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Full text of "Libido, Angst und Zivilisation. Psychoanalytische Studien"

Limdo/ Angst 
und 2Civilisation 



1 sycnoanalyttscne Studien 

Von 

Rene Laforguc 

Paris 



1932 

Internationaler Psycnoanalytisaier Verlag 

^X/ien 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



LiDido^ Angst 
und Zivilisation 



1 s/cnoanalyh'scne Stuat'en 

Von 
Kene Laiorgue 



I93S 
Internationaler Psycnoanalytiscner Verlag 

Wien 



Inhalt: 

I. Angst und Orgasmus 3 

II. Angst und Zivilisation 18 

III. Angst und Kapital 44 



Alle Rechte 

insbesonders die der Übersetzung- vorbehalten. 

Druck : Jobann N. Vernay A.-G., Wien, IX., Canisiusgasse 8—10. 



Angst und Orgasmus 

Die Psychoanalyse hat uns mit der merkwürdigen Art bekannt ge- 
macht, mit der die verdrängte Libido eines Individuums infantile 
Mechanismen und Ersatzorgane zu ihrer Befriedigung benützen kann. 
So lernten wir erkennen, daß psychische und körperliche Funktionen, 
die anscheinend nichts mit der Sexualität zu tun haben, sekundär in 
ihren Dienst gestellt, d. h. erotisiert werden können, z. B. die 
Darmtätigkeit oder, wie wir oft die Beobachtung machen können, das 
Leiden als Ausdruck der zensurierten Befriedigung und Bindung der 
im ödipusstadium festgehaltenen Libido. , 

Schon seit langer Zeit haben wir uns die Frage gestellt, inwieweit 
in ähnlicher Weise auch die Angst erotisiert werden könnte, dies 
um so mehr, als vielleicht einige Beziehungen zwischen Angst und 
Vorlust bestehen, die es der Libido erleichtern dürften, die Angst als 
Ersatzbefriedigung in ihren Dienst zu ziehen. 

Es fällt nicht schwer zu beobachten, daß jemandem Angst machen '■ 
können oft bewußt, sei es in der Phantasie, sei es in den Spielen oder 
gar im Beruf, von vielen Individuen als eine Befriedigung erlebt wird. 
Man braucht sich ja nur der vielen Gespenstergeschichten zu erinnern, ^ 
die so geeignet sind, Kindern und oft auch Erwachsenen Angst einzu- 
flößen, und deshalb direkt zur Angstentwicklung verwendet werden 
können. Desgleichen die dramatische Schilderung angsteinflößender 
Greuekaten, angstauslösender Ereignisse, schrecklicher Unglücke usw.- ; 

Es braucht kaum erwähnt zu werden, wie systematisch die Men- 
schen ihr Benehmen oft darauf eingestellt haben, ihren Nächsten zu 
ängstigen, um sich ihn durch die Angst gefügig zu machen; ist doch 
dies ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Erziehungsmethoden, ob 
es sich nun um das Verhältnis der Eltern oder Lehrer zum Kinde 
oder um das des Staates, der Autorität, des Führers zur Masse han- 
delt. Es wäre gewiß interessant, genauer zu untersuchen, inwieweit 
diese affektiven Beziehungen zwischen den Individuen einer Gesell- 
schaftsordnung sexualisiert werden können, mit anderen Worten, in- 
wieweit die Figur des Entsetzen erregenden Unteroffiziers oder 



xl 



Gendarmen ihr Dasein dem Bedürfnis vieler Menschen verdankt, einer- 
seits »Angst einflößen" und anderseits „Angst haben" als Erotismus 
zu kultivieren, wobei das erstere natürlich der mehr aktiven, männ- 
lichen Rolle, das zweite der mehr passiven, weibHchen entsprechen 
würde. Diese Beispiele mögen genügen, um uns zu gestatten, die Frage 
zu stellen, inwieweit die Angst, die psychologisch eine zweckent- 
sprechende Rolle in jeder Gefahrensituation spielt (komme sie von 
innen oder außen)', ihrem eigentlichen Zwecke entzogen und rein in 
den Dienst erotischer Befriedigung gestellt werden kann. 

Was uns vom Standpunkte des Psychotherapeuten hauptsächlich 
interessiert, ist, in zahlreichen Fällen von Angst und Zwangsneurose 
die Ursachen der Angst aufzudecken, und diese Nachforschungen 
haben uns, den Ausführungen Freuds folgend, dazu geführt, die 
Angst in gewissen Fällen mit dem Geburtsakte und weiterhin mit 
Libidostauungen* und der Kastrationsgefahr in Beziehung zu bringen. 

Wir müssen uns jedoch fragen, ob nicht in einer ganzen Reihe von 
Fällen von Angstneurosen die Angst so erotisiert ist, daß sie beim 
Individuum den einzig möglichen Kompromiß zwischen den verschiede- 
nen, nadi Befriedigung ringenden Libidotendenzen darstellen kann 
und als solche als Ersatz für den normalen Orgasmus herangezogen 
ja im Vergleich zu diesem sogar als das höchste zu erreichende Ideal 
behandelt wird. 

Einige klinische Beobachtungen Heßen es uns als sehr wahrschein- 
lich erscheinen, daß der ganze Befriedigungsmechanismus der ver- 
drängten Libido gewisser Neurotiker auf das Ziel der Angstentwick- 
lung eingestellt war, mit anderen Worten, daß die Angstbildung bei 
gewissen Individuen den eigentlichen Zweck und Gewinn der Neurose 
darstellt (sekundärer Lustgewinn). 

In einem der Fälle, die wir im Auge haben, handelt es sich um 
eine sehr komplizierte Neurose, deren ausführliche Schilderung wir 
zum Verständnis unseres Problems nicht als notwendig erachten und 
von der wir nur angeben wollen, daß ihre Symptom.e es in hohem 
Maße ermöghchen, der Umgebung der Patientin „große Angst" und 

j) Siehe Freud: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI. 
2) Jones, „Fear, Guilt and Hate." (Vortrag gehalten beim Int. Psychoanalytischen 
Kongreß in Oxford igäg) 



— 4 



der Patientin selbst eine richtige Todesangst einzuflößen, um so mehr, 
als die betrefiende Kranke es verstanden hatte, eine schwere 
organische Krankheit in den Dienst ihrer Neurose zu stellen. Im Laufe 
der psychoanalytischen Behandlung dieses Falles brachte uns die 
Patientin folgenden Traum: „Ich sah eine schwarze Schlange, die mir 
großen Sdirecken einjagte. Plötzlich fühlte ich die Schlange an meinem 
Halse und hatte eine entsetzliche Angst. Aber das Sonderbare dabei war, 
daß ich mich eigentlich gar nicht ängstlich fühlte und nur so tat, als 
hätte ich eine furchtbare Angst. Im Grunde genommen war ich nur 
Zuschauer. Als ich am Morgen aufwachte, war mir gar nicht zumute, 
als hätte ich Angst gehabt, es war wohl mehr so eine Art Komödie." 

Der Traum ist nicht so einfach zu deuten, wie er aussieht. Die Ein- 
falle und Auskünfte, über die wir verfügten, und dies um so mehr, 
als uns die Familie der Patientin seit Jahren bekannt war, gestatteten 
uns, den Traum mit einer ungefähr im zweiten Lebensjahr erlebten 
Urszene in Beziehung zu bringen und den durch die „schwarze 
Schlange" dargestellten Mann mit größter Wahrscheinlichkeit zu identi- 
fizieren. Wir können besonderer Verhältnisse wegen hier über das 
außerordenthch interessante Material dieser Analyse leider nidit be- 
richten. Um es kurz zu fassen, wir kamen zur folgenden Deutung 
des Traumes : Die Patientin wiederholt im Traume die Urszene, bei 
der es ihr darauf ankommt, die damals erlebten Affekte zu reprodu- 
zieren, wobei der Orgasmus (als Angst gedeutet) durch Angst ersetzt 
wird und die Kranke zusieht, wie die „Schlange" Besitz von ihrem 
Körper nimmt. 

Es bleibt natürlich die Frage offen, ob die Angst nicht ebenfalls 
der in der Kindheit beim Beobachten der Urszene erlittenen Angst 
entspricht und nur deshalb wiederholt wird, um die mit ihr in Zu- 
sammenhang stehenden Erinnerungen wieder zu erleben, ähnlich wie 
in einem von Freud zitierten Traume vom Tode eines Verwandten 
nur deshalb geträumt wird, weil die betreff'ende Person durch den 
Traum die Möglichkeit schaffen will, einen bei Gelegenheit eines Be- 
gräbnisses gesehenen geliebten Mann wiederzufinden. Aber auf Grund 
unseres Materials halten wir es für wahrscheinhcher, daß der Orgas- 
mus der in der Urszene beobachteten Frau von unserer Patientin da- 
mals als Angst gedeutet wurde und infolgedessen „die Angst" das 



einzige Vorbild wurde, das der Patientin zur Befriedigung ihrer Libido 
vorschwebte. 

Zur Erhärtung dieser Deutung möchten wir anführen, daß in der 
französischen Sprache das Wort „affoler" ebensogut „verängstigen" wie 
„sexuell erregen" bedeutet, die Wendung „tu m'qffolles", „du bringst 
mich zum Orgasmus". Eine weitere Beziehung ergibt sich noch aus 
dem Zusammenhang der Angst mit der Todesangst, was im Aus- 
drucke „la petite mort" für Orgasmus zur Geltung kommt. Ganz all- 
gemein mag überhaupt die Frage gestellt werden, ob die erste sexu- 
elle Erregung eines kleinen Kindes nicht eher als Angst empfunden 
und daher als solche fixiert werden kann. 

Falls die Interpretation des Traumes und gewisser Symptome unse- 
rer Patientin richtig ist, so dürften wir annehmen, daß das Angsterleb- 
nis, das bei ihr auf verschiedene Art und Weise durch ihre Symptome 
ausgelöst werden konnte, ein lustbetontes war, und die Angst ebenso 
Befriedigung wie Strafe für ihre an den Ödipuskomplex fixierte Libido 
bedeutete. 

Ein weiterer, in dieser Hinsicht interessanter Fall ist der eines Man- 
nes: Es handelt sich um die Neurose eines beinahe Fünfzigjährigen, 
von der wir lediglich einige Symptome anführen wollen, und dies nur 
insoweit, als es zur Erläuterung unseres Problems notwendig erscheint. 

Ein Hauptzug dieser Neurose ist das Verhältnis des Patienten zur 
Angst. Seine Symptome stehen auffällig im Dienste der Tendenz, ent- 
weder sich oder anderen Angst und Schrecken einzuflößen. Er sucht 
mit wahrer Wonne nach Krankheitssymptomen „entsetzlicher Natur", 
die von ihm dramatisiert werden, und dies nicht nur, um die Auf- 
merksamkeit seiner Umgebung auf sich zu lenken und seine Familie 
zu ängstigen, sondern ebenfalls, um sich selber die größtmögliche 
Angst einzujagen, sozusagen um im wahrsten Sinne des Wortes eine 
richtige Todesangst zu erleiden. Er sucht auch z. B. nach syphilis- 
verdächtigen Flecken an seinem GKede, um bei der geringsten Ent- 
deckung dieser Art einen Angstanfall zu erleben, von dem er tele- 
phonisch sofort seinen Nächsten und auch dem Analytiker Mitteilung 
madien muß, dies natürlich, um — wie er angibt — über seinen 
Zustand beruhigt zu werden. 

Oder aber er entdeckt „an seinem Rücken" einen „gelben Fleck", 

— 6 — 



der seiner Oberzeugung nach nur mit einer Krebserkrankung in Zu- 
sammenhang stehen kann, was ihm wieder erlaubt, einen Angstanfall 
mitzumachen, seinen Puls zu kontrollieren, seine Organe zu betasten, 
einen Herzschlag zu befürchten usw. und darüber sofort wieder der 
erreichbaren Umgebung, vor allem seiner Schwester und dem Analy- 
tiker, Bericht zu erstatten. 

Dies Benehmen begann der Patient erst dann zu reduzieren, nach- 
dem wir ihm außer den allgemein in Betracht kommenden Deutungen 
nodi folgende vorlegten: Das in die Analyse gebrachte Material hatte 
uns erlaubt, mit großer Sicherheit auf eine intensiv erlebte Urszene 
zurückzuschließen, die dem Patienten die Möglichkeit gab, sich durch 
Reproduktion von Angst an die damals durchlebte Situation unter 
dieser Form zu erinnern. Weiterhin hatte er einen vollständigen Ödi- 
puskomplex entwickelt mit dem Bedürfnis, sich durch das „Angst 
machen" mit dem Vater und durch das „Angst erleben" mit der Mut- 
ter zu identifizieren. Das Bedürfnis, jeden Angstanfall mitzuteilen, 
konnte auch weiterhin dem Geständniszwang dienen und so das durch 
den Inhalt des Symptoms bedingte Schuldbewußtsein abführen, um so 
mehr, als die Mitteilung gewöhnlich in einer derartigen Form geschah, 
daß es dem Patienten schließlich gelang, von seiner Umgebung ganz 
energisch zurechtgewiesen, d. h. bestraft zu werden, wie für etwas 
„Obszönes". Wir haben so den Eindruck bekommen, daß die ange- 
führte Deutung der Symptome wesentlich dazu beigetragen hat, die 
Hypochondrie des Patienten abzubauen, und deshalb haben wir uns 
auch gefragt, inwieweit bei derartigen Fällen mit hypochondrischen 
Erscheinungen solche Mechanismen in Frage kommen. 

Diesem Bedürfnis schlössen sich jedoch noch andere an, wie z. B. 
die Wollust, sich schuldig zu fühlen. Etwas begehen, um sich das Recht 
zuzuschreiben, schuldig zu sein, oder umgekehrt, etwas zu entdecken, um 
den Analytiker für schuldig erklären zu können, war für den Patien- 
ten von großer Bedeutung. Der auf Grund dieses Prozesses erreichte 
Lustgewinn war folgender: Sich schuldig fühlen, gab ihm das Recht, 
bestraft zu werden und somit Angst vor der Strafe zu haben ; eines 
anderen Schuld entdecken berechtigte ihn, den andern zu bestrafen und 
ihm somit Angst vor der Strafe einzuflößen. Diese Situation trat be- 
sonders im nachstehenden Traum zutage: Der Patient sieht, wie eines 

— 7 — 



Morgens eine Freundin ängstlich und mit niedergeschlagenen Augen, 
zu ihm kommt (er fügt hinzu : „Genau so wie ich, wenn ich zu Ihnen 
komme") und ihm eingesteht, eine tolle Nacht in angenehmer Herren- 
gesellschaft verbracht zu haben. 

Im Traum ist der Patient darüber sehr zufrieden, daß er seine ängst- 
liche und infolge ihres Schuldgefühls gequälte Freundin ebenso objek- 
tiv und gleichgültig analysieren kann, wie es der Analytiker mit 
ihm zu tun pflegt. 

Um jedoch unsere Traumdeutung begreiflicher zu machen, wollen 
wir hinzufügen, daß diese Freundin für den Kranken stets eine müt- 
terliche Freundin gewesen ist, also die Mutter personifizierte, und wir 
glauben, den Traum folgendermaßen auslegen zu können: „Ich habe 
das Recht, mir meine Mutter (die in Herrenbegleitung ist) in einem 
Schuldgefühls- und Angstzustand vorzustellen. Ich kann dies ebensogut 
wie der Analytiker, den ich beneide, weil er mich übertrifft und einen 
weiteren Gesichtskreis hat als ich. Einem Schuldgefühl ausgesetzt 
sein und Angst haben bedeutet daher, sich mit der schiddigen und 
geängstigten Mutter zu identifizieren. Die in Herrenbegleitung befind- 
liche schuldige Mutter beobachten entspricht der Identifizierung mit dem 
Analytiker." 

Wir erwähnen diesen Traum, da er uns ein Beispiel für die Verwick- 
lung, in welche die verschiedenen erlittenen Affekte (Schuldgefühl und 
Angst) geraten können und ein Beispiel für die Rolle, die sie bei der 
Übertragung einer erlebten Situation spielen können, zu liefern scheint. 

Nehmen wir nun einen Fall von typischer Angstneurose. Es han- 
delt sich hier um eine Frau von 44 Jahren, die an der Phobie leidet, 
es könnten zerbrochenes Glas oder auch zerbrochene Nadeln in ihre 
Speisen getan werden, um sie zu töten. Sie betont das Wort „zerbro- 
chen" und fügt hinzu, daß nicht so sehr die Idee der Nadel als die 
der zerbrochenen Nadel die Angst auslöse. Wir wollen darauf hin- 
weisen, daß im Französischen das Wort Glas Je verre" heißt und dies 
Wort infolgedessen erlaubt, die Vorstellung von Je ver", der Wurm, 
und von schneidendem Glas zu verdichten. 

Die Krankheit trat unter folgenden Umständen in Erscheinung: Die 
Frau lebte bis zum 38. Lebensjahre mit einem Freunde, der sie dann 
verließ, um einer anderen zu folgen. Von dieser Zeit an lebte die 



Patientin allein. Vor zwei Jahren wurde sie operiert (Hysterektomie), 
und ein Jahr später bildeten sich die psychischen Symptome heraus. 
Die Angst vor dem Glase war so groß, daß die arme Frau sogar das 
Essen aufgab und anfing, sich verhungern zu lassen. Sie wurde aus 
diesem Grunde in die Klinik von Professor Claude (Sainte Anne) 
gebracht, da man sie fast mit Anwendung von Gewalt ernähren 
mußte. 

Die bis jetzt erfolgte, noch oberflächliche, psychoanalytische Erfor- 
schung des Falles brachte folgendes aktuelle Material zum Vorschein: 
Nachdem die Frau von ihrem Freunde verlassen worden war, zog sie 
es vor, auf Verkehr mit Männern zu verzichten. Sie rationalisierte 
diesen Entschluß folgendermaßen: Einerseits um dem geliebten einzi- 
gen Freunde treu zu bleiben und anderseits der Bequemlichkeit we- 
gen. Aber trotzdem sie entschlossen war, dem Freunde nicht böse zu 
sein, hatte die Patientin gegen eine starke Enttäuschung anzukämpfen 
und betete sie viel, wenn sie verzweifelt war. Sie fand Gelegenheit, den 
geliebten Mann in Begleitung seiner neuen Freundin wieder zu sehen 
und sagte uns, daß sie, als sie die beiden sich küssen sah, 
gerne an Stelle ihres früheren Freundes getreten wäre, 
um so zu tun wie er, und um somit wenigstens etwas von 
ihm zu haben, ohne dabei mit seiner Freundin in Zwietracht zu ge- 
raten. So verstand die Patientin, eine einfache Frau aus dem Volke, 
sehr rasch, daß sie ihren Freund kastrieren wollte, um mit dessen 
Gliede seine neue Freundin zu besitzen. Soweit befänden wir uns also 
vor einer typischen, negativen ödipuseinsteUung mit Regression auf 
das oral-anale Stadium. Bemerkenswert ist, daß die Phobie erst nach 
der Entfernung eines großen Fibroms ausbrach, das vor der Krankheit 
fast bewußt als Ersatz für Schwangerschaft betrachtet wurde. Aller- 
dings kam auch der Verlust des Kindes hinzu, das sie mit ihrem 
Freunde gehabt hatte und das im Laufe seines ersten Lebensjahres 
gestorben war. Kurzum, die Verhältnisse gestatteten uns die Deutung, 
daß die Frau auf oralem Wege in den Besitz des Penis ihres früheren 
Freundes zu kommen wünschte — Erotisierung der Eßfunktion — ; 
dieser Wunsch sei verdrängt und käme zum Ausdruck als Angst, 
„zerbrochenes Glas oder zerbrochene Nadeln" ins Essen zu bekommen. 
Wenn sie aß, war es ihr, als ob sie wirklich zerbrochenes Glas im 



Munde hätte, die Kehle schnürte sich vor Angst zu und sie hatte die 
allergrößte Mühe, die Speisen hinunterzuschlucken. Sie mußte dann 
immer „daran denken", „an diese Angst" und an das „zerbrochene 
Glas" in ihr; andere Gedanken, andere Gefühle sind ihr unmöglich 
und sie ist ganz von ihrer Krankheit „besessen". Sie ist sogar der 
Ansicht, daß der Arzt nie eine so schreckliche Krankheit gesehen hat 
und daß er den Fall sicher hoffnungslos finden wird. Sie fragt zwei- 
felnd: „Glauben Sie wirklich, daß Sie das heilen können?" 

So mußten wir uns fragen, inwieweit nicht die Angst in diesem 
Falle eine Wunscherfüllung und Ersatzbefriedigung im Sinne der Strafe 
bedeutet, ferner inwieweit nicht das ganze Symptom in den Dienst des 
unbewußten Exhibitionismus gestellt wird mit dem Erfolge, die Um- 
gebung (Arzt und Pflegerin) mit dem angsteinflößenden Symptom von 
„zerbrochenem Glas und Nadeln" zu koitieren. 

Falls es sich so verhält, so könnte man sich ganz allgemein fragen, 
inwieweit eine derartige Deutung bei andern Fallen von Angstneurosen 
ebenfalls in Betracht kommt. Das Symptom der Angst könnte so- 
mit auch als Wunscherfüllung betrachtet werden, und die angstaus- 
lösende Vorstellung als der Weg, dasselbe zu erreichen; dies immer 
mit dem Bedürfnis, bewußt alles zu unterlassen, was zum „sekundär 
lustbetonten" Affekt führen könnte und infolgedessen das mit dem 
Ödipuskomplex in Zusammenhang stehende Schuldbewußtsein akti- 
vieren würde. 

Nehmen wir z. B. den von Alexander' angeführten Fall einer 
Axtphobie, die sich später auch auf das Lesen ausstreckte, „weil der 
Kranke die heftigste Angst hatte, daß ein ,L' kommen könnte, dessen 
Form an eine Axt erinnert". Hier bleibt die Deutung offen, ob nicht 
die heftige Angst die Folge des Wunsches war, eine Axt zu sehen, 
um die „Angst zu erleben". 

Weiterhin ließe sich dann über den Mechanismus der Phobie über- 
haupt folgende Vermutung aussprechen : Inwieweit sind die Drohun- 
gen des Über-Ichs, auf die das Ich mit Angst reagiert, und die es 
dazu veranlassen, die angsterregenden Handlungen zu vermeiden, in- 
wieweit steht überhaupt dieser ganze Mechanismus im Dienste der 

i) Alexander, Psychoanalyse der Gesamtpersöniichkeit, Seite 99. Int. PsA. Ver- 
lag, 1927. 

— 10 — 



Wunscherfüllung, wobei die Angst dann ebenfalls den Charakter eines 
Geständnisses bekommen würde und im Dienste des Straf bedürf- 
nisses das Verbieten der angsteinllößenden Handlungen durch das 
Über-Ich verlangen würde. Allerdings würde das Es gegen diese Ver- 
bote des Über-Ichs immer wieder von neuem protestieren und trotz 
der Strenge des Über-Ichs es verstehen, stets neue Mittel zum Zwecke 
der Angstentwicklung heranzuziehen, mit andern Worten, die Ver- 
bote des Über-Ichs lächerlich zu machen. 

Hängt es nun damit zusammen, daß gewisse, an Phobie leidende 
Patienten von ihrer Phobie manchmal mit einem fast amüsierten Ge- 
sichtsausdruck sprechen, gerade als ob alles, um auf den Traum unse- 
rer an erster Stelle erwähnten Patientin zurückzukommen, eine große 
„Komödie" wäre? Vielleicht kommt dieselbe Vermutung auch noch 
für andere als für die bei Phobien beobachteten Angstmechanismen in 
Betracht. 

Da die angstauslösenden Mittel sehr mannigfach sind, so darf man 
sich vorstellen, daß in gewissen Fällen von kriminellen Handlungen 
dieselben nicht nur im Dienste des Strafbedürfnisses stehen, sondern 
ebenfalls im Dienste der Entwicklung von Angst vor der Strafe, wobei 
die Angst — wie es Reik, allerdings von einem andern Standpunkte 
ausgehend, anzudeuten scheint — in Analogie mit der Vorlust, die Strafe 
in Analogie mit der Endlust stünde^. Man könnte so die Vermutung 
aussprechen, daß diese Art psychischer Reaktionen immer wieder die- 
selbe Situation wiederholt: Das Erleben einer angstbetonten Vorlust 
und das Erleiden einer das Schuldbewußtsein neutralisierenden End- 
lust. Man könnte somit an alle möglichen Varianten dieser Situation 
denken : Vom gewöhnlichen Spiel bis zu den letzten Stadien der Spiel- 
leidenschaft im Kasino oder an der Börse oder, auf einem andern 
Gebiete, vom „Manöver" bis zum „entsetzlichsten Schlachtenspiel" im 
Kriege ; es darf dabei aber nicht vergessen werden, daß nur die küni- 
sche Erfahrung es vermag, unsere Vermutungen zu erhärten. 

Diese Theorie vermag es vielleicht, gewisse Perversionen, wie z. B. 
den Exhibitionismus, deutlicher zu erklären. Die Frage, inwieweit bei 
Exhibitionisten der schuldige Akt, infolge der Angst und der Erwar- 




tung entdeckt zu werden, die Lust hervorrufen kann, steht noch offen. 
Wir hatten bis jetzt noch keine Gelegenheit, eine derartig typische 
Situation zu analysieren. Wir wollen uns daher darauf beschränken, 
nachstehend einen dem manifesten Exhibitionismus analogen Fall anzu- 
geben. 

Es handelt sich um einen dreißigjährigen Angstneurotiker mit ver- 
wickelten Symptomen, die wir nicht alle aufzählen können. Wir wollen 
jedoch hier die äußerst kompHzierten Schlagephantasien des Patienten 
erwähnen, in denen es darauf ankommt, einem geschlagenen Knaben 
mit den verschiedensten Mitteln Angst einzuflößen. 

Während der Analyse empfand der Knabe ab und zu das Bedürf- 
nis, sich mit kompromittierenden Personen zu „erniedrigen", erlebte 
jedoch im allgemeinen seine „Schande" vorzugsweise vermittels seiner 
Phantasie. Er stellte sich z. B. vor, in Begleitung der einen oder ande- 
ren kompromittierenden Person gesehen worden zu sein, sich öffent- 
lich kompromittiert zu haben usw. Nach einer jeden derartigen Hand- 
lung (die, wie bereits erwähnt, meist platonisch waren) wiederholte sich 
folgende Szene : Er war darauf gefaßt, zu Hause tüchtig ausgescholten 
zu werden. Ferner stellte er sich vor, daß sein Zimmermädchen, das 
ihm jeden Morgen sein Frühstück serviert, ihn schlagen werde ; später- 
hin nahm der Analytiker diese Stelle ein. Die Angst schuldig 
und Schlägen ausgesetzt zu sein, bildete den Hauptnutzen dieses Pro- 
zesses, und zwar dermaßen, daß der Kranke wirklich enttäuscht war, 
daß ihm, trotz seiner Anstrengungen, während der Analyse nichts der- 
artiges zugestoßen war. Und erst nachdem die Analyse die intimen 
Beziehungen zwischen Angst und Orgasmus in Betracht gezogen 
hatte, gelang es ihr, diese gefährliche Khppe, vor der sie so oft zu 
scheitern glaubte, zu umsegeln. 

Im Anschluß an einen derartigen Fall fragen wir uns, ob die 
Äquivalenz der Angst und des Orgasmus nicht teilweise erklärt, daß 
gewisse Neurotiker gerade die Situationen hervorzurufen scheinen, die 
ihnen die größte Angst einflößen, und dies nicht nur wenn es sich um 
gefährliche Situationen handelt (wie Bergsteigen), sondern auch, und 
zwar hauptsächlich, wenn sie einen ganz besonderen Charakter an- 
nehmen, wie z. B. beim Spiel das ganze Vermögen zu riskieren, oder 
aber, wie wir es bei einem hervorragend intelligenten Aristokraten 

— 12 — 



beobachten konnten : Der Zwang, gewöhnliche Dirnen auf ganz degra- 
dierende Art zu lecken oder seine Zunge mit Exkrementen zu belegen, 
und all dies seiner furchtbaren Angst wegen, sich die Syphilis zuzu- 
ziehen oder, um uns genauer auszudrücken, um diese Angst zu ge- 
nießen. Der Kranke gab sich sogar noch Mühe, sie auf irgend eine 
mögliche Art zu steigern und hierzu einen reellen und annehmbaren 
Grund zu finden. Lediglich die Analyse dieses „Verfahrens", sich Angst 
einzujagen, hat es uns erlaubt, den in ihm versteckten positiv und 
negativ inzestuösen Ödipuskomplex ans Tageslicht zu fördern*^. 

Ich möchte noch einige mir bekannte Fälle anführen, die unsere 
Annahme wahrscheinlich machen : 

i) Ein kleines Mädchen von etwa sechs Jahren hatte den Zwang, 
immer wieder ein großes Auge aufs Papier zu zeichnen und es anzu- 
sehen, weil es ihm eine „so große Angst machen würde". Es wieder- 
holte das Spiel immer wieder, und jedesmal, wenn es Angst hatte, 
schrie es entsetzlich, bis es auch die Eltern in Angst versetzte. 



i) Wir verdanken es Dr. Leuba, folgenden beobachteten Fall von Exhibitionismus 
angeben zu können : 

Es handelt sich um einen von Angstneurose befallenen jungen Mann von 19 Jahren, 
den seit 3 Jahren andauernde chronische Krisen zu jeder Aktivität unfähig machten. In 
"Wirklichkeit besteht die Neurose seit dem dritten Lebensjahre, und zwar infolge kleiner 
exhibitionistischer Spiele mit seiner gleichaltrigen Kusine. 

Das wesentliche neurotische Symptom besteht in einer plötzlichen Angst, wenn sich 
der Kranke allein zu Hause befindet, oder sich in der Straße oder auf einem öffent- 
lichen Platz, selbst wenn er von Menschenmengen umgeben ist, isoliert fühlt. 

Er versteht dann nicht mehr, weshalb er auf der Welt ist. Metaphysische Fragen, 
die keiner Antwort bedürfen, fallen über ihn her, und er hat das Gefühl, daß sich 
etwas Außerordentliches ereignen wird : „Es ist mir, als ob ich der Welt etwas Schreck- 
liches offenbaren würde. Ich würde ... Ich würde der Einzige sein . . . (der kastriert 
wird), es ist fürchterlich." 

Wenn dann dieser Schreck seinen Höhepunkt erreicht, flieht er, läuft er und schreit 
unartikuliert, ist sich aber dessen, was vor sich geht, voll und ganz bewußt und fällt 
über den ersten besten Vorübergeheoden (stets ein Mann) her, um sich bei diesem 
Kontakt zu beruhigen. Größtenteils rennt er ihn um, wobei zu gleicher Zeit sein Schreck 
verschwindet, er entschuldigt sich stotternd, indem er angibt, betrunken zu sein, und 
ge'jt erleichtert seines Weges. 

Diese Krise weist deutlich einen orgasmischen Charakter auf. Die Angst, allein zu 
sein, ist vor allem eine Angst, kastriert zu werden, jedoch auch eine Angst, überrascht 
zu werden (wir wollen uns hier nicht über die Assoziationen auslassen, da deren 
Auseinandersetzung zu weitläufig wäre). Seine Angst, jedoch ohne Panik, machte sich 
seit seinem zwölften Lebensjahre bemerkbar, und er hatte noch nicht mit der Mastur- 

— 13 — 



2) Eine unserer Patientinnen nahm als Kind eine Schere und stellte 
sich dann vor, wie man mit derselben jemandem die Augen ausste- 
chen könnte. Diese Vorstellung entwickelte Angst, besonders bei der 
Idee, die eigenen Augen ausgestochen zu bekommen. Die Patientin kam 
jedoch immer wieder auf diese Vorstellung zurück. Sie hatte einige 
Zeit den Charakter einer wirklichen Zwangsidee angenommen, mit 
der Angst, sich wirklich die Augen ausstechen zu müssen. 

3) Zwangsideen mit schreckenerregendem Inhalt können wir bei 
vielen Patienten finden, z. B. die Vorstellung, „die Gebeine der Eltern 
koitieren sich im Grabe, das einzige Kind zu erwürgen" usw. 

Von diesem Standpunkte aus betrachtet, könnte man sich über- 
haupt fragen, inwieweit gewisse Kranke sich nicht beständig den „Grand- 
Guignol" spielen. Bekanntlich werden im Pariser Theater „du Grand- 
Guignol" entsetzliche Greueltaten auf der Bühne gezeigt, und das 
Publikum besucht dieses Theater nur, um Angst und Schrecken zu 
erleben, die Frauen, um vor Entsetzen ohnmächtig zu werden. Dieses 



bation begonnen, als es für ihn bereits ein Vergnügen war, sich Frauen gegenüber zu 
exhibieren. Er wohnte in der Provinz und radelte dann in die Umgebung, wo er jun- 
gen Frauen, die er unterwegs antreffen könnte, auflauerte. Vor der Ausführung seines 
Planes befand er sich in großer Erregung: Erregung der in Aussicht stehenden Lust; 
Angst überrascht zu werden; starkes Schuldgefühl (das von seinem mit seiner Kusine 
praktizierten, aber schwer bestraften Exhibitionismus herrührte) ; Rache gegen die zu 
strenge Mutter. 

Wenn er sich dann unterwegs den Frauen näherte, stieg er vom Rad ab und nahm 
die Stellung eines urinierenden Mannes ein. Infolge der Erektion war es ihm jedoch 
nicht möglich zu urinieren. Dieser Exhibitionismus war nicht von einem regelrechten 
Orgasmus begleitet, jedoch empfand er bei dem Gedanken, von seiner Mutter über- 
rascht zu werden, oder daß sie seine Handlungsarten erfahren könnte, ein großes Ver- 
gnügen. Im Anschluß an diese Exhibitionsarten masturbierte er sich. 

Heute, wenn es ihm vorkommt, ein öffentliches Haus zu betreten, steigert er seine 
Lust durch die Angst, von seiner Mutter überrascht zu werden : Er schaut sich ängstlich 
um, ob sie sich nicht in der Nähe befindet, was sich wiederholt, wenn er wieder fort 
geht. Hierbei ist jedoch besonders zu bemerken, daß er sich einbildet, seine Mutter 
würde erfahren, daß er in einem öffentlichen Hause ist: Die Polizei hält Haussuchung 
ab ; er hat keine Identitätskarte und seine Wohnungsangaben werden kontrolliert. — 
Kunden streiten sich ; die Polizei tritt dazwischen und er wird mit abgeführt. — Aus 
diesen Phantasien heraus entsteht eine Überreizung der Vorlust. Der Koitus ent- 
täuscht ihn. 

Starke Ambivalenz der Mutter gegenüber, die eine fromme, strenge und ebenfalls 
neurotische Frau ist. Oft hat er von ihrem Tod geträumt, wobei er in Tränen 
ausbrach, phantasierte und schluchzte. 

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Theater scheint mir der beste Beweis für die bewußte Erotisierung 
der Angst zu sein, und das zahlreiche Publikum, von dem es be- 
sucht wird, gibt uns die Gewähr dafür, daß für viele Menschen 
Angst mit Orgasmus gleichwertig geworden ist, und daß sie keine 
Mittel scheuen, bewußt oder unbewußt sich das Recht zur Angst zu 
erkaufen. 

Damit streifen wir, wenn wir es richtig überlegen, die Frage, in- 
wieweit überhaupt Literatur und Kunst in den Dienst dieser Erotik 
der Angst gestellt werden können, und inwieweit die Vorlust aus der 
Angst und deren psychischer Verarbeitung besteht. 

4) Weiterhin wird uns ein interessantes Material durch folgenden Fall 
geliefert : Einer unserer Patienten hatte immer wieder denselben Angst- 
traum : „Er liegt in einem Zimmer ; eine Verbrecherin dringt in das 
Zimmer ein, faßt ihn an der Kehle und würgt ihn." — Mit einem 
Angstschrei erwacht der Träumende. Das Material dieses Traumes 
haben wir im Laufe der Analyse ziemlich vollständig zusammentragen 
können. Wir durften mit ziemlicher Sicherheit auf folgende Deutung 
schHeßen: Der Patient träumt, er sei an Stelle seines Bruders im Leibe 
seiner Mutter. Die Verbrecherin (Mutter) erwürgt diesen Bruder .Verbrechen 
und Strafe erlebt so der Patient am eigenen Leib. Es war in dieser 
Beziehung bemerkenswert, zu sehen, wie vor und während der Ana- 
lyse sich diese Situation stets wiederholte: Eine ganze Reihe von 
künstlichen Schwangerschaftsunterbrechungen bei seiner Frau, die vom 
Unbewußten des Patienten anscheinend provoziert wurden; dann 
während der Analyse: Versuch, die Frau dazu zu verwenden, die 
Analyse zu unterbrechen. Nur ganz besonderen Umständen ist es zu 
verdanken, wenn dieser Versuch mißlungen ist. Das Material erlaubte 
uns, auf den Tod eines jungen Bruders unseres Patienten zu schließen, 
der sich ereignet hatte, als der Patient etwa drei Jahre alt war. 

Aber dies ist nicht alles. Die Traumsituation entspricht ebenfalls der 
Idee: „Die Mutter begeht das Verbrechen, das Kind — GHed des 
Vaters — zu vernichten und an seiner Stelle mein Glied in die Hände 
zu nehmen (die Verbrecherin würgt den Hals des Patienten)." Der 
darauf eintretende Angstaffekt kann an Stelle des Orgasmus stehen 
und entspricht infolgedessen einer mehrfach determinierten Wunsch- 
erfüllung. 

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Im Zusammenhang mit diesem Material mußten wir die Frage auf- 
Tverfen, inwieweit derartige Angstträume wie der oben zitierte nicht 
-auch. Pollutionsträume sind. Wir haben letztere in dieser Hinsicht noch 
nicht genauer untersuchen können, was eine Lücke in unserer Arbeit 
bedeutet. Überhaupt scheint uns das Problem eines eingehenderen 
Studiums zu bedürfen, als wir es bis jetzt haben tun können. 

Es bleibt ebenfalls die Frage offen, inwieweit die anale Angst als 
Lustbefriedigung im Sinne eines Orgasmus in Betracht gezogen wer- 
den kann. Unter analer Angst verstehen wir folgendes: Wir wissen, 
<iaß die anale Liebe das Liebesobjekt martern und sogar töten will. 
Diese sadistischen Wünsche lösen eine große Angst aus, einerseits die 
Angst, durch die Allmacht der Gedanken das Liebesobjekt zu töten, 
anderseits die Angst, sich von ihm töten lassen zu müssen und ihm 
anzugehören. Inwieweit in dieser Angst auch die grausige Erfüllung 
dieser sado-masochistischen Tendenzen erlebt wird, bleibt dahinge- 
stellt. 

Vielleicht kann uns die Analyse eines Traumes einer unserer Patien- 
tinnen im Verständnis dieser Zusammenhänge weiterhelfen. Der Traum 
hatte folgende Vorgeschichte: Die Patientin hatte während der Ana- 
lyse das Bedürfnis, Spezialisten zu konsultieren, um sich die Venen 
ihrer Beine (Varicen) durch Einspritzungen behandeln zu lassen. Wir 
gaben ihr den Rat, diese Behandlung einstweilen zu unterlassen. Dar- 
aufhin reagierte die Patientin mit heftigen „Rheumatismen und Schmer- 
len im Rücken". Dazu gesellte sich Stuhlverstopfung. Wir legten ihr 
die Deutung nahe, daß die Reaktionen möglicherweise psychischen 
Ursprungs sind. Da brachte die Patientin folgenden Traum: 
■Sie befindet sich in unserem Konsultationszimmer, genau wie in der Ana- 
lyse. An unserer Stelle befindet sich ihre Mutter. Auf dem Diwan liegt 
ein junges Mädchen. Sie jagt dem Mädchen auf alle mögliche Art Angst 
ein. Sie sagt ihm, im Zimmer wäre ein Gespenst, welches das Mädchen 
töten werde. Diese Art, Angst zu machen, bereitet ihr große Freude. 
Schließlich zwingt sie das Mädchen, ein Messer zu nehmen, sich zuerst 
in die Finger zu schneiden, sich zu martern, um sich dann endlich zu erstechen. 
Das Mädchen badet in seinem eigenen Blute. In diesem Moment kommt 
es bei ihr zum Orgasmus und sie hat das Gefühl, als wäre sie selber 
mit Blut bedeckt. Nachdem das Mädchen tot ist, gibt sie sich mit dem 

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Leichnam ab und sagt zu ihrer Mutter: „All right". Sie schämt sidi, 
dies vor der Mutter getan zu haben. 

Das Material dieser Analyse ist klassisch. Die Patientin hat bis zu ihrena 
fünften Lebensjahre das Schlafzimmer ihrer Eltern geteilt, und interes- 
sant ist dabei zu sehen, daß sie in diesem Masturbationstraum den 
Orgasmus des Mädchens als Angst erlebt und in der aktiven Rolle 
des Vaters auf ihre Fähigkeit des Angstmachens stolz ist. Der Traum 
spricht für sich und man kann sich weitere Kommentare ersparen. 

Die Schlußfolgerung aus den obigen Ausführungen wäre demnach, daß 
die Angst nicht nur als Reaktion auf Gefahr bei unseren Kranken 
zum Ausdruck kommt, sondern daß wir es in einer ganzen Reihe von 
FäUen sozusagen mit künstlerischer Angst zu tun haben, die im 
Dienste erotischer Befriedigung steht. Es könnte ferner eine intime 
Beziehung zwischen dieser erotisierten Angst und dem ebenfalls eroti- 
sierten Schuldbewußtsein bestehen, so daß „l'aiguillon du remord" 
zum Range eines mit königlicher Freigebigkeit masochistische Lust 
spendenden Gewaltherrschers erhoben werden würde. 

Inwieweit die Erotisierung der Angst dazu beitragen kann, bei un- 
seren Patienten schwere Hemmungszustände mit all den sich daraus 
ergebenden Komplikationen zu fixieren, muß einem genaueren Studium 
des Problems überlassen werden. Wir hatten nur die Absicht, in gro- 
ßen Zügen diese ganze Problemstellung anzudeuten und auf die kom- 
plizierten Verhältnisse, die sich aus der Erotisierung der Angst erge- 
ben können, hinzuweisen. So möchten wir bei dieser Gelegenheit auch 
nicht vergessen zu erwähnen, daß die genauere Kenntnis des Problems 
uns wertvolle Fingerzeige zum Verständnis der affektiven Grundlagen 
der gesellschaftlichen Organisation des Menschen geben könnte. Man 
kann sich sehr gut vorstellen, daß die soziale Organisation auf totemi- 
stischer Stufe hauptsächlich im Dienste des sado-masochistischen Lust- 
prinzips steht, und daß die Erotisierung der Angst eine bedeutende 
Rolle dabei spielt. Es muß ebenfalls einem genaueren Studium über- 
lassen bleiben, zu zeigen, welche Rolle die Erotisierung der Angst im 
Laufe der Entwicklung in den verschiedenen Kulturen und Religionen 
gespielt hat. 

In den folgenden Kapiteln wollen wir versuchen, diese Problem- 
stellung zu erläutern. 

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II 

Angst und Zivilisation 

Im vorhergehenden Kapitel haben' wir die Frage aufgeworfen, in- 
wieweit die Gestalt des entsetzenerregenden Unteroffiziers nicht ihre 
Existenz dem Bedürfnis gewisser Menschengruppen verdankt, Angst 
als Erotismus zu kultivieren, wobei Angsteinflößen mehr der männli- 
chen Aktivität, Angsterdulden mehr der weiblichen Passivität entspre- 
chen würde. Wir haben uns weiter gefragt, ob die Erotisierung der 
Angst nicht in Kunst und Literatur einerseits, in den religiösen Vor- 
stellungen andererseits eine bedeutende Rolle spielt, und schließlich 
konnten wir nicht umhin nachzuforschen, inwieweit nicht die sozialen 
Beziehungen der Menschen überhaupt in den Dienst der Erotisation 
der Angst gestellt werden könnten und so ihrem bewußten Zwecke 
je nach dem Grade dieser Erotisation entzogen wären. Im Laufe die- 
ser Untersuchung haben wir die Möglichkeit der Verwandtschaft von 
Angst und Orgasmus studiert und in Erwägung gezogen, inwieweit 
die Angst (nicht die Realangst, sondern die erotisierte Angst [franzö- 
sisch: l'angoisse]) die infantile Form des Orgasmus darstellen könnte 
und deshalb in Angst- und Pollutionsträumen eine ganz besondere 
RoUe spielt. Weiter stellten wir in Parallele Angst und Vorlust und 
werfen die Frage auf, inwieweit die Form der sozialen Organisation 
der Menschen wohl davon abhängen könne, daß sie einerseits eher die 
Abfuhr der Libido des Individuums durch Angst, Schreck und Grau- 
samkeit anstrebt, andererseits diese Libidoabfuhr durch Individualisierung 
des Einzelnen auf mehr genitaler Stufe erreichen kann. Und damit 
zogen wir in Betracht, daß die affektiven Reaktionen, die den Orgasmus 
begleiten, beim Primitiven wesentHch verschieden sein könnten von dem 
was sie beim Kulturmenschen sind, und daß diese Verhältnisse sich 
weitgehend auf die soziale Organisation des Menschen auswirken müßten. 
Alle diese Betrachtungen führten uns dazu, eine enge Beziehung 
zwischen sexueller und sozialer Entwicklung eines Individuums zu ver- 
muten und die Gesetze dieser sozialen Entwicklung an Hand der 
sexuellen verstehen zu wollen. 

Wir kamen so zu der Annahme einerseits einer infantilen Form so- 
zialer Beziehungen — entsprechend einer infantilen Form der Libidobe- 

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friedigung des Individuums, und andererseits einer differenzierten Form 
sozialer Verhältnisse — entsprechend einer differenzierten Funktion 
des Orgasmus. Im Anschluß an diese Hypothese wollen wir versuchen, 
die Gesetze der Entwicklung der verschiedenen sozialen Organisations- 
stufen des Menschen an Hand seiner Libidoorganisation zu verstehen. 

Die Kenntnis dieser Gesetze hätte vielleicht den Vorteil, zu anderen 
Begriffen als bisher über das gegebene Entwicklungsstadium eines 
Volkes oder einer Zivilisation zu führen. Anstatt dieses Stadium als das Er- 
gebnis bewußter Willenseinflüsse zu betrachten, käme man dazu, es aus 
den affektiven Bedürfnissen der Gemeinschaft heraus zu 
erklären. Dieses Wissen würde uns vielleicht erlauben, ein besseres 
gegenseitiges Verstehen der Völker zu realisieren und einen wesentli- 
chen Faktor der wissenschaftlichen Beurteilung zugänglich zu machen; 
wir meinen: Das Unbewußte einer Volksgemeinschaft, das 
vermutlich einen ähnlichen Einfluß auf das Volksgeschehen haben 
kann wie das Unbewußte des Einzelnen auf seine Handlungen. Und 
vieUeicht ist es nicht allzu kühn zu glauben, daß die Möghchkeit, die- 
sem Faktor Rechnung zu tragen, gar manche politischen Zänkereien als 
überflüssig erscheinen lassen würde, und daß man dann, mit mehr 
Aussicht auf Erfolg als bisher, die Schwierigkeiten der gegenseitigen 
Anpassung der verschiedenen Völker durch Wissen überwinden dürfte. 
FaUs dies so wäre, so würde durch diese Kenntnis eine neue Glücks- 
mögUchkeit für die Menschen geschaffen werden, und die Psycho- 
analyse hätte den Weg dazu gewiesen, vorausgesetzt, daß die Ver- 
meidung von überflüssiger pohtischer Reiberei und von Unordnung als 
Glücksmöglichkeit gewertet wird. 

An diesem Punkte unserer Überlegungen angelangt und überzeugt 
von der außerordentlich großen Bedeutung der zu erkennenden Sach- 
lage, haben wir uns gefragt, inwieweit unsere persönlichen Beobach- 
tungen — gesammelt in verschiedenen Kulturkreisen — als Beweis- 
material herangezogen werden könnten. 

Wir haben auch weiterhin versucht, an Hand der Arbeiten von 
Levy-Brühl' über das Seelenleben des Primitiven uns ein Bild über 
die Organisation der Gemeinschaft der Primitiven zu machen; trotz 
einer Reihe erfreulicher Bestätigungen unserer Vermutung hatten wir 

i) Levy-Brühl; L'Ame primitive, (Die primitive Seele), Alcan, Paris, 1927. 

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jedoch die deutliche Empfindung, daß unser Beobachtungsmaterial 
mangelhaft ist. Es erlaubt uns leider nur, das Problem in großen 
Linien zu skizzieren und die damit zusammenhängenden Fragen höch- 
stens aufzuwerfen; aber wir müssen es anderen überlassen, die sich 
daraus ergebenden Schlüsse zu ziehen. 

Was die Ausführungen Levy-Brühls über die primitive Seele 
anbetrifft, so sind sie vielleicht an Hand eines zu schematischen Mate- 
rials unternommen worden, worauf wir verschiedentlich aufmerksam 
gemacht worden sind. Aber dies hat für unsere Studie vielleicht kei- 
nen allzugroßen Nachteil, denn beim Erfassen der affektiven 
Grundtendenzen einer Psyche spielen ja die Details der Äußerungs- 
formen dieser Psyche oft nur eine geringe Rolle. Wir sagten uns auch, 
daß der „normale Primitive" ebenso wenig existieren kann, wie der 
„normale Zivilisierte", und daß man sich da einstweilen mit grob an- 
gedeuteten Richtlinien begnügen muß. 

Um unser Untersuchungsmaterial zu ordnen, ist es wohl am ein- 
fachsten zu zeigen, auf welchem Wege wir dazu gekommen sind, es für 
unser Studium zu verwenden. Es mag dies ein gutes Mittel sein, um den 
Leser mit unseren Gedankengängen vertraut zu machen und ihn zu ver- 
anlassen, die für uns unvermeidlichen Lücken unserer Arbeit auszufüllen. 

Unsere psychoanalytische Erfahrung hat uns mit gewissen Tatsachen, 
die wir im vorhergehenden Kapitel der Erforschung näher bringen 
wollten, bekannt gemacht. Weiterhin hat sie unser Auge geschärft für 
die Vermittlung von Beziehungen, deren Kenntnis uns eine wesentlich 
andere Auffassung des Seelenlebens des Menschen beigebracht hat als 
die, die sich dem Unerfahrenen bisher aufdrängte. 

So wurden wir vertraut mit dem Strafbedürfnis des Menschen und 
der Tendenz der infantilen Libido, sich durch Angst, Schmerz und 
Leid zu sättigen. Mit anderen Worten: Angst, Schmerz und Leid 
können der Sättigung eines Bedürfnisses dienen, und dies Bedürfnis 
steckt der Libidoentwicklung bis zu einem gewissen Grade ihre Gren- 
zen. Es ist eine noch offene Frage, inwieweit sie nicht die hauptsäch- 
lichste erotische Befriedigung der infantilen Psyche bilden — dies beim 
Kinde im analen Stadium ebenso wie beim Primitiven oder bei gewis- 
sen Neurotikern. Wir möchten diese Frage vorläufig nur dem allge- 
meinen Interesse näher bringen und diesbezüglich darauf hinweisen, 

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welch große Bedeutung der Erzieher der Situation entsprechend den 
angst-, schreck- und schmerzeinflößenden Mitteln beimessen muß. Wir 
haben den deudichen Eindruck, daß die Psyche des Kindes diese 
Mittel bis zu einem gewissen Grade erheischt, um sich entwickeln zu 
können, und daß eine Erziehung, die diese Mittel vermeidet, in vielen 
Fällen ebenso sehr die Entwicklung eines Kindes hemmen kann 
wie eine Erziehung, die mit diesen Mitteln übertreibt. Ja noch mehr 
— wir haben oft gesehen, wie Kinder oder Neurotiker die Anwen- 
dung derartiger Gewaltmittel direkt erstrebten oder, falls das Leid 
nicht durch die Umgebung erreichbar war, es direkt durch neurotisch 
geschaifenes Leid ersetzten. 

Die Beobachtung derartiger Verhältnisse legt uns die Vermutung 
nahe, daß Angst, Schreck und Leid bis zu einem gewissen 
Grade mit dem Orgasmus verwandt seien und oft direkt die 
infantile Form des Orgasmus darstellen, auf dessen Provokation die 
infantile Psyche einfach eingestellt sei und durch den hindurch sie sich 
zu differenzierteren Formen entwickeln könne, ähnlich wie das Leiden 
der Geburt untrennbar erscheint von der Wollust des Gebarens im 
allgemeinen. 

Inwieweit darf man nun annehmen, daß ein Volk oder eine Ge- 
sellschaft — je nach ihrer Entwicklung — genau so wie ein Individuum 
auf die Provokation des infantilen Orgasmus mehr oder weniger ein- 
gestellt sein kann und denselben mit Hilfe seiner sozialen und morali- 
schen Einrichtungen anstrebt? Sicher ist nur, daß die Moral der Völ- 
ker ebenso erotisiert ist wie die Moral des Individuums, und daß die 
Sünde oft zum Mittel wird, die Wollust der Bestrafung erleben zu 
dürfen, statt daß die Strafe dazu dient, die Sünde vermeiden zu helfen.* 

Es wurde oft behauptet, daß es nicht gangbar wäre, eine allzuenge 
Parallele zu ziehen zwischen der Organisation der Psyche des Indivi- 
duums und der Organisation einer Gesellschaftsordnung. 

Was unsere Auffassung darüber anbetrifft, so haben wir trotzdem 
mehr und mehr den Eindruck, daß sich die Entwicklung der Gesell- 
schaftsordnung nach ähnlichen Gesetzen vollzieht, wie die der Einzel- 

i) Siehe Reik: Geständniszwang und Strafbedürfnis. I. PsA. Verlag 1925. Ferner: 
Dogma und Zwangsidee. I. PsA. Verlag, 1927. — Siehe Laforgue: L'echec de 
Baudelaire, Denoel et Steele, Paris, 1931. 

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psyche . . . mit anderen Worten, daß zwischen Ich und Über- 
ich einerseits, dem Individuum und der von ihm akzep- 
tierten Autorität andererseits dieselben libidinösen 
Bindungen bestehen können, und daß diese selbst bei dem heuti- 
gen Zustande der modernen Kultur noch stark erotisiert sind — je 
nach der Volksmentalität, um die es sidi handelt. Auch sehen wir oft, 
daß das Scheitern eines Individuums infolge der Reaktion seines Über- 
Idis, also aus inneren Gründen, ersetzt werden kann durch Scheitern 
aus äußeren Gründen, wie bei Kriminellen, die die Gerichtsinstanzen 
als Mittel zum Scheitern heranziehen, oder bei Zweiflern, die das Be- 
dürfnis haben, am Dogma zu zerschellen etc. 

Somit standen wir vor der Frage : Bis zu welchem Grade wird die 
Polizei-Autorität in einem Staate in den Dienst der homosexuellen 
sadomasochistischen Libidobefriedigung der Masse gesteUt, ebenso wie 
es mit religiösen Institutionen oder gewissen Regierungsformen, wie 
z. B. der Monarchie geschehen kann? Oder mit anderen Worten: Bis 
zu weldhem Grade dient die Gesellschaftsordnung der Befriedigung 
des Bedürfnisses des Einzehndividuums in der Masse, einerseits ge- 
quält, verängstigt oder gehemmt zu werden, andererseits zu quälen, 
zu verängstigen und zu hemmen ? 

Wir fragen uns dann weiterhin: Welches sind die Manifestatio- 
nen dieses sadomasochistischen Autoritätsbedürfnisses, 
je nach der Entwicklung eines Volkes oder einer Zivilisation? Gibt es 
infantile Gesellschaftsordnungen entsprechend der Organisation der 
infantilen Psyche? Gibt es erwachsene Gesellschaftsordnungen entspre- 
chend der Organisation der Psyche eines Erwachsenen? Welches ist 
der Unterschied zwischen einem der infantilen Gesellschaftsorganisation 
angehörigen Individuum und einem der erwachsenen Gesellschaftsorgani- 
sation ? Oder mit anderen Worten : Wie benimmt sich ein Individuum 
je nach dem Entwicklungsgrade der es beherrschenden Beziehungen? 

Je infantiler seine Psyche ist, um so abhängiger ist ein Individuum 
von der Autorität, deren Schutz es bedarf, ' und um so enger ist auch 
die Bindung zwischen dem Individuum und der Autorität. Die Psycho- 
analyse hat uns beobachten gelehrt, daß auf jede Lockerung dieser 
Bindung — ob es sich nun um ein Kind oder um einen Erwachsenen 
handelt — das Individuum mit einem starken Schuldbewußtsein 

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reagiert, das sicherlich einer libidinösen Spannung entspricht und mit 
starker Angstentwicklung einhergeht, welch letztere zu einer 
Abreaktion treibt, die gewöhnhch durch Schmerz und Strafe erreicht 
wird. Schmerz und Strafe haben die Funktion, das frühere Libido- 
gleichgewicht wiederherzustellen und das Individuum wiederum unter 
eine starke Autoritätsbindung zu bringen. Sie entsprechen demnach 
dem Bedürfnis, die Lockerung der Autoritätsbmdung, d. h. des er- 
reichten Gleichgewichts, zu vermeiden, die Loslösung des Individuums 
von der Autorität zu hemmen und diese Unabhängigkeitsbestrebungen 
als schuldhaft zu verurteilen und zum Scheitern zu bringen. 

Derartige Reaktionen bedingen, wie wir wissen, die Schlagephanta- 
sien unserer Kranken und bringen das Individuum als Einzelwesen 
so oft zum Scheitern. Sie verursachen beim Erwachsenen, wie wir es 
bei unseren Neurotikem oft beobachten können, eine mehr oder we- 
niger ausgesprochene Impotenz und Homosexualität beim Manne — 
eine entsprechende Frigidität beim Weibe. Sie wirken sich weitgehend 
hemmend auf die Geschlechtsfunktion aus und provozieren Abnormi- 
täten oder was wir als solche betrachten. Das Gefühl der Lust wird 
dann oft ersetzt durch das Gelühl des Schmerzes oder der Angst, 
und das Bewußtsein wirklicher Wollust oder Befriedigung kommt 
eigenthch nur schwer zustande. Die Bewußtseinssphäre ist beherrscht 
von der Empfindung der Angst, die orgasmusverwandt selbst wieder 
als schuldhaft empfunden werden kann und vor der das Individuum 
erfahrungsgemäß oft einen Ausweg sucht in ein selbstquälerisches, 
zwangsneurotisches oder religiöses Zeremoniell, in Zwangsarbeit oder 
soziales Unglück. 

In dieser Weise kann die Libidospannung eines Individuums, 
die infolge der allzu starken Autoritäts- oder Über-Ichbindung nicht im 
genitalen Orgasmus abgeführt werden kann, durdi Angst, re- 
ligiöses Zeremoniell und soziales Elend gebunden und 
befriedigt werden, welch letztere in gewissem Sinne Vorstufen 
auf dem Wege zum genitalen Orgasmus wären. Und wir 
kämen somit zur Notwendigkeit, ehae anale oder gar orale Vorstufe 
des Orgasmus anzunehmen, entsprechend den verschiedenen Ent- 
wicklungsstufen unserer Libido. 
Falls unsere Auffassung vom Parallelismus zwischen der Organisa- 

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tion von Massen- und Einzelpsydie richtig ist, so müßte die primitive 
Gesellschaftsordnung eine vi'eitgehende Einschränkung der sexuellen 
Freiheiten und Glücksmöglichkeiten des Individuums bedingen und 
dasselbe dazu zwingen, sich hauptsächlich in angst-, schreck- und 
schmerzbedingenden Vorstellungen oder Betätigungen auszuleben. 

Was die primitiven Gesellschaftsorganisationen anbetrifft, so scheinen 
sie — nach Levy-Brühl — dadurch charakterisiert, daß das Autoritäts- 
bedürfnis des Individuums der primitiven Masse ein so großes ist, 
daß das Individuum als Einzelvv^esen außerhalb seiner Sippe wohl kaum 
existieren kann. Die Handlungen eines einer derartigen Masse angehö- 
rigen Individuums sind mehr durch religiöse oder soziale Motive be- 
stimmt als durch Realitätsanpassung. Wir dürfen uns nun fragen : 
Entspricht nicht der Glaube an das überallherrschende magische Mana 
mit dem daraus sich ergebenden religiösen Zeremoniell und den da- 
mit zusammenhängenden komplizierten Verboten, Untersagungen, Ver- 
ängstigungen und Quälereien dem Bedürfnis der Libido der primitiven 
Masse, sich in den Formen auszuwirken, die einer weitgehenden sado- 
masochistischen Erotisation entsprächen mit dem Erfolge, 
daß die Einzelpsyche des Individuums dieser Masse in infantilen Ein- 
stellungen hängen bleiben muß — eine nur sehr geringe Unabhängig- 
keit von der Masse entwickeln könnte und dazu verurteilt wäre, mit den 
meisten individuellen Initiativen zu zerschellen? 

Inwieweit diese Situation eine bedeutende Hemmung der Geschlechts- 
funktion des Primitiven bedingt mit weitgehender latenter Homo- 
sexualität bei Männern und Frauen und teilweiser Impotenz beim 
normalen Geschlechtsakt, bleibt ein näher zu untersuchendes Problem; 
wir glauben, daß es nur von psychoanalytisch geschulten Ethnologen 
richtig gelöst werden dürfte. 

Aus den Arbeiten Levy-Brühls geht klar hervor, wieweit diese 
Verhältnisse eine intellektuelle Hemmung der Einzelpsyche zur Folge 
haben, sich als Denkhemmung auswirken und wahrscheinlich auch als 
weitgehende affektive Hemmung z. B. der Zärtlichkeit, der Freund- 
schaftsfähigkeit oder, xmi ein von P i c h o n und uns eingeführtes Wort 
zu gebrauchen, im Sinne der Oblativität.* 

l) Siehe Codet und Laforgue: La Schizonoia. — Evolution psychiatrique, Pa- 
yot, Paris, 1924. 

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Es ist leider im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die sehr inter- 
essanten Ausführungen Levy-Brühls über die primitive Psyche 
genügend zu Worte kommen zu lassen, jedoch wollen wir versuchen, uns 
an Hand seines Werkes über die primitive Seele ein Bild über den afiekti- 
ven Zustand einer der totemistischen Organisationsstufe angehörigen 
Gemeinschaft zu machen. Vom Wilden, im Sinne der Vorstellungen unserer 
Kinder, ist da keine Spur. Man hat von ihm den Eindruck eines verängstigten 
Wesens, das sich nicht direkt zu seinen elementarsten Bedürfnissen 
bekennen darf, und das sich vom Mana oder Imunu ständig verfolgt 
fühlt. (Mana und Imunu werden von Speiser in den Neu-Hebriden 
durch „Lebenskraft", von Neuhaus und den deutschen Missionären von 
Neu-Guinea durch „Seelenstoff", von K r u y t und anderen holländischen 
Gelehrten durch „zielstof ", von Pechuel-Loesche am Loango durch 
„Potenz" übersetzt). Die Übersetzimg durch „Seelenstoff" erlaubt es natür- 
lich nicht zu erkennen, was Mana oder Imunu für den Primitiven 
bedeutet. Levy-Brühl weist auch deutlich auf die Schwierigkeit 
hin, dies klar zu. machen und hebt hervor, daß es sich da nicht um 
etwas Konkretes, sondern hauptsächlich um etwas Emotionelles handelt. 

Die primitive Psyche vermag es nicht, eine Objektbeziehung in 
unserem Sinne aufzustellen. Sie ist durch die herrschende Mentalität zu 
einer weitgehenden Passivität verurteilt, und das Individuum kennt 
nicht das Bedürfnis, mit eigenen Meinungen, mit eigenen Besitzungen 
zu bestehen, denn dies stößt auf innere und äußere Verbote. . . Aus 
all diesen Gründen kann man den Erklärungsversuchen eines Primi- 
tiven nur eine beschränkte Bedeutung beimessen, und man versteht 
seine Situation besser, wenn man sie vom emotionellen, d. h. vom 
Libidoproblem ausgehend erklärt. Levy-Brühl gibt deshalb fol- 
gende, unserer Meinung nach sehr gut gedachte Definition: „Alles, 
was der Primitive fürchtet, aus der Angst heraus, es könnte ihm weh 
tun, alles was ihn seiner Fremdheit wegen erschreckt, — alles was er 
umschmeichelt, um beschützt und bevorzugt zu werden, — alles an 
was er mit Liebe hängt, — das ist für ilm Imunu." Und weiterhin: 
„ Sie (die primitive Psyche) versucht vor allem in den Dingen, die ihre 
Aufmerksamkeit auf sich lenken, das Vorhandensein, die Intensität, 
die günstigen oder ungünstigen Geneigtheiten dieser Mana oder Imunu 
zu erkennen, denn man muß den Gefahren vorbeugen, durch die 

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man sich ständig bedroht fühlt, und diese Angst regelt das Verhalten 
des Primitiven den Wesen und Dingen gegenüber." Weiterhin sagt 
Levy-Brühl: „Aber diese ständige Angstvorstellung, die alles andere 
überwiegt, treibt den Primitiven nicht zur Erkenntnis des Wissens in 
unserem Sinne." Er besitzt ein geringes Wissen, aber er begnügt sich 
damit, es, so wie es ist, zu überliefern . . . Für ihn hängt der Erfolg 
oder Mißerfolg der Jagd, der Fischerei, der Pflanzenkultur, und im 
allgemeinen alldessen, was er unternimmt, vor allen Dingen von Imunu 
oder den überall verbreiteten magischen Kräften ab, „deren Willen es 
2Xi beugen und sich günstig zu stimmen heißt." 

Über die Art und Weise, wie das geschieht, gibt uns Levy-Brühl 
•eine ausführliche Beschreibung, indem er Beispiele aus dem Buche 
Gutmanns über die „Bienenzucht bei den Dschaggas" wählt. Er gibt 
zuerst die Schilderung komplizierter Beschwörungen, die sich an alle Dinge 
richten, die zur Verfertigung von Bienenhäusern dienen : Die Axt, 
der Baum etc. . . Was letzteren anbetrifft, so ist das Zeremoniell ganz 
besonders symbolisch und dürfte jedem Psychoanalytiker in seiner 
Bedeutung klar sein. Der Häuptling der Gruppe (die den Baum 
fällt) legt die Axt an den Stamm an, erhebt sie und sagt viermal: 
„Msedi, Du, der Du so groß bist ... es ist das Elend, das mich 
herführt, ich habe Kinder notwendig, Ziegen, Rinder . . . Du Msedi, 
Du hast Glück, laß die Bienen kommen usw. . ." Der Baum wird so 
«ine Verwandte, eine Schwester des Eigentümers. Alles, was man tut, 
um ihn zu fällen (zu töten), wird getan unter dem Deckmantel der 
Heiratszeremonie. Der Eigentümer klagt : „Mein Kind, Du verläßt 
Ttiich, denn ich gebe Dich einem Manne, der Dich heiraten will . . . 
Glaube nicht, daß ich Dich zu dieser Heirat zwinge, aber Du bist nun 
erwachsen . . . Mein Kind, daß sich nun alles glücklich für Dich ge- 
stalte ..." Am nächsten Morgen sagt der Häuptling der Gruppe der 
Fäller zum Baume : „Oh Kind eines Mannes, den Du verlassen wirst, 
wir fällen Dich nicht, wir heiraten Dich und nicht gewaltsam, sondern 
mit Zärtlichkeit und Güte ..." Und während der Baum gefällt wird, 
kommt wie zufällig der Besitzer (der nicht am Fällen teilnehmen darf) 
und scheint durch den Anblick dieser Arbeit ganz niederge- 
schlagen; er klagt, wie wenn ein Unglück geschehen wäre, das er 
nicht mehr verhindern konnte, weil der Zufall ihn zu spät an die 

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Unglücksstelle führte. — „Diese und ähnliche Worte", sagt Levy- 
Brühl, „sollen dem Rachegefühl des Baumes vorbeugen.' Folgt ein 
ähnliches Zeremoniell bei der Befestigung des verfertigten Bienenhau- 
ses in einem Baume, dann jedesmal, wenn aus dem Bienenhause Ho- 
nig geholt wird, — um den „Geist der Bienen' nicht zu ärgern 
und ihn sidi günstig zu stimmen — , vor dem Essen des Honigs, 
usw . . . 

In all diesen Verhältnissen erkennt der Psychoanalytiker ziemlich 
deudich eine sehr charakteristische Situation: Wir meinen die sado- 
masochistische Einstellung des Kindes dem Vater gegenüber, die anale 
Stufe der Libidoorganisation des Individuums, mit dem Bedürfnis, die- 
Libido durch „Geschlagenwerden', „Besessenwerden" abzuführen und 
•dann die Kastrationsangst, die sie in diesen Stadien festhält. 

Wir erkennen nun im religiösen Zeremoniell und in den sozialen 
Einrichtungen dieser Primitiven die Schlagephantasien unserer Neu- 
rotiker, die — wie der Primitive — in einem ähnlichen affektiven 
Verhältnis zum Vater stehen und ihre sich daraus ergebenden Schuld- 
gefühle abführen müssen, indem sie sich mit dem Vater, wie der 
Dschagga mit seinem Baume, „verheiraten". Der Baum ist natürlich, 
trotzdem er der Zensur wegen als Schwester gekennzeichnet ist, ein 
männliches Wesen und symbolisiert allgemein Mana oder Imunu. Wir 
liaben es hier infolgedessen nur mit einer Illustration der affektiven 
Beziehungen des Primitiven mit Mana im allgemeinen zu tun, was 
natürlich erklärt, warum bei jeder Handlung des Primitiven dasselbe 
Zeremoniell zur Abführung des Schuldbewußtseins mit seinen oft 
langwierigen, quälerischen Einzelheiten und Bußen einsetzt. Handelt es 
sich um Essen, Denken, Fühlungnahme mit dem Häuptling der Gruppe, 
um Jagd oder Kampf — überall ist die primitive Aggression verdrängt 
und kann nur rationalisiert und gehemmt zum Ausdruck kommen. 

Die Exkremente sind allmächtig und dieser Allmächtigkeit wegen 
gefährlich. Man verbirgt sie oder benützt sie zu magischen Zwecken. 

Dem Primitiven dieser Organisationsstufe wird sein Weib ange- 
wiesen ; er wählt es nicht selber, ebensowenig wie seine Freunde. Die 
Freundschaft mit einem Mitglied einer anderen Sippe ist mög- 
lich, solange die eigene Sippe keinen Einspruch erhebt. Sobald dies 
aber geschieht oder der Kriegszustand zwischen eigener Sippe und 

— 27 — 



Sippe des Freundes erklärt wird, wird der beste Freund stets wie ein 
Todfeind behandelt. (Siehe Levy-Brühl.) 

Wir können hier natürlich nicht auf die komplizierten Inzestverbote 
und Tabus eingehen, die eine freie natürliche sexuelle Entfaltung ein- 
fach unmöglich machen und für diese affektive Situation ebenso cha- 
rakteristisch zu sein scheinen wie die Kastrationsangst und die Sexual- 
hemmung unserer Neurotiker. Es mag genügen hier anzuführen, daß 
manchmal sogar die Existenz der Rasse, wie es beim Australneger der 
FaU zu sein scheint, durch derartige Verbote oder durch Kriege, die 
infolge rein psychischer Momente bis zur Vernichtung eines Stammes 
führen können, gefährdet werden kann. Nicht etwa, weil der Sieger 
so sehr an dieser Vernichtung festhält, sondern weil der Besiegte sich 
gezwungen fühlt, den Kampf solange fortzusetzen, entweder bis er 
dem Sieger dieselben Verluste zugefügt hat wie die eigenen, oder 
aber bis er vom Sieger ein Sühnegeld für diejenigen Erschlagenen 
erhalten hat, die er, der besiegte Stamm, über die Zahl der erschlagenen 
Sieger hinaus gehabt hat. Dies bedeutet unserer Meinung nach, daß 
so das vorher bestehende Gleichgewicht zwischen den beiden sich 
bekämpfenden Stämmen wiederhergestellt wird, und daß infolgedessen 
niemandem die Verantwortung zufallen kann, dieses „ewige" Gleich- 
gewicht gestört zu haben. Wir sehen somit, wie groß das Schuldbe- 
wußtsein der dieser Mentalität angehörenden Individuen zu sein scheint, 
falls sie irgendwie die Urheber einer Änderung des bestehenden 
Gleichgewichts sein könnten. Wir haben ähnliche Situationen bei 
Melancholikern beobachtet, bei denen das Schuldgefühl durch den Willen 
zur Heilung, d. h. zur Änderung des bestehenden Gleichgewichts so 
groß war, daß sie lieber den Tod erdulden wollten, als die zur Hei- 
lung notwendigen Änderungen des Bestehenden herbeiführen zu helfen. 

Es ist überhaupt interessant zu versuchen, diese Reaktion aus der 
Kastrationsangst abzuleiten, wozu uns die Glaubensvorstellungen 
der totemistischen Gesellschaftsorganisation eine Menge von Material 
hefern. Da in der primitiven Mentalität ein Unterschied zwischen Ich 
und Außenwelt kaum gemacht wird, so gehört die Außen- 
welt affektiv genau so zur Person, wie die Person 
zur Außenwelt. Mit anderen Worten: AUes ist mehr oder weni- 
ger Imunu. Die Tiere, Pflanzen, Steine oder Mmeralien sind 

— 28 — 



ebenso menschlich wie die Menschen. Man betrachtet sie als ebenso in 
Sippen geordnet und nicht nur räumlich zusammengehörig, sondern 
auch zeitlich mit allen ihren Vorfahren. Die kleinste Vernichtung, selbst 
die eines Steines, bedeutet infolgedessen eine Kastrationsbedrohung, 
die gegen Imunu, d. h. gegen den Vater und auch gewissermaßen 
gegen sich selbst gerichtet ist, insofern man selber eine Verkörperung 
von Imunu darstellt. Der Wille, an der Umwelt etwas zu 
ändern, wird infolgedessen ein Verbrechen und kann nur zum 
Ausdruck kommen, falls er durch religiöses Zeremoniell rationalisiert 
ist. Somit wird das Schuldbewußtsein dadurch gemindert, daß eine 
jede Handlung, und selbst die kleinste, nicht im Namen des Indivi- 
duums ausgeführt wird, sondern im Namen der durch Imunu aufer- 
legten Notwendigkeiten. Man wird deshalb verstehen, daß selbst ge- 
fährliche Tiere vom Primitiven mit derselben religiösen Achtung 
behandelt werden können wie Imunu, und daß eigentlich der Urahne 
ebensogut Tier, Pflanze oder auch Stein sein könnte wie Mensch (Totem). 

Dieser Umstand scheint zur Folge zu haben, daß das religiöse Zere- 
moniell alle Handlungen des Primitiven absorbiert, und daß derselbe, 
psychoanalytisch gesprochen, nur mit dem Penis des Imunus koitieren, 
d.h. aktiv sein kann, vorausgesetzt, daß er sich ständig vom Vater koitie- 
ren läßt, um den Penis stets in sich zu haben. 

Die Beobachtungen Roheims über die Eingeborenen Australiens 
liefern uns da ein sehr typisches Material. Nach R 6 h e i m ist Dsdiu- 
runga eine hölzerne, den Penis darstellende Stange, die in speziellen 
Heiligtümern aufbewahrt wird, und der man die größte Verehrung zollt. 
Sie symbolisiert den Penis des Urahnen, ein großes, allmächtiges 
Organ. Jeder Mann der australischen Gruppe betrachtet es jedoch als 
eine Beleidigung, wenn man sein Sexualorgan groß findet (um nicht mit 
dem Totem in Konflikt zu geraten). Weiterhin haben diese Einge- 
borenen die Gewohnheit, mit einem Stückchen Holz ein kleines Loch 
in den Penis zu machen, diese Wunde zu unterhalten und von Zeit 
zu Zeit zu rehgiösen Zwecken Blut daraus zu entnehmen (Symbol der 
Kastration). Dadurch wird der Eingeborene Weib und Mann zugleich; 
diese Wunde des Penis (immer nach R 6 h e i m) zeigt der männHche 
Eingeborene dem Knaben, der in die Tradition der Sippe feierlich 
eingeweiht wird, und sagt ihm: „Siehst Du, Du kannst uns lieben... 

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(wie ein Weib) und alles was Du tust, wirst Du tun mit dem Penis 
der Väter." 

Somit verstellt man, daß diese affektive Situation eine vollständige 
Unterordnung des Individuums unter das Bestehende oder imter den 
Häuptling bedingt, der genau wie Imunu absolut Herr über Leben 
und Tod der Mitglieder der Sippe zu sein scheint. Aber genau so wie 
Imunu kann er verantwortlich gemacht werden für alles Gute oder 
Böse, das einem Mitgüede seiner Sippe widerfährt, ob mit oder ohne 
sein Zutun. Und wir begreifen nun, wenn Levy-Brühl sagt, daß 
diese Primitiven als Einzelwesen kein Existenzgefühl haben und nicht 
richtig unterscheiden können zwischen ihrem Körper, ihrer Seele und 
den sie umgebenden Dingen, die sie mit den Menschen zusammen 
als ein zusammengehöriges Ganzes betrachten. Levy-Brühl sagt 
wörtlich : „Aber es folgt daraus nicht, daß er (der Primi- 
tive) sich selbst als Subjekt betrachtet, noch daß er Kenntnis 
von dieser Auffassung hat im Gegensatz zur Vorstellung der Objekte, 
welche nicht er selbst sind. Ihm diese Unterscheidung und Vergleiche, 
die er nicht kennt, zuzumuten, würde heißen, in den Fehler zu ver- 
fallen, den Wilham James „die Illusion der Psychologen" nennt. Es 
würde zu gleicher Zeit bedeuten, den kollektiven Charakter dieser 
Vorstellungen zu verkennen. In der vagen Auffassung, die der Primi- 
tive über sich selbst hat, spielen die Überlegungen des Individuums 
über seine Person, wie man weiß, eine nur ganz kleine Rolle." 

Wir dürfen infolgedessen annehmen, daß bei einer derartigen Ent- 
wicklung der Gesellschaftsordnung das Individuum als Ich kaum in 
Betracht kommt. Die Neurotiker dieser Entwicklungsstufe haben immer 
das Bedürfnis, immateriell zu sein, keinen Raum einzunehmen. Zu 
einer persönhchen Lust, zu einem persönhchen Urteil, zu allem, wo 
das Ich agierend auftritt, sind sie unfähig. Wir fragen uns, inwie- 
weit dies nicht beim Primitiven in ähnhcher Weise der Fall ist, was 
bedeuten würde, daß Lust nur gemeinsam mit den übrigen Stammes- 
genossen erreicht werden kann, aber nie vom Individuum allein. Dies 
würde erklären, weshalb die Famihe ganz anders organisiert ist, wes- 
halb ursprünghch die Frauen des Stammes wahrscheinHch allen Män- 
nern gehörten, ausgenommen ihren Söhnen, Brüdern und Vätern (Inzest- 
verbot) — wie es virtuell auch heute noch, wenn auch nicht mehr in 

— 30 — 



Wirklichkeit, so doch wenigstens dem Sprachgebrauche nach der Fall ist. 
Mit anderen Worten : In der Sprache der Primitiven dieser Gesell- 
schaftsordnung ist die Frau (oder die Frauen) eines anderen Mitglieds 
der Sippe auch seine Frau, und er wird der virtuelle Vater ihrer 
Kinder, ausgenommen er sei ihr Sohn, Bruder oder Vater. Mit dem 
Gelde stehen die Verhältnisse ähnlich. Es herrscht ein mehr oder we- 
niger absoluter Kommunismus, und dieser Kommunismus ist nicht das 
Ergebnis einer Theorie, sondern entspricht einem afiektiven Bedürf- 
nisse, Unterschiede zu verleugnen. 

Monteil sagt über dieses Bedürfais folgendes : „Das (primitive) 
Individuum, welches es auch sei und welche Stellung es auch beklei- 
den mag, existiert nur als Mitglied der Gemeinschaft. Es ist 
die letztere, welche existiert und lebt ; das Individuum existiert und 
lebt nur durch sie hindurch und größtenteils für sie. In Belgisch-Kongo 
scheint jeder freie gleichaltrige Azande dieselbe Summe von Kentnissen 
zu haben wie seine Brüder, ihre Antworten sind stets identisch, ihre 
Psychologie parallel. Aus diesen Gründen haben wir es mit einer 
außerordentlich stabilen, konservativen sozialen Psychologie zu tun. 
Die Gesellschaftsordnung erscheint ihnen wie ein unveränderlicher 
Wert . . . Auch wird jeder Revolutionär, jeder Mann, der sich durch seine 
individuellen Erfahrungen von der Gedankenwelt der Gemeinschaft 
differenziert, unbarmherzig vernichtet. Sasa hat so einen der eigenen 
Söhne hinrichten lassen, weil er ein althergebrachtes Gesetz ändern 
wpUte. Der Azande, der mit uns (den Europäern) in Kontakt war, oder 
der sich eine verschiedene Mentalität angeeignet hat, findet in seiner 
sozialen Gruppe keinen Platz mehr . . . Was im allgemeinen in den Ant- 
worten der Halbzivilisierten bezügHch ihrer Rechte und Gebräuche auf- 
fällt, ist die geringe Bedeutung der eigenen Meinung im Vergleich mit 
der der Gruppe. Man macht etwas, nicht weil i c h, sondern weil wir 
wollen. Mehr als beim Okzidentalen (Neger), dessen Individualisation 
oft die tiefe Anteilnahme am Gemeinschaftsleben maskiert, fühlt man 
hier, wie außerordentlich sozial das Leben der Azanden organisiert ist. 
Das ganze Ritual, die ganzen gegenseitigen Beziehungen der Azanden 
haben zum Zwecke, das Individuum der Allgemeinheit ganz unterzu- 
ordnen." 

i) Levy-Brühl, L'Ame primitive, Alcan, Paris, 1927, S. 71/72. 

— 31 — 



Wir glauben, daß diese Beispiele genügen um zu zeigen, daß sich 
— bei dieser primitiven Mentalität — das Individuum der Gemein- 
schaft gegenüber ähnlich verhält wie gewisse unserer Neurotiker ihrem 
Über-Ich gegenüber. Und wir dürfen deshalb die Frage stellen, ob 
die Organisation dieses sozialen Über-lchs bei den Primitiven nicht oft ' 
mehr auf oraler und analer, als auf genitaler Stufe steht. 

Es ist jedoch nicht der Zweck unserer Arbeit zu zeigen, welche Be- 
ziehungen zwischen Neurose und primitiven Organisationsstufen der 
Zivilisation bestehen. Wir verdanken Freud schon längst die not- 
wendige Klarheit über diese Situation.* 

Wir möchten nur hervorheben, daß diese Verhältnisse nicht ohne 
einen tiefgreifenden Einfluß auf das Geschlechtsleben und auf die Or- 
ganisation der Sensibilität der Primitiven sind. Unserer Vermutung 
nach wird das, was wir Orgasmus nennen, oft nur unter ganz 
besonderen Bedingungen, wie z. B. bei Massentänzen und Ekstasen, 
oder beim Koitus als religiösem Zeremoniell, erreicht; weiterhin fragen 
wir uns, ob, außerhalb dieser Bedingungen, der normale Geschlechtsakt 
mit einem Weibe nicht nur sehr schwer zustande kommt, und zwar 
ebenso gut aus äußeren wie aus inneren Hemmungen heraus. 

Wir haben versucht, aus den bei den melanesischen Rassen ge- 
machten Erfahrungen Malin ovskis% dem wir z. Zt. die beste Ar- 
beit über das sexuelle Leben der Primitiven verdanken, genauere 
Kenntnisse über diese Seite des Problems zu erhalten, kamen aber 
zum Eindruck, daß die Trobriander, die Malinovski hauptsächlich 
studiert hat, zum großen Teile affektiv nicht mehr der primitiven tote- 
mistischen Gesellschaftsorganisation angehören, die uns hier interessiert. 
M a 1 i n o V s k i ist es aufgefallen, wie lange ein Geschlechtsakt dieser 
Primitiven dauert : Bis zu einer Stunde bevor der Orgasmus erfolgt. 

Wir haben uns weiterhin gefragt, in welchem Maße das religiöse 
Zeremoniell, die strenge sadomasochistische Gesellschaftsorganisation des 
Primitiven, so wie sie Levy-Brühl versteht, nicht hauptsächHch der Er- 
reichung der Vorstufen des Orgasmus dienen, mit dem Erfolge, daß 
die frei verfügbare Libido mit diesen Betätigungen mehr oder weniger 
gesättigt wird. Diese Vorstufe des Orgasmus wäre, wie wir schon aus- 

i) Siehe Freud: Totem und Tabu (Ges. Schriften, Bd. X.) 

2) Siehe Malinovsfci : La Vie sexuelle du Primitif, Payot, Paris, 1930. 

— 32 — 



geführt haben, erotisierte Angst, erotisierter Schmerz, erotisierte Krank- 
heit und erotisierter Destruktionstrieb, entsprechend der homosexuellen 
sadomasochistischen Einstellung der Libido dem Imunu, dem Stamme, 
dem Urahnen und dem Vater gegenüber. 

Dieser Organisationsstufe würde eine ganz eigene, sehr niedrige 
Organisation des Wissenstriebes entspredien, der, ebenso 
wie die sexuelle Libido, nicht so sehr der Befriedigung in 
unserem Sinne, als den Vorstufen derselben zugeführt wird. Für diese 
wäre charakteristisch, daß die Initiative zur Erkenntnis nicht vom ein- 
zelnen Individuum ausgehen darf, das unfähig ist, seinen Sadismus so 
zu subhmieren, sondern nur von der Gruppe oder dem Medizinmann, 
der sich jedoch gewöhnlich darauf beschränkt, die schon vorhandenen 
Kenntnisse zu erwerben, zu erhalten und sie so, wie sie sind, zu über- 
liefern. * 

Wir würden es also hier mit einer affektiven Organisationsstufe zu 
tun haben, für die gewisse Entwicklungsstufen des Kindes in unserem 
MUieu charakteristisch sind, und die dadurch gekennzeichnet werden 
daß das Ich des Individuums - außerordentlich schwach entwickelt - 
sich die Allmacht der Eltern durch Magie oder Liebe auf oral-analer 
Stufe dienstbar machen muß, um dem Minderwertigkeitsgefühl zu ent- 
gehen. Ebenso scheint der Primitive mit Imunu oder Totem und 
der Australneger mit Dsdiurunga zu handeln. 

Von dieser sozialen Entwicklungsstufe ab, bis zu unseren europäischen 
Zivilisationen und über sie hinweg, gäbe es eine Reihe von Zwischen- 
stufen, von denen wir annehmen, daß sie sich, abgesehen vom Ein- 
fluß des Klimas, nach denselben affektiven Gesetzen ent- 
wickeln wie die Entwicklung des Ichs und des Orgas- 
mus, nämlich aus den infantilen sadomasochistischen Einstellungen der 
Libido heraus. 

Die Entfaltung der Zivilisation wäre also bedingt durch die Ent- 
wicklung des Ichs und des Orgasmus, und zwar so, daß allen Vor- 
stufen des Orgasmus - von der Angst zum Schmerz bis zur Lust _ 
immer eine entsprechende Zwischenstufe der sozialen Organisation der 

1) Audi das Kausalitätsbedürfras, das vielleicht dem Bedürfnis entspringt, den Ur- 
heber das heißt, den Vater oder Zeuger einer Ersdieinung kennen zu lernen, dürfte 
beim i-rimitiven nur rudimentär entwickelt sein. 

~ S3 ~ 



Gemeinschaft, und der affektiven und intellektuellen Organisation des 
Individuums zukommen würde. Die Wissenschaft wäre von diesem 
Standpunkte aus betrachtet gar nicht das Resultat zufälliger Entdeckun- 
gen, sondern eine Funktion der Sensibilität. Je nadi dem 
Grade der Entfaltung dieser Sensibilität würden die verschiedenen 
latenten Erkenntnisse zu konkret fühlbaren werden. 

So würde es sich erklären, daß das, was wir wissenschaftlichen Fort- 
schritt nennen, nicht so sehr der Erfolg des Willens eines Individuums 
sondern der Ausdruck eines Bedürfnisses der Masse wäre, die je 
nach dem Grade ihrer Entwicklung für diese oder jene Erkenntnisse 
reif und sensibilisiert sein würde. Jeder Entdeckung entspräche also 
eine gewisse Stufe in der Entwicklung des Orgasmus, ein oft in affek- 
tiver Siedehitze neu erworbener Grad der Sensibilität. 

Es bliebe nun zu erforschen, welches im Einzelnen die verschiedenen 
Stufen der Entwicklung des Orgasmus wären, von serner primitiven 
Organisationsstufe an bis zur höchstentwickelten, und in welche Punkte 
dieser Entwicklungslinie wir sowohl' die verschiedenen Zivilisationen oder 
Volksmentalitäten einordnen können, als auch die religiösen Vorstellun- 
gen und die verschiedenen Erkenntnismöglichkeiten — von den magischen, 
prälogischen Weltanschauungen an, hinweg über jene der monotheistischen 
Religionen bis zu unserer modernen Wissenschaft. Eine entsprechende 
Parallele wäre in der Entwicklung der Familie aufzudecken, und zwar 
von der totemistischen Stufe an über die Vielweiberei und dann die 
Monogamie hinweg bis zu unserer heutigen Familienorganisation. 

Wir erwarten natürlich zur Zeit noch nicht, daß dieses Problem zur Zu- 
friedenheit gelöst werden kann; aber vielleicht können wir schon 
den Versuch wagen, unsere Zivilisation von diesem Standpunkte 
aus zu betrachten, um wenigstens so einen Eindruck zu gewinnen über 
den Grad ihrer Entwicklung und über ihre Zukunftsmöglichkeiten, je 
nach dem Volksmilieu um das es sich handelt. Wir können natürlich 
nicht erwarten, schon jetzt die Gesetzmäßigkeiten dieser Entwicklung, 
denen wir unterliegen, klar aufzudecken, aber wir zweifeln kaum daran, 
daß derartige Gesetzmäßigkeiten bestehen und daß, wenn sie einmal 
erkannt sind, wir gewaffnet sein werden, um den Notwendigkeiten dieser 
Entwicklung ebenso gut bei den Völkern wie beim Einzelindividuum 
besser gerecht zu werden als bisher. 

— 34 — 



Was nun unsere westeuropäische Kultur anbetrifft, so müssen 
wir uns natürlich hüten, sie als etwas Gegebenes, Heiliges, Unveränderliches 
und Feststehendes zu betrachten, so wie es der Teil unserer Psyche, 
der die Traditionen des Primitiven in uns fortsetzt, von uns fordert. 
Wir besitzen zahlreiche Vergleichspunkte, die uns über die Entwick- 
lungslinie unserer Kultur Aufschluß geben könnten, und wir müssen 
diese Vergleichspunkte sorgfältig im Auge behalten, um uns nicht in 
einer Unmenge von Einzelheiten zu verlieren. 

Die Psychoanalyse hat uns die Tendenz des Individuums kennen 
gelehrt, auf jede Weiterentwicklung und Differenzierung seiner affek- 
tiven Fähigkeit nach dem Genitalen und Individuellen hin mit Angst, 
schwerem Schuldgefühl und starkem Straf bedürfnis zu reagieren. Dieses 
Schuldgefühl, einhergehend mit Kastrationsangst, — letztere mehr oder 
weniger erotisiert, — scheint biologisch bedingt zu sein. Audi glauben 
wir, daß es durch die Entwicklung der Völker ebenso gut ausgelöst 
werden kann, wie durch die Entwicklung des Einizelindividuums. 
Wir haben gesehen, wie sich diese Situation beim Primitiven in seiner 
sozialen Organisation auswirkt und haben ausgeführt, daß beim Azande 
z. B. die Hemmungs- und Strafmechanismen des religiösen Zeremo- 
niells und der sozialen Organisation weitgehend erotisiert sind. Was 
unsere Zivilisation anbetrifft, so steht sie, unserer Ansicht nadi, hin- 
sichtlich des Schuldgefühls, unter demselben Gesetz wie die primitive 
Gesellschaftsorganisation. 

Jedoch im Gegensatz zur primitiven scheint sie durch ein rasches 
Fortschreiten* oder, um uns genauer auszudrücken, ein stetes Ver- 
ändern charakterisiert, und man kann sich vorstellen, daß dies eine 
Anhäufung des Schuldgefühls mit periodisch auftre- 
tenden Entladungen desselben determinieren mag. Für das Fort- 
schreiten und das Verändern ist unsere Zivilisationsentwicklung, wie 
z. B. seit der Renaissance in Europa, als charakteristisch hervorzu- 
heben, zeigt sie uns doch die Loslösung von' der Vater- und 
Gotteskultur des primitiven Mittelalters mit seinem Cäsaropapismus, 
und den an seine Stelle getretenen sozialen Etatismus. Und damit ein- 
hergehend den Fortschritt von der scholastischen Auffassung des Ge- 

i) Fortschreiten wird hier nur im Sinne der Bewegung gebraucht, nicht in der Bedeutung 
des Wortes Fortschritt. 

— 35 — rft 



gebenen bis zur wissenschaftlichen einerseits, die Reformation, die 
Entwicklung zur Demokratie über die aufgeklärte absolute Monarchie 
hinweg andererseits, und dies bis zu der heute aktuell gewordenen 
Umwälzung der religiösen Vorstellungen der westeuropäischen Völker ; 
all dies erscheint uns kennzeichnend für die stark wirkenden genitalen 
Befreiungstendenzen der früher in der Mentalität der Feudalität fixierten 
Individuen, die die westeuropäische Masse bildeten. Und neben dieser 
großen, für alle europäischen Völker charakteristischen Entwicklung 
sehen wir den Wellengang der Entwicklung einzelner Völker und 
Epochen, von denen wir hervorheben wollen: Das Italien Leonardo 
da Vincis, das Deutschland Luthers und Karl V., das Spanien der 
Habsburger, das Frankreich Ludwig XIV., und späterhin Napoleons, 
das Deutschland Wilhelm IL, das England des Imperiums. All diese 
Einzelentwicklungen stellen einen Teil der Gesamtentwicklung dar, 
genau so wie einzelne Wogen einen Teil der Gezeitenströmung bil- 
den. Und innerhalb dieser für die einzelnen Völker charakteristischen 
Entwicklung äußert sich das Auf und Ab der Entwicklung der Klassen, 
Kasten und Stände, die für sich aUein das für die Gesamtentwicklung 
Charakteristische wiederholen, nämlich : Das Aufsteigen mit wachsen- 
dem Schuldgefühl einhergehend, — das Vorwärtsschreiten neue Erobe- 
rungen und neue Erfolge bedingend, — der Zusammenbruch, hervor- 
gerufen durch das vom Schuldbewußtsein ausgelöste Stratbedürfnis, 
aber ein Zusammenbruch, der bis jetzt eigenthch nie bis zur Ver- 
nichtung vorgeschritten schien, sondern meistens nur einen gewissen Still- 
stand hervorgerufen haben mag. Eine Hemmung, die es bisher wohl 
nicht vermochte, den allgemeinen Aufstieg, die Flut unserer Zivilisation zur 
Oberherrschaft des Ichs, also zur Freiheit des Individuums hin aufzuhalten. 
Nach dem, was wir nun von dieser Entwicklung wissen, dürfen wir 
in Betracht ziehen, daß das mehr und mehr dadurch erzeugte Schuld- 
gefühl zu immer stärkeren Reaktionen gegen diese Entwicklung 
treiben mag. Inwieweit der Reformationskrieg in Deutschland, die Re- 
volution für die Zeit nach Ludwig XIV. oder die Koalitionskriege 
z. Zt. Napoleons, wie auch der Weltkrieg z. Zt. Wilhelm IL eine 
derartige Reaktion bedeuten, muß noch weiter untersucht werden. Ob 
ferner die kommunistische Staatsorganisation eine solche Reaktion 
darstellt, bleibt natürlich dahingestellt. Aber man kann sich fragen, 

— 36 — 



ob sie nicht in weitgehendem Maße im Dienste des Straf- 
bedürfnisses steht und infolgedessen eine Reaktion bedeutet, wo 
imter Form von Diktatur, einer Klasse oder eines Einzelnen, ein 
primitiveres Gleichgewicht wiederhergestellt wird, das die nach sado- 
masochistischer Befriedigung ringende freigewordene Massenlibido, der 
keine Klöster, Kirchen, Päpste, Zensuren, Unteroffiziere und absoluten 
Regierungen mehr zur Verfügung stehen, einer neuen analen Befriedi- 
gungsmöghchkeit zuführt. Wenn dies der Fall wäre, so dürfte hierdurch ein 
mehr oder weniger stark ausgeprägtes Stillstehen in der individuellen 
Entwicklung bedingt werden, bis diese Entwicklung, von der Gemeinschaft 
assimiliert, sich auf einer neuen Basis zu weiteren Differenzierungen 
wiederum aufschwingen kann. 

Man kann sich außerdem vorstellen, daß eine solche Reaktion wahr- 
scheinlich umso brutaler wäre, als die Volksentwicklung brutal und uner- 
wartet war — umso intensiver, je rascher eine Volksmentalität in 
ihrer Entwicklung fortschreitet. Was die letztere anbetrifft, so scheint 
es allerdings in der Entwicklung der der westeuropäischen Zivilisation 
angehörigen Völker noch große Unterschiede zu geben. 

Und somit sind wir am heikelsten Punkte unserer Arbeit ange- 
langt, an dem nämlich, wo wir die allgemeinen großen Gesichtspunkte 
verlassen müßten, um uns mit der Entwicklungsstufe der ver- 
schiedenen europäischen Völker zu beschäftigen. Aber es 
ist ja gerade der Zweck unserer Arbeit zu versuchen, den Grad dieser 
verschiedenen Entwicklungsstufen objektiv zu werten und sie so der 
wissenschaftlichen Erkenntnis, Diskussions- und Beeinflussungsmöglich- 
keit zugänglich zu machen. Falls unsere Arbeit überhaupt einen ande- 
ren als theoretischen Wert haben soll, so dürften wir uns nicht von 
den Schwierigkeiten des Problems und unseren UnvoUkommenheiten, 
die uns allerdings dazu zwingen, einstweilen nur die großen Richt- 
linien festzulegen, zurückhalten lassen. 

Aus dem Vorhergesagten ergibt sich, daß wir versuchen müßten, 
die Geschichte der unserem Kulturkreise angehörigen Völker von 
einem ganz anderen Gesichtspunkte aus zu verstehen, als es bisher 
eigentlich möglich war. Nicht Schlachtendaten oder Geburts- und 
Todesdaten von Königen und Generalen würden unsere Aufmerk- 
samkeit in Anspruch nehmen, sondern Daten der charakteristischen 

— 37 — 



Veränderangen der Volksmentalität in sozialer oder religiöser Hin- 
sicht, dann weiterhin die Daten der wichtigsten ökonomischen Erobe- 
rungen und Verluste, der bedeutendsten wissenschaftHdien Ent- 
deckungen und ilarer Einflüsse auf die Entwicklung eines Volkes. 

Man könnte so dem Auf und Ab dieser Entwicklung und, da- 
mit einhergehend, auch dem des eventuell dadurch bedingten Schuld- 
gefühls eine gewisse Kurve zukommen lassen, eine Kurve, deren Ge- 
setzmäßigkeiten einer genauen Prüfung unterzogen werden müßten. 
Zwischen der Entwicklung der Regierungsform und der der Volks- 
mentalität würde man dann vielleicht Beziehungen finden, die die 
erste aus der zweiten heraus erklären und es z. B. verständlich 
machen konnten, daß die Regierungsform eines Volkes nicht einfach 
von einem anderen übernommen werden kann, sondern gewisser- 
maßen bodenständig wachsen muß. 

Damit könnte man dazu kommen, sich zu fragen, ob z. B. die Republik 
in Deutschland z. Zt. wirklich schon durch die inneren affektiven Ver- 
hältnisse bedingt ist, oder ob sie nicht eher ihre Existenz einem von 
außen her gekommenen Einfluß, der den affektiven Notwendigkeiten 
keine Rechnung getragen hat, verdankt. Aus der Existenz der Fürsten- 
entschädigung und auch des starken Anhaftens am hergebrachten 
Glauben dürfte man vielleicht auf das Bestehen eines starken Schuld- 
gefühls schließen, das durch die Fürstenentthronung erzeugt worden ist, 
und das die Masse dazu treiben kann, das Schuldgefühl durch Geldopfer, 
soziales Elend und auch dauernde Katastrophen als Strafe abzuführen. 

Das Vorhandensein derartiger dem Strafbedürfnisse dienenden 
Reaktionen könnte weiterhin wiederum die Frage erlauben, welches 
ihr Einfluß auf die realitätsgerechte Lösung der z. Zt. bestehenden 
politischen, sozialen und ökonomischen Probleme wäre. Man könnte 
nachforschen wollen, ob diese Reaktionen nicht bis zu einem gewissen 
Grade eine gewisse Rolle bei der Entstehung ökonomischer Krisen 
spielen, denn man dürfte sich ja ganz gut vorstellen, daß eine straf- 
bedürftige Volkspsyche ein Volk zu Maßnahmen treiben kann, die 
seinem ökonomischen Interesse entgegengesetzt sind. 

Ferner müßte man die Beziehungen aufzudecken suchen, die zwischen 
der Entwicklung eines Volkes und der seiner Sprache bestehen, wie 
dies letzthin von S t o r f e r in einem Aufsatz betont worden ist. Lassen 

— 38 — 



sich doch aus der Entwicklung der Sprache wichtige Schlüsse auf die 
der Volksmentalität und der Gebräuche ziehen. 

Im Großen und Ganzen werden wir vielleicht finden, daß, bei stark 
herrschendem Autoritäts- und Vaterbedürfnis der Masse, ein Volk seine 
frei verfügbare Libido vorzüglich durch mehr oder weniger absolut 
regierende Verwaltungen, durch energische militärische Organisationen, 
durch mehr oder weniger konstitutioneEe Fürsten oder Diktatoren 
abzuführen sucht. Die Disziplin wird dann vielleicht zum Hauptziel 
der Libido, ein Ideal, das ein gutes Teil von Liebe zu absorbieren 
vermag. 

In gewissen Fällen könnte auch der Kultus von Mensuren, Schläge- 
reien oder gar des „frischen und fröhlichen Krieges" einer derartigen 
Einstellung der Volkspsyche entsprechen, des Krieges unter Einheimi- 
schen oder gegen Fremde, je nach dem Vorwand, der sich wohl 
immer leicht da finden läßt, wo ein affektives Bedürfnis nach Kriegs- 
zustand herrscht. 

Eine affektiv so eingestellte Masse könnte man weiterhin unter- 
suchen auf die Beziehungen, die zwischen der Masse und den sie bil- 
denden einzelnen Individuen bestehen. 

Falls unsere Voraussetzungen richtig sein soUten, so müßte sich das 
einzelne Individuum ähnlich verhalten wie das Es eines Zwangs- 
neurotikers. Trotz der straffen, äußeren, dem Über-Ich entsprechen- 
den Disziplin, dürfte ein mit dem äußeren Druck einhergehendes Be- 
dürfnis nach Zersplitterung bestehen, das als Lokalpatriotismus, Klein- 
staaterei, Sektenbildung etc. zum Ausdruck käme und eine ähnliche 
Schwäche in der Leistung dieser Masse erzeugen dürfte wie diejenigen 
die wir beim Ich eines zwangsneurotischen Individuums beobachten 
können. Der äußeren straffen Ordnung einerseits würde andererseits 
eine gewisse Anarchie entsprechen. 

Man konnte so z. B. die Entdeckung machen, daß genau wie bei 
gewissen Individuen das Über-Ich, d. h. die Autorität mit ihren Ge- 
setzen zum Komplizen dieser Anarchie werden kann, und zwar da, 
wo durch eine zu strenge Gesetzgebung das Einzelindividuum dazu 
getrieben wird, sich durch aUzuharte Strafe das Recht zu erkaufen, 
gegen das Gesetz zu revoltieren, entsprechend dem von Alexander 
beschriebenen Mechanismus. Und somit könnte man erwägen wollen, ob 

— 39 — 



z. B. die Handhabung des Antialkoholgesetzes in den Vereinigten 
Staaten von Amerika und die sich daraus ergebenden Auswüchse nicht 
einer derartigen Disposition der Volkspsyche ihre Entstehung ver- 
danken, ebenso wie der Puritanismus und das Gangstertum, als auch 
gewisse Formen des Kapitalismus mit den durch ihn erzeugten Reaktio- 
nen der Masse. 

Es ist ebenfalls möglich, sich zu fragen, wie die jeweilige Entwick- 
lung eines Volkes sich in der äußeren Organisation eines Landes aus- 
wirkt. Nehmen wir z. B. Deutschland und Frankreich. Einem jeden, 
der diese beiden Länder zu Fuß, im Auto, oder mit der Bahn durch- 
quert, fallen die Verschiedenheiten im äußeren Anbhck dieser Länder, 
die der Straßenorganisation, der Polizeiverordnungen etc. auf. 

In Deutschland die große Sauberkeit und PünktUchkeit, die in 
skrupelhafter Weise jedem individuellen Bedürfnis gerecht werden will, 
was in Süddeutschland z. B. dazu führte, die Straßen recht viele Um- 
wege machen zu lassen, um jedem Baume und Dorfe, jedem zu 
schonenden Landstück Rechnung zu tragen, selbst auf die Gefahr hin, 
Fahrern, Reitern und Fußgängern durch die Umwege einen großen 
Zeitverlust zuzufügen, obwohl dieselben nicht durch die Topographie 
des Landes bedingt sind. 

In Frankreich hingegen gerade Straßen, die nur einem Ziel dienen : 
Die kürzeste Verbindung zwischen 2 Punkten herzustellen. Die Schnell- 
züge durcheilen ohne anzuhalten Strecken von 300 km und mehr ohne 
Rücksicht auf Einzelinteressen, Lokalpatriotismus oder auf bestehende 
Gefahr, welch letztere durch Durchschnittsgeschwindigkeiten, die bis 
100 km pro Stunde betragen, erzeugt werden kann. 

Und nun die Pohzeiverordnungen : In Deutschland ein ganzes Heer 
von Tafeln mit Vorschriften, von Tafeln mit 3, 4, 5 roten oder schwar- 
zen Punkten. In Frankreich nur die hauptsächlichsten Warnungen und 
dies, mit Ausnahme der Wegweiser, die deutlich sichtbar sind, so 
diskret wie möglich. 

Inwieweit nun in Deutschland die Sauberkeit, die GründHchkeit in 
der Organisation des Landes und die damit zusammenhängenden Hem- 
mungen der Bewegungsfreiheit oder das Kleben an der Scholle etc., 
dem unbewußten Bedürfnis der Masse dienen, sich mit Überorgani- 
sationen, Polizeiverordnungen, Umwegen und Skrupeln zu plagen, ist 

— 40 — 



natürlich eine offene Frage, ebenso wie diejenige zu wissen, ob die 
Straßen- und Landesorganisation in Frankreich wirklich einem höheren 
Grade von Erwachsensein der Volkspsyche zuzuschreiben ist. Aber 
wir konnten an Hand unseres Studiums nicht umhin, diese Fragen zu 
stellen. 

Für die Philologen mag es von Interesse sein, die beiden Sprachea 
auf ähnliche Verhältnisse hin zu untersuchen. 

Wir müssen uns einstweilen darauf beschränken, nur allgemein zu 
fragen: Bis zu welchem Grade ist, je nach dem Volke, um das es 
sich handelt, das Ordnungs- und Verordnungsbedürfiiis erotisiert? Mit 
anderen Worten: Bis zu welchem Grade können so Paragraphen, 
Ordnungsmaßnahmen etc. anderen Bedürfnissen als den angegebenen 
dienen, nämlich verordnen um zu quälen und zu verängstigen einer- 
seits, gequält und verängstigt zu werden, im Gefühl, der Ordnung zu 
dienen andererseits? 

Auch was das Liebesleben anbetrifft, können wir uns fragen, ob- 
vielleicht nicht, je nach dem Grade der sadomasochistischen Bindung 
der Libido des Individuums an die Autorität, das Individuelle und 
Erotische bei einem Volke mehr oder weniger zurücktritt im Vergleich 
zu der gesetzlichen oder religiösen Reglementierung der Betätigung 
des Geschlechtstriebes. 

Weiterhin kann man sich ebenfalls fragen, ob nicht auf der Stufe hoher 
Differenzierung, der des Erwachsenenzustandes einer Zivilisation, in weit- 
gehendem Maße der durch die äußere Disziplin symbolisierte Vater durch 
das individuelleÜber-Ich ersetzt worden ist. Dies nach einer langen, 
mühseligen, mit Revolution einhergehenden Entwicklung, die dadurch 
charakterisiert wäre, daß der äußere Vater, ebenso wie es im Laufe der Ent- 
wicklung des Einzelindividuums geschieht, durch den inneren ersetzt wird. 
Infolgedessen dürfte, für europäische Verhältnisse, die demokratische Staats- 
form eines Volkes diesem Entwicklungszustande vielleicht am besten gerecht 
werden, und zwar mit einem Zurücktreten der offiziellen Polizeige- 
walten, der Verbote, der Zensuren, der militärischen Paraden, letztere 
jedoch ersetzt durch ethische und künstlerische Bedürfnisse 
des Individuums. Die Libidobefriedigung wäre dann nicht nur durch 
äußere Reibungen und Kämpfe erzielt, sondern auch durch „innere 
Vervollkommnungen", einhergehend mit Friedfertigkeit und weitgehender 

— 41 — 



Hingebung an soziale und individuelle Ziele, unter welchen wir an Stelle 
von Gott Wissenschaft, an Stelle von Wafienkampf Arbeit, Forschung und 
Wortgefecht, an Stelle von König oder Kaiser das All gerne in- 
vkfohl gesetzt finden, mit dem Bedürfnis, der Frau, ihrer großen 
affektiven Rolle gemäß, einen gebührenden Einfluß im sozialen Leben 
zuzuweisen. Das Geschlechtsleben wäre nicht so sehr durch äußere 
Verordnungen reglementiert wie durch das innere Bedürfnis des 
Wahren, Schönen und Guten. 

Man darf bezweifeln, ob eine solche Stufe der Entwicklung längere 
Zeit festgehalten werden kann, denn entspricht sie nicht jenem Zu- 
stande der Frucht, da letztere reif zum Fallen, reif zum Sterben wird? 

Welchem hungrigen Wesen wird weiterhin eine derartige Frucht 
zur Stillung des Hungers dienen, welcher Pflanze zum Dünger? Wo 
werden ihre Kerne neu aufgehen, den gleichen Entwicklungsgang 
wiederbeginnend, der die Zivilisationen durch Jahrhunderte, Jahr- 
tausende hindurch, riesigen Bäumen gleich, wachsen läßt bis der 
Zeitensturm sie fällt, während neue Früchte, neue Samen in neuen 
Wesen, neuen Herzen wiederkeimen? AU dies sind Fragen, auf die 
wir keine bestimmte Antwort geben können, die jedoch zu frucht- 
baren Forschungen Anlaß geben dürften. 

Alexander hat darauf hingewiesen, wie durch die verschiedenen 
affektiven Prozesse, Gärungen und Revolutionen hindurch psychische 
Kräfte in Organisches umgewandelt zu werden scheinen. Mit anderen 
Worten: Auf der Walstatt der affektiven Reibungen, Kämpfe und 
Ekstasen blieben zurück ein Denkmal, eine Erinnerung oder eine or- 
ganisch gewordene Fähigkeit, d. h. Materie, Zelle oder Reflex, die 
vielleicht in Erbmasse umgewandelt, auch in neugeborenen Formen 
weiterwirken und so mit der Zeit eine totale Veränderung der Indivi- 
duen der Rasse, welche es auch sei, bewirken mögen. Dieser Prozeß 
wäre ähnlich wie das Zustandekommen einer Grammophonplatte, die 
jedermann käuflich erwerben kann, und durch die hindurch z. B. das Ma- 
schine gewordene Genie Beethovens seine Musik der jungen Genera- 
tion überliefert und deren Psyche mitformen hilft, ohne daß derselbe 
gewaltige Aufwand an Libido, wie der, der zur Schöpfung des Meister- 
werkes und zur Übersetzung desselben durch eine gut geformte Ka- 
peUe notwendig ist, jedesmal aufgebracht werden müßte. So würde 

— 42 — 



da ein ökonomisches Prinzip wirken, welches das durch Libido Mate- 
rialisierte in irgend einer kondensierten Form kapitalisiert, für die 
Rasse verfügbar festhält, um der Libido zu erlauben, über den er- 
reichten Brennpunkt der Sensibilität hinweg, gestützt auf das schon 
Erreichte und Materialisierte, zu neuen Eroberungen, neuen Fronten 
offensiv fortzuschreiten. Dies würde auch erklären, weshalb unsere 
Sensibilität nur für das in einer gewissen Ebene Gegebene orgastisch 
empfänglich wäre, d. h. aufnähme- und entdeckungsfähig nur für das, 
was gerade dem ieweiligen Sensibilitätsgrad entspricht, genau so wie ein 
Lichtkegel, der über die Landschaft streift, nur das aufleuchten läßt, 
was gerade in sein Lichtfeld kommt, während alles, was vorher be- 
leuchtet war, sich langsam wieder verdunkelt und nur als Gesehenes, 
als Vergangenes in unserer Erinnerung verblaßt weiterlebt. Wir wür- 
den somit verstehen, warum zu gleicher Zeit oder ungefähr gleich- 
zeitig von verschiedenen Menschen, die ein und derselben Zivilisation 
angehören, die gleichen Entdeckungen gemacht werden können : Eben 
weil die Objekte dieser Entdeckungen ins Gesichtsfeld der dafür emp- 
fänglich gewordenen Massenlibido gekommen sind. 

Nach dieser Abschweifung in das Gebiet der mehr spekulativen Be- 
trachtungen möchten wir zum Schluß dieses Kapitels noch auf eine 
Frage hinweisen, die sich aus unseren Erörterungen über die Entwick- 
lung der Zivilisation ergibt, nämlich folgende: Welches ist der Motor 
dieser Entwicklung — oder besser gesagt, welche Bedingungen begün- 
stigen diese Entwicklung und welche können sie hemmen? Wir haben 
da einige interessante Anhaltspunkte, die uns erlauben, auf diese Frage 
etwas näher einzugehen. Besonders lehrreich hierfür erscheint uns das 
Studium des Zerfalls der römischen Zivilisation z. B., die bekannterweise 
mit einem sehr merkwürdigen Phänomen einherging — dem Zerfall 
des auf Goldwährung beruhenden römischen Kapitalis- 
mus. Wir wollen im folgenden Kapitel versuchen, auf die psycho- 
logische Rolle des Kapitals oder des Goldes im Laufe der Ent- 
wicklung einer Zivilisation einzugehen, was uns vielleicht gewisse An- 
haltspunkte geben mag, um die oben erwähnten Bedingungen der 
Entwicklung einer Zivilisation zu beurteilen. 



Ilillllilllllilllllllliilillliillllllllli 
43 



III. 

Angst und Kapital 

In den vorhergehenden Kapitehi haben wir versucht, die soziale 
Entwiddung an Hand der Libidoorganisation des Mensdien zu ver- 
stehen, und haben ausgeführt, daß dieselben Gesetzmäßigkeiten die 
Entwiddung des Idis, des Orgasmus und der Zivilisation zu be- 
herrsdien sdieinen. Wir haben an Hand von Beispielen zu zeigen 
versudit, wie die Idientwidslung der primitiven Psydie — handle es 
sidi nun um ein Kind oder um einen Primitiven — gehemmt ist, und 
wie bei beiden die freie Libido hauptsädiHdi in sdimerzlidien oder 
angstauslösenden Funktionen auf Kosten der Konstitution des Idis und 
der sexuellen genitalen Komponenten der Libido gesättigt und abge- 
führt wird. Wir haben mit Hilfe der Arbeiten Levy-Brühls über 
die priniitive Psydie die Rolle der sozialen und religiösen Einriditungen 
des Primitiven zum Zwedce der Libidosättigung durdi Leiden und 
Angst zu verstehen gesudit, und wir haben uns sdiHeßlidi gefragt, 
weldie, psydiisdien Bedingungen eine Loslösung der Massenlibido 
des Primitiven von seinen erotisierten sozialen Einriditungen erlauben 
und ihn dazu bringen können, zu diiferenzierten, oder besser gesagt zu 
erwadiseneren Organisationsformen vorzudringen. 

Im vorliegenden Kapitel möditen wir vor allen Dingen die Rolle 
des Kapitals im Laufe dieser Entwidslung untersudien, denn es ist 
wahrsdieinhdi, daß ein guter Teil der Gärungsprozesse, die diese 
Entwiddung fördern können, auf die affektive Rolle des Kapitals 
und seine sozusagen katalytisdie Wirkung auf die mensdilidie Psydie 
zurüdszuführen ist. 

Wir sind damit auf dem Wege, die psydiisdien Beziehungen zwisdien 
Kapital und Zivilisation zu untersudien und so ein heute sehr aktuelles 
Problem der wissensdiaftlidien Kontrolle zu unterstellen — wir meinen 
jener wissensdiafthdien Kontrolle, die uns auf Grund der durdi die 
Psydioanalyse gelieferten Erfahrungen ermögUdit wird. 

Unsere Ausführungen über die Erotisierung der Angst und der 
sozialen Beziehungen (Kapitel I) gingen von der Frage aus: Wie weit 
sind die sozialen Entwiddungen ebenso wie die religiösen Entwidc- 
lungen ihrem eigentlidien, bewußten Zwedce entzogen, und inwieweit 

— 44 — 



dienen sie dem Bedürfnis der Libido, — der die Massen bildenden 
Individuen, — einerseits verängstigt, bestraft und gequält zu werden, 
andererseits zu verängstigen, zu strafen und zu quälen? 

Wir möchten nun untersuchen, welche Rolle das Kapital in dieser 
Hinsicht spielen kann — mit anderen Worten: Wir möchten ver- 
stehen, inwieweit das Kapital seiner gewöhnlichen Funktion als Tausch- 
wert entzogen und in den Dienst der Libidobefriedigung der Massen 
gestellt werden kann, einerseits um zu drücken, zu erniedrigen und 
zu quälen, .andererseits um gedrückt, erniedrigt und gequält zu werden. 
(Sadismus und Masochismus.) 

Die Erkenntnis dieser Sachlage würde uns erlauben, einen wesent- 
lichen wertbildenden Faktor der wissenschaftlichen Beurteilung zugäng- 
lich zu machen, und dürfte in gar mancher Hinsicht zur Ergänzung 
der sehr schematisch gefaßten Marxschen Werttheorie beitragen. 

Inwieweit affektive Beziehungen die Funktion der Tauschwerte be- 
einflussen und bei der Wertbildung mitspielen, haben schon die Ver- 
treter der Grenznutzentheorie klarzulegen versucht. Aber sie konnten 
■wohl kaum in die Einzelheiten des Problems eindringen, denn schheß- 
iich scheint es in weitgehendem Maße ein Libidoproblem zu sein, dem 
man vielleicht nur mit psychoanalytischer Erfahrung näher kommen 
kann. Diese Erfahrung läßt es nicht als zufällig erscheinen, daß gewisse 
Worte in der Terminologie der Kapitalswirtschaft auftreten, die auch 
in der morahsdien Terminologie eine Rolle spielen, und zwar haupt- 
sächhch, wenn es sich um affektive Vorgänge handelt. 

Ein derartiges Wort ist z. B. das Wort „Schuld", das ebensogut 
Geldschuld bedeutet wie Schuldbewußtsein, welch letzteres das jedem 
Psychoanalytiker bekannte Strafbedürfnis auslöst, während die Geld- 
schuld im allgemeinen eine Schuldentilgung bedingt. 

Wir vermuten also, daß Schuldentilgung und Strafe 
-irgendwie affektiv miteinander verknotet sind, und dies ist umso augen- 
scheinHcher, als die tägHche Erfahrung sehr oft zeigt, daß das Straf- 
bedürfnis durch Bezahlen = Abtragen der Schuld oder Sühne neutrali- 
siert werden kann. 

Nun wissen wir, daß das Straf bedürfnis einer infantilen Libidokom- 
ponente entspricht, deren Befriedigung nur durch Strafe, Leid oder 
Sühne (Bezahlen) erreicht werden kann. Diese infantile Libidokom- 

— 45 — 



ponente ist homosexueller sado-masodiistisdier Natur, und ihre Be- 
friedigung läßt sidi infolgedessen ebenso gut durch das Ertragen der 
Geldsühne (Schuldtilgung) erreichen, wie durdi Erpressen der Schuld- 
tilgung, wobei das Zahlungsbedürfnis (Opferbedürfnis) eher der passi- 
ven, masochistisdien weiblichen Rolle entsprechen dürfte, das Bedürf- 
nis der Zahlungserpressung mehr der aktiven, sadistischen männhchen 
RoUe. 

Die Befriedigung dieses Bedürfnisses mittels dessen, was wir heute 
Kapital nennen, bedurfte wohl einer langen Entwicklung, und wir 
dürfen uns fragen, ob es ursprünglich nicht ausschließlich durch religiöse 
und soziale Einrichtungen angestrebt worden ist, und ob mit der Zeit 
das Kapital irgendwie die Rolle angenommen hat, die ursprüngUch von 
der Gottheit oder, beim Primitiven, von Mana oder Imunu gespielt 
worden ist. Dies trotz des Unterschieds, daß die der Gottheit gelei- 
steten Sühneopfer nur illusorische Werte schafFen konnten, während 
die von einem Individuum dem anderen gebrachten Sühneopfer wirk- 
liche affektive Bindungen und Verpflichtungen zu schaffen vermögen, 
und zwar infolge jener Wirkung der Übertragung der Libido, die dem 
Bezahlenden oder Wertgebenden das Gefühl des Anrechts auf 
einen Gegenwert seitens des Bezahlten oder Wertempfängers gibt. 
Dies nach der berühmten Formel: „Ich erleide Opfer und kaufe mir 
so das Recht, über andere schuldlos zu verfügen." 

Die ganze Marxsche Werttheorie scheint uns auf dieser affektiven 
Grundlage aufgebaut zu sein, wobei es an Hand unserer täglichen 
Erfahrungen klar ersichtlich ist, daß das Bedürfnis auf Anrecht eine 
Gegenwertes beim Wertbildenden von der Realität oft enttäuscht wird, 
da die Gewährung des Gegenwertes nicht allein vom vermeintlichen 
Anrecht darauf abhängig ist (durch Opfer nicht unbedingt erzwungen 
werden kann), sondern auch von der affektiven Disposition jener, 
denen gegenüber das Anrecht erhoben wird . . . Infolgedessen wird die 
Situation der Bezahlenden oder Wertgebenden oft gleichbedeutend mit 
der der Ausgebeuteten, besonders im Falle, wo keine Gewalt ihnen 
zum Anrecht verhilft, — umsomehr als die Wertgabe oder das Be- 
zahlen keine sichere Garantie für die Verpflichtung seitens des Wert- 
empfängers bietet. Der Wertempfänger wird diese Verpflichtungen oft 
nur insoweit annehmen, als er affektiv von dem Werte des BezaUen- 

— 46 -- 



den oder des Wertgebenden abhängig ist, und seine Verpflichtungen 
werden im allgemeinen dieser Abhängigkeit direkt proportional sein. 
Der Wert eines Produktes oder einer Ware wäre also in weitgehendem 
Maße Funktion des Bedürfnisses, das nach dieser Ware besteht, sei 
es nun direktes Bedürfnis oder Bedürfnis durch Schuldbewußtsein, das 
durch das geleistete Opfer bei gewissen Individuen geschaffen wird 
und das die Akzeptierung eines Wertes oder einer Ware erzwingen 
kann, auch ohne daß ein anderes Bedürfnis nach dieser Ware besteht 
als das, welches der Ware zur Abfuhr des Schuldbewußtseins bedarf. 

Die Ware, deren Bedürfnis bis heute den wenigsten Schwankungen 
unterworfen worden zu sein scheint, ist das Gold, und es hat sich 
deshalb infolge dieses seines Verhaltens einen ganz besonderen Platz 
etobert und seine Rivalen, die, wie z. B. das Süber, gleichberechtigt 
an seine Seite treten wollten, größtenteils verdrängt. Es gewährt 
die meiste Garantie zur Befriedigung des Zahlungsbedürfnisses, 
ebenso wie zur Schaff'ung von Verpflichtungen seitens des Gold- 
empfängers. So hat es mit der Zeit fast eine magische Rolle zu 
spielen begonnen und kann — außerhalb seiner Fimktion als Tausch- 
mittel — in weitgehendem Maße zur erotischen Befriedigung her- 
beigezogen werden. Es wird somit das heute für das Kapital kenn- 
zeichnendste Symbol. 

Aus diesem Grunde möchten wir versuchen, seme Rolle etwas ge- 
nauer zu erfassen und folgende Punkte zu erläutern: 

i) Die Allmacht des Goldes und ihre psychologischen Grxmdlagen, 

2) Einige psychologische Folgen des kapitalistischen Kreislaufes und 
seine Rolle in der Entwicklung unserer Zivihsation. 

Was den ersten Punkt anbetrifft, so erscheint es notwendig, das 
Gold als „Persönlichkeit" genauer zu definieren, um zu verstehen, wie 
es mit dem Imunu des Primitiven in gewissem Sinne in Konkurrenz 
geraten konnte. Die Tatsache, daß Gold ein seltenes, glänzendes, un- 
oxydierbares (unbefleckbares) und schweres Metall darstellt, hat es mit 
sich gebracht, daß ihm schon seit Jahrtausenden ein besonderer Platz 
zugewiesen wurde. Unzerstörbar wie es ist, schwer erreichbar, von 
Märchen und Sagen umwoben, wurde es ein Symbol der fernen un- 
endlichen Gottheit, und wir dürfen ernstlich in Betracht ziehen, daß 
in der Frühzeit das Gold hauptsächlich eine religiöse Rolle gespielt hat, 

— 47 — 



■da es erlaubte, die Gottheit sichtbar zu materialisieren, so wie es die 
Überlieferung der Geschichte des „Goldenen Kalbes" zu bezeugen scheint. 
Auch heute noch ist Gold und Gottheit eng miteinander verschmolzen, 
— da wo vergoldete Heiligenstatuen, goldene Kelche und Monstranzen 
der andächtigen Menge zu Gefühl bringen, wie kostbar und unzu- 
gänglich die Gottheit ist. Weiterhin ist es wohl sicherlich dieselbe 
Vorstellung, die aus güldenen Königs- und Kaiserkronen ein Symbol der 
,von Gottes Gnaden" errichteten Autorität macht, eine Autorität, die sich 
jeder in mehr oder weniger hohem Maße erwerben will, um dadurch 
zum Ausdruck zu bringen, daß er einen goldenen Schmuck als allen 
sichtbaren Beweis seiner Teilhaberschaft an der göttlichen Autorität 
öffentHch trägt und zeigt. Der goldene Schmuck der Frau mag noch 
«iner anderen Vorstellung entspringen, die vielleicht dadurch ihren 
Sinn erhält, daß er im allgemeinen nicht von der Frau erkämpft, son- 
dern vom Manne (Vater-Gott) geschenkt wird und dadurch sichtbar 
■der ödipusbeziehung der Frau Ausdruck verleiht. Weiterhin wissen 
wir durch die Psychoanalyse, daß das Gold erlaubt, die infantile 
A n a 1 e r o t i k zu sublimieren, und daß es direkt zum Ersatz der Ex- 
kremente, mit denen das Kind seine Allmachtsbestrebungen über die 
Eltern zu verwirkhdien sucht, herangezogen werden kann. 

So wird es klar, daß die rehgiöse Rolle des Goldes selbst auf der 
beutigen Entwicklungsstufe unserer Zivilisation noch zum Ausdruck 
kommt, und daß der Besitz des Goldes das affektive Bedürfnis einer 
allen sichtbaren Teilhaberschaft an der götdichen Gewalt oder eine 
Identifikation mit der Gottheit bekunden kann. 

Diese Rolle konnte das Gold jedoch erst spielen, nachdem diese 
Teilhaberschaft oder Identifikation nicht mehr durch affektive Hem- 
mungen unmöghch gemacht wurde, so wie es auf der totemistischen 
Stufe der Entwicklung der Zivilisation der Fall zu sein scheint. Auf 
dieser Stufe wäre, wie aus der Arbeit Levy-Brühls hervorgeht, 
die Autorität, Imunu wie überhaupt jeder persönliche Besitz tabu zu 
sein, d. h. es ist einem einzelnen Mitglied der Sippe aus äußeren und 
inneren Hemmungen heraus unmöglich gemacht, irgendwie an das 
Bestehende zu rühren, zu persönhchem Besitz zu gelangen und eine 
geistige sowie soziale Persönlichkeit für sich mit eigenen Kenntnissen 
und eigenen Meinungen zu bilden. 

— 48 — 



Die Wirkung einer derartigen Hemmung ist sehr gut charakterisiert 
durch das Verhalten der alten Ägypter dem Studium der Sonne gegen- 
über. Für sie war die Sonne eine Gottheit^ Es war ihnen daher un- 
möglich, dieselbe wissenschaftlich zu studieren, so wie es die alten Grie- 
chen tun konnten, die in ihrer Reaktion der Sonne gegenüber 
weniger stark gehemmt waren und sidh, durch alte Kastenüber- 
lieferungen, in ihrer Freiheit weniger gebunden fühlten. Das ägyp- 
tische Jahr war kein Sonnenjahr, sondern das Jahr des Sirius; viele 
Jahrhunderte vergingen, und zwar bis zu Julius Cäsar, bevor der 
Mensch, vermittels der Person des römischen Eroberers, den Mut hatte, 
öffentlich das Sonnenjahr zu adoptieren, ohne vor der Allmacht des 
Tagesgestims zu zittern. 

Auf einer Stufe der Entwid^lung, wo die Kastrationsangst, wie 
wir es im zweiten Kapitel ausgeführt haben, jede persönliche Initiative 
niederhielt, konnte das Gold, als Besitz und Machtmittel, wohl kaum 
eine Rolle gespielt haben. Auch mochte es schwerlich auf das Individuum 
wie eine Gottheit gewirkt haben, was erst auf späteren Entwick- 
lungsstufen der Zivihsation, die nicht mehr auf oraler Stufe wie beim 
Totemismus, sondern auf mehr ailaler Stufe aufgebaut waren, der Fall 
gewesen zu sein scheint. Mit andefen Worten : Das Gold, als magische 
Individualität und Persönlichkeit, konnte anscheinend in der Zivihsation 
erst dann eine Rolle spielen, nachdem diese Zivilisation sich aus der 
primitiven totemistischen Einstellung des Individuums zu Mana heraus 
entwickelt hatte, und Mana oder Imunu in dem Maße eine Persönlichkeit 
oder Gottheit geworden war, wie das Individuum sich das Recht erobert 
oder erworben hatte, selbst PersönUchkeit zu sein, anstatt nur einen ano- 
nymen Teil ehier in absolutem Kommunismus lebenden Masse zu bilden. 

Dieser Geisteszustand mußte daher abgeschafft werden, damit der 
Kapitalismus ins Leben gerufen werden konnte, eine Entwicklung 
die wahrscheinlich Hand in Hand ging mit dem sich nach und nach 
abändernden Familienleben, das sich vom Hordenprinzip des Primitiven 
heraus zu unserer heutigen Monogamie, der Famihe des „pater fami- 
lias", differenzierte. Und diese Familie, in welcher der Vater Eigen- 
tumsrechte hat, und in der die Kinder in einem von dem primitiven 

l) Siehe: R. de Saussure: „Das griechische Wunder" (Le Miracle grec), in 
„Aujourd'hui", Lausanne, 1930, Nr. 51 und 52. 

— 49 — 4 



Klassensystem ganz verschiedenen Tätigkeitskreis aufwachsen, ist es, die 
unserer Ansicht nach die Entwicklung des Kapitalismus gefördert hat. 
Mit der väterlichen Autorität entstehen die väterlichen Zwangsmaß- 
regeln und das Bedürfnis sich mit dem Vater zu identifizieren, indem 
man mit dessen Autorität rivahsiert; eine Autorität, die in der primi- 
tiven Famüie, in der die Kinder die Person ihres Vaters oft überhaupt 
nicht kennen, kaum verkörpert scheint. 

Von diesem Standpunkte aus betrachtet wäre also das Kapital ein 
Symbol für die zwischen den Individuen herrschenden psychischen 
Beziehungen, und es würde so ein Äquivalent für die Macht des 
Vaters in der Familie, des Fürsten hn Staate, der Gottheit in der Reli- 
gion sein, jedoch eines Vaters, Fürsten oder Gottes, der für das Volk 
introjizierbar geworden ist, statt unantastbar zu sein wie beim abso- 
luten Regierungssystem oder gar beim Totemismus. 

Wie es das Wort Kapital schon ausdrückt, wären wir demnach vor 
einem ähnlichen Faktor wie jene, die wir mit dem Worte „Haupt", „caput" 

bezeichnen. Wir meinen Kapitän, Häupding, Hauptwort, Kapitel etc 

Dies erklärt auch, weshalb in der modernen Kapitalwirtschaft Geld 
durch Rechtstitel wie Aktien, Obhgationen, Staatspapiere etc. ersetzt 
werden kann, die eine ähnliche Rolle im Staatsleben zu spielen ver- 
mögen, wie die Mächtigen eines Volkes. Die Kapitalmacht ist jedoch 
wesenthch anonym und entspricht deshalb vielleicht, wie schon oben 
angedeutet, dem introjizierten Vater, der den whklichen ersetzt hat. 
Wir vermuten daher, daß die Vernichtung oder die Auflösung der 
modernen Familie unserer aktuellen Zivilisation großen Schaden zu- 
fügen könnte, denn es ist sehr gut möglich, daß diese Zivilisation zu 
einem großen TeO das Resultat der Autorität bildet, die der pater 
familias seinen Kindern gegenüber ausübt, und daß es nur unter der- 
artigen Bedingungen aufgewachsene Menschen vermochten, diese Zivili- 
sation zu schaffen und zu halten ; sie würde hingegen zerfallen, sobald 
die individuelle Autorität des Vaters und sein Eigentumsrecht zu sehr 
eingeschränkt wären. 

Aus diesem Grunde ist es von Bedeutung, die Entwicklung des 
Kommunismus in Rußland sorgfältig zu beobachten, denn ein derartiges 
Experiment kann uns die notwendige Erfahrung geben, um in das 
gestellte Problem Klarheit zu bringen. 

— 50 — 



Und nun kämen wir zum zweiten Punkte unserer Ausführungen. 

Diese oben erwähnte Möglichkeit, sich durch die Macht des Goldes 
mit der allmächtigen Gottheit zu identifizieren, war unserer Ansicht 
nach der Ausgangspunkt für jene Entwicklung der Kapitalwirtschaft, die 
immer mehr Individuen aus der untersten Stufe sozialer Einfügung heraus- 
riß und sie dazu brachte, ihre sadomasochistische Libidoeinstellung von der 
Gottheit weg auf das Gold, oder Geld wie man es später nennt, zu über- 
tragen, sich mit der Goldmacht zu identifizieren und höher und höher 
in der Gesellschaft emporzukommen. Diese Loslösung aus dem ur- 
sprünglichen sozialen Rahmen und das Emporsteigen in der sozialen 
Hierarchie erfordert eine ungeheure Anpassungsarbeit, die 
unter dem Einfluß der modernen kapitalistischen Entwicklung von 
immer mehr Individuen der Masse unter Hochdruck geleistet werden 
muß. 

Diese Anpassungsarbeit und Umstellung ist es, welche unserer 
Meinung nach durch die sozusagen katalytische Wirkung des Goldes 
bewirkt wird und zum großen Teil jene rasche Veränderung unserer 
modernen Gesellschaftsorganisation bedingt, jenes Gähren, das 
für die heutige Entwicklung unserer Zivilisation so charakteristisch ist, 
im Gegensatze zu den festgefrorenen Formen der primitiven und vor 
allen Dingen der totemistischen Gesellschaftsorganisation, wie wir sie 
im vorhergehenden Kapitel geschildert haben. Die moderne Kredit- 
wirtschaft, die die vorhandenen Goldwerte vervielfältigt und 
die zukünftigen noch ungeschaifenen im Voraus kapitalisiert, hat, wie 
wir es heute sehen können, bis in die fernsten und entlegensten Berg- 
dörfer, bis in die unbewohnbarsten, wildesten Kolonien die obener- 
wähnte katalysierende Wirkung des Goldes mit Hilfe der Banken zur 
Geltung gebracht, und so erfahren wir, wie im Laufe von wenigen 
Jahrzehnten die konservativsten Bauern, die unnahbarsten und mit der 
Erde am engsten verwurzelten Menschen, ja sogar die in Klöster ein- 
geschlossenen Möndie und die in Kasten gebundenen Parias der mensch- 
lichen Gesellschaft aus ihrem Rahmen herausgerissen werden können 
und, in die Industriebetriebe verpflanzt, als Arbeiter, Kleinbürger, Beamte, 
InteUektuelle und Industrielle ein rasches und immer rascheres Empor- 
kommen erstreben und erreichen. 

Daß diese Entwicklung und die dazugehörige Anpassungsarbeit viele 

— 51 — 



Reibungsflächen schafft, wissen wir aus unserer psychoanalytischen Er- 
fahrung, wo wir alltäglich Gelegenheit haben, die Gärungsprozesse 
einer ähnlichen Entwicklung bei unseren Neurotikern zu beobachten. 
Dieser Gärungsprozeß ist, wie wir wissen, charakterisiert durch den 
Widerstand, den der Organismus, vielleicht den alten einfachen Ge- 
setzen der Trägheit folgend, der Entwicklung entgegensetzt und die 
er zu hemmen sucht durch das durch die Entwicklung erzeugte 
und angehäufte Schuldgefühl, welches zu destruktiven Entladungen 
treibt und die alten, früheren Bindungen mit dem entsprechenden 
Libidogleichgewicht wieder herzustellen sucht. 

Wir kennen auch die durch das Fortschreiten erzeugte Kastra- 
tionsangst, die es den modernen Großstadtmenschen so schwermacht, 
zur Ruhe und Ergebenheit der in ihren sozialen Formen erstarrten 
Bergbauern oder Mönche zurückzukehren, und, die sie manchmal dazu 
bringt, letztere um ihren .Dorffrieden" oder „Klosterfrieden" zu be- 
neiden. 

Wir wissen auch, daß in der Heißglut dieser Entwicklung Ent- 
deckung auf Entdeckung sich jagt, Erfindung auf Erfindung aus dem 
Nichts steigt, und daß die Erkenntnismöglichkeiten in einem der- 
artigen Tempo vorwärtsrasen, daß es manchem schwer fällt mitzukommen, 
daß nur wenige „bei der Stange" bleiben können, sodaß zwanzig 
Jahre heute das Angesicht der Menschheit mehr verändern, als hundert 
Jahre noch vor wenigen Jahrhunderten. 

Und so ist es unserer Meinung nach erklärlich, wenn immer mehr 
Müdigkeitszeichen auftreten, und wenn sich das aufgepeitschte Proto- 
plasma des Menschen gegen die Peitschenhiebe der diese Entwicklung 
bedingenden kapitalistischen Wirtschaft zur Wehr setzt, um endlich, 
endlich zur erträumten Ruhe, zum erwarteten Genuß zu kommen. Diese 
Feindseligkeit gegen das Kapital kommt wohl mit jedem Tage klarer 
zum Ausdruck, und diejenigen, welche im Golde einen niederzuschla- 
genden Feind erblicken, werden immer zahkeicher. 

Allerdings wissen sie wohl kaum, daß sie damit auch dem Lebens- 
keim unserer heutigen Zivilisation auf den Leib rücken und unbewußt 
vielleicht die Individuen in Kastenunterschiede und Abgeschlossenheit 
zurückwerfen wollen. Aber eine Rückkehr in diese Abgeschlossenheit 
kann manchmal notwendig sein, um neue Kräfte zu sammeln zu neuem 



52 — 



Vorstoß nach der Erlahmung. Aber sie kann auch, verhehlen wir es 
uns nicht, den Zerfall, den Tod einer Zivilisation bedeuten. 

Es ist deshalb sicher, daß, von einem bestimmten Punkte unserer 
gesellschaftlichen Entwicklung an, mit derartigen Destruktions- 
kräften dem Kapital und der Gesellschaft gegenüber zu rechnen ist, 
und zwar besonders da, wo die Entwicklung zu rasch vor sich gegangen 
ist. Und es erscheint uns somit fraglich, ob unsere Kapitalwirtschaft 
noch lange in ihrer heutigen Form gerettet werden kann. 

Es gibt in der Geschichte Zeiten, wo aus irgend einem Grunde die 
Kapitalwirtschaft zu Grunde ging, und es mag interessant sein, in großen 
Linien die Wirkung derartiger Krisen auf die Entwicklung der Zivili- 
sation zu untersuchen. Leider müssen wir aus vielen Gründen im 
Rahmen dieser Arbeit darauf verzichten, diese Untersuchung ausführ- 
lich fortzusetzen, aber wir hoffen, daß wir später das Problem in einer 
größeren Arbeit wieder werden aufnehmen können. 

Bekanndich war die Organisation des römischen Welt- 
reiches auf Kapital Wirtschaft aufgebaut, und heute noch sind wir von 
der Analogie betroffen, die zwischen der römischen und unserer heutigen 
Zivilisation besteht. Wie heute durchzogen damals gutgebaute Straßen 
das zivilisierte Europa, ein stehendes Heer von vielen hunderttausend 
Mann hielt in großen Städten und an der Grenze Garnison, gewaltige 
zu sozialen Zwecken bestimmte Bauten wie Theater, Arenen, Bäder usw. 
schmückten die Städte. Das Bankgeschäft blühte, und an allen großen 
Plätzen hatten die bekanntesten Bankfirmen Filialen. 

Das Gold war die Basis des Münzwesens, Goldmünzen und Gold- 
barren hatten Kurs, obwohl damals noch keine Zentralbank existierte ; 
auch gab es noch keine Banknoten wie heute, ein Umstand, der 
vielleicht zum Untergang des römischen Weltreiches am meisten bei- 
getragen hat. 

Mit der Entwicklung der Kapitalwirtschaft hatte sich im Laufe der 
Zeit die ursprüngHche Struktur der römischen Gesellsdiaftsordnung 
geändert, und es wurde nun sogar den niedrigsten Ständen, wie Skla- 
ven, möglich, sich emporzuarbeiten. Freigelassene wurden Gutsbesitzer, 
Gelehrte und Dichter. Ähnlich wie heute strebten die Individuen nach 
•oben und wurden in die Städte verpflanzt, wo sie rasch zu Ansehen 
und Reichtum kommen konnten. Kunst, Wissenschaft und Literatur stan- 

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den in voller Blüte, und keine Mystik umdüsterte den geistigen Hori- 
zont des praktisch denkenden römischen Bürgers. 

Aber es kam die Zeit der Erschöpfung der Goldgruben, und infolge 
der Auswanderung des durch Banknoten ungeschützten römischen Gol- 
des in das Ausland, besonders nach China, sank in der Zeit von Nero 
bis nach Markus Aureli US der Prozentsatz des Goldes in den 
Goldmünzen von etwa gs,^ auf etwa 20%. 

Jedermann kennt diese Dekadenzzeit der römischen Zivilisation, und man 
weiß, daß in der Folge die britischen Inseln ohne Kampf aufgegeben wer- 
den mußten, lediglich weil die Finanznot es nicht mehr erlaubte, die 
Garnisonen auf den Inseln zu halten. Aus der wohlorganisierten römi- 
schen Kohorte wurde eine lose Truppe, die Besoldung wurde statt in 
Geld in Land und Gut vorgenommen, und daraus entwickelte sich 
langsam das Feudalsystem mit seinen schwer mobUisierbaren kleinen 
Heeren undisziplinierter Soldaten, den späteren Rittern. 

Die Straßen wurden nicht mehr unterhalten, Arenen, Theater 
und Bäder leerten sich, Kunst und Wissenschaft gingen zurück unter 
dem Drucke des fortschreitenden Christentums, der Religion 
der Sklaven und Armen, die langsam wieder die SteUe einnahm, aus 
der das Gold den Gottesglauben primitiver Zeiten verdrängt hatte. 
Aus diesem Boden erwuchs das Mittelalter mit seinen kleinen 
Heeren von wenigen tausend Mann, mit seinen Merowingerköni- 
gen, die von Hof zu Hof zogen, um sich von den Vasallen ernähren 
zu lassen. Die Abgaben wurden in Naturalien geleistet, erlaubten je- 
doch den Unterhalt von nur wenigen Truppen, wenigen Städten, de- 
ren Bürger sich an die nun in den Vordergrund der Baukunst treten- 
den Kirchen und Dome klammerten. Ihre Häuser scharten sich um die 
Kirche, die, allmählich zur gotischen Kathedrale werdend, immer höher 
und höher wuchs, gemeinsam mit den Burgen auf den Bergen die 
göttliche Autorität symbolisierend — eine Autorität, der kein Gold 
selbstbewußt und trotzig in den Weg trat. Die Masse erbebt von 
Weltuntergangsgedanken, überaU wird gebüßt und kasteit, und die 
große Menge, wiederum in den Staub niedergedrückt, erträgt wiUen- 
los ihr Schicksal, ohne daß die Individuen hoffen könnten, in die Höhe 
zu steigen und den drückenden, aUes einengenden Kastenunterschieden 
zu entrinnen. Trotz des Christentums sind wir somit wieder in der 



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Zeit der Sklaverei, der Hörigkeit. Die Wissenschaft schmachtet in den 
Ketten der Scholastik, ihre bedeutendsten Vertreter unterliegen der In- 
quisition. Das Dogma ist allmächtig. Wer an ihm zweifelt, ist ein 
Verbrecher. 

Die Entdeckung Amerikas und seines Goldes ändert fast mit einem 
Schlage dieses düstere Bild: 

Noch am Anfang der Regierungszeit Karls V., wie in der Schlacht 
von Pavia z. B., zählten die mächtigsten Heere höchstens 20.000 Mann, 
und wenige Jahre zuvor genügten sogar einige tausend Schweizer der 
Urkantone, um die Heere Karls des Kühnen niederzuwerfen. Aber schon 
gegen 1552 wurde z. B. die Belagerung des durch den Herzog von 
Guise verteidigten Metz von Karl V. mit etwa 60.000 Mann und 
100 Kanonen durchgeführt. Und man nimmt an, daß — von 1500 
bis 1550 — der Goldbestand Europas sich schätzungsweise von 
800 Millionen auf 3 Milliarden erhöht hat. 

Wenige Jahrzehnte später zählte die französische Armee schon über 
100.000 Mann und das moderne Heer organisierte sich rasch in allen 
Ländern. 

Parallel hiermit treten Schlösser und Kirchen in den Hintergrimd, 
die Städte mit ihren sozialen Einrichtungen entwickebi sich immer 
mehr, die Mystik des Mittelalters weicht dem Skeptizismus eines Rabe- 
lais, eines Montaigne oder sie bricht aus den Fugen unter dem Drucke 
der Reformatoren wie z. B. : Luther in Deutschland, Calvin in Frank- 
reich, Heinrich VIII. in England. Die Wissenschaft macht einen ge- 
waltigen Fortschritt; zwischen 1500 und 1550 entsteht mit Clusius die 
Botanik, mit Pierre Gilles die Zoologie, mit Agricola die Geologie, 
mit Kopernikus und späterhin Tycho-Brahe, Kepler und Galilei die 
Astronomie und mit Andre Vesale die Medizin, die bis dahin über Galen, 
also über die Römerzeit hinaus, keinerlei Fortschritte gemacht hatte. 
Die Kunst der Renaissance zeigt den aUen bekannten gewaltigen 
Aufschwung, und auch in der Industrie regen sich neue Kräfte. In 
Tours gab es zur Zeit Franz I. etwa 8000 Seidenspinner, Arbeiter, 
die der König Franz von ItaHen nach Frankreich verpflanzt hat. 

Und damit beginnt die Entwicklung, die mit dem Übergang von 
mittelalterischer Naturalwirtschaft über die Reformation, Ludwig XIV., 
Friedrich den Großen, Maria Theresia v. Habsburg und Napoleon, 

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weiterhin das moderne England und Amerika hinweg, zur neuzeitlichei 
Kapital Wirtschaft in die Gegenwart führt, die keine Hörigen meh 
kennt, ein Arbeiter- und Völkerrecht besitzt und die durch gewaltig( 
Bahnhöfe, Fabriken imd Bauten die mittelalterlichen Schlösser unc 
Dome ersetzt hat, eine Zeit, wo alles Althergebrachte in den Fugei 
wankt, die Völker, Rassen und Stände durcheinandergemengt werden 
und wo die Menschen, hoch oben vom Flugzeug oder LuftschifF, au 
die verlassenen Klöster und Kathedralen mitleidig herabschauen. Unc 
der Mensch dieser Entwicklungsepoche wundert sich nur über eins 
Daß ihn sein Erfolg nicht restlos glückhch gemacht hat. Aber da 
Problem des Glückes ist ein anderes Kapitel, das wir ebenfalls späte 
behandeln wollen. 

Diese Betrachtung gibt uns somit ein gewisses Bild über die Roll( 
des Goldes im Laufe der Entwicklung unserer Zivilisation. Wir kön 
nen uns fragen, ob diese psychologische Wirkung des Goldes nich 
einer Enterotisierung der sozialen und religiösen Beziehungei 
entspricht, die darin zum Ausdruck kommt, daß ein guter Teil de; 
infantilen Sadomasodiismus, dessen Sublimierung die Zivilisationsent 
Wicklung fördern würde, auf das Gold übertragen wird. Diese Subh 
mierung würde unserer Ansicht nach durch Vermittlung der Kapitals 
bildung vor sich gehen, und somit die Bahn zu einer immer mehr un( 
mehr zunehmenden Differenzierung der Gesellsdiaftsordnung freimachen 



lliill 
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Von Rene Laforgue 

ist ferner erschienen : 



JEAN JACQUES ROUSSEAU 

Geheftet M. 1.- 



Eine sründliche und an Hand zahlreidier Beispiele aus 
dem Werk belegte Analyse der seltsamen Persönlidikeit 
Rousseaus, seiner TriebkonFlikte, seines Exhibitionismus, seines 
Kastrationskomplexes. 

Man hat sidi oft über die Sexualität Rousseaus ausge 
lassen, man hat ihn der sdilimmsten Perversionen besdiuldigt 
Mit Unredit, wie der Autor nadiweist. Die Wahrheit ist, 
daQ Rousseau in seiner Entwiddung auf einer infantilen Stufe 
stehen geblieben und infolge des in ihm wirkenden Verbotes 
Mann zu werden nidit zur normalen Sexualbefriedigung kom 
men konnte. 



Vor WeihnadiUn 1932 ersdieint: 

DER ZUSAMMENBRUCH 
BAUDELAIRES 

In Leinen ca. M. 6.- 

Eln Budi, das bisherige Meinungen von Grund aus um- 
stößt und sidi Zug um Zug an die erste Stelle vorarbeitet. 

„Idi kann die Lektüre den Verehrern Baudelaires, die nadi- 
gerade unzählbar geworden sind, nidit warm genug empfehlen. 
(Leon Daudet im „Candide") 

Das Werk sdieint uns einen Markstein, sowohl in der 
Gesdildite der Psydioanalyse wie in der französisdien 
Literaturgesdiidite zu bedeuten. (Jean Audard in „Les Cabiers 
du Sud") 



K 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wi 



en.