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Full text of "Jean Jacques Rousseau. Eine psychoanalytische Studie"

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Jean Jacques Rousseau 




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(htraiisgegehen von iSi^i'i. Freud), Bd. XVI ('ff^o) 




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Internationaler x syaioanalytiscner Verlag 


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"Wien 



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Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 

vorbehalten 



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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






Druck: Christoph Reisser's Söhne, Wien V 






Jean J 



R. 



ean Jacques IVousseau 

Vortrag in der „Croupe d'äudes pkilosophiques et icienüfiques pour Vexamtn des tendatices 

nouveUes" am ig. Mai ipa? 



Meine Damen und Herren, ich gestehe Ihnen, daß der Gegenstand 
meines Vortrages mich fast ein wenig in Verlegenheit setzt. Seine Dar- 
stellung scheint mir mit Schwierigkeiten verbunden zu sein. Wenn es sich 
nur um eine gewöhnliche psychologische Studie über Jean Jacques Rousseaus 
Leben handelte, würde ich keinen Augenblick zögern. Eine psychoanalytische 
Untersuchung ist aber nicht dasselbe. 

Es bedarf einer besonderen Einstellung, um vor den nackten Tatsachen 
objektiv zu bleiben. Nun wissen Sie aber ebensogut wie ich, daß es in 
unserer Kultur zur Überlieferung gehört, die Wahrheit zu verschleiern, um 
die Vergangenheit ehrwürdiger zu gestalten, ihr einen Schein von Heilig- 
keit und Keuschheit zu verleihen. So riskiert man, einen Philosophen, so 
groß auch sein Genie sein mag, aus der Nähe mit allen seinen Schwächen 
zeichnend, ihn in den Augen vieler Personen lächerlich zu machen. Um 
sich davon zu übei-zeugen, ist es nicht notwendig, Bergsons „Lachen" 
gelesen zu haben. Wir aber haben nicht die Absicht, Rousseau zu verkleinern, 
sondern ihn in seiner vollen Menschlichkeit zu verstehen. 

Eine psychoanalytische Studie muß sich auf Fakten aus dem intimen 
Leben eines Menschen stützen, die jeden, der nicht mit der psychoanalytischen 
Methode vertraut ist, abstoßen könnten. Man kann darauf erwidern, daß 
gerade Jean Jacques über nicht allzu viele Skrupel Zeugnis ablegte, als es sich 
darum handelte, gewisse Wahrheiten, die ihm zum Nachteil gereichen konnten. 



J 



J\,<?ri^ LalOrgue 



einzugestehen. Es ist allerdings zu sagen, meine Damen und Herren, daß 
die Psychoanalyse in ihrer Freilegung der Komplexe sich als viel unbarm- 
herziger erweist als Rousseau selber. Viele Rechtfertigungen und Ratio- 
nalisierungen, die Rousseau erfunden hat, um sich seiher gegenüber den 
Schein seiner Superiorität zu wahren, müssen dabei fortfallen. Es bleibt 
davon nichts übrig als eine geschickte Gedankenspielerei eines Autors, dem 
es noch mehr am Herzen lag, sich selber zu täuschen als andere zu hinter- 
gehen. Solange es sich um Tatsachen handelt, welche Rousseau objektiv 
kontrollieren konnte, darf man ihm sein Verti-auen schenken. Sobald es 
aber gilt, sie zu deuten, scheint Rousseaus Denken auf ein einziges Ziel 
gerichtet zu sein: sich vor seinem erdrückenden Schuldbewußtsein zu er- 
retten. 

Nun möchten wir aber nicht, daß der wirkliche Rousseau, so wie er 
uns in seinen Werken entgegentritt (insbesondere in seinen Bekenntnissen), 
Ihr Mitleid und Ihre Bewunderung weniger verdiente als derjenige, für 
den Jean Jacques gehalten werden wollte. Trotzdem fürchte ich, daß er 
Gefahr läuft, ein wenig von der Sympathie zu verlieren, die Sie für den 
Verfasser der Neuen Heloise, für den Apostel der Revolution haben könnten. 
Um ihn vor dieser Gefahr zu schützen, möchte ich Ihnen in Erinnerung 
rufen, daß jeder von uns im Lichtkegel der Ps3'Choanal3'se gesehen ein 
ganz anderes Bild bieten würde als unter gewöhnlichen Umständen. Er 
würde wie Rousseau riskieren müssen, an Ansehen einzubüßen, das er dank 
dem traditionellen Respekte für die Fassade, die Uniform und das Bändchen 
genießt, und das wir dem Nächsten je nach seinem Grade in der sozialen 
Hierarchie zu zollen die Gewohnheit haben. 

Ich möchte nun endlich gerne mit dem eigentlichen Gegenstand des 
Vortrages beginnen. Ich sehe mich aber gezwungen, zuerst noch einen kleinen 
Umweg zu machen. Diesmal nicht, um Jean Jacques Ihrer besonderen Nach- 
sicht zu empfehlen, sondern meine eigene Person. Es wird in meinen 
Ausführungen sehr viel von Sexualität die Rede sein, erstens weil unser 
Verfasser sehr oft davon spricht, und zweitens, weil die Untersuchung der 
Sexualität allein uns in den Stand setzt, die künstlerische oder neurotische , 

Schöpfung, um nicht zu sagen jede Schöpfung eines jeden Lebens, in ihrem ■ 

Werden zu verstehen. 

Bei Rousseau ist der Sachverhalt ziemlich deutlich, Es ist Ihnen gewiß 
bekannt, daß Rousseau ein Neurotiker war und sein Zustand sich mit der I 

Zeit zum Wahnsinn steigerte. (Denken Sie an seinen Verfolgungswahn, wie 
er klar aus den „Träumereien eines einsamen Wanderers" hervorgeht.) Dieser 



Jean Jaccjiics Rousseau 



Tatsache gemäß weist seine Sexualität einige Besonderheiten auf, wie dies 
bei jeder Neurose oder Psychose der Fall ist. Jean Jacques kommt das Ver- 
dienst zu, sich darüber öffentlich ausgelassen zu haben. Wenn alle Neu- 
rotiker wie er gehandelt hätten, so würde die Medizin seit langem begriffen 
haben, daß auf diesem Gebiete vielfach der Irre recht behält und die 
Wissenschaft im Unrechte ist. Aber wir möchten nicht länger dabei ver- 
weilen. Unter diesen Besonderheiten von Rousseaus Sexualität findet sich 
eine, der eine besonders große Bedeutung zuzumessen ist. Wir geben dem 
Verfasser der Bekenntnisse selber das Wort: ; 

Da Fräulein Lambercier uns mit der Liebe einer Mutter zugetan war, nahm sie 
auch deren Gewalt üter uns in Anspruch und trieb dieselbe mitunter so weit, daß sie 
uns auch, wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter ihr Kind züchtigte. Ziemlich 
lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, imd diese Androhung einer mir ganz 
neuen Strafe versetzte mich in großen Schrecken; aber nach ihrer Erduldung fand 
ich sie weniger schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, 
was noch eigentümlicher ist, diese ZÜchtigimg flößte mir noch größere Zuneigung 
2u der ein, die sie mir erteilt hatte. Es gehörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser 
Zuneigung und meine natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurückzuhalten, 
absichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise hätte geahndet werden müssen; 
denn der Schmerz und selbst die Scham war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit ver- 
bunden gewesen, das in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von neuem 
erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte. Da dies ohne Zweifel von 
einer vorzeitigen Regimg des Geschlechtstriebes herrührte, würde ich allerdings in 
der nämlichen Züchtigung von der Hand ihres Bruders nichts Angenehmes gefimden 
haben. Allein bei seinem Charakter brauchte ich nicht lange zu befürchten, daß er 
bei Erteilung der Strafe seine Schwester vertreten würde, und wenn ich es trotzdem 
vermied, eine Züchtigung zu verdienen, so geschah es lediglicli aus Besorgnis, Praulem 
Lambercier zu erzürnen; denn so große Gewalt übt die Zimeigimg, seihst wenn sie 
nur ein Ausfluß der Sinnhchkeit ist, auf mich aus, daß sie letztere stets in Schranken 

hält . . . 

. . . Wer sollte glauben, daß diese in einem Alter von acht Jahren von der Hand 
eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über meine Neigungen, 
meine Begierden, meine Leidenschaften, über mich selbst für meine ganze übrige 
Lebenszeit entschieden hat und noch dazu in einer Weise, daß gerade das Gegenteil 
der von ihr erwarteten Folgen hervorgerufen wurde? Von dem Augenblicke des Er- 
wachens meiner Sinnlichkeit an verirrten sich meine Begierden dergestalt, daß sie, 
da sie sich auf das, ivas ich empfunden hatte, beschränkten, nie den Antrieb fühlten, 
etwas anderes zu suchen. Trotz meines fast von meiner Geburt an sinnlich erhitzten 
Blutes hielt ich mich bis zu dem Alter, in dem sich auch die kältesten und am lang- 
samsten heranreifenden Naturen entwickeln, von jeder Befleckung rein. Lange ge- 
peinigt, ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit brennenden Augen schCme Mädchen- 
erscheinungen; unaufhörlich stellte meine Einbildungskraft mir ihr Bild wieder vor 
die Seele, einzig und allein, um sie mir in der Ausübung des Strafaktes zu zeigen, 
und eben so viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen. 

Selbst nach erreichter Mannbarkeit hat mir dieser eigentümliche und verdorbene, 
ja an Verrücktheit streifende Geschmack, der sich nie verloren bat, die Sittenreinheit 
bewahrt, die er mir den Anschein nach hätte rauben müssen. Wenn je eine Erziehung 



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keusch und züchtig war, so war es sicherlich die, welche ich erhalten habe. Meine 
drei Tanten waren nicht allein von musterhafter Sittsamkeit, sondern auch von einer 
Zurückhaltung, welche die Frauen schon seit langem nicht mehr kennen. Mein Vater, 
der sehr lebenslustig war, aber bei seinen Galanterien noch der alten Mode huldigte, 
hat in Gegenwart der Prauen, die er am meisten Hebte, nie ein Wort über die Lippen 
gebracht, welches dem jungfräulichsten Wesen hätte Schamrote auf die Wangen treiben 
können, und wohl nirgends hat man die Rücksicht, die man den Kindern schuldig 
ist, weiter getrieben als in meiner Familie und meiner Gegenwart. Bei Herrn Lam- 
hercier fand ich in dieser Hinsicht die gleiche Vorsicht, und hier wurde eine sonst 
sehr gute Magd, xim eines etwas schlüpfrigen Wortes willen, das ihr uns gegenüber 
entschlüpft war, entlassen. Nicht allein hatte ich bis zum Jünglingsalter keine klare 
Vorstellung von dfl- Vereinigung der Geschlechter, sondern die verworrene Vorstellung 
davon stellte sich mir auch nur unter einem ekelhaften und widrigen Bilde dar. Öffent- 
liche Dirnen flößten mir einen Abscheu ein, ier mir bis zu dieser Stunde treu ge- 
blieben ist; einen Wüstling konnte ich nicht ohne Verachtung, ja nicht ohne Schrecken 
sehen. Bis zu diesem Grade hatte sich mein Widerwille gegen jede Ausschweifung 
gesteigert, seitdem ich einmal in Klein-Sacconnex auf einem Gange durch einen Hohl- 
weg auf beiden Seiten desselben Gruben gesehen, in denen, wie man mir sagte, der- 
artige Leute ihre Orgien feierten. So oft ich daran dachte, fiel mir unwillkürlich das 
Gebaren der Hunde in der Brunstzeit ein, und schon bei der bloßen Vorstellimg da- 
von empörte sich mein Herz. 

Diese mir durch die Eniehimg eingeimpfte Vorstellung, an sich schon geeignet, 
die ersten Ausbrüche eines leicht entzündlichen Temperamentes aufzulialten, wurde, 
wie gesagt, durch die Wendung unterstützt, welche das erste Erwachen der Sinn- 
lichkeit in mir nahm. Mit meinen Gedanken nur immer bei dem iveilend, was ich 
empfunden hatte, \vn6te ich trotz der oft sehr lästigen Wallungen des Blutes meine 
Begierden nur auf die Art der Wollust zu lenken, die mir bekannt war, ohne mich 
je derjenigen ■zuzuwenden, die man mir verhaßt gemacht hatte, und die doch, ohne 
daß ich CS im geringsten ahnte, mit der andern im engsten Zusammenhange stand. 
In meinen törichten Einbildungen, in meinen erotischen Tollheiten, in den über- 
spannten Handlungen, zu denen mich dieselben nicht selten trieben, mußte mir in 
der Einbildung das andere Geschlecht seine Hilfe leihen, ohne daß ich je auf den 
Gedanken geriet, daß es zu einer andern Dienstleistung geeignet sei, als zu der, zu 
welcher ich es heranzuziehen brannte. 

Auf diese Weise habe ich nicht allein trotz eines sehr fenrigen, sehr wollüstigen, 
sehr früh entwickelten Temperamentes dennoch das Alter der Mannbarkeit erreicht, 
ohne andere sinnliche Genüsse zu verlangen oder zu kennen als die, von denen Fräulein 
Lambercier sehr unschuldigerweise eine Vorstellung in mir erweckt hatte, sondern 
es mußte mir auch, als ich im Laufe der Jahre lum Manne herangereift war, das 
was mich hätte verderben müssen, zu meinem Schutz dienen. Mein alter, kindlicher 
Geschmack verlor sich nicht etwa, sondern verschmolz im Gegenteil dergestalt mit 
dem andern, daB ich ihn nie aus meinen sinnlichen Begierden entfernen konnte; und 
diese Narrheit hat mich in Verbindung mit meiner angeborenen Schüchternheit bei 
den Frauen stets sehr wenig unternehmend gemacht, weil ich weder alles zu sagen 
wagte, noch alles zu tun vermochte, indem die Art von Genuß, wovon der andere 
in meinen Augen nur als das letzte Ziel galt, von dem, welcher ihn ersehnte, nicht 
verlangt, noch von derjenigen, von der die Erfüllung abhing, erraten werden konnte- 
So habe ich mein Leben lang trotz aller Gelüste den Personen gegenüber, die ich 
am meisten liebte, geschwiegen. Unfähig, meinen Geschmack einzugestehen, befrie- 
digte ich ihn durch den Umgang mit Persönlichkeiten, die ihn in mir wach erhielten. 



Jean Jacques Rousseoii 



Vor eiiier herrischen Geliebten auf den Knien liegen, ihrem leisesten Winke nach- 
lukominen, sie um Verzeihung a.iflehen, das waren für mich selige Genüsse, mid je 
mehr meine lebhafte Einbildungskraft mir das Blut erhitzte, desto mehr hatte ich 
das Ausgehen eines blöden Liebhabers. Eine derartige Liebeswerbung erzielt begreif- 
licher^-cise keine schi.cllen Erfolge und ist der Tugend der Frauen, denen man seme 
H»ldleu«geu darbringt, nicht sehr gefährlich. Ich habe deshalb wenig besessen, allem 
dessen ungeachtet auf meine Weise, d. h. in der Einbildung viele Genüsse gehabt. 
So hat mir gerade meine Sinnlichkeit, die meinem scliüchtenien Wesen und meinem 
schwärmerischen Geiste entsprach, die Unschuld meiner Gefühle und die Reinlieit 
meiner Sitten bewahrt, »nd gerade mit Hilfe desselben Geschmacks, der mich, wenn 
ich ein wenig frecher aufgetreten wäre, vielleicht in die gemeinsten Wollüste hmem- 
gezogen hätte."' 

Glauben Sie nicht, daß Rousseaus besonders geartete Sexualität sich, wie 
er vorgibt, mit imaginären Befriedigungen begnügt hat. Sie hat sich ohne 
sein Wissen wirkliche Befriedigungen zu verschaffen gewußt. Rousseau er- 
zählt uns weiter unten in seinen Bekenntnissen, wie er eines Tages in Turin 
einem unwiderstehlichen Drange, zu exhibieren, nachgegeben hat. Hören 
Sie ihn selber: 

Meine Aufregung wuchs bis 7U dem Grade, daß ich, da ich mein Verlangen 
nicht befriedigen konnte, es durch die rv und er liebsten Kunstgriffe noch immer mehr 
anreizte Ich suchte dunkle Alleen, abgelegene Orte auf, wo ich mich von weitem 
den Personen weiblichen Geschlechtes in dem Zustande zeigen könnte, m dem ich 
hätte bei ihnen sein mögen. Was sie zu sehen bekamen, war kern unzuchüger An- 
blick — daran dachte ich nicht einmal, - sondern ein lächerlicher. Das einfältige 
Versengen, das ich empfand, ihn ihren Augen darzubieten, läßt sich nicht beschreiben. 
Es bedurfte nur noch eines einzigen Schrittes darüber hinaus, um der ersehnten Be- 
handlung teilhaftig zu werden, und ich xweifle nicht, daß mir irgendeme Ent- 
schlossene beim Vorübergehen dieses Vergnügen verschafft hätte, wenn ich die Kühn- 
heit gehabt, es abzuwarten." 

Ferner haben Sie vor Ihnen die literarischen Werke Rousseaus {vor allem 
die „Bekenntnisse"), die zum großen Teil nichts anders sind als die ab- 
stoßende, schmutzige Seite von Rousseaus psychischer Persönlichkeit, die vor 
den Augen der Welt zur Schau zu stellen er sich gedrängt gefühlt hat. Die 
Folgen sind Ihnen bekannt. Die Welt hat sich in eine unzählige Menge von 
Fräulein Lambercier gewandelt und Jean Jacques hat sich wahrscheinlich 
nicht Rechenschaft darüber gegeben, daß die zahlreichen Schläge, welche er 
im Leben erhalten hatte und gegen die er sich aufs tiefste empörte, nur 
das waren, was er so inbrünstig von der Hand von Fräulein Lambercier zu 
erhalten gewünscht hatte. Sie wissen ohne Zweifel, daß es Rousseau erreicht 
hat, sich von seinen Landesgenossen steinigen zu lassen, indem er sich unter 






,) Kousseau: Bekenntnisse. Übersetzt von H. Denhardt. Reclams Universal- 
Bibliothek. 



I\ent Ijnlorguc 



ihnen als Armenier verkleidet zeigte. Sicherlich verstand er den Sinn seiner 
Maskerade nicht, welcher darin bestand, die Aufmerksamkeit der Mitmenschen 
auf sich zu lenken, um sich ihren Züchtigungen auszusetzen, was ihm in 
diesem Falle ausgezeichnet gelungen ist. 

Sie haben weiter die Krankheit Rousseaus: seine Verfolgungsideen, die ihn 
dazu bringen, sich als die Zielscheibe der Spötteleien Holbachs und Grimms 
zu fühlen. Was sage ich, Spötteleien? In dem Maß, als sich die Krankheit 
verschlimmerte, nahm sie die charakteristischen Züge des systematisierten 
Verfolgungswahnes an. Jean Jacques fühlte sich bedroht durch die machia- | 

vellischen Ränke seiner Feinde, wie er in den „Träumereien eines einsamen 
Wanderers" schildert. Gestatten Sie mir, eine der besonders typischen Stellen 
zu lesen: 

„So hin ich denn allein auf der Erde, ohne Bruder, ohne Nahestehende, ohne 
Freund, mit mir allein- Der gesellschaftlichste und liebenswürdigste aller Menschen 
ist ons timmig lieh aus ihrer Gesellschaft ausgeschlossen worden. Sie haben gesuclit, 
welche Pein unter den Raffiniertheiten ihres Hasses meiner gefühlvollen Seele die 
grausamste sein konnte. Alle Bande, die mich an sie fesselten, haben sie schonungslos 
gesprengt. Ich hätte es fertig gebracht, die Menschen ihren Machenschaften zum 
Trotz zu lieben. Nur weil sie aufhörten Menschen zu sein, haben sie sich meiner 
Liehe entziehen können. So wie sie es gewollt haben, sind sie für mich zu Fremd- 
lingen, zu Unbekannten, zu einem Nichts geworden. Aber ich, der ich nun von ihnen 
und allem losgelöst bin, was bin ich selber? Dies zu erforschen, bleibt mir noch 
übrig. Leider muß dieser Erforschung ein Überblick über meine Lage vorausgeschickt 
werden. Daran komme ich notwendigerweise nicht vorbei, wenn ich von ihnen aus 
bei mir anlangen will. 

Seit fünfzehn Jahren oder länger, daß ich in dieser seltsamen Lage bin, scheint 
mir dieselbe noch ein Traum. Ich stelle mir immer vor, daß ich an einer Magen- 
storung leide, daß ich schlecht schlafe und ich mich beim Aufwachen meiner Not 
entlioben und inmitten meiner Freimde finden werde. Ja, ich habe wohl, ohne mir 
dessen bewußt zu sein, einen Sprung aus dem wachen Zustand in den Schlaf tun 
müssen oder vielmehr aus dem Lehen in den Tod, Aus der Ordniuig der Dinge 
gedrängt, ich weiß nicht einmal wie, sah ich mich in ein unverständliches Chaos 
gestürzt, wo ich nichts wahrnehme; je mehr ich an meine jetzige Lage denke, um 
so weniger kann ich verstehen, wo ich bin. 

Und wie hätte ich das Schicksal, das meiner wartete, voraussehen können? Wie 
soll ich es noch heute, da ich ihm ausgeliefert bin, begreifen? Konnte ich mit 
meinem gesunden Menschenverstand voraussetzen, daß derselbe Mensch, der ich war, 
der ich heute noch bin, eines Tages für ein Scheusal, einen Giftmischer, einen Mörder, 
denn darüber besteht nicht der geringste Zweifel, gehalten würde; daß ich für das 
menschliche Geschlecht au einem Greuel würde, das Spielzeug der Kanaille; daß 
alles, was die Vorübergehenden mir zu bereiten wüßten, darin bestände, nach mir 
zu spucken; daß eine ganze Generation sich einmütig damit belustigen würde, mich 
bei lebendigem Leibe zu begraben? Als sieh diese seltsame Umwälzung in mir voll- 
zog, wurde ich, unvorbereitet wie ich war, davon furchtbar mitgenommen. Meine 
Gemütsbewegung, meine Entrüstung versenkten mich in ein Delirium, das zehn 
Jahre gebraucht hat, tun sich zu beruhigen, und während dieser Zeit bin ich von 



1 acij^uc 



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Irrtum zu Irrtum geglitten, von Fehler zu Feliler, von Torlieit zu Torheit. Alle 
meine Unvorsichtigkeiten wurden den Leitern meines Geschickes lu ebenso vielen 
Instrumenten, die sie aufs beste ausgenützt haben, um jenes für immer zu fixieren." 

Diese drei Tatsachen, Exhibitionismus, Bekenntnis, Delirium, illustrieren 
die Evolution im Zustande Rousseaus.Der Exhibitionismus erhält ihm noch 
bis zu einem gewissen Grade den Kontakt mit der Umwelt, einen Kontakt, 
der schmerzenreich, aber deswegen nicht minder reell ist. Dann wird die 
Perversion ersetzt durch die dichterische Schöpfung, wo die Phantasie an 
Stelle der Außenwelt tritt. Die Phantasie läßt sich leichter lenken und ist 
nach Rousseau weniger gefährlich. Die Literatur substituiert sich das De- 
lirium, der Traum, wie Jean Jacques sagt, mit den raffinierten, geschickt 
graduierten Qualen, wie sie in den letzten Werken des Dichters geschildert 
sind. In dem Maße, als sich diese Substitution vollzieht, verliert das lite- 
rarische Werk Rousseaus an Seele und verblaßt. Jean Jacques räsoniert mehr 
als er fühlt und bewegt sich innerhalb stereotyper Gedanken, die immer 
wiederkehren und den Träumereien eines einsamen W^anderers das an- 
ämische Aussehen eines Körpers verleihen, von dem sich alles Leben zurück- 
gezogen hat, 

Was hat Rousseau von der Perversion zur Literatur, von der Literatur 
in den Wahnsinn getrieben? Warum sind die erotischen Befriedigungen für 
das Bewußtsein Jean Jacques zum häßlichen Bilde einer machiavellischen 
Machenschaft seiner Gegner geworden, gegen die er sich sein ganzes Leben 
lang aufgelehnt und gewehrt hat? Warum dieser ewige Gegensatz zwischen 
Bewußtsein und Unbewußtsein in ein und demselben Wesen? Warum dieses 
Sehnen des Bewußtseins nach den höchsten Tugenden der menschlichen 
Seele und dieser Drang des Unbewußten nach den niedrigsten Demütigungen, 
die zu erfinden selbst ein teuflischer Geist nicht fertig brächte? 

Die psychoanalytische Erfahrung zeigt, daß das Thema Mademoiselle 
Lambercier-Exhibitionismus viel häufiger ist als man gemeinhin annehmen 
könnte, und zwar vor allem bei Homosexuellen, die sich ihrer Gleich- 
geschlechtlichkeit nicht bewußt sind. Wir haben schon erwähnt, daß die Ent- 
wicklung von Rousseaus Leiden mit der Ersetzung der Realität durch die 
Phantasie Schritt hielt. 

Sie werden wohl ahnen, was für eine Rolle die Selbstbefriedigungen 
in einer Entwicklung spielen, wo die Phantasie die einzige Abfuhrmöglichkeit 
für die Energie einer so außergewöhnlich mächtigen Persönlichkeit wie die 
Rousseaus geworden ist. Um Sie davon zu überzeugen, braucht man nur 
die Stellen der „Bekenntnisse" nachzulesen, die sich auf - ein anderes Thema 



i 



lo Reii<- Laforgue 

beziehen, und das für die Richtung, welche die Sinne Rousseaus eingeschlagen 
haben, ebenso, wenn nicht bezeichnender ist, als das Thema Lambercier. 

„Ich stellte mir die Liebe und die Freundschaft, diese beiden Idole meines Herzens, 
unter den entzückendsten Bildern vor. Ich gefiel mir darin, sie mit allen Reizen des 
Geschlechtes, das ich stets angebetet hatte, zu schmücken. Ich dachte mir lieber 
iwei Preundiniieii als zwei Freunde, weil das Beispiel solcher Freundschaft, wenn 
auch seltener, doch zugleich liebenswürdiger ist. Ich stattete sie mit zwei verwandten, 
aber doch verschiedenen Charakteren, mit zwei zwar nicht vollendet schonen, aber 
mir gefallenden Gesichtern aus, die von entgegenkommender Freundlichkeit luid 
Güte belebt wurden. Die eine dachte ich mir braun und die andere blond, die eine 
lebhaft und die andere sanft, die eine sitlig und die andere schwach, aber von einer 
so rührenden Schwäche, daß die Tugend dabei ?u gewinnen schien. Der einen von 
beiden teilte ich einen Geliebten su, dem die andere eine zärtliche Freundin und 
selbst noch etwas mehr war. Aber ich ließ weder Nebenbuhlerschaft, noch Zankerei, 
noch Eifersucht zu, weil es mir schwer fällt, mir unangenehme Gefühle vorzustellen, 
und ich dieses lachende Bild durch nichts beflecken wollte, was die Natur herab- 
setzen könnte. Bezaubert von meinen beiden reisenden Idealen, identifizierte ich 
mich, soviel mir möglich war, mit dem Liebhaber und dem Freunde; aber ich dachte 
ihn mir liebenswürdig und jung, indem ich ihm noch dazu die Tugenden und die 
Mängel verlieh, die ich aji mir wahrnahm. 

Um eine für meine Phantome geeignete Stätte aufzufinden, ließ ich die schönsten 
Gegenden, die ich auf meinen Reisen gesehen hatte, im Geist vor mir vorüberziehen. 
Aber ich fand keinen Hain mir küld und schattig genug, keine Landschaft mir 
rülarend genug. Thessaliens Thaler würden, wenn ich sie gesehen hätte, mich nicht 
haben befriedigen können; aber meine vom ewigen Erfinden ermüdete Seele begehrte 
eine wirkliche Stätte, die ihr als Anhaltspunkt dienen und mir das wirkliche Vor- 
handensein der Bewohner, die ich in sie versetzen wollte, vorspiegeln konnte. Lange 
dachte ich an die boromeischen Inseln, deren entzückender Anblick mich begeistert 
hatte, doch fand ich dort für meine Gebilde zu viel Schmuck und Kirnst. Indessen 
bediu'fte ich eines Sees, und wählte endlich den, an dem mein Herz nie imiber- 
zuirren aufgehört hat. Ich entschloß mich für den Teil der Ufer dieses Sees, auf 
welchem meine Wunsche in dem erträumten Glücke, auf das das Schicksal mich 
beschränkt hat, schon seit lange meinen Wohnsitz aufgeschlagen haben. Der Geburts- 
ort meiner armen Mama hatte außerdem noch einen hervorragenden Reiz für mich. 
Die Kontraste der Örtlichkeit, der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Land- 
schaft, die Pracht und Majestät der ganzen Natur, die die Sinne entzückt, das Herz 
bewegt, die Seele erhebt, bestimmten mich vollends, mid ich gab meinen jungen 
Lieblingen ein Asyl in Vevay. Das war das erste Ergebnis meiner Phantasie; das 
übrige wurde erst in der Folge hinzugefügt." 

Dieses Thema : Zwei Freundinnen, mit anderen Worten die Ehe zu dritt, 
ist noch bezeichnender als das Lambercier- Motiv. Es ist die Abfolge des 
Konfliktes der Kindheit, welcher über das Leben Rousseaus entschieden hat. 
Dieses Thema windet sich wie ein Leitmotiv durch das Leben des Dichters. 
Sie finden es umgekehrt in „Julie": zwei Freunde und eine Frau zwischen 
den beiden Männern. Sie stirbt und vertraut ihre Kinder Saint-Preux an, 
mit dem sich Rousseau identifiziert. Sie begegnen ihm weiterhin, wenn es 



.Teon Jncqiies R.ou,5SEflii 



sich um Rousseau, Claude Anet und Madame de Warens, um Rousseau, 
Grimm und Madame d'Espinay, um Rousseau, SaintLambert und Madame 
d'Houdetot handelt; ferner, wenn auch weniger charakteristisch, im Falle 
Rousseau -Ther&se Le Vasseur. Hier ist Theresens Mutler die Konkurrentin 
Rousseaus. Der gleiche Konflikt wiederholt sich somit vor uns in immer 
wieder anderen Situationen. Es ist der Gruudkonflikt im Leben Rousseaus, 
den er nie zu lösen vermocht hat: Konflikt des Vaters, des Sohnes und 

der Mutter. 

Um ihn verstellen zu können, müssen wir die Kindheit Jean Jacques 
etwas näher untersuchen. Sein Dasein beginnt mit dem großen Verbrechen, 
das sein Unbewußtes nie verschmerzen konnte und das er um jeden Preis 
härte gutmachen wollen. Seine Geburt hat seiner Mutter das Leben ge- 
kostet und diese Tatsache gibt uns über vieles Aufschluß. 

Berücksichtigen Sie weiter die Rolle des Vaters. Wie oft hat er mit dem 
kleinen Jean Jacques die Bände verschlungen, welche er mit seiner Frau 
gelesen hatte. Wie sehr hat er im Geiste seines Kindes die Erinnerung an 
eine in jeder Beziehung vollkommene Mutter beständig wachgehalten. Un- 
bewußt hat sich der Vater für die Harte seines Schicksals gerächt, indem 
er ins Herz seines Sohnes den Keim des Leidens legte, dem dieser später 
zum Opfer fallen sollte. Es ist interessant in den „Bekenntnissen'' die Stellen 
nachzulesen, wo Jean Jacques von seinem Vater spricht, dessen unbewußte 
Feindseligkeit er herausgefühlt hat, ohne daß es ihm je gelungen wäre, 
sie völlig zu verstehen. Die Stellen sind Ihnen sicherlich bekannt. Sie 
werden mich entschuldigen, wenn ich sie trotzdem hier wiedergebe, ich 
erlaube es mir, weil Jean Jacques mit einem außerordentlichen Scharfsinn 
die Konflikte geschildert hat, über die ich mich heute Abend mit Ihnen 
auseinandersetze. Er hat dies nicht mit seiner Intelligenz fertig gebracht, 
— sie weigerte sich, sein eigenes Drama zu begreifen, — sondern mit dem 
Herzen, das ihm mit seinem Blute geschriebene Worte diktiert hat, Worte, 
deren geringste Nuance von höchster Bedeutung ist. Hören Sie, was er sagt: 

Ich biii im Jahre 1712 zu Genf von der Bürgerin Susanne Beniard, Ehefrau des 
Bürgers Isaak Rousseau fjeboren. Da der dem letzteren zugefallene Antejl an dem 
sehr mäßigen Vermögen seiner Ellem, in wekhes sich fünfzehn Geschwister zu teilen 
hatte», sich fast aiif nichts belief, so sah sich mein Vater zwr Erwerbung semes 
Lebensunterhahes lediglich auf das Uhrmaclierhandwerk angewiesen, m welchem er 
ffroße Geschicklichkeit besaß. Meine Mutter, Tochter des Predigers Bernar,5, war 
reicher, denn sie zeichnete sich durch Klugheit und Schönheit aus. Nicht ohne Muhe 
hatte mein Vater deshalb ihre Hand erhalten. Ihre Liebe zueinander hatte fast mit 
ihrem Leben begonnen; schon im Alter von acht bis neun Jahren lustwandelten sie 
alle Abende zusammen in den Weingärten; mit zehn Jahren konnten sie mcht mehr 



ohne einander leben. Seelenverwandtschaft und Übereinstimmung; der Charaktere 
befestigte dann noch in ihnen das Gefühl, welches die Gewohnheit erzeugt hatte. 
Beide, gefühlvoll und liebebedürfCig, warteten nur auf den Augenblick, in einem 
andern die nämliche Anlage in finden, oder dieser Augenhlick wartete vielmehr auf 
sie selbst, und jedes von ihnen verschenkte sein Herz an das erste, welches bereit 
war, es anzunehmen. Das Schicksal, welches sich ihrer Leidenschaft entgegenzustellen 
schien, gab derselben nur neue Nahrung. Der junge Mann, der nicht in den Besiti 
seiner Geliebten, gelangen konnte, verzehrte sich vor Schmerz; sie überredete ihn, 
einige Zeit das Vaterland zu verlassen, um sie zu vergessen. Er ging auf die Wander- 
schaft, aber vergebens und kehrte verliebter als je zurück. Auch sie, an der sein 
Herz hing, hatte ihm Liebe und Treue bewahrt. Nachdem sie diese Probe bestanden 
hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig als sicii ewig zu lieben. Sie schworen es 
sich, und der Himmel segnete ihren Schwur. 

Gabriel Bernard, der Bruder meiner Mutter, verliebte sich in eine der Schwestern 
meines Vaters, aber sie gab ihm ihr Jawort nur unter der Bedingung, daß ihr Bruder 
die Hand seiner Schwester erhielte. Die Liebe brachte alles in Ordnung, und die 
beiden Hochieitsfeste wurden an demselben Tage gefeiert. So wurde mein Onkel 
der Gatte meiner Tante, und ihre Kinder wurden in doppelter Beziehung meine 
Geschwisterkinder. In jeder der beiden Familien wurde gegen Ende des Jahres ein 
Kind geboren. Dann trat noch einmal eine Trennung ein. 

Mein Onkel Bemard war Ingenieur: er ließ sich anwerben und diente unter dem 
Prinzen Eugen im Reiche und in Ungarn. Bei der Belagerung und in der Schlacht 
von Belgrad zeichnete er sich aus. Mein Vater reiste dagegen nach der Geburt 
meines einzigen Bruders nach Konstantinopel, wohin er als Uhtmacher des Serails 
berufen war. Während seiner Abwesenheit wurden der Schönheit, dem Geiste und 
den Talenten' meiner Mutter vielfache Huldigungen dargebracht. Am eifrigsten 
inachte ihr Herr de la Closure, der französische Resident, den Hof. Seine Leiden- 
schaft muß in der Tat groÜ gewesen sein, da er noch dreißig Jahre später von 
Rührung ergriffen wurde, als er mir von ihr erzählte. Um sich aber dieser üm- 
werbungen zu erwehren, hatte meine Mutter noch eine größere Stütze als ihre 
Tugend allein: sie liebte ihren Gatten zärtlich, und drängte ihn, zurückzukehren. 
Er ließ alles im Stich und kehrte heim. Ich wurde die traurige Frucht dieser Rück- 
kehr. Zehn Monate später wurde ich als ein schwächliches und kränkliches Kind 
geboren. Ich kostete meiner Mutter das Leben und meine Geburt war mein erstes 
Unglück. 

Ich habe nicht erfahren, wie mein Vater diesen Verlust ertrug, so viel aber weiß 
ich, daß er sich nie darüber tröstete. Er glaubte, sie in mir wieder zu sehen, ohne 



i) Pur ihren Stand besaß sie eigentlich zu glänzende, da ihr der Prediger, ihr 
Vater, welcher sie anbetete, eine höchst sorgfältige Erziehung gegeben hatte.' Sie 
zeichnete, sang und begleitete sich auf der Laute; sie war ziemlich belesen und 
machte ganz leidliche Verse. Die unten angeführten dichtete sie während der Ab- 
wesenheit ihres Bruders und Mannes sofort aus dem Stegreife auf einem Spazier- 
gange, den sie mit ihrer Schwägerin und den Kinder der Entfernten machte, da jemand 
sie wegen der langen Trennung bedauerter 

Die beiden Herrn, die fem jetzt weilen, 
Sind lieb und wert uns immerdar, 
Denn Liebe rechnet nicht nach Meilen. 
Die Gatten sind uns Brüder zwar, 
Doch auch ein edles Vaterpaar. 



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deswegen vergessen zu können, daß ich sie ihm geraubt hatte. So oft er mich um- 
armte, merkte ich an seinen Seufiem, wie an seiner krankhaften Umschlingung, daß 
sich ein bitterer Kummer seinen Liebkosungen, die dadurch nur um so lartlicher 
wurden, beigesellte. Wenn er zu mir sagte: „Jean Jacqiies, laß uns vnn deiner Mutter 
reden", so antwortete ich ihm: „Du hast also Lust lu weinen, Vater", und dieses 
Wort allein entlockte ihm schon Tiänen. „Ach", sagte er dann seufzend, „gib sie 
mir wieder, tröste mich über sie, fülle die Lücke aus, die sie in meinem Herzen 
gelassen hat! Würde ich dich so lieben, wenn du nur mein Sohn wärest?" ~ Vierzig 
Jahre nach ihrem Verluste ist er in den Armen einer zweiten Frau gestorben, aber 
mit dem Namen der ersten auf den Lippen und mit ihrem Bilde auf dem Grunde 

seines Herzens. 

So waren die Urheber meiner Tage. Von allen Gaben, mit denen der Himmel 
sie ausgestattet hatte, ist ein frefühlvolles Herz die einzige, welche sie mir hmter- 
Heßen; während es aber für sie die Quelle des Glückes gewesen war. wurde es für 
mich die Quelle des Unglücks während meines ganzen Lehens. 

Bei meiner Geburt war ich kaum lebensfähig; man hatte wenig Hoffnung, mich 
zu erhalten. Ich brachte den Keim eines Leidens mit auf die Welt, welches die Jahre 
entwickelt haben und das mir jetzt nur hin und wieder eine kurie Ruhe giinnt, um sich 
mir dafür auf andere Weise um so grausamer fühlbar zu machen. Eine Schwester meines 
Vaters, ein liebenswürdiges und kluges Mädchen, pflegte mich mit so groQer Sorgfalt, 
daß ihr meine Bettimg gelang. In dem Augenbhcke, da ich dieses schreibe, ist sie noch 
am Leben, im Alter von achtzig Jahren einen Mann pflegend, der jünger als sie, aber 
durch die Trunksucht heruntergekommen und geschwächt ist. Liebe Tante, ich ver- 
zeihe dir, mich am Leben erhalten zu haben, und bedaure, dir am Ende deiner Tage 
nicht die zärtliche Sorge vergelten zu können, die du am Beginn der meinigen an 
mich verschwendet hast, Auch meine Wärterin, Jacqueline, ist noch am Leben, gesund 
und kräftig. Die Hände, welche mir die Augen hei meiner Geburt öffneten, werden 
sie mir bei meinem Tode zudrücken können. 

Ich fühlte ehe ich dachte; das ist das gemeinsame Schicksal der Menschheit. 
Ich erfuhr es in einem höheren Grade als andere. Ich erinnere mich nicht, was ich 
bis zu einem Alter von fünf bis sechs Jahren tat. Ich weiß nicht, wie ich lesen lernte; 
ich entsinne mich nur noch meiner ersten Lektüre und wie sie auf mich wirkte; 
von dieser Zeit an beginnt mein ununterbrochenes Selbstbewußtsein. Meine Mutter 
hatte Romane hinterlassen. Wir, mein Vater und ich, fingen an, sie nach dem Abend- 
essen zu lesen. Zuerst handelte es sich nur darum, mich durch unterhaltende Bücher 
im Lesen zu üben; aber bald wurde das Interesse so lebhaft, daß wir abwechselnd 
unaufhörlich lasen und selbst die Nächte bei dieser Beschäftigung zubrachten. Wir 
konnten uns nicht überwinden, vor Beendigimg eines Bandes aufzuhören. Mitunter 
sagte mein Vater, wenn er gegen den Morgen die Schwalben schon zwitschern hörte, 
ganz beschämt: „Laß uns zu Bette gehen, ich bin noch mehr Kind als du.« 

Auf diesem gefährlichen Wege eignete ich mir nicht allein in kurier Zeit außer- 
ordentliche Gewandtheit im Lesen und Auffassen an, sondern auch ein für mein 
Alter ungewöhnliches Verständnis der Leidenschaften, Während es mir noch an jedem 
Begriffe von den wirklichen Verhältnissen fehlte, hatte ich bereits einen Einblick in 
die Welt der Gefühle genommen. Ich hatte nichts begriifen, aber alles gefühlt. Die 
unklaren Vorstellungen, die ich nacheinander in mich aufnahm, konnten der Vernunft, 
die ich noch nicht hatte, zwar nicht schädlich sein, aber sie waren doch die Ursache, 
daß die meinige ganz eigenartig wurde, und brachten mir über das menschliche 
Leben höchst wunderliche und schwärmerische Begriffe bei, von denen mich Er- 
fahrung und Nachdenken nie haben vollkommen heilen können." 



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^4 R.en^ Laforgue 

Wir begreifen jetzt, daß die verstorbene Julie nur die Mutter Rousseaus 
sein Icann, daß das ewige Bemühen Rousseaus, sich mit seinen Rivalen zu 
verständigen, nichts anderes bedeutet als den Versuch, den Beistand des 
Vaters wieder zu erlangen, mit ihm Frieden zu schließen, die Schuld des 
Verbrechens von sich zu werfen, dessen stummen Vorwurf er immer auf 
sich lasten fiihhe. Es ist der Versuch, dem Vater zurückzugeben, was dieser 
im Sohne sucht: die entschwundene Gattin und Mutter. 

Dies erklärt auch, warum Madame de Warens zur „Mama" wird und 
warum Rousseau jedesmal gezwungen war, seine Mutter zu verlieren, um 
sie einem Rivalen abzutreten. Er verliert Madame de Warens, Madame 
d'Espinay, Madame d'Houdetot. Um das Verbrechen seines Lebens wieder 
gutzumachen, will er dem Vater zurückgeben, was diesem gehört. Dieser 
Konflikt der Kindheit ist Rousseau zum Gefängnis geworden, gegen dessen 
Wände er sich sein ganzes Leben lang wundstieß, ohne je ihm entkommen 
zu können. Dem Wunsche des Vaters entgegenkommend, hat Jean Jacques 
ihm verzweifelnd die Frau ersetzen wollen, deren Tod er unfreiwillig ver- 
ursacht hatte. Nie hat er sich der unmöglichen Aufgabe gewachsen gefühlt. 
Unter dem beständigem Einflüsse eines unausgedrückten Vorwurfes ist er 
groß geworden; dieser Vorwurf nahm mit der Zeit die Form einer Ver- 
folgungsidee an und erweckte im kleinen Jean Jacques den Eindruck als 
schuldig angeklagt zu werden. Und in diesem armen Kinderherzen keimte 
die Reaktion, die sein Leben zu einem Inferno macht; zur Frau zu werden 
und ihr gleichzukommen, um sie beim Vater zu ersetzen, sich zugunsten 
des Vaters kastrieren, ihm alles opfern, zur Reinheit, zur Keuschheit selbst 
werden, so werden, wie sich das Kind die Mutter im Himmel vorstellt. 
Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß jeder Knabe bis zu einem 
gewissen Maße zum Rivalen seines Vaters wird. Die Mjthologie hat das 
unzweideutig ausgedrückt. Zeus kastriert seinen Vater Kronas, der ebenfalls 
seinen Vater Uranus umgebracht hat. Nicht nur die Bäume treiben auf den 
Leichen ihrer Ahnen. Wir alle sind diesem Gesetz unterstellt. Wir zehren 
alle vom Gute der uns vorausgegangenen Generationen und wir selber sind 
dazu bestimmt, zum Erbe unserer Kinder zu werden. 

Rousseaus Konflikt nun hat ihn dazu getrieben, dem Schicksal in den Arm 
fallen zu wollen. Der Wunsch, dem Vater und später dem Freund eine Frau 
ersetzen zu wollen, bedeutet, sich zu opfern, dem Vater, dem Freunde gerade 
das zu geben, was man ihnen bei normaler Einstellung streitig machen sollte. 
Diese, Rousseau durch sein Unbewußtes wie eine Strafe auferlegte 
Kastration macht es uns begreiflich, warum Rousseau sich dazu getrieben 



Jean Jucques Rousseau i5 



fühlte, in Turin den Mädchen das Gesäß zu zeigen, die bekannte Erregungs- 
zone femininer Männer. Rousseaus Exhibitionismus bedeutet ein Kompromiß 
zwischen seinem normalen Sexualtrieb, der ihn dazu drängte, mit Mädchen 
in Kontakt zu kommen und der widersprechenden Regung, sich für diesen 
Wunsch zu strafen und die Rolle der Frau zu übernehmen, da es ihm nicht 
erlaubt war, sich seiner Männlichkeit zu bedienen. Wenn er eine Frau 
erobern will, muß er sich lächerlich machen. Rousseau ist auf Grund 
seines Konfliktes gezwungen, den Narren zu spielen, um nicht ein bezeich- 
nenderes Wort zu gebrauchen. Er hat nicht das Recht, Mann zu sein, denn v , 
so sein, wie der Vater ist, bedeutet Konkurrent des Vaters werden. Er war 
gezwungen, sich zu „kastrieren", was einmal in moralischer Hinsicht geschah, 
dann aber auch mit schweren Symptomen in phantastisch-physischer Weise. 

I) Die moralische Kastration. Er schildert sie in den „Bekennt- 
nissen" folgendermaßen: ''" * 

Zwei sonst fast unvereinbare Dinge verbinden sich in mir in einer mir unbe- 
greiflichen Weise; ein sehr feuriges Temperament, lebhafte, heftige Leidenschaften 
und eine langsame Entwicklung der Gedanken, die sich unklar und nie im richtigen 

Augenblicke einstellen. Man sollte meinen, daß mein Hera und mein Geist nicht | 

einem und demselben Wesen angehörten. Schneller als der Bliti erfüllt das Gefühl ',, 

meine Seele, aber anstatt mir Klarheit lu verschaffen, entflammt und blendet es mich. 

Ich fühle alles und begreife nichts. Ich hin leidenschaftlich erregt, aber albern; zum . . 

Denken habe ich kaltes Blut notig. Erstaunlich ist dabei, daß ich dennoch ziemlich \ * 

sichern Takt, Scharfsinn, sogar Schlauheit habe, gönnt man mir nur Zeit; wenn ich 

mich vorbereiten darf, mache ich ganz vortreffliche Gedichte, aber auf der Stelle . 

habe ich nie eines fertig gebracht oder etwas gesagt, was einigen Wert hätte. Brief- 
lich würde ich eine ganz witzige Unterhaltung führen, wie auch die Spanier in 
gleicher Weise Schach spielen sollen. Als ich von einem Herzoge von Savoyen die 
Anekdote las, er hätte sich auf einer Reise umgewendet, um zu rufen: „Mögest du 
dir den Hals brechen, Pariser Krämer!" sagte ich zu mir: „Gerade so wie ich selbst!" 

Diese Langsanikeit des Denkens im Verein mit dieser Lebhaftigkeit des Gefühls ^ 

macht sich bei mir nicht nur in der Unterhaltung geltend, sondern auch wenn ich f 

allein bin und bei der Arbeit. Mit der unglaublichsten Schwierigkeit ordnen sich <^ 

nieine Gedanken im Kopfe. Sie laufen in ihm planlos umher und fangen an zu j' 

gähnen, bis ich in Aufregung gerate, mich erhitze und Heraklopfen bekomme, und 
inmitten dieser Erregung sehe ich nichts deutlich, wäre ich unfähig ein einziges 
Wort zu schreiben, ich muß warten. Allmälilich läßt diese große Erregung nach, 
das Chaos entwirrt sich, jedes Ding beginnt seine richtige Stelle einzunehmen, aber 
langsam mid nach einer langen und verlegenen Unruhe, Habt ihr nicht hin und 
wieder in Italien die Oper besucht? Bei dem Szenenwechsel herrscht auf diesen 
großen Bühnen eine unangenehme und ziemlich lange anhaltende Verwirrung; alle 
Dekorationen liegen bunt durcheinander, man gewalu-t auf allen Seiten ein peinlich 
herülirendes Hin- und Herziehen; man glaubt, alles müßte zusammenstürien ; allein 
nach und nach ordnet sich alles, nichts fehlt, und man ist ganz erstaunt, wenn man 
auf diesen langen Wirrwar ein hinreißendes Schauspiel folgen sieht- Ungefähr ein 
ahnlicher Vorgang findet in meinem Kopf statt, sobald ich schreiben will. Wäre ich ) \ 

imstande gewesen, erst zu warten und die Dinge dann in der Schönheit wieder- 



*») £-'l^(i»i'm. ti 



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11 



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Ren^ Laforgue 



lugeben, in der sie sich mir dargestellt haben, dann ivürden mich xvenig;e Schrift- 
steller übertroffen haben. 

Daraus entspringt die ungemeine Schwierigkeit für mich zu schreiben. Meine 
durchstri ebenen, hingesudelten, mit vielen Einschaltungen versehenen, kaum lesbaren 
Schreibereien bezeugen die Mühe, die sie mir gekostet haben. Es ist nicht eine 
einzige unter ihnen, die ich nicht hätte vier- oder fünfmal abschreiben müssen, ehe 
ich sie zum Druck befördern konnte. Ich habe mit der Feder in der Hand, mein 
Papier auf dem Tische vor mir, nie etwas aufzusetzen vermocht. Auf Spaziergängen, 
zwischen Felsen und in Wäldern, nachts, wenn ich schlaflos im Bette liege, da 
schreibe ich im Kopfe, man kann sich vorstellen mit welcher Langsamkeit, zumal 
bei einem Menschen, dem es an allem Wortgedächtnisse gebricht und der in seinem 
ganzen Leben nicht sechs Verse hat auswendig behalten können. Es gibt Perioden 
in meinen Schriften, die ich fünf oder sechs Nächte lang in meinem Kopfe hin imd 
her gewendet habe, ehe sie so gefeilt waren, daß sie zu Papier gebracht werden 
konnten. Daher kommt es auch, daß mir Werke, die Arbeit verlangen, besser ge- 
lingen als solche, die mit einer gewissen Leichtigkeit, ähnlich wie Briefe, abgefaßt 
werden wollen, eine Gattung, deren Ton ich nie habe treffen können und die mir 
deshalb Qual bereitet, so oft ich mich mit ihr beschäftigen muß. Auch über die 
geringfügigsten Angelegenheiten schreibe ich keine Briefe, die mir nicht stunden- 
lange Anstrengungen kosten, und wenn ich sofort niederschreiben will, was mir vor- 
kommt, so weiß icli weder Anfang noch Ende; mein Brief wird dann ein langer 
und verworrener Wortschwall; man versteht mich kaum, wenn man ihn liest. 

Es wird mir nicht allein sauer, die Gedanken wiederzugeben, es wird mir sogar 
sauer, sie zu fassen. Ich habe die Menschen stiidiert und halte mich für einen ziemlich 
guten Beobacliter; allein ich bin unfähig, von dem, was ich sehe, etwas einzusehen, 
ich sehe nur das ein, dessen ich mich erinnere, und nur in meinen Erinnerungen 
bin ich khig. Von allem, was man in meiner Gegenwart sagt, in meiner Gegenwart 
tut, in meiner Gegenwart sich ereignet, merke ich nichts, durchschaue ich nichts. 
Nur das rein Äußerliche tritt vor mein Auge. Aber später fällt mir alles wieder ein; 
ich entsinne mich des Ortes, der Zeit, des Tones, der Blicke, der Gebärde, kurz 
jedes UmStandes; nichts entgeht n\ir. Und aus dem, was mtan getan oder gesagt, 
finde ich dann heraus, was man dabei gedacht hat, und ich täusche mich darin selten. 

Wenn ich nun allein mit mir selbst so wenig Herr meiner Geisteskräfte bin, so 
möge man sich vorstellen, was ich in der Unterhaltung sein muß, wo man, um 
schlagfertig zu reden, gleichzeitig \md auf der Stelle an tausend Dinge denken muß. 
Der bloße Gedanke an die vielen Rücksichten, die ich zn nehmen habe und von 
denen ich wenigstens eine außer acht lu lassen sicher bin, genügt, um mich ein- 
zuschüchtern. Ich begreife nicht einmal, wie man den Mut haben kann, in einer 
Gesellschaft zu reden, denn bei jedem Worte müßte man alle Anivesende im Auge 
haben, müßte man den Charakter »nd die Lebensgeschichte jedes einzelnen kennen, 
um sicher zu sein, daß man nichts sagt, wodurch man einen von ihnen verletzen 
könnte. Hierin haben die, welche in der Welt leben, einen großen Vorteil ; da sie 
besser wissen, worüber man schweigen muß, sind sie dessen, was sie sagen, sicherer, 
und nichtsdestoweniger entschlüpfen auch ihnen nicht selten Dummheiten. Was wird 
nun der erst für Unheil stiften, der in einen solchen Kreis wie aus den Wolken 
hineinfällt! Es ist ihm fast unmöglich, auch nur eine Minute ungestraft zu reden. 
Ein Gespräch unter vier Augen ist mit einem anderen Übelstande verbunden, der 
mir noch schlimmer vorkommt, nämlich mit der Notwendigkeit, fortwährend zu 
reden. Wenn man mit euch spricht, müßt ihr antworten, und wenn man verstummt, 
müßt ihr die Unterhaltung wieder aufnehmen. Dieser unerträgliche Zwang wäre 



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Jcnii Jncqiici Roiiiscnu 



allein hinreichend gewesen, mir das Gesellscliaftslebeii völlig zu veileiden. Ich finde 
keinen 'iwang schrecklicher als die Verpflichtung, augenblicklich und fortwährend 
za reden. Ich weiß nicht, ob dies mit einem tödlichen Widerwillen gegen jede Ab- 
hängigkeit zusammenhängt, aber die Notwendigkeit, .unter allen Umständen zu reden, 
ffeniigt vollkommen, um mir unfehlbar eine Dummheit zu entlocken. 

Noch unseliger ist es, daß trotz des richtigen Gefülils, mich schweigend ver- 
halten lu müssen, wenn ich nichts zu sagen h;ibe, mich förmlich die Wut zu sprechen 
überfällt, wm meine Schuld dadurch gleichsam schneller abzutragen. Ich stottere m 
erößter Hast einige gedankenlose Worte hervor, mit denen sich im glücklichsten 
Falle gar kein Sinn verbinden läßt. Durch mein Bestreben, meine Albernheit zu be- 
siegen oder zu verdecken, bringe ich sie gewöhnlich erst recht zutage." 

Man hat sich sehr oft über die Sexualität Rousseaus ausgelassen. Man 
hat ihn der schlimmsten Perversionen beschuldigt. Wir glauben mit Un- 
recht. Wir sind nicht der Meinung, daß Rousseau nicht einige Abenteuer 
zu verzeichnen hat, aber der wesentliche Charakter seiner Sexualität ist 
seine Hemmung, im Zusammensein mit einem Manne oder einer Frau 
ein Gespräch zu führen. Die Wahrheit ist, daß Rousseau in seiner Ent- 
wicklung auf einer infantilen Stufe stehen geblieben und infolge des in 
ihm wirkenden Verbotes Mann zu werden, nicht zur normalen Sexual- 
befriedigung kommen konnte. Es genügt, die Stellen der „Bekenntnisse" 
nachzulesen, die seine Beziehungen mit der hübschen Zulietta aus Venedig 
oder mit Madame de Warens zum Gegenstande haben, um sich davon 
! überzeugen zu lassen: 

l Die Padoana, zu der wir gingen, hatte ein ziemlich hübsches, sogar schönes 

i Äußere, aber sie war keine Schönheit, wie sie mir gefiel. Dominico ließ mich bei 

1 ihr. Ich ließ Sorbet kommen, ließ sie etwas vorsingen und wollte mich nach einer 

t halben Stunde entfernen, wobei ich einen Dukaten auf den Tisch legte; aber sie 

I hatte die sonderbare Eedenklichkeit, ein Geschenk anzunehnien, das sie nicht ver- 

■ dient hatte, imd ich die sonderbare Torheit, ihre Bedenklichkeit zu heben. Ich kehrte 

nach dem Palast zurück, überzeugt, daß ich übel angekommen wäre, daß ich sofort 
nach meiner Heimkunft den Wundarzt holen ließ, um ihn um Tisanen zu bitten. 
Nichts kann der unbehaglichen Stimmung gleichkommen, in der ich mich drei 
' Wochen lang befand; ohne daß irgendein wirkliches Unwohlsein, irgendein sicht- 

liches Zeichen sie rechtfertigte. Ich konnte nicht begreifen, daß man ungestraft aus 
den Armen der Padoana kommen könnte. Sogar der Wundarzt hatte alle erdenk- 
liche Mühe, mich wieder lu beruhigen. Er konnte nur dadurch zum Ziele gelangen, 
daß er mir einredete, ich hätte eine so eigentümliche Natur, daß ich nicht leicht 
angesteckt werden könnte, und obgleich ich mich vielleicht weniger als irgendein 
anderer Maim dazu hergegeben habe, die Wahrheit seiner Behauptung zu erproben, 
so sehe ich sie doch deshalb für erwiesen an, weil meine Gesundheit in dieser Be- 
ziehimg nie gelitten hat. Dieser Walm hat mich indessen nie verwegen gemacht, imd 
wenn mir die Natur diesen Voriug in der Tat verliehen hat, so kann ich sagen, daß 
ich ihn nicht mißbraucht habe. 

Mein anderes Abenteuer, obgleich ebenfalls mit einer Kurtisane, war sehr ver- 
schiedener Art sowohl hinsichtlich der Veranlassung als auch der Folgen. Wie ich 



J 



j8 Kcn6 Laforgue 



bereits mitgeteilt, hatte mir der Kapitän Olivet an Bord seines Schiffes ein Mahl 
gegeben, wozu ich den Sekretär der spanischen Gesandtschaft niitgenommen hatte. 
Ich rechnete darauf, mit Kanonenschüssen salutiert zu werden. Die Mannschaft bildete 
zu tuiserem Empfange Spalier, aber tein Schuß wurde abgefeuert. Um Carrios willen, 
der sich sichtlich ein wenig verletzt fühlte, war mir dies demütigend, um so mehr, 
da man auf den K auf fahrtei schüfen den Kanonensalut Leuten zugestand, welche m.it 
uns sicherlich nicht auf gleicher Rangstufe standen; überdies glaubte ich, von dem 
Kapitän eine Auszeiclmiuig wohl verdient zu haben. Ich konnte mich nicht verstellen, 
weil es mir stets unmöglich ist, und obgleich das Mahl sehr gut war und Olivet 
einen sehr vortrefflichen Wirt machte, war ich bei Tische anfangs mißgestimmt, aß 
wenig und sprach noch weniger. 

Bei der ersten Gesundheit erwartete ich wenigstens eine Salve: nichts, Carrio, der 
in meiner Seele las, lachte, als er mich wie ein Kind schmollen sah. Bald nach 
Beginn des Mahles nehme ich wahr, daß eine Gondel naht. „Fürwahr, mein Herr", 
sagte der Kapitän lu mir; „seien Sie auf Ihrer Hut, der Feind rückt an". Ich frage 
ihn, was er damit sagen woUe; er antwortet mit einem Scherzworte. Die Gondel 
legt an, und icli sehe eine blendend schöne, junge Person in höchst koketter Kleidung 
sehr schnell aussteigen, die in drei Sprüngen mitten im Eßsalon steht. Sie saß an 
meiner Seite, ehe ich noch bemerkt hatte, daß man dort ein Kuvert für sie hin- 
gestellt. Sie war ebenso reizend wie lebhaft, eine Brünette von höchstens zwanzig 
Jahren. Sic sprach nur italienisch; ihr Ton allein hätte hingereicht, mir den Kopf 
lu verdrehen. Mitten im Essen, mitten im Plaudern sieht sie mich an, betrachtet 
mich einen Augenblick scharf und mit dem Rufe: „0 heilige Jungfrau, mein teurer 
Bremond, wie lange ich dich nicht gesehen habe!" wirft sie sich mir dann in die 
Arme, druckt ihren Mund auf den meinen und preßt mich an sich, als wollte sie 
mich ersticken. Ihre großen, schwanen, orientalischen Augen schleuderten förmlich 
Feuerstrahlen in mein Herz, und obgleich die Überraschung mich zuerst etwas aus 
der Fassung brachte, so loderte meine Sinnlichkeit doch bald auf, und zwar bis au 
dem Grade, daß trotz der Zuschauer mich die Schöne bald selbst im Zaume halten 
mußte, denn ich war berauscht oder vielmehr rasend. Als sie mich auf dem Punkte 
sah, auf dem sie mich haben wollte, beobachtete sie in ihren Liebkosungen mehr 
Maß, aber nicht in ihrer Lebhaftigkeit, und als sie sich herbeiließ, uns die wahre 
oder nur ersonnene Ursache dieser mihändigen Leidenschaftlichkeit zu erklären, sagte 
sie, daß ich einem Herrn von Brömond, dem toskanischen Zolldirektor, täuschend 
gliche; sie wäre ganz vernarrt in ihn gewesen und liebe ilm noch immer; sie hätte 
ihn verlassen, weil sie eine Närrin wäre; sie nähme mich an seiner Stelle und wollte 
mich lieben, weil es ihr so gefiele, deshalb müßte ich sie auch lieben, so lange es 
ihr anstände, und wenn sie sich von mir wieder abwenden würde, sollte ich mich 
in Geduld fassen, wie ihr treuer Bremond getan hätte. Und wie gesagt, so getan. 
Sie nahm Besitz von mir, als wäre ich ihr Leibeigener, gab mir ihre Handschuhe, 
ihren Fächer, ihren Hut zu verwahren, befahl mir, hierhin oder dorthin zu gehen, 
dieses oder jenes zu tim, und ich gehorchte. Sie forderte mich auf, ihre Gondel 
zurückzuschicken, da sie sich der meinigen bedienen wollte, und ich tat es. Sie ver- 
langte, ich sollte Carrio meinen Platz einräumen, weil sie mit ihm zu reden hätte, 
und ich war folgsam. Sie plauderten sehr lange und ganz leise zusammen, und ich 
ließ sie gewähren. Sie rief mir und ich kam zurück. „Hör', Zanetto", sagte sie zu 
mir, „ich will nicht auf französische Weise geliebt werden, schon das würde gleich 
kein gutes Ende nehmen, im ersten Augenblick der Langeweile geh' deiner Wege; 
aber bleibe nicht auf halbem Wege stehen, das rate ich dir". Nach dem Mahle 
gingen wir, uns die Glashütte in Murano anzusehen, Sie kaufte eine Menge kleine 



:!i. 



Teati Jacques R-Ousscau 



Mppsachen, die sie uns ohne Umstände tezailen Heß, aber Überall gab sie Trink- 
gelder, die sich höher beliefen als alle unsere sonstigen Ausgaben. Aus der Gleicli- 
gültigkeit, mit der sie ihr Geld fortwarf und uns das unserige fortwerfen ließ, konnte 
man ersehen, daß es keinen Wert für sie hatte. Wenn sie sich bezahlen ließ, geschah 
e», wie ich glaube, mehr aus Eitelkeit als aus Habsucht; den Preis, den man für 
ihre Gunst gab, legte sie sich zum Ruhme aus. 

Am Abend trachten wir sie nach Hause luriicfc. Während ich mit ihr plauderte, 
bemerkte ich zwei Pistolen auf ihrer Toilette. „Ei", sagte ich, eine ergreifend, „das 
ist ja ein Schönpflasterk ästchen neuer Art; durfte man wissen, wozu es dient? Ich 

kenne doch andere Waffen an Ihnen, die hesser Feuer geben, als diese hier." Nach '■ 

einigen Scherien in demselben Tone sagte sie in einem natürlichen Stolze, der sie [ 

noch reizender machte, zu uns: „Wenn ich Leuten, die ich nicht liebe, meine Gunst \ 

erweise, so lasse ich sie die Langeweile, welche sie mir bereiten, bezahlen; nichts \ 

ist billiger; aber wenn ich mich auch ihren Zärtlichkeiten geduldig überlasse, so '■ 

will ich doch ihre Gewalttätigkeit nicht geduldig ertragen, und ich werde den ersten, ! 

der gegen mich fehlt, nicht verfehlen." j 

Beim Scheiden hatte ich ihre Empfangs stunde am nächsten Tage von ihr erfahren. ] 

Ich ließ sie nicht warten. Ich fand sie in t^e^ilo di confidenza, in einem mehr als 
galanten Nachtkleide, wie man es nur in den südlichen Ländern kennt, und mit 
dessen Beschreibimg ich keine Zeit verlieren will, obgleich ich mich desselben nur 
zu gut erinnere. Ich begnüge mich damit, anzugeben, daß ihre Manschetten und 
Busenkrausen mit einem Seidenstreifen eingefaßt waren, der einen reichen Besatz 
von rosafarbenen Schleifen hatte. Das scheint mir ein gutes Mittel, eine schöne 
Haut noch mehr zu heben. Später gewahrte ich, daß es in Venedig Mode war, und 
es bringt einen so reizenden Eindruck hervor, daß es mich wunder nimmt, diese 
Mode noch nicht in Frankreich eingeführt zu sehen. Ich hatte keine Vorstellung vom 
Sinnengenusse, der meiner wartete. In dem Entzücken, welches die Erinnerung an 

Prau von Larnage noch bisweilen in mir erweckt, habe ich ilirer erwähnt; aber wie \> 

alt und häßlich und kalt war sie gegen meine Zulietta! Man würde sich vergeblich 
bemühen, sieb eine Vorstellung von den Reizen und der Anmut dieses bezaubernden 
Mädchens zu machen, stets würde man von der Wahrheit weit entfernt bleiben; die 
jugendlichsten Klo st er Jungfrauen sind weniger frisch, die Schönheiten des Serails 
weniger lebhaft, die Houris des Paradieses weniger verführerisch. Nie bot sich dem 
Herzen und den Sinnen eines Sterblichen ein süßerer Genuß dar. Ach, wenn ich 
nur wenigstens verstanden hätte, ihn einen einzigen Augenblick voll nnd ganz aus- 
zukosten! . . . Ich kostete ihn, aber ohne Beiz; alle seine Womie stumpfte ich ab und 
ertötete sie, als ob ich Freude daran fände. Nein, die Natiu- hat mich nicht zum 
Genüsse geschaffen. Während sie in mein Herz das Verlangen nach einem solchen 
tmaussprechlichen Glücke gelegt, hat sie gleichzeitig in meinen armen Kopf das 
Gift geträufelt, es mir zu vergällen. 

Wenn es in meinem Leben einen Umstand gibt, der als ein treues Bild meines 
Charakters dienen kann, so ist es der, welchen ich zu erzählen im Begriffe stehe. 
Die Klarheit, mit der ich mir in diesem Augenblicke den Zweck meines Buches 
vergegenwärtige, wird mich hier über alles falsche Schicklichkeifsgefühl hinweg- 
setzen, das mich von der Erfüllung desselben zurückhalten könnte. Wer ihr auch 
sein möget, die ihr einen Menschen vollkommen kennenlernen wollt, leset dreist 
die folgenden zwei oder drei Seiten; ihr werdet einen genauen Einblick in Jean 
Jacques Rousseaus Charakter gewinnen. 

Ich trat in das Zimmer einer Kurtisane wie in das Heiligtum der Liebe und der 
Schönheit; ich glaubte, deren Gottheit in ihrer Person zu erblicken. Nie hätte ich 



geglaubt, daß man ohne Erfurcht und Achtung solche Empfindungen, wie sie mir 
einflößte, haben könnte. Kaum hatte ich bei den ersten Vertraulichkeiten den Wert 
ihrer Reize und Liebkosungen erkannt, als ich mich ans Furcht, ihre Frucht schon 
vorher zu verlieren, beeilen wollte, sie eh pflücken. Aber anstatt der Flammen, die 
mich verzehrten, fühle ich plötzlich eine tödliche Kälte durch meine Adern nießeti, 
meine Beine beginnen zu zittern, und, krankhaft erregt, setze ich mich nieder und 

weine wie ein Kind. 

Wer würde wohl die Ursache meiner Tränen und das, was mir m diesem Augen- 
blick durch den Kopf ging, erraten können? Ich sagte mir: dieses Mädchen, das 
^ich mir willenlos hingibt, ist das Meisterwerk der Natur und der Liebe; Geist. 
Körper, alles in ihm ist vollendet; es ist ebenso gut und edelmütig, wie es liebens- 
würdig und schön ist; die Großen, die Fürsten, müßten seine Sklaven sein; die 
Zepter müßten zu seinen Füßen liegen. Und trotzdem ist es eine elende, liederliche 
Dirne, für jeden käuflich; der Kapitän eiiies K auffahrt eis ob ifFes verfügt Über dasselbe; 
es wirft sieb mir an den Kopf, mir, der, wie es weiß, nichts besitzt, mir. dessen 
Wert den es nicht zu erkennen vermag, in seinen Augen nichtig sem maß. Es hegt 
darin etwas UnbegreifKches. Entweder täuscht mich mein Herz, bezaubert meine 
Sinne und überliefert mich den Fallstricken einer unwürdigen Vettel, oder irgendein 
geheimer, mir unbekannter Fehler muß die Wirkung der Reize des Mädchens zer- 
stören und diejenigen mit Widerwillen gegen dasselbe erfüllen, welche es sich streitig 
machen müßten. Mit einer merkwürdigen Anstrengimg des Geistes begann ich nun 
diesen Fehler zu suchen, und es kam mir nicht einmal m den b.nn, daß er m einer 
venerischen Krankheit liegen könnte. Die Frische ihrer Haut der rosige Anhauch 
ilirer Gesichtsfarbe, das blendende Weiß ihrer Zahne, die Reinheit ihres Odems, die 
über ihre ganze Person gebreitete Sauberkeit hielten mir diesen Gedanken so fem, 
daß ich seit der Pädoana noch immer im Zweifel über meinen Gesundheitszustand, 
eher darüber unruhig war. ob auch ich für sie gesund genug wäre; imd ich bin völlig 
überzeugt, daß mich mein Vertrauen in dieser Hinsicht nicht täuschte. 

Diese so rechtzeitig angebrachten Überlegmigen regten mich dergestalt auf, daß 
mir die Tränen aus den Augen strömten. Zulietta, welcher dies sicherlich ein in 
dieser Lage ganz neues Schauspiel war, ivurde einen Augenblick betreten. Aber nach- 
dem sie einmal einen Gang durch das Zimmer gemacht und dabei an ihrem Spiegel ' 
vorübergeschritten war, begriff sie, und meine Augen bestätigten es ihr, daß Wider- , 
wille an dieser Grille keinen Anteil hätte. Es wurde ihr nicht schwer, dieselbe zu j 
verscheuchen und diese kleine Beschämung zu vergessen; aber als ich eben in Begriff 
stand ermattet auf diesen Busen zu sinken, der zum ersten Male den Mund und die 
Hand eines Mannes zu dulden schien, gewahrte ich, daß ilire eine Brust keine Warze 
hatte. Ich erschrecke, sehe genau hin und glaube zu bemerken, daß diese Brust nicht 
wie die andere gebildet ist. Sofort sinne ich nach, wie man eine Brust ohne Warze 
haben könne, und überzeugt, daß es von irgendeinem bedeutenden Naturfehler her- 
rühren müßte, hänge ich diesem Gedanken so lange nach, bis es mir klar wie der 
Tag wird, daß ich in der reizendsten Person, die ich mir vorzustellen vermochte, nur 
eine Art Ungeheuer in meinen Armen hielt, den Abschaum der Natur, der Menschen 
und der Liebe. Ich trieb die Dummheit so weit, von dieser warzenlosen Brust mit 
ihr zu reden. Anfangs nahm sie die Sache scherzhaft auf, und in ihrer mutwilligen 
Laune sagte imd tat sie Dinge, daß die Liebe mich hätte toten müssen; da aber 
immer noch ein Best von Unruhe in mir zurückgeblieben war, den ich ihr nicht ver- 
heimlichen konnte, sah ich, wie sie endlich errötete, ihre Kleider wieder in Ordnung 
brachte, sich erhob und sich, ohne ein einziges Wort zu sagen, an das Fenster setzte. 
Ich wollte mich an ihre Seite setzen, sie entfernte sich, ließ sich auf einem Ruhe- 



Jean Jacques Rous; 



bette nieder, stand schon den nächsten Außfenblick wieder anf, und indem sie sich 
Luft zufächelnd im Zimmer auf und ab ging, sagte sie 7u mir mit kaltem und ver- 
ächtiichem Tone: ,Zanetto, lascia U donne, et snulia ta matcmatica.' 

Ehe ich sie verließ, bat ich sie um eine Zusammenkunft am nächsten Tage, die 
sie auf den dritten Tag verschob, indem sie mit einem ironischen Lächeln hinzu- 
fügte, Ruhe müßte mir ja ein Bedürfnis sein. Ich verbrachte diese Zeit in großer 
Unruhe, das Ken voll von ihren Reihen und ihrer Anmut. Tch war mir meiner Albern- 
heit bevvuÜt und machte sie mir zum Vorwiu-fe, bedauerte die so übel angewandten 
Augenblicke, die ich zu den süßesten meines Lebens hätte machen können und sehnte 
mit lebhaftester Ungeduld die Stunde herbei, wo ich das Verlorene wieder gut machen 
könnte, und nichtsdestoweniger noch immer luiruhig, wie sich die unvergleichlichen 
Eigenschaften dieses anbetungswürdigen Mädchens mit der Unwürdigkeit ihres Ge- 
werbes in Einklang bringen ließen. Ich lief, ich flog lu der verabredeten Stunde m 
ihr Ich weiß nicht, ob ihr feuriges Temperament mit diesem Besuche zufrieden 
gewesen wäre, ihr Stolz wäre es wenigstens gewesen, und ich fand schon im voraiis 
einen köstlichen Genuß darin, ilir auf alle mögliche Weise au zeige«, wie ich mein 
Unrecht wieder gut zu macheu wüßte. Sie ersparte mir diesen Beweis. Der Gondolier, 
den ich nach der Landung zu ihr hinauf schickte, berichtete mir, sie wäre schon den 
Tag vorher nach Floreni zurückgereist. Wenn ich meine ganze Liebe zu ihr nicht 
bei ihrem Besitz empfunden hatte, so fühlte ich sie gar schmerzlich jetzt bei ihrem 
Verluste. Mein unverstandiges Bedauern hat mich nie verlassen. So liebenswürdig und 
reizend sie in meinen Augen auch war, konnte ich mich über iliren Verlust zwar 
trösten; worüber ich mich indessen nicht beruhigen konnte, das ist, wie ich gestehe, 
das quälende Gefühl, daß sie nur eine verächtliche Erinnerung meiner mit fort- 
genc 



lommen hat." 



2) Die phantastisch-physische Kastration. 

Sie kam insbesondere zum Ausdruck nach dem Tode von Claude Anet. 
Sie kennen die Geschichte. Bevor Madame de Warens zur Mutter Jean 
Jacques w?urde, hatte sie einen Mann zum Freunde, dem Rousseau immer 
die höchste Achtung gezollt hat, obwohl er bei Madame de Warens nur 
den Dienst eines Kammerdieners zu versehen schien. Dieser Mann, dessen 
Charakter außergewöhnlich edel gewesen sein muß, war für Madame de 
Warens Freund und Vertrauensperson gew^orden. In Wirklichkeit lag die 
Leitung ihrer Geschäfte, ihres Vermögens in seinen Händen und er leistete 
ihr die größten Dienste. Nachdem er sich entschlossen hatte, sich irgend- 
einem Studium hinzugeben und von einem gelehrten Professor dazu auf- 
gemuntert worden war, begann er leidenschaftlich Botanik zu treiben. Auf 
einem seiner Forschungsau sflüge erkältete er sich und starb bald darauf. 
Madame de Warens und Jean Jacques standen sich allein gegenüber. 

Solange Claude Anet am Leben war, fühlte sich Rousseau in seinen 
Beziehungen mit Madame de Warens nicht zu sehr gehemmt: alles geschah 
mit der diskreten Zustimmung Claudes. Jean Jacques schildert die ziemlich 
heikle Lage der drei Freunde mit folgenden Worten: 



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Ren^ Lalorgue 



„Auf diese Weise entspann sich unter uns dreien ein geselliges Verhältnis, wie es 

vielleicht ohne Beispiel auf Erden dasteht. Alle unsere Wünsche, luisere Sorgen, unsere 
Heriensregiuigen waren gemeinschaftlich; nichts davon ging üher unseren kleinen 
Kreis hinaus. Die Gewohnheit des Zusammenlebens, und zwar des ausschließlichen 
Zusammenlebens wurde so stark, daß, wenn Lei unseren Malilzeiten einer von uns 
dreien fehlte oder ein Vierter hiniukam, alles gestört war, luid uns troti unserer be- 
sonderen Liebesverhältnisse unsere Zusaminenli.ünfte unter vier Augen weniger süß 
waren als unser aller Zusammensein. Was unter uns jeden Zwang verhütete, war ein 
großes gegenseitiges Vertrauen, xmd was jede Langweile verhütete, war luisere mi- 
unterbrochene Beschäftigung," 

Aber mit dem Tode Anets änderte sich alles. Rousseau ging auf Reisen, 
wobei das bescheidene Vermögen von Madame de Warens vergeudet wurde. 
Als Entschuldigung schob er vor, das Geld würde sonst Gaunern in die 
Hände gefallen sein. Gleichzeitig tauclit bei Jean Jacques ein seltsames 
Symptom auf. Er verschwendet nicht bloß das Geld seiner Mama für zweck- 
lose Reisen, sondern er stiehlt es ihr sogar und versteckt es, womit er un- 
zweideutig beweist, daß es das Geld und nichts anderes ist, was ihn bei 
Madame de Warens interessiert. Als er dann auf diese Weise das, was ihm 
Anet hinterlassen hatte, sich zu Nutzen machte, empfand er, mit sich un- 
zufrieden, Gewissensbisse, „von den Sachen seines Freundes profitiert zu 
haben", und wurde von einer eigentümlichen Krankheit befallen: Hören 
Sie Rousseau selber und achten Sie auf die Mitteilung einer äußerst sym 
bolischen und bezeichnenden Tatsache, welche er der Schilderung des Leidens 
vorausschickt : 

„Ich kaufe ein Schachbrett, kaufe die Figuren, schließe mich in mein Zimmer ein, 
bringe Tage und Nächte damit zu, alle Züge auswendig zu lernen, sie wohl oder 
übel meinem Kopfe einzutrichtern und fort und fort allein zu spielen. Nach zwei 
oder drei Monaten dieser allerliebsten Arbeit imd ganz undenkbarer Anstrengungen 
gehe ich abgemagert, gelb und fast stumpfsinnig nach dem Kaifeehause. Ich mache 
einen neuen Versuch und spiele wieder mit Herrn Eagueret; er besiegt mich einmal, 
zweimal, zwanzigmal; in meinem Kopfe hatten sich die vielen Berechnungen der- 
gestalt verwirrt und meine Einbildungskraft war so erloschen, daß ich nur noch eine 
Wolke vor mir sah. So oft ich rpich nach den Büchern Philiodors oder Stammas 
auf einzelne Züge habe einüben wollen, ist es mir in gleicher Weise ergangen; von 
Ermüdung erschöpft, fühlte ich mich schwächer als vorher. Ob ich übrigens das 
Schach eine Zeit lang ruhen ließ oder es mit Leidenschaft spielte, so bin ich doch 
seit dieser ersten Sitzung nie einen Schritt weiter gekommen, und ich habe mich 
stets auf demselben Punkte befunden, auf dem ich stand, als ich sie beendete. Und 
wenn ich mich Tausende von Jahrhunderten übte, würde ich es doch nie weiter 
bringen, als Bagueret einen Turm vorgeben zu können. Das ist eine Iierrliche An- 
wendung der Zeit, wird man sagen. Und dazu habe ich nicht wenig darauf verwendet. 
Ich endete diesen ersten Versuch erst, als ich nicht mehr die Kraft besaß, ihn fort- 
lusetzen. Als ich wieder aus meinem Zimmer unter die Menschen kam, hatte ich das 
Aussehen eines Ausgegrabenen, und hatte ich es so fortge trieben, wäre ich nicht lange 



lt. 
t 



Jean Jacques RousSBnu aS 



als ein Ausgegrabener iimlierge wandelt. Es ist, wie man zugeben wird, schwer, und 
zumal in der Zeit der vollsten Jugendkraft schwer, daß ein solcher Charakter den 
Korper stets in gesimdem Zustande läßt. 

Die Abnahme meiner Gestuidlieit wirkte auf meine Laune und mäßigte die Glut 
meiner Hirngespinste. Da ich mich schwächer fühlte, wurde ich ruhiger \md verlor 
ein wenig meine Reisewut. Häuslicher geworden, wurde ich nicht von Langeweile, 
sondern von Schwermut erfaßt. Krankliafte Launen folgten auf die Leidenschaften; 
meine Abgespanntheit ging in Trübsinn über; ich weinte und stöhnte über nichts; 
ich fülilte mein Leben dahinschwinden, ohne es genossen zu haben; ich seufzte über 
den Zustand, in dem ich meine arme Mama lassen würde, über den, in welchen ich 
sie im Begriffe sah zu versinken; mein einziger Kummer war, wie ich dreist be- 
haupten kann, sie in dem Augenblicke verlassen zu müssen, wo sie am beklagens- 
wertesten war. Endlich wurde ich ernstlich krank. Sie pflegte mich, wie nie eine 
Mutter ihr Kind gepflegt hat, imd das war für sie selbst gut, da sie dadurch von 
ihren Entwürfen abgelenkt nnd von den Projektenmachem ferngehalten wurde. Welch 
ein süßer Tod, wäre er damals eingetreten! Hatte ich wenig von den Gütern des 
Lebens genossen, so hatte ich doch auch wenig von Übeln, die es mit sich bringt, 
erduldet. Meine friedliche Seele konnte ruhig heimgehen ohne alle Bitterkeit über 
die Ungerechtigkeit der Menschen, die das Leben und den Tod vergiftet. Jch hatte 
den Trost, mich in der besseren Hälfte meines Selbst zu überleben; das hieD kaum 
sterben. Ohne die Unruhe, die mir ihr Schicksal einflößte, wäre mein Tod ein ruhiges 
Hinüberschlnmmem gewesen, und selbst diese Unruhe hatte einen rührenden und 
zärtlichen Gegenstand, der ihre Bitterkeit milderte. Ich sagte zu ihr: ,Mein ganzes 
Sein lege ich in deine Hand; handle so, daß es glücklich ist!' Zwei- oder dreimal, 
als ich mich am schlimmsten befand, litt es mich nicht länger im Bette, ich erhob 
mich des Nachts und schleppte micli in ihre Kammer, um ilu- Ratsclüäge über ihre 
Handlungsweise zu geben, die, wie ich wohl sagen darf, richtig und vernünftig waren, 
lind denen sich der Anteil, den ich an ihrem Schicksale nahm, deutlicher zeigte als 
alles andere. Als wären die Tränen meine Nahrung und mein Heilmittel gewesen, 
gewann ich Kraft diu-ch die, welche ich, auf ihrem Bette sitiend und ihre Hände in 
den meinigen haltend, bei ihr und mit ihr weinte. Die Stunden flogen in diesen 
nächtlichen Unterredungen dahin, und ich kehrte in besserem Befinden als ich ge- 
kommen war, von ihnen zurück. Zufrieden imd durch ihre Versprechungen wie durch 
die Hoffnungen, die sie in mir erweckt, beruhigt, schlief ich mit Frieden im Herzen 
und voll Ergebung in die Vorsehung. Wolle Gott, daß nach so vielen Ursachen das 
Leben zu hassen, nach so vielen Stürmen, die das meinige bewegt imd es mir zur 
Last geniacht haben, der Tod, der ihm ein Ende machen wird, mir ein ebenso wenig 
grausamer sei, als er es mir in jenen Augenblicken gewesen wäre . . . 

. . . Die Landlnft gab mir indessen meine Gesundheit nicht wieder. Ich siechte 
nur immer mehr dahin. Ich konnte die Milch nicht vertragen und mußte ihrem 
Genüsse entsagen. Damals war die Wasserkur in die Mode gekommen; ich warf mich 
also auf das Wasser und in so unbesonnener Weise, daß mit meinen Leiden auch 
beinahe noch mein Leben ein Ende genommen hätte. Jeden Morgen, nachdem ich 
aufgestanden war, ging ich mit einem Becher zur Quelle und trank, dabei umher- 
w^andelnd, nach und nach gewiß zwei ganze Flaschen. Dem Tischwein entsagte ich 
ganz und gar. Das Wasser, welches ich trank, war wie die meisten Gebirgswässer, 
hart imd schwer verdaulich. Kurz, ich stellte es so gut an, daß ich mir in weniger 
als zwei Monaten den Magen vollständig verdarb, der bis dahin sehr gut gewesen 
war. Da ich nichts mehr verdauen konnte, sah ich ein, daß ich auf Heiliuig nicht 
länger rechnen durfte. In der nämlichen Zeit traf bei mir eine Erscheinung ein, die 



IT 



^J RiTii^ Lnlorgtie 



an und für sicli wie durch die Folgen, die nur mit meinem Tode aufhören werden, 
höchst sonderbar war. 

Eines Morgens, als ich mich nicht unwohler als gewölmlich befand, und eben eine 
kleine Tischplatte auf ihr Fußgestell legte, fühlte ich in meinem ganzen Körper eine 
plötiliche und fast unbegreifliche Veränderung. Ich kann sie nicht besser als mit 
einer Art Sturm vergleichen, der sich in meinem Blute erhob und sich in einem 
Augenblick über alle meine Glieder verbreitete. Meine Adern begannen mit einer 
solchen Gewalt zu schlagen, daß ich ihr Podien nicht allein fühlte, sondern auch 
hörte, und namentlich das Klopfen in den Kopfarterien. Daiu gesellte sich ein starkes 
Ohrensausen, und in ihm ließ sich etwas Dreifaches oder Vierfaches unterscheiden, 
nämlich ein tiefes und dumpfes Brausen, ein Miu-meln, heller wie von rieselndem 
Wasser, ein sehr scharfes Pfeifen und das eben erwähnte Herzklopfen, dessen Schlaffe 
ich leicht zählen konnte, ohne erst meinen Puls zn fühlen oder meinen Körper mit 
den Händen zu berühren. Dieser lärmende Aufruhr in meinem Innern w^ar so ge- 
waltig, daß er mir die frühere Feinheit des Gehörs raubte imd mich zwar nicht taub, 
aber doch harthörig machte, wie ich es seitdem geblieben hin. 

Man kann sich meine Überraschung und meinen Schrecken vorstellen, ich hielt 
mich für dem Tode nah und legte mich zu Bette; der Arzt wurde geholt, ich er- 
zählte ihm. zitternd mein Leiden, das mir unheilbar schien. Ich glaube, er teilte meine 
Ansicht, aber er tat, ivas sein Beruf mit sich brachte. Er hielt mir lange Vortrüge, 
von denen ich keine Silbe verstand, darauf begann er infolge seiner erhabenen Theorie 
die Experim.entalkur in anirna vili, die es ihm an mir zu versuchen einfiel. Sie war 
so schmerzhaft, so widerlich und hatte so wenig Erfolg, daß ich ihrer bald müde 
wurde, und als ich nach Verlauf einiger Wochen bemerkte, daß ich mich nicht besser 
und nicht schlechter befand, verließ ich das Bett und nahm meine gewÖhnliclie Lebens- 
weise trotz dem Schlagen meiner Arterien und meines Ohrensausens wieder auf, das 
mich von da an, das heißl seit dreißig Jahren, nicht eine Minute verlassen hat. 

Bis daliin war ich ein großer Schläfer gewesen. Die vollkommene Schlaflosigkeit, 
welche alle diese Krankheitserscheinungen begleitete und sie bis jetzt beständig he- 
gleitet hat, bestärkte mich vollends in der Überzeugung, daß mir nur noch wenig 
Zeit zu leben blieb. Diese Überzeugung beruhigte mich auf einige Zeit Über die 
Sorge für meine Genesung. Da ich mein Leben nicht verlängern konnte, beschloß 
ich, die kurze Lebenszeit, die mir noch vergönnt war, bestmöglich auszukaufen, und 
das ermöglichte mir eine besondere Begünstigung der Natur, die mich in einem so 
traurigen Zustande mit den Schmerzen verschonte, die er dem Anscheine nach hätle 
hervorrufen müssen. Ich war von dem ewigen Sausen belästigt, litt aber nicht dar- 
unter; es war mit keiner anderen bleibenden Unbequemlichkeit verbunden als des 
Nachts mit Schlaflosigkeit und mit einem stets kurzen Atem, der aber nicht bis zum 
Astlima ausartete und sich nur fühlbar machte, wenn ich laufen oder eine angestrengte 
Arbeit verrichten wollte. 

Das Leiden, das meinem Körper hätte tödlich werden müssen, tötete nur meine 
Leidenschaften, und wegen der glücklichen Wirkungen, die es auf meine Seele aus- 
übte, segne ich den Himmel jeden Tag dafür. Ich kann wohl sagen, daß ich erst zu 
leben anfing, als ich mich als einen toten Mann betrachtete. Indem ich den Dingen, 
von denen ich scheiden sollte, ihren wahren Wert zuerkannte, begann ich mich mit 
edleren Pflichten zu beschäftigen, mich gleichsam schon im voraus denen ülierlassend, 
die ich nun bald zu erfüllen habe., würde, und die ich bis dahin arg vernachlässigt 
hatte. Ich hatte mir die Religion oft nach meiner Weise ausgelegt, war aber nie gani 
ohne Religion gewesen, Deshalb fiel es mir weniger schwer, auf diesen, für so viele 
Leute abstoßenden, Gegenstand zurückzukommen, der aber für alle, denen er eine 



Jean Jacijiid R.oiisscnu 



Quelle des Trostes und der Hoffnung bildet, so süß ist. Bei dieser Gelegenheit war 
mir Mama weit niitilicher, als es mir alle Theologen gewesen wären." 

Sie sehen, wie Rousseau durch diese Reaktion dazu gekommen ist. seine 
Leidenschaften zu ersticken, sich zu kastrieren, weil er von den zurück- 
gelassenen Dingen Anets (sein Rivale, sein Vater) hatte profitieren wollen. 
Diese Krankheit hat ihn sein ganzes Leben lang gemartert. In einer ge- 
wissen Phase seines Lehens war er daran, von seiner Krankheit geheilt zu 
werden, nämlich zur Zeit, als er sich nach Montpellier begab, um sich 
dort behandeln zu lassen und auf dem Wege dorthin Madame de Larnage 
begegnete, die sich seiner annehmen wollte und mit der sich, dank der 
Initiative der Dame, alles aufs beste wendete. In seiner Begeisterung ver- 
gißt er sowohl seine Krankheit als Madame de Warens. Er gibt sich dar- 
über selber Rechenschaft und ahnt, daß Madame de Larnage oder eine 
andere Frau ihn weit besser heilen würde als alle Ärzte, die Männer. Er 
begibt sich trotzdem nach Montpellier, wo man ihn als einen eingebildeten 
Kranken behandelt, und nachdem er einmal den Kontakt mit Madame 
de Larnage verloren hat, fällt er wieder in seinen früheren Zustand zurück 
und beklagt sich über einen Polypen am Herzen, den man entfernen 
sollte, Er drückt so symbolisch den Wunsch aus, sich kastriert, der Männ- 
lichkeit, seines Geschlechtes, befreit zu sehen. 

Rousseau ist ein Impotenter gewesen ; bewußt hätte er wohl ein Mann 
sein wollen, — er hat alles getan, um es zu scheinen, — aber er brachte 
es nicht fertig. Er litt in jeder Hinsicht an einer Verhaltung der Gefühle. 
Im unmittelbaren Kontakte mit den Dingen entbehrte er jeglicher Spon- 
taneität. Die Harnverhaltung, die ihm so viel Sorgen gemacht hat, ist 
analogen Ursprungs, sowie auch seine Ängstlichkeit und seine Neigung, 
sich beständig von einer Anzahl Ärzte sondieren zu lassen. Keiner von 
ihnen verstand übrigens den Grund seines Leidens, das heißt, warum er 
sondiert werden wollte. 

Jean Jacques ist infolge dieses Verzichtes auf die Männlichkeit not- 
wendigerweise ein affektiv Zurückgebliebener, ein Kind geblieben. Deshalb 
bedurfte er einer barmherzigen Mutter, die sich mit ihm abgab. Ohne 
ihren Beistand blieb ihm nichts übrig als sich dahinsiechen zu lassen. So 
betrachtet, verstehen wir auch sein egoistisches Betragen seinen Adoptiv- 
müttern gegenüber. Alles hat er von ihnen angenommen, ohne ihnen je 
etwas zurückzugeben. Sogar seine seltsame Handlungsweise in Geldsachen 
wird uns so verständlich, denn vom Standpunkte der Affektivität aus be- 
deutet das Geld für den Erwachsenen, was die Mutler dem Kinde galt. 



■1 



Ren^ Lnlorgue 



Wir wollen nicht auf die Einzelheiten dieses Verhaltens eingehen, da es 
uns heute zu weit führen würde, obwohl wir von hier aus in die Lage 
kämen, die Betteleien und Diebstähle Rousseaus zu verstehen. Begnügen 
wir uns, darauf hinzuweisen, daß ein Mann, der nicht das Recht besitzt, 
den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, sein Brot nicht verdienen kann 
und auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen ist. Wir möchten ferner 
bemerken, daß er es nicht fertig bringt, seine Frau und Kinder unter 
seinen Schutz zu nehmen und ihnen seine Liebe zu schenken. Therese 
war die Dienstmagd Rousseaus; seine Kinder hat er dem Fürsorgeamt über- 
geben, dazu ist nicht einmal bewiesen, daß es die seinigen waren. Wir 
müssen hier die Geschichte mit Marion erwähnen und bei dieser Gelegenheit 
Rousseau gegen sich selbst in Schutz nehmen. Er wirft sich dieses Erlebnis 
als eine der größten Gemeinheiten seines Lebens vor und doch werden 
Sie nach allem, was Sie gehört haben, begreifen, daß ihm seine „Tugend" 
untersagte, anders als auf diese widerliche Art zu handeln. Gestatten Sie 
mir, ihm wieder das Wort zu geben: 

„Ach daß ich mit allem, was ich von meinem Aufenthalte bei Frau von VerceUis 
zu erzählen hatte, doch hiemit zu Ende wäre! Aber wenn mein Seelen.n stand auch 
anscheinend unverändert blieb, so verließ ich ilu- Haus doch nicht, wie ich in das- 
selbe eingetreten wbx. Ich nahm ans ihm die unauslöschliche Erinnerung an ein Ver- 
brechen und das unerträgliche Gewicht der Reue mit fort, die noch immer am Ende 
von v.er.,g Jahren auf memem Gewissen lastet und deren Bitterkeit, statt abzunehmen 
s,ch mit dem zunehmenden Alter unaufhörlich steigert. Wer sollte meinen, daß de^ 
Fehler eines Kmdes so grausame Folgen haben könnte! Und gerade über diese mehr 

h^v^eireth; d n''"^'r" ''''' "^^^ ^^" '^''' -^^ ^- ^-'- imstande Inlc^ 
hin vielleicht d.e Ursache gewesen, daß ein liebenswürdiges, sittsames, achtbares 

Madchen, das sicherhch viel mehr wert war als ich. in Schande und Elend unter- 
gegangen ist. 

Die Auf lüsung eines Haushaltes wird immer mit einiger Verwirrung und dem 
Verluste mancher Sachen verbunden sein. Gleichwohl war die Treue der Dienstleute 
und die Wachsamkeit des Herrn und der Frau Lorenzi so groß, daß von dem In- 
ventarinm nichts fortkam. Jungfer Portal allein verlor ein kleines, schon altes, rosa- 
und silberfarbiges Band. Viel andere, bessere Sachen waren mir zugänglieh; dieses 
Band allem reizte mich, ich stahl es, und da ich es nicht sorgfaltig verbarg, fand 
man es bald. Man wollte wissen, wo ich es genommen hatte. Ich werde verlegen, 
stottere und sage endlich errötend, Marion habe es mir gegeben. Marion war ein 
junges, aus Maurienne stammendes Mädchen, das Frau von Vercellis zu ihrer Köchin 
erhoben hatte, als sie auf Verzicht auf alle Tafelfreuden ihre bisherige entließ, da 
Sie mehr guter Suppen als feiner Ragouts bedurfte. Marion war nicht allein hübsch, 
sondern hatte auch eine Frische der Gesichtsfarbe, wie man sie nur im Gebirge 
fandet, und besonders etwas so Sittsames und Sanftes, daß man sie nicht sehen konnte, 
ohne sie lieb zu gewinnen. Überdies war sie ein gutes, bescheidenes Mädchen und 
von erprobter Treue. Deshalb überraschte es, als ich sie angab. Da man mir nicht 
wemger Vertrauen schenkte als üu-, hielt man es für wichtig, festzustellen, wer von 



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uns beiden der Dieb wäre. Man ließ sie kommen; die Versammlung war zahlreich, 
selbst der Graf della E.occa war lug-eg-en. Sie erscheint, man leigt ihr das Band; mit 
Frechheit klage ich sie an; sie wird betreten, schweigt und wirft mir einen Blick 
zu, der die Teufel würde entwaffnet haben, aher auf mein im menschliches Herz ohne 
Eindruck hleibt. Sie leugnet endlich mit Festigkeit, aber ohne leidenschaftliche Festig- 
keit, wendet sich an mich, ermahnt mich, in mich zu gehen, ein unschuldiges Mädchen, 
das mir nie etwas zuleide getan hat, nicht zu entehren, und ich, ich bestätige mit 
einer wahrhaft hollischen Schamlosigkeit meine Erklärung undhehaupte ihrins Gesicht, 
sie habe mir das Band gegeben. Das arme Mädchen brach jn Tränen aus imd sagte 
zu mir nur: ,Ach, Rousseau, ich hielt dich für einen guten Menschen. Du machst 
mich sehr imglücklich, aber ich möchte nicht an deiner Stelle sein.' Dies war alles. 
Sie fuhr fort, sich mit eben so großer Einfachheit wie Festigkeit zu verteidigen, aber 
ohne sich die geringste Schmähung gegen mich zu erlauben. Diese Mäßigung meinem 
bestimmten Tone gegenüber gab ihr Unrecht. Es schien gegen die Natur zu streiten, 
daß man auf der einen Seite eine so teuflische Unverschämtheit und auf der anderen 
eine so englische Sanftmut annehmen sollte. Man schien nicht ziu- völligen Ent- 
scheidimg zu kommen, aber das Vorurteil war für mich. In der Unruhe, in der man 
sich damals befand, nalim man sich nicht die Zeit, die Sache gründlich zu unter- 
suchen, uud der Graf della Rocca beschränkte sich darauf, uns beide zu entlassen 
und zu sagen, daß das Gewissen des Schuldigen den Unschuldigen hinreichend rächen 
würde. Seine Voraussagimg war nicht grundlos; sie erfüllt sich einen Tag wie den 
anderen an mir . . . 

. . . Bei dem eben abgelegten habe ich die Wahrheit rund herausgesagt, und man 
■wird sicherlich nicht finden, daß ich hicbei die Schwärze meiner Schandtat beschönigt 
habe. Allein ich würde den Zweck dieses Buches nicht erfüllen, wenn ich nicht zu- 
gleich meine innere Gesinnung erklärte, und wenn ich Scheu trüge, mich bei dem 
zu entschuldigen, was die volle Wahrheit ist. Nie war ich von einer wirklich bos- 
haften Gesinnung freier als in jenem grausamen Augenblick, und so sonderbar es 
auch klingt, so ist es doch wahr, daß, als ich dieses unglückliche Mädchen anklagte, 
die Schuld in meiner Freundschaft für dasselbe lag. Meine Gedanken weilten bei 
ihm; ich schob die Schuld auf den ersten Gegenstand, der mir vorschwebte. Ich 
klagte es an, das, was ich tun wollte, getan und mir das Band gegeben zu haben, 
weil meine Absicht war, es ihm zu geben.*' 



Die Erklärungen Rousseaus gehen an der Wahrheit vorbei. Für jeden, 
der mit seinem Konflikt vertraut ist, liegt es auf der Hand, daß sich Jean 
Jacques einer Frau wegen (Marion), in die er verliebt war, nicht mit dem 
Meister (Vater) entzweien konnte und seine krankhafte Moralität ihn dazu 
trieb, eher die Frau zu verlieren (Marion, Julie, die Mutter) als sich mit 
dem Vater zu überwerfen. So hat er sich unbewußt von Marion mit der- 
selben grausamen Unbarmherzigkeit losgerissen wie von seiner Sexualität, 
gemäß seines Schicksals, welches ihn dazu verurteilte, die natürliche Ordnung 
der Dinge zu stören. 

In seinem Traume allein, in den unbedingten Weiten der Phantasie, 
konnte Rousseau zum Manne werden und seine Dichtung zeugt von der 
vollen Macht seiner potentialen Männlichkeit. 



Ixt'ne Jjüior^uc 



Sein „Discours sur l'inögalite" hat ihm Gelegenheit gegeben, seiner 
Auflehnung gegen die Menschheit, die Unterdrücker, Ausdruck zu geben, 
Auflehnung, welche durch jenen Teil seines Unbewußten bedingt war, 
welcher ihn zwang, sein Haupt zu beugen. Sein „Emile" sollte ihm er- 
lauben, den Versuch einer Selbstheilung zu unternehmen, seine Kindheit 
zu reproduzieren, um zu untersuchen, wie er hätte glücklich werden können. 
- Denn Rousseau war sich seiner Krankheit bewußt — wenigstens in 
gewissen Augenblicken seines Lebens — und jedes Mal, wenn er seinen 
Konflikt in der Dichtung oder im Leben reproduzierte, war es, um einen 
Ausweg zu finden. So hat die Untersuchung, welche er über seinen eigenen 
Fall gemacht hat, ihn in verschiedener Hinsicht zum Vorläufer der Psycho- 
analyse gemacht. Er hatte sogar die Idee zu einem Arbeitsplane gefaßt, 
der einem ganz speziellen Zwecke dienen sollte. Geben wir ihm das Wort:' 

„Ich dachte an ein drittes Buch, zu welchem mir an mir selbst gemachte Beob- 
achtuiig'en die Hauptidee geliefert hatten, und ich verspürte um so größeren Mut, 
mich daran lu machen, als ich zur Annahme berechtigt war, damit ein der Mensch- 
heit wirklich nützliches Buch ^u schreiben, ja sogar eines der nützlichsten, das man 
ihr schenken konnte, insofern die Ausführung des Planes würdig war, den ich mir 
vorgezeichnet liatte. Man hat die Beobachtung machen können, daß die meisten 
Menschen oft im Leben sich selber anäbnlich sind und sich in ganz verschiedene 
Menschen umzuwandeln scheinen. Das Buch sollte nicht geschrieben werden, um 
etwas Bekanntus festzusetzen. Ich hatte einen neueren und wichtigeren Gegenstand: 
die Ursachen dieser Wandlungen zu suchen und mich an die von uns Abhängigen zu 
halten, um zu zeigen, wie sie von uns geleitet werden können, um uns besser und 
sicherer zu machen. Denn es besteht kein Zweifel, daß es dem ehrbaren Manne 
schwer fällt, schon völlig ausgebildeten Begierden, die er beherrschen soll, zu wider- 
stehen, als diesen selben Begierden schon im Anfangsstadium vorzubeugen, sie zu 
wandeln oder lu modifizieren, insofern es ihm möglich ist. sie bis dortbin zurück- 
zuverfolgen. Ein in Versuchung faltender Mann widersteht einmal, weil er stark ist; 
er erliegt ihr ein andermal, weil er schwach ist Würde er derselbe geblieben sein 
wie vorher, so wäre er nicht unterlegen. 

Indem ich mich selber sondierte und bei den anderen erforschte, welches der 
Grund für diese verschiedenen Handlungsweisen ist, fand ich, daß sie zum großen 
Teil vom früheren Eindruck äußerer Objekte abhängig sind, und da diese letzteren 
beständig durch unsere Sinne und Organe modifiziert werden, wir, ohne es lu be- 
merken, die Wirkungen dieser Wandlungen in unserem Denken, in unseren Gefühlen, 
)a selbst in unseren Handlungen tragen. Die erstaunenswerten und zahlreichen Beob- 
achtungen, die ich gesammelt hatte, standen über aller Kritik; infolge ihrer physi- 
schen Prinzipien schienen sie mir zur SchafFimg eines äußeren Regimes geeignet, 
welches bei Anpassung an die Umstände die Seele in den der Tugend günstigsten 
Znstand versetzen könnte oder sie darin behalten dürfte. Wie viele Seitensprünge 
wurde man für die Vernunft gewiimen, wie viele Laster würde man verhindern auf- 
zukeunen, wenn man es fertig brächte, die animalische Ökonomie zu zwingen, die 

i) Siehe „Emile". 



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Jean Jacques Roussenu 2q 



sittliche Ordnung zu begiinstigen. auf welche jene so oft störend wirkt. Die Klimata, 
die Jahreszeiten, die Töne, die Farben, die Dunkelheiten, das Licht, die Elemente, 
die Speisen, der Lärm, das Schweigen, die Bewegung:, die Ruhe, alles wirkt auf 
unsere Maschine imd infolgedessen auf unsere Seele; überall finden wir tausende 
fast gesicherte Gelegenheiten, die Gefühle, von denen wir uns beherrschen lassen, 
in ihrem Anfangsstadium zu leiten. Dies war die Fundament alidee, von der ich schon 
eine Skiize aufs Papier geworfen hatte, und von der ich eine um so sichere Wirkung 
auf die ehrbaren Leute erwartete, die aufrichtig der Tugend nachstreben und ihrer 
Schwäche mißtrauen, als es mir leicht schien, darüber ein Buch t.u sclu-eiben, das 
ebenso angenehm zu lesen sein würde wie es angenehm lu verfassen war. Ich habe 
indessen wenig an diesem Werke gearbeitet. Sein Titel war: ,Die sensitive Moral 
oder der Materialismus der Weisen.'" 

Die Triebe und Konflikte des Menschen in ihrem Anfangsstadium zu 
modifizieren, wenn es dem Menschen offen stände bis dorthin zurück- 
zugreifen: diesem Wunsche gab Rousseau im „Emile" Ausdruck, dies ist 
aber auch das Ziel der Psychoanalyse, wenn sie innerhalb des Rahmens 
einer Behandlung den infanülen Konflikt reproduziert, der zu einer Ver- 
biegung der Triebentwicklung Anlaß gegeben hat. Diese Reproduzierung 
muß die Gelegenheit schaffen, den unbewußt gebliebenen Konflikt ver- 
ständlich zu machen. Ist dieser Konflikt einmal bewußt geworden, so kann 
er auf normale Weise erledigt werden. 

Rousseau verspürte das Bedürfnis, von seinem Zustande befreit zu werden, 
denn er fühlte nur zu gut, daß es ihm nicht möglich war, seine volle, 
wirkliche Kraft auszunutzen. Sein Kontakt mit den Ärzten hat ihm aber 
nicht erlaubt, für sie eine große Achtung zu gewinnen. Wir begreifen 
dies sehr leicht, denn es ist noch nicht lange her, seit man diese eigen- 
artigen Zustände zu verstehen beginnt, welche einem Manne ein normales 
Leben zur Unmöglichkeit machen. 

Zusammenfassend können wir also sagen, daß der Zustand Rousseaus 
sich dadurch kennzeichnete, daß es, sich um einen Fall von latenter Homo- 
sexualität mit Zwangshandlungen und hysterieartigen Reaktionen handelte, 
und dies bei einem Manne, dessen Bewußtes sich gegen die Behandlung, 
welche ein Teil seiner Persönlichkeit ihm auferlegte, beständig auflehnte. 
Diese Auflehnung wird zur Empörung des Verfolgten gegen die Verfolger, 
die nichts anderes sind als der Vater, mit dem Rousseau erfolglos den 
Konflikt seiner Kindheit zu lösen versucht hat. So ist er im Verfolgungs- 
wahne untergegangen, nachdem er kein Mittel unversucht gelassen hatte, 
ihm zu entgehen. 

Die Dichtung hat es Ihm ermöglicht, ihn besser zu ertragen. Das Ver- 
ständnis seines Konfliktes ist die beste Voraussetzung, um dem literarischen 



■50 ücnii Lalorgue: Jean Jacques B.ou»cau 



Werke Rousseaus gerecht zu werden. Auch für seinen politischen Standpunkt 
ist der Konflikt von einer außerordentlichen Tragweite. Er hat ihn zum 
Wortführer aller Unterdrückten gemacht, zum Wortführer derer, die es 
nicht fertig bringen, sich ihrer Tyrannen zu entledigen und die Heilung 
ihrer Leiden im Rousseauschen Kommunismus suchen (Ehe zu dritt). Es 
war zu erwarten, daß diese Lösung, welche für Rousseau nur eine un- 
vollkommene und erfolglose Bemühung der Neurose bedeutete, weder in 
individueller noch in sozialer Hinsicht angemessen war. 

Vom psychoanalytischen Standpunkte aus ist es wahrscheinlich, daß 
man Rousseau von seiner Neurose hätte heilen können; in diesem Falle 
würde seine freigelegte Energie eine andere Richtung eingeschlagen haben. 

Wir mußten uns damit begnügen, unser Thema nur in großen Linien 
darzustellen. 



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Psyckoanalytiscke Biograpkik 



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THEODOR REIK; Warum verlief Goelte FrleJerike? Geheftet M. 6.—, 
Ganzleinen M. 8. — 

Inhalt: Dichtung und Wahrheit — Ein alter Mann eriahlt die Geschichte seiner Liebe — Die Gründe der 
Trennung — Die Verkleidung — Der Kindtauf kuchen — Chronologische und andere Verwirrung — Die 
j-ygongst — SeKualität und Gewissensangst — Der junge Goethe erzählt ein Märchen — Der Dichter über 
j: Neue Melusine" — Der Schatten des Vaters — Der Test dt?r Zwangsbefürchtung — Capriccio doloroso — 
Preundliche Vision — „Frohe und dankbari: Gefühle nach dem Sturm" — Coda 

PHILIPP SARAiSIN: GoetKes Mignan. Eine lisydioaiialytiscke 5tu(Iie. 
Geheftet M. 2.60, Ganzleinen M. 4. — 

Inhalt: Vorbemerkung — 1) Der Meisterroman — II) Goethes Jugendgcschichlc — III) Ergäntungen lur 
Tueendge schichte. Knabenraärchen. Die franiösischen Schauspieler. Zum frühen Tode der Geschwister Goethes — 
IV) Analytische Deutung der dramatischen Momente. Das Seiltänzermilieu. Mignon und Cornelie, Die Vater- 
lÖenCifiiieru"S ~ ^J Analytische Deutung der lyrischen Momente — VI) Zusammenfassunfi 



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IMRE HERMANN: Gustav TkeoJor FeAner. Eine psyclioanalytisiie StuJie 
ülier inJiviciuelle Bedingtheiten wissensmaftliaier Ideen. 
Geheftet M.. 5.—, Ganzleinen M. 4.60 

Inhalt- Biographitches — Die schwere Krankheit — Die Idee der Psychophysik — Die „Tagesansicht" — Das 
Formale im Denken Fechncrs ~ Die Begab ungsgrundlagen — Fechner als Vorläufer psychoanaljüschcr Ideen 



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ERVIN KOHN: Lassalle — der Fülirer. Geheftet M. 4.—, Ganzleinen M. €.~ 

Inhalt: Die psychologische Entstehung des Führers — II) Die psychologische Technik der Führung he» 
Lassalle — III) Das Liebesschicksal Lassolles — IV) Die psychische Struktur des Führertum« bei Lassalle — 
V) Die Nachfolge Laualles und das Ende der Organisation 



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