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Full text of "Die jüdischen Gebetriemen. Mit Anhang: Verwandtschaft mit afrikanischen Kulturkreisen. Das Feuer - Die Schlange"

- 



Creorg Langer 

-Die jüdischen 

vjebetriemen 



Mit A n k a n g : 

Verwandtschaft mit afrikanischen Kulturkreisen 
Das Feuer - Die Schlange 



internationaler 
Psychoanalytischer ^rlag 

Wien 



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Mit Ankang: 

Verwandtschaft mit afrikanischen IVulturkreisen 

Das Feuer — Die ibchlange 

Von 

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Sonderabdrude aus „Imago, Zeitschrift für Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften" 
(herausgegeben von Sigm. Freu d), Bd. XVI (iqzo) 



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lnternation/iler Psychoanalytischer Verlag 

Wien 



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Alle Rechte, 

insbesondere die der Übersetzung, 

vorbehalten 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Druck : Christoph Reisser's Söhne, Wien V 



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Der Tephillin, Gebetkapseln oder Gebetriemen, sind zwei. Durch je 
einen Riemen wird auf dem linken Oberarm und auf dem Kopfe je ein 
ledernes Häuschen (hebräisch: bajith, 1 Haus) befestigt. Die Basis beider Häus- 
chen bildet eine harte, quadratische Lederplatte, die, allseitig breiter, den 
Grundriß der Häuschen überragt. Das Handgehäuse muß dem Herzen zu- 
gewendet sein, das Kopfgehäuse soll aber nicht — wie man etwa einem 
weiter unten zitierten Bibelverse zufolge erwarten würde — „zwischen den 
Augen", also unter der Stirn, liegen, sondern oberhalb der Stirn am Haar- 
ansatz, genau in der Mitte. Die Schriftröllchen, welche in beiden Gehäusen 
mittels Viehhaar eingenäht sind, tragen gleiche Texte, und zwar je vier 
Abschnitte aus der Thora, in denen es heißt: „Befestige sie" (nämlich die 
Thoraworte) „als Zeichen an deine Hand und sie seien Stirnbänder 
(totaphoth) zwischen deinen Augen." (Dt. 6, 4— 9; 11, 13— 21 ;Ex. 13, 1— 10; 
15, 11 — 16.) 2 



1) Zur Aussprache der hier transkribierten hebräischen Wörter: Das subpunktierte h 
hegt zwischen dem deutschen h und ch, die subpunktierten Buchstaben t, s, k sind 
explosiv, z ist dem deutschen 5 gleich, wie etwa im Worte lesen ; * ist dem deutschen ich 
gleich, s ist immer scharf. 

2) Exodus 13, 1 — 10, heißt es ausnahmsweise: „Sie seien ein Gedenkzeichen (zikkaron) 
zwischen deinen Augen" an Stelle des in den drei übrigen Absätzen gebrauchten Aus- 
druckes „totaphoth". — Totaphoth war irgendeine Art von Kopf- oder Haarschmuck, den 
die Frauen noch in der Talmudzeit (Sabbath 57 b) trugen. 









/ Georg Langer 

Die Riemen müssen auf der nackten Haut angelegt werden. Auf der 
dem Körper abgewendeten Seite sind sie schwarz gefärbt. Rote Färbung 
ist ausdrücklich verboten. Das Handgehäuse ist einheitlich, ebenso wie die 
darin enthaltenen vier Textabschnitte nur auf einem gemeinsamen Pergament- 
streifen aufgeschrieben sind. Das Kopfgehäuse besteht hingegen aus vier durch 
Scheidewände geteilten Räumen, was auch von außen bemerkbar ist. In 
jedem der vier Räume befindet sich nun ein Pergament, auf dem, dieser 
vierfachen Teilung entsprechend, nur je ein Abschnitt aufgeschrieben ist. 
Die Texte müssen ebenso wie der Text der synagogalen Gesetzesrolle und 
der Türpfostenrolle mit der Hand und in peinlichster Genauigkeit geschrieben 
sein und nach drei Jahren immer neu überprüft werden. 

Beide Gehäuse sind kubisch. Ihre Größe ist nicht genau vorgeschrieben. 
Bei den Westjuden sind sie ziemlich klein, bei den Ostjuden sind sie be- 
deutend größer. Sie müssen aus der Haut eines zum Genüsse gestatteten 
reinen" Tieres verfertigt sein. Der Kopfriemen bildet eine einfache Schlinge, 
die gewöhnlich nicht gelöst und fertig um das Haupt gelegt wird, nachdem 
der Handriemen an dem Oberarm befestigt und siebenmal um den Unter- 
arm gewunden wurde. Die langen Enden der Kopfschlinge läßt man an 
beiden Seiten des Oberkörpers herabhängen. Nachdem nun beide Tephillin 
auf diese Weise angelegt wurden, wird der Handriemen noch dreimal um 
den Mittelfinger geschlungen, etwa wie drei Ringe. Hiebei pflegt man den 
folgenden dreigliedrigen Bibelvers zu sprechen (Hosea 2, 21 und 22): „Und 
ich (Gott) verlobe dich (Israel) mir auf ewig. Und ich verlobe dich mir in 
Gerechtigkeit, in Recht, in Liebe und in Barmherzigkeit. Und ich verlobe 
dich mir in Glaubenstreue, auf daß du Gott erkennest." 

Will man auf dem Kopfe eine Last tragen, so muß man vorerst die 
Kopftephillin entfernen. Ein Beutel, der zum Aufbewahren der Tephillin 
bestimmt ist, darf nicht zu profanen Zwecken, z. B. als Geldbeutel, ver- 
wendet werden. 

In einem Hause, in dem sich Tephillin befinden, darf man geschlecht- 
lich so lange nicht verkehren, bis sie hinausgetragen oder in einem Kleidungs- 
stück verhüllt wurden. Hat man dies zu tun vergessen und in Anwesen- 
heit der Tephillin verkehrt, soll man weder die Gehäuse noch die Riemen 
mit entblößter Hand berühren, ohne sich die Hände gewaschen zu haben. Auch 
nach einer Pollution darf das Gehäuse nicht mit der Hand berührt werden, 
doch ist es in diesem Falle statthaft, zumindest den Riemen zu ergreifen. 
Man darf ferner, während man die Tephillin angelegt hat, weder seine 
Notdurft verrichten, noch einen Wind streichen lassen, noch einen Abort, 



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Die jüdischen Gebetriemen 



ja selbst einen Baderaum betreten. Einen Friedhof zu besuchen oder sich 
einem Leichnam zu nähern, solange man die Tephillin vom Kopfe nicht 
entfernt oder sie nicht verdeckt hat, ist gleichfalls verboten. Des nachts 
dürfen Tephillin nicht angelegt werden, da befürchtet wird, daß man in 
ihnen einschlafen und sie im Schlafe durch Blähung oder Pollution ent- 
weihen könnte. 

Der traditionstreue Jude legt die Tephillin jeden Morgen — Sabbath und 
Festtage ausgenommen — an und trägt sie während des ganzen Morgen- 
gebetes, wobei das Handgehäuse bedeckt, das Kopfgehäuse entblößt gehalten 
wird. In früheren Zeiten — und hie und da noch heute — trugen Fromme 
und Gelehrte die Phylakterien den ganzen Tag und legten sie lediglich vor 
dem Schlafe, dem Mahle und vor Verrichtung der intimen Bedürfnisse ab. 
Dieses wiederholt vollzogene und andauernde Fesseln des ganzen linken 
Armes ruft in manchen Fällen eine den Juden eigene schwere Armlähmung 
hervor. 

Der Linkshänder legt die Handtephillin nicht an dem linken Oberarm 
an, wie es sonst der Fall ist, sondern an dem rechten, da die Tradition 
die „schwächere" Hand als die von der Thora dazu bestimmte ansieht. 

Stirbt ein Familienmitglied, so legen die Hinterbliebenen keine Tephillin 
an, da diese als Schmuck gelten. Erst nach dem Tage der Beerdigung werden 
sie wieder angelegt. Desgleichen ist der Bräutigam und seine Hochzeits- 
gefährten vom Tephillinanlegen befreit, wegen der bei diesem Anlasse zu 
befürchtenden Leichtfertigkeit. 

Warum der Schüler in Anwesenheit seines Lehrers die Tephillin nicht 
ablegen, ja selbst entblößen darf, es sei denn, er wende sich dabei seit- 
wärts, darüber sind die Ansichten der Dezisoren nicht einig. Doch begründen 
dies die meisten Erklärer mit der Ehrfurcht vor der Königswürde. (Der 
Lehrer wird in mancher Hinsicht dem König gleichgestellt.) 

Frauen ist das Anlegen der Tephillin überhaupt untersagt; wollen sie 
sie doch anlegen, so soll man sie daran hindern. Doch weiß die Tradition 
von einigen besonders frommen, „vollendeten" Frauen aus der biblischen 
Zeit zu berichten, die berechtigterweise Tephillin anlegten. Knaben unter 
dem dreizehnten Lebensjahr dürfen Tephillin nicht anlegen, angeblich 
weil sie die vorgeschriebene Körperreinheit nicht einzuhalten verstehen. 

Die Tephillin wahren den Lebenden vor Sünde und die Seelen derer, 
die sie zu Lebzeiten anzulegen pflegten, vor den Höllenflammen. Das Gebot 
des Tephillinanlegens ist eines der angesehensten Gebote überhaupt, allen 
„613 Gesetzen der Thora „gleichwiegend". Wer die Tephillin geflissentlich 






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6 Georg Langer 

nicht anlegt, gilt als Abtrünniger und verfällt dem schweren Banne der 
Rabbinen. Wer hingegen infolge einer Erkrankung seinen Körper nicht in 
Sauberkeit halten kann, soll sie nicht anlegen, ebensowenig wie derjenige, 
der seine Gedanken erotischen Vorstellungen nicht verschließen kann (aller- 
dings nur insofern er sich ihres Vorhandenseins bewußt ist . . .)• Beides 
wird aber in der Praxis nicht berücksichtigt. 

Nach dem Gebrauche werden die Riemen vorsichtig zusammengerollt 
und in einem dazu bestimmten doppel wandigen Beutel aufbewahrt. Hat 
jemand die Tephillin ohne diesen Beutel auf den Boden fallen lassen, so 
muß er fasten. 

Beim An- und Ablegen der Tephillin werden ihre Gehäuse geküßt. 
Angelegte Tephillingehäuse werden zeitweilig mit dem Daumen, dem Zeige- 
und dem Mittelfinger der rechten Hand berührt, worauf die Finger an 
die Lippen zum symbolischen Kuß geführt werden. 
V, Auch Gott trägt Tephillin, wie der Talmud (Berakoth 6 a) berichtet. 

Und wenn Israel im Texte seiner Tephillin stehen hat, daß der Herr sein 
„einziger Gott" ist, so stehen in den Tephillin dieses Gottes mutatis mutandis 
Prophetenworte (I. Chr. 17, 21), in denen Israel als Gottes „einziges Volk 
auf Erden" verherrlicht wird (Berakoth, dort). 

Sämtliche Vorschriften über das Anlegen der Tephillin und deren Her- 
stellung sind durch den Talmud und den Sulhan 'Aruk (Orah Hajjim, 
Paragraphen 25 — 45) genau festgelegt. 1 



Bei der Behandlung des Tephillinproblems müssen wir zunächst die 
beiden Teile, aus denen die Phylakterien bestehen, auseinanderhalten, nämlich 
die Gebetkapseln oder „Häuschen", in denen die Pergamentrollen ein- 
genäht sind, und die Riemen, mittels deren die Gebetkapseln an den Korper 
befestigt werden. 

Die Zeremonie des Anlegens der Riemen um den Arm und um das 

l Haupt erinnert auf den ersten Blick an Fesselung, eine Selbstfesselung im 

vollen Sinne des Wortes, die bei konsequenten Asketen, wie bereits erwähnt, 

1) Kennzeichnend für den Realitätssinn der talmudischen Kasuistik ist die Be- 
handlung einer Anfrage des Talmudweisen Plemo (Menahoth 37), auf welchen der 
beiden Köpfe ein zweiköpfiger Mensch Tephillin zu legen habe. Diese Anfrage wird 
schroff zurückgewiesen und als Verspottung angesehen, da es selbstverständlich ist, 
daß ein zweiköpfiger Mensch nicht lebensfähig ist. Die Tatsache derartiger Miß- 
~ geburten wird jedoch an derselben Stelle im Talmud verzeichnet. 



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Die jüdischen Gebetriemen 









mitunter zu einer schweren Armlähmung führt. Freilich ist diese Erkrankung 
des Armes nicht bewußt beabsichtigt. Eine solche Absicht würde den 
Prinzipien der jüdischen Religion (die sich allerdings nicht immer von 
rationellen Erwägungen leiten lassen) betreffend die Wahrung der Gesund- 
heit aller Organe kraß widersprechen. Wir müssen den Ursprung der 
Fesselungsabsicht eher in einem verdrängten Wunsch des Unbewußten suchen 
und werden kaum fehlgehen, wenn wir sie als ursprünglich einem anderen 
Organe geltend als dem harmlosen linken — „schwächeren" — Arm, an 
sehen werden, um so mehr, als ja das Fesseln durch die Psychoanalyse als 
ein Symbol der Kastration, in unserem Falle also der Selbstkastration, 
bekannt ist. Dem würde übrigens auch der seitens der jüdischen Tradition 
angedeutete Zweck des Tephillingebotes entsprechen, die Tephillin sollen 
den Menschen vor Sünde bewahren. Denn am besten schützt man sich 
wohl vor der „Sünde", wenn man sich kastriert. 

Neben dieser die Erotik einschränkenden Funktion der jüdischen Gebet- 
riemen wird allerdings dem Riemen im allgemeinen eine positiv erotische 
Bedeutung beigelegt. 

Bei dem altrömischen Lupercaliafeste zum Beispiel schlugen die in 
Ziegenbockfell gekleideten Luperici die anwesenden Frauen mit 
Riemen von Ziegenbockfell, damit sie schwanger werden. 1 

Da aus diesem Brauche hervorzugehen scheint, daß der Riemen als 
partieller Ersatz der erwähnten Fellkleidung im kultischen Zeremoniell 
angewendet wird, dürfte es sich lohnen, der Bedeutung, die Fell und Leder 
innehaben, einige Aufmerksamkeit zu schenken. 

Wie der Riemen besitzt auch das Leder überhaupt zwei widersprechende 
Bedeutungen. Einerseits ist es in Sagen und Mythen ein Unterweltsmotiv 2 
— also ein Symbol für den Todes- beziehungsweise Kastrationswunsch — , 
anderseits hat das Leder auch eine positiv erotische Bedeutung, die zum 
Teil als durch die Tatsache motiviert erscheinen dürfte, daß frisches Leder 
eine sexuelle Einwirkung auf den Geruchsinn ausübt. 3 

Das würde übrigens auch die seltsame Freude des jüdischen Knaben 
in seiner Pubertät verständlich machen, die Hingabe, mit der er das Gebot 
des Tephillinanlegens täglich befolgt. Lächelnd steht er zu früher Morgen- 
stunde auf, um die in der Regel neuen und darum noch nach frischem 
Leder scharf duftenden Tephillin anzulegen. 

1) Wissowa: Religion und Kultur der Römer. 2. Aufl., S. 209. 

2) Alfr. Jeremias: Altes Testament. S. 658. 

3) Siehe Alex. Elster: „Kleidung und Mode" in Marcuses Handlexikon. 






Georg Langer 



In Alt-China wurden zwei Felle als das pflichtgemäße Brautgeschenk fest- 
gesetzt, „da man noch kein Geld hatte". 1 Die Erklärung „da man noch 
kein Geld hatte", mag sie nun vom Herausgeber oder vom Erzähler stammen, 
kann kaum als der einzige Grund dieses Brauches angesehen werden, da man 
doch andere, besser geeignete Gegenstände zu diesem Zwecke verwenden 
konnte. Der Brauch ist eher von unserem Standpunkt aus zu erklären. 

Zum besseren Verständnis der Ziegenbockfellverkleidung der antiken 
Kulte seien hier noch folgende zwei Beispiele erwähnt: 

E. Thraemer (bei Boscher, S. 1058 f., Dionysos) schreibt: „An die 
ekstatische Zerreißung oder Opferung der dionysischen Tiere (bei den 
orgiastischen bacchantischen Mänaden feiern) schließt sich die Bekleidung 
mit Fellen an . . . Auch das Fell des am häufigsten geopferten Tieres, die 
aiyig, wurde zur Umhüllung verwendet . . . Auch die Stiftungslegende eines 
aus Euboia abgeleiteten argivischen Kultes läßt auf die Ziegenopfer und den 
Schmaus Umhüllung mit deren Fellen folgen ..." 

Hier wurde also das geopferte Vater-Tier zerrissen (kastriert), worauf sich 
der Myste, offenbar zwecks Identifizierung mit ihm, in sein Fell kleidete. 

Mannhardt (Baum- und Feldkulte, Bd. II, S. 138 f.) stellt bei seiner 
Behandlung der Masken im Mummenschanz der Dionysosfeste folgendes 
fest: „Bei diesen indes sehen wir in Darstellungen des daraus abgeleiteten 
attischen Satyrdramas noch viel deutlicher die Bockgestalt bewahrt. Nach 
Pollux und nach Ausweis mehrerer uns erhaltener Abbildungen bestand 
das Hauptstück derselben, die oaxvQixr) iodyg aus einem Schurz von Ziegen- 
bockfell mit Phallus . . . 

Die antiken Bräuche dürften demnach, wie insbesondere aus dem letzt- 
erwähnten Beispiel ersichtlich ist, einen ähnlichen Inhalt haben wie die 
von Hans Zulliger (Imago XIV, S. 447 ff.) behandelten Lötschentaler 
Ziegenfellmasken der „Roichtschäggeten". 

Der Phallusskalp an dem Schurz von Ziegenbockfell betont auf alle 
Fälle den phallischen Charakter der Fellmaske im allgemeinen und zeigt 
mit ziemlicher Deutlichkeit, daß auch der Biemen, als partieller Ersatz 
der Fellmaske, symbolisch die Kastration darstellt, die auch im Opferritual 
in der Zerreißung des Opfertieres symbolisch zum Ausdruck gelangte. 

In den römischen Lupercalia zeigt der Biemen als Phallussymbol mehr 
seinen befruchtenden, zeugenden (positiv erotischen) Inhalt. In dem jüdischen 
Tephillinriemen tritt hingegen eher sein negativer Charakter in Erschei- 

1 1) Siehe Chinesische Volksmärchen, herausgegeben von Richard Wilhelm. 
Jena 1921, S. 5J. 



Die jüdischen Geuetrienien 



nung: An den gegen den Vatertotem gerichteten Kastrationswunsch knüpft 
sich hier — im Strehen nach Beherrschung des eigenen Triebes (der sünd- 
haften Gedanken) — der Selbstkastrationswunsch an, als dem Schuldgefühl 
entsprechende Sühne, nachdem durch das Anlegen der Phylakterien die 
Identifizierung mit dem Vatertotem (auch Gott legt die Tephillin an) 
erreicht wurde. 

Und in der Tat wird der jüdische Knabe von dem Tage an, an dem er 
die Phylakterien zum erstenmal anzulegen berechtigt ist (nach Erreichung 
des dreizehnten Lebensjahres), allen Männern — also auch seinem Vater — 
in bezug auf alle rituellen Pflichten und Rechte fast gleichgestellt. (Ander- 
seits gilt er freilich erst nach seiner Hochzeit als gleichwertig.) 

Wenn Frieda Fromm-Reichmann, das Tephillinproblem streifend 
(Das jüdische Speiseritual, Imago XIII, S. 240), die Lederriemen als Dar- 
stellung „der Tierhaut, in die man sich einhüllt" erkennt und den Brauch 
folgerichtig als eine zeremonielle Identifizierung mit dem Totem-Vater- 
Tier auffaßt, so erscheint diese Hypothese durch das von uns hier ange- 
führte Material als noch weiter belegt. Anderseits bieten die von uns ein- 
gangs zitierten widerspruchsvollen Vorschriften keinen Anlaß, das recht 
komplizierte Tephillinproblem durch die Hypothese von Frieda Fromm- 
Reichmann als in seiner Gesamtheit völlig geklärt ansehen zu dürfen. 
Die Sichtung des bisher gebrachten Materials berechtigt uns vielmehr zu 
dem Hinweis auf zwei wichtige Momente, die bisher wenig Beachtung 
fanden, und zu denen wir noch zurückkehren werden: Erstens die Funktion 
der Tephillinfesselung als Kastrationsersatz (Selbstkastration und Vater- 
kastration) und zweitens ihr ambivalentes Janusgesicht von Tod und Eros. 

J.Schuster 1 behandelt das Anlegen langer H an dschuhe und Kopf- 
binden, dem sich männliche Algolagniker unterwerfen und gelangt zu 
dem Schlüsse, „Handschuhe ergeben sich gewissermaßen als Fesseln, in 
welche die Hände eingewickelt werden". Es liegt auf der Hand, daß 
in unserem Falle der Handriemen der Phylakterien eine ähnliche Funktion 
erfüllen soll wie der Handschuh der Algolagniker, die Schlinge der Kopf- 
phylakterien hingegen die Bedeutung der Kopfbinden der Algolagniker hat. 
Die Fesselung als Kastrationssymbol soll folglich die masochistische Kom- 
ponente des Trieblebens befriedigen, wobei Gott als ein Sexualsubjekt mit 
sadistischer Tendenz gedacht wird. 2 



1) Schmerz und Geschlechtstrieb. Leipzig 1925, S. 8 f. 

2) Über die Algolagnie und den Narzißmus Gottes bei Spinoza und im Judentum f 
ist eine Spezialarbeit in Vorbereitung. 




ALL. I 





ALL. II 




ALL IV 




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Alt. V 





ALL. VI 



ALL. IX 




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ALL. X 



Alt. XI 






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Alk VIII 



Akt. XII 






Georg Langer 



Der Schwerpunkt des Problems liegt übrigens, wie wir gleich sehen 
werden, nicht in dem Riemen selbst, sondern vielmehr in den Kapseln, 
zu deren Befestigung sie dienen, insbesondere in dem „Würfel auf der 
Stirn", den Fromm-Reichmann sehr richtig als das „Hörn des Tieres" 
erkannte, ohne aber im weiteren diesem Gegenstand Aufmerksamkeit ge- 
widmet und seine eigentliche Wesensart näher untersucht zu haben. 



Unseren Kopftotaphoth auffallend ähnlich formierte Gehäuse, zuweilen 
von ausgeprägter phallischer Eigenart, finden wir nämlich bei 
afrikanischen Negern, insbesondere an ihren Masken. Manche Masken 
tragen fast genau auf derselben Stelle, wo der Jude das Kopfgehäuse anlegt 
(siehe Abb. I), nämlich — wie es die jüdische Tradition im Gegensatze 
zum Pentateuch vorschreibt — in der Mitte des Haaransatzes über der Stirn, 
ein kubisches, hohles Körperchen (vgl. Abb. II), freilich ohne ein 
schriftliches Beiwerk. 1 Daß es sich da um stilisierte Phalli handelt, wird 
aus dem Umstände klar, daß es auch Negermasken und -krönen gibt, auf denen 
der Phallus nur ganz wenig oder auch gar nicht verwandelt erscheint und eben- 
falls auf derselben Stelle aufgerichtet steht, auf der sich auch das jüdische 
Kopfgehäuse befindet (Abb. III). Auch Negerfrauen tragen ähnlichen Schmuck, 
was uns an den oben erwähnten talmudischen Bericht erinnert, demzufolge 
in grauer Vergangenheit einige israelitische Frauen die Tephillin getragen 
haben sollen. Ein ähnliches Emblem trägt mitunter auch der griechische 
Dionysos (Abb. IV). 

Desgleichen tragen Standbilder indischer Gottheiten auf ihrer Stirn ein 
kleines Hörnchen, offenbar desselben Ursprungs. Einige Abbildungen der 
Kopfphalli abessynischer Neger gibt auch Friedr. J. Bieber in der „Antro- 
pophyteia, Bd. V (Tafel I, III, IV, VIII), und zwar: Ogero, „den Stirn- 
schmuck von Kaffitschofrauen, stilisierte Zümpte und Hoden darstellend" 
(Tafel I, 1, 2); den Kaiser von Kaffa im Ornate und der tati uko, d. i. 
der „ Krone mit dem dreifachen Ehrenzumpt auf der Stirn" (Tafel III 
und IV), ferner einen Kaffitscho in der Kriegstracht mit dem Kalatscho, 
d. i. dem Ehrenzumpt auf der Stirn (Tafel VIII). Die jüdischen Kopfgehäuse 
sind allerdings vier- (siehe Abb. V) und nicht dreifach, den vier Pergament- 
rollen, welche sie aufbewahren, entsprechend. 

Manchmal wird bei den Negern der Kopfphallus durch eine Stirntäto- 
wierung ersetzt, wobei wohl die tätowierten Zeichnungen als Grundriß 



1) 



Carl Einstein: Negerplastik. München 1920, Abb. 105 und 51. 



L/ic jüdischen C»cbetncmcn 



senkrecht stehender Phalli zu betrachten sind. Es gibt da sowohl kreis- 
förmige als auch modifizierte viereckige Tätowierungen. Haben nun die 
Kronen- und Maskenphalli der Neger eher der talmudischen Tradition ent- 
sprochen, indem sie nicht „zwischen den Augen", wie es die Bibel ver- 
langt, befestigt sind, sondern auf dem Haaransatz, so werden hingegen die 
Tätowierungen eher dem Sinne des Bibelverses gerecht, da sie oberhalb der 
Nase, also tatsächlich „zwischen den Augen gezeichnet werden. Es sind 
uns antike Negermasken erhalten, die etwa aus der Abfassungszeit der Bibel 
stammen und mit den charakteristischen kreisförmigen Zeichnungen ge- 
schmückt sind. Leo Frobenius bringt Abbildungen dieser Masken in 
seiner „Atlantischen Götterlehre" (S. XVI und XVII), und bemerkt zu einer 
dieser Masken, sie entstamme der „phönizischen Periode des westländischen 
Meeres . 

Die erwähnte Art der Tätowierung erinnert zum Teil an die israeliti- 
sche korhah, von der in einem biblischen Verbot die Rede ist. (Dt. 14, 1), 
die ebenfalls „zwischen den Augen" angelegt wurde und deren Vollführung 
offenbar in einer Art von Abschälen der Stirnhaut bestand und somit von 
der Stirntätowierung der Neger nicht allzu entfernt war. Die korhah, die, 
wie zum Teil aus dem Namen selbst hervorgeht, kreisförmig gewesen sein 
dürfte, wäre ebenfalls als Grundriß des Phallus zu betrachten, welcher 
Umstand schon an und für sich den ablehnenden Standpunkt der Schrift 
erklären würde. Der Zusammenhang der alten korhah mit den jüdischen 
Kopftephillin hat bereits Th. Reik (Kainzeichen, Imago V, S. 33) richtig 
erkannt, ohne aber eine nähere Erklärung der Tephillin zu geben. 1 

Eine Ahnung von irgendeinem Zusammenhange der jüdischen Tephillin 
mit Afrika (siehe Anhang I) scheint auch der Talmud zu haben (Menahoth 34b), 
indem er, um einen Beweis zu erbringen, daß das Kopfgehäuse aus vier 
Räumen bestehen soll, den Ausdruck totaphoth als ein Kompositum auf- 
faßt und ihn in zwei Teile teilt: R. Akiba sagt: „Tot bedeutet in der t 
Katafesprache zwei, photh bedeutet in Afrika zwei." Das wäre also zu- 
sammen vier, was jedoch freilich nicht die richtige etymologische Wort- 
erklärung ist. 

Wenn Carl Einstein bei Besprechung der Negermasken sehr zutreffend 
sagt: „Die Masken möchte ich die fixierte Ekstase nennen" (S. XXVI), 
so stimmt diese Charakterisierung auffallend mit unserem Gegenstande 



1) Ähnlich wie Th. Reik (Imago V, S. 350) sehr richtig die Mezuzzah als „Rest 
alten Schwellenzeremoniells" bezeichnet, ohne auf ihr Wesen näher einzugehen (siehe 
meine Arbeit über die Funktion der jüdischen Türpfostenrolle, Imago XIV, S. 465 f.). 



»4 



Georg Langer 



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überein. Denn der neuhebräische Ausdruck: Tephillin, eine maskuline 
Pluralform des femininen Singulars: Tephillah, bedeutet eben etwa „Gebete . 
An derselben Stelle, wo Juden die Gehäuse der Kopftephillin und Neger 
ihre Kopfphalli befestigen, trugen ägyptische Könige den magischen Schlangen- 
haarschmuck, 1 wobei wohl die Schlangengestalt in ihrer bekannten Bedeu- 
tung als Phallussymbol verstanden werden darf (siehe Anhang III). Die 
Römer ersetzten hingegen den Phallus durch ein symbolisches Hörn, indem 
römische Soldaten als äußere Auszeichnung ein corniculum erhielten, d. h. 
einen hornförmigen Ansatz am Helme, 2 ein Motiv, das in" einem ähnlichen 
Emblem auf militärischen Helmen bis heute fortlebt. 

Ebenso wie bei den Negern der Maskenphallus, wie bereits erwähnt, 
manchmal mehr modifiziert, kubisch, ein andermal eher naturalistisch, 
zylinder- oder kegelförmig geformt erscheint, waren auch in der älteren 
Talmudzeit (Abfassungszeit der Misnah, zweites Jahrhundert n. Chr.) diese 
beiden Formen bei den jüdischen Totaphoth vertreten. Die Zylinder- beziehungs- 
weise Kegelstumpfform wurde hier erst später von der kubischen völlig ver- 
drängt, offenbar wegen ihrer allzu krassen Ähnlichkeit mit dem Phallus. 

So bezeichnet der Talmud an einer Stelle (Megillah a 4 b) die „runde" 
Form der Totaphoth als eine „Gefahr" (sakkanah), ohne jedoch den Grund 
dieser „Gefahr" näher anzugeben. Offenbar handelt es sich hier mehr um 
eine Glaubensgefahr als um die angeblich körperliche. Wir haben bereits 
in unserer Abhandlung über die Mezuzzah (a. a. O. S. 462) dieselbe Diktion 
kennengelernt, wozu wohl bemerkt werden darf, daß die Mezuzzah eine 
ganz analoge Gestaltungsgeschichte aufweist wie die Tephillin. 

An einer anderen Stelle (Menahoth 55 a) wird hingegen im Talmud die 
kubische Form der Kopftephillinkapsel als die allein gültige gefordert, indem 
sie als eine Moses auf dem Berge Sinai von Gott mitgeteilte Vorschrift der 
mündlichen Lehre" erklärt wird. Die mündliche Lehre aber bedarf in der 
Regel keiner Begründung. Der Widerspruch, der sich aus der zweifachen 
Motivierung eines und desselben Brauches ergibt, gab offenbar der späteren 
Kasuistik zu dem Schlüsse Anlaß, die „Gefahr", von der in der Misnah die 
Rede ist, sei nur in einem gewissen Falle vorhanden, nämlich, — so 
meint Rabbi Papa, — wenn die runde Totaphothform nußähnlich ist 
(Megillah 24b). 



1) Siehe bei Günther Röder, Altägyptische Erzählungen und Märchen, Jena 1927, 
°' 2 2 4 )°J. ScheftelowiU: Das Hörnermotiv in den Religionen. Im Archiv für Religions- 
wissenschaft, Bd. XV, S. 451 ff. 






Die jüdiäcneii (jebetnenien 



Uns scheint die jüngere Erwähnung dieser Nußform weniger von archäo- 
logischer als von analytischer Bedeutung zu sein. Das Nichtwissen um den 
wahren Grund der Motivierung spricht dafür, daß das Wesen des Tephillin- 
problems und besonders das der „runden Form" verdrängt ist. 

Immerhin aber verdient auch der „Ersatzeinfall" der Nuß Beachtung, 
auch wenn wir auf Grund unseres Vergleiches der Kopftephillinkapsel mit 
den analogen Negeremblemen, sowie mit der älteren Form der Handtephillin- 
kapsel annehmen, daß sich — der Ansicht von R. Papa entgegengesetzt — 
das Verbot der „runden" Form seitens der Misnah, wie gesagt eher gegen 
eine Zylinder- oder Kegelstumpfform richtet als gegen eine Nußform. Die 
Bedeutung der Nuß im Volksleben rechtfertigt allenfalls die Aversion des 
R. Papa gegen sie vollends. 

Die Nuß, die in antiken Gräbern oft vorkommt, war dem — die Frucht- 
barkeit spendenden — Monde geweiht 1 und ihre kultische Anwendung können 
wir bis in die moderne Zeit verfolgen. So wird (nach Bachofen) das bei 
einem neapolitanischen Kirchenfest getragene Marienbild „unter Scherz und 
Lachen" mit Nüssen beworfen. Die Nuß hat ferner fast überall eine innige 
Beziehungzu Hochzeits-und Geburtsfeiern (Bachofen, I, S. 326). Insbesondere 
ist sie aber ein Symbol des Mutterleibes. 

Im Hohelied ist somit im Vers (6, 11): „In den Nußgarten stieg ich 
hinab, um zu sehen, ob der Weinstock blüht, ob die Granatäpfel erblühten" 
offenbar die Nuß im ähnlich symbolischen Sinne aufzufassen. Man gedenke 
hiebei der Bedeutung des hier mitgenannten Weinstockes als verbreitetes 
Symbol des weiblichen Genitales, sowie der Granatäpfel als Frauenbrüste. 
Die erotische Bedeutung der Nuß würde freilich in Anbetracht der Tat- 
sache, daß ja auch das Haus und folglich auch die Hausform der kubischen 
Phylakterienkapsel ein Symbol der Weiblichkeit ist (siehe weiter S. 449), die 
Meinung des R. Papa, unter der verpönten „runden" Form sei lediglich die 
Nußform zu verstehen, nicht genügend erklären. Doch hat, im Gegensatz 
zu der Heiligkeit des Haussymbols, die Nuß im Judentum zumeist eine 
profane, ja geradezu anstoßerregende Bedeutung inne. 

So wird zum Beispiel im „Midras Rabba" (Sir 6) anläßlich der Auslegung 
des oben zitierten Hoheliedverses die harte Nußschale als ein Sinnbild der 
hartnäckigen bösen Triebe dargestellt. Nach einer anderen Ansicht (ibid.) 
sind die beiden Schalen der Nuß mit dem Beschneiden und dem Abreißen 
der unreinen Vorhaut zu vergleichen. Im Talmud (Niddah 31a) wird der 



£ 












1) J. J. Bachofen: Urreligion. Reclam-Ausgabe, Bd. I, S. 494. 



jcorg Langer 





Fötus im Mutterleib mit der Nuß verglichen. Ein jüdischer Brauch ver- 
bietet den Frommen innerhalb der Zeit zwischen dem Neujahrsfeste und 
dem letzten Tage des Laubhüttenfestes, 1 — also volle drei Wochen — , den 
Genuß von Nüssen, welches Verbot kabbalistisch damit begründet wird, die 
f Summen der Buchstabenwerte 2 der Wörter: „egoz" (Nuß) und „hef (Sünde) 
seien gleich. (Die Berechnung stimmt freilich nicht vollständig, denn die 
Summe der Buchstabenwerte von „het u beträgt 18, während die Addition der 
Buchstabenwerte des Wortes „egoz" bloß die Zahl 17 ergibt. Die Kabbalah 
hilft sich in einem solchen Falle in der Weise, daß sie zu der niedrigeren 
Summe noch die „allumfassende Zahl" 1, den sogenannten „kolel", zurechnet.) 
Bevor wir nun zur weiteren Beweisführung für die phallische Eigenart 
der jüdischen Gebetkapseln übergehen, sei hier nochmals die Hypothese 
von Frieda Fromm-Reichmann, der Würfel auf der Stirn sei ein „Hörn 
des Tieres", in Erinnerung gebracht. Die Ansicht von Fromm-Reichmann 
gewinnt nämlich durch die aufschlußreiche Arbeit von Marie Bonaparte 
über „Die Symbolik der Kopftrophäen" (Imago XIV, 1928) Bedeutung, eine 
Arbeit, in welcher die Tephillin leider nicht erwähnt werden, die aber 
trotzdem einiges Licht auf unser Problem wirft. Nach Marie Bonaparte 
ist nämlich das Hörn im allgemeinen ein Symbol des skalpierten Genitales, 
wobei bei der Symbolbildung eine „Libidoverschiebung vom Unterkörper 
auf dem Oberkörper" stattfand; ein Prozeß, „klassisch in den Erscheinungen 
der Konversionshysterie, häufig sowohl in den individuellen Träumen, als 
auch in den kollektiven Mythen". Diese Feststellung erklärt uns also, neben- 
bei, nicht nur die eigentliche Wesensart des Totaphothhorns dem Ergebnis 
unserer bisherigen Darstellung entsprechend, sie erklärt vielmehr auch die 
Körperstelle, an der die Totaphoth angelegt werden. 

Die Tendenz der „Verlegung von unten nach oben" erklärt übrigens auch, 
warum die Totaphoth nicht, wie es der einer älteren Periode entstammende 
Bibelvers verlangt, „zwischen die Augen", also etwa dort, wo die Neger 
ihre Tätowierung tragen, gelegt werden, sondern durch den einer jüngeren 
Periode entstammenden Talmud noch mehr nach oben bis an den Haaransatz, 
von den heutigen Ostjuden mitunter sogar ganz oben, auf das Schädeldach 
verlegt wurden. Es war demzufolge in der Entwicklungsgeschichte der reli- 
giösen Symbolbildung eine progressive Verschiebungstendenz an der Arbeit. 



1) Über dieses Fest ist eine Arbeit in Vorbereitung. 

a) Einen Versuch, die Buchstabenwerte-Mystik der Kabbalah erotisch zu deuten, 
habe ich in meiner „Erotik der Kabbalah«, Prag 1923, $. 101 ff., unternommen. 



- 



.Die jüdischen Crcbctricmcn 



Das Ersetzen der ursprünglichen Kegelstumpf- beziehungsweise Zylinder- 
form sowohl bei der Totaphoth der Juden als auch bei den analogen Neger- 
emblemen durch die kubische „Haus"- Form, hat wohl einen tieferen Sinn. 
Das Haus ist, wie aus der Psychoanalyse bekannt, ein Weiblichkeitssymbol. 
Es handelt sich hier also um einen Verschleierungsprozeß in der Symbol- 
bildung, durch den ein an stoß erregen der Anblick der allzu deutlichen Phallus- 
form durch deren Bindung mit einem Weiblichkeitssymbol gelindert wird, 
wodurch aber gleichzeitig der Koitus symbolisiert wird. 

Zu der bekannten Symbolisierung der Weiblichkeit durch Hausform seien 
hier folgende Beispiele aus dem jüdischen Kulturkreise erwähnt: Im Talmud 
wird das Weib oft mit dem Hause identifiziert. So erklärt zum Beispiel die 
erste Misnah im Traktate Joma (a a) die Worte des Bibelverses (Lev. 16, 11), 
der Hohepriester möge am Versöhnungstage „Sühne für sich und für sein 
Haus vollbringen", dahin: „Sein Haus — das ist seine Frau." Eine für den 
Psychoanalytiker besonders interessante Stelle befindet sich im Talmudtraktate 
Megillah (13 b), wo im Namen des B. Me'ir der Bibel vers (Esther 2, 7 b): 
„Da nahm sie Mardochai als Tochter an", auf folgende Weise gedeutet wird: 
„Sage nicht ,batk' (Tochter), sondern Mjitti (Haus)", d. h. zur Frau. Also 
ein ziemlich deutlich ausgesprochener Inzestwunsch. 

Im gräko-romanischen Kulturkreise hatte das Haus ähnliche Bedeutung 
(vgl. Bachofen I, S. 325 f, II, S. 192 und 441 f.). 






Ich habe bereits in meiner Arbeit über die Funktion der jüdischen Tür- 
pfostenrolle (Imago X, S. 464 f.) einige Beispiele der Verkleidung der Männ- 
lichkeit durch Weiblichkeit erwähnt und sie mit der Änderung' der gynä- 
kokratischen in patriarchalische Gesellschaftsordnung in Zusammenhang 



1) Daß die Veränderungen, welche die Struktur der „Familie" im Laufe der langen 
Entwicklungsgeschichte einzelner Kulturkreise erfahren hat (sexueller Kommunismus, 
Gruppenehe, Blutverwandtschaftsfamilie, Großfamilie, Clanverwandtschaft, die ver- 
schiedenen Schattierungen des Mutterrechtes), auf die Bildung von Mythen, Legenden, 
Märchen und bestimmten Typen von Gebräuchen einen Einfluß ausgeübt hatten, 
erkannte sehr richtig B. Malinowski (Mutterrechtliche Familie und Ödipuskomplex, 
1924, S. 4 ff.). Doch können wir uns seinen »Anschauungen nicht ganz vorbehaltlos 
anschließen. Es liegt beispielsweise auf der Hand, daß unter Bedingungen, die durch 
gynäkokratische Gesellschaftssysteme gegeben sind, der Mutterhaß der kulturbildenden 
Töchter Erscheinungen in der Kulturentwicklung hervorrufen dürfte, die den analogen 
Folgen des Vaterhasses der Söhne in patriarchal orientierten Kulturkreisen so gut wie 
gleich sind. Über „Spuren des Matriarchats im jüdischen Schrifttum" siehe die Arbeit 
von Prof. V. Aptowitzer im Hebrew Union College Annual, Cincinati 1927—1928. 

Langer: Gebetriemen. 2 



Georg Langer 






.' 



gebracht. Da nach meiner Ansicht diese Art der Verkleidung eine bedeutende 
Stelle in der symbolbildenden Verschleierungsarbeit im allgemeinen, ins- 
besondere aber bei dem Phylakterien-Emblem einnimmt, seien hier noch 
einige charakteristische Beispiele verzeichnet. 

In einigen Kulturkreisen, darunter auch bei den ägyptischen Juden, er- 
scheint bei der Hochzeitsfeier der Bräutigam in Frauen-, die Braut in 
Männertracht gekleidet, ebenso die beiderlei Hochzeitsgenossen. 1 

Moslemitische Knaben tragen Frauenkleider bei ihrer Beschneidung. 2 — 
/ Da nun die Beschneidung ein Kastrationsersatz ist, ergänzt speziell dieser 
Brauch die von uns bei der Mezuzzah erwähnten Beispiele aufs Vortrefflichste. 

Bei den Nandi und anderen Hamitenvölkern Afrikas tragen bei der 
Beschneidung Knaben Mädchenkleider und Frauenschmuck, Mädchen Männer- 
kleidung und Waffen .3 — Übrigens gehört ja vielleicht auch der europäische 
Brauch, männliche Kinder Mädchenkleider tragen zu lassen, demselben 

Komplexe an. 

Interessant ist, daß nach Ales Hrdlicka* der Körper der Indianermädchen 
im Südwesten Nordamerikas erst etwa mit fünfzehn bis siebzehn Jahren 
die typisch weiblichen Formen annimmt; bis dahin hat er „eine etwas 

männliche Form . 

PhallomorpheStandbilderkappadokischerGöttinnenbildetG.ContenauS 

ab, ohne aber auf diese Eigentümlichkeit selbst aufmerksam zu machen. 

Charakteristisch ist ferner folgendes Beiseerlebnis von Leo Frobenius: 6 

Ein hamitischer Führer will dem Reisenden einreden, daß die Lehmkegel 

auf den Feldern und vor dem Hauseingang der Ätiopier, der Busen der 

Mutter Erde sind, während sie in Wirklichkeit, laut Aussage der Eingeborenen, 

Phalli darstellen. — In meiner Arbeit über die Türpfostenrolle (S. 465) habe 

ich darauf hingewiesen, daß die kultische Verkleidung der Männlichkeit 

durch Weiblichkeit geschichtlich, d. h. durch den Wechsel einer gynäkokrati- 

schen und einer patriarchalen Gesellschaftsordnung erklärt sein dürfte. 

Doch spricht insbesondere das letzterwähnte Beispiel für die Annahme, daß 



1) Siehe Samter: Geburt, Hochzeit und Tod. Leipzig und Berlin 1911, S. 91 f- 

2) A. Jeremias: Altes Testament. S. 407. 

5) H. Fehlinger: Geschlechtsleben der Naturvölker in Max Hirschs Mono- 
graphien, Nr. 1. Leipzig 1921, S. 78 ff. 

4) Physiological and Medicinal Observation among the Indians. Washington 1908, 

P ' gf Idole» en Pierre provenant de l'Asie Mineur in der Revue d'Art et d'Archeologie. 

Paris 1927. 

6) Erlebte Erdteile. Frankfurt 1928, Bd. V, S. 440 ff. 






Die jüdisdieii Gebetncnicn 



19 



die transvestitische Tendenz in der religiösen Symbolbildung eher Erfüllung 
eines andauernden Wunsches des Unbewußten versinnbildlicht. Es scheint 
sich hiebei um Linderung der peinlichen Vatervorstellung durch eine Zu- 
ordnung symbolischer Mutterattribute zu handeln, wobei gleichzeitig, wie 
bereits erwähnt, der Koitus durch die Verbindung beiderlei Geschlechts- 
symbole dargestellt wird. 

* 

Während nun die Totaphoth, die über der Stirn öffentlich zur Schau 
getragen werden, ihre ursprüngliche phallische Gestalt zugunsten einer 
kubischen, also eines recht verschleierten Weiblichkeitssymbols, modifizieren 
mußten, hat die Kapsel der Handtephillin — bei orientalischen Juden zu- 
mindest — ihre phallische Form beinahe völlig beibehalten. Allerdings 
müssen dafür die Kapseln der Handtephillin stets mittels eines Tuches keusch 
verdeckt werden. Sie haben nämlich in manchen orientalischen Gegenden 
nicht die Form eines Kubus wie die Kapsel der Kopftephillin, oder wie es 
auch bei den Handkapseln sämtlicher europäischen Juden der Fall ist (siehe 
Abb. VI), sondern die Gestalt eines Zylinders (siehe Abb. VII). Diese Gestalt, 
deren Alter durch den Fund einer kegelstumpfförmigen Handtephillinkapsel 
in der Genizah zu Kairo erwiesen ist (siehe Abb. VIII), erinnert auf den 
ersten Blick an den Phallus. 1 

Ursprünglich war das Hand- und Kopftephillinpaar auch darin den 
Amuletten mancher anderer Kulturkreise (siehe M. Bon aparte, a. a. O.) 
ähnlich, daß es zwei Phalli darstellte. Erst in der talmudischen Zeit machte 
die Phallusform der Kopfkapsel dem Weiblichkeitssymbol der kubischen 
Hausform Platz, worauf die europäischen Juden auch die Phallusform der 
Handtephillin analog verdrängten, das keusche Verdecken der Handtephillin- 
kapsel mittels eines Tuches allerdings auch weiterhin sorgfältig beobachtend. 
Ein Bindeglied in dieser Entwicklungskette bildet der Typus Alt-Prager 
Tephillin (im Besitze der Prager Beerdigungsbrüderschaft), deren Gehäuse 
zwar bereits vierkantig sind, jedoch nicht kubisch wie die modernen Tephillin, 
sondern auffallend in die Länge gezogen in der Form eines Quaders (Abb. IX). 

Es darf uns daher keineswegs wundernehmen, wenn das Berühren der 
Tephillingehäuse beziehungsweise auch der Biemen, nach dem Talmud, 
die Hände „verunreinigt" (Jadajim III, 5; Zabin V, 12), ähnlich wie das 
Berühren nackter Körperteile. Wir werden uns in einer Spezialarbeit über 

1) Vgl. die Abbildung in der Jewish Encyklopedia unter „Phylakteries", beziehungs- 
weise bei J. B. Hannay: Sex Symbobsm in Religion. London 1927, Tom. II, p. 210. 



f 






20 



Georg Langer 



die jüdische Gesetzesrolle mit dieser Art der „Verunreinigung" noch zu 
beschäftigen haben. 

Die jetzige Form der orientalischen Tephillin, die also aus einem Phallus 
unten (am Oberarm) und einem Weiblichkeitssymbol — dem kubische** 
Häuschen — oben (auf dem Kopfe) besteht, erinnert in gewisser Hinsicht 
an die chinesische Hieroglyphe für die „Himmelskönigin", die eine Kom- 
bination der doppelphallischen Gotthieroglyphe mit einem doppelten Rekt- 
angel — das sonst überall ein Weiblichkeitssymbol ist — als Kopf darstellt 

(siehe Abb. X). 

Der Tephillinriemen, der um den linken Ober- und Unterarm gewickelt 
wird, zeigt ferner einige Gharakterverwandtschaften mit melanesischen Arm- 
amuletten, die eine ambivalente Doppelfunktion haben, wobei sich in dem- 
jenigen, das um den Oberarm gewickelt wird und aus einem aus gefärbten 
Lianenfasern geflochtenen Armband besteht, der Zauber „magarra" befindet, 
der „die Weiber liebestoll macht", während der um den linken Unterarm 
gewundene aus einer einzigen Liane besteht, die spiralisch gewickelt wird 
und vor feindlicher Waffe schützt. 1 — Hierin dürften wir wohl ein Prototyp 
des jüdischen Tephillinamulettes erblicken. 






Unsere bisherige Untersuchung macht uns jetzt eine Legende verständlich, 
die im Talmud (Sabbath 49a) über „Elisa, den Beflügelten" erzählt wird: 
"Warum nennt man ihn den »Beflügelten'?" Weil einst die (römische) 
Regierung eine Verordnung über Israel erließ, derzufolge jedem, der die 
Tephillin anlegte, das Gehirn ausgekratzt werden sollte. Elisa aber legt e 
die Tephillin trotzdem an und ging mit ihnen auf den Marktplatz. Da 
sah ihn ein Söldner. Er floh vor ihm, dieser aber lief ihm nach. Als er 
ihn erreichte, nahm er sie (Elisa die Tephillin) vom Kopfe ab und hielt 
sie in der Hand verschlossen. Da sprach er (der Söldner) zu ihm: „Was 
hast du in der Hand?" Er sagte: „Taubenflügel." Er öffnete seine Hand 
und es zeigten sich darin Taubenflügel. Darum nennt man ihn Elisa, „der 

Beflügelte". 

Die Epigonen haben es als auffallend empfunden, daß es gerade Tauben- 
flügel waren, in die die Legende Elisas Tephillin sich verwandeln läßt. Sie 
gaben aber einen echt scholastischen Grund an (siehe ibid.), der für uns 
von wenig Interesse ist. 

1) Paul Hambruch: Südseemärchen. Jena 1921, S. 83—85. 






JJie jüdisdien Gebetriemen 



Wollen wir uns aber zunächst mit der Frage beschäftigen, warum es 
in dieser Legende gerade ein Vogel ist, in den sich die Kopftephillin ver- 
wandelt haben (die Handtephillin brauchte Elisa nicht zu verbergen, da sie 
ohnehin verhüllt waren) und nicht ein anderer Gegenstand, z. B. ein Schmuck. 
Bevor wir hier einiges zu dem bekannten Sinn des „Vogels" in der 
Folklore bemerken, wollen wir unsere Aufmerksamkeit der seltsamen Form 
zuwenden, die der Jude den Kopftephillin nach deren Ablegen gibt. Die Kopf- 
tephillin werden nämlich nach ihrem Gebrauch anders zusammengelegt als die 
Handtephillin. Bei den ersteren wird der Knoten der Kopfschlinge, der auf 
dem Kopfe an der Nackenhöhle ruhte, beim Ablegen hinter dem Gehäuse 
auf die etwas weitere Lederbasis gelegt, worauf die Schlinge zu beiden Seiten 
ebenfalls hinter dem Häuschen auf den Knoten gefaltet wird. Die langen, 
herabhängenden Enden der Riemen werden sodann parallel an den beiden 
Seitenwänden der Kapsel um die Ränder der Platte gewickelt, so daß das 
Häuschen von drei Seiten mit gefalteten Riemen umgeben ist, aus deren 
Mitte es in auffallender Weise hervorspringt, (siehe Abb. XI). 

Auf diese Art erhalten die Kopftephillin eine ziemlich deutliche Vogel- 
gestalt. Die oben hinter der Kapsel rechts und links in die Breite gezogenen 
zwei Hälften der Kopfschlingen bilden die Flügel, die zu ihnen senkrecht 
gerichteten und an beiden Seiten der Kapsel um den Rand der Basis auf- 
gewickelten langen Riemenenden stellen hingegen zusammen mit der breiten 
Kapselbasis den dicken Vogelleib dar, das hervordringende hohe Häuschen 
dessen Kopf. Man knüpft auch in der Tat diesen Brauch an die erwähnte 
Legende, die somit ätiologischen Charakters zu sein scheint. Sie mag auch 
den theologischen Grund für die Erhaltung dieses Brauches bilden, der 
freilich auch eine „praktische" Bedeutung hat. Man will nämlich beim 
ersten Handgriff in den Tephillinbeutel erkennen, welche Tephillin für 
die Hand, welche hir gegen für den Kopf bestimmt sind, da ja die Kopf- 
tephillin erst nach den Handtephillin angelegt werden und darum auch 
erst aus dem Beutel herausgenommen werden sollen, nachdem man die 
Handtephillin angelegt hat. 

Diese Vogelgestalt der Kopftephillin in Legende und Brauch ist nun für 
uns um so mehr von Bedeutung, als sie gleichzeitig eine augenscheinliche 
Ähnlichkeit mit dem männlichen Genitale besitzt. Die von drei Seiten um 
den breiten Rand der Kapselbasis umgewickelten Riemen erinnern an das 
Skrotum, die beiden überragenden Enden der oben zusammengefalteten 
Schlinge stellen die Testikel dar. Das hohe, vordringende Häuschen in der 
Mitte wäre dementsprechend der Penis in statu erectionis. Im Altertum mußte 



Georg Langer 



diese Phallusähnlichkeit um so größer sein, als es, wie wir gezeigt haben, 
neben der kubischen auch Totaphoth von ,runder' Form gegeben hat. 

Als Skrotum wäre aber gleichzeitig der Tephillinbeutel anzusehen. Denn 
die beiden zusammengefalteten Tephillin sollen nach ihrem Gebrauch nicht 
übereinander, sondern nebeneinander in das für sie bestimmte Säckchen 
gelegt werden, in einer Lage also, die an die der beiden Testikel im Skrotum 
C erinnert. Tatsächlich wird im ostjüdischen Idiom das Skrotum vulgär unter 
anderem auch „Tephillinbeutel" genannt. 

Prager Juden — und „der Prager Brauch" ist im allgemeinen auch 
für viele ostjüdische Gemeinden maßgebend ~, die in der Vollführung 
einiger ritueller Handlungen einen besonders altertümlichen Charakter bewahrt 
zu haben scheinen, legten auch den Handriemen in einer rationell kaum 
zu rechtfertigenden Weise zusammen. Der lange Handriemen wird dergestalt 
um sich selbst gewickelt, daß er die Form eines halb aufgerichteten Penis 
erhält, wobei das Gehäuse die Stelle des Skrotums einnimmt (siehe Abb. XII). 
Hier liefert also der Riemen einen Ersatz für die Phallusform der Hand- 
kapsel bei den orientalischen Juden, die sich allerdings in Europa, wie 
bereits erwähnt, nicht erhalten hat. 

* 

Die phallische Bedeutung der Taube und des Vogels im allgemeinen 
ist insbesondere aus der indischen Folklore ersichtlich. P. C. van der Wölk 1 
erbringt hiezu einen wichtigen Beleg: „Man muß in Indien gewesen sein, 
um zu wissen, wie die Turteltaube (perkutut) neben Seelentier auch vor- 
zugsweise ein Tier mit sexueller Symbolik, auch wieder ausschließlich im 
männlichen Sinne, ist . . . Nicht nur in einigen Ländern des Westens 
wird koitieren ,vögeln genannt. Für Indien gilt das Wort gleichfalls 
und das Wort Vogel (burung) für männliches Glied ist das allgemein üb- 
liche Wort. Der Erzählungen, worin die perkutut (Turteltaube) Befruchtung 
herbeiführt, gibt es im Volksmunde Legionen. Jedes geflügelte Tier sym- 
bolisiert den Penis und die beiden Testikel." 

Im ähnlichen Sinne stellt auch Ferdinand v. Reitzenstein 2 fest: „Ver- 
mittlung der Befruchtung besorgen elbische Tiere." 

In der arabischen Traumdeutung von Ab dal g an i an-Nablusi bedeutet 
Vogel (ebenso wie der Baum) den Mann. 3 

1) Das Tritheon der alten Inder. Imago VII, S. 592. 

2) Fruchtbarkeitsieremonien in Marcuses Handwörterbuch. 

3) Siehe bei P. Schwarz: ZDMG. 1913, S. 487. 












Die jüdi.sdicii Crebe tri emcn 



ao 



Die spätjüdische Kabbalah nennt das göttliche Phallusprinzip „Jesod", 
den „Beflügelten" (siehe z. B. bei Menahem Azarjah aus Fano, Sephath-Emeth 
unter kenaphajim) wohl in Anlehnung an „Elisa, den Beflügelten ' unserer 
Legende. 

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, daß die Taube des befruch- , 
tenden Heiligen Geistes, ähnlich wie die Totaphoth der Phylakterien, auf f 
dem Kopfe des Menschen erscheint (Matth. III, 16). 

Unserer Auffassung von der Taube als Darstellung des Heiligen Geistes 1 
entspricht ferner die Feststellung von Ernest Jones (Imago IX): „In der 
Gestalt der Taube verführte Zeus Phteia und Tauben waren die amorähn- 
lichen Embleme aller großen Liebesgöttinnen, Astarte, Semiramis, Aphrodite 
u. dgl. 

Wir haben der phallischen Bedeutung des Vogels eine besondere Auf- 
merksamkeit gewidmet, da ja mit ihr auch die rabbinische Anschauung 
zusammenzuhängen scheint, nach welcher zum Verfertigen des Tephillin-, 
Mezuzzoth- und Thorapergamentes Häute von Vögeln vor den Häuten 
anderer Tiere vorzuziehen seien. Als noch heiliger wird freilich Embryo- 
haut eines reinen Tieres als rituelles Schreibmaterial geschätzt. (Siehe Magen 
Abraham § 57.) 



Die Frage des Herstellungsmaterials für das Pergament, aus dem die 
innerhalb der beiden Gehäuse befindlichen Textröllchen verfertigt werden, 
bietet, analog der bereits behandelten Perhorreszierung der „runden" Form 
der Kapseln seitens der Autoren der älteren Talmudschicht einen weiteren 
Beleg für das Fortschreiten eines unbewußten (?) Verdrängungsprozesses auch 
in der jüngeren Talmudzeit, wie aus folgender rituellen Problemstellung 
(Sabbath 108 a) ersichtlich wird. „Die Tephillin dürfen nur auf Leder 

1) Auch die andere urchristliche Darstellungsweise des Heiligen Geistes als Feuer- 
zungen (siehe Apostelgeschichte II, 34), die auf dem Kopfe erscheinen, entspricht 
der phallischen Auffassung des Heiligen Geistes. 

Die Zunge ist, wie durch die Psychoanalyse bewiesen wurde, ein allgemein ver- 
breitetes Phallussymbol. Auch in der lurianischen Kabbalah bedeutet die Zunge den 
Jesod, also das göttliche Phallusprinzip. So schreibt Menahem Azarjah aus Fano 
(S. E. unter Laäon): „Wenn sich Jesod mit Bathäeba (deutsch etwa: Siebentochter, 
dem weiblichen Prinzip) vereint, so wird es ,70 Weltsprachen' genannt. Malkuth (das 
göttliche Weiblichkeitsprinzip) wird die ,heilige Zunge' genannt und dieser entstammen 
die Geheimnisse der Thora." Unwillkürlich denkt man da an den Bericht des Evan- 
geliums, laut welchem die. Apostel, auf denen die Feuerzungen erschienen, ebenfalls 
in fremden Sprachen redeten. (Über das Feuerelement als erotisches Symbol siehe 
Anhang II.) 






S^ Georg Langer 



(d. h. Pergament) von „reinem Vieh geschrieben werden. Mar, Sohn des 
Rabbi Abina, fragte (ibid.) den R. Nahman, Sohn Ishaks: „Dürfen Tephillin 
auf Haut reiner Fische geschrieben werden?" Er antwortete ihm: „Wenn 
der Prophet Elijahu kommt und es spricht." Zu diesem hier angeführten 
Meinungsaustausch zweier Talmudautoren, die einer verhältnismäßig jungen 
Schicht des hebräischen Talmudtextes zugehören, fügt nun der Talmud eine 
aramäische, also formell noch jüngere Erklärung bei: „Wenn (der Prophet) 
Elijahu kommt und spricht, ob von ihm (nämlich von dem Fisch und 
von seiner Haut) die , Unreinheit' (zuhama) gewichen ist, oder ob von ihm 
die Unreinheit nicht gewichen ist." 

Daß hier sogar der „reine", zum Genüsse erlaubte Fisch trotz seiner 
Reinheit mit einer Art von „Unreinheit" — nämlich in bezug auf die 
Verfertigung sakralen Pergaments — behaftet ist, klingt bloß auf den ersten 
Blick paradox, gleichwie der eben erwähnte Gedanke, daß auch die Tephillin, 
ja selbst die Gesetzesrolle (dieses Prototyp der göttlichen Reinheit!), die 
Hände „verunreinigen". Denn der Fisch, ob „rein" oder „unrein", galt 
v allgemein als Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Vermehrung und als altes 
Phallussymbol. In der griechischen Mythologie hat sich Aphrodite, die 
Mutter des Eros, in die Wellen des Euphrat gestürzt und in einen Fisch 
verwandelt. 1 Nach Plutarch 2 ist das Geschlechtsglied des zerstückelten Osiris 
von Fischen verschlungen worden. Auch in der späteren Zeit, bis in die 
Renaissance hinein, behielt der Fisch seine phallische Bedeutung. 3 Die 
phallische Bedeutung des Fisches erklärt sich aber aus dessen Ähnlichkeit 
^ mit der Schlange. Insbesondere gilt dies vom Aal und den mit ihm ver- 
wandten Fischarten. So nennt das Vulgärarabische den Aal ta'abdn, ebenso 
wie auch die Schlange mit demselben Ausdrucke bezeichnet wird. 

Ein Beispiel der phallischen Bedeutung des Fisches* im Talmud bietet 
eine Stelle (Kethub. 5 a), wo Bar Kappara rät, man heirate eine Frau am 
Donnerstag, da Gott an diesem Tage die Fische mit den Worten segnete: 
/ „Seid fruchtbar und vermehret euch." 

In der babylonischen Keilschrift bedeutet das Zeichen für Fisch einfach 
die Fruchtbarkeit. 



1) ßaudissin: Studien zu der semitischen Religionsgeschichte. Bd. II, 165. 

2) Isis et Osiris, cap. 18. 

3) Vgl. Ed. Fuchs: Sittengeschichte, Ergänzungsband. 

4) Nebenbei sei hier auf folgende Proportion der gemeinvölkerpsychischen Arith- 
metik hingewiesen: Zaubermasken der Primitiven und die magisch wirkenden 
Tephillin der Juden einerseits, und anderseits die hebräische Phallusschlange, nahaS, 
sowie das davon abgeleitete Verbum WieJ, zaubern. V^ 

£_i- 









Die jüdischen CrcLctriemcn 



In der arabischen Traumdeutung von Abdalgani an-Nablusi bedeutet der 

Fisch unter anderem Verheiratung. 1 

Den „Fisch als Sexualsymbol" hat ferner Robert Eisler in vollendeter 

Weise behandelt, freilich ohne die hier entwickelten Gedankengänge und 

Beispiele berührt zu haben. 2 

Der Talmud läßt uns übrigens über die Beschaffenheit der „Unreinheit" 

des reinen Fisches nicht im unklaren, indem er zu der oben behandelten 

Stelle über die „Unreinheit" der Fischhaut folgendes zu berichten weiß: 

„Als die Schlange (vor dem Sündenfall) die Eva begattet (!) hat, belegte 

sie sie mit Unreinheit" (zuhama). 7 ' 

Es ist somit nach der spättalmudischen Tradition zweifelhaft, und man 
muß die himmlische Entscheidung des wissenden Propheten über diesen 

Gegenstand abwarten, ob die Schlangenhaut den genügenden Reinheitsgrad 
besitze, um als heiliges Pergament für das Innere der Tephillin verwendet 
zu werden; denn die Schlange hat eben Eva mit Unreinheit belegt und 
der Fisch, auch der „reine" Fisch, ist somit vom Talmud selbst als mit 
der Schlange verwandt erklärt und daher, ebenso wie sie, in dieser Hin- 
sicht „unrein". 

Von Bedeutung ist die archäologische Feststellung Ludwig Blaus,* der- 
zufolge man im Altertum tatsächlich hie und da Schriftrollen aus Schlangen- '> 
haut herstellte. 5 

Die Verwendung dieses teuern und seltenen Materials läßt sich lediglich- 
durch eine besondere Bedeutung, die man demselben beigemessen haben 
dürfte, erklären, indem nämlich die Schlange sowohl die Weisheit (Gen. 3, 1) 
als auch den Phallus symbolisiert, 6 was mit unserer Auffassung der Rolle 
als Phallussymbol übereinstimmt und anderseits auch altbabylonischer Dar- 
stellungsweise des Hammurappikodex in Phallusgestalt entspricht. (Wir 
werden auf diese Darstellung noch in unserer Arbeit über die Gesetzes- 
rolle zurückkommen.) Der Umstand, daß selbst ein jüngerer Talmudtext 
die Verwendung der reinen Fischhaut zur Herstellung der Tephillinrollen 



1) P. Schwarz: ZDMG. 1913, S. 4qo. 

21 Imago 1914, S. 165b. Vgl auch bei A. J. Storfer: Marias jungfräuliche Mutter- 
schaft. Berlin 1914, S. 1 f o ff. 

3) Über ähnliche Vorstellung in der christlichen Gnosis siehe bei A. J. Storfer, 
a. a. O. S. 79. 

4^ Studien zum althebräischen Buchwesen. S. 32. 

5) Näheres bleibt einer Spezialarbeit über die Erotik der Schreibkunst und des 
Buchwesens vorbehalten. 

6) Näheres über Schlange und Fisch siehe im Anhang III. 



1 






j(j Ocorg Langer 

mit dem ziemlich deutlichen Hinweis auf die phallische Eigenart dieser 
Hautgattung verwirft, verbunden mit der Tatsache, daß die Handkapsel 
eine deutliche Phallusform besitzt, gestattet uns wohl den Schluß, daß die 
phallische Urbedeutung der einstigen Tephillinmaske auch später nicht 
.ganz entschwunden war, weshalb ihre Verdrängung stufenweise zum Teil 
wissentlich fortgesetzt wurde. 

* 

Wir haben oben das Verbot des Betretens eines Anstandsortes mit den 
Tephillin erwähnt. Dieses Verbot gilt jedoch nur, solange man die Tephillin 
angelegt hat. Hingegen erlaubt der Talmud (Berakoth 23), die Tephillin 
in den Anstandsort mitzunehmen, wenn man sie vom Körper abgelegt und 
in ein Tuch eingewickelt hat. Ja, sie gelten in diesem Falle als Schutz- 
mittel gegen die bösen Geister, die den unreinen Ort mit Vorliebe zu 
ihrem Aufenthalt machen. Demgegenüber ist das Mitnehmen von anderen 
heiligen Texten, selbst als Schutzmittel, nicht gestattet. Der Talmud (ibid.) 
begründet die Ausnahmsstellung der Tephillin in diesem Falle mit einer 
Legende, die — in Anbetracht des von uns angezeigten Urcharakters der 
Phylakterien — Beachtung verdient. Man könnte, meint der Talmud, falls 
man die Tephillin draußen liegen ließe, leicht in „Verdacht" (d. h. in 
Verdacht einer unsittlichen Handlungsweise) kommen: „Es geschah, daß 
ein Schüler (als er den Anstandsort betrat) seine Tephillin in einem Loch 
an der Außenseite des Ortes verbarg. Da kam eine Hure, nahm diese 
Tephillin, ging mit ihnen in die Lehrstätte und sagte: , Sehet, was er mir 
als Lohn geschenkt hat.' Als es jener Schüler erfuhr, stieg er auf ein 
Dach, stürzte sich hinab und starb. Da hat man angeordnet, die Tephillin 
in einem Tuch eingewickelt in der Hand mitzunehmen. ' — Daß die Hure 
als Lohn gerade ein phallisches Emblem erhält, ist kein vereinzelter Fall. 
Thamar, die als Tempeldirne verkleidete Schwiegertochter Jehudas, bekam 
bei ähnlichem Anlaß (unter anderem) einen Stab (Gen. 58, 18), also ein 
Phallussymbol. — Zufälligerweise spricht auch in dieser Geschichte die 
Furcht vor üblem Buf eine gewisse Bolle (v. 25). 

* 

Nachdem wir nun die Tephillin in ihren Hauptbestandteilen (Kapseln 
Und Biemen) und ihrer äußeren Beziehung zu erotischen Emblemen erörtert 
haben, bleiben noch einige Einzelheiten übrig^ deren Besprechung zwar 
tticht als entscheidend, noch weniger aber als ganz unbedeutend angesehen 
Verden kann. 



JJie jüdischen Vjcbetricmcii 



Wie bereits eingangs erwähnt wurde, verlangt der Pentateuch, daß man 
die Thoraworte zwischen den Augen tragen soll, was von der Tradition 
wörtlich hingenommen und auf die Kopfkapseln der Tephillin bezogen 
wird. Wir haben aber auch erwähnt, daß die Tradition verlangt, daß diese 
Kopfkapseln oberhalb der Stirn am Haaransatz, jedoch genau in der Mitte, 
getragen werden. Sie bilden demnach zusammen mit den beiden Augen 
ein Dreieck. Das Dreieck ist aber allgemein ein erotisches Symbol. So er- 
wähnt L. Lewy (Simsonsage, S. 15) die Feststellung R. Kleinpauls (Sprüche 
ohne Worte, S. 376): Die alten Griechen betrachteten das Dreieck oder 
das Delta als ein Symbol des weiblichen Gliedes, daher noch die heutigen 
Neugriechen die Zahl drei nicht aussprechen, ohne jtte ovftnai&aio — um 
Vergebung — hinzuzusetzen. In der indischen Religion ist ein stehendes 
Dreieck ein Symbol des Gottes Shiwa und damit des aufgerichteten männ- 
lichen Gliedes, unter dessen Gestalt Shiwa angebetet wurde. 

In der summerischen Hieroglyphen- und Keilschrift wird wiederum das 
Weib durch ein das weibliche Genitale darstellendes Dreieck bezeichnet. 

Desgleichen haben aber auch die Augen, die ja gemeinsam mit dem am 
Haaransatz liegenden Totaphoth- Gehäuse das Dreieck bilden, eine erotisch 
Symbolbedeutung. Nach Lewy (Simsonsage, S. 11) ist das Auge sowohl ein 
Symbol der Vulva als auch des Phallus. Nach einem indischen Mythus 
wird Indra von Gaudhama wegen Ehebruchs verflucht, daß ihm am ganzen 
Leibe 'Zeugungsglieder wachsen sollen. Später wird der Fluch gemildert 
und statt der Glieder wachsen ihm ebenso viele Augen. Im Altertum wurde 
das Auge häufig in Verbindung mit dem Phallus an Stadttoren (also ein 
Analogon der jüdischen Mezuzzah) und Hauswänden angebracht. Interessant 
ist auch eine talmudische Traumdeutung (Berakoth 66 b), derzufolge ein 
Traum, in welchem die Augen des Träumenden einander berühren, dahin 
gedeutet wird, der Träumer habe seine eigene Schwester begattet. Diese 
Stelle ist aber offenbar Dr. Lewy entgangen, ebenso wie der Umstand, 
daß in der lurianischen Kabbalah die Augen und Ohren ebenso wie die 
Hoden das nämliche Prinzipienpaar, freilich von verschiedenen Stufen, 
darstellen, und zwar: Nesah und Hod. Einige interessante Belege für die 
symbolische Bedeutung der Augen als Hoden bringt Stefan Helles 1 aus 
der klinischen Praxis. 

Das Auge in der Mitte eines Dreieckes (siehe Abb. XIII), das in der 

mystischen Symbolik der Kirche häufig vorkommt, dürfte folglich ursprüng- 



1) Internationale Zeitschr. f. Psa. IX, S. 72. 



Georg Langer 



/ 




lieh als ein Symbol der Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen 
gedacht sein. Desgleichen scheint auch die Vermutung an Bedeutung zu 
gewinnen, der sechsspitzige jüdisch-kabbalistische „David Schild", der aus 
zwei einander durchdringenden Dreiecken besteht (siehe Abb. XIV) und 
auch den Babyloniern, Etruskern und den südamerikanischen Indianern 
bekannt war, sei ein Symbol der Vereinigung beiderlei schöpferischer 
Prinzipien. Es sei dabei erinnert, daß im Talmud (Menahoth 31 b) die 
Form eines auf der Hypothenuse stehenden Dreieckes „Bauch" (kubbak), 
die Form eines auf der Spitze stehenden hingegen „Schwanz" genannt wird 
(siehe meine „Türpfostenrolle", S. 467). Bemerkenswert ist, daß dieser 
„David-Schild" mit Vorliebe gerade auf die Tephillinsäckchen sowie auf 

die weiblichen Mäntelchen der 
phallomorphen Gesetzesrollen ge- 
stickt oder gezeichnet wird. 

R. Spiez 1 stellt die schon 
obenerwähnte phallische Bedeu- 
tung der Dreizahl fest. Eine 
Tatsache, an der wir schon in 
Anbetracht dessen, daß der Hand- 
riemen um den Mittelfinger drei- 
mal gewunden wird, nicht stillschweigend vorbeigehen dürfen. Das Klee- 
blatt heißt — schreibt Spiez — ungarisch löhere, d. h. Pferdehoden. Zum 
Schwüre hebt man drei Finger, ebenso wie man im semitischen Kultur- 
kreise den Schwur mittels Anlegen der Hand an das männliche Glied 
leistete. Das Zeichen für den arabischen Dreier: r erklärt er als eine Hin- 
deutung an das Dreifache des männlichen Genitales (Penis und Hoden), 
woran die Tatsache, wie Spiez selbst bemerkt, daß dieses Zeichen aus dem 
arabischen Buchslaben: ^y (Sin) entstanden ist, nichts ändert. 

Nach dem Talmud (Kiddusin 50 b) hat der Mensch drei an seiner Geburt 
Beteiligte: „Vater, Mutter und Gott." Eine geradezu verblüffend ähnliche 
Variante dieser jüdischen Auffassung kennen auch die Inder: „Wenn Drei 
sich vereinigen, ihr Mönche, bildet sich eine Leibesfrucht ... Da sind 
ihr Mönche, Vater und Mutter vereint, und die Mutter hat ihre Zeit, und 
der Genius ist bereit, so bildet sich durch der Drei Vereinigung eine 
Leibesfrucht." (Neumann: Mittlere Sammlung. I, S. 420 f.) 

Im grekoromanischen Kulturkreise galt drei als männliche Zahl (Bach- 
ofen: Reclam- Ausgabe. Bd. II, S. 191). 



ALL. XIII ALL. XIV 



1) Zwei Kapitel über kulturelle Entwicklung. Imago 1924, S. 330. 









Die jüdischen Gehetriemen 



3 9 



> 



Den phallischen Sinn der Dreizahl hebt ferner auch ein mittelalterliches 
Gedicht des Mussaph-Gebetes des jüdischen Neujahrsfestes hervor: „Sie (die 
Juden) sind verpflichtet, an dem Neumond (ersten Tag im Monat), an dem 
Einen (aufSophar) zu blasen, so wie es Einen gibt zwischen ihren Lenden, — 
sie blasen dreimal zu dritt (Tönegruppen), so wie es drei gibt zwischen 
ihren Hüften (Penis und die beiden Testikel)." 

Erwähnenswert ist da auch der altjüdische Volksglaube, demzufolge der 
Penis des Mannes immer dreimal länger ist als seine Nase. In diesem 
Sinne sagt ein ostjüdisches Sprichwort: „Drei Mul Nus, is ein Mul Dus", - 
dreimal Nase ist einmal Das (der Neutrum -Artikel „dus" ist eine übliche 
Bezeichnung für das männliche Glied). 1 Die Vagina hat hingegen genau 
die Größe des Mundes der Frau.- „Wie bei a Nekeiwe (d. h. Weib) dus Maul 
(d. h. der Mund) — asoi is bei ihr zwischen die Fuß" (a. a. O., S. 66). 

Psychoanalytisch erklären die Dreizahl F. Alexander 2 und G. H. Graber. 3 
So wäre sie zum Beispiel eine Art von Schematisierung der Bindungen an 
das Ich, an die Mutter (das Weib) und an den Vater (das Über- Ich). Diesen 
drei Visionen entsprächen viele analoge Erscheinungen in Beligionsgeschichte, 
Mythen, Sagen, Märchen usw. Einen anderen Nebensinn der Dreizahl findet 
Karl Abraham (a. a. O., S. 122): Sie stellt den Mund, die Anal- und Uro- 
genitalzone dar. 

Ziehen wir nun den erotischen Ursprung der Sprache in Betracht, so 
dürfen wir es, glaube ich, kaum als einen Zufall betrachten, daß die semi- 
tische Badix in der Begel aus drei unveränderlichen Konsonanten besteht. 
Das dreimalige Umwinden des Handriemens der Tephillin wird an dem 
Mittelfinger, also an dem dritten und längsten Finger vollzogen. Der Mittel- 
finger heißt im Hebräischen: ammah, ein Wort, das gleichzeitig ein Terminus 
für das männliche Glied ist.* Die Tatsache, daß der Biemen Kastration dar- 
stellt, hier aber gleichzeitig die Stelle des Binges einnimmt, dürfte wohl 
zum Nachdenken über die eigentliche Funktion des Eheringes im allgemeinen 
Anlaß geben. 

Bei dem dreifachen Umwinden des Mittelfingers wird nun, wie eingangs 
bemerkt, der dreigliedrige Bibelvers gesprochen: „Ich verlobe dich mir auf 
ewig . . . auf daß du Gott erkennest." 






1) Siehe Proverbia Judaeorum erotica et turpia. Privatdruck bei R. Löwit, Wien 
1918, S. 40. 

2) Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Imago IX, S. 35. 

3) Über Regression und Dreizahl. Imago IX, S. 476 

4) Zu anderen Bedeutungen dieses Wortes vgl. meine Arbeit über die Mezuzzah, S. 466. 



3o 



>corg .Langer 



„Erkennen" ist ein Terminus für den Geschlechtsakt (z. B. Gen. 41. Vgl. 
auch bei L. Lewy: Sexualsymbolik in der Paradiesgeschichte. Image- V, S.20). 
An dieser Stelle tritt der erotische Sinn dieses Ausdruckes infolge des voran- 
gehenden Verlobungsversprechens mit ziemlicher Deutlichkeit zutage. 

Der dreimalige Umzug der Braut um ihren Bräutigam bei der jüdischen 
Hochzeit wird in der jüdischen Tradition mit dem dreimaligen Umwinden 
des Handtephillinriemens in direkten Zusammenhang gebracht. 1 

Das Umwinden bedeutet also, wie schon gesagt, einen Verlobungs- oder 
Ehering, der an Israel von Gott geschenkt wird. Hiezu wäre die Ansicht 
des Jesuiten Salm er on von Bedeutung, aus der der eigentümliche Sinn des 
Verlobungsringes im allgemeinen mit ziemlicher Klarheit ersichtlich ist: 
Er meint nämlich, die Vorhaut Christi sei der Verlobungsring, den Christus 
an seine Braut, die Kirche, schickt. 2 Das Bild stimmt in auffallender Weise 
überein mit der phallischen Bedeutung, die der Finger im Mythos inne 
hat und die auch die Grundlage des folgenden südamerikanischen Indianer- 
mythos bildet: „Nimagakanire verschluckte zwei Bakairi-Fingerknochen, die 
Oka für seine Pfeilspitzen gebrauchte (nebenbei bemerkt ist der Pfeil gleich- 
falls ein weitverbreitetes Phallussymbol und als solches auch im Judentum 
vorhanden). Von den Fingerknochen wurde die Frau schwanger. 3 

Nach Bachofen (I, S. 588) ist der Finger eine Darstellung der schaffen- 
den und nährenden Zeugungs kraft. Isis reicht dem Malkandersohne statt 
der Brust den Finger zur Nahrung. Die Römer tragen den Ring an dem 
„digitus medicinalis" der linken Hand (ebendort, II, S. 461 bis 463). 

Zu dem siebenmaligen Umwinden des Handtephillinriemens um den 
Oberarm sei bemerkt, daß die in Religion, Mythos und Märchen so sehr 
beliebte Siebenzahl ebenfalls einerseits mit dem Todes-, anderseits aber mit 
dem Liebes- und Zeugungsmotiv innig verknüpft zu sein scheint. Sie symboli- 
siert nach J. J. Bachofen (Urreligion und antike Symbole, I, 347) das lii 
als Abbild des Kosmos und als Attribut des phallischen Dionysos (S. 295 f.), 
das aber als solches gleichzeitig einen hervorragenden Bestandteil der Grab- 
ornamentik bildet (S. 543). 

Auch nach Oskar Fischer* scheint die Siebenzahl sowohl in der Zahlen- 
mystik des Todes und der Unterwelt als auch der Liebe eine wichtige 
„Komponente zu sein. 



• 



Siehe bei Salomon Schüch: Siddur Rasban. Wien 1894, 8.15b. 

2) Siehe Alphons Viktor Müller: Die hochheilige Vorhaut Christi. 1907, S. 57 f. 

3) Th. Koch-Grünberg: Indianermärchen aus Südamerika. Jena 1921, S. 216. 

4) Orientalische und griechische Zahlensymbolik. Leipzig - Jgi8, S. 251. 



Die jüdiädicn GeDetriemen 



Wenn wir nun bedenken, daß die Hand im mythologischen Denken den 
Phallus darstellt, 1 so ergibt sich, daß die Handtephillin einerseits diesen 
phallischen Charakter der Hand betonen oder gar verstärken sollen, daß sie 
jedoch gleichzeitig, wie bereits dargelegt wurde, als Fesseln bestimmt sind, 
die Phalluskraft einzuschränken, also Kastrationszwecke verfolgen, welch 
beide Tendenzen aber in dem hier erwähnten Doppelsinn der Siebenzahl 
der Riemen Windungen ebenfalls angedeutet sind. 

Zu der Erwähnung der phallischen Eidleistung bei den Semiten sei hier 
noch darauf hingewiesen, daß sich Überreste von ihr bis heute erhalten 
haben. In einer bis jetzt gebrauchten Schwurformel ist nämlich der phallische 
Eid bei Beduinen erhalten geblieben. 2 

Der Kabbaiist Ishak den Perahiah meint in seinem Werke „Taame 
hammiswoth' (Gründe der Gebote), der falsch Schwörende „trenne den 
, Bräutigam' (d. h. Gott) von seiner .Braut' (Gottesherrlichkeit beziehungs- 
weise Israel) . Ferner meint er, der Geheimsinn des Eides bestehe darin, 
daß der Schwörende kraft der Eidleistung „den Gegenstand des Allerhöchsten 
Beschneidungszeichens (d. h. den Phallus Gottes!) mit seiner Hand ergreife . . . 
und wenn er nun falsch schwört, so reißt er diesen (von Gott) ab . . ." 3 

Eine Beziehung zu der phallischen Eidleistung dürfte wohl auch der 
moderne Brauch haben, Kindern die Nase zu betasten, um sich zu über- 

1) Siehe zum Beispiel Marie Bonaparte: Über die Symbolik der Kopftrophäen. 
)g28, S. 20. 

2) A. Musil: Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften. 1904. 
Phil.-hist. Kl. — Eine ähnliche Beschwörungsform hat sich übrigens fast in ihrer ur- 
sprünglichen Gestalt bis in das Mittelalter und in die Neuzeit bei verschiedenen 
Geheimorganisationen und Orden vielfach auch in Europa erhalten. Vielleicht wurde 
sie da dem arabischen Zauberwesen entlehnt. Es sei hier die kurze Erwähnung einer 
Sitte wiedergegeben, wie sie der arabische Hermetiker Abu Aflah, der etwa im 
elften Jahrhundert lebte, erwähnt. Das Werk Abu Aflahs ist bloß in hebräischen Über- 
setzungen unter dem Namen „Sepher Hattamar" (d. h. Palmenbuch) erhalten und wurde 
letzthin von G. Scholem in Kirjath Sepher (Jerusalem 5687, Heft 2/3) herausgegeben. 
Es befremdet, daß der Herr Herausgeber diese Stelle, die in klarem Stil gehalten ist 
und durch den ganzen Kontext ganz eindeutig verstanden werden muß, mißverstanden 
zu haben scheint und sie bloß als eine „sonderbare Redewendung" hinstellt, deren 
Quelle er als ihm unbekannt erklärt. Hier eine Wiedergabe Abu Aflahs Worte nach 
dem hebräischen Texte: „Nun kennst du bereits die Verwirrungen in dieser (hermeti- 
schen) Weisheit ... da man sie von Weibern und ungebildeten Zauberern lernt, w eiche 
ihre Schöße an ihre Gesichter legen ... So werde ich dir ihren großen Irrtum 
bei diesem ihrem Legen erklären ... Die zweite Ursache (der Flucht anständiger 
Leute vor der hermetischen Weisheit) ist aber die Abscheulichkeit der unsauberen 
Künste, die man ihr andichtet, wie es die alten Sabäer erwähnt haben. Weit entfernt 
ist aber diese erhabene Weisheit von widrigen Handlungen." 

3) Siehe Eliahu de Vidas, Resith Hokmah, Sa'ar Kedusah, Kap. 14. 






icorg Langer 



zeugen, „ob sie Wahrheit sprechen". Ist doch die Nase ein Phallussymbol. 
Desgleichen scheint der bekannte mongolische Kuß hieher zu gehören, der 
darin besteht, daß die Küssenden einander mit ihren Nasen berühren. 

Von einem eigentümlichen Fall eines Nasen-Masochismus berichtet ein 
homosexueller Erpresser: * 

„Ein anderer Herr, der mich mitnahm, hatte eine Holzklammer bei 
sich, die er sich an der Nase befestigte, und gab mir den Auftrag, an 
einem an dieser Klammer befestigten Bindfaden (vgl. oben S. 45g die analoge 
Funktion unserer Tephillinriemen!) zu ziehen, so daß die Klammer sich 
zusammenpreßte und seine Nase einklemmte. Ich sollte dabei noch die 
Worte ausrufen, daß er wünsche, eine so große, auffällige Nase zu be- 
kommen, daß die Leute ihre Verwunderung hierüber aussprächen." 1 

Zu demselben Brauch, den Eid unter anderem mittels Anlegen der Hand 
an das männliche Glied zu bekräftigen (vgl. Gen. 24, 2/4; 47, 29), sei noch 
hinzugefügt, daß Juden bei der Eidleistung die Hand auf Tephillin ebenso 
wie auf Gesetzesrollen zu legen pflegen, was unserer Auffassung von der 
phallischen Bedeutung dieser beiden Kultobjekte völlig entspricht. 



Die Mystik der Kabbalah, die sich bekanntlich vorwiegend einer erotischen 
Terminologie bedient, macht selbstverständlich auch die Tephillin, gleichwie 
das ganze jüdische Zeremonial zum Gegenstand ihrer Spekulationen. 

Das Buch „Zohar" (I, 45b) stellt den Geheimsinn der Tephillin dem des 
„heiligen Beschneidungszeichens gleich. Diese Vorstellung wirkt geradezu 
verblüffend, nachdem doch die Psychoanalyse die Beschneidung als Kastrations- 
ersatz erklärt, was wiederum mit der von uns aufgedeckten Funktion der 
Phylakterien vollends übereinstimmt. 

Die Kopftephillin sind nach der Lehre Lurias ein Symbol (und mehr als 
bloßes Symbol) der himmlischen Mutter -Vernunft („Imma"), die Hand- 
tephillin das der (himmlischen) Gattin-Herrschaft („Nukba'J . Die vier 
Thora-Abschnitte innerhalb der Kapseln sind im Säuglingsstadium („jenikah") 
beziehungsweise im Embryonalstadium („ ibbur — siehe in „Peri 'Es 
Hajjim", sa'ar hat-tephillin). Für uns ist hier insbesondere der Umstand von 
Bedeutung, daß da zwischen den vier Thora- Abschnitten, die ja nach der 
Ansicht der offiziellen Religion die Grundlage des Tephillingebotes dar- 



1) Mitteilungen der Polizeibehörde Hamburg. Entnommen E.Wulf fen: DerSexual- 
v erbrecher, S.520, s. ferner bei Otto Fenichel: Die „lange Nase", Imago 1928, S-502ff. 









^ 



Die |i'i(!].su.,-n GcLetricmcn 33 



stellen, und den sie umhüllenden Kapseln genau unterschieden wird, wobei 
seitens der Kabbalah die Kapseln eigentlich mit einer höheren Funktion 
bedacht werden als ihre schriftlichen Inhalte, was ja wiederum unserer 
Auffassung völlig entspricht. 

Eine sehr ausführliche mystische Deutung des Tephillingebotes unternimmt 
ein später (chassidischer) Kabbaiist, Rabbi Schneur Salman aus Ladi (Ruß- 
land, 1747 bis 1812), demzufolge das Anlegen der Tephillin eine Art sym- 
pathetischer, magischer Handlung ist, die den Zweck verfolgt, einen „Erguß 
der männlichen Flüssigkeit von „oben" über die niedrigeren Welten zu 
erwirken. Im Anschluß an das Hohelied (8, 6) bezeichnet Schneur Salman die | 
Tephillinkapseln als „Siegel", und zwar als männliches, hervorspringendes 
Siegel, im Gegensatz zur weiblichen Art der Siegel mit vertieften Zeichen. 
Die Liebe sei eine Art des „Hervorspringens". „Denn zuvor war die Liebe 
verhüllt und verborgene Liebe genannt, dann aber steigt sie frei auf in 
Feuerflammen der Sehnsucht wie ein Rerg aus der Ebene und so wie ein 
hervorspringendes Siegel." 

„Es ist ferner bekannt, daß das Siegel überall die Bedeutung des ,Jesod l 
(Geschlechtsprinzip!) hat. Jesod der Männlichkeit ist das hervorspringende 
Siegel." Im weiteren Verlauf seiner Ausführung stützt Schneur Salman seine 
Auffassung des Tephillingebotes auf den Talmudlehrsatz (Berakoth 60 a): 
„Wenn es die Frau ist, die (beim Koitus) zuerst (d. h. früher als der Gatte) 
den Samen sät (d. h. den Kulminationspunkt erreicht), so gebiert sie ein 
männliches Kind", wobei laut Schneur Salman das die Phylakterien an- 
legende Israel die „Auflösung des Seins" (sc. im Kulminationspunkt des 
Gebetes, der Ekstase) oder die „weibliche Saat" bedeute, der „Mann" sei 
Gott, das „männliche Kind" der zu erzielende Erguß der segenspendenden 
Emanation über die unteren Welten. 1 

Die kabbalistischen Doktrinen drangen bis in die tägliche Liturgie ein 
und finden in einem Gebet, das von den „Frommen" vor dem Anlegen 
der Tephillin allgemein gesprochen wird, ihren festen Ausdruck. Das Gebet 
hat folgenden Wortlaut (hier etwas gekürzt): 

„Zwecks Vereinigung des Herrn (— des Heiligen, gepriesen sei Er! —) 
mit Seiner Göttlichkeit (Sekinah), in Furcht und Liebe ... im Namen von 
ganz Israel lege ich die Tephillin an, um das Gebot meines Schöpfers zu 
erfüllen ... und das sind die vier Abschnitte (aus der Thora), ... in denen 
Seine — gepriesen sei Sein Name! — Einheit und Einzigkeit enthalten ist 

Siehe den Kommentar von R. Schnenr Salman zum Gebetbuch, Warschauer 
Ausgabe vom Jahre 5647, S. 47 ff. 

Langer: Gebetriemen. 



3^ (jeorg Langer 

. . . und daß Er Kraft und Macht besitzt über die Oberen und über die 
Unteren (Welten), um in ihnen nach Seinem Willen zu walten. Und Er 
befahl uns, sie (die Tephillin) an die Hand . . . gegenüber dem Herzen 
anzulegen, um dadurch die Begierde und die Gedanken unseres 
Herzens Seinem — gepriesen sei Sein Name — Dienst unterzu- 
ordnen, und um den Kopf, entsprechend dem Gehirn, damit die Seele 
die in meinem Gehirn ist, samt meinen anderen Sinnen und meiner 
Kraft, Seinem Dienste unterzuordnen. Und durch die Emanation avis 
dem Gebote der Tephillin möge mir langes Leben zuteil werden und ein 
Erguß der Heiligkeit, und heilige Gedanken ohne jedwede sündhafte 
Regung, und damit uns nicht überrede und uns nicht reize der böse 
Trieb, sondern uns freilasse, dem Herrn zu dienen, wie dies in unserem 
Herzen ist . . . usw. (Entnommen aus Beth- Joseph I, 25, 5.) 

In einer noch viel beredteren Sprache ist dieses Gebet in der Fassung 
der orientalischen Juden gehalten: 

„Zwecks Vereinigung des Heiligen — gepriesen sei Er — mit Seiner 
Göttlichkeit, in Furcht und Liebe ... im Namen von ganz Israel, lege ich 
Tephillin an, um das Gebot meines Schöpfers zu erfüllen . . . und es möge 
der (himmlische) Bräutigam die Braut umarmen, Seine Linke untei 
ihrem Haupt und Seine Rechte möge sie umschlingen (Anspielung auf das 
Hohelied 8, 6) und davon möge sich langes Leben ergießen und ein Erguß 
der Heiligkeit und heilige Gedanken ohne jedwede Regung der Sünde. Und 
die Riemen mögen Stricke der Liebesbänder zwischen dem Bräutigam 
und der Braut werden, und es mögen die Sünden nicht dahin wirken, daß 
die Riemen an Samael (Engel des Unheils) und seine Gattin samt ihrer 
ganzen Sippe geknüpft werden, damit sie uns nicht überreden und uns 
nicht reizen, sondern uns dem Herrn dienen lassen, wie dies in unserem 
Herzen . . . usw." (Entnommen dem Siddur „Hemdath Israel", Anfang.) 



Zum Schlüsse wollen wir nun versuchen, einige der bisher ungeklärt 
gebliebenen Tephillinvorschriften auf Grund unserer bisherigen Unter- 
suchung zu deuten. 

Als Symbol des skalpierten Vater-Totem-Phallus und die durch dessej 
Anlegen erfolgte Identifizierung mit dem Vatertotem sind die Phylakteriei 
bestimmt, eine Grenze zwischen dem Kindesalter und dem durch die 
Pubertät eintretenden Mannesalter, dessen Abzeichen sie wohl sind, zu 
ziehen. Darum legt der jüdische Knabe vor dem dreizehnten Lebensjahre 






"-JJ. 



Die jüdisdicn Gebetriemen 



35 



die Tephillin nicht an und aus demselben Grund dürfen auch die Frauen 
Tephillin nicht anlegen, da beide zu der Männergemeinschaft nicht gezählt 
werden. Demgegenüber läßt sich durch die Tradition das Verbot des Tephillin- 
anlegens bei den Frauen damit erklären, daß das Tephillin gebot zu den- 
jenigen Geboten gehört, die an eine gewisse Zeit (hier an den hellen 
Tag) gebunden sind, denn von Befolgung solcher Gebote sind die Frauen 
befreit. Doch fühlen die jüdischen theologischen Autoritäten, daß dieser 
Grundsatz nicht ausreicht, um zu erklären, warum man die Frau selbst 
an einem freiwilligen Anlegen der Tephillin hindern soll. Sie müssen daher 
eine andere Ursache angeben, nämlich — ähnlich wie beim Verbot des 
verantwortlichen rituellen Tierschächtens durch Frauen — den „Leicht- 
sinn" der Frau, der sie leicht zu einer Entweihung der Tephillin (z. B. 
durch Blähung) verleiten könnte. 

Die Befürchtung, die Minderjährigen beziehungsweise die Frauen könnten 
die Tephillin durch Blähung quasi entweihen, stimmt aber zu unserer 
Auffassung des Phylakterienanlegens als Selbstkastrationssymbol. Denn der 
Flatus in der Hysterie ist als Protest gegen die Autorität (des Arztes, des 
Vaters) bekannt. 1 Die durch das Anlegen der Phylakterien symbolisierte 
Selbstkastration ist aber ein Ausdruck der Annahme einer Autorität kat' 
exochen. Allerdings nicht mehr der Autorität des eigenen Vaters, dem man 
sich ja eben durch das Anlegen der Phylakterien gleichstellt, sondern der 
des Urvaters, des Totemtieres, des Gottes. 

Die Bezeichnung Gottes als „König", verbunden einerseits mit der jüdi- 
schen Anschauung, die Lehrerwürde sei der königlichen Gewalt ähnlich, 
und anderseits die durch die Psychoanalyse bekannte Tatsache, daß der 
„König" ein Vaterersatz ist, erklären das Verbot, die Tephillin vor dem 
Lehrer auszuziehen oder auch nur zu entblößen. Insbesondere wird dadurch 
die rabbinische Begründung dieses Verbotes, ein derartiges Benehmen würde 
einen Verstoß gegen die „königliche" Würde des Lehrers bedeuten, als eine 
dem Vaterkomplex entspringende Beue beleuchtet. Daß diese Bücksicht auf 
den Vater selbst — falls er nicht gleichzeitig der Lehrer ist — nicht ge- 
nommen werden muß, spricht dafür, daß die Phylakterien nicht mehr direkt 
die Autorität des Vaters, sondern die seiner erweiterten Imago, des Urvaters, 
des „Königs" usw. darstellen, der hier durch die Person des Lehrers repräsentiert 
wird. So weit ist hier die Verdrängung bereits vorgeschritten! 

Ein Analogen zu dieser Art der Verschiebung finden wir im jüdischen 

Speiseritual, das zwar den Genuß des Geschlechtsorganes ei nes rituell ge- 

l) Siehe bei Ferenczi: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. Bd. I, S. 380 f. 

3' 









36 Georg Langer 

schlachteten „reinen Tieres nicht verbietet, wohl aber dessen Ersatzes, des 
Fettschwanzes der morgenländischen Schafe, der „aljah" (z. B. Ex. 29, 22), 
und der Ader, „gid hannaseh", im Hinterteile des Tieres, an der der Stamm- 
vatertotem Ja akob im Zweikampf mit einem Gotte (Gen. 32, 25 — 33) ver- 
wundet wurde, was wohl wiederum als ein Vaterkastrationsmotiv aufgefaßt 
werden darf. 

Wir werden bei einem anderen Anlaß Gelegenheit haben, uns mit der traum- 
mythologischen Gleichung: Hochzeit = Tod eingehender zu beschäftigen. 1 
Hier sei bloß auf das Verbot des Anlegens der Tephillin sowohl bei der 
Hochzeit, als auch vor dem Begräbnis Angehöriger oder in Gegenwart 
eines Leichnams beziehungsweise am Friedhof hingewiesen. 

Hiemit dürfte wohl — wenn auch nur indirekt — das Verbot der Ent- 
leerung, während man die Phylakterien angelegt trägt, zusammenhängen. 
Bezeichnenderweise ist nämlich der Dreck in der Denkweise des Mythos 
ein Unterweltsmotiv (siehe bei Alf. Jeremias: Altes Testament, Motiv- 
register). Es ist demnach kaum ein bloßer Zufall, wenn die Juden gerade 
die linke Hand, die ja als die „schwächere", das kastrierte Glied symboli- 
siert 2 und die daher zum Anlegen der Handtephillin bestimmt ist, beim 
Reinigen nach der Entleerung gebrauchen, da ja, wie gesagt, sowohl der 
Dreck als auch die Kastration Unterweltsmotive sind. Die Identifizierung 
des „Bösen" mit dem Linken liegt wohl gleichfalls im Bereich dieser Zu- 
sammenhänge. 

Daß es gerade die linke Hand ist, die beim Anlegen der Phylakterien 
bevorzugt wird, hat übrigens ein Analogon in der Isisreligion. Denn bei 
der Isisprozession trug ein Priester eine Abformung der linken Hand, welche 
man Iustitiae manus nannte. (Bachofen, II, S. 459 ff.) 

Ägyptische Würdenträger trugen die Initialen des Herrschernamens (der 
König war in Ägypten Inkarnation eines Gottes) auf dem linken Oberarm 3 
also an der Stelle, wo die Juden das Gehäuse der Handtephillin befestigen 
welche die heiligen Thoraworte enthalten. 

Wenn wir hingegen bedenken, daß nach Ansicht des R. Papa die „runde" 
Form der Kopftephillinkapsel nur dann „gefährlich ist, wenn sie einer Nuß 
ähnlich ist, daß ferner die Nuß dem Monde geweiht war, und daß schließ- 



1) In der vorbereiteten Arbeit über die Gesetzesrolle. 

2) Über die Hand als Phallussymbol vergleiche meine Abhandlung über die Tür- 
pfostenrolle, S. 466. 

3) Ed. Mahler: Das Fischsymbol auf den ägyptischen Denkmälern. ZDMG, Jahr- 
gang 1913, S. 39). 



^ 



Die jüdisdicn Gebetriemcii 3/ 



lieh nach einer im Talmud (Berakoth 25) ausgesprochenen Ansicht dem 
Tephillintragenden das Urinieren (im Gegensatz zur Blähung zum Beispiel) 
gestattet ist, so drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, daß hier ein 
Rudiment des erblaßten Motivs urethralerotischen Urindranges in der Mond- 
sucht vorliegt, dessen Vorhandensein in der Mondmythologie G^za Röheim 
(Imago XIII, S. 475 ff.) nachgewiesen hat. 

Das Verbot des Koitus in Gegenwart entblößter Phylakterien, das sich 
auch auf die Nacktheit überhaupt, auf Betretung des Baderaumes usw. aus- 
dehnt, bestätigt schließlich unsere bei der Behandlung der jüdischen Tür- 
pfostenrolle (S. 468) ausgesprochene Hypothese, daß der drohende Totem- 
Vater-Phallus, den wir jetzt auch im Tephillinproblem nachgewiesen zu 
haben glauben, die Kastrationsangst mobilisiert und somit sexuelle Betätigung 
verhindert. 

Darum sind aber die Phylakterien auch ein apotropäisches Schutzmittel 
gegen die Gewalt der Dämonen, die, wie bereits erwähnt, unreine Orte 
(z. B. den Abort) mit Vorliebe für ihren Aufenthalt wählen, die aber, wie 
Freud gezeigt hat, nichts anderes als nach außen projizierte drückende 
Wünsche des Unbewußten sind. Der Umstand, daß hier die unreinen 
Orte, die ja im Mythos die Unterwelt darstellen, die Projektionsfläche des 
Unbewußten bilden, dürfte wohl als Anhaltspunkt dafür dienen, daß sich 
der Mythos — im Einklang mit seinen ethischen Anschauungen und der 
zum Teil hiemit verbundenen Zensur — des „unreinen" Inhaltes des 
Unbewußten quasi bewußt ist. 

* 

Der Riemen hat — wie aus Sitte und Brauch mehrerer Kulturkreise 
hervorgeht — ein ambivalentes Janusgesicht, das aber, wie wir eingangs 
gezeigt haben, dem (kultischen) Kleide im allgemeinen, der Maske ins- 
besondere aber dem Fell und der Haut eigen ist. In den gehörnten 
Phylakterien, die, wie aus unserer Darstellung ersichtlich, eine Art Gebet- 
maske sind, verdichten sich nun die ambivalenten Inhalte des Felles der 
Maske und des Riemens, um ein um so höher potenziertes Janusbild in 
Erscheinung treten zu lassen. Allerdings hat dieses Janusbild durch die 
besprochene, aus Verdrängungsgründen erfolgte Aufnahme weiblicher Züge 
in seinen ursprünglich männlichen Charakter (die gleichzeitig als eine 
Symbolisierung des Koitus erscheint), an seiner Prägnanz einiges eingebüßt. Des- 
halb hat uns erst ein eingehender Vergleich mit anderen analogen, aber 
primitiveren kultischen Emblemen die Untersuchung des recht komplizierten 



38 Georg Langer 

psychischen Inhaltes der Phylakterien gestattet und uns einen Schluß auf 
ihre vielseitige Funktion ermöglicht. Es zeigte sich hiebei, daß diese in 
den Phylakterien vollzogene Verdichtung der Elemente Eros, Tod, beziehungs- 
weise Kastration, verbunden mit der Verschiebung vom rein männlichen 
zum kastrierten, verkleideten mann weiblichen Emblem, ein geradezu klassi- 
sches Beispiel für die Art der Zusammensetzung kombinierter, „verschleierter" 
religiöser Symbole darstellt. 

Die Verknüpfung der Elemente Eros — Tod erscheint hier als eine Er- 
weiterung des Ödipuskomplexes, wobei der Eros die Stelle der Mutter- 
Imago, der Tod (Kastration, Selbstkastration) hingegen die des zumeist in 
das Ich introjizierten Vaters beziehungsweise des nachträglichen Schuld- 
gefühls einzunehmen scheint. 1 

Bei dieser großartigen Verdichtungsarbeit 2 kommen, wie immer, gleich- 
zeitig die Tendenz des Unbewußten, vielerlei Widersprechendes in einem 
einzigen Ausdruck zusammenzufassen, als auch die des Widerstandes, den 
eigentlichen Sinn unkenntlich zu machen, zum Ausdruck. 



Anhang I (zu 5. z3) 

Verwandtschaft mit afrikanischen Kulturpreisen 

Der Zusammenhang der Tephillin mit Afrika ist keineswegs die einzige 
Verbindung des Judentums mit den afrikanischen Kulturkreisen. 

So ist es in erster Linie auffallend, daß das Verbot des Genusses vo n 
Fleisch und Milch zu gleicher Zeit beinahe mit derselben Strenge sowohl 
bei den Juden als auch bei einigen Negerstämmen beobachtet wird. 

Im Alten Testament finden wir von diesem Verbot nur eine leise Spur 
Es kommt an drei Stellen (Ex. 23, 19 b; 34, 26 b; Dt. 14, 2 b) zum Aus- 
druck, und zwar in folgender Formulierung: 

„Du sollst ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen." 

Durch die talmudische Tradition (Hullin c. VIII) wird jedoch dieses 
Verbot mit großer Strenge überhaupt auf jeglichen Genuß von Fleisch 
und Milch ausgedehnt. 



1) Eine andere Erklärung der Verknüpfung von Eros — Tod siehe bei L. Let». 
Sexualsymbolik. Imago V, S. 22 f. 

2) Näheres bleibt einer Spezialarbeit über Symbolbildung vorbehalten. 



Die jüdischen Gebetriemen -^9 



Ebenso ist der Genuß von Fleisch gewisser Tiere und von Milch auch 
bei den afrikanischen Wataturus verpönt. 1 

Während nun die strenggläubigen Juden Milch bereits nach dem Ver- , 
laufe von acht Stunden nach dem Fleischgenuß zu sich nehmen dürfen,^ 
finden wir im Talmud eine Stelle, aus der hervorgeht, daß im alten Judentum 
einst dieses Verbot für den ganzen Tag gegolten hat. „Es sagte Mar 'Ukba: 
,Ich bin in dieser Hinsicht wie Essig zu Wein gegenüber meinem Vater.' 
(Also gleichsam minderwertiger.) ,Denn während mein Vater, wenn er an 
einem Tage Fleisch gegessen hat, keinen Käse (dasselbe gilt von Milch, 
Butter und sämtlichen ,milchigen' Speisen) bis zum nächsten Tage zu 
derselben Stunde zu sich nahm, esse ich ihn zwar bei dieser Mahlzeit nicht, 
jedoch schon bei der nächsten Mahlzeit.' 

Ganz analog nehmen auch die afrikanischen Massai an dem Tage einer 
Fleischmahlzeit keine Milch zu sich. Sie vermeiden es ferner aufs peinlichste, 
Milch und Fleisch in Berührung zu bringen. Darum darf nie ein Topf, 
in welchem Fleisch gekocht wird, für Milch verwendet werden, und um- 
gekehrt. 2 

In ähnlicher Weise wird dieser Brauch bei den strenggläubigen Juden 
beobachtet, indem es da eigenes Geschirr für „Milchiges" und anderes für 
„Fleischiges" gibt, deren strenge Auseinanderhaltung der jüdischen Haus- 
frau große Mühe verursacht. 

Die Verbindung mit Afrika ist um so auffallender, als ja bei andern 
Völkern der Genuß von Fleisch und Milch geradezu kultisch geboten ist. 
J. Döller,3 der die von uns erwähnten Vorschriften bei den afrikanischen 
und anderen Völkern verzeichnet, hat diesen Umstand nicht gewürdigt, ebenso 
wie er die von uns hervorgehobenen Detailähnlichkeiten unbeachtet läßt. 

Die Erklärung dieses Verbotes erscheint lediglich auf psychoanalytischem 
Wege möglich, wobei die biblische Fassung des Verbotes eine dankbare 
Grundlage für die Untersuchung bietet. Die Erwähnung von „Mutter" läßt / 
auf den Mutterkomplex schließen. Essen beziehungsweise kochen ist ein 
bekanntes Symbol des Koitus. Das Verbot gehört somit in das Bereich der 
Inzestverbote. Für die vorhandene Verdrängung spricht die fortschreitende 
Verschärfung des Verbotes, seine Ausdehnung auf jegliches Fleisch — nicht 
nur des Böckleins in seiner Muttermilch — ja sogar auf das Geschirr. 4 

1) O. Baumann: Durch Massailand zur Nilquelle. Berlin 1894, S. 171. 

2) M. Weiß: Die Völkerstämme im Norden Deutsch- Afrikas. Berlin 1920, S. 580. 
5) Die Reinheits- und Speisegesetze des Alten Testaments. Münster 1917, S. 217 t 
4) Vgl. F. Fromm-Reichmann: Das jüdische Speiseritual. Imago VIII, S. 241 f. 



4° Georg Langer 

Bemerkenswert ist, daß es im Judentum einen Brauch gibt, demzufolge an 
dem jüdischen Sommererntefeste „Sabu'oth" Fleisch unmittelbar nach Käse 
gegessen wird. Der Brauch hat sich trotz allen Einspruches rabbinischer 
Autoritäten bis heute im Ostjudentum behauptet. Er erinnert an die von 
Freud behandelten Totemfeste, bei denen das analoge Verbot des Genusses 
vom Fleisch der Totemtiere durchbrochen wird, sowie an den oben er- 
wähnten kultischen Brauch gewisser Kulturkreise, Fleisch gemeinsam mit 
Milch zu genießen. 

Eine andere Verbindung mit Afrika stellt die jüdische Vorstellung dar, 
| daß beim Verwesen des Leichnams ein kleiner Knochen namens »LuJ 1 
(d. h. Haselnuß) übrigbleibt, aus dem bei der Totenauferstehung einst der 
ganze Mensch wieder aufgebaut wird. 1 

Th. Beik, der dieselbe Vorstellung bei den afrikanischen Negern ver- 
zeichnet, 2 hat das Vorhandensein dieses „Judenknöchels" übersehen. 

Eine weitere Analogie bilden die Bestattungsbräuche der Banas in Kamerun, 
bei denen den Toten die Augen verbunden, die Hände und Füße gefesselt 
werden und die Leiche mit den Füßen voran aus dem Hause getragen 
wird, damit der „Lauona" den Weg nicht zurückfinden könne. Darum 
legt man auch schwere Balken auf die Leiche. 3 

J. Döller, der (S. 158) diesen Brauch erwähnt, vergißt, daß auch die 
Juden ihren Leichen Scherben auf die Augen legen, und daß der Leichnam 
ebenfalls mit den Füßen voran aus dem Hause getragen wird. Auch ein 
Lebender legt sich nie so zum Schlafe, daß seine Füße gegen den Ausgang 
gerichtet sind, da er glaubt, daß er deswegen sterben könnte. Desgleichen 
ist zu beachten, daß die Westjuden beim Besuche der Gräber den Grab- 
stein mit Steinchen zu belegen pflegen, was wohl dem Balkenanlegen der 
Banas entspricht. Bräuche dieser Art sind, wie Döller richtig bemerkt, 
durch die Angst vor dem Zurückkehren des Toten zu erklären. 

Auch eine Leichenfesselung (zur Psychologie vergleiche das soeben Ge- 
sagte) wird bei den Juden vollführt, indem dem Leichnam beide großen 
Zehen zusammengebunden und die Fäuste ineinander durch den Daumen 
verbunden werden. 



1) Wajjikra R. 18, Sabbath 152, Koheleth R. zu Gam Migobah, Ber. R. 27, 28. 

2) Probleme der Religionspsychologie. Wien 1919. 

5) G.v.Hagen: Die Bana. Baessler- Archiv, Leipzig, Berlin 1911 bis 1912, II, 108 f. 







Die jüdisdicn Oebetnemen 4 1 



Anhang II (zu Anm. ib. u3) 

Das Feuer 

Die Erfindung des Feueranzündens wurde bereits von einigen Autoren in 
einen Zusammenhang mit der Erotik gebracht. 1 Bevor wir dieses interessante 
Thema berühren, sei hier einiges über das Feuer als erotisches Symbol im 
aJlgemeinen mit besonderer Rücksichtnahme auf das Judentum gesagt. 

Die in den verschiedenen europäischen Sprachen gebrauchten Ausdrücke, 
wie: Liebesglut, Liebesflamme, in Liebe entbrennen u. dgl. m., durch die 
die emotiven erotischen Gemütszustände (und im übertragenen Sinne nicht 
nur die erotischen) nicht gerade unzutreffend gekennzeichnet werden, sind 
keinesfalls moderne Spracherfindungen. Im Gegenteil. In welchen Kultur- 
kreis immer wir auch blicken mögen, fast überall finden wir, insofern 
wir über ausreichende Denkmäler verfügen, eine mehr oder weniger aus- 
gebildete erotische Feuersymbolik, die insbesondere bei „primitiven" und 
antiken Völkern regelrechte Feuermythen und -riten mit erotischer Färbung 
bildet und selbst in Religion und Kunst höherer Entwicklungsstufen fortlebt. 

Wenn die Sprache die Liebe „Feuer" nennt (im Hohelied [8, 6] wird 
sie zum Beispiel als „Gottesflamme" gefeiert), so wird umgekehrt auch das 

1) Siegmund Freud erkennt den phallischen Charakter „der züngelnden, sich in 
die Höhe reckenden Flamme" und sieht es als eine außerordentliche, vorbildlose 
Leistung und kulturelle Eroberung an, wenn der prähistorische Mensch auf seine 
infantilerotische homosexuelle Lustbefriedigung, die Flamme durch seinen Harnstrahl 
auszulöschen, verzichtete. (Das Unbehagen in der Kultur. Wien 1930, S. 47. Anm. 1.) 
Die Ansicht Freuds, die die Herkunft des Feuers aus der Natur voraussetzt und 
somit dem Menschen eigentlich nur eine passive Rolle der Feuererhaltung zuschreibt, 
ist durch analytische Erfahrung gestützt. Vom folkloristischen Standpunkt dürfte uns 
wohl der Hinweis darauf gestattet sein, daß es in der Tat bis heute einige Natur- 
stämme in Vorderindien gibt, denen die manuelle Feuererzeugung unbekannt ist. 
Nicht ohne Bedeutung dürfte hier ferner der Umstand sein, daß im Alten Testament 
das Feuer vom Himmel fällt (siehe z. B. I. Reg. 18, 38), und daß das Judentum im 
Gegensätze zu anderen mythologischen Kulturkreisen keinen Mythos über manuelle 
Feuererzeugung ausgebildet beziehungsweise tradiert hat. 

Leo Kaplan (Das Problem der Magie und die Psychoanalyse. Heidelberg 1927, 
S. 68 f.) weist mit Recht die Ansicht zurück, der primitive Mensch könnte ohne 
andere starke Beweggründe kraft bloßer Beobachtungsgabe zur Erfindung der 
Feuererzeugung gelangen und bringt diese Erfindung auf dem Umwege über eine 
kultische Handlung, „die magisch auf die Geburt der Sonne einwirkt," in Zusammen- 
hang mit der sexuellen Empfindung des Primitiven (S. 89), ohne aber seine Auf- 
fassung, etwa auf Grund folkloristischen Materials, näher zu belegen. 






r 



4 3 Georg Langer 

Feuer mitunter durch ein erotisches Symbol umschrieben. Der Brand wird 
zum Beispiel euphemistisch „Roter Hahn" genannt. 1 

Hier dürfte der Ausgangspunkt für die Anwendung des „Roten Hahnes" 
und des Feuers als erotisches Symbol zu suchen sein: Die blutrote Farbe 
einerseits des Feuers, anderseits der vagina und der männlichen Gliedspitze. 
Rot ist auch das heiße Blut, das durch die Psychoanalyse als Spermasymbol 
nachgewiesen ist. Das Verbot der roten Färbung der Tephillin dürfte daher 
mit diesen Anschauungen zusammenhängen. Denn rote Farbe wirkt „all- 
gemein geschlechtlich erregend". 2 

Zur Verscheuchung böser Geister, Krankheitsdämonen usw. bedient man 
sich mit Vorliebe zweier Mittel. Erstens der Nacktheit und zweitens des 
Feuers als apotropäische Mittel, die daher nicht allein in ihrer Herkunft 
und Farbe, sondern selbst in ihrer magischen Wirkung verwandt sind. 

Bei den Südslawen zum Beispiel muß der Kranke splitternackt zwischen 
verschiedenen aufgestellten Gegenständen dreimal hin und hergehen, um 
den Krankheitsdämon abzuschrecken. Zur Abwehr der Pest versammeln sich 
um Mitternacht an einem Sonntag zwölf Jünglinge und zwölf Jungfrauen 
bei Neumond vor dem Dorfe, entkleiden sich vollständig, spannen sich in 
einen Pflug ein und pflügen einmal um das Dorf herum. Sie müssen 
während der ganzen Zeremonie vollständiges Schweigen bewahren und alle 
begierigen gegenseitigen Blicke meiden. 

In einigen Dörfern Neuindiens besteht der Brauch, daß am Ende des 
Jahres, in welchem ein Familienmitglied gestorben ist, der nächste männ- 
liche Verwandte nackt und ein Schwert in der Hand haltend einen Tag 
und eine Nacht zum Trommelschlag tanzt. 

J. Doli er, 5 der diese Bräu che nebst anderen erwähnt, schreibt mit vollem 

1) Hahn ist ein Phallussymbol. Er ist dem phallischen Heilgotte Aiskulap heili ff 
dessen sonstige Embleme Schlange und Stab, ebenfalls phallischen Sinn haben. Im 
Hebräischen wird neben anderem der Hahn auch „geber" genannt, d.h.: Mann (Ab- 
geleitet vom Verbum „gabar", d. h. der Stärkere sein.) 

Nach dem Talmud (Berakoth 22 a) sollen die Juden bei ihren Frauen nicht wi 
die Hähne sein". Im Deutschen bedeutet „Hahnreih" einen betrogenen Ehemann 
(jemanden hahnreihen). 

Übrigens bedeutet das deutsche Wort „Hahn" auch das männliche Glied. (Grimm- 
Deutsches Wörterbuch.) 

Die mythologischen Beziehungen des Hahns ergeben sich aus seinen Eigenschaften 
„Ist sein Gefieder weiß, wohl Symbol einer Lichtgottheit; wenn es rot, denkt man 
es in Bezug zur Feuergottheit" (dortselbst). 

2) E. Wulffen: Sexualverbrecher. S. 319. 

3) Die Reinheits- und Speisegesetze des Alten Testaments. Münster 1917, S. 124 f. 
und 162. 



b 



* 



Die jüJisAcn Gctctncmen 4^ 



Recht: „Man überträgt auf Dämonen, was im menschlichen Leben häufig 
der Fall ist, daß man sich nämlich vor einer nackten Person unwillkürlich 
abwendet. So ist es nach Isländischem Glauben ratsam, wenn man ein 
Gespenst erwartet, alle Kleider abzulegen, weil kein Gespenst es wagt, einen 
ganz nackten Mann anzugreifen. 

Die Bemerkung Döllers erscheint um so bedeutsamer, wenn wir be- 
denken, daß ja die Dämonen nach dem Ergebnis der psychoanalytischen 
Forschung die nach außen projizierten verdrängten Wünsche sind Hinzu- 
zufügen ist, daß nach einem arabischen Aberglauben der Dieb oder sonst 
jemand, der sich nachts in ein fremdes Dorf schleichen will, sich nackt 
auszieht, um zu vermeiden, daß ihn die Hunde verbellen. Auch das Wort 
Adams (Gen. 3, u>b). „Drum fürchtete ich, denn ich bin nackt , kann f 
in diesem Zusammenhange verstanden werden. 

S. Ferenczi' untersucht dieses Phänomen. Obzwar er konstatiert, daß 
auch im Volksleben die Nacktheit, respektive Entblößung besonders einzelner 
Körperteile: der Genitalien und des Gesäßes als Abschreckungs- und Zauber- 
mittel eine große Rolle spielt, so beschäftigt er sich trotzdem mit dieser 
Erscheinung bloß vom klinischen Standpunkt aus. Er kommt auf Grund 
der Entdeckung Freuds, daß sich verdrängte Libido in Angst verwandelt, 
zu dem Schlüsse, daß es der Anblick der Nacktheit ist, der eine übergroße 
Libidostörung herbeiführt, die sich eben im Hervorrufen der Angst 

äußert. , R 

Die Römer pflegten, um die Totengeister zu verjagen, nach dem Be- 
gräbnis über ein Feuer zu schreiten und sich mit Wasser zu besprengen. 
Die Jakuten zünden auf dem Heimwege vom Begräbnis Holzhaufen an 
und die Verwandten des Verstorbenen springen durch die Flammen hin- 
durch. In Panjab (Indien) wird zu den Sterbenden eine Lampe gestellt. 
In Griechenland wird nach einem Tode Licht angezündet, das im Zimmer 
vierzig Tage brennt. Ebenso stellt man dort ein Gefäß mit Wasser auf. 
J. Döller, der diese Bräuche verzeichnet (a. a. 0. S 149 f.), übersieht, daß 
der bei den Griechen gepflogene Brauch auch von den Juden in der ersten 
Trauerwoche (Sib'ah) gehandhabt wird. Ursprünglich wohl ebenfalls als 
apotropäisches Mittel. 

Auch nach dem Talmud (Berakoth 43 b) schützt das Feuer und der 
Mond vor Dämonen. Alle diese Anschauungen und Bräuche sind zum Teil 
offenbar auf die kindliche Angst vor der Dunkelheit zurückzuführen. 

1) Die Nacktheit als Schreckmittel. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 
Bd. V, S. 503 f. 



44 Georg Langer 

Auch im Befruchtungszauber spielt das Feuer eine wichtige Rolle. Die 
alten Römer hetzten Füchse mit Feuerbränden an den Schwänzen durch 
den Zirkus, was L. Levy 1 als einen magischen Befruchtungsakt deutet; 
er stellt sowohl den Fuchs als auch den Feuerbrand als PhallussymbolJ 
hin. Einen ähnlichen Brauch verzeichnet S. Rainach 2 bei den Carseoli, 
sowie in Frankreich und in Deutschland. Auch die Araber treiben Rinder 
mit Bränden am Schwanz in die Berge, in der Erwartung, daß es dann 
Regen geben werde.3 Dazu bemerkt Levy sehr zutreffend, der Regen be- 
deute den himmlischen Samen, der die Erde befruchten soll. 

Eine Anspielung an diese Anschauungen darf wohl auch in einem Talmud- 
wort erblickt werden, durch welches die Juden zu genauer Befolgung ihrer 
Pflicht des Anzündens von Sabbath- und Chanukahlichtern angehalten werden 
sollen, indem man ihnen dafür (als Nebenlohn) gelehrte männliche Nach- 
kommenschaft verspricht (Sabbath 24b). 

Auch der Brauch, den die Jerusalemer Juden bei der Hochzeit vollführen, 
soll offenbar einen ähnlichen Zweck verfolgen. 

In Jerusalem werden nämlich Braut und Bräutigam auf zwei Stühle 
in der Mitte des Zimmers nebeneinander gesetzt. Beide halten in der Hand 
je eine brennende Fackel, wobei die Hochzeitsgäste singend um sie herum- 
tanzen und dabei bald die Fackel des Bräutigams, bald die der Braut ver- 
loschen, wodurch sie jeden von beiden zwingen, die ausgelöschte Fackel 
an der Fackel des anderen wieder zu entzünden. 4 

W. Schulz* schreibt: „Die germanischen Rätsel von Feuerbohren und 
Hochzeit, also die überwiegende Menge obszöner Rätsel, sind ursprünglich 
keine Rätsel, sondern symbolische . . . Schilderungen der rituellen Vornan 
der Feuererzeugung und Rauschtrankgewinnung gewesen." „Das (hellenisch ^ 
Rätsel vom Feuerreiben spricht von der Mutter der Mutter, das germanische 
von der Großmutter. Das hellenische war in einem Gedichte von der Voeel- 
hochzeit . . . überliefert, die Gruppe des entsprechenden germanischen Rätsels 
ist in der Hochzeitssitte des Hahnes . . . und der Vogelhochzeit untrennbar 
verknüpft ..." — „. . . aus Indien, und zwar schon dem Rgweda (III 
29, 1) . . . das auch dort unter dem Bilde der Begattung vorgestellte Feuer- 
quirlen. „Dies ist das Quirlholz; das zeugende (das männliche Reibholz) ist zu- 

1) Sexualsymbolik der Simsonsage. Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. III, H. 6/-. 

2) Cultes, Mythes et Religions. IV, S. 158. 

3/ Wellhausen: Reste des arabischen Heidentums. S. 167. 
4.) J.Bergmann: Kerze und Fackel. Monatsschrift 71, S. 162 ff. 
5) „Rätsel des hellenistischen Kulturkreises." Mythologische Bibliothek, Bd. V, 
Leipzig 1912/15, S. 117 f. 



Die jüdischen Gcketricmen A^ 



bereitet. Bringdie Stammesherrin (das weibliche Reibholz, vgl. die tifonQIWQfoi 
die Großmutter) herbei; den Agni wollen wir quirlen nach alter Art. In 
den beiden Reibhölzern ruht der Wesenkenner (Agni) gleich der Leibes- 
frucht, die schön hineingesetzt ist in die schwangeren Frauen. 
In sie, die die Beine ausgespreizt hat, fährt als ein Kundiger ein (das 

männliche Holz). 

Gedeiht einer karpathorussischen (östlicher Teil der Tschechoslowakei) 
Frau das Brotbacken nicht, so nimmt sie um Mitternacht in eine Hand 
das Brot, in die andere eine Schaufel brennender Kohle und legt Stücke 
des Brotes in die vier Ecken ihres Hauses, wobei sie betet. Die Frau muß 
dabei vollständig nackt sein und ihr Haar herablassen. 

Das Brot, das überall in der demotischen Psychologie ein Kohabitations- 
symbol ist, muß also, wenn es nicht gedeiht, durch andere wohlbekannte, 
erotische Symbole (Brand, Haus, Nacktheit, herabgelassenes Haar) ersetzt 
werden. Die im Mythos und Brauch so sehr bevorzugte Mitternachtsstunde 
mag ebenfalls ihre magische Kraft erotischen Motiven verdanken. Die 
Kabbalah (Reslth Hokmah, s. KeduSah) hält die Nachmitternachtszeit für 
die für den Beischlaf am besten geeignete und Jesus wurde um Mitter- . 

nacht geboren. 

Gleichstellung des Feuers mit der Nacktheit erfolgte in einer besonders 
prägnanten Weise in einigen Mythen der Primitiven über den Ursprung 
des Feuers aus dem Frauenleib beziehungsweise aus dem Phallus. Es scheint 
mir nicht ausgeschlossen, daß es die Beliebtheit des Feuersymbols war, die 
zuletzt zu der Schöpfung dieses Mythos führte; anderseits sind wir aber 
auch durch nichts berechtigt, den etwaigen geschichtlichen Kern dieser 
Mythen einfach über den Haufen zu werfen. Es ist durchaus möglich, daß 
die geniale Erfindung des Feueranzündens mittels Aneinanderreihen zweier 
Hölzer eine Eingebung des Eros ist, etwa im Sinne von Groddecks „Symboli- 
sierungszwang" beziehungsweise Ed. Hahns „Entstehung der Pflugkultur", 
oder zumindest auf der empirischen Beobachtung beruht, daß beim Koitus 
Wärme erzeugt wird. Auch die Beobachtung, daß beim Behauen der Steine 
Funken sprühen, kann dabei von Einfluß gewesen sein. Anderseits scheint 
hier der Schlüssel zur Lösung des Pyromanie-Problems zu liegen. 
Hier ein Beispiel dieser Mythen: 

Ein indianisches Märchen erzählt 1 von einer alten Frau namens Nanyobo, 
d. h. großer Frosch (also ein Vaginasymbol), die aus ihrem Munde Feuer 1 

1) Siehe Indianermärchen aus Südamerika, herausgegeben von Theod. Koch- 
Grünberg, Jena 1921, S. 12 f. 









4" Georg Langer 

spuckte und es wieder verschluckte. Nach ihrem Tode ging das Feuer, das 
zuerst geraubt wurde, an das Hima-Heru-Holz über, welches darum, an- 
einandergerieben, Feuer erzeugt. 

Noch mehr wird der erotische Ursprung des Feuers in einem malayischen 
Märchen aus Borneo betont. Da war der Urvater der Menschheit — ein 
hölzerner Feuerbohrer. Die einzige Frau, die nach der Sintflut am 
Leben blieb, hatte die Liane, aus der sie das erste Feuer durch Reiben hervor- 
brachte, geheiratet und zeugte so den Ahn aller Menschen. 

Melanesier glauben wiederum, daß das Feuer seinen Ursprung im Körper 
einer Frau hatte, die es sich zwischen den Beinen hervorzog und der es dann 
geraubt wurde. 1 

In einem Indianermärchen finden wir den Ursprungsort des Feuers schon 
etwas mehr verhüllt. Da ist es der Fuchs, der der Herr des Feuers war. 
Er hatte es in den Augen uncTschlug es sich heraus, wenn er Feuer an- 
zünden wollte (Koch-Grünberg, S. 220). Der Fuchs ist aber als Phallus- 
symbol bekannt (Lewy: Simsonsage). Ebenso sind die Augen bekannte 
Symbole des Phallus und der Vagina (vgl. S. 476 u. 459). 

Eine australische Mythe erzählt, daß der Mond in Gestalt eines Mannes 
auf der Erde wanderte. Am Morgen sah er eine Frau und rief sie; sie 
setzten sich nebeneinander und „plauderten", nahe bei ihnen machten zwei 
Falken zum ersten Male Feuer. Nach einem anderen australischen Mythos 
war es eine Frau namens Karakaruk, die die einzige war, welche Feuer 
machen konnte. Sie wollte das Feuer aber niemandem mitteilen und ver- 
wahrte es im Ende ihres Grabstockes. Der Rabe ersann einen Plan, um 
sich des Feuers zu bemächtigen. Als Karakaruk die Spitze des Stockes brach, 
kam der Rabe und bemächtigte sich des Feuers. Nach einer anderen Mythe* 
verfolgte ein Mann vom Känguruh-Totem ein riesiges Känguruh, das Feuer 
in seinem Leibe hatte. Er hatte zwei Churingas, mit denen er versuchte 
Feuer zu machen, aber es gelang ihm nicht. Zuletzt tötete er das Känguruh 
und untersuchte das Tier genau, um zu sehen, wo es das Feuer trage. Dabei 
zog er auch dessen Penis heraus, der von großer Länge war, schnitt ihn 
der Länge nach auf und fand, daß er voll roten Feuers war. Das nahm 
er heraus und kochte sein Fleisch damit. 

Aus Holländisch -Süd -Neuguinea berichtet Wirz von einer Mythe der 
Marind-Anim, die für unseren Gegenstand von besonderer Bedeutung ist. 



1) Siehe Paul Hambruch: Malayische Märchen. Jena 1022, S. 30 ff., und Süd- 
seemärchen, 1921, S. 68. 



Die jüdisdicn Gctctricmen J7 



Uaba hat für die Majozeremonien ein Weib Ualiuamb mitgebracht. Es 
gelang ihr aber ihm wegzulaufen. Uaba folgte ihr nach und schlich sich 
nachts zu ihr. Am Morgen fand man die beiden in Kopulation, aus der 
sie sich nicht mehr trennen konnten. Man brachte die beiden aneinander 
Gehefteten zurück und legte sie in eine Hütte, die heute das Geisterhaus 
in Sendar ist. Ein Dämon kommt zu dem unglücklichen Paare und schüttelt 
den Uaba, um ihn aus seiner mißlichen Lage zu befreien. Plötzlich entsteht 
Rauch und es schlagen Flammen hervor, denn durch die Reibung war 
Feuer entstanden. (Vorher hatte man das Feuer noch nicht gekannt.) 
Uaba ist so zum Feuer-Dema (d. h. Urheber) geworden und ist als solcher 
noch immer im Geisterhause in Sendar. Im Dorfe war man durch die Er- 
scheinung der brennenden Hütte Uabas höchst bestürzt, denn niemand hatte 
bisher noch Feuer gesehen. — Um diese Mythe hat sich nun ein Geheim- 
bund gebildet, über dessen zahlreichen Zeremonien nichts Genaueres be- 
kannt ist. Immerhin weiß man, daß dabei, wie bei den meisten Marind- 
Anim-Zeremonien orgiastische Riten ausgeführt werden und Wir z vermutet, 
daß dabei der mythologische Vorgang der Feuererzeugung wiederholt werde. 
Er hat dort neben anderem zirka einen Meter lange rotbemalte Feuerstäbe 
gefunden, was beweist, daß bei den Zeremonien tatsächlich in Verbindung 
mit sexuellen Orgien Feuer gebohrt wird, und Wirz meint, daß das Feuer 
durch den Leichnam der mißbrauchten und dann getöteten Frau hindurch- I 
gebohrt werde. Ferner scheinen bei den Feuerzeremonien zwei Steine ge- 
braucht zu werden, von denen der eine phallusartig, der andere durch- 
locht ist. 

F. Speiser, 1 dem ich diese Mythe ebenso wie die drei obenerwähnten 
australischen Mythen entlehnt habe, fügt noch die Remerkung hinzu» 
durch diese Entdeckung von Wirz sei die Verbindung von FeuereraeugUIVg 
nd Kopulation ganz außer Frage gestellt . Diese Bemerkung, der wir 
- großen und ganzen als mit dem von uns aus anderen Kulturkreisen 
«ypsammelten folkloristischen Material übereinstimmend beipflichten möchten, 
muß jedoch dahin eingeschränkt werden, daß es sich hier ja bloß um eine 
ätiologische Erklärung der vorhandenen Sitten handeln kann, die eventuell — 
wie schon bemerkt wurde — auf pyromanische, also sadistische Motive zurück- 
geführt werden können. 

Alle diese Mythen haben einen gemeinsamen Zug: Das sexuelle Schuldgefühl 
wir d in ihnen so wie im Prometheus mythos durch den „Raub des Feuers" | 

l) Schange, PhßilüS Vnd Feuer in der Mythologie Australiens und Melanesiens. 

Verhandlungen der Naturforscher! den Gesellschaft in !iitl\ ü ffj /&(/ tffli 



_ 



y* Creorg Langer 

symbolisiert. Derartiges mythisches Schuldbewußtsein ist aber, wie Freud 
gezeigt hat, auf einen gegen den Vater gerichteten Todes- beziehungsweise 
Kastrationswunsch zurückzuführen. Im Prometheusmythos, wo das Feuer 
nicht dem Frauenleibe entsprungen, sondern dem männlichen Heros zu 
verdanken ist, finden wir den Kastrationswunsch deutlich ausgesprochen; 
allerdings nicht mehr direkt gegen den Vatergott gerichtet, sondern ver- 
schoben, auf den feuerbringenden Heros selbst projiziert. Denn Prometheus 
wird gefesselt, was an und für sich Kastrationssymbol ist, und sein Leib 
von einem Geier (über „Vogel" vgl. S. 454 f. u. 478) zerfleischt, was eben- 
falls als Zerstückelungsmotiv die Kastration bedeutet. 

Eine richtige Deutung der Prometheusmythe ist Albrecht Schaeffer 1 
geglückt, indem er sehr zutreffend den hohlen Stengel des Akanthos oder 
der Narthexstaude der Prometheusmythe als phallisches Symbol darstellt 
und mit Recht den Feuersamen (Sperma pyros), den es enthält, als den 
„Funken der Lust im männlichen Glied" bezeichnet. Diese Deutung die 
auf den ersten Blick als etwas kühn erscheinen dürfte, ist an Hand des' von 
uns hier gesammelten folkloristischen Materials, das freilich zugleich den 
rudimentären Charakter der hellenischen Feuermythe zeigt, durchaus ein- 
leuchtend. Der Raub als Leitmotiv dieser Mythen verrät auch dadurch ihren 
erotischen Charakter, als doch der Raub in der Traumsymbolik die Kohabi- 
tation beziehungsweise die Kastration („Räuber, die den Phallus stehlen") 
darstellt. 2 

Auch P. C. van der Wölk* meint: „Der Drehpunkt des Bohrers des 
hervorschießenden Penis versinnbildlicht das Feuer; die Fackel des Ciwa 
erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Phallus, dessen Spitze brennt", 
so ist das Feuer das Ergebnis des Bohrens, der Koitisierung ..." 

Den alten Griechen galt bei Feuerzeugen das obere Reib holz als Vater 
das untere als Mutter. 4 

Das Altertum hat alles mit erotischen Emblemen geschmückt. Es ' 
daher höchst logisch, daß insbesondere die Lampen als Gefäße der Flam 
dieses typischen Symbols der Erotik, so oft phallomorph sind oder mindest 
phallische Ausschmückungen aufweisen. 



1) Der Mensch und das Feuer. Die psychoanalytische Bewegung Jahrg. II Sa f 

2) Siehe z.B. bei G.H.Graber: Zeugung, Geburt und Tod. Baden-Baden 1950, S° 38 
Auch nach der Ansicht Abrahams (Traum und Mythos, 1919, S. 278) ist Feuer ein 
Symbol des Samens. 

3) Das Tri-theon der alten Inder. Imago VII, S. 390 f. 

4) Gruppe: Griechische Mythologie. 2. Aufl., Bd. II, S. i4i6f. 



1 



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Die iüdisdien Gebetncmei 



49 




Abt. XV 



Th. Ehrenstein 1 bringt einige Abbildungen der antiken, urchristlichen 
Tonleuchter, die ausgesprochen der ursprünglichen phallischen Form treu- 
geblieben sind. So (S. 58, Bild 17) einen phallischen Tonleuchter mit der 
Eva, (S. 419, Bild 100) einen mit der Abbildung der Kundschafter und 
der Riesentraube. Edouard Fuchs (Geschichte der erotischen Kunst, Bd. I, 
S. 150) bringt die Abbil- 
dung einer phallischen Ton- 
lampe aus der vorchrist- 
lichen Zeit, die in London 
ausgegraben wurde. Ahn- 
liche Lampenabbildungen 
bringt er auch in seinem 
„L'rtlement Erotique dans 
la caricature , p. 34. 

Desgleichen druckt Ga- 
ston Vorberg 2 ebenfalls 

Männerfiguren mit Ithyphallen aus hellenistischer Zeit und Tonlampen mit 
drei Phalli und Nabel aus der römischen Kaiserzeit, römische ^^; die 
der jüdischen Menorah auffallend ähnlich sind, mit kleinen Phalli ge- 
schmückt, die in der biblischen Beschreibung der Menorah E^ 5 , ? xt.) 
durch „Blumenstempel und Blüte" ersetzt werden (siehe dort, Abb. 49-53)- 

Auch die Form der Ölschüsselchen an der ]udi- 
schen Menorah erinnert ein wenig an die Form der 
antiken phallomorphen Öllampen (siehe Abb. XV 

und XVI). 

Nach Bachofen ist die Lampe, „bei deren 
Schein, die mit den Themisorgien verbundene 
Verehrung der weiblichen xtetg vollführt wird, 
das Bild jener brennenden Begierde des Fleisches, 
welche den Phallos sucht, Aphrodite den Beinamen «pdo/^öea, veretri virilis 
amantem, beilegte . . ., die Ausschweifung der nächtlichen Lampenfeste ah 
Religionsgebot, als einen der weiblichen neig dargebrachten Kult auffaßt . . . 

(I, S. 320). 

Laut Artemidoros aus Daldis „Symbolik der Träume 3 bedeutet das 

Tragen brennender Fackeln zur Nachtzeit angenehme Liebesabenteuer. 

1) Das Alte Testament im Bilde. Wien 1925. 

2) Die Erotik der Antike in Kleinkunst und Keramik. (Privatdruck, München 1921.) 

3) Herausgegeben von Friedr. S. Kraus, Wien 1881, S. 110 — IX. 




Abt. XVI 






Langer: Gebetriemen. 



r- 



5o Georg Langer 

Desgleichen sind laut Arlemidoros Symbolik Bratpfanne und Backofen 
erotische Symbole. „Die Bratpfanne bedeutet . . . ein lüsternes Weibsbild" 
(S. 172 — XLII). „Träumt man auf dem Herde oder im Backofen Feuer 
anzuschlagen, das schnell aufflackert, bedeutet es die Geburt von Kindern, 
denn der Herd und der Backofen gleichen einer Frau . . .; das Feuer in 
ihnen prophezeit die Schwangerschaft der Frau, denn dann wird auch die 
Frau hitziger." 

Im grekoromanischen und germanischen Rätsel' sind die Gebärende 
und der Backofen äquivalent. 2 

Anhang III (zu S. 14) 

Die Schlange 

Die Schlange ist im Mythos fast aller Völker ein erotisches Symbol 
wie bereits Ch. G. Eißner3 bei der Besprechung der Schlange Äskulaps 
und der urchristlichen Sekte der Ophiten erkannt hat.* 

In den meisten mythologischen Vorstellungen verwandelt sich die Schlange 
in einen schönen Knaben — wie in der Schilderung des Amors in der Psyche- 
sage — oder in ein liebliches Mädchen. So erzählt ein annamitisches Märchen 
(Landes: Contes et Legendes Annamites, S. 12 f.) von einem Landmanr» 
der beim Grasmähen einer Schlange den Schwanz abschnitt, worauf sich 
diese in einen schönen Jüngling verwandelte. In Tirol hatte eine Frau eine 
Schlangenmann zum Gatten. Einst trat sie ihm auf den Schweif und ze - 
quetschte ihn, worauf er sich als schöner Prinz entpupptet Einer litauischen 
Legende zufolge setzte sich St. Georg, von einer Jagd ermüdet, auf einen Stein 
nieder, als eine Schlange auf ihn zukam; er tötete sie, worauf sie sich plötz- 






meuer, ais eine >jnj«.igv. ~~^ , — — ~, .. u .u U x oie sien plötz- 
lich in eine schöne Jungfrau verwandelte, die er zum Weibe nahm. 6 Näheres 

/ siehe bei K. Knortz: Reptilien und Amphibien in Sage, Sitte und Literatur. 

1 Annaberg 1911. 

1) Einen Versuch, den Traumcharakter des Rätsels analytisch nachzuweisen, siehe 
in meiner Arbeit „Die jüdischen Rätsel" imPiager jüdischen Ahnanach vom Jahre 1927. 

2) W. Schultz: Rätsel des hellenischen Kulturkreises. Bd. V, S. 100, Anm. 
5) Die alten Pelasger und ihre Mysterien. Leipzig 1825, S. 159. 

4) Vgl. auch bei L. Levy: Sexualsymbolik in der biblischen Paradiesgeschichte 
Imago V, S. 25 f. 

5) Schneller: Märchen und Sagen aus Welschtirol. Nr. 25, 

6) Veckenstedt: Sagen und Legenden der Zamaiten. I. 






Die jüdischen Gebetriemen 



In Melanesien gibt es eine besondere Art von Schlangendamonen die 
sich in Menschen beiderlei Geschlechtes verwandeln können und dann 
Männer und Frauen in Versuchung führen. Erliegt jemand der Versuchung, 

* 

so muß er sterben. 1 _ 

b den ägyptischen Hieroglyphen bedeutet die Schlange: Gott,» 
Im Alten Testament können wir ebenfalls Überreste eurer kultischen 
Verehrung der Schlange nachweisen, und zwar wiederum unter dem Janm- 
Wd, Leben-Tod. So is, sie einmal (Gen. 3) Urheberin de, Todes „ndd 
menschlichen Elends. Ein anderesmal erscheint s,e aU £-*-££ 
Idol (Nun, ,i, 9 h). dem bis um die Zeiten des Komgs fl^W-hm«* 
geopfert wurde (II. Reg. ,8. 4°>- Ihr Standbild war aus *£-*"+ 
L aus einem Metall von roter Feuerfarbe, deren erotische Bedeutung wir 

bereits hervorgehoben haben. XIII » 

Lau, Artemidoros aus Daldis: „Symbolik der Traum. , <&. im XBP 

wird die Gattin des Träumenden, wenn s,e irgendein Reptil im Busen 

F „„de hat zum Ehebruch verleitet. 

verbirgt und daran ^-ÄjJ*** ha , die Schlange , wie schon S. 457 
A nch im talmudi h ^%Z*»* Charakter nicht voilig eingebüßt. 

"In lesend- Ä «• — ' ~ S — " ^ R ' M 

A " fe » n : «■> b-r,M verkehren geschlechtlich, indem das Gesicht gegen den | 
„Alle (Geschöpfe) verkehre g ^.^ ^.^ 

"^CS-SÄ»Ä. ha, mit ihnen gerade,, und 
(gewendet) geschl ^ ^^ ^.^ ^ ^^ und der Fäsch 

zwar folgende: uer > ^ Bibe lverse Gen. 3, t, „Aber die Schlange 

(beim Propheten Jonan;^ ^^ ^ ^^ ^ ^^ ^ ^ Dir 
„ar das klügste vm , ^ ^ g _^ ^^ ^ ^ nämUch öffentUch 

JÄST*"«-* Darum sprang dieser Bösewich, auf sie los. Da 
fiebern geschlechtlichen Verkehr gesehen ha,, verlangte er nach thr 
BereS R XVII, Ende). Ja, die Schlange wird wegen ihres a—h «. 
S^L - M* - mit der Eva - hebräisch ,/W - ,uasi -den..- 
friert (Beres. R. XX, Ende). . 

Von der Paradiesschlange sagt Rabbi Jehosu'a: „Sie ging aufrechter Gestalt, 
stand wie ein Rohr und hatte Füße" (ebendort XIX, Anfang). 

Somit war sie der ägyptischen Nebzefau-Schlange ähnlich, die, den „Herrn 
der Lebensmittel" darstellend, mit me iMchüchen Extremitäten und mann- 

ö Felix Speiser: Schlange, Phallus SS^ der Mythologie Australiens uud 
Melanesiens. S. 23. * 






5a 



(jeorjz -L* 



antjer 



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liehen Geschlechtsteilen abgebildet wird, 1 sowie der indianischen roten Blut- 
schlange tlapacouatl, die eine ziemlich ähnliche Gestalt besessen hat 2 und 
die in ihrer roten Blutfarbe an die oben erwähnte israelitische Kupfer- 
schlange erinnert. 

Erst später, nach dem Sündenfalle, wurden, dem frührabbini sehen „Midras" 
zufolge, der Schlange ihre Extremitäten genommen. Aber auch der Mensch 
wurde bei diesem Anlaß an seiner ursprünglichen, riesenhaften Gestalt 
gekürzt, ja, das ganze Universum erlitt Schaden (BereS. B. XII). 

Analoge Anschauungen in anderen Kosmogonien sind nicht selten. Nach 
Freud symbolisieren sie die Zerstücklung beziehungsweise die Kastration 
des Vater -Totem. 

Von Indien bis nach Europa ist das Märchen von der braven Haus- 
schlange verbreitet. Ebenso das von der weißen, gekrönten Schlange. Un- 
willkürlich denkt man bei der Erwähnung dieser Krone der weißen Phallus- 
Schlange an die Bedeutung des hebräischen Ausdruckes für Krone: ,,'atarah" 
als Terminus für Gliedspitze. 

In Böhmen wird zum Beispiel in verschiedenen Variationen ein Märchen 
von der Hausschlange erzählt, die mit Kindern aus einer Schüssel gemeinsam 
Milch trinkt. Dieser milchtrinkenden Schlange begegnen wir auch im 
palästinensischen Talmud (Terumoth, VIII, 7): „Hirten melkten Milch, da 
kam eine Schlange und aß davon (womit sie die Milch vergiftet haben soll). 
Ein Hund sah dem zu. Als sie wiederkamen, um zu essen, bellte er sie an, 
ohne daß sie ihn beachtet hätten. Schließlich aß er davon und starb." 
Nach einer anderen Lesart aßen und starben die Hirten. 

Aber auch Schlangen selbst können nach dem Talmud ähnlich edel 
handeln. „Ein Mann bearbeitete Knoblauch, der in seinem Hause ausge- 
streut lag. Da kam eine Bergschlange (Berg, Gebirge, dürfte hier vielleicht 
die Bedeutung von Wald haben: ähnlich wie das Wort gebel im Vulgär- 
arabischen) und aß davon (womit sie den Knoblauch vergiftet haben soll), 
während die Hausschlange zusah. Da kamen Hausleute, um davon zu essen. 
Sie (die Hausschlange) begann sie mit Sandkörnchen zu bewerfen . . ." (um 
sie auf diese W-ise vor der Vergiftung zu retten) (ibid.). 

Ein ähnliches Märchen findet sich auch im Midraä: „Es lehrte R.Halaphta: 
Die Schlange begehrt nach Knoblauch. Es geschah, daß einst eine Schlange 
von den , Bergen' ins Haus kam und eine Schüssel mit Knoblauch fand, 



1) Lanzone: Dizionario di Mitologia Egizia. Torino 1883 — 1886, Vol. III. 

2) Ed. Seier; Codex Borgia. Berlin 1904—1909. 



1 



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Die jüdischen Gebetriemen 53 



davon aß und hinein spie (Gift). Das sah die Hausschlange, die sich dagegen 
nicht stellen konnte. Als die fremde Schlange weg war, kam die Hausschlange 
und füllte die Schüssel mit Sand" (Beres. R. 54). 

Falls Eißner mit seiner Ansicht, daß „der Milchkrug des Osiris der 
männliche Phallus ist" (S. 47) recht hat, so würde das unsere phallische 
Schlangendeutung nur bestätigen. 

Von der in eine Schale Gift speienden Schlange erzählen die palästinen- 
sischen Araber noch heute. 1 Anderseits aber scheint die Schirmerin Schlange 
mit der Hausschutzgöttin Athene identisch zu sein, der sie ja geweiht war. 2 

Desgleichen wird noch in dem mittelalterlichen Zohar der Schlange eine 
hohe Bedeutung beigemessen (z. B. Bd. I, 244 a, II, 17b): 

„Einst ging R. Ele'azar des Weges und R. Hizkiah ging mit ihm. Da sahen 
sie eine Schlange. Rabbi Hizkiah machte sich daran, sie zu töten. Rabbi 
Ele'azar sagte ihm aber: ,Lasse sie, töte sie nicht.' Er antwortete ihm: ,Sie 
ist doch ein böses Ding, denn sie tötet die Menschen.' Da sagte ihm Rabbi 
Hizkiah : ,. . . Die Schlange beißt den Menschen nur, wenn man es ihr von 
oben weist, indem ihr gesagt wird : Gehe, Töte den oder den l' (Zohar II, 68 b). 

Die erotische, insbesondere die phallische Bedeutung der Schlange dürfte 
wohl zum Teil auch den phallischen Sinn des schlangenähnlichen Riemens 
erklären. 



1) Paul Kahle: Volkserzählungen aus Palästina. Göttingen 1918, 89—5, 145 — 11. 

2) Vgl. bei Bachofen Ausz. II, S. 119. 



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