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Full text of "Der gefesselte Baudelaire"

RENE, LAFORGUE: 



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JERUSALEM 
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DER 
GEFESSELTE 
BAUDELAIRE 



VON 



RENE LAFORGUE 



1933 

INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



AUTORISIERTE ÜBERSETZUNG AUS DEM FRANZÖSISCHEN 
VON HEINRICH HOESU UND FRITZ LEHNEB 






ALLE RECHTE VORBEHALTEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



PRINTED IN AUSTRIA 
DRUCK DER JOHANN N. VERNAY A.-G., WIEN IX. 















Gewidmet 

Herrn Professor Freud 

dessen Wissen midi belehrte 
und allen jenen, deren Leiden 
mich zum Verstehen zwang 












VORWORT 



Nach der Vollendung dieser Arbeit haben wir feststellen 
müssen, daß ihre Veröffentlichung zu einer Gewissensfrage 
Veranlassung gab. Der französische Verlag Gallimard, an den 
wir uns zur Veröffentlichung des Werkes in französischer 
Sprache gewendet hatten, antwortete uns mit folgendem Brief: 

„Herr Robert Aron hat mir Ihr Manuskript über Baudelaire 
übergeben. Ich habe es persönlich gelesen und es auch lesen lassen. 
Dieses Buch wirft beinahe eine Gewissensfrage ziemlich delikater 
Natur auf. Die, welche es gelesen haben, erkannten das Gewicht 
der Beweisführung und priesen die Vereinigung von literarischer 
Tiefe mit dem Interesse für praktische Probleme, die seine Orgina- 
lität ausmachen. Aber von einem Gefühlsstandpunkt aus haben die 
zahlreichen Verehrer Baudelaires in meinem Hause Widerspruch 
dagegen erhoben, daß man Baudelaires Dichtertalcnt überhaupt für 
praktische Zwecke, so uneigennützig sie auch sein mögen, benützt. 

Obwohl ich persönlich diese Anschauung nicht unbedingt 
teile und — meiner Meinung nach — Ihre Absicht sehr wohl 
verstanden habe, so machen mir es derartige Widerstände schwer, 
Ihr Werk zu veröffentlichen. Ich bedaurc daher außerordentlich, 
dieses Mal Ihren Namen im Katalog des Verlags Gallimard nicht 
verzeichnen zu können." 

Die Meinung dieses Briefes kann, unabhängig von allen 
anderen Erwägungen, die für die Herausgabe eines Buches 
durch einen Verleger in Betracht kommen, verteidigt werden. 
Es ist auch nicht das erste Mal, daß wir derartigen, je nach 
dem Fall, mit mehr oder weniger Gehässigkeiten vorgebrach- 
ten Einwendungen begegnen. Daher wollen wir uns zuerst 
mit der „Gewissensfrage", um die es sich hier handelt, kurz 
auseinandersetzen. 



Von jeher hat das Bedürfnis bestanden, das menschliche 
Genie zu vergöttern. Man kann leicht verstehen, wie der 
Dichter dazugekommen ist, sich im Herzen vieler Menschen 
an die Stelle der geheiligten Orakel der alten Götter zu 
setzen oder wie, anders ausgedrückt, im Laufe seiner Entwick- 
lung der religiöse Geist dazu kam, den Dichter unter seinen 
Heiligen figurieren zu lassen. Dies ist aber nicht alles. Wie 
wir es in dem folgenden Kapitel: „Bemerkungen über die 
künstlerische Schöpfung" zu erklären versucht haben, spielt 
der Dichter auch die Rolle des Geisteshelden. Daher fühlen 
wir uns auch, unabhängig vom religiösen Geist, der seine 
Götter nach seinen Bedürfnissen erfindet, durch das Band 
der Dankbarkeit an manche Dichter gebunden. "Wie Prome- 
theus haben sie uns das Feuer gebracht: <fas Feuer des Geistes 
und des Ideals, sodaß wir, im Besitze .dieser Macht, es wagen 
konnten, den Göttern, welche unseren Geist unterjochen 
wollten, zu trotzen. Vielleicht hat der Mensch in der poeti- 
schen Form zuerst jene "Wahrheiten ausgesprochen, deren er 
sich nicht direkt bewußt sein wollte. "Wie der Narr, so konnte 
der Dichter unbestraft den Königen manches sagen, was aus- 
zusprechen andere mit dem Leben gebüßt hätten. Auch dür- 
fen wir nicht vergessen, daß uns der Dichter durch die Dich- 
tung, wie der Träumer durch den Traum — dessen Deuter 
er übrigens wird — oft mit uns selbst, mit dem Leiden der 
Liebe und mit denen des Todes versöhnt hat. Er konnte 
deshalb einen außergewöhnlich großen Platz in unserem Her- 
zen einnehmen, und die Dichtung ist für gewisse Menschen 
das erfolgreichste Mittel geworden, diesen Platz zu erwer- 
ben. "Wirkt der Dichter nicht wie die Großpriester und die 
Könige, die sich von Gottes Gnaden berufen glauben und 
sich für "Wesen halten, die sich über den Gesetzen wähnen, 
welche das Dasein der Sterblichen regieren? 

Doch da kam die Wissenschaft, für die jede und selbst 
eine geheiligte Tatsache im Wesentlichen nur Beobachtungs- 



.material ist und die sich weder von Illusionen noch von den 
Gottheiten, die wir für unantastbar hielten, auf ihrem Wege 
aufhalten läßt. 

Wir wissen, wie schwer es dem menschlichen Stolz fiel, 
zuzugeben, daß die Erde, von der er glaubte, sie sei das Zen- 
trum des Weltalls, fernerhin nur noch ein bescheidener und 
der Sonne untergeordneter Planet sein soll, und wie unan- 
genehm für ihn die Erkenntnis war, daß die Tiere genau so 
wie wir selbst, nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen sein 
könnten. Aber trotzdem die Biologie den Beweis erbringen 
konnte, daß die menschliche Zelle mit der tierischen und 
pflanzenhaften verwandt sei, blieb dem Menschen ein Weg 
offen, seine besondere Stellung zu beanspruchen. Im Ver- 
trauen auf seinen Geist oder sein Genie benahm er sich so, 
als ob dieser unsterblich sei, d. h. gottähnlich, und daher 
den Gesetzen, die das Weltall regieren, entgehen könnte. 
Mit Hilfe eines stillschweigenden Vorbehaltes weigerte er 
sich, das Faktum zuzugeben, daß auch das Tier, wie er selbst, 
eine Seele habe, und beanspruchte im Namen seines eigenen 
Genies und dem der Dichter einen besonderen Platz 
unter den Geschöpfen. 

Dann kam die Psychoanalyse: sie hat uns mit dem Un- 
bewußten vertraut gemacht, mit dem verglichen unser so 
stolzes Bewußtsein lediglich ein grobes Registriermittel zu 
sein scheint. Dank der Psychoanalyse können wir nun sogar 
bis zu dem Ursprung des Geistes zurückgehen, bis zu jenen 
ergiebigen Quellen, die sowohl für die Erwachsenen als auch 
für die Kinder und die Tiere stets die gleichen sind. Die 
Analyse deutet das Prinzip Schmerz-Lust, das unseren psychi- 
schen Tropismus regiert. Erinnert dieser Tropismus nicht aufs 
Seltsamste an die Erscheinung des positiven und des nega- 
tiven Pols, die in der Natur jeden Wechsel bestimmen? 

Die Psychoanalyse läßt uns die Äußerungen des Unbe- 
wußten verstehen oder, besser gesagt, die Sprache des Un- 

8 



bewußten. So hat sie uns gezeigt, daß das, was sich bei den 
einen in der Form einer Dichtung äußerte, bei anderen eine 
andersartige, nicht weniger originelle, wenn auch dem Ver- 
ständnis der Allgemeinheit weniger zugängliche Form finden 
konnte, in der sich das Unbewußte ausspricht. 

Der Traum z. B. wurde verständlich, er zeigte die- 
selben Eigenschaften wie die künstlerische Schöpfung. Und 
genau so wie das Musikverständnis eine gewisse Bildung des 
Gehörs voraussetzt, konnte die psychoanalytische Bildung 
neue Harmonien offenbaren, die bis jetzt ebenso unsichtbar 
gewesen waren wie die Röntgenstrahlen vor ihrer Ent- 
deckung. 

Die Poesie läuft somit Gefahr, ihre außergewöhnliche 
Stellung als das Mittel, durch das die Seelen miteinander 
verbunden werden, selbst zu verlieren. Der Dichter sieht 
zahlreiche Konkurrenten auftauchen. Er selbst wird zugleich 
menschlicher und unserem Verständnis zugänglicher, riskiert 
aber dadurch, das Vorrecht dieser Situation zu verlieren, ein 
Vorrecht, das ihm unsere Anerkennung und unser Verlangen 
nach Illusion gewähren wollten. Er wird ein Mensch, wie 
alle anderen Menschen, und die Menschheit hat wiederum 
einen Gott verloren. 

Die Dichtkunst wird daher künftighin dem Dichter 
den Vergleich mit anderen Wesen nicht mehr ersparen kön- 
nen, sie wird auf die Geister auch nicht mehr ihre bisherige 
unvergleichliche "Wirkung ausüben. Die Wissenschaft ist ein 
unerbittlicher Richter, der sich den Argumenten des Gefühls, 
der Gefälligkeit und des Mitleids verschließt. Selbst die Kö- 
nige des Geistes verlieren vor ihr ihre Unabhängigkeit, wie 
vor der Schranke eines Parlaments, das im Bereich des 
Geistes keine absolute Verfassung mehr anerkennt. Der 
Mensch fühlt, daß ihm die Aussicht, in der Welt eine Aus- 
nahmestellung zu behaupten, entgeht. Der Entthronte zürnt 
natürlich dem, der ihn besiegt hat. 



9 



Seit Jahrhunderten schon stellt die Wissenschaft unsere 
Eigenliebe auf harte Proben. Wir verfügen nicht mehr wie 
früher über die Inquisition, um gegen sie zu kämpfen. 
Manche bedauern es. Und hier liegt nun unserer Ansicht 
nach die ganze Tragödie der Gewissensfrage, die wir schil- 
dern wollten, eine Tragödie, an der wir jedoch nichts 
ändern können, denn wir haben es hier mit einer Seite des 
Lebens selbst zu tun, das ebensowenig ohne Kampf gedacht wer- 
den kann, wie eine Handlung ohne Reaktion. Man muß dies 
furchtlos in Betracht ziehen, die Verantwortung auf sich 
nehmen, man darf sich ihr nicht entziehen. Niemand wird 
die Menschheit von diesem Übel des Kampfes oder von diesem 
wohltätigen Kampf - er ist so, wie man ihn sehen will - 
retten können. 

Was Baudelaire betrifft, so glauben wir, daß der 
Mann, der: „Mon coeur mis ä nu" niederschreiben wollte, 
über d ie Bedenken derer hinweggegangen wäre, welche die 
menschliche Sprache dieses Herzens - die uns die Psycho- 
analyse zeigt - einschüchtert, denn Baudelaire war ein leiden- 
schaftlicher Liebhaber jener Wahrheit, von der Renan sagte, 
es wäre möglich, daß sie traurig sei . . . und er verachtete 
die Feigheit. 



10 



I. Kapitel. 



a 



Baudelaire und die „Blumen des Bösen 

Ein anderer (Arzt) sagte mir, um mich zu trösten, 
daß ich „hysterisch" sei. Bewundern Sie, gleich mir, die 
elastische Verwendung dieser großen Worte, die so gut 
gewählt waren, um unsere Unkenntnis aller Dinge zu 

verschleiern. T ,, » 

(Brief Baudelaires an Sainte-Bcuve, 15. I. 1866.; 

Wir haben nicht die Absicht, die Rolle Baudelaires in 
der Literatur darzustellen, wir wollen im Folgenden auch 
nicht eine Analyse seiner Kunst geben. Für uns ist Baudelaire 
nichts als ein Mensch unter vielen andern Menschen, ein 
Kranker unter Kranken, ein vom Leben Geopferter. Er ist 
der Wortführer einer ganzen Armee von Verkannten. Der 
einzige Grund, warum wir zuerst von ihm sprechen möch- 
ten, bevor wir uns den anderen Menschen zuwenden, ist der, 
daß er, dank seiner Kunst, unserer Forschung leichter zugäng- 
lich und mit unseren Mitteln zum Verständnis eher zu er- 
fassen ist als jene. Sein Beispiel illustriert ausgezeichnet ge- 
wisse Tatsachen, die aufzudecken uns die Psychoanalyse er- 
laubt hat, und die sowohl den Ärzten als auch den Eltern und 
Pädagogen bekannt sein sollten. 

Die Kunst Baudelaires interessiert uns hier in erster Linie 
als ein Mittel, psychische Konflikte nach außen zu projizieren, 
Konflikte, die bei andern Individuen je nach den in ihrem 
Leben herrschenden Zufällen einen anderen Ausdruck ge- 
funden hätten. 

Wir hoffen, mit dieser Untersuchung einen speziellen 
Typus von Kranken zu ergründen, derjenigen nämlich, die 
in die „Blumen des Bösen", d. h. in ihren eigenen Ver- 



11 



fall verliebt sind. Sie sind oft nur armselige Enterbte der 
Liebe, die mit dem abstoßenden Schauspiel einer gräßlichsten 
geistigen und moralischen Zerrüttung, das sie boten, nur ein 
Ziel verfolgten: verkannt zu werden. Die besondere 
Tragödie dabei ist, daß oft nicht viel dazu gehört hätte, ihre 
Lage ganz anders zu gestalten. Seine eigene Niederlage 
schaffen, die Schätze seiner Seele im Bösen ertränken, oder 
wenigstens den Anschein davon zu erwecken, das ist der Sinn 
dieses Dramas, das sie spielen. 

Unter diesen Armseligen finden wir Verbrecher, Scheu- 
sale, die es nur darum sind, weil man sie ihres Rechtes, ihres 
Mutes, einfach normale Menschen zu sein, beraubt hat. Unter 
diesen Verdammten gibt es Opfer, denen es in vielen Fällen 
gelungen ist, sich auf Grund einer Art unbewußten Helden- 
tums in den Schmutz hinunter ziehen zu lassen. Ein innerer 
Trieb zwingt sie dazu, sich einem dunklen mystischen Ideale 
zu opfern, indem sie sich z. B. an die Stelle eines wirk- 
lichen Verbrechers setzen oder indem sie ihr Leben zu 
einem Golgatha machen und das Kreuz, Christus gleich, 
tragen, um damit andere Seelen zu retten. Auf solche Weise 
kann sich die Selbstopferung äußern. Die edelsten Gefühle 
können so den Weg zu den „Blumen des Bösen" einschlagen. 
Diese Selbstgeißelung, dieses Bedürfnis, die grauenvoll- 
sten Qualen, die schrecklichsten Ungerechtigkeiten, kurzum 
die Hölle zu erdulden, können die Folge einer großen my- 
stischen Liebe sein, zu deren Priester man sich auserkoren 
sieht, und die einen oft gegen seinen Willen dazu treibt, sich 
dem Moloch (sei er nun Gott oder der Teufel), den man an- 
betet, zu opfern. Auf diesem Gebiete berühren sich ja die 
Extreme, und die Berufung zum Paria kann die Berufung 
zum Mönch ersetzen. Die Klöster, die Gefängnisse, die 
Irrenhäuser oder ganz allgemein das Unglück, in das man 
sich flüchtet, haben weit engere Beziehungen zueinander als 
man gemeinhin anzunehmen pflegt. 






12 



Es ist unmöglich, sich die Mannigfaltigkeit der Mittel 
und Wege vorzustellen, über die eine Seele verfügt, um sich 
vom Leben abzuwenden und sich im Elend, in den Gräbern 
und im Tode der unbefleckten Ewigkeit anzuschließen, von 
der wirklich getrennt zu leben eine herbe Sehnsucht ihr nie 
erlaubt hat. Diese Sehnsucht oder, wie Baudelaire sagt, dieser 
„Spleen", ist der Ursprung des Leidens. Um sie zu verstehen, 
wenden wir uns an die Psychoanalyse, oder einfach an Baude- 
laire. Außerhalb <des Lebens bleiben heißt sehr oft, an der 
Mutterbrust bleiben, noch immer ein Kind sein, ein Kind 
mit seiner ganzen Hilflosigkeit, mit seiner Schwäche, seiner 
ganzen Einfalt, aber auch mit allen seinen Illusionen, durch 
die es die Eltern für Götter hält, die Kathedralen für himm- 
lische Orte, die Berge für Riesen. Ist die Sehnsucht nach 
dem verlorenen Paradiese etwas anderes als die Sehnsucht 
nach der verlorenen Kindheit? Ist sie nicht die Sehnsucht nach 
der Zeit der großen Begeisterungen, der großen Leidenschaf- 
ten, in der kein Wissen die Gemütsbewegung trübte und diese 
ungehemmt das Herz ergriff, in der die Gefühle nicht durch 
die despotische Kontrolle, die man sich angeeignet, als man 
vergleichen gelernt hatte, bekämpft wurden? Die Kindheit 
kennt Leidenschaften, von denen sich manche Menschen nie 
erholen, denen sie mit Ausschluß alles andern treu bleiben, 
deren sie sich in bitterer Wollust immer erinnern müssen und 
wollen. Dieses Bedürfnis kann zum Zwange werden, dieselbe 
Situation immer wieder zu erleben, immer wieder hervorzu- 
rufen, zu leiden, sich demütigen zu lassen, klein zu sein, wie 
das Kind neben der Mutter, der Riesin 1 . Ist dies nicht der 
beste Weg, sich die Barmherzigkeit des Gott- Vaters zu sichern 
und das Herz der vor dem gekreuzigten Sohne in Tränen 
zerfließenden Mutter zu durchbohren? Und so wird diese 
Ohnmacht zur gefährlichsten Waffe: Das Kind wird zum 
Gottes - Kind unter den Göttern, die ihm die Eltern ge- 

») Siehe: „Les ^leurs du Mal" — La Geante. 

13 









I 



blieben sind. In solcher Welt herrscht das Absolute und 
alle menschlichen Maße erscheinen lächerlich. Die Lebe- 
wesen, welche sie bevölkern, sind wie aus Marmor, „uner- 
reichbar menschlichem Leid", über jede Hoffnung hinaus- 
gehoben, fern wie die Sterne oder die Augen einer Mutter, 
welche ihr Kind in den Schlaf wiegt. Diese Liebe zum Un- 
erreichbaren gleicht vielleicht am meisten der Liebe eines 
kleinen Knaben zu seinen Eltern, besonders zu seiner Mutter, 
sie ist jene Liebe zum Schönen, welche Baudelaire in seinem 
Tagebuche geschildert hat: 

„Ich fand die Definition meines Begriffes der Schönheit: etwas 
Brennendes und Trauriges, etwas ein bißchen Vages, das dem Zwei- 
fel die Bahn offen läßt. Nehmen wir z. B. ein sicheres Objekt, 
das interessanteste in der Gesellschaft, ein Frauengesicht. Ein ver- 
führerisches und schönes Frauenantlitz, das lädt auf eine ver- 
wirrende Art zum Träumen ein. Und zwar auf eine wollüstige 
und zugleich traurige Art; und damit geht zusammen der Ge- 
danke an die Melancholie, die Lässigkeit, die Sättigung sogar — 
oder ein entgegengesetzter Gedanke, das brennende Verlangen, zu 
leben, dem sich eine immer wiederkehrende Bitterkeit zugesellt, 
als ob es von Entbehrung oder Beraubung käme. Geheimnis, Be- 
dauern: auch das sind Charaktere des Schönen'." 

Francois Porche drückt sich in seinem sympathischen 
Buche „La vie douloureuse de Charles Baudelaire"* folgender- 
maßen über dessen Liebe zu seiner Mutter aus: 

„Wenn wir von der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter 
sprechen, so täuscht uns das Wort ,Kind\ Nichts wahrlich ist 
daran .kindisch'. Oft sind es im Gegenteil die Licbcsbezichungen 
der Erwachsenen, die kindlich oder mit einer Menge von Elementen 
behaftet sind, die der Liebe selbst fremd sind. Bei dem Kinde, 
in dem wohl die eigene Individualität, nicht aber das Gefühl für 
soziale Verhältnisse entwickelt ist, findet sich die Leidenschaft 



2 ) „Charles Baudelaire, Kritische und Nachgelassene Schrif- 
ten", ins Deutsche übertragen von Franz Blei und Heinrich 
Steinitzer, S. 325. 

8 ) Deutsche Ausgabe: „Der Leidensweg des Dichters Baude- 
laire." Berlin 1930. Verlag Rowohlt. S. 22. 



14 



sozusagen in reinem Zustand. In diesem ausschließlichen Gefühl 
zählt nur sein Gegenstand; dieser bemächtigt sich der ganzen Seele. 
So ist die Liebe des kleinen Charles. So groß der Kummer 
beim Tode seines Vaters gewesen sein mag, wie hätte dieser Ver- 
lust in seinem Herzen nicht durch die unermeßliche Glückseligkeit 
ausgelöscht werden sollen, die plötzlich über ihn ausgegossen wurde? 
Von nun an gehört seine Mutter ihm allein. Dieser Schatz an zärt- 
licher Lebhaftigkeit, diese duftenden Haare, dieser weiche und 
warme Busen, all das ist nun sein Eigentum. 

Im Jahre 1861 ruft der 40jährige Dichter seiner Mutter jene 
Zeit mit den "Worten in Erinnerung: ,Das war für mich die glück- 
lichste Zeit/ Die glücklichste Zeit! Die der Trauer, der Witwen- 
schaft; aber jener Witwenschaft, in der das Kind Alleinherrscher 



war 4 .* 



Die Psychoanalyse bezeichnet diese Liebe mit dem Na- 
men Ödipuskomplex. Er tritt in der Kindheit eines jeden 
Menschen zu Tage, beim Knaben wohl mehr der Mutter, 
beim Mädchen wohl mehr dem Vater gegenüber. An und 
für sich stellt er nichts Pathologisches dar, wenigstens 
in der Kindheit nicht. Es gilt aber, sich seiner zu ent- 
ledigen, d. h. man muß sich vom Ideal der Mutter, 
der Ernährerin, und vom allmächtigen Beschützer, dem 
Vater, lösen und in einer Welt zurechtfinden, in der 
die Eltern nicht Riesen geblieben, sondern in dem Maß 
klein und schwach geworden sind, in dem das Kind heranwuchs. 
Leben heißt also, eine ganze, komplexe Entwicklung durch- 
machen und die Befriedigungen, welche das Kind in der Fa- 
milie gefunden hat, durch die eines in der menschlichen Ge- 
sellschaft lebenden Erwachsenen ersetzen. Diese Entwicklung 
kann durch tausend Zwischenfälle gestört werden. Sie kann 
auf Hindernisse stoßen, ja von unüberwindbaren Schranken 
aufgehalten werden. Die Folge eines derartigen Hindernisses 
in der Entwicklung ist die affektive Zurückgebliebenheit oder 



*) Porche. Seite 22. 

IS 



„Schizonoia" 5 , wie wir sie mit Pichon und Codet darzustellen 
versucht haben. Sie kann sich auf äußerst mannigfaltige Weise 
äußern. In allen diesen Fällen haben wir es aber mit einem 
Zustande zu tun, den die Psychoanalyse als „Regression" be- 
zeichnet. Das Individuum ist gezwungen, auf die infantilen 
Befriedigungen zurückzugreifen und sich mit ihnen zu be- 
gnügen. Es ist ihm nicht möglich, aus diesem Zustand heraus- 
zukommen. 

Infantile Befriedigung, affektive Zurückgeblicbenheit sind 
Bezeichnungen, die nur im Lichte der Psychoanalyse verstan- 
den werden können. Sie enthalten kein Werturteil, denn sogar 
im beschränkten Gebiete der affektiven Zurückgeblicbenheit 
bleibt Raum übrig für die außergewöhnlichsten Äußerungen 
des menschlichen Geistes. Diese sind oft um so bedeutender, als 
die affektiv Zurückgebliebenen versuchen, das, was ihnen ab- 
geht, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu 
kompensieren. Der soziale Wert eines Menschen ist eine außer- 
ordentliche komplexe Größe, und aus der Tatsache, daß 
wir einen affektiven Infantilismus vor uns haben, kann keines- 
wegs der Schluß gezogen werden, die soziale Rolle eines Men- 
schen sei kompromittiert. Der Garten der Menschheit kann 
viele verschiedene Menschenarten bergen, und oft wird das 
Unkraut von heute zur edlen Pflanze von morgen. Der Weg, 
der von dem Totemismus zur Turbine geht, ist weit, und zwi- 
schen beiden ist Platz für alle Stufen der Entwicklung. Aber 
hat man einmal diesen Vorbehalt gemacht, so ist doch zu 
sagen, daß dieser affektive Infantilismus, mag es sich nun um 
die Neurose bei einem Individuum oder um primitive reli- 
giöse Vorstellungen bei einer menschlichen Gemeinschaft han- 
deln, die Existenz dieses Individuums oder dieser Gemeinschaft 
gefährden ka nn. Er hat dann die Schädlichkeit einer Krank- 

ö ) Pichon und Laforguc: „La növrose et le reve, la notion 
de schizonoia." Maloine, Paris 1926. 

Codet und Laforgue: „La schizonoia.** Evolution psychia- 
tnque, Payot, Paris 192$. 



16 



heit an sich. Wie wir schon erwähnt haben, sind die patho- 
logischen Ausdrucksmöglichkeiten des affektiven Infantilismus 
mannigfaltige: asoziales Verhalten, Psychoneurose, organische 
Krankheit, Süchte oder Verbrechertum. 

Bei Baudelaire finden wir alle diese verschiedenen Fak- 
toren der affektiven Zurückgebliebenheit in einer Person ver- 
einigt: die Neurose, die Syphilis, deren Folgen durch den 
Mangel an psychischem Gleichgewicht noch verstärkt wurden, 
das Opium, ja sogar den Diebstahl und den Betrug. Diese 
letzteren Äußerungen seiner Konflikte drücken sich allerdings 
bei ihm in gemilderter Form aus; sie sind aber deutlich sicht- 
bar, so daß ein „ehrlicher Mann" wie sein Stiefvater, der 
General Aupick, ihn mit Recht für einen Verbrecher halten 
und unter Aufsicht stellen lassen konnte. 

Ich lasse hier einige Angaben über das Leben Charles 
Baudelaires folgen. Baudelaire wurde am 9. April 1821 als 
Sohn des Francois Baudelaire und der Caroline Archimbault- 
Dufays geboren. Sein Vater war damals 61 Jahre alt, seine 
Mutter 28. Baudelaires Vater hatte aus erster Ehe einen Sohn: 
Claude. Porche schreibt über Baudelaires Familienverhältnisse: 

„Francois, der Vater des Dichters, war ein Bauernsohn, jedoch 
scheinen seine Eltern wohlhabend gewesen zu sein, da er in einem 
Seminar ziemlich gründliche Studien genossen hatte, die ihn be- 
fähigten, beim Herzog von Choiseul-Praslin als Hauslehrer zu 
wirken. 

Bei diesen Choiseul-Praslin hat der Vater des Dichters gelernt, 
wie man grüßt, wie man mit dem Ende eines hohen Spazierstockes 
die unehrerbietigen Straßenhunde würdig beiseite schafft und andere 
verjährte Feinheiten, an die sich sein Sohn noch erinnerte. 

Wir selbst, die wir immerhin noch nicht sehr alt sind, aber 
der Provinz entstammen, wo die ehemaligen Traditionen länger 
fortleben als in Paris, können uns noch entsinnen, daß unser Vater 
bei unseren Spaziergängen gerade die Hunde mit überraschenden, 
vornehmen Manieren wegjagte und Bekannte, die er unterwegs 
antraf und die er als seinem Range gleichkommend beurteilte, auf 



17 



eine Art und Weise grüßte, die heute ganz sonderbar erscheinen 
würde. Er beugte seinen Körper tief nach vorn, rief die Person, 
der er huldigen wollte auf 15 Schritte entfernt laut beim 
Namen, richtete sich dann wieder auf und ging mit einem Lächeln 
vorbei. Dabei drehte er sogar manchmal seinen Spazierstock, oder 
wie er sagte, seinen Stab im Kreise herum, indem er, der kleine 
Bürger, das feine Wesen der ehemaligen Aristokraten imitierte. 
Francois Baudelaire hatte z. Zt. seiner Hauslehrcrschaft Con- 
dorcet und Cabanis gekannt und hatte sich mit dem Bildhauer 
Ramey und den beiden Malern Naigeon befreundet. Er selbst 
verstand es, mit dem Rötel umzugehen und tuschte die Wasscr- 
farbengemälde auf angenehme Weise aus. Bei der Revolution pro- 
fitierte er von seinem Talent, um Zeichenstunden zu geben und 
teilte seinen Verdienst imit seinen ehemaligen Schutzherren, die 
notdürftig geworden waren. Ja noch mehr: Auf Grund seiner Be- 
ziehungen zu den regierenden Kreisen soll er es erreicht haben, daß 
das Vermögen der Familie Praslin von der Beschlagnahme ver- 
schont blieb. Es ist jedoch nicht bewiesen, daß er, wie es seine 
Witwe behauptet hat, Condorcet das Gift verschafft hat, das ihn 
vor der Enthauptung rettete. Im Repertoire des Herrn Baudelaire 
hatten vielleicht die Anekdoten aus der Schreckenszeit einen 
pathetischen Inhalt, den er noch verschönerte, d. h. etwas schwärzte 
wahrscheinlich, um das Vergnügen zu haben, eine Gemahlin, die er 
als ein Kind betrachtete, in seinen Armen schaudern zu fühlen. 
Da er ihr gegenüber nicht den Vorzug der Jugend genoß, so 
versuchte dieser alte Gemahl seinem Mißgeschick durch eine 
heroische Note entgegenzuwirken. 

Obwohl wir nicht behaupten können, daß Herr Baudelaire 
während der Schreckensherrschaft tatsächlich seine Tage und 
Nächte damit verbrachte, von Gefängnis zu Gefängnis zu eilen, 
um seinen Freunden zu helfen, so ist es immerhin möglich, daß 
er sich in gewissen Fällen, die, wenn sie auch nie geklärt worden 
sind, trotzdem nicht zu unterschätzen waren, mutig gezeigt hat. 
Setzen wir jedoch nicht diesen galanten Mann herab, denn man 
darf nicht vergessen, daß sich während solch unruhiger Tage, bei 
denen jede Initiative schnell kompromittierend wirkt, auch die 
kleinste Tat, von den Beteiligten selbst ungeahnt, zu einer Art von 
tragischer Größe zu steigern vermochte. 

In diesem Luxembourgpalast, der unter dem Konsulat zum 
Sitz des konservativen Senats wurde, verlebte Herr Baudelaire 



18 



14 Jahre lang die ruhigen Tage des Bürokraten, willkommen 
bei den Prätoren (so nannte man zu dieser Zeit die Quästoren) und 
angesehen bei den Senatsdienern. Die Familie Praslin, die ihr Ver- 
mögen und ihren Einfluß wieder erworben hatte, und, was noch 
bewundernswerter ist, nicht vergeßlich war, veranlaßte, daß ihr 
ehemaliger Hauslehrer im Jahre 1801 als Bürovorsteher in die 
Verwaltung des Senats aufgenommen wurde. 

Dies wurde die Glanzzeit in Francois Baudelaires Leben. Sein 
Gehalt belief sich auf 10.000 Franken (ca. 60.000 Franken nach 
heutigem Werte) mit freier Wohnung. Diese Wohnung, ein schönes 
Haus mit Privatgarten, war nicht weit von dem Gitter des 
Luxembourgpalastes entfernt und befand sich nach der Seite der 
Rue de Vaugirard zu. 

Die zweite Frau Baudelaires, Charles' Mutter, ein Waisen- 
kind wie ich bereits gesagt habe, die von der zum Richterstand 
gehörigen Familie Perignon erzogen wurde, kam als Kind oft zum 
Essen in dieses Haus und zwar in Begleitung ihres Vormundes und 
dessen Töchter. Die erste Frau Baudelaires, die ein anständiges Ver- 
mögen in die Ehe mitgebracht hatte (Landgüter und Grundstücke 
im Ternesviertel und in Neuilly), das der Dichter nach dem Tode 
seines Vaters zur Hälfte erben sollte, lebte noch zu dieser Zeit. 
Jedoch der liebenswürdige Mann mit seinen dichten, schwarzen 
Augenbrauen, von dem seine intimen Freunde sagten, daß er 
die Naivität und Treuherzigkeit von La Fontaine besäße, mußte 
oft und wider seinen Willen (er war damals beinahe 50 Jahre 
alt) dieses kleine Mädchen beobachten, das mit seinen Freundinnen 
so gern im Luxembourggarten herumlief, zumal wenn niemand 
mehr da und bereits zum Torschluß geblasen worden war. 

Ein anderes Mal wieder ging Herr Baudelaire nach Auteuil, 
wo Herr Perignon sein Landhaus hatte. Er kam in einem mit 
Wappen versehenen Wagen an, von einem weißhaarigen und mit 
goldenen Tressen galonierten Lakai begleitet, der während des Essens 
hinter ihm stehen blieb, um ihn zu bedienen, wie es gebräuchlich 
war. Dieser Aufwand blendete die hübsche Caroline. Erst später 
erfuhr sie, ziemlich ironisch, von Baudelaire selbst, der ihr nichts 
mehr zu verheimlichen hatte, da gewissermaßen dieser Täuschung 
der Nutzen, den er diskontierte, entzogen worden, daß der Wagen 
eine Kalesche mit dem Wappen des Senats war und der Diener ein 
Saalwärter, der ihm für die Zusammenberufungen, die er zu er- 
ledigen hatte, zur Verfügung stand. 



2» 



19 



Nach dem Sturze des Kaisertums beantragte Baudelaire würdig 
und klug seine Pensionierung, die ihm auch in sehr günstiger Form 
zugesagt wurde, trotzdem ihm sehr wahrscheinlich seine Entlassung 
bevorstand. Er nahm wieder Rötel und Pinsel in die Hand und 
nannte sich von nun an offiziell und mit Verwegenheit: Kunst- 
maler*. 

Als seine Frau gestorben war, heiratete er das Pflegekind 
seines Freundes Perignon, die treuherzige Caroline. Zu betonen ist, 
daß der sechzigjährige Bewerber erst im Scherz als Kandidat auf- 
trat. Klugheit, Lebenserfahrung . . . Man kann sich diese Tändelei 
unter den grünen Büschen von Auteuil gut vorstellen. Hinter dem 
halben Lächeln die greisenhafte, lodernde Leidenschaft. Und plötz- 
lich der ernsthafte Antrag. Dieser Mann gehört voll und ganz 
zum 18. Jahrhundert." (Ibid. Seite 17 ff.) 

Die Verbindung der Eltern Baudelaires war, was sie sein 
mußte, die Verwirklichung des Traumes eines kleinen Mädchens. 
Francois Baudelaire war nämlich ziemlich vermögend, als er um 
die Hand Carolinens warb, deren Vater er hätte sein können. 
Seine Ehe war ein Traumspiel, aber dieser in die Wirklich- 
keit verlegte Traum scheint sich mit der "Wirklichkeit nicht 
vertragen zu haben, wie sehr man sich auch bemühte, dies 
nicht merken zu lassen. Wir dürfen annehmen, daß die Ge- 
fühle Carolinens, nachdem die ersten Erfahrungen gemacht 
worden waren, sich vielleicht unbewußt andern Bildern, einem 
andern Ideale zuwandten, als dem, welches der schöne Greis, 
Baudelaires Vater, für sie verkörpern konnte. Der Beweis da- 
für dürfte in der Art und Weise zu sehen sein, in der Caroline 
sich über den Tod ihres ersten Mannes, der in das siebente 
Lebensjahr des kleinen Charles fiel, tröstete. Wir werden 
später auf Einzelheiten dieser außergewöhnlich komplexen 
und zu mannigfachen Deutungen Anlaß gebenden Situation 
näher eingehen. Caroline wählte zu ihrem zweiten Gatten 
einen prächtigen Offizier, den Major Aupick, der später 
General und Gesandter wurde. Diese Umstände waren 
zweifelsohne von tiefster Rückwirkung auf die Entwicklung 
von Charles Charakter. Man sagt, er vermochte seiner Mutter 



20 



ihre zweite Heirat nie zu verzeihen. Wir haben den Eindruck, 
daß in Wirklichkeit die Dinge nicht so einfach liegen. Wir 
werden darauf ebenfalls noch zurückkommen. Der Vater Baude- 
laires stirbt also im Jahre 1827; im folgenden Jahre schon ver- 
heiratet sich die Mutter zum zweiten Male. Das Kind wird in 
eine Pension gesteckt. Man sorgt für seine materiellen Be- 
dürfnisse, die seelischen scheint man ein wenig zu vernach- 
lässigen. Baudelaire ist vorerst ein guter Schüler, aber sein 
Charakter, der mit der Zeit ausgeprägter wird, verursacht ihm 
viel Unannehmlichkeiten. Infolge einer ganz alltäglichen 
Geschichte wird der 18jährige aus der Schule gewiesen, und 
der Krieg, sein Krieg, beginnt. Er bereitet sich zwar noch für 
sein Bakkalaureatsexamen vor, zeigt aber schon jenes zügel- 
lose Benehmen, das seinen Stiefvater geärgert hat. Er beginnt 
sich besonders für Literatur, für Schriftstellern zu interessieren, 
was notwendigerweise zu Konflikten mit dem soliden General 
führen mußte. Kurzum, von diesem Augenblicke an scheinen 
Umstände und Fakten in Baudelaires Leben darauf hinzu- 
deuten, daß der Dichter nur ein Ziel im Auge hatte: seinen 
Stiefvater gegen sich aufzureizen, indem er sich mit Meinun- 
gen und einem Verhalten vor ihn hinstellte, welche dieser nur 
als persönliche Beschimpfung von Seiten seines Stiefsohnes 
auffassen konnte. Zusammenfassend ist zu sagen: Baudelaire 
will Schriftsteller werden. 

Die Beziehungen zwischen ihm und dem Vater werden immer 
gespannter. Die Auseinandersetzungen nehmen eine immer 
heftigere Form an. Eines Abends, bei einem Diner, heftigstes 
Aufeinanderprallen von Vater und Sohn. Charles läßt sich 
öffentlich von seinem Stiefvater ohrfeigen. Man kommt zum 
Entschluß, ihn aus dem Hause zu entfernen. Man schickt ihn 
auf Reisen, nicht nach Indien, wie der Dichter später vorgab, 
sondern bis auf die Insel Mauritius, von wo man ihn bald 
wieder nach Hause zurückbringen mußte. Es wäre unmöglich 
gewesen, ihn die Reise fortsetzen zu lassen, da er beständigen 



21 



Depressionen unterworfen war, mit einem Worte, da er neu- 
rotisch erkrankte. Erwähnen wir noch, daß er um dieselbe 
Zeit auch an einer syphilitischen Infektion litt, die er sich 
wahrscheinlich im vorhergehenden Jahre zugezogen hatte. 

Baudelaire kehrt zurück. 1842 ist er mündig und im Be- 
sitze eines Vermögens von 75.000 Franken. Er schickt sich 
an, dieses Geld so schnell wie möglich zu vergeuden. Er ver- 
läßt das elterliche Haus und macht kurz darauf die Bekannt- 
schaft von Jeanne Duval, einer Mulattin. Nun beginnt ein 
wüstes, ungeregeltes Leben und schließlich endigt alles damit, 
daß die Wucherer, mit Arondel an der Spitze, hinter ihm her 
sind. Der General Aupick stellt Baudelaire unter die Vor- 
mundschaft Ancelles. Von dieser Zeit an lebt Charles in be- 
ständigem Kampfe mit Ancelle und seinen Gläubigern, und 
läßt nichts unversucht, um sich durchzuschlagen. 

Bei seinen Arbeiten hat Baudelaire es mit einer Hem- 
mung zu tun, auf die wir noch näher eingehen werden, da sie 
eines der wichtigsten Symptome seiner Neurose ist. Trotz 
dieser Hemmung beginnen jedoch die ersten „Blumen des 
Bösen" zu keimen. Aus dieser Zeit stammen also seine ersten 
literarischen Versuche. 

Es liegt nicht in unserer Absicht, auf weitere Einzelheiten 
seines Lebens einzugehen. Wir verweisen den Leser auf das 
bereits angeführte Werk von Porche, das Sympathie für 
Baudelaire wecken will und trotzdem nicht davor zurück- 
schreckt, seine Fehler aufzudecken. Der Verfasser hat sich, als 
er sein Buch schrieb, von jener Barmherzigkeit leiten lassen, 
die alles verstehen will, um alles verzeihen zu können. Ferner 
möchten wir das interessante Buch von Mauclair: „La vie 
amoureuse de Baudelaire" (Baudelaires Liebcsleben) empfehlen. 

Wenn wir darauf verzichten, die übrigen Daten aus 
Baudelaires Leben anzugeben, so geschieht dies, weil sie zur 
Lösung der Probleme, die wir uns gestellt haben, nichts bei- 
tragen. Daß die Gläubiger, Jeanne, seine Laster ihn ver- 



22 



folgten, beruht auf dem, was vorher geschehen war. Erwähnen 
wir jedenfalls noch den Selbstmordversuch, der von ihm 
wahrscheinlich inszeniert wurde, um der Mutter Geld er- 
pressen zu können. Vergessen wir auch nicht, den Todestag 
seines Stiefvaters anzuführen, ein Datum, von dem an unleug- 
bar eine Wandlung im Charakter des Dichters festzustellen 
ist. Allerdings hat diese "Wandlung keine endgültigen Ergeb- 
nisse zur Folge: das Unwiderrufliche ist bereits geschehen. 
Baudelaire leidet seit 1861 an Syphilis cerebralis. Er stirbt 
im Jahre 1867. Auf die wichtigsten Dinge seines Lebens 
werden wir übrigens, so weit es nötig ist, im Laufe dieser 
Arbeit noch zurückkommen. 






23 









z. Kapitel. 

Die Medianismen der Selbstbestrafung. 

Bevor wir auf den Gegenstand unserer Untersuchung 
näher eingehen, möchten wir den Leser mit einigen psycho- 
analytischen Tatsachen vertraut machen, um nicht Gefahr zu 
laufen, uns im Strome der Ereignisse des Baudclaireschen 
Lebens zu verlieren. Wir erlauben uns, zu diesem Zwecke 
einige Auszüge aus einem Vortrage zu geben, den wir vor 
Pädagogen über „die Mechanismen der Selbstbestrafung und 
ihren Einfluß auf den Charakter des Kindes" gehalten haben": 

„Die Mechanismen der Selbstbestrafung, denen heute 
unser besonderes Interesse gilt, können sich in der Praxis auf 
äußerst verschiedene Art durchsetzen. Wir würden uns völlig 
in den Einzelheiten verlieren, wollten wir auf alle Symptome 
eingehen, zu denen sie Anlaß geben können. Uns geht es in 
erster Linie darum, Ihnen verständlich zu machen, was diesen 
Symptomen gemeinsam ist und welchen affektiven Verhält- 
nissen sie im allgemeinen entsprechen. 

Dies nötigt uns, Ihnen in aller Kürze einen Umriß der 
Entwicklung unserer Affektivität zu geben und auf gewisse 
Einzelheiten der Funktionen unseres psychischen Apparates 
hinzuweisen. 

Wir haben psychisch den falschen Eindruck, eine einheit- 
liche Persönlichkeit zu sein und glauben dank unserem Emp- 
finden, daß wir wissen, was in uns vorgeht. Infolge eines 

fl ) Vortrag gehalten auf dem Internationalen pädagogischen 
Kongreß in Helsingfors, veröffentlicht in der „Zeitschrift für 
Psychoanalytische Pädagogik", IV, Heft 1/3, 1930. 



24 



ähnlichen Trugschlusses, der dem Schein vertraut, glaubte man 
vor Kopernikus, daß sich die Sonne um die Erde drehe. In 
Wirklichkeit sind die Verhältnisse viel komplexer. Was unsere 
Psyche anbetrifft, so dürfen wir heute eher sagen, daß wir 
einer Pflanze ähnlich sehen; auf den ursprünglichen Stamm 
hat man unsere soziale Persönlichkeit aufgepfropft. Die psycho- 
analytische Erforschung des Individuums führt uns zur An- 
nahme einer Art Dreieinigkeit, die einerseits durch die tiefere 
Persönlichkeit des Menschen vertreten ist, welche die Psycho- 
analyse als das ,Es* bezeichnet, andrerseits durch die mütter- 
liche und väterliche Persönlichkeit, die sich in uns nach den 
der Familie eigenen Bedingungen entwickelt haben und zu 
dem werden, was wir die Stimme des Gewissens nennen. 

Diese drei Persönlichkeiten machen sich jede Tendenz 
streitig, die zum Bewußtsein kommen will. Die Elemente 
Vater und Mutter bilden die Zensur, sie handeln so wie die 
Eltern in der Familie einst gehandelt haben: sie entscheiden, 
ob eine Tendenz eingestanden werden darf und Verwirk- 
lichungsberechtigung besitzt. Diese Zensur ist also das Ergeb- 
nis des Einflusses, den die Eltern und die Umwelt im allge- 
meinen auf das Kind ausüben, eines Einflusses, der später und 
zwar in Form von Reflexen fortwirkt, die sehr oft nichts 
Rationelles mehr an sich haben. Diese Reflexe können in ge- 
wissen Fällen der harmonischen Entfaltung der tieferen Per- 
sönlichkeit schaden, der tieferen Persönlichkeit, die sich der 
Zensur gegenüber genau so verhält wie das Kind den Eltern 
gegenüber. Um die Bildung dieser Reflexe zu verstehen, genügt 
es, sich an jene Soldaten zu erinnern, die aus dem Militär- 
dienst ins tägliche Leben zurückgekehrt sind und trotzdem 
weiter militärisch grüßen. Diese Zensur, oder wie wir heute 
sagen, dieses ,Über-Ich', kann, wie Sie leicht begreifen, je 
nach der Eigenart des Individuums, auf äußerst mannigfaltige 
Weise funktionieren. Es spielt die Rolle eines Filters, oder 
wenn Sie es vorziehen, die einer Bremse der primitiven unbe- 



25 



wußten Tendenzen. In gewissen Fällen kann seine Wirkung 
so streng und unerbittlich sein, daß damit der tieferen Persön- 
lichkeit, dem Es jede Entfaltung unmöglich gemacht wird. Ja 
es kann dieses Es geradezu daran hindern, sich auf normale 
Weise auszudrücken und es dazu bringen, auf jene tyran- 
nischen Einwirkungen mit Empörungen von einem ganz be- 
stimmten Typus zu reagieren. Diese Empörungen äußern sich 
entweder durch Psychoncuroscn und organische Störungen 
oder durch asoziales Verhalten. Auf jeden Fall sind es An- 
zeichen eines tieferen Konfliktes, der das Individuum zerreißt, 
darin einem Bürgerkrieg gleich, der die Existenz einer Nation 
gefährdet. Ein derartiger Konflikt kann verschieden ausgehen 
und zu problematischen Ergebnissen führen. Die Empörung 
kann zur Errichtung einer neuen erträglicheren Staatsform 
führen, aber auch zur Auflösung der Nation, was beim Neu- 
rotiker der Zerstörung des Individuums gleichkommt. 

Was die Reaktion zur pathologischen macht, hat also 
seine Ursache nicht in der — normalen und rein biologischen 
— Tendenz des Organismus, auf eine Unterdrückung mit 
einer Empörung zu reagieren, sondern in der Kraft, eine allzu 
tyrannische psychische Zensur zu bilden, ein Vermögen, das 
praktisch nicht nur von der Vererbung abhängt, sondern auch, 
und mehr als man glauben könnte, vom Einfluß der Eltern 
und der Umwelt auf das Kind. Jeder Konflikt der 
Eltern hat seine Rückwirkung auf das 
Kind, setzt sich in seinem Organismus in 
Form von Reflexen fest und bleibt dort 
kristallisiert wie eine unlösliche Masse, 
die nicht nur einen Teil der psychischen 
Persönlichkeit des Kindes bildet, sondern 
wahrscheinlich auch der organischen, und 
die, glaube ich, auf die Nachkommen 
übertragbar ist. Unser Problem hat also sowohl eine 
medizinische als auch eine soziale Seite, denn die Ursachen, 



26 



welche eine pathologische Strenge des Über-Ichs bedingen 
können, liegen nicht nur im Individuum selber; sie sind auch 
im Verhalten der Eltern, ja selbst im Einfluß der Lehrer zu 
suchen. Das Einverständnis der Eltern untereinander, ihre 
Liebe zum Kinde, sowie ihr psychisches Gleichgewicht sind 
in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung. 

Um die schlechten Tendenzen der Kinder zu unter- 
drücken, gebrauchen die Eltern, wie Ihnen bekannt ist, nicht 
bloß Mittel der Beeinflussung, sondern auch solche des 
Zwanges, durch die man dem Kinde Angst einjagen will. Das 
Über-Ich fährt dann fort, sich dieser Mittel zu be- 
dienen. In gewissen Fällen sind es vor allem diese 
angsteinflößenden Mittel, welche die Oberhand haben. Sie 
wollen durch Abschreckung die Hemmung der Person bewir- 
ken und dadurch von ihr die Ablehnung der Es-Tendenz er- 
reichen. Es hängt von dem geringeren oder stärkeren Maß an 
Strenge des Ober-Ichs ab, ob die Person in den weniger schwe- 
ren Fällen nur Angst empfindet oder ob sie — in den schlim- 
meren Fällen — in allerlei Zeremonien der Selbstbestrafung, 
der Selbstdemütigung, der Beichte, der Buße, flieht, um durch 
Leiden und Demütigung das allzustrenge Über-Ich zu be- 
schwichtigen. Uns interessieren heute besonders diese Mecha- 
nismen der Selbstbestrafung. 

Aus dem Vorausgehenden ist zu ersehen, daß ein Kind 
nicht nur vor den Eltern Angst haben kann, sondern auch 
vor dem, was in ihm zum Äquivalent für diese Eltern ge- 
worden ist, dem Gewissen. Ein schlechtes Gewissen 
haben, heißt für das Kind: eine Züchtigung, eine Strafe ver- 
dient zu haben. Dieses schlechte Gewissen ist nicht not- 
wendigerweise die Folge einer schlechten Handlung, wie man 
anzunehmen geneigt sein könnte. Kinder, die unter dem 
Drucke eines allzu strengen Uber-Ichs leiden, kann es als 
beständiger Zustand verfolgen. Sie empfinden die Lage 
folgendermaßen: Alles was ich denke und tue, ist schlecht. 



27 



Man darf nicht glauben, daß in jedem Falle diese beständige 
Angst beim Kinde auf eine übergroße Strenge oder Miß- 
handlung seitens der Eltern zurückzuführen ist. Nein, ein 
Kind kann sich aus rein eingebildeten Gründen in diesem 
Zustande der Angst befinden. Sein schlechtes Gewissen steht 
mit einer äußerst komplexen affektiven Situation in Bezie- 
hung, nämlich mit der ödipuseinstcllung. Bevor wir näher 
darauf eingehen, möchten wir uns kurz mit der spezifischen 
Rolle der Selbstbestrafungsmechanismcn beschäftigen. 

Von einem bestimmten Grade der Intensität an scheint 
es in einer Reihe von Fällen ein Ding der Unmöglichkeit zu 
sein, die Angst länger zu ertragen. Es kommt ein Augenblick, 
in dem viele Individuen den Frieden um jeden Preis haben 
wollen. Sie suchen ein Mittel, das diesen Frieden herbeiführt. 
Haben sie ein solches Mittel einmal gefunden, so bedienen 
sie sich seiner als kostbarer Waffe, die man bei der Erledi- 
gung der Angst nicht mehr missen kann. Worin bestehen nun 
diese Mittel? Es sind dieselben, zu denen man bewußt Zuflucht 
nimmt, um sich zu läutern, um ein Verbrechen zu sühnen, 
das man sich vorgeworfen hat. Man bedient sich ihrer also, 
um eingebildete Verbrechen zu büßen, derentwegen man an 
einem starken Schuldgefühle leidet: man erfindet 
hiezu sowohl organische als auch morali- 
sche Leiden. Auf den Patienten wirkt dieses Leiden wie 
eine Befreiung. Er macht aus ihm einen Freund, mit dem er 
sich durch unzertrennliche Bande des Interesses und der Dank- 
barkeit verbunden fühlt. Das Leiden wird für ihn zum großen 
Beschützer. Diesem Leiden (der Buße) verdankt er die Auf- 
hebung der Angst. Durch diese Leiden kann man sich ebenso 
wie durch die Beichte die Gnade und Nachsicht des ober- 
sten Richters, in diesem Falle des Über-Ichs, erkaufen. 

Mit anderen Worten, die Psyche des Individuums ge- 
wöhnt sich daran, sich mit Hilfe psychischer und organi- 
scher Störungen oder sozialer Mißerfolge zu bestrafen; man 



28 



kann dadurch die Forderungen der Zensur beschwichtigen und 
sich das Recht erkaufen, sich auszuleben, wenn nicht gar das 
Recht, sich der sozialen Pflichten zu entledigen, um unbe- 
wußt das lustvolle Gefühl zu haben, anders zu sein als die 
andern, d. h. über ihnen zu stehen. Sie sehen, daß dieser 
Prozeß trotz der verursachten Leiden für das Individuum je 
nach dem Falle mit einem bedeutenden Lustgewinn verbunden 
sein kann. Das Leiden kann weiterhin sogar zu einem 
Mittel werden, der Umwelt einen Tribut abzuverlangen und 
souverän über sie zu verfügen (Rentenneurose). So können 
sich Zustände von einer unentwirrbaren Komplexität ent- 
wickeln. Das Interesse für den normalen Zustand ist dann in 
gewissen Kranken abgestorben. Genesung hieße für sie, auf das 
Leiden, das ihnen gestattet, Angst und Hemmung auf radikale 
Weise zu erledigen, zu verzichten. Es hieße ferner, die kost- 
bare Illusion der Freiheit zu opfern, eine Illusion, die schwer 
erkauft wurde und deren Eroberung den Charakter einer 
Ruhmestat an sich hat; denn ganz wie Herostrates, der, wie 
Sie wissen, durch die Zerstörung des Tempels von Ephesus 
ebenso unsterblich werden wollte, wie Alexander, schöpfen die 
Kranken, die uns augenblicklich beschäftigen, ihren Stolz aus 
der Art und Weise, in der sie die Zerstörung ihres eigenen 
Organismus bewerkstelligt haben. 

Wie stellen sich nun diese Fälle in der Praxis dar? Sie 
wissen, daß die Möglichkeiten, zu leiden, sehr mannigfaltige 
sind. Wir können uns deshalb vor Zustände gestellt sehen, die 
äußerst verschieden von einander zu sein scheinen, in Wirk- 
lichkeit aber derselben Ursache entsprechen, derselben Störung. 

Das gewählte Leiden kann z. B. organischer 
Natur sein, d. h. die psychische Störung kann die 
Entfaltung einer organischen Krankheit begünstigen. Diese 
Reaktionen stehen aber nicht im Vordergrund unseres Inter- 
esses. Unser Interesse gilt hier in erster Linie den Fällen, bei 
denen die Form des Leidens sozusagen sozialer Natur ist. 



*9 



Sie haben scheinbar nichts mit Krankheit zu tun. Es kann 
z. B. vorkommen, daß ein Schüler trotz glänzender 
Studien in seinen Examen regelmäßig durchfällt, sich die 
Schläge seiner Kameraden gefallen läßt oder dem Lehrer 
gegenüber sich beständig ins Unrecht setzt, oder daß er in 
schweren Fällen direkt verbrecherische Handlungen begeht, 
wobei aber nicht das Verbrechen das eigentliche Ziel bedeu- 
tet, sondern das moralische Leiden, das er sich durch seine 
Handlungen verschaffen kann: die Angst, entdeckt zu wer- 
den, die Besserungsanstalt, in die der Minderjährige, das 
Gefängnis, in das der Erwachsene kommt 7 . 

Diese Fälle, die auch heute noch im großen und ganzen 
den Gerichtsbehörden und vielen Pädagogen unbekannt sind, 
fallen natürlich in den Bereich der Medizin. Ein weiter 
Weg ist noch zu durchlaufen, bis diese Erkenntnis so weit in 
unser Kollektivgewissen eingedrungen ist, daß sie eine Revi- 
sion der Gerichtsbarkeit herbeiführen kann. Ich erlaube mir 
in dieser Beziehung auf das interessante, kürzlich erschienene 
Buch von Alexander und Staub hinzuweisen: „Der 
Verbrecher und seine Richter". Zu erwähnen ist ebenfalls 
das wichtige Buch von Rcik: „Geständniszwang und Straf- 
bedürfnis", das auf die Orientierung unserer Ideen einen ent- 
scheidenden Einfluß ausgeübt hat. 

Aus all dem geht hervor, daß wir die von den Selbst- 
bestrafungsmechanismen bedingten Symptome bis ins Unend- 
liche variieren können, je nach der Art des Leidens, zu dem 
die Psyche eines Individuums Zuflucht nimmt, um sich der 
Angst zu entledigen, und je nach der Intensität des psychi- 
schen Konfliktes, in den sich der Kranke verstrickt sieht. 
Was aber die Verhältnisse noch besonders verwickelt macht, 
ist das Faktum, daß sich die verschiedenartigsten Symptome 

7 ) Siehe Marie Bonaparte, Le cas de Mme Lcjcbvre. (Revue 
Francaisc de Psychanalysc 1927, I. Deutsche Ausgabe: Der Fall 
Lefebvre. Int. Psychoanalytischer Verlag, Wien, 1929.) 



30 



untereinander substituieren, ersetzen können. Nehmen wir 
z. B. den Fall an, ein Individuum leide auf Grund 
gewisser Selbstbestrafungsmechanismen an einem Stottern, das 
im Dienst der unbewußten Tendenz steht, eine Minderwertig- 
keit der betreffenden Person zu exhibieren, und das gewisser- 
maßen das Äquivalent für Rousseaus Exhibitionismus bilden 
würde 8 . Nehmen wir weiter an, daß es gelingt, dieses 
Stottern durch eine strenge Wiedererziehung zu beheben. Der 
Kranke wird als geheilt entlassen. Einige Monate später stürzt 
derselbe Kranke, wobei er sich einen Arm bricht. Kaum ist 
der Arm geheilt, fällt er aufs neue. Er bricht sich ein Bein. 
Nach der Heilung des Beines fällt er bei einem Examen durch, 
oder aber er wählt einen Beruf, in dem die Möglichkeit, nur 
Mißerfolg zu ernten, überaus groß ist. Verheiratet er sich 
später, so tut er es unter solchen Umständen, daß er un- 
glücklich sein wird. Nun, „auf den ersten Blick", a priori, 
hätten Sie vielleicht nicht daran gedacht, daß alle diese Vor- 
fälle untereinander durch eine affektive Beziehung verbunden 
sein können und daß sie im Grunde, wenn auch mit verschie- 
denen Mitteln und unter verschiedenen Bedingungen, der- 
selben, seit der Kindheit fixierten Reaktion dienen. 

Sie können sich nicht vorstellen, wie groß die Zahl der 
Individuen ist, die mehr oder weniger gegen solche Reaktionen 
zu kämpfen haben. Niemandem wird es einfallen, er sei denn 
mit den psychoanalytischen Auffassungen vertraut, die ver- 
schiedenen Vorfälle miteinander in Beziehung zu setzen und 
in ihnen die immer andersartige Wiederholung der gleichen 
infantilen Verhältnisse zu sehen. 

Sieht man näher zu, so scheinen diese Verhältnisse noch 
verwickelter zu sein. Freud fällt das große Verdienst zu, sie 
in ihrer ganzen Komplexion erfaßt und beleuchtet zu haben. 



8 ) Siehe Laforgue: J. J. Rousseau (Revue Franchise de Psych- 
analyse, 1927, I. Deutsche Ausgabe: Int. Psychoanalyt. Verlag, 
Wien 1930). 



31 



Er hat den unbewußten Masochismus unserem Verständnis 
näher gebracht, indem er zeigte, daß Angst, Krank- 
heit, Schmerz, sozialer Mißerfolg in die- 
sem Zusammenhang nicht bloß ein Mittel 
bedeuten, sich des Schuldgefühls zu ent- 
ledigen, sondern daß sie zugleich auch 
eine sexuelle Befriedigung bilden. Man hat 
dies nur sehr langsam begriffen. Ein eingehendes Studium der 
Fälle von Neurotikern, bei denen der Orgasmus nur durch 
Schlagephantasien bedingt ist, hat viel Licht in dieses heikle 
Problem gebracht. Das Gefühl der bewußten wie der unbe- 
wußten Befriedigung ist bei diesen Individuen weder an 
einen normalen Erfolg gebunden, noch auf sexuellem Gebiete 
an den normalen Akt, d. h. beim Manne an die sexuelle 
Besitznahme der Frau und bei dieser an die sexuelle 
Hingabe an den Mann, sondern an eine Schlagephan- 
tasie. Je nach den Patienten kann sich diese Notwendig- 
keit auf verschiedene Arten ausdrücken. Die Situation kann 
in der Phantasie bewußt erlebt und genossen, oder aber mittels 
neurotischer Reaktionen erlebt werden, deren Sinn und Trag- 
weite dem Kranken entgehen, die aber dennoch unbewußt zur 
Befriedigung führen können und nach der „Krise" ein Gefühl 
der Entspannung zu hinterlassen vermögen. Gestatten Sic 
uns, diese sexuelle Beziehung zwischen Strafe und Orgasmus 
besonders hervorzuheben. Sie scheint mit dem Ödipuskomplex 
eng verflochten zu sein. 

Wir wissen, was Freud mit dem Ausdruck „Ödipus- 
komplex" bezeichnet hat. Wir wissen ebenfalls, daß die 
sexuellen Regungen nicht notwendigerweise bewußt zu sein 
brauchen, um zu existieren, und daß sie schon in der frü- 
hesten Kindheit zum Ausdrucke kommen können, in einer 
allerdings primitiven, dennoch aber sexuellen Form. Es ist Ihnen 
ferner bekannt, wie sehr diese Gefühle verborgen sein können 
und von der Zensur bekämpft werden und wie leicht sie dazu 



3* 



führen, die Verwirklichung in der sogenannten Selbstbefriedi- 
gung zu suchen. Das Kind, das unfähig ist, seine Sexualität 
auf normalem Wege zu befriedigen, verfügt als Sicherheits- 
ventil für seine libidinösen Triebe nur über seine Phantasie 
und über die Masturbation, die jedes Kind bewußt oder unbe- 
wußt ausübt. Für den Knaben und vielleicht auch für das 
Mädchen ist das erste Objekt seiner Wünsche die Mutter, 
welche für das Kind die erste Quelle der Lust bedeutet. Wir 
können hier nicht auf die verschiedenen Seiten des Ödipus- 
komplexes eingehen. Wir möchten nur betonen, daß er in den 
meisten Fällen den Ausgangspunkt eines ganz besonderen 
Schuldbewußtseins beim Kinde bildet. Er liefert die sexuellen 
Phantasien, welche zensuriert in den Vorstellungen und 
Symptomen unserer Kranken wiederkehren. Um Ihnen einen 
Begriff von den Verhältnisen zu geben, die uns dazu geführt 
haben, derartige Beziehungen zu untersuchen, möchten wir 
hier ein Beispiel einer Schlagephantasie vorführen, das wir 
schon mit H. Codet zusammen in einer Arbeit über die 
Selbstbestrafungsmechanismen dargestellt haben. 

Ein Mann stellt sich beim Masturbieren vor, ein ande- 
rer Mann schlage ein Kind. Er phantasiert von einem Kapi- 
tän, der einen Schiffsjungen einstellt. Der Kapitän bestimmt, 
daß nur die Vorgesetzten unter der Mannschaft das Straf- 
recht haben. Ferner kann die Strafe nur mit Peitschen einer 
bestimmten Art vollzogen werden. Die zu bestrafenden Kna- 
ben müssen stets eine bestimmte Lage einnehmen. Während 
der Züchtigung darf das Opfer nur sechs Seufzer ausstoßen. 
Sobald die Zahl sechs überschritten ist, muß die Strafe von 
vorne begonnen werden. Der Kapitän wohnt der Züchtigung 
bei, um zu kontrollieren, ob sich alles nach den strengen Re- 
geln vollzieht, die aus dieser Zeremonie beinahe die Karikatur 
eines Ritualaktes machen. Die sexuelle Befriedigung stellt 
sich ein, wenn der Knabe nach etwa fünfzig wohlgezählten 
Schlägen den sechsten Seufzer ausstößt. Im Augenblicke des 



33 



fünfzigsten Schlages und des sechsten Seufzers erfolgt der 
Orgasmus. 

Übersetzen wir diese Schlagephantasic, so finden wir ein 
Motiv wieder, von dem hier schon die Rede war. Der Schiffs- 
junge ist der Patient selber, der als Kind durch Offiziere 
die Strafe erleiden will. Diese Offiziere symbolisieren das Über- 
ich, d. h. die Eltern im allgemeinen und den Vater im spe- 
ziellen. Der Kapitän, der die Strafausführung beaufsichtigt, 
ist aber ebenfalls der Patient. Er stellt sich beim Zu- 
schauen sowohl das vor, was der Schiffsjunge erleidet, als 
auch das, was die Schiffsoffiziere tun. Fügen Sie noch hinzu, 
daß der Knabe, der Schiffsjunge, die Szene eher als Frau er- 
lebt, so werden Sie begreifen, warum diese Schlagephantasic 
die Bedeutung einer sexuellen Handlung hat, die sich das 
Individuum erzählt, indem es sich vorstellt, wie es an Stelle 
einer Frau die Wirkung des Gliedes, der Rute, des Vaters 
erleidet, eine Phantasie, die uns mitten in das ödipusproblem 
hineinversetzt. 

Wir versichern Sic, daß diese Phantasie noch relativ 
einfach ist im Vergleich mit den meisten andern, welche die 
Patienten entwickeln. Solche Phantasien enthalten für jede 
neue Masturbation andere Hauptpersonen, aber im Grunde 
spielt sich alles jeweils genau so wie das erste Mal ab: Wir 
finden die gleiche Rangordnung der vorgestellten Personen, 
die einzuhaltenden Anweisungen, in Einzelheiten die verwen- 
deten Gegenstände, die Haltungen, die Ausrufe und in vielen 
Fällen sogar die Namen. Wir sind jungen Männern begegnet, 
die jeden Tag Stunden damit verbrachten, solche Phan- 
tasien zu erfinden, wobei sie zwei-, drei-, viermal und öfters 
onanierten. Es gibt Menschen, welche diese Phantasien zu 
Romanen erweitern, die bisweilen berühmt geworden sind 
und hinter denen niemand, der nicht speziell darin ein- 
geweiht ist, das Ausgangsmotiv erkennen würde. Denken Sie 
an „Schuld und Sühne" von Dostojcwsky. Dieses Buch ist die 



34 



Geschichte eines Mannes, der ein Verbrechen begangen hat, 
um dafür bestraft zu werden. In diesem Romane finden 
wir übrigens auch Schilderungen von Träumen mit Schlage- 
phantasien. 

Glauben Sic nun ja nicht, daß die Individuen, welche 
sich diese Geschichten erzählen oder sie erleben, dies nur aus 
Zufall tun. Dies alles hat den Charakter einer eigentlichen 
Zwangshandlung, der das Individuum trotz aller Anstren- 
gungen nicht widerstehen kann. Nur was innerhalb dieser 
Vorstellungen, die den Kranken heimsuchen, liegt, empfindet 
er als wirkliche Befriedigung. Die Tatsache, daß diese Phan- 
tasien das einzig mögliche Kompromiß zwischen den ver- 
schiedenen einander entgegengesetzten Libidotendenzen dar- 
stellen, die sich die Oberherrschaft im Unbewußten strei- 
tig machen, kann uns eine Ahnung von der Bedeutung dieser 
Phantasien übermitteln. Die Tendenzen des Es widersprechen 
denen des Uber-Ichs, das jene für strafbar hält. Jeder will 
in diesem Kampfe auf seine Rechnung kommen. Das Ich 
nimmt das Leiden auf sich, um das Recht zur Befriedigung 
zu erkaufen und vielleicht den Vorwand zur Auflehnung, 
den es braucht, um sich über die Forderungen des Uber-Ichs 
hinwegzusetzen." 

Wenn wir hier diese Fakten so ausführlich behandelt 
haben, so geschah es, weil sie zum tieferen Verständnis von 
Baudelaires Leben, seinem Denken und seiner Dichtung 
wesentlich beitragen dürften. Wir bitten deshalb den Leser, 
unsere Ausführlichkeit entschuldigen zu wollen. 



35 



3. Kapitel. 

Der Ödipuskomplex. 

Baudelaire hat die Liebe zur Mutter verdrängt. Selten 
kann er frei und bewußt von ihr sprechen. Er zeigt sie nur 
in zensurierter Form, d. h. übertragen auf affektive 
Äquivalenzen. Er reagiert auf sie immer mit starken Schuld- 
gefühlen, die ein intensives Strafbedürfnis zur Folge haben. 
Während seines ganzen Lebens ist er jedoch dieser unbewuß- 
ten Liebe treu geblieben. Er hat ihr sein Leben und seinen per- 
sönlichen Erfolg geopfert. Unter dem Drucke seines Schuld- 
bewußtseins hat er alles in Betrieb gesetzt, um kastriert zu wer- 
den, um sich den Weg zum Ziele, zum Ideale, zu versperren. 

Wie war doch dieser Mensch in seiner Kunst und in 
seinen Versen vom Verlangen nach Vollkommenheit beses- 
sen! Es genügte nun, daß ihm diese Vollkommenheit zugäng- 
lich wurde, damit eine unerbittliche Hemmung Zeit seines 
Lebens imstande sein konnte, sich der Verwirklichung seiner 
Idee hindernd in den Weg zu legen. 

Diese Hemmung, über die er sich so oft wie über eine 
Art Laster, eine Art Trägheit beklagte, was war sie anderes 
als eine Strafe, ein Scheitern? Geben wir jedoch dem Dichter 
selber das Wort: 

Der Albatros ■ 

Oft kommt es dass das scliiffsvolk zum vergnügen 

Die albatros. die grossen vögcl. fängt 

Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen 

Das schiff sich durch die schlimmen kuppen zwängt. 



") Baudelaire, „Die Blumen des Bösen", Umdichtungcn von 
Stefan George, Seite 14. — („Les Flenn du Mal" werden zitiert 
nach den „CEuvres complctcs" Lemerre, Paris 1917, Seite 10 j.) 

36 



Kaum sind sie unten auf des deckes gangen 
Als sie. die herrn im azur. ungeschickt 
Die grossen weissen flügel traurig hängen 
Und an der seite schleifen wie geknickt. 

Er sonst so flink ist nun der matte steife. 
Der lüfte könig duldet spott und schmach: 
Der eine neckt ihn mit der tabakspfeife. 
Ein andrer ahmt den flug des armen nach. 

Der dichter ist wie jener fürst der wölke. 
Er haust im stürm, er lacht dem bogenstrang. 
Doch hindern drunten zwischen frechem volke 
Die riesenhaften flügel ihn am gang. 

Ein trostloses Bild der Hemmung und der Erniedrigung! 
Die Idee der Kastration als Strafe für die Liebe zum Meere 
(Mutter) ist hier deutlich ausgedrückt. „Der eine neckt ihn 
mit der tabakspfeife", „L'un agace son bec (Penis) avec un 
brüle-gueule". In diesem Zusammenhange müssen auch einige 
Stellen aus seinem Tagebuche und aus Briefen an seine Mutter 
erwähnt werden. 






L' Albatros 

Souvent, pour s'amuser, les hommes d'£quipage 
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers, 
Qui suivent, indolents compagnons de voyage, 
Le navire glissant sur les gouffres amers. 

A peine les ont-ils deposes sur des planches, 
Que ces rois de Pazur, maladroiis et honteux, 
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches 
Comme des avirons trainer a cöte d'eux. 

Ce voyageur aile, comme il est gauche et veule! 
Lui, naguere si beau, qu'il est comique et laid! 
L'un agace son bec avec un brüle-gueule, 
L'autre mime, en boitant, l'infirme qui volait! 

Le Poete est semblable au prince des nuees 
Qui hante la tempete et se rit de l'archer; 
Exile sur le sol au milieu des huees, 
Ses ailes de geant l'empechent de marcher. 



37 



„Im Moralischen wie im Physischen hatte ich immer die 
Sensation des Abgrundes. Nicht nur eines Abgrundes des Schlafes, 
sondern auch eines der Handlung, des Traumes, der Erinnerung, 
des Verlangcs, des Bedauerns, der Gewissensangst, des Schonen, 

der Zahl usw. . 

Ich pflegte meine Hysterie mit Wonne und Schrecken. Jetzt 
habe ich immer Schwindel und heute, am zy Januar 186a, erfuhr 
ich eine seltsame Mahnung: ich fühlte über mich den Luftzug 
vom Flügel der Verblödung streichen." 

Schon im Juli 1839 schrieb der achtzehnjährige Baude- 
laire seiner Mutter: 

Und wenn ich fühle, wie sich ein Etwas in mir auflehnt, 
ein ungestümes Verlangen, alles zu umfassen, eine Angst, keine 
Bildung erwerben zu können, die Furcht vor dem Leben, oder ganz 
einfach wenn ich einen schönen Sonnenuntergang beim Fenster 
sc he, — wem soll ich mich da anvertrauen? Du bist nicht hier 
und mein bester Freund auch nicht. 

Was ist daher geschehen? Daß ich schlimmer daran bin als 
im Gymnasium. Ich arbeitete wenig im Gymnasium, aber ich 
arbeitete. Als ich von der Schule fortgeschickt wurde, rüttelte 
mich dies ein wenig auf und ich habe bei Dir zu Hause noch ein 
wenig gearbeitet — jetzt nichts, nichts mehr und es handelt sich 
dabei nicht etwa um eine angenehme, poetische Gleichgültigkeit, 
nein, um eine trübsinnige und stumpfe Gleichgültigkeit. Ich habe 
es nicht gewagt, ganz offen davon mit meinem Freund zu sprechen, 
noch mich ihm in meiner ganzen Häßlichkeit zu zeigen, denn er 
hätte mich zu verändert gefunden — er hat mich in guten 
Stunden gesehen — im Gymnasium arbeitete ich von Zeit zu Zeit, 
ich las, ich weinte und war manchmal zornig; aber ich lebte 
wenigstens — jetzt, nicht mehr — ich bin so heruntergekommen, wie 
man nur sein kann - voll Fehl«, die keine angenehmen Fehler 
mehr sind. Wenn mich dieser peinliche Anblick wenigstens dazu 
getrieben hätte, mich stracks zu ändern - aber nein, von diesem 
Geist der Tätigkeit, der mich bald zum Guten, bald zum Bösen 
hindrängte, ist nichts übriggeblieben als Gleichgültigke.t, Verdrieß- 
lichkeit und Langeweile. 

Ich habe Herrn Laseguc geärgert — ich bin in meiner eigenen 
Achtung um eine Stufe gesunken — wäre ich allein gewesen, so 
hätte ich vielleicht schlecht gearbeitet, aber ich hätte wenigstens 
gearbeitet — bei Dir oder mit einem intimen Freunde hatte ich 



38 



richtig gehandelt - aber in fremder Umgebung war ich ganz 
verändert, zerrüttet und verwirrt. Es sieht aus, nicht wahr, als 
ob ich große Worte und Spitzfindigkeiten gebrauchte, um die 
recht gemeinen Fehler zu verschleiern. Alle diese Verdrießlich- 
keiten werden durch das Bakkalaureat noch ärger. Ich bin so an- 
maßend, damit plötzlich Schluß zu machen und meine Prüfungen 
so schnell wie möglich zu bestehen. Ich werde, und habe .auch be- 
reits mit der Durchführung der Absicht begonnen, mein Mög- 
lichstes tun, um alle Gegenstände in 14 Tagen durchzuarbeiten 
und in den ersten Augusttagen bereit zu sein. Ich muß deshalb 
24 Fragen pro Tag durchgehen. Den Concours mache ich nur als 
Ersatzmann mit, d. h. ich werde zur Prüfung zugelassen, 
wenn jemand fehlen sollte. Immerhin hat man wegen dieser Mög- 
lichkeit von mir den Geburtsschein verlangt. 

Wer weiß, vielleicht war es gut, daß ich fremde Menschen 
gesehen habe, ich werde meine Mutter nur umso lieber haben. Es 
war vielleicht ein Glück, von Güte entblößt gewesen und ernüchtert 
worden zu sein, ich verstehe so besser, was mir fehlte - viel- 
leicht war es, wie man zu sagen pflegt, ein Übergangsstadium - 
während all dieser Zeit taten mir Deine Briefe weh und machten 
meine Lage nur noch unleidlicher. 

Schreibe dennoch immer wieder; ich habe Deine Briefe gern. 
In meinen traurigen Stunden bin ich froh, die Liebe meiner 
guten Mutter in mir reifen zu fühlen; immer ist es so. In Deinem 
nächsten Briefe erzähle mir viel von meinem Vater. Bitte sage 
Herrn Lasegue nichts von alldem; er ist so gut, daß es ihn be- 
trüben würde." ., 

Später, in einem Briefe vom Monat März 1853, druckt 
sich Baudelaire auf die gleiche Art und Weise aus: 

„Ich bin mir selbst gegenüber schuldig - dieses Mißver- 
hältnis zwischen Willen und Fähigkeit ist mir etwas Unbegreif- 
liches. Warum mache ich immer das Gegenteil von dem, was ich 
tun soll, obwohl ich von der Pflicht und dem Nützlichen eine 
so klare Vorstellung habe?" 

Und einige Zeilen später: 

„Aber diese abscheuliche Existenz und der Branntwein — den 
ich abschaffen werde — haben mir auf einige Monate hin den 
Magen verdorben, und dazu habe ich noch unerträgliche Nerven- 
schmerzen, genau so wie die Frauen. — Übrigens war dies un- 
vermeidlich." 



39 



In einem andern Briefe schreibt er: 

„Aber was ich empfinde, ist eine unsägliche Entmutigung, 
ein unerträgliches Gefühl der Einsamkeit, eine ständige Angst vor 
einem unbestimmten Unheil, ich mißtraue völlig meinen Kräften, 
es fehlt mir an Wünschen, es ist mir unmöglich, an irgend etwas 
Vergnügen zu finden." 

Erwähnen wir endlich eine besonders bezeichnende 
Stelle aus einem Briefe vom Monat Februar i8j8: 

„Füge diesem Leiden noch dies andere hinzu, das Du nicht 
verstehen wirst: wenn die Nerven eines Menschen durch Leiden 
und Besorgnis sehr geschwächt sind, dann schleicht sich der 
Teufel allen Entschlüssen zum Trotz jeden Morgen in sein Hirn 
in der Form des Gedankens: Warum soll ich mich nicht einen 
Tag im Vergessen aller Dinge ausruhen? Ich werde diese Nacht, 
und zwar auf einmal, alle dringenden Dinge verrichten. — Und 
dann kommt die Nacht; der Geist ist entsetzt über die Men"e 
der hinausgeschobenen Sachen; eine erdrückende Traurigkeit führt 
das Unvermögen zu handeln herbei, und am nächsten Morgen 
wiederholt sich in aller Aufrichtigkeit dieselbe Komödie mit dem- 
selben Vertrauen und demselben Gewissen . . ." 

Erwähnen wir auch noch einige Stellen des „Journal in- 
time", die den Kampf Baudclaires gegen die Hemmung deut- 
lich erkennen lassen: 

CX. 

„Hygiene, Moral." — Nach Honflcur! Schleunigst und 
noch bevor ich tiefer falle. 

Wie viel Zeichen und Mahnungen sind mir schon von Gott 
geschickt worden, daß es „allerhöchste Zeit" sei, zu handeln, die 
gegenwärtige Minute für die wichtigste zu halten und meine 
gewöhnliche Qual, d. h. die Arbeit, zu meiner „ständigen Wol- 
lust" zu machen! 

CXI. 

„Hygiene, Benehmen, Mori 1." — In jeder Minute 
werden wir von der Idee und der Empfindung der Zeit zermalmt, 
und es gibt nur zwei Mittel, diesem Alpdruck zu entgehen, ihn 
zu vergessen: das Vergnügen und die Arbeit. Das Vergnügen ver- 
braucht uns. Die Arbeit stärkt uns. Wählen wir. 



40 



Je mehr wir uns eines dieser Mittel bedienen, um so größeren 
Widerwillen flößt uns das andere ein. 

Man kann die Zeit nur vergessen, indem man sich ihrer be- 
dient. 

Alles wird nur allmählich. 

De Maistre und Edgar Poe haben mich denken gelehrt. 

Schwer scheint nur das Werk zu sein, das man nicht zu 
beginnen wagt. Es wird ein Alp. 

cxv. 

„Hygiene, Moral, Führung." — Vielleicht ist es zu 
spät! — Meine Mutter und Jeanne. — Meine Gesundheit aus Mit- 
leid, aus Pflicht! — Krankheiten Jeannes. Altersschwäche und 
Einsamkeit meiner Mutter. 

— Jeden Tag seine Pflicht tun und auf Gott vertrauen für 

den andern Tag. 

— Die einzige Art Geld zu verdienen ist die, auf uneigen- 
nützige Weise zu arbeiten. 

— Eine abgekürzte Weisheit. Toilette, Gebet, Arbeit. 

— Gebet: Mitleid, Weisheit und Stärke. 

— Ohne Mitleid bin ich nur eine klingende Schelle. 

— Meine Demütigungen sind Gnaden Gottes gewesen. 

— Ist meine egoistische Phase beendet? 

— Die Fähigkeit, dem Notwendigen jeder Minute zu ent- 
sprechen, mit einem Wort: die Exaktheit, muß ganz bestimmt ihren 
Lohn finden. 

Das beständige Unglück wirkt auf die 
Seele wie das Alter auf den Körper: man kann 
sich nicht mehr rühren; man legt sich nieder... 

Anderseits nimmt man höchste Jugend zum 
Vorwand für einen Aufschub; wenn man viel 
Zeit zur Verfügung hat, dann redet man sich 
ein, daß man jahrelang vor den Ereignissen 

spielen kann. 

Chateaubriand. 

Mit dieser Strafe des Scheiterns, des Gehemmtseins erkauft 
sich der Dichter aber auch das Recht, seine Liebe für das 
Meer, die Wüste, den Stein, kurz für alles, was groß, außer- 
gewöhnlich, übermenschlich ist und ihm irgendwie „Mutter" 
bedeuten mag, zu besingen. 



41 



Wir erinnern uns an das Sonnet „La Geante", in dem 
die ödipussituation klar wiedergegeben wird: 



Die Riesin 10 

Ich hätte damals als der kräftcvollen 
Natur noch Kinder wurden wild und 
Bei einer jungen riesin leben wollen 
Wie eine katze auf der fürstin schooß. 



groß 



Und sehen wollen wie ihr körper blühte 
Und wüchse, frei bei fürchterlichem spiel. 
Wie ihr im herzen dunkle flamme glühte 
Am feuchten dunst der ihrem aug entfiel. 

Und über ihre prächtigen glioder eilen. 

Auf ihrer riesenkniee rücken weilen 

Und manchmal wenn in giftigem Sonnenschein 

Sie müd sich niederläßt in weitem räume 

Im schatten ihrer brüst gebettet sein 

So wie ein friedlich dorf am hügclsaume. 



10 ) Stefan George, S. 38 („Lcs Fleurs du Mal", S. 128). 

La Geante 

Du temps que la Nature en sa verve puissante 
Concevait chaque jour des cnfants nionstrueux, 
J'eusse airne - vivre aupres d'une jeunc geante, 
Comme aux pieds d'une reine un chat voluptueux. 

J'eusse aime" voir son corps flcurir avec son äme 
Et grandir librement dans ses terriblcs jeux, 
Dcvincr si son cceur couve une sombre flamme 
Aux humides brouillards qui nagent dans ses yeux; 

Parcourir & loisir ses magnifiques formes, 
Ramper sur le versant de ses genoux Enormes, 
Et parfois en 6t6, quand les soleils malsains, 

Lasse, la fönt s'foendre ä travers la campagne, 
Dormir nonchalamment k I'ombre de ses scins, 
Comme un hameau paisible au pied d'une montagne. 



4* 






Das folgende Gedicht ohne Überschrift läßt das Wesen 
dieser Liebe noch greifbarer erscheinen: 

XXV». 

Wie ich im dorn der nacht gebete summe: 
Gefäß der traurigkeit und große stumme! 
So flehe ich zu dir, ob du auch fliehst 
Und. meiner nachte schmuck, vorüberziehst 
Um höhnisch noch den abstand auszuweiten. 
Den weg zu blauen unermeßlichkeiten. 

Ich rücke vor berenne und bestürme. 

So stürzt auf einen leichnam das gewürme . . . 

Und gar. o grausam unversöhnlich tier! 

In deiner kälte bist du teuer mir. 

Um die Verhältnisse und Maße der infantilen Situation 
zu erhalten, macht Baudelaire, wie wir schon gezeigt haben, 
aus der Frau eine Mutter, eine „den menschlichen Leiden un- 
zugängliche Riesin", ein allmächtiges, männliches Wesen, 
vor dem der Mann als Kind dasteht. Diese Bezeichnung ist 
von höchster Wichtigkeit für das Verständnis der homosexuel- 
len, der masochistischen und sadistischen Tendenzen bei 
Baudelaire. Aber schreiten wir planmäßig vor und horchen 
wir vorerst auf den Dichter, wenn er seinen Hymnus an die 
Schönheit singt: 

") Stefan George, S. 46 (,Xes Flettrs du Mal", S. 136). 

XXV. 

Je t'adore a l'egal de la voüte nocturne, 

O vase de tristesse, 6 grande taciturne, 

Et t'aime d'autant plus, belle, que tu me fuis, 

Et que tu me parais, ornement de mes nuits, 

Plus ironiquement accumuler les lieues 

Qui separent mes bras des immensites bleues. 

Je m'avance a l'attaque, et je grimpe aux assauts, 
Comme apres un cadavre un chceur de vermisseaux, 
Et je cheris, 6 bete implacable et cruelle, 
Jusqu'a cette froideur par oü tu m'es si belle! 

43 



Die Schön heit' 3 

Ihr menschen, ich bin schön, ein träum von stein! 

Mein busen der zu blutigen küssen treibt: 

Dem dichter flößt er eine liebe ein 

Die stumm ist wie der stoff und ewig bleibt. 

Ich bin die sfinx die keiner noch erfaßt. 
Die herz von schnce und schwanenkleid vereint. 
Die jedes rücken an den linien haßt — 
Ich habe nie gelacht und nie geweint. 

Die dichter all vor meinem großen wesen 
— An stolzen bauten scheint es abgelesen — 
Zerquälen ständig sich in strengen schulen. 

Für sie besitz ich. die gefügen buhlen. 

Wo alles schöner spiegelt, eine quelle: 

Mein aug. mein weites aug von ewiger helle. 

Loblied auf die Schönheit* 3 

Entsteigst du dem himmcl oder den nächtlichen Schlünden. 
O Schönheit? dein blick zugleich höllisch und göttlich rein 

Gießt durcheinander die wolthatcn aus und die sünden 

Und deshalb magst du dem weine verglichen sein! 

") Stefan George, S. 36 („Lei Fleurs du Mal", S. 126) 

Lx Beauti 
Je suis belle, ö mortels! comme un rgve de pierrc, 
Et mon sein, 06 chaeun s'est meurtri tour ä tour. 
Est fait pour inspirer au poete un amour 
Eternel et muet ainsi que la matiere. 

Je trdne dans l'azur comme un sphynx incompris; 
J'unis un coeur de neige ä la blancheur des cygnes; 
Je hais lc mouvement qui d^place les lignes 
Et jamais je ne plcurc et jamais je nc ris. 

Les poetes devant mes grandes attitudes, 

Que j'ai l'air d'cmpruntv.r aux plus fiers monumenw, 

Consumcront leurs jours en d'austcres Itudes; 

Car j'ai, pour fasciner ces dociles amants, 

De purs miroirs qui fönt toutes choses plus heiles. 

Mes yeux, mes larges yeux aux clart^s eternelles! 

1S ) Stefan George, S.41 („Les Fleurs du Mal", S. 131). 



44 



Du hast deinen blick vom morgen- und abendstrahle. 
Du schüttelst dufte wie eine gewitternacht. 
Dein kuß ist ein filter und dein mund eine schale 
Die helden zu feiglingcn. kinder zu tapferen macht. 

Enttauchst du dem abgrund oder entschwebst du den himmeln? 
Der dämon folgt gefiig deiner Zauberkraft — 
Du lassest nach laune freude und unheü wimmeln. 
Du lenkest alles und nie gibst du rechenschaft. 



Hymne a la Beaute 

Viens-tu du cid profond ou sors-tu de l'abime, 
O Beaute? Ton regard, infernal et divin, 
Verse confusement le bienfait et le crime, 
Et Ton peut pour cela te comparer au vin. 

Tu contiens dans ton oeil le couchant et l'aurore; 
Tu repands des parfums comme un soir orageux; 
Tes baisers sont un philtre et ta bouche une amphore 
Qui fönt le h£ros lache et l'enfant courageux. 

Sors-tu du gouffre noir ou descends-tu des astres? 
Le Destin charm^ suit tes jupons comme un chien; 
Tu semes au hasard la joie et les d6sastres, 
Et tu gouvernes tout et ne reponds de rien. 

Tu marches sur des morts, Beaute, dont tu te moques; 
De tes bijoux, l'Horreur n'est pas le moins charmant, 
Et le Meurtre, parmi tes plus cheres breloques, 
Sur ton ventre orgueilleux danse amoureusement. 

L'ephemere ebloui vole vers toi, chandelle, 
Crepite, flambe et dit: B£nissons ce flambeau! 
L'amoureux pantelant incline sur sa belle 
A l'air d'un moribond caressant son tombeau. 

Que tu viennes du ciel ou de l'enfer, qu'importc, 
O Beaute! monstre enorme, effrayant, ingenu! 
Si ton ceil, ton souris, ton pied, m'ouvrent la porte 
D'un Infini que j'aime et n'ai jamais connu? 

De Satan ou de Dieu, qu'importe? Ange ou Sirene, 
Qu'importe, si tu rends, — fee aux yeux de velours, 
Rythme, parfum, lueur, 6 mon unique reine! — 
L'univers moins hideux et les instants moins lourds? 



45 



Du trittst über tote, o Schönheit, und höhnst unsrc leiden. 

Die Schrecknis ist dir ein schmuck der dich reizvoll umschmiegr. 

Der mord ist das liebste dir unter allen gcschmcidcn 

Das schmeichelnd an deinem stolzen leibe sich wiegt. 

Der faltcr flattert geblendet hinauf zu dir — kerzc! 
Er knistert und spricht verbrennend: ich segne dich licht! 
Es beugt sich, ein sterbender der sein grabmal herze. 
Der liebende zuckend auf seiner geliebten gesicht. 

Komm du nur aus himmcl aus höllc. gleichviel welchen orten» 
O Schönheit bald maaßlos erschrecklich und bald wie ein kind! 
Erschließt nur dein lächeln dein blick und dein fuß mir die 

pforten 
Des alls das ich liebe die stets mir verschlossen sind! 

Ob gott oder satan ob engcl oder sirene: 
Mach nur. sammtäugige zauberin. daß nicht zu sehr 
— O klang duft und licht! o herrin die ich ersehne! — 
Die erde mir häßlich ist und der augenblick schwer! 

Wir sehen hier schon die äußersten Grenzen der infan- 
tilen Situation, von der weiter oben die Rede war: „Tu rrujr^ 
ches sur des morts . . ." Die sklavische Unterwerfung unter 
diese absolute Leidenschaft wird in einem ewigen Todeskampf 
zu verwirklichen versucht, bisweilen auch in einer Rückkehr 
in den Mutterleib, in einer Rückkehr zur Mutter Erde, i n 
der Sehnsucht nach dem Grabe. In einem bezeichnender Weise 
„Vorleben" (La vie antericure) iiberschriebenen Gedichte ver- 
setzt sich Baudelaire ins Paradies des Mutterleibes zurück., 
d. h. in die intra-uterinc Situation: 

Vorleben '* 

Ich wohnte lang in weiten Säulengängen 
Die in der mecressonnen feuerbad 
Des abends sich erheben stolz und grad 
Und wie basaltnc grotten überhängen. 



") Stefan George, S. 28 {„Lei Fleurs du Mal", S. 119). 
46 



Der wellen die des Himmels bilder wiegeln 
Musik in mystisch feierlicher art 
Sich mächtig tönend mit den färben paart 
Wie sie beim Sonnenuntergänge spiegeln: 

Dort lebte ich in stiller wollust landen 

Inmitten woge glänz und blauer luft 

Und nackter sklaven ganz getränkt in duft 

Die neben mir mit palmenwedeln standen 
Nur einer sorge voll: würd ihnen kund 
Mein schwer geheimnis. meines leides grund! 

Vergessen wir auch nicht eines der schönsten Gedichte 
unter denen, welche die Liebesleidenschaft einer unzugäng- 
lichen und unfruchtbaren Welt besingen: 

XXVIII 15 

In ihren kleidern die mit schillern flattern 
Erscheint es daß sie tanzt, auch wenn sie geht. 
Wie eines heiigen gauklers lange nattern 
Die er auf einem stab im takte dreht. 



La vie antericure. 






J'ai longtemps habite" sous de vastes portiques 
Que les soleils marins teignaient de mille feux, 
Et que leurs grands piliers, droits et majestueux, 
Rendaient pareils, le soir, aux grottes basaltiques. 

Les houles, en roulant les images des cieux, 
Melaient d'une fa9on solennelle et mystique 
Les tout-puissants aecords de leur riche musique 
Aux couleurs du couchant reflete par mes yeux. 

C'est lä que j'ai vecu dans les voluptes calmes, 
Au milieu de l'azur, des vagues, des splendeurs 
Et des esclaves nus, tout impregnes d'odeurs, 

Qui me rafraichissaient le front avec des palmes, 
Et dont l'unique soin etait d'approfondir 
Lc secret douloureux qui me faisait languir. 

Stefan George, S. 47 („Les Fleurs du Mal", S. 139)- 



47 



Wie toter sand und wolkcnrand der wüsten 
Zu denen fruchtlos menschlich leiden schreit. 
Wie wellcnnetze an den meeresküsten 
Entfaltet sie sich ohne achtsamkeit. 

Ihr glänzend aug ist herrlich mincral. 

In diesem wesen. sinnbild seltner art. 

wo reiner chcrub mit der sfinx sich paart 

Wo alles gold ist diamant und stahl 

Liegt wie der eitle glänz der stcrncnschaarcn 

Die kalte hoheit einer unfruchtbaren. 

Baudelaire hat seine Liebe am besten in seinen Ge- 
dichten ausgedrückt. Zu diesem Zweck mußte er seine Sätze 
auseinanderreißen, umstellen und sich der Tyrannei des Reimes 
unterwerfen. Seine Poesie steht also im Dienste der Verdrän- 
gung seiner wahren Gefühle, ihr eigentliches Ziel besteht 
darin, diese Gefühle zu verkleiden, unkenntlich zu machen. 

Es gibt in seinem Tagebuch einige, wenn auch wenige 
Stellen, in denen er offen von seiner Mutter sprechen kann. 
Meistens sind die Gedanken, die sich auf sie bezichen, 



XXVIII. 

Avec ses vetements ondoyants et nacr^s, 
Memc quand eile marche, on croirait qu'cllc danse, 
Comme ces longs serpents que les Jongleurs sacres 
Au bout de leurs bätons agitent en cadence. 

Comme lc sable morne et l'azur des diserts, 
Insensibles tous deux ä l'humainc soufTrancc, 
Comme les longs rdscaux de la houle des mers, 
Elle sc developpc avec indiff^renec. 

Ses yeux polis sont faits de minc'raux charmants, 
Et dans cette nature Strange et symbolique 
Ou Tange inviole* sc milc au sphynx antique, 

Ou tout n'est qu'or, acier, lumiere et diamants, 
Resplendit a jamais, comme un astre inutile, 
La froide majest^ de la femme sterile. 



48 



verdrängt und der Text bedarf eines Kommentars. Zur lllu- 
strierung des Gesagten lassen wir hier einige Auszüge aus sei- 
nem Tagebuch folgen: 

XVI. 

„Ein schöner Männerkopf muß in den Augen des Mannes — 
wenn' auch vielleicht in den Augen der Frau — nicht diese Idee 
der Wollust enthalten, die im Antlitz der Frau eine um so ver- 
lockendere Herausforderung darstellt, als das weibliche Gesicht 
im allgemeinen melancholischer ist. Aber diese Idee enthält auch 
etwas Brennendes und Trauriges, geistige Bedürfnisse — dunkel 
verdrängte Ambitionen — , die Idee einer zürnenden und unbe- 
schäftigten Macht — manchmal auch die Idee einer rächenden 
Unempfindlichkeit (denn der ideale Typus des Dandys ist hier 
nicht außer acht zu lassen), manchmal auch — und das ist einer 
der interessantesten Charakterzüge des Schönen — das Myste- 
rium, und schließlich . . . das Un glü ck. 

Ich behaupte nicht, daß sich die Freude nicht mit der 
Schönheit verbinden könne, aber sie ist ein recht gewohnlicher 
Schmuck, der billigste, während die M e 1 a n c hol i e sozusagen ein 
derart erlauchter Gefährte ist, daß ich mir (sollte mein Hirn ein 
Zauberspiegel sein?) keinen Schönheitstypus vorstellen kann, in 
dem nichts vom Unglück enthalten ist. Da ich mich auf Ideen 
stütze — mancher wird sagen, ich sei von ihnen besessen — ist es 
begreiflich, daß es mir nicht leicht fallen würde, zu einem andern 
Schluß zu kommen als zu dem: Satan ist der vollendetste Typus 
männlicher Schönheit (Milton!) 16 . 

XLV. 

Der frühreife Geschmack der Frauen. Ich verwechselte den 
Geruch, der vom Pelzwerk mit dem, der von der Frau ausströmt. 
Ich erinnere mich . . . Kurz, ich liebte meine Mutter ihrer Eleganz 
wegen. Ich war also ein frühreifer Dandy 17 . 

XXV. Gebet. 
Züchtigt mich nicht in meiner Mutter und züchtigt nicht 
meine Mutter um meinetwillen. Ich empfehle Dir die Seelen 
meines Vaters und Mariettens. Gib mir die Kraft, unverzüglich 



") „Fusies" („Raketen"), S. }2$l}26. 
17 ) ibid. S. 330. 



49 



meine Pflicht zu tun jeden Tag und so ein Held und ein Heiliger 
zu werden 18 ." 

Das Besondere an dieser Liebe des Kindes für seine Mut- 
ter ist darin zu sehen, daß die Mittel, durch die es vom Liebes- 
objekt Besitz ergreift, nichts mit dem fleischlichen Akte ge- 
meinsam zu haben scheinen, obwohl ihnen im Grund ein deut- 
lich sexueller Charakter anhaftet. Alles, was sexueller Natur 
ist, wird verdrängt, als ob es ein Verbrechen wäre, und aus 
dem manifesten Wunsche heraus, aus der Mutter eine unbefleckte 
Jungtrau zu machen, anderswohin verschoben. Dies erklärt 
sich aus der Tatsache, daß das Kind, unentwickelt, wie es ist, 
nicht daran denken kann, den Geschlechtsakt mit der Mutter 
zu realisieren. Auf diesem Gebiete weiß es sich im voraus vom 
Vater gedemütigt und geschlagen. Überdies fühlt es sich ihm 
gegenüber als schuldbeladen, da es ihn ebenfalls liebt. Es bleibt 
ihm daher nichts anderes übrig, als diese Demütigung zu 
leugnen, die Existenz des Vaters zu leugnen, die Existenz 
der elterlichen Sexualität im besonderen, die der 
Liebe im allgemeinen — die Trauben sind noch zu sauer. 
Je nach dem Fall kann das Kind seine minderwertigen 
sexuellen Organe durch das allmächtige Denken 
ersetzen und dann durch eine Krankheit, das Unglück usw., 
um auf diese Weise die mütterliche Liebe dem Vater streitig 
zu machen und über ihn triumphieren zu können. Aber dies 
alles ist nur ein schwacher Trost, um eine Demütigung zu ver- 
gessen, die in Baudelaire unerbittlich fortlebt. Er kann auf sein 
Ideal, in unserem Falle auf den Inzest, nicht verzichten. Er 
versucht es, ihn auf verborgene Weise zu verwirklichen und 
zwar mit Hilfe von Ersatzmitteln. Alles, was den Charakter 
des Abnormalen, des Außergewöhnlichen, des Verbrechens an 
sich trägt, ist nun geeignet, ein affektives Äquivalent für den 
Inzest zu werden. Alles, was man auf normalem Wege zu 

w ) „Mon cceur mit et ruf („Mein entblößtes Herz"), S. 343. 



verwirklichen imstande ist, läßt eine große Leere und Ent- 
täuschung zurück. Wir haben Patienten gekannt, bei denen 
der zensurierte und verbildete Inzestwunsch, sich durch das 
Bedürfnis, auf der Straße Auswürfe und Exkremente zu ver- 
schlingen, kund tat. Diese abstoßende, aber außergewöhnliche 
Handlung, deren Verwirklichung von der Schranke des Grau- 
sens verhindert wird, wurde so zu einer Heldentat, welche 
die Verwirklichung, die Erfüllung des Inzestes darstellte, zu- 
gleich aber auch die Strafe für das schuldbeladene Verlangen. 
Von diesem Gesichtswinkel aus gesehen, versteht man es, 
daß Baudelaire schreibt: 

„Ich aber sage: die einzige und höchste Lust der Liebe ruht 
in der Gewißheit, das Böse zu tun. Und Mann und Weib wissen 
von Geburt an, daß sich im Bösen alle Wollust findet 18 ." 

„Die Liebe gleicht sehr einer Folter oder einer chirurgischen 
Operation, ein Gedanke, der nun auf das Bitterste weitergedacht 
werden kann. Selbst wenn die beiden Liebenden innigst vonein- 
ander eingenommen und ganz erfüllt sind von wechselseitigem 
Verlangen, so wird doch dei eine immer viel ruhiger oder weniger 
besessen sein als der andere. Der ruhige ist der Operateur oder 
der Henker; der andere ist der Patient oder das Opfer. Hörst 
Du das Stöhnen, dieses Vorspiel einer Tragödie der Entehrung, 
hörst Du die Seufzer, Schreie, das Röcheln? Wem entzwang es 
sich nicht, wem ist es nicht erpreßt worden? Gibt es in dem pein- 
lichen Verhör, das von sorgfältigen Foltermeistern angestellt 
wird, etwas Schlimmeres? Weder diese Augen eines Somnambulen, 
noch diese Glieder, deren Muskeln sich dehnen und herausspringen 
wie unter der Leitung eines galvanischen Stromes, noch der 
Rausch, das Delirium und das Opium in ihren wildesten Effekten 
liefern gleich schreckliche und seltsame Beispiele. Und aus dem 
menschlichen Antlitz, das nach Ovid dazu geschaffen war, die 
Sterne widerzustrahlen, spricht nichts als die tollste Wildheit oder 
dem Tod ähnliche Entspannung Für solche Zersetzung das Wort 
,Ekstase* gebrauchen, käme mir wahrhaft wie ein Sakrileg vor. 
Die Finsternis beruhigte seine Eitelkeit und sein Dandytum einer 
kalten Frau. Diese zwei Wesen, die zwar gefallen waren, aber 
noch an einem Rest von Adel litten, umarmten sich spontan und 



ie ) Fusees, S. 322. 
4* 5 1 



ließen, im Regen ihrer Tränen und Küsse, die traurigen Erlebnisse 
ihrer Vergangenheit und die noch ungewissen Hoffnungen auf eine 
Zukunft ineinander übergehen. Man darf vermuten, daß sie nie 
von süßerer Wollust ergriffen worden waren als in dieser Nacht 
der Melancholie und Barmherzigkeit — die Wollust war mit 
Schmerz und Gewissensbissen gesättigt 20 ." 

Merken wir uns die Verwendung, welche der Verfasser 
im Laufe seiner verschiedenen, diesen Gegenstand betreffenden 
Erörterungen von den Worten Dandytum und Melancholie 
gemacht hat. 

Wir haben schon gesehen, daß die Mutter durch ein 
phallisches Wesen dargestellt sein kann und durch Melancholie 
symbolisiert wird. 

„Du trittst über tote, o Schönheit, und höhnst unsre leiden. 
Die Schrecknis ist dir ein schmuck der dich reizvoll umschmiegt. 
Der mord ist das liebste dir unter allen geschmeiden 
Das schmeichelnd an deinem stolzen leibe sich wiegt. 

Ihr menschen, ich bin schön, ein träum von stein! 
Mein busen al der zu blutigen küssen treibt: 
Dem dichter flößt er eine liebe ein 
Die stumm ist wie der Stoff und ewig bleibt 13 ." 

Es überrascht uns nicht, daß Baudelaire seinen Begriff 
des Schönen unterschiedslos sowohl von einem Frauenantlitz 
als von einem Männerantlitz herleitet, das „Ideal des Dandy 
darf nicht vernachlässigt werden . . .". Und er schreibt: „Ich 
liebte meine Mutter ihrer Eleganz wegen. Ich war also 

M ) Fusies, S. 321. 

2> ) Busen Penis. 

") Tu marches sur de morts, Beaute, dont tu te moques. 
De tes bijoux, l'Horrcur n'cst pas le moins charmant, 
Et Je Meurtre, parmi les plus cheres breloques, 
Sur ton ventre orgueilleux danse amoureusement. 

Je suis belle, ö mortels! comme un r£ve de pierre. 
Et mon sein, ou chaeun s'est meurtri tour .1 tour, 
Etc., etc. . . . 



>2 



ein frühreifer Dandy . . . Die Finsternis festigte ihre Eitelkeit 
und ihr Dandytum einer kühlen Frau . . ." 

Indem er selber zum Dandy wurde, identifizierte sich 
Baudelaire mit seiner Mutter, um so in sich selber von ihr Be- 
sitz zu nehmen. Auf diese Weise konnte er sich über die 
sexuelle Ohnmacht seiner Jugend hinwegtrösten und die „un- 
reinen" Gedanken, welche sich ihm seine Mutter betreffend 
aufdrängten, im Zustande der Verdrängung erhalten. 

Die Verdrängung seiner Liebe zur Mutter ist aber noch 
durch andere Motive bedingt: Baudelaire war sechs Jahre alt, 
als sein Vater starb. 















53 






4- Kapitel. 

Der Vater. 

Unsere psychoanalytischen Beobachtungen lehren uns, 
daß ein an seine Mutter fixierter und infolgedessen zum Ri- 
valen des Vaters gewordener Knabe auf diese affektive Situa- 
tion in äußerst komplexer und verschiedener Weise reagieren 
kann. Stirbt der Vater, wie dies bei Baudelaire der Fall war, 
so ist der Knabe dafür empfänglich, den Verlust des Vaters 
mit seinen eigenen, auf den Rivalen hinzielenden Todes- 
wünschen in Beziehung zu bringen. Er glaubt infolgedessen 
an die Allmacht seiner Gedanken, was in dem angeführten 
Fall das Schuldbewußtsein, welches die affektive Situation 
des Ödipuskomplexes schon normalerweise bei einem Men- 
schen auszulösen vermag, ganz beträchtlich steigert. Der Ge- 
danke von der Strafbarkeit sexueller Wünsche tritt damit 
noch deutlicher in den Vordergrund. Dies kann bewirken, 
daß das Kind jeden Wunsch nach freudiger Entfaltung, 
der im Bewußtsein auftauchen will, systematisch zu unter- 
drücken versucht, da sonst die Rivalität mit dem Vater, das 
Verlangen, dessen Platz einzunehmen, groß, stark und glück- 
lich zu werden wie er, ohne Gewissensbisse anerkannt wäre. 
Da solche Wünsche ohne starke Eifersuchtsbildungen undenk- 
bar, da sie an den Gedanken gebunden sind, den Vater seiner 
Vorrechte zu berauben, verfallen sie — infolge der Angst vor 
einer magischen Verwirklichung und der damit verbundenen 
Strafe (Kastrationsangst) — der Verdrängung, und mit 
ihnen alles, was die geistige und seelische Entfaltung des klei- 
nen Knaben fördert. 



54 



Durch diese jenen Wünschen entgegenwirkende Strömung, 
eine Strömung, von der Baudelaire in seinen „Fitsees" über das 
Schöne spricht, wird der Lebensdrang aufgehalten, die Freude 
zur Sünde, zum Unglück, denen man aus dem Wege gehen 
muß. Die Entwicklung des Knaben ist gehemmt: er wird 
zum Mädchen, und aus dem Tatkräftigen, der er sein sollte, 
wird der passive, empfindsame, phantasierende Mensch. Der 
Haß, den der Knabe gegen den Vater hegt, wird dann durch 
eine übertriebene Liebe kompensiert, die in ihrer Art einer sekun- 
dären, dem ersten spontanen Gefühle entgegengesetzten Äuße- 
rung entspricht und oft etwas Gekünsteltes an sich hat. Diese 
Kompensierung bedeutet für den Knaben: Begünstigung der 
Entwicklung alles dessen, was seinem Geschlechte und Denken 
widerspricht. Wir gehen hier nicht weiter ein auf die Kom- 
plexität der psychischen, infantilen Vorgänge, die zur mani- 
festen oder, latenten Homosexualität führen, wobei die 
letztere rein psychisch geblieben sein kann, wie wir ge- 
rade bei Baudelaire feststellen können. Wir verweisen den 
Leser auf die kürzlich erschienene gewissenhafte und ausführ- 
liche Arbeit unseres Mitarbeiters Dr. Hesnard 23 . 

Trotz aller Bemühungen des Individuums, den Kon- 
flikt zu verdrängen, wird dieser nicht so leicht erledigt. Das 
Verdrängte kommt in entstellter Form wieder, sogar Reue 
kann es den Zielen einverleiben, welchen man unbewußt 
nachstrebt. Der Inzest bekommt den Reiz der verbotenen 
Frucht — er flößt Grauen ein, wird aber trotzdem 
weiter begehrt, und zwar gerade auf Grund des auf ihm 
lastenden Verbotes. Alles, was Gewissensbisse hervorzurufen 
imstande ist, kann so zum Äquivalent für den Inzest werden 
und dieser Kult der Reue wird zu einer besonderen Seite des 
Leidenskults im allgemeinen. Wir werden weiter unten auf 
dieses Problem zurückkommen, das von Reik in musterhafter 
Weise verarbeitet worden ist. 

23 ) Hesnard: Psychologie homosexuelle (Stock, Paris). 

SS 



So erklärt sich die Anziehungskraft, die für Baudelaire 
von allem Grauenhaften ausgeht, und so erfassen wir auch, 
warum er weder vor der Vorstellung, noch manchmal vor 
der Verwirklichung der niedrigsten Handlungen zurück- 
schreckte. Wir stoßen in seinem "Werke zu verschiedenen 
Malen auf Stellen, wo die Vorstellung des Mordes das Bild 
der Liebe ersetzt hat. Man darf wohl annehmen, daß er, im 
Widerspruch zu seinem Gebete, nichts unversucht gelassen 
hat, um von seinem Gott gezüchtigt zu werden und so in 
sich seine Mutter zu züchtigen, zu demütigen, zu töten, ins 
Laster und in den Schmutz zu ziehen. Es handelt sich hier 
um die Vorstellung von magischen Verbrechen. Lesen wir 
dazu, was Baudelaire über die Frau und die Magie sagt": 

„Von der angewandten Magie bis zur Beschwörung der 
großen Toten, zur Wiederherstellung und Vervollkommnung der 
Gesundheit. 

Die Inspiration kommt immer, wenn der Mensch will, aber 
sie geht nicht immer, wenn er will. 

Von der Sprache und der Schrift als magische Handlungen, 
beschwörende Zauberei. 

Über das Aussehen der Frau. 

An reizvollen Mienen, welche die Schönheit ausmachen, 
kennen wir: 

Sie sieht blasiert drein, 

Sie sieht gclangweilt, 

leichtsinnig, 

schamlos, 

kühl, 

in sich gekehrt, 

voll Herrschsucht, 

willensstark, 

boshaft, 

wie eine Kranke, 

wie eine Katze, ein kindisches Wesen, bei dem Bosheit mit 
Gleichgültigkeit gepaart ist, drein. 

34 ) „Jourtiaux intimes", S. 22. 
56 



Ein Mann geht in Begleitung seiner Frau zum Pistolenstande. 
Er zielt auf eine Puppe und sagt zu seiner Frau: „Ich stelle mir 
vor, ich ziele auf dich." Er schließt die Augen und streckt die 
Puppe nieder. Darauf küßt er seiner Gefährtin die Hand 
und sagt zu ihr: „Lieber Engel, ich danke dir für meine Ge- 
schicklichkeit!" - ? ; 

Es gibt nur zwei Orte, wo man bezahlt, um das Recht zu 
haben, etwas auszugeben: die öffentliche Bedürfnisanstalt und die 
Frauen. 

Diese Stelle findet sich einige Zeilen vor der andern, in 
der Baudelaire seine Liebe zu seiner Mutter beichtet: „Ich 
liebte meine Mutter ihrer Eleganz wegen. Ich war also ein 
frühreifer Dandy." 

Es wird uns nun nicht überraschen, wenn wir sehen, daß 
die Verdrängung dieser Liebe den Wunsch mit sich führt, 
auch deren Objekt zu verdrängen, das ist, alles in allem ge- 
nommen, die Frau. Man wünscht, sie zu töten, und versucht, 
den Mord zu rechtfertigen, indem man aus ihr eine Ver- 
brecherin macht. Wir lassen hier einige Stellen aus dem Tage- 
buche folgen, die sich auf die Frau beziehen: 

Die Frau ist das Gegenteil des Dandy. Infolgedessen muß sie 

Grauen einflößen. , , , ... 

Die Frau ist hungrig und will essen; sie ist durstig und will 

trinken. , 

Sie ist läufig und will besprungen werden. 

Schöne Vorzüge! 

Die Frau ist natürlich, das heißt scheußlich. 

Darum ist sie auch immer gewöhnlich, das heißt das Gegen- 

teil des Dandy. , . , c- P (i- 

Über George Sand. Das Frauenzimmer Sand ist der bpieis 

bürger der Immoralität. 

Sie ist immer Moralistin gewesen. 

Nur machte sie früher in Gegenmoral. _ 

Daher war sie nie Künstlerin. Sie hat den berüchtigten 
flüssigen Stil, der den Bürgern so teuer ist. 

Sie ist dumm, sie ist schwerfällig, sie ist geschwatzig. Sie 
hat in den moralischen Ideen dieselbe Tiefe des Urteils und die- 

57 



selbe Delikatesse des Empfindens wie die Hausbesorgerinnen und 
die ausgehaltencn Mädchen. 

Was sie über ihre Mutter sagt. 

Was sie über die Dichtkunst sagt. 

Ihre Liebe zu den Arbeitern. 

Daß einige Männer sich in diese Latrine verlieben konnten, 
ist ein Beweis für den Tiefstand der Männer in diesem Jahr- 
hundert. 

Die folgende Stelle bezieht sich wahrscheinlich auf seine 
Mutter und auf die Ehrenlegion des General Aupick: 

Gewisse Frauen sehen dem Band der Ehrenlegion ähnlich. 
Man begehrt sie nicht mehr, weil sie sich an gewissen Männern 
beschmutzt haben. 

Aus demselben Grunde würde ich auch nicht die Hosen eines 
Krätzigen anziehen. 

Das Ärgerliche in der Liebe ist, daß sie ein Verbrechen ist, 
bei dem man einen Komplizen haben muß. 

In der Liebe wie in fast allen menschlichen Angelegenheiten 
ist das herzliche Vertragen das Ergebnis eines Mißverständnisses. 
Dieses Mißverständnis ist: die Lust. Der Mann ruft aus: „O mein 
Engel!" Die Frau gurrt: „Mama! Mama!" Und diese beiden 
Narren sind davon überzeugt, im Einklang miteinander zu denken. 
Der unüberschreitbare Abgrund, welcher die Ursache der Un- 
mittelbarkeit ist, bleibt unüberschritten. 

Um diese Überlegungen richtig zu verstehen, muß man 
dem Umstände Rechnung tragen, daß bei Baudelaire die Ver- 
hältnisse invertiert sind: der Mann tritt bei ihm an die 
Stelle der Frau, die Mama! Mama! girrt. 

Wir lassen noch einige weitere Bemerkungen Baudelaires 
über die Frauen folgen: 

Das junge Mädchen beim Verleger. 
Das junge Mädchen bei den Chefredakteuren. 
Das junge Mädchen als Vogelscheuche, Scheusal, Mörderin 
der Kunst. 

Was das junge Mädchen in Wirklichkeit ist. 
Ein einfältiges Ding und eine kleine Schlampe; die größte 
Blödheit verbunden mit der größten Verderbtheit. 












58 



Im jungen Mädchen findet sich die ganze Verworfenheit des 

Gauners und des Gymnasiasten. 

Von der Notwendigkeit, die Frauen zu schlagen. 

Man kann züchtigen, was man liebt. So wie die Kinder. 
Aber dies schließt den Schmerz ein, daß man verachten muß. 

was man liebt. 

Über die Hahnreischaft und die Hahnreie. 

Der Kummer des Hahnreis. 

Er kommt von seinem Stolz, von einer falschen Ansicht über 
die Ehre und das Glück und von einer albern von Gott weg- 
gewandten und den Kreaturen zugeteilten Liebe. 

Je mehr ein Mensch die Künste pflegt, um so weniger 

f ... er. . , 

Es vollzieht sich eine immer fühlbarere Scheidung zwischen 

dem Geiste und der Bestie. 

Nur der bestialische Mensch f... gut und die Umarmung 

ist die Poesie des Volkes. , 

F i st das Bedürfnis, in einen andern hineinzugehen 

und der Künstler geht nie aus sich heraus. 

Ich habe den Namen dieser Schlampe vergessen. Ach, was, 
ich werde ihn beim jüngsten Gerichte wiederfinden. 

Wir haben schon gesagt, daß die Libido Baude- 
laires in erster Linie durch Selbstbestra- 
fungsmechanismen und Kastration sang st 
gehemmt ist: diese machen aus ihm das geschlagene 
Wesen, von dem wir gesprochen haben, als wir uns über 
die Schlagephantasien auseinandersetzten. Aber er ist auch 
deshalb das geschlagene Wesen, weil er die der Mutter vorge- 
worfene Sünde auf sich nimmt und weil er so vielleicht 
an seinem eigenen Leibe die Züchtigung erlebt, welche für die 
„Hure", die sich mit dem General Aupick verheiratet hatte, 

bestimmt war. , 

Diese fehlerhafte Erledigung des Ödipuskomplexes beob- 
achten wir im täglichen Leben öfters als man gemeinhin an- 
zunehmen pflegt. Beim Manne äußert sich diese Situation sehr 
oft in der Notwendigkeit, ständig zwischen sich und der 

$9 



Frau, die er an die Stelle der Mutter setzt, eine uniibcr- 
schreitbare Schranke zu errichten. Diese Schranke 
ist besonders in puncto Sexualität unüberschreicbar. Die Ver- 
ehrung der Frau ist jedoch meistens gestattet. Die Frau wird zu 
einem Ideale, das man über alles stellt, aber dieses Liebesideal 
ist rein platonischer Art und kann ebenso gut, wenn nicht 
besser, durch einen Mann verwirklicht werden, wie wir es zum 
Beispiel in Fällen von manifester Homosexualität beobachten 
können. Die Realisierung des Geschlechtsverkehrs mit einer 
solchen Mutterimago erweist sich gewöhnlich als unmöglich. Es 
entsteht ein Vorgang, den man in der Psychoanalyse eine Spal- 
tung zwischen Zärtlichkeit und Sexualität nennt". Vor jener 
Frau steht dann oft der Mann demütig wie ein Kind, und bestän- 
digen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen preisgegeben da. 
Seine Sexualität vergeudet er in öffentlichen Häusern, sein 
Geld in Spielhöllen. Ein derartiges Verhalten ist schon 
deutlich pathologisch. Der manifeste Masochismus äußert sich 
dann sehr oft in dem Zwang, sich eine Geschlechtskrank- 
heit oder irgend ein anderes Leiden zuzuziehen, wobei 
die Krankheit eine Strafe sein soll, zugleich aber auch die 
Reproduzierung der infantilen Situation bezweckt. Der 
Kranke hat in der Tat Aussicht, wieder zum kleinen Kinde 
zu werden, das von einer zärtlichen Mutter gepflegt und be- 
schützt wird. In weniger heiklen und besser kompensierten 
Fällen „sublimiert" der Mann, d. h. anstatt sich im Ver- 
kehr mit Prostituierten auszugeben, lenkt er seine Energie in 
die Richtung geschäftlicher Unternehmungen, zu deren Sklaven 
er sich macht. Er wirft sich etwa in Börsenspekulationen 
und zwar immer mit dem mehr oder minder manifesten Be- 
dürfnis, sein Geld zu verlieren, zu Gunsten von Leuten, die 

2 "") Erinnern wir uns an die Bemerkung Baudclaires, die wir 
oben bereits zitiert haben: „Je mehr ein Mensch die Künste pflegt, 
um so weniger f .... er. — Es vollzieht sich eine immer fühlbarere 
bcheidung etc " 

60 



ihn bestehlen oder zu Gunsten eines Teilhabers. Allerdings 
verliert er dieses Geld auch, um anderswo, wenigstens schein- 
bar, das Recht zum Erfolg zu haben. Im Verkehr mit ihren 
Frauen sind diese Männer meistens impotent. Dies ist auch der 
Grund, warum sie sich an den Analytiker wenden. Bei diesen 
Opfern des „Ödipuskomplexes" ist daher der Mißerfolg oft 
maskiert, ja sogar durch einen scheinbaren materiellen Erfolg 
kompensiert, ein Erfolg, der einem erstaunlichen Energie- 
aufwand für ein Werk zu verdanken ist, das im affektiven 
Sinne für diesen Mann praktisch die Rolle des öffentlichen 
Hauses spielt, in dem er geschlagen wird und in dem er 
sich bis zur Erschöpfung verbraucht. In solchen Fällen 
verrät sich die sexuelle und affektive Störung oft anläßlich 
eines besonders glänzenden Erfolges, indem der Betreffende 
gezwungen ist, eine Handlung zu begehen, die ihn öffentlich 
bloß stellt. (Siehe Freud: Jene, die am Erfolge scheitern.) Es 
kommt auch vor, daß der Betreffende krank wird oder 
Bankerott macht. Wehe dem Geschäfstunternehmen, das 
einem solchen Konflikte ausgesetzt ist. Es gibt nun Fälle, 
in denen eine ganze Nation dieses Unternehmen ist. 
Wir wollen jedoch nicht näher auf diese Fragen ein- 
gehen und uns lediglich merken, daß eine ganze 
Gemeinschaft in den Wirbel geraten kann, der einen Men- 
schen dem Zusammenbruche, dem Abgrund zuführt. Napo- 
leon! Sankt Helena!.-. 20 



M ) Siehe Jekels, „Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. 
in „Imago", Band III. 



61 






y. Kapitel. 

Der Masochismus bei Baudelaire. 

Überschaut man das Leben und das Werk Baudelaires, 
so fällt es nicht schwer, jene Selbstbestrafungsmcchanismen zu 
entdecken, von denen wir gesprochen haben, jenes Bedürfnis, 
auf irgend welche Art geschlagen zu werden. Wir verstehen, 
warum er sich öffentlich vom General Aupick ohrfeigen ließ 27 , 

27 ) Porche schreibt darüber: „Dem Heim der Seinen 
zog Baudelaire die Kaffeehäuser des linken Ufers vor. Er 
war fast nie zu Hause, oder aber, wenn er an den Empfangs- 
abenden des kürzlich zum Kommandanten der Generalstabsschule 
ernannten Generals einmal erschien, verstand er es, sich durch be- 
ständige Sticheleien unangenehm zu machen. Herr Aupick runzelte 
die Stirn, Caroline zitterte. Mit einem Wort, seit einigen Monaten 
war ein neues Gewitter im Anzüge. 

Im Laufe eines festlichen Diners brach es aus. Auf eine un- 
schickliche Bemerkung des Jünglings hin gab ihm der General 
einen scharfen Verweis. Um den Tisch herum tiefes Schweigen. 
Baudelaire, gedemütigt, sprang bleich vor Wut auf und obwohl er 

c- u r u ic}l ^ ar ' Sagte er hö ™ ch zu se i nen * Stiefvater: .Monsieur, 
Sie haben mir gegenüber schwer gefehlt. Dies verdient eine Zurecht- 
weisung, ich werde die Ehre haben, Sie zu erwürgen.' 

Der ruhige Ton, in dem diese Drohung ausgesprochen wurde, 
gab der ganzen Szene noch einen Schein von Überlegung und 
Wahnsinn zugleich, der die Gäste und den General selber in Be- 
stürzung versetzen mußte. Aber schon machte der Rasende Miene, 
sich auf Aupick zu stürzen. Da ohrfeigte ihn dieser und Baude- 
laire hatte im Tumulte umgeworfener Sessel einen Nervcnanfall." 
(S. 44.) 

, J«j* 8 e ben hier eine weitere Stelle wieder, in der die Rolle 
der Schlagephantasien deutlich zum Ausdruck kommen: 

„Aber das Folgende war noch unvorhergesehener: Von der 
.Heise, an die Herr Aupick als erster gedacht hatte und die von 

6z 



warum er es erreichte, daß ihm die Türe gewiesen wurde, 
warum er mit den Wucherern ständig Verdrießlichkeiten 
hatte, mit seinem Vormund, mit der Mulattin Jeanne, warum 
er die Beute der Geschlechtskrankheit, des Opiums, des Alko- 
hols wurde. Viele, oft sehr ernste Vergehen haben bei der- 
artigen Kranken meistens keinen andern Zweck als den, sich 
für die Auflehnung gegen die väterliche Autorität eine Strafe 
zu sichern, für die Auflehnung gegen den Vater, den man 
einerseits haßt und verachtet, dem man anderseits aber, ohne 
es sich eingestehen zu wollen, seine Bewunderung zollt. So 
lagen die Verhältnisse sicher auch für Baudelaire, was seinen 
Stiefvater, ja vielleicht sogar, was Ancelle anbetrifft. Man for- 
dert diesen Vater heraus, um ihn zu bekämpfen, dann aber 
auch, um diesen Haß, den man braucht, wenn man Baude- 
laire ist, wenigstens scheinbar zu rechtfertigen, diesen Haß, 
der zum Lebenszweck wird, in Wirklichkeit aber nur eine 
Fiktion ist. Man stürzt sich auf ihn, entweder um dem 
Eingeständnis einer schrecklichen Minderwertigkeit zu ent- 
gehen, dem Einbekennen seiner Schwäche, die man sich nicht 
verzeiht, oder um in einem künstlichen Kampf, der das 



den vorsichtigsten Bekannten allgemein gebilligt wurde, bringt 
Baudelaire eine einzige Erinnerung zurück, die einzige wenigstens, 
welche ihn augenblicklich verfolgt, ja sogar quält, die an eine 
Negerin, welche auf der Insel Mauritius ausgepeitscht wurde. Die 
Szene hatte ihn, wenigstens im Augenblicke selber, eher abgestoßen. 
Es handelte sich um eine öffentliche Züchtigung, welche von einem 
Pflanzer für einen geringfügigen Diebstahl verabfolgt wurde. Die 
Sklaverei war auf der Insel erst seit dem Jahre 1834 abgeschafft 
worden und die früheren Sitten lebten noch lange fort. Nun aber 
tauchten alle Einzelheiten dieses Bildes im Geiste des Reisenden 
wieder auf. Das Groteske paart sich mit der Grausamkeit und 
diese mit der Unanständigkeit. Aus dieser Zusammensetzung wächst 
eine späte, vergebliche Begierde, hartnäckig wie ein Nerven- 
schmerz." (S. 62.) . 

Es liegt auf der Hand, daß Baudelaire nicht auf die Reise 
nach der Insel Mauritius gewartet hatte, um diese Schlagephantasie 
zu züchten. Schon längst hatte er es erreicht, „geschlagen zu 
werden". 

63 



Leben ersetzt, stark zu scheinen, oder um eine Angst, ein 
Unglück, deren man sich schämt, ableugnen zu können. 

Eine tragische Komödie! Die Auflehnungen Baudelaires 
maskieren im Grunde genommen ein überfeines Empfindungs- 
vermögen, das schamvoll sich zu äußern zögert, aus Angst vor 
dem Lichte und dem Lächerlichsein sich nicht zu behaupten 
wagt und das anstatt in Kinderaugen zu lächeln, sich oft in 
Überspanntheiten, ja zuweilen sogar ins Verbrechen flüchtet. 
Das ist vielleicht bei manchen Exhibitionisten der Fall. Ihre 
neurotische Hölle besteht darin, eine strafbare Handlung be- 
gehen zu müssen: sich zu e x h i b i e r e n. Sie exhibieren 
sich, um entdeckt, gedemütigt, gestraft zu werden und dazu 
verdammt zu sein, ewig Mißerfolg zu haben. Der Fall Baude- 
laires weist ebensolche, wenn auch nur latente, Exhibitions- 
tendenzen auf. Seine Gewohnheit, den Gegner mit paradoxen 
Argumenten zu entwaffnen, und sein Zynismus bezwecken wohl 
unbewußt nicht anderes, als den Schlag und Gegenschlag her- 
auszufordern. Denselben Zielen dient seine Tendenz zur 
Unordnung und zur Lüge. Und ebenso hat der Dichter aus 
seiner Sprache ein allmächtiges Organ gemacht, um die Men- 
schen bis ins Herz zu treffen. Dieses Organ ersetzt für ihn 
gewissermaßen ein „wundenschlagendes, seufzerlösendes 
Schwert" ... Er erreicht durch sein Wort, daß das Herz von 
Millionen von Menschen rascher schlägt, was sein großes 
Minderwertigkeitsgefühl kompensiert. Aber auch auf diesem 
übertragenen Gebiete benimmt er sich so, daß es zum Prozesse 
kommen muß, d. h. zur öffentlichen Verurteilung seiner 
Werke. Alles was er unternimmt, führt zu einer Art unfrucht- 
barer Unrast. 

Betrachten wir in diesem Zusammenhange, wie Porcne* 
den Aufrührer Baudelaire darstellt: 

Die ersten Schüsse der Februartage fielen auf dem Boule- 
vard des Capucines; schon werden die Barrikaden aufgestellt. 
Was für ein Hasten und Jagen in der Nacht vom 23. auf den 24. 

64 



im Herzen der alten Faubourgs. Bei Tagesanbruch steht ganz 
Faris in Waffen. Schon schlägt man sich in der rue de Valois, 
in der rue Saint-Honore. Bugeaud wird überrannt. Der König, 
Louis Philipp, dankt, angsterfüllt, in seniler Nachgiebigkeit ab 
und flieht in einer Kutsche auf der Avenue de Neuilly, während 
die Revolutionäre die Tuilerien besetzen. 

Wo ist indessen Baudelaire? Er steht auf der Seite des 
Aufstandes. Erinnerungen an Gelesenes, Erinnerungen an selbst- 
ei lebte Geschehnisse, Erinnerungen aus dem Jahre 1830 in Paris, 
aus dem Jahre 1834 in Lyon, steigen ihm in den Kopf mit der 
unbedeutenderen an ein kleines Scharmützel lokaler und 
ökonomischer Natur, dem er 1844 auf der Ile Saint-Louis bei- 
gewohnt hatte, als das Pariser Volk sich gegen die Gesellschaft 
auflehnte, welche an den Brückeneingängen eine Gebühr erhob 
und deren Büroräume plünderte. 

Heute aber greift der Tumult weiter um sich. An der Ecke 
der Rue Buci plündert die Menge einen Waffenladen. Baudelaire 
gehört zur Rotte. Seine blutrote Krawatte zeigt seine politische 
Überzeugung. Er bemächtigt sich eines Gewehres und einer 
gelbledernen Patronentasche. „Ich habe mitgekämpft", bemerkt 
er einen Augenblick später zu seinem Freunde Buisson, der sich 
zufällig dort befindet. Die Waffe und das Lederzeug sind sicht- 
lich neu. Baudelaire übertreibt. Vielleicht hat er ein wemg zu 
viel Weißwein zu sich genommen. Auf jeden Fall haben die 
Kneipen in diesen Tagen der Gewalttätigkeit nicht gestreikt. 

Der Dichter ist äußerst erregt. „Man muß den General Aupick 
erschießen", wiederholt er wie einen Refrain. Es handelt sich 
jetzt um nichts weniger als um politische Ideen. Was scheren ihn, 
selbst jetzt in dieser Minute, wo er in ihren Reihen steht, die 
Republikaner? Auch die Bürgerlichen mteressieren ihn kaum. 
Beim bloßen Gedanken an das Gesicht, das Ancelle in diesem 
Augenblick schneiden muß, schüttelt er sich vor Lachen. Etwas 
anders noch beschäftigt ihn. In erster Linie sucht ^ m *#** 
Handgemenge Sensationen. Ist er nicht ein Kunstler, « n KunstIe r , 
der in sein Notizbuch diesen fürchterlichen kleinen Satz ge- 
schrieben hat: „Ich verstehe, daß man eine Sache aufgeben kann, 
einzig um zu wissen, was man empfindet, wenn man einer an- 
deren dient.» Und anderswo: „In jedem Wechsel liegt etwas 
Niederträchtiges und Angenehmes zugleich, dem etwas von der 
Untreue und dem Flüchten anhaftet. Dies genügt, um die trän- 

65 






zösische Revolution zu erklären." Dies, könnte man wenigstens 
hinzufügen, dürfte genügen, um die Beteiligung Baudelaires an 
der Revolution des Jahres 1848 zu erklären, gibt er uns in diesem 
Ausspruche doch gewissermaßen sein eigenes Gefühl preis. 

Und wenn von den Straßen jener heiße Hauch weht, daß 
man die winterliche Brise nicht mehr spürt, wie könnte man mit 
einem so reizbaren, von den Betäubungsmitteln zerrütteten 
Nervensystem einem solchen Sturme widerstehen? Außerdem 
macht das Opium alles unwirklich, oder übertreibt das Geschaute. 
Einige Schüsse werden zu einem ununterbrochenen Gewehrfeuer. 
Die Barrikade ist riesengroß. Ein im Rauche erspähter roter 
Fetzen an einem Stockende wird zum gewaltigen Symbol. In den 
tiefsten Schichten der Seelen weben und erwachen Dinge, von 
deren Dasein man keine Ahnung hatte: das Bedürfnis, Rache zu 
üben, persönliche Rache zuerst, gewiß (man muß Herrn Aupick 
erschießen), dann aber auch anonyme, allgemeine Rache, die 
teuflische Lust der Zerstörung. (S. 121 — 123.) 

Wir möchten hier auch die Schilderung jener Zeit wieder- 
geben, in der Baudelaire sich als Kandidat der französischen 
Akademie aufstellen läßt. (Es ist ihm natürlich nur gelungen, 
„geschlagen" zu werden.) 

Baudelaire war also der Meinung, wenn es ihm gelänge, die 
Schwelle der Akademie zu überschreiten, würde das gegen ihn 
gehegte Mißtrauen auf der Stelle aufhören. Seine Überlegung 
war gewiß richtig, enthielt aber einen Zirkelschluß, denn dieses 
Mißtrauen war es gerade, welches jede Erfolgsmöglichkeit aus- 
schloß. 

Wie zu erwarten war, wurde andererseits die Kunde von der 
Kandidatur des Verfassers der „Blumen des Bösen" für den Fau- 
teuil Scribe in den literarischen Kreisen und Kaffees, sowie von der 
kleinen Presse mit Zetergeschrei und Witzen aufgenommen. 
Baudelaire wurde als ein Abtrünniger, der aus dem Lager der 
Unabhängigen in das der Offiziellen überging, beschimpft und 
verhöhnt. Baudelaire antwortete Flaubert, der aus seiner Abge- 
schiedenheit in Croisset diesen unüberlegten Streich mißbilligt 
hatte: „Wie, haben Sie nicht erraten, daß Baudelaire bedeutete: 
Auguste Barbier, Theophile Gautier, Flaubert, Leconte de Lisle, 
das heißt: reine Literatur?" 



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Kurzum, im Monat Dezember begann der Dichter seine Be- 
suche zu machen, und zwar zu Fuß, wie er sagt, und „zerlumpt". 
Aber hüten wir uns, diesen letzten Ausdruck wörtlich zu nehmen. 
Baudelaire war immer sehr sorgfältig, ja gewählt gekleidet. Erst 
zwei, drei Jahre später begegnete man ihm manchmal in schäbigen 
Kleidern. Aber auch dann noch, ja selbst im äußersten Elend, 
ließ er vom Luxus der weißen, makellosen Wäsche nicht ab. 

Mehrere Akademiker wichen ihm aus. So war es ihm unmög- 
lich, Ponsard anzutreffen, für den ihm Asselineau einen Einfüh- 
rungsbrief mitgegeben hatte. Ebenso wenig Glück hatte er mit 
Legouv£, de Sacy, mit Saint-Marc Girardin, er traf nicht einmal 
Prosper MeVimee, obwohl er ihn persönlich kannte. 

Villemain, der ständige Sekretär der Akademie, empfing ihn 
von oben herab. „Ich habe nie irgendwelche Originalität be- 
sessen, mein Herr", soll er zum Kandidaten gesagt haben. Worauf 
der andere, nicht ohne Heimtücke erwidert haben soll: „Mein 
Herr, was wissen Sie davon?" Vom Besuche bei Viennet brachte 
er folgende berühmt gewordene Definition mit: „Es gibt nur 
fünf Gattungen der Poesie, mein Herr, die Tragödie, die Komödie, 
die epische Poesie, die Satire und die leichte Dichtungsart, zu der 
die Fabel zählt, in der ich Meister bin." Aber ist dies alles 
authentisch? 

Henri Patin, der Latinist, war sehr liebenswürdig. Ebenso 
Sandeau, für den ihm Flaubert eine Empfehlung mitgegeben hatte. 
In den von Sandeau an den Dichter gerichteten Worten liegt in- 
dessen nicht wenig (wohl unfreiwillige) Ironie: „Vielleicht, viel- 
leicht gelingt es Ihnen, in der Wahl für den Fauteuil Lacordaire 
die Stimmen einiger Protestanten zu ergattern." 

Baudelaire hatte in der Tat die seltsame Idee gehabt, auf die 
Kandidatur für den Fauteuil Scribe zu verzichten, um sich um den 
Fauteuil Lacordaire zu bewerben. Für diese zum mindesten uner- 
wartete Wahl gab er folgenden Grund an: „Lacordaire ist ein Prie- 
ster der Romantik und ich liebe ihn." Dieser Grund war aber 
selbst denen unannehmbar, die dem Dichter das größte Wohl- 
wollen bekundeten (ich meine natürlich seiner Person, denn seine 
Kandidatur nahm niemand ernst). Man sah darin nur eine neue 

Exzentrizität. 

Sainte-Beuve, ein schwankender Charakter, der aber über 
eine glänzende Intelligenz verfügte, war diesmal sprachlos: Wie 
konnte ein Mann wie Baudelaire, dessen Überlegenheit keinem 



Zweifel unterlag, mit 40 Jahren noch solche Eseleien begehen? 
Diesem durchtriebenen Kritiker, der vor der Autorität, der 
Hierarchie eine hohe Achtung besaß, und der in der Kunst, die 
Einflüsse abzuwägen, sehr erfahren war, mußte ein solches Ver- 
kennen der sozialen Beziehungen, ihrer Regeln, ihres Spiels und 
ihrer Handhabung unverständlich sein. 

Für so viel Einfalt gibt es in der Tat nur eine Erklärung. 
Baudelaire kannte von der Gesellschaft nur einen kleinen Zipfel: 
die Boheme. 

Als Sohn bürgerlicher Eltern hatte er schon in seinem frü- 
hesten Alter mit der Gesellschaft gebrochen. Er war ein Dandy, 
aber nicht ein Dandy der Salons wie Musset, sondern eher ein 
Dandy der Kaffees, der Restaurants, der Ateliers, der Kasinos 
und der verrufenen Häuser. 

„Onkel Beuve" hatte am Anfang, freilich ohne sich zu kom- 
promittieren, seinem „teuren Kinde", das in dieses tolle akademische 
Unternehmen verwickelt war, einen Beweis seiner zärtlichen Be- 
sorgnis geben wollen. Bei dieser Gelegenheit hatte er in einer Art 
von Übersicht der verschiedenen Kandidaturen, die am 20. Ja- 
nuar 1862 im „Constitutionnel" erschien, Baudelaire jenen be- 
kannten Paragraphen gewidmet, in welchem von Kiosk und 
Kamtschatka die Rede ist. Aber jetzt beging der Kandidat, dem 
er die Ehre erwiesen hatte, seine Ansprüche öffentlich zu ver- 
teidigen, eine große Ungeschicklichkeit, indem er sich, er, der 
Verfasser „der Blumen des Bösen", für den Fauteuil Lacordaires 
bewarb! Man mußte es bei diesem Phantasten durchsetzen, daß 
er sofort dem ständigen Sekretär der Akademie seine Verzicht- 
leistung anmeldete. Am 9. Februar schrieb Sainte-Beuve an 
Baudelaire: „Lassen Sie die Akademie so, wie sie ist, viel mehr 
erstaunt als chokiert, und verletzen Sie sie nicht, indem Sie Ihren 
Versuch anläßlich eines Toten wie Lacordaire erneuern." Dieser 
Ton seitens des weibischen Sainte-Bcuvc war der einer Drohung. 
Der Dichter täuschte sich nicht darüber. Ohne weiter darauf zu 
beharren, zog er sich vom Kampfplatze zurück. 

Einer ersten Regung folgend, die ihm eigentümlich ist, und 
um sich zu rächen, beabsichtigte er dann, über den Geist und 
den Stil des Herrn Villemain, „diese seelenlose Mandragora" einen 
Artikel zu schreiben, von dem man nach seinem Tode 
einen Entwurf in seinen Papieren gefunden hat. Dieser Plan 
eines Artikels ist sogar so weit ausgeführt, daß man sich fragt, 

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was Baudelaire zurückhalten konnte, ihn zur Veröffentlichung zu 
vollenden. In einer Stunde wäre die Sache erledigt gewesen. 
Wollte er sich, nachdem er sich die Sache überlegt hatte, doch 
die Zukunft offenhalten? 

Aber der unheilbarste Schaden im bittern Schicksal 
Baudelaires bestand darin, daß selbst sein Denken, der schöpfe- 
rische Geist, auf den er so stolz war und der ihn unsterblich 
machen sollte, gezüchtigt worden war. Sein Gehirn war der 
Gehirnsyphilis verfallen, der klaffenden Wunde einer physi- 
schen und seelischen Kastration. Aber schon vor diesem letz- 
ten Untergang war sein Denken gezeichnet. Wir haben uns 
bereits weiter oben über die Hemmung Baudelaires geäußert, 
wir haben aber dabei nicht Zeit gefunden, auf eine andere 
Selbstbestrafung, auf ein Versagen einzugehen, die sein 
Geistesleben treffen: auf die Lüge im Leben Baudelaires 2 «. 

Wir können begreifen, von welch absoluter Leiden- 
schaft, einer Leidenschaft, die zur Qual werden konnte, 
und die selbst vor der Selbstaufopferung nicht zurück- 
schreckte, seine Wahrheitsliebe beseelt war. Er hat bewiesen, 
welch heroischer Selbstverleugnung er fähig gewesen, wenn es 
galt, für das, was ihm wahr und recht erschien, einzustehen. 
Und trotzdem wird er nie dazu kommen, diese Wahrheit — 
die auch ein Ideal, auch eine M u 1 1 e r ist — je zu erfassen. 
Er muß lügen, ob er will oder nicht, aber dieser Drang zur 
Lüge, der ihn sogar dazu treibt, gegen sich selbst unwahr zu 
sein, zeigt sich nach dem vorher Gesagten in einem völlig an- 
deren Lichte. Die Wahrheit spontan und direkt zu äußern 
wird für dieses subtile und gequälte Gewissen zum Äquivalent 
einer Inzesterfüllung, und gerade da, wo er es mit seinem Jon 
sens" hätte tun können. Ich glaube auch nicht, daß man in 
dieser Beziehung zufällig von Jon sens" spricht. In den 

28 ) Siehe R. Laforgue: „L'imagination et ses troubles" in „Le 
Temps" v. 27. XI. 1930 und E. Dupre: „Pathologie de l'imagma- 
tion et de l'emotivite", Paris, Payot, 1925. 

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Fällen, in denen die normale Sexualität verdrängt wird, 
ist der „gesunde Menschenverstand" dazu verurteilt, sein 
Ziel mehr oder weniger sichtbar zu verfehlen, und zwar je 
nachdem es dem Individuum gelingt, diese schreckliche Min- 
derwertigkeit zu maskieren. Das Denken drückt sich nur in 
gewundener Form aus und darf sein wahres Gesicht nur durch 
eine mehr oder minder poetische Symbolik hindurch zeigen. 
Die wahre, wirkliche Gedankenwelt, gleichsam eine im Feuer - 
kreise gefangene Walküre, offenbart sich nur, wenn man durch 
dieses Produkt der Zensur hindurch zu lesen versteht. 

Meistens tritt die Lüge bei dieser Art von Kranken offen 
zu Tage. Sie zeichnen sich durch eine Ausdrucksweise aus, 
welche um der von ihr ausgehenden starken Imagination willen 
wirkt, durch eine Sprache, die aber in bezug auf die Tat- 
sachen an den Problemen vorbeigeht. Der Autor verbietet es 
sich selbst, das Problem zu lösen und bemüht sich vergebens, 
zum wirklichen Verständnis der Dinge vorzuschreiten. Der 
ganze "Wirbelwind von Ideen läuft auf ein unfruchtbares 
Sichquälen hinaus, es irrlichtert in der Phantasie eines Mytho- 
manen. Wir berühren hier eine besonders tragische Seite ge- 
wisser Existenzen, deren Denken nicht über den „Saum" der 
Erkenntnis hinauskommt, obwohl es ständig um die ihm 
unzugängliche Wahrheit kreist. In diesem Zusammenhange 
muß daran erinnert werden, daß die „Fleurs du Mal" zuerst 
„Les Limbes" (der Saum) heißen sollten. 

Es ist bekannt, daß Baudelaire oft bei offener Lüge er- 
tappt wurde, daß er sich häufig in offensichtliche Wider- 
sprüche verstrickte. 

Um aber zu verstehen, welcher Grad des Verfalles durch 
diese Bestrafung des „bon sens" erreicht werden kann, muß 
man sich das Verhalten der Schizophrenen in Erinnerung 
rufen. Man findet unter ihnen Kranke, die jede Möglichkeit 
verloren haben, sich in einer normalen Sprache auszudrücken. 
Die Inkohärenz ihrer Rede, das Gansersohe Symptom, gewinnt 

70 



nun von unserem Gesichtswinkel aus gesehen eine ganz be- 
sondere Bedeutung; das gleiche gilt auch von dem Faktum, 
daß sie unmöglich aus eigenen Kräften dem Abgrund, von 
dem ihr Denken verschlungen wird, entrinnen können. Es 
liegt aber nicht in unserer Absicht, hier auf das Problem der 
Beziehungen zwischen Genie und Irrsinn näher einzugehen, 
wir kehren zu den Symptomen Baudelaires zurück. 






• 









7 1 



6. Kapitel. 

Der Sado-Masochismus in der Poesie 

Baudelaires. 

Wir wenden uns jetzt dem Sado-Masochismus in der 
Dichtung Baudelaires zu. Nach dem Vorausgegangenen wird 
der Leser nicht mehr überrascht sein, wenn er erfährt und 
sieht, daß sich die Frau bei Baudelaire (was der invertieren- 
den geistigen Gegenströmung entspricht) in einen Mann mit 
einem Schwert (Penis) verwandelt. Andererseits wissen wir 
auch, daß der strafende Vater von Baudelaire direkt zum 
Liebesobjekt auserkoren werden konnte. Wir stehen hier also 
der latenten Homosexualität des Verfassers der „Blumen des 
Bösen" gegenüber. Geben wir dem Dichter selber das Wort: 

Duellum* 9 

Ein krieger trifft den andren im turnci. 

Es sprizt das blut. der stahl der warfen schimmert . . 

Dies spiel dies eisenrasseln ist der schrei 

Der jugend die im bann der liebe wimmert. 

Der stahl — wie unsre jugend — ist gebrochen 
Mein lieb! doch zahn und nagel sind bewährt. 
Sie haben bald geschütz und dolch gerochen . . 
Wut reifer herzen drin die liebe schwärt! 

In einer Schlucht wo luchs und panther stecken 

Versanken unsre helden kampfes-toll 

Und ihre haut beblümt die dürren hecken. 

In diese höllenschlucht von freunden voll 
Komm rolle mit mir, grausame miegäre. 
Daß unsres hasses glut dort ewig währe! 



29 ) Stefan George, S ji („Les Fleurs du Mal", S. 151). 



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Ferner: 

Der Besessene 30 

Die Sonne ward vom schwarzen Flor umhüllt, 
O meines Lebens Mond verlösch' die Strahlen; 
Umwölk' dich, schlummre ein, verstumm' in Qualen 
Und sink ins Leere tief und leiderfüllt: 

So lieb' ich dich. Doch bist du heut gewillt, 
Ein neuer Stern aus Schatten, neblig fahlen, 
Mit deinem Glanz vor Toren hell zu prahlen, 
So funkle Dolch, dein Sehnen sei gestillt! 

Entflamme deinen Blick an tausend Kerzen! 
Entflamme Gier in tausend rohen Herzen! 
Wild oder matt, nur Lust kann dir entblühn; 

Sei, was du willst, sei Nacht, sei rosiges Glühn; 

All meine Fibern fühl' ich nach dir beben: . 

Mein König Beizebub dein ist mein Leben! 



Duellum. 

Deux guerriers ont couru l'un sur l'autre; leurs armes 
Ont 6clabousse l'air de lueurs et de sang. 

— Ces jeux, ces cliquetis du fer sont les vacarmes 
D'une jeunesse en proie ä l'amour vagissant. 

Les glaives sont brises! comme notre jeunesse, 
Ma chea-e! Mais les dents, les ongles acer&s, 
Vengent bientöt tifefc et la dague traitresse. 

— O fureur des cceurs mürs par 1 amour ulceres! 

Dans le ravin hante de chats-pards et des onces 
Nos heros, s'etreignant mechamment, ont rouie, 
Et leur peau fleurira l'aridite" des ronces. 

— Ce gouffre, c'est l'enfer, de nos amis peuple! 
Roulons-y sans remords, amazone inhumaine, 
Afin d'etcrniser l'ardeur de notre haine! 

30 ) Terese Robinson, S. 59 („Les Fleurs du Mal", S. 154). 

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„Der Vampir" (Le Vampire) zeigt uns, daß Baudelaire 
mit Ketten an dieses Wesen geschmiedet ist, durch das er sich 
erdolcht, besessen fühlt — ganz so wie eine Frau von einem 
Manne besessen wird — und daß er sich wehrt, weil ihn diese 
„Nabelschnur" erwürgt. 

„Ein Aas" (Une cbarogne) schildert uns die Verwesung 
(so sieht Baudelaire die Liebe), die Verwesung der „Mutter", 
welche von diesen Larven, den Kindern angenagt wird . . . 
die Zerstörung des Vampirs, den Orgasmus der völligen Ver- 
nichtung des einen im andern. 

Wir nehmen nun ein Gedicht vor, in dem der gleiche In- 
halt in eine andere Sprache transponiert ist; in diesem Zu- 
sammenhange berühren und decken sich ja die Extreme. 

Einer Madonna? 1 

(Gelöbnis-Tafel in spanischem Geschmack) 

Madonna, meine gebieterin. dir will ich bauen 
Verborgenen altar aus meiner nöten tiefe 
Und in meines herzens finsterem winkel graben 

Le Possede 

Le soleil s'est couvert d'un crepe. Comme lui, 
O Lune de ma vie! emmitoufle-toi d'ombre; 
Dors ou fume ä ton gre; sois muette, sois s'ombre, 
Et plonge tout entiere au gouffre de l'Ennui; 

Je t'aime ainsi! Pourtant, si tu veux aujourd'hui, 
Comme un astre öclipse qui sori de la penombre, 
Te pavaner aux lieux que la Folie encombre, 
C'est bien! Charmant poignard, jaillis de ton 6tui! 

Allume ta prunelle ä la flamme des lustres! 
Allume le d6sir dans les regards des rustres! 
Tout de toi m'est plaisir, morbide ou pötulant; 

Sois ce que tu voudras, nuit noire, rouge aurore; 

II n'est pas une fibre en tout mon corps tremblant 

Qui ne crie: O mon eher Belzebutb, je t'adore! 

31 ) Stefan George, S. 78 („Les Fleurs du Mal", S. 189). 
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"Weit von der weltlichen lust und dem spöttischen blick 

Eine nische ganz mit azur und gold überzogen 

Wo du dich, verwundertes Standbild, erheben sollst. 

Aus meiner geglätteten verse reinem metall 

Verständnisvoll übersät mit kristallenen reimen 

Will ich für dein haupt eine mächtige kröne bereiten. 

Aus meiner eifersucht. sterbliche madonna. 

Will ich einen mantel dir schneiden barbarischer art 

Schwer und starr und ausgefüttert mit argwöhn 

Und der wie ein schützendes zeit deine reize umschließt 

Mit perlen nicht sondern mit all meinen thränen bestickt. 

Dein kleid soll mein verlangen werden das zittert 

A une Madone 

Ex-voto dans le goüt espagnol 

Je veux bätir pour toi, Madone, ma maitresse, 

Un autel souterrain au fond de ma d<kresse, 

Et creuser dans le coin le plus noir de mon coeur, 

Loin du desir mondain et du regard moqueur, 

Une niche, d'azur et d'or tout emaillee, 

Oü tu te dresscras, Statue emerveillfce. 

Avec mes Vers polis, treillis d'un pur metal 

Savamment constelle de nmes de cnstal, 

Je ferai pour ta tcte une Enorme Couronne; 

Et dans ma Jalousie, 6 mortelle Madone, 

Je saurai te tailler un Manteau, de facon 

Barbare, raide et lourd, et double de soupcon, 

Qui, comme une guerite, enfermera tes charmes; 

Non de Perles brode, mais de toutes mes Lärmes! 

Ta Robe, ce sera mon Desir, fr^missant, 

Onduleux, mon Desir qui monte et qui descend, 

Aux pointes se balance, aux vallons se repose, 

Et revet d'un baiser tout ton corps blanc et rose. 

Je te ferai de mon Respect de beaux Souliers 

De satin, pour tes pieds divins humilies, 

Qui, les imprisonnant dans une molle fitreinte, 

Comme un moule fidele en garderont 1 empreinte. 

Si je ne puis, malgre tout mon art dihgent, 

Pour Marchepied tailler une Lune d'argent, 

Je mettrai le Serpent qui me mord les entraüles 

Sous tes talons, afin que tu foules et railles, 

Reine victorieuse et feconde en rachats, 

Ce monstre tout gonfle de haine et de crachats. 



75 



Und wogt, mein verlangen das steigt und sich senkt. 
Auf höhen sich schaukelt und in den thälern sich ausruht. 
Mit küssen den weißen und rosigen leib dir umhüllt. 

Mit meiner Verehrung bereit ich dir schöne schuhe 

Aus atlas. gedemütigt durch deinen göttlichen fuß. 

Die ihn umschließend in einer weichen umschlingung 

Wie eine getreue form dem eindruck sich schmiegen. 

Wenn ich es nicht trotz meiner emsigen künste vermag 

Als schemel dir einen silbernen mond zu schneiden 

So setz ich die schlänge die in den geweiden 

mir n a gt 
(Dies ungeheuer mit haß und geifer geschwollen) 
Dir unter die fuße damit du es trittst und ver- 
höhnst. 
O siegreiche königin und an erlösungen große! 

Dann siehst du meine gedanken. geordnet wie kerzen 

Vorm blumigen altar der Jungfrauenkönigin 

Mit Widerscheinen die blaue decke bestirnend 

Und immerfort dich mit feurigen äugen betrachtend. 

Und weil dich alles in mir bewundert und liebt 

Wird alles zu benzoe Weihrauch oliban mirre 

Und unaufhörlich, o weißer und schneeiger gipfcl. 

Erhebt sich in dämpfen zu dir mein stürmischer geist. 

Tu verras mes Pensers, ranges comme les Cierges 
Devant l'autel fleuri de la Reine des Vierges, 
Etoilant de reflets le plafond peint en bleu, 
Te regarder toujours avec des yeux de feu; 
Et comme tout en moi tc chcrit et t'admire, 
Tout se fera Benjoin, Encens, Oliban, Myrrhe, 
Et sans cesse vers toi, sommet blanc et neigeux, 
En Vapeurs montera mon Esprit orageux. 

Enfin, pour completer ton röle de Marie, 

Et pour meler l'amour avec la barbarie, 

Volupte noire! des sept Peches capitaux, 

Bourreau plein de remords, je ferai sept Couteaux 

Bien affites, et, comme un Jongleur insensible, 

Prenant le plus profond de ton amour pour ciblc, 

Je les planterai tous dans ton Cceur pantelant, 

Dans ton Cceur sanglotant, dans ton Cceur ruisselant! 

76 



Zum Schluß, um ganz dich zu einer maria zu machen 
Und um mit der liebe diegrausamkeitzu vermischen— 
O schwarze lust! aus den sieben entsetzlichsten sünden 
Verfertig ich reuvoller henkersknecht sieben 

Schwerter. 
Wolgeschliffene. und wie ein gefühlloser gauk- 

ler 
Erwähl ich mir deiner liebe tiefstes als Scheibe: 
Ich pflanze sie alle in dein zuckendes herz 
In dein schluchzendes herz in dein rieselnde; 

herz. 

Nun folgt die Zerstörung, die sich in Baudelaire voll- 
zieht, der selber zum „Aas" geworden ist: 

Die Zerstörung 33 

Der dämon ohne laß mich rings berennt 

Wie eine luft ungreifbar mich umhüllend. 

Ich schlürfe ihn. ich fühle wie er brennt 

Mit einem ewigen schuldigen wünsch mich füllend. 



Mit meinem großen drang zur kunst bekannt 
Gebraucht er manchmal buhlerische ranke. 
In die verführendste gestalt gebannt 
Gewöhnt er mich an die verruchten tränke. 

So leitet er mich fern von gottes blick 
Gebrochen keuchend unter dem geschick 
Fort durch des grames wüste weite länder 

Und wirft in meine äugen hohl und irr 
Der offnen wunden fleckige gewänder 
Und der Zerstörung blutiges gesebirr. 






=») Stefan George, S. 156 („Les Fleurs du Mal", S. 287). 

La Destruction. 

Sans cesse ä mes c6t£s s'agite le Demon, 
II nage autour de moi comme un air impalpaoie, 
Je l'avale, et le sens qui brule mon poumon 
Et Pemplit d'un desir Kernel et coupable. 



77 






Eine Märtyrin 33 
Zeichnung eines unbekannten Meisters 

Inmitten von Flakons, matthcllen Seidenbändern 

Und üppigem Gerät, 
Marmorner Bilder Pracht und duftenden Gewändern 

Voll schwerer Majestät, 

Im engen Zimmer, drin wie zwischen Treibhauswänden 

Bedrückend schwül die Luft, 
Wo in kristallnem Sarg sterbende Blumen spenden 

Den schalen Moderduft, 

Da läßt auf seidnen Pfühl sein rotes Blut entfließen 

Ein Leichnam ohne Haupt; 
Das Kissen saugt den Strom voll Gier wie trockne Wiesen, 

Die durstig und verstaubt. 



Parfois il prend, sachant mon grand amour de l'Art, 
La forme de la plus söduisante des femmes, 
Et, sous de sp^cieux pretextes de cafard, 
Accoutume ma levre a des philtres infames. 

II me conduit ainsi, loin du regard de Dieu, 

Haletant et brise* de fatigue, au milieu 

Des plaines de l'Ennui, profondes et dösertes, 

Et jette dans mes veux pleins de confusion 
Des vetements souill^s, des blessures ouvertes, 
Et l'appareil sanglant de la Destruction! 

M ) Terese Robinson, S. 227 („Les Fleurs du Mal'*, S. 288). 

Une Martyre 
Dessin d'un maitre inconnu. 

Au milieu des flacons, des Stoffes langes 

Et des meubles voluptueux, 
Des marbres, des tableaux, des robes parfumecs, 

Qui trainent ä plis somptueux, 

Dans une chambre tiede oü, comme en une serre, 

L'air est dangereux et fatal, 
Oü des bouquets mourant dans leurs cercueils de verre 

Exhalent leur soupir final, 



78 



Und bleichem Spukbild gleich, das ich voll Grauen wähne 

Dem Schattenreich entrückt, 
Seh' ich ein düstres Haupt mit wirrer, dunkler Mähne 

Gold- und juwelgeschmückt 

Starr auf dem Nachttisch ruhn, — fast gleicht es der Ranunkel. 

Gedankenlos und leer 
Stiehlt sich ein bleicher Blick, dämmernd aus fahlem Dunkel, 

Unsicher zu mir her. 



Un cadavre sans tcte epanche, comme un fleuve, 

Sur l'oreiller desaltere 
Un sang rouge et vivant, dont la toile s'abreuve 

Avec raviditi d'un prL 

Semblable aux visions päles qu'enfante l'ombre 
Et qui nous enchainent les yeux, 

La tete, avec l'amas de sa criniere sombre 
Et de ses bijoux precieux, 

Sur la table de nuit, comme une renoncule, 

Repose; et, vide de pensers, 
Un regard vague et blanc comme le crepuscule 

S'echappe des yeux revulses. 

Sur le lit, le tronc nu sans scrupules etale 
Dans le plus complet abandon 

La secrete splendeur et la beaute fatale 
Dont la nature lui fit don; 

Un bas rosätre, orne decoins d'or, ä la jambe 

Comme un Souvenir est resti; 
La jarretiere, ainsi qu'un ceil sccret qui flambe, 

Darde un regard diamante. 

Le singulier aspect de cette solitude 

Et d'un grand portrait langoureux, 

Aux yeux provocateur comme son attitude, 
Revele un araour ten£breux, 

Une coupable joie et des fetes Stranges 

Pleines de baisers infcrnaux, 
Dont se rejouissait l'essaim de mauvais anges 

Nageant dans les plis des rideaux; 



79 



Der Rumpf ruht auf dem Bett. Nackt, sorglos hingegeben 

Enthüllt er ohne Acht 
Den unheilvollen Reiz, den ihm Natur gegeben, 

Unseliger Schönheit Macht. 

Ein rosafarbner Strumpf, umsäumt von goldnen Spitzen, 

Blieb noch am Fuß zurück, 
Das Strumpfband leuchtet auf wie eines Auges Blitzen 

Und schießt demant'nen Blick. 

Der Anblick seltsam fremd, des schwülen Bildes Flimmer 

In dem verlass'nen Raum, 
Die lockende Gestalt, der Augen blasser Schimmer 

Weckt düstern Liebestraum. 



Et cependant, ä voir la maigreur elegante 

De l'epaule au contour heurte, 
La hanche un peu pointue et la taille fringante 

Ainsi qu'un rcptile irrite, 

Elle est bien jeunc encor! — Son äme exasp£r£e 

Et scs sens par l'ennui mordus 
S'6taient-ils entr'ouverts a la mcute alterte 

Des d&irs crrants et perdus? 

L'homme vindicatif que tu n'as pu, vivante, 

Malgre - taut d'amour, assouvir, 
Combla-t-il sur ta chair inerte et complaisante 

L'immensite" de son dösir? 

Reponds, cadavre impur! et par tes tresses roides 

Te soulevant d'un bras fievreux, 
Dis-moi, tete effrayante, a-t-il sur tes dents froides 

Colle" les supremes adieux? 

— Loin du monde railleur, loin de la foule impure, 

Loin des magistrats curieux, 
Dors en paix, dors en paix, Strange cr£ature, 

Dans ton tombeau mystirieux; 

Ton tombeau court le monde, et ta forme immortelie 

Veille pres de lui quand il dort; 
Autant que toi sans doute il te sera fidele, 

Et constant jusques a la mort. 



80 



Weckt schuldbeladnes Glück und toller Feste Rauschen 

Voll Küssen wild und matt 
Und böser Engel Lust, die in dem Vorhang lauschen 

Rings um die Lagerstatt. 

Noch jung ist dieser Leib, die Linie schlank gezogen, 

Ein wenig mager schier, 
Die Hüfte spitz, der Leib erregt zurückgebogen, 

Wie ein gereiztes Tier. 

Ward einst dies bittre Herz des Überdrusses Beute? 

Gab sich der heiße Sinn 
Der Träume wirrem Schwärm, der hungrig wilden Meute 

Verworfner Wünsche hin? 

Hat der rachsüchtige Mann, des nimmersatte Triebe 

Du lebend nicht gestillt, 
Auf deinen toten Leib das Übermaß der Liebe 

Gehäuft und angefüllt? 

Unkeuscher Leichnam sprich! Rieht auf die starre Mähne 

Mit fieberschwercr Hand, 
Hat er, sprich furchtbar Haupt, auf deine kalten Zähne 

Den letzten Kuß gebrannt? 

Ruh 5 aus, der Welt entrückt, fern ihrem Spott und Grolle 

Und strengem Richterstab, 
In Frieden ruhe aus, du fremd Geheimnisvolle 
Im wunderlichen Grab. 

Dein Mann durchirrt die Welt, und dein unsterblich Wesen 

Folgt ihm in Nacht und Not, 
Und er bleibt stark und fest, so wie du es gewesen, 

Und treu bis in den Tod. 

Ferner ein Gedicht mit ähnlichem Gedankengang: 

Die beiden barmherzigen Schwestern 3 * 

Lust und vergängnis sind ein kräftig prangend 
Ein lieblich viele küsse spendend paar. 
Ihr leib jungfräulich und von lumpen hangend 
Bei ewiger arbeit niemals noch gebar. 



34 ) Stefan George, S. 164 („Les Fleurs du Mal", S. 293). 
6 81 






Der unheimliche dichter, feind der ehen 
Der hölle günstling hofmann ohne brot. 
Hat bei dem grab und freudenhause stehen 
Ein bett das kein gewissensbiß bedroht. 

Gemach und bahre reich an freveleien 

Sind zwei barmherzige Schwestern, sie verleihen 

Entsetzlichen genuß und süße quäl. 

Wann kommst du. ekle lust. den sarg mir klopfen. 
Und wann wirst du. ihr reizender rival. 
Zipressen auf die faulen mirten propfen? 

Wir zitieren ferner: 

Die Verwandlungen des Vampirs™ 

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken, 
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, 
Und in den Schnürleib fest die Brüste eingezwängt, 
Sprach diese Worte sie, von Moschus ganz durchtränkt: 
„Mein Mund ist rot und feucht, und auf des Lagers Kissen 
Kann alle Tugend ich und alle Weisheit missen. 



Les deux bonnes sceurs 

La Debauche et la Mort sont deux aimables filles, 
Prodigues de baisers et riches de sante\ 
Dont Je flaue toujours vierge et drape' de guenilles 
bous 1 eternel labeur n'a jamais enfantd. 

Au poete sinistre, ennemi des familles, 
Favori de l'enfer, courtisan mal rente\ ' 
Tombeaux et lupanars montrent sous leurs charmilles 
Un lit que le remords n'a jamais frequenti. 

Et la biere et Palcdve en blasphemes fecondes 
Nous offrent tour a tour, comme deux bonnes sceurs, 
De terribles plaisirs et d'affreuses douceurs. 

Quand veux-tu m'enterrer, Debauche aux bras immondes? 
O Mort, quand viendras-tu, sa rivale en attraits, 
Sur ses myrtes infects enter tes noirs cypres? 

5 ) Terese Robinson, S. 248 („Les Fleurs du Mal", S. 390). 



82 






Die Tränen trockne ich auf meines Busens Pracht, 

Mach' Alte fröhlich, wie man Kinder lachen macht. 

Wer ohne Hüllen schaut des nackten Leibes Wonnen, 

Dem ist der Mond verlöscht und Himmelswelt und Sonnen! 

Ich bin, mein Weiser, so geübt in Wollustglut, 

Daß tödlich fast dem Mann wird der Umarmung Wut, 

Und wenn ich meinen Leib den Küssen überlassen, 

Die frech und schüchtern mich und zart und roh erfassen, 

Dann über meinem Pfühl, der sich vor Wonne bäumt, 

Ohnmächtiger Engel Schar von meinen Reizen träumt." 






Les Metamorphoses du Vampire 

La femme cependant de sa bouche de fraise, 
En se tordant ainsi qu'un serpent sur la braise, 
Et petrissant ses seins sur le fer de son busc, 
Laissait couler ces mots tout impregnö de musc: 
« Moi, j'ai la levre humide, et je saxs la science 
De perdre au fond d'un lit Pantique conscience. 

Je seche tous les pleurs sur mes seins triomphants 

Et fais rire les vieux du rire des enfants. 

Je remplace, pour qui me voit nue et sans volles, 

La lune, le soleil, le ciel et les etoiles! 

Je suis, mon eher savant, si docte aux voluptes, 

Lorsque j'etouffe un homme en mes bras veloutes, 

Ou lorsque j'abandonne aux morsures mon buste, 

Timide et libertine, et fragile et robuste, 

Que sur ces matelas qui se päment d'emoi 

Les Anges impuissants se damneraient pour moi!» 

Ouand eile eut de mes os suce toute la moelle, 
Et que languissamment je me tournai vers eile 
Pour lui rendre un baiser d'amour, je ne vis plus 
Ou'une outre aux flancs gluants, toute pleme de pus! 
Je fermai les deux yeux dans ma froide epouvante, 
Et, quand je les rouvris ä la clarte vivante, 
A mes cotis, au lieu du mannequin puissant 
Oui semblait avoir fait provision de sang, 
Tremblaient confusement des d6bris de squelette, 
Qui d'eux-mSmes rendaient le cri d'une girouette 
Ou d'une enseigne, au bout d'une tnngle de ter, 
Que balance le vent pendant les nuits d hiver. 



83 






Nachdem aus dem Gebein sie mir das Mark gesogen, 
Dreht' ich mich matt zu ihr, von Liebe hingezogen, 
Um sie zu küssen, doch nichts hat mein Aug' entdeckt, 
Als einen leeren Schlauch, besudelt und befleckt! 
Ich schloß die Augen schnell, gepackt von kaltem Grauen, 
Und öffnete sie dann, beim hellen Licht zu schauen 
An jener Puppe Statt, die neben mir geruht, 
Und die zu strotzen schien von Leben, Kraft und Blut, 
Ein zitterndes Skelett, verwirrter Knochen Trümmer, 
Daraus ein Stöhnen klang wie Wetterhahns Gewimmer, 
Wie eines Schildes Schrei, das in den Angeln kracht, 
Wenn es der Windstoß dreht in stürmischer Winternacht. 

Aus allen diesen Gedichten spricht das gleiche Sehnen 
und man fühlt, wie der Dichter, auf der Suche nach seiner 
großen Wollust, immer tiefer in einen grauenerregenden Ab- 
grund, den Tod, hinabstürzt. In diesem Zusammenhange 
möchten wir den Leser auf die Erotisierung der Angst und 
des Grauens 30 ) aufmerksam machen, die an die Stelle des 
normalen Orgasmus treten können. Jeder Weg, ob über Gott 
oder über den Teufel, ist gut genug, um zu den Ekstasen zu 
führen, welche das Ziel einer ungeregelten Sexualität ge- 
worden sind, einer Sexualität, die nichts von Heim, Familie 
und Kind weiß. Das Leiden wird hier zu einer Religion, die 
Mutter zu einem Vampir: 

Segen 37 

Wenn nach den allerhöchsten Urteilssprüchen 
Der dichter auf die trübe erde steigt 
So schaudert seine mutter und mit fluchen 
Bedroht sie Gott der selber mitleid zeigt: 

3B ) Siehe R. Laforgue: „Über die Erotisierung der Angst" in 
„Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse", Bd. XVI, 1930. 

") Stefan George, S. 9 („Lei Fleurs du Mal", S. 101). 

Benediction. 
Lorsque, par un decret des puissanecs supremes, 
Le Poete apparait en ce monde ennuye\ 
Sa mere epouvantee et pleine de blasphemes 
Crispe ses poings vers Dieu, qui la prend en pitiö: 

84 






. 



— Ach! was gebar ich nicht ein nest von schlangen 
Eh ich ernährte solch ein zwitterding! 
Verwünscht die macht mit flüchtigem verlangen 
In der mein leib die sühne mit empfing! 

Was hast du mich erwählt aus allen frauen 
Dem blöden mann der vor mir abscheu hat. 
Weshalb kann ich den flammen nicht vertrauen 
Die mißgeburt wie ein verfänglich blatt? 

Den haß der mich erdrückt will drum ich lenken 
Aufs grause Werkzeug deiner schadensucht. 
So gut will diesen schlechten stamm ich renken 
Daß nie er zeitigt die verseuchte frucht. — 

So würgt sie nieder ihres grolles eiter 
Mit keiner ahnung von des himmels rat 
Und türmt sich in der hölle selbst die scheiter. 
Den lohn für mütterliche greuelthat. 



« Ah! que n'ai-je mis bas tout un nceud de viperes, 
Plutot que de nourrir cette d£rision! 
Maudite soit la nuit aux plaisirs ephemeres 
Ou mon ventre a coneu mon expiation! 

« Puisque tu m'as choisie entre toutes les femmes 
Pour etre le degoüt de mon triste mari, 
Et que je ne puis pas rejeter dans les flammes, 
Comme un billet d'amour, ce monstre rabougri, 

« Je ferai rejaillir ta haine qui m'accable 
Sur l'instrument maudit de tes m^chancetis, 
Et je tordrai si bien cet arbre miserable, 
Qu'il ne pourra pousser ses boutons empestes!» 

Elle ravale ainsi l'ecume de sa haine, 
Et, ne comprenant pas les desseins £ternels, 
Ellc-memc prepare au fond de la Gehenne 
Les büchers consacr£s aux crimes maternels. 

Pourtant, sous la tutelle invisible d'un Ange, 
L'Enfant d£sh£rite s'enivre de soleil, 
Et dans tout ce qu'il boit et dans tout ce qu'il mange 
Retrouve l'ambroisie et le neetar vermeil. 

85 






Doch unter eines engeis sicherm schütze 
Haucht der enterbte froh im Sonnenschein 
Und was er ißt und trinkt ist ihm zu nutze 
Wie götterbrot und roter götterwein. 

Er spielt mit winden, spricht mit wolkenflügen. 
Berauscht sich an der kreuzweg-lieder laut. 
Der geist. sein führer auf den pilgerzügen. 
"Weint da er ihn so frisch und heiter schaut. 

Die er zu lieben brennt vor ihm erschrecken. 
Und andre die sein friede kühn gemacht 
Versuchen eifrig klagen ihm zu wecken 
Erprobend was die roheit ausgedacht. 

In wein und brot eh er zum mund es führte 
Vermischten eklen Speichel sie und ruß. 
Sie werfen heuchelnd weg was er er berührte 
Und fluchen, ging durch seine bahn ihr fuß. 



II joue avec le vent, cause avec le nuage 
Et s'enivre en chantant du chemin de la croix; 
Et l'Esprit qui le suit dans son pelerinage 
Pleure de le voir gai comme un oiseau des bois. 

Tous ceux qu'il veut aimer l'observcnt avec crainte, 
Ou bien, s'enhardissant de sa tranquillitc, 
Cherchent ä qui saura lui tirer une plainte, 
Et fönt sur lui l'essai de leur ferocite. 

Dans le pain et le vin destin^s a sa bouche 
II« melent de la cendre avec d'impurs crachats; 
Avec hypoerisie ils jettent ce qu'il touche, 
Et s'aecusent d'avoir mis leurs pieds dans ses pas. 

Sa femme va criant sur les places publiques: 
« Puisqu'il me trouve assez belle pour m'adorer, 
Je ferai le metier des idoles antiques, 
Et comme elles je veux me faire redorer; 

« Et je me soülerai de nard, d'encens, de myrrhe, 
De genuflexions, de viandes et de vins, 
Pour savoir si je puis dans un coeur qui m'admire 
Usurper en riant les hommages divins! 



86 



Sein weib schreit auf dem öffentlichen platze. 

— Da er mich liebenswert erklärt und hold 
Treib ich das handwerk einer götterf ratze: 
Stets laß ich schmücken mich mit frischem gold. 

Betrinken will ich mich an Weihrauch mirren. 
An kniefall tief im staub, an fleisch und wein. 
Im sinn den meine reizungen verwirren 
Nehm ich mit lachen Gottes stelle ein. 

Und macht mir diese lästerposse mühe 
So faßt mein starker schwacher arm ihn an 
Und meine nägel. nägel der harpye. 
Verfolgen bis zu seinem herz die bahn. 

— Dem jungen vogel gleich der zuckt und schüttert 
Dies herz ganz rot reiß ich aus seiner brüst. 

Auf daß mein liebling-tier sich daran füttert 
Werf ich zu boden es mit kalter lust. 



« Et, quand je m'ennuirai de ces farces impies, 
Je poserai sur lui ma freie et forte main; 
Et mes ongles, pareils aux ongles des Harpies, 
Sauront jusqu'ä son coeur se frayer un chemin. 

« Comme un tout jeune oiseau qui tremble et qui palpite 

J'arracherai ce cceur tout rouge de son sein, 

Et, pour rassasier ma bete favorite, 

Je le lui jetterai par terre avec dedain! » 

Vers le Ciel, oü son ceil voit un tröne splendide, 

Le Poete serein leve ses bras pieux, 

Et les vastes eclairs de son esprit lucide 

Lui derobent l'aspect des peuples furieux: 

« Soyez beni, mon Dieu, qui donnez la souffrance 
Comme un divin remede ä nos impuretes, 
Et comme la meilleure et la plus pureessence 
Qui prepare les forts aux saintes voluptes! 

« Je sais que vous gardez une place au Poete 
Dans les rangs bienheureux des saintes Legions, 
Et que vous l'invitcz ä l'eternelle fete 
Des Trones, des Vertus, des Dominations. 



87 






Am trimme] strahlen reiche königsitze. 
Der dichter heiter hebt den frommen arm 
Und seines lichten geistes weite blitze 
Verhüllen ihm der Völker wilden schwärm. 

— Preis dir o Gott der uns zur drangsal leitet. 
Uns die wir unrein sind zum heilungs-fluß. 
Zum klaren filter der uns vorbereitet. 
Die starken auf den heiligen genuß! 

Ich weiß: der dichter hat der sitze besten 
Mit seliger legionen schar gemein. 
Ich weiß du lädst ihn zu den ewigen festen 
Der kräfte mächte und der thronen ein. 

Ich weiß: vom adel ist der schmerz der echte 
Den erde nie und hölle niederwarf 
Und daß wenn ich mein göttlich Stirnband flechte 
Ich aller weitenkreise zins bedarf. 

Doch schätze lang verschütteter palmyren 
Verborgen gold und perlen in dem meer 
Von dir emporgeholt dürft ich nicht küren 
Zu dieser kröne sonnenhell und hehr. 

Denn sie wird nur geprägt aus reinem lichte 
Das ich vom heiigen strahlenherd erlas 
Dem aller glänz der menschlichen gesichte 
Nichts ist als armes trübes Spiegelglas. — 



« Je sais que la douleur est la noblesse unique 
Oü ne mordront jamais la terre et les enfers, 
Et qu'il faut pour tresser ma couronne mystique 
Imposcr tous les temps et tous les univers. 

« Mais les bijoux perdus de l'antique Palmyre, 
Les mitaux inconnus, les perles de la mer, 
Par votre main montis, nc pourraient pas suffire 
A ce beau diademe dblouissant et clair; 

« Car il ne sera fait que de pure lumiere, 

Puis6e au foyer Saint des rayons primitifs, 

Et dont les yeux mortels, dans leur splendeur entiere, 

Ne sont que des miroirs obscurcis et plaintifs! » 



88 



Die Gedichte Baudelaires deuten und verherrlichen die 
Gefühle, die der Dichter für seine Mutter hegte und für seinen 
verstorbenen, in die Ewigkeit eingegangenen Vater, dessen 
Bild über seinem Schreibtisch hing. 

Es liegt nicht in unserer Absicht, hier noch näher auf 
die Analyse dieser Gedichte einzugehen. Nach dem Gesagten 
wird es dem Leser nicht schwer fallen, sie mit Baudelaires 
Leben und Leiden in Zusammenhang zu bringen. Im Lichte 
der Psychoanalyse gesehen erhalten sie dann einen erstaun- 
lich deutlichen und menschlichen Sinn. 






89 



7. Kapitel. 

Die Briefe Baudelaires"). 

In diesem Kapitel möchten wir nun einige besonders 
bezeichnende Stellen aus den Briefen Baudelaires an seine 
Mutter zitieren. Man wird aus ihnen entnehmen können, wie 
er selbst seine Konflikte sieht und wie er sich über sich selbst 
täuscht. Wir geben ihm das Wort: 

„Ich lasse alles das bei Seite, und will mich wieder meinen 
Träumereien hingeben . . Wer weiß, ob ich Dir noch einmal meine 
Seele, die Du nie gewürdigt noch gekannt hast, 
erschließen kann. 

Dann kam die Place Saint-Andre" des Arts und Neuilly. 
Lange Spaziergänge, Zärtlichkeiten ohne Ende. Ich erinnere mich 
an Quais, die am Abend so traurig waren. Ach, das war für mich 
die Zeit, in der Du Mutter gut und zärtlich zu mir warst. Verzeihe 
mir, wenn ich jene Zeit, die für Dich wohl schwer gewesen ist, 
eine gute Zeit nenne. Aber damals war ich immer in Dir leben- 
dig; Du gehörtest mir allein, Du warst mein Idol und zu gleicher 
Zeit meine Kameradin. Du wirst darüber vielleicht erstaunt sein, 
daß sich im Augenblick das Vergangene so lebhaft in meinem 
Geiste malt; es geschieht vielleicht, weil ich wieder einmal den Tod 
herbeiwünsche. 

Du weißt, was für eine scheußliche Erziehung Dein Gatte mir 
angedeihen lassen wollte; ich bin jetzt vierzigjährig, aber ich denke 
nicht ohne Schmerz an die Schuljahre zurück, noch an die Furcht, 
die mir mein Stiefvater einflößte. Ich habe ihn zwar lieb gehabt 
und bin übrigens heute vernünftig genug, um ihm Gerechtigkeit 
widerfahren zu lassen. Aber man muß schließlich zugeben, daß er 

38 ) Charles Baudelaire: „Lettres inedites d sa mere", preface 
et natfS de Jacques CrSper, Louis Conard, Paris 19 1 8. (Unver- 
on-enthehe Briefe an seine Mutter.) 



90 



sich in seine Ungeschicklichkeit versteifte. Ich will rasch darüber 
hinweggleiten, denn ich sehe Tränen in Deinen Augen. 

Schließlich bin ich ausgerissen und von da an völlig verlassen 
gewesen. Ich habe einzig nur an immerwährender Aufreizung Lust 
gehabt: ich liebte Reisen, kostbare Möbel, Gemälde, Dirnen ... Ich 
trage heute schwer an den Folgen. Über die Bevormundung habe 
ich nur ein Wort zu verlieren: ich verstehe heute den ungeheuren 
Wert des Geldes, und die Wichtigkeit aller mit ihm in Beziehung 
stehenden Dinge; ich begreife, daß Du geschickt zu handeln glaub- 
test und zu meinem Nutzen, aber Du mußt mir dennoch eine Frage 
beantworten, eine Frage, die mich beständig verfolgt. Wie kommt 
es, daß der Gedanke Dir nie in den Sinn gekommen ist: „Es ist 
möglich, daß mein Sohn nie im gleichen Maße wie ich wissen wird, 
wie man sich zu benehmen hat; aber es wäre immerhin möglich, 
daß er in anderer Hinsicht ein bedeutender Mann wird. Was werde 
ich in einem solchen Falle tun? Werde ich ihn zu einem sich selbst 
widersprechenden Doppelleben verurteilen, zu einer ehrenhaften 
Existenz einerseits, zu einer verhaßten und verachteten anderseits? 
Werde ich ihn dazu verurteilen, bis ins Alter ein so bedauerliches 
Zeichen an sich zu tragen, ein Mal, das ihm nur schaden kann 
und Unvermögen und Traurigkeit verursacht?" Wäre diese Vor- 
mundschaft nicht über mich verhängt worden, ich hätte gewiß 
alles Geld verausgabt, und wohl oder übel an der Arbeit Geschmack 
finden müssen. Die Vormundschaft wurde eingesetzt, und trotz- 
dem ist alles Geld aufgezehrt, und ich bin alt 
und unglücklich. 

Kann man zu seiner Jugend wieder zurück? Darauf zielt die 
ganze Frage hin. Dieser Rückblick auf die Vergangenheit hat 
keinen andern Zweck als den, zu zeigen, daß ich einige Entschul- 
digungen vorbringen kann, wenn nicht eine völlige Rechtfertigung. 
Fühlst Du aus dem, was ich Dir schreibe, Vorwürfe heraus so 
sage Dir, daß diese doch nicht meine Bewunderung für Dein großes 
Herz zu ändern vermögen, noch meine Dankbarkeit für Deine 
Hingebung schwächen. Du hast Dich immer geopfert. Du bist dem 
Geist der Aufopferung verfallen gewesen. Du handelst weniger aus 
Vernunft als aus Barmherzigkeit. Ich verlange aber von Dir mehr, 
ich verlange von Dir Rat und Unterstützung und restloses Einver- 
ständnis zwischen uns beiden, Du mußt mir aus der Not helfen. Ich 
flehe Dich an, komm, komm zu mir, ich bin mit meiner Nerven- 
kraft, ich bin mit meinem Mut, meiner Hoffnung zu Ende. Ich 
sehe Greuel und wieder Greuel. Ich sehe, daß meine literarische 



91 



Laufbahn für immer erledigt ist. Ich sehe mich vor einer Kata- 
strophe. Du kannst doch Deine Freunde bitten, daß sie Dich für 
acht Tage als Gast aufnehmen, Ancelle zum Beispiel. Ich weiß 
nicht, was ich dafür gäbe, Dich zu sehen, Dich zu umarmen. Ich 
sehe eine Katastrophe voraus, und kann Dich jetzt nicht aufsuchen. 
Paris bekommt mir nicht. Schon zwei Mal habe ich eine schwere 
Unvorsichtigkeit begangen, für die Du eine schärfere Bezeichnung 
finden würdest. Ich werde schließlich noch den Kopf verlieren." 

Einige Zeilen später: 

„Es befinden sich unter meinen gegenwärtigen Angelegenheiten 
einige schrecklich eilige Dinge. So habe ich neuerdings 
denFe hl erbegangen, beidiesenunvermeidlichen 
Manipulationen auf der Bank für meine persön- 
lichen Schulden mehrere hundert Franken zu 
entwenden, die mir nieiht gehörten. Ich war förm- 
lich dazu gezwungen. Natürlich glaubte ich, das Übel sofort 
wieder gut machen zu können. Ein Jemand in London verweigerte 
mir nun die vierhundert Franken, die er mir schuldet. Ein anderer, 
der mir ebenfalls dreihundert Franken schuldig ist, befindet sich auf 
Reisen. Überall Unvorhergesehenes. Ich habe Jicute den außer- 
ordentlichen Mut gehabt, der an der Sache interessierten Per- 
son mein Vergehen einzugestehen. Was wird geschehen? Ich habe 
keine Ahnung. Aber ich wollte mein Gewissen entlasten. Ich hoffe, 
daß man mit Rücksicht auf meinen Namen und mein Talent keinen 
Skandal machen und zuwarten wird." 

Einige Absätze weiter unten lesen wir: 

„Ich bin allein, ohne Freunde, ohne Mätressen, ohne Hund 
und Katze, bei wem soll ich mich beklagen? Ich habe nur das Bild 
meines Vaters, das immer stumm bleibt." 

Wir führen hier auch einige Stellen an, in denen er sein 
seelisches und physisches Elend schildert, sowie die Sorgen, 
welche ihm Jeanne Dural bereitete: 

„Ich bitte Sie mit gefalteten Händen, so sehr fühle 
ich, daß ich an der Grenze der Geduld, und zwar nicht nur der, 
welche die andern für mich aufbringen, sondern auch meiner eige- 
nen bin, schicken Sie mir, und wenn es Sie auch tausend 
Mühen kosten sollte, ja selbst, wenn Sie auch 
nicht an die wirkliche Notwendigkeit dieses 
letzten Dienstes glauben, schicken Siemirnicht 



9 2 



bloß die in Frage kommende Summe, sondern 
außerdem einen Betrag, von dem ich drei Wo- 
chen lang leben könnte. Sie werden die Sache erledigen, 
wie Sie es für gut halten. Ich glaube so fest an die Macht meines 
Willens, und daran, daß Zeit verwendbar ist, daß ich positiv 
sicher bin, meine Intelligenz zu retten, wenn ich 
2 oder 3 Wochen lang ein regelmäßiges Leben führen könnte. 
Dies ist ein letzter Versuch, ein Glücksspiel. Wagen Sie 
es, liebe Mutter, auf das Unbekannte zu setzen, ich bitte Sie 
darum! Sie verlangen eine Erklärung für diese zehn letzten Jahre, 
die ausschließlich seltsam und unheilvoll gewesen wären, wenn ich 
nicht über eine geistige und körperliche Gesundheit, die nichts 
töten konnte, verfügt hätte - sie ist sehr einfach: ich war leicht- 
sinnig, ich verschob notwendigerweise vernünftigste Pläne auf den 
folgenden Tag, daraus entstand Elend und immer wieder Elend. 
Wollen Sie ein Beispiel dafür? Es ist vorgekommen, daß ich drei 
Tage hintereinander im Bette blieb, manchmal aus Mangel an 
Wäsche, manchmal aus Mangel an Holz. Aufrichtig gesprochen, 
Opiumtinktur und Wein sind schlechte Mittel gegen Kummer. Ja 
selbst zum Verkommen braucht man Geld. Als Sie das letzte Mal 
so gütig waren, mir 15 Francs zu geben, hatte ich seit 2 Tagen 
seit 48 Stunden, nichts gegessen. Daß ich wach blieb, verdanke ich 
dem Branntwein, den man mir geschenkt hatte, mix, der ach die 
Liköre verabscheue und dem sie den Magen verderben. Niemals 
sollten Geständnisse wie dieses — das für mich ist oder für Sie — 
einem lebenden Menschen oder der Nachwelt bekannt werden. 
Denn ich glaube immer noch fest daran, daß die Nachwelt mit 
mir zu tun haben wird! Man sollte es nicht für möglich halten, 
daß ein vernünftiges und von einer guten und zärtlichen Mutter 
geborenes Wesen so tief sinken konnte... nie wagte ich es, mich 
so laut zu beklagen. Ich hoffe, daß Sie so gütig sein werden, diese 
Erregung meinen Ihnen unbekannten L e 1 d en zuzu- 
schreiben. Der völlige Müßiggang, Kennzeichen meines sichtbaren 
Lebens, und die ewige Ruhelosigkeit meiner Gedanken, die zu ihm 
in so schroffem Gegensatze steht, versetzen mich in unerhörte Aut- 
reeung. Ich leide zu sehr, um diesem Zustande nicht zum letzten 
Mal ein Ende machen zu wollen. Dieses Wort ist, wie mir 
scheint, schon mehrmals wiedergekehrt." 

Im folgenden, an einen Freund gerichteten Brief, denkt 
Baudelaire daran ins Ausland zu gehen: 

93 



„Ich werde dort eine leicht auszufüllende Stellung finden, 
eine schöne Besoldung für ein Land, in dem es sich leicht leben 
läßt, wenn man einmal untergebracht ist, und den Welt- 
schmerz, den gräßlichen Weltschmerz und die 
geistige Entkräftung der heißen und blauen 
Länder. Aber ich werde es als Strafe und Sühne für meinen 
Stolz tun, wenn ich meine letzten Entschlüsse nicht zu halten 
vermag. 

Ich bin gezwungen, nachts zu arbeiten, um Ruhe zu haben 
und den unerträglichen Stänkereien der Frau, mit der ich zusam- 
menlebe, auszuweichen. Manchmal fliehe ich aus dem Hause, um 
schreiben zu können, und ich gehe in die Bibliothek oder in ein 
Lesezimmer, in eine Pintc, oder ein Kaffeehaus, wie zum Beispiel 
heute. Jeanne ist nicht nur für mein Glück ein Hindernis gewor- 
den — dies wäre von geringer Bedeutung, denn auch ich kann 
meine Vergnügungen opfern, ich habe es Dir bewiesen — sie hat 
auch die Vervollkommnung meines Geistes verhindert. Die Erfah- 
rungen der letztem neun Monate sind entscheidend für mich. 

Nie wird es mir unter solchen Umständen gelingen, die 
großen Verpflichtungen verwirklichen zu können, die ich zu er- 
füllen habe, die Bezahlung meiner Schulden, Eroberung meiner 
Glücksansprüche, berühmt zu werden, die Schmerzen zu lindern, 
die ich Dir bereitet habe. Früher besaß sie einige 
gute Eigenschaften, aber seither hat sie diese verloren; 
ich hingegen habe an Einsicht gewonnen. Mit einem Wesen zu 
leben, das einem für sein Streben keinen Dank weiß, das durch 
seine beständige Ungeschicklichkeit oder Bosheit zum Hindernis 
wird, das einen als seinen Dienstboten und sein Eigentum betrachtet, 
mit dem es unmöglich ist, ein politisches oder literarisches Gespräch 
zu führen, mit einem Geschöpf zu leben, das auch dann nichts 
lernen will, wenn man ihm vorgeschlagen hat, ihm selber die 
Stunden zu erteilen, das mir keine Bewunderung zollt 
und sich nicht einmal für meine Studien interessiert, und das meine 
Manuskripte ins Feuer werfen würde, wenn ihm das mehr Geld 
einbrächte als ihre Veröffentlichung, das meine Katze, meinen ein- 
zigen Zeitvertreib, aus dem Hause jagt und dafür Hunde ins Haus 
nimmt, obwohl es weiß, daß mir Hunde zuwider sind, und das 
nicht weiß oder nicht verstehen will, daß ein Monat äußerst 
sparsamer Lebensführung, da ich augenblicklich ausge- 
rastet bin, es mir möglich machen würde, ein dickes Buch zu voll- 
enden, — kurzum, kann man das aushalten, ist das möglich? Ich 



94 




habe Tränen der Scham und der Wut in den Augen, während ich 
Dir das schreibe; im Grunde genommen bin ich froh, daß ich 
keine Waffe zu Hause habe. Ich denke daran, daß ein Fall ein- 
treten kann, in dem es mir unmöglich ist, klare Vernunft zu 
bewahren, und denke auch an jene schreckliche Nacht, in der 
ich sie mit einer Konsole am Kopf verwundet 
habe. Ja, dies alles habe ich da gefunden, wo ich vor 
10 Jahren Linderung und Ruhe zu finden glaubte. Etwas muß 
geschehen. Schon seit vier Monaten denke ich daran. Aber 
was soll ich tun? Eine gräßliche Eitelkeit war immer 
stärker als meine Leiden: ich wollte diese Frau nicht sich 
selbst überlassen, ohne ihr eine entsprechende Summe zu geben. 
Aber wo sollte ich diese Summe hernehmen? Das Geld, das ich 
verdiente, ging täglich drauf, man hätte es aufsparen müssen, und 
meine Mutter, der ich nicht zu schreiben wagte, der ich nichts 
Gutes anzukünden hatte, war außerstande, mir diese Summe zu 
geben, da sie sie selber nicht besaß. Du siehst, ich habe mir alles 
gut überlegt. Und doch muß ich fort von hier. Aber fort für 
immer... Ich habe zehn Jahre meines Lebens mit diesem Kampf 
vergeudet. Alle Illusionen meiner Jugend sind verschwunden. Nichts 
ist mir geblieben als eine vielleicht ewig dauernde Bitterkeit. 

Was ich empfinde, ist unendliche Entmutigung, das uner- 
trägliche Gefühl, einsam zu sein, eine ständige Angst vor irgend- 
einem Unglück, ein völliger Mangel an Selbstvertrauen, gänzliche 
Wunschlosigkeit, das trostlose Gefühl, unmöglich an irgendetwas 
Vergnügen zu finden. Ich frage mich unaufhörlich: Wozu ist 
dieses gut? Wozu ist jenes gut? Dies ist der wahre Spleen. Dazu 
kommt die ewige Verzweiflung über meine Armut, über die 
Schwierigkeiten, die durch meine alten Schulden verursacht werden, 
Schwierigkeiten, die mich auch zwingen, meine Arbeit zu unter- 
brechen ... der beleidigende, ekelhafte Gegensatz zwischen meiner 
geistigen Ehrenhaftigkeit und diesem unbeständigen und elenden 
Leben, und schließlich kommen dazu, um alles zu sagen, jene seit 
einem Monate andauernden seltsamen Erstickungsanfälle, Magen- 
und Darmstörungen. Was immer ich esse, ruft bei mir Beklem- 
mungen und Durchfall hervor. Alles, was ich esse, nimmt mir den 
Atem und verursacht Leibschmerzen. Wenn es wahr ist, daß das Gei- 
stige das Physische zu heilen vermag, so kann mich eine intensive be- 
ständige Arbeit heilen; da ich aber nur mit einem geschwächten 
Willen wollen kann — circulus vitiosus! 



95 



Wenn Du wüßest, was für Gedanken ich in mir nähre: die 
Angst zu sterben, bevor ich vollbracht habe, was ich zu tun habe; die 
Angst, Du könntest sterben, bevor ich Dich glücklich gemacht habe, 
Du, einziges Wesen mit dem ich in Frieden leben kann, ohne List, 
ohne Lüge; das Entsetzen vor der Vormundschaft (das Wort muß 
gesagt werden), das mich Tag und Nacht quälend verfolgt; und 
schließlich, was vielleicht trauriger ist als alles übrige, die Angst, 
davor, daß ich mich nie von meinen Lastern werde befreien können. 
Dies sind meine ständigen Gedanken. Und wenn ich am Morgen, 
allen diesen traurigen Wirklichkeiten gegenüber erwache: mein 
Name meine Armut, usw.! 

Es wäre sinnlos, sich vor Dir zu schämen. Du weißt, daß ich 
sehr jung eine unselige Krankheit hatte, von der ich später glaubte, 
sie sei vollständig geheilt. In Dijon brach sie nach dem Jahre 1848 
neuerdings aus. Sie wurde nochmals vorübergehend geheilt. Jetzt 
ist sie wieder da . . . Vielleicht hält das Entsetzen, in das ich durch 
meine Traurigkeit geraten bin, die Krankheit für ärger als sie 
ist. Ich habe eine strenge Lebensweise nötig, aber in dem Leben, das 
ich führe, werde ich mich kaum einer solchen Kur unterziehen 
können." 






9« 






8. Kapitel. 



Die sexuelle Hemmung. 

Unter den bei Baudelaire manifest auftretenden Sym- 
ptomen befindet sich eines, das man bei ihm vielleicht nicht er- 
wartet hätte, es sei denn, man verfüge über die Erfahrung des 
Psychoanalytikers: wir meinen die sexuelle Hemmung. Nir- 
gends finden wir in seinen Schriften darüber genauere Auf- 
zeichnungen, ausgenommen vielleicht an den seltenen Stellen, 
wo er sich über die Kunst äußert, „die am f . . . r hindert" 
oder in seinen intimeren „Gedanken", in denen er erklärt, 
daß man „zum ßeischlafe aus sich herausgehen müsse, ein 
wirklicher Künstler sei dazu aber unfähig". Porche* schreibt 
über dieses Thema folgendes: 

„Auf jeden Fall steht fest, daß der Hang zum Sonderbaren 
in der Wahl des Jünglings den Sieg über die elementarste Vorsicht 
davontrug. Was suchte er, schon damals, in gewissen Erniedrigun- 
gen? Den herben Geschmack der Sünde? Vielleicht. Vergessen 
wir nicht, daß er eine religiöse Erziehung genossen hatte; seine 
Mutter war fromm und auch der General ging in die Messe. Ich 
will damit nicht behaupten, daß die Frömmler die schlimm- 
sten Wüstlinge seien, aber es muß doch betont werden, daß 
Glaube und Sittlichkeit zwei verschiedene Dinge sind. Gewiß sind 
Glaube und sittliche Haltung des öftern miteinander eng verbun- 
den, insoweit, als jener diese stützt, bestärkt, aber anderseits habe 
ich genug .Gläubige' und Ungläubige genau kennengelernt, um mich 
vergewissern zu können, daß die aufrichtige Religion und diepeinüch 
genaue Beobachtung der Gebote und Zeremonien nicht immer mit 
der Tugend einhergehen, so wie die Tugend ebenso gut außerhalb 
der Religion existieren kann. Ja mehr noch, ich kenne manche 
ausübende Katholiken, denen die Verwechslung des Glaubens mit 
der Sittlichkeit oder die auf Kosten der Glaubensfrage erfolgte 

7 97 



Betonung der sittlichen Gebote als eine Hcresic erscheint, als der 
Irrtum, der dem Protestantismus zu Grunde liegt. Ich bin selber 
Katholik und glaube, daß meinen Brüdern nichts antipathischer 
ist, als der tugendhafte Mann, der keine Religion besitzt und den 
man einen ,weltlichen Heiligen' zu nennen pflegt. Ich glaube fast, 
daß sie ihm die verworfenste Kreatur vorziehen, vorausgesetzt, 
daß sie auf den Knien ihre Sünde bereut. Nichts ist übrigens logi- 
scher. Sich vor Gott anklagen, bedeutet immer noch, seinen 
Glauben an ihn bekennen; seine Irrungen für Sünden zu halten, 
schließt eine Huldigung in sich, die dem obersten Richter gilt, 
bei dem man Vergebung der Sünden zu finden hofft. Jeder Fehl- 
tritt liefert dem Sünder eine neue Gelegenheit, seine Schwäche ein- 
zugestehen, die Schwäche der Söhne Adams, und sich vor dem 
Herrn zu demütigen. Aber hat man der Schwäche und der Unrein- 
heit diese Wichtigkeit eines unauslöschlichen Gezeichnctseins, diese 
unvergleichliche kanonische, jenseits der Moral liegende Bedeutung 
zugestanden, liegt dann nicht die Gefahr vor, daß gewisse kom- 
plexe Naturen es soweit treiben, daß sie ihre Laster züchten, ja 
beinahe verehren? In Rußland, bei den Orthodoxen, ist eine solche 
Venrrung des christlichen Gefühls nicht selten: aus ihr erklärt 
sich Rasputin. 

War Baudelaire verdorben? Mit 20 Jahren ist man es nur 
äußerlich, aus Prahlerei. Allerdings, eine gewisse herausfordernde 
Großsprecherei verließ ihn nie, ja war ihm sogar als Kind schon 
eigen. Aber ich glaube, daß dieser Zyniker in sexu- 
eller Beziehung ein schüchternes Kind war, das 
sich nur mit Kreaturen der niedrigsten Sorte 
im vollen Besitz seiner Potenz fühlte 38 ." 

Wir kennen auch eine sehr charakteristische Anekdote 
über Baudelaires Liebesbeziehungen: Jahrelang hatte der 
Dichter Gedichte und anonyme Briefe einer „Dame" ge- 
schickt, der „Präsidentin", Madame Sabaticr, die er als 
seine Königin auf das Piedestal der vergötterten Frau er- 
hob, zu der man in seiner Demut, unbekannt und verachtet 
wie man ist, kaum den Blick zu heben vermag. Aber die 
Umstände wollten, daß die Dame selber aus ihrer Rolle fiel 

39 ) Frangois Porche\ La Vie douloureuse de Charles Baudelaire, 
S. 37 (Deutsche Ausgabe, S. 42). 

98 



und sich nach greifbaren Wirklichkeiten sehnte, die in Besitz 
zu nehmen, Baudelaire nie die Initiative ergriffen hätte. 
Lesen wir aufmerksam die Schilderung dieser Geschichte 
durch, die wir bei Porche finden: 

Der Erfolg der „Blumen des Bösen" hatte ebenfalls dazu 
beigetragen, die lebhaft interessierte Aufmerksamkeit der „Präsi- 
dentin" auf Baudelaire zu lenken. Sie sah nun den seltsamen, bis 
jetzt ziemlich unbeachteten Anbeter, dessen Anonymat sie, wie wir 
wohl annehmen dürfen, schon längst durchschaut hatte, mit ganz 

andern Augen an. 

Madame Sabatier hatte eine jüngere Schwester, die, als sie 
eines Abends mit Baudelaire zusammentraf, ihm herzlich ins Ge- 
sicht laohte: „Sind Sie immer noch in meine Schwester verliebt 
und schreiben Sie ihr immer noch so herrliche Liebesbriefe?" Der 
Dichter begann zu verstehen, daß sein Geheimnis zum Tages- 
gespräch der Rue Frochot geworden war. Aber hatte er im Ernst 
erwartet, daß die Verse, welche er seinen Zeilen zum Begleit mit- 
gab, ihn nicht schnell kenntlich machen würden? Und wurden sie 
dies nicht erreicht haben, hätte er sich nicht als erster davon 

betroffen gefühlt? , • ' „ 

Kurzum, das Geheimnis nahm ein Ende und Aglae" war es, 
die kühn und ohne Umsehweife den entscheidenden Schritt tat. 
Wir wissen, daß ihr Zweideutigkeiten nicht unlieb waren und 
Baudelaire wurde eben wegen Verletzung der guten Sitten ver- 
urteilt. Wie verlockend! Überdies ließen die „Blumen des Bösen 
diese leichtlebige Frau prickelnde Verwicklungen der Sinnlichkeit, 
ja eine ganze fleischliche Kasuistik vorausahnen. 

Der Prozeß fand am 20. August statt und am 30. gab sie sich 
ihm hin. Sic gab sich wohl hin, aber . . . die Schätze, 
welche sie anbot, diese berühmten „schwarzen und rosigen 
Dinge" hat man, wie ich vermute, nicht angenommen oder nicht 
anzunehmen gewußt noch nehmen können. Kurz, ich glaube, daß das 
Abenteuer zu denen gehört, welche Stendhal ins Kapitel der 
Fiaskos eingereiht hätte. Die Enttäuschung ist beiderseits eine voll- 
kommene. Die Schwierigkeit mußte, nachdem man sich zu weit ein- 
gelassen hatte, darin bestehen, sich mit einer gewissen Ritterlichkeit 
zurückzuziehen. Die vom 31. August an zwischen dem Idol von 
gestern und seinem ohnmächtigen Anbeter gewechselten Briefe zeigen 

*°) Die Präsidentin. 

7. 99 



das Bild dieses stufenweisen Rückzugs: so überstürzt als möglich 
von Seiten Baudelaires, den man der Panik nahe fühlt, langsamer 
von Seiten der gekränkten Schönheit, der es schwer fällt, zuzu- 
geben, daß sie ganz und gar das Feld räumen muß, ohne Huldi- 
gungen eingeheimst zu haben. 

Der Dichter gesteht, daß ihm der Glaube fehlt. Wir müssen 
verstehen, was das besagen will. „Vor einigen Tagen, seufzt er, 
warst Du eine Gottheit, was so bequem, so unverletzlich ist. Jetzt 
bist Du eine Frau geworden." Andere hätten sich über die Wand- 
lung gefreut. Aber wie kann man, wenn man für die Magerkeit 
und die „braunen Körper" (ja für ein bis ins Schwarze stechen- 
des Braun) einen so ausschließlichen und eingefleischten Hang hat, 
sich in die Lage versetzen, eine mollige Blonde mit andern Rhyth- 
men als denen der Verse ehren zu müssen! Oder aber es galt, 
nachdem man einmal aius dieser hübschen, weißen und vollen Frau 
fünf Jahre lang eine „Madonna" gemacht hatte, sie auch weiter- 
hin in ihrer Nische zu lassen. Dieser Meinung ist auch Baude- 
laire: „Sacre Saint-Ciboire! (so pflegte er zu fluchen), was habe 
ich auf dieser Galeere gesucht?" 

Wenn wir hierüber ein wenig scherzen, so geschieht es, 
weil es uns unmöglich ist, in diesem Ausgange etwas anderes 
zu sehen als Verlegenheit und Enttäuschung, die beide leicht 
komisch wirken können. „Mein Zorn", schreibt die Präsidentin, „war 
sehr berechtigt. Was soll ich von Deiner Flucht vor meinen Lieb- 
kosungen denken, wenn nicht dies, daß Du in Gedanken bei der 
andern bist, deren Seele und schwarzes Gesicht sich zwischen uns 
drängen? Ich fühle mich gedemütigt und erniedrigt. Ohne die Ach- 
tung, die ich für mich habe, würde ich mich zu Beleidigungen 
hinreißen lassen." Dies ist deutlich genug. 

Glücklicherweise war Madame Sabatier was man ein gutes 
Herz zu nennen pflegt: sie trug dem Dichter diese lächerliche 
Geschichte nicht nach.. Was diesen anbetrifft, so vermied er, we- 
nigstens auf einige Monate hin, das tete-a-tete, vor dem er eine 
„heillose Angst" hatte, begab sich aber doch jeden Sonntag in die 
Rue Frochot. Er machte der „Präsidentin" kleine Geschenke, bald 
ein Tintenfaß, bald einen Fächer. Nach und nach reiften bei beiden 
Gefühle heran, die ebenso weit von den mystischen Ekstasen als 
von der bloßen sinnlichen Glut entfernt waren und die zwischen 
ihnen diesmal der Wahrheit entsprachen: die einer aufrichtigen 
Kameradschaft.* 1 



41 ) Deutsche Ausgabe, S. 200 ff. Französische Ausgabe, S. 213 ff. 



100 



Baudelaire war zu dieser Zeit 36 Jahre alt. Porche 
schreibt ferner: 

Für diese durch "Wutausbrüche unterbrochenen Krisen der 
Entmutigung suchte der Unglückliche zuerst Zerstreuungen in 
Eintagsliebschaftcn. Das „Notizbuch der Liebe", wo er die „guten 
Adressen" sorgfältig eintrug, zeugt von der Häufigkeit der Ab- 
wechslung, wenn nicht seiner Bedürfnisse, so doch seiner Neugierde. 
Aber von all diesen kurzen Trunkenheiten, wie von denen des 
Haschisch oder des Opiums bleibt dem Wüstling bald nichts 
mehr als eine völlige Zerschlagenheit der Glieder und vor allem 
eine seltsame Schwere im Genick. Vom Ekel gar nicht zu spre- 
chen. Wir dürfen nicht vergessen, daß in dieser Epoche die Aus- 
schweifung eine ernste Sache war. Sie hat den Ton des Leicht- 
sinns, der geistreichen Galanterie, den sie im 18. Jahrhundert 
hatte, verloren und sogar bei den Zynischsten hat sie noch nicht 
jene Form der gleichgültigen und schlappen Zustimmung zur 
Betäubung, die sie heutzutage kennzeichnet, angenommen. Zu 
Baudelaires Zeiten war die Ausschweifung etwas Verborgenes. 
Wenn sie sich so schamhaft erweist, so heißt das, daß sie nicht 
ohne Reue ist. Sie ist eine letzte Zuflucht für den Verzweifelten, 
eine Art Vergessen, eine Art feigen Selbstmords. 

Wie hätte übrigens Baudelaire in der Sinnenlust auch nur 
das geringste Glück finden können? Vergleicht er die Umarmungen 
der Liebe in seinen Tagebuchblättern nicht einer Folterung, einer 
chirurgischen Operation? Das menschliche Gesicht drückt für ihn in 
der Umarmung nur noch eine tolle Grausamkeit aus. Und was die 
Entspannung anbetrifft, welche die Liebenden in einer Art Tod 
vereinigt, so weigert er sich, diesen Zustand Verzückung zu 

"'""soviel über das Physische; aber sogar im Seelischen (und das 
Seelische durchdringt in der Leidenschaft das Physische färbt die 
Welt der Empfindungen, ja bringt sie geradezu hervor) sagt er, 
„besteht die Wollust in der Gewißheit, Böses zu tun. Wie man 
sieht, hat dieser sinnliche Wüstling etwas vom Theologen an ach; 
vom Theologen, der mit dem Teufel ein Bündnis geschlossen hat, 
etwas vom schlechten, besessenen Priester. Für ihn ist Liebe 
synonym mit Hurerei, Unzucht; die fleischliche Vermischung ist 
eine schwarze Messe. 

Auf diesem Umweg, dem der Entweihung, trifft Baudelaire 
mit dem christlichen Gefühle zusammen. Keine Seele ist geteilter 
als die dieses in die Materie verstrickten Idealisten, in der er 



IOI 






wühlt oder sich wohl eher, mit dem Blick zum Himmel, herum- 
schlägt. Baudelaire ist, wenn ich so sagen darf, der Sünder im 
wahrsten Sinn des Wortes. Ja auf den ersten Blick scheint er 
sogar nur durch seinen Begriff der Sünde religiös. Er leidet 
darunter, das Gesetz zu übertreten, aber er muß es übertreten, um 
sich in Erinnerung zu rufen, daß es existiert.** 

Später, gegen das Ende seines Lebens, wird er, ohne je das 
zu sein, was man einen ausübenden Katholiken nennt, sich die 
Gewohnheit des Betens aneignen; aber Jahre lang war ihm das 
Beten etwas Ungewohntes; er hat Gott nur mittelbar gekannt, durch 
die auf die Sünde folgende Qual, durch die Reue oder die schreck- 
liche Lust der Lästerung. Baudelaire hat sich nach und nach über 
tausend Leiden zur Anbetung erhoben. Als er diesen Gipfel er- 
reichte, war sein Werk geschrieben und es blieb ihm nur noch 
wenig Zeit zum Leben übrig. Darin liegt der Grund, warum der 
Seelenfriede aus seinen Dichtungen ausgeschlossen ist. Keine Gnade, 
kein Segen; nichts als Traurigkeit und Asche. Was in den „Blumen 
des Bösen" triumphiert, ist eben jenes Böse; jede Seite beschwört 
jene Zeit des Irrens und der Prüfungen herauf. 

Ja die Sünde nimmt in diesem Buche einen so gewaltigen 
Platz ein, daß sie sich manchmal nicht mehr als Ungehorsam gegen 
das Gesetz, sondern als eine Art Gehorsam gegenüber einem an- 
deren Gesetz darstellt. Dies nennt man den Satanismus Baude- 
laires. Wären die „Blumen des Bösen" nicht das Zeugnis eines 
schwierigen Aufstieges, betrachteten wir sie nicht als einen Über- 
gang, sondern als ein Ziel, so wären sie ein eigentliches Evangelium 
des Manichäertums." 

In diesem Dualismus des Guten und Bösen, und in diesem be- 
ständigen Ringen zwischen den beiden Prinzipien liegt nicht nur 
die Seele der Baudelaireschen Dichtung, er ist Baudelaire selbst. 
Der Dichter ist eine Doppelnatur, die von der Ausschweifung ge- 
hetzt trunken ist nach einer keuschen, unbefleckten Liebe und zu- 
gleich nach einwiegenden Worten, mütterlichen Liebkosungen lechzt. 
Hier finden wir entschieden die unauslöschlichen Spuren der 
großen Leidenschaft seiner Kindheit wieder. Diese Leidenschaft hat 
vor allem gewisse Tendenzen seiner Sinnlichkeit beeinflußt. Was 
suchte er in den Wohlgerüchen, die ihn bezauberten, unbewußt, 
wenn nicht den betäubenden Wohlgcruch des mütterlichen Muffs, in 
den er als siebenjähriger Knabe so gerne sein Gesicht vergraben 



*2\ 



? ) Ohne Sünde keine Religion. Siehe Rcik: „Geständniszwang 
und Strafbedürfnis". Int. Psychoanalyt. Verlag, Wien 1925. 



102 



hatte? Warum bat er Jeanne, zu einer Zeit, als sie noch jung und 
schön war und sich vor ihm auskleidete, ihren Schmuck anzube- 
halten, wenn nicht deshalb, weil das Geflimmer der Halsbänder und 
Anhängsel in seinem Gedächtnis die Erinnerung an weit zurück- 
liegende Ekstasen wach rief? 

Was aber sein Herz aus seiner frühesten Kindheit vor allem 
bewahrt hat, ist ein unstillbares Bedürfnis nach Zärtlichkeit, 
nach reiner Zärtlichkeit. Groß ist die Zahl der Frauengestalten, bei 
denen er, ohne es sich immer einzugestehen, um Befriedigung dieser 
Sehnsucht bettelt. Einige bleiben rätselhaft, so J. G. F., die Unbe- 
kannte, welcher der Dichter das „Heautontimoroumenos" über- 
schriebene Gedicht gewidmet hat und später „Die künstlichen 
Paradiese". Dagegen wissen wir, daß jene M. D., welcher der 
prachtvolle „Herbstgesang" gewidmet ist, eine Künstlerin des 
,Thcätre de la Gaite* war, Marie Daubrun, der Baudelaire jahre- 
lang seine Aufmerksamkeit zollte. 

Marie Daubrun war hübsch und sanft und was in Theater- 
kreisen gar nicht selten ist, ehrlich und tapfer. Ihre Arbeit half 
ihr ihre Familie zu unterstützen. Der Dichter suchte die Sängerin 
oft am Abend in ihrer Loge auf. Er nahm Anteil an ihren Sorgen 
und an ihrem bescheidenen Streben. Er bewunderte dieses tapfere 
Mädchen, das, nachdem es, wie er sagte, die fünf blöden Akte her- 
untergespielt hatte, noch die Kraft hatte, am Bette seiner kranken 

Eltern zu wachen. ^ 

Vielleicht wird man finden, daß sich Baudelaire in dieser 
Rolle eines guten und aufrichtigen Freundes sonderbar ausnimmt. 
Auf jeden Fall spielt er sie sehr gut, mit Ernst und Zartgefühl. 
Und alles geht dabei so unschuldig zu, daß der Sohn ohne in Ver- 
legenheit zu geraten, seine Mutter davon in Kenntnis setzen kann. 
An Mariens Namenstage wendet er sich, da es ihm an Geld fehlt, 
und er der Künstlerin, wenn nicht ein Geschenk, so doch einige 
Blumen geben möchte, offen an Madame Aupick, die immer leicht 

zu rühren ist. 

Ein anderes Mal setzt er sich für sie beim Direktor des Thea- 
ters der .Porte-Saint-Martin* ein, um das Engagement seines Schütz- 
lings in diesem Theater durchzusetzen. Er gibt ihr auch eine Empfeh- 
lung für George Sand und Ponson du Terrail. Schließlich entzweit 
er sich mit seinem Freunde Banville, der sich von dem holden Kinde 
ebenfalls angezogen fühlte. 

Aber Baudelaire kennt noch eine andere Marie, ein Modell, 
die nach einem Gespräch mit ihm den Entschluß gefaßt hatte, nicht 

103 






mehr Modell zu stehen. Diese Frau hegte im Herzen eine Leiden- 
schaft für einen andern. Sie hatte dem Dichter ihr Geheimnis an- 
vertraut und dieser liebte sie dafür nur umso mehr. Sie war für 
ihn, gestand er, ein Gegenstand der Verehrung; es wäre ihm un- 
möglich gewesen, sie zu beschmutzen. Ein Gefühl der Tugend 
kettete ihn an diese Frau, eine süße und keusche Neigung wie die 
des Christen zu seinem Gott. Einer so körperlosen und geheimnis- 
vollen Verehcrung einen irdischen Namen geben, würde einer 
Heiligtumsschändung gleichkommen. „Sie werden von nun an", 
schreibt er ihr, „mein Talisman, meine Kraft sein. Durch Sie, 
Marie, werde ich groß und stark sein. Wie Petrarca werde ich 
meine Laura verewigen. Seien Sie mein Schutzengel, meine Muse und 
meine Madonna, und führen Sie mich auf der Straße des Schönen* 3 ." 

Anläßlich der Frage von der Spaltung der Sexualität 
haben wir von Männern gesprochen, die den Analytiker 
ihrer sexuellen Impotenz wegen aufsuchen, einer Impotenz 
wegen, die jeden Verkehr mit der legitimen (geachteten) Frau 
unmöglich macht, aber den Prostituierten gegenüber ihr Veto 
nicht aufrecht hält. Wir halten es nun für möglich, daß sich 
bei Baudelaire eine ähnliche sexuelle Hemmung vorfand. Der 
Zufall will es, daß Baudelaire uns von einem Traum berichtet, 
der dafür besonders aufschlußgobend ist. 

Wir entnehmen ihn einem Briefe, den Baudelaire am 
13. März 1856 an seinen Freund Asselineau gerichtet hat: 

Mein lieber Freund! 

Da ich weiß, daß Träume Sie unterhalten, sende ich Ihnen 
hier einen, der Ihnen sicher nicht mißfallen wird. Es ist $ Uhr 
morgens, der Traum also noch ganz warm. Bedenken Sie, daß er 
nur einer der tausend Träume ist, von denen ich bestürmt werde 
und ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß das sonderbare 
Wesen dieser Träume, ihr Charakter, der meinen Beschäftigungen 
und meinen Liebesabenteuern völlig fremd ist, mich immer auf 
den Gedanken bringen, daß sie eine Hieroglyphensprache sprechen, 
zu der mir der Schlüssel fehlt. 

Es war (in meinem Traume) zwei oder drei Uhr früh, und 
ich spazierte allein auf der Straße umher. Ich begegne Castille, der, 

* 3 ) Ibid., S. 176. Französische Ausgabe, S. 188. 
104 



wie ich glaube, mehrere Gänge zu machen hatte und ich sage ihm, 
daß ich ihn begleiten und den Wagen auch für einen persönlichen 
We<* benutzen werde. "Wir nehmen also einen Wagen. Ich betrach- 
tete es als meine Pflicht, der Besitzerin eines großen Bordells 
ein Buch von mir, das soeben erschienen war, zu schenken. Wie ich 
mein Buch, das ich in der Hand hielt, betrachtete, zeigte es 
sich, daß es ein obszönes Buch war, was die Notwendig- 
k e ; t ' _ es dieser Frau zu geben, verständlich machte. In meinem 
Geiste war diese Notwendigkeit im Grunde genommen nur ein 
Vorwand, eine Gelegenheit, eine der Dirnen des Hauses im Vor- 
beigehen zu . . . , was besagt, daß ich ohne die Notwendigkeit, 
das Buch herzuschenken, es nie gewagt hätte, in ein solches Haus 

ZU g Von allem dem sage ich Castille nichts; ich lasse den Wagen 
vor der Türe jenes Hauses halten, Castille bleibt im Wagen, und 
ich nehme mir vor, ihn nicht lange warten zu lassen. 

Gleich nachdem ich geläutet habe und eingetreten bin, bemerke 
ich daß mein zum Schlitz meiner aufgeknöpften Hose heraus- 
hängt und ich halte es für unanständig, mich (selbst an einem 
solchen Orte) so vorzustellen. Ich fühle ferner, daß meine Füße 
z na ß s ind und bemerke plötzlich, daß sie dazu noch nackt sind 
und daß ich unten an der Treppe in eine Wasserlache getreten bin. 
Ach was! sage ich mir, ich wasche sie, bevor ich ..... 
und bevor ich das Haus verlasse. Ich gehe hinauf. - 
Von diesem Augenblicke an ist vom Buche nicht mehr die Rede. 
Ich befinde mich in langgestreckten Sälen, die untereinander 
in Verbindung stehen — schlecht beleuchtet sind, traurig und 
düster aussehen - wie die alten Kaffeehäuser die alten Lese- 
zimmer, die häßlichen Spielhäuser. Die Dirnen, die in den weiten 
Sälen verstreut sind, plaudern mit Männern, unter denen ich einige 
Gymnasiasten bemerke. Ich fühle mich sehr traurig und bin sehr 
eingeschüchtert; ich fürchte, daß man meine Fuße sieht. Ich sehe 
sie an und bemerke, daß einer einen Schuh anhat. Kurz nachher 
bemerke ich, daß beide beschuht sind. Es fällt mir auf, daß die 
Wände dieser weiten Räume mit allen möglichen, eingerahmten 
Zeichnungen geschmückt sind. Nicht alle sind obszön. Es sind 
darunter sogar Zeichnungen von Architekturen und ägyptischen 
Figuren. Da ich immer schüchterner werde, und es nicht wage, eine 
Dirne anzusprechen, unterhalte ich mich damit, die Zeichnungen 
genau zu besichtigen. 

In dem rückwärtigen Teile eines dieser Räume, finde ich eine 
besonders seltsame Serie. In vielen kleinen Rahmen erblicke ich 



105 






Zeichnungen, Miniaturen, photographische Abzüge. Sie stellen bunte 
Vögel dar mit glänzendem Gefieder und lebenden Augen. 
Bisweilen sind es nur Vogelhälften. Manchmal sind es Bilder von 
seltsamen, mißgestalteten Wesen, die beinahe gestaltlos sind wie 
Meteore. In der Ecke einer jeden Zeichnung steht eine Anmerkung: 

Die Dirne so und so, Jahre alt, hat diesem 

Fötus in dem und dem Jahre das Leben geschenkt. 
Und noch andere Anmerkungen dieser Art. 

Dazu fällt mir ein, daß solche Zeichnungen wenig geeignet 
sind, Liebesgedanken einzuflößen. 

Eine andere Überlegung ist die: Es gibt in der Welt tatsäch- 
lich nur eine einzige Zeitung, den „Siecle", der einfältig genug sein 
könnte, ein Bordell zu eröffnen, und dort zugleich eine Art medi- 
zinisches Museum einzurichten. Ich sage mir plötzlich: Tatsäch- 
lich ist der „Siecle" der Urheber dieser Spe- 
kulation, und das medizinische Museum ent- 
spricht seiner Art, Fortschritt, Wissenschaft 
und Aufklärung zu verbreiten. Dann überlege ich, daß 
die moderne Dummheit und Torheit ihre geheimnisvolle Nützlich- 
keit haben, und daß oft das, was für das Böse gemacht worden 
ist, sich durch eine geistige Mechanik zum Guten wendet. Ich be- 
wundere in mir selber di^ Schärfe meines philosophischen Geistes! 

Aber unter allen diesen Wesen findet sich eines, das gelebt 
hat. Es ist eine Mißbildung, die in diesem Hause geboren wurde und 
ewig auf einem Piedestal steht. Trotzdem sie lebt, gehört sie zum 
Museum. Sie ist nicht häßlich. Ihr Gesicht ist sogar hübsch, ge- 
bräunt von orientalischer Farbe, es ist viel Rosiges und Grünes in 
ihr. Sie sitzt zusammengekauert, aber in sehr seltsamer und ver- 
drehter Haltung da. Forner windet sioh etwas Schwärzliches mehr- 
mals um ihren Leib und ihre Glieder wie eine große Schlange. 
Ich frage sie, was das eigentlich sei; sie sagt mir, dies sei 
ein ungeheurer großer Wurmfortsatz, der von ihrem Kopfe aus- 
gehe, etwas Elastisches wie Kautschuk und so lang, so riesig 
lang, daß das Gewicht des Wurmes, wenn sie diesen Fortsatz wie 
einen Zopf um ihr Haupt schlingen würde, viel zu schwer wäre, 
als daß er getragen werden könnte; daß sie deshalb gezwungen sei, 
ihn um ihre Glieder zu rollen, was übrigens eine nur noch 
schönere Wirkung hervorrufe. Ich spreche lange mit dem Unge- 
heuer. Es berichtet mir von seinen Sorgen und seinem Kummer. 
Schon seit Jahren ist es gezwungen, sich in diesem Saale auf 
diesem Piedestal aufzuhalten, und zwar der Neugierde des Publi- 

106 



kums wegen. Aber die größte Sorge verursacht ihm die Stunde 
des Nachtmahls. Da es ein lebendes Wesen ist, muß es mit den 
Mädchen des Hauses speisen, schwankend mit seinem Kautschuk- 
fortsatz ins Eßzimmer gehen, wo es ihn um sich herum gerollt 
behalten oder wie ein Pack Stricke auf einen Stuhl legen muß, 
denn ließe es ihn auf dem Boden nachschleppen, so würde der 
Fortsatz ihm den Kopf nach hinten reißen. 

Diese kleine und gedrungene Mißgeburt ist außerdem ge- 
zwungen, neben einer großen und wohlgestalteten Dirne zu essen. 
Die Mißgeburt liefert mir übrigens alle diese Erklärungen ohne 
Bitterkeit. Ich wage nicht, sie zu berühren, aber ich inter- 
essiere mich für dieses Wesen. _ 

In diesem Augenblicke, — dies ist kein Traum mehr — 
macht meine Frau mit einem Möbel Lärm im Zimmer; ich er- 
wache — Ich erwache erschöpft, zerschlagen, der Rücken, die 
Beine und Hüften sind wie gerädert. — Ich nehme an, daß ich 
in der verdrehten Lage des Ungeheuers geschlafen habe. 

Ich weiß nicht, ob Ihnen dies alles so drollig vorkommen 
„ird wie mir. Ich vermute, daß es dem guten Minos schwer 
fallen dürfte, aus diesem Traumgesicht eine Lehre zu ziehen. 

Ganz der Ihre... 

Mit dem uns zur Verfügung stehenden Material sind 
wir in der Lage, eine Deutung dieses vom psychoanalytischen 
Standpunkte aus sehr typischen Traumes zu versuchen. 
Wir haben zwar nicht auf diesen Trauminhalt gewartet 
um festzustellen, daß Baudelaire in Bezug auf sein Glied 
an Minderwertigkeitsgefühlen leidet, die hier in seinen 
„nackten" Füßen, in seiner Schüchternheit usw.. zum 
Ausdruck kommen. Wir haben schon auf den Exhibitionis- 
mus aufmerksam gemacht, der sich sowohl in seinem Voka- 
bular als auch in den schlüpfrigen Themen äußert, die oftent- 
lich zu behandeln Baudelaire sich gedrängt fühlte. Es war 
auch schon von jener Kompensierung die Rede, welche die 
das Glied ersetzenden Gedanken für ihn bedeuten. Man 
wird darum nicht sonderlich erstaunt sein, wenn man am 
Schluß des Traumes vernimmt, daß Baudelaire beim Er- 
wachen die Empfindung hat, in der verdrehten Lage des Un- 



107 



geheuers geschlafen zu haben. Das Ungeheuer dieses Trau- 
mes ist wahrscheinlich Baudelaire selber mit all seinen Sor- 
gen und seinem entsetzlichen Glied-Kopf. Wie die Zeichnun- 
gen, welche Baudelaires Aufmerksamkeit auf sich lenken, 
ist außerdem dieses Ungeheuer ein Fötus: „Die Dirne so und 
so, ... Jahre alt, hat diesem Fötus in diesem und diesem 
Jahre das Leben geschenkt." Die Dirnen sind demnach Mütter 
und noch dazu Mütter von Ungeheuern, d. h. von Wesen, 
wie Baudelaire eines war. Wie wir also sehen, maskiert die 
Zensur für Baudelaire die Tatsache, daß er im Bordell seines 
Traumes ganz einfach den Inzest zu verwirklichen sucht. Wir 
geben hier in großen Zügen eine Deutung des Traumes: Baude- 
laire geht mit Castille (wahrscheinlich sein Stiefvater, der 
General Aupick) ins Haus seiner Mutter. Castille-Aupick bleibt 
vor der Türe und wartet; in der Wirklichkeit ist das Gegenteil 
der Fall. Mit seinem Buche (Poesie) will Baudelaire zuerst 
das Äquivalent des Inzests verwirklich eh**. Aber immer 
wird er durch etwas aufgehalten. Zuerst durch 
die Wasserlache unten an der Treppe, was in ihm das Be- 
dürfnis lost, sich zu waschen, weil er schmutzig ist. Dann 
durch die Zeichnungen, die er aufmerksam studiert und von 
denen einige - farbigen Vögeln (Phallus) gleichsehen, deren 
Augejebendig ist. Andere stellen nur Vogelhälften dar (Kastra- 

U; r J*l In - dieS ^ Zusammei J ha ng erscheint uns ein Brief Baude- 
laires an seine Mutter besonders charakteristisch: 

und TW,? r^^ terche " >, ich danke Dir für alle Deine Güte 
Za Jk ■ G ^? J Reiten. Ich werde von Deinem Tee trinken 
und dabei an Dich denken. Lies mir zuliebe dieses Manuskript, das 
fertig und an dem nur mehr wenig zu korrigieren ist. Ich habe 
es heute Morgen von der Zeitung („La Democratic"), wo es als 
unmoralisch abgewiesen wurde, zurückverlangt. Das Beste dabei 

W St " u ,eSe "r *?? r , rCn Bewun ^rung genug abgezwungen 

nat, daiS sie mich aufs liebenswürdigste und höflichste mit der 
ßitte um ein anderes Manuskript beehrten 

Du kennst den Schluß nicht: Lies ihn und sage mir offen, 
welchen Eindruck er auf Dich gemacht hat." 

108 



tion) 45 , wieder andere sind ungeheuerliche, formlose Wesen 
wie Meteore. Derartige Zeichnungen, meint Baudelaire, 
sind wenig dazu angetan, zum sexuellen Verkehr anzuregen. 
Damit ergibt sich für die „ägyptischen Figuren", diese 
„Hieroglyphen", von denen Baudelaire zu Beginn seines 
Traumes spricht, eine ganz besondere Bedeutung. Alle diese 
Symbole übersetzen die Minderwertigkeitsgefühle des Träu- 
mers in Bezug auf seinen Penis, seine Kastrationsangst und 
sehr wahrscheinlich auf den Abscheu, den er vor dem weib- 
lichen Geschlecht empfindet, das er als „amorph" oder als 
einen „Halbvogel" betrachtet, d. h. als abgeschnitten. Beson- 
ders bezeichnend in dieser Hinsicht ist -die Stelle: 

„Es gibt in der Welt nur eine einzige Zeitung, den „Siecle". 
. . . Ich bewundere in mir selber die Schärfe meines philosophischen 
Geistes!" (s. Seite 106.) 

Mit anderen Worten will der Träumer ungefähr sagen: 
.Meine Erfindung eines Bordells ist eine einzigartige. Ich be- 
gnüge mich damit, die Männer, die, beiläufig bemerkt, Gym- 
nasiasten, d. h. Kinder sind, in ihrem Verkehr mit den Dir- 
nen (Mutter) zu beobachten. Ich hüte mich aber wohl, 
selber aktiv zu werden und bleibe ein passiver Zuschauer, 
der nicht aus der Rolle eines objektiven und wissenschaftlichen 
Beobachters herausgeht, eines Beobachters, für den dies alles 
nur insofern von Interesse ist, als es durch die Phantasie, 
die Wissenschaft, d. h. zerebral (ohne Affektivität) erlebt 
werden kann." Die moderne 48 Dummheit und 
Albernheit haben so ihre geheimnisvolle 
Nützlichkeit, und durch eine geistige Me- 
chanik wendet sich oft das, was zum Bösen 
bestimmt war, zum Guten. Diese geistige Mecha- 
nik, von der im Traume gesprochen wird, ist das Werk der 



* 5 ) Siehe unsere Arbeit über J. J. Rousseau, Int. Psycho- 
analit. Verlag, Wien 1930. 

* 6 ) Baudelaire hielt sich gern für „modern". 



109 



Zensur, die Hemmung, die Neurose Baudelaires, ein wahres 
Meisterwerk in seinem Unbewußten, ein Werk, das dazu 
dient, das „Böse" zum Guten zu wenden, d. h. seine Sexu- 
alität (das Böse) zu verdrängen und zu verhindern, daß sie, 
um der Kastrationsdrohung zu entgehen, seine Mutter je an- 
ders als auf eine maskierte Art berühren kann. 

Sehr aufschlußreich ist auch die Stelle vom Ungeheuer 
des Hauses, das gelebt hat, und die sich auf Baudelaire 
selbst bezieht: „Ich nehme an, daß ich in der verdrehten* 821 
Lage des Ungeheuers geschlafen habe." Ich weise beson- 
ders darauf hin, daß das Ungeheuer ewig auf 
einem Piedestal steht". Wie deutlich bezieht sich 
dieses Bekenntnis auf Baudelaire, der sich so hoch einschätzte 
und überaus ernst nahm. (Siehe das Gedicht vom Alba- 
tros.) Bezeichnend ist auch „das Schwärzliche, das sich mehr- 
mals um den Leib des Ungeheuers windet". Ist das nicht 
Jeanne Duval, die Mulattin? Eine „tanzende 
Schlange", die die Glieder fesselt? Jeanne Duval 
bedeutet in diesem Zusammenhange nichts anderes als ein 

*•») „Verdreht" scheint hier die invertierte, d. h. homosexuelle 
fc.instelJ.ung des Traumers auszudrücken. 

- . 1 F£* Asselineaus: „Ich habe zu wiederholten Malen ge- 
sagt daß Baudelaire einer jener seltenen Männern war, in deren 
Gesellschaft ich mich nie gelangwcilt habe. Mit ihm kannte das 
Gesprach keine Langen. Sein Hang zur Diskussion feuerte ihn 
beständig an. Nur dauerte die Diskussion manchmal von Mittag 
bis ii Uhr abends. Sein kindlicher Glaube an seine Unfehlbarkeit 
äußerte sich bisweilen auf die komischste Weise. Mitten in einer 
lebhatten Diskussion über die Notwendigkeit eines Planes in der 
Dichtung sagte er mir eines Tages im Bois de Boulogne in befehls- 
habenschem Tone: „Aber ich bitte Sie! Ich habe Ihnen dieses 
gesagt: Sie haben mir jenes erwidert. Und ich habe Ihnen darauf 
mit großer Folgerichtigkeit geantwortet!!!" Ich fiel 
«st um vor Lachen; er aber war ernst wie ein Brahma, rot und 
pra r\ t,g an ? usehen in seiner Entrüstung. „Na ja", fuhr er fort, 
nachdem wir einige Schritte weitergegangen waren. „Ich muß es 

a? j W j- sa & en > da i a Sic es nicht sagen." Am 
Abend dieser denkwürdigen Diskussion rühmte er sich vor 
Monselet, mich übertölpelt zu haben. 



HO 



ihm aus dem Kopfe wachsendes Organ, das 
ein Teil seines Körpers ist, eine Art schwarzer Penis, den er 
überall zur Schau trägt, mit dem er sich martert, und der 
so lang, so riesig lang ist, daß er, wenn er ihn wie einen 
Zopf um sein Haupt schlingen würde, viel zu schwer wäre, 
um getragen werden zu können. Es muß ihn deshalb 
um seine Glieder rollen, was übrigens eine noch schönere 
Wirkung hervorruft. "Wir brauchen nicht besonders zu be- 
tonen, daß auch Jeanne Duval unter diesem Gesichtspunkte 
gesehen nichts anderes bedeutet als ein Element in einer 
Summe von Fakten, deren lebendiges Symbol sie wird, genau 
so wie das z. B. in den „Litaneien Satans" der Fall ist. Wir 
werden in einem späteren Kapitel nochmals auf dieses Thema 
zurückkommen. Es genügt uns vorläufig, darauf hinzuweisen, 
daß der Traum besonders gut verständlich machen kann, 
warum es Baudelaire nie gelingen konnte, sich von Jeanne 
Duval, an die er affektiv geschmiedet war, zu trennen, selbst 
dann nicht, als jeder sexuelle Verkehr schon lange zwischen 
ihnen aufgehört hatte, Bemerkenswert ist auch folgende Stelle 
des Traumes: 

„Ich spreche lange mit dem Ungeheuer . . ., denn ließe es ihn 
auf dem Boden nachschleppen, so würde der Fortsatz ihm den 
Kopf nach rückwärts reißen." 

Es ist klar, daß die vorliegenden Betrachtungen den 
Inhalt des Traumes nicht erschöpft haben. Es bliebe noch 
viel zu sagen über das Buch, das am Anfang des Traumes 
erwähnt und von dem fast wörtlich gesagt wird, daß es nur 
ein Vorwand sei, „eine der Dirnen des Hauses im Vorbei- 
gehen zu . . .". Und wie streng fiel das Urteil aus, das Bau- 
delaire über den Sinn und Zweck seiner Dichtung fällte! Es 
ist sehr interessant und nützlich, diese Stelle mit einer Situ- 
ation im Tragödienentwurf „Der Marquis der Einser-Hu- 
saren" zu vergleichen, wo von einem Edelmann die Rede 
ist, der seine Frau in der Hochzeitsnacht gleichsam nur geistig 



in 



besessen hat, ein Besitz, der für Baudelaire das Ideal des 
Geschlechtsaktes zu schein scheint, wenn man in Betracht 
zieht, daß dieser Edelmann in diesem Tragödienentwurf sehr 
wahrscheinlich niemand anderen symbolisiert als Baudelaires 
Vater. Wir werden übrigens auch auf dieses Thema noch 
zurückkommen. 

Begnügen wir uns für den Augenblick damit, diesen 
Trauminhalt, der manifest sexueller Natur ist, mit den 
Symptomen Baudelaires, u. zwar besonders mit denen der 
sexuellen Impotenz in Verbindung zu bringen. Auf diesen 
Traum hin darf man wohl annehmen, daß Baudelaire sogar 
den Prostituierten gegenüber sexuell gehemmt war, und die 
Frage drängt sich auf, ob er jene Lokale nicht in erster Linie 
als „Voyeur" aufsuchte. Es ist nicht leicht, sich darüber ein end- 
gültiges Urteil zu bilden, aber wir halten es für wahrschein- 
lich, daß er den Geschlechtsakt sogar mit Prostituierten nicht 
völlig normal erleben konnte. War seine Haltung dabei vor- 
wiegend passiv? Benötigte er einen aktiven Eingriff von Seiten 
der Mädchen, um sich seiner Aufgabe gewachsen zu fühlen? 
Alle diese Fragen sind berechtigt. Sicher wissen wir nur, 
daß in Fällen dieser Kategorie nicht der normale Akt aus- 
geführt wird. Wie Raskolnikow in „Schuld und Sühne" von 
Dostojewsky, scheint auch Baudelaire seine Sonja unter den 
unglücklichen Geschöpfen der Bordelle gesucht zu haben. 

Dies ist übrigens bei vielen Kranken der Fall, die sich 
in einer analogen affektiven Situation befinden. Diese Män- 
ner — oft handelt es sich um ganz besonders bedeutende 
Intellektuelle, und niemand würde ahnen, wie groß ihre 
Seelennot ist — diese Männer sind in den Augenblicken 
schrecklichster Einsamkeit oder beklemmendster Angst nicht 
imstande, sich einzugestehen, daß sie eines mitfühlenden 
Herzens bedürfen. Daher haben sie auch gewöhnlich ihr 
ganzes Leben auf die Illusion aufgebaut, die sie bei andern 
von sich hervorrufen wollen. Aber sobald sie sich von ihrer 



112 



Haltung und der Lüge gefesselt fühlen, sobald sie sehen, daß 
sie von jedem menschlichen Wesen getrennt, verlassen sind, 
dann suchen sie meistens Menschen auf, die eben so elend 
daran sind wie sie, Menschen, die nichts von ihrer Persönlich- 
keit noch von ihrem Range wissen, denen ihre Titel unbekannt 
sind und vor denen sie über das große menschliche Elend, 
über diese gräßliche Verzerrung der Liebe, von Mitleid er- 
griffen wie Kinder weinen. Diese Geschichte hat fast immer 
den gleichen Ablauf, und trotz aller Varianten wiederholt sie 
sich immer auf die gleiche Weise. Ein Blick auf unsere 
Krankengeschichten, die Beichten enthalten, welche der fol- 
genden ähnlich sind, vermag vielleicht davon eine Vorstel- 
lung zu geben: 

Der gestrige Abend hätte sehr schön sein können. Ich war 
bei Frau X. eingeladen. Eine reizende Frau, mit vorzüglichen 
Manieren. Sie hat mich sehr gern. Ihr Mann hat eine bedeutende 
Stellung. Sie hat sich eine Zeit lang für einen anderen 
interessiert, aber da sie wahrscheinlich enttäuscht worden ist, sucht 
sie weiter und wagt es nicht mehr, die Liebe zu finden, noch an 
sie zu glauben. Sie ist daher für mich eine gute Kameradin ge- 
worden, die ich für unglücklich halte, obschon sie nie ein Wort 
darüber verliert. Aber sie hat jenen Hunger der Intelligenz, der 
die Unerfülltheit des Herzens verrät... und ich fühle, daß es 
nicht sehr schwierig wäre . . . nun, Sie verstehen, was ich meine; 
und wenn ich diesen reizenden Busen sehe, mit dieser köstlichen 
Linie, diese zarte Haut, hinter der man die Schwingungen des 
Herzens zu fühlen vermeint, so scheint mir, ich könnte... Aber 
im selben Moment werde ich von einer eigentümlichen Unruhe 
gepackt. Ich habe den Eindruck, daß es doch nicht ganz so ist, 
wie ich glaube. Man erzählt von ihr, daß sie sich leicht über die 
Leute lustig mache; kurzum, mit solchen Frauen weiß man viel- 
leicht nie, woran man ist. — Wir haben an diesem Abend bei ihr 
über viele Dinge gesprochen. Ich fühle, daß ich geglänzt habe. 
Ich habe Dinge gesagt wie: „Jedem Erfolge muß man immer die 
Sehnsucht nach dem, was (nie sein wird, vorziehen. Diese Sehn- 
sucht hält einen ewig jung. Sie befähigt einen, in jeder Frau 
eine Heilige zu sehen, oder einen Teufel, mit einem Wort: etwas 
Übermenschliches. Die Kunst zu leben besteht gerade darin, diese 



113 



Sehnsucht richtig zu dosieren, die Enttäuschung zu züchten, die 
einen zu glauben hindert, ist doch der Glaube gewöhnlich etwas 
Demütigendes, Banales und schwer vereinbar mit jener wahren 
Intelligenz, deren Aufrcchterhaltung nur dank des Pessimismus 
möglich zu sein scheint. Die Wissenschaft wäre demnach ledig- 
lich das Kind dieses Pessimismus, der im Grunde nichts anderem 
als einer inneren Auflehnung gegen alles, was uos überragt, 
gleichkäme, einer Verachtung der Angst, welche die Betrachtung 
der Welt in uns auslöst etc. . . " Natürlich war alles, was ich sagte, 
nur eine Pose, um zu gefallen. Daher beeilte ich mich auch, dieses 
Milieu zu verlassen, denn was kann man schließlich in einer 
Gesellschaft sagen, die einen bewundert und auf ein Picdestal 
stellt? Man kommt sich wie ein Sieger vor, der zum voraus 
besiegt ist, da ihm doch nichts zu erobern übrig bleibt ... Ich 
"ehe allein weg und entschließe mich, noch einen kleinen Rund- 
gang zu machen, um ein wenig Luft zu schnappen. Ich gehe auf 
Montmartre in eine mir bekannte Bar, in der es hübsche Weiber 
gibt. Sie interessieren mich gar nicht. Ich weiß nicht, warum ich 
dort hingehe. Ich bemerke ein hübsches Mädchen. Seine Brüste 
verfolgen mich. Es setzt sich neben mich und will mich küssen. 
Ich sage ihm irgend etwas Unartiges, z. B. daß mir seine Huren- 
manieren mißfallen. Ich habe es beleidigt, gekränkt. Es läßt 
mich allein. Im Grunde genommen war ich gemein zu ihm. Warum 
habe ich es zurückgewiesen? Es ist nett zu mir gewesen und 
hat nichts von mir verlangt. Ich trinke ein Glas, ein zweites, ein 
drittes. Wieder bin ich aiuf der Straße. Ich kann mich nicht 
entschließen, nach Hause zu gehen. Die Menschen, die ich beob- 
achte, scheinen glücklich zu sein. Sind sie es wirklich? Ich 
schlendere durch die Straßen und fange an, mich recht unglück- 
lich zu fühlen. Warum, weiß ich nicht. Ich kann mich über nichts 
Bestimmtes beklagen. Ich sehe einen dicken Kerl auf der Straße, 
der mir Entsetzen einjagt. An jedem Arm hat er ein Weibsbild. 
Ich sage mir, daß ich dasselbe tun könnte. Aber mit wem? Unter- 
dessen bin ich in eine andere Bar geraten. Ich bin, wie mir scheint, 
schon bei meinem zweiten Glas Likör. In solchen Augenblicken 
muß ich Liköre trinken, ich würde sonst einer wahren Melan- 
cholie verfallen. Ich sehe lachende Gesichter. Ein ganz junges 
Mädchen mit einem Amerikaner. Das Mädchen sieht unerfahren 
aus. Es lacht, wie wenn es an all diesen tollen Jubel, an all 
diese Großmut um sie herum glauben würde. Man bezahlt 
Champagner über Champagner. Der Besitzer macht Kasse. Dies 



114 



alles erfüllt mich mit Ekel und ich bin wieder auf der Straße. 
Ich fühle, daß ich in jenes Haus gehen werde, in dem ich schon 
so oft gewesen bin. Aber ich kenne alle Mädchen drin . . . Sie 
interessieren mich gar nicht. Ich erinnere mich besonders gut an 
eine. Als ich das letzte Mal dort war, kam sie eben aus dem 
Spital. Sie war krank gewesen, auch ihr Kind. Denn ich weiß, 
daß sie eine kleine Tochter hat, um die sie sich übrigens selbst 
kümmert, wie sie mir gesagt hat. Ich kann die Erinnerung an sie 
nicht verscheuchen. Ich war das erste Mal mit ihr beisammen, als 
sie das Spital verlassen hatte. Ich sehe sie immer noch die Treppe 
hinaufsteigen, etwas mager, mit hängenden Brüsten und in den 
Augen die große Müdigkeit eines gehetzten Tieres. Sic war gerne 
einverstanden, zuerst ein wenig mit mir zu plaudern. Ich öffnete 
das Fenster, um Luft und Lärm von Paris ins Zimmer herein zu 
lassen, den Lärm der Stadt mit ihren unzähligen Existenzen, der 
Stadt, von der Napoleon gesagt hatte, daß sie die Verluste der 
mörderischsten Schlacht in einer Nacht wieder gut mache. Wir 
sprechen nun miteinander — bei mir beginnt es immer so. Ich 
erfahre, daß sie einen Liebhaber hatte, der die Schwangere sitzen 
ließ. Nach der Geburt ihres Kindes versuchte sie ihr Glück zu- 
erst auf der Straße, dann im Bordell. Mit der Liebe war es aber 
zu Ende. Übrigens hat sie niemals gewußt, was Liebe ist. Man 
sagt ja auch, daß solche Frauen oft unempfindlich sind und nur so 
tun, als ob sie während des Geschlechtsaktes, leidenschaftlich 
erregt wären. 

Ich entschließe mich also, in jenes Haus zu gehen. Ich 
frage nach der Kleinen. Man läßt mich ein wenig warten. Dann 
gehen wir in ihr Zimimer hinauf. Ich treffe die nötigen Vorbe- 
reitungen. Alles vollzieht sich wie gewöhnlich. Sie reizt mich. Ich 
bilde mir ein, ich sei verpflichtet, ihr alles das zu machen, was sie 
mir macht. Wie Ihnen bekannt ist, habe ich mir so schon mehrere 
Krankheiten zugezogen. Aber es ist stärker als ich. Ich hoffe, sie 
entschuldigen mich, daß ich Ihnen alle diese gräßlichen Einzelheiten 
schildere. Was soll ich jedoch tun? Erst nachdem ich all diese 
schmutzigen Dinge gemacht habe, bin ich imstande, den Ge- 
schlechtsverkehr auszuüben. Dabei ist es vermutlich etwas schnell 
zugegangen. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Auf 
jeden Fall war es schrecklich, ekelhaft, wohl eher eine Qual als 
eine Befriedigung, wie übrigens immer. Gegen zwei oder drei Uhr 
morgens bin ich ganz stumpfsinnig nach Hause gekommen. Am 
nächsten Morgen fühle ich mich wie immer nach solchen Nächten, 



8» 115 



die ich jetzt seit bald 20 Jahren kenne. Ja, ich bin in dem Alter, 
in dem ich einen großen Sohn haben könnte, wenn sich alles dies 
nicht ereignet hätte — " 

Was Baudelaire anbelangt, so können wir uns sehr gut 
vorstellen, daß er sich vielleicht öfter in einer ähnlichen Lage 
befunden hat. Wir fühlen uns zu dieser Annahme umso eher 
berechtigt, als der erwähnte Traum mit denen, welche uns 
solche Kranke erzählen, manche Analogie aufweist. Merken 
wir uns in diesem Zusammenhange, daß am Anfang des 
Traumes von Langen, das Bordell abschließenden Sälen und 
Gängen die Rede war. Diese Vorstellung eines Ganges kommt 
sehr häufig wieder. Es handelt sich dabei z. B. um einen 
Tunnel, aus dem man nicht herauszukommen vermag oder 
um eine Festung mit dunklen Gängen, in denen man einge- 
schlossen ist. Diese Vorstellung von Gängen entspricht oft 
derjenigen der geistigen Mechanik, von der in Baudelaires 
Traume die Rede ist. Es handelt sich um die Art und 
Weise, auf welche die betreffende Person sich eingekerkert, 
von der Außenwelt abgeschlossen hat, da sie den Eindrücken 
aus dem Wege gehen wollte, welche die Erinnerung an eine 
infantile, durch diese Verdrängung erledigte Situation wach- 
rufen könnten. Sehr oft besagt diese Vorstellung vom Ge- 
fängnis: ich schließe mich in ein Gefängnis ein, weil ich hier 
allein und darum allmächtig bin. Ich interessiere mich ein- 
zig und allein für das, was ich tue, damit ich nicht schul- 
dig werde, mich für die andern (die Mutter) interessiert 
zu haben und mich so einem Konflikte auszusetzen. Oft 
handelt es sich dabei um Menschen, die in ihrer frühesten 
Kindheit (als sie 1 oder 2 Jahre alt waren) den sexuellen 
Verkehr ihrer Eltern oder der Dienstboten, denen sie anver- 
traut worden waren, beobachtet und die deshalb die Gewohn- 
heit angenommen haben, jeden sexuellen Eindruck zu ver- 
drängen. Die Verdrängung bezweckt, aus dem 
Bewußtseinsfeld alles das zu eliminieren, 



116 



was in der Kindheit für ihr affektives 
Leben von tiefgehender Störung wiar. Die 
Tatsache, daß ein Kind einen Koitus -beobachtet oder be- 
lauscht hat, kann zu schwerem Mißgeschick führen. Die Zahl 
der Fälle, bei denen ein Ereignis dieser Art zum Ausgangs- 
punkt von schweren Neurosen wurde, ist eine beträchtliche. 
Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr Eindrücke 
dieser Art geeignet sind, die zarte Psyche des Kindes völlig 
zu zerrütten. Solche Situationen können beim Knaben die 
Ursache für jenes schreckliche Minderwertigkeitsgefühl wer- 
den, welches die jungen männlichen Kinder empfinden, wenn 
sie entdecken, daß sie das nicht besitzen, was dem Vater 
oder dem Freunde der Mutter oder der Amme, mit denen 
sie sich vergleichen, zu ihrem sexuellen Triumphe verhilft. 
Nicht zu vergessen ist auch die Kastrationsangst als Folge 
dieser Verhältnisse. Die infantile Psyche kann auf diese 
Eindrücke sexueller Natur mit charakteristischen Reaktionen 
der noch unentwickelten Sexualität reagieren: das Kind ver- 
hält den Stuhl, uriniert ins Bett, begeht Verstöße, um be- 
straft zu werden. Und wie oft drohen nicht Kindermädchen 
und manchmal auch Eltern bei solcher Gelegenheit mit den 
Worten: „Man wird es Dir abschneiden; man wird es Dir 
mit einem glühenden Eisen abbrennen; die Katze wird es Dir 
abfressen usw." Ohne psychoanalytische Kenntnis ist es un- 
möglich, sich von den unheilvollen Folgen solcher Drohungen 
ein Bild zu machen. 

Darf man nun bei Baudelaire das Vorhandensein eines 
infantilen, der Beobachtung des Geschlechtsaktes analogen 
Traumas annehmen? Es ist schwierig, darauf eine befriedi- 
gende Antwort zu geben. Auf jeden Fall erscheint es uns 
nach allem, was die Psychoanalyse bis jetzt gelehrt hat, als 
wahrscheinlich, daß Baudelaire in seiner frühesten Kindheit 
Konflikte dieser Art erlitten hat, denn vom Freudschen 



"7 



Standpunkt aus gesehen haben sie in ihm unzweideutige 
Spuren hinterlassen. 

Beobachtete er Mariette, das Mädchen, an dem er so 

innig hing, oder seine Mutter? Wir wissen darüber nichts 

Sicheres. . , a 

Was wir aber mit Bestimmtheit wissen, ist dies, daiS er 
seit jeher von wirklichen sexuellen Zwangsvorstellungen ver- 
folgt wurde. Ferner hatte er ein derartiges Bedürfnis, den 
Koitus mit infantilen Mitteln auszuführen, daß man die An- 
nahme nicht von sich weisen kann, diese Reaktionsweise sei 
im frühesten Kindesalter in ihm fixiert worden. 

Dazu gesellt sich noch seine Tendenz, „Voycur" zu 
sein, und ein außergewöhnlich scharfer Beobachtungssinn, der 
bei 'den Menschen sehr häufig ist, bei denen das Auge zum 
Leitorgan des Sexualgenusses wurde. Er verfügt ferner auch 
über ein erstaunliches Verständnis für Werte, Bedeutungen, 
über jene Empfindsamkeit des Künstlers, der bei der Berüh- 
rung mit allem, was groß und wahr ist, sich in tiefe Schwin- 
gung versetzt fühlt, über jenen akuten Spürsinn für die durch 
Vorurteile verschüttete und hinter bürgerlicher Scheinheilig- 
keit vermummte Wahrheit. Vergegenwärtigt man sich dies 
alles, so geht daraus mit Sicherheit hervor, daß einem Manne 
wie Baudelaire die Geheimnisse des Lebens, in die er für 
immer verliebt blieb, sehr früh offenbart worden sein mußten, 
und daß er für die Illusionen, mit denen man in der Regel 
aufwächst, um schließlich zu einem wohlerzogenen und ge- 
wöhnlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft zu werden, 
nur Verachtung übrig haben konnte. 

All dies halten wir für sehr wichtig und wir werden 
in dem Kapitel über die Psychologie der künstlerischen 
Schöpfung noch darauf zurückkommen. 

Hier bemerken wir lediglich, daß — von unserem Stand- 
punkt aus gesehen — die ganze Geschichte von der Wieder- 
verheiratung der Mutter Baudelaires als Ursache seiner Neu- 



118 






rose an Bedeutung einbüßt. Wir sind ernstlich versucht, die 
Tatsache in Betracht zu ziehen, daß Baudelaire auch ohne 
Aupick Baudelaire geworden wäre, gewiß mit anders ratio- 
nalisierten Reaktionen, aber mit Reaktionen, die den gleichen 
tiefgehenden Störungen seiner Psyche entsprochen hätten, 
welche in der oben behandelten sexuellen Hemmung ihren 
Ausdruck gefunden haben. 











































n 9 






cj. Kapitel. 

Einige Ideenverbindungen bei 
Baudelaire. 

Nach dem bisher Vorgebrachten wird es interessant 
sein, einige Gedankenassoziationen Baudelaires zu einander 
in Beziehung zu bringen. Wir geben hier eine Stelle aus sei- 
nem Tagebuche wieder, die keines Kommentars mehr bedarf: 

Gibt es mathematische Unsinnigkeiten und Narxen, die den- 
ken, daß zwei und zwei drei ist? Mit andern Worten, vermag die 
Halluzination, wenn diese Worte nicht aufheulen (so miteinander 
verkuppelt zu werden), auf Dinge rein vernünftigen Denkens 
hinüberzugreifen? Wenn ein Mensch einen andern, der die 
Gewohnheit, faul, verträumt und ein Müßiggänger zu werden, in 
der Weise annimmt, daß er immer das Wichtige auf den nächsten 
Tag verschiebt, jeden Morgen mit Peitschenhieben 
aufwecken und ihn ohne Mitleid so lange hauen 
würde, bis er, da er aus Lust nicht zu arbeiten 
vermag, nun aus Furcht arbeitet, ist der Peit- 
schende nicht des andern Mannes wahrer Freund 
und Wohltäter? Man darf übrigens behaupten, 
daß die Lust sich nachher einstellen würde, und 
diese Behauptung mit viel mehr Recht wagen als jene andere: 
die Liebe folgt der Hochzeit. 

Ebenso ist in der Politik der wahre Heilige derjenige, der 
das Volk zum Wohle des Volkes prügelt und totschlägt. 

Und nun lesen wir folgende besonders charakteristische 
Zeilen: t 

Bei der Zeugung eines jeden sublimen Gedankens gibt es 
einen nervösen Chok, den man im Kleinhirn (hinten!) spürt. 

Spanien versetzt die natürliche Roheit der Liebe in die 
Religion. 



120 



Bezeichnend ist auch eine Stelle über die Todesstrafe; 
sie ist besonders dann aufschlußreich, wenn man in Be- 
tracht zieht, welche Verbindung der Dichter zwischen der 
Liebe und der Folterung herstellt: 

Die Folter als Kunst, die Wahrheit aufzudecken, ist ein 
barbarischer Stumpf rinn; man verwendet dieses materielle Mittel 
um ein geistiges Ziel zu erreichen. 

Die Todesstrafe ist das Ergebnis einer mystischen, heute völlig 
unverstandenen Idee. Die Todesstrafe bezweckt nicht, die Gesell- 
schaft zu retten, wenigstens nicht, sie materiell zu retten. Ihr 
Zweck ist, die Gesellschaft und den Schuldigen 
(geistig) zu retten. Damit das Opfer vollkommen sei, muß 
der Schuldige freudig zustimmen. Einem zum Tode Verurteilten 
Chloroform zu geben, wäre eine Ruchlosigkeit, denn das nähme 
ihm das Bewußtsein seiner Größe als Opfer und 
würde ihm die Aussicht, das Paradies zu gewin- 
nen, zerstören. 

Was die Tortur anbelangt, sie wird aus dem schamlosen, 
nach Wollust dürstenden Teile des menschlichen Herzens ge- 
boren. Grausamkeit und Wollust sind, wie die äußerste Hitze und 
die äußerste Kälte, identische Empfindungen. 

Die ganze masochistische Homosexualität Baudelaires 
läßt sich in dem Satze zusammenfassen: „Damit das Opfer 
vollkommen sei, muß der Schuldige freudig zustimmen." 
Dieses Bekenntnis wirft ein besonderes Licht auf eine Stelle, 
die wir einige Seiten später finden: 

Ein Kapitel über die unzerstörbare, ewige, allgemeine, sinn- 
reiche Grausamkeit des Menschen. 
Über die Blutliebe. 
Über den Blutrausch. 
Über den Rausch der Massen. 
Über den Rausch des Gefolterten (Damiens). 

Die Stelle über die Franzosen geht natürlich in erster 
Linie ihn selber an: 

Der Franzose ist ein so gut gezähmtes Hühnerhoftier, 
daß er keine Pallisade zu überklettern wagt. Siehe seinen Ge- 
schmack in Kunst und Literatur. 






121 



Er ist ein Tier lateinischer Rasse; der Dreck mißfällt ihm 
nicht; zu Hause und in der Literatur ist er Scatophage. Er 
lechzt nach Exkrementen 48 . Die Kaffeehausliteratcn nennen das 
das gallische Salz. 

Schönes Beispiel französischer Niedrigkeit, der Nation, die 
vorgibt, unabhängiger zu sein als jede andere. 

Auch vom psychoanalytischen Standpunkte aus ge- 
sehen, könnte man kaum präziser sein. Das Einzige, was 
wir hinzufügen möchten, ist dies, daß in einer Neurose wie 
in der Baudelaires, wenn sie einen gewissen Grad erreicht 
hat, das Individuum tatsächlich dazu kommen kann, seine 
Exkremente zu verschlingen und seinen Urin zu trinken. 

Wir lassen hier eine weitere Stelle aus seinem Tage- 
buche folgen: 

Im Herzen des Mannes eingefleischte Neigung zur Prosti- 
tution 49 , aus dieser Neigung kommt sein Abscheu vor der Ein- 
samkeit. Er will zwei sein. Das Genie will eins bleiben, also ein- 
sam sein. Der Ruhm bedeutet, eins zu bleiben und mit sich selber 
auf besondere Art Unzucht zu treiben. 

Diese entsetzliche Angst vor der Einsamkeit, das Bedürfnis, 
sein Ich im Fleische des andern zu vergessen, nennt der Mensch 
vornehm sein Bedürfnis nach Liebe. 

Zwei schöne Religionen, für ewige Zeiten auf die Mauern 
geschrieben, ewige Qualen des Volkes: der P... (der antike 
Phallus), und „Es lebe Barbes!" oder „Nieder mit Philippe" oder 
„Es lebe die Republik"! 

Seine trostspendenden Maximen über die Liebe bekom- 
men, unter diesem Gesichtswinkel gesehen, einen ganz beson- 
deren Sinn: 

Wer immer Maximen schreibt, wechselt gerne seinen Cha- 
rakter; der Junge malt sich Runzeln, der Alte verwandelt sich in 
einen Adonis. 

Die Welt, dieses umfassende System von Widersprüchen — 
sie zollt jeder Hinfälligkeit große Achtung, — schnell Kohle her, 
malen wir uns Runzeln: da das Gefühl im allgemeinen einen 



48 ) Tortur oder Erniedrigung. 
") D. h. Erniedrigung. 



122 



Ehrenplatz einnimmt, behandeln wir unser Herz wie einen 
Hausgiebel. 

Aber wozu? Wenn ihr nicht wahre Menschen seid, so seid 
doch wenigstens wahre Tiere. Seid naiv und ihr werdet not- 
wendigerweise einigen Menschen nützlich und angenehm sein. 
Mein ... — wäre er rechts — wird unter den 3 Milliarden Wesen, 
die die Nesseln des Gefühls abgrasen, tausend Mitparias finden. 

Wenn ich mit der Liebe beginne, so geschieht es, weil die 
Liebe für alle — sie leugnen es vergebens — das große Ereignis 
des Lebens ist! 

Ihr alle, die ihr irgendeinen unersättlichen Geier nährt — 
ihr hoffmannesken Dichter, welche die Harmonie in den kri- 
stallenen Regionen zum Tanzen einlädt und die Geige wie eine 
Klinge zerreißt, die nach dem Herzen fahndet, — ihr gestrengen, 
gierigen Beobachter, bei denen selbst der Anblick der Natur ge- 
fährliche Ekstasen auslöst — möge Euch die Liebe ein schmerz- 
stillendes Mittel sein. 

Friedliche Dichter, objektive Dichter, edle Anhänger plan- 
mäßigen Schaffens, Architekten des Stils, Weltkluge, die Ihr eine 
tägliche Pflicht zu erfüllen habt, möge die Liebe Euch ein Reiz- 
mittel sein, eine stärkende Arznei und die Gymnastik der Lust 
eine fortwährende Ermutigung zur Tat! 

Für diese die einschläfernden, lindernden Arzneien, für jene 
der Alkohol! 

Euch, zu denen die Natur grausam und denen die Zeit kostbar 
ist, möge die Liebe ein beseeligendes und brennendes Stärkungs- 
mittel sein. 

Mau muß also seine Liebschaften zu wählen wissen. 

Ohne die Möglichkeit zu leugnen, daß man sich auf der Stelle 
verlieben kann — siehe Stendhal, (Über die Liebe, Buch I, 
Kap. XXIII) — darf man annehmen, daß die Schicksalsfügung 
über eine gewisse Elastizität verfügt, die sich menschliche Frei- 
heit nennt. 

So wie für die Theologen die Freiheit darin besteht, die 
Versuchungen zu fliehen, nicht aber, ihnen zu widerstehen, so be- 
steht auch in der Liebe die Freiheit darin, die Frauen, die 
Euch gefährlich sind, zu meide n 50 . 

Die Frau, die Euch zu gebieten hat, die auf Eurem Himmel 
leuchtet, wird genügend deutlich durch Eure natürliche Sympa- 



50 ) durch die neurotische Schranke. 

123 



thien, die ein Lavater, die Malerei und Plastik bestätigen, gekenn- 
zeichnet. 

Die physiognomischen Kennzeichen wären unfehlbar, würde 
man säe alle kennen und gut kennen. Ich kann hier nicht 
aufzählen, welche physiognomischen Merkmale der Frau zu 
diesem oder jenem Mann passen. Vielleicht werde ich einmal 
diese ungeheure Aufgabe unternehmen und zwar in einem Buche, 
das ich überschreiben will: der Katechismus der geliebten Frau. 
Aber ich bin überzeugt, daß jeder von uns, unterstützt durch 
gebieterische und unbestimmbare Sympathien, geleitet von der Be- 
obachtung, in einer gegebenen Zeit die zu ihm passende Frau 
finden kann. 

Übrigens sind unsere Sympathien im allgemeinen nicht ge- 
fährlich; die Natur läßt uns im Essen wie in der Liebe selten an 
Dingen Geschmack finden, die uns nicht gut bekommen. 

Da ich das Wort Liebe in seiner vollsten Bedeutung nehme, 
sehe ich mich genötigt, für gewisse heikle Fragen einige beson- 
dere Maximen anzugeben. 

Mann des Nordens, glühender Schiffer im Nebel, der Du 
schönere Nordlichter suchst als die Sonne, unermüdlich nach Edlem 
strebender Idealist, fahnde nach kühlen Frauen. — Liebe sie innig, 
denn die Mühsal ist hier größer und härter als anderswo, und eines 
Tages wird Dir vor dem Gerichtshofe der Liebe, der jenseits der 
blauen Weiten der Unendlichkeit Sitzung hält, dafür umso 
größere Ehre zufallen. 

Mann des Südens, dem die heitere Natur den Sinn für 
Geheimnisse und Mysterien verschließt — leichtlebiger Mensch 
aus Bordeaux, Marseille oder Italien, mögen Dir die glühenden 
Frauen genügen. Ihre Beweglichkeit und Lebhaftigkeit sind Dein 
natürliches Reich — Dein kurzweiliges Reich. 

Jüngling, der Du ein großer Dichter werden willst, hüte 
Dich in der Liebe vor dem Paradoxen. Laß die von ihrer ersten 
Pfeife begeisterten Schüler aus voller Kehle das Loblied der feisten 
Frau singen; überlaß diese Lügen den Ncophytcn der pseudo- 
romantischen Schule. Wenn die feiste Frau bisweilen auch eine 
köstliche Laune bedeutet, so ist die magere Frau ein Brunnen 
düsterer Wollust. 

Verhöhne nie die großartige Natur und wenn sie Dir eine 
Mätresse ohne Busen zugewiesen hat, so sage Dir: „Ich besitze 
einen Freund — mit Hüften!" und geh in den Tempel, um den 
Göttern zu danken. 



124 



Du mußt es verstehen, sogar aus der Häßlichkeit Nutzen 
zu ziehen. Mit Deiner eigenen geht dies allzuleicht. Jedermann 
weiß, daß Trenk, das verbrannte Maul, von den Frauen ver- 
göttert wurde, ja selbst von der eigenen! 

Ich will nun von etwas noch Seltenerem und Schönerem spre- 
chen, das die Ideenassoziation leicht und natürlich erscheinen lassen 
wird. — Ich nehme an, Dein Idol sei krank. Seine Schönheit ist 
unter der scheußlichen Kruste der Windpocken verschwunden 
wie das Grün unter den Eisblöcken des Winters. Noch beunruhigt 
von unaufhörlicher Angst und den wechselnden Ereignissen wäh- 
rend der Krankheit, betrachtest Du traurig die unauslöschlichen 
Male auf dem Körper der lieben Genesenden. Plötzlich hörst Du 
eine Weise in Deinen Ohren tönen, die von dem wahnsinnig ra- 
senden Bogen Paganinis gespielt wird, und diese sympathische Weise 
spricht Dir von Dir und scheint Dir Dein ganzes inneres Gedicht 
von den verlorenen Hoffnungen zu singen. Von diesem Augenblicke 
an gehören die Male der Windpocken zu Deinem Glücke und sie 
werden Deinem gerührten Blicke stets die geheimnisvolle Weise 
Paganinis singen. Sie werden von nun an nicht bloß ein Gegenstand 
süßer Sympathie sein, sondern auch ein Gegenstand physischer 
Wollust, wenn Du wirklich zu jenen feinfühligen Geistern gehörst, 
für welche die Schönheit das Versprechen des Glückes ist. Die 
Ideenassoziation verhilft vor allem dazu, die Häßlichen zu lie- 
ben, denn Du wagst es sehr wohl, Dich mit einer pockennarbigen 
Frau zu trösten, wenn Dir Deine pockennarbige Mätresse untreu ist. 

Für manche noch wunderlichere und blasiertere Geister rührt 
aber die Lust an der Häßlichkeit von einem noch geheimnis- 
volleren Gefühle her, von dem Verlangen nach dem Unbekannten 
und der Sehnsucht nach dem Schrecklichen. Dieses Gefühl, dessen 
mehr oder minder entwickelten Keim jeder in sich trägt, treibt 
manche Dichter in die Amphitheater und Kliniken und die Frauen 
zu den öffentlichen Hinrichtungen. Ich muß diejenigen, welche 
hiefür kein Verständnis aufbringen könnten, lebhaft bedauern — 
sie sind eine Harfe ohne dunkle Saite. 

Was die orthographischen Fehler anbelangt, die nach der 
Meinung einiger Idioten ins Gebiet der seelischen Häßlichkeit ge- 
hören, ist es vielleicht nicht unangebracht, zu bemerken, daß sie 
geradezu ein naives Gedicht an Erinnerungen und Befriedigungen 
sein können! Der reizende Alkibiades stotterte so lieblich, und wie 
göttlich ist das Kauderwelsch der Kinder! Hüte Dich also, junger 



125 



Eingeweihter der Wollust davor, Deine Freundin franzosisch zu 
lehren, es sei denn, Du willst dadurch ihr Liebhaber werden. 

Es gibt Menschen, die darüber erröten eine Frau gehebt zu 
haben, sobald sie sich dessen gewahr werden, daß sie dumm ist. 
Das sind alberne Esel, gerade recht dazu, die gemeinsten Disteln 
der Schöpfung abzugrasen oder die Gunst eines Blaustrumpfes zu 
genießen. Die Dummheit ist oft geradezu der Schmuck der 
Schönheit; sie gibt den Augen jene düstere Durchsichtigkeit der 
dunklen Teiche und die ölige Ruhe der tropischen Meere. Die 
Dummheit erhält die Schönheit; sie behütet vor Runzeln; sie ist 
ein göttliches Kosmetikum, das unsere Idole vor den Wunden be- 
wahrt, welche das Denken für uns gemeine Gelehrte bereit hält. 

Andere wieder sind ihren Mätressen böse, weil sie verschwen- 
derisch sind. Das sind die Geizhälse oder Republikaner, welche 
die wichtigsten Grundsätze der Nationalökonomie nicht kennen. 
Die Laster einer großen Nation bedeuten ihren größten Reichtum. 

Andere wieder, gesetzte Leute, vernünftige und ruhige 
Dei'sten, gemäßigte Dogmengläubige, sind darüber wütend, wenn 
sie mitansehen müssen, wie sich ihre Frauen der Frömmigkeit in 
die Arme werfen. O, diese Ungeschickten, die nie auf einem 
Instrumente werden spielen können! O, diese dreifachen Narren, 
die nicht begreifen, daß die verehrungsvollste Form, in der die 
Religion auftreten kann, ihre Frau ist. Einen Gatten bekehren, 
welch köstlicher Apfel! Was für eine schöne verbotene Frucht ist 
doch eine großzügige Gottlosigkeit — in einer tobenden Winter- 
nacht, am Herdfeuer bei Wein und Trüffeln — stummer Choral 
des häuslichen Glückes, Sieg über die gestrenge Natur, die selbst 
die Götter zu lästern scheint. 

Ich wäre nicht so bald damit fertig, wollte ich alle schönen 
und guten Seiten dessen aufzählen, was man Laster und moralische 
Häßlichkeit nennt; aber die Menschen mit Herz und Geist stehen 
oft vor einem Fall, der schwierig und angsteinflößend ist wie 
eine Tragödie, dann nämlich, wenn sie zwischen dem ererbten und 
vom Vater übernommenen Sinn für die Sittlichkeit — und dem 
tyrannischen Verlangen nach einer Frau, die sie nur verachten 
müssen, eingeklemmt sind. Beständige und gemeine Untreue, niedere 
Gewohnheiten, schamlose, zu ungelegener Zeit entdeckte Geheim- 
nisse flößen einem Grausen ein vor dem Idol und es kommt manch- 
mal vor, daß einen die Lust erschauern macht. Dadurch ist man in 
seinen platonischen Überlegungen gar arg behindert. Tugend und 
Stolz rufen einem zu: Fliehe sie! Die Natur flüstert einem ins Ohr: 
Wohin entfliehen? Schreckliches Entweder-Oder, durch das die 



126 



stärksten Seelen beweisen, wie unzulänglich unsere philosophische 
Bildung ist. Da die Menschen nun von Natur aus dazu ver- 
urteilt sind, ewig den Roman von Manon Lescaut und Leone 
Leoni zu spielen, ziehen sich die Geschicktesten unter ihnen mit 
der Erklärung aus der Klemme, daß die Verachtung sehr gut mit 
der Liebe vereinbar sei. Ich will Dir hier ein viel einfacheres Rezept 
vorschlagen* das Dich nicht nur von solch beschämender Recht- 
fertigung dispensiert, sondern Dir sogar gestattet, Dein Idol nicht 
zu beschädigen und Deine Kristallisation nicht zu stören. 

Ich nehme an, daß die Heldin Deines Herzens, nachdem sie 
alle erlaubten und unerlaubten Mittel mißbraucht hat, an den 
Grenzen des Verderbens angelangt ist, zwar nicht ohne vorher — 
letzte Untreue, höchste Pein — die Macht ihrer Reize auf die Ge- 
fangenenwärter und Scharfrichter ausgeübt zu haben. Wirst Du so 
leicht Dein Ideal verleugnen oder, wenn die Natur Dich, treu und 
weinend, in die Arme dieser bleichen Geköpften wirft, mit dem 
gekränkten Ton der Entsagung erklären: Verachtung und Liebe 
sind verwandte Gefühle? Gewiß nicht, denn dies sind Paradoxa 
einer furchtsamen Seele und matten Intelligenz. — Sag kühn und 
mit der Unschuld des wahren Philosophen: „Weniger ruchlos 
wäre mein Ideal unvollständig gewesen. Ich betrachte es und bin 
ihm ergeben. Bei einem so mächtigen, schurkischen Geschöpf weiß 
die große Natur allein, was sie machen will. Höchstes Glück und 
höchste Vernunft! Unbedingtheit! Resultante aus Gegensätzen! 
Ormuzd und Ahriman, Ihr seid eins!" 

Dank solch synthetischer Auffassung der Dinge wird Dich die 
Bewunderung ganz natürlich zur reinen Liebe zurückführen, zu 
dieser Sonne, deren Intensität alle Flecken in sich aufsaugt. 

Erinnere Dich daran, daß man sich in der Liebe vor allem 
vor dem Paradoxon hüten soll. Die Naivität allein vermag zu 
retten, die Naivität allein macht glücklich, und wäre Deine 
Mätresse auch so häßlich wie die alte Mab, die Königin der 
Schrecknisse. Im allgemeinen ist die Liebe in den vornehmen 
Kreisen — ein geschickter Moralist hat es gesagt — nur Liebe 
zum Spiel, zum Gefecht. Es ist dies ein großer Fehler, denn Liebe 
muß Liebe bleiben. Gefecht und Spiel sind nur als Politik im Falle 
Liebe gestattet. 

Die moderne Jugend tut unrecht, die Tat vorzubereiten. 
Nicht wenige Verliebte sind eingebildete Kranke, die viel für 
Arzneien ausgeben. Sie bereichern die Herren Apotheker, ohne 
dabei die Befriedigungen und Privilegien einer wirklichen Krank- 



127 



heit zu genießen. Sie verderben sich ihren Magen und vermindern 
so die Verdauungspotenz der Liebe. Obwohl man mit seinem Jahr- 
hundert Schritt halten muß, hüte Dich, den berühmten Don Juan 
nachzuäffen, der nach Moliere nur ein ungestümer, in der Liebe 
bewanderter und mit den Verbrechen und Listen verbrüderter 
Kerl war. Dank den Herren Alfred de Musset und Theophile 
Gautier ist er zum künstlerischen Müßiggänger geworden, der in 
den verrufenen Häusern der Vollkommenheit nachspürt, um 
schließlich nur noch ein alter Dandy zu sein, der von all seinen 
Reisen gebrochen heimkehrt und als ärgster Narr der Welt neben 
einer treuen, in ihren Gatten zärtlich verliebten Frau das 
Leben fristet. 

Zusammenfassende allgemeine Regel: Hüte Dich in der Liebe 
vor dem Mond und den Sternen, hüte Dich vor der Venus von 
Milo, den Seen, den Gitarren, den Strickleitern und allen Ro- 
manen, ja sogar vor dem schönsten, und wäre er von Apollo 



selber geschrieben. 



Aber die, welche Du 'liebst, liebe sie ernstlich, stark, keck, 
orientalisch und grausam. Möge Deine Liebe nicht die Liebe eines 
andern belästigen; möge Deine Wahl den Staat nicht stören. Bei 
den Inkas liebte man seine Schwester; gib Dich mit Deiner Base 
zufrieden. Erklettere nie die Balkone, beschimpfe nie die öffent- 
liche Gewalt. Nimm Deiner Mätresse nicht den Glauben an die 
Götter und wenn Du sie ins Gotteshaus begleitest, tauche Deine 
Finger anständig ins reine und frische Wasser des Weihfasses. 

Jede Moral zeugt vom guten Willen des Gesetzgebers. Jede 
Religion ist höchster Trost für alle Betrübten. Jede Frau ist ein 
Teil der wesentlichen Frau, die Liebe allein ist der Mühe wert, 
daß man ein Sonnet drechselt und feine Wäsche trägt. Alle diese 
Dinge verehre ich mehr als irgendjemand und ich zeihe jeden der 
Verleumdung, der behauptet, hinter diesem Fetzen Moral stünden 
Zeichen des Kreuzes, er sei Nahrung für einen Skandal. Eine 
schillernde Moral, nicht wahr? Buntfarbige Gläser, welche die 
ewige Lampe der Wahrheit, die darin leuchtet, vielleicht gar zu 
stark färben? Nein, durchaus nicht! Hätte ich beweisen wollen, 
daß in der besten der möglichen Welten alles aufs beste bestellt 
ist, der Leser würde das Recht haben, mir wie dem genialen 
Affen zu sagen: Du bist boshaft! Aber ich habe beweisen wollen, 
daß alles aufs beste bestellt ist in der schlimmsten der möglichen 
Welten. Es wird mir daher viel verziehen werden, weil ich viel 
geliebt habe, mein Leser... oder meine Leserin! 



128 


















io. Kapitel. 

Die Schranke. 

Einer Malabresin* 1 

Dein fuß so fein wie deine hand, der hüfte breite 

Bestände mit der schönsten weißen frau im streite, 

Dem denker-künstler ist dein körper lieb und traut 

Und schwärzer ist dein sammtnes aug als deine haut. 

In blauem heißem lande hat dich Gott geborgen. 

Es ist dein amt des herren pfeife zu besorgen. 

Du giebst den frischen duftigen krügen ihren ort. 

Du treibst vom bett die schwärmenden insekten fort. 

Und singen in dem morgenwinde die platanen 

So gehst du ananassc kaufen und bananen. 

Dann wandelst du wohin du wünschest stundenlang 

Und murmelst einen alten unbekannten sang. 

Und bringt der abend mit dem scharlachmantel schatten 

So legst du sachte deine glieder hin auf matten 

Und deine träume fliegen kleinen vögeln gleich 

Und sind wie du an anmut und an blumen reich . . . 



51 ) Stefan George, S. 108/109 („Les Fleurs du Mal", S. 338). 
A une Malabraise 

Tes pieds sont aussi fins que tes mains et ta hanche 

Est large ä faire envie ä la plus belle blanche; 

A I'artiste pensif ton corps est doux et eher; 

Tes grands yeux de velours sont plus noirs que ta chair. 

Aux pays chauds et bleus oü ton Dieu t'a fait naitre 

Ta täche est d'allumer la pipe de ton maitre, 

De pourvoir les flacons d'eaux fraiches et d'odeurs. 

De chasser loin du lit les moustiques rodeurs, 

Et, des que le matin fait chanter les platanes, 

D'acheter au bazar ananas et bananes. 



129 



Warum du. glücklich k i n d. nach unseren gestaden 
Dich sehnst die übervölkert sind und leidbeladen. 
Der schiffer starke arme dir zum schütz be- 
stimmst. 
Von deinen lieben tamarinden abschied nimmst? 
Du halb bekleidet nur mit leichten musselstoffen 
Da drüben von dem schnee- und hagelsturm getroffen. 
Wie wirst du weinen um die tage frei und unbewußt! 
Du mußt mit rohen schnüren fesseln deine brüst. 
Nach einem abendbrot in unsrem schmutze laufen 
Und deiner reize seltsam fremden duft verkaufen. 
Dann suchst du starren blicks im ncbel schwarz und kalt 
Der fernen kokosbäume schwankende gcstalt. 

Ist man einmal, dank der Psychoanalyse, mit den affek- 
tiven Konflikten Baudelaires einigermaßen vertraut, so wird 
man sich dessen bewußt, daß Jeanne Duval, die Mulattin, 
die anscheinend eine so wichtige Rolle im Leben des Dich- 
ters gespielt hat, doch nur ein Element im Dienste jener 
psychischen Konstellation war, die auch ohne sie existiert 
hätte und für die diese Frau, im Grunde genommen, nur das 
allen sichtbare Symbol gewesen ist. War nicht das Schwarze 
die große Leidenschaft des Dichters — weil es mit dem 



Tout le jour, oü tu veux, tu menes tes pieds nus, 

Et fredonnes tout bas de vieux airs inconnus; 

Et quand descend le soir au manteau d'ecarlate, 

Tu poses doucement ton corps sur une natte, 

Oü tes reves flottants sont pleins de colibris, 

Et toujours, comme toi, gracieux et flcuris. 

Pourquoi, l'heureuse enfant, veux-tu voir notre France, 

Ce pays trop peuple que fauche la souffrance, 

Et, confiant ta vie aux bras forts des marins, 

Faire de grands adieux ä tes chers tamarins? 

Toi, vetue a moitie' de mousselines freies, 

Frissonnante la-bas sous la neige et les greles, 

Comme tu pleurerais tes loisirs doux et francs, 

Si, le corset brutal emprisonnant tes flancs, 

II te fallait glaner ton souper dans nos fanges 

Et vendre le parfum de tes charmes Stranges, 

L'ceil pensif et suivant, dans nos sales brouillards, 

Des cocotiers absents, les fantomes 6pars! 



130 



"Weißen nicht ging? Brauchte er nicht das Mißlingen als 
Schranke, um die wirkliche Liebe zu fliehen, um sich zum 
Ausgangspunkt zurückgeworfen zu fühlen, im Feuerkreis ge- 
fangen, der wie ein Panzer oder eine Gebärmutter seine 
Seele umschließen sollte, die einem andern Kult als dem des 
Lebens und des Glückes geweiht war? Vergessen wir nicht, 
daß Baudelaire sein ganzes Leben lang sich geweigert hat. 
irgendeinen Beruf zu erwählen. Er wollte um jeden Preis 
frei sein und bleiben, selbst wenn er sich damit hätte ab- 
finden müssen, bloß König in einer Wüste zu sein. Für ihn 
kam jede Entwicklung einer Untreue gleich. Um zu ver- 
stehen, in welchem Maße für ihn ein bürgerliches Leben etwas 
Infames bedeutete, genügt es, sich die Familienverhältnisse 
Baudelaires vor Augen zu halten. Es im Leben zu etwas 
bringen, bedeutete für ihn, ein ehrenhaftes Leben, wie das 
des Generals, seines Stiefvaters, zu führen. Ein ehrliches 
Leben führen, schließt die Notwendigkeit in sich ein, dem 
Vater, mit dem man sich identifiziert, zu folgen, dem Vater, 
den man irgendwie ersetzt. Wir haben gesehen, wie Baude- 
laire diese Rivalität des Sohnes seinem Vater gegenüber 
erledigt hat, um sich nicht schuldig zu fühlen, den Tod 
des Vaters gewünscht zu haben. Es zu etwas bringen, wie 
Aupick es zu etwas gebracht hatte, oder gar wie jedermann 
einfach im Kreis der Familie leben, bedeutete für dieses Kind, 
dem Vater gleich zu werden; dies verbot er sich aber der 
Kastrationsangst wegen wie ein Verbrechen 52 . Vor dem Er- 
folg, Offizier, Mann, Familienvater zu sein, mußte er ins 
Dunkle fliehen, in die Rolle eines Dandy-Offiziers, in die 
eines gebrochenen Mannes, eines Priesters des Teufels und 
der Hölle, da er kein Priester des hellichten Tages, des 



52 ) Man erinnert sich an das Urteil Baudelaires über „die 
Blumen des Bösen": „Dieses Buch ist nicht für meine Frauen, 
meine Töchter und meine Schwestern . . . Ich habe Angst vor diesen 
Dingen." 



9* 131 






Himmels sein durfte. Er brauchte eine Brustwehr, eine 
Schranke, die ihn vor dem normalen Wege zurückzuhalten 
und im besonderen von der Familie, im allgemeinen von der 
menschlichen Gesellschaft zu trennen vermochte. Jcanne Duval 
und vielleicht sogar Aupick, spielten die Rolle dieser Schranke. 

Er brauchte die berühmte „Mechanik", jene Erfindung, die 
es ihm erlaubte, zuerst seinen Stiefvater, dann Jeanne Duval 
gegen sich zu verwenden. Er brauchte alles, was ihm gestat- 
tete, den Mißerfolg zu organisieren, von dem wir in den vor- 
hergehenden Kapiteln gesprochen haben. Die Rolle Aupicks 
und die Jeannes nehmen in unserem System einen sichtlich 
anderen Charakter an als den, welchen man ihnen zuerst 
zuschreiben wollte. 

Es ist durchaus möglich, daß der General, was immer 
auch seine Witwe darüber in ihrem Briefe an Asselineau B2a 



52a 



) 



„Lieber Herr Asselineau, 



„Ich teile Ihnen im folgenden mit, was ich Ihnen auf Ihre 
Fragen über Charles Reisen zu sagen habe: 

Vor allem müssen Sie wissen, daß mein Mann, General 
Aupick, Charles vergötterte. Als mein Sohn noch ein Kind war, 
hat er sich persönlich sehr um dessen Erziehung gekümmert. Er hatte 
es mit einer so prachtvollen Intelligenz zu tun, mit einem so lern- 
begierigen, neugierigen, ihn überraschenden Geist, daß er ihn von 
Tag zu Tag lieber gewann. 

Als dann die Erfolge im Lycee Louis-Le-Grand dazukamen 
und die Studien beendigt waren, träumte er für Charles eine glän- 
zende Zukunft: er wollte ihn in einer hohen sozialen Stellung sehen, 
die er ihm, da er mit dem Herzog von Orleans befreundet war, 
verschaffen konnte. Aber wie bestürzt waren wir, als Charles sich 
allem widersetzte, was man für ihn tun wollte, als er mit eigenen 
Flügeln fliegen und Schriftsteller werden wollte! Was für eine Ent- 
täuschung war das in unserem bis dahin so glücklichen Familien- 
leben! Was für ein Kummer! Um seinen Ideen eine andere Rich- 
tung zu geben und vor allem, um einigen schlechten Bekannt- 
schaften ein Ende zu machen, sind wir dann auf den Gedanken 
gekommen, ihn auf Reisen zu schicken. 






132 



schreiben mag, unbewußt einige Schwierigkeiten empfunden 
hat, das Kind des ersten Mannes seiner Frau zu akzeptieren. 
Es ist wahrscheinlich, daß Aupick auf dieses von einer 
sanften und schwachen Mutter verhätschelte Kind sehr eifer- 
süchtig war. Während ihrer Witwenzeit hatte sie zu ihrem 
kleinen Kinde Zuflucht genommen, dieses Kind war von ihr 
ganz ungewöhnlich herzlich und innig liebkost worden, es 
lernte Tränenausbrüche kennen, die manchmal an Ekstase 
grenzten und eine laue und animalische Wollust, die der 
Dichter später vergeblich in den exotischen Ländern suchte. 
Dies mußte eine verwickelte, weil schuldbeladene Beziehung 
zwischen Mutter und Sohn zur Folge haben, ebenso jene Treib- 
hausatmosphäre schaffen, in der die Sinne Baudelaires sich zu 
früh und ungewöhnlich entwickelten — eine Atmosphäre, die 
in gewissem Sinne an eine Widernatürlichkeit streifte, die zwar 
unbewußt, aber darum nicht weniger real war. Auf diese 
Atmosphäre konnte Aupick, der ehrliche Mann und gute 
Katholik, nicht anders als mit der größten Energie reagieren, 
dies umso mehr, als er bei einer solchen Mutter und einem 
solchen Stiefsohn nie genau wissen konnte, ob der Platz des 
wahren Liebhabers nicht vom andern eingenommen wurde, 
von diesem Kinde mit einer so frauenhaften Empfindsamkeit, 
daß sie sich jeden Augenblick — ohne wahrnehmbare Bewe- 
gungen noch Gesten — mit der seiner Mutter vereinen und 
diese überglücklich machen konnte. Aus dieser Zeit stammt 
wohl das leidenschaftliche Verlangen Baudelaires, seine Mut- 



Der General, der in einer Hafenstadt aufgewachsen war, 
das Meer leidenschaftlich liebte, und in Charles Alter begeistert 
gewesen wäre, hätte er aufs Meer hinausfahren dürfen, nahm daher 
an, eine Reise zu Wasser sei einer Reise zu Lande vorzuziehen. 
Er konnte sich dabei täuschen, aber er war von den besten Ab- 
sichten für meinen Sohn durchdrungen. Dieser hätte ohne Zweifel 
vorgezogen, mit uns zu bleiben; jedoch ohne irgend einen Wider- 
willen zu zeigen, ließ er alles kommen, wie es kam." 



133 






tcr zum Weinen zu bringen, sie in Tränen zu sehen. Er ge- 
steht dies übrigens in einem an seine Mutter im Juli 1839 
gerichteten Brief, also in seinem 18. Lebensjahr, ein: „Gewiß 
sind sie" (die Lasegue, bei denen der Gymnasiast Baudelaire 
in Pension war) „glücklicher als wir. Bei Dir habe ich Tränen 
gesehen, Verdrießlichkeiten mit meinem Vater erlebt und Deine 
Nervenanfälle gekannt, aber ich habe Euch lieber 
so." Zietieren wir t>ei dieser Gelegenheit das Gedicht: 

HeautontimorGumenos* 3 

Ich trefP ins Herz dich ohne Hassen, 
Ein Henker ohne Zorn und Pein, 
So schlug einst Moses auf den Stein! 
Und Fluten will ich strömen lassen. 

Aus deinem Aug', ein Meer von Weh, 
Um meine Wüste neu zu tränken, 
Und stolz will ich die Wünsche lenken 
Auf deiner Tränen salziger See. 

Dein liebes Schluchzen und dein Klagen, 
Dein wilder, hoffnungsloser Schmerz 
Wird mir berauschend an das Herz 
Wie Sturm und Trommelwirbel schlagen. 



53 ) Terese Robinson, S. 166 („Les Fleurs du Mal", S. 221). 

L'Hcautontimoroumenos 

A. J. G. F. 

Je tc frapperai sans colere 

Et sans haine, comme un boucher r 

Comme Moise le rocher! 

Et je ferai de ta paupicre, 

Pour abreuver mon Sahara, 
Jaillir les eaux de la souffrance. 
Mon desir gonfle" d'csperance 
Sur tes pleurs salcs nagcra 



134 



Bin ich der grelle Mißklang nicht 

In diesem reinen Weltentönen 

Dank der Gewalt, die, mich zu höhnen, 

Die Seele rüttelt, reizt und sticht? 

Denn in mir ist ein Schrei voll Grauen! 
Ein Gift in mir, so schwarz und wild! 
Ich bin der Spiegel, drin ihr Bild 
Die Furien und Megären schauen! 

Ich bin die Wange und der Streich, 
Ich bin das Messer und die Wunde, 
Glieder und Rad zur selben Stunde! 
Opfer und Henkersknecht zugleich! 

Der Vampir, der sein Blut muß saugen, 
Der Einsamkeit verlorener Sohn, 
Mein Mund, verdammt zu ewigem Hohn, 
Will nimmermehr zum Lächeln taugen! 

Comme un vaisseau qui prend lc large, 
Et dans mon cceur qu'ils soüleront 
Tes chers sanglots retentiront 
Comme un tambour qui bat la charge! 

Ne suis-je pas un faux aecord 
Dans la divine Symphonie, 
Gräce ä la vorace Ironie 
Qui me secoue et qui me mord? 

Elle est dans ma voix, la criarde! 
C'est tout mon sang, cc poison noir! 
Je suis le sinistre miroir 
Ou la magere se regarde! 

Je suis la plaie et le couteau! 
Je suis le souflet et la joue! 
Je suis les membres et la roue, 
Et la victime et le bourreau! 

Je suis de mon cceur le vampire, 
— Un de ces grands abandonnes 
Au rire eternel, condamn^s, 
Et qui ne peuvent plus sourire! 









135 



Wir wissen, daß Baudelaire diese Leidenschaft durch 
die Schranke, die ihn vor dem Bösen behüten sollte, zurück- 
drängen wollte, jene Leidenschaft, die vielleicht noch durch 
Kindheitserinnerungen anderer Natur aufgestachelt war. Wir 
sprachen davon im Kapitel über die sexuelle Hemmung Bau- 
delaires, dort, wo wir die Möglichkeit in Betracht gezogen 
haben, daß der Ausgangspunkt dieses Verdrängungssystems 
bei Baudelaire mit gewissen Geschehnissen, gewissen Ein- 
drücken der frühesten Kindheit in Beziehung stehen könnte, 
nämlich mit der Beobachtung oder der Belauschung eines 
Geschlechtsaktes, bei dem seine Mutter oder sein Kinder- 
mädchen Mariette eine wichtige Rolle gespielt hatten. Wir 
möchten hier eine besondere Seite des Problems nicht über- 
sehen, eine Seite, die jeder Psychoanalytiker in Betracht zu 
ziehen gezwungen wäre, auch wenn er sich nicht dazu be- 
rechtigt fühlen würde, präzise Folgerungen zu ziehen. Die 
psychoanalytische Praxis macht uns in der Tat überaus emp- 
findlich für eine Menge von Kleinigkeiten, von denen jede, 
einzeln genommen, vielleicht keine Berechtigung hätte, die aber, 
wie die verschiedenen Elemente eines Puzzles, manchmal 
äußerst kostbare Auskünfte über gewisse Fakten und Daten 
des Lebens einer Person geben können, wenn sie zu einander 
in Beziehung gesetzt werden. So sind wir dazu geführt wor- 
den, gewisse Elemente in dem Traum Baudelaires, den wir 
weiter oben zitiert haben, mit der folgenden Stelle eines an 
seine Mutter gerichteten Briefes in Beziehung zu setzen: 

Es hat in meiner Kindheit eine Zeit gegeben, in der ich Dich 
leidenschaftlich liebte; hör' zu und lies ohne Furcht weiter. Ich 
habe Dir nie davon etwas gesagt. Ich erinnere mich einer Spazier- 
fahrt im Fiaker; Du kamst aus einem Krankenhaus, in das Du für 
einige Zeit verbannt worden warst und Du zeigtest mir Feder- 
zeichnungen, die Du für mich gemacht hattest, zum Beweis dafür, 
daß Du an Deinen Sohn gedacht. Hab ich nicht ein schreckliches 
Gedächtnis? 



136 



Es ist im Traume Baudelaires anläßlich der Zeichnungen 
von Vögeln und Foeten die Rede, welche von diesem oder 
jenem Mädchen an einem bestimmten Datum in die Welt ge- 
setzt wurden und auch von einer Fahrt im Wagen mit 
Castille. Die Spazierfahrt, an die Baudelaire in seinem Briefe 
erinnert, hat nun aber vor der Wiederverehelichung seiner 
Mutter stattgefunden. Wir müssen uns daher fragen, ob die 
Eindringlichkeit, mit der er seiner Mutter sein schreck- 
liches Gedächtnis in Erinnerung ruft, nicht einen 
Vorwurf enthält und nicht auf etwas Bestimmtes hindeutet, 
dessen Existenz bei seiner Mutter Baudelaire unbewußt er- 
raten hatte und das, wenn es auch verdrängt wurde, doch 
nie von ihm vergessen noch verziehen worden war. Um bei 
unserer Untersuchung noch tiefer in die Materie eindringen 
zu können, müßte man tatsächlich wissen, warum Caroline 
zu jener Zeit in einem Krankenhaus gewesen war, und welche 
Ereignisse sich damals in ihrem Leben zugetragen hatten. So- 
lange wir davon keine Kenntnis haben, müssen wir uns 
absoluter Zurückhaltung befleißen, und dies trotzdem unsere 
tägliche Erfahrung uns lehrt, daß Assoziationen von Ideen 
und Einzelheiten, wie jene, die wir in seinem Traume und 
in seinem angeführten Briefe vorfinden, wenn wir sie mit- 
einander in Beziehung setzen, uns auf wichtige Spuren brin- 
gen könnten und uns dann dank einer sorgfältigen Erkundi- 
gung erlauben würden, Einzelheiten über gewisse im Leben 
einer Person verborgenen Ereignisse ausfindig zu machen; in 
gewissen Fällen haben z. B. das Datum einer Fehlgeburt oder 
einer Krankheit der Mutter auf das affektive Leben eines 
Individuums eine tiefgehende Wirkung ausgeübt, obwohl jede 
Erinnerung an das Ereignis selbst aus seinem Bewußtsein ver- 
schwunden ist; in anderen Fällen wirkt sich die Beobachtung 
des Koitus der Eltern oder von Dienstboten aus, die Beobach- 
tung eines Ehebruches, den der Vater mit einer Gouvernante 



137 



begeht, oder die Mutter mit einem Hauslehrer, einem 
Priester usw. . . . 

Bei Baudelaire könnten wir uns fragen, ob die Geschichte 
vom Foetus, die Idee von den anatomischen Schaustücken 
aus einem Museum, die in seinem Traume ihren Ausdruck 
findet, nicht mit der Erinnerung an eine Fehlgeburt oder an 
irgend etwas Analoges, das ihm in seiner früheren Kindheit 
aufgefallen war und ihn beunruhigt hatte, in Beziehung stehen. 
Wenn wir damit die Anziehung in Verbindung bringen, 
welche das Blut, der Tod und -die Wollust auf ihn ausgeübt 
haben, so können wir uns fragen, ob nicht ein Ereignis 
dieser Art die Orientierung seiner Neigungen frühzeitig fest- 
gelegt hat. Wie dem auch sein mag, solange wir über seine 
früheste Jugend nicht besser informiert sind als bisher, ist es 
unmöglich, den Grund seines wirklichen Grolles gegen seine 
Mutter, der er immer mehr oder weniger offen vorgeworfen 
hat, die Ursache seines Unglückes zu sein, auf zufriedenstel- 
lende Weise zu verstehen. 

In unserer Praxis haben wir oft Fälle, in denen die 
Empfindsamkeit eines Kranken durch einen in seiner frühe- 
sten Kindheit eingetretenen affektiven Schlag endgültig und 
unheilbar gezeichnet ist. Leider unterschätzen die Eltern zu 
häufig die Intelligenz eines Kindes, und zwar besonders eines 
Kindes, das in dem Alter ist, dn dem es noch nicht sprechen 
kann. Man kann nie vorsichtig genug sein, zumal, wenn 
es sich um Kinder handelt, deren früh entwickelte, bestän- 
dig wache Intelligenz sich nichts entgehen läßt. Diese Kinder 
können durch gewisse Fakten bis ins Innerste aufgewühlt 
werden, da sie diese Fakten richtig erfassen und ihren Sinn 
und ihre Tragweite instinktiv erraten, obwohl sie sich die- 
selben nicht bewußt erklären können. Belanglosigkeiten kön- 
nen manchmal für ein geängstigtes, durch gewisse Ein- 
drücke, gewisse Drohungen oder gewisse Grausamkeiten ge- 
schrecktes Kind von der Bedeutung sein, die für einen Er- 



138 






wachsenen z. B. ein Erdbeben hat. Die Phantasie wird dann 
von der Erinnerung an die Katastrophe heimgesucht, aus der 
man im Traume, wie in der Mythologie, ein außergewöhn- 
liches Ereignis macht, wobei man sich einbildet, der Held der 
Katastrophe gewesen zu sein. Die Erinnerung an derartige 
„Sündfluten" verewigt sich im Individuum ebenso wie auch 
in der Menschheit, obwohl man, bewußt, die Spur, die vom 
ursprünglichen Ereignis ausgeht, verloren hat. Wir können 
hier nicht auf die Einzelheiten der infantilen Psychologie ein- 
gehen, die ja außerhalb unseres Themas bleibt. Wir dürfen 
uns aber nicht der Nachlässigkeit schuldig machen, die Auf- 
merksamkeit des Lesers nicht auf jene besonders wichtige 
Seite des Problems gelenkt zu haben, welches die Entstehung 
von Baudelaires Krankheit aufwirft, eine Seite des Problems, 
die man auch kennen muß, um die Rolle Aupicks im Leben 
unseres Helden in ihrer wahren Bedeutung würdigen zu 

können. 

Allgemein wird angenommen, daß die Wiederverheira- 
tung der Mutter den Ausgangspunkt von Baudelaires Gleich- 
gewichtsstörung gebildet hat. Trotzdem verdient es die Hypo- 
these, nach der die Konflikte Baudelaires mit Aupick nicht 
die Ursache, sondern lediglich eine Folge von Baudelaires 
Neurose gewesen seien, die selbst wiederum in einer früheren 
Zeit seiner Kindheit entstanden wäre, sorgfältig untersucht zu 

werden. 

Wir befinden uns hier auf einem Gebiet, auf dem wir 
leider nur über ein allzu beschränktes Material verfügen, 
als daß wir die Sachlage gründlich durchschauen könnten. 
Die Erinnerungen, die Baudelaire über den Vater aufgezeich- 
net hat, helfen uns dabei nur wenig. Wir können daher nichts 
mit absoluter Sicherheit behaupten. 

Zu unserem Zweck zitieren wir vorerst eine Stelle des 
Tagebuchs: 



139 



Grundsätze und Generationen: Den herrschenden 
Fürsten Verdienste und Laster des Volkes zuzuschreiben, das sie 
gerade regieren, ist eine Ungerechtigkeit. 

Diese Verdienste und diese Laster sind fast immer, wie Sta- 
tistik und Logik beweisen könnten, der Atmosphäre der vorherigen 
Regierung zuzuschreiben. 

Ludwig XIV. erbt die Menschen Ludwigs XIII.: mit ihnen 
Ruhm. Napoleon I. erbt die Menschen der Republik: mit ihnen 
Ruhm. Louis-Philippe erbt die Menschen Karls X.: mit ihnen Ruhm. 
Napoleon III. erbt die Menschen Louis-Philipps: durch sie Schande. 

Immer ist die vorherige Regierung für die Sittlichkeit der 
nachfolgenden verantwortlich, insofern eine Regierung überhaupt 
für irgend etwas verantwortlich gemacht werden kann. 

Wenn wir an Stelle von „Regierung" „Vater" schrei- 
ben, so könnten wir den Sinn dieser Sätze etwa wie folgt 
auslegen: nicht der jetzige Vater, sondern der vorherige ist 
an den Übeln der Nation, d. h. des Kindes, schuld. Wir 
hätten es daher mit einer zensurierten Beschuldigung zu tun, 
die Baudelaire direkt gegen seinen Vater richten würde. Aber 
wir besitzen für sie noch deutlichere Belege. Wir haben schon 
vom „Marquis der Einser-Husaren" gesprochen und wollen 
jetzt dieses Thema genauer studieren. Wir geben daher das 
Szenarium des Dramenentwurfs wieder: 

Der Marquis der Einser-Husaren 

I. Akt. Das Schloß von Hermorah, Residenz 
des Grafen von Ca d olles, am Ufer des Rheins. 

Wolfgang ist der Sohn des Grafen von Cadolles und einer 
mystischen Deutschen, die er während der Emigration geheiratet 
hat. Wolfgang ist ein romantischer Charakter, der bald von 
seiner Mutter träumt (das Grab seiner Mutter 
befindet sich im Park selber), bald wie ein Wahn- 
sinniger die Berichte in den französischen Zeitungen liest, die sein 
Vater erhält. Er hat selbstverständlich einen Abscheu vor Bona- 
parte, aber er hat das Bedürfnis zu handeln; er strebt nach Ruhm, 
beneidet jeden, der ihn besitzt und erinnert sich, daß er Franzose 
ist. — Das alles kann in einem Monolog ausgedrückt werden. 

Szene zwischen dem Grafen von Cadolles (echter Typus des 
angenehmen Franzosen „a n c i e n regim e") und seinem Sohn, 



140 



dem Marquis, dem er seine unheilbare Traurigkeit 
vorwirft. Man hat gute Nachrichten erhalten (falsche Nach- 
richten, die sich auf die Hoffnungen der Koalition und der Emi- 
gration beziehen). Im Schlosse findet ein Essen statt, zu dem 
Freunde geladen sind. 

Szene zwischen Frau von Timey und dem Grafen von 
Cadolles. Der Graf kennt die Liebe seines Sohnes für Frau von 
Timey. Er bittet sie, ihren Einfluß zu benützen, um den 
Charakter seines Sohnes anzufeuern und ihn 
aufzustacheln. Wolfgang wird übrigens für eine geheime, 
politische Mission bestimmt. 

Szene zwischen Frau von Timey und Wolf gang. — (Im 
dritten Akt, in Paris, wird sich der Charakter Frau von Timeys 
vollständig aus den Geständnissen, die sie Wolfgang über ihr Vor- 
leben macht, entwickeln.) 

Die Szene beim Essen. Man unterhält sich hauptsächlich über 
die Hoffnungen der Partei, über Politik und Bonaparte. — Einige 
leichte Entgleisungen Wolfgangs, der zw a r den Haß all 
seiner Freunde teilt, trotzdem aber nicht kühl 
ihre Scherze und Dummheiten anhören kann, be- 
sonders, wenn sie die Fähigkeiten des Kaisers 
leugnen wollen. 

Gegen Ende des Essens meldet ein Diener dem Grafen, daß 
ein verwundeter französischer Soldat um Gastfreundschaft bittet. 

Der Graf, ein gutmütiger Mensch, will, daß man sich des 
Verwundeten in jeder Weise annimmt; um die Neugierde 
seines Sohnes zu befriedigen, wird Robert 
Triton blutend, zerlumpt und hinkend herein- 
geführt. 

Nachdem der Trompeter auf sein Zimmer geführt worden ist, 
merkt der Graf, der seinen Sohn sucht, daß dieser verschwunden 
ist. „Ich möchte wetten", sagt er, „daß Wolfgang, der Schlachten- 
erzählungen über alles liebt, die Aufnahme unseres seltsamen 
Gastes beaufsichtigt." 

Triton, geheilt, ist Oberreitjäger beim Grafen von Cadolles 
geworden. Wolfgang verbringt sein Leben mit Triton 
auf der Jagd. Der Trompeter verdirbt und ver- 
führt den Marquis, ohne daß dieser es merkt. 
Er erklärt ihm in seiner Sprache in wilder, malerischer, grober, 
naiver Manier, was ein Gefecht, ein Kavallerieangriff, der Ruhm, 
die Freundschaft im Regiment usw. bedeuten. 



141 



Seit langer Zeit hat Triton keine Familie mehr; seit Beginn 
der großen republikanischen Kriege ist er nicht mehr in sein Dorf 
zurückgekehrt und er weiß nicht, was aus seiner Mutter geworden 
ist. Das Regiment der Einser-Husaren ist zu seiner Familie 
geworden. 

Eines Nachts befiehlt Wolfgang dem Trompeter, die beiden 
besten Pferde zu satteln. 

Auf dem Wege sagt er zu ihm: „Errätst du, wohin wir gehen? 
Wir wollen zur Großen Armee stoßen. Ich will nicht mehr, 
daß man sich schlägt ohne mic h." 

2. Akt. Enzersdorf und Wagram. 

Sie kommen im französischen Lager an. Triton, den man für 
tot gehalten, wind von den Kameraden wieder erkannt. 

Der Oberst Herbin ißt gerade mit zwei Offizieren. Er um- 
armt Triton und fragt Wolfgang, wer er sei und was er wolle — 
Dieser zeigt einige Papiere und wird sofort eingestellt. 

Cadolles läßt die Marketenderin kommen und zahlt seiner 
Schwadron die willkommene Antrittsrunde. 

Wegen seines vornehmen Benehmens (das ihn 
niemals verlassen darf, selbst wenn er ein voll- 
endeter Kriegsmann geworden ist) geben ihm seine 
Kameraden den Spitznamen: der Marquis der Einser-Husaren. 

Die Armee hat die Donaubrücke überschritten. — j. Juli. — 
Wagram. — Der Kaiser reitet die Front der Einser-Husaren ab. 
Wolfgang, der viel (Böses) über den Kaiser reden 
gehört hat, sträubt sich gegen die allgemeine Be- 
geisterung und befiehlt sich selbst, nicht: Es 
lebe der Kaiser! zu rufen. Noch ist er der Sohn 
der Anhänger Condds. 

Mit ausgestrecktem Arm zeigt Napoleon den Soldaten 
Wagrams Hochebene, auf denen die Truppen des Erzherzogs 
staffelweise aufgestellt sind. Donnernder Beifall. W o 1 f g a n g 
möchte am liebsten weinen, als ob er sich von 
einem mächtigen Komödianten hätte hinreißen 
lassen. 

Die Schlacht. 

Wolfgang hat drei Gefangene gemacht und eine Wunde am 
Kopf erhalten. 

Em Adjutant benachrichtigt ihn, daß der Kaiser ihn sprechen 
wolle. Napoleon ist von Generalen und Obersten umgeben, unter 



142 



denen sioh Oberst Herbin befindet. Er betrachtet Wolfgang auf- 
merksam und sagt zu ihm: „Man hat mir gesagt, daß Sie Franzose 
und Sohn eines Emigranten seien. Sie machen wieder gut, was Ihre 
Familie schlecht gemacht hat, und setzen das fort, was sie an 
Gutem tun konnte. Ich will mich an Sie erinnern. Hier, das wird 
mir helfen, Sie wiederzuerkennen." (Das Kreuz der Ehren- 
legion. — Es ist gut, auf diese Weise den überaus 
verführerischen Charakter des Kaisers zu be- 
tonen, um den sich viele Historiker zu wenig 
gekümmert haben.) 

Wolfgang ist völlig besiegt und gewonnen. (Ich glaube, daß 
dieser Akt, der auf dem Papier vielleicht sehr kurz ist, bei der 
Aufführung sehr lang sein muß.) 

3. Akt. Das Kaiserreich ist erledigt. 18 14. 

Ein Dorf. Zwei mit Staub bedeckte Offiziere, die Kleider in 
Lumpen, kommen todmüde herbei und suchen eine Unterkunft. 

Sie sind der Marquis der Einser-Husaren (jetzt Oberst) und 
sein alter Kamerad, der Hauptmann Graff (den er im Lager, 
einige Tage vor Wagram, kennengelernt hat). 

(Dieses Dorf ist zufällig Cadolles, wo man die Rückkehr des 
alten Grafen feiert.) Wolfgang eilt zu seinem Vater, der sich auf 
der Freitreppe des Schlosses befindet, wo er von Bauern umgeben 
ist. Der Vater hat seinen Sohn für tot gehalten. Umarmungen und 
Wiedererkennung. Wolfgang befindet sich bald darauf in einem 
ihm unsympathischen Salon. Sein Vater stellt ihn Charles 
Stown vor, einem englischen Offizier, und dem Grafen von Beval, 
einem politischen Pedanten, der von Urkunden, Verfassungen und 
Versöhnungen des Königs mit der Revolution träumt. Dann Frau von 
Timey, die mit dem Grafen von Cadollcs zurückgekehrt ist, und 
immer kokett und Politik betreibend, sich von Charles Stown und 
dem Grafen B£val die Cour schneiden läßt. 

Wolfgang wird sogleich wieder von Liebe ergriffen, seine 
Abneigung gegen von BeVal und den englischen Offizier wächst 
natürlich nur noch mehr an. 

Frau von Timey versucht sofort, ihn durch Koketterie und 
Aufmunterungen für die gute Sache zu gewinnen. 

Eine Hand legt sich auf seine Schulter und eine Stimme sagt 
ihm: „Der Kaiser hat abgedankt! Aber vielleicht ist dies ein Ge- 
rücht, das seine Feinde verbreitet haben. Wenn es Verräter gibt, 
so muß man sie erschießen. Eilen wir dorthin, wo es heiß zugeht." 



143 



Es ist Graff. Wolfgang flieht mit ihm. 

Paris. — Die Restauration in Paris. Die Einser-Husaren sind 
in Paris in Garnison. Häufige Streitigkeiten zwischen den Offi- 
zieren dieses Regiments und den Offizieren der verbündeten 
Armeen. — Besonders Graff sucht Duellgegner, und zwar an 
allen öffentlichen Stätten. (Man könnte hier als Dekoration 
Paphos oder die Tivoligärten auf die Szene bringen.) 

Auch Wolfgang führt, um sich zu betäuben, ein sehr 
verschwenderisches Leben, aber seine Liebe zu Frau von Timey 
wächst immer heftiger an. Diese hat übrigens an Charles Stown 
und Beval den Geschmack verloren. Das Ungestüm, das zärtliche 
und aufbrausende Wesen Wolfgangs gefallen ihr, aber sie möchte 
die Sympathien ihres Geliebten dem neuen Königtum zuwenden. 
Wolfgang fühlt öfters, daß in ihm die Manieren und der Stolz 
des Edelmannes wiedererwachen, aber das vermindert keineswegs 
seine Sympathie und Bewunderung für Bonaparte. 

Frau von Timey ist in einer Zeitung beleidigt worden. Wäh- 
rend von Beval und Charles Stown sich bei ihr besprechen, was 
in einem solchen Falle zu machen sei, erscheint Wolfgang, den 
Arm in der Binde. Ohne etwas zu sagen und ohne ihn zu warnen, 
hat er den Urheber des Angriffs gezüchtigt. 

Diese Angelegenheit bringt den Marquis der Frau von 
Timey noch näher und bei einem intimen tete-ä-tete, während 
Wolfgang ihr ihren seltsamen Charakter vorwirft, erzählt sie ihm 
ihr früheres Leben. 

Der Graf von Timey, ein sehr kluger und sehr schlechter 
Mensch, war der Geliebte ihrer Mutter gewesen, einer Frau von Evre, 
Gemahlin eines anderen französischen Emigranten. Vor demTode, 
nach seiner Beichte, wollte der Graf von Timey 
Fräulein von Evre heiraten, die vielleicht, ja 
sogar wahrscheinlich seine Tochter war. Die 
Hochzeitsnacht. Der Sterbende hatte seine Hoch- 
zeitsnacht dazu benützt, seine Frau seine 
moralische und politische Verderbtheit zu 
lehren. Er sagte ihr zum Schlüsse: „Meine liebe 
Tochter, ich lasse in deiner jungfräulichen 
Seele die Erfahrung eines alten Wüstlings zu- 
r ü c k." Dann war er gestorben. So war sie auf 
einmal plötzlich reich, Witwe, wenn auch Jung- 
frau, und voll Erfahrung, wenn auch unschuldig. 

Wolfgang, tief betrübt, schreit auf; er behauptet, daß es noch 
ein Glück gebe, daß die Seele seiner Geliebten wieder jung werden 



144 



könne, daß er voll Jugend und Vertrauen sei, und daß es sich nur 
darum handle, all diese düstern Eindrücke im gegenwärtigen Glück 
und in einer sofortigen Heirat zu begraben. 

Frau von Timey, der ihre ehrgeizigen Träume wieder ein- 
fallen, macht die Heirat von einer Bedingung abhängig: daß 
Wolfgang den König und den Grafen von Artois aufsuche und 
die Einser-Husaren verlasse, um bei der Leibgarde einzutreten. 

Wolfgang ist ganz erschüttert, er will bereits nachgeben, als 
Graff unerwartet erscheint, und ihm mitteilt, daß der Kaiser ge- 
landet sei. 

4. Akt — oder 2. Teil des 4. Aktes. 

Die ganze Liebe Wolfgangs für Bonaparte erwacht wieder, 
in der Kaserne liest er den Offizieren die königliche Proklamation 
so vor, daß sie seine wahren Empfindungen ahnen müssen. 

Auf einer Straße. — Das Regiment schweigsam, traurig; 
Wolfgang reitet voraus, gewissen Zeichen nach. Plötzlich, von 
allen Seiten, ein lauter Schrei: „Das ist er!" und dann: „Es lebe 
der Kaiser!" 

5. Akt. — Bei Frau von Timey. 

Brief Wolfgangs: „Ich bin angeklagt, man sucht mich; wenn 
man mich findet, werde ich erschossen . . . Kommen Sie . . . und 
fliehen wir miteinander." 

Frau von Timey zögert und antwortet schließlich: „Nein!" 
— beteuert jedoch ihre Liebe und bittet Wolfgang, sich gut zu 
verbergen und zu warten. 

Zweiter Brief: „Da Sie nicht mit mir fliehen wollen, lieben 
Sie mich nicht mehr, und ich stelle mich freiwillig zur Haft." 

Im Gefängnis. — Graff besucht seinen alten Kameraden und 
sagt ihm, man sollte den Royalisten nicht das Vergnügen lassen, 
einen Offizier der Großen Armee zu erschießen. Gleichzeitig gibt 
er ihm eine Pistole. 

Wolfgang erwidert, daß in solchen Angelegenheiten jeder 
seinen Empfindungen folgen dürfe und er sich ruhig erschießen 
lassen werde. (Denn er will sterben.) 

Ein Leibgardeoffizier überbringt die Nachricht, daß der 
König ihn aus freiem Willen begnadigt habe. 

Wolfgang ergreift im Augenblick, als Graff ihm freudig um 
den Hals fallen will, die Pistole und tötet sich. (Denn er will 
sterben.) 



10 I4J 



Der Graf von Cadolles und Frau von Timey kommen herein. 

Wolfgang bildet sich nun ein, daß seine Geliebte seine Be- 
gnadigung erreicht habe und stirbt, während er ihr dankt. 

Graff, der auf ein früheres Wort von Wolfgang hin die 
Wahrheit erraten hat, sagt zu Frau von Timey: „Sie sind es, die 
den tapfersten Offizier der Großen Armee, den Marquis der 
Einser-Husaren, getötet haben." 

Die Frage erscheint uns berechtigt, ob Graff, Napoleon 
usw., denen sich der Marquis anschließt, nicht Aupick sym- 
bolisieren, und durch diese Tatsache mit der homosexuellen 
Neigung Baudelaires zu seinem Stiefvater in Beziehung stehen 
sollen. Der wirkliche Vater wird in dieser Geschichte durch 
den Grafen von Cadolles vertreten und vor allem durch den 
Grafen von Timey, der in der Hochzeitsnacht gestorben ist, 
nachdem er die geistige Verführung seiner Frau, hinter der sich 
Caroline, die Mutter Baudelaires, verbergen würde, vollzogen 
hat. Baudelaire selbst würde im Stücke die Rolle des Helden 
spielen, d. h. des Marquis der Einser-Husaren (immer korrekt 
angezogen [wie Baudelaire], trotzdem er einfacher Soldat 
ist), der es verschmäht, sein Gefängnis (seine Neurose) zu 
verlassen, um seiner Frau zu folgen (d. h. seine Mutter zu 
lieben). Von diesem Gesichtspunkte aus gesehen, wäre das 
Stück, von dem wir hier sprechen, eine vollkommen imasochi- 
stische Phantasie von der Art, die wir oft bei unseren Kranken 
finden. Die Lösung wird immer durch einen Mißerfolg, eine 
Demütigung erzielt: die Frau kommt, um ihren Liebhaber 
aus dem Gefängnis zu befreien, aber dieser zieht die Kastra- 
tion vor, den Tod. Anstatt die Frau zu lieben, identifiziert 
er sich mit ihr im größten Opfer seines Lebens: er begeht 
Selbstmord, er weigert sich, an der Seite der Frau von Timey 
glücklich weiter zu leben. 

Auf diese Art und Weise stoßen wir auf eine ganz uner- 
wartete Auslegung der Rolle, die Aupick seinem Stiefsohn 
gegenüber gespielt hat. Nach dieser Auslegung hat sich Baude- 
laire nicht bloß unbewußt des Generals als einer Art Brust- 



146 



wehr gegen seine Mutter und gegen die Liebe zu ihr bedient, 
er hat sogar diese Liebe seinem Stiefvater geopfert, um von 
ihm geliebt, um gedemütigt zu werden und als verlassenes 
Wesen alles Leid, das im tränenüberströmten Antlitz seiner 
Mutter einen so ergreifenden Ausdruck fand, zu erleben. 
Daraus ergibt sich also, daß Baudelaire unbewußt Aupick 
geliebt, daß er seinen Stiefvater dauernd aufgereizt hat, um 
von ihm geliebt zu werden, in der Absicht, auf ihn einen 
Einfluß auszuüben, ihn so von der Mutter zu trennen, 
und diese zu isolieren, indem er ihren Platz einnimmt. 
Diese Deutung würde uns gestatten, eine Besonderheit im 
Benehmen Baudelaires zu verstehen, die das Geld betrifft. 
In zwei Dritteln der Briefe an seine Mutter ist von Geld die 
Rede, das er ihr zu entziehen weiß, wobei er kein Mittel un- 
versucht läßt, das einem Sohne dazu verhilft, seine Eltern 
zu hintergehen. Dieses Geld, das Caroline Aupick verdankte, 
symbolisierte vor allem Aupick selbst. Bedeutete es für das 
Unbewußte Baudelaires ganz kurz: Aupick? Eine Frage, die 
gewiß ihre Berechtigung hat, 

Hier deckt sich Baudelaires Fall vielleicht mit dem Fall 
Jean-Jacques Roussieaus 53a , dessen Verhalten in Bezug auf Geld 
ebenfalls abnormal war, konnte er sich doch nicht zurückhalten, 
seine teure Mutter, Madame de Warrens, „zu bestehlen". Was 
Jean-Jacques betrifft, so hat er uns übrigens selber das 
Bekenntnis von gewissen homosexuellen Phantasien hinter- 
lassen. Wir weisen auf seine Tendenz hin, das Hinterteil zu 
exhibieren, auf sein Verlangen, geschlagen zu werden, ein 
Verlangen, das er, wie wir wissen, nicht nur dem mit einer 
Peitsche versehenen Frl. Lambercier gegenüber geäußert hat, 
sondern jedermann gegenüber; Exhibitionstendenzen, die 
sich übrigens durch Bekenntnisse zu befriedigen suchten. 

Auch Baudelaire mußte seine Bekenntnisse schreiben; 



DSa ) Laforgue, Jean- Jacques Rousseau. Internat. Psychoanalyt. 
Verlag, Wien 1930. 



10- 147 



sein „bloßgelegtes Herz" (Mon Cceur mis ä nu) ist sicherlich 
nichts anderes als sein Versuch dieser Art. Wie Jean Jacques 
empfand er ebenfalls das Bedürfnis, geschlagen zu werden (er 
hat sich öffentlich von seinem Stiefvater ohrfeigen lassen). Wie 
Jean Jacques litt auch er an Obstipation und — so merk- 
würdig es dem mit der Psychoanalyse nicht Vertrauten auch 
scheinen mag — er drückte, indem er seinem Stiefvater gegen- 
über seine Sündhaftigkeit und seine „schwarze'" Minderwertig- 
keit exhibierte, den unbewußten Wunsch aus, sich den Wirkun- 
gen der „Rute" zu unterwerfen, das heißt, von seinem Vater 
geschlagen zu werden. Die zahlreichen Schläge, die er sich zu 
verschaffen wußte, wären somit nichts anderes als das affektive 
Äquivalent für einen homosexuellen Verkehr, den Baudelaire 
allerdings nie bewußt ausüben wollte. Und wenn das Geld in 
diesem Zusammenhange die männliche Potenz des Stiefvaters 
darstellt, so können wir es mit dem berüchtigten Wurmfortsatz 
des Ungeheuers, von dem im Traume Baudelaires die Rede 
ist, in Beziehung bringen, der „so lang, so riesig lang (ist), 
daß das Gewicht des Wurms, wenn es diesen Fortsatz wie 
einen Zopf um sein Haupt schlingen würde, viel zu schwer 
wäre, als daß es getragen werden könnte . . ., ließe es ihn auf 
dem Boden nachschleppen, so würde der Fortsatz ihm den 
Kopf nach hinten reißen." Dieser Wurmfortsatz ist, der Be- 
schreibung nach zu schließen, sehr wahrscheinlich am Hinter- 
kopf des Ungeheuers (am Hinterteil) festgemacht, und stellt 
eine Verschiebung von unten nach oben dar. Wenn nun Jeanne 
Duval für die Affektivität des Dichters eine Aupick analoge 
Rolle gespielt hat, so verstehen wir, warum Baudelaire ge- 
zwungen war, sie in erster Linie dazu zu benützen, sich von 
ihr schlagen zu lassen, beim Kontakt mit ihr zu leiden, das 
heißt, von ihr sexuell besessen zu werden. Und dieses Ver- 
hältnis würde allem Anscheine entgegen eine homosexuelle 
Bindung darstellen, bei der Baudelaire hauptsächlich die pas- 
sive Rolle, die der Frau, der Gefangenen, spielt und dies 

i48 



trotzdem seine Natur sich von Zeit zu Zeit heftiges gegen 
diese „Verdrehung" auflehnte und ihn eines Abends sogar so 
weit brachte, daß er mit einer Lampe seiner Mulattin ein 
Loch in den Schädel schlug. 

Durch die Psychoanalyse bekämen wir daher eine uner- 
wartete Antwort auf die Frage, welche Baudelaire an die 
Malabresin stellte: 

Warum du. glücklich kind. nach unseren gestaden 
Dich sehnst die übervölkert sind und leidbeladen. 
Der Schiffer starke arme dir zum schütz bestimmt. 

Und die Rolle der Jeanne Duval, die zum Teil wenig- 
stens die des Generals Aupick ersetzte, scheint nicht weni- 
ger paradox zu sein als der Sinn der Vereinigung der beiden 
Menschen und ihr Schicksal, gehen doch „beide Feinde" am 
selben Übel zu Grunde: Jeanne Duval fällt dem Alkoholis- 
mus zum Opfer und verschwindet, ohne daß man weiß wie, 
und Baudelaire wird von der Gehirnsyphilis umnachtet: 
„Duellum!" 

Diese affektiven Verhältnisse werden durch das Szena- 
rium eines anderen Dramenentwurfs Baudelaires, und zwar 
durch: „Der Trunkenbold" (L'lvrogne) besonders gut 
illustriert. 

Geben wir Baudelaire das Wort: 

Samstag, den 28. Januar i854 Mb . 

. . . Obwohl es wichtig ist, habe ich noch nicht an den Titel 
gedacht: Der Brunnen? Die Trunkenheit? Der Abhang des Bösen? 
usw. . . . 

Als ich über meinen Entwurf nachzudenken begann, beschäf- 
tigte mich vor allem die Frage: Welcher Klasse, welchem Beruf 
soll die Hauptperson des Stückes angehören? Ich habe mich end- 
gültig für einen schwerfälligen, alltäglichen und harten Beruf ent- 
schlossen: für den des Brettschneiders. Zu diesem Entschluß hat 
mich ein Lied von furchtbar melancholischem Charakter beinahe 



63b ) Brief an J.-H. Tisserant. 

149 



gezwungen, und ich bin der Ansicht, daß es im Theater eine präch- 
tige Wirkung haben könnte, wenn wir den gewöhnlichen Arbeits- 
platz auf die Szene brächten, oder wenn ich im dritten Akt eine 
musikalische Scherzszene oder einen Liederwettkampf vorführen 
würde, wozu ich übrigens große Lust habe. Dieses Lied ist von 
einer sonderbaren Herbheit, es beginnt: 

Rien n'est aussi-z-aimable 
Fanfru-cancru-lon-la-lahira, 
Rien n'est aussi-z-aimable, 
Que le scieur de long. 

Was mir am besten daran gefällt ist, daß es beinahe prophe- 
tisch ist und die „Romanze von der Weide" unseres Volksstücks 
werden kann. Der liebenswürdige Brettschneider wirft schließlich 
seine Frau ins Wasser und sagt, indem er zur Sirene spricht (ich 
bin mir noch nicht im klaren, was vor dieser Stelle kommt): 

Chante, Sirene, chante, 
Franfru-cancru-lon-la-lahira, 
Chante, Sirene, chante, 
- T'as raison de chanter. 

Car t'as la mer ä boire, 
Franfru-cancru-lon-la-lahira, 
Car t'as la mer ä boire, 
Et ma mie a manger! 

Mein Held ist ein Träumer und faul; er hat Bestrebungen, 
oder er glaubt, solche zu haben, die über seinen monotonen Beruf 
hinausgehen, und betrinkt sich, wie alle faulen Träumer. 

Die Frau muß hübsch sein, — ein Muster der Sanftmut, Ge- 
duld und Vernunft. 

Die Scherzszene hat den Zweck, die lyrischen Instinkte des 
Volkes aufzuzeigen, die oft recht komisch und ungeschickt sind. 
Früher einmal habe ich mir diese lustigen Schwanke angesehen. 
Ich muß sie jedoch nochmals anschauen — gehen wir miteinander 
hin. Vielleicht können wir dort sogar ein Muster für einen 
poetischen Text vorfinden. Außerdem soll unsere Szene eine Er- 
holung sein mitten in diesem jammervollen und quälenden Traum. 

Ich will hier kein eingehendes Szenarium niederschreiben, da 
ich doch in einigen Tagen ein regelrechtes anfertigen werde. Wir 
gehen es dann genau durch, damit ich eventuelle Unbeholfenheiten 
vermeide. Heute gebe ich Ihnen nur einige Andeutungen. 



150 



Die zwei ersten Akte werden durch einige Szenen des Elends, 
der Arbeitslosigkeit, der häuslichen Zwistigkeiten, der Trunkenheit 
und der Eifersucht ausgefüllt. Sie werden sofort die Notwendigkeit 
dieses neuen Elementes erkennen. 

Im dritten Akt: die lustige Szene, in der seine Frau, von 
der er getrennt lebt und die um ihn besorgt ist, ihn holen kommt. 
In diesem Moment zwingt er ihr ein Rendez-vous für den nächsten 
Abend — Sonntag — ab. 

Im vierten Akt das Verbrechen — das gut bedacht und wohl 
überlegt ist. — Die Ausführung des Verbrechens selbst werde ich 
Ihnen noch genau erzählen. 

Im fünften Akt (in einer anderen Stadt) die Auflösung, das 
heißt, der Schuldige zeigt sich selbst an und zwar unter dem Druck 
quälender Gedanken. Wie finden Sie das? — Wie oft sind mir 
ähnliche Fälle beim Lesen der „Gazette des Tribunaux" aufgefallen. 

Sie sehen, wie einfach das Drama ist. Kein Durcheinander und 
keine Überraschungen. Ganz einfach die Entwicklung eines Lasters 
und die der aufeinanderfolgenden Ergebnisse einer Situation. 

Ich führe zwei neue Personen ein: 

Eine Schwester des Brettschneiders, ein Mädchen, das Bänder, 
billigen Schmuck, Wirtshäuser und Tanzkneipen liebt und das die 
christliche Tugend seiner Schwägerin nicht begreifen kann. Sie ist 
der Typus der frühreifen Pariser Perversität. 

Ein ziemlich reicher junger Mann, der einen höheren Beruf 
ausübt, ist in die Frau unseres Arbeiters sehr verliebt. Aber er bleibt 
anständig und bewundert ihre Tugend. Ab und zu gelingt es ihm, 
dem Haushalt heimlich etwas Geld zuzustecken. 

Was die Frau betrifft, so denkt sie manchmal ein wenig an 
diesen reichen Mann; trotz ihrer starken Gläubigkeit, aber unter 
dem Druck all der Leiden, die ihr Mann ihr zufügt, kann sie nicht 
umhin, von dem zärtlicheren, reicheren und angenehmeren Dasein 
zu träumen, das sie an der Seite jenes Mannes hätte führen können. 
Aber sie wirft sich diesen Gedanken wie ein Verbrechen vor und 
kämpft gegen diese Tendenz. Ich vermute, daß hierin ein drama- 
tisches Element liegt. Sie haben schon erraten, daß unser Arbeiter 
gern den Vorwand einer überreizten Eifersucht ergreift, um sich 
selbst zu verhehlen, daß er seiner Frau wegen ihrer Resignation, 
ihrer Sanftmut, ihrer Geduld und ihrer Tugend zürnt. Und dennoch 
liebt er sie, aber das Getränk und das Elend haben schon seinen 
Verstand getrübt. Bemerken Sie auch, daß das Theaterpublikum 

151 



mit der sehr feinen Psychologie des Verbrechens nicht vertraut ist, 
und daß es sehr schwer gefallen wäre, ihm eine Greueltat ohne 
Grund verständlich zu machen. 

Außer diesen Personen kommen nur nebensächliche Rollen 
vor. Vielleicht ein Arbeiter, der ein Spaßvogel und Taugenichts ist, 
der Geliebte der Schwester, Dirnen, Vorstadtpöbel, Wirtshaus- und 
Kneipengäste, Matrosen und Polizisten. 

Den Schauplatz des Verbrechens denke ich mir folgendermaßen. 
Vergessen Sie nicht, daß es vorbedacht ist. Der Mann kommt zuerst 
zum Rendez-vous. Der Ort wurde von ihm gewählt. Sonntagabend. 
Eine finstere Straße oder eine finstere Gegend. In der Ferne Tanz- 
kneipenmusik. Eine düstere melancholische Landschaft in der Um- 
gebung von Paris. Eine möglichst traurige Liebesszene zwischen 
dem Mann und der Frau. Er will, daß sie ihm verzeiht und ihm 
erlaubt, wieder zu ihr zurückzukehren und mit ihr zu leben. Noch 
nie hat er sie so schön gefunden ... Er wird aufrichtig zärtlich. 
Er ist beinahe wieder verliebt, begehrt sie und bittet. Ihr blasses 
und mageres Aussehen macht sie noch interessanter und wirkt ge- 
radezu erregend. Das Publikum muß erraten, um was es sich handelt. 
Obwohl die arme Frau auch ihre alte Liebe wieder erwachen fühlt, 
verweigert sie sich dieser wilden Leidenschaft an einem derartigen 
Orte. Diese Abweisung erzürnt den Mann, der ihre Keuschheit 
einer ehebrecherischen Leidenschaft oder dem Verbot seitens eines 
Liebhabers zuschreibt. „Ich muß damit Schluß machen; ich werde 
jedoch nie den Mut dazu haben, ich kann es nicht selbst tun." 
Da fällt ihm ein genialer, feiger und abergläubischer Gedanke ein. 

Er heuchelt eine Ohnmacht, was ihm ziemlich leicht fällt, 
zumal seine tatsächliche Erregung ihn dabei unterstützt: „Sieh', dort, 
am Ende dieses kleinen Weges, links, wirst du einen Apfelbaum 
finden; geh' und hole mir eine Frucht." (Er kann natürlich auch 
einen anderen Vorwand finden — und ich gebe diesen nur vor- 
läufig an.) 

Die Nacht ist tiefschwarz und der Mond hat sich versteckt. 
Während die Frau in der Finsternis verschwindet, steht er von 
dem Stein auf, auf dem er sitzt: „In Gottes Namen! Wenn sie 
davon kommt, um so besser; wenn sie hineinfällt, dann hat Gott 
sie verurteilt!" 

Er hat ihr einen Weg angegeben, wo sie auf einen offenen 
Brunnen stoßen muß. 

Man hört das Geräusch eines schweren Körpers, der ins Wasser 
fällt, dem aber ein Schrei vorausgeht; das Schreien dauert fort. 

152 



„Was soll ich jetzt tun? Es kann jemand vorbeikommen und 
ich kann — und muß für den Mörder gehalten werden. — Sie 
ist ja doch gerichtet... Ah! Es gibt Steine, — Steine, die den 
Rand des Brunnens bilden!" 

Er läuft davon und verschwindet. 

Leere Szene. 

Je stärker das Geräusch der fallenden Steine wird, um so 
schwächer wird das Schreien. Es hört auf. 

Der Mann erscheint wieder: „Ich bin frei! Armer Engel, sie 
muß viel gelitten haben!" 

All das soll von der fernen Tanzmusik ab und zu unterbrochen 
werden. Am Ende des Aktes kommen singende Gruppen Betrunkener 
und Grisetten auf diesem Weg zurück und unter ihnen befindet 
sich auch die Schwester. 

Ich gebe Ihnen hier in wenigen Worten die Lösung des 
Knotens an. Unser Mann ist geflohen. Wir befinden uns jetzt 
in einem Meereshafen. Er hat die Absicht, sich als Matrose heuern 
zu lassen. Er trinkt schrecklich viel: Wirtshäuser, Matrosenkneipen, 
Musik. Dieser Gedanke: „Ich bin frei, frei, frei!" ist die fixe und 
ihn verfolgende Idee geworden. „Ich bin frei! Ich bin ruhig! Man 
wird niemals etwas erfahren." Und da er immer trinkt, und da er 
seit mehreren Monaten furchtbar trinkt, wird sein Wille immer 
schwächer, und die fixe Idee macht sich schließlich durch einige 
laut ausgesprochene Worte Luft. Sobald er dies bemerkt, sucht er 
sich durch Trinken, durch Gehen und durch Laufen zu betäuben; 
aber die Sonderbarkeit seines Benehmens fällt auf. Ein Mann, der 
läuft, hat natürlich etwas verbrochen. Man verhaftet 
ihn. — Mit einer außerordentlichen Geläufigkeit, einem außer- 
ordentlichen Eifer und Nachdruck, mit großer Genauigkeit, sehr 
schnell, sehr schnell, erzählt er dann sein ganzes Verbrechen. Dar- 
aufhin fällt er in Ohnmacht. Polizisten führen ihn in einer 
Droschke fort. 

Das ist sehr fein und sehr schlau ausgedacht, nicht wahr? 
Aber man muß es unbedingt verständlich machen. Geben Sie zu, 
daß es wirklich schrecklich ist. — Man kann die kleine Schwester 
in einem der Lasterhäuser oder in einer Matrosenschenke wieder 
auftreten lassen. 

Ich bin ganz der Ihre. 

"Wir wollen jetzt diesem Dramenszenarium das Gedicht 
„Der Wein des Mörders" zur Seite stellen: 



153 



Der Wein des Mörders* 1 

Mein Weib ist tot, und ich bin frei! 
Nun trink' ich, bis ich nicht mehr kann. 
Kam ich sonst ohne Groschen an, 
Zerriß mich fast ihr Wutgeschrei. 

Nun fühl' ich wie ein König mich; 
Die Luft ist mild, der Himmel klar, 
Fast ist's, wie's jenen Sommer war, 
Als wir uns liebten, sie und ich! 

Den schlimmen Durst, der mich zerreißt, 
Hab' ich mit soviel Wein gestillt, 
Als ihre letzte Grube füllt; 
Was wahrlich nicht zu wenig heißt. 

Ich senkt' sie in den Schacht, und dann, 
Dann warf ich Steine ihr ins Grab, 
Soviel's am Brunnenrande gab, — 
Ich will's vergessen, wenn ich kann. 



M ) Terese Robinson, S. 220 („Les Fleurs du Mal", S. 279). 
Le Vin de l'Assassin 

Ma femme est morte, je suis libre! 
Je puis donc boire tout mon soül. 
Lorsque je rentrais sans un sou, 
Ses cris me d£chiraient la fibre. 

Autant qu'un roi je suis heureux; 
L'air est pur, le ciel admirable . . . 

— Nous avions un h6 semblable 
Lorsque je devins amoureux! 

— L'horrible soif qui me dechire 
Aurait besoin pour s'assouvir 
D'autant de vin qu'en peut tenir 

Son tombeau; — ce n'est pas peu dire. 

Je l'ai jetee au fond d'un puits, 
Et j'ai mcme pousse sur eile 
Tous les pavfo de la margelle. 

— Je l'oublierai si je le puis! 



r 54 



^ 



Ich hatte voller Zärtlichkeit, 
Des Schwurs gedacht, der uns verband, 
Versöhnlich ihr gereicht die Hand, 
Wie einst, in jener trunknen Zeit, 

Und sie bestellt, von Glut entflammt, 
Des Nachts nach einer stillen Flur; 
Sie kam! — Die dumme Kreatur! 
Wir sind ja Narren allesamt! 

Sie war noch lieblich anzusehn, 
Nur manchmal müde und betrübt, 
Und weil ich sie zu sehr geliebt, 
Hieß ich sie aus dem Leben gehn. 

Niemand begreift mich, der da lebt. 
Hat je in solcher finstern Nacht 
Ein blöder Trunkenbold bedacht, 
Wie man aus Wein ein Bahrtuch webt? 



Au nora des serments de tendresse, 

Dont rien ne peut nous dclier, 

Et pour nous reconcilier 

Comme au beau temps de notre ivresse, 

J'implorai d'elle un rendez-vous, 

Le soir, sur une route obscure, 

Elle y vint! folle creature! 

Nous sommes tous plus ou moins fous! 

Elle kait encore jolie, 
Quoique bien fatiguee! et moi, 
Je l'aimai trop! — Voilä pourquoi 
Je lui dis: « Sors de cette vie!» 

Nul ne peut me comprendre. Un seul 
Parmi ces ivrognes stupides 
Songea-t-il dans ses nuits morbides 
A faire du vin un linceul? 

Cette crapule invuln£rable, 
Comme les machincs de fer, 
Jamais, ni 1*&2, ni l'hiver, 
N'a connu l'amour v£ritable, 



r 5S 



i$6 



Die unverwundbar stumpfe Brut, 
Wie tote Masse kalt und leer, 
Kennt Sommer nicht und Winter mehr, 
Kennt nicht der Liebe Qual und Glut, 

Mit ihrem Taumel schwarz und bang, 
Mit ihrem höllischen Geleit 
Aus Tränen, Gift und Bitterkeit, 
Mit Knochenklappern, Kettenklang! 

Ich bin, schaut her, allein und frei! 
Wenn ich heut' nacht betrunken bin, 
Streck' ich mich auf die Erde hin, 
Ganz ohne Reu' und Angstgeschrei. 

Ich werde schlafen wie ein Hund! 
— Der Karren schwerbeladen naht 
Voll Kot und Steinen, — links das Rad 
Senkt tiefer sich im weichen Grund, 

Fährt über mich, zermalmt sogar 
Mein schuldig Haupt, und voller Spott 
Lach' ich dann über euren Gott 
Und über Teufel und Altar. 



Avec ses noirs enchantements, 
Son cortege infernal d'alarmes, 
Ses fioles de poison, ses larmes, 
Ses bruits de chaine et d'ossements! 

— Me voila libre et solitaire! 
Je serai ce soir ivre-mort; 
Alors, sans peur et sans remords, 
Je me coucherai sur la terre, 

Et je dormirai comme un chien! 
Le chariot aux lourdes roues, 
Charg£ de pierres et de boues, 
Le wagon enragd peut bien 

Ecraser ma tete coupable 
Ou me couper par le milieu, 
Je m'en moque comme de Dieu, 
Du Diable ou de la Sainte Table! 



^ 



In Brettschneider erkennen wir ohne weiteres den 
Trunkenbold, das Antlitz Baudelaires. Auf die symptoma- 
tischste Weise wird er zum Manne seiner Mutter, die sich 
von einem jungen Manne, der einen höheren Beruf ausübt 
(Aupick), Geld geben läßt. Wir gehen aber nicht weiter auf 
Analogien ein, die zwischen den Charakterzügen des Gatten 
und denen Baudelaires feststellbar sind. Sie springen einem in 
die Augen und werfen ein grelles Streiflicht auf die Motive, 
um derentwillen Baudelaire seiner Mutter zürnte. 

Besonders bezeichnend in der sadistischen Phantasie, 
die der Gegenstand dieses Dramenentwurfes darstellt, ist das 
Verbrechen und sind die Bedenken des Mörders, die Ver- 
antwortung auf die Vorsehung abzuwälzen. Die Frau in den 
Brunnen werfen, heißt, sie ins Unbewußte werfen, also sie 
verdrängen. Wenn wir uns an die Mechanismen erinnern, 
von denen wir in früheren Kapiteln ausführlich gesprochen 
haben, so werden wir begreifen, daß das Verbrechen gleich- 
zeitig zum Äquivalent für den Inzest werden kann, der Tod 
zum Äquivalent für den Orgasmus. (Übrigens wird es nicht 
schwer fallen, im Brunnen ein Symbol des weiblichen Organs 
zu erkennen.) Weil Baudelaire dieses Verbrechen begangen 
hat, läßt er — der Mörder — sich schlagen, ins Gefängnis 
werfen und im Gedicht vom „Karren" gar überfahren, d. h. 
sich entmannen. Beachten wir außerdem, daß die Mutter des 
Recht hat, wieder aus dem Brunnen herauszusteigen, unter der 
Bedingung jedoch, .daß sie als die Schwester des Brettschneiders 
verkleidet ist, d. h. als Prostituierte, mit der der Geschlechts- 
verkehr möglich bleibt, wie wir es in dem Kapitel über 
Baudelaires Hemmung gezeigt haben. 

Dieses Thema des „Trunkenboldes" (Uivrogne) hat 
Baudelaire in seiner Studie über Edgar Poe und dessen Er- 
zählungen wieder aufgegriffen. Er fühlte, was alles er mit 
diesem geistigen Bruder gemeinsam hatte, und schloß sich 
leidenschaftlich an ihn an, war doch das Leben Poes in so 



157 



vielen Punkten dem seinigen gleich. Die Erzählung, welche 
Poe „Die schwarze Katze" überschrieb und von der Baude- 
laire in seinen Werken eine Zusammenfassung gibt, ist in 
dieser Hinsicht besonders aufschlußreich, da die Symbolik 
des Themas sehr leicht zu verstehen ist — noch leichter als 
die des „Trunkenboldes". Wir geben hier diese aufschluß- 
reiche Zusammenfassung, die Baudelaire darüber geschrieben 
hat, in extenso wieder: 

„Meine Frau und ich waren dadurch miteinander verbunden, 
daß wir den gleichen Geschmack hatten und beide die Tiere über- 
aus liebten; diese Leidenschaft hatten wir von unseren Eltern ge- 
erbt. Unser Haus sah aber auch einer Menagerie ähnlich, denn 
wir besaßen Tiere aller Art." Geschäftlich geht es den beiden 
schlecht. Statt sich nun richtig zu regen, gibt sich der Mann trüben 
Phantasien im Wirtshause hin. Die schöne, schwarze Katze, der 
liebenswürdige Pluto, der früher so zutraulich gewesen, wenn der 
Herr nach Hause kam, kümmert sich jetzt weniger um ihn und lieb- 
kost ihn seltener als früher. Es sieht fast so aus, als ob er ihm aus 
dem Wege gehen wolle und die Gefahren wittere, die der Brannt- 
wein und der Wacholder mit sich bringen. Der Mann ist beleidigt. 
Seine Traurigkeit, sein schweigsames und einsames Wesen nehmen 
in dem Maße zu, in dem er sich an das Gift gewöhnt. Wie gut 
ist das trübselige Wirtshausleben, sind die wortlosen Stunden der 
trostlosen Trunkenheit geschildert! Und dabei rasch und kurz. Der 
stumme Vorwurf der Katze ärgert ihn immer mehr. Eines Abends 
ergreift er aus irgendwelchem Grunde das Tier, zieht sein Taschen- 
messer hervor, und sticht ihm ein Auge aus. Das einäugige und 
blutende Tier flieht ihn von nun an, sein Haß schwillt daher immer 
mehr an. Schließlich hängt er die Katze auf und erwürgt sie. 
Dieser Absatz muß vollständig zitiert werden: 

„Inzwischen heilte die Katze langsam. Die leere Augenhöhle 
ist allerdings schrecklich anzusehen; immerhin schien das Tier nicht 
mehr zu leiden. Es lief, wie gewöhnlich, im Hause herum, aber 
es lief natürlich sehr erschreckt weg, sobald ich mich ihm näherte. 
Es war mir noch Gefühl genug übriggeblieben, daß ich im Anfang 
diese offensichtliche Abneigung eines Geschöpfes, das mich so sehr 
geliebt hatte, bitter empfand. Dies Gefühl wich bald dem der 
Gereiztheit und um meinen letzten und unwiderruflichen Fall zu 
erreichen, gesellte sich der Geist der Verkehrtheit, der P c r v e r s i- 



158 



tat hinzu. Die Philosophie beachtet diesen Geist nicht. Trotzdem 
aber glaube ich, ebenso fest wie ich an die Existenz meiner Seele 
glaube, daran, daß die Perversität einer der tiefsten Triebe des 
menschlichen Herzens ist, eine jener primären, unzerlegbaren Fähig- 
keiten oder Empfindungen, die den Charakter des Menschen konsti- 
tuieren. Wer hat nicht hundert Mal eine tolle und gemeine Hand- 
lung nur deshalb begangen, weil er wußte, daß er nicht so handeln 
dürfe? Haben wir nicht eine beständige Neigung, das Gesetz zu 
übertreten, bloß, weil wir wissen, daß es das Gesetz ist? Diese Per- 
versität war also schuld an meinem endgültigen Fall. Dieser uner- 
gründliche Trieb, den die Seele empfindet, um sich selbst zu quälen, 
ihre eigene Natur zu vergewaltigen, dieses Verlangen, Böses aus 
Liebe zum Bösen zu tun, zwang mich dazu, noch weiter zu gehen, 
um schließlich die Qual, die dieses unschuldige Tier durch mich 
erleiden mußte, aufs Höchste zu steigern. Eines Morgens band ich, 
völlig geistesgegenwärtig, einen Strick um seinen Hals und hing es 
an einen Baumast. Beim Aufhängen vergoß ich viele Tränen und das 
Herz war von bitterster Reue erfüllt; ich hängte die Katze auf, weil 
ich wußte, daß sie mich geliebt, und weil ich fühlte, daß sie mir zu 
keinem Zornausbruch Veranlassung gegeben hatte; — ich hängte sie 
auf, weil ich wußte, daß ich damit ein Verbrechen beging, eine 
Todsünde, die meiner unsterblichen Seele derart Gefahr brachte, 
daß diese Seele, wenn dies überhaupt möglich sein könnte, der 
Sphäre der unendlichen Barmherzigkeit des barmherzigsten und 
schrecklichsten Gottes entzogen wäre." 

Eine Feuersbrunst ruiniert die beiden Gatten vollständig, sie 
ziehen sich in ein Armenviertel zurück. Der Mann trinkt weiter. 
Seine Krankheit macht schreckliche Fortschritte, denn welche 
Krankheit kommt der Trunksucht gleich? Eines Abends bemerkt 
er auf einem der Fässer der Kneipe eine überaus schöne, schwarze 
Katze, die der seinigen aufs Haar gleicht. Das Tier läßt ihn heran- 
kommen und erwidert seine Liebkosungen. Er nimmt es mit, um 
seine Frau zu trösten. Am folgenden Morgen entdeckt man, daß 
die Katze einäugig ist, und zwar am gleichen Auge sieht wie die 
frühere. Dieses Mal aber bringt ihn die Anhänglichkeit der Katze 
allmählich aufs äußerste auf; ihre lästige Unterwürfigkeit macht 
auf ihn den Eindruck der Rache, einer Ironie, einer in einem 
geheimnisvollen Tiere verkörperten Reue. Man sieht, wie der 
Unglückliche immer verdüsterter wird. Als er nun eines Abends 
mit seiner Frau in den Keller geht, um für den Haushalt etwas 
zu holen, verfängt sich die Katze, die beide begleitet und an ihm 



159 



anstreift, in seinen Beinen. Wütend will er sich auf sie losstürzen; 
seine Frau wirft sich ihm entgegen; mit einem Axthieb streckt er 
sie nieder. Wie schafft man einen Leichnam beiseite? Dies ist sein 
erster Gedanke. Die Frau wird eingemauert, die Mauer mit ge- 
schickt beschmutztem Mörtel frisch beworfen und vermacht. Die 
Katze ist davongelaufen. „Sie hat meinen Zorn verstanden und 
es für klüger gehalten, sich aus dem Staub zu machen." Unser 
Mann schläft dann den Schlaf des Gerechten und am Morgen, bei 
aufgehender Sonne, ist er unendlich erfreut darüber und erleichtert, 
bei seinem Erwachen nicht von den ihm verhaßten Liebkosungen 
des Tieres gelangweilt zu werden. Das Gericht hat inzwischen 
mehrere Hausdurchsungen durchgeführt und die entmutigten 
Richter wollen sich gerade zurückziehen, als er ihnen 
plötzlich sagt: „Sie vergessen den Keller, meine Herren." Man 
durchsucht den Keller, und, wie sie die Stufen hinaufsteigen, ohne 
auch nur den geringsten Beweis für seine Schuld vorgefunden zu 
haben, „ . . . da erfaßte mich plötzlich eine teuflische Idee und 
eine Aufwallung unerhörten Stolzes, und ich rief: Schöne Mauer! 
Schöner Bau, in der Tat! Man macht keine solchen Keller mehr! 
Dabei schlug ich mit meinem Spazierstock an die Mauer, und 
zwar an der Stelle, wo das Opfer verborgen war." Ein tiefer, 
ferner, wehklagender Schrei wird hörbar; der Mann wird bewußt- 
los; das Gericht steht still, reißt die Mauer nieder und der Leich- 
nam fällt nach vorne heraus. Eine grauenvolle Katze, halb Fell, 
halb Gips, springt heraus, mit ihrem einzigen, blutenden und 
tollen Auge." 

Wir wissen, welche Nebenbedeutung im Französischen 
der „Katze" zukommt. Zweifler müssen sich nur daran er- 
innern, daß in der Geschichte Poes die Frau schließlich rund- 
weg an die Stelle der Katze tritt. Das ins Auge der Katze ge- 
stoßene Messer bedeutet also ganz dasselbe, was für „den 
Trunkenbold" die in den Brunnen geworfenen Steine be- 
deuten. Die Geste kommt einer sexuellen Handlung gleich, 
welche von schrecklichem, verbrecherischem und schänd- 
lichem Charakter ist, das heißt: dem Inzest. 

Mit Hilfe dieses symbolischen Verbrechens rationalisiert 
der Künstler das Schuldbewußtsein ganz so, als ob er das 
Verbrechen tatsächlich begangen hätte, er, der es wahrschein- 



160 



lieh nicht anders erleben konnte als im Traume. Um die 
Illusion, es begangen zu haben, für sich retten zu können, 
nimmt er in der Krankheit die Strafe, das Gefänignis, den 
Tod auf sich. Und hauptsächlich um sich davon zu ent- 
halten, im normalen Leben, in der Wirklichkeit, ein derartiges 
Verbrechen zu begehen, bei dem er an Steile der Mutter ganz 
einfach eine Frau setzen könnte, bedarf er des Gefängnisses, 
der Brustwehr, der Schranke. 

In dieser Hinsicht weist der Fall Baudelaires, ja vielleicht 
sogar der Poes, eine gewisse Analogie mit dem gewisser 
Vampire auf, die soweit gehen, wirkliche, schwere Verbre- 
chen zu begehen, um sich nachher auf der Polizei anzu- 
zeigen, wie das z. B. der berüchtigte Vampir von Düssel- 
dorf zu tun pflegte. Es besteht natürlich ein krasser Unter- 
schied zwischen der Symptomatologie im Falle Baudelaire 
und der im Falle eines Vampirs, eines wirklichen Verbre- 
chers, wie es jener ist, von dem wir soeben gesprochen haben. 
Aber das affektive Problem kann in beiden Fällen genau das- 
selbe sein. Um seine Verbrechen zu verwirklichen, verfügte 
Baudelaire über das weite Feld seiner Phantasie, vielleicht 
sogar über das seiner Dichtung. Dies gestattete ihm wahr- 
scheinlich, sich in der "Wirklichkeit mit jenen kleinen Delikten 
zufrieden zu geben, von denen wir im Laufe unserer Arbeit 
gesprochen haben. Aber was wäre aus ihm ohne dieses 
Sicherheitsventil geworden? Was den Vampir von Düsseldorf 
betrifft, so kann man annehmen, daß es sich wahrscheinlich 
um einen Mann handelt, dem eine normale psychische 
Aktivität untersagt war, da sein Mangel an Kultur ihm nur 
einen geringen Kontakt mit der Umgebung gestattete. Er kann 
auch an einen Mann oder eine Frau gekettet gewesen sein, die 
ihn ausbeuteten, wie dies beim Vampir von Hannover 55 der 

65 ) Wir erinnern hier an den Fall Fritz Haarmann, 
den Metzger von Hannover, der auf Anstiftung seines Freundes 
Hans Grans, an den er wie ein ohnmächtiges Opfer gebunden 

11 l61 






Fall war, der von Grans (wie Baudelaire von Jeanne) ausge- 
beutet wurde, oder an einen Mann, der ihn sogar martert, 
denn der Vampir braucht solche Qualen, um das ganze Ge- 
wicht seines Schuldbewußtseins abzulasten und sich das 
Recht zu erkaufen, neue Verbrechen begehen zu dürfen. 

So scheint uns Baudelaire zu seiner Berufung gekommen zu 
sein, Priester des Schwarzen, des Satans zu werden. Kehrt man 
jedoch, um den ursprünglichen Zustand herzustellen, diese Um- 
kehrung nochmals um, übersetzt man Schwarz mit Weiß, Hölle 
mit Himmel, Satan mit Gott, Aas mit Jungfrau, so verwandelt 
sich der Priester der schwarzen Messe, der Ausschweifung, vor 
uns in einen erzbischöflichen Baudelaire, in „Seine Hoch- 
würden Brummer', wie ihn seine Freunde nannten. Nach dem 
bisher Besagten verstehen wir nun auch klarer, welche Rolle 
Jeanne Duval hier spielt. Sie ist das Symbol für die Schranke; 
Baudelaire liebt in ihr das Gegenteil von dem, was sie ist. 
Er hat sie gerade deshalb erwählt, um sich dagegen zu weh- 
ren, je zu lieben, was er verehrt und vergöttert hat, und 
um die Zurückweisung seiner normalen Sexualität zu recht- 
fertigen. Seine trostspendenden Maximen über die Liebe er- 
weisen sich in diesem Zusammenhang als besonders 
charakteristisch. 

Jeanne Duval ist auch der „Deckel" zur Gruft Baude- 
laires. Sie ist das nächtliche Gewölbe, in dem er unterliegt, 
das Herz an dem er scheitert, die Rechtfertigung für das 
Verbrechen und den Inzest. Durch sie, die „Fremde", hin- 
durch träumt er von dem, was seinem Fleische am nächsten 
steht, von seiner Mutter, deren Seele und Körper er im Gegen- 
teile dessen sucht, was Jeanne für ihn gewesen ist. Lesen wir 
dazu: 

war > , . VOni September 1918 bis zum Oktober 1923 mehr als 
30 Jünglinge tötete. Ein Individuum, mit dem er verkehrte, 
verriet ihn, und Haarmann wurde verhaftet. Zwei Tage später 
folgte ihm Grans. Beide wurden zum Tode verurteilt. Haarmann 
wurde am 15. April 1925 hingerichtet. 

162 



^ 



Der böse Mönch 50 

Die alten klöster stellten an den mauern 
Die heilige Wahrheit in gemälden aus, 
Die brüder füllte sie mit tiefen schauern 
Und wärmte so das kalte, strenge haus. 

Es war die zeit wo Christi saaten sproßten. 
Manch' edler mönch von dem man heut' nichts weiß 
Nahm auf dem leichenfelde seinen posten 
Und feierte den tod mit schlichtem fleiß . . . 

In meiner zelle schleppe ich mein leben 

Seit ewiger zeit — ein schlechter büßervater — 

Mit nichts verschönte ich die kahlen wände. 

O träger mönch! wann schaffe ich ergeben 

Aus meines elends lebendem theater, 

Der äugen weide und das werk der bände? 

Nach dem Gesagten werden wir verstehen, warum 
Baudelaire nadi dem Tode des Generals Aupick un- 

59 ) Stefan George, S.25 („Les fieurs du Mal", S. 116). 

Le mauvais Moine. 

Les cloitres anciens sur les grandes murailles 
Etalaien t en tableaux la sainte Verite\ 
Dont l'effet, rechauffant les pieuses entrailles, 
Temperait la froideur de leur austeriti, 

En ces temps ou du Christ florissaient les semailles, 
Plus d'un illustre moine, aujourd'hui peu cite, 
Prenant pour atelier le champ des funerailles, 
Glorifiait la Mort avec simplicite. 

— Mon äme est du tombeau que, mauvais cenobite, 

Depuis l'eternite je parcours et j'habite; 

Rien n'embellit les murs de ce cloitre odieux. 

O moine faineant! quand saurai-je donc faire 

Du spectacle vivant de ma triste misere 

Le travail de mes mains et l'amour de mes yeux? 



11* 



163 



möglich mit seiner Mutter in Honfleur zusammen wohnen 
konnte und dies trotzdem er dazu fest entschlossen war. 
Denn auch nach dem Tode Aupicks bestand die Schranke 
weiter, wie sie wohl auch schon vor ihm aufgerichtet ge- 
wesen war. Wir können jetzt auch die Beschreibung ver- 
stehen, die Asselineau von Baudelaire gibt, der seine Freunde 
oft gebeten hat, ihn über Nacht zu beherbergen: 

Er hatte lange Zeit die Gewohnheit, seine Freunde für eine 
Nacht, einen, zwei oder mehrere Tage, um ihre Gastfreundschaft 
zu bitten. Er tat dies aus zwei Gründen: erstens aus Abscheu vor 
seiner oft allzukleinen und unbequemen Wohnung, vor den Un- 
annehmlichkeiten, die er in seinem Heim manchmal zu erdulden 
hatte, vor den Verdrießlichkeiten mit den Gläubigern usw., und 
dann, weil er unaufhörlich das Bedürfnis hatte zu plaudern. Wie 
oft ist er gegen 4 oder j Uhr mit geschäftiger Miene zu mir 
gekommen: „Lieber Freund, ich komme mit einer Bitte, die Ihnen 
sehr unangenehm sein wird, denn ich weiß, daß Sie das nicht 
gerne haben. Aber es muß absolut sein. Ich habe der ,Revue de 
Paris' für morgen Mittag einen Artikel versprochen. Sie verstehen 
wohl, daß mich dies nicht in Verlegenheit bringen kann. Sie wissen, 
wäe schnell ich arbeite (er arbeitete, im Gegenteil, sehr langsam, 
wie alle sorgfältigen Menschen), ich habe für diesen Artikel sech- 
zehn Stunden Zeit! Das genügt mir! Aber verschiedene Stänkereien 
und Unannehmlichkeiten machen es mir unmöglich, bei mir zu 
Hause zu arbeiten. Sie müssen mir also auf jeden Fall bis morgen 
Mittag Gastfreundschaft gewähren. Ich werde Sie nicht stören. 
Ich werde keinen Lärm machen. Sie können mich unterbringen, 
wo sie wollen. Ich werde brav sein, wie ein kleines Kind ..." — 
„Das trifft sich ausgezeichnet, lieber Freund, denn ich muß aus- 
gehen und werde nur zum Schlafen nach Hause kommen. Sie 
werden also ganz wie zu Hause sein." — „Oh! bei Ihrer Rück- 
kehr wird die Arbeit schon recht vorgeschritten sein... Na! Es 
ist 5 Uhr. Soll ich jetzt Nachtmahl essen gehen oder erst essen, 
wenn alles fertig ist?" „Das ist Ihre Sache. Auf jeden Fall werde 
ich Ihnen ein Bett zurechtmachen lassen." — „Oh! ein Bett!... 
Übrigens, warum nicht? Ich werde zwei oder drei Stunden schla- 
fen, um mich auszuruhen." Ich kam um Mitternacht nach Hause 
und war (die ersten Male natürlich) darauf gefaßt, Baudelaire bei 
der Arbeit vorzufinden. „Nimmt der Herr nicht seinen Schlüssel?" 



164 



sagte mir der Hausbesorger. „Ja, hat ihn der Herr, der mich heute 
besuchte, nicht geholt?" — „Aber, mein Herr, der ist nicht zurück- 
gekommen." Ich fand das Zimmer tatsächlich leer und auf 
meinem Tische lagen das kleine Paket Baudelaires, das englische 
Wörterbuch, der Band Poe, die Papierrolle und die neuen, beim 
Krämer gekauften Federn. Ich ging zu Bett. Gegen ein Uhr 
klingelt es. Es war Baudelaire. „Sacre Saint-Ciboire!" fluchte er 
mit zusammengebissenen Zähnen und rieb sich die Hände. — 
„Was ist los?" — „Was los ist? . . . Daß ich mein Nachtmahl 
essen gegangen bin, wie ich es Ihnen gesagt hatte. Um aber 
ein wenig Bewegung zu machen, habe ich nach Tisch die Idee 
gehabt, bis auf die Boulevards zu gehen. Dort traf ich S . . ., 
diesen zudringlichen Schwätzer und Nichtstuer, der mich bis Mitter- 
nacht schwätzen ließ. Ich mußte mit ihm Bier trinken. Weiß Gott, 
was ich noch alles gemacht habe? Das ist jedoch einerlei, denn 
während des Geschwätzes dachte ich an meine Arbeit . . . und 
alles steht schon in meinem Kopf geschrieben. Ich brauche 
nur noch die Zeit, um es mir zu diktieren (er schaute auf 
die Uhr). Eins... Ich habe noch elf Stunden vor mir! Wenn 
ich für vier Seiten eine Stunde rechne, so genügen mir vier 
Stunden. Ich habe dreimal mehr Zeit, als ich brauche! Ah! Sie 
haben mir ein Bett zurechtmachen lassen. Es wird kaum gebraucht 
werden. Wie wäre es aber, wenn ich trotzdem versuchen würde, 
eine oder zwei Stunden zu schlafen, um mich vom Lärm des 
Mundwerks dieses S . . . auszuruhen . . .?" — „Verschlafen Sie 
sich aber nicht!" — „Ach, natürlich, Sie glauben, ich sei ein 
Genießer wie Sie? Wissen Sie denn nicht, daß ich aufwachen kann, 
wann ich will, nach einer halben Stunde, wenn es mir beliebt? 
Gut, ich will mich zuerst ein Stündchen ausstrecken, um besser 
aufgelegt zu sein, und meine Nacht so gegen vier Uhr morgens 
aufhören lassen." — „Also, gute Nacht!" Am folgenden Morgen 
als ich gegen acht Uhr aufwachte, lag mein Baudelaire, in 
die Decken eingehüllt, die Nase der Wand zugekehrt. „Ich sehe 
Sie", sagte er zu mir nach einer Weile mit seiner hellen Stimme, 
„ich sehe Sie! Ich bin schon seit langer Zeit wach." Auf dem 
Tische lag das Papier, immer noch nicht aufgerollt, und die Bücher 
waren noch nicht geöffnet. „Nun", sagte ich, „was ist's mit dem 
Artikel? — und der Postarbeit?" — „Sie sind ein Spaßvogel! 
Immer diese Witze!" — „Aber Sic haben ja nicht eine einzige Zeile 
geschrieben." — „Nun, und was weiter, — ich habe eben meiner 
Trägheit nachgegeben." — „Aber was wird man in der Redaktion 



165 



dazu sagen?" — „Ich werde ihnen alles erklären." — „Eigent- 
lich ist es ja erst acht Uhr und es bleiben Ihnen immer noch 
Ihre vier Stunden. Sie haben noch Zeit!" — „Ach! Sie sind ein 
Spaßvogel, immer haben Sie einen Spaß bei der Hand!" Natür- 
lich ging Baudelaire nicht in die Redaktion der Revue. Er speiste 
mit mir zu Mittag und wir plauderten den ganzen Nachmittag 
miteinander. Diese Szene wiederholte sich sehr oft 57 , immer gab 
er vor, trachtete er danach, jedes Hindernis wegzuräumen, Seite 
um Seite hcrunterzuschreiben und andern als Beispiel der Arbeit 
zu dienen, jedoch stets ohne Erfolg. So hauste er bei Nadar, bei 
Lespcs und bei Dupont. Einmal schlief er sechs Wochen hinter- 
einander auf dem Sofa bei einem Freund in der Cito TreVise. 

Wir müssen uns nun vor allem fragen, ob nicht die nie 
endenwollenden Diskussionen, die er mit seinen Freunden 
führte, und die oft seine Hauptbeschäftigung waren, seinem 
Bedürfnisse zuzuschreiben sind, das Ringen „der beiden 
Feinde" auf ein anderes Feld als auf das der direkten 
Schläge zu verschieben, auf ein Feld jedoch, auf dem die in 
einer Diskussion erhaltenen Schläge gar wohl jene er- 
setzen konnten, die er, wie Rousseau, von irgend einem Fräu- 
lein Laimbercier bekommen wollte oder von der Volksmenge, 
vor der „das entblößte Herz" Baudelaires, wie das von Jean- 
Jacques, blutend aufbrach. Ecce horaol 



57 ) Das bezeugen besonders die Briefe, in denen die Leiter 
der Zeitschriften ihrem Mitarbeiter seine UnZuverlässigkeit vor- 
werfen. 

166 






ii. Kapitel. 

Beitrag zur 
Psychologie der künstlerischen Schöpfung. 

Die folgenden Überlegungen erheben in keiner Weise 
Anspruch darauf, den Fall Baudelaire in einem neuen Lichte 
darzustellen. Sie sind lediglich das Ergebnis der Betrachtun- 
gen, zu welchen das Problem der bei Baudelaire aufge- 
deckten Beziehungen zwischen psychischem Konflikt und 
Künstlertum Anlaß gegeben hat. Zum Teil sind es nur Ver- 
mutungen, deren einziger Zweck darin besteht, die Abgren- 
zung gewisser Seiten eines sehr komplexen psychologischen 
Problems zu erleichtern: ich meine das der künstlerischen 
Schöpfung im allgemeinen. 

Wir haben gezeigt, wie Baudelaire infolge der hemmen- 
den „Schranke" sich auf dem Wege der vom Leben ge- 
forderten, praktischen Verwirklichungen zurückgehalten sah. 
Er wurde hierdurch zum Gefangenen des Düstern, Schwarzen, 
der Mulattin Jeanne Duval, der Wucherer, des Lächerlichen, 
des Elends. Wir wissen, dieses trostlose Leben rührte nicht 
davon her, daß Baudelaire dem Schönen und dem Glücke 
gleichgültig gegenüberstand. Unsere vorangehenden Ausfüh- 
rungen ermächtigten uns zur Annahme, daß jede Besitz- 
nahme dieses Schönen und dieses Glückes für ihn mit dem 
Interdikt belegt war. Er konnte sie höchstens aus der Ferne 
bewundern, was deutlich aus einigen seiner Liebesbeziehungen 
hervorgeht sowie aus der Analyse des Traumes vom Bordell, 
in dem Baudelaire, statt Protagonist zu sein, in erster Linie 

167 



Zuschauer bleibt. Das heißt: er hält sich schüchtern außerhalb 
des Spieles und befriedigt seine Sinne einzig und allein im 
Beschauen des „Ungeheuers". 

Nun führt uns die psychoanalytische Erfahrung zu 
der Frage, ob nicht diese Tendenz, den „Voyeur" zu 
spielen und sich nur unter Wahrung der „Schranke" ver- 
wirklichen zu können, bei Baudelaire auf gewisse Konflikte 
der frühesten Kindheit zurückzuführen sein dürfte, die mit 
den ersten sexuellen Enthüllungen in engster Beziehung stehen. 

Wir können in der Tat oft beobachten, daß gewisse auf 
infantilen Konflikten fußende Neurosen sich beim Kranken 
in der Notwendigkeit äußern, das genitale Organ durch 
Organe zu ersetzen, die beim normalen Menschen keine sexuelle 
Funktion vertreten, aber geeignet sind, sekundär erotisiert zu 
werden. So werden die Verdauungsorgane häufig zum 
Sexualorgan (der Anus z. B. beim Päderasten). Selbst das 
Auge kann in den Dienst der Sexualität gestellt werden und 
in diesem Falle eine ganz eigene Entwicklung durchmachen, 
so daß es sozusagen zum eigentlichen Zentralorgan wird, das 
allen andern Organen überlegen ist. Es fällt nicht schwer zu 
beweisen, daß diese Tatsache für die Ökonomie der psy- 
chischen Energie eines Kindes von großer Wichtigkeit ist. 
Denn sehen heißt in der Tat sich durch das Auge mit 
allem identifizieren, was wahrgenommen wird, und zwar aus 
der Entfernung, im Geheimen, ohne daß man seinen Platz 
wechseln muß, ohne daß man die Aufmerksamkeit der 
Umwelt auf sich lenkt. Das Sehen ermöglicht es durch die 
von ihm vermittelte augenblickliche Identifizierung, die 
Lebenserscheinungen unmittelbar und zugleich präzis zur 
Kenntnis zu nehmen. Aus der Lust zu sehen, geht die Lust 
zu verstehen, zu messen, zu kritisieren hervor, die jedoch 
immer mit dem Bedürfnis, objektiv zu bleiben, d. h. außer- 
halb des Spiels, in gewisser Entfernung zu stehen, um „vom 



168 



Schauspiel nichts zu verlieren" 58 verbunden ist. Diese Lust, die 
sich mit jener deckt, die man bei der reinen Logik empfindet, 
scheitert im Gewühle der Schlacht, als die das Leben und die 
Liebe anzusehen sind. Aus Furcht, sich mitreißen zu lassen und 
ihre Objektivität zu verlieren, betrachten daher die der Objek- 
tivität fröhnenden Liebhaber die geschlechtliche Liebe als eine 
Befleckung und entehrend im Vergleiche zu dem, was ihnen das 
Auge alles an Subtilem, Verfeinertem und Überlegenem zu ver- 
wirklichen gestattet. Sehen bedeutet für sie dem Adler gleich 
und sicher über allem erhaben im Äther zu kreisen und durch 
die gleichzeitige Identifizierung mit dem Manne und der Frau 
eine Art Allmacht zu erlangen 58 . 

Um jedoch auf Baudelaire zurückzukommen, so sind 
wir der Ansicht, daß sein Auge mit der Zeit die Rolle eines 
regelrechten Sexualorgans gespielt hat, welches ihm — unter 
der Bedingung jedoch, daß er Zuschauer bleibt und sich damit 
befriedigt — die außergewöhnlichsten Erlebnisse verschaffte, 
indem er zugleich an den Erregungen des Mannes und der 
Frau Anteil hatte, deren Sexualverkehr er, wie wir ver- 
muten können, in der Kindheit beigewohnt haben dürfte. 
Die Feststellung dieser Tatsachen hat uns dazu geführt, uns 
zu fragen, ob sich das Leben Baudelaires bis zu einem ge- 
wissen Grade nicht aus dem Zwang erklärt, immer wieder 
dieselben affektiven Situationen herzustellen, die denjenigen 
analog wären, an die sich seine Sexualität in der Kindheit 

fixiert hat. 

Diese Situation müßte genau erforscht werden, wenn wir 
uns völlig Rechenschaft geben wollen über alle Folgen, ■ die 
sie für das affektive Leben und die Charakterbildung einer 

68) siehe J. Frois- Wittmann: „Moderne Kunst und Lust- 
prinzip." Die psychoanalytische Bewegung, II'*. 

50 ) Es handelt sich um eine Regression der Libido zu einem 
oralen und analen Stadium der affektiven Organisation, einem Sta- 
dium, durch das alle Individuen im Laufe ihrer Entwicklung hin- 
durchgegangen sind. 

169 



\ 



Person haben kann. An Hand der psychoanalytischen Er- 
forschung gewisser Neurosen und der direkten Beobachtung 
am Kinde, können wir hierüber folgende Erläuterung geben: 
Das zarte, schwächliche und hilflose Kind liegt in der 
Wiege. Seine zur Aufnahme der Außenwelt bestimmte 
außergewöhnlich rege Empfindsamkeit wird notwendigerweise 
von allem, was das Leben der andern Wesen, an die es ge- 
bunden ist, betrifft, tief berührt, denn im Unbewußten des 
kleinen Wesens ist virtuell alles vorhanden, was die Empfind- 
samkeit des Erwachsenen kennzeichnet. Ein Kind, das so 
z. B. dem Sexualakte seiner Eltern beiwohnt, ist, wie die 
psychoanalytische Praxis es täglich zeigt, den größten affek- 
tiven Stürmen und gefährlichsten Reaktionen ausgesetzt. 
Seine zarte Psyche ist derartigen Regungen nicht gewachsen 
und unfähig, sie auf normalem Wege zu erledigen. Das Kind 
reagiert nun in solcher Lage auf eine sehr komplexe Weise, 
die wir hier nicht näher darstellen können. Im Großen und 
Ganzen spielt es in dieser Liebessituation die Rolle des Dritten, 
und zwar mit der ganzen Eifersucht und Empörung, mit 
dem Haß und der Verstellungskunst, die schwache Personen 
kennzeichnen. Durch eine progressive Anpassung an das 
Übel gelingt es dem Kinde, sich mit seiner Lage abzufinden, 
und es reagiert gegen die Hilflosigkeit seines Zustandes, in- 
dem es aus dem Zuschauen selbst Lustbefriedigungen zu 
ziehen lernt. Wir sind darum nicht erstaunt, wenn wir 
Menschen finden, die das Glück anderer mit Wollust be- 
trachten können, Menschen, denen jede Möglichkeit fehlt, 
seiner anders teilhaftig zu werden als durch den Gesichtssinn. 
Zahlreiche schmerzliche Mißerfolge im Bereiche der akti- 
ven Verwirklichungen haben sie nämlich belehrt, daß ihnen 
jede andere Handlung als das Schauen untersagt bleibt. Die 
Versuche einer aktiven Verwirklichung äußern sich beim 
kleinen Knaben nicht bloß in despotischen Wutausbrüchen 
und in ständiger Erregbarkeit, sondern vor allem in Äuße- 



170 



rungen wie Bettnässen, Unreinlichkeit, Starrköpfigkeit, Bos- 
heit usw was die größten Unannehmlichkeiten zur Folge 

haben kann, jedoch den unbestreitbaren Vorteil mit sich 
bringt, auf das Kind die Aufmerksamkeit der Per- 
sonen, die ihm lieb sind, zu konzentrieren. Über den Aus- 
gang dieses ungleichen Kampfes besteht aber nicht der ge- 
ringste Zweifel, denn ein Kind, das seine Seelennot allein be- 
kämpfen muß, also ohne auf den Beistand der Personen rech- 
nen zu können, die für es verantwortlich sind und die oft 
sein Unglück eigentlich verursacht haben, ein Kind, das un- 
fähig ist, dem, was in ihm vorgeht, Ausdruck zu verleihen, 
um dadurch eine gerechtere Behandlung zu erzielen, muß 
schließlich den einzigen Ausweg wählen, der ihm irgendeine 
Beruhigung verschaffen kann und seine Kastrationsangst zu 
dämpfen vermag, und der darin besteht, sich jeden anderen 
Ausweg als den durch den Gesichtssinn abzuschneiden, selbst 
dann, wenn es sich hinterher auf diese einzige Möglichkeit 
beschränken muß; denn es ist an die Verhältnisse seiner Kind- 
heit gebunden und gewohnt, sich lediglich auf sich selbst zu 
verlassen, in seinem Herzen die verständnislosen Erwachse- 
nen zu verachten, und es hat in seiner Seele das Bedürfnis, 
einsam, verkannt, stolz, mißtrauisch und verborgen zu sein 
und zu bleiben. Gerade diese Menschen entwickeln dann den 
unglückseligen Hang zum Absoluten in sich, von dem wir 
bereits gesprochen haben, und vergessen auf ihrer Flucht in 
die reine Phantasie das Herz. Auf diese Art und Weise bil- 
det sich nach und nach die unübersteigbare „Schranke", die 
bei Baudelaire zur tiefgreifenden Folge hatte, daß sie ihm 
jeden normalen und direkten Kontakt mit dem Leben unter- 
sagte, indem sie ihm lediglich die eine Möglichkeit ließ: durch 
die Vermittlung des Auges der Außenwelt das Bild, der Idee 
das Symbol, der Handlung den Traum zu substituieren und 
daraus den bestmöglichen Vorteil zu ziehen, um sich so allen 
Hindernissen zum Trotz zu verwirklichen. 



171 



Auf diese Weise ist es Baudelaire gelungen, alle Schwie- 
rigkeiten zu überwinden, seine Liebe und seinen Haß 
trotz aller Hindernisse in die Welt hinauszuschreien und bis 
zum letzten Atemzug gegen sein Leid, die Krankheit, die 
„Schranke" zu kämpfen. All dies repräsentiert für uns seine 
Kunst, in deren Dienst er eine so subtile Erfassungsgabe, ein 
so seltenes Evokationsvermögen, vor allem aber jenes Helden- 
tum des zur Kreuzigung bereiten Menschen, gestellt hat, ein 
Heldentum, mit dem er nicht nur gegen „die Schranken" 
seines eigenen Denkens stritt, um sie niederzureißen, sondern 
auch gegen die „Schranken", die das Denken seines Zeit- 
alters, das vielfach Scheuklappen trug, beschränkten. 

Denn unter den sozialen Bedingungen, unter denen wir 
leben, führt der Kampf gegen die individuellen Schranken, 
wie wir ihn bei Baudelaire finden, oft zum Kampfe gegen 
die Schranken, welche das kollektive Denken, das der 
Nation, einschließen. Als Beispiel genügt es, den Prozeß, 
zu dem die „Blumen des Bösen" Anlaß gaben, in Er- 
innerung zu rufen, diesen Kampf gegen die öffentliche Mei- 
nung und Zensur, der auch heute noch nicht beendet ist. Der 
Sieg über die Zensur, die in uns allen existiert, wird so zu 
einem Triumphe für uns alle. Sie macht den Denker und 
Gelehrten zu dem gleichen Helden wie den Soldaten, der 
gegen die Front des unsere Existenz bedrohenden Feindes 
kämpft. Wenn man dabei die seelischen Prüfungen, denen die- 
ser Kämpfer die Stirne bieten muß, die Einsamkeit und die 
Verachtung, mit denen er sich abzufinden hat, in Betracht 
zieht, so darf man wohl sagen, daß der Kampf auf dem Ge- 
biete des Geistigen für viele unter uns vielleicht härter ist 
als der Kampf in den Schützengräben. Wir wissen, wie viel 
Achtung unsere Kultur den Helden des Geistes, dem soge- 
nannten Genie, zollt. Dies ermöglicht uns vielleicht, die un- 
geheuren Dienste, die sie der Menschheit erweisen konnten, 
zu würdigen. Erst muß das Genie gegen den individuellen 

172 



Irrsinn kämpfen — es fällt ihm oft zum Opfer — dann erst, 
nachdem jene ersten Prüfungen seine Kräfte verzehnfacht 
haben, kommt es dazu, gegen den der Masse zu kämpfen. Es 
ist unmöglich, das Problem auf befriedigende Weise zu lösen, 
wenn man nicht beachtet, daß unsere ganze Kultur das Er- 
gebnis eines unerbittlichen Kampfes gegen die irrsinnigen Glau- 
benslehren und die primitive Mentalität unserer VoraJinen ist. 
Diese Glaubensanschauungen sind oft in demselben Sinne wie die 
Neurosen oder der Irrsinn Schranken, von denen wir heute 
noch lange nicht befreit sind, denn sie bestehen weiter in den 
verschiedenen Formen der religiösen Glaubenslehren und so- 
zialen Vorurteile. Wie die Menschheit, so ist auch jeder 
einzelne von uns im Laufe seiner Entwicklung in ein (in 
gewisser Hinsicht dem Kampf Baudelaires analoges) Ringen 
mit einbezogen, jeder einzelne natürlich in der ihm entspre- 
chenden Stärke. Dies ist übrigens der Grund, warum wir am 
schmerzensreichen Leben Baudelaires einen so großen affek- 
tiven Anteil zu nehmen vermögen, am Ausgang dieses Kamp- 
fes, der auch der unsrige ist, am Ansturm gegen die Schranke 
der Kollektivneurosen, der sozialen Vorurteile und schließlich 
gegen die des Todes. Denn der Tod ist es, welcher der alles 
verschlingenden Materie, der unser Genie unser Dasein aufzu- 
zwingen wußte, gestattet, ihre Rache zu nehmen. Jedoch 
trotz all der Siege, welche es der Wissenschaft erlauben, die 
Schranke des Todes zu verrücken, wissen wir im Voraus, daß 
wir eines Tages in diesem Kampfe unterliegen werden, der, 
unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, nichts anderes bedeu- 
tet als den Kampf unserer Individualität gegen die Materie, 
den Tod. Aber verfügen wir denn nicht über die Möglich- 
keit, der Natur unseren Teil Unsterblichkeit zu entreißen, 
um so die letzte Niederlage zu überwinden: indem wir Nach- 
kommen und geistige Schöpfungen zeugen? 60 



00 ) Siehe O. Rank: „Der Künstler", Internat. Psychoanalyt. 
Verlag. Wien 1925. 



173 



Bewegt sich also das Problem der künstlerischen Schöp- 
fung im allgemeinen, mag es sich nun um Baudelaire han- 
deln oder um einen andern, um etwas anderes als um die 
Art und Weise, auf welche diese Unsterblichwerdung auf gei- 
stigen Gebiete ins Werk gesetzt wurde, und zwar unabhän- 
gig von der Sexualität, ihren Bahnen und ihren Gesetzen? 
Die künstlerische Schöpfung wäre dann ein letzter Protest 
gegen die biologischen Bedingungen, deren Sklaven wir 
sind, und die uns nur dann erlauben wollen, uns zu ver- 
ewigen, wenn wir den normalen Sexualakt akzeptieren und 
uns mit dem Dasein eines Partners abfinden. Sie wäre daher 
vor allem der übermenschliche Kraftaufwand einer Persön- 
lichkeit, die infolge der neurotischen Schranke gehindert ist, 
ihre Lebenssubstanz auf ein durch die normalen sexuellen 
Organe empfangenes Kind zu übertragen 01 . Diese Bega- 
bung für die künstlerische Schöpfung könnte also in vielen 
Fällen auf eine Fixierung der Libido an eine infantile Situa- 
tion zurückzuführen sein, wie es z. B. jene ist, welche 
die Orientierung der Entwicklung Baudelaires entscheidend 
beeinflußt zu haben scheint. Der Künstler wäre demnach 
mehr oder weniger unfähig, seine Unsterblichkeit auf sexuel- 
lem Wege völlig zu verwirklichen, und er will diese Nieder- 
lage durch die Schöpfung des Geistes siegreich wieder über- 
winden, indem er dem Schöpfungstrieb bis dahin unbekannte 
Wege eröffnet. 

Auf solche Weise hätte sich dann jene feine Künstler- 
empfindsamkeit herangebildet, die sich an die übermensch- 
lichen Ekstasen eines in den Schöpfungsakt der Götter einge- 
weihten Kindes erinnert und von nun an alles, was nicht 
jenem Ideale entspricht, verachtet; eine Empfindsamkeit, die 
ganz dem Jenseits der großen Strebungen zugewandt ist und 



61 ) Siehe die interessante Arbeit von B. Grasset: Psychologie 
de l'immortalitc. (Über die Psychologie der Unsterblichkeit.) Ver- 
lag der Nouvelle Revue Francaise. Paris 193 1. 



174 



— 



sich selbst und ihre Zeit um jeden Preis überholen oder in 
diesem Unternehmen, das für einen Menschen die Eroberung 
der Unsterblichkeit bedeutet, unterliegen muß. 

Nur so gelingt es diesen Menschen, für den Verzicht 
auf alle normalen Verwirklichungen, für ein nie erreichtes 
Glück eine Kompensation zu finden, die es ihnen erlaubt, auf 
das Glück, das den andern zuteil wird, zu verzichten, ja es 
sogar zu verachten, denn glücklich sein bedeutet für sie vom 
Glücke und von der Vernichtung besiegt werden. Das Glück 
erleben heißt gewissermaßen den Tod erleiden, und zwar 
mit allem Entwürdigenden, das es für den an sich hat, der 
nicht zu sterben weiß. Um glücklich sein zu können, darf 
man seinem Glücke nicht zürnen; man muß vor allem 
ertragen können, daß es uns überragt, daß wir nie hoffen dür- 
fen, es zu meistern. So paradox die Meinung auch aussehen 
mag: das Glück würde demnach vor allem jenen zu teil 
werden, die es ohne Reue und Schuldbewußtsein untergehen 
lassen können. Für Baudelaire war es wahrscheinlich eine Art 
Feigheit, nur um den Preis glücklich zu sein, daß man nicht 
mehr weiß, was Glück bedeutet, nicht der alleinige Schmied 
dieses Glücks, und von einem anderen abhängig zu sein. Man 
stelle sich vor, was dies für einen Menschen bedeutet, der 
seinen Reichtum nur sich selbst zu verdanken hat. Er wird 
beständig nach Definitionen des Glückes suchen und glauben, 
es zu erreichen, wenn er sein Wissen und seine Vernunft 
nach der Deutung fragt. Und so wird es allen seinen 
Schöpfungen ergehen: sogar mit der Natur wird er rivali- 
sieren. Er wird ihr ihre Existenz nur unter der Bedingung 
verzeihen, daß sie seine Phantasieerlebnisse fördernd beein- 
flußt, die Erlebnisse, welche durch den Künstler den wirk- 
lichen Erregungen, die nun vor seinen künstlichen Paradiesen 
zurückzutreten haben, substituiert worden sind. Mehrere kri- 
tische Betrachter haben auf das Nachdrücklichste auf jene 
Grundhaltung des künstlerischen Schöpfers hingewiesen, die 

175 






darin besteht, die Enttäuschungen und Niederlagen, die das 
praktische Leben seiner anspruchsvollen und überaus reiz- 
baren Sensibilität bereitet, durch die häufig sehr bitteren 
Genüsse des Phantasielebens, des Ichs, zu ersetzen, das die 
Trivialitäten des Triebs stolz verachtet. Wir glauben, daß 
die durch die Kunst „narzißtische Kultur", von der Hes- 
nard schöne Beispiele gegeben hat, sehr oft durch das Be- 
dürfnis, sich einer unbewußten Schuld zu entledigen, hervor- 
gerufen wird: durch die Ehre, leiden zu dürfen, entschlüpft der 
Künstler der Angst flla . Wir können uns daher fragen, ob nicht 
bei den meisten Künstlern affektive Bedingungen, die denen in 
Baudelaires Leben ähnlich sind, bewirken, daß die Achse der 
Welt durch ihr Gehirn geht, da die Tragödien ihres Lebens 
in ihrer Phantasie gelebt werden müssen, wobei die Natur, 
die Frau und das Kind nichts anderes sind als die tönernen 
Modelle, die lediglich durch (den schöpferischen Hauch des 
Künstlers belebt werden können. Es ist dabei nicht nötig, 
die allgemein bekannte Tatsache speziell zu betonen, daß 
zahlreiche Genies an einem mehr oder minder starken Ge- 
hemmtsein litten, d. h. wenig praktisch, neurotisch, ja sogar 
dem normalen Leben nicht gewachsen waren. Seit Lombroso 
ist die Beziehung zwischen Genie und Irrtum oft diskutiert 
worden. Und um nur vom literarischen Genie zu sprechen, 
wie oft hat man nicht festgestellt, daß es mit dem wohl- 
geordneten bürgerlichen Leben eines Gatten, eines guten 
Familienvaters kaum vereinbar ist? 

Ist das der Grund, warum das Thema der in den Brun- 
nen geworfenen Frau so oft in der Literatur auftaucht, mag 
es sich um Ophelia im „Hamlet", um Nastasia Filipowna 
im „I d i o t" oder um Brunhilde im „Siegfried" han- 
deln? Eigentlich stehen wir ja immer vor derselben Phantasie, 
die aus Mephisto-Hagen — ein väterliches Symbol macht, 

61a ) Siehe dazu Hanns Sachs: „Gemeinsame Tagträume", In- 
ternat. Psychoanalyt. Verlag. Wien 1924. 

176 



genau so wie aus den Polizisten in der „Schwarzen Katze" 
von Poe. 

Müssen wir in diesem Thema nicht den Ausdruck eines 
infantilen Konfliktes sehen, der den Dichter dazu gedrängt 
hat, vor allem der „Voyeur" dessen zu sein, was sich auf 
der Bühne seiner Phantasie abspielt? Zeigt es nicht die Stelle, 
von der aus sich die literarische Produktion einzig und allein 
als Erscheinungsform eines neurotischen Konflikts darstellt, 
der dem analog ist, den wir bei Baudelaire erforscht haben? 
Wir könnten uns somit fragen, ob nicht gewisse Formen 
von Neurosen, weit entfernt davon, für die Menschheit eine 
Gefahr zu sein, im Gegenteil für sie manchmal eine Bereiche- 
rung bedeuten, und zwar eine derartige, daß sie von der 
Menschheit als ein Privilegium angesehen werden, das ihr er- 
laubt, jede Schranke und jeden Tod, der uns zu vernichten 
droht, mit dem Fehdehandschuh des unsterblichen Geistes 
herauszufordern. 



12 



W7 



12. Kapitel. 

Baudelaires Neurose. 

Mit Hilfe der psychoanalytischen Erfahrung und des 
Materials, das wir aus Baudelaires Leben kennen gelernt 
haben, könnten wir jetzt den Versuch unternehmen, die ver- 
schiedenen Seiten seiner Neurose darzustellen. Sie entspricht 
nicht den klassischen Typen, die uns in der Psychiatrie ge- 
schildert werden, deren Erforschungsmittel außerdem zu pri- 
mitiv sind, die Einzelheiten, die man kennen muß, um eine 
Psycho-Neurose wirklich zu verstehen, in allen Schattierungen 
zu erfassen. Die Psychoanalyse jedoch hat uns mit gewissen 
Neurosenarten vertraut gemacht, in die wir Baudelaires Fall 
einreihen können, und die nicht die klassische psychische 
Symptomatologie, Angst, Zwang usw. zeigen. Diese letzt- 
genannten Symptome treten zwar bei Baudelaire ebenfalls 
auf, sind aber von geringerer Bedeutung, wenn man sie 
mit der Unmenge von Reaktionen asozialen Charakters 
vergleicht, z. B. mit dem Bedürfnis zu mißfallen, be- 
straft zu werden, zu lügen, zu stehlen, mit Reaktionen, 
welche die Psychiatrie bis jetzt lieber in die Kategorie 
der Symptome der Perversdon eingereiht hat. Wir wissen, 
daß Reaktionen, die das Strafbedürfnis zu befrie- 
digen bezwecken — Baudelaires Fall bildet dafür ein Beispiel 
— noch auf eine andere Art zu Tage treten können: das mora- 
lische Leiden asozialer Reaktionen — das selbst oft einer 
Zwangsneurose, der man einen Sinn gegeben hat, substitu- 
iert ist — kann durch das Erleiden einer Krankheit ersetzt 
werden, die für den Kranken selbst oder für die Allgemein- 
heit eine Entartung darzustellen vermag. Wir behaupten, 



178 



daß bei Baudelaire die Syphilis diese Rolle gespielt hat und 
daß er, wenn man ihn seinerzeit so hätte heilen können, wie 
dies heute möglich ist, alles daran gesetzt hätte, um sich 
wieder anzustecken, ein Faktum, das wir bei derartigen Kran- 
ken oft beobachten können. 

Das seelische und physische Leiden, das aber keineswegs, 
wie man zu glauben pflegt, eine Fügung des Schicksals 
ist, sondern, vom psychoanalytischen Standpunkte aus ge- 
sehen, als Folge einer tiefgehenden psychischen Erregung, die 
zur Gestaltung des Leidens geführt hat, auftritt, beherrscht 
also das klinische Bild jener Neurosen, die man masochistische 
Neurosen nennt. Und diese Benennung kann nur eine pro- 
visorische sein, da sie sich an eine Unmenge von Reaktionen 
eines allzu disparaten klinischen Gesichtspunktes anpassen 
läßt, Reaktionen, die allerdings mit dem ursprünglichen, psy- 
chischen Konflikt in direkter Verbindung stehen. 

In dem Abschnitt über die Selbstbestrafung haben wir 
diese sehr verwickelte Frage in ihren Einzelheiten behandelt, 
indem wir zeigten, wie sich die verschiedenen Symptome zu- 
weilen untereinander ersetzen und wie sie durch ihre psy- 
chische sowie organische Symptomatologie sehr komplizierte 
Zustände begründen können. Auch die Symptomatologie der 
Baudelaireschen Neurose hat sich im Laufe ihrer Entwick- 
lung verändert. In seiner Jugend beklagte sich Baudelaire 
vor allem über die Langeweile und darüber, daß er keinen 
Freund habe, mit dem er so offenherzig sein könnte wie mit 
seiner Mutter; dann beklagt er sich, daß er seiner Arbeit 
gleichgültig gegenüberstehe, was wir eine „sich selbst bestra- 
fende Untersagung" genannt haben. Zu diesen Symptomen, 
die ausführlich behandelt wurden, glauben wir noch folgende 
hinzufügen zu können: Unordnung, ständiges Zuspätkommen, 
um sich zu erniedrigen und getadelt und bestraft zu werden, 
Onanie, Mythomanie, Künstelei in der Sprache und im Be- 

12* 179 









nehmen, aus denen späterhin das Dandytum hervorging. Wir 
dürfen aber auch nicht die Schwierigkeiten vergessen, die 
der junge Baudelaire mit Aupick hatte, an dessen Stelle er, 
nachdem er das väterliche Haus verlassen hatte, Jeanne 
Duval, Ancelle und die Gläubiger setzte. Anstatt sich von 
seinem Stiefvater quälen zu lassen, fällt er Geldschwierig- 
keiten, die ihn aus seiner Wohnung vertreiben und vom nor- 
malen Leben ablenken, zum Opfer, wie wir im Abschnitt 
über die „Schranke" gezeigt haben. Zu dieser Zeit nimmt 
Baudelaires Neurose eher einen paranoiden und querulanten 
Charakter an, indem sich die Idee einer Verfolgung 
durch den Vater in den Scherereien, denen er von Seiten 
der Gläubiger ausgesetzt war, rationalisierte. Wir wissen, wie 
schwer es diesen Kranken fällt, offenherzig und selbständig 
zu sein, denn das unbewußte Ziel selbst der schrecklichsten 
Leiden liegt für sie oft nur darin, sich in einer Rolle zu sehen, 
die sie befriedigen und zuweilen sogar unterhalten kann. 
Die menschlichsten und edelsten Gefühle sind ihnen ver- 
boten, für sie unzugänglich und können von ihnen nur 
hinter einer Maske wahrgenommen werden. Obgleich Neu- 
rotiker vom Typus Baudelaire vollkommen aufrichtig sein 
wollen, müssen sie sich darüber beklagen, ihre Gedanken 
nicht ausdrücken zu können und gleichsam eine wüstenartige 
Trockenheit zu empfinden. Zu dieser Unmöglichkeit, sich 
ausdrücken zu können, kommt noch ein anderes ähnliches 
Symptom hinzu, und zwar das der Obstipation, ein Symptom, 
das in einem scheinbar von dem bisherigen ganz verschiede- 
nen Bereich dem gleichen psychischen Reflex und der gleichen 
Zurückhaltung entspricht. 

Wir haben die Frage der Erotisierung von Baudelaires 
Auge ausführlich behandelt. Wir haben ebenfalls auseinander- 
gesetzt, wie sich dieser für das Kind benutzbare Sinn ent- 
wickeln konnte, ohne es riskieren zu müssen, mit der Um- 
welt in Kollision zu geraten, und wie dieser Ausgang offen 



180 



geblieben ist, damit sich Baudelaires Libido mit der Umgebung 
verbinde. Von hier stammt die Bedeutung, die für Baude- 
laire das Auge im Bereich aller affektiven Fixierungen, die 
durch dieses Organ realisiert werden können, hatte: 
seine Leidenschaft für die Malerei oder für alles, was in 
den Bereich des Gleichgewichtes, der Harmonie und der 
Komposition fällt. Selbst Baudelaires Satz verdankt alles 
dem Auge und ist architektonisch gesehen. Der Dichter be- 
sitzt die außerordentliche Gabe der Synthese, eine Gabe, 
die lediglich die Erfüllung jener bei ihm ganz besonders ent- 
wickelten Fähigkeit ist: die Gesamtlage überblicken und 
sich das gesehene Bild im Augenblick aneignen zu können. 
Wir müssen noch auf eine besondere Folge dieser Fixie- 
rung der Libido an ein infantiles Stadium hinweisen. Das 
Auge war nicht die einzige Quelle, an der die gierige Seele 
des Dichters ihren Durst stillen konnte; auch der Mund hat für 
ihn die gleiche Bedeutung wie für einen Säugling beibehalten 
und substituierte sich ebenfalls den Organen, deren normaler 
Gebrauch Baudelaire verboten war. Er genoß nicht nur die 
Wollust des Schauens, sondern auch die des Trinkens, wie 
übrigens auch die des Riechens. Wir glauben auch be- 
haupten zu können, daß bei unserem Kranken der Brannt- 
wein die Milch einer Amme, seiner Mutter, deren Brust er 
nie vergessen hatte, ersetzte. Baudelaires Trunksucht sowie 
seine Arzneisucht wären also mit der neurotischen Erregung, 
die ihn affektiv in einer ewigen Säuglingssituation (Typus 
Salavin" 2 ) festgehalten hatte, eng verbunden, da bei ihm die 
Assimilations- und Empfängnislust der Schaffenslust gegen- 
über vorherrschten. Außerdem hatte die Identifizierung mit 
der Frau Baudelaire dazu geführt, seinem Verdauungsorgan 
einen ganz besonderen Gebrauch zuzuschreiben; auch dieses 
gleichfalls erotisierte Organ sollte andere Bestrebungen be- 

° 2 ) H. Codet und R. Laforgue: Der „Salavin" von Georges 
Duhamel. Im Almanach der Psychoanalyse 1929. 

181 



friedigen als jene, für die es normal bestimmt ist. Die Gesamt- 
heit der Symptome, — die ebensowohl aus der Benutzung des 
Darmes als weibliches Organ (Empfängnis, Schmerzen etc.) 
hervorgehen, wie aus dem Umstand, daß dieses Organ, wenn 
man es benützt, auf solche Weise häufig zum Gegenstand 
der Bestrafung wird, und zwar dafür, daß es bei Kranken 
vom Typus Baudelaires zur selbsterotischen Realisierung der 
von dem „Ober-Ich" verbotenen Wünsche gedient hat, — 
dient wesentlich jenen Bestrebungen. Andere Symptome er- 
scheinen in einem, oberflächlich gesehen, vom Darm verschie- 
denen, jedoch affektiv mit ihm analogen Bereich: z. B. in 
dem der Hirntätigkeit. Diese Tätigkeit ist ebenfalls durch die 
Aufnahme, die Verdauung der intellektuellen Nahrung und 
durch das Faktum, daß sie diese zum Ausdruck bringt, cha- 
rakterisiert. Daher wird auch die besondere Symptomato- 
logie, die sich auf den Kopf und den Bauch bezieht, von der 
Schmerzempfindung des Darmes und des Kopfes beherrscht. 
Baudelaire hat sich oft über solche Schmerzen beklagt, und 
zwar besonders von dem Zeitpunkte an, wo seine endgültige 
sexuelle Impotenz (er war damals ungefähr 35 Jahre alt) seine 
Libido veranlaßte, sich hauptsächlich durch die Verdauungs- 
organe zu befriedigen. Die Schmerzen werden durch das Be- 
dürfnis hervorgerufen, sich anders als die übrigen Menschen zu 
ernähren, anders als jene zu denken und sich mit schlechter 
Nahrung, welche die von dem Organismus gesuchten Reak- 
tionen hervorzurufen vermag, vollzustopfen. Asselineau schil- 
dert uns als eine Besonderheit Baudelaires, daß er jene Wirts- 
häuser aufsuchte, in denen er die meiste Aussicht hatte, 
schlecht zu essen, und zwar tat er dies unter dem Vorwand, 
daß man sich dort ganz spezielle Gänge servieren lassen 
könne. Auf dem psychischen Gebiet kennen wir die schlechte 
Nahrung, mit der sich Baudelaire sein Hirn vollgestopft hat; 
das sterile Grübeln hat höchstwahrscheinlich den Haupt- 
teil seiner Existenz aufgezehrt, genau so wie die Sor- 

182 



gen, die sich auf die Arzneien, auf das Geld (das hier 
die Rolle eines Nahrungsmittels spielt), auf seine Lebens- 
weise, auf den Wein und den Branntwein beziehen, ihn zer- 
stört haben. 

"Wir haben gesagt, daß alle diese Symptome wahrschein- 
lich von dem Tag an besonders stark hervortraten, an dem 
Baudelaire sexuell impotent wurde, und zwar trotz allem, 
was er unternehmen mochte, um über diese Impotenz hinweg- 
zusehen oder sie zu verheimlichen. 

Diese Impotenz, die wir im Einzelnen beschrie- 
ben haben, hat sich sehr wahrscheinlich in jener Form kristal- 
lisiert, die erst nach dem dreißigsten Lebensjahre diagnosti- 
ziert werden konnte. Zuvor spielte sich sicherlich noch ein 
Kampf auf dem Gebiet der Sexualität ab, da sich Baude- 
laires Libido nicht damit begnügen konnte, den ihr von den 
Verhältnissen zugesagten schrecklich begrenzten Platz einzu- 
nehmen. 

Wir wollen nicht länger bei dieser Seite der Baude- 
laireschen Neurose verweilen, zumal wir sie bereits mit der 
ganzen Aufmerksamkeit, die sie verdient, behandelt haben. 

Nach dem Tode von Baudelaires Stiefvater ist ein ziem- 
lich deutlicher Umschwung in seinem Charakter eingetreten. 
Seine Briefe werden zärtlicher, der Dichter zeigt eine größere 
Selbstkritik und wird vielleicht sogar ordnungsliebender. 
Es ist ihm aber trotzdem noch unmöglich, das Vorhaben, 
mit seiner Mutter in Honfleur zu leben, zu verwirklichen. 
Die Familie bleibt ihm verboten. Das einzige Neue, zu dem er 
nun fähig geworden ist, besteht darin, daß er in den Briefen an 
seine Mutter wahrheitsgetreuer, unmittelbarer und menschlicher 
wurde und daß er ihr nun auch sein Leid anvertrauen konnte, 
anstatt lediglich von Geld reden zu müssen, wie es in den 
langen vorhergehenden Jahren der Fall war. Nach all dem, 
was uns die Psychoanalyse gelehrt hat, erscheint es jedoch 
zu einfach, diesen Umschwung einzig und allein dem Tode 



183 



l 






seines Stiefvaters zuzuschreiben. Wir müssen annehmen, daß 
der Fortschritt der Syphilis dazu beigetragen hat, seinem 
Charakter diese Richtung zu geben; womit aber nicht ge- 
sagt werden soll, daß wir ihn lediglich durch den Einfluß 
der Krankheit selbst auf die Psyche des Dichters erklären 
wollen. Wir glauben jedoch, der Rolle, die die Syphilis 
als Mittel zur Selbstbestrafung spielen konnte, einen be- 
deutenden Platz einräumen zu müssen. Das auf solche Weise 
befriedigte Bedürfnis dispensierte den Kranken davon, sich 
psychischer Symptome oder sozialer Schwierigkeiten zu be- 
dienen, und das Feld des affektiven Planes wurde freier. Die 
Syphilis ersetzte eine gewisse Anzahl neurotischer Komplika- 
tionen, die dazu bestimmt waren, das Strafbedürfnis zu be- 
friedigen, und Baudelaire schien sich auf anderen Gebieten 
freier verwirklichen zu können. 

Wir wissen aber, daß diese Besserung kider nicht an- 
dauern konnte. Das Nichtwiedergutzumachende blieb weiter 
bestehen. Die Hirnsyphilis trat mit der ihr eigenen Symptomato- 
logie ins Spiel. Es ist natürlich schwierig, anzugeben, in wel- 
chem Augenblick die Symptome der Hirnsyphilis Baudelaires 
auftraten: je besser man das komplexe Problem einer Neurose 
versteht, um so schwerer fällt es, eine feste Behauptung auf- 
zustellen. Wir glauben jedoch, daß die organische Schädi- 
gung im Gehirn Baudelaires bereits ab 1859 un ' d *86o sowohl 
psychische, als auch organische Verwirrungen zur Folge hatte, 
Störungen, die noch zu denen der eigentlichen Neurose hinzu- 
kamen. Für das Thema, das uns hier interessiert, ist es 
jedoch nicht nötig, genau zu bemessen, welcher Anteil von 
diesem Augenblick an der Neurose und welcher der Syphi- 
lis zufällt. Merken wir uns lediglich, daß nach unserer Mei- 
nung die Hirnsyphilis, die den Tod Baudelaires bewirkte, 
die Konsequenz seiner Neurose sein mußte, die — im Beson- 
deren mit Hilfe einer organischen Krankheit — alles zu ver- 
nichten suchte, was Baudelaires Persönlichkeit darstellte. 



184 



13. Kapitel. 

Die Neurose vom sozialen Standpunkte 

aus betrachtet. 

Zu Anfang des ersten Kapitels haben wir gesagt, daß 
Baudelaircs Fall uns hier in den Punkten interessiert, die uns 
erlauben, andere, ihm ähnliche Fälle zu verstehen. Wir hofften 
außerdem, auf diese Weise den Leser mit gewissen Arten 
sozialer Neurosen vertraut zu machen, mit Neurosen, deren 
klinische Symptomatologie bisher vielleicht gar zu unvoll- 
kommen bekannt ist. Eine Kategorie dieser Neurosen inter- 
essiert uns ganz besonders, und zwar jene, bei denen die Re- 
aktionen des Individuums von sozialer Bedeutung sind, wie 
z. B. der Fall des Neurotikers, der ein Verbrechen begeht, 
um sein Bestrafungsbedürfnis zu befriedigen und sein Schuld- 
bewußtsein zu rechtfertigen. 

Wir haben bereits die Tatsache besonders hervorgehoben, 
daß diese Reaktionen, je nach dem Fall, sehr verschiedene 
sind, und sich ebensowohl in dem Bedürfnis, im Geschäfts- 
leben (durch einen Konkurs z. B.) zu scheitern, äußern kön- 
nen als auch durch ein Scheitern im sozialen oder Familienleben. 

Dieser Umstand hat uns veranlaßt, die Existenz von 
Familienneurosen in Betracht zu ziehen, die über den Rah- 
men einer individuellen Neurose deutlich hinausgehen und 
daher eine ganze Anzahl von Problemen stellen, die nicht 
nur medizinischer, sondern auch sozialer Natur sind. Man muß 
sich in der Tat fragen, ob gewisse Neurosen nicht die lo- 
gische Reaktion einer ganzen Gruppe von Individuen auf die 

185 






sozialen Verhältnisse sind, in denen sie sich entwickelt haben, 
d. h. ob nicht die Allgemeinheit selbst für gewisse Neurosen, 
welche die Familien zu Grunde richten, oder für gewisse 
Verbrechen, die für die Allgemeinheit eine Gefahr bedeuten, 
verantwortlich ist. 

Der Begriff der Neurose würde dadurch zu einem über- 
aus komplexen werden; in diesem erweiterten Sinne hätte sie 
nur sehr entfernte Beziehungen zu der Neurose im gewöhn- 
lichen klinischen Sinn. 

Ja noch mehr; es würde sich herausstellen, daß der 
gewöhnliche klinische Sinn unfähig ist, Tatsachen wie sie 
uns heute im Lichte der Psychoanalyse erscheinen, zu 
offenbaren. Die Analyse zwingt uns, mit allen Vorurteilen 
— sie sind überaus zahlreich — mit dem, was dem heute 
realisierbaren wissenschaftlichen Begriffe nicht zu entsprechen 
scheint, zu brechen. 

Die Unzulänglichkeit des gewöhnlichen Begriffs der Neu- 
rose ist erst nach und nach deutlich geworden, da das Stu- 
dium der klassischen Neurosen im Anfang tatsächlich nicht 
voraussehen ließ, daß es uns dazu führen würde, unsere Auf- 
fassung von den Affekten des Menschen zu revidieren. 
Aber die Lehre Freuds, die bewies, daß der Ursprung 
jeder Neurose in der Beschaffenheit des Ödipuskomplexes, 
d. h. im infantilen Leben, gesucht werden muß, ferner die 
Entdeckung, daß die Zensur (oder vielmehr das „Über-Ich"), 
je nachdem sie sich gebildet hat, die Neurose erzeugen 
kann, hatte zur Folge, daß wir zu den bekannten Ursachen, 
auf die man sich beruft, um die Genese einer Neurose zu 
erklären (Vererbung, Syphilis etc.), jene hinzufügen muß- 
ten, von denen wir gelegentlich des Mechanismus der Selbst- 
bestrafung gesprochen haben: das Verhalten der Eltern z.B., 
über das wir an anderer Stelle gesagt haben: 

»Der Grund dieser pathologischen Reaktionen liegt 
daher nicht in der Tendenz des Organismus, durch den Auf- 

186 



rühr gegen eine Unterdrückung zu reagieren, was eine nor- 
male und rein biologische Tendenz ist, sondern in der Fähig- 
keit, eine überaus tyrannische psychische Zensur zu bilden, 
eine Fähigkeit, die praktisch nicht nur von der Vererbung 
abhängig ist, sondern auch, und viel mehr als man glauben 
könnte, von dem Einfluß, den die Eltern oder die Umgebung 
während der Kindheit auf den Menschen ausüben. Jeder 
Konflikt der Eltern hat seine Rückwirkung auf das Kind, 
setzt sich in seinem Organismus in der Form von Reflexen 
fest, und bleibt in ihm wie eine unauflösliche Masse kri- 
stallisiert, die nicht nur zu der psychischen Persönlichkeit 
des Kindes gehört, sondern wahrscheinlich auch zu der orga- 
nischen Persönlichkeit und unserer Ansicht nach den Nach- 
kommen vererbt werden kann. Das in solcher Art auftretende 
Problem hat daher nicht nur eine medizinische, sondern auch 
eine soziale Seite" 03 . 

Nachdem wir also das Vorhandensein sozialer Ursachen 
beim Ursprung gewisser Neurosen zugeben mußten, sahen 
wir uns beim Studium ihrer verschiedenen Arten gezwungen, 
zuerst unsere Auffassungen der Perversion (eine hauptsäch- 
lich soziale und nicht wissenschaftliche Vorstellung) und 
dann die, welche wir vom Verbrechen haben, zu revidieren. 

Was den Begriff der Perversion betrifft, so hat Freud 
geradezu heldenhaft in die Schranke der sozialen Vorurteile 
eine Bresche geschlagen, indem er bewies, daß, vom psycho- 

« 3 ) Siehe unseren Artikel über „La Psychologie de l'angoisse" 
(Psychologie der Angst) in „Le Medecin d'Alsace et de Lorraine", 

I.April 1930- 

Hesnard und Laforgue: „Lei mecanismes d'autopunition" (Der 
Mechanismus der Selbstbestrafung) in „Revue Frangaiie de Psycho- 
analyse", IV, i. _ .... 

Codet und Laforgue: „Echecs sociaux et besom inconscient 
d'autopunition" (Soziale Mißerfolge und unbewußtes Selbstbestra- 
fungsmittel) in „Revue Francaise de Psychoanalyse", III. 3. 

Laforgue: „Über die Sperrungsmechanismen in der Neurose 
und ihre Beziehungen zur Schizophrenie." Internat. Zeitschrift f. 
Psychoanalyse, Bd. XV, 1929. 

187 



analytischen Standpunkte aus, jedes Kind bis zu einem ge- 
wissen Alter für einen polymorph Perversen gehalten wer- 
den kann. Nachdem er dadurch präzisiert, daß die Perversion 
nur eine infantile Art der Sexualität sein kann, und die 
bedeutende Rolle, welche die Homosexualität während der 
affektiven Entwicklung eines jeden menschlichen Wesens 
spielte, anschaulich gemacht hatte, zeigte er, daß das, was 
vor ungefähr 30 Jahren (z. B. im Fall Oskar Wildes) von 
der Allgemeinheit als ein Verbrechen angesehen wurde, sich 
von nun an in einem ganz anderen Licht darstellte: die ver- 
brecherische Perversion wurde zu einer einfachen neuroti- 
schen Reaktion. 

Hierauf wurde der Begriff des Verbrechens im allge- 
meinen, im Anschluß an die Werke von Reik über das Straf- 
bedürfnis, dann von Alexander und Staub über „den Ver- 
brecher und seine Richter", einer scharfen Kritik unterzogen. 
Was das Verbrechen anbelangt, so ist das letzte Wort noch 
nicht gesprochen, man kann jedoch bereits bemerken, daß: 
i. eine Anzahl von Verbrechen in die Kategorie der neuro- 
tischen Reaktionen einzureihen ist, und daß 2. das augenblick- 
lich bestehende Unterdrückungssystem, das weit davon ent- 
fernt ist, die Allgemeinheit gegen diese Verbrechen zu 
schützen und für die Verbrecher eine Züchtigung zu sein 
(eine Züchtigung, die als Besserungskur aufzufassen ist, in- 
dem sie aus dem Verbrecher einen normalen Menschen macht), 
in vielen Fällen geradezu das Verbrechen zu begünstigen ge- 
eignet ist, indem dieses System den affektiven Beweggründen, 
die aus gewissen Menschen Verbrecher machen können, ge- 
radezu einen Anreiz bietet. Wir haben uns deshalb zur An- 
nahme veranlaßt gesehen, daß in gewissen Fällen die Allge- 
meinheit selbst die Ursache gewisser Verbrechen bildet und 
infolgedessen im juridischen Sinn für sie verantwortlich ist. 
Der Verbrecher wird dann gewissermaßen das Opfer des 
Richters. 



188 



Wir mußten daher feststellen, daß das augenblickliche 
Strafsystem, statt aus einem wissenschaftlichen Verstehen des 
Problems hervorzugehen, im großen und ganzen nur die 
affektive Reaktion eines Menschen darstellt, der einem an- 
deren gegenübersteht, den er mit Recht oder Unrecht für 
einen Verbrecher hält, und daß das Gesetz in diesem Sinne 
ganz und gar nicht das der Gerechtigkeit, sondern lediglich 
das des Stärkeren ist 64 . Selbstverständlich hindert uns dies nicht 
daran, zu verstehen, daß es so sein muß, solange man nicht 
die Möglichkeit in Betracht ziehen kann, es besser zu machen. 
Wir wollen damit sagen, daß es vielleicht notwendig ist, alle 
augenblicklich geltenden Rechtsbegriffe — kurzum den Be- 
griff des Guten und des Bösen — umzuformen. 

Dadurch würde man jedoch den alten Streit der Pro- 
pheten wieder heraufbeschwören und den Kampf gegen den 
Pharisäergeist wecken. 

Das Studium der Neurose (im gewöhnlichen Sinne des 
Wortes) hat uns aber jetzt sehr weit von unserem Ausgangs- 
punkt weggeführt; wir sehen, daß gewisse geheiligte soziale 
Gesetze fernerhin unter demselben Gesichtspunkte betrachtet 
werden können wie manche neurotische Reaktionen unserer 
Kranken. Wenn wir der Neurose den Prozeß machen wollen, 
so müssen wir daher wohl oder übel allen affektiven Reak- 
tionen des Menschen im allgemeinen den Prozeß machen. 

Dies beweist uns, daß auch die Allgemeinheit selbst auf 
Schwierigkeiten stoßen kann, wie wir sie bei gewissen 
Neurotikern beobachten. Daher gilt für uns die berühmt ge- 
wordene Bemerkung Freuds über die Religionen: „Die Reli- 
gion ist eine kollektive Zwangsneurose und die Zwangsneurose 
ist eine individuelle Religion." Vergleichen wir das Studium 
der Neurosen mit dem der Glaubenslehren, so finden wir tat- 
sächlich eine Analogie zwischen gewissen religiösen Erschei- 



"*) Die Situation ist die gleiche im Bereich der politischen 
und internationalen Gerichtsbarkeit. 

189 









nungen und gewissen Neurosenarten — zwischen dem reli- 
giösen Ritus und dem Ritual, das die Zwangsneurotiker, kurz 
die Abergläubischen praktizieren. 

Nun hat uns das Studium der Seele der Primitiven 
— nach den meisterhaften Untersuchungen Levy-Bruhls — 
den Schluß gestattet, daß das Entwicklungsstadium der 
Affektivität bei den Primitiven und bei den Neurotikern in 
vielen Punkten übereinstimmt, und zwar in einem Maße, daß 
man sich fragen muß, ob die Zustände affektiven Rück- 
standes, die wir bei unseren Kranken beobachten, nicht ge- 
wissen Zuständen entsprechen, die jedermann (und auch die 
ganze Menschheit) in einer gewissen Entwicklungsperiode 
überwunden hat; diese Entwicklung muß späterhin zu un- 
serer gegenwärtigen Kultur geführt haben. Die heutige Kultur 
ist jedoch von den Hemmungen einer primitiven, archa- 
ischen und neurotischen Vergangenheit, die noch in gewissen 
sozialen Institutionen und religiösen Glaubenslehren bestehen, 
noch lange nicht befreit. Wenn man bedenkt, daß es gar 
nicht so lange her ist, daß Kopernikus und Galiläi vor der 
Inquisition kapitulieren mußten, so merkt man, daß die 
Wissenschaft noch ganz jung ist und bis jetzt vielleicht weder 
die Gelegenheit noch das Recht hatte, die wesentlichsten 
Probleme unserer sozialen Organisation anzugehen. Wird 
der wissenschaftliche Fortschritt nicht heute noch oft für 
einen Heiligtumsschänder gehalten? Können wir hoffen, daß 
der Fortschritt, den eine primitive soziale Organisation ge- 
wöhnlich im Keime erstickt und den man den Primitiven 
oft mit Waffengewalt aufzwingen muß, sich heute ohne 
Kampf in unserem sozialen Kreise verwirklichen läßt? Wir 
glauben nicht an eine kampflose Lösung, die „Schranke" 
weicht nicht. Wir wissen, daß soziale Entwicklungen nur 
langsam vorwärts schreiten, und daß sie mehr die Folge 
einer unbewußt von der Kollektivität empfundenen Notwen- 
digkeit sind, als die Wirkung eines bestimmten Willens. Und 



190 






die Reaktion der Allgemeinheit gegen allzu heftige Ver- 
fechter des Fortschrittes wird eine Bedingung, ja selbst ein 
unentbehrliches Element dieses Fortschrittes, dem man sich, 
wie dem Leben im allgemeinen, anzupassen wissen muß. 

Wir haben daher nicht die Absicht, die religiösen 
Glaubenslehren und die sozialen Institutionen, die von un- 
serer Kultur überholt zu sein scheinen, vor den Kopf zu 
stoßen, da wir davon überzeugt sind, daß sie im Laufe 
unserer Entwicklung notwendig waren und nicht von heute 
auf morgen ersetzt werden können. Wir lenken lediglich die 
Aufmerksamkeit des Lesers auf die Tatsache, daß die psycho- 
analytische Auffassung des menschlichen Affektes es uns er- 
laubt, die Dinge von einem neuen Gesichtspunkte aus zu 
betrachten, und zwar nicht nur die Erscheinungen auf dem 
klassischen Gebiet der Neurosen, sondern auch die auf dem 
Gebiet des sozialen Lebens. 

Wir wollen jedoch auf bestimmte Beispiele zurückkom- 
men: an einer Stelle seines Buches über Baudelaire hat Porche 
mutig eines der verwickeltesten Probleme aus dein Gebiet der 
Moral und Religionen zu lösen versucht, und zwar das 
Problem der Reue. Die Fälle sind zahlreich, bei denen die 
Sünde zum Vorwand wird, sich vor Gott schuldig zu fühlen 
und vor ihm auf die Knie zu fallen. Als Porche diese Frage 
anschnitt, hatte er aber kaum die Absicht, mit der Mehrzahl 
der Menschen, welche die religiösen Bräuche beobachten, Pro- 
zeß zu führen. Ohne Reue gibt es tatsächlich keinen reli- 
giösen Ritus; um den Bestand eines ganzen Ritualzeremoniells 
zu rechtfertigen, das im Grunde genommen mit dem Glau- 
ben an sich nichts gemein hat, trotzdem aber mit ihm leicht 
verwechselt wird, muß daher die Sünde oder die Illusion 
der Sünde notwendig beibehalten werden. Der Glaube selbst 
ist, wie der Mut und das Vertrauen, eine psychische 
Fähigkeit, die man nicht dadurch kaufen kann, daß man ihn 
mit dem Zeremonial eines Zwangsneurotikers einhandelt. 



191 



Daher ist dieser Glaube oft auch in hochstehenden Menschen- 
seelen, die außerhalb eines Ritus stehen, existent, und die 
übertriebene Ausübung des Ritus strebt danach, das Ritual 
als das Wesentliche jeder religiösen Moral gelten zu lassen. 
Außerdem sind die rituellen Übungen mit der sittenverder- 
bendsten Korruption der Seele eines Individuums sehr gut 
vereinbar, ja sie können ein Mittel werden, diese Verderbt- 
heit nicht nur zu verstecken, sondern auch zu rechtfertigen. 
Von diesem Gesichtspunkte aus wird, in gewissen Fällen, das 
religiöse oder neurotische Ritual zu dem moralischen Laster, das 
seit dem Beginn des Kampfes gegen die Pharisäer sehr gut 
bekannt ist. Auf einem anderen, von dem bisherigen scheinbar 
verschiedenen, aber affektiv analogen Gebiet — dem der 
Rechtspflege — kann daher die Strafe ein Mittel werden, 
die Wollust der Reue zu empfinden und die Sünde des Ver- 
brechens zu rechtfertigen. Durch das System der Strafe kann 
die Allgemeinheit, wie wir es bereits gesagt haben, an ge- 
wissen Verbrechen indirekt mitschuldig werden, entweder da- 
durch, daß sie diese Verbrechen durch ein zu strenges Ver- 
fahren herausfordert, durch ein Verfahren, welches das 
Strafbedürfnis eines Menschen, der lediglich danach trachtet, 
mit seinem Leiden das Recht der Realisierung seiner 
unsozialen Antriebe zu erkaufen, befriedigen kann, oder da- 
durch, daß sie dem masochistischen Verbrecher, für den das 
Verbrechen nur ein Mittel ist, um zu seiner Strafe zu kommen, 
geradezu eine Genußprämie gewährt. Baudelaires Schicksal 
ist ein ausgezeichnetes Beispiel für den Fall jener verbrecheri- 
schen Neurotiker, die ihr Verbrechen lediglich deshalb be- 
gehen, damit sie zuerst die Wollust der Angst und dann die 
der Reue und der Strafe empfinden. Die affektive Rolle, die 
das Strafsystem in einer Kollektivität spielt, muß allerdings 
erst untersucht werden. Allein diese Untersuchung, nicht die 
subjektive Vernunft der Gerichtsbarkeit, würde es uns mög- 
lich machen, zu einer rationellen Behandlung der verbreche- 



192 



irischen Neurotiker zu gelangen und dadurch das Individuum, 
ebenso wie die Familie und die Allgemeinheit, gegen die 
asozialen Reaktionen eines Menschen schützen. 

Unserer Ansicht nach kann man dieses Problem nicht 
gut erfassen, wenn man nicht vorher die affektiven Bezie- 
hungen zwischen einem Individuum und der sozialen Auto- 
rität genau studiert hat. Die letztere ersetzt in unserer Kul- 
tur die Autorität der Eltern über ein Kind. Man kann je- 
doch leicht feststellen, daß diese väterliche Autorität im An- 
fang unseres Lebens das Zentrum bildet, um das der Affekt 
eines Individuums kreist, und zwar zu einer Zeit, in der sich 
die Sexualität weder bereits entfaltet, noch zu einem bestimm- 
ten Ziel entschlossen hat. Wir nehmen an, daß der Orgasmus, 
der die Vollführung des Geschlechtsaktes begleitet, bereits 
in den affektiven Beziehungen zwischen Kind und Eltern 
auftritt, und zwar in einer infantilen Art. Die Formen, in 
denen er auftritt, bestehen unserer Ansicht nach in der 
Angst, der Furcht und dem Schmerz, denen zufolge das 
Kind und ebenso der Primitive oder das infantil gebliebene 
Individuum, statt nach der Wollust des normalen Orgasmus 
zu trachten, die Wollust der Angst und der Furcht aufsucht, 
und zwar mit Hilfe komplexer Mittel, die aber dann ledig- 
lich die Rolle eines erotischen Reizes spielen. Diese Reiz- 
mittel der Erotik kennen wir alle ein wenig. Die einfachste 
Form, in der sie uns entgegentreten, wäre die der schrecken- 
erregenden Geschichten, durch die man, wie im Grand- 
Guignol, Angst einflössen will. 

Die religiösen Glaubenslehren, die Furcht vor Gott und 
der Hölle, können ähnliche Wirkungen haben und man kann 
tatsächlich feststellen, bis zu welchem Punkt die primitiven 
religiösen Glaubenslehren sexuaüsiert sind. 

Genau so können aber auch die sozialen Institutionen 
erotisiert sein, d. h. zum Mittel werden, das einem Angst und 
Furcht beibringt oder fühlen läßt. Statt nur eine soziale 



13 x *3 



Institution im abstrakten Sinne des Wortes zu sein, ist daher 
die Behörde ein Mittel, einem Schrecken einzujagen oder 
empfinden zu lassen, wie dies sich überall dort ereignet, wo 
der Sadismus einen Menschen dazu drängt, von seiner Fähig- 
keit lediglich einen erotischen Gebrauch zu machen 05 . 

Wir glauben sogar, daß Zusammenhänge solcher Art die 
Organisation der affektiven Beziehungen jeglicher mensch- 
lichen Schicht charakterisieren, und daß sie selbst in der 
primitiven Gemeinschaft vorherrschen. Diese letztere, weit 
davon entfernt, sich die Verteidigung des Individuums 
gegen die Gefahren, die es bedrohen, zum Hauptziel 
gesetzt zu haben, würde demnach besonders dazu dienen, 
nach der Befriedigung des infantilen Orgasmus zu trachten, 
d. h. Angst und Leiden in seiner eigenen Person und 
in den anderen Menschen hervorzurufen. An Geschichten über 
die sadistischen, mörderischen und erschreckenden Handlun- 
gen, die aus diesem Zustand hervorgehen, wimmelt es nur so in 
jenen Büchern und Berichten, welche die Sitten der „Wilden" 
beschreiben. Wir haben die Absicht, die Sexuaüsierung 
der primitiven sozialen Organisation, in der die eigentliche 
Sexualität des Individuums dem Kultus des primitiven und 
kollektiven Orgasmus ausweichen muß, genau zu untersuchen. 
Bei solcher Betrachtung und auf unsere gegenwärtige Kultur 
bezogen, wird der ganze Gerichtsapparat für ein Indivi- 
duum, dessen Sexualität infantil geblieben ist, zu einem Mittel, 
Angst, Schmerz oder Grausamkeit erdulden zu können, in- 
dem es ein Verbrechen begeht oder aber zu einem Mittel, 
diese Grausamkeiten einem Dritten zuzufügen, was der 
Fall ist, wenn dieser Apparat von einem sadistischen und 
primitiven Neurotiker gehandhabt wird. Anstatt für die 
Allgemeinheit ein Schutzmittel gegen das Verbrechen zu 
bilden, wird daher die Institution der Justiz zu einem Vor- 

es ) Sie he Laforgue: Libido, Angst und Zivilisation. Internatio- 
naler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1932. 

194 



wand, Neigungen zu befriedigen, die um so schwerer zu be- 
schreiben sind, als es bis jetzt unmöglich war, objektiv und 
frei von der Leber weg darüber zu sprechen. 

Was nun Baudelaire anlangt, so glauben wir, daß 
Aupick mit seinem blinden System von Strafe und Tadel 
lediglich auf die gleiche Art und Weise gehandelt hat, wie 
es heute die Allgemeinheit tut. Er war weit davon entfernt, 
seinem Stiefsohne zu helfen, er hat ihn nur noch mehr in 
seine Schwierigkeiten hineingetrieben und statt Herr der 
Situation zu sein, ist er selbst durch .die Neurose Baudelaires 
— selbstverständlich unbewußt — geleitet worden. 

Dies wäre jedoch nur von relativer Bedeutung, wenn 
wir nicht feststellen müßten, daß die Allgemeinheit heute 
noch den „Verbrechern" vom Typus Baudelaire gegenüber 
auf die gleiche Weise handelt; das gilt auch für Erzieher 
und sogar für Ärzte, wenn sie es mit Personen seiner Art 
zu tun haben. Die Psychoanalyse erlaubt uns nun, den 
Umfang dieses Problems zu ahnen, sie erlaubt uns aber 
auch, zu hoffen, daß man mit der notwendigen Erfahrung 
dazu kommen wird, dem Übel abzuhelfen. 

Was die rationelle Behandlung von Neurotikern betrifft, 
so hat uns die Psychoanalyse bereits zu bedeutenden Fort- 
schritten verholfen. Über die Behandlung gewisser Verbrecher 
masochistischer Art, haben wir zwar nur eine sehr relative 
Erfahrung; wir halten uns aber für berechtigt, eine vollstän- 
dige Umwälzung in der gesamten Psychologie des Verbrechens 
und im Gebrauch der Mittel zu einer Unterdrückung 
schon für die nächste Zeit vorauszusehen. Und gerade um 
dieser Entwicklung zum Durchbruch zu verhelfen, haben wir 
diese Zeilen geschrieben. Sie werden ihr Ziel nicht ver- 
fehlen, wenn es ihnen gelingt, alle Menschen, die gegen die 
Elendszustände unserer Kultur kämpfen, für dieses Problem 
zu interessieren. 



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INHALT 



Seite 

Vorwort < • 6 

i. Baudelaire und die „Blumen des Bösen" U 

2. Die Mechanismen der Selbstbestrafung *4 

3. Der Ödipuskomplex 3 6 

4. Der Vater * » 54 

5. Der Masochismus bei Baudelaire 62 

6. Der Sado-Masochismus in der Poesie Baudelaires ... 72 

7. Die Briefe Baudelaires 9° 

8. Die sexuelle Hemmung 97 

9. Einige Ideenverbindungen bei Baudelaire 120 

10. Die Schranke ; 12 9 

11. Beitrag zur Psychologie der künstlerischen Schöpfung . . 167 

12. Bauddaires Neurose 178 

13. Die Neurose vom sozialen Standpunkt aus betrachtet . . 185 

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