotismus über- 
schritten. 

So wenig von geschlechtlicher Aktivität bemerkbar ist, so lebhaft 
ist der sexuelle Schautrieb. Aber auch er ist von seinem eigent- 



87 



liebsten Interessengebiet abgekehrt. Er richtet sich nicht auf den 
Gesamteindruck des Körpers anderer Personen, noch auch auf die 
primären und sekundären Geschlechtscharaktere bei diesen, sondern 
auf gewisse Teile der Bekleidung. Nicht also auf den nackten Körper, 
sondern auf dessen Verhüllung. Hier wiederum hat er sich auf die 
Fußbekleidung und auf die einengende Bekleidung des Oberkörpers 
beim weiblichen Geschlechte spezialisiert. Über das Betrachten dieser 
Objekte geht das' sexuelle Verlangen nicht hinaus. Es handelt sich 
also um die Fixierung eines vorläufigen Sexualziels. 
(Vgl. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie".) Der Anblick weiblicher 
Schuhe erregt jedoch nur dann Lust, wenn sie in Form und Ausführung 
elegant sind ; plumpe, häßliche Fußbekleidung erregt Ekel. Man findet 
hier also neben der Neigung zur Sexualüberschätzung des Fetisches 
eine ausgesprochene Neigung zu affektiver Ablehnung, ganz wie der 
Neurotiker sie bietet. Die hohen Anforderungen, die der Schuhfetischist 
in bezug auf ästhetische Werte an sein Sexualobjekt zu stellen pflegt, 
beweisen ein starkes Bedürfnis nach Idealisierung des Objektes. 

Ist die sexuelle Aktivität derartig reduziert wie im vorliegenden 
Falle, und findet der Trieb sein Genügen in der Erreichung vorläufiger 
Sexualziele, so darf daraus keineswegs der Schluß gezogen werden, 
daß eine primäre Schwäche der Libido vorliege. Die Analyse der 
Neurosen zeigt aufs deutlichste, wie ein ursprünglich übermäßig 
starker Trieb durch Verdrängung paralysiert werden kann. Für den 
in Rede stehenden Fall von Fetischismus ergibt die Analyse einen 
ganz analogen Hergang. Ein reiches Tatsachenmaterial, das hier nur 
zum Teil referiert werden kann, läßt den sicheren Schluß zu, daß die 
aktiv-sadistische Triebkomponente und die sexuelle Schaulust 
ursprünglich von abnormer Stärke waren. Beide Triebe, die sich in 
inniger „Verschränkung" (Adler) befanden, fielen gemeinsam der 
Verdrängung anheim. 

In diesen Verdrängungsprozeß waren jedoch, wie sich erwies, 
noch andere Teiltriebe einbezogen. Das besondere Bedürfnis des 
Fetischisten nach ästhetischen Werten bei seinem Sexualobjekt ließ 
erwarten, daß die Libido ursprünglich nach gewissen Zielen drängte, 
die dem normalen Erwachsenen im allgemeinen besonders unästhetisch 
erscheinen und seinen Ekel erregen. Meine Aufmerksamkeit wurde, 
bevor ich in die Analyse eintrat, auf ein bestimmtes Gebiet des Trieb- 
lebens gelenkt. Aus einer privaten Mitteilung Prof. Freuds erfuhr 
ich, daß nach seinen Beobachtungen die Verdrängung der kopro- 
philen Riechlust eine eigentümliche Rolle in der Psychogenese 
des Fußfetischismus spiele. Meine eigenen Untersuchungen brachten 



88 

alsbald die volle Bestätigung dieser Anschauung. Es ergab sich, daß 
auch in diesem Falle von Fetischismus die Lust an „ekelhaften" 
Körpergerüchen primär von ungewöhnlicher Stärke gewesen war. Die 
gemeinsame Verdrängung der koprophilenRiechlust, der 
Schaulust und der sexuellen Aktivität hat zur Entstehung 
von Ersatzbildungen geführt ; eben diese bilden die charakteristischen 
Eigentümlichkeiten des Fußfetischismus. 

Es gibt Fälle von Fetischismus, in denen sich die sexuelle 
Anomalie durch eine unverdrängte, also vollkommen bewußte Lust an 
ekelhaften Gerüchen äußert. Bei diesem sogenannten Geruchs- 
fetischismus bezieht sich die Riechlust besonders häufig auf die 
Ausdünstungen des ungereinigten Fußes. Dieser zieht gleichzeitig auch 
die Schaulust auf sich. In dem von mir analysierten Falle ergab sich, 
daß der Patient ein Stadium durchlaufen hatte, das dem soeben 
geschilderten Geruchsfetischismus entsprach. Danach hatte sich die 
eigenartige Umwandlung vollzogen: die Riechlust wurde verdrängt und 
die Schaulust zur Lust an einer ästhetisch wirkenden Fußbekleidung 
sublimiert. 

Wie aber konnten sich Schautrieb und Riechtrieb in solchem 
Maße dem Fuße zuwenden, anstatt sich auf die Sexualorgane, respektive 
deren Sekrete zu richten? 

Auf Grund gewisser Erfahrungen ließ sich die Vermutung hegen, 
daß das Interesse beider Triebe ursprünglich auch der Genitalzone 
gegolten habe, daß aber andere erogene Zonen frühzeitig mit dieser 
in Konkurrenz getreten seien. Eine solche Bevorzugung anderer 
erogener Zonen (Mund, After usw.) ist uns aus der Lehre von den 
sexuellen Abirrungen ebenso geläufig wie aus der Analyse der Neurosen 
und der Träume. 

Tatsächlich ergab die Analyse, daß der genitalen Zone vonseiten 
der analen frühzeitig eine starke Konkurrenz erwachsen war; daß das 
eigentliche Sexualinteresse in der ersten Kindheitsperiode zurücktrat 
zugunsten des Interesses an den Exkretionsvorgängen ; daß in der 
Pubertät ein in gleicher Richtung zielender (weiblicher) Verdrängungs- 
schub stattfand. Der Patient verharrte auffallend lange bei gewissen 
infantilen Anschauungen, die den Exkretionsvorgängen die Bedeutung 
von Sexualfunktionen zuschreiben. Seine Träume weisen eine dem- 
entsprechende Symbolik auf. Seine Schau- und Riechlust blieben — 
soweit sie nicht auf den Fuß verschoben wurden — in hohem Maße 
auf die Vorgänge der Urin- und Stuhlentleerung, respektive deren 
Produkte gerichtet. 

Die Erinnerungen des Patienten an seine frühe Kindheit beziehen 



89 



sich vorzugsweise auf Eindrücke des Geruchsinnes, erst in zweiter 
Linie auf Gesichtseindrücke. Erwähnt seien zunächst gewisse obse- 
dierende Einfälle, die sich häufig vordrängten, wenn Patient auf seine 
frühe Kindheit gelenkt wurde. Dann fiel ihm zuerst der Geruch von 
Jodoform und Holzessig ein, zwei Substanzen, die sich in seiner 
Kindheit im Gebrauche der Mutter befanden. Ein anderer wieder- 
kehrender Einfall betraf eine Szene, die sich in einem Badeorte 
abgespielt hatte. Dem Patienten trat jedesmal seine Mutter vor Augen, 
wie sie ins Wasser watete. Die eigentliche Bedeutung dieser Erscheinung 
wurde erst durch ergänzende Einfälle geklärt. Der Knabe hatte sich 
zu jener Zeit einigeMale verunreinigt; die Mutter führte ihn deswegen 
in den See, um ihn zu reinigen. 

Auch aus der späteren Kindheit brachten die Einfälle des 
Patienten auffallend viele Reminiszenzen an Gerüche: wie er z. B. im 
Zimmer der Mutter ein Paket mit Haaren fand, deren Geruch ihm 
angenehm war; wie er die Mutter zärtlich umarmte, um den Geruch 
ihrer Achsel einzuatmen. Auf die frühere Kindheit führt noch eine 
Erinnerung zurück: wie die jüngere Schwester an der Brust der Mutter 
lag, wie er selbst mit dem Munde die andere Brust berührte und dabei 
den Körpergeruch der Mutter angenehm empfand. 

Die Zärtlichkeit gegenüber der Mutter währte bis gegen das 
zehnte Lebensjahr des Patienten. Bis dahin hatte er häufig das Bett 
der Mutter aufgesucht. Jetzt machte die Zuneigung einer Abneigung 
Platz. Er wurde äußerst empfindlich gegen den Körpergeruch weiblicher 
Personen. Mit der Verdrängung der Riechlust wandte sich sein Sexual- 
interesse vom weiblichen Geschlechte ab und wandte sich dem 
nächstliegenden männlichen Objekt — dem Vater — zu. 

In diese Übertragung spielt nun das Interesse für die Körper- 
entleerungen in auffälligster Weise., hinein. Freilich wurde durch gewisse 
Eigenheiten des Vaters die Aufmerksamkeit des Knaben besonders 
auf diese Vorgänge gelenkt. Der Vater pflegte z. B. öfter vor den 
Augen der Kinder zu urinieren. Die Phantasie des Knaben befaßte 
sich im höchsten Maße mit allem, was diese Funktionen bei ihm 
selbst und seinem Vater betraf. 

Mit der Übertragung auf den Vater steht der Wunsch, selbst 
Weib zu sein, in innigem Zusammenhange. Er erhielt sich, wie schon 
eingangs erwähnt wurde, auch nach der Pubertät. Dieser Wunsch 
richtete sic h aber, soweit er bewußt war, nicht darauf, die geschiecht- 

1 Es entwickelte sich im Anscliluß daran eine mit der von Freud beschriebenen 
absolut identische Pferde- und Giraffensymbolik (vgl. Die Analyse der Phobie eines 
fünfjährigen Knaben). 



90 

liehen Funktionen des Weibes zu erfüllen. Vielmehr erschien dem 
Patienten das Wünschenswerte, wie ein Weib „Schnürschuhe und 
Korsetts tragen und entsprechende Schaufensterauslagen unauffällig, 
ansehen zu können". Während der Pubertätszeit hat er — wie bereits 
berichtet — tatsächlich ein paarmal ein Korsett unter seinen Kleidern 
getragen. Unbewußt äußerte sich der Wunsch, Weib zu sein, durch 
mancherlei Erscheinungen, über welche noch zu berichten ist. 

Die Regungen der infantilen Auflehnung und Eifersucht mußten 
sich bei dem Patienten wechselnd gegen Vater und Mutter richten. 
Mit diesen Erscheinungen stehen in dem uns geläufigen Zusammen- 
hange Todes- und Kastrationsphantasien. Diese letzteren 
sind bald aktiver, bald passiver Natur. Die aktiven Kastrationsphantasien 
haben auch die Mutter zum Objekte, welcher die infantile Phantasie 
ein männliches Geschlechtsorgan andichtet. Die passiven Kastrations- 
vorstellungen entsprechen dem Wunsche des Patienten, Weib zu sein. 
3ie entstammen einer Zeit, in der die Anschauung herrschte, das 
weibliche Geschlecht sei des ihm ursprünglich eigenen Penis durch 
Kastration beraubt. Alle die genannten Vorstellungen spielen eine große 
Rolle in seinem Traumleben. Er muß etwa einer Frau einen Finger 
amputieren. Oder er muß an einem Manne (Vater) eine Operation 
vollziehen; nachher hilft die Mutter ihm beim Vernähen der Wunde. 
In anderen Träumen soll ein Kind geköpft werden. Unter den 
perennierenden Träumen des Patienten ist die Verfolgung durch einen 
Mann, der ein Messer in der Hand trägt, erwähnenswert. Die besondere 
Ausprägung des Kastrationskomplexes zeigt die ursprüngliche Gewalt 
der sadistisch-masochistischen Triebregungen. 

Die Kastration hat in der Phantasie des Patienten nicht nur die 
selbstverständliche Bedeutung der Entmannung, sondern sie weist 
daneben auf eine bestimmte Vorstellung hin, die von jeher sein 
besonderes Interesse in Anspruch genommen hat. Es ist die Idee, 
infolge der Kastration nicht mehr urinieren zu können. Von hier führen 
Fäden zu einem anderen Vorstellungskomplex hinüber. 

Bei allen Neurotikern, deren Anal- und Urethralzone in 
besonderem Maße erogen sind, besteht dieNeigungzurRetention 
derExkrete. Für den vorliegenden Fall gilt dies in ungewöhnlichem 
Maße. Die Erinnerungen aus der Kindheit beschäftigen sich großenteils 
mit einstmals geübten lustvollen Betätigungen in dieser Richtung. Ein 
nervöses Symptom — das Harnstottern — steht ebenfalls mit solcher 
Betätigung in Zusammenhang. 

In seiner Phantasie hat Patient sich von jeher Situationen 
ausgemalt, in denen man zur Zurückhaltung der Bedürfnisse gezwungen 




91 



ist. Mit Vorliebe malte er sich aus, wie er von Indianern gefesselt und 
an den Marterpfahl gebunden würde und dann zur Zurückhaltung des 
Blasen- und Darminhaltes gezwungen wäre. Hier tritt ein stark 
masochistisches Element hinzu. Ebenso war es eine seiner Lieblings- 
vorstellungen, er wäre Polarforscher und würde durch entsetzliche 
Kälte verhindert, auch nur für kurze Zeit zum Zwecke der körperlichen 
Entleerungen die Kleidung zu Öffnen. 

Auch die Versuche, sich selbst zu fesseln, waren u. a. durch solche 
Motive determiniert; sie fanden bezeichnenderweise im Klosett statt. 
Überhaupt gewann die Fesselung, welche im Vorstellungsleben der 
Sadisten und Masochisten die bekannte Rolle spielt, bei dem Patienten 
wesentlich ihre Bedeutung durch die assoziative Verknüpfung mit den 
Funktionen der Körperentleerung. Das Einschnüren des Körpers übte 
einen Druck auf Darm und Blase aus, den der Patient lustvoH 
empfand. Als er zum ersten Male ein Korsett anlegte, traten Erektionen 
ein, die von einer Urinentleerung gefolgt waren. 

Eine wichtige Determinierung des Einschnürens (Korsett, Schnür- 
stiefel) liegt in gewissen autoerotischen Gewohnheiten des Patienten, 
die mit einer Einklemmung der Genitalien einhergingen. 

Die außergewöhnlich starke Betonung der Analzone findet 
ihren Ausdruck darin, daß diese Körperstelle in der Kindheit des 
Patienten einer eigentümlichen autoerotischen Betätigung diente: 
Patient pflegte sich so niederzulassen, daß die Ferse des einen Fußes ' 
einen Druck auf die Analgegend ausübte. In den entsprechenden 
Erinnerungen finden wir die unmittelbare assoziative Verknüpfung von 
Fuß und After. Die Ferse dient gewissermaßen als männliches, der 
Anus als weibliches Organ. 

Diese Verknüpfung wird jedoch außerordentlich verstärkt durch 
die koprophile Riechlust des Patienten. Sein Autoerotisraus findet 
eine ausgiebige Befriedigung in den Gerüchen seiner eigenen Körper- 
absonderungen. Die Ausdünstungen der Haut, der Genitalgegend und 
des Fußes erregten schon früh besondere Lust. So konnte der Fuß 
in der unbewußten Phantasie des Patienten Genitalbedeutung erlangen. 

Hinsichtlich der koprophilen Riechlust sei erwähnt, daß häufige 
Träume des Patienten entweder im Klosett spielen oder in durch- 
sichtiger Symbolik analerotische Wunscherfüllungen bringen. Charakte- 
ristisch ist besonders ein Traumbild, in dem er seine Nase zwischen 
zwei große Halbkugeln steckt. 

Daß auch der Schautrieb vorzugsweise auf das Exkrementelle 
gerichtet ist, wurde bereits erwähnt. In den Träumen treten Vater 
und Bruder des Patienten häufig in entsprechenden Situationen auf. 



92 

In weitaus den meisten Träumen kommt das Wasser als Symbol vor. 
Von Interesse ist ein Traum des Patienten, in dem er mit seinem 
Bruder auf einem Schiffe durch einen Hafen fährt. Um aus dem Hafen 
zu kommen, müssen sie einen eigentümlichen, wie ein Haus über dem 
Wasser gebauten Durchlaß passieren. Sie fahren dann durch freies 
Wasser, sind dann aber plötzlich auf dem Lande und fahren mit dem 
Schiffe durch eine Straße, ohne jedoch den Boden zu berühren. Sie 
fahren in der Luft; ein Schutzmann sieht ihnen dabei zu. — Zur 
Erklärung dieses Traumes nur einige Bemerkungen! Zunächst ist auf 
den Doppelsinn des Wortes Hafen (in gewissen Dialekten = Topf) 
und auf den Anklang des Wortes „Schiff" an einen vulgären Terminus 
für „Urinieren" hinzuweisen. Der Durchlaß, welchen man an der Hafen- 
ausfahrt passieren muß, erinnert ihn an die abgeschrägten Säulen des 
Tempels von Philae. Ein weiterer Einfall lautet: „Koloß von Rhodos". 
Der Koloß stellt einen Mann dar, der mit auseinander gestellten Beinen 
über dem Hafeneingang von Rhodos steht. Er erinnert den Patienten 
an seinen Vater, den er als Knabe in entsprechender Körperhaltung 
urinieren sah. Das nachherige gemeinsame Schiffahren mit dem 
Bruder — wobei das Schiff durch die Luft fährt — knüpft an eine 
Kindheitserinnerung an, nämlich an einen unter Knaben nicht seltenen 
Wettstreit in bezug auf das Urinieren. Von Bedeutung ist auch das 
exhibitionistische Moment in diesem Traume: das Urinieren geschieht 
vor den Augen eines Schutzmannes; die Erfahrung lehrt, daß aufsicht- 
führende Personen im Traume den Vater bedeuten. 

Das außerordentlich reiche Traummaterial, welches der Patient 
im Laufe der Analyse lieferte, enthält ähnliche Anspielungen in großer 
Menge. Die erstaunliche Variabilität dieser Träume läßt darauf schließen, 
daß die koprophile Schaulust in ganz ungewöhnlichem Maße die 
Phantasie des Patienten beschäftigt. 

Erwähnt sei, daß der Patient die typischen Charakterzeichen 
sublimierter Analerotik bietet; insbesondere treten eine pedantische 
Sparsamkeit und Ordnungsliebe hervor. 

In welchem Maße für den Patienten der Fuß dem männlichen 
Genitale substituiert ist, geht in bemerkenswerter Weise aus gewissen 
Träumen hervor, von denen zwei kurz wiedergegeben seien. Einmal 
trägt Patient im Traume Pantoffeln an den Füßen; die Schuhe sind 
hinten niedergetreten, so daß seine Fersen sichtbar sind. Dieser Traum 
entpuppt sich als Exhibitionstraum; die Ferse wird zur Schau gestellt 
wie in den gewöhnlichen Exhibitionsträumen die Sexualorgane. Der 
Affekt war der gleiche, wie wir ihn aus den typischen, mit Angst 
einhergehenden Exhibitionsträumen kennen. 



93 



In einem anderen hierher gehörigen Traume berührt Patient eine 
Frau mit seinem Fuße und beschmutzt sie dadurch. Dieser Traum ist 
ohne weiteres verständlich. 

In diesem Zusammenhange wird Iclar, warum den Patienten 
besonders die hohen Absätze an Frauenschuhen interessieren. Der 
Absatz des Schuhes entspricht der Ferse; gerade diese aber hat 
durch den besprochenen Verschiebungsvorgang die Bedeutung eines 
männlichen Genitale erhalten. So lebt in der Vorliebe für den weiblichen 
Fuß und seine Bedeckung, besonders aber für den Absatz das infantile 
Sexualinteresse fort, das der Patient einst dem von ihm supponierten 
Penis des Weibes entgegenbrachte. 

Das angeführte Tatsachenmaterial stellt nur einen geringen 
Bruchteil dessen dar, was die Analyse zutage gefördert hat. Es scheint 
mir aber ausreichend, um den Nachweis zu erbringen, daß dem Fuße 
die Bedeutung eines Genitalersatzes zukommt. Schau- 
trieb und Riechtrieb, von jeher in auffälligem Maße auf das Exkrementelle 
gerichtet, wurden einer weitgehenden, freilich sehr ungleichen 
Umwandlung unterworfen; der Riechtrieb wurde in weitem Ausmaße 
verdrängt, der Schautrieb hingegen um so stärker betont, freilich von 
seinem ursprünglichen Interessengebiet abgelenkt und idealisiert. 
Dieser Vorgang, dem nur der eine der beiden in Frage kommenden 
Triebe zum Opfer fällt, verdient den ihm von Freud gegebenen 
Namen „Partial Verdrängung". 

Seit der ausführlichen Analyse dieses Falles hatte ich mehrfach 
Gelegenheit, bei Neurotikern fetischistische Züge, welche gewissermaßen 
einen Nebenbefund bildeten, derAnalyse zu unterwerfen. In allen Fällen 
erhielt ich die gleichen Resultate bezüglich der Bedeutung derjenigen 
Triebe, die in dem mitgeteilten Falle als Grundlagen des Fetischismus 
ermittelt wurden. Wegen dieser Gleichförmigkeit der Resultate unter- 
lasse ich es, Einzelheiten aus diesen Analysen mitzuteilen. 

Es erübrigt noch, einiges über die therapeutische Wirk- 
samkeit der Psychoanalyse im obigen und in anderen Fällen von 
Fetischismus hinzuzufügen. Zu einer Beseitigung des Fetischismus bin 
ich in dem geschilderten Falle nicht gelangt. Wohl aber hat die 
Aufklärungsarbeit der Analyse der sexuellen Abnormität sehr viel von 
der Macht genommen, die sie bis dahin über den Patienten gehabt 
hatte. Seine Widerstandskraft gegenüber den Reizen weiblicher Schuhe 
usw. war wesentlich gewachsen. Während der Analyse tauchten des 
öfteren normal-sexuelle Regungen auf. Ich halte es nicht für unmöglich, 
daß eine konsequent fortgesetzte Behandlung allmählich zu einer 
Stärkung der normalen Libido geführt hätte. 



94 

Günstiger scheinen die Chancen mir da, wo es sich um weniger 
ausgeprägte Fälle handelt; wenn z. B. Erscheinungen fetischistischer 
Art neben einer Neurose bestehen. Ein kürzlich von mir analysierter 
Fall dieser Art scheint mir den Beweis zu liefern, daß die Symptome 
der Neurose und des Fetischismus mitsammen durch die Psychoanalyse 
zum Schwinden gebracht werden können, um einem normalen 
geschlechtlichen Verhalten Platz zu machen. 



Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und 

Behandlung des manisch-depressiven Irreseins 

und verwandter ZuständeV 



Während die nervösen Angstzustände in der psychoanalytischen 
Literatur eingehend behandelt worden sind, haben die Depressions- 
zustände nicht die gleiche Berücksichtigung gefunden. Und doch ist 
der depressive Affekt über alle Formen der Neurosen und Psychosen 
ebenso verbreitet wie der Angstaffekt. Oft findet man beide Affekte bei 
dem gleichen Individuum nebeneinander oder in zeitlicher Folge. Der 
an Angstneurose Leidende ist depressiven Stimmungen unterworfen ; 
der tief verstimmte Melancholiker klagt über Angst. 

Eines der frühesten Ergebnisse der Freud'schen Neurosen- 
forschung lautete: die neurotische Angst stammt von der Sexual- 
verdrängung. Durch diese ihre Herkunft ist die neurotische Angst von 
der Furcht geschieden. Ganz entsprechend trennen wir den Affekt der 
Trauer oder Niedergeschlagenheit von der unbewußt motivierten, d. h. 
auf Verdrängung beruhenden neurotischen Depression. 

Zwischen Angst und Depression besteht ein analoges Verhältnis 
wie zwischen Furcht und Trauer. Wir fürchten ein kommendes Unheil; 
wir trauern über ein eingetretenes. Der Neurotiker wird von Angst 
befallen, wenn sein Trieb einer Befriedigung zustrebt, die zu erreichen 
seine Verdrängung ihm verbietet. Die Depression setzt ein, wenn er 
erfolglos, unbefriedigt sein Sexualziel aufgibt. Er fühlt sich liebesunfähig 
und ungeliebt; darum verzweifelt er am Leben und an der Zukunft. 
Dieser Affekt hält an, solange seine Ursachen nicht in Wegfall gekommen 
sind, — sei es durch tatsächliche Änderung der Situation, sei es 
durch psychische Verarbeitung der unlustbetonten Vorstellungen. Jeder 
neurotische Depressionszustand enthält, die Tendenz zur Lebens- 
verneinung, ganz wie der ihm wesensverwandte Angstzustand. 

1 Mit Benützung eines Vortrages auf dem lll. psychoanalytischen Kongreß in 
Weimar (21. September 1911). Zuerst veröffentlicht im .Zentralblatt für Psychoanalyse« 
U. Jahrgang; Heft 6, 1912. 



96 

Mit den obigen Bemerkungen sage ich denjenigen, welclie die 
Neurosen unter den Gesichtspunkten der F r e u d'schen Lehren betrachten, 
kaum etwas Neues, obwohl die Literatur auffallend wenig über die 
Psychologie der neurotischen Depression enthält. Der depressive Affekt 
im Rahmen der Psychosen harrt dagegen noch der genaueren 
Untersuchung. Die Aufgabe seiner Erforschung wird dadurch kompliziert, 
daß ein Teil der in Frage kommenden Krankheiten „zirkulär" verläuft, 
einen Wechsel melancholischer und manischer Zustände erkennen läßt. 
Die wenigen bisher erschienenen Vorarbeiten^ beschäftigen sich aber 
jeweilen nur mit einer der beiden Phasen. 

Im Laufe mehrerer Jahre konnte ich in der psychotherapeutischen 
Privatpraxis sechs einschlägige Fälle beobachten. Zwei davon waren 
leicht manisch-depressive Patienten, deren einen ich freilich nur 
vorübergehend behandelte (Fälle von sogenannter Zyklothymie) ; eine 
dritte Kranke litt an kurzen, aber rasch aufeinander folgenden Depressions- 
zuständen mit typisch-melancholischen Erscheinungen. Bei zwei Patienten 
handelte es sich um erstmalige depressive Psychosen; schon früher 
hatte bei ihnen die Neigung zu leichten manischen und depressiven 
Stimmungsschwankungen bestanden. Ein Patient endlich war mit 
45 Jahren an einer schweren und hartnäckigen Psychose erkrankt. 

Die Depressionszustände des fünften Dezenniums werden nach 
K r a e p e 1 i n's Vorgang von den meisten Psychiatern nicht dem manisch- 
depressiven Irresein zugerechnet. Wegen der weitgehenden Überein- 
stimmung der psychischen Struktur, wie sie durch die Analyse aufgedeckt 
wurde, reihe ich den letztgenannten Fall hier denjenigen an, deren 
Zugehörigkeit zum manisch-depressiven Irresein keinem Zweifel 
unterliegen kann. Zur Frage der Abgrenzung dieser Psychosen gegen- 
einander will ich damit nicht Stellung genommen haben. 

Auf die Depressionszustände im Krankheitsbilde der Dementia 
praecox beabsichtige ich nicht einzugehen. 

Schon zu Beginn der ersten Analyse einer depressiven Psychose 
fiel mir auf, wie sehr diese in ihrem Aufbau der Zwangsneurose 
ähnelte. Beim Zwangsneurotiker^ — ich habe hier die schweren, 

1 Maeder, Psychoanalyse bei einer melancholischen Depression. Zentralblatt 
für Nervenheilkunde und Psychiatrie. 1910. 

Brill, Ein Fall von periodischer Depression psychogenen Ursprungs. (Ober- 
setzung.) Zentralblatt fUr Psychoanalyse, Bd. I. p. 158. 

Jones, Psycho- Analytic Notes on a Gase of Hypomania. Bulletin of the Ontario 
Hospitals for the Insane. 1910. 

2 Die folgende kurze Charakteristik hält sich eng an die Darstellung Freud's 
in den „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose«. (Jahrbuch für psychoanalyt. 
Forschungen. Bd. I.) 



97 



ausgeprägten Fälle im Auge — kann die Libido sich nicht in normaler 
Weise entfalten, weil zwei verschiedene Tendenzen — Haß und Liebe 
— einander dauernd beeinträchtigen. Die Neigung zur feindseligen 
Einstellung auf die Außenwelt ist so groß, daß die Liebesfähigkeit 
aufs äußerste herabgemindert ist. Gleichzeitig aber wird der Zwangs- 
neurotiker durch Verdrängung des Hasses (oder allgemeiner gesagt: 
der ursprünglich überwiegenden sadistischen Komponente seiner Libido) 
schwach und energielos. Eine ähnliche Unsicherheit besteht bei der 
Objektwahl in bezug auf das Geschlecht des Objektes. Die Unfähigkeit, 
der Libido eine bestimmte Einstellung zu geben, führt zu einem 
allgemeinen Gefühl der Unsicherheit, weiterhin zur Zweifelsucht. . Der 
Zwangsneurotiker vermag keinen Entschluß zu fassen, keine klare 
Entscheidung zu treffen; er leidet in jeglicher Situation unter Gefühlen 
der Insuffizienz und steht dem Leben hilflos gegenüber. 

Ich teile nun in möglichster Kürze die Geschichte eines Zyklothymen 
mit, wie sie sich nach erfolgter Analyse darstellt. 

Der Patient erinnert sich, daß der Geschlechtstrieb bei ihm sehr 
frühzeitig, d. h. schon vor dem sechsten Lebensjahre, mit großer 
Heftigkeit hervorbrach. Als sein erstes Sexualobjekt aus dieser Zeit 
nannte er eine Kindergärtnerin, deren Gegenwart ihn erregte. Auch in 
der Phantasie beschäftigte er sich lebhaft mit ihr. Die damalige 
Erregung führte zur Onanie, die er ausübte, indem er sici^ auf die 
Bauchseite legte und dann reibende Bewegungen ausführte. In dieser 
Betätigung wurde er durch die Kinderfrau (früher Amme) gestört. Sie 
verbot ihm sein Tun eindringlich, prügehe ihn wiederholt, wenn er 
dem Verbot zuwiderhandelte und stellte ihm in Aussicht, 
sich auf diese Weise für sein ganzes Leben unglücklich 
Während der Schuljahre hatte Patient eine mehrere Jahre 
erotische Schwärmerei für einen Mitschüler. 

Im elterlichen Hause fühlte Patient sich während der Kindheit 
und auch später nie zufrieden. Er hatte stets den Eindruck, daß die 
Eltern den ältesten Bruder bevorzugten, weil dieser sich als besonders 
intelligent erwies, während er selbst nur mittelmäßig veranlagt war. 
Ebenso war er der Ansicht, daß der jüngere Bruder, der kränklich 
war, von der Mutter mit größerer Aufmerksamkeit bedacht wurde als 
er. Daraus ging eine feindselige Einstellung gegenüber den Eltern 
hervor, während die Brüder seine Eifersucht und seinen Haß erregten. 
Wie intensiv diese Haß-Einstellung war, geht aus ein paar impulsiven 
Handlungen in seiner Kindheit hervor. Aus Anlaß eines geringen 
Streites wurde er gegen den jüngeren Bruder zweimal so gewalttätig, daß 
dieser zu Fall kam und beide Male ernstliche Verletzungen davontrug. 



er werde 

machen. 

dauernde 



98 

Diese Gewalttätigkeit fällt besonders auf, wenn wir hören, daß 
Patient während der Schulzeit stets der Kleinste und Schwächste unter 
seinen Mitschülern war. Er fand nie rechten Anschluß, hielt sich meist 
allein. Er war fleißig, brachte es aber nicht zu entsprechenden Erfolgen. 
In der Pubertät erwies sich dann deutlich, daß seine Triebe, die sich 
zuerst so stark gezeigt hatten, durch Verdrängung lahm gelegt waren. 
Er fühlte sich — im Gegensatz zu seinem Verhalten in der Kindheit! 
— vom weiblichen Geschlecht nicht angezogen. Seine Sexualbetätigung 
war die schon in der Kindheit geübte, die sich aber nicht im wachen 
Zustande, sondern nur im Schlaf oder Halbschlaf vollzog. Freunde 
hatte er nicht. Er bemerkte selbst, wenn er sich mit anderen verglich, 
das Fehlen der rechten Lebensenergie. Zu Hause fand er keine 
Ermutigung; im Gegenteil bekam er vom Vater geringschätzige 
Bemerkungen zu hören. Zu allen diesen deprimierenden Momenten 
gesellte sieh noch ein besonderes psychisches Trauma. Ein Lehrer 
beging die Roheit, ihn vor versammelter Klasse als einen körperlichen 
und geistigen Krüppel zu bezeichnen. Bald danach brach der erste 
Depressionszustand aus. 

Auch später fand er nicht den Anschluß an andere Menschen, 
hielt sich aber auch absichtlich von ihnen zurück, weil er fürchtete, 
doch nur für beschränkt gehalten zu werden. Einen guten gemütlichen 
Rapport hatte er nur mit Kindern, denen gegenüber ihn nicht die 
sonst gewohnten Insuffizienz-Gefühle 'befielen. Im übrigen hielt er sich 
isoliert. Vor Frauen hatte er geradezu Angst. Zum normalen Sexual- 
verkehr war er fähig, empfand aber eigentlich keine Neigung dazu 
und entbehrte auch der Befriedigung durch ihn. Die Schlafonanie 
blieb auch in späteren Jahren die hauptsächlichste Sexuälbetätigung 
des Patienten. Im praktischen Leben zeigte er sich wenig energisch ; 
besonders fiel es ihm immer schwer, in zweifelhafter Situation zu 
einem Entschluß oder einer Entscheidung zu gelangen. 

Diese Vorgeschichte deckt sich in allen Einzelheiten mit derjenigen, 
wie wir sie bei den Zwangsneurotikern ermitteln. Aber wir finden bei 
unserem Patienten nicht Zwangserscheinungen, sondern zirkuläre 
Stimmungsschwankungen, die sich seit nunmehr etwa 20 Jahren viele 
Male wiederholt haben. 

In der depressiven Phase ist die Stimmung des Patienten 
— je nach der Schwere des Zustandes — „deprimiert" oder „apathisch". 
(Ich gebe hier die vom Patienten selbst gebrauchten Bezeichnungen 
wieder.) Er ist gehemmt, muß sich auch zu einfachen Verrichtungen 
mühsam zwingen, spricht langsam und leise, wünscht sich den Tod 
und hegt Selbstmordgedanken. Seine Vorstellungen haben einen 



99 



depressiven Inhalt. Oft sagt er zu sich selbst: „Ich bin ein 
Ausgestoßener", „ein Verfluchter", „ein Gezeichneter" ; „ich habe keine 
Zugehörigkeit zur Welt". Er hat ein unbestimmtes Gefühl, als treffe 
der Depressionszustand ihn als Strafe. Er hat das Gefühl der Nichtigkeit ; 
er malt sich häufig aus, wie er spurlos vom Erdboden verschwände. 
Während dieser Stimmungslage leidet er an Mattigkeit, Angst und 
Druckgefühlen im Kopf. Die Dauer der depressiven Phase betrug 
meist einige Wochen; manchmal war sie kürzer. Die Intensität der 
Depression schwankt ebenfalls zwischen den einzelnen Attacken; 
Patient hatte im Laufe eines Jahres etwa zwei oder drei schwerere 
■ melancholische und etwa sechs oder noch mehr leichtere Zustände. 
Im Verlauf jeder einzelnen Attacke war ein allmähliches Ansteigen, 
ein Verweilen auf der Höhe der Depression und ein allmähliches 
Absinken der Verstimmung sowohl dem Patienten fühlbar als auch 
objektiv deutlich wahrnehmbar. 

Ungefähr im 28. Lebensjahre des Patienten traten Verstimmungen 
entgegengesetzter Art hinzu; seither findet ein ständiger Wechsel 
hypomanischer und depressiver Zustände statt. 

Im Beginn der manischen Phase erwacht Patient aus seiner 
Apathie, wird geistig rege, allmählich sogar überrege. Er ist vielgeschäftig, 
kennt keine Ermüdung, erwacht früh vor Tag und beschäftigt sich 
dann mit beruflichen Plänen, Er ist unternehmend, traut sich große 
Leistungen zu, ist redselig und zum Lachen und Scherzen geneigt. 
Er neigt zu Wortspielen und Wortwitzen. Er bemerkt selbst, daß seine 
Gedanken etwas Flüchtiges an sich haben; objektiv läßt sich ein 
leichter Grad von Ideenflucht nachweisen. Er spricht in schnellerem 
Tempo, lebhafter und lauter als sonst. Die Stimmung ist heiter und 
leicht gehoben. In den höheren Graden der manischen Verstimmung 
pflegt die Euphorie in Reizbarkeit und impulsive Heftigkeit überzugehen. 
Stört ihn z. B. jemand bei der Arbeit, tritt ihm jemand in den Weg, 
fährt ein Automobil rasch an ihm vorüber, so macht sich ein heftiger 
Wutaffekt bemerkbar. Patient möchte den Missetäter am liebsten auf 
der Stelle niederschlagen. Er bekommt in diesem Zustand öfter auch 
wirklich Streitigkeiten, in denen er sich dann sehr schroff benimmt. 
— Während in den Depressions-Zeiten der nächtliche Schlaf ruhig 
ist, tritt während der manischen Phase, besonders in der zweiten 
Hälfte der Nacht, eine lebhafte Unruhe ein. In den meisten Nächten 
macht sich eine explosive sexuelle Erregtheit bemerkbar. 

Der Kranke, dessen Libido sehr frühzeitig und mit großer Energie 
hervorgetreten war, hat die exekutive Fähigkeit zu Liebe und Haß 
größtenteils eingebüßt. Auf gleichem Wege wie die Zwangsneurotiker 



7* 



100 

ist er lebensunfähig geworden. Freilich liegt keine Impotenz bei ihm 
vor; allein er entbehrt des eigentlichen Sexualgenusses. Die Pollution 
bringt ihm größere Befriedigung als der Koitus, Seine Sexualbetätigung 
ist im wesentlichen auf den Schlaf verwiesen. Es zeigt sich hier das 
auch den Neurotischen eigene autoerotische Bestreben, sich von der 
Außenwelt zu isolieren. Solche Menschen können nur in gänzlicher 
Abgeschlossenheit Lust genießen. Jedes lebende Wesen, jeder tote 
Gegenstand wird störend empfunden. Erst wenn ein völliger Abschluß 
gegen jeden von außen kommenden Eindruck erzielt ist — wie dies 
im Schlaf der Fall — erleben sie träumend die Befriedigung ihrer 
sexuellen Wünsche. Unser Patient äußert sich dazu mit den Worten : 
„Ich fühle mich im Bett am wohlsten; da bin ich wie im eigenen Hause" ^ 

In der Pubertätszeit mußte Patient in besonderem Maße bemerken, 
daß er in wichtigen Beziehungen hinter seinen Altersgenossen zurück- 
stand. Körperlich hatte er sich diesen nie ebenbürtig gefühlt. In 
geistiger Hinsicht fürchtete er — besonders im Vergleich mit seinem 
älteren Bruder — ebenfalls inferior zu sein. Jetzt kam das Gefühl 
sexueller Unzulänglichkeit hinzu. Gerade in dieser Zeit traf ihn die 
Kritik des Lehrers („geistiger und körperlicher Krüppel") wie ein 
Keulenschlag. Ihre Wirkung erklärt sich zu einem wesentlichen Teil 
daraus, daß sie, wie Patient angibt, die Prophezeiung der Amme in 
seine Erinnerung zurückrief. Sie hatte ihm ja gedroht, er werde sich 
durch seine Masturbation fürs ganze Leben unglücklich machen. Gerade 
in dem Zeitpunkt also, da er zum Mann werden und sich männlich 
fühlen sollte wie seine Altersgenossen, erhielten die schon früher in 
ihm wohnenden Gefühle der Insuffizienz eine bedeutende Verstärkung. 
Im Anschluß daran entstand der erste dem Patienten erinnerliche 
Depressionszustand. 

Der Ausbruch der eigentlichen Krankheit erfolgte — ganz wie 
wir es bei der Zwangsneurose so oft erweisen können — als über 
die Einstellung des Patienten auf die Außenwelt, über die zukünftige 
Verwendung seiner Libido die endgültige Entscheidung getroffen 
werden sollte. In den anderen analysierten Fällen hatte ein Konflikt 
der gleichen Art den Anlaß zum ersten Ausbruch eines Depressions- 
zustandes gegeben. So hatte sich z. B. einer der Patienten verlobt. Bald 
darauf überwältigte ihn das Gefühl mangelnder Liebesfähigkeit; er 
verfiel in eine schwere melancholische Depression. 

1 Ich bemerke hier, daß die anderen männlichen Patienten, deren depressive 
Psychosen ich analysieren konnte, sich ganz ähnlich verhielten. Impotent war keiner 
von ihnen. Aber für alle war das autoerotische Verhalten von jeher lustvoller, während 
ihnen jede Applikation an weiblichen Personen beschwerlich und lästig war. 



101 

In sämtlichen Fällen hatte die Krankheit erweislich ihren Ausgang 
genommen von einer das Liebesvermögen paralysierenden Haßeinstellung. 
•Ganz wie in der Psychogenese der Zwangsneurose erwiesen sich aber 
auch hier noch andere Konflikte im Triebleben der Patienten als 
krankmachende Faktoren. Ich betone hier besonders die Unsicherheit 
in bezug auf die Geschlechtsrolle. In, Maeders Fall trat dieser , 

Konflikt zwischen männlicher und weiblicher Einstellung besonders .; 

hervor. Bei zweien meiner Patienten erhob ich einen Befund, der dem 
von Maeder geschilderten überraschend ähnlich war. 

In der weiteren Entwicklung aber entfernen die beiden Krankheiten 
sich voneinander. Die Zwangsneurose schafft an Stelle der unerreich- 
baren Sexualtriebe Ersatzziele; die Betätigung im Sinne dieser 
letzteren ist mit den Erscheinungen des psychischen Zwanges verbunden. 
Anders ist der Vorgang bei der Entstehung der depressiven Psychosen. 
Zu dem Verdrängungsprozeß gesellt sich hier der Vorgang, welcher 
uns, besonders aus der Psychogenese gewisser Geistesstörungen, unter 
dem Namen „Projektion" geläufig ist. 

In den- „Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia" (Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, Bd. III) 
gibt Freud eine bestimmte Formulierung über die Psychogenese der 
Paranoia. In kurzen Formeln präzisiert er die Stadien, welche bis zur 
Bildung des paranoischen Wahnes durchlaufen werden (I. c. S. 55 f.). 4 

Auf Grund meiner Analysen depressiver Geistesstörungen möchte ich f 

hier eine ähnliche Formulierung für die Genese der depressiven . 

Psychosen zu geben versuchen. j 

Freud sieht — mindestens in einem großen Teil der Fälle von | 

paranoischer Wahnbildung — den Kern des Konfliktes in der homo- t 

sexuellen Wunschphantasie, ein Individuum des gleichen Geschlechtes 
zu lieben. [Formel: Ich (ein Mann) liebe ihn (den Mann).] Der 11 

Verfolgungswahn erhebt Widerspruch gegen diese Einstellung, „indem i 

er laut proklamiert: ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn ja." .Da die » 

innere Wahrnehmung bei der Paranoia durch eine Wahrnehmung von | 

außen ersetzt wird, so wird der eigene Haß als eine Folge der von 
außen her erduldeten Gehässigkeiten hingestellt. Die dritte Formel 
lautet nun: „Ich liebe ihn ja nicht — ich hasse ihn ja — weil er . 

mich verfolgt." , | 

In den uns hier beschäftigenden Psychosen verbirgt sich ein ! 

anderer Konflikt. Er nimmt seinen Ausgang von einer überwiegenden j 

Haß-Einstellung der Libido, die sich zuerst den nächsten Angehörigen 
gegenüber geltend macht, sich dann aber verallgemeinert. Sie läßt . 

sich durch folgende Formel ausdrücken: | 

; 




102 

1, Ich kann die Menschen nicht lieben; ich muß sie hassen. 

Von dieser unlustvollen „inneren Wahrnehmung" nehmen die 
schweren Insuffizienzgefühle dieser Kranken ihren Ausgang. Wird nun 
der Inhalt der Wahrnehmung verdrängt und nach außen projiziert, so 
gelangt das Individuum zu der Auffassung, von seiner Umgebung — 
zunächst sind es wieder die Eltern usw., dann ein weiterer Kreis von 
Personen — nicht geliebt, sondern gehaßt zu werden. Diese Auffassung 
wird aus ihrem ursprünglichen ursächlichen Zusammhang mit der 
eigenen Haß-Einstellung des Individuums losgelöst und mit andern — 
psychischen oder körperlichen — Mängeln in Zusammenhang gebrachte 
Es scheint, daß ein reichliches Vorhandensein solcher Minderwertigkeiten 
die Entstehung depressiver Zustände begünstigt. 

So ergibt sich die zweite Formel: 

2. Die Menschen lieben mich nicht; sie hassen mich . . . weil ich 
mit angeborenen Mängeln behaftet bin 2. Darum bin ich unglück- 
lich, deprimiert. 

Die verdrängten sadistischen Regungen aber ruhen nicht. Sie 
zeigen die Tendenz, ins Bewußtsein zurückzukehren und erscheinen 
in mancherlei Formen wieder: in Träumen und Symptom handlungen, 
besonders aber in quälerischen Neigungen gegen die Umgebung, in 
heftigen Rachegelüsten oder kriminellen Impulsen. Derartige Anwand- 
lungen kommen gewöhnlich nicht zur direkten Beobachtung, weil sie 
meist unausgeführt bleiben. Bei intimerem Eingehen auf die Kränken 
— eventuell in der Kataranese — erfährt man genug darüber. Wer 
sie in der depressiven Phase übersehen hat, findet übrigens reichlichere 
Gelegenheit, sie in der manischen Phase zu beobachten. Darüber später. 

Gerade hinsichtlich dieser Gelüste nach Rache, gewalttätigen 
Handlungen usw. tritt die Neigung hervor, sie von dem quälenden 
Gefühl körperlicher oder seelischer UnvoUkommenheit abzuleiten, 
anstatt von dem eigenen, mangelhaft verdrängten Sadismus. Jeder 
Kranke der manisch-depressiven Gruppe neigt zu den Folgerungen 
Richards des Dritten. Der enthüllt mit schonungsloser Grausamkeit 
gegen sich selbst alle seine Gebrechen und zieht daraus das Fazit: 

„Therefore, since I cannot prove a lover 
I am determined to prove a villain." 



1 In manchen Fällen — anscheinend besonders in den leichteren -r- geht der 
ursprüngliche Zusammenhang nur teilweise verloren. Doch bleibt die Verschiebungs- 
tendenz auch dann deutlich erkennbar. 

» Man beachte in der deutschen Sprache die Etymologie von .häßlich": was 
den Haß erregt. 



103 



Wegen seiner Gebrechen kann Richard nicht lieben; er wird um 
ihrer willen gehaßt. Dafür will er Rache nehmen. Ganz ebenso wollte 
jeder .unserer Kranken; aber er kann nicht, weil die Aktivität seiner 
Triebe durch Verdrängung paralysiert ist. 

Für ihn gehen aus der Unterdrückung dieser oft genug auftauchenden 
Regungen des Hasses, der Rache usw. neue krankhafte Erscheinungen 
hervor: die Ideen der Verschuldung. Nach den bisherigen 
Erfahrungen glaube ich sagen zu dürfen : je heftiger die unbewußten 
Regungen der Rache sind, umso ausgeprägter ist die Neigung, Wahn- 
ideen der Verschuldung zu bilden. Dieser Wahn kann, wie bekannt, 
ins Ungeheure gehen, so daß der Kranke etwa angibt, er allein habe 
seit Weltbeginn alle Sünden verschuldet, oder alles Böse in der Welt 
stamme allein von ihm. Es handelt sich hier um Individuen mit einem 
ins Unbewußte verdrängten unersättlichen Sadismus, der sich gegen 
alle und alles richten möchte. Freilich ist die Vorstellung einer so 
ungeheuren Schuld dem Bewußtsein im höchsten Maße qualvoll; 
einem solchen Grade des verdrängten Sadismus entspricht eine besondere 
Schwere des depressiven Affektes. Dennoch enthält die Verschuldungs- 
idee die Erfüllung eines Wunsches: des verdrängten Wunsches, ein 
Verbrecher allergrößten Stiles zu sein, mehr Schuld auf sich zu laden 
als alle anderen Menschen zusammengenommen. Auch hier werden 
wir an gewisse psychische Vorgänge bei den Zwangsneurotikern 
erinnert. Ich nenne nur die Vorstellung dieser Kranken bei der 
„Allmacht" ihrer Gedanken. Sie leiden häufig an der Angst, durch 
Gedanken an den Tod gewisser Personen deren Tod tatsächlich 
verschuldet zu haben. Auch beim Zwangsneurotiker sind die sadistischen 
Triebregungen unterdrückt. Da er nicht gemäß seinem ursprünglichen 
Triebe handeln kann, gibt er sich unbewußt der Phantasie hin, 
durch Gedanken töten zu können ; dem Bewußtsein wird dieser 
Wunsch nicht als solcher, sondern als quälende Beängstigung 
bemerkbar. 

Aus der Verdrängung des Sadismus sehen wir Depression, Angst 
und Selbstvorwürfe hervorgehen. Wird aber die wichtige Lustquelle 
der aktiven Triebbetätigung versperrt, so ist die Hinwendung zum 
Masochismus die selbstverständliche Folge. Der Patient stellt sich 
passiv ein; er zieht Lust aus seinem Leiden, aus der beständigen 
Selbstbespiegelung. Im tiefsten melancholischen Elend ist so noch ein 
versteckter Lustgewinn enthalten. 

Manche Kranke sind, bevor ein eigentlicher Depressionszustand 
bei ihnen einsetzt, besonders tätig im Berufsleben oder auf anderen 
Gebieten. Sie sublimieren — oft gewaltsam — die Libido, die sie 



104 

ihrem eigentlichsten Zwecke nicht zuführen können. Sie täuschen sich 
damit über die Konflikte in ihrem Innern hinweg und wehren den 
depressiven Stimmungen, die in ihr Bewußtsein einbrechen wollen. 
Das gelingt oft recht lange Zeit hindurch, freilich nie vollkommen. 
Wer dauernd mit der Abwehr störender Einflüsse zu tun hat, kommt 
nie zu innerer Ruhe und Sicherheit. Eine Situation, welche eine 
bestimmte Entscheidung in Sachen der Libido zur Notwendigkeit 
macht, hebt dann plötzlich das mühsam erhaltene psychische Gleich- 
gewicht auf. Mit dem Beginn des Depressionszustandes kommen die 
vorherigen Interessen (d. h. Sublimierungen) des Patienten plötzlich in 
Wegfall; daraus resultiert die Einengung des geistigen Gesichtskreises, 
die bis zum sogenannten „Monideismus" gehen kann. 

Ist die depressive Psychose manifest geworden, so tritt als Kardinal- 
erscheinung die allgemeine psychische Hemmung hervor. Sie erschwert 
den Rapport zwischen dem Kranken und der Außenwelt. Unfähig zu 
einer nachhaltigen, positiven Applizierung seiner Libido, sucht der 
Kranke unbewußt die Abgeschlossenheit von der Welt. Dieses auto- 
erotische Streben gibt sich in der Hemmung des Kranken kund. Nun 
stehen freilich in der Symptomatik der Neurosen und Psychosen auch 
andere Mittel zur Verfügung, die einer autoerotischen Tendenz Ausdruck 
verleihen können. Daß gerade die Hemmung und nicht ein beliebiges 
anderes Ausdrucksmittel hier in die Erscheinung tritt, erklärt sich einwand- 
frei daraus, daß die Hemmung gleichzeitig noch anderen, unbewußten 
Tendenzen zu dienen vermag. — Ich nenne hier besonders die Tendenz 
der Lebens Verneinung. Namentlich die höheren Grade der Hemmung, 
die man als depressiven Stupor bezeichnet, stellen ein symbolisches 
Sterben dar. Der Kranke bleibt selbst auf Applikation starker äußerer 
Reize reaktionslos, als gehörte er nicht mehr zur lebenden Welt. 
Ausdrücklich sei bemerkt, daß im vorstehenden nur zwei durchgängige 
Ursachen der Hemmung behandelt worden sind. Die Analyse ergibt 
in jedem Falle noch weitere, mit den individuellen Verhältnissen 
zusammenhängende Determinationen. 

Gewisse Einzelerscheinungen des Depressionszustandes werden 
uns verständlich, wenn wir auf gut gegründete psychoanalytische 
Erfahrungen zurückgreifen. Genannt sei hier die so häufige Idee der 
Verarmung. Der Patient klagt etwa, er und seine Familie seien dem 
Verhungern preisgegeben. Ist dem Ausbruch der Krankheit tatsächlich 
ein pekuniärer Verlust vorausgegangen, so behauptet der Patient, diesen 
Schlag unmöglich überstehen zu können; er sei vollkommen ruiniert. 
Diese eigentümlichen, den Kranken oft gänzlich beherrschenden 
Gedankengänge erklären sich aus einer uns geläufigen Identifizierung 



105 

von Libido und Geld, von sexuellem und pekuniärem „Vermögen". 
Für den Kranken ist, sozusagen, die Libido aus der Welt gegangen ; 
während andere mit ihrer Libido die Objekte der Außenwelt besetzen 
können, fehlt ihm dieses Kapital. Die Idee der Verarmung entspringt 
aus der verdrängten Wahrnehmung der Liebesunfähigkeit. 

Befürchtungen oder ausgesprochene Wahnideen mit derartigem 
Inhalt begegnen uns besonders häufig in den Depressionszuständen des 
Involutionsalters. Soweit meine noch nicht sehr umfangreichen analytischen 
Erfahrungen über diese Zustände einen Schluß zulassen, handelt es sich 
um Personen, deren Liebesleben dauernd unbefriedigend verlaufen ist. 
In den vorausgegangenen Jahrzehnten hatten sie diesen Tatbestand 
verdrängt, hatten ihre Zuflucht zu allerhand Kompensierungen genommen. 
Der klimakterischen Revolution ist die Verdrängung nicht gewachsen. 
Diese Menschen halten jetzt gleichsam Rückschau über ihr verlorenes 
Leben und empfinden gleichzeitig, daß es nun für eine Änderung zu 
spät ist. Gegen alle hierher gehörigen Vorstellungen sträubt sich ihr 
Bewußtsein mit größter Heftigkeit; zu schwach, um sie völlig zu bannen, 
muß es ihnen den Zutritt in maskierter Form gewähren. In der Ver- 
hüllung des Verarmungswahnes sind sie immer noch peinvoll, aber nicht 
mehr unerträglich in dem vorherigen Maße. 

In der äußeren Erscheinung ist die manische Phase der zirkulären 
Störungen das volle Gegenteil der depressiven. Für die oberflächliche 
Betrachtung sieht eine manische Psychose sehr lustig aus; verzichtet 
man auf ein tieferes Eindringen mit Hilfe der Psychoanalyse, so kann 
man zu dem Schluß gelangen, die beiden Phasen ständen auch inhaltlich 
im Gegensatz zueinander. Die Psychoanalyse aber läßt mit Sicherheit 
erkennen, daß beide Phasen unter der Herrschaft der gleichen — 
nicht etwa entgegengesetzter — Komplexe stehen. Verschieden ist nur 
die Einstellung des Kranken auf die sich gleichbleibenden Komplexe. 
Im depressiven Zustand läßt er sich vom Komplex niederdrücken und 
sieht keinen anderen Ausweg aus seinem Elend als den Tod^ ; im 
manischen Zustand setzt er sich über den Komplex hinweg. 

Zum Ausbruch der Manie kommt es dann, wenn die Verdrängung 
dem Ansturm der verdrängten Triebe nicht mehr standzuhalten vermag. 
Der Kranke wird, besonders in den Fällen schwererer manischer 
Erregung, von seinen Trieben wie im Taumel mitgerissen. Hier sei 
ganz besonders betont, daß positive und negative Libido (Liebe und 
Haß, erotisches Verlangen und aggressive Feindseligkeit) sich gleicher- 
maßen ins Bewußtsein drängen. 

• Manche Kranke verfechten auch die Meinung, geheilt werden zu können durch 
die ErfüUung einer äußeren Bedingung, die allerdings unerfüllbar zu sein pflegt. 



106 

Gerade dadurch, daß libidinöse Regungen von beiderlei Art 
wieder Zutritt zum Bewußtsein erhalten, wird ein Zustand geschaffen, 
wie der Patient ihn schon einmal durchlebt hat: in seiner frühen 
Kindheit. Während in der depressiven Phase alles zur Lebensverneinung, 
zum Tode drängt, fängt der Manische das Leben von Neuem an. Er 
kehrt in ein Stadium zurück, in dem die Triebe der Verdrängung 
noch nicht anheimgefallen waren, in dem er von dem heraufziehenden 
Konflikt noch nichts ahnte. Charakteristischerweise äußern die Patienten 
öfter, — so auch in dem oben beschriebenen Fall — sie fühlten sich 
„wie neugeboren". Die Manie birgt in sich die Erfüllung des Wunsches: 

,Gib ungebändigt jene Triebe, 
Das tiefe schmerzenvolle Glück, 
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe, 
Gib meine Jugend mir zurück." 

Die Stimmung des Maniacus ist, gegenüber dem normalen oder 
dem depressiven Zustand verändert, teils im Sinne einer sorglosen 
oder ausgelassenen Heiterkeit, teils im Sinne erhöhter Reizbarkeit und 
gesteigerten Selbstbewußtseins. Je nach der Individualität herrscht diese 
oder jene Veränderung vor; auch in verschiedenen Krankheitsstadien 
kann diese oder jene Stimmungslage vorherrschen. 

Der Lustaffekt der Manie läßt sich aus denselben Quellen 
ableiten wie die Witzeslust. Die folgenden Ausführungen können 
sich daher aufs engste an die von Freud gegebene Theorie des 
Witzes 1 anschließen. 

Während der Melancholische sich im Zustand allgemeiner Hemmung 
befindet, kommen mit dem Ausbruch der Manie auch die beim 
Normalen vorhandenen Hemmungen der Triebe teilweise oder ganz in 
Wegfall. Die hierdurch bedingte Hemmungsersparnis wird zur Lust- 
quelle, und zwar zu einer dauernd fließenden, während der Witz nur 
eine vorübergehende Aufhebung von Hemmungen mit sich bringt. 

Die Ersparnis an Hemmungsaufwand ist jedoch keineswegs die 
alleinige Quelle der manischen Lust. Durch Wegfall von Hemmungen 
werden alte Lustquellen wieder zugänglich, auf denen die Unterdrückung 
lag ; gerade hierin zeigt es sich, wie sehr die Manie im Infantilen wurzelt. 
Als dritte Lustquelle ist die Technik der manischen Gedankenproduktion 
zu nennen. Die Aufhebung des logischen Zwanges und das Spielen mit 
Worten — zwei wesentliche Züge des manischen Vorstellungsablaufs — 
bedeuten eine weitgehende „Wiederherstellung infantiler Freiheiten". 



„Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten«. Wien 1905. 



107 

Der melancholischen Hemmung des Gedankenablaufs entspricht 
als gegensätzliches Symptom in der manischen Phase die Ideenflucht. 
Dort Einengung des Ideenkreises, hier schnelles Wechseln des 
Bewußtseinsinhaltes. Der haupsächlichste Unterschied zwischen Ideen- 
flucht und normalem Denken liegt darin, daß der Gesunde, während 
er denkt oder spricht, dem Ziel der Denkoperation konsequent zustrebt, 
der Manische dagegen die Zielvorstellung sehr leicht veriiert^. Damit 
ist das Formale der Ideenflucht gekennzeichnet, nicht aber ihre Bedeutung 
für den Manischen. Es muß betont werden, daß die Ideenflucht dem 
Kranken bedeutende Möglichkeiten der Lustgewinnung bietet. Daß 
durch den Wegfall des logischen Zwanges, durch die Einstellung auf 
den Wortklang statt auf den Wortsinn psychische Arbeit erspart wird, 
wurde bereits erwähnt. Darüber hinaus hat aber die Ideenflucht noch 
eine zweifache Funktion. Sie ermöglicht das spielende Hinweggehen 
über solche Vorstellungen, welche dem Bewußtsein peinlich sind, so 
z. B. über die Vorstellungen der Insuffizienz. Sie begünstigt also — 
ähnlich wie der Witz — das Hineingelangen in einen anderen 
Vorstellungskreis. Und ferner eriaubt die Ideenflucht, das sonst unter- 
drückte Lustvolle scherzend zu streifen. 

In einer Anzahl von Zügen prägt sich die Ähnlichkeit der manischen 
und der kindlichen Psyche aus. Hier sei nur noch ein einzelner Hinweis 
nach dieser Richtung gegeben. In den Zuständen leicht manischer 
Exaltation findet man eine Art der sorglosen Heiterkeit, die einen 
offensichtlich kindlichen Charakter trägt. Der Psychiater, der viel mit 
solchen Kranken zu verkehren hat, bemerkt deutlich, daß sein gemüt- 
licher Rapport mit ihnen ein ganz gleichartiger ist wie der mit einem 
etwa fünfjährigen Kinde. 

Die höheren Grade der Manie gleichen einem Freiheitsrausch. 
Die sadistische Triebkomponente ist ihrer Fesseln entledigt. Alle 
Zurückhaltung schwindet; statt dessen zeigt sich die Neigung zu 
rücksichtslosem, aggressiven Verhalten. Auf einen geringen Anlaß hin 
reagiert der Manische in diesem Stadium mit heftigen Wutausbrüchen, 
mit übertriebener Rache. Der zyklothyme Patient, von dem oben die 
Rede war, spürte, wenn die Exaltation eine gewisse Höhe erreicht 
hatte, den Impuls, jemanden niederzuschlagen, der ihm auf der Straße 
nicht sogleich Platz machte. Die Kranken pflegen gleichzeitig ein 
übertriebenes Kraftgefühl zu äußern; sie messen ihre Kraft nicht an 
den wirklichen Leistungen, sondern an der Heftigkeit der Triebe, die 
ihnen jetzt in ungewohnter Weise fühlbar wird. Nicht selten finden 



1 Liepmann, Über Ideenflucht. Halle 1904. 



108 

sich Größenideen, die dem Renommieren eines Kindes mit seiner 
Kraft oder seinem Können äußerst ähnlich sehen. 

Eine sehr wichtige Frage, die sich aus dem ausführlicher 
beschriebenen Fall von Zyklothymie ergibt, wage ich nicht bestimmt 
zu beantworten. Es bleibt zu erklären, warum zu den schon lange 
vorher aufgetretenen depressiven Zuständen ungefähr im 28. Lebensjahre 
des Patienten manische Exaltationen hinzutraten. Ich vermute, es 
handle sich hier um eine der körperlichen Reifung verspätet nachfolgende 
psychosexuelle Pubertät. Wir sehen bei Neurotikern die Entwickelung 
des Trieblebens oft in so verspäteter Weise erfolgen. Der Patient hätte 
also in der Pubertät nicht eine Verstärkung seines Trieblebens erfahren, 
sondern einen weiblichen Verdrängungsschub durchgemacht, während 
erst gegen Ende des dritten Dezenniums ein gewisses Erwachen der 
Triebe in Gestalt des ersten manischen Zustandes erfolgte. Tatsächlich 
hat in dem bezeichneten Alter sein Sexualinteresse sich mehr als früher 
dem weiblichen Geschlecht zugekehrt und vom Autoerotismus mehr 
abgewandt. 

Ich habe nunmehr noch über die therapeutische Wirkung der 
Psychoanalyse zu berichten. 

Der Krankheitsfall, über den ich am ausführlichsten berichtet 
habe, war zur Zeit meines Referates in Weimar soweit analysiert, daß 
seine Struktur im ganzen durchsichtig wurde. Im einzelnen blieb 
dagegen noch manches zu tun. Ein therapeutischer Erfolg war erst 
in den Anfängen erkennbar; er ist in den seither verflossenen 
2^2 Monaten deutlich geworden. Ein abschließendes Urteil kann in 
dieser Hinsicht natürlich noch nicht gefällt werden; denn nach 
zwanzigjährigem Kranksein, das überdies gelegentlich durch freie 
Intervalle von verschiedener Dauer unterbrochen war, bedeuten zwei 
Monate der Besserung noch sehr wenig. Immerhin sei das bisherige 
Ergebnis mitgeteilt. In der genannten Zeit ist kein Depressionszustand 
mehr eingetreten, nachdem schon der letztvorausgegangene auffallend 
leicht verlaufen war. Infolgedessen war Patient während dieser Zeit 
dauernd arbeitsfähig. Nach der manischen Seite hat in gleichem 
Zeitraum zweimal eine Stimmungsschwankung stattgefunden, die der 
sorgfältigen Beobachtung zwar nicht entgehen konnte, aber dem Grade 
nach hinter früheren Exaltationen ganz erheblich zurückblieb und 
gewisser sonst regelmäßig beobachteter Erscheinungen überhaupt 
entbehrte. Zwischen (Riesen beiden manischen Phasen lag nicht — 
wie sonst — eine depressive, sondern ein Zustand, den man mangels 
aller zyklothymen Erscheinungen als normal bezeichnen durfte. Hier 
muß uns der fernere Verlauf belehren. Nur eine Bemerkung sei 



109 

hinzugefügt. Wenn es in diesem Falle lediglich gelänge, einen Zustand 
wie den der letzten zwei Monate dauernd aufrecht zu erhalten, so 
wäre für den Patienten auch ein partieller Erfolg dieser Art von 
Wert. — In dem andern, eingangs erwähnten Fall von Zyklothymie 
war die Beobachtungszeit zu kurz, um über die therapeutische 
Einwirkung ein Urteil zu gestatten, während sich bezüglich der 
Struktur der Krankheit von Anfang an überraschende Analogien mit 
dem ersten Fall herausstellten. 

Der eingangs angeführte dritte Fall erwies die Wirksamkeit der 
Analyse in schlagendster Weise, trotzdem äußere Verhältnisse den 
Abbruch der Behandlung nach etwa 40 Sitzungen erzwangen. Schon 
in der ersten Zeit der Behandlung gelang es einmal, eine frisch 
entstandene melancholische Depression zu kupieren, was früher auf 
keine Art zu erzielen gewesen war. Die Einwirkung wurde im Laufe 
der Zeit nachhaltiger; sie äußerte sich in einer deutlichen Hebung 
der Stimmungslage und in einer bedeutenden Zunahme der Arbeits- 
fähigkeit. Nach Unterbrechung der Behandlung ist in den folgenden 
Monaten die Stimmung nicht wieder auf das frühere Niveau herab- 
gesunken. An dieser Stelle sei bemerkt, daß der Fall mit besonderer 
Deutlichkeit das Überwiegen der Haßeinstellung, das Gefühl der 
Liebesunfähigkeit, die Verknüpfung der Depression mit dem Insuffizienz- 
gefühl erkennen ließ. 

Die oben erwähnten zwei Fälle von erstmaliger melancholischer 
Depression gestatteten eine konsequente Durchführung der Analyse 
nicht, weil ihr von außen her Schwierigkeiten in den Weg gelegt 
wurden. Die Einwirkung war dennoch unverkennbar. Vor allem gelang 
es durch die psychoanalytische Klarstellung gewisser Tatsachen und 
Zusammenhänge, einen psychischen Rapport mit den Patienten zu 
gewinnen, wie ich ihn früher niemals zu erlangen vermocht hatte. Die 
Herstellung der Übertragung ist bei diesen Kranken, die sich in ihrer 
Depression von aller Welt abkehren, außerordentlich erschwert; die 
Psychoanalyse, die mir bisher allein ermöglicht hat, das Hindernis zu 
überwinden, erscheint mir deshalb als einzige rationelle Therapie der 
manisch-depressiven Psychosen. 

Der sechste oben angeführte Fall gibt zu dieser Auffassung eine 
noch größere Berechtigung, besonders deswegen, weil die Behandlung 
bis zum Schluß durchgeführt werden konnte. Sie endete mit einem 
außerordentlich schönen Erfolg. Der Kranke kam nach IVJähriger 
Dauer seines Leidens in meine Behandlung; vorher hatte der Aufenthalt 
in verschiedenen Sanatorien nur palliativ gewirkt, resp. einzelne 
Krankheitserscheinungen günstig beeinflußt. 



110 

Einige Wochen nach Beginn der Psychoanalyse fühlte der Kranke 
sich zeitweise erleichtert. Nach vier Wochen begann die schwere 
Depression zu weichen. Patient äußerte, es liomme ihm zuweilen ein 
Hoffnungsgefühl, als werde er doch noch wieder arbeitsfähig werden. 
Er gelangte zu einem gewissen Grad von Einsicht: „Ich bin ja jetzt 
so egoistisch, daß ich mein Geschick für das tragischeste halte." Im 
dritten Monat der Behandlung war die Stimmung im ganzen freier; 
alle psychischen Äußerungen trugen nicht mehr im früheren Grade 
den Charakter der Hemmung. Es kamen bereits halbe oder ganze 
Tage vor, an denen Patient sich gut befand und sich mit Zukunftsplänen 
befaßte. Er sagte in dieser Zeit einmal in bezug auf seine Stimmung: 
„Wenn sie gut ist, so bin ich so sorglos und zufrieden wie nie zuvor." 
Im vierten Monat erklärte er, von der eigentlichen Depression sei 
keine Rede mehr. Während des fünften Monats, in welchem die 
psychoanalytischen Sitzungen nicht tnehr täglich stattfanden, waren 
noch deutlich Schwankungen des Befindens bemerkbar, die Tendenz 
zur Besserung aber ließ sich nicht verkennen. Im sechsten Monat 
konnte Patient die Behandlung verlassen ; die Veränderung seines Wesens 
im günstigen Sinne fiel auch seinen Bekannten auf. Seither ist ein 
halbes Jahr verflossen, ohne daß ein Rückfall eingetreten wäre. 

Diagnostisch liegt der Fall insofern durchaus klar, als es sich 
mit Sicherheit um eine depressive Psychose und nicht etwa um eine 
Neurose des klimakterischen Alters handelte. Ich bin leider nicht in 
der Lage, die Einzelheiten des Falles zu veröffentlichen; sie sind so 
eigenartig, daß das Inkognito des Patienten sich nicht genügend wahren 
ließe. Auch andere Rücksichten liegen vor, die zu ganz besonderer 
Diskretion nötigen, wie sie mir im Interesse der- Wissenschaft durchaus 
nicht erwünscht sind. Nur einem Einwand in therapeutischer Hinsicht 
habe ich zu begegnen. Es könnte der Eindruck entstehen, als hätte 
ich einen Fall von Melancholie, — der auch ohne mein Zutun geheilt 
wäre — gerade in dem Stadium erwischt, als er sich zur Rekonvaleszenz 
wandte. Daraus ergäbe sich der Einwand, der Psychoanalyse komme 
der Heilwert, den ich ihr beilegen wolle, nicht zu. 

Demgegenüber betone ich, daß ich von Anfang an darauf bedacht 
war, mich vor derartigen Selbsttäuschungen zu schützen. Als ich die 
Behandlung übernahm, hatte ich einen dem Anschein nach ganz 
unbeeinflußbaren Kranken vor mir, der unter seiner Krankheit zusammen- 
gebrochen war. Ich stand dem Erfolg der Behandlung sehr skeptisch 
gegenüber. Um so erstaunter war ich, als ich nach Überwindung 
beträchtlicher Widerstände zur Aufklärung gewisser, den Patienten 
völlig beherrschender Ideen gelangte und die Wirkung dieser Aufklärungs- 



111 



arbeit beobachtete. Unmittelbar an die Auflösung ganz bestimmter 
Verdrängungsprodukte schloß sich sowohl diese erste als auch jede 
fernere Besserung an. Während des gesamten Verlaufs der Analyse 
ließ sich mit 3ller Deutlichkeit beobachten, daß sich die Fortschritte 
der Besserung an die Fortschritte der Analyse anschlössen. — 

Indem ich die wissenschaftlichen und praktischen Ergebnisse 
meiner bisherigen Psychoanalysen bei exaltativen und depressiven 
Psychosen mitteile, bin ich mir der Unvollständigkeit des Gebotenen 
durchaus bewußt. Ich hebe diese Mängel meiner Arbeit selbst hervor. 
Ich war nicht in der Lage, meine Anschauungen in dem Maße, wie 
ich es gewünscht hätte, durch ausführliche Wiedergabe der analysierten 
Fälle zu belegen. In bezug auf einen unter ihnen wurden die Gründe 
bereits erwähnt. In drei weiteren, sehr instruktiven Fällen, bin ich 
ebenfalls durch besondere Pflichten der Diskretion an der Mitteilung 
irgendwelcher Einzelheiten verhindert. Eine einsichtsvolle Kritik wird 
mir nach dieser Richtung hin keinen Vorwurf machen. Diejenigen, 
welche an der Psychoanalyse ein ernstes Interesse nehmen, werden 
den Mangel meiner Publikation durch Untersuchungen an eigenem 
Material ersetzen. 

Das weitere Untersuchungen erforderlich sind, soll ebenfalls 
ausdrücklich betont werden. Gewisse Fragen sind im obigen überhaupt 
nicht berührt oder nur gestreift worden. Erinnert sei besonders daran, 
daß wir zwar zu erkennen vermochten, bis zu welchem Punkt ihrer 
Psychogenese Zwangsneurose und zirkuläre Psychose miteinander 
übereinstimmen; daß wir aber nichts über die Ursachen ermittelt 
haben, warum von diesem Punkt an die eine Gruppe von Individuen 
diesen, die andere jenen Weg beschreitet. 

In therapeutischer Beziehung sei noch ein Wink gegeben. Es 
dürfte sehr vorteilhaft sein, bei solchen Kranken, welche zwischen ihren 
einzelnen manischen oder depressiven Attacken längere, freie Zwischen- 
zeiten haben, die Psychoanalyse während dieser letzteren Zeiten 
vorzunehmen. Der Vorteil liegt auf der Hand. An schwer gehemmten 
melancholischen und unaufmerksamen manischen Kranken wird man 
sie nicht durchführen können. 

Mögen unsere Resultate gegenwärtig unvollkommen und lückenhaft 
sein — die Psychoanalyse allein ist es dennoch, die uns die bisher 
verborgene Struktur einer großen Gruppe von psychischen Erkrankungen ' 
enthüllt. Überdies berechtigen uns die ersten therapeutischen Ergebnisse 
auf diesem Gebiet zu der Erwartung, der Psychoanalyse werde es 
vorbehalten sein, die Psychiatrie von dem Alp des therapeutischen 
Nihilismus zu befreien. 



über die determinierende Kraft des Namens^ 

In seinem Aufsatz „Die Verpflichtung des Namen s""'' 
hat S t e k e 1 auf verborgene Beziehungen zwischen Namen und Beruf, 
sowie zwischen Namen . und Neurose hingewiesen. Wie der Autor 
durch eine Fülle von Beispielen beweist, wirkt der Name auf seinen 
Träger in vielen Fällen verpflichtend, oder er ruft gewisse psychische 
Reaktionen (Trotz, Stolz, Scham) hervor. Die von Stekel angeschnittene 
Frage verdient sicherlich Beachtung; ich möchte im nachstehenden zu 
ihrer Klärung einen Beitrag liefern. 

Aus Erfahrungen bei meinen neurotischen Patienten kann ich 
Stekels Beobachtungen bestätigen. Ich erwähne beispielsweise, daß ich 
bei zwei Zwangsneurotikern eine Übereinstimmung zwischen der 
Bedeutung ihres Namens und dem Inhalt ihrer Zwangsideen gefunden 
habe, und daß ich einen Homosexuellen behandelte, dessen Name 
vollkommen seinem femininen Wesen entsprach. Ich füge hinzu, daß 
in einzelnen Familien sich ein bestimmter, im Namen ausgedrückter 
Charakterzug forterbt; so kenne ich eine durch besonderen Stolz 
ausgezeichnete Familie, deren Name ihrem Wesen vollkommen 
angepaßt ist. In derartigen Fällen hat wohl ein Vorfahre den Namen 
wegen einer solch auffälligen Eigenschaft erhalten oder angenommen. 
Der Charakterzug würde sich auch ohne Mitwirkung des Namens 
vererben; der letztere wirkt jedoch insofern verpflichtend, als er den 
Nachkommen den Anlaß gibt, ihre Eigentümlichkeit besonders zur 
Schau zu tragen. 

Ein klassisches Beispiel für die bestimmte Wirkung des Namens 
findet sich in Goethes „Wahlverwandtschaften" (I.Teil, 2. Kapitel): 

„. . . iVlittler erzählte von seinen heutigen Taten und Vorhaben. 
Dieser seltsame Mann war früherhin Geistlicher gewesen und hatte 
sich bei einer rastlosen Tätigkeit in seinem Amte dadurch ausgezeichnet, 
daß er alle Streitigkeiten, sowohl die häuslichen, als die nachbarlichen, 
erst der einzelnen Bewohner, sodann ganzer Gemeinden und mehrerer 



1 Zentralbl. f. Psa. Bd. II, 1912, S. 133. 

2 Zeitschr. f. Psychotherap. u. med. Psychol. Bd. III, 1911, H. 2. 



113 



Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wußte. Solange er im Dienste 
war, hatte sich Itein Ehepaar scheiden lassen, und die Landeskollegien 
wurden mit keinen Händeln und Prozessen von dorther behelligt. 
Wie nötig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr. Er warf 
sein ganzes Studium darauf und fühlte sich bald den geschicktesten 
Advokaten gewachsen. Sein Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus, 
und man war im Begriff, ihn nach der Residenz zu ziehen, um das 
von oben herein zu vollenden, was er von unten herauf begonnen 
hatte, als er einen ansehnlichen Lotteriegewinst tat, sich ein mäßiges 
Gut kaufte, es verpachtete und zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit 
machte, mit dem festen Vorsatz, oder vielmehr nach alter Gewohnheit 
und Neigung, in keinem Hause zu verweilen, wo nichts zu schlichten 
und nichts zu helfen wäre. Diejenigen, die auf Namensbedeutungen 
abergläubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn 
genötigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu 
e rgreif en." 

Eine sicherlich häufige Erscheinung ist es, daß ein Knabe, der 
den gleichen Vornamen trägt wie ein berühmter Mann, diesem 
nacheifert oder ihm sonstwie ein besonderes Interesse entgegenbringt. 
Der Vorname Alexander wird beispielsweise seinem Träger Anlaß 
bieten, sich speziell für Alexander den Großen zu interessieren, 
respektive sich in seiner Phantasie mit diesem zu identifizieren. . 
Bemerkenswert ist das Beispiel des Historikers Ottokar Lorenz, 
der eine Geschichte des Königs Ottokar von Böhmen verfaßte. 

Auch darin kann ich Stekel beipflichten, daß sich in der 
Liebeswahl oft ein determinierender Einfluß des Namens kundgibt; 
doch muß ich es mir versagen, die mir bekannten Beispiele hier 
mitzuteilen. 

Von Interesse ist auch der Hinweis auf die Gewohnheit mancher 
Menschen, ihren Namen in spielerischer Weise umzugestalten. Stekel 
erwähnt hier Stendhal. Die deutsche Literatur weist einen besonders 
merkwürdigen Fall dieser Art auf: Johann Fi schart, der mit seinem 
Namen die seltsamsten Verwandlungen vornahm und ihn zur 
Herstellung wunderlicher assoziativer Vorstellungen benutzte. 

Einen Einwand hätte ich nur gegen den von Stekel gewählten 
Terminus zu erheben; die Bezeichnung „Verpflichtung des Namens" 
erscheint mir nicht genügend klar und auch formell nicht einwandfrei. 
Ich möchte diejenige empfehlen, welche ich in der Überschrift dieser 
Mitteilung gebraucht habe. 



über ein kompliziertes Zeremoniell neurotischer 

Frauen\ 

Vor mehreren Jahren hat Freud in einem kleinen Aufsatz^ die 
Beziehungen zwischen Zwangsneurose und Religionsübung 
behandelt. Die tägliche Beobachtung lehrt uns, daß sehr viele Neurotiker 
— und nicht nur Zwangsneurotiker — privatim einen Kultus betreiben, 
dessen Formen durchaus an die religiösen Riten und Zeremonien 
erinnern. Ein Teil dieser Gepflogenheiten wiederholt sich im Leben 
des Neurotikers täglich mit der gleichen Regelmäßigkeit, mit welcher 
sich etwa die Gebetsübungen einer Religionsgemeinschaft an jedem 
Morgen und Abend unter Einhaltung bestimmter Formen abspielen. 

Obgleich der Spielraum für eine individuelle Gestaltung derartiger 
privater Kulte sehr weit ist, so treffen wir bei Personen, die aus gänzlich 
verschiedenen Kreisen stammen und in ihren Lebensverhältnissen, ihren 
Schicksalen, ihren geistigen Anlagen, ihren Anschauungen bedeutend 
differieren, dennoch oft übereinstimmende oder doch sehr ähnliche 
neurotische Zeremonien. Das gilt insbesondere für die einfachsten 
Formen. So ist z. B. der Zwang, beim Gehen auf der Straße die Trottoir- 
platten in einer bestimmten Weise zu betreten, überaus verbreitet; ich 
gehe auf die Bedeutung dieses Zwanges nicht ein, weil von anderer 
Seite eine Untersuchung darüber geplant ist. Ähnlich häufig ist der 
Zwang, beim Gehen oder beim Treppensteigen die Schritte zu zählen 
und das Ziel mit einer Schrittzahl zu erreichen, die durch zwei teilbar 
sein muß. Hier handelt es sich um eine Maßregel der ausgleichenden 
Gerechtigkeit, um die Überkompensierung gewisser unerlaubter Trieb- 
regungen, auf die hier jedoch ebenfalls nur hingedeutet werden soll. 

Weit auffälliger ist es, wenn wir bei einer neurotischen Frau ein 
recht kompliziertes Zeremoniell antreffen, und bald danach fast das 
nämliche bei einer zweiten, anders gearteten und sicheriich mit der 
ersten nicht bekannten Patientin wiederfinden. Über ein derartiges, 

bisher nicht beschriebenes Zeremoniell will ich hier berichten, indem 

'^ 

1 Aus dem „Zentralblatt für Psychoanalyse". Zweiter Jahrgang, Heft 8, 1912. 
^ Vgl. «Kleine Schifften zur Neurosenlehre". Bd. II. 



115 

ich aus der Psychoanalyse des ersten Falles das zum Verständnis 
Erforderliche mitteile; des zweiten werde ich nur insoweit Erwähnung 
tun, als charakteristische Abweichungen vom ersten in Betracht kommen. 
Aus einem bestimmten, später zu erwähnenden Anlaß im Verlauf 
der Psychoanalyse machte mir die Patientin, welche wir Frau Z. nennen 
wollen, spontan folgende Mitteilung: Wenn sie abends schlafen gehe, 
so mache sie sich peinlich ordentlich und in einer genau geregelten 
Weise zurecht. Besonders sorge sie für die Korrektheit ihrer Frisur. In 
das gelöste Haar binde sie eine weiße Schleife. Dieser ersten, unvoll- 
ständigen Schilderung ihres Zeremoniells fügte sie als Begründung 
hinzu: Es könne doch sein, daß sie in der Nacht plötzlich stürbe; man 
solle sie dann nicht in einem unordentlichen oder unästhetischen 
Zustande auffinden. 

In der folgenden Sitzung ergänzte sie die Schilderung wie folgt: 
Die Frisur, welche sie sich abends mache, sei die, welche sie als 
ganz junges Mädchen getragen habe. Nach Überwindung deutlicher 
Widerstände fuhr sie fort: Wenn sie sich niederlege, sorge sie dafür, 
daß ihr Bett in möglichster Ordnung bleibe. In der Nacht wache sie 
oftmals auf; sie ziehe dann ihr Hemd und die Bettwäsche, die etwa 
m Unordnung geraten seien, zurecht. Sie könne dann wieder einschlafen, 
erwache aber immer nach einiger Zeit von neuem, um die nämliche 
Korrektur vorzunehmen. Irgend einen Teil dieser Übung,zu unterlassen, 
sei ihr bisher nicht möglich gewesen. 

Die Motive dieses sonderbaren Verhaltens liegen zum größten 
Teil im Unbewußten und lassen sich daher nicht ohne weiteres erraten. 
Zunächst vermögen wir nur einiges aus der symbolischen Ausdrucks- 
weise in unsere Sprache zu übersetzen: Frau Z. erwartet in jeder Nacht 
den Tod. Sie versetzt sich dabei in ein sehr jugendliches Alter zurück. 
Sie schmückt ihr Haar mit einer Schleife, deren weiße Farbe zugleich 
auf die bräutliche Unschuld und auf den Tod anspielt. Sie trägt Sorge 
daß, wenn sie gestorben, an ihr und ihrem Lager kein Zeichen der 
Unordnung gefunden werde, an ihrer bräutlichen Unberührtheit also 
kein Zweifel entstehen könne. 

Weitere Aufklärung über den Sinn des Zeremoniells empfangen 
wir aus dem Z u s a m m e n h a n g, in welchem die Patientin zum ersten 
Male die geschilderte Gepflogenheit erwähnte. Nachdem sie schon 
früher über eine sehr ausgesprochene Schlangen-Phobie berichtet hatte, 
teilte sie eines Tages einen Traum mit, in welchem sie ein kleines 
Mädchen mit einer Schlange hatte spielen sehen. Aus bestimmten 
Eigentümlichkeiten- des Mädchens schloß sie nach dem Erwachen, daß 
sie selbst das Mädchen sei, das mit der Schlange spiele. Bald darauf 



8* 



I 



116 

folgte die Angabe, sie sei in letzter Zeit fast allnächtlich aus dem Schlaf 
aufgeschreckt und habe dann schreckliche Angst gehabt, daß in ihrem 
Bett eine dicke Schlange sei. Während der anschließenden Analyse 
dieser Angst sprach sie immer von der „großen Schlange". 

Die zu dem obigen Traum produzierten Einfälle führten zunächst 
auf den verstorbenen älteren Bruder der Patientin, den sie außer- 
ordentlich geliebt hatte. Sie berichtete, wie sie als Kinder — und zwar 
nicht nur in den frühen Kindheitsjahren — einander täglich nackt 
gesehen hätten, so beim Aus- und Ankleiden und beim Baden; wie 
sie im gleichen Zimmer schliefen und einander oft im Bett besuchten. 
Weitere Assoziationen führten auf den späteren Ekel der Patientin vor 
dem männlichen Körper. 

Sie erzählte weiter vom Bruder, wie er phantastisch gewesen sei 
und ganz in seinen Indianergeschichten lebte, wie er sich abends beim 
Schlafengehen auf seinen von ihm selbst verfertigten Schild legte, wie 
er sich den Namen eines bestimmten jungen Indianers beilegte. Hier 
trat eine Sperrung ein: der Name des „letzten Mohikaners" („Unkas") 
wollte ihr nicht einfallen. Diese Erinnerungsstörung konnte nur die 
Funktion haben, ein weiteres Vordringen auf dem eingeschlagenen 
Wege zu verhindern. Es war aber in diesem Falle nicht schwer, den 
assoziativen Zusammenhang herzustellen, gegen dessen Herstellung 
der Widerstand gerichtet war. In Coopers Indianergeschichte trägt 
Unkas' Vater den Namen „Chin-gach-gook", zu deutsch: „die 
große Schlange". 

Der Traum, in welchem die Patientin als kleines Mädchen mit 
einer Schlange spielt, setzt der Deutung nun keine Schwierigkeiten 
mehr entgegen. Sie spielt mit dem Genitale des Bruders, das noch 
klein, infantil ist. Eine Frage, welche Knaben und Mädchen in gleicher 
Weise zu interessieren pflegt, ist diejenige, ob wohl beim erwachsenen 
Manne (gemeint ist zunächst der Vater!) der Penis sehr viel größer 
als beim Kinde sei. Es besteht die Neigung, sich von seinen Dimen- 
sionen eine übertriebene Vorstellung zu machen. Auf diese Tendenz 
hat früher schon St ekel in seiner Monographie über die nervösen 
Angstzustände hingewiesen. In Freuds „Analyse der Phobie eines 
fünfjährigen Knaben" spielt die Vorstellung des Kindes von der 
riesigen Größe des Penis beim Manne eine bedeutende Rolle. 

Die „große" oder „dicke" Schlange wird nun — im Gegensatz 
zu dem noch infantilen Penis des Bruders — als Penis des erwachsenen 
Mannes verständlich. Hat die Patientin Angst, es sei „die große 
Schlange" in ihrem Bett, so erblicken wir darin zunächst die typische 
Angst neurotischer Frauen vor dem männlichen Genitale. Die als 



117 



ständiger Terminus wiederkehrende Bezeichnung „die große Schlange" 
aber weist uns mit Bestimmtheit auf die Person des Vaters. 

Nach dieser Richtung hatte die Analyse schon vorher genug 
Material ergeben, das nunmehr noch ergänzt wurde. Die Patientin war 
seit früher Kindheit, besonders aber seit dem zeitigen Tode der Mutter, 
an den Vater innig fixiert. Ihre verdrängten Sexualphantasien hatten 
ihn zum hauptsächlichsten Objelct. In ihren Augen war der Vater der 
einzige wirkliche Mann. Ein anderer, davon war sie überzeugt, könne 
ihr niemals genügen. Sie hatte sein Verhalten zu anderen Menschen 
mit großer Eifersucht beobachtet. Lebhafte Affekte traten auf, als sie 
berichtete, wie sie nach dem Tode der Mutter kurze Zeit neben dem 
Vater geschlafen habe, oder wie er später gelegentlich durch ihr 
Schlafzimmer ging. Der Vater starb, als sie im Pubertätsalter stand. 
Ihre Frisur aus dieser Zeit ist es, welche sie jeden 
Abend mit so peinlicher Sorgfalt herstellt. Wir verstehen 
nun ihr Zeremoniell bereits zu einem großen Teil: Sie versetzt sich 
in eine Zeit zurück, da der Vater noch lebte. Er ist es, den sie 
allnächtlich erwartet. Wenn sie aus dem Schlaf erwacht und die „große 
Schlange" in ihrem Bette wähnt, so erlebt sie darin die Erfüllung ihres auf 
den Vater gerichteten Inzestwunsches, die freilich nur unter lebhafter Angst 
vor sich gehen kann. — In anderem Zusammenhang kommt übrigens 
der verdrängte Wunsch, vom Vater ein Kind zu haben, deutlich zutage. 

Die Patientin ist tatsächlich verheiratet. Ihr Unbewußtes lehnt 
jedoch die Ehe mit einem anderen Manne als dem Vater ab; alle nur 
erdenklichen Zeichen der Sexualablehnung lassen dies deutlich erkennen. 
Ihre Phantasie entführt sie so weit aus der Wirklichkeit, daß sie sich 
allabendlich als junges Mädchen und als Braut zu schmücken vermag. 
Dem toten Vater, den sie erwartet, liefert sie damit den Beweis ihrer 
Treue; in ihrem Unbewußten hängt sie ihm allein an. 

Bewußt freilich erwartet sie nicht den Vater, sondern den Tod. 
Die Analyse ergibt aber, daß beide Vorstellungen identisch sind. Im 
Phantasieleben, besonders in den Träumen der Patientin, spielen Über- 
fälle und Gewalttaten eine große Rolle. Sie stellt sich in diesen 
Phantasien masochistisch ein; sie erwartet vom sexuellen Angriff des 
Mannes — des Vaters! — den Tod. Sie erlebt in der Phantasie das 
Schicksal der Asra, „welche sterben, wenn sie lieben". So werden 
Brauthemd und Totenhemd, Brautbett und Totenbett für die Patientin 
zu identischen Vorstellungen, die in den Gebilden ihrer unbewußten 
Phantasie einander vertreten können. 

Zu bemerken ist, daß an der Bildung des uns beschäftigenden 
Zeremoniells neben den verdrängten Inzestwünschen auch die 



^ 



118 

verdrängende Instanz beteiligt ist. Während die Patientin unbewußt 
beständig den sexuellen Angriff erwartet, muß sie immer wieder Bett 
und Nachtgewand in Ordnung bringen, damit deutlich zu erkennen 
sei, daß ihrem Tode keine Sexualhandlung voraufgegangen sei. 

Das Symbol der Schlange, das zwar nicht im Zeremoniell selbst, 
wohl aber in dem zugehörigen Vorstellungsmaterial einen so wichtigen 
Platz einnimmt, ist vielfach determiniert. Es ist nicht lediglich 
symbolischer Ersatz des männlichen Genitale, Die Schlange vermag 
durch ihren giftigen Biß zu töten. Das Symbol kann daher gleich- 
zeitig einer Koitusphantasie und einer Todesphantasie Ausdruck 
verleihen. Zu beachten ist in dieser Beziehung auch, daß die Schlange 
ihr Opfer umschlingt und erdrückt; der Tod durch die Schlange ist 
ein Tod in der Umschlingung! In der unbewußten Phantasie liegen 
ferner die Vorstellungen „Schlange" und „Wurm" nahe beieinander. 
Der Wurm erscheint ebenfalls als männliches Sexualsymbol ' und als 
Todessymbol. In unserem Falle spielt eine Kindheitserinnerung in 
diese Angst hinein. Die Patientin hatte als neunjähriges Mädchen 
einmal gemeinsam mit einem Knaben, einen Stein auf dem Kirchhof 
zu bewegen versucht und hatte sich aufs heftigste entsetzt, als sie 
unter dem Stein eine Menge von Würmern erblickte. Der Gedanke an 
diese Szene erregt ihr noch jetzt die höchste Angt. 

Die Angst vor der Schlange hat jedoch noch einen besonders 
wichtigen Grund. Die Schlange ist für sie das den verstorbenen Vater 
vertretende Totemtier. Die kindliche Angst vordem Vater 
ist auf dieses Symbol übertragen. Dabei scheint noch eine bestimmte 
Kindheitserinnerung in Betracht zu kommen. Mit etwa neun Jahren 
hatte die Patientin einmal große Angst vor den Augen ihres Vaters; 
aus vielen Tatsachen der Völkerpsychologie aber wissen wir, daß der 
Blick der Schlange besonders gefürchtet wird. Die Identifizierung von 
Vater und Schlange erfährt dadurch noch eine weitere Überdetermi- 
nierung. 

Aus den Angaben der zweiten Patientin geht hervor, daß auch 
sie während längerer Jahre allabendlich ein strenges Zeremoniell 
befolgte. Sie brachte nach dem Entkleiden ihre abgelegten Kleidungs- 
stücke in eine penible Ordnung. Sie legte sich in Rückenlage nieder, 
strich Bett- und Leibwäsche in übertrieben sorgsamer Weise zurecht, 
kreuzte dann die Arme über der Brust und zwang sich, möglichst 
unbeweglich zu liegen, damit die Ordnung ihres Lagers nicht gestört 
wurde. Sie begründete — ganz wie die erste Patientin — ihr Tun 

1 Bei Neurotikern pflegt neben der Schlangen- auch eine Würmerphobie zu 
bestehen. 



119 



damit, daß sie in der Nacht sterben könne; man soile dann nichts 
unordentlich oder unästhetisch bei ihr finden. Das Kreuzen der Arme 
habe sie vorgenommen, weil man Toten die Arme so zu legen pflege. 
Auch die Frisur wurde in ganz bestimmter Weise hergerichtet. Diese 
letztere Prozedur begründete die Patientin aber ganz bewußt damit, 
daß sie sich überzeugen wollte, in welcher Haartracht sie einem 
JVlanne wohl am besten gefallen würde, wenn sie sich später verheirate. 
Diese Erklärung ist befriedigend, insofern als sie den erotischen 
Untergrund des Zeremoniells zugesteht. Sie verlegt aber die erotische 
Erwartung in eine unbestimmte Zukunft, während die Erwartung des 
Todes in die allernächsten Stunden verlegt wurde. Der Verschiebungs- 
vorgang liegt hier ganz offen zutage. Leider war es nicht möglich, 
in diesem Falle eine eingehende Psychoanalyse vorzunehmen. Über 
die Beziehungen des Zerem.oniells zum Vaterkomplex vermag ich 
daher nichts Bestimmtes zu sagen; doch scheinen ganz ähnliche 
Verhältnisse wie im ersten Falle vorzuliegen. 

Vermutlich werden sich komplizierte Handlungen von ganz 
ähnlichem Charakter wie die hier beschriebenen bei Neurotischen öfter 
finden, nachdem einmal die Aufmerksamkeit darauf gelenkt ist. 
Besonders hege ich diese Erwartung in bezug auf diejenigen Personen, 
welche dem Zwang unterliegen, vor dem Schlafengehen ihre Kleidungs- 
stücke in einer ganz bestimmten Weise anzuordnen, die nicht über- 
schritten werden darf. 

Der oben analysierten Form des Zeremoniells möchte ich den 
Namen „Todesbrautzeremoniell" beilegen. 



Ohrmuschel und Gehörgang als erogene Zone\ 



Auf die Bedeutung der Ohrmuschel und des äußeren Gehör- 
ganges als erogene Zone wurde ich vor mehreren Jahren durch eine 
Beobachtung aufmerksam, die ich hier zunächst mitteilen will. 

Ein Neurotiker litt an eigentümlichen „Anfällen", die sich täglich 
zehn- bis zwanzigmal und selbst öfter einstellten. Im Laufe der lang- 
dauernden psychoanalytischen Behandlung konnte ich diese Zustände 
oftmals beobachten. Der Patient sprang etwa während eines Gespräches 
plötzlich auf, wurde bleich, griff mit beiden Händen nach seinen 
Ohren, lief dabei zur Tür des Zimmers, steckte dann unter Zeichen 
der heftigsten Erregung den Zeigefinger der rechten Hand in das 
rechte Ohr, um ihn nun heftig darin auf- und abzustoßen. Dabei 
verzog er sein Gesicht wie zur höchsten Wut, krümmte sich und 
stampfte mit den Füßen, bis die motorische Entladung unter keuchenden 
Atemzügen ihr Ende fand. Der Patient ließ sich dann erschöpft nieder- 
sinken. Nach wenigen Augenblicken war er wieder imstande, den 
vorherigen Gedankengang fortzusetzen ; nur die unmittelbar vor dem 
Anfall gesprochenen Worte mußte ich ihm jeweils in die Erinnerung 
zurückrufen. Während des Anfalles war das Bewußtsein stets getrübt. 
Der Patient hatte das Gefühl, nach dem Anfall aus einem veränderten 
Zustand in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er wußte hernach jedes- 
mal, daß auf der Höhe der Erregung ganz bestimmte Gedanken 
auftauchten, doch vermochte er sich dieser niemals im einzelnen zu 
entsinnen. Die Analyse dieser Anfälle, die hier nicht ausführlich 
mitgeteilt werden soll, ergab unter anderem, daß im Beginn jedes 
Anfalles ein intensiv juckendes Gefühl im Gehörgang auftrat, dessen 
sich der Patient unter allen Anzeichen großer Erregung entledigte. 
Für ihn waren diese Anfälle ein Surrogat gewisser ihm versagter 
Arten der Sexualbetätigung. Von besonderem Interesse ist die 
Tatsache, daß die geschilderten Anfälle und die meisten anderen 
Krankheitserscheinungen einmal für Monate verschwanden. Der Patient 
hatte damals ein junges Mädchen kennen gelernt. Es kam nicht zum 



Aus „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", 1. Jahrgang, 1913. 



121 



Sexualverkehr zwischen beiden. Sie fanden vielmehr ihre Lust daran, 
einander unter großer Erregung und bis zur Erschlaffung zu k i t z e 1 n. 

Offensichtlich lag in diesem Falle eine ungewöhnlich starke 
Erogeneität der Haut im allgemeinen vor. Der Ohrmuschel und dem 
Gehörgang kam diese Eigenschaft aber in einem ganz exzessiven 
Maße zu. Daß manche Neurotiker eine außerordentliche Lust aus 
kitzelnden Berührungen der Haut ziehen, ist bekannt. Sind andere 
Wege der Sexualbefriedigung versperrt, so tritt nicht selten das 
kneurotische Symptom auf, welches wir als Pruritus bezeichnen. Es 
nötigt den davon Befallenen zu scheuernden oder kratzenden Mani- 
pulationen, deren Ausübung bisweilen zum Orgasmus führt. So 
beobachtete ich zum Beispiel bei einer Patientin einen Pruritus am 
linken Oberarm. Das Kratzen dieser Partie, welches sich zu einer 
förmlichen Wut steigerte, löste einen vollständigen Orgasmus aus. 
Vor der Masturbation, die früher geübt wurde, hatte dieses Verfahren 
den Vorzug, daß an ihm nicht die Selbstvorwürfe hafteten wie an der 
ersteren. Daß man sich wegen eines nervösen Hautjuckens, respektive 
wegen des hinzugetretenen Ekzems kratzt, erscheint als eine Notwendig- 
keit und nicht als moralische Verfehlung. 

Daß das äußere Ohr im frühen Kindesalter zur autoerotischen 
Lustgewinnung gebraucht wird, ist längst bekannt. Ich brauche nur 
auf die häufige Gewohnheit lutschender Kinder hinzuweisen, während 
des „Wonnesaugens" eine Hand ans Ohr zu führen und das 
Ohrläppchen rhythmisch zu ziehen. Sodann ist daran zu erinnern, daß 
nicht wenige Personen im Kindesalter und später im Gehörgang zu 
bohren, Gegenstände hineinzuführen und mit dem Gehörgangssekret 
sich zu beschäftigen lieben. Speziell erwähne ich einen Knaben, der 
eine Fliege fing und sie in sein Ohr setzte. Infolge seiner Manipulation 
gelangte der „Fremdkörper" so tief in den Gehörgang, daß ein ärzt- 
licher Eingriff nötig wurde. Kleinere Gegenstände, wie z. B. Erbsen, 
werden von Kindern oft in den Gehörgang gesteckt'. 

Erst neuerdings wurde es mir jedoch zur Gewißheit, daß dem 
äußeren Ohr eine viel allgemeinere Bedeutung als erogene Zone 
zukommt. Die folgenden, zuverlässigen Beobachtungen verdanke ich 
Herrn Kollegen Dr. H. H e m p e 1, Ohrenarzt in Berlin. Ich gebe sie hier 
wieder, weil solche Feststellungen das Interesse des Psychoanalytikers in 
hohem Maße verdienen und bisher nicht genügend gewürdigt worden sind. 

Kinder leiden oft an nässenden Ekzemen der Ohrmuschel und 
des äußeren Gehörganges. Dieses Leiden ist mit intensivem Jucken 

» Bei Geisteskranken wird die Neigung, allerhand Dinge in die Ohren zu 
stecken, oft beobachtet. 



122 



verbunden. Sobald der Arzt nun einmal an dem Ohr manipuliert hat', 
verhalten solche Kinder sich bei seinem jedesmaligen Erscheinen 
umgekehrt wie sonst bei einem bevorstehenden ärztlichen Eingriff. 
Das Kind, welches vorher wegen der Ekzembeschwerden schrie, wird 
auffälligerweise bei Annäherung des Arztes ruhig und sträubt sich 
nicht im geringsten. Solange der Arzt sich mit der juckenden Partie 
beschäftigt, ist das Kind ruhig, ja es gibt ein behagliches Schnurren 
von sich und schreit erst wieder, wenn der ärztliche Eingriff beendigt 
ist. Ich bemerke, daß diese Beobachtungen ohne nähere Kenntnis der 
Freudschen Auffassung von der kindlichen Sexualität angestellt 
worden sind, daß der Beobachter aber gleichwohl zu dem Resultat 
gelangt war, das geschilderte Verhalten sei dem Verhalten des Kindes 
bei masturbatorischer Reizung durchaus gleichzusetzen. Ergänzend sei 
hinzugefügt, daß auch erwachsene Personen bei Behandlung eines 
Ohrekzems unverkennbare Zeichen des Wohlbehagens von sich geben. 
Mein oben genannter Gewährsmann sah übrigens einen Mann, der 
sich beide Ohrmuscheln ganz zerkratzt hatte, dem Arzt aber erklärte, 
von einer Behandlung der Affektion nichts wissen zu wollen. 

Welch wichtige Rolle das äußere Ohr in der Sexualität des 
Kindes zu spielen vermag, geht auch aus manchen Phantasieprodukten 
unzweideutig hervor. 

Eine Patientin berichtet mir aus ihrer Kindheit von der Neigung, 
sich phantastische Geschichten auszudenken. Mit etwa neun Jahren 
(doch wahrscheinlich auch schon früher) malte sie sich gern aus, wie 
sie wegen eines Vergehens bestraft würde. Besonders gern stellte sie 
sich folgenden Hergang vor: 

Sie ging mit ihrer jüngeren Schwester spazieren. Da kam der 
Kaiser im Wagen dahergefahren und ließ sie beide wegen eines 
unbestimmten Verge.hens festnehmen. Dann folgte eine Bestrafung. Sie 
bestand darin, daß beiden Kindern — die Ohren gereinigt wurden. 
Diese Prozedur enthielt für das Kind gleichzeitig Lust und Angst. Die 
darauf bezüglichen Phantasien stellten nicht nur eine halb ersehnte, 
halb gefürchtete Reizung einer erogenen Zone dar, sondern überdies 
eine Befriedigung masochistischer Tendenzen. 

Ganz ähnliches beobachten wir bei Kindern oder Erwachsenen, 
die sich in der Phantasie Szenen ausmalen, in welchen sie an ihren 
empfindlichsten Körperstellen gekitzelt werden. Die Verschmelzung 
sadistisch-masochistischer Regungen mit der Lust am Kitzeln oder 
Gekitzeltwerden ließe sich durch mannigfache Tatsachen belegen. Hier 
mag der Hinweis genügen, daß in den Anfällen eines Neurotikers, 
die ich eingangs beschrieb, Zeichen eines heftigen Wutaffektes 



123 



unverkennbar waren, ebenso auch bei jener Patientin, die sich den 
Oberarm zerkratzte. 

Es ist nun noch auf einige bisher wenig berücksichtigte Tatsachen 
zu verweisen. Zunächst auf die Rötung der Ohrmuscheln, zu welcher 
viele neurotische Personen neigen. Auf den Zusammenhang dieses 
Symptoms mit sexuellen Erregungsvorgängen beabsichtige ich später 
einmal genauer einzugehen. 

Sodann scheint mir ein Hinweis darauf berechtigt, daß bei 
manchen Personen die dem Ohre benachbarten Partien des Halses, 
speziell der Winkel zwischen Hals und Unterkiefer, von besonderer 
erogener Bedeutung sind. 

Die erogene Bedeutung des äußeren Ohres scheint auch für die 
Erklärung des neurotischen Ohrensausens und anderer subjektiver 
Ohrgeräusche in Betracht zu kommen. 

Endlich sei noch auf die dem Psychoanalytiker bekannte Tatsache 
verwiesen, daß das äußere Ohr von altersher häufig als Genitalsymbol 
verwertet wird. 

Ich glaube annehmen zu dürfen, daß jeder Psychoanalytiker über 
Erfahrungen verfügt, die den hier mitgeteilten ähneln. Sadger hat 
eine Reihe interessanter Beobachtungen mitgeteilt, die sich mit den 
meinigen vortrefflich ergänzen (vgl. Jahrb. für psychoanal. Forsch., 
Bd. III,). In einer in Heft 5 des I. Jahrganges der Internat. Zeitschrift für Psa. 
erschienenen Arbeit von J e k e 1 s findet sich (pag, 442) ein Hinweis auf 
das Vorkommen mutueller Reizung des Gehörganges bei Invertierten. 



Zur Psychogenese der Straßenangst im Kindes- 

alter\ 

Bei Neurotischen, welche sich ängstigen, ohne die Begleitung 
bestimmter Personen die Straße zu betreten, findet man sehr gewöhnlich 
eine zweite Phobie: die Angst vor dem Alleinsein im Hause. Es 
handelt sich um Menschen, denen ihr Unbewußtes nicht gestattet, sich 
aus dem Bannkreis derjenigen Personen zu entfernen, an welche ihre 
Libido sich fixiert hat. Jeder Versuch dieser Kranken, dem Verbot 
ihres Unbewußten zuwiderzuhandeln, rächt sich durch einen 
Angstzustand. 

Ein fünfjähriger Knabe, mit beiden genannten Phobien behaftet, 
lieferte kürzlich ganz spontan — also nicht etwa auf ärztliches 
Befragen — eine Bestätigung dieser psychoanalytischen Erfahrung. Die 
Äußerung des Kleinen ist in ihrer Bestimmtheit und lapidaren Kürze 
so erstaunlich, daß ich sie hier mitteilen und mit einigen Worten 
kommentieren möchte. 

Der Knabe ist infolge seiner heftigen Angst nicht zu bewegen, 
die elterliche Wohnung allein zu verlassen, um die im Nebenhause 
wohnenden Verwandten zu besuchen, obwohl er zu diesem Behuf nicht 
einmal die Straße zu überschreiten braucht. Ebenso ängstigt er sich, 
wenn seine Mutter die Wohnung verläßt, obwohl dann das Kinder- 
fräulein bei ihm bleibt. Neuerdings weigert er sich auch, in Begleitung 
des Kinderfräuleins spazieren zu gehen. 

Als nun die Mutter den Knaben einmal aufforderte, in Begleitung 
des Kinderfräuleins einen Spaziergang zu machen, widersetzte er sich 
und erklärte in bestimmtem Tone: „Ich will kein Spazierkind 
sein, ich will ein Mutterkind sein." 

Der Ausspruch ist nach mehreren Richtungen hin bemerkenswert. 
Der Knabe betont den Wunsch nach einer möglichst innigen 
Verknüpfung mit seiner Mutter („Mutterkind"). Er lehnt es ab, an der 
Hand einer von ihm nicht geliebten Person zu gehen („Spazierkind" 
zu sein). Besonders muß aber auffallen, daß der Knabe nicht von 

' Aus .Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse', I. Jahrgang, 1913. 



125 



seiner Angst, sondern von einem Wollen redet. Man wird die 
Bedeutung der Fixierung des Knaben an seine Mutter nicht verkennen ; 
aber man wird die Frage aufwerfen, wie denn die Phobie zustande 
komme, wenn doch der Wunsch, „ein Mutterkind zu sein", dem 
Bewußtsein des Knaben so wenig entfremdet sei. 

Der Einwand ist unschwer zu entkräften. Nach Freuds 
Neurosenlehre ist es nicht sowohl der Wunsch des Kindes nach dem 
Beisammensein mit der Mutter, der der Verdrängung verfällt, als 
vielmehr der inzestuöse Wunsch nach sexueller Inbesitznahme der 
Mutter. Eine zweite Äußerung des Knaben, welche aus denselben 
Tagen wie die obige stammt, bringt die Bestätigung dieser Auffassung. 
Sie zeigt, daß der Kleine im Kampfe mit dem Ödipuskomplex liegt, 
und daß ihn der Wunsch, die Mutter allein zu besitzen, beherrscht. 

Der Vater des Kleinen war für mehrere Tage verreist. Während 
dieser Zeit durfte der Knabe zur Seite der Mutter, im Bett des Vaters, 
schlafen. Als ihm die Mutter eines Morgens mitteilte, der Vater werde 
an diesem Tage zurückkehren, erwiderte er: „Es wäre doch viel 
schöner, wenn derPapagarnichtvonderReise zurück- 
käme." Er brachte in diesen Worten den Todeswunsch gegen 
den Vater und den Anspruch, neben der Mutter zu schlafen, in 
unzweideutiger Weise zum Ausdruck. 

Beide angeführten Äußerungen des Knaben enthalten ein naives 
Zugeständnis infantiler Wünsche. Beide tragen dennoch schon deutlich 
den Stempel der Verdrängung, und es läßt sich erweisen, daß unter 
den offen geäußerten eine tiefere Schicht unausgesprochener Wünsche 
lagert. Diese entspricht dem Ödipuskomplex. 

Solche Beobachtungen aus frühen Entwicklungsstadien der 
Neurose sind im besonderen Maße geeignet, die Anschauungen zu 
stützen, die wir durch die Psychoanalyse voll entwickelter Neurosen 
unter großen Schwierigkeiten gewonnen haben. 



Sollen wir die Patienten ihre Träume 
aufschreiben lassen^? 

In einem kleinen Aufsatz über „Die Handhabung der Traum- 
deutung in der Psyciioanalyse" hat Freud mit wenigen Worten zu 
der Frage Stellung genommen, pb es zweckmäßig sei, die Patienten 
ihre Träume gleich nach dem Erwachen schriftlich fixieren zu lassen. 
Er kommt zu dem Resultat, daß eine solche iVlaßregel überflüssig sei, 
„Hat man nämlich auf solche Weise mühselig einen Traum text gerettet, 
der sonst vom Vergessen verzehrt worden wäre, so kann man sich 
doch leicht überzeugen, daß für den Kranken damit nichts erreicht ist. 
Zu dem Text stellen sich die Einfälle nicht ein, und der Effekt ist 
der nämliche, als ob der Traum nicht erhalten geblieben wäre." Ich 
kann dieser Ansicht aus eigener Erfahrung nur in vollem iVlaße 
beipflichten. Die Frage scheint mir aber für den Psychoanalytiker, 
der von der Traumdeutung täglich praktischen Gebrauch macht, von 
erheblichem Interesse zu sein. Das veranlaßt mich, einige Vorkomm- 
nisse aus der Praxis mitzuteilen. Ich erlebte sie gerade mit solchen 
Patienten, die ich bereits auf die Zwecklosigkeit eines sofortigen 
Niederschreibens der Träume aufmerksam gemacht hatte. 

Beobachtung 1: Patient hat einen sehr ausgedehnten, ereignis- 
reichen und mit starken Affekten verbundenen Traum. Er erwacht und 
greift noch schlaftrunken nach den Schreibmaterialien, die er, entgegen 
der ärztlichen Weisung, neben sein Bett gelegt hat. Am anderen 
Morgen bringt er etwa zwei Quartseiten voll Notizen. Es stellt sich 
aber sogleich heraus, daß das Geschriebene fast völlig unleserlich ist. 
Die Tendenz, den Traum vor dem Vergessenwerden zu bewahren, ist 
in diesem Falle offensichtlich von der entgegengesetzten Tendenz 
(Verdrängung) durchkreuzt worden. Es kommt zu einer Kompromiß- 
bildung: der Traum wird zu Papier gebracht, aber die Niederschrift 
ist unleserlich und vermag nichts zu verraten. 

Beobachtung 2: Patient, der auf seine Frage von mir den Bescheid 
erhalten hat , das Aufschreiben der Träume sei zu widerraten, produziert 

1 Intern. Zeitschr. f. ärzt. Psa. Bd. I. 1913, S. 194. 



127 



in einer der näciisten Nächte eine ganze Serie von Träumen. Beim 
Erwachen — mitten in der Nacht — sucht er auf ingeniöse Weise 
die Träume, die ihm sehr wichtig erscheinen, der Verdrängung zu 
entreißen. Er besitzt einen Apparat zur Aufnahme von Diktaten und 
spricht nun die Träume in den Schalltrichter. Charakteristischerweise 
läßt er dabei außer acht, daß der Apparat schon seit einigen Tagen 
nicht gut funktioniert. Das Diktat des Apparates fällt daher undeutlich 
aus. Patient muß vieles aus seinem Gedächtnis ergänzen. Das Diktat 
bedurfte also der Ergänzung durch die Erinnerung des Träumers! 
Die Analyse des Traumes geschah ohne erheblichen Widerstand, so 
daß man annehmen darf, der Traum wäre in diesem Falle auch ohne 
jede Fixierung in gleichem Umfang erhalten geblieben. 

Der Patient ließ sich aber durch diese Erfahrung noch nicht 
überzeugen, sondern wiederholte den Versuch noch einmal. Der 
inzwischen reparierte Apparat gab am Morgen nach der Traum nacht 
ein dem Ohre gut verständliches Diktat. Inhaltlich aber war es nach 
der eigenen Äußerung des Patienten so verworren, daß er mit Mühe 
einige Ordnung herstellen mußte. Da die folgenden Nächte ein sehr 
reichliches Traummaterial lieferten, welches die nämlichen Komplexe 
behandelte und ohne Kunsthilfe ausreichend reproduziert werden 
konnte, so zeigt sich auch in diesem Falle die Nutzlosigkeit einer 
sofortigen Fixierung des Geträumten. 

Wie vergeblich es ist, einer starken Verdrängungstendenz auf 
solche Weise entgegenzutreten, zeigt in schlagendster Weise die 

Beobachtung 3: Die Patientin klagt während mehrerer Wochen 
über ihre Unfähigkeit, einen bestimmten Traum im Gedächtnis zu 
behalten. Sie habe in letzter Zeit allnächtlich den gleichen Traum. 
Sie schrecke dann auf, nehme sich sogleich vor, mir den Traum am 
Morgen zu erzählen, habe ihn aber jedesmal dennoch vergessen. 
Eines Tages erklärte sie, für die nächste Nacht Schreibmaterial bereit- 
halten zu wollen, um den Traum fixieren zu können, sobald sie aus 
ihm erwache. Ich widerriet es ihr mit dem Bemerken, eine Tendenz, 
die sich allnächtlich Träume schaffe, werde auch ohne diese Nachhilfe 
den Weg ins Bewußtsein finden ; gegenwärtig sei nur der Widerstand 
noch zu groß. Sie sah das ein und verzichtete auf ihr Vorhaben. 
Beim Schlafengehen tauchte jedoch der Wunsch, den Traum in dieser 
Nacht festzuhalten, von neuem auf. Patientin legte sich Papier und 
Bleistift bereit. 

Wirklich erwacht sie mit einem Schreck aus dem gleichen Traum, 
zündet Licht an und schreibt etwas nieder. Mit dem beruhigenden 
Gefühl, den Traum «lun nicht verlieren zu können, schläft sie wieder 



128 



ein. Am Morgen verschläft sie die Zeit und erscheint verspätet zur 
Behandlung (Widerstand!). Sie überreicht mir ein Blatt und bemerkt 
dazu, sie habe es am Morgen in der Eile gar nicht näher angesehen. 

Es machte wegen der undeutlichen Schrift (vergl. Beobachtung 1 !) 
einige Mühe, die wenigen Worte zu entziffern. Sie lauteten: 

„Traum aufschreiben gegen Vereinbarung." 
Der Widerstand hatte gesiegt. Die Patientin hatte nicht den Traum, 
sondern nur den Vorsatz zum Niederschreiben notiert. Dann war sie 
zufrieden wieder eingeschlafen! 

Etwa eine Woche nach diesem erfolglosen Versuch konnte sie 
mir den Traum, der noch mehrmals aufgetreten war, erzählen. Sein 
Inhalt entsprang einer lebhaften Übertragung. Patientin träumte, 
daß ich mich ihr annähere, und schrak dabei jedesmal auf. Nachdem 
andere Symptome der Übertragung zu einer eingehenden Analyse dieses 
Vorganges genötigt hatten, fiel der Grund, den Traum noch länger 
als Geheimnis zu wahren, hinweg. 

Ich möchte noch in Kürze auf die Motive verweisen, welche den 
Patienten dazu führen, auf sofortige Niederschrift seiner Träume 
Gewicht zu legen. In vielen Fällen handelt es sich um eine 
Erscheinung der Übertragung. Der Patient, der einen Traum schriftlich 
zur Behandlungsstunde mitbringt, möchte (unbewußt) dem Arzt dadurch 
zeigen, daß ihn (den Arzt) dieser Traum besonders angehe. In manchen 
Fällen trägt ein geschrieben überreichter Traum geradezu den Charakter 
eines Geschenkes an den Arzt, als wollte der Patient damit ausdrücken: 
ich bringe dir mein Wertvollstes dar. 

Dabei spielt offensichtlich die neurotische Eitelkeit mit. Manche 
Patienten mit ausgeprägtem Narzißmus sind in die Schönheit ihrer 
Träume geradezu verliebt. Sie bewahren sie vor der Vergessenheit, 
weil sie in ihnen Kostbarkeiten sehen. 

Wie der autoerotisch eingestellte Neurotiker seine Körperprodukte 
aufzusparen liebt, wie er ängstlich besorgt ist, daß von seinem körper- 
lichen Besitzstand so wenig wie irgend möglich verloren gehe, ebenso 
wacht er auch darüber, daß von seinen geistigen Produkten nichts 
abhanden komme. 



Einige Bemerkungen über die Rolle der Groß- 
eltern in der Psychologie der Neurosen \ 

In meiner psychoanalytischen Tätigkeit fiel mir von jeher auf, 
daß manche Neurotiker und Geisteskranke immer wieder das Gespräch 
auf den Großvater oder auf die Großmutter brachten, obwohl die 
Großeltern in keinem der einschlägigen Fälle die Lebensschicksale 
jener Individuen entscheidend beeinflußt hatten. So verschieden unter- 
einander nun die Krankheitsfälle waren, welche diese Erscheinung 
darboten, so führte die Psychoanalyse doch zu einem gleichförmigen 
Ergebnis: die besondere Hervorhebung des Großvaters 
oder der Großmutter wurzelte stets in einer heftigen 
Ablehnung des Vaters, respektive der Mutter. 

Die tieferen Ursachen der eigenartigen Erscheinung werden uns, 
wie so vieles andere im Wesen der Neurotiker, begreiflich, wenn wir 
das Verhalten der Kinder zum Vergleich heranziehen. Zwei Beispiele 
aus dem Leben eines gesunden oder doch nur leicht neurotischen 
Knaben mögen den Beweis liefern. 

Der Knabe gibt sich der typischen Phantasie hin, der Prinz eines 
von ihm erdachten Reiches zu sein. Den König des Reiches stattet er 
mit ganz denjenigen Eigenschaften aus, die ihm bei seinem Vater 
besonderen Respekt einflößen. Später setzt er diesem König noch einen 
Vater (sich selbst also einen Großvater) vor, den er mit der Fähigkeit, 
durch sein Wort Dinge zu erschaffen, das heißt also mit göttlicher 
Allmacht ausstattet. Der Effekt ist klar : dem Vater, der in den Augen 
des kleinen Kindes allmächtig gewesen war, wird ein Höherer vorgesetzt, 
den auch er respektieren muß; damit wird seine ihm früher zugeschriebene 
Omnipotenz bestritten. Es ist zu bemerken, daß der Knabe seine 
beiden Großväter nicht gekannt, die großväterliche Gestalt in seinem 
Fabelreiche also im wesentlichen aus eigener Phantasie geschaffen hatte. 

Derselbe Knabe wird einmal von seiner Mutter bestraft. Unter 
Tränen erklärt er ihr: „Jetzt heirate ich die Großmama!" Er 

1 Aus „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse«. 1. Jahrg. 1913. 
Vgl. dazu die ergänzenden Mitteilungen von Jones ebda. 



130 

gibt also bei dieser Gelegenheit der Mutter in negativer Form die 
Erklärung, daß er eigentlich sie habe heiraten wollen. Wegen der 
ihm widerfahrenen, als ungerecht empfundenen Behandlung verschmäht 
er sie (natürlich nur vorübergehend) und zeigt ihr, daß noch eine 
Mächtigere, Gütigere und zugleich ihm Gewogenere über ihr stehe. 

Der Knabe spielt seine Großeltern gegen seine Eltern aus. Er gibt 
damit der Vorstellung Ausdruck, daß es Wesen gebe, die an Macht, 
bezw. an Güte noch über den Eltern stehen. Vielleicht ist der Hinweis 
nicht überflüssig, daß dem Kinde eine solche Auffassung durch die Sprache 
besonders nahe gelegt wird. „Großvater", „grandfather", „grandpere" 
und andere analoge Bezeichungen lassen uns vermuten, daß das Kind 
in dieser Wertschätzung der Großeltern nur wiederholt, was die Menschheit 
seit Urzeiten getan hat. Das Kind faßt hier, wie in so vielen anderen 
Fällen, das Wort in seiner vollen ursprünglichen Wertigkeit auf. 

An das Verhalten dieses Kindes werden wir erinnert, wenn wir 
den folgenden Ausschnitt aus einer Krankengeschichte unter psycho- 
analytischen Gesichtspunkten betrachten. Es handelt sich um einen 
sehr frühzeitig an Dementia praecox erkrankten jungen Mann. In 
seinen Halluzinationen und Wahnvorstellungen spielte seine Großmutter 
(von mütterlicher Seite) eine zunächst nicht verständliche Rolle. Oft 
sprach der Kranke von einer immer wiederkehrenden Vision auch als 
von seiner „Urgroßmutter". 

Der Kranke war als kleiner Knabe in ganz ungewöhnlichem 
Maße an seine Mutter attachiert gewesen. Er hatte sie mit größter 
Eifersucht bewacht und sie kaum für einen Augenblick dem Vater 
oder seinen Geschwistern gegönnt. Als später die Psychose nach und 
nach manifest wurde, hatte er sich in äußerster Feindseligkeit gegen 
die Mutter verschlossen. Wie der Kranke nun vordem in seinem 
gesamten Wesen völlig von seiner Mutter abhängig gewesen war, so 
fühlte er sich in der Psychose beherrscht durch die „Großmutter". 
Sie erschien ihm, um ihm Befehle und Verbote zu geben. Er selbst 
tiberhäufte ihre Erscheinung mit den unflätigsten Schimpfwörtern, so 
wie er seine Mutter, wenn sie ihn einmal besuchte, in schroffster Art 
zurückzuweisen pflegte. 

Der Patient befindet sich in einer dauernden feindlichen Einstellung 
seiner Mutter gegenüber. Er tut dauernd, was der im ersten Beispiel 
erwähnte (gesunde) Knabe in einer Affektaufwallung vorübergehend 
tat: er ersetzt die Mutter durch die Großmutter. Hier zeigt sich die 
Überdeterrainiertheit psychischer Reaktionen. Der Kranke kann seine 
wüsten Schimpfreden weit ungehemmter gegen die Großmutter oder 
Urgroßmutter richten, die für ihn kein Wesen von Fleisch und Blut 



131 



ist, als gegen seine Mutter, an die er im Grunde noch ebenso wie 
früher fixiert ist. Der Ersatz der Mutter durch die Großmutter erlaubt 
dem Patienten ferner eine kindliche Einstellung zu der von ihm 
halluzinierten Person, und einer solchen Einstellung vermag er offenbar 
nicht zu entraten. 

Ein Zwangsneurotiker, bei welchem sich die Ablehnung des 
Vaters in mannigfacher Weise und mit größter Heftigkeit äußert, stellt 
seinem Vater den Großvater von mütterlicher Seite gegenüber. Der 
Patient wurde von seinem Vater, der in bescheidenen Verhältnissen 
lebte, puritanisch erzogen. Er besuchte dann einmal mit seiner Mutter 
den Großvater an dessen Wohnort. Der alte, wohlhabende Mann, der 
über den Besuch seines Enkels überaus erfreut war, überhäufte ihn 
mit Geschenken und vorausgabte dafür Beträge, die dem Knaben 
ungeheuer groß vorkamen. Von nun an nahm sein Widerstand gegen 
den Vater eine bestimmte Form an. Der Vater erschien ihm noch mehr 
als vorher lediglich als Tyrann, während der freigebige Großvater zum 
Vater-Ideal erhoben wurde. Während der psychoanalytischen Behandlung 
hatte der Patient u. a. einen Traum, in welchem er mit seiner Mutter 
nach dem Wohnort des (jetzt längst verstorbenen) Großvaters reiste. 

In den Ideengängen eines anderen Neurotikers geht neben der 
Gestalt des Vaters diejenige des Großvaters (von mütterlicher Seite) 
beständig wie ein Schatten einher. Die Psychoanalyse wies nach, daß 
die feindselige, revolutionäre Einstellung des Sohnes gegenüber dem 
Vater in dieser Erscheinung einen sehr gemilderten Ausdruck fand. 
Der Patient brachte neben anderen hierher gehörigen Materialien vor, 
daß ihm in seiner frühen Jugend der Großvater, der sich bereits ins 
Privatleben zurückgezogen hatte, immer wie ein entthronter Gott, wie 
Kronos erschienen sei. Indem der Knabe den entthronten Großvater 
neben den herrschenden, noch jugendlichen Vater stellte, sprach er 
sich in versteckter Weise den Trost zu, auch der Vater werde nicht 
ewig regieren, sondern eines Tages entthront sein wie der Großvater. 

Es kommt auch vor, daß ein Neurotiker sich mit einem starken 
Affekt des Hasses von seinem Vater abwendet, zum Ersatz aber in 
der Phantasie Beziehungen zwischen sich selbst und den fernsten 
Vorfahren (den „Vätern") herstellt. Ich beobachte augenblicklich einen 
solchen Fall, muß mir aber aus äußeren Gründen die Mitteilung von 
Einzelheiten versagend Ich habe übrigens in meiner Studie über 
Amenhotep IV. bereits ähnliches nachgewiesen^. 

1 Die heftigste Wut des Patienten knüpfte sich an ein Erlebnis, das ihn aufs 
höchste erregt hatte, d. h, an eine Beobachtung des sexuellen Verkehres der Eltern. 

2 Imago, Bd. I., 1912, Heft 4. 



9* 



132 



Die Psychoanalyse lehrt uns zahlreiche Wege kennen, die von 
der neurotischen Phantasie eingeschlagen werden, um die Macht 
des Vater- oder Mutterkomplexes zu paralysieren. Man kann 
diese Phantasien der Neurotiker in drei Gruppen teilen. Die am 
weitesten gehenden unter diesen Phantasien sind Beseitigung s- 
Vorstell'ungen. Es ist bekannt, in wie mannigfaltiger Form 
Todeswünsche gegen Vater oder Mutter in der Neurose Ausdruck 
finden. 

Eine zweite Gruppe von Vorstellungen dient der Verleugnung 
der Eltern, besonders häufig des Vaters: sogenannte Abstammungs- 
phantasien. 

Endlich sucht der Neurotiker sich des Elternkomplexes zu 
erwehren, indem er die Macht des Vaters, respektive der Mutter 
herabsetzt. Eine Herabsetzung geschieht aber auch dadurch, daß 
dem Vater ein Mächtigerer vorgesetzt wird. 

In letzterer Hinsicht sei noch daran erinnert, daß manche 
Neurotiker die Gepflogenheit haben, bewußt oder unbewußt gegen 
jedwede Autorität eine andere auszuspielen. Widerstände gegen den 
Arzt äußern sich während der psychoanalytischen Kur nicht selten in 
dieser Weise. 

Auch die Religiosität mancher Neurotiker wird im wesentlichen 
aus diesen Quellen gespeist. Der Glaube an eine göttliche Allmacht, 
oder an eine das menschliche Leben prädestinierende Schicksalsmacht 
gibt dem Neurotiker den Trost, daß auch der Vater, dem er sich 
infolge seiner unbewußten Fixierung gänzlich unterworfen fühlt, nicht 
allmächtig sei, sondern noch eine höhere Macht über sich habe. 

Am Schluß sei es gestattet, noch kurz auf ein analoges Phänomen 
in der Völkerpsychologie zu verweisen. Eine Verschiebung der 
Autorität vom Vater auf entferntere Vorfahren dürfte auch dem 
Ahnenkultus zugrunde liegen. Freilich verehrt hier nicht mehr der 
einzelne einen bestimmten Ahnen, sondern eine größere Gemeinschaft 
von Menschen stattet einen gemeinsamen Stammvater mit einer Macht 
aus, die in der väterlichen Autorität ihr Vorbild hat. 



Eine Deckerinnerung, betreffend ein Kindheits- 
erlebnis von scheinbar ätiologischer Bedeutung'. 

Die nachfolgende kasuistische Mitl eilung entstammt einem 
Krankheitsfalle, den ich äußerer Gründe halber nur sehr kurze Zeit 
beobachten und daher nicht lege artis analysieren konnte. Die Analyse 
einer Deckerinnerung des Patienten trägt daher einen fragmentarischen 
Charakter; denn in den wenigen Sitzungen konnten nicht alle 
Zusammenhänge durch die vom Patienten gebrachten Einfälle geklärt 
werden. An einigen Stellen mußte ich Zusammenhänge — die freilich 
dem psychoanalytisch Erfahrenen ohne weiteres durchsichtig sind — 
durch eigene Kombination herstellen; ich werde ausdrücklich erwähnen, 
wo ich derartige Ergänzungen vorgenommen habe. 

Der 47jährige Patient klagte über einen seit seiner Jugend 
bestehenden Zwang, alle Gegenstände in minutiöser Weise zu betrachten 
und zu untersuchen, speziell aber die Rückseite jedes Gegenstandes 
seinen Augen zugänglich zu machen. Hatte er einen Gegenstand genau 
betrachtet, so mußte er des weiteren über dessen Herkunft oder 
Entstehung grübeln. Ferner bestand — ebenfalls seit der Kindheit — 
ein Zwang zum Beten sowie zum Grübeln über religiöse Fragen. 
Diese Zwangserscheinungen waren von solcher Heftigkeit, daß der 
Kranke an jedem Gegenstand sozusagen hängen blieb. Er konnte nicht 
mehr in seinem Beruf tätig sein und schließlich nicht einmal mehr 
vom Hause fortgehen, weil jeder Gegenstand auf der Straße ihn auf 
lange Zeit festhielt. Er bedurfte der ständigen Begleitung seiner Frau, 
die ihn vorwärts ziehen mußte, damit er nicht grübelnd und Selbst- 
gespräche führend bei dem ersten, seinem Blicke begegnenden Objekt 
für unbestimmte Zeit verweilte. Als Beispiel diene sein Verhalten bei 
Gelegenheit seines ersten Erscheinens in meiner Sprechstunde. 

Vor dem Hause, in welchem ich damals wohnte, befand sich ein 
Vorgarten, an dessen Gitter mein Namensschild angebracht war. Der 
Patient begnügte sich nicht damit, die Aufschrift zu lesen, sondern 



Aus .Internationale Zeitschrift fUr ärztliche Psychoanalyse', I. Jahrgang 1913. 




13"4 



beleuchtete, nachdem er in den Vorgarten eingetreten war, mit Hilfe 
eines Zündhölzchens die Rückseite des Schildes. Dann brachte er 
(nach der Schilderung seiner Frau) längere Zeit damit zu, laut vor 
sich hin sprechend über die Herstellung solcher Schilder nachzugrübeln. 
Als seine Frau ihn endlich bis in mein Sprechzimmer gebracht hatte,, 
faßte er alsbald eine kleine Bronzefigur ins Auge, nahm sie vom Tisch, 
drehte sie und betrachtete besonders eingehend die Rückseite des 
Körpers. Nur mit Mühe ließ er sich dann von dem Vorstellungskreis, 
in den er hineingeraten war, wieder ablenken. 

Erst in der zweiten Besprechung, bei welcher die Ehefrau nicht 
anwesend war, wurde Patient mitteilsamer. Er brachte nun sogleich 
ein Erlebnis aus seiner Kindheit vor, das ihm in lebhaftester Erinnerung 
geblieben sei. Er erklärte spontan mit Bestimmtheit, daß von diesem 
Vorfall sein ganzes Leiden den Ausgang genommen habe. 

Mit sieben Jahren, so erzählte der Patient, ging er durch eine 
Straße in der Nähe der elterlichen Wohnung. Er kam an einem Hause 
vorüber, in dessen Keller sich ein kleiner Laden befand. Er bemerkte, 
daß die Inhaberin des Geschäftes sich mit anderen Personen stritt. 
Plötzlich sah er, wie sie ihren Gegnern den Rücken zuwandte, ihre 
Röcke hob und ihnen das bloße Gesäß zeigte. Der Patient ging dann 
nach Hause und erzählte das Erlebte sogleich dem Dienstmädchen, 
einer ihm vertrauten älteren Person. Sie wies ihn zurecht : er sei sehr 
unanständig und hätte dergleichen nicht ansehen sollen; jetzt werde 
ihn der Schutzmann holen. Der Patient schilderte nun lebhaft, wie er 
durch diese Worte ganz verängstigt worden sei ; er sei „krank vor 
Angst" gewesen. Nun — fuhr Patient fort — habe er zu seiner 
Beruhigung angefangen zu beten. Daraus sei bald ein Zwang geworden, 
dem er nicht widerstehen konnte. Er mußte ungezählte Male beten, 
Gott solle ihn einen guten, großen, schönen, braven . . . usw. . . . 
Menschen werden lassen. Um ja nicht etwa ein Wort seiner immer 
länger werdenden Gebetsformeln auszulassen, schrieb er sich eine 
ganze Litanei auf einen Zettel, den er dann täglich vielmal herunterlas. 
Die mitgeteilte Reminiszenz bezog sich auf einen Vorgang, der 
auf den Schautrieb des Knaben einen starken Eindruck gemacht haben 
mochte. Die pathogene Bedeutung des Erlebnisses mußte dennoch 
von vornherein in Zweifel gezogen werden, obwohl der Patient aufs 
bestimmteste angab, daß sich Selbstvorwürfe und zwangsmäßiges Beten 
unmittelbar an den Vorfall angeschlossen hätten. Äußerlich mußte schon 
auffallen, daß der Patient die Geschichte fließend und ohne jede 
Hemmung vortrug. Wir sind gewohnt, daß Reminiszenzen, mit welchen 
die Krankheit eng verwoben ist, erst nach Überwindung beträchtlicher 



135 



Widerstände zur Kenntnis des Arztes gebracht werden. Der vom 
Kranken so bestimmt behauptete ursächliche Zusammenhang zwischen 
dem Erlebnis und der Zwangsneurose litt aber vor allem an innerer 
UnWahrscheinlichkeit. Eine Drohung wie diejenige des Dienstmädchens 
in unserem Falle pflegt auf einen Knaben keinen solch erschütternden 
Eindruck zu machen. Von einem Knaben im achten Lebens^hr, der 
dem Mittelstand entstammt und in einem Hause aufwächst, in welchem 
neben der Familie Gesellen und Dienstboten leben, darf man als 
natürliche Reaktion erwarten, daß ein solches Erlebnis und die nach- 
folgende Drohung ihn eher belustigen oder doch gleichgültig lassen 
werden. Ferner ist in keiner Weise ersichtlich, wie ein einmaliges, an 
sich geringfügiges Vorkommnis eine so ungewöhnlich schwere, mit 
den Jahren an Umfang zunehmende Neurose hervorgerufen haben 
sollte. Somit war von vornherein anzunehmen, es liege eine Reminiszenz 
vor, die ihren , Gedächtniswert " von anderen — ins Unbewußte 
verdrängten — Erinnerungen entlehnt habe. Es mußte sich um eine 
sogenannte Deckerinnerung handelnd 

Bei weiterem Eingehen auf seine Kindheit versicherte der Patient, 
daß er als Knabe sonst keinerlei Erlebnisse von sexuellem Charakter 
gehabt habe. Er betonte mit besonderem Nachdruck, er und seine 
Geschwister seien „sehr sittlich erzogen worden". Speziell sei auch nie 
etwas mit den Dienstboten vorgefallen. Bei einem genaueren Bericht 
über die Verhältnisse im Elternhause kam auch die Frage zur Sprache, 
mit welchen Personen der Patient als Knabe das Schlafzimmer geteilt 
hatte. Hier machte sich bei dem Patienten eine Unsicherheit bemerkbar. 
Er berichtete dann, er habe eine Zeit lang im gleichen Zimmer wie 
seine Schwestern geschlafen; doch sei auch dort niemals etwas vor- 
gefallen. Hier setzte deutlicher Widerstand ein. Dann folgte als nächster 
Einfall die Erinnerung, er habe als Knabe der älteren Schwester einmal 
den Nacken klopfen müssen, weil sie dort Schmerzen oder sonst 
etwas hatte^. Dann tauchte eine andere Situation in seiner Erinnerung 
auf. Die Amme, welche ihn genährt hatte, „eine schöne Person", sei 
nach seiner Entwöhnung im Hause seiner Eltern geblieben. Aus seinem 
fünften Lebensjahr erinnere er sich, im gleichen Bett mit der Amme 
geschlafen zu haben. Wieder folgte die stereotype Versicherung, „da 



1 Vgl. Freud, Über Deckerinnerungen. Monatsschrift für Psychiatrie, Bd. 6, 1899. 

2 Dieser Einfall deckt offenbar anderes, verdrängtes Material. Es war leider 
nicht möglich, die Spur welter zu verfolgen. Es mag darum nur darauf hingewiesen 
werden, daß Nacken und Hinterkopf in den neurotischen Phantasiegebilden nicht 
selten das Gesäß vertreten. (Verlegung nach oben.) Vgl. hiezu: Sadger, Die sexual- 
symbolische Verwertung des Kopfschmerzes. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Bd. II, 1912. 




136 



sei auch nichts vorgekommen." Gleich darauf zwang ein Einfall ihn, 
sich zu korrigieren : er habe sich immer so gern mit dem Leib an den 
Körper der Amme, besonders gegen ihr Gesäß gelegt. Es falle ihm nun 
wieder ein, daß er manchmal ihr Hemd hinaufgestreift habe, um jenen 
Körperteil unmittelbar zu berührend 

Endlich schloß sich eine weitere Reminiszenz an. Der Patient 
berichtete, er sei mit etwa sieben Jahren einmal krank gewesen. 
Damals habe die Mutter ihn zu sich ins Bett genommen. Bei solcher 
Gelegenheit habe er das Hemd der Mutter gern hinaufgestreift. Die 
früheren Vorgänge bei der Amme fanden hierin ihre Fortsetzung. 

Die soeben mitgeteilte Reminiszenz verlegte der Patient in das 
gleiche Lebensalter wie die zuerst beschriebene Szene. 

Diese fragmentarischen Angaben gestatten uns zwar keineswegs, 
uns ein vollständiges Bild von der Entstehung des Krankheitszustandes 
zu machen. Immerhin lassen sie uns in der Kindheit des Patienten 
diejenigen Phänomene des Trieblebens erkennen, von welchen nach 
Freud» die als Grübelsucht bezeichnete Form der Zwangsneurose 
ihren Ausgang nimmt. Besonders sei auf den stark betonten sexuellen 
Schautrieb verwiesen. Der Knabe begnügt sich jedoch nicht damit, zu 
beschauen, was sich seinem Auge zufällig darbietet, sondern er sucht 
die ihn reizende Körperpartie aktiv zu entblößen. 

Soweit sich die Erinnerung in wenigen Sitzungen wiedererwecken 
ließ, hatte er entsprechende Handlungen mit vier Jahren bei der 
Amme, mit sieben Jahren bei der Mutter vorgenommen. Diese 
Reminiszenzen tauchten freilich erst allmählich auf, während der Patient 
eine andere Szene aus seiner Kindheit viel detaillierter wiedergegeben 
und sie in offenbar tendenziöser Weise von Anfang an in den 
Vordergrund gerückt hatte. 

Es ist nicht zu kühn, den folgenden Hergang zu vermuten. Der 
Knabe hatte seinen übermächtigen Schautrieb an seiner Mutter 
befriedigt. Derartige Handlungen von inzestuösem Charakter pflegen, 
wie die Psychoanalyse der Zwangsneurose uns gelehrt hat, zu den 
schwersten Selbstvorwürfen und weiterhin zu komplizierten Sühneaktionen 
zu führen. Unser Patient litt in hohem Maße unter Selbstvorwürfen, 
die er jedoch mit einer relativ sehr harmlosen Szene in ursächlichen 

> Feststehende psychoanalytische Erfahrungen berechtigen uns zu der ergänzenden 
Annahme, das Gesäß der Amme habe für die Sexualität des Patienten erst sekundär 
die Bedeutung gewonnen, welche primär ihren Brüsten zukam. Doch drang die 
Analyse nicht bis zum Nachweis dieses Herganges vor. 

2 Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Jahrbuch f. psychoanalyt. 
Forschungen, Bd. I. 



I 



137 



Zusammenhang brachte. Hier liegt eine offensichtliche Verschiebung 
vor, deren Motive unschwer zu erkennen sind. Der Mutter war der 
Patient aktiv zu nahe getreten; der Szene in dem Kellerladen hatte 
er dagegen ohne Vorwissen als unfreiwilliger Zuschauer 
beigewohnt. Er verdrängt die erste Tatsache ins Unbewußte und befreit 
sich auf diesem Wege von der für ihn peinlichsten Erinnerung. 
Dagegen behält er ein weit harmloseres Erlebnis mit größter Schärfe 
im Gedächtnis und verknüpft mit ihm den schweren Vorwurfsaffekt. 
Der Gewinn, der für den Patienten aus diesem Vorgang entspringt,' 
braucht wohl nicht weiter hervorgehoben zu werden. Mit welcher 
Intensität der Patient die eigentlich quälende Erinnerung von seinem 
Bewußtsein abgedrängt hatte, geht daraus hervor, daß ihm durch viele 
Jahre zwar oft die Kellerladenszene lebhaft vor Augen trat, daß 
dagegen die wichtigeren Vorkommnisse aus seiner Kindheit zum 
erstenmal in den Tagen der Psychoanalyse wieder auftauchten. 

Der äußere Anstoß zu dem angenommenen Verschiebungsvorgang 
ist uns nicht unbekannt. Als der Knabe der Dienstmagd von seinem 
Erlebnis erzählte, schalt sie ihn wegen seiner Unanständigkeit und 
malte ihm aus, welche Folgen sein Verhalten haben werde. Diese 
Worte können nur dadurch so stark auf den Knaben gewirkt haben, 
daß sie in ihm plötzlich den Gedanken wachriefen, er habe ja weit 
Schlimmeres begangen. An diese plötzliche Erkenntnis konnten sich 
unmittelbar die Selbstvorwürfe, das zwangsmäßige Beten usw. anschließen; 
dem Anschein nach waren sie freilich die Folge der belanglosen 
Kellerladenszene. 

Diese stellt sich somit als eine Decke rinn erung heraus, 
welche bis ins kleinste der von Freud im Jahre 1899 gegebenen 
Definition entspricht. Nach Freud sind Deckerinnerungen solche 
Reminiszenzen, denen trotz ihres gleichgültigen Inhalts ein großer 
Gedächtniswert zukommt. Sie verdanken diesen Gedächtniswert jedoch 
nicht ihrem eigenen Inhalt, sondern seinen Beziehungen zu einem anderen, 
verdrängten Inhalt. Die Deckerinnerung ist etwa ein losgerissenes Stück 
einer wichtigen Erinnerung oder sie vertritt symbolisch eine solche. 

Hinter der harmlosen Kindheitsszene suchen sich — wie Freud 
weiter ausführt — Vorstellungen von peinlichem Inhalte zu verbergen, 
die im aktuellen Leben des Neurotikers eine Rolle spielen. Es kann 
keinem Zweifel unterliegen, daß der Patient auch zur Zeit unserer 
Beobachtung noch ganz von seinem auf die .Rückseite" gerichteten 
Schautrieb beherrscht wurde. Die hiedurch bedingten Selbstvorwürfe 
fanden eine teilweise Ablenkung (Verschiebung) auf jenes scheinbar 
pathogene Kindheitserlebnis, 



138 



Die der Kellerladenszene gegebene Deutung als Deckerinnerung 
erfährt aus anderer Quelle noch eine erwähnenswerte Bestätigung. 

Der Patient lieferte nämlich noch weitere, besonders auf das 
Pubertätsalter und die nachfolgenden Jahre bezügliche Erinnerungen. 
Er kam dabei auf eine Zeit, in welcher die seit der Kindheit bestehenden 
Krankheitserscheinungen sich außerordentlich verschlimmert hatten. 
Diesem neuen Krankheitsschub war, wie sich herausstellte, ein sexuelles 
Erlebnis vorausgegangen, das dem ausführlich analysierten auffallend 
ähnelte. Der Patient berichtete: Als er achtzehn Jahre alt war, sei seine 
Mutter einmal des Nachts zu irgend einem Zweck durch sein Schlafzimmer 
gegangen. Dabei habe sie ihn wohl für schlafend gehalten. Er habe aber 
gesehen, wie sie hinten ihr Hemd aufhob, so daß ihr Gesäß entblößt war. 

Bemerkenswert ist auch an diesem Vorgang, daß der Patient 
seiner Schilderung nach wiederum nur der unfreiwillige Zuschauer war, 
während eine Frau sich selbst entblößte. Man darf vermuten, daß der 
Schautrieb des Patienten um jene Zeit besonders rege war und sich in 
inzestuöser Richtung bewegte. Ob der Kranke damals irgend eine 
entsprechende Handlung beging, ließ sich nicht feststellen. Es liegt 
aber wohl auf der Hand, daß die an seinen inzestuösen Triebregungen 
haftenden Selbstvorwürfe auf die geschilderte nächtliche Szene 
verschoben wurden. Demnach läge auch hier eine Deckerinnerung vor. 

Freilich nötigt uns die vom Patienten gegebene Darstellung zu 
einem kritischen Einwand. Sie erweckt den Eindruck tendenziöser 
Bearbeitung. Es ist nicht recht ersichtlich, warum die Mutter des 
Patienten sich beim Durchschreiten seines Zimmers in der beschriebenen 
Weise entblößt haben sollte. Der wirkliche Sachverhalt ist natürlich 
nicht feststellbar. Ohne Zweifel aber war das Verlangen des Patienten, 
die Mutter entblößt zu sehen, geeignet, seine Wahrnehmung in dem 
Augenblick zu verfälschen, als die Mutter nachts durch sein Zimmer 
ging. Vermutlich wähnte er dann, das zu sehen, was er zu sehen 
begehrte. In der irrtümlichen Wahrnehmung oder Erinnerung wäre 
also eine klare Wunscherfüllung enthalten. 

Die vorstehenden Ausführungen sollen einerseits einen Beitrag 
zur Psychologie der Erinnerungsstörungen liefern. Anderseits mögen 
sie den Praktiker daran erinnern, mit wie großer Skepsis er gerade 
denjenigen Angaben seiner Patienten gegenübertreten muß, welche 
sich auf die Ätiologie der Neurose beziehen. Deckerinnerungen der 
geschilderten Art, die vom Patienten so eifrig in den Vordergrund 
geschoben werden, dienen stets zur Irreführung des Arztes, zur Ablenkung 
seiner Aufmerksamkeit von den tieferen seelischen Schichten. 



Psychische Nachwirkungen der Beobachtung 

des elterlichen Geschlechtsverkehres bei einem 

neunjährigen Kinde\ 

Der Herausgeber dieser Zeitschrift hat zur Mitteilung solcher, in 
der Kindheit vorgefallener Träume aufgefordert, deren Deutung zum 
. Schlüsse berechtigt, daß die Träumer in frühen Kinderjahren Zuschauer 
sexuellen Verkehres gewesen sind. Der nachfolgende Beitrag entspricht 
diesen Anforderungen insofern nicht ganz, als die Beobachtung des 
elterlichen Koitus in diesem Falle nicht in die frühesten Kindheitsjahre 
fällt, sondern mit größter Wahrscheinlichkeit unmittelbar vor dem 
Auftreten des mitzuteilenden Traumes und der neurotischen Angst 
stattgefunden hat. Dennoch halte ich die Veröffentlichung für 
berechtigt, weil der Fall mit seltener Deutlichkeit erkennen läßt, wie 
ein zur Neurose disponiertes Kind auf ein Erlebnis wie das genannte 
reagiert. 

Ich wurde zu einem 9^^ Jahre alten Mädchen gerufen, welches 
seit kurzem an Angstzuständen litt. 

Zehn Tage vor der Konsultation war die Kleine am Abend 
in gewohnter Weise zu Bette gebracht worden. Nach mindestens 
einstündigem Schlaf rief sie durch Angstschreie ihre Mutter, welche 
sich im anstoßenden Wohnzimmer aufhielt, herbei. Sie erzählte 
der Mutter mit allen Anzeichen des Entsetzens einen Traum: 
„Ein Mann hat dich in deinem Bett ermorden wollen, 
ich habe dich aber gerettet.« Während dieser Mitteilung 
vermochte sie zwischen Traum und Wirklichkeit noch nicht zu unter- 
scheiden. Als die Mutter ihr beruhigend zusprach, antwortete sie mit 
entsetztem Ausdruck: „Ach, du bist ja gar nicht meine Mutter." 
Hernach äußerte sie Angst vor Gegenständen im Zimmer, die sie als 
Tiere verkannte. Erst nach geraumer Zeit trat Beruhigung ein. Die 
Kleine schlief bis zum Morgen, erklärte dann, in der Nacht gut 
und ungestört geschlafen zu haben und sich ganz wohl zu fühlen. 

' Aus .Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", I. Jahrgang, 1913. 



^ 



140 



Auf vorsichtiges (und daher nur oberflächliches) Befragen vonseiten 
der Eltern wußte sie sich des oben geschilderten Vorganges anscheinend 
nicht zu erinnern. 

Bei der Patientin hatte sich an einen schweren Angsttraum ein 
Dämmerzustand angeschlossen. Epileptische Antezedentien fehlten 
gänzlich; Symptome, welche eindeutig für eine Geisteskrankheit (im 
engeren Sinne) gesprochen hätten, lagen nicht vor. Die weitere 
Entwicklung des Zustandes und der nachfolgende von mir erhobene 
Befund ließen einen hysterischen Dämmerzustand annehmen. 

Die Patientin bot in den folgenden Tagen mannigfache Krankheits- 
erscheinungen. Sie war schreckhaft und neigte zum Zusammenzucken. 
Mehrfach bot sie in der Unterredung mit der Mutter Symptome dar, 
die dem „Vorbeireden" (Ganser) sehr ähnelten. Abends trat 
wiederholt starke Angst auf, Patientin hatte einigemal Tiervisionen; 
u. a. wurde sie, wie sie mir bei Gelegenheit meines Besuches erzählte, 
von einer Schlange erschreckt, die in ihr Bett kroch und sie ins Bein 
beißen wollte. Sie ängstigte sich, das Klosett aufjusuchen, weil dort 
schwarze Männer erschienen, die ihr mit dem Finger drohten. Sodann 
fand sich bei der Patientin eine ausgesprochene Astasie und Abasie 
und, als Begleiterscheinung, Angst vor dem Fallen. Suggestiv ließ sich 
diese Störung schnell soweit beeinflussen, daß ich die Patientin durch 
das Zimmer führen konnte, sie nur ein wenig am Ärmel haltend. Sie 
konnte schließlich, zwar noch taumelnd, aber ohne zu fallen allein 
zum Bett zurückkehren. Symptome einer organisch bedingten Lähmung 
fanden sich nicht vor. 

Patientin berichtete auf mein Befragen, daß sie in letzter Zeit 
oft Angstträume gehabt habe. Als ich sie bat, einen solchen zu 
erzählen, brachte sie sofort den oben angeführten Traum vor, obwohl 
sie in den vorausgegangenen Tagen von den Eltern nicht an ihn 
erinnert worden war. Die Amnestie für den Abend, an welchem die 
Krankheit ausgebrochen war, konnte also höchstens eine partielle sein. 

Da ich nur zu einer Konsultation zugezogen war, mußte ich 
mich der Patientin gegenüber mit der Erhebung des Befundes und 
einigen beruhigenden psychotherapeutischen Maßnahmen begnügen. 
Mit Hilfe des Vaters der Patientin suchte ich in ätiologischer Richtung 
weiter vorzudringen. 

Der Angsttraum der Patientin hatte in mir sogleich die Vermutung 
erweckt, sie sei Zeugin des elterlichen Geschlechtsverkehres gewesen, 
habe den Eindruck in typisch kindlicher Weise („sadistische" Theorie 
des Koitus) verarbeitet und dann im Traum eine Wiederholung der 
Szene erlebt. 



141 



Da das Zimmer, in welchem die Kleine lag, auch die Betten 
der Eltern enthielt, so teilte ich dem Vater meine Vermutung mit und 
begründete sie kurz. Ich fand sofort Verständnis. Der Vater erklärte, er 
könne meiner Ansicht nur zustimmen. Er fügte hinzu, die Kleine 
werde außer dem Koitus in letzter Zeit auch gelegentliche heftige 
Auseinandersetzungen der Eltern angehört haben, die nach dem 
Schlafengehen stattfanden. Hiedurch würde die »Ermordung" der 
Mutter neben der sexuellen noch eine weitere Determination erhalten. 

Die dem Ödipuskomplex des Sohnes analoge Einstellung der 
Tochter zeigt sich im vorliegenden Fall in nicht zu verkennender 
Weise. Die Tochter träumt von einem Mordanschlag auf die Mutter. 
Der Sinn dieser Phantasie wird dadurch nicht geändert, daß die 
Träumerin ihre Mutter „rettet'. Ginge dies nicht schon aus der 
bekannten Bedeutung der Rettungsphantasien hervor, so brauchte nur 
darauf verwiesen zu werden, daß die Patientin unmittelbar nach' dem 
Traum die Mutter verleugnete; sie entledigte sich ihrer also in einer 
Form, wie sie uns besonders von den „Abstammungsphantasien" 
her wohlbekannt ist. Ihr selbst nähert sich — als halluzinatorische 
Erscheinung im Wachen — die Schlange, die als männliches Symbol 
offenbar den Vater vertritt i. Die Angabe, daß die Schlange sie habe 
ins Bein beißen wollen, machte die Patientin unter deutlichem Zögern 
und mit verändertem Gesichtsausdruck; sie schien mir hier etwas zu 
verschleiern. Wahrscheinlich nannte sie das Bein an Stelle des Genitale, 
nach Analogie der Fabel vom Storch, der die Frauen ins Bein beißt. 

Eine so akut einsetzende, so intensive und in ihren Erscheinungen 
für den Psychoanalytiker so durchsichtige Verarbeitung des Eltern- 
komplexes berechtigt, wie ich meine, zu der Annahme, ein affekt- 
betontes, mit den Eltern in Zusammenhang stehendes Erlebnis habe 
auf das Kind eingewirkt. Die äußeren Umstände sowie die Angaben 
des Vaters sind wohl geeignet, zu dem Schlüsse zu führen, das Kind 
habe unmittelbar vor dem Auftreten der geschilderten Erscheinungen 
den Verkehr der Eltern beobachtet. Eine direkte Befragung der 
Patientin war natürlich bei dieser einmaligen Unterredung nicht angängig. 

Allein zur Begründung eines so ernsten Krankheitszustandes 
konnte ein solches Erlebnis des Kindes nicht ausreichen; auch war 
der Zusammenhang gewisser Symptome mit dem erlittenen psychischen 
Trauma zum mindesten unsicher i. Eine Befragung des Vaters förderte 



ein kompliziertes Zeremoniell 



1 Vgl. hiezu meine Ausführungen .Über 
neurotischer Frauen*. Seite 114f. 

» Ich habe eine Deutung gewisser Symptome im obigen absichtlich unterlassen, 
weil mir genügende Grundlagen dafür zu fehlen schienen. 



142 1 

einiges weitere Material zutage. Die Patientin pflegte mit einer 
Nacbbarstochter umzugehen, von der es liieß, daß sie mit anderen 
Mädchen mutuelle Masturbation treibe. Es ergibt sich nun die 
Vermutung, daß die Patientin, durch sexuelle Handlungen und Gespräche 
mit dieser Freundin aufgeregt, deswegen viel heftiger auf das im 
elterlichen Schlafzimmer Erlebte reagiert habe, als sie es sonst getan 
haben würde. 

Die Angst vor Gestalten mit drohender Gebärde läßt ohne 
weiteres auf ein Verschuldungsgefühl schließen, und dieses würde sich 
nach uns geläufigen Erfahrungen am wahrscheinlichsten auf die 
Verübung unerlaubter sexueller Handlungen zurückführen lassen. Daß 
jene Gestalten der Patientin gerade im Klosett erschienen, ist gewiß 
nicht ohne Belang; ist doch dieses der häufigste Schauplatz heimlicher 
Verbotsübertretungen der Kinder. 

Die mitgeteilte fragmentarische Analyse läßt uns besonders nach 
einer Richtung hin unbefriedigt. Wir werden durch die Assoziationen 
der Patienten in der Regel auf früh-infantile Wünsche und 
Eindrücke aufmerksam gemacht, von welchen die neurotischen 
Symptome ihren Ausgang genommen haben. Ein Vordringen bis in 
die tiefen Schichten des Unbewußten war im vorliegenden Falle nicht 
möglich. Ich vermute, es würde ergeben haben, daß der aktuelle 
Eindruck, unter dem die Patientin stand, seine wichtigste Verstärkuiig 
aus dem Unbewußten bezog, d. h. von verdrängten, der ersten 
Kindheitsperiode angehörigen Erinnerungen verwandter Art. Doch ließ 
sich, wie gesagt, ein bezüglicher Nachweis nicht führen. 

Ich halte den Schluß für berechtigr, daß die Beobachtung des 
elterlichen Koifus den Anstoß zum Ausbruch der Psychoneurose 
gegeben habe, deren erstes merkbares Symptom ein schwerer Angst- 
traum mit anschließendem Dämmerzustand bildete. 



Kritik zu: 



C. G. Jung, Versuch einer Darstellung der psycho- 
analytischen Theorie. Neun Vorlesungen, gehalten in 
New-York im September 1912. Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch., 
Bd. V. Buchausgabe: Wien, F. Deuticke 1913^ 

Der Titel dieser neuesten Arbeit Jungs und die Vorrede der 
Buchausgabe erregen in dem Leser die Erwartung, eine Darstellung 
der Theorien Freuds und seiner Schule zu finden. Der Autor will 
— wie er uns sagt — zu den bisherigen Anschauungen auf Grund seiner 
eigenen Erfahrungen Stellung nehmen, will durch eine »bescheidene und 
maßvolle Kritik" die psychoanalytische Bewegung fördern und den 
Formulierungen Freuds seine eigenen gegenüberstellen, soweit sie 
ihm den beobachteten Tatsachen besser gerecht zu werden scheinen. 

Würde die Schrift inhaltlich diesem Progranim entsprechen, so 
wäre sie als eine Bereicherung unserer Literatur zu begrüßen. Eine 
kurze und klare Einführung in das Studiengebiet der Psychoanalyse 
wäre uns erwünscht; nicht minder aber sind wir dankbar für jede 
sachliche Kritik. Daß es geteilte Meinungen in der psychoanalytischen 
Schule gibt, brauchen wir nicht zu verhehlen; haben doch die 
„Diskussionen des Wiener psychoanalystischen Vereins" den Streit der 
Meinungen in unserem Lager dem Forum der Öffentlichkeit unterbreitet. 

Allein die Dinge liegen anders. Der Kritiker kann sich in diesem 
Falle nicht damit begnügen, des Autors Ansichten wiederzugeben und 
zu beurteilen; es erwächst ihm außerdem die ungewohnte und nicht 
eben erfreuliche Aufgabe, nachzuweisen, daß Jung den Lehren 
Freuds eine in tatsächlicher Hinsicht gänzlich unrichtige 
Darstellung zuteil werden läßt. 

Bevor ich mich dem Detail dieser beiden Aufgaben zuwende, 
muß ich einige allgemeine Eigenschaften der Jungschen Arbeit hervor- 
heben, die mit den Vorzügen seiner früheren Schriften auffällig 
kontrastieren. Wie schon die „Wandlungen und Symbole der Libido", 
enthält sie eine ganze Anzahl innerer Widersprüche, so daß der Leser 

> Aus .Internat. Z. f. ärztl. Psychoanalyse", I. 1913. 



144 

Über das gleiche Thema an zwei Stellen in entgegengesetzter Weise 
unterrichtet wird. Mancherorts ist die Darstellung so unklar, daß man 
dem Gedankengange kaum zu folgen vermag. Bestimmte Lehrsätze 
werden vom Autor lediglich dekretiert, ohne daß ein hinreichender 
Beweis hinzugefügt wird. Auffällig ist ferner, wie Jung mehrfach seine 
Grundsätze wissenschaftlicher Forschung und Kritik verkündet, um 
selber in der gleichen Arbeit gegen sie in der krassesten Weise zu 
verstoßen. Diese allgemeinen Mängel der Schrift müssen dem kritischen 
Leser zum Anlaß werden, den speziellen Ausführungen des Autors 
mit großer Skepsis gegenüberzutreten. 

Ich wende mich zunächst zu den Ausführungen Jungs über 
Sexualtheorie und infantile Sexualität. 

Jung verteidigt die Erweiterung des Sexualbegriffes, zu welcher 
Freud sich genötigt sah, in einer anfechtbaren Weise: die psycho- 
analytische Schule meine mit Sexualität den Trieb der Arterhaltung 
(Seite 16)'. Nur im Vorübergehen sei hier bemerkt, daß der Trieb der 
Arterhaltung" nichts ist als eine teleologische Fiktion. Die Triebe des 
Individuums, und keineswegs nur der Sexualtrieb, dienen indirekt 
auch der Arterhaltung ; mehr von ihnen in dieser Hinsicht auszusagen, 
sind wir nicht berechtigt. Ferner liegt es auf der Hand, daß gewisse 
Manifestationen des Sexualtriebes keinerlei arterhaltende Tendenz in 
sich tragen ; man denke nur an die Homosexualität. Faktisch aber hat 
Freud den Sexualbegriff gerade nach der entgegengesetzten 
Richtung erweitert: die infantile Sexualität in seinem Sinne strebt 
lediglich nach Lustgewinnung; die Sublimierungen des Sexual- 
triebes und die neurotischen Symptome sind nach Freud Derivate 
des Geschlechtstriebes, die mit der Arterhaltung entweder 
nur indirekt oder gar nichts zu schaffen haben. 

Jung gesteht dann Freud ausdrücklich das Recht zu, die 
„andeutenden und vorbereitenden Phänomene" der Kinderzeit als 
sexuell zu bezeichnen; nur „gewissen Konklusionen" möchte er sich 
nicht anschließen (Seite 16). „Freud ist geneigt, auch im Akte des 
Saugens an der mütterlichen Brust eine Art sexuellen Aktes zu erblicken. 
Diese Ansicht hat Freud schwere Vorwürfe eingetragen, sie ist aber, 
wie wir gestehen müssen, sehr sinnreich, wenn wir mit Freud 
annehmen, daß der Trieb zur Arterhaltung, d. h. also die Sexualität 
gewissermaßen abgetrennt vom Selbsterhaltungstrieb, d. h. der 
Ernährungsfunktion existiere und so auch eine besondere Entwicklung 
ab ovo durchlaufe. Diese Denkweise scheint mir aber biologisch nicht 
zulässig zu sein." (Seite 16—17.) 

' Die Seitenzahlen bei den Zitaten beziehen sich auf die Buchausgabe. 



145 



Die zitierten Sätze würden uns nicht in Erstaunen setzen, fänden 
wir sie in der Kritik eines Gegners, der sich mit Freuds Schriften 
nicht genügend vertraut gemacht hat. Denn sie enthalten eine nach 
zwei Richtungen hin fälschliche Darstellung, wie man sie von Jung 
nicht erwarten sollte. Erstens: Freud sieht im Saugeakt selbst- 
verständlich einen Ernährungsakt, welcher jedoch gleichzeitig zur 
lustvollen Reizung des Mundes (als erogene Zone) Anlaß gibt. 
Was Jung zitiert, deckt sich mit Freuds Ansicht voii der Bedeutung 
des Lut Sehens des Kindes. Zweitens: Freud nimmt selbst 
eine ursprüngliche Vergesellschaftung und eine erst sekundäre Trennung 
beider Triebe an^ 

Nachdem Jung den ersten Schlag gegen die infantile Sexualität 
mit sehr fragwürdigen Argumenten geführt hat, holt er zu einem 
zweiten aus. Auf Seite 17 erscheint in Sperrdruck die Proklamation: 
^Diese Zeit," d. h. die früheste Kindheit, »ist durch das Fehlen 
sexuellerFunktionengekennzeichnet.-So steht es plötzlich 
da, nur wenige Zeilen entfernt von dem Zugeständnis, das man der 
Sexualterminologie Freuds nichts vorwerfen könne, »indem sie 
konsequent alle Vorstuf en der Sexualität mit Recht 
als sexuell bezeichnete Jung begnügt sich mit einigen 
allgemeinen biologischen Belegen für seine Ansicht; über eine eigentliche 
Beweisführung setzt er sich hinweg. 

Mit neuem Erstaunen vernimmt man aber auf Seite 18, daß dem 



1 Ich zitiere wörtlich (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Seite 37) : 

.Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes durch das 
Suchen nach einer — bereits erlebten und nun erinnerten Lust bestimmt wird . . . 
Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen 
dieser Lust gemacht hat, die es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste 
Tätigkeit des Kindes, das Saugen an der Mutterbrust .... muß es bereits mit 
dieser Lust vertraut gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes 
haben sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung durch den warmen 
Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung. Anfangs war wohl die 
Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses 
vergesellschaftet. Wer ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten 
Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß 
dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren Leben 
maßgebend bleibt. 

Nun wird das Bedürfnis nach Wiederholung der sexuellen Befriedigung von 
dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme getrennt." 

Jung behauptet übrigens weiter, Freud leite von der Ähnlichkeit, die zwischen 
der Erregung und Befriedigung beim Saugakt und den analogen Erscheinungen beim 
Sexualakt bestehe, die sexuelle Qualität des Saugaktes her ! Ich überlasse es dem 
Leser, die Richtigkeit dieser Darstellung an der Hand vorstehenden Zitates zu prüfen. 

2 Vom Ref. in Sperrdruck gesetzt. 



10 



146 

Lutschen des Säuglings „schon viel eher" sexuelle Qualität zugesprochen 
werden dürfe, als dem Saugakt. Nichts anderes war ja von Freud 
behauptet worden! Jungs unbestimmte Ausdrucksweise hängt innig 
mit der Schwäche seiner Beweisführung zusammen ; sie wird uns noch 
öfter wieder begegnen. Aus der schwierigen Lage, in die er sich 
gebracht hat, zieht er sich mit sehr schwachen Argumenten heraus 
und entscheidet („beweist" wäre zu viel gesagt), daß das Lutschen 
nicht Sexuallust, sondern „Ernährungslust" sei. 

Doch es kommt noch besser ! J u n g erkennt plötzlich, indem er 
von der Masturbation ausgehend, die Entwicklung zu den frühkindlichen 
„Unarten" (Nägelkauen etc.) und endlich zum Lutschen rückwärts 
verfolgt, alle diese Erscheinungen als Vorstufen der Masturbation und 
damit als sexuell an (Seite 18); nur bezüglich des Lutschens drückt 
er sich in einem späteren Satz wieder reservierter aus. 

Was heißt das anderes, als in den klaren und vorsichtigen 
Aufstellungen Freuds eine heillose Verwirrung anrichten? Keinem Leser 
ist es möglich, aus den widerspruchsvollen Ausführungen die eigentliche 
Meinung des Autors zu entnehmen. Jung aber, der es auf Seite 8 
für ungerecht erklärt hat, „einem Geiste, wie Freud, plumpe Lehrlings- 
fehler zuzumuten", wirft — gänzlich blind für die Mängel seiner 
eigenen Beweisführung — auf Seite 18 seinem „verehrten Lehrer" den 
groben logischen Fehler der petitio principii vor. Oder er argumentiert 
mit Sätzen wie: „Lustgewinnung ist keineswegs identisch 
mit Sexualität." Bisher hatten wir derartige Einwände nur von 
Gegnern gehört, die damit etwas zu widerlegen meinten, was 
Freud behauptet haben sollte. 

Einige weitere Willkürlichkeiten Jungs in seinen Ausführungen 
über die frühesten Sexualäußerungen übergehe ich und komme zu 
seiner Kritik der „polymorph perversen" Anlage des Kindes. 

Die einschlägigen Anschauungen Freuds (Erogene Zonen, 
Partialtriebe) finden eine höchst mangelhafte Wiedergabe, aus der sich 
niemand eine wirkliche Orientierung zu holen vermag. Jung gibt 
dann folgendes Resümee : 

„Nach dieser Betrachtungsweise setzte sich also die spätere 
normale und monomorphe Sexualität aus verschiedenen Komponenten 
zusammen. Zuerst zerfällt sie in eine homo- und eine heterosexuelle 
Komponente, dann gesellt sich dazu eine autoerotische Komponente, 
dann die verschiedenen erogenen Zonen usw," 

So viele Worte, so viele Unrichtigkeiten ! J u n g vernachlässigt 
in seiner Darstellung vollkommen, daß es sich um Entwicklungsstadien 
handelt. Freud hat die frühesten Äußerungen der Libido autoerotisch 



147 

(objektlos) genannt, und hat ausgeführt, wie die Libido sich mehr und 
mehr, aber nie absolut, von den erogenen Zonen, an die sie zuerst 
gebunden ist, frei macht, wie die ursprünglich autonomen erogenen 
Zonen sich dem Primat der Genitalzone unterordnen, und wie auf 
diesem Wege die „normale" Sexualität des Erwachsenen ^entsteht; vor 
allem hat Freu'd auch den Prozeß der Objektfindung eingehend 
gewürdigt. Unter Weglassung alles Wesentlichen gibt Jung nur die 
verkehrte Darstellung, daß nach Freud die Sexualität „zuerst" (sie!) 
in eine homosexuelle und heterosexuelle Komponente „zerfalle". 
Freud spricht übrigens überhaupt nicht von einer autoerotischen 
Komponente; noch weniger sagt er aus, daß sie sich früheren 
Formen der Sexualität „hinzugeselle". Jung stellt hier die Ansichten 
Freuds geradezu auf den Kopf. 

Jung gibt seinen Lesern ein durchaus unrichtiges Bild, wenn er 
behauptet, Freud habe die Sexualität künstlich zerspalten. Das gerade 
Gegenteil ist der Fall. Freud hat eine große Zahl von Erscheinungen, 
die früher völlig unverstanden waren, unter dem Gesichtspunkt der 
Sexualität vereinigt. Er hat durch die Erforschung der infantilen 
Sexualität zwischen dem Triebleben des Kindes und'dem des Erwachsenen 
eine Kontinuität hergestellt, die vorher fehlte. Er hat nachgewiesen, 
daß vielerlei Triebregungen, die in unvereinbarem Gegensatz zueinander 
zu stehen schienen, tatsächlich einander ergänzen und sich zur Einheit 
zusammenschließen. Kurz, er hat die großen, vereinigenden Gesichts- 
punkte in die Sexualtheorie und Neurosenlehre erst eingeführt. 

Ferner hat niemand die Transformationsfähigkeit der Libido je in 
dem Maße gewürdigt wie Freud. Man denke nur an seine Theorie 
von der Entstehung neurotischer Symptome, an seine Lehre von der 
Sublimierung und Reaktionsbildung, an seine Termini: Objektbesetzung 
und Zurückziehung der Libido vom Objekt usw. Doch er muß es sich 
gefallen lassen, daß Jung ihm vorwirft, die Libido in feste, starre 
Komponenten zerlegt zu haben. Jungs Prätentionen gehen an dieser 
Stelle derart über das berechtigte Maß hinaus, daß ein entschiedener 
Protest am Platze ist. Nicht nur, daß er die Einführung einigender 
Gesichtspunkte in die Psychologie sich selbst zuschreibt ; er vergleicht 
dieses sein Werk sogar mit der Einführung des Energie-Begriffes in 
die Physik — als ob die energetische Auffassung der Psychoanalyse 
bisher völlig fremd gewesen wäre. Neu ist in Wirklichkeit nur ein 
bedenklicher Fehler: die Vermengung psychologischer, biologischer 
und physikalischer Gesichtspunkte'. Jung aber fordert: Sowie in der 

1 Wie vorsichtig Freud im Gegensatz zu Jung nach dieser Riclitung verfälirt, 
zeigt sein Artikel über „das Interesse an der Psyciioanalyse" . (In ,Scientia*, 1913.) 



10* 



148 

Physik die Optik, Mechanik etc. ihre Selbständigkeit eingebüßt hätten, 
so müsse es auch mit den „festen" Sexualkomponenten geschehen. 
Freuds „Partialtriebe" seien den „Seelenvermögen" der älteren 
Philosophie an die Seite zu stellen. 

Was setzt nun Jung an Stelle dessen, was er beseitigt? Seinen gänzlich 
vagen Libidobegriff und die „Anwendungsmöglichkeiten" der Libido. 

Auf eine Kritik des Jungschen Libido-Begriffs brauche ich hier 
nicht einzugehen, sondern verweise nur auf Ferenczis treffende 
Ausführungen in Nr. 4 des I. Jahrgangs der Zeitschrift f. Psa., denen 
ich nur gewisse Ergänzungen hiiizufügen werde. 

Was aber die „Anwendungsmöglichkeiten" der Libido betrifft — 
die ja übrigens längst Gemeingut der Psychoanalyse waren — so 
entbindet deren Feststellung nicht von der Aufgabe, die „Möglichkeiten" 
zu erklären. Freud hat sich hier auf Beobachtungen, auf biologische 
Tatsachen gestützt, unter denen ich nur die Bisexualität als Beispiel 
erwähnen will. Die Verdrängung erklärt dann weiter die Herrschaft 
einer Gattung von Triebregungen im Bewußtsein, während die 
entgegengesetzten ins Unbewußte verdrängt sind. Jung begnügt sich 
dagegen mit Worten, die uns nichts bedeuten können. Aus einem von 
ihm kurz wiedergegebenen Krankheitsfall zitiere ich : „Die Enttäuschung 
trieb seine (des Patienten) Libido von der heterosexuellen Anwendungs- 
weise weg, so daß sie wieder in die homosexuelle Form geriet." 
Jungs Ausdrucksweise ist hier wieder äußerst unklar. Was soll man 
sich unter der „homosexuellen Form" vorstellen? Vor allem aber sollte 
der Autor, der mit solchen Worten umspringt, eine Erklärung geben, 
woher denn die Libido die Fähigkeit hat, andere „Formen" zu wählen. 
Es ist zu betonen, daß Freud in seinen „Drei Abhandlungen" gerade 
zuerst das biologische Fundament herstellt, um seine Sexualtheorie 
darauf aufzubauen. Jung dagegen führt seinen Libido-Begriff, d. h. 
eine philosophische Konstruktion ein und legt die Tatsachen im Sinne 
dieser Theorie aus. 

Wie vage Jungs Begriff von der Libido und deren „Anwendungs- 
möglichkeiten" ist, illustriert eine spätere Stelle der Schrift (Seite 79). 
In einem Beispiel führt Jung dort aus : Ein Bergsteiger, der eine 
ersehnte Bergspitze nicht zu erklimmen vermochte, werde fortan „seine 
Libido zu nützlicher Selbstkritik verwenden". Wie der Alpinist das 
macht, fügt Jung leider nicht hinzu. Wenn er es aber weiß, so 
möchte man wünschen, daß er selbst in Zukunft von dieser Anwendungs- 
möglichkeit der Libido ausgiebigen Gebrauch mache. 

Die „polymorph-perverse Anlage"' des Kindes kann Jung nicht 
wegleugnen. Er drückt sich aber zu diesem Thema sehr gewunden und 



149 



schwankend aus (Seite 25 f). Einmal fallen jene Äußerungen im 
Kindesalter sehr in die Augen, sind sogar reichhaltiger als beim 
Erwachsenen, dann wieder handelt es sich nur um „Andeutungen". 
Von diesen Andeutungen aber sagt Jung, daß sie „noch ganz 
den Charakter der kindlichen, unschuldigen und 
harmlosen Naivität tragen^. 

Diese „Harmlosigkeit" des Kindes betont Jung immer von 
neuem; ja er setzt später hinzu, das Kind sei planmäßiger Absichten 
nicht fähig! (Seite 63). 

Jung setzt sich damit nicht bloß über seine früher geäußerten 
Ansichten hinweg (was ja selbstverständlich jedem freisteht), sondern 
er mißachtet Tatsachen, die er früher selbst publiziert hat. Was 
aber will er mit dem beständigen Hervorheben der kindlichen 
„Harmlosigkeit" sagen? 

Es ist eines der großen Verdienste Freuds, die ethische 
Bewertung der kindlichen Triebregungen aus der Psychologie beseitigt 
zu haben. Diese Regungen sind für den Psychoanalytiker Natur- 
erscheinungen, die er beobachtet, und die er zu verstehen sucht. Sie 
sind ebenso wenig harmlos wie etwa böse zu nennen. Konsequent hat 
Freud auch die Amoralität des Unbewußten angenommen. Denn den 
Grundstock des Unbewußten bilden ja nach unserer Anschauung die 
verdrängten kindlichen (primitiven) Triebregungen. Jung bahnt einen 
bedenklichen wissenschaftlichen Rückschritt an, indem er seinen Lesern 
immer wieder die Harmlosigkeit der kindlichen Triebe versichert. 
Schlimmer freilich ist es, daß er hernach dem Unbewußten sogar 
moralische Tendenzen zuschreibt. 

Die von Jung aufgestellten drei Stadien der Libido-Entwicklung 
sind von Ferenczi bereits kritisiert worden. Ich gehe, unter Bezugnahme 
auf Ferenczis Ausführungen, sogleich zu weiteren Behauptungen 
Jungs über, die in den „Wandlungen" noch nicht in gleicher Weise 
enthalten waren, und die doch Jungs Vorgehen gegen die Freudsche 
Lehre vortrefflich charakterisieren. 

Ganz unrichtig ist Jungs Behauptung, Freud erkläre den 
Unterschied zwischen kindlicher und reifer Sexualität „aus dem 
Diminutiv des Infantilen". 

Weiterhin sucht Jung (Seite 38-39) den ursprÜngUchen 
Polymorphismus der Sexualität daraus zu erklären, daß Ernährungslibido 
vom Munde aus in andere Bahnen überwandere. Er meint, ein 
beträchtlicher Teil der Hungerlibido setze sich in Sexuallibido um. 



Sperrdruck vom Ref. 



150 

Der Versuch, den Mund allein zum Ausgangspunkt dieser — 
völlig hypothetischen — Libido- Wanderung zu machen, zeigt die ganze 
Einseitigkeit der Jungschen Ideen. Jung vernachlässigt die übrigen 
erogenen Zonen (mit Ausnahme des Mundes) vollständig, und dies ist 
sicher einer der größten wissenschaftlichen Rückschritte. Aber handelt 
es sich denn nur um körperliche Erscheinungen der Libido? Wie will 
Jung denn z. B. die sexuelle Neugierde und die Exhibitionslust des 
Kindes erklären? 

Eine der angreifbarsten Partien der Jungschen Arbeit ist die 
den „Ödipus-Komplex" behandelnde. Die Ausführungen (Seite 62 f) 
leiden an großer Unklarheit. Vergebens sucht man aus den vagen 
Ausdrücken etwas Bestimmtes zu entnehmen. Der Grund dieser 
Unklarheit ist leicht genug zu erkennen. Er liegt in der Vernachlässigung 
der Verdrängung und des Unbewußten. Das Wort „Verdrängung" 
kommt zwar hin und wieder in Jungs Schrift vor, aber stets wird 
es in einer ganz unbestimmten Weise angewandt; es hat eben seinen 
Inhalt verloren. Das Unbewußte gibt in dieser „Darstellung« der 
Psychoanalyse ebenfalls nur gelegentliche Gastrollen. Nirgends finden 
wir eine klare Stellungnahme zu den fundamentalen Problemen des 
Unbewußten. Jung stellt unvermittelt gewisse Behauptungen auf, wie 
etwa: „Im Unbewußten des Kindes vereinfachen sich die Phantasien 
beträchtlich", oder: „Im Unbewußten gewinnen diese Wünsche und 
Absichten eine konkretere und drastischere Form". Aber er bleibt jede 
Erklärung des Unbewußteri und der unbewußten Phänomene schuldig. 
Daß Jung in der Ödipus-Einstellung nur ein Symbol erblickt, 
und den inzestuösen Regungen Jede reale Bedeutung abspricht, ist 
schon aus dem IL Teil seiner „Wandlungen und Symbole der Libido" 
bekannt; ich beziehe mich hier wieder auf Ferenczis Kritik. 
Nirgends wird es so klar wie an dieser Stelle des Buches, daß Jung 
sich auf dem Rückweg von der Psychoanalyse zur Oberflächen- 
Psychologie befindet. Dafür nur ein Beispiel. Wir finden auf Seite 63 
die Behauptung, im frühen Alter habe die Mutter für das Kind 
„natürlich keinerlei irgendwie nennenswerte Sexualbedeutung". Es ist 
noch nicht gar lange — ich verweise auf den ersten Teil seiner 
„Wandlungen« — daß Jung das Gegenteil des nunmehr Ausgesagten 
ebenso natürlich fand. Zum Beweise seines jetzigen Lehrsatzes 
beruft sich der Psychoanalytiker Jung aber auf eine amerikanische 
Arztin, die von Kindern durch eine Umfrage erfuhr, daß die Mutter 
gern als diejenige definiert wird, die das Essen gibt! Also nachdem 
Jung — wie er in der Einleitung des Buches bemerkt — zehn Jahre 
lang Psychoanalyse betrieben hat, genügen ihm plötzlich Angaben 



151 



der Kinder, die nichts anderes enthalten können, als nur das Bewußte 
und Konventionelle! Wozu dann noch die mühsamen Psychoanalysen? 
Jung bemerkt es nicht im geringsten, daß er auf diese Weise in die 
nächste Nachbarschaft der psychologischen Samraelforscher (wie 
W. Stern u. a.) gerät. 

Jung benutzt diese Gelegenheit, um nochmals auf die Bedeutung 
der Ernährungslust hinzuweisen. Dabei versteigt er sich zu folgenden 
Sätzen: »Die großen Schmausereien des dekadenten Rom beruhten 
meinetwegen auf allem anderen, nur nicht auf verdrängter Sexualität, 
denn diese könnte man den damaligen Römern am wenigsten vorwerfen, 
Daß auch diese Exzesse ein Ersatz waren, ist nicht zu bezweifeln, 
aber nicht für die Sexualität, sondern für die vernachlässigten 
moralischen Funktionen ..." . 

Bei dem unkundigen Leser muß hier der Eindruck entstehen, 
als habe Freud — dem man freilich keine logischen Lehrlingsfehler 
zuschreiben wollte! — einmal solch handgreiflichen Unsinn behauptet. 
Wer aber jemals in Freuds Schriften , irgend eine Stelle las, die sich 
mit kulturhistorischen Fragen beschäftigte, der wird sich erinnern, daß 
dort ein anderer Geist weht. Jungs oben zitierte Bemerkung fällt 
somit in ihrer ganzen Plattheit ohne weiteres auf ihren Urheber zurück. 

Für das Ausbleiben des Inzestes in der Kulturmenschheit gibt 
Jung die höchst unzulängliche Begründung, daß das Alltägliche 
seinen Reiz für den Menschen verliere. Alle kulturhistorischen Tatsachen 
und nicht minder die individual-psychologischen geben dieser 
Anschauung Unrecht. 

Die „Ödipus-Phantasie" bildet sich nach Jung .mit wachsender 
Reifung" aus und tritt in der „Nachpubertätszeit" „mit der nunmehr 
erfolgten Abtrennung von den Eltern in ein neues Stadium", dessen 
Symbol das in den „Wandlungen" ausführiich behandelte „Opfer" ist. 
Nach Jung erscheint in dieser Zeit die unbewußte Phantasie des 
Opfers, d. h. der Vorsatz zum „Aufgeben der Infantilwünsche". 

Vergeblich suchen wir nach einer Erklärung dieses Phänomens. 
Das Unbewußte hat moralische Tendenzen erhalten, es opfert. Alle 
bisherigen Erfahrungen, von denen Jung keine wideriegt, zeigten uns 
die Amoralität des Unbewußten, das rücksichtslos-egoistische Drängen 
der ins Unbewußte versunkenen Triebe. Freuds Lehre schuf neben 
der Verdrängung den wertvollen Begriff der Sublimierung. Durch 
diesen letzteren Prozeß wird es den verdrängten, vorher unsozialen 
Triebregungen ermöglicht, in verwandelter, d. h. sozial verwertbarer 
Form ins Bewußtsein zurückzukehren. Jungs „Darstellung" würdigt 
diesen Vorgang keiner Erwähnung. In Jungs Ausführungen ist das 



152 

Unbewußte, wie'schon oben gesagt, etwas völlig Unbestimmtes; aber 
nicht nur das. Indem es in einem bestimmten Lebensalter plötzlich 
eine Phantasie produziert, der Jung mit dem Namen »Opfer" eine 
ausgesprochen religiöse Färbung gibt, wird dieses Unbewußte zu einer 
Art von mystischem Urgrund. An dieser Stelle hört Jung faktisch 
auf, Psychoanalytiker zu sein und wird Theologe. 

Einen weiteren Rückfall in die Oberflächenpsychologie muß ich 
darin erblicken, daß Jung zwischen den seelischen Konflikten des 
Kindes und denen des Erwachsenen eine scharfe Grenze zu ziehen 
sucht (Seite 67 — 68). Ich zitiere: „Jene Fälle, die schon seit Kindheit 
an einer chronischen Neurose leiden, leiden nicht mehr am selben 
Konflikt wie in der Kindheit. Die Neurose brach vielleicht aus, als 
das Kind zur Schule mußte. Damals war es der Konflikt zwischen 
verwöhnter Zärtlichkeit und Lebenspflicht, d. h. zwischen der Liebe 
zu den Eltern und dem Zwang zur Schule. Heute ist es der Konflikt 
zwischen den Freuden einer bequemen bürgerlichen Existenz und 
den rigorosen Anforderungen des Berufslebens. Es scheint nur, als 
ob es noch derselbe frühere Konflikt wäre." Leider vergißt Jung 
hier, den Unterschied wirklich zu präzisieren. Daß der erwachsene 
Neurotiker, der der Schule entwachsen ist, durch eine Neurose sich 
nicht mehr der S c h u 1 e entzieht, ist eine banale Selbstverständlichkeit. 
Der Konflikt hat also höchstens sein äußeres Gewand gewechselt. 
Freuds Verdienst ist es gerade, in den verschiedensten Metamorphosen 
die gleichen Konflikte wiedererkannt zu haben. Jungs Auffassung 
ist hier so reaktionär, wie die der „oppositionellen" Kritiker, über die 
er sich in der Einleitung der Schrift so erhaben dünkte. 

Die Einwände Jungs gegen die Bedeutung der Inzestwünsche 
als Kernkomplex der Neurose waren teilweise längst zurückgewiesen, 
ehe Jung sie erhob. Im übrigen hat Ferenczi bereits zu dieser 
Frage Stellung genommen. Ich gehe daher auf Jungs Ansicht 
betreffend die rein regressive Bedeutung dieses Phänomens nicht ein. 
Nur einer von Jungs Einwänden mag hier herausgegriffen werden. 
Die Ödipusphantasie könne, so meint Jung, nicht pathogen sein, 
weil sie allgemein menschlich sei; sie bedürfe, um pathogen 
zu werden, erst „einer besonderen Aktivierung". Die tatsächliche 
Stellungnahme der Psychoanalyse zu dieser Frage ist zu bekannt, als 
daß es sich lohnte, sie hier auseinander zu setzen! Ich habe diesen 
Einwand Jungs auch nicht hierher gesetzt, um ihn zu widerlegen, 
sondern nur darum, weil er geeignet ist, die innere Haltlosigkeit der 
Beweisführung Jungs klarzustellen. Jung erklärt (Seite 116), der 
Inzestkomplex werde „wiederbelebt" durch die Bequemlichkeit 



153 



geben, und 
allgemeinste 



des Menschen, die ihn vor Anpassungsleistungen zurückschrecken 
lasse. Er muß aber an gleicher Stelle die „Bequemlichkeit" als 
allgemein menschlich bezeichnen! Damit führt Jung sich 
selbst ad absurdum. Er versprach, an Stelle der zu allgemeinen 
Ursache der inzestuösen Einstellung eine spezifische zu 
dann verfällt er auf die „Trägheit", bekanntlich die 
Eigenschaft der Materie überhaupt! 

Besonders scharf wendet sich Jung gegen den Begriff der 
„Latenzzeit'; nirgends sind in Wirklichkeit seine Angriffe weniger 
berechtigt als hier. Freud hat (Seite 35 der „Drei Abhandlungen") 
die „hypothetische Natur und die mangelhafte Klarheit unserer Einsichten 
in die Vorgänge der kindlichen Latenz- oder Aufschubsperiode« 
ausdrücklich zugestanden. Jung, der auf Seite 19 erklärt, Theorien 
seien nur Vorschläge, wie man Dinge betrachten könne, verliert 
diesen seinen Grundsatz gegenüber dieser Theorie Freuds ganz aus 
den Augen. Freud sah sich, übrigens in Anlehnung an Fließ, 
genötigt, eine Latenzperiode anzunehmen und hat ihr — was Jung 
ganz verschweigt — die wichtige Aufgabe zugewiesen, Hemmungen 
gegen die primitiven Triebe auszubilden. Freud hat ferner betont, 
daß Äußerungen der Libido in der Latenzzeit keineswegs fehlen, und 
sie als „Durchbrüche" bezeichnet. Danach ist also auch Jungs 
Vergleich mit der Blume, die sich in eine Knospe zurückverwandelt, 
hinfällig. Die inneren Widersprüche sind übrigens gerade in diesem 
Teil der Jungschen Arbeit besonders in die Augen springend. 

Jung erhebt Widerspruch gegen Freuds Auffassung der 
infantilen und neurotischen Amnesie, welch letztere nach Freud dem 
Vorbild der kindlichen Amnesie folgt. Jung findet hier einen schroffen 
Gegensatz und erklärt den Ausdruck „Amnesie" für die frühe Kindheit 
für „absolut unrichtig". Die von Jung gegebene Unterscheidung 
beider Phänomene (ich verweise auf Seite 73) entspricht aber den 
Beobachtungen an Kindern und Neurotikern nicht im geringsten; er 
stellt hierwieder einmal eineBehauptung aus eigener Machtvollkommenheit 
auf. Ich brauche zur Widerlegung Jungs nur auf diejenigen Neurosen 
zu verweisen, in denen die Erinnerungslosigkeit für die erste Kindheit 
sich nicht wie gewöhnlich bis ins fünfte oder sechste Jahr erstreckt, 
sondern bis ins elfte Jahr oder noch darüber hinaus. Hier geht die 
infantile Amnesie in die neurotische unmittelbar über; von einem 
absoluten Gegensatz zu sprechen, ist darum ganz unstatthaft. 

Ich bin hier bei den Fragen der Neurosenlehre angelangt. 
Hier kann ich mich kürzer fassen, da sich im Grunde nur das gleiche 
Spiel wiederholt. Freuds Theorie der Hysterie wird in einer ganz 



154 

mangelhaften Weise dargestellt. Jung verweilt mit größter Ausführlichkeit 
bei der alten „Trauma-Theorie" (die er übrigens fälschlich als eine 
„Dispositionstheorie" bezeichnet!). Sodann stellt er dar, wie Freud 
dazu gelangte, den neurotischen Phantasien eine größere Bedeutung 
beizulegen. Über die Lehre von der besonderen psychosexuellen 
Konstitution der Neurotiker, von den verdrängten Wünschen als 
treibenden Kräften der Neurose, von der Ambivalenz der Gefühlsregungen 
bei den Neurotikern usw. erfährt der Leser aber kein Sterbenswörtchen. 
In der Darstellung eines Hysteriefalles führt Jung (Seite 41 f) aus, 
wie die „alte Theorie" es sich dachte. Er stellt es hier, und später 
noch zu wiederholten Malen (vgl. Seite 46, Seite 76 und 77) so dar, 
als beharre Freud noch in der Traumalehre uns suche die Ursachen 
der Neurose lediglich in der Vergangenheit. Dieses Verfahren Jungs 
ist um so anfechtbarer, als er es vorher den „oppositionellen" Kritiken 
ausdrücklich verwiesen hatte. 

Die mangelhafte Anpassung des Neurotikers an die Realität, auf 
die Jung mit Recht so großen Wert legt, ist von Freud (vor allem 
in dem Aufsatz über die „zwei Prinzipien des psychischen Geschehens") 
eingehend gewürdigt worden. Um Spezielleres zu nennen, so hat 
Freud (cf. „Bruchstück einer Hysterieanalyse") besonders betont, daß 
der Neurotiker vor den realen Anforderungen, die an seine Sexualität 
herantreten, zurückscheut. In der Arbeit über die Zwangsneurose (1909) 
behandelt er speziell das Ausweichen des Kranken vor jeder Entscheidung. 
Ganz besonders aber zeigt der Artikel „Neurotische Erkrankungstypen" 
(1912), daß Freud den aktuellen Konflikt im Neurotiker in vollem 
Maße berücksichtigt. Aber er erkannte, daß dieser nur eine Neuauflage 
früherer Konflikte sei und betonte darum die Bedeutung der letzteren. 
Wenn Jung nun den Aktualkonflikt als allein wesentlich für das 
Verständnis der Neurose bezeichnet, so ist das nicht etwa eine originelle 
Idee seinerseits, sondern er schlägt nur den Irrweg der nichtanalytischen 
Neurologie wieder ein, den Freud uns vermeiden gelehrt hatte. 

Nachdem Jung die Methode Freuds als rein historisch 
verworfen hat, kann er nicht umhin zu gestehen, daß Freud „die 
finale Orientierung der Neurosen in gewissem Maße anerkennt" 
(Seite 77). Vielleicht ist dieses das stärkste Stück, das Jung sich in 
seiner „Darstellung" der Psychoanalyse geleistet hat. Ist es denn nötig, 
auf das zu verweisen, was Fr e u d in Wirklichkeit über die Tendenzen 
der Neurose, über die Symptome als Darstellungsmittel unbewußter 
Wünsche gelehrt hat? Allerdings hat Freud sich nicht dazu 
verstiegen, diese Tendenzen der Neurose mit einer metaphysisch zu 
verstehenden Finalität zu verquicken. Es widersteht mir, in dieser Sache 



155 

weitere Worte zu verlieren. Alles wirklich Geleistete ist hier Freuds 
ausschließliches Eigentum, während Jung nichts anderes als die 
überflüssige Vokabel „finale Orientierung« hinzugetan hat*. 

Nach J u n g ist der Neurotiker von den „Pflichten« zurückgewichen, 
die er im Leben zu erfüllen hat. Den Tatsachen wird diese Auffassung 
aber keineswegs gerecht. Statt vieler Gegengründe nenne ich nur einen. 
Wir finden unter den Neurotikern eine große Zahl der ausgesprochensten 
„Pfhchtmenschen«, die in ihrer Arbeit oder in sonstigen Aufgaben 
völlig aufgehen. Geht man auf solche Neurotiker genauer ein, so stellt 
sich regelmäßig heraus, daß bestimmte Hemmungen der Libido (ich 
meine natürlich den sexuellen Sinn dieses Wortes) ihnen die Befriedigung 
versagen, und daß die Arbeit ihnen als Ersatzbefriedigung dient. Jungs 
Auffassung ist nicht etwa ein originelles Produkt, sondern lediglich 
die alte Freudsche Auffassung vom Zurückweichen vor der realen 
Sexualforderung; Jung hat sie nur „desexualisiert", um ein von ihm 
geschaffenes Wort zu gebrauchen. 

Die Bedeutung des Unbewußten in der Neurose sinkt bei Jung 
fast auf Null herab. So lesen wir: „Sie (d. h. die neurotischen Phantasien) 
sind öfter nur als gefühlsmäßige Erwartungen, Hoffnungen, Vorurteile 
usw. vorhanden. Man nennt die Phantasien in diesem Falle unbewußt " 
Es bedarf kaum des Hinweises, daß es sich hier um eine völlige 
Verwässerung des „Unbewußten" handelt. Eine Begründung für diese 
Änderung der psychoanalytischen Auffassung des Unbewußten gibt 
Jung nicht. 

Jung scheint den Terminus „Verdrängung" geflissentlich zu 
vermeiden. Wir finden statt seiner allerhand unklare Wendungen, wie: 
„Die Libido wurde nicht anerkannt" (Seite 72) u. a. m. 

Von der „Übertragung" ist ausführlich die Rede, ohne daß Jung 
Wesentliches zu dem Bekannten hinzufügte. Dagegen findet das 
Phänomen des „Widerstandes" fast gar keine Berücksichtigung. 

Ein wichtiger ^ Gesichtspunkt Freuds, den Jung der 
„Regression" vollkommen zum Opfer bringt, ist das Haften- 
bleiben des Neurotikers im Infantilen. 

Gegenden Schluß der Schrift gibt Jung eine Psychoanalyse 
wieder, die an einem elfjährigen Mädchen angestellt wurde. Die 
Vernachlässigung des Unbewußten trägtauch hier zur Verwirrung Erheb- 
liches bei. Übrigens ist es bemerkenswert, daß dieses Kind sich den 
Jungschen Anschauungen in wesentlichen Beziehungen widersetzt 
Ich erwähn e nur, daß es im fünften Lebensjahre eine große sexuelle 

^ Auf die .fördernde und vorübende" Tendenz der neurotischen Phantasien 
werde ich an anderer Stelle eingehen. 



156 

Neugierde entfaltete und im gleichen Alter gewisse Strampelbewegungen 
ausführte, denen nach Jung „eine sexuelle Unterströmung zuerkannt 
werden muß". Der letztere Ausdruck leistet wieder das möglichste 
an Unklarheit. 

Die letzte Grundlage der Neurose sieht Jung in der „angeborenen 
Empfindsamkeit" (Seite 92). Da er selbst darin „nur ein Wort« sieht, 
so erübrigt sich jede Diskussion. Ich meine, auch hier hat Freud 
uns Greifbareres geboten. 

Ganz kurz fasse ich mich bezüglich der Ausführungen Jungs 
zur Frage der Dementia praecox; ich kann mich auch hier wieder 
nur dem Urteil Ferenczis anschließen. Bei der Frage des „Realitäts- 
verlustes" nimmt Jung die gleiche Stelle aus Freuds Paranoia- 
Analyse zum Ausgangspunkt wie schon in seiner früheren Arbeit. 
Jung hatte dort von den zwei Möglichkeiten, die Freud zur 
Aufklärung des „Weltunterganges" vorschlug, gerade diejenige unberück- 
sichtigt gelassen, welcher Freud sich zuneigte. Er versucht sich 
nunmehr auch mit dieser zweiten Erklärung des Verlustes der „fonction 
du r^el" auseinanderzusetzen. Eine Widerlegung Freuds gelingt 
ihm dabei jedoch meines Erachtens in keiner Weise. 

Jungs Ausführungen über Traum müssen unseren Widerspruch 
in mehrfacher Hinsicht erregen. Auch hier gibt Jung Freuds Theorie 
mangelhaft wieder, wenn er sagt, die Deutungstechnik bestehe darin, 
daß „man sich zu erinnern suche, woher die Traumstücke stammen". 

(Seite 55). 

Jung ist ferner im Irrtum, wenn er Freuds Traumdeutung als 
eine „absolut historische Methode" kennzeichnet. Freud sucht ja 
gerade nach den Wünschen, die sich in mancherlei Verkleidung 
im Traume verbergen. Diese Verkleidung ist aber nur aus 
historischer Forschung zu verstehen. Die Tendenz des Traumes ist 
etwas in die Zukunft Weisendes; nur kommt hinzu, daß der Träumer 
sich die Zukunft in seinen unbewußten Phantasien nach dem Bilde 
der frühesten Vergangenheit gestaltet. 

Jung verlangt eine weitergehende Berücksichtigung der 
„teleologischen" Funktion der Träume gegenüber der bloßen Berück- 
sichtigung der historischen Determinierung durch Freud. Dieses 
„prospektive" Element im Traum ist uns nun aber längst bekannt. 
Jeder Psychoanalitiker begegnet ihm täglich bei seinen Traumanalysen, 
Freud hat schon in seiner „Traumdeutung" (1900) darauf hinge- 
wiesen, daß Vorsätze und dergleichen im Traum nur eine Oberschicht 
darstellen; die Psychoanalyse hat gerade die Aufgabe, die tiefere 
Schicht bloßzulegen. In einer späteren Schrift („Bruchstück einer 



157 



Hysterieanalyse", Kleine Schriften zur Neurosenlehre II, Seite 76 f.) 
hat Freud seine Ansicht über diesen Punkt noch genauer auseinander- 
gesetzt. Die „prospektive Tendenz" ist also gleichfalls keine originelle 
Entdeckung Jungs oder Maeders, sondern lediglich ein neuer 
Straßenname für einen Irrweg, den Freud von vornherein vermieden 
hat. Das gleiche gilt für die analoge Funktion, welche Jung der 
Neurose zuschreibt. 

Ich habe im obigen eine ganze Reihe von anfechtbaren Positionen 
Jungs unberücksichtigt gelassen, besonders da, wo Ferenczi mir 
bereits vorgearbeitet hat. Ich erwähne noch speziell, daß ich aus 
diesem Grunde ein Eingehen auf Jungs psychotherapeutische Technik 
unterlassen habe. 

Ich glaube aber, den Nachweis erbracht zu haben, daß Jung 
nicht — wie er es behauptet — eine organische Weiterentwicklung 
<Seite 135) der Freudschen Gedanken gibt. Um einen Ausdruck 
von ihm selbst (Seite 135) zu gebrauchen, stellt er sich faktisch nur 
„mit möglichst veränderter Nomenklatur auf einen möglichst gegen- 
sätzlichen Standpunkt". Und wenn Jung im Vorwort erklärt, er sei 
„weit entfernt, in einer bescheidenen und maßvollen Kritik einen 
,Abfall' oder ein , Schisma' zu erblicken", so will ich gern glauben, 
daß er sich dieser Selbsttäuschung hingibt. Ich jedoch sehe keinen 
Grund, die genannten Ausdrücke zu vermeiden. Ich gehe sogar darüber 
hinaus und behaupte, daß Jung kein Recht mehr hat, die von ihm 
vertretenen Ansichten mit dem Namen „Psychoanalyse" zu belegen. 

Die Gründe, die mich hierzu veranlassen, liegen darin, daß 
Jung alle wesentlichen Bestandt eile der Freudschen 
Lehre wieder beiseite geschoben hat. 

Die infantile Sexualität, das Unbewußte, die Verdrängung, der 
Begriff des Psychosexuellen, die Wunschtheorie des Traumes und der 
Neurose — alle diese unerläßlichen Bestandteile der Psychoanalyse 
sind teils verschwunden, teils zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt. 
Von wichtigen Einzelheiten der Lehre, die von dem gleichen Schicksal 
betroffen wurden, nenne ich nur Autoerotismus und Narzißmus, die 
Ambivalenz der Gefühle, die Sublimierung und Reaktionsbildung. Ich 
kann aber auch nicht unerwähnt lassen, daß wichtige Bestandteile der 
psychoanalytischen Theorie in Jungs Arbeit überhaupt keiner 
Erwähnung gewürdigt werden. Ich nenne beispielsweise die Theorie 
der Zwangsneurose, der Angst und der Depressionszustände. 

Unter diesen Umständen wird niemand in meiner radikalen 
Ablehnung der Ju n g sehen Ideen das starre Festhalten eines engherzigen 
Parteistandpunktes erblicken. Vielmehr glaube ich den Nachweis 



158 

geführt zu haben, daß Jungs „Darstellung" im Effekt auf eine 
völlige E n t s t e 11 u u g der psychoanalytischen Theorie hinausläuft. 
Ich sehe in Jungs Arbeit im wesentlichen destruktive und rück- 
schrittliche Tendenzen am Werke; irgendeine positive, aufbauende 
Leistung vermag ich in ihr nicht zu erblicken. 

Ich muß endlich noch betonen, daß Jung gegen seinen Grund- 
satz (cf. Seite 13), nur die Wahrheit und nicht das moralische Sentimerlt 
zur Richtschnur zu nehmen, arg verstößt, indem er mit ethisch-theolo- 
gischen Wertungen an die infantile Sexualität und das Unbewußte 
herantritt. Gerade nach dieser Seite möchte ich zum Schluß noch die 
Abwehr richten. Hier gilt es die Psychoanalyse gegen Einflüsse 
zu schützen, die aus ihr machen möchten, was die Philosophie 
in vergangenen Zeiten war: ancilla theologiae. 



über eine konstitutionelle Grundlage der 
lokomotorischen Angst'. 

Wer Gelegenheit hatte, die Psychogenese der lokomotorischen 
Angst mit Hilfe der Freud sehen Methodik zu untersuchen, dem 
sind gewisse, in der Entstehung des Leidens wirksame Faktoren von 
Fall zu Fall wieder begegnet, so daß er in ihnen etwas Typisches 
erblicken mußte. Es ist ihm geläufig, daß bei den Neurotikern, welche 
der beständigen Begleitung bestimmter Personen bedürfen, die 
inzestuöse Fixierung der Libido besonders aufdringlich hervortritt. Er ist 
damit vertraut, daß jeder Versuch, sich vom Liebesobjekt räumlich 
zu trennen, dem Unbewußten dieser Kranken einen Versuch zur 
Ablösung der Libido bedeutet. Nicht minder ist es dem Psychoanalytiker 
bekannt, daß diese Kranken unter ihrer Angst einerseits leiden 
anderseits aber mit Hilfe der Angst ihre Umgebung beherrschen! 
Weitere typische Determinierungen der „Topophobien" sind die Angst 
vor dem Leben — das symbolisch durch die Straße dargestellt wird 
— und insbesondere die Angst vor den Versuchungen, die dem 
Patienten entgegentreten, sobald er das schützende Obdach des elterlichen 
Hauses verläßt. Ich nenne auch noch die Angst vor dem Tode, der 
den Patienten fern von seinen Lieben überraschen könnte. 

Die Kenntnis aller dieser Determinierungen — und es wären ihnen 
noch manch andere hinzuzufügen — rückt die Straßenangst unserem 
Verständnis näher, bringt uns aber keine vollständige Lösung des 
Problems. Die Frage, warum bei einer nicht eben kleinen Gruppe von 
Neurotikern gerade die Fortbewegung durch Angst erschwert 
werde, bleibt ungeklärt. 

Die Fixierung der Libido des Kranken an bestimmte Personen 
seiner nächsten Umgebung hat für sich allein nicht diese determinie- 
rende Kraft. Sonst müßten wir erwarten, daß eine sehr viel größere 
Zahl von Neurotischen, als tatsächlich der Fall, an Straßenangst litte. 
Die sonstigen, oben erwähnten psychosexuellen Faktoren wirken bei der 

1 Aus .Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse', II. Jahrgang 1914. 



160 

Entstehung anderer neurotischer Erkrankungen ebenfalls mit, ohne 
dafi es zur Produktion lokomotorischer Angst kommt. 

Wir werden so zu der Annahme genötigt, daß in der sexuellen 
Konstitution derjenigen Neurotiker, die an lokomotorischer Angst 
leiden, eine besondere, nicht allen Neurotikern in gleicher Weise eigene 
Vorbedingung liegen müsse, die beim Hinzutreten anderer psycho- 
sexueller Faktoren (von der Art der oben angeführten) die Straßen- 
angst und ähnliche Affektionen hervortreten ließe. 

Die Psychoanalyse eines Falles von schwerer Straßen- und Platz- 
angst hat mich zu einer bestimmten Auffassung geführt, die ich im 
folgenden zu begründen versuchen will. 

Der Patient, welcher schon seit dem Pubertätsalter, d. h. seit einer 
langen Reihe von Jahren mit diesem Leiden behaftet ist, vermag nur 
in Begleitung seiner Mutter oder ein paar anderer, ihm ebenfalls sehr 
vertrauter Personen, die Straße zu betreten. Er äußerte einmal, als 
ich Aufklärungen dieser Art gar nicht erwartete, das Gehen an 
sich sei für ihn eine sehr angenehme Tätigkeit, sobald nur durch 
geeignete Begleitung der Angst vorgebeugt sei. Beim Gehen auf 
4er Straße fühle er sich gleichsam tanzend. Es stellte sich weiter 
heraus, daß dem sexuell völlig enthaltsamen Manne das Tanzen 
große Lust bereitete, so daß seine Pollutionsträume oft Träume vom 
Tanzen waren; daß er in einer Dichtung die Prostitution einmal 
allegorisch durch ein Weib dargestellt hatte, das mit jedem beliebigen 
Manne tanzt. 

Ein näheres Eingehen auf die erotische Bedeutung des Tanzes 
oder auf seine Eignung, erotische Absichten mimisch darzustellen, 
ist hier nicht erforderlich. In dem kurz skizzierten Falle handelt es 
sich jedoch nicht um den banalen Tatbestand einer Lust am Tanzen, 
sondern die Geh- und Tanzbewegungen bieten dem Patienten einen 
Ersatz für die Sexualbefriedigung, die ihm durch neurotische Hemmungen 
im übrigen versagt ist. 

Daß die Tätigkeit des Gehens eine sexuelle Miterregung, speziell 
eine Genitalerregung zur Folge hat, ist bei Neurotikern nicht selten. 
Ich verdanke Herrn Kollegen Dr. Eitingon die sehr interessante 
Mitteilung eines besonders prägnanten Falles, den man wohl mit dem 
Namen „Geh-Zwang" belegen kann. Es handelt sich um einen 
Neurotiker, der — einem heftigen Impulse folgend — Märsche machte, 
die ihn bis zum Orgasmus erregten. 

Das „Negativ" zu dieser eigentümlichen Perversion — im Sinne 
der Auffassung Freuds in den „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie* — scheint mir nun die Neurose zu sein, die wir unter dem 



161 

Namen der Straßenangst kennen. Eine Reihe von Krankheitsfällen 
meiner Beobachtung ist geeignet, diese Auffassung zu stützen. 

Eine von mir psychoanalytisch behandelte Patientin wird, sobald 
sie sich vom elterlichen Hause entfernt, von heftiger Erregung befallen, 
die alsbald einer lähmenden Angst Platz macht. Auch in diesem Falle 
besteht eine ausgesprochene Lust an körperlicher Bewegung. Speziell 
das Gehen war ursprünglich lustbetont. Es ist sehr charakteristisch, 
daß diese Patientin zu Hause, wenn sie in ihrem Zimmer ist, mit 
großem Vergnügen tanzt, d. h. ohne Partner. Tanzt sie dagegen bei 
einem Balle mit einem Herrn, so bemächtigt sich ihrer sogleich eine 
Erregung, die mit heftigstem Herzklopfen einhergeht und in Angst 
umschlägt, mit der ein lähmungsartiges Gefühl verbunden ist. Die 
Krankheit macht es ihr faktisch unmöglich, mit einem fremden 
Menschen zu tanzen. Aber nicht nur dies ist ihr verboten: auch 
gehen darf sie nicht mit einem beliebigen anderen Menschen; denn 
auch dabei würde sie von ihrer Angst verfolgt werden. Sie kann 
in Begleitung ihrer nächsten Angehörigen Wege zurücklegen, ist aber 
auch dann der Angst in einem gewissen (freilich gemilderten) Grade 
ausgesetzt. Völlig frei von Angst ist sie auf der Straße nur in 
Begleitung des Vaters. Ist sie aber frei von Angst, so kann sie auch 
die Lust des Gehens genießen, die für ihr Unbewußtes ein Äquivalent 
der sexuellen Lust (im engeren Sinne) bildet. Sie genießt die Lust 
des Gehens gemeinsam mit dem Vater; dieses gemeinsame Gehen 
stellt somit eine symbolische Erfüllung des Inzestwunsches, einen 
Ersatz für die wirkliche Vereinigung dar. Durch die Fixierung an den 
Vater ist es ihr verboten, mit anderen Personen zu gehen. Jede 
Abweichung von diesem, durch die Neurose gegebenen Gesetz hätte 
den Wert einer Untreue gegen den Vater. 

Es mag an dieser Stelle darauf verwiesen werden, daß in den 
verschiedensten Sprachen der Geschlechtsakt durch einen Ausdruck 
bezeichnet wird, der ein gemeinsames Gehen zweier Personen 
bedeutet (z. B. coire im Lateinischen). 

Wie ich glaube, ist diese Bedeutung des gemeinsamen Gehens 
den Psychoanalytikern, die je einen Fall von lokomotorischer Angst 
untersucht haben, ebenfalls geläufig. Ich begnüge mich jedoch nicht 
mit dem Hinweis auf die symbolische Bedeutung des Gehens, sondern 
betone den Lustwert des Gehens selbst. 

Auf Grund der kurz geschilderten und anderer analoger 
Erfahrungen komme ich zu der Auffassung, es liege bei den 
Neurotikern, die an lokomotorischer Angst erkranken, ursprünglich 
eine konstitutionelle, überstarke Lust an Bewegungen vor; aus 



11 



162 

der mißglückten Verdrängung dieser Tendenz gingen neurotische 
Hemmungen der Körperbewegung hervor. 

Auf die Bedeutung der Bewegungslust hat mit besonderem 
Nachdruck Sadger^ aufmerksam gemacht. Er spricht von der 
„Muskelerotik" als von einer besonderen Quelle sexueller Lust 
und stellt sie neben die von ihm sogenannte »Hauterotik" und 
„Schleimhauterotik". Sadger gibt interessante Nachweise betreffs 
positiver Lust an körperlicher Bewegung. Ich könnte seine 
Beobachtungen durch manche analoge stützen, will aber an dieser 
Stelle nur auf das zum Verständnis der Straßenangst Nötige eingehen. 

Wir finden die Bewegungslust* bei den Neurotikern, von denen 
hier die Rede ist, nicht völlig verdrängt. Wie schon aus den kurz 
erwähnten Beispielen hervorgeht, können die Kranken unter gewissen 
Bedingungen (die eben durch die Krankheit diktiert werden) diese 
Lust genießen. Ich habe, seit ich auf die Bedeutung dieses 
konstitutionellen Faktors aufmerksam geworden bin, mein früheres, 
relativ umfangreiches Material an analysierten Fällen von Straßenangst 
gesichtet und war überrascht, wie stark dieser Faktor hervortritt. Ich 
hatte früher schon entsprechendes Tatsachenmaterial in meinen 
Psychoanalysen zutage gefördert, ohne das Typische zu erkennen. 
Ich fand dann bald gewisse, mit großer Regelmäßigkeit wiederkehrende 
Äußerungen der Bewegungslust heraus, über die ich hier noch einige 
Mitteilungen folgen lassen möchte. Es handelt sich teils um 
Erscheinungen der Bewegungslust, denen von den Kranken selbst ein 
sexueller Charakter zugeschrieben wurde, teils um lustvolle Bewegungs- 
antriebe von scheinbar nicht sexuellem Charakter. Diese Erscheinungen 
dürften geeignet sein, weiteres Licht auf diejenigen neurotischen 
Symptome zu werfen, die ich von einer dem Bewußtsein 
entfremdeten Bewegungslust herzuleiten versucht habe. 

Von besonderem Wert erscheinen mir wiederholte Beobachtungen, 
welche erkennen lassen, daß die in Rede stehenden Kranken dem 
Rhythmus der Bewegung ein eigentümliches Interesse entgegen- 
bringen. Sie führen, soweit nicht äußere Hindernisse es unmöglich 
machen, ihre Bewegungen in einem bestimmten Rhythmus aus, den sie 
besonders lieben. Fühlen sie sich unbeachtet, so durchschreiten sie in 
diesem Rhythmus das Zimmer, dabei etwa eine entsprechende Melodie 
vor sich hin pfeifend. Ein Patient erklärte ohne weiteres, dieser 



• .Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik." Jahrbuch für psychoanalytische 
Forschungen Bd. III. 1912. 

' Ich ziehe diesen Ausdruck dem Terminus .Muskelerotik" vor, weil ersterer 
eine Lokalisation der Lust vermeidet. 



163 

Rhythmus erinnere ihn an sexuelle Rhythmen. Es scheint sich dabei 
teils um den Rhythmus masturbatorischer Handlurigen, teils um den 
Rhythmus der Ejakulation zu handeln. Der genannte Patient zeichnete 
den Rhythmus in folgender Weise auf: 

s.^ v—- v^^ 

Eine Patientin gab folgenden Lieblingsrhythmus an: 

' I t 

Sie hatte übrigens eine Prosadichtung verfaßt, die von nichts 
anderem handelte als von Füßen und ihrer tanzenden Gehbewegung. 

Manche Patienten, die an lokomotorischer Angst leiden, haben 
eine ausgesprochene Lust an kräftigem oder raschem Ausschreiten i. 
Manchen Neurotikern ist ein rasches Bergablaufen lustvoll; sie 
empfinden dabei z. B. einen Harndrang, der von sexuellen Gefühlen 
begleitet ist. Eine meiner Patientinnen dagegen, die im erwachsenen 
Alter an Straßenangst erkrankte, litt als Kind an der Angst, bergab 
führende Wege zu gehen, die keineswegs allein aus der Furcht vor 
einem Sturz in die Tiefe erklärt werden konnte. Ich habe wiederholt 
bei Neurotischen die Angst beobachtet, beim Gehen in allzu rasche 
Bewegung zu geraten. Es handelt sich dabei um die Verdrängung 
lustvoller Triebregungen, die mit dem Menschen „durchgehen" könnten. 
Es ist bezeichnend, daß die Sprache hier einen Vergleich mit der 
Hemmungslosigkeit des dahin rasenden Pferdes anwendet. 

Die Lust an Körperbewegungen beschränkt sich bei den Kranken 
natürlich nicht auf die unteren Extremitäten allein, obwohl, wie 
gesagt, das Gehen besonders lustbetont ist. So beobachtete ich z. B. 
bei einem an Straßenangst leidenden jungen Manne die Neigung, 
beständig die Fäuste zu ballen, die Armmuskeln zu kontrahieren und 
namentlich die Kiefer aneinander zu pressen, zu welchem Zwecke er 
die Kaumuskeln aufs äußerste kontrahiertet Eine Patientin mußte 
zwangsmäßig die Fäuste ballen, forcierte Atemzüge tun, oder bäumende 
Bewegungen mit dem Oberkörper ausführen. Auch sie litt an 
Straßenangst. Es scheint bei dieser Gruppe von Neurotikern auch öfter 
vorzukommen, daß sie ein Gefühl allgemeiner Steifigkeit oder Starre 
des Körpers empfinden. 

Neben diesen Erscheinungen auf körperlichem Gebiet habe ich 
nun mit großer Regelmäßigkeit bei den gleichen Patienten einen 

1 Es gibt Neurotiker, die, wenn sie einen Weg in großer Hast zurücklegen, 
lebhafte Angst produzieren und dabei eine Pollution erleiden. 

2 Hier bestand gleichzeitig eine ungewöhnliche erogene Bedeutung der Mund- 
schleimhaut. 



n* 



164 

psychischen Zustand gefunden, den ich aus den nämlichen Quellen 
herleiten möchte. Es ist bemerkenswert, daß manche Patienten für 
beide Erscheinungskomplexe spontan die nämliche Bezeichnung 
wählen, indem sie sowohl von „Spannungen" im Körper als von 
einem Zustand seelischer „Spannung" sprechen. 

Der Patient, der an lokomotorischer Angst feidet, befindet sich 
in einem in schweren Fällen nahezu permanenten Zustand seelischer 
Spannung. Erwacht er am Morgen, so ist er bereits in banger 
Erwartung der Notwendigkeit, im Laufe des Tages irgend einen 
Weg machen zu müssen. Je näher die Zeit des Aufbruches rückt, um 
so mehr nimmt die Spannung zu; während des Weges hält sie an. 
Ist der Kranke wieder daheim angelangt, so ängstigt er sich schon 
wieder in der Erwartung dessen, was der nächste Tag bringen wird. 

Viele Patienten belegen diesen Zustand mit einem Ausdruck, 
der jedem Neurologen geläufig ist. Sie sprechen von der „Angst vor 
der Angst". Mir ist von jeher aufgefallen, daß die Kranken sich dieses 
Ausdruckes mit einer gewissen Emphase bedienen, als sagten sie mit 
ihm etwas besonders Tiefsinniges, als gäben sie dem Arzt die 
wichtigste Aufklärung über ihren Zustand. Sie sind damit tatsächlich 
im Recht. Oberflächlich angesehen ist der Ausdruck „Angst vor der 
Angst" freilich eine Banalität. Der psychoanalytischen Betrachtung 
kann es jedoch nicht entgehen, daß diese der eigentlichen 
Angst voausgehende Spannung in jeder Beziehung 
der „Vorlust" analog ist, die dem Eintritt der Befriedigungslust 
vorausgeht. 

Manche der uns hier speziell beschäftigenden Neurotiker äußern, 
daß sie sich ihr Leben ohne jenen Zustand permanenter Angsterwartung 
gar nicht vorzustellen vermöchten. Lernt man nun die Sexualität 
solcher Patienten näher kennen, so bemerkt man bei ihnen des 
weiteren eine exzessive Neigung zum Haftenbleiben an einer 
protrahierten Vorlust. Gerade unter den an Straßenangst 
Leidenden finden sich auffallend viele Personen, die infolge ihrer 
neurotischen Hemmungen der normalen sexuellen Befriedigungslust 
gänzlich entsagen. Sie sind ausgesprochene Autoerotiker, und als 
solche schieben sie die Erreichung der Endlust gern ins Unbestimmte 
hinaus. Ich erwähne als eine Form protrahierter Vorlustgewinnung die 
sogenannten „Traumzustände", denen ich früher eine eingehende 
Bearbeitung gewidmet habe^ Unter den Patienten, bei denen ich 
diese Zustände studierte, litt ein beträchtlicher Prozentsatz an Straßen- 



Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, Bd. 2, 1910. 



165 



angst! Eben die Traumzustände zeigen aber auch in deutlichster Form 
den Übergang erotischer Tendenzen in Angst und andere neurotische 
Symptome. 

Wie wir auf Grund der Psychoanalyse der „Topophobien" sagen 
dürfen, haben wir mit Kranicen zu tun, die sich vor der Erreichung 
des Zieles ihrer Libido ängstigen. Die Angst hindert sie, von sich 
selbst und den Liebesobjekten ihrer Kindheit loszukommen und den 
Weg zu den Objekten der Außenwelt zu finden. Jeder Weg, der sie 
aus dem Bannkreis der Personen, an die sie fixiert sind, hinwegführt, 
ist verboten. Die Kranken dürfen ihre Bewegungslust nur in Begleitung 
eben dieser Personen genießen. Handeln sie dem von der Neurose 
diktierten Verbot zuwider, indem sie sich ohne die ihnen 
vorgeschriebene Begleitung auf den Weg machen, so verwandelt sich 
die Bewegungslust inBewegungsangst. Es ist den Kranken 
unmöglich, ihre Bewegungslust in derjenigen Weise in den Dienst 
der Objektliebe zu stellen, wie beim gesunden Menschen die 
ursprünglich autonomen Partialtriebe in den Dienst einer zentralen 
Tendenz treten. 

Nachdem es uns gelungen ist, die Angst vor der selbständigen 
Fortbewegung auf einen bisher nicht genügend gewürdigten Faktor in 
der sexuellen Konstitution des Patienten zurückzuführen, beantwortet 
sich die Frage nach dem Ursprung des „Verbotes" von selbst. Schon 
die Tatsache, daß die Gegenwart des Vaters oder der Mutter den 
Patienten von der Angst entbindet, läßt deutlich genug erkennen, daß die 
inzestuöse Fixierung die Quelle der Bewegungshemmungen ist. Es bedarf 
kaum der Erwähnung, daß meine sämtlichen Psychoanalysen von Topo- 
phobien bezüglich dieses Resultates völlige Übereinstimmung ergaben. 

Die vorstehenden Ausführungen bedürfen nach einer bestimmten 
Richtung der Ergänzung. Ich sprach oben aus Gründen der leichteren 
Übersicht nur von der Lust an aktiven Bewegungen und der Umwandlung 
dieser Lust in Angst. In der Regel aber ängstigen sich die gleichen 
Kranken auch vor der passivenFortbewegung, sobald diese 
sie aus der Nähe gewisser Personen entführt. Meine Erfahrung nötigt 
mich nun zu der Annahme, daß auch das Fahren für diese Kranken 
ursprünglich einen besonderen Lustwert hatte. Jeder, der sich in die 
Träume dieser Patienten vertieft, wird bemerken, wie häufig sie vom 
Fahren handeln, neuerdings besonders vom Fahren mit dem 
Luftschiff. Es gibt nicht wenige Neurotiker, die am Fahren eine 
ausgesprochene körperliche Lust habend Als besonders charakteristisch 



• Auf die Lust der Kinder am Fahren sei ebenfalls verwiesen. Ich kannte 



166 

erwähne ich die Neigung eines meiner Patienten, lange Eisenbahnfahrten 
zu machen und sich während der längsten Reise stets wach zu halten, 
um nichts von der Lust des Fahrens zu verlieren. Er reiste haupt- 
sächlich wegen der Lust des Fahrens. Erwähnt sei ferner, daß bei 
manchen Personen eine längere Eisenbahnfahrt stets eine Pollution in 
der nächsten Nacht zur Folge hat. 

Daß bei der uns beschäftigenden Gruppe von Neurotikern eine 
Verdrängung dieser passiven Bewegungslust vorliege, bestätigte mir 
kürzlich eine Patientin durch eine spontane Angabe. Sie hatte anfangs 
die Fahrt von ihrer Wohnung zu der meinigen nur mit Aufbietung 
aller ihrer Kräfte zurücklegen können. Unter der Einwirkung der 
Psychoanalyse war die Angst zunächst quantitativ zurückgegangen. 
Eines Tages erschien die Patientin in einer deutlich gehobenen 
Stimmung und berichtete mir, sje sei ganz erstaunt gewesen, daß die 
heutige Fahrt ihr einen Genuß bereitet habe. Die Angst hatte also 
einer ausgesprochenen Lust am Fahren Platz gemacht! 

Vor einigen Jahren gelang es mir, in einem Falle schwerer 
Straßen- und Platzangst einen sehr schönen und vollständigen Heilerfolg 
zu erzielen. Die Patientin, die vorher nur unter größter Angst ihr 
Haus verlassen konnte, fand nach ihrer Heilung nicht nur eine aus- 
gesprochene L u s t am Reisen, sondern meldete sich auch zur Teilnahme 
an einer Luftschiffahrt. Die Lust an Bewegungen war ihr nicht mehr 
durch neurotische Verbote verschlossen. 

Gerade die Erfahrung, daß sich die Angst vor der Fortbewegung 
iri eine auf die gleiche Tätigkeit gerichtete Lust zurückverwandeln 
läßt, scheint mir die oben gegebene Auffassung der Bewegungsangst 
zu bestätigen. 

Die Zurückführung der Bewegungsangst auf eine ursprünglich 
übermächtige Lust an der Fortbewegung reiht sich anderen, durch die 
Erfahrung gesicherten Ergebnissen der Psychoanalyse an. Beispiels- 
halber nenne ich nur die Berührungsangst, die wir auf ursprüngliche 
lustvolle Antriebe zur Berührung zurückführen gelernt haben. 

Seit langem beschäftigt uns die schwierige Frage nach der 
individualpsychologischen Bedingtheit der neurotischen Erkrankungs- 
formen. Es ist, als ständen verschiedene Formen der Erkrankung zur 
Auswahl, das Individuum schlage aber — unbekannten Antrieben 
folgend — einen bestimmten Weg ein. 

Durch neueste Forschungen — ich habe Freuds Mitteilungen 

einen Knaben, der sein Taschengeld von 1 Marlt, sobald er es erhalten hatte, 
regelmäßig in der Weise verausgabte, daß er einen ganzen Nachmittag hindurch 
mit der Trambahn fuhr. 



167 



über die Entstehung der Zwangsneurose ^ und J o n e s' ^ Beiträge zum 
gleichen Thema im Auge — sind wir dem Problem der „Neurosen- 
wahl' um einen Schritt näher gerückt. Es scheint mir, daß die in 
der vorliegenden Arbeit vertretene Anschauung von der Psychogenese 
der »Bewegungsangst« geeignet sei, zur Lösung der Frage der 
Neurosenwahl einen kleinen Beitrag zu liefern. 



1 Vortrag, gehalten auf dem IV. Kongreß der Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung in München im September 1913. 

» Internat. Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. I. Jahrgang, Heft 5, 1913. 



über Einschränkungen und Umwandlungen der 

Schaulust bei den Psychoneurotikern nebst 

Bemerkungen über analoge Erscheinungen in 

der Völkerpsychologie\ 

Die Schaulust als sexueller „Patrialtrieb" ist, gleich ihrem passiven 
Gegenstück — der Zeigelust (Exhibitionslust) — mannigfachen 
Einschränkungen und Umwandlungen unterworfen. Beide Triebe, die 
sich im frühen Kindesalter äußern dürfen, ohne durch Verbote gehemmt 
zu werden, unterliegen später unter normalen Verhältnissen in erheb- 
lichem Maße der Verdrängung und Sublimierung. Bei den Psycho- 
neurotikern gehen die Hemmungen und Transformationen dieser 
Triebe weit über das normale Maß hinaus, während zu gleicher Zeit 
die verdrängten Regungen einen beständigen Kampf gegen die 
Verdrängung führen. 

Eine kleine Publikation Freuds» über die „psychogene 
Sehstörung" enthält diejenigen leitenden Gesichtspunkte, die uns 
zu einem tieferen Verständnis der neurotischen Hemmungen und 
Umwandlungen der Schaulust führen können. Freud nimmt in dieser 
Arbeit Bezug auf seine Lehre von den erogeneti Zonen und den 
Partialtrieben und äußert sich über den uns hier interessierenden Partial- 
trieb — die Schaulust — und die in Betracht kommende erogene Zone — 
das Auge — wie folgt: „Die Augen nehmen nicht nur die für die Lebens- 
erhaltung wichtigen Veränderungen der Außenwelt wahr, sondern auch 
die Eigenschaften der Objekte, durch welche diese zu Objekten der 
Liebeswahl erhoben werden, ihre „Reize". Es bewahrheitet sich nun, 
daß es für niemand leicht wird, zweien Herren zugleich zu dienen. 
In je innigere Beziehung ein Organ mit solch doppelseitiger Funktion 
zu dem einen der großen Triebe tritt, desto mehr verweigert es sich 
dem andern." 



• Aus .Jahrbuch der Psychoanalyse'. Band VI, 1913. 

• Ärztliche Standeszeitung, Wien 1910. Abgedruckt in .Kleine Schriften zur 
ienlehre-. Rd. III. Wien. 1ft1.<?. 



Neurosenlehre", Bd. III, Wien. 1913 



169 



Stellt der Schautrieb Ansprüche, die quantitativ zu hoch sind 
oder sich auf verbotene Objekte richten, so ergibt sich ein Konflikt 
im Triebleben. Es heißt darüber in der erwähnten Schrift weiter (Kl. 
Schriften, Bd. III, S. 318/319): „Wenn der sexuelle Partialtrieb, der 
sich des Schauens bedient, die sexuelle Schaulust, wegen seiner überr 
großen Ansprüche die Gegenwehr der Ichtriebe auf sich gezogen hat, 
so daß die Vorstellungen, in denen sich sein Streben ausdrückt, der 
Verdrängung veffallen und vom Bewußtwerden abgehalten werden, 
so ist damit die Beziehung des Auges und des Sehens zum Ich und zum 
Bewußtsein überhaupt gestört. Das Ich hat seine Herrschaft über das 
Organ verloren, welches sich nun ganz dem verdrängten sexuellen 
Trieb zur Verfügung stellt. Es macht den Eindruck, als ginge die 
Verdrängung vonseiten des Ichs zu weit, als schüttete sie das Kind 
mit dem Bade aus, indem das Ich jetzt überhaupt nichts mehr sehen 
will, seitdem sich die sexuellen Interessen im Sehen so sehr vorgedrängt 
haben. Zutreffender ist aber wohl die andere Darstellung, welche die 
Aktivität nach der Seite der verdrängten Schaulust verlegt. Es ist die 
Rache, die Entschädigung des verdrängten Triebes, daß er, von weiterer 
psychischer Entfaltung abgehalten, seine Herrschaft über das ihm 
dienende Organ nun zu steigern vermag. Der Verlust der bewußten 
Herrschaft über das Organ ist die schädliche Ersatzbildung für die 
mißglückte Verdrängung, die nur um diesen Preis ermöglicht war." 

Zur Erklärung einer so weitgehenden Verdrängung der sexuellen 
Schaulust zieht Freud (1. c. S. 319) als Motiv die Talion — d. h. 
Selbstbestrafung für genossene Schaulust am verbotenen Objekt — 
heran. 

Damit ist der erste Vorstoß in ein großes, von der Psychoanalyse 
noch wenig durchforschtes Gebiet unternommen, dessen weiterer 
Erschließung die vorliegende Abhandlung dienen soll. Eine Fülle 
von Erscheinungen harrt einer eindringlichen Untersuchung. Die 
von Freud als Paradigma der neurotischen Sehstörungen gewählte 
hysterische Blindheit ist nur eine, freilich eine besonders auffällige 
Form neurotischer Störung im Bereich des Schautriebes. Sie kommt 
in der ärztlichen Praxis nicht eben häufig zur Beobachtung; mir wenig- 
stens ist in den letzten sechs Jahren nervenärztlicher Praxis kein 
einziger einschlägiger Fall begegnet, während ich gewisse andere 
Störungen — die zum Teil in der Literatur überhaupt noch keine 
Berücksichtigung gefunden haben — verhältnismäßig häufig beobachtete. 

Es handelt sich in klinischer Hinsicht teils um Transformationen 
der Schaulust in eine spezifische Angst vor der Betätigung dieses 
Triebes, teils um Störungen der Sehfunktion, teils um neurotische 



170 

Symptome, welche sich am Sehorgan abspielen, ohne den Gesichtssinn 
direkt zu betreffen. Im folgenden beabsichtige ich nicht nur, die 
Ergebnisse meiner psychoanalytischen Untersuchungen mitzuteilen und 
damit die Symptomatologie zu fördern. Über diesen rein medizinischen 
Interessenkreis hinausgehend, möchte ich versuchen, die gewonnenen 
individualpsychologischen Einsichten zur Aufklärung gewisser Phäno- 
mene der Völkerpsychologie zu verwerten. 

Aus Gründen der Knappheit und Übersichtlichkeit werde ich mich 
auf die Äußerungen der Schaulust beschränken, auf eine gleichzeitige 
Berücksichtigung der „ Z e i g e 1 u s t" (Exhibitionslust) also im allgemeinen 
verzichten. Ich weiß wohl, daß es prinzipiell richtiger wäre, beide Triebe 
nebeneinander und in ihrem Zusammenwirken zu behandeln, so wie 
es z. B. Rank in seiner vortrefflichen Arbeit über „das JVlotiv der 
Nacktheit in Sage und Dichtung" (Imago 1913, Bd. II) getan hat. 
Da aber die neurotischen Symptome, die im folgenden behandelt 
werden, vorwiegend aus verdrängter Schaulust zu erklären sind, so 
erscheint mir eine gesonderte Untersuchung dieser einen Seite der 
Phänomene berechtigt. 

I. Die neurotische Lichtscheu. 

Eine Störung, deren Analyse uns besonders instruktive Einblicke 
eröffnet, ist diejenige, welche ich mit dem Namen „neurotische Licht- 
scheu« belegen möchte. Es handelt sich um eine Affektion, die keines- 
wegs selten ist und früher bereits in der nichtanalytischen Literatur 
einige Beachtung gefunden hat. Ich konnte eine kleine Reihe 
einschlägiger Fälle beobachten und sie größtenteils eingehend analysieren. 
Da die mit der Lichtscheu behafteten Patienten stets noch andere, 
ebenfalls von der Verdrängung der Schaulust herrührende Störungen 
darboten, so werde ich die psychoanalytische Erklärung dieser letzteren 
in die nun folgenden Ausführungen über die Lichtscheu einfügen. 

Die »Lichtscheu« äußert sich darin, daß die mit ihr Behafteten 
das Sonnenlicht, resp. Tageslicht, meist auch das künstliche Licht, 
als unangenehm empfinden. Sie fühlen sich selbst durch mattes Licht 
geblendet; manche klagen über mehr oder weniger heftige Augen- 
schmerzen, sobald sie dem Licht nur kurze Zeit ausgesetzt sind. Sie 
schützen ihre Augen durch allerhand Mittel gegen das Licht. Doch 
liegt nicht nur eine Empfindlichkeit des Auges gegen Belichtung vor, 
sondern die betreffenden Patienten reagieren auf Lichtreize mit einer 
Scheu, die durchaus den Charakter der neurotischen Angst trägt; 
in ausgesprochenen Fällen schützen sie ihre Augen in ebenso sorgsamer 
Weise vor jedem Lichtstrahl, wie etwa ein an Berührungsangst leidender 



171 



Zwangsneurotiker seine Hände vor dem Kontakt mit irgend einem 
Gegenstand bewahrt. Die Angst hat zum Inhalt die Gefahr 
derBlendung. 

Die hier in kurzen Umrissen geschilderte Störung hat bisher 
keine spezielle Bearbeitung in der psychoanalytischen Literatur gefunden. 
Und doch existiert in dieser ein Hinweis, der zur Aufklärung der uns 
beschäftigenden Affektionen einen wichtigen Fingerzeig gibt. 

In dem „Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle 
von Paranoia^' unterwirft Freud eine paranoische Wahnidee 'der 
psychoanalytischen Deutung. Der Geisteskranke Schreber (cf. dessen 
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, S. 139, Anm.) behauptete, 
minutenlang ohne erhebliche Blendung das Licht 
der Sonne ertragen zu könne n^ Aus dem ganzen, in seinen 
merkwürdigen Einzelheiten geschilderten Verhältnis des Patienten zur 
Sonne ließ sich entnehmen, daß für ihn die Sonne ein „sublimiertes 
Vatersymbol" bedeutete. Unter Bezugnahme auf die bei manchen 
Völkern verbreiteten Abkunftsproben" (Ordale) gelangte F r e u d zu der 
Annahme: „Wenn Schreber sich rühmt, daß er ungestraft und 
ungeblendet in die Sonne schauen kann, hat er den mythologischen 
Ausdruck für seine Kindesbeziehung zur Sonne wiedergefunden, hat 
er uns von neuem bestätigt, wenn wir seine Sonne als Vater 
auffassen." 

Die Wahnidee Schrebers bildet auf psychotischem Gebiet 
ein vollkommenes Gegenstück zur neurotischen Lichtscheu. Während 
der gesunde Mensch auf die Belichtung seiner Augen innerhalb 
gewisser Grenzen ohne besondere Empfindlichkeit reagiert, sich vor 
dem Anblick zu grellen Lichtes aber instinktiv in ausreichender 
Weise schützt, wähnt der Geisteskranke, der Blendung durch hellstes 
Sonnenlicht nicht zu unterliegen, indessen der Neurotiker sich in über- 
triebenem Maße vor der Gefahr der Blendung ängstigt. Man darf 
daher geradezu von einer Sonnenphobie sprechen. 

Ich werde nun zunächst aus der Psychoanalyse eines jungen 
Mannes diejenigen Tatsachen und Ergebnisse mitteilen, welche eine 
Erklärung der Lichtscheu sov/ie gewisser, mit ihr in engem Konnex 
stehender Erscheinungen anbahnen können. 

Der Patient, den ich „A" benennen will, hatte mich aufgesucht 
wegen einer Störung der sexuellen Potenz und einer tiefgreifenden 
Verstimmung. Er befand sich zur Zeit des Beginnes der Behandlung 

1 Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, 1912, Bd. III, S. 588. 

2 Der gleichen Wahnidee bin ich übrigens auch bei anderen Geisteskranken 
begegnet. 



172 

in einem Zustande der Niedergeschlagenheit, Früher voll lebhafter 
Anteilnahme für alles, was um ihn vorging, hatte er jetzt jedes Interesse 
an den Menschen, an seinem Beruf, an Vergnügungen usw. verloren. 
Seine geistige Tätigkeit beschränkte sich mehr und mehr auf neurotische 
Grübeleien. Bei etwas genauerem Eingehen auf die Symptome des 
Patienten stellte sich dann heraus, daß in seinen Vorstellungen das 
Auge, die Sehkraft und das Sehen eine auffallende Rolle spielten, daß 
mit gewissen Vorstellungen dieser Art deutliche Angst verbunden war, 
daß eine bei dem Patienten vorhandene sexuelle Perversion sich 
ebenfalls auf das Auge bezog und endlich, daß er an einer aus- 
gesprochenen Lichtscheu litt. 

Die Intensität einer solchen Störung kann man ermessen, wenn 
man die Schutzmaßregeln kennen lernt, die der Patient gegen das 
Objekt seiner Angst anwendet. Im vorliegenden Falle schützte der 
Patient sich gegen helles Tageslicht durch krampfhaftes Schließen der 
Augen und ähnliche iVIaßnahmen, die an sich über das Verhalten 
Gesunder höchstens quantitativ hinausgingen. Bei Abend schützte er 
sich in ähnlicher Weise gegen das künstliche Licht. Auffälliger und 
entschieden krankhaft aber waren die Prozeduren, durch die er sich 
bei Nacht (d. h. vom Augenblick des Schlafengehens an) gegen jeden 
Lichtschein absperrte. Er hatte in seinem Schlafzimmer die Fenster 
durch dreifache Vorhänge verdeckt, so daß am Morgen kein Lichtstrahl 
eindringen konnte. Zum Schutz gegen künstliches Licht hatte er in 
der Tür seines Zimmers nicht nur das Schlüsselloch verstopft, sondern 
jeden kleinsten Spalt im Holz sorgfältig ausgefüllt. 

Im Beginn der Psychoanalyse drängten sich zunächst andere 
Materialien in den Vordergrund, Erst nach mehr als einem Monat 
war ein Eingehen auf die vielfältigen Gedanken möglich, die um das 
Auge kreisten. Schon aus dieser Zögerung ließ sich entnehmen, daß 
die hierher gehörigen Gedankengänge besonders peinlicher Natur 
waren. Der weitere Verlauf der Psychoanalyse brachte denn auch die 
Bestätigung dieser Erwartung; es ergab sich, daß sie in engstem 
Zusammenhang mit den verdrängten inzestuösen Wünschen des 
Patienten standen. 

Im Anschluß an die Schilderung seiner Lichtscheu machte der 
Patient folgende weitere Angaben. Er stehe unter einer zwangartigen 
Angst, daß er oder einer seiner Angehörigen ein Auge verlieren könnten. 
Er sei äußerst empfindlich gegen jede Annäherung an sein Auge. Bei 
anderen Menschen interessierten ihn, wie er weiter erklärte, Augenleiden 
sehr. „Menschen, die etwas am Auge haben, zwingen mein Interesse 
auf sich." Er interessierte sich für Mädchen besonders dann, wenn sie 



173 



ein Pincenez trugen, ferner fahndete er nach solchen, die auf einem 
Auge blind waren. Bei Frauen mit durchaus gesunden Augen begegnete 
es ihm, daß er „sich einredete, sie seien einseitig blind". Von einem 
einseitig blinden Mädchen, das er kennen gelernt hatte, träumte er 
einmal, daß ihr Vater ihr das Auge ausgeschlagen habe, also an ihrer 
einseitigen Erblindung schuld sei. 

Die Angst um das Augenlicht anderer Personen bezog sich, wie 
sich bald herausstellte, in erster Linie auf den Vater des Patienten. 
Schon vorher hatte sich ergeben, daß seine Einstellung zum Vater 
durchaus ambivalent war. Die erste hierher gehörige Äußerung 
des Patienten sprach von seiner „glühenden Verehrung" für den 
Vater ; als er aber diese Worte ausgesprochen hatte, trat ein plötzliches 
„Abbrechen der Gedanken", eine kurze Bewußtseinspause ein. Bald 
zeigten sich denn auch Vorstellungen von entgegengesetztem Charakter, 
z. B. Phantasien vom Tode und Begräbnis des Vaters. Es folgten 
Klagen über sein (des Patienten) verfehltes Leben ; sein Vater laste 
förmlich auf ihm. Er müsse die überragende Intelligenz des Vaters 
anerkennen, der in seiner Heimat eine hohe Stellung einnehme; es 
sei ausgeschlossen, daß „er ihn je erreichen oder übertreffen werde. 
Oft habe er gewünscht, einmal irgend etwas besser zu können oder 
zu wissen als der Vater; doch immer habe er die Überlegenheit des 
letzteren anerkennen müssen. Dazu fühle er selbst sich vom Vater 
kontrolliert; es sei ihm immer unmöglich gewesen, vor dem Vater 
etwas zu verheimlichen. Dennder sehe ja doch alles. 

Von diesem Punkt aus ergaben sich zunächst zwangslos ein paar 
assoziative, aber dem Patienten nicht bewußte Zusammenhänge zwischen 
„Vater" und „Sonne". Das beobachtende Auge des Vaters 
wurde mit der Sonne identifiziert; eine Identifizierung, die 
weiterhin durch reichliche Belege bestätigt wurde. 

Die Angst des Patienten um das Augenlicht seines Vaters ist 
uns nun nicht mehr ganz unverständlich; sie ist für uns zunächst der 
entstellte Ausdruck seines Wunsches, dem überwachenden Auge des 
Vaters entzogen zu sein. 

Von den reichlichen Bestätigungen, welche die Identifizierung 
von Vater und Sonne in diesem Sinne noch ferner erfuhr, sei nur 
noch ein Einfall des Patienten erwähnt, der unter lebhaftem Affekt 
zutage gefördert wurde. Ihm sei in der Schule ein Gedicht ganz 
„ekelhaft" gewesen. In dem Gedicht, das von der späten, 
unverhofften Entlarvung eines Verbrechers handelte, schloß jede Strophe 
mit dem R efrain: „Die Sonne bringt es an den Tag»." 

1 Die Ambivalenz seiner Einstellung zum Vater hatte dei Patient in einer 



J74 

Der Sonne mußte jedoch noch eine zweite, vatervertretende 
Bedeutung zukommen; denn die Einstellung des Patienten zum Vater 
ließ sich aus dessen überwachender Rolle, — seiner .Allwissenheit', 
möchte man sagen — allein nicht ableiten. Als zweite Determinierung 
ergab sich die vom Sohne mit enthusiastischen Ausdrücken hervor- 
gehobene Größe des Vaters, d. h. seine Intelligenz, seine Kenntnisse, 
sein „Können" 1; kurz, alles das, was für den mit Insuffizienz- 
gefühlen beladenen Sohn die Macht und die Überlegenheit des Vaters 
ausmachte, wurde mit dem Glanz der Sonne verglichen. Der Glanz 
des Vaters mußte des Patienten eigene Bedeutung für immer über- 
strahlen, so wie die Sonne die anderen Gestirne überstrahlt. Trotz 
dieser überschwänglichen Lobpreisung des Vaters war die Eifersucht 
des Patienten gegenüber seinem Vater unverkennbar«. Wenn das 
Unbewußte des Patienten die Vorstellung des väterlichen Auges mit 
der des väterlichen Glanzes verdichtete, um beiden gemeinsam im 
Sonnensymbol Ausdruck zu verleihen, so hatte es damit nichts anderes 
getan, wie die Völker von altersher. 

Die überwachende Tätigkeit ist eine dem Sonnengott vielfach 
zugeschriebene Funktion. Helios z. B. führt in den homerischen 
Gedichten ständig den Beinamen: »der alles beobachtet und alles 
belauscht" ^ 

Ähnlich heißt es in dem biblischen Psalm 19 (der offenbar die 
Reste eines alten Sonnenhymnus enthält): Er (d. h. die Sonne, 
ursprünglich der Sonnengott) gehet auf an einem Ende des Himmels 
und läuft bis an sein anderes Ende, und nichts bleibt vor 
seiner Glut verborgen." 

Zur Identifizierung des Auges des Vaters mit dem Glanz oder 
Licht der Sonne finden sich reichlich völkerpsychologische Parallel- 
erscheinungen. Ich erwähne hier einige Beispiele aus dem Gebiet der 

bemerkenswerten Form auch auf die Sonne übertragen. Das Licht der Sonne 
war ihm unsympathisch, die Wärme derSonne dagegen liebte er. 

1 Es genügt, hier auf die eingangs erwähnte Störung der Potenz hinzuweisen, 
um die Eifersucht auf das Können des Vaters verständlich zu machen. Deutlicher 
noch als in dem hier beschriebenen Fall konnte ich in anderen (vgl. weiter unten Fall B) 
konstatieren, daß die Sonne nicht nur die Größe, respektive die Potenz des Vaters 
darstellte, sondern daß sie ein Symbol des väterlichen Phallus war. Die Scheu vor 
dem Anblick des letzteren ist uns auch als Phänomen der Völkerpsychologie bekannt. 
<Vgl. die biblische Erzählung von Noahs Söhnen.) 

« Es wird später gezeigt werden, daß die Erhebung des Vaters zur Sonne 
keineswegs nur eine Erhöhung bedeutet, sondern gleichzeitig eine Herabsetzung 
seiner Macht. 

3 Bemerkenswert ist namentlich Odyssee, VIII, 266 f., wo Helios das verbotene 
Beisammensein des Ares und der Aphrodite beobachtet. 



175 

Linguistik. Owohl es sich um Erscheinungen handelt, die in den 
verschiedenen Sprachen sehr verbreitet sind, beschränke ich mich auf 
einige, nur die deutsche Sprache betreffende Hinweise. 

Auch die Sprache identifiziert vielfach Auge und Licht; es 
liegt am nächsten, auf das Wort „Augenlicht" zu verweisen. In 
Wirklichkeit nehmen die Augen das Licht wahr; die Sprache aber 
verhält sich so, als ob das Licht dem Auge angehöre oder entspringe. 
Interessant ist namentlich der Gebrauch des Wortes „blind". Wir 
nennen „blind" nicht nur einem Menschen, der die Sehkraft eingebüßt 
hat, der nicht sehen kann, sondern wir sprechen auch z. B. von 
einem „blinden Passagier", d. h. wir gebrauchen das gleiche Wort 
auch mit Bezug auf einen Menschen, der nicht gesehen wird. Es 
ist ferner auch gebräuchlich, einen Gegenstand, der seinen Glanz 
verloren hat, als „blind" zu bezeichnen. Daraus geht hervor, daß 
auch die Sprache „sehend" und „glänzend" identifiziert. Die hier 
erwähnten sprachlichen Phänomene sind wohl ohne Zweifel aus dem 
ursprünglichen „Gegensinn der Urworte" (Abel) abzuleiten. 
Freud hat in einem kleinen Aufsatz^ gezeigt, daß im Unbewußten 
des Individuums die Gegensätze in ähnlicher Weise gepaart sind, wie 
in den primitiven Entwicklungsstadien der Sprache, welche in der 
späteren Sprache gewisse Spuren hinterlassen haben. 

Die Scheu vor dem beobachtenden Auge des Vaters fand eine 
wichtige Ergänzung in der Scheu des Patienten, seine Mutter zu 
betrachten. Er hatte sich geradezu ein Schauverbot in bezug auf die 
Mutter bewußt auferlegt. Von Jugend auf vermied er es — wie er 
sich ausdrückte — seine Mutter schön zu finden. Er scheute 
sich zur Zeit der Behandlung noch heftig, irgend eine Körperpartie 
der Mutter außer Gesicht und Händen unbedeckt zu sehen. Schon eine 
Bluse, die in der Halsgegend durchbrochen war, bereitete ihm das 
größte Unbehagen. 

Es stellte sich im weiteren heraus, daß die Sonne, vor deren 
Anblick der Patient sich scheute, für ihn ein S y m b o 1 von bisexu- 
eller Bedeutung war. Es stellte sich nicht bloß den Vater dar 
(resp. dessen überwachendes Auge oder seinen Glanz), sondern auch 
die Mutter, welche der Sohn nicht ansehen darf, 
wofern er nicht den Zorn des Vaters auf sich laden will. Das allgemeine 
Verbot, die Mutter anzuschauen, entspringt, wie es sich in diesem und 
anderen Fällen ergibt, dem spezielleren, die Mutter nackt zu sehen, 
und besonders, ihr Genitale zu betrachten. Die Vorstellung, die Mutter 



Jahrbuch, Bd. II, 1910. 



176 

nicht anschauen zu dürfen, setzt sich um in die Angst, das Licht der 
Sonne nicht anschauen zu k ö n n e n. 

Diese Bisexualität des Sonnensymbols läßt sich aber auch in den 
Ideengängen Schrebers nachweisen. In den „Denkwürdigkeiten" 
findet sich eine Stelle, in der Seh reber die Sonne anschreit und sie 
beschimpft mit den Worten: „Die Sonne ist eine Hure." Hier kann 
über die Weiblichkeit des Sonnensymbols kein Zweifel aufkommen. 

Ohne schon an dieser Stelle auf die Verbote, den Körper der 
Mutter zu schauen, näher einzugehen, erwähne ich hier nur, daß nach 
meinen Feststellungen eine besondere Scheu, sogar indifferente Partien 
des mütterlichen Körpers zu sehen, auf eine verdrängte Schaulust 
zurückgeht, die sich ursprünglich im Übermaß der Mutter zugewandt, 
sich aber speziell auf das Genitale bezogen hatte. 

Auf andere weibliche Personen richtete die Schaulust des Patienten 
sich eher im Übermaß. Aber sie wandte sich nicht denjenigen weiblichen 
Körperteilen zu, die normalerweise als Reize wirken. Speziell bestaijd 
eine ausgesprochene Scheu vor dem Genitale. Die Schaulust richtete 
sich in erster Linie auf zwei Körpergegenden des Weibes, die vom 
Genitale weit entfernt liegen: Auge und Fuß. Aber selbst diese Teile 
durften die Rolle, die ihnen durch einen Verschiebungsvorgang 
zugefallen war, nicht selbst spielen, sondern mußten sie noch an 
akzessorische, nicht zum Körper selbst gehörige Dinge abgeben; so kam 
es, daß Mädchen, welche ein Pincenez trugen oder einen künst- 
lichen Fuß hatten, den hauptsächlichsten Reiz auf ihn ausübten. Auch 
hinkender Gang, der auf ein steifes Bein oder eine künstliche Prothese 
schließen ließ, reizte ihn sehr. Seine Scheu vor dem Genitale des Weibes 
fand den deutlichsten Ausdruck darin, daß er in Wirklichkeit nie ein 
Mädchen berührte, das etwa hinkte oder ein künstliches Bein hatte. 

Die Scheu vor dem weiblichen Körper, oder — richtiger gesagt — 
vor dem Genitale erwies sich als abhängig von mehrfachen Determi- 
nierungen, unter denen als die wichtigste die Kastrations-Angst 
zu erwähnen ist. Von besonderem Interesse war eine Assoziationskette, 
die enge Beziehungen aufdeckte zwischen folgenden affektbesetzten 
Vorstellungen : 

1. Erstaunen des Patienten in der Kindheit über das Fehlen des 
Penis bei seiner kleinen Schwester. 

2. Ängstliche Vermeidung der Berührung des eigenen Penis. 

3. Abkehrung des Interesses vom weiblichen Genitale. 

4. Interesse für Frauen, bei denen eine Amputation vorgenommen ist. 
Gerade dieses letztgenannte Interesse verriet die außerordentliche 

Betonung der Kastrationsvorstellung; handelt es sich doch um das 



177 

Weib, „dem ein Glied abgeschnitten ist«. Wir finden hier, wie so oft 
in unseren Psychoanalysen, daß das Unbewußte die Vorstellung des 
Kindes festhält, nach welcher auch dem Weibe ein Penis zukommt. 
Oft steht dann der Kastrationsangst eine Vorstellung aktiver Art — 
Frauen zu kastrieren — gegenüber. Ich habe auf diese Erscheinungen 
in einer früheren Arbeit gelegentlich der Analyse des Fußfetischismus 
bereits hingewiesen i; auch in dem hier mitgeteilten Falle handelt es 
sich ja um ausgesprochenen Fetischismus. Ich ' unterlasse aber der 
Kürze halber ein genaueres Eingehen hierauf; nur auf den Zusammen- 
hang des Fuß- und Pincenez-Fetischismus mit dem sadistischen 
Partialtrieb muß ich wenigstens mit einigen Worten eingehen. 

Eine der lustvollsten Phantasien des Patienten bestand in der 
Vorstellung, einem kurzsichtigen (womöglich einäugigen) Mädchen 
das Pincenez wegzunehmen, oder einer Amputierten ihr künstliches 
Bein zu rauben, sie auf diese Weise hilflos zu machen«. Daß es sich 
hier um verschobene Kastrationsphantasien handle, ließen die Einfälle 
des Patienten mehr und mehr erkennen. Besonders wichtig aber wurde 
nach dieser Richtung ein schon erwähnter Traum des Patienten; er 
bezog sich auf ein ihm vom Ansehen bekanntes Mädchen, das nur auf 
einem Auge sehen konnte. Seine Vorstellung im Traum war nun, daß 
dieser Person das fehl ende Auge vom Vater ausgeschlagen 
worden sei. Von hier führten die Fäden weiter zu der Angst des 
Patienten vor dem Verlust des eigenen Auges. 

Diese Angst erwies sich als zwiefach determiniert: durch die 
Idee der Bestrafung für verbotenes Schauen und durch die Verschiebung 
der Kastrationsangst vom Genitale auf das Auge. Diese Verschiebung 
ist der oben erwähnten — vom weiblichen Genitale auf das Auge — 
völlig analog. Beide Vorstellungen aber trugen deutlich den Charakter 
der Talion. Ich muß mit Befriedigung konstatieren, daß diese 
Ergebnisse meiner Psychoanalyse sich in voller Übereinstimmung 
befinden nicht nur mit den eingangs zitierten Anschauungen Freuds, 
sondern auch mit denjenigen anderer Autoren, auf die ich hier kurz 
referierend eingehen möchte, ohne dabei Vollständigkeit anzustreben. 
Ferenczi (vgl. Imago 1912, Bd. I, S. 281 f.) betonte in der 
Selbstblendung des Ödipus den symbolischen Ersatz der 
Selbstentmannung, d. h. der dem Inzest adäquaten Selbstbestrafung. 

1 Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus. 
Bd. III des Jahrbuches für psychoanalyt. Forsch. S. 563. 

' Zu erwähnen ist, daß diese sadistischen Regungen auf das Gebiet der 
Phantasie beschränkt waren; Im wirklichen Leben war der Patient in hohem Maße 
mitleidig. 



12 



178 

Ranki lieferte verschiedene Beiträge zu dieser Frage; er und ahdeire 
Autoren 2 lieferten reichliches, namentlich aus Traumanalysen stammendes 
Beweismaterial, aus dem hervorgeht, daß das Auge bald männliche, 
bald weibliche Genitalbedeutung haben kann. Besonders Eder zeigte, 
daß im Traum Eingriffe am Auge — ähnlich wie solche an den 
Zähnen — Kastrationsbedeutung haben '^. 

Die Richtigkeit der Annahme wurde übrigens bestätigt durch 
weitere Träume, in weichen die Kastration durch andere Symbole von 
unzweifelhafter Bedeutung ausgedrückt war. Ich erwähne nur einen 
Traum, in dem jemand erschien, um dem Träumer die Schamhaare 
abzuschneiden. 

Die „Strafe" der Blendung erwies sich als Vergeltung verbotener, 
der Mutter zustrebender Schaugelüste und der aktiven Kastrations- 
oder Blendungsphantasie gegenüber dem Vater. 

Aus den Ergebnissen der Psychoanalyse ist weiter zu betonen, 
daß in den Phantasien des Patienten auch die letztgenannte Untat 
selbst eine Rolle spielte. Ich erwähne in diesem Zusammenhang nur 
eine obsedierende Vorstellung, von der der Patient als Schüler durch 
lange Zeit verfolgt wurde. Während des Unterrichtes bei einem 
bestimmten Lehrer mußte er sich immer von neuem ausmalen, wie er 
dem Lehrer eine Kugel mitten in die Stirn schießen würde. Es ergab 
sich zwangslos, daß dieser Lehrer eine Ersatzfigur für den Vater bildete. 

Der Schuß in die Stirn wäre freilich nicht ohneweiteres als 
Kastrationssymbol erkennbar. Auch brauchte ihm im Rahmen dieser 
Abhandlung keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu werden, 
wenn nicht reichliche Beweise es über jeden Zweifel klarstellten, daß 
die genannte Körperstelle sehr gewöhnlich das Auge ersetzt. 

Hier muß in erster Linie auf die Sage von der Blendung des 
Kyklopen durch Odysseus hingewiesen werden. Wesen, die nur ein 

> Rank, Inzestmotiv, S. 271, A. 2, und eine noch nicht beschriebene Form des 
Ödipustraumes. 

'■' Eder, Augenträume. 

Beide Arbeiten im Jahrgang I, Heft 2 der Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psycho- 
analyse. Man vergleiche ferner: Storfer (Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. II, S. 201); 
Geb Sattel (Zeitschr. f. Pathopsychol., 1912); Die Bedeutung des Auges als 
weibliches Genitalsymbol würdigte Jung im Indra-Mythus ; ich selbst habe in 
Anlehnung an Kleinpaul dem Auge, speziell der Pupille, ebenfalls weibliche 
Genitalbedeutung zuerkannt (.Traum und Mythus", 1909). 

Bleuler (Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien) erwähnt ebenfalls 
das Auge als weibliches Genitalsymbol in den Wahnideen Geisteskranker. 

Jones (Jahrbuch Bd.V, S.67) zeigt die männliche Genitalbedeutung des Auges. 

» In den Träumen der Frauen kann ein Eingriff am Auge Koitusbedeutung haben. Ein 
junges Mädchen träumt z.B., daß jemand ihr mit einem langen Instrument das Auge öffne. 



179 

Auge besitzen, das sich mitten auf der Stirn befindet, sind in den 
Sagen sehr verbreitet. Interessant ist, daß sich' auch in Träumen 
zuweilen Ahnliches vollzieht wie in der Polyphemsage. Einen derartigen 
Traum hat z. B. Eder (I. c.) mitgeteilt. Ich selbst hatte mehrfach 
Gelegenheit, ähnliche Feststellungen zu machen. Ich kann Eders 
Bemerkung, daß der Kyklop dem Vater des Träumenden entspreche, 
und daß die Blendung des Riesen eine Kastration des Vaters vorstelle, 
nach meinen Erfahrungen nur bestätigen. 

Es scheint mir von besonderem Interesse zu sein, daß die Mitte 
der Stirn, die zunächst einem von der Phantasie angenommenen Auge 
entspricht, sowohl das männliche wie das weibliche Genitale symbolisch 
vertreten kann. In ersterer Hinsicht möchte ich auf eine Mitteilung 
von Reitleri verweisen, um für die zweite Behauptung einen Beleg 
aus eigener Erfahrung zu bringen. 

Reitler bespricht gewisse, als obszöner Scherz dienende 
Figuren, deren Abbildung er beigibt; sie werden von der Land- 
bevölkerung im Salzkaramergut hergestellt. Der Scherz besteht darin, 
daß bei Druck auf den Kopf der Figur ein großer Penis sichtbar wird. 
Auf der Stirn des hölzernen Männchens ist in roher Zeichnung ein 
drittes Auge dargestellt. Reitler ermittelte nun, daß dieses 
Auge ein von der Bevölkerung jener Gegend ohneweiters verstandenes 
Penissymbol darstellt. 

Ich stelle in Parallele mit dieser eigentümlichen volkspsycho- 
logischen Tatsache eine eigene Beobachtung. Eine von mir behandelte 
Patientin unterlag dem Zwange, ihre Stirn in der Mitte zu einer 
senkrecht verlaufenden Falte zu runzeln. Sie rieb diese Falte dann 
heftig mit dem Zeigefinger der rechten Hand. In einem Zusammenhang, 
dessen genaue Mitteilung ich mir hier versagen muß, kam ihr wie 
eine Erleuchtung plötzlich die Einsicht, daß es sich bei dieser Prozedur 
lediglich um eine verschobene, d. h. nach oben verlegte Masturbation 
handle, daß also die senkrechte Stirnfalte der Vulva entspreche. 
Beweisend für diese Auffassung war noch besonders, daß die Patientin, 
während sie die Stirnfalte rieb, ein „Druckgefühl im Unterleib« 
verspürte'. 

Die Autoren, welche die Genitalbedeutung des Auges nachwiesen, 
haben, wie mir scheint, diese symbolische Verwendung des Auges 
nur insoweit erklärt, als das Symbol das weibliche Genitale vertritt. 

1 Reitler, Zur Augensymbolik. Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 
1913, Bd. I, S. 159. 

•Ich möchte hier auf Sadgers Mitteilung, daß auch die Schläfe Genital« 
bedeutung habe, verweisen. Cf. Zentralbl. f. Psychoanalyse, 1911, Bd. IL 



12* 



180 

Erst vor kurzem wurde mir die männliche Bedeutung des Auges aus 
einer Traumanalyse erklärlich. Die Träumerin gab nämlich an, daß 
die Gians penis ihr wie ein Auge erscheine. 

Ich kehre zu der Angst des Patienten A. um sein Augenlicht 
zurück. Nachdem wir die Kastrationsvorstellung als eine wichtige 
Determinierung derselben erkannt haben, verlohnt es sich, auf eine 
Einzelheit hinzuweisen, die zunächst als ganz belanglos erscheinen 
könnte. Nicht nur in dem vorliegenden Falle, sondern auch bei 
anderen Patienten fiel es mir auf, daß sie immer von ihrer Angst um 
das Auge des Vaters sprachen oder von ihrer Scheu vor jeder. 
Berührung des Auges usw. Nie war von den Augen die Rede, 
sondern mit einer Regelmäßigkeit, die jeden Zufall ausschließt, sprachen 
die Patienten so, als gäbe es nur ein Auge. Unter dem Gesichts- 
punkt der „Verlegung nach oben" wird diese Redeweise leicht 
verständlich. „Das* Auge ersetzt ein Organ, das nur in der Einzahl 
vorhanden ist^ 

Die Angst um das Auge des Vaters entspricht also der 
verdrängten, auf den Vater gerichteten Kastrationsphantasie. Nachdem 
wir aber die Identität von Auge und Sonne kennen gelernt haben, 
kann kaum mehr ein Zweifel übrig bleiben, daß auch der Sonne die 
gleiche phallische Bedeutung zukommt wie dem Auge des Vaters. 
Die Scheu vor dem Anblick der Sonne enthält damit die weitere 
Bedeutung einer Scheu vor dem Anblick des Penis des Vaters, die 
übrigens auch völkerpsychologisch zu belegen ist.^ 

Es ist nicht möglich, in diesem Zusammenhang näher auf die 
Kastrationsangst einzugehen. Nur einige, zum Verständnis gewisser 
Erscheinungen des vorliegenden Falles unentbehrliche Bemerkungen 
muß ich noch hinzufügen. 

Als Vergehen, wegen deren die Kastration vonseiten der Erzieher 
angedroht oder vom Knaben selbst befürchtet wird, lernten wir bereits 
das Verlangen des Knaben nach dem Anblick des mütterlichen Genitale 
sowie die gegen den Vater gerichtete Kastrationsphantasie kennen. 
Hier wäre weiter die Masturbation zu nennen, die besonders durch 
begleitende Phantasien zur schweren Vorwurfshandlung wird. Wie wir 



1 Ich möchte bemerken, daß hier noch weitere Determinierungen vorliegen. Ich 
verweise nur auf die oben besprochene Identifizierung des Auges des Vaters mit der 
Sonne, welche ja auch nur in der Einzahl vorhanden ist. Man darf hier wohl eine 
spezielle Form der Verdichtung, eine Unifizierung annehmen, die weitgehende Gleich- 
setzungen ermöglicht: ein Genitale, ein Vater, eine Sonne und darum auch „ein" 
.^Auge. Man könnte noch hinzusetzen, .ein Gotf; ich verweise auf spätere Ausführungen 
in dieser Arbeit. 



181 



aber aus reicher psychoanalytischer Erfahrung wissen, gibt es noch 
gewisse andere Erlebnisse des Kindes, welche häufig der Anlaß 
heftiger Selbstvorwürfe werden. Ich meine die Beobachtung des 
Geschlechtsverkehres der Eltern. Bezüglich aller dieser 
»Sünden" ist der Knabe oft genug in Angst, vom wachenden Auge 
des Vaters entdeckt zu werden^. 

Gerade wegen dieses verbotenen Sehens leiden manche Neurotiker 
an Erblindungsangst. Diese letztere Art der neurotischen Reaktion 
soll uns jedoch an dieser Stelle nicht beschäftigen. Ich möchte vielmehr 
darauf hinweisen, daß die Lust am nächtlichen Beobachten und 
Belauschen der Eltern in nicht seltenen Fällen dazu führt, daß neurotische 
Personen an einer Überempfindlichkeit gegen Licht und daneben an 
einer solchen gegen G e r ä'u s c h e leiden i^. In dem oben besprochenen 
Falle bestand auch eine deutliche Geräuschempfindlichkeit. Beide 
Eigentümlichkeiten treten in solchen Fällen ~ aus leicht erklärlichem 
Grunde — vorwiegend bei Nacht auf. Auf diesem Wege wird die 
Scheu des Patienten vor dem künstlichen Licht und vor dem 
geringsten Lichtschein, der etwa durch eine Türspalte drang, vollkommen 
begreiflich. Die übertriebenen iVIaßregeln zur Absperrung des von außen 
kommenden Lichtes tragen den Charakter von Prohibitivmaßnahmen. 
Das sorgsame Verschließen jedes feinsten Spaltes hatte aber 
noch die weitere Bedeutung, anderen Personen die Beobachtung 
des Patienten unmöglich zu machen ; es liegt auf der Hand, daß 
hier wieder die Scheu vor dem beobachtenden Vater die treibende 
Kraft ist. 

Die Prozeduren zur Verdunkelung des Zimmers finden jedoch 
nicht ihre volle Erklärung in der negativen Absicht, das Licht 
abzusperren und jeder Beobachtung zu entgehen. Vielmehr hat die so 
hervorgebrachte absolute Dunkelheit auch einen positiven Wert für 
den Patienten. Doch soll dies an einem andern Krankheitsfall 
demonstriert werden. 

Ebenso versage ich es mir zunächst, auf gewisse Umwandlungs- 
Produkte des Schautriebes einzugehen. Ich erwähne nur folgende 
psychologische Eigentümlichkeiten des Patienten: zwangartige Neugierde, 
Hang zum Grübeln, übertriebene Neigung für alles Rätselhafte. Auf 
diese Phän omene werde ich später zurückkommen. Endlich sollen 

' Auch die Lust des Kindes, Erwachsene beim Urinieren zu beobachten, gibt 
zu neurotischen Selbstvorwürfen den Anlaß. Vgl. auch die Fußnote auf Seite 185. 

' Über die Genese der neurotischen Geräuschempfindlichkeit haben mir 
verschiedene Psychoanalysen Aufklärung gebracht. Die Resultate sollen später 
veröffentlicht werden. 



11 



182 . . 

hier noch einige Zeichen erwähnt werden, die erkennen lassen, daß das 
Auge nicht nur als Sehorgan eine wichtige erogene Bedeutung für 
diesen Patienten hatte. Auch Berührungen des Auges wurden als 
lustvoll empfunden. Er neigte sehr dazu, die Augen zu reiben, die 
oberen Augenlider herabzuziehen, hatte in früherer Zeit auch öfter die 
Augenbrauen abgeschnitten ^ 

In therapeutischer Hinsicht sei bemerkt, daß der Patient durch 
die Psychoanalyse in vollkommenem Umfang wiederhergestellt wurde. 
Von Einzelheiten interessiert hier, daß die Lichtscheu und Geräusch- 
empfindlichkeit ganz verschwanden. Die Einstellung des Patienten zu 
seinen Eltern wurde diejenige eines Gesunden im gleichen Lebensalter, 
dies zeigte sich, als er nach Abschluß der Behandlung in seine Heimat 
zurückkehrte. Die sexuellen Abirrungen 'machten einem normalen 
Sexualinteresse Platz ; speziell verschwanden die fetischistischen 
Interessen bis auf geringe, praktisch durchaus unwesentliche Spuren. 
Während der Rekonvaleszenz traten bei dem Patienten Träume aufi 
in welchen der weibliche Körper, speziell das Genitale, Gegenstand 
der Schaulust waren ; bald darauf zeigte sich auch im wachen Zustand 
die normal gerichtete Schaulust. Die unfruchtbare Neugierde und die 
pathologischen Grübeleien wichen gleichzeitig einer intensiven 
Wißbegierde, die auf die verschiedensten Gebiete übergriff; d. h. die 
Sublimierung des Schautriebs gelang in einer vollkommenen Weise. 
Mit der Herstellung einer durchaus normalen Sexualfunktion ging die 
soziale Anpassung (Leistungsfähigkeit im Beruf usw.) Hand in Hand. 
Seit dem Abschluß der Behandlung sind IV2 Jahre verstrichen, ohne 
daß ein Rückfall eingetreten wäre. 

Die Psychoanalyse der neurotischen Lichtscheu bei anderen 
Patienten ergab mir die volle Bestätigung der mitgeteilten Resultate 
und Auffassungen. Nur aus einer meiner Analysen werde ich hier das 
Hauptsächlichste in gedrängter Kürze mitteilen. Es handelt sich um 
eine diagnostisch sichere Dementia praecox (Schizophrenie). Ich erhielt 
die Gelegenheit zur psychoanalytischen Behandlung des Kranken nur 
dadurch, daß er mir als Neurotiker zugeführt wurde; erst bei gründlichem 
Eingehen auf seine Symptome ließ sich die Art seines Leidens 
feststellen. Die Erfahrung hat uns nun oft gelehrt, daß die Psychose 
weit unverhüllter als die Neurose die Geheimnisse des Unbewußten 
preisgibt. So geschah es auch in diesem Falle. Zu den auffälligsten 
Erscheinungen stellten sich, meist ohne erheblichen Widerstand, die 

» Man erinnere sich an den erwähnten Traum, in dem jemand dem Patienten 
die Schamhaare abschneidet. Das Abschneiden der Augenbrauen bedeutet offenbar 
auch eine symbolische Kastration. 



183 



Einfälle ein, welche den gesuchten Zusammenhang oft überraschend 
schnell enthüllten. 

Dieser Patient, den wir „B" nennen wollen, fiel schon bei der 
ersten Konsultation dadurch auf, daß er bat, sich so setzen zu dürfen, 
daß sein Gesicht vom Fenster abgewandt wäre; er hielt, nachdem er 
diese Stellung eingenommen hatte, die Augen noch meist geschlossen 
und bedeckte sie außerdem mit den Händeni. Während der psycho- 
analytischen Sitzungen pflegte er, obwohl sein Gesicht vom Fenster 
abgewandt war, diesen Verschluß der Augen streng zu bewahren, 
bis die Besserung der Lichtscheu solche Prozeduren unnötig machte. 

Die Antezedentien waren denjenigen des ersten Falles auffallend 
ähnlich. Auch der Patient B. war der Sohn eines tatsächlich besonders 
intelligenten und tüchtigen Mannes. In der Vorstellung des Sohnes 
aber waren die Leistungen des Vaters schlechtweg unerreichbar. Fast 
mit den gleichen Worten wie Patient A. drückte B. sich aus : er habe 
lange, aber immer vergeblich gehofft, den Vater einmal in irgend 
einer Beziehung übertreffen zu können. Die Ambivalenz der Einstellung 
zum Vater war wiederum die gleiche, nur trat sie aus dem oben 
erwähnten Grunde in diesem Falle weit unverhüllter zutage. 

Der Vater war dem Patienten, wie dieser sich ausdrückte, immer 
als ein „machtvoll-gütiges Wesen" erschienen. Schon dieser 
Ausdruck trägt einen religiösen Charakter; wäre er hier nicht mit 
Bezug auf einen Menschen gebraucht, so würde man ohneweiters 
annehmen, daß von Gott (oder überhaupt von einem religiös verehrten 
Wesen) die Rede sei. Schon als Knabe — so erzählte B. weiter — 
habe er die Auffassung gehabt, daß der Vater alles sehe. Wir 
brauchen uns nur an das allsehende Auge Gottes zu erinnern, um zu 
bemerken, daß hier eine Tendenz vorliegt, den Vater zu einem höheren 
Wesen zu erheben. Durch freie Assoziationen stellte sich überraschend 
schnell einer der Anlässe heraus, die dem Sohne die Überzeugung gegeben 
hatten, daß sein Vater alles sähe. Der Vater hatte mit wachsamem 
Auge die Masturbation des Knaben entdeckt und ihm das Versprechen 
abgenommen, fortan von dieser Neigung abzusehen. Bei jedem Rück- 
fall in späterer Zeit fühlte der Patient das Auge des Vaters gleichsam 
auf sich gerichtet. Daß dieses Gefühl des Beobachtetseins noch andere 
und wohl wichtigere Quellen hatte, wird sich noch zeigen. Im Bewußt- 
sein des Patienten aber wurde der Entdeckung der Masturbation durch 
den Vater das größte Gewicht beigelegt. 



1 Ich bemerke, daß diese Attitüde der Neurotischen nicht selten ist und 
am leichtesten das Vorhandensein der neurotischen Lichtscheu verrät. 



^i| 



184 

Im Alter von ungefähr 20 Jahren verlor der Patient seinen Vater 
durch den Tod. Bald danach bildete sich die Vorstellung, der Vater 
stehe am Himmel neben der Sonne und sehe auf ihn herab, 
um sein Tun und Lassen zu beobachten. Es handelte sich hier noch 
nicht um eine fixe Wahnidee; nicht lange nachher traten jedoch 
unzweifelhafte Wahnbildungen hervor. Die Versetzung des Vaters an 
den Himmel ist hier ganz evident. Sein Posten unmittelbar neben der 
Sonne läßt erkennen, daß er der Sonne gleichgesetzt wurde, ohne noch 
mit ihr zu einem Wesen verschmolzen zu werden. 

Dieser — über den Tod hinaus fortdauernden — Verehrung und 
Vergöttlichung des Vaters stand eine äußerst affektvolle, aber durch 
lange Zeit dem Bewußtsein ferngehaltene Feindschaft gegenüber. Sie 
äußerte sich während der Behandlung u. a. in einem Traume, in 
welchem der Patient seinen Vater im Zweikampf erschlug, um gleich 
darauf von der Mutter symbolisch Besitz zu nehmen. Die Tötung des 
Vaters im Zweikampfe und der endliche Besitz der Mutter sind die 
beiden großen Ereignisse der Ödipussage und vieler verwandter 
Erzählungen. 

Die Kastrationsangst fand in diesem Falle einen sehr ähnlichen 
Ausdruck wie beim Patienten A. Ich brauche daher nur ein paar Einzel- 
heiten hervorzuheben. Auch in diesem Falle bestand die uns schon 
verständlich gewordene Angst um das Auge des Vaters. Im 
Zusammenhang mit dieser Angst ist eine Kindheitserinnerung von 
Interesse. Der Patient hatte als neunjähriger Knabe einmal seinen 
Vater nackt gesehen und mit großem Interesse dessen Genitalien 
betrachtet. Seine Phantasie, die sich in diesem Alter männlichen 
Personen zuwandte, kehrte oft zu jener Szene zurück. Doch waren die 
daran anknüpfenden Gedanken keineswegs nur lustvoll. Im Gegenteil 
wurde er dauernd von der unruhigen Erwartung gequält, ob er in der 
Entwicklung der Genitalien wohl den Vater erreichen werde. Als er 
dann erwachsen war, unterlag er der peinigenden, bei Neurotikern so 
überaus häufigen Idee, einen zu kleinen Penis zu haben. 

Wir begegnen also hier wiederum der Eifersucht auf das Können 
des Vaters; im vorliegenden Falle galt die scheue Anerkennung des 
Sohnes gleichzeitig dem überlegenen Genital organ des Vaters 
und seinem Auge^. Hier finden wir also keine so weitgehende 
Verdrängung des sexuellen Charakters der Scheu vor dem Vater. Nur 
die Lust am Betrachten des väterlichen Genitales ist verdrängt. 

^ Ich verweise an dieser Stelle auf die Bezeichnung »das Gemächt" für die 
männlichen Genitalien; hier hat die Sprache die Macht des Mannes in seine 
Genitalien verlegt. 



185 



k 

^ 



Gelegentlich hatte der Patient „blitzartige" Halluzinationen, die ihm 
den Gegenstand des Interesses für einen Augenblick zeigten. 

Auch in seinem Verhältnis zur Mutter glich Patient B. dem A. 
in auffälliger Weise. Er scheute sich in höchstem Maße vor dem Anblick 
seiner Mutter (in ähnlicher Weise auch der Schwester), auch wenn sie 
vollständig bekleidet waren., Im Gespräch mit der Mutter bedeckte 
er die Augen mit den Händen. Die inzestuöse Richtung seiner 
Wünsche verriet er schon in der ersten psychoanalytischen Behandlungs- 
stunde durch die sonderbare Wahl eines Ausdruckes. Nachdem er 
berichtet hatte, daß er nach dem Tode des Vaters mit seiner Mutter 
und seinen Schwestern zurückgeblieben sei, hob er hervor, daß er sich 
gewissermaßen als Nachfolger des Vaters betrachten müsse; denn er 
sei doch nun „das einzige männliche Glied" in der Familie. Sehr bald 
kamen dann die Wunschphantasien zutage, welche die Wahl des 
Ausdrucks determiniert hatten. Der Patient litt an der Angst, seine Mutter 
und Schwestern unbeabsichtigt schwängern zu können. Besonders 
wenn er nach einer Pollution ein Bad nahm, ängstigte er sich, es könnten 
Reste von Samen an der Badewanne haften, durch die seine Mutter 
oder Schwester bei späterem Gebrauche der Wanne geschwängert 
werden könnten. Aus dieser Angst darf man auf einen gleichlautenden 
verdrängten Wunsch des Patienten schließen : die weiblichen Angehörigen 
s ä m 1 1 i c h zu besitzen. 

Die auf die Mutter gerichteten libidinösen Wünsche waren auf 
andere, und zwar hauptsächlich auf reife, ältere Frauen übergegangen, 
waren aber auch hier verhindert, sich in ihrer wirklichen Gestalt zu 
zeigen. Sie äußerten sich vielmehr in einer Scheu, solche Frauen 
anzublicken». Diese Scheu war mit einem für den Patienten sehr 
lästigen neurotischen Symptom verbunden; beim Anblick reifer Frauen, 
die ihn oft bewußt an seine Mutter erinnerten, wurde ihm schwarz 
vor den Augen. Wir begegnen hier einer Einschränkung der Schau- 
lust, die — soweit mir bekannt — bisher nicht in diesem Sinne 
aufgefaßt worden ist. Das von Nervösen so oft, namentlich als Begleit- 
erscheinung von Schwindelanfällen geschilderte „ Schwarzwerden " 
vor den Augen dürfte regelmäßig der Unterdrückung einer libidinösen 
Tendenz entsprechen. Die mit jeder Sexualerregung verbundene 
Steigerung der Blutzirkulation führt bei Neurotikern oftmals zu einem 
vermehrten Zufluß des Blutes nach dem Kopf, besonders auch nach 



1 Ich verdanke Herrn Dr. de Bru ine in Leiden die interessante Mitteilung, 
daß nach einem holländischen Volksglauben erblindet, wer einer alten Frau beim 
Verrichten eines Bedürfnisses zusieht. 



186 

den Augen, wodurch unter anderen Symptomen auch die Verdunkelung 
des Gesichtsfeldes hervorgerufen wird. 

Der Anblick der für ihn reizvollen Frauen wurde dem Patienten 
auf diese Weise im wirklichen Leben versperrt. Es entspricht ganz 
der Psychologie der Dementia praecox, daß der Patient für diese ihm 
auferlegte Entbehrung Ersatz auf halluzinatorischem Wege 
fand. Er sah z. B. eine im reifen Alter stehende Frau nackt vor sich 
liegen; sie hatte, wie der Patient spontan hinzufügte, Formen und 
Gestalt wie seine Mutter. 

In eindrucksvoller Weise bestätigte der Patient B., daß seine 
Scheu vor dem Anblick weiblicher Personen im Grunde genommen eine 
Scheu vor dem weiblichen, richtiger gesagt vor dem mütterlichen 
Genitale war. 

Zu der Zeit, als schon deutliche Erscheinungen der Rekonvaleszenz 
zu bemerken waren, besuchte der Patient einmal seine Mutter. Bei 
ihrem Anblick hatte er, wie er berichtete, die Augen wieder mit den 
Händen bedecken müssen; seine Empfindlichkeit gegen das Licht war 
damals bereits in deutlichem Abnehmen begriffen. Während ich eine 
Bemerkung dazu machte, legte der Patient wiederum die Hände auf 
die Augen und sagte dann spontan: „Ich habe die Scheibe mit dem 
Draht in der Mitte gar nicht ansehen wollen." Diese Worte waren im 
Tone einer Rechtfertigung gesprochen — als befürchtete der Patient, 
ich könne ihm etwas in falschem Sinne auslegen. Doch blieb die zitierte 
Äußerung mir zunächst vollkommen unverständlich. Die Erklärung 
folgte aber der ersten Äußerung auf dem Fuße. Der Patient, der sich 
während der Behandlung in Ruhelage befand, hatte seinen Blick nach 
der Zimmerdecke gerichtet, an welcher eine runde, blanke Messing- 
scheibe angebracht war; aus der Mitte der Metall seh eibe kam ein 
Leitungsdraht der elektrischen Beleuchtung hervor. Dieser Eindruck 
hatte in dem Augenblicke, als von der Scheu des Patienten vor dem 
Anblick der Mutter die Rede war, genügt, um die Assoziation 
der Vulva (Scheibe) und des Penis (Draht in der Scheibe) hervor- 
zurufen. 

Feindschaft und Eifersucht gegenüber dem Vater hatten mit 
der Zeit einer bewundernden Anerkennung seiner Größe und Macht 
Platz gemacht. Doch vermochte die unterdrückte feindliche Strömung 
zuweilen noch Störungen der zur Herrschaft gelangten Gegenströmung 
zu erzeugen. Der Patient hatte in einem ekstatischen Moment einmal 
einen Sonnenhymnus dichten wollen. Er vermochte aber nur wenige 
Worte zu produzieren, Sie lauteten: 

»Sonne, gib uns deine Kraft!" 



187 

Danach trat eine solche Störung des Gedankenablaufes (Sperrung) 
ein, daß der Patient über die ersten Worte nicht mehr hinauskam. 
Charakteristisch ist der Eintritt der Sperrung in dem Augenblick, als 
der Sohn seiner Verehrung für die Kraft der Sonne, d. h. des Vaters, 
Ausdruck verleihen will. Ich erinnere hier an ein vollkommen analoges 
Vorkommnis aus der Krankengeschichte des Patienten A., bei welchem 
eine Sperrung gleicher Art eintrat, als er begonnen hatte, von seiner 
glühenden Verehrung des Vaters zu sprechen. 

Der Wunsch, dem Vater gleich zu werden, kam einmal in einer 
Form zum Ausdruck, die die Gleichsetzung von Vater und Sonne 
deutlich erkennen läßt. Der Patient unterlag nämlich einmal der 
Sensation, daß seine beiden Augen zu einem würden. Dieses Auge 
sah er halluzinatorisch vor sich, als wäre es „draußen", d. h. außerhalb 
seines Körpers. Es wurde dann zu einer strahlenden Sonne; 
der Patient erhob sich damit zur gleichen Höhe wie den Vater. Daß 
es gerade das Auge und nicht ein anderer Teil des Körpers war, der 
die Umwandlung erfuhr, ist teils aus dem früher über Auge und Sonne 
Gesagten verständlich, teils handelt es sich wieder um einen 
symbolischen Ersatz des Penis durch das Auge. Die erwähnte 
Halluzination läßt demnach insbesondere noch die Tendenz erkennen, 
die eigene Zeugungskraft des Patienten der befruchtenden Kraft der 
Sonne gleichzusetzen. 

Ich bin einem inhaltlich ganz ähnlichen, symptomätologisch 
allerdings andersartigen Vorgang auch in der Psychoanalyse einer 
Zwangsneurose begegnet. Der Patient hatte nach dem Tode seines 
Vaters lebhafte Angst vor dessen wachsamem Auge. Das beobachtende 
Auge versetzte er stets an den Himmel; auch in gewissen Träumen 
kam das unzweideutig zum Ausdrück, Diese Anerkennung und 
Erhebung des Vaters war jedoch nur die eine Seite seiner ambivalenten 
Einstellung ^u diesem. Zuzeiten regte sich ein intensiver Trotz gegen 
den verstorbenen Vater; dann :unterlag der Patient dem Zwang, die 
Sonne frech und herausfordernd anzusehen. Gleichzeitig 
trat die obsedierende Grübelei auf: „Vielleicht bin ich Gott." 

Einen merkwürdigen historischen Versuch eines Menschen, sich 
selbst mit der Sonne zu identifizieren, habe ich in meinem Aufsatz ^ 
über den ägyptischen König Amenhotep IV. analysiert. Ich möchte 
hier nur den kurzen Hinweis geben, daß die ambivalente Einstellung 
des Königs zu seinem verstorbenen Vater die hauptsächlichste 
Erklärung für die Einführung des Atonkultes abgibt, in welchem die 
Kraft der Sonne verehrt wurde. 



Imago Bd. I, 1912. 



I 



188 

Die Angst des Patienten vor der Blendung durch die Sonne wird 
auch im Falle B. erst dann vollkommen verständlich, wenn man 
berücksichtigt, daß dem Sonnensymbol nicht nur Vater-, sondern auch 
Mutterbedeutung zukommt. Wie im Falle A., so stellte sich die 
Notwendigkeit dieser Annahme auch hier heraus. Die vorhin erwähnte 
blanke Messingscheibe mit dem Beleuchtungskörper an der Zimmerdecke 
war eine Art von Sonne am Himmel ». 

Seine Neigung, ein weibliches (d. h. für ihn: „mütterliches") 
Symbol an den Himmel zu versetzen, äußerte sich in einer spontan 
mitgeteilten Phantasie. Als sich während der Behandlungsstunde der 
vorher klare Himmel stark bewölkte, äußerte der Patient: „Es wäre 
eine Wollust, sich mit dem Kopf in eineWolke hinein- 
zubohren." Diese Phantasie entspricht vollkommen gewissen 
mythischen Vorstellungen, die ich in meiner Schrift „Traum und Mythus« 
gelegentlich der Analyse der Prometheussage erwähnt habe. In den 
ältesten Schichten dieses Mythus wird das Bohren in der Wolke (die 
Erzeugung des himmlischen Feuers) mit dem Sexualakt identifiziert. 
Ich habe zum Fall B. nur noch kurz zu bemerken, daß die Licht- 
scheu im Laufe der Behandlung verschwand, wie denn der Fall sich 
überhaupt als therapeutisch sehr dankbar erwies«. 

Ich sehe an dieser Stelle von der Mitteilung weiterer psycho- 
analytischer Erfahrungen über die neurotische Lichtscheu ab. Die Reihe 
der Fälle ließe sich leicht vermehren; denn nach meiner Erfahrung 
handelt es sich um eine keineswegs seltene Affektion. Leichtere Grade, 
wie z. B. eine gesteigerte Empfindlichkeit gegen grelles Sonnenlicht, 
beobachtet man bei leicht neurotischen Personen ziemlich oft. 

Eine einzelne Tatsache greife ich aus der Psychoanalyse einer 
schweren Zwangsneurose heraus. Der Patient litt an einer im 
allgemeinen nicht sehr erheblichen Lichtscheu. Als seine Assoziationen 
ihn einmal auf gewisse, von der Vater-Imago ausgehende Verbote 
gebracht hatten, bedeckte er plötzlich seine Augen mit den Händen. 
Zur Erklärung dieses Verhaltens dienten mehrere ergänzende Einfälle. 
Der Patient hatte seinem Vater gegenüber immer ein schlechtes 
Gewissen gehabt; er konnte ihn nie recht ansehen. Seine 

i Die Identifizierung von Zimmerdecke und Himmel trägt einen echt infantilen 
Charakter. Kürzlich hörte ich einen S'/aJährigen Knaben die Decke des Badezimmers 
den .Badehimmel' nennen. 

= Zur Erklärung des schönen Erfolges der Psychoanalyse in diesem Falle von 
Dementia praecox bemerke ich, daß der Patient sich bald als genügend fähig zur 
.Übertragung" erwies. Seine Psychose war wenig in der Richtung der Wahnbildung 
vorgeschritten, während die Halluzinationen eine überwiegende Rolle spielten. 



I 



189 

Auflehnung gegen den Vater hatte u. a. in der Phantasie, den Vater 
zu blenden, ihren Ausdruck gefunden. 

In diesem Fall ergab sich noch eine spezielle Bedeutung des 
Bedeckens der Augen. Es stellte — abgesehen von den übrigen, uns 
bereits bekannten Bedeutungen — eine Selbstbestrafung dar: 
sich blind machen. Es handelte sich also um eine Talion für die 
erwähnte, auf den Vater gerichtete Absicht^ 

II. Andere Formen neurotischer Störungen im Bereich 
des Schautriebes. 

Sobald man sich einmal eingehender mit den neurotischen 
Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust beschäftigt, ist 
man erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Störungen, die aus den 
genannten Vorgängen herzuleiten sind. Diese Störungen finden sich 
bald bei den gleichen Personen, welche an Lichtscheu leiden, bald 
treten sie selbständig auf. 

Bei der Darstellung des Krankheitsfalles B. habe ich eine derartige 
Störung, welche neben der Lichtscheu bestand, nur kurz erwähnt und 
komme hier zunächst mit einigen Worten auf sie zurück. 

Der Patient klagte über unscharfes Sehen. Er sah die Gegen- 
stände nicht klar, sondern verschwommen, undeutlich. Eine Störung 
des Sehapparates war nicht nachzuweisen*; daß die Affektion neuroti- 
schen Charakter trug, wurde noch dadurch erhärtet, daß sie auf psycho- 
analytische Behandlung gleichzeitig mit der Lichtscheu verschwand. 
Um Wiederholungen zu vermeiden, gehe ich sogleich zu einem andern 
Fall über, aus dessen Psychoanalyse ich einiges über eine ganz ähnliche 
Affektion mitteilen möchte. 

Die Patientin C. beschäftigte sich mit Malerei. Obwohl sie dieser 
Kunst mit ausgesprochener Liebhaberei ergeben war, bemerkte sie 
doch, daß es ihr namentlich in Zeiten stärkerer neurotischer Erregtheit 
schwer fiel, die Formen von Gegenständen richtig aufzufassen und sie 
ihrem Gedächtnis einzuprägen. Auf diese Störung kam sie zu sprechen, 
als die Psychoanalyse bei der Aufklärung gewisser motorischer Anfälle 
angelangt war. Die Störung erwies sich als vorzugsweise determiniert 
durch eine verdrängte, inzestuös fixierte Schaulust, die sich namentlich 
auf den Vater (Körperformen !) richtete. Eine spezielle Determinierung 

1 Vgl. Ödipus' Selbstbkndung. 

■■' Ich erwähne an dieser Stelle, daß die in diesem Aufsatz beschriebenen 
Affektionen solche Personen betrafen, die einen durchaus intakten Sehapparat hatten. 
Eine einzige Ausnahme wird im folgenden noch Erwähnung finden. 



190 

ergab sich aber noch aus der Analyse besonderer Anfälle, die ich einige 
Male auch selbst zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Auf dem Sofa liegend, begann die Patientin sich unter Anzeichen 
heftiger psychischer Erregung zu strecken und erhob sich in einem 
(nicht sehr ausgesprochenen) „Are de cercle" von ihrem Lager; dann 
geriet der ganze Körper, besonders die Extremitäten in ein lebhaftes 
Vibrieren und Zucken, das die Patientin mit ächzenden Lauten 
begleitete, bis eine allgemeine Erschlaffung eintrat. Während des 
Anfalles pflegte die Patientin sich einmal hastig aufzurichten und den 
Kopf für einen Augenblick nach der Seite zu drehen, um dann wieder 
zurückzusinken. 

Die Analyse dieser Anfälle vollzog sich unter ungeheuren Wider- 
ständen; mehrmals begonnen und immer wieder aufgegeben, gelang 
sie erst am Schluß der Behandlung. Die Anfälle entpuppten sich als 
mimische Darstellung eines mit äußerst heftigen Affekten verbundenen 
Erlebnisses aus der Kindheit der Patientin, über dessen Realität aus 
bestimmten Gründen kein Zweifel obwalten kann. Sie war eines 
Morgens früher als sonst erwacht und war, da sie im gleichen Zimmer 
wie die Eltern schlief, Zeugin des sexuellen Verkehres geworden. Sie 
hatte sich — wie die allmählich hervorkommenden Einfälle ergaben — 
im Bett einen Augenblick aufgerichtet und dann erschrocken wieder 
niedergelegt. Diese ihre eigene aktive Beteiligung an dem damaligen 
Vorgang drückte sich im späteren Anfall durch das plötzliche 
Aufrichten des Oberkörpers aus. Das aufregende Erlebnis selbst wurde 
verdrängt, die Erinnerung machte sich aber bei bestimmten, hier nicht 
weiter zu verfolgenden Gelegenheiten in verhüllter Form bemerkbar. 
Die eigentliche schwere Nachwirkung des Erlebnisses aber bestand in 
heftigen Selbstvorwürfen und in bestimmten Einschränkungen des 
Trieblebens, unter welchen hier nur die Einschränkung des Schau- 
triebes interessiert. Sie äußerte sich zunächst durch eine Scheu vor 
allem sexuellen Schauen und Wissen, u. a. durch ängstliches Meiden 
von Lektüre, die der Patientin irgendwelche Aufklärung über das 
Liebesleben bringen konnte. Die Scheu breitete sich aber, wie die 
Psychoanalyse ergab, auf das Sehen im allgemeinen aus, selbst wenn 
es keinen manifest-sexuellen Charakter hatte und bezog sich speziell 
auf die Formen der Objekte. 

Dieser Fall zeigt mit besonderer Klarheit, wie die Beobachtung 
des elterlichen Geschlechtsverkehres bei einem neurotisch veranlagten 
Kinde wirkt. Die Schaulust wird durch derartige Eindrücke an die 
Eitern in ungewöhnlichem Maße fixiert, so daß die späteren Ablösungs- 
versuche mißlingen müssen. Gleichzeitig kommt es zu einer, weit 



191 

über das eigentliche Gebiet der Sexualität hinausgehenden Einschrän- 
kung der Schaulust. Die „Talion' kann sehr verschieden weit gehen; 
sie kann zur neurotischen Blindheit führen, kann sich aber auch mit 
gewissen Einschränkungen des Sehens begnügen. Oder sie kann zur 
Bildung von Phobien Anlaß geben. Die Patientin litt an gelegentlichen 
Zwangsgedanken, sich selbst die Augen ausstechen zu müssen. 

Kurz erwähnen will ich hier zwei mir bekannte Krankheitsfälle, 
die ich nicht psychoanalytisch behandelt habe, die aber ein sympto- 
matologisches Interesse bieten und die Mannigfaltigkeit der neurotischen 
Sehstörungen demonstrieren mögen. 

Eine neurotische Frau leidet zeitweise an einer Sehstörung, 
die sie hindert, ohne Brille ein Buch zu lesen. Sie hat eine ausgesprochene 
Scheu vor dem Anblick von Illustrationen in Büchern; sie meidet 
solche daher nach Möglichkeit. 

Ein jüngerer Mann, der von Kindheit an mit Angst vor der Dunkel- 
heit und mit einer hartnäckigen Erblindungsphobie behaftet war, 
erkrankte an einer Sehstörung, die von augenärztlicher Seite sofort 
als neurotisch erkannt wurde. Er beschrieb sie mir in einem Brief 
mit folgenden Worten: „Seit ungefähr 10 bis 14 Tagen sehe ich schlecht, 
d. h. es flimmert mir vor den Augen, so als ob es mir beständig schwin- 
delig wäre, und ich sehe nur wie durch einen Schleier. Es fing eines 
Nachmittags mit einem Flimmern an, ich sah z. B. Zickzackbänder 
flimmern, so ungefähr wie wenn man lange in die Sonne oder in grelles 
Licht geblickt hat. Es dauerte etwa eine halbe Stunde; dasselbe wieder- 
holte sich drei Tage später und seitdem habe ich es beinahe unauf- 
hörlich. Es ist jetzt weniger Flimmern als trübes Sehen, bei großem 
Angstgefühl natürlich. Zuerst hatte ich die Angst vor Erblindung." 
Zum Verständnis dieser Störung, die ich, wie erwähnt, nicht analysiert 
habe, konnte ich nur ermitteln, daß der Patient sich in einem sexuellen 
Konflikt befand, der eine völlige Wiederholung seiner infantilen Ödipus- 
einstellung bildete. 

Es gibt eine, freilich seltenere Störung auf dem Gebiet der Schau- 
lust, welche den beschriebenen Störungen der Wahrnehmung in 
ihrer äußeren Erscheinung vollkommen entgegengesetzt und dennoch 
gleicher Herkunft ist und den nämlichen Tendenzen dient. Es handelt 
sich um ein übertriebenes Achtgeben auf die Dinge und Vorgänge 
in der Außenwelt, womit sich dann auch ein auffallend getreues 
Gedächtnis für minutiöse Details verbindet. Diese stetige Spannung 
der optischen Aufmerksamkeit,, dieses Notiznehmen von Dingen, 
welche von anderen Menschen als belanglos mit Recht keiner besonderen 
Beachtung gewürdigt werden, täuscht eine rege Schaulust vor. 



192 

Solche Menschen sind über tausend Kleinigkeiten innerhalb ihres 
Gesichtskreises glänzend orientiert. Aber dieser Gesichtskreis ist in 
Wirklichkeit erschreckend eng; er beschränkt sich auf das, was mit dem 
Interessenkreis der Kindheit, der Familie oder der engen Heimat 
zusammenhängt. Dagegen besteht eine Scheu, kennen zu lernen, was 
jenseits dieser Sphäre liegt. Besonders meiden solche Personen das 
sexuelle Schauen und jede sexuelle Aktivität. Wie leicht ersichtlich, 
handelt es sich um einen Verschiebungsvorgang. Dasjenige, was den 
Schautrieb am stärksten zu reizen vermag, wird gleichsam als etwas 
Verbotenes gemieden; das Interesse verschiebt sich auf das unbedingt 
«rlaubte Indifferente. 

Bei einem Patienten meiner Beobachtung ließ sich dieser Prozeß 
bis auf die frühe Kindheit zurückverfolgen. Der Patient, welcher 
vor Eintritt in die Behandlung etwas Unbestimmtes darüber vernommen 
hatte, daß in der Psychoanalyse die frühesten Kindheitserlebnisse 
reproduziert werden müßten, teilte mir in der ersten Sitzung vor allem 
andern mit, daß er außergewöhnlich vollständige und getreue Erinne- 
rungen aus seiner frühesten Kindheit habe. Er gab dann sogleich 
einige Beispiele, denen später eine große Zahl weiterer folgte, welche 
sich auf das vierte bis siebente Lebensjahr bezogen. Von Ereignissen 
dieser Zeit wußte er eine unbegreifliche Menge von Einzelheiten. Am 
erstaunlichsten war dieses minutiöse Gedächtnis für zwei Zeitpunkte 
in seinem vierten und siebenten Jäjire. Die letzteren bezogen sich 
auf den Aufenthalt in einem Badeort, wo er als sechsjähriger Knabe 
mit seinen Eltern geweilt hatte. Er kannte eine große Menge von 
Personennamen aus jener kurzen Zeit, beschrieb minutiös das Äußere 
seiner Spielgefährten, erinnerte sich, was diese und jene Person gesagt 
hatte, wußte von jedem Möbel der Wohnung, in der seine Eltern mit 
ihm wohnten. Die Erinnerungen waren so lebhaft und machten den 
Eindruck solcher Frische, daß man mit Recht von einer ausgesprochenen 
Hype rmne sie reden konnte. 

Dieses Phänomen blieb mir zunächst rätselhaft. An eine solch 
ausgeprägte Ausnahme von der allgemeinen Amnesie für die frühen 
Kindheitsjahre vermochte ich nicht zu glauben. Erinnerungsfälschüngen 
anzunehmen lag aber ebenfalls kein Grund vor. Die vom Patienten 
gemachten Angaben trugen in keiner Weise den Stempel des 
Phantastischen, bewegten sich vielmehr im Rahmen der nüchternsten 
Alltäglichkeit. Man hätte vergeblich geraten, was wohl die Phantasie 
des sehr intelligenten Mannes hätte veranlassen sollen, seine Kindheit 
mit dieser Menge uninteressanter Details auszuschmücken. Irgend 
welche affektstarken Eindrücke oder irgend welche Erinnerungen, die 



,193 

den Größenwünschen des Kindes oder des Erwachsenen hätten 
schmeicheln können, fanden sich unter all dem mitgeteilten Material 
nicht vor. 

Diese Hypermnesie klärte sich aber auf, sobald sich in ihrer 
Nähe eine — scheinbar nicht sehr wichtige — umschriebene Amnesie 
herausstellte. Der Patient wußte, außer dem geschilderten indifferenten 
Material nur eine Tatsache aus der Zeit jenes Badeaufenthaltes 
mitzuteilen, die mit großem Affekt verbunden war : in jener Zeit waren 
lebhafte Selbstvorwürfe bei ihm aufgetreten. Die Ursache dieser 
Selbstvorwtirfe war ihm aber völlig aus dem Gedächtnis 
entschwunden. Es ergab sich dann, daß der Patient auch in seinem 
vierten Lebensjahr bereits eine Periode der heftigen Selbstvorwtirfe 
durchgemacht hatte; der Anlaß zu den letzteren lag ebenfalls im Dunkeln. 

Der Hebung einer solchen, seit der frühen Jugend bestehenden 
Amnesie pflegen sich stets ganz besondere Widerstände in den Weg 
zu stellen. So auch in diesem Falle. Ganz allmählich wurden aber, 
besonders durch Träume, die Anhaltspunkte zutage gefördert, die mit 
Sicherheit darauf schließen ließen, daß auch bei diesem Patienten die 
in früher Kindheit erfolgte Beobachtung des elterlichen Sexualverkehres 
zu schweren Verdrängungen Anlaß gegeben hatte; sie muß gerade in 
die Zeit gefallen sein, die dem Auftreten der Selbstvorwürfe vorausging. 
Die sexuelle Neugierde verfiel der Verdrängung; an ihre Stelle trat 
das übertriebene Achtgeben auf indifferente Einzelheiten im täglichen 
Leben. 

Die Erforschung der frühen Kindheit förderte bei dem nämlichen 
Patienten Materialien zutage, die bewiesen, daß sich sein Interesse 
frühzeitig in einem ungewöhnlichen Maße auf den Körper seiner Mutter 
gerichtet hatte. Seine Fixierung an die Mutter hielt auch nach der 
Pubertät an und äußerte sich in einer schweren Neurose (Angsthysterie). 
Es ist nun bemerkenswert, daß der Patient eine große Scheu empfand, 
seine Mutter anzusehen. Das Verbot des Schauens auf die Nacktheit 
der Mutter hatte sich in eine Scheu vor ihrem Anblick überhaupt 
umgewandelt. Fremden weiblichen Personen blickte der Patient mit 
Vorliebe ins Gesicht, namentlich in die Augen ; das hatte für ihn 
einen ausgesprochen erotischen Reiz. Faktisch war dieses seine einzige 
Sexualbetätigung gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Ich erinnere 
hier an die früheren Erörterungen, welche uns die Genitalbedeutung 
des Auges ergaben. Jene sehr reduzierte Sexualbetätigung des 
Patienten war also eine von ihrem ursprünglichen Ziel — dem 
Genitale — abgelenkte, „nach oben verlegte" Schaulust. Bei dieser 
Gelegenheit mag daran erinnert werden, daß der Ausdruck des Auges 



13 



194 

leicht eine erotische Erregung verrät. Männer mit herabgesetzter 
sexueller Aktivität suchen oft gerade dieses Zeichen der Geneigtheit 
bei weiblichen Personen; sie beschränken sich manchmal darauf, 
dieses Zeichen hervorzurufen, unter Verzicht auf jede sonstige 
Annäherung. Diese Erscheinungen werden unten eine genauere 
Besprechung finden. Hier genügt es, auf die eigentümliche Verschiebung 
des Schautriebes hinzuweisen. 

Bei dem gleichen Manne bestand aber eine Scheu, männliche 
Personen anzublicken; sie bezog sich sogar auf ihm ganz vertraute 
Menschen. Die homosexuelle Schaulust war also in bedeutend weiterem 
Umfang der Verdrängung verfallen als die heterosexuelle. 

Eine ähnliche Unterdrückung der Schaulust ist von erheblicher 
Bedeutung für die Entstehung eines sehr verbreiteten motorischen 
Symptoms im Bereich der Augen, nämlich des zwangartigen 
Zuckens der Augenlider. Soweit meine psychoanalytische Erfahrung 
reicht, entspringt diese Zwangsbewegung einem erschrockenen 
Verschließen der Augen. Diese ist zunächst ein Ausdruck der 
Kastrationsangst. Das Liderzucken scheint regelmäßig mit einer 
Angst vor Beschädigung der Augen verbunden zu sein, welche nach 
unseren früheren Ausführungen einer Angst um das Genitale gleichkäme. 
Das zwangsmäßige Zusaramenkrampfen der Lider entspricht des 
weiteren einem Grauen vor gewissen Phantasien, welche sich dem 
Patienten mit visionärer Deutlichkeit aufdrängten und verbotenen 
Schaugelüsten Ausdruck gaben. Es scheint sich dabei teils um 
erotische Vorstellungen zu handeln, teils um solche sadistischer Art 
(Phantasien vom Tode Angehöriger). Diese Vorstellungen drängten sich 
dem Patienten eines Tages in Form von Bildern (Zwangshalluzinationen) 
auf, wurden unter Zeichen des Grauens abgewiesen und verfielen der 
Verdrängung. Das zwangsmäßige krampfartige Schließen der Augenlider 
zeigt aber an, daß jene verpönten Phantasien im Unbewußten des 
Patienten noch existieren, und daß ein fortdauernder Verdrängungs- 
aufwand erforderlich ist, um sie vom Bewußtsein fernzuhaltend 

Eine eigentümliche Transformation der sexuellen Schaulust stellt 
diejenige Störung dar, welche ich mit dem Namen Schauzwang 
belegen möchte. Ich behandelte einen Zwangsneurotiker, der neben 
dem Zwange, über die Herkunft jedes Gegenstandes zu grübeln, an 
dem krankhaften Antrieb litt, die Rückseite jedes Gegen- 
standes seinen Augen zugänglich zu machen und sie 

1 Ich bemerke ausdrücklich, daß ich hier keine erschöpfende Erklärung des 
Phänomens gebe; die obigen Andeutungen entstammen gelegentlicher Beobachtung, 
nicht ausführlicher Analyse. 



195 

dann zu betrachten. Ich habe einiges über diesen merkwürdigen 
Fall raitgeteilti. In diesem Zusammenhange sind folgende Tatsachen 
von Interesse. 

Vor dem Hause, in welchem ich damals wohnte, befand sich 
ein Vorgarten, an dessen Gitter mein Namensschild angebracht war. 
Der Patient begnügte sich bei seinem ersten Besuch, der an einem 
Abend stattfand, nicht damit, die Aufschrift des Schildes zu lesen, 
sondern beleuchtete, nachdem er in den Vorgarten eingetreten war, 
mit Hilfe eines Zündhölzchens die Rückseite des Schildes. Dann 
brachte er (nach Schilderung seiner ihn begleitenden Frau) längere 
Zeit damit zu, laut vor sich hinsprechend, über die Herstellung solcher 
Schilder nachzugrübeln. Als seine Frau ihn endlich bis in mein 
Sprechzimmer gebracht hatte, faßte er alsbald eine kleine Bronzefigur 
ins Auge, nahm sie vom Tisch, drehte sie und betrachtete besonders 
eingehend die Rückseite des Körpers. 

Die sehr fragmentarische Psychoanalyse ergab, daß der Patient 
in der -Kindheit ein übergroßes Interesse für das Gesäß bekundet 
hatte. Im Anschluß an den unverhofften Anblick des Gesäßes einer 
Frau waren seine ersten Zwangssymptome aufgetreten. Das Interesse 
am Gesäß hatte sich dann auf leblose und indifferente Gegenstände 
verschoben, deren Rückseite der Patient zwangsmäßig betrachten 
mußte. Warum die Schaulust in diesem Falle (und in mancher anderen 
Neurose) vorwiegend auf das Gesäß anstatt auf das Genitale gerichtet 
ist, kann hier nicht genauer untersucht werden. 

Eine, wie es scheint, speziell bei weiblichen Neurotischen 
vorkommende Störung ist die A n g s t, durch den Blick Personen 
des anderen Geschlechtes sinnlich zu erregen. Sie führt 
in manchen Fällen zu einer Scheu vor jeder Begegnung mit Menschen, 
so daß die von dieser Störung befallenen Personen ganz unsozial 
werden. 

Die Eigentümlichkeit dieser und gewisser noch zu erwähnender 
Fälle besteht darin, daß dem Auge respektive dem Blick eine Macht 
zugeschrieben wird, als wäre das Individuum im Besitz zauberhafter 
Kräfte. Es entspricht dieser Überschätzung des Auges und seiner 
Macht, daß solche Menschen in ihrem Denken sich in auffälliger 
Weise auf diesen Vorstellungskreis einengen. Auf Grund mehrfacher 
Erfahrungen glaube ich, die hieher gehörigen Fälle diagnostisch nach 
zwei Seiten sondern zu können. 

' „Eine Deckerinnerung betreffend ein Kindheilserlebnis von scheinbar 
ätiologischer Bedeutung." Internationale Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse, 1913, 
Bd. I, S, 247. 



13* 



196 

Die Angst, durch den Blick in jedem Menschen sexuelle Erregung 
wachzurufen, findet sich bei Neurotischen neben anderen Phobien 
oder Zwangsgedanken. Die Störung erscheint mir durchaus ein 
Analogon der Vorstellung von der „Allmacht der Gedanken" zu sein; 
dem Blick wird hier eine solche „Allmacht* zugeschrieben. 

Diagnostisch anders zu bewerten sind dagegen jene Fälle, in 
denen die Angst besteht, durch den Blick Wirkungen zu erzielen, die 
über das Erregen von Verliebtheit usw. weit hinausgehen. Hier handelt 
es sich um Psychosen von paranoidem Charakter, die oft durch lange 
Zeit äußerlich unter dem Bilde einer Neurose verlaufen. 

Bei einem jungen Mädchen bestand die Angst, durch ihren Blick 
andere Menschen in solchem Maße zu entsetzen, daß sie erstarren 
und auf der Stelle sterben müßten. Die Obereinstimmung mit einem 
antiken Sagenstoff ist hier ganz frappant; die Patientin verglich auch 
selbst ihren Blick mit dem der Gorgo. Diese Angst verstärkte sich 
im Laufe der Jahre immer mehr und nötigte die Patientin, sich von 
aller Gesellschaft zurückzuziehen. In einem ihrer Träume befand sie 
sich in einem riesigen Räume, der etwa einer Bahnhofshalle glich. 
Unter den Tausenden von Menschen, die dort versammelt waren, 
erscholl plötzlich der Schreckensruf, die „Totenstarre" sei 
ausgebrochen, worauf die Menschen in panischem Entsetzen vor der 
Träumerin flohen. 

Ganz ähnliche Phantasien fand ich bei einem anderen jungen 
Mädchen. Die Vorstellung, durch ihren Blick zahllose Menschen zu 
töten, setzte sich bei ihr nicht bloß in den Träumen, sondern auch in 
Sinnestäuschungen während des Wachens durch. Als sie z. B. an einem 
Ball teilnahm, bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, wie jeder Mensch, 
den sie ansah, im Gesicht eine weißgrünliche Leichenfarbe annahm, 
wodurch für sie der Eindruck entstand, daß sie sich unter lauten 
Toten befand. 

Beide Personen, von welchen zuletzt die Rede war, ergingen 
sich in maßlosen sadistischen Phantasien. Die eine zerbrach im Traum 
ihrer Mutter sämtliche Knochen, die andere phantasierte unaufhörlich 
von räuberischen Überfällen auf ihre Familie, deren Mitglieder gemordet 
oder gefoltert wurden; diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren. 
Das Auge war in diesen Fällen sozusagen ein Instrument 
des Sadismus. 

Es ist bemerkenswert, daß es sich in den Fällen dieser Art, 
welche ich beobachten konnte, immer um weibliche Personen handelte. 
Die Psychoanalyse in den beiden zuletzt erwähnten Fällen war mit 
sehr großen, in der Krankheit begründeten Schwierigkeiten verbunden. 



197 



Ich kann deshalb nur mit einer gewissen Reserve aussagen, daß für 
beide Patientinnen, die in ihren Phantasien die männliche Geschlechts- 
rolle zu übernehmen liebten, das Auge die Bedeutung eines Penis zu 
haben schien, mit dem man die Menschen erschrecken und töten 
konnte. Diese Auffassung, die zunächst befremdend und unwahrscheinlich 
klingt, findet ihre Bestätigung in den nicht seltenen Beängstigungen 
neurotischer Frauen, vom Blick des Mannes „durchbohrt" zu werden. 
So wich z. B. eine meiner Patientinnen dem Blick jedes Mannes aus, 
weil sie sich von ihm im eigentlichsten Sinne — durchbohrt fühlte, 
d. h. sie verspürte, sobald der Blick eines Mannes sie traf, einen 
stechenden Schmerz im Unterleib. 

Andere Neurotische spüren stechende oder bohrende Schmerzen 
im Auge. In manchen solchen Fällen handelt es sich um eine 
Verlegung der soeben erwähnten Genitalsensationen „nach oben". Es 
gibt jedoch seltene Fälle von schwerem, neurotischem Augen- 
schmer z, die eine sehr komplizierte psychologische Struktur aufweisen. 
Ich werde über die Psychoanalyse eines solchen Falles genauer 
berichten; hier war der Augenschmerz mit einer extremen Lichtscheu 
kombiniert. Die Patientin brachte längere Zeit in vollkommenem 
Dunkel zu. Dieser Fall eignet sich besonders dazu, dieBedeutung 
der Dunkelheit im Seelenleben der an Lichtscheu Leidenden 
aufzuklären. Wir müssen zu diesem Zwecke wieder an die oben 
mitgeteilten Resultate aus der Analyse der Lichtscheu anknüpfen. 

III. Zur Bedeutung des Dunkels in der Psychologie der 

Neurosen. 

Bei der Analyse der neurotischen Lichtscheu ergab sich, daß der 
Sonne vorzugsweise die Bedeutung eines Vatersymbols, daneben 
freilich auch diejenige eines Muttersymbols zukomme. In Hinblick auf 
diese zweite, entschieden untergeordnete Bedeutung darf man sagen, 
daß das nur in der Einzahl vorhandene Sonnensymbol der Darstellung 
der Vaterimago diene, welch letztere die Mutterimago sozusagen in 
sich aufgesogen habe. Ich denke dabei an einen Vorgang solcher Art, 
wie wir ihn in deutlichen Spuren z. B. in der biblischen Schöpfungs- 
geschichte finden. Unterwirft man diesen Mythus, der ja Spuren ganz 
außerordentlicher Umarbeitungen und Entstellungen aufweist, einer 
genaueren Analyse, so fällt in hohem Maße auf, wie sehr das weiblich- 
mütterliche Element im männlich-väterlichen aufgegangen ist. Findet 
man in den uns sonst bekannten Kosmogonien stets ein sogenanntes 
„Welt-Elternpaar", so erschafft in der biblischen Genesis der 



198 



einzige (männliche) Gott allein die Welt, alle Wesen und endlich auch 
den Menschen, oder - richtiger gesagt - den JVIann. Erst aus 
diesem entsteht das Weib. Beide zeugen zusammen wiederum Söhne 
kerne Töchter. Diese weitgehende Ausschaltung des weiblichen 
Elementes erweist sich jedoch als eine ganz sekundäre Erscheinung 
auf die später noch zurückzukommen sein wird. 

Wenn nun im Sonnensymbol vorwiegend die Vaterimago ihren 
Ausdruck findet, so wird man sich fragen, ob die Imago der Mutter 
nich etwa doch auch durch ein besonderes Symbol in den Phantasie- 
gebilden unserer Patienten vertreten sei. Denn die Mutter spielt in 
den unbewußten Phantasien dieser Patienten eine bedeutende Rolle- 
die Ihr geltenden Vorstellungen haben unbedingt den gleichen Anspruch 
auf einen ihnen adäquaten symbolischen Ausdruck wie die auf den 
Vater bezüglichen Phantasien. Zur Lösung dieser Frage gelangte ich 
auf einem Umweg, nämlich als ich einer anderen, ebenfalls ungelösten 
Frage im Bereich der neurotischen Lichtscheu näher zu kommen 
versuchte. Die neurotische Lichtscheu wurde nicht in vollem Umfang 
verständlich, solange nicht die Frage, warum die Patienten das Dunkel 
aufsuchen, allseitig geklärt war. Ich selbst war anfänglich geneigt in 
diesem Verhalten lediglich eine Flucht vor dem Licht zu erblicken 
Bei genauerem Studium dieser Fälle wurde mir aber immer klarer 
daß dem Dunkel nicht bloß eine negative Bedeutung zukomme. Durch 
eine Mitteilung von Dr. A. Stegmann in Dresden wurde ich auf 
den positiven Lustwert des Dunkels aufmerksam gemacht. Erst dadurch 
wurden mir die manchmal so komplizierten Maßregeln zur Herstellung 
völliger Dunkelheit verständlich, wie diese Patienten sie, besonders 
am Abend, zu treffen pflegen. Ich habe, der größeren Übersichtlichkeit 
halber, in den zwei mitgeteilten Auszügen aus Psychoanalysen (Kap I) 
diese wichtige Seite des Zustandes zunächst außer acht gelassen. Ich 
werde das Nötige nunmehr nachtragen und mich dabei auf die schon 
bisher herangezogenen Fälle, außerdem aber namentlich auf die 
Psychoanalyse einer Frau beziehen, die an einer extrem schweren 
Lichtscheu erkrankt war. 

Die Patientin — dieselbe, auf deren Krankheitsgeschichte ich 
im vorstehenden schon einige Male verweisen mußte — lebte zu der 
Zeit, als sie in psychoanalytische Behandlung trat, Tag und Nacht 
im absoluten Dunkel. Sie litt - wie erwähnt - nicht nur an einer 
sehr ausgeprägten Lichtscheu, sondern empfand jede Belichtung als 
heftigen Schmerz in den Augen. Die Sehorgane waren, bis auf einen 
mäßigen Grad von Astigmatismus, durchaus gesund. Eine Reihe 
namhafter Ophthalmologen hatte sich übereinstimmend dahin 



199 



ausgesprochen, daß es sich bei der Patientin nicht lediglich um die 
Schmerzen handle, welche oftmals den Astigmatismus begleiten. Der 
ätiologische Zusammenhang des Leidens mit schweren Gemüts- 
erregungen wurde von der Patientin selbst betont. 

Jeder Besuch der Patientin in meiner Wohnung war durch ihr 
Leiden aufs äußerste erschwert. Am hellen Tage konnte sie den Weg 
nicht machen; ebensowenig am Abend, wenn die Straßen elektrisch 
beleuchtet waren. So war sie auf die Dämmerstunde angewiesen. Sie 
schützte dann ihre Augen durch ein Pincenez mit ganz dunkeln 
Gläsern; darüber setzte sie eine ebenfalls dunkle Automobilbrille, 
die besonders den seitlichen Lichteinfall vom Auge fernhielt. Dann 
folgte als weiterer Schutz ein dichter Schleier; damit nicht genug, 
bog sie die sehr breite Krempe ihres Hutes tief herab. So geschützt, 
bestieg sie eine geschlossene Droschke und begab sich zur Behandlung. 
In ihrer Wohnung schützte sie sich in ähnlich komplizierter Weise 
gegen das Licht. 

Daß auch in diesem Falle Licht und Leben identisch waren, 
ergab sich bald; die ungeheuer starke Betonung des Willens, im 
Dunkeln zu leben, stellte sich bald als ein Todessehnen heraus. In 
einem ihrer Gedichte hatte die Patientin, die einst mit großem Ehrgeiz 
ins Leben getreten war, ihr Dasein mit einem Kirchhof verglichen. 
Sie war in ihrem dunklen Zimmer, wo sie auch noch zumeist im Bette 
lag, gleichsam lebendig begraben. Die in diesem Begräbnis 
liegende Selbstbestrafung liegt für den Psychoanalytiker auf der Hand, 
der weiß, wie häufig die verdrängte Phantasie vom Lebendigbegraben 
zur neurotischen Symptombildung Anlaß gibt. 

Von ausschlaggebender Wichtigkeit war aber, wie sich des 
weiteren zeigte, die Phantasie von der Rückkehr in den 
Mutterleib. Die Fixierung der Tochter an die Mutter war so 
außergewöhnlich stark, daß die Patientin, eine Frau von großem 
psychologischen Scharfblick, mit Bezug darauf einmal äußerte, die 
„psychologische Nabelschnur" zwischen ihr und ihrer Mutter sei nicht 
durchschnitten worden! Unter ihren Gedichten fand sich eines, in 
dem sie die Mutterleibsphantasie in anschaulicher Weise zur Darstellung 
gebracht hatte. 

Von den mannigfachen Determinierungen der Lichtscheu und 
des Augenschmerzes kann ich aus besonderen Rücksichten nur einiges 
andeuten. Im Phantasieleben der Patientin lagen schwerwiegende 
Motive, wegen deren sie sich jeder Lust am Schauen begeben hatte 
und sich für jeden Verstoß gegen dieses selbstgegebehe Verbot mit 
heftigen Schmerzen bestrafte. Neben anderen Phantasien handelte es 



200 




sich um solche, die gegen eine Person ihrer nächsten Umgebung 
gerichtet waren, weil jene die Patientin an Glanz weit überstrahlte. 
Zur Erklärung der sonderbaren Prozeduren, welche die Patientin 
vor dem Verlassen des Hauses treffen mußte, trug in hohem Maße 
bei, daß sie durch Brillen und Schleier hindurch auf keinen Mann 
„ein Auge werfen" konnte, daß sie sich durch ihre Vermummung für 
jeden Mann abschreckend machte, freilich auch für den eigenen Mann. 
Ohne des weiteren auf die Determinierungen der Symptome 
einzugehen — besonders die sadistischen Determinierungen habe ich 
nicht genauer berücksichtigt — erwähne ich, daß im Laufe einiger 
Monate eine so weitgehende Besserung der Lichtscheu eintrat, daß 
die Patientin unter Anwendung relativ geringer Schutzmaßregeln an 
abendlichen Gesellschaften in hell erleuchteten Räumen teilnehmen konnte. 
Einmal brachte sie vier Stunden in einem hell erleuchteten Saal zu. 
Diese schönen Erfolge, welche natürlich zu einem Teil auf Übertragungs- 
wirkungen beruhten, wurden durch eine Periode des intensivsten 
Widerstandes abgelöst. Die Psychoanalyse hatte der Kranken zum 
Eintritt ins Leben verholfen, hatte die „psychologische Nabelschnur- 
nahezu durchtrennt. Aber die Patientin durfte sozusagen das Licht der 
Welt nicht erblicken. Der nun einsetzende Widerstand erweckte die 
Mutterleibphantasien von neuem. Die Patientin zog sich mit heftigen 
Schmerzen wieder in ihren kaum verlassenen Kerker zurück und 
weigerte sich gegen eine Fortsetzung der Behandlung; diese wurde 
tatsächlich nicht wieder aufgenommen. 

Die symbolische Bedeutung des Dunkels hat einen durchaus 
ambivalenten Charakter. Ganz wie die Erde oder das Wasser hat 
auch das Dunkel gleichzeitig eine symbolische Bedeutung im Sinne 
der Geburt und des Todes. Diese doppelte Bedeutung kommt in 
der Symbolik der Träume und der Neurosen allen Höhlen zu, in 
welche kein Licht eindringt, und zwar sowohl den Höhlen des mensch- 
lichen Körpers als auch Hohlräumen anderer Art. 

Die dunkle Höhle, welche in dieser Symbolik den Mutterleib 
repräsentiert, ist oftmals nicht als Uterus, sondern als Darm aufzufassen. 
Für den psychoanalytisch Erfahrenen genügt hier der Hinweis auf die 
bekannte infantile Sexualtheorie, welche die Geburt der Kinder aus dem 
Anus der Mutter erfolgen läßt, und die oft überlebhafte Betonung 
des kindlichen (respektive neurotischen) Interesses an Darm und Darm- 
funktionen. Durch die Ergebnisse meiner Psychoanalysen bin ich 
aber mehr und mehr darauf aufmerksam gemacht worden, daß das 
Interesse mancher Neurotiker am Alleinsein in einem engen, dunkeln 
Raum noch weitere Determinierungen analerotischer Natur 



201 

aufweist. Besonders kommt in ihren Pliantasien, wie leicht zu vermuten, 
diesem Raum oft die Bedeutung des Klosetts zu. Überraschender, 
aber für den Kundigen durchaus erklärlich ist die nicht seltene 
Vorstellung neurotischer Personen, in einer Klosettgrube eingeschlossen 
zu sein. Bald ist diese der Ort ihrer heimlichen, lustbetonten Wünsche, 
bald ihrer unheimlichen Befürchtungen. 

Ich mußte zum Schluß dieses Abschnittes ausführlicher auf das 
infantile und das neurotische Interesse an geschlossenen dunkeln 
Räumen eingehen, weil uns dadurch andere psychologische Erscheinun- 
gen verständlich werden, zu denen wir nun übergehen müssen. Die 
bei vielen Neurotischen, insbesondere bei Zwangskranken, so sehr, 
hervortretende Neigung zu allem „Dunkeln", d. h. Geheimnisvollen, 
Übersinnlichen, Mystischen darf nicht nur aus verdrängter Schaulust 
im allgemeinen erklärt werden, sondern ist spezieller determiniert 
durch jenes lustbetonte Interesse an dunkeln' Höhlen, welches uns 
aus der infantilen Sexualität verständlich wurde. 

IV. Beiträge zur Psychologie des Zweifeins und Grübelns. 
Völkerpsychologische Parallelen. 

In den „Bemerkungen über einen Fall von Zwangs- 
neurose« (1909) hat Freud den Nachweis geführt, daß gewisse 
Symptome der Zwangsneurose von einem Verdrängungs- und 
Verschiebungsvorgang herrühren, welcher den Schautrieb betroffen hat. 
Er verwies dabei namentlich auf die Beziehungen zwischen Schaulust, 
Wißbegierde, Zweifeln und Grübeln. 

Im folgenden beabsichtige ich, an Hand meines analytischen 
Materials den von Freud erkannten Prozeß genauer zu verfolgen, und 
Freuds Aufstellungen in gewisser Hinsicht zu ergänzen; überdies werde 
ich gewisse völkerpsychologische Parallelerscheinungen in den Kreis 
der Betrachtung ziehen. 

Bei den Neurotikern, welche an Frage- und Grübelsucht leiden, 
finden wir regelmäßig eine Herabsetzung der sexuellen Aktivität; 
in extremen Fällen ist die letztere dem grüblerischen Denken vollständig 
zum Opfer gefallen'. Solche Menschen stehen den wichtigen Fragen 
der Sexualität ratlos wie Kinder gegenüber; ihr Interesse hat sich vom 
sexuellen Gebiet in folgenschwerer Weise entfernt und sich auf andere 
Fragen verschoben. 

> Es handelt sich hier vorwiegend um männliche Patienten. Bei Frauen Ist 
die Grübelsucht viel seltener. Wo ich aber bei Frauen Symptome von Fragesucht oder 
ähnliche Erscheinungen fand, stellte sich regelmäßig auch eine außergewöhnlich 
weitgehende Sexuajablehnung heraus. 



202 

Die primitive sexuelle Neugierde richtet sich im Kindesalter 
zuerst auf den Körper und speziell auf die Genitalien der Eltern, 
sodann auf den Zeugungsvorgang und auf die Geburt. Daß sich beim 
Knaben, dessen Verhalten uns hier in erster Linie beschäftigen muß, 
das Interesse in weit höherem Maße der Mutter zuwendet als dem 
Vater, ist nicht bloß aus dem Geschlechtsunterschied zu erklären, 
sondern hauptsächlich auch aus dem Interesse für die Herkunft der 
Kinder aus dem Körper der Mutter. 

Die primitive kindliche Neugierde will diese Organe oder Vorgänge 
sehen; das Verlangen, von ihnen zu wissen, läßt bereits auf eine 
Eindämmung der Schaulust schließen. Bei vielen Neurotikern geht die 
Einschränkung bedeutend weiter, indem auch das Wissen auf sexuellem 
Gebiet gleichsam einem Interdikt verfällt. Alsdann kommt es zu mannig- 
faltigen Transformationen der Schaulust, deren wichtigste von Freud 
in der genannten Schrift bereits behandelt worden sind. Wertvolle 
Beiträge zu diesen Fragen hat v. Winterstein^ geliefert. 

JVlit diesen Prozessen der Transformierung und ihren Produkten 
müssen wir uns nunmehr beschäftigen. 

Wir nehmen mit Freud an, daß die sexuelle Schaulust des 
gesunden Menschen im Kindesaiter in einem erheblichen Umfang der 
Verdrängung und Sublimierung verfällt. Von wichtigen psycho- 
logischen Erscheinungen, welche größtenteils diesem Vorgang ihre 
Entstehung verdanken, nenne ich hier nur Wißbegierde (im allgemeinen 
Sinne), Forschungsdrang, Interesse an der Naturbeobachtung, Reiselust 
sowie den Trieb zur künstlerischen Verwertung des vom Auge 
Wahrgenommenen (z. B. in der Malerei). 

Bei Neurotischen müssen wir in vielen Fällen sicheriich eine 
konstitutionelle Verstärkung der Schaulust annehmen; doch kann auch 
durch Einschränkung der sexuellen Aktivität der Schaulust eine 
vergrößerte Bedeutung zufallen. An die Stelle aktiver sexueller 
Leistungen tritt dann ein verstärkter Drang zum tatenlosen Schauen 
aus der Ferne. Das Schicksal dieser neurotischen Schaulust kann sehr 
vielfältig sein. Zu einem Teil kann sie in ihrer ursprünglichen Gestalt 
erhalten bleiben ; zu einem anderen Teile wird sie durch Sublimierung 
im oben beschriebenen Sinne umgewandelt; ein dritter Teil endlich 
wird zur neurotischen Symptombildung verwandt. Je lebhafter der Trieb, 
desto intensiverer Sublimierungsarbeit bedarf es, um den Ausbruch 
neurotischer Störungen zu verhüten; desto schwerer pflegen freilich 
auch diese Störungen auszufallen, wenn es zur Symptombildung kommt. 

1 „Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie'. 
Imago, 1913, Bd. U. - 



203 



Der Sublimierungsprozeß vermag seinerseits verschiedene 
Richtungen einzuschlagen. Ich wende mich zunächst zu solchen 
Neurotikern, welche ein lebhaftes Interesse für konkretes 
Wissen oder Forschen an den Tag legen. 

In den Interessen der Neurotiker, welche einer solchen Sublimierung 
der Schaulust ihre Entstehung verdanken, vermag man oft den 
ursprünglichen Trieb — bald ohne besondere Hilfsmittel, bald erst 
auf psychoanalytischem Wege — wieder zu erkennen. Ich gebe aus 
einer meiner Beobachtungen ein paar besonders instruktive Beispiele i. 

Ein sehr intelligenter und gebildeter Neurotiker hatte ein 
ausgesprochenes Streben nach wissenschaftlicher Universalität in sich. 
Bei seiner regen geistigen Tätigkeit hatte er bemerkt, daß ihn in jeder 
Wissenschaft, der er sein Interesse zuwandte, immer ein einzelnes 
Problem ganz besonders fesselte. Als ich ihn um Beispiele bat, nannte 
er mir u. a. die folgenden: 

In der Chemie interessiere ihn am meisten derStatusnascendi. 
Bei genauerem Eingehen ergab sich, daß der Augenblick, in dem ein 
Stoff sich bildet, oder in dem zwei Stoffe sich zu einem neuen 
vereinigen, ihn förmlich zu faszinieren vermochte. Das Interesse für 
Zeugung (Vereinigung zweier Stoffe zur Bildung eines neuen) und 
Geburt (Status nascendi!) war hier in erfolgreicher Weise auf ein 
wissenschaftliches Problem verschoben. Der Patient fand in jeder 
Wissenschaft unbewußt dasjenige Problem heraus, welches sich zur 
verhüllten Darstellung seiner Kindheitsinteressen am besten eignete. 

Ein weiteres, besonders instruktives Beispiel für diese 
Sublimierungstendenz entnahm der Patient aus dem Gebiet der 
Paläontologie. Hier habe ihn das als „Pliozän" bezeichnete Zeitalter 
am meisten gefesselt. Es handelt sich um das Zeitalter, in welches das 
erste Auftreten des Menschen fällt. Die typische Frage des 
Kindes nach seiner eigenen Entstehung ist hier zum allgemeinen 
Interesse für die Entstehung des Menschengeschlechtes subliraiert. 

Es wäre leicht, die Zahl dieser Beispiele zu vermehren. Die 
mitgeteilten zeigen, daß diese Form der Sublimierung für den Neurotiker 
einen sehr wichtigen Vorzug hat: daß sie ihn nämlich in nahe Fühlung 
mit den Phänomenen der Außenwelt bringt. In anderen Fällen 
verwandelt sich die verdrängte Schaulust in einen unproduktiven 

» Es gibt auch ein unproduktives Interesse an Konkretem, das man bei 
Neurotischen nicht selten findet, und das nichts anderes darstellt als eine Neugierde 
von infantilem Charakter. In dem oben beschriebenen Falle A gelang es, diese 
Neugierde aufzulösen; an ihre Stelle trat ein durchaus produktives, tätiges Interesse 
an den Erscheinungen der Außenwelt. 



204 



Wissensdrang, der sich niclit den realen Phänomenen zuwendete Wir 
haben dann mit der neurotischen Grübelei zu tun, die 
gleichsam eine Karikatur des philosophischen Denkens bildet. 

Wir verdanken v. Winterstein (1. c.) schöne Aufschlüsse über 
die unbewußten Triebfedern des philosophischen Denkens. Der 
Philosoph möchte, wie der Autor ausführt, seine eigenen 
Gedanken schauen. Die Libido richtet sich hier nicht mehr auf 
das verbotene (inzestuöse) Ziel, nicht mehr auf das, was man nicht 
sehen darf, sondern auf das, was man nicht sehen k a n n. Gleichzeitig 
hat sie sich auf das Ich in einer Form zurückgewandt, die wir nur 
als eine Regression in die Bahnen des kindlichen Narzißmus verstehen 
können (v. W i n t e r s t e i n). Ich werde später aus einer meiner Analysen 
einschlägiges Material mitteilen, aus welchem hervorgeht, daß beim 
neurotischen Grübler ein ähnlicher Prozeß stattfindet. 

Im folgenden werde ich, um die Grenzen meines Themas nicht 
zu überschreiten, die Fragen des Narzißmus aus der Untersuchung 
möglichst ausschalten. Ich werde mich im ganzen darauf beschränken, 
in den neurotischen Grübeleien und Zweifeln die Spuren der verdrängten 
inzestuösen Schaulust nachzuweisen. 

Als Beispiel der neurotischen Grübeleien wähle ich die besonders 
häufige, mit Zwangsgewalt sich dem Patienten immer wieder 
aufdrängende Grübelf rage nach der Herkunft der Gedanken. 
Ein schon in vorgerückterem Alter stehender Zwangsneurotiker, den 
ich behandelte, befaßte sich seit vielen Jahren mit dieser Grübelei. 
Es ließ sich ermitteln, daß ihrer Entstehung eine andere Grübelei 
zeitlich unmittelbar vorausgegangen war, nämlich der Gedanke: Wohin 
werde ich nach meinem Tode kommen? Diese Frage war in 
dem Patienten während einer Seereise aufgetaucht, kurze Zeit nachdem 
sich bei ihm gewisse hypochondrische Besorgnisse um sein Leben 
gezeigt hatten. Es befiel ihn die Angst: wenn ich jetzt während der 
Fahrt sterbe, wird man meine Leiche dann nach dem alten Seemanns- 
brauch ins Wasser versenken? Er verlangte also Gewißheit darüber, 
wohin er nach seinem Tode kommen werde. Bald darauf zeigte sich 
dann die zweite Grübelei nach der Herkunft der Gedanken, welche 
jedoch die erste niemals ganz beiseite zu drängen vermochte. 

Der ersten Grübelei versuchte der Patient durch eine praktische 
Maßregel zu entgehen. Als seine Mutter gestorben war, legte er ein 
Mausoleum an. Nun wußte er, wo er nach seinem Tode liegen werde, 

» Erwähnenswert ist die Beobachtung, daß unter solchen Bedingungen in der 
Regel die Freude am Anblick der Natur gering ist, ebenso das Interesse an Produkten 
der bildenden Kunst zu fehlen pflegt. 



205 

wofern nicht ganz besondere Urnstände seine Beisetzung im 
Erbbegräbnis verhindern würden: an der Seite der Mutter i. 

Ohne auf alle ihre verschiedenen Determinierungen einzugehen, 
hebe ich nur hervor, daß die Frage: „Wohin komme Ich nach dem 
Tode?" die typische Umkehrung einer anderen, dem Kinde näher 
liegenden Frage enthält: „Wo war ich vor der Geburt?" Als 
eine andere Umgestaltung dieser Frage aber entpuppt sich in der 
Psychoananalyse der hauptsächlichste Zwangsgedanke des Patienten 
nach der Herkunft der Gedanken. 

Der Patient begnügt sich nicht mit grübelndem, abstraktem 
Denken allein, sondern er sucht sich eine sinnliche Vorstellung davon 
zu machen, wie die Gedanken im Gehirn entstehen, und wie sie aus 
dem Gehirn „hervorkommen". Er verlangt eigentlich, diesen Vorgang 
zu sehen. Ein junger Philosoph, den ich psychoanalytisch behandelte, 
brachte die überraschend einfache Erklärung: „Ich vergleiche das 
Gehirn mit dem Mutterleib." Will er nun die Entstehung der 
Gedanken beobachten, so können wir in diesem Wunsch nur eine 
Verschiebung des typischen Kinderwunsches erblicken: Zeugung und 
Geburt mit Augen zu sehen. Ich bemerke hier, daß der Vergleich der 
geistigen Produktion mit der sexuellen uns auch im allgemeinen 
durchaus nicht fernliegt; wir sprechen etwa von der Konzeption eines 
Dichtwerkes usw. Dringt man analytisch noch weiter vor, so stößt 
man auf die Identifizierung von Geburtsakt und Defäkationsakt, und 
damit weiter auf eine Gleichsetzung der Gehirnprodukte (Gedanken) 
und Darmprodukte. 

Es ist nun interessant, daß der Patient, welcher sich in seinen 
Grübeleien mit der Herkunft der Gedanken und mit dem Verbleib 
seines Körpers nach dem Tode beschäftigte, auffallend ununterrichtet 
über gewisse Hauptsachen des Geburtsvorganges war. Er hatte die 
Unwissenheit auf diesem Gebiete nie ganz aufgegeben; sein Wissens- 
drang hatte sich auf jene Grübelfragen verschoben. 

Eine weitere, sehr verbreitete Grübelei ersetzt das Begehren, das 
menschliche Leben entstehen zu sehen, durch eine andere Umkehrung. 
Sie fragt nicht nach der Herkunft, sondern nach dem Zweck des 
menschlichen Lebens. Auch diese obsedierende Frage ist 



» Ich verfüge über mehrere, einander sehr ähnliche Beobachtungen, in denen 
ein Sohn durchaus neben der Mutter, oder eine Tochter neben dem Vater bestattet 
zu werden verlangte, wobei dann der andere Elternteil von seinem ihm zukommenden 
Platz verdrängt werden sollte. Ein interessantes Beispiel für diese Art der Besitznahme 
von der Mutter bietet der altägyptische König Echnaton; vgl. meine Abhandlung 
Imago, 1912, Bd. I. 



I 



k 



206 

unlösbar, trotz aller Versuche, ihr vom religiösen Standpunkt aus eine 
das Gemüt befriedigende Beantwortung zu geben. Ein junger Mann, 
den ich behandelte, wurde im Pubertätsalter von dieser Grübelfrage 
durch längere Zeit obsediert. Es ergab sich, daß er gleichzeitig eine 
förmliche Angst davor hatte, über den Bau des weiblichen Körpers 
und über die Geschlechtsfunktionen Genaueres zu erfahren. Auch in 
späteren Jahren, als sich ihm Gelegenheit bot, den weiblichen Körper 
zu betrachten, hielten ihn Angst und Ekel davon zurück; diese Affekte 
bezogen sich aber ganz speziell auf das Beschauen der Genitalgegend. 
Als der Patient in meine Behandlung trat und erfahren hatte, daß in 
der Psychoanalyse die geschlechtlichen Vorgänge zur Sprache kämen, 
richtete er an mich die ausdrückliche Bitte, ihm vorläufig keine 
„Aufklärungen" über das zu geben, was er bisher nicht wisse. In der 
Psychoanalyse ergab sich mit großer Klarheit, daß die Schaulust, 
welche mit so starken Affekten abgelehnt wurde, sich im Unbewußten 
auf die Mutter des Patienten bezog. 

Die Grübelfragen der Zwangsneurotiker sind stets unbeant- 
w r t b a r. Das Rätsel, welches sie eigentlich lösen möchten, darf 
nicht gelöst werden; die Grübelei, welche an seine Stelle tritt, kann 
nicht gelöst werden. So bleibt das Geheimnis erhalten. Im Patienten 

I besteht ein dauernder Konflikt zweier Parteien, deren eine forschen, 

' wissen möchte, während die andere die Unwissenheit zu erhalten 

i strebt. 

Es wird hieraus erklärlich, warum sich Grübelsucht und sexuelles 
Nichtwissen so regelmäßig beieinander finden. Es kommt aber für die 
Erklärung dieses Zusammentreffens weiter in Betracht, daß für viele 
Neurotiker das Geheimnis selbst mehr Lustwert hat als seine Enthüllung. 
Ich habe darauf schon oben hingewiesen. Gelegentlich begegnet man 
Patienten, die unter ihrer Unwissenheit ernstlich leiden und dennoch 
sich nicht von ihr freimachen können. Ich beobachtete z. B. einen 
28jährigen Mann, der an schweren Aufregungszuständen litt. Der 
gedankliche Inhalt dieser Zustände war ganz bewußt: Alle Menschen 
wissen, nur ich allein bin vom Wissen ausgeschlossen. Für ihn bedeutete 
freilich „Wissen" nicht nur die Kenntnisse auf sexuellem Gebiet, 
sondern vor allem „sehen" und weiterhin die sexuelle Aktivität! Es 
leuchtet ohneweiters ein, daß derjenige, welcher die sexuelle Aufklärung 
meidet, sich damit vollends der sexuellen Aktivität entzieht. Der 
Patient verlor in meinem Sprechzimmer einmal einen Zettel, der mit 

. allerlei unverständlichen, abgebrochenen Redewendungen beschrieben 
war. In der Mitte des Zettels waren mit großer Schrift die Worte zu 
lesen: I don't know. In diesem Satz pflegte der Patient die ganze 



207 



Qual seiner Unwissenheit auszudrücken. In seinen Aufregungszuständen 
lief er im Zimmer umher und schrie die gleichen Worte. Ebenso 
schrieb er sie auf Papierblätter und umgab sie mit allerhand Verwün- 
schungen. Die Psychoanalyse konnte in diesem Falle nur durch einige 
wenige Sitzungen fortgeführt werden; diese kurze Zeit genügte aber, 
um mir einen gewissen Einblick in das Unbewußte des Patienten zu 
gewähren. Es ließ sich feststellen, daß die Libido des Patienten in 
einem Maße, das selbst den Psychoanalytiker staunen machte, in 
inzestuöser Richtung fixiert war. Ich ziehe hier zum Vergleich eine 
völkerpsychologische Tatsache heran, auf die auch schon v. Winter- 
stein (!. c.) Bezug genommen hat. Im biblischen Hebräisch wird die 
gleiche Vokabel für „wissen", „erkennen" und für die Begattung 
gebraucht. Ein Mann „erkennt" sein Weib. Die vorläufige Sexualhandlung 
des Beschauens, durch welche er das Weib kennen lernt, wird in diesem 
Sprachgebrauch an die Stelle der definitiven Handlung gesetzt. 
Besonders interessant ist aber die Wahl des Ausdruckes in der mosaischen 
Gesetzgebung gegen den Inzest. Hier wird niemals in all den vielen 
Verboten der Verkehr unter Blutsverwandten untersagt, sondern dem 
Manne wird nur verboten, dieses oder jenes Weibes „Scham zu 
entblößen". Das Verbot des Entblößens und Beschauens ist gegenüber 
dem einfachen Verbot des inzestuösen Verkehrs eine weitergehende 
Einschränkung. Sie entspricht in dieser Hinsicht durchaus den 
strengen Schauverboten, mit welchen sich manche Neurotiker nicht 
bloß vor dem Anblick des Verbotenen, sondern auch vor jeder sexuellen 
Aktivität schützen. 

Eine Untersuchung der Einschränkungen des Schauens und 
Wissens bleibt durchaus unvollständig, wenn sie nicht das Phänomen 
des Zweifels hinreichend berücksichtigt. Ich kann hier wiederum auf 
die grundlegenden Ausführungen Freuds Bezug nehmen. 

Freud schreibt dem Zwangsneurotiker ein Bedürfnis nach 
Unsicherheit zu. Der Kranke weicht vor der Realität, vor allem 
Greifbarem, Sicherem aus und wird von einem unbewußten Bestreben 
dazu geführt, die Unsicherheit zu erhalten, zu kultivieren und neue 
Unsicherheiten künstlich herzustellen. Der Zweifel nimmt seinen Aus- 
gang von der innern Wahrnehmung der eigenen Zwiespältigkeit seitens 
des Kranken. Dieser zweifelt also eigentlich an der Zuverlässigkeit 
seiner eigenen Gefühle, er verschiebt jedoch die Unsicherheit mit großer 
Vorliebe auf Objekte und Vorgänge in der Außenwelt, Dabei pflegt 
er sich an solche Dinge zu klammern, die tatsächlich dem Zweifel 
unterworfen sind, wie etwa das menschliche Gedächtnis oder die Dauer 
des menschlichen Lebens. 



208 

Wir werden hier an die Erscheinungen der Grübelsucht erinnert, 
welche denjenigen der Zweifelsucht in weitem Umfange analog sind. 
Wir konstatierten auch beim Grübler, daß er sein Interesse von der 
Welt des Konkreten, des sinnlich Wahrnehmbaren zurückgezogen und 
es solchen Fragen zugewandt hat, die im Dunkel bleiben müssen. 
Wie der Zweifler die Unsicherheit, so sucht der Grübler unbewußt das 
Nichtwissen zu konservieren. Das macht es uns begreiflich, daß Zweifel 
und Grübeleien in der Regel im gleichen Individuum beieinander 
wohnen. Auch liegt es auf der Hand, daß jede Einschränkung der 
Schaulust und — was für uns nicht davon zu trennen ist — der 
Wißbegierde nicht bloß dem abstrakten Grübeln, sondern in gleicher 
Weise dem Zweifel Vorschub leisten muß. Die Zweifelsucht findet 
sozusagen vermehrte Angriffspunkte, wenn das Individuum seine Sinne 
und sein Denken nicht auf das Reale zu richten vermag. Andererseits 
wird der Neurotiker durch seine Unsicherheitsgefühle zur ständigen 
Erneuerung seiner Grübeleien gedrängt; er muß den tausendmal 
durchgemachten Gedankengang wieder und wieder prüfen. 

In der Neurose gibt es mancherlei Methoden, den Qualen der 
Unsicherheit und des Zweifels, respektive der Grübelsucht zu entgehen. 
Der Zweifelnde, Grübelnde, der, wie wir sahen, unbewußt bestrebt 
ist, die Grundlagen seines Leidens zu erhalten, zeigt doch gleich- 
zeitig die entgegengesetzte Tendenz, die Unsicherheit zu beseitigen, 
den Zweifel und das Nichtwissen zu bannen. Freilich kann ihm dies 
nicht aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln gelingen. Er ist 
darauf angewiesen, sich an Autoritäten zu halten, deren Wissen oder 
Ansicht er sich fügt, denen er aber auch die Verantwortung aufbürdet. 
Manche Zwangsneurotiker lieben es, ihrem Arzt eine solche 
Verantwortung zu überbinden. Sind sie unfähig, in irgend einer 
Angelegenheit selbst die Entscheidung zu treffen, so lassen sie den 
Arzt gern eine Art von Machtwort sprechen, das den Zweifel ausschalten 
soll. Sie ändern auf diese Weise, die Situation dergestalt um, daß 
dem Anschein nach ein Zweifel überhaupt nicht 
existiert. 

Ich bin hier zu einem Exkurs genötigt, der uns auf gewisse 
völkerpsychologische Phänomene führt, die dem Anschein nach in 
keinem direkten Zusammenhang mit dem Schautrieb stehen, deren 
Verständnis uns aber für den weiteren Gang der Untersuchung 
unentbehrlich sein wird. 

Auch in der Völkerpsychologie finden sich Erscheinungen, welche 
der Beseitigung des Zweifels in ganz gleicher Weise dienen, 
wie es soeben am Verhalten gewisser Neurotiker gezeigt wurde. 



209 



Ich gehe von der eigentümlichen und, wie ich glaube, wenig 
beachteten Tatsache aus, daß in der hebräischen Sprache der biblischen 
Schriften ein Wort für „zweifeln" fehlte Dabei ist zu beachten, daß 
die verschiedenen Schriften aus sehr verschiedenen Epochen stammen. 
Es muß auffallen, daß gerade die Sprache eines Volkes, in welchem 
sich der Monotheismus zuerst durchsetzte, einer solchen Vokabel 
entbehrt. Die Erscheinung wird noch auffälliger dadurch, daß die 
Sprachen respektive Dialekte der Nachbarvölker entsprechende Ausdrücke 
besitzen, so daß also eine Entlehnung leicht hätte stattfinden können. 
Durch Jahrhunderte dauerte das Schwanken zwischen dem mono- 
theistischen Kultus und dem Dienst des Baal, der Astarte und der 
anderen vorderasiatischen Gottheiten. Endlich siegte der Kultus eines 
einzigen männlichen Gottes. Es wurde schon oben darauf 
hingewiesen, daß im biblischen Schöpfungsmythus die Tendenz bestehe, 
alle Leistungen dem männlichen Gott und dem Manne zuzuschreiben, 
das Weib aber zu einer nebensächlichen Bedeutung herabzudrücken. Dies 
entspricht nun vollkommen dem patriarchalischen System, in welchem 
dem männlichen Familienoberhaupt die alleinige Macht zukommt^ Ihm 
gehören die Frauen und Kinder ganz wie die lebende und leblose Habe. 

Ich muß nun auf die Ausführungen Freuds^ Bezug nehmen, 
welcher in überzeugender Weise die Entstehung des männlichen 
Gottes aus der Einstellung der Söhne zum Vater dargetan hat. Die 
Sympathie des Sohnes gehört ursprünglich der Mutter, während er 
dem Vater Gefühle der Auflehnung und Feindschaft entgegenbringt. 
Eine der frühesten Verdrängungsleistungen, welche die Kultur verlangt, 
ist das Aufgeben dieser Einstellung. Der Sohn stand zunächst zwischen 
Vater und Mutter; die Verdrängung der Ödipuseinstellung führt dazu, 
daß er sich zugunsten des Vaters entscheidet und dessen Macht 
rückhaltlos anerkennt. Gerade der Patriarchalismus stellte rigorose 
Forderungen in dieser Hinsicht an den Sohn. So wie aber in der 
patriarchalischen Familie der Konflikt im Sohne unbedingt zugunsten 
des Vaters entschieden wurde, ganz so auch in der monotheistischen 
Religion des alten Testamentes. 

Man könnte nun das Fehlen eines Wortes für den Zweifel in der 
hebräischen Sprache als ein vereinzeltes Phänomen ohne wesentliches 



» Auf eine Ausnahme werde ich weiter unten zurückkommen. 

^ Mit diesem Prozeß der Ausschaltung des weiblichen Elementes beschäftigt 
sich auch v. Winterstein in seiner oben zitierten Arbeit (S. 204). Zur Zeit 
ihres Erscheinens war ich bereits zu den obigen Resultaten gelangt, für die ich bei 
V. Winterstein eine volle Bestätigung fand. 

3 .Totem und Tabu«, Kap. IV (Wien und Leipzig, 1913). 



14 



210 

Interesse abtun, wenn nicht die gleiche Sprache einen zweiten 
charakteristischen Defekt aufwiese. Sie entbehrt nämlich auch eines 
Wortes, welches Göttin bedeutet, während doch andere Sprächen 
eine entsprechende Vokabel besitzen. Man möchte sagen, der Konflikt 
des Sohnes, welcher durch seine ursprüngliche zweifelnde Stellung 
zwischen Vater und Mutter bedingt ist, sei ausgemerzt, in gleicher 
Weise sei das Schwanken, ob nur ein männlicher Gott oder auch eine 
Göttin verehrt werden solle, abgetan und die Sprache benehme sich 
nun, als gäbe es nicht nur diese Zweifel nicht, sondern als existierten 
Zweifel in der menschlichen Seele überhaupt nicht. 

Ein besonders helles Licht fällt auf dieses sprachpsychologische 
Problem, wenn man beachtet, daß in einer großen Zahl von Sprachen 
das Wort für „zweifeln" mit der Zahl „zwei" zusammenhängt. Diese 
anderen Sprachen verleugnen den Zweifel also nicht, ja manche Sprachen 
treiben da, wo der Zweifel zum Ausdruck gebracht werden soll, einen 
besonderen grammatischen Aufwand. Ich erinnere beispielshalber nur 
an die Mannigfaltigkeit der grammatischen Formen im Lateinischen; 
das Verbum des Zweifels verlangt besondere Formen des Ausdruckes, 
die sonst kaum üblich sind. 

Erst in einem der späten biblischen Dokumente, dem Psalm 119, 
findet sich ein Wort, das man wohl mit Recht als „Zweifler" übersetzt. 
Genau genommen bedeutet es: „gespalten". Dieser Psalm stammt 
nach Ansicht berufener Forscher aus später Zeit, in der sich schon die 
hellenistischen Einflüsse geltend machten \ Ein zweites Wort von 
gleicher Bedeutung findet sich dann in der späthebräischen Literatur, 
das vielleicht ursprünglich die gleiche Bedeutung der Teilung, Spaltung 
hat. Es ist sehr bemerkenswert, daß die Sprache sich vor mehr als 
2000 Jahren so ausdrückte wie die heutige Psychologie, die von 
psychischer Spaltung spricht. „Spalten" enthält den Innern Gegensatz 
im Menschen noch deutlicher als diejenigen Bezeichnungen des Zweifels, 
die mit „zwei" zusammenhängen^. 

Nachdem einmal durch Aufnahme zweier Lehnwörter die Existenz 
des Zweifels anerkannt war, sah man sich genötigt, den Zweifel auf 
andere Weise auszumerzen. Es fand sich ein einfacher Weg. Wenn 
es z. B. zweifelhaft war, ob eine bestimmte Handlung erlaubt oder 
verboten sei, so entschied man regelmäßig im strengeren Sinne, 



1 Cf. Baethgen, Die Psalmen. Göttingen, 1897. 

^ Wohl den eigentümlichsten, im Sinne der Psychoanalyse treffendsten Ausdruck 
findet die .innere Wahrnehmung der Unsicherheit' (Freud) in einer alten amerikanischen 
Kultursprache, dem Nahuatl. Diese Sprache drUckt den Zweifel aus durch .omeyoUoa", 
.zwei Herzen". 



211 



d. h. im Sinne des Verbotes, das für ähnliche Fälle von der höchsten 
(göttlichen) Autorität gegeben war. Im Grunde kommt diese Praxis 
auch wieder auf eine Verleugnung des Zweifels hinaus. 

Nach diesen Bemerlcungen gehe ich dazu über, einige besonders 
eigentümliche Beobachtungen mitzuteilen und zu analysieren, welche 
der Psychoanalyse eines komplizierten Falles von Grübe 1- und 
Zweifelsucht entstammen. Ich werde mich jedoch darauf beschränken, 
diejenigen Wurzeln der Erscheinungen zu berücksichtigen, welche mit 
der Verdrängung des Schautriebes zusammenhängen. Andere wichtige 
Quellen der Symptomenbildung — ich nenne nur Narzißmus und 
Sadismus — werde ich nur streifen können. 

Schon früh zeigten sich bei dem Patienten Gefühle von Unsicherheit. 
Als Knabe quälte er seine Umgebung mit einer hartnäckigen Fragesucht, 
später sich selbst durch Zweifel, von denen kein Gebiet des Lebens 
verschont blieb. Er zweifelte an seiner Intelligenz, an seinem „Können" 
in jeder Hinsicht, an seinem Gedächtnis, an seiner Urteilsfähigkeit. 
Er zweifelte an seiner Männlichkeit, zweifelte schon als Knabe, ob er 
sich knabenhaft oder mädchenhaft benehmen solle. Er schwankte mit 
seiner Zuneigung zwischen Vater und Mutter hin und her. Als er 
zuerst Bekanntschaft mit zwei jungen Mädchen machte, wußte er 
nicht, welche von beiden er liebte. Sein ganzes Leben war für ihn 
ein Labyrinth von Zweifeln, die er vergebens durch Denkarbeit zu 
bewältigen versuchte. Er fand die uns berdits bekannte Ausflucht, 
alle Entscheidungen auf eine Autorität abzuschieben. In einem 
besonderen Falle suchte er seine Zweifel in einer höchst merkwürdigen 
Weise zu töten. Als er studierte, trat in der Universitätsstadt ein 
Redner auf, den er schon in Berlin gehört hatte. Die Reden und Schriften 
dieses Mannes hatten ihm früher schwere Zweifel und Grübeleien 
verursacht. Es war ihm gelungen, sich dem Einfluß in einem gewissen 
Maße zu entziehen; er fürchtete aber, wenn er den Mann abermals 
hörte, seinem Einfluß von neuem zu verfallen. Aus seinem Dilemma 
suchte er sich zu retten, indem er seine Bekannten anstiftete, den Redner 
in der Versammlung zu verhöhnen. Ich kann nur nebenbei darauf 
verweisen, daß es sich hier gleichzeitig um eine Äußerung des Hasses 
handelte, der sich gegen jede Autorität richtete, wie er sich zuerst 
gegen den Vater des Patienten gerichtet hatte. 

Die Tatsachen, welche die Psychoanalyse aus der Kindheit des 
Patienten zutage förderte, ließen erkennen, daß die sexuelle Neugierde 
und Schaulust ursprünglich von außergewöhnlicher Stärke gewesen 
waren und erst allmählich der Frage- und Grübelsucht Platz gemacht 
hatten. Bei diesem Vorgang waren erzieherische Einflüsse in hohem 



14» 



212 

Maße beteiligt gewesen, die ihren stärksten Ausdruck in einem 
eigentlichen Frageverbot fanden, welches ihm von der Mutter im 
Pubertätsalter gegeben wurde, als sich die sexuelle Wißbegierde von 
neuem in ihm regte. Der Unterdrückung der Wißbegierde in den 
folgenden Jahren wurde dadurch Vorschub geleistet. Als dann die 
Neurose ausbrach, zeigte eine ganze Reihe von Symptomen an, daß 
die inzestuöse Schaulust die Verdrängung zu durchbrechen trachtete. 
Auch die Träume verrieten die gleiche Tendenz. Im Beginn der 
Behandlung berichtete der Patient, welcher sich viel mit philosophischen 
Studien befaßt hatte, daß er schon als Gymnasiast den Pythagoras 
beneidet habe. Der Grund zum Neid bestand darin, daß Pythagoras nach 
seiner überlieferten Behauptung dreimal seine eigene Geburt 
geschaut hatte. Das intensivste Interesse des Patienten verband 
sich noch immer mit der Frage des Kindes: Woher bin ich gekommen? 

Wie oben ausgeführt, wünscht das Kind eigentlich zu sehen, 
woher es gekommen ist. Der grüblerische Neurotiker hatte dieses 
infantile Interesse in ein späteres Lebensalter mit hinübergenommen; 
sein sehnlichster Wunsch wäre es gewesen, die eigene Geburt aus dem 
Körper der Mutter mit sehenden Augen zu erleben. 

Die frühe Abdrängung der Schaulust von ihren eigentlichsten 
Objekten und Zielen führte nicht nur zu den typischen Grübeleien, 
sondern u. a. auch zu einem krankhaften Hang zum Geheimnisvollen, 
Mystischen. Die früher* besprochene Tendenz, das Geheimnisvolle zu 
pflegen, zu konservieren, äußerte sich darin, daß der Patient in sehr 
jugendlichem Alter mystische, theosophische, spiritistische Schriften 
förmlich verschlang. Mit dieser Tendenz lag die entgegengesetzte im 
Konflikt: er wollte mit Augen sehen, was nur gedacht werden kann. 
Ganz besonders war in diesem Falle das früher bereits erwähnte 
Verlangen, die Gedanken zu schauen, ausgesprochen. Der Patient stellte 
sich den Denkprozeß in naivster Form körperlich und räumlich vor. 
Im Gehirn gab es Kasten und Fächer, in denen die Gedanken lagen, 
um gelegentlich hinauszuspazieren. Seine Grübeleien befaßten sich 
hauptsächlich mit diesen Vorgängen. Selbstverständlich reizte es ihn, 
auch, das Übersinnliche zu schauen. Endlose Grübeleien richteten sich 
darauf, wie wohl die Geister und Gespenster aussähen, wie Gott aussähe 
usw. Dann traten wieder Hemmungen hervor, die es dem Patienten 
verboten, sich dergleichen vorzustellen. 

Es bedarf kaum des Hinweises auf die zahlreichen verwandten 
Erscheinungen in der Völkerpsychologie: auf Geheimkulte, Mysterien, 
okkultistische Bewegungen einerseits, andererseits auf die religiösen 
Verbote, nach dem Geheimsten zu forschen. 



213 



Bezüglich der Bedeutung der Gespenster, welche in den Gedanken- 
gängen des Patienten eine sehr große Rolle spielten, ergab sich u. a. 
eine Erklärung, die uns auch sonst aus den Psychoanalysen geläufig 
ist. Wie in anderen Fällen, so hatten auch hier nächtliche Eindrücke 
der Kindheit zu den Grübeleien über Gespenster den Grund gelegt. 
Die Eltern, welche im weißen Nachtgewand von den Kindern beobachtet 
werden, sind die Vorbilder für die kindliche Auffassung jener 
geheimnisvollen Gestalten. 

So kraus und phantastisch das Beobachtete von seiner Phantasie 
aber auch ausgestaltet wurde, so läßt sich doch erkennen, daß das 
Kind sich auf dem Wege zu durchaus richtigen Schlußfolgerungen 
befunden hatte. Als später die Verbote des Schauens und Wissens 
über den Patienten Gewalt bekommen hatten, verschob sich der 
verdrängte Wunsch nach Wiederholung der lustvollen Kindheitseindrücke 
auf die „Gespenster". Der Patient verlangte beständig, dieGespenster 
zu sehen. Er ging aber noch weiter und transponierte all seine 
Wißbegierde, die dem Zeugungsrätsel galt, auf die Gespenstergrübeleien. 

Eines der Probleme, die ihn mit Zwangsgewalt durch Jahre in ihrem 
Bann hielten, lautete: „Wie kommen Gespenster in einen 
geschlossenen Raum?" Ich übergehe die höchst interessanten 
Determinierungen der Lösungsversuche, welche der Patient dieser 
Frage zuteil werden ließ, und erwähne nur, daß zwei Probleme, deren 
Lösung verboten war, sich in dem unlösbaren Ersatzproblem versteckten, 
nämlich die Fragen: Wie dringt der Mann in den weiblichen Körper 
und wie kommt das Kind in den Mutterleib? Das Verbotene der 
Probleme liegt in ihrer Zuspitzung auf Vater und Mutter und besonders 
in der ursprünglichen Lust, das Geheime zu schauen. 

Die verdrängte Schaulust suchte sich aber nicht nur in den 
Grübeleien eine Ersatzbefriedigung zu verschaffen, sondern es wurden 
noch andere Wege zu diesem Behufe eingeschlagen, Sie verdienen 
unser höchstes Interesse; es ist daher notwendig, ausführlicher auf sie 
einzugehen, zumal uns auf diesem Wege wichtige Einblicke in die 
Entstehung gewisser völkerpsychologischer Phänomene erschlossen 
werden können. 

Der Patient war, gleich sehr vielen anderen Menschen, imstande, 
Personen, Vorgänge usw., mit denen er sich in Gedanken Jjeschäftigte, 
mit bildlicher Deutlichkeit vor seinem Auge erscheinen zu lassen. 
Bei manchen Neurotikern genügt schon das einfache Schließen der 
Augen, um derartige Visionen auftreten zu lassen. Andere rufen die 
„Bilder" absichtlich hervor und vergnügen sich damit wie mit einem 
Theater. Diese Fähigkeit scheint im Kindesalter bei allen Menschen 



214 

vorhanden zu sein, verschwindet aber bei manchen mit den Jahren. 
Man darf also aus dem Fehlen dieser visionären Illustrationen des 
phantastischen Denkens bei einem Menschen nicht ohneweiters 
schließen, daß er nicht zum „visuellen" Typus gehöre. Vielmehr handelt 
es sich oftmals um Einschränkungen der Schaulust, die auf dem Wege 
der Verdrängung zustande gekommen sind. 

Da dem Patienten der Wunsch, die „Gespenster" zu sehen, 
versagt bleiben mußte, so versuchte er nun, sich auf dem Wege will- 
kürlich hervorgerufener Visionen einen Ersatz zu verschaffen. Es ist 
nun höchst bezeichnend, daß er sich bemühte, die Bilder seiner 
Eltern vor seinen Augen entstehen zulassen. Allein dies gelang ihm 
nicht in der gewünschten Weise. Das Bild der Mutter erschien 
überhaupt nicht, dasjenige des Vaters nur in ganz 
verzerrter Form. Dagegen gelang es leicht, die Erscheinung 
anderer Angehöriger hervorzurufen. Dieser Versuch, der inzestuösen 
Schaulust eine Ersatzbefriedigung zu geben und der negative Ausgang 
des Versuches sind gleich bemerkenswert. 

Nachdem ich Ähnliches in einer Reihe anderer Fälle beobachtet 
habe, bin ich dazu gelangt, der Erscheinung größere Bedeutung beizu- 
legen. Manche Neurotiker versuchen, wie soeben geschildert, die Bilder 
der Eltern visionär hervorzurufen, oder sie begnügen sich damit, sich 
deren Aussehen nur möglichst lebhaft in Gedanken vorzustellen. Einer 
meiner Patientinnen, die im höchsten Maße an ihren Vater fixiert war, 
gelang es nicht, sich das Aussehen des Vaters vorzustellen. In einem' 
andern Fall war es dem Patienten sehr schwer, sich die Gesichtszüge 
der Mutter klar vorzustellen. Eher gelang es ihn? bezüglich seines 
Vaters; allein kaum entstand in ihm die Vorstellung, so verzerrte sich 
das Gesicht des Vaters; besonders die Augen nahmen einen Ausdruck 
der Erstarrung an. Es erwies sich, daß in diesem Falle die der Mutter 
zugewandte Schaulust eine sehr intensive Verdrängung erfahren hatte, 
während die dem Vater zustrebenden Todesphantasien nicht mit 
gleichem Erfolge verdrängt waren: sie fanden in der Starre der Augen 
ihren Ausdruck. 

Es ist, als wirkte in diesen Personen ein Verbot, das ihrem Schau- 
trieb strenge Grenzen setzte. Einen schönen Beleg für diese Auffassung 
lieferte mit der Traum eines neurotischen Ijungen Mädchens. Die 
Träumerin befindet sich in einer Kirche unter vielen anderen Menschen. 
Diese betrachten ein Madonnenbild. Sie allein kann das Bild 
nicht sehen. Die Psychoanalyse deckte bei dieser Patientin eine 
starke, homosexuelle Neigung zur Mutter auf. Im allgemeinen war 
diese Neigung in einen intensiven Widerwillen verwandelt, um 



215 



gelegentlich unter heftigen Affekten in ihrer ursprünglichen Form 
wieder aufzutreten. Die Mutter galt als eine besonders schöne Frau; 
die Tochter mußte sich gegen die verbotenen Reize durch ein förm- 
liches Schau-Verbot sichern. 

Durch eine der hierhergehörigen Veröffentlichungen Freuds 
sind wir auf gewisse „Übereinstimmungen im Seelenleben der Neurotiker 
und der Wilden" aufmerksam geworden. An dieser Stelle interessiert uns 
speziell die Analogie gewisser Zwangsverbote bei den Neurotikern mit 
den sogenannten Tabu-Vorschriften gewisser Völker. Diese 
Vorschriften haben die charakteristische Eigentümlichkeit, daß ihnen seitens 
derer, die sie befolgen, keine Begründung gegeben werden kann. Ganz 
entsprechend vermögend die Neurotiker, welche dem hier in Frage 
kommenden Zwangsverbot unterliegen, ihm eine Begründung nicht 
zu geben. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die 
Übereinstimmung zwischen dem geschilderten neurotischen Schauverbot 
und dem zweiten Gebot des biblischen Dekalogs, welches die Herstellung 
eines Abbildes des einzigen (väterlichen) Gottes streng untersagt. Eine 
Erklärung dieser Vorschrift hatte Freud^ kürzlich bereits auf anderem 
Wege zu geben versucht; die hier vorgeschlagene steht mit der von 
Freud gegebenen nicht im Widerspruch, ergänzt sie vielmehr 
entsprechend der uns geläufigen Überdeterminierung aller psychologischen 
Produkte. Als die vorliegende Arbeit bereits inhaltlich abgeschlossen 
war, fand ich in einer soeben erschienenen Publikation von Storfer 
(„Marias jungfräuliche Mutterschaft", Berlin, 1914, S. 32) eine Erklärung 
des zweiten Gebotes, die von den gleichen Überlegungen ausgeht wie die 
meinige. Storfer sucht das Verbot, Bildnisse Gottes herzustellen, 
auf die Scheu vor dem väterlichen Phallus zurückzuführen, unter dem 
Hinweis, daß so viele Götterbilder und kultische Zeichen phallischen 
Charakter tragen. Mir scheint diese Erklärung in guter Übereinstimmung 
mit vielen hier mitgeteilten Auffassungen zu stehen; doch wäre noch 
eine gewissenhafte, vergleichend mythologische Nachprüfung am Platze. 
Wir können diesen Parallelismus der individual- und völker- 
psychisehen Erscheinungen noch um einen Schritt weiter verfolgen. Von 
dem Patienten habe ich bereits mitgeteilt, daß er von beständigen 
Zweifeln beunruhigt war; diese bezogen sich, wie erwähnt, u. a. auch 
auf seine Eltern. In seiner Beziehung zu den Eltern spielte demnach 
sowohl der Zweifel als auch das Verbot, ihr Abbild zu schauen, eine 
wichtige Rolle. Unterwerfen wir aber den Dekalog einer eindringenderen 
Untersuchung, so muß uns auffallen, daß das Gebot, nur einen Gott 
anzuerkennen und das Gebot, sich von ihm kein Abbild zu machen, 

« .Animisraus, Magie und Allmacht der Gedanken'. Iraago, 1913, Bd. II. 



216 

in unmittelbare Nachbarschaft gerückt sind. Wir haben aus der Analyse 
der verschiedenartigsten Produkte des menschlichen Seelenlebens die 
übereinstimmende Erfahrung gewonnen, daß die unmittelbare Nachbar- 
schaft zweier Elemente auf deren Zusammenhang hinweist. Da ist es 
nun bemerkenswert, daß das Bilderverbot dem Gebot, nur einen Gott 
anzuerkennen — dem Gebot also, welches die Zweifel zwischen Vater 
und Mutter ausschließen soll, unmittelbar folgt. Von der Analyse 
individualpsychologischer Produkte her fällt auf diese Erscheinung 
ein neues Licht. 

Kehren wir zu dem Patienten zurück, der sich kein Bildnis der 
Eltern machen durfte, und hören wir, was er tat, um für das Verbotene 
einen Ersatz zu bekommen. 

Er suchte sich mit ganzer Einbildungskraft das Aussehen der 
Gespenster vorzustellen, die ja in seinem Grübelsystem die Eltern 
vertraten. Daß es sich im Grunde für ihn darum handelte, sich den 
Sexualverkehr der Eltern vorzustellen, ging mit größter Sicherheit 
hervor aus der Vorstellung, die er sich vom Aussehen der Gespenster 
bildete; Er dachte sie sich — ich zitiere seine Äußerungen wörtlich — 
als »große, nackte Wesen«, als „wollüstige Gestalten"^. 

Die Grübeleien des Patienten fanden, wie schon erwähnt, 
reichliche Nahrung in gewissen Schriften, namentlich in solchen mit 
theosophischem Inhalt. Im Anschluß an dort Gelesenes identifizierte er 
die Eltern nicht bloß mit Gespenstern, sondern auch noch mit 
„Riesen". Er hatte in einem dieser Bücher die Angabe gefunden, 
daß die Bewohner des untergegangenen Erdteiles Atlantis Riesen 
gewesen seien und eine höhere Form des Bewußtseins gehabt hätten 
als die jetzt lebenden Menschen, nämlich das Astralbewußtsein. Sie 
seien daher im Geheimnisse eingeweiht gewesen, die uns verschlossen 
seien. Es hieß in dem Buche: ihr Wissen war so gewaltig, daß 
die Erde davon dröhnte. 

Für den Patienten nahmen diese Riesen sofort die Bedeutung 
der Eltern an. Die Eltern „wußten" ja mehr als er, d. h. sie waren 
im Besitz des sexuellen Geheimnisses. Das Kind aber versuchte das 
Geheimnis der Eltern nicht nur mit dem Auge zu schauen, sondern 
auch mit dem Ohr zu belauschen. Der Patient hatte offenbar dieselbe 
Gleichung vorgenommen, die uns als sprachliches Phänomen begegnet 
ist; er hatte „Wissen" und Sexualverkehr identifiziert. 

1 Das Hervorrufen solcher Vorstellungen respektive visionärer Erscheinungen 
dient noch anderen Tendenzen, die ich hier nur kurz andeuten kann. Unter anderem 
dient es der Befriedigung der infantilen Größenvorstellung, alles aus der eigenen 
Einbildungskraft erschaffen zu können. (Allmacht der Gedanken.) 



217 



Charakteristisch ist ferner, daß der Patient auch versuchte, sich 
von Gott eine materielle Vorstellung zu machen. Es wundert uns 
nicht, daß er sich auch Gott als Riesen dachte. Die Phantasie des 
Kindes schreibt dem Vater außerordentliche Macht zu: sie vergleicht 
den Vater, der dem Kinde an Größe so sehr überlegen ist, gern mit 
einem Riesen. Die Träume Erwachsener legen davon oft noch Zeugnis 
ab. Wenn das Kind etwas von Gott vernommen hat, so ist es genötigt, 
ihn sich im Bilde des Vaters vorzustellen; es tut damit nichts anderes 
als die religionsbildenden Völker, die einen väterlichen Gott verehren. 
Unser Patient, der über das Aussehen Gottes nachgrübelte, beging 
auch damit wieder nur einen Versuch, das auf den Vater bezügliche 
Schauverbot zu durchbrechen. 

Wie sehr das neurotische Verbot, den Vater (respektive die Eltern) 
sich im Bilde darzustellen, und das biblische Verbot, Gott abzubilden, 
in ihrem innersten Wesen übereinstimmen, wird daraus ersichtlich, 
daß beide Verbote in ganz übereinstimmender Weise 
durchbrochen werden. 

Ich habe hier eine der typischen Grübelfragen im Auge, wie sie 
in den talmudischen Schriften so reichlich enthalten sind. Das Verbot 
einer bildlichen Darstellung Gottes durfte nicht übertreten werden. 
Wo die Menschen sich aber durch irgend welche Motive gedrängt 
fühlten, ihrer Gottesvorstellung einen lebendigeren materiellen Inhalt 
zu geben, da waren sie auf das Grübeln angewiesen. Aus dem genannten 
Bedürfnis und der strengen Einhaltung des Bilderverbotes erklärt 
sich nun die talmudische Frage nach den Körperdimensionen Gottes. 
Sie durfte aber auch nur dann beantwortet werden, wenn man sich 
streng an bereits in den biblischen Schriften vorhandenen Angaben 
hielt. Da fand sich nun die Stelle, an welcher Gott die Worte in den 
Mund gelegt werden: „Der Himmel ist mein Thron und die 
Erde der Schemel meiner Füße." Daraus wurde gefolgert, Gottes 
Beine seien so lang, daß sie vom Himmel bis zur Erde reichten. Diese 
Grübelei ähnelt derjenigen unseres Patienten in erstaunlichem Maße. 
Nicht nur, daß auch in ihr der verdrängte Wunsch, sich von Gott ein 
Bild zu machen (d. h. ihn zu schauen), wiederkehrt. Die Ähnlichkeit geht 
noch weiter insofern, als auch in der talmudischen Grübelei die infantile 
Vorstellung von der Riesengestalt des Vaters oder Gottes wiederersteht. 

Existiert somit eine unverkennbare Analogie zwischen den 
Einschränkungen der Schaulust bei neurotischen Individuen und bei 
Völkern, so soll nun im folgenden gezeigt werden, daß wir mit Hilfe 
der Psychoanalyse in das Wesen dieses Parallelismus noch tiefere 
Einblicke gewinnen. 



218 

V. Die Herkunft der Sonnen- und Gespensterphobie aus dem 
infantilen Totemismus. 

Im Laufe der Untersuchung sind uns zwei Symbole begegnet, 
denen wir eine vorwiegende V a t e r bedeutung zuerkennen mußten: 
es sind die Sonne und das Gespenst. Gewisse Neurotiker, so 
erfuliren wir, ängstigen sicli vor dem Anblick des Sonnenliciites oder 
reagieren in einer andern, vom Verhalten der Gesunden abweichenden 
Weise mit Affekten der Auflehnung, des Trotzes auf die Erscheinung 
der Sonne. Es ergab sich, daß jeder dieser Neurotiker eine ambivalente 
Gefühlseinstellung zur Sonne aufwies; daß er die Sonne liebte 
(verehrte) und gleichzeitig Angst vor ihr empfand. Ich habe in letzterem 
Sinne geradezu von einer Sonnenphobie gesprochen. Unter den 
Grüblern fanden wir das besondere Interesse für Gespenstererscheinungen. 
Das Gespenst oder die Vorstellung von einem solchen rief aber ebenfalls 
ambivalente Reaktionen hervor: den Wunsch, es zu sehen, und wiederum 
die Angst vor seiner Erscheinung, die man als Gespensterphobie 
bezeichnen darf. Erblicken wir in Sonne und Gespenst Symbole des 
Vaters und sind wir mit der ambivalenten Einstellung des Neurotikers 
zu seinem Vater vertraut, so wundert es uns nicht, diese Zwiespältigkeit 
der Gefühle auch auf die den Vater vertretenden Symbole übertragen 
zu finden. Der Psychoanalyse ist es aber nicht erlaubt, sich mit dieser 
Erkenntnis zufriedenzugeben; als eine Entwicklungslehre, welche die 
strenge Bedingtheit alles Psychischen erweisen will, muß sie der 
Herkunft der Phänomene weiter nachgehen. Um den Zugang zum 
Ursprung der uns interessierenden Symbole zu finden, bedarf es 
desjenigen Schlüssels, den Freud uns in seinen Abhandlungen über 
„Totem und Tabu" gegeben hat. 

Wir finden bei gewissen Völkerschaften mit primitiver Kultur 
bis zum heutigen Tag eine Organisation, welche das religiöse und 
soziale Leben regelt; sie wird als Totemismus bezeichnet. Es 
handelt sich um eine Form des Ahnenkultus. Im Mittelpunkte des 
Kultus steht der Totem, meist ein Tier, welches als Stammvater der 
betreffenden Sippe („Clan") betrachtet wird. Wir verdanken Freud 
u. a. die wichtige Erkenntnis, daß jene Primitiven zu ihrem Totem 
ambivalent eingestellt sind; d. h. das Totemtier nicht jagen, töten, 
verzehren oder auch nur berühren, es also im allgemeinen schonen, 
es unter besonderen Umständen aber mit feierlichem Zeremoniell 
dennoch töten und verzehren. Der Totem ist ebensov/ohl Objekt der 
Liebe wie der Angst. Viele Gewohnheiten jener Menschen lassen die 
zwiefache Einstellung zum Totem deutlich erkennen. 



219 



Die psychoanalytische Forschung (vgl. die Quellenangaben bei 
Freud 1. c.) hat nun die merkwürdige Tatsache eruiert, daß unter 
unseren heutigen Kulturbedingungen der Totemismus im 
Seelenleben des Kindes immer von neuem wiederersteht und 
im Unbewußten des Individuums unverkennbare Spuren zurückläßt. 
Gewisse Phantasieprodukte der Kinder ähneln dem totemistischen 
System der Primitiven außerordentlich. Das Kind, das zum Vater oder 
zur Mutter eine oft handgreiflich ambivalente Stellung einnimmt, 
verschiebt vielfach seine Gefühle vom Vater oder von der Mutter auf 
ein bestimmtes Tier, respektive auf eine Tierart, manchmal auch auf 
mehrere solche. Für dieses dem Totem durchaus gleichwertige Tier 
zeigt das Kind einerseits ein liebevolles Interesse; andererseits spielt 
das Tier in den Wachträumereien und nächtlichen Träumen des Kindes 
die Rolle eines Angst tie res. Kommt es, wie in der Kindheit so 
oft, zur Bildung einer Phobie, so ist das gleiche Tier meist das Objekt, 
auf welches sich die Angst bezieht. In nicht wenigen Fällen behält 
das Tier seine Bedeutung auch noch weiter bei, um in den Phobien 
und Träumen erwachsener Neurotiker ganz so wie in der Kindheit 
zu erscheinen. 

Ich verfüge über eine beträchtliche Zahl einschlägiger Beobachtungen. 
Hier ist jedoch nicht der Ort, sie ausführlich mitzuteilen. Nur einige 
Angaben lasse ich folgen, um im weiteren auf ihnen fußen zu können. 
Zunächst erwähne ich, daß die Ambivalenz der Einstellung zum 
Totem (Angsttier) manchen Patienten selbst auffällt. Einer meiner 
Kranken, der an einer schleichend verlaufenden Hebephrenie litt, hat 
mir über diesen und andere wichtige Punkte des Individualtotemismus 
mit der Hemmungslosigkeit, die diesen Patienten eigen ist, den besten 
Aufschluß gegeben. Eine Hauptrolle als Angsttier spielte bei ihm die 
Fliege. Der Patient äußerte einmal spontan, er stehe der Fliege 
einerseits „liebevoll" gegenüber, andererseits habe er den Drang in sich, 
das Tier zu töten. 

Von Wichtigkeit für das Verständnis des Weiteren ist sodann, 
daß ein bestimmtes Tier (namentlich in den Träumen der Patienten) 
nicht nur den Vater (oder die Mutter) vertritt, sondern oft auch den 
Träumer selbst. Ich verfüge über einen interessanten Traum dieser 
Art, in welchem der Vater des Träumers, der Träumer selbst und dessen 
Sohn — also drei Generationen — alle durch das gleiche Symboltier 
(Hund) bezeichnet werden. Das entspricht vollkommen der bei den 
Primitiven herrschenden erblichen Zugehörigkeit zu einem 
bestimmtenTotem. 

Sodann erwähne ich eine Parallelerscheinung zu dem bei Primitiven 



220 

gelegentlich (seltener als der Tiertotemismus) beobachteten Pflanzen- 
tot emismus. Ein Neurotiker, der sich sozusagen beständig auf der 
Flucht vor dem Mutterinzest befindet, bietet in wachen Phantasien 
wie in Träumen alle Erscheinungen eines Baumtotemismus. Im 
Garten eines Schlößchens, welches seine Eltern bewohnten, betrachtete 
er schon als Knabe einen sehr großen, alten Baum mit religiöser 
Scheu, betete vor ihm und empfing aus seinem Rauschen OrakeP. 
Die Abwehr der Inzestwünsche war für den Patienten mit schwerer 
Angst verbunden; wie erwähnt, ist er von einer ständigen Unruhe 
geplagt und wird nirgends seßhaft. In seinen Wachträumen steht er als 
Baum im elterlichen Garten, umgeben von den anderen Bäumen (seinen 
Angehörigen), nahe dem großen Orakelbaum (= Vater) und hat dort 
feste Wurzeln geschlagen. Wie mir scheint, erforderte die Inzestverdrängung 
in diesem Falle außerordentliche Maßnahmen, und so durfte, kein 
animalisches Wesen die symbolische Elternvertretung übernehmen, 
sondern diese mußte dem sexuell indifferenten Baume zufallen. Vielleicht 
fällt von hier aus auch einiges Licht auf den Totemismus gewisser 
primitiver Stämme, in dessen Mittelpunkt nicht — wie in den meisten 
Fällen — ein Tier, sondern eine Pflanze steht. 

Im Bereich der kindlichen Tierphobien und der totemistischen 
Erscheinungen in der Neurose muß eine Tatsache auffallen, die bisher 
noch wenig oder keine Beachtung gefunden hat. Als Totem figuriert 
in einem Teil der Fälle; wie bereits erwähnt, eines der vierfüßigen 
Tiere, deren Größe und Kraft es uns ohneweiters begreiflich macht, 
daß sie vom Kinde mit dem starken Vater identifiziert werden. In 
einer beträchtlichen Zahl von Fällen finden wir dagegen als „Angsttiere" 
gerade die kleinsten, dem Kinde bekannten Tiere: Fliege, Wespe, 
Schmetterling, Raupe usw. ; für eine Anzahl von Neurotikern gilt das 
gleiche. Die objektive Gefährlichkeit solcher Tiere kann für diese Form 
des kindlichen Totemismus nicht als ausreichende Erklärung dienen, 
denn sie trifft nur auf einzelne dieser Tiere zu ; andere sind gerade 
ganz harmlos, so daß das Kind sie ungefährdet zu töten vermag. Nach 
meinen Psychoanalysen bei Neurotikern erscheint mir eine andere, 
einfache Erklärung besser begründet. Jene Tiere haben die Eigenschaft 
des plötzlichen Erscheinens. Sie nähern sich schnell und unversehens 
und berühren ganz unerwartet den menschlichen Körper ; ebenso schnell 
aber verschwinden sie auch wieder. In jedem Einzelfalle treten weitere 
individuelle Begründungen hinzu. So war bei einem meiner Patienten 
die Wespe an die Stelle eines andern Tieres — des Tigers — getreten. 
Farbe und Zeichnung der Wespe erinnerten den Patienten an den Tiger. 

1 Vgl. hierzu das Orakel von Dodona. 



221 



Das Brummen der Wespe konnte das Gebrüll des Tigers vertreten; 
letzteres wieder erwies sich als determiniert durch die Angst des Kindes 
vor der tiefen, drohenden Stimme des erzürnten Vaters. Wie der Patient 
sich spontan ausdrückte, assoziierte sich bei ihm an den Eindruck der 
Wespe, die mit drohendem Brummen umherflog, die Vorstellung eines 
Wutaffektes. Auf Grund meiner analytischen Resultate nehme ich an, 
daß jenen kleinen Tieren eine mehrfache Bedeutung zukommt. Sie 
repräsentieren den Vater, der das Kind überrascht, indem er plötzlich 
in seiner körperlichen Nähe ist oder es mit drohender Stimme schreckt. 
Dazu kommt aber die Eigenschaft dieser Tiere, daß sie schnell 
verschwinden und daß man sie leichter als die großen Tiere töten 
kann. In den kleinen Fliegetieren ^ wird also einerseits die gefährliche 
Macht des Vaters anerkannt, andererseits dienen sie zum Ausdruck der 
Beseitigungsvorstellungen, welche sich gegen den Vater richten. Es 
sind die gleichen Tiere, welche uns in den Mythologien als „Seelentiere" 
begegnen. 

Der schon mehrfach erwähnte Patient E., der mir hemmungslos 
eine große Menge wichtiger Aufschlüsse über die in ihm erhalten 
gebhebenen Infantilismen gab, der u. a. auch die ambivalente Einstellung 
zur Fliege selbst hervorgehoben hatte, vergnügte sich während seiner 
Kindheit oft mit dem Töten von Fliegen und Wespen, An dieser Stelle 
muß ich aus seiner Psychoanalyse einige weitere Einzelheiten berichten; 
ich bemerke, daß gewisse Phänomene, die auch bei anderen Patienten 
nachzuweisen sind, in diesem Falle lediglich in einer unverhüllteren 
Form zum Ausdruck kommen. 

Wenn der Patient eine Fliege oder Wespe getötet hatte, so befiel 
ihn regelmäßig die Angst, die toteFliege könnesichrächen. 

Dieser spontan gemachten Angabe des Patienten kommt eine 
große Tragweite zu. Es handelt sich nämlich um einen individual- 
psychologischen Vorgang, der sich vollkommen mit der 
Angst der Primitiven vor ihren Toten deckt. Freud hat 
in seinen Ausführungen über das Tabu der Toten diese rätsel- 
hafte Scheu analysiert. Die feindlichen Regungen, die man einem 
Menschen bei seinen Lebzeiten entgegenbrachte, werden nach seinem 
Tode durch das Aufkommen entgegengesetzter Regungen (Trauer) 
verdrängt und durch einen Projektionsvorgang dem Verstorbenen selbst 
zugeschoben. Nun ist er selbst gefährlich für die Überlebenden geworden; 
er könnte sie sozusagen nach sich ziehen. Bei dem Patienten zeigte 

» Kleine kriechende Tiere (Raupen usw.) sind den fliegenden insofern gleich- 
zusetzen, als sie auch plötzlich am Körper des Kindes erscheinen und dadurch Furcht 
erregen. 



222 

sich für das von ihm getötete Tier ebenfalls ein „liebevolles" Gefühl; 
gleichzeitig aber wurde die Absicht des Tötens dem getöteten Tiere 
zugeschoben, so daß eine Angst vor seiner Rache die Folge war. 

Der gleiche Patient hatte während der Behandlung einen Traum, 
in welchem er einen Tiger mit einer Stange erstechen sollte. Alle 
anderen Details des Traumes übergehend, füge ich nur hinzu, daß 
das Tier plötzlich an den Himmel versetzt war. Der 
Patient kam im Traum nicht dazu, das Tier zu töten. 

Hier begegnen wir dem wichtigen Vorgang der Versetzung 
an den Himmel; er betrifft ein Objekt, zu dem der 
Träumer sich in einer am bivalenten Einstellung befindet. 
Dieser Vorgang ist uns aber keineswegs fremd. Ich brauche nur an 
den Patienten B. zu erinnern (vergl. S. 184), der seinen verstorbenen 
Vater in einer an das Wahnhafte streifenden Phantasie direkt an den 
Himmel, neben die Sonne versetzte. Es drängt sich uns die Schluß- 
folgerung auf, daß die Symbolisierung des Vaters durch die Sonne 
einer solchen Versetzung an den Himmel entspreche, deren Motivierung 
uns nun keine Schwierigkeit mehr bereitet. Wir sind in der Lage, sie 
aus der ambivalenten Einstellung des Sohnes zum Vater zu erklären. 

Auch hier folge ich zunächst wieder den spontanen, in Form von 
Einfällen gemachten Angaben des Patienten E. ; sie motivierten die 
Versetzung des Vaters (Tiger, Wespe) an den Himmel zunächst damit, 
daß man auf diese Weise von dem gefährlichen Tier möglichst 
weit entfernt sei. Sofort folgte ein Einfall, der die Berechtigung 
dieser Motivierung erhärtete. Der Patient berichtete nämlich jetzt, wie 
er als Knabe verfuhr, um Wespen und Fliegen aus möglichst 
weiter Entfernung zu töten. Zu ängstlich, die Tiere direkt 
anzugreifen, befestigte er eine Kerze an einer langen Stange, zündete 
die Kerze an und näherte sie einem an der Fensterscheibe sitzenden 
Insekt; das Tier fiel dann tot oder wehrlos herab \ 

Je weiter das Tier, d. h. der Totem . oder Vater, entfernt ist, um 
so weniger Gefahr geht von ihm aus. Gleichzeitig aber wird der Totem 
auf diesem Wege erhöht, er wird von dem irdischen Niveau auf ein 
höheres erhoben. Dieser Vorgang muß in seinen Einzelheiten nunmehr 
genauer verfolgt werden. 

Die ambivalente Bedeutung der Versetzung des Totem an den 
Himmel veranschaulicht in besonders instruktiver Weise das folgende 
Beispiel aus der Kinderstube. Zwei Geschwister mit stark phantastischer 
Anlage beobachten die Wolken und gewöhnen sich daran, ihnen 

1 Durch diese Angabe wird aucli die „Stange" erklärt, mit welcher der Patient 
in dem oben mitgeteilten Traum den am Himmel befindlichen Tiger töten soll. 



223 



Namen zu geben. In diesen Namen, die ich, aus Gründen der ärzt- 
lichen Diskretion, mitzuteilen mir leider versagen muß, ließ sich mit 
Leichtigkeit eine Verdichtung zweier Elemente nachweisen. Sie enthielten 
eine durchsichtige Entstellung der Wörter „Papa" respektive „Mama", 
die mit dem Wort „Tier" verschmolzen war. Hier sind also in naiver 
Weise Vater und Mutter zunächst als Tiere dargestellt 
und dann als außerirdische Gebilde (Wolken) an den 
Himmel versetzt. Das mitgeteilte Beispiel gewinnt an Interesse 
noch dadurch, daß die beiden Geschwister nachweislich ambivalent 
auf ihre Eltern eingestellt waren, indem sie ihnen einerseits Zärtlichkeit 
und Verehrung entgegenbrachten, anderseits dazu neigten, insbesondere 
den Vater zu einer lächerlichen Figur zu stempeln. 

In einem Traum einer neurotischen Frau fand ich kürzlich 
bewundernde Verehrung des Vaters (als Sublimierung einer starken 
erotischen Fixierung) und Todeswünsche in sehr charakteristischer 
Weise ausgedrückt. Hier repräsentierte ein ungeheurer Kronleuchter, 
der sich am Himmel befand und aus lauter Sternen zusammengesetzt 
war, den Vater; die Erscheinung des Kronleuchters war übrigens von 
einer Menge phallischer Symbole umgeben. 

In allen diesen Produkten der individuellen Phantasie, mag es 
sich um spielende Gedanken der Kinder, um Träume Erwachsener 
oder um Beängstigungen Neurotischer handeln, erblicken wir das 
gleiche seelische Geschehen wie in den völkerpsychischeii Prozessen, 
die der Religionsbildung zugrunde liegen. Ich darf mich darauf 
beschränken, hier in aller Kürze auf jene mythologischen Gebilde zu 
verweisen, welche die Spuren der Versetzung des Totem an den 
Himmel fast unverhüllt erkennen lassen. Ich nenne den Blitzvogel 
der indischen, die Sonnenkuh der ägyptischen, den Wolkenbaum der 
gesamten indogermanischen Mythologie. 

Die Wirkungen der Versetzung des Vaters (respektive der Mutter) 
an den Himmel sind sehr vielseitig. Ich beschränke mich hier zunächst 
auf die Darstellung des Vaters durch das Sonnensymbol. Mit Rücksicht 
auf den uns bekannten ambivalenten Charakter des ganzen Vorganges 
darf man seine Wirkungen in zwei Gruppen sondern. 

Die erste Gruppe entspricht den freundlichen, liebevollen Gefühls- 
regungen, die dem Vater zugewandt waren, der Anerkennung der 
väterlichen Macht. 

Wird der Vater durch das Symbol der Sonne dargestellt, so 
bedeutet dies, wie leicht ersichtlich, eine gewaltige Erhöhung seiner 
Macht. Von der Sonne ist alles Leben, das uns umgibt, abhängig. Durch 
die Identifizierung mit der Sonne wird der Vater geradezu zum Prinzip 



224 

alles Leben erhoben, wobei auf die Anerkennung der zeugenden 
Kraft des Vaters ein besonderer Akzent zu legen ist. Zweifel und 
Unglauben vermögen der Macht des Vaters nunmehr keinen Abbruch 
zu tun. Da aber der Sonne auch die Eigenschaft zukommt, die irdischen 
Wesen zu überdauern, so wird dem Vater durch die Identifizierung 
mit der Sonne ewiges Leben, Unsterblichkeit zugeschrieben. Als Sonne 
an den Himmel versetzt, vermag der Vater alles zu schauen, während 
er durch die blendende Wirkung seines Lichtes dem Blicke des Sohnes 
entzogen ist. Zugleich aber ist der an den Himmel versetzte Vater 
den aggressiven Gelüsten des Sohnes entzogen; er ist über sie erhaben, 
wie im Sprichwort der Mond, den das Bellen des Hundes nicht zu 
kümmern braucht. 

Aber all diese MachtfüUe ist nur Schein. Denn die 
Versetzung an den Himmel, die Erhebung zur Gottheit wird — wie 
Freud in seinem Aufsatze über den Totemismus überzeugend 
nachgewiesen hat — dem toten (rectius: getöteten) Vater zuteil. Die 
Ergebnisse der Psychoanalyse beim Individuum berechtigen uns zu der 
ganz analogen Auffassung, daß es der als tot gedachte (eigentlich vom 
Sohne tot gewünschte) Vater ist, dem die Erhöhung zur Sonnengottheit 
gilt. Die Regungen von Haß, Feindschaft, Eifersucht sind es, die in 
den Todesphantasien ihren Ausdruck finden. Sie berauben den Vater 
seiner Macht, so daß er eigentlich ohnmächtig, unschädlich wird. 
Durch nachträgliche Kompensierung wird ihm dann eine allmächtige 
Gewalt eingeräumt. 

Ich verweise an dieser Stelle darauf, daß die Völker nicht nur 
ihre Gottheiten und andere höhere Wesen an den Himmel versetzen, 
sondern daß es nach einer bis zur Gegenwart herrschenden Vorstellung 
die Menschen selbst sind, die nach dem Tode „in den 
Himmel kommen". Das Seelenleben des einzelnen bringt völlig 
analoge Produkte hervor. Ein Traumbeispiel möge dies erläutern. 

Einer meiner Patienten brachte während einer bestimmten 
Periode der Behandlung eine Menge von Träumen hervor, die seinen 
unbewußten inzestuösen Regungen Ausdruck verliehen. Nachdem 
er viele Male im Traum gewaltsam von seiner Stiefmutter Besitz 
ergriffen hatte, folgte ein Traum, welcher inhaltlich von den bisherigen 
Träumen scheinbar abwich, in Wirklichkeit aber eine Ergänzung zu 
ihnen bildete. In diesem Traume stieg der Patient auf einer Leiter 
in den Himmel. Er fand dort Gott auf dem Throne sitzend; die 
Gesichtszüge waren aber diejenigen seines Vaters. Aus den Ergebnissen 
der Analyse erwähne ich nur als hier interessierend, daß der Patient 
seinen Vater in den Himmel versetzt hat, d. h. ihn aus der Liste der 



225 

Lebenden gestrichen hat. Gleichzeitig erhöht er den Vater zum Gott. 
Aber die Macht des Vaters wird dadurch nur scheinbar erhöht. Denn 
der Patient steigt ja selbst zur Höhe des Vaters hinauf. Das Besteigen 
der Leiter ist ein häufiges Koitussymbol, das hier im Sinne des Inzest- 
wunsches angewandt ist. Der Patient nimmt symbolisch von der 
Stiefmutter Besitz, weil der Vater nicht mehr am Leben ist. Die 
göttliche JVlacht des Vaters ist unwirksam; sie kann ihn an der 
Ausführung seines Vorhabens nicht hindern. 

Gerade in Hinblick auf diesen Traum, in welchem der Sohn nach 
den Rechten des zum Gott erhobenen Vaters greift, erscheint mir die 
Bemerkung notwendig, daß der Sohn durch jede solche Erhöhung 
des Vaters sich selbst erhöht, jenem also an Macht ähnlich wird. Es 
genügt, an die Herrscher- und Priestergeschlechter zu erinnern, die sich, 
zur Erhöhung ihrer eigenen Macht als Söhne der Sonne bezeichneten ^ 

Nachdem es gelungen ist, die Sonnenphobie zu verstehen, läßt die 
Gespensterphobie sich ohne besondere Schwierigkeit auflösen. 
Das Gespenst ist der tote (oder tot gedachte) Vater. Wird der Vater 
durch die Sonne vertreten, so ist sein Anblick unerträglich. Ist er 
zum Gespenst umgewandelt, so ist er dem Anblick im allgemeinen 
entzogen. Sein unerwarteter Anblick erregt heftige Angst. Nach meinen 
Beobachtungen, welche nach dieser Richtung hin jedoch der Ergänzung 
bedürfen, scheinen manche Neurotiker zuerst eine Scheu vor dem 
Sonnenlicht, respektive dem Lichte überhaupt zu haben, um später 
noch die Angst vor Gespenstern zu produzieren. Mit dem Fortschreiten 
des gegen den Schautrieb gerichteten Verdrängungsprozesses muß das 
Symbol, welches den Vater oder die Mutter vertritt, immer unmaterieller 
werden. 

Einer meiner Patienten produzierte innerhalb eines kurzen 
Zeitraumes zwei Träume, in deren einem der Vater als Licht erschien, 
während er im andern als Gespenst auftrat. Im ersten dieser Träume 
befindet der Patient sich in der Schule (die er schon vor mehreren 

»Jahren verfassen hat). Der Schuldirektor, welchem auch in anderen 
Träumen eine ausgesprochene Vaterrolle zukam, betritt das Klassen- 
zimmer und redet den Patienten an. Dieser widersetzt sich zunächst 
in trotziger Weise den Anordnungen des Direktors, muß aber dann 
gehorchen, während über dem Kopf des Direktors ein blendend helles 
Licht erscheint, bei dessen Anblick der Patient in Ohnmacht fällt. 

' Kurz erwähnen möchte Ich, daß bei manchen Neurotikern der Vater nicht 
durch die Sonne, sondern durch den Blitz repräsentiert wird, also durch eine andere 
Lichterscheinung am Himmel. Der Blitz repräsentiert hier besonders die strafende 
(tötende) Macht des Vaters. 



P 



15 



226 

Repräsentiert hier das blendende Licht die väterliche Macht, 
so gilt das Gleiche vom Gespenst in dem anderen Traum. Bemerkens- 
wert ist in diesem Falle, daß das Gespenst den Träumer durch 
seine weiße Gestalt blendet. Im allgemeinen werden die 
Gespenster als weiße, aber fahle, blasse Erscheinungen gedacht. Die 
Gespensterphobie findet sich am ausgeprägtesten bei den neurotischen 
Grüblern, welche, wie früher ausgeführt, überhaupt die Tendenz zeigen, 
das sinnlich Wahrnehmbare, das Klare und Greifbare durch 
Unbestimmtes, Verschwommenes, Unmaterielles zu ersetzen. 

Wer über eigene psychoanalytische Erfahrung verfügt, wird 
unschwer erkennen, daß die vorstehenden Ausführungen das umfassende 
Gebiet, auf welches sie sich beziehen, keineswegs zu erschöpfen 
vermögen. Sicherlich läßt sich den hier analysierten Phänomenen 
manches Weitere an die Seite stellen, besonders aber muß hervor- 
gehoben werden, daß diese Studie sich gedrängtester Kürze befleißigt 
hat. So mußte manches, was zur Aufklärung der Symptome hätte 
beitragen können, unerwähnt bleiben; anderes konnte nur angedeutet 
werden. Der fragmentarische Charakter des Gebotenen mag aber 
gerade zeigen, wie sehr uns symptomatologische Untersuchungen 
not tun. Der Weg, den sie zu gehen haben werden, ist vorgezeichnet 
durch die uns unentbehrlich gewordene Aufstellung der „Par ti al- 
lrieb e" und der „erogenen Zonen". Im Vorstehenden habe ich 
mich .bemüht, das an dem Beispiel eines Partialtriebes und einer 
•erogenen Zone zu erweisen. 



über neurotische Exogamie. 

Ein Beitrag zu den Übereinstimmungen im Seelenleben der Neurotiker 

und der Wilden'. 



Während man früher der Ehe unter Blutsverwandten nur insoweit 
ein Interesse entgegenbrachte, als man in ihr ein hereditär belastendes 
Moment erblickte, habe ich in einem Aufsatz^ darauf hingewiesen, daß 
die Verwandtenehe selbst als Phänomen der Neurosen-Psychologie 
gewürdigt werden müsse. Ausgehend von den Eigentümlichkeiten der 
Sexualität bei den Neurotikern, welche uns durch die Psychoanalyse 
bekannt geworden sind, gelangte ich zu der Auffassung, daß bei vielen 
solchen Personen die Übertragung der Libido auf blutsfremde Personen 
mißlinge, weil sie auch nach der Pubertät in inzestuöser Gebundenheit 
verharre. Für den Neurotiker, der sich dem Objekt seiner ursprünglichen 
inzestuösen Wünsche ebenso fern halten muß wie dem blutsfreraden 
Weibe, bedeutet die Ehe mit einer Verwandten ein Kompromiß. 

Schon in der erwähnten Schrift machte ich darauf aufmerksam, 
daß man die Neigung zur Inzucht in eine Reihe mit gewissen 
anderen Erscheinungen stellen müsse, um ihr psychologisch gerecht 
zu werden. An dem einen Ende dieser Reihe hat der reale Inzest 
seinen Platz; er ist in psychopathischen Familien nicht gar so selten, 
wie man anzunehmen pflegt. Das entgegengesetzte Extrem ist die 
völlige und dauernde Ablehnung aller Beziehungen zum andern 
Geschlecht. 

Dem erstgenannten Extrem steht psychologisch nahe die Neigung 
zu solchen blutsverwandten Personen, welche nicht dem allernächsten 
Verwandtschaftsgrade angehören. In einem ganz ähnlichen Verhältnis 
zu dem oben genannten andern Extrem der Reihe steht eine Erschei- 
nung, welche ich mit dem Namen „neurotische Exogamie" 

1 Aus „Imago", Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften. III. Jahrgang 1914, 6. Heft. 

' .Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen.' Vgl. 
S. 45 dieses Buches. 



15« 



228 



belegen möchte. Sie besteht darin, daß der Mann^ eine unüberwindliche 
Scheu empfindet, in nahe Beziehungen zu einem Weibe zu treten, das 
der gleichen Rasse oder Nationalität angehört wie er selbst, oder — 
richtiger gesagt — wie seine Mutter. Hier werden also gegen die 
Möglichkeit des Inzestes ganz besondere Maßregeln getroffen. Der 
Neurotiker flieht vor dem mütterlichen Typus zu solchen Frauen, 
welche in Erscheinung und Wesen der Mutter (oder Schwester) möglichst 
entgegengesetzt sind. Diese Flucht ist eine Folge seiner übermäßigen 
Inzestscheu. 

Ein Beispiel möge zunächst den geschilderten Sachverhalt erläutern: 

Ein dem blonden, norddeutschen Typus angehöriger Neurotiker 
zeigt die höchste Antipathie gegen den gleichen Typus bei Frauen. 
Nichts darf ihn beim Weibe an sein ursprüngliches Liebesobjekt, die 
Mutter, erinnern. Er erträgt bei Frauen nicht einmal den heimischen 
Dialekt. Nur dunkelhaarige, brünette fremdrassige Frauen ziehen ihn 
an. Er hat im Laufe der Jahre verschiedenen Frauen seine Sympathie 
geschenkt; sie gehörten stets fremder Rasse oder Nationalität an. Dabei 
trat mit größter Deutlichkeit die von Freud hervorgehobene Neigung 
zur „Reihenbildung" hervor. Der Patient erwies sich als unfähig, seine 
Libido nachhaltig und erfolgreich auf eine bestimmte weibliche Person zu 
richten. Die Fixierung an die früheste Liebe erwies sich als übermächtig. 

Ich habe eine ganze Anzahl ähnlicher Fälle analysieren können 
und bin allmählich zu der Auffassung gelangt, daß in dieser 
Abneigung gegen Frauen des eigenen (oder mütterlichen) Typus resp. 
der eigenen Rasse etwas Gesetzmäßiges liege. Eine interessante 
Beobachtung ganz derselben Art hat Dr. Karl W e i ß ^ veröffentlicht. 
In seiner Mitteilung handelt es sich um einen Mann, der unfähig 
ist, ein Mädchen aus seiner Heimatstadt und Heimatprovinz, oder 
aus der Heimatgegend seines Vaters oder seiner Mutter zu heiraten. 
Ebenso empfindet er eine Scheu vor Mädchen, die ähnliche Augen 
oder Haare haben wie seine Schwestern. 

Die Motivierung dieser sexuellen Scheu ist manchen Neurotikern 
durchaus unbewußt, anderen dagegen voll bewußt. 

Ein Patient erklärte mir, er — der selbst Jude war — werde nie 
eine Jüdin heiraten können, weil er in jeder Jüdin unwillkürlich seine 
Schwester erblicke. Tatsächlich befand sich dieser Patient in einer, 
ungewöhnlich starken inzestuösen Fixierung an Mutter und Schwester, 



1 Wie in der zitierten früheren Arbeit berücksichtige ich auch hier wieder in 
erster Linie die Erscheinungen, wie sie sich beim männlichen Geschlecht äußern; die 
Begründung dafür habe ich am erwähnten Orte gegeben. 

2 Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse, Bd. II., p. 161. 



229 



wovon auch seine Neurose (Straßenangst) Zeugnis ablegte. Im Pubertäts- 
alter war es zu einer sexuellen Annäherung der Geschwister gekommen. 
Ein zweiter Patient, ebenfalls von jüdischer Abkunft, machte 
hinsichtlich seiner Neigungen ganz ähnliche Angaben wie der Vor- 
erwähnte. Er verliebte sich wiederholt in Mädchen, welche dem jüdischen 
Typus in ihrer Erscheinung ganz entgegengesetzt waren, so z. B. in 
eine blonde Dänin. 

In einem dritten Falle war der Sachverhalt ganz der gleiche; 
nur befand sich der Patient über die Herkunft seiner Rassenneigung 
und -abneigung im Unklaren. 

In allen von mir genauer untersuchten Fällen bestand neben 
der übermäßigen positiven Fixierung der Libido an die nächsten 
Angehörigen gleichzeitig ein ausgesprochener Haß gegen die eigene 
Familie. Dieser richtet sich bald vorwiegend auf die Mutter und 
erklärt sich dann aus enttäuschter inzestuöser Neigung; bald gflt er 
mehr dem Vater und leitet sich dann zwanglos aus der Ödipus- 
Einstellung des Sohnes her. 

Ein solcher Haß wird für den Sohn zum wirksamen Motiv, 
sich von seinesgleichen zu trennen. Er sucht nun nicht bloß den 
Zusammenhang mit seinen Blutsverwandten, sondern auch denjenigen 
mit seinen Stammesgenossen aufzuheben. 

Zweierlei häufige Erscheinungen werden durch diese Betrach- 
tungsweise in ein neues Licht gerückt. 

Ich habe zunächst einen Teil der sogenannten Mischehen' im 
Auge, In den christlichen Ländern handelt es sich namentlich um 
Mischehen zwischen Christen und Juden. Bald ist es mehr die Flucht 
vor dem Inzest, bald mehr die feindliche Ablehnung der eigenen 
Familie, welche in nicht wenigen Fällen zur Schließung einer Mischehe 
treibt. Ich könnte für diesen Hergang zahlreiche Belege beibringen. 
Sodann verdient unser Interesse jener Typus von Männern, 
welche frühzeitig, meist im Unabhängigkeitsdrang des Pubertätsalters, 
aus ihrer Heimat auswandern und irgendwo in einem exotischen 
Lande mit einem fremdrassigen Weibe die Ehe eingehen. Ich ver- 
füge über eine Reihe sehr instruktiver Beobachtungen dieser Art. 
Durch die neuesten Untersuchungen Freuds sind wir auf 
gewisse Übereinstimmungen im Seelenleben der Neurotiker 
und der Primitiven aufmerksam geworden. An dieser Stelle ist 
in erster Linie an die verstärkte Inzestscheu der Neurotiker und 
der Primitiven zu erinnern. Diese Inzestscheu kommt am stärksten 
zütn Ausdruck in der Gesetzgebung jener Völker, deren wichtigste 
Sorge augenscheinlich die Inzestverhütung ist. Die wirksamste und 



230 



weitreichendste Maßregel dieser Art ist diejenige bei vielen primi- 
tiven Stämmen bestehende Einrichtung, welche man als E x o g a m i e 
bezeichnet. Sie verbietet die geschlechtlichen Beziehungen nicht nur 
unter Blutsverwandten im eigentlichen Sinne, sondern sogar unter 
Angehörigen des' gleichen Stammes. 

Wir sahen, daß manche Neurotiker, einer inneren Nötigung 
folgend, ihre Neigung lediglich solchen Personen zuwenden, welche 
einem anderen Stamme angehören. Die innere Nötigung hat bei 
diesen Individuen den gleichen Effekt wie der äußere, gesetzliche 
Zwang bei den primitiven Völkern. Wir dürfen also mit Fug und 
Recht die uns beschäftigende Erscheinung bei Neurotischen als 
Exogamie bezeichnen. Das neurotische und das ethnologische Phä- 
nomen, die wir mit gleichem Namen belegen, stimmen bezüglich 
ihres Ursprungs und ihres Zieles vollkommen überein. 



Untersuchungen über die früheste prägenitale 
Entwicklungsstufe der Libido'. 

In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", welche zuerst im 
Jahre 1905 erschienen, hatten Freuds Anschauungen von der 
Sexualität des Kindesalters eine zusammenfassende Darstellung 
gefunden, die wir auch heute noch als grundlegend betrachten dürfen. 
In neuester Zeit haben diese Anschauungen eine Vervollständigung 
erfahren, von der auch die dritte Auflage (1915) der genannten Schrift 
Zeugnis ablegt." 

Die Fortschritte der psychoanalytischen Erfahrung nötigen zu der 
Annahme gewisser Stadien in der frühen Entwicklung der kindlichen 
Libido. Freud bezeichnet sie, weil sie eine vorherrschende Bedeutung 
der Genitalorgane noch nicht erkennen lassen, als „prägenitale 
Organisationen" der Libido. 

Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit der frühesten 
der von uns angenommenen Entwicklungsstufen. Sie stützen sich auf 
ein umfangreiches Beobachtungsmaterial, welches ausschließlich einer 
Zeit entstammt, welche der theoretischen Aufstellung der erwähnten 
Entwicklungsstadien vorausging. Eine vorgefaßte Meinung im Sinne 
der Theorie von den prägenitalen Organisationen kann also bei der 
Gewinnung des Materials nicht beteiligt gewesen sein. Es scheint mir 
nicht überflüssig, darauf hinzuweisen; denn jede weitere Ausgestaltung 
der Sexualtheorie dürfte mit ähnlichen Einwänden aufgenommen werden, 
wie sie nach dem ersten Erscheinen der „Drei Abhandlungen" laut wurden. 

Meine Beobachtungen und die Schlüsse, welche sich aus ihnen 
ergeben, kann ich jedoch nicht mitteilen, ohne einen Rückblick auf 
die Grundlagen zu werfen, auf welchen die Lehre von den prägenitalen 
Stufen der Libidoentwicklung entstanden ist. 

In seinen Ausführungen über die frühesten Phänomene des kind- 
lichen Geschlechtslebens konnte Freud sich auf einen Gewährsmann 
berufen, der lange vor ihm zu neuartigen und kühnen, aber überzeugenden. 

» Aus „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse', IV. Jahrgang 1916. 



232 

Schlüssen auf diesem Gebiet gelangt war. Diese wichtige Vorarbeit 
hatte Lindner 1879 mit seiner Studie über das Lutschen der Kinder 
geleistet. Dem genannten Autor war der libidinöse Charakter des 
Vorganges nicht entgangen; er machte darauf aufmerksam, wie das 
Lutschen, obwohl es nicht dem Zweck der Sättigung diene, vom Kinde 
mit einer Intensität betrieben werde, welche dessen Aufmerksamkeit 
gänzlich absorbiere. L i n d n e r beobachtete ferner eine mit dem Lutschen 
einhergehende Erregung, die sich zu einer Art von Orgasmus steigerte, 
und er bewertete das Einschlafen des Kindes nach diesem Vorgang 
als einen Effekt der erreichten Befriedigung. Ferner betonte er die 
Erscheinungen des Greiftriebes, welche sich mit dem Lutschen verbinden, 
und erkannte die fließenden Übergänge vom Lutschen zur Masturbation, 
also zu einer unzweifelhaften Sexualbetätigung. 

Freud schloß sich Lindners Auffassungen an. Er vindizierte 
der kindlichen Sexualität bestimmte Eigentümlichkeiten, die sich gerade 
an dem Beispiel jener primitiven Triebäußerung, des Lutschens, besonders 
deutlich erkennen ließen. Erstens sei der Trieb nicht auf ein fremdes 
Objekt gerichtet, sondern er betätige sich autoerotisch. Zweitens 
sei die primitivste Sexualäußerung keine selbständige Erscheinung ; sie 
lehne sich vielmehr an eine zur Erhaltung des Lebens wichtige Funk- 
tion — das Nahrungsaugen — an, sei also eigentlich die Reproduktion 
eines lustvollen Reizes, welchen das Kind beim Nahrungsaugen kennen 
gelernt habe. Drittens sei die Erzielung der Lust an eine „erogene 
Zone" — die Lippenschleimhaut — gebunden. Die Befriedigung des 
Nahrungsbedürfnisses und die Befriedigung der erogenen Zone seien 
in ihren Ursprüngen nicht voneinander zu trennen. Die Lippenschleim- 
haut müsse übrigens eine dem Grad nach wechselnde, von Kind zu 
Kind schwankende Erogeneität besitzen, da die Neigung zum Lutschen 
in sehr verschiedener Intensität auftrete. 

Eine ähnliche Doppelfunktion wie dem Eingang des Darmkanals 
schrieb Freud dem Darmausgang zu. Auch dieser diene im frühen 
Kindesalter nicht lediglich der Exkretion, sondern er stehe als erogene 
Zone ebenfalls im Dienst der kindlichen Sexualität. Die mit der Darm- 
entleerung notwendigerweise verbundenen Reizempfindungen suche das 
Kind wieder zu erleben; durch Anhalten des Darminhaltes vermöge, 
das Kind diese Reize zu verstärken. Wie für die Lippenzone, so sei 
eine individuell schwankende Erogeneität auch für die Analzone 
anzunehmen. Die gewollte Steigerung des Lustnebengewinnes bei der 
Defäkation sei, ganz wie das Lutschen, als Reizung einer erogenen 
Zone gleichwertig der genitalen Masturbation, welche ebenfalls bereits 
dem frühen Kindesalter eigentümlich ist. 



233 



Neben den autoerotischen Phänomenen der frühen Kindheit beschrieb 
Freud gewisse Triebkomponenten, welche bereits auf andere Personen 
als Sexualobjekte angewiesen seien (Schau- und Zeigelust, aktive und 
passive Grausamkeitskomponente). Diese „Partialtriebe" seien zunächst 
noch nicht zu einem festen Verbände organisiert, sondern sie gehen 
selbständig auf Lustgewinn aus. Erst später ordnen sich die erogenen 
Zonen und die Partialtriebe dem P r i m a t der Genitalzone unter; 
indem die Sexualität in den Dienst der Fortpflanzung trete, erreiche 
die Entwicklung ihren normalen Abschluß. 

Diejenigen Entwicklungsstadien der Libido, welche der Einsetzung 
des Primates der Genitalzone vorausgehen, hat F r e u d nun neuerdings 
mit dem eingangs erwähnten Namen als „prägenitale" bezeichnet. 
Es handelt sich um Vorstufen der späteren, „normalen" Sexualität, 
welche in der Regel von der Libido des Kindes durchlaufen werden, 
ohne daß die Umgebung von den sich vollziehenden Veränderungen 
Notiz nimmt. Dieselben Vorgänge, welche unter normalen Verhältnissen 
keine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, werden in 
pathologischen Fällen „aktiviert und für grobe Beobachtung kenntlich" 
(Freu d). 

Aus der Psychoanalyse der Neurosen konnten bisher zwei 
prägenitale Organisationen erschlossen werden. Die früheste ist die 
orale Organisation ; man könnte sie — fügt Freud hinzu — auch die 
kannibalische nennen. Wie früher ausgeführt wurde, ist in diesem 
Stadium die Sexualtätigkeit von der Nahrungsaufnahme noch nicht 
getrennt. „Das Objekt der einen Tätigkeit ist auch das der anderen, 
das Sexualziel besteht in der Einverleibung des Objektes." (S. 60). 
Freud fügt eine für das Verständnis des Lutschens wichtige 
Bemerkung hinzu: „Als Rest dieser fiktiven, uns durch die Pathologie 
aufgenötigten Organisationsphase kann das Lutschen angesehen werden, 
indem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit abgelöst, das 
fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper aufgegeben hat." 

Eine weitere Form der prägenitalen Organisation wurde aus der 
Psychoanalyse der Zwangsneurose erschlossen. Freud sagt von ihr : 
„Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen 
Organisation. Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexualleben 
durchzieht, bereits ausgebildet ; sie kann aber noch nicht männlich 
und weiblich, sondern muß aktiv und passiv benannt werden. 
Die Aktivität wird durch den Bemächtigungstrieb vonseiten der 
Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit passivem Sexualziel 
macht sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend ; für beide 
Strebungen sind Objekte vorhanden, die aber nicht zusammenfallen. 




234 

Daneben betätigen sich andere Partialtriebe in autoerotischer Weise. 
In dieser Phase sind also die sexuelle Polarität und das fremde Objekt 
bereits nachweisbar. Die Organisation und die Unterordnung unter die 
Fortpflanzungsfunktion stehen noch aus." 

Mit den bisherigen Ausführungen ist der heutige Stand der 
Sexualtheorie, soweit er unser Thema angeht, in großen Umrissen 
skizziert. Während nun in der psychoanalytischen Literatur die 
Beobachtungen, welche zur Aufstellung der sadistisch-analen Organisation 
geführt haben, eine spezielle Berücksichtigung gefunden haben, — 
besonders ist hier auf Jones" wichtige Mitteilungen hinzuweisen — 
harrt die früheste, , orale" Entwicklungsstufe der Libido noch der 
eingehenderen Untersuchung. 

Ihre Annahme ist uns, wie Freud sich ausdrückt, von der 
Pathologie aufgenötigt worden. Damit ist bereits zum Ausdruck 
gebracht, daß es^ sich um Entwicklungsvorgänge handelt, die der 
direkten Beobachtung im Kindesalter wenig zugänglich sind. Das 
Kind kann in dieser frühen Zeit keinen Aufschluß über die Vorgänge 
seines Trieblebens geben. Unter normalen Verhältnissen spielt die 
Entwicklung in den ersten Lebensjahren sich auch so ruhig ab, daß 
meistens keine augenfälligen Erscheinungen dem Beobachter die sich 
vollziehenden Veränderungen kundgeben. Später, wenn erst die 
Verdrängung ihre Macht entfaltet hat, kann das Individuum naturgemäß 
über die frühesten Ereignisse am wenigsten Auskunft geben. 

Die Tatsachen der normalen Erotik zeigen zwar deutlich, daß 
der. Mund seine Bedeutung als erogene Zone keineswegs aufgibt. 
Mehr noch läßt das Studium der sexuellen Perversionen erkennen, 
daß der Mund vollkommen die Bedeutung eines Sexualorganes — 
eine Genitalrolle — übernehmen kann. Und weiter zeigt die Psychoanalyse 
der Neurosen, daß häufig der Mund seine Bedeutung als erogene Zone 
nur im Bewußtsein verloren hat, daß diese im Unbewußten dagegen 
fortdauert und sich dem Bewußtsein durch Ersatzbildungen kundgibt, 
die wir als neurotische Symptome kennen. Der Psychoanalyse verdanken 
wir die Kenntnis, daß diesen Erscheinungen der Wert von Infantilismen 
zukommt; sie erklären sich teils aus einem Fortbestehen infantiler 
Triebe im Unbewußten, teils sind sie der Ausdruck einer nachträglichen 
Rückkehr zu bereits überwundenen Entwicklungsstadien der Libido. 
Daß jene verdrängten Infantilismen durch mannigfache Umwandlungen 
unkenntlich gemacht, ja in ihr gerades Gegenteil verkehrt sein können, 
erwähnte Freud 1905 gerade im Zusammenhang mit den Erscheinungen' 
welche sich an der Mundzone abspielen. Neurotische, deren Mundzone 
ursprünglich durch besondere Erogeneität ausgezeichnet gewesen sei, 



235 



die sich etwa durch jahrelang fortgesetztes Lutschen äußerte, seien im , 
späteren Alter oft mit nervösem Erbrechen behaftet. 

Mögen alle diese Erfahrungen uns nun auch ein gutes Recht 
geben, Rückschlüsse auf ein frühes, „orales" Stadium der Libido zu 
ziehen, so geben sie uns doch kein greifbares Bild, keine unmittelbare 
Anschauung dieses archaischen Zustandes, von welchem sich das 
Triebleben des normalen Erwachsenen außerordentlich weit entfernt 
hat. Ich möchte deshalb im folgenden auf Erscheinungen psycho- 
pathologischer Natur hinweisen, die bisher nahezu unbekannt oder 
doch unbeachtet geblieben sind. Sie zeigen, daß bei erwachsenen 
Menschen ein positives und unverkennbares Verharren im Triebleben 
des Säuglings vorkommt, und daß die Libido dieser Personen ein 
Bild darbietet, welches dem von Freud angenommenen oralen oder 
kannibalischen Stadium bis in die letzten Einzelheiten entspricht. Ich 
werde zunächst die äußerst krassen Erscheinungen eines derartigen 
Falles mitteilen, soweit sie in diesem Zusamrnenhange von Interesse 
sind. Von ihnen aus wird alsdann ein Licht auf eine ganze Reihe von 
psychopathologischen Erscheinungen fallen, denen bisher noch keine 
spezielle Untersuchung zuteil geworden ist. Endlich wird auf eine 
Frage einzugehen sein, die sich aus den neuen Veröffentlichungen zur 
Psychogenese der Zwangsneurose ergibt. Die Untersuchungen von 
Freu dl und Jones^ haben gezeigt, daß aus der Abwehr sadistisch- 
analer Triebregungen Zwangserscheinungen hervorgehen. Die Erwartung 
liegt nahe, daß die Abwehr eines drohenden Rückfalles in die orale 
Organisation ebenfalls zur Bildung ganz bestimmter typischer Symptome 
führe. Die Richtigkeit dieser Erwartung scheint in gewissen Ergebnissen 
der Psychoanalyse ihre Bestätigung zu finden. Es soll versucht werden, 
auf Grund der Ermittelungen über die früheste prägenitale Organisation 
einen zwiefachen Beitrag zur psychoanalytischen Theorie zu liefern, 
nämlich zur Frage der Entstehung psychischer Depressionszustände 
und zum Problem der „Neurosenwahl". 

II. 

Was ich hier zunächst an Materialien wiedergebe, entstammt der 
Psychoanalyse eines Falles von Dementia praecox („Schizophrenie" 
Bleulers). Der Patient bot jedoch nicht das allbekannte Bild einer 
Psychose mit Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, usw., sondern 
jene Spielart der Krankheit, welche man als „einfache" Dementia 

1 „Die Disposition zur Zwangsneurose." Internat. Zeitschr. f. ärztl. Ps.-A., 
Bd. I, 1913. 

2 „Haß und Analerotik in der Zwangsneurose." Ebenda erschienen. 



236 



praecox bezeichnet hat. Die Kranken dieser Gruppe, die auch Bleuler 
neuerdings wieder als „Schizophrenia simplex" gesondert behandelt 
hat, lassen die bereits erwähnten groben Symptome der Geistesstörung 
vermissen. Sie weisen dagegen bestimmte assoziative Störungen und 
namentlich Veränderungen des Gefühls- und Trieblebens auf, wie man 
sie in ausgeprägten Fällen des Leidens neben den Wahnbildungen usw. 
findet. Die assoziative Tätigkeit solcher Kranken vollzieht sich insoweit 
in geordneten Bahnen, daß man mit ihnen die Psychoanalyse 
ebensowohl wie mit einem Psychoneurotiker durchführen kann. Ja, 
diese Arbeit wird sogar durch den Wegfall mancher Hemmungen bei 
diesen Patienten erleichtert. Vieles, was beim Neurotiker durch intensive 
Verdrängung vor dem Bewußtwerden und damit vor der Aussprache 
behütet wird, liegt bei solchen Kranken dem Bewußtsein ganz nahe 
und wird unter Umständen widerstandslos ausgesprochen. 

Mein Patient entstammte einer Familie, in welcher bereits Fälle 
von schwerer, katatonischer Dementia praecox vorgekommen waren. 
Intellektuell keineswegs schlecht begabt, hatte er eine höhere Schule 
absolviert. Dem Zwang der Schule entwachsen, kam er im akademischen 
Studium in keiner Weise vorwärts; vielmehr bildeten sich an ihm 
gewisse Eigenschaften, durch welche er schon als Schüler aufgefallen 
war, immer stärker aus. Als er in meine Behandlung trat, glich sein 
Verhalten in vielen Beziehungen demjenigen eines albernen Kindes. 
Weder sein Studienfach noch irgend welche Vorgänge in der Außenwelt 
vermochten ein ernstes Interesse in ihm zu erregen. Er belustigte sich 
höchstens an Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten, wandte aber seine 
Aufmerksamkeit hauptsächlich in stark narzißtischer Weise dem eigenen 
Ich zu. Kleine Einfälle, Wortspielereien u. dgl. konnten ihn intensiv 
und lange beschäftigen. Mehr als alles andere aber zog die eigene 
Körperlichkeit sein Interesse auf sich. Seine genitalen und analen 
Sensationen hatten für ihn die höchste Wichtigkeit. Er war übrigens 
ebenso der analen wie der genitalen Masturbation ergeben. In den 
Pubertätsjahren vergnügte er sich mit Kotspielereien, beschäftigte sich 
auch später viel mit seinen Körperabsonderungen, hatte z. B. auch Lust 
daran, das eigene Sperma zu genießen. Eine ganz besondere Rolle als 
erogene Zone spielte aber bei ihm der Mund. Wie man es in solchen 
Fällen oft erlebt, so war auch diesem Patienten der sexuelle Charakter 
gewisser Erscheinungen bewußt, welche der objektive Beobachter nicht 
sogleich in diesem Sinne bewertet haben würde. Der Patient lenkte 
meine Aufmerksamkeit auf die erogene Bedeutung des Mundes, als er 
eines Tages von , Mundpollutionen " berichtete, als wären diese etwas 
Selbstverständliches und Bekanntes. Er schilderte auf Befragen einen 



237 



Vorgang, der sich bei ihm häufig wiederhole. Er erwache nachts aus 
einem erregenden Traum und bemerke, daß ihm der Speichel aus dem 
Munde laufe. Seinen Assoziationen freien Lauf lassend, ging der Patient 
dazu über, mir eine Fülle weiteren Materials über die erogene Bedeutung 
des Mundes vorzutragen; ich gebe die besonders beweisenden 
Tatsachen hier wieder. 

Aus den Angaben des Patienten ging hervor, daß er sich als 
Knabe nicht vom Milchgenuß zu trennen vermochte. Als Schüler 
— so berichtete er — habe er nie genug Milch zu trinken bekommen 
können. Die Neigung sei auch jetzt noch vorhanden, habe sich aber 
in gewisser Hinsicht verändert. 

Bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre habe er die Milch nicht 
einfach aus dem Gefäß getrunken, sondern er habe eine besondere 
Methode gehabt, sie einzusaugen. Er trank, indem er die Zunge 
aufwärts krümmte und sie hinter den Oberzähnen an den Gaumen 
preßte und dann die Milch einsog. Die Milch durfte weder kalt noch 
heiß, sondern sie mußte körperwarm sein. Auf diese Weise habe er ein 
besonders angenehmes Gefühl erzielt. Spontan fügte er hinzu: „Es ist 
so wie ein Lutschen an der Brust." „Ich sauge an meiner eigenen 
Zunge wie an der Brustwarze." Mit 15 Jahren habe er sich diese Art 
des Saugens abgewöhnt, habe auch angefangen, Getränke in kaltem 
Zustande zu sich zu nehmen. 

Das Verlangen nach Milch war damit jedoch keineswegs überwunden ; 
ja, seine sexuelle Determinierung wurde in den folgenden Jahren 
überdeutlich durch häufige Vorkommnisse, von welchen der Patient wie 
von etwas ganz Selbstverständlichem berichtete. Er erwache nachts oft 
mit heftigem sexuellen Drang. Dann trinke er Milch, die er im 
Schlafzimmer bereitstehen habe. Oft sei er auch schon nachts aufgestanden 
und habe in der Küche nach Milch gesucht. Fand er einmal keine 
Milch vor, so setzte er seiner sexuellen Erregung durch Masturbation 
ein Ziel; andernfalls befriedigte er sich durch Milchgenuß. Er 
selbst empfand das Verlangen, Milch zu saugen, als den tiefsten und 
ursprünglichsten Trieb. Die genitale Masturbation, so stark sie ihn 
auch beherrschte, erschien ihm wie etwas erst Hinzugekommenes. 

Die Tatsachen sprechen in diesem Falle, soweit ich ihn bereits 
mitgeteilt habe, für sich selbst. An der sexuellen Bedeutung des 
Milchsaugens, an der Rolle des Mundes als erogene Zone kann auch 
nicht der geringste Zweifel bestehen. Das nächtliche Verhalten des 
Patienten, wie er es selbst geschildert hat, ist aber, wie sich leicht 
ersehen läßt, eine Fortsetzung desjenigen Verhaltens, welches neurotisch 
veranlagte Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr darbieten. Solche 



238 



Kinder pflegen der Gewöhnung an einen ununterbrochenen Nachtschlaf 
große Schwierigkeiten zu bereiten. Sie erwachen während der Nacht 
einmal oder mehrmals und geben durch ihr Geschrei, oder wenn sie 
dazu bereits imstande sind, durch andere Zeichen zu erkennen, daß sie 
nach der Brust oder Milchflasche verlangen. Gibt man einem solchen 
Kinde Milch zu saugen, so tritt alsbald ein Zustand der Befriedigung 
und Ruhe ein; andernfalls vermag das Kind sich selbst eine Ersatz- 
befriedigung zu verschaffen, indem es den Mund durch den eingeführten 
Finger reizt, oder einer anderen erogenen Zone, etwa der Genitalzone, 
ihr adäquate masturbatorische Reize zuteil werden läßt. 

Das Verhalten unseres Patienten deckt sich mit dem des Säuglings 
vollkommen. Indem er aber noch als Erwachsener diejenige Form der 
Befriedigung am intensivsten empfindet, welche den Charakter der 
Einverleibung trägt, gibt er deutlich kund, daß seine Libido in dem 
frühesten prägenitalen Stadium, dem oralen oder kannibalischen, eine 
starke Fixierung erfahren hat. Das Saugen dient dem Patienten als 
Methode der Nahrungsaufnahme und als Methode der sexuellen 
Lustgewinnung. Die erstere Bedeutung des Saugens tritt freilich zurück 
gegenüber der letzteren. Es muß hier an die bereits erwähnten, vom 
Patienten so genannten „Mundpollutionen" erinnert werden. Wir 
betrachten den Speichelfluß im allgemeinen als Zeichen der Eßlust. Bei 
dem Patienten aber, dessen Mundzone in so hohem Maße der Sexualität 
dienstbar war, war sie die Begleiterscheinung eines im Schlafe 
aufgetretenen sexuellen Dranges. Die Libido zeigte also die Neigung, 
auf dem Wege der im frühesten Kindesalter bevorzugten erogenen 
Zone abzuströmen. 

Von hohem Interesse ist nun, was die Psychoanalyse über die 
weitere Entwicklung der Libido bei dem Patienten ergeben hat. 

Seine Assoziationen glitten vom Milchsaugen zwanglos hinüber 
auf die entwicklungsgeschichtlich spätere Form der Nahrungsaufnahme, 
auf das Essen. Der Patient brachte in diesem Zusammenhang eine 
Reminiszenz, an welche sich dann weitere wichtige Einfälle anschlössen. 
Als kleinem Knaben sei ihm die Vorstellung, jemanden lieb zu haben, 
ganz gleichbedeutend gewesen mit der Vorstellung, etwas Gutes zu essen. 
Er habe seit seiner Kindheit „kannibalistische Vorstellungen"^. 



' Vielleicht ist es nicht überflüssig zu betonen, daß sowohl der hier wieder- 
gegebene Gedanke wie der Ausdruck vom Patienten stammen. Der Ausdruck 
„kannibalistische Vorstellungen" ist nicht etwa aus der Lektüre der „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie" entnommen. Die Psychoanalyse, aus welcher ich hier berichte, 
fand 1912 statt, während die dritte Auflage der Freudschen Abhandlungen^ 
welche den Ausdruck zuerst enthält, erst 1915 erschienen ist. 



239 



Diese ließen sich auf assoziativem Wege zunäciist bis in das vierte 
Lebensjaiir zurückverfolgen. In diesem Alter — die Riclitigkeit der 
zeitlichen Angabe ließ sich bestätigen — hatte er eine Pflegerin gehabt, 
der er sehr zugetan war. Sie war es, die im Mittelpunkt der kannibalistischen 
Phantasien stand. Der Patient wünschte sich noch in späterer Zeit oft, 
in sie hineinzubeißen und sie „mit Haut, Haaren und Kleidern zu 
verschlingen". Die Psychoanalyse vermochte jedoch noch tiefer 
einzudringen. 

Eine weitere Assoziation des Patienten besagte, daß der Geschmack 
des Fleisches ihn an denjenigen der Milch erinnere. Beides sei „fett 
und süß". Wie er manchmal ein plötzliches Verlangen nach Milch 
verspüre, so auch nach Fleisch. Es komme ihm vor, als suche 
er einen Ersatz für Menschenfleisch. Von hier führte die 
assoziative Bahn weiter zu der Phantasie, in die weibliche 
Brust zu beißen. Hier war die unmittelbare Verknüpfung von 
Fleisch und Milch gegeben. Dazu muß bemerkt werden, daß die 
Säuglingsperiode für unseren Patienten ungewöhnlich reich an 
eindrucksvollen Erlebnissen gewesen war. Verschiedene Umstände 
hatten dazu genötigt, eine Reihe von Malen die Amme zu wechseln 
und ihm die Ernährung durch die Brust sehr lange zuteil werden zu 
lassen. Bei einem Kinde, in dessen Sexualkonstitution die Mundzone 
so stark betont war, konnten diese Vorgänge nicht ohne Folgen 
bleiben; sie mußten die Fixierung auf einer früheren Stufe der Libido- 
Entwicklung, resp. die spätere Regression auf diese Stufe erleichtern. 

Zum Schluß sei aus der Geschichte des Kranken noch erwähnt, 
daß auch das Essen für ihn eine starke Lustqualität hatte; seine 
Neigung zu unmäßigem Essen legte Zeugnis davon ab. Diese 
Lustbetonung des Essens trug aber für das Gefühl des Kranken nicht 
den gleichen, sexuellen Charakter, erschien ihm auch als etwas erst 
Hinzugekommenes. Doch zeigt auch diese Erscheinung die Neigung 
des Patienten, seinen erogenen Zonen Reize aller Art zuzuführen. 
Fand seine Libido neue Lustquellen, so wurden dadurch die früheren 
in ihrer Bedeutung nicht geschmälert. Auch in der weiteren Entwicklung 
des Trieblebens trat bei dem Patienten diese Eigentümlichkeit sehr 
hervor. Sie macht es begreiflich, daß seine Libido im erwachsenen 
Alter niemals eine einheitliche Tendenz erhielt. Während er zu keiner 
normalen Gefühlseinstellung gegenüber anderen Personen, zu keiner 
Objektwahl gelangen konnte, behielten die verschiedenen erogenen 
Zonen nebeneinander ihre alte Bedeutung. Unter ihnen war es aber 
die Mundzone, deren Reizung der Patient weitaus am lustvollsten 
empfand und von deren Bedeutung er mit besonderem Affekt sprach. 



240 

Die Eigentümlichkeiten des geschilderten Krankheitsfalles lassen 
sich folgendermaßen zusammenfassen : 

1. Die orale Zone überwiegt an Bedeutung die anderen erogenen 
Zonen. Insbesondere tritt die Saugelust hervor. Milchsaugen führt 
einen Zustand der Befriedigung herbei. 

2. Sexualfunktion und Ernährungsfunktion sind im Saugeakt 
miteinander verknüpft. 

3. Dem Objekt gegenüber, welches die Wunschphantasien des 
Patienten auf sich gezogen hat, besteht das Verlangen nach Einverleibung. 
(Vom Patienten selbst als kannibalische Regung bezeichnet.) 

Das sind aber die gleichen Merkmale, welche 
Freud dem frühesten Stadium der Libi do-Entwicklung 
im Kindesalter zuzusprechen genötigt war. 

Die Übereinstimmung ist vollkommen, überrascht aber denjenigen 
nicht, der aus eigener psychoanalytischer Arbeit erkannt hat, wie sehr 
die Theorien Freuds aus der unmittelbaren Beobachtung hervorgehen 
und wie weit sie von weltfremder Spekulation entfernt sind. 

Ein Erwachsener, dessen Libido sich in einem Zustande wie dem 
oben geschilderten befindet, weicht in ganz außerordentlichem Maße 
von der Norm ab. Das überaus Krasse der Erscheinungen eines solchen 
Falles eröffnet uns das Verständnis verwandter Phänomene, wenn sie 
, uns bei anderen Personen in geringerer Ausprägung oder in stärkerer 
Verhüllung wiederbegegnen. 

III. 

Schon bei gesunden Kindern gibt es beträchtliche Unterschiede 
hinsichtlich des Zeitpunktes der Entwöhnung. Diese Unterschiede sind 
zwar zu einem Teil in äußeren Verhältnissen begründet, zum Teil aber 
lassen sie sich nur aus individueller Verschiedenheit der Kinder 
erklären. So erfolgt der Übergang von der saugenden Nahrungsaufnahme 
zum Trinken im engeren Sinne des Wortes bald früher, bald später. 

Von äußeren Gründen kommen ethnologische, soziale und familiäre 
in Betracht. Bei nicht wenigen kulturärmeren Völkern werden die 
Kinder erst mit vier oder gar mit sechs Jahren entwöhnt. Auch 
innerhalb der Bevölkerung eines Landes, ja einer Gegend erfolgt die 
Entwöhnung zu recht verschiedenen Zeiten. In den unteren Volksschichten 
ist es sogar bei uns nichts Seltenes, daß ein Kind von mehreren 
Jahren noch zeitweise die Brust der Mutter erhält, wenn diese wieder 
ein jüngeres Kind zum Stillen hat. Neurotische Mütter schieben 
manchmal die Entwöhnung ihrer Kinder lange hinaus, weil das Stillen 
ihnen die stärksten körperlichen Lustgefühle bereitet. Insbesondere 



241- 

sind es Frauen mit genitaler Frigidität, bei welciien die Brust eine 
übergroße Bedeutung als erogene Zone gewonnen hat. 

Mehr interessieren uns hier jedoch die Fälle, in denen das Kind 
aus Gründen, die in ihm selbst liegen, der Entwöhnung Schwierigkeiten 
bereitet. Schon innerhalb des Zeitraums der saugenden Nahrungs- 
aufnahme kann man bei einem Kinde diese Widerstände kennen 
lernen, wenn es von der Mutter- oder Ammenbrust zur Saugflasche 
übergehen soll. Hier beobachtet man sehr merkwürdige Unterschiede 
im Verhalten der Kinder. Viele gewöhnen sich im Laufe einiger Tage 
an die Veränderung. Manche Kinder, die es beim Trinken aus der 
Brust an der genügenden Energie des Saugens fehlen ließen, ziehen 
die Flasche sehr bald vor, weil ihnen die Nahrung mühelos aus ihr 
zufließt. Endlich aber gibt es Kinder, die sich mit großer Hartnäckigkeit 
gegen den Übergang zur Flasche sträuben. Vollends wird dies 
Widerstreben deutlich, wenn dem Kinde der endgültige Verzicht auf 
die saugende Nahrungsaufnahme zugemutet wird. Es kommt bei 
neurotisch veranlagten Kindern nicht selten vor, daß sie auf den 
Versuch der Entwöhnung mit so mangelhafter Nahrungsaufnahme 
reagieren, daß die Mutter zum vorläufigen Nachgeben gezwungen wird. 
Derartige Schwierigkeiten erstrecken sich in ausgeprägten Fällen bis 
in das schulpflichtige Alter. Ich erwähne beispielsweise ein neunjähriges 
Mädchen, das nicht zu bewegen war, am Morgen vor dem Schulgang 
sein Frühstück mit den Eltern und Geschwistern einzunehmen. Um 
die Kleine den Weg zur Schule nicht nüchtern antreten zu lassen, 
bringt die Mutter ihr allmorgendlich eine Saugflasche mit warmer 
Milch ins Bett. Die sonstigen Mahlzeiten des Tages nimmt die 
kleine Widerspenstige in normaler Weise mit der Familie. In 
einem von Gott mitgeteilten Fall mußte ein dreizehnjähriger Knabe 
von der Flasche entwöhnt werden. Wir werden hier an die beson- 
ders krasse Beobachtung erinnert, welche ich oben ausführlicher mit- 
geteilt habe. • 

Ein solches Verhalten des Kindes kann nicht anders erklärt 
werden, als aus einem zähen Festhalten an dem Lustgewinn, welchen 
das Saugen dem Kinde durch Vermittlung der Lippen als erogene 
Zone gewährt. Die Erfahrung lehrt uns nun, daß Personen, welche an 
der kindlichen Saugelust festhalten, regelmäßig in der Entwicklung ihrer 
Sexualität schwer gehemmt werden. Nahrungstrieb und Sexualität bleiben 
bei ihnen in einem gewissen Umfang miteinander verflochten. Ihre 
Libido findet nicht in normaler Weise den Weg zum lebenden, 
menschlichen Objekt, sondern sucht ihre Befriedigung in erster Linie 
bei Gelegenheit einer saugenden Stoffaufnahme in den Mund, 



16 



242 

Der Anteil der Sexualität an einer noch in späteren Jahren 
persistierenden Saugelust tritt vollends zu Tage bei jenen Personen, 
welche im erwachsenen Alter den Drang empfinden, an der weiblichen 
Brust zu saugen. Diese Art der Sexualbetätigung reizt sie stärker als die 
normale Kohabitation. Einer meiner Patienten erklärte mir, daß ersieh 
bei einer solchen Liebesbetätigung in einem sonderbaren Zwiespalt der 
Gefühle befinde. Einesteils habe er Angst davor, daß aus der Brust 
Milch kommen könnte, anderseits sei er ärgerlich und enttäuscht, 
wenn sich keine Milch entleere. In diesem Falle ist das Sexualinteresse 
am Saugen das weitaus überwiegende ; von der anderen Bedeutung des 
Saugens ist nichts übrig geblieben als ein neugieriges, gespanntes 
Warten, ob die Brust Milch hergeben werde. 

Bekanntlich bleibt beim Kinde nach der Entwöhnung eine Neigung 
zum Aufsaugen („Lutschen") süßer Stoffe bestehen. Bei neurotischen 
Männern mit stark unterdrückter Libido findet sich nun nicht selten 
ein intensives, triebhaftes Verlangen nach Süßigkeiten. Sie haben eine 
besondere Lust daran, die Süßigkeiten langsam aufzusaugen. In zwei 
sehr ausgeprägten Fällen konnte ich mit aller Sicherheit feststellen, daß 
die vom kindlichen Autoerotismus stammende Saugelust es war,- welche 
die aktiven Regungen der Libido beiseite drängte und den betreffendTen 
Patienten das stärkste Wohlbehagen brachte. Von dem einen Patienten 
erwähne ich hier, daß er mit Vorliebe abends im Bett Süßigkeiten 
lutschte, worauf er dann mit dem Gefühl der Befriedigung einschlibf. 
Die Anlehnung an das Verhalten des Kindes im Säuglingsalter ist hier 
ganz unverhüllt zu erkennen. Die normale männliche Liebesbetätigung 
war in diesem Falle völlig unterdrückt, 'Der andere Patient bot infantile 
Züge in ungewöhnlicher Menge dar. Die männliche Aktivität fehlte 
seiner Libido vollkommen; um so intensiver nutzte er alle autoerotischen 
Lustquellen. Wenn er sich morgens auf den Weg zu seiner b'eruflichen 
Tätigkeit machte, pflegte er ein charakteristisches S^piel aufzuführen. 
Er tat, als ob er noch ein kleiner Knabe wäre, und sagte zum Abschied 
seiner Frau: „Bubi geht jetzt in die Schule." Auf dem Wege kaufteer 
sich dann — wie Kinder zu tun pflegen — Süßigkeiten und hatte große 
Lust daran, sie gemächlich aufzusaugen. Von diesen kindlichen 
Belustigungen sprach der Patient mit lebhaftem Gefühlston, während das 
Geschlechtliche im Sinne normaler Männlichkeit mit abnorm geringem 
Interesse besetzt war. Im Laufe dieser Psychoanalyse ließ sich aus 
vielen Anzeichen mit Sicherheit entnehmen, daß das libidinöse Interesse, 
das der normalen Geschlechtsfunktion gebührt, durchaus den autoerotischen 
Vorgängen anhaftete. Daß gerade das Aufsaugen süßer Substanzen 
mit dem Munde eihe so starke libidinöse Betonung zeigte, läßt die 



243 

mangelnde Trennung der Nahrungs- und Geschlechtsfunktion atich 
hier deutlich erkennen. 

Zeigt der soeben kurz skizzierte Fall ein Haftenbleiben des 
Patienten an der kindlichen Saugelust, so möge ein anderes Beispiel 
die nachträgliche Regression zu dieser Lustquelle demonstrieren. 

Ein neurotisches junges Mädchen wird, nach jahrelang geübter 
Masturbation, eines Tages durch Lektüre darüber „aufgeklärt", wie 
schädlich und sündhaft ihr Handeln sei. Sie wird von Angst ergriffen 
und gerät in eine langdauernde Verstimmung. Der Masturbation enthält 
sie sich vollkommen. In dieser Zeit der sexuellen Abstinenz und der 
Verstimmung wird sie nun öfter von einem heftigen Verlangen nach 
Süßigkeiten befallen. Sie kauft und verzehrt die Süßigkeiten mit größter 
Heimlichkeit und unter Gefühlen der Lust und Befriedigung, deren 
Intensität sie selbst in Erstaunen versetzt. Die Patientin, welche von 
jeher den äußersten Ekel vor der normalen Verbindung mit dem Manne, 
empfand, hat durch das strenge Selbstverbot der Masturbation ihre 
genitale Sexualität völlig verworfen. So wird es begreiflich, daß ihre 
Libido den regressiven Weg einschlägt und sich in der geschilderten 
Weise der Mundzone bemächtigt. Dazu muß noch bemerkt werden, 
daß die Psychoanalyse viele Anhaltspunkte für das Vorhandensein 
verdrängter Wunschregungen lieferte, die sich auf das Saugen am 
männlichen Genitale bezogen. 

Nachdem sich uns ergeben hat, daß die saugende Aufnahme von 
Stoffen mit Hilfe des Mundes bei gewissen Menschen als sexuelle 
Handlung zu bewerten ist, werden gewisse andere, bei Neurotikern 
recht häufige Erscheinungen in ein neues Licht gerückt. 

IV. 

Viele Neurotiker leiden an abnormen Hungergefühlen. 
Besonders Frauen sind mit diesem Symptom häufig behaftet, und wohl 
jedem Nervenarzt sind jene Patientinnen bekannt, die auf der Straße 
oder afl anderen Orten plötzlich von Hunger befallen werden und 
Vorsorge halber stets Eßwaren bei sich tragen. Auch aus dem Schlaf 
werden sie durch nagenden Hunger geweckt und stellen darum am 
Abend einige Nahrungsmittel neben dem Bette bereit. Für diesen 
neurotischen Hunger ist charakteristisch, daß er ganz unabhängig 
vom Füllungszustande des Magens auftritt, daß er in unregelmäßigen 
Zeitabständen kommt, und daß er anfallsweise und unter quälenden 
Begleiterscheinungen einsetzt, wie sie dem normalen Nahrungsbedürfnis 
nicht zugehören. Besonders sind hier Angstgefühle zu erwähnen. 



16* 



244 

Die Kranken klagen selbst über ihre „Anfälle von Heißhunger". 
Sie spüren den Unterschied des normalen Hungers und dieses „Heiß- 
hungers", neigen aber nichtsdestoweniger dazu, beide Zustände 
miteinander zu konfundieren. Sie legen die heftigsten Widerstände an 
den Tag, wenn die Psychoanalyse den Zusammenhang des neurotischen 
Heißhungers mit verdrängter Libido aufdeckt. Verräterisch weisen gewisse 
Anzeichen uns dennoch den richtigen Weg. Auffällig ist beispielsweise 
die große Häufigkeit dieser Hungeranfälle bei frigiden Frauen. Einer 
meiner Patienten, der das Symptom des neurotischen Hungers in aus- 
geprägter Weise darbot, hob hervor, daß das Hungergefühl nach den 
Hoden ziehe. 

Starke libidinöse Regungen, gegen deren unverhülltes Auftreten 
das Bewußtsein sich wehrt, können sich besonders gut hinter einem 
Hungergefühl — : wie hinter einer Maske — verbergen. Hunger, und 
auch einen übermäßigen, darf man sich selbst und anderen eingestehen. 
Keiner, auch der Patient selbst tiicht, ahnt, aus welcher Quelle das 
neurotische Symptom seine Macht bezieht. Diese letztere ist in einzelnen 
Fällen so groß, daß die Kranken genötigt werden, dem krankhaften 
Nahrungsbedürfnis ihre ganze Lebensführung anzupassen und unterzu- 
ordnen. Ebendiese Gewalt, welche der neurotische Hunger über die 
Kranken eriangt, gestattet uns Rückschlüsse auf die Heftigkeit der 
verdrängten Triebregungen, die sich in ihm einen Ausdruck gesucht haben. 
Ich gebe hier beispielshalber aus einer meiner Psychoanalysen einige 
Tatsachen wieder, die nicht anders als monströs genannt werden können. 
Eine von mir behandelte, schwerieidende Kranke wurde von 
Heißhunger befallen, sobald sie sich um wenige Schritte von ihrer 
Wohnung entfernte. Sie veriieß niemals das Haus, ohne etliche Nahrungs- 
mittel mit sich zu nehmen. Waren diese verzehrt, so suchte sie eine 
Konditorei oder sonst ein Lokal auf, um ihren Hunger zu stillen.^Am 
stärksten wurde sie von diesem Bedürfnis jedoch bei Nacht bedrängt. 
Sie war im Laufe der Jahre dazu gelangt, in jeder Nacht zwei bis drei 
größere Mahlzeiten zu halten. Obwohl sie sich nicht mit der Abend- 
mahlzeit begnügte, sondern unmittelbar vor dem Schlafengehen 
nochmals ausgiebig aß, wurde sie doch im Laufe jeder Nacht durch 
nagenden Hunger geweckt, dem sie regelmäßig nachgab. Die Folge der 
gehäuften Mahlzeiten war natüriich eine bedeutende Zunahme des 
Körpergewichtes. Die Patientin genoß — angeblich weil sie dadurch am 
wenigsten Fett ansetzte — bei Nacht hauptsächlich Gemüse. Zur Zeit 
der psychoanalytischen Behandlung wohnte sie in einem Pensionat. Dort 
hatte sie große Vorräte von Gemüsekonserven aufgehäuft. Allabendlich 
bereitete sie sich die im Laufe der Nacht einzunehmenden Mahlzeiten. 



245 



War sie etwa um 10 Uhr schlafen gegangen, so erwachte sie etwa um 
1, 3 und 5 Uhr. Jedesmal nahm sie eine starke Mahlzeit zu sich. Früh 
zwischen 6 und 7 Uhr eilte sie bereits in die Küche und bat um ihr 
Frühstücli, Das Verhalten der Patientin erinnerte lebhaft an dasjenige 
„verwöhnter" kleiner Kinder, welche nachts wiederholt erwachen und 
nur dadurch zu beruhigen sind, daß die Mutter ihnen zu trinken gibt. 
Übrigens war die Kranke das einzige Kind ihrer Eltern. Das Verhalten 
solcher Kranker, die in kurzen Abständen nach Nahrung begehren und 
Qualen erleiden, wenn ihr Verlangen nicht befriedigt wird, erinnert 
anderseits in überraschender Weise an dasjenige der Morphinisten 
und mancher Trunksüchtiger. Hinsichtlich dieser Zustände ist der 
Psychoanalyse der Nachweis gelungen, daß das berauschende Gift dem 
Kranken eine Ersatzbefriedigung für ihm versagte Betätigungen seiner 
Libido gewährt. Das übermäßige, unter einem krankhaften Zwange 
erfolgende Essen mancher Neurotiker muß in ganz gleicher Weise 
bewertet werden. 

Der zuletzt geschilderte Fall ist von den früher besprochenen 
dadurch unterschieden, daß die Kranke nicht nach dem Einsaugen von 
Milch oder sonstigen saugenden Betätigungen verlangte, sondern einen 
krankhaften Drang nach sehr häufiger Aufnahme fester Nahrung zeigte. 
Das gesamte Verhalten einer solchen Kranken wird uns erst verständlich, 
wenn wir den Lustwert erkennen, den das Essen für sie — bewußt 
oder unbewußt — hatte. Obwohl sie sich in keiner Nacht eines ruhigen, 
ununterbrochenen Schlafes erfreuen durfte, setzte sie der Analyse 
ihrer Hungeranfälle und der Entwöhnung von den nächtlichen Mahl- 
zeiten den äußersten Widerstand entgegen. Auch war nicht bloß das 
Essen selbst bei der Patientin mit so starken Affekten betont; vielmehr 
genoß sie schon beim Einkauf ihrer Vorräte, bei der Zubereitung der 
Mahlzeiten usw. eine gewisse Verluste 

V. 

Die Neurotiker, deren Sexualität in solchem Maße verkümmert ist 
daß sie mehr oder weniger an das Nahrungssaugen oder auch an das 
Essen gebunden bleibt, zeigen als Erwachsene nach meinen bisherigen 
Erfahrungen keine besondere Neigung zum Lutschen am Daumen. 



1 Zur Ergänzung des obigen Auszuges aus einer Psychoanalyse, der weit von 
VoUständiglieit entfernt ist, sei hier noch auf die Bevorzugung der vegetabilischen 
Kost für die nächtlichen Mahlzeiten hingewiesen. Die von der Patientin selbst 
gegebene rationelle Erklärung ist unzureichend und nicht einmal sachlich richtig. 
Erblicken wir in dem ganzen Tun der Patientin eine Form autoerotischer Befriedigung, 
so wird das nächtliche Meiden des Fleisches leicht verständlich. 



246 

Diejenigen erwachsenen Neurotiker hingegen, welche ausgesprochene 
Daumenlutscher geblieben sind, zeigen in der Regel keine 
besondere libidinöse Betonung der Nahrungsaufnahme. Sehr häufig ist 
vielmehr bei ihnen der Ekel vor der Nahrung — und zwar besonders 
vor Milch und Fleisch — sowie Übelkeit und Neigung zum Erbrechen, 

Es mag seltsam klingen, aber man darf dennoch behaupten, daß 
die erwachsenen Daumenlutscher, gegenüber derjenigen Gruppe von 
Neurotikern, die uns bisher beschäftigt hat, ein fortgeschritteneres 
Stadium der Libido-Entwicklung repräsentieren. Ihre Libido hat sich 
gegenüber dem Nahrungstrieb insoweit eine gewisse Selbständigkeit 
verschafft, als die Lustgewinnung nicht mehr an das Nahrungssaugen 
gebunden ist. Die Mundzone hat freilich ihre vorherrschende Rolle 
auch bei ihnen beibehalten, und von einer erfolgreichen Übertragung 
ihrer Libido auf Objekte sind auch sie weit genug entfernt. Im Gegen- 
teil bieten sie im wirklichen Leben vielerlei Anzeichen der 
stärksten Sexualablehnung. In ihren Phantasiegebilden spielt anderseits 
dieVerwertdungdesMundeszusexuellenZwecken(Fellatio, Cunnilinguus) 
eine beherrschende Rolle, freilich meistens — wenn auch nicht immer 
— mit dem negativen Affekt des Ekels und Grauens versehen. 

Die Zähigkeit, mit welcher diese Neurotiker in praxi an der 
autoerotischen Reizung der Lippenschleimhaut und — mindestens in 
ihrer üppigen Phantasietätigkeit — an der erotischen Verwendung des 
Mundes festhalten, wird uns leicht verständlich, wenn wir unseren 
Blick zu dem Verhalten des kleinen Kindes zurückwenden. Wir brauchen 
uns nur der Intensität zu erinnern, mit der das Kind sich schon in den 
frühesten Lebenstagen dem Wonnesaugen hingibt. Der Eifer des Säug- 
lings, beide Hände in den Mund zu drängen, das heftige Schnappen 
nach den eigenen Fingern, die völlige Hingabe an das rhythmische 
Saugen und die endliche befriedigende Wirkung des ganzen Vorganges 
lassen uns erkennen, welche Macht den frühen Triebregungen innewohnt. 
Diese Macht offenbart sich besonders deutlich darin, daß manche 
Menschen ihr noch im erwachsenen Alter untertänig bleiben. 

Das Verhalten solcher Neurotiker ähnelt aber noch in anderer 
Hinsicht dem des Säuglings. Nach meiner Erfahrung neigen die 
Neurotiker, welche das Lutschen nicht überwunden haben, auch in 
besonders hohem Maße zur autoerotischen Reizung anderer Zonen, 
besonders der Genitalien. Auch beim kleinen Kinde finden wir neben 
der Saugelust die Neigung, nach einer Stelle des eigenen Körpers zu 
greifen und an ihr rhythmisch zupfende Bewegungen auszuführen. Wir 
erinnern uns der Gewohnheit lutschender Kinder, während des Saugens 
am Daumen der einen Hand mit der anderen Hand am Ohrläppchen 



247 



zu ziehen. Sehr gewöhnlich sucht auch die andere Hand die Genital- 
gegend auf, um sie durch ähnliche Bewegungen zu reizen. 

Das Daumenlutschen erwachsener Personen, das uns so seltsam 
anmutet, wird uns noch erklärlicher, wenn wir uns der Tatsache 
erinnern, daß auch beim normalen Erwachsenen der Mund seine Rolle 
als erogene Zone nicht ganz verloren hat. Den Kuß betrachten wir 
als eine durchaus normale Äußerung der Libido. Freilich ist hier die 
erogene Zone in den Dienst der Objektliebe getreten. Auch beansprucht 
der Kuß nicht die Bedeutung eines eigentlichen Sexualzieles, sondern 
er stellt nur eine vorbereitende Handlung dar. Und doch sind auch 
hier die Grenzen fließend. Gewisse Formen des Kusses können das 
wesentliche Ziel des sexuellen Strebens ausmachen. Namentlich aber 
übernimmt mit einer Häufigkeit, die nicht unterschätzt werden darf, 
die Lippenzone eigentliche Genitalfunktionen. 

Ich lasse nun wieder ausführlichere Mitteilungen aus zweien meiner 
Psychoanalysen folgen: sie zeigen die Schicksale des kindlichen Hanges 
zum Lutschen in besonders instruktiver Weise und ergänzen einander 
in mancherlei Beziehungen, 

Ein Mann in mittleren Jahren litt an einer chronisch verlaufenden 
Neurose, unter deren Symptomen ihn die hartnäckige Schlaflosigkeit 
am meisten belästigte. Bei dem Versuch, den psychosexuellen Ursachen 
dieser Störung nachzugehen, kam über die Schicksale seiner L'bido 
oder — was das gleiche besagt — über die Entwicklung seiner Neurose 
unter anderem folgendes zu Tage. 

Der Patient neigte in der frühesten Kindheit in ungewöhnlichem 
Maße zum Lutschen am Daumen. Als er größer wurde und von seiner 
Gewohnheit nicht abließ, wurden die bekannten Mittel der Kinderstube 
zur Anwendung gebracht, und wirklich unterließ der Knabe das Saugen 
an dem Finger, der mit einer bitter schmeckenden Flüssigkeit bestrichen 
war. Doch der Erfolg war nur scheinbar. Tatsächlich benutzte der 
Kleine jetzt einen Zipfel seines Kissens oder seiner Bettdecke, um 
daran saugend und kauend einzuschlafen. Seine Erzieher mußten gegen 
diese neue Gewohnheit einschreiten, doch geschah dies wiederum mit 
dem Effekt, daß der Knabe sich zum Schein fügte, um sich eine neue 
Ersatzlust zu suchen. Bald entdeckte man Spuren seiner Zähne an dem 
hölzernen Bettgestell. Er hatte die Gewohnheit angenommen, abends 
das Holz zu benagen. 

Im Laufe der Vorpubertätsjahre befestigte sich das Bedürfnis, vor 
dem Einschlafen dem Munde seine lustvollen Reize zu gewähren, 
immer mehr, und diese letzteren wurden zur Bedingung des 
Einschlafens. Unter den autoerotischen Schlafmitteln des Patienten 



248 

spielte jahrelang die Masturbation eine wichtige Rolle. Nach der 
Pubertät, besonders um das zwanzigste Lebensjahr des Patienten, 
fanden lebhafte Abgewöhnungskämpfe statt, bei welchen alte Verbote 
aus der Kindheit wieder in Wirksamkeit traten. Die Abgewöhnung 
der Masturbation gelang oftmals für längere Zeit, doch mußte der 
Patient diesen Erfolg durch ebenso lange Perioden hartnäckiger Schlaf- 
losigkeit erkaufen. Von ärztlicher Seite erhielt er sodann Schlafmittel: 
an ihren Gebrauch gewöhnte er sich bald dermaßen, daß auch gegen 
sie ein Abgewöhnungskampf geführt werden mußte, welcher sich dann 
— abwechselnd mit dem Kampf gegen die Masturbation — im Laufe 
der Jahre öfter wiederholte. Als der Patient endlich in meine Behandlung 
getreten war und eine gewisse Besserung verspürte, verzichtete er an 
zwei aufeinander folgenden Abenden auf den Schlafmittelgebrauch. 
Am Tage, welcher der zweiten schlafmittelfreien Nacht folgte, erschien 
er in der Sprechstunde unter deutlichen Äußerungen des Unwillens. 
Als er sich dann in gewohnter Weise zur Behandlung niedergelassen 
und mir vom Verlauf der letzten Nacht erzählt hatte, beobachtete ich, 
wie der Patient den rechten Daumen zum Mund führte und, anstatt 
weiter zu sprechen, am Daumen lutschte. Sein Widerstand hätte sich 
kaum deutlicher äußern können. Dieser Widerstand, ursprünglich gegen 
die Eltern und anderen Erzieher, jetzt — durch Übertragung — auf 
den Arzt gerichtet, besagte etwa: „Wenn ihr mir das Nagen am Bett- 
tuch, die Masturbation oder die Schlafmittel verbietet, so kehre ich zu 
meiner ältesten Befriedigung zurück. Da seht ihr, daß ihr bei mir nichts 
erreichen könnt!" Daß das Lutschen gerade vor den Augen des Arztes 
geschah, ist ein unverkennbares Zeichen des Trotzes. 

Läßt diese Beobachtung mit unübertrefflicher Deutlichkeit erkennen, 
in welchen Beziehungen das Daumenlutschen zur Sexualität steht, so 
möge der folgende Auszug aus einer anderen Psychoanalyse zeigen, 
welch komplizierte Erscheinungen sich von der kindlichen Saugelust 
ableiten. 

Es gibt eine nicht eben kleine Gruppe von Neurotikern, bei 
welchen die Saugelust von jeher abnorm stark betont ist, die im 
erwachsenen Alter zu perverser Verwendung des Mundes neigen und 
dennoch die heftigsten Widerstände gegen Handlungen dieser Art 
produzieren, und die endlich nervöse Symptome darbieten, welche 
sich im Gebiet der Mundzone abspielen. Dieser Gruppe gehörte der 
Patient an, von dem ich zu berichten habe. 

Der siebzehnjährige Patient, welcher mich auf Veranlassung 
seines Hausarztes aufsuchte, zeigte sich bei der ersten Konsultation 
äußerst einsilbig und verschlossen. Während ich nur mit Mühe einzelne 



249 



kurze Antworten von ihm erhalten konnte, bemerkte ich, daß der 
Patient fast unausgesetzt etwas mit seinem Mund und den umgebenden 
Teilen vornahm. Bald biß er die Ober- oder Unterlippe, bald leckte 
er sie mit der Zunge. Oft sah man, daß er die Wangen saugend nach 
innen zog; dann wieder biß er die Kiefer so fest aufeinander, daß 
das Relief der Kaumuskeln deutlich vorsprang. Zuweilen riß der 
Patient den Mund weit auf, dann wieder schloß er ihn; andere Male 
war zu erkennen, daß er an den Zähnen oder am Zahnfleisch sog. 

Als es der Behandlung gelungen war, die Sprachhemmung des 
Patienten wenigstens zeitweise aufzuheben, berichtete er über eine 
Menge weiterer, an die Mundhöhle gebundener Vorgänge, denen allen 
ein lustvoller Charakter zukam. Besonders trat ein unbezähm- 
barer Hang zum Saugen hervor. Der Patient machte — gleich- 
viel, ob er allein oder unter anderen Menschen, ob er beschäftigt 
oder untätig war — beständig Saugbewegungen. Wegen einer Anomalie 
der Zahnstellung war ihm, als er ca. 13 Jahre alt war, ein Richtapparat 
angelegt worden. Der Druck des Apparates auf das Zahnfleisch war 
dem Patienten schmerzhaft; er verschwieg seine Beschwerden aber 
und reagierte auf den Reiz lieber mit einem fortwährenden Saugen an 
der betreffenden Kieferpartie. Weiter gestand der Patient, daß er sich 
noch auf sonstige Art Lustgefühle verschaffe. Er benutzte die Zunge, 
um am Gaumen streichende und kitzelnde Berührungen vorzunehmen, 
die er als wollüstig empfand. Dem Kranken war die sexuelle Natur 
seines Handelns durchaus nicht unbekannt. Man ist berechtigt, in der- 
artigen Fällen von einer oralen Masturbation zu sprechen. 

Gewisse Symptome des Patienten standen mit der Erogeneität 
der Mundhöhle in engstem Zusammenhang. Zunächst hatte das schon 
erwähnte Aufsperren des Mundes, das einen ^wangartigen Charakter 
trug, zweifellos eine solche Herkunft. Sobald nämlich der Patient mit 
einer männlichen Person zusammen war, stellte sich bei ihm zwang- 
artig die Phantasie ein, den Penis des anderen in den Mund zu 
nehmen. Während er sich nun unter einem Schauergefühl dieser 
Phantasie halb hingab, halb sie abzuwehren versuchte, kam es zu der 
schnappenden Mundbewegung, an deren Sinn kein Zweifel auf- 
kommen kann,. 

Wir machen nun regelmäßig die Erfahrung, daß ein Organ, welches 
in zu hohem Maße als erogene Zone in Anspruch genommen wird, seine 
sonstigen Funktionen nicht mehr genügend zu erfüllen vermag^. In dem 

1 Freud hat diesen Vorgang besonders am Beispiel des Auges in seiner kleinen 
Arbeit über die „psyctiogene Sehstörung" behandelt. Vgl. »Kleine Schriften", Bd. III, 
S. 314. 



250 

geschilderten Falle versagte der Mund diejenigen Funktionen, welche 
keinen sexuellen Charakter hatten. Sobald sich der Patient in Gesell- 
schaft anderer Personen befand, war es ihm nahezu unmöglich, zu 
sprechen oderzu essen. So war er beispielsweise außerstande, 
sich mit seinen Kollegen in dem gemeinsamen Arbeitsraum zu unter- 
halten. Holten die anderen im Laufe des Vormittags ein mitgebrachtes 
Frühstück hervor und verzehrten es, so war dem Patienten solches 
unmöglich. Er nahm sein Brot jeden Mittag, ohne einen Bissen genossen 
zu haben, wieder mit sich und warf es dann irgendwo auf der Straße 
fort. Letzteres tat er, um zu Hause keinen Fragen ausgesetzt zu sein. 
Bemerkenswert war hier die Wirkung der psychoanalytischen Behandlung. 
Kaum hatte die zwangartige, mit ständiger Angst verbundene 
homosexuelle Einstellung des Patienten einem normalen Interesse am 
weiblichen Geschlecht Platz gemacht, als er auch fähig war, gemeinsam 
mit seinen Kollegen zu essen und mit ihnen zu sprechen. 

Die beiden mitgeteilten Fälle lassen erkennen, welchen beherrschen- 
den Einfluß die im erwachsenen Alter persistierende Saugelust gewinnen, 
wie sie auf das gesamte Verhalten eines Menschen bestimmend wirken 
kann. Neben einer Minderheit von derart krassen Fällen gibt es in 
weit größerer Zahl Personen, die ihrer Mundzone fortdauernd einen 
gewissen Tribut zahlen müssen, ohne daß es bei ihnen zur Bildung 
schwerer neurotischer Symptome kommt. Der Widerstreit zwischen 
ihrem Autoerotismus und anderen Lebensinteressen ist durch Kompromiß- 
bildungen zum Ausgleich gebracht. Solche Menschen sind beispielsweise 
in ihrem Beruf tüchtig und leistungsfähig — sie vermögen einen Teil 
ihrer Libido mit Erfolg zu sublimieren — , aber ihr Autoerotismus schreibt 
ihnen Bedingungen vor, von deren Erfüllung ihre Leistungen abhängen. 
Ich behandelte einmal einen Neurotiker, der sich nur dann zu geistiger 
Arbeit sammeln konnte, wenn er vorher masturbiert hatte. In ähnlicher 
Weise können manche Personen nur dann intensiv nachdenken, wenn 
sie gleichzeitig einen Finger in den Mund stecken oder an den Finger- 
nägeln kauen oder einen Federhalter benagen können. Wieder andere 
müssen bei intensiver Tätigkeit auf ihre Lippen beißen oder sie belecken. 
Ihr Autoerotismus läßt ein ununterbrochenes Arbeiten nur dann zu, 
wenn ihm gleichzeitig ein gewisses Maß von Befriedigung zu teil wird! 
Daß bei nicht wenigen Männern das Rauchen zur Arbeitsbedingung 
wird, erklärt sich zu einem Teil auf diesem Wege; doch liegen hier 
kompliziertere Verhältnisse vor. 

Eine scharfe Trennung zwischen normaler Neigung und Gewöhnung 
einerseits und pathologischem Zwange anderseits wird sich auf diesem 
Gebiet nicht durchführen lassen. Für praktische Zwecke aber wird man 



251 



sich im allgemeinen an ein Kriterium halten dürfen: an die Art, wie 
das Individuum die zeitweise Entbehrung des gewohnten Reizes erträgt. 
Die Reaktion auf das Versagen einer Lustquelle, an welche das 
Individuum krankhaft fixiert war, trägt einen pathologischen Charakter. 
Sie besteht in neurotischer Symptombildung. 



VI. 

Es ist nicht zweifelhaft, daß die Befriedigung der sexuellen 
Bedürfnisse beim normalen Menschen einen starken Einfluß auf das 
Gleichmaß seiner Stimmung ausübt. Doch ist der Gesunde fähig, den 
zeitweisen Mangel der gewohnten Befriedigung innerhalb gewisser 
Grenzen zu ertragen. Er vermag sich auch auf dem Wege der 
Sublimierung gewisse Ersatzbefriedigungen zu verschaffen. Das gleiche 
darf man auch von einem großen Teil der Neurotiker aussagen. Andere 
unter ihnen sind jedoch äußerst intolerant gegen jede Minderung der 
gewohnten Lust, und zwar um so mehr, je weniger sich ihr Triebleben 
von dem Niveau der früheren Kindheit entfernt hat. Sie gleichen in 
hohem Maße den „verwöhnten" Kindern. Ihre Libido verlangt unablässig 
die gewohnte Befriedigung. Sie werden infolgedessen vollkommen 
abhängig und reagieren mit großer Unlust, wenn sie ihrer gewohnten 
Lust entraten sollen. Diese Unlust aber geht in ausgesprochene 
Verstimmung über. 

Dieser Ursprung neurotischer Verstimmungen scheint mir oft nicht 
genügend gewürdigt zu werden. 

Für den Neurotiker hat die gewohnte autoerotische Befriedigung 
praktisch eine zweifache Bedeutung: sie dient zur Verhütung drohender 
und zur Beseitigung eingetretener Verstimmungen. 

In ersterer Hinsicht diene als Beispiel, daß viele Neurotiker früh 
am Morgen sofort zu dem gewohnten Mittel der Befriedigung greifen, um 
sich vor einer Verstimmung zu schützen. Es handelt sich um Individuen, 
die sich morgens schwer vom Schlafe lösen können. Jeder Tag, jede 
Rückkehr in das wache Leben beginnt für sie mit lebhafter Unlust. Diese 
würde anhalten und ihnen den ganzen Tag verstören, wenn sie nicht zu 
der gewohnten Art der Befriedigung — als zum Prophylaktikum gegen 
ihre neurotischen Verstimmungen — greifen würden. Gerade die 
verschiedenen, bereits ausführlicher besprochenen Reizungen der 
Mundzone sind in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung. 

Ein solches Verhalteil neurotischer Personen kann nicht besser 
erklärt werden, als durch den Hinweis auf ein bereits erwähntes Beispiel. 
Ich erinnere an die neunjährige Kleine, die am Morgen nicht zum 



252 

Verlassen des Bettes zu bewegen war, bevor sie ihre geliebte Saug- 
flasche mit Milch erhalten hatte. 

Ausführlicher muß ich mich mit denjenigen Neurotikern beschäftigen 
welche eine eingetretene Verstimmung durch einen lustvollen oralen 
Reiz verscheuchen. Ich gehe dabei absichtlich nicht auf den Alkohol 
als Stimmungskorrigens ein, weil hier die narkotische Wirkung das 
Bild kompliziert. 

Besonders instruktiv ist der Fall einer jungen zyklothymen Kranken, 

die ich beobachtet habe. Sie fand außerordentlich schwer einen seelischen 

Kontakt mit anderen Menschen, zog sich vielmehr von ihnen zurück 

und ergab sich ganz ihren autoerotischen Neigungen. Kam sie in 

deprimierte Stimmung, so half sie sich durch verschiedene Mittel unter 

denen das hauptsächlichste hier von Interesse ist: sie kaufte sich etwas 

zu essen und spürte während des Essens alsbald eine Aufheiterung 

ihrer Stimmung. Bezeichnend für ihren Autoerotismus war auch ein 

anderes Mittel, das auf ihre Stimmung wirkte: sie fuhr stundenlang 

auf der Straßenbahn und zog daraus eine sehr ausgesprochene 

Bewegungslusti. Fühlte sie sich deprimiert, so verbrachte sie einen 

großen Teil des Tages mit Straßenbahnfahrten und mit dem Verzehren 

von Eßwaren, die sie bei sich trug. 

Wie sehr alle solche Erscheinungen im Infantilen wurzeln, darüber 
belehrte mich die Psychoanalyse eines jungen Mannes, den ich wegen 
einer neurotischen Verstimmung behandelte. Stark an seine Mutter 
fixiert, vermochte er auch längere Jahre nach der Pubertät seine Libido 
nicht auf andere weibliche Personen zu übertragen. Geraume Zeit 
hindurch fand er in seiner beruflichen Arbeit eine Ersatzbefriedigung 
bis ihn gewisse Umstände in einen inneren Zwiespalt brachten dessen 
er sich freilich nicht bewußt war. Die Fixierung an die Mutter und die 
Tendenz zur Ablösung von ihr gerieten in einen heftigen Widerstr-eit- 
die Arbeit hörte auf, den Patienten zu befriedigen. Das nächste Ergebnis 
war eine Verstimmung, in deren Beginn ihn ein eigentümliches 
Vorkommnis überraschte. Von starker Lebensunlust befallen, schlafsüchtig 
und appetitlos, legte er sich eines Tages zu Bett. Seine Mutter brachte 
Ihm eine Tasse mit Milch. Als er die Tasse an den Mund setzte und 
seine Lippen mit dem Getränk in Berührung brachte, hatte er wie er 
sich ausdrückte, „eine Mischempfindung von warm, 'weich 
und süß"; sie befremdete ihn und kam ihm dennoch wie etwas aus 
ferner Vergangenheit Bekanntes vor, gleichzeitig aber übte sie eine ihm 
unerklärlich e beruhigende Wirkung auf ihn aus. Die Psychoanalyse 

'Vgl. hlezu meinen Artikel: „Über eine konstitutionelle Grundlage der 
•okomotorischen Angsf. S. 159 u. ff. 



253 



brachte bald die Lösung des Rätsels. Der Patient war während seines 
ganzen ersten Lebensjahres von seiner Mutter gestillt worden und 
hatte — wie sich durch nachherige Befragung der Eltern ergab — mit 
besonderer Intensität gesogen. In den folgenden Kindheitsjahren hatte 
er noch oft nach der Brust der Mutter gegriffen und von ihr mit 
zärtlichen, der Kindersprache angehörigen Ausdrücken gesprochen. Als 
nun der erwähnte Ablösungsversuch gescheitert war und der Patient 
unter einer heftigen Verstimmung litt, wandte er sich unbewußt 
der ältesten Lustquelle seines Lebens wieder zu. Die 
von der Mutter gereichte Milch rief älteste, lustvolle Erinnerungsspuren 
wach und vermochte so, die Verstimmung vorübergehend zu mildern. 

Ein dem Nervenarzt wohlbekanntes Phänomen wird in diesem 
Zusammenhang verständlich. Verstimmte oder erregte Neurotiker werden 
oft — freilich immer nur vorübergehend — durch das bloße Verschlucken 
eines Medikamentes günstig beeinflußt, auch dann, wenn dem Mittel 
keine sedative Wirkung zukommt. Man beruft sich zur Erklärung dieser 
Tatsache gern auf die suggestive Wirkung der ärztlichen Verordnung. 
Vielfache Erfahrung zeigt aber, daß der Neurotiker ein Irgendetwas 
durch den Mund zu sich nehmen kann — ohne ärztliche Verordnung 
— und damit für den Augenblick eine^ beruhigende Wirkung erzielt. 
Man übersieht hier leicht einen wichtigen Faktor. In jedes Menschen 
Leben gab es eine Zeit, da er von aller Erregung durch die Aufnahme 
einer Flüssigkeit befreit wurde. Die „suggestive" Wirkung der Arznei- 
flasche liegt keineswegs nur in dem behandelnden Arzt, sondern mindestens 
ebenso sehr in ihrer Eigenschaft, dem Munde des Kränken etwas zu 
spenden, was in ihm die ältesten lustvollen Erinnerungen zum 
Mitschwingen bringt. 

Die Neigung Nervöser, sich eine Diät und immer wieder eine neue 
Diät vorschreiben zu lassen, die sich möglichst einem rein flüssigen 
Regim'e nähert, erfährt ihre Erklärung zum Teil ebenfalls aus dieser 
Quelle. Es sei besonders an jene Kranken erinnert, die sich mit Vorliebe 
im Bett von einer Pflegerin päppeln lassen. 

Vergessen wir aber darüber nicht die große Häufigkeit der 
Nahrungsablehnung bei unseren Patienten. Sie tritt im Rahmen 
der neurotischen Erkrankungen in mancherlei Gestalt und vielfach in 
verhüllter Form auf. Ich erinnere nur an Appetitlosigkeit, Ekel vor dem 
Essen, Übelkeit und Erbrechen. Über die Herkunft dieser Symptome 
ist dem bereits früher Gesagten nichts prinzipiell Neues hinzuzufügen. 

Bei seelisch Verstimmten findet sich oft eine bewußte, auch offen 
ausgesprochene Tendenz zur Nahrungsverweigerung. Am ausgeprägtesten 
beobachtet man diese Erscheinung bei denjenigen Verstimmungen, die 



254 

wir den Psychosen zurechnen. Die Erwartung ist daher berechtigt, daß 
die Psychoanalyse dieser Erkrankungen uns über die tieferen Ursachen 
der Nahrungsverweigerung Aufschluß geben werde. 

VII. 

Unter den wichtigsten und hervorstechendsten Äußerungen 
depressiver Geistesstörungen finden sich zwei Symptome, welche auf die 
Nahrungsaufnahme unmittelbaren Bezug haben :dieVerweigerung 
der Nahrungsaufnahme und die Angst vor dem 
Verhungern. 

Als ich vor mehreren Jahren einen ersten Versuch ^ unternahm, die 
Struktur der depressiven Geistesstörungen auf psychoanalytischem Wege 
aufzuklären, habe ich den soeben genannten beiden Symptomen nicht 
die Beachtung geschenkt, die sie mir jetzt zu verdienen scheinen. Ich 
glaube, im folgenden einen weiteren Beitrag zur Psychogenese der 
Depressionszustände liefern zu können, bin mir aber wohl bewußt, wie 
weit ich von einer umfassenden und endgültigen Lösung des Problems 
entfernt bleibe. 

Wer einen melancholisch Deprimierten aufmerksam beobachtet, wird 
bald den Eindruck gewinnen, daß der Kranke das Leben verneint. Es 
liegt darum sehr nahe, in der Verweigerung der Nahrung den Ausdruck 
einer Selbstmordtendenz zu erblicken. Gegen die Richtigkeit dieser 
Erklärung ist an sich nichts einzuwenden. Der Psychoanalytiker kann 
sich jedoch nicht mit ihr zufrieden geben, weil sie unvollständig und 
einseitig ist. Ihm drängt sich die Frage auf, warum denn der zum Sterben 
entschlossene Kranke den langsamen und unsicheren Weg des Hunger- 
todes wähle. Auch schützt die psychoanalytische Erfahrung davor, allzu 
bereitwillig eine Auffassung zu akzeptieren, welche ein psychopatho- 
logisches Phänomen auf bewußte, logische Gründe zurückzuführen ^ücht. 

Auch die Entstehung des zweiten der oben erwähnten Symptome — 
der Angst vor dem Verhungern — ist nicht durch ein paar einfache 
Überlegungen aufzuklären. Die Angst vor dem Verhungern findet sich 
mit besonderer Häufigkeit in den Depressionszuständen des Rückbildungs- 
alters. Eine primitive psychologische Auffassung dieser Krankheits- 
erscheinung würde etwa lauten: der Mensch, der sich altern fühlt, mache 
sich Sorgen um seine weitere Existenz. Da im Rückbildungsalter die 
Neigung zu nervösen und psychischen Störungen besonders groß sei, so 
finde die er wähnte Sorge — je nach der Disposition des Individuums — 

' „Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung des manisch- 
depressiven Irreseins und verwandter Zustände". S. 95 u. ff. dieses Bandes. 



255 



in einer krankiiaften Angst oder auch in einer depressiven Wahnidee 
ihren Ausdruck. 

Eine solche Auslegung trifft nicht das Wesen des Zustandes. Sie 
hält sich lediglich an den Wortlaut der krankhaften Vorstellung — an 
ihren manifesten Inhalt. Weder die treibenden Kräfte der Psychose noch 
der tiefere Gehalt der Symptome werden klargestellt. 

Die Psychoanalyse spürt dem latenten Inhalt der krankhaften 
Vorstellungen nach. In dem früher zitierten Aufsatz konnte ich bereits 
nachweisen, daß die depressiv verstimmten Kranken ihrer verloren 
gegangenen Liebesfähigkeit nachtrauern. Gerade das Involutionsalter, in 
welchem Depressionszustände am häufigsten ausbrechen, bringt eine 
Entwertung der genitalen Erotik mit sich. Bei Frauen ist das Gefühl, 
nicht mehr Gegenstand der männlichen Wünsche zu sein, von 
besonderer Bedeutung. Doch ergibt die Psychoanalyse von depressiven 
Geistesstörungen in früherem Lebensalter, daß hier ein ganz ähnlicher 
Zusammenhang besteht. Das kranke Individuum wehrt die Wahrnehmung 
dieser inneren Veränderung von seinem Bewußtsein ab. Zu gleicher 
Zeit aber macht die Libido eine regressive Umwandlung durch, die 
wir als besonders tiefgreifend ansehen müssen. 

Vertiefte Einblicke in die Struktur der depressiven Psychosen 
haben mich zu der Annahme geführt, daß bei den Kranken die 
Libido auf das primitivste uns bekannte Stadium 
ihrer Entwicklung regrediere, auf jenes Stadium, welches wir 
als das orale oder kannibalistische bezeichnen lernten. 

^. Spuren einer Rückverwandlung der Libido lassen sich auch unter 
normalen Verhältnissen im Involutionsalter nachweisen. Bei neurotischen 
Personen treten die Anzeichen dieses Prozesses mit unverkennbarer 
Deutlichkeit hervor. Nur handelt es sich im allgemeinen um eine weniger 
weitgehende Regression, welche überdies einen ruhigen, allmählichen 
Verlauf nimmt. Die einschlägigen Erscheinungen sind dem Psycho- 
analytiker so bekannt, daß einige Hinweise genügen werden. 

Im Involutionsalter wird von vielen Personen der Ernährung eine 
gegenüber früheren Zeiten vermehrte Aufmerksamkeit zugewandt. Mit 
dem Rückgang der Sexualfunktionen (im engen Sinne des Wortes) wird 
dem Essen, seiner Auswahl und Beschaffenheit ein gesteigertes Interesse 
entgegengebracht. Die regressive Tendenz dieses Vorganges zeigt sich 
deutlich darin, daß häufig die kindliche Vorliebe für das Süße wieder- 
kehrt. Bemerkenswert ist auch, daß gleichzeitig die Darmfunktionen 
vermehrte Beachtung erfahren. Je mehr die Genitalzone als Lustquelle 
außer Kurs gesetzt wird, desto mehr wenden sich viele Individuen zur 
Mund- und Anallust zurück. Nicht selten bemerkt man bei Personen 



256 



im Involutionsalter die wachsende Neigung, die oralen und analen 
Interessen zum Gegenstand der Unterhaltung zu machen. 

Wie erwähnt, finden sich derartige Erscheinungen bei Neurotikern 
in gesteigertem Maße. Die Vorstellungen, welche sich mit der Nahrungs- 
aufnahme befassen, nehmen einen hypochondrischen^ Charakter an. 

Bei den melancholischen Depressionszuständen scheint mir nun 
die Libido bis auf die früheste uns bekannte Entwicklungsstufe zu 
regredieren. Das soll besagen: der melancholisch Verstimmte richtet 
in seinem Unbewußten auf sein Sexualobjekt den Wunsch der Ein-" 
Verleihung. In der Tiefe seines Unbewußten findet sich die Tendenz, 
das Objekt zu verschlingen, zu vernichten. 

Als ich in meiner früher zitierten Schrift gewisse auffällige Über- 
einstimmungen in der Struktur der Melancholie und der Zwangs- 
neurose nachwies, hob ich namentlich die Ambivalenz der Gefühlsregungen 
und das ursprüngliche Vorwiegen des Sadismus im Gefühlsleben der 
Kranken hervor. Ich sehe mich jetzt genötigt, eine — wie mir scheint 
— wesentliche Verschiedenheit der beiden genannten Krankheits- 
zustände zu betonen. Unverändert bleibt freilich die Auffassung, daß 
die Libido des Kranken dem Objekt seines Begehrens vorwiegend 
feindlich gegenüberstehe und es zu vernichten trachte. Im Gegensatz 
zum sadistischen Gelüste des Zwangsneurotikers aber scheint mir die 
unbewußte Wunschtendenz beim Melancholiker eben dahin zu gehen, 
diese Vernichtung durch das Auffressen des Liebesobjektes zu vollziehen! 
Ein Teil der schweren Selbstanklagen der Melancholischen weist 
den Kundigen auf solche Triebregungen hin, obwohl dem Kranken 
der Zusammenhang völlig unbewußt ist. 

Diese Selbstvorwürfe haben viel Typisches an sich. Mancher 
Kranke erklärt sich schlechtweg für den größten Verbrecher ajler 
Zeiten, ja, er will das Unglück, alle Sünde erst in die Welt gebracht 
haben. Wer die Ausdrucksweise der Neurosen und Psychosen kennt, 
wird den tieferen Sinn solcher hyperbolischen Selbstbezichtigungen 
unschwer verstehen. Der Kranke wehrt ganz bestimmte Vorstellungen 
von seinem Bewußtsein ab, die ihm besonders furchtbar und unerträglich 
wären, und ich glaube mich zu der Annahme berechtigt, daß es sich 
um die kannibalischen Triebregungen handle. 

In gewissen Fällen ist dies unschwer ersichtlich. So führt 
Kraepelin in seinem Lehrbuch der Psychiatrie unter anderen 

> Ich verweise hier auf Freuds Ausführungen über die Psychogenese der 
Hypochondrie. Sie beruht danach auf einer Regression zum Narzißmus, also eben- 
falls einem der frühen Entwicklungsstadien der Libido. (Vgl. Freud, „Zur Einfüh- 
rung des Narzißmus". Jahrb. der Psychoanalyse, Bd. VI, 1914.) 



257 



Beispielen an: „Der Kranke hat die ganze Welt ins Unglück gestürzt, 
die eigenen Kinder gegessen, die Gnadenquelle fortgetrunken." Meist 
aber geht eine eigentümliche Entstellung mit den Selbstbezichtigungen 
des Kranken vor sich. 

Mit aller Deutlichkeit spricht die kannibalische Wunschphantasie 
auch aus einer bestimmten Form depressiver Wahnbildung. In ver- 
gangenen Zeiten war die Wahnvorstellung, die ich fm Auge habe, 
außerordentlich verbreitet, doch auch jetzt ist sie noch nicht ganz 
verschwunden. Es ist die Wahnvorstellung, in ein wildes 
Tier verwandelt zu sein, das Menschen verschlingt. 
Der älteren Psychiatrie war diese wahnhafte Selbstanklage so geläufig, 
daß man nach ihr einen bestimmten Zustand der „Besessenheit" als 
Lykanthropie bezeichnete. Es war der Wahn, in einen Werwolf 
verwandelt zu sein. 

Häufiger aber vollzieht sich an den Selbstbezichtigungen der 
Kranken eine eigentümliche Entstellung. Während der Kranke die 
Qualität der erstrebten Handlung vor seinem Bewußtsein verleugnet, 
bezichtigt er sich einer Quantität von Untaten, wie er sie in Wirk- 
lichkeit gar nicht begangen haben kann. 

Nehmen wir an, daß die tiefsten verdrängten Wünsche des Melan- 
cholischen kannibalischer Natur seien, daß seine „Sünden" im letzten 
Grunde auf ein verbotenes, ja verabscheutes Essen zurückgehen, 
so verstehen wir die große Häufigkeit der Nahrungsverweigerung. 
Der Kranke benimmt sich, als könne nur völliges Vermeiden 
jeder Nahrungsaufnahme ihn vor der Betätigung seiner 
verdrängten Regungen bewahren. Zugleich aber verhängt er über sich 
diejenige Strafe, welche den unbewußten kannibalischen Antrieben 
allein adäquat ist: den Tod durch Verhungern^ 

Auch die Angst der Kranken vor dem Verhungern ist nunmehr 
leicht zu verstehen. Der Drang nach „Einverleibung", nach dem Auf- 
fressen des begehrten Objektes stößt auf mächtige innere Widerstände. 
Ganz wie andere Triebregungen, so verwandelt auch das kannibalische 
Verlangen sich in neurotische Angst, wenn seine Verwirklichung auf 
übergroße Widerstände stößt. Es droht ihm das Schicksal, niemals 
erfüllt zu werden; nie soll die Mundzone jene vom Unbewußten 
ersehnte Sättigung erfahren. Die Angst vor dem Verhungern 
ist die Folge. 

Ich kann das Thema der melancholischen Störungen nicht verlassen, 
ohne noch besonders zu betonen, daß ich im obigen nur den Wunsch- 
gehalt gewisser depressiver Wahnvorstellungen und die unbewußten 
Antriebe zu gewissen Eigentümlichkeiten im Verhalten der Melancholischen 



17 



258 

zu klären versucht habe, nicht dagegen die Ursachen der melancholischen 
Depression überhaupt. Dieses umfassende Problem zu lösen, lag nicht 
im Plan der vorliegenden Untersuchung. 

VIII. 

Die unbewrußten kannibalischen Regungen, welche mir bestimmten 
Symptomen der depressiven Geistesstörungen zu Grunde zu liegen 
scheinen, existieren auch beim normalen erwachsenen Menschen. Sie 
kommen gelegentlich in seinen Träumen zum Vorschein. 

Ein Bekannter berichtete mir einmal folgenden Traum. Er sah 
vor sich eine Schüssel mit Essen, das ihm seine Frau zubereitet hatte. 
Die Masse in der Schüssel sah wie Gemüse aus: darauf aberlagen — 
als wären sie in dem Gemüse gekocht — die Beine eines Kindes. Sie 
erinnerten den Träumer während des Traumes an die Glieder seines 
kleinen Sohnes. Er erwachte mit größtem Entsetzen; aus dem Schlafe 
aufschreckend, wurde er sich klar darüber, daß er im Begriff gewesen 
war, im Traume Teile seines eigenen Kindes zu verzehren. 

Das Entsetzen, welches dieser Mann bei dem bloßen Gedanken 
an eine solche Tat empfand, ist das gleiche, das uns allfe gegenüber 
den Gewohnheiten der kannibalischen Völker erfüllt. Noch jetzt kommt 
es bei gewissen Völkern vor, daß ein Häuptling etwa seinen aufsässigen 
Sohn tötet oder töten läßt und ihn dann verspeist. 

Und in verbreiteten Sagen der Kulturvölker begegnen wir dem 
Gotte, der seine eigenen Kinder verschlingt. Hier ist nicht der Ort, 
auf mythologische und ethnologische Einzelheiten einzugehen. Ich 
verweise darum auf das reichhaltige Material, welches Rank in 
seinem Werk über das „Inzestmotiv" verarbeitet hat, besonders, auf 
das Kapitel, welches dem „Motiv der Zerstückelung" gewidmet ist. 
Alle die mannigfaltigen Tatsachen, die ich im obigen zusammen- 
getragen habe, nötigen uns, Freuds Annahme einer frühen 
kannibalischen Entwicklungsstufe der Libido anzuerkennen. Diese Phase 
des individuellen Trieblebens entspricht ganz der kannibalischen 
Kulturstufe, welche sich bei gewissen Völkern bis auf den heutigen 
Tag erhalten hat, die aber auch von den „Kulturvölkern" auf dem 
langen Wege ihrer Entwicklung einmal passiert wurde. Und wie 
gewisse psychische Produkte des gesunden und kranken Einzelwesens 
an jenes frühe Stadium seiner Kindheit erinnern, so bewahrt auch 
das Volk in Sagen und Märchen die Spuren seiner entferntesten 
Vergangenheit. 



Über Ejaculatio praecox^ 

Unter den Störungen der männlichen Potenz kommt in der 
nervenärztlichen Praxis keine so häufig zur Beobachtung wie die Ejaculatio 
praecox. Der Vorgang selbst ist nicht nur Ärzten, sondern auch Laien 
wohlbekannt : die Samenentleerung tritt beim Geschlechtsakt vorzeitig, 
d. h. alsbald nach der Immissio penis oder gar schon vorher ein, 
während zugleich die Erektion schwindet. Diese Beschreibung wird jedoch 
der Affektion nur ganz im Groben gerecht. Wohl hat die Ejaculatio 
praecox auch eingehendere Bearbeitungen gefunden, doch auch diese 
erfassen ihr eigentliches Wesen nicht; am wenigsten klären sie uns 
über die Entstehung des Leidens auf. 

In der psychoanalytischen Literatur hat die Ejaculatio praecox 
bisher keine gesonderte und gründliche Bearbeitung gefunden. Sie wurde 
bisher nur mit den anderen Störungen der Potenz gemeinsam behandelt. 
Dies gilt auch für die Schriften von Steiner und Ferenczi. Der 
erstere Autor gibt eine gedrängte Übersicht der psychoanalytischen 
Erfahrungen auf diesem Gebiet. Eingehender befaßt sich Ferenczi 
mit dem Ursprung der Störungen. In seinem Aufsatz kommen die 
unbewußten Ursachen der Impotenz zur vollen Geltung. Eine spezielle 
Untersuchung der Ejaculatio praecox fehlt aber auch hier. 

Und doch enthält die psychoanalytische Literatur bereits die 
Grundlagen, auf welchen eine genauere Untersuchung des Gegen- 
standes fußen kann. Neben den Werken Freuds hebe ich hier 
wichtige Mitteilungen von Sadger^ hervor; ich werde im folgenden 
auf diese Quellen des öfteren zu verweisen haben. 

Ich hatte Gelegenheit, die Ejaculatio praecox bei einer Reihe 
von Neurotikern zu behandeln. Es ist nicht meine Absicht, hier den 
einen oder anderen dieser analysierten Fälle zur Darstellung zu 
bringen; vielmehr sollen die Ergebnisse meiner einschlägigen 
Psychoanalysen, soweit ich ihnen allgemeine Gültigkeit zusprechen 
darf, in gedrängter Kürze zusammengefaßt werden. 

1 Aus »Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", IV. Jahrgang, 1916. 
' .ÜberUrethralerotik". Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen. II. Bd. 1910. S.409 u.ff. 



K* 




260 



1. Die Urethra als bevorzugte erogene Zone. 



Wie schon erwähnt wurde, ist die übliche Beschreibung der 
Ejaculatio praecox nach verschiedenen Richtungen unvollständig. Hat 
man Patienten, welche sich gut beobachten, und folgt man aufmerksam 
ihren Schilderungen und ihren freien Assoziationen, so wird man mit 
einer Tatsache bekannt, die keine genügende Beachtung gefunden hat. 
Man erfährt nämlich, daß bei den Kranken die Samenentleerung nicht 
durch rhythmische Ausstoßung erfolgt, sondern daß ein kraftloses 
Abfließen stattfindet. Geschieht demnach der Vorgang nicht unter 
energischen aktiven Körperbewegungen und maximaler Erektion noch 
unter rhythmischen Zusammenziehungen der Dammuskulatur, und 
erfolgt das Abfließen des Samens gar schon „ante portas", so 
erinnert nur noch das Sperma als Stoff an die normale 
Entleerung der Geschlechtsprodukte. Um so auffälliger wird 
die Ähnlichkeit der Ejaculatio praecox mit einem anderen physio- 
logischen Vorgang: der Harnentleerung. Diese geht bei körperlicher 
Ruhe, nicht erigiertem Gliede und unter gleichmäßigen (nicht 
rhythmischen) muskulären Zusammenziehungen vor sich. 

Man kann die Ejaculatio praecox somit als eine Verquickung 
zweier Prozesse auffassen: Hinsichtlich des entleerten 
Stoffes ist sie eine Ejakulation, hinsichtlich des 
Modus der Ausstoßung dagegen eine Miktion. 

Es ist überraschend, mit welcher Regelmäßigkeit die Assoziationen 
der Patienten früher oder später zu diesem Ergebnis führen. Ehe man 
zu ihm gelangt, erfährt man eine Fülle von Tatsachen, die alle auf 
einen besonderen Lustwert der Harnentleerung und eine stark betonte 
Erogeneität der Urethra bei dieser Gruppe von Neurotikern schließen 
lassend 

Man wird aber einen erheblichen Unterschied zwischen Ejaculatio 
praecox und Harnentleerung nicht übersehen dürfen, auf welchen man 
ebenfalls durch die Assoziationen der Patienten geführt wird. Die 
Urinentleerung erfolgt jenseits der frühen Kindheit zwar unter dem 
Zwange eines Reizes, der auf die Dauer nicht zu überwinden ist; der 
Zeitpunkt der Entleerung ist jedoch in ziemlich weitem Umfang von 
der Willkür abhängig. In gewissem Umfang gilt das gleiche auch für 
die normale Ejakulation. 

Die vorzeitige Ejakulation hingegen ist im wesentlichen 
unabhängig vom Willen des Patienten. In seinem Bewußtsein wünscht 
er sich den normalen Ablauf des Geschlechtsaktes. Von dem vorzeitigen 



' Vgl. hiezu S a d g e r s zitierte Abhandlung. 



261 



Eintreten der Samenentleerung wird er jedesmal wieder überrascht, 
wie von einem Ereignis, das sich überstürzt vollzieht. Viele 
Patienten schildern, daß sie im Augenblick der vorzeitigen Entladung 
ein Schamgefühl empfinden, das sich mit Angst oder Herzklopfen 
verbindet. 

Die Ejaculatio praecox findet also wider den bewußten Willen des 
Individuums statt. Erinnerte uns der Vorgang zunächst an die normale 
Harnentleerung, so werden wir diese Anschauung jetzt etwas modifizieren 
müssen. Wir werden zum Vergleich die Form des Urinabganges 
heranziehen, wie sie der ersten Kindheit eigen ist. Das passive Fließen- 
lassen des Samens, wie es bei der Ejaculatio praecox geschieht, lehnt 
sich in vollkommener Weise an die dem Willen entzogene Urinentleerung 
der ersten Kindheit an, die sich bekanntermaßen bei Neurotikern bis 
in spätere Lebensperioden in größerem oder kleinerem Umfang zu 
erhalten vermag. 

Die freien Einfälle des Patienten pflegen ein Material zu liefern,' 
das uns in eindringlicher Weise auf diese Lösung hinführt. Folgen wir 
ihnen ohne jedes Vorurteil, so erhalten wir anamnestische Daten, die 
einander von Fall zu Fall erstaunlich ähneln. Wir erfahren — abgesehen 
von solchen Reminiszenzen, die sich auf starke Lustbetonung der 
willkürlichen Harnentleerung in der Kindheit beziehen — , daß die 
Kranken schwer an Reinlichkeit zu gewöhnen waren, daß sie selbst bis 
ins erwachsene Alter öfter Urin in kleineren oder größeren Mengen 
unfreiwillig verloren, daß sie bis in späte Kindheitsjahre an Bettnässen 
litten, daß sie auf Erregungen aller Art sehr leicht mit einem unwider- 
stehlichen Harndrang reagieren. Die gleichen Menschen, welche die 
normale Beherrschung der Blasenfunktion erst spät oder überhaupt nur 
unvollkommen erwarben, neigen auch zum vorzeitigen, überstürzten 
Samenabfluß. Sie geben auch an, daß die körperliche Empfindung der 
Ejaculatio praecox mit der des unbeherrschten Urifiabflusses für sie 
identisch sei. Auf andere, sehr wichtige Kindheitserinnerungen wird 
später einzugehen sein; sie beziehen sich auf die exhibitionistische Lust 
an der Urinentleerung vor den Augen einer anderen Person und auf 
deren Hilfeleistung bei dieser Verrichtung. 

Die in Rede stehenden Neurotiker sind nach dem bisher Gesagten 
auf einem bestimmten Punkt der Libido-Entwicklung stehen geblieben. 
Sie ziehen in infantiler Weise Lust aus dem Abfließenlassen körperlicher 
Produkte. Die Ejaculatio praecox hat jedoch für sie gleichzeitig Lust- 
und Unlustbedeutung. Außer stände, auf dem Wege kraftvoller männlicher 
Aktivität die höchste Lust zu erwerben, sind sie der für sie stärksten 
Lust des passiven Fließenlassens hingegeben. Anderseits ist die 



262 

Ejaculatio praecox für sie die Quelle starker Unlust. Sie leiden unter 
quälenden Insuffizienzgefühlen, empfinden beim Eintritt der vorzeitigen 
Ejakulation nervöse Angst, nicht selten auch etwas wie Selbstvorwürfe. 
Dieser Zustand der Ambivalenz muß besonders hervorgehoben werden, 
wie in der Regel der Lustcharakter der Ejaculatio praecox ganz über- 
sehen wird. Bei dem einen Patienten ist die Lustbetonung, bei dem 
anderen die Unlustbetonung vorwiegend. 

Schon aus dem bisher Gesagten ist ersichtlich, daß die Libido der 
Neurotiker, welche an vorzeitiger Ejakulation leiden, der durchgreifenden 
männlichen Aktivität ermangelt. Wir werden hier mit einer weiteren 
Eigentümlichkeit im Geschlechtsleben dieser Neurotiker bekannt; wir 
müssen aber zunächst von der Verfolgung dieser Spur absehen und uns 
der Exkretionslust der Patienten nochmals zuwenden, werden aber 
alsbald die verlassene Spur wieder auffinden. 

Ist die Urethrallust übermäßig betont, so wird diesem „Zuviel" ein 
„Zuwenig" an anderer Stelle entsprechen. Die Untersuchung einer 
Reihe von einschlägigen Fällen ergibt — trotz vieler noch zu erwähnender 
individueller Abweichungen — , daß bei allen Patienten die 
Genitalzone (im strengen Sinne des Wortes) nicht zur 
Leitzone geworden ist. Es muß hier an die grundlegenden 
Ausführungen F te u d s erinnert werden, wie sie schon in der ersten 
Auflage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie « enthalten sind. 
Beim männlichen Kinde wird mit dem Eintritt der Pubertät der Primat 
der Genitalzone aufgerichtet, indem die übrigen erogenen Zonen dieser 
tributär werden. Sie liefern die Vorlust, während die Reizung der 
Genitalzone (insbesondere des Glans penis) zur Befriedigungslust führt. 
Beim weiblichen Geschlecht muß die höchste Erogeneität im Pubertäts- 
alter auf die Vagina übergehen; hier ist die Etablierung der Leitzone 
oft dadurch gestört, daß von der Kindheit her die vorwiegende Erreg- 
barkeit der Clitofis bestehen bleibt, desjenigen Organes also, welches 
das weibliche Analogon des Penis darstellt. Durch Übergang der 
stärksten erogenen Bedeutung von der Clitoris auf den Scheideneingang 
gibt, wie Freud es ausgedrückt hat, die weibliche Sexualität einen 
männlichen Zug auf. Bleibt jedoch der Vorrang der Clitoris erhalten, 
dann ist die Unerregbarkeit des Weibes beim Geschlechtsakt, die 
sogenannte Frigidität, die Folge. 

Tatsächlich ergibt sich nun in sehr vielen Fällen von Ejaculatio 
praecox, daß bei den Patienten die Oberfläche der Glans penis 
mangelhaft erregbar ist. Sehr häufig ist bei ihnen die Intoleranz 
gegen die Verwendung von Kondoms; die deckende Schicht nimmt den 
Nervenendigungen derSchleimhaut auch noch den Rest von Erregbarkeit. 



263 



Ein Teil der Fälle scheint dieser Erfahrung auf das schroffste zu 
widersprechen. Es sind diejenigen Neurotiker, bei welchen die geringste 
Genitalberührung mit dem weiblichen Körper — besonders aber die 
geringste manuelle Berührung von selten des Weibes — genügt, um 
einen überstürzten Samenabfluß hervorzurufen. Diese Übererregbarkeit der 
Genitalzone ist aber keineswegs ein, Zeichen ihres Primates, sondern 
im Gegenteil der Ausdruck ihrer Ohnmacht. Die eigentlichen männ- 
lichen Genitalfunktionen — Erektion, Immission, Reibung der weib- 
lichen Teile — kommen vollständig in Wegfall. Ehe es auch nur zum 
Beginn der Erektion kommt, tritt ein Samenabfluß ein, der von uns 
bereits als einem Urinabgang gleichwertig erkannt ist. Erst später 
wird uns dieser Vorgang restlos verständlich werden. 

Während also bei der weiblichen Frigidität die Glans clitoridis 
sozusagen alle Erregbarkeit an sich gerissen hat, ist bei der Ejaculatio 
praecox des Mannes das Umgekehrte der Fall. Die Glans penis hat ihre 
normale Erregbarkeit verloren; die Sexualität dieser Männer 
hat damit ihren eigentlich männlichen Charakter 
eingebüßt. 

Ejaculatio praecox und weibliche Frigidität entsprechen einander 
sogar in noch weiter gehendem Maße. 

Neben der mangelhaften genitalen Empfindlichkeit besteht nämlich 
bei den Patienten häufig eine besondere Erogeneität des Dammes und 
der rückwärtigen Partien des Skrotums. Diese Gegend entspricht aber 
entwicklungsgeschichtlich dem Introitus vaginae und seiner Umgebung. 
Das Verhältnis zwischen Ejaculatio praecox und weiblicher Frigidität 
wäre nunmehr so zu formulieren: Die dem Geschlecht entsprechende 
Leitzone hat die ihr zukommende Bedeutung an diejenige Körperpartie 
abgegeben, welche das Äquivalent der Leitzone des anderen 
Geschlechtes darstellt. 

Derjenige Teil der männlichen Harnröhre, in welchem die 
Lustempfindungen der Ejaculatio praecox lokalisiert sind, liegt übrigens 
im Damm. Besondere Beachtung verdient ferner die Muskulatur des 
Dammes, die der Samenausstoßung dient. Ihre Funktion vollzieht 
sich normalerweise in Form rhythmischer Zusammenziehungen; bei 
vorzeitiger Ejakulation findet dagegen ein Erschlaffen statt, ganz wie 
bei der Blasenentleerung. Es ist nun bemerkenswert, daß die Muskeln 
des Dammes sich bei einem Teil unserer Patienten gelegentlich 
spontan kontrahieren. Dieser Vorgang aber hat die Wertigkeit eines 
vom Bewußtsein unabhängigen neurotischen Symptoms. Ich meine die 
von den Patienten öfter geschilderten Dammkrämpfe. 

Der Auffassung des Ejaculatio praecox, wie sie sich uns bisher 






264 

auf Grund psychoanalytischer Untersuchungen gestaltet hat, scheint 
eine Tatsache zu widersprechen. In der weitaus überwiegenden Zahl 
der Fälle tritt nämlich die vorzeitige Ejakulation nur beim Versuch 
des Geschlechtsaktes, nicht aber bei masturbatorischer Reizung ein. 
Man darf fragen, warum in diesem Falle jenes von uns angenommene 
Kompromiß zwischen Ejakulation und Miktion nicht zustande kommt. 
Wir können diesem Einwand vorläufig mit der Vermutung begegnen, 
daß eben das Zusammentreffen mit dem Weibe die neurotische Störung 
hervorrufe; es erwächst uns dann aber die Aufgabe, die Einstellung 
der uns beschäftigenden Neurotiker zum weiblichen Geschlecht genauer 
zu untersuchen. 

2. Die Schicksale der männlich-aktiven Triebregungen. 

Die Neurotiker, welche an vorzeitiger Ejakulation leiden, kann 
man in zwei Gruppen teilen, die freilich nicht scharf gegeneinander 
abzugrenzen sind. Man findet das Symptom zunächst bei solchen 
Männern, deren gesamtes Wesen schlaff, energielos, passiv, kurz — 
unmännlich erscheint. Anderseits begegnen wir ihm bei erethischen, 
überlebhaften, beständig hastenden- Männern. Der Widerspruch, der 
hier vorzuliegen scheint, löst sich für den Psychoanalytiker unschwer . 
auf. Jede Aktivität, die nur in Hast und Überstürzung zu ihrem Ziele 
zu gelangen vermag, ist durch Widerstände bedroht. Der hastende 
Neurotiker ist auf der Flucht vor den in ihm liegenden unbewußten 
Widerständen; er muß seine Vorsätze in fieberhafter Eile zur 
Ausführung bringen, ehe seine Widerstände zum Durchbruch kommen 
und ihn zu völliger Resignation zwingen. Der schlaffe Neurotiker hat 
den Kampf gegen diese Kräfte aufgegeben; der erethische setzt sich 
ihnen gegenüber noch zur Wehr. 

Männer mit vorzeitiger Ejakulation sind solche, welche mit 
starken — teils unbewußten, teils bewußten — Widerständen' 
gegen die spezifisch männlichen, aktiven Leistungen 
behaftet sind. 

Die Neurotiker mit vorwiegender Schlaffheit äußern in der Regel 
einen ganz bewußten Widerwillen gegen jede geschlechtliche Aktivität ; 
ja, sie haben das direkte Verlangen, die weibliche Rolle zu übernehmen. 
Ein solcher Patient, den ich beobachtete, bevorzugte die Rolle des 
Succubus und gab für diese Vorliebe einen rationellen Grund an: 
wenn er ein Mädchen bezahle, wolle er nicht obendrein noch die 
Anstrengung haben; vielmehr solle das Mädchen für das Geld auch 
«arbeiten". Es ist klar, daß Neurotiker mit diesem Höchstmaß von 



265 



Bewegungsunlust nicht eben günstige Objekte der ärztlichen 
Behandlung sind, zumal dann, wenn sie für ihre Abnormität bewußt 
Partei nehmen. Die geschlechtliche Befriedigung ohne 
aktive Anstrengung zu erreichen, ist ihr Hauptinteresse. 

Die erethischen, in dauernder Hast lebenden Neurotiker erblicken 
meist im Koitus eine lästige Aufgabe, die schnell abgemacht 
werden muß. Sie verlieren ihre nervöse Hast auch nicht im 
Zusammensein mit dem Weibe. Unbewußte Faktoren bewirken dann, 
daß für diese Neurotiker der Geschlechtsakt sein überstürztes Ende 
erreicht, ehe er eigentlich begonnen hat. 

Der Widerwille gegen aktive, motorische Leistungen greift auf 
andere Gebiete über. Ich erwähne nur das Verhalten solcher Patienten 
gegenüber dem Sport. Viele haben einen ausgesprochenen Widerwillen 
gegen jede Muskelarbeit; andere betreiben einen Sport mit über- 
triebenem Ehrgeiz und in übereifriger, überhasteter Art, um bei einem 
Mißerfolg plötzlich ganz zu resignieren. 

Die Schlaffheit und Passivität dieser Neurotiker ist aber, wie jede 
Psychoanalyse aufs neue lehrt, eine reaktive Erscheinung. Es 
läßt sich erweisen, daß sie an die Stelle allzu heftiger, sadistisch- 
gewalttätiger Antriebe getreten ist. 

Die Neigung zur Ausfälligkeit in Worten, zum Jähzorn, zu gewalt- 
tätigen Handlungen, ist bei diesen Neurotikern außerordentlich groß, 
soweit sie nicht gelähmt wird durch einen anderen, ebenfalls höchst 
bezeichnenden Charakterzug: die Feigheit. Übertriebene Zornmütigkeit 
und Lähmung der normalen männlichen Angriffslust finden sich hier 
in naher Nachbarschaft beieinander. Auch das bei dieser Gruppe von 
Neurotikern häufige Nebeneinander von übergroßem Ehrgeiz und 
schweren Arbeitswiderständen mag an dieser Stelle erwähnt sein. 

Mit der soeben gegebenen Schilderung haben wir zwar eine 
Reihe von wichtigen Erscheinungen berührt, welche sich bei Neuro- 
tikern neben der Ejaculatio praecox vorzufinden pflegen, wir sind 
aber nahe an der Oberfläche der Erscheinung geblieben. Lassen wir 
uns von den Assoziationen der Patienten leiten, so erfahren wir, daß 
ihre Libido ursprünglich keineswegs einer sadistischen Komponente 
entbehrte. Im Gegenteil lehrt uns die Psychoanalyse in den meisten 
Fällen, daß neben der unmännlich-passiven oder überhastet-aktiven 
Einstellung zum Weibe im Unbewußten der Kranken eine andere, 
aggressiv-grausame Einstellung zumWeibe besteht. Aus 
Träumen und anderen Phantasieprodukten der Kranken erfahren wir 
sehr häufig von der Vorstellung, das Weib durch den Koitus zu töten. 
In diesen Phantasien ist der Penis die Waffe des Sadismus. 



266 



Die reaktive Umwandlung solcher Triebregungen führt zu einem 
Ergebnis, welches wir bei den Patienten oft genug konstatieren können. 
Das männliche Genitale wird seiner Gefährlichkeit beraubt; es darf 
dem Weibe gegenüber nicht mehr in den Zustand geraten, in welchem 
es dem Sadismus dienen könnte. Vorzeitige Erschlaffung und Ejaku- 
lation beseitigen diese Gefahr. Darüber hinaus haben viele der Patienten 
vor Ausführung des Geschlechtsaktes eine ausgesprochene Angst, dem 
•Weibe Schmerzen zuzufügen. Ein Rest von Potenz bleibt ihnen nur, 
wenn sie der vollkommenen Einwilligung des Weibes sicher sind; 
ihre aggressiven Regungen sind dermaßen unterdrückt, daß ihnen jede 
sexuelle Initiative im strengen Sinne des Wortes abgeht. Manche ver- 
mögen überhaupt keinerlei Beziehungen zu weiblichen Personen aus 
eigener Initiative anzuknüpfen ; andere sind zwar fähig, eine Beziehung 
einzuleiten, verlieren aber ihre Aktivität in dem Augenblick, da sie 
zur körperlichen Aktion übergehen sollen. 

Einer meiner Patienten war im Anfang seiner Ehe im allgemeinen 
impotent. Er fühlte eine feindlich-aggressive Einstellung zu seiner 
Frau. Der geringste Streit mit ihr hatte bei ihm völlige Impotenz zur 
Folge. Er beobachtete jedoch bei sich eine verhältnismäßig gute 
Potenz, wenn er sich mit seiner Frau gerade ausgesöhnt hatte. 
War also für den Augenblick der äußere Anlaß zur Feindseligkeit und 
Rache geschwunden, so war ihm eine vorübergehende geschlechtliche 
Aktivität gegönnt. 

Die Assoziationen der Kranken führen aber weiter zu dem Er- 
gebnis, daß für ihr Unbewußtes die Ejaculatio praecox das extreme 
Gegenteil des Tötens bedeutet. An die Ejaculatio praecox knüpft sich 
mit großer Häufigkeit die unbewußte, nicht selten sogar bewußte Vor- 
stellung des eigenen Todes. Sie ist ein kraftloses Ersterben; manche 
Kranke gebrauchen den Ausdruck, daß sie sich hinschwinden, zer-, 
fließen fühlen. Bezeichnend ist ein nicht selten mit der vorzeitigen 
Ejakulation verbundenes Ohnmachtsgefühl. 

Der Verlust der männlichen Aktivität zeigt sich des weiteren in 
dem Affekt der Angst, welcher die Ejaculatio praecox häufig begleitet. 
Namentlich diejenigen Patienten, deren Leben sich in dauernder Hast 
abspielt, produzieren solche Angst. 

Ihre Hast und Angst erinnert uns von neuem an das Verhalten 
frigider Frauen, die nach unserer Erfahrung sich ständig in Hetze 
befinden. Die diesen Frauen eigentümliche Angst, „nicht fertig zu 
werden", die sich auf alle Aufgaben des täglichen Lebens ausdehnt, 
findet sich bei unseren männlichen Neurotikern wieder. Sie erledigen 
ihre geschlechtlichen Funktionen in Hast, als drohte jeden Augenblick 



267 



eine Störung. Diese Angst vor dem Gestörtwerden ist im Unbewußten 
der Kranken eng verknüpft mit ihrer Einstellung zum Vater. Sie 
ängstigen sich vor dem allsehenden Auge des Vaters und vor seiner 
strafenden Hand. Wir befinden uns hier auf gut bekanntem Boden ; 
die Kastrationsangst, deren Bedeutung im Seelenleben des 
kleinen Knaben und im Unbewußten des erwachsenden Mannes 
Freud erkannt hat, entfaltet ihre Wirkung auch in der Psychogenese 
der Ejaculatio praecox. 

Die nämlichen Patienten empfinden eine ausgesprochene Angst 
vor dem weiblichen Genitale. Es trägt für sie den Charakter des 
Unheimlichen. Regelmäßig bestätigt uns die Psychoanalyse, daß der 
Mangel des Penis beim Weibe es war, der die Kastrationsangst 
ursprünglich hervorgerufen hat. Die körperliche Annäherung an das 
Weib erweckt dieses Grauen in den Patienten jedesmal von neuem. 

Dieser Angst nahe verwandt ist eine zweite : durch den Geschlechts- 
akt selbst den Penis zu verlieren. Nicht selten bringen die Patienten 
dem Arzt die Mitteilung von einer Angst entgegen, die seit dem 
Pubertätsalter nicht von ihnen gewichen ist. Es handelt sich um die 
Phobie, den Penis nicht wieder aus dem Körper des Weibes zurück- 
ziehen zu können, sondern ihn darin zurücklassen zu müssen. Die 
Angst lehnt sich an eine der infantilen Sexualtheorien an, welche in 
der Pubertät neu belebt werden. Nach dieser Theorie beraubt das 
Weib bei der ersten und einzigen Vereinigung den Mann seines 
Genitalorgans durch Abreißen oder Einklemmen desselben. Die 
Angst vor einem solchen Vorgang liefert einen weiteren Beitrag zur 
Erklärung der Tatsache, daß bei unseren Patienten vielfach zunächst 
Libido und Erektion vorhanden sind, daß aber gleich nach der Iramissio 
oder schon im Augenblick der körperlichen Annäherung die Erektion 
schwindet. Der Patient bringt sich aus solchen unbewußten Motiven im 
letzten Augenblick in Sicherheit; bewußt reagiert er auf diesen unmänn- 
lichen Rückzug mit lebhaften und peinigenden Insuffizienzgefühlen. 

In einigen Fällen lieferten die Assoziationen der Patienten den 
Beweis, daß sie sich durch den Vorgang der Ejaculatio praecox vor 
den Augen des Weibes gleichsam selbst entmannten. Phantasien dieser 
Art werden später ihre Aufklärung finden. 

Die mangelnde sexuelle Aktivität unserer Patienten findet ihren 
Ausdruck noch in anderer Form. Es ist uns geläufig, daß neurotische 
Widerstände gegen eine Verrichtung sich oftmals als Ungeschick- 
lichkeit bei ihrer Ausführung kundgeben. Neurotiker, die mit vor- 
zeitiger Ejakulation behaftet sind, legen beim geschlechtlichen Verkehr 
stets eine deutliche Ungeschicklichkeit an den Tag. Typisch ist für sie 



268 

die Unfähigkeit zur Immissio penis ohne Hilfe des weiblichen Partners. 
Hauptsächlich aus diesem Grunde fürchten sie den Verkehr mit einem 
sexuell unerfahrenen Weibe, das ihnen in solcher Weise entweder 
nicht beispringen kann, oder dem sie eine solche Hilfeleistung nicht 
zumuten dürfen. Eine weitere Erklärung dieses Verhaltens wird sich 
übrigens noch späterhin ergeben. 

3. Der Narzißmus als Quelle der Sexual widerstände. 

Die bisherige Untersuchung hat keinen Zweifel darüber gelassen, 
daß bei unseren Patienten die Entwicklung der Libido eine Hemmung 
erfahren hat. Sie haben die normale Einstellung des Mannes zum Weibe 
nicht erreicht; ihre Sexualität weist vielmehr eine große Zahl infantiler 
Züge auf. Genauer gesagt: sie empfinden insoweit normal, daß ihre 
Libido sich bewußtermaßen — wenn auch nicht ausschließlich, so doch 
in der Hauptsache — auf die normalen Geschlechtsbeziehungen zum 
Weibe richtet. Wohl ist einem Teil der Patienten schon die Anknüpfung 
mit dem Weibe sehr erschwert; diese Eigentümlichkeit teilen sie aber 
mit anderen Neurotikern. In einer abnormen, für sie spezifischen Weise 
reagieren sie erst in dem Augenblick, da sie ihre sexuelle Aktivität im 
strengen Sinne des Wortes zeigen sollen. Gegen ihren bewußten Willen 
macht sich dann eine Störung bemerkbar, die von unbewußten libidi- 
nösen Gegenströmungen herrührt. Wir haben bereits erfahren, daß diese 
Strömungen infantiler Art sind. Ihre Tendenz ist, den Geschlechtsakt 
im eigentlichen Sinne des Wortes nicht zur Ausführung kommen 
zu lassen. Statt seiner findet eine kraftlose, dem unwillkürlichen Harn- 
abfluß des Kindes ähnliche Samenentleerung statt. Das aktiv-motorische 
Verhalten des Mannes ist durch gänzliche Passivität ersetzt. 

Es ergibt sich dann die Frage, welcher Art und Herkunft die; 
unbewußten Widerstände seien, durch welche das Individuum gehindert 
wird, sich normal zum anderen Geschlecht einzustellen. Meine Psycho- 
analysen verweisen in dieser Hinsicht übereinstimmend auf den Nar- 
zißmus ; nicht im Sinne einer völligen Regression der Libido auf dieses 
infantile Stadium, so wie sie F r e u d für die paranoischen Erkrankungen 
nachgewiesen hat. Vielmehr handelt es sich um störende Einflüsse, 
verdrängter narzißtischer Tendenzen, die zu keiner völligen Herrschaft 
gelangen. Ihre Macht beweisen sie immerhin dadurch, daß sie dem 
Individuum gewisse Kompromisse aufzwingen, zu denen auch die uns 
beschäftigende Potenzstörung gehört. 

Bei einem Teil der an Ejaculatio praecox Leidenden legt schon 
die flüchtige Beobachtung diese Auffassung nahe. Unsere Patienten 



269 



lassen schon in ihrer Kleidung und ihrem Auftreten ein ungewöhn- 
liches Maß von Eitelkeit erkennen. Die geringste kritische Bemerkung 
eines anderen Menschen kann sie in maßlose Heftigkeit versetzen. Sie 
verlangen, von ihrer Umgebung bewundert zu werden, sind überhaupt 
von einem krankhaften Ehrgeize erfüllt. 

Die Psychoanalyse deckt den Narzißmus der Patienten vollends 
auf. Sie erweist regelmäßig eine ganz mangelhafte Objektliebe; sein 
eigentliches Liebesobjekt ist der Kranke selbst. Und ganz entsprechend 
den von Freud mitgeteilten Erfahrungen finden wir bei jedem unserer 
Kranken eine besonders hohe und mit abnormen Affektäußerungen 
verbundene Wertschätzung des Penis. Sie äußert sich unter anderem 
in der übermäßigen Angst vor Verlust oder Beschädigung des Organs^ 
von der bereits die Rede war. 

Die Psychoanalyse jedes Falles von Ejaculatio praecox macht 
uns aber mit einer Fülle anderer Erscheinungen des Narzißmus bekannt. 
Um sie richtig zu würdigen, bedarf es eines kurzen Rückblicks auf 
die entsprechenden Phänomene im Kindesalter. 

Das Kind erlebt die ersten Befriedigungen seiner Libido bei 
Gelegenheit körperlicher Funktionen, wie der Nahrungsaufnahme und 
der Exkretionsvorgänge. Seine erste Sympathie wendet das Kind den 
Personen zu, welche ihm Nahrung, Pflege usw. angedeihen lassen. Da 
sie sich hiebei mit seinem Körper befassen müssen, rufen sie beim 
Kinde gleichzeitig durch Reizung erogener Zonen Lustempfindungen 
hervor. Das Kind nimmt diese letzteren wie Geschenke entgegen. 

Dieses Stadium der Libidoentwicklung, in welchem das Kind 
sich selbst der Mittelpunkt seiner noch engen Welt ist und in welchem 
es Liebesbeweise von anderen Personen ohne Gegengabe in Empfang 
nimmt, bezeichnen wir als Narzißmus. 

Die Beziehungen zum Liebesobjekt entwickeln sich weiter, 
indem das Kind anfängt, der anderen Person vom Seinigen zu geben. 
Die Produkte des eigenen Körpers — sie sind in der Vorstellung des 
Kindes Teile des Körpers — stellen in erster Linie die Münze dar, 
mit welcher das Kind bezahlt. Diese Stoffe unterliegen der narzißtischen 
Überwertung. Hier sei nur ein Beispiel gegeben. Es ist eine öfters zu 
bestätigende Erfahrung, daß ein Kind, wenn es etwa im Familienkreise ' 
von Hand zu Hand gereicht wird, mit einer den Angehörigen rätsel- 
haften Auswahl immer eine bestimmte Person mit seinem Urin benäßt. 
Das ist einer der primitivsten Liebesbeweise, weit ursprünglicher als 
Kuß oder Umarmung, die das Kind erst durch Nachahmung lernt. 
Wir werden an die Begrüßungsformen mancher primitiver Völker 

1 Freu d, Zur Einfuhrung des Narzißmus. Jahrb. der Psychoanalyse, VI. 1914. 



270 

erinnert. Gibt man einem anderen Menschen von den eigenen Körper- 
produkten, z. B. Speichel, so will das bedeuten : ich gebe dir vom 
Meinigen, das mir doch kostbar sein muß, also meine ich es gut 
mit dir! 

Wir konnten aus der Vorgeschichte unserer Patienten den 

besonderen Lustwert der Harnentleerung feststellen, ferner aber auch 

die über das gewohnte Maß des kindlichen Narzißmus hinausgehende 

Wertschätzung des Penis. Der ersteren Tatsache liegt augenscheinlich 

eine konstitutionelle Eigentümlichkeit zu Grunde. Wird nun schon 

normalerweise im Stadium des kindlichen Narzißmus dem Penis eine 

hohe Wertschätzung zu teil, die sich sowohl auf die Berührungslust 

als auch auf die Exkretionslust gründet, so sind die möglichen 

Folgeerscheinungen einer konstitutionell verstärkten Urethra 1- 

lust einleuchtend. Das Individuum wird zu einer Zeit, da es sich 

längst der normalen Objektliebe zugewandt haben sollte, einen starken 

Anlaß zum Verweilen im Narzißmus in sich tragen. Ferner wird sich 

in den Vorstellungen des Kindes die Überwertung des Penis als 

Organ der Harnfunktion in besonderem Maße fixieren. Tritt 

später an das Organ die Anforderung der eigentlichen Geschlecht s- 

•funktion heran, so weigert es sich nun dieser. Die Folge ist 

dann jenes Kompromiß, als welches wir die Ejaculatio praecox 

bereits erkannt haben. 

Erst jetzt vermögen wir das den Patienten unbewußte Sexualziel 
der Ejaculatio praecox zu. begreifen. Das normale Sexualziel ist eine 
körperliche Vereinigung mit dem Weibe ; der Mann hat dabei eine 
motorische Leistung zu vollbringen, die ihm selbst, gleichzeitig aber 
auch dem Weibe, Befriedigung bringen soll. Die Tendenz der Ejaculatio 
praecox ist völlig anderer Art. 

Die Libido unserer Patienten verharrt in weitem Umfang im' 
Stadium des Narzißmus. Wie der kleine Knabe die Mutter mit seinem 
Urin benäßt, den er noch nicht zu halten vermag, so benäßt der 
Neurotiker durch vorzeitige Ejakulation das Weib, in welchem wir 
nunmehr mit voller Deutlichkeit den Mutterersatz erkennen. 

Die Mutter oder Pflegerin ist genötigt, den kleinen Knaben am 
Genitale zu berühren, sowohl wenn sie ihm zur Urinentleerung 
behilflich ist, als auch beim Waschen und Trocknen des Körpers. Die 
Lust dieser Berührung offenbaren uns die aus dem Unbewußten 
schöpfenden Assoziationen der Patienten. Eines ihrer unbewußten 
Sexualziele ist es, vom Weibe am Genitale berührt zu werden ^ und 
danach in einer der Urinentleerung ähnlichen Weise zu ejakulieren. 

* Hier ist wieder auf S a d g e r s Ausführungen zu verweisen. 



271 

Auch hier wird die mütterliche Bedeutung des Weibes durchsichtig. 
Namentlich aber wird uns nun eine früher erwähnte Eigentümlichkeit 
unserer Patienten verständlich; ihre Neigung, sich vom Weibe bei 
der Immissio manuelle Hilfe leisten zu lassen. Die lustvolle Berührung 
des Penis war einer der frühen und bedeutungsvollen Liebesbeweise 
von selten der Mutter. Der an vorzeitiger Ejakulation Leidende 
möchte, wie wir bereits wissen, nicht lieben, sondern nur Liebe 
entgegennehmen. Sein Unbewußtes versucht, zu diesem Zwecke die 
Wege der frühen Kindheit wieder gangbar zu machen. 

Unter diesen Wegen ist einer, den wir bisher nicht ins Auge 
gefaßt haben, auf den wir aber durch die Einfälle der Patienten mit 
Nachdruck hinweisen werden. 

Die Abgabe von Produkten des eigenen Körpers ist nicht die 
einzige Liebesäußerung des Kindes im Stadium des Narzißmus. Eine 
andere Form des Liebesbeweises und des Liebeswerbens ist die 
Exhibition. 

Besonders in der zweiten Hälfte des dritten und in der ersten 
Hälfte des vierten Lebensjahres pflegen kleine Knaben gern vor der 
Mutter zu exhibieren, namentlich bei Gelegenheit der Urinentleerung, 
zu der sie nicht mehr der mütterlichen Hilfe benötigen wie in 
früherer Zeit. Ein Knabe, dessen Urethralerotik keineswegs die normalen 
Grenzen überschritt, fragte in dem genannten Alter öfter seine Mutter, 
ob er ihr seinen Penis zeigen solle. Er gebrauchte für diesen 
Körperteil übrigens eine selbsterfundene Bezeichnung. Hatte er Urin 
entleert, so fragte er öfters, ob es „viel" sei. Hier trat der Narzißmus, 
das Bedürfnis, für seine Leistung bewundert zu werden, mit besonderer 
Deutlichkeit hervor. Als die Eltern einmal mit dem Kleinen in einem 
Seebad weilten, hatte er Lust daran, sein Bedürfnis in einem 
Augenblick zu verrichten, wenn gerade eine Flutwelle herankam. Auf 
eine Frage, warum er das tue, gab er zur Antwort: „Damit es recht 
viel Wasser ist." Der Narzißmus des Kleinen fand offensichtlich eine 
besondere Befriedigung in der Vorstellung, daß das ganze Meer sein 
Produkt sei. 

Diese narzißtische Eitelkeit auf die Menge der entleerten Stoffe, 
die sich bei Neurotikern in mancherlei Formen äußert, kommt auch 
bei der Ejaculatio praecox zur Geltung. Wie bereits erwähnt wurde, 
sind einzelne Patienten stolz auf die Ejakulation, die sie nicht im 
weiblichen Körper, sondern gewissermaßen vor den Augen des Weibes 
stattfinden lassen. 

Der Ejaculatio praecox wohnt somit auch eine exhibitionistische 
Tendenz inne. «In ihr setzt sich der mit dem infantilen Narzißmus 



272 

verknüpfte Glaube fort, durch die eigenen Vorzüge — besonders durcii 
den Penis und das Urinieren — einen unwidersteliliclien Reiz auf das 
Weib (die Mutter) auszuüben. 

Eine aus dem Narzißmus zu erklärende Selbsttäuschung wurde 
schon früher erwähnt. Einzelne unter den Patienten wiegen sich in den 
Glauben ein, die Ejaculatio praecox sei ein Zeichen ihrer besonderen 
Leidenschaftlichkeit. Zu dieser Selbsttäuschung gesellt sich gelegentlich 
noch eine zweite: die Ejaculatio praecox sei das Zeichen einer feineren, 
veredelten Männlichkeit, im Gegensatz zur aggressiven Roheit anderer 
Männer. Das aus verdrängtem Narzißmus hervorgegangene Symptom 
wird vom Patienten sekundär in einer narzißtischen Weise gerecht-, 
fertigt. Die Tendenz dieses Verfahrens ergibt sich leicht. Der Patient 
möchte den als gewalttätig und roh betrachteten Vater durch Feinheit 
übertreffen und ihn dadurch bei der Mutter ausstechen. Die Vorstellung 
von der Gewalttätigkeit des Vaters entstammt gewissen Erlebnissen 
des Kindes : es hat den Verkehr der Eltern belauscht und ihn als einen 
Gewaltakt des Vaters aufgefaßt. Nach der eigenen Geschlechtsreife 
wirkt diese „sadistische" Theorie des Koitus im Unbewußten des 
Sohnes nach. Der normale Geschlechtsakt erscheint dann als eine Roheit. 
Die Ejaculatio praecox wendet sich gewissermaßen an die weibliche 
Zartheit der Mutter; sie will ausdrücken: sieh, ich komme dir zarter 
entgegen als der Vater! 

Es darf aber keineswegs übersehen werden, daß dieses Exhibieren 
vor dem Weibe (der Mutter) einen ambivalenten Charakter trägt. Es 
ist nicht nur ein Liebesbeweis mit der Tendenz des Bewundert- und 
Berührtwerdenwollens, sondern zugleich ein Zeichen der Ablehnung 
des Weibes. Nach meinen übereinstimmenden psychoanalytischen 
Erfahrungen handelt es sich um eine mit schweren Affekten betonte 
Feindseligkeit, welche sich besonders als Verachtung desWei'bes 
geltend macht. Die Feindseligkeit leitet sich aus infantilen Quellen 
her, vor allem aus kindlicher Eifersucht. Die Verachtung des Weibes 
erklärt sich zwanglos aus der Überwertung des Penis. Das Weib ist 
minderwertig, verächtlich, weil ihm dieser Körperteil mangelt. Nicht 
wenige der an Ejaculatio praecox Leidenden sind Verächter der Frauen 
im allgemeinen; sie können nicht genug über die „Unvollkommenheit" 
des Weibes spotten. In manchen Fällen äußert sich diese Einstellung 
in einer mit heftigen Affekten betonten Gegnerschaft gegen die heutige 
Frauenbewegung. 

Wir kommen so zu dem eigentümlichen Ergebnis, daß die Ejaculatio 
praecox auch ein Ausdruck der Feindschaft und Verachtung ist, welche 
der Patient der Gesamtheit der Frauen wie der einzelnen Frau entgegen- 



273 

bringt. Verschiedene unter meinen Psychoanalysen klärten mich über 
diese von mir früher nicht erkannte Tendenz auf. Die Ejaculatio 
praecox — und zwar kommt hier namentlich die ante portas geschehende 
in Frage — ist eine Besudelung des Weibes mit einem den Urin 
vertretenden Stoffe. Man muß sich hier den ambivalenten Charakter 
der Vorgänge vergegenwärtigen, welche in der Abgabe eigener Exkrete 
an eine andere Person bestehen. Wir lernten sie vorher als Ausdrucks- 
mittel kindlicher Sympathie kennen. Eine Parallele aus der Völker- 
psychologie wird hier klärend wirken. Das Anspeien einer anderen 
Person, das bei gewissen Völkerschaften eine freundliche Begrüßungs- 
lorm darstellt, wird mit fortschreitender Verdrängung, d. h. Kulturent- 
wicklung, zum Ausdruck stärkster Verachtung. Jedes Kind durchschreitet 
aber ein Stadium, welches der Auffassung jener Primitiven entspricht; 
es ist das Stadium des Narzißmus. Ein vierjähriges Mädchen bezeichnete 
einmal seinen Speichel, für den es eine von der Erziehung nicht gebilligte 
narzißtische Hochschätzung an den Tag legte, als „schönes, reines 
Zungenwasser". Was später als unschön und unrein angesehen wird, 
erscheint in diesem Stadium noch in einem ganz entgegengesetzten 
Licht, In dem uns beschäftigenden Zusammenhang sei darauf aufmerksam 
gemacht, daß dem kleinen Kinde und den Primitiven auch der Ekel 
vor dem Urin durchaus abgeht. Man braucht nur daran zu denken, daß 
gewisse Negervölker ihre Kochgeschirre mit Urin reinigen. Bei ihnen 
herrscht noch in weitem Umfange die narzißtische Bewertung 
der Körper Produkte. 

Mit der unbewußten Absicht der Besudelung des Weibes ist 
eine andere Tendenz aufs engste verknüpft. Meine Psychoanalysen 
bestätigen von Fall zu Fall immer wieder, daß das Benässen des 
Weibes auch eine Trotzhandlung darstellt. Die Mutter hat die Aufgabe, 
das Kind zur Reinlichkeit, zur Beherrschung seiner Schließmuskeln zu 
erziehen. Wird die Mutter zum Objekt der Feindschaft und Verachtung, 
so setzt das Kind ihren Bestrebungen einen heftigen Trotz entgegen, 
der uns oft genug im Charakter des erwachsenen Neurotikers wieder 
begegnet. So haben wir in der Ejaculatio praecox auch einen trotzigen 
Rückfall in die unbeherrschte Entleerungsform des frühen Kindesalters 
zu erblicken. 

Es wurde oben dargelegt, daß die Verunreinigung des Liebes- 
objekts mit Urin oder einem anderen Körperprodukt ein infantil- 
narzißtischer Ausdruck der Sympathie sei. Die tiefer eindringende 
Analyse zeigt uns aber gerade hier ein Beispiel ausgeprägtester Ambi- 
valenz und lehrt uns von neuem den Kompromißcharakter der vor- 
zeitigen Ejakulation kennen. 

18 



274 

Der zum Weibe ambivalent eingestellte Neurotiker gibt auf dem 
Wege der Ejaculatio praecox dem Weibe etwas von seinem körperlichen 
Besitz, aber er gibt nur scheinbar. In Wirklichkeit veranlaßt ihn seine 
feindselige Haltung, eifersüchtig über seinen Besitz zu wachen. Das 
Weib erhält nichts: er spart seine Körperkraft, er gibt seiner Partnerin 
keine Lustempfindung ; er vergießt sein Sperma, gibt es aber nicht ihr, 
gibt ihr also auch kein Kind. Im Gegenteil erregt er in ihr Erwartungen 
und enttäuscht sie dann. 

Wie früher ausgeführt wurde, befindet sich jeder unserer Kranken 
in einer passiven Einstellung gegenüber dem Weibe. Er ist von der 
Mutter dauernd abhängig und'kämpft gegen diese in seinem Unbewußten 
begründete Abhängigkeit. Der Abwehrkampf tritt in die Erscheinung 
als ein Kampf gegen das Weib. Der Patient verfügt aber in diesem 
Kampf nicht über die Mittel einer kraftvollen männlichen Aktivität. Er 
muß sich darauf beschränken, das Weib zu enttäuschen, und übt damit 
an jedem Weibe Rache für Liebesenttäuschungen, denen er als Kind 
von Seiten seiner Mutter ausgesetzt war, und die sich ihm in späterem 
Alter wiederholen. 

Ein Hinweis sei hier noch gegeben auf häufige, neben der 
Ejaculatio praecox einhergehende, aus den gleichen Quellen stammende 
Erscheinungen, die sich im ganzen sozialen Verhalten der Patienten 
geltend machen. Entsprechend dem Narzißmus und der Ambivalenz 
ihrer Gefühlseinstellungen schwanken sie zwischen vorschneller Über- 
tragung und allzu ängstlichem Ansichhalten. Mancher dieser Patienten 
reagiert auf die abweichende Meinung, auf die Kritik eines anderen 
Menschen usw. entweder mit einem Ausbruch von Wut und Jähzorn 
oder aber mit einem verbissenen Ansichhalten, durch welches er sich 
ganz in sich selbst zurückzieht. 

Das Zusammentreffen gewisser Charakterzüge ist für unsere Neu- 
rotikergruppe so typisch, daß man aus ihnen mit einer gewissen 
Wahrscheinlichkeit auf das Bestehen der Ejaculatio praecox schließen 
kann. In einer Sitzung der Berliner psychoanalytischen Vereinigung 
wurden einmal in einem Vortrag abnorme Affektzustände eines 
Neurotikers besprochen. In der Diskussion äußerte ich auf Grund 
des vom Referenten geschilderten sozialen Verhaltens die Vermutung, 
daß der Patient an Ejaculatio praecox leide, was mir dann sofort 
bestätigt wurde. 

Endlich mag hier auf eine seltenere, in Ärztekreisen wenig 
bekannte neurotische Störung hingewiesen werden, die der vorzeitigen 
Ejakulation als Phänomen entgegengesetzt, ihr innerlich aber nahe 
verwandt ist. Man kann sie als I m p o t e n t i a e j a c u 1 a n d i bezeichnen. 



275 



Bei manchen Neurotikern erfolgt nämlich im Geschlechtsakt die 
Ejakulation überhaupt nicht. Auch hier liegt ein Zustand der Sexual- 
ablehnung vor, der aus dem Narzißmus hervorgeht. Bei diesen Patienten 
ist das „Ansichhalten" die überwiegende Tendenz. Der Effekt ist der 
gleiche wie bei der Ejaculatio praecox: der Narzißmus setzt sich durch 
und das Weib wird enttäuscht. Daß vom normalen Eintritt der Ejaku- 
lation zum vorzeitigen Eintritt einerseits, zum Ausbleiben der Samen- 
entleerung anderseits fließende Übergänge bestehen, bedarf kaum der 
Erwähnung. Die retardierte Ejakulation ist ein nicht seltenes Symptom 
mancher Neurosen. 



Es ist die Aufgabe der psychoanalytischen Behandlung, den 
Patienten von seiner narzißtischen Einstellung zu befreien und ihm den 
Weg zur normalen Gefühlsübertragung zu zeigen. Gelingt es, seine 
narzißtische Ablehnung des Weibes aufzuheben, so ist die Bahn frei 
gemacht für den normalen Ablauf der Geschlechtsfunktionen; ganz 
analog gelingt es ja auch, das weibliche Analogon der Ejaculatio 
praecox — die Frigidität — zu beseitigen. 

Selbstverständlich sind verschiedene Fälle des Leidens von sehr 
verschiedener Wertigkeit. Leichteste Störungen dieser Art treten bei 
disponierten Männern episodisch auf und können ohne jede Behandlung 
verschwinden ; freilich ist die Gefahr des Rückfalles stets gegeben. Die 
Psychoanalyse bringt auch in schweren und hartnäckigen Fällen einen 
Heilerfolg oder doch mindestens eine Besserung^ Prognostisch sind 
diejenigen Fälle am wenigsten günstig zu beurteilen, in denen die 
Ejaculatio praecox sich sogleich im Alter der Geschlechtsreife 
bemerkbar gemacht hat und seither durch eine Reihe von Jahren 
vielemal hervorgetreten ist. Es handelt sich hier um Fälle von außer- 
gewöhnlich starkem Vorwiegen der urethralen gegenüber der genitalen 
Erotik, in denen die Lust der Ejaculatio praecox die Unlust zu über- 
wiegen pflegt. 

Die Behandlung des Leidens kann zu den technisch schwierigsten 
Aufgaben des Psychoanalytikers gehören, weil er den Kampf mit der 
bei diesen Kranken sehr beträchtlichen Macht des Narzißmus aufnehmen 
muß. Eine geduldige und konsequente Anwendung der Methode läßt 
ihn aber auch diese Schwierigkeiten überwinden. 



' Auch in zwei Fällen von Impotentia ejaculandi ist es mir gelungen, auf 
psychoanalytischem Weg dauernd Heilung zu erzielen. 



18* 



Einige Belege zur Gefühlseinstellung weiblicher 
Kinder gegenüber den Eltern \ 

Eine Mutter berichtet mir von ihrer vierjährigen Tochter: „Sie 
hängt mit besonderer Liebe und Zärtlichkeit an ihrem Vater. In letzter 
Zeit spielt sie mit Voriiebe .Vaters Frau'. Als ich sie nun fragte, 
warum sie Vaters Frau sein wollte, meinte sie: ,Ich möchte so gern 
wissen, wie das ist; und dann kann ich auch endlich mal probieren, 
wie Kaffee schmeckt'. Auf meine Einwendung, wo ich denn dann 
bleiben solle, hatte sie die Antwort bereit: ,Du bist dann eben 
unser Kind!'" 

»Einmal" — so fährt der Bericht der Mutter fort — „erzählte 
die Kleine ihrer älteren Schwester eine selbsterdachte Geschichte; die 
fing an: ,Es war einmal ein Zwerg, der hatte sieben kleine Zwerglein, 
und die Mutter davon war schon längst gestorben/ Ich fragte, warum 
denn die Mutter gestorben sei, und erhielt zur Antwort: ,Ach, die war 
ja schon über 100 Jahre alt und sehr krank." 

„Vor einigen Monaten blieb E. ... im zoologischen Garien vor 
dem Wildschweinkäfig stehen, in dem sich eine Sau mit vielen Jungen 
befand. Voll Entzücken rief E.: ,Sieh mal, da ist ein Vater Schwein 
mit seinen Kindern!" Ich erklärte ihr, das sei die Mutter; darauf sie: 
.Nein, der Vater.' Als ich nochmals versicherte, es sei die Mutter, 
fragte sie: .Aber wo ist dann der Vater?' Erst als ich sagte, der sei 
wohl nur einmal ausgegangen, nahm ihr Gesichtchen wieder einen 
zufriedenen Ausdruck an." 

„Eines Tages sprach E. davon, ,wenn sie erst einmal eine Braut 
wäre'. Ich fragte: .Wer soll denn dein Bräutigam sein?' Da kam 
prompt die Antwort: .Nun. natürlich mein Geliebter, der Vater!' Einige 
Wochen danach sagte sie zum Vater, als er sich verabschiedete: .Adieu, 
mein geliebter Mann!" 

Dies ist nur eine Auswahl aus zahlreichen ähnlichen Äußerungen 
desselben Kindes. Sie lassen alle in übereinstimmendem Sinne 



1 Aus .Internationale Zeitschrift fUr ärztliche Psychoanalyse". IV. Jahrgang 1916. 



- in 

erkennen, wie die vierjährige Kleine ihre Liebe vorwiegend dem Vater 
zuwendet, ihn sozusagen der Mutter fortnimmt und ihn als ihren 
Mann bezeichnet; wie sie anderseits die Mutter kurzerhand beseitigt 
oder aber sie zum Kinde macht (die Rolle also mit ihr tauscht). Die 
Beseitigung geschieht in den mitgeteilten Beispielen freilich nur in 
einer indirekten Form: nicht das Kind selbst, wohl aber die Zwerge 
oder die Schweinchen haben keine Mutter, sondern nur einen Vaterl 

Das Beispiel eines anderen Mädchens zeigt die gleichen 
Tendenzen, nur ist der Todeswunsch gegen die Mutter und das 
erotische Empfinden gegenüber dem Vater noch unverhüllter 
erkennbar. 

Die vierjährige H. . . . gab einmal, als sie in Abwesenheit der 
Mutter mit dem Vater zu Mittag aß, ihren Gefühlen Ausdruck wie 
folgt: „Es ist doch schön, daß die Mama heute nicht zu Hause ist." 
Auf die Frage des Vaters, warum sie denn darüber erfreut sei, 
antwortete die Kleine: „Dann kann sie uns doch nicht dazwischen 
reden, wenn wir uns unterhalten". Einige Wochen später wurden diese 
Beseitigungswünsche noch deutlicher. H. stellte jetzt ihrer Mutter die 
Frage: „Mama, wann stirbst du eigentlich?" Sie beruhigte sich mit 
dem erhaltenen Bescheid nur scheinbar. Schon nach wenigen Tagen 
hieß es: „Mama, ... in zehn Jahren, lebst du da immer noch?" 
Während eines Zeitraumes von mehr als einem Monat wiederholten 
sich diese Fragen viele Male; doch galten sie stets nur der Mutter, 
niemals dem Vater. Als die Mutter einmal replizierte: „Wenn ich aber 
sterbe, dann hast du doch keine Mama mehr!", erfolgte prompt die 
Antwort: „Dann habe ich doch noch den Papa!" 

Im gleichen Alter äußerte die Kleine eines Tages während der 
Mittagsmahlzeit: „Papa, ich könnte dich doch mal nackt sehen." 
Dergleichen kam nur dieses eine Mal in so ausgesprochener Form 
vor. Dem Kinde gelang es anscheinend leichter, auf die Erfüllung 
dieses Wunsches zu verzichten, als auf seine feindselige Einstellung 
zur Mutter. 

Aus dem Verhalten älterer Kinder und Erwachsener hat Freud 
den Schluß gezogen, jene primitiven Regungen seien der Verdrängung 
und Sublimierung verfallen; er hat auch auf die so häufige 
Umwandlung ;irsprünglicher Triebregungen in Impulse entgegen- 
gesetzter Art hingewiesen. („Reaktionsbildung.") Es ist nun gewiß 
von Interesse, diesen Umwandlungsprozeß bei einem Kinde direkt zu 
beobachten, so wie es in dem Falle der kleinen H. . . . möglich war. 

Die Todeswünsche gegen die Mutter waren eine Zeitlang 
ungehemmt geäußert worden. Dann vernahm man einige Wochen 



278 

hindurch weder Äußerungen besonderer Feindschaft noch besonderer 
Liebe gegenüber der Mutter. Eines Tages begann H., auf Spaziergängen 
ihre Mutter zu bitten, mit ihr an alle möglichen Schaufensterauslagen 
heranzutreten. Sie fragte dann — je nach den ausgestellten Waren — : 
„Welcher Hut gefällt dir am besten?" „Welches Kleid möchtest du 
haben?" so wie sonst Erwachsene Kinder zu fragen pflegen. Zeigte 
die Mutter dann, welches Objekt ihr am besten gefiel, so folgte 
jedesmal die Versicherung der Kleinen: „Wenn ich groß bin, schenke 
ich dir diesen Hut" [oder sonstigen Gegenstand], Geschenke sind in 
den Augen des Kindes besonders wichtige Liebesbeweise. H. hatte 
also bereits die Todeswünsche überwunden und überhäufte nun die 
Mutter mit Liebesbeweisen. Freilich konnte sie nur Versicherungen 
für künftige Zeiten geben. Aber gerade darin zeigte sich eine 
bemerkenswerte Kompromißbildung. H. verlangte nicht mehr, daß die 
Mutter tot sein solle, wenn sie selbst „groß" geworden sei. Sie 
begnügte sich mit dem Rollentausch, den ich vorher bei der kleinen 
E. . . , erwähnte. Sie drückte durch ihr Verhalten den Gedanken aus: 
Wenn ich groß bin, habe ich das Geld, weil ich Vaters Frau bin; 
dann bist du unser Kind und mußt dir von mir etwas kaufen lassen! 



Das Geldausgeben im Angstzustand \ 

Das Verhältnis des Neurotikers zum Geldbesitz ist in der 
psychoanalytischen Literatur eingehend erörtert worden. Sowohl 
Freud als die Autoren, die sich nach ihm mit den „analen" 
Charakterztigen beschäftigt haben, behandeln den neurotischen Geiz, 
das ängstliche Zurückhalten des Geldes aus unbewußten Motiven. Das 
gegenteilige Verhalten mancher Neurotiker hat, obwohl es dem Arzt 
in der Psychoanalyse keineswegs selten entgegentritt, nicht die gleiche 
Beachtung gefunden. Die Neigung zu übertriebenen Geldausgaben 
tritt bei manchen Neurotischen plötzlich, ja anfallsweise hervor und 
steht dann in einem auffälligen Gegensatz zu ihrer sonstigen 
Sparsamkeit. 

Es handelt sich, nach einer kleinen Reihe von Erfahrungen aus 
meiner psychoanalytischen Tätigkeit, um eine bestimmte Gruppe von 
Neurotischen : Kranke, welche sich in dauernder infantiler Abhängigkeit 
vom elterlichen Hause befinden und von Verstimmung oder 
Angst befallen werden, sobald sie sich von ihm entfernt haben. 

Die Patienten selbst behaupten, daß das Geldausgeben ihre 
Angst oder Verstimmung erleichtere. Sie haben auch rationelle 
Erklärungen dieser Wirkung zur Hand: das Geldausgeben erhöhe ihr 
Selbstgefühl, oder es lenke sie von ihrem Zustand ab. Die Psycho- 
analyse fügt dieser rein oberflächlichen Erklärung jedoch eine tiefere, 
das Unbewußte berücksichtigende hinzu. 

Wie jede Psychoanalyse eines derartigen Falles aufs Neue lehrt, 
ist es dem Kranken infolge der Fixierung seiner Libido verwehrt, 
sich räumlich von den Eltern oder den sie vertretenden Personen zu 
entfernen. Die Entfernung vom Hause bedeutet seinem Unbewußten 
eine Ablösung der Libido von ihren Objekten. Stets lassen sich zwei 
entgegengesetzte psychische Strömungen nachweisen : eine konservative 
im Sinne der dauernden Fixierung und eine andere im Sinne der 
Hinwendung zu den Objekten der Außenwelt. 

1 Aus „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse". IV. Jahrgang 1916. 



280 

Jeder Versuch der Übertragung der Libido auf neue Objekte ist 
bei den Kranken gerade darum mit so schwerer Angst verbunden,' 
weil das unbewußte Verlangen danach besonders heftig und 
ungestüm ist. Es braucht nur daran erinnert zu werden, daß weibliche 
Kranke mit Straßenangst in besonderem Maße mit unbewußten, nicht 
selten auch mit bewußten Prostitutionsphantasien behaftet sind. Ihr 
Unbewußtes will schrankenlose Hingabe an alle; die im Bewußtsein 
herrschende Angst aber schränkt die Übertragung der Libido aufs 
äußerste ein. So werden die Kranken unfähig, von ihrer Libido freien 
Gebrauch zu machen, und zwar keineswegs nur im engen Sinne der 
eigentlichen Geschlechtsbeziehungen. 

Eine weitgehende Emschränkung der genitalen Geschlechtlichkeit 
führt zu ersatzweiser, stärkerer Betonung anderer erogener Zonen. Die 
anale Erotik ersetzt die genitale in mehr oder weniger weitem Umfang. 
In manchen Fällen läßt sich mit großer Deutlichkeit feststellen, daß 
die krankhafte Fixierung der Patienten an den Vater oder die Mutter 
durch die Analzone vermittelt wird. Ein kleiner Ausschnitt aus einer 
Psychoanalyse möge das belegen. 

Die Patientin, welche an schwerer Straßenangst leidet, ist völlig 
an ihren Vater gebunden. Ihre immer wiederholten Versuche, die 
Fixierung zu lösen, sind mißlungen. Diese Fixierung ist vom Vater 
der Patientin während ihrer Jugend dadurch sehr gefördert worden, 
daß er sich im Übermaß um die Darmtätigkeit des Kindes kümmerte! 
sehr häufig Klysmen verabreichte usw. Diese verkehrten Maßnahmen 
trugen zur Erhaltung kindlicher Abhängigkeit in verhängnisvoller 
Weise bei; die Tochter konnte — mit einem Ausdrucke der Kinder- 
sprache gesagt — nichts ohne den Vater „machen", konnte nur unter 
seiner Aufsicht „abseits" gehen. Wie die Analyse ergab, ließen auch 
ihre Ablösungsversuche die anale Fixierung erkennen. Den Darm ohne, 
väterliche Aufsicht zu entleeren, bedeutete ihrem Unbewußten Selb- 
ständigkeit. Entfernte sich die Patientin vom Hause und wurde sie 
unterwegs von Angst befallen, so machte sie zur Abwehr der Angst 
allerhand Geldausgaben, die praktisch nicht zu rechtfertigen waren. 
Sie verausgabte Geld statt Libido. Daß aber das Geld diese 
ersetzende Bedeutung annehmen konnte, erklärt sich aus der im 
Unbewußten herrschenden Gleichwertigkeit von Geld und Kot. 
Bemerkenswert ist, daß die Patientin sich selbst verdächtigte, sie 
steigere manchmal ihre Angst, um sich einen Grund zum Geldausgeben 
zu schaffen. 

Bei dieser Kranken beobachtete ich, ebenso wie auch in zwei 
anderen Fällen, die Neigung, wahllos vielerlei zu kaufen, meist werllose. 



I 



281 

nur für den Augenblick begehrte Kleinigkeiten. Sie täuschen sich auf 
diese Weise eine freie Beweglichkeit ihrer Libido vor, während diese 
doch in Wirklichkeit aufs äußerste fixiert und gehemmt ist. Das 
Kaufen von Gegenständen, die nur einen Augenblickswert haben, das 
schnelle Übergehen von diesem Gegenstand zu jenem, wirkt als 
symbolische Befriedigung eines verdrängten Begehrens: die Libido in 
rascher Folge auf unbegrenzt viele Objekte zu übertragen. Die 
Anspielung auf die Prostitution ist hier nicht zu verkennen ; auch dort 
vermittelt das Geld flüchtige, beliebig wechselnde Beziehungen. 

Die Auffassung der Patienten, sie gäben Geld aus, um ihr 
Selbstgefühl zu erhöhen, erfährt nun in gewissem Sinne eine Bestätigung. 
Das Geldausgeben täuscht sie über die Gebundenheit der Libido und 
damit über das peinigende Gefühl sexueller Insuffizienz für kurze 
Zeit hinweg. Anders ausgedrückt : die Kranken stehen unter einem 
abnorm strengen, von der Eltern-Imago ausgehenden Verbot, ihre 
Libido frei zu verausgaben. Es kommt zum Kompromiß zwischen 
Trieb und Verdrängung. Die Kranken verausgaben sich dem Verbot 
zum Trotz, aber nicht in sexueller Libido, sondern in analen Werten. 

Wir werden hier an das dauernde Verhalten gewisser Neurotiker 
erinnert, deren Libido gleichfalls übermäßig gebunden ist. Sie sind — 
teilweise oder ganz — unfähig zur sexuellen Liebe im seelischen und 
körperlichen Sinne. Sie wenden den anderen Menschen nicht Liebe, 
sondern Mitleid zu, sie werden zu Wohltätern und geben an Geldes- 
wert oft im Übermaß. Sie sind auf diese Ersatzbefriedigung dauernd 
angewiesen. In der dunklen Wahrnehmung, qualitativ nicht das 
Richtige zu geben, übertreiben sie das Geben quantitativ. Ihr 
Geldausgeben wirkt jedoch altruistisch, während in den vorher 
besprochenen Fällen diese Wirkung durchaus fehlt. Das Gemeinsame 
beider Gruppen liegt aber darin, daß das Geldausgeben einen Ersatz 
für die von der Neurose verbotene Sexualübertragung bildet und zur 
Abwehr neurotischer Störungen dient. 



über eine besondere Form des neurotischen 
Widerstandes gegen die psychoanalytische 

Methodik\ 

Wenn wir eine psychoanalytische Behandlung beginnen, so 
machen wir den Patienten mit der Grundregel des Verfahrens bekannt, 
die er unbedingt zu befolgen habe. Das Verhalten unserer Patienten 
gegenüber dieser Grundregel ist recht verschieden. Manche erfassen 
sie schnell und ordnen sich ihr ohne besondere Schwierigkeit unter, 
andere müssen wir häufig daran erinnern, daß sie frei zu assoziieren 
haben. Bei allen Kranken erleben wir zeitweise ein Versagen der freien 
Assoziationstätigkeit. Entweder bringen sie nun Produkte des überlegten 
Denkens vor, oder sie erklären, es falle ihnen nichts ein. Es kann dann 
ejne Behandlungsstunde ablaufen, ohne daß der Patient in ihr der 
Psychoanalyse irgend welches Material an freien Assoziationen zuge- 
führt hat. Dieses Verhalten des Patienten weist uns auf einen „Wider- 
stand" hin; ihn verständlich zu machen, ist unsere nächste Aufgabe. 
Wir erfahren regelmäßig, daß der Widerstand sich gegen das Bewußt- 
werden bestimmter psychischer Inhalte richtet. Haben wir anfangs dem 
Patienten erklärt, seine freien Assoziationen vermöchten uns Einblicke 
in sein Unbewußtes zu geben, so ist die Ablehnung des freiejti 
Assoziierens die fast selbstverständliche Form, die sein Widerstand 
annehmen wird. 

Sehen wir in den meisten Fällen einen derartigen Widerstand in 
öfterem Wechsel auftauchen und verschwinden, so bietet ihn eine 
kleinere Gruppe von Neurotischen während der ganzen Behandlungs- 
dauer ohne Unterbrechung dar. Dieser permanente Widerstand gegen 
die Grundregel der Psychoanalyse kann zu einer außerordentlichen 
Erschwerung der Therapie führen, ja er stellt ihren Erfolg gänzlich in 
Frage. Er hat bisher in der Literatur, ebenso wie manche anderen 
technischen Fragen, keine Beachtung gefunden. Seitdem ich der 



1 Aus „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse". V. Jahr- 
gang 1919. 



283 

geschilderten Schwierigkeit in einer Reihe von Krankheitsfällen begegnet 
bin, habe ich von anderen Psychoanalytikern erfahren, daß es ihnen 
ähnlich ergangen ist. Neben dem theoretischen liegt daher ein praktisches 
Interesse vor, diese Spielart der neurotischen Reaktion auf die Psycho- 
analyse genauer zu untersuchen. 

Die Patienten, von denen hier die Rede sein soll, erklären kaum 
jemals spontan, daß ihnen „nichts einfalle". Sie sprechen vielmehr in 
zusammenhängender, selten unterbrochener Rede, ja einzelne von ihnen 
sträuben sich dagegen, auch nur durch eine Bemerkung des Arztes in 
ihrem Redefluß unterbrochen zu werden. Aber sie geben sich nicht dem 
freien Assoziieren hin. Sie sprechen programmatisch, bringen ihrMaterial 
nicht zwanglos vor; der Grundregel widersprechend ist es unter 
bestimmten Gesichtspunkten orientiert und einer weitgehenden, umge- 
staltenden Kritik von selten des Ichs unterworfen. Die Mahnung des 
Arztes zu korrekter Einhaltung der Methodik ist für sich allein ohne 
Einfluß auf das Verhalten der Patienten. 

Dieses zu durchschauen, ist keineswegs leicht. Dem Arzt, dessen 
Blick für die Form des Widerstandes dieser Patienten noch nicht 
geschärft ist, täuschen sie eine außerordentliche und nie ermüdende 
Bereitwilligkeit zur Psychoanalyse vor. Ihr Widerstand verbirgt sich 
hinter scheinbarer Gefügigkeit. Ich gestehe, daß ich selbst längerer 
Erfahrung bedurfte, bevor ich dieser Täuschungsgefahr zu entgehen ver- 
mochte. Nachdem ich den systematischen Widerstand erst einmal richtig 
erkannt hatte, wurde mir auch seine Herkunft deutlich. 

Die Neurotiker von diesem Typus, deren ich eine kleine Reihe 
beobachten konnte, boten nämlich in ihren Neurosen zwar eine recht 
verschiedenartige Synfptomatik ; in ihrem Verhalten zur Psychoanalyse 
und zum Arzt wiederholte sich dagegen eine Anzahl von Zügen mit 
verblüffender Regelmäßigkeit. Auf diese Züge möchte ich im nachfol- 
genden die Aufmerksamkeit lenken. 



Was sich unter der geschilderten scheinbaren Gefügigkeit bei 
unseren Patienten verbirgt, ist ein ungewöhnliches Maß von Trotz, 
der sein Vorbild im Verhalten des Kindes gegenüber dem Vater 
findet. Lehnen andere Neurotiker das Produzieren freier Einfälle 
gelegentlich ab, so trotzen sie der Methode dauernd. Ihre Mit- 
teilungen sind quantitativ überreichlich; wie schon erwähnt, täuscht 
dieser Umstand den Unerfahrenen über qualitative Mängel hinweg. 
Mitgeteilt wird nur, was „ichgerecht" ist. Die Patienten sind in besonders 
hohem Grade empfindlich für alles ihr Ichgefühl Verletzende. Sie neigen 
dazu, sich durch jede in der Psychoanalyse getroffene Feststellung 



I 



284 

„gedemütigt" zu fühlen und sind beständig auf der Hut vor solchen 
Demütigungen. Sie liefern Träume in Menge, kleben aber an deren 
manifestem Inhalt und verstehen es, aus der Analyse der Träume nur 
das zu erfahren, was sie bereits wußten. Meiden sie so mit Beharr- 
lichkeit jeden peinlichen Eindruck, so geht ihr Bestreben gleichzeitig 
dahin, aus der Psychoanalyse auch positiv das höchste Maß von Lust 
zu ziehen. 

Gerade diese Tendenz, die Psychoanalyse unter die Herrschaft 
des Lustprinzipes zu stellen, läßt sich bei unseren Patienten mit großer 
Deutlichkeit erkennen. Diese Erscheinung in Gemeinschaft mit einer 
Anzahl anderer Eigentümlichkeiten ist der klare Ausdruck ihres 
Narzißmus. Unter meinen Patienten waren es gerade die mit dem 
stärksten Narzißmus behafteten, welche sich der psychoanalytischen 
Grundregel wie geschildert widersetzten. 

Die Neigung, ein Heilmittel lediglich unter dem Gesichtspunkte 
des Lusterwerbs zu betrachten und darüber den eigentlichen Zweck 
des Heilmittels zu vernachlässigen, muß als ein durchaus kindlicher 
Zug aufgefaßt werden. Ein Beispiel möge dies erläutern. Einem acht- 
jährigen Knaben wird das Tragen einer Brille verordnet. Er ist über- 
glücklich, nicht weil er gewisse unangenehme Sehstörungen verlieren 
soll, sondern weil er eine Brille tragen darf. In der nächsten Zeit ergibt 
sich, daß er gar nicht darauf achtet, ob die Störungen durch die Brille 
behoben sind; der Besitz der Brille, mit der er sich in der Schule 
zeigen darf, befriedigt ihn so sehr, daß er darüber ihren therapeutischen 
Wert vergißt. Nicht anders ist die Einstellung unserer Patientengruppe 
zur Psychoanalyse. Der eine erwartet von ihr interessante Beiträge zu 
seiner Autobiographie, die er in Romanform schreibt. Der andere hofft, 
die Psychoanalyse werde ihn intellektuell und ethisch auf ein höheres 
Niveau bringen; dann wäre er seinen Geschwistern überlegen, denen 
gegenüber er bisher peinliche Gefühle der Minderwertigkeit hatte. 
Das Ziel der Heilung nervöser Störungen tritt in gleichem Maße 
zurück, in welchem diese narzißtischen Interessen beim Patienten 
vorherrschen. 

Ebenso narzißtisch wie der Behandlungsmethode stehen sie aber 
auch der Person des Arztes gegenüber. Das Verhältnis zum Arzt ist 
bei ihnen gekennzeichnet durch mangelhafte Übertragung; sie miß- 
gönnen ihm die Vaterrolle. Treten Ansätze zur Übertragung hervor, so 
zeigen sich die auf den Arzt gerichteten Wünsche besonders anspruchs- 
voll. In eben diesen Ansprüchen sind gerade die hier in Rede stehenden 
Patienten sehr leicht enttäuscht und reagieren rasch mit einer völligen 
Einziehung der Libido. Sie wollen ständig Zeichen des persönlichen 



285 

Interesses von Seiten des Arztes sehen, sich von ihm liebevoll behandelt 
fühlen. Da der Arzt den Ansprüchen ihres narzißtischen Bedürfnisses 
nach Liebe nicht gerecht werden kann, so kommt eine eigentliche 
positive Übertragung nicht zustande. 

An Stelle der Übertragung finden wir bei unseren Patienten die 
Neigung, sich mit dem Arzt zu identifizieren. Anstatt ihm 
persönlich näher zu kommen, versetzen sie sich an seine Stelle. Sie 
nehmen seine Interessen an und lieben es, sich mit der Psychoanalyse 
als Wissenschaft zu beschäftigen, anstatt sie als Behandlungsmethode 
auf sich wirken zu lassen. Sie neigen zum Tausch der Rollen, wie 
das Kind den Vater spielt. Sie belehren den Arzt, indem sie ihm ihre 
Ansichten über die eigene Neurose vortragen, halten letztere für 
besonders instruktiv und glauben, durch ihre Analyse müsse die 
Wissenschaft eine besondere Bereicherung erfahren. So treten sie aus 
der Rolle des Patienten heraus und verlieren dabei den Zweck der 
Psychoanalyse aus den Augen. Besonders aber begehren sie, den 
Arzt zu übertreffen, seine psychoanalytischen Fähigkeiten und Leistungen 
herabzusetzen; für sich selbst nehmen sie in Anspruch, „es besser zu 
können«. Oberaus schwer sind sie von vorgefaßten iVleinungen abzu- 
bringen, die im Dienst ihres Narzißmus stehen ; sie neigen zum Wider- 
spruch und wissen aus der Psychoanalyse ein Wortgefecht mit dem 
Arzt, ein Debattieren ums „Rechthaben" zu machen. 

Hiezu einige Beispiele ! Ein Neurotiker lehnt nicht nur das freie 
Assoziieren ab, sondern auch die geforderte Ruhelage während der 
Behandlung. Er springt oftmals auf, geht in die entgegengesetzte Ecke 
des Zimmers und beginnt, in selbstbewußter Haltung und in belehren- 
dem Tone seine durch Reflexion gewonnenen Anschauungen über seine 
Neurose vorzutragen. Ein anderer meiner Patienten bot ein ähnlich 
dozierendes Verhalten. Er äußerte geradezu die Meinung, die Psycho- 
analyse besser als ich zu verstehen, weil — er doch die Neurose 
habe, und nicht ich. Njch langdauernder Behandlung äußerte er ein- 
mal: „Ich fange jetzt an zu erkennen, daß Sie von der Zwangsneurose 
etwas verstehen." Eines Tages stellte sich eine sehr charakteristische 
Befürchtung des Patienten heraus : Die freien Assoziationen könnten 
i h m fremdartiges, dem Arzt aber vertrautes Material zu Tage fördern ; 
der Arzt wäre dann der „Klügere", Überlegene. Der gleiche Patient, 
philosophisch stark interessiert, erwartete von seiner Psychoanalyse 
nichts Geringeres, als daß aus ihr für die Wissenschaft die „letzte 
Wahrheit" hervorgehen solle. 

In alldem ist ein Zug von Neid nicht zu verkennen. Solche 
Neurotiker mißgönnen dem Arzt jede Bemerkung, die sich auf den 



t 



286 

äußeren Gang der Psychoanalyse oder auf die Materialien bezieht. Er 
soll keinen Beitrag zur Behandlung geliefert haben, sie wollen vielmehr 
alles selbst und allein machen. Ich komme damit auf einen 
besonders auffälligen Zug, den mir diese Patienten sämtlich darboten. 
Das in der Behandlungsstunde unterlassene freie Assoziieren holen sie 
nach, wenn sie zu Hause sind. Mit der Neigung zur „Autoanalyse", 
wie sie dies Verfahren gern benennen, verbindet sich eine deutliche 
Geringschätzung des Arztes. Die Patienten sehen in ihm geradezu ein 
Hindernis des Fortschrittes in den Behandlungsstunden und sind überaus 
stolz auf das, was sie ohne sein Zutun glauben geleistet zu haben. 
Die so gewonnenen freien Einfälle werden mit Ergebnissen der Reflexion 
vermengt und am nächsten Tage, nach bestimmten Gesichtspunkten 
orientiert, dem Arzt vorgetragen. Einer meiner Patienten hatte infolge 
übergroßer Widerstände in mehreren Behandlungsstunden nur geringe 
und in einer weiteren gar keine Fortschritte der Analyse gesehen. Am 
nächsten Tage kam er zu mir und erklärte, er habe zu Hause stunden- 
lang allein „arbeiten" müssen. Natürlich sollte ich daraus die Unzu- 
länglichkeit meines Könnens entnehmen. 

Es handelt sich bei dieser „ Autoanalyse " um ein narzißtisches 
Sichselbstgenießen, zugleich um eine Auflehnung gegen den „Vater". 
Die schrankenlose Beschäftigung mit dem eigenen Ich und das bereits 
beschriebene Gefühl der Überlegenheit bieten dem Narzißmus reichen 
Lustgewinn. Das Bedürfnis, bei dem Vorgang allein zu sein, nähert 
diesen der Onanie und ihren Äquivalenten — den neurotischen Tag- 
träumereien — außerordentlich an. Solchen waren meine sämtlichen 
in Betracht kommenden Patienten schon früher in hohem Maße ergeben. 
Die „Autoanalyse ' war ihnen ein durch therapeutisches Interesse 
gerechtfertigtes, ja sogar gebotenes Tagträumen, ein vorwurfsfreier 
Masturbations-Ersatz. 

Ich hebe an dieser Stelle hervor, daß die einschlägigen Fälle 
meiner Beobachtung vorwiegend der Zwangsneurose angehörten; in 
einem Falle lag eine Angsthysterie mit beigemischten Zwangs- 
symptomen vor. Bei einem Kranken handelt es sich um eine paranoide 
Störung. Unter Berücksichtigung der neueren psychoanalytischen 
Erfahrungen werden wir nicht erstaunt- sein, in sämtlichen Fällen aus- 
geprägte sadistisch-anale Züge vorzufinden. Die feindselig- 
ablehnende Einstellung zum Arzt wurde schon erwähnt. Das übrige 
Verhalten der Patienten wird aus analerotischen Motiven voll verständlich. 
In dieser Hinsicht seien nur einige Hinweise gegeben. 

Das Sprechen in der Psychoanalyse, durch welches man sich 
psychischer Inhalte entledigt, wird von unseren Patienten — wie auch 



287 

sonst von Neurotikern mit starker Analerotik — der Darmentleerung 
gleichgesetzt. (Einige identifizieren auch die freie Assoziation mit dem 
Flatus.) Es handelt sich um Personen, die in ihrer Kindheit zur 
Beherrschung ihrer Sphinkteren und zur Regelmäßigkeit der Ent- 
leerungen schwer zu erziehen waren. Zur vorgeschriebenen Zeit ver- 
weigerten sie die Entleerung, um sie zu ihnen beliebender Zeit nach 
Laune zu verrichten. Ganz ebenso verhalten sie sich nun aus unbe- 
wußten Gründen der Psychoanalyse bezw. dem Arzt gegenüber. Kürzlich 
hat Tauski darauf hingewiesen, daß kleine Kinder die Erwachsenen 
gern hinsichtlich der Entleerung täuschen. Sie strengen sich scheinbar 
sehr an, den Vorschriften der Erzieher zu genügen, die Entleerung 
findet aber nicht statt. Tausk knüpft hieran die Bemerkung, das sei 
vielleicht die früheste Gelegenheit, bei welcher das Kind bemerke, daß 
eine Täuschung der Erwachsenen möglich ist. Die- hier in Rede 
stehenden Neurotiker verleugnen diese Vorgeschichte nicht. Sie 
kaprizieren sich gewissermaßen darauf, selbst zu bestimmen, ob, 
wann und wieviel sie von ihrem unbewußten psychischen Material 
herausgeben. Ihre Neigung, fertig geordnetes Material zur Behandlungs- 
stunde mitzubringen, läßt nicht nur die analerotische Lust am Ordnen 
und Rubrizieren, sondern noch einen weiteren Zug erkennen. Freud^ 
bat neuerdings auf die unbewußte Identität von Kot und Geschenk 
mit besonderem Nachdruck aufmerksam gemacht. Narzißtische Neu- 
rotiker mit stark analer Veranlagung haben die Neigung, statt Liebe 
Geschenke zu geben^. Die Übertragung auf den Arzt ist bei unseren 
Patienten unvollkommen. Ein zwangloses Sich-ausgeben in freien 
Assoziationen gelingt ihnen nicht. Sie bringen dem Arzt gleichsam als 
Ersatz Geschenke dar. Diese bestehen in ihren zu Hause vorbereiteten 
Beiträgen zur Psychoanalyse, welche der narzißtischen Bewertung — 
gleich den Körperprodukten — unterliegen. Der narzißtische Vorteil 
besteht für die Patienten darin, daß sie die genaue Kontrolle darüber 
behalten, was sie geben. 

Einer meiner Zwangsneurotiker mit Grübel- und Zweifelsucht ver- 
stand es, während der Behandlung die Psychoanalyse selbst, ihre 
Methodik wie ihre Ergebnisse, zum Gegenstand des Grübelns und 
Zweifeins zu machen. Von seiner Familie in hohem Maße abhängig, 
quälte er sich u. a. mit dem Zweifel, ob seine Mutter oder ob F r e u d 

' „Intern. Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse", V. Jahrg. 1919, S. 15, Fußnote 1. 

= .Aus der Geschichte einer infantilen Neurose", in .Kl. Schriften zur Neurosen- 
lehre«, Bd. 4, 1918. 

3 Vgl. hiezu meinen früheren Aufsatz über »Das Geldausgeben im Angst- 
austand". Seite 279. 



288 

»recht habe". Seine Mutter, so erklärte er, habe ihm zur Besserung 
seiner Stuhlverstopfung oft geraten, im Klosett nicht zu träumen, 
sondern bei der Defäkation immer nur an diesen Vorgang selbst zu 
denken. Freud gebe nun gerade die entgegengesetzte Regel: man 
solle zwanglos assoziieren, dann , komme alles von selbst heraus". 
Es kostete lange Zeit, bis der Patient die Psychoanalyse nicht mehr 
nach der Methodik seiner Mutter, sondern nach derjenigen Freuds 
betrieb. 

Der bekannten Sparsamkeit der Analerotiker schemt der 
Umstand zu widersprechen, daß unsere Patienten für die Behandlung, 
die sich aus den besprochenen Gründen in die Länge zieht, bereit- 
willig materielle Opfer bringen. Dieses Verhalten wird aber aus früher 
Gesagtem erklärlich. Die Patienten opfern ihrem Narzißmus. Die Heilung 
der Neurose als Ziel der Behandlung verlieren sie allzu leicht aus dem 
Auge. Es muß etwas anderes sein, das sie den Geldaufwand nicht achten 
läßt. Eine alte Anekdote variierend, möchte man sagen, für ihren 
Narzißmus sei ihnen nichts zu teuer. 

Der Charakterzug der Sparsamkeit findet sich bei ihnen übrigens 
an anderer Stelle. Sie sparen ihr unbewußtes Material auf. Sie geben 
sich mit Vorliebe der Erwartung hin, eines Tages „werde alles mit 
einem Male herauskommen". Sie üben in der Psychoanalyse wie 
auf dem Gebiete der Darmtätigkeit das Verfahren der Obsti- 
pation. Die Entleerung soll nach langem Aufschub einmal unter 
besonderer Lust erfolgen ; der Termin wird aber immer wieder hinaus- 
geschoben. 



I 



Die Analyse solcher Patienten bietet erhebliche Schwierigkeiten. 
Diese beruhen u. a. in der scheinbaren Gefügigkeit der Kranken, die 
den Widerstand verdeckt. Die Beseitigung eines solchen Widerstandes 
ist eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen darf; handelt es sich 
doch um ein Vorgehen gegen den Narzißmus der Patienten, gegen die- 
jenige Triebkraft also, an welcher unser therapeutisches Bestreben 
am leichtesten scheitert. Jeder mit den Dingen Vertraute wird also 
begreifen, daß keiner der von mir behandelten Krankheitsfälle dieser 
Art einen raschen Erfolg gestattete. Ich füge hinzu, daß ich auch in 
keinem Falle einen vollkommenen Heilerfolg erzielt habe, wohl 
aber eine praktisch wertvolle, bei einigen Patienten sogar recht weit- 
gehende Besserung. Meine Erfahrungen ergeben hinsichtlich der 
therapeutischen Aussichten eher ein zu ungünstiges Bild. Als ich die 
ersten einschlägigen Fälle behandelte, fehlte mir noch die tiefere 
Einsicht in die Eigenart der Widerstände. Besonders ist zu bedenken. 



289 

daß erst Freuds grundlegende Schrift von 1914 uns das Verständnis 
des Narzißmus vermittelte. Ich habe durchaus den Eindruck, daß die 
Überwindung solcher narzißtischer Widerstände leichter gelingt, seit 
ich derartige Patienten gleich am Anfang der Behandlung in das 
Wesen ihres Widerstandes einführe. Ich lege das größte Gewicht auf 
eine erschöpfende Analyse des Narzißmus der Patienten in allen seinen 
Äußerungen, besonders in seinen Beziehungen zum Vaterkomplex. 
Gelingt es, die narzißtische Verschlossenheit des Patienten zu über- 
wincfen und — was dasselbe bedeutet — eine positive Übertragung 
zu bewerkstelligen, so kommen eines Tages zu seiner Überraschung 
freie Assoziationen auch in Gegenwart des Arztes zu stände. Anfangs 
zeigen sie sich vereinzelt; mit dem Fortschreiten des geschilderten 
Vorganges werden sie reichlicher. Wenn ich anfänglich die Schwierig- 
keiten der Behandlung hervorgehoben habe, so möchte ich daher zum 
Schlüsse vor einer prinzipiell ungünstigen Prognosenstellung in solchen 
Fällen warnen. 



10 



Bemerkungen zu Ferenczis Mitteilung über 
„ Sonntagsneurosen ' 



, « 1 



Temporäre Verschlimmerungen nervöser Zustände im Zusammen- 
hang mit Sonn- und Feiertagen, Ferien usw. sind auch mir nicht 
selten begegnet. Die folgenden Bemerkungen zur Ätiologie dieser 
Schwankungen sollen Ferenczis Ausführungen in keiner Weise 
widersprechen, sondern sie in gewisser Richtung ergänzen. 

Eine erhebliche Anzahl von Menschen vermag sich vor dem 
Ausbruch schwererer neurotischer Erscheinungen nur durch intensives 
Arbeiten zu schützen. Infolge zu weitgehender Triebverdrängung 
besteht bei ihnen dauernd die Gefahr, daß Erregungsquantitäten sich 
in neurotische Symptome umsetzen. Durch die angestrengteste Tätigkeit 
im Berufe, im Studium oder in ihrem sonstigen Pflichtenkreis lenken 
sie sich gewaltsam von den Forderungen ihrer Libido ab. Sie 
gewöhnen sich an Arbeitsleistungen, die weit über das objektiv 
Notwendige hinausgehen. Die Arbeit wird ihnen ähnlich unentbehrlich — 
und zwar in immer gesteigerten Dosen — , wie dem Morphinisten 
sein gewohntes Gift. Bricht bei diesen Neuropathen eines Tages eine 
eigentliche Neurose aus, so sind Ärzte und Laien rasch mit einer 
Scheinätiologie zur Hand; sie lautet: „Überarbeitung." In einem Teile 
der Fälle vermag die Arbeit das Drängen der Libido nicht dauernd 
niederzuhalten; irgendwann bricht diese sich auf dem Wege der 
Konversion dennoch Bahn. In anderen Fällen — die uns hier 
besonders angehen — treten neurotische Symptome, mehr oder 
weniger schwer und akut, dann hervor, wenn die Arbeit durch 
äußere Umstände unterbrochen wird. Das durch die Arbeit 
mühsam erhaltene seelische Gleichgewicht geht so für die Dauer des 
Sonntags, der Feiertage usw., oder aber für längere Zeit verloren. 
Bei Wiederbeginn der Arbeit fühlen sich die Patienten sogleich 
wieder wohler. 

Aber noch ein anderer Faktor verdient Beachtung. Die große 
Mehrzahl der Menschen benützt den Sonntag zum Lebensgenuß, sucht 

' Aus „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse". V. Jahrgang 1919. 



291 

den Tanz und überhaupt die Gesellschaft des anderen Geschlechtes. 
So erinnert der Sonntag unsere Patienten in unerwünschter Weise an 
die Gebundenheit des eigenen Trieblebens, besonders an ihre 
Unfähigkeit zur Annäherung an das andere Geschlecht. Einer meiner 
Patienten mied am Sonntag die Straße, um dem Anblick der Liebes- 
paare zu entgehen. In trüber Stimmung und quälender Unruhe hielt 
er sich im Hause. Die Pein dieser Insuffizienzgefühle schwindet 
mit dem Ablauf des Sonntags. Am nächsten Arbeitstag vermögen 
unsere Patienten sich im Gegenteil ihren Mitmenschen überlegen 
zu fühlen, weil diese ihnen an Arbeitsleistung nicht gleichkommen. 
Während des Krieges sah ich eine Reihe von Soldaten den 
militärischen Dienst mit übertriebener Gewissenhaftigkeit ausführen. 
Sie hielten sich auf diese Weise relativ symptomfrei. Jeder Urlaub 
wirkte nachteilig auf sie, indem er stärkere neurotische Erscheinungen 
auslöste. Ein Offizier litt während der unfreiwilligen Ruhe des 
Stellungskrieges unter starken neurotischen Beschwerden; er bat seine 
Vorgesetzten stets, ihn an einen möglichst bewegten Teil der Front 
zu versetzen, damit er von seinen Beschwerden frei werde. 

Körperiiche Erkrankungen oder Unfälle, die den Betroffenen zur 
Untätigkeit zwingen, ziehen nicht selten den Ausbruch oder die 
Verschlimmerung einer Neurose nach sich. Man bringt dann die 
Neurose gern in einen ätiologischen Zusammenhang mit der voraus- 
gegangenen Infektion, dem Unfall usw. Nicht selten läßt sich alsbald 
feststellen, daß die unterdrückte Libido den Patienten zu der Zeit 
überwältigt hat, als er zur Untätigkeit genötigt war. 

Mit Hinblick auf die regelmäßige Wiederkehr der „Sonntags- 
neurosen" möchte ich daran erinnern, daß ein anderes, rhythmisch 
sich wiederholendes An- und Abschwellen der Neurose zwar in seiner 
Erscheinung wohlbekannt ist, aber noch keine Berücksichtigung in 
der psychoanalytischen Literatur gefunden hat. Ich meine die 
alltäglichen Seh wank'ungen im Zustand der Neurotiker. 
Geläufig ist dem Arzte besonders der Typus des Neurotikers mit 
depressiver Stimmung am Morgen und Euphorie am Abend. Es würde 
sich veriohnen, auch diese Eigentümlichkeit im Ablauf vieler Neurosen 
einer gesonderten Bearbeitung zu unterziehen. Aus einer einzelnen 
Beobachtung kenne ich ferner die jähriiche Exazerbation einer Neurose 
(Angsthysterie) im Winter um die Zeit der kürzesten Tage; sie 
schwand jeweils mit dem Eintritt der längeren Tage. 



1»* 



Zur Prognose psychoanalytischer Behandlungen 
in vorgeschrittenem Lebensalter \ 

Die Frage, unter welchen Bedingungen eine psychoanalytische 
Behandlung einen therapeutischen Erfolg verspricht, ist bisher im 
einzelnen fast unerörtert geblieben. In einem Aufsatz aus dem 
Jahre 1898, der dem ersten Bande der »Kleinen Schriften zur 
Neurosenlehre" eingefügt ist, hat Freud sich in allgemeiner Form 
zu dieser Frage geäußert^. In den seither verlaufenen Jahren 
hat sich die psychoanalytische Erfahrung vervielfacht, die Technik 
der Behandlung weiter entwickelt. Es ist daher wohl angebracht, 
eine praktisch so wichtige Frage einer genaueren Betrachtung zu 
würdigen. Die folgenden Zeilen sollen einen ersten Beitrag zu ihrer 
Lösung bringen. 

In dem zitierten Aufsatz hat Freud die Meinung vertreten, 
daß ein zu weit vorgeschrittenes Alter des Patienten die Wirk- 
samkeit der Psychoanalyse begrenze. An der allgemeinen Richtigkeit 
dieser Auffassung kann wohl kein Zweifel aufkommen. Daß mit 
dem Beginn körperlicher und psychischer Involution das Individuum 
weniger bereit sein werde, von einer Neurose zu lassen, die sein 
Leben bisher begleitet hat, war ja von vornherein wahrscheinlich. 
Die psychoanalytische Erfahrung jedes Tages legt uns aber nahe, 
an die seelischen Vorgänge nicht zu starre Normen anzulegen. Sie 
warnt davor, mit aprioristischen Erwartungen an die Erforschung 
oder an die Behandlung nervöser Zustände heranzutreten. Haben 
wir uns doch davon überzeugen müssen, daß gewisse Geisteskrank- 
heiten, deren Unbeeinflußbarkeit ein Dogma der Psychiatrie bildete, 
der psychoanalytischen Methode zugänglich sind! So scheint es 
denn auch unrichtig, die therapeutische Beeinflußbarkeit der 
Neurosen im Involutionsalter grundsätzlich zu leugnen. Die Psycho- 
analyse als Erfahrungs Wissenschaft hat vielmehr zu untersuchen, 



1 Zuerst veröffentlicht in »Intern. Zeitschrift f. Psychoanalyse". VI/2. 1920. 

2 Seite 198. 



293 



ob und unter welchen Bedingungen die Behandlungsmetliode auch 
noch in späteren Lebensjahren Erfolge zeitigen kann. 

In den Kreisen der Kollegen wird Freuds oben zitierte 
Ansicht vielfach in dem Sinne aufgefaßt, daß Behandlungen im vierten 
Lebensjahrzehnt bereits zweifelhafte Aussichten bieten, daß aber 
das fünfte Jahrzehnt und besonders das klimakterische Alter die 
Prognose psychoanalytischer Behandlungen höchst nachteilig beein- 
flussen. Jenseits des fünfzigsten Lebensjahres wird unserer Therapie ■ 
oft jede Wirkung abgesprochen. 

In meiner psychoanalytischen Praxis habe ich eine Reihe von 
Neurosen mit chronischer Verlaufsart bei Personen behandelt, die 
das Alter von vierzig, zum Teil das von fünfzig Jahren überschritten 
hatten. Besonders die ersten Fälle dieser Art übernahm ich nur 
zögernd. Ich wurde aber mehrfach von den Patienten, die schon 
anderweitig erfolglos behandelt waren, zu einem Versuch gedrängt. 
Auch hatte ich die Zuversicht, den Patienten, falls ich ihnen keine 
Heilung verschaffen konnte, doch ein tiefer gehendes Verständnis 
ihrer Leiden entgegenbringen zu können, als der psychoanalytisch 
nicht gebildete Arzt. Zu meiner Überraschung reagierte ein erheb- 
licher Teil dieser Patienten sehr günstig auf die Psychoanalyse. 
Ich darf sagen, daß einige unter ihnen mir Heilerfolge gebracht 
haben, die zu den besten von mir überhaupt erzielten gehören. 
Einige Belege dafür mögen hier folgen. 

Der erste Patient dieser Gruppe ließ am wenigsten Gutes 
erhoffen: ein Fall von melancholischer Depression im Rückbildungs- 
alter, der auf Behandlung in offener und geschlossener Anstalt 
durchaus refraktär geblieben war. Die Psychoanalyse hatte bei 
dem gehemmten Patienten, der im 50. Lebensjahre stand, schwere 
Arbeit zu bewältigen, aber es gelang ihr innerhalb fünf Monaten, 
ihn von seinen Selbstbeschuldigungen und seiner Lebensverneinung 
zu befreien und ihn zu beruflicher Tätigkeit wieder tauglich zu 
machen. Das Leiden, dem ein jahrelanges nervöses Vorstadium 
vorausgegangen war, bestand in ausgeprägter Form bei Beginn der 
Behandlung IV* Jahre. Lag in diesem 'Falle auch kein Erfolg 
bei einem langjährigen Krankheitszustand vor, so war doch 
die Neigung zum chronischen Verlauf nicht zu verkennen. Dazu 
kam die Schwere der Krankheitsform. Ich durfte daher die 
Behandlung eigentlicher Neurosen im Involutionsalter nicht mehr für 
schlechtweg aussichtslos halten. 

Ich übernahm später die Psychoanalyse eines nahezu 50jährigen 
Zwangskranken. Die „Dupliziiät der Fälle" führte mir bald noch 



294 

einen zweiten Kranken der gleichen Kategorie, 53 Jaiire alt, zu. Beide 
Patienten gelangten zu einem vortrefflichen Heilerfolg. 

Der Erste, von Jugend auf mit allen Zügen des sogenannten 
Zwangscharakters behaftet, hatte bis etwa zu seinem 35. Lebens- 
jahre eigentliche Zwangssymptome nur in leichterem Grade 
dargeboten, jedenfalls aber unter ihnen nicht ernstlich gelitten. In 
seiner Ehe machte er sich vollkommen abhängig von seiner Frau, 
die dem Unentschlossenen alle ernsteren Entscheidungen abnahm. 
Eines Tages bemerkte er, daß sie einem Angehörigen eine 
Vertraulichkeit gestattete. Dieser Vorfall, der die Eifersucht des 
Patienten weckte, führte zum Ausbruch der Neurose in ihrer schweren 
Form. Seitdem die Frau, auf die er sein unbedingtes Vertrauen 
gesetzt hatte, sich als unzuverlässig erwiesen hatte, gab es für 
ihn nichts mehr, worauf er sich verlassen konnte. Er verfiel der 
denkbar schwersten Zweifelsucht. Unter anderem war er 
beständig im Zweifel darüber, ob er nicht soeben ein Verbrechen 
begangen habe. Verschwand vor seinen Augen auf der Straße ein 
Mensch in einem Hauseingang, so quälte der Patient sich mit dem 
Gedanken, ob er jenen etwa ermordet und die Leiche beseitigt habe. 
Hatte der Briefträger ihm eine Sendung gebracht und das Haus 
wieder verlassen, so suchte Patient in höchster Angst die Wohnung 
ab, um sich zu überzeugen, daß er den Briefträger nicht ermordet 
noch auch die Leichenteile in der Wohnung verborgen hatte. Dazu 
gesellten sich die quälendsten Zweifel, ob er auf ein fortgeworfenes 
Stück Papier etwa seinen Namen geschrieben habe, so daß mit 
diesem ein Mißbrauch getrieben werden könnte. Ich erwähne nur 
diese wenigen Einzelheiten aus einer großen Menge, um einen 
Begriff von der Schwere des Falles zu geben. Der bei Beginn 
der Behandlung völlig verängstigte, hilflos unselbständige Mann 
erlangte eine weitgehende Wiederherstellung. Seither sind sechs Jahre 
verflossen, ohne daß ein Rückfall erheblicher Art eingetreten wäre. 
Gelegentliche Schwankungen des Befindens waren ohne größere 
Tragweite. 

Der gleichzeitig behandelte andere Zwangskranke litt an 
heftigsten Angst- und Depressionszuständen. Auch er war von 
jeher mit den Erscheinungen des Zwangscharakters behaftet, unter 
welchen besonders Übergüte .und Übergewissenhaftigkeit hervortraten. 
Bestimmte Konflikte, die mit der Fixierung des Patienten an seine 
Familie zusammenhingen, riefen den Ausbruch der eigentlichen 
Neurose zwischen dem 30. und 35. Lebensjahre des Patienten hervor. 
Der Psychoanalyse gelang es, die schweren neurotischen Symptome, 



295 



darunter auch die Angstanfälle, krankhaften Zweifel usw., zu beseitigen 
und den arbeitsunfähig gewordenen Mann wieder leistungs- und 
genußfähig zu machen. 

Ich erwähne sodann die Heilung einer im 41. Lebensjahre 
stehenden Kranken mit ausgeprägter Straßen- und Reiseangst. Von 
Kindheit auf mit mancherlei neurotischen Symptomen behaftet, litt 
sie seit mehr als sechs Jahren an den genannten ernsten Störungen. 
Sie wurde völlig hergestellt und ist seit nunmehr acht Jahren in 
ihrer Bewegungsfreiheit völlig ungehemmt. 

Andere Fälle ließen sich anreihen, so auch partielle Erfolge bei 
schwersten, eingewurzelten Angsthysterien, Depressionszuständen usw. 

Neben diese erfreulichen Resultate stelle ich nun die M i ß e r f o 1 g e, 
die ich erlebt habe. Nur kurz erwähne ich jene extrem ungtinstigen 
Fälle, die uns sehr bald nötigen, den Versuch der Behandlung 
einzustellen. Es sind Kranke, die auf jedes ihnen unerwünschte 
Ergebnis der Analyse, ja schon auf die Notwendigkeit, von ihrem 
Triebleben zu sprechen, mit instinktiver Abwehr reagieren. Wichtiger 
für die vorliegende Betrachtung sind diejenigen Fälle, in welchen 
wir uns trotz fortgesetzter Behandlung mit unvollkommenen, pallia- 
tiven Erfolgen zufrieden geben müssen. 

Überblickt man eine gewisse Anzahl erfolgreicher und erfolg- 
loser Kuren bei unserer Patientengruppe, so klärt sich das Rätsel 
eines so verschiedenartigen Ausganges in einfacher Weise auf. 
Prognostisch günstig sind auch noch in vorgeschrittenem Alter 
diejenigen Fälle, in welchen die Neurose mit voller Schwere 
erst eingesetzt hat, nachdem der Kranke sich schon längere Zeit 
jenseits der Pubertät befand und sich mindestens etliche Jahre 
hindurch einer annähernd normalen sexuellen Einstellung und sozialen 
Brauchbarkeit erfreut hat. Ungünstige Objekte sind dagegen 
diejenigen Kranken, welche bereits in der Kindheit ausgeprägte 
Zwangsneurosen usw. produziert und in den erwähnten Hinsichten 
später niemals einen annähernd normalen Zustand erreicht haben. . 
Patienten dieser Art sind es aber auch, bei denen in jugendlichem 
Alter Mißerfolge der psychoanalytischen Therapie vorkommen. Mit 
anderen Worten: Das Lebensalter, in welchem die Neurose 
ausgebrochen ist, fällt für den Ausgang der Psychoanalyse mehr ins 
Gewicht als das Lebensalter zur Zeit der Behandlung. Man kann 
auch sagen, das Alter der Neurose sei belangreicher als dasjenige 
des Neurotikers. 

Hier drängt sich der Vergleich mit der Prognose des 
Ablaufes geistiger Störungen auf. Unter den als Dementia praecox 



j£- 



296 

(Schizophrenie, Paraphrenie) zusammengefaßten Psychosen bieten die 
in der beginnenden Pubertät oder gar im Kindesalter ausgebrochenen 
Fälle die ungünstigste Prognose, während die in reiferem Alter 
einsetzenden mehr zu Remissionen neigen, die dann auch von 
größerer Dauer sind. Der Ablauf der Psychoneurosen folgt ähnlichen 
Gesetzen. 

Von prinzipieller Bedeutung ist die Frage, wieweit es der 
Psychoanalyse gelingt, bei Neurotikern in vorgeschrittenen Jahren 
der infantilen Sexualität nachzuforschen. Meine Erfahrungen haben 
mir gezeigt, daß ein Vordringen bis in die allerfrühesten Zeiten 
hier keineswegs ausgeschlossen ist. In einem neuerdings behandelten, 
noch nicht abgeschlossenen Falle von Zwangsneurose gelang diese 
Aufgabe so vollkommen, wie man es nur bei jugendlichen Personen 
erwarten möchte. 

Der äußere Verlauf der psychoanalytischen Behandlungen im 
Involutionsalter gestaltet sich in einem Teil der Fälle nicht ganz 
gleichartig wie im jüngeren Alter. Während wir im allgemeinen 
dem Patienten die Führung der Analyse insoweit überlassen, daß 
er selbst in jeder Behandlungsstunde den Ausgangspunkt seiner 
freien Assoziationen wählt, bedürfen bestimmte, ältere Neurotiker 
jedesmal eines Anstoßes von Seite des Arztes. In ausgeprägter 
Form habe ich dieses Verhalten wiederholt bei Zwangsneurotikern 
älterer Jahrgänge beobachtet. Es handelte sich um Kranke mit 
allgemein herabgesetzter Initiative, die — von Jugend auf in 
bestimmten Hinsichten abhängig und unselbständig — vom Arzt 
geführt werden wollen, der ihrem Unbewußten in besonderem Maße 
den überlegenen Vater bedeutet. Mit diesen Patienten erlebte ich 
am Anfang der Behandlungsstunde viele Male den gleichen 
Vorgang. Sie fanden den Zugang zu dem bereitliegenden psychischen 
Material nicht selbständig. Sobald man ihnen aber eine kleine 
Anregung gab, etwa in Gestalt eines Hinweises auf bereits 
Besprochenes, so produzierten sie sogleich Einfälle. Das Verhalten 
ist als durchaus infantil zu bewerten. Ich bin ihm auch bei 
der Behandlung von Kindern begegnet, so noch kürzlich bei einem 
intelligenten elfjährigen Knaben, der sich stark positiv auf mich 
als Vaterersatz eingestellt hatte. Bezeichnenderweise hört bei Jugend- 
lichen dieses Verhalten auf, wenn die Auflehnung gegen den Vater 
(oder Vaterersatz) in den Vordergrund tritt. 

Mit den vorstehenden Ausführungen hoffe ich die Auswahl 
der zur Psychoanalyse noch in späterem Lebensalter Geeigneten 
erleichtert zu haben. Ich mache zum Schluß darauf aufmerksam, 



297 



daß eingehende Untersuchungen darüber am Platze wären, warum 
gewisse Fälle des jugendlichen Alters der Psychoanalyse gegenüber 
refraktär bleiben. Gerade eine präzise Indikationsstellung wird uns 
Mißerfolge ersparen, die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie 
aber zur vollen Entfaltung bringen. 



u 



Zur narzißtischen Bewertung der Exkretions- 
vorgänge in Traum und Neurose\ 

Eine in psychoanalytischer Betaandlung befindliche Patientin träumt: 
„Ich sitze auf einem Korbstuhl an der Mauer eines Hauses. Das 
Haus liegt an einem großen See. Der Stuhl steht unmittelbar auf dem 
Wasser. Im See befinden sich viele schwimmende Menschen, außerdem 
Boote. In einem Boote sehe ich zwei Männer, einen älteren und einen 
jüngeren. Während das Boot auf mich zukommt, erhebt sich ein 
Windstoß und erzeugt auf dem See eine ungeheure Welle, gerade 
hinter dem Boot. Sie verschlingt das Boot mit den Insassen. Auch die 
Leute, die im See schwammen, gehen unter. Nur eine Frau hält sich 
noch über Wasser, kommt in meine Nähe geschwommen und faßt 
nach meinem Stuhl. Ich denke, ich könnte ihr ein Bein entgegen- 
strecken, damit sie sich daran halten kann, habe aber für die Frau, 
ebenso wenig Mitgefühl, wie für die anderen Verunglückten und unter- 
lasse es, etwas zu ihrer Rettung zu tun." 

Die Analyse des Traumes, soweit sie hier von Interesse ist, ergibt 
folgendes : 

Der ältere und der jüngere Mann im Boot sind Vater und 
Bruder der Patientin ; an beide ist ihre Libido übermäßig fixiert. Die 
schwimmende Frau ist ihre Mutter. Die psychische Konstellation, aus 
der heraus die Träumerin unbewußt den Tod der sämtlichen Angehörigen 
herbeiwünscht, kann hier übergangen werden. Dagegen soll .hervor- 
gehoben werden, auf welchem Wege die Beseitigung der 
Familie geschieht. 

Bei der Patientin, deren genitale Erotik ungewöhnlich stark ver- 
drängt ist, kommen Anal- und Urethralerotik in Träumen und neuro- 
tischen Symptomen überdeutlich zum Ausdruck. Der vorliegende 
Traum wird von diesen Tendenzen beherrscht. „Stuhl", „Wind" und 
„Wasser" sind seine hauptsächlichsten Requisiten. Von Wind und Wasser 
wird die Familie der Träumerin vernichtet. Sie selbst ist, aus Gründen 
der Zensur, scheinbar unbeteiligte Zuschauerin. Die Gefühllosigkeit, 

1 Zuerst veröffentlicht in „Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse', VI., 1, 1920. 



299 



mit der sie der Katastrophe zusieht, legt die Vermutung nahe, daß 
sie selbst das Unheil herbeiführt. Die Vermutung wird zur Gewißheit, 
wenn man den Schluß des Traumes berücksichtigt. Die Träumerin 
verursacht ja den Tod ihrer Mutter, indem sie ihr die Hilfe versagt. 

Wir sind gewohnt, in den Psychoanalysen der Neurotiker die 
analen und urethralen Gefühle in enger Beziehung zu den infantilen 
Liebesregungen zu finden. Auch die Analyse unserer Träumerin bietet 
ein reiches, einschlägiges Tatsachenmaterial. Es entspricht nur unseren 
Erfahrungen über die Ambivalenz im neurotischen Triebleben, wenn 
wir den Funktionen und Produkten des Darms und der Blase auch 
als Trägern feindseliger Regungen begegnen. Selten aber ist der Aus- 
druck solcher feindseliger Regungen so kraß, wie in dem mitgeteilten 
Beispiel. Blasen- und Darmfunktion sind hier in den ausschließlichen 
Dienst des Sadismus gestellt; Urin und Flatus treten als Werkzeuge 
des Sadismus auf. 

Besondere Beachtung verdient die ungeheure Wirkung, welche 
die Träumerin ihren Exkretionen zuschreibt. Der uns geläufigen 
primitiven Vorstellung von der Allmacht der Gedanken 
darf man auf Grund unseres Traumbeispieles diejenige von der All- 
macht der Blasen- und Darmfunktion an die Seite stellen. 
Sichtlich kommt in beiden Vorstellungen die gleiche narzißtische 
Selbstüberschätzung zum Ausdruck. Die hier nachgewiesene 
Vorstellung scheint aber die primitivere von beiden, ja geradezu die 
Vorstufe zur „Allmacht der Gedanken" zusein. Ein zweites Beispiel 
mag diesen Eindruck noch verstärken. 

Ein Neurotiker, der sich während seiner frühen Kindheitsjahre 
stets als „Prinz" vorkam, „Kaiser" spielte und während der späteren 
Kindheitsjahre in Weltbeherrschungs-Phantasien schwelgte, machte mit 
elf Jahren eine eigentümliche Wandlung durch. Er war bis zu jenem 
Alter ganz an seine iVlutter gebunden, die ihn systematisch gegen den 
Vater eingenommen hatte.^ Sie kam der Analerotik des Knaben im 
höchsten Maße entgegen, indem sie* mit seinen Entleerungen einen 
förmlichen Kultus trieb. Qualität und Menge seines Stuhlganges waren 
ihre ständige Sorge. Fast täglich verabreichte sie ihni Klysmen. Der 
Sohn produzierte seinerseits einen neurotischen Magenschmerz, durch 
den er die Mutter zur Fortsetzung der Klysmen zwang. In dem 
erwähnten Alter machte er nun eine größere Reise mit den Eltern. Im 
Hotel belauschte er eines Nachts den sexuellen Verkehr der Eltern. 
Dieses Ereignis war für ihn umso eindrucksvoller, als die Eltern 
daheim seit Jahren getrennte Schlafzimmer benutzten. Der Patient 
erinnert sich nun, wie ihm dieses Vorkommnis ganz unerträglich 



300 

erschien, und wie er sich ganz bewußt entschloß, seine Wiederholung 
zu verhindern. Auf der Weiterreise wußte er es einzurichten, daß er 
selbst mit dem Vater das Zimmer teilte. Seit der Beobachtung des 
elterlichen Verkehres identifizierte er sich mit der Mutter und übertrug 
die Phantasie vom analen Koitus auf den Vater. Bislang hatte er der 
Mutter einen Penis angedichtet, der durch das Klystierrohr vertreten 
wurde. Jetzt dagegen stellte er sich weiblich-passiv auf den Vater 
ein^. Bald darauf war er einige Zeit bettlägerig. Als er einmal ein 
paar Tage lang ohne Darmentleerung blieb, nahm er einen Druck im 
Leib wahr. In der Nacht träumte er, aus seinem Anus das 
Weltall herauspressen zu müssen. 

Auch hier findet sich die Vorstellung von der Allmacht def 
Defäkation in unverkennbarer Deutlichkeit. Man wird an die Schöpfungs- 
mythen erinnert, in welchen der Mensch aus Erde oder Ton, das 
heißt aus kotähnlichen Substanzen, geschaffen wird. Der biblische 
Schöpfungsmythus hat in dieser Hinsicht zwei verschiedene Fassungen. 
In der „elohistischen" Darstellung erschafft Gott das Weltall, den 
Menschen inbegriffen, durch sein „Es werde!" — das heißt also, 
durch die Allmacht seines Gedankens, Willens oder Wortes. In der 
„jahwistischen" Urkunde erfolgt die Erschaffung des Menschen aus 
einem Erdenkloß, dem Gott seinen Odem einbläst. Hier herrscht 
also noch die primitivere Vorstellung von der Allmacht der Darm- 
produktion. Auf andere mythologische Parallelen einzugehen, ist hier 
nicht der Ort. 

Zur sadistischen Bedeutung der Defäkation zurückkehrend, will 
ich erwähnen, daß die Patientin, welche ihre Familie im Traum durch 
ihre Exkretionen tötet, in hohem Grade mit nervösen Diarrhöen 
behaftet war. Die Psychoanalyse ergab neben den uns geläufigen 
Ursachen dieses Symptomes eine sadistische Wurzel. Die Diarrhöen 
stellten sich als Äquivalente unterdrückter Wutausbrüche heraus. Andere 
analysierte Krankheitsfälle haben mir diesen Zusammenhang bestätigt; 
so kenne ich eine Neurotika, die auf jedes Ärger oder Wut erregende 
Erlebnis ebenfalls mit Diarrhöe reagiert. 

Es erscheint auffällig, daß ein Wutausbruch seine Vertretung 
gerade in diesem neurotischen Symptom findet. Zur Erklärung der 
Tatsache muß man das Verhalten des Kindes im frühesten Lebens- 
abschnitt heranziehen. Das Kind zeigt im Wutaffekt den gleichen 

1 Auch in späterer Zeit hielt der Patient in seinen Phantasien an der Vor- 
stellung vom Weib mit männlichem Genitale fest ; an seinem eigenen Körper versuchte 
er die Genitalien zwischen den Schenkeln zu verstecken, um sich selbst als Weib 
betrachten zu können. 



301 



Blutandrang zum Gesicht, die gleiche Mimik, die gleichen Körper- 
bewegungen wie beim Herauspressen des Stuhls, gibt auch bei beiden 
Gelegenheiten die nämlichen ächzenden Laute von sich. Diese Gemein- 
samkeit der Ausdrucksmittel läßt einen nahen Zusammenhang der 
scheinbar heterogenen Antriebe erkennen. So wird es verständlich, 
daß eine explosive Darmentleerung dem Unbewußten des Neurotikers 
einen Ersatz für eine unterbliebene Entladung zorniger Affekte 
bieten kann. 

Die ursprünglichste und tiefste Beziehung zwischen Sadismus 
und Analerotik ist zweifellos darin zu erblicken, daß die mit der Anal- 
zone verknüpften passiven Sexualgefühle zusammen mit den aktiv- 
sadistischen Impulsen ein Triebpaar bilden, das die Vorstufe des 
späteren Gegensatzes von männlich und weiblich darstellt. Die beim 
Zwangsneurotiker besonders ausgeprägte Ambivalenz des Trieblebens 
wurzelt in dieser engen Verbindung aktiver und passiver Antriebe. Der 
im Obigen hervorgehobene weitere Zusammenhang des Sadistischen 
und Analen widerspricht dieser Anschauung nicht. Er erinnert uns 
vielmehr daran, daß mit der Darmtätigkeit auch libidinöse Antriebe 
a kt i V e r Art verbunden sind^ und lehrt uns nur eine Überdeterminierung 
jener Zusammengehörigkeit kennen. 

Die narzißtische Überschätzung der Exkretionen ist in der psycho- 
analytischen Literatur seit langem beachtet worden. Schon 1900 
hat Freud in der „Traumdeutung" einschlägige Beispiele gegeben. 
Träume, in welchen die Urinflut gewaltige Wirkungen ausübt, finden 
sich namentlich bei Frauen mit stark betontem „iVlännlichkeits- 
komplex". In einem früheren Aufsatz habe ich selbst von einem drei- 
jährigen Knaben berichtet, dessen narzißtische Größensucht noch 
gänzlich unverdrängt und in ihrem Zusammenhang mit den 
Exkretionen leicht zu erkennen war. Er suchte, als er am Strande der 
Nordsee urinierte, den Eindruck hervorzurufen, daß das Meer sein 
Produkt sei. • 

Dieser kindlichen Phantasie reihen sich die von mir mitgeteilten 
beiden Träume unmittelbar an. Während in den längst bekannten 
Exkretionsträumen die Körperprodukte einfach in ihrer Menge über- 
schätzt werden, wird hier den exkretorischen Funktionen eine ungeheuere. 
ja allmächtige Wirkung im schaffenden oder zerstörenden Sinne 
zugeschrieben. 

' Die doppelte — aktive und passive — erogene Bedeutung der Analzone hat 
Federn bereits 1914 in seinen „Beiträgen zur Analyse des Sadismus und Masochismus" 
ausführlich erörtert. Vgl. Jahrg. II, S. 125 der .Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse". 




Inhaltsübersicht". 



Seite 



Über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die Symptomatologie der Dementia 

praecox 1 

Das Erleiden sexueller Traumen als Form infantiler Sexualbetätigung 9 

Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Dementia praecox .... 23 
Die psychologischen Beziehungen zwischen Sexualität und Alkoholismus .... 36 

' Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen 45 

Über hysterische Traumzustände 53 

Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus . 84 
Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und Behandlung des manisch-depressiven 

Irreseins und verwandter Zustände 95 

' Über die determinierende Kraft des Namens . 112 

(' Über ein kompliziertes Zeremoniell neurotischer Frauen 114 

'' Ohrmuschel und Gehörgang als erogene Zone • 120 

'Zur Psychogenese der Straßenangst im Kindesalter 124 

'^Sollen wir die Patienten ihre Träume aufschreiben lassen? 126 

' Einige Bemerkungen über die Rolle der Großeltern in der Psychologie der Neurosen 129 
/Eine Deckerinnerung, betreffend ein Kindheitserlebnis von scheinbar ätiologischer 

Bedeutung 133 

Psychische Nachwirkungen der Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehres 

bei einem neunjährigen Kinde 139 

Kritik zu C. G. Jung: Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie . 143 

Über eine konstitutionelle Grundlage der lokomotorischen Angst 159 

Über Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust bei den Psychoneurotikern 

nebst Bemerkungen über analoge Erscheinungen in der Völkerpsychologie 168 

Über neurotische Exogamie :• • 227 

Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido . . . 231- 

Über Ejaculatio praecox 259 

Einige Belege zur GefUhlseinstellung weiblicher Kinder gegenüber den Eltern . . 276 

Das Geldausgeben im Angstzustand ... 279 

Über eine besondere Form des neurotischen Widerstandes gegen die psychoanalytische 

Methodik 282 

Bemerkungen zu Ferenczis Mitteilung über „Sonntagsneurosen" 290 

Zur Prognose psychoanalytischer Behandlungen in vorgeschrittenem Lebensalter . 292 
Zur narzißtischen Bewertung der Exkretionsvorgänge in Traum und Neurose . . 298 



GeseÜBchaft füf graphische Industrie, Abteilung vormals özudag, Wien III.