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Full text of "Konrad Ferdinand Meyer. Eine pathographisch-psychologische Studie"

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Einleitung'. 



i 



Es ist ein seltsames Dichterleben, von dem ich nachfolgend er- 
zählen will. Dieser Spross ans Alt-Züricher Patrizierhäusern war bei- 
nahe vierzig Jahre alt, bevor er überhaupt literarisch hervortrat, fast 
fünfzig beim ersten grösseren Erfolg, ein halbes Jahrhundert, ehe er sich 
ein Weib nahm, den eigenen Herd zu gründen sich entschloss. Man 
kann es dreist und kühn aussprechen : kein zweiter Poet ist so spät zur 
Entwicklung und Reife gelangt, wie der Schweizer Konrad Ferdinand 
Meyer, doch gab auch dafür kein zweiter von vornherein ausschliess- 
lich nur so Gediegenes der Welt, wie unser Dichter. Ihm vergingen 
Jahrzehnte im inneren Kampf um seinen Beruf, Jahrzehnte mit zeitweise 
völligem Verzweifeln an seinem Ich, Jahrzehnte, bis er sich selber ge- 
funden. Ein zweiter Jakob, hat er mehr als vierzehn Jahre geworben 
um die Liebe seiner Mutter, darob die selbstlose Liebe der Schwester 
beinahe übersehend, die vergötternd zum grossen Bruder aufblickte. 
Noch mehr als an seiner schweren Belastung krankt er bis zur Schwelle 
des Greisenalters an unerwiderter Mutterliebe. „Mein Lebenslauf ist 
im Grunde unglaublich merkwürdig. Wie werden sie einst daran herum- 
rätseln!" meinte der Dichter prophetisch zu Betsy. „Nur Du könntest 
ihn erzählen und Du tust es nicht." Die Schwester hat es später 
dann doch getan, und zwar ganz ihrem Vorsatz getreu: „Ich möchte 
einem jener tiefen Bergseen gleichen, deren unbewegte, klare Fläche 
nur die nächste Umgebung wiederspiegelt, aber diese bis ins einzelne 
mit grösster Treue und in ruhigem Lichte". Mit grösster Treue, wie 
ein lauterer, unbehauchter Spiegel hat sie sein heimlichstes Wesen er- 
zählt und sein inneres Werden,* wie und warum er ein Dichter wurde, so 
auch an sich das Wort wahrmachend, das Sainte-Beuve von Pas- 
cals Schwester sprach: „Je n'ai point assez dit, combien cette soeur, 
comparee au frere, Texplique, le complete et peut-etre k quelques 6gards 
le surpasse. 



u 



Grenzfragen d«s Nerr«a- und Seelenlebens, (ül H) 1 

INTERNATIONAL 




PSYCHOANALYTIC 

nie DevrunAM ai vncruc unrucruiii c im dcdi im 



2 AbstammuDg, Ursprünge der Belastung. 

Abstammung, Ursprünge der Belastung. 

Die Wurzeln von Konrad Meyers Belastung sind beiderseits 
mindestens von den Grosseltern ab streng nachzuweisen, wenn auch 
vom Vater her in minderem Grade. Da hat der Grossvater väterlicher- 
seits die leibliche Base sich heimgeführt, wozu erst vor dem Ehegerichte 
die Dispensation erwirkt werden musste. Also eine Verbindung zwischen 
nahen Verwandten mit allen Belastungsfolgen derselben. In 12 jähriger 
Ehe schenkte die Frau dem Gatten nicht minder als neun Nachkommen, 
von denen jedoch drei in zartester Kindheit und zwei andere in bester 
Jugendkraft verblichen. Von den Überlebenden zeigen mindestens zwei 
der Söhne, von welchen genauere Kunde uns ward, ganz unverkennbare 
Belastungssymptome. So besonders Friedrich Meyer, mit welchem 
der berühmte Neffe und Dichter nach dem Zeugnis seines Hauptbio- 
graphen Adolf Frey „neben der entschiedenen Familienähnlichkeit 
einige Besonderheiten teilte. Beide gelangten spät zum inneren Durch- 
bruch, spät auf den rechten Weg, spät zum eigenen Herd; beiden 
setzte strenge, anhaltende Arbeit dergestalt zu, dass durch sie leicht 
eine Schädigung der Nerven eintrat, beide konnten sich, nament- 
lich in jungen Jahren, bei der Arbeit nicht genug tun und brachten 
vor lauter Ändern und Übergehen schwer etwas fertig; beide machten 
langsame, aber stete Fortschritte; beide nahmen es mit der Kunst 
ausserordentlich ernst und beide fanden auch in ihr nur die eigentliche 
Befriedigung." Dem Onkel „mangelte die Leichtigkeit des Hervor- 
bringens, wie er denn auch langsam und etwas mühsam, obgleich vor- 
züglich erzählte." Nehmen wir dazu noch seinen besonders in jungen 
Jahren vortretenden Wanderdrang, sowie endlich den mehrfach, oft ur- 
plötzlich vollzogenen Berufswechsel, so haben wir eine Fülle mehr und 
weniger schwerwiegender Belastungssymptome. 

Minder pathologisch scheint der Vater unseres Dichters gewesen. 
Als Zwilling eines bald nach der Geburt verstorbenen Schwesterchens 
„war und blieb er nach Art so vieler Zwillinge zart und schmächtig. 
Schon früh verriet das stille, ernste Kind eine auffallende Ordnungsliebe 
(trotzdem die Mutter gestorben , ehe es ein Jahr erreichte. A. d. V.) ; 
ein sorgfältiges Einräumen des Spielzeugs galt ihm mehr als das Spiel 
selbst; er füllte ein Heft lediglich der Namen wegen, um deren mög- 
lichst vollständige Einordnung ihm zu tun war, mit Tierfiguren. Dieser 
Neigung zum Einteilen und zur Anfertigung von Übersichten entsprang 
die Vorliebe für Geographie; der Knabe zeichnete die Umrisse der 
europäischen Länder aus dem Schulatlas nach, wobei er die betreffende 
Zahl der Quadratmeilen und Einwohner, die Hauptprodukte und Natur- 
merkwürdigkeiten notierte, sowie allfällige Grenzänderungen sorgfältig 
nachtrug." Wir wissen heute, dass hinter den vorgenannten Dingen, 



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— 



Abstammung, Ursprünge der Belastung. 3 

wie in all solchen Fällen, etwas anderes sich birgt: eine kindliche, gut 
verdeckte Erotik, die zumal auf dem Boden der Belastung gedeiht. In 
späteren Jahren wird er geschildert als ein übermittelgrosser, aufrechter, 
aber schmaler Mann, dem es einigermassen an physischer Kraft gebrach, 
von tief religiösem Sinn und ein Paar grossen, leuchtenden Augen, die 
- auch bei dem Sohne sehr häufig auffielen. Er und seine Gattin „hatten 
etwas fast jungfräulich Zartes und Feines", berichtete uns Bluntschli. 
Eine andere Besonderheit war ein Wahrheitssinn von solcher Empfind- 
lichkeit, dass er ihm das Theater fast unleidlich machte, trotz seiner 
Liebe für die Dichter und namentlich für Schiller, weil er den Ab- 
stand zwischen dem, was der Schauspieler ist und was er darstellt, nicht 
verwinden konnte. Wir erkennen in dieser Überempfindlichkeit ein 
charakteristisches Belastungssymptom, wie andrerseits auch in der mass- 
losen Arbeitsamkeit des Vaters. „Seine einzige, verzehrende Leiden- 
schaft war," erzählte die Gattin häufig den Kindern, „seine Arbeitsliebe. u 
Der Dichter nennt ihn einen unglaublich gewissenhaften Arbeiter und 
ein bedeutendes organisatorisches Talent, u die Tochter ganz ähnlich 
„einen Mann von strengster Gewissenhaftigkeit und grösster Pflichttreue." 
Um das Übermass von Arbeitslast, die er sich aufgebürdet, bewältigen 
zu können, erhob sich der Rastlose oft zwischen 3 und 4 Uhr früh, be- 
gab sich ohne Not kaum vom Schreibtisch weg und gönnte sich zum 
Spazierengehen nur selten Zeit. „Ihn bedrohte die ständige Gefahr, durch 
die Leidenschaft zur Arbeit vorzeitig aufgerieben zu werden. Den 
Untergang beschleunigten zweifellos die politischen* Stürme, weil jede 
Aufwallung der damals erstarkenden und zuweilen tumultuarisch vor- 
schreitenden Demokratie, die an anderen spurlos abglitt, ihm sozusagen 
körperlich wehtat. u „Er erlag," wie Bluntschli behauptet, „der natür- 
lichen Scheu vor den wilden Volkskräften l ) und war überhaupt mehr 
dazu gemacht, in Zeiten des ruhigen Fortschritts zu führen; in den 
Zeiten der Revolution war seine Natur zu feinfühlig und sein Charakter 
zu wenig hart und energisch, um durchzugreifen." „Dies scheue Zurück- 
weichen, das, wie seine Leidensthaftslosigkeit, der körperlichen Schwäche 
entsprang, war das Einzige, was man ihm vorzurücken wagte, denn vor 
seinem schlichten, makellosen Wesen verstummte jeder andere Vorwurf." 
Man wird in der physischen und psychischen Zartheit — »jung- 

i) Wie die Tochter erzählt, wurde er „mit kaum 40 Jahren von einem schnellen, 
anscheinend leichten Typhus hingerafft". Frey ergänzt, es hätten sich schon über 
ein Jahr vor seinem Tode „mit einem hartnäckigen Husten grosse Mattigkeit und 
periodisch wiederkehrende Fieber eingestellt. Ein Badeaufenthalt schien leidliche 
Herstellung verschafft zu haben, und Meyer arbeitete mehr als je. Dann brach er 
unter dem gehäuften Tagewerk zusammen: die schlanke Gestalt wurde mager, die 
Stimme immer leiser, das ohnehin bleiche Antlitz immer durchsichtiger, der von 
Natur Schweigsame noch stiller." Nach dieser Schilderung hat es sich wohl um 
Tuberkulose gehandelt. 

1* 



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4 Abstammung, Ursprünge der Belastung. 

fraulich zart und fein" hat ihn sehr treffend Bluntschli genannt — 
in der masslosen Arbeitssucht, die auch den andern als eine verzehrende 
Leidenschaft erschien und die Möglichkeit gewährte, sein Ich stets neu 
zu assoziieren, in seiner unglaublichen Gewissenhaftigkeit, in der Über- 
empfindlichkeit gegen starke Eindrücke, in seinem schon krankhaften 
Wahrheitssinn die Zeichen der Belastung ausgesprochen finden. Ja, 
selbst seine Leidenschaftslosigkeit ist dahin zu deuten. Denn sie war 
nicht etwa wie beim Phlegmatiker Temperamentsache, sondern Zeichen 
der Schwäche, die einzige Form, in welcher er heftiger anstürmenden 
Eindrücken standhalten konnte. Immerhin sind alle Belastungssym- 
ptome nicht allzu tragisch, meist mehr als Angestochenheit zu bezeichnen, 
wie sie Mitgliedern alter Patrizierhäuser fast immer eigen. Wenn sein 
Sohn, der Dichter, imstande war, die schwere Belastung von Mutters 
Seite solange zu dämpfen und zu unterjochen, dankt er es vornehmlich 
der relativen Gesundheit des Vaters, die als besserndes Erbteil ihm zu- 
gefallen. 

Verhängnisvoll, sagte ich, ist seine Erbschaft von mütterlicher 
Seite. Da war zunächst der Grossvater „sein echter und rechter Vor- 
fahr im Geist. Von ihm erbte er den gross und fest gebildeten Kopf 
und Nacken, von ihm das reizbare Temperament, von ihm die ganze 
Art und den Zug, der ihn über das stillere und im Grunde ruhige 
Wesen seiner Sippe hinaushob. a Auch der Grossvater war der Spross 
eines Alt-Züricher Geschlechtes, das nur mit Glücksumständen übel ge- 
segnet. „Nach harten, für seine empfindliche Art wohl allzuharten 
Jugend- und Lehrjahre schritt er aufrecht und sicher durch das Leben, 
mit der Wärme einen klaren Blick und praktische Klugheit vereinend. 
Seinem reizbaren, dem Wechsel der Stimmungen leicht unterworfenen, 
von Gut und Böse rasch entflammten Temperament hielten Kraft und 
frühe Selbstzucht die Wage." Schon am Jüngling fiel „der männliche, zu- 
weilen an Düsterheit grenzende Ernst auf." Späterhin vermochte er, 
„unter häufig erschütterten Nerven leidend, sich melancholischer An- 
wandlungen nicht zu erwehren, obgleich er im Bewusstsein erfüllter 
Pflicht und vor allem in der Religion einen Halt suchte. Den Lebens- 
abend verdüsterte dem durch vielfache körperliche Leiden heimgesuchten 
Manne der Tod des einzigen hoffnungsvollen Sohnes," der wieder als 
Abbild der gesunden Mutter seinem frühen Sterben mit heiterer Ge- 
lassenheit entgegensah. 

Die ganze schwere Belastung des Vaters, die dieser noch durch 
Selbstzucht hatte zügeln können, ging ungeschmälert auf die Tochter 
über, die Mutter unseres Dichters. „Von früh auf hatte sie die An- 
fechtungen einer zarten, oft gestörten Gesundheit zu dulden. Nicht 
selten befiel sie die Gesichtsrose, hartnäckiger, schwerer Husten, 
Nervenkopfweh und Migräne, und wenn sie von diesen Leiden in den 



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Abstammung, Ursprünge der Belastung. 5 

späteren Jahren auch in grösseren Abständen und mit geringerer Hef- 
tigkeit heimgesucht wurde, so genoss sie doch fast niemals einen ganz 
freien Tag. Als grösste Bitternis und ernste Hemmung empfand sie 
die reizbaren, überzarten Nerven. Der Tod des Bruders griff die Fünf- 
zehnjährige dermassen an, dass der bange Vater auch für ihr Leben 
fürchtete, und stürzte sie in eine ängstliche Melancholie, gegen welche 
sie in Lavaters Werken Halt und Schirm suchte. u Im allgemeinen 
jedoch „war sie nichts weniger als eine Kopfhängerin, so dass sie mit Fug 
und Recht von sich zu sagen pflegte : ,Ich habe wohl ein trauriges Herz, 
aber einen heitern Geist/ Da sie sich selbst unter den Anfällen der 
Migräne ausserordentlich zusammennahm, war sie fast immer imstande 
eine liebenswürdige und feine Konversation zu führen, deren Zauber 
sich nicht leicht jemand entzog. Sie verstand reizend und angenehm 
zu erzählen, besass Witz und ohne jemand zu verletzen, einen ausge- 
prägten Sinn für das Lächerliche. Ihr heller und beweglicher Geist er- 
griff das Gute und Schöne, wo er es fand. Was sie aber hauptsächlich 
ungewöhnlich machte, das war eine liebenswürdige, leicht entzündliche, 
wenn auch unschöpferische Phantasie, in deren Licht sie Menschen und 
Dinge rückte, und die sie, so hochgebildet er war, ihrem Mann an Geist 
überlegen erscheinen Hess. Schon der Vater, von dem sie nebst den 
reizbaren Nerven dieses Erbteil überkam, hatte sie vor dem Träumen 
und dem Hang zum Idealisieren gewarnt, ihr einschärfend, für die 
Oberherrschaft des Verstandes zu sorgen." 

„Die geistvolle Frau war aber in erster Linie eine tüchtige, un- 
tadelige Hauswirtin, die nicht das Kleinste übersah, so dass sie mit 
gutem Recht von sich sagen durfte, Ordnung gehöre zu ihrem Atem- 
holen. Gefälligkeiten zu erweisen, Aufmerksamkeiten auszudenken, Wohl- 
taten nach Vermögen zu vergelten, die unbedeutendste Freundlichkeit 
freundlich zu erwidern, für andere zu sorgen und an sich selbst zuletzt 
zu denken — so war sie, es lag eine Art später Sorge über ihr, es 
möchte an gebührenden Rücksichten etwas versäumt werden, an Er- 
kenntlichkeit zuwenig geschehen. Und Bluntschli, dem der Dichter 
nachrühmte, er hätte das Bildnis seines Vaters und besonders seiner 
Mutter mit Meisterhand entworfen, er selber hätte kein Wort dazu und 
keines davon zu tun, dieser nämliche Bluntschli hält ihr Bild in 
seinen „Denkwürdigkeiten" mit den Worten fest : „Sie erschien mir wie 
das lebendig gewordene Ideal der Weiblichkeit. Geistreiche Frauen, die 
mit den Männern wetteifern, waren mir unangenehm. In ihr aber fand 
ich die edelsten Eigenschaften des Geistes, schnellen und klaren Ver- 
stand, tiefen Durchblick, feines sittliches Gefühl mit lieblichster Anmut, 
Sanftheit und Milde gemischt. Sie war eine treue, sorgende Gattin, 
eine gute Mutter, eine aufopferungsfähige Freundin der Armen, eine 
anspruchslose Hausfrau und eine freundliche Wirtin. In ihrer Gegen- 



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6 Kindheit und erste Jugend bis zum Tode des Vaters etc. 

wart fühlte ich mich gehoben und reiner als sonst. Es war etwas Un- 
gewöhnliches und daher Unberechenbares in ihr. Dadurch war sie ihrem 
Manne, so hochgebildet er war, doch geistig überlegen. Seine Tugend 
war schulgerechter als die ihre. Sie konnte wagen, wozu ihm der Mut 
schwankte. Am Ende ihres schweren Lebens und am Schluss eines 
langen Witwenstandes wurde sie noch ein Opfer ihrer kranken Stimmung 
und ihrer leidenden Nerven." 

Ich gebe absichtlich ihre mannigfaltigen grossen Vorzüge derart 
genau und ausführlich wider, weil später in ihrem Verhältnis zum Dichter 
gar manches zur Sprache gelangen muss, was einen Kernschatten in 
diese Lichtfülle zu werfen vermöchte. Von Belastungssymptomen hebe 
ich hervor die anhaltende Migräne, die Masslosigkeit des Fühlens schon 
mit 15 Jahren, die stete Neigung zur Melancholie, die schliesslich zu 
Psychose und Selbstmord führte, das reizbare Temperament, die über- 
zarten Nerven und die stete, peinliche Rücksichtnahme und Sorge für 
andere, die entschieden etwas Zwangsmässiges hatte. Mit Langmesser 
lässt sich zusammenfassend sagen: „Von der Mutter ererbte K. F. 
Meyer die mächtige Gemütsfülle, die lebendige Phantasie, aber 
auch die Reizbarkeit seiner Nerven. Eigenschaften, die durch des 
Vaters verhaltenes, stilles Wesen glücklich ergänzt wurden. Seiner 
Mutter geistige Erbschaft wurde durch seines Vaters Art in Schranken 
gehalten, geordnet und geklärt. Unterlag die letztere, so walteten der 
Mutter reizbare und unberechenbare Stimmungen verhängnisvoll über 
dem Sohne." 

Kindheit und erste Jugend bis zum Tode des Vaters. Früheste 
Belastungssymptome und erste Erotik. 

Der kleine Konrad war ein wohlgestalteter Knabe von seltener 
Anmut und verriet, obgleich kein Wunderkind, früh Züge eines feinen 
geweckten Geistes, so dass er, noch nicht zwei Jahre alt, durch allerlei 
originelle Einfälle den Seinen hundert Freuden bereitete. Daneben gab 
es freilich schon früh auch manche pathologische Züge. So zählte er 
-? !$ noch nicht ganz zwei Jahre, ^le seine Reinlichkeitsliebe sich so ent- 

schieden regte, dass er sogar im Bettchen und halb im Schlafe sein 
abbute (abputzen) rief und nie vergass, jedes Tröpfchen Wasser sorg- 
fältig abzuwischen." Sechsjährig zeigte er einen stark grüblerischen 
Hang: „Du, Mama, ich muss viel bei mir selber denken; wer bin ich 
auch eigentlich? Und was ist auch die Welt? Aber ich finde keine 
Antwort." Dies Grübeln über metaphysische Dinge ist ebenso wie jene 
Reinigungssucht zwangsmässiger Art und, wie wir jetzt wissen, auf 
unterdrückte Kindererotik zurückzuführen. In dem nämlichen Alter 
konnte die Grossmutter an dem Knaben eine Beobachtung machen, die 



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Kindheit und erste Jugend bis zum Tode des Vaters etc. 7 

all sein Lebtag für den Dichter bezeichnend blieb, dass nämlich „schmerz- 
liche Ereignisse im Augenblick ihres Eintretens seine Seele anscheinend 
wenig oder gar nicht berührten, hernach dagegen um so stärker wirkten. a 
Wie dies zu verstehen, soll später des Näheren dargelegt werden. 
Während der ersten Lebensjahre war er von mutwilliger Unbändigkeit, 
dergestalt, dass er selber sich im Bette Püffe versetzte, und weil er beim 
Umhertollen allenthalben anstiess und hinpurzelte, alle Farben an der 
Stirne aufwies. u Man wird auch in dieser Unbändigkeit und unver- 
nünftigen Masslosigkeit ein frühes Belastungssymptom erkennen, eine 
Folge der abnormen Ansprechbarkeit der Körperfühlsphäre. 

Dem Kinde setzten allerlei Krankheiten nicht wenig zu. „Einmal 
befielen ihn starke Gichter, so dass der Arzt in Anbetracht der schwachen 
Nerven verbot, ihm fernerhin Geschichten zu erzählen. u Und Betsy 
berichtet, mit 3 oder 4 Jahren sei er von den Märchen, die ihm Frau 
Pf ist er erzählte, so bezaubert und hingenommen gewesen, dass er 
wachend und schlafend davon träumte. Der Vater musste ernstlich 
verlangen, dass seinen Kindern weder Märchen noch freie Erfindungen 
erzählt würden, sondern nur wahre' Begebenheiten, damit nicht hinter 
den unkritischen Stirnen Wirklichkeit und Dichtung durcheinandergerate. 
Auch hier also wieder als ausgesprochenes Belastungssymptom die krank- 
hafte Masslosigkeit des Empfindens (wohl noch unterstützt durch eroti- 
sche Momente), die Tag- und Nachtträume einfach beherrscht, ja an- 
geblich Fraisenanfalle hervorruft. Als Kinderkrankheiten werden weiters 
vermeldet: Flussfieber, Schleimfieber, Masern, Bräune und Röteln. Nach 
der letztgenannten Krankheit, die ihn mit 6 Jahren etwa befiel, magerte 
der Knabe sichtlich ab und büsste sein frisches Aussehen ein. Auf 
eine roborierende ärztliche Behandlung kehrte die Gesundheit zwar all- 
mählich wieder, „allein die kräftige Munterkeit, vielleicht von Anfang 
eher den erregten Nerven, als wirklicher Kraft entsprossen, verlor sich 
so ziemlich. Der Knabe wurde mitunter so lenksam, dass man ihn, 
wie die Mutter schrieb, um den Finger wickeln konnte. Zuweilen aber 
brauste er auf, in seltsamem Gegensatz zu seinem eher sanften und gut- 
mütigen Wesen. Vor allem zeigte sich eine auffallende Weichheit und 
Reizbarkeit des Gemütes : ein Lob, das ein Brief der Mutter den Kindern 
einer befreundeten Familie spendete, erpresste dem Sechsjährigen Tränen 
und vier Jahre später brach er regelmässig in Weinen aus, wenn er auf 
den damals abwesenden Vater zu sprechen kam." 

In diesen letztgenannten Dingen wirkt gleich wie in manchem 
früher Berichteten neben der zugrunde liegenden Belastung ein zweites 
Moment spezifisch infizierend. Ein Moment, das viele Beziehungen und 
Rätsel, zumal im Verhältnis des Knaben zur Mutter, überhaupt erst 
erklärlich und durchsichtig macht. Ich meine die Liebe mit einem 
starken Beisatz von Sinnlichkeit. Viel mehr als man gemeinhin ahnt, 



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8 Kindheit und erste Jagend bis zum Tode des Vaters etc. 

spielt eine bald gröbere, bald feinere Erotik in der Liebe der Eltern 
zu ihren Kindern, wie in der Geschwisterliebe mit, wenn dies den Be- 
teiligten auch meistens unbewusst bleibt, ja mit Entrüstung zurück- 
gewiesen würde, falls man versuchte, es bewusst zu machen. Gar manches 
ist derart, dass auch der intelligente Laie nicht selten stutzt, während 
anderes wieder erfahrnen Erziehern längst schon bekannt ist. Man höre 
z. B., wie sich die frühe Liebe des Knaben zu seinem Schwesterchen 
Betsy äussert. Als man die letztere sechs Wochen nach der Geburt 
zum ersten Male ins Freie trug, begleitet sie Konrad, der damals noch 
nicht ganz sechs Jahre zählte, „wobei sich seine Freude und Zärtlichkeit 
soweit erstreckte, dass er, der Wärterin folgend, den Zipfel des Trag- 
kissens nicht aus der Hand Hess. Im Sommer, da man das Auftreten 
der Cholera befürchtete, sagte er: ,Wenn Du, Mama, tot bist und Papa 
auch und die Grossmama, so will ich noch für das Schwesterchen sorgen, 
und wenn ich auch nur noch ein einziges Brötchen hätte, so würde ich 
es ihm gewiss geben und lieber selbst verhungern.'" Hier wünschte 
der Knabe die Rolle der Eltern an dem Wurm zu spielen, wie Betsy 
später das Sorgen derselben tatsächlich übernimmt für ihren unbeholfenen 
Bruder. Als ganz kleines Kind „durfte sie den Vater zum Essen holen, 
aber nicht bevor die Suppe auf dem Tische dampfte ; dann trug er die 
kleine Botin freundlich die Treppe hinauf. An seine stille, sanfte Heiter- 
keit erinnerten sich die Kinder immer, wenn sie des früh Entrissenen 
gedachten." Der Vielbeschäftigte fand wenig Müsse für seine Spröss- 
linge. Desto höher schätzten diese es stets, wenn sie einmal mit ihm 
ausgehen durften. Der Tochter blieb es unvergesslich, wie er einst bei 
einem Spaziergang über einen Graben sprang, um ihr blühende Winden 
zu holen. „Er war für uns die grösste Autorität," schrieb Betsy in 
ihren Erinnerungen. „Ich erinnere mich nicht, dass er mich je gestraft 
hätte ; aber es lag etwas in seiner edeln, schlanken Erscheinung, in der 
hohen Stirn und dem lautern Blick seiner grossen blauen Augen, das 
uns in Zucht hielt. Dabei war er uns sehr lieb. Machte ich einen 
Streich, so war es für mich die fürchterlichste Strafe, wenn das Wort 
erging: ,Das ist zu arg! Das müssen wir dem Papa sagen.' Ich wusste, 
er würde dann sehr traurig werden." Und unter den mannigfachen 
Motiven, die den Dichter noch in späten Jahren zum Freien bewogen, 
war nicht das kleinste, dass der präsumptive Schwiegervater, Oberst 
Ziegler, ein Jugendkamerad des Vaters gewesen. „Mein Bruder 
schätzte es als ein Glück," berichtet Betsy, „ihn noch während sechs 
Jahren mit der dankbaren Liebe zu umgeben, die er dem eigenen, früh 
verstorbenen Vater nie mit vollem Bewusstsein hatte bezeugen können." 
Für Pädagogen vollständig durchsichtig ist endlich die Exotik in 
einem andern Verhalten des Knaben. In der Schule nämlich kam er 
anfangs gut vorwärts, ja sein Lehrer erklärte ihn im ersten Jahre „als 



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Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

einen sehr fähigen Knaben, der mit regem Eifer ein treffliches Gedächtnis 
verbinde, so dass er mit älteren Schülern Schritt zu halten vermöge." 
Es gelang ihm sehr bald fast sämtliche Mädchen zu überholen, was ohne 
Anstrengung und ohne häusliche Nachhilfe geschah. „Mit der Zeit aber 
trat er allmählich zurück und Hess andern den Vorrang. Ein ver- 
träumtes, zerstreutes Wesen, die Unfähigkeit sich zu konzentrieren, 
griffen hemmend ein, vielleicht die erste Regung des schlummernden 
Talentes, vielleicht körperliche, während und infolge der raschen Ent- 
wicklung vermehrte Schwäche, vielleicht beides zugleich. Freunde des 
Hauses wunderten sich, dass der Sohn solcher Eltern anscheinend aus 
der Art schlagen und nicht mehr zu werden versprach. u 

Ein jeder seelenkundige Schulmann wird diesen Wandel zu deuten 
wissen. Es ist weder ein erstes Talentsymptom, noch ein Zeichen von 
Schwäche, dass Konrad verträumt, zerstreut und unfähig zum Aufpassen 
wird. Vielmehr sind es immer sexuelle Gedanken, die zum Nachlassen 
zwingen. Der Knabe merkt nicht auf, ist nicht mehr imstande, sich 
zu konzentrieren, weil seine Gedanken ganz anderswo weilen, bei Dingen, 
die weitaus lustvoller sind als der vorgetragene Lehrstoff. Auch die 
mächtige Wirkung, welche Märchen schon auf den Dreijährigen übten, 
ist nicht Effekt der Belastung allein, so sehr dieselbe Vorbedingung 
bleibt. Es spielen da sicher auch erotisch gefärbte Übertragungen mit, 
sonst würde der Vater nicht immer befürchten, der Knabe könnte Wirk- 
lichkeit und Dichtung verwechseln. Dass vollends endlich nur die Liebe 
vermag, ein Kind so überaus lenksam zu machen, so förmlich um den 
Finger zu wickeln, liegt auf der Hand, wie dass sie allein dem Zehn- 
jährigen heisse Tränen erpresst, wenn er vom abwesenden Vater spricht. 
Dies treiben Erwachsene auch nicht gescheiter, wenn sie verliebt sind. 
Wird andrerseits wieder die Eifersucht des Knaben rege, dann braust 
er in loderndem Zorne auf oder bricht in bitteres Weinen aus ob ge- 
kränkter Liebe. 

Im ganzen sehen wir die Kindheit und erste Jugend des Knaben 
von zwei Faktoren gelenkt und beherrscht, die dann bis tief ins Mannes- 
alter entscheidend bleiben : der Belastung auf der einen Seite, der Erotik 
auf der andern. Man darf jene erste Periode des Dichters als eine 
durchaus glückliche bezeichnen und Betsy beipflichten, die also zu- 
ßammenfasst: „Wir hatten es gut. An Licht und Luft und Freiheit 
litten wir keinen Mangel. Bis zum Tode unseres Vaters war unsere 
Jugend eine bevorzugt helle, beschützte und sorglose. u 

Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der 
Irrenanstalt Die Belastungssymptome der Pubertät 

Das wurde mit einem Schlage anders, als der Vater starb, da der 
Sohn erst fünfzehn Jahre zählte. Am Sterbetag ihres Gatten schrieb 



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10 Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

die Mutter in ihr Haushaltungsbuch ein einziges Wortlein: „Todesstoss!" 
„Niedergeworfen von Schmerz um den Dahingeschiedenen hatte sie sich 
auch viel zu kümmern wegen ihrer äusseren Lage, die ihr eine wohl- 
erwogene Sparsamkeit zur Pflicht zu machen schien und wegen der Zu- 
kunft des Sohnes. Den Kindern gegenüber beklagte sie oft, wieviel 
dieselben an treuem Schutz und Rat und an Lebensglück durch den 
Tod des Vaters eingebüsst hätten, denn sie entbehrte ebensosehr wie 
seine milde Nähe in täglichem Schmerz sein immer wohlbegründetes 
Urteil und seine überlegene, sichere Ruhe." »Wir Kinder, u fährt 
Schwester Betsy fort, „trugen damals an diesem Leiden weniger schwer, 
da uns doch die treueste Mutter geblieben war. Jetzt aber, K. F. 
Meyers Leben als Ganzes überschauend, sehe ich doch nach dem 
Tode unseres Vaters die Spur sich abzweigen, die meinen 
Bruder auf einsame Pfade bringen musste und zu jahre- 
langer fruchtloser Anstrengung, sich eine unbeschrittene 
Bahn zu brechen. Damals mag es gewesen sein, dass seine Leistungen 
in der Schule zu Klagen veranlassten. Er arbeitete ungleich, hinter- 
brachte man der Mutter. In den einen Fächern mit Vorliebe, in den 
andern so wenig wie immer möglich. An Talent fehle es ihm nicht, 
aber er dauere nicht aus. Dem damals Fünfzehnjährigen wurden von 
wohlmeinenden Familienfreunden Vorhalte gemacht: Er sei nun die 
einzige Stütze der zartfühlenden trauernden Mutter. Seine Pflicht sei, 
durch Fleiss und geordnetes Studium eine feste Stellung zu erringen 
um ihretwillen. 

Das hätte er gerne, ohne dazu ermahnt zu werden, aus freiem 
Willen getan. Doch, davon bin ich heute überzeugt, er konnte es nicht. 
Er empfand den Zuspruch Fernstehender als Verletzung, empfand als 
tiefes Leid andererseits die Enttäuschung und die Sorge, die er seiner 
Mutter, die ihm das Teuerste war, verursachte. Er verschluss sich in 
sich selbst und vertrotzte sich in dumpfem Schmerz. 

Unsere Mutter erschien mir als das Zarteste, Lieblichste und Beste 
auf Erden. Die Liebe zu ihr hob meine Mittelschlagsnatur. Von früh 
an, schon seit dem Tode der sorgsamen Grossmutter, der dem unseres 
Vaters in der Frist von zwei Jahren folgte, war ich weniger darauf 
bedacht, ihr zu gehorchen — das gab sich von selbst — als sie, die ver- 
witwet und betrübt war, vor der Unbill des täglichen Verkehrs und vor 
dem Kummer zu schirmen, den unsere Unbändigkeiten und Missgeschicke 
in der Schule oder auf dem Schulwege ihr machen konnten. Ich bin 
ganz davon überzeugt, dass mein Bruder innerlich nicht anders zu ihr 
stand und schwer darunter litt, dass seine damalige Sturmwindsanlage, 
verbunden mit einer für jede Verletzung empfindlichen, jeden Druck 
doppelt fühlenden und dagegen reagierenden Reizbarkeit, ihn seiner 



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Der Dichter und seine Matter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 11 

Mutter gegenüber nicht rücksichtsvoll und stützend, wie er gerne ge- 
wollt hätte, sondern nicht selten unzugänglich und schroff erscheinen Hess. 

Schon oft habe ich mich gefragt, zu welcher Zeit eigentlich und 
durch welche Veranlassung mein überlegener, lustiger und erfindungs- 
reicher Spielkamerad mit dem dichten braunen Ringelhaar sich in einen 
träumerisch in sich verschlossenen, von der Aussenwelt verzichtend sich 
abwendenden, mich haupteshoch überragenden, mageren jungen Mann 
verwandelt habe. 

Solange K. F. Meyer unter dem Schutze der ruhigen Autorität 
seines Vaters sich geborgen sah, beschlich ihn kein Zweifel, dass auch 
für ihn das Rechtsstudium die fest vorgezeichnete Laufbahn sei. Später, 
als er seiner Aufgabe allein gegenüberstand, wurde er an diesem Berufe, 
zu dem er keine Anlage hatte, irre, Hess sich aber, innerlich von Zweifeln 
und Unsicherheiten jeder Art bestürmt, durch die Verhältnisse weiter- 
treiben. Lust und Liebe zu einem trockenen Fachstudium gingen ihm 
dabei verloren. Er las unendlich viel und orientierte sich überall, ohne 
irgendwo, die neueste Literatur vielleicht ausgenommen, wirklich zu 
Hause zu sein und seines Lernens froh zu werden. 

In späteren glücklichen Zeiten fragte ich ihn selbst einmal : 
,Konntest Du eigentlich oder wolltest Du damals Deine Rechtsstudien 
nicht fortsetzen? 1 — ,Beides,' sagte er und lenkte das Gespräch auf 
erfreulichere Dinge." 

Wir hörten oben von der allerkompetentesten Quelle, wie sehr 
beide Kinder an der Mutter hingen. Auch was uns sonst noch berichtet 
wird, lässt keinem Zweifel an der Wahrheit dieser Worte Raum. Und 
doch muss man sagen, dass jene hochgebildete, edelste Mutter die 
schlechteste Erzieherin ihres Sohnes war. Der sehr viel wissende 
Adolf Frey sagt freilich nur kurz: „Ängstlich und zart besaitet, wie 
sie war, entbehrte sie wohl in etwas die leichte Gelassenheit, nicht um 
den Sohn zu halten, da er sich nachgiebig fügte, wohl aber, um ihm 
nötigenfalls Freiheit und Spielraum zu gewähren. Es bewahrheitete sich 
auch hier der alte Satz, dass ungewöhnliche Menschen allenthalben Er- 
ziehungstragödien und pädagogischen Missverständissen ausgesetzt sind, 
weil sie eben über eine gewisse Schwelle weg nicht zu führen sind, mag 
die geleitende Hand sein, welche sie will." Und Schwester Betsy meint 
ebenso beschönigend: „Vielleicht wurden wir etwas zu wenig erzogen. 
Wer vermag es zu sagen? Ich fürchte, die weiseste Pädagogik hätte 
den seelischen Naturanlagen meines Bruders gegenüber versagt. Nur 
einer konnte ihn erziehen, und das war er selbst." Langmesser endlich, 
der jüngste Biograph, fasst sein Urteil in die Worte zusammen: „In 
das Wesen ihres Sohnes vermochte sie sich nie recht zu finden; denn 
es war ihr, so geistvoll sie war, ein Rätsel. Seine Exzentrizität, Ver- 
träumtheit, Energielosigkeit und innere Kämpfe waren ihr ebenso un- 



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12 Der Dichter und seine Matter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

verständlich wie schmerzlich. Das mag uns wundernehmen, da sie keines- 
wegs eine Durchschnittsnatur war. In ihren Briefen an Louis Vulliemin 
erscheint sie als Mutter, die ängstlich jede Regung der eigentümlichen 
Art ihres Sohnes fürchtet und darin nur Hochmut und Unerträglichkeit 
sieht. Dem dichterischen Schaffenstrieb Eonrads stand sie ratlos gegen- 
über und seine religiösen Zweifel, die ihm als tiefangelegten Menschen 
nicht erspart blieben, waren ihr fremd. So fühlte sich der eigenartige 
Knabe und vollends der Jüngling in seinem innersten Ringen, sowie in 
dem Tasten nach seinem eigentlichen Lebensberuf unverstanden. Die 
Folge davon war, dass er sich in sich selber verschloss. Weil sich ihm 
aber kein Ziel und keines Kampfes Ende zeigte, verzehrte er sich in 
der Zermarterung seiner Seele. So führte er Schatten über sich herauf, 
die ihn bleibend zu verdunkeln drohten. Er wurde zum menschenscheuen 
Einsiedler, der selbst in den engen Grenzen des Seidenhofes (seiner da- 
maligen Wohnung) die Menschen floh/ 

Warum aber konnten diese beiden Menschen, die einander liebten, 
wie nicht anzuzweifeln, doch auf keinerlei Weise zusammenkamen trotz 
aller leidenschaftlichen Bemühung? Was war der letzte Endgrund des 
Zwiespalts, der die beiden immer von neuem schied, ja die Mutter 
manchmal direkt bis zum Hasse trieb? Dies Verhältnis zwischen Mutter 
und Sohn ist nie zu begreifen, wenn die Erotik vergessen wird. Nur 
meine ich damit nicht die vielgepriesene, sanktionierte Liebe des Kindes 
zu seiner Gebärerin und vice versa, sondern weitaus mehr. Was suchte 
die Witwe gewordene Mutter fortab in dem Sohne, was sollte ihr dieser 
eigentlich bieten? Etwa den fürderen Inhalt ihres Lebens, mit dem 
einzigen Ziel: seine sämtlichen Anlagen zur möglichsten Entfaltung zu 
bringen? Ich glaube mit nichten. Diese edle, hochgemute Frau hat 
die Liebe des nunmehr verstorbenen Gatten nie vergessen können, der 
stets für sie sorgte trotz ihrer geistigen Überlegenheit und mit seiner 
milden und heiteren Art die trefflichste, sicherste Stütze bot für ihr 
allzu feuriges Temperament. Drum hielt sie den Kindern auch stet» 
wieder vor, was sie am Vater verloren hätten, und schreibt von ihnen 
an einen Freund: „Sie sind für mich eine Quelle von Glück und Sorgen. 
Meine Tochter entwickelt sich sehr vorteilhaft und erinnert mich immer 
mehr an ihren Vater, dem ich nachtrauere. Aber der arme Konrad: 
wie weit ist er davon entfernt, von sich aus zu begreifen, was er ver- 
loren hat — ihn, der ihm das Vorbild aller Tugenden gab". Um es 
kurz zu sagen in Einem Satze: nicht sie wollte sorgen für ihren Konrad, 
nur ein Ziel im Auge: sein höchstes Gedeihen, sondern ganz im Gegen- 
teil, er sollte ihr alle Liebe des toten Gatten ersetzen, mit seinen 
jungen 15 Jahren die Reife und Klarheit des Vaters besitzen und sich 
doch andererseits willig fügen ihrer höheren Weisheit. Drum hielt sie die 
Zügel meist viel zu straff, wie ihr die Freunde mit Recht vorwarfen, oder 



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Der Dichter and seine Matter bis zam ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 13 

suchte ihm ihre eigenen Überzeugungen mit allzuviel Eifer aufzudrängen. 
Weil Konrad diesem ihrem Ideal so gar nicht entsprach, ja geradezu 
passiven Widerstand leistete, drum gab es zwischen beiden unaufhörlich 
Misshelligkeiten. Wenn der Knabe in jenen Flegeljahren mit Meinungen 
und Worten ungehemmt herausfuhr, zum nicht geringen Schreck seiner 
Mutter, die selber verkörperte Rücksicht war, wenn er menschenscheu 
wurde, reizbar und verbittert, sich obendrein öfters darin gefiel, alles 
zu verachten, was gute Manieren, Toilette usw. hiess, so sah sie in 
allen diesen lässlichen Dingen nur Hochmut, Unerträglichkeit und rück- 
sichtslosestes Gebaren. Als sie einmal verzweifelt darob an Hess schrieb, 
kam von dem klugen Manne die Antwort: „Liebe, gute Frau Meyer! 
Wie ist es möglich, dass Sie sich so ohne Not selbst quälen können, und 
zwar eines Sohnes wegen, der Sie zu schönen Erwartungen berechtigt! 
Wissen Sie denn nicht, dass junger Most gären muss, wenn er Wein 
werden soll. Im praktischen Leben stossen sich in der Folge die Hörnlein 
von selbst ab. Wenn Sie fortfahren sollten, so ängstich jedes Wort 
Ihres Sohnes, abzuwägen, so werden Sie darüber hypochondrisch und 
halten am Ende jede Frühlingsmücke für einen langberüsselten Elefanten. 
Sollte Konrad in einzelnen Momenten über die Schnur hauen, ;dann, 
glaube ich, werden Sie mit sanfter, aber sicherer Ironie weit mehr aus- 
richten, als mit einem langen ernsten Sermon/ 

Wen der Mutter Verhalten rätselhaft dünkt, mit ihrer Intelligenz 
kaum noch zu vereinen, wem endlich die Deutung aus unbewusst-erotischen 
Tiefen nicht gefallt, möge sich erinnern), wie häufig Witwen die Zu- 
kunft ihren noch jüngeren Söhnen aus solchen Gründen zu verderben 
pflegen. Wie oft lässt eine solche Mutter ihren Sohn nicht heiraten, 
weil sie dessen Liebe selber beansprucht, in jeder möglichen Schwieger- 
tochter die Räuberin sieht, welche ihr das Herz des Sohnes stiehlt. 
Gelingt's dem letzteren aber schliesslich doch, diesen Bann zu brechen, 
wird jene zur fürchterlichen Schwiegermutter, der die junge Frau schon 
gar nichts zu Dank macht, nicht etwa weil sie unfähig ist, sondern weil 
sie die Mutter um ihren letzten Liebhaber brachte. Dass hier die blanke 
Erotik treibend, wird just der Hauptbeteiligten am seltensten klar und 
würde von ihr wahrscheinlich entrüstet zurückgewiesen werden. 

Wie aber sah es in Konrads junger Seele aus? Wir haben 
vernommen, was die Mutter von dem Sohne begehrte, und auch den 
Vorhalt der alten Freunde, er sei die einzige Stütze der Mutter, habe 
also die Pflicht, schon um ihretwellen sich so rasch als möglich eine 
Stellung zu schaffen. Auch hätte das Kon r ad gerne getan und aus 
freien Stücken, vermeldet die Schwester, wie dass er den Zuspruch 
der Fremden direkt verletzend empfand, und dass er trotz alledem es 
einfach nicht konnte. Ja, warum aber nicht, wenn er die Mutter so 
glühend liebte? Wenn ein Jüngling in solcher Lage zurückbleibt, wie 



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14 Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

Konrad Meyer, dann stehen zwei Möglichkeiten ihm offen. Die eine 
ist, dass der junge Mann sich durchaus an Stelle des Vaters setzt, hin- 
fort nur ein Ziel kennt: der Mutter den verlorenen Gatten zu ersetzen. 
Solche Söhne lieben dann ihre Mütter wirklich über alles und setzen 
mit eisernem Willen sich durch, auch gegen den Widerstand einer ganzen 
Welt. Ja, sie werden geradezu eifersüchtig, wenn die Mutter sich noch- 
mals verheiraten will und einen andern Versorger nehmen, um nicht zu 
sagen einen anderen Liebhaber. Dies war der Fall unseres Konrad 
nicht, vielmehr die andere Alternative. Da der Vater verstorben, der 
einzige ernsthafte Konkurrent in der Liebe der Mutter, so hatte die 
letztere zeitlebens einzig für ihn zu sorgen, je mehr desto besser. Ein 
solcher Mensch wird niemals fertig, solange die Mutter am Leben bleibt, 
und will es auch gar nicht, will niemals auf eigenen Füssen stehen und 
sie aus der Sorge um sich entlassen. Sie muss sich zeitlebens auch für 
den Erwachsenen immer noch plagen, ihm unablässig stets neu beweisen, 
wie sehr sie ihn liebt, um seine Neigung stets Opfer bringen, für sie 
bleibt er immer der hilflose Knabe, der vor allem Betreuung und Sorg- 
falt braucht, das ewige Sorgenkind ihres ganzen Lebens. Daher die 
komplette Energielosigkeit, die sich niemals entscheidet, weil sie sich 
im Grunde nicht entscheiden will. Dies sind die unbewussten Gründe 
für Konrads Verhalten. Seine heischende Liebe war also geradezu 
unersättlich, unendlich die Fähigkeit, von der geliebten, vergötterten 
Mutter Opfer zu nehmen. Am besten hat dies die Schwester erfühlt, 
wenn auch vielleicht nur im Unbewussten. Sie hat sich in weiblicher 
Selbstlosigkeit dem Bruder geopfert und doch sein unstillbares Liebe- 
bedürfnis nicht sättigen können. In der lyrischen Probe „Fülle" betitelt, 
die Mever bezeichnend der Sammlung seiner Gedichte vorsetzte, heisst 
die letzte Strophe: 

„Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen 
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses, 
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses, 
Genug kann nie und nimmermehr genügen!" 

Wenn wir dazu noch die schwere Belastung von Muttern her nehmen, 
sowie die natürliche Flegelhaftigkeit der Pubertätszeit, so wird uns alles 
sofort verständlich in jener stürmischen Lebensepoche. 

Legen wir an die neugewonnene Erkenntnis die Sonde der Tat- 
sachen und prüfen wir, ob da alles gut stimmt. VonBetsy haben wir 
oben vernommen, wie nach dem Tod des verehrten Vaters der Wandel 
begann und Konrads Leistungen in der Schule ganz ungleichmässig 
wurden. Nur zu sehr begreiflich nach allem, was ich vorhin sagte. 
Die Freunde setzten ihm heftig zu, sich schon um der hilflosen Mutter 
willen besonders zu mühen, und erzielen damit gerade das Gegenteil. 
Ob auch sein Bewusstsein beipflichten muss, des Unbewussten Wider- 



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Der Dichter und seine Matter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 15 

stand ist weitaus grösser und macht, dass er sich nur störrisch vertrotzt. 
Pem Jüngling ist nichts weniger als wohl, da er sich innerlich Schuld 
geben muss. Nach aussen aber zeigt er sich doppelt reizbar, wird gegen 
die Mutter rücksichtslos-schroff und unzugänglich und verträumt sich 
nach innen, während er von der Aussenwelt verzichtend sich abkehrt. 

In den Tagphantasien schaute er die Mutter, wie er sich sie 
wünscht, nicht die strenge, Liebe und Opfer heischende der traurigen 
Wirklichkeit. „Er kehrte sich von der Aussenwelt ab" will nichts 
anderes heissen, als er wendet sich ab von der wirklichen Mutter, die 
seinen Wünschen so wenig entsprach. Eine Reihe von Zügen entwickelt 
er direkt im Gegensatz zu ihr. Wenn sie die verkörperte Rücksicht- 
nahme für alle Welt ist, liebt er es hinwieder, herauszufahren mit au- 
stossender Rede, respektverletzend und ärgernisstiftend. Und er, der 
zu Vaters Lebzeiten nie zweifelte, das Rechtsstudium wäre die ihm fest 
vorgezeichnete Laufbahn, begann jetzt irre zu werden auch daran, weil 
diese Karriere — bald selbständig machte. „Tiefer als Mutter und 
Schwester ahnten, wühlten Weh und Bangen in ihm, er erklärte später, 
viel mehr als jemand denke, in den ,Leiden eines Knaben' Jugendstim- 
mungen niedergelegt zu haben. Zuweilen befiel ihn eine nervöse, ängsti- 
gende Hast, so dass er, völlig unbegreiflich für die Nächsten, in Tränen 
ausbrach, meistens ohne sich zu erklären, was ihn bedrücke." „Er 
hatte die Gewohnheit, sich selten oder fast nie öffentlich zu zeigen, 
einzig im einsamen, geräumigen Garten spazierte er öfters mit seiner 
Schwester Betsy, oft aber auch allein, wobei er sich dann stets im 
sogenannten Wäldli ins Gebüsch zurückzog und sich dabei so menschen- 
scheu zeigte, dass jedesmal, wenn er sich allein im Garten wähnte, er 
sofort rechtsumkehrt machte, wenn ihm unverhofft auf dem gleichen 
Gartenwege jemand entgegenkam." Aus seinem innern Verhältnis zur 
Mutter, seinen Tagphantasien, die so wenig stimmten zur tief betrüb- 
lichen Wirklichkeit, und endlich noch aus der schweren Belastung mit 
ihrem Grundsymptom des steten Assoziationswiderwillens sind alle diese 
Dinge sehr wohl zu begreifen. Seine einzige Lust, behauptete er nach- 
mals in einem Gedicht, war in jener Zeit das Schlittschuhlaufen, welches 
er wie das Baden leidenschaftlich trieb. Auch dem Klettern oblag er, 
der richtige Belastete, damals so masslos und verwegen, „dass seine 
Waghalsigkeit sogar die der Hirtenbuben übertraf, wie es dann an 
Schrammen und zerissenen Kleidern nicht fehlte." 

Drei Jahre etwa nach dem Tode des Vaters kam die Witwe zum 
Entschluss, das letzte Gymnasialjahr des Sohnes zu unterbrechen und 
ihn zum Studium der französischen Sprache nach Lausanne zu schicken. 
Allmählich hatte die Erkennsnis doch in ihr Wurzel geschlagen, die sie 
Vulliemin mit den Worten gestand: „Ich bin trotz oder eher wegen 
meiner mütterlichen Zärtlichkeit die Person, die ihm am meisten schadet." 



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16 Der Dichter und seine Matter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

Auch Konrads Abneigung, das väterliche Haus zu verlassen, schmolz 
endlich dahin, als das Züricher Gymnasium in Lehrern und Schülern 
ihn immer mehr abstiess und vollends die Mutter mit allzuviel Eifer 
ihm ihre eignen religiösen Überzeugungen aufzudrängen suchte. So ward 
es schliesslich auch sein eigener Wunsch, irgend anderswo zu sein und 
er akzeptierte den Vorschlag der Mutter. 

In der Freiheit der Fremde und fern von allem meisternden Druck 
fühlte er zum ersten Male sich selber. Jetzt kann sich sein Selbst- 
bewusstsein ungehemmt entfalten, und er wendet sein ganzes Sinnen 
und Trachten der eigenen poetischen Arbeit zu, die damals in Fluss 
kam. Der Glaube an seinen Dichterberuf erwachte in ihm, an welchem 
er später so oft verzweifelte, und daneben wohl auch ein heimliches 
Hoffen, durch die Kunst das Herz der Mutter zu erobern. Nun beginnt 
das grosse Gären und Brausen in Konrads Seele, sowie stets mächtiger 
die unverkennbaren Belastungssymptome, die des Dichters Leben für 
immer beherrschen. „Die Elemente seines Lebenskampfes, der wahrlich 
kein kleiner war, lagen in ihm selbst/ erklärt seine Schwester. „,Ich 
bin kein starker, aber ein durchaus unabhängiger Charakter, 4 sagte er 
einmal. Das ist kein glückliches Material zur Selbsterziehung. Die weit 
vorherrschende unter seinen geistigen Anlagen war seine weltumfassende, 
in die Ferne greifende, rastlos schaffende, von einem Bild zum andern 
übergehende Phantasie. So ruhelos schwebte sie, dass er als Knabe 
kaum vermochte, sie auf einem Gegenstand festzuhalten, um eine grössere 
Arbeit, eine Zeichnung zum Beispiel oder eine ihm aufgetragene schrift- 
liche Arbeit gleichmässig auszuführen und zu vollenden. Was nicht im 
ersten Wurf gelang, Hess er unfertig liegen und fing neues an. Dabei 
hatte er eine scharfe Beurteilung seiner Fehler und stellte an sich 
grosse Forderungen. Erfüllte er sie nicht, so sanken ihm entmutigt die 
geistigen Schwingen. Er entwarf in scharfen, charakteristischen Um- 
rissen, die er nicht füllen konnte. Diesen unsteten Zug seines Wesens 
kannte er wohl. Er verglich sich selbst mit dem nie rastenden Winde. 

Hier schildert die Schwester, die beste Kennerin seiner Psyche, 
in einer wahrhaft klassischen Art ein kardinales Belastungsstigma. Ich 
habe als die beiden Grundsymptome der schweren Belastung die dauernde 
Verstimmung erkannt, sowie als zweites den ständigen Assoziations- 
widerwillen, d. h. den Widerstand, sein Ich für die Dauer mit irgend 
etwas zu verknüpfen. Dies zweite Symptom beut Konrad Meyer in 
prächtiger Weise. Der Knabe, der Jüngling und selbst der Mann, teilweise 
sogar bis ins Greisenalter, zeigt eine unstete, ruhelose Art, Unfähigkeit, 
seine Einbildungskraft bei irgendeinem Gegenstand festzuhalten, eine 
grössere Arbeit auch zu vollenden. Was nicht im ersten Wurfe gelingt, 
lässt er unfertig liegen. Von anderen früher erwähnten Symptomen 
nenne ich des Dichters Berufs- und Menschenscheu, die freilich in 



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Der Dichter and seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 17 

unserem Fall auch noch erotische Mitgründe besitzt, das Masslose ferner 
seines Handelns und Tuns, die Masslosigkeit endlich auch seines Emp- 
findens. Auf einige restliche Belastungssymptome werde ich dann später 
noch hinweisen können. 

Die relativ freudige Stimmung des Dichters nahm mit seiner Rück- 
kehr in die Vaterstadt ein jähes Ende. „Nicht als ein gesellschaftlich 
schmeidig gewordener junger Mann, der das unsrer Mutter liebe Fran- 
zösisch fliessend und gern gesprochen hätte, kam er zurück, wie sie es 
vielleicht gehofft hatte, da diese Freude anderen Müttern widerfahren 
war, sondern als ein Kopf voll gärender Ideen mit breiter, stark aus- 
geprägter, von üppigem Haar umkrauster Stirn auf einem, meinte sie, 
,unbeugsamen ( Nacken, der, wie ihr schien, im täglichen Leben noch 
weniger Raum hatte, als da er fortging/ — „Er blieb nach wie vor das 
Sorgenkind seiner Mutter, die bald nach seiner Heimkehr Vulliemin 
schrieb: ,Sie ersparen mir den Bericht aller extravaganten Ideen, die 
in seinem Kopfe spucken, und seiner Sonderbarkeiten, die ihn immer 
mehr von seiner Familie und seinen wahren Freunden scheiden. Es 
genügt Ihnen, wenn Sie erfahren, dass ich für meinen Sohn nichts 
anderes tun kann, als beten, hoffend, dass der gute Gott früher oder 
später einen gnadenvollen Blick auf ihn werfe.' u So wenig verstand 
diese geistreiche Frau die Seele ihres Sohnes. „Vuillemin freilich 
sah in jenen Besonderheiten nichts Arges und war der Meinung, man 
müsse den Wein gären lassen ; denn er hatte und behielt immer die 
Zuversicht, das Gewächs sei von guter Sorte. u 

Die nächste Sorge Conrads war, sein Maturitätsexamen zu machen. 
Um beim Lernen ungestörter zu sein und wohl auch um der Nachhilfe 
willen, ging er vorerst zum Dekan Benker, wo er schon vor Jahren 
einmal gewesen. Allein dort hielt er's nicht lange aus. Unvermutet 
erschien er eines Tages daheim zum nicht geringen Schrecken der 
Mutter. So sehr hatte ihn die Liebe zu dieser zurückgetrieben. In- 
dessen bestand er eip gutes Examen und immatrikulierte sich an der 
juridischen Fakultät in Zürich. Die Vorlesungen freilich besuchte er 
ohne Neigung und inneren Beruf, nur der Mutter zuliebe, und blieb dann 
gar bald vollständig weg. Nun versuchte er das Zeichnen unter Leitung 
eines Malers, rückte aber auch da nicht merklich vom Fleck, da er die 
Sache ziemlich lässig betrieb. „Was ihn lähmte und peinigte, das waren 
die beständigen Zweifel, ob er zum Maler oder Dichter geboren, u Zweifel, 
die bekanntlich auch Goethe und Otto Ludwig, Gottfried Keller 
und Scheffel hatten. Als er sich dann wieder auf die Dichtkunst 
warf, sandte einmal die Mutter, der das Zeugnis nicht versagt werden 
kann, dass sie alles aufbot, dem Sohne eine Zukunft zu schaffen, Con- 
rads Gedichte an Gustav Pfizer, der freilich trostlose Antwort gab. 

Am besten schildert auch hier die Schwester die Stimmung des 

Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (Heft LIX.) 2 



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18 Der Dichter und seine Matter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

Jünglings : „Die rastlose innere Schwungkraft der Jugend gab ihm die 
Zuversicht eines grossen Könnens, der seine Leistungen damals in keiner 
Weise entsprachen. So verzehrte er sich in schweigender Ungeduld 
und Ohnmacht. Neben sich sah er Minderbegabte ruhig ihren Weg 
gehen, von Stufe zu Stufe steigen und ihr nahegestecktes, von ihm aller- 
dings unbeneidetes Ziel, den bürgerlichen Beruf und Broterwerb, sicher 
erreichen. Er aber aber geriet nach und nach ausser Reih und Glied 
seiner Altersgenossen und sah sich in der ihn tief beschämenden schmerz- 
lichen Lage, wie alle, die in einem achtenswerten, regelrecht geordneten 
Gemeinwesen nicht klassifiziert und jedem einleuchtend untergebracht 
werden können, missachtet, bemitleidet und verleumdet zu werden. 

Hätte nur einer, hätte er nur selbst damals seinen künstlerischen 
Beruf erkannt, so deutlich und unwidersprechlich erkannt, dass er ipit 
ganzem Entschluss ihn ergriffen hätte, er wäre alles Druckes und aller 
Zweifel ledig geworden. Die Liebe seiner Mutter hätte die äusseren Hemm- 
nisse um jeden Preis weggeräumt. Um ihm freie Bahn zu öffnen, hätte 
sie sich mit Freuden eingeschränkt, ja, mit heiterem Mute gedarbt, 
wenn es nötig geworden wäre. Doch es war gerade sein Mangel 
an Wahl und Willen, der damals wie ein Bann auf ihm 
lag. Er war höchst unzufrieden mit sich selbst und wäre 
doch gerne von anderen hochgehalten worden. ,Ich zürne 
es jungen Leuten nicht sehr,' sagte er mir einmal viel später halb im 
Scherz, ,wenn sie überall pädagogisch gedehmütigt und an ihr Örtchen 
hinuntergedrückt, sich ihrerseits zu hoch schrauben und sich aufzupuffen 
versuchen. Ich weiss aus Erfahrung, es ist gleichsam ihre Notwehr 
gegen die Aussenwelt. Gelingt einem eine gute Leistung, dann wird 
man bescheiden, wie ein Glücklicher es sein darf.' 

Damals erschien er sich als ein Rätsel, und was er nieder- 
schrieb, dürftig, weit entfernt von dem, was er mit heissem Streben 
suchte. ,Sieh,' sagte er zuweilen, ,wenn ich morgens mit einer Fülle 
von Ideen erwache und ich will meinem Gedankengeschmeide die dazu 
passende Fassung geben, so komme ich mir vor, wie jener arme Hirten- 
junge, dem der Berggeist Rübezahl erlaubte, seine Taschen mit Gold zu 
füllen. Als er heimkam und sie umwandte, um sein Glück vor sich 
auszuschütten, fiel nichts heraus als dürres Laub. 4 

So verlernte er es, seine Gedankengänge niederzuschreiben, so ver- 
lor er mit der Gewohnheit die Leichtigkeit und die Freude, sich schrift- 
lich auszudrücken. Das deutsche Sprachgefühl ging unter in der Masse 
seiner vielsprachigen Lektüre, aus Mangel an Übung, da er ein Ein- 
samer war und damals vielleicht überhaupt nicht immer in Worten 
dachte. Verse hat er immer geschrieben, doch alle verschwanden im 
Feuer. Zu jener Zeit der Selbstkritik, da ihn nichts befriedigte, be- 



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Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 19. 

kamen seine Handschrift und sein Stil jene Gedrängtheit, die seiner 
Schreibweise eigentümlich geblieben ist.* 

Hier haben wir von der Schwester durchschaut die Elemente seines 
Verhaltens. Es lag wie ein steter Bann auf ihm, dass er nicht wählen 
und wollen konnte. Doch je unzufriedenerer mit sich selbst, desto heisser 
verlangte er, von anderen hochgehalten zu werden, oder richtiger von 
einer, an der ihm weitaus am meisten gelegen : von seiner Mutter. Gilt 
doch im Grunde jene Unzufriedenheit nicht der eigenen Person, sondern 
dieser Geliebten, die ihn so gar nicht begreifen will. Und dann die 
Unfähigkeit, trotz innerlicher Kraft, sich einen Lebensberuf zu küren 
mit einem nährenden Ziel am Ende und einer Entlastung der armen 
Mutter. Ja, sogar wozu er Anlage hatte und Gottestalent, durfte noch 
nicht zur Entwicklung kommen, so lange diese am Leben war. Drum 
{ erstickte er sein deutsches Sprachgefühl in massenhaft fremdsprach- 

licher Lektüre und vernichtet restlos, was sein Genius trotz alledem 
noch schuf. Ich darf es schon jetzt ganz dreist aussprechen, was später 
voll durchsichtig werden wird: Der arme Conrad konnte nicht eher 

I zum Dichter werden, als bis ihm die geliebte Mutter durch den Tod 

* genommen! 

In einer autobiographischen Skizze sagt der Dichter selber von 
dieser Zeit: „Ich begann ein einsames Leben, kein untätiges, aber ein 
zersplittertes, willkürliches. Ich habe damals unendlich viel gelesen, 
mich leidenschaftlich, aber ohne Ziel und Methode in historische Studien 
vertieft, manche Chronik durchstöbert und mich mit dem Geiste der 

I verschiedenen Jahrhunderte aus den Quellen bekannt gemacht. Dieses 

1 zurückgezogene Leben habe ich jahrzehntelang weitergeführt, da meine 

Mutter mir volle Freiheit Hess." Wie sehr litt sie freilich unter diesem 
Dasein ihres Sohnes! Im Jahre 1849, da Konrad 24 Jahre zählte 
schrieb sie an Vulliemin: „Mein armer Sohn ist immer beinahe im 
gleichen Zustand, eine schwermütige Anlage und eine unbezwingbare 
Unfähigkeit, eine regelmässige Arbeit zu übernehmen, beibehaltend. Er 

! ist traurig, oft für seine Gesundheit besorgt, dazu geneigt, sich als 

Gegenstand des Übelwollens der anderen zu glauben und bisweilen Hirn- 
gespinste in der Art seiner Gedanken zu schmieden. Er leidet, dass 

. er kein Ziel und keine Karriere hat und keinen Entschluss 

fassen kann. Seltene Spaziergänge, das Lesen und einige Studien 
füllen seine Zeit aus, ohne seinem Leben den geringsten Erfolg zu geben. 
Auch kann ich sagen, dass ich von ihm nichts mehr in 

j dieser Welt erwarte." 

„Hoffnungsloser kann sich eine Mutter nicht äussern/ bemerkt 
sehr richtig August Langmesser. „Diese Hoffnungslosigkeit teilte 
sich auch dem Sohne mit. Er verlor das Vertrauen zu sich selber. 
Was war da natürlicher, als dass er die Menschen floh? Und diese 



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20 Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

mieden auch ihn. Man hielt ihn in Zürich allgemein für einen un- 
brauchbaren Menschen und eine verfehlte Existenz. Er geriet nach und 
nach ausser Reih und Glied seiner Altersgenossen. Während diese zu 
gesicherten Existenzen und zu Rang und Ansehen sich emporschwangen, 
blieb er beruflos; ein bemitleideter und missachteter junger Mann; ja 
der Menschenscheue wurde totgesagt. Und doch war er nur im Traum 
erstarrt. Über seinem Wesen und Gemüt lag der Schlaf bann des Winters/ 

Wir erkennen in der schwermütigen Anlage, der unbezwingbaren 
Unfähigkeit eine regelmässige Arbeit zu übernehmen, im masslosen 
Lesen, das doch jedes Zieles und Zweckes entbehrt und nur dazu dient, 
eine Dauerassoziation zu verhindern, die altbekannten Symptome der 
Belastung. Noch deutlicher wird dies in der Schilderung Freys, die 
auch die Abkehr von der Mutter gut darstellt: . . . „Er war viel zu 
schüchtern, um irgend einen Verkehr zu suchen oder zu wagen. All- 
gemach steigerte sich diese Schüchternheit, und er begann die Menschen 
zu meiden, so dass er, nachdem sein liebster Freund unter die öster- 
reichischen Fahnen getreten war, fast ganz vereinsamt dastand. Sein 
Benehmen nahm etwas Gereiztes und Scharfes an; er vermochte einen 
Zug der Verbitterung nicht zu bemeistern, namentlich wenn er gewahr 
wurde, wie die Gleichalterigen sich anschickten, in Stellung und Würden 
einzurücken, während sich seine Zukunft immer ungewisser und aus- 
sichtsloser gestaltete. Auch empfand die um ihn bangende Mutter ein 
merkbares Schwinden des gewohnten rücksichtsvollen Gebahrens; so 
stand er spät auf, nicht früh genug zum Morgenkaffee. Er hatte es 
ungern, wenn man ihn nahe auf den Leib rückte, nnd bot zum Gruss 
immer nur zwei Finger der rechten Hand. An einem kleinen Familien- 
tee, der jeden Montag Abend stattfand, beteiligte er sich zuweilen; 
sonst floh er Gesellschaft, namentlich weibliche . . . Der Vereinsamte 
warf sich auf eine Unmenge Bücher und las im Laufe der Jahre un- 
endlich viel. Aber er betrieb jede Lektüre ohne Plan und Methode, 
da es sich nicht um die Erreichung irgendeines gesteckten, sicheren 
Zieles handelte, vielmehr alles oder doch das meiste der Laune und 
Stimmung anheimgegeben sein durfte/ 

Die gute Mutter Hess den Sohn gewähren, zumal sie gleich den 
Freunden und Anverwandten keinen anderen Rat wusste, als den eines 
liebevollen, weichen Herzens und brünstige Gebete. „Die Entscheidung 
reifte nach und nach von selbst aus den Verhältnissen heraus. Die 
zersplitterte und willkürliche Tätigkeit, der stetig sich vertiefende innere 
Zwiespalt, die gänzliche Ratlosigkeit, die anscheinende Verbauung und 
Absperrung jeden Ausweges und die andauernde Zurückgezogenheit be- 
gannen dem Gemüte des Dichters verhängnisvoll zu werden. Mehr und 
mehr schauderte ihn vor dem unentwirrbar verschlungenen Knäuel seines 
Daseins und vor den Rätseln des Menschenlebens überhaupt, und langsam 



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Der Dichter und seine Mutter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 21 

beschlich ihn der Wunsch, ans Welt und Verworrenheit herauszukommen*. 
Hierzukamen dlich noch die Wirkung eines literarischen Werkes* Vischers 
„Kritische Gänge* mit ihrem gesunden Realismus Hessen seine bisherigen 
romantischen Ideale plötzlich zusammenstürzen. „Ihn übermannte das 
Gefühl im Leeren zu stehen. Er lebte eigentlich kein reales Leben, 
sondern webte nur in Hirngespinsten, er hatte keine Pflichten, keine 
Geselligkeit keine Tagesordnung, die ihn, den ausschliesslich künstlerisch 
Begabten, im Gleichgewicht zu halten vermochten. Er verzweifelte an 
sich selbst, und die Versuchung, ein verhängnisvolles Ende zu machen, 
trat eng an ihn heran.* 

Ohne die Bedeutung all dieser Dinge verkleinern zu wollen, dünken 
sie mich bestenfalls Hilfsmomente, doch nimmer entscheidend. Entscheidend 
war seine stets tiefer fressende Verzweiflung, die Mutter jemals erobern 
zu können, die ihm den Gedanken an Selbstmord aufzwang. Dies wird 
eine später zu erzählende Episode ganz durchsichtig machen. 

In diesen qualvollen Tagen „beschränkte er den Verkehr beinahe 
auf Mutter und Schwester, sowie jenen Studenten, dem er im Lateinischen 
nachhalf. Über Tag die Strassen scheuend, spazierte er nachts mit 
Betsy auf öffentlichen Wegen oder um den Rasenplatz im Garten des 
Familienhauses, wobei er immer den gleichen Schlangenweg durchmass. 
Hier erging er sich aber nur, wenn der Mond schien; denn, pflegte er 
zu sagen, der Mondenschein zieht alles ins Grosse und verwischt mit 
seinen sanften Lichtern die Grenzen der engen Eingeschlossenheit. Da- 
gegen ruderte und schwamm er nach wie vor. Gewöhnlich nahm er am 
nahen Gestade ein Schiffchen, fuhr mitten in den See hinaus, sprang 
in die Flut und schwamm oft so lang und weit, dass er das Schiffchen 
ganz aus den Augen verlor. Allmählich begann er von diesen Wasser- 
fahrten erst in später Nacht heimzukehren, worüber sich Mutter und 
Schwester um so mehr ängstigten, als er Äusserungen, die seinen Lebens- 
überdruß verrieten, hatte fallen lassen. Eines Tages, da er sich beim 
Fortgeben besonders melancholisch ausgedrückt hatte und Stunde um 
Stunde verrann, ohne dass er erschien, war die Lage der Seinigen be- 
sonders qualvoll. Gegen Mitternacht kam er dann freilich zurück, doch 
fühlte er am nächsten Tage sich unwohl, so dass ein Arzt geholt werden 
musste, der ihm gegen ein Erkältungszahnweh Blutegel verordnete. Der 
Blutverlust und die Seelenqualen führten eine Ohnmacht herbei. Nachher 
fühlte er sich ruhiger und wohler, so dass der Dämon verscheucht schien. 
Aber während der Sommerhitze, die er in der Eingeschlossenheit seines 
Zimmers aushielt, stellten sich die dunklen Gedanken und die Mutlosig- 
keit wieder ein und steigerten sich dergestalt, dass sie zum physischen 
Eindruck wurden, er sei den Menschen unangenehm und was wohl mit 
seinen nicht seltenen Zahngeschwüren zusammenhing, mit einem üblen 
Atem behaftet.* 



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22 Der Dichter und seine Matter bis zum ersten Aufenthalt in der Irrenanstalt etc. 

Wir finden in dieser Schilderung zunächst die grosse Menschen- 
scheu des Jünglings, seinen hochgradigen Assoziationswiderwillen. Auch 
von Mutter und Schwester entfernt er sich gern und verbindet damit 
ein Bangemachen, um so deren Liebe herauszufordern, ja zu erzwingen. 
Daneben aber setzt sich allmählich auch der Gedanke schon fest, er sei 
den Menschen unangenehm, will sagen der Mutter, und als prosaische 
Erklärung hierfür, da die wahren Gründe im Unbewussten bleiben, er 
sei mit üblem Atem behaftet. 

Im Jahre 1852, da Konrad 27 Jahre zählt, kommt es zu einem 
kritischen Ausbruch. Da war eines Tages ein altes pockennarbiges 
Fräulein zur leidenden Mutter auf Besuch gekommen, das sich unter 
anderem auch nach Eonrad erkundigte. „Mit mehr Eifer zu trösten, 
als barmherzigem Takt" erzählt uns Betsy, „verstieg sie sich zu Fragen 
und hoffnungsvollen Erwähnungen, die der armen Mutter bitter wehtaten. 
Es überquoll in ihr die Wehmut. Sie, die sonst so Tapfere, brach in 
Worte aus, die ungefähr lauten mochten: ,Schonen Sie meiner 1 Mein 
erstes, mein begabtes Kind ist für solche Zukunftshoffnungen einer Mutter 
verloren! Er begräbt sich selbst. Er ist für dieses Leben nicht mehr 

da ' Und mein armer Bruder hörte das*, als er zufällig, um eiu 

Buch zu holen, just über den Gang kam. „Still und unbemerkt war er 
wieder davongegangen. Aber die Wunde, die er empfangen hatte, war 
so tief, dass es mir nachher, als ich den Ausbruch seines Schmerzes sah, 
vorkommen wollte, sie sei unheilbar. Ich erschrak bis ins Herz hinein 
für beide, für ihn und die arme Mutter. Auch sie konnte sich nicht 
trösten über das, was sie gesagt hatte, obschon ihrem Gefühl und ihren 
Gedanken fernlag, was sich wie ein Dolch in seine Seele gesenkt hatte : 
Sie sagte einer Fremden, ich sei für sie tot! — Was ist denn nur 
an mir, dass man mich nicht liebgewinnen kann. .. .? Inwiefern 
bin ich denn nicht wie die anderen...? Warum beklagt denn jene 
Hässliche, dass meine Mutter mich zum Sohne habe...? Sage mir auf 
dein Gewissen, um deiner Wahrheitsliebe willen, sage mir, ob ich 
irgend einen körperlichen Fehl habe, der abschreckend istl' 
So drang er auf mich ein, als wir auf diese Vorfälle zu reden kamen. 
Mit einer leidenschaftlichen Seelengewalt, die mir den Mut gab, der 
eigentlich der natürliche Rückschlag eines grossen Erschreckens ist. 
,Ach keine Spur! 4 sagte ich. ,Ich will dir's beschwören bei allem, 
was du willst. Du bist gesund und normal, wenn du es sein willst. 
Aber so, wie du jetzt sprichst, bist du auf dem Punkte, krank zu werden. 
Komm doch nur heraus aus deiner Folterkammer! Heute kannst du 
es. Konsultiere doch einen Arzt. Er wird dich aus dieser Luft weg- 
schicken. Tue es der Mutter zulieb.' Nicht auf mein Wort hin fasste 
er den grossen Entschluss, sondern erst, als die Mutter selbst ihn bei 
allem, was ihm heilig und teuer war, angefleht hatte, doch nicht länger 



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Bis zum Tode der Matter. 23 

in dieser hoffnungslosen and unnatürlichen Lage zu verharren. ,Ja, 
dir zulieb will ich es tun!' hat er ihr versprochen. Sie selbst allein 
begleitete ihn in die Heilanstalt Präfargier bei Neuenburg und stellte 
ihn den dortigen trefflichen Ärzten vor. Als er die Mauern des mit 
weiten Gärten und Parkanlagen umgebenen Gebäudes erblickte, sagte er: 
,lch bin schon gesund, liebe Mama/ Und ähnlich lautete der Spruch 
der Ärzte: ,Er ist nicht krank, aber er ist kein harmonisch besaiteter, 
gleichmässig ausgestatteter und entwickelter Normalmensch. Dass er 
diese lange Abgeschlossenheit ertragen hat, deutet auf die Widerstands- 
kraft seiner reinen, unverdorbenen Natur. Jetzt gilt es, neu anfangen! 
Nicht mehr in die alten Verhältnisse zurück! 41 ). 

Es ist nach den vorgeschilderten Proben wohl jedermann klar, 
dass Meyers Betragen und Entwicklungsgang durch zwei Faktoren 
determiniert wird : Die schwere, von der Mutter überkommene Belastung 
— seine Konstitution sei nicht in jeder Beziehung beschaffen, wie die- 
jenige anderer Menschen, sagt Dr. Borrel recht euphemistisch — und 
durch die Liebe zu jener selbst. Des Jünglings Verhalten ihr gegenüber 
ist ungefähr gleich dem eines Hysterischen. Auch seine wohl niemals 
ernst gemeinten Selbstmorddrohungen sind durchaus ähnlich den bei der 
Neurose nicht selten zu findenden. Bekräftigt wird endlich, was ich im 
Eingange dieses Kapitels über Mutter und Sohn ausführen konnte: ein 
jedes liebte das andere wahnsinnig-leidenschaftlich, nur verstand ein 
jedes unter Liebe einen anderen Egoismus. Die Mutter sucht Ersatz 
für den Mann, mit der Herrschaft verbunden über ihr Kind, und hetzte, 
als ihre Erwartung sie täuschte, sich selber in Verbitterung hinein. Ihr 
Sohn hinwider wollte eine Mutter, die sich allzeit opfert, zeitlebens die 
sorgende Geliebte bleibt und so die Rolle des Vaters übernimmt. Drum 
konnten die beiden nie zusammenkommen, sie nie die harmonische Ein- 
tracht verbinden, die zwischen gesunden Eltern und Kindern doch die 
Regel bildet. 

Bis zum Tode der Mutter. 

Etwa 2 1 /* Monate, also immerhin doch eine ziemliche Zeit blieb 
Konrad in der Irrenanstalt, wo ihn der Direktor aus besonderer Ver- 
günstigung bald in den Kreis der Hausgenossen aufnahm. Von diesen 
kam ihm namentlich C 6 eile Borrer, die Schwester des Direktors, mit 
liebenswürdiger Güte entgegen — wie eine Mutter. Genesen entlassen, 
ging er nicht nach Hause, vielmehr auf Anraten Dr. Bor reis, der ihn 
in der Nähe zu behalten wünschte, vorerst nach Neuenburg, wo er allerlei 



i) Etwas abweichend berichtet Adolf Frey den Ausspruch der Ärzte: 9 es 
liege bei Eonrad keine eigentliche Erkrankung vor, sondern lediglich eine Über- 
reizung seiner Konstitution, die allerdings nicht in jeder Beziehung beschaffen sei 
wie diejenigen anderer Menschen/ 



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24 Bis zum Tode der Matter. 

las und eine Keihe angenehmer Bekanntschaften schloss. So über- 
strömend die Dankbarkeit der Mutter gewesen, als sie von des Sohnes 
Genesung hörte, da sie ihn selber ein halb Jahr später wieder sah, 
„fand sie seine geistige Genesung weniger fortgeschritten, als sie gehoiFt, 
und gelangte bekümmert zu der Überzeugung, dass ein vorläufig unbe- 
grenztes Verbleiben in der Fremde für ihn das Bessere und von einem 
Zusammenleben mit ihm w r enig Erspriessliches zu erwarten sei." Es ist 
interessant, wie richtig ein Fernstehender, Professor Go de t, den Konrad 
in Neuenburg aufgesucht hatte, den Jüngling einschätzte. „Für ihren 
Sohn", schrieb er der Mutter, „sind die rauhen Lehren der Erfahrung 
notwendig, und ich fürchte sehr, dass solange Sie seine Bedürfnisse und 
seine Existenz so reichlich bestreiten und ihm nicht die ganze Verant- 
wortlichkeit überlassen, dies noch lange in der gleichen Weise fortgehen 
wird. Ich bin überzeugt, dass es Zeit ist, Konrad sich selber zu über- 
lassen und ihn dadurch zu zwingen, seinen Lebensunterhalt zu verdienen 
und durch seine Arbeit sich selbst Hilfsquellen zu eröffnen. Das wäre 
für ihn der Punkt, wo er das Experiment verlassen und für sich allein, 
den Kampf beginnen würde, den er gegen seinen mächtigen Feind zu 
kämpfen hat." Und dann, als ob er die Theorie der Belastung kannte, 
die als deren Ursache eine Erkrankung der Körperfühlsphäre annimmt, 
des zerebralen Zentrums für das eigene Ich: „Sein grosser Feind 
ist das eigene Ich; das ist das Zentrum, um das sich alles 
dreht." 

Die Mutter befolgte übrigens den Rat dieses Freundes nicht, 
sondern liess den Sohn auch weiterhin seine volle Freiheit, sich nur 
bemühend, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, nach Paris zu reisen. 
Diese Absicht gelang, doch bedang sich Konrad dafür aus, nach 
Lausanne zu gehen, wo er schon einmal sich selber gefunden. Schrieb 
er doch später in seinen autobiographischen Skizzen: „Mir war die 
französische Schweiz von jeher eine zweite Heimat, wohin ich mich 
mehr als einmal geflüchtet, wenn es mir zu Hause nicht nach 
Wunsch ging, und immer mit gutem Erfolg." Und dort in Lausanne 
fand er, wie schon einmal, bei einem Freund des verstorbenen Vaters 
die freundlichste Aufnahme. „Kein Mitlebender hat solch einen tiefen 
Einfluss auf K. F. Meyer ausgeübt wie Vulliemin", meint August 
Langmesser. „Seine selten harmonische Persönlichkeit erschien ihm 
wie ein Ideal. Bald nach seiner Ankunft schrieb er seiner Mutter: 
„Wenn ich jemals dazu komme, meinen Weg zu machen, so sind wir 
es diesem unseren besten Freunde schuldig.** Vulliemin wirkte be- 
stimmend auf sein Geistes- und Seelenleben ein. „Er bildete Meyers 
historischen Sinn und leitete seine Studien. In seinem Hause entwickelten 
sich unseres Dichters feine Gesellschaftsformen. u Und Frey ergänzt: 
„Als einen wahren Segen empfand er in diesem Kreise die liebenswürdige 



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.Bis zum Tode der Mutter. 25 

Teilnahme, wie die sorgliche, niemals aufdringliche Förderung seiner 
Ziele". Ich darf noch beisetzen, er hat in Vulliemin einen zweiten 
Vater wiedergefunden, also das Ideal seiner ersten Kindheit. In seiner 
Liebe zum Weibe getäuscht, macht er's wie sämtliche Neurotiker auch: 
er kehrt sich dem andern Geschlechte zu, und zwar vorerst in der Irren- 
anstalt dem Dr. Borrel, der gleich Vulliemin nunmehr an Stelle des 
Vaters tritt. Dem entspricht auch die völlige Wandlung seines Wesens 
seit seinem Eintritt in Präfargier, das aus einem „zwar niemals kraft- 
vollen , aber doch etwas trotzigen und ungestümen in ein scheues und 
gebrochenes umgeschlagen hatte, welches ihm auf lange Jahre anhaftete. " 
— „Es ist seltsam" äusserte er damals, „solange ich gegen jemand zu 
rebellieren hatte, war ich robust; nun, wo mir jedermann wohlwill, kann 
mich jedes gute Wort weich machen." „Er fühlte sich so widerstandslos, 
so leicht verwundbar", berichtet Frey, „dass er trotz der grössten 
Schonung, die sie ihm bewies, die ihm herzlich zu getane Schwester ein- 
mal bedeutete, ihn mit jeglichem Scherze zu verschonen, wie harmlos 
er immer sein mochte. ,Ein Scherz führt oft ein wenig zu weit 4 ". So 
wenig vertrug er damals die Liebe des weiblichen Geschlechtes, ganz zu 
geschweigen von Scherz oder Spott. Doch dem Mann gegenüber ward 
er weich wie Wachs, sowie er es einst zum Vater gewesen, der ihn 
ebenso sorglich, mit unaufdringlicher Teilnahme gefördert. Je wilder 
er früher gegen den Stachel gelockt, solange die Mutter ihn beherrschen 
wollte, desto lenksamer ward er nunmehr in der Hand des väterlichen 
Freundes, der gar nichts begehrte, nur schlechtweg ihn liebte. Noch- 
mals wiederholt sich, was wir schon bei dem Sechsjährigen fanden, nur 
damals nach einer kritischen Krankheit: die abnorme, pathologische 
Lenksamkeit nach vorhergegangenem aufbrausenden Trotz, die auffällige 
Weichheit und Reizbarkeit des Fühlens. Und auch hier dann wieder 
neben der Belastung die Erotik als entscheidendes auslösendes Moment. 
„Der höchste Liebesbeweis sind Opfer." An diesem der Neurose 
spezifischen Grundsatz hielt Konrad nun auch in der Ferne fest, um so 
mehr, je schwerer der Mutter die ständigen Geldopfer fielen. Den Laien 
schien freilich, dass Konrads Schwäche und Mangel an Selbstvertrauen 
ihn unfähig machten. Ja, Vulliemin äusserte noch zwei Jahre später, 
er bedürfe fortwährend einer ernstlichen Aufgabe, die Ausdauer und Be- 
harrlichkeit erfordert. Drum suchte er seiner melancholischen Untätig- 
keit dadurch zu steuern, dass er ihm entsprechende Arbeit verschaffte. 
Vergebliches Mühen! Denn abgesehen davon, dass Konrad im uube- 
wussten Grunde auf die mütterlichen Opfer nicht verzichten wollte, so 
war er auch noch ein Schwerbelasteter, der jeder Dauerverknüpfung aus- 
wich, sich auf keinen Beruf festlegen Hess. Zwar verschaffte Vulliemin 
ihm den Geschichtsunterricht an dem Lausanner Blindeninstitut und 
suchte sein Sprachtalent nutzbar zu machen für verschiedene Überset- 



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26 Bis zum Tode der Matter. 

zungen aus dem Französischen. Ja, sogar an eine Gymnasiallehrerstelle 
wurde gedacht — die Mutter freilich hatte diesen Gedanken une veri- 
table derision genannt — doch als es damit Ernst werden sollte, schreckte 
Konrad zurück. „Gern hätte er irdendwo bürgerliche Stellung und 
Pflicht auf sich genommen und zwar unter sehr massigen Wünschen, u 
meint Adolf Frey. „Sein Begehren ging dahin, »still, unbemerkt und 
von Arbeit nicht überlastet zu leben ; alles, was Ruhm und Ehre heisst,' 
ist ihm gleichglütig worden; oder wenigstens sucht er sichs einzureden 
vor den Zusprächen und Mahnungen der Mutter, die nicht ermüdet, ihn 
auf die Zukunft hinzuweisen und ihm das Trachten nach Selbständigkeit 
ans Herz zu legen. ,Was Du über eine gute Stelle sagst/ schreibt er 
ihr am 17. August 1853, ,ist so wahr, dass jedes Kind und selbst ich 
es einsehe/ Die Nötigung, ihr allmonatlich neben den Rechnungen mit 
den unabweislichen Geldforderungen lästig zu fallen, frischten ihm die 
Überzeugung von der Unhaltbarkeit seiner Lage immer häufiger auf, 
als ihm lieb war." Und doch im tiefsten Unbewussten war's ihm um 
eine Stellung gar nicht zu tun. Denn als die verschiedensten Pläne 
scheiterten, erträgt er sein Schicksal so stoisch-gelassen, dass daraus 
schon hervorgeht, wie wenig sein Herz sich darüber grämt. 

Immerhin war er an der Seite Vulliemins viel heiterer und 
menschenfreundlicher worden. Seine Briefe an die Mutter, so kurz sie 
meist gehalten sind, atmen oft grosse Zufriedenheit, und da seine 
Schwester ihn besuchte, „fand sie ihn sehr zu seinem Vorteil verändert, 
im Besitz von savoir vivre, dazu heiter und freundlich, wie sie ihn nie 
gesehen. Freilich, meinte sie, so sehr er sich beruhigt habe, von der 
so nützlichen Gabe des Gleichgewichtes scheine er ihr noch wenig zu 
besitzen. Von der Zukunft sprach er so leichthin, dass sie nicht wusste, 
ob sie wache oder träume: ,unser aller Schicksal macht er wie eine 
Kartenkunst. iU Das wiegt um so schwerer, als Betsy eigentlich mehr 
auf Seiten des Bruders stand als auf der der Mutter. Diese hatte sie 
abgesandt, dem Sohne ins Gewissen zu reden. Dies tut sie zwar ernst- 
lich, aber immerhin doch nur mit halbem Herzen. Und entschuldigend 
schreibt sie der Mutter zurück: „Konrad ist 27 Jahre alt und hat sich 
durch eigene Schuld bis jetzt jede eigene Stellung unmöglich gemacht. 
Wo man ihn aufnahm, nahm man ihn nur Deinetwillen auf. Ohne Dich 
war er Null. Jetzt möchte er seinen eigenen Wert oder Unwert kennen 
lernen, und das ist gut und gehört zu seiner Erziehung. Vergiss nicht, 
liebste Mutter, Konrad ist ein Mann, wenn auch kein mannhafter, und 
was für eine Tochter das lieblichste Los ist, kann einem Sohn drückend 
werden. Soll Konrad einmal handeln lernen, muss man ihn vorerst ohne 
Stütze stehen lassen, damit er sich kenne." 

Seit jener Katastrophe, die den Sohn bis in die Irrenanstalt brachte, 
wagte die Mutter nicht mehr so heftig aufzutreten. Doch innerlich hatte 



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Bis zum Tode der Mutter. 27 

die Mutter an Konrad verzweifelt trotz aller günstigen Berichte Vullie- 
mins. Ihre einzige Stütze war nunmehr die wohlgeratene Tochter, an 
der sie jetzt doppelt leidenschaftlich hing. Sie bedurfte dieses Trostes 
und Haltes an Betsy um so notwendiger, als sie sich täglich ja stünd- 
lich um den Sohn härmte und ihrer seit Jahren währenden Kümmernis 
immer noch kein Ende absah, da sich kein Ausweg aus dem Labyrinth 
auftat und sein Schicksal auch in Anbetracht der geringen Mittel, die 
ihm zur Verfügung standen, ein äusserst ungewisses und peinliches zu 
werden schien. Die Seelenleiden, die er unter ihrem Dache und vor 
ihren Augen durchgemacht, hatten die ohnehin überzarte Frau der- 
massen erschüttert, die langsame und, wie ihr wenigstens vorkam, still- 
stehende oder gar rückschreitende Genesung in Lausanne, griff sie so 
sehr an, dass sich bereits mit schwachen, aber bedrohlichen Linien das 
dunkele Verhängnis abzuzeichnen begann, dem sie entgegenging, ohne 
dass wohl jemand, soweit dies für uns erkennbar ist, es ahnte. Schon 
klingt es gelegentlich wie eine Selbstanklage, die sie, die doch gänzlich 
schuldlos war, gegen sich erhob. ,Acht Jahre lang,' schrieb sie am 
10. November 1853 an den Sohn, ,in dumpfer Resignation zuzusehen, 
wie sich der mit schönen Anlagen ausgerüstete Geist eines Kindes 
zwecklos verzehrt, ist wahrlich ein Flecken im Buche meines Lebens, 
den ich mit blutigen Tränen auswaschen möchte/ u 

Hier vermeint Adolf Frey das Flügelrauschen der Psychose zu 
hören. Dies dünkt mich nun doch ein wenig verfrüht, da die Melan- 
cholie bekanntlich fast drei Jahre später erst ausbrach nach einer er- 
schöpfenden Krankenpflege und einer Infektionskrankheit. Doch sicher 
sind die vorgeschilderten Stimmungen eine Etappe zu dieser. „Immer 
fürchtete die Mutter, der Dämon möchte beim Sohn wieder hervor- 
brechen. ,An Konrad schreibe ich noch heute, aber behutsam, damit 
die Geisteskrankheit nicht wieder die frühere Form annehme .... 
Ach, man hat im Grunde immer Angst bei einem so vielen Stimmungen 
unterworfenen Menschen, wie unser armer Konrad ist. 4 Er wurde ihr 
-ein Rätsel, vor dem sie sich fürchtete, sie wusste auch nicht mehr, 
woran sie mit ihm war. ,Ich traue meinem Urteil in Beziehung auf 
Kourads Angelegenheiten nicht mehr und bin daher froh, wenn andere 
handeln. 4 * 

Da die Berichte der Schwester und Vulliemins übereinstimmend 
immer günstiger lauteten, auch Konrads Briefe von fortschreitender 
Gesundung und wachsender Arbeitslust stets deutlicher zeugten, wurde 
endlich seine Heimkehr ins Auge gefasst. Der Eindruck, den die Mutter 
von dem Rückgekehrten hatte, von seiner „moralischen und religiösen 
Veränderung* war ein derart günstiger, dass sie dem Freunde in über- 
quellendster Weise dankte. Der Dichter selber vertauschte freilich 
Lausanne recht ungern mit seiner Vaterstadt. „Denn er hatte hier,* 



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28 Bis zum Tode der Mutter. 

wie Betsy damals schrieb, „eine Vergangenheit oder vielmehr keine 
und wusste wohl, dass man ihn darum ansah." So sehr in Zürich die 
Berufsfrage aufs neue energisch an ihn herantrat, so gelassen blieb Konrad 
allem gegenüber. Seine wesentliche Beschäftigung waren Übersetzungs- 
arbeiten aus dem Französischen, womit er Vulli em ins Anregungen nach- 
ging. „ Seine dichterischen Pläne und Heimlichkeiten verbarg er, wo- 
durch er vor der Mutter meistens zu schweigen gewöhnte, obgleich er t 
wie sie der Tochter wiederholt meldete, durchschnittlich heiter und ver- 
gnügt dreinblickte. Beinahe von Woche zu Woche fühlte sie sich von 
seinem Fleisse mehr befriedigt. Immerhin galt er eben noch als der 
,arme 4 Konrad, der viel guten Willen, aber wenig Kraft besass." 

Da traten zwei Ereignisse ein, die für des Dichters Entwicklung 
bestimmend wurden. Im Hause der Mutter lebte auch ein damals fast 
70 jähriger Imbeziller, der nach monatelangem Siechtum und unendlichen 
Leiden schliesslich verstarb. Die Mutter hatte sich nun nicht abhalten 
lassen, „möglichst viel um ihn zu sein und bei der Pflege hilfreiche 
Hand zu leisten, obschon dies nicht nötig war, da ein Wärter alles Er- 
forderliche verrichtete. Sie fing an schlaflos zu werden und glaubte 
fortwährend den Leidenden schreien zu hören, der allerdings sehr schwer 
litt ~und wehklagte. Mit dem Eintritt der Sommerhitze wurde das 
Krankenbett fast unerträglich, aber die Mutter, allem Zureden der 
Kinder und des Arztes unzugänglich, behauptete Stunden und Stunden 
lang ihren Platz im Zimmer des Stöhnenden, so dass sie sich aufrieb. 
Im Juli endlich konnte der Gequälte sterben. Aber jetzt entwickelte 
sich bei der geprüften und erschütterten Frau eine ausgesprochene 
Gemütskrankheit: eine während der letzten Zeit der Pflege ausgebrochene 
Gesichtsrose, mit der sie sich durchaus nicht legen und schonen wollte, 
trat am dritten Tag zurück und war vielleicht die eigentliche Ursache 
des Leidens. Sie klagte sich an, die Mörderin des Hingeschiedenen zu 
sein, ihn. nicht genugsam gepflegt, sowie beim Anblick seiner entsetz- 
lichen Schmerzen oft seine Auflösung herbeigewünscht zu haben. Reli- 
giöse Selbstvorwürfe gesellten sich dazu, den zerwühlten Geist bestürmend. 
Sie nannte sich eine grosse Sünderin, die von Gott Verstössen sei und 
keine himmlische Barmherzigkeit finden werde. Auch erklärte sie ihre 
geistige und körperliche Kraft für gebrochen. u In die Irrenanstalt 
Pr6fargier gebracht, gelang es ihr bald, einen Selbstmord ins Werk zu 
setzen, indem sie sich vom Geländer einer Brücke ins Wasser stürzte. 
Nach dem Vorgeschilderten lag ohne Zweifel eine Melancholie vor mit 
der charakteristischen Selbstanklage, dem Verkleinerungswahn und dem 
typischen Selbstmord, eine Melancholie auf dem Boden einer schweren 
erblichen Belastung, ausgelöst endlich unmittelbar durch die lange, auf- 
reibende Krankenpflege und das Kopferysipel. 



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Das erste Wanderjahr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu Mutter u. Bruder. 29 

Weder Betsy noch Konrad konnten den Schmerz über den Tod 
der Mutter so ganz verwinden. Schrieb doch die erstere: „Sie war 
uns beiden so lieb, dass wir nicht auszudenken vermochten, wie es 
würde, wenn sie nicht mehr da wäre. Als die uns dann im Herbst 1856 
entrissen wurde, schien es uns, als wäre mit ihr und ihrer Treue nun 
alles Liebliche für uns von der Erde verschwunden. Unser trautes Heim 
war doch immer gewesen, wo sie war. In meines Bruders innerem 
Leben, in seiner Poesie tönt dieser schmerzliche Klang viele Jahre lang 
nach. „In Stunden, wo das Leben ihm dunkelte, übte das Wasser, in 
dessen Schoss ihm Ruhe von allem Kampfe zu winken schien, eine dä- 
monische Anziehungskraft aus: 

,Eine liebe, liebe Stimme ruft 

Mich beständig aus der Wassergruft . . . lU 

„Erst die starken italienischen Eindrücke vermochten diese schmerz- 
volle Dissonanz in reine Schönheit aufzulösen. u Und doch, wenn ich 
das Leben des Dichters im ganzen überschaue, muss ich .wiederholen, 
so barbarisch dies manchem auch klingen mag: Erst der Tod der 
Mutter und in zMeiter Linie die materielle Sorglosigkeit, die ihm ein 
Legat nach dem verstorbenen Imbezillen gewährte, machten es möglich, 
dass Meyer ward, was wir heute bewundern. 

Das erste Waoderjahr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu 
Mutter und Bruder. 

In den Jahren, die nun folgen, traten immer stärker die Belastungs- 
zeichen des Dichters zutage: vor allem sein Assoziationswiderwille und 
ein Symptom, welches diesem entspringt, sein lebenslänglicher Reise- 
drang. Bekanntlich ist die Reisesucht ein ganz treffliches Mittel, sein 
Ich an stets neue Eindrücke zu heften, ohne doch sich irgendwo fest- 
zulegen, wie ja der richtige globetrotter allzeit ein schwer Belasteter 
ist. Nach dem Tode der Mutter geht Konrad erst nach Lausanne zu- 
rück, will dann mit der Schwester nach Italien reisen, was an Dr. Borreis 
Widerspruch scheitert, worauf er schliesslich nach Zürich eilt, um in 
jenen Zeiten politischer Not sich dem Staate irgendwie nützlich zu er- 
weisen. Als er .jedoch da nur schwere, kränkende Missachtung erfährt, 
entschliesst er sich stracks, allen poetischen Plänen zu entsagen und 
zwei Jahre in Paris zu studieren. Freilich war jene Missachtung minder 
schwer, als er sie empfand, kraft seiner pathologischen Reizbarkeit. 
Doch hat er tatsächlich in jenen zwei Monaten „mehr gelitten, als sich 
sagen lässt," wie er aus Paris der Schwester schreibt. „Wie erbärmlich 
war ich nicht in Zürich daran! Was mich niederwarf und aufrieb, 
war die Missachtung, das Fürkrankhalten, in der ich lebte, sowie mich 
am tiefsten jene Hinweisung auf meine in den letzten Jahren unver- 



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30 Das erste Wanderjahr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu Mutter u. Bruder. 

schuldete Berufslosigkeit kränkte/ Er muss zwar selber offen zugeben: 
„ Warum sollen sie einem Menschen, der krank gewesen ist, dessen 
Mutter auch krank gewesen, der überdies nichts Rechtes, das heisst 
Praktisches, kann, das geringste anvertrauen?" Doch innerlich fühlte 
er sich aufs tiefste verletzt, so dass er erklärt; „Fort musste ich, weil 
ich sonst krank geworden wäre!" und es verschwört, je wieder in die 
Heimatstadt zurückzukehren, es sei denn in eine bestimmte Stellung, 
oder nachdem er etwas Rechtes gelernt. Frey bemerkt dazu richtig: 
„Solche und ähnliche unbedeutende Stösse und Anfechtungen hätte ein 
Stärkerer unbeachtet lassen oder leichthin abgeschüttelt, namentlich 
wenn ihm, wie das bei Meyer der Fall war, die finanzielle Unabhängig- 
keit zu Hilfe kam, so dass er sich schliesslich über all das hinwegsetzen 
konnte; aber sein krankhaft reizbares Gemüt empfand sie als ein un- 
leidliches Weh. Er suchte ihnen auszuweichen, und, wenn er einmal 
heimkehrte, vorzubeugen." In dieser krankhaften Reizbarkeit, in dieser 
Masslosigkeit des Empfindens, die ein kleines Weh gleich unleidlich 
empfindet, erkennen wir abermals ein typisches Belastungssymptom, das 
freilich in unserm Fall noch verstärkt wird durch die Erinnerung an 
ähnliche Kränkungen seitens der Mutter. „Es wurde ihm immer deut- 
licher, dass das erste und für einmal einzige, was ihm oblag, darin be- 
stand, etwas Rechtes zu lernen, wie er sich immer wieder ausdrückte, 
und sich, sollte er darüber vierzig werden, so gründlich, so tüchtig, so 
streng ausbilden als möglich, nicht nur zum Wissen und Können, sondern 
zur unbedingten Selbständigkeit . . . Hochzusteigen gedachte er mit 
seinem Studium nicht, es sollte ihm die Verwaltung des eigenen Ver- 
mögens erleichtern und womöglich zu einer kleinen Stelle in Zürich oder 
anderswo verhelfen." Wie man sieht, ist jetzt nach dem Tode der 
Mutter mindestens ernsthaftes Wollen da, nicht das apathische laisser 
faire, dem er bisher fröhnte. Wenn aber Adolf Frey dann hinzufügt : 
„Er begehrte nur darum so wenig, weil er, mehr oder weniger bewusst r 
sich lediglich die Freiheit für die Poesie erkaufen, den bürgerlichen An- 
forderungen dagegen nur das unumgänglich Nötige opfern wollte. Denn 
von Jugend auf lebte der Trieb nach Unabhängigkeit in ihm;" so dünkt 
mich die Sache etwas anders zu liegen. Der „Trieb nach Unabhängigkeit," 
d. h. die Scheu, sich dauernd zu binden, beweist nichts anderes, als 
dass er ein Assoziationsflüchtling war, wie eigentlich jedweder schwer 
Belastete, und seine minimalen Zukunftsansprüche erklären sich daraus, 
dass er jederzeit nur eine Stellung wünscht, die er unschwer und rasch 
wieder aufgeben konnte. Sich Zeit für seine Poesie zu reservieren, lag 
ihm durch Jahre hindurch noch fern. Hingegen ist es wieder ein typi- 
sches Zeichen, zumal der schwer belasteten Dichter, dass „ihm Neigung 
und Fähigkeit zu einem praktischen Beruf schlechtweg mangelten." 



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Das erste Wanderjahr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu Mutter u. Bruder. 31 

In Paris gedachte er zwei Jahre zu studieren, um dann später in 
Berlin seine juristischen Studien zu vollenden. In Wahrheit Hess er die 
Juristerei bald gänzlich sein und begnügte sich damit, ein bischen 
Kunststudien, ein bischen Geschichtslektüre zu treiben und im übrigen 
gemächlich im Pariser Leben dahinzuschwimmen. Bezeichnend hierfür 
sind die Briefe an die Schwester. Da heisst es z. B.: „Das Gute hat 
Paris, dass es alle Träumereien beseitigt. Dieser Lärm und dieses 
Rennen lässt das innere Leben gänzlich verstummen; man geht seinen 
Geschäften nach, isst und trinkt und ist eigentlich weder glücklich noch 
unglücklich, weil man sein eigenes Wort nicht, geschweige sein Herz 
versteht. a Doch gerade dies assoziationsscheue Leben sagt dem Schwer- 
besasteten am besten zu. So schreibt er Betsy fünf Tage später: 
„Ich bin so beschäftigt und habe so viele und von allen Arten Be- 
kannte, dass mir die Zeit fliegt . . . Ich werde wahrhaftig von Tag 
zu Tag gesunder und mutiger." Auch diese Beschäftigung mit zahl- 
reichen Dingen, der Verkehr mit vielen und ganz verschiedenartigen 
Bekannten ist für den Schwerbelasteten typisch. Darum fühlt sich der 
Dichter im Wirrwarr und steten Wechsel weit wohler als in dem gleich- 
massigen Einerlei zu Hause. „Es geht mir im ganzen gottlob gut. 
Zwar fasse ich die Dinge unglaublich unpraktisch an, aber mein guter 
Wille wird am Ende doch meiner Ungelenkigkeit Herr." Endlich noch 
die geradezu malende Stelle: „Nichts ist schöner als der Tuileriengarten 
am Sonntag. Dies Leben, diese Mannigfaltigkeit, diese stete Erneuerung 
der Menschen — nach zehn Minuten lauter fremde Gesichter — diese 
Freude der Kinder an ihren Spielen, der Frauen an ihren Kleidern, 
diese Trachten, alle diese höflichen Soldaten, die Mohren, die Araber, 
der Prinz Daniel von Montenegro, die Ristori, alles das aneinander 
vorüberstreifend, ohne sich zu berühren, es ist zu schön/ Im Mai 
1857 setzt ihm ein fieberhafter Darmkatarrh nicht wenig zu. Aber 
kaum genesen, schreibt er der Schwester: „Ich bin ganz ordentlich wohl 
und eigentlich jeden Tag neu bezaubert, werde aber die ernste Nahrung, 
wonach mich verlangt, nur in Deutschland finden. u Und kurz vor dem 
Abschied von Paris: „Überhaupt liebe ich die Fremde, weil sie selb- 
ständig und darum glücklich macht (soll heissen: ,nnabhängig c 
im Mey ersehen Sinne). Einreden werde ich mir in meine Pläne nichts 
lassen, weil ich mit meinem Gewissen einig bin.* 

Was diese Pläne eigentlich waren, weiss niemand zu sagen. Denn 
er hatte in Paris in 16 Monaten nichts anderes getan, als die oben- 
genannten Nebensächlichkeiten und tat vorerst auch die nächsten Jahre 
so gut wie gar nichts. Obwohl er nun nach dem Tode der Mutter von 
keinem Einrede zu fürchten hatte, setzt er sich von vornherein schon 
zur Wehr, so sein böses Gewissen und die Selbstanklagen der eigenen 
Brust den Kundigen enthüllend. Von Paris geht es für kurze Zeit nach 



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82 Das erste Wanderjahr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu Mutter u. Bruder. 

Zürich zurück, von dort mit der Schwester in die geliebten Berge. Die 
Reise eines Vetters gibt ihm den überwillkommenen Vorwand, statt nach 
Berlin jetzt nach München zu ziehen — von irgendeinem Studium war nicht 
mehr die Rede — und daselbst die Kunstschätze abzuweiden, was Konrad 
selber den „qualifiziertesten Müssiggang" heisst. Auch nach der Rück- 
kehr duldet es ihn nicht lang« in Zürich, zumal eine Herzensgeschichte 
dazukam. In dem Schwerbelasteten erwacht der unbändige Reisetrieb, 
rasch lebt der alte Vorsatz wieder auf, mit der Schwester nach Italien zu 
gehen, und über Hals und Kopf wird der Aufbruch gerüstet. Auch diese 
Plötzlichkeit von Entschluss und Ausführung ist hochbezeichend, In „Pierre 
et Jean* formt Maupassant das treffende Wort: „Er hatte in gewissen 
Augenblicken jenes zwingende Bedürfnis nach sofortiger Lösung der 
Situation, das die ganze Stärke der Schwachen ausmacht, welche un- 
fähig sind, je lange zu wollen.* Ein wahrer Meistersatz hellt hier das 
Wesen des Schwerbelasteten, der rasch handeln muss, über Hals und 
Kopf, soll er überhaupt zu wollen vermögen. Denn langes Festanhalten 
an einen Vorsatz verträgt er nimmer. 

Ehe wir dem Dichter nach Italien folgen, ist es wohl nötig, sein Ver- 
hältnis zur Schwester und deren Charakter uns klarer zu machen, als bis- 
her geschehen. Ich zitierte an einer früheren Stelle das Wort der Mutter, 
ihre Tochter erinnere sie immer mehr an den verstorbenen Gatten. 
Das ist in jedem Betrachte ein Wahrwort. Der Vater war nicht nur 
die höchste Autorität gewesen, auch die besondere Verehrung und Liebe 
seiner Betsy, die Erinnerung an einen kleinen Dienst ihr ganz unver- 
gesslich, sein bekümmerter Blick, wenn er von ihr eine kindliche Un- 
gezogenheit hörte, ihre härteste Strafe. Mit seinem Tode bekommt ihr 
Leben die bestimmte Richtung, ihr Streben bewusst wie unbewusst das 
hehre Ziel : seinen Hinterbliebnen den Vater zu ersetzen. Mit dem In- 
stinkt des liebenden Weibes fühlt sie heraus, was die Mutter von ihrem 
Sohn begehrt, und als der die Erfüllung nicht bieten konnte, trat sie 
in die Bresche. Was Konrad der Mutter schuldig blieb und nach 
seiner Anlage bleiben musste, das leistet ihr Betsy. Ja, mehr noch 
als das, sie ersetzt dem Bruder auch noch den Vater in vieler Beziehung. 
Die Neigung der Mutter zu ihrem Sohne war nicht selbstlos gewesen, 
nicht opferfroh genug, sie entbehrte, wie Konrad bitter empfand, der 
absoluten Uneigennützigkeit, so die des Vaters immer besessen. Aus 
Liebe zu diesem, ihrem Erzeuger, übernimmt die Tochter nunmehr sein 
Amt, der Witwe und dem verwaisten Sohn eine feste, verlässliche Stütze 
zu sein. Es bleibt eine ewige Lebenswahrheit: lieben lernt der Knabe 
von seiner Mutter, die Tochter vom Vater. Wie Konrad zeitlebens 
an der Mutter krankte und ihrer nicht durchaus selbstlosen Liebe, 
ward Betsy zum richtigen Mutter weib durch die Liebe zum Vater. 



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Das erste Wanderjabr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu Matter u. Bruder. 33 

Verfolgen wir einmal ihr ganzes Betragen. Als zwei Jahre nach 

dem Tode des Vaters auch die Grossmutter starb und die Mutter nun 

ganz ohne Stütze dastand, war der 11jährigen Betsy einziges Trachten, 

die letztere „vor der Unbill des täglichen Verkehrs und vor dem Kummer 

; zu schirmen, den unsre Unbändigkeiten und Missgeschicke in der Schule 

oder auf dem Schulwege ihr machen konnten. Die Liebe zu ihr hob 

meine Mittelschlagsnatur. u In Konrads traurigen Jugendjahren fand 

sich das 14jährige Mädchen unendlich beglückt, wenn der 20jährige 

j Bruder ihr seine eigenen Verse vorlas oder sie für seine Lieblingsdichter 

[ begeisterte. „Wie sollte es ihm für dieses Mitteilen geistigen Genusses, 

; für dieses Mit-hineinblicken-lassen ins Reich der Poesie nicht dankbar 

' und herzlich zugetan sein ! Dem Schulmädchen klangen sogar die Verse, 

i dieFreiligrath dem toten Grabbe widmet, wunderschön: 

| , . . . Durch die Mitwelt geht 

Einsam mit flammender Stirn der Poet; 
Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel ! 
Es flieht und richtet nüchtern ihn die Welt !' 
Aber sollte es denn nicht nur schön, sondern auch wirklich und 
wahr sein? Sollte es meinen geliebten Bruder ganz persönlich angehen? 
Nein, das gab ich schon mit 16 Jahren nicht mehr zu. Das wäre ein- 
fach nicht auszuhalten gewesen und sollte nicht sein. Schon um unserer 
Mutter willen nicht, die doch eine Freude haben musste nach all dem 
schweren Leid und die jeder Strahl der Schönheit in Natur, Poesie und 
Kunst im Herzensgrund erquickte. An sie wandte ich mich denn mit 
Bitten, sie möge mich doch irgend etwas, dessen ich fähig wäre, lernen 
lassen. Es sei doch sehr nötig, schon damit ich später mein eigenes 
Brot essen könnte. Sie selbst hatte in ihrer Jugend gezeichnet und 
nur, weil sie sich früh verheiratet hatte, diese liebe Kunst aufgegeben. 
So freute sie der Gedanke, ich könnte neben ihr Porträts malen oder 
Zeichenstunden geben. . . . Die Mutter lebte auf und mir verwischte 
sich jedes persönliche Verständnis für den ,Kainsstempel 4 . Mein Bruder, 
der mir alles Gute gönnte, freute sich meiner künstlerischen Fortsehnte. 
,Zeichne nur! 4 sagte er, ,so lernst Du richtig sehen. Das kommt auch 
mir zustatten; Du siehst damit auch für mich. 4 " 

In den folgenden Zeiten und für Jahre hinaus ist Betsy die ein- 
zige, die allzeit an ihren Bruder glaubt, die einzige auch, der er all 
seine Poesien vorliest, selbst wenn er dieselben bald darauf verbrennt, 
die einzige, welche Freud und Leid stets getreulich mit dem Bruder 
teilt, die in seine Bücher einblicken darf und die bald erstarkenden, 
bald schwindenden Gestalten seiner Phantasie. Der Mutter gegenüber 
hält sie dem Untätigen, oft irre Gehenden, immer die Stange, und diese, 
die schliesslich am Sohne verzweifelt, ist herzensfroh, ihn der getreuen 
Schwester überlassen zu können. Wie sehr auch Frau Meyer an Betsy 

Grenifragen de« Nerven- and Seelenlebens. (Heft LIX.) 3 



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34 Das erste Wanderjahr. Die Schwester und ihr Verhältnis zu Mutter u. Bruder. 

hing, erwies sich, als diese aus Lausanne vom Besuche ihres Bruders 
zurückkehrte. Da hatte die Mutter „Tage und Stunden gezählt, bis ihr 
,Liebstes unter Sonne, Mond und Sternen' wieder heimkehrte. Sie 
nannte sie ihr liebes Götzchen, sie wusste ihre Briefe fast auswendig, 
sie sah an ihr hinauf, wie sie einmal schrieb. Kurz nach Betsys Ab- 
reise meldete sie : ,Wir (d. h. sie und der Imbezille) reden in einem fort 
von Dir und stellen Deine Tasse aufs Teebrett, als ob Du nicht fort 
wärest. ,Betsy' sagen wir stehend und gehend, wachend und schlafend.' Ä 
Und auch die Freundinnen in der Ferne wussten ihre Tugend nicht 
genug zu rühmen, die eine Genferin so formulierte: „Mademoiselle 
Betsy ne pense jamais ä eile, mais toujours aux autres." 

Den Tod ihrer Mutter hat Betsy ungemein schwer verwunden. 
Als nach diesem Schlage die Geschwister eine Italienreise planten, wider- 
setzte sich Dr. Borrel derselben, weil sie „beide, die sich angegriffen 
fühlten, nicht erfrischen und aufrichten, sondern geradezu schädigen 
würden, zumal die Schwester, die an und für sich ,nicht fürs Wandern 
und nicht für Wirtshäuser 1 geschaffen war, sich nur sehr langsam von 
dem schrecklichen Schlage erholte und immer nach der Gruft der so 
jäh geschiedenen Mutter zurückverlangte. u Mit der Mutter, der sie 
eine Stütze sein konnte, hatte Betsy auch ihren Lebensinhalt zur 
Hälfte verloren, und als vollends der Bruder einen jahrelangen Auf- 
enthalt in der Fremde beschloss und bald auch antrat, da „konnte sich 
die Schwester, einmal von ihm getrennt, nicht darein ergeben, ein mehr 
oder minder untätiges Leben zu führen, vor dessen Leerheit oder doch 
ungenügender Fülle und, wie ihr schien, ungenügendem Nutzen ihr 
schauderte. Schon in Prefargier hatte sie sich gelobt, sowie auch das 
äussere Versprechen abgelegt, Krankenpflegerin zu werden, und tat nun 
nach Konrads Abreise die erforderlichen Schritte zur Verwirklichung 
dieses Vorhabens*. Und es lag nur am Bruder, dass ihre Absicht damals 
noch nicht zur Verwirklichung kam. Er schrieb von Paris die zärt- 
lichsten Briefe, ja einmal sogar direkt die Worte: „Du bist ja alles, was 
mir bleibt, meine ganze Habe in der Liebe \ u Als er dann in der Seine- 
stadt erkrankte und seinen Aufenthalt abbrechen musste, „entschied sie 
sich für den zu sorgen, der ihrem Herzen und Geblüt am nächsten stand. 
Erst beinahe zwei Jahrzehnte später, als ihm in der zärtlich sorgenden 
Gattin eine Nachfolgerin für die Schwester geworden, nahm sie den 
alten, lang gehegten Gedanken wieder auf und widmete ihre Kräfte der 
Nächstenliebe. u 

Seit dem Tode der Mutter regiert die Reisesucht Konrads Leben. 
Doch in seiner ewigen Ruhelosigkeit stand allzeit schützend wie der 
leibhafte Vater, dem sie nachgeriet und -geraten wollte, die edle Schwester 
an seiner Seite. In einem späteren Gedichte an diese, das er bezeichnend 



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Die erste italienische Reise. Vergebliches Tasten nach einem Berufe etc. 35 

„Ohne Datum u nennt, welches also für alle Zeiten zutreffend, apostro- 
phiert er Betsy: 

„Zu ruhn ist mir versagt, es treibt mich fort, 
Die Stunde rennt — doch hab' ich einen Hort, 
Den keine mir entführt, in Deiner Treue! 
Sie ist die alte wie die ewig neue, 
Sie ist die Rast in dieser Flucht und Flut, 
Ein fromm Geleite leisen Flügelschwebens, 
Sie ist der Segen, der beständig ruht, 
Auf allen Augenblicken meines Lebens. u 

Die erste italienische Reise. Vergebliches Tasten nach einem 
Berufe. Das Werden des Dichters. 

Über Hals und Kopf, erzählte ich oben, waren die Geschwister 
dem Lande der Sonne zugewandert, der alten Sehnsucht unseres Dichters. 
Wie hat nur dieser einmal gesungen: 

„Zu wandern ist das Herz verdammt, 

Das seinen Jugendtag versäumt, 

Sobald die Lenzes Sonne flammt, 

Sobald die Welle wieder schäumt. 
Verscherzte Jugend ist ein Schmerz 

Und einer ew'gen Sehnsucht Hort, 

Nach seinem Lenze sucht das Herz 

In einem fort, in einem fort." 
Zu wandern ist sein Herz verdammt und war es fortab ein ganzes 
Leben. Wo aber hätte seinem ewigen Veränderungstrieb und dem un- 
ablässigen Assoziationshunger er besser und reicher genügen können, als 
in der alten Siebenhügelstadt Rom mit ihren zahllosen gewaltigen Ein- 
drücken und der unerschöpflichen Verknüpfungsmöglichkeit. „Wie gross 
und entscheidend die Eindrücke waren, die E. F. Meyer während seines 
nicht viel über zwei Frühlingsmonate dauernden Aufenthaltes in Rom 
empfing, wie voll von Ideen, künstlerischen Stoffen, Anregungen jeder 
Art er nach Hause kehrte, lässt sich nicht beschreiben", überliefert uns 
Betsy. „Wenigstens getraue ich mich nicht, es zu versuchen, sowenig 
als seine täglichen Wanderungen und Fahrten zu erzählen. Immer schien 
die Sonne, ewig blau erschien uns der römische Himmel. Nicht ein 
einziges Mal zogen sich während jener acht Wochen die Wolken zu 

einer Regendecke zusammen Jeden Morgen in der Frühe machte 

sich Konrad auf die Wanderung nach Kirchen und Tempeln, Ruinen 
und Gemäldegalerien, Gräbern und Villen, ganz nach eigenem Gutdünken 
und Plan. Oder wir fuhren in Ginem kleinen Einspänner hinaus in die 
Campagna. Mein Bruder wanderte überall auf altbekanntem und doch für 



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36 Die erste italienische Reise. Vergebliches Tasten nach einem Berufe etc. 

ihn so wunderbar neuem Boden. Wo sein Fuss hintrat, standen Gestalten 
der klassischen Vergangenheit vor ihm auf oder traten ihm die historischen 
Erinnerungen aus dem mittelalterlichen Rom und der Geschichte der 
Päpste entgegen. Der Bücherstaub fiel ab von seiner einsam gewöhnten 
Seele. Die grau in grau gezeichneten, in grossen, niöht immer festen 
Linien seiner Phantasie vorschwebenden Bilder gewannen auf einmal 
Bestimmtheit, Leben, Wirklichkeit, Reiz und Farbe. Nicht dass er als 
fertiger Künstler, der die Gewalt hat, zu schaffen und zu beleben, von 
seiner Romfahrt heimgekehrt wäre. Dies Ziel zu erreichen, brauchte 
noch viel Zeit und Mühe, energischen Entschluss zu ausdauernder Arbeit 
vor allem. Doch von nun an sah er dies herrliche Ziel vor sich." 

Es drängt sich hier wohl einem jeden Gebildeten die Analogie auf 
mit Goethes erster italienischer Reise. Wie diesen hat auch Meyer 
sehr früh die Sehnsucht nach Italien gepackt, die Sehnsucht zumal nach 
der alten Roma. Beide sind während ihres Aufenthaltes von ganz be- 
sonderem Wetterglück begünstigt, beide saugen sich satt und gesund 
an den unendlichen grossen Eindrücken. Und beide endlich zehren ein 
ganzes fürderes Leben an dieser Reise. 

Von Rom aus ging es über Florenz, Livorno, Pisa und Genua, 
nach einem Besuch bei Ricasoli ferner, der so viel Gestalten seiner 
späteren Muse Pate gestanden, in die Heimat zurück. Nach kurzem 
Aufenthalt in Zürich eilt er für diesmal bloss zwei Wochen in seine 
Berge, wo er wieder die Sorge um die Zukunft wälzt und die Frage der 
Berufswahl. Und was war des langen Überlegens Ende? Dass er von 
neuem an — Übersetzungstätigkeit dachte, nur diesmal vom Deutschen ins 
Französische. Seit dem ersten Aufenthalt in Lausanne, wo er in V u 1 1 i e m i n, 
dem Freunde seines Vaters, den richtigen Ersatz für diesen gefunden, 
ist jener Vorsatz zu übersetzen, immer der erste, der sich ihm aufdrängt, 
wenn er schon gar nichts mehr anzufangen weiss. Das muss eine tiefere 
Begründung haben, als dass ihn Vulliemin zu solchem Tun drängte. 
Wir wissen aus der modernen Psychologie, dass nur etwas so dauernd 
zu bestimmen vermag: bewusste oder unbewusste Erotik. Unser Konrad 
gehorchte Vulliemin nur darum, weil dieser der Stellvertreter des heiss- 
geliebten Vaters war, und ich habe ausserdem noch den Verdacht, dass 
weiters die Liebe zur Mutter mitspielt, die wohl auch ihren kleinen 
Jungen zu ähnlichen Übersetzungen aus ihrem geliebten Französisch 
anhielt. 

Dazumal also wollte unser Dichter deutsche Werke ins Französische 
übertragen, darunter auch Mommsens „Römische Geschichte". Ich 
sage „unser Dichter", denn dieser begann sich damals zu regen und 
wälzte Pläne, Dramen zu schreiben aus historischem Stoff. Zur Aus- 
führung freilich gelangten von poetischen Werken nur die Dichtung 
„Engelberg" und zwei kleinere Gedichte. Im Frühjahr 1860 floh er zum 



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Die erste italienische Reise. Vergebliches Tasten nach einem Berufe etc. 37 

dritten und letzten Mal in die französische Schweiz, nachdem eine un- 
glückliche Herzensgeschichte, sowie der Stadtklatsch über seine Stellen- 
losigkeit ihn aus der Heimat vertrieben hatten. Die erstere war dem 
Schwerbelasteten so nahe gegangen, dass ihn zwei Monate später noch 
„eine Initiale bewegen u konnte und er der Schwester nach Hause schrieb: 
„Wahrhaftig, es stand wieder, mehr als jemand wusste, mit mir auf 
dem Äussersten. Es weiss es niemand, welche Höllenqualen mir die 
Spannung, das Schwanken gemacht hat/ Seine Pläne für die Zukunft 
sind aber genau so haltlos wie immer: Privatdozent zu werden für 
französische Sprache und Literatur oder — als Übersetzer durchzudringen. 
Und weil ihm als einen Schwerbelasteten zu ernster wissenschaftlicher 
Tätigkeit so gut wie etwa alles fehlte, zumal die Ausdauer und regel- 
mässiger Arbeitswille, drum warf sich sein Eifer auf das nächste Beste, 
was natürlich das Allerunpraktischeste war, er begann auf einmal — die 
Apostelgeschichte zu studieren. In den Briefen freilich an Schwester B e t s y 
findet er seiner platten Unfähigkeit zur Konzentration und steter Arbeit 
die schönste, wortreichste Entschuldigung: „Mein Herz begehrt Ruhe 
und mein Geist Selbständigkeit. Auch der beste und liebste Einfluss 
würde mich jetzt nur stören. Ich bin ganz durchdrungen von dem 
Gefühl, meiner Individualität endlich einmal ihren freien und natürlichen 
Wuchs zu gönnen nach allen den erbärmlichen Spalieren, an denen sie 
sich hingewunden hat. Ich habe nun das Ruder ergriffen und das Ziel 
im Auge; es gilt, mein letztes Teilchen Kraft anzustrengen". 

Da Konrad Ferdinand Meyer nachher ein so bedeutender 
Poet geworden, sind die Lebensbeschreiber natürlich geneigt, in jener 
Unfähigkeit des Schwerbelasteten das Werden und Sich -fühlen des 
Dichters zu schauen. Ich glaube mit Unrecht. Wir müssen unter- 
scheiden zwischen dem, was an Meyer untermenschlich ist und dem, 
was ihn zum Poeten weihte. Hinterdrein ist man allzu leicht versucht, 
die Schwächen des Dichters, der es erreichte, als unerlässliche Werde- 
mängel zu beschönen, ohne zu bedenken,* dass Minderentwickelung auf 
der einen Seite sich sehr gut vereint mit Überentwickelung in anderer 
Richtung. Hätte Konrad Meyer das Plus an Grosshirn nicht mit- 
bekommen, welches ihn zum grossen Poeten machte, er wäre zeitlebens 
ein Taugenichts geblieben in des Wortes ganz buchstäblicher Bedeutung, 
d. h. der Schwerbelastete in ihm hätte zu gar keinem ernsten Berufe 
getaugt. Dass er dennoch zum Schlüsse so hoch steigen konnte, dankt 
er dem Beisatz von Genialität, der ihm obendrein worden, nebst seinen 
glücklichen äusseren Umständen. Nur halte man das Unter- und Über- 
menschliche scharf auseinander und beschöne das erstere nicht etwa 
als unumgängliche Vorstufe der späteren Entwickelung zum grossen 
Poeten. 

Immerhin kam damals der Dichter doch insofern zum Durchbruch, 



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38 Vom Dichter Meyer. Die Belastungssymptome der Mannesjahre etc. 

als es Konrad gelang, just hundert Gedichte für einen Verleger zu- 
sammenzustellen, allerdings so vergeblich wie das Jahr darauf für das 
„Stuttgarter Morgenblatt ". Der praktische Wert jenes ersten Versuches 
war freilich so gering, dass der grösste Teil später von Meyer selber 
verworfen wurde, der Rest nur in gänzlich geänderter Form zum Drucke 
gelangte. 



Vom Dichter Meyer. Die Belastungssymptome der Mannesjatare. 
Die Schwester als Schutzengel. 

Schon 39 Jahre zählte der Dichter und hatte der Welt noch immer 
nichts gegeben, was zu jenem Ehrentitel berechtigt. Da erschien im 
Jahre 1864 ein dünnes Bändchen, „20 Balladen von einem Schweizer" 
benannt, welches Konrad Meyer sogar in Zürich eine „wohlwollende, 
zum Teil mit Staunen gemischte Beachtung erzwang". „Wiewohl das 
Balladenbüchlein nicht dazu berufen war, in die Breite des literarischen 
Deutschland zu wirken, so bedeutete es doch für den Dichter innerhalb 
seiner engeren heimatlichen Kreise geradezu eine Auferstehung. Freunde 
und Bekannte rieben sich verwundert die Stirn und gestanden unum- 
wunden derartiges dem Verfasser nicht zugetraut, vor allem die zu 
solchen Schöpfungen unerlässliche Konzentration hinter dem anscheinend 
immer etwas Zerfahrenen nicht gesucht zu haben". „Er war mit einem 
Male in den Augen seiner Mitbürger aus einer Null zu einer Grösse, 
wennschon von unbestimmtem Werte emporgestiegen: die quälende Miss- 
achtung hatte ein Ende". Wie aber war Meyer, der Stolze und Spröde, 
zu dieser Energie der Tat gekommen? Hier war es wiederum Betsy 
gewesen, deren ganzes Dasein Aufopferung war und Sorge für den Bruder 
oder andere Lieben. Während alle an ihm zweifelten, war sie von seinem 
Werte überzeugt, nicht so sehr, weil sie etwa so früh den Dichter in 
ihm erschaute, sondern weil sie in all seiner Poesie nur den Bruder sah, 
den zufrieden und glücklich zu machen ihr Sehnen. Ward Konrad 
allein als Dichter selig, dann war er's von vornherein in ihren Augen. 
Als sie ihm von dem Glücke eines lange verkannten Doktors schrieb, 
der mit 60 Jahren durch Dante-Vorträge und einen angehängten Romanzen- 
zyklus zur Berühmtheit emporstieg, verfehlt sie doch nicht hinzuzusetzen: 
„Sieh, lieber Konrad, da scheint mir Deine Poesie hundertmal wahrer 
gesunder und schöner in ihrer schweizerischen Kraft und Einfachheit. 
Oder bist Du's, den ich unter den Versen sehe, bist Du's, den die 
anderen nicht also kennen und lieben können?" Da Meyer nach seinem 
zwiefachen Missgeschick bei den Verlegern sich stolz und spröde in 
sich verschluss, lag sie dem Bruder immer wieder an, sich einen neuen 
Verleger zu suchen. Und als er auf sie nicht hören will, fasst sie sich 
ein Herz, packt seine Gedichte sämtlich zusammen und trägt sie zu 



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Vom Dichter Meyer. Die Belastungssymptome der Mannesjahre etc. 89 

Pfitzers mit dem festen Vorsatz, Zürich nicht eher wieder zu betreten, 
als bis sie einen Verleger gefunden. Einer solch aufopfernden Schwester- 
liebe gelang es schliesslich, die Sache für den Bruder ins Reine zu 
bringen. 

Zusammenfassend möchte ich sagen: Damit sich Eonrad 
Ferdinand Meyer zum grossen Poeten durchringen konnte, musste 
erstens die Mutter ihm genommen werden, mit den Liebesopfern, die er 
stets von ihr heischte; er musste ferner nach aussen materiell ganz 
freigestellt werden, die Belastung schadlos ausleben zu können; und zum 
dritten musste die Schwester sich opfern, durch ihre Liebe und allzeit 
bereite Selbstlosigkeit den Dichter erlösen in dem Hereditarier. Wenn 
auch die abnorm späte Geistesentwickelung gleich der allzufrühen ein 
Belastungssymptom darstellt, wie es z. B. in reiner Form der Onkel 
unseres Dichters bot, so sind in unserem speziellen Falle neben diesem 
Faktor, dessen Anteil gar nicht geleugnet werden soll, noch die eroti- 
schen Momente bestimmend, die ich im Obigen klarstellen konnte. 

Ich darf mich jetzt, da ich die Elemente in Meyers Entwickelung 
blossgelegt habe, weit kürzer fassen, als bisher geschehen. Nun die 
Wehr entfernt, die die Wasser staute, quillt seine poetische Ader fort, 
ob's auch noch Jahre des Zuwartens braucht', ehe er entsprechend be- 
rühmt geworden. Die Jahre, welche er bis zur Gründung eines eigenen 
Herdes an der Seite des schwesterlichen Schutzengels lebte — die kluge 
Frau Esc her hatte einmal diese Geschwister- Wirtschaft mit der eines 
katholischen Pfarrers verglichen und seiner Haushälterin — weisen eine 
Anzahl Belastungssymptome in Reinkultur auf. Vor allem wieder die 
altbekannte Wandersucht Meyers, der er nunmehr stärker als jemals 
frönte, wobei, wie mich dünkt, auch das erotische Moment nicht fehlt, 
unbeschadet natürlich der schweren Belastung. Schon den kleinen Knaben 
hatte der Vater zu den Sonntagsspaziergängen mitgenommen, die ihn 
bald auf den Albis, bald auf den Gottschalkenberg usw. führten. Diese 
Wege blieben dem Dichter unvergesslich. Noch im hohen Alter erzählte 
er davon mit leuchtenden Augen. Vom neunten Jahre ab zieht er mit 
dem Vater fast jeden Sonntag in die Alpen, im elften bestiegen sie mit- 
einander die obere Sandalp „an einem strahlend hellen Tage, den Konrad 
damals als den glücklichsten seines Lebens bezeichnete". Noch im Jahre 
1866 bekam der Dichter „plötzlich eine Art von Heimweh nach dem 
Lande der Grisonen, das er einst, das Ränzchen auf dem Rücken, an 
der Seite des Vaters durchwandert, seit den Knabentagen aber nicht 
mehr gesehen hatte. Ein Wirtshaus in Silva Plana stand deutlich wieder 
vor seinem Blick mit steinerner, geländerloser Freitreppe und einem 
steinernen Saale, worin der Wirt obenan zu Tische sass, patriarchalisch 
und wohlwollend, eher wie ein väterlicher Gastfreund als wie 
ein berufsmässiger Herbergsvater u . Eine ganz bezeichnende Erinnerung. 



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40 Vom Dichter Meyer. Die Belastungseymptome der Mannesjahre etc. 

Nicht nur, dass ihn ein Verlangen wieder packt, die Lustgefühle noch- 
mals zu erleben, die er damals an Vaters Seite empfunden, am deut- 
lichsten steht die Tafel vor seinem geistigen Aug', wo der Wirt wie ein 
väterlicher Gastfreund gewaltet. 

Schon als Jüngling in der traurigsten Zeit seines Lebens war er 
ein „unermüdlicher Fusswandrer", die Berge seiner Heimat sein stetes 
Sehnen und sein höchstes Glück. „Nicht dass er ein regelrechter Berg- 
steiger gewesen wäre, wie es heute etwa die verdienstvollen Mitglieder 
eines Alpenklubs sind. Unvorsichtig und willkürlich, am liebsten führer- 
los, machte er zu jener Zeit seine Bergfahrten, von denen er immer 
mit beschädigten Schuhen und zerrissenen Kleidern, aber heil und ge- 
sund zurückkehrte. a Wir finden diesen Hang zu rastlosem Bergwandern 
bei überaus vielen Schwerbelasteten, weil nicht bloss der Assoziations- 
widerwille hier leicht auf seine Rechnung kommt, sondern obendrein 
die Bergluft den geborenen Neuropathen mit seiner kranken Gehirnan- 
lage wohltätig beeinflusst. Doch am lockendsten bleibt die willkommene 
Möglichkeit zu stündlicher und täglicher Neuanknüpfung. Man lese nur 
die plastischen Schilderungen Betsys der gemeinsamen Wanderungen 
mit ihrem Bruder. Wie fühlte er sich wohl bei dem täglich wechseln- 
den Reiseumgang, wie ergötzten ihn flüchtige, nur vorüberziehende Be- 
gegnungen, denen er doch ein gut Teil Menschenkenntnis dankt. „Solch 
ein Zusammentreffen, das ihm der reine Zufall gewährte, behagte ihm; 
nach Namen und Herkunft der Reisegefährten zu fragen, lag ihm ferne. 
Bei solcher oder ähnlicher Gelegenheit aber irgend einer berühmten 
Persönlichkeit sich vorstellen zu lassen, dazu bezeugte mein Bruder 
niemals Lust," berichtet die Schwester. „Der Dichter verstand es, des 
Wanderns froh zu werden . . . ,Ihr reist recht wie die Studenten, 4 be- 
merkten zuweilen vorsichtigere Leute. Aber wir fuhren dabei nicht übel — 
im Gegenteil. Die sich leicht bescheidende, unpedantische Art des Dichters, 
auf der Reise Leuten und Verhältnissen zu begegnen, machte ihn den 
Menschen angenehm und trug ihn mit beflügelten Schritten über Steine des 
Anstosses hinweg. So gestalteten sich seine ohne festes Programm unter- 
nommenen Sommerreisen nur um so abwechslungsreicher und genuss- 
voller. Er hielt sich nomadenhaft auf seinen poetischen Weideplätzen 
so lange auf, als sie ihm den Ertrag boten, dessen er gerade bedurfte." 
Nur allzu besucht mussten sie nicht werden. So gab er z. B. seine 
langjährige Sommerstation im Oberengadin auf, als der Fremdenverkehr 
für sein Bedürfnis nach Stille zu lebhaft geworden. 

Dies Bedürfnis nach Ruhe und möglichster Stille offenbart ein 
anderes Belastungsstigma: Die besondere Reizbarkeit, das masslos Hef- 
tige und darum so leicht auch Erschütterbare all seines Empfindens. 
„Mit überfeinen, reizbaren Gefühlsorganen ausgestattet, wehrte er hefttige 
Eindrücke und stürmische Persönlichkeiten so gut er konnte von sich 



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Vom Dichter Meyer. Die Belastungssymptome der Mannesjahre etc. 41 

ab. Er schätzte und bewunderte bewusst leidenschaftliches Auftreten 
nur, solange er es studieren konnte. Ihm persönlich mangelte jede 
Fähigkeit dazu. . . . Starken Konflikten — ,Szenen', wie er das nannte 
— waren seine Nerven nicht gewachsen. Heftige Auftritte, schmerzliche 
Erschütterungen verletzten ihn tief. Je mehr er darunter litt, desto 
bleicher und unbeweglicher wurde sein Angesicht. In minderem Grade 
hatten schon Ärger und Übermüdung eine ähnliche Wirkung auf sein 
Nervensystem. Er nahm sich dann zusammen und hüllte sich in das, 
was vielfach als kalte Zurückhaltung an ihm beobachtet und gerügt 
worden ist.* 

Diese Überfeinheit, die Überreizbarkeit des Empfindens sublimiert 
sich im Dichter teilweise zu künstlerischen Fähigkeiten. Auch war sie, 
wie Betsy uns überliefert, bereits an dem Jüngling deutlich zu schauen 
und von seiner Mutter überkommen. „Neben dem rastlosen Gedanken- 
flug war meinem Bruder noch eine zweite künstlerische Anlage zuteil 
geworden, ein Erbstück seiner Mutter, das er aber noch nicht wie sie 
in ihrer zarten Weise, erheiternd und tröstend, anderen und sich selber 
zugute kommen liess, sondern als scharfes Werkzeug gegen sich selbst 
wandte zur eigenen Qual. Er hatte wie sie, ein höchst reizbares, fein- 
fühlendes Organ für fremde Individualitäten, ein echogleiches, langes 
Fortklingen persönlicher Eindrücke, die sich in den verschiedensten 
Variationen weiterbildeten. Es war eine Schärfe des Empfindens und 
des Unterscheidens, die ihn vorderhand nur unglücklich machte. Die 
leiseste Berührung empfand er als schmerzenden Stoss. In jener Zeit, 
da er nahe daran war, an sich selbst zu verzweifeln, konnte er durch 
die unausgesprochenen Gedanken der Leute aufs tiefste verletzt werden. 
Diesem seelischen Organ entsprach ein Gehörsinn, dessen Schärfe ihn 
peinigte/ 

Hier sei auch noch die Erklärung gegeben für ein Phänomen, das 
schon in der Kindheit des Dichters zu finden, um dann ein Leben lang fort- 
zudauern; dass nämlich „schmerzliche Ereignisse im Augenblick ihres 
Eintretens seine Seele anscheinend wenig oder gar nicht berührten, her- 
nach dagegen um so stärker wirkten/ Die anfangliche Un- oder Unter- 
empfindlichkeit ist einfach Abwehr der masslos heftig empfindenden 
Psyche, die den schmerzlichen Eindruck aus Selbsterhaltung sofort ins 
Unbewusste unterdrückt und womöglich gar nicht bewusst werden Hesse. 
Im Unbewussten aber wird wieder dem Peinlichen Verstärkung zugeführt 
von früheren mächtigen Unlustaffekten, die nicht voll zum Abreagieren 
gelangten; von Unmut z. B. und unbefriedigten Rachewünschen, die 
das Kind nicht laut werden lassen durfte, weil dies die Mutter nie ge- 
duldet hätte, von Verdruss und Ärger, wie er keinem Menschen jemals 
erspart wird, hier aber darum unsterblich blieb, weil er mit Erotik, mit 
geliebten Personen unlösbar verknüpft war. Drum wirkten schmerz- 



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42 Vom Dichter Meyer. Die Belastungssymptome der Mannesjahre etc. 

liehe Ereignisse nicht gleich, vielmehr erst nach längerer oder kürzerer 
Weile, dafür jedoch um so mächtiger dann, weil verstärkt durch alte, 
noch nicht erloschene, erlöste Affekte. 

Wenn mit dem ersten Erfolg der Balladen auch das Eis gebrochen, 
die poetische Ader zu quillen begann, so währte es gleichwohl noch 
Jahre der Sammlung, bis sie in breiterem Strome rann. 1864 erschienen 
die Balladen, das nächste Bändchen unseres Dichters die „Romanzen 
und Bilder" erst Ende 1869, „Huttens letzte Tage" 1871. Der Dichter 
war 45 Jahre alt geworden, eh' er in den „Romanzen und Bildern" mit 
seinem Namen vor die Lesewelt trat. Eine strenge, anhaltende Arbeit 
zu leisten, auch im Dienst Apolls, war ihm nicht gegeben, sie führte 
sehr leicht zu schwerer Schädigung seines Nervensystems (Frey). Dass 
er damals überhaupt etwas förderte, dankte er der Schwester, die Ein- 
blick in alle Entwürfe erhielt und mit der er jegliche Zeile besprach, 
eh' er sich zum Niederschreiben anschickte. Sie war's, die stets in 
den Bruder drang, ihn zu rascherer Fortführung seiner Arbeiten, zur 
Vollendung des einmal Begonnenen ermuntert. Nur wenn sie bisweilen 
gar zu dringlich geworden, Hess Konrad Haupt und Arme sinken und 
ward still und traurig, so sehr er die gute Absicht empfand. Er war 
ja auch wirklich nicht untätig zu heissen. Es entstanden damals „eine 
ansehnliche Reihe von Gedichten, die Balladen und die alten Konzepte 
wurden stets von neuem umgemodelt und umgeschmolzen, der Jenatsch 
wuchs, wenn auch langsam und nicht, ohne sich unter der bildenden 
Hand immer wieder zu ändern und zu verjüngen. Allein es gedieh 
nichts zum wirklichen Abschluss, und schien etwas fertig, so entsprach 
es nur zu bald den unmerklich sich wendenden und sich steigernden 
Forderungen des rastlos formenden und überdenkenden Dichters nicht 
mehr, so dass, je mehr er arbeitete, Arbeit und Aufgaben sich türmten. 
Und bei der Fülle des Unvollendeten, des Unerledigten und des neu 
Ersonnenen verdrängte ein grosser Plan den andern in banger, eifer- 
süchtiger Hast aus der Gunst und Stimmung des Poeten. Angesichts 
des sich häufenden und doch nicht bezwungenen Stoffes konnten ge- 
legentliche Rückfälle in den früheren Kleinmut und die melancholischen 
Selbstbetrachtungen nicht ausbleiben." Bereits von dem erst wollenden 
und beginnenden Jüngling hat Frey die schönen Worte gesagt: „Eine 
ausserordentlich späte Entwicklung, welche die ersten Früchte in einem 
Alter reifen sah, wo viele andere schon die reichsten Gaben eingeheimst 
haben, am Selbstgeschaffenen so lange Duft und Zauber des Individuellen 
entbehren und es darum als minderwertig zurücklegen zu müssen, das 
war sein Schmerz, sein Schicksal. Dennoch wagte seine spannkräftige 
Natur durch alle Entmutigungen hindurch immer wieder auf jene Tage 
zu hoffen, wo das Können mnd Wollen einander die Hand reichen würden. 
Und dieses Hoffen trog ihn nicht". Auch jetzt noch war es mehr Hoffen 



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Vom Dichter Meyer. Die Belastungssymptome der Maiinesjahre etc. 43 

auf eine reiche Zukunft als volle Erfüllung. Dieselbe ward ihm aus 
Gründen, die ich später zusammenfassen will, erst in der Ehe, in welche 
die Schwester ihn endlich hineintrieb. 

Es erübrigt nur noch, deren Rolle genauer zu präzisieren, die sie 
beim Schaffen des Bruders spielt. Mit der stillen Bescheidenheit, die 
sich allzeit ohne viel Worte opfert, erzählt sie uns davon in ihren Er- 
innerungen an Konrad Meyer: „ Worin bestand denn die Hilfe, die 
ich meinem Bruder bei seiner Arbeit leisten konnte? Ich habe sie immer 
sehr gering angeschlagen. Es war eine zum guten Teil unbewusste, ein 
Können, über das ich nicht verfügte. Ich konnte nur, wenn ich musste. 
Was man an mir lobte oder tadelte, war auch durchaus nicht die 
literarische Betätigung, es war im Grunde nichts anderes, als unsere 
treue, geschwisterliche Gesinnung, unser Zusammenhalten. Darin lag 
aber wahrlich noch weniger eigenes Verdienst, eigene Schuld oder eigene 
Wahl. Es war eben so und musste so sein und blieb sich immer und 
in allen Verhältnissen gleich. . . Wir hatten dieselben Interessen und 
nichts vor einander zu verbergen. Stets behielt mein Bruder die Über- 
sicht auch meines ganzen Gebietes, bereicherte damit seine Ausschau 
und zog seiner Phantasie die festen Horizontlinien. Mein Verständnis 
gab ihm, scheint mir, den mittleren Massstab dessen, was er dem Publikum 
zumuten dürfe. So gewöhnte er sich daran, alles, was er schuf, mir 
vorzulesen. Und da ihn die mechanische Übung des Schreibens bei 
seiner Kurzsichtigkeit, seinem hohen Wuchs und seiner nicht zu sitzender 
Lebensart eingerichteten bewegungsbedürftigen Natur mehr ermüdete als 
mich, so zog er es vor, in seinem grossen Zimmer auf und niedergehend, 
das Blatt mit seinen Notizen in der Hand oder im Freien seine Zigarre 
rauchend, zu improvisieren und mich das Gehörte mit der Feder fixieren 
zu lassen. Dass er dabei hie und da die Frage tat: ,Was meinst du 
dazu?' ist natürlich ohne Belang. Unaufhaltsam eilte sein Gedanke 
vorwärts. Da mag es sein, dass ich ihn zuweilen durch eine Frage ver- 
anlasste, seine Gestalten etwas länger und näher ins Auge zu fassen. 
Er stand bei ihnen still und stellte mir sie vor, damit ich mit ihnen 
bekannt werde. Vielleicht gewannen sie dabei für ihn selber an Boden 
und Bestimmtheit. Später erreichte er dasselbe in höherem Masse, in- 
dem er sie sprechen Hess, seinen Stoff dramatisch gestaltete. So schrieb 
ich mit ihm und für ihn. Was aber seine poetische Gestaltungskraft 
selbst betrifft, so stand ich mit immer neuer Überraschung vor dem 
Wunder einer jeden seiner neuen Schöpfungen. . . . Geschah es einmal, 
dass mir nach ein paar Stunden eine gewisse Ermattung seines Gedankens 
fühlbar wurde, so konnte ich wohl sagen: ,Halt ein! Du bist müde. 
Das ist nicht mehr auf deiner Höhe: das hätte am Ende sogar ich zu- 
stande gebracht 4 . Dann erschrak er und ruhte aus. Oder ich sagte: 
Hier schwanken die Linien! Du weisst, Brüderchen, ich bin vom 



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44 Die Eheschliessung and ihr Einfluss auf den Dichter etc. 

Zeichnen her an Lineal and Winkelmass gewöhnt 4 . Dann meinte er: 
,Rüttle nur: Um das, was du mir einreissen kannst, ist's nicht schade 4 . 
In der nächsten Morgenfrühe gestaltete er dann das Werk mit erneuter 
Kraft um. Er korrigierte nicht im einzelnen. Es entstand etwas Neues, 
oft etwas ganz Umgeschaffenes. Sein gewolltes Ziel erreichte er gewöhn- 
lich in zwei Schwüngen, selten auf den ersten Wurf. So weit, so wenig 
weit ging die schwesterliche Mitarbeit und Kritik. a 

So bescheiden all diese Worte gesetzt sind, sie lassen den Kundigen 
doch zweifellos erraten, wie wertvoll eine solche liebend-verstehende 
Mitarbeiterin dem Bruder geworden. Als schon die Schatten der Psychose 
ihn bedrängten und er nur eine einzige Sorge hatte, seine „Angela Borgia" 
zu vollenden, da tritt selbst die eigene Gattin zurück und er schreibt 
um die Schwester: „Du weisst ja, nicht doppelt, nein, zehnmal leichter 
wird mir die Arbeit, wenn ich dir diktieren kann. Du verstehst mich 
von alters her". Als nach seiner Verheiratung die Schwester wegzog, da 
„lastete zuweilen die künstlerische Vereinsamung auf ihm*. „Vae soli* 
schrieb er einmal an Frey, als er diesem ein frisch entstandenes Gedicht 
zur Meinungsäusserung zusandte. Die ersten Kilchberger Jahre jedoch 
fuhr er noch „fast allwöchentlich über den See zur Schwester, um ihr 
zu diktieren, was er im Kopfe gerüstet, oder aufs Papier geworfen hatte". 
Erst als sich diese Fahrten auf die Dauer als untunlich erwiesen hatten, 
übertrug er die Sekretärdienste einem Verwandten, der ihm freilich das 
Gefühl der künstlerischen Vereinsamung so wenig nehmen konnte, als 
seine so heiss geliebte Gattin. 

Die Eheschliessung und ihr Einfluss auf den Dichter. Sein Charakter- 
bild nach Adolf Frey. 

Noch einen letzten, den grössten Dienst erwies ihm die Schwester, 
indem sie ihren Bruder, der als richtiges Muttersöhnchen allzeit geleitet 
und geschoben werden inusste, zum Schluss noch verheiratet. So behag- 
lich und zufrieden er nach aussen lebte, erwog doch Betsy in mancher 
kummervollen Stunde, dass Konrad fast 50 Jahre zähle und sein Haar 
ergraue. „Es entging ihr keineswegs, wie seine Beweglichkeit und 
insonderheit seine geistige Spannkraft in etwas nachzulassen, wie er 
trotz seiner vielen Pläne und seiner gesteigerten Kunst an Arbeitsmut 
und Frische einzubüssen begann, so dass seine Flüge sich verlangsamten. 
Argwöhnend, er möchte allmählich wieder dem trüben Wesen der früheren 
Zeiten anheimfallen, suchte sie das Heilmittel und den Jungbrunn gegen 
die drohende Misswende in einer glücklichen Heirat. Wie leicht konnte 
der entscheidende Augenblick zum Entschluss verträumt und versäumt 
werden". So erzählt uns Frey, während Betsy s „Erinnerungen* das 
entscheidende Gespräch mit dem Bruder ergänzen: „Du solltest ein 



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Die Eheschliessung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 45 

eigenes Heim haben mit seiner Freude und seiner Verantwortung", 
dringt sie in ihn. „Du isolierst dich zu stark. Deine geselligen Be- 
ziehungen genügen dir nicht, weil du im Grunde keine gesellige, sondern 

eine Familiennatur bist Du solltest dich verheiraten". Der Bruder 

erhebt nur schwache Einwendungen: „Weisst Du auch, was Du sagst 
und wünschest? In meinem Alter? In Deinem Alter? Nach so langem 
und lieben geschwisterlichem Zusammensein! Hast Du die Konsequenzen, 
die daraus für Dich entstehen, erwogen?" Aber als die Schwester neuer- 
dings betont: „Es ist für Dich eine innere Notwendigkeit zum Gedeihen. 
Für mich ist bald gesorgt," gesteht ihr auch Konrad, er habe schon 
gewählt und sei nunmehr entschlossen. „Dies war einer jener Höhe- 
punkte im Leben meines Bruders", fährt Betsy fort, „auf die er mit 
innerer Ehrfurcht, wie auf die Entscheidung einer höheren Schicksals- 
macht zurückschaute. Die Folgen dieser Stunde waren unabsehbare, 
aber der Entschluss führte zum Glück. Es begannen mit ihm für den 
Dichter Jahre verdoppelten Lebens und erhöhten Daseins". 

Ist nun Betsys Vorgehen nichts anderes als das typische Ver- 
halten der meisten Frauen, die, weil die Liebe im Mittelpunkte ihres 
Daseins steht, ein solches ohne weiteres auch beim Manne voraussetzen? 
Oder lag eine tiefere Erkenntnis zugrunde? Ich meine, wenn Betsy 
es auch nicht ganz klar und bewusst erfühlt, im unbewussten hat sie 
genaueste Kenntnis, was dem Bruder nottut. Sie hatte nicht umsonst 
seit Jahren die Rolle der Mutter übernommen oder richtiger gesagt, die 
der Mutter und des Vaters zusammen. Nur durch ihre selbstlose Auf- 
opferung war es möglich geworden, dass in Meyer der Dichter er- 
wachen konnte, und weil ihm die Schwester jene Liebe bot, welche er 
bei der Mutter vergeblich gesucht hatte. Bloss eines vermochte sie nimmer 
zu geben, Erfüllung jener erotischen Phantasien, die auch dem besten 
Kinde nicht mangeln, der sexuellen Wünsche auf seine Mutter. Da 
musste ein anderes Weib eintreten, was die Schwester mit den Worten 
umkleidet: „Du brauchst ein Heim, Du bist im Grunde eine Familien- 
natur". D. h. sie fühlte mit ihrem untrüglichen Liebesinstinkt: ihm fehlt 
noch das Weib. Des weitern aber auch, kein anderer könne ihn zum 
Heiraten bringen, als nur sie allein, beziehungsweise die Mutter in ihr. 
Erst wenn diese Erlaubnis zur Hochzeit gab, mit der Stellvertreterin 
einverstanden sich erklärte, war unser Dichter zu freien fähig und, was 
an Können in seiner Seele lag, zur Entfaltung zu bringen. Geliebt hatte 
Konrad schon mehrere Male, ohne dass es je Ernst geworden wäre. 
Mitunter erfuhr nicht einmal der Gegenstand seiner Neigung etwas 
davon, wie damals, als er mit 28 Jahren seine Augen auf ein vornehmes 
Fräulein warf. Er trug sich mit der Hoffnung auf Gegenliebe, wie er 
in seiner Offenheit der Mutter und Schwester anvertraute. Der Mutter 
schien solches direkt ein Zeugnis von Geisteskrankheit und sie verwies 



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46 Die Eheschliessung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 

ihm auch seine Torheit mit strengen Worten. Dann hatte Mathilde 
E seh er wiederholt ihn zu versorgen getrachtet, doch immer umsonst. War 
doch die Rolle der Mutter bereits einer anderen vergeben, der Schwester 
Betsy, die fortab sein Los in ihren Händen trug. Selbst sie aber hatte 
diese Macht nicht sofort, denn als sie bald nach dem Tode der Mutter 
ihm mit Heiratsplänen kam, schrieb er aus Paris : „Häusliches Leben ist 
freilich das beste und in meinen Jahren die Regel, aber es will mit Ehre 
und Freude begonnen sein. Überdies muss man sein Herz nicht daran 
hängen, weil es ja wohl möglich ist, dass die ewige Güte es anders ge- 
fügt hat". 

Damals jedoch gelang ihre Absicht, und wie sich bald zeigte, mit 
äusserstem Erfolg. Man braucht nur die Liebesbriefe zu lesen, die 
Langmesser uns in Auszügen überliefert, und was noch Frey aus 
eigener späterer Beobachtung mitteilt. Kurz nach der Verlobung gesteht 
er Luisen: „Ich kann nicht mit Worten sagen, wie ich dich liebe. 
Ich kann Tag und Nacht nur an dich denken". „Nie hätte ich geglaubt, 
dass ein Mensch von einem Menschenkind so gepackt, eingenommen und 
vollständig erobert werden könne". Und als er vom Rigi einen herr- 
lichen Sonnenaufgang beschreibt und das grosse, stille Leuchten der 
Firnen, ermangelt er nicht hinzuzusetzen: „Kind, wäre ich die Sonne, 
ich wäre im Gedanken an dich feuriger aufgegangen". Nun wird 
man sagen: „das ist der Stil wohl jedes Liebhabers, nur, weil eines 
Dichters, tiefer gesagt". Aber der so schrieb, war kein sehnender Jüngling 
voll eselhaften Überschwanges, vielmehr ein Mann von 50 Jahren, auf 
der absteigenden Hälfte des Lebens also, und doch nicht so alt, um 
verzückt zu sein, dass ihn überhaupt noch ein Weib begehre. Und was 
vielleicht am beweisendsten wiegt, seiner Dichtkunst entquoll jetzt ein 
frischer Born, dem Gedankenschweren eine Fülle Liebeslieder so durchaus 
männlich kraftvollen Klanges, dass selber ein derart sparsamer Lober wie 
Gottfried Keller urteilen musste: „Es ist seit Jahren nichts so Gutes 
im Lyrischen erschienen". 

Als Frey im Anfange seiner Bekanntschaft dem Dichter auf der 
Strasse begegnet, erklärt dieser strahlend: „Ich bin mit Gott und der 
Welt zufrieden". Und Frey fährt fort: „Er sah wirklich wie ein Ge- 
borgener, wie ein Glücklicher aus, er gemahnte mich an einen Seefahrer, 
der, lange verstürmt und verschlagen, den ersehnten Hafen endlich er- 
reicht hat. Jetzt blühte ihm alles zugleich: gesteigerte Dichterkraft, 
gefestigte Gesundheit, der täglich sich ausbreitende Ruhm, gesegnetes 
Familienleben, völlige Unabhängigkeit nach aussen". Seine Luise schuf 
ihm ein behagliches Heim, durch seine Liebe beglückt, wie er sie be- 
glückte. Nach Kräften jeden Stein aus seinem Wege räumend und wo- 
möglich alle Hemmnisse entfernend, hütete sie sein Behagen und seine 
Gesundheit sorgfältig und konsequent, indem sie namentlich auf ge- 



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Die Ehescbliessung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 47 

tragende Erholung für ihn Bedacht nahm und ihn womöglich stets vor 
dem Eintreten der Erschöpfung, welcher er sich im Arbeitseifer leicht 
aussetzte, abzubrechen veranlasste. „Möglicherweise wäre er ohne ihre 
sorgliche Pflege der Kunst früher entrissen worden, als es geschah". 
Ganz ähnlich weiss Langmesser zu berichten: „Was Frau Luise 
seinen Augen ablesen konnte, tat sie, wie nur Liebe es tut. Alles 
Störende suchte sie von ihm fern zu halten. Ihre Nachsicht ging so 
weit, dass sie oft das Mittagsessen, das auf 1 Uhr gerüstet war, um 
eine oder zwei Stunden hinausschob, dem Wunsche des Dichters nach- 
gebend, der einen angesponnenen Faden nicht gern abbrechen wollte 4 . 
Einem Besuch gegenüber „charakterisierte er seine Frau als das reine 
Naturkind, unbewusst in jeder Offenbarung, aber tüchtig, energisch, 
lebensvoll, mit einem Worte herrlich". Und zu ihr selber pflegte er zu 
sagen: „Wenn ich nur Dich nicht überleben muss, ich hielte es nicht aus!" 
In seiner Luise fand unser Dichter alles beisammen, was er seit 
der Kindheit von der Mutter ersehnt : ein volles Verständnis, aufopfernde 
Liebe und schliesslich das Weib. Drum konnte sich jetzt erst völlig 
entfalten, was bisher an poetischer Kraft gebunden in ihm lag. Selbst 
das ewige Modeln, Umgiessen und Ändern, dem er früher überhaupt 
kein Ende fand, Hess jetzt doch nach, wenn es auch noch keineswegs 
ganz aufhörte. Das ist so wenig allein dem Fortschritt seiner Technik 
zu danken, wie jenes Umformen seiner ausserordentlichen Gewissen- 
haftigkeit, die möglichst vollendeten Ausdruck erstrebte. Vielmehr steckt 
dahinter fast unkennbar wieder und Meyer wohl selber ganz unbewusst: 
erotische Symbolik. Was ihm nie recht war, er anders zu haben stets 
heiss sich mühte, das war — seine Mutter, nicht seine Verse oder 
Novellen. Dies klingt natürlich höchst paradox. Drum möchte ich ein 
Alltagsbeispiel zitieren, das ich Professor Freud verdanke. Wenn eine 
Frau jeden Hut, jedes Kleid, jedes Pelzwerk zurückträgt, immer wieder 
umtauscht, nie zufrieden ist mit dem, was sie kaufte, so heisst das 
nichts anderes, als: sie ist mit ihrem Manne nicht zufrieden (in aller- 
letzter Linie mit ihrem Vater), sie möchte denselben anders haben, 
was sich in diese Symptomhandlung umsetzt. Da jenes Ummodeln bei 
Konrad Meyer durch Jahre gewährt hatte, war es nun freilich nicht 
ganz zu beseitigen, auch nachdem sein Ideal zur Wahrheit geworden. 
Es trat nur zurück, wie zum Teil bereits unter der Liebe der Schwester. 
.Aus jener Symbolik erklärt sich des weiteren die interessante Beob- 
achtung Freys, dass „das fortwährende Umbilden und Umformen, ob- 
wohl es eine mühsame Sache war, für den Dichter einen geheimnisvollen 
Reiz besass". Nur irrt er völlig, wenn er in bekannter Oberflächen- 
psychologie dies daraus ableitet, dass „er, der selbst die merkwürdigsten 
Metamorphosen durchgemacht, darin ein Abbild seiner eigenen inneren 



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48 Die Eheschließung and ihr Einfluss auf den Dichter etc. 

Wandlungen erblickte, von denen er Neues und immer Grösseres und 
seinem Genius immer Entsprechenderes erhoffte". 

Noch ein wichtiger Punkt sei endlich berührt, der, bis auf die 
Mutter und alte Kinderwünsche zurückgehend, nicht wenig zum Glücke 
des Dichters beitrug. „Durch seine Verheiratung, schreibt Schwester 
Betsy, war K. F. Meyer wieder in die alten Züricher Kreise zurück- 
getreten, denen er entstammte. Der Dichter kehrte gerne in die alt- 
bekannten Verhältnisse zurück. Es lagen im Grunde seiner Natur starke 
konservative Neigungen. Der alte Stadtzüricher, der in ihm neben dem 
Dichter weder Zeit noch Raum zur Entwickelung gefunden hatte, fing 
mit dem Älterwerden an, sich leise und behaglich zu regen. Hätte sich 
doch Meyer niemals freiwillig von seiner züricherischen Umgebung los- 
gesagt. In den Jugendtagen hatte sein noch unklares, aus verschiedenen 
geistigen Elementen zusammengesetztes Wesen im Rahmen jener alten 
Verhältnisse einfach keinen Platz und keine Lebensnahrung gefunden. 
Und er selbst hatte damals darunter gelitten. Jetzt, da er sein geistiges 
Gespann fest gezügelt zu führen wusste, befriedigte es ihn, als ein Ge- 
reifter den in der Jugend aufgegebenen Posten wieder in allen Ehren 
zu besetzen. ,Wie würde, sagte er sich, ,meine Mutter über mein jetziges 
spät erlangtes Glück sich gefreut haben! Es hätte ihren Wunsch für 
mich erfüllt' u . 

Ich kann dies Kapitel nicht schliessen, ohne des Charakterbildes 
zu gedenken, welches Adolf Frey in seiner klassischen Biographie vom 
vollgereiften Dichter entwirft und das, von einem Laien verfasst, ein 
Muster des Schwerbelasteten zeichnet. „Vom Vater dem leidenschafts- 
losen, vor jedem Sturm, vor jeder Unruhe scheu zurückweichenden, durch 
die Arbeit vorzeitig erschöpften Manne, von der überzarten Mutter, die 
schon in ganz jungen Jahren der frühverstorbene Bruder in die Gruft 
nachzuziehen drohte, die stetig mit erschöpften Nerven zu kämpfen hatte 
und ihnen schliesslich zum Opfer fiel, von diesen Eltern erbte der Sohn 
die empfindliche Seele neben Vorzügen des Geistes und des Herzens; 
aber das nötige Gegengewicht erbte er nicht: die Kraft. Anscheinend 
mehr als die Umgebung ahnte, schon in Knabenjahren von plötzlich 
hereinbrechenden Verstimmungen und Ängsten heimgesucht, erlag er 
diesen im 27. Jahre und fühlte, als er sich wieder erhoben, langehin 
eine gewisse Gebrochenheit, gegen die er Stütze und Stab im Glauben 
der Väter suchte und gewann", genau wie dereinst der eigene Vater . . . 
„Die Kinder schwächlicher oder doch neurasthenischer Eltern, wie der 
Regierungsrat Ferdinand Meyer und Frau Betsy waren, zumal die 
Kinder aus alten Familien, leiden häufig unter einer Belastung von ver- 
hängnisvollem Gepräge: endlose, quälerische Selbstbetrachtung, tausend- 
fältige Reflexion, Mangel an Energie und Lebenskraft, Unentschiedenheit, 
Scheu vor dem Leben und der Tat, oft Unfähigkeit zur Arbeit. So war 



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Dio Eheschliessung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 49 

Meyers Anlage im Grunde und daraus erklärt sich seine ungewöhnlich 
späte, in ihrer Art fast einzige Entwickelung. Er selber schildert die 
Empfindung jener Zeit der Hemmung und des Gebundenseins: 
,Ich war von einem schweren Bann gebunden, 
Ich lebte nicht. Ich lag im Traum erstarrt'. 
Er behauptete in seinen autobiographischen Skizzen, der deutsch- 
französische Krieg habe, indem er das unmerklich gereifte Stammesgefühl 
des Dichters weckte, endlich die Fesseln seiner Seele gelöst. Die grosse 
Weltbegebenheit mag unbestritten mitgewirkt haben, aber die eigentliche 
Ursache der Erlösung kann lediglich auf einer physischen Veränderung 
beruhen, auf einer physischen Erstarkung. Meyer war eine viel zu 
wenig impulsive Natur, um durch jene Ereignisse, die ihn ja nicht un- 
mittelbar berührten, so tief und nachhaltig ergriffen zu werden. Ge- 
sprächsweise betonte er mehrfach das auffallende Wachstum seines poeti- 
schen Vermögens sei lediglich die Folge seiner gesteigerten Körperkraft 
und Gesundheit gewesen". Tatsächlich zählte er zur Zeit jenes Krieges 
45 Jahre, stand also auf der Höhe seiner Kraft und Entwickelung. 
„Wie sich das nun immer verhalten mag, der gewaltige Zuschuss an 
Schöpfergaben in seinen späteren Jahren behält etwas Phänomenales, 
Rätselhaftes, das einer einwandfreien Erklärung nicht minder zu spotten 
scheint, als es dazu verlockt". Wie diese abnorm späte geistige Ent- 
wickelung aus erotischen Motiven zu erklären sei, ward schon oben 
gesagt. Natürlich ist sie auf der anderen Seite auch Symptom der 
Belastung. 

„Sehr bezeichnend für Meyers späte Entwickelung war der Um- 
stand, dass er erst gegen das vierzigste Lebensjahr einen richtigen 
Schnurrbart bekam. ,Denke Dir', erzählte er lächelnd der Schwester 
eines Morgens, ,mir träumte, ich sass in einer Kutsche, hatte eine Frau 
und einen Schnauz'*. Dieser Traum des 40jährigen Dichters illustriert 
das Wesen der Träume überhaupt, die nichts anderes darstellen als 
Wunscherfüllungen 1 ). Nur ist als wichtig hervorzuheben, dass bei jed- 
wedem Traume hinter dem durchsichtigen Wunsche der Gegenwart sich 
ein ganz analoger der Kindheit birgt. Klar infantil ist ja das Verlangen, 
in einer Kutsche zu fahren und einen Schnurrbart zu haben, desgleichen 
auch, eine Frau zu besitzen, mit der ein sexuelles Ausleben möglich. 

„Seinen Nerven zuliebe verzichtete Meyer in den letzten Jahren 
auf die Zigarre, gewiss nicht ohne Überwindung, da er sie liebte". Auch 
sonst war des Dichters Nervensystem infolge der Belastung wenig resistent. 
„In früheren Jahren arbeitete er lediglich nach Laune und Stimmung. 
Dazumal erwachte seine schöpferische Lust zugleich mit dem ersten 
Lenzhauchen und hielt ihn während des Frühlings ineinemfort irgendwie 



l ) 8. Signa. Freud: „Die Traumdeutung ", Deutike 1900, besonders S. 85 ff. 
Qrenzfragen des Nerven- und Seelenlebens (Heft LIX). 4 



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50 Die Eheschliessung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 

in Atem und Feuer. Aber mit der steigenden Wärme übermochte ihn 
körperliche und geistige Erschlaffung und trieb ihn in die frischere Luft 
der Bergweiden, Felshäupter und Firnen empor. Erst später, als er den 
mutmasslichen Vorrat seiner Jahre zusammengeschmolzen, Können und 
Gesundheit gesteigert sah, wartete er keine Stimmung mehr ab und 
wollte, ohne gerade ihr Heil oder Unheil zu leugnen, nichts mehr von 
guten oder schlimmen Stunden wissen, sondern schaffte gewöhnlich Tag 
für Tag, oft bis zur völligen Neige seiner Kraft*. Immerhin blieb ihm 
wie so vielen Nervösen der Winter die eigentliche Arbeitssaison. „Da 
denkt sich's so kräftig \ a schrieb er an Luise v. Frangois. 

„Wer mit dem Dichter auch nur ein einziges Mal, doch immerhin 
während Stunden verkehrte, dem fiel vielleicht eine unmerkliche Ände- 
rung seiner Stimmung und seines Benehmens auf, ohne dass er wusste, 
wie es geschah. Wiederholte sich die persönliche Berührung, so bedünkte 
den Besucher des bestimmtesten, der Stand der seelischen Atmosphäre 
und Gestirne habe beim Dichter gegenüber dem früheren einen wirk- 
lichen Wechsel erlitten, und einigermassen verspürte er das jedesmal. 
Diese Erfahrung veranlasste mehr als einen, Konrad Ferdinand Meyer 
der Launenhaftigkeit zu zeihen*. Doch sehr mit Unrecht. „Vielmehr 
forderte hier gebieterisch eine Macht ihre Rechte, die sein Leben und 
Schicksal entscheidend bestimmte. Dies ist die angeborne Schwäche 
oder, wenn man will, seine reizbaren, widerstandlosen Nerven, eine 
Schwäche, die er, nachdem er Gegenstand der Neugier, vielfachen Inter- 
esses und warmer Bewunderung geworden, mit allen möglichen Mitteln 
zu überwinden oder doch zu verdecken suchte, beides ohne völligen Erfolg; 
er unterlag momentanen Ermüdungen". Hier ist der Assoziationswider- 
wille, die Unfähigkeit zu längerer Verknüpfung des eigenen Ichs von 
einem Laien glänzend geschildert. 

Nicht minder die besondere Erschütterbarkeit und leichte Verletz- 
lichkeit in folgenderStelle: „Sein weiches und zartes Wesen fühlte sich 
vom Dasein so häufig verletzt und erschüttert, dass er vermutlich er- 
legen wäre, sofern ihm das Schicksal auch noch die drückende Sorge 
ums tägliche Brot aufgebürdet hätte. Auf steter Hut und Wacht stehend, 
suchte er allem Störenden auszuweichen; aber die angeborene Schwäche 
war zu gross, als dass er allen Stössen Widerstand leisten, alle Blossen 
und Wunden hätte decken können. Dieses oft unbewusste Bemühen, 
die Schwäche zu verbergen, um stärker zu erscheinen, als er wirklich 
war, und, nachdem sich seine Gesundheit allmählich gefestigt, die in 
guten Stunden sich einschmeichelnde Vorstellung von einer grösseren 
Widerstandskraft, als er sie wirklich besass, verliehen ihm etwas Un- 
gleiches, ja, zuweilen etwas auffällig Widersprechendes und Gespanntes 
und rückten ihn vor der Welt leicht in ein falsches Licht. Die Folgen 



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Die Eheschliessoog und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 51 

und Äusserungen der Nervenschwäche machten mitunter den Eindruck 
mangelnder Selbstbeherrschung und mangelnder Männlichkeit". 

Um nur seine Belastung ja niemand zu enthüllen, muss der Dichter 
notgedrungen solche Verstellung so häufig üben, dass sie sich bisweilen 
ganz unbewusst vollzieht, wie in dem oben von Frey Mitgeteilten, „Im 
Bestreben vor der Welt stark und unberührt zu erscheinen, vergriff er 
sich zuweilen auch insofern, als er die Gefühle für diejenigen, mit denen 
er gern verkehrte, schwächer hinstellte, als sie wirklich waren u . Dies 
hängt nun wohl freilich auch mit Jugendgefühlen innig zusammen, zumal 
mit solchen, die die Mutter betrafen. 

In den Jugendjahren war er teils aus Belastung, teils als Reaktion 
gegen Mutter und Welt, die ihn so gar nicht entsprechend würdigten, 
einsam und menschenscheu geworden. Er betrat z. B. nie ohne dringende 
Not ein Wirtshaus. Auch als ihn der Ruhm und die Menschen bereits 
zu suchen begannen, verharrte er meist abseits in seinen vier Pfählen. 
In Gesellschaft war er nicht häufig zu treffen, ausser etwa in spezifisch 
stadtzürcherischer oder in der zufälligen einer Gasthoftafel seiner Sommer- 
frischen. Dort aber sprach er bisweilen sehr viel und äusserst lebhaft, 
nervös und überlebendig beredt, stets wieder das Steuer der Unterhaltung 
ergreifend. 

Mit zunehmenden Jahren und in seiner glücklichen Ehe empfand 
er das immer sich steigernde Bedürfnis, Menschen zu sehen, gleich als 
hätte er früher darin zu wenig getan. „Er wollte sie kennen lernen, 
nahm gern Besuche an und unterhielt sich gerne ; allein mitteilen wollte 
er sich nicht oder doch nur in sehr beschränktem Masse . . . Gegen seine 
durch die Nervosität zuweilen gesteigerte Gesprächigkeit lagen die Vor- 
sicht des Menschenkenners und die Erfahrungen eines reflektierenden 
Naturells beständig zu Felde, welchem Widerstreite allerlei Ungleichheiten, 
Schwankungen und Widersprüche zur Genüge entsprangen". 

Diese beiden scheinbar widersprechenden Züge: menschenscheue 
Jugend und inenschenfrohes Alter, Schweigsamkeit dort und Überberedt- 
samkeit in späteren Jahren sind gleichwohl nichts anderes als Vorder- 
und Rückseite, Kopf und Wappen der nämlichen Münze. Der schweren 
Belastung kommt der Widerwille zu gegen Dauerverknüpfung des eigenen 
Ichs. Diesem kann man auf zweierlei Art genügen, indem man ent- 
weder die Menschen flieht und nichts mit ihnen spricht, oder, was viel 
gefalliger, indem man mit sehr viel Menschen plaudert, ohne doch sein 
Herz an einen zu hängen, und indem man vielerlei Verschiedenstes 
redet. Es gibt nicht allzuwenig Leute, die schwatzhaft sind, weil sie 
etwas Arges zu bergen haben. Dies Arge, wovon der Dichter immer zu 
sprechen vermied, war seine schmerzlich empfundene Belastung und die 
trüben obendrein erotisch bedingten Jugenderlebnisse. Dafür „verbreitete 
er sich oft ausführlich und angelegentlich über Gleichgültiges und Kleinig- 

4* 



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52 Die Eheschliessung und ihr Einfloss auf den Dichter etc. 

keiten". Schon Frey hat herausgefühlt, dass dieses „anscheinende Be- 
hagen an Kleinem und Nebensächlichem nur seine Stimmung maskieren 
sollte, um sich nicht dem Missverständnis oder den Ungeschicklichkeiten 
unzureichender Einsicht in jene Dinge auszusetzen, die, weil sie in die 
Tiefe reichten, ihm am Herzen lagen". 

Sogar, in seine Poesie hinein, ja, da am bedeutsamsten wirkt die 
Belastung. „Die nervöse Zartheit und Schwäche Meyers" sagt Adolf 
Frey „bedingte das Wesen seiner Dichtung. Unbefriedigt und abge- 
stossen von der rauhen, verletzenden Gegenwart, strebte seine sehn- 
süchtige und gestaltende Phantasie in die Vergangenheit. ,Lange, 
lange', bemerkte er mir einmal, ,war mir alles, was Wirklichkeit heisst 
so zuwider als möglich 4 . Weil ihm seine Zeit und seine Verhältnisse 
unzulänglich erschienen, stellte er in die schrankenlosen Weiten früherer 
Tage bedeutende, in ihrer Entfaltung ungehinderte Gestalten". 

Hier sind wir bei einem entscheidenden Punkte. Bis zum jüngsten 
Kaffeehausgenie herab flüchtet jeder Dekadente, jeder Schwerbelastete 
vor der eigenen Schwäche in irgend eine grosse Vergangenheit. Weil 
Konrad Meyer sich klein und schwach und unfähig fühlte, erbärm- 
lich behandelt von seiner Umgebung, drum sucht er sein Heil in der 
Renaissance mit ihren Kolossalgestalten. Was ihn nach Rom und Italien 
treibt, ist neben der Wandersucht vor allem das unbewusste Empfinden, 
dort sei jene trotzige Grösse zu finden, die er für sich selber so heiss 
wie durchaus vergebens ersehnte. Und als er zum ersten Male die Kunst 
der Renaissance erblickt, schaut er urplötzlich sein Ideal verkörpert. „Es 
fiel mir wie Schuppen von den Augen", sagt er später zu Frey. Hier 
lag also eine Möglichkeit, was im Unbewussten beständig an ihm nagte, 
in entäussernder Tat sich abzureagieren. Dies dünkt mich, ist die 
vornehmste Bedeutung seiner ersten italienischen Reise. Hatte seine 
Mutter ihn durchaus verkannt, seine Mitbürger niemals für voll ge- 
nommen, so schuf er sich selbst eine grosse Welt mit ragenden Helden. 
Je kleiner und schwächer er persönlich war, desto gewaltiger wurden 
die Gestalten nun seiner Einbildungskraft. Sie wurden so gross, so 
brutal gesund, so rücksichtslos stark, wie Konrad Meyer selbst gern 
gewesen und wie er vor allem der Mutter am liebsten erschienen wäre. 
Und weil er ein Dichter, so ward ihm vergönnt, sich selbst, nur in 
historischem Gewände zu zeigen, sowie er sich einst als Knabe geträumt: 
mit sparsamer, aber grosser Gebärde, hf wenigen ehernen Quaderworten 
und gewaltiger, himmelstürmender Tat. So ward seine Kunst immer 
mehr skulptural, er selber schliesslich zum Michel Angelo der histori- 
schen Novelle. 

„Lob, Anerkennung, Ehre freuten ihn ausserordentlich; nicht um- 
sonst lässt er seinen Hütten das zarte Morgenlicht des Ruhmes als das 
Süsseste auf Erden bezeichnen. Man hat ihm vorgeworfen, dass er es 



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Die Eheschlieesung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 53 

liebte, sich in seinen Erfolgen zu spiegeln und den Ruhm ein wenig vor 
sich herzutragen, ohne zu erwägen, dass er fast drei Jahrzehnte in banger 
und ungewisser Dunkelheit seufzte, bevor es ihm glückte, ans Licht zu 
gelangen, so dass er der Wahrheit gemäss sagen durfte: ,Ich habe mir 
die Hände blutig geklettert, ehe ich oben war 4 . Sein Selbstbewusstsein 
erwuchs aus den späteren grossen Erfolgen und Hess zugleich ermessen, 
wie schwer das lange Zurückgedrängtsein auf ihm gelastet hatte; es hatte 
etwas Einfaches, Naives. Er sonnte sich ohne Ruhmredigkeit im Erfolg". 
Hier dünkt mich neben den zweifellos wichtigen Kampfeserinnerungen 
manch anderes im Spiele. So wie er sich jetzt in seinem Ruhme sonnte, 
hätte er sich einst gern vor der Mutter bespiegelt, die niemals so recht 
an ihn glauben mochte. Dies ungestillte Verlangen peitscht als vis a 
tergo seine Eitelkeit auf. Des weiteren fehlt bei Schwerbelasteten selten 
die Tendenz zu massloser Eitelkeit, zu unersättlicher, nie zu erschöpfender 
Ruhmbegierde. 

Rein und ausschliesslich der Belastung zukommend sind zwei andere 
Symptome. Zunächst die Unfähigkeit, sich in den gewöhnlichsten All- 
tagsbedingungen zurechtzufinden. Von Paris aus schreibt er z. B. der 
Schwester: „Ich komme mir vor wie ein Kind im praktischen Leben". 
Und auf der Höhe seines Lebens noch darf Frey von ihm schreiben: 
„Praktische, geschäftliche Angelegenheiten beredete er mit innerlichem 
Widerwillen, weil er weder Blick noch Fähigkeit dafür besass. Ein 
grosses Teil Hilflosigkeit wurde er Zeit seines Lebens nicht los und war 
froh und zufrieden, wenn man ihm alles abnahm, was Geschäft hiess 
oder danach aussah". Auch dieses Symptom entspringt nur dem alt- 
bekannten Verknüpfungswiderstande, der die dauernde Beziehung des 
eigenen Ichs, obendrein noch zu so alltäglichen Dingen strenge zurück- 
weist. Geschah es ja doch in späteren Jahren, dass der Dichter „vor- 
übergehend seinen eigenen Namen gründlich satt bekam, nachdem gegen 
den Jahresschluss 1883 in Neigung und Abneigung wieder so viel über 
ihn gedruckt worden war". 

Komplizierter ist schon die Leidenschaftslosigkeit Meyers zu 
deuten, welche er mit seinem Vater teilte, und die, nach Frey „ein 
Grundzug seines Wesens war". Nur war sie keineswegs Temperaments- 
sache, sondern schwer und mühsam erworbener Sieg über seine Schwäche. 
„In jungen Jahren fuhr er oft leidenschaftlich auf. Aber er ertrug diese 
Wallungen weder an sich noch an anderen und schlug dann ins Weh- 
mütige um. Sein Zorn war wesentlich ein Phantasiezorn: er wurde 
zwar bleich, behielt aber in solchen Augenblicken eine merkwürdige 
Objektivität". Hier wurde von Frey der Kern der Erscheinung deut- 
lich gefasst: „Er ertrug diese Wallungen weder an sich noch an anderen". 
Nun liegt der Hang zur Leidenschaftlichkeit im Charakter des Schwer- 
belasteten von Haus aus. So war auch die Mutter des Dichters ge- 



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54 Die Eheschliessung und ihr Einfluss auf den Dichter etc. 

wesen. Weil aber Konrad diesen Zug an der Mutter so peinlich emp- 
funden, unter ihm so ausnehmend gelitten hatte, entwickelte er im Gegen- 
satz zu jener die Leidenschaftslosigkeit, wie er sie am eigenen Vater 
sah, der sie gleichfalls aus Sejbsterhaltung erworben. Im Grunde jedoch 
schöpfte er nach Langmesser aus seiner eigenen Seele, wenn er in 
der „Versuchung des Pescara" Papst Klemens charakterisiert: „So fein 
er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein leiden- 
schaftlicher Mensch". „Er besass allerdings nur die Leidenschaft des 
Gedankens, nicht die der Tat". Wie aber war die Umwandlung in die 
Leidenschaftslosigkeit Konrad gelungen? Die Antwort heisst: durch 
den Mechanismus der Verschiebung, der im psychischen Geschehen so 
häufig zu treffen. Meyer wird noch bleich infolge des Affektes, doch 
den Grund desselben verschiebt er vom Gemüt ins Intellektuelle. Statt 
sich selbst zu erhitzen, beobachtet er die Wirkung des Affektes auf die 
anderen Beteiligten. Daher seine „merkwürdige Objektivität", daher 
seine seltene Gerechtigkeit, die Freunden und Feinden das Ihrige zu 
erteilen strebte. Auch hier wirkt natürlich der geflissentliche Gegensatz 
zu seiner Mutter, mit, die in ihrer masslosen Leidenschaftlichkeit wider 
den Sohn so häufig ungerecht gewesen, endlich, was noch der Dichter 
besonders hervorhebt, das Erbe seiner beiden Grossväter. 

Die nämlichen Motive der schweren Belastung, die ein überstarkes 
Empfinden erzeugt und des absichtlichen, in letzter Linie erotischen 
Gegensatzes zu seiner Mutter liegen noch einem anderen Phänomen zu- 
grunde. „Mehr als sein berechtigter Egoismus der Selbsterhaltung ahnen 
Hess, nahm er Anteil an denen, die ihm nahe standen; und Leid und 
Unheil der ganzen Menschheit peinigte ihn nicht selten aufs Schreck- 
lichste. ,Ich habe', klagte er mir einst, ,unsagbar dunkle Stunden, wo 
mir die Verderbtheit, die masslose Ungerechtigkeit der Menschen und 
ihr Weh vor Augen tritt*". 

Endlich hebt noch Adolf Frey hervor, dass die verlangsamte, 
schrittweise, dann plötzlich aufschiessende Entfaltung seines Wesens auf 
höchst merkwürdige, einzige Art in der Handschrift des Dichters sich 
ausgeprägt habe. Betsy erzählt, wie der Zwanzigjährige in der Zeit 
seiner herbsten Selbstkritik, da nichts ihn befriedigte, in Handschrift 
und Stil jene Gedrängtheit bekam, die seiner Schreibweise eigentümlich 
blieb. Wenn ich auch nicht graphologisch geschult bin, so dünkt mich 
dies doch nichts anderes zu heissen, als ein stolzes Zurückziehen auf 
sich selbst des zu wenig geschätzten und verstandenen Jünglings. Weil 
er trotz aller Selbstkritik doch ehern an sein Können glaubte, trotzdem 
fast alle, ja sogar, was am schmerzlichsten, die eigene Mutter nichts 
von ihm hielt, drum zog er sich fortab auf sich selbst zurück und gab 
sich nach aussen so sparsam und gedrängt als möglich. „Als Zwanzig- 
jähriger" , berichtet Frey, „schrieb er steil, spitzig und ziemlich un- 



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Die Eheschliessung und ihr Einflass auf den Dichter etc. 55 

schön; sieben Jahre später (zur Zeit des ersten Zusammenbruchs) ist 
die Schrift weich, hübsch und eigen, meist liegend, in einzelnen Stücken 
jedoch aufrecht. Im 30. Lebensjahr (als er, aus der französischen Schweiz 
zurückgekehrt, zu Hause wieder unbefriedigt dahinlebt) schreibt er klein, 
rasch, kritzelig, ein wenig ähnlich wie ein Dezennium vorher. Schon 
zwei Jahre später (in Paris nach dem Tode der Mutter) sind die Buch- 
staben wieder schön, ganz aufrecht und jeder einzelne für sich stehend, 
durchaus ohne Verbindung mit dem vorangehenden oder nachfolgenden. 
Bald darauf beginnen sie sich zu verbinden, neigen sich und verlieren 
einigermassen ihre Besonderheiten (erstes Zusammenhausen mit der 
Schwester),' bis dann die Schrift um das 40, Lebensjahr (erstes Hervor- 
treten als Dichter) eine seltene Schönheit der einzelnen Buchstaben, 
namentlich der Majuskeln erreicht. " Im Jahre 1870 schreibt er aus- 
schliesslich Deutsch, eine zwar charakteristische, aber fast hässliche Hand. 
„Diese unerhörten Metamorphosen und Varianten gehen, sowenig glaub- 
lich es dem ersten Blick erscheinen mag, auf zwei Grundformen zurück, 
nämlich auf eine einfache und natürliche, wie sie sich in den Knaben- 
briefen zeigt und mit derjenigen der Schwester eine entschiedene Ähn- 
lichkeit bietet, und auf eine mehr stilisierte und gekünstelte, wie sie 
später auftaucht ; ganz ausgeglichen sind die beiden Typen erst in dem 
Augenblick, wo der Dichter in den Vollbesitz seiner schöpferischen 
Kräfte gelangt". 

Es erübrigt nur noch ein körperliches Konterfei zu liefern. Auf 
der Höhe seines Lebens war Konrad Meyer ein wohlgewachsener, 
übermittelgrosser Mann von fast soldatisch aufrechter Haltung. „Er war 
ziemlich stark, auch am Halse, in welchen das Kinn etwas rasch über- 
ging". Bis zum 40. Lebensjahre, bis also der Dichter in ihm sich durch- 
setzte, war er so überschlank gewesen, „dass ihm der Photograph emp- 
fahl, sich im Überzieher aufnehmen zu lassen, um den Eindruck der 
ausgesprochenen Magerkeit einigermassen zu verwischen". „Auffallend 
war der grosse Kopf", berichtet Frey, „dessen Mächtigkeit mir völlig 
deutlich wurde, als ich den Dichter einmal im Züricher Theater sah, 
wo mir neben dem seinigen die Schädel aller übrigen anwesenden Männer 
gleichsam verkümmert erschienen. Aus dem lockigen, beinahe kurzen 
und meist ergrauten Haar senkte sich die schöne Linie der breiten und 
ziemlich hohen Stirne zu den dünnen Brauen hinab. Die Nase war fein 
gebogen, und zierlich der Mund, dessen schmale Oberlippe ein Schnurr- 
bärtchen deckte. Die gewölbten, kurzsichtigen Augen, deren äussere 
Winkel um ein Geringes höher standen, als die inneren, schienen von 
schwer bestimmbarer Farbe, waren aber blaugrau mit gelbbraunen Flecken; 
allein sie funkelten meistens in so ungewöhnlichem Glänze unter den 
Brillengläsern hervor, dass man ihnen eine tiefe, feurige Bläue zutraute, 
und halfen jenes heitere Lächeln hervorzaubern, jenen unbeschreiblichen 



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56 Langes Kränkeln. Alterserscheinungen und Geisteskrankheit. 

Schimmer, der auf seinem Antlitz lag und ihm etwas eigentümlich Serenes 
verlieh, wie ich es an keinem zweiten Menschen wahrnahm, ,ein grosses, 
stilles Leuchten 4 . Es war ein Erbteil vom Vater*. 

Langes Kränkeln. Alterserscheinungen und Geisteskrankheit 

Er hatte Ernte gehalten, und unversehens war es Herbst geworden. 
Nachdem ihn bereits im Winter 1885/86 nicht enden wollende Hals- 
affektionen, dann bis tief ins Frühjahr „Rheumatismen* gequält hatten, 
die „eine unglaubliche Erkältbarkeit" zurück liessen,kam im 63. Jahre des 
Dichters eine Serie verschiedener höchst peinvoller Leiden. „63 ist für 
uns Männer ein kritisches Jahr, so ist hier der Volksglaube", schrieb 
er an Luise v. Fran^ois, und dies schien denn auch bei ihm ein- 
zutreffen, „In der zweitletzten Woche des Jahres 1887", berichtet uns 
Frey, „schüttelten ihn rheumatische Fieber tüchtig, am ärgsten am 
Weihnachtstage. Sie wichen sehr langsam und namentlich der Hals, 
von jeher sein empfindlicher Teil, litt unter andauernder Entzündung. 
Nachdem diese endlich beseitigt war, stellten sich infolge der Ein- 
geschlossenheit und des völligen Mangels an frischer Luft körperliche 
und nervöse Nachwehen nnd Missstände ein, welche die äusserste Scho- 
nung verlangten, znmal die Witterung fortgesetzt widrig blieb. Er sah 
bereits voraus, dass er für lange Zeit eher ein gehendes als schreibendes 
Leben zu führen haben werde, absolut frei von allen literarischen Ver- 
pflichtungen, Versprechen und Terminen. Ein ungemein hartnäckiger 
chronischer Nasenkatarrh und andere schlimme Dinge, Beängstigungen 
nervöser Art quälten ihn. Im April 1888 konnte er die Schwester nur 
für eine Stunde sehen, ,und vor allem 4 , bat er sie, ,bete für mich Tag 
und Nacht!' Wegen Atemlosigkelt vermochte er monatelang die Mahl- 
zeit nur stehend einzunehmen und machte, wie er mir zur Zeit der 
Heilung sagte, alle Empfindungen und Gefühle des Gehängtwerdens durch". 
„Der Patient litt entsetzlich", ergänzt Langmesser. „Am peinlichsten 
waren die häufigen Erstickungsanfälle und die monatelange Schlaflosig- 
keit". Eine Kur in Gottschalkenberg machte keine Wirkung. ,,Wie viel 
Nervosität", schrieb er Frey nach seiner Rückkehr, „bei einer sonst 
so nervösen Natur wie die meinige mitspielt, ist nicht zu bestimmen; 
aber ich bin in einem elenden Zustande, wovon ich nicht gern spreche". 
Die Galvanokaustik der erkrankten Nasenschleimhaut hatte nur einen 
geringen Effekt, desgleichen die Waldluft auf Gut Steinegg. „Das eigent- 
liche Übel, der Nasenkatarrh, ist noch in keiner Weise oder wenigstens 
nur unmerklich im Weichen begriffen. Vergiss meiner nicht vor Gott!" 
schrieb er am 2. August 1888. Und am 4. September: „Was mich ernst 
stimmt und mir die Zukunft ungewiss erscheinen lässt, ist das hart- 
näckige Beharren der Brustbeklemmungen". Erst vom Herbst ab bessert 
sich sein Zustand mählich wird lässlich und leidlich, ohne ganz zu ver- 



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Langes Kränkeln. Alterserscheinongen und Geisteskrankheit. 57 

schwinden. Denn noch am 15. Dezember des folgenden Jahres kann er 
der Freundin nur vermelden: „Das Nasenleiden geht ganz leidlich und 
irgendein organischer Schaden (Blutmangel und Alter ausgenommen) 
nicht ersichtlich". 

Was waren nun diese „nervösen Missstände*, die „Beängstigungen 
nervöser Art* und Brustbeklemmungen, der ewig so empfindliche Hals, 
die Schlaflosigkeit und Erstickungsanfälle, der Nasenkatarrh oder, wie 
der Dichter ein andermal schreibt, „die völlige Entartung der Nasen- 
schleimhaut", die jeder spezifischen Behandlung trotzt, und endlich die 
Atemnot, welche ihn zwingt, nur stehend und nicht mehr sitzend zu 
essen? Ein Asthma, das reflektorisch von der Nase ausgelöst würde, 
macht der gänzliche Misserfolg der Therapie ganz unwahrscheinlich. 
Ein „organischer Schaden" ist selbst nach zwei Jahren noch nicht zu 
finden. Da bleibt wohl keine Erklärung übrig, als dass die Hauptkrank- 
heit Hysterie gewesen, natürlich mit einem körperlichen Entgegenkommen, 
an das die Neurose sich immer erst heftet. Gewisse Schwellungen, viel- 
leicht selbst Wucherungen der Nasenschleimhäute bestanden gewiss, des- 
gleichen ein massiger Bachenkatarrh, den ja ein jeder Raucher besitzt. 
Dass nun die ersteren zwei Jahre bestanden trotz der spezifischen 
Galvanokaustik, die Beschwerden sich monatelang nicht minderten, wohl 
aber eine Fülle nervöser Beschwerden obendrein hinzutrat, die das 
Organische gar nicht erklärt, ist kaum anders zu deuten, denn als 
Hysterie, in specie noch als Angst-Hysterie, d. h. jene Form der grossen 
Neurose, die mit Angstzuständen vergesellschaftet ist. Bedenkt man weiter, 
dass in jenen Tagen die Hysterie der Männer überhaupt controvers war, 
von vielen direkt geleugnet wurde, dass man damals und auch zur Stunde 
nochHysteria virilis so gern als „Nervosität" bezeichnet oder mit dem Sammel- 
namen „Neurasthenie", so scheint mir an meiner Diagnose kein Zweifel. 

Während März 1890 der Dichter sein Befinden „wahrhaftig nicht 
schlecht" heisst und dann noch hinzusetzt: „Ich kann wieder mit Lust 
arbeiten, wenn auch schrecklich langsam", im Herbste sogar ausdrück- 
lich schreibt: „Mir geht es über Erwarten", kann Betsy, die ihn am 
besten durchschaute, doch nicht umhin, in das nämliche Jahr die ersten 
Schatten des Alters zu setzen : „Nicht dass der Flug seiner dichterischen 
Phantasie erlahmt wäre. Im Gegenteil, seine poetischen Pläne wurden 
immer kühner, ihre Zahl wuchs von Jahr zu Jahr. Immer höher und 
immer weiter steckte er sich seine Ziele. Allein der künstlerisch formende 
Wille, jene zweite Kraft, die er im Kampfe sich errungen hatte, und 
die nicht als erste Anlage in seinem Blute lag, fing an, in Momenten 
der Ermüdung zu versagen. ,Ich hemme die beschwingten Rosse nicht', 
hatte er früher gesagt; jetzt wurde es ihm schwer, sie zu zügeln". — 
„Ahnungslos und glücklich durch Konrads Erfolge, empfand ich ein 
erstes leises Erschrecken, als er mir das schöne Gedicht ,Noch einmal' 



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58 Langes Kränkeln. Alterserscheinungen und Geisteskrankheit. 

vorlas. In diesen erinnerungsreichen Versen klang eine Todesahnung, 
die ich an meinem Bruder nicht kannte. Doch der Eindruck verwischte 
sich mir wieder. Konrad war ja heiter und sah gesund aus". Als er 
sie hierauf im Sommer 1891 bat, ihr die „Angela Borgia" diktieren zu 
dürfen und sie dann dem Bruder gegenüber sass, da „war es mehr die 
Person des Vorlesers, als der Gang der Erzählung, die an jenem schwülen 
Sommernachmittage meine bange Teilnahme unwillkürlich immer wieder 
fesselte. Er sagte mir, er habe sein Äusserstes getan 1 , um die Arbeit 
zu gutem Ende zu führen, und oft bis in die tiefe Nacht daran ge- 
schrieben. Er sei nun recht müde. Das dicke Manuskript mit seinen 
ungewohnt grossen Buchstaben und schiefen Zeilen gab davon Zeuguis. 
Aber es war nicht nur das. Was war denn anders geworden, seit er 
mir vor etwas mehr als Jahresfrist in Schaffensfreude den vielverheissenden 
Anfang der Novelle diktiert hatte?" Als der Bruder am Schlüsse seiner 
Vorlesung ihr Gutachten einholt, kann sie nur sagen: „Der klare Ein- 
druck, den ich sonst von deinen Sachen habe, mangelt mir diesmal. 
Trotz herrlicher Stellen finde ich mich noch nicht in der Novelle zurecht. 
Dein eigenes Wesen, wie ich es kenne, ist für mich noch nicht genügend 
darin ausgeprägt". Ursprünglich waren nur neun Tage des Aufenthaltes 
für die schwesterliche Mitarbeiterin vorgesehen. „Aber ich fürchte — 
erst viel später wurde ich dessen inne — mein armer Bruder hatte 
unsere ermüdeten Kräfte überschätzt". Tatsächlich musste sie nach 
zehn Tagen mit dem unvollendeten Manuskript auf Schloss Steinegg mit- 
ziehen. .„Das war vielleicht nicht wohlgetan und hätte vermieden werden 
sollen. Ich ahnte es zuweilen. Viel angstvoller aber beschlich mich ein 
bestimmteres Bangen, wenn ich die Anstrengung sah, mit der diesmal 
der Dichter die kühn entworfenen Linien seines Kulturbildes zusammen- 
bog, während er rein dichterische Motive noch immer mit der alten, 
wunderbaren Leichtigkeit improvisierte . . . Während des Niederschreibens 
seiner ,Angela Borgia 4 hatte ich es oft mit Wehmut und und grosser 
Bestimmtheit gefühlt : ,Es ist das letzte Mal* ... Im Frühjahr 1892, als 
der Dichter zu ermüden und zu erkranken begann, vermochte er es 
nicht mehr, den immer strenger werdenden Forderungen, die er an seine 
Poesie stellte, gerecht zu werden. Seine Schaffensfreude verwandelte 
sich zuletzt in die Pein eines fruchtlosen Kampfes. Es war ein unend- 
lich trauriger und schwerer Übergang zur Altersruhe. Keiner seiner 
Entwürfe konnte ihm mehr genügen. Er warf seine schönsten ins Feuer". 
Dies von der Schwester gezeichnete Bild weiss Frey durch Einzel- 
züge zu ergänzen. 1890 sagte Meyer zu diesem: „Ich habe auf den 
Trümmern meines Lebens nur noch wenig weisses Papier zu verschreiben". 
— „Überhaupt peinigte und hemmte ihn der häufige Gedanken, mit einem 
angefangenen Werke nicht mehr zu Ende zu kommen, sondern schon 
vorher arbeitsunfähig oder abgerufen zu werden". Soviel er schon ge* 



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Langes Kränkeln. Alterserscheinangen und Geisteskrankheit. 59 

schrieben, „so erheischten doch die entworfenen und zur Ausführung 
ins Auge gefassten Pläne noch eine Reihe von Jahren und jedenfalls 
mehr, als ihm beschieden schienen. ,Ich sollte es schon auf 90 Jahre 
bringen, um fertig zu werden 4 , seufzte er einmal ... Er begann auf- 
fallend vor allem zurückzuscheuen , was Augen und Gedanken auf die 
letzten Dinge lenken mochte. Er hatte mir mehrmals des bestimmtesten 
autobiographische Aufzeichnungen zugesichert. Doch nun widerstrebte 
ihm die Erfüllung der Zusage. ,Es hat etwas so Epiloghaftes an sich' 
sagte er mit schmerzlichem Ausdruck und versprach, die Schwester, die 
ja von allen Augenblicken seines Lebens Bescheid wisse, anzuweisen, 
dass sie in die Lücke trete u . Im Spätherbst 1889 begann Gottfried 
Keller hinzusiechen und „Meyer fühlte sich rauh genug ans Ende der 
eigenen Tage gemahnt, da er den nur um ein halbes Dutzend Jahre 
älteren, von Hause aus viel Kräftigeren und anscheinend zu einem 
langen Dasein Bestimmten vor sich entkräftet und schliesslich aufgelöst 
sah". Auf einem Spaziergang an einem strählenden Septembertage sagte 
er zu Frey, die Augen auf die leuchtenden Schneeberge gerichtet: 
„Wie oft und oft in diesen schönen Tagen muss ich denken: jetzt ist 
GottfriedKeller fort und sieht das alles nicht mehr! Und was für 
ein Recht habe ich denn, noch da zu sein?* Auch sonst begann just 
damals der Tod unter Freunden und Verwandten aufzuräumen. Nicht 
weniger als vier von diesen starben kurz nacheinander und nur die 
Arbeit an seiner letzten Novelle half Meyer über diese Verluste hin- 
weg. Und da auch musste „der Dichter wiederholt über das zögernde 
und stockende Vorrücken der Angela Klage führen, beunruhigt über 
die in solchem Masse schon langeher nicht mehr verspürten Hemmnisse. 
So sorgfältig er es auch verbarg und in guten Stunden es sich selber 
ausredete, seine Kraft war unbestritten erschüttert; das mühevolle Um- 
bilden und Formen ermattete ihn stärker als früher". 

Kaum hatte er diese Last abgeschüttelt, belud er sich schon mit 
neuer Bürde. „Wenn ich meinen grossen, meinen schönen Hohenstaufen- 
plan überhaupt noch ausführen will, so muss ich es jetzt tun", sagte er 
zu Betsy gleich nach Vollendung der „Angela Borgia u . „Es ist hohe 
Zeitl Heute fühle ich in mir die Kraft dazu; wer weiss wie lange sie 
noch aushält! Auf an das letzte, das herrlichste Werk, den höchsten 
meiner Pläne!" Zum Dynasten und zu Friedrich H. „lockte ihn eine 
sozusagen persönliche Teilnahme ", kündet uns Frey. „Er vertraute 
mir, er suche an beiden Gestalten die Probleme, Stimmungen, Wand* 
lungen des Alters darzustellen, die er, der Alternde, bei seinen erschütter- 
ten Nerven häufig genug erleben mochte. Wie die von Jugend auf ge- 
übte und während eines langen, wechselvollen Lebens geschärfte Menschen- 
kenntnis eines durchdringenden, hochbegabten Kopfes mit dem Alter in 
allseitiges Misstrauen ausartet, das gedachte Meyer am Hohenstaufen 



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60 Laoges Kränkeln. Alterserscheinungen und Geisteskrankheit. 

Friedrich II. zu zeigen u . War er doch selber ein anderer Friedrich, 
dessen frühere Menschenkenntnis mit dem Alter in arges Misstrauen 
umschlug". Die Katastrophe nahte. „Erst machte sich ein Gefühl der 
Entkräftung bemerkbar, dann liess die geistige Spannkraft nach". „Der 
kleinste unangenehme Vorfall, die belangloseste widrige Nachricht be- 
gann ihn aufzuregen und trüb zu stimmen. Da und dort brachen Spuren 
von Misstrauen hervor, so sehr er sie zu verschleiern suchte. Weil er 
sich angegriffen fühlte, verhielt er sich einigemal gegen Bekannte und 
Freunde abweisend, ja zurückweisend, was diese an dem sonst so liebens- 
würdigen Manne um so mehr befremdete, als sie von einer gesundheit- 
lichen Störung nichts ahnten, auch nichts ahnen konnten, da er gesund 
und frisch aussah und aufrecht wie sonst einherschritt. Persönlich 
Fremde wunderten sich über eine gewisse nervöse Hast, womit er redete 
und sich bewegte. Hatte von jeher das Unerforschte und Geheimnisvolle 
eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, so liebte er seit der 
Krankheit noch mehr als früher, die verhüllten und dunklen Dinge zu 
bedenken und dem Mysteriösen nachzuhängen. So erzählte er Frey 
im Jahre 1891 „einige, wunderliche unerklärliche Vorfalle, die er im 
Verlaufe der verflossenen Monate selbst erlebt habe, dass z. B. ein Paar 
Handschuhe, die mitten auf seinem Bette gelegen, vor seinen Augen 
plötzlich herunterfielen, dass das wohlbefestigte Gewicht an der Kette 
einer Wanduhr sich unversehens löste usw.*. 

„Seit dem 23. September fuhr er fast tagtäglich nach Zürich, um 
sich mit Frau und Kind porträtieren zu lassen. Das Hin- und Herfahren 
zerschnitt ihm den Tag und strengte ihn an. Zugleich klagte er über 
die Augen, die er schonen müsse, mehr als ihm lieb und er gewohnt 
sei. Es war eine Entzündung der Augenschleimhaut und Nervosität 
dazu, verursacht, wie er meinte, durch den überstürzten Druck der Angela; 
der Leipziger Buchdruckerstreik bürdete ihm eine grosse Last von Korrek- 
turen auf, die er in kurzer und ungewohnter Zeit erledigen musste. 
Bedenklich war, dass ihn Druckfehler, wie ein wirkliches Unheil be- 
trübten. Während die Klage über die Augen nicht verstummte, erholten 
sich die Nerven in ein paar gut durchschlafenen Nächten, so dass er, 
, trotz mancher Sorge sein Bündel mit einer gewissen Heiterkeit ins 
neue Jahr hinüberwarf. Allein das Wohlsein hielt nicht vor, vielmehr 
verschlimmerte sich sein Zustand. Mitte Februar 1892 musste er mir 
bekennen, dass bei ihm ,eine ungewöhnliche Erschöpfung eingetreten sei, 
die wohl auch die immer noch anhaltende Sehschwäche mitbrachte. Sie 
begreifen, dass dieser, durch einige von aussen her unglücklich hinzu- 
gekommene andere Widerwärtigkeiten noch gesteigerte Zustand höchste 
Ruhe verlangt und dass es töricht wäre, jvon der Zukunft zu reden, 
wo von Arbeit nicht die Rede sein kann. Hoffen freilich darf, ja soll 



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Langes Kränkeln. Alterserscheinungen und Geisteskrankheit. 61 

Schon damals befand er sich schlimmer, als er zugab. Er ahnte 
die traurige Lage, der er entgegenging, ja, er sah sie voraus. In einer 
dieser verzweifelten Stunden, wo ihm sogar der Gedanke nahe trat, 
seinem Leben ein Ende zu machen, zerriss er eine Menge Manuskripte, 
und als die erschreckte Frau darauf rechnete, den damit gefüllten Papier- 
korb wegzuschaffen, Hess er den Inhalt desselben in die Flammen werfen . . . 
,Wenn nur der Frühling kommen wollte', seufzte er Mitte März in einem 
Briefchen an mich. Als er kam, begab sich die Frau mit dem leidenden 
Manne an den Vierwaldstättersee , doch ohne jeden Heilerfolg. Der 
qualvolle Zustand steigerte sich dermassen, dass es auf die Dauer un- 
möglich war, den Kranken trotz der Abgeschlossenheit und der sorg- 
faltigsten, hingehendsten Pflege zu Hause zu behalten. Am 7. Juli wurde 
er mit seinem vollen Einverständnis in die Heilanstalt Königsfelden ver- 
bracht*. 

Nach neunwöchentlichem Aufenthalte daselbst, besuchte ihn Frey. 
„Die Dinge hatten sich freilich ein wenig zum Bessern gewendet", doch 
als der Besucher den Dichter nun von Angesicht sah, konnte er „eines 
jammervollen Gefühles sich nicht erwehren und die Tränen einen Augen- 
blick nicht zurückhalten. Der einst so stattliche und aufrechte Mann 
war abgemagert, zusammengefallen und ging gebückt. Das früher kurz- 
geschorene und dichte Haupthaar war einigermassen gelichtet und lang, 
das Gesicht sehr gealtert und von einer trüben Wehmut überschattet; 
und vor allem die ehedem so strahlenden Augen waren glanzlos. Nur 
die Gebärden und die Art des Sprechens hatten sich nicht geändert. 
Er erkannte mich sofort und bot mir die Hand. Bald aber begannen 
die Wahngeister aus ihm zu reden. Es war schmerzlich zu sehen, wie 
seine Phantasie, die immer dem Grossen und Schönen nachgestrebt, 
nun irre ging und in stürmischer Hast von einer Vorstellung in die 
andere stürzte. Plötzlich erinnerte er sich der Wahrheit gemäss, dass 
er mir geschrieben hatte, er könne mich gesundheitshalber nicht emp- 
fangen. Das war vor einem halben Jahre gewesen, allein er glaubte, 
vor undenklicher Zeit. ,In welcher Zeit, in welchem Jahrhundert leben 
wir eigentlich? 4 Ich suchte ihm klar zu machen, dass wir das Jahr 1892 
zählten, und dass die 5. Auflage seiner Gedichte, die auf dem Tische 
lag, diese Jahreszahl trug. Ich gab ihm das Buch in die Hand. Er 
blickte hinein und las einige Strophen halblaut. Dann sagte er : ,Ja, es 
ist wahr. Das habe ich geschrieben. Es ist wahr, ganz wahr. Aber 
das ist schon sehr lange her. Ein Wirbelsturm ist vorbeigefahren. 
Jahrhunderte sind vorbeigesaust.' 4 '. 

Bis zum Jahresschluss besuchte der Biograph unsern Dichter ver- 
schiedene Male, fand ihn aber „immer noch im Kreise seiner quälenden 
Trugbilder gefangen. Bei unserem nächsten Zusammensein, am 30. Januar 
1893 sprach und benahm er sich herzlich und liebenswürdig, wenn auch 



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62 Langes Kränkeln. Alterserscheinungen nnd Geisteskrankheit. 

elegisch und ganz ohne Affekt, wovon sich anscheinend jede Spur ver- 
loren hatte, während er früher mitunter gegen die Wärter aufbrauste. 
Mit dem wachsenden Jahre nahm seine geistige Besserung auffallend zu; 
namentlich* erstarkte sein Gedächtnis, so dass er sich, die letzten Jahre 
vor seiner Krankheit abgerechnet in seiner Vergangenheit wieder zurecht 
fand. Doch nun gipfelten seine Klagen wesentlich in dem Argwohn, 
sein ganzes Leben möchte nur ein Traum gewesen sein". Zwar Hess 
sich diese Furcht durch Freys Einwendungen korrigieren, doch begann 
er gleich wieder über seinen zerrütteten Geist zu klagen. Bei späteren 
Besuchen „äusserte er sich über literarische Dinge ziemlich klar und 
sachlich , die eigenen Schöpfungen ausgenommen ; diese bezeichnete er 
als dilettantische Versuche eines träumerischen Menschen, den z. B. 
Gottfried Keller niemals ernst genommen habe". Dass dieser letztere 
nicht mehr unter den Lebenden wandle, wollte er niemals glauben. 
„Unsere Unterhaltung unterbrach gelegentlich die plötzlich ausgestossene 
Klage, er fühle es, sein Leben sei zerstört und er für immer ausser- 
stande, seine poetischen Pläne auszuführen". 

Nach einem fast 6 Ajährigen Weilen in der Irrenanstalt konnte er 
wieder in häusliche Behandlung gegeben werden, wo seine Gattin ihn 
die letzten fünf Jahre seines Daseins hingebend pflegte. „Ruhe und 
Abgeschiedenheit erschienen für das Befinden des Dichters unbedingt 
erforderlich und so war der Verkehr naturgemäss ein sehr beschränkter". 
Doch suchte er noch Sommerfrischen auf, sowie gelegentlich das geliebte 
Steinegg. „Zuweilen schrieb er selbst noch ein Gedicht, weniger aus 
schöpferischem Bedürfnis, als durch einen festlichen Anlass der weiteren 
Familie oder dergleichen bewogen". „Dicht vor dem Ende seiner Lauf- 
bahn kehrte die frühere Lebhaftigkeit und Munterkeit wieder. Er mochte 
so herzlich lachen, wie in den Tagen seiner ungebrochenen Kraft und 
„wurde wieder ganz der ,Alte ( , wie seine Gattin an Julius Rodenberg 
schrieb. Zwei Monate vor seinem Hinscheiden fand ihn Langmesser 
„von solcher Frische und seine Rede durchzuckt von so leuchtenden 
Gedankenblitzen, dass er den Etadruck hatte: Charon dürfte noch lange 
im Schilfe warten". Doch „wollte eine Wiederkehr derjenigen Kräfte, 
dio allein eine Aufnahme der wirklichen Produktion ermöglicht hätte, 
sich nicht mehr einstellen". Am 28. November 1898 erlag er einem 
Herzschlag. 

Wie Adolf Frey mir brieflich mitteilte, lautete die Diagnose 
der Ärzte auf senile Melancholie mit schliesslicher Defektheilung. Dazu 
stimmt auch das obenbezeichnete Symptomenbild. Wenn mit jener 
Diagnose einzelne Punkte nicht im Einklang scheinen, wie die zeitliche 
Desorientiertheit, die stürmische Hast, mit welcher der Kranke sich von 
einer Vorstellung in die andere stürzte, die langandauernden quälenden 
Trugbilder, so ist zu bedenken, dass die schwere Belastung, wie sie 



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Schlussbetrachtung. 63 

unserem Dichter zweifellos eignet, die typischen Krankheitsbilder wesent- 
lich fälscht, sie immer durchaus atypisch gestaltet 1 ). 



Schlussbetrachtung. 

„Ihr Leben ist reicher und schöner als das von Millionen, hüten 
Sie es!" schrieb Luise v. Fr an 90 is am Vortag von Weihnachten 1883. 
Zwei Tage darauf erwiedert der Freund: „Ich wünsche von Herzen 
Gesundheit, nicht zuviel Leute und jenes Reich des Friedens, welches 
ich zwar nicht besitze, aber doch zeitweilig empfinde, ohne es mir er- 
klären zu können". Diese Worte aus der glücklichsten Zeit des Dichters 
reichen bis an den Kern seines Wesens. Als Höchstes galt ihm das Reich 
des Friedens zeitweilig zu empfinden, wenn schon nicht zu besitzen. 
Und zwei Jahre später schreibt er noch immer mit zagender Vorsicht: 
„Ich bin hier oben eigentlich glücklich, kaum wage ich es aus- 
zusprechen". Es ist, als sorgte Meyer beständig, sein endlich und 
schwer errungenes Glück durch „Berufen" zu scheuchen. Jahrzehnte 
hatte das unglückselige Verhältnis zur Mutter, Jahrzehnte die Belastung 
ihn zurückgeworfen, welcho unsern Dichter körperlich wie geistig so spät 
erst zur Reife gelangen Hess. Wie dort rein psychische, haben hier 
anatomisch-physiologische Bedingungen schwere Entwickelungshemmungen 
gesetzt, über deren Natur wir freilich nichts anderes zu sagen wissen, 
als dass sie ausschliesslich bei Belasteten und Entarteten vorkommen. 
Gehe dies nun so zu, dass eine Partie der Körperfühlsphäre, von Haus 
aus verkümmert oder krankhaft geartet, viel länger zur physiologischen 
Reifung braucht und damit dann auch die daran gebundene intellektuelle 
Entwickelung erheblich verzögert wird, oder liege da etwas anderes zu- 
grunde, wofür wir nicht einmal Hypothesen haben, soviel steht fest, dass 
jene Belastung die Welt um köstliche Früchte brachte und den Schweizer 
Dichter um Jahre des Geniessens und vielleicht des Glücks. Und länger 



1) Es ist wohl manchem schon aufgefallen, dass ich über jene frühere Psychose, 
die den Dichter mit 27 Jahren befiel mich so wenig aussprach, vor allem keine 
klare und präzise Diagnose gab. Doch ein Schelm, wer mehr gibt, als er besitzt 
Zweifellos handelte es sich damals um mehr, als von den Angehörigen und Bio- 
graphen zugegeben wird. Wegen einer .blossen Überreizung der Konstitution", die 
«keine eigentliche Krankheit" sei, bleibt man doch nicht 2Vs Monate lang in einer 
Irrenanstalt. Und auch die stete Furcht der Mutter, der Dämon möchte bei ihrem 
Sohne wieder hervorbrechen, oder, wie sie einmal der Tochter sagte: „An Konrad 
schreibe ich noch heute, aber behutsam, damit die Geisteskrankheit nicht die frühere 
Form annehme 41 , macht mir unzweifelhaft, dass damals eine wirkliebe Psychose vor- 
lag, deren wesentliche Symptome nur verschwiegen werden. Auch Frey, den ich 
anfragte, schrieb mir nur kurz: „Über Prefargier kann ich keine Auskunft geben, 
da mir abgeraten wurde, mich hinzuwenden, weil man schweigen würde* 1 . Unter 
solchen Umständen ist wohl nicht so bald Aufklärung zu erhoffen. 



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64 Schlussbetrachtung. 

als 11 bis höchstens 12 Jahre hat selbst sein spät errungenes Glück ihm 
nicht gewährt, zumindest nicht unvergällt durch allerlei Krankheit. Eine 
wahrhaft betrüblich kurze Spanne für den so spät zum Vollmensch ge- 
wordenen. Was er an der Schwester besonders rühmte, dass sie „eine 
grosse innere Freudigkeit besitze 14 — vom glücklicher gearteten Vater 
wohl her — das blieb unserm schwerbelasteten Poeten zeitlebens ver- 
sagt. Selbst unter den glücklichsten äusseren Umständen wagte er nicht 
einmal, ganz glücklich zu sein. So tief empfand er das traurige Erbe 
seiner unseligen Mutter! Nur in den ragenden Bergen der Heimat, 
„denen er ohne Vergleich seine glücklichsten Tage dankt", fühlte er 
sich frei von jeder Bürde, sogar der Belastung. An sie auch, welchen 
er innerlich verwandt, hat er seine schönsten Verse gerichtet: 

„Nie prahlt' ich mit der Heimat noch, 

Und liebe sie von Herzen doch! 

In meinem Wesen und Gedicht 

Allüberall ist Firnenlicht, 
Das grosse stille Leuchten. 

Was kann ich für die Heimat tun, 
Bevor ich geh* im Grabe ruhn? 
Was geb' ich, das dem Tod entflieht? 
Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied, 
Ein kleines stilles Leuchten!" 



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