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Full text of "Little Brother By Doctorow (Deutsch)"

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Cory Doctorow 



Little Brother 



Deutsch von Christian Wohrl 



Das englische Original dieses Textes finden Sie unter http://craphound.com/littlebrother 



Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe 
unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenzvertrag lizenziert. Urn die Lizenz anzusehen, gehen Sie 
bitte zu http://creativecommons.0rg/licenses/by-nc-sa/3.O/de/ oder schicken Sie einen Brief an 

Creative Commons, 171 Second Street, Suite 300, San Francisco, California 94105, USA. 

Titelfotos und -gestaltung: Christian Wohrl 

Dieses Dokument: lbdt_vl.pdf Version 1.2 vom 21. November 2008 



Kapitel 1 



Dieses Kapitel ist BakkaPhoenix Books in Toronto, Kanada gewidmet. Bakka ist die alteste Science-Fiction-Buchhandlung 
der Welt, und ihretwegen wurde ich der Mutant, der ich heute bin. Mit ungefahr 10 Jahren schaute ich dort erstmals rein 
und fragte nach ein paar Empfehlungen. Tanya Huff (genau, die Tanya Huff, sie war damals allerdings noch keine beruhmte 
Autorin) fuhrte mich in die Second-Hand-Abteilung, druckte mir H. Beam Pipers „Little Fuzzy" in die Hand und veranderte so 
mein ganzes Leben. Mit 18 arbeitete ich bei Bakka - als Nachfolger von Tanya, die dort aufgehort hatte, urn ausschliefilich 
zu schreiben -, und habe da bleibende Erfahrungen gemacht, wie und warum Leute Bucher kaufen. Meines Erachtens 
sollte jeder Autor mal in einer Buchhandlung arbeiten. Und bei Bakka haben im Lauf der Zeit eine Menge Schriftsteller 
gearbeitet: Zum 30-jahrigen Bestehen erschien eine Anthologie mit Geschichten von Bakka-Autoren, darunter Michelle 
Sagara (bekannt als Michelle West), Tanya Huff, Nalo Hopkinson, Tara Tallan - und ich! 

BakkaPhoenix Books: http://www.bakkaphoenixbooks.com/ 697 Queen Street West, Toronto ON Canada M6J1E6, +1 416 
963 9993 



Ich bin ein Schiiler an Cesar Chavez High in San Franciscos sonnigem Mission-Viertel, und damit 
bin ich einer der meistiiberwachten Menschen der Welt. Mein Name ist Marcus Yallow, aber als 
diese Geschichte begann, kannte man mich als wln5t0n. Gesprochen „Winston". 

Nicht gesprochen „Wee eins enn funf tee null enn" - es sei denn, man ist son planloser Schulleiter, 
der ruckstandig genug ist, das Internet immer noch „Datenautobahn" zu nennen. 

So einen kenn ich, und der heiftt Fred Benson - einer von drei Stellvertretenden Direktoren an Cesar 
Chavez. Der Typ ist so sympathisch wie ein Loch in der Brust. Aber wenn schon im Knast, dann doch 
lieber mit planlosen Wartern als mit solchen, dies drauf haben, oder? 

„Marcus Yallow," sagte er an diesem Freitagmorgen iiber Lautsprecher. Die Anlage taugt sowieso 
nicht viel, und dazu noch Bensons iibliches Murmeln, dabei kommt was raus, das nicht so sehr nach 
Schuldurchsage klingt als vielmehr nach jemandem, der sich abmuht, einen schlechten Burrito zu 
verdauen. Aber Menschen sind gut drin, aus Audiokuddelmuddel ihre eigenen Namen rauszuhoren - 
verschafft dir Uberlebensvorteile. 

Ich schnappte mir meine Tasche, klappte den Laptop drei Viertel zu - wollte die Downloads nicht 
abbrechen - und bereitete mich auf das Unvermeidliche vor. 

„Melden Sie sich unverziiglich im Biiro der Schulleitung." Meine Gesellschaftskunde-Lehrerin Ms. 
Galvez verdrehte die Augen, und ich gab den Blick zuriick. Der Typ hatte es immer auf mich 
abgesehen; nur weil ich durch die Schul-Firewall durchkomme wie durch nasse Tempos, die 
Schritterkennungs-Software austrickse und die Schnuffelsensoren zerlege, mit denen sie uns tracken. 
Egal, Galvez ist ne Gute, die dreht mir aus so was keinen Strick (zumal ich ihr mit ihrer Webmail 
helfe, damit sie mit ihrem im Irak stationierten Bruder reden kann). 

Mein Rumpel Darryl gab mir nen Klaps hintendrauf, als ich an ihm vorbeikam. Den kenn ich schon, 
seit wir Windelkinder waren und die Vorschule schwanzten, und ich bring ihn standig in die 
Bredouille, aber ich hau ihn auch immer wieder raus. Ich reckte die Arme hoch wie ein Preisboxer, 
lieE Gesellschaftskunde Gesellschaftskunde sein und machte mich auf den BiiEerweg ins Biiro. 

Auf halbem Weg meldete sich mein Handy. Auch son No-no - die Dinger sind an Chavez High muy 
prohibido -, aber was sollte mich das storen? Ich verschwand im Klo und schloss mich in der 
mittleren Kabine ein (die ganz hinten ist immer am ekligsten, weil so viele dahin gehen und denken, 
dass es da nicht so stinkig und siffig ist. Wer klug ist, geht in die Mitte, da ist es am saubersten). Ich 
hatte eine E-Mail auf dem Handy - weitergeleitet vom PC daheim. Es gab da wohl Neuigkeiten bei 
„Harajuku Fun Madness", dem besten Spiel aller Zeiten. 

Ich grinste. Freitags in der Schule zu sein war sowieso atzend, und ich war dankbar fur die Ausrede, 
hier wegzukommen. 

Ich trottete weiter zu Bensons Biiro und winkte ihm beim Eintreten zu. 

„Na, wenn das mal nicht Wee eins enn funf tee null enn ist", sagte er. Frederick Benson 
(Sozialversicherungsnummer 545-03-2343, geboren 15. August 1962, Madchenname der Mutter Di 



Bona, Heimatort Petaluma) ist ne ganze Ecke groEer als ich. Ich bin bloE mickrige 1,73, er dagegen 
gut zwei Meter; und seine Basketball-Zeit am College liegt so lang zuriick, dass seine 
Brustmuskulatur inzwischen zu Hangetitten degeneriert ist, die in seinen Billigheimer-Polo-Shirts 
scheuElich gut sichtbar sind. Er sieht standig so aus, als wolle er dich mit dem Arsch zuerst dunken, 
und er steht total drauf, seine Stimme zu heben, um auf Dramatik zu machen. Nutzt sich beides aber 
ab, wenn mans standig wiederholt. 

„N6, tschuldigung", entgegnete ich. „Hab von Ihrer R2D2-Figur da noch nie was gehort." „Wln5t0n" 
buchstabierte er noch mal. Dann musterte er mich scharf und erwartete, dass ich klein beigabe. Klar 
war das mein Nick, seit Jahren schon. Unter der Identitat postete ich in Foren, in denen es um 
angewandte Sicherheitsforschung ging. Na ja, halt so Zeug wie heimlich aus der Schule verschwinden 
und die Signalverfolgung im Handy deaktivieren. Aber er wusste nicht, dass das mein Nick war. Das 
wussten nur ne Handvoll Leute, und zu denen hatte ich vollstes Vertrauen. 

„Ahm, da klingelt nix", antwortete ich. Unter dem Pseudo hatte ich ne Menge cooles Zeug gemacht - 
auf die Sache mit den Schnuffeletiketten-Killern war ich verdammt stolz -, und wenn er da eine 
Verbindung herstellen konnte, ware ich geliefert. Niemand an der Schule nannte mich wln5t0n oder 
auch bloE Winston, nicht mal meine Kumpels. Ich hieE hier Marcus, sonst nichts. 

Benson lieE sich hinterm Schreibtisch nieder und pochte mit seinem Abschluss-Ring nervos auf dem 
Loschpapier rum. Machte er immer, wenn die Dinge nicht so gut fur ihn liefen. Pokerspieler nennen 
das einen „Tell" - einen Anhaltspunkt dafiir, was im Kopf des Gegeniibers vorgeht. Ich kannte 
Bensons samtliche Tells rauf und runter. 

„Marcus, du begreifst hoffentlich, wie ernst die Sache ist." 

„Selbstverstandlich, sobald Sie mir erklaren, worum es geht, Sir." Ich sag zu Autoritats-Typen immer 
„Sir", wenn ich sie verarschen will - das ist mein Tell. 

Er schiittelte den Kopf iiber mich und senkte den Blick - noch ein Tell. Jeden Moment wiirde er 
anfangen mich anzubriillen. „H6r mal, Kleiner! Wird Zeit, dass du begreifst, dass wir wissen, was du 
getan hast, und dass wir nicht gedenken, da ein Auge zuzudriicken. Du wirst von Gliick reden konnen, 
wenn ich dich nicht von der Schule werfe, bevor wir mit unserer Unterhaltung fertig sind. Du willst 
doch noch einen Abschluss?" 

„Mr. Benson, Sie haben immer noch nicht erklart, was das Problem ist ..." 

Er schlug mit der Hand auf den Tisch und zeigte dann mit dem Finger auf mich. „Das Problem, Mr. 
Yallow, besteht darin, dass Sie an einer kriminellen Verschworung beteiligt sind mit dem Ziel, die 
Sicherheitssysteme dieser Schule zu unterwandern, und dass Sie Ihre Mitschiiler mit entsprechenden 
GegenmaEnahmen versorgt haben. Wie Sie wissen, haben wir Graciella Uriarte vergangene Woche 
der Schule verwiesen, da sie eines Ihrer Gerate in Verwendung hatte." 

Uriarte hatte es vergeigt - hatte in einem Headshop bei der BART^Station 16. StraEe nen Storsender 
gekauft, und das Ding hatte im Schulflur Alarm ausgelost. Hatte ich nix mit zu tun, aber leid tat sie 
mir schon. 

„Und Sie denken, dass ich da mit drin stecke?" 

„Wir haben zuverlassige Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass Sie wln5t0n sind" - er 
buchstabierte es wieder, und ich fragte mich allmahlich, ob er wohl begriffen hatte, dass die 1 ein i 
und die 5 ein s war. „Wir wissen, dass dieser Mensch namens wln5t0n verantwortlich fur den 
Diebstahl der standardisierten Priifungen im letzten Jahr war." Das allerdings war ich nicht gewesen; 
war aber ein gelungener Hack damals, und irgendwie schmeichelhaft, dass ers mir zuschrieb. „Das 
bringt gut und gern ein paar Jahre Gefangnis, sofern Sie sich nicht kooperativ zeigen." 

„Sie haben , zuverlassige Erkenntnisse'? Ob ich die wohl mal sehen konnte?" 

Er fixierte mich scharf. „Mit der Haltung kommen Sie hier nicht weit." 



1 Bay-Area-Schnellbahn, Adtj 



„Nun, Sir, wenn es Beweise gibt, dann sollten Sie wohl die Polizei einschalten und denen die Sache 
iibergeben. Klingt ganz so, als sei das was Ernstes, und ich ware der Letzte, der einer intensiven 
Untersuchung durch die zustandigen Stellen im Wege stehen wollte." 

„Sie mochten also, dass ich die Polizei rufe?" 

„Und meine Eltern; das ware wohl das Beste." 

Ubern Schreibtisch hinweg blickten wir einander an. Er hatte offensichtlich erwartet, dass ich 
einknicken wiirde, sobald er die Bombe platzen lieE. Ich knicke aber nie ein. Ich kenn einen Trick, mit 
dem man Leute wie Benson in Grand und Boden starrt. Ich gucke einen Hauch links an ihnen vorbei 
und denk an die Texte alter irischer Folksongs - die Sorte mit 300 Zeilen und so. Auf die Art seh ich 
aus wie vollig entspannt und im Lot. 

„ Und der Fliigel am Vogel und der Vogel auf dem Ei und das Ei im Nest und das Nest auf dem Blatt 
und das Blatt am Zweig und der Zweig am Ast und der Ast am Stamm und der Stamm am Baum und 
der Baum im Moor - das Moor unten im Tal, oh! Heio, das rauschende Moor, der Baum drunten im 
Moor, oh!" 

„Sie konnen in Ihre Klasse zuriickgehen", sagte er. „Ich rufe Sie wieder, sobald die Polizei bereit ist, 
mit Ihnen zu sprechen." 

„Rufen Sie sie jetzt sofort an?" 

„Es ist ein aufwendiges Verfahren, die Polizei einzuschalten. Ich hatte gehofft, wir konnten das kurz 
und schmerzlos unter uns klaren, aber da Sie darauf bestehen ..." 

„Oh, es macht mir nichts aus, hier zu warten, wahrend Sie die Polizei rufen". 

Er klopfte wieder mit seinem Ring, und ich machte mich auf den Ausbruch gefasst. 

„Raus!", brullte er. „Verdammt noch mal raus aus meinem Biiro, Sie kl einer Drecks-" Ich empfahl 
mich, ohne ne Miene zu verziehen. Er wiirde die Bullen nicht anrufen. Hatte er genug Beweise 
gehabt, um damit zur Polizei zu gehen, dann hatte ers gleich gemacht. Er konnte mich urns Verrecken 
nicht ausstehen. Vermutlich hatte er ein bisschen was an unbestatigten Geriichten aufgeschnappt und 
gehofft, er konne mir ein Gestandnis abtricksen. 

Ich schlenderte munter den Gang ranter, wobei ich fur die Schritterkennungs-Kameras auf 
gleichmaEigen Gang achtete. Die waren im vorigen Jahr installiert worden, und ich liebte sie, weil sie 
so offensichtlich bescheuert waren. Fruher war fast jeder offentliche Winkel der Schule von 
Gesichtserkennungs-Kameras abgedeckt, aber die hatte ein Gericht als verfassungswidrig eingestuft. 
Also hatten Benson und ein paar andere paranoide Schulobere unser Bucher-Budget fur diese 
schwachsinnigen Kameras verbraten, die angeblich den Gang zweier Leute voneinander 
unterscheiden konnten. Na klar. 

Ich ging zuriick in die Klasse und setzte mich hin; Ms. Galvez begriiEte mich freundlich. Dann packte 
ich das primare Arbeitsgerat unserer Schule wieder aus und wahlte den Klassenzimmer-Modus. Die 
SchulBooks waren die verraterischsten Gerate von alien - zeichneten j ede Eingabe auf, kontrollierten 
den Netzwerkverkehr auf verdachtige Eingaben, zahlten alle Klicks, zeichneten j eden fluchtigen 
Gedanken auf, den du iibers Netz verbreitetest. Wir hatten sie in meinem ersten Jahr hier bekommen, 
und es hatte bloE ein paar Monate gedauert, bis der Reiz dieser Dinger verflogen war. Sobald die 
Leute merkten, dass diese „kostenlosen" Laptops in Wirklichkeit fur die da oben arbeiteten (und im 
Ubrigen mit massenhaft nerviger Werbung verseucht waren), fiihlten die Kisten sich plotzlich sehr, 
sehr schwer an. 

Mein SchulBook zu cracken war simpel gewesen. Der Crack war binnen eines Monats nach 
Einfuhrung der Maschine online zu finden, und es war eine billige Nummer -bloE ein DVD-Image 
runterladen, brennen, ins SchulBook stecken und die Kiste hochfahren, wahrend man ein paar Tasten 
gleichzeitig gedriickt hielt. Die DVD erledigte den Rest und installierte etliche versteckte Programme 
auf dem Laptop, die von den taglichen Fernprufungs-Routinen der Schulleitung nicht gefunden 



werden konnten. Man musste bloE hin und wieder ein Update aufspielen, um auch die neuesten 
Testverfahren der Direktion zu umgehen; aber das war ein bescheidener Preis dafiir, ein bisschen 
Kontrolle iiber die Kiste zu bekommen. 

Ich startete IMParanoid, den geheimen Instant Messenger, den ich immer benutzte, wenn ich mitten 
im Unterricht eine Diskussion nebenher starten wollte. Darryl war schon eingeloggt. 

> Im Spiel gehts abl Irgendein groSes Ding lauft bei Harajuku Fun Madness, Alter. Biste dabei? 

> Ver! Giss! Es! Wenn die mich zum dritten Mai beim Schwanzen erwischen, flieg ich. Ey, weiBt du 
doch. Nach der Schule, OK? 

> Du hast noch Mittagessen und Studienzeit, oder? Machtzwo Stunden. Genug Zeit, den Hinweis zu 
knacken, und wir sindzuruck, bevor unsjemand vermisst. Ich mach das ganze Team klar. 

Harajuku Fun Madness ist das beste Spiel aller Zeiten. Ja, hatten wir schon, aber das kann man ruhig 
zweimal sagen. Es ist ein ARG, ein „Alternate Reality Game", und es dreht sich darum, dass ein paar 
japanische Mode-Kids einen wundersam heilenden Edelstein im Tempel von Harajuku entdeckt haben 

- das ist da, wo coole japanische Teens quasi jede nennenswerte Subkultur der letzten zehn Jahre 
erfunden haben. Die werden gejagt von bosen Monchen, der Yakuza (der Japsen-Mafia), Aliens, 
Steuerfahndern, Eltern und einer schurkischen kiinstlichen Intelligenz. Und sie geben den Mitspielern 
codierte Hinweise, die wir entschliisseln miissen, um neue Hinweise zu finden, die uns zu neuen 
codierten Nachrichten fiihren und so weiter. 

Stell dir den besten Nachmittag vor, den du in einer Stadt verbracht hast - du strolchst durch die 
StraEen und checkst all die merkwiirdigen Leute, komischen Flugblatter, die Spinner auf der StraEe 
und die schicken Laden. Und dazu noch eine Schnitzeljagd, bei der du dich mit irren alten Filmen und 
Songs und Jugendkulturen von friiher und heute und iiberall auf der Welt beschaftigen musst. 
AuEerdem ist es ein Wettbewerb, bei dem das beste Viererteam satte zehn Tage nach Tokio reisen darf 

- auf der Harajuku-Briicke chill en, im Geek-Mekka Akihabara stobern, Astro-Boy-Gimmicks 
einsammeln, so viel du essen kannst (na ja, auEer dass er in Japan „Atom Boy" heiEt) ... 

Das ist Harajuku Fun Madness, und wenn du erst mal ein, zwei Ratsel gelost hast, fuhrt kein Weg 
mehr zuriick. 

> Nein, Mann, nein. NEIN. Frag erst gar nicht. 

> Ich brauch dich, D. Ich hab keinen Besseren als dich. Ich schwors, ich bring uns unbemerkt raus 
und wieder rein. Kann ich. WeiBt du doch. 

> Ich weiB, dass dus kannst. 

> Also bist du dabei ? 

> ScheiBe, nein. 

> Komm schon, Darryl. Du wirst dir schon nicht auf dem Sterbebett wunschen, mehr Zeit in der 
Schule verbracht zu haben. 

> Ich werd mir dann aber auch nicht wunschen, mehr Zeit mitARGs verbracht zu haben. 

> Aber vielleicht wirst du dir wunschen, mehr Zeit mit Vanessa Pak verbracht zu haben? 

Van war ein Mitglied meines Teams. Sie besuchte eine private Madchenschule in der East Bay, aber 
ich wusste, sie wiirde schwanzen, um die Mission mit mir zu erledigen. Und Darryl war nun schon 
seit Jahren in sie verknallt, schon bevor die Pubertat begonnen hatte, sie mit verschwenderischen 
Reizen zu bedenken. Darryl hatte sich in ihren Verstand verliebt. Echt traurig das. 

> Du Arsch. 

> Du bist dabei? 



Er guckte zu mir ruber und schiittelte den Kopf. Dann nickte er. Ich blinzelte ihm zu und ging daran, 
den Rest des Teams zusammenzutrommeln. 



ARG war nicht immer mein Ding. Ich hab ein finsteres Geheimnis: Ich war mal ein LARPer. LARPs 
sind Live-Action-Rollenspiele, und es ist genau so, wie es sich anhort: In Kostumen rumrennen, in 
lustigen Dialekten reden und so tun, als sei man ein Topspion, ein Vampir oder ein mittelalterlicher 
Ritter. Das ist so wie Fahnen erobern mit Monsterkutten, bisschen Drama Club dabei, und am besten 
waren die Spiele, die wir in Pfadfinderlagern drauEen in Sonoma oder auf der Peninsula spielten. 
Diese Drei-Tage-Events wurden manchmal echt haarig, wenn man den ganzen Tag wandern musste, 
ewig lang mit Schaumstoff- und Bambusschwertern kampfte, Leute verhexte, indem man sie mit 
Bohnensacken bewarf und „Feuerball!" brullte, all son Zeug. Total lustig; okay, auch albern. Aber 
nicht annahernd so ein Geek-Kram wie driiber zu reden, was dein Elb als nachstes tun wird, wahrend 
man mit Diet Coke und bemalten Miniaturen bewaffnet um einen Tisch rumsitzt; und viel mehr 
physische Action als beim Mausschubsen bei einem Massive Multiplayer Game daheim. 

Zum Verhangnis wurden mir die Minispiele in Hotels. Wann immer eine Science-Fiction-Convention 
in der Stadt war, iiberredete jemand die Leute, uns bei dem Event eine Reihe von Sechs-Stunden- 
Minispielen zu erlauben, so dass wir uns in deren gemietete Raumlichkeiten einklinken konnten. Gab 
der Convention ein bisschen Extra-Farbe, wenn da eine Horde enthusiastischer Kiddies in Kostumen 
rumrannten, und wir hatten SpaE mit Leuten, die noch hartere Sozialabweichler waren als wir. 

Das Problem mit Hotels ist, dass da auch ne Menge Leute wohnen, die keine Gamer sind. Nicht bloE 
SciFi-Leute. Normale Leute. Aus Bundesstaaten, die vorne und hinten Vokale haben. Im Urlaub. 

Und manchmal missverstehen solche Leute das Wesen solcher Spiele. 

Belassen wirs dabei, j a? 



Die Schulstunde wiirde in zehn Minuten vorbei sein, ich hatte also nicht viel Zeit fur die 
Vorbereitungen. Erster Tagesordnungspunkt waren die nervigen Schritterkennungs-Kameras. Wie 
gesagt: Ursprunglich waren da mal Gesichtserkennungs-Kameras, aber die waren ja fur 
verfassungswidrig erklart worden. Meines Wissens hat sich noch kein Gerichtshof mit der Frage 
befasst, ob die Gang-Cams tatsachlich legaler sind, und bis dahin hatten wir sie am Hacken. 

„Gang" ist ein schickes Wort fur die Art, wie man lauft. Menschen sind ziemlich gut drin, Gang zu 
erkennen: Wenn du nachstes Mal Camping machst, achte mal auf die Bewegungen des 
Taschenlampenlichts, wenn ein Freund von weit weg auf dich zukommt. Wahrscheinlich kannst du 
ihn bloE anhand der Lichtbewegung erkennen, anhand der typischen Art und Weise, wie das Licht 
rauf- und runterwackelt, was unseren Affenhirnen verklickert „da ist ein Mensch, der auf dich 
zukommt". 

Schritterkennungs-Software fotografiert deine Bewegungen, versucht dich auf den Bildern als 
Silhouette zu isolieren und probiert dann, diese Silhouette mit einer Datenbank abzugleichen, um 
herauszufinden, wer du bist. Ein biometrisches Identifikationssystem also, wie Fingerabdriicke oder 
Iris-Scans, hat aber viel mehr „Kollisionen" als die anderen beiden. Eine biometrische „Kollision" 
bedeutet, dass eine Messung zu mehr als einer Person passt. Deinen Fingerabdruck hast du ganz 
allein, aber dein Gang ist ziemlich gleich wie der von etlichen anderen Leuten. 

Nur „ziemlich", nicht exakt. Dein personlicher Gang, auf den Zentimeter genau erfasst, ist deiner, 
ganz allein deiner. Dumm ist nur, dass du nie auf den Zentimeter genau gleich gehst, weil das davon 
abhangt, wie mude du bist, auf welcher Sorte Untergrund du gehst, ob du deinen Knochel beim 
Basketball geprellt hast und ob du kiirzlich erst neue Schuhe gekauft hast. Also nahert sich das 
System deinem Profil mit sowas wie Fuzzy Logic und guckt nach Leuten, die irgendwie so ahnlich 
gehen wie du. 



Aber es gibt ne Menge Leute, die irgendwie so ahnlich gehen wie du. Und auEerdem ist es simpel, 
eben nicht irgendwie so ahnlich zu gehen wie du selbst - zieh bloE mal einen Schuh aus. Natiirlich 
wirst du dann so laufen wie „du mit nur einem Schuh an" eben immer laufst, und die Kameras werden 
friiher oder spater merken, dass dus trotzdem bist. Deshalb gehe ich meine Angriffe auf die 
Schritterkennung mit einer Zufallskomponente an: Ich kippe ne Handvoll Kiesel in jeden Schuh. 
Billig und wirksam, keine zwei Schritte sehen gleich aus. Und klasse Reflexzonenmassage gibts gratis 
dazu (war nur SpaE. Reflexzonenmassage hat um und bei denselben wissenschaftlichen Wert wie 
Schritterkennung). 

Die Kameras waren anfangs so eingestellt, dass siejedes Mal Alarm schlugen, wenn jemand den 
Campus betrat, den sie nicht kannten. 

Gaaanz schlechte Idee. 

Wir hatten alle zehn Minuten Alarm. Der Brieftrager. Irgendein Elternteil. Die Handwerker, die das 
Basketballfeld reparierten. Sogar bei Schiilern mit neuen Schuhen ging der Alarm los. 

Deshalb versucht das System jetzt bloE noch aufzuzeichnen, wer wann wo ist. Wenn also jemand 
wahrend der Unterrichtszeit das Schulgelande verlasst, wird der Gang daraufhin abgeglichen, ob es 
einer der Schiiler sein konnte. Und wenn ja, wup-wup-wup, geht die Sirene los. 

Chavez High ist von Kieswegen umgeben. Ich hab fur alle Falle immer ein paar Hande voll Steinchen 
in meiner Umhangetasche. Kommentarlos gab ich Darryl ein Dutzend von den kantigen Biestern 
ruber, und wir fiillten beide unsere Schuhe. 

Der Unterricht war nahezu vorbei, als mir klar wurde, dass ich immer noch nicht auf der Website von 
Harajuku Fun Madness nachgeschaut hatte, wo man den nachsten Hinweis finden wurde! Ich war viel 
zu sehr auf die Flucht konzentriert gewesen und hatte mich nicht drum gekummert, wohin wir zu 
fliehen hatten. 

Also griff ich noch mal in die Tasten meines SchulBooks. Der Browser, den wir benutzten, kam 
vorinstalliert. Eine dichtgemachte Spyware-Version des Internet Explorers, Microsofts Crashware- 
Dreck, den kein Mensch unter 40 freiwillig benutzte. 

Ich hatte einen Firefox auf dem USB-Laufwerk in meiner Uhr, aber das reichte nicht - das SchulBook 
lief mit Vista4Schools, einem antiken Betriebssystem, das Schuladministratoren die Illusion geben 
sollte, sie konnten kontrollieren, welche Programme auf den Rechnern ihrer Schiiler laufen. 

Aber Vista4Schools steht sich selbst im Weg. Ne Menge Programme sollen so laufen, dass man sie in 
Vista4Schools nicht ausschalten kann - Keylogger, Zensurprogramme -, und die miissen in einer 
speziellen Betriebsart laufen, damit sie vom System nicht gesehen werden. Du kannst sie nicht 
ausschalten, weil du sie gar nicht im System sehen kannst. 



Jedes Programm, dessen Name mit $SYS$ beginnt, ist furs Betriebssystem unsichtbar. Es taucht 
weder im Explorer noch im Taskmanager auf. Also hatte ich meine Firefox-Kopie $SYS$Firefox 
genannt - und wenn ich es startete, wurde es fur Windows unsichtbar und somit fur die 
Schnuffelprogramme im Netzwerk. 

Der Indie-Browser lief, jetzt brauchte ich nur noch eine Indie-Netzwerkverbindung. Das Schulnetz 
zeichnete j eden Klick rein und raus auf, und das konnte man ja nicht brauchen, wenn man furn 
bisschen auEerschulischen SpaE bei Harajuku Fun Madness vorbeisurfen wollte. 

Die geniale Losung heiEt TOR - The Onion Router. So ein „Zwiebel-Router" ist eine Website, die 
Verbindungsanfragen zu Internetseiten entgegennimmt und zu anderen TORs weiterreicht; das Ganze 
ein paar Mal weiter, bis schlieElich ein TOR die angeforderte Website aufruft und genauso durch die 
verschiedenen Zwiebel-Haute zuriickgibt, bis sie bei dir ankommt. Der Netzwerkverkehr zu den 
Zwiebel-Routern ist verschliisselt, so dass die Schule nicht sehen kann, wohin du eigentlich surfst, 
und die einzelnen Zwiebel-Haute wissen nicht, fur wen sie arbeiten. Bei TOR gibts Millionen von 

8 



Netzwerkknoten: Das Programm wurde vom Forschungsamt der US-Marine entwickelt, urn den 
Navy-Leuten unzensierte Verbindungen in Landern wie Syrien und China zu ermoglichen. Somit ist 
es das perfekte System im Bereich einer durchschnittlichen US-Highschool. 

TOR funktioniert deshalb, weil die Schule eine begrenzte Liste von Schmuddeladressen pflegt, die 
wir nicht ansurfen diirfen, und weil die Adressen der Netzwerkknoten sich standig andern - keine 
Chance fur die Schule, da standig auf dem Laufenden zu bleiben. Firefox und TOR zusammen 
machten mich zum Unsichtbaren, unangreifbar fur Schulbehordenschniiffelei, frei, zur Harajuku-FM- 
Site zu surfen und zu schauen, was abging. 

Da war er, der neue Hinweis. Wie alle Hinweise bei Harajuku Fun Madness hatte auch dieser 
physische, Online- und mentale Komponenten. Der Online-Teil war ein Ratsel, und dafiir musste man 
etliche knifflige Fragen beantworten. Diesmal waren dabei auch Fragen zur Handlung von Dojinshis - 
das sind Comics, die von Fans der japanischen Mangas gezeichnet werden. Dojinshis konnen genauso 
umfangreich sein wie die offiziellen Comics, von denen sie inspiriert sind, aber sie sind viel bizarrer, 
mit verschachtelten Handlungsfaden und manchmal vollig durchgeknallten Liedern und Action. Und 
massig Liebesgeschichten sowieso. Jeder Fan findet es toll, wenn seine Helden sich verknallen. 

Um die Ratsel wurde ich mich spater daheim kummern miissen. Das ging am leichtesten mit dem 
kompletten Team, weil man massenhaft Dojinshi-Files runterladen und nach Antworten auf die 
Ratselfragen durchflohen musste. 

Grade war ich fertig damit, die Hinweise zu sortieren, als die Schulglocke klingelte; unsere Flucht 
konnte beginnen. Unauffallig lieE ich die Kiesel in meine halbhohen Stiefel rieseln - knochelhohe 
australische Blundstones, klasse zum Laufen und Klettern, und durch das Design ohne Schniirsenkel 
schnell aus- und angezogen, was bei den allgegenwartigen Metalldetektoren naturlich praktisch ist. 

Naturiich mussten wir auch die physische Uberwachung austricksen, aber das wird im Grunde mit 
jeder neuen Schniiffeltechnik leichter - all der Alarmkrams vermittelt unserer geliebten Schulleitung 
ein trugerisches Gefuhl von Sicherheit. Wir lieEen uns mit all den anderen die Flure hinuntertreiben 
und steuerten meinen Lieblings-Hinterausgang an. Auf halber Strecke fliisterte Darryl: „Verdammt, 
hab vergessen, dass ich noch ein Biichereibuch in meiner Tasche hab!" 

„Mach kein ScheiR", entgegnete ich und zerrte ihn ins nachste Klo. Buchereibiicher sind ne miese 
Sache. Bei denen ist immer ein RFID-Chip (ein Sensor zur Identifikation per Funk) in den Einband 
geklebt; damit konnen die Bibliothekare die Biicher ganz einfach auschecken, indem sie sie iiber ein 
Lesegerat Ziehen, und ein Biicherei-Regal kann Bescheid sagen, ob eins der Biicher darin am falschen 
Platz steht. 

Aber es erlaubt der Schule auch, j ederzeit den Aufenthaltsort jedes Buchs zu ermitteln. Auch so ein 
legales Hintertiirchen: Die Gerichte hatten es verboten, uns per RFID zu tracken, aber 
Buchereibiicher durfte man tracken, und ebenso war es erlaubt, mit den Schulaufzeichnungen 
abzugleichen, wer wohl wahrscheinlich grade welches Buch dabeihatte. 

Ich hatte zwar einen kleinen Faraday-Beutel in der Tasche - das sind kleine Umschlage, die mit 
Kupferdraht-Gewebe gefuttert sind, Radiowellen wirksam blocken und RFID-Chips zum Schweigen 
bringen. Aber die Beutel waren dafiir gedacht, Ausweise und Mautstellen-Transponder zu 
neutralisieren, nicht fur ... 

„Eine Einleitungin die Physik?", stohnte ich. Das Buch war dick wie ein Lexikon. 



9 



Kapitel 2 

Dieses Kapitel istAmazon.com gewidmet, dem grodten Internet-Buchhandler der Welt. Amazon ist umwerfend -ein 
„Laden", in dem man praktisch jedes jemals publizierte Buch kaufen kann (nicht zu vergessen: praktisch alles andere auch, 
vom Laptop bis zur Kasereibe); wo Empfehlungen zu einer eigenen Kunstform erhoben worden sind; wo es ausdrucklich 
erlaubt ist, dass Kunden direkt miteinander sprechen; und wo permanent neue, verbesserte Techniken erfunden werden, 
urn Bucher mit Lesern in Kontakt zu bringen. Amazon hat mich stets wie pures Gold behandelt - sein Grunder, Jeff Bezos, 
veroffentlichte sogar eine Leserbesprechung meines ersten Romans -, und ich kaufe dort ein wie bescheuert (meinen 
Listen nach zu urteilen, durchschnittlich einmal alle sechs Tage). Amazon ist mittendrin, die Buchhandlung des 21. 
Jahrhunderts neu zu erfinden, und ich konnte mir kein Team vorstellen, das besser in der Lage ware, die damit 
verbundenen Probleme anzugehen. 

Amazon: http://www.amazon.com/exec/obidos/ASIN/0765319853/downandoutint-20 

Vielleicht studier ich Physik, wenn ich nach Berkeley gehe", sagte Darryl. Sein Vater lehrte an der 
University of California in Berkeley, so dass er dort keine Studiengebiihren wiirde zahlen 
miissen. Und ob er dort hin ginge, das stand in Darryls Haushalt nie zur Debatte. 

„Okay, aber konntest du das nicht auch online lesen?" 

„Mein Dad sagte, ich solle das Buch nehmen. Im Ubrigen hatte ich nicht geplant, heute noch ein 
Verbrechen zu begehen." 

„Schule schwanzen ist kein Verbrechen, sondern ein Vergehen. Das ist was ganz anderes." 

„Was machen wirn jetzt, Marcus?" 

„Hm, verstecken geht nicht, also muss ichs grillen." 

RFIDs zu killen ist ne schwarze Kunst. Kein Handler kann bosartige Kunden brauchen, die in seinem 
Shop rumrennen und hirntote Waren zuriicklassen, denen der unsichtbare Strichcode fehlt. Deshalb 
haben die Hersteller sich geweigert, ein „Kill-Signal" vorzusehen, mit dem man per Funk den RFID 
ausschalten kann. Mit den geeigneten Boxen kann man RFIDs umprogrammieren, aber ich hasse es, 
das mit Buchereibuchern zu tun. Es ist nicht dasselbe wie Seiten rauszureiEen, aber es ist schon iibel, 
weil ein Buch mit umprogrammiertem RFID nicht mehr einsortiert und nicht mehr gefunden werden 
kann. Es wird zu einer Stecknadel im Heuhaufen. 

Also blieb mir nur eine Option: das Ding zu grillen. Im Wortsinn. 30 Sekunden in der Mikrowelle 
kriegen so ziemlich j eden handelsublichen RFID klein. Und weil der Chip dann iiberhaupt nichts 
mehr sagen wiirde, wenn D es in die Bibliothek zuriickbrachte, miissten sie bloE einen neuen 
ausdrucken und mit den Katalogdaten des Buchs codieren; dann wiirde es ganz ordentlich wieder auf 
seinem Regal landen. 

Alles, was wir jetzt brauchten, war eine Mikrowelle. 

„Lass uns noch zwei Minuten warten, dann ist das Lehrerzimmer leer", sagte ich. 

Darryl schnappte sich sein Buch und ging zur Tiir. „Vergiss es einfach. Ich geh zuriick in die Klasse." 

Ich griff ihn am Ellbogen und zog ihn zuriick. „Hey, D, entspann dich. Alles wird gut." 

„Lehrerzimmer, ja? Hast du mir nicht zugehort? Wenn die mich noch einmal schnappen, bin ich weg 
vom Fenster. Begriffen? Die werfen mich raus!" 

„Sie schnappen dich aber nicht", antwortete ich. Wenn es einen Ort gab, an dem um diese Zeit kein 
einziger Lehrer war, dann das Lehrerzimmer. „Wir gehen hintenrum rein." 

Das Lehrerzimmer hatte an einer Seite eine Kiichenzeile mit separatem Eingang fur Lehrer, die nur 
kurz auf einen Becher reinkamen. Die Mikrowelle, die immer nach Popcorn und verschiitteter Suppe 
stank, war auch da drin - oben auf dem Minikiihlschrank. 

Darryl stohnte, und meine Gedanken rasten. 



10 



„H e y> es hat schon wieder geklingelt. Wenn du jetzt ins Studierzimmer gehst, kriegst du ne 
Ermahnung fur Zuspatkommen. Dann doch lieber gar nicht erst auftauchen. Ich krieg uns unbemerkt 
in jeden Raum auf dem Campus rein und wieder raus, D. Hast du doch schon gesehen. Mit mir bist du 
sicher, Alter." 

Er stohnte wieder. Das war einer von Darryls Tells: Wenn er erst mal anfangt zu stohnen, dann ist er 
bereit nachzugeben. 

„Auf gehts", sagte ich, und wir legten los. 

Es ging reibungslos. Vorbei an den Klassenraumen, ruckwartige Treppe nach unten, vordere Treppe 
direkt vorm Lehrerzimmer wieder hoch. Kein Piep war von drinnen zu horen; ich drehte den Tiirgriff 
und zog Darryl nach innen, um die Tiir leise wieder hinter uns zu schlieEen. 

Das Buch passte grade so in die Mikrowelle, die sogar noch unappetitlicher aussah als beim letzten 
Mal, als ich sie brauchte. Ich wickelte das Buch penibel in Papiertiicher, bevor ich es reinsteckte. 
„Mann, Lehrer sind Schweine", zischelte ich. Darryl, bleich und angespannt, erwiderte nichts. 

Der RFID-Chip starb in einem Funkenregen, was ganz entziickend aussah (wenn auch nicht 
annahernd so hiibsch wie der Effekt, wenn man eine tiefgefrorene Traube hochjagt - das muss man 
sehen, um es zu glauben). 

Jetzt also bloE noch anonym weg vom Campus. 

Darryl offnete die Tiir und schob sich nach drauEen, ich direkt hinter ihm. Einen Moment spater stand 
er auf meinen Zehen, seine Ellbogen in meine Brust gerammt, und drangte in die wandschrankgroEe 
Kiiche zuriick, die wir grade verlassen hatten. 

„Zuruck", fliisterte er mit Nachdruck. „Mach schnell, Charles kommt!" 

Charles Walker und ich konnen nicht miteinander. Wir sind im selben Jahrgang und kennen uns 
genauso lange, wie ich Darryl kenne, aber das wars auch schon an Gemeinsamkeiten. Charles war 
immer schon groE fur sein Alter, und seit er Football spielt und Zeug schluckt, ist er noch groEer. Er 
hat sein Temperament nicht unter Kontrolle - in der dritten Klasse ist ihm einer meiner Milchzahne 
zum Opfer gefallen -, und das bringt ihm nur deshalb keine Probleme, weil er einer der eifrigsten 
Spitzel an der Schule ist. 

Ist ne iible Kombi, ein Schlager, der auch schnuffelt - es verschafft ihm enorme Befriedigung, mit 
jeder Kleinigkeit, von der er Wind kriegt, sofort zu den Lehrern zu rennen. Benson liebte Charles. 
Und der lieE gern durchblicken, dass er irgendein Problem mit der Blase hatte - perfekter Vorwand 
fur ihn, in Chavez durch die Flure zu strolchen und zu gucken, wem er als Nachstes ans Bein pinkeln 
konnte. 

Als Charles das letzte Mal was gegen mich in der Hand hatte, hatte das das Ende meiner LARP- 
Aktivitaten bedeutet. Von dem wiirde ich mich nicht noch mal erwischen lassen. 

„Was macht er?" 

„Kommt genau in unsere Richtung", sagte Darryl. Er zitterte. 

„Okay", entgegnete ich. „Zeit fur Notfall-GegenmaEnahmen." Ich holte mein Handy raus. Diese 
Sache hatte ich lange im Voraus geplant - Charles wiirde mich nie wieder drankriegen. Ich mailte 
meinen Server zuhause an, und der legte los. 

Sekunden spater kackte Charles' Handy spektakular ab. Zehntausende von zufalligen Anrufen und 
SMS liefen parallel bei ihm auf, samtliche Warn- und Klingeltone meldeten sich gleichzeitig und dann 
wieder und wieder. Den Angriff hatte ich mithilfe eines Botnetzes bewerkstelligt, was mir einerseits 
ein schlechtes Gewissen bereitete; aber andererseits war es ja im Dienst einer guten Sache. 

In Botnetzen fristen infizierte Rechner ihr untotes Dasein. Wenn du dir einen Wurm oder Virus fangst, 
sendet dein Rechner eine Botschaft an einen Chat-Kanal im IRC, dem Internet Relay Chat. Diese 
Botschaft zeigt dem Botmaster, also dem Typen, der den Wurm freigesetzt hat, dass da Computer 

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sind, die auf seinen Befehl warten. Botnetze sind enorm machtig, da sie aus Tausenden, manchmal 
Hunderttausenden von Rechnern bestehen, die iiber das ganze Internet verteilt sind, meist iiber 
Breitbandleitungen verbunden sind und auf schnelle Heim-PCs zugreifen. Normalerweise tun diese 
Rechner das, was ihre Besitzer wollen, aber wenn der Botmaster sie ruft, kommen sie wie die 
Zombies hervor, um ihm zu dienen. 

Mittlerweile gibts im Internet so viele infizierte Rechner, dass die Mietpreise fur ein, zwei Stunden 
Botnetz-Nutzung total im Keller sind. Die Kisten arbeiten zumeist als billige Spambots und fluten 
deine Mailbox mit Potenzpillen-Reklame oder wieder mit neuen Viren, um auch deine Kiste zu 
infizieren und furs Botnetz zu rekrutieren. 

Ich hatte also grade 10 Sekunden auf dreitausend Rechnern gemietet und jeden einzelnen angewiesen, 
eine SMS oder einen VoIP-Anruf an Charles' Handy abzusetzen; dessen Nummer hatte ich mal 
wahrend einer dieser verhangnisvollen Biirositzungen bei Benson von einem Post-it abgelesen. 

Muss ich erwahnen, dass Charles' Telefon nicht in der Lage war, damit umzugehen? Zuerst lieEen die 
SMS den Geratespeicher iiberlaufen, sodass das Handy nicht mal mehr seine Routinen ausfuhren 
konnte, etwa das Klingeln zu koordinieren und die gefalschten Rufnummern der eingehenden Anrufe 
aufzeichnen. (Wusstet ihr, dass es vollig simpel ist, die Ruckrufnummer einer Anruferkennung zu 
faken? Dafiir gibts ungefahr 50 verschiedene Moglichkeiten - einfach mal „Anrufer-ID falschen" 
googeln ...) 

Charles starrte sein Telefon fassungslos an und hackte auf ihm herum, die wulstigen Augenbrauen 
regelrecht verknotet ob der Anstrengung, dieser Damonen Herr zu werden, die das personlichste 
seiner Gerate in Besitz genommen hatten. Bis hierher war der Plan aufgegangen, aber nun tat er nicht, 
was er sollte - er sollte sich namlich einen ruhigen Winkel suchen, wo er versuchen wiirde, sein 
Handy wieder unter Kontrolle zu bringen. 

Darryl schuttelte mich an der Schulter, und ich zog mein Auge vom Tiirspalt weg. 

„Was macht er?", flusterte Darryl. 

„Ich hab sein Handy geflutet, aber jetzt glotzt ers nur an, statt zu verschwinden." Er wiirde 
Schwierigkeiten haben, das Ding zu rebooten. Wenn der Speicher erst mal komplett voll war, wiirde 
es schon schwer sein, auch nur den Programmcode zu laden, der furs Loschen der Nachrichten 
gebraucht wurde; und bei seinem Handy konnte man auch nicht mehrere Nachrichten auf einmal 
entfernen, also wiirde er Tausende von Nachrichten einzeln loschen miissen. 

Darryl schubste mich weg und schaute selbst durch den Tiirspalt. Kurz darauf begannen seine 
Schultern zu beben. Ich furchtete schon, er hatte ne Panikattacke, aber als er sich umdrehte, sah ich, 
dass er so sehr lachen musste, dass ihm Tranen iiber die Wangen liefen. 

„Galvez hat ihn grade richtig rundgemacht, weil er wahrend des Unterrichts im Flur war und sein 
Handy drauEen hatte - hattst du sehen miissen, wie sie ihn zerfleischt hat. Hat ihr richtig SpaE 
gemacht." 

Darauf gaben wir uns die Hand; dann verschwanden wir zuriick durch den Gang, Treppe runter, 
hinten rum, zur Tiir raus, am Zaun vorbei und der strahlenden Nachmittagssonne iiber Mission 
entgegen. So schon war Valencia Street noch nie gewesen. Ich blickte auf die Uhr und erschrak. 

„Tempo! Der Rest der Truppe erwartet uns in 20 Minuten bei den Cable-Cars!" 



Van sah uns zuerst. Sie hatte sich zu einer Horde koreanischer Touristen gesellt; das ist eine ihrer 
Lieblingstarnungen beim Schuleschwanzen. Seit dieses Schwanzer-Moblog online ist, wimmelt 
unsere Welt von neugierigen Ladeninhabern und Hobbyschnufflern, die es fur ihre Pflicht halten, 
Bildchen von uns zu machen und ins Netz zu stellen, wo sie von Schul-Offiziellen durchsucht werden 
konnen. 



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Sie kam aus der Menge heraus und steuerte auf uns zu. Darryl ist seit ewig hinter Van her, und sie ist 
so suE, so zu tun, als ob sies nicht merkt. Sie umarmte mich und ging dann zu Darryl weiter, um ihm 
ein ziichtiges Kiisschen auf die Wange zu driicken, das ihn bis iiber die Ohren knallrot anlaufen lieE. 

Die beiden gaben ein lustiges Paar ab: Darryl ist ein bisschen stammig, was bei ihm aber gar nicht 
schlecht aussieht, und hat einen rosigen Teint, der dazu neigt, an den Wangen rot zu werden, sobald er 
rennt oder aufgeregt ist. Er hatte schon mit 14 einen Bartwuchs entwickelt, aber glucklicherweise 
nach einer kurzen Zeit, die unter uns „Die Lincoln-Jahre" hieE, mit Rasieren angefangen. Und er ist 
groE. Sehr, sehr groE. BasketballspielergroE. 

Van dagegen ist sogar noch einen halben Kopf kleiner als ich, sie ist mager, und sie tragt ihr glattes 
schwarzes Haar in irrwitzig komplizierten Zopfen, deren Machart sie im Internet raussucht. Sie hat 
hiibsche kupferfarbene Haut und dunkle Augen, und sie steht auf Glasringe groE wie Rettich, die beim 
Tanzen gegeneinanderklirren. 

„Wo ist Jolu?", begriiEte sie uns. 

„Wie gehts dir, Van?", fragte Darryl mit belegter Stimme. In unseren Gesprachen mit Van war er 
immer einen Satz hinterher. 

„Super, D. Und wie gehts deinen Kleinigkeiten?" Oh, sie war ein Miststuck. Darryl fiel fast in 
Ohnmacht. 

Jolu erloste ihn von drohender sozialer Achtung, indem er just in diesem Moment auftauchte: in 
iibergroEer Leder-Baseballjacke, rattenscharfen Turnschuhen und einem Netz-Cap mit Logo unseres 
mexikanischen Lieblings-Wrestlers, dem maskierten El Santo Junior. Jolu ist Jose Luis Torrez, und er 
macht unser Quartett komplett. Er ging auf eine superstrenge katholische Schule in Outer Richmond, 
weshalb es fur ihn nicht grade leicht war wegzukommen. Aber er schaffte es immer: Niemand 
verschwand so wie unser Jolu. Er liebte seine Jacke, weil sie ziemlich weit runterhing (was in 
gewissen Ecken der Stadt ziemlich stylisch war) und sein Katholikenschul-Outfit komplett 
iiberdeckte, denn das war ja wien Fadenkreuz fur Schnuffelspinner, die das Schwanzer-Moblog in 
ihren Handy-Favoriten hatten. 

„Alles abmarschbereit?", fragte ich, sobald wir mit samtlichen Hallos fertig waren. Ich holte mein 
Handy raus und zeigte den anderen die Karte, die ich in der BART runtergeladen hatte. „Soweit ich es 
begriffen habe, miissen wir zum Nikko zuriick, einen Block dahinter Richtung O'Farrell, dann links 
hoch Richtung Van Ness. Da irgendwo miissten wir das Funksignal kriegen." 

Van zog die Stirn kraus. „Das ist eine eklige Ecke vom Tenderloin." Da war nichts dran zu deuteln. 
Dieser Teil von San Francisco ist eins der schrageren Viertel: Geh durch den Vordereingang des 
Hilton, und du hast den ganzen Touristenkram wie den Cable-Car- Wendepunkt und die Familien- 
Restaurants. Geh durch zur anderen Seite, und du kommst im Loin raus - dem Sammelbecken 
samtlicher abgewrackter Transen-Huren, harter Zuhalter, Dealer und durchgeknallter Penner der 
Stadt. Was dort gehandelt wurde, dafiir war keiner von uns alt genug (obwohl sich auch reichlich 
Nutten unseres Alters im Loin anboten). 

„Denk positiv", entgegnete ich. „Da will sich nun wirklich niemand rumtreiben auEer am hellichten 
Tag. Also lassen sich die anderen Spieler fruhestens morgen da blicken. Wir im ARG-Gewerbe 
nennen so was einen Monster- Vorsprung." 

Jolu grinste mich an. „Wenn man dich hort, klingt das richtig gut." „Besser als Uni zu essen allemal", 
sagte ich. 

„Quasseln wir oder gewinnen wir?", mischte sich Van ein. Sie war nach mir definitiv der harteste 
Spieler unserer Gruppe. Gewinnen war etwas, das sie sehr, sehr ernst nahm. 

Wir machten uns auf den Weg, vier gute Freunde, einen Hinweis zu decodieren, das Spiel zu 
gewinnen - und fur immer alles zu verlieren, was uns jemals wichtig war. 



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Die physische Komponente des heutigen Hinweises war ein Satz von GPS-Koordinaten - je einer fur 
alle wichtigen Stadte, in denen Harajuku Fun Madness gespielt wurde -, der anzeigte, wo wir das 
Signal eines Funknetz-Knotenpunkts finden wiirden. Dieses wurde von dem Signal eines anderen, in 
der Nahe versteckten WLAN-Zugangs gezielt iiberlagert, so dass man das eigentliche Signal nicht mit 
konventionellen WLAN-Findern erkennen konnte (das sind kleine Schlusselanhanger, die dir 
anzeigen, ob du in Reichweite eines Funknetzes bist, das du gratis mitbenutzen kannst). 

Die Aufgabe war, den versteckten WLAN-Zugang zu lokalisieren; dazu wiirden wir die Starke des 
sichtbaren Signals analysieren und denjenigen Punkt finden miissen, an dem das Funknetz ohne 
offensichtlichen Grund am schwachsten war. Dort wiirden wir einen weiteren Hinweis finden - beim 
letzten Mai war dieser im Tages-Special auf der Speisekarte des Anzu verborgen, dem todschicken 
Sushi-Restaurant im Nikko-Hotel im Tenderloin. Das Nikko gehorte zu Japan Airlines, einem der 
Sponsoren von Harajuku Fun Madness, und die Leute da hatten ein Mords-Tamtam veranstaltet, als 
wir den Hinweis endlich gefunden hatten: Sie servierten uns Schiisseln mit Miso-Suppe und brachten 
uns sogar dazu, Uni zu probieren - das ist Seeigel-Sushi mit der Konsistenz von sehr weichem Kase 
und dem Aroma von sehr weicher Hundekacke. Aber es war sehr lecker. Behauptete zumindest 
Darryl. Ich hatte den Kram nicht probiert. 

Der WLAN-Finder meines Handys schnappte das Signal drei Blocke O'Farrell hoch auf, kurz vor 
Hyde Street, vor einem dubiosen „Asiatischen Massagesalon" mit blinkendem rotem „Geschlossen"- 
Schild im Fenster. Die Netzwerkkennung war HarajukuFM, wir wussten also, wir waren richtig. 

„Wenns da drin ist, geh ich nicht rein", sagte Darryl. 

„Alle WLAN-Finder bereit?", fragte ich. 

Darryl und Van hatten Handys mit eingebauten Findern, nur Jolu, der kein Telefon benutzen wurde, 
das groEer war als sein kleiner Finger, hatte ein gesondertes kleines Ortungsgerat. 

„OK, ausschwarmen und schauen, was wir finden. Ihr miisst auf einen plotzlichen Signalabfall 
achten, der starker wird, je mehr man sich in seine Richtung bewegt." 

Ich trat einen Schritt zuriick und stand plotzlich jemandem auf den Zehen. Eine Frauenstimme sagte 
„autsch", und ich wirbelte herum aus Angst, gleich wurde mich eine Nutte abstechen, weil ich ihr die 
Absatze ruiniert hatte. 

Stattdessen blickte ich einem Kind meines Alters ins Gesicht. Sie hatte strahlend pinkfarbenes Haar 
und eine riesige Pilotenbrille im kantigen Nagetiergesicht. Unter einem schwarzen Omakleid, 
geschmiickt mit Bergen von japanischen Buttons mit Anime-Figuren, Fiihrern der Alten Welt und 
auslandischen Limo-Logos, trug sie gestreifte Strumpfe. 

Sie ziickte eine Kamera und machte ein Bild von mir und meinem Team. 

„Cheese", sagte sie. „Hier ist die versteckte Spitzel-Kamera!" 

„Ne", sagte ich. „Du wirst doch nicht ..." 

„Und ob ich werde", entgegnete sie. „Ich Schick dieses Foto in dreiEig Sekunden ans Schwanzerblog, 
wenn ihr vier nicht von hier verschwindet und meinen Freundinnen und mir den Hinweis iiberlasst. In 
einer Stunde konnt ihr wiederkommen und damit machen, was ihr wollt. Das ware wohl mehr als 
fair." 

Hinter ihr sah ich noch drei Madchen in ahnlicher Aufmachung - eins mit blauen Haaren, eins mit 
griinen und eins mit violetten. „Wer seid ihr eigentlich, das Eis-am-Stiel-Quartett?" 

„Wir sind das Team, das euer Team bei Harajuku Fun Madness am Arsch kriegt", sagte sie. „Und ich 
bin die, die genau jetzt euer Foto hochladt und euch so richtig in die ScheiEe ..." 

Hinter mir spiirte ich Van nach vorn drangen. Ihre Madchenschule war fur ihre Priigeleien beriichtigt, 
und mir war klar, dass sie dieser Puppe ordentlich eine reinsemmeln wurde. 

Dann anderte sich die Welt fur immer. 

14 



Zuerst spiirten wirs bloE, dieses fiese Schwabbeln des Zements unter den FiiEen, das jeder Kalifornier 
instinktiv erkennt - „Erdbeben". Mein erster Impuls war wegzulaufen, wie iiblich: „Bist du angstlich 
und allein, hilft nur rennen oder schrei'n." Aber hier waren wir ja schon am denkbar sichersten Platz: 
weder in einem Gebaude, das iiber uns zusammenstiirzen konnte, noch in der Mitte der StraEe, wo uns 
herabfallende Dach-Teile das Hirn zermatschen konnten. 

Erdbeben sind beangstigend gerauschlos - zumindest am Anfang -, aber das hier war nicht 
gerauschlos. Das hier war laut - ein unglaubliches Briillen, lauter als alles, was ich jemals zuvor 
gehort hatte. Der Larm war so bestialisch, dass ich in die Knie ging, und ich war beileibe nicht der 
Einzige. Darryl zerrte mich am Arm und wies iiber die Gebaude hinweg, und da sahen wir sie: eine 
gewaltige schwarze Wolke, die sich aus Nordwesten iiber die Bay erhob. 

Dann noch ein Grollen, und die Rauchwolke dehnte sich aus, diese expandierende schwarze Form, die 
wir alle aus den Kinofilmen unserer Jugend kannten. Irgendjemand hatte etwas in die Luft gejagt, 
und zwar ganz gewaltig. 

Noch mehr Grollen, noch mehr Beben. Die StraEe rauf und runter erschienen Kopfe an Fenstern. Wir 
starrten schweigend die pilzformige Wolke an. 

Dann gingen die Sirenen los. 

Sirenen wie diese hatte ich zwar schon mal gehort - sie testen die Zivilschutz-Sirenen immer 
dienstagmittags. Aber dass sie auEerplanmaEig losgingen, das kannte ich nur aus alten Kriegsfilmen 
und Videospielen, diese Sorte, wo irgendwer irgendwen aus der Luft bombardiert. Luftalarm-Sirenen. 
Das wouuuuuuu-Jaulen machte das Ganze irgendwie unwirklich. 

„Suchen Sie sofort die Notunterkunfte auf." Es war wie die Stimme Gottes, sie kam aus alien 
Richtungen zugleich. Auf einigen der Strommasten waren Lautsprecher angebracht, was mir noch nie 
aufgefallen war; und die waren alle auf einmal angegangen. 

„Suchen Sie sofort die Notunterkunfte auf." Notunterkunfte? Wir starrten uns fragend an. Welche 
Notunterkunfte? Die Wolke wuchs immer noch und dehnte sich aus. War es eine Atombombe? Waren 
das jetzt unsere letzten Atemziige? 

Das Madchen mit den rosa Haaren schnappte ihre Freundinnen, und sie rasten wie bekloppt den Hang 
runter, zur BART-Station am FuE der Hiigel. 

„SUCHEN SIE SOFORT DIE NOTUNTERKUNFTE AUF." Inzwischen war das Geschrei 
losgegangen, und alles rannte wild durcheinander. Touristen - die erkennt man immer daran, dass sie 
glauben, in Kalifornien sei es warm, und in San Francisco in Shorts und T-Shirts frieren - stoben in 
alle Himmelsrichtungen auseinander. 

„Wir miissen weg!", briillte Darryl mir ins Ohr, kaum zu verstehen iiber dem Sirenengeheul, das 
mittlerweile durch normale Polizeisirenen verstarkt wurde. Ein Dutzend SFPD-Streifenwagen raste an 
uns vorbei. 

„SUCHEN SIE SOFORT DIE NOTUNTERKUNFTE AUF." „Runter zur BART-Station", briillte ich. 
Meine Freunde nickten. Wir schlossen die Reihen und machten uns ziigig auf den Weg bergab. 



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Kapitel 3 

Dieses Kapitel ist Borderlands Books gewidmet, San Franciscos groflartiger unabhangiger Science-Fiction-Buchhandlung. 
Borderlands liegt ziemlich genau gegenuber der fiktiven Cesar Chavez Highschool, die in „Kleiner Bruder" beschrieben ist, 
und ihren Ruf hat sie nicht nur wegen fantastischer Events, Signierstunden, Buchclubs und derlei, sondern auch wegen der 
erstaunlichen haarlosen agyptischen Katze namens Ripley, die sich wie ein schnurrender Drache auf dem Computer vorn 
im Laden zu rakeln pflegt. Borderlands ist die wohl freundiichste Buchhandlung, die man sich nur wunschen kann, voll mit 
lauter kuschligen Ecken zum Sitzen und Lesen und mit unglaublich kompetenten Angestellten, die alles wissen, was es 
uber Science Fiction zu wissen gibt. Besser noch: Sie nehmen gern telefonisch oder per Internet Bestellungen fur mein 
Buch entgegen, halten es vor, bis ich mal vorbeikomme, urn es zu signieren, und versenden es dann innerhalb der USA 
kostenfrei! 

Borderlands Books: http://www.borderlands-books.com/ 866 Valencia Ave, San Francisco CA USA 94110 +1 888 893 4008 

Auf dem Weg zur Powell Street BART kamen wir auf der StraRe an enorm vielen Leuten vorbei. 
Sie rannten oder gingen, bleich und stumm oder panisch und schreiend. Obdachlose kauerten 
sich in Hauseingange und beobachteten alles, wahrend eine groRe farbige Transen-Hure zwei 
schnurrbartigen jungen Mannern etwas zurief. 

Je naher wir der BART kamen, desto heftiger wurde das Gedrange. Bis wir an der Treppe zur Station 
ranter angekommen waren, hatte es sich zum Mob entwickelt - ein unabsehbares Gewimmel von 
Menschen, die alle zur schmalen Treppe runterdrangten. Mein Gesicht wurde in den Riicken meines 
Vordermanns gepresst, jemand anderes rammte in meinen Riicken. 

Darryl war immer noch neben mir - er war groE genug, um nicht so leicht umgeschubst zu werden -, 
und Jolu folgte ihm oder hing vielmehr an seiner Hiifte. Vanessa sah ich ein paar Meter entfernt, von 
anderen Leuten eingezwangt. 

„Fick dich selbst!", horte ich sie schreien. „Perverser! Nimm die Pfoten weg!" Gegen den Druck der 
Massen drehte ich mich zu Van um und sah, wie sie einen alteren Kerl im feinen Anzug mit Abscheu 
musterte, der sie anzugrinsen schien. Sie kramte in ihrer Tasche, und ich wusste, was sie suchte. 

„Nicht das Tranengas!", brullte ich uber den Larm hinweg. „Du erwischst uns alle mit." 

Als er „Tranengas" horte, sah der Typ plotzlich angstlich aus und versuchte nach hinten zu 
entwischen, wahrend ihn die Menge weiter nach vorn drangte. 

Vor mir sah ich, wie eine Frau mittleren Alters im Hippie-Dress zusammensackte und stiirzte. Sie 
schrie auf, als sie fiel, und ich sah, wie sie sich bemuhte, wieder auf die Beine zu kommen, aber 
vergeblich: Das Drangen der Masse war zu heftig. Als ich mich ihr naherte, biickte ich mich, um ihr 
aufzuhelfen, und wurde fast selbst umgeworfen. Am Ende trat ich ihr in den Unterleib, als die 
Menschenmenge mich an ihr vorbeischob; aber ich glaube, da war sie schon nicht mehr in einem 
Zustand, in dem sie noch irgendwas spurte. 

Ich hatte Angst wie noch niemals zuvor. Uberall war Gebrull, mehr Korper lagen am Boden, und der 
Druck von hinten war so unnachgiebig wie von einem Bulldozer. Nur auf meinen FiiEen bleiben - das 
war alles, worum es jetzt noch ging. 

Wir erreichten die offene Bahnhofshalle mit den Drehkreuzen. Dort war's kaum besser -in dem 
umschlossenen Raum hallten die Stimmen um ums herum wie Echos und machten einen Larm, dass 
mein Schadel brummte; und der Geruch und das Gefuhl all dieser Korper erzeugten in mir eine 
Klaustrophobie, von der ich nie wusste, dass ich anfallig dafiir war. 

Immer noch drangten Leute die Treppen ranter, immer mehr quetschten sich an den Drehkreuzen 
vorbei und uber die Rolltreppen ranter zu den Gleisen, aber mir war klar, dass dort kein Happy-End 
zu erwarten war. 

„Riskieren wirs oben?", fragte ich Darryl. 

„Verdammt noch mal ja", sagte er. „Das hier ist bose." Ich biickte in Richtung Vanessa - keine 
Chance, dass sie mich horen wurde. Irgendwie kramte ich mein Handy raus und simste sie an. 



16 



> Wir verschwinden hier raus 

Ich sah, wie sie den Vibrationsalarm ihres Handys spiirte, draufblickte, dann zu mir schaute und 
nachdriicklich nickte. Darryl hatte inzwischen Jolu gebrieft. 

„Wie wollen wirs machen?", briillte Darryl mir ins Ohr. 

„Ruckwartsgang, irgendwie", schrie ich zuriick und zeigte auf die erbarmungslose Menschenflut. 

„Unmoglich!", sagte er. 

„Je langer wir warten, desto unmoglicher wird's!" 

Er zuckte die Schultern. Van drangte sich zu mir durch und schnappte mein Handgelenk. Ich griff 
Darryl, und der nahm Jolu bei der anderen Hand, und dann drangten wir nach drauEen. 

Leicht wars nicht. Am Anfang schafften wir vielleicht zehn Zentimeter pro Minute, dann auf der 
Treppe wurden wir noch langsamer. Zudem waren die Leute, denen wir begegneten, nicht eben 
glucklich dariiber, dass wir sie aus dem Weg zu drangen versuchten. Einige fluchten, und ein Typ 
hatte mich vermutlich verprugelt, wenn er bloE seine Arme hatte freimachen konnen. Wir mussten 
iiber drei weitere niedergetrampelte Leute klettern, aber ich hatte keine Chance, ihnen zu helfen. Zu 
dem Zeitpunkt dachte ich wohl schon gar nicht mehr dran, irgend jemandem zu helfen. Das Einzige, 
woran ich dachte, war das nachste bisschen nutzbarer Freiraum vor mir, Darryls schmerzhafter Griff 
um mein Handgelenk und mein verzweifeltes Klammern an Van hinter mir. 

Nach einer halben Ewigkeit ploppten wir plotzlich ins Freie wie Champagnerkorken und blinzelten 
ins rauchig-graue Licht. Die Luftalarm-Sirenen plarrten immer noch, und das Jaulen der 
Krankenwagen-Sirenen, die Market Street hinunterrasten, war sogar noch lauter. Fast niemand war 
mehr auf der StraEe, nur noch die Menschen, die vergeblich versuchten, nach unten zu gelangen. 
Viele von ihnen weinten. Ich erblickte ein paar leere Parkbanke, auf denen sich sonst schmuddelige 
Penner breit machten, und deutete darauf. 

Wir liefen drauf zu, gebiickt und mit eingezogenen Schultern durch Sirenenlarm und Qualm. Grade 
als wir bei den Banken ankamen, stiirzte Darryl nach vorn. 

Alle schrien wir auf, und Vanessa griff nach ihm und drehte ihn um. Sein Hemd war an der Seite rot 
gefleckt, und der Fleck breitete sich aus. Sie zog das Hemd hoch, wodurch ein langer, tiefer Schnitt in 
seinem stammigen Leib sichtbar wurde. 

„ScheiEe, irgendjemand in der Menge hat ihn abgestochen", sagte Jolu, die Hande zu Fausten geballt. 
„Himmel, ist das fies." 

Darryl stohnte und blickte erst zu uns, dann an seinem Korper runter, dann stohnte er noch mal, und 
sein Kopf kippte wieder nach hinten. 

Vanessa zog ihre Jeansjacke aus und dann auch noch den Kapuzensweater, den sie drunter trug. Sie 
rollte ihn zusammen und presste ihn Darryl in die Seite. 

„Nimm seinen Kopf", sagte sie zu mir, „halt ihn hoch." Und zu Jolu: „Nimm seine FiiEe hoch; mach 
ne Rolle aus deinem Mantel oder so." 

Jolu reagierte sofort. Vanessas Mutter ist Krankenschwester, und jeden Sommer im Camp hatte sie 
nen Erste-Hilfe-Kurs gehabt. Sie machte sich einen SpaE draus, drauf zu achten, wie Leute in Filmen 
die Erste Hilfe falsch machen. Mann, war ich froh, sie dabei zu haben. 

Wir saEen eine ganze Weile so da und pressten die Kapuzenjacke gegen Darryls Seite. Er sagte 
dauernd, es gehe ihm gut und wir sollten ihn aufstehen lassen, und Van sagte dauernd, er solle den 
Mund halten und liegen bleiben, oder es setze was. 

„Sollen wir nicht mal 911 anrufen?", fragte Jolu. 

Ich kam mir wie der letzte Depp vor. Schnell holte ich mein Handy raus und tippte 911. Was ich zu 
horen bekam, war noch nicht mal ein Besetztzeichen - es klang eher wie das schmerzvolle Wimmern 

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des Telefonnetzes. Solche Sachen hort man nur, wenn drei Millionen Leute alle auf einmal dieselbe 
Nummer wahlen. Wer braucht schon Botnetze, wenn es Terroristen gibt? 

„Wikipedia vielleicht?", schlug Jolu vor. 

„Kein Netz, keine Daten", entgegnete ich. 

„Und die da?", fragte Darryl und zeigte die StraEe entlang. Ich folgte seiner Geste und erwartete einen 
Polizisten oder Sanitater zu sehen, aber da war niemand. 

„Ist alles gut, Rumpel, bleib mal liegen", sagte ich. 

„Nein, du Idiot, die da, die Bullen in den Wagen. Da!" Er hatte Recht. Alle paar Sekunden sauste ein 
Streifenwagen, eine Ambulanz oder ein Feuerwehrwagen vorbei. Die wiirden uns helfen konnen. Ich 
war echt ein Idiot. 

„Also gut", sagte ich, „wir bringen dich irgendwo hin, wo sie dich sehen, und halten einen an." 
Vanessa war skeptisch, aber ich nahm an, an einem Tag wie diesem wiirde kein Bulle stehenbleiben, 
bloE weil ein junger Red auf der StraEe den Hut schwenkte. Aber vielleicht wiirden sie anhalten, 
wenn sie sahen, wie Darryl blutete. Wir zankten uns kurz, was Darryl unterbrach, indem er muhsam 
aufstand und sich Richtung Market Street schleppte. 

Das erste Fahrzeug, das vorbeiraste, ein Notarztwagen, wurde nicht mal langsamer. Der 
Streifenwagen danach auch nicht, auch nicht das Feuerwehrauto und auch nicht die nachsten drei 
Polizeiwagen. Darryl gings nicht gut - er war kreidebleich und keuchte. Vans Sweater war 
blutuberstromt. 

Ich hatte die Faxen dick von Autos, die an mir vorbeirasten. Als das nachste Mal ein Fahrzeug in 
Market Street auftauchte, stellte ich mich mitten auf die StraEe, schwenkte die Arme iiberm Ropf und 
schrie „STOP!" Der Wagen bremste ab, und da erst erkannte ich, dass es weder ein Polizeiwagen noch 
eine Ambulanz oder die Feuerwehr war. 

Es war ein militarisch aussehender Jeep, wie ein gepanzerter Hummer, bloE ohne jegliche 
Militarabzeichen drauf. Die Riste kam unmittelbar vor mir zum Stehen, ich machte einen Satz 
riickwarts, verlor das Gleichgewicht und fand mich auf der StraEe liegend wieder. Ich spiirte, wie 
neben mir Tiiren aufschwangen, dann sah ich ein Durcheinander von Stiefeln in nachster Nahe. Ich 
blickte hoch und starrte auf eine Horde von Typen, die wie Soldaten aussahen, in Overalls steckten, 
riesige, fette Gewehre trugen und deren Gesichter hinter Gasmasken mit getonten Glasern 
verschwanden. 

Ich hatte kaum Zeit, sie iiberhaupt wahrzunehmen, als die Rnarren schon auf mich gerichtet waren. 
Nie zuvor hatte ich in die Miindung eines Gewehrs geblickt, aber alles, was man dariiber hort, ist 
wahr. Du gefrierst an Ort und Stelle, die Zeit bleibt stehen und dein Herz donnert in deinen Ohren. Ich 
offnete meinen Mund, schloss ihn wieder, und dann nahm ich, sehr langsam, meine Hande nach oben. 

Der gesichts- und augenlose Mann iiber mir zielte mit seinem Gewehr genau auf mich. Ich wagte 
nicht zu atmen. Van schrie etwas, und Jolu briillte; ich schaute einen Augenblick lang zu ihnen ruber, 
und im selben Moment stiilpte jemand einen rauen Sack iiber meinen Ropf und zog ihn um die Rehle 
herum dicht - so schnell und rabiat, dass ich kaum eben Luft holen konnte, als er schon um mich rum 
geschlossen war. Dann schubste man mich grob, aber teilnahmslos auf den Bauch, und irgendwas 
wurde zweimal um meine Handgelenke gewickelt und festgezogen - es fiihlte sich an wie Draht und 
schnitt hollisch ein. Ich schrie auf, aber meine Stimme wurde von der Rapuze gedampft. 

Nun war ich von absoluter Dunkelheit umgeben, und ich bemiihte mich, zumindest zu horen, was mit 
meinen Freunden geschah. Durch den gerauschdampfenden Stoff des Sacks konnte ich sie rufen 
horen, dann wurde ich ohne viele Umstande an den Handgelenken emporgerissen - ein stechender 
Schmerz durchzuckte meine Schultern, als die Arme hinterm Riicken hochgebogen wurden. 

Ich stolperte, dann driickte eine Hand meinen Ropf nach unten, und ich war im Hummer drin. Andere 
Rorper wurden grob neben mich geschubst. 

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„Leute", rief ich und kassierte dafiir einen heftigen Hieb auf den Kopf. Ich horte Jolu antworten, dann 
spiirte ich, wie er ebenfalls einen Schlag abbekam. In meinem Kopf pulsierte es wie ein Gong. 

„He", sagte ich zu den Soldaten, „horen Sie zu! Wir sind doch bloE Schiiler. Ich hab Sie anhalten 
wollen, weil mein Freund blutet. Jem and hat ihn mit nem Messer verletzt." Ich hatte keine Ahnung, 
wie viel davon durch den dicken Sack durchdrang. Trotzdem redete ich weiter. „H6ren Sie doch - das 
muss ein Missverstandnis sein. Wir miissen meinen Freund ins Krankenhaus bringen ..." 

Wieder hieb mir jemand was auf den Schadel. Fiihlte sich an wie ein Gummiknuppel - so hart war ich 
noch nie am Kopf getroffen worden. Mir schossen Tranen in die Augen, und vor Schmerz blieb mir 
die Luft weg. Einen Moment spater bekam ich wieder Luft, aber ich sagte nichts mehr. Ich hatte 
meine Lektion gelernt. 

Wer waren diese Clowns? Abzeichen hatten sie keine. Vielleicht waren es Terroristen! Bisher hatte ich 
nicht so recht an Terroristen geglaubt - okay, es gab sie wohl irgendwo auf der Welt, aber fur mich 
waren die keine echte Bedrohung gewesen. Die Welt kannte Abermillionen Moglichkeiten, mich 
umzubringen - angefangen bei einem besoffenen Raser, der mich auf der Valencia uberfahren konnte 
-, die alle sehr viel direkter und wahrscheinlicher waren als Terroristen. Terroristen brachten weniger 
Leute um als Ausrutscher im Badezimmer oder versehentliche Stromschlage. Mir iiber Terroristen 
Sorgen zu machen war mir immer ahnlich sinnvoll vorgekommen, wie Angst vor einem Blitzschlag 
zu haben. 

Doch auf der Riickbank des Hummer, Kapuze iiberm Kopf, Hande hinterm Riicken gefesselt, vor- und 
zurucktaumelnd, wahrend die Beulen am Kopf anschwollen, fiihlte sich Terrorismus plotzlich sehr 
viel gefahrlicher an. 

Der Wagen wippelte und neigte sich bergauf. Nach meiner Schatzung waren wir in Richtung Nob Hill 
unterwegs, und der Neigungswinkel lieE vermuten, dass wir eine der steileren Routen nahmen - 
eventuell Powell Street. 

Jetzt ging es ebenso steil bergab. Wenn meine innere Landkarte mich nicht trog, steuerten wir 
Fisherman's Wharf an. Von dort konnte man auf einem Boot entkommen. Das passte zu der Terror- 
Hypothese. Aber warum zum Teufel sollten Terroristen ein paar Schiiler kidnappen? 

Mit einem Ruck kamen wir an einem Hang zum Halten. Der Motor erstarb, und die Tiiren offneten 
sich. Jemand zerrte mich an den Armen raus auf die StraEe, dann wurde ich stolpernd eine gepflasterte 
StraEe entlanggeschubst. Nach wenigen Sekunden purzelte ich iiber eine eiserne Treppe und schlug 
mir die Schienbeine auf. Die Hande hinter mir schubsten mich erneut. Vorsichtig stieg ich die Stufen 
hoch, unfahig, meine Hande benutzen zu konnen. Auf der dritten Stufe angekommen, tastete ich nach 
der vierten, fand aber keine und fiel fast wieder hin. Doch andere Hande griffen von vorn nach mir, 
zogen mich auf einen stahlernen FuEboden, zwangen mich in die Knie und schlossen meine Hande an 
irgend etwas hinter meinem Riicken an. 

Mehr Bewegung, dann das Gefiihl, wie Korper einer nach dem anderen neben mir angebunden 
wurden. Stohnen, unterdriickte Gerausche. Gelachter. Dann eine lange, zeitlose Ewigkeit in 
gedampftem, trubem Halbdunkel, meinen eigenen Atem atmen, die Gerausche meines eigenen Atems 
im Ohr. 



Irgendwie schaffte ichs sogar, hier zu schlafen, auf Knien, Beine nicht anstandig durchblutet, den 
Kopf im Zwielicht des Sackstoffs. Mein Korper hatte eine Jahresration Adrenalin binnen 30 Minuten 
ausgeschiittet; und der Stoff gibt dir zwar kurzfristig die Kraft, Autos iiber geliebten Menschen 
hochzustemmen oder iiber hohe Gebaude zu springen, aber die Nachwirkungen sind immer biestig. 

Ich erwachte, als jemand die Kapuze von meinem Kopf wegzog. Sie machten es weder grob noch 
vorsichtig, einfach nur ... unpersonlich. Wie jemand bei McDonald's, der einen Hamburger zubereitet. 



19 



Das Licht im Raum war so grell, dass ich die Augen zukneifen musste; aber nach und nach offnete ich 
sie zu Schlitzen, zu Spalten, dann komplett und schaute mich urn. 

Wir alle befanden uns im Auflieger eines LKWs, einem groEen Achtachser. Ich konnte die Radkasten 
in regelmaEigen Abstanden iiber die gesamte Lange erkennen. Der Auflieger war zu einer Art mobiler 
Kommandozentrale mit Gefangnis umfunktioniert. Entlang der Wande standen Stahltische, dariiber 
schicke Flachbildschirme an Schwenkarmen, mit denen die Benutzer die Schirme im Halbkreis um 
sich herum anordnen konnten. Vor jedem Tisch stand ein Wahnsinns-Biirostuhl mit genug Reglern, 
um jeden Millimeter der Sitzflache einzeln zu verstellen, Hohe und Neigung in jeder Achse sowieso. 

Dann war da noch der Gefangnisbereich - vorn im Truck, moglichst weit weg von den Tiiren, waren 
Stahlschienen an den Wanden befestigt, und an diese Schienen hatte man die Gefangenen angekettet. 

Van und Jolu entdeckte ich sofort. Mag sein, dass Darryl sich unter dem iibrigen Dutzend dort hinten 
befand, aber das war nicht zu erkennen - einige von ihnen lagen iibereinander und versperrten mir die 
Sicht. Es stank nach SchweiE und nach Angst hier hinten. 

Vanessa blickte mich an und biss sich auf die Lippe. Sie hatte Angst. Ich auch. Und Jolu auch, der 
seine Augen wie wild verdrehte, dass man standig das WeiEe sah. Ich hatte Angst. Und auEerdem 
musste ich pissen wie ein Rennpferd. 

Ich schaute mich nach unseren Kidnappern um. Bislang hatte ich es vermieden, sie anzuschauen, ganz 
so, wie man es vermeidet, in einen dunklen Schrank zu schauen, wenn man sich grade ausgedacht hat, 
dass da drin ein Monster lauert. Dann will man einfach nicht wissen, ob man Recht hat. 

Aber ich musste mir diese Kerle, die uns gekidnappt hatten, jetzt mal genauer anschauen. Wenn es 
Terroristen waren, wollte ich das wissen. Ich wusste allerdings nicht, wie Terroristen aussahen, 
obwohl Fernseh-Shows sich alle Miihe gegeben hatten, mir beizupulen, dass es braune Araber mit 
dichten Barten, Strickmiitzen und schlabbrigen Baumwollkutten bis runter zu den Knocheln waren. 

Unsere Kidnapper sahen nicht so aus. Die hatten ebenso gut Cheerleader in der Halbzeitpausen-Show 
beim Super Bowl sein konnen. Sie sahen auf eine Art amerikanisch aus, die ich nicht recht 
beschreiben konnte. Ausgepragte Kiefer, kurze, ordentliche Haarschnitte, aber nicht wirklich 
militarisch. Es waren WeiEe und Farbige dabei, Manner und Frauen, und sie lachelten sich 
unbeschwert an, wie sie da am anderen Ende des Lasters zusammensaEen, witzelten und Kaffee aus 
Pappbechern tranken. Ne, das waren keine Fundis aus Afghanistan: Sie sahen aus wie Touris aus 
Nebraska. 

Ich fixierte die eine, eine junge Brunette, kaum alter als ich und auf so eine abweisende Business-Art 
irgendwie suE. Wenn du jemanden lange genug anstarrst, guckt er dich irgendwann auch an. Sie auch; 
und sofort nahm ihr Gesicht einen vollig anderen Ausdruck an: leidenschaftslos, wie eine Maschine. 
Das Lacheln war wie ausgeknipst. 

„Hey", sagte ich, „wissen sie, ich kapier nicht, was hier abgeht, aber ich muss mal pinkeln, ja?" 

Sie guckte durch mich durch, als hatte sie kein Wort gehort. 

„Echt jetzt, wenn ich nicht bald ein Klo finde, gibts hier einen bosen Unfall. Dann wird's hier hinten 
ziemlich iibel riechen, okay?" 

Sie drehte sich zu ihren Kollegen um, sie steckten die Kopfe zusammen und tuschelten miteinander, 
so leise, dass es iiber die Liifter der Computer nicht zu verstehen war. 

Dann wandte sie sich wieder zu mir um. „Halt mal noch zehn Minuten an, dann diirft ihr alle mal 
austreten." 

„Ich glaub nicht, dass ichs noch zehn Minuten halten kann", sagte ich und legte etwas mehr 
Dringlichkeit in meine Stimme, als ich tatsachlich empfand. „Ehrlich, gute Frau, jetzt oder nie." 

Sie schiittelte den Kopf und guckte mich an, als war ich der totale Versager. Sie und ihre Freunde 
berieten sich noch mal, dann kam ein anderer auf mich zu. Er war alter, vielleicht Anfang DreiEig, 

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und machtig breit in den Schultern wie ein Bodybuilder. Er sah wie ein Chinese oder Koreaner aus - 
nicht mal Van kann das immer unterscheiden -, aber mit einer Haltung, die „Amerikaner" ausdriickte, 
ohne dass ich das genauer hatte beschreiben konnen. 

Er schob seine Sportjacke nach hinten und lieE mich nen Blick auf seine Hardware am Gurtel werfen. 
Ich erkannte eine Pistole, einen Elektroschocker und eine Dose mit Tranengas oder Pfefferspray, 
bevor er die Jacke wieder druberfallen lieE. 

„Keinen Arger", sagte er. 

„Kein Stiick", stimmte ich ihm zu. 

Er beriihrte irgendwas an seinem Gurtel, die Fesseln hinter mir gaben nach, und meine Arme fielen 
plotzlich zur Seite. Mann, der Typ schien Batmans Gimmickgurtel zu tragen: Funkfernsteuerung fur 
Fesseln! War aber auch logisch irgendwie: Mit all dem todlichen Geraffel am Gurtel wiirde man sich 
ja nicht iiber seine Gefangenen beugen wollen - die waren im Stande, sich die Wumme mit den 
Zahnen zu schnappen und mit der Zunge den Abzug zu Ziehen oder so. 

Meine Hande waren immer noch mit so Plastikhandschellen hinter meinem Riicken 
zusammengebunden, und als ich jetzt nicht mehr von den Fesseln gehalten wurde, stellte ich fest, dass 
sich meine Beine durch das lange Kauern in einer Position in Korkklumpen verwandelt hatten. Kurzer 
Sinn: Ich knallte nach vorn aufs Gesicht und zappelte mit den Beinen, die kribbelten wie bescheuert, 
um sie unter meinen Korper zu bekommen und mich auf die FiiEe stemmen zu konnen. 

Der Typ riss mich auf die FiiEe, und ich wackelte ganz ans Ende des Trucks zu einer kleinen 
Klokabine. Auf dem Weg versuchte ich Darryl zu entdecken, aber es hatte jeder von den fiinf, sechs 
hingesackten Leuten sein konnen. Oder keiner. 

„Rein da", sagte der Typ. 

Ich zog an meinen Handgelenken. „K6nnten Sie die abnehmen, bitte?" Meine Finger fuhlten sich 
nach Stunden der Fesselung an wie lila Wurste. 

Der Typ ruhrte sich nicht. 

„Schaun sie mal", sagte ich und bemuhte mich, weder sarkastisch noch wiitend zu klingen (was nicht 
leicht war). „Schaun Sie, Sie miissen entweder meine Hande losschneiden, oder Sie zielen fur mich. 
Ein Toilettenbesuch ist nichts, was sich freihandig bewaltigen lieEe." Irgendjemand im Truck kicherte. 
Der Typ mochte mich nicht, das konnte ich daran sehen, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten. Mann, 
diese Leute waren verdammt hart. 

Er griff zum Gurtel und brachte ein sehr cooles Multiwerkzeug zum Vorschein. Dann klappte er ein 
fies aussehendes Messer aus, schnitt die Plastik-Handschellen durch, und meine Hande gehorten 
wieder mir. 

„Danke", sagte ich. 

Er schubste mich in die Kabine. Meine Hande konnte ich nicht gebrauchen, die fuhlten sich an wie 
Lehmklumpen an den Handgelenken. Als ich die schlaffen Finger ein bisschen bewegte, kribbelten 
sie; dann wurde das Kribbeln zu einem Brennen, dass ich fast anfing zu weinen. Ich klappte den Sitz 
runter, zog die Hose runter und setzte mich hin. Ich hatte nicht drauf gewettet, stehen bleiben zu 
konnen. 

Als sich meine Blase erleichterte, tatens meine Augen ihr gleich. Ich weinte. Still heulte ich vor mich 
hin und kippelte auf dem Klositz, wahrend mir Tranen und Rotz die Wangen runterliefen. Das einzige, 
was mir blieb, war lautes Schluchzen zu unterdriicken - ich hielt mir die Hand vor den Mund und lieE 
keinen Ton raus. Diese Genugtuung wollte ich ihnen nicht gonnen. 

Irgendwann war ich mit Pinkeln und Heulen fertig, und der Typ hammerte gegen die Tiir. Mit 
Bundeln von Klopapier sauberte ich mein Gesicht, so gut es eben ging, stopfte alles ins Klo und 
spiilte; dann suchte ich ein Waschbecken, fand aber bloE eine Pumpflasche mit starker 

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Desinfektionslosung, auf der in kleiner Schrift eine Liste biologischer Wirkstoffe zu lesen war. Ich 
rieb ein bisschen was in die Hande ein und verlieE die Klokabine. 

„Was hast du da drin gemacht?", wollte der Typ wissen. 

„Die sanitaren Anlagen benutzt", entgegnete ich. Er drehte mich um, griff meine Hande, und ich 
fiihlte, wie ein neues Paar Plastikschellen sich darum schlossen. Seit er die anderen abgeschnitten 
hatte, waren meine Handgelenke angeschwollen, und die neuen schnitten brutal in die empfindliche 
Haut, aber ich weigerte mich, ihnen die Befriedigung zu verschaffen, mich schreien zu horen. 

Er fesselte mich wieder an meinen Platz und schnappte sich meinen Nebenmann - Jolu, wie ich jetzt 
erst sah, das Gesicht verschwollen und eine hassliche Schramme auf der Wange. 

„Bist du OK?", fragte ich ihn, woraufhin mein Freund mit dem Gimmickgurtel mir die Hand auf die 
Stirn legte und einmal kurz, aber heftig driickte. Mein Hinterkopf donnerte gegen die Metallwand des 
Trucks, als ob die Uhr eins schlug. „Reden verboten", sagte er, wahrend ich muhsam meinen 
verschwommenen Blick wieder fokussierte. 

Ich mochte diese Leute nicht. Genau in diesem Moment wusste ich, dass sie all das wiirden bezahlen 
miissen. 

Einer nach dem anderen durften die Gefangenen aufs Klo, kamen zuriick, und als alle fertig waren, 
ging mein Bewacher zu seinen Freunden zuriick, trank noch einen Kaffee - ich konnte sehen, dass sie 
aus einer groEen Papp-Kanne von Starbucks tranken -, und sie unterhielten sich undeutlich, aber mit 
viel Gelachter. 

Dann offnete sich die Tiir hinten im Truck, und frische Luft stromte herein, nicht rauchverhangen wie 
zuvor, sondern von Ozon durchzogen. Wie ich durch den Tiirspalt erkennen konnte, bevor die Tiir 
sich wieder schloss, war es dunkel und regnerisch drauEen, die San-Francisco-Sorte Regen, die 
zugleich Nebel ist. 

Der Mann, der hereinkam, trug eine Militaruniform. Eine US-Militaruniform. Er griiEte die Leute im 
Truck, und sie griiEten zuriick; und da wusste ich: Ich war kein Gefangener irgendwelcher Terroristen 
- ich war ein Gefangener der Vereinigten Staaten von Amerika. 



Sie stellten eine kleine Sichtblende hinten im Truck auf und machten uns dann einzeln los und fuhrten 
uns dorthin. Nach meinen Schatzungen - im Kopf Sekunden zahlen, einundzwanzig, zweiundzwanzig 
- dauerte jede Befragung rund sieben Minuten. Mein Schadel brummte vor Fliissigkeitsmangel und 
Koffeinentzug. 

Ich kam als Dritter dran, die Frau mit dem strengen Haarschnitt brachte mich hin. Aus der Nahe sah 
sie miide aus, mit Ringen unter den Augen und tiefen Linien um die Mundwinkel. 

„Danke", sagte ich automatisch, als sie mich mit einer Fernbedienung losmachte und auf die FiiEe 
zog. Ich hasste mich selbst fur die unwillkuriiche Hoflichkeit, aber so war ich nun mal gedrillt 
worden. 

Sie verzog keine Miene. Ich ging vor ihr her zum anderen Ende des Trucks und hinter die 
Sichtblende. Ein einzelner Klappstuhl war fur mich; zwei von ihnen, Frau Strenger Haarschnitt und 
Herr Gimmickgurtel, blickten mich von ihren ergonomischen Superstiihlen herab an. 

Zwischen ihnen stand ein Tischchen, auf dem sie den Inhalt meiner Brieftasche und meines 
Rucksacks ausgebreitet hatten. 

„Hallo, Marcus", sagte Frau Strenger Haarschnitt. „Wir miissen dir einige Fragen stellen." 

„Bin ich verhaftet?", wollte ich wissen. Das war keine sinnlose Frage. Wenn du nicht verhaftet bist, 
dann gibt es Beschrankungen, was die Bullen mit dir machen konnen und was nicht. Zunachst mal 
konnen sie dich nicht unendlich lange festhalten, ohne dich festzunehmen, dir ein Telefonat zu 



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erlauben oder dich mit nem Anwalt sprechen zu lassen. Und ein Anwalt, Mann, mit dem wiirde ich als 
allererstes sprechen. 

„Was soil das hier?", fragte sie und hielt mein Handy hoch. Auf dem Monitor war die Fehlermeldung 
zu sehen, die erschien, wenn man versuchte, an die Daten zu kommen, ohne das richtige Passwort 
einzugeben. Es war eine etwas derbe Botschaft - eine animierte Hand, die eine allgemein bekannte 
Geste formte -, denn ich liebte es, meine Gerate zu individualisieren. 

„Bin ich verhaftet?", wiederholte ich. Wenn du nicht verhaftet bist, konnen sie dich auch nicht dazu 
zwingen, Fragen zu beantworten, und wenn du fragst, ob du verhaftet bist, miissen sie dir antworten. 
So ist die Regel. 

„Du bist im Gewahrsam des Ministeriums fur Heimatschutz", blaffte die Frau. 

„Bin ich verhaftet?" 

„Vor allem bist du kooperativer als bisher, Marcus, und zwar ab sofort." Sie sagte nicht „sonst", aber 
das klang mit. 

„Ich mochte einen Anwalt sprechen", sagte ich. „Ich mochte wissen, was man mir vorwirft. Und ich 
mochte, dass Sie beide sich irgendwie ausweisen." 

Die beiden Agenten wechselten Blicke. 

„Ich glaube, du solltest deine Haltung in dieser Lage noch mal iiberdenken", sagte Frau Strenger 
Haarschnitt. „Und ich glaube, das solltest du auf der Stelle tun. Wir haben eine Reihe verdachtiger 
Gegenstande bei dir gefunden. Wir haben dich und deine Komplizen in der Nahe des Tatorts des 
schwersten Terroranschlags vorgefunden, den dieses Landjemals erlebt hat. Bring die beiden Fakten 
in Verbindung, und fur dich siehts nicht gut aus, Marcus. Du kannst kooperieren, oder es wird dir sehr, 
sehr Leid tun. Und jetzt?" 

„Sie denken, ich bin ein Terrorist? Ich bin Siebzehn!" 

„Genau das richtige Alter - Al Kaida rekrutiert am liebsten idealistische Kids, die sich noch 
beeindrucken lassen. Wir haben dich mal gegoogelt, weiEt du? Du hast eine Menge hassliches Zeug 
im offentlichen Internet gepostet." 

„Ich mochte einen Anwalt sprechen", sagte ich. 

Frau Strenger Haarschnitt sah mich an, als sei ich ein Kafer. „Du liegst vollig falsch mit der Annahme, 
dass die Polizei dich wegen eines Verbrechens geschnappt hat. Schlag dir das aus dem Kopf. Du 
befindest dich als moglicher feindlicher Kampfer im Gewahrsam der Regierung der Vereinigten 
Staaten. An deiner Stelle wiirde ich sehr genau driiber nachdenken, wie du uns davon iiberzeugen 
kannst, kein feindlicher Kampfer zu sein. Sehr genau. Denn weiEt du, es gibt da dunkle Locher, in 
denen feindliche Kampfer verschwinden konnen, sehr tiefe dunkle Locher, in denen man einfach 
verschwinden kann. Fur immer. Horst du mir gut zu, junger Mann? Ich mochte, dass du dein Telefon 
entsperrst und die Daten im Speicher dechiffrierst. Ich mochte, dass du Rechenschaft dariiber ablegst, 
warum du auf der StraEe warst. Was weiEt du iiber den Anschlag auf diese Stadt?" 

„Ich werde mein Telefon nicht fur Sie entsperren", sagte ich zornig. Im Speicher meines Handys hatte 
ich alles Mogliche an privatem Krams: Fotos, Mails, kleine Hacks und Cracks, die ich installiert hatte. 
„Das sind meine Privatsachen." 

„Was hast du zu verbergen?" 

„Ich habe ein Recht auf Privatsphare", sagte ich. „Und ich mochte einen Anwalt sprechen." 

„Das ist deine letzte Chance, Kleiner. Ehrliche Leute haben nichts zu verbergen." 

„Ich mochte einen Anwalt sprechen." Meine Eltern wiirden dafur aufkommen. Samtliche FAQs iibers 
Verhaftetwerden waren in dem Punkt eindeutig: Einfach nur einen Anwalt fordern, egal was sie sagen. 



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Wenn du mit den Bullen sprichst, ohne dass dein Anwalt dabei ist, kommt nichts Gutes bei raus. Diese 
beiden hier sagten, sie seien keine Bullen. Aber wenn dies keine Verhaftung war, was war es dann? 

Im Nachhinein betrachtet ware es vielleicht doch gut gewesen, mein Telefon fur sie zu entsperren. 



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Kapitel 4 

Dieses Kapitel ist Barnes and Noble gewidmet, einer US-Kette von Buchladen. Wahrend Amerikas Mami-und-Papi- 
Buchhandlungen verschwanden, begann Barnes and Noble uberall im Land diese gigantischen Lesetempel hochzuziehen. 
Mit einem Lager von Zehntausenden Titeln (Buchgeschafte in den Einkaufszentren und Bucherabteilungen in 
Supermarkten hatten stets nur einen Bruchteil davon vorratig) und ausgedehnten Offnungszeiten, die gleichermaGen fur 
Familien, Angestellte und andere potenzielle Lesergruppen attraktiv waren, stutzten die B&N-Laden die Karrieren 
zahlreicher Schriftsteller, indem sie auch Titel vorratig hatten, die kleinere Shops mit ihrer begrenzten Regalflache nicht 
parat haben konnten. B&N machte immer schon starke Promotion innerhalb der Szene, und einige meiner bestbesuchten, 
bestorganisierten Signierstunden fanden in B&N-Filialen statt, darunter die grofiartigen Events im (leider nicht mehr 
existenten) B&N in New Yorks Union Square, wo das Mega-Signieren nach den Nebula Awards stattfand, und im B&N in 
Chicago, das Gastgeber des Events nach den Nebs einige Jahre spater war. Aber am besten ist, dass B&Ns geekige 
Einkaufer genau Bescheid wissen, wenn's urn Science Fiction, Comics und Mangas, Spiele und derlei Dinge geht. Sie sind 
mit Leidenschaft und Sachkenntnis bei der Sache, wie die exzellente Auswahl in den einzelnen Laden-Regalen beweist. 

Barnes and Noble, USA-weit: http://search.barnesandnoble.com/Little-Brother/Cory-Doctorow/e/9780765319852/?itm=6 

Sie fesselten mich erneut und stiilpten mir wieder einen Sack iiber, dann lieEen sie mich allein. 
Eine ganze Weile spater setzte der Truck sich in Bewegung, bergab, und dann wurde ich wieder 
auf meine FiiEe gezerrt. Ich fiel sofort wieder um. Meine Beine waren so eingeschlafen, dass sie sich 
wie Eisklotze anfiihlten, ausgenommen meine Knie, die angeschwollen und wund waren nach all den 
Stunden im Knien. 

Hande griffen nach meinen Schultern und FiiEen, und ich wurde hochgehoben wie ein Sack 
Kartoffeln. Undeutliche Stimmen waren rings umher zu horen. Jemand weinte. Jemand fluchte. 

Ich wurde eine kurze Strecke weit getragen, dann wieder runtergelassen und an eine andere Strebe 
gefesselt. Meine Knie trugen mich nun nicht mehr, und ich kippte nach vorn, um verknotet wie eine 
Brezel liegenzubleiben, die Handgelenke schmerzend vom Ziehen an den Ketten. 

Dann setzten wir uns wieder in Bewegung, und dieses Mai fuhlte es sich nicht nach LKW-Fahren an. 
Der Boden unter mir schwankte sanft und vibrierte vom Stampfen schwerer Diesel, und ich erkannte, 
dass ich auf einem Schiff war. Mein Magen wurde zum Eisklumpen. Ich wurde von amerikanischem 
Territorium irgendwo anders hin verschifft, und wer zum Teufel konnte wissen, wo das war? Angst 
hatte ich vorher schon gehabt, aber dieser Gedanke war entsetzlich, er lahmte mich und machte mich 
sprachlos vor Furcht. Ich begriff, dass ich moglicherweise meine Eltern nie wieder sehen wurde, und 
spiirte Ubelkeit in meiner Kehle emporsteigen. Die Tiite iiber meinem Kopf schien noch enger zu 
werden, und ich konnte kaum mehr atmen, was durch die bizarre Haltung, in der ich lag, noch 
verstarkt wurde. 

Gliicklicherweise waren wir nicht allzu lang auf dem Wasser. GefiihlsmaEig wars etwa eine Stunde, 
doch heute weiE ich, dass es bloE 15 Minuten waren; dann spiirte ich, wie wir andockten, spiirte 
Schritte auf dem Deck um mich her und spiirte, wie andere Gefangene losgebunden und weggetragen 
oder -gefiihrt wurden. Als sie mich holen kamen, versuchte ich wieder aufzustehen, doch es gelang 
nicht, und sie trugen mich wieder, unpersonlich und grob. 

Als sie die Kappe wieder entfernten, war ich in einer Zelle. 

Die Zelle war alt und verwittert, und sie roch nach Seeluft. Es gab ein Fenster hoch oben, mit 
verrosteten Gitterstaben davor. DrauEen wars immer noch dunkel. Auf dem Boden lag eine Decke, 
und eine kleine Metalltoilette ohne Sitz war in die Wand eingelassen. Der Waiter, der meine Kapuze 
abgenommen hatte, grinste mich an und schloss die schwere Eisentiir hinter sich. 

Vorsichtig massierte ich meine Beine und zog die Luft ein, als wieder Blut durch Beine und Hande zu 
stromen begann. Irgendwann konnte ich aufstehen, dann ein paar Schritte gehen. Ich horte andere 
Leute reden, weinen, rufen. Ich rief ebenfalls: „Jolu! Darryl! Vanessa!" Andere Stimmen im 
Zellenblock griffen die Rufe auf, riefen ebenfalls Nam en, briillten Obszonitaten. Die Stimmen in der 
Nahe klangen wie Besoffene, die an der StraEenecke delirierten. Vielleicht klang ich ja auch so. 



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Waiter briillten uns zu, wir sollten leise sein, und das machte jeden von uns bloE noch lauter. Bald 
waren wir alle am Heulen, briillten uns die Seele aus dem Leib, briillten, bis die Kehle schmerzte. 
Warum auch nicht? Was hatten wir noch zu verlieren? 

Als sie mich das nachste Mai zum Verhor holten, war ich verdreckt und miide, durstig und hungrig. 
Frau Strenger Haarschnitt gehorte auch zur neuen Fragerunde, dazu kamen drei groEe Typen, die 
mich rumschubsten wie ein Stuck Fleisch. Einer war schwarz, die anderen beiden weiE, einer von 
ihnen konnte aber auch ein Hispanic gewesen sein. Alle trugen sie Waffen. Ich kam mir vor wie in 
einer Mischung aus Benetton-Werbung und einer Runde Counter- Strike. 

Sie hatten mich aus der Zelle geholt und meine Handgelenke und Knochel zusammengekettet. 
Wahrend wir gingen, achtete ich auf meine Umgebung. Ich horte Wasser drauEen und dachte, dass wir 
vielleicht auf Alcatraz waren - immerhin war das ein Gefangnis, wenn es auch schon seit Jahrzehnten 
als Touristenmagnet diente: hierher kam man, um zu sehen, wo Al Capone und seine Gangster- 
Zeitgenossen ihre Zeit abgesessen hatten. Aber nach Alcatraz war ich mal auf einem Schulausflug 
gekommen. Das war alt und rostig, irgendwie mittelalterlich. Dies hier fiihlte sich mehr nach Zweitem 
Weltkrieg an, nicht nach der Kolonialzeit. 

An den Zellentiiren gabs Aufkleber mit aufgedruckten Barcodes, auch Nummern, aber sonst keinen 
Hinweis darauf, wer oder was sich jeweils hinter der Tiir befinden mochte. 

Der Befragungsraum war modern, mit Neonrohren, ergonomischen Stiihlen (aber nicht fur mich, ich 
kriegte einen Garten-Faltstuhl aus Plastik) und einen groEen Konferenztisch aus Holz. Ein Spiegel 
bedeckte eine Wand, wie in den Polizei-Sendungen, und ich schatzte, der eine oder andere wiirde 
wohl von der anderen Seite zuschauen. Frau Strenger Haarschnitt und ihre Freunde versorgten sich 
mit Kaffee aus einer Kanne auf nem Beistelltisch (in dem Moment hatte ich ihr die Kehle mit den 
Zahnen aufschlitzen konnen, nur um an ihren Kaffee zu kommen), und dann stellte sie eine 
Plastiktasse mit Wasser vor mich - ohne meine Hande hinterm Riicken loszubinden, so dass ich nicht 
drankam. Sehr komisch. 

„Hallo, Marcus", sagte Frau Strenger Haarschnitt. „Wie stehts heute um deine Einstellung?" Ich sagte 
kein Wort. 

„WeiEt du, das hier ist nicht das Schlimmste", fuhr sie fort. „Besser wirds ab jetzt nie mehr fur dich. 
Selbst wenn du uns jetzt noch sagen solltest, was wir wissen wollen, und selbst wenn uns das davon 
iiberzeugt, dass du bloE zur falschen Zeit am falschen Ort warst -jetzt haben wir dich auf dem Radar. 
Wohin du auch gehst, was immer du tust, wir werden dir dabei zuschauen. Du hast dich benommen, 
als habest du was zu verbergen. Und so was mogen wir gar nicht." 

So kitschig es klingt: Alles, woran mein Gehirn denken konnte, war dieser Satz „wenn uns das 
iiberzeugt, dass du bloE zur falschen Zeit am falschen Ort warst". Das war das Schlimmste, was mir 
jemals passiert war. Niemals zuvor hatte ich mich so erbarmlich und angstlich gefiihlt. Diese Worter, 
„zur falschen Zeit am falschen Ort", diese sechs Worter, sie waren wie ein Rettungsring vor mir, 
wahrend ich strampelte, um den Kopf iiber Wasser zu halten. 

„Hallo, Marcus?" Sie schnipste mit den Fingern vor meiner Nase. „Hierher, Marcus." Ein kleines 
Lacheln zeigte sich auf ihrem Gesicht, und ich hasste mich dafiir, ihr meine Angst gezeigt zu haben. 
„Marcus, es kann noch viel schlimmer werden als jetzt. Dies ist langst nicht der iibelste Ort, an den 
wir dich bringen konnen, ganz gewiss nicht." Sie griff unter den Tisch und holte eine Aktentasche 
hervor, die sie aufklappte. Heraus zog sie mein Handy, den RFID-Killer/Kloner, meinen WLAN- 
Finder und meine Speichersticks. Eins nach dem anderen legte sie auf den Tisch. 

„H6r zu, was wir von dir erwarten. Heute entsperrst du dein Telefon fur uns. Damit verdienst du dir 
Frischluft- und Badeprivilegien. Du wirst duschen diirfen und im Innenhof ein paar Schritte gehen. 
Morgen bringen wir dich wieder her, und dann werden wir dich bitten, die Daten auf diesen 
Speicherstiften zu dechiffrieren. Wenn du das machst, verdienst du dir ein Essen in der Messe. Noch 
einen Tag spater werden wir dich nach deinen E-Mail-Passworten fragen, und das wird dir 
Bibliotheksprivilegien einbringen." 

26 



Mir lag das Wort Nein auf der Zunge wie ein Riilpser im Entstehen, aber es kam nicht. Statt dessen 
kam ein „Warum?" 

„Wir miissen sicherstellen, dass du der bist, der du zu sein scheinst. Hier geht es urn deine Sicherheit, 
Marcus. Mag sein, du bist unschuldig. Vielleicht bist du wirklich unschuldig, obwohl mir nicht klar 
ist, welcher unschuldige Mensch so tut, als ob er so viel zu verbergen hatte. Aber mal angenommen, 
du bist unschuldig: Du hattest auf dieser Briicke sein konnen, als sie in die Luft flog. Deine Eltern 
hatten dort sein konnen. Deine Freunde. Willst du nicht auch, dass wir die Leute fangen, die deine 
Heimat angegriffen haben?" 

Merkwiirdig: Als sie iiber die „Privilegien" sprach, die ich mir verdienen konnte, machte mich das so 
angstlich, dass ich hatte nachgeben mogen. Ich fiihlte mich grade so, als ob ich irgendwas dazu 
beigetragen hatte, hier zu landen, als ob ich teilweise selbst dran schuld ware, als ob ich irgend etwas 
daran andern konnte. 

Aber als sie mit diesem „Sicherheits"-ScheiE anfing, da kam mein Riickgrat zuriick. „H6ren Sie", 
sagte ich, „Sie sprechen daruber, wie meine Heimat angegriffen wird, aber wie ich es sehe, sind Sie 
die einzigen, die mich in letzter Zeit angegriffen haben. Ich dachte, ich lebe in einem Land mit einer 
Verfassung. Ich dachte, ich lebe in einem Land, in dem ich Rechte habe. Aber sie reden davon, meine 
Freiheit zu verteidigen, indem Sie die Bill of Rights zerreiEen." 

Ein Hauch von Verstimmung erschien auf ihrem Gesicht und verschwand wieder. „Wie 
melodramatisch, Marcus. Niemand hat dich angegriffen. Die Regierung deines Landes hat dich in 
Gewahrsam genommen, wahrend wir den schlimmsten Terroranschlag aufzuklaren versuchen, derje 
auf unserem Staatsgebiet veriibt wurde. Es liegt in deiner Macht, uns bei diesem Krieg gegen die 
Feinde unserer Nation zu unterstiitzen. Du willst die Bill of Rights erhalten? Dann hilf uns, bose 
Menschen daran zu hindern, deine Stadt in die Luft zu sprengen. So, und jetzt hast du genau dreiEig 
Sekunden Zeit, dieses Telefon zu entsperren, bevor ich dich in deine Zelle zuriickbringen lasse. Wir 
haben heute schlieElich noch eine Menge andere Leute zu befragen." 

Sie blickte auf ihre Uhr. Ich schiittelte meine Handgelenke, schiittelte die Ketten, die mich daran 
hinderten, herumzugreifen und das Handy zu entsperren. Ja, ich wurde es tun. Sie hatte mir den Weg 
zuriick in die Freiheit gezeigt - zuriick zur Welt, zu meinen Eltern -, und ich hatte Hoffnung 
geschopft. Nun hatte sie gedroht, mich fortzuschicken, ab von diesem Weg, und meine Hoffnung war 
verflogen und alles, woran ich denken konnte, war, wieder auf diesen Weg zuriickzugelangen. 

Also schiittelte ich meine Handgelenke, um an mein Handy zu gelangen und es fur sie zu entsperren, 
und sie saE bloE da, schaute mich kalt an und guckte auf die Uhr. 

„Das Passwort", sagte ich, als ich endlich begriff, was sie von mir wollte. Sie wollte, dass ich es laut 
sage, hier, wo sie es aufzeichnen konnte, wo ihre Kumpels es horen konnten. Sie wollte nicht bloE, 
dass ich das Handy entsperrte. Sie erwartete von mir, dass ich mich ihr unterwerfe. Dass ich mich 
ihrer Verantwortung unterstellte. Dass ich alle Geheimnisse preisgab, meine gesamte Privatsphare. 
„Das Passwort", sagte ich noch mal, und dann nannte ich ihr das Passwort. Gott steh mir bei, ich hatte 
mich ihrem Willen unterworfen. 

Sie lachelte ein sprodes Lacheln - fur diese Eiskonigin war das wohl schon wie ne Engtanzfete -, und 
die Wachen fiihrten mich weg. Als die Tiir zuging, sah ich noch, wie sie sich iiber mein Handy beugte 
und das Kennwort eingab. 

Ich wiinschte, ich konnte behaupten, auf diese Moglichkeit gefasst gewesen zu sein und ihr ein 
Pseudo-Kennwort geliefert zu haben, mit dem sie eine vollig unverfangliche Partition meines Handys 
freigeschaltet hatte; aber so paranoid oder clever war ich dam als langst nicht. 

An diesem Punkt konntet ihr euch fragen, was fur finstere Geheimnisse ich wohl auf meinem Handy, 
auf den Speichersticks und in meinen E-Mails zu verbergen hatte - immerhin bin ich bloE ein 
Jugendlicher. 



27 



Die Wahrheit lautet: Ich hatte alles zu verbergen und nichts zugleich. Handy und Speicherstifte 
zusammen wiirden bloE einiges dariiber verraten, mit wem ich befreundet war, was ich von diesen 
Freunden dachte und welche albernen Dinge wir erlebt hatten. Man konnte die Mitschnitte unserer 
elektronischen Diskussionen nachverfolgen und die elektronischen Ergebnisse, zu denen diese 
Diskussionen uns gefiihrt hatten. 

Wisst ihr, ich losch einfach nichts. Wozu auch? Speicherplatz ist billig, und man weiE nie, wann man 
auf die Sachen noch mal zuriickkommen mag. Vor allem auf die dummen Sachen. Kennt ihr das 
Gefiihl, wenn man in der U-Bahn sitzt und niemanden zum Quatschen hat, und plotzlich erinnert man 
sich an irgendeinen heftigen Streit, an irgendwas Fieses, was man mal gesagt hat? Und normalerweise 
ist das doch nie so iibel, wie es einem in der Erinnerung vorkommt. Wenn man dann noch mal die 
alten Sachen durchgucken kann, hilft das zu merken, dass man doch nicht so ein mieser Typ ist, wie 
man dachte. Darryl und ich haben auf diese Weise so viele Streitereien hinter uns gebracht, dass ichs 
gar nicht mehr zahlen kann. 

Und auch das triffts noch nicht. Ich weiE einfach: Mein Handy ist privat; meine Speichersticks sind 
privat. Und zwar dank Kryptografie - Texte unleserlich zerhacken. Hinter Krypto steckt solide 
Mathematik, und jeder hat Zugriff auf dieselbe Krypto, die auch Banken oder die Nationale 
Sicherheitsbehorde nutzen. Jeder nutzt ein und dieselbe Sorte Krypto: offentlich, frei und von 
jedermann benutzbar. Deshalb kann man sicher sein, dass es funktioniert. 

Es hat echt was Befreiendes zu wissen, dass es eine Ecke in deinem Leben gibt, die deine ist, die 
sonst keiner sieht auEer dir. Das ist so ahnlich wie nackt sein oder kacken. Jeder ist hin und wieder 
nackt, und jeder muss mal aufs Klo. Nichts daran ist beschamend, abseitig oder bizarr. Aber was ware, 
wenn ich verfiigen wiirde, dass ab sofort jeder, der mal eben ein paar Feststoffe entsorgen muss, dazu 
in ein Glashauschen mitten auf dem Times Square gehen muss, und zwar splitterfasernackt? 

Selbst wenn an deinem Korper nichts verkehrt oder komisch ist - und wer von uns kann das schon 
behaupten? -, musst du schon ziemlich schrag drauf sein, um die Idee gut zu finden. Die meisten von 
uns wiirden schreiend weglaufen; wir wiirden anhalten, bis wir platzen. 



Es geht nicht darum, etwas Verwerfliches zu tun. Es geht darum, etwas Privates zu tun. Es geht um 
dein Leben und dass es dir gehort. 

Und das nahmen sie mir jetzt weg, Stuck fur Stuck. Auf dem Weg zuriick in die Zelle kam dieses 
Gefiihl wieder auf, es irgendwie verdient zu haben. Mein ganzes Leben lang hatte ich alle moglichen 
Regeln iibertreten und war damit meist durchgekommen. Vielleicht wars j a nur gerecht so? Vielleicht 
kam jetzt meine Vergangenheit zu mir zuriick. Immerhin war ich dort gewesen, wo ich war, weil ich 
die Schule geschwanzt hatte. 

Ich durfte mich duschen. Ich durfte auf den Hof gehen. Man sah ein Fleckchen Himmel oben, und es 
roch nach Bay Area, aber dariiber hinaus hatte ich keinen Schimmer, wo man mich festhielt. Keine 
anderen Gefangenen waren zu sehen, solange ich mich bewegen durfte, und immer nur im Kreis 
rumlaufen wurde mir schnell langweilig. Ich bemiihte mich, irgendwelche Gerausche 
aufzuschnappen, die mir Aufschliisse iiber diesen Ort geben konnten, aber alles, was ich horte, war 
gelegentlicher Fahrzeuglarm, entfernte Unterhaltungen oder mal ein Flugzeug, das in der Nahe 
landete. 

Sie brachten mich in die Zelle zuriick und gaben mir was zu essen: eine halbe Peperoni von Goat Hill 
Pizza. Die kannte ich gut, sie saEen oben auf Potrero Hill. Der Karton mit der vertrauten Gestaltung 
und der 415er Telefonnummer erinnerte mich daran, dass ich gestern noch ein freier Mensch in einem 
freien Land gewesen war und heute ein Gefangener. Ich machte mir standig Sorgen um Darryl und 
war unruhig wegen meiner anderen Freunde.Vielleicht waren die ja kooperativer gewesen und 
freigelassen worden. Vielleicht hatten sies schon meinen Eltern erzahlt, und die telef onierten j etzt in 
der Weltgeschichte rum. 



28 



Vielleicht auch nicht. 

Die Zelle war unglaublich leer, so leer wie meine Seele. Ich stellte mir vor, dass die Wand gegeniiber 
meiner Koje ein Monitor war, dass ich jetzt hacken konnte, dass ich die Zellentiir offnen konnte. Ich 
traumte von meiner Werkbank und den Projekten, die da auf mich warteten - die alten Dosen, die ich 
in eine Ghetto-Surroundsound-Anlage verwandeln wiirde, die Lenkdrachen-Kamera zur 
Luftbildfotografie, die ich grade baute, meinen Eigenbau-Laptop. 

Ich wollte hier raus. Ich wollte heim zu meinen Freunden, in die Schule, zu meinen Eltern; ich wollte 
mein Leben zuriickhaben. Ich wollte gehen konnen, wohin ich wollte, nicht dazu verdonnert sein, 
immer nur im Kreis zu laufen. 

Als nachstes holten sie sich die Passworte fur meine USB-Stifte. Da waren ein paar interessante 
Nachrichten drauf, die ich aus diversen Diskussionsforen runtergeladen hatte, einige Chat- 
Mitschriften, so Sachen, wo mir Leute mit ihrer Erfahrung ein bisschen bei den Sachen geholfen 
hatten, die ich halt so tat. Nichts dabei, was man nicht auch mit Google finden konnte, aber ich nahm 
nicht an, dass man mir das als mildernde Umstande anrechnen wiirde. 

An diesem Nachmittag bekam ich wieder Bewegung, und dieses Mai waren auch andere im Hof, als 
ich rauskam; vier Typen und zwei Frauen verschiedensten Alters und ethnischer Zugehorigkeit. 
Schatze mal, eine Menge Leute taten Dinge, um sich „Privilegien" zu verdienen. 

Sie gaben mir ne halbe Stunde, und ich versuchte, mit dem am normalsten aussehenden Haftling ins 
Gesprach zu kommen: einem Schwarzen etwa meines Alters mit kurzem Afroschnitt. Aber als ich 
mich vorstellte und die Hand ausstreckte, drehte er bloE die Augen in Richtung der Kameras, die in 
den Hofecken angebracht waren, und lief weiter, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. 

Aber dann, kurz bevor sie meinen Namen ausrufen wiirden, um mich ins Gebaude zuriickzubringen, 
offnete sich die Tiir, und heraus kam -Vanessa! Nie zuvor war ich so froh gewesen, ein vertrautes 
Gesicht zu sehen. Sie sah ubermudet, aber nicht verletzt aus, und als sie mich sah, rief sie meinen 
Namen und rannte auf mich zu. Wir fielen einander um den Hals, und ich merkte, wie ich zitterte. 
Und sie zitterte ebenfalls. 

„Bist du okay?", fragte sie und betrachtete mich auf Armlange Abstand. 

„Ich bin okay", entgegnete ich. „Sie sagten, sie wiirden mich rauslassen, wenn ich ihnen meine 
Passworter gebe." 

„Sie fragen mich dauernd iiber dich und Darryl aus." Uber Lautsprecher plarrte uns eine Stimme an, 
mit Reden aufzuhoren und weiterzulaufen, aber wir ignorierten sie. 

„Antworte ihnen", sagte ich eilig. „Was auch immer sie fragen, gib ihnen Antwort. Vielleicht bringts 
dich raus." 

„Wie gehts Darryl und Jolu?" 

„Hab sie nicht mehr gesehen." 

Die Tiir schwang auf, und vier riesige Waiter sturmten raus. Zwei schnappten mich und zwei Vanessa. 
Sie zwangen mich zu Boden und drehten meinen Kopf von Vanessa weg, doch ich konnte horen, wie 
man mit ihr das gleiche machte. Plastikhandschnellen schnappten um meine Handgelenke zu, dann 
wurde ich auf die FiiEe gezerrt und in meine Zelle zuriickgebracht. 

An diesem Abend gab es kein Essen. Am nachsten Morgen gab es kein Fruhstiick. Niemand kam und 
brachte mich zum Befragungsraum, um weitere Geheimnisse aus mir rauszupressen. Die 
Plastikhandschellen bleiben dran, meine Schultern brannten, schmerzten, wurden taub, brannten 
wieder. In den Handen hatte ich iiberhaupt kein Gefiihl mehr. 

Ich musste mal pinkeln. Aber ich konnte die Hose nicht aufmachen. Ich musste richtig, richtig 
dringend pissen. 

Ich machte mir in die Hose. 

29 



Danach kamen sie, urn mich zu holen; als die warme Pisse kalt und klamm geworden war und meine 
sowieso schon dreckige Jeans an meinen Beinen klebte. Sie holten mich und brachten mich den 
langen Gang mit den vielen Tiiren runter, jede Tiir ihr eigener Barcode, jeder Barcode ein Gefangener 
wie ich. Sie brachten mich den Gang runter und ins Befragungszimmer, und es war, als kame ich auf 
einen anderen Planeten, einen Ort, wo Dinge normal liefen, wo nicht alles nach Urin roch. Ich fiihlte 
mich so dreckig und beschamt, und all die Gefiihle, dass ich vielleicht doch verdient hatte, was mit 
mir geschah, kamen wieder hoch. 

Frau Strenger Haarschnitt saE bereits. Sie sah perfekt aus: frisiert und nur ein Hauch Make-up. Ich 
roch das Zeug, das sie in den Haaren hatte, und sie rumpfte die Nase iiber mich. Ich fiihlte Scham in 
mir aufsteigen. 

„Na, du warst ein sehr ungezogener Junge, nicht wahr? Uhh, was bist du nur fur ein schmuddeliger 
Kerl." 

Ich blickte beschamt zum Tisch. Hochzuschauen ertrug ich nicht. Ich wollte ihr mein E-Mail- 
Passwort verraten und dann nix wie raus hier. 

„Woruber hast du dich mit deiner Freundin im Hof unterhalten?" 

Ich lachte kurz in Richtung Tisch. „Ich hab ihr gesagt, sie soil die Fragen beantworten. Dass sie 
kooperieren soil." 

„Ach, du gibst hier also die Befehle?" 

Das Blut pulsierte in meinen Ohren. „Ach Quatsch", sagte ich, „wir spielen da dieses Spiel, Harajuku 
Fun Madness. Ich bin der Teamchef. Wir sind keine Terroristen, wir sind bloE Schuler. Ich geb ihr 
keine Befehle, ich hab ihr bloE gesagt, dass wir ehrlich zu Ihnen sein miissen, damit wir jeden 
Verdacht ausraumen konnen und wieder hier wegkommen." 

Fur einen Moment sagte sie nichts. 

„Wie gehts Darryl?", fragte ich. 

„Wem?" 

„Darryl. Sie haben uns zusammen aufgelesen. Mein Freund. Irgendjemand hat ihm in der Station 
Powell Street einen Messerstich verpasst. Deshalb waren wir ja bloE oben. Um Hilfe fur ihn zu 
holen." 

„Na, dann bin ich sicher, ihm gehts gut", sagte sie. 

Mein Magen verkrampfte sich, fast musste ich wiirgen. „Sie wissen es nicht? Sie haben ihn nicht 
hier?" 

„Wen wir hier haben und wen nicht, das besprechen wir ganz sicher nicht mit dir, niemals. Das geht 
dich iiberhaupt nichts an. Marcus, du hast gesehen, was passiert, wenn du nicht mit uns kooperierst. 
Und du hast gesehen, was passiert, wenn du unsere Anweisungen missachtest. Du warst ein bisschen 
kooperativ, und damit hast dus bis fast dahin gebracht, dass wir dich wieder freilassen. Wenn du 
mochtest, dass diese Moglichkeit Realitat wird, dann bleib einfach dabei, meine Fragen zu 
beantworten." 

Ich sagte nichts. 

„Du lernst. Das ist gut. Jetzt bitte deine E-Mail-Passworter." 

Ich war drauf vorbereitet. Ich gab ihnen alles: Server-Adresse, Login, Passwort. Das war eh egal. Auf 
meinem Server speicherte ich keine E-Mails. Ich lud sie alle runter und speicherte sie auf dem Laptop 
daheim, und der saugte und loschte die Mails auf meinem Server im 60-Sekunden-Takt. Aus meinen 
Mails wiirden sie nichts erfahren — auf dem Server war nichts mehr, alles nur auf dem Laptop 
daheim. 



30 



Dann zuriick in die Zelle; aber sie machten meine Hande frei, lieEen mich duschen und gaben mir 
eine orangefarbene Gefangnishose anzuziehen. Die war mir zu groE und hing mir iiber die Hiiften wie 
bei einem mexikanischen Gang-Kid in Mission. Hattet ihr gewusst, dass dieser Sackhosen-iiberm- 
Arsch-Look genau daher kommt - aus dem Knast? Und wenn mans nicht als modisches Statement 
meint, ist es definitiv weniger cool. 

Meine Jeans nahmen sie mit, und ich verbrachte einen weiteren Tag in der Zelle. Die Wande 
bestanden aus Zement, der iiber ein Stahlgitter gespachtelt war. Das konnte man daran sehen, dass das 
Gitter rot-orange durch die griine Wandfarbe schimmerte, weil der Stahl in der Salzluft rostete. 
Irgendwo hinter diesem Fenster waren meine Eltern. 

Am nachsten Tag holten sie mich wieder. 

„Wir haben deine Mails jetzt einen Tag lang gelesen. Und wir haben das Passwort geandert, damit 
dein Computer daheim sie nicht mehr holen kann." 

Na klar hatten sie. Hatte ich auch so gemacht, wenn ichs mir recht iiberlegte. 

„Wir haben jetzt genug gegen dich in der Hand, um dich fur lange Zeit wegzusperren, Marcus. Dass 
du diese Gegenstande besitzt" - sie wies auf all meine kleinen Spielzeuge -, „die Daten, die wir auf 
deinem Telefon und den Speicherstiften sichergestellt haben, und dann all das subversive Material, 
das wir zweifellos finden wiirden, wenn wir deine Wohnung durchsuchen und den Computer 
mitnehmen wiirden - das alles reicht, um dich wegzusperren, bis du ein alter Mann bist. Hast du das 
begriffen?" 

Ich glaubte ihr kein Wort. Kein Richter dieser Welt wiirde in all dem Zeug irgendein Verbrechen 
sehen. Freie MeinungsauEerung, technische Spielereien - aber kein Verbrechen. 

Aber wer sagte denn, dass diese Typen mich vor einen Richter bringen wiirden? „Wir wissen, wo du 
wohnst, und wir wissen, wer deine Freunde sind. Wir wissen, wie du handelst und wie du denkst." 
Langsam wurde mir was klar: Sie wiirden mich rauslassen. Der Raum schien heller zu werden. Ich 
horte mich atmen, kurze, flache Atemziige. 

„Da ist nur eine Sache, die wir noch wissen wollen: Wie sind die Bomben auf der Briicke dahin 
gekommen, wo sie geziindet wurden?" 

Ich horte auf zu atmen. Der Raum wurde wieder dunkel. 

„Was?" 

„Es waren zehn Sprengsatze auf der Briicke, iiber die ganze Lange verteilt. In Kofferraumen waren sie 
nicht. Sie waren dort platziert worden. Aber von wem, und wie sind sie dorthin gekommen?" 

„Was?", wiederholte ich. 

„Marcus, dies ist deine letzte Chance", sagte sie und sah traurig aus dabei. „Bis hierher hast du so gut 
mitgemacht. Erzahl uns das noch, und du darfst nach Hause gehen. Du kannst dir einen Anwalt 
besorgen und dich vor einem ordentlichen Gericht verteidigen. Ganz sicher wird es mildernde 
Umstande geben, die deine Handlungen erklaren konnen. Erzahl uns nur dies noch, und du kannst 
gehen." 

„Ich weiE nicht, wovon Sie reden!" Ich weinte und machte mir nichts draus. Ich flennte Rotz und 
Wasser. „Ich habe nicht die leiseste Idee, wovon Sie reden!" 

Sie schiittelte den Kopf. „Marcus, bitte, lass dir doch helfen. Inzwischen solltest du wissen, dass wir 
immer bekommen, was wir wollen." 

Irgendwo hinten in meinem Kopf horte ich merkwurdige Gerausche. Die waren wahnsinnig. Ich nahm 
mich zusammen und versuchte die Tranen zu unterdriicken. „H6ren Sie, das ist doch Irrsinn. Sie 
waren an meinen Sachen, Sie haben alles gesehen. Ich bin ein siebzehnj ahriger Schiiler und kein 
Terrorist. Sie konnen doch nicht ernsthaft annehmen -" 



31 



„Marcus, hast du immer noch nicht begriffen, dass wir ernsthaft sind?" Sie schiittelte wieder den 
Kopf. „Du hast ziemlich gute Noten. Ich glaubte, du wiirdest kliiger sein." Sie machte eine 
schnippende Geste, und die Wachen packten mich unter den Arm en. 

Zuriick in der Zelle fielen mir hundert kleine Reden ein. Die Franzosen nennen das „esprit d'escalier" 
- den Geist der Treppe, die schlagfertigen Erwiderungen, die dir einfallen, sobald du den Raum 
verlasst und die Treppe runterschleichst. In Gedanken stand ich da vor ihr und deklamierte meine 
Texte, sagte ihr, ich sei ein Burger, der seine Freiheit liebt, weshalb wohl eher ich der Patriot und sie 
der Verrater sei. In Gedanken beschamte ich sie dafiir, mein Land in ein bewaffnetes Lager verwandelt 
zu haben. In Gedanken war ich beredt und brillant und lieE sie in Tranen aufgelost zuriick. 

Aber wisst ihr was? Kein einziges dieser edlen Worte kam mir wieder in den Sinn, als sie mich am 
nachsten Tag wieder holten. Alles, woran ich denken konnte, war Freiheit. Meine Eltern. 

„Hallo, Marcus", sagte sie. „Wie fuhlst du dich?" 

Ich schaute zum Tisch. Sie hatte einen ordentlichen Dokumentenstapel vor sich aufgehauft, und neben 
ihr stand der unvermeidliche Starbucks-Pappbecher. Irgendwie fand ich das beruhigend, eine 
Erinnerung daran, dass es irgendwo hinter diesen Mauern noch eine echte Welt gab. 

„Fur den Moment haben wir die Ermittlungen iiber dich abgeschlossen." Sie lieE den Satz so im 
Raum stehen. Vielleicht bedeutete es, sie wiirde mich jetzt rauslassen. Vielleicht bedeutete es, sie 
wiirde mich irgendwo in ein Loch werfen und meine Existenz vergessen. 

„Und?", fragte ich schlieElich. 

„Und ich mochte dir nochmals ins Gedachtnis rufen, dass wir diese Angelegenheit sehr ernst nehmen. 
Unser Land hat den schlimmsten Terroranschlag aller Zeiten auf seinem Territorium erlebt. Wie viele 
11. September willst du uns noch erleiden lassen, bevor du kooperierst? Die Einzelheiten unserer 
Untersuchungen sind geheim. Wir lassen uns von nichts und niemanden in unserem Bemuhen 
aufhalten, die Urheber dieser abscheulichen Verbrechen zur Rechenschaft zu Ziehen. Verstehst du 
das?" 

„Ja", murmelte ich. 

„Wir schicken dich heute nach Hause, aber du bist jetzt ein Gezeichneter. Du bist keineswegs frei von 
jedem Verdacht - wir lassen dich lediglich frei, weil wir fur den Moment keine weiteren Fragen an 
dich haben. Aber von nun an gehorst du uns. Wir werden dich beobachten. Wir werden nur darauf 
warten, dass du einen falschen Schritt machst. Begreifst du, dass wir dich rund um die Uhr 
genauestens iiberwachen konnen?" 

„Ja", murmelte ich. 

„Gut. Du wirst niemals und mit niemandem dariiber reden, was hier passiert ist. Dies ist eine 
Angelegenheit nationaler Sicherheit. WeiEt du, dass auf Verrat in Kriegszeiten immer noch die 
Todesstrafe steht?" 

„Ja", murmelte ich. 

„Guter Junge", sauselte sie. „Wir haben hier einige Dokumente fur dich zur Unterschrift." Sie schob 
den Papierstapel iiber den Tisch zu mir hin. Kleine Post-its, bedruckt mit „hier unterschreiben", waren 
drauf verteilt. Ein Warter loste meine Handschellen. 

Ich blatterte durch die Papiere; meine Augen tranten und mein Kopf brummte. Ich verstand das nicht. 
Ich versuchte die Paragraphen zu entziffern. Wies aussah, unterschrieb ich eine Erklarung, derzufolge 
ich mich freiwillig hier hatte festhalten und befragen lassen, ganz aus eigenem freiem Willen. 

„Was passiert denn, wenn ich das nicht unterschreibe?", fragte ich. 

Sie zog den Stapel an sich und machte wieder diese schnippende Geste. Die Wachen rissen mich auf 
meine Fiifie. 



32 



„Warten Sie!", schrie ich. „Bitte! Ich unterschreibe!" Sie zerrten mich zur Tiir. Alles, was ich sehen 
konnte, war diese Tiir; alles, woran ich denken konnte, wie sie hinter mir zuging. 

Ich hatte verloren. Ich weinte. Ich bettelte, die Papiere unterschreiben zu diirfen. Der Freiheit so nah 
zu sein und sie dann wieder entzogen zu bekommen, das machte mich willens, wirklich alles zu tun. 
Ich weiE nicht, wie oft ich jemanden hab sagen horen, „eher sterb ich, als dies-und-jenes zu machen" 
- ich habs j a selbst oft genug gesagt. Aber in diesem Moment begriff ich erstmals, was das wirklich 
bedeutete. Ich ware eher gestorben, als in meine Zelle zuriickzugehen. 

Ich bettelte, als sie mich auf den Flur rauszogen. Ich sagte ihnen, ich wiirde alles unterschreiben. 

Sie rief den Wachen etwas zu, und sie blieben stehen. Sie brachten mich zuriick. Sie setzten mich an 
den Tisch. Einer von ihnen gab mir den Stift in die Hand. 

Und natiirlich unterschrieb ich, und ich unterschrieb, und ich unterschrieb. 



Meine Jeans und mein T-Shirt waren in meiner Zelle, gereinigt und zusammengelegt. Sie rochen nach 
Waschmittel. Ich zog sie an, wusch mir das Gesicht, setzte mich dann auf meine Pritsche und starrte 
die Wand an. Sie hatten mir alles genommen. Erst meine Privatsphare, dann meine Wiirde. Ich war 
bereit gewesen, wirklich alles zu unterschreiben. Ich hatte sogar unterschrieben, dass ich Abraham 
Lincoln ermordet hatte. 

Ich versuchte zu weinen, aber meine Augen fiihlten sich trocken an, keine Tranen mehr da. 

Sie holten mich wieder. Ein Warter kam mit einer Kapuze zu mir, so einer wie der, die ich 
aufbekommen hatte, als sie uns aufgriffen; wann auch immer das war - vor Tagen, vor Wochen. 

Man stiilpte die Kapuze iiber meinen Kopf und zog sie im Nacken eng an. Vollige Dunkelheit umgab 
mich, und die Luft war stickig und schal. Ich wurde auf meine FiiEe gestellt und Korridore entlang 
gefuhrt, Treppen hoch, auf Schotter. Eine Gangway hoch. Aufs Stahldeck eines Schiffs. Meine Hande 
wurden hinter meinem Riicken an ein Gelander gekettet. Ich kniete mich aufs Deck und horchte auf 
das Drohnen der Diesel-Maschinen. 

Das Schiff setzte sich in Fahrt. Ein Hauch von Salzluft fand seinen Weg unter der Kapuze hindurch. 
Es regnete, und meine Klamotten wurden schwer vom Wasser. Ich war drauEen, auch wenn mein 
Kopf noch unter einer Kappe steckte. Ich war drauEen, in der Welt, Momente entfernt von meiner 
Freiheit. 

Sie kamen, mich zu holen, fuhrten mich vom Boot runter und iiber unebenen Grund. Drei 
Metallstufen hoch. Meine Handfesseln wurden gelost und die Kapuze entfernt. 

Ich war wieder im Truck. Frau Strenger Haarschnitt war auch wieder hier, am selben kleinen 
Schreibtisch wie zuvor. Sie hatte einen ReiEverschlussbeutel bei sich, und darin waren mein Handy 
und die anderen kleinen Werkzeuge, meine Brieftasche und das Kleingeld aus meinen Taschen. 
Word os reichte sie mir alles. 

Ich fiillte meine Taschen. Es fiihlte sich komisch an, alles wieder am vertrauten Ort zu haben, wieder 
in meinen vertrauten Klamotten zu stecken. Hinter der Hecktiir des Trucks konnte ich die vertrauten 
Gerausche meiner vertrauten Stadt vernehmen. 

Eine Wache reichte mir meinen Rucksack. Die Frau streckte mir ihre Hand entgegen. Ich schaute sie 
nur an. Sie nahm die Hand wieder runter und lachelte ein schiefes Lacheln. Dann machte sie eine 
Geste wie das VerschlieEen ihrer Lippen, zeigte auf mich - und offnete die Tiir. 

DrauEen wars heller Tag, aber grau und regnerisch. Ich blickte eine Gasse runter auf Autos, LKWs 
und Rader, die die StraEe entlangsausten. Wie angenagelt stand ich auf der obersten Stufe des Trucks 
und starrte der Freiheit entgegen. 

Meine Knie zitterten. Ich wusste jetzt, dass sie wieder mit mir spielten. Im nachsten Moment wurden 
die Wachen mich wieder schnappen und nach drinnen zerren, die Kapuze wiirde wieder iiber meinen 

33 



Kopf gestiilpt, und dann wiirde ich wieder auf dem Boot sein und ins Gefangnis zuriickgeschickt 
werden, zu den endlosen, nicht zu beantwortenden Fragen. Kaum konnte ich mich beherrschen, meine 
Faust in den Mund zu stecken. 

Dann zwang ich mich, eine Stufe runterzusteigen. Noch eine. Die letzte. Meine Turnschuhe 
knirschten auf dem Zeug auf dem FuEboden, Glasscherben, einer Nadel, Kies. Ich ging einen Schritt. 
Noch einen. Ich erreichte den Anfang der Gasse und trat auf den Biirgersteig. 

Niemand schnappte mich. 

Ich war frei. 

Dann pressten sich kraftige Arme um mich. Fast begann ich zu weinen. 



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Kapitel 5 

Dieses Kapitel ist Secret Headquarters in Los Angeles gewidmet, meinem endgultigen Lieblingscomicladen der ganzen 
Welt. Er ist klein und wahlerisch bei seinem Angebot, und jedes Mai, wenn ich dort reingehe, komme ich mit drei, vier 
Sammlungen unterm Arm wieder raus, von denen ich vorher noch nie gehort hatte. Man konnte meinen, die Eigentumer, 
Dave und David, haben ein untrugliches Gespur dafur, was ich grade brauche, und drapieren immer genau das extra fur 
mich, bevor ich in den Laden komme. Ungefahr drei Viertel all meiner Lieblingscomics habe ich kennen gelernt, indem ich 
bei SHQ reinging, irgendwas Interessantes schnappte, mich in einen der bequemen Stuhle fallen lieB und merkte, wie ich in 
eine fremde Welt davongetragen wurde. Als meine zweite Kurzgeschichtensammlung, OVERCLOCKED, erschien, gaben 
sie in Zusammenarbeit mit einem ortsansassigen Illustrator, Martin Cenreda, einen Gratis-Mini-Comic heraus, der auf 
„Printcrime", der ersten Geschichte des Buchs, basierte. Ich habe L.A. vor rund einem Jahr verlassen, und auf der Liste der 
Dinge, die ich vermisse, steht Secret Headquarters ganz oben. 

Secret Headquarters: http://www.thesecretheadquarters.com/ 3817 W. Sunset Boulevard, Los Angeles, CA 90026 +1 323 
666 2228 

Aber es war Van, und sie weinte wirklich, als sie mich so kraftig umarmte, dass ich keine Luft 
bekam. Egal. Ich driickte sie wieder, mein Gesicht in ihrem Haar. 

„Du bist OK!", sagte sie. 

„Ich bin OK", brachte ich hervor. 

SchlieElich lieE sie von mir ab, und ein zweites Paar Arme schlang sich um mich. Jolu! Sie waren 
beide hier. Er fliisterte mir „du bist in Sicherheit, Rumpel" ins Ohr und umarmte mich noch heftiger 
als zuvor Van. 

Als er mich loslieE, schaute ich mich um. „Wo ist Darryl?", fragte ich. 

Sie sahen einander an. „Vielleicht noch im Truck", sagte Jolu. 

Wir drehten uns um und betrachteten den Laster am Ende der Gasse. Es war ein unscheinbarer weiEer 
Neunachser. Die kleine Falt-Treppe hatte schon jemand eingezogen. Die Rucklichter leuchteten rot, 
und der Truck rollte unter standigem „piep, piep, piep" im Riickwartsgang auf uns zu. 

„Warten Sie!", schrie ich, als er in unsere Richtung beschleunigte. „Warten Sie! Was ist mit Darryl?" 
Der Truck kam naher. Ich schrie weiter, „was ist mit Darryl?" 

Jolu und Vanessa nahmen mich bei den Armen und zerrten mich weg. Ich wehrte mich dagegen und 
schrie. Der Laster erreichte den Anfang der Gasse, schwenkte auf die StraEe und fuhr bergab davon. 
Ich wollte hinterherrennen, aber Van und Jolu lieEen mich nicht los. 

Ich setzte mich auf den Biirgersteig, zog die Knie an und weinte. Ich weinte, weinte, weinte, lautes 
Schluchzen, wie ich es zuletzt als kleines Kind getan hatte. Es horte nicht auf, und ich horte nicht auf 
zu zittern. 

Vanessa und Jolu halfen mir hoch und zogen mich ein Stiickchen die StraEe hoch. Da gabs ne 
Stadtbushaltestelle mit einer Bank, auf die setzten sie mich drauf. Sie weinten beide auch; so hielten 
wir uns ne Weile gegenseitig fest, und ich wusste, wir weinten um Darryl, den wir alle wohl nie 
wiedersehen wiirden. 



Wir waren nordlich von Chinatown, in der Ecke, wo es in North Beach iibergeht; ein Viertel mit 
einigen Neon-Stripclubs und dem legendaren Subkultur-Buchladen City Lights, wo damals in den 
1950ern die Beat-Dichterbewegung begriindet worden war. 

Diesen Teil der Stadt kannte ich gut. Hier gab es den Lieblings-Italiener meiner Eltern, und sie 
nahmen mich gern dorthin mit auf Monsterportionen Linguine, iippige Berge italienischer Eiscreme 
mit kandierten Feigen und hinterher todliche kleine Espressos. 

Jetzt war es ein anderer Ort. Ein Ort, an dem ich zum ersten Mai nach einer gefiihlten Ewigkeit die 
Freiheit schmeckte. 



35 



Wir kramten unsere Taschen durch und fanden genug Geld, um uns einen Tisch bei einem der 
italienischen Restaurants erlauben zu konnen, auf dem Biirgersteig, unter einer Markise. Die hiibsche 
Bedienung entziindete einen Gas-Heizpilz mit einem Grillfeuerzeug, nahm unsere Bestellungen auf 
und ging nach drinnen. Das Gefiihl, Auftrage erteilen zu konnen, mein Schicksal unter meiner 
Kontrolle zu wissen, war das faszinierendste Gefiihl, das ich kannte. 

„Wie lang waren wir da drin?", fragte ich. 

„Sechs Tage", entgegnete Vanessa. 

„Ich komm auf fiinf", sagte Jolu. 

„Ich hab nicht gezahlt." 

„Was haben sie mit dir gemacht?", wollte Vanessa wissen. 

Ich mochte eigentlich nicht driiber sprechen, aber sie schauten mich beide erwartungsvoll an. Und als 
ich dann erst mal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhoren. Ich erzahlte ihnen alles, auch den 
Part, als ich gezwungen war, in die Hose zu pinkeln, und sie schwiegen die ganze Zeit. Als die 
Bedienung unsere Limos brachte, machte ich einen Moment Pause, bis sie wieder auEer Horweite 
war, dann erzahlte ich zu Ende. Beim Erzahlen verschwand alles irgendwie in der Feme. Am Ende 
hatte ich nicht mehr sagen konnen, ob ich die Fakten noch iiberhohte oder ob ich alles weniger 
schlimm darstellte, als es tatsachlich war. Meine Erinnerungen schwammen herum wie kleine Fische, 
die ich zu fangen versuchte, und manchmal entwischten sie meinem Griff. 

Jolu schiittelte den Kopf. „Mann, die waren hart zu dir", sagte er. Dann erzahlte er uns von seiner Zeit 
dort. Sie hatten ihn befragt, meist iiber mich, und er hatte ihnen immer nur die Wahrheit erzahlt, die 
reinen Tatsachen iiber diesen Tag und iiber unsere Freundschaft. Sie hatten es ihn wieder und wieder 
von vorn erzahlen lassen, aber immerhin hatten sie mit ihm keine Psychospielchen gespielt wie mit 
mir. Er hatte in einem Kasino zu essen bekommen und sogar in einem Fernsehraum die Blockbuster 
des letzten Jahres auf Video sehen diirfen. 

Vanessas Story war nur ein wenig anders: Nachdem sie in Ungnade gefallen war, als sie mit mir 
gesprochen hatte, hatten sie ihr die Klamotten weggenommen und ihr einen orangefarbenen 
Gefangnis-Overall gegeben. Dann lieE man sie zwei Tage ohne Kontakt in der Zelle allein, allerdings 
bekam sie regelmaEig Essen. Aber hauptsachlich wars so wie bei Jolu: dieselben Fragen, noch und 
noch wiederholt. 

„Die haben dich echt gehasst", sagte Jolu. „Die hatten dich auf dem Kieker. Aber warum?" 

Ich konnte es mir nicht sofort erklaren. Aber dann erinnerte ich mich. 

„Du kannst kooperieren, oder es wird dir sehr, sehr Leid tun." 

„Weil ich ihnen mein Telefon nicht entsperren wollte in der ersten Nacht. Deshalb haben sie mich 
rausgepickt." Wirklich glauben konnte ichs nicht, aber es war die einzige Erklarung. Reiner 
Rachedurst. Meine Gedanken verhaspelten sich geradezu in dieser Idee. Die hatten das alles bloE 
gemacht, um mir ne Lehre zu erteilen, weil ich ihre Autoritat nicht anerkannte. 

Bisher hatte ich Angst gehabt. Jetzt war ich sauer. „Diese Arschgeigen", sagte ich ruhig. „Die wollten 
mir bloE einen reinwiirgen, weil ich meinen Mund gehalten habe." 

Jolu fluchte, und Vanessa brauste auf Koreanisch auf, was sie nur tat, wenn sie sehr, sehr wiitend war. 

„Ich krieg die", flusterte ich in meine Brause, „ich krieg die." 

Jolu schiittelte den Kopf. „Vergiss es. Gegen so was kommst du nicht an." 



Aber in dem Moment wollte keiner von uns groE iiber Rache reden. Stattdessen sprachen wir driiber, 
was wir als nachstes tun wollten. Wir mussten heim. Unsere Handy-Akkus waren leer, und in dieser 



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Gegend gabs schon seit Jahren keine Miinztelefone mehr. Wir mussten einfach nach Hause kommen. 
Ich dachte sogar an ein Taxi, aber wir hatten nicht mehr genug Geld, urn uns das zu erlauben. 

Also gingen wir zu FuE. An der Ecke warfen wir ein paar Miinzen in den Automaten des San 
Francisco Chronicle und hielten an, um die ersten paar Seiten zu lesen. Die Bombenexplosionen 
waren zwar fiinf Tage her, aber die Titelseite war immer noch voll davon. 

Frau Strenger Haarschnitt hatte davon gesprochen, dass sie „die Briicke" hochgejagt hatten, und ich 
war davon ausgegangen, dass sie die Golden Gate Bridge meinte; aber damit lag ich daneben. Die 
Terroristen hatten die Bay Bridge gesprengt. 

„Warum zum Teufel wiirde jemand die Bay Bridge hochjagen?", fragte ich. „Golden Gate ist doch die 
auf alien Postkarten." Selbst wenn du noch nie in San Francisco warst, weiEt du 
hochstwahrscheinlich, wie Golden Gate aussieht: Das ist diese groEe orangefarbene Hangebriicke, die 
in einem dramatischen Schwung von der alten Militarbasis „The Presidio" hiniiber nach Sausalito 
fiihrt, wo sich all die niedlichen Weinland-Stadtchen finden mit ihren Raucherkerzen-Laden und 
Kunstgalerien. Sie ist einfach hollisch malerisch und das Symbol schlechthin fur den Bundesstaat 
Kalifornien. Im Disneyland-Abenteuerpark Kalifornien gibts gleich am Eingang einen Nachbau von 
Golden Gate, iiber den eine Einschienenbahn fiihrt. 

Deshalb war ich ganz selbstverstandlich davon ausgegangen, dass man sich, wenn man eine Briicke in 
San Francisco sprengen wiirde, die Golden Gate aussuchen wiirde. 

„Wahrscheinlich sind sie von all den Kameras und dem Uberwachungszeug abgeschreckt worden", 
sagte Jolu. „Die Nationalgarde checkt Autos auf beiden Seiten, und dann noch die Selbstmorderzaune 
und dieser Kram." Seit Golden Gate 1937 freigegeben worden war, sprangen die Leute da runter - 
nach dem tausendsten Selbstmord anno 1995 haben sie aufgehort mitzuzahlen. 

„Ja", sagte Vanessa. „Und auEerdem fiihrt die Bay Bridge wirklich irgendwo hin." Die Bay Bridge 
verbindet Downtown San Francisco mit Oakland und Berkeley, Wohnsiedlungen an der East Bay fur 
viele der Menschen, die in der Stadt arbeiten. Die Gegend ist eine der wenigen in der Bay Area, in der 
ein Normalsterblicher sich ein Haus leisten kann, in dem er die Beine ausstrecken kann, auEerdem 
gibts dort eine Universitat und ein bisschen Industrie. Die BART fiihrt zwar auch unter der Bay durch 
und verbindet die beiden Stadte, aber der meiste Verkehr findet auf der Bay Bridge statt. Golden Gate 
war ne hiibsche Briicke fur Touristen und reiche Pensionare driiben im Weinland, aber hauptsachlich 
war sie zu Dekozwecken da. Die Bay Bridge ist - war - das Arbeitstier der Stadt. 

Ich dachte einen Moment driiber nach. „Ihr habt Recht", sagte ich. „Aber ich glaube, das ist noch 
nicht alles. Wir gehen immer davon aus, dass Terroristen Sehenswiirdigkeiten angreifen, weil sie sie 
hassen. Aber Terroristen hassen keine Sehenswiirdigkeiten oder Briicken oder Flugzeuge. Die wollen 
bloE Chaos verbreiten und Leuten Angst machen. Terror erzeugen eben. Also haben sie sich naturlich 
die Bay Bridge ausgesucht, weil auf der Golden Gate die ganzen Kameras installiert sind und weil sie 
beim Fliegen die ganzen Metalldetektoren und Rontgengerate eingefuhrt haben und so." 

Ich dachte noch eine Weile driiber nach und schaute dabei den Autos auf der StraEe zu, den Leuten 
auf den Biirgersteigen, der ganzen Stadt um mich rum. „Terroristen hassen weder Flugzeuge noch 
Briicken. Sie lieben Terror." Das war jetzt so offensichtlich, dass ich nicht verstand, wieso ich da nicht 
schon fruher drauf gekommen war. Schatze mal, ein paar Tage lang wie ein Terrorist behandelt zu 
werden hatte mein Denken entrumpelt. 

Die anderen beiden starrten mich an. „Hab ich Recht oder nicht? Der ganze Dreck, dieses Rontgen 
und die Identitatsprufungen, das ist alles komplett sinnlos, oder?" 

Sie nickten zaghaft. 

„Schlimmer als sinnlos", fuhr ich mit iiberschlagender Stimme fort. „Weil es uns in den Knast 
gebracht hat und Darryl ..." Ich hatte nicht mehr an Darryl gedacht, seit wir hier saEen, und jetzt 
kams alles zu mir zuriick: Mein Freund war fort, verschwunden. Ich brach ab und presste die Kiefer 
aufeinander. 

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„Wir miissen es unseren Eltern erzahlen", sagte Jolu. 

„Wir brauchen einen Anwalt", sagte Vanessa. 

Ich dachte daran, wie ich meine Geschichte erzahlen wiirde. Daran, der Welt zu erzahlen, was aus mir 
geworden war. An die Videos, die zweifellos auftauchen wiirden, auf denen ich weinte, nicht mehr 
war als ein kriechendes Tier. 

„Wir konnen ihnen gar nichts erzahlen", sagte ich ohne nachzudenken. 

„Wie bitte?", entgegnete Van. 

„Wir konnen ihnen gar nichts erzahlen", wiederholte ich. „Ihr habt sie gehort. Wenn wir reden, 
kommen sie und holen uns wieder. Dann machen sie mit uns, was sie mit Darryl gemacht haben." 

„Mach keine Witze", sagte Jolu. „Du erwartest ernsthaft, dass wir ..." 

„Dass wir zuriickschlagen", erganzte ich. „Ich will frei bleiben, damit ich genau das tun kann. Wenn 
wir jetzt losgehen und alles erzahlen, dann sagen sie, das sind bloE Kinder, die haben sich das 
ausgedacht. Mann, wir wissen ja noch nicht mal, wo sie uns hingebracht haben. Kein Mensch wird 
uns glauben. Und irgendwann kommen sie dann und holen uns. 

Ich werde meinen Eltern erzahlen, dass ich in einem dieser Notlager auf der anderen Seite der Bay 
war. Dass ich da driiben war, um euch zu treffen, und dass wir dann festsaEen. In der Zeitung steht, es 
gibt immer noch Leute, die jetzt erst von da zuriickkommen." 

„Das kann ich nicht machen", sagte Vanessa. „Und wie kannst du nur daran denken nach all dem, was 
sie mit dir gemacht haben?" 

„Weil es mir passiert ist, eben drum. Das ist jetzt ne Sache zwischen denen und mir. Ich erwisch die, 
und ich hoi Darryl raus. Ich denk nicht dran, das einfach so hinzunehmen. Aber sobald unsere Eltern 
was wissen, wars das fur uns. Niemand wird uns glauben, und niemanden interessierts. Wenn wirs so 
machen, wie ich es mir denke, wird es die Leute interessieren." 

„Wie denkst dus dir denn?", fragte Jolu. „Was ist dein Plan?" 

„WeiE ich noch nicht", musste ich zugeben. „Lasst mir Zeit bis morgen friih, wenigstens bis dann." 
Ich wusste: Wenn sie einen Tag lang dicht halten wiirden, dann wiirden sie fur immer dicht halten. 
Unsere Eltern waren ja nur noch skeptischer, wenn wir uns plotzlich dran „erinnerten", in einem 
Geheimgefangnis festgehalten worden zu sein statt in einem Fluchtlingslager. 

Van und Jolu schauten einander an. 

„Ich will doch nur eine Chance", sagte ich. „Wir machen die Geschichte unterwegs noch rund. Gebt 
mir bloE diesen einen Tag bitte." 

Die anderen beiden nickten duster, und wir machten uns auf den Weg bergab, auf den Weg nach 
Hause. Ich lebte auf Potrero Hill, Vanessa in der nordlichen Mission, und Jolu lebte in Noe Valley - 
drei total unterschiedliche Viertel, nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt. 

Wir bogen in die Market Street ein und blieben stehen wie angewurzelt. Die StraEe war an alien 
Ecken verbarrikadiert, die QuerstraEen auf eine Spur verengt, und iiber die gesamte Lange von 
Market Street parkten groEe, unscheinbare Neunachser wie der, mit dem sie uns, mit Kapuzen iiber 
den Augen, von den Schiffsdocks nach Chinatown transportiert hatten. 

Alle hatten sie hinten dreistufige Metallleitern befestigt, und es wimmelte nur so von Soldaten, 
Anzugtragern und Polizisten, die in die Trucks rein- und wieder rausgingen. Die Anziige hatten kleine 
Etiketten an den Revers, die die Soldaten beim Rein- und Rauskommen scannten - drahtlose 
Zugangsberechtigungs-Buttons. Als wir an einem vorbeikamen, erhaschte ich einen naheren Blick 
und sah das vertraute Logo: Ministerium fur Heimatschutz. Der Soldat sah, wie ich hinstarrte, und 
starrte mit wiitendem Blick zuriick. 



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Ich verstand den Wink und ging weiter. Hohe Van Ness trennte ich mich von der Gang. Wir umarmten 
einander, weinten und versprachen, uns anzurufen. 

Fur den Weg zuriick nach Potrero Hill gibt es eine leichte und eine schwere Route; die zweite fuhrt 
iiber einige der steilsten Hiigel der Stadt, die Sorte, die man bei Autoverfolgungsjagden in 
Actionfilmen sieht, wo die Autos abheben, wenn sie iiber den hochsten Punkt rasen. Ich nehm immer 
die schwere Route nach Hause. Die fuhrt durch herrschaftliche StraEen mit alten viktorianischen 
Hausern, die wegen ihrer frohlichen, sorgfaltigen Bemalung „lackierte Ladies" genannt werden, und 
Vorgarten mit duftenden Blumen und hohen Grasern. Von Hecken runter glotzen dich Hauskatzen an, 
und es gibt kaum Obdachlose dort. 

Es war so still auf diesen StraEen, dass ich bald wiinschte, ich hatte diesmal die andere Route 
genommen, durch die Mission; die ist ..., hm, larmend ist wahrscheinlich das beste Wort dafur. Laut 
und pulsierend. Jede Menge krawallige Betrunkene, zornige Kokser und bewusstlose Junkies, dazu 
jede Menge Familien mit Kinderwagen, alte Damen, die auf Verandas schnatterten, tiefergelegte 
Kreuzer mit fettem Soundsystem, die mit wumm-wumm-wumm die StraEen entlangfuhren. Es gab 
hippes Jungvolk, zottelige Emo-Kunststudenten und sogar einige Old-School-Punkrocker, alte Sacke 
mit Bierbauchen unter ihren Dead-Kennedys-T-Shirts. Dazu Drag Queens, auf Krawall gebiirstete 
Gang-Kids, Graffitikunstler und verwirrte Neureiche, die versuchten, hier nicht ermordet zu werden, 
wahrend ihre Grundstucksinvestitionen reiften. 

Ich ging Goat Hill rauf und kam an Goat Hill Pizza vorbei; das erinnerte mich an den Knast, aus dem 
ich kam, und ich musste mich auf die Bank vor dem Restaurant setzen, bis mein Zittern sich gelegt 
hatte. Dann bemerkte ich den Truck oben auf dem Hiigel, einen unauffalligen Neunachser mit drei 
Metallstufen am hinteren Ende. Ich stand auf und setzte mich in Bewegung. Ich fiihlte, wie die Augen 
mich aus alien Richtungen beobachteten 

Den Rest des Weges hatte ichs eilig. Ich hatte keine Augen mehr fur die lackierten Ladies, die Garten 
oder die Hauskatzen. Ich blickte nur zu Boden. 

Beide Autos meiner Eltern standen in der Auffahrt, obwohl es noch mitten am Tag war. Ja logisch. 
Dad arbeitet in der East Bay, deshalb saE er daheim fest, solange sie an der Briicke arbeiteten. Mom - 
keine Ahnung, warum Mom daheim war. 

Sie waren wegen mir daheim. 

Noch bevor ich den Schlussel fertig umgedreht hatte, wurde mir die Tiir aus der Hand gerissen und 
weit aufgeschwungen. Da standen meine Eltern, grau und ubernachtigt, und starrten mich aus groEen 
Augen an. So standen wir fur einen Moment, wie in einem Stillleben eingefroren, dann stiirzten sie 
auf mich zu, zogen mich ins Haus und warfen mich beinahe dabei um. Sie redeten beide so laut und 
schnell durcheinander, dass ich bloE ein wortlos rauschendes Brabbeln horte, und sie umarmten mich 
beide, und sie weinten, und ich weinte auch, und so standen wir da in dem schmalen Flur und weinten 
und brabbelten Zeug, bis uns die Luft ausging und wir in die Kiiche gingen. 

Dort tat ich, was ich immer tat, wenn ich heimkam: Ich fullte ein Glas mit Wasser aus dem Filter im 
Kiihlschrank und holte ein paar Kekse aus der „Biskuitbuchse", die Moms Schwester uns aus England 
geschickt hatte. Die Normalitat von all dem bremste das Hammern meines Herzens, es 
synchronisierte mein Herz mit meinem Gehirn; und kurz darauf saEen wir alle am Kuchentisch. 

„Wo warst du?", fragten sie beinahe gleichzeitig. 

Dariiber hatte ich auf dem Weg nach Hause nachgedacht. „Hab festgesessen", erwiderte ich. „In 
Oakland. Ich war da mit ein paar Freunden fur ein Projekt, und wir wurden alle in Quarantine 
gesteckt." 

„Fiinf Tage lang?" 

„Ja", sagte ich. „Ja. Das war richtig atzend." Ich hatte iiber die Quarantine im Chronicle gelesen und 
bediente mich jetzt hemmungslos aus den Zitaten, die sie da abgedruckt hatten. „Ja. Alle, die von der 



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Wolke erwischt wurden. Die dachten wohl, wir hatten uns da irgendwas Ubles aufgesammelt und 
haben uns dann in den Docklands in Schiffscontainer gesteckt wie Olsardinen. Mann, war das heiE 
und stickig. Und viel was zu essen gabs auch nicht." 

„0 Gott", sagte Dad und ballte die Fauste auf dem Tisch. Dad unterrichtet drei Tage die Woche in 
einem Graduiertenprogramm in der Bibliothek in Berkeley. Die iibrige Zeit arbeitet er als Berater fur 
Kunden in der Stadt und auf der Peninsula, fur Dot-Coms der dritten Welle, die irgendwelche Sachen 
mit Archiven machen. Beruflich ist er ein liebenswiirdiger Bibliothekar, aber in den Sechzigern war er 
ein echter Radikaler gewesen, und er hatte an der High School ein bisschen Wrestling betrieben. Ich 
hatte ihn schon ein paar Mai fuchsteufelswild gesehen - manchmal hatte ich ihm Anlass dazu gegeben 
-, und wenn er zum Hulk wurde, dann konnte er echt explodieren. Einmal warf er eine Ikea-Schaukel 
quer iiber den ganzen Rasen meines GroEvaters, als das Ding auch beim fiinfzigsten Zusammenbauen 
wieder einstiirzte. 

„Barbaren", sagte Mom. Seit sie ein Teenager war, lebte sie schon in Amerika, aber wenn sie es mit 
amerikanischen Bullen, dem Gesundheitssystem, Flughafensicherheit oder Obdachlosigkeit zu tun 
hat, dann kommt sie immer noch total britisch ruber. Dann heifit es „Barbaren", und ihr Akzent wird 
wieder starker. Wir waren zwei Mai in London gewesen, um ihre Familie zu besuchen, und ich fand 
nicht, dass es sich nennenswert zivilisierter anfuhlte als San Francisco, bloE viel verstopfter. 

„Aber heute haben sie uns rausgelassen und mit der Fahre riibergebracht", improvisierte ich jetzt. 

„Bist du verletzt?", fragte Mom? „Hungrig?" 

„Schlafrig?" 

„Ja, bisschen von all em. Und Dopey, Doc, Sneezy und Bashful." Wir hatten diese Familientradition, 
Sieben-Zwerge-Witze zu machen. Beide lachelten ein wenig, aber ihre Augen waren immer noch 
feucht. Sie mussten auEer sich vor Sorge gewesen sein. Ich war dankbar dafiir, das Thema wechseln 
zu konnen. „Ich brauch dringend was zu essen." 

„Ich bestelle eine Pizza bei Goat Hill", sagte Dad. 

„Ach ne, bitte nicht", sagte ich. Beide schauten sie mich an, als ob mir Antennen gewachsen waren. 
Normalerweise steh ich auf Goat Hill Pizza - also so, wie ein Goldfisch auf sein Futter steht: ich 
spachtel das Zeug, bis nichts mehr da ist oder bis ich platze. Ich versuchte zu lacheln. „Hab grade 
keine Lust auf Pizza", sagte ich bloE. „Wollen wir nicht lieber Curry bestellen?" Dem Himmel sei 
Dank, dass San Francisco die Hauptstadt der Lieferdienste ist. 

Mom ging zur Schublade mit den Liefer-Speisekarten (noch mehr Normalitat, ein Gefuhl wie ein 
Schluck Wasser in der trockenen, wunden Kehle) und blatterte sie durch. Ein paar Minuten lenkten 
wir uns damit ab, die Karte des Pakistani auf der Valencia zu studieren. Ich entschied mich fur 
gemischten Tandoori-Grillteller mit sahnigem Spinat und Frischkase, gesalzener Mango-Lassi (viel 
besser, als es klingt) und kleines Gepack in Zuckersirup. 

Als das Essen bestellt war, ging die Fragerei weiter. Sie hatten von Vans, Jolus und Darryls Familien 
gehort, klar, und hatten versucht, uns als vermisst zu melden. Die Polizei schrieb zwar Namen auf, 
aber es gab so viele „verschollene Personen", dass sie erst nach sieben Tagen eine offizielle 
Vermisstenmeldung akzeptierten. 

Derweil waren Millionen von „Wer-hat-wen-gesehen"-Seiten im Internet entstanden. Einige davon 
waren alte MySpace-Klone, denen das Geld ausgegangen war und die sich von all der 
Aufmerksamkeit Wiederbelebung erhofften. Immerhin vermissten auch einige Risikokapitalgeber 
Familienangehorige in der Bay Area. Und wenn die aufgefunden werden wurden, vielleicht brachte 
das der Site dann neue Finanzspritzen? Ich schnappte mir Dads Laptop und schaute die Seiten durch. 
Vollgekleistert mit Anzeigen, logisch, und Bilder von Vermissten, meist Schulabschluss-Fotos, 
Hochzeitsfots und derlei Sachen. Insgesamt ziemlich gruselig. 



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Ich fand mein Bild und sah, dass es mit Vans, Jolus und Darryls verkniipft war. Es gab ein kleines 
Formular, mit dem man Leute als gefunden kennzeichnen konnte, und ein anderes, das fur Notizen 
iiber andere Vermisste gedacht war. Ich fullte die Felder fur mich, Jolu und Van aus und lieE Darryls 
leer. 

„Du hast Darryl vergessen", sagte Dad. Er mochte Darryl nicht besonders, seit er mal bemerkt hatte, 
dass in einer der Flaschen in seinem Spirituosenschrank ein paar Zoll fehlten und ich es - das ist mir 
heute noch peinlich - auf Darryl geschoben hatte. In Wirklichkeit waren wirs beide gewesen, nur so 
zum SpaE, ein paar Wodka-Cola beim nachtelangen Computerspielen. 

„Er war nicht bei uns", sagte ich. Die Luge ging mir schwer iiber die Lippen. 

„0 mein Gott", sagte Mom. Sie krallte ihre Hande ineinander. „Als du kamst, hatten wir 
angenommen, dass ihr alle zusammen wart." 

„Nein", log ich weiter. „Nein, er wollte uns treffen, aber er kam nicht. Wahrscheinlich sitzt er noch in 
Berkeley fest. Er wollte die BART ruber nehmen." 

Mom gab ein leises Wimmern von sich, und Dad schuttelte den Kopf und schloss die Augen. „Hast du 
noch nicht von der BART gehort?", fragte er. 

Ich schuttelte den Kopf. Ich ahnte, was nun kommen wiirde, und es fiihlte sich an, als ob mir j em and 
den Boden unter den FiiEen wegzog. 

„Sie haben sie gesprengt", sagte Dad. „Die Bastarde haben sie hochgejagt, zur selben Zeit wie die 
Briicke." 

Das hatte nun nicht auf der ersten Seite des Chronicle gestanden, aber schlieElich war auch eine 
BART-Explosion im Unterwasser-Tunnel vermutlich nicht halb so bildgewaltig wie die Briicke, wie 
sie da in Fetzen iiber der Bay hing. Der BART-Tunnel vom Embarcadero in San Francisco bis ruber 
zur Station West Oakland war iiberflutet. 

Ich ging wieder an Dads Computer und surfte auf den Nachrichtenseiten. Niemand wusste Genaues, 
aber die Opferzahl ging in die Tausende. Von den Autos, die 60 Meter tief ins Meer gestiirzt waren, zu 
den Menschen, die in Ziigen ertranken: die Opferzahl en stiegen noch. Ein Reporter behauptete, er 
habe einen „Identitatsfalscher" interviewt, der „Dutzenden" von Menschen dabei geholfen habe, nach 
den Anschlagen einfach aus ihrem alten Leben zu verschwinden - die lieEen sich neue IDs machen 
und lieEen ungliickliche Ehen, driickende Schulden und missratene Lebenslaufe einfach hinter sich. 

Dad hatte tatsachlich Tranen in den Augen, und Mom weinte hemmungslos. Beide umarmten sie mich 
noch mal und betatschelten mich, als wollten sie sich vergewissern, dass ichs tatsachlich war. Sie 
horten nicht auf, mir zu sagen, dass sie mich liebten. Ich sagte ihnen, ich liebte sie auch. 

Es war ein tranenreiches Abendessen, und Mom und Dad tranken beide ein paar Glaser Wein, was fur 
ihre Verhaltnisse viel war. Dann sagte ich ihnen, ich sei todmiide, was nicht gelogen war, und stratzte 
in mein Zimmer rauf. Aber ins Bett ging ich nicht. Ich musste noch mal online gehen und rausfinden, 
was eigentlich los war. Ich musste mit Jolu und Vanessa reden. Und ich musste mit der Suche nach 
Darryl beginnen. 

Ich schlich also zu meinem Zimmer hoch und offnete die Tiir. Mein altes Bett hatte ich jetzt gefiihlte 
tausend Jahre nicht gesehen. Ich legte mich drauf und langte zum Nachttisch, um meinen Laptop zu 
hoi en Vermutlich hatte ich ihn nicht richtig angestopselt - das Netzteil anzuschlieEen war ein bisschen 
frickelig -, deshalb hatte er sich wahrend meiner Abwesenheit langsam entladen. Ich stopselte ihn 
wieder ein und wartete ein, zwei Minuten, bevor ich ihn wieder einzuschalten versuchte. In der 
Zwischenzeit zog ich mich aus, warf meine Klamotten in den Mull - die wollte ich namlich nie 
wieder sehen - und zog saubere Boxershorts und ein frisches T-Shirt an. Die frisch gewaschene 
Wasche, direkt aus der Schublade, fiihlte sich genauso vertraut und gemiitlich an wie eine Umarmung 
von meinen Eltern. 



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Ich schaltete den Laptop ein und stopfte ein paar Kissen hinter mir ans Kopfende des Betts. Dann 
lehnte ich mich zuriick und legte mir den aufgeklappten Computer auf den SchoR. Er war immer noch 
am Hochfahren, und die Icons, die da so iiber das Display krochen, Mann, sah das gut aus. Er fuhr 
vollstandig hoch und zeigte dann gleich neue Warnungen iiber niedrigen Akkustand. Ich priifte das 
Stromkabel noch mal, riittelte dran, und die Warnungen verschwanden. Die Netzbuchse gab echt bald 
den Geist auf. 

Genaugenommen wars so iibel, dass ich iiberhaupt nichts tun konnte. Jedes Mal, wenn ich die Hand 
vom Stromkabel nahm, verlor es den Kontakt, und der Computer fing wieder an, iiber den Akku zu 
meckern. Das musste ich mir mal genauer ansehen. 

Das gesamte Computergehause war ganz leicht in sich verschoben, die Nahtstelle war vorn dicht und 
ging in einem gleichmafiigen Winkel nach hinten auseinander. 

Manchmal schaust du dir ja irgendein Gerat an und entdeckst irgendwas, und dann fragst du dich, ob 
das immer schon so war. Vielleicht ist es dir ja bloE nie aufgefallen. 

Aber bei meinem Laptop konnte das nicht sein. Den hatte ich immerhin selbst gebaut. Nachdem die 
Schulbehorde uns alle mit SchulBooks ausstaffiert hatte, hatten meine Eltern mir nie und nimmer 
noch einen eigenen Computer gekauft, obwohl das SchulBookja streng genommen nicht mir gehorte, 
und auf dem sollte ich ja keine Software installieren oder es sonstwie tunen. 

Aber ich hatte was gespart - hier und da mal ein Job, Weihnachten, Geburtstage, ein bisschen cleveres 
Ebaying. Wenn man das alles zusammenlegte, war es genug Geld, eine total schrottige, fiinf Jahre alte 
Miihle zu kaufen. 

Also bauten Darryl und ich uns selbst einen. Laptopgehause kann man genauso kaufen wie Desktop- 
Gehause, allerdings sind sie schon etwas spezieller als 08/15-PCs. Ein paar Rechner hatte ich mit 
Darryl iiber die Jahre schon zusammengeschraubt, indem wir Teile von Craigslist und 
Garagenverkaufen und superbilligen taiwanesischen Online-Handlern zusammentrugen. Also dachte 
ich, einen Laptop zu bauen ware der beste Weg, zu einem Preis, den ich mir leisten konnte, die 
Leistung zu bekommen, die ich haben wollte. 

Wenn du einen Laptop bauen willst, fangt es damit an, dass du ein „Barebook" bestellst - ein Gehause 
mit einem Minimum an Hardware drin und mit alien wichtigen Einschiiben. Und das Gute war, dass 
ich letztlich einen Rechner hatte, der ein ganzes Pfund leichter war als der Dell, den ich im Auge 
gehabt hatte, schneller war und nur ein Drittel dessen kostete, was ich fur den Dell gelohnt hatte. Das 
Schlechte war, dass Laptopbauen was von Flaschenschiffbauen hat. Es ist total frickelig, man braucht 
ne Pinzette und eine Lupenbrille, wenn man versucht, all das Zeug in dem kleinen Gehause 
unterzubringen. Im Gegensatz zu einem normal groEen Rechner, der ja hauptsachlich aus Luft 
besteht, wird jeder Kubikmillimeter Raum in einem Laptop tatsachlich gebraucht. Jedes Mal, wenn 
ich dachte, jetzt hatte ichs, versuchte ich die Kiste zuzuschrauben und merkte dann, dass da immer 
noch irgendwas war, das das Gehause daran hinderte, sich komplett schlieEen zu lassen, und dann 
gings wieder zuriick ans Zeichenbrett. 

Von daher wusste ich ganz genau, wie die Nahtstelle meines Laptops aussehen musste, wenn das Ding 
zu war; und so durfte sie ganz sicher nicht aussehen. 

Ich wackelte also weiter am Netzadapter, aber es hatte keinen Zweck. Ich wiirde die Kiste nicht 
sauber zum Booten bringen, ohne sie einmal auseinanderzuschrauben. Ich stohnte und stellte den 
Laptop neben das Bett. Darum wiirde ich mich morgen friih kummern. 



So weit zur Theorie, haha . . . Zwei Stunden spater starrte ich immer noch an die Decke und lieE die 
Filme in meinem Kopf ablaufen, was sie mit mir gemacht hatten, was ich hatte tun sollen, jede Menge 
Bedauern und „esprit d'escalier". 



42 



Ich walzte mich aus dem Bett. Inzwischen wars Mitternacht, und ich hatte urn elf gehort, wie meine 
Eltern in die Falle krochen. Ich schnappte mir den Laptop, schaufelte etwas Platz auf dem 
Schreibtisch frei, klippte kleine LED-Lampen an den Seiten meiner VergroEerungsbrille an und holte 
einen Satz kleiner Prazisionsschraubendreher. Eine Minute spater hatte ich das Gehause geoffnet und 
blickte auf die Eingeweide meines Laptops. Ich holte eine Dose Druckluft, pustete den Staub weg, 
den der Liifter reingesogen hatte, und schaute alles durch. 

Irgendwas stimmte nicht. Ich konnte nicht genau sagen, was, aber schlieElich wars j a auch schon 
Monate her, dass ich den Deckel von diesem Ding runterhatte. Zum Gliick war ich beim dritten Mai 
Auf- und muhsamem Wiederzumachen schlauer geworden. Ich hatte ein Foto des Innenlebens 
gemacht mit allem an seinem richtigen Platz. So richtig schlau war ich aber noch nicht: Zuerst hatte 
ich das Foto bloE auf der Festplatte gelassen, und da kam ich natiirlich nicht ran, wenn ich den Laptop 
zerlegt hatte. Aber dann hatte ichs ausgedruckt und irgendwo in meinem Wust von Papieren versenkt, 
diesen Friedhof toter Baume, wo ich alle Garantieunterlagen und Schaltdiagramme deponierte. Ich 
blatterte den Stapel durch - irgendwie sah er unordentlicher aus, als ich ihn in Erinnerung hatte - und 
holte mein Foto raus. Das legte ich neben den Computer, dann versuchte ich meine Augen auf nichts 
Bestimmtes zu fokussieren und Dinge zu finden, die deplatziert schienen. 

Dann hatte ichs. Das Verbindungskabel zwischen Tastatur und Mainboard saE nicht richtig drin. Das 
war merkwurdig. Auf diesem Teil lastete kein Zug, da war nichts, das es im normalen Betrieb hatte 
verschieben konnen. Ich versuchte es wieder richtig reinzudriicken und entdeckte, dass der Stecker 
nicht bloE schief drinsaE - da war irgendwas zwischen ihm und dem Mainboard. Ich holte es mit der 
Pinzette raus und leuchtete es an. 

Das war was Neues in meiner Tastatur. Ein kleines Brockchen Hardware, nur gut einen Millimeter 
dick, ohne Kennzeichnung. Das Keyboard war daran angeschlossen, und es selbst war ans Mainboard 
angestopselt. Mit anderen Worten: Es war am genau richtigen Platz, um alle Tastatureingaben 
aufzuzeichnen, wahrend ich an der Maschine tippte. 

Es war eine Wanze. 

Mein Herz pochte bis zu den Ohren. Es war dunkel und ruhig im Haus, aber es war keine beruhigende 
Dunkelheit. Da drauEen waren Augen, Augen und Ohren, und die beobachteten mich. Uberwachten 
mich. Die UberwachungsmaEnahmen aus der Schule waren mir bis nach Hause gefolgt, aber dieses 
Mai schaute mir nicht nur die Schulbehorde iiber die Schulter: Die Heimatschutzbehorde war jetzt 
auch dabei. 

Fast hatte ich die Wanze rausgenommen. Dann fiel mir ein, dass derjenige, der das Ding eingebaut 
hatte, merken wiirde, wenn es nicht mehr drin war. Mir wurde iibel dabei, aber ich lieE es drin. 

Ich schaute rum, ob mir noch mehr Eingriffe auffielen. Ich fand sonst nichts, aber bedeutete das auch, 
dass wirklich nichts da war? Jemand war in mein Zimmer eingedrungen und hatte dieses Gerat 
installiert - er hatte meinen Laptop zerlegt und wieder zusammengebaut. Es gab noch etliche andere 
Moglichkeiten, einen Computer anzuzapfen. Die wiirde ich niemals alle finden. 

Mit tauben Fingern baute ich die Maschine wieder zusammen. Dieses Mai lieE sich nicht nur das 
Gehause sauber schlieEen, sondern das Stromkabel blieb auch drin. Ich fuhr den Rechner hoch und 
war schon mit den Fingern auf der Tastatur, um ein paar Priifungen laufen zu lassen und die Dinge zu 
sortieren. 

Aber ich konnte es nicht. 

Verdammt, vielleicht war mein ganzes Zimmer verwanzt. Vielleicht spahte mich grade eine Kamera 
aus. 

Als ich heimkam, hatte ich mich schon paranoid gefiihlt. Aber jetzt war ich vollig neben der Spur. Ich 
fiihlte mich so, als ob ich wieder im Knast ware, wieder im Befragungszimmer, verfolgt von Machten, 
die mich vollstandig unter Kontrolle hatten. Fast fing ich wieder an zu weinen. 



43 



Nur noch dieses eine. 

Ich ging ins Badezimmer, nahm die Klopapierrolle raus und setzte eine neue ein. Zum Gliick war die 
alte sowieso fast leer. Ich rollte den Rest Papier ab und kramte in meiner Teilekiste, bis ich den 
kleinen Plastikumschlag mit den ultrahellen weiEen LEDs gefunden hatte, die ich aus einer kaputten 
Fahrradleuchte ausgebaut hatte. Vorsichtig driickte ich ihre Anschliisse durch die Plastikrohre, 
nachdem ich mit einer Nadel passende Locher gemacht hatte; dann holte ich Draht und schaltete sie 
alle mit kleinen Metallklammern in Reihe. Die Kabelenden bog ich passend zurecht und schloss sie an 
eine 9-Volt-Batterie an. Jetzt hatte ich eine Rohre mit einem Ringlicht aus ultrahellen, gerichteten 
LEDs, die ich vors Auge halten und durchschauen konnte. 

So eine hatte ich letztes Jahr als Proj ektbeitrag zur Wissenschafts-Messe gebaut, und man hatte mich 
aus der Ausstellung geworfen, nachdem ich gezeigt hatte, dass in der Halfte aller Klassenzimmer in 
Chavez High versteckte Kameras installiert waren. StecknadelkopfgroEe Videokameras kosten 
heutzutage weniger als ein gutes Abendessen im Restaurant, deshalb tauchen sie an alien Ecken und 
Enden auf. Tuckische Ladenangestellte installieren das Zeug in Umkleidekabinen oder Sonnenstudios 
und werden spitz von dem Zeug, das ihnen da von den Kunden prasentiert wird; manchmal laden sies 
auch bloE ins Internet hoch. Zu wissen, wie man aus einer Klopapierrolle und Kleinteilen fur drei 
Dollar einen Kameradetektor baut, ist einfach nur vernunftig. 

Das ist die einfachste Methode, eine Schnuffelkamera zu erwischen. Die haben zwar winzige 
Objektive, reflektieren aber trotzdem wie Sau. Am besten funktioniert das in einem abgedunkelten 
Zimmer: Guck durch die Rohre und such langsam die Wande ab und all die anderen Orte, wo jemand 
eine Kamera versteckt haben konnte, bis du den Hauch einer Reflexion siehst. Wenn die Reflexion da 
bleibt, wenn du dich bewegst, ist es ein Objektiv. 

In meinem Zimmer war keine Kamera - zumindest keine, die ich erkennen konnte. Audio-Wanzen 
hatten naturlich trotzdem da sein konnen. Oder bessere Kameras. Oder gar nichts. Kann ich was dafiir, 
dass ich Paranoia entwickelte? 

Ich mochte diesen Laptop gern. Ich nannte ihn „Salmagundi", was soviel heiEt wie „etwas aus 
Ersatzteilen Zusammengebautes". 

Wenn man erst mal damit anfangt, seinem Laptop einen Namen zu geben, ist klar, dass man eine enge 
Beziehung zu dem Teil hat. Aber jetzt hatte ich das Gefuhl, ich wiirde ihn nie wieder beriihren mogen. 
Ich wollte ihn aus dem Fenster werfen. Wer weiE, was die damit gemacht hatten? Wer weiE, wie der 
angezapft war? 

Ich klappte ihn zu, steckte ihn in eine Schublade und starrte an die Decke. Es war spat, und ich sollte 
schlafen. Aber jetzt konnte ich schon mal gar nicht schlafen. Ich war verwanzt. Jeder konnte verwanzt 
sein. Die Welt war fur immer eine andere geworden. 

„Irgendwie krieg ich die", sagte ich. Das war ein Schwur, ich wusste es, als ich es horte, obwohl ich 
nie zuvor einen Schwur geleistet hatte. 

Jetzt konnte ich nicht mehr schlafen. Und auEerdem hatte ich eine Idee. 

Irgendwo im Schrank hatte ich noch einen eingeschweiEten Karton mit einer unberuhrten, 
originalverpackten Xbox Universal. Jede Xbox war deutlich unter Herstellungspreis verkauft worden 
- Microsoft macht das meiste Geld damit, Lizenzgebiihren von Spielefirmen zu nehmen, die Xbox- 
Spiele vertreiben wollen -, aber die Universal war die erste Xbox, die Microsoft vollig gratis unters 
Volk brachte. 

Letzten Advent standen an jeder Ecke arme Loser, verkleidet als Krieger aus der Halo-Serie, und 
hauten Taschen mit diesen Spielkonsolen raus, so schnell sie konnten. Scheint funktioniert zu haben - 
jeder sagt, sie hatten einen Riesenberg Spiele verkauft. Naturlich gabs Sicherheitsvorkehrungen, 
damit du damit wirklich nur Spiele von Firm en spiel en konntest, die dafiir Lizenzen von Microsoft 
erworben hatten. 



44 



Hacker gehen durch solche Sperren glatt durch. Die Ur-Xbox wurde von nem Jungen am MIT 
gecrackt, der dann einen Bestseller driiber schrieb; dann war die 360 an der Reihe, und danach ging 
die kurzlebige Xbox portable in die Knie (wir nannten sie „die Schleppbox", weil sie drei Pfund wog). 
Die Universal sollte komplett kugelsicher sein. Die Highschool-Kids, die sie knackten, waren 
brasilianische Linux-Hacker, die in einer Favela lebten, einer illegalen Armen-Siedlung. 

Unterschatze nie die Entschlossenheit eines Jungen mit viel Zeit und wenig Geld. 

Als die Brasilianer ihren Hack veroffentlichten, fuhren wir alle drauf ab. Bald gabs Dutzende 
alternativer Betriebssysteme fur die Xbox Universal. Meine erste Wahl war ParanoidXbox, eine 
Variante von ParanoidLinux. Dieses Betriebssystem geht davon aus, dass der Benutzer von seiner 
Regierung unter Druck gesetzt wird (urspriinglich war es fur chinesische und syrische Dissidenten 
gedacht), und ist darauf ausgelegt, deine Kommunikation und deine Dokumente moglichst geheim zu 
halten. Es setzt sogar Pseudokommunikation in Gang, um den Umstand zu verschleiern, dass du grade 
was Geheimes machst. Wahrend du zum Beispiel Buchstabe fur Buchstabe eine politische Nachricht 
erhaltst, tut ParanoidLinux so, als surfst du im Web und flirtest in Chats. Dabei ist jeder 
funfhundertste Buchstabe, der bei dir ankommt, Teil der eigentlichen Nachricht, eine Nadel in einem 
gigantischen Heuhaufen. 

Ich hatte mir ne ParanoidXbox-DVD gebrannt, als es frisch drauEen war, aber irgendwie war ich nie 
dazu gekommen, die Xbox in meinem Schrank auszupacken, einen Fernseher zum AnschlieEen zu 
finden und so weiter. Mein Zimmer ist auch so schon verstopft genug, ohne dass Microsoft-Crashware 
wertvollen Raum beansprucht. 

Heute Nacht wurde ich den Raum opfern. Es dauerte etwa zwanzig Minuten, bis alles lief. Keine 
Glotze zu haben war das kniffligste Problem, aber dann fiel mir ein, dass ich noch einen kleinen LCD- 
Projektor mit Standard-TV-Eingangen hatte. Ich schloss die Xbox an, warf das Bild an meine 
Zimmertur und installierte ParanoidLinux. 

Jetzt war ich soweit, und ParanoidLinux suchte nach anderen Xbox Universals, mit denen es sprechen 
konnte. Jede Xbox Universal hat WLAN fur Mehrspieler-Modi eingebaut. Du kannst dich mit deinen 
Nachbarn direkt drahtlos verbinden oder iibers Internet, wenn du einen drahtlosen Zugang hast. Ich 
fand drei Nachbarn in Funkreichweite. Zwei davon hatten ihre Xbox Universal auch mit dem Internet 
verbunden. Das war fur ParanoidXbox ideal: Es konnte einen Teil der Internet- Verbindungen der 
Nachbarn fur sich abzweigen und so iiber das Spielenetzwerk selbst online gehen. Den Nachbarn 
wurde das bisschen Datentransfer nicht auffallen: Sie hatten Flatrate-Internetverbindungen, und 
nachts um zwei surften sie selbst nicht viel. 

Das Beste an all dem war, dass ich wieder das Gefiihl hatte, alles unter Kontrolle zu haben. Meine 
Technik arbeitete fur mich, diente mir, beschiitzte mich. Sie schniiffelte mir nicht hinterher. Dafiir 
liebte ich Technik: Wenn du sie richtig benutzt, gibt sie dir Macht und Privatsphare. 

Mein Gehirn lief jetzt auf vollen Touren. Es gab ne Menge Griinde, mit ParanoidXbox zu arbeiten - 
vor all em, dass jeder dafiir Spiele schreiben konnte. MAME, der „Multiple Arcade-Maschinen- 
Emulator", war schon portiert, so dass man praktisch j edes j e geschriebene Spiel laufen lassen konnte, 
ganz bis zuriick zu Pong - Spiele fur den Apple ][+, fur die Colecovision, fur die NES, die Dreamcast 
und so weiter. 

Und noch besser waren all die coolen Multiplayer-Spiele, die speziell fur ParanoidXbox geschrieben 
waren - kostenlose Spiele von Hobbyprogrammierern, die jeder benutzen konnte. Alles in allem 
hattest du also ne Gratiskonsole mit lauter Gratisspielen, die dir Gratis-Internetzugang verschaffte. 

Und am besten war, soweit es mich betraf, dass ParanoidXbox wirklich paranoid war. Dein gesamter 
Datenverkehr wurde bis zur Unkenntlichkeit verquirlt. Man konnte es abhoren, so viel man wollte, 
aber man wurde nicht rauskriegen, wer da sprach, woriiber sie sprachen oder mit wem. Anonymes 
Web, Mail und Messaging. Genau das, was ich brauchte. 

Jetzt musste ich nur noch jeden, den ich kannte, dazu bringen, es auch zu benutzen. 

45 



Kapitel 6 

Dieses Kapitel ist Powell's Books gewidmet, der legendaren „Stadt der Bucher" in Portland, Oregon. Powell's ist die groRte 
Buchhandlung der Welt, ein endloses Universum von Papiergeruchen und turmhohen Regalen uber mehrere Etagen. Dort 
stellen sie neue und gebrauchte Bucher in dieselben Regale - das ist etwas, das ich schon immer mochte -, und jedes Mai, 
wenn ich dort bin, hatten sie einen ordentlichen Berg meiner Bucher vorratig und waren unglaublich liebenswurdig, wenn es 
darum ging, meine vorratigen Bucher zu signieren. DieAngestellten sind freundlich, dieAuswahl uberwaltigend, und es gibt 
sogar einen Powell's am Flughafen in Portland, fur meinen Geschmack der beste Flughafen-Buchladen der Welt! 

Powell's Books: http://www.powells.com/cgi-bin/biblio?isbn=9780765319852 1005 W Burnside, Portland, OR 97209 USA+1 
800 878 7323 

Ob ihrs glaubt oder nicht, meine Eltern bestanden drauf, dass ich am nachsten Tag zur Schule 
ging. Erst urn drei war ich in fiebrigen Schlaf gefallen, aber um sieben stand mein Dad am 
FuEende des Bettes und drohte mich an den Knocheln rauszuziehen. Irgendwie schaffte ichs, 
aufzustehen - etwas musste in meinem Mund gestorben sein, nachdem es mir die Augenlider 
zugekleistert hatte - und die Dusche zu finden. 

Ich erlaubte meiner Mom, eine Scheibe Toast und eine Banane in mich reinzuzwingen, und wiinschte 
mir nichts mehr, als dass meine Eltern mich daheim mal Kaffee trinken lieEen. Ich konnte mir zwar 
einen auf dem Weg zur Schule besorgen, aber ihnen dabei zuzusehen, wie sie ihr schwarzes Gold 
schlurften, wahrend ich meinen Hintern durchs Haus schleppte, mich anzog und meine Bucher in die 
Tasche packte, das war mies. 

Ich bin den Weg zur Schule schon tausend Mal gegangen, aber dieses Mal wars anders. Ich ging uber 
die Hiigel runter ins Mission-Viertel, und iiberall waren Trucks. Ich sah, dass an vielen Stoppschildern 
neue Sensoren und Verkehrsuberwachungskam eras installiert waren. Irgendjemand hatte eine Menge 
Schnuffelzeug rumliegen gehabt und nur auf die erste Gelegenheit gewartet, es installieren zu konnen. 
Der Anschlag auf die Bay Bridge war genau das gewesen, was diese Leute brauchten. 

Das alles machte die Stadt irgendwie gedampfter, wie in einem Fahrstuhl, die erhohte 
Aufmerksamkeit deiner Nachbarn und die allgegenwartigen Kameras waren bedriickend. 

Der turkische Coffeeshop auf der 24. StraEe peppte mich mit einem Tiirkischen Kaffee zum 
Mitnehmen auf. Im Grunde ist Tiirkischer Kaffee Schlamm, der behauptet, Kaffee zu sein. Er ist 
dickfliissig genug, dass ein Loffel drin stehenbleibt, und hat viel mehr Koffein als Red Bull und diese 
ganze Kinderbrause. Glaubt es jemandem, der den Wikipedia-Eintrag gelesen hat: Das Ottomanische 
Reich wurde erobert von wildgewordenen Reitern, die von todlich-tiefschwarzem Kaffeeschlamm 
angetrieben waren. 

Ich zog meine Kreditkarte zum Zahlen raus und er zog ein Gesicht. „Kein Kredit mehr", sagte er. 

„Was? Warum nicht?" Meine Kaffeesucht hatte ich beim Tiirken schon seit Jahren mit der Kreditkarte 
gezahlt. Er zog mich standig auf, behauptete, ich sei noch zu Jung, das Zeug zu trinken, und weigerte 
sich komplett, mir wahrend der Unterrichtszeit was zu verkaufen, weil er sicher war, ich wurde die 
Schule schwanzen. Aber im Lauf der Jahre hatten der Tiirke und ich so eine Art stillschweigendes 
Einvernehmen entwickelt. 

Er schiittelte traurig den Kopf. „Das wiirdest du nicht verstehen. Geh zur Schule, Junge." Der 
sicherste Weg, mich dazu zu bringen, etwas verstehen zu wollen, ist zu behaupten, das wurde ich 
nicht verstehen. Ich beschwatzte ihn und bestand drauf, dass ers mir erzahlte. Erst guckte er, als sei er 
drauf und dran, mich rauszuwerfen, aber als ich ihn fragte, ob ich ihm als Kunde nicht mehr gut 
genug sei, taute er auf. 

„Sicherheit", sagte er und schaute uber seinen kleinen Laden mit den Packungen voll getrockneter 
Bohnen und Sam en, den Regalen mit tiirkischem Obst und Gemiise. „Die Regierung. Uberwachen 
jetzt alles; stand in der Zeitung. PATRIOT Act II hat Kongress gestern beschlossen. Jetzt konnen sie 
immer sehen, wenn du deine Karte benutzt. Ich sage nein. Ich sage, mein Laden hilft ihnen nicht 
dabei, meine Kunden auszuschniiffeln." 



46 



Meine Kinnlade klappte ranter. 

„Denkst du vielleicht, was macht das schon? Wo ist das Problem, wenn Regierung weiE, wann du 
Kaffee kaufst? Weil sie wissen, wo du bist und wo du warst. Warum denkst du, ich bin aus Tiirkei 
fort? Wo Regierung immer das Volk ausspioniert, ist nicht gut. Ich komme vor zwanzig Jahren wegen 
Freiheit hierher - ich helfe ihnen nicht, Freiheit wegzunehmen." 

„Aber Sie verlieren so viele Kunden", stammelte ich. Ich wollte ihm sagen, dass er ein Held sei, und 
seine Hand schiitteln, aber nur das kam raus. „Jeder benutzt Kreditkarten." 

„Vielleicht nicht mehr so viel. Vielleicht kommen meine Kunden hierher, weil sie wissen, ich liebe 
auch Freiheit. Ich mache Schild fur Fenster. Vielleicht machen andere Laden auch. Ich hore, ACLU 
will sie deshalb verklagen." 

„Ich komm ab jetzt jedenfalls nur noch zu ihnen", sagte ich und meinte es so. Dann kramte ich in der 
Hosentasche. „Oh, ich habe gar kein Geld dabei." 

Er deutete ein Lacheln an und nickte. „Viel Leute sagen dasselbe. Alles gut. Geld von heute kannst du 
der ACLU geben." 

Binnen zwei Minuten hatten der Tiirke und ich mehr Worte gewechselt als in all der Zeit, seit ich in 
seinen Laden kam. Ich hatte nie geahnt, dass er all diese Leidenschaft hatte. Ich hatte ihn immer nur 
als den freundlichen Koffein-Dealer von nebenan betrachtet. Jetzt schuttelte ich ihm die Hand und 
verlieE den Laden. Ich hatte das Gefuhl, er und ich seien nun ein Team. Ein geheimes Team. 



Ich hatte zwei Tage Schule verpasst, aber anscheinend hatte ich nicht viel Unterricht verpasst. An 
einem der Tage, als die Stadt muhsam wieder zur Besinnung kam, hatten sie die Schule geschlossen. 
Am nachsten Tag hatten sie sich, wies schien, ausschlieElich damit beschaftigt, um diejenigen von uns 
zu trauern, die vermisst wurden und wahrscheinlich tot waren. Die Zeitungen veroffentlichten 
Biografien der Vermissten und personliche Erinnerungen. Das Web war voll mit Tausenden solcher 
Nachrufhulsen. 

Bloderweise war ich einer von diesen Leuten. Kaum kam ich ahnungslos auf den Schulhof, war ein 
Schrei zu horen und sofort standen hundert Leute um mich rum, klopften mir auf die Schultern, 
schiittelten meine Hand. Ein paar Madchen, die ich nicht mal kannte, kiissten mich, und das waren 
nicht bloE freundschaftliche Kiisse. Ich fiihlte mich wie ein Rockstar. 

Meine Lehrer waren kaum zuriickhaltender. Ms. Galvez weinte fast so sehr wie meine Mutter und 
umarmte mich drei Mal, bevor sie mich an meinen Platz gehen lieE. Da war was Neues vorn im 
Klassenzimmer. Eine Kamera. Ms. Galvez sah, wie ich dorthin starrte, und gab mir eine 
Einverstandniserklarung auf kopiertem, verschmiertem Schulbriefpapier. 

Die iibergeordnete Schulbehorde des Bezirks San Francisco hatte iibers Wochenende eine 
Dringlichkeitssitzung einberufen und einstimmig beschlossen, von den Eltern jedes Schiilers in der 
Stadt das Einverstandnis einzuholen, in jeder Klasse undjedem Flur Uberwachungskameras zu 
installieren. Das Gesetz besagte zwar, dass man uns nicht zwingen konnte, eine komplett iiberwachte 
Schule zu besuchen, aber davon, dass wir unsere verfassungsmaEigen Rechte auch freiwillig 
aufgeben konnten, stand nichts drin. In dem Brief hieE es, dass die Behorde sicher sei, das 
Einverstandnis aller Eltern der Stadt zu erhalten, dass man es aber auch einrichten wolle, Kinder nicht 
damit einverstandener Eltern in „ungeschutzten" Klassenzimmern zu unterrichten. 

Warum hatten wir jetzt Kameras in den Klassenzimmern? Terroristen, na klar. Weil sie damit, dass sie 
eine Briicke sprengten, angedeutet hatten, dass als Nachstes Schulen an der Reihe waren. Jedenfalls 
war das die Erkenntnis, zu der die Behorde gelangt war. 

Ich las die Mitteilung drei Mal durch und hob dann die Hand. 

„Ja, Marcus?" 



47 



„Ms. Galvez, eine Frage zu dieser Mitteilung." 

„Was denn, Marcus?" 

„Geht es denn bei Terrorismus nicht darum, uns Angst zu machen? Das ist doch, warum es 
Terrorismus heiEt, oder?" 

„Ich glaube schon." Die Klasse starrte mich an. Ich war nicht der beste Schiiler dieser Schule, aber ich 
liebte anstandige Diskussionen in der Klasse. Die anderen warteten gespannt drauf, was ich als 
Nachstes sagen wiirde. 

„Tun wir dann also nicht genau das, was die Terroristen von uns erwarten? Die haben doch gewonnen, 
wenn wir vollig panisch sind und Kameras in Klassenraumen installieren und all so was, oder?" 

Nervoses Tuscheln. Einer der anderen hob die Hand. Es war Charles. Ms. Galvez rief ihn auf. 

„Kameras zu installieren macht uns sicherer, und das macht uns weniger angstlich." 

„Sicher wovor?", fragte ich, drauf zu warten, aufgerufen zu werden. 

„Terrorismus", sagte Charles. Die anderen nickten mit den Kopfen. 

„Aber wie denn? Wenn hier ein Selbstmordattentater reinrauschen und uns alle hochjagen wiirde . . ." 

„Ms. Galvez, Marcus verletzt die Schulregeln. Wir sollen doch keine Witze iiber Terroranschlage 
machen." 

„Wer macht hier Witze?" 

„Vielen Dank, ihr beiden", sagte Ms. Galvez. Sie sah ziemlich unglucklich aus, und es tat mir ein 
bisschen Leid, ihren Unterricht dafiir beansprucht zu haben. „Ich denke, das ist eine wirklich 
interessante Diskussion, aber ich mochte sie auf spater vertagen. Ich glaube, diese Dinge sind noch zu 
gefiihlsbeladen, als dass wir sie heute schon diskutieren sollten. Jetzt also bitte zuriick zu den 
Suffragisten, ja?" 

Also verwendeten wir den Rest der Stunde darauf, iiber die Suffragisten zu sprechen und iiber die 
neuen Lobbyismus-Strategien, die sie entwickelt hatten: Wie sie vier Frauen ins Biirojedes einzelnen 
Kongressabgeordneten geschickt hatten, um ihm klarzumachen, was es fur seine politische Zukunft 
bedeuten wiirde, wenn er Frauen auch weiterhin das Wahlrecht verweigern sollte. Normalerweise 
mochte ich solche Sachen - kleine Leute, die die GroEen, Machtigen dazu brachten, ehrlich zu sein. 
Aber heute konnte ich mich nicht konzentrieren. Das musste an Darryls Fehlen liegen. Wir mochten 
Gesellschaftskunde beide gern, und wir hatten immer binnen Sekunden unsere SchulBooks drauEen 
und eine Messaging-Session laufen, unseren Riickkanal, um iiber den Unterricht zu reden. 

Ich hatte in der Nacht zuvor zwanzig ParanoidXbox-Scheiben gebrannt und hatte sie alle in meiner 
Tasche. Die gabe ich Leuten, von denen ich wusste, dass sie harte Spieler waren. Sie hatten alle 
letztes Jahr eine Xbox Universal oder zwei bekommen, aber die meisten hatten irgendwann aufgehort, 
sie zu benutzen. Die Spiele waren ziemlich teuer und nicht sonderlich gut. Ich nahm sie zwischen 
zwei Unterrichtsblocken, beim Mittagessen oder im Studienraum beiseite und schwarmte ihnen in 
hochsten Tonen von ParanoidXbox-Spielen vor. Gratis und gut - Gemeinschaftsspiele mit 
Suchtpotenzial, bei denen man mit lauter coolen Leuten rund um die Welt spielte. 

Etwas zu verschenken, um was anderes zu verkaufen, ist ein Rasierklingen-Geschaftsmodell - Firmen 
wie Gillette geben dir Rasierer gratis, um dir dann mit den teuren Klingen das Geld aus der Tasche zu 
Ziehen. Druckertinte ist da am schlimmsten - der teuerste Champagner der Welt ist billig im Vergleich 
zu Druckertinte, die zudem in der Herstellung lachhaft billig ist. 

„Rasierklingen"-Firmen leben davon, dass du die „Klingen" nirgendwo anders bekommst. Denn wenn 
Gillette neun Dollar an einer Zehn-Dollar-Ersatzklinge verdient, was liegt dann naher, als einen 
Wettbewerber zu griinden, der an einer identischen Klinge nur vier Dollar verdient? So eine 80- 
Prozent-Verdienstspanne ist etwas, das einen typischen Businesstypen ganz schon nervos macht. 



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Deshalb geben sich Rasierklingen-Firmen wie Microsoft so viel Miihe, es schwierig und/oder illegal 
zu machen, ihnen mit ihren Klingen Konkurrenz zu machen. In Microsofts Fall hatte jede Xbox einige 
Abwehrmechanismen eingebaut, die dich davon abhalten sollten, Software von Leuten drauf laufen zu 
lassen, die noch kein Blutgeld an Microsoft gezahlt hatten fur das Recht, Xbox-Programme zu 
verkaufen. 

Die Leute, die ich traf, dachten iiber so was nicht groE nach. Aber sie wurden hellhorig, als ich ihnen 
erzahlte, dass die Spiele nicht kontrolliert wurden. Heutzutage ist jedes Online-Spiel voll mit alien 
moglichen unappetitlichen Typen. Zum einen gibt's die Perversen, die dich in irgendwelche 
abgelegenen Ecken zu locken versuchen, um dann bizarre Schweigen-der-Lammer-Spielchen mit dir 
zu spielen. Dann sind da Bullen, die sich als naive Kiddies ausgeben, um die Perversen hochnehmen 
zu konnen. Aber am schlimmsten sind diese Kontrolleur-Typen, die nichts anderes zu tun haben, 
unsere Diskussionen auszuhorchen und uns zu verpetzen, weil wir ihre Geschaftsbedingungen verletzt 
haben, in denen Flirten, Fluchen und „Sprache, die offen oder verdeckt dazu geeignet ist, jedweden 
Aspekt von sexueller Orientierung oder Sexualitat herabzuwiirdigen" streng verboten sind. 

Ich bin nicht rund um die Uhr auf Sex fixiert, aber ich bin ein siebzehnj ahriger Junge. Naturlich redet 
man dann und wann iiber Sex. Aber wehe, man redet im Chat wahrend des Spielens driiber - dann ist 
sofort die Luft raus. Die ParanoidXbox-Spiele kontrollierte niemand, denn die wurden nicht von einer 
Firma betrieben; das waren bloE Spiele, die Hacker so zum SpaE geschrieben hatten. 

Deshalb fanden diese Hardcore-Spieler die Nummer klasse. Sie nahmen die Scheiben liebend gern 
und versprachen, Kopien fur all ihre Freunde zu brennen - Spiele machen nun mal den meisten SpaE, 
wenn du sie mit deinen Kumpels spielst. 

Als ich heim kam, las ich, dass eine Gruppe von Eltern wegen der Uberwachungskameras in den 
Klassenzimmern gegen die Schulbehorde klagte, aber dass sie mit ihrem Versuch, eine einstweilige 
Verfugung dagegen zu erwirken, bereits gescheitert waren. 



Ich weiE nicht mehr, wer sich den Namen Xnet ausdachte, aber er blieb hangen. Man konnte die 
Leute im Nahverkehr driiber reden horen. Van rief mich an, um zu fragen, ob ich schon davon gehort 
hatte, und ich verschluckte mich fast, als ich begriff, woriiber sie redete: Die Scheiben, die ich letzte 
Woche zu verteilen begonnen hatte, waren so oft kopiert und weitergereicht worden, dass sies in der 
Zeit ganz bis Oakland geschafft hatten. Machte mich etwas nervos - als ob ich eine Regel gebrochen 
hatte, und jetzt wiirde das DHS kommen und mich fur immer wegsperrren. 

Es waren harte Wochen gewesen. In der BART konnte man jetzt iiberhaupt nicht mehr bar bezahlen, 
sie hatten dafiir „kontaktlose" RFID-Karten eingefuhrt, die man an den Drehkreuzen rumwedelte, um 
durchzukommen. Die waren zwar cool und bequem, aber jedes Mal, wenn ich sie benutzte, dachte ich 
daran, wie man mich damit tracken konnte. Jemand postete im Xnet einen Link zu einem Infopapier 
der Electronic Frontier Foundation iiber die Moglichkeiten, mit diesen Dingern Bewegungsprofile von 
Menschen zu erstellen, und das Dokument enthielt einige winzige Meldungen iiber kleine Gruppen 
von Leuten, die an BART-Stationen demonstriert hatten. 

Das Xnet nutzte ich jetzt fur so ziemlich alles. Ich hatte mir eine Tarn-E-Mail -Adresse iiber die 
Piratenpartei eingerichtet, eine politische Partei in Schweden, die Internetuberwachung hasste und 
versprach, Mailaccounts bei ihr vor jedermann geheim zu halten, auch vor den Bullen. Ich griff darauf 
ausschlieElich via Xnet zu, zappte von der Internetverbindung des einen Nachbarn zu der des 
nachsten und blieb dabei - hoffentlich - auf der ganzen Strecke bis Schweden anonym. Ich war nicht 
mehr wln5ton; wenn Benson dahinter kommen konnte, dann konnte dasjeder. Mein neues, spontan 
ausgedachtes Alias war Mlk3y, und ich bekam eine Menge E-Mails von Leuten, die in Chats und 
Foren gehort hatten, dass ich ihnen dabei helfen konnte, Probleme beim Einrichten und Verbinden mit 
dem Xnet zu losen. 

Harajuku Fun Madness fehlte mir. Die Firma hatte das Spiel fur unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Sie 
sagten, es sei „aus Sicherheitsgriinden" keine gute Idee, Dinge zu verstecken und Leute 

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loszuschicken, um sie zu finden. Wenn nun j em and dachte, das sei eine Bombe? Oder wenn jemand 
wirklich eine Bombe an derselben Stelle versteckte? 

Wenn ich nun vom Blitz getroffen wurde, wahrend ich mit einem Regenschirm unterwegs war? 
Verbietet Regenschirme! Kampf der Bedrohung durch Blitze! 

Meinen Laptop benutzte ich weiter, aber ich hatte ein ungutes Gefiihl dabei. Wer auch immer ihn 
angezapft hatte, wurde sich wundern, warum ich ihn nicht mehr benutzte. Also surfte ich planlos 
damit herum, jeden Tag ein bisschen weniger, damit jeder Beobachter sehen wurde, dass sich meine 
Gewohnheiten allmahlich anderten und nicht von jetzt auf gleich. Hauptsachlich las ich diese 
grausamen Nachrufe - all die Tausende Freunde und Nachbarn, die nun tot am Grunde der Bay lagen. 

Um ehrlich zu sein: Hausaufgaben machte ich jeden Tag wirklich weniger. Ich hatte andere Dinge zu 
tun. Jeden Tag brannte ich einen neuen Stapel ParanoidXbox, funfzig oder sechzig, und verteilte sie in 
der Stadt an Leute, von denen ich gehort hatte, dass sie bereit waren, auch wieder sechzig zu brennen 
und an ihre Freunde weiterzugeben. 

Allzu viel Angst, deshalb geschnappt zu werden, hatte ich nicht, weil ich gute Krypto auf meiner Seite 
hatte. „Krypto" bedeutet Kryptografie oder „geheimes Schreiben", und es gab sie schon seit den alten 
Romern (wortwortlich: Caesar Augustus war ein groEer Fan und erfand gern seine eigenen Codes, 
von denen wir heute noch welche verwenden, um lustige Betreffzeilen in E-Mails 
zusammenzuwurfeln). 

Krypto ist Mathematik. Hohere Mathematik. Ich werde erst gar nicht versuchen, sie im Detail zu 
erklaren, denn in Mathe bin ich dafur nicht gut genug - wenn ihrs wirklich wissen wollt, schlagt in 
der Wikipedia nach. 

Aber hier ist die Kurzfassung: Es gibt mathematische Berechnungen, die in die eine Richtung sehr 
leicht sind, aber in die entgegengesetzte Richtung unheimlich schwierig. Es ist zum Beispiel leicht, 
zwei groEe Primzahlen zu multiplizieren und als Ergebnis eine gigantisch groEe Zahl zu bekommen. 
Aber es ist unglaublich schwierig, fur eine gegebene gigantisch groEe Zahl die Primzahlen zu 
ermitteln, deren Produkt sie ist. 

Das bedeutet: wenn du einen Weg findest, einen Text unleserlich zu machen, der darauf beruht, groEe 
Primzahlen zu multiplizieren, dann wird es knifflig sein, das Ergebnis wieder leserlich zu machen, 
ohne diese Primzahlen zu kennen. Verdammt knifflig. So knifflig, dass alle jemals gebauten Computer 
rund um die Uhr daran arbeiten konnten und doch in einer Bilion Jahren noch nicht damit fertig 
waren. 

Jede Krypto-Botschaft besteht aus vier Teilen: der ursprunglichen Botschaft, dem sogenannten 
Klartext. Dem unleserlichen oder „chiffrierten" Text. Dem Buchstaben-Vermengungssystem, genannt 
„Chiffre". Und schlieElich dem Schliissel: geheimem Zeug, das man mit dem Klartext in die Chiffre 
einspeist, um chiffrierten Text zu erh alten. 

Fruher mal versuchten Krypto-Leute, alle diese Bestandteile geheim zu halten. Jede Behorde und 
Regierung hatte ihre eigenen Chiffren und ihre eigenen Schliissel. Die Nazis und die Alliierten 
wollten nicht, dass die jeweils Anderen wussten, wie sie ihre Nachrichten vermengten, und schon gar 
nicht, dass sie die Schliissel kannten, mit denen man die Nachrichten wieder leserlich machen konnte. 
Klingt ja auch logisch, oder? 

Falsch. 

Als mir das erste Mal jemand von diesem Primfaktorierungs-Zeug erzahlte, sagte ich sofort: „Was soil 
der ScheiE? Okay, klar ist es schwierig, diese Primfaktorierungs-Berechnungen anzustellen, oder was 
auch immer es genau ist. Aber es war auch mal unmoglich, auf den Mond zu fliegen oder eine 
Festplatte mit mehr als ein paar Kilobyte Speicherplatz zu kaufen. Irgendjemand muss einen Weg 
gefunden haben, die Nachrichten wieder zu entschliisseln." Ich stellte mir vor, wie in einem 
ausgehohlten Berg lauter Mathematiker der Nationalen Sicherheitsbehorde j ede E-Mail der Welt lasen 
und sich eins kicherten. 

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Und tatsachlich ist ziemlich genau das wahrend des Zweiten Weltkriegs passiert. Deshalb ist das 
Leben ja audi nicht so wie in Schloss Wolfenstein, wo ich viele Tage damit verbracht hatte, Nazis zu 
jagen. 

Das Ding ist: Chiffren lassen sich ganz schwer geheim halten. Eine Menge Mathe wird auf jede 
einzelne verwendet, und wenn sie weit verbreitet sind, dann muss jeder, der sie benutzt, sie ebenfalls 
geheim halten, und wenn j em and die Seiten wechselt, muss man eine neue Chiffrierung austiifteln. 

Die Nazi-Chiffre hieE Enigma, und sie verwendeten einen kleinen mechanischen Rechner, die 
Enigma-Maschine, um ihre Botschaften zu ver- und entschliisseln. Jedes U-Boot, jedes Schiff und 
jede Funkstation brauchte so eine Maschine, deshalb war es unvermeidlich, dass den Alliierten 
irgendwann eine in die Hande fiel. 

Und als sie sie hatten, knackten sie sie. Diese Aufgabe losten sie unter Fiihrung meines groEten 
Helden, eines Typen nam ens Alan Turing - praktisch der Erfinder des Computers, wie wir ihn heute 
kennen. Sein Pech war, dass er schwul war; deshalb zwang die damliche britische Regierung ihn nach 
Kriegsende zu einer Hormontherapie, die seine Homosexualitat „heilen" sollte, und daraufhin brachte 
er sich um. Darryl hatte mir eine Biografie von Turing zu meinem 14. Geburtstag geschenkt - in 
zwanzig Schichten Papier eingewickelt und in einem recycelten Spielzeug-Batmobil versteckt, das 
war Darryls Art, was zu verpacken -, und seither war ich ein Turing-Junkie. 

Jedenfalls hatten die Alliierten jetzt also die Enigma-Maschine, und sie konnten eine Menge Nazi- 
Funkspriiche abfangen; aber das hatte noch kein Problem sein diirfen, denn jeder Kapitan hatte j a 
seinen eigenen geheimen Schliissel. Und weil die Alliierten die Schliissel nicht hatten, hatte die 
Maschine ihnen noch nichts niitzen diirfen. 

Aber jetzt kommt der Punkt, an dem Geheimniskramerei der Krypto schadet: Die Enigma-Chiffre war 
fehlerhaft. Als Turing sie sich naher anschaute, entdeckte er, dass die Nazi-Kryptografen einen 
mathematischen Fehler gemacht hatten. So konnte Turing nur dadurch, eine Enigma-Maschine in die 
Hande zu bekommen, austiifteln, wie man jede Nazi-Botschaft knacken konnte, egal welchen 
Schliissel sie verwendeten. 

Deshalb verloren die Nazis den Krieg. Nicht dass ihr das falsch versteht: Das ist eine gute Nachricht. 
Glaubt es einem Schloss-Wolfenstein-Veteranen: Ihr wiirdet es nicht mogen, wenn Nazis das Land 
regierten. 

Nach dem Krieg dachten Kryptografen lange iiber diese Sache nach. Das Problem war gewesen, dass 
Turing kliiger war als der Typ, der sich Enigma ausgedacht hatte. Jedes Mai, wenn du eine Chiffre 
hattest, warst du anfallig dafiir, dass jemand, der kliiger war als du, einen Weg fand, sie zu knacken. 

Und je langer sie driiber nachdachten, desto mehr wurde ihnen klar, dass sich zwar jeder ein 
Sicherheitssystem ausdenken kann, das er selbst nicht knacken konnte. Aber niemand kann vorher 
wissen, was ein klugerer Mensch damit machen konnte. 

Also musst du eine Chiffre veroffentlichen, um zu wissen, ob sie funktioniert. Du musst so vielen 
Leuten wie moglich sagen, wie sie funktioniert, damit sie mit all ihren Mitteln darauf los gehen und 
ihre Sicherheit auf die Probe stellen konnen. Je langer sie halt, ohne dass jemand einen Schwachpunkt 
findet, desto sicherer bist du. 

Und so siehts heute aus. Wenn du auf Nummer Sicher gehen willst, dann verwendest du keine Krypto, 
die sich irgendein Genie letzte Woche ausgedacht hat. Du verwendest lieber das Zeug, das schon so 
lange wie moglich im Umlauf ist, ohne dass schon jemand einen Weg gefunden hatte, es zu knacken. 
Ob du ne Bank bist, ein Terrorist, eine Regierung oder ein Teenager, ihr benutzt alle dieselben 
Chiffren. 

Wenn du also versuchen wiirdest, deine eigene Chiffre zu verwenden, dann ware es ziemlich 
wahrscheinlich, dass irgendwer da drauEen schon den Schwachpunkt gefunden hat, den du iibersehen 
hast, und dass er dich drankriegt wie damals Turing; der konnte dann all deine „geheimen" 



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Botschaften lesen und sich iiber dein dummes Geschwatz, deine Geldgeschafte und deine 
militarischen Geheimnisse amiisieren. 

Deshalb wusste ich, dass Krypto mich vor Mithorern schiitzte; aber auf Histogramme war ich nicht 
vorbereitet. 



Ich stieg aus der BART und schwenkte meine Karte iiber dem Drehkreuz, rauf zur Station 24. StraEe. 
Wie iiblich hingen etliche Bekloppte in der Haltestelle ab, Betrunkene, Jesus-Freaks, finstere 
Mexikaner, die auf den Boden starrten, und ein paar Gang-Kids. Ich guckte stur an ihnen vorbei, als 
ich zur Treppe ging und dann nach oben joggte. Meine Tasche war jetzt leer, nicht mehr ubervoll mit 
den ParanoidXbox-Scheiben, die ich verteilt hatte, und das nahm den Druck von den Schultern und 
beflugelte meinen Gang, als ich raus auf die StraEe kam. Die Prediger waren immer noch bei ihrer 
Arbeit, uns auf Spanisch und Englisch iiber Jesus etcetera zu belehren. 

Die Verkaufer mit ihren gefalschten Sonnenbrillen waren weg, aber ihren Platz hatten Typen mit 
Roboterhunden im Angebot eingenommen, die die Nationalhymne bellten und ihr Beinchen hoben, 
wenn man ihnen ein Foto von Osama bin Laden zeigte. Wahrscheinlich ging in deren kleinen 
Gehirnen ein bisschen was Interessantes vor, und ich nahm mir vor, spater ein paar davon zu kaufen 
und sie zu zerlegen. Gesichtserkennung war in Spielzeugen noch ziemlich neu; sie war erst kiirzlich 
vom Militarsektor zuerst zu Casinos auf der Suche nach Betriigern und zur Strafverfolgung gelangt. 

Ich machte mich auf den Weg die 24. StraEe runter Richtung Potrero Hill und heim, rollte meine 
Schultern, sog die Burrito-Geriiche ein, die aus den Restaurants drangen, und dachte ans Abendessen. 

Keine Ahnung, warum ich zufallig mal iiber die Schulter schaute, j edenf alls tat ichs. Vielleicht wars 
ein bisschen unterbewusstes Sechster-Sinn-Zeug. Ich wusste einfach, dass mir jemand folgte. 

Es waren zwei stammige weiEe Typen mit kleinen Schnurrbarten, die mich an Bullen und an die 
schwulen Biker erinnerten, die durch Castro rauf- und runterrollten, aber Schwule hatten 
normalerweise stylischere Frisuren. Sie trugen Blousons in der Farbe von kaltem Zement und Jeans, 
und man konnte ihre Hiiften nicht sehen. Ich dachte an all die Dinge, die ein Bulle an seiner Hiifte 
tragen konnte, an den Werkzeuggiirtel, den der DHS-Typ im Truck umhatte. Beide Kerle trugen 
Bluetooth-Sprechgarnituren. 

Ich ging weiter, aber mein Herz klopfte wie wild. Ich hatte damit gerechnet, seit ich angefangen hatte. 
Ich hatte damit gerechnet, dass das DHS rauskriegen wiirde, was ich tat. Ich war so vorsichtig wie nur 
moglich, aber hatte Frau Strenger Haarschnitt nicht gesagt, sie wiirde mich unter Beobachtung halten? 
Sie hatte mir gesagt, ich sei nun ein gezeichneter Mann. Mir wurde klar, dass ich tatsachlich drauf 
gewartet hatte, hopsgenommen und ins Gefangnis gesteckt zu werden. Warum auch nicht? Warum 
sollte Darryl im Knast sein und ich nicht? Was sprach schon fur mich? Ich hatte noch nicht mal den 
Mumm gehabt, meinen Eltern - oder seinen - zu erzahlen, was mit uns tatsachlich passiert war. 

Ich legte einen Zahn zu und machte in Gedanken Inventar. Nein, ich hatte nichts Verdachtiges in 
meiner Tasche. Na ja, nichts allzu Verdachtiges. Auf meinem SchulBook lief der Crack, der mir 
Messaging und das Zeug ermoglichte, aber die Halfte der Leute in der Schule hatte das. Und ich hatte 
die Verschliisselung auf meinem Telefon geandert -jetzt hatte ich wirklich eine Pseudo-Partition, die 
ich mit einem einzelnen Passwort in Klartext umwandeln konnte, aber das gute Zeug war nicht da 
drauf, sondern erforderte ein weiteres Passwort, um es zuganglich zu machen. Dieser versteckte Teil 
sah wie Datenmiill aus - wenn du Daten verschliisselst, kann man sie nicht mehr von zufalligem 
Rauschen unterscheiden -, und sie wiissten noch nicht mal, dass es ihn gab. 

Es waren keine Scheiben mehr in meiner Tasche. Mein Laptop war frei von jeglichem belastenden 
Material. Wenn sie sich natiirlich meine Xbox genauer ansahen, dann war das Spiel aus, sozusagen. 

Ich blieb stehen, wo ich war. Ich hatte mich bedeckt gehalten, so gut ich eben konnte. Jetzt wars Zeit, 
dem Schicksal ins Auge zu blicken. Ich ging in den nachsten Burrito-Laden und bestellte einen mit 
Carnitas - gehacktem Schweinefleisch - und extra Salsa. Wenn schon untergehen, dann zumindest 

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mit vollem Magen. AuEerdem nahm ich einen Kiibel Horchata, ein eiskaltes Reisgetrank, so ahnlich 
wie wassrig-suRlicher Reispudding (besser, als es klingt). 

Ich setzte mich hin zum Essen, und ich wurde ganz ruhig. Entweder kam ich nun ins Gefangnis fiir 
meine „Verbrechen" oder auch nicht. Meine Freiheit war, seit sie mich festgehalten hatten, ein 
voriibergehender Urlaub gewesen. Mein Land war nun nicht mehr mein Freund: Wir standen auf 
verschiedenen Seiten, und ich hatte gewusst, dass ich niemals gewinnen konnte. 

Die zwei Typen kamen ins Restaurant, als ich grade mit dem Burrito fertig war und Churros zum 
Nachtisch bestellen wollte - frittierten Teig mit Zimtzucker. Schatze mal, die hatten drauRen gewartet 
und waren von meiner Bummelei angenervt. 

Sie stellten sich hinter mir an den Tresen und nahm en mich in die Zange. Ich bekam meinen Churro 
von der hiibschen Bedienung und bezahlte, dann biss ich erst noch ein paar Mal ab, bevor ich mich 
umdrehte. Ich wollte zumindest ein bisschen was von meinem Dessert essen, schlieElich konnte es das 
letzte fiir lange, lange Zeit sein. 

Dann drehte ich mich um. Sie waren beide so dicht, dass ich den Pickel auf der Wange des Typen 
links sehen konnte und den kleinen Popel in der Nase des anderen. 

„Schuldigung", sagte ich und versuchte an ihnen vorbeizudrangen. Der mit dem Popel stellte sich mir 
in den Weg. 

„Wurden Sie bitte mit uns dorthin kommen?", sagte er und wies in Richtung der Restauranttur. 

„Tut mir Leid, ich ess noch", sagte ich und bewegte mich wieder. Diesmal legte er seine Hand auf 
meine Brust. Er atmete schnell durch seine Nase, was den Popel wackeln liefi. Ich glaube, ich atmete 
auch schnell, aber das ging unter im Hammern meines Herzens. 

Der andere schlug eine Flappe an seiner Windjacke runter, was ein SFPD-Wappen zum Vorschein 
brachte. „Polizei", sagte er. „Bitte kommen Sie mit uns." 

„Kann ich eben noch meine Sachen holen?", entgegnete ich. 

„Darum kummern wir uns", sagte er. Popel trat noch einen Schritt naher und brachte seinen FuE an 
die Innenseite von meinem. In manchen Kampfsportarten macht man das auch so. Dann kann man 
spiiren, ob der andere sein Gewicht verlagert und eine Bewegung vorbereitet. 

Doch ich wurde nicht weglaufen. Ich wusste, meinem Schicksal konnte ich nicht davonlaufen. 



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Kapitel 7 

Dieses Kapitel ist Books of Wonder in New York City gewidmet, der altesten und grofiten Kinderbuchhandlung in 
Manhattan. Sie liegt nur ein paar Blocke entfernt vom Buro von Tor Books im Flatiron Building, und jedes Mai, wenn ich dort 
bin, urn mich mit den Leuten von Tor zu treffen, nehme ich mir die Zeit, bei Books of Wonder durch die neuen, gebrauchten 
und die seltenen Kinderbucherzu stobern. Ich bin leidenschaftlicher Sammlervon Alice-im-Wunderland-Raritaten, und bei 
Books of Wonder finde ich garantiert immer eine aufregende, wunderschone limitierte Alice-Ausgabe. Es gibt dort massig 
Veranstaltungen fur Kinder, und die Atmosphare ist so einladend, wie man sie selbst in einer Buchhandlung selten findet. 

Books of Wonder http://www.booksofwonder.com/ 18 West 18* St, New York, NY 10011 USA+1 212 989 3270 

Sie brachten mich raus und urn die nachste Ecke zu einem ungekennzeichneten Polizeiwagen, der 
dort wartete. Nicht dass irgend jemand in dieser Gegend Schwierigkeiten gehabt hatte, den 
Wagen als Bullenschleuder zu identifizieren. Nur die Polizei fahrt heute noch riesige Crown Victorias, 
seit der Sprit bei sieben Dollar die Gall one liegt. Und auEerdem konnten nur Bullen mitten auf Van 
Ness Street in der zweiten Reihe parken, ohne den Horden lauernder Abschleppunternehmen zum 
Opfer zu fallen, die hier ununterbrochen rumfuhren, allzeit bereit, San Franciscos unverstandliche 
Parkregelungen umzusetzen und furs Kidnappen deines Autos Losegeld zu fordern. 

Popel schneuzte. Ich saE auf der Riickbank, er auch. Sein Partner saE vorn und tippte mit einem 
Finger auf einem antiken, stoEfest ausgestatteten Laptop, der aussah, als ob er mal Fred Feuerstein 
gehort hatte. 

Popel sah sich meinen Ausweis noch mal genau an. „Wir mochten dir lediglich ein paar 
Routinefragen stellen." 

„Kann ich mal Ihre Marken sehen?", fragte ich. Die Typen waren eindeutig Bullen, aber es konnte 
nichts schaden, ihnen zu zeigen, dass ich meine Rechte kannte. 

Popel hielt mir seine Marke so kurz hin, dass ich sie nicht genau sehen konnte, aber Pickel auf dem 
Fahrersitz lieE mich langer auf seine schauen. Ich las die Nummer ihrer Abteilung und merkte mir 
seine vierstellige Markennummer. Das war leicht: 1337 ist, wie Hacker „leet", also „Elite", schreiben. 

Sie waren beide sehr hoflich, und keiner von ihnen versuchte mich so einzuschuchtern, wie das DHS 
es getan hatte, als ich in deren „Obhut" war. 

„Bin ich verhaftet?" 

„Du wirst voriibergehend festgehalten, damit wir deine Sicherheit und die allgemeine offentliche 
Sicherheit gewahrleisten konnen", sagte Popel. 

Er reichte meinen Fiihrerschein an Pickel weiter, der ihn langsam in den Computer tippte. Ich sah ihn 
einen Tippfehler machen und hatte ihn fast korrigiert, aber ich dachte mir, es sei vielleicht kliiger, 
einfach den Mund zu halten. 

„Gibt es irgendwas, das du mir erzahlen mochtest, Marcus? Nennen sie dich Marc?" 

„Marcus ist schon recht", sagte ich. Popel sah aus, als konne er ein netter Kerl sein. Mal abgesehen 
davon, dass er mich in seinen Wagen verschleppt hatte, naturlich. 

„Marcus. Irgendwas, das du mir erzahlen mochtest?" 

„Was denn? Bin ich verhaftet?" 

„Im Moment bist du nicht verhaftet", sagte Popel. „Warst du gern?" 

„N6", sagte ich. 

„Gut. Wir haben dich beobachtet, seit du aus der BART kommst. Dein Fast Pass sagt, dass zu zu den 
merkwurdigsten Zeiten zu den merkwiirdigsten Orten gefahren bist." 

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es ging also gar nicht urns Xnet, nicht wirklich. Die hatten bloE meine 
U-Bahn-Nutzung uberpriift und wollten nun wissen, warum sie in letzter Zeit so merkwurdig war. 
Vollig bescheuert. 

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„Also folgen Sie jedem, der mit einem merkwiirdigen Nutzungsprofil aus der BART kommt? Na, da 
haben Sie gut zu tun." 

„Nicht jedem, Marcus. Wir erhalten eine Warnung, wenn jemand mit einem ungewohnlichen 
Fahrprofil rauskommt, und das hilft uns einzuschatzen, ob wir eine Ermittlung starten sollten. In 
deinem Fall kamen wir, weil wir wissen wollten, wie jemand wie du, der einen so verniinftigen 
Eindruck macht, zu so einem merkwiirdigen Fahrprofil kommt." 

Da ich jetzt wusste, dass ich nicht in den Knast kam, wurde ich langsam sauer. Was hatten diese 
Typen hinter mir herzuschniiffeln? Und was hatte die BART ihnen dabei zu helfen? Warum zum 
Teufel musste meine U-Bahn-Fahrkarte mich wegen eines „ungewohnlichen Fahrmusters" anpissen? 

„Ich glaube, ich mochte jetzt verhaftet werden", sagte ich. 

Popel lehnte sich zuriick und hob eine Augenbraue. 

„Soso? Unter welchem Verdacht?" 

„Ach, ungewohnliches U-Bahn-Fahren ist gar kein Verbrechen?" 

Pickel schloss die Augen und rieb sie mit seinen Daumen. 

Popel seufzte einen aufgesetzten Seufzer. „H6r mal, Marcus, wir sind auf deiner Seite. Wir verwenden 
dieses System, um die Bosen zu fangen. Terroristen und Drogenhandler. Vielleicht bist du ja ein 
Drogenhandler. Ziemlich gute Art und Weise, sich durch die Stadt zu bewegen, so ein Fast Pass. 
Anonym." 

„Was ist denn so falsch an anonym? Fur Thomas Jefferson wars gut genug. Bin ich jetzt iibrigens 
verhaftet?" 

„Bringen wir ihn heim", sagte Pickel. „Wir konnen mit seinen Eltern sprechen." 

„Na, das ist doch mal ne dufte Idee", sagte ich. „Ich bin sicher, meine Eltern findens interessant zu 
erfahren, wo ihre Steuerdollars bleiben . . ." 

Ich hatte mein Blatt iiberreizt. Popel hatte schon die Hand am Tiirgriff gehabt, aber jetzt stiirzte er sich 
auf mich wie ein Berserker. „Warum haltst du nicht einfach die Schnauze, solange du noch darfst? 
Nach allem, was in den letzten zwei Wochen passiert ist, wurde es dir nicht schaden, mit uns zu 
kooperieren. WeiEt du was, vielleicht sollten wir dich wirklich verhaften. Dann kannst du einen Tag 
oder zwei im Knast sitzen, wahrend dein Anwalt nach dir sucht. Und in der Zeit kann eine Menge 
passieren. Eine Menge. Wie ware das?" 

Ich sagte gar nichts. Ich war albern und wiitend gewesen. Jetzt hatte ich nur noch Schiss. 

„Tut mir Leid", sagte ich dann und hasste mich gleich wieder dafur. 

Popel setzte sich nach vorn und Pickel setzte den Wagen in Gang. Wir fuhren die 24. StraEe rauf und 
iiber Potrero Hill. Sie kannten meine Adresse von meinem Ausweis. 

Mom kam an die Tiir, als sie klingelten, und lieE die Kette noch eingehangt. Sie schaute durch und 
Spalt, sah mich und fragte „Marcus? Wer sind diese Leute?" 

„Polizei", sagte Popel. Er zeigte ihr seine Marke und gewahrte ihr einen ausgiebigen Blick - nicht 
bloE so huschhusch, wie ers mit mir gemacht hatte. „K6nnen wir reinkommen?" 

Mom schloss die Tiir, um die Kette zu entriegeln, und lieE sie dann rein. Sie brachten mich in die 
Wohnung, und Mom betrachtete uns alle mit einem ihrer typischen Blicke. 

„Was hat das zu bedeuten?" 

Popel zeigte auf mich. „Wir wollten ihrem Sohn ein paar Routinefragen iiber sein 
Bewegungsverhalten stellen, aber er hat sich geweigert, sie zu beantworten. Deshalb dachten wir, es 
sei am besten, ihn hierher zu bringen." 



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„Ist er verhaftet?" Moms Akzent schlug heftig durch. Gute alte Mom. 

„Sind Sie eine Biirgerin der Vereinigten Staaten?", fragte Pickel. 

Sie wiirdigte ihn eines Blicks, der Lack zum Abplatzen gebracht hatte. „Na klar, und wie", sagte sie 
dann in breitestem Siidstaaten-Akzent. „Bin ich verhaftet?" 

Die beiden Bullen tauschten Blicke. 

Pickel ging in die Offensive. „Das scheint ein bisschen ungliicklich gelaufen zu sein. Ihr Sohn ist uns 
aufgefallen als jemand mit einem ungewohnlichen Bewegungsprofil in offentlichen Verkehrsmitteln. 
Das ist Teil eines neuen proaktiven Strafverfolgungsprogramms. Wenn wir Leute finden, die 
ungewohnliche Fahrtmuster zeigen oder die auf ein verdachtiges Profil passen, dann ermitteln wir 
weiter." 

„Moment", sagte Mom. „Woher wissen Sie denn, wie mein Sohn die offentlichen Verkehrsmittel 
benutzt?" 

„Durch den Fast Pass", sagte er. „Der zeichnet die Fahrten auf." 

„Ach so", sagte Mom und verschrankte die Arme. Das war ein ganz schlechtes Zeichen. Schlimm 
genug, dass sie ihnen keine Tasse Tee angeboten hatte - in Mom-Land war das ungefahr dasselbe, als 
hatte sie sich mit ihnen durch den Briefkastenschlitz unterhalten -, aber sobald sie die Arme 
verschrankte, war klar, dass die beiden nicht ungeschoren hier rauskommen wiirden. In diesem 
Moment hatte ich losgehen mogen, um ihr einen riesigen BlumenstrauR zu kaufen. 

„Marcus hier hat es abgelehnt, uns zu erklaren, wie sein Fahrtenprofil zustande gekommen ist." 

„Sie sagen also, sie halten meinen Sohn wegen seiner Art, Bus zu fahren, fur einen Terroristen?" 

„Terroristen sind nicht die einzigen Bosen, die wir auf diese Weise fangen", sagte Pickel. 
„Drogenhandler. Gang-Kids. Oder auch Ladendiebe, die clever genug sind, sich fur jeden Beutezug 
ein anderes Revier zu suchen." 

„Sie denken also, mein Sohn sei ein Drogenhandler?" 

„Wir sagen nicht, dass -", fing Pickel an. 

Mit einem Handeklatschen brachte Mom ihn zum Schweigen. 

„Marcus, gib mir bitte mal deinen Rucksack." 

Das tat ich. 

Mom zippte ihn auf und schaute ihn durch, zunachst mit dem Riicken zu uns. 

„Meine Herren, ich kann Ihnen nun versichern, dass sich in der Tasche meines Sohnes weder Drogen 
noch Sprengstoffe oder gestohlene Waren befinden. Ich denke, damit ware das erledigt. Bevor Sie 
gehen, darf ich noch um Ihre Personalnummern bitten." 

Popel lachte hohnisch. „Gute Frau, die ACLU 2 hat gerade Klagen gegen dreihundert Polizisten der 
Stadt laufen; da werden Sie sich hinten anstellen mussen." 



Mom machte mir einen Tee und schimpfte dann mit mir, weil ich schon gegessen hatte, obwohl ich 
wusste, dass sie Falafel gemacht hatte. Dad kam heim, wahrend wir noch am Tisch saEen, und Mom 
und ich erzahlten ihm abwechselnd die Geschichte. Er schuttelte den Kopf. 

„Lillian, die haben doch nur ihren Job gemacht." Er trug immer noch den blauen Blazer und die 
Khakis, die er an den Tagen trug, an denen er als Berater im Silicon Valley war. „Die Welt ist nicht 
mehr dieselbe wie noch vor einer Woche." 



2 American Civil Liberties Union, Amerikanische Burgerrechts-Union, AdU 

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„Mom setzte ihren Teebecher ab. „Drew, werd nicht albern. Dein Sohn ist kein Terrorist. Seine 
Fahrten im Nahverkehr konnen kein Grand fur polizeiliche Ermittlungen sein." 

Dad zog seinen Blazer aus. „In meinem Job machen wir das standig. So kann man Computer dazu 
einsetzen, alle Arten von Fehlern und UnregelmaEigkeiten zu entdecken. Du sagst dem Computer, er 
soil ein Profil eines durchschnittlichen Datenbankeintrags erstellen und dann rausfinden, welche 
Eintrage in der Datenbank am starksten vom Durchschnitt abweichen. Das gehort zur Bayes'schen 
Statistik, und das gibt's schon seit Jahrhunderten. Ohne so was hatten wir keine Spamfilter -" 

„Soll das heiEen, die Polizei sollte genauso schlecht arbeiten wie mein Spamfilter?", fragte ich. 

Dad wurde nie wiitend, wenn ich mit ihm diskutierte, aber ich konnte sehen, dass er heute sehr kurz 
davor war. Trotzdem konnte ichs mir nicht verkneifen. Mein Vater stellte sich auf die Seite der 
Polizei! 

„Ich sage nur, es ist vollig vernunftig, dass die Polizei ihre Untersuchungen damit anfangt, Daten 
durchzugrasen, und erst dann mit der Lauferei anfangt, wenn sie Abnormalitaten haben, um 
herauszufinden, wo die herkommen. Ich denke nicht, dass ein Computer der Polizei vorgeben sollte, 
wen sie verhaften soil, aber er kann ihnen dabei helfen, den Heuhaufen nach der Nadel zu 
durchflohen." 

„Aber indem sie all diese Daten aus dem Verkehrssystem abgreifen, erzeugen sie doch iiberhaupt erst 
den Heuhaufen", sagte ich. „Das ist ein monstroser Datenberg, und es ist aus Polizeisicht fast nichts 
drin, was eine Untersuchung lohnt. Das ist die totale Verschwendung." 

„Ich versteh ja, dass du das System nicht magst, weil es dir Unbequemlichkeiten verursacht hat, 
Marcus. Aber du zuallererst solltest den Ernst der Lage begreifen. Und es ist dir doch nichts passiert, 
oder doch? Sie haben dich doch sogar nach Hause gefahren." 

Sie haben gedroht, mich in den Knastzu stecken, dachte ich, aber mir war klar, dass es keinen Zweck 
hatte, das auszusprechen. 

„Und iibrigens hast du uns immer noch nicht erklart, wo zum Teufel du eigentlich warst, um ein so 
ungewohnliches Bewegungsmuster zu erzeugen." 

Das hatte mir grade noch gefehlt. 

„Ich dachte, ihr hattet Vertrauen in mich und wolltet mir nicht hinterherschniiffeln." Das hatte er oft 
genug gesagt. „Willst du wirklich, dass ich dir fur jede einzelne Bahnfahrt meines Lebens 
Rechenschaft ablege?" 



Sobald ich in mein Zimmer kam, stopselte ich die Xbox ein. Ich hatte den Projektor an der Decke 
befestigt, um das Bild an die Wand iiber meinem Bett werfen zu konnen (dafiir hatte ich meinen 
prachtigen Wandschmuck aus Punkrock-Handzetteln abnehmen miissen, die ich von Telefonmasten 
abgepult und auf groEe Blatter weiEen Papiers geklebt hatte). 

Ich schaltete die Xbox ein und sah ihr beim Hochfahren zu. Zuerst wollte ich Van und Jolu anmailen, 
um ihnen von meinem Arger mit den Bullen zu berichten, aber als ich die Finger schon auf der 
Tastatur hatte, hielt ich inne. 

Da war plotzlich so ein merkwiirdiges Gefiihl, ganz ahnlich wie das, als ich merkte, dass sie meinen 
guten alten Salmagundi in einen Verrater verwandelt hatten. Diesmal war es das Gefiihl, dass mein 
geliebtes Xnet die Koordinaten j edes einzelnen seiner Nutzer ans DHS iibertragen konnte. 

Was hatte mein Vater gleich gesagt? „Du sagst dem Computer, er soil ein Profil eines 
durchschnittlichen Datenbankeintrags erstellen und dann rausfinden, welche Eintrage in der 
Datenbank am starksten vom Durchschnitt abweichen." 

Das Xnet war sicher, weil seine Benutzer nicht direkt mit dem Internet verbunden waren. Sie hiipften 
von Xbox zu Xbox, bis sie eine fanden, die mit dem Internet verbunden war, und dann speisten sie ihr 

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Material als unentzifferbare, verschliisselte Daten ein. Niemand konnte unterscheiden, welche 
Internet-Datenpakete zum Xnet gehorten und welche ganz normale Bank-, Shopping- oder andere 
verschliisselte Kommunikation war. Es war niemandem moglich, herauszufinden, wer das Xnet 
gekniipft hatte, geschweige denn, wer es benutzte. 

Aber was war mit Dads „Bayesscher Statistik"? Mit Bayesscher Mathematik hatte ich schon mal 
rumgespielt. Darryl und ich hatten mal versucht, unseren eigenen, besseren Spamfilter zu schreiben, 
und wenn man Spam filtern will, braucht man Bayessche Mathe. Thomas Bayes war ein britischer 
Mathematiker des 18. Jahrhunderts, an den nach seinem Tod erst mal niemand mehr dachte, bis 
Computerwissenschaftler hundert Jahre spater entdeckten, dass seine Methode, groEe Datenmengen 
statistisch zu analysieren, fur die Informations-Gebirge der modernen Welt unglaublich niitzlich sein 
konnten. 

Ganz kurz was dariiber, wie Bayessche Statistik funktioniert. Mal angenommen, du hast hier einen 
Haufen Spam. Dann nimmst dujedes Wort in jeder Mail und zahlst, wie oft es vorkommt. Das nennt 
man ein „Wortfrequenz-Histogramm", und es verrat dir die Wahrscheinlichkeit dafiir, dass eine 
beliebige Ansammlung von Wortern Spam ist. Dann nimmst du eine Tonne Mails, die kein Spam sind 
(Experten nennen das „Ham"), und machst mit denen das gleiche. 

Jetzt wartest du auf eine neue E-Mail und zahlst die Worter, die darin vorkommen. Dann benutzt du 
das Wortfrequenz-Histogramm in der fraglichen Nachricht, um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, 
dass sie auf den „Spam"- oder auf den „Ham"-Stapel gehort. Wenn sich herausstellt, dass sie 
tatsachlich Spam ist, passt du das „Spam"-Histogramm entsprechend an. Es gibt massenhaft 
Moglichkeiten, diese Technik noch zu verfeinern - Worte paarweise betrachten, alte Daten wieder 
loschen -, aber im Prinzip funktionierts so. Es ist eine von diesen einfachen, groEartigen Ideen, die 
vollig offensichtlich zu sein scheinen, sobald man das erste Mal davon hort. 

Es gibt dafiir ne Menge Anwendungen - man kann einen Computer anweisen, die Linien in einem 
Foto zu zahlen und herauszufinden, ob es eher ein „Hunde"-Linienfrequenz-Histogramm ergibt oder 
eher ein „Katzen"-Histogramm. Man kann damit Pornografie, Bankbetriigereien oder Flamewars 
erkennen. Gute Sache. 

Zugleich wars eine schlechte Nachricht fur das Xnet. Mal angenommen, du hast das gesamte Internet 
angezapft - und das DHS hat das natiirlich. Dann kannst du zwar, Krypto sei Dank, nicht durch 
bloEes Anschauen von Daten rausfinden, wer Xnet-Daten versendet. 

Aber was du rausfinden kannst, ist, wer viel, viel mehr verschlusselten Datenverkehr erzeugt als alle 
anderen. Bei einem normalen Internet-Benutzer kommen in einer Online-Session vielleicht 95 Prozent 
Klartext und 5 Prozent Chiffretext zusammen. Wenn nun jemand zu 95 Prozent Chiffretext versendet, 
dann konnte man ja computererfahrene Kollegen von Popel und Pickel hinschicken, um 
nachzufragen, ob er vielleicht ein terroristischer drogendealender Xnet-Benutzer ist. 

In China passiert genau das permanent. Irgendein cleverer Dissident kommt auf die Idee, die GroEe 
Chinesische Firewall, die die gesamte Internetanbindung des Landes zensiert, zu umgehen, indem er 
eine verschliisselte Verbindung zu einem Computer in einem anderen Land herstellt. Dann kann die 
Partei zwar nicht herausfinden, was er iibertragt - vielleicht Pornos, vielleicht 
Bombenbauanleitungen, schmutzige Briefe von seiner Freundin auf den Philippinen, politische 
Materialien oder gute Nachrichten iiber Scientology. Aber was es ist, miissen sie auch nicht wissen. Es 
geniigt, wenn sie wissen, dass dieser Typ viel mehr verschlusselten Datenverkehr hat als seine 
Nachbarn. Und dann schicken sie ihn in ein Zwangsarbeitslager, bloE um ein Exempel zu statuieren, 
damit jeder sehen kann, was mit KlugscheiEern passiert. 

Fur den Moment hatte ich wetten mogen, dass das DHS das Xnet noch nicht auf dem Radar hatte, 
aber das wiirde nicht ewig so bleiben. Und nach diesem Abend war ich mir nicht mehr sicher, ob ich 
wirklich noch besser dran war als ein chinesischer Dissident. Ich setzte alle Leute, die sich am Xnet 
anmeldeten, enormen Risiken aus. Vor dem Gesetz war es gleichgiiltig, ob du tatsachlich irgendwas 
Schlimmes tatest; sie wiirden dich schon unters Mikroskop legen, bloE weil du statistisch gesehen 

58 



unnormal warst. Und ich konnte das Ganze nicht mal mehr stoppen - jetzt lief das Xnet, und es hatte 
ein Eigenleben entwickelt. 

Ich musste die Sache irgendwie anders gradebiegen. 

Wenn ich nur mit Jolu driiber reden konnte. Er arbeitete bei einem Intern etanbieter namens Pigspleen 
Net, seit er zwolf Jahre alt war, und er wusste viel mehr iibers Internet als ich. Wenn irgend jemand 
eine Ahnung hatte, wie wir unsern Hintern aus dem Knast drauRenhalten konnten, dann er. 

Zum Gliick waren Van, Jolu und ich fur den folgenden Abend nach der Schule zum Kaffee in unserem 
Lieblingsplatz in der Mission verabredet. Offiziell wars unser wochentliches Harajuku-Fun-Madness- 
Teamtreffen, aber seit das Spiel abgebrochen und Darryl verschwunden war, wars hauptsachlich 
wochentliches gemeinsames Flennen, erganzt um rund ein halbes Dutzend Telefonate und 
Textnachrichten im Stil von „Bist du OK? 1st das wirklich passiert?" Es wiirde gut tun, mal iiber was 
anderes sprechen zu konnen. 



„Du spinnst ja komplett", sagte Vanessa. „Bist du jetzt endgiiltig total iibergeschnappt?" Sie war in 
ihrer Madchenschul-Uniform gekommen, weil sie auf dem langen Weg nach Hause, ganz bis ranter 
zur San Mateo Bridge und wieder rauf in die Stadt, mit dem Zubringerbus, den die Schule betrieb, im 
Verkehr steckengeblieben war. Sie hasste es, in der Offentlichkeit in ihrer Schuluniform gesehen zu 
werden, weil die total Sailor Moon war: ein Faltenrock, Tunika und Kniestriimpfe. Sie war schon 
schlecht gelaunt, seit sie ins Cafe gekommen war, das voll war mit alteren, cooleren, zotteligen Emo- 
Kunststudenten, die in ihre Lattes grinsten, als sie zur Tiir reinkam. 

„Was denkst denn du, was ich machen sollte, Van?", fragte ich. Ich fing selbst langsam an, argerlich 
zu werden. In der Schule wars unertraglich, seit das Spiel nicht mehr lief und seit Darryl nicht mehr 
da war. Den ganzen Tag lang hatte ich mich im Unterricht damit getrostet, dass ich mein Team sehen 
wiirde oder besser gesagt das, was davon iibrig war. Und jetzt hatten wir uns in der Wolle. 

„Ich will, dass du aufhorst, solche Risiken einzugehen, Mlk3y." Meine Nackenhaare stellten sich auf. 
Okay, wir verwendeten bei Team-Treffen immer unsere Team-Nicks, aber jetzt, da mein Nick auch 
mit meinem Xnet-Profil zusammenhing, machte es mir Angst, ihn laut in der Offentlichkeit zu horen. 

„Sag den Namen nicht noch mal in der Offentlichkeit", platzte ich heraus. 

Van schiittelte den Kopf. „Genau das ist es, woriiber ich rede. Du konntest dich im Knast 

wiederfinden, Marcus, und nicht bloE du. Eine Menge Leute. Nach dem, was mit Darryl passiert ist 
it 

„Ich tu das doch fur Darryl!" Ein paar Kunststudenten drehten sich nach uns um, und ich dampfte die 
Stimme wieder. „Ich mach das, weil die Alternative ware, sie mit all dem ungeschoren davonkommen 
zu lassen." 

„Und du glaubst, du kannst sie aufhalten? Du bist wirklich iibergeschnappt. Die sind die Regierung." 

„Aber es ist immer noch unser Land", entgegnete ich. „Und wir haben immer noch das Recht, das zu 
tun." 

Van sah aus, als wiirde sie gleich losheulen. Sie atmete ein paar Mal tief durch und stand dann auf. 
„Ich kann das nicht, sorry. Ich kann dir nicht dabei zuschauen. Das ist ja wie ein Autounfall in 
Zeitlupe. Du bist auf dem besten Weg, dich zugrunde zu richten, und ich liebe dich viel zu sehr, als 
dass ich dir dabei zuschauen konnte." 

Sie neigte sich ranter, umarmte mich heftig und gab mir einen harten Kuss auf die Wange, der noch 
meinen Mundwinkel erwischte. „Pass auf dich auf, Marcus", sagte sie. Mein Mund brannte dort, wo 
sie ihre Lippen draufgepresst hatte. Fur Jolu hatte sie dieselbe Behandlung parat, allerdings glatt auf 
die Wange. Dann ging sie. 

Als sie weg war, starrten Jolu und ich einander an. 

59 



Ich verbarg mein Gesicht in den Handen. „Verdammt", sagte ich schlieElich. 

Jolu klopfte mir auf den Riicken und bestellte dann einen neuen Latte fiir mich. „Wird schon wieder", 
sagte er. 

„Ich hatte gedacht, dass Van es versteht; gerade sie." Die Halfte von Vans Familie lebte in Nordkorea. 
Ihre Eltern hatten nie vergessen, dass all diese Verwandten unter der Herrschaft eines wahnsinnigen 
Diktators lebten und keine Chance hatten, nach Amerika zu entkommen, wie es ihnen selbst, Vans 
Eltern, gelungen war. 

Jolu zuckte die Achseln. „Vielleicht ist sie ja deshalb so ausgerastet. Weil sie genau weiE, wie 
gefahrlich das werden kann." 

Ich wusste, was er meinte. Zwei von Vans Onkeln waren ins Gefangnis gebracht worden und nie 
wieder aufgetaucht. 

„Ja", sagte ich. 

„Und wieso warst du letzte Nacht nicht im Xnet?" Ich war dankbar fiir die Ablenkung. So erklarte ich 
ihm alles, das Bayes-Zeug und meine Angst, wir konnten das Xnet nicht mehr weiter nutzen wie 
bisher, ohne erwischt zu werden. Er horte aufmerksam zu. 

„Ich versteh, was du meinst. Das Problem ist, dass j em and, der zu viel Krypto in seinen Internet- 
Verbindungen hat, als ungewohnlich auffallt. Aber wenn du nicht verschliisselst, dann machst dus den 
bosen Jungs leichter, dich abzuhoren." 

„Genau", sagte ich. „Ich versuch schon den ganzen Tag, mir da was auszudenken. Vielleicht konnten 
wir die Verbindungen abbremsen, iiber mehr Benutzerkonten verteilen ..." 

„Klappt nicht", sagte er. „Um sie langsam genug zu machen, dass sie im Hintergrundrauschen 
verschwinden, miisstest du das Netzwerk de facto dicht machen, und das wollen wir ja nicht." 

„Du hast Recht", sagte ich. „Aber was konnen wir sonst machen?" 

„Wie ware es, wenn wir die Definition von , normal' andern?" 

Und genau deshalb war Jolu schon mit zwolf bei Pigspleen angestellt worden. Gib ihm ein Problem 
mit zwei schlechten Losungen, und er denkt sich eine komplett neue dritte Losung aus, die damit 
anfangt, dass er alle Grundannahmen iibern Haufen wirft. 

Ich nickte begeistert. „Na los, sag schon." 

„Wennjetzt der durchschnittliche Internetnutzer in San Francisco an einem durchschnittlichen Tag im 
Internet eine Menge mehr Krypto anhauft? Wenn wir die Verteilung so hinbiegen konnen, dass 
Klartext und Chiffretext bei etwa fifty-fifty liegen, dann sehen die Leute, die das Xnet versorgen, 
plotzlich wieder normal aus." 

„Aber wie kriegen wir das hin? Den Leuten ist ihre Privatsphare doch viel zu egal, als dass sie 
plotzlich mit verschliisselten Links surfen. Die begreifen doch nicht, warum es nicht egal ist, wenn 
jemand mitlesen kann, was sie so alles googeln." 

„Schon, aber Webseiten sind nur kleine Datenpakete. Wenn wir die Leute jetzt dazu bringen, jeden 
Tag routinemaEig ein paar riesige verschliisselte Files runterzuladen, dann wiirde das genauso viel 
Chiffretext erzeugen wie Tausende von Webseiten." 

„Du redest iibers indienet", sagte ich. 

„Volltreffer", sagte er. 

Das indienet - komplett kleingeschrieben - war es, was Pigspleen Net zu einem der erfolgreichsten 
unabhangigen Provider der Welt gemacht hatte. Dam als, als die groEen Label angefangen hatten, ihre 
Fans furs Herunterladen ihrer Musik zu verklagen, waren etliche der unabhangigen Label und ihre 
Kiinstler entgeistert. Wie kann man denn bitte Geld verdienen, indem man seine Kunden verklagt? 



60 



Pigspleens Griinderin hatte die Antwort. Sie machte Vertrage mit alien Acts, die mit ihren Fans 
arbeiten wollten, statt sie zu bekampfen. Du gibst Pigspleen eine Lizenz, deine Musik unter deren 
Kunden zu verbreiten, und bekommst dafiir einen Anteil an den Abogebiihren, der sich danach richtet, 
wie popular deine Musik ist. Fur einen Indie-Kiinstler ist nicht Raubkopieren das Problem, sondern 
Unbekanntheit: Niemand interessiert sich auch nur genug fur deine Musik, um sie zu klauen. 

Es funktionierte. Hunderte unabhangiger Kiinstler und Plattenfirmen unterzeichneten bei Pigspleen, 
und je mehr Musik es gab, desto mehr Fans wechselten zu Pigspleen als Internet-Anbieter und desto 
mehr Geld gab es fur die Kiinstler. Binnen eines Jahres hatte der Provider hunderttausend neue 
Kunden, und inzwischen hatte er eine Million - mehr als die Halfte aller Breitband-Anschlusse in der 
Stadt. 

„Ich hab schon seit Monaten auf dem Zettel, den indienet-Code zu iiberarbeiten", sagte Jolu. „Die 
urspriinglichen Programme waren schnell zusammengekloppt, und mit nem bisschen Arbeit konnten 
sie viel effizienter gemacht werden. Aber ich hatte noch keine Zeit dafiir. Einer der Punkte ganz oben 
auf der Liste ist, die Verbindungen zu verschliisseln, weil Trudy das gern so mochte." Trudy Doo war 
die Griinderin von Pigspleen. AuEerdem war sie eine alte Punk-Legende in San Francisco, Frontfrau 
der anarcho-feministischen Band Speedwhores, und Privatsphare war ihre fixe Idee. Ich glaubte 
sofort, dass sie schon aus Prinzip ihren Musik-Dienst verschliisselt haben wollte. 

„Wird das schwer? Ich mein, wie lange dauert das?" 

„Na ja, massenweise Krypto-Code gibt's schon online fur lau", sagte Jolu. Jetzt tat er wieder das, was 
er immer tat, wenn er an einem kniffligen Programmierproblem kaute: Er bekam diesen abwesenden 
Blick, trommelte mit den Handen auf dem Tisch und lieE den Kaffee iiberschwappen. Mir war nach 
Lachen zumute - und wenn alles um ihn rum den Bach runterginge, Jolu wiirde diesen Code 
schreiben. 

„Kann ich helfen?" 

Er schaute mich an. „Was, glaubst du nicht, dass ichs allein hinkriege?" 

„Was?" 

„Na ja, du hast das ganze Xnet-Ding allein aufgezogen, ohne mir auch bloE was zu erzahlen; ohne mit 
mir driiber zu reden. Und dann dachte ich so, wahrscheinlich brauchst du bei so was meine Hilfe gar 
nicht." 

Jetzt hatte er mich kalt erwischt. „Was?", wiederholte ich. Jolu sah mittlerweile richtig aufgebracht 
aus. Es war klar, dass das schon eine ganze Weile an ihm genagt hatte. „Jolu ..." 

Er sah mich wieder an, und jetzt merkte ich, dass er richtig sauer war. Wie hatte ich das iibersehen 
konnen? Oh Gott, manchmal war ich echt so ein Idiot. 

„WeiEt du, Kumpel, es ist keine groEe Sache ..." - womit er eindeutig meinte, dass es eine verdammt 
groEe Sache war - „ich meine, du hast mich nicht mal gefragt. Hey, ich hasse das DHS. Darryl war 
auch mein Freund. Ich hatte dir wirklich dabei helfen konnen." 

Ich wollte den Kopf zwischen den Knien vergraben. „Hey, Jolu, das war echt bescheuert von mir. Ich 
hab das halt so um zwei Uhr morgens gemacht. Ich war irgendwie rasend, als das passierte. Ich . . ." 
Ich konnte es nicht erklaren. Er hatte Recht, und das war das Problem. Okay, es war nachts um zwei 
Uhr gewesen, aber ich hatte ihm am nachsten oder iibernachsten Tag davon erzahlen konnen. Aber ich 
hatte es nicht getan, weil ich wusste, was er sagen wiirde - dass es ein hasslicher Hack war und dass 
ich das besser durchdenken sollte. Jolu wusste immer, wie man meine Zwei-Uhr-Nachts-Ideen in 
sauberen Code umsetzen konnte, aber das, womit er dann rumkam, war immer ein bisschen anders als 
das, was ich mir urspriinglich ausgedacht hatte. Dieses Projekt hatte ich fur mich allein haben wollen. 
Ich war voll in meiner Rolle als Mlk3y aufgegangen. 



61 



„Tut mir Leid", sagte ich schlieElich. „Tut mir wirklich, wirklich Leid. Du hast vollig Recht. Ich bin 
irgendwie durchgedreht und hab dummes Zeug gemacht. Aber ich brauche wirklich deine Hilfe - 
ohne dich kriege ich das nicht hin." 

„Meinst du das ernst?" 

„Und wie", sagte ich. „Mann, du bist der beste Programmierer, den ich kenne. Du bist ein verdammtes 
Genie, Jolu. Es ware echt eine Ehre, wenn du mir dabei helfen wiirdest." 

Er trommelte weiter mit seinen Fingern. „Es ist bloE . . . du weiEt schon. Du bist der Teamchef. Van ist 
die Clevere. Darryl war . . . er war dein Stellvertreter, der Typ, der alles organisiert hat und ein Auge 
auf die Details hatte. Der Programmierer, das war mein Job. Und es war so, als hattest du gesagt, dass 
du mich nicht brauchst." 

„Oh Mann, ich bin son Idiot. Jolu, du bist der Beste fur den Job, den ich kenne. Ich bin echt, echt, ..." 

„Lass gut sein, ja? Stopp. Ich glaub dir ja. Wir sind doch alle grade ziemlich neben der Spur. Also: 
Klar kannst du helfen. Wahrscheinlich konnen wir dich sogar bezahlen - ich hab ein kleines Budget 
fur freie Programmierer." 

„Echt jetzt?" Furs Programmieren hatte mich noch nie jemand bezahlt. 

„Logisch. Wahrscheinlich bist du gut genug, um das Geld wert zu sein." Er grinste und boxte mich in 
die Schulter. Jolu ist eigentlich meistens total entspannt, und eben deshalb hatte er mich grade so aus 
der Bahn geworfen. 

Ich zahlte die Kaffees, und wir gingen. Dann rief ich meine Eltern an, um ihnen zu berichten, was ich 
vorhatte. Jolus Mom bestand drauf, uns Sandwiches zu machen. Wir schlossen uns mit seinem 
Computer und dem Code furs indienet in seinem Zimmer ein, und dann begann eine der groEen 
Marathon-Programmiersitzungen der Weltgeschichte. Nachdem Jolus Familie um halb zwolf ins Bett 
gegangen war, entfuhrten wir die Kaffeemaschine in sein Zimmer, um unser Koffeinlevel auf konstant 
hohem Niveau zu halten. 

Wenn du noch nie einen Computer programmiert hast, solltest du es mal tun. Es gibt nichts 
Vergleichbares auf der Welt. Wenn du einen Computer programmierst, tut er exakt das, was du von 
ihm verlangst. Es ist, als ob man eine Maschine gestaltet - irgendeine Maschine: ein Auto, ein 
Absperrventil, eine Gasdruckfeder fur eine Tiir -, indem man Mathematik und Anweisungen 
verwendet. Es ist Ehrfurcht gebietend im Wortsinn: Es kann dich mit Ehrfurcht erfullen. 

Ein Computer ist die komplizierteste Maschine, die du je benutzen wirst. Er besteht aus Milliarden 
winzigwinzigkleiner Transistoren, die so eingestellt werden konnen, dass sie jedes Programm 
ablaufen lassen, das du dir vorstellen kannst. Aber wenn du an der Tastatur sitzt und eine Zeile Code 
schreibst, dann tun diese Transistoren genau das, was du ihnen sagst. 

Die meisten von uns werden niemals ein Auto bauen. Die allerwenigsten von uns werden ein 
Fluggerat entwickeln, ein Gebaude gestalten, eine Stadt am ReiEbrett entwerfen. 

Das sind schon ziemlich komplizierte Maschinen, und sie sind fur Leute wie dich und mich weit 
auEerhalb unserer Reichweite. Aber ein Computer ist vielleicht noch zehn Mal komplizierter, und 
doch tanzt er zu jeder Melodie, die du ihm vorspielst. Einfaches Programmieren kannst du an einem 
Nachmittag lernen. Fang mit einer Sprache wie Python an, die extra dafiir geschrieben wurde, 
Programmieranfangern dabei zu helfen, dass die Maschine nach ihrer Pfeife tanzt. Und wenn du bloE 
einen Tag lang, nur einen Nachmittag lang programmierst: einmal zumindest musst du es tun. 
Computer konnen dich kontrollieren, oder sie konnen dir deine Arbeit erleichtern - wenn du deine 
Maschinen unter deiner Kontrolle haben willst, musst du lernen, Code zu schreiben. 

In dieser Nacht schrieben wir ne Menge Code. 



62 



Kapitel 8 

Dieses Kapitel ist Borders gewidmet, dem globalen Buchhandelsriesen, den man in Stadten rund urn die Weltfinden kann - 
ich werde nie vergessen, wie ich einmal in den gigantischen Borders-Laden auf der Orchard Road in Singapur spaziert bin 
und ein Regal voll mit meinen Romanen gefunden habe! Viele Jahre lang war der Borders in Londons Oxford Street 
Gastgeberfur Pat Cadigans monatliche Science-Fiction-Abende, bei denen ansassige und angereiste Autoren aus ihren 
Werken lasen, uber Science Fiction sprachen und ihre Fans trafen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin - und das passiert 
haufig - dann ist eigentlich immer ein Borders mit grofiartiger Auswahl in der Nahe.; aber ganz besonders schatze ich den 
Borders auf dem Union Square in San Francisco. 

Borders weltweit http://www.bordersstores.com/locator/locator.jsp 

Ich war nicht der Einzige, der den Histogrammen zum Opfer fiel. Jede Menge Leute haben 
unnormale Bewegungs- und Nutzungsmuster. Unnormal ist so verbreitet, dass es praktisch schon 
wieder normal ist. 

Das Xnet war voll von solchen Geschichten, ebenso die Zeitungen und die Fernsehnachrichten. 
Ehemanner wurden dabei erwischt, ihre Frauen zu betriigen; Ehefrauen wurden dabei erwischt, ihre 
Manner zu betriigen; und Kinder wurden mit heimlichen Freunden oder Freundinnen erwischt. Ein 
Junge, der seinen Eltern nichts von seiner AIDS-Erkrankung gesagt hatte, wurde dabei erwischt, in 
die Klinik zu fahren, wo er seine Medikamente bekam. 

Das also waren die Leute, die was zu verbergen hatten - nicht schuldige Menschen, sondern 
Menschen mit Geheimnissen. Und noch viel mehr Leute hatten iiberhaupt nichts zu verbergen, 
sondern bloE was dagegen, abgegriffen und verhort zu werden. Stell dir einfach mal vor, du wirst auf 
dem Riicksitz eines Polizeiautos festgehalten und hast zu beweisen, dass du kein Terrorist bist. 

Und es war nicht bloE der offentliche Nahverkehr. Die meisten Autofahrer in der Bay Area haben 
einen FasTrak-Pass an der Sonnenblende hangen. Das ist so ne kleine Funk-„Brieftasche", die deine 
Maut bezahlt, wenn du eine Briicke passierst, und dir so das lastige stundenlange Warten in der 
Schlange vor den Mauthauschen erspart. Erst hatten sie die Gebiihren furs Barzahlen an den Briicken 
verdreifacht (was sie aber immer abstritten und behaupteten, FasTrak sei billiger, nicht etwa anonyme 
Barzahlung teurer). Und was dann noch an Barzahlern iibrig blieb, verschwand, als sie die Barzahler- 
Spuren auf eine pro Briickenkopf eindampften, wodurch die Warteschlangen noch langer wurden. 

Egal also, ob du hier wohnst oder bloE einen Mietwagen einer ortlichen Agentur fahrst - du hast 
immer einen FasTrak. Aber wie sich rausstellte, sind Mauthauschen nicht der einzige Ort, an dem dein 
FasTrak gelesen wird. Das DHS hatte FasTrak-Leser in der ganzen Stadt installiert - wenn du dran 
vorbeifuhrst, zeichneten sie die Zeit und deine ID-Nummer auf und trugen so ein immer perfekteres 
Bild dessen zusammen, wer wann wohin fuhr, das in einer Datenbank landete, die zusatzlich von 
Ampelblitzern und Tempouberwachungsanlagen gespeist wurde und von all den anderen 
Nummernschild-Erkennungskameras, die hier wie Pilze aus dem Boden schossen. 

Bisher hatte niemand groE dariiber nachgedacht. Aber jetzt, da die Leute anfingen, darauf zu achten, 
bemerkten wir alle irgendwelche Kleinigkeiten, wie etwa den Umstand, dass der FasTrak keinen 
Ausschalter hat. 

Wenn du also Auto fuhrst, konntest du j ederzeit von einer SFPD-Kutsche rausgewunken werden, und 
die fragten dich dann, warum du in letzter Zeit so haufig bei Home Depot warst oder wozu dieser 
mitternachtliche Trip nach Sonoma letzte Woche gut war. 

Die kleinen Wochenend-Demonstrationen iiberall in der Stadt wurden groEer. Nach einer Woche 
dieser UberwachungsmaRnahmen marschierten fiinfzigtausend Menschen uber Market Street. Mir 
wars egal: Den Leuten, die meine Stadt eingenommen hatten, wars j a auch egal, was die Burger 
wollten. Sie waren eine Besatzerarmee. Und sie wussten, wie wir dariiber dachten. 

Eines Morgens kam ich grade rechtzeitig zum Friihstuck runter, um zu horen, wie Dad Mom erzahlte, 
dass die zwei groEten Taxiunternehmen eine „ErmaEigung" fur Leute einfuhrten, die spezielle Karten 
zum Bezahlen der Fahrt verwendeten, angeblich im Sicherheitsinteresse der Fahrer, die dann nicht 



63 



mehr so viel Bargeld bei sich hatten. Ich fragte mich, was wohl mit den Informationen passierte, wer 
mit welchem Taxi wohin fuhr. 

Ich merkte, wie knapp es geworden war. Der neue indienet-Client war als automatisches Update 
verteilt worden, als die ganze Sache grade anfing, richtig libel zu werden, und Jolu erzahlte, dass jetzt 
80 Prozent des Datenverkehrs bei Pigspleen verschliisselt war. Das Xnet diirfte im letzten Moment 
gerettet worden sein. 

Aber Dad machte mich langsam wahnsinnig. 

„Du bist ja paranoid, Marcus", sagte er einmal beim Fruhstiick, als ich ihm davon erzahlte, wie ich am 
Tag zuvor gesehen hatte, wie Polizisten ein paar Leute aus der BART pfliickten. 

„Dad, das ist doch lacherlich. Die fangen iiberhaupt keine Terroristen, oder etwa doch? Das alles jagt 
den Leuten bloE Angst ein." 

„Vielleicht haben sie noch keine Terroristen geschnappt, aber sie kriegen auf jeden Fall eine Menge 
Gesindel von den StraEen. Denk mal an die Drogenhandler - angeblich haben sie Dutzende 
eingesperrt, seit das alles angefangen hat. WeiEt du noch, wie diese Junkies dich ausgeraubt haben? 
Wenn wir ihre Dealer nicht schnappen, wird das immer noch schlimmer." Im Jahr zuvor war ich 
beraubt worden, allerdings noch ziemlich zivilisiert. Ein hagerer Typ mit strengem Geruch sagte mir, 
er habe eine Knarre, der andere verlangte meine Brieftasche. Sie lieEen mir sogar meinen Ausweis, 
behielten allerdings meine Kreditkarte und den Fast Pass. Ich hatte trotzdem furchterlich Angst gehabt 
und noch wochenlang paranoid iiber meine Schulter geguckt. 

„Aber die meisten Leute, die sie festhalten, haben doch iiberhaupt nichts Falsches gemacht, Dad", 
sagte ich. Das ging mir an die Nieren. Mein eigener Vater! „Das ist doch verriickt. Auf jede schuldige 
Person, die sie schnappen, miissen sie Tausende Unschuldige bestrafen. Das ist einfach nicht in 
Ordnung." 

„Unschuldig? Typen, die ihre Frau betriigen? Drogendealer? Die verteidigst du, aber was ist mit all 
den Leuten, die gestorben sind? Wenn du nichts zu verbergen hast ..." 

„Also dich wiirde es nicht storen, wenn sie dich anhalten?" Die Histogramme meines Vaters waren 
bislang deprimierend normal. 

„Ich wiirde es als meine Pflicht betrachten", sagte er. „Ich ware stolz. Und ich wiirde mich sicherer 
fiihlen." 

Der hatte gut reden. 



Vanessa mochte es nicht, wenn ich iiber diese Sachen sprach, aber sie war zu klug diesbeziiglich, als 
dass ich das Thema lange vermeiden konnte. Wir trafen uns standig, redeten iibers Wetter, die Schule 
und so Zeug, und dann kam ich irgendwie auf dieses Thema zuriick. Vanessa blieb dann cool - noch 
einmal rastete sie nicht mehr aus -, aber ich merkte, dass es sie aufregte. 

Trotzdem. 

„Und dann sagt mein Vater, ,ich wiirde es als meine Pflicht betrachten'. Kannst du dir das vorstellen? 
Ich mein, hallo? Ich hab ihm in dem Moment fast davon erzahlt, wie ich im Knast war und ob er 
meint, dass das auch unsere , Pflicht' ware." 

Wir saEen nach der Schule in Dolores Park im Gras und sahen den Hunden dabei zu, Frisbees zu 
fangen. 

Van war zu Hause reingesprungen und hatte sich umgezogen - sie trug jetzt ein altes T-Shirt einer 
ihrer brasilianischen Lieblings-Techno-Brega-Bands, Carioca Proibidao, „der verbotene Typ aus Rio". 
Das T-Shirt hatte sie bei einer Live-Show gekauft, wo wir alle vor zwei Jahren waren, ein heimlicher 
Ausflug zu einem groEen Abenteuer im Cow Palace; und seither war sie ein, zwei Zoll gewachsen, 
deshalb saE es knapp iiberm Bauch und erlaubte Blicke auf ihren flachen kleinen Nabel. 

64 



Sie lag zuriickgelehnt in der Sonne, die Augen hinter den Brillenglasern geschlossen, und wackelte in 
ihren Flip-Flops mit den Zehen. Ich kannte Van schon ewig, und wenn ich an sie dachte, sah ich 
gewohnlich das kleine Madchen mit Hunderten klirrender Armreifen aus aufgeschlitzten Limo-Dosen, 
das Klavier spielte und urns Verrecken nicht tanzen konnte. Als sie heute in Dolores Park saE, sah ich 
sie plotzlich so, wie sie war. 

Sie war total h31E - im Klartext: heiE. Es war so, wie wenn man diese Vase anguckt und plotzlich 
merkt, dass das j a auch zwei Gesichter sind. Ich sah zwar, dass Van j a eigentlich nur Van war, aber ich 
konnte jetzt auch sehen, dass sie ne echte Schonheit war, und das war mir bisher noch nie aufgefallen. 

Okay, Darryl hatte das die ganze Zeit schon gewusst, und glaubt mal nicht, dass ich nicht enttauscht 
war, das jetzt zu begreifen. 

„Deinem Dad kannst dus nicht erzahlen, ist ja klar", sagte sie. „Du wiirdest uns alle in Gefahr 
bringen." Ihre Augen waren geschlossen, und ihre Brust hob und senkte sich im Takt ihres Atems, was 
mich doch ziemlich aus dem Konzept brachte. 

„Ja", sagte ich duster, „das Problem ist bloE: Ich weiE, dass er totalen Blodsinn redet. Wenn du 
meinen Dad rauswinkst und von ihm Beweise verlangst, dass er kein kinderschandender, 
drogendealender Terrorist ist - der wiirde amoklaufen. Er hasst es schon, in der Warteschleife zu 
hangen, wenn er wegen seiner Kreditkartenabrechnung telefoniert. Sperr ihn eine Stunde auf einem 
Autoriicksitz ein und verhor ihn, dann kriegt der nen Infarkt." 

„Die kommen ja bloE damit durch, weil die Normal en sich fur was Besseres halten als die 
Unnormalen. Wenn sie jeden rauswinken wiirden, das war eine Katastrophe. Niemand wiirde mehr 
irgendwo hinkommen, alle wiirden bloE noch drauf warten, von den Bullen verhort zu werden. Der 
totale Stau." 

Wow. 

„Van, du bist echt genial", sagte ich. 

„Erzahl mir mehr davon", antwortete sie. Sie lachelte abwesend und blickte mich durch halb 
geschlossene Augen an, dass es fast schon romantisch war. 

„Ehrlich. Wir konnen das schaffen. Wir konnen die Profile ganz einfach durcheinanderbringen. Leute 
rauswinken zu lassen ist kein Problem." 

Sie setzte sich auf, wischte ihr Haar aus dem Gesicht und sah mich an. Ich spiirte einen kleinen 
Hiipfer im Bauch, weil ich dachte, sie sei schwer beeindruckt von mir. 

„Wir brauchen bloE RFID-Kloner", sagte ich. „Und das ist total einfach. Wir miissen bloE die 
Firmware auf einen Zehn-Dollar-Leser von Radio Shack flashen. Dann laufen wir rum und 
vertauschen wahllos die Marker irgendwelcher Leute und iiberschreiben ihre Fast Passes und 
FasTraks mit den Codes von anderen Leuten. Dann sieht jeder plotzlich ziemlich merkwiirdig aus, 
und ziemlich kriminell. Und schwupp: der totale Stau!" 

Van verzog die Lippen und setzte die Sonnenbrille wieder auf; ich merkte, dass sie so wiitend war, 
dass sie kein Wort rausbrachte. 

„Machs gut, Marcus", sagte sie und stand auf. Ehe ich mich versah, ging sie davon - so schnell, dass 
sie fast rannte. 

„Van", rief ich, sprang auf und stiirzte hinter ihr her. „Van! Warte doch!" Sie legte noch einen Zahn 
zu, und ich musste rennen, um ihr zu folgen. 

„Van, was zum Teufel soil das?", sagte ich und schnappte sie am Arm. Sie riss ihn so heftig weg, dass 
ich mir selbst ins Gesicht schlug. 

„Du bist vollig durchgeknallt, Marcus. Du bringst all deine kleinen Xnet-Kumpel in Lebensgefahr, 
und auEerdem willst du die ganze Stadt in Terrorverdachtige verwandeln. Kannst du nicht aufhoren, 
bevor du den Leuten wehtust?" 

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Ich machte den Mund ein paarmal auf und zu. „Van, ich bin nicht das Problem, die sind es. Ich 
verhafte schlieElich keine Leute, steck sie in den Knast und lass sie verschwinden. Die 
Heimatschutzbehorde, die tut das. Und ich kampfe dagegen, um sie aufzuhalten." 

„Aber wie, wenn dus doch nur schlimmer machst?" 

„Vielleicht muss es ja erst schlimmer werden, bevor es besser wird, Van. Wars nicht das, was du 
meintest? Wenn jetzt jeder rausgewunken wiirde ..." 

„Das hab ich aber nicht gemeint. Ich hab nicht gemeint, dass du dafiir sorgen sollst, dass sie jeden 
verhaften. Wenn du protestieren willst, dann geh doch zur Protestbewegung. Mach irgendwas 
Positives. Hast du denn uberhaupt nichts von Darryl gelernt? Gar nichts?" 

„Du hast verdammt Recht", sagte ich, schon halb aus der Fassung. „Ich hab gelernt, dass man denen 
nicht trauen kann. Dass jeder ihnen hilft, der sie nicht bekamft. Und dass sie das Land in einen Knast 
verwandeln, wenn wir sie nur lassen. Und was hast du gelernt, Van? Immer nur angstlich zu sein, 
stillzusitzen und den Mund zu halten und zu hoffen, dass dich keiner bemerkt? Glaubst du, das wird 
noch mal besser? Wenn wir nichts unternehmen, dann ist das das Beste, was wir noch zu erwarten 
haben. Dann wirds in Zukunft immer nur noch schlimmer werden. Willst du Darryl helfen? Dann hilf 
mir, die zu stoppen!" 

Da war er wieder, mein Schwur. Nicht Darryl zu befreien, sondern das gesamte DHS in die Knie zu 
zwingen. Dass das Wahnsinn war, wusste ich selbst nur zu gut. Aber es war genau das, was ich zu tun 
gedachte, da gabs gar kein Vertun. 

Van schubste mich mit beiden Handen grob von sich. Sie hatte machtig Kraft vom Schulsport - 
Fechten, Lacrosse, Hockey, all diese Madchenschul-Sportarten -, und ich landete mit dem Hintern auf 
dem grasslichen San Franciscoer Biirgersteig. Sie verschwand, und ich folgte ihr nicht. 



> Der entscheidende Aspekt bei Sicherheitssystemen ist nicht, wie sie arbeiten, sondern wie sie 
versagen. 

Das war die erste Zeile meines ersten Blog-Eintrags auf Open Revolt, meiner Xnet-Site. Ich schrieb 
als Mlk3y, und ich war bereit, in den Krieg zu Ziehen. 

> Mag ja sein, all diese automatische Durchleuchtung ist wirklich dafiir gedacht, Terroristen zu 
fangen. Und es mag sogar sein, sie fangen damit fruher oder spater tatsachlich einen Terroristen. 
Das Problem ist bloS, es fangt uns alle auch, obwohl wir uberhaupt nichts Falsches tun. 

> Je mehr Leute sie damit fangen, desto fragwiirdiger wird das System. Wenn es zu viele Leute fangt, 
dann ist das sein Tod. 

> Ist die Sache klar? 

Dann kopierte ich meine Anleitung zum Bau eines RFID-Kloners rein, dazu ein paar Tips, wie man 
nah genug an Leute rankommt, um ihre Marker zu lesen und iiberschreiben zu konnen. Meinen 
eigenen Kloner steckte ich in die Tasche meiner Original-Motocross-Jacke aus schwarzem Leder mit 
den verstarkten Taschen und ging dann zur Schule. Zwischen daheim und Chavez High schaffte ich 
es, sechs Marker zu klonen. 

Sie wollten Krieg. Sie wiirden Krieg bekommen. 



Wenn du jemals auf die Schnapsidee kommen solltest, einen automatischen Terrordetektor zu bauen, 
dann solltest du erst mal eine bestimmte Mathematik-Lektion lernen. Sie heiEt „Paradoxon vom 
Falsch-Positiven", und sie ist ein Prachtstuck. 

Nimm an, es gibt diese neue Krankheit, sagen wir, Super-AIDS. Nur einer von einer Million 
Menschen bekommt Super-AIDS. Du entwickelst einen Test, der eine Genauigkeit von 99 Prozent 

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hat. Damit meine ich, er liefert in 99 Prozent der Falle das korrekte Ergebnis: „ja", wenn der Proband 
infiziert ist, und „nein", wenn er gesund ist. Dann testest du damit eine Million Leute. 

Einer von einer Million Leuten hat Super-AIDS. Und einer von hundert Leuten, die du testest, wird 
ein „falsch-positives" Ergebnis generieren - der Test wird ergeben, dass der Proband Super-AIDS hat, 
obwohl er es in Wahrheit nicht hat. Das namlich bedeutet „99 Prozent genau": ein Prozent falsch. 

Was ist ein Prozent von einer Million? 

1.000.000/100 = 10.000 

Einer von einer Million Menschen hat Super-AIDS. Wenn du wahllos eine Million Leute testest, wirst 
du wahrscheinlich einen echten Fall von Super-AIDS ausfindig machen. Aber dein Test wird nicht 
genau eine Person als Trager von Super-AIDS identifizieren. Sondern zehntausend Leute. 

Dein zu 99 Prozent genauer Test arbeitet also mit einer Ungenauigkeit von 99,99 Prozent. 

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven. Wenn du etwas wirklich Seltenes finden willst, dann 
muss die Genauigkeit deines Tests zu der Seltenheit dessen passen, was du suchst. Wenn du auf einen 
einzelnen Pixel auf deinem Bildschirm zeigen willst, dann ist ein spitzer Bleistift ein guter Zeiger: Die 
Spitze ist viel kleiner (viel genauer) als die Pixel. Aber die Bleistiftspitze taugt nichts, wenn du auf ein 
einzelnes Atom in deinem Bildschirm zeigen willst. Dafiir brauchst du einen Zeiger - einen Test -, 
der an der Spitze nur ein Atom groE oder kleiner ist. 

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven, und mit Terrorismus hangt es wie folgt zusammen: 
Terroristen sind wirklich selten. In einer 20-Millionen-Stadt wie New York gibt es vielleicht einen 
oder zwei Terroristen. Vielleicht zehn, allerhochstens. 10/20.000.000 = 0.00005 Prozent. Ein 
zwanzigtausendstel Prozent. 

Das ist wirklich verdammt selten. Und jetzt denk dir eine Software, die alle Bankdaten, Mautdaten, 
Nahverkehrs-Daten oder Telefondaten der Stadt durchgrasen kann und mit 99-prozentiger 
Genauigkeit Terroristen erwischt. 

In einer Masse von 20 Millionen Leuten wird ein 99 Prozent genauer Test zweihunderttausend 
Menschen als Terroristen identifizieren. Aber nur zehn davon sind wirklich Terroristen. Um zehn 
Schurken zu schnappen, muss man also zweihunderttausend Unschuldige rauspicken und unter die 
Lupe nehmen. 

Jetzt kommts: Terrorismus-Tests sind nicht mal annahernd 99 Prozent genau. Eher so was wie 60 
Prozent. Manchmal sogar nur 40 Prozent genau. 

Und all das bedeutete, dass die Heimatschutzbehorde zum Scheitern verdammt war. Sie versuchte, 
unglaublich seltene Ereignisse - eine Person ist ein Terrorist - mit unprazisen Systemen zu erkennen. 

Kein Wunder, dass wir es schafften, so ein Chaos zu verbreiten. 



Eines Dienstagmorgens, eine Woche nach Beginn der Operation Falsch-Positiv, kam ich pfeifend aus 
der Haustiir. Ich horte neue Musik, die ich in der Nacht zuvor aus dem Xnet geladen hatte - eine 
Menge Leute schickten Mlk3y kleine digitale Geschenke, um sich dafiir zu bedanken, dass er ihnen 
wieder Hoffnung gab. 

Ich bog auf die 23. StraEe ein und nahm vorsichtig die paar schmalen Steinstufen in der Flanke des 
Hiigels. Auf dem Weg runter kam ich an Herrn Dackel vorbei. Herrn Dackels richtigen Namen kenne 
ich nicht, aber ich sehe ihn fast taglich, wenn er seine drei schnaufenden Dackel die Treppe hoch zu 
dem kleinen Park fuhrt. Es ist praktisch unmoglich, sich auf der Treppe an dieser Meute 
vorbeizuquetschen, und so verheddere ich mich regelmaEig in einer Leine, werde in einen Vorgarten 
abgedrangt oder bleibe an der StoEstange eines der am StraEenrand parkenden Autos hangen. 

Herr Dackel ist offensichtlich sehr wichtig, denn er hat eine schicke Uhr und tragt immer einen 
eleganten Anzug. Ich war davon ausgegangen, dass er im Finanzdistrikt arbeitete. 

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Als ich heute an ihm entlangschubberte, loste ich meinen RFID-Kloner aus, der in der Tasche meiner 
Lederjacke bereit lag. Der Kloner saugte sich die Nummern seiner Kreditkarten, der Autoschliissel, 
seines Passes und die der Hundert-Dollar-Noten in seiner Brieftasche. 

Wahrend das noch geschah, flashte ich ein paar davon mit neuen Nummern, die ich im Gedrange von 
anderen Leuten gesaugt hatte. Das war so, wie ein paar Nummernschilder auszutauschen, aber 
unsichtbar und in Echtzeit. Ich lachelte Herrn Dackel entschuldigend an und ging weiter die Treppe 
ranter. Neben drei Autos blieb ich lange genug stehen, um ihre FasTrak-Nummern gegen die 
Nummern von Wagen zu tauschen, an denen ich am Tag zuvor vorbeigekommen war. 

Man mag das fur ziemlich riipelig halten, aber im Vergleich mit vielen Xnettern war ich noch 
zuriickhaltend und konservativ. Ein paar Madels im Verfahrenstechnik-Programm an der UC Berkeley 
hatten ausgetiiftelt, wie man aus Kiichenartikeln eine harmlose Substanz erzeugt, die Sprengstoff- 
Sensoren anschlagen liefi. Sie hatten ihren SpaE dabei, das Zeug auf die Aktentaschen und Jacken 
ihrer Profs zu streuen, um sich dann zu verstecken und zu beobachten, wie diese Profs versuchten, 
Auditorien und Bibliotheken auf dem Campus zu betreten, nur um von den mittlerweile 
allgegenwartigen Sicherheitsdiensten in die Mangel genommen zu werden. 

Andere wollten ausprobieren, wie man Umschlage so mit Substanzen pudern konnte, dass sie positiv 
auf Anthrax getestet wiirden, aber alle anderen hielten das fur bescheuert. Zum Gliick hatten sies wohl 
auch nicht hingekriegt. 

Ich kam am San Francisco General Hospital vorbei und nickte zufrieden, als ich die langen Schlangen 
am Haupteingang sah. Natiirlich hatten sie dort auch einen Polizeiposten, und es arbeiteten da 
geniigend Xnetter als Praktikanten, in der Cafeteria und sonstwo, dass sie mittlerweile die Marken 
von alien Mitarbeitern wild durchgemischt hatten. Ich hatte gelesen, dass die Sicherheits-Checks fur 
jeden die Arbeitszeit um eine Stunde pro Tag verlangerten, und die Gewerkschaften drohten mit Streik 
fur den Fall, dass das Hospital nichts dagegen unternahm. 

Ein paar Blocke weiter sah ich eine noch langere Schlange am Zugang zur BART. Polizisten stapften 
die Schlange entlang und pickten Leute raus, um sie zu befragen, die Taschen zu durchsuchen und sie 
komplett zu filzen. Sie wurden zwar immer ofter deswegen verklagt, aber das schien sie nicht zu 
bremsen. 

Ich war ein bisschen zu fruh an der Schule und beschloss, noch mal zur 22. StraEe zu gehen, um einen 
Kaffee zu trinken, und da kam ich an einem Polizeiposten vorbei, wo sie Autos anhielten und penibel 
durchsuchten. 

In der Schule wars nicht weniger bizarr - die Sicherheitsleute an den Metalldetektoren priiften auch 
unsere Schulausweise und griffen sich Schiiler mit ungewohnlichen Bewegungsprofilen zur 
Befragung raus. Natiirlich hatten wir alle ungewohnliche Bewegungsprofile. Und natiirlich fing der 
Unterricht mindestens eine Stunde spater an. 

Und im Unterricht wars vollig verriickt. Ich glaub nicht, dass sich iiberhaupt j em and konzentrieren 
konnte. Ich horte, wie zwei Lehrer driiber sprachen, wie lange sie am Tag zuvor fur den Heimweg 
gebraucht hatten und dass sie heute heimlich fruher loskommen wollten. 

Ich konnte mich nur mit Miihe beherrschen, um nicht loszuplatzen. Das Paradoxon vom Falsch- 
Positiven hatte wieder zugeschlagen! 

Klar, dass sie uns fruh aus dem Unterricht entliefien; ich nahm den langen Weg nach Hause und 
stromerte durch Mission, um das Chaos zu begutachten. Endlose Autoschlangen. Anstehen vor BART- 
Stationen bis einmal um den Block rum. Leute, die Geldautomaten beschimpften, die kein Geld 
rausriickten, weil ihre Konten wegen ungewohnlicher Aktivitaten eingefroren waren (das kommt 
dabei raus, wenn man sein Konto unmittelbar mit seinem FasTrak und FastPass koppelt!). 

Ich kam heim, machte mir ein Sandwich und loggte mich ins Xnet ein. Es war ein guter Tag gewesen. 
Leute aus alien Ecken der Stadt bejubelten ihre Erfolge. Wir hatten die Stadt San Francisco zum 
Stillstand gebracht. Die Nachrichten bestatigten das - dort hiefi es, das DHS sei iibergeschnappt, und 

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man machte die Pseudo-SicherheitsmaRnahmen, die uns angeblich vor Terrorismus schiitzen sollten, 
fiir alles verantwortlich. Der Wirtschaftsteil des San Francisco Chronicle widmete die komplette 
Aufmacherseite einer Schatzung der volkswirtschaftlichen Kosten der DHS-MaEnahmen durch 
ausgefallene Arbeitsstunden, Besprechungen und so weiter. Laut dem Wirtschaftsexperten des 
Chronicle wiirde eine Woche dieses Blodsinns die Stadt mehr kosten als die Folgen der Sprengung der 
Bay Bridge. 

Hahahahaha. 

Und das Beste: Dad kam an diesem Abend spater. Viel spater. Drei Stunden spater. Warum? Weil er 
rausgewunken, durchsucht und befragt worden war. Dann passierte das wieder. Zwei Mai. 

Zwei Mai! 



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Kapitel 9 

Dieses Kapitel ist Compass Books/Books Inc gewidmet, der altesten unabhangigen Buchhandlung im Westen der USA. Sie 
hat Filialen uberall in Kalifornien, in San Francisco, Burlingame, Mountain View und Palo Alto, aber am coolsten ist ihre 
Monster-Buchhandlung mitten in Downtown Disney im Disneyland Anaheim. Ich bin ein Hardcore-Fan von Disney-Parks 
(wie mein erster Roman, „Down and Out in the Magic Kingdom" - dt. „Backup", A.d.U. -) beweist, und wann immer ich in 
Kalifornien lebte, habe ich mir eine Disneyland-Jahreskarte gekauft und bei praktisch jedem Besuch auch einmal bei 
Compass Books in Downtown Disney reingeschaut. Sie haben da eine fantastische Auswahl an unautorisierten, teils auch 
kritischen Buchern uber Disney vorratig, auderdem eine Menge Kinderbucher und Science Fiction, und im Kaffee nebenan 
machen sie einen fiesen Cappuccino. 

Compass Books/Books Inc: http://www.booksinc.net/NASApp/store/Product;jsessionid=abcF-ch09-pbU6m7ZRrLr? 
s=showproduct&isbn=0765319853 

Er war so wutend, dass ich dachte, gleich miisse er platzen. Sagte ich schon, dass ich erst ein paar 
Mai erlebt hatte, wie er die Fassung verlor? In dieser Nacht verlor er sie mehr als jemals zuvor. 

„Ihr glaubt es nicht. Dieser Polizist war vielleicht 18, und der fragte dauernd, ,Warum waren Sie denn 
gestern in Berkeley, wenn Ihr Kunde doch in Mountain View sitzt?' Und dann hab ich ihm noch mal 
erklart, dass ich in Berkeley unterrichte, und dann er wieder ,Aber ich dachte, Sie seien ein Berater', 
und dann ging das Ganze wieder von vorn los. Es war wie bei einer Sitcom, wo sie die Polizisten mit 
einem Dummheitslaser beschossen haben. 

Aber schlimmer war: Der bestand darauf, ich sei auch heute in Berkeley gewesen, und ich sagte nein, 
war ich nicht, und er sagte doch, ich sei da gewesen. Dann hat er mir meine FasTrak-Abrechnung 
gezeigt, und da stand drauf, dass ich heute drei Mal uber San Mateo Bridge gefahren sein soil! 

Und das ist noch nicht alles", sagte er und atmete so scharf ein, dass ich merkte, wie sauer er war. „Sie 
hatten Informationen uber Orte, an denen ich gewesen sein soil, die iiberhaupt keine Mautstation 
haben. Die miissen meinen Pass einfach so auf der StraEe eingelesen haben. Und das war alles falsch! 
Ach verdammt, die schniiffeln uns alien hinterher und sind dafiir noch nicht mal kompetent genug!" 

Wahrend er sich so in Fahrt redete, war ich in die Kiiche verschwunden, und jetzt sah ich ihm von der 
Turschwelle aus zu. Mom begegnete meinem Blick, und wir hoben beide die Augenbrauen, wie um zu 
sagen „wer sagt ihm jetzt ,siehst du'?" Ich nickte ihr zu. Sie wiirde ihre ehefrauliche Macht nutzen 
konnen, seine Wut zu besanftigen, wie das mir als einer bloften Nachwuchs-Einheit niemals moglich 
ware. 

„Drew", sagte sie und schnappte ihn am Arm, um ihn davon abzuhalten, weiter durch die Kiiche zu 
stratzen und mit den Armen zu wedeln wie ein StraEenprediger. 

„Was?", schnappte er. 

„Ich glaube, du schuldest Marcus eine Entschuldigung." Ihre Stimme war ganz ruhig dabei. Dad und 
ich sind die Durchgeknallten im Haushalt - Mom ist ein echter Fels in der Brandung. 

Dad schaute mich an. Seine Augen wurden schmal, wahrend er einen Moment lang nachdachte. 
„Okay", sagte er schlieElich. „Du hast Recht. Was ich meinte, war kompetente Uberwachung. Diese 
Typen waren die totalen Anfanger. Es tut mir Leid, mein Junge", sagte er. „Du hattest Recht. Es war 
lacherlich." Er streckte seine Hand aus und schuttelte meine, dann zog er mich plotzlich an sich und 
umarmte mich heftig. 

„Oh Gott, was machen wir mit diesem Land, Marcus? Deine Generation hatte es verdient, etwas 
Besseres zu erben als das hier." Als er mich wieder los lieE, konnte ich die tiefen Furchen in seinem 
Gesicht sehen, Linien, die mir zuvor nie aufgefallen waren. 

Ich ging zuriick in mein Zimmer und spielte ein paar Xnet-Spiele. Es gab da eine gute Mehrspieler- 
Nummer, ein Uhrwerk-Piratenspiel, bei dem man jeden Tag ein paar Aufgaben losen musste, um die 
Uhrfedern seiner ganzen Mannschaft neu aufzuziehen und wieder auf Raubziige gehen zu konnen. Es 
war diese Sorte Spiel, die ich hasste, von der ich aber trotzdem nicht wegkam: Viele Aufgaben, die 
sich wiederholten und nicht sonderlich anspruchsvoll waren, ein paar Kampfe Spieler gegen Spieler 

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(Klingen kreuzen, um auszufechten, wer das Schiff kommandierte) und nicht gerade viele coole 
Ratsel zu losen. Hauptsachlich verursachte diese Sorte Spiel mir Heimweh nach Harajuku Fun 
Madness, dieser Kombination aus Rumrennen in der echten Welt, Online-Ratselaufgaben und 
Strategiesitzungen mit deinem Team. 

Aber heute nacht war es genau das, was ich brauchte. Sinnlose Unterhaltung. 

Mein armer Dad. 

Ich hatte ihm das angetan. Vorher war er zufrieden gewesen, zuversichtlich, dass seine Steuerdollars 
dafiir ausgegeben wurden, ihn sicherer zu machen. Ich hatte diese Zuversicht zerstort. Natiirlich war 
es eine falsche Zuversicht, aber es hatte ihn aufrecht erhalten. So wie ich ihn nun sah, am Boden 
zerstort, fragte ich mich, ob es wohl besser sei, klarsichtig und ohne Hoffnung zu leben oder in einem 
Paradies der Einfaltigen. Diese Scham - dieselbe Scham, die ich seit dem Moment empfunden hatte, 
als ich meine Passworter preisgab, als sie mich gebrochen hatten - kehrte zuriick, machte mich trage 
und lieE mich wiinschen, nur weit weg von mir selbst zu sein. 

Mein Spielcharakter war ein Matrose auf dem Piratenschiff „Zombie Charger", und er war 
abgelaufen, wahrend ich offline war. Ich musste alle anderen Spieler auf dem Schiff anbeamen, um 
einen zu finden, der bereit war, mich wieder aufzuziehen. Das beschaftigte mich. Ich mochte es sogar. 
Es hat was Magisches, wenn ein vollig Fremder dir einen Gefallen tut. Und weil es das Xnet war, 
wusste ich, dass alle Fremden hier in gewissem Sinne Freunde waren. 

> Woher kommste? 

Der Charakter, der mich aufzog, hieE Lizanator, und er war weiblich, obwohl das nicht bedeuten 
musste, dass eine Frau dahintersteckte. Kerle hatten manchmal eine bizarre Neigung dazu, weibliche 
Charaktere zu spielen. 

> San Francisco 
sagte ich 

> Nein, Idiot, wo in San Fran ? 

> Warum, biste pervers? 

Das war normalerweise das Ende so einer Konversation. Natiirlich war jede Spiele-Site voll von 
Pados und Pervis sowie von Bullen, die hier als Koder fur die Pados und Perversen unterwegs waren 
(obwohl ich hoffte, dass es im Xnet keine Bullen gab!) So eine Anschuldigung war in neunzig Prozent 
aller Falle genug fiir nen Themenwechsel. 

> Mission? Potrero Hill? Noe? East Bay? 

> Zieh mich bloS aufja? 

Sie horte auf, mich aufzuziehen. 

> Hast Angst? 

> Ne, wieso? 

> Nur ne Frage 

Ich hatte kein gutes Gefiihl mit ihr. Sie war offensichtlich mehr als bloE neugierig. Nenn es Paranoia. 
Ich loggte mich aus und fuhr die Xbox runter. 



Dad schaute mich am nachsten Morgen iibern Fruhstuckstisch hinweg an und sagte: „Sieht aus, als ob 
es endlich besser wiirde". Er reichte mir den Chronicle, der auf der dritten Seite aufgeschlagen war. 

Ein Sprecher der Heimatschutzbehorde bestatigte, dass das Bilro in San Francisco in DC eine 
Budget- und Personalaufstockung um 300 Prozent beantragt habe. 



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Wie bitte? 

Generalmajor Graeme Sutherland, der Kommandierende der DHS-Operationen in Nordkalifornien, 
bestatigte dieAnfrage bei einer Pressekonferenz am Vortag, wobei er angab, dass einAnstieg 
verdachtiger Aktivitaten in der Bay Area den Antrag ausgelost habe. „ Wir verzeichnen einen Zuwachs 
an Untergrund-Gerede und Aktivitaten und glauben, dass Saboteure absichtlich falsche 
Sicherheitswarnungen auslosen, um unsere Bemiihungen zu unterminieren. " 

Ich verdrehte die Augen. Ach du Sch. . . 

„Diese Fehlalarme sind moglicherweise ,Storfeuer', die dazu dienen sollen, von tatsachlichen 
Angriffen abzulenken. Der einzig effektive Weg, sie zu bekampfen, besteht darin, unser Personal zu 
verstarken und die Analystenlevel zu erhohen, so dass wirjede einzelne Spur konsequent verfolgen 
konnen. " 

Sutherland bemerkte, die Verspatungen uberall in der Stadt seien „ungliicklich" , und er zeigte sich 
entschlossen, sie zu beseitigen. 

Vor meinem inneren Auge sah ich die Stadt mit vier oder fiinf Mai so vielen DHS-Beamten, die alle 
hergekommen waren, um meine eigenen bloden Ideen anzugehen. Van hatte Recht. Je mehr ich sie 
bekampfte, desto schlimmer wurde die Sache. 

Dad zeigte auf die Zeitung. „Diese Leute sind vielleicht Idioten, aber sie sind Idioten mit Methode. 
Die bewerfen das Problem einfach so lange mit Ressourcen, bis sie es losen. Denn es ist losbar, weiRt 
du? Samtliche Daten der ganzen Stadt erheben, jeder einzelnen Spur folgen. Sie werden die 
Terroristen fangen." 

Ich fasste es nicht. „Dad! Horst du dir eigentlich selbst zu? Die reden davon, praktisch jeden 
einzelnen Menschen in ganz San Francisco unter die Lupe zu nehmen!" 

„Ja", sagte er, „stimmt. Und sie werden jeden einzelnen Alimentenbetruger, jeden Drogendealer, jeden 
Schmutzfink und jeden Terroristen fangen. Warts nur ab. Das hier konnte sich als das Beste erweisen, 
was dem Land je passiert ist." 

„Sag mir, dass du Witze machst", sagte ich. „Ich bitte dich. Glaubst du wirklich, dass sie das haben 
wollten, als sie die Verfassung geschrieben haben? Und was ist mit der Bill of Rights?" 

„Als sie die Bill of Rights geschrieben haben, kannten sie noch keine Datenanalysen", sagte er. Er war 
erschreckend abgeklart dabei, vollig iiberzeugt davon, im Recht zu sein. „Das Recht auf 
Versammlungsfreiheit ist ja gut und schon, aber warum sollte es der Polizei nicht erlaubt sein, dein 
soziales Netzwerk durchzugrasen, um rauszufinden, ob du mit Vergewaltigern und Terroristen 
abhangst?" 

„Weil es meine Privatsphare beeintrachtigt!", entgegnete ich. 

„Na und, was ist schon dabei? Ist dir Privatsphare wichtiger als Terroristen?" 

Urgs, ich hasste diese Sorte Diskussionen mit meinem Dad. Ich brauchte jetzt einen Kaffee. 

„Dad, komm schon. Jemandem die Privatsphare wegzunehmen hat nichts mit Terroristenfangen zu 
tun; das ist bloE dazu gut, normale Leute zu argern." 

„Woher willst du wissen, dass sie keine Terroristen fangen?" 

„Wo sind denn die Terroristen, die sie gefangen haben?" 

„Ich bin sicher, wir werden demnachst Verhaftungen erleben. Warts mal ab." 

„Dad, was zum Teufel ist denn seit letzter Nacht mit dir passiert? Du warst kurz vorm Platzen 
dariiber, dass die Bullen dich gestoppt hatten ..." 

„Nicht in diesem Ton, Marcus. Was seit letzter Nacht passiert ist, ist, dass ich Gelegenheit hatte, iiber 
die Sache nachzudenken und dies hier zu lesen." Er raschelte mit seiner Zeitung. „Der Grund dafur, 



72 



dass sie mich abgefangen haben, ist, dass die bosen Jungs ihnen Steine in den Weg legen. Sie miissen 
ihre Techniken anpassen, urn diese Blockaden zu iiberwinden. Aber das werden sie schaffen. Und bis 
dahin ist die eine oder andere StraEensperre ein sehr bescheidener Preis. Jetzt ist einfach nicht die 
Zeit, sich zum Anwalt der Bill of Rights aufzuspielen. Jetzt ist die Zeit, ein paar Opfer zu bringen, um 
die Sicherheit unserer Stadt zu erhalten." 

Ich brachte meinen Toast nicht mehr ranter. Also packte ich den Teller in die Spulmaschine und ging 
zur Schule. Ich musste einfach nur raus hier. 



Die Xnetter waren nicht glucklich iiber die verstarkte Polizeiiiberwachung, aber sie waren nicht 
bereit, sie ohne Gegenwehr zu akzeptieren. Irgendjemand rief bei einer Horertelefon-Sendung auf 
KQED an und erzahlte, die Polizei verschwende bloE Zeit und wir wiirden das System schneller 
durcheinanderbringen, als sie es entwirren konnten. Die Aufzeichnung war in dieser Nacht ein Top- 
Download im Xnet. 

„Hier ist California Live, und wir sprechen mit einem anonymen Anrufer aus einer Telefonzelle in 
San Francisco. Er hat seine eigenen Informationen iiber die die Verzogerungen, die wir in dieser 
Woche iiberall in der Stadt erleben. Anrufer, Sie sind auf Sendung." 

„Ja, hey, das ist erst der Anfang, wisst ihr? Ich mein, hey, wir fangen grad erst an. Sollen die doch ne 
Milliarde Schweine einstellen und Kontrollpunkte an jeder Ecke aufmachen. Wir jammen die alle! 
Und hey, was soil die TerroristenscheiEe? Wir sind keine Terroristen! Ich mein, echt jetzt! Wir 
blocken das System, weil wir die Heimatschiitzer hassen und unsere Stadt lieben. Terroristen? Ich 
kann Dschihad nicht mal buchstabieren. Entspannt euch." 

Er klang wie ein Idiot. Nicht bloE die unzusammenhangenden Worter, sondern auch sein hamischer 
Ton. Er klang wie ein Junge, der unanstandig stolz auf sich selbst war. Er war ein Junge, der 
unanstandig stolz auf sich selbst war. 

Das Xnet schaumte iiber deswegen. Viele Leute dachten, es sei idiotisch, dass er da angerufen habe, 
und andere meinten, er sei ein Held. Ich machte mir Sorgen dariiber, dass auf die Telefonzelle, die er 
benutzt hatte, wahrscheinlich eine Kamera gerichtet war. Oder ein RFID-Leser, der seinen Fast Pass 
ausgeschniiffelt haben konnte. Ich hoffte, der Junge war klug genug gewesen, seine Fingerabdriicke 
von der Miinze zu wischen, die Kapuze aufzubehalten und all seine RFIDs daheim zu lassen. Aber ich 
bezweifelte es. Und ich fragte mich, ob sie wohl demnachst bei ihm an die Tiir klopften. 

Ich wusste, dass im Xnet eine groEe Sache abging, wenn ich plotzlich ne Million E-Mails von Leuten 
bekam, die Mlk3y iiber die neuesten Entwicklungen informieren wollten. Und grade als ich iiber 
Herrn Dschihad-nicht-buchstabieren las, spielte meine Mailbox verriickt. Jeder hatte eine Botschaft 
fur mich, einen Link zu einem Livejournal im Xnet, einem der vielen anonymen Blogs, die auf dem 
Freenet-Veroffentlichungssystem basierten, das auch von chinesischen Demokratieaktivisten benutzt 
wurde. 

> Das war knapp 

> Heute abend hingen wir wieder beim Embarcadero rum, umjedem einen neuen Autoschlussel oder 
Fast Pass oder FasTrak zu verpassen und ein bisschen Pseudo-SchieEpulver zu verstreuen. Uberall 
waren Bullen, aber wir waren kliiger als die; wir waren da so ziemlichjede Nacht und wurden nie 
erwischt. 

> Aber heute haben sie uns erwischt. Bidder Fehler. Wir waren schlampig, und sie haben uns 
geschnappt. Einer von den Verdeckten hat erst meinen Freund und dann die anderen von uns 
erwischt. Die hatten die Menge schon lange beobachtet, und die hatten einen von diesen Trucks in der 
Ndhe, da brachten sie vier von uns rein und haben den Rest entwischen lassen. 

> Der Truck war PROPPEVOLL wie ne Sardinendose mit alien Arten von Leuten, altjung schwarz 
weiE reich arm alle verdachtig, und zwei Bullen waren drin, die haben versucht, uns Fragen zu 



73 



stellen, und die Verdeckten brachten immer noch mehr von uns rein. Die meisten Leute versuchten 
nach vorn in die Reihe zu kommen, um schneller mit der Fragerei durch zu sein, deshalb kamen wir 
immer weiter nach hinten und wir waren wohl stundenlang da drin und es wurde immer bloE noch 
voller statt leerer. 

> So um acht abends hatten die Schichtwechsel undzwei neue Bullen kamen rein und schnauzten die 
anderen Bullen an, so was zum Teufel und macht ihr hier uberhaupt irgendwas und so. Die hatten 
echt Streit und dann verschwanden die alten Bullen und die neuen setzten sich an die Tische und 
fliisterten ne Weile. 

> Dann stand einer von den Bullen aufund fing an zu briillen IHRALLE HIER VERSCHWINDET 
JETZT EINFACH NACH HAUSE JESUS WIR HABEN BESSERES ZU TUNALS EUCH FRAGEN ZU 
STELLEN OB IHR WAS FALSCH GEMACHT HABT MACHTS EINFACH NICHT NOCH MAL UND 
LASSTES EUCHALLE EINE WARNUNG SEIN. 

> Ein paar von den Anzugen wurden echt stinkig, das war UMWERFEND well sie vielleicht zehn 
Minuten vorher rumgezickt hatten well sie hier festgehalten werden, undjetzt haben sie rumgezickt 
well sie rausgelassen wurden, ich mein, ha ? 

> Wir haben uns dann ganz schnell verdiinnt und sind nach Hause verschwunden, um das hier zu 
schreiben. Glaubts uns, die Verdeckten sind iiberall. Wenn ihr zum Jammen geht, dann haltet die 
Augen offen und seid immer aufdem Sprung, falls es Probleme gibt. Wenn sie euch erwischen, 
versucht es auszusitzen die sind so beschaftigt dass sie euch vielleicht einfach wieder gehen lassen. 

> Und nur wegen uns sind die so beschaftigt! Die ganzen Leute im Truck waren bloB wegen unseren 
Storaktionen da. Also: weiterjammen! 

Ich hatte das Gefiihl, ich miisse mich iibergeben. Diese vier Leute - Kinder, die ich nie gesehen hatte 
-, die waren fast fur immer verschwunden wegen einer Sache, die ich angeleiert hatte. 

Wegen einer Sache, die ich ihnen aufgetragen hatte. Ich war kein bisschen besser als ein Terrorist. 



Dem DHS wurde die Budgetanforderung bewilligt. Der President war im Fernsehen zusammen mit 
dem Gouverneur, um uns zu erzahlen, dass fur Sicherheit kein Preis zu hoch sei. Wir mussten es am 
nachsten Tag in der Schulaula ansehen. Mein Dad war begeistert. Er hatte den Prasidenten seit dem 
Tag seiner Wahl gehasst, weil er fand, der sei kein Stuck besser als der Typ vor ihm, und der sei ja 
wohl ein Totalausfall gewesen; aber jetzt fiel ihm nichts anderes mehr ein als zu erzahlen, wie 
entschlossen und dynamisch der Neue doch sei. 

„Sei nicht so hart mit deinem Vater", sagte Mom eines Abends zu mir, als ich von der Schule 
heimkam. Sie hatte in letzter Zeit moglichst viel von zu Hause gearbeitet. Mom ist eine freiberufliche 
Ubersiedelungsexpertin und hilft englischen Landsleuten, sich in San Francisco einzugliedern. Die 
UK High Commission bezahlt sie dafiir, E-Mails von entgeisterten Briten im ganzen Land zu 
beantworten, die nicht damit klarkommen, wie vollig durchgeknallt wir Amerikaner sind. Sie verdient 
also ihr Geld damit, Amerikaner zu erklaren, und sie sagte, dass es in diesen Tagen besser sei, das von 
daheim zu tun, wo sie keinem Amerikaner leibhaftig begegnete oder mit ihm sprechen musste. 

Ich hab keine Illusionen iiber GroEbritannien. Okay, Amerika ist vielleicht bereit, die Verfassung in 
die Tonne zu treten, sobald irgendein Dschihadist uns schief anguckt; aber wie ich in meinem freien 
Gesellschaftskunde-Projekt in der Neunten gelernt habe, haben die Briten noch nicht mal eine 
Verfassung. Und sie haben Gesetze, die dir die Haare auf den Zehen krauseln: Sie konnen dich da fur 
ein ganzes Jahr in den Knast stecken, wenn sie wirklich total sicher sind, dass du ein Terrorist bist, 
ohne das aber beweisen zu konnen. Aber wie konnen sie so sicher sein, wenn sie keine Beweise 
haben? Wie kommen sie dazu? Haben sie dich in einem total lebendigen Traum dabei beobachtet, wie 
du terroristische Akte begehst? 



74 



Und die Uberwachung in GroEbritannien lieE Amerika wie nen blutigen Anfanger aussehen. Der 
durchschnittliche Londoner wird 500 Mai am Tag fotografiert, einfach dabei, wie er die StraEe 
entlanglauft. Jedes Nummernschild wird an jeder Ecke des Landes fotografiert. Jeder, von den 
Banken bis zum Verkehrsunternehmen, ist total heiE drauf, dich zu tracken und dich zu verpetzen, 
wenn du auch nur im entferntesten verdachtig wirkst. 

Aber Mom sah das nicht so. Sie hatte GroEbritannien vor dem Highschool-Abschluss verlassen und 
war hier nie heimisch geworden, obwohl sie einen Jungen aus Petaluma geheiratet und einen Sohn 
hier groEgezogen hatte. Fur sie war dies hier fur immer das Land der Barbaren, und GroEbritannien 
wiirde auf ewig ihre Heimat sein. 

„Mom, er liegt aber einfach daneben. Du solltest das noch am ehesten wissen. Alles, was dieses Land 
mal groE gemacht hat, wird durchs Klo gespiilt, und er findet das vollig in Ordnung. Hast du gemerkt, 
dass sie noch keinen einzigen Terroristen geschnappt haben? Dad sagt immer nur ,wir miissen sicher 
sein', aber er muss doch mal begreifen, dass sich die meisten von uns kein Stuck sicher fiihlen. Wir 
fiihlen uns die ganze Zeit nur bedroht." 

„Ich weiE das alles, Marcus. Glaub mir, ich bin nicht begeistert davon, was mit diesem Land 
geschieht. Aber dein Vater ist . . ." Sie brach ab. „Als du nach den Angriffen nicht nach Hause kamst, 
da dachte er ..." 

Sie stand auf und machte sich eine Tasse Tee - etwas, was sie immer tat, wenn sie sich unwohl oder 
verunsichert fiihlte. 

„Marcus", sagte sie dann, „Marcus, wir glaubten, du seiest tot. Begreifst du das? Wir haben tagelang 
um dich getrauert. Wir haben uns vorgestellt, wie du in Stiicke gebombt auf dem Meeresgrund liegst. 
Tot, weil irgendein Mistkerl der Meinung war, Hunderte ihm unbekannte Leute toten zu miissen, nur 
um irgendwas zum Ausdruck zu bringen." 

Das musste ich erst mal verdauen. Ich meine, klar hatte ich begriffen, dass sie sich Sorgen gemacht 
hatten. Eine Menge Leute waren bei den Bombenanschlagen gestorben - die aktuelle Schatzung lag 
bei viertausend -, und praktisch jeder kannte jemanden, der an diesem Tag nicht nach Hause 
gekommen war. An meiner Schule waren zwei Leute verschwunden. 

„Dein Vater war so weit, jemanden zu toten. Irgendwen. Er war vollig auEer sich; so hast du ihn noch 
nie gesehen. Nicht mal ich habe ihn schon mal so gesehen. Vollig auEer sich. Er saE immer nur hier 
am Tisch und fluchte und fluchte und fluchte. Gemeine Worte, die ich ihn noch nie hatte sagen horen. 
An dem einen Tag - am dritten Tag - rief jemand an, und er war sicher, dass du es warst, aber es hatte 
sich bloE jemand verwahlt, und da schmiss er das Telefon so in die Ecke, dass es in tausend Teile 
zerfallen ist." Ich hatte mich schon gefragt, weshalb das Telefon in der Kiiche neu war. 

„Irgend etwas ist in deinem Vater zerbrochen. Er liebt dich. Wir lieben dich beide. Du bist das 
Allerwichtigste in unserem Leben, und ich glaube nicht, dass dir das klar ist. Erinnerst du dich, als du 
zehn warst, als ich fur diese lange Zeit heim nach London ging? Erinnerst du dich?" 

Ich nickte stumm. 

„Damals waren wir so weit, uns scheiden zu lassen, Marcus. Oh, es ist jetzt egal, warum. Wir hatten 
bloE eine ganz schlechte Phase, wie das eben passiert, wenn Leute, die sich lieben, sich fur ein paar 
Jahre nicht mehr richtig umeinander kummern. Und er kam ruber zu mir und iiberzeugte mich, dass 
ich deinetwegen zuruckkommen musse. Wir konnten den Gedanken nicht ertragen, dir das anzutun. 
Deinetwegen haben wir uns wieder ineinander verliebt. Und deinetwegen sind wir heute noch 
zusammen." 

Ich hatte einen KloE im Hals. Das hatte ich nicht gewusst. Das hatte mir nie jemand gesagt. 

„Fur deinen Vater ist das jetzt eine schwere Zeit. Er ist nicht richtig er selbst. Es wird eine Weile 
dauern, bis er wieder zu uns zuruckkommt; bis er wieder der Mann ist, den ich liebe. Bis dahin 
miissen wir versuchen, ihn zu verstehen." 



75 



Sie umarmte mich eine Weile, und ich bemerkte, wie diinn ihre Arme geworden waren und wie faltig 
die Haut in ihrem Nacken. Wenn ich an meine Mutter dachte, sah ich sie immer Jung, blass, mit 
rosigen Wangen und einem strahlenden Lacheln vor mir, wie sie schlau durch ihre metallgefassten 
Brillenglaser schaut. Jetzt sah sie aus wie eine alte Frau. Ich hatte ihr das angetan. Die Terroristen 
hatten ihr das angetan. Die Heimatschutzbehorde hatte ihr das angetan. Auf eine merkwiirdige Weise 
waren wir alle auf der gleichen Seite, und Mom und Dad und all die Leute, deren Daten wir 
manipuliert hatten, waren auf der anderen Seite. 



In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Moms Worte schwirrten durch meinen Kopf. Dad war beim 
Abendessen angespannt und schweigsam gewesen, und wir hatten kaum ein Wort gewechselt, weil ich 
Angst hatte, ein falsches Wort zu sagen und weil er sehr erregt iiber die neuesten Meldungen war, 
nach denen Al Kaida definitiv fur die Bombenanschlage verantwortlich war. Sechs verschiedene 
Terrorgruppen hatten Verantwortung fur die Angriffe ubernommen, aber nur das Internetvideo von Al 
Kaida enthielt Informationen, von denen das DHS sagte, man habe sie nicht offentlich gemacht. 

Ich lag im Bett und horte eine Late-Night-Anrufshow im Radio. Das Thema war Sexprobleme, mit 
diesem schwulen Typ, den ich normalerweise total gern horte, weil er den Leuten ziemlich derbe, aber 
gute Tipps gab und sehr lustig und schwulstig war. 

Heute Nacht konnte ich nicht lachen. Die meisten Anrufer wollten wissen, wie sie damit umgehen 
sollten, dass sie seit den Attentaten mit ihren Partnern nicht mehr in die Gange kamen. Nicht mal im 
Sexprogramm im Radio war ich vor diesem Thema sicher. 

Ich schaltete das Radio aus und horte unten auf der StraEe einen Motor schnurren. 

Mein Schlafzimmer ist im obersten Stock unseres Hauses, einer dieser lackierten Ladies. Ich habe ein 
Schragdach und Fenster auf beiden Seiten; eins davon iiberblickt den gesamten Mission-Distrikt, das 
andere die StraEe vor unserem Grundstiick. Dort fuhren zu alien Nachtstunden Autos vorbei, aber 
dieses Motorengerausch war irgendwie anders. 

Ich ging zum StraEenfenster und zog die Jalousien hoch. Auf der StraEe unter mir war ein weiEer, 
unbeschrifteter Lieferwagen, dessen Dach mit mehr Antennen verziert war, als ich jemals auf einem 
Auto gesehen hatte. Es fuhr sehr langsam die StraEe runter, wobei sich eine kleine Schiissel obendrauf 
permanent drehte. 

Wahrend ich zusah, hielt der Wagen an, und eine der Hecktiiren klappte auf. Ein Typ in einer DHS- 
Uniform - die erkannte ich mittlerweile auf hundert Meter - trat auf die StraEe. Er hatte irgendein 
mobiles Gerat in der Hand, dessen blaues Leuchten sein Gesicht erhellte. Er ging auf und ab, suchte 
erst bei meinen Nachbarn, machte Notizen auf seinem Gerat und kam dann in meine Richtung. Es war 
etwas Vertrautes in der Art, wie er ging, runterschaute ... 

Er benutzte einen WLAN-Schniiffler! Das DHS suchte nach Xnet-Knoten. Ich lieE die Jalousien 
runter und flitzte quer durch den Raum zu meiner Xbox. Ich hatte sie angelassen, um ein paar coole 
Animationen runterzuladen, die einer der Xnetter aus der Kein-Preis-zu-hoch-Rede des Prasidenten 
gemacht hatte. Ich riss den Stecker aus der Dose, dann sauste ich zuriick zum Fenster und offnete die 
Jalousien nur einen Spalt breit. 

Der Typ schaute wieder auf seinen Sniffer und ging vor unserem Haus auf und ab. Einen Moment 
spater stieg er wieder in den Lieferwagen und fuhr an. 

Ich holte meine Kamera raus und schoss so viele Bilder wie moglich von dem Auto und seinen 
Antennen. Dann offnete ich die Fotos in dem freien Bildbearbeitungsprogramm GIMP und 
retuschierte aus den Bildern alles auEer dem Van heraus, die ganze StraEe und alles, was mich 
identifizieren konnte. 

Dann lud ich sie ins Xnet hoch und schrieb dazu alles iiber den Lieferwagen, was mir einfiel. Diese 
Typen waren definitiv auf der Suche nach dem Xnet, darauf wiirde ich wetten. 



76 



Jetzt konnte ich wirklich nicht mehr schlafen. 

Da blieb mir nichts iibrig, als Aufziehpiraten zu spielen. Selbst urn diese Zeit wiirde man da noch jede 
Menge Spieler treffen. Der echte Name von Aufziehpiraten war Clockwork Plunder, und es war ein 
Amateur-Projekt von jungen Death-Metal-Freaks aus Finnland. Mitspielen war dort vollig gratis, und 
es machte genauso viel SpaE wie jedes der 15-Dollar-pro-Monat-Angebote wie Ender's Universe, 
Middle Earth Quest oder Discworld Dungeons. 

Ich loggte mich wieder ein, und da war ich, immer noch an Deck der „Zombie Charger", und wartete 
auf jemanden, der mich aufziehen wiirde. Ich hasste diesen Teil des Spiels. 

> Hedu 

tippte ich einen vorbeikommenden Piraten an. 

> Ziehst mich auf? 

Er blieb stehen und schaute mich an. 

> Was hab ich davon? 

> Wir sind im selben Team. Und du kriegst Erfahrungspunkte. 
Was fiirn Depp. 

> Wo kommst du her? 

> San Francisco 

Das fing an, mir bekannt vorzukommen. 

> Wo in San Francisco? 

Ich loggte mich aus. Irgendwas lief in dem Spiel grade ziemlich schrag. Ich sprang ruber zu den 
Livejournalen und fing an, Blog auf Blog zu durchwuhlen. Nach einem halben Dutzend entdeckte ich 
etwas, das mir das Blut gefrieren lieE. 

Blogger lieben Quizspiele. Welche Sorte Hobbit bist du? Bist du ein groEer Liebhaber? Welchem 
Planeten bist du am ahnlichsten? Welcher Film-Charakter bist du? Was ist dein emotionaler Typus? 
Sie Mien die Fragebogen aus, und ihre Freunde Mien sie aus, und dann vergleichen alle ihre 
Ergebnisse. Harmlose SpaEchen. 

Aber das Quiz, das heute Nacht die Blogs beherrschte, war es, was mir Angst einjagte, denn es war 
alles andere als harmlos: 

Welches ist dein Geschlecht? 

In welcher Klasse bist du? 

In welche Schule gehst du ? 

Wo in der Stadt lebst du ? 

Die Quizseiten iibertrugen die Ergebnisse auf eine Landkarte mit farbigen Pins fur Schulen und 
Stadtviertel und lieferten diirftige Empfehlungen, wo man dort Pizza und Zeug kaufen konnte. 

Aber seht euch mal die Fragen an. Nehmt mal meine Antworten: 

Mannlich 

12 

Chavez High 

Potrero Hill 



77 



Es gab bloE zwei Leute in meiner Schule, auf die das Profil passte. An den meisten anderen Schulen 
wiirde es genauso sein. Wenn du rausfinden wolltest, wer die Xnetter waren, konntest du sie mit 
diesen Quizfragen alle finden. 

Das war schon schlimm genug, aber schlimmer war, was es bedeutete. Jemand vom DHS benutzte das 
Xnet, urn an uns ranzukommen. Das Xnet war vom DHS unterwandert. 

Wir hatten Spione in unserer Mitte. 



Ich hatte Hunderten von Leuten Xnet-DVDs gegeben, und die hatten wieder dasselbe getan. Die 
Leute, denen ich die Scheiben gegeben hatte, kannte ich einigermaEen gut. Mein ganzes Leben hatte 
ich immer im selben Haus gewohnt und iiber die Jahre Hunderte von Freunden kennen gelernt, von 
denen, die mit mir bei der Tagesmutter gewesen waren bis zu denen, mit denen ich gekickt hatte; 
LARPer, solche, die ich in Clubs getroffen hatte, solche, die ich aus der Schule kannte. Mein ARG- 
Team, das waren meine engsten Freunde, aber es gab noch viel mehr, denen ich genug vertraut hatte, 
um ihnen eine Xnet-DVD zu geben. 

Die brauchte ich j etzt. 

Ich weckte Jolu, indem ich ihn auf dem Handy anrief und nach dem ersten Mai auflegte, und das drei 
Mai hintereinander. Eine Minute spater war er im Xnet, und wir konnten einen geschiitzten Chat 
halten. Ich wies ihn auf meinen Blogeintrag iiber die Funk-Lieferwagen hin, und eine Minute spater 
war er vollig auEer sich wieder da. 

> Bist du sicher, die suchen nach uns? 
Als Antwort schickte ich ihn zu dem Quiz. 

> Oh Gott, wir sind geliefert 

> Ne, so schlimm noch nicht, aber wir miissen rauskriegen, wem wir trauen konnen 

> Wie? 

> Das wollte ich dich fragen; wie vielen Leuten kannst du echt bedingungslos vertrauen? 

> Hm, 20 oder 30 vielleicht 

> Ich will eine Truppe von wirklich vertrauenswiirdigen Leuten zusammentrommeln und ein Netz des 
Vertrauens mit Schlusseltausch machen 

Ein Netz des Vertrauens ist eins dieser coolen Krypto-Dinger, von denen ich schon gelesen, aber noch 
nie ausprobiert hatte. Es war eine nahezu narrensichere Methode, dich so mit den Leuten zu 
unterhalten, denen du vertraust, dass garantiert kein anderer mithoren kann. Das Problem ist, dass du 
dich mit den Leuten im Netz mindestens einmal physisch treffen musst, um das Ding in Gang zu 
bringen. 

> Schon kapiert. Nicht schlecht. Aber wie kriegen wir alle furs Schlusselsignieren zusammen? 

> Das wollte ich dich fragen - wie machen wirs, ohne hopsgenommen zu werden? 

Jolu tippte ein paar Worter und loschte sie wieder, dann tippte er mehr und loschte noch mal. 

> Darryl wilsste was 
tippte ich 

> Gott, mit diesen Sachen war er gut 

Jolu tippte erst mal gar nichts. Dann schrieb er 

> Und was ware mit ner Party? Wenn wir uns alle treffen wie Teenager, die sich zu ner Party treffen, 
dann haben wir eine Ausrede, wenn jemand vorbeikommt und wissen will, was wir machen 



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> Das wiirde absolut klappen! Jolu, du bistn Genie 

> Ich weiE. Undjetzt kommts noch besser: Ich weiB auch schon, wo wirs machen 

> Wo? 

> Sutro Baths! 



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Kapitel 10 

Dieses Kapitel ist Anderson's Bookshops gewidmet, Chicagos legendarer Kinderbuchhandlung. Anderson's ist ein sehr, 
sehr altes familiengefuhrtes Unternehmen, das in grauer Vorzeit damit angefangen hatte, als Apotheke ein paar Bucher 
nebenher zu verkaufen. Heute ist es ein florierendes Kinderbuchimperium mit zahlreichen Niederlassungen und mit ein 
paar unglaublich innovativen Buchvertriebsideen, die auf spannende Weise Bucher und Kinder zusammenbringen. Am 
besten sind ihre mobilen Buchmessen; dafur schicken sie riesige rollende Bucherregale mit exzellenten Kinderbuchern auf 
LKWs direkt an die Schulen - voila, eine Instant-Buchmesse! 

Anderson's Bookshops http://www.andersonsbookshop. com/search. php?qkey2=doctorow+little 
+brother&sid=5156&imageField.x=0&imaqeField.y=0 123 West Jefferson, Naperville, IL 60540 USA+1 630 355 2665 

Was wiirdet ihr tun, wenn ihr rausfindet, dass ihr einen Spion in eurer Mitte habt? Ihr konntet ihn 
verurteilen, an die Wand stellen und umlegen. Aber vielleicht habt ihr irgendwann einen 
anderen Spion unter euch, und der neue ware dann viel vorsichtiger als der erste und wiirde sich dann 
nicht mehr so leicht schnappen lassen. 

Hier kommt eine bessere Idee: Fangt an, die Kommunikation des Spions abzufangen, und dann futtert 
ihn und seine Auftraggeber mit Fehlinformationen. Angenommen, seine Hintermanner instruieren ihn, 
Informationen iiber eure Unternehmungen zu sammeln. Dann lasst ihn ruhig hinter euch herrennen 
und so viele Notizen machen, wie er mochte, aber macht hinterher die Umschlage auf, die er ans 
Hauptquartier sendet, und ersetzt seinen Bericht eurer Unternehmungen durch einen fiktiven Bericht. 
Wenn ihr wollt, konnt ihr ihn als wirr und unzuverlassig dastehen lassen und so dafur sorgen, dass er 
abgesagt wird. Ihr konnt auch Krisen konstruieren, die die eine oder andere Seite dazu veranlassen, 
die Identitat anderer Spione preiszugeben. Kurz: Ihr habt sie in der Hand. 

Das nennt man Man-in-the-Middle-Angriff oder auch Janus-Angriff, und wenn man sichs recht 
iiberlegt, ist das eine ziemlich erschreckende Sache. Ein Man-in-the-Middle in eurem 
Kommunikationsstrang kann euch auf tausenderlei Arten iibers Ohr hauen. 

Aber naturlich gibt es eine Moglichkeit, einem Man-in-the-Middle-Angriff zu begegnen. Benutzt 
Krypto. Mit Krypto ist es egal, ob der Feind eure Nachrichten sehen kann, denn er kann sie nicht 
entziffern, verandern oder neu verschicken. Das ist einer der Hauptgriinde, Krypto zu benutzen. 

Aber denkt dran: Damit Krypto funktioniert, braucht ihr Schliissel fur die Leute, mit denen ihr reden 
wollt. Ihr und euer Partner miisst ein, zwei Geheimnisse teilen, ein paar Schliissel, die ihr dazu 
benutzt, eure Nachrichten so zu ver- und entschliisseln, dass der Man-in-the-Middle auEen vor bleibt. 

Hier kommt die Idee des offentlichen Schliissels ins Spiel. Jetzt wirds ein bisschen haarig, aber es ist 
dabei auch unglaublich elegant. 

In Krypto mit offentlichem Schliissel bekommt jeder Benutzer zwei Schliissel. Das sind lange Folgen 
von mathematischem Krickelkrackel, die eine geradezu magische Eigenschaft haben: Was immer du 
mit dem einen Schliissel unleserlich machst, kannst du mit dem anderen wieder entziffern und 
umgekehrt. Mehr noch: Es sind die einzigen Schliissel, die diese Eigenschaft haben -wenn du mit 
dem einen Schliissel eine Nachricht entziffern kannst, dann weiEt du mit Sicherheit, dass sie mit dem 
anderen verschliisselt worden ist (und umgekehrt). 

Also nimmst du einen der beiden Schliissel, egal welchen, und veroffentlichst ihn einfach. Du machst 
ihn total un-geheim. Du willst, dass jeder auf der ganzen Welt ihn kennt. Aus naheliegenden Griinden 
nennt man das deinen „6ffentlichen Schliissel". 

Den anderen Schliissel vergrabst du in den hintersten Windungen deines Gehirns. Du verteidigst ihn 
mit deinem Leben. Du lasst nie jemanden erfahren, welches dieser Schliissel ist. Das nennt man 
deinen „privaten Schliissel". (Na klar.) 

Jetzt mal angenommen, du bist ein Spion und willst mit deinen Chefs reden. Ihr offentlicher Schliissel 
ist jedem bekannt. Dein offentlicher Schliissel ist jedem bekannt. Niemand kennt deinen privaten 
Schliissel auEer du selbst. Niemand kennt den privaten Schliissel deiner Chefs auEer sie selbst. 



80 



Du willst ihnen eine Nachricht schicken. Zuerst verschliisselst du sie mit deinem privaten Schliissel. 
Jetzt konntest du die Nachricht schon verschicken, und das ware so weit okay, weil deine Chefs 
wissen wiirden, dass die Botschaft tatsachlich von dir kommt. Warum? Nun, dadurch, dass sie die 
Nachricht mit deinem offentlichen Schliissel entziffern konnen, ist klar, dass sie nur mit deinem 
privaten Schliissel verschliisselt worden sein kann. Das ist ungefahr so wie dein Siegel oder deine 
Unterschrift unter einer Nachricht. Es besagt: „Ich habe das geschrieben, niemand sonst. Niemand 
kann daran herumgefuhrwerkt und es verandert haben." 

Bloderweise sorgt das allein noch nicht dafiir, dass deine Nachricht geheim bleibt. Denn dein 
offentlicher Schliissel ist ja weithin bekannt (das muss er auch, denn sonst bist du darauf beschrankt, 
Nachrichten an die paar Leute zu schicken, die deinen offentlichen Schliissel haben). Jeder, der die 
Nachricht abfangt, kann sie lesen. Er kann sie zwar nicht andern und dann wieder so tun, als kame sie 
von dir, aber wenn du Wert drauf legst, dass niemand erfahrt, was du zu sagen hast, dann brauchst du 
eine bessere Losung. 

Also verschliisselst du die Nachricht nicht bloE mit deinem privaten Schliissel, sondern zusatzlich mit 
dem offentlichen Schliissel deiner Chefs. Jetzt ist sie doppelt gesperrt. Die erste Sperre - der 
offentliche Schliissel der Chefs - lasst sich nur mit dem privaten Schliissel deiner Chefs losen. Die 
zweite Sperre - dein privater Schliissel - lasst sich nur mit deinem offentlichen Schliissel losen. Wenn 
deine Chefs die Nachricht bekommen, dann entschliisseln sie sie mit beiden Schliisseln und wissen 
jetzt zweierlei ganz sicher: a) du hast sie geschrieben und b) nur sie selbst konnen sie lesen. 

Das ist ziemlich cool. Noch am selben Tag, an dem ich das entdeckte, tauschten Darryl und ich 
Schliissel aus; und dann verbrachten wir Monate damit, zu gackern und uns die Hande zu reiben iiber 
unsere militarischen Geheimnisse, wo wir uns nach der Schule treffen wollten und ob Van ihn wohl je 
bemerken wiirde. 

Aber wenn du Sicherheit richtig begreifen willst, musst du auch die paranoidesten Moglichkeiten in 
Betracht Ziehen. Was ist zum Beispiel, wenn ich dich dazu bringe zu glauben, dass mein offentlicher 
Schliissel der offentliche Schliissel deiner Chefs ist? Dann wiirdest du die Nachricht mit deinem 
geheimen und meinem offentlichen Schliissel verschliisseln. Ich entziffere sie, lese sie, verschliissele 
sie dann wieder mit dem echten offentlichen Schliissel deiner Chefs und schicke sie weiter. So weit 
deine Chefs wissen, kann niemand auEer dir die Botschaft geschrieben haben, und niemand auEer 
ihnen selbst hatte sie lesen konnen. 

Und dann sitze ich in der Mitte, wie eine dicke Spinne in ihrem Netz, und all deine Geheimnisse 
gehoren mir. 

Der einfachste Weg, das Problem zu beheben, besteht darin, deinen offentlichen Schliissel wirklich 
sehr weit bekannt zu machen. Wenn es wirklich fur jedermann leicht ist zu wissen, welches dein 
offentlicher Schliissel ist, dann wird Man-in-the-Middle immer schwieriger. Aber weiEt du was? 
Dinge sehr weit bekannt zu machen ist genauso schwierig wie sie geheim zu halten. Uberleg mal - 
wie viele Milliarden werden fur Shampoo-Werbung und anderen Mist ausgegeben, bloE um 
sicherzustellen, dass moglichst viele Leute etwas kennen, was sie laut der Meinung irgendeines 
Werbis kennen sollten? 

Es gibt noch eine billigere Art, Man-in-the-Middle-Probleme zu losen: das Netz des Vertrauens. 
Nimm an, bevor du das Hauptquartier verlassen hast, sitzen deine Chefs und du bei einem Kaffee 
zusammen und verratet euch gegenseitig eure Schliissel. Schluss-aus-vorbei fur den Mann in der 
Mitte! Du bist dann absolut sicher, wessen Schliissel du hast, weil du sie direkt in die Hand 
bekommen hast. 

So weit, so gut. Aber es gibt eine natiirliche Begrenzung fur so etwas: Wie viele Leute kannst du im 
wahren Leben tatsachlich treffen, um Schliissel mit ihnen zu tauschen? Wie viele Stunden des Tages 
willst du daran aufwenden, das Aquivalent deines eigenen Telefonbuchs zu schreiben? Und wie viele 
von diesen Leuten sind wohl bereit, dir auf diese Weise ihre Zeit zu opfern? 



81 



Es hilft tatsachlich, sich diese Sache wie ein Telefonbuch vorzustellen. Die Welt war mal ein Ort mit 
einer ganzen Menge von Telefonbiichern, und wenn du eine Nummer brauchtest, dann hast du sie im 
Buch nachgeschlagen. Aber eine Menge derjenigen Nummern, die du so iibern Tag brauchst, kennst 
du entweder auswendig oder kannst sie von jemandem erfragen. Selbst heute, wenn ich mit meinem 
Handy unterwegs bin, frag ich noch Dairy oder Jolu, ob sie mir eine bestimmte Nummer geben 
konnen. Das ist schneller und einfacher, als online nachzuschlagen, und zuverlassiger ist es sowieso. 
Wenn Jolu eine Nummer weiE, dann traue ich ihm, also traue ich auch der Nummer. Das nennt sich 
„transitives Vertrauen"- Vertrauen, das sich iiber das Netz deiner Bekanntschaften hinweg fortpflanzt. 

Ein Netz des Vertrauens ist dasselbe in groEer. Mal angenommen, ich treffe Jolu und bekomme seinen 
Schliissel. Den kann ich an meinen „Schliisselbund" hangen - eine Liste von Schliisseln, die ich mit 
meinem privaten Schliissel signiert habe. Das bedeutet, du kannst ihn mit meinem offentlichen 
Schliissel entschliisseln und weiEt mit Sicherheit, dass ich - oder zumindest jemand mit meinem 
Schliissel - sage, „dieser-und-jener Schliissel gehort zu dieser-und-jener Person". 

Also gebe ich dir meinen Schliisselbund, und - vorausgesetzt, du traust mir so weit, zu glauben, dass 
ich die Leute zu all diesen Schliisseln wirklich getroffen und ihre Schliissel bestatigt habe - jetzt 
kannst du ihn nehmen und zu deinem Schliisselbund hinzufiigen. So wird der Schliisselbund groEer 
und groEer, und vorausgesetzt, du vertraust dem Nachsten in der Kette, und er traut dem Nachsten, 
und so weiter, dann ist die Sache ziemlich sicher. 

Und damit komm ich zu Keysigning-Partys. Das ist haargenau das, was der Name sagt: eine Party, 
wo sich Leute treffen und die Schliissel aller anderen signieren. Als Darryl und ich Schliissel 
tauschten, war das so was wie eine Mini-Keysigning-Party, eine mit bloE zwei traurigen Geeks. Aber 
mit mehr Leuten dabei legst du das Fundament fur ein Netz des Vertrauens, und von da an kann das 
Netz sich weiter ausdehnen. Und in dem MaEe, wie jeder an deinem Schliisselbund in die Welt 
rausgeht und mehr Leute trifft, kommen mehr und mehr Namen am Schliisselbund zusammen. Du 
musst diese neuen Leute gar nicht mehr in echt treffen, du musst bloE drauf vertrauen, dass die 
signierten Schliissel, die du von den Leuten in deinem Netz bekommst, giiltig sind. 

Und deswegen passen ein Netz des Vertrauens und Partys zusammen wie Faust auf Auge. 



„Sag ihnen aber, dass es eine superprivate Party ist, nur mit Einladung", sagte ich. „Und sag ihnen, 
dass sie niemanden mitbringen diirfen, sonst werden sie nicht reingelassen." 

Jolu schaute mich iiber seinen Kaffee hinweg an. „Machst du Witze? Wenn du den Leuten das sagst, 
dann bringen sie erst recht noch ein paar Mann extra mit." 

„Mist", sagte ich. Ich verbrachte j etzt eine Nacht pro Woche bei Jolu, um den indienet-Code auf dem 
neuesten Stand zu halten. Pigspleen zahlte mir sogar einen gewissen Betrag dafiir, was ich irgendwie 
ziemlich abseitig fand. Ich hatte nie gedacht, dass ich mal dafiir bezahlt wiirde, Code zu tippen. 

„Was machen wir denn dann? Wir wollen da doch nur Leute haben, denen wir total vertrauen, und wir 
wollen erst die Schliissel haben und geheime Nachrichten senden konnen, bevor wir denen alien 
erklaren, warum wir das so machen." 

Jolu war am Debuggen, wobei ich ihm iiber die Schulter schaute. Das hatte man fruher mal 
„Extremprogrammieren" genannt, aber das war ein bisschen lacherlich. Heute hieE das nur noch 
„Programmieren". Zwei Leute finden einfach besser die Fehler als nur einer, wie das Klischee besagt: 
„Mit genug Augen werden alle Fehler unbedeutend". 

Wir arbeiteten uns durch die Bug-Meldungen und machten die neue Revision startklar. Die 
aktualisierte sich automatisch im Hintergrund, so dass unsere Nutzer sich um iiberhaupt nichts 
kiimmern mussten, sie bekamen einfach einmal pro Woche oder so ein besseres Programm. Es war 
ziemlich irre zu wissen, dass der Code, den ich schrieb, gleich morgen von Hunderttausenden Leuten 
benutzt wurde! 



82 



„Tja, was machen wir? Mann, ich weiE nicht. Schatze mal, wir miissen einfach damit leben." Ich 
dachte zuriick an unsere Tage mit Harajuku Fun Madness. Zu dem Spiel hatten auch Berge von 
sozialen Herausforderungen gehort, bei denen man es mit groEen Menschengruppen zu tun hatte. 

„Okay, du hast Recht. Aber lass uns zumindest versuchen, die Sache geheim zu halten. Sagen wir 
ihnen, sie diirfen hochstens eine andere Person mitbringen, und das muss jemand sein, den sie schon 
seit mindestens fiinf Jahren personlich kennen." 

Jolu sah vom Bildschirm hoch. „Hey", sagte er. „H e y> das wird garantiert klappen. Ich seh das schon. 
Ich meine, wenn du mir sagst, ich soil niemanden mitbringen, dann denk ich doch ,was glaubt der, 
wer er ist?' Aber so rum klingt das wie irgendwas tolles 007-MaEiges." 

Ich fand einen Fehler. Wir tranken Kaffee. Ich ging heim, spielte ein bisschen Clockwork Plunder, 
wobei ich versuchte, nicht an Aufzieher mit neugierigen Fragen zu denken, und schlief dann wie ein 
Baby. 



Sutro Baths sind San Franciscos original falsche Romerruinen. Bei der Eroffnung 1896 waren sie die 
groEte Schwimmhalle der Welt, ein riesiges Viktorianisches Glassolarium, voll mit Pools, Wannen 
und sogar einer friihen Wasserrutsche. In den Fiinfzigern gings bergab, und die Besitzer fackelten sie 
1966 fur die Versicherungssumme ab. Was davon iibrig blieb, ist ein Labyrinth verwitterter Steine 
inmitten der vertrockneten Klippenlandschaft von Ocean Beach. Es sieht fur die ganze Welt wie eine 
romische Ruine aus, verfallen und geheimnisvoll, und direkt unterhalb gibt es noch ein paar Hohlen, 
die zum Meer fuhren. Bei stiirmischer See rauschen die Wellen durch die Hohlen und iiberspiilen die 
Ruinen - man weiE sogar von dem einen oder anderen Touristen, der mitgerissen wurde und ertrank. 

Ocean Beach ist weit drauEen hinter Golden Gate Park, eine kahle Klippe, gesaumt von teuren, aber 
dem Untergang geweihten Hausern, die zu einem schmalen Streifen Strand hin abfallt, wo man 
Quallen und mutige (wahnsinnige) Surfer antrifft. Es gibt da einen riesigen weiEen Felsen, der sich 
kurz vor der Kiiste aus dem seichten Wasser erhebt. Den nennt man Robbenfelsen, und er war der 
Versammlungsplatz der Seelowen, bevor man sie in die touristenfreundlichere Gegend bei 
Fisherman's Wharf umsiedelte. 

Nach Einbruch der Dunkelheit ist kaum mehr jemand da. Es wird dort sehr kalt, und der Salznebel 
weicht dich vollig durch, wenn du nichts Geeignetes anhast. Die Felsen sind scharfkantig, auEerdem 
liegen Glasscherben und vereinzelt mal eine gebrauchte Spritze rum. 

Es ist ein Wahnsinns-Ort fur eine Party. 

Die Tarps und chemischen Handschuhwarmer mitzubringen war meine Idee. Jolus Job war es, fur das 
Bier zu sorgen - sein alterer Bruder, Javier, hatte einen Rumpel, der einen regelrechten 
Getrankedienst fur Minderj ahrige unterhielt: Wenn du genug zahltest, belieferte er deine abgeschottete 
Party mit Kiihlkisten und so viel Gebrau, wie du nur wolltest. Ich opferte was von meiner indienet- 
Programmierkohle, und der Typ war piinktlich: Um acht, eine gute Stunde nach Sonnenuntergang, 
wuchtete er sechs Schaum-Kiihlboxen von seinem Pickup runter und rein in die Ruinen der 
Badeanstalt. Er brachte sogar eine leere Box fur die Abfalle mit. 

„Ihr Kids geht aber echt auf Nummer Sicher", sagte er und tippte sich an die Hutkrempe. Er war ein 
fetter Samoaner mit einem breiten Lacheln und einem furchterregenden Tanktop, unter dem sein 
Achsel- Brust- und Schulterhaar hervorquoll. Ich wickelte ein paar Zwanziger von meiner Rolle ab 
und gab sie ihm. Seine Marge war 150 Prozent - kein schlechtes Geschaft. 

Er starrte auf meine Rolle. „WeiEte, ich konnte dir die jetzt einfach wegnehmen", sagte er, ohne dabei 
aufzuhoren zu lacheln. „Immerhin bin ichn Krimineller." 

Ich steckte die Rolle in die Tasche zuriick und sah ihm fest in die Augen. Es war dumm von mir 
gewesen, ihm zu zeigen, was ich dabei hatte, aber ich wusste, manchmal musste man einfach fest 
bleiben. 



83 



„Ich mach bloE Quatsch", sagte er schlieElich. „Aber sei vorsichtig mit der Kohle. Zeigs nicht so viel 
rum." 

„Danke", sagte ich, „aber der Heimatschutz passt eh auf mich auf." Sein Lacheln wurde noch breiter. 
„Ha! Das sind doch nicht mal echte Bullen! Die Spacken haben doch gar keinen Plan." Ich schaute zu 
seinem Lieferwagen ruber. Hinter der Windschutzscheibe klemmte gut sichtbar ein FasTrak. Ich 
fragte mich, wie lange es wohl noch dauern wurde, bis sie ihn hopsnehmen wiirden. 

„Habt ihr Braute hier heute nacht? Braucht ihr dafiir das ganze Bier?" Ich grinste und winkte ihm zu, 
als ginge er zuriick zum Wagen (was er jetzt endlich tun sollte). Irgendwann begriff er den Wink und 
fuhr davon, aber er lachelte immer noch. 

Jolu half mir, die Kiihlboxen im Schutt zu verstecken, wobei wir uns mit kleinen weiEen LED- 
Lampen an Stirnbandern behalfen. Sobald sie verstaut waren, steckten wir weiEe LED- 
Schliisselanhanger rein, die leuchteten, sobald man die Styropordeckel anhob, damit man sehen 
konnte, was man tat. 

Der Nachthimmel war mondlos und bedeckt, und die StraEenlaternen in der Feme warfen kaum Licht 
bis hierher. Ich wusste, auf einem Infrarotdetektor wiirden wir uns klar und deutlich abzeichnen, aber 
eine ganze Truppe Leute wiirden wir nirgends zusammentrommeln konnen, ohne dabei observiert zu 
werden. Na gut, dann wiirden wir eben als kleine betrunkene Strandparty durchgehen. 

Ich trinke nicht wirklich viel. Seit ich 14 bin, gabs auf den Partys Bier, Pot und Ecstasy, aber ich 
hasste Rauchen (obwohl ich nichts gegen ein gelegentliches Haschkekschen hatte), Ecstasy dauerte zu 
lange - wer hat schon das ganze Wochenende Zeit, high zu werden und wieder runterzukommen? -, 
und Bier, na j a, es war okay, aber mir war nicht klar, was daran j etzt toll sein sollte. Mein Ding waren 
ja eher riesige, kunstvolle Cocktails, die Sorte, die in Keramikvulkanen serviert wird, sechs Schichten, 
flambiert, ein Plastikaffe auEen am Rand, aber das war eigentlich nur wegen dem Brimborium. 

Betrunken bin ich eigentlich ganz gern. Nur den Kater kann ich nicht ausstehen, und oh Mann, was 
krieg ich immer fur einen Kater! Obwohl - das kann natiirlich auch an den Getranken liegen, die 
iiblicherweise in Keramikvulkanen ausgeschenkt werden. 

Aber du kannst keine Party schmeiEen, ohne mindestens ein, zwei Kisten Bier kaltzustellen. Das wird 
so erwartet. Es entkrampft. Leute machen dummes Zeug, wenn sie ein paar Biere zu viel intus haben, 
aber die wenigsten meiner Freunde haben Autos. Und auEerdem machen Leute sowieso dummes 
Zeug, ob nun wegen Bier oder Gras oder was auch immer, das ist dabei zweitrangig. 

Jolu und ich machten jeder ein Bier auf -Anchor Steam fur ihn, ein Bud Lite fur mich - und stieEen 
damit an, wie wir so auf den Felsen saEen. 

„Hast du ihnen neun Uhr gesagt?" 

„Jo", sagte er. 

„Ich auch." 

Wir tranken schweigend. Das Bud Lite war das am wenigsten alkoholische Getrank im Kiihler. Ich 
wurde spater einen klaren Kopf brauchen. 

„Kriegst du manchmal Angst?", fragte ich schlieElich. 

Er drehte sich zu mir um. „Ne, Mann, ich krieg keine Angst. Ich hab immer Angst. Seit den 
Explosionen hab ich jede Minute Angst gehabt. Manchmal hab ich so viel Schiss, dass ich gar nicht 
aus dem Bett kriechen will." 

„Warum machst dus trotzdem?" 

Er lachelte. „Was das angeht", sagte er, „vielleicht mach ich es gar nicht mehr lange. Ich mein, es war 
toll, dir zu helfen. Toll. Wirklich klasse. Wusste nicht, wann ich schon mal so was Wichtiges gemacht 
habe, Aber Marcus, Alter, ich muss sagen ..." Er verstummte. 



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„Was?", fragte ich, obgleich ich wusste, was nun kommen wiirde. 

„Ich kann das nicht mehr ewig weitermachen", sagte er endlich. „Vielleicht nicht mal mehr einen 
Monat. Ich glaube, das wars fur mich. 1st einfach zu riskant. Du kannst einfach nicht gegen das DHS 
in den Krieg Ziehen. Das ist bescheuert. Wirklich totaler Wahnsinn." 

„Du horst dich an wie Van", sagte ich. Meine Stimme klang viel bitterer, als ich es wollte. 

„Ich kritisier dich nicht, Mann. Ich finde es klasse, dass du den Mut hast, die Sache die ganze Zeit 
durchzuziehen. Ich hab ihn nicht. Ich kann mein Leben nicht in permanenter Angst leben." 

„Was meinst du damit?" 

„Ich meine, ich bin raus. Ich werde einer dieser Typen, die so tun, als ob alles in Ordnung ist und als 
ob bald alles wieder normal wird. Ich werde im Internet surfen wie immer und das Xnet nur noch zum 
Spielen benutzen. Ich zieh mich raus, das mein ich. Ich werde kein Teil deiner Plane mehr sein." 

Ich sagte kein Wort. 

„Ich weiE, das bedeutet, dich im Stich zu lassen. Ich will das nicht, glaub mir. Ich will viel lieber, dass 
du mit mir zusammen aufgibst. Du kannst keinen Krieg gegen die Regierung der USA erklaren. Das 
ist ein Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Und dir dabei zugucken, wie dus versuchst, ist wie 
zugucken, wie ein Vogel immer noch mal gegen die Scheibe fliegt." 

Er erwartete, dass ich was sagte. Was ich sagen wollte, war Oh Gott, Jolu, herzlichen Dank dafilr, 
dass du mich im Stich lasst! Hast du schon vergessen, wies war, als sie uns abgeholt haben? Hast du 
vergessen, wie es in diesem Land aussah, bevor sie es ubernommen haben? Aber das war es nicht, 
was er von mir horen wollte. Was er horen wollte, war: 

„Ich verstehe, Jolu. Und ich respektiere deine Entscheidung." 

Er trank den Rest aus seiner Flasche, zog sich eine neue raus und offnete sie. 

„Da ist noch was", sagte er. 

„Was?" 

„Ich wollts nicht erwahnen, aber ich will, dass du wirklich kapierst, warum ich das tun muss." „Oh 
Gott, Jolu, was denn?" 

„Ich hasse es, das zu sagen, aber du bist weiB. Ich nicht. WeiEe werden mit Kokain geschnappt und 
gehen dann ein bisschen auf Entzug. Farbige werden mit Crack erwischt und wandern fur zwanzig 
Jahre in den Knast. WeiEe sehen Bullen auf der StraEe und fiihlen sich sicherer. Farbige sehen Bullen 
auf der StraEe und fragen sich, ob sie wohl gleich gefilzt werden. So, wie das DHS dich behandelt, so 
war das Gesetz in diesem Land fur uns schon immer." 

Es war so unfair. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, weiE zu sein. Ich glaubte auch nicht, mutiger zu 
sein, nur weil ich weiE bin. Aber ich wusste, was Jolu meinte. Wenn die Bullen in der Mission 
jemanden anhielten und nach den Papieren fragten, dann war dieser Jemand typischerweise kein 
WeiEer. Welches Risiko ich auch einging - Jolu ging das hohere ein. Welche Strafe ich zu zahlen 
hatte, Jolu wiirde mehr zu zahlen haben. 

„Ich weiE nicht, was ich sagen soil", sagte ich. 

„Du musst nichts sagen", entgegnete er. „Ich wollte bloE, dass dus weiEt, damit dus verstehen 
kannst." 

Ich konnte Leute auf dem Nebenweg auf uns zukommen sehen. Es waren Freunde von Jolu, zwei 
Mexikaner und ein Madchen, das ich vom Sehen kannte, klein und eher der intellektuelle Typ; sie trug 
immer siiEe schwarze Buddy-Holly-Brillen, die sie aussehen lieEen wie eine ausgestoEene 
Kunststudentin in einem dieser Teenie-Streifen, die schlieElich den Megaerfolg landet. 



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Jolu stellte mich vor und verteilte Bier. Das Madchen nahm keins, sondern holte einen kleinen 
silbernen Flachmann mit Wodka aus ihrer Handtasche und bot mir einen Schluck an. Ich nahm einen 

- warmer Wodka muss ein anerzogener Geschmack sein - und begluckwiinschte sie zu dem 
Flaschchen, das mit einem wiederholten Motiv aus Parappa-the-Rapper-Charakteren gepragt war. 

„Ist japanisch", sagte sie, wahrend ich es mit einem LED-Schlusselanhanger begutachtete. „Die haben 
jede Menge irren Trinkerbedarf mit Kinderspielzeug-Motiven. Total abgefahren." 

Ich stellte mich vor und sie sich auch. „Ange", sagte sie und nahm meine Hand in ihre beiden Hande 

- trocken, warm, mit kurzen Fingernageln. Jolu stellte mich seinen Kumpels vor, die er schon seit 
dem Computercamp in der vierten Klasse kannte. Dann kamen noch mehr Leute - funf, zehn, dann 
zwanzig. Jetzt wars eine richtig groEe Gruppe. 

Wir hatten den Leuten eingescharft, bis Punkt halb zehn da zu sein, und warteten bis viertel vor, um 
zu sehen, wer alles kommen wiirde. Ungefahr drei Viertel waren Jolus Freunde. Ich hatte alle Leute 
eingeladen, denen ich vertraute. Entweder war ich wahlerischer als Jolu oder nicht so beliebt. Aber da 
er mir nun erzahlt hatte, dass er aufhoren wolle, nahm ich an, dass er weniger wahlerisch war. Ich war 
echt stinkig auf ihn, aber versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, indem ich mich drauf 
konzentrierte, mit ein paar anderen Leuten bekannt zu werden. Aber er war nicht blod. Er wusste, was 
los war. Ich konnte ihm ansehen, dass er ziemlich niedergeschlagen war. Gut. 

„Okay", sagte ich und kletterte auf eine der Ruinen, „okay, hey, hallo?" Ein paar Leute in der Nahe 
schenkten mir ihre Beachtung, aber die weiter hinten schnatterten weiter. Ich hob meine Arme in die 
Hohe wie ein Schiedsrichter, aber es war zu dunkel. Dann kam ich auf die Idee, meinen LED- 
Schlusselanhanger anzuknipsen und immer abwechselnd einen der Sprecher und dann mich selbst 
anzublinken. Nach und nach wurde die Menge still. 

Ich begriiEte sie und dankte ihnen alien furs Kommen, dann bat ich sie darum, naher ranzukommen, 
um ihnen erklaren zu konnen, warum wir hier waren. Ich merkte, dass sie von der Geheimnistuerei 
schon angesteckt waren, fasziniert und ein bisschen angewarmt vom Bier. 

„Also, es geht darum: Ihr benutzt alle das Xnet. Es ist kein Zufall, dass das Xnet so kurz, nachdem 
das DHS die Stadt ubernommen hat, entstanden ist. Die Leute, die das angeleiert haben, sind eine 
Organisation, die sich personliche Freiheit auf die Fahne geschrieben hat und die fur uns ein 
Netzwerk geschaffen haben, in dem wir sicher vor DHS-Schnufflern und Vollstreckern sind." Jolu 
und ich hatten uns das vorher so zurechtgelegt. Wir wollten uns nicht als die Leute hinter dem Ganzen 
offenbaren, nicht gegeniiber jedem. Das war viel zu riskant. Stattdessen hatten wir ausgetuftelt, dass 
wir bloE Leutnants in „Mlk3y"s Armee seien und damit beauftragt, den ortlichen Widerstand zu 
organisieren. 

„Das Xnet ist nicht rein", sagte ich. „Es kann von der Gegenseite genauso einfach benutzt werden wie 
von uns. Wir wissen, dass es DHS-Spione gibt, die es gerade in diesem Moment benutzen. Sie 
verwenden Techniken sozialer Manipulation, um uns dazu zu bringen, unsere Identitat offenzulegen, 
damit sie uns hochgehen lassen konnen. Wenn das Xnet erfolgreich bleiben soil, dann miissen wir 
Mittel und Wege finden, wie wir sie davon abhalten konnen, uns auszuschnuffeln. Wir brauchen ein 
Netzwerk innerhalb des Netzwerks." 

Ich machte ne Pause und lieE das sacken. Jolu hatte gemeint, es sei vielleicht harter Stoff, zu erfahren, 
dass man gerade in eine revolutionare Zelle eingefuhrt wird. 

„Ich bin heute nicht hier, um euch darum zu bitten, selbst aktiv zu werden. Ihr sollt nicht losgehen und 
Systeme jammen oder so was. Ihr seid hierher gebeten worden, weil wir wissen, dass ihr cool seid; 
dass ihr vertrauenswurdig seid. Und diese Vertrauenswurdigkeit ist es, von der ich mochte, dass ihr sie 
heute Nacht hier einbringt. Ein paar von euch sind wahrscheinlich schon vertraut mit dem Konzept 
vom Netz des Vertrauens und mit Keysigning-Partys, aber fur den Rest von euch will ich das noch 
mal kurz erklaren ..." Was ich dann auch tat. 



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„Was ich heute Nacht von euch mochte, ist, dass ihr euch die Leute hier anschaut und euch iiberlegt, 
wie weit ihr ihnen trauen konnt. Dann helfen wir euch, Schliisselpaare zu erzeugen und mit alien 
anderen hier zu tauschen." 

Dieser Teil war knifflig. Wir hatten nicht von den Leuten erwarten konnen, dass sie alle ihre Laptops 
mitbrachten, aber wir mussten trotzdem ein paar verdammt komplizierte Sachen machen, die mit Stift 
und Papier nicht wirklich funktionieren wiirden. 

Ich hielt einen Laptop hoch, den Jolu und ich in der Nacht zuvor von Null aufgebaut hatten. „Ich 
vertraue dieser Maschine. Jedes Einzelteil haben wir von Hand eingebaut. Hier drauf lauft ein 
jungfrauliches ParanoidLinux, frisch von der DVD gebootet. Wenn es irgendwo auf der Welt einen 
vertrauenswiirdigen Computer gibt, dann ist es dieser hier. 

Ich habe hier einen Schliisselgenerator geladen. Ihr kommt hier hoch und gebt dem ein bisschen 
Zufalls-Input - Tasten driicken, Mauszeiger bewegen -, und auf dieser Basis erzeugt der Generator 
einen offentlichen und einen privaten Schliissel fur euch, den er auf dem Monitor anzeigt. Ihr macht 
mit eurem Handy ein Foto von eurem privaten Schliissel, und wenn ihr dann irgendeine Taste driickt, 
verschwindet der Schliissel fur immer - er wird definitiv nicht im Rechner gespeichert. Als nachstes 
zeigt er euren offentlichen Schliissel an. Dann ruft ihr all die Leute hoch, denen ihr vertraut und die 
euch vertrauen, und die machen dann ein Bild von dem Monitor mit euch daneben, damit sie wissen, 
wessen Schliissel das ist. 

Wenn ihr nach Hause kommt, miisst ihr die Fotos in Schliissel umwandeln. Das ist eine Menge Arbeit, 
furchte ich, aber ihr miisst das auch bloE ein Mai machen. Ihr miisst super-vorsichtig dabei sein, wenn 
ihr sie eintippt - ein Vertipper, und die Sache ist im Arsch. Zum Gliick lasst sich priifen, ob ihrs 
richtig gemacht habt: Unter dem Schliissel wird noch eine sehr viel kiirzere Nummer stehen, euer 
, Fingerprint'. Sobald ihr den Schliissel eingetippt habt, konnt ihr einen Fingerprint davon erzeugen 
und mit dem ersten Fingerprint vergleichen, und wenn sie passen, habt ihrs richtig gemacht." 

Alle starrten mich ziemlich erschreckt an. Okay, ich hatte sie darum gebeten, ein paar ziemlich 
abgefahrene Sachen zu machen, aber trotzdem ... 



87 



Kapitel 11 

Dieses Kapitel ist der Universitatsbuchhandlung an der Universitat von Washington gewidmet, deren Science-Fiction- 
Abteilung dank dem scharfen Blick und der Hingabe des Science-Fiction-Einkaufers Duane Wilkins derjenigen vieler 
spezialisierter Geschafte ebenburtig ist. Duane ist ein echter Science-Fiction-Fan - ich habe ihn das erste Mai bei der 
World Science Fiction Convention in Toronto 2003 getroffen -, und das zeigt sich im gut informiert ausgewahlten Sortiment, 
das im Laden prasentiert wird. Ein gutes Indiz fur eine herausragende Buchhandlung ist die Qualitat der „Regal-Reviews" - 
der kleinen Kartonschnipsel an den Regalen, auf denen das Personal ublicherweise handschriftlich kleine Rezensionen 
uber die Vorzuge von Buchern verfasst, die man sonst einfach verpassen wurde. Und die Angestellten in der 
Universitatsbuchhandlung haben offensichtlich von DuanesAnleitung profitiert, denn die Regal-Reviews hiersind absolut 
unvergleichlich. 

The University Bookstore http://www4.bookstore.washington.edu/ trade/ShowTitleUBS.taf? 
ActionArg=Title&ISBN=9780765319852 4326 University Way NE, Seattle, WA 98105 USA +1 800 335 READ 

Jolu stand auf. „Jetzt wird's ernst, Leute. Jetzt sehen wir, auf welcher Seite ihr seid. Vielleicht habt 
ihr keine Lust, fur eure Uberzeugungen auf die StraEe zu gehen und dafiir hopsgenommen zu 
werden, aber wenn ihr Uberzeugungen habt, dann wird es uns das zeigen. Das hier wird das Netz des 
Vertrauens kniipfen, das uns zeigt, wer drin und wer drauEen ist. Wenn wir unser Landjemals 
zuruckbekommen wollen, dann miissen wir das tun. Wir miissen einfach etwas wie das hier tun." 

Jemand in der Menge - es war Ange - hob eine Hand mit einer Bierflasche. 

„Nennt mich blode, aber ich versteh das kein Stuck. Warum wollt ihr, dass wir das machen?" 

Jolu schaute mich an, und ich erwiderte den Blick. Als wirs organisierten, hatte alles so offensichtlich 
ausgesehen. „Das Xnet ist nicht bloE eine Moglichkeit, gratis zu spielen. Es ist das letzte offene 
Kommunikationsnetzwerk in Amerika. Es ist die letzte Moglichkeit, miteinander zu reden, ohne vom 
DHS dabei iiberwacht zu werden. Und damit das so bleibt, miissen wir wissen, dass derjenige, mit 
dem wir grade sprechen, kein Schnuffler ist. Das bedeutet, wir miissen wissen, dass die Leute, denen 
wir Nachrichten schicken, tatsachlich die sind, fur die wir sie halten. 

Und hier kommt ihr ins Spiel. Ihr seid alle hier, weil wir euch vertrauen. Ich meine, wirklich 
vertrauen. Vertrauen auf Leben und Tod." 

Ein paar Leute stohnten. Das klang so melodramatisch und dumm. 

Ich stand wieder auf. 

„Als die Bomben hochgingen", sagte ich, und da begann sich etwas in meiner Brust zu regen, etwas 
Schmerzhaftes. „Als die Bomben hochgingen, da sind vier von uns auf der Market Street gefangen 
genommen worden. Aus irgendeinem Grund war das DHS der Meinung, wir hatten Verdacht erregt. 
Die haben uns Tiiten iiber den Kopf gezogen, auf ein Schiff gebracht und tagelang verhort. Die haben 
uns erniedrigt und Psychospielchen mit uns gespielt. Dann haben sie uns gehen lassen. 

Uns alle auEer einem. Meinem besten Freund. Er war bei uns, als sie uns einkassiert haben. Er war 
verletzt und brauchte arztliche Hilfe. Und er kam nie wieder raus. Sie behaupten, sie hatten ihn nie 
gesehen. Sie sagen, wenn wir je irgendwem davon erzahlen, dann verhaften sie uns und lassen uns 
verschwinden. 

Fur immer." 

Ich zitterte. Diese Scham. Diese verdammte Scham. Jolu hielt mit der Lampe auf mich. 

„Oh Gott", sagte ich. „Ihr hier, ihr seid die ersten, denen ich das erzahle. Wenn diese Story die Runde 
macht, dann konnt ihr drauf wetten, dass die rauskriegen, wer undicht war. Dann konnt ihr drauf 
wetten, dass sie kommen und an meine Tiir klopfen." Ich atmete ein paar Mai tief durch. „Deshalb 
engagiere ich mich im Xnet. Und deshalb ist mein Leben von jetzt an dem Kampf gegen das DHS 
gewidmet. Mit jedem Atemzug, an jedem einzelnen Tag. Bis wir wieder frei sind. Jeder von euch 
konnte mich jetzt in den Knast bringen, wenn er wollte." 

Ange hob wieder die Hand. „Wir verpfeifen dich nicht", sagte sie. „Kein Stuck. Ich kenn hier so 
ziemlich j eden, und so viel kann ich dir versprechen. Ich hab zwar keine Ahnung, woran man 

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jemanden erkennt, dem man vertrauen kann, aber ich weiR, wem man nicht vertrauen kann: alten 
Leuten. Unseren Eltern. Erwachsenen. Wenn die an jemanden denken, dem nachspioniert wird, dann 
denken die an jemand anderen, irgendeinen Bosen. Wenn sie an jemanden denken, der gefangen und 
in ein Geheimgefangnis verschleppt wird, dann ist das immer ein anderer - ein Junger, ein Farbiger, 
ein Auslander. 

Sie haben vergessen, wie es ist, in unserem Alter zu sein. Einfach standig unter Generalverdacht zu 
sein! Wie oft steigst du in den Bus, und alle starren dich an, als ob du Brockchen rulpst und Hunde 
qualst? 

Und noch schlimmer: Die werden immer fruher und fruher erwachsen. Friiher hieE es mal, ,trau 
keinem iiber 30'. Ich sage: ,Trau keinem Mistkerl iiber 25'" 

Alle lachten, und sie lachte mit. Sie war auf eine merkwurdige Weise hiibsch, ihr langes Gesicht und 
die kraftigen Kiefer gaben ihr entfernt was von einem Pferd. „Ich mein das nicht als Witz, wisst ihr? 
Ich meine, denkt mal driiber nach. Wer hat denn diese Arschgeigen gewahlt? Wer hat ihnen gesagt, 
dass sie unsere Stadt besetzen sollen? Wer hat denn dafur gestimmt, Kameras in unseren 
Klassenraumen aufzuhangen und uns mit ihren ekligen Schnuffelchips in unseren Transitpassen und 
Autos iiberall hinterher zu rennen? Das war doch kein 16-Jahriger. Wir sind jung und vielleicht nicht 
ganz dicht, aber Abschaum sind wir nicht." 

„Das will ich auf nem T-Shirt", sagte ich. 

„Das war ein gutes", entgegnete sie. Wir lachelten uns an. 

„Wo bekomm ich jetzt meine Schlussel?", fragte sie und zog ihr Handy raus. 

„Wir machen das da driiben, in der stillen Ecke bei den Hohlen. Ich bring dich rein und bereite den 
Rechner vor, dann machst du deine Sache und bringst die Maschine zu deinen Freunden, damit die 
Fotos von deinem offentlichen Schlussel machen und ihn zuhause signieren konnen." 

Ich erhob die Stimme. „Ach, eins noch! Mist, wie konnte ich das vergessen? Ihr musst die Fotos 
loschen, sobald ihr die Schlussel eingetippt habt! Das letzte, was wir brauchen konnen, ist ein Flickr- 
Stream mit Fotos von uns alien bei unserer konspirativen Sitzung." 

Als Antwort kam ein bisschen nervoses, gutmutiges Kichern, dann machte Jolu das Licht aus, und in 
der plotzlichen Dunkelheit konnte ich nichts mehr sehen. Nach und nach passten sich meine Augen 
an, und ich machte mich auf den Weg zur Hohle. Jemand ging hinter mir. Ange. Ich drehte mich um 
und lachelte sie an, sie lachelte zuriick, und ihre Zahne leuchteten in der Dunkelheit. 

„Danke fur grade eben", sagte ich. „Du warst toll." 

„Hast du das ernst gemeint, was du von der Tiite iiberm Kopf und all dem Zeug erzahlt hast?" 

„Hab ich", antwortete ich. „Das ist echt passiert. Ich hab es noch niemandem erzahlt, aber es ist 
passiert." 

Ich dachte einen Moment driiber nach. 

„WeiEt du, nach all der Zeit, seit das passiert ist, ohne dass ich irgendwas erzahlt habe, hat es sich 
irgendwann nur noch wie ein boser Traum angefuhlt. Aber es war echt." 

Ich hielt an und kletterte dann zur Hohle hoch. 

„Ich bin froh, dass ichs endlich ein paar Leuten erzahlt habe. So langsam dachte ich schon, ich ware 
durchgedreht." 

Ich stellte den Laptop auf einen trockenen Felsbrocken und fuhr ihn vor ihren Augen von der DVD 
hoch. 

„Ich werde ihn fur jeden von euch neu starten. Das hier ist eine norm ale ParanoidLinux-DVD, aber 
ich schatze, das musst du mir einfach so glauben." 



89 



„Zum Teufel", sagte sie. „Geht es hier um Vertrauen oder was?" 

„Ja", sagte ich. „Vertrauen." 

Ich ging ein paar Schritte weg, wahrend sie den Schliisselgenerator laufen lieE, horte ihr zu, wie sie 
tippte und klickte, um Zufallsdaten zu generieren, horte dem Rauschen der Brandung zu, horte den 
Party gerauschen zu, die von dort her kamen, wo das Bier war. 

Sie kam aus der Hohle raus, den Laptop in den Handen. Darauf waren in groEen, leuchtend weiEen 
Lettern ihr offentlicher Schliissel, ihr Fingerprint und ihre E-Mail-Adresse zu sehen. Sie hielt den 
Monitor hoch neben ihr Gesicht und wartete, wahrend ich mein Handy rauskramte. 

„Cheese", sagte sie. Ich machte ein Bild von ihr und steckte die Kamera wieder ein. Sie ging weiter 
zu den Zechern und lieE jeden ein Foto von ihr mit dem Monitor machen. Es hatte was Feierliches. 
Und es war lustig. Sie hatte wirklich eine Menge Charisma - man wollte sie nicht bloE anlachen, man 
wollte mit ihr lachen. Und verdammt noch mal, es war lustig. Wir erklarten gerade einen geheimen 
Krieg gegen die Geheimpolizei. Wer dachten wir denn, wer wir waren? 

So ging es vielleicht eine Stunde lang weiter, jeder machte Fotos und erzeugte Schliissel. Ich lernte 
jeden hier kennen. Ich kannte schon viele - einige hatte ich ja selbst eingeladen -, und die anderen 
waren Freunde meiner Kumpels oder von Kumpeln meiner Kumpels. Wir sollten alle ein Team sein. 
Am Ende dieser Nacht waren wirs. Es waren alles gute Leute. 

Als alle fertig waren, ging Jolu, um einen Schliissel zu erzeugen, und drehte sich dann mit einem 
unbeholfenen Lacheln von mir weg. Mein Arger iiber ihn war inzwischen verraucht. Er tat, was er tun 
musste. Und ich wusste, dass er, was immer er jetzt auch sagte, immer fur mich da sein wiirde. Und 
wir waren zusammen im DHS-Knast gewesen. Van auch. Das wiirde uns fur immer 
zusammenschweiEen, komme was da wolle. 

Ich erzeugte meinen Schliissel und drehte dann die Runde durch die Gang, um jeden ein Foto machen 
zu lassen. Dann kletterte ich wieder auf den erhohten Fleck von vorhin und bat alle um 
Aufmerksamkeit. 

„Also, ne Menge von euch haben mitbekommen, dass die ganze Nummer einen Riesenhaken hat: Was 
ware, wenn ihr diesem Laptop nicht trauen konnt? Wenn er heimlich all unsere Anweisungen 
aufzeichnet? Wenn er uns ausspioniert? Was ware, wenn ihr Jose Luis und mir nicht trauen konnt?" 

Mehr wohlwollendes Gickeln. Ein bisschen warmer als vorher, bieriger. 

„Ich mein das so", sagte ich. „Wenn wir auf der falschen Seite waren, dann wiirde all das hier uns alle 
- euch alle - in die ScheiEe reiten. Vielleicht in den Knast." 

Die Gickler wurden nervoser. 

„Und deshalb mach ich jetzt das hier", sagte ich und nahm einen Hammer zur Hand, den ich aus Dads 
Werkzeugkiste mitgebracht hatte. Ich stellte den Laptop neben mir auf den Felsen und holte mit dem 
Hammer aus, Jolu mit der Lampe immer an der Bewegung dran. Crash - ich hatte immer davon 
getraumt, einen Laptop mit einem Hammer zu toten, und jetzt tat ich es. Es fiihlte sich pornomaEig 
gut an. Und schlecht zugleich. 

Smash! Das Monitorpanel fiel raus, zersplitterte in Millionen Teile und gab die Tastatur frei. Ich 
schlug weiter darauf ein, bis die Tastatur runterfiel und Hauptplatine und Festplatte sichtbar wurden. 
Crash! Ich zielte genau auf die Festplatte und hieb mit aller Kraft auf sie ein. Es dauerte drei Schlage, 
bis das Gehause zerbarst und das zerbrechliche Innenleben freigab. Ich hammerte weiter, bis nur noch 
feuerzeuggroEe Einzelteile iibrig waren, dann packte ich alles in einen Miillsack. Meine Zuschauer 
jubelten frenetisch -laut genug, dass ich ernsthaft begann, mir Sorgen zu machen, dass uns jemand 
von oberhalb iiber die Brandung hinweg horen und die Gesetzeshiiter rufen konnte. 

„Das ware das!", rief ich. „Also, wenn michjetztjemandbegleiten mochte -ich trage das jetzt runter 
zum Meer und spiil es zehn Minuten im Salzwasser." 



90 



Zuerst fand der Vorschlag keinen Zuspruch, aber dann kam Ange nach vorn, nahm meinen Arm in 
ihre warme Hand und fliisterte mir „das war wundervoll" ins Ohr; dann gingen wir zusammen runter 
zum Strand. 

Es war vollig dunkel unten am Wasser und nicht ungefahrlich, selbst mit unseren Schliisselanhanger- 
Lampen. Rutschige, scharfkantige Felsen iiberall, auf denen audi schon ohne drei Kilo piirierter 
Elektronik in ner Plastiktiite schwer balancieren war. Ein Mai rutschte ich aus und war drauf gefasst, 
mir was aufzuschlagen, aber sie angelte mich mit erstaunlich festem Griff und hielt mich aufrecht. Ich 
wurde ganz nah an sie rangezogen, nah genug, um ihr Parfum wahrzunehmen, einen Duft nach neuen 
Autos. Ich liebe diesen Duft. 

„Danke", brachte ich raus und schaute ihr in die groEen Augen, die von ihrer mannlichen, schwarz 
gefassten Brille noch vergroEert wurden. Ich konnte im Dunkeln nicht erkennen, welche Farbe ihre 
Augen hatten, aber ich tippte auf was Dunkles, soweit man aus ihrem dunklen Haar und olivebraunen 
Teint darauf schlieEen konnte. Sie wirkte sudlandisch, vielleicht mit griechischen, spanischen oder 
italienischen Wurzeln. 

Ich biickte mich und lieE den Beutel im Meer mit Salzwasser volllaufen. Dabei brachte ichs fertig, 
auszurutschen und meinen Schuh zu fluten; ich fluchte und sie lachte. Seit wir zum Ufer 
aufgebrochen waren, hatten wir kaum ein Wort gewechselt. Es war etwas Magisches um unser 
Stillschweigen. 

Bis zu diesem Tag hatte ich insgesamt drei Frauen gekiisst, den Heldenempfang in der Schule nicht 
mitgerechnet. Das ist keine beeindruckende Zahl, aber so ganz winzig ja auch nicht. Ich habe ein 
passables Frauenradar, und ich glaube, ich hatte sie kiissen konnen. Sie war nicht h31E im 
traditionellen Sinn, aber ein Madchen und eine Nacht und ein Strand, das hat schon was; auEerdem 
war sie smart, leidenschaftlich und engagiert. 

Aber ich kiisste sie nicht und nahm sie auch nicht bei der Hand. Stattdessen erlebten wir einen 
Moment, den ich nur als spirituell bezeichnen kann. Die Brandung, die Nacht, das Meer und die 
Felsen, dazu unser Atmen. Der Moment dehnte sich aus. Ich seufzte. Was fur eine Aktion! In dieser 
Nacht wurde ich noch eine Menge zu tippen haben, um all die Schlussel in meinen Schliisselbund zu 
iibertragen, zu signieren und die signierten Schlussel zu veroffentlichen. Um das Netz des Vertrauens 
zu starten. 

Sie seufzte auch. 

„Gehn wir", sagte ich. 

„Ja." 

So gingen wir zuriick. Diese Nacht war eine gute Nacht. 



Jolu wartete hinterher noch, bis der Freund seines Bruders kam, um die Kiihlboxen abzuholen. Ich 
ging mit alien anderen die StraEe hoch bis zur nachsten Bushaltestelle und stieg ein. Naturiich 
benutzte niemand von uns eine regulare Fahrkarte mehr; mittlerweile klonte jeder Xnetter 
gewohnheitsmaEig drei-, viermal am Tag den Fahrausweis von jemand anderem, um sich fur jede 
Fahrt eine neue Identitat zuzulegen. 

Es war nahezu unmoglich, im Bus cool zu bleiben. Wir waren alle leicht angeschickert, und es war 
wahnsinnig komisch, uns gegenseitig im grellen Licht im Bus anzuschauen. Wir wurden ziemlich 
laut, und der Fahrer ermahnte uns zwei Mai iiber die Sprechanlage und sagte dann, wenn wir nicht 
sofort ruhig seien, wurde er die Polizei rufen. 

Das brachte uns gleich wieder zum Gickeln, und so stiegen wir alle auf einmal aus, bevor er die 
Bull en rufen konnte. Wir waren jetzt in North Beach, und jede Menge Busse, Taxis, die BART in 
Market Street und ein paar neonleuchtende Clubs und Cafes sorgten dafiir, dass sich unsere Gruppe 
hier zerstreute. 

91 



Ich kam heim, warf die Xbox an und begann, Schliissel von meinen Handyfotos zu iibertragen. Das 
war eine stumpfsinnige, hypnotisierende Angelegenheit, und weil ich auEerdem ein bisschen 
betrunken war, fiel ich dariiber in einen Halbschlaf. 

Grade als ich vollends am Wegdammern war, poppte ein neues Messenger-Fenster hoch. 

> hey-ho! 

Ich erkannte den Nick nicht - spexgril -, aber ich hatte so eine Ahnung, wer es sein konnte. 

>hi 

tippte ich vorsichtig. 

> ich bins, von heute nacht 

Dann fiigte sie einen Block Krypto ein. Ihren offentlichen Schliissel hatte ich schon am 
Schlusselbund, also lieE ich den Messenger versuchen, den Code mit ihrem Schliissel zu entziffern. 

> ich bins, von heute nacht 
Sie war es! 

> Schon dich hierzu sehen 

tippte ich, verschliisselte es mit meinem Schliissel und schickte es ab. 

> Es war toll, dich zu treffen 
tippte ich weiter. 

> Dich auch. Ich treff nicht so viele kluge Jungs, die auch noch siiE sind und ein soziales Gewissen 
haben. Gute Giite, Mann, du lasst einem Madchen kaum eine Chance. 

Mein Herz hammerte in meiner Brust. 

> Hallo ? Klopfklopf? Jemand daheim? Ich bin nicht hier geboren, Leute, aber ich werde ganz sicher 
hier sterben. Vergesst nicht, euren Kellnerinnen Trinkgeld zu geben, sie arbeiten so hart. Ich bin die 
ganze Woche hier. 

Ich musste laut lachen. 

> Ich binja hier, ich lach bloE zu laut, um tippen zu konnen 

> Na zumindest meine Messenger-Comedy zieht noch 
Aha? 

> Es war echt toll, dich zu treffen 

> Ja, das ist es meistens. Wohin fiihrste mich aus? 

> Ausfiihren? 

> Bei unserem nachsten Abenteuer? 

> Hatte noch nichts geplant 

> Okay, dann sag ich, wohin. Freitag, Dolores Park. Illegales Open-Air-Konzert. Komm da hin, oder 
du bistn Dodekaeder 

> Was noch mal? 

> Liest du nicht mal Xnet? Steht anjeder Ecke. Schon mal von den Speedwhores gehort? 

Ich verschluckte mich bald. Das war Trudy Doos Band - DIE Trudy Doo, die Frau, die Jolu und mich 
dafiir bezahlte, den indienet-Code zu aktualisieren. 

> Ja, schon von gehort 

92 



> Die planen einen Riesengig und haben wohl noch so funfzig andere Bands dabei, wollen das auf 
den Tennisplatzen machen, mit ihren eigenen Boxentrucks dabei, und die game Nacht durchrocken 

Ich fiihlte mich wie ein Grottenolm. Wie war das denn an mir vorbeigegangen? Auf Valencia gabs 
diese anarchistische Buchhandlung, an der ich manchmal auf dem Weg zur Schule vorbeikam; und die 
hatte ein Poster im Fenster mit einer alten Revolutionarin, Emma Goldman, mit der Zeile „Wenn ich 
nicht tanzen kann, dann will ich nichts mit deiner Revolution zu tun haben." Ich hatte meine gesamte 
Energie darauf verwendet, mit dem Xnet engagierte Kampfer zu organisieren, um dem DHS 
dazwischenzufunken. Aber das hier war ja wohl soo viel cooler. Ein Riesenkonzert - ich hatte keine 
Ahnung, wie man so was aufzog, aber ich war froh, dass es Leute gab, die das konnten. 

Und wenn ichs mir recht iiberlegte, dann war ich verdammt stolz drauf, dass sies mit Hilfe des Xnets 
organisierten. 



Am nachsten Tag war ich ein Zombie. Ange und ich hatten bis vier Uhr friih gechattet - na ja, 
geflirtet. Zum Gliick war Samstag, und ich konnte ausschlafen, aber vor Kater und Ubermiidung 
kriegte ich trotzdem keinen geraden Gedanken zusammen. 

Gegen Mittag miihte ich mich aus dem Bett und raus auf die StraRe. Ich wankte ruber zum Tiirken, 
um meinen Kaffee zu kaufen - wenn ich allein war, kaufte ich neuerdings meinen Kaffee immer hier, 
weil ich das Gefiihl hatte, der Turke und ich seien Mitglieder eines geheimen Clubs. 

Auf dem Weg dahin kam ich an einer Menge frischer Graffiti vorbei. Ich mochte die Graffiti im 
Mission-Viertel; es war meist riesige, iippige Wandmalerei oder die sarkastischen Schablonenwerke 
von Kunststudenten. Und ich mochte es, dass die Tagger von Mission unter den Augen des DHS 
immer noch weiter machten. Auch ne Art Xnet, dachte ich - die mussten auch ihre Methoden haben, 
rauszukriegen, was los war, woher man Farbe kriegte und welche Kameras funktionierten. Einige 
Kameras, merkte ich, waren einfach ubergespriiht. 

Vielleicht benutzten sie ja das Xnet! 

In drei Meter hohen Buchstaben prangten am Bretterzaun eines Schrottplatzes die Worte: TRAU 
NIEMANDEM UBER 25. 

Ich hielt an. War wohl jemand gestern von meiner „Party" mit einer Farbdose hier vorbeigekommen? 
Ne Menge von den Leuten lebte hier im Viertel. 

Ich holte meinen Kaffee und stratzte dann ein bisschen durch die Stadt. Dabei dachte ich die ganze 
Zeit, eigentlich miisste ich jemanden anrufen, ob wir uns einen Film ausleihen wollten oder so. So 
war es immer gewesen an faulen Samstagen wie heute. Aber wen sollte ich anrufen? Van redete nicht 
mit mir, ich glaubte nicht, schon wieder mit Jolu sprechen zu konnen, und Darryl ... 

Nun, Darryl konnte ich nicht anrufen. 

Also holte ich noch einen Kaffee, ging heim und suchte ein bisschen in den Blogs im Xnet herum. 
Diese anonymen Blogs konnten keinem bestimmten Autor zugeordnet werden - es sei denn, der Autor 
war blod genug, seinen Namen driiberzuschreiben -, und es gab eine ganze Menge davon. Die 
meisten waren unpolitisch, etliche aber auch nicht. Dort schrieben sie iiber Schulen und wie unfair es 
dort war. Sie schrieben iiber die Bullen und iibers Tagging. 

Wie sich rausstellte, waren die Planungen fur das Konzert im Park schon seit Wochen im Gang. Sie 
waren von Blog zu Blog gewandert, ohne dass ich was mitbekommen hatte. Und das Konzert stand 
unter dem Motto „Trau keinem iiber 25". 

Nun, das erklarte, woher Ange es hatte. War ein guter Slogan. 



Am Montagmorgen beschloss ich, mal wieder bei der Anarchistenbuchhandlung vorbeizuschauen und 
zu versuchen, eins dieser Emma-Goldman-Poster zu bekommen. Ich brauchte die Gedachtnisstutze. 

93 



Also nahm ich auf dem Weg zur Schule den Umweg die 16te runter nach Mission, dann Valencia hoch 
und ruber. Der Laden war zu, aber ich notierte mir die Offnungszeiten und vergewisserte mich, dass 
sie das Poster noch hangen hatten. 

Als ich Valencia runt ers tap fte, war ich erstaunt zu sehen, wie viel „Trau keinem iiber 25"-Zeug hier zu 
sehen war. Die Halfte der Laden hatte Trau-keinem-Devotionalien in den Fenstern: Brotdosen, 
Baby doll-Shirts, Stiftdosen, Truckerhiite. Die Trendsetterladen sind immer schneller geworden: Wenn 
sich neue Meme binnen ein, zwei Tagen iibers Netz verbreiten, dann sind die Laden mittlerweile ganz 
gut darin, ruckzuck den passenden Merchandising-Kram ins Fenster zu hangen. Wenn du am Montag 
ein witziges Youtube-Filmchen iiber einen Typ, der sich aus Mineralwasserflaschen einen 
Diisenantrieb bastelt, in deiner Mail findest, kannst du davon ausgehen, am Dienstag die ersten T- 
Shirts mit Stills aus dem Video kaufen zu konnen. 

Aber es war irre zu sehen, wie sich was aus dem Xnet in die Szeneladen ausbreitete. Zerfetzte 
Designerjeans, auf die der Slogan sorgfaltig wie mit Tinte geschrieben war. Gestickte Aufnaher. 

Gute Nachrichten verbreiten sich schnell. 

Als ich in die Gesellschaftskundeklasse von Ms. Galvez kam, stand der Slogan an der Tafel. Wir 
saEen alle an unseren Tischen und grinsten ihn an, und er schien zuriickzugrinsen. Es hatte was 
ungeheuer Befriedigendes zu denken, dass wir alle einander trauen konnten und dass der Feind 
identifizierbar war. Ich wusste, dass das nicht so ganz stimmte, aber es war eben auch nicht so ganz 
falsch. 

Ms. Galvez kam rein, strich sich iibers Haar, stellte ihr SchulBook auf den Tisch und schaltete es ein. 
Dann nahm sie ein Stuck Kreide und drehte sich zur Tafel. Alles lachte. Gutmiitig zwar, aber wir 
lachten. 

Sie drehte sich wieder zu uns und lachte ebenfalls. „Sieht so aus, als ob die Sloganschreiber der 
Nation unter Inflation leiden. Wer von euch weiE denn, woher dieser Satz urspriinglich stammt? 

Wir schauten uns an. „Hippies?", fragte jemand, und wir lachten wieder. San Francisco ist voll von 
Hippies, von den alten Kiffern mit ihren Schmuddelbarten und Batikfummeln bis zu denen von heute, 
die sich mehr furs Verkleiden und Footbag-Spielen interessieren als furs Protestieren. 

„Ja, Hippies. Aber wenn wir heute an Hippies denken, dann meist nur an ihre Kleidung und an die 
Musik. Aber Kleidung und Musik waren nur eine Begleiterscheinung von dem, was diese Ara, die 
Sechziger, so wichtig machte. 

„Ihr habt schon von der Biirgerrechtsbewegung gehort, der es um die Abschaffung der 
Rassentrennung ging; weiEe und farbige Jugendliche wie ihr, die mit Bussen in den Siiden gefahren 
sind, um bei der Registrierung schwarzer Wahler zu helfen und gegen den offiziellen Staatsrassismus 
zu protestieren. Kalifornien war einer der Orte, aus denen die meisten Fiihrer der 
Biirgerrechtsbewegung kamen. Wir waren hier immer schon ein bisschen politischer als der Rest des 
Landes, und in diesem Teil des Landes konnten Farbige auEerdem schon dieselben Fabrikjobs 
bekommen wie WeiEe, so dass es ihnen ein bisschen besser ging als ihren Verwandten im Siiden. 

Die Studenten in Berkeley schickten kontinuierlich Freiheitsaktivisten nach Siiden, die sie mithilfe 
von Infostanden auf dem Campus, in Bancroft und Telegraph Avenue rekrutierten. Die Stande gibt es 
heute noch, ihr habt sie wahrscheinlich schon gesehen. 

Tja, die Universitat versuchte das zu unterbinden. Ihr President verbot politische Aktivitaten auf dem 
Campus, aber die BiirgerrechtsjugendlieE sich davon nicht aufhalten. Die Polizei versuchte jemanden 
zu verhaften, der an den Infostanden Flugblatter verteilte, aber dann haben 3000 Studenten den Wagen 
umzingelt und es verhindert, ihn abtransportieren zu lassen. Sie wollten es nicht zulassen, dass sie 
diesen Jugendlichen ins Gefangnis brachten. Sie stellten sich aufs Dach des Polizeiautos und hielten 
Reden iiber das First Amendment 3 und iiber Meinungsfreiheit. 



Erster Zusatzartikel zur US-Verfassung, verbietet u.a. die gesetzliche Einschrankung der Meinungs- und 
Versammlungsfreiheit, AdU 

94 



Das gab den Startschuss fur die Bewegung fur Meinungsfreiheit. Es war der Beginn der Hippies, aber 
von hier nahmen auch ein paar radikalere Studentenbewegungen ihren Anfang. Black-Power-Gruppen 
wie die Black Panthers, und sparer auch Gruppen fur Schwulenrechte wie die Pink Panthers, radikale 
Frauengruppen, sogar ,lesbische Separatisten', die Manner komplett abschaffen wollten. Und die 
Yippies. Hat schon mal jemand von den Yippies gehort?" 

„Wollten die nicht das Pentagon zum Schweben bringen?", fragte ich. Dariiber hatte ich mal eine 
Doku gesehen. 

Sie lachte. „Das hatte ich vergessen, aber du hast Recht, das waren sie. Yippies waren so etwas wie 
sehr politische Hippies, aber sie waren nicht in dem Sinne ernsthaft, wie wir uns Politik heute 
vorstellen. Sie waren ziemlich verspielt, Faxenmacher. Sie haben Geld in die New Yorker Borse 
geworfen und das Pentagon mit Hunderten Leuten umringt, um es mit einem Zauberspruch zu 
levitieren. Sie haben eine fiktive Art von LSD erfunden, das man mit Wasserpistolen verspriihen 
sollte, und dann haben sie sich gegenseitig bespritzt und so getan, als ob sie stoned seien. Sie waren 
lustig und ziemlich telegen - einer der Yippies, ein Clown namens Wavy Gravy, brachte in der Regel 
Hunderte von Demonstranten dazu, sich wie der Weihnachtsmann zu verkleiden, so dass man abends 
in den Fernsehnachrichten sehen konnten, wie Polizisten den Weihnachtsmann festnahmen -, und sie 
mobilisierten eine Menge Leute. 

Ihre groEe Stunde war die Democratic National Convention 1968, als sie zu Protesten gegen den 
Vietnamkrieg aufriefen. Tausende von Leuten kamen nach Chicago, schliefen in den Parks und 
demonstrierten jeden Tag. In diesem Jahr hatten sie eine Menge bizarrer Aktionen; zum Beispiel 
lieEen sie ein Schwein namens Pigasus als Prasidentschaftskandidat antreten. Die Polizei und die 
Demonstranten kampften in den StraEen - das hatten sie vorher auch schon oft getan, aber die 
Polizisten in Chicago waren nicht klug genug, die Presse in Ruhe zu lassen. Sie verpriigelten die 
Reporter, und die rachten sich, indem sie endlich ausfuhrlich berichteten, was bei diesen 
Demonstrationen wirklich passierte. Plotzlich sah das ganze Land, wie seine Kinder ziemlich brutal 
von Polizisten zusammengeschlagen wurden. Sie nannten es einen ,Polizei-Aufstand'. 

Die Yippies sagten immer „trau keinem iiber 30". Damit meinten sie, dass Leute, die vor einem 
bestimmten Zeitpunkt geboren waren, als Amerika Feinde wie die Nazis bekampfte, es nie begreifen 
wurden, was es bedeutete, sein Land so sehr zu lieben, dass man es ablehnen musste, gegen die 
Vietnamesen zu kampfen.Sie dachten, dass du, wenn du erst mal 30 warst, deine Einstellungen nicht 
mehr andern wiirdest und niemals begreifen konntest, wieso die Kinder der damaligen Zeit auf die 
StraEe gingen und Krawall machten. 

San Francisco war der Ausgangspunkt fur all das. Hier wurden revolutionare Armeen gegriindet. 
Einige davon jagten im Dienst ihrer Sache Hauser in die Luft oder raubten Banken aus. Viele der 
Jugendlichen von damals wurden spater mehr oder weniger normal, wahrend andere im Gefangnis 
landeten. Einige von den Studienabbrechern erreichten Erstaunliches - Steve Jobs und Steve Wozniak 
zum Beispiel, die den PC erfunden haben." 

Die Sache begann mich zu faszinieren. Ein bisschen was wusste ich schon davon, aber so wie heute 
hatte man mir die Geschichte noch nie erzahlt. Auf einmal sahen die lahmen, betulichen, erwachsenen 
StraEenproteste gar nicht mehr so lahm aus. Vielleicht war diese Sorte Action auch in der Xnet- 
Bewegung moglich. 

Ich hob meine Hand. „Haben sie gewonnen? Haben die Yippies gewonnen?" 

Sie sah mich lange an, als ob sie dariiber nachdenken musste. Niemand sagte ein Wort. Wir waren alle 
auf die Antwort gespannt. 

„Verloren haben sie nicht", sagte sie schlieElich. „Sie sind sozusagen implodiert. Einige von ihnen 
sind wegen Drogen oder anderer Vergehen ins Gefangnis gekommen. Einige haben ihr Fahnchen 
gedreht und sind Yuppies geworden, und dann sind sie auf Vortragsreisen gegangen und haben 
herum erzahlt, wie dumm sie gewesen seien und dass Gier doch eine gute Sache sei. 



95 



Aber sie haben die Welt verandert. Der Vietnamkrieg ging zu Ende, und die Art von Konformismus 
und vorbehaltlosem Gehorsam, die bis dahin als Patriotismus gegolten hatte, war jetzt vollig out. Die 
Rechte von Farbigen, Frauen und Schwulen wurden nachhaltig weiterentwickelt. Die Rechte von 
Chicanos oder von Behinderten, iiberhaupt unsere gesamte Tradition biirgerlicher Freiheiten, wurden 
von diesen Leuten iiberhaupt erst ins Leben gerufen oder gestarkt. Die heutige Protestbewegung ist 
ein unmittelbarer Abkommling der damaligen Auseinandersetzungen." 

„Ich fass es nicht, wie Sie iiber die Leute reden", sagte Charles. Er lehnte halb stehend in seinem 
Stuhl, und sein mageres, kantiges Gesicht war rot angelaufen. Seine Augen waren groE und feucht 
und seine Lippen riesig, und wenn er sich aufregte, sah er immer ein bisschen wie ein Fisch aus. 

Ms. Galvez verspannte sich merklich, dann sagte sie, „Ja, bitte, Charles?" 

„Sie haben gerade Terroristen beschrieben. Echte Terroristen. Sie sagen, dass sie Hauser gesprengt 
haben. Die wollten die Borse zerstoren. Die haben Polizisten verpriigelt und sie davon abgehalten, 
Gesetzesbrecher zu verhaften. Die haben uns angegriffen!" 

Ms. Galvez nickte bedachtig. Mir war klar, dass sie driiber nachdachte, wie sie mit Charles umgehen 
solle, der tatsachlich aussah, als wiirde er gleich platzen. 

„Charles spricht da einen interessanten Aspekt an. Die Yippies waren keine fremden Agenten, sondern 
amerikanische Burger. Wenn du sagst, ,die haben uns angegriffen', dann musst du dir klarmachen, 
wer ,die' und ,wir' sind. Wenn deine Mitbiirger ..." 

„Schwachsinn!", rief er. Er war jetzt aufgestanden. „Wir waren damals im Krieg. Diese Typen haben 
den Feind unterstutzt. Es ist doch ganz einfach, wer ,wir' sind und wer ,die': Wenn du Amerika 
unterstiitzt, gehorst du zu uns. Wenn du die Leute unterstutzt, die auf Amerikaner schieEen, gehorst du 
zu denen." 

„M6chte vielleicht sonst jemand etwas dazu sagen?" 

Einige Hande schossen hoch. Ms. Galvez rief sie auf. Ein paar Leute wiesen darauf hin, dass die 
Vietnamesen bloE auf Amerikaner geschossen hatten, weil die Amerikaner nach Vietnam geflogen 
waren, um dort bewaffnet im Dschungel herumzurennen. Andere fanden, dass Charles insofern Recht 
hatte, dass es nicht erlaubt sein diirfe, verbotene Dinge zu tun. 

Alle diskutierten angeregt; alle auEer Charles, der sich drauf beschrankte, Leute anzubrullen und sie 
zu unterbrechen, wenn sie ihre Standpunkte erlautern wollten. Ms. Galvez versuchte ein paar Mai, ihn 
zum Warten zu bewegen, aber er wollte davon nichts wissen. 

Ich schlug derweil was in meinem SchulBook nach, von dem ich wusste, dass ich es schon mal 
gelesen hatte. 

Ich fand es. Ich stand auf. Ms. Galvez blickte mich erwartungsvoll an. Die Anderen folgten ihrem 
Blick und verstummten. Selbst Charles schaute nach einer Weile zu mir hin; in seinen groEen, 
feuchten Augen loderte sein Hass auf mich. 

„Ich mochte etwas vorlesen", sagte ich. „Es ist kurz: ,daE, um diese Rechte zu sichern, Regierungen 
eingesetzt sein miissen, deren voile Gewalten von der Zustimmung der Regierten herkommen; daE zu 
jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform zerstorend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das 
Recht hat, jene zu andern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche 
Grundsatze zu griinden, und deren Gewalten in solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner 
Sicherheit und seinem Gliicke am zweckmaEigsten erscheint." 4 



Zitat folgt einschlieftlich damaliger Rechtschreibung der Ubersetzung von 1849, wie veroffentlicht auf 
http://www.verfassungen.de/us/unabhaengigkeit76.htm 

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Kapitel 12 

Dieses Kapitel ist Forbidden Planet gewidmet, der britischen Buchhandelskette fur Science-Fiction und Fantasy, Comics, 
Spiele und Videos. Forbidden Planet hat Filialen uberall in GroBbritannien sowieAuRenstellen in Manhattan und Dublin, 
Irland. Es ist gefahrlich, einen Forbidden Planet zu betreten - ich komme da fast nie mit intakter Geldborse wieder raus. 
Forbidden Planet ist wirklich ganz vorn dabei, wenn's darum geht, die riesige Klientel fur Science-Fiction-Filme und -Serien 
in Kontakt mit Science-Fiction-Literatur zu bringen - und darauf kommt es in Zukunft auf diesem Sektor an. 

Forbidden Planet, UK, Dublin and New York City: http://www.forbiddenplanet.co.uk 

Ms. Galvez lachelte iibers ganze Gesicht. „WeiR irgendwer, woher das kommt?" Ein 
vielstimmiger Chor antwortete „aus der Unabhangigkeitserklarung". 

Ich nickte. 

„Warum hast du uns das vorgelesen, Marcus?" 

„Weil ich denke, die Griinder dieses Landes haben damit gesagt, dass Regierungen nur so lange an der 
Macht bleiben sollten, wie wir daran glauben, dass sie in unserem Interesse arbeiten, und wenn wir 
nicht mehr daran glauben, dann sollen wir sie aus dem Amt jagen. Das steht da doch, oder nicht?" 

Charles schuttelte den Kopf. „Das ist Hunderte von Jahren her", sagte er. „Heute sind die Dinge 
anders!" 

„Was ist anders?" 

„Na ja, zum Beispiel haben wir keinen Konig mehr. Die Regierung, die die damals meinten, existierte 
doch bloE, weil der UrururgroEvater von irgendeinem Idioten glaubte, von Gott eingesetzt zu sein, 
und jeden totete, der anderer Meinung war. Wir haben eine demokratisch gewahlte Regierung ..." 

„Ich hab sie nicht gewahlt", sagte ich. 

„Und das gibt dir das Recht, Gebaude in die Luft zu jagen?" 

„Wer redet denn vom Gebaudehochjagen? Die Yippies und Hippies und all diese Leute glaubten fest, 
dass die Regierung ihnen nicht mehr zuhorte - denk nur mal daran, wie die Leute behandelt wurden, 
die bei der Wahlerregistrierung im Siiden geholfen haben. Die wurden verpriigelt, eingesperrt ..." 

„Ein paar von ihnen wurden sogar getotet", erganzte Ms. Galvez. Dann hob sie ihre Hande und 
wartete, bis Charles und ich uns gesetzt hatten. 

„Unsere Zeit heute ist fast vorbei, aber ich mochte euch alien fur eine der interessantesten Stunden 
danken, die ich je gehalten habe. Es war eine fantastische Diskussion, und ich habe von euch alien 
viel gelernt. Ich hoffe, ihr habt auch etwas voneinander gelernt. Danke euch alien fur eure Beitrage. 

Ich habe eine Zusatzaufgabe fur diejenigen von euch, die gern eine kleine Herausforderung mogen. 
Ich mochte, dass ihr einen Aufsatz schreibt, in dem ihr die politischen Reaktionen auf die Antikriegs- 
und Biirgerrechtsbewegungen in der Bay Area mit den heutigen Biirgerrechts-Auswirkungen des 
Kriegs gegen den Terror vergleicht. Mindestens drei Seiten, aber schreibt so viel ihr mogt. Ich bin 
gespannt, zu welchen Ergebnissen ihr kommt." 

Im nachsten Moment klingelte es, und alles stromte aus der Klasse raus. Ich blieb zuriick und wartete, 
bis Ms. Galvez mich bemerkte. 

„Ja, Marcus?" 

„Das war faszinierend", sagte ich. „Ich wusste das alles iiber die Sechziger noch gar nicht." 

„Auch die Siebziger. In politisch brisanten Zeiten war dies hier schon immer ein aufregender Ort zum 
Leben. Deine Anspielung auf die Erklarung hat mir gefallen; das war sehr clever." 

„Danke, aber das ist mir irgendwie zugeflogen. Vor heute hatte ich noch gar nicht richtig begriffen, 
was dieser Abschnitt bedeutete." 



97 



„0h, so etwas horen Lehrer immer gern, Marcus", sagte sie und schiittelte mir die Hand. „Ich bin sehr 
gespannt drauf, deinen Aufsatz zu lesen." 



Auf dem Heimweg kaufte ich das Emma-Goldman-Poster und hangte es iiber meinem Schreibtisch 
auf, direkt iiber einem echten Schwarzlicht-Poster. Ich kaufte auch ein TRAU-NIEMANDEM-T-Shirt 
mit einer Photoshop-Montage aus Grover und Elmo, wie sie die Erwachsenen Gordon und Susan aus 
der SesamstraEe kicken, weil ich es lustig fand. Spater fand ich raus, dass es schon ungefahr ein 
halbes Dutzend Photoshop-Wettbewerbe mit dem Slogan auf Websites wie Fark, WorthlOOO und B3ta 
gab und dass bereits Hunderte fertige Bilder auf so ziemlich allem zirkulierten, was sich bedrucken 
und verkaufen liefi. 

Mom zog angesichts des Shirts eine Augenbraue hoch und Dad schiittelte den Kopf und meinte mir 
einen Vortrag iibers Argersuchen halten zu miissen; aber seine Reaktion bestatigte mich bloE. 

Ange fand mich wieder online, und wir flirteten iiber Messenger bis spat in der Nacht. Der weiEe 
Lieferwagen mit den Antennen kam wieder vorbei, und ich schaltete meine Xbox ab, bis er weg war. 
Daran hatten wir uns alle inzwischen gewohnt. 

Ange war ziemlich aufgedreht wegen der Party. Schien, als wiirde das ein Monsterevent werden. Es 
waren so viele Bands mit an Bord, dass man davon sprach, noch eine zweite Buhne fur die B-Acts 
aufzubauen. 

> Wie sind die an die Genehmigungen gekommen, die game Nacht harm zu machen? Da sind doch 
iiberall Hauser 

> Ge-neh-mi-gun-gen? Was ist das denn? Erzahl mir mehr von deinen Ge-neh-mi-gun-gen 

> Boah, es ist illegal? 

> Ah, hallo? Du machst dir Sorgen iibers Gesetzebrechen? 

> Guter Punkt 

> LOL 

So nen Hauch einer Ahnung von Nervositat spiirte ich aber doch. Hey, ich hatte am Wochenende ein 
Date mit diesem vollig umwerfenden Madchen (streng genommen hatte sie ein Date mit mir), und 
zwar bei einem illegalen Rave mitten in einer belebten Gegend. 

Es versprach ziemlich interessant zu werden. 



Interessant, in der Tat. 

Uber den ganzen langen Samstagnachmittag verteilt tropfelten die Leute in Dolores Park ein und 
verteilten sich unter die Frisbeespieler und Hundehalter. Einige spielten auch Frisbee oder fuhrten 
Hunde aus. Es war noch nicht recht klar, wie das Konzert vonstatten gehen sollte, aber es hingen 
schon eine Menge Bullen und Verdeckte rum. Die Verdeckten erkannte man an ihren Castrofrisuren 
und dem Nebraska-Korperbau, genau wie damals Pickel und Popel: stammige Typen mit kurzem Haar 
und unordentlichen Schnurrbarten. Sie stromerten herum und wirkten seltsam unbeholfen in ihren 
riesigen Shorts und weit geschnittenen Hemden, die wohl das Ausriistungsgeraffel iiberdecken sollten, 
mit dem sie vermutlich behangt waren. 

Dolores Park ist hubsch und sonnig; Palm en, Tennisplatze und jede Menge Hiigel und urwiichsige 
Baume zum Rumlaufen und Abhangen. Nachts schlafen Obdachlose dort, aber das tun sieja iiberall in 
San Francisco. 

Ich traf Ange die StraEe runter in der Anarchistenbuchhandlung. Mein Vorschlag. Im Nachhinein wars 
eine vollig durchsichtige Nummer, um vor ihr als cool und trendig dazustehen, aber in diesem 



98 



Moment hatte ich schworen konnen, dass es einfach bloE ein giinstiger Treffpunkt war. Als ich kam, 
las sie gerade ein Buch mit dem Titel „An die Wand, Motherf....r". 

„Wie hiibsch", sagte ich. „Was sagt denn deine Mutter zu so was?" 

„Deine Mutter soil sich mal nicht beschweren. Ernsthaft, das hier ist die Geschichte einer Gruppe von 
Leuten wie die Yippies, aber in New York. Und sie hatten das Wort alle als Nachname, zum Beispiel 
,Ben M-F'. Es ging darum, eine Gruppe zu haben und in die Nachrichten zu kommen, aber mit einem 
absolut undruckbaren Nam en, einfach nur, um die Medien zu argern. Ziemlich lustig, edit." 

Sie stellte das Buch zuriick ins Regal, und ich fragte mich, ob ich sie wohl umarmen sollte. Die Leute 
in Kalifornien umarmen sich eigentlich standig, zur BegriiEung und zum Abschied, auEer sie tun es 
mal nicht. Und manchmal kiissen sie sich auf die Wange. Ziemlich verwirrend das alles. 

Sie nahm mir die Entscheidung ab, indem sie mich zu einer Umarmung schnappte, meinen Kopf an 
sich heranzog, mich hart auf die Wange kiisste und mir dann einen Furz in den Nacken blies. Ich 
lachte und schubste sie weg. 

„Willst du einen Burrito?", fragte ich. 

„Ist das ne Frage oder eine Feststellung offensichtlicher Tatsachen?" 

„Weder noch. Es ist ein Befehl." 

Ich kaufte ein paar lustige Aufkleber DIESES TELEFON IST VERWANZT, die genau die richtige 
GroEe fur die Miinztelefone hatten, die es immer noch in den StraEen von Mission gab, in diesem 
Viertel, in dem sich nicht unbedingt jeder ein Handy leisten konnte. 

Wir traten raus in die Abendluft. Ich erzahlte Ange davon, wie es vorhin im Park ausgesehen hatte. 

„Ich wette, sie haben hundert von diesen Trucks um den Block geparkt", sagte sie, „damit sie uns 
besser hochnehmen konnen." 

„Oh." Ich blickte mich um. „Eigentlich hatte ich gehofft, du wiirdest sowas sagen wie ,ach, dagegen 
konnen sie iiberhaupt nichts machen'." 

„Aber darum gehts nicht, glaub ich. Es geht darum, ne Menge Zivilisten in eine Situation zu bringen, 
in der die Bullen sich zu entscheiden haben, ob sie all diese normalen Leute wirklich wie Terroristen 
behandeln sollen. Es ist son bisschen wie diese Jammerei, aber mit Musik statt mit Elektronikkrams. 
Dujammst doch auch, oder?" 

Manchmal vergaE ich, dass meine Freunde nicht wissen, dass Marcus und Mlk3y derselbe sind. „Ja, 
ein bisschen", sagte ich. 

„Das hier ist wie Jammen mit einem Haufen toller Bands." 

„Verstehe." 

Mission Burritos sind eine Institution. Sie sind billig, riesig und lecker. Stellt euch eine Rohre in der 
GroEe einer Bazooka-Granate vor, die mit wiirzigem Grillfleisch, Guacamole, Salsa, Tomaten, 
zweifach gebratenen Bohnen, Reis, Zwiebeln und Cilantro gefiillt ist. Es verhalt sich ungefahr so zu 
Taco Bell wie ein Lamborghini zu einem Hot-Wheels-Modell. 

Es gibt ungefahr zweihundert Mission-Burrito-Filialen. Allen gemeinsam ist ihr Mut zur Hasslichkeit, 
mit unbequemen Sitzgelegenheiten, nur einem Minimum an Deko (ausgeblichene Mexiko-Tourismus- 
Plakate und gerahmte, elektrische Jesus-und-Maria-Hologramme) und lauter Mariachi-Musik. Was sie 
voneinander unterscheidet, ist hauptsachlich, mit welchen exotischen Fleischsorten sie jeweils ihre 
Burritos Mien. Die wirklich authentischen Laden haben auch Hirn und Zunge - das bestelle ich nie, 
aber es ist gut zu wissen, dass es das gibt. 

Der Laden, zu dem wir gingen, hatte sowohl Hirn als Zunge, aber wir bestelltens nicht. Ich nahm 
Carne Asada und sie Hiihnerhack, undbeide nahmen wir einen groEen Becher Horchata. 



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Kaum hatten wir uns gesetzt, rollte sie ihren Burrito aus und holte ein kleines Flaschchen aus ihrer 
Tasche. Es war ein kleiner Edelstahl-Zerstauber, den wohl jeder fur eine Pfefferspray- 
Selbstverteidigungswaffe gehalten hatte. Sie zielte auf die freiliegenden Innereien ihres Burrito und 
nebelte sie mit einem feinen, oligen roten Spray ein. Ich bekam einen Hauch in die Nase, meine Kehle 
zog sich zusammen und meine Augen tranten. 

„Was zum Teufel tust du deinem arm en, wehrlosen Burrito da an?" 

Sie warf mir ein fieses Grinsen zu. „Ich bin siichtig nach scharfem Essen. Das hier ist Capsaicinol in 
einem Zerstauber." 

„Capsaicin ..." 

„Genau, das Zeug in Pfefferspray. Das hier ist im Prinzip Pfefferspray, aber in 01 angelost. Und viel 
leckerer. Stell es dir einfach wie Spicy Cajun Visine vor." 

Meine Augen tranten schon beim bloEen Gedanken daran. 

„Du machst Witze. Das da wirst du niemals essen." 

Sie zog die Augenbrauen hoch. „H e y> Biirschchen, das klingt wie ne Herausforderung. Schau genau 
bin." 

Sie rollte den Burrito so sorgfaltig zusammen wie ein Kiffer seinen Joint, schlug die Enden ein und 
wickelte ihn dann wieder in die Alufolie. Sie pulte ein Ende ab, hielt es sich vor den Mund und 
balancierte es ein wenig vor ihren Lippen. 

Bis zu dem Moment, in dem sie reinbiss, konnte ich nicht glauben, dass sie es wirklich tun wiirde. Ich 
mein, was sie da grade auf ihr Essen gespriiht hatte, das war nicht bloE scharf, das war eine scharfe 
Waffe! 

Sie biss rein. Kaute, schluckte. Und sah dabei in jeder Hinsicht so aus wie jemand, der seine Mahlzeit 
genieEt. 

„Magst mal beiEen?", fragte sie mit Unschuldsmiene. 

„Jo", sagte ich. Ich mag scharfes Essen. Bei den Pakistanis bestell ich immer die Currys, die auf der 
Speisekarte mit vier Chilis markiert sind. 

Ich pulte etwas mehr Folie ab und biss herzhaft rein. 

Boser Fehler. 

Kennt ihr das Gefiihl, wenn ihr einen groEen Haps Rettich oder Wasabi oder so was nehmt und wenn 
sich dann die Nebenhohlen und die Luftrohre gleichzeitig zusammenziehen und sich der ganze Kopf 
mit brennend heiEer Luft fiillt, die durch eure tranenden Augen und Nasenlocher einen Weg ins Freie 
sucht? Dieses Gefiihl, als obs gleich aus euren Ohren dampft wie bei einer Zeichentrickfigur? 

Das hier war viel schlimmer. 

Das hier war so, wie wenn man die Hand auf die heiEe Herdplatte legt, auEer dass es nicht bloE die 
Hand war, sondern die gesamte Innenseite des Kopfes und die Speiserohre und alles bis runter zum 
Magen. Mein ganzer Korper brach in SchweiE aus und ich schnappte verzweifelt nach Luft. 

Sie reichte mir kommentarlos meine Horchata, und irgendwie gelang es mir, den Strohhalm in meinen 
Mund zu fiihren und gewaltig zu schlucken, den halben Becher auf einmal. 

„Es gibt da diese Skala, die Scoville-Skala, mit der wir Chili-Liebhaber die Scharfe von 
Paprikafruchten beschreiben. Reines Capsaicin hat zirka 15 Millionen Scoville. Tabasco liegt bei rund 
50.000. Pfefferspray hat freundliche drei Millionen. Das Zeug hier hat kummerliche 200.000, es ist 
also in etwa so scharf wie milder Scotch Bonnet Pepper. Ich habe ungefahr ein Jahr gebraucht bis 
hierher. Ein paar von den richtig Harten konnen bis zu einer Million ab, zwanzig Mal scharfer als 



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Tabasco. Das ist verdammt hollenscharf. Bei solchen Scoville-Graden wird dein Gehirn total mit 
Endorphinen geflutet; wirkt auf den Korper berauschender als Hasch. Und gesund ist es auch." 

Allmahlich meldeten sich meine Nebenhohlen zuriick, und ich konnte wieder atmen, ohne zu hecheln. 

„Ach, und wenn du nachstes Mai pinkeln gehst, wird das noch mal iibel brennen", sagte sie 
zwinkernd. 

Autsch. 

„Du bist wahnsinnig", sagte ich. 

„GroEe Worte von jemandem, der zum SpaE Laptops baut und wieder verschrottet." 

„Touche," sagte ich und fasste mir an die Stirn. 

„Magst du noch was?" Sie hielt mir den Zerstauber hin. 

„Gib ruber", sagte ich schnell genug, dass wir beide lachen mussten. 

Als wir das Restaurant Richtung Dolores Park verlieEen, legte sie mir den Arm um die Hufte, und ich 
stellte fest, dass sie genau die richtige GroEe hatte, dass ich ihr bequem meinen Arm um die Schulter 
legen konnte. Das war neu. Ich war nie einer von den GroEen gewesen, und die Madchen, mit denen 
ich ging, waren alle genau so groE gewesen wie ich. Madchen wachsen als Teens schneller als Jungs - 
ein fieser Trick der Natur. Das hier war nett. Es fuhlte sich gut an. 

An der Ecke 20. StraEe bogen wir ab Richtung Dolores. Und noch ehe wir einen Schritt getan hatten, 
spiirten wir schon die Schwingungen, wie das Summen einer Million Bienen zugleich. Unmengen von 
Leuten stromten dem Park entgegen, und von hier betrachtet sah er hundert Mal voller aus als vorhin, 
bevor ich Ange traf. 

Der bloEe Anblick brachte mein Blut zum Kochen. Es war eine wundervolle, kiihle Nacht, und wir 
wiirden feiern, richtig feiern, feiern, als gabe es kein Morgen. „Lass uns essen, trinken und frohlich 
sein, denn morgen sterben wir." 

Ohne ein Wort zu sagen, fielen wir in Laufschritt. Wir begegneten massenhaft Polizisten mit ernsten 
Gesichtern, aber was wiirden die schon unternehmen wollen? Es waren unglaublich viele Leute im 
Park. Ich bin nicht so gut darin, Massen zu zahlen. In den Zeitungen sollten die Veranstalter spater 
von 20.000 Leuten sprechen, wahrend die Polizei 5000 zahlte. Vielleicht waren es also 12.500. 

Wie auch immer: Noch nie war ich unter so vielen Menschen gewesen, und hier war ich Teil eines 
unangekiindigten, unzulassigen, illegalen Events. 

Nur einen Augenblick spater waren wir mittendrin. Ich wiirds nicht beschworen wollen, aber ich 
glaube, es war wirklich niemand iiber 25 in dieser Traube von Menschen. Alle lachelten. Ein paar 
jiingere Kinder waren dabei, Zehn-, Zwolfj ahrige, und das empfand ich als beruhigend. Niemand 
wiirde etwas allzu Dummes unternehmen, wenn so junge Kinder in der Menge dabeiwaren. Niemand 
wiirde riskieren wollen, dass Kinder verletzt wiirden. Diese Nacht wiirde einfach bloE eine 
denkwiirdige, festliche Friihlingsnacht werden. 

Ich fand, wir sollten uns am besten Richtung Tennisplatze orientieren. Also wiihlten wir uns durch die 
Menge, und um uns nicht zu verlieren, nahmen wir uns bei den Handen. Um uns nicht zu verlieren, 
ware es natiirlich nicht notig gewesen, unsere Finger ineinander zu verschranken; das war nur zum 
Vergniigen. Und es war ein ganz erhebliches Vergniigen. 

Die Bands waren alle auf den Tennisplatzen mit ihren Gitarren, Mischpulten, Keyboards und sogar 
einem Schlagzeug. Spater fand ich im Xnet einen Flickr-Stream davon, wie sie das ganze Zeug 
reinschmuggelten, Stuck fur Stuck, in Sporttaschen und unter den Manteln. AuEerdem gab es 
monstrose Lautsprecher, die Sorte, wie man sie bei Autoteilehandlern findet, und darunter ein Stapel 
von ... Autobatterien! Ich musste lachen. Genial! So also versorgten sie ihre Aufbauten mit Strom. Ich 
konnte erkennen, dass es Batterien von einem Hybridwagen waren, von einem Prius. Jemand hatte ein 
Okomobil ausgeweidet, um die nachtliche Unterhaltung mit Energie zu versorgen. Die Stapel von 

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Batterien gingen auEerhalb der Tennisplatze noch weiter; drauEen hauften sie sich audi noch am Zaun 
entlang, mit dem Hauptstapel mit durchgefadelten Kabeln verbunden. Ich zahlte insgesamt 200 
Batterien! Gott, das Zeug wog bestimmt auch eine Tonne. 

Keine Chance, dass sie das alles ohne E-Mail, Wikis und Mailinglisten hatten organisieren konnen. 
Und unvorstellbar, dass so kluge Leute das alles im offentlichen Internet gemacht hatten. Das alles 
war im Xnet passiert, darauf verwettete ich meine Stiefel. 

Erst mal lieEen wir uns eine Weile von der Menge hierhin und dorthin treiben, wahrend die Bands 
ihre Instrumente stimmten und sich untereinander besprachen. Von weitem sah ich Trudy Doo auf den 
Tennisplatzen. Sie sah aus wie in einem Kafig, wie ein Profi-Wrestler. Sie trug ein abgerissenes 
Tanktop, und ihr Haar hing in langen, leuchtend pinkfarbenen Dreadlocks bis zur Hufte. Dazu trug sie 
Army-Tarnhosen und riesige Grufti-Stiefel mit Stahlkappen. In diesem Moment nahm sie eine 
schwere Motorradjacke, abgegriffen wie ein Catcher-Handschuh, und zog sie iiber, als seis eine 
Riistung. Obwohl: Wahrscheinlich war es ja auch als Riistung gedacht. 

Ich versuchte ihr zuzuwinken (wohl um Ange zu beeindrucken), aber sie sah mich nicht, und um nicht 
weiter bescheuert zu wirken, lieE ichs sein. Die Energie hier in der Menge war schwer beeindruckend. 
Man redetja immer von „ Vibes" und „Energie", wenn es um groEe Menschenansammlungen geht, 
aber wenn mans noch nicht selbst erlebt hat, halt man es vermutlich nur fur eine rhetorische Figur. 

1st es aber nicht. Es ist das Lacheln, ansteckend und groE wie Wassermelonen, auf jedem Gesicht. Wie 
jeder Einzelne zu einem unhorbaren Rhythmus hopst und die Schultern wippen. Der wogende Gang. 
Witze, Lachen. Der Klang jeder Stimme, angespannt, aufgeregt, wie ein Feuerwerk, das jeden 
Moment geziindet wird. Und du kannst gar nicht anders, als ein Teil davon zu sein. Ist einfach so. 

Als die Bands loslegten, war ich von den Massen-Vibes schon komplett zugedrohnt. Der Opener war 
eine Art serbischer Turbo-Folk, und ich konnte nicht rauskriegen, wie man dazu tanzen sollte. Ich 
kann iiberhaupt nur zu zweierlei Sorten Musik tanzen: zu Trance (schlurf rum und lass dich von der 
Musik bewegen) und zu Punk (spring rum und schuttel die Mahne, bis du verletzt oder ausgepowert 
bist oder beides). Der nachste Act waren Oakland-HipHopper mit einer Thrash-Metal-Kombo als 
Backup, was besser klingt, als die Beschreibung vermuten lasst. Danach kam etwas Kaugummi-Pop. 
Und dann ubernahmen die Speedwhores die Buhne, und Trudy Doo trat ans Mikro. 

„Mein Name ist Trudy Doo, und ihr seid Idioten, wenn ihr mir traut. Ich bin zweiunddreiEig, und fur 
mich ist der Zug abgefahren. Ich bin fertig. Ich bin noch voll in den alten Ideen drin. Ich betrachte 
meine Freiheit immer noch als was Selbstverstandliches und erlaube es anderen Leuten, sie mir 
wegzunehmen. Ihr seid die erste Generation, die im Gulag Amerika aufwachst, und ihr wisst auf den 
letzten gottverdammten Cent genau, was eure Freiheit wert ist!" 

Die Menge tobte. Sie huschte ein paar schnelle, nervose Akkorde auf ihrer Gitarre dahin, und ihre 
Bassistin, ein machtig dickes Madchen mit ner Dyke-Frisur, noch groEeren Stiefeln und einem 
Lacheln, das Bierflaschen offnen konnte, verlegte schon ein reichlich hartes Brett. Mich hielt es nicht 
mehr auf den FiiEen. Ich hiipfte, und Ange hiipfte mit. Wir schwitzten in der Abendluft, die schon 
geschwangert war von SchweiE und Pot-Rauch. Von alien Seiten wurden wir von warmen Leibern 
bedrangt, alles hiipfte mit. 

„Traut keinem iiber 25!", rief sie 

Wir briillten, ein einziges riesiges Tier, aus voller Kehle. 

„Traut keinem iiber 25!" 

„Traut keinem iiber 25!" 

„Traut keinem iiber 25!" 

„Traut keinem iiber 25!" 

„Traut keinem iiber 25!" 



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„Traut keinem iiber 25!" 

Sie schlug auf der Gitarre ein paar harte Akkorde an, und die zweite Gitarristin, eine Elfe mit heftig 
gepierctem Gesicht, fiel ein, in schwindelerregenden Hohen, iiber den zwolften Bund raus. 

„Das hier ist unsere verdammte Stadt! Es ist unser verdammtes Land. Und kein Terrorist kann es uns 
wegnehmen, so lange wir nur frei sind. Sobald wir nicht mehr frei sind, gewinnen die Terroristen! 
Holt es euch zuriick! Holt es euch zuriick! Ihr seid jung genug und dumm genug, um noch nicht zu 
wissen, dass ihr eigentlich keine Chance habt, also seid ihr die einzigen, die uns noch zum Sieg fuhren 
konnen! Holt es euch zuriick!" 

„HOLT ES EUCH ZURUCK!", brullten wir. Sie drosch hart auf ihre Saiten ein. Wir nahmen die Note 
grolend auf, und dann wurde es richtig, richtig LAUT. 



Ich tanzte, bis ich vor Miidigkeit keinen Schritt mehr machen konnte, und Ange tanzte neben mir. 
Rein technisch gesehen rieben wir stundenlang unsere schwitzenden Leiber aneinander, aber glaubt es 
oder lasst es bleiben, es tornte mich nicht an. Wir tanzten bloE, wir verloren uns in den Beats und dem 
Soundgepriigel und dem Schreien - HOLT ES EUCH ZURUCK! HOLT ES EUCH ZURUCK! 

Als ich nicht mehr tanzen konnte, griff ich nach ihrer Hand, und sie driickte meine, als ob ich sie 
davon abhalten miisse, von einem Hausdach zu fallen. Sie zog mich aus der Masse raus, wo es luftiger 
und kuhler wurde. Da drauEen, im Randbereich von Dolores Park, waren wir der kiihlen Luft 
ausgesetzt, und der SchweiE auf unseren Korpern wurde sofort eiskalt. Wir zitterten, und sie schlang 
ihre Arme um meine Hiifte. „Warm mich", forderte sie. 

Ich brauchte keine weiteren Hinweise und umarmte sie auch. Ihr Herzschlag war ein Echo der 
rasenden Beats auf der Buhne - Breakbeats jetzt ohne Gesang, schnell und aggressiv. 

Sie roch nach SchweiE, ein scharfer, iiberwaltigender Geruch. Ich wusste, ich roch auch nach 
SchweiE. Meine Nase war in ihrem Haar vergraben, ihr Gesicht an meinem Schliisselbein. Ihre Hande 
wanderten in meinen Nacken und zogen an mir. 

„Komm hier runter, ich hab keine Trittleiter dabei", sagte sie, und ich versuchte zu lacheln, aber 
Lacheln ist schwierig, wenn man gleichzeitig kiisst. 

Ich erwahnte bereits, dass ich in meinem Leben bislang drei Madchen gekiisst hatte. Zwei von ihnen 
hatten vorher noch niemanden gekiisst. Eine hatte feste Freunde, seit sie zwolf war, und die hatte so 
ihre Eigenarten. 

Keine von ihnen kiisste wie Ange. Sie machte ihren gesamten Mund weich wie das Innere einer reifen 
Frucht, und sie rammte mir ihre Zunge nicht einfach in den Mund, sondern lieE sie reingleiten, und 
gleichzeitig saugte sie meine Lippen in ihren Mund, und es war, als ob mein Mund und ihrer 
ineinander verschmolzen. Ich horte mich selbst stohnen und packte sie und umarmte sie fester. 

Langsam, ganz langsam lieEen wir uns ins Gras sinken. Und dann lagen wir auf der Seite und 
umarmten einander, kiissten und kiissten und kiissten. Die ganze Welt verschwand hinter diesem einen 
Kuss. 

Meine Hande fanden ihren Po, ihre Hiiften. Den Saum ihres T-Shirts. Ihren warmen Bauch, den 
weichen Nabel. Sie bewegten sich langsam hoher. Sie stohnte ebenfalls. 

„Nicht hier", sagte sie. „Lass uns da ruber gehen." Sie zeigte iiber die StraEe hinweg auf die groEe 
weiEe Kirche, die Mission Dolores Park und der Mission den Namen gab. Handchenhaltend eilten wir 
ruber zur Kirche. Vor dem Eingang standen einige Pfeiler. Sie presste mich mit dem Riicken gegen 
einen davon und zog mein Gesicht wieder zu sich herunter. Meine Hande wanderten schnell und 
mutig zuriick zu ihrem T-Shirt und dort immer hoher. 

„Er geht hinten auf", flusterte sie in meinen Mund. Mit meiner Latte hatte ich mittlerweile Glas 
schneiden konnen. Meine Hande wanderten weiter zu ihrem breiten, kraftigen Riicken, und mit 

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zitternden Fingern fand ich das Hakchen. Ich fummelte eine Weile und dachte dabei an all die Witze 
dariiber, wie schlecht Jungs darin sind, Bhs zu offnen. Ich war schlecht darin. Dann plotzlich ging das 
Hakchen auf. Sie keuchte in meinen Mund. Ich zog meine Hande wieder nach vorn, spiirte die 
Feuchtigkeit unter ihren Achseln (was ich sexy fand und merkwurdigerweise kein Stuck abstoEend) 
und streichelte die Seiten ihrer Briiste. 

In diesem Moment begannen die Sirenen zu heulen. 

Sie waren lauter als alles, was ich jemals gehort hatte. Ein Larm, der im ganzen Korper zu spiiren war, 
als ob dich plotzlich jemand von den FiiEen reiEt. Ein Larm so laut, wie ihn deine Ohren nur 
verarbeiten konnen, und noch lauter. 

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER!" donnerte die Stimme Gottes in meinem Schadel. 

„DIES 1ST EINE ILLEGALE VERSAMMLUNG. ENTFERNEN SIE SICH SOFORT!" Die Band 
hatte aufgehort zu spielen, und die Gerausche der Menge auf der anderen StraEenseite anderten sich. 
Sie wurde angstlich. Und wiitend. 

Ich horte ein Klicken, als die PA-Anlage aus Autoboxen und Autobatterien auf den Tennisplatzen 
eingeschaltet wurde. 

„HOLT ES EUCH ZURUCK!" 

Es war ein lauter, trotziger Schrei, ein Schrei wie in die Brandung oder von einer Klippe herab. 

„HOLT ES EUCH ZURUCK!" 

Die Masse grummelte, ein Klang, der mir die Nackenhaare straubte. 

„HOLT ES EUCH ZURUCK!", skandierten sie. „HOLT ES EUCH ZURUCK HOLT ES EUCH 
ZURUCK HOLT ES EUCH ZURUCK!" 

Die Polizei riickte in Reihen an, hinter Plastikschilden, unter Darth-Vader-Helmen, die die Gesichter 
bedeckten. Jeder hatte einen schwarzen Gummikniippel und eine Infrarot-Nachtsichtbrille. Sie sahen 
aus wie Soldaten in einem futuristischen Kriegsfilm. Alle zusammen machten einen Schritt vorwarts, 
und jeder hieb seinen Kniippel gegen seinen Schild - ein Krachen, als ob die Erde splitterte. Noch ein 
Schritt, noch ein Krachen. Sie hatten den gesamten Park umstellt und zogen den Belagerungsring jetzt 
zu. 

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER", sagte die Stimme Gottes noch einmal. Plotzlich 
waren Helikopter iiber uns. Aber ohne Suchscheinwerfer. Infrarotbrillen, klar. Die wiirden da oben 
auch Nachtsichtgerate haben. Ich zog Ange zuriick zur Kirchentur, aus dem Sichtfeld der Bullen und 
der Helis. 

„HOLT ES EUCH ZURUCK!", donnerte die PA. Das war Trudy Doos Rebellenschrei, und ich konnte 
horen, wie sie auf der Gitarre ein paar Akkorde rauspriigelte, dann der Schlagzeuger dazu, dann der 
riesige, tiefe Bass. 

„HOLT ES EUCH ZURUCK!", antwortete die Menge, und dann schwappte die Woge aus dem Park 
heraus und den Gefechtsreihen der Polizei entgegen. 

Ich war noch nie im Krieg, aber jetzt glaube ich zu wissen, wie das ist. Wie es sich anfiihlen muss, 
wenn verangstigte Kids iiber eine Wiese rennen, um sich einer gegnerischen Macht 
entgegenzuwerfen, wohl wissend, was kommen muss, und trotzdem rennen sie, briillen und heulen. 



„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER", sagte die Stimme Gottes. Sie kam von Trucks, die 
rund um den Park abgestellt waren, Trucks, die dort in den letzten paar Sekunden postiert worden 
waren. 



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Und dann fiel der Nebel vom Himmel. Er kam aus den Helikoptern, und er erwischte uns nur grade 
eben noch. Ich dachte, mir sprengts die Schadeldecke weg und meine Nasenhohlen werden mit 
Eispickeln perforiert. Meine Augen schwollen und tranten, meine Kehle zog sich zusammen. 

Pfefferspray. Nicht bloE 200.000 Scoville. Eineinhalb Millionen. Die hatten die Masse begast. 

Ich konnte nicht sehen, was das passierte, aber ich konnte es horen, iiber Anges und mein Husten 
hinweg, wahrend wir einander festhielten. Erst die erstickten, wiirgenden Gerausche. Gitarre, Drums 
und Bass kamen abrupt zum Schweigen. Dann Husten. 

Dann Schreien. 

Das Schreien dauerte entsetzlich lange. Als ich wieder sehen konnte, hatten die Bullen ihre Brillen 
hochgeschoben, und die Helis fluteten Dolores Park mit so viel Scheinwerferlicht, dass es aussah wie 
am hellichten Tag. Jeder schaute in Richtung Park, und das war gut fur uns, denn als die Lichter 
angingen, da waren auch wir perfekt sichtbar. 

„Was machen wir jetzt?", fragte Ange mit belegter, furchtsamer Stimme. Fur einen Augenblick war 
ich nicht sicher, ob ich meiner eigenen Stimme schon wieder trauen konnte, und schluckte ein paar 
Mai. 

„Wir gehen jetzt weg", sagte ich dann. „Was anderes bleibt uns nicht iibrig. Weggehen, als ob wir hier 
bloE vorbeigekommen sind. Dolores runter und dann hoch zur Sechzehnten. Als ob wir bloE 
vorbeigekommen sind und uns das alles hier nichts angeht." 

„Das klappt nie", sagte sie. 

„Mehr fallt mir nicht ein." 

„Denkst du nicht, wir sollten lieber rennen?" 

„Nein. Wenn wir rennen, dann jagen sie uns. Aber wenn wir gehen, denken sie vielleicht, dass wir 
nichts getan haben, und lassen uns in Ruhe. Die haben mit ihren Verhaftungen hier genug zu tun, um 
sich ne Weile zu beschaftigen." 

Im Park walzten die Leute sich auf dem Boden, hielten sich die Hande vors Gesicht und schnappten 
nach Luft. Die Bullen packten sie unter den Achseln und zogen sie raus, dann fesselten sie die 
Handgelenke mit Plastikhandschellen und schubsten sie in die Trucks, als seien es Stoffpuppen. 

„OK?", fragte ich. 

„OK." 

Und genau so machten wirs. Wir gingen handchenhaltend, flott und zielstrebig davon, wie zwei Leute, 
die bemuht waren, sich aus dem Arger anderer Leute rauszuhalten. Die Sorte Gang, in die man 
verfallt, wenn man so tut, als ob man den Schnorrer nicht sieht, oder einem StraEenkampf aus dem 
Weg gehen will. 

Es klappte. 

Wir erreichten die Ecke, bogen ab und gingen weiter. Zwei Blocks weit traute sich keiner von uns zu 
sprechen. Dann lieE ich einen Atemzug raus, von dem ich gar nicht wusste, dass ich ihn schon so 
lange angehalten hatte. 

Dann kamen wir zur 16ten StraEe und bogen ab Richtung Mission Street. Normalerweise ist das 
samstagnachts um zwei eine ziemlich beangstigende Gegend. In dieser Nacht war es eine 
Offenbarung - dieselben alten Junkies, Nutten, Dealer und Besoffskis wie immer. Keine Bullen mit 
Kniippeln, kein Gas. 

„Hm", sagte ich, Nachtluft einsaugend. „Kaffee?" 

„Nach Hause", erwiderte sie. „Ja, ich glaube, nach Hause jetzt. Kaffee spater." 



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„Gut." Sie wohnte oben in Hayes Valley. Ich sah ein Taxi vorbeifahren und winkte es ran. Das war 
ein kleines Wunder - wenn man in San Francisco ein Taxi braucht, ist normalerweise kaum eins zu 
kriegen. 

„Hast du genug Taxigeld fur nach Hause?" 

„Ja", sagte sie. Der Taxifahrer beaugte uns durch die Seitenscheibe. Ich offnete schon mal die 
Fondtiir, urn ihn davon abzuhalten, gleich wieder loszufahren. 

„Gute Nacht", sagte ich. 

Sie griff um meinen Kopf herum und zog mein Gesicht zu sich heran. Dann kiisste sie mich hart auf 
den Mund, nichts Sexuelles darin, aber vielleicht grade deswegen um so intimer. 

„Gute Nacht", fliisterte sie mir ins Ohr und verschwand im Taxi. 

Mit dumpfem Schadel, tranenden Augen und einem brennenden Schamgefiihl, weil ich all diese 
Xnetter zuriickgelassen hatte, der Gnade oder Ungnade von DHS und SFPD ausgeliefert, machte ich 
mich auf den Weg nach Hause. 



Am Montagmorgen stand Fred Benson hinter Ms. Galvez' Schreibtisch. „Ms. Galvez wird diese 
Klasse nicht langer unterrichten", sagte er, kaum dass wir uns gesetzt hatten. Er hatte diese 
selbstgefallige Miene aufgesetzt, die ich sofort erkannte. Einer Ahnung folgend schaute ich zu Charles 
ruber. Er grinste, als sei heute sein Geburtstag und er hatte das schonste Geschenk der Welt 
bekommen. 

Ich hob die Hand. 

„Warum nicht?" 

„Es gehort zu den Prinzipien der Schulbehorde, die Belange der Angestellten mit niemandem auEer 
dem Angestellten selbst und dem Disziplinarkomitee zu besprechen", sagte er und gab sich dabei 
nicht mal Miihe zu verbergen, welche Genugtuung es ihm bereitete, das zu sagen. 

„Wir beginnen heute mit einer neuen Unterrichtseinheit zur nationalen Sicherheit. Ihre SchulBooks 
haben die neuen Texte. Bitte offnen Sie sie und rufen sie den ersten Bildschirm auf." 

Auf dem Startbildschirm prangte ein DHS-Logo nebst Titel „WAS JEDER AMERIKANER UBER 
HEIMATSCHUTZ WISSEN SOLLTE". 

Am liebsten hatte ich mein SchulBook auf den Boden gepfeffert. 



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Kapitel 13 

Dieses Kapitel ist Books-A-Million gewidmet, einer Kette riesiger Buchladen uberall in den USA. Mit Books-A-Million bin ich 
zum ersten Mai in Beruhrung gekommen, als ich in einem Hotel in Terre Haute, Indiana wohnte (an diesem Tag sollte ich 
eine Rede im Rose Hulman Institute of Technology halten). Der Laden war ganz in der Nahe des Hotels, und ich brauchte 
dringend was zu lesen - Ich war schon einen ganzen Monat auf Achse gewesen, hatte alle Bucher in meinem Koffer durch 
und noch funf weitere Stadte auf dem Reiseplan, bevor ich wieder nach Hause konnte. Und wahrend ich eifrig durch die 
Regale schaute, fragte mich eine Angestellte, ob ich Hilfe benotige. Ich habe selbst schon in Buchladen gearbeitet, und 
Buchhandler mit Erfahrung sind ihr Gewicht in Gold wert; also sagte ich ja und fing an, meinen Geschmack und meine 
Lieblingsautoren zu beschreiben. Die Angestellte lachelte und sagte, „da habe ich genau das richtige Buch fur Sie", und 
dann brachte sie mir meinen ersten Roman, „Down and Out in the Magic Kingdom". Ich brach in Gelachter aus, stellte mich 
vor, und wir hatten eine ganz wunderbare Plauderei uber Science Fiction, die mich fast davon abhielt, rechtzeitig zu meiner 
Redezu kommen! 

Books-A-Million http://www.booksamillion.com/ncom/books?&isbn=0765319853 

Die sind j a absolute Huren", sagte Ange, wobei sie das Wort geradezu ausspuckte. „Nein, das war 
ja eine Beleidigung aller hart arbeitenden Huren. Die - die sind Profiteure." 

Wir blatterten einen Stapel Zeitungen durch, die wir ins Cafe mitgebracht hatten. Sie hatten alle 
„Berichterstattung" tiber die Party in Dolores Park, und ausnahmslos stellten sies so dar, als sei es 
eine Orgie betrunkener, bekiffter Kiddies gewesen, die die Polizei angegriffen hatten. USA Today 
schrieb uber die Kosten der „Ausschreitungen" und vergaE dabei nicht aufzurechnen, was es kosten 
wiirde, die Riickstande des Pfefferspray-Bombardements zu beseitigen, was der Anstieg an Asthma- 
Attacken, die die stadtischen Notaufnahmen verstopft hatten, und was die Behandlung der 
achthundert festgenommenen „Randalierer". 

Niemand erzahlte es aus unserer Sicht. 

„Na ja, zumindest im Xnet steht es richtig", sagte ich. Ich hatte einige Blogeintrage, Videos und 
Fotostreams auf meinem Handy gespeichert und zeigte sie ihr. Darunter waren Erfahrungsberichte 
von Leuten, die vom Gas erwischt worden waren, und von solchen, die man verpriigelt hatte. Auf dem 
Video sah man uns alle tanzen und SpaE haben, man sah die friedlichen politischen Ansprachen und 
den Chorus von „Holt es euch zuriick", man sah Trudy Doo dariiber sprechen, dass wir die einzige 
Generation sei, die noch daran glauben konne, fur unsere Freiheiten zu kampfen. 

„Wir miissen das den Menschen zeigen", sagte sie. 

„Ja", sagte ich finster. „Hubsche Theorie." 

„Warum meinst du denn, dass die Presse unseren Standpunkt nicht veroffentlichen wiirde?" 

„Du hast doch selbst gesagt, es sind Huren." 

„Ja, aber Huren machens fur Geld. Wenn sie eine richtige Kontroverse hatten, konnten sie mehr 
Zeitungen und mehr Anzeigen verkaufen. Was sie bis jetzt haben, ist bloE ein Verbrechen; eine 
Kontroverse ist das viel groEere Thema." 

„Okay, so weit, so gut. Aber warum machen sies dann nicht? Na ja, Reporter finden sich ja schon 
kaum in normalen Blogs zurecht, wie sollen die dann auch noch das Xnet finden? Ist ja auch nicht 
wirklich ein erwachsenenfreundlicher Ort." 

„Stimmt. Aber das lasst sich doch andern, oder?" 

„Achja?" 

„Schreib es alles auf. Tu es alles auf eine Seite, mit alien Links. Eine einzige Site, extra fur die Presse, 
wo sie sich ein vollstandiges Bild machen kann. Verlink die noch mit den How-Tos fur das Xnet. 
Normale Internet- Surfer kommen j a auch ins Xnet, solange es ihnen egal ist, dass das DHS 
mitbekommt, was sie da besuchen." 

„Und du meinst, das kann klappen?" 

„Und wenn nicht, dann haben wir es zumindest versucht." 

107 



„Warum sollten sie uns schon zuhoren?" 

„Wer wiirde denn Mlk3y nicht zuhoren?" 

Ich stellte meinen Kaffee ab. Ich nahm mein Handy und steckte es in die Tasche. Ich stand auf, drehte 
mich auf dem Absatz um und verlieE das Cafe. Ich suchte mir keine bestimmte Richtung aus und ging 
einfach nur los. Mein Gesicht fiihlte sich wie erstarrt an, und mein Magen rebellierte. 

Die wissen, wer du bist, dachte ich. Die wissen, wer Mlk3y ist. Die Sache war gelaufen. Wenn Ange 
es rausgefunden hatte, dann das DHS j a wohl erst recht. Ich war gelief ert. Ich hatte es von dem 
Moment an gewusst, in dem ich aus dem DHS-Truck aussteigen durfte: Eines Tages wiirden sie 
kommen, um mich zu holen und mich fur immer verschwinden zu lassen, dort, wo sie auch Darryl 
hatten verschwinden lassen. 

Alles war aus. 

Auf Hohe Market Street rannte sie mich fast um. Sie war auEer Atem und sah ziemlich wiitend aus. 

„Was zum Teufel ist ihr Problem, mein Herr?" 

Ich schiittelte sie ab und ging weiter. Alles war aus. 

Sie packte mich wieder. „H6r auf damit, Marcus, du machst mir Angst. Komm schon, sprich mit mir." 

Ich hielt an und schaute sie an. Sie verschwamm vor meinen Augen. Ich sah alles nur unscharf. Und 
ich hatte diesen wahnsinnigen Drang, mich einfach vor die StraEenbahn zu werfen, die grade an uns 
vorbeiratterte, hier, mitten auf der StraEe. Lieber sterben als noch mal dorthin zuriick. 

„Marcus!" Sie tat etwas, was ich bisher nur aus Filmen kannte: Sie haute mir eine runter, und zwar 
hart ins Gesicht. „Sprich mit mir, verdammtnochmal!" 

Ich sah sie an und befiihlte mein Gesicht, das brannte wie Holle. 

„Niemand darf wissen, wer ich bin", sagte ich. „Ich kanns nicht anders sagen. Wenn du es weiEt, dann 
ist es vorbei. Sobald andere Leute es wissen, ist es gelaufen." 

„Oh Gott, es tut mir Leid. Hey, ich weiE das bloE, weil, also, ich hab Jolu erpresst. Nach der Party hab 
ich dir ein bisschen hinterhergeschnuffelt, um rauszukriegen, ob du wirklich so nett bist, wie du 
wirkst, oder vielleicht doch ein heimlicher Serienkiller. Jolu kenn ich schon ewig, und als ich ihn iiber 
dich ausgefragt habe, da hat er von dir geschwarmt, als warst du der nachste Messias oder so; aber ich 
hab gemerkt, dass da immer noch was war, womit er nicht rausriicken wollte. Ich kenn ihn also schon 
ewig; und er war mal im Computer-Camp hinter meiner alteren Schwester her, als er nochn Kind war. 
Ich weiE ein paar ziemlich schmutzige Sachen iiber ihn. Und ich hab ihm gesagt, ich wiirde die in der 
Welt rumposaunen, wenn er mir nicht alles erzahlt." 

„Und dann hat ers dir erzahlt." 

„Nein", sagte sie. „Er meinte, ich konne mich mal gehackt legen. Dann hab ich ihm also was iiber 
mich erzahlt. Etwas, was ich iiberhaupt noch niemandem erzahlt habe." 

„Was denn?" 

Sie schaute mich an. Blickte sich um, blickte wieder zu mir. „Okay, ich lass dich jetzt nicht 
Verschwiegenheit schworen; was soils? Entweder ich kann dir trauen oder nicht. 

Letztes Jahr hab ..." Sie stockte. „Letztes Jahr hab ich die standardisierten Tests geklaut und im 
Internet veroffentlicht. War eigentlich nur zum SpaE. Ich kam zufallig am Biiro des Schulleiters 
vorbei und sah sie im Safe, und die Tiir war offen. Ich bin also reingehuscht - da waren sechs 
Exemplare, und ich hab mir eins davon in die Tasche gesteckt und bin wieder raus. Daheim hab ich 
sie gescannt und auf einem Piratenpartei-Server in Danemark veroffentlicht." 

„Du warst das?" 

Sie errotete. „Hm, ja." 

108 



„Heilige ScheiEe!" Das war wirklich ne dolle Sache gewesen. Das Erziehungsministerium sagte 
damals, dass es etliche Millionen Dollar gekostet habe, ihre „Kein Kind wird zuriickgelassen"-Tests 
produzieren zu lassen, und dass sie jetzt nach dem Leek gleich noch mal dieselbe Summe ausgeben 
miissten. Sie sprachen von „Bildungsterrorismus", und in den Nachrichten wurde spekuliert ohne 
Ende iiber die politischen Motive des Taters; man fragte sich, ob es ein Lehrerprotest war, ein Schiiler, 
ein Dieb oder ein unzufriedener Behordenmitarbeiter. 

„DU warst das?" 

„Ich war das." 

„Und du hast es Jolu erzahlt ..." 

„Weil ich ihm zeigen wollte, dass er sich drauf verlassen kann, dass ich das Geheimnis fur mich 
behalte. Wenn er mein Geheimnis kennt, dann hat er was gegen mich in der Hand, das mich ins 
Gefangnis bringen wurde, falls ich meine Falle offne. Bisschen geben, bisschen nehmen. Quid pro 
quo, wie in Schweigen der Lammer." 

„Und dann hat er es dir erzahlt." 

„Nein, hat er nicht." 

„Aber ..." 

„Dann hab ich ihm erzahlt, wie total verknallt ich in dich bin und dass ich bereit war, mich vollig zum 
Depp zu machen, nur um dich zu kriegen. Dann hat er es mir erzahlt." 

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und guckte meine Zehen an. Sie nahm meine Hande und 
driickte sie. 

„Es tut mir Leid, dass ich es aus ihm rausgepresst habe. Es ware deine Entscheidung gewesen, es mir 
zu erzahlen oder eben nicht. Es stand mir nicht zu ..." 

„Nein", sagte ich. Jetzt, da ich wusste, wie sies erfahren hatte, beruhigte ich mich langsam wieder. 
„Nein, es ist gut, dass du es weiEt. Du." 

„Ich", sagte sie. „Ich dummes kleines Ding." 

„Okay, ich kann damit leben. Aber da ist noch eine Sache." 

„Was?" 

„Keine Ahnung, wie ich es sagen soil, ohne wie ein kompletter Idiot zu klingen, aber ... egal. Also: 
Wenn Leute zusammen sind, oder wie immer man das nennen soil mit uns, dann trennen sie sich 
manchmal. Und wenn sie sich trennen, dann sind sie bose aufeinander. Manchmal hassen sie sich 
sogar. Eigentlich zu finster, auch nur driiber nachzudenken bei dir und mir, aber weiEt du, wir miissen 
driiber nachdenken." 

„Ich verspreche hoch und heilig, dass nichts, was du jemals tun konntest, mich dazu bringen konnte, 
dein Geheimnis zu verraten. Nichts. Vogel ein Dutzend Cheerleader in meinem Bett, wahrend meine 
Mutter zuschaut. Zwing mich, Britney Spears zu horen. Zerleg meinen Laptop, hau ihn mit Hammern 
zu Brei und weich ihn in Meerwasser ein. Ich verspreche es dir. Nichts, niemals." 

Ich atmete sehr tief aus. 

„Hm." 

„Jetzt ware ein guter Moment, mich zu kiissen", sagte sie und wandte mir ihr Gesicht entgegen. 



Mlk3ys nachstes groEes Xnet-Projekt war die ultimative Zusammenstellung von Berichten iiber die 
Trau-Keinem-Party in Dolores Park. Ich machte daraus die groEte und rattenscharfste Website, die mir 



109 



nur moglich war, die gesamte Action aufgeschliisselt nach Orten, nach Zeit, nach Kategorien - 
Polizeigewalt, Tanzen, Nachwirkungen, Gesang. Dazu lud ich das komplette Konzert hoch. 

Das war so ziemlich alles, was ich den Rest der Nacht machte. Und die nachste Nacht. Und die 
iibernachste. 

Meine Mailbox quoll iiber mit Anregungen von Anderen, die mir Aufzeichnungen aus ihren Handys 
und ihren Kompaktkameras zusandten. Dann bekam ich eine E-Mail von jemandem, dessen Namen 
ich kannte - Dr. Eeevil (mit drei „E"), einem der fuhrenden Kopfe hinter ParanoidLinux. 

> Mlk3y 

> Ich habe dein Xnet-Experiment sehr interessiert verfolgt. Hier in Deutschland haben wir eine 
Menge Erfahrung damit, was passiert, wenn Regierungen auBer Kontrolle geraten. 

> Eine Sache solltest du wissen: Jede Kamera hat eine einzigartige „Rausch-Signatur" , die man 
spdter dazu verwenden kann, ein Bild einer bestimmten Kamera zuzuordnen. Das bedeutet, dass 
Fotos, die du aufdeiner Site veroffentlichst, moglicherweise dazu benutzt werden konnen, ihre 
Fotografen zu identifizieren, falls sie spdter mal wegen was anderem hochgenommen werden. 

> Es istzum Gliick nicht schwer, die Signaturen zu entfernen, wenn du dir die Miihe machen willst. In 
der ParanoidLinux-Distro, die du benutzt, gibt es dafiir ein Tool. Es heiBt photonomous, und es steckt 
in /usr/bin. Lies einfach die Hilfeseiten als Anleitung. 1st aber eigentlich simpel. 

> Viel Gliick bei dem, was du da tust. Lass dich nicht schnappen. Bleib frei. Bleib paranoid. 

> Dr Eeevil 

Ich beseitigte die Signaturen von alien Fotos, die ich gepostet hatte, und lud sie dann wieder hoch, 
zusammen mit einem Bericht dariiber, was Dr. Eeevil mir erzahlt hatte, und der dringenden Bitte an 
alle anderen, es genauso zu machen, um all unsere Fotos zu anonymisieren. Mit den Fotos, die schon 
runtergeladen und gespeichert waren, konnten wir nichts mehr machen, aber von jetzt an wiirden wir 
schlauer sein. 

Weiter dachte ich in dieser Nacht nicht iiber die Sache nach, bis ich am nachsten Morgen zum 
Fruhstuck runterkam und Mom das Radio anhatte, wo die NPR-Morgennachrichten liefen. 

„Die arabische Nachrichtenagentur Al-Dschassira verbreitet Fotos, Videos und Augenzeugenberichte 
vom Jug endauf stand am vorigen Wochenende in Mission Dolores Park", sagte der Sprecher, wahrend 
ich grade ein Glas Orangensaft trank. Irgendwie schaffte ich es, ihn nicht iiber den ganzen Raum zu 
verspriihen, aber ein bisschen verschluckte ich mich dann doch. 

„Al-Dschassira-Reporter geben an, dass diese Berichte im so genannten ,Xnet' veroffentlicht wurden, 
einem Untergrund-Netzwerkvon Studenten und Al-Kaida-Sympathisanten in der Bay Area. Uber die 
Existenz dieses Netzwerks wurde schon lange spekuliert, doch der heutige Tag markiert seine 
erstmalige Erwahnung in Massenmedien. " 

Mom schiittelte den Kopf. „Das fehlte uns noch. Als ob die Polizei nicht schon schlimm genug ware. 
Kids, die rumrennen und glauben, eine Guerilla-Armee zu sein, geben denen doch bloE einen 
Vorwand, noch harter zuzuschlagen." 

„Die Weblogs im Xnet sind voll mitHunderten von Berichten und Multimedia-Dateien junger 
Menschen, die bei dem Aufruhr dabeiwaren und behaupten, es sei eine friedfertige Versammlung 
gewesen, bis die Polizei sie angegriffen habe. Hier ist einer dieser Berichte: 

,Alles, was wir machten, war tanzen. Ich hatte meinen kleinen Bruder mitgebracht. Bands spielten, 
und wir redeten iiber Freiheit und dariiber, dass wir aufdem besten Weg sind, sie an diese Idioten zu 
verlieren, die behaupten, Terroristen zu hassen, aber uns dann angreifen, als ob wir Terroristen sind 
und nicht Amerikaner. Ich glaube, die hassen die Freiheit, nicht uns. 

Wir haben getanzt, und die Bands spielten, und alles war lustig und einfach toll, und dann briillten 
die Polizisten uns an, wir sollten auseinandergehen. Wir schrien alle, holt es euch zuriick!, und damit 

110 



meinten wir, holt euchAmerika zuriick. Die Polizei hat uns mit Pfefferspray angegriffen. Mein kleiner 
Bruder istzwolf der konnte drei Tage lang nicht in die Schule gehen. Meine ddmlichen Eltern 
behaupten, das sei meine Schuld. Und was ist mit der Polizei? Wir bezahlen die dafur, uns zu 
beschutzen,aber die haben uns ohne Grund mit Pfefferspray begast, als ob wir feindliche Soldaten 
seien. ' 

Ahnliche Berichte, einschlieBlich Video und Audio, konnen Sie auf Al-Dschassiras Website und im 
Xnet finden. Wie Sie dieses Xnet erreichen, erfahren Sie auf der Homepage von NPR. " 

Dad kam ranter. 

„Benutzt du das Xnet?", wollte er wissen. Er blickte mir eindringlich ins Gesicht. Mir wurde libel. 

„Das ist fur Computerspiele", sagte ich. „Jedenfalls benutzen die meisten Leute es dafiir. Es ist bloE 
ein drahtloses Netzwerk. Das hat jeder mal ausprobiert, als sie letztes Jahr diese Xboxen verschenkt 
haben." 

Er sah mich finster an. „Spiele? Marcus, du scheinst nicht zu begreifen, dass du damit Leuten eine 
Tarnung verschaffst, die dieses Land angreifen und zerstoren wollen. Ich mochte nicht, dass du dieses 
Xnet noch ein Mal benutzt. Nie wieder. Haben wir uns verstanden?" 

Ich wollte diskutieren. Ach verdammt, ich wollte ihn an den Schultern packen und schiitteln. Aber ich 
lieE es sein. Ich sagte „Na klar, Dad" und verschwand in die Schule. 



Zuerst war ich erleichtert, als ich merkte, dass Fred Benson nicht dauerhaft fur meinen 
Gesellschaftskunde-Kurs zustandig war. Aber die Frau, die ihn ersetzen sollte, war mein schlimmster 
Alptraum. 

Sie war Jung, vielleicht 28 oder 29, und auf so eine gesunde Weise hiibsch. Sie war blond und lieE 
einen leichten Siidstaaten-Akzent durchschimmern, als sie sich bei uns als Mrs. Andersen vorstellte. 
Das lieE bei mir sofort die Alarmglocken klingeln: Ich kannte keine Frau unter sechzig, die sich selbst 
„Mrs." nannte. 

Aber dariiber wollte ich hinwegsehen. Sie war Jung, hiibsch und klang nett. Sie wurde schon okay 
sein. 

Sie war nicht okay. 

„Unter welchen Umstanden sollte die Regierung bereit sein, die Bill of Rights auEer Kraft zu 
setzen?", fragte sie und drehte sich dabei an die Tafel, um die Zahlen von eins bis zehn 
untereinanderzuschreiben. 

„Gar nicht", sagte ich, ohne abzuwarten, dass sie mich aufrief. Das war ja wohl leicht. 
„Verfassungsrechte sind absolut." 

„Das ist keine sonderlich fortschrittliche Ansicht." Sie schaute auf ihren Sitzplan. „Marcus. Nimm 
zum Beispiel einen Polizisten, der eine unzulassige Durchsuchung durchfuhrt und dabei seine 
Befugnisse iiberschreitet. Dabei stoEt er auf erdriickende Beweise, dass ein Krimineller deinen Vater 
getotet hat. Diese Beweise sind die einzigen, die existieren. Sollte der Kriminelle ungeschoren 
davonkommen?" 

Ich wusste, wie die Antwort lauten musste, aber ich konnte es nicht recht erklaren. „Ja", sagte ich 
schlieElich. „Aber die Polizei sollte keine unzulassigen Durchsuchungen durchfuhren ..." 

„Falsch. Die richtige Reaktion auf polizeiliches Fehlverhalten sind DisziplinarmaEnahmen, aber es 
ware falsch, die ganze Gesellschaft fur das Fehlverhalten eines einzelnen Polizisten zu bestrafen." Sie 
schrieb „Verbrecherische Schuld" unter Punkt eins an die Tafel. 

„Andere Anlasse, bei denen die Bill of Rights ersetzt werden kann?" 

Charles hob die Hand. „In einem uberfullten Theater Feuer schreien?" 

Ill 



„Sehr gut, ..." - sie konsultierte den Sitzplan - „Charles. Es gibt viele Umstande, unter denen das First 
Amendment keine absolute Giiltigkeit hat. Lasst uns noch ein paar davon zusammentragen." 

Charles hob die Hand noch mal. „Einen Exekutivbeamten in Gefahr bringen." 

„Ja, die Identitat eines verdeckten Ermittlers oder Geheimdienstlers offenlegen. Sehr gut." Sie schrieb 
es auf. „Noch etwas?" 

„Nationale Sicherheit", sagte Charles, ohne nochmals aufs Aufrufen zu warten. „Verleumdung. 
Obszonitat. Missbrauch Minderj ahriger. Kinderpornografie. Bombenbauanleitungen." 

Mrs. Andersen schrieb ziigig mit, hielt aber bei Kinderpornografie inne. „Kinderpornografie ist nur 
eine Unter art von Obszonitat." 

Mir wurde langsam schlecht. Das war nicht das, was ich iiber mein Land gelernt hatte oder woran ich 
glaubte. Ich hob die Hand. 

„Ja, Marcus?" 

„Ich verstehe das nicht. Wie Sie es sagen, klingt das, als ob die Bill of Rights optional ware. Aber es 
ist die Verfassung. Und der sollen wir uneingeschrankt Folge leisten." 

„Das ist eine verbreitete Ubervereinfachung", sagte sie mit aufgesetztem Lacheln. „Tatsache ist, dass 
die Gestalter der Verfassung sie als ein lebendiges Dokument verstanden, das durchaus im Lauf der 
Zeit revidiert werden sollte. Ihnen war klar, dass die Republik keinen dauerhaften Bestand haben 
konnte, wenn die jeweilige Regierung nicht den j eweiligen Bediirfnissen entsprechend regieren 
konnte. Sie hatten nicht vorgesehen, dass man an die Verfassung glauben solle wie an eine religiose 
Doktrin. Immerhin waren sie auf der Flucht vor religioser Doktrin hierher gekommen." 

Ich schiittelte den Kopf. „Was? Nein. Sie waren Kaufleute und Handwerker, und sie waren dem Konig 
so lange loyal verbunden, bis er Gesetze erlieE, die ihren Interessen zuwiederliefen, und sie mit 
Gewalt durchzusetzen versuchte. Die religiosen Fliichtlinge waren schon viel fruher." 

„Einige der Framer 5 stammten von religiosen Fluchtlingen ab", sagte sie. 

„Und die Bill of Rights ist doch nicht etwas, aus dem man sich nach Belieben rauspicken kann, was 
man mochte. Die Framer hassten Tyrannei. Und genau das soil die Bill of Rights verhindern. Sie 
waren eine Revolutionsarmee, und sie wollten ein Regelwerk, dem jeder zustimmen konnte. Leben, 
Freiheit und das Streben nach Gliick. Das Recht des Volkes, seine Unterdriicker zu beseitigen." 

„Ja, ja", sagte sie gestikulierend. „Sie glaubten an das Recht des Volkes, seine Konige zu beseitigen, 
aber ..." Charles grinste, und als sie das sagte, grinste er noch viel breiter. 

„Sie erarbeiteten die Bill of Rights, weil sie dachten, es sei besser, absolute Rechte zu haben, als zu 
riskieren, dass irgendjemand sie ihnen wegnimmt. Wie beim First Amendment: Das ist dazu gedacht, 
uns zu beschiitzen, indem es der Regierung untersagt, zwei Sorten von MeinungsauEerung zu 
unterscheiden, die erlaubte und die kriminelle. Sie wollten nicht das Risiko eingehen, dass irgendein 
Idiot auf die Idee kame, die Dinge, die ihm nicht passten, als illegal zu deklarieren." 

Sie drehte sich um und schrieb „Leben, Freiheit und das Streben nach Gliick" an die Tafel. 

„Wir sind dem Lehrplan schon ein bisschen voraus, aber ihr scheint eine fortgeschrittene Gruppe zu 
sein." Die anderen lachten nervos. 

„Die Aufgabe der Regierung ist es, die Rechte der Burger auf Leben, Freiheit und das Streben nach 
Gliick zu gewahrleisten. In dieser Reihenfolge. Das ist wie ein Filter. Wenn die Regierung etwas 
unternehmen mochte, das uns ein wenig unzufriedener macht oder unsere Freiheit teilweise 
einschrankt, dann ist das okay, vorausgesetzt, es client dazu, unser Leben zu schiitzen. Deshalb diirfen 
Polizisten euch einsperren, wenn sie glauben, dass ihr eine Gefahr fur euch oder andere darstellt. Ihr 



5 Autoren der Verfassung von 1787, als solche sozusagen die zweite Welle der Griindervater, siehe auch 
http://en.wikipedia.org/wiki/Founding Fathers of the United States AdU 

112 



verliert eure Freiheit und eure Freude, urn Leben zu schiitzen. Wenn ihr Leben habt, dann bekommt 
ihr vielleicht spater noch Freiheit und Freude dazu." 

Ein paar von den anderen hatten die Hande oben. „Aber bedeutet das nicht, dass sie tun konnen, was 
immer sie wollen, solange sie behaupten, dass es jemanden davon abhalt, uns irgendwann in der 
Zukunft zu verletzen?" 

„Genau", meinte ein anderer. „Es klingt, als ob Sie sagen, dass nationale Sicherheit wichtiger ist als 
die Verfassung." 

In diesem Moment war ich so was von stolz auf meine Mitschiiler. Ich sagte, „wie konnen Sie denn 
Freiheit schiitzen, indem Sie die Bill of Rights auEer Kraft setzen?" 

Sie schuttelte den Kopf, als ob wir unglaublich dumm seien. „Die ,revolutionaren' Griindervater 
haben Verrater und Spione erschossen. An absolute Freiheit haben sie nicht geglaubt, nicht wenn sie 
die Republik bedrohte. Nehmt zum Beispiel diese Xnet-Leute ..." 

Es fiel mir schwer, nicht zu erstarren. 

„... diese so genannten Jammer, die heute friih in den Nachrichten waren. Nachdem diese Stadt von 
Leuten angegriffen worden war, die diesem Land den Krieg erklart haben, machten die Xnetter sich 
daran, die SicherheitsmaRnahmen zu sabotieren, die dazu dienten, Bosewichter zu fangen und sie von 
Wiederholungstaten abzuhalten. Das taten sie, indem sie ihre Mitbiirger gefahrdeten und ihnen Arger 
bereiteten ..." 

„Das taten sie, um zu zeigen, dass unsere Rechte geraubt wurden unter dem Vorwand, sie zu 
schiitzen!", sagte ich. Okay, ich schrie es. Oh Gott, hatte die mich in Fahrt gebracht. „Sie haben es 
getan, weil die Regierung jeden wie einen Terrorverdachtigen behandelt hat." 

„Ach, und um zu beweisen, dass man sie nicht wie Terroristen behandeln sollte", briillte Charles 
zuriick, „haben sie sich wie Terroristen benommen? Deshalb haben sie ihren Terror ausgeiibt?" 

Ich kochte. 

„Jetzt komm mal runter. Terror ausgeiibt? Sie haben bloE gezeigt, dass allgegenwartige Uberwachung 
gefahrlicher ist als Terrorismus. Denk mal an den Park letztes Wochenende. Die Leute da haben 
getanzt und Musik gehort. Was ist denn daran Terrorismus?" 

Die Lehrerin kam durch den Raum auf mich zu und postierte sich iiber mir, bis ich still war. „Marcus, 
du scheinst noch zu glauben, dass sich in diesem Land nichts geandert hat. Aber du hast zu begreifen, 
dass die Sprengung der Bay Bridge alles geandert hat. Tausende unserer Freunde und Verwandten 
liegen tot da unten in der Bay. Dies ist die Zeit fur nationale Einheit angesichts dieser Gewalt, die 
unser Land erleiden musste ..." 

Ich stand auf. Dieses „Alles hat sich geandert"-Geseiher ging mir bis hier. „Nationale Einheit? Was 
Amerika ganz wesentlich ausmacht, ist doch wohl, dass wir ein Land sind, in dem Dissens 
willkommen ist. Wir sind ein Land von Dissidenten und Kampfern und Uniabbrechern und Aktivisten 
fur Meinungsfreiheit." 

Dann dachte ich an Ms. Galvez' letzte Stunde und an die Tausende von Berkeley-Studenten, die den 
Polizeiwagen eingekesselt hatten, als dieser eine Typ fur das Verteilen von Biirgerrechts-Literatur 
abtransportiert werden sollte. Niemand hatte versucht, die Trucks aufzuhalten, die mit all den Tanzern 
aus dem Park davonfuhren. Ich hatte es nicht versucht. Ich war weggelaufen. 

Vielleicht hatte sich j a wirklich alles geandert. 

„Ich glaube, du weiEt, wo Mr. Bensons Biiro ist", sagte sie zu mir. „Du wirst dich unverziiglich dort 
melden. Ich werde es nicht dulden, dass mein Unterricht von respektlosem Verhalten gestort wird. Fur 
jemanden, der behauptet, die Meinungsfreiheit zu lieben, wirst du ziemlich laut, sobald irgend j em and 
nicht deiner Meinung ist." 



113 



Ich schnappte mein SchulBook und meine Tasche und stiirmte raus. Die Tiir hatte eine Gasfeder, 
deshalb konnte ich sie nicht hinter mir zuknallen; ich hatte sie gern zugeknallt. 

Ich ging ziigig zu Mr. Bensons Biiro. Kameras filmten mich auf dem Weg dorthin. Mein Gang wurde 
aufgezeichnet. Die RFIDs in meinem Schiilerausweis funkten meine Identitat an die Sensoren im Flur. 
Es war hier wie im Knast. 

„SchlieR die Tiir, Marcus", sagte Mr. Benson. Dann drehte er seinen Monitor herum, so dass ich den 
Videostream aus der Gesellschaftskunde-Klasse sehen konnte. Er hatte zugeschaut. 

„Was hast du zu deiner Entschuldigung vorzubringen?" 

„Das war kein Unterricht, das war Propaganda. Sie hat uns gesagt, dass die Verfassung belanglos ist." 

„Nein. Sie hat gesagt, dass sie keine religiose Doktrin ist. Und du hast sie angegangen wie irgendein 
Fundamentalist und damit genau ihren Standpunkt bewiesen. Marcus, du solltest als allererster 
wissen, dass sich alles geandert hat, seit die Briicke gesprengt wurde. Dein Freund Darryl ..." 

„Wagen Sie es nicht, auch nur ein verdammtes Wort iiber ihn zu sagen", sagte ich schaumend vor 
Arger. „Es steht ihnen nicht zu, ihn auch nur zu erwahnen. Ja, ich habe verstanden, dass sich alles 
geandert hat. Wir waren mal ein freies Land. Jetzt nicht mehr." 

„Marcus, weiEt du, was Null-Toleranz bedeutet?" 

Ich zuckte zusammen. Er konnte mich wegen „bedrohenden Verhaltens" rauswerfen. Eigentlich war 
die Regel als MaEnahme gegen Gang-Kids gedacht, die ihre Lehrer einzuschiichtern versuchten. Aber 
natiirlich wurde er keinerlei Hemmungen haben, sie auch gegen mich einzusetzen. 

„Ja, ich weiE, was das bedeutet." 

„Ich glaube, du schuldest mir eine Entschuldigung." 

Ich sah ihn an. Er unterdriickte sein sadistisches Lacheln nur unzureichend. Ein Teil von mir wollte 
kuschen. Dieser Teil wollte, Scham hin oder her, um seine Verzeihung winseln. Aber ich unterdriickte 
diesen Teil von mir und beschloss, dass ich mich lieber rauswerfen lassen wurde, als um Verzeihung 
zu bitten. 

„daE, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein miissen, deren voile Gewalten von der 
Zustimmung der Regierten herkommen; daE zu jeder Zeit, wenn irgend eine Regierungsform 
zerstorend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu andern oder abzuschaffen, 
eine neue Regierung einzusetzen, und diese auf solche Grundsatze zu griinden, und deren Gewalten in 
solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Gliicke am zweckmaEigsten 
erscheint." Ich erinnerte mich Wort fur Wort daran. 

Er schiittelte den Kopf. „Etwas auswendig zu wissen ist nicht dasselbe wie es zu begreifen, Kleiner." 
Er biickte sich iiber den Computer und klickte ein paar Mal. Der Drucker surrte. Dann reichte er mir 
ein noch warmes Blatt mit dem Behorden-Briefkopf, auf dem stand, dass ich fur zwei Wochen vom 
Unterricht ausgeschlossen war. 

„Ich schi eke jetzt deinen Eltern eine E-Mail. Wenn du in einer halben Stunde noch auf dem 
Schulgelande bist, wirst du wegen Hausfriedensbruchs verhaftet." 

Ich biickte ihn an. 

„Du willst nicht wirklich in meiner eigenen Schule Krieg gegen mich erklaren. Diesen Krieg kannst 
du nicht gewinnen. RAUS!" 

Ich ging. 



114 



Kapitel 14 

Dieses Kapitel ist der unvergleichlichen Mysterious Galaxy in San Diego, Kalifornien gewidmet. Die Leute von Mysterious 
Galaxy laden mich jedes Mai zu einer Signierstunde ein, wenn ich zu einer Konferenz oder zum Unterrichten in San Diego 
bin (an der San Diego State University im nahen La Jolla, CAfindet der Clarion Writers' Workshop statt), und jedes Mai ist 
die Bude gerammelt voll. Dieser Laden hat eine treue Kundschaft aus Hardcore-Fans, die sich drauf verlassen konnen, dort 
hervorragende Empfehlungen und Ideen zu bekommen. Im Sommer2007 nahm ich meinen Autoren-Kurs bei Clarion zum 
mitternachtlichen Erstverkauf des letzten Harry Potter in die Buchhandlung mit, und ich habe niemals sonst eine so 
ausgelassene, unglaublich lustige Party in einem Geschaft erlebt. 

Mysterious Galaxy http://mysteriousgalaxy.booksense.com/NASApp/store/Product?s=showproduct&isbn=9780765319852 
7051 Clairemont Mesa Blvd., Suite #302 San Diego, CA USA 92111 +1 858 268 4747 

Das Xnet machte tagsiiber keinen SpaR, wenn alle regelmaRigen Benutzer in der Schule waren. 
Ich hatte den Schrieb zusammengefaltet und in die hintere Jeanstasche gesteckt, und als ich 
heimkam, warf ich ihn auf den Kiichentisch. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer und schaltete die 
Glotze ein. Ich sah nie Fernsehen, aber ich wusste, dass meine Eltern es taten. Fernsehen, Radio und 
Zeitungen waren es, wo sie ihre Ideen iiber die Welt her hatten. 

Die Nachrichten waren fiirchterlich. Es gab so viele Griinde, Angst zu haben. Amerikanische Soldaten 
starben iiberall auf der Welt. Und im Ubrigen nicht bloE Soldaten. Auch Nationalgardisten, die sich 
vermutlich gemeldet hatten, um nach Wirbelsturmen Menschenleben zu retten, und die jetzt auf Jahre 
hinaus fur einen endlos langen Krieg in Ubersee stationiert waren. 

Ich zappte durch die Nachrichtensender, einen nach dem anderen, und sah eine Parade von 
Wiirdentragern, die uns erzahlten, warum wir Angst haben sollten, und eine Parade von Fotos von 
Bomben, die iiberall auf der Welt hochgingen. 

Ich zappte weiter und sah plotzlich ein vertrautes Gesicht. Es war der Typ, der damals in den Truck 
gekommen war und mit Frau Strenger Haarschnitt gesprochen hatte, wahrend ich hinten angekettet 
war. Der in der Militaruniform. Die Unterschrift wies ihn aus als Major General Graeme Sutherland, 
Regional Commander, DHS. 

„Hier in meinen Handen halte ich Literatur, die bei dem angeblichen Konzert in Dolores Park am 
vergangenen Wochenende angeboten wurde." Er hielt einen Stapel Pamphlete hoch. Ich erinnerte 
mich, dort viele Leute mit Handzetteln gesehen zu haben. Sobald sich in San Francisco eine Gruppe 
von Menschen traf, waren auch Handzettel dabei. 

„Bitte schauen Sie sich das einen Moment an. Ich lese mal die Titel vor. OHNE ZUSTIMMUNG 
DER REGIERTEN: EIN BURGERLEITFADEN ZUM UMSTURZ DES STAATES. Nehmen wir den 
hier: SIND DIE ANSCHLAGE VOM 11. SEPTEMBER WIRKLICH PASSIERT? Und noch einer: 
WIE MAN IHRE SICHERHEITSMAENAHMEN GEGEN SIE WENDET. Diese Literatur zeigt uns, 
wobei es bei der illegalen Zusammenrottung Samstagnacht wirklich ging. Es war nicht bloE eine 
unsichere Versammlung von Tausenden Leuten ohne entsprechende Vorkehrungen oder auch bloE 
Toiletten. Es war eine Rekrutierungsveranstaltung fur den Feind. Es war der Versuch, Kindern 
missbrauchlich die Idee einzuimpfen, dass Amerika sich nicht mehr selbst verteidigen sollte. 

Nehmen Sie diesen Slogan, TRAU KEINEM UBER 25. Wie konnte man besser gewahrleisten, dass 
keine umsichtige, ausgewogene Diskussion erwachsener Menschen deiner Pro-Terroristen-Botschaft 
in die Quere kommt, als Erwachsene von vornherein auszuschlieEen und die Gruppe auf leicht 
beeinflussbare junge Menschen zu begrenzen? 

Als die Polizei am Ort des Geschehens erschien, fand sie eine Rekrutierungsveranstaltung fur die 
Feinde Amerikas in vollem Gange. Die Versammlung hatte bereits die Nachtruhe von Hunderten 
Anwohnern gestort, von denen keiner im Vorfeld in die Planung dieser nachtlichen Rave-Party 
einbezogen worden war. 

Die Polizisten forderten diese Leute auf, sich zu zerstreuen - das ist auf alien Videos zu sehen -, und 
als das Partyvolk sie angriff, von den Musikern auf der Biihne aufgestachelt, setzte die Polizei nicht- 
todliche Massenkontroll-Techniken ein, um sie unter Kontrolle zu bringen. 

115 



Die Festgenommenen waren Radelsfiihrer und Provokateure, die Tausende beeinflussbarer junger 
Menschen dazu brachten, die Polizisten anzugreifen. 827 von ihnen wurden in Gewahrsam 
genommen. Viele von diesen Leuten waren schon friiher straffallig geworden. Gegen mehr als hundert 
lagen bereits Haftbefehle vor. Sie sind nach wie vor inhaftiert. 

Meine Dam en und Herren, Amerika fiihrt einen Krieg an vielen Fronten, aber unser Land ist nirgends 
starker gefahrdet als hier in der Heimat. Sei es, dass wir von Terroristen angegriffen werden oder von 
jenen, die mit ihnen sympathisieren." 

Ein Reporter hob die Hand und fragte: „General Sutherland, sie wollen doch sicherlich nicht 
behaupten, dass diese Kinder, bloE weil sie eine Party im Park besucht haben, Terror-Sympathisanten 
sind?" 

„Naturlich nicht. Aber wenn junge Menschen unter den Einfluss der Feinde unseres Landes geraten, 
wachst ihnen so eine Sache schnell iiber den Kopf. Terroristen wurden liebend gern eine funfte 
Kolonne rekrutieren, die fur sie den Krieg an der Heimatfront fiihrt. Waren dies meine Kinder, ich 
wiirde mir ernsthaft Sorgen machen." 

Ein anderer Reporter griff den Faden auf. „Aber wir reden hier lediglich von einem Open-Air- 
Konzert, General. Es fand wohl kaum Drill mit Gewehren statt." 

Der General holte einen StoE Fotos hervor und begann sie emporzuhalten. „Dies sind Fotos, die 
Beamte mit Infrarot-Kameras aufgenommen haben, bevor sie dort vorriickten." Er hob sie zu seinem 
Gesicht empor und blatterte eins nach dem anderen auf. Es waren wild tanzende Menschen zu sehen, 
so wild, dass sie andere umrempelten oder auf sie traten. Dann folgten Sex-Szenen bei den Baumen, 
ein Madchen mit drei Typen, zwei knutschende Jungs. „Bei diesem Event waren Kinder anwesend, 
die teilweise nicht alter als zehn Jahre waren. Ein todlicher Cocktail aus Drogen, Propaganda und 
Musik hat zu Dutzenden Verletzten gefuhrt. Es grenzt an ein Wunder, dass keine Toten zu beklagen 
sind." 

Ich schaltete den Fernseher aus. Sie stellten es dar, als ware es ein Aufstand gewesen. Wenn meine 
Eltern ahnten, dass ich auch dort war, wurden sie mich einen Monat lang ans Bett binden und mich 
hinterher nur noch mit einem Funkhalsband wieder rauslassen. 

A propos: sie wurden ziemlich angepisst sein, wenn sie rausfanden, dass ich freigestellt war. 



Sie nahmen es jedenfalls nicht gut auf. Dad wollte mich zur Schnecke machen, aber Mom und ich 
konnten es ihm noch ausreden. 

„Du weiEt genau, dass dieser Konrektor es schon seit Jahren auf Marcus abgesehen hat", sagte Mom. 
„Als wir ihn das letzte Mai sprachen, hast du hinterher eine Stunde lang iiber ihn geflucht. Ich 
erinnere mich, dass mehrfach das Wort ,Arschloch' gefallen ist." 

Dad schiittelte den Kopf. „Den Unterricht zu unterbrechen, um gegen die Heimatschutzbehorde zu 
wettern ..." 

„Es ist ein Gesellschaftskunde-Kurs, Dad." Mir war mittlerweile alles egal, aber ich fand, wenn mir 
Mom schon in die Bresche sprang, dann sollte ich sie nicht hangen lassen. „Wir haben iiber das DHS 
gesprochen. Ist Diskutieren denn nichts Gutes mehr?" 

„H6r mal, Sohn", sagte er. In letzter Zeit sagte er viel zu oft „Sohn" zu mir. Fiihlte sich an, als ob er 
aufgehort hatte, mich als Person zu betrachten, und mich statt dessen als so ne Art halbfertige Larve 
sah, die Fiihrung und Anleitung beim Entpuppen brauchte. Ich hasste das. „Du wirst dich endlich an 
die Tatsache gewohnen miissen, dass wir heute in einer veranderten Welt leben. Du hast 
selbstverstandlich immer noch das Recht, deine Meinung zu auEern, aber du musst bereit sein, die 
Konsequenzen daraus zu tragen. Du musst endlich begreifen, dass es da drauEen Leute gibt, die leiden 
und die nicht gewillt sind, die Feinheiten des Verfassungsrechts zu diskutieren, wahrend ihr Leben 



116 



bedroht ist. Wir sitzen jetzt im Rettungsboot, und wenn man im Rettungsboot sitzt, will niemand was 
dariiber horen, wie gemein der Kaptn ist." 

Viel fehlte nicht, und ich hatte mit den Augen gerollt. 

„Na, jedenfalls habe ich die Aufgabe, zwei Wochen lang unabhangig Studien zu treiben und in jedem 
Fach einen Aufsatz zu schreiben, der die Stadt als Hintergrund hat - einen Aufsatz in Geschichte, 
einen in Gesellschaftskunde, einen in Englisch und einen in Physik. Ist allemal besser, als tagsiiber 
vor der Glotze zu hangen." 

Dad sah mich priifend an, als erwarte er, dass ich auf irgendwas hinauswolle, dann nickte er. Ich sagte 
ihnen Gute Nacht und verzog mich in mein Zimmer. Dort warf ich die Xbox an, startete eine 
Textverarbeitung und fing an, Ideen fur meine Aufsatze zu sammeln. Warum auch nicht? Das war 
wirklich besser, als bloE daheim herumzusitzen. 



Letztlich chattete ich dann die halbe Nacht mit Ange. Sie war voll auf meiner Seite und sagte, sie 
wiirde mir bei den Aufsatzen helfen, wenn ich sie nach der Schule am nachsten Abend sehen wolle. 
Ihre Schule kannte ich - es war dieselbe, auf die Van ging -, sie war ganz driiben in der East Bay, wo 
ich seit den Bombenanschlagen nicht mehr gewesen war. 

Der Gedanke, sie wiederzusehen, machte mich ziemlich hibbelig. Seit der Party hatte ich jede Nacht 
beim Einschlafen an zweierlei gedacht: an den Anblick der Masse, wie sie auf die Polizei zusturmte, 
und an das Gefiihl, dort an dem Pfeiler ihre Briiste unter dem T-Shirt zu spiiren. Sie war einfach 
umwerfend. Ich war noch nie mit einem so ... aggressiven Madchen zusammengewesen. Bisher war 
immer ich es gewesen, der die Initiative ergriff, um dann zuriickgewiesen zu werden. Ich hatte das 
Gefiihl, dass Ange genauso scharf drauf war wie ich, und das war ein qualender Gedanke. 

In dieser Nacht schlief ich tief und fest und traumte wildes Zeug von Ange und mir und was wir wohl 
anstellen wiirden, wenn wir uns nur an einem abgeschiedenen Fleck fanden. 

Am nachsten Tag fing ich mit meinen Aufsatzen an. Uber San Francisco kann man phantastisch 
schreiben. Geschichte? Jede Menge, vom Goldrausch zu den Schiffsdocks im Zweiten Weltkrieg, den 
Internierungslagern fur die japanischstammige Bevolkerung und der Erfindung des PCs. Physik? Das 
Exploratorium hat die coolste Austellung von alien Museen, in denen ich je war. Ich empfand eine 
perverse Befriedigung bei der Darstellung der Verflussigung des Erdreichs wahrend groEer Beben. 
Englisch? Jack London, die Beat-Poeten, Science-Fiction-Autoren wie Pat Murphy und Rudy Rucker. 
Gesellschaftskunde? Die Bewegung fur Meinungsfreiheit, Cesar Chavez, Schwulenrechte, 
Feminismus, die Antikriegsbewegung ... 

Ich fand es schon immer toll, Sachen einfach um ihrer selbst willen zu lernen, mehr zu wissen uber 
die Welt um mich herum. Und dazu geniigte es schon, einfach nur in der Stadt herumzulaufen. Ich 
entschied mich dafiir, mit einem Englisch-Aufsatz uber die Beatniks zu beginnen. City Lights Books 
hatte eine groEartige Bibliothek in einem Zimmer im Obergeschoss, wo Allen Ginsberg und seine 
Rumpel ihre radikale Drogenpoesie verfasst hatten. Das eine Gedicht, das wir im Englisch-Kurs 
gelesen hatten, war Howl (Geheul); und seine ersten Zeilen wiirde ich niemals vergessen, solche 
Gansehaut verursachten sie mir: 

I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, 

Ich sah die besten Kopfe meiner Generation zerstort vom Wahnsinn, ausgezehrt hysterisch nackt, 

dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix, 

wie sie sich durch die NegerstraEen schleppten bei Tagesanbruch auf der Suche nach einer 
zornigen Spritze, 

angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the 
machinery of night... 



Ill 



engelskopfige Hipster, sich verzehrend nach jener uralten himmlischen Verbindung zum 
Sternendynamo in der Maschinerie der Nacht ... 

Ich liebte es, wie diese Worter ineinanderflossen, „ausgezehrt hysterisch nackt". Ich kannte dieses 
Gefiihl. Und „die besten Kopfe meiner Generation" gab mir auch schwer zu denken. Es erinnerte 
mich an den Park und an die Polizei und daran, wie das Gas fiel. Man klagte Ginsberg fur Howl 
wegen Obszonitat an - wegen einer Zeile iiber Homo-Sex, deretwegen heute niemand mehr mit der 
Wimper zucken wiirde. Irgendwie stimmte es mich frohlich zu wissen, dass wir doch irgendwelche 
Fortschritte gemacht hatten, dass fruhere Zeiten noch viel restriktiver gewesen waren als diese. 

In der Bibliothek vergaE ich alles um mich herum, wahrend ich die wunderschonen alten Ausgaben 
dieser Biicher las. Ich verlor mich in Jack Kerouacs „On the Road", einen Roman, den ich schon 
lange lesen wollte, und ein Angestellter, der nachschauen kam, was ich da trieb, nickte zustimmend 
und fand eine billige Ausgabe fur mich, die er mir fur sechs Dollar verkaufte. 

Dann ging ich nach Chinatown weiter und aE Dim Sum Buns und Nudeln mit scharfer Sauce, die ich 
fruher als ziemlich scharf bezeichnet hatte, die mir aber mit der Erfahrung eines Ange-Special 
mittlerweile eher mild vorkam. 

Als es auf Nachmittag zuging, stieg ich in die BART und dann in einen Shuttlebus iiber San Mateo 
Bridge, der mich zur East Bay brachte. Ich las mein Exemplar von „On the Road" und genoE die 
vorbeiflitzende Landschaft. „On the Road" ist ein halb autobiografischer Roman iiber Jack Kerouac, 
einen drogen- und alkoholabhangigen Schriftsteller, der per Anhalter durch Amerika reist, Billigjobs 
annimmt, bei Nacht durch die StraEen geistert, Leuten begegnet und wieder seiner Wege zieht. 
Hipster, traurige Hobos, Betriiger, StraEenrauber, Penner und Engel. Das Buch hat keine eigentliche 
Handlung - Kerouac soil es, zugedrohnt bis zur Kante, innerhalb von drei Wochen auf eine lange 
Rolle Papier geschrieben haben -, es beschreibt bloE eine Reihe erstaunlicher Dinge, ein Ereignis 
nach dem anderen. Er freundet sich mit selbstzerstorerischen Leuten wie Dean Moriarty an, die ihn in 
merkwurdige Plane verwickeln, aus denen nie irgendwas wird, und doch wird was draus, wenn ihr 
wisst, was ich meine. 

Diese Worte hatten einen ganz eigenen Rhythmus, sie waren iippig, ich konnte sie laut in meinem 
Kopf horen. Sie weckten in mir das Verlangen, mich auf der Ladeflache eines Pickups schlafen zu 
legen und in einer staubigen Kleinstadt im Central Valley auf halber Strecke nach LA. wieder 
aufzuwachen, in einem dieser Orte mit einer Tankstelle und einem Diner, und dann einfach nur auf die 
Felder hinauszulaufen und Leute zu treffen, Dinge zu sehen und Dinge zu tun. 

Es war eine lange Busfahrt, und ich musste ein bisschen eingenickt sein - mit Ange bis werweiEwann 
zu chatten war schlecht fur meinen Schlafrhythmus, denn Mom erwartete mich nach wie vor zum 
Friihstuck. Ich wachte auf, wechselte den Bus, und kurz darauf war ich bei Anges Schule. 

Sie kam mir hiipfend entgegen in ihrer Uniform - ich hatte sie noch nie darin gesehen, sie sah auf eine 
merkwurdige Art suE aus und erinnerte mich an Van in ihrer Uniform. Sie umarmte mich lange und 
gab mir einen harten Kuss auf die Wange. 

„Hallo, du!", sagte sie. 

Hi'" 

„Was liestn da?" 

Darauf hatte ich gewartet. Ich hatte die Stelle mit einem Finger markiert. „H6r mal: 

,Sie tanzten die StraEen hinab wie Dingledodies 6 , und ich schlurfte hinterher, wie ich es mein 
Leben lang mit Leuten getan habe, die mich interessieren, weil die einzigen Leute, die fur mich 
zahlen, die Verriickten sind - die verriickt sind nach Leben, verriickt nach Reden, verriickt nach 
Erlosung, begierig nach allem zugleich; die niemals gahnen oder Gemeinplatze plappern, sondern 



pardon, das wundervolle Wort „dingledodies" ist mir zu schade, es zu iibersetzen, am ehesten bedeutet es vermudich 
etwas wie „wilde Verriickte" Adt) 

118 



brennen, brennen, brennen wie sagenhafte gelbe romische Kerzen, explodieren wie Spinnen iiber 
all die Sterne hinaus, und in der Mitte siehst du das blaue Zentrum der Flamme verpuffen und alles 
sagt „Oohhh!"'" 

Sie nahm das Buch und las die Passage noch einmal. „Wow, Dingledodies! Ich liebe so was! 1st das 
alles so?" 

Ich erzahlte ihr von dem, was ich schon gelesen hatte, wahrend wir langsam den Biirgersteig ranter 
zur Bushaltestelle schlenderten. Als wir um die Ecke gebogen waren, schlang sie ihren Arm um meine 
Hiifte, und ich legte meinen iiber ihre Schulter. Die StraEe runterzugehen mit einem Madchen im Arm 
- meiner Freundin? Klar, wieso nicht? - und iiber dieses coole Buch zu reden, das war einfach 
himmlisch. Es lieE mich meine Sorgen fur einen Moment vergessen. 

„Marcus?" 

Ich drehte mich um. Es war Van. Im Unterbewusstsein hatte ich damit gerechnet. Ich wusste es, weil 
mein Bewusstsein nicht im Mindesten iiberrascht war. Es war keine groEe Schule, und sie hatten alle 
zur selben Zeit Schluss. Ich hatte seit Wochen nicht mit Van geredet, und diese Wochen fiihlten sich 
wie Monate an. Fruher hatten wir jeden Tag miteinander geredet. 

„Hi, Van", sagte ich. Ich unterdriickte den Reflex, meinen Arm von Anges Schulter zu nehmen. Van 
schien iiberrascht zu sein, aber nicht so sehr wiitend als vielmehr bleich und erschuttert. Sie 
beobachtete uns beide scharf. 

„Angela?" 

„Hi, Vanessa," sagte Ange. 

„Was machst du denn hier?" 

„Ich bin hier rausgekommen, um Ange abzuholen", sagte ich in bemiiht neutralem Tonfall. Plotzlich 
fiihlte ich mich unwohl dabei, mit einem anderen Madchen gesehen zu werden. 

„Oh. Na dann, war nett, dich gesehen zu haben." 

„Ja, war nett, dich gesehen zu haben, Vanessa", sagte Ange, zog mich herum und weiter Richtung 
Bushaltestelle. 

„Du kennst sie?" 

„Ja, schon ewig." 

„Wart ihr zusammen?" 

„Was? Nein! Uberhaupt nicht! Wir waren bloE Freunde." 

„Ihr wart Freunde?" 

Ich hatte das Gefiihl, als wiirde Van direkt hinter uns herlaufen und zuhoren, obwohl sie bei dem 
Tempo, das wir eingeschlagen hatten, hatte joggen miissen, um an uns dranzubleiben. Ich widerstand 
der Versuchung, iiber die Schulter zu blicken, so lange wie nur moglich, aber schlieElich tat ich es 
doch. Hinter uns waren massenhaft Madchen aus der Schule, aber keine Van. 

„Sie war mit mir und Jose-Luis und Darryl unterwegs, als wir verhaftet wurden. Wir haben zusammen 
ARGs gemacht. Wir vier waren so was wie beste Freunde." 

„Und dann?" 

Ich dampfte die Stimme. „Sie mochte die Idee mit dem Xnet nicht. Sie dachte, wir wurden Arger 
kriegen und ich wiirde andere Leute in Schwierigkeiten bringen." 

„Und deshalb seid ihr jetzt keine Freunde mehr?" 

„Wir haben uns bloE sozusagen auseinandergelebt." Wir gingen ein paar Schritte. 

„Ihr wart nicht, du weiEt schon, Freund-und-Freundin-Freunde?" 

119 



„Nein!", sagte. Ich. Mein Gesicht gliihte. Ich fiihlte mich, als wiirde ich mich wie ein Liigner anhoren, 
obwohl ich j a nun die Wahrheit sagte. 

Ange brachte uns beide abrupt zum Stehen und studierte meinen Gesichtsausdruck. 

„Oder doch?" 

„Nein! Ehrlich nicht! Nur Freunde. Darryl und sie - na ja, auch nicht wirklich, aber Darryl war 
ziemlich in sie verknallt. Uberhaupt kein Gedanke daran, ..." 

„Aber wenn Darryl nicht in sie verknallt gewesen ware, warst du, oder was?" 

„Nein, Ange. Nein. Bitte glaub mir doch einfach und lass das Thema. Vanessa und ich waren gute 
Freunde und sind es jetzt nicht mehr, und das macht mir zu schaffen; aber ich war nie hinter ihr her, 
okay?" 

Sie entspannte sich ein bisschen. „Okay, okay. Tut mir Leid. 1st bloE, dass ich mit ihr nicht 
klarkomme. Wir sind nie miteinander klargekommen in all den Jahren, die wir uns schon kennen." 

Ach so, dachte ich. Das erklarte, weshalb Jolu Ange schon so lange kannte und ich sie trotzdem noch 
nie getroffen hatte. Sie hatte ihre Privatfehde mit Van, und deshalb hatte er sie nie mitgebracht. 

Wir umarmten uns ausgiebig und kiissten uns, und eine Horde Madels kam an uns vorbei und machte 
„huiuiuiui"; also rissen wir uns zusammen und gingen weiter zur Bushaltestelle. Vor uns lief jetzt Van, 
die an uns vorbeigekommen sein musste, wahrend wir uns kiissten. Ich fiihlte mich wie ein kompletter 
Idiot. 

Natiirlich war sie auch an der Bushaltestelle und dann im Bus, und wir sprachen kein Wort 
miteinander, und ich versuchte die ganze Fahrt iiber ein Gesprach mit Ange zu fuhren, aber es war 
sehr verkrampft. 

Wir hatten geplant, irgendwo auf einen Kaffee anzuhalten und dann zu Ange weiterzugehen, um zu 
„lernen", also um abwechselnd mit ihrer Xbox im Xnet zu lesen. Anges Mom kam an Dienstagen 
immer spat nach Hause, weil sie da abends Yogakurs hatte und dann mit ihren Freundinnen essen 
ging, und Anges Schwester war mit ihrem Freund auf der Piste, also wiirden wir ganz ungestort sein. 
Und ich hatte schmutzige Phantasien seit dem Moment, als wir uns fur diesen Abend verabredet 
hatten. 

Wir kamen bei ihr an, gingen direkt in ihr Zimmer und machten die Tiir hinter uns zu. Ihr Zimmer 
hatte was von einem Bombenkrater, es war iibersat mit schichtenweise Klamotten, Notizbuchern und 
PC-Teilen, die sich wie KrahenfiiEe in die Socken bohren wiirden. Ihr Schreibtisch war noch 
schlimmer als der FuEboden, dort stapelten sich die Biicher und Comics; so setzten wir uns 
schlieElich auf ihr Bett, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. 

Die Verlegenheit seit dem Treffen mit Van hatte sich einigermaEen gelegt, und wir warfen ihre Xbox 
an. Sie war in ein Nest von Kabeln eingebettet, von denen einige zu einer WLAN-Antenne fuhrten, 
die sie am Fenster befestigt hatte, um die Funknetze der Nachbarn anzapfen zu konnen. Andere Kabel 
fuhrten zu alten Laptop -Monitoren, die sie zu Einzelbildschirmen umgebaut hatte, auf StandfiiEen 
balancierend und voll freiliegender Elektronik. Die Monitore standen auf beiden Nachttischen, ein 
geniales Arrangement, um im Bett Filme zu sehen oder zu chatten: Wenn sie die Bildschirme zum 
Bett hin drehte, konnte sie sich auf die Seite drehen und hatte nach links oder rechts immer ein 
seitenrichtiges Bild. 

Nebeneinander an den Nachttisch gelehnt auf ihrem Bett sitzend wussten wir beide, weshalb wir 
wirklich hier waren. Ich zitterte ein wenig, und die Warme ihres Beins und ihrer Schulter an mir 
waren nur zu gegenwartig; aber ich musste mich zumindest mal ins Xnet einloggen, meine Mails 
lesen und so. 

Eine Mail kam von einem Jungen, der gern lustige Handy -Videos iiber das Amok laufende DHS 
verschickte. Das letzte hatte gezeigt, wie sie einen Kinderwagen zerlegten, weil ein 
Sprengstoffspurhund sich dafiir interessiert hatte; sie hatten ihn mitten auf der StraEe in der Marina 

120 



mit Schraubenziehern auseinanandergenommen, und man konnte sehen, wie all die reichen Leute da 
vorbeikamen, sich umdrehten und offensichtlich wunderten, wie bescheuert das war. 

Ich hatte zu dem Video verlinkt, und es war wie bescheuert runtergeladen worden. Er hatte es auf den 
Spiegelserver des „Internet Archive" in Alexandria, Agypten hochgeladen, wo sie so ziemlich alles 
akzeptierten, vorausgesetzt, es stand unter einer remix- und weitergabefahigen Creative-Commons- 
Lizenz. Das US-„Archive" - im Presidio, nur ein paar Minuten von hier - war gezwungen worden, all 
diese Videos im Namen der nationalen Sicherheit vom Netz zu nehmen, aber das „Archive" in 
Alexandria hatte sich als eigenstandige Organisation abgespalten und hostete jetzt alles, was geeignet 
war, die Vereinigten Staaten zu verargern. 

Dieser Junge - sein Nick war Kameraspie - hatte mir diesmal ein noch besseres Video geschickt. Es 
war im Eingang zur City Hall im Civic Center aufgenommen, dieser riesigen Hochzeitstorte von 
einem Haus, voll mit Statuen in kleinen Bogengangen, vergoldeten Blattern und Gedons. Das DHS 
hatte rund um das Gebaude eine Sicherheitszone eingerichtet, und Kameraspies Video zeigte eine 
Ansicht ihres Checkpoints, wahrend sich ein Typ in Offiziersuniform naherte, seinen Ausweis zeigte 
und seine Aktentasche auf das Rontgenband stellte. 

Alles war okay, bis einer der DHS-Leute auf dem Rontgenbild etwas sah, das ihm nicht gefiel. Er 
stellte dem General Fragen, und der rollte mit den Augen und sagte etwas Unhorbares (das Video war 
von der anderen StraEenseite aufgenommen, offenkundig mit einem getarnten Eigenbau-Zoom, 
deshalb war die Tonspur voll mit Gerauschen von vorbeieilenden Passanten und dem StraEenverkehr). 

Der General und die Leute vom DHS gerieten aneinander, und je langer sie diskutierten, desto mehr 
DHS-Typen scharten sich dazu. SchlieElich schiittelte der General verargert den Kopf, wies mit dem 
Finger auf die Brust des einen DHSlers, schnappte sich die Aktentasche und ging davon. Die DHS- 
Typen riefen ihm nach, aber er wurde nicht langsamer. Seine Korpersprache sagte uberdeutlich „ich 
bin auEerst verargert". 

Dann geschah es. Die DHS-Typen rannten dem General hinterher. Kameraspie hatte das Video hier 
verlangsamt, so dass man in extremer Zeitlupe, Bild fur Bild, das Gesicht des Generals sehen konnte: 
Wie er sich halb umdrehte mit diesem Ausdruck im Gesicht, der besagte „Ihr werdet den Teufel tun, 
mich zu tackeln", und wie der Ausdruck sich in Entsetzen verwandelte, als sich drei der riesigen 
DHS-Wachen auf ihn stiirzten, ihn zur Seite stieEen und dann um die Hiifte fassten, als ware dies das 
letzte Football-Tackling in seiner Karriere. Der General - schon etwas alter, mit stahlgrauem Haar, 
zerfurchtem und wurdevollem Gesicht - ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln, schlug zweimal hart 
auf, sein Gesicht knallte auf den Biirgersteig, und Blut schoss aus seiner Nase. 

Das DHS verschnurte den General, fesselte ihn an Handen und FiiEen. Der General briillte j etzt, und 
wie er briillte, sein Gesicht verfarbt von dem Blut, das ihm immer noch aus der Nase stromte. Beine 
flitzten durchs Bild. In der starken Tele-Einstellung sah man vorbeikommende FuEganger zuschauen, 
wie man diesen Typ in Uniform fesselte, und seinem Gesicht war zu entnehmen, dass dies das 
Schlimmste von allem war - dies war rituelle Erniedrigung, der Raub seiner Wurde. Hier endete der 
Clip. 

„Ach du mein siiEer Buddha", sagte ich, wahrend der Schirm schwarz wurde und ich das Video 
nochmals startete. Ich stupste Ange an und zeigte ihr den Clip. Sie sagte kein Wort und betrachtete 
den Film mit offenem Mund. 

„Lad das ja hoch!", sagte sie. „Los, hochladen hochladen hochladen hochladen hochladen!" Ich lud 
ihn hoch. Ich konnte kaum tippen vor Aufregung, als ich aufschrieb, was ich hier gesehen hatte; und 
ich fiigte eine Notiz an, ob wohl j em and den Offizier im Video identifizieren konne oder etwas iiber 
die Sache wisse. 

Ich driickte auf „Veroffentlichen". 

Dann sahen wir uns das Video noch einmal an. Und noch einmal. 

Mein E-Mail-Programm meldete sich. 

121 



> Ich erkenn den Kerl ganz sicher - du findest seine Bio in der Wikipedia. Das ist General Claude 
Geist. Er war Kommandeur der UN-Friedenstruppen in Haiti. 

Ich schlug die Bio nach. Es gab da ein Bild des Generals bei einer Pressekonferenz und Anmerkungen 
iiber seine Rolle bei der kniffligen Haiti-Mission. Es war offensichtlich derselbe Typ. 

Ich aktualisierte meinen Blogeintrag. 

Theoretisch war dies die Chance fur Ange und mich, ein bisschen rumzumachen, aber daraus wurde 
schlieElich doch nichts. Wir stoberten durch die Blogs im Xnet und suchten nach weiteren Berichten 
iiber Durchsuchungen und Ubergriffe durch das DHS. Das war schon ein Routinejob, weil ich 
dasselbe bereits nach den Ausschreitungen im Park gemacht hatte. In meinem Blog fuhrte ich eine 
neue Kategorie fur diese Sachen ein, MissbrauchVonBefugnissen, und sortierte alles ein. Ange 
iiberlegte sich immer noch mehr Suchbegriffe, die wir ausprobieren konnten, und als ihre Mutter 
heimkam, hatte meine neue Kategorie schon siebzig Eintrage, alien voran der Angriff auf General 
Geist vor City Hall. 



Den ganzen nachsten Tag iiber arbeitete ich daheim an meinem Beatnik-Aufsatz, las Kerouac und 
surfte im Xnet. Eigentlich hatte ich Ange an der Schule treffen wollten, aber der Gedanke, womoglich 
wieder Van zu treffen, machte mich furchtbar nervos, also simste ich ihr eine Ausrede, dass ich noch 
am Aufsatz zu schreiben hatte. 

Derweil trudelten alle moglichen tollen Vorschlage fur MissbrauchVonBefugnissen ein, Hunderte von 
kleinen und groEen, Bilder und Videos. Das Mem hatte begonnen, sich zu replizieren. 

Und es horte nicht wieder auf. Am nachsten Morgen waren es nochmals mehr geworden. Jemand 
hatte ein neues Blog namens MissbrauchVonBefugnissen aufgesetzt, das Hunderte weiterer Vorfalle 
sammelte. Der Stapel wuchs. Wir wetteiferten darum, die saftigsten Storys und die wildesten Bilder 
aufzutun. 

Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart, dass ich jeden Morgen mit ihnen zusammen fruhstuckte und 
iiber die Projekte redete, die ich gerade in Arbeit hatte. Es gefiel ihnen, dass ich Kerouac las. Es war 
fur sie beide eines ihrer Lieblingsbiicher gewesen, und es stellte sich heraus, dass wir bereits ein 
Exemplar im Regal in ihrem Schlafzimmer hatten. Mein Dad brachte es runter, und ich blatterte es 
durch. Da waren Abschnitte mit Kuli angestrichen, es gab Seiten mit Eselsohren und Notizen am 
Rand. Mein Dad hatte dieses Buch offensichtlich sehr geliebt. 

Das erinnerte mich an bessere Zeiten, als mein Dad und ich uns noch fiinf Minuten am Stuck 
unterhalten konnten, ohne uns iiber Terrorismus in die Haare zu kriegen, und wir hatten zum 
Fruhstiick ein tolles Gesprach dariiber, wie der Roman strukturiert war, und iiber all die irren 
Abenteuer. 

Aber am nachsten Morgen hingen sie beim Fruhstiick wieder wie gebannt vorm Radio. 

„Missbrauch von Befugnissen - so heiEt der neueste Trend in San Franciscos beruchtigtem Xnet, und 
er hat bereits weltweites Aufsehen erregt. Die Bewegung, kurz MvB genannt, besteht aus ,Kleinen 
Briidern', die ihrerseits die Anti-Terrorismus-MaEnahmen der Heimatschutzbehorde uberwachen und 
ihre Pannen und Exzesse dokumentieren. Initialzundung fur MvB war ein populares virales Video, das 
zeigt, wie General Claude Geist, ein pensionierter Drei-Sterne-General, von DHS-Mitarbeitern auf 
dem Biirgersteig vor City Hall umgerempelt wird. Geist hat den Vorfall nicht kommentiert, aber es 
gab zahlreiche wutende Reaktionen junger Zuschauer, die auch iiber ihre eigene Behandlung 
entrustet sind. 

Besonders bemerkenswert ist das hohe MaE an Aufmerksamkeit, das dieser Bewegung weltweit zuteil 
wird. Bilder aus dem Geist-Video wurden bereits auf den Titelseiten von Zeitungen in Korea, 
GroEbritannien, Deutschland, Agypten und Japan veroffentlicht, und Rundfunkstationen uberall auf 
der Welt zeigten den Clip in ihren Abendnachrichten. Ihren vorlaufigen Hohepunkt erlebte die 



122 



Angelegenheit, als gestern abend National News Evening der British Broadcasting Corporation eine 
Sondersendung iiber den Umstand ausstrahlte, dass die Story bislang weder von einem US-Sender 
oder einer hiesigen Nachrichtenagentur aufgegriffen wurde. Kommentatoren aufder Website der 
BBC weisen zudem daraufhin, dass sich die Sondersendung aufden Seiten von BBC America 
ebenfalls nichtfinden lasst." 

Es folgte eine Reihe von Interviews: britische Medienbeobachter, ein Biirschchen von der 
schwedischen Piratenpartei mit spottischen Bemerkungen iiber Amerikas korrupte Presse, ein 
ehemaliger amerikanischer Nachrichtensprecher im Ruhestand in Tokio; dann strahlten sie einen 
kurzen Spot von Al-Dschassira aus, in dem es um die US-Presse im Vergleich zu den nationalen 
Nachrichtenmedien in Syrien ging. 

Ich meinte die Blicke meiner Eltern auf mir zu spiiren, meinte zu ahnen, dass sie wussten, was ich tat. 
Aber als ich mein Geschirr wegraumte, sah ich, dass sie einander anschauten. 

Dad hielt sich mit zitternden Handen am Kaffeebecher fest. Mom blickte zu ihm hin. 

„Die wollen uns schlechtreden", sagte Dad schlieElich. „Die wollen alle Bemuhungen um unsere 
Sicherheit sabotieren." 

Ich offnete den Mund, aber dann fing ich den Blick meiner Mutter und ihr Kopfschiitteln auf. Also 
ging ich in mein Zimmer, um weiter an dem Kerouac-Aufsatz zu arbeiten. Sobald ich zum zweiten 
Mai die Haustiir gehort hatte, warf ich meine Xbox an und ging online. 

> Hallo Mlk3y. Mein Name ist Colin Brown, ich bin Produzent der Nachrichtensendung The 
National bei der Canadian Broadcasting Corporation. Wir machen eine Geschichte uber das Xnet 
und haben bereits einen Reporter nach San Francisco geschickt, um von dortzu berichten. Waren Sie 
an einem Interview interessiert, um uberlhre Gruppe und ihre Aktivitaten zu sprechen? 

Ich starrte den Monitor an. Oh Gott. Die wollten mich iiber „meine Gruppe" interviewen? 

> Oh, nein, danke. Ich achte sehr auf meine Privatsphare. AuBerdem ist es gar nicht „meine" 
Gruppe. Aber danke, dass Sie eine Geschichte druber machen! 

Eine Minute spater kam die nachste E-Mail. 

> Wir konnen Sie unkenntlich machen und Ihnen Anonymitat zusichern. Es istlhnen klar, dass das 
DHS nur zu gem seinen eigenen Sprecher vorschicken wird. Ich bin aber interessiert an Ihrer Sicht 
der Dinge. 

Ich speicherte die E-Mail ab. Er hatte Recht, aber ich ware bescheuert, das zu tun. Von meinem 
Standpunkt aus war er das DHS. 

Ich wandte mich wieder Kerouac zu, da kam die nachste E-Mail. Dieselbe Bitte von einer anderen 
Nachrichtenagentur: KQED wollte mich treffen, um ein Radio-Interview aufzuzeichnen. Ein Sender 
in Brasilien. Die Australian Broadcasting Corporation. Deutsche Welle. Den ganzen Tag lang 
trudelten Presse-Anfragen ein. Und den ganzen Tag lang lehnte ich hoflich ab. 

Viel Kerouac las ich an diesem Tag nicht. 



Du musst eine Pressekonferenz abhalten", sagte Ange, als wir am selben Abend in dem Cafe bei ihr 
um die Ecke saEen. Ich war nicht mehr allzu scharf drauf, sie in der Schule abzuholen und womoglich 
wieder mit Van im selben Bus zu sitzen. 

„Ha? Bist du wahnsinnig?" 

„Mach es in Clockwork Plunder. Such dir einfach einen Handelsstiitzpunkt, wo kein PvP erlaubt ist, 
und leg eine Uhrzeit fest. Du kannst dich von hier einloggen." 

PvP, Player-versus-Player, ist ein Kampf-Modus Spieler gegen Spieler. Einige Bereiche von 
Clockwork Plunder waren als neutrales Territorium definiert, und dort konnten wir theoretisch eine 

123 



Tonne Reporter anschleppen, die keine Ahnung vom Spiel hatten, ohne zu riskieren, dass andere 
Spieler sie wahrend der Pressekonferenz einfach umlegten. 

„Ich kenn mich mit Pressekonferenzen null aus." 

„Musst du halt googeln. Ganz sicher hat schon mal jemand einen Ratgeber geschrieben, wie man eine 
erfolgreiche Pressekonferenz abhalt. Ich mein, wenn der President das kann, kannst du das auch. Der 
sieht nicht so aus, als ob er sich schon allein die Schuhe zubinden kann." 

Wir bestellten noch Kaffee. 

„Du bist eine sehr kluge Frau", sagte ich. 

„Und ich bin schon." 

„Das auch." 



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Kapitel 15 

Dieses Kapitel ist Chapters/Indigo gewidmet, der nationalen kanadischen Mega-Kette. Ich arbeitete zu der Zeit bei Bakka, 
der unabhangigen Science-Fiction-Buchhandlung, als Chapters seine erste Filiale in Toronto eroffnete; und es war mir 
schnell klar, dass da was GroRes am Werden war, weil zwei unserer klugsten und bestinformierten Kunden bei uns 
reinschneiten, um mir zu berichten, dass sie fur die Leitung der dortigen Science-Fiction-Abteilung angestellt worden seien. 
Von Beginn an legte Chapters die Messlatte fur eine grode Buchhandels-Filiale hoch - mit erweiterten Offnungszeiten, 
einem freundlichen Cafe mit vielen Sitzplatzen, Selbstbedienungs-Terminals und einem erstaunlich vielfaltigen Sortiment. 

Chapters/Indigo: http://www.chapters.indigo.ca/books/Little-Brother-Cory-Doctorow/9780765319852-item.html 

Ich bloggte iiber die Pressekonferenz, noch bevor ich die Einladungen an die Presse rausschickte. Es 
war klar, dass all diese Schreiberlinge mich zu einem Fiihrer oder General oder obersten Guerilla- 
Kommandeur hochstilisieren wollten, und der beste Weg, dem zu begegnen, schien mir der, 
sicherzustellen, dass noch eine Menge anderer Xnetter sich dort herumtrieben und Fragen 
beantworteten. 

Dann mailte ich den Presseleuten. Die Reaktionen rangierten von verwirrt bis enthusiastisch - nur die 
Reporterin von Fox war „emport", dass ich es wagte, ihr dieses Spielchen aufzunotigen, um in ihrer 
TV-Show zu erscheinen. Die anderen schienen das fur den Beginn einer ziemlich coolen Story zu 
halten, allerdings brauchten etliche von ihnen eine ganze Menge Support, um sich bei dem Spiel 
anzumelden. 

Ich entschied mich fur acht Uhr abends, nach dem Essen. Mom hatte schon langer nachgebohrt, wo 
ich mich in letzter Zeit abends rumtrieb, bis ich schlieElich mit Ange rausgeriickt war; seither sah sie 
mich standig mit diesem vertraumten Blick an, als ob sie sagen wolle, „oh, mein Kleiner wird 
langsam groE". Sie wollte Ange treffen, und das benutzte ich als Hebel, indem ich versprach, sie am 
nachsten Abend einmal mitzubringen, wenn ich mit Ange heute „ins Kino gehen" diirfe. 

Anges Mom und ihre Schwester waren schon wieder unterwegs - sie waren beide keine Stubenfliegen 
-, so dass ich mit Ange und unseren beiden Xboxen in ihrem Zimmer allein war. Ich stopselte einen 
der Monitore neben ihrem Bett aus und hangte meine Xbox dran, damit wir uns beide zugleich 
einloggen konnten. 

Beide Xboxen waren jetzt in Clockwork Plunder eingeloggt und ansonsten untatig. Ich lief nervos auf 
und ab. 

„Sieht aus, als obs gut fur uns lauft", sagte sie, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden. „Auf dem 
Markt von Patcheye Pete hats jetzt 600 Spieler!" Patcheye Pete hatten wir uns ausgeguckt, weil es 
vom Dorfplatz aus, wo neue Spieler „ausschlupften", der nachstgelegene Markt war. Sofern die 
Reporter nicht schon Clockwork Plunder spielten (haha), wiirden sie dort automatisch auftauchen. 
Deshalb hatte ich in meinem Blogeintrag darum gebeten, dass sich ein paar Leute an der Strecke 
zwischen Patcheye Pete und dem Ankunftstor aufhalten mogen, um jeden, der wie ein 
orientierungsloser Reporter aussah, zu Pete weiterzulotsen. 

„Was zum Teufel soil ich denen denn erzahlen?" 

„Du beantwortest einfach nur ihre Fragen. Und wenn dir eine Frage nicht passt, ignorier sie. Wird sich 
schon jemand finden, der sie beantwortet. Alles wird gut." 

„Das ist Wahnsinn." 

„Das ist perfekt, Marcus. Wenn du das DHS wirklich drankriegen willst, dann musst du sie piesacken. 
Wenn du es auf ein direktes Duell ankommen lasst, hast du keine Chance. Deine einzige Waffe ist 
deine Fahigkeit, sie als Idioten dastehen zu lassen." 

Ich lieft mich aufs Bett fallen, und sie zog meinen Kopf in ihren SchoE und strich mir iibers Haar. Vor 
den Anschlagen hatte ich mit diversen Schnitten experimentiert und meine Haare in den lustigsten 
Farben getont, aber seit ich aus dem Knast raus war, war mir das alles unwichtig geworden. Mein 
Haar war lang und zottelig geworden, und dann war ich ins Bad gegangen, hatte mir die Schere 



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geschnappt und alles rundum auf gut einen Zentimeter Lange getrimmt; das war vollig pflegeleicht, 
und auRerdem war es hilfreich, beim Jammen und RFID-Klonen unauffallig auszusehen. 

Ich offnete die Augen und blickte in ihre groRen, braunen Augen hinter der Brille. Sie waren rund, 
feucht und sehr ausdrucksstark. Sie konnte sie hervorpoppen lassen, um mich zum Lachen zu bringen, 
sie konnte sie weich und traurig wirken lassen, aber auch trage und schlafrig auf eine Weise, die mich 
vor Geilheit fast zerflieRen lieE. 

Und genau das tat sie gerade jetzt. 

Ich setzte mich langsam auf und umarmte sie. Sie erwiderte die Umarmung. Wir kiissten uns. Sie 
kiisste unglaublich. Ich weiR, ich sagte es schon, aber das kann man nicht oft genug wiederholen. Wir 
kiissten uns ziemlich oft, aber irgendwie horten wir immer auf, bevor es zu heftig zur Sache ging. 

Jetzt wollte ich einen Schritt weiter gehen. Ich fand den Saum ihres T-Shirts und zog. Sie hob ihre 
Hande iibern Kopf und rutschte ein kleines Stuck zuriick. Ich hatte gewusst, dass sie das tun wiirde; 
ich hatte es seit der Nacht im Park gewusst. Vielleicht waren wir deshalb nie weiter gegangen. Ich 
wusste, ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass sie rechtzeitig die Notbremse zog, und das 
machte mir ein wenig Angst. 

Aber dieses Mai hatte ich keine Angst. Die bevorstehende Pressekonferenz, die Querelen mit meinen 
Eltern, die internationale Aufmerksamkeit, dieses Gefiihl, dass es da eine Bewegung gab, die sich 
iiber die Stadt ausbreitete wie eine wildgewordene Flipperkugel - das alles prickelte auf meiner Haut 
und lieE mein Herz singen. 

Und sie war wunderschon, klug und lustig, und ich verliebte mich mehr und mehr in sie. 

Ihr Shirt rutschte heraus, mit einer Biegung ihres Riickens half sie mir, es iiber ihre Schultern zu 
Ziehen. Dann griff sie hinter sich, hantierte etwas, und ihr BH fiel aufs Bett. Ich konnte sie nur 
sprachlos, bewegungslos anstarren, und dann griff sie nach meinem Shirt, zerrte es mir iiber den Kopf 
und zog mich an sich heran, Brust an nackte Brust. 

Wir walzten uns iibers Bett, beriihrten einander, vernestelten unsere Korper ineinander und stohnten. 
Sie bedeckte meine Brust mit Kiissen, und ich ihre ebenso. Ich konnte nicht atmen, nicht denken; ich 
konnte mich nur bewegen und kiissen und lecken und beriihren. 

Dann trauten wir uns noch einen Schritt weiter. Ich knopfte ihre Jeans auf, sie offnete meine. Ich zog 
ihren Reiftverschluss auf, sie meinen, dann zog sie mir die Jeans aus und ich ihre. Einen Augenblick 
spater waren wir beide nackt, mit Ausnahme meiner Socken, die ich mit den Zehen abstreifte. 

Und genau in diesem Moment erhaschte ich einen Blick auf ihren Wecker, der schon vor langer Zeit 
auf den Boden gerollt war und uns von dort unten entgegenleuchtete. 

„Verdammt!", schrie ich. „Es geht in zwei Minuten los!" Ich konnte es selbst nicht fassen, dass ich im 
Begriff war, damit aufzuhoren, wo ich doch gerade erst damit aufgehort hatte, vorher aufzuhoren. Ich 
mein, hatte man mich gefragt, „Marcus, du wirst gleich zum allerersten Mai in deinem Leben mit 
einem Madchen ins Bett gehen; wiirde es dich storen, wenn ich im gleichen Raum diese Atombombe 
ziindete?", dann ware meine Antwort ein beherztes, eindeutiges „NEIN" gewesen. 

Und doch: Dafiir horten wir auf. 

Sie zog mich zu sich heran, mein Gesicht eng an das ihre, und kiisste mich, bis ich dachte, gleich 
ohnmachtig werden zu miissen; dann schnappten wir uns unsere Klamotten, hockten uns mehr oder 
weniger angezogen hinter unsere Tastaturen und Mause und machten uns auf den Weg zu Patcheye 
Pete. 



Die Presseleute konnte man leicht erkennen. Das waren die Anfanger, die ihre Charaktere wie 
stolpernde Besoffskis spielten, hin- und her-, rauf- und runterwankend versuchten, sich irgendwie 



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zurechtzufinden, und gelegentlich die falsche Taste driickten, was dann dazu fiihrte, dass sie Fremden 
ihre Ausriistung ganz oder teilweise zum Tausch anboten oder sie versehentlich umarmten oder traten. 

Auch die Xnetter waren leicht zu erkennen. Wir spielten alle Clockwork Plunder, sooft wir etwas 
Freizeit hatten (oder keine Lust auf Hausaufgaben), und wir hatten ziemlich ausgefuchste Charaktere 
mit coolen Waffen und Sprengsatzen an den Schliisseln hinten am Riicken, die jedem eine Ladung 
verpassen wiirden, der versuchte, uns die Schliissel zu mopsen und uns leerlaufen zu lassen. 

Als ich auftauchte, erschien eine System statusmeldung M1K3Y HAT PATCHEYE PETE'S 
BETRETEN- WILLKOMMEN, SWABBIE, HIER GIBTES GUTE WARE FUR FETTE BEUTE. Alle 
Spieler auf dem Monitor erstarrten, dann scharten sie sich um mich. Der Chat explodierte. Ich dachte 
kurz daran, auf Sprachsteuerung umzuschalten und mir ein Headset zu nehmen, aber angesichts 
dessen, wie viele Leute hier gleichzeitig zu reden versuchten, wurde mir klar, wie verwirrend das sein 
wiirde. Texte waren viel leichter zu erfassen, und dann konnten sie mich auch nicht falsch zitieren 
(hehe). 

Ich hatte die Ortlichkeiten vorher mit Ange ausgekundschaftet - es war super, mit ihr zusammen im 
Spiel loszuziehen, weil wir unsere Figuren gegenseitig aufziehen konnten. Es gab da einen erhohten 
Punkt auf einem Stapel von Packungen mit Salzrationen; wenn ich mich dort raufstellte, konnte ich 
aus jedem Winkel des Marktes gesehen werden. 

> Guten Abend und herzlichen Danklhnen alien furs Erscheinen. Mein Name istMlk3y, und ich bin 
nicht der Anfuhrer von was-auch-immer. Uberall um Sie herum sind andere Xnetter, die ebenso viel 
wie ich daruber zu sagen haben, warum wir hier sind. Ich benutze das Xnet, weil ich an die Freiheit 
glaube und an die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich benutze das Xnet, weil das 
DHS meine Stadt in einen Polizeistaat verwandelt hat, in dem wir alle terrorismusverdachtig sind. Ich 
benutze das Xnet, weil ich denke, dass man die Freiheit nicht verteidigen kann, indem man die Bill of 
Rights zerreiEt. Was ich uber die Verfassung weiB, habe ich an einer Schule in Kalifornien gelernt, 
und ich bin aufgewachsen in einem Land, das ich um seiner Freiheit willen Hebe. Wenn ich eine 
Philosophic habe, dann diese: 

> daE, um diese Rechte zu sichern, Regierungen eingesetzt sein milssen, deren voile Gewalten von 
der Zustimmung der Regierten herkommen; daE zujeder Zeit, wenn irgend eine Reg ierungs form 
zerstorend auf diese Endzwecke einwirkt, das Volk das Recht hat, jene zu andern oder abzuschaffen, 
eine neue Regierung einzusetzen, und diese aufsolche Grundsatze zu grunden, und deren Gewalten in 
solcher Form zu ordnen, wie es ihm zu seiner Sicherheit und seinem Glucke am zweckmaEigsten 
erscheint. 

> Ich habe das nicht geschrieben, aber ich glaube daran. Das DHS regiert nicht mit meiner 
Zustimmung. 

> Vielen Dank. 

Ich hatte das am Tag zuvor geschrieben und immer wieder Entwurfe mit Ange ausgetauscht. Den Text 
einzufiigen dauerte bloE eine Sekunde, aber jeder im Spiel brauchte einen Moment, um ihn zu lesen. 
Eine Menge Xnetter jubelten, wilde exaltierte Piraten-Hurras mit emporgereckten Sabeln und 
Papageien, die ihnen krachzend um die Kopfe flatterten. 

Nach und nach verdauten auch die Journalisten das Gelesene. Der Chat raste nur so an uns vorbei, so 
schnell, dass es kaum zu lesen war; etliche Xnetter schrieben Sachen wie „Auf gehts", „Amerika: 
Wenn du es nicht liebst, dann verschwinde", „Weg mit dem DHS" und „Amerika raus aus San 
Francisco", alles Slogans, die in der Xnet-Blogosphare angesagt waren. 

> Mlk3y, ich bin Priya Rajneesh von der BBC. Sie sagen, sie sind nicht der Fuhrer einer Bewegung, 
aber wiirden Sie sagen, dass es eine Bewegung gibt? Nennt sie sich Xnet? 

Jede Menge Antworten. Manche Leute sagten nein, es gebe keine Bewegung, andere sagtenja, es 
gebe eine, und viele Leute kamen mit Vorschlagen dafiir, wie sie sich nannte: Xnetter, Kleine Briider, 
Kleine Schwestern, und mein personlicher Favorit, Vereinigte Staaten von Amerika. 

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Sie liefen zu groEer Form auf. Ich kiimmerte mich erst mal nicht weiter, sondern iiberlegte mir eine 
eigene Antwort. Dann tippte ich 

> Ich schatze, das beantwortet Ihre Frage, nicht wahr? Moglicherweise gibt eine oder auch mehrere 
Bewegungen, und moglicherweise heiEen sie Xnet oder auch nicht. 

> Mlk3y, ich bin Doug Christensen von der Washington Internet Daily. Was sollte das DHS Ihrer 
Meinung nach tun, um einen weiteren Anschlag auf San Francisco zu verhindern, wenn das, was sie 
jetzt tun, nicht erfolgreich ist? 

Weiteres Geschnatter. Viele Leute sagten, die Terroristen und die Regierung seien dasselbe - entweder 
wortlich oder in dem Sinne, dass sie gleichermaEen bose seien. Andere behaupteten, die Regierung 
wisse, wie man Terroristen fange, bevorzuge aber, es nicht zu tun, weil „Kriegsprasidenten" 
wiedergewahlt wiirden. 

> Ich weiB es nicht 
tippte ich schlieElich. 

> Ich weiB es wirklich nicht. Und ich stelle mir diese Frage wirklich oft, denn ich mochte nicht 
hochgejagt werden, und ich mochte auch nicht, dass meine Stadt hochgejagt wird. Aber was ich weiB, 
ist dies: Wenn es der Job des DHS ist, unsere Sicherheit zu gewahrleisten, dann versagt es klaglich. 
All der Budenzauber, den sie hier veranstaltet haben - nichts davon wiirde einen Terroristen davon 
abhalten, die Briicke ein zweites Mal zu sprengen. Unsere Spuren durch die ganze Stadt verfolgen? 
Unsere Freiheit beschneiden? Uns dazu bringen, uns gegenseitig zu verdachtigen, und uns 
gegeneinander ausspielen? Andersdenkende als Verrater beschimpfen? Das Ziel von Terrorismus ist 
es, uns in Angst zu versetzen. Das DHS versetzt mich in Angst. 

> Ich habe keinen Einfluss darauf was die Terroristen mir antun, aber wenn dies ein freies Land ist, 
dann sollte ich zumindest ein Mitspracherecht daruber haben, was meine eigenen Polizisten mir 
antun dilrfen. Ich sollte in der Lage sein, sie davon abzuhalten, mich zu terrorisieren. 

> Ich weiB, dass das keine gute Antwort ist. Tut mir Leid. 

> Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass das DHS Terroristen nicht aufhalten konnte? Woher 
wollen Sie das wissen ? 

> Wer sind Sie? 

> Ich arbeite fur den Sydney Morning Herald. 

> Ich bin 17 Jahre alt. Und ich bin bestimmt kein Einserschuler oder so was. Und trotzdem habe ich 
es fertiggebracht, ein Internet aufzubauen, das sie nicht anzapfen konnen. Ich habe Methoden 
ausgetiiftelt, ihre Personenverfolgungs-Techniken zu manipulieren. Ich kann unschuldige Menschen 
zu Verdachtigen und schuldige Menschen in ihren Augen zu Unschuldigen machen. Ich konnte Metall 
in ein Flugzeug schmuggeln oder eine Flugverbots-Liste umgehen. Das alles habe ich 
herausgefunden, indem ich ins Internet geschaut und daruber nachgedacht habe. Wenn ich das kann, 
konnen Terroristen es auch. Man hat uns gesagt, dass man uns unsere Freiheit nimmt, um uns mehr 
Sicherheit zu geben. Filhlen Sie sich sicher? 

> In Australien ? Oh, ja doch. 

Alle Piraten lachten. 

Weitere Journalisten stellten Fragen. Einige waren freundlich, andere feindselig. Wenn ich mude 
wurde, reichte ich meine Tastatur an Ange weiter und lieE sie fur eine Weile Mlk3y sein. Ich hatte 
sowieso nicht mehr das Gefuhl, dass Mlk3y und ich dieselbe Person waren. Mlk3y war ein 
Jugendlicher, der mit internationalen Journalisten sprach und eine Bewegung inspirierte. Marcus 
wurde zeitweise der Schule verwiesen, stritt sich mit seinem Dad und fragte sich, ob er gut genug sei 
fur seine rattenscharfe Freundin. 



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Gegen elf Uhr hatte ich genug. AuEerdem wiirden meine Eltern mich bald daheim erwarten. Ich 
loggte mich aus dem Spiel aus, Ange ebenso, und dann lagen wir fur einen Moment bloE da. Ich nahm 
ihre Hand in meine, und sie driickte sie fest. Wir umarmten uns. 

Sie kiisste meinen Nacken und murmelte etwas. 

„Was?" 

„Ich sagte, ich liebe dich", sagte sie. „Soll ichs dir auch noch mal als Telegramm schicken?" 

„Wow." 

„Uberrascht dich das so sehr?" 

„Nein. Hm. Es ist bloE ... Ich wollte grade dasselbe sagen." 

„Na klar", sagte sie und biss mir in die Nasenspitze. 

„Ich hab das bloE noch nie gesagt. Und solche Dinge brauchen etwas Vorlauf." 

„Du hast es aber immer noch nicht gesagt. Glaub nicht, ich hatte das nicht gemerkt. Wir Madchen 
nehmen es mit solchen Dingen sehr genau." 

„Ich liebe dich, Ange Carvelli," sagte ich. 

„Ich liebe dich auch, Marcus Yallow." 

Wir kiissten und streichelten einander, mein Atem wurde heftiger und ihrer auch. Da klopfte ihre 
Mutter an die Tiir. 

„Angela, ich denke, es ist an der Zeit, dass dein Freund sich auf den Weg macht, meinst du nicht 
auch?" 

„Ja, Mutter", sagte sie und schwang eine imaginare Axt. Wahrend ich meine Socken und Schuhe 
anzog, murmelte sie: „Sie werden sagen, diese Angela, sie war so ein gutes Madchen, wer hatte das 
gedacht, immer war sie hinten im Garten und half ihrer Mutter, indem sie diese Axt scharfte." 

Ich lachte. „Du glaubst gar nicht, wie gut du es hast. Es ist undenkbar, dass meine Leute uns in 
meinem Zimmer bis elf Uhr nachts allein lassen wiirden." 

„Viertel vor zwolf", sagte sie mit Blick auf die Uhr. 

„Mist!", schrie ich und schnurte meine Schuhe. 

„Geh", sagte sie, „renn und sei frei! Schau in beide Richtungen, bevor du iiber die StraEe gehst! 
Schreib, wenn du Arbeit findest! Halt bloE nicht noch mal fur eine Umarmung an! Wenn du nicht bei 
zehn drauEen bist, dann gibt's Arger, mein Herr. Eins. Zwei. Drei." 

Ich brachte sie zum Schweigen, indem ich aufs Bett hiipfte, auf ihr landete und sie kiisste, bis sie mit 
Zahlen aufhorte. Zufrieden mit meinem Sieg stapfte ich mit der Xbox unterm Arm die Treppe runter. 

Ihre Mom stand unten an der Treppe. Wir waren uns erst ein paar Mal begegnet. Sie sah wie eine 
altere, groEere Variante von Ange aus - laut Ange war ihr Vater der Kleinere - und trug Kontaktlinsen 
statt Brille. Sie schien mich vorlaufig als einen netten Jungen eingestuft zu haben, und ich wusste das 
zu schatzen. 

„Gute Nacht, Mrs. Carvelli." 

„Gute Nacht, Mr. Yallow." Das war eins unserer kleinen Rituale, seit ich sie bei unserer ersten 
Begegnung als Mrs. Carvelli angesprochen hatte. 

Ich blieb ein wenig unbeholfen an der Tiir stehen. 

„Ja?", fragte sie. 

„Ah, danke, dass ich hier sein darf." 



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„In unserem Haus sind Sie stets willkommen, junger Mann", sagte sie. 

„Und danke fur Ange", sagte ich dann noch und hasste es, wie platt das klang. Aber sie lachelte breit 
und umarmte mich kurz. 

„Sehr gern geschehen", sagte sie. 

Wahrend der ganzen Busfahrt heim dachte ich an die Pressekonferenz, an Ange, die sich nackt mit 
mir auf ihrem Bett walzte, und an Anges Mutter, wie sie mich lachelnd nach drauEen brachte. 

Meine Mom war wach geblieben, um auf mich zu warten. Sie fragte mich nach dem Film, und ich 
erzahlte ihr, was ich mir vorab aus der Besprechung im „Bay Guardian" zurechtgelegt hatte. 

Beim Einschlafen dachte ich nochmals an die Pressekonferenz. Ich war wirklich stolz darauf, wie es 
gelaufen war. Es war sehr cool gewesen, wie all diese Superjournalisten im Spiel aufgetaucht waren, 
wie sie mir zuhorten und all den Leuten, die an dasselbe glaubten wie ich. Mit einem Lacheln auf den 
Lippen schlief ich ein. 



Ich hatte es besser wissen miissen. 

XNET-ANFUHRER: ICH KONNTE METALL IN EIN FLUGZEUG SCHMUGGELN 

DAS DHS REGIERT NICHT MIT MEINER ZUSTIMMUNG 

XNET-KIDS: USA RAUS AUS SAN FRANCISCO 

Und das waren noch die guten Schlagzeilen. Jeder sandte mir Artikel zum Bloggen, aber das war das 
Letzte, was ich jetzt tun wollte. 

Irgendwie hatte ich es vergeigt. Die Presse war zu meiner Pressekonferenz gekommen und hatte den 
Eindruck gewonnen, dass wir Terroristen oder Terroristennachbildungen seien. Am schlimmsten war 
die Reporterin von Fox News, die offensichtlich doch noch aufgetaucht war und die uns einen 
zehnminutigen Kommentar widmete, in dem sie iiber unseren „verbrecherischen Verrat" sprach. Ihr 
Kommentar gipfelte in diesem Abschnitt, der in jedem Nachrichtenkanal, den ich fand, wiederholt 
wurde: 

„ Sie sagen, sie haben keinen Namen. Ich habe einen fur sie. Nennen wir diese verdorbenen Kinder 
Kal-Kaida. Sie erledigen die Arbeit der Terroristen an der Heimatfront. Wenn - nicht falls, sondern 
wenn - Kalifornien noch einmal angegriffen wird, dann werden diese Kroten ebenso viel Schuld 
daran haben wie das Haus Saud. " 

Fiihrer der Antikriegsbewegung taten uns als Randerscheinung ab. Einer sagte sogar im Fernsehen, er 
glaube, dass wir eine Erfindung des DHS seien, um die Bewegung in Misskredit zu bringen. 

Das DHS hielt eine eigene Pressekonferenz ab, bei der angekiindigt wurde, die 
SicherheitsmaRnahmen in San Francisco zu verdoppeln. Sie zeigten einen RFID-Kloner und 
demonstrierten den Einsatz, wobei sie so taten, als ginge es dabei um einen Autodiebstahl, und 
warnten eindringlich vor jungen Menschen, die sich verdachtig verhielten, insbesondere, wenn man 
ihre Hande nicht sehen konne. 

Sie meinten es ernst. Ich beendete meinen Kerouac-Aufsatz und fing einen Text iiber den Sommer der 
Liebe an, den Sommer 1967, als die Antikriegsbewegung und die Hippies in San Francisco 
zusammenkamen. Die Griinder von Ben and Jerry's, selbst alte Hippies, hatten ein Hippie-Museum 
im Haight gegriindet, und es gab noch mehr Archive und Ausstellungen iiberall in der Stadt. 

Aber dorthin zu kommen war nicht einfach. Am Ende der Woche wurde ich bereits durchschnittlich 
vier Mai taglich gefilzt. Bullen checkten meinen Ausweis und fragten mich, was ich auf der StraEe zu 
tun hatte, wobei sie dem Brief von Chavez iiber meine Suspendierung immer besondere 
Aufmerksamkeit schenkten. 



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Ich hatte Gliick. Niemand verhaftete mich. Aber die anderen im Xnet hatten nicht so viel Gliick. Jeden 
Abend verkiindete das DHS neue Verhaftungen; „Radelsfuhrer" und „Mitlaufer" des Xnet, Leute, von 
denen ich noch nie gehort hatte, wurden im Fernsehen vorgefiihrt, zusammen mit ihren RFID- 
Sensoren und anderen Geratschaften, die man bei ihnen gefunden hatte. Das DHS behauptete, diese 
Leute wurden „Namen nennen" und das Xnet „bloEstellen"; man erwarte in Kiirze weitere 
Verhaftungen. Der Name „Mlk3y" fiel haufig. 

Dad fand das alles toll. Er und ich sahen zusammen die Nachrichten, er mit diebischer Freude, ich im 
inneren Riickzug, insgeheim halb wahnsinnig werdend. „Du miisstest mal das Zeug sehen, das sie 
gegen diese Kids einsetzen werden", sagte Dad. „Ich habe es schon in Aktion gesehen. Wenn sie eine 
Handvoll dieser Kids haben, dann gehen sie ihre Buddy-Listen im Messenger und die Kurzwahlen in 
den Handys durch und suchen nach Nam en, die immer wieder mal auftauchen, nach Mustern, und so 
erwischen sie immer mehr von ihnen. Sie werden das Xnet auseinanderdroseln wie einen alten 
Pullover." 

Ich sagte Anges Abendessen bei uns ab und verbrachte statt dessen noch mehr Zeit bei ihr. Anges 
kleine Schwester Tina fing an, mich den „Hausgast" zu nennen, und sagte Sachen wie „Isst der 
Hausgast heute mit mir zu Abend?" Ich mochte Tina. Sie interessierte sich eigentlich nur furs 
Ausgehen, Feiern und Jungstreffen, aber sie war witzig und vollig vernarrt in Ange. Als wir einmal 
abends das Geschirr abraumten, trocknete sie ihre Hande ab und sagte beilaufig: „WeiEt du, Marcus, 
du scheinst ja ein netter Typ zu sein. Meine Schwester ist total in dich verknallt, und ich mag dich 
auch ganz gern. Aber ich muss dir eins sagen: Wenn du ihr das Herz brichst, dann erwisch ich dich 
und stiilp dir deinen eigenen Hodensack iiber den Kopf. Und das sieht nicht schon aus." 

Ich versicherte ihr, eher wiirde ich mir selbst meine Hoden ubern Kopf Ziehen, als Anges Herz zu 
brechen, und sie nickte. „So lange das mal klar ist." 

„Deine Schwester ist ein bisschen bekloppt", sagte ich, als wir wieder auf Anges Bett lagen und Xnet- 
Blogs lasen. Viel was sonst machten wir nicht - rumgammeln und Xnet lesen. 

„Oh, hat sie die Sack-Nummer gebracht? Ich hasse es, wenn sie das macht. WeiEt du, sie findet das 
Wort „Hodensack" einfach klasse. Nimms nicht personlich." 

Ich kiisste sie, und wir lasen weiter. 

„H6r mal", sagte sie. „Die Polizei rechnet fur dieses Wochenende mit vier- bis sechshundert 
Verhaftungen im Rahmen des, wie sie sagen, bislang groEten abgestimmten Einsatzes gegen Xnet- 
Dissidenten." 

Mir kam das Essen hoch. 

„Wir miissen das abbrechen", sagte ich. „WeiEt du, dass es sogar Leute gibt, die jetzt noch mehr 
jammen, bloE um zu zeigen, dass sie sich nicht einschuchtern lassen? Ist das nicht vollig bescheuert?" 

„Ich find, es ist mutig. Wir konnen es doch nicht zulassen, dass die uns einschuchtern bis zur 
Unterwerfung." 

„Wie bitte? Nein, Ange, nein. Wir konnen nicht zulassen, dass Hunderte von Leuten im Knast enden. 
Du warst nicht da. Ich schon. Und es ist schlimmer, als du denkst: Es ist sogar schlimmer, als du es dir 
vorstellen kannst." 

„Ach, ich habe eine ziemlich lebhafte Fantasie." 

„H6r auf damit, ja? Sei doch mal einen Moment ernsthaft. Ich mach das nicht. Ich schicke keine Leute 
ins Gefangnis. Wenn ich das tue, dann bin ich genau der Typ, fur den Van mich halt." 

„Marcus, ich meine das ernst. Denkst du etwa, diese Jungs wissen nicht, dass sie moglicherweise ins 
Gefangnis kommen? Hey, die glauben an die Sache. Du glaubst doch auch dran. Du kannst ihnen 
ruhig zugestehen, dass sie wissen, was sie da tun. Die brauchen dich nicht, um zu entscheiden, 
welches Risiko sie eingehen konnen und welches nicht." 



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„Es ist aber meine Verantwortung, weil sie damit aufhoren, wenn ich es ihnen sage." 

„Ich dachte, du bist nicht der Anfiihrer?" 

„Bin ich auch nicht; natiirlich nicht. Aber ich kann nichts dafiir, dass sie sich zur Orientierung an mich 
halten. Und so lange sie das tun, so lange habe ich die Verantwortung, ihnen dabei zu helfen, in 
Sicherheit zu sein. Das verstehst du doch, oder?" 

„Ich verstehe nur, dass du bereit bist, beim ersten Anzeichen von Arger die Kurve zu kratzen. Und ich 
glaube, du hast Angst, dass sie dahinterkommen, wer du bist. Ich glaube, du hast um dich selbst 
Angst." 

„Das ist nicht fair", sagte ich, setze mich auf und riickte ein Stuck ab von ihr. 

„Ach nein? Wer hatte denn fast einen Herzinfarkt, als er glaubte, seine geheime Identitat sei enttarnt?" 

„Das war was anderes. Jetzt gehts nicht um mich. Und das weiftt du auch. Warum also benimmst du 
dich so?" 

„Warum benimmst DU dich so? Warum bist DU nicht mehr bereit, der Typ zu sein, der mutig genug 
war, dies alles anzufangen?" 

„Das hier ist nicht mutig, sondern selbstmorderisch." 

„Billiges Schulertheater, Mlk3y." 

„Nenn mich nicht so!" 

„Was, Mlk3y? Warum nicht, Mlk3y?" 

Ich zog meine Schuhe an, schnappte meine Tasche und ging zu FuE nach Hause. 



> Warum ich nicht mehr jamme 

> Ich werde keinem von euch erzahlen, was er tun soil, weil ich nicht euer Anfiihrer bin, egal, was die 
Fox-News glauben. 

> Aber ich werde euch erzahlen, was ich vorhabe. Wenn ihr denkt, dass es das Richtige ist, dann 
macht ihr es ja vielleicht auch so. 

> Ich jamme nicht. Diese Woche nicht. Vielleicht auch nicht nachste Woche. Nicht, weil ich Angst 
habe. Sondern weil ich klug genug bin zu wissen, dass ich in Freiheit mehr tun kann als im Knast. Die 
haben rausgefunden, wie sie unsere Taktik durchkreuzen konnen, also milssen wir uns eine neue 
Taktik ausdenken. Es ist mir im Grunde egal, welche Taktik das ist, Hauptsache, sie funktioniert. Es 
ist dumm, sich schnappen zu lassen. Es ist nur Jamming, wenn ihr damit durchkommt. 

> Und es gibt noch einen Grund, nicht zu jammen. Wenn ihr geschnappt werdet, dann konnten sie mit 
eurer Hilfe eure Freunde schnappen, deren Freunde und die Freunde ihrer Freunde. Die konnten eure 
Freunde sogar hopsnehmen, wenn die gar nicht im Xnet sind, weil das DHS sich benimmt wie eine 
angeschossene Wildsau und es den Typen vollig egal ist, ob sie vielleicht einen Falschen geschnappt 
haben. 

> Ich sage euch nicht, was ihr tun sollt. 

> Aber das DHS ist dumm, und wir sind klug. Jammen beweist, dass sie nicht in der Lage sind, 
Terrorismus zu bekampfen, weil es beweist, dass sie nicht mal eine Horde Jugendlicher aufhalten 
konnen. Wenn ihr geschnappt werdet, dann sieht es so aus, als ob die kluger sind als wir. 

> DIE SIND NICHT KLUGER ALS WIR! Wir sind kluger als die. Lasst uns klug sein. Lasst uns Wege 
finden, sie zu jammen, egal, wie viele trottelige Schlager sie in unserer Stadt aufStreife schicken. 

Ich postete es und ging ins Bett. 

Ich vermisste Ange. 

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Ange und ich sprachen vier Tage lang nicht miteinander, das Wochenende inbegriffen, und dann war 
es wieder Zeit, in die Schule zu gehen. Eine Million Mai hatte ich sie fast angerufen, eintausend E- 
Mails und Instant Messages nicht versendet. 

Jetzt war ich zuriick im Gesellschaftskunde-Kurs, Mrs. Andersen begriiEte mich mit wortreich- 
sarkastischer Hoflichkeit und fragte mich zuckersiiE, wie denn mein „Urlaub" gewesen sei. Ich setzte 
mich hin und murmelte irgendwas. Dabei konnte ich Charles kichern horen. 

In dieser Stunde ging es um Manifest Destiny, den Gedanken, dass Amerikaner dazu auserwahlt seien, 
die ganze Welt zu erobern (zumindest klang es in ihrer Darstellung so), und sie schien mir zu 
versuchen, mich zu irgendwelchen Reaktionen zu provozieren, um mich wieder rauswerfen zu 
konnen. 

Ich spiirte die Blicke der ganzen Klasse auf mir, und das erinnerte mich an Mlk3y und die Leute, die 
zu ihm aufschauten. Ich hatte es satt, dass man zu mir aufschaute. Ich vermisste Ange. 

Ich brachte den Rest des Tages hinter mich, ohne mir irgendwelche Kainszeichen einzuhandeln. 
Schatzungsweise sagte ich keine acht Worte. 

Endlich war es vorbei, und ich sauste zur Tiir, zum Tor, raus zur bloden Mission und zu meinem 
damlichen Zuhause. 

Ich war kaum zum Tor raus, als jemand in mich reinrannte. Es war ein junger Obdachloser, vielleicht 
mein Alter oder ein bisschen alter. Er trug einen langen, speckigen Mantel, Jeans wie Kartoffelsacke 
und verwarzte Turnschuhe, die aussahen wie einmal durch den Hacksler gelaufen. Sein langes Haar 
hing ihm ins Gesicht, und ein Zottelbart hing ihm bis runter in den Kragen eines vollig verblichenen 
Strickpullis. 

Das alles realisierte ich, wahrend wir nebeneinander auf dem Biirgersteig lagen und die Leute an uns 
vorbeihasteten und komisch guckten. Sah so aus, als sei er in mich reingerannt, wahrend er Valencia 
runterhastete, vermutlich von der Last seines Rucksacks gebeugt, der neben ihm auf dem Gehsteig 
lag, eng bedeckt mit geometrischen Kritzeleien mit Filzstift. 

Er setzte sich auf die Knie und wippte vor und zuriick, als ob er betrunken war oder seinen Kopf 
gestoEen hatte. 

„Sorry, Rumpel", sagte er. „Hab dich nicht gesehen. Biste verletzt?" Ich setzte mich ebenfalls auf. 
Nichts fiihlte sich verletzt an. 

„Hm, nein, alles OR." 

Er stand auf und lachelte. Seine Zahne waren erschreckend weiE und ebenmaEig, die hatten auch eine 
Anzeige fur eine kieferorthopadische Rlinik zieren konnen. Er streckte mir seine Hand entgegen, und 
sein Griff war kraftig und bestimmt. 

„Tut mir echt Leid." Auch seine Stimme war klar und aufgeweckt. Ich hatte erwartet, dass er klang 
wie einer dieser Besoffenen, die mit sich selbst sprachen, wenn sie nachts durch die StraEen der 
Mission wankten, aber er klang eher wie ein gut informierter Buchhandler. 

„Rein Problem", sagte ich. 

Er streckte nochmals die Hand aus. 

„Zeb." 

„Marcus." 

„Ein Vergniigen, Marcus," sagte er. „Hoffe, ich renne mal wieder in dich rein!" Lachend schnappte er 
seinen Rucksack, machte auf dem Absatz kehrt und eilte davon. 



133 



Den Rest des Weges nach Hause lief ich wie benebelt vor mich hin. Mom saE am Kiichentisch, und 
wir plauderten iiber dies und jenes, gerade so, wie wir es immer getan hatten, bevor sich alles anderte. 

Ich ging rauf in mein Zimmer und lieE mich in meinen Stuhl fallen. Ausnahmsweise hatte ich keine 
Lust, mich ins Xnet einzuloggen. Das hatte ich schon heute fruh vor der Schule getan und dabei 
festgestellt, dass mein Blogeintrag eine gigantische Kontroverse ausgelost hatte zwischen Leuten, die 
sich meiner Meinung anschlossen, und anderen, die ernsthaft angepisst waren davon, dass ich ihnen 
sagte, sie sollten ihren Lieblingssport aufgeben. 

Hier lagen noch dreitausend Projekte rum aus der Zeit, bevor das alles angefangen hatte. Ich war 
dabei, eine Lochkamera aus Legos zu bauen, und ich hatte ein bisschen mit Lenkdrachen- 
Luftbildfotografie rumgespielt, indem ich eine alte Digitalkamera mit einem Ausloser aus Hiipfknete 
getunt hatte, der sich beim Start des Drachens ausdehnte, langsam zu seiner alten Form zuriickfand 
und dabei die Kamera in gleichmaEigen Abstanden ausloste. AuEerdem war da noch ein Vakuum- 
Rohrenverstarker, den ich in eine prahistorische, verrostete und verbeulte Olivenol-Dose eingebaut 
hatte - sobald das erledigt war, wollte ich eine Docking-Station fur mein Handy einbauen und das 
Ganze um ein Set von 5.1-Surround-Boxen aus Tunfischdosen erweitern. 

Ich schaute iiber meine Arbeitsplatte und griff mir schlieElich die Lochkamera. Gewissenhaft Legos 
ineinanderzustecken war heute genau mein Tempo. 

Ich nahm meine Uhr ab, ebenso den klobigen silbernen Zwei-Finger-Ring, der einen Affen und einen 
Ninja in Zweikampfbereitschaft zeigte, und lieE beides in die kleine Kiste fallen, die ich fur das ganze 
Zeug benutzte, das ich jeden Tag in die Taschen und um den Hals packe, bevor ich das Haus verlasse: 
Handy, Brieftasche, Schlussel, WLAN-Finder, Kleingeld, Akkus, aufrollbare Kabel, ... ich lieE alles 
ins Kistchen ploppen und merkte plotzlich, dass ich etwas in der Hand hielt, das ich nicht in meine 
Tasche gesteckt hatte. 

Es war ein Stuck Papier, grau und weich wie Flanell, ausgefasert an den Kanten, wo es aus einem 
groEeren Stuck Papier herausgerissen worden war. Es war iibersat mit der kleinsten, sorgfaltigsten 
Handschrift, die ich je gesehen hatte. Ich faltete es auf und nahm es hoch. Das Geschriebene bedeckte 
beide Seiten, ohne Unterbrechung von der linken oberen Ecke bis zu einer kaum lesbaren Unterschrift 
rechts unten auf der anderen Seite. 

Die Unterschrift lautete einfach Zeb. 

Ich nahm den Zettel und begann zu lesen. 

Lieber Marcus 

Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Die letzten drei Monate, seit die Bay Bridge hochgejagt 
wurde, wurde ich auf Treasure Island gefangen gehalten. Ich war an dem Tag im Hof an dem du mit 
dem asiatischen Madchen sprachst und in die Mangel genommen wurdest. Du warst mutig. Respekt. 

Ich hatte am folgenden Tag einen Blinddarmdurchbruch und kam in die Krankenstation. Im nachsten 
Bett lag ein Typ namens Darryl. Wir waren beide eine ganze Weile in Rekonvaleszenz, und als wir 
irgendwann wieder gesund waren, ware es allzu lastig geworden, uns laufen zu lassen. 

Also entschieden sie, dass wir wirklich schuldig sein miissten. Sie befragten uns jeden Tag. Du kennst 
ihre Befragungen, das weiB ich. Stell dir dasselbe monatelang vor. Darryl und ich waren irgendwann 
Zellengenossen. Wir wussten, dass sie uns verwanzt hatten, also redeten wir nur iiber belangloses 
Zeug. Aber nachts aufunseren Pritschen haben wir uns leise Nachrichten mit Morse-Code zugeklopft 
(ich wusste es immer, dass meine Amateurfunkerei irgendwann mal zu etwas gut ist). 

Zuerst waren ihre Fragen an uns derselbe Dreck wie immer - wer war es, wie haben sie es getan. 
Aber ein bisschen spater haben sie dann angefangen, uns iiber das Xnet zu befragen. Natiirlich hatten 
wir davon noch nie was gehort. Aber das hielt sie nicht vom Fragen ab. 



134 



Darryl erzahlte mir, dass sie ihm RFID-Kloner, Xboxen und alles mogliche Technikzeug brachten und 
von ihm verlangten, dass er ihnen erzahlte, wer das benutzte und wo sie lernen wurden, das Zeug zu 
tunen. Darryl hat mir von euren Spielen erzahlt und davon, was ihr dabei alles gelernt habt. 

Insbesondere hat das DHS uns uber unsere Freunde ausgefragt. Wen kannten wir? Wie waren sie so? 
Hatten sie politische Ansichten ? Hatten sie Arger in der Schule oder mit dem Gesetz ? 

Wir nennen den Knast Gitmo-an-der-Bay. Ich binjetzt seit einer Woche drauSen, und ich glaube 
nicht, dass hier irgend jemand eine Ahnung hat, dass ihre Sohne und Tochter mitten in der Bay 
gefangen gehalten werden. Nachts konnten wir sogar die Leute aufdem Festland lachen und feiern 
horen. 

Letzte Woche bin ich rausgekommen. Ich erzdhl dir nicht, wie, falls das hier in die falschen Hande 
gerat. Mogen andere meiner Route folgen. 

Darryl hat mir erzahlt, wie ich dich finde, und ich musste ihm versprechen, dir alles zu berichten, was 
ich weiS. Jetzt, da ich das getan habe, bin ich nix wie weg hier. Ich werde einen Weg finden, dieses 
Landzu verlassen. ScheiB aufAmerika. 

Bleib stark. Die haben Angst vor dir. Trittsie von mir. Lass dich nicht erwischen. 

Zeb 

Als ich mit der Nachricht fertig war, hatte ich Tranen in den Augen. Irgendwo auf meinem 
Schreibtisch hatte ich ein Einwegfeuerzeug, das ich manchmal benutzte, um die Isolierung von 
Kabeln abzuschmelzen, und ich kramte es hervor und hielt es an den Zettel. Ich wusste, ich schuldete 
es Zeb, ihn zu zerstoren, um sicherzugehen, dass niemand sonst ihn jemals finden wiirde, um sie nicht 
auf seine Spur zu fiihren, wohin immer er jetzt ging. 

Ich hielt die Flamme und den Zettel, aber ich brachte es nicht uber mich. 

Darryl. 

Uber all dem Zeugs mit dem Xnet und Ange und dem DHS hatte ich fast vergessen, dass es ihn gab. 
Er war zu einem Geist geworden, wie ein Jugendfreund, der jetzt weggezogen oder auf einem 
Austauschprogramm war. Und diese ganze Zeit hatten sie ihn befragt, von ihm verlangt, dass er mich 
verrate, das Xnet erklare und die Jammerei. Er war also auf Treasure Island, dem verlassenen 
Militarstutzpunkt eine halbe Lange der zerstorten Bay Bridge entfernt. Er war all die Zeit so nah 
gewesen, dass ich zu ihm hatte hinschwimmen konnen. 

Ich legte das Feuerzeug wieder weg und las den Zettel nochmals. Bis ich damit durch war, weinte und 
schluchzte ich hemmungslos. Es kam alles zuriick, die Lady mit dem strengen Haarschnitt, ihre 
Fragen, der Geruch von Pisse und die Steifigkeit meiner Hose, als der Urin darin langsam trocknete. 

„Marcus?" 

Meine Tiir stand offen, und darin stand meine Mutter, einen besorgten Ausdruck im Gesicht. Wie 
lange mochte sie dort schon gestanden haben? 

Ich wischte mir die Tranen weg und zog die Nase hoch. „Mom", sagte ich. „Hi." 

Sie kam zu mir ins Zimmer und nahm mich in den Arm. „Was ist los? Mochtest du driiber sprechen?" 

Die Nachricht lag auf dem Tisch. „Ist das von deiner Freundin? Ist alles in Ordnung?" 

Sie hatte mir ein Hinterturchen geoffnet. Ich hatte es einfach alles auf Probleme mit Ange abwalzen 
konnen, und sie ware aus meinem Zimmer verschwunden und hatte mich allein gelassen. Ich offnete 
den Mund, um genau das zu sagen, und dann sagte ich statt dessen: 

„Ich war im Gefangnis. Als sie die Briicke gesprengt hatten. Ich war die ganze Zeit im Knast." 



135 



Die Schluchzer, die dann kamen, klangen kein Stuck wie meine Stimme. Sie klangen wie die Stimme 
eines Tiers, eines Esels vielleicht oder einer groEen Katze in der Nacht. Ich schluchzte, dass meine 
Kehle brannte und meine Brust bebte. 

Mom nahm mich in ihre Arme, genau so, wie sie es friiher getan hatte, als ich ein kleiner Junge war; 
und dann streichelte sie mein Haar, murmelte mir etwas ins Ohr und wiegte mich hin und her, und 
langsam, ganz langsam, lieE das Schluchzen nach. 

Ich holte einmal tief Luft, und Mom holte mir ein Glas Wasser. Ich setzte mich auf meine Bettkante, 
und sie setzte sich auf meinen Schreibtischstuhl, und dann erzahlte ich ihr alles. 

Alles. 

Naja, fast alles. 



136 



Kapitel 16 

Dieses Kapitel ist San Franciscos Booksmith gewidmet, versteckt im legendaren Haight-Ashbury-Viertel, nur ein paar Turen 
hinter Ben and Jerry's an eben dieser Ecke Haight und Ashbury. Die Leute von Booksmith wissen genau, wie man eine 
Autorenlesung veranstalten muss - als ich in San Francisco lebte, war ich standig dort, urn unglaubliche Autoren zu horen 
(William Gibson war unvergesslich). Sie produzieren auch kleine Sammelkarten fur jeden Autor - ich habe zwei von meinen 
eigenen Lesungen dort. 

Booksmith http://thebooksmith.booksense.com 1644 Haight St. San Francisco CA 94117 USA+1 415 863 8688 

Zuerst wirkte Mom schockiert, dann wiitend, und schlieElich gab sie es ganz auf und saE bloE 
noch mit offenem Mund da, wahrend ich sie durch die Vernehmungen fiihrte, durch mein 
Einpinkeln, den Sack iiber meinem Kopf, Darryl. Ich zeigte ihr den Zettel. 

„Warum ...?" 

Es war alles in diesem einen Wort: All die Vorwiirfe, die ich mir wahrend der Nachte machte, j eder 
Moment, den es mir an Mut mangelte, der Welt zu berichten, worum es wirklich ging, warum ich in 
Wirklichkeit kampfte und was das Xnet in Wahrheit inspiriert hatte. 

Ich atmete tief durch. 

„Sie haben mir gesagt, ich wiirde ins Gefangnis gehen, wenn ich dariiber rede. Nicht nur fur ein paar 
Tage. Fur immer. Ich ... ich hatte Angst." 

Mom saE eine lange Zeit nur bei mir und sagte kein Wort. Dann: „Und was ist mit Darryls Vater?" 
Genauso gut hatte sie mir eine Stricknadel in die Brust bohren konnen. Darryls Vater. Er musste 
glauben, dass Darryl schon lange, lange tot war. 

Und war er es etwa nicht? Wenn das DHS dich widerrechtlich drei Monate lang festgehalten hat, 
lassen sie dich dann iiberhaupt noch mal raus? 

Aber Zeb war rausgekommen. Vielleicht wiirde Darryl auch rauskommen. Vielleicht konnten ich und 
das Xnet dabei helfen, Darryl rauszubekommen. 

„Ich hab es ihm nicht erzahlt." 

Jetzt fing Mom an zu weinen. Das tat sie nicht oft; es war ihre britische Ader. Das machte ihre kleinen 
hicksenden Schluchzer noch viel schwerer zu ertragen. 

„Du wirst es ihm erzahlen", brachte sie hervor. „Du musst." 

„Ja." 

„Aber zuerst miissen wir es deinem Vater erzahlen." 



Dad kam langst nicht mehr zu einer bestimmten Zeit nach Hause. Durch seine Beratungstatigkeit - 
seine Kunden hatten jetzt reichlich Arbeit, seit das DHS sich auf der Halbinsel nach Data-Mining- 
Startups umsah - und die lange Pendelei nach Berkeley kam er irgendwann zwischen sechs Uhr 
abends und Mitternacht nach Hause. 

Heute abend rief Mom ihn an und sagte, er moge „auf der Stelle" heimkommen. Er entgegnete etwas, 
und sie wiederholte bloE „auf der Stelle". 

Als er ankam, hatten wir uns im Wohnzimmer hingesetzt und den Zettel zwischen uns auf den 
Kaffeetisch gelegt. 

Beim zweiten Mal fiel das Erzahlen leichter. Das Geheimnis war nicht mehr so driickend. Ich schonte 
nichts, und ich verheimlichte nichts. Ich redete mir alles von der Seele. 

Ich hatte die Phrase schon gehort, aber nie zuvor begriffen, was sie eigentlich bedeutete. Das 
Geheimnis fur mich zu behalten hatte mich beschmutzt, meinen Geist verdorben. Es hatte mich 
angstlich und beschamt gemacht. Es hatte mich zu all dem gemacht, was Ange iiber mich gesagt hatte. 

137 



Dad saE die ganze Zeit steif wie ein Amboss da, sein Gesicht wie aus Stein gemeiEelt. Als ich ihm den 
Zettel reichte, las er ihn zwei Mai und legte ihn dann sorgfaltig beiseite. 

Er schiittelte den Kopf, stand auf und ging zur Haustiir. 

„Wohin gehst du?", fragte Mom besorgt. 

„Ich muss mal um den Block", war alles, was er mit brechender Stimme hervorbrachte. 

Wir sahen einander unsicher an, Mom und ich, und warteten auf seine Ruckkehr. Ich versuchte mir 
vorzustellen, was in seinem Kopf vorgehen mochte. Nach den Attentaten war er ein so anderer 
Mensch geworden, und ich wusste von Mom, dass das, was ihn geandert hatte, die Tage waren, 
wahrend derer er mich fur tot gehalten hatte. Er war zu der Ansicht gelangt, dass die Terroristen 
seinen Sohn beinahe getotet hatten, und das hatte ihn verriickt gemacht. 

Verriickt genug, um alles zu tun, was das DHS von ihm verlangte: sich einzureihen wie ein braves 
kleines Lamm, sich kontrollieren zu lassen, sich antreiben zu lassen. 

Und nun wusste er, dass es das DHS war, das mich gefangen gehalten hatte, dasselbe DHS, das San 
Franciscos Kinder in Gitmo-an-der-Bay als Geiseln hielt. Es war auch vollig logisch, jetzt, da ich 
driiber nachdachte. Naturlich musste es Treasure Island sein, wo man mich gefangen gehalten hatte. 
Was sonst war zehn Minuten Bootsfahrt von San Francisco entfernt? 

Als Dad zuriickkam, sah er so zorniger aus als jemals zuvor im Leben. 

„Du hattest es mir erzahlen miissen!", polterte er. 

Mom stellte sich zwischen ihn und mich. „Du beschuldigst den Falschen", sagte sie. „Es war doch 
nicht Marcus, der fur das Kidnapping und die Einschuchterung verantwortlich war." 

Er schiittelte den Kopf und stampfte. „Ich beschuldige nicht Marcus. Ich weiE nur zu genau, wer hier 
schuld ist. Ich. Ich und das dumme DHS. Zieht eure Schuhe an und holt eure Mantel." 

„Wohin gehen wir?" 

„Zuerst zu Darryls Vater. Und dann besuchen wir Barbara Stratford." 



Der Name Barbara Stratford sagte mir irgendwas, aber mir fiel nicht ein, was. Mochte sein, dass sie 
eine alte Freundin meiner Eltern war, aber ich konnte sie nicht einordnen. 

Erst mal waren wir jetzt zu Darryls Vater unterwegs. Ich hatte mich nie sehr wohl gefiihlt in der 
Gegenwart des alten Mannes, der Funker bei der Navy gewesen war und seinen Haushalt straff wie 
auf dem Schiff organisierte. Er hatte Darryl schon Morsecode beigebracht, als der noch ein Kind war, 
und das hatte ich ziemlich cool gefunden. Das war iibrigens einer der Griinde dafur, dass ich wusste, 
ich konnte Zebs Nachricht trauen. Aber auf jedes coole Ding wie Morsecode kam bei Darryls Vater 
irgendeine schwachsinnige militarische Disziplinnummer aus anscheinend reinem Selbstzweck - zum 
Beispiel bestand er auf perfektes Bettenbauen und auf zwei Rasuren pro Tag. Das trieb Darryl 
ziemlich auf die Palme. 

Darryls Mutter hatte das auch nicht so dufte gefunden und war zu ihrer Familie nach Minnesota 
zuriickgegangen, als Darryl zehn war; er verbrachte seine Sommer- und Weihnachtsferien dort. 

Ich saE hinten im Auto und konnte den Hinterkopf meines Vaters betrachten, wahrend er fuhr. Seine 
Muskeln im Nacken waren angespannt und waren in steter Bewegung, weil er mit seinen Kiefern 
mahlte. 

Mom behielt ihre Hand auf seinem Arm, aber es war niemand da, der mich trostete. Wenn ich doch 
bloE Ange anrufen konnte. Oder Jolu. Oder Van. Naja, vielleicht, wenn dieser Tag rum war. 

„Er muss seinen Sohn innerlich schon beerdigt haben", sagte Dad, wahrend wir uns auf den 
Haarnadelkurven hinauf nach Twin Peaks dem Hauschen naherten, in dem Darryl und sein Vater 



138 



lebten. Es war neblig urn Twin Peaks, wie so oft bei Nacht in San Francisco, und das 
Scheinwerferlicht wurde zu uns zuriickreflektiert. In jeder Kurve sah ich die Taler der Stadt tief unter 
uns, Schiisseln voller glitzernder Lichter, die sich im Nebel bewegten. 

„Ist es das?" 

„Ja", sagte ich, „das ist es." Ich war nun monatelang nicht bei Darryl gewesen, aber ich hatte in all 
den Jahren genug Zeit hier verbracht, um sein Haus auf Anhieb zu erkennen. 

Wir drei standen einen ausgedehnten Moment lang urns Auto herum, um zu sehen, wer gehen und an 
der Tiir klingeln wurde. Zu meiner eigenen Uberraschung war ich es. 

Ich klingelte, und wir warten in angespanntem Schweigen eine Minute lang. Dann klingelte ich 
erneut. Der Wagen von Darryls Vater stand in der Auffahrt, und wir hatten im Wohnzimmer ein Licht 
brennen sehen. Gerade wollte ich ein drittes Mai klingeln, als die Tiir geoffnet wurde. 

„Marcus?" Ich erkannte Darryls Vater kaum wieder. Unrasiert, in einem Hausmantel und barfuE, mit 
langen Zehennageln und roten Augen. Er hatte Gewicht zugelegt, und unter dem kraftigen 
Soldatenkinn war ein weiches Doppelkinn zu erkennen. Sein diinnes Haar war strahnig und 
ungepflegt. 

„Mr. Glover", sagte ich. Meine Eltern schoben sich hinter mir zur Tiir herein. 

„Hallo, Ron", sagte meine Mutter. 

„Ron", sagte mein Vater. 

„Ihr auch? Was ist los?" 

„K6nnen wir reinkommen?" 



Sein Wohnzimmer sah aus wie eins jener Zimmer, die man in den Nachrichtenmeldungen iiber 
verwahrloste Jugendliche sieht, die einen Monat eingeschlossen sind, bevor sie von den Nachbarn 
gerettet werden: Schachteln fur Tiefkuhlkost, leere Bierdosen und Saftflaschen, schmutzige 
Miislischusseln und stapelweise Zeitungen. Ein Hauch von Katzenpisse hing in der Luft, und Mull 
knirschte unter unseren FiiEen. Selbst ohne die Note von Katzenpisse ware der Geruch unglaublich 
gewesen, wie in einem Bahnhofsklo. 

Die Couch war mit einem schmuddeligen Laken und ein paar fettig glanzenden Kissen bedeckt, und 
die Polster waren eingedriickt wie nach vielen Nachten Schlaf. 

Wir standen alle fur einen langen, schweigsamen Moment da, wahrend dessen Verlegenheit alle 
anderen Gefiihle iiberlagerte. Darryls Vater sah aus, als wolle er auf der Stelle sterben. 

Langsam raumte er dann die Laken vom Sofa, raumte die Stapel schmutzigen Geschirrs von einigen 
der Sofas und trug sie in die Kiiche, wo er sie, dem Gerausch nach zu urteilen, auf den Boden fallen 
liefi. 

Vorsichtig setzten wir uns auf die Platze, die er freigeraumt hatte, dann kam er zuriick und setzte sich 
ebenfalls. 

„Es tut mir Leid", sagte er undeutlich. „Ich kann euch wirklich keinen Kaffee anbieten. Ich rechne fur 
morgen mit der Lebensmittellieferung, deshalb bin ich ein bisschen knapp ..." 

„Ron", sagte mein Vater. „H6r uns bitte zu. Wir haben dir etwas zu erzahlen, und es wird nicht leicht 
sein, es anzuhoren." 

Er saE wie eine Statue da, wahrend ich berichtete. Dann starrte er auf den Zettel, las ihn 
augenscheinlich, ohne ihn zu begreifen, und las ihn noch einmal. Dann gab er ihn mir zuriick. 

Er zitterte. 



139 



Fr " 

„IL1 ... 

„Darryl lebt", sagte ich. „Darryl lebt, und er wird auf Treasure Island als Gefangener festgehalten." Er 
presste seine Faust in seinen Mund und gab ein furchterregendes Stohnen von sich. 

„Wir haben eine Freundin", sagte mein Vater. „Sie schreibt fiir den ,Bay Guardian'. Eine investigative 
Reporterin." 

Daher also kannte ich den Namen. Die kostenlose Wochenzeitung „Guardian" verlor haufiger ihre 
Reporter an die groEeren Tageszeitungen und ans Internet, aber Barbara Stratford war dort schon seit 
Ewigkeiten. Ich hatte eine vage Erinnerung an ein Abendessen mit ihr, als ich ein Kind war. 

„Wir gehen jetzt zu ihr", sagte meine Mutter. „Wirst du mit uns kommen, Ron? Wirst du ihr Darryls 
Geschichte erzahlen?" 

Er schlug die Hande vors Gesicht und atmete schwer. Dad versuchte ihm die Hand auf die Schulter zu 
legen, aber Mr. Glover schuttelte sie vehement ab. 

„Ich muss mich auf Vordermann bringen", sagte er. „Gebt mir eine Minute." 

Mr. Glover kam als veranderter Mensch wieder die Treppe herunter. Er hatte sich rasiert und sein 
Haar zuriickgegelt, und er hatte eine makellose Militar-Ausgehuniform mit einer Reihe Abzeichen auf 
der Brust angezogen. Am FuE der Treppe blieb er stehen und wies auf die Uniform. 

„Ich habe momentan nicht allzu viele saubere Sachen, die vorzeigbar sind. Und das hier schien mir 
angemessen. Ihr wisst schon, falls sie Fotos machen mochte." 

Er und Dad saEen vorn und ich auf dem Riicksitz hinter ihm. Aus der Nahe roch er ein wenig nach 
Bier, als ob es durch seine Poren kame. 



Als wir in Barbara Stratfords Einfahrt bogen, war es bereits Mitternacht. Sie lebte auEerhalb der Stadt, 
unten in Mountain View, und wahrend wir iiber die 101 sausten, sprach keiner von uns ein Wort. Die 
Hightech-Gebaude langs des Highways flitzten an uns vorbei. 

Das war eine ganz andere Bay Area als die, in der ich lebte, eher wie das kleinstadtische Amerika, das 
ich manchmal im Fernsehen sah. Jede Menge Autobahnen und segmentierte Ansammlungen 
identischer Hauser; Stadte, in denen kein einziger Obdachloser seinen Einkaufswagen den Biirgersteig 
entlang schob - hier gab es nicht einmal Biirgersteige! 

Mom hatte Barbara Stratford angerufen, wahrend wir darauf warteten, dass Mr. Glover wieder 
runterkam. Die Journalistin hatte schon geschlafen, aber Mom war so erregt gewesen, dass sie vollig 
vergessen hatte, sich britisch zu benehmen und peinlich beriihrt zu sein, sie geweckt zu haben; statt 
dessen hatte sie ihr nachdrucklich erzahlt, dass sie etwas zu besprechen habe und dass es personlich 
sein musse. 

Als wir zu Barbara Stratfords Haus hochrollten, war meine erste Assoziation Brady Bunch - ein 
geducktes Ranch-Haus mit Ziegelverblendung und ordentlichem, vollkommen quadratischem Rasen. 
Die Verblendung hatte ein abstraktes Kachelmuster, und dahinter ragte eine altmodische UHF-TV- 
Antenne hervor. Wir gingen urns Haus herum zum Eingang und sahen, dass drinnen bereits Licht 
brannte. 

Die Schreiberin offnete die Tiir, bevor wir auch nur eine Chance hatten, den Klingelknopf zu driicken. 
Sie war etwa so alt wie meine Eltern, mit scharf profilierter Nase und klugen Augen mit vielen 
Lachfaltchen. Sie trug Jeans, die hip genug waren, um auch in einer der Boutiquen auf Valencia Street 
durchzugehen, und eine weite indische Baumwollbluse, die ihr bis iiber die Oberschenkel hing. Ihre 
kleinen runden Brillenglaser blitzten im Licht ihres Korridors. 

Sie schenkte uns die Andeutung eines Lachelns. 

„Wie ich sehe, seid ihr mit der ganzen Sippe angereist." 

140 



Mom nickte. „Du wirst gleich verstehen, warum", sagte sie. 

Mr. Glover trat hinter Dad hervor. 

„Und die Navy habt ihr audi angefordert?" 

„Alles zu seiner Zeit." 

Wir wurden ihr vorgestellt. Sie hatte einen festen Handedruck und langgliedrige Finger. 

Ihr Heim war japanisch-minimalistisch eingerichtet mit nur wenigen wohlproportionierten, niedrigen 
Mobelstiicken, groEen TongefaEen mit Bambus, dessen Wedel bis zur Decke ragten, und etwas, das 
aussah wie groEes, verrostetes Bauteil eines Dieselaggregats auf einem polierten Marmorsockel. Ich 
entschied mich dafur, es zu mogen. Die FuEboden waren altes Holz, gesandet und gebeizt, aber nicht 
versiegelt, so dass man Risse und Vertiefungen unter dem Firnis sehen konnte. Das mochte ich 
wirklich sehr, insbesondere, als ich auf Socken dariiberlief. 

„Ich habe Kaffee aufgesetzt", sagte sie. „Wer mochte welchen?" Wir hoben alle die Hande. Ich blickte 
meine Eltern herausfordernd an. 

„Okay", sagte sie. 

Sie verschwand in einem anderen Raum und kam kurz darauf mit einem groben Bambustablett 
zuriick, auf dem eine Zwei-Liter-Thermoskanne und sechs Tassen in sehr praziser Formgebung, aber 
grobschlachtiger Dekoration standen. Die mochte ich auch. 

„Nun denn", sagte sie, nachdem sie eingeschenkt und verteilt hatte. „Es ist sehr schon, euch alle mal 
wieder zu sehen. Marcus, als ich dich letztes Mal gesehen habe, warst du ungefahr sieben Jahre alt. 
Und wenn ich mich recht erinnere, warst du damals sehr begeistert von deinen neuen Videospielen, 
die du mir gezeigt hast." 

Ich erinnerte mich daran iiberhaupt nicht, aber es klang genau nach dem, wofiir ich mich mit sieben 
begeistert hatte. Musste wohl meine Sega Dreamcast gewesen sein. 

Sie holte ein Tonbandgerat, einen gelben Block und einen Kugelschreiber und drehte den Stift auf. 
„Ich bin bereit, anzuhoren, was immer ihr mir zu erzahlen habt, und ich kann euch versprechen, dass 
ich alles, was ich hore, vertraulich behandeln werde. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich das, 
was ich hore, irgendwie verwenden werde oder dass es veroffentlicht werden wird." Die Art, wie sie 
das sagte, machte mir klar, dass diese Lady meiner Mom, die sie aus dem Bett geklingelt hatte, einen 
sehr groEen Dienst erwies, Freundinnen hin oder her. Beruhmte investigative Reporterin musste 
manchmal ein ganz schoner ScheiEjob sein. Wahrscheinlich waren eine Million Leute heiE drauf, dass 
sie sich ihrer Falle annahm. 

Mom nickte mir zu. Obwohl ich die Story in dieser Nacht schon drei Mal erzahlt hatte, ging sie mir 
dieses Mal nicht so leicht iiber die Lippen. Das hier war was anderes, als es meinen Eltern zu 
erzahlen. Es war auch was anderes, als es Darryls Vater zu erzahlen. Das hier, das wiirde dem Spiel 
eine vollig neue Wendung geben. 

Ich fing langsam an und beobachtete Barbara dabei, wie sie sich Notizen machte. Ich trank eine ganze 
Tasse Kaffee nur wahrend der Erklarung, was ARG war und wie ich zum Spielen aus der Schule 
rauskam. Mom, Dad und Mr. Glover horten dabei besonders aufmerksam zu. Ich schenkte mir eine 
zweite Tasse ein und trank sie iiber dem Bericht unserer Festnahme aus. Als ich mit der kompletten 
Geschichte durch war, hatte ich die Kanne leer gemacht und hatte Druck auf der Blase wie ein 
Rennpferd. 

Ihr Badezimmer war genauso puristisch wie das Wohnzimmer, und es gab braune Oko-Seife, die wie 
reiner Schlamm roch. Ich kam wieder zuriick und sah die Augen aller Erwachsenen auf mir ruhen. 

Dann erzahlte Mr. Glover seine Geschichte. Er konnte nichts dariiber berichten, was passiert war, aber 
er erzahlte, dass er ein Veteran sei und sein Sohn ein guter Junge. Er sprach dariiber, wie er sich 
gefiihlt hatte, als er annehmen musste, dass sein Sohn tot war, und wie seine Ex-Frau einen 

141 



Zusammenbruch erlitten hatte und in die Klinik kam. Er weinte ein wenig und schamte sich nicht 
dafiir, wie die Tranen iiber sein zerfurchtes Gesicht liefen und den Kragen seiner Ausgehuniform 
benetzten. 

Als alles gesagt war, verschwand Barbara in einem anderen Zimmer und kam mit einer Flasche 
irischem Whiskey zuriick. „Ein 15-jahriger Bushmills, im Rum-Fass gelagert", sagte sie, wahrend sie 
vier kleine Glaser hinstellte. Keins fiir mich. „Dieser hier wird seit zehn Jahren nicht mehr verkauft. 
Ich glaube, dies ist wohl ein angemessener Moment, ihn anzubrechen." 

Sie goss alien ein kleines Glaschen ein, hob ihres, nippte daran und leerte es zur Halfte. Die anderen 
taten es ihr nach. Sie tranken nochmals und leerten die Glaser. Sie goss ihnen neu ein. 

„Also", begann sie. „Im Moment kann ich euch folgendes sagen: Ich glaube euch. Nicht nur, weil ich 
dich kenne, Lillian. Die Story klingt schliissig und fiigt sich in einige andere Geriichte ein, die mir 
zugetragen wurden. Aber es wird nicht reichen, mich allein auf euer Wort zu verlassen. Ich werde 
jeden einzelnen Aspekt dieser Sache recherchieren miissen undjedes kleine Teilchen eures Lebens 
und eurer Geschichte. Ich muss wissen, ob es irgend etwas gibt, das ihr mir noch nicht erzahlt habt 
und das dazu dienen konnte, euch zu diskreditieren, nachdem diese Sache ans Licht kommt. Ich 
brauche alles. Es konnte Wochen dauern, bevor ich etwas veroffentlichen kann. 

Ihr musst auch an eure Sicherheit denken und an die Sicherheit dieses Darryl. Wenn er wirklich eine 
, Unperson' ist, dann konnte jeder Druck, den wir auf das DHS ausiiben, dazu fuhren, dass sie ihn sehr 
weit weg bringen, zum Beispiel nach Syrien. Sie konnten auch etwas noch viel Schlimmeres tun." Sie 
lieE das so in der Luft hangen. Ich wusste, dass sie meinte, sie konnten ihn toten. 

„Ich werde jetzt diese Nachricht einscannen. Und ich brauche Fotos von euch beiden, jetzt gleich und 
spater. Wir konnen noch einen Fotografen rumschicken, aber ich will alles heute Nacht schon 
moglichst sorgfaltig dokumentieren." 

Ich ging mit in ihr Biiro, um zu scannen. Ich hatte einen schicken Kleincomputer erwartet, der zur 
Einrichtung passte, aber tatsachlich war ihr kombiniertes Schlaf- und Arbeitszimmer gerammelt voll 
mit High-End-Rechnern, groEen Flachbildschirmen und einem Monster-Scanner, mit dem man eine 
ganze Zeitungsseite auf einmal einlesen konnte. Und mit all dem ging sie sehr souveran um. Mit 
einiger Befriedigung registrierte ich, dass sie mit ParanoidLinux arbeitete. Diese Lady nahm ihren Job 
ernst. 

Die Computerlufter sorgten schon fiir sehr effektive Gerauschunterdruckung, dennoch schloss ich die 
Tiir und trat nah an sie heran. 

„Barbara?" 

„Ja?" 

„Was Sie vorhin gesagt haben, iiber Dinge, die geeignet waren, mich zu diskreditieren ..." 

„Ja?" 

„Was ich Ihnen erzahle: Man kann Sie doch nicht zwingen, das jemandem weiterzuerzahlen?" 

„Theoretisch schon. Aber sagen wir so: Ich bin schon zwei Mai ins Gefangnis gegangen, statt einen 
Informanten preiszugeben." 

„OK, OK. Gut. Wow. Knast. Wow. OK." Ich atmete tief ein. „Sie haben doch schon vom Xnet und 
von Mlk3y gehort?" 

„Ja, und?" 

„Ich bin Mlk3y." 

„Oh", sagte sie. Sie hantierte am Scanner und drehte den Zettel um, um auch die Riickseite 
einzulesen. Sie scannte mit irgendeiner unglaublich hohen Auflosung, 10.000 dpi oder noch mehr, und 
am Schirm sah der Scan aus wie der Ausdruck eines Rastertunnelmikroskops. 

142 



„Nun, das wirft ein anderes Licht auf die Sache." 

„Ja", sagte ich. „So siehts wohl aus." 

„Und deine Eltern wissen nichts davon." 

„Nichts. Und ich bin nicht sicher, ob sies wissen sollten." 

„Das ist etwas, das du selbst entscheiden musst. Ich muss driiber nachdenken. Kannst du mich im 
Biiro besuchen? Ich wiirde gern mit dir dariiber sprechen, was genau das alles bedeutet." 

„Haben Sie eine Xbox Universal? Ich wiirde einen Installer mitbringen." 

„Ja, ich bin sicher, das lasst sich arrangieren. Wenn du kommst, dann sag am Empfang, dass du Mr. 
Brown bist und mich sprechen mochtest. Dort wissen sie, was das bedeutet. Deine Ankunft wird 
nirgends registriert, und die Aufzeichnungen dieses Tages aus den Uberwachungskameras werden 
automatisch geloscht und die Kameras ausgeschaltet, bis du wieder gehst." 

„Wow," sagte ich. „Sie denken wie ich." 

Sie lachelte und knuffte mich in die Schulter. „Mein Junge, ich bin schon verdammt lange in diesem 
Spiel. Und bislang habe ich es geschafft, mehr Zeit in Freiheit als hinter Gittern zu verbringen. 
Paranoia ist meine Freundin." 



Am nachsten Tag hing ich wie ein Zombie in der Schule rum. Ich hatte nur noch drei Stunden Schlaf 
bekommen, und nicht mal drei Tassen Koffeinschlamm beim Tiirken hatten mein Gehirn auf Touren 
bringen konnen. Das Problem mit Koffein ist, dass man sich zu leicht dran gewohnt und dann immer 
hohere Dosen braucht, nur um sein Level zu halten. 

Ich hatte in der Nacht dariiber gegriibelt, was ich zu tun hatte. Und es war so, wie durch ein Labyrinth 
mit lauter verzweigten kleinen Gangen zu rennen, die alle gleich aussahen und alle in der gleichen 
Sackgasse endeten. Wenn ich zu Barbara ging, war es aus fur mich. Darauf lief es hinaus, ich konnte 
es drehen und wenden, wie ich wollte. 

Als der Schultag vorbei war, wollte ich bloE noch heim und ins Bett kriechen. Aber ich hatte eine 
Verabredung beim „Bay Guardian" unten am Wasser. Ich hielt meinen Blick auf meine FiiEe gerichtet, 
als ich aus dem Tor rauswankte, und als ich in die 24. StraEe abbog, lief plotzlich ein zweites Paar 
FiiEe neben meinen her. Ich erkannte die Schuhe und blieb stehen. 

„Ange?" 

Sie sah so aus, wie ich mich fiihlte. Ubernachtigt, mit Waschbaraugen und einem traurigen Zug um 
die Mundwinkel. 

„Hi du," sagte sie. „Uberraschung. Ich habe mir selbst schulfrei gegeben. Konnte mich sowieso nicht 
mehr konzentrieren." 

„Ah." 

„Halt den Mund und umarm mich, du Idiot." 

Tat ich sofort. Mann, war das gut. Besser als gut. Ich fiihlte mich, als hatte ich einen Teil meiner selbst 
amputiert, und jetzt hatte man ihn wieder angeflickt. 

„Ich liebe dich, Marcus Yallow." 

„Ich liebe dich, Angela Carvelli." 

„OK", unterbrach sie. „Ich mochte deinen Blogeintrag dariiber, warum du nicht mehr jammst. Kann 
ich respektieren. Und wie weit bist du mit deiner Suche nach einer Methode, sie zu jammen, ohne 
dich erwischen zu lassen?" 



143 



„Ich gehe grade zu einer Verabredung mit einer investigativen Journalistin, die eine Story dariiber 
drucken will, wie ich in den Knast gekommen bin, wie ich das Xnet ins Leben gerufen habe und wie 
Darryl vom DHS widerrechtlich in einem Geheimknast auf Treasure Island gefangen gehalten wird." 

„Oh." Sie blickte sich kurz um. „Hattest du dir nicht auch was ... Ehrgeiziges ausdenken konnen?" 

„Kommst du mit?" 

„Ich komm mit, ja. Und wenns dir nichts ausmacht, konntest du mir auf dem Weg dahin auch schon 
mal alles im Detail erklaren." 

Nach all den wiederholten Erzahlungen fiel mir diese am leichtesten; wahrend wir zur Potrero Avenue 
und runter zur 15. StraEe liefen, hielt sie meine Hand und driickte sie haufig. 

Wir nahmen zu den Buroraumen des „Bay Guardian" hoch immer zwei Treppenstufen auf einmal. 
Mein Herz wummerte. Ich kam am Empfangstresen an und sagte dem gelangweilten Madchen 
dahinter: „Ich bin hier mit Barbara Stratford verabredet. Mein Name ist Mr. Green." 

„Ich nehme an, Sie meinen Mr. Brown?" 

„Ja." Ich errotete. „Mr Brown." 

Sie machte irgendwas an ihrem Computer und sagte dann: „Nehmen Sie Platz. Barbara wird in einer 
Minute bei Ihnen sein. Kann ich Ihnen irgend etwas anbieten?" 

„Kaffee", sagten wir wie aus einem Mund. Noch ein Grund, Ange zu lieben: Wir waren von derselben 
Droge abhangig. 

Die Rezeptionistin - eine hiibsche Latina, kaum alter als wir, in Gap-Klamotten so alt, dass sie schon 
wieder retro-schick waren - nickte, ging hinaus und kam mit zwei Bechern zuriick, die mit dem Logo 
der Zeitung bedruckt waren. 

Wir schlurften still vor uns hin und beobachteten das Kommen und Gehen von Besuchern und 
Reportern. Endlich kam Barbara auf uns zu. Sie trug ziemlich genau das Gleiche wie in der Nacht 
zuvor. Stand ihr gut. Sie hob eine Augenbraue, als sie sah, dass ich jemanden mitgebracht hatte. 

„Hallo", sagte ich. „Ah, das ist ..." 

„Ms. Brown", warf Ange ein und streckte ihr die Hand entgegen. Ach klar, unsere Identitaten sollten 
ja geheim bleiben. „Ich arbeite mit Mr. Green zusammen." Sie stupste mich mit dem Ellenbogen an. 

„Gehen wir also", sagte Barbara und fuhrte uns in einen Konferenzraum mit langen Glaswanden, 
deren Jalousien geschlossen waren. Sie legte ein Tablett voller Whole-Foods-Biokekse, einen 
Digitalrecorder und wieder einen gelben Block auf den Tisch. 

„M6chtest du, dass ich das hier auch aufzeichne?", fragte sie. 

Hatte mir dariiber echt noch keine Gedanken gemacht. Mir war klar, dass es nutzlich sein konnte, 
wenn ich nachtraglich dementieren wollte, was Barbara gedruckt haben wiirde. Trotzdem: Wenn ich 
mich nicht drauf verlassen konnte, dass sie meine Aussagen korrekt behandelte, dann war ich sowieso 
geliefert. 

„Nein, ist schon okay", sagte ich. 

„Nun gut, dann los. Junge Dame, mein Name ist Barbara Stratford, und ich bin eine investigative 
Reporterin. Ich vermute, dass Sie wissen, warum ich hier bin, und es wiirde mich interessieren zu 
erfahren, warum Sie hier sind." 

„Ich arbeite mit Marcus im Xnet. Miissen Sie meinen Nam en wissen?" 

„Jetzt noch nicht unbedingt", sagte Barbara. „Sie konnen anonym bleiben, wenn Sie mochten. 
Marcus, ich hatte dich gebeten, mir diesen Teil der Geschichte zu erzahlen, weil ich wissen muss, wie 
sie mit der Geschichte iiber deinen Freund Darryl und den Zettel, den du mir gezeigt hast, 
zusammenpasst. Ich konnte mir vorstellen, dass sie eine gute Dreingabe ware: Ich konnte sie als den 

144 



Ursprung des Xnet darstellen. ,Sie machten sich einen Feind, den sie nie vergessen werden', etwas in 
dieser Art. Aber ehrlich gesagt wiirde ich diese Story lieber nicht erzahlen, wenn es sich irgendwie 
vermeiden lasst. 

Ich hatte viel lieber eine hiibsche, saubere Geschichte iiber das Geheimgefangnis vor unserer Haustiir, 
ohne darauf eingehen zu miissen, inwiefern die Gefangenen dort die Sorte Leute sind, die, kaum 
drauRen, sofort eine Untergrundbewegung ins Leben rufen, urn die Regierung zu destabilisieren. Ich 
bin sicher, das wirst du verstehen." 

Allerdings. Wenn das Xnet ein Teil der Story war, wiirden manche Leute sagen, seht ihr, solche Typen 
muss man wegsperren, sonst starten sie einen Aufruhr. 

„Es ist Ihre Show", sagte ich. „Ich denke, Sie miissen der Welt von Darryl erzahlen. Und wenn Sie 
das tun, dann wird es dem DHS zeigen, dass ich an die Offentlichkeit gegangen bin, und dann sind sie 
wieder hinter mir her. Vielleicht finden sie dann auch raus, dass ich mit dem Xnet zu tun habe, und 
stellen eine Verbindung zu Mlk3y her. Schatze mal, was ich damit sagen will, ist, sobald Sie iiber 
Darryl schreiben, ist es fur mich so oder so vorbei. Damit hab ich meinen Frieden gemacht." 

„Ob du nun als Schaf oder als Lamm gehangt wirst ...", sagte sie. „Gut, das ware geklart. Ich mochte, 
dass ihr beide mir moglichst alles iiber die Entstehung und den Betrieb des Xnet erzahlt, und dann 
mochte ich eine Vorfuhrung. Wofiir benutzt ihr es? Wer benutzt es sonst noch? Wie hat es sich 
verbreitet? Wer hat die Software geschrieben? Alles." 

„Das wird ne Weile dauern", sagte Ange. 

„Ich habe eine Weile Zeit", entgegnete Barbara. Sie trank einen Schluck Kaffee und aE einen Keks. 
„Dies konnte sich zur wichtigsten Geschichte iiber den Krieg gegen den Terror entwickeln. Es konnte 
die Geschichte werden, die die Regierung stiirzt. Und so eine Story hat alle denkbare Sorgfalt 
verdient." 



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Kapitel 17 

Dieses Kapitel ist Waterstone's gewidmet, der landesweiten britischen Buchhandelskette. Waterstone's ist zwar eine Kette 
von Laden, aber jeder einzelne hat die Ausstrahlung einer groRartigen unabhangigen Buchhandlung mit ausgepragtem 
Charakter, phantastischem Sortiment (vor allem bei Horbuchern!) und fachkundigem Personal. 

Waterstones http://www.waterstones.com 

Also erzahlten wir es ihr. Und es machte mir sogar SpaE. Leuten beizubringen, wie sie eine 
bestimmte Technologie benutzen konnen, ist immer spannend. Es ist so cool, den Leuten dabei 
zuzugucken, wie sie versuchen, aus all der Technik urn sie herum das Beste fur sich selbst 
rauszuholen. Ange war auch klasse - wir waren ein Spitzen-Team. Wir wechselten uns dabei ab, zu 
erklaren, wie das alles funktionierte. Wie zu erwarten, war Barbara ziemlich gut mit solchen Sachen. 

Wir erfuhren, dass sie iiber die Krypto-Kriege berichtet hatte, jene Epoche in den friihen Neunzigern, 
als Biirgerrechtsgruppen wie die Electronic Frontier Foundation fur das Recht jedes Amerikaners 
gekampft hatten, starke Verschlusselung benutzen zu diirfen. Ich hatte schon ein bisschen was iiber 
diese Phase gehort, aber Barbara erklarte sie auf eine Art, dass ich Gansehaut bekam. 

Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, aber es gab mal eine Zeit, als die Regierung 
Kryptografie als Munition eingestuft und den Export und die Verwendung aus Griinden der nationalen 
Sicherheit generell verboten hatte. Verstanden? Wir hatten mal illegale Mathematik in diesem Land. 

Die National Security Agency war die eigentliche Strippenzieherin bei diesem Verbot. Sie hatte einen 
Verschlusselungsstandard, den sie fur sicher genug hielt fur die Benutzung durch Banken und ihre 
Kunden, aber nicht so sicher, dass die Mafia damit ihre Buchhaltung geheim halten konnte. Der 
Standard, DES-56, gait als praktisch nicht zu knacken. Dann baute einer der Co-Griinder der EFF, ein 
Millionar, fur 250.000 Dollar einen DES-56-Cracker, der einen solchen Schliissel in zwei Stunden 
knacken konnte. 

Doch die NSA argumentierte weiterhin, dass man amerikanische Burger davon abhalten konnen 
musse, Geheimnisse zu haben, die der NSA unzuganglich blieben. Dann holte die EFF zum 
vernichtenden Schlag aus. 1995 vertrat sie einen Berkeley-Mathematikstudenten namens Dan 
Bernstein vor Gericht. Bernstein hatte eine Verschliisselungs-Anleitung geschrieben, die 
Computercode enthielt, der geeignet war, Schliissel zu erstellen, die starker als DES-56 waren. 
Millionen Male starker. Aus Sicht der NSA war dieser Artikel eine Waffe und durfte deshalb nicht 
veroffentlicht werden. 

Mag sein, dass es schwer ist, einem Richter begreiflich zu machen, was Kryptografie ist und was sie 
bedeutet, aber es stellte sich heraus, dass der typische Berufungsrichter nicht allzu ehrgeizig ist, 
Studenten vorzuschreiben, welche Art von Artikeln sie schreiben diirfen und welche nicht. Die 
Krypto-Kriege endeten mit einem Sieg der Guten, als der 9 th Circuit Appellate Division Court urteilte, 
Computercode sei eine Form des Ausdrucks, die vom First Amendment geschiitzt werde („Der 
Kongress soil kein Gesetz erlassen, das die Redefreiheit einschrankt"). Wenn du schon jemals was im 
Internet eingekauft hast, eine geheime Nachricht verschickt oder deine Kontoausziige online 
angeguckt, dann hast du Verschlusselung verwendet, die die EFF legalisiert hat. Auch gut zu wissen: 
Die NSA ist nicht unendlich klug. Alles, was die knacken konnen, konnen Terroristen und Mafiosi 
genauso. 

Barbara war eine von den Reportern gewesen, die ihren Ruf auf die Berichterstattung iiber diesen Fall 
griindeten. Sie hatte sich darin verbissen, iiber die San Franciscoer Biirgerrechtsbewegung zu 
schreiben, und die Gemeinsamkeiten zwischen dem Kampf um die Verfassung in der echten Welt und 
dem Kampf im Cyberspace erkannt. 

Daher begriff sie es. Ich glaube nicht, dass ich meinen Eltern all das Zeug hatte erklaren konnen, aber 
mit Barbara war es ganz leicht. Sie stellte kluge Fragen iiber unsere kryptografischen Protokolle und 
die SicherheitsmaEnahmen, auf die ich manchmal selbst keine Antwort wusste, und wies auf 
Schwachstellen in unserem Verfahren hin. 

146 



Wir stopselten die Xbox ein und gingen online. Vom Besprechungszimmer aus waren vier offene 
Funknetze sichtbar, und ich richtete es so ein, dass wir in unregelmaEigen Abstanden zwischen ihnen 
wechselten. Das begriff sie auch - sobald du erst mal im Xnet drin warst, war es genau so wie eine 
normale Internetverbindung, auEer dass einige Sachen etwas langsamer liefen und dass alles anonym 
und nicht zu verfolgen war. 

„Undjetzt?", fragte ich, als wir die Box runterfuhren. Ich hatte mich heiser geredet und ein grasslich 
iibersauertes Gefiihl von all dem Kaffee. AuEerdem driickte Ange die ganze Zeit unterm Tisch meine 
Hand in einer Art und Weise, dass ich nur noch mit ihr weglaufen und ein privates Fleckchen finden 
und unsere unvollendete erste Nacht zu Ende bringen wollte. 

„Jetzt betreibe ich Journalismus. Ihr geht, und ich recherchiere all die Dinge, die ihr mir erzahlt habt, 
und versuche sie moglichst genau zu verifizieren. Ich werde euch zeigen, was ich veroffentlichen 
werde, und ich werde euch wissen lassen, wann es veroffentlicht wird. Es ware mir sehr lieb, wenn ihr 
ab jetzt mit niemandem mehr iiber die Sache redet, denn ich mochte diesen Scoop und ich mochte 
sicherstellen, dass ich die Story in trockenen Tiichern habe, bevor sie vor lauter Pressespekulationen 
und Beeinflussung durch das DHS verwassert wird. 

Ich werde das DHS anrufen und um eine Stellungnahme bitten miissen, bevor wir in Druck gehen, 
aber ich werde das so tun, dass es euch in jeder nur denkbaren Weise schiitzt. Ich werde euch 
selbstverstandlich auch dariiber im Voraus informieren. 

Aber eines muss ich jetzt noch sagen: Das ist nun nicht mehr eure Geschichte. Es ist meine. Ihr wart 
sehr groEziigig, sie mir zu iiberlassen, und ich werde versuchen, mich dafiir erkenntlich zu erweisen; 
aber ihr habt kein Recht, irgendetwas zu streichen, zu andern oder mich aufzuhalten. Versteht ihr 
das?" 

So genau hatte ich noch nicht dariiber nachgedacht, aber jetzt, wo sies sagte, war es nur allzu 
offensichtlich. Es bedeutete, dass ich eine Rakete gestartet hatte, die ich jetzt nicht mehr zuriickrufen 
konnte. Sie wiirde an dem Ziel landen, auf das sie abgefeuert wurde, oder sie wiirde vom Kurs 
abweichen, aber sie war jetzt in der Luft und konnte nicht mehr von mir beeinflusst werden. 
Irgendwann in der nachsten Zukunft wiirde ich aufhoren, Marcus zu sein; dann wiirde ich eine Person 
des offentlichen Interesses werden. Ich ware der Typ, der das DHS verpfiffen hatte. 

Ich ware ein Toter auf Abruf . 

Ange musste an etwas Ahnliches gedacht haben, denn ihre Gesichtsfarbe changierte jetzt zwischen 
WeiE und Griin. 

„Jetzt aber nichts wie raus hier", sagte sie. 



Anges Mutter und Schwester waren wieder unterwegs, was die Entscheidung erleichterte, wo wir den 
Abend verbringen sollten. Die Zeit furs Abendessen war schon vorbei, aber meine Eltern wussten, 
dass ich mit Barbara verabredet war, und wiirden nicht sauer sein, wenn ich spat heimkame. 

Als wir bei ihr ankamen, hatte ich keinerlei Ambitionen, die Xbox einzustopseln. Fur heute hatte ich 
mehr als genug Xnet gehabt. Alles, woran ich denken konnte, war Ange, Ange, Ange. Leben ohne 
Ange. Wissen, dass Ange wiitend war auf mich. Ange, die womoglich nie mehr mit mir reden wiirde. 
Ange, die mich nie wieder kiissen wiirde. 

Sie hatte dasselbe gedacht. Ich konnte es in ihren Augen sehen, als wir die Tiir zu ihrem Zimmer 
schlossen und einander anschauten. Ich hatte Hunger nach ihr, die Sorte Hunger nach tagelangem 
Fasten. Wie man sich nach einem Glas Wasser sehnt, wenn man gerade drei Stunden nonstop FuEball 
gespielt hat. 

Und doch noch ganz anders. Das war mehr. Es war etwas, das ich noch nie gefiihlt hatte. Ich wollte 
sie am Stuck essen, mit Haut und Haaren verschlingen. 



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Bis zu diesem Moment war sie in unserer Beziehung die Sexuelle gewesen. Ich hatte es ihr 
iiberlassen, das Tempo vorzugeben und zu kontrollieren. Ich empfand es als unglaublich erotisch, sie 
nach mir greifen, sie mein Shirt ausziehen, sie mein Gesicht an das ihre heranziehen zu lassen. 

Aber heute Nacht konnte ich mich nicht zuriickhalten. Und ich wollte mich nicht zuriickhalten. 

Mit dem Klicken der Tiir hinter uns griff ich nach dem Saum ihres T-Shirts und zog; lieE ihr kaum die 
Zeit, die Arme zu heben, wahrend ich es ihr iiber den Kopf zerrte. Dann riss ich mir mein Shirt iiber 
den Kopf und horte das Knistern der Baumwolle, als die Nahte platzten. 

Ihre Augen leuchteten, ihr Mund war offen, ihr Atem schnell und flach. Meiner ebenfalls, und mein 
Atem und mein Herz und mein Blut pochten, nein, briillten in meinen Ohren. 

Dem Rest unserer Kleidung widmete ich mich mit demselben Eifer, warf ihn zu den Haufen 
schmutziger und sauberer Wasche auf dem Boden. Uberall auf dem Bett lagen Biicher und Zettel 
verstreut, die ich einfach beiseite fegte. Wir landeten auf dem ungemachten Bett, Arme umeinander 
geschlungen, so fest, als ob wir einander durchdringen wollten. Sie stohnte in meinen Mund, und ich 
gab den Ton zuriick; ich fiihlte ihre Stimme in meinen Stimmbandern vibrieren, ein Gefiihl intimer als 
alles, was ich jemals gefiihlt hatte. 

Sie machte sich los und langte hiniiber zu ihrem Nachttisch, zog die Schublade auf und warf einen 
weiEen Kulturbeutel vor mir aufs Bett. Ich schaute hinein: Kondome - Trojans, ein Dutzend 
spermizide, noch verschweiEt. Ich lachelte sie an, sie lachelte zuriick, und ich offnete die Schachtel. 



Wie es sein wiirde, dariiber hatte ich seit Jahren nachgedacht. Hundert Mai am Tag hatte ich es mir 
vorgestellt. Es hatte Tage gegeben, da hatte ich praktisch an nichts anderes gedacht. 

Und es war kein Stuck so, wie ich es erwartet hatte. Manches daran war besser. Manches war viel 
schlimmer. Wahrend es andauerte, empfand ich es als eine Ewigkeit. Und hinterher hatte ich das 
Gefiihl, es habe nur einen einzigen Augenblick lang gedauert. 

Hinterher fiihlte ich mich wie zuvor. Und doch anders. Irgend etwas war anders geworden zwischen 
uns. 

Es war ziemlich schrag. Verschamt zogen wir uns wieder an, stapften durchs Zimmer, vermieden es, 
dem Blick des Anderen zu begegnen. Ich wickelte das Kondom in ein Kleenex aus einer Schachtel 
neben dem Bett, trug es ins Bad, umwickelte es mit Klopapier und steckte es tief unten in den 
Mulleimer. 

Als ich zuriickkam, saE Ange auf dem Bett und spielte mit ihrer Xbox. Ich setzte mich zaghaft neben 
sie und nahm sie bei der Hand. Sie wandte mir das Gesicht zu und lachelte. Wir waren beide 
ausgelaugt und zitterten. 

„Danke", sagte ich. 

Sie sagte kein Wort und drehte mir wieder den Kopf zu. Sie lachelte iibers ganze Gesicht, wahrend ihr 
dicke Tranen iiber die Wangen liefen. 

Ich umarmte sie, und sie klammerte sich fest an mich. „Du bist ein guter Mensch, Marcus Yallow", 
fliisterte sie. „Danke." 

Ich wusste darauf nichts zu entgegnen, aber ich erwiderte ihre Umklammerung. Sie weinte nun nicht 
mehr, aber sie lachelte noch. 

Sie wies auf meine Xbox auf dem Boden neben dem Bett. Ich verstand den Wink, nahm sie hoch, 
stopselte sie ein und loggte mich ein. 

Immer dasselbe: Berge von E-Mail. Die neuen Eintrage der Blogs, die ich las, trudelten ein. Und 
Spam. Oh Mann, bekam ich Spam. Meine schwedische Mailadresse war schon mehrfach von 
Spammern gehijackt worden, um sie als Antwortadresse fur hundertmillionenfach versandte 

148 



Werbemails zu missbrauchen, und deshalb bekam ich automatische Riicklaufer und auch wiitende 
Antworten. Keine Ahnung, wer dahintersteckte - ob nun das DHS, urn meine Mailbox zu fluten, oder 
auch nur Leute, die sich einen SpaR erlaubten. Immerhin hatte die Piratenpartei ziemlich gute Filter, 
und sie gaben jedem, der wollte, 500 Gigabyte Speicherplatz fur Mails, also stand nicht zu befurchten, 
dass mein Postfach demnachst erstickte. 

Ich hammerte auf die Loschtaste und filterte alles raus. Fur alles Zeug, das mit meinem offentlichen 
Schliissel verschliisselt war, hatte ich ein separates Postfach, weil das mit einiger Wahrscheinlichkeit 
mit dem Xnet zu tun hatte und vertraulich war. Bisher waren die Spammer noch nicht 
dahintergekommen, dass die Verwendung offentlicher Schliissel ihrem Mull einen serioseren Anstrich 
geben wiirde; das funktionierte also noch ganz gut. 

Ich hatte ein paar Dutzend verschliisselte Nachrichten von Leuten in meinem Netz des Vertrauens. Ich 
iiberflog sie - Links zu Videos und Fotos mit neuen Ubergriffen des DHS, Horrorgeschichten iibers 
Entkommen um Haaresbreite, Kommentare zu meinen Blog-Texten. Das Ubliche. 

Dann kam eine, die nur mit meinem offentlichen Schliissel verschliisselt war. Das bedeutete, dass 
niemand auEer mir die Nachricht lesen konnte, aber ich hatte keine Ahnung, wer sie geschrieben 
hatte. Als Absender stand da „Masha" - das konnte ein Nick sein oder auch ein Realname, ich wusste 
es nicht. 

> Mlk3y 

> Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. 

> Ich wurde an dem Tag festgenommen, an dem die Briicke hochging. Sie befragten mich und kamen 
zu dem Ergebnis, dass ich unschuldig sei. Sie haben mir einen Job angeboten: Ich sollte ihnen helfen, 
die Terroristen zujagen, die meine Nachbarn getotet hatten. 

> Damals klang das wie eine gute Idee. Ich habe erst spater gemerkt, dass mein eigentlicher Job 
darin besteht, Kids auszuspionieren, die sich dagegen wehren, dass ihre Stadt in einen Polizeistaat 
verwandelt wird. 

> Ich habe das Xnet am Tag seiner Entstehung infiltriert. Ich bin in deinem Netz des Vertrauens. 
Wenn ich meine Identitat preisgeben wollte, konnte ich dir eine Mail von einer Adresse schicken, der 
du vertraust. Drei Adressen, um genau zu sein. Ich bin so weit drin in deinem Netzwerk, wie das 
uberhaupt nur einer 17-Jahrigen moglich ist. Einige der Mails, die du bekommen hast, enthielten 
sorgfaltig ausgewahlte Fehlinformationen von mir und meinen Auftraggebern. 

> Sie wissen noch nicht, wer du bist, aber sie kommen dir naher. Sie drehen immer mehr Leute auf 
ihre Seite um. Sie grasen die sozialen Netzwerke ab und machen Kids mithilfe von Drohungen zu 
Informanten. Mittlerweile arbeiten mehrere hundert Leute im Xnet fur das DHS. Ich habe ihre 
Namen, Nicks und Schliissel. Die privaten und die offentlichen. 

> Kurz nach dem Start des Xnets haben wir begonnen, ParanoidLinux zu hacken. Bisher haben wir 
nur kleine, unbedeutende Lucken aufgetan, aber der eigentliche Hack steht unmittelbar bevor. Und 
sobald wir den haben, bist du tot. 

> Ich glaube, es dilrfte klar sein, dass ich in Gitmo-an-der-Bay alt und grau werde, wenn meine 
Auftraggeber herausfinden, dass ich das hier tippe. 

> Selbst wenn sie ParanoidLinux nicht knacken: Es sind schon verseuchte Distros im Umlauf. Bei 
denen stimmen die Prufsummen nicht, aber wer auEer dir und mir schaut sich schon die Priifsummen 
an? Eine Menge Kids sind schon tot, sie wissen es nur noch nicht. 

> Das Einzige, worauf meine Auftraggeber jetzt noch warten, ist der beste Zeitpunkt, dich hochgehen 
zu lassen, damit die Aufmerksamkeit der Medien am groSten ist. Und das wird eher fruher als spater 
sein, glaub mir. 

> Vielleicht fragst du dich jetzt, warum ich dir das erzahle. 



149 



> Ich frage es mich ubrigens auch. 

> So viel stehtjedenfalls fest: Ich habe mich anheuern lassen, um Terroristen zu bekampfen. Statt 
dessen schniiffle ich Amerikaner aus, die an Dinge glauben, die das DHS nicht mag. Keine Leute, die 
Briicken sprengen wollen, sondern Demonstranten. Ich kann so nicht weitermachen. 

> Du aber auch nicht, ob du es schon weiBt oder nicht. Wie gesagt: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis 
du in Ketten auf Treasure Island landest. Es ist nicht mehr „ob", sondern „wann". 

>Deshalb bin ich hier durch. Unten in Los Angeles sind ein paar Leute, die sagen, sie konnen mir 
Sicherheit bieten, wenn ich raus will. 

> Ich will raus. 

> Und wenn du willst, nehme ich dich mit. Lieber ein Kampfer als ein Martyrer. Wenn du mit mir 
kommen willst, konnen wir austufteln, wie wir gemeinsam siegen konnen. Ich bin auch so schlau wie 
du, glaub mir. 

> Was meinst du ? 

> Hier ist mein offentlicher Schlilssel. 

> Masha 



Bist du angstlich und allein, hilft nur rennen oder schrei'n. 

Schon mal gehort? Das ist zwar nicht sonderlich hilfreich, aber zumindest leicht zu befolgen. Ich 
sprang vom Bett und lief hin und her. Mein Herz wummerte, und mein Blut sang in einer grausamen 
Parodie dessen, was ich empfunden hatte, als wir heimkamen. Das hier war keine sexuelle Erregung, 
es war nackte Angst. 

„Was?", fragte Ange. „Was ist?" 

Ich zeigte nur auf den Monitor auf meiner Seite des Betts. Sie rollte ruber, schnappte sich meine 
Tastatur und fuhr mit dem Finger iibers Touchpad. Sie las schweigend. 

Ich lief weiter herum. 

„Das miissen Liigen sein", sagte sie. „Das DHS spielt Psychospielchen mit dir." 

Ich sah sie an. Sie biss auf ihre Lippe und sah nicht aus, als ob sie es selbst glaubte. 

„Meinst du?" 

„Klar. Sie konnen dich nicht erwischen, also versuchen sie es jetzt iibers Xnet." 

„Na sicher." 

Ich setzte mich wieder aufs Bett. Ich atmete wieder hektisch. 

„Entspann dich", sagte sie. „Es sind nur Psychospielchen. Hier." Sie hatte meine Tastatur noch nie 
ubernommen, aber jetzt war eine neue Intimitat zwischen uns. Sie klickte auf „Antworten" und 
schrieb: 

> Netter Versuch. 

Sie schrieb jetzt auch als Mlk3y. Wir waren auf eine andere Art zusammen als zuvor. 

„Signier das. Mal sehen, was sie sagt." 

Ich wusste nicht, ob das die beste Idee war, aber ich hatte keine bessere. Ich signierte und 
verschlusselte es mit meinem privaten und Mashas offentlichem Schliissel, den sie mitgeschickt hatte. 

Die Antwort kam postwendend. 

> Ich hatte mir schon gedacht, dass du so was sagen wiirdest. 

150 



> Hier kommt ein Hack, an den du noch nicht gedacht hast. Ich kann Video anonym uber DNS 
tunneln. Hier sind ein paar Links zu Clips, die du dir anschauen solltest, bevor du uber mich urteilst. 
Diese Leute zeichnen sich standig gegenseitig auf, um sich gegen Hinterhaltigkeiten abzusichern. 
Man kann die vollig einfach dabei ausschniiffeln, wie sie sich gegenseitig ausschniiffeln. 

> Masha 

Im Anhang war Quellcode fur ein kleines Programm, das genau das zu tun schien, was Masha 
behauptete: Videodaten uber das Domain-Nam e-Service-Protokoll saugen. 

Erlaubt mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung, um das zu erklaren. Letzten Endes ist jedes 
Internet-Protokoll nur eine Abfolge von Text, der in einer vorgegebenen Reihenfolge bin- und 
hergeschickt wird. Es ist ein bisschen so wie mit einem Laster, in den man einen PKW verladt, in 
dessen Kofferraum man ein Motorrad packt, auf das man dann ein Fahrrad schnallt, an dem man ein 
paar Inline-Skates befestigt. Mit dem Unterschied, dass man hier wieder den Truck an den Inlinern 
festbinden konnte. 

Nehmen wir etwa das Simple Mail Transport Protocol, oder SMTP, das dazu benutzt wird, E-Mails zu 
versenden. 

Hier ist eine Beispiel-Konversation zwischen mir und meinem Mailserver, wenn ich eine Nachricht an 
mich selbst sende: 

> HELO littlebrother.com.se 
250 mail.pirateparty.org.se 

Hallo mail.pirateparty.org.se, schon, dich zu sehen. 

> MAIL FROM: mlk3y@littlebrother.com.se 

250 2.1.0 mlk3y@littlebrother.com.se... Absender ok 

> RCPT TO: mlk3y@littlebrother.com.se 

250 2.1.5 mlk3y@littlebrother.com.se... Empfanger ok 

> DATA 

354 Nachricht eintippen, beenden mit „." in einer eigenen Zeile 

> Bist du angstlich und allein, hilft nur rennen oder schrei'n 

> . 

250 2.0.0 k5SMW0xQ006174 Nachricht zum Versand akzeptiert 

> QUIT 

221 2.0.0 mail.pirateparty.org.se beendetdie Verbindung 

Verbindung durch entfernten Teilnehmer beendet. 

Die Grammatik dieser Konversation wurde 1982 von Jon Postel definiert, einem der heroischen 
Griindervater des Internets, der damals, in der Steinzeit, die wichtigsten Server im Netz unter seinem 
Schreibtisch an der University of Southern California stehen hatte. 

Jetzt mal angenommen, du klinkst einen Mail-Server in eine Instant-Messaging-Session ein. Du 
konntest eine IM mit dem Inhalt „HELO littlebrother.com.se" an den Server senden, und er wurde 
antworten mit ,,250 mail.pirateparty.org.se Hallo mail.pirateparty.org.se, schon, dich zu sehen." Mit 
anderen Worten: Du hattest dieselbe Konversation via Messenger wie uber SMTP. Mit den geeigneten 
Anpassungen konnte der gesamte Mailserver- Verkehr innerhalb eines Chats ablaufen. Oder innerhalb 
einer Web-Session. Oder in einem beliebigen anderen Protokoll. 

Das nennt man „Tunneling": Du schleust SMTP durch einen Chat-"Tunnel". Und wenn du es gern 
ganz abgedreht hattest, konntest du den Chat noch mal durch SMTP tunneln - ein Tunnel im Tunnel. 

151 



Tatsachlich ist jedes Internet-Protokoll fiir solch ein Vorgehen nutzbar. Das ist cool, weil es bedeutet, 
dass du in einem Netzwerk mit reinem WWW-Zugang deine Mails dariiber tunneln kannst; du kannst 
dein Lieblings-P2P driiber tunneln; und du konntest sogar das Xnet driiber tunneln, das ja seinerseits 
bereits einen Tunnel fiir Dutzende Protokolle darstellt. 

Domain Name Service ist ein interessantes, steinaltes Internet-Protokoll aus dem Jahr 1983. Es 
beschreibt die Art und Weise, wie dein Computer den Namen eines anderen Computers (zum Beispiel 
pirateparty.org.se) in die IP-Adresse auflost, unter der sich Computer in Wirklichkeit im Netzwerk 
gegenseitig finden, zum Beispiel 204.11.50.136. Das funktioniert normalerweise wie geschmiert, 
obwohl das System Millionen beweglicher Teile umfasst -jeder Internet-Provider unterhalt einen 
DNS-Server, genau wie die meisten Regierungen undjede Menge privater Anwender. Diese DNS- 
Kisten unterhalten sich ununterbrochen alle miteinander, stellen einander Anfragen und beantworten 
sie; und vollig egal, wie abseitig der Name ist, den du aufrufen willst, das System wird ihn in eine 
Nummer auflosen konnen. 

Vor DNS gab es die HOSTS-Datei. Ob ihrs glaubt oder nicht: Das war ein einzelnes Dokument, das 
den Namen und die Adresse von jedem einzelnen Computer im Internet enthielt. Jeder Computer 
hatte eine Kopie davon. Die Datei wurde irgendwann zu umfangreich, um sie noch handhaben zu 
konnen, deshalb wurde DNS erfunden, und es lebte auf einem Server unter Jon Postels Schreibtisch. 
Wenn die Putzkolonne den Stecker rauszog, dann verlor das gesamte Internet seine Fahigkeit, sich 
selbst zu finden. Ehrlich. 

Heute ist an DNS vor allem Schick, dass es iiberall ist. Jedes Netzwerk hat einen eigenen DNS-Server, 
und all diese Server sind so konfiguriert, dass sie miteinander und mit alien moglichen Leuten iiberall 
im Internet Verbindung aufnahmen konnen. 

Masha nun hatte einen Weg gefunden, ein Videostream-System iiber DNS zu tunneln. Sie teilte das 
Video in Milliarden von Einzelteilen auf und versteckte jedes einzelne in einer normalen Nachricht an 
einen DNS-Server. Indem ich ihren Code nutzte, konnte ich das Video in unglaublichem Tempo von 
all diesen iiberall im Internet verteilten DNS-Servern wieder zusammenpuzzeln. Das musste in den 
Netzwerk-Histogrammen bizarr aussehen - als ob ich samtliche Computer-Adressen der ganzen Welt 
nachschlagen wurde. 

Aber es hatte zwei Vorteile, die mir auf Anhieb einleuchteten: Ich bekam das Video in rasantem 
Tempo auf den Schirm - kaum hatte ich auf den ersten Link geklickt, hatte ich schon 
bildschirmfullende, absolut ruckelfreie Bewegtbilder -, und ich hatte keine Ahnung, wo die Filme 
gehostet waren. Es war vollkommen anonym. 

Den Inhalt des Videos nahm ich zuerst gar nicht zur Kenntnis. Ich war einfach zu uberwaltigt davon, 
wie clever dieser Hack war. Videos iiber DNS streamen? Das war so klug und abseitig, es war 
regelrecht pervers. 

Aber allmahlich begriff ich, was ich da sah. 

Es war ein Besprechungstisch in einem kleinen Raum mit einem Spiegel an einer Wand. Ich kannte 
diesen Raum. In diesem Raum hatte ich gesessen, als mich Frau Strenger Haarschnitt dazu brachte, 
mein Passwort laut auszusprechen. Um den Tisch herum standen fiinf komfortable Stiihle, auf denen 
es sich fiinf Personen, alle in DHS-Uniformen, gemiitlich gemacht hatten. Ich erkannte Generalmajor 
Graeme Sutherland, den DHS-Kommandeur fiir die Bay Area, sowie Strenger Haarschnitt. Die 
anderen waren mir unbekannt. Sie alle betrachteten einen Videomonitor am Ende des Tischs, auf dem 
ein unendlich viel vertrauteres Gesicht zu sehen war. 

Kurt Rooney war landesweit bekannt als der Chefstratege des Prasidenten, der Mann, der der Partei 
ihre dritte Amtszeit in Folge gesi chert hatte undjetzt stramm auf die vierte zusteuerte. Man nannte ihn 
auch „Ruppig", und ich hatte mal eine Reportage dariiber gesehen, an welch kurzen Ziigeln er seine 
Mitarbeiter hielt: Er rief sie standig an, schickte Instant Messages, beobachtete jede ihrer 
Bewegungen, kontrollierte j eden Schritt. Er war alt, hatte ein zerfurchtes Gesicht, blassgraue Augen, 



152 



eine flache Nase mit breit ausgestellten Nasenlochern und diinne Lippen - ein Mann, der standig so 
aussah, als hatte er gerade einen sehr strengen Geruch in der Nase. 

Er war der Mann auf dem Monitor. Er redete, und jeder im Raum war auf den Monitor fixiert, 
versuchte hektisch mitzutippen und dabei schlau auszusehen. 

„... sagen, dass sie auf die Behorden wiitend sind, aber wir miissen dem Land begreiflich machen, 
dass sie Terroristen fur alles verantwortlich machen miissen, nicht die Regierung. Verstehen Sie mich? 
Die Nation liebt diese Stadt nicht. Aus ihrer Sicht ist es ein Sodom und Gomorra aus Schwuchteln und 
Atheisten, die es verdient haben, in der Holle zu schmoren. Der einzige Grund dafur, dass sich das 
Land dafur interessiert, was man in San Francisco denkt, ist der gluckliche Umstand, dass sie da von 
irgendwelchen islamischen Terroristen zur Holle gebombt worden sind. 

Diese Xnet-Kinder konnten allmahlich niitzlich fur unsere Zwecke werden. Je radikaler sie werden, 
desto eher begreift der Rest des Landes, dass die Bedrohungen iiberall lauern." 

Seine Zuhorer beendeten das Tippen. 

„Ich denke, wir konnen das kontrollieren", sagte Frau Strenger Harschnitt. „Unsere Leute im Xnet 
haben mittlerweile eine Menge Einfluss. Die Mandschurischen Blogger betreiben jeder bis zu fiinfzig 
Blogs, fluten die Chat-Kanale und verlinken sich gegenseitig. Dabei iibernehmen sie die meiste Zeit 
bloE die Parteilinie, die dieser Mlk3y vorgibt, aber sie haben auch schon bewiesen, dass sie radikale 
Aktionen provozieren konnen, auch wenn Mlk3y gerade auf die Bremse tritt." 

Generalmajor Sutherland nickte. „Unser Plan war es, sie noch bis etwa einen Monat vor den 
Midterms im Untergrund zu lassen." Vermutlich meinte er die Wahlen in der Mitte der 
Legislaturperiode, nicht meine Priifungen. „Soweit war das j edenf alls der urspriingliche Plan. Aber es 
klingt so, als ob ..." 

„Fiir die Midterms haben wir andere Planungen", sagte Rooney. „Es steht noch nichts Genaues fest, 
aber Sie alle sollten lieber fur den Monat vorher keine Reisen mehr planen. Lassen Sie das Xnet jetzt 
von der Leine, so schnell sie konnen. So lange die moderat sind, sind sie ein Risiko. Sorgen Sie dafur, 
dass sie radikal sind." 

Das Video brach ab. 

Ange und ich saEen auf der Bettkante und starrten den Bildschirm an. Ange langte nach vorn und 
startete das Video neu. Wir schauten es noch mal an, und beim zweiten Mai war es noch schlimmer. 

Ich schob die Tastatur beiseite und stand auf. 

„Ich habs so dermaEen satt, Angst haben zu miissen", sagte ich. „Komm, wir bringen das hier zu 
Barbara und lassen sie es veroffentlichen. Stellen wir es alles online. Und dann sollen sie kommen 
und mich abholen. Zumindest weiE ich dann sicher, was mit mir passiert. Dann hab ich wenigstens 
wieder ein kleines bisschen Gewissheit in meinem Leben." 

Ange umarmte und streichelte mich beruhigend. „Ich weiE, Baby, ich weiE. Das alles ist furchtbar. 
Aber du siehst immer nur das Schlechte und vergisst dabei das Gute. Du hast eine Bewegung ins 
Leben gerufen. Du hast die Idioten im WeiEen Haus und die Betriiger in DHS-Uniform uberfliigelt. 
Und du hast dich selbst in eine Position gebracht, in der du dafur verantwortlich sein konntest, diese 
ganze verdammte DHS-Nummer ans Licht zu bringen. 

Natiirlich sind sie hinter dir her. Ist doch vollig logisch. Hast du das je auch nur einen Moment lang 
bezweifelt? Ich wusste das die ganze Zeit. Aber denk dran, Marcus, die wissen nicht, wer du bist. Stell 
dir das doch mal vor: All die vielen Leute, so viel Geld, Waffen und Spione, und du, ein 
siebzehnj ahriger Schiiler, du tanzt ihnen immer noch auf der Nase rum. Die wissen nichts von 
Barbara. Die wissen nichts von Zeb. Du hast sie auf den StraEen von San Francisco gejammt und sie 
vor den Augen der ganzen Welt gedemiitigt. Also hor auf zu jammern, ja? Du bist der Sieger." 

„Trotzdem sind sie hinter mir her. Du siehst es doch. Und sie werden mich fur den Rest meines 
Lebens wegsperren. Vielleicht nicht mal in den Knast. Ich werde einfach verschwinden, so wie 

153 



Darryl. Vielleicht noch schlimmer, vielleicht nach Syrien. Warum sollten sie mich in Amerika lassen? 
Ich bin ein Risiko, solange ich in den USA bin." 

Sie setzte sich neben mir aufs Bett. 

„Ja", sagte sie. „Genau das." 

„Genau das." 

„Und du weiRt auch, was du also tun musst, oder?" 

„Was?" 

Sie blickte bedeutungsvoll auf meine Tastatur. Ich konnte sehen, dass ihr Tranen die Wangen 
herabliefen. „Nein! Du bist wohl nicht bei Trost. Glaubst du wirklich, ich wiirde mit irgendeiner 
durchgeknallten Intern et-Tante wegrennen? Mit einer Spionin?" 

„Hast du ne bessere Idee?" 

Ich kickte einen ihrer Waschestapel in die Gegend. „Meinetwegen. Na supi. Ich werde noch mal mit 
ihr reden." 

„Rede mit ihr", sagte Ange. „Schreib ihr, dass du mit deiner Freundin verschwinden willst." 

„Was?" 

„Halt die Klappe, du Depp. Du denkst, du bist in Gefahr? Ja, aber ich doch genauso, Marcus. 
Mitgefangen, mitgehangen. Wenn du gehst, gehe ich mit." 

Wir setzten uns zusammen schweigend aufs Bett. 

„Es sei denn, du willst mich nicht", sagte sie schlieElich mit klaglicher Stimme. 

„Machst du Witze?" 

„Seh ich so aus, als wiirde ich Witze machen?" 

„Ohne dich wiirde ich fur kein Geld der Welt freiwillig gehen, Ange. Ich hatte es nie gewagt, dich zu 
fragen; aber du glaubst nicht, was es fur mich bedeutet, dass du es anbietest." 

Sie lachelte und schubste mir meine Tastatur ruber. 

„Mail dieser Masha-Krote. Mal schauen, was die Braut fur uns tun kann." 



Ich mailte ihr, verschliisselte die Nachricht und wartete auf ihre Antwort. Ange tatschelte mich ein 
bisschen, ich kiisste sie und wir knutschten ein bisschen. Das Wissen um die Gefahr und unsere 
Verabredung, zusammen zu verschwinden - all das lieE mich die Peinlichkeiten am Sex vergessen 
und machte mich spitz wie Holle. 

Wir waren wieder halb nackt, als Mashas Mail eintrudelte. 

> Ihr seid zu zweit? Oh Gott, als ob es nicht schon schwierig genug ware. 

> Ich kann mich nicht los machen, auEer fur ein bisschen Feindaufklarung nach einem groEen Xnet- 
Event. Verstanden? Meine Hintermanner beobachten mich aufSchritt und Tritt, aber sie lassen mich 
von der Leine, wenn irgendwas GroEes mit Xnettern passiert. Dann werde ich vor Ort eingesetzt. 

> Also musst ihr was GroEes anleiern. Da werde ich hingeschickt, und dann hole ich uns beide raus. 
Uns drei meinetwegen. 

> Aber mach schnell, ja ? Ich kann dir nicht oft mailen, kapiert? Die beobachten mich. Und sie 
kommen dir immer naher. Du hast nicht mehr viel Zeit. Wochen? Vielleicht nur noch Tage. 



154 



> Ich brauch dich, um selbst rauszukommen. Deshalb tu ich das alles, nur falls du dich wunderst. Ich 
kann nicht auf eigene Faust verschwinden. Ich brauch ne fette Xnet-Blendgranate. Das istdein Job. 
Lass mich nicht im Stich, Mlk3y, oder wir sind beide tot. Und deine Freundin auch. 

> Masha 

Das Klingeln meines Telefons lieE uns beide hochschrecken. Es war meine Mom, die wissen wollte, 
wann ich heimkommen wiirde. Ich sagte ihr, ich sei schon unterwegs. Sie erwahnte Barbara mit 
keinem Wort - wir hatten vereinbart, nichts davon am Telefon zu erwahnen. Das war die Idee meines 
Dads gewesen. Der konnte genauso paranoid sein wie ich. 

„Ich muss jetzt los", sagte ich. 

„Unsere Eltern werden ..." 

„Ich weiE. Ich hab doch gesehen, was mit meinen Eltern los war, als sie dachten, ich sei tot. Und 
wenn sie wissen, dass ich ein Fluchtling bin, wird das nicht viel besser sein. Aber lieber ein Fluchtling 
als ein Gefangener. So seh ich das. Und iiberhaupt: Sobald wir weg sind, kann Barbara alles 
veroffentlichen, ohne uns damit in zusatzliche Gefahr zu bringen." 

Wir kiissten uns an ihrer Zimmertur. Nicht eine dieser heifien, lassigen Nummern wie sonst, wenn wir 
uns verabschiedeten. Ein siiEer Kuss diesmal. Ein langsamer Kuss. Ein Lebewohl-Kuss. 



Fahrten in der BART haben was Introspektives. Wenn der Zug hin- und herruckelt und du versuchst, 
keinen Blickkontakt zu den anderen Fahrgasten herzustellen; wenn du versuchst, nicht all die Plakate 
fur kosmetische Chirurgie, Kautionsvermittler und AIDS-Tests zu lesen; wenn du die Graffiti zu 
ignorieren versuchst und dir all das Zeug im Teppich lieber nicht zu genau anguckst - in diesen 
Momenten wird dein Geist wirklich griindlich durchgeruttelt und -geschiittelt. 

Du ruckelst also hin und her, und dein Gehirn spult all die Dinge ab, die du bislang iibersehen hast, 
zeigt dir all die Filme deines Lebens, in denen du nicht der Held warst, sondern ein Trottel und ein 
Versager. 

In solchen Momenten entwickelt dein Gehirn Theorien wie diese: „Wenn das DHS Mlk3y fangen 
wollte, ware es dann nicht das Geschickteste, ihn aus seiner Deckung zu locken? Ihn zu einer 
Panikreaktion in Form eines riesigen offentlichen Xnet-Events zu veranlassen? Ware das nicht das 
Risiko wert, ein kompromittierendes Filmchen an die Offentlichkeit gelangen zu lassen?" Dein 
Gehirn bombardiert dich zwangslaufig mit solchem Zeug, selbst wenn die Zugfahrt nur zwei oder drei 
Stationen lang dauert. Wenn du dann aussteigst und loslaufst, dann nimmt auch dein Blutkreislauf 
wieder Fahrt auf, und manchmal hilft dir dein Gehirn auch wieder aus deinem Dilemma heraus. 

Manchmal liefert dir dein Gehirn nicht nur Probleme, sondern auch die passenden Losungen. 



155 



Kapitel 18 

Dieses Kapitel ist Vancouvers mehrsprachigem Sophia Books gewidmet, einem vielseitigen, spannenden Laden voll mit 
dem Besten, das die merkwurdige, aufregende Popkulturvieler Lander zu bieten hat. Sophia war um die Ecke meines 
Hotels, als ich nach Van kam, um eine Rede an der Simon Fraser University zu halten, und die Leute bei Sophia baten 
mich im Voraus per Mail darum, bei ihnen reinzuschauen und ihren Bestand zu signieren, wenn ich schon mal in der Nahe 
sei. Als ich dort ankam, entdeckte ich eine wahre Fundgrube von Werken, die ich nie zuvor gesehen hatte, in einer 
verwirrenden Vielzahl von Sprachen, von Comic-Romanen bis hin zu dicken akademischen Abhandlungen, unter der Obhut 
von netten, ungemein lustigen Mitarbeitern, die ihre Jobs so offensichtlich genossen, dass das auf jeden Kunden abfarbte, 
der den Laden betrat. 

Sophia Books http://www.sophiabooks.com/ 450 West Hastings St., Vancouver, BC Canada V6B1L1 +1 604 684 0484 

Es gab mal ne Zeit, da war es meine absolute Lieblingsbeschaftigung, einen Umhang anzulegen 
und in Hotels rumzuhangen, um so zu tun, als sei ich ein unsichtbarer Vampir, der von jedermann 
angestarrt wurde. 

Das ist kompliziert, aber nicht halb so bizarr, wie es klingt. Die Live-Action-Rollenspielszene 
verbindet die besten Seiten von „Dungeons & Dragons" mit Drama Club und Science-Fiction- 
Conventions. 

Es ist mir klar, dass das fur euch nicht ganz so anziehend klingt wie fur mich, als ich vierzehn war. 

Die besten Spiele waren die in den Pfadfinderlagern auEerhalb der Stadt: Hundert Teenager, Jungs 
und Madchen, die sich mit dem Freitagabend-Verkehr abplagten, Geschichten tauschten, auf 
Handheld-Konsolen spielten und stundenlang auf den Putz hauten. Und sich dann im Gras vor einer 
Gruppe alterer Manner und Frauen in knallharten selbstgemachten Rustungen aufstellten, Riistungen 
mit Dellen und Kratzern, wie sie fruher ausgesehen haben mussten, nicht so wie die Rustungen im 
Kino, sondern so wie Soldatenuniformen nach einem Monat im Feld. 

Diese Leute wurden pro forma dafiir bezahlt, die Spiele zu leiten, aber solche Jobs bekamst du nur, 
wenn du die Sorte Mensch warst, der das auch fur lau machen wurde. Wir waren auf Basis der 
Fragebogen, die wir im Vorfeld ausgefullt hatten, in Gruppen eingeteilt worden, und nun wurden wir 
unseren Teams zugeordnet, ganz wie bei der Seitenverteilung beim Baseball. 

Dann bekamen wir unsere Briefings. Die waren so ahnlich wie die Briefings, die Spione in Filmen 
bekommen: Hier ist deine Identitat, hier ist dein Auftrag, und das hier sind die Geheimnisse, die du 
iiber die Gruppe weiEt. 

Danach war Essenszeit: Feuer prasselte, Fleisch brutzelte am SpieE, in der Pfanne zischte das Tofu 
(das hier ist Nordkalifornien, hier ist die Veggie-Option nicht bloE optional), und die Tischsitten 
konnte man beim besten Willen nur als Zecherei bezeichnen. 

Die eifrigsten Kids schalteten j etzt bereits auf ihren Rollenspiel-Charakter um. In meinem ersten Spiel 
war ich ein Zauberer. Ich hatte eine Tasche voller Bohnensackchen, die Zauberspriiche darstellten - 
wenn ich einen warf, musste ich den Namen des Zaubers rufen, den ich anwenden wollte (Feuerball, 
magisches Geschoss, Lichtkegel), und der Spieler, das „Monster", auf den ich warf, musste 
hintenuber kippen, wenn ich traf. Oder auch nicht - manchmal mussten wir einen Schiedsrichter 
rufen, der dann vermittelte, aber die meiste Zeit waren wir ziemlich gut im Fairplay. Erbsenzahler 
mochte keiner leiden. 

Bis zur Schlafenszeit waren wir alle voll in unseren Rollen drin. Mit vierzehn wusste ich zwar noch 
nicht sicher, wie so ein Zauberer klingen musste, aber ich hatte meine Anregungen aus Filmen und 
Biichern. Ich sprach in langsamen, gemessenen Satzen, wahrte einen angemessen mystischen 
Gesichtsausdruck und dachte mystische Gedanken. 

Die Aufgabe war knifflig: Es ging darum, eine heilige Reliquie wiederzubeschaffen, die von einem 
Menschenfresser gestohlen worden war, der die Leute des Landes seinem Willen unterjochte. Aber im 
Grunde war das nicht so wichtig. Wichtig war fur mich, dass ich eine private Mission hatte, namlich 
einen bestimmten Typ Kobold zu fangen und zu meinem Vertrauten zu machen, und dass ich einen 



156 



geheimen Gegenspieler hatte, einen anderen Spieler im Team, der friiher, als ich ein Kind war, an 
einem Angriff teilgenommen hatte, bei dem meine Familie umgebracht wurde, und der nicht wusste, 
dass ich zuriickkommen wurde, urn Rache zu nehmen. Und natiirlich war irgendwo noch ein anderer 
Spieler, der ahnlichen Zorn gegen mich hegte, sodass ich bei all der angenehmen Kameradschaft im 
Team immer auch darauf achten musste, ob jemand versuchte, mir ein Messer in den Riicken zu 
rammen oder Gift ins Essen zu streuen. 

Die nachsten zwei Tage lang spielten wir die Sache aus. Teile des Wochenendes waren wie 
Versteckspielen, andere waren wie Survivaltraining in der Wildnis, und wieder andere waren wie 
Kreuzwortratsellosen. Die Spielleiter hatten ihren Job toll gemacht. Und es entwickelten sich echte 
Freundschaften mit den anderen Leuten in der eigenen Mission. Darryl war das Opfer meines ersten 
Mordes, und ich kniete mich echt rein, obwohl er mein Rumpel war. Netter Rerl; wirklich schade, 
dass ich ihn toten musste. 

Ich erwischte ihn mit einem Feuerball, wahrend er die Beute checkte, nachdem wir eine Horde von 
Orks plattgemacht hatten, indem wir mit jedem Ork eine Runde Schere-Stein-Papier spielten, um 
auszumachen, wer den Kampf gewinnen wurde. Das ist viel spannender, als es klingt. 

Das war wie Sommerfreizeit fur Drama-Fans. Wir quatschten in unseren Zelten bis tief in die Nacht, 
betrachteten die Sterne, sprangen in den Fluss, wenn uns heiE wurde, und erschlugen Stechmiicken. 
Wir wurden beste Freunde - oder Feinde furs Leben. 

Ich weiE nicht, warum Charles' Eltern ihren Sohn zum LARPen geschickt hatten. Er war nicht die Art 
Junge, die dieses Zeug wirklich genoss. Er war eher die Sorte, die Fliegen ihre Flugel ausriss. Na ja, 
vielleicht auch nicht. Aber er war echt nicht der Typ, in Verkleidung im Wald rumzurennen. Er 
muffelte die ganze Zeit bloE rum, hatte fur alles undjeden bloE Verachtung iibrig und versuchte uns 
davon zu iiberzeugen, dass das alles lange nicht so toll war, wie wir glaubten. Bestimmt habt ihr 
solche Menschen schon getroffen: Menschen, deren selbst gestellte Aufgabe es ist, alien anderen 
jeglichen SpaE zu verderben. 

Charles' zweites Problem war, dass er simulierte Gefechte einfach nicht begreifen konnte. Wenn man 
erst mal anfangt, im Wald rumzurennen und ausgefeilte halbmilitarische Spiele zu spielen, dann geht 
es ganz schnell, bis dein Adrenalinspiegel so hoch ist, dass du bereit bist, jemandem in echt an die 
Gurgel zu gehen. Und in diesem Zustand ist es wirklich keine gute Idee, ein Schwert, eine Keule, 
Lanze oder ein anderes Utensil zur Hand zu haben. Aus diesem Grund ist es in solchen Spielen jedem 
Teilnehmer absolut strikt verboten, einen anderen zu schlagen. Stattdessen sind, wenn du jemandem 
nahe genug zum Kampfen kommst, einige flotte Runden Schere-Stein-Papier angesagt, unter 
Berucksichtigung deiner jeweiligen Erfahrung und Bewaffnung und deines Gesundheitszustands. Die 
Schiedsrichter schlichten Streitereien. Das ist ziemlich zivilisiert und ein bisschen bizarr. Da rennst du 
jemandem durch den Wald hinterher, hoist ihn ein, fletschst die Zahne, und dann setzt du dich mit ihm 
hin auf ein kleines Spielchen. Aber es funktioniert, und es sorgt dafiir, dass alles sicher und spaEig 
bleibt. 

Charles konnte das partout nicht begreifen. Ich glaube schon, dass er verstanden hatte, dass die Regel 
„kein Kontakt" lautete, aber er war zugleich in der Lage, zu entscheiden, dass die Regel egal war und 
dass er ihr nicht gehorchen wollte. Die Schiedsrichter mussten ihn deshalb ein paar Mal an diesem 
Wochenende zur Ordnung rufen, und immer versprach er, sich dran zu halten, und immer ignorierte er 
die Regeln aufs Neue. Er war schon dam als einer von den GroEeren, und es machte ihm SpaE, dich 
am Ende einer Jagd „versehentlich" zu tackeln. Und wenn du auf dem felsigen Waldboden landest, ist 
Tackling kein Vergniigen. 

Ich hatte grade Darryl auf einer Waldlichtung ordentlich gequalt, wo er auf Schatzsuche war, und wir 
lachten zusammen iiber meine enorme Heimtiicke. Er wollte grade Monstern gehen - getotete Spieler 
konnten zu Monstern werden, und das bedeutete, dass mit fortschreitender Spieldauer immer mehr 
Monster hinter dir her waren, so dass jeder weiterspielen musste und die Schlachten immer 
ausschweifender wurden. 



157 



In diesem Moment kam Charles hinter mir aus dem Unterholz hervor und tackelte mich; er stieE mich 
so hart zu Boden, dass mir einen Moment lang die Luft wegblieb. „Hab dich!", briillte er. Bis dahin 
hatte ich ihn nur entfernt gekannt, und allzu viel von ihm gehalten hatte ich noch nie; aber j etzt war 
ich bereit zu toten. Langsam erhob ich mich und schaute ihn an mit seinem Grinsen und der 
stolzgeschwellten Brust. „Du bist so was von tot", sagte er. „Ich hab dich astrein erwischt." 

Ich grinste, und dabei fuhlte sich etwas in meinem Gesicht falsch und wund an. Ich beriihrte meine 
Oberlippe. Sie war blutig. Meine Nase blutete, und meine Lippe war aufgeplatzt, als ich nach seinem 
Angriff mit dem Gesicht zuerst auf einer Wurzel gelandet war. 

Ich wischte das Blut an meinem Hosenbein ab und lachelte. Ich gab mir den Anschein, das alles 
unheimlich lustig zu finden, lachte ein bisschen und ging auf ihn zu. 

Charles lieE sich nicht iiberlisten. Er war schon am Zuriickweichen und versuchte, im Gebiisch zu 
verschwinden. Darryl schnitt ihm den einen Fluchtweg ab. Ich iibernahm den anderen. Plotzlich 
drehte er sich um und rannte. Darryls FuEangel lieE ihn die Schwalbe machen. Wir stiirzten uns 
gerade auf ihn, als wir eine Schiedsrichterpfeife horten. 

Der Schiedsrichter hatte nicht gesehen, wie Charles mich foulte, aber er hatte ihn am Wochenende 
beim Spielen beobachtet. So sandte er Charles zum Camp-Eingang zuriick und erklarte ihm, dass er 
aus dem Spiel war. Charles beschwerte sich lautstark, aber zu unserer Genugtuung wollte der 
Unparteiische nichts davon wissen. Als Charles fort war, hielt er auch uns eine Standpauke und sagte, 
unsere Vergeltung sei um nichts mehr gerechtfertigt gewesen als der Angriff von Charles. 

Damit war es okay. Als die Spiele an diesem Abend zu Ende waren, nahmen wir alle in den 
Lagerunterkiinften eine heiEe Dusche. Darryl und ich stahlen Charles' Klamotten und sein Handtuch. 
Wir knoteten alles zusammen und warfen die Biindel ins Pissoir. Eine Menge Jungs waren nur zu 
gliicklich, uns beim Einweichen helfen zu diirfen - Charles war bei seinen Rempeleien ziemlich 
enthusiastisch gewesen. 

Ich wiinschte, ich hatte ihn sehen konnen in dem Moment, als er aus der Dusche kam und seine 
Kleidung entdeckte. Muss eine schwierige Entscheidung sein: Rennst du nackt durchs Camp, oder 
droselst du die fest verknoteten, zugepissten Klamotten auseinander und ziehst sie an? 

Er wahlte Nacktheit. Ich hatte wahrscheinlich dasselbe gewahlt. Wir stellten uns in einer langen Reihe 
zwischen den Duschen und den Baracken auf, wo das Gepack lagerte, und applaudierten ihm. Ich 
stand am Anfang der Reihe und klatschte am lautesten. 



Diese Wochenendlager gab es nur drei oder vier Mai im Jahr, was bei Darryl und mir - und vielen 
anderen LARPern - zu ernsthaften Entzugserscheinungen fuhrte. Zum Gliick gab es noch die 
Wretched-Daylight-Spiele in den Hotels der Stadt. Wretched Daylight ist ein anderes LARP mit 
rivalisierenden Vampir-Clans und Vampirjagern, und es hat seine eigenen raffinierten Regeln. Man 
bekommt Spielkarten zur Bewaltigung der Kampfe, so dass jedes Geplankel eine kleine Runde eines 
Strategie-Kartenspiels umfasst. Vampire konnen unsichtbar werden, indem sie sich ihren Mantel iiber 
den Kopf Ziehen und die Arme vor der Brust verschranken; dann miissen alle anderen Mitspieler so 
tun, als ob sie diesen Vampir nicht sehen, und ihre Unterhaltung iiber ihre Plane und so weiter 
fortsetzen. Einen wirklich guten Spieler erkennt man daran, dass er ehrlich genug ist, seine 
Geheimnisse vor einem „unsichtbaren" Rivalen auszuplaudern und dabei so zu tun, als sei dieser gar 
nicht im Raum. 

Jeden Monat fand eine Handvoll groEer Wretched-Daylight-Spiele statt. Die Organisatoren der Spiele 
hatten einen guten Draht zu den Hotels der Stadt und lieEen sie jeweils wissen, dass sie freitagnachts 
zehn bis dahin unbelegte Zimmer buchen und mit Spielern fiillen wiirden. Die Spieler wiirden dann 
im Hotel herumstreifen und in den Korridoren, am Pool und so halbwegs unauffallig Wretched 
Daylight spielen, sie wiirden im Hotelrestaurant essen und fur die Nutzung des Hotel-WLANs 
bezahlen. Freitagnachmittags war Meldeschluss; dann mailten die Organisatoren uns an, und wir 



158 



gingen nach der Schule direkt zu dem j eweiligen Hotel, brachten unsere Schlafsacke mit, schliefen 
iibers Wochenende jeweils zu sechst oder acht in einem Zimmer, ernahrten uns von Junk-Food und 
spielten bis drei Uhr friih. Es war ein nettes, sauberes Vergniigen, gegen das unsere Eltern nichts 
einzuwenden hatten. 

Organisator war ein bekannter Bildungs-Forderverein, der Schreib-Workshops, Theaterkurse und 
dergleichen mehr fur Jugendliche anbot. Er veranstaltete die Spiele schon seit zehn Jahren, ohne dass 
es je einen Zwischenfall gegeben hatte. Alles war streng alkohol- und drogenfrei, um die 
Organisatoren nicht irgendwelchen Vorwurfen der Verfuhrung Minderj ahriger auszusetzen. Je nach 
Wochenende kamen zwischen zehn und hundert Spieler zusammen, und fur den Preis weniger 
Kinokarten hatten wir zweieinhalb Tage lang machtig SpaE. 

Doch eines Tages gelang es ihnen, einen Block von Zimmern im Monaco zu buchen, einem Hotel im 
Tenderloin, das sich an kunstbeflissene altere Touristen richtete - einem dieser Orte, an denen in 
jedem Zimmer ein Goldfischglas stand und die Empfangshalle voll war mit wundervollen alten 
Menschen in feiner Kleidung, die ihre Ergebnisse plastischer Chirurgie zur Schau stellten. 

Normalerweise pflegten uns die Irdischen - unser Wort fur Nicht-Spieler - einfach zu ignorieren, sie 
hielten uns wohl fur junge Hallodris. Aber an jenem Wochenende war zufallig der Herausgeber eines 
italienischen Reisemagazins im Hotel, und der entwickelte Interesse an der Sache. Er trieb mich in die 
Enge, als ich in der Halle herumlungerte in der Hoffnung, den Clan-Fuhrer meiner Rivalen zu sehen, 
um mich auf ihn zu stiirzen und sein Blut zu schliirfen. Ich stand mit iiber der Brust verschrankten 
Armen, also unsichtbar, an die Wand gelehnt herum, als er sich naherte und mich in holprigem 
Englisch fragte, was meine Freunde und ich denn an diesem Wochenende hier so trieben. 

Ich versuchte ihn loszuwerden, aber er lieE nicht locker. Also dachte ich, ich konne mir ja einfach was 
ausdenken, damit er endlich verschwande. 

Ich ahnte nicht, dass er meine Story drucken wiirde. Und ich ahnte noch viel weniger, dass es von der 
amerikanischen Journaille aufgegriffen werden wiirde. 

„Wir sind hier, weil unser Prinz gestorben ist, deshalb mussten wir auf der Suche nach einem neuen 
Herrscher hierher kommen." 

„Ein Prinz?" 

„Ja", sagte ich und gewann Gefallen an der Sache. „Wir sind das Alte Volk. Wir sind im 16. 
Jahrhundert nach Amerika eingewandert, und seither lebte unsere konigliche Familie ununterbrochen 
in der Wildnis von Pennsylvania. Wir leben unter einfachen Bedingungen im Wald, und wir benutzen 
keinerlei moderne Technik. Doch der Prinz war der Letzte seiner Abstammungslinie, und er ist vorige 
Woche gestorben. Eine furchtbare auszehrende Krankheit hat ihn von uns genommen. Die jungen 
Manner meines Clans sind aufgebrochen, die Nachkommen seines GroEonkels zu finden, der zur Zeit 
meines GroEvaters davongegangen war, um sich den modernen Menschen anzuschlieEen. Man sagt, 
er habe sich fortgepflanzt, und wir werden den Letzten seiner Linie finden und zuriick in seine 
rechtmaEige Heimat bringen." 

Ich las damals eine Menge Fantasy-Romane. Solches Zeug flog mir nur so zu. 

„Wir fanden eine Frau, die um jene Abkommlinge wusste. Sie sagte uns, einer von ihnen sei in diesem 
Hotel anzutreffen, und so sind wir gekommen, ihn zu finden. Jedoch hat ein rivalisierender Clan 
unsere Spur hierher verfolgt, um uns davon abzuhalten, unseren Prinzen heimzubringen, um uns in 
Schwache und leicht beherrschbar zu halten. Daher ist es iiberlebensnotwendig, dass wir unter uns 
bleiben. Wir reden nur mit dem Neuen Volk, wenn es sich nicht vermeiden lasst. Jetzt mit Ihnen zu 
sprechen bereitet mir groEes Unbehagen." 

Er beobachtete mich abschatzend. Ich hatte meine Arme nicht mehr gekreuzt, daher war ich fur 
rivalisierende Vampire jetzt sichtbar; und eine von ihnen hatte sich heimlich an uns herangeschlichen. 
Ich drehte mich im letzten Moment um und sah sie mit ausgebreiteten Armen und zischelnd auf uns 
zukommen, eine Vampirin im ganz groEen Stil. 

159 



Ich breitete meine Arme weit aus und zischelte zuriick, dann verschwand ich durch die 
Empfangshalle, wobei ich iiber ein Ledersofa sprang und mich an einer Topfpflanze 
vorbeischlangelte, die Vampirin immer hinter mir her. Einen Fluchtplan durchs Treppenhaus ins 
Fitnessstudio im Untergeschoss hatte ich vorher schon ausgetiiftelt, und dort schiittelte ich sie ab. 

Den Journalisten sah ich an diesem Wochenende nicht mehr, aber ich erzahlte die Story einigen 
anderen LARPern weiter, die sie weiter ausschmuckten und keine Gelegenheit auslieEen, sie 
wiederum weiterzutragen. 

Das italienische Magazin hatte eine Mitarbeiterin, die ihre Magisterarbeit iiber technikfeindliche 
Amish-Gemeinschaften im landlichen Pennsylvania geschrieben hatte, und sie fand uns unglaublich 
interessant. Auf der Grundlage der Notizen und Interview-Aufzeichnungen ihres Chefs aus San 
Francisco schrieb sie eine faszinierende, herzzerreiEende Geschichte iiber diese merkwiirdigen 
jugendlichen Kult-Angehorigen, die auf der Suche nach ihrem „Prinzen" kreuz und quer durch 
Amerika reisten. Verdammt, die Leute drucken heutzutage wirklich alles. 

Aber die Sache war die, dass Geschichten wie diese aufgegriffen und weiterverbreitet werden. Zuerst 
waren es italienische Blogger, dann ein paar amerikanische Blogger. Leute iiberall im Land 
berichteten iiber „Sichtungen" von Angehorigen des Alten Volkes, wobei ich bis heute nicht weiE, ob 
das ausgedacht war oder ob andere dasselbe Spiel spielten. 

So arbeitete sich die Story durch die Medien-Nahrungskette bis hoch zur „New York Times", die 
leider einen ungesunden Appetit fur Faktenrecherche hat. Der Reporter, den sie auf die Sache 
ansetzten, fuhrte sie schlieElich auf das Monaco Hotel zuriick, wo man ihn an die LARP- 
Organisatoren verwies, die ihm dann lachend die ganze Geschichte erzahlten. 

Nun ja - ab da war LARPing sehr viel weniger cool. Wir wurden bekannt als die groEten Schummler 
der Nation, als durchgeknallte pathologische Liigner. Die Presseleute, die wir unbeabsichtigt dazu 
gebracht hatten, die Story des Alten Volkes zu covern, waren nun erpicht drauf, sich selbst wieder in 
besseres Licht zu riicken, indem sie berichteten, wie unfassbar merkwurdig wir LARPer doch waren; 
und an diesem Punkt lieE Charles jeden in der Schule wissen, dass Darryl und ich die groEten LARP- 
Weicheier der Stadt seien. 

Das war kein gutes Jahr. Ein paar aus der Gang storten sich nicht dran, wir aber schon. Die Hanselei 
war gnadenlos. Und Charles immer vornweg. Ich fand Plastik-Gebisse in meiner Tasche; Kids, die 
mir in der Aula begegneten, machten „bleh, bleb" wie ein Comic-Vampir oder sprachen in meiner 
Gegenwart mit aufgesetztem transsylvanischem Akzent. 

Wenig spater stiegen wir auf ARG um. In mancherlei Hinsicht war das noch lustiger, und vor allem 
war es sehr viel weniger abseitig. Aber manchmal vermisste ich doch meinen Umhang und diese 
Wochenenden im Hotel. 



Das Gegenteil von esprit d'escalier ist, wenn alle Peinlichkeiten deines Lebens zuruckkommen und 
dich verfolgen, auch wenn sie schon langst verjahrt sind. Ich erinnerte mich an jede einzelne 
Dummheit, die ich je gesagt oder getan hatte, und zwar bis ins kleinste Detail. Und jedes Mai, wenn 
ich mich niedergeschlagen fiihlte, fing ich ganz von selbst an, mich an ahnliche Situationen zu 
erinnern - eine Hitparade von Erniedrigungen paradierte eine nach der anderen an meinem inneren 
Auge vorbei. 

Wahrend ich versuchte, mich auf Masha und meinen drohenden Untergang zu konzentrieren, 
verfolgte mich der Vorfall mit dem Alten Volk penetrant. Es war damals ein ganz ahnliches krankes 
Gefiihl der Verlorenheit gewesen, als immer mehr Medien die Story aufgriffen und das Risiko stieg, 
dass jemand herausfand, dass ich es war, der dem bloden italienischen Herausgeber, diesem Typ in 
seinen Designerjeans mit den schiefen Nahten, dem gestarkten Hemd ohne Kragen und der riesigen 
metallgefassten Brille, die Geschichte angedreht hatte. 

Es gibt eine Alternative dazu, dich in deinen Fehlern zu suhlen. Du kannst aus ihnen lernen. 

160 



Jedenfalls ist das eine gute Theorie. Vielleicht besteht ja auch der Grand dafiir, dass dein 
Unterbewusstsein all diese elenden Gespenster reanimiert, darin, dass sie irgendeinen Abschluss 
finden miissen, bevor sie in Frieden im Erniedrigungsj enseits ruhen konnen. Mein Unterbewusstsein 
traktierte mich mit Gespenstern in der Hoffnung, dass ich etwas tun wiirde, damit sie in Frieden 
wiirden ruhen konnen. 

Auf dem ganzen Weg heim walzte ich diese Erinnerung und den Gedanken, wie ich mit „Masha" 
umgehen sollte fur den Fall, dass sie mir eine Falle stellte. Ich musste irgendeine Riickversicherung 
haben. 

Und als ich mein Haus erreichte - und die melancholischen Umarmungen von Mom und Dad, die dort 
auf mich warteten -, da hatte ich sie. 



Der Trick bestand darin, das Ganze so zu timen, dass es schnell genug passierte, um dem DHS keine 
Vorbereitungszeit zu geben, aber mit genug Vorlauf, dass das Xnet Zeit haben wiirde, massenhaft zu 
erscheinen. 

Der Trick bestand darin, es so zu arrangieren, dass zu viele von uns auf einem Haufen waren, um uns 
alle festzunehmen, und es dennoch irgendwo zu machen, wo es von der Presse und den Erwachsenen 
zur Kenntnis genommen wurde, damit das DHS uns nicht wieder einfach begasen konnte. 

Der Trick bestand darin, dass es etwas so Medientaugliches sein musste wie die Levitation des 
Pentagon. Der Trick bestand darin, den Anlass fur eine richtig fette Massenkundgebung zu 
inszenieren, so wie damals die 3000 Berkeley-Studenten, die sich weigerten, einen der Ihren in einem 
Polizeiauto abtransportieren zu lassen. 

Und der Trick bestand darin, die Presse vor Ort sein zu lassen, bereit zu berichten, was die Polizei tat, 
ebenso wie 1968 in Chicago. 

Es musste ein wirklich guter Trick sein. 

Am folgenden Tag verschwand ich mit Hilfe meiner ublichen Techniken eine Stunde fruher aus der 
Schule; es war mir egal, ob das womoglich irgendeinen neuartigen DHS-Checker ausloste, der zu 
einer Benachrichtigung meiner Eltern fuhren wiirde. 

So oder so: Ob ich Arger in der Schule bekam, wiirde nach dem morgigen Tag das kleinste Problem 
meiner Eltern sein. 

Ich traf mich mit Ange bei ihr. Sie hatte noch fruher aus der Schule verschwinden miissen, aber sie 
hatte ihre Regel vorgeschoben und sich benommen, als wiirde sie gleich umkippen, und dann hatten 
sie sie heimgeschickt. 

Wir fingen an, die Sache im Xnet zu verbreiten. Wir sandten E-Mails an vertrauenswiirdige Freunde 
und Instant Messages an unsere Buddy-Listen. Wir zogen iiber die Planken und durch die StraEen von 
Clockwork Plunder und erzahlten es unseren Teamgefahrten. Jedem genug Information zukommen zu 
lassen, dass er auch sicher erschien, ohne das DHS in unsere Karten schauen zu lassen, war knifflig, 
aber ich war mir sicher, die richtige Balance gefunden zu haben: 

> MORGEN VAMPMOB 

> Wenn du ein Grufti bist, dann putz dich raus. Wenn du kein Grufti bist, dann finde einen und leih 
dir seine Klamotten. Vampir ist angesagt. 

> Das Spiel beginnt Punkt acht. PUNKTACHT. Seid da und seid bereit, euch in Teams einteilen zu 
lassen. Das Spiel dauert 30 Minuten, ihr habt also genug Zeit, noch rechtzeitig in die Schule zu 
kommen. 

> Die Location erfahrt ihr morgen frilh. Mailt eure offentlichen Schlussel an 

mlk3y@littlebrother.pirateparty.org.se, und ruft fur das Update um sieben Uhr eure Mails ab. Wenn 
euch das zu frilh ist, dann bleibt die ganze Nacht wach. So machen wir es jedenfalls. 

161 



> Das wird das Lustigste, was ihr in diesem Jahr erleben werdet, versprochen. 

> Habt Vertrauen. 

> Mlk3y 

Dann schickte ich eine kurze Notiz an Masha. 

> Morgen 

> Mlk3y 

Eine Minute spater mailte sie zuriick: 

> Dacht ich mir so. VampMob also. Du bist schnell. Setz einen roten Hut auf. Und bring leichtes 
Gepack. 



Was nimmt man mit auf die Flucht? Ich hatte schon genug schwere Sacke auf genug Pfadfinderlagern 
rumgeschleppt, um zu wissen, dass jedes Gramm extra bei jedem Schritt mit der geballten Macht der 
Schwerkraft in deine Schultern schneidet. Es ist nicht bloE ein Gramm - es ist ein Gramm, das du eine 
Million Schritte weit tragst. Es ist eine Tonne. 

„Stimmt", sagte Ange. „Clever. Und mehr als drei Satze Klamotten nehmen wir auch nicht mit. 
Notfalls waschen wir das Zeug im Handwaschbecken aus. Lieber ein Fleck auf dem T-Shirt als einen 
Koffer, der zu groE und zu schwer ist, um unter einen Flugzeugsitz zu passen." 

Sie hatte eine robuste Nylon-Kuriertasche rausgekramt, deren Riemen sie iiber die Schulter und 
zwischen ihren Briisten hindurchfuhrte (was mich ein klein wenig ins Schwitzen brachte) und die 
dann diagonal auf ihrem Riicken saE. Die Tasche war innen geraumig, und sie hatte sie auf dem Bett 
abgestellt. Jetzt stapelte sie Kleidungsstiicke daneben auf. 

„Ich schatze mal, drei T-Shirts, eine lange und eine kurze Hose, drei Satze Unterwasche, drei Paar 
Socken und ein Pulli miissen reichen." 

Sie leerte ihre Sporttasche aus und suchte ihre Toilettenartikel zusammen. „Ich muss dran denken, 
morgen friih meine Zahnbiirste einzustecken, bevor ich Richtung Civic Center losgehe." 

Ihr beim Packen zuzuschauen war beeindruckend. Sie war dabei vollig abgebriiht. Und es war 
verriickt - es machte mir klar, dass ich am nachsten Tag weggehen wiirde. Vielleicht fur lange. 
Vielleicht fur immer. 

„Soll ich meine Xbox mitnehmen?", fragte sie. „Ich hab eine Tonne Zeug auf der Festplatte, Notizen, 
Entwurfe und Mails. Ich mochte nicht, dass das in falsche Hande gerat." 

„Das ist alles verschlusselt", erwiderte ich. „Das ist bei ParanoidXbox Standard. Lass die Xbox hier, 
in L.A. wird es reichlich von den Dingern geben. Richte dir bloE einen Piratenpartei-Account ein, und 
mail dir selbst ein Image von deiner Festplatte. Wenn ich heimkomme, mach ich das auch noch." 

Das tat sie und schickte die Mail auf den Weg. Es wiirde ein paar Stunden dauern, bis all die Daten 
sich durch das WLAN ihrer Nachbarn gezwangt und ihren Weg nach Schweden gefunden hatten. 

Dann schloss sie die Klappe der Tasche und zog die Kompressionsriemen an. Jetzt hatte sie etwas 
FuEballgroEes auf ihrem Riicken hangen, und ich starrte es bewundernd an. Damit unter der Schulter 
konnte sie die StraEe runterlaufen, und niemand wiirde zwei Mal hinschauen - sie wiirde so aussehen, 
als sei sie auf dem Weg zur Schule. 

„Ach, eins noch", sagte sie, ging zu ihrem Nachttisch und holte die Kondome raus. Sie holte die 
Gummipackchen aus der Schachtel, offnete die Tasche und stopfte sie hinein, dann gab sie mir einen 
Klaps auf den Po. 

„Und jetzt?", fragte ich. 



162 



„Jetzt gehen wir zu dir und kiimmern uns urn deinen Kram. AuEerdem wirds langsam Zeit, dass ich 
deine Eltern kennen lerne, oder?" 

Sie lieE die Tasche inmitten der Klamottenstapel und des Krimskrams auf dem FuEboden liegen. Sie 
war bereit, das alles hinter sich zu lassen, fortzugehen, nur um bei mir zu sein. Nur um der Sache zu 
dienen. Das machte auch mir Mut. 



Mom war schon daheim, als ich ankam. Sie hatte ihren Laptop offen auf dem Kiichentisch stehen und 
beantwortete Mails, wahrend sie iiber Headset mit irgendeinem armen Yorkshireman sprach, der mit 
seiner Familie Hilfe dabei benotigte, sich an das Leben in Louisiana zu gewohnen. 

Ich trat durch die Tiir und Ange hinterher, grinsend wie wahnsinnig, aber zugleich meine Hand so fest 
driickend, dass ich spiiren konnte, wie ihre Knochen aufeinanderschabten. Ich wusste nicht, woriiber 
sie sich solche Sorgen machte. War ja nicht so, dass sie nach dem heutigen Tag noch mal allzu viel 
Zeit mit meinen Eltern wiirde verbringen miissen, selbst wenn es schlecht lief. 

Mom beendete das Gesprach mit dem Yorkshireman, als wir hereinkamen. 

„Hallo, Marcus", sagte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Und wer ist das?" 

„Mom, darf ich dir Ange vorstellen? Ange, das ist meine Mom, Lillian." 

Mom stand auf und nahm Ange in die Arme. 

„Es ist sehr schon, dich kennen zu lernen, Liebes", sagte sie und musterte sie von Kopf bis FuE. Ange 
sah ziemlich vorzeigbar aus, fand ich. Sie zog sich anstandig und dezent an, und man konnte ihr 
ansehen, dass sie ein heller Kopf war. 

„Eine Freude, Sie kennen zu lernen, Mrs. Yallow", sagte sie. Sie klang sehr souveran und 
selbstbewusst. Viel mehr als ich, als ich ihre Mom zum ersten Mal traf. 

„Sag doch Lillian, meine Liebe." Mom achtete erkennbar auf jedes Detail. „Bleibst du zum Essen?" 

„Sehr gern", sagte sie. 

„Isst du Fleisch?" Mom hat sich ans Leben in Kalifornien echt gut angepasst. 

„Ich esse alles, das mich nicht zuerst isst." 

„Sie ist siichtig nach scharfer Sauce", sagte ich. „Du kannst ihr auch alte Reifen anbieten, und Ange 
wird sie essen, solange sie sie nur in Salsa ertranken kann." 

Ange knuffte mich zartlich in die Schulter. 

„Ich hatte Thai ordern wollen", sagte Mom. „Dann bestelle ich noch ein paar von ihren Funf-Chili- 
Gerichten dazu." 

Ange dankte ihr hoflich, und Mom wuselte in der Kiiche rum, stellte uns Saftglaser und einen Teller 
Kekse hin und fragte uns drei Mal, ob wir Tee haben wollten. Ich wurde allmahlich hibbelig. 

„Danke, Mom", sagte ich. „Aber wir wiirden erst mal fur einen Moment zu mir raufgehen wollen." 

Moms Augen verengten sich einen Moment lang, aber dann lachelte sie wieder. „Na sicher", sagte 
sie. „Dein Vater wird in einer Stunde daheim sein, wir essen dann alle zusammen." 

Mein Vampirzeug hatte ich im hintersten Winkel des Kleiderschranks verstaut. Ich lieE Ange 
durchgucken, wahrend ich meine Klamotten durchflohte. Ich musste ja bloE bis L.A. kommen. Da 
gab es Geschafte fur all die Bekleidung, die ich dann noch brauchte. Ich musste bloE drei, vier 
Lieblings-T-Shirts und eine Lieblings-Jeans zusammensuchen, einen Deo-Roller und eine Rolle 
Zahnseide. 

„Geld!", sagte ich dann. 



163 



„0h ja", sagte sie. „Ich wollte mein Konto beim Geldomaten auf dem Weg nach Hause leerraumen. 
Ich hab vielleicht fiinfhundert zusammengespart." 

„Echt?" 

„Wofiir sollte ichs denn ausgeben? Seit dem Xnet hab ich ja noch nicht mal mehr Provider- 
Gebiihren." 

„Ich glaube, ich hab so was um dreihundert." 

„Na guck. Heb das morgen auf dem Weg zum Civic Center ab." Ich hatte eine groEe Schultasche, die 
ich dazu benutzte, groEere Mengen Ausriistung durch die Stadt zu schleppen. Die war unauffalliger 
als mein Campinggepack. Ange ging gnadenlos durch meine Stapel durch und dampfte sie auf ihre 
Lieblingsstucke ein. 

Als alles gepackt und unterm Bett verstaut war, setzten wir uns hin. 

„Wir miissen morgen richtig fruh aufstehen", sagte sie. 

„Ohja,groEerTag." 

Unser Plan sah vor, dass wir morgen fruh Nachrichten mit diversen falschen VampMob-Locations 
versenden wiirden, um die Leute an mehrere stille Orte im Umkreis von ein paar Gehminuten um das 
Civic Center zu schicken. Wir wollten noch eine Spriihschablone ausschneiden, mit der wir gegen 
fiinf Uhr morgens einfach VAMPMOB CIVIC CENTER ->-> an diesen Platzen auf die StraEe spriihen 
wiirden. Auf diese Weise wollten wir vermeiden, dass das DHS das Civic Center abriegelte, bevor wir 
eintrafen. Ich hatte den Mail-Bot so eingestellt, dass die Nachrichten um sieben Uhr rausgingen - ich 
musste nur die Xbox eingeschaltet lassen, wenn ich ging. 

„Wie lange ..." Sie brach ab. 

„Das hab ich mich auch schon gefragt", sagte ich. „Schatze mal, das konnte eine ganze Weile dauern. 
Aber wer weiE? Wenn Barbaras Artikel erscheint" - ich hatte auch eine Mail fur sie in der Pipeline - 
„und all das, vielleicht sind wir in zwei Wochen Helden." 

„Vielleicht." Sie seufzte. 

Ich legte meinen Arm um sie. Ihre Schultern bebten. 

„Ich habe Angst", sagte ich. „Ich glaube, es ware wahnsinnig, keine Angst zu haben." 

„Ja", sagte sie. „Ja." 

Mom rief uns zum Essen. Dad schuttelte Anges Hand. Er sah unrasiert und besorgt aus, so wie er 
immer aussah, seit wir zu Barbara gefahren waren, aber das Treffen mit Ange brachte ein bisschen 
was von dem alten Dad zum Vorschein. Sie kiisste ihn auf die Wange, und er bestand darauf, dass sie 
ihn Drew nennen moge. 

Das Abendessen war wirklich ein Erfolg. Das Eis war gebrochen, als Ange ihren Zerstauber mit der 
scharfen Sauce hervorholte, ihr Essen damit behandelte und die Sache mit den Scoville-Einheiten 
erklarte. Dad probierte eine Gabelvoll von ihrem Teller und flitzte dann in die Kiiche, um einen oder 
zwei Liter Milch zu trinken. Ob ihr es glaubt oder nicht, Mom kostete danach trotzdem und sah dabei 
so aus, als genieEe sie es rundum. Mom, so stellte sich heraus, war ein unentdecktes Wunderkind des 
scharfen Essens, ein Naturtalent. 

Bevor sie ging, driickte Ange meiner Mutter den Zerstauber in die Hand. „Ich habe noch einen 
daheim", sagte sie. Ich hatte gesehen, wie sie ihn eingepackt hatte. „Und ich denke, du bist die Art 
Frau, die so einen haben sollte." 



164 



Kapitel 19 



Dieses Kapitel ist dem MIT Press Bookshop gewidmet, einem Laden, den ich bei jedem meiner Trips nach Boston in den 
letzten zehn Jahren besucht habe. Das MIT ist naturlich eine der legendaren Keimzellen globaler Nerd-Kultur, und die 
Buchhandlung auf dem Campus wird alien Erwartungen gerecht, die ich mitbrachte, als ich sie zum ersten Mai betrat. 
Neben den wunderbaren Werken, die bei MIT Press erscheinen, bietet der Laden auch eine Rundreise durch die 
aufregendsten High-Tech-Publikationen der Welt, von Hacker-Blattchen wie 2600 bis zu dicken akademischen Anthologien 
uber Videospiel-Design. Dies ist einer der Laden, in denen ich urn Lieferung meiner Einkaufe bitten muss, weil sie nicht in 
den Koffer passen. 

MIT Press Bookstore http://web.mit.edu/bookstore/www/ Building E38, 77 Massachusetts Ave., Cambridge, MA USA 
02139-4307 +1 617 253 5249 



D 



ies ist die E-Mail, die urn sieben Uhr am nachsten Morgen rausging, wahrend Ange und ich 
VAMPMOB CIVIC CENTER ->-> an strategischen Punkten der Stadt auf den Asphalt spriihten. 



> REGEINFUR VAMPMOB 

> Du bist Mitglied eines Clans von Tageslicht-Vampiren. Du hast das Geheimnis entdeckt, wie man 
das grdssliche Sonnenlicht iiberlebt. Das Geheimnis ist Kannibalismus: Das Blut eines anderen 
Vampirs kann dir die Kraft geben, unter den lebenden zu wandeln. 

> Um im Spiel zu bleiben, musst du so viele andere Vampire beiEen wie moglich. Wenn eine Minute 
ohne einen Biss verstreicht, bist du raus. Wenn du raus bist, dreh dein Shirt um und werde 
Schiedsrichter - beobachte zwei oder drei Vamps, um zu sehen, ob sie ihre Bisse landen konnen. 

> Um einen anderen Vamp zu beiEen, musst du fiinfMal „BeiEen!" sagen, bevor er es tut. Also rennst 
du auf einen Vampirzu, suchst Blickkontakt und schreist „ BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen!", 
und wenn du es schaffst, bevor der andere es schafft, dann lebst du, und der andere zerfalltzu Staub. 

> Du und die anderen Vampire, die du an deinem Treffpunkt vorfindest, seid ein Team. Sie sind dein 
Clan. Ihr Blut hat fur dich keinen Ndhrwert. 

> Du kannst „unsichtbar" werden, indem du stehen bleibst und dieArme uber der Brust 
verschrankst. Du kannst keine unsichtbaren Vampire beiEen, und sie konnen dich nicht beiEen. 

> Dieses Spiel wird nach dem Ehrenprinzip gespielt. Sinn ist es, SpaE zu haben und mal wieder 
deinen Vamp unter die leute zu bringen, und nicht, zu gewinnen. 

> Es gibt ein Endspiel, das durch Mundpropaganda eingeldutet wird, wenn sich Gewinner 
abzeichnen. Die Spielleiter werden eine Fliisterkampagne unter den Spielern starten, wenn die Zeit 
dafur reifist. Verbreite die Parole, so schnell du kannst, und achte auf das Zeichen. 

> Mlk3y 

> BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen! 

Wir hatten gehofft, dass vielleicht hundert Leute bereit sein wiirden, VampMob zu spielen. Jeder von 
uns hatte etwa zweihundert Einladungen rausgeschickt. Aber als ich um vier Uhr aufsprang und zur 
Xbox griff, waren 400 Antworten eingetroffen. VIERHUNDERT. 

Ich fiitterte den Bot mit den Adressen und stahl mich aus dem Haus. Ich stieg die Stufen hinab, 
lauschte noch kurz, wie mein Vater schnarchte und meine Mom sich im Bett hin- und herwalzte. Dann 
verschloss ich die Tur hinter mir. 

Morgens um Viertel nach Vier war es in Potrero Hill so still wie auf dem Land. Ich horte einige 
entfernte Verkehrsgerausche, und einmal fuhr ein Auto an mir vorbei. An einem Geldautomaten hielt 
ich an und hob 320 Dollar in Zwanzigern ab, rollte sie zusammen, wickelte ein Gummiband drum und 
stopfte die Rolle in eine ReiEverschlusstasche an der Hiifte meiner Vampirhose. 

Ich trug wieder meinen Umhang, ein Riischenhemd und eine Smokinghose, die so umgearbeitet war, 
dass sie genug Taschen fur all meinen Kleinkram hatte. Dazu noch spitze Stiefel mit silbernen 
Totenkopfen auf den Schnallen, und mein Haar hatte ich zu einer schwarzen Pusteblume aufgestylt. 

165 



Ange wollte das weiEe Makeup mitbringen und hatte versprochen, mir Eyeliner und schwarzen 
Nagellack zu machen. Warum auch nicht? Wann wiirde ich denn das nachste Mai Gelegenheit haben, 
mich auf diese Weise zu verkleiden? 

Ich traf Ange vor ihrem Haus. Sie hatte ebenfalls ihre Tasche umgehangt, trug Netzstriimpfe, ein 
gekrauseltes Gothic-Lolitakleidchen, weiEe Schminke im Gesicht, ausgefeiltes Kabuki- 
Augenmakeup, und an ihren Fingern und am Hals prangte Silberschmuck. 

„Du siehst TOLL aus!", sagten wir wie aus einem Mund, dann lachten wir still und machten uns 
durch die StraEen davon, Spriihdosen in unseren Taschen. 



Wahrend ich das Civic Center betrachtete, iiberlegte ich, wie es wohl dort aussehen wiirde, wenn es 
von 400 VampMobbern heimgesucht wurde. Ich erwartete sie ihn zehn Minuten auEen vor der City 
Hall. Schon jetzt wimmelte es auf der groEen Plaza von Pendlern, die fein sauberliche Bogen um die 
dort bettelnden Obdachlosen machten. 

Ich habe das Civic Center schon immer gehasst. Es ist eine Ansammlung von Hochzeitstorten- 
Bauwerken: Gerichtsgebaude, Museen und offentliche Gebaude wie die City Hall. Die Biirgersteige 
sind breit, die Gebaude sind weiE. Irgendwie schaffen sie es, dass der Komplex auf Fotos fur die 
Reisefuhrer von San Francisco wie das Epcot Center aussieht, futuristisch und streng. 

Aber aus der Nahe ist es schmuddelig und eklig. Auf alien Banken schlafen Obdachlose. Das Viertel 
ist spatestens abends um Sechs leer, Betrunkene und Junkies ausgenommen; denn da es dort nur eine 
einzige Sorte Gebaude gibt, gibt es iiberhaupt keinen Grund, nach Sonnenuntergang noch 
rumzuhangen. Es ist eher ein Einkaufszentrum als ein Wohnviertel, aber die einzigen Geschafte dort 
sind Kautionsvermittler und Spirituosenladen, also Angebote fur die Familien der Ganoven, die hier 
vor Gericht stehen, und die Penner, die hier ihre nachtliche Wohnstatte haben. 

So richtig verstand ich das alles, als ich ein Interview mit einer erstaunlichen alten Stadtplanerin las, 
einer Frau namens Jane Jacobs, die mir als erste wirklich begreiflich machen konnte, warum es falsch 
war, die Stadte mit Autobahnen zu zerteilen, alle Armen in Wohnungsprojekte zu stecken und streng 
gesetzlich zu regeln, wer was wann wo tun durfte. 

Jacobs erklarte, dass wirkliche Stadte organisch sind und eine Menge Vielfalt aufweisen - Reich und 
Arm, WeiE und Braun, Anglo und Mex, Einzelhandel und Wohnen und sogar Industrie. Solch ein 
Viertel wird von alien Arten von Menschen zu samtlichen Tages- und Nachtstunden besucht, deshalb 
siedeln sich dort Geschafte an, die jeden denkbaren Bedarf decken, und du hast dort rund um die Uhr 
Leute, die ganz von selbst iiber die StraEen wachen. 

Ihr kennt das sicherlich. Spaziert mal durch einen alteren Teil eurer Stadt, und ihr werdet merken, dass 
er voll mit den coolsten Geschaften ist, mit Typen in Anziigen oder edelschlampig, gehobenen 
Restaurants und schicken Cafes, vielleicht einem kleinen Kino, mit liebevoll gestrichenen Hausern. 
Sicher wirds da auch einen Starbucks geben, aber eben auch einen hiibschen kleinen Obst- und 
Gemuse-Markt und eine Floristin, die dreihundert Jahre alt zu sein scheint und sorgfaltig an den 
Blumen in ihren Fenstern schnipselt. Das ist das Gegenteil von geplantem Raum wie etwa einem 
Einkaufszentrum. Es fiihlt sich eher an wie ein verwilderter Garten oder ein Wald: als ware es 
gewachsen. 

Man konnte nicht weiter davon entfernt sein als im Civic Center. Ich las dieses Interview mit Jacobs, 
in dem sie iiber das wundervolle alte Viertel sprach, das sie dafiir abgerissen hatten. Es war genau 
diese Sorte Viertel gewesen, diese Art Ort, die einfach geschah - ohne explizite Erlaubnis, ohne Sinn 
und Verstand. 

Jacobs erzahlte, sie habe vorhergesagt, dass das Civic Center binnen weniger Jahre eines der 
schlimmsten Viertel der Stadt werden wiirde, eine Geisterstadt bei Nacht, ein Ort, an dem nur ein paar 
klapprige Laden fur Sauferbedarf und schabige Motels eine Existenzgrundlage finden wiirden. Sie 
erweckte im Interview nicht den Eindruck, als freue sie sich dariiber, von der Realitat bestatigt 

166 



worden zu sein; viel eher klang es, als spreche sie iiber einen toten Freund, als sie beschrieb, was aus 
dem Civic Center geworden war. 

Aber jetzt war Rushhour, und das Civic Center war denkbar belebt. Die dortige BART ist zugleich ein 
Knotenpunkt mehrerer StraEenbahnlinien, und wenn du von einer zur anderen wechseln musst, tust du 
es hier. Morgens urn acht kamen Tausende Leute die Treppen hoch, liefen die Treppen ranter, stiegen 
in Taxis und Busse ein und aus. Bei den DHS-Checkpoints an den diversen offentlichen Gebauden 
knubbelten sie sich, um aggressive Bettler machten sie groEe Bogen. Alle rochen sie nach ihren 
Shampoos und Deos, frisch geduscht und in der Riistung ihrer Burokluft, mit Laptoptaschen und 
Aktentaschen. Morgens um acht war das Civic Center der Nabel der Geschaftswelt. 

Und jetzt kamen die Vampire. Ein paar Dutzend aus Richtung Van Ness, ein paar Dutzend von Market 
Street. Noch mehr von der anderen Seite von Market. Sie glitten an den Gebauden entlang mit weiEer 
Gesichtsfarbe und schwarzem Eyeliner, schwarzen Klamotten, Lederjacken, enorm schweren Stiefeln 
und fingerlosen Netzhandschuhen. 

Sie begannen die Plaza zu fullen. Einige der Geschaftsleute warfen ihnen kurze Blicke zu und 
wandten sich dann wieder ab; wollten wohl diese Irren nicht in ihre personliche Realitat eindringen 
lassen, in der es nur darum ging, durch welchen Mist sie sich in den kommenden acht Stunden wieder 
zu wiihlen hatten. Die Vamps stromerten rum, unsicher, wann das Spiel losgehen wiirde. Sie 
sammelten sich in groEen Gruppen, wie ein umgekehrter Olteppich, alles Schwarz sammelte sich an 
einem Fleck. Viele von ihnen trugen altmodische Hute, Melonen, Museumsstucke. Und viele der 
Madchen hatten sich in grausig-eleganten Lolitakostumen und enormen Plateausohlen aufgebrezelt. 

Ich versuchte ihre Zahl zu schatzen. 200. Fiinf Minuten spater waren wir bei 300, 400. Und es kamen 
immer noch welche. Die Vampire hatten Freunde mitgebracht. 

Jemand packte mich am Po. Ich wirbelte herum und sah Ange, die sich vor Lachen schiittelte. 

„Sieh dir das an, Mann, sieh dir die alle an!", staunte sie. Der Platz war jetzt doppelt so bevolkert wie 
noch vor wenigen Minuten. Ich wusste nicht, wie viele Xnetter es insgesamt gab, aber mindestens 
1000 von ihnen waren gerade bei meiner kleinen Party erschienen. Allmachtiger. 

Die DHS- und SFPD-Bullen setzten sich in Bewegung, sprachen in ihre Funkgerate und gruppierten 
sich. Ich horte von fern eine Sirene. 

„Na gut", sagte ich und schiittelte Ange am Arm. „Okay, los gehts." Wir verschwanden beide in der 
Menge, und sobald wir unseren ersten Vamp trafen, sagten wir beide laut „BeiEen BeiEen BeiEen 
BeiEen BeiEen!" Mein Opfer war ein fassungsloses, siiEes Madchen, das sich Spinnweben auf die 
Arme gemalt hatte und dem das Mascara bereits die Wangen herablief. Sie sagte „Mist" und zog sich 
zuriick, als sie erkannte, dass ich sie erwischt hatte. 

Der Ruf „BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen!" hatte die Vampire in der Nahe in Bewegung 
versetzt. Einige stiirzten sich gleich auf die anderen, andere suchten nach Deckung. Fur diese Minute 
hatte ich mein Opfer, deshalb schlich ich mich davon, Irdische als Deckung benutzend. Uberall um 
mich herum nun „BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen!", Rufe, Gelachter, Fliiche. 

Das Gerausch verbreitete sich wie ein Virus in der Menge. Alle Vampire wussten j etzt, dass das Spiel 
im Gange war, und die, die sich zu Griippchen versammelt hatten, fielen jetzt wie die Fliegen. Sie 
lachten, schimpften und wechselten ihren Standort, um Neuankommlingen mitzuteilen, dass das Spiel 
lief. Und neue Vamps kamen immer noch sekundlich dazu. 

8:16. Es war Zeit fur mich, wieder einen zu erwischen. Ich duckte mich und wuselte zwischen den 
Beinen der Normalos durch, die unterwegs zu den Treppen zur BART waren. Sie schreckten erstaunt 
zuriick und versuchten mir auszuweichen. Meine Blicke waren vollig fixiert auf ein Paar schwarzer 
Plateaustiefel mit stahlernen Drachen auf den Zehenkappen, deshalb war ich nicht drauf vorbereitet, 
einem anderen Vampir plotzlich Auge in Auge gegeniiberzustehen - einem Typen von vielleicht 15 
oder 16 Jahren, der das Haar glatt zuriickgegelt hatte und eine Marilyn-Manson-PVC-Jacke trug, dazu 
Halsketten mit falschen StoEzahnen, in die komplizierte Symbole eingraviert waren. 

167 



„BeiEen BeiEen BeiEen ...", begann er, als einer der Irdischen iiber ihn stolperte und sie sich beide 
langmachten. Ich sprang ruber zu ihm und rief „BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen!", bevor er sich 
wieder losmachen konnte. 

Immer mehr Vampire kamen dazu. Die Anziige wurden allmahlich echt nervos. Das Spiel schwappte 
nun iiber den Biirgersteig in Van Ness rein und breitete sich Richtung Market Street aus. Autofahrer 
hupten, und die StraEenbahnen lieEen wiitendes Klingeln vernehmen. Ich horte weitere Sirenen, aber 
mittlerweile war der Verkehr in alle Richtungen zum Erliegen gekommen. 

Es war verdammt glorreich. 

BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen! 

Der Ruf kam jetzt von iiberall her. Es waren so viele Vampire, und sie spielten so leidenschaftlich, 
dass es ein monstroses Getose war. Ich riskierte es, aufzustehen und mich umzuschauen, und 
erkannte, dass ich mich mitten in einer gewaltigen Menge von Vamps befand, die sich in alle 
Richtungen erstreckte, so weit mein Blick reichte. 

BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen BeiEen! 

Das hier war sogar noch besser als das Konzert in Dolores Park. Dort war es wiitendes Rocken 
gewesen, aber hier - nun, hier war es einfach nur SpaE. Es war wie wieder auf den Spielplatz gehen, 
wie diese ausufernden Abklatschen-Spiele in sonnigen Mittagspausen, wenn Hunderte Kinder 
hintereinander her rannten. Die Erwachsenen und die Autos verliehen dem Ganzen nur noch etwas 
Extra-SpaE. 

Ja, genau das war es: SpaE. Wir waren mittlerweile alle nur noch am Lachen. 

Aber die Bullen machten jetzt machtig mobil. Ich horte Hubschrauber. Nun konnte es jeden Moment 
vorbei sein. Zeit fur das Endspiel. 

Ich schnappte mir einen Vamp. 

„Endspiel: Wenn die Bullen uns auffordern, uns zu zerstreuen, dann tu so, als hatten sie dich mit Gas 
erwischt. Weitersagen. Was hab ich gerade gesagt?" 

Der Vamp war ein Madchen, so klein, dass ich erst dachte, sie miisse sehr jung sein, aber nach ihrem 
Gesicht und dem Grinsen zu urteilen, doch schon 17 oder 18. „Boah, das ist derbe", sagte sie. 

„Was hab ich gesagt?" 

„Endspiel: Wenn die Bullen uns auffordern, uns zu zerstreuen, tu so, als hatten sie dich mit Gas 
erwischt. Weitersagen. Was hab ich gerade gesagt?" 

„Stimmt", sagte ich. „Weitersagen." 

Sie verschwand in der Menge. Ich schnappte mir einen anderen Vampir und gab die Parole aus. Er 
verschwand, um sie weiterzusagen. 

Irgendwo in der Menge, das wusste ich, war Ange dabei, dasselbe zu tun. Irgendwo in der Menge 
konnten auch Maulwiirfe sein, falsche Xnetter, aber was sollten sie mit diesem Wissen schon 
anfangen? War ja nicht so, dass die Polizei die Wahl hatte. Die mussten uns dazu auffordern, uns zu 
zerstreuen. Soviel war garantiert. 

Ich musste zu Ange kommen. Wir hatten geplant, uns an der Griinderstatue auf der Plaza zu treffen, 
aber dorthin zu gelangen wiirde schwierig werden. Die Menge bewegte sich nicht mehr bloE, sondern 
sie wogte, so wie damals der Mob auf dem Weg runter zur BART am Tag, als die Bomben 
hochgingen. Ich miihte mich ab, mir einen Weg zu bahnen, als die Lautsprecher unter dem 
Hubschrauber eingeschaltet wurden. 

„HIER SPRICHT DIE HEIMATSCHUTZBEHORDE. SIE WERDEN DAZU AUFGEFORDERT, 
SICH SOFORT VON HIER ZU ENTFERNEN." 



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Um mich herum fielen Hunderte Vampire zu Boden, griffen sich an die Kehle, rieben ihre Augen, 
schnappten nach Luft. So zu tun, als ob man begast wiirde, war einfach - wir hatten reichlich 
Gelegenheit gehabt, die Videos aus Mission Dolores Park zu studieren, als das Partyvolk unter 
Pfefferspray-Wolken zu Boden ging. 

„ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER." Ich fiel zu Boden, aber mit Riicksicht auf meine 
Tasche, und griff nach hinten zu der roten Baseball-Miitze, die zusammengefaltet im Hosenbund 
steckte. Ich presste sie auf den Kopf, dann griff ich mir an die Kehle und gab ekelhaft wiirgende 
Gerausche von mir. 

Die Einzigen, die jetzt noch standen, waren die Irdischen, all die Angestellten, die bloE versucht 
hatten, zu ihren Jobs zu kommen. Ich blickte mich nach ihnen um, so gut es beim Wurgen und 
Hecheln ging. 

„HIER SPRICHT DIE HEIMATSCHUTZBEHORDE. SIE WERDEN DAZU AUFGEFORDERT, 
SICH SOFORT VON HIER ZU ENTFERNEN. ENTFERNEN SIE SICH SOFORT VON HIER." 

Die Stimme Gottes schmerzte in meinen Eingeweiden. Ich spiirte sie in meinen Backenzahnen, in den 
Oberschenkeln und in meinem Riickgrat. 

Die Angestellten bekamen Angst. Sie bewegten sich, so schnell sie konnten, aber nicht in eine 
bestimmte Richtung. Egal wo du standest, die Helikopter schienen unmittelbar iiber dir zu sein. Die 
Bull en drangen jetzt in die Menge vor, und sie hatten ihre Helme aufgesetzt. Einige trugen Schilde. 
Einige trugen Gasmasken. Ich keuchte noch mehr. 

Dann fingen die Angestellten an zu rennen. Wahrscheinlich ware ich auch gerannt. Ich sah, wie ein 
Typ sich sein 500-Dollar-Jackett vom Korper riss und es sich urns Gesicht wickelte, bevor er siidwarts 
Richtung Mission losrannte, nur um zu stolpern und langs hinzuschlagen. Seine Fliiche mengten sich 
unter die Erstickungsgerausche. 

Das war nicht vorgesehen - das Keuchen hatte die Leute doch nur nervos machen und verwirren 
sollen, aber nicht zu einer panischen Stampede veranlassen. 

Jetzt waren auch Schreie zu horen, Schreie, die ich nur zu gut von jener Nacht im Park kannte. Das 
waren die Schreie von Leuten, die auEer sich waren vor Angst und die sich gegenseitig anrempelten in 
ihren verzweifelten Versuchen, wegzukommen von hier. 

Und dann gingen die Luftschutzsirenen los. 

Ich hatte diese Gerausche seit den Bomben nicht mehr gehort, aber ich wiirde sie nie wieder 
vergessen. Sie schnitten glatt durch mich hindurch, gingen mir direkt in die Eier und verwandelten 
meine Beine in Wackelpudding. In meiner Panik wollte ich nur noch wegrennen. Ich muhte mich auf 
die FiiEe, rote Miitze auf dem Kopf, und dachte nur an das Eine: Ange. Ange und die Griinderstatue. 

Jetzt waren alle auf den Beinen, rannten uberallhin, schrien. Ich schubste Leute aus dem Weg, hielt 
meine Tasche und meine Miitze fest und drangte in Richtung Griinderstatue. Masha suchte nach mir, 
ich suchte nach Ange. Ange war da drauEen. 

Ich schubste und fluchte. Rempelte jemanden mit dem Ellbogen an. Irgend jemand trat mir so hart auf 
den FuE, dass ich etwas knacksen spiirte, und ich rammte ihn, dass er stiirzte. Er versuchte 
aufzustehen, und ein anderer trat auf ihn. Ich rempelte und rammte weiter. 

Dann streckte ich den Arm aus, um den Nachsten zu schubsen, da griffen kraftige Arme mein 
Handgelenk und meinen Ellbogen in einer fliissigen Bewegung und zogen mir den Arm hinter meinen 
Riicken. Es fiihlte sich an, als ob meine Schulter aus ihrem Gelenk gedreht wiirde, und sofort beugte 
ich mich nach vorn - briillend vor Schmerz, was aber im Larm der Masse, dem Wummern der 
Helikopter und dem Sirenengeheul kaum horbar war. 

Die starken Hande hinter mir brachten mich wieder zum Stehen und steuerten mich wie eine 
Marionette. Der Griff war so perfekt, dass ich nicht mal dran denken konnte, mich herauszuwinden. 
Ich konnte nicht an den Larm, nicht an den Hubschrauber und auch nicht an Ange denken. Alles, 

169 



woran ich denken konnte, war, mich dorthin zu bewegen, wo diese Person hinter mir mich haben 
wollte. Dann wurde ich umgedreht und sah der Person ins Gesicht. 

Es war ein Madchen mit kantigem Nagetiergesicht, halb verborgen hinter einer riesigen Sonnenbrille. 
Uber den Glasern stand ein Schopf strahlend pinkfarbener Haare in alle Richtungen ab. 

„Du!", sagte ich. Ich kannte sie. Sie hatte ein Foto von mir gemacht und gedroht, mich damit beim 
Schwanzerblog zu verpfeifen. Das war fiinf Minuten vor den Sirenen gewesen. Das war sie gewesen, 
riicksichtslos und gerissen. Wir waren beide von diesem Platz im Tenderloin weggerannt, als hinter 
uns die Huperei begonnen hatte, und wir waren beide von den Bullen aufgegriffen worden. Ich hatte 
mich feindselig benommen, und sie hatten entschieden, dass ich ein Feind sei. 

Sie - Masha - wurde ihre Verbiindete. 

„Hallo, Mlk3y", zischte sie mir ins Ohr, so nah wie eine Liebhaberin. Ein Zittern kroch mir den 
Nacken hoch. Sie lieE meinen Arm los, und ich schuttelte ihn. 

„0 Gott", sagte ich. „Du!" 

„Ja, ich. Das Gas kommt in zirka zwei Minuten runter. Zeit, unsern Arsch zu retten." 

„Ange - meine Freundin - ist bei der Griinderstatue." 

Masha blickte uber die Menge. „Keine Chance", sagte sie. „Wenn wir versuchen, dahin zu kommen, 
sind wir geliefert. Das Gas kommt in zwei Minuten runter, falls dus beim ersten Mai nicht gehort 
hast." 

Ich blieb stehen. „Ohne Ange gehe ich nicht", sagte ich. 

Sie zuckte die Achseln. „Wie du willst", rief sie mir ins Ohr. „Es ist deine Beerdigung." 

Sie fing an, sich durch die Menge zu drangen, weg, nach Norden, Richtung Downtown. Ich drangte 
weiter zur Griinderstatue. Einen Augenblick spater war mein Arm wieder in dem grasslichen 
Haltegriff, und ich wurde herumgestoEen und vorwartsgetrieben. 

„Du weiEt zuviel, Schwachkopf. Du hast mein Gesicht gesehen. Du kommst mit mir." 

Ich briillte sie an, zappelte, bis ich dachte, gleich miisse mein Arm brechen, aber sie trieb mich weiter. 
Mein verletzter FuE peinigte mich bei jedem Schritt, und meine Schulter fuhlte sich an wie kurz vorm 
Abbrechen. 

Indem sie mich als ihren Rammbock benutzte, kamen wir in der Menge ganz gut voran. Das Jaulen 
der Helikopter veranderte sich, und sie schubste mich noch fester. „RENN!", schrie sie. „Jetzt kommt 
das Gas!" 

Der Larm der Menge anderte sich ebenfalls. Die erstickten Gerausche und das Briillen wurden sehr 
viel lauter. Ich hatte dieses Anschwellen des Larms schon mal gehort. Wir waren wieder im Park. Das 
Gas regnete herab. Ich hielt die Luft an und RANNTE. 

Wir schoben uns aus der Masse heraus, und sie lieE meinen Arm los. Ich humpelte, so schnell ich 
konnte, auf den Biirgersteig, wahrend die Menge sich mehr und mehr zerstreute. Wir liefen auf eine 
Gruppe von DHS-Bullen mit Schutzschilden, Helmen und Masken zu. Als wir naher kamen, 
versuchten sie uns den Weg zu versperren, aber Masha hielt eine Marke hoch, und sie wichen zuriick, 
als sei sie Obi Wan Kenobi, wenn er sagt, „Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht". 

„Du gottverdammtes Miststuck", sagte ich, als wir Market Street raufhetzten. „Wir miissen 
zuriickgehen, um Ange zu holen." 

Sie spitzte die Lippen und schuttelte den Kopf. „Tut mir echt Leid fur dich, Rumpel. Ich hab meinen 
Freund jetzt schon Monate nicht gesehen. Der denkt wahrscheinlich, ich bin tot. Kriegsschicksale. 
Wenn wir fur deine Ange zuriickgehen, sind wir tot. Wenn wir weiterlaufen, haben wir eine Chance. 
Und wenn wir eine Chance haben, hat sie auch eine. Diese Kids kommen nicht alle nach Gitmo. Die 
werden wohl ein paar Hundert zum Befragen dabehalten und den Rest heimschicken." 

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Wir liefen weiter Market Street hoch und kamen jetzt an den Strip-Lokalen vorbei, wo audi die 
Penner und Junkies ihre kleinen Lager aufgeschlagen hatten, die wie offene Klohauschen stanken. 
Masha fuhrte mich zu einer Nische im verschlossenen Eingang einer dieser Striptease-Hohlen. Sie 
zog ihre Jacke aus und wendete sie - das Futter war ein gedampftes Streifenmuster, und durch die 
umgedrehten Nahte fiel die Jacke jetzt auch anders. Aus der Tasche zog sie eine Wollmutze hervor, 
die sie so iiber ihr Haar zog, dass es eine kecke seitliche Ausbuchtung ergab. Dann holte sie ein paar 
Abschmink-Tucher heraus und bearbeitete ihr Gesicht und die Fingernagel. Einen Moment spater war 
sie eine andere Frau. 

„Kleidung wechseln", sagte sie. „Jetzt du. Schuhe aus, Jacke aus, Miitze aus." Ich verstand, was sie 
meinte. Die Bull en wiirden ziemlich sorgfaltig nach jedem Ausschau halten, der aussah, als konnte er 
beim VampMob dabeigewesen sein. Die Miitze warf ich gleich weg - diese Sorte Caps hatte ich eh 
nie leiden konnen. Dann stopfte ich die Jacke in meine Tasche und holte ein Langarmshirt mit Rosa- 
Luxemburg-Aufdruck heraus, das ich iiber mein schwarzes T-Shirt zog. Ich lieE Masha mein Makeup 
und den Nagellack abwischen, und ruckzuck war ich sauber. 

„Schalt dein Handy aus", sagte sie. „Irgendwelche RFIDs dabei?" Ich hatte meinen Studentenausweis, 
meine Geldautomatenkarte und den Fast Pass. Alles wanderte in einen silbernen Beutel, den sie mir 
hinhielt und den ich als strahlendichten Faraday-Beutel erkannte. Aber als sies in ihre Tasche steckte, 
dammerte mir, dass ich ihr gerade meine gesamte Identifikation anvertraut hatte. Wenn sie nun auf der 
gegnerischen Seite war? 

Allmahlich wurde mir auch die Tragweite dessen bewusst, was gerade passiert war. Ich hatte mir 
ausgemalt, dass Ange in diesem Moment bei mir sein wurde. Mit Ange waren wir zwei gegen eine. 
Ange wurde mir helfen, zu merken, ob irgendwas faul war. Ob Masha nicht die war, als die sie sich 
ausgab. 

„Steck diese Kiesel in deine Schuhe, bevor du sie wieder anziehst." 

„Nicht notig. Ich hab mir den FuE verstaucht. Kein Schritterkennungsprogramm wird mich jetzt 
erkennen." 

Sie nickte einmal, zwei Profis unter sich, und schleuderte ihre Tasche iiber. Ich schnappte mir meine, 
und weiter gings. Gesamtzeit fur den Wechsel war weniger als eine Minute gewesen, und wir sahen 
aus und liefen wie zwei andere Menschen. 

Sie schaute auf die Uhr und schiittelte den Kopf. „Komm schon", sagte sie, „wir miissen zu unserem 
Treffpunkt. Komm aber j a nicht auf die Idee, wegzurennen. Du hast jetzt die Wahl zwischen mir und 
dem Knast. Die werden ein paar Tage brauchen, um die Aufzeichnungen vom Mob zu analysieren, 
aber wenn sie damit durch sind, wandert jedes Gesicht in eine Datenbank. Unser Verschwinden wird 
bemerkt werden. Wir sind jetzt beide gesuchte Kriminelle." 



Am nachsten Block bogen wir von Market Street ab und liefen Richtung Tenderloin zuriick. Diese 
Ecke kannte ich. Hier war es, wo wir das offene WLAN gesucht hatten, an diesem Tag, als wir 
Harajuku Fun Madness spielten. 

„Wohin gehen wir?", fragte ich. 

„Wir trampen. Halt die Klappe, ich muss mich konzentrieren." Wir hatten Tempo drauf, und SchweiE 
floss mir iibers Gesicht, den Riicken runter, durch die Po-Ritze und iiber die Schenkel. Mein FuE tat 
heftig weh, und die StraEen von San Francisco rauschten an mir vorbei, vielleicht zum letzten Mai fur 
immer. 

Es machte die Sache auch nicht besser, dass wir standig bergauf stampften, dorthin, wo das schabige 
Tenderloin den Luxusimmobilien von Nob Hill weicht. Ich atmete in abgerissenen Japsern. Sie lotste 
uns zumeist durch schmale Gasschen und benutzte die groEen StraEen nur, um von einem 
Schleichpfad zum nachsten zu gelangen. 



171 



Als wir gerade in so ein Gasschen, Sabin Place, einbogen, trat jemand hinter uns und sagte: „Bleibt 
stehen, wo ihr seid." Die Stimme quoll iiber von bosartiger Frohlichkeit. Wir blieben stehen und 
drehten uns um. 

Am Anfang des Weges stand Charles, gekleidet in ein halbherziges VampMob-Outfit aus schwarzem 
T-Shirt und Jeans plus weiEer Gesichtsbemalung. „Hallo, Marcus", sagte er. „Wohin des Wegs?" Er 
grinste ein breites, nasses Grinsen. „Wer ist deine Freundin?" 

„Was willst du, Charles?" 

„Ach, weiEt du, ich hab in diesem Verrater-Xnet rumgehangen seit dem Tag, an dem ich gesehen 
habe, wie du in der Schule DVDs verteilt hast. Als ich von diesem VampMob horte, dachte ich, ich 
geh mal hin und schau mich um, ob ich dich sehe und was du da treibst. Und weiEt du, was ich 
gesehen habe?" 

Ich sagte nichts. Er hatte sein Handy auf uns gerichtet und zeichnete auf. Wahrscheinlich wiirde er 
gleich 911 wahlen. Neben mir war Masha steif geworden wie ein Brett. 

„Ich habe gesehen, wie du das verdammte Ding ANGEFUHRT hast. Und ich hab es aufgezeichnet, 
Marcus. Jetzt rufe ich die Polizei an, und wir werden hier auf sie warten. Und dann wirst du fur ne 
verdammt lange Zeit im allerfinstersten Knast verschwinden." 

Masha trat nach vorn. 

„Bleib stehen, Schlampe", sagte er. „Ich hab gesehen, wie du ihm bei der Flucht geholfen hast. Ich 
habe alles gesehen ..." 

Sie machte noch einen Schritt vorwarts und entriss ihm das Handy, wahrend sie gleichzeitig mit ihrer 
anderen Hand nach hinten griff, eine Brieftasche holte und sie aufklappte. 

„DHS, Schwachkopf", sagte sie. „Ich bin beim DHS. Und ich hab diesen Blodmann zu seinen 
Auftraggebern laufen lassen, um zu sehen, wohin er geht. Wollte ich zumindest. Jetzt hast dus 
vergeigt. Wir haben einen Namen fur so was. Wir nennen das ,Behinderung der Nationalen 
Sicherheit'. Du wirst den Begriff in Zukunft noch ziemlich oft horen." 

Charles wich einen Schritt zuriick, die Hande nach vorn gestreckt. Er war unter seinem Makeup noch 
blasser geworden. „Was? Nein! Ich meine ... ich wusste das nicht! Ich wollte doch nur HELFEN!" 

„Das Allerletzte, was wir brauchen, ist ein Trupp Schuler-G-Men, die uns ,helfen', Rumpel. Das 
kannst du dem Richter erzahlen." 

Er wich weiter zuriick, aber Masha war schnell. Sie packte sein Handgelenk und zwang ihn in 
denselben Judo-Griff, in dem sie mich am Civic Center gehalten hatte. Ihre Hand verschwand wieder 
hinten in den Taschen und kam diesmal mit einem Streifen Plastik wieder hervor, Plastikhandschellen, 
die sie ratzfatz um seine Handgelenke wickelte. 

Das war das Letzte, was ich sah, bevor ich losrannte. 



Ich schaffte es bis zum anderen Ende der Gasse; dann holte sie mich ein, tackelte mich von hinten und 
warf mich zu Boden. Ich hatte nicht sehr schnell rennen konnen mit meinem ladierten FuE und der 
schweren Tasche. Ich landete hart auf dem Gesicht und schrammte meine Wange am rauen Asphalt 
auf. 

„Oh Gott", sagte sie, „du bist so ein gottverdammter Idiot. Du hast das doch nicht wirklich geglaubt, 
oder?" 

Mein Herz wummerte in der Brust. Sie lag auf mir drauf und lieE mich jetzt langsam wieder 
aufstehen. 

„Muss ich dich fesseln, Marcus?" 



172 



Ich kam wieder auf die Beine. Alles tat mir weh. Ich wollte nur noch sterben. 
„Komm jetzt", sagte sie. „Es ist nicht mehr weit." 



„Es" entpuppte sich als Umzugslaster auf einer NebenstraEe in Nob Hill, ein Achtachser in der GroEe 
der allgegenwartigen DHS-Trucks, die immer noch, antenneniiberladen, an San Franciscos 
StraEenecken auftauchten. 

Dieser hier trug j edoch die Aufschrift „Drei Jungs und ein Laster - Umziige", und die drei Jungs 
waren deutlich zu sehen, wie sie bei einem groEen Appartementhaus mit griinem Vordach ein- und 
ausgingen. Vorsichtig trugen sie verpackte Mobel und sauberlich beschriftete Kartons zum Laster, 
brachten sie einzeln hinein und verstauten sie sorgfaltig. 

Masha lieE uns noch einmal um den Block laufen, weil sie offensichtlich mit etwas unzufrieden war; 
bei der nachsten Runde stellte sie Blickkontakt zu dem Mann her, der den Laster beaufsichtigte, 
einem alteren Farbigen mit Nierengurt und robusten Handschuhen. Er hatte ein freundliches Gesicht 
und lachelte uns zu, als sie uns schnell, aber beilaufig die drei Stufen zum Truck hoch und in seine 
Tiefen hineinfuhrte. „Unter dem groEen Tisch", sagte er. „Wir haben euch da ein bisschen Platz 
gelassen." 

Der Truck war schon mehr als zur Halfte voll, aber es gab einen schmalen Gang rund um einen 
riesigen Tisch, iiber den eine Quiltdecke geworfen war und dessen Beine mit Blisterfolie eingewickelt 
waren. 

Masha zog mich unter den Tisch. Es war schwiil, still und staubig da unten, und ich unterdriickte ein 
Niesen, als wir uns zwischen den Kartons zusammenkauerten. Der Platz war so knapp, dass wir 
aufeinander hingen. Ich glaube nicht, dass Ange da auch noch drunter gepasst hatte. 

„Du Miststiick", sagte ich zu Masha. 

„Halts Maul. Du solltest mir lieber die Stiefel lecken aus Dankbarkeit. In einer Woche, hochstens 
zwei, warst du im Knast gewesen. Nicht Gitmo-an-der-Bay. Eher Syrien. Ich glaube, da haben sie die 
hingeschickt, die sie wirklich verschwinden lassen wollten." 

Ich legte den Kopf auf die Knie und versuchte tief zu atmen. 

„Was hat dich iiberhaupt auf die Schwachsinnsidee gebracht, dem DHS den Krieg zu erklaren?" Ich 
erzahlte es ihr. Ich erzahlte ihr von meiner Festnahme, und ich erzahlte ihr von Darryl. 

Sie befingerte ihre Taschen und zog ein Handy raus. Es war das von Charles. „Falsches Telefon." Sie 
holte ein anderes raus. Sie schaltete es ein, und der Schein seines Monitors erfullte unser kleines Fort. 
Nach ein wenig Rumgetippe zeigte sie es mir. 

Es war das Bild, das sie von uns gemacht hatte, unmittelbar bevor die Bomben hochgingen. Es war 
das Bild von Jolu und Van und mir und ... 

Darryl. 

In meiner Hand hielt ich den Beweis, dass Darryl Minuten vor unserer Festnahme bei uns gewesen 
war. Den Beweis, dass er lebte, wohlauf und in unserer Begleitung war. 

„Du musst mir eine Kopie davon geben", sagte ich. „Ich brauch das." 

„Wenn wir in LA. sind", sagte sie und nahm das Handy wieder an sich. „Wenn du erst mal eine 
Einfuhrung in die Kunst hattest, ein Fluchtling zu sein, ohne unsere beiden Arsche in Syrien 
verschwinden zu lassen. Ich will nicht, dass du Rettungsfantasien fur diesen Typ entwickelst. Da, wo 
er ist, ist er sicher - momentan." 

Ich spielte mit dem Gedanken, ihr das Handy mit Gewalt abzunehmen, aber sie hatte mir ja schon ihre 
physischen Fahigkeiten bewiesen. Sie musste ein Schwarzgurt sein oder so was. 



173 



Wir saEen da im Dunkeln, horten den drei Jungs zu, wie sie den Laster mit Kartons beluden, alles 
verrodelten und dabei achzten vor Anstrengung. Ich versuchte zu schlafen, aber es ging nicht. Masha 
hatte das Problem nicht. Sie schnarchte. 

Immer noch schien Licht durch den engen, zugestellten Korridor, der uns mit der frischen Luft 
drauEen verband. Ich starrte es an durch die Finsternis und dachte an Ange. 

Meine Ange. Ihr Haar, das iiber ihre Schultern strich, wenn sie den Kopf schiittelte vor Lachen iiber 
etwas, das ich getan hatte. Ihr Gesicht, wie ich es zum letzten Mai sah, als sie beim VampMob in der 
Menge untertauchte. All diese Menschen beim VampMob, wie die Menschen im Park, wie sie sich auf 
dem Boden krummten, wahrend das DHS mit Kniippeln einmarschierte. Die Verschwundenen. 

Darryl. Festgesetzt auf Treasure Island, seine Seite genaht, aus der Zelle geholt fur endlose 
Befragungen iiber die Terroristen. 

Darryls Vater, ruiniert, betrunken, unrasiert. Gewaschen und in seiner Uniform, „fur die Fotos". 
Weinend wie ein kleiner Junge. 

Mein eigener Vater und die Veranderungen, die durch mein Verschwinden auf Treasure Island in ihm 
vorgegangen waren. Er war ebenso gebrochen gewesen wie Darryls Vater, nur eben auf seine Art. Und 
sein Gesicht, als ich ihm erzahlte, wo ich gewesen war. 

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich nicht weglaufen konnte. 

Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich bleiben musste - und kampfen. 



Mashas Atem war tief und gleichmaEig, aber als ich unendlich langsam in ihrer Tasche nach dem 
Telefon griff, da schniiffelte sie ein bisschen und verlagerte ihre Position. Ich erstarrte und wagte 
ganze zwei Minuten lang nicht einmal zu atmen - ein-und-zwan-zig-, zwei-und-zwan-zig, ... 

Ganz langsam beruhigte sich ihr Atem wieder. Millimeter fur Millimeter schob ich das Handy etwas 
weiter aus ihrer Jackentasche heraus, meine Finger und der ganze Arm zitternd von der Anstrengung, 
sich so langsam bewegen zu miissen. 

Dann hatte ich es, ein kleines schokoriegelformiges Dingens. 

Ich drehte mich zum Licht hin, als mich blitzartig eine Erinnerung iiberfiel: Charles, wie er sein 
Handy hielt, es auf uns richtete, uns verhohnte. Das war eins in Riegelform gewesen, silbern, iibersat 
mit den Logos von einem Dutzend Firmen, die den Geratepreis iiber die Telefongesellschaft 
subventioniert hatten. Es war die Sorte Handy, bei der man vor jedem Telefonat erst mal einen 
Werbespot anhoren musste. 

Es war zu duster im Truck, um das Handy deutlich zu sehen, aber ich konnte es fiihlen. Waren das 
Firmenlogos an den Seiten? Ja? Ja. Ich hatte Masha gerade das Handy von Charles gestohlen. 

Langsam, langsam drehte ich mich wieder zuriick, und langsam, langsam, LANGSAM griff ich 
wieder in ihre Tasche. Ihr Handy war groEer und klobiger, mit einer besseren Kamera und 
werweiEwas sonst noch. 

Ich hatte das nun schon mal bewaltigt - das machte es etwas leichter. Erneut legte ich es 
millimeterweise frei, wobei ich zwei Mal pausierte, als sie schnaufte und zuckte. 

Ich hatte das Handy gerad aus ihrer Tasche befreit und war dabei, mich wegzubewegen, als ihre Hand 
hervorschoss, schnell wie eine Schlange, und mein Handgelenk umklammerte, hart, mit knirschenden 
Fingerspitzen auf den kleinen, diinnen Knochen unter meiner Hand. 

Ich schnappte nach Luft und starrte in Mashas weit offene Augen. 

„Du bist so ein Idiot", sagte sie beilaufig, nahm mir das Handy weg und tippte mit der anderen Hand 
darauf herum. „Wie hattest du das iiberhaupt wieder entsperren wollen?" 



174 



Ich schluckte. Ich fiihlte Knochen in meinem Handgelenk aufeinander reiben. Ich biss mir auf die 
Lippe, urn nicht laut loszuschreien. 

Mit ihrer anderen Hand tippte sie weiter. „Ist es das, mit dem du dich davonmachen wolltest?" Sie 
zeigte mir das Foto von uns alien, Darryl und Jolu, Van und mir. „Dieses Bild?" 

Ich sagte gar nichts. Mein Handgelenk fiihlte sich an, als wiirde es gleich zerbersten. 

„Vielleicht sollte ichs einfach loschen, urn dich nicht weiter in Versuchung zu fiihren." Ihre freie Hand 
bewegte sich weiter. Ihr Telefon fragte sie, ob sie sicher sei, und sie musste draufschauen, um die 
richtige Taste zu finden. 

Das war meine Chance. Ich hatte Charles' Handy immer noch in der anderen Hand, und ich hieb 
damit so hart ich konnte auf die Hand ein, mit der sie mich umklammerte. Beim Ausholen schlug ich 
mir die Fingerknochel an der Tischplatte iiber mir wund, aber ich traf ihre Hand so fest, dass das 
Telefon zersplitterte; sie schrie auf, und ihre Hand wurde schlaff. Ich lieE nicht locker, griff nach ihrer 
anderen Hand, nach ihrem jetzt entsperrten Telefon, iiber dessen OK-Taste immer noch ihr Daumen 
drohte. Ihre Finger verkrampften sich im Leeren, als ich ihr das Handy entriss. 

Auf Handen und Knien arbeitete ich mich den Korridor entlang, dem Licht entgegen. Zwei Mai spurte 
ich, wie ihre Hande nach meinen FiiEen und Knocheln griffen, und ich musste ein paar der Kartons, 
die uns wie einen Pharao in seinem Grab eingemauert hatten, beiseite schubsen. Einige davon fielen 
hinter mir zu Boden, und ich horte Masha wieder achzen. 

Die Rolltiir des Trucks war einen Spalt breit offen, und ich tauchte darunter durch. Die Trittleiter war 
entfernt worden, und ich fand mich iiber der StraEe hangend wieder, rutschte mit dem Kopf 
zuvorderst hinab und schlug mit der Stirn dermaEen hart auf dem Asphalt auf, dass es in meinen 
Ohren schepperte wie ein Gong. Indem ich mich am StoEfanger festklammerte, muhte ich mich 
wieder auf die FiiEe und zog verzweifelt den Griff nach unten, bis die Tiir zuknallte. Innen schrie 
Masha auf - ich musste ihre Fingerkuppen erwischt haben. Ich dachte, ich miisse mich iibergeben, 
aber ich tat es nicht. 

Stattdessen verriegelte ich den Truck. 



175 



Kapitel 20 

Dieses Kapitel ist The Tattered Cover gewidmet, Denvers legendarer unabhangiger Buchhandlung. Auf The Tattered Cover 
bin ich eher zufallig gestoRen: Alice und ich waren gerade aus London kommend in Denver gelandet, es war fruh am 
Morgen, es war kalt, und wir brauchten Kaffee. Wirfuhren im Mietwagen ziellos im Kreis, und da sah ich es, das Tattered- 
Cover-Schild. Irgendein Glockchen klingelte bei mir- ich wusste, davon hatte ich schon mal was gehort. Wir parkten, 
tranken einen Kaffee und betraten den Laden - ein Wunderland aus dunklem Holz, lauschigen Lesenischen und 
meilenweise Bucherregalen. 

The Tattered Cover http://www.tatteredcover.eom/NASApp/store/P roduct?s=showproduct&isbn=9780765319852 1628 16 th 
St., Denver, CO USA 80202 +1 303 436 1070 

Keiner der drei Jungs war momentan zu sehen, und ich ging los. Mein Kopf schmerzte so sehr, 
dass ich glaubte, er miisse bluten, aber meine priifenden Hande blieben trocken. Mein ladierter 
Knochel war im Truck steifgefroren, deshalb lief ich wie eine kaputte Marionette, doch ich hielt nur 
ein einziges Mal an, um den Loschvorgang auf Mashas Handy abzubrechen. Den Funk schaltete ich 
aus, um den Akku zu schonen und damit man mich nicht dariiber orten konnte, und ich stellte es so 
ein, dass es erst nach zwei Stunden auf Standby ging - das war die langste einstellbare Zeit. Ich 
versuchte die Passwortabfrage beim Starten aus Standby auszuschalten, aber diese Einstellung 
erforderte selbst wieder ein Passwort. Also musste ich zumindest ein Mal alle zwei Stunden 
irgendwas tippen, bis ich eine Moglichkeit bekam, das Bild aus dem Handy zu iiberspielen. Und ich 
musste ein Ladegerat besorgen. 

Ich hatte keinen Plan. Ich brauchte aber einen. Ich musste mich mal irgendwo hinsetzen, online gehen 
- einfach mal austiifteln, was ich als Nachstes tun sollte. Ich hatte es so satt, andere Leute meine 
Plane machen zu lassen. Ich wollte nicht mehr handeln, weil Masha irgendwas getan hatte, oder 
wegen des DHS oder wegen meines Vaters. Oder wegen Ange? Na, vielleicht wiirde ich Ange zuliebe 
handeln. Doch, das ware wohl das Richtige. 

Ich war einfach nur talwarts gestromert, so oft wie moglich auf NebenstraEen, und war jetzt ein Teil 
der Menge im Tenderloin. Ich hatte kein bestimmtes Ziel. Alle paar Minuten steckte ich die Hand in 
die Tasche, um eine der Tasten auf Mashas Handy zu driicken, damit es nicht auf Standby ging. 
Aufgeklappt machte es eine scheuEliche Ausbuchtung in meiner Tasche. 

Ich blieb stehen und lehnte mich an ein Gebaude. Mein Knochel brachte mich bald um. Und 
iiberhaupt: Wo war ich? 

O'Farrell Ecke Hyde Street. Vor einem dubiosen „Asiatischen Massagesalon". Meine heimtuckischen 
FiiRe hatten mich bis ganz an den Anfang zuriickgebracht - dorthin, wo das Foto auf Mashas Handy 
aufgenommen worden war, unmittelbar bevor die Bay Bridge hochging, bevor mein Leben sich fur 
immer anderte. 

Mir war danach, mich auf den Biirgersteig zu setzen und zu heulen, aber das wiirde meine Probleme 
nicht losen. Ich musste Barbara Stratford anrufen und ihr erzahlen, was geschehen war. Musste ihr das 
Foto von Darryl zeigen. 

Ach, was dachte ich denn? Ich musste ihr das Video zeigen, das eine, das Masha mir geschickt hatte - 
das, in dem der Stabschef des Prasidenten sich an den Anschlagen auf San Francisco geweidet hatte, 
in dem er zugegeben hatte, dass er wusste, wann und wo die nachsten Anschlage stattfinden wiirden, 
und dass er sie nicht zu stoppen gedenke, weil sie seinem Chef die Wiederwahl sichern wiirden. 

Na, das war doch mal ein Plan: mit Barbara in Kontakt treten, ihr die Dokumente geben und sie in 
Druck bringen. Der VampMob musste die Leute wirklich ziemlich verstort haben, so dass sie jetzt 
dachten, dass wir wirklich ne Horde Terroristen waren.Als ich es geplant hatte, hatte ich natiirlich nur 
dran gedacht, was fur eine tolle Ablenkung es sein wiirde, und nicht, wie es auf irgendeinen 
NASCAR-Dad in Nebraska wirken wiirde. 

Ich wiirde also Barbara anrufen, und ich wiirde clever sein dabei: aus einem Miinztelefon, Kapuze 
auf, so dass die unvermeidliche Uberwachungskamera kein Foto von mir bekame. Ich grub einen 



176 



Quarter aus meiner Tasche und polierte ihn am T-Shirt-Saum, urn meine Fingerabdriicke 
abzuwischen. 

Ich ging immer weiter ranter in Richtung der BART-Station mit ihren Miinztelefonen. Ich schaffte es 
bis zur StraEenbahnhaltestelle, als ich die Titelseite des aktuellen „Bay Guardian" sah, auf einem 
hohen Stapel neben einem farbigen Obdachlosen, der mich angrinste. „Na los, lies die Schlagzeilen, 
ist gratis. Reingucken kostet dich aber 50 Cent." 

Der Aufmacher war in der groEten Typo gesetzt, die ich seit dem 11. September gesehen hatte: 

IN GUANTANAMO-AN-DER-BAY 

Darunter, in kaum kleinerer Schrift: 

„ Wie das DHS unsere Kinder und Freunde in Geheimgefdngnissen vor unserer Haustiir gefangen 
halt. 

Von Barbara Stratford, exklusiv im Bay Guardian " 

Der Zeitungsverkaufer schiittelte den Kopf. „Kannste das glauben?", sagte er. „Hi er mitten in San 
Francisco. Mann, die Regierung ist scheiEe." 

Theoretisch war der „Guardian" gratis, aber dieser Typ schien alle Exemplare in der Gegend 
abgegriffen zu haben. Ich hatte einen Quarter in der Hand, lieE in in seinen Becher fallen und angelte 
nach einem zweiten. Dieses Mai machte ich mir nicht die Miihe, meine Fingerabdriicke zu beseitigen. 

„Man sagte uns, die Welt habe sich fur immer geandert, als die Bay Bridge von unbekannten Tdtern 
in die Luft gejagt wurde. Tausende unserer Freunde und Nachbarn starben an jenem Tag. Kaum ein 
Opfer wurde jemals geborgen - ihre sterblichen Uberreste ruhen, so nahmen wir es bislang an, am 
Grund des Hafens dieser Stadt. 

Doch eine auBergewohnliche Geschichte, die dieser Reporterin von einem jungen Mann zugetragen 
wurde, der vom DHS Minuten nach der Explosion festgenommen wurde, lasst darauf schlieEen, dass 
unsere eigene Regierung viele derer, die wir tot glaubten, auf Treasure Island gefangen halt -jener 
Insel, die kurz nach dem Anschlag evakuiert und zum Sperrgebiet erklart wurde ..." 

Ich setzte mich auf eine Bank - dieselbe Bank, wie ich mit krauselndem Nackenhaar merkte, auf die 
wir Darryl nach der Flucht aus der BART-Station gebettet hatten - und las den Artikel von vorn bis 
hinten. Es kostete mich eine Menge Anstrengung, nicht auf der Stelle in Tranen auszubrechen. 
Barbara hatte ein paar Schnappschiisse von Darryl und mir bei gemeinsamen Abenteuern aufgetrieben 
und ihrem Text zur Seite gestellt. Die Fotos waren vielleicht ein Jahr alt, aber ich sah auf ihnen so viel 
j linger aus - als ob ich erst zehn oder elf ware. In den letzten paar Monaten war ich ziemlich 
erwachsen geworden. 

Der Artikel war wundervoll geschrieben. Ich spiirte Zorn in mir hochsteigen dariiber, wie man diesen 
armen Kids mitgespielt hatte; dann fiel mir wieder ein, dass sie ja iiber mich schrieb. Zebs Nachricht 
war abgedruckt, seine winzige Handschrift auf die halbe Zeitungsseite aufgeblasen. Barbara hatte 
noch mehr Infos iiber andere Kids recherchiert, die vermisst waren und als wahrscheinlich tot galten, 
eine lange Liste; und sie stellte die Frage, wie viele von ihnen lediglich dort auf der Insel festgehalten 
wurden, nur ein paar Meilen von den elterlichen Tiiren. 

Ich kramte einen weiteren Quarter aus meiner Tasche, dann iiberlegte ich es mir anders. Wie 
wahrscheinlich war es denn, dass Barbaras Telefon nicht angezapft wurde? Es gab keine Moglichkeit 
fur mich, sie jetzt anzurufen, jedenfalls nicht direkt. Ich brauchte einen Mittelsmann, der sie 
kontaktieren und sie dazu bringen musste, mich irgendwo im Siiden zu treffen. So viel zum Thema 
Plane. 

Was ich wirklich dringend brauchte, war das Xnet. 



177 



Aber wie zum Teufel konnte ich online gehen? Der WLAN-Finder meines Handys blinkte wie 
bescheuert - urn mich rum alles drahtlos, aber ich hatte weder eine Xbox und einen Fernseher, noch 
eine ParanoidXbox-DVD, urn davon zu booten. WLAN, WLAN iiberall ... 

Und da sah ich sie. Zwei Kids, etwa mein Alter, unterwegs in der Masse, oben auf der Treppe ranter 
zur BART. 

Was meine Aufmerksamkeit erregte, war ihre Art, sich zu bewegen; etwas unbeholfen rempelten sie 
die Pendler und die Touristen an. Jeder hatte eine Hand in der Tasche, und sooft sich ihre Blicke 
tragen, kicherten sie. Noch auffalliger hatten sie ihre Jammerei nicht betreiben konnen, aber die 
Menge ignorierte sie. Wenn du da unten in diesem Viertel bist, rechnest du standig damit, 
irgendwelche Obdachlosen und Spinner abwimmeln zu miissen, also nimmst du keinen Blickkontakt 
auf; du vermeidest es iiberhaupt tunlichst, dich umzuschauen. 

Ich naherte mich einem von ihnen. Er wirkte ziemlich jung, obwohl er vermutlich kaum jiinger war 
als ich. 

„Hey", sagte ich. „Hey, konnt ihr Jungs mal einen Moment herkommen?" Er tat so, als horte er mich 
nicht. Er sah gradewegs durch mich durch, so wie du es mit einem Obdachlosen machen wiirdest. 

„Komm schon. Ich hab nicht viel Zeit." Ich griff ihn an der Schulter und zischte ihm ins Ohr: „Die 
Bullen sind hinter mir her. Ich bin vom Xnet." 

Jetzt sah er angstlich aus, als wolle er jeden Moment weglaufen, und sein Freund kam auf uns zu. „Ich 
meins ernst", sagte ich. „H6rt mir bloE mal zu." 

Sein Freund erreichte uns. Er war groEer und stammig -wie Darryl. „Ey", sagte er, „stimmt was 
nicht?" 

Sein Freund fliisterte ihm was ins Ohr. Beide sahen so aus, als wollten sie dichtmachen. 

Ich zog mein Exemplar des „Bay Guardian" unterm Arm hervor und wedelte ihnen damit vor der 
Nase rum. „Schlagt einfach mal Seite 5 auf, ja?" 

Sie taten es. Sie betrachteten die Schlagzeile. Das Foto. Mich. 

„Ooh, Alter!", sagte der erste. „Wir sind sooo unwiirdig." Er grinste mich an wie vollig durchgeknallt, 
und der Stammigere klopfte mir auf den Riicken. 

„Isnichwahr", sagte er. „Du bist M..." 

Ich hielt ihm den Mund zu. „Kommt mal hier ruber, okay?" Ich schleppte sie zu meiner Bank zuriick. 
Dabei fielen mir alte, braune Flecken auf dem Biirgersteig darunter ins Auge. Darryls Blut? Ich bekam 
Gansehaut. Wir setzten uns hin. 

„Ich bin Marcus", sagte ich. Es kostete mich einige Uberwindung, diesen beiden, die mich schon als 
M13y kannten, meinen Realnamen zu nennen. Ich gab damit meine Deckung auf, aber gut, der „Bay 
Guardian" hatte die Verbindung ja ohnehin schon hergestellt. 

„Nate", sagte der Kleine. „Liam", sagte der GroEe. „Alter, es ist sooo eine Ehre, dich zu treffen. Du 
bist echt unser Uber-Held ..." 

„Sagt das nicht, bitte sagt das nicht. Und ihr zwo seid echt eine Leuchtreklame, die sagt, ,Ich jamme, 
bitte verfrachtet meinen Arsch nach Gitmo-an-der-Bay. Ihr konntet echt nicht mehr auffalliger sein." 

Liam machte ein Gesicht, als wolle er gleich losheulen. 

„Keine Sorge, sie haben euch ja nicht erwischt. Ich geb euch spater ein paar Tips." Schon strahlte er 
wieder. Die beiden, das war eine merkwurdige Erkenntnis, schienen Mlk3y wirklich zu vergottern, 
und sie wiirden alles tun, was ich ihnen sagte. Sie grinsten beide wie grenzdebil. Ich fiihlte mich 
unwohl dabei, mir drehte das fast den Magen um. 



178 



„H6rt mal, ich muss jetzt sofort mal ins Xnet, aber ohne dafiir nach Hause gehen zu miissen oder auch 
nur in die Nahe. Wohnt ihr beiden hier in der Gegend?" 

„Ich", sagte Nate. „Oben in California Street. Is ne Ecke zu laufen - steile Hiigel." Das war ich grade 
erst den ganzen Weg runtergekommen. Irgendwo da oben war Masha. Trotzdem - es war besser als 
alles, was ich erwarten durfte. 

„Gehn wir", sagte ich. 



Nate lieh mir sein Baseball-Cap, und wir tauschten die Jacken. Um Schritterkennung musste ich mich 
nicht kummern, nicht bei diesen Schmerzen in meinem Knochel -ich humpelte wie ein Komparse in 
einem Cowboyfilm. 

Nate lebte in einem riesigen Apartment am oberen Ende von Nob Hill. Das Gebaude hatte einen 
Portier im roten Mantel mit Goldbrokat, der sich an die Miitze tippte, zu Nate „Mr. Nate" sagte und 
uns alle willkommen hiefi. Das Apartment war makellos und roch nach Mobelpolitur. Ich bemuhte 
mich sehr, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich diese offenkundig mehrere Millionen Dollar 
teure Eigentumswohnung beeindruckte. 

„Mein Vater", erklarte er. „Er war ein Investmentbanker. Massig Lebensversicherungen. Er ist 
gestorben, als ich vierzehn war, und wir bekamen alles. Sie waren zwar seit Jahren geschieden, aber 
er hatte trotzdem meine Mutter als Begiinstigte eingesetzt." 

Aus dem wandhohen Fenster hatte man einen gigantischen Blick auf die andere Seite von Nob Hill, 
ganz bis runter nach Fisherman's Wharf, zum hasslichen Stumpf der Bay Bridge, der Masse von 
Kranen und Lastern. Durch den Nebel konnte ich gerade eben Treasure Island erkennen. Ganz bis dort 
hinunter zu schauen weckte in mir das verriickte Bediirfnis zu springen. 

Ich ging mit seiner Xbox iiber einen riesigen Plasma-Monitor im Wohnzimmer online. Er zeigte mir, 
wie viele offene WLANs von diesem hohen Standpunkt aus sichtbar waren - zwanzig, dreiEig. Das 
hier war ein guter Platz fur einen Xnetter. 

Mein Mlk3y-Postfach war enorm voll. 20.000 neue Nachrichten, seit Ange und ich heute fruh 
aufgebrochen waren. Viele waren von Journalisten, die weitere Interviews anfragten, aber das meiste 
war von den Xnettern, von Leuten, die die Guardian-Story gelesen hatten und mir mitteilen wollten, 
dass sie alles tun wiirden, um mir zu helfen, mich mit allem versorgen wollten, was ich brauchte. 

Das gab mir den Rest. Tranen liefen mir die Wangen runter. 

Nate und Liam wechselten Blicke. Ich versuchte aufzuhoren, aber es hatte keinen Zweck. Jetzt war 
ich am Schluchzen. Nate ging zu einem eichenen Biicherschrank und schwenkte eines seiner Regale 
heraus, was den Blick auf schimmernde Reihen von Flaschen freigab. Er goss einen Schuss von etwas 
Goldbraunem in ein Glas und brachte es mir. 

„Seltener irischer Whiskey", sagte er. „Moms Lieblingssorte." Er schmeckte wie Feuer und wie Gold. 
Ich nippte daran und versuchte mich nicht zu verschlucken. Eigentlich mochte ich keine harten 
Getranke, aber das hier war was anderes. Ich holte ein paar Mal tief Luft. 

„Danke, Nate", sagte ich. Er machte ein Gesicht, als hatte ich ihm gerade einen Orden angeheftet. Er 
war ein guter Kerl. 

„Na gut", sagte ich und schnappte mir die Tastatur. Die beiden Jungs sahen fasziniert zu, wie ich auf 
dem Monsterbildschirm meine Mails durchging. 

Wonach ich vor allem suchte, war eine Mail von Ange. Es war ja moglich, dass sie davongekommen 
war. Das war immer moglich. 

Es war idiotisch, es auch nur zu hoffen. Es war nichts von ihr dabei. Dann fing ich an, die Mails so 
schnell wie moglich durchzugehen, indem ich nach Presseanfragen, Fan-Mails, Hass-Mails und Spam 
sortierte ... 

179 



Und da fand ich sie: eine Nachricht von Zeb. 

> Es war nicht schon, heute morgen aufzuwachen und den Brief, den du eigentlich zerstoren solltest, 
in der Zeitung abgedruckt zu fmden. Uberhaupt nicht schon. Gab mir das Gefiihl, verfolgtzu werden. 

> Aber ich habe mittlerweile verstanden, warum du es getan hast. Ich bin nicht sicher, dass ich deine 
Taktik gutheiEen kann, aber es ist offensichtlich, dass deine Motive stichhaltig waren. 

> Wenn du dies liest, dann bist du sehr wahrscheinlich in den Untergrund gegangen. Das ist nicht 
leicht, das habe ich gelernt. Und ich habe noch eine Menge mehr gelernt. 

> Ich kann dir helfen. Ich sollte das fur dich tun. Du tustja auch fur mich, was du kannst. (Auch 
wenn du es nicht mit meiner Erlaubnis tust.) 

> Antworte, wenn du dies bekommst, wenn du aufder Flucht bist und allein. Oder antworte, wenn du 
im Gewahrsam bist, bei unseren Freunden auf Gitmo, und nach einem Mittel suchst, die Schmerzen 
zu beenden. Wenn sie dich haben, dann wirst du tun, was sie dir sagen. Das weiB ich. Das Risiko gehe 
ich ein. 

> Fur dich, Mlk3y. 

„Boooooah", schnaufte Liam, „Aaaaaalter!" Ich hatte ihm eine reinhauen mogen. Ich drehte mich urn, 
um zumindest etwas Hassliches, Bissiges zu sagen, aber er starrte mich an mit Augen groE wie 
Suppenteller und sah aus, als wolle er gleich auf die Knie fallen, um mich anzubeten. 

„Darf ich nur sagen", fragte Nate, „darf ich nur sagen, dass es die groEte Ehre in meinem Leben ist, 
dir zu helfen? Darf ich einfach nur das sagen?" 

Jetzt wurde ich rot. Ich konnte es nicht andern. Diese beiden waren vollig auf ihren Star fixiert, 
obwohl ich ja uberhaupt kein Star war, zumindest nicht in meiner eigenen Wahrnehmung. 

„K6nnt ihr Jungs ..." Ich schluckte. „K6nnte ich ein bisschen Privatsphare haben?" Sie schlichen aus 
dem Zimmer wie gepriigelte Hunde, und ich fiihlte mich wie ein Idiot. Ich tippte schnell. 

> Ich bin davongekommen, Zeb. Und ich bin aufder Flucht. Ich brauche alle Hilfe, die ich kriegen 
kann. Ich will, dass das ein Ende hat. 

Ich erinnerte mich daran, Mashas Handy aus der Tasche zu fischen und zu befingern, damit es nicht 
auf Standby ging. 

Sie lieEen mich die Dusche benutzen, gaben mir einen frischen Satz Klamotten, einen neuen 
Rucksack mit ihrer halben Erdbebenration drin - Energieriegel, Medikamenten, HeiE- und Kiihlpacks 
und einem alten Schlafsack. Sie packten sogar noch eine iiberzahlige Xbox Universal mit 
aufgespieltem ParanoidXbox ein. Bei der Signalpistole musste ich die ReiEleine Ziehen. 

Ich priifte immer wieder meine Mails, um zu schauen, ob Zeb geantwortet hatte. Ich beantwortete die 
Fan-Post. Ich beantwortete die Mails von der Presse. Ich loschte die Hass-Mails. Halb erwartete ich, 
was von Masha zu lesen, aber wahrscheinlich war sie jetzt schon halbwegs in L.A., mit kaputten 
Fingern und nicht in der Lage, irgendwas zu tippen. Ich kitzelte wieder ihr Telefon. 

Die Jungs iiberredeten mich, mich fur einen Moment aufs Ohr zu legen, und einen kurzen, peinlichen 
Moment lang wurde ich vollig paranoid und dachte, was, wenn diese Jungs mich ausliefern wollten, 
wahrend ich schliefe? Naturlich war das idiotisch - sie hatten mich genauso einfach verpfeifen 
konnen, wahrend ich wach war. 

Ich konnte einfach nicht damit umgehen, dass sie so viel von mir hielten. Rein vom Kopf her hatte ich 
gewusst, dass es Leute gab, die bereit waren, Mlk3y zu folgen. Ein paar von denen hatte ich heute 
fruh getroffen, als sie - BeiEen BeiEen BeiEen - iibers Civic Center hergefallen waren. Aber diese 
beiden waren personlicher. Sie waren einfach nur nette, bisschen trottelige Kerle, die damals in den 
Tagen vor dem Xnet durchaus meine Freunde hatten sein konnen, einfach zwei Rumpel, mit denen 
man Teenager-Abenteuer hatte bestehen konnen. Und sie hatten sich freiwillig zu einer Armee 



180 



gemeldet, zu meiner Armee. Ich war ihnen gegeniiber verantwortlich. Auf sich selbst gestellt, wiirden 
sie friiher oder spater geschnappt werden. Sie waren zu vertrauensselig. 

„Jungs, hort mir mal einen Moment zu. Ich muss mit euch iiber was Ernstes reden." Fast standen sie 
in Habacht-Stellung. Ware es nicht so finster gewesen, hatte ichs komisch gefunden. 

„Okay, es geht um Folgendes. Jetzt, da ihr mir geholfen habt, ist es wirklich gefahrlich. Wenn ihr 
geschnappt werdet, werde ich geschnappt. Sie werden alles aus euch rauskriegen, was ihr wisst ..." - 
ich hob die Hand, um ihre Proteste abzuwehren. „Nein, ehrlich. Ihr habt es noch nicht durchgemacht. 
Jeder redet. Jeder zerbricht. Wenn ihr also jemals geschnappt werdet, dann erzahlt ihnen sofort alles, 
was ihr wisst, so schnell ihr konnt. Sie bekommen es irgendwann doch raus. So arbeiten die nun mal. 

Aber ihr werdet nicht geschnappt werden, und zwar deshalb: Ihr seid jetzt keine Jammer mehr. Ihr 
seid vom aktiven Dienst befreit. Ihr seid jetzt ...", ich fischte in meinem Gedachtnis nach 
Schlagworten aus Spionagethrillern, „ihr seid jetzt eine Schlaferzelle. Zieht euch zuriick, verhaltet 
euch wieder wie normale Kids. Irgendwie, ich weiE noch nicht, wie, werde ich diese Sache knacken, 
voll und ganz, ich werde sie zu einem Ende bringen. Oder sie knackt mich und erledigt mich 
endgiiltig. Wenn ihr nicht innerhalb von 72 Stunden von mir hort, dann geht davon aus, dass sie mich 
geschnappt haben. Dann konnt ihr tun, was immer ihr wollt. Aber die nachsten drei Tage - und fur 
immer, wenn ich das erledige, was ich erledigen will - haltet euch bitte raus. Versprecht ihr mir das?" 

Sie versprachen es mit heiligem Ernst. Dann erlaubte ich ihnen, mich in einen Dammerschlaf zu 
plappern, aber lieE sie schworen, mich einmal pro Stunde zu wecken, damit ich Mashas Handy kitzeln 
und nachschauen konnte, ob mir Zeb schon geantwortet hatte. 



Der Treffpunkt war in einem BART- Waggon, was mich nervos machte. Die Dinger sind voll von 
Kameras. Aber Zeb wusste, was er tat. Er lieE mich in den letzten Waggon eines bestimmten Zuges 
einsteigen, der zu einer Uhrzeit von Powell Street Station abfuhr, zu der die Leute dicht an dicht 
standen. Er naherte sich mir in der Masse, und die guten Pendler von San Francisco machten ihm 
etwas Platz, die Sorte Freiraum, die man immer um Obdachlose herum beobachtet. 

„Schon, dich wieder zu sehen", murmelte er, das Gesicht auf den Eingang gerichtet. Im dunklen Glas 
konnte ich erkennen, dass niemand dicht genug war, um uns belauschen zu konnen, zumindest nicht 
ohne ein Hochleistungs-Richtmikrofon; und wenn sie genug wussten, um mit so einem hier 
aufzukreuzen, dann waren wir sowieso schon tot. 

„Dich auch, Bruder", antwortete ich. „Ich, es ... es tut mir Leid, weiftt du?" 

„Klappe. Muss dir nicht Leid tun. Du warst mutiger, als ich es bin. Bist du jetzt bereit, in den 
Untergrund zu gehen? Bereit zu verschwinden?" 

„Was das angeht ..." 

„Ja?" 

„Das ist nicht der Plan." 

„Oh," sagte er. 

„H6r mal, okay? Ich habe ... ich habe Bilder und Video. Sachen, die echt was beweisen." Ich griff in 
meine Tasche und befingerte mal wieder Mashas Handy. Ich hatte auf dem Weg hierher in Union 
Square ein Ladegerat gekauft und war in einem Cafe lange genug sitzen geblieben, bis die 
Batterieanzeige wieder bei vier von fiinf Strichen war. „Ich muss das hier zu Barbara Stratford 
kriegen, der Frau beim , Guardian'. Aber die werden sie beobachten, um zu sehen, ob ich auftauche." 

„Glaubst du nicht, die werden auch nach mir Ausschau halten? Falls es ein Teil deines Plans ist, dass 
ich mich auch bloE auf eine Meile der Wohnung oder dem Biiro dieser Frau ..." 

„Ich will nur, dass du Van dazu bringst, dass sie kommt und mich triffst. Hat Darryl dir mal von Van 
erzahlt? Das Madchen ..." 

181 



„Hat er. Ja, er hat mir von ihr erzahlt. Meinst du nicht, die beobachten sie auch? Euch alle, die sie 
festgenommen haben?" 

„Ich denke schon. Trotzdem: Ich glaube, sie beobachten sie nicht ganz so genau. Und Van hat eine 
total weiEe Weste. Sie hat nie bei einem meiner ...", ich schluckte, „... meiner Projekte mitgewirkt. 
Deshalb sind sie mit ihr vielleicht ein bisschen entspannter. Wenn sie den Bay Guardian anruft, urn 
einen Termin zu machen, urn zu berichten, was fur ein Mistkerl ich eigentlich bin, dann lassen sie es 
ihr vielleicht durchgehen." 

Er starrte die Tiir an. Ziemlich lange. 

„Du weiEt, was passiert, wenn sie uns noch mal schnappen." Es war keine Frage. 

Ich nickte. 

„Bist du sicher? Ein paar von den Leuten, die mit uns auf Treasure Island waren, sind mit 
Hubschraubern weggebracht worden. AuEer Landes. Es gibt ein paar Lander, in die Amerika seine 
Folter auslagern kann. Lander, in denen du auf ewig versauerst. Lander, in denen du dir irgendwann 
wiinschen wirst, dass sie es einfach nur zu Ende bringen; dass sie dich einen Graben ausheben lassen 
und dich ins Genick schieEen, wahrend du dich driiberbeugst." 

Ich schluckte und nickte. 

„Ist es das Risiko wert? Wir konnten fur sehr, sehr lange Zeit im Untergrund verschwinden. Und 
vielleicht bekommen wir unser Land eines Tages zuriick. Wir konnen das aussitzen." 

Ich schiittelte den Kopf. „Du kannst nichts bewegen, indem du nichts tust. Es ist unser Land. Und sie 
haben es uns weggenommen. Die Terroristen, die uns angegriffen haben, sind immer noch frei - aber 
wir nicht. Ich kann nicht fur ein Jahr, zehn Jahre, mein ganzes Leben im Untergrund verschwinden 
und darauf warten, dass mir die Freiheit gegeben wird. Freiheit ist etwas, das du dir nehmen musst." 



An diesem Nachmittag verlieE Van die Schule wie ublich, saE inmitten eines dichten Knauels ihrer 
Freundinnen hinten im Bus, lachend und scherzend wie immer. Die anderen Passagiere im Bus 
schenkten ihr besondere Beachtung, weil sie so laut war und weil sie auEerdem diesen bloden, 
riesigen Schlapphut trug, der aussah wie aus einem Schultheaterstuck iiber Renaissance- 
Schwertkampfer. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gluckten sie alle aufeinander, schauten dann hinten 
aus dem Bus raus, gestikulierend und gickelnd. Das Madchen, das jetzt den Hut trug, hatte annahernd 
dieselbe GroEe wie Van, und von hinten wiirde sie als Van durchgehen. 

Niemand achtete auf das kleine asiatische Madchen, das ein paar Haltestellen vor der BART ausstieg. 
Sie war in eine ganz gewohnliche Schuluniform gekleidet und schaute schuchtern zu Boden, als sie 
ausstieg. AuEerdem gab just in diesem Moment die laute Koreanerin einen Aufschrei von sich, den 
ihre Freundinnen aufgriffen und so laut lachten, dass selbst der Busfahrer langsamer wurde, sich im 
Sitz umdrehte und ihnen einen schmutzigen Blick zuwarf. 

Van eilte mit gesenktem Kopf die StraEe hinunter, das Haar zuriickgebunden und iiber den Kragen 
ihrer altmodischen Ballonjacke fallend. Sie trug Einlagen in ihren Schuhen, die sie fiinf wacklige 
Zentimeter groEer machten, sie hatte ihre Kontaktlinsen herausgenommen und gegen ihre 
meistgehasste Brille getauscht, deren riesige Glaser ihr halbes Gesicht einnahmen. Obwohl ich an der 
Bushaltestelle auf sie gewartet und gewusst hatte, wann ich sie zu erwarten hatte, hatte ich sie fast 
nicht erkannt. Ich stand auf und folgte ihr mit einem halben Block Abstand iiber die StraEe. 

Die Leute, die mir begegneten, schauten so schnell wie moglich weg. Ich sah aus wie ein junger 
Obdachloser mit meinem schmuddeligen Pappschild, dem speckigen Mantel und dem riesigen 
Ranzen, der an den Kanten mit Ducktape geflickt war. Niemand will einen StraEenjungen anschauen, 
denn wenn du seinem Blick begegnest, bettelt er dich womoglich um Kleingeld an. Ich war den 
ganzen Nachmittag in Oakland rumgestromert, und die einzigen Leute, die mich angesprochen hatten, 



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waren ein Zeuge Jehovas und ein Scientologe gewesen, die mich beide hatten bekehren wollten. Das 
fiihlte sich eklig an, wie von einem Perversen angebaggert zu werden. 

Van folgte den Anweisungen, die ich aufgeschrieben hatte, sehr sorgfaltig. Zeb hatte sie ihr auf 
demselben Wege zukommen lassen wie mir damals vor der Schule - er war in sie reingerannt und 
hatte sich iiberschwanglich entschuldigt. Ich hatte die Nachricht kurz und knapp gehalten, nur kurz 
umrissen, was ich wollte: Ich weiB, du bist nicht damit einverstanden. Ich verstehe das. Aber das ist 
es nun mal, es ist der wichtigste Gefallen, den ichjemals von dir erbeten habe. Bitte. Bitte. 

Sie war gekommen. Ich hatte gewusst, dass sie kommen wiirde. Wir beide hatten eine Menge 
gemeinsamer Geschichte. Und sie mochte es auch nicht, was mit der Welt passiert war. Und im 
Ubrigen sagte mir eine bose, hamisch glucksende Stimme in meinem Kopf, dass auch sie jetzt, da 
Barbaras Artikel erschienen war, unter Verdacht stand. 

So gingen wir sechs, sieben Blocke weit, achteten darauf, wer in unserer Nahe war, welche Autos 
vorbeifuhren. Zeb hatte mir von Fiinferketten erzahlt, bei denen funf verschiedene Verdeckte sich 
dabei abwechselten, dir zu folgen, was es nahezu unmoglich machte, sie zu bemerken. Du musstest 
schon in eine vollig verlassene Gegend gehen, wo einfach jeder einzelne Mensch klar zu erkennen 
war. 

Die Uberfuhrung fur die 880 war nur ein paar Blocke weit von der BART-Station Coliseum entfernt, 
und selbst wenn man so viele Schlenker machte wie Van, hatte man sie schnell erreicht. Der Larm von 
oben war ohrenbetaubend. Niemand sonst war hier, soweit ich das erkennen konnte. Ich war hier 
gewesen, bevor ich die Location in meiner Nachricht an Van vorgeschlagen hatte, um zu checken, ob 
es Ecken gabe, in denen sich jemand verstecken konnte. Es gab keine. 

Sobald sie am vereinbarten Platz stehengeblieben war, ging ich schneller, um zu ihr zu gelangen. Sie 
blinzelte mich mit groEen Augen hinter der Brille an. 

„Marcus", wisperte sie, und Tranen schimmerten in ihren Augen. Ich bemerkte, dass ich ebenfalls 
weinte. Mann, ich gab einen lausigen Fluchtling ab. Zu sentimental. 

Sie umarmte mich so sturmisch, dass ich keine Luft mehr bekam, und ich umarmte sie noch heftiger. 

Dann kiisste sie mich. 

Nicht auf die Wange, nicht wie eine Schwester. Voll auf die Lippen, ein heiEer, feuchter, dampfender 
Kuss, der nie mehr zu enden schien. Ich war von meinen Gefiihlen so iibermannt ... 

Ach Quatsch. Ich wusste genau, was ich tat. Ich erwiderte den Kuss. 

Dann horte ich auf und trat zuriick, fast schubste ich sie zuriick. „Van", keuchte ich. 

„Ups", sagte sie. 

„Van", begann ich nochmals. 

„Sorry", sagte sie, „ich ..." 

Und in diesem Moment wurde mir etwas bewusst, das ich vermutlich schon sehr viel langer hatte 
bemerken miissen. 

„Du magst mich, stimmts?" 

Sie nickte jammerlich. „Seit Jahren." 

Oh Gott. Darryl war all die Jahre so sehr in sie verliebt, und die ganze Zeit hatte sie nur Augen fur 
mich und war insgeheim scharf auf mich. Und dann kam ich mit Ange an. Ange hatte gesagt, dass sie 
immer schon Streit mit Van hatte. Und ich lief hier rum und hatte nichts als Arger. 

„Van, es tut mir so Leid." 

„Vergiss es", sagte sie und blickte zur Seite. „Ich weiE, dass es nicht sein kann. Ich wollte das nur 
dieses eine Mal, nur fur den Fall, dass ich dich nie ..." Sie verkniff sich den Rest. 

183 



„Van, ich bin drauf angewiesen, dass du etwas fiir mich erledigst. Etwas sehr Wichtiges. Du musst die 
Journalistin vom Bay Guardian treffen, Barbara Stratford, die Frau, die den Artikel geschrieben hat. 
Du musst ihr etwas iibergeben." Ich erklarte ihr die Sache mit Mashas Handy und erzahlte ihr von 
dem Video, das Masha mir geschickt hatte. 

„Wozu soil das noch gut sein, Marcus? Was erwartest du dir davon?" 

„Van, du hattest Recht, zumindest zum Teil. Wir konnen die Welt nicht reparieren, indem wir andere 
Menschen in Gefahr bringen. Ich muss das Problem losen, indem ich erzahle, was ich weiE. Ich hatte 
das von Anfang an tun sollen. Ich hatte direkt aus ihrem Knast zu Darryls Vater marschieren sollen 
und ihm erzahlen, was ich wusste. Aber jetzt habe ich Beweise. Dieses Zeug hier - das konnte die 
Welt andern. Und es ist meine letzte Hoffnung. Die einzige Hoffnung, Darryl rauszuhauen und mein 
Leben nicht ewig im Untergrund, auf der Flucht vor den Bullen fristen zu miissen. Und du bist der 
einzige Mensch, dem ich es anvertrauen kann, das zu erledigen." 

„Warum ich?" 

„Machst du Witze? Guck mal, wie gut du es gemacht hast, hierher zu kommen. Du bist ein Profi. Du 
bist von uns alien die Beste in so was. Und du bist die Einzige, der ich trauen kann. Darum du." 

„Und warum nicht deine Freundin Angie?" Sie sagte den Namen ohnejegliche Betonung, als sei er 
ein Block Zement. 

Ich schaute zu Boden. „Ich dachte, du wiisstest es. Sie haben sie verhaftet. Sie ist in Gitmo - auf 
Treasure Island. Schon seit Tagen." Ich hatte versucht, nicht daran zu denken, nicht dariiber 
nachzugriibeln, was mit ihr geschehen konnte. Doch nun konnte ich das Schluchzen nicht mehr 
unterdriicken. Ich spiirte einen Schmerz im Magen, als ob ich einen Tritt bekommen hatte, und presste 
mir die Hande auf den Bauch, um mich zusammenzunehmen. Dann klappte ich zusammen, und das 
Nachste, was ich merkte, war, wie ich im Schutt unter dem Freeway lag, zusammengekrummt und 
heulend. 

Van kniete sich neben mich. „Gib mir das Handy", sagte sie, ihre Stimme ein wiitendes Zischen. Ich 
kramte es aus meiner Tasche und gab es ihr. 

Beschamt horte ich auf zu weinen und rappelte mich hoch. Ich spiirte, dass mir Schnodder iibers 
Gesicht lief. Van betrachtete mich mit einem Ausdruck des reinsten Ekels. 

„Du musst drauf achten, dass es nicht auf Standby geht", sagte ich. „Hier ist ein Ladegerat." 

Ich wiihlte in der Tasche. In der Nacht, seit ich es gekauft hatte, hatte ich nicht viel geschlafen. Ich 
hatte den Timer des Handys auf 90 Minuten gestellt, damit es mich so rechtzeitig weckte, dass ich es 
vom „Schlafen" abhalten konnte. „Klapp es bitte auch nicht zu." 

„Und das Video?" 

„Das ist schwieriger", erwiderte ich. „Ich habe mir selbst eine Kopie gemailt, aber ich komm nicht 
mehr ins Xnet." Im Notfall hatte ich noch mal zu Nate und Liam zuriickgehen und ihre Xbox 
benutzen konnen, aber das wollte ich nicht riskieren. „Pass auf, ich geb dir mein Login und das 
Passwort fiir den Mailserver der Piratenpartei. Du musst aber Tor benutzen, um ihn aufzurufen - der 
Heimatschutz achtet garantiert auf Leute, die sich bei P-Partei-Mail einloggen." 

„Dein Login und Passwort", sagte sie mit Erstaunen im Blick. 

„Ich vertraue dir, Van. Ich weiE, dass ich dir vertrauen kann." 

Sie schiittelte den Kopf. „Du gibst deine Passworter nie raus, Marcus." 

„Ich glaube, darauf kommts jetzt auch nicht mehr an. Entweder du hast Erfolg, oder - oder es ist das 
Ende von Marcus Yallow. Vielleicht bekomme ich ja eine neue Identitat, aber ich glaubs eher nicht. 
Ich schatze, die werden mich kriegen. Wahrscheinlich habe ichs die ganze Zeit schon gewusst, dass 
sie mich irgendwann kriegen werden." 



184 



Jetzt sah sie mich mit blanker Wut an. „Was fur eine Vergeudung. Und wozu war das Ganze jetzt 
gut?" 

Sie hatte nichts sagen konnen, das mich mehr verletzt hatte. Dieser Satz war wie ein weiterer Tritt in 
den Unterleib. Was fur eine Vergeudung das alles, vollig vergebens. Darryl und Ange waren 
verschwunden. Meine Familie wiirde ich vielleicht nie wieder sehen. Und immer noch hielt der 
Heimatschutz meine Stadt und mein Land in einem gewaltigen, irrationalen Klammergriff gefangen, 
wo im Namen der Terrorabwehr ausnahmslos alles erlaubt war. 

Van sah aus, als erwarte sie eine Antwort von mir, aber dazu hatte ich nichts mehr zu sagen. Sie lieE 
mich dort stehen. 



Zeb hatte eine Pizza fur mich, als ich „heim" kam - zu dem Zelt, das er fur die Nacht unter einer 
Freeway -Uberfuhrung in der Mission aufgestellt hatte. Es war eine Dackelgarage aus 
Militarbestanden, bedruckt mit SAN FRANCISCO ORTLICHE OBDACHLOSEN- 
KOORDINATION. 

Die Pizza war von Domino's, kalt und labberig, aber nichtsdestotrotz lecker. „Magst du Ananas auf 
deiner Pizza?" 

Zel lachelte herablassend. „Freeganer diirfen nicht wahlerisch sein", sagte er. 

„Freeganer?" 

„Wie Veganer, aber wir essen nur Gratisspeisen." 

„Gratisspeisen?" 

Er grinste wieder. „Du weiEt schon - Gratisspeisen. Aus dem Gratisspeisenladen." 

„Du hast das Zeug geklaut?" 

„Nein, Blodmann. Es ist aus dem anderen Laden. Aus dem kleinen hinter dem Laden. Dem aus 
blauem Stahl, mit dem merkwurdigen Geruch." 

„Du hast das hier aus dem Mull?" 

Er warf seinen Kopf zuriick und gickelte. „Na klar doch. Dein Gesicht musstest du sehen. Alter, es ist 
okay. Es ist ja nicht so, dass das Zeug vergammelt ware. Es war frisch - bloE eine versaute 
Bestellung. Die haben sie in der Schachtel weggeworfen. Nach Ladenschluss streuen sie Rattengift 
iiberall driiber, aber wenn du rechtzeitig kommst, bist du okay. Du solltest mal sehen, was Obst- und 
Gemuseladen so wegwerfen! Warte bis zum Fruhstuck. Ich mach dir einen Obstsalat, das glaubst du 
nicht. Sobald auch nur eine Erdbeere in der Kiste ein bisschen griin oder matschig wird, kommt alles 
weg ..." 

Ich brachte ihn zum Schweigen. Die Pizza war okay. Es war ja nicht so, dass sie von dem kurzen 
Aufenthalt in der Mulle irgendwie infiziert worden ware. Wenn daran etwas eklig war, dann der 
Umstand, dass sie von Domino's kam - der grasslichsten Pizzakette der Stadt. Ich hatte ihr Essen 
noch nie sehr gemocht, und als ich erfahren hatte, dass sie eine Gruppe ultrabescheuerter Politiker 
finanzierten, die daran glaubten, dass globale Erwarmung und Evolution satanische Tricks waren, 
hatte ichs ganz aufgegeben. 

Das Gefiihl von Ekel war dennoch nicht so leicht zu unterdriicken. 

Aber die Sache hatte noch einen ganz anderen Aspekt. Zab hatte mir ein Geheimnis offenbart, etwas, 
worauf ich nicht vorbereitet gewesen war: Da drauEen existierte eine ganze versteckte Welt, eine Art, 
irgendwie durchzukommen, ohne ein Teil des Systems zu werden. 

„Freeganer, ja?" 



185 



„Jogurt brauchen wir auch", sagte er und nickte nachdriicklich. „Fiir den Obstsalat. Den werfen sie am 
Tag nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum gleich weg, aber der wird ja nicht urn Mitternacht sofort 
griin. Hey, es ist Jogurt, ich mein, das ist doch sowieso schon vergammelte Milch." 

Ich schluckte. Die Pizza schmeckte komisch. Rattengift. Abgelaufener Jogurt. Matschige Erdbeeren. 
Daran wiirde ich mich erst mal gewohnen miissen. 

Ich biss noch mal ab. Wenn man sie fur lau bekam, war Domino's Pizza ein bisschen weniger 
scheuElich. 

Liams Schlafsack war warm und einladend nach diesem langen, emotional aufreibenden Tag. Van 
diirfte Barbara mittlerweile kontaktiert haben. Sie wiirde das Video und das Foto haben. Ich wiirde sie 
am nachsten Morgen anrufen und in Erfahrung bringen, was sie als nachste Aktion fur angebracht 
hielt. Sobald sie veroffentlichte, wiirde ich noch mal reinkommen miissen, um die Geschichte zu 
untermauern. 

Dariiber dachte ich nach, als ich meine Augen schloss; ich dachte daran, wie es wohl sein wiirde, mich 
selbst zu stellen, vor laufenden Kameras, die dem beriichtigten Mlk3y in eines jener groEen, 
saulengeschmiickten Gebaude am Civic Center folgten. 

Der Larm der iiber mir vorbeisausenden Autos verwandelte sich in ein Ozeanrauschen, als ich 
wegdammerte. In der Nahe standen noch andere Zelte von Obdachlosen. Ein paar von ihnen hatte ich 
an diesem Nachmittag getroffen, bevor es dunkel wurde und wir uns alle zu unseren eigenen Zelten 
zuriickzogen. Sie waren alle alter als ich und sahen grob und derb aus. Aber keiner von ihnen sah aus, 
als sei er verriickt oder gewalttatig. Nur eben wie Leute, die nicht viel Gliick gehabt hatten oder 
schlechte Entscheidungen getroffen oder beides. 

Ich musste eingeschlafen sein, denn ich erinnere mich an nichts mehr bis zu dem Moment, an dem ein 
blendend helles Licht auf mein Gesicht fiel. 

„Das ist er", sagte eine Stimme hinter dem Licht. 

„Sackt ihn ein", sagte eine andere Stimme, eine Stimme, die ich friiher schon einmal gehort hatte und 
dann wieder und wieder in meinen Traumen, wie sie mir Vortrage hielt und meine Passworter 
verlangte. Frau Strenger Haarschnitt. 

Blitzschnell war der Sack iiber meinem Kopf, und sie zogen ihn an der Kehle so fest an, dass ich zu 
ersticken glaubte und meine Freeganer-Pizza erbrach. Wahrend ich zuckte und wiirgte, fesselten harte 
Hande meine Handgelenke und meine Knochel. Ich wurde auf eine Trage gerollt und emporgehoben, 
dann in ein Fahrzeug getragen, ein paar klappernde Metallstufen hinauf. Sie liefien mich auf einen 
gepolsterten Boden fallen. Hinten im Fahrzeug war bei geschlossenen Tiiren absolut nichts zu horen. 
Die Polsterung unterdriickte alles auEer meinem eigenen Wiirgen. 

„Hallo nochmal!", sagte sie. Ich spiirte den Lieferwagen wippen, als sie zu mir hineinstieg. Ich wiirgte 
immer noch und versuchte verzweifelt, Luft zu bekommen. Erbrochenes fiillte meinen Mund und rann 
mir in die Luftrohre. 

„Wir werden dich nicht sterben lassen", sagte sie. „Wenn du aufhorst zu atmen, sorgen wir dafiir, dass 
du wieder anfangst. Mach dir darum also keine Sorgen." 

Ich wiirgte heftiger. Ich schnappte nach Luft. Ein bisschen was kam durch. Heftige, schmerzhafte 
Hustenattacken schiittelten meine Brust und meinen Riicken, und dabei riittelten sie was von der 
Kotze weg. Mehr Luft. 

„Siehst du? Gar nicht so schlimm. Willkommen daheim, Mlk3y. Wir haben einen ganz besonderen 
Ort fur dich ausgesucht." 

Ich versuchte mich auf dem Riicken liegend zu entspannen und spiirte den Lieferwagen schaukeln. 
Der Geruch benutzter Pizza war anfangs iibermachtig, aber wie das mit alien starken Stimuli so ist, 
gewohnte sich mein Gehirn allmahlich daran und filterte ihn aus, bis er nur noch ein schwaches 
Aroma war. Die Schaukelei des Wagens war fast schon beruhigend. 

186 



Und da geschah es. Eine unglaubliche, tiefe Ruhe kam iiber mich, als lage ich am Strand und der 
Ozean kame angebrandet und hebe mich empor, sanft wie eine Elternhand, hielte mich in der 
Schwebe und trage mich hinaus in ein warmes Meer unter einer warm en Sonne. Nach allem, was 
geschehen war, hatten sie mich gefangen, aber darauf kam es nun nicht mehr an. Ich hatte Barbara die 
Informationen zukommen lassen. Ich hatte das Xnet organisiert. Ich hatte gewonnen. 

Und wenn ich nicht gewonnen hatte, so hatte ich doch alles getan, was ich konnte. Mehr als ich mir 
jemals selbst zugetraut hatte. Wahrend wir fuhren, zog ich eine mentale Bilanz, dachte an alles, was 
ich erreicht hatte, was wir erreicht hatten. Die Stadt, das Land, die Welt war voll mit Menschen, die 
nicht bereit waren, so zu leben, wie das DHS es von uns erwartete. Wir wiirden ewig weiterkampfen. 
Sie konnten uns nicht alle wegsperren. 

Ich seufzte und lachelte. 

Dann wurde mir klar, dass sie die ganze Zeit geredet hatte. Ich war so weit weg an meinem 
gliicklichen Ort gewesen, dass sie einfach verschwunden war. 

„... kluger Junge wie du. Man wurde meinen, du solltest es besser wissen, als dich mit uns anzulegen. 
Wir hatten dich im Visier seit dem Tag, an dem du rausgekommen bist. Und wir hatten dich auch dann 
erwischt, wenn du nicht zu deiner lesbischen Verrater-Journalistin gerannt warst, um dich 
auszuheulen. Ich versteh das einfach nicht - wir waren uns doch einig, du und ich ..." 

Wir riittelten iiber eine Metallplatte, die Federung des Lasters sprach an, und dann anderte sich das 
Wippen. Wir waren auf dem Wasser. Unterwegs nach Treasure Island. Hey, Ange war da. Und Darryl 
auch. Vielleicht. 



Die Kapuze nahmen sie mir erst in meiner Zelle wieder ab. Um die Fesseln an Handgelenken und 
Knocheln kummerten sie sich nicht, sondern lieEen mich einfach von der Trage auf den Boden rollen. 
Es war dunkel, aber im Mondlicht, das durch das einzige winzige Fenster hoch oben hereinschien, 
konnte ich sehen, dass die Matratze vom Bettgestell entfernt worden war. Der Raum beinhaltete mich, 
eine Toilette, ein Bettgestell und ein Waschbecken. Sonst nichts. 

Ich schloss die Augen und lieE mich vom Ozean emporheben. Irgendwo tief unter mir war mein 
Korper. Ich wusste, was als Nachstes passieren wurde. Ich wurde hier liegenbleiben, um in die Hose 
zu pinkeln. Schon wieder. Ich wusste, wie sich das anfiihlte, ich hatte schon mal eingepinkelt. Es roch 
streng. Es juckte. Es war erniedrigend; als sei man ein Baby. 

Aber ich hatte es iiberlebt. 

Ich lachte. Der Klang war seltsam, und er zog mich in meinen Korper zuriick, zuriick in die 
Gegenwart. Ich lachte und lachte. Ich hatte das Schlimmste erlebt, das sie mir antun konnten, und ich 
hatte es iiberlebt; und ich hatte sie geschlagen, monatelang, sie als Trottel und Despoten vorgefuhrt. 
Ich hatte gewonnen. 

Ich erleichterte meine Blase. Sie war ohnehin voll und schmerzte, und was du heute kannst 
besorgen ... 

Der Ozean trug mich davon. 



Am nachsten Morgen schnitten zwei effiziente, unpersonliche Wachen meine Fesseln an Hand- und 
FuEgelenken durch. Ich konnte noch nicht wieder laufen - wenn ich mich hinstellte, gaben meine 
Beine nach wie die einer Marionette ohne Faden. Zu viel Zeit in einer Stellung. Die Wachen zogen 
meine Arme iiber ihre Schultern und schleppten mich halb ziehend, halb tragend den vertrauten 
Korridor entlang. Die Strichcodes an den Tiiren waren mittlerweile von der aggessiven Salzluft wellig 
geworden und baumelten herab. 



187 



Ich hatte eine Idee. „Ange!", briillte ich. „Darryl!", briillte ich. Meine Wachen schleppten mich 
schneller, offenkundig verstort, aber unsicher, was sie nun mit mir machen sollten. „Jungs, ich bins, 
Marcus!" 

Hinter einer der Tiiren schluchzte jemand. Ein anderer briillte in einer Sprache, die ich fur Arabisch 
hielt. Dann war es eine Kakophonie, tausend verschiedene schreiende Stimmen. 

Sie brachten mich in ein neues Zimmer. Es war ein ehemaliger Duschraum, die Duschkopfe schauten 
noch zwischen den schimmligen Kacheln hervor. 

„Hallo, Mlk3y", sagte Strenger Haarschnitt. „Du scheinst einen ereignisreichen Morgen hinter dir zu 
haben." Sie rumpfte demonstrativ ihre Nase. 

„Ich hab mich bepisst", sagte ich frohlich. „Sollten Sie auch mal probieren." 

„Na, vielleicht sollten wir dir dann ein Bad gonnen." Sie nickte, und meine Wachen trugen mich zu 
einer anderen Liege. Diese hatte Befestigungsschnallen iiber die ganze Lange. Sie lieEen mich darauf 
plumpsen, und sie war eiskalt und durchgeweicht. Ehe ich mich versah, hatten sie mich an Schultern, 
Hiifte und Knocheln festgestrappt. Nach einer weiteren Minute waren noch drei weitere Schnallen 
angezogen. Eine Mannerhand griff nach den Staben an meinem Kopf und loste ein paar 
Arretierungen, und einen Moment spater lag ich geneigt da, der Kopf tiefer als die FiiEe. 

„Lass uns mit etwas Einfachem anfangen", sagte sie. Ich reckte meinen Kopf, um sie zu sehen. Sie 
hatte sich zu einem Tisch mit einer Xbox gedreht, die mit einem augenscheinlich teuren 
Flachfernseher verbunden war. „Ich mochte bitte, dass du mir deine Nutzerkennung und das Passwort 
fur deine Piratenpartei-E-Mail verratst." 

Ich schloss die Augen und lieE mich vom Ozean vom Strand wegtreiben. 

„WeiEt du, was Waterboarding ist, Mlk3y?" Ihre Stimme zog mich wieder an Land. „Du wirst genau 
so festgebunden, und wir gieEen dir Wasser iiber den Kopf, in deine Nase und in deinen Mund. Du 
wirst den Wiirgereflex nicht unterdriicken konnen. Man nennt es eine simulierte Hinrichtung, und 
soweit ich es von dieser Seite des Raums beurteilen kann, ist das eine angemessene Einschatzung. Du 
wirst das Gefiihl nicht loswerden, dass du stirbst." 

Ich versuchte mich wieder zu entfernen. Von Waterboarding hatte ich gehort. Das war es also, echte 
Folter. Und das war erst der Anfang. 

Ich konnte mich nicht mehr entfernen. Der Ozean brandete nicht mehr heran, um mich 
emporzuheben. In meiner Brust wurde es eng, und meine Augenlider begannen zu flattern. Ich fiihlte 
die feuchtkalte Pisse an meinen Beinen und den feuchtkalten SchweiE im Haar. Meine Haut juckte 
von der getrockneten Kotze. 

Sie schwamm oberhalb von mir in mein Gesichtsfeld. „Lass uns mit der Kennung anfangen", sagte 
sie. 

Ich schloss die Augen und presste sie fest zu. 

„Gebt ihm was zu trinken", sagte sie. 

Ich horte, wie sich Leute bewegten. Ich holte einmal tief Luft und hielt sie an. 

Das Wasser fing als Rinnsal an, eine Kelle voll Wasser, das sanft iiber mein Kinn und meine Lippen 
gegossen wurde. In meine umgekehrten Nasenlocher hinein. Es lief zuriick in meine Kehle und 
begann mich zu ersticken, aber ich wurde nicht husten, wurde nicht keuchen und es in meine Lungen 
einsaugen. Ich hielt den Atem an und presste meine Augen noch fester zu. 

Von auEerhalb war ein Tumult zu horen, ein Klang von hektisch stampfenden Stiefeln, wiitende, 
erboste Schreie. Die Kelle wurde iiber meinem Gesicht ausgeleert. 

Ich horte sie mit jemandem im Raum murmeln, dann sagte sie zu mir: „Nur die Kennung, Marcus. 
Das ist eine einfache Frage. Was sollte ich denn schon mit deinem Login anfangen konnen?" 

188 



Dieses Mai war es ein Eimer voll Wasser, alles auf einmal, eine Flut ohne Ende, wirklich gigantisch. 
Ich konnte es nicht mehr vermeiden: Ich keuchte und atmete das Wasser in meine Lungen, hustete und 
sog noch mehr Wasser ein. Ich wusste zwar, dass sie mich nicht toten wiirden, aber ich konnte meinen 
Korper nicht davon iiberzeugen. Mit jeder Faser meines Seins wusste ich, dass ich jetzt sterben wiirde. 
Ich konnte nicht einmal weinen - es wurde immer noch mehr Wasser iiber mich gegossen. 

Dann horte es auf. Ich hustete, hustete, hustete, aber in dem Winkel, in dem ich mich befand, lief das 
Wasser, das ich aushustete, in meine Nase zuriick und brannte in den Nebenhohlen. 

Die Hustenanfalle gingen so tief, dass sie schmerzten, an den Rippen und an den Hiiften, als ich mich 
ihnen entgegenstemmte. Ich hasste es, dass mein Korper mich verriet, dass mein Geist meinen Korper 
nicht kontrollieren konnte; aber ich konnte nichts dagegen tun. 

SchlieElich lieE das Husten so weit nach, dass ich wahrnehmen konnte, was um mich herum vorging. 
Leute briillten, und es klang nach einer Schlagerei oder einem Ringkampf. Ich offnete die Augen und 
blinzelte ins grelle Licht, dann reckte ich, immer noch hustend, den Hals. 

Im Zimmer waren jetzt eine Menge mehr Leute als zu Beginn. Die meisten davon schienen 
Panzerwesten, Helme und Rauchglas-Visiere zu tragen. Sie briillten auf die Treasure-Island-Wachen 
ein, und die briillten mit angeschwollenen Halsadern zuriick. 

„Stehenbleiben!", sagte einer von den Panzerwesten. „Stehenbleiben und Hande in die Luft. Sie sind 
verhaftet!" 

Frau Strenger Haarschnitt war am Telefonieren. Einer der Gepanzerten bemerkte sie, stiirzte auf sie zu 
und hieb ihr mit seinem Handschuh das Telefon aus der Hand. Jeder verstummte, als es in einem 
Bogen durch das ganze kleine Zimmer segelte und in einem Hagel von Einzelteilen auf dem Boden 
zerschellte. 

Das Schweigen war nur von kurzer Dauer, dann kamen die Panzerwesten weiter ins Zimmer herein. 
Zwei schnappten sich je einen meiner Folterer. Fast brachte ich ein Lacheln zuwege, als ich den 
Gesichtsausdruck von Strenger Haarschnitt sah, als zwei Manner sie an den Schultern packten, 
umdrehten und ihr Plastikhandschellen um die Handgelenke legten. 

Einer der Gepanzerten trat durch den Tiirrahmen herein. Er hatte eine Videokamera auf der Schulter, 
eine ziemlich anstandige Ausriistung mit gleiEend hellem Scheinwerfer. Er nahm das ganze Zimmer 
auf und umkreiste mich zwei Mai, wahrend er auf mich draufhielt. Ich ertappte mich dabei, absolut 
stillzuhalten, als ob ich jemandem Portrat sitzen wiirde. 

Es war lacherlich. 

„Meinen Sie, Sie konnten mich wohl mal von diesem Ding hier losmachen?" Ich schaffte es, alles 
herauszubringen und dabei nur ein kleines bisschen zu wiirgen. 

Zwei Panzerwesten kamen auf mich zu, eine davon eine Frau, und fingen an, mich loszubinden. Sie 
klappten ihre Visiere hoch und lachelten mich an. Sie hatten rote Kreuze auf ihren Schultern und 
Helmen. 

Unter den roten Kreuzen war ein weiteres Logo: CHP. California Highway Patrol. Sie waren 
Nationalgardisten. 

Ich wollte gerade fragen, was sie hier machten, da sah ich Barbara Stratford. Sie war offensichtlich im 
Flur zuriickgehalten worden, aber jetzt drangte sie sich mit Macht herein. „Hier bist du ja", sagte sie, 
kniete sich neben mir nieder und zog mich in die langste, kraftigste Umarmung meines Lebens. 

Und da wusste ich es - Gitmo-an-der-Bay war in der Hand seiner Feinde. Ich war gerettet. 



189 



Kapitel 21 

Dieses Kapitel ist Pages Books in Toronto, Kanada gewidmet. Pages gehort schon seit ewig zum Inventar auf der mega- 
angesagten Queen Street West; er liegt gegenuber von City TV und nur ein paar Turen entfernt vom alten Bakka, wo ich 
arbeitete. Wir bei Bakka fanden es groflartig, Pages in derselben StrafSe zu haben - was wir fur Science Fiction waren, 
waren sie dort fur alles andere: Handverlesenes Material, Sachen, die du sonst niemals finden wurdest; Sachen, von denen 
du gar nicht wusstest, dass du sie suchst, bis du sie dort siehst. Pages hat auBerdem eine der besten Zeitschriften- 
Abteilungen, die ich je gesehen habe, reihenweise unglaubliche Magazine aus der ganzen Welt. 

Pages Books http://pagesbooks.ca/ 256 Queen St W, Toronto, ON M5V 1Z8 Canada +1 416 598 1447 

Dann lieEen sie mich und Barbara im Zimmer allein, und ich benutzte den funktionierenden 
Duschkopf, um mich abzubrausen - jetzt plotzlich war es mir peinlich, bepisst und bespuckt 
dazustehen. Als ich fertig war, weinte Barbara. 

„Deine Eltern ...", fing sie an. 

Ich dachte, ich miisse gleich wieder spucken. Oh Gott, meine arme Familie. Was mussten die bloE 
durchgemacht haben. 

„Sind sie hier?" 

„Nein", sagte sie. „Das ist kompliziert." 

„Was?" 

„Du bist immer noch in Haft, Marcus. Jeder hier ist noch in Haft. Sie konnen hier nicht einfach 
reinsausen und alle Tiiren aufreiften. Jeder hier muss durch die regulare Strafgerichtsbarkeit 
geschleust werden. Und das konnte, also, es konnte Monate dauern." 

„Ich soil noch monatelang hier bleiben?" 

Sie fasste mich bei den Handen. „Nein, ich denke, wir werden das anfechten und dich ziemlich 
schnell auf Kaution rausbekommen. Aber , ziemlich schnell' ist relativ. Ich wiirde nicht damit rechnen, 
dass heute noch was passiert. Und es wird nicht mehr so sein wie bei diesen Leuten. Es wird human 
sein. Es wird richtiges Essen geben. Keine Befragungen. Besuche von deiner Familie. 

Nur weil das DHS raus ist, kannst du noch lange nicht einfach so von hier verschwinden. Was gerade 
passiert ist, das ist, dass wir die Bizarro- Version ihres Justizsystems gekippt haben und wieder das alte 
System einfuhren. Das System mit Richtern, offentlichen Verhandlungen und Anwalten. 

Wir konnten also versuchen, dich in eine Jugendstrafanstalt auf dem Festland zu verlegen, aber 
Marcus, diese Orte konnen wirklich heftig sein. Sehr, sehr hart. Dies hier konnte fur dich der beste 
Platz sein, bis wir dich auf Kaution freibekommen." 

Auf Kaution freibekommen. Na klar. Ich war ein Krimineller - ich war noch nicht angeklagt, aber das 
mussten wohl Dutzende von Anklagepunkten sein, die sie gegen mich auffahren konnten. Es war ja 
praktisch illegal, auch nur unreine Gedanken iiber die Regierung zu denken. 

Sie driickte wieder meine Hande. „Es ist Mist, aber so muss es nun mal laufen. Hauptsache, es ist 
vorbei. Der Gouverneur hat das DHS rausgeworfen und alle Checkpoints abgebaut. Der Staatsanwalt 
hat Haftbefehle gegen alle Vollstreckungsbeamten erlassen, die in ,Stressbefragungen' und 
Geheimgefangnisse involviert waren. Die werden alle in den Knast wandern, und zwar wegen allem, 
was du getan hast, Marcus." 

Ich war wie betaubt. Ich horte die Worte, aber ich begriff ihren Sinn nicht. Irgendwie war es vorbei, 
aber auch wieder nicht. 

„H6r mal", sagte sie. „Wir haben vielleicht noch eine oder zwei Stunden, bevor sich das hier alles 
wieder beruhigt und sie kommen, um dich wieder einzusperren. Was willst du machen? Am Strand 
spazierengehen? Etwas essen? Diese Leute hier hatten ein unglaubliches Stabskasino - das haben wir 
auf dem Weg hier rein gepliindert. Essen vom Allerfeinsten." 



190 



Endlich eine Frage, die ich beantworten konnte. „Ich will Ange finden. Und ich will Darryl finden." 



Ich versuchte ihre Zellennummern in einem Computer nachzuschauen, aber der verlangte ein 
Passwort, und so blieb uns nichts iibrig, als die Flure entlangzuwandern und ihre Nam en zu rufen. Von 
hinter den Zellentiiren riefen Gefangene uns etwas zuriick, weinten oder bettelten uns an, sie gehen zu 
lassen. Sie begriffen noch nicht, was gerade eben passiert war, sie konnten nicht sehen, wie ihre 
friiheren Bewacher in Plastikhandschellen auf den Docks zusammengetrieben und von kalifornischen 
SWAT 7 -Teams weggebracht wurden. 

„Ange!", briillte ich iiber den Larm hinweg, „Ange Carvelli! Darryl Glover! Ich bins, Marcus!" Wir 
hatten den Zellentrakt auf ganzer Lange abgewandert, und sie hatten nicht geantwortet. Mir war nach 
Heulen zumute. Sie waren also aufter Landes gebracht worden - nach Syrien oder noch schlimmer. 
Ich wiirde sie nie wiedersehen. 

Ich hockte mich hin, lehnte mich an die Flurwand und verbarg mein Gesicht in den Handen. Ich sah 
das Gesicht von Frau Strenger Haarschnitt, sah ihr Grinsen, als sie nach meinem Login fragte. Sie 
hatte das getan. Sie wiirde dafur ins Gefangnis gehen, aber das reichte mir nicht. Ich dachte, wenn ich 
sie wiedersahe, wiirde ich sie toten. Sie hatte es verdient. 

„Komm schon", sagte Barbara, „komm weiter, Marcus. Gib nicht auf. Hier gehts noch weiter, komm 
schon." 

Sie hatte Recht. Alle Tiiren, an denen wir in dem Zellentrakt vorbeigekommen waren, waren alte, 
verrostete Dinger aus der Entstehungszeit dieser Basis. Aber ganz am Ende des Flurs war eine neue 
Hochsicherheitstur angelehnt, dick wie ein Worterbuch. Wir zogen sie auf und wagten uns in den 
dunklen Flur dahinter. 

Hier gab es noch vier Zellentiiren ohne Strichcodes. Auf jeder war eine kleine Zifferntastatur 
montiert. 

„Darryl?", sagte ich. „Ange?" 

„Marcus?" 

Es war Ange, die mir aus der hintersten Tiir zurief. Ange, meine Ange, mein Engel. 

„Ange!", rief ich. „Ich bins, ich bins!" 

„Oh Gott, Marcus," presste sie noch hervor, der Rest ging in ihrem Schluchzen unter. 

Ich hammerte an die anderen Tiiren. „Darryl! Darryl, bist du hier?" 

„Ich bin hier." Die Stimme war sehr diinn und sehr heiser. „Ich bin hier. Es tut mir so, so Leid. Bitte. 
Es tut mir so Leid." 

Er klang ... gebrochen. Zerstort. 

„Ich bins, D", sagte ich, mein Gesicht dicht an die Tiir gepresst. „Ich bins, Marcus. Es ist vorbei - sie 
haben die Wachen verhaftet. Sie haben die Heimatschutzbehorde rausgekickt. Wir kriegen 
Verhandlungen, offentliche Verhandlungen. Und wir werden gegen sie aussagen." 

„Es tut mir Leid", sagte er nur. „Bitte, es tut mir so Leid." 

In diesem Moment erschienen die kalifornischen Polizisten in der Tiir. Ihre Kamera lief immer noch. 
„Ms. Stratford?", sagte einer. Er hatte sein Visier oben und sah aus wie jeder andere Polizist, nicht wie 
mein Retter. Wie jemand, der gekommen war, um mich wegzusperren. 

„Captain Sanchez", sagte sie, „wir haben hier zwei der wichtigeren Gefangenen gefunden. Ich mochte 
Zugang zu ihnen erhalten und sie selbst in Augenschein nehmen." 

„Ma'am, fur diese Tiiren haben wir noch keine Zugangscodes." 

7 Spezialeinheit der US-Polizeibehorde, AdU 

191 



Sie hob die Hand. „Das war nicht so abgemacht. Ich sollte unbegrenzten Zugang zu alien Bereichen 
dieser Anlage erhalten. Das kam direkt vom Gouverneur, Sir. Wir werden uns hier nicht riihren, bevor 
Sie diese Zellen geoffnet haben." 

Ihr Gesicht war vollkommen unbewegt, sie zeigte kein Anzeichen von Nachgiebigkeit. Sie meinte das 
so. 

Der Captain sah aus, als brauche er Schlaf. Er zog eine Grimasse. „Ich werde sehen, was ich tun 
kann", sagte er. 



Eine halbe Stunde spater hatten sie es geschafft, die Tiiren zu offnen. Sie brauchten drei Versuche, 
aber schlieElich gaben sie die richtigen Codes ein, nachdem sie sie mit den RFIDs in den 
Identifikationsmarken abgeglichen hatten, die sie den festgenommenen Wachen abgenommen hatten. 

Sie betraten Anges Zelle zuerst. Sie war in einen Krankenhauskittel gehiillt, der hinten offen war, und 
ihre Zelle war sogar noch karger als meine - nur Polsterung rundum, kein Waschbecken, kein Bett, 
kein Licht. Sie trat blinzelnd in den Flur hinaus, und die Polizeikamera hielt auf sie drauf, das grelle 
Licht frontal in ihr Gesicht. Barbara trat schiitzend zwischen uns und die Kamera. Ange kam zogernd 
und leicht schwankend heraus. Mit ihren Augen und ihrem Gesicht stimmte etwas nicht. Sie weinte, 
aber das wars nicht. 

„Die haben mir Medikamente gegeben", sagte sie. „Als ich nicht aufgehort habe, nach einem Anwalt 
zu schreien." 

Ich zog sie in meine Arme. Sie lieE sich fallen, aber sie erwiderte die Umarmung. Sie roch miefig und 
verschwitzt, und ich roch nicht besser. Ich wollte sie nie wieder loslassen. 

Und dann offneten sie Darryls Zelle. 

Er hatte seinen papiernen Krankenhauskittel zerrissen. Nackt lag er zusammengerollt in der hintersten 
Ecke der Zelle und versuchte sich vor der Kamera und unseren Blicken zu verbergen. Ich rannte zu 
ihm. 

„D", fliisterte ich ihm ins Ohr. „D, ich bins. Marcus. Es ist vorbei. Die Wachen sind verhaftet. Wir 
kommen auf Kaution raus, wir gehen nach Hause." 

Er zitterte und kniff die Augen zu. „Es tut mir Leid", fliisterte er und drehte sein Gesicht zur Wand. 

Dann brachten sie mich weg, ein Polizist in Panzerweste und Barbara; sie brachten mich zu meiner 
Zelle und verschlossen die Tiir, und dort verbrachte ich die Nacht. 



An die Fahrt zum Gerichtsgebaude erinnere ich mich nur vage. Sie hatten mich an fiinf andere 
Gefangene gekettet, die alle schon viel langer eingesessen hatten als ich. Einer sprach nur Arabisch - 
er war ein alter Mann, und er zitterte. Die anderen waren alle Jung. Ich war der einzige WeiEe. Als wir 
alle auf dem Deck der Fahre zusammengepfercht waren, sah ich, dass fast jeder auf Treasure Island 
eine mehr oder weniger braune Hautfarbe hatte. 

Ich war nur eine Nacht drin gewesen, aber das war schon zu lange. Ein leichter Nieselregen perlte auf 
uns herunter, normalerweise die Sorte Wetter, bei dem ich die Schultern einzog und auf den Boden 
guckte; aber heute reckte ich wie alle anderen meinen Hals nach dem unendlichen grauen Himmel 
und genoss die stechende Nasse, wahrend wir iiber die Bay und den Fahranlegern entgegenbrausten. 

Sie fuhren uns in Bussen weiter. Die Fesseln machten das Einsteigen muhselig, und es dauerte eine 
Ewigkeit, bis alle eingestiegen waren. Niemanden kummerte es. Wenn wir uns nicht gerade 
abmuhten, das geometrische Problem „Sechs Mann, eine Kette, schmaler Gang" zu losen, dann 
betrachteten wir bloE die Stadt um uns herum, die vielen Hauser oben auf dem Hiigel. 



192 



Alles, woran ich denken konnte, war, Darryl und Ange zu finden, aber keiner von beiden war zu 
sehen. Es war eine riesige Menge, und es war uns nicht erlaubt, uns frei darin zu bewegen. Die 
Nationalgardisten, die sich um uns kummerten, waren einigermaEen freundlich, aber sie waren 
nichtsdestotrotz groE, gepanzert und bewaffnet. Ich dachte standig, ich wiirde Darryl in der Menge 
sehen, aber es war immer jemand anderer mit demselben gepriigelten, gebeugten Ausdruck, den ich 
an ihm in seiner Zelle gesehen hatte. Er war nicht der einzige Gebrochene hier. 

Im Gerichtsgebaude fuhrten sie uns in unseren Fesselgruppchen in Befragungsraume. Eine ACLU- 
Anwaltin nahm unsere Daten auf, stellte uns einige Fragen - als ich an der Reihe war, lachelte sie und 
begriiEte mich mit Namen - und fiihrte uns dann in den Gerichtssaal und vor den Richter. Er trug eine 
richtige Robe und schien gut gelaunt zu sein. 

Es schien vereinbart zu sein, dass jeder, fur den ein Familienmitglied Kaution hinterlegen konnte, 
freigelassen wurde und alle anderen ins Gefangnis kamen. Die ACLU-Anwaltin redete auf den 
Richter ein und bat um einige Stunden Aufschub, wahrend derer die Angehorigen der Gefangenen 
aufgetrieben und zum Gerichtsgebaude gebracht wurden. Der Richter war ziemlich wohlwollend, aber 
als mir klar wurde, dass einige von den Leuten hier schon seit dem Tag des Attentats inhaftiert waren, 
ohne jedes Verfahren, Verhoren, Isolation und Folter ausgeliefert, wahrend ihre Familien sie tot 
glaubten, da hatte ich nur noch die Ketten zerreiEen und sie alle einfach freilassen mogen. 

Als ich dem Richter vorgefuhrt wurde, sah er auf mich herunter und nahm seine Brille ab. Er sah 
mude aus. Die ACLU-Anwaltin sah mude aus. Die Gerichtsdiener sahen mude aus. Hinter mir konnte 
ich ein plotzliches Aufbranden von Gesprachen horen, als ein Gerichtsdiener meinen Namen verlas. 
Der Richter pochte einmal mit seinem Hammer, ohne den Blick von mir abzuwenden. Er rieb sich 
iiber die Augen. 

„Mr. Yallow", sagte er, „die Anklage hat Sie als fluchtverdachtig eingestuft. Ich denke, das ist nicht 
von der Hand zu weisen. Sie haben mehr, sagen wir mal, Geschichte als die anderen Leute hier. Ich 
bin versucht, Sie bis zum Verfahren festzusetzen, unabhangig davon, wie viel Kaution Ihre Eltern zu 
hinterlegen bereit sind." 

Meine Anwaltin hob an zu sprechen, doch der Richter bedeutete ihr mit einem Blick zu schweigen. Er 
rieb sich wieder die Augen. 

„Haben Sie etwas dazu zu sagen?" 

„Ich hatte Gelegenheit zu fliehen", sagte ich. „Letzte Woche. Jemand hatte mir angeboten, mich 
fortzubringen, weg aus der Stadt, und mir eine neue Identitat aufzubauen. Stattdessen habe ich dieser 
Frau das Telefon gestohlen, bin aus unserem Lastwagen abgehauen und fortgerannt. Ich habe ihr 
Telefon - auf dem sich Beweise iiber meinen Freund Darryl Glover befanden - einer Journalistin 
iibergeben und mich dann hier, in der Stadt, versteckt." 

„Sie haben ein Telefon gestohlen?" 

„Ich war zu der Erkenntnis gelangt, dass ich nicht weglaufen durfte. Dass ich mich der Justiz zu 
stellen hatte - dass meine Freiheit nichts wert war, solange ich gesucht wurde oder solange meine 
Stadt noch der DHS unterworfen war. Solange meine Freunde immer noch eingesperrt waren. Und 
dass meine Freiheit nicht so wichtig war wie die Freiheit des Landes." 

„Aber Sie haben ein Telefon gestohlen." 

Ich nickte. „Ja, das habe ich. Ich beabsichtige es zuriickzugeben, sobald ich die fragliche junge Frau 
finde." 

„Nun, ich danke Ihnen fur diese Rede, Mr. Yallow. Sie sind ein sehr eloquenter junger Mann." Er 
fixierte den Staatsanwalt. „Mancher wiirde sagen, auch ein sehr mutiger Mann. Heute friih lief in den 
Nachrichten ein gewisses Video, das die Annahme rechtfertigt, dass Sie gute Griinde hatten, den 
Strafverfolgungsbehorden aus dem Weg zu gehen. Vor diesem Hintergrund und eingedenk Ihrer 
kleinen Rede hier werde ich Kaution gewahren, aber ich werde veranlassen, dass die Anklage gegen 



193 



Sie urn den Punkt minderschweren Diebstahls im Hinblick auf das Telefon erganzt wird. 
Diesbeziiglich setze ich zusatzlich 50.000 Dollar Kaution fest." 

Er pochte wieder mit dem Hammer, und meine Anwaltin driickte mir die Hand. 

Er schaute wieder herunter zu mir und riickte seine Brille zurecht. Er hatte Schuppen auf den 
Schultern seiner Robe. Als die Brille sein drahtiges, lockiges Haar beriihrte, rieselten noch einige 
mehr herab. 

„Sie konnen jetzt gehen, junger Mann. Halten Sie sich von Arger fern." 



Ich wandte mich zum Gehen, als mich jemand tackelte. Es war Dad. Er riss mich wortwortlich von 
den FiiEen und umarmte mich so sturmisch, dass meine Rippen knirschten. Er driickte mich genau so, 
wie ich das von friiher in Erinnerung hatte, als ich ein kleiner Junge war: als er mich in groEartigen, 
schwindelerregenden Flugzeugspielen um sich herumschleuderte, mich in die Luft warf, auffing und 
dann eben driickte, so fest, dass es beinahe wehtat. 

Ein Paar weicherer Hande entzog mich sanft seinen Armen. Mom. Sie hielt mich einen Moment lang 
auf Armlange, suchte irgend etwas in meinem Gesicht und sprach kein Wort, wahrend ihr die Tranen 
iibers Gesicht rannen. Sie lachelte, aus dem Lacheln wurde wieder ein Schluchzen, und dann hielt sie 
mich fest, wahrend Dads Arm uns beide umfasste. 

Als sie mich loslieEen, gelang es mir endlich, etwas zu sagen. „Darryl?" 

„Sein Vater hat mich anderswo getroffen. Er ist im Krankenhaus." 

„Wann kann ich ihn sehen?" 

„Das ist unsere nachste Station", sagte Dad mit finsterer Miene. „Er ist nicht ..." Er brach ab. Dann: 
„Sie sagen, er wird sich berappeln." Seine Stimme klang erstickt. 

„Und was ist mit Ange?" 

„Ihre Mutter hat sie nach Hause gebracht. Sie wollte hier auf dich warten, aber ..." 

Ich verstand. Ich war jetzt voller Verstandnis fur all die Familien all der Leute, die sie weggesperrt 
hatten. Uberall im Gerichtssaal wurde geweint und umarmt, nicht einmal die Gerichtsdiener konnten 
sich mehr zuriickhalten. 

„Lasst uns zu Darryl gehen", sagte ich. „Und darf ich euer Handy leihen?" 

Ich rief Ange auf dem Weg zum Krankenhaus an, in das sie Darryl gebracht hatten - San Francisco 
General, von uns aus bloE die StraEe runter -, um mich mit ihr fur nach dem Essen zu verabreden. Sie 
sprach in gehetztem Flusterton. Ihre Mutter war noch unschliissig, ob sie sie nun bestrafen sollte oder 
nicht, und Ange wollte das Schicksal nicht herausfordern. 

Auf dem Flur, auf dem Darryl untergebracht war, standen zwei Nationalgardisten. Sie wehrten einen 
Pulk von Reportern ab, die auf Zehenspitzen standen, um einen Blick und ein Foto zu erhaschen. Die 
Blitze explodierten wie Stroboskope in unseren Agen, und ich schuttelte den Kopf, um den Blick 
wieder klar zu bekommen. Meine Eltern hatten mir saubere Klamotten mitgebracht, die ich auf dem 
Riicksitz angezogen hatte, aber ich fiihlte mich immer noch ekelhaft, obwohl ich mich im Waschraum 
des Gerichts abgeschrubbt hatte. 

Einige der Reporter riefen meinen Namen. Ach ja, ich war jetzt beriihmt. Auch die Nationalgardisten 
warfen mir Blicke zu - entweder sie erkannten mein Gesicht oder meinen Namen, den die Reporter 
riefen. 

Darryls Vater traf uns an der Tiir zu seinem Krankenzimmer; er sprach im Flusterton, so dass die 
Reporter nichts aufschnappen konnten. Er war in Zivil, in Jeans und Pulli, wie ich ihn kannte, aber er 
hatte sich die Dienstabzeichen an die Brust geheftet. 



194 



„Er schlaft", sagte er. „Vor einer Weile ist er aufgewacht und hat geweint. Er hat iiberhaupt nicht mehr 
aufgehort. Dann haben sie ihm etwas gegeben, um ihm beim Einschlafen zu helfen." 

Er fiihrte uns hinein, und da lag Darryl, das Haar gewaschen und gekammt, und schlief mit offenem 
Mund. In seinen Mundwinkeln war irgendwas WeiEes zu sehen. Er hatte ein halbprivates Zimmer, 
und im anderen Bett lag ein alterer arabisch aussehender Typ in den Vierzigern. Ich erkannte ihn als 
denjenigen, mit dem ich auf dem Riickweg von Treasure Island zusammengekettet gewesen war. Wir 
winkten uns verlegen zu. 

Dann wandte ich mich wieder Darryl zu. Ich nahm seine Hand. Seine Nagel waren bis aufs Fleisch 
abgekaut. Als Kind war er ein Nagelkauer gewesen, aber an der Highschool hatte er sichs abgewohnt. 
Ich glaube, Van hatte es ihm ausgeredet, indem sie ihm erklarte, wie eklig es war, dass er standig die 
Finger im Mund hatte. 

Ich horte, wie meine Eltern und Darryls Dad einen Schritt zuriicktraten und die Gardinen um uns 
zuzogen. Ich legte meinen Kopf aufs Kissen neben seinen. Er hatte einen strahnigen, unregelmaEigen 
Bart, der mich an Zeb erinnerte. 

„Hey, D", sagte ich. „Du hast es geschafft. Du kommst wieder auf die Beine." Er schnarchte ein 
wenig. Fast hatte ich „Ich liebe dich" gesagt, ein Satz, den ich erst zu einem einzigen Menschen 
auEerhalb der Familie gesagt hatte und der sich merkwurdig anhorte, wenn man ihn zu einem anderen 
Typ en sagte. 

SchlieElich driickte ich bloE noch einmal seine Hand. Armer Darryl. 



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Epilog 

Dieses Kapitel ist Hudson Booksellers gewidmet, den Buchhandlern, die man in praktisch jedem Flughafen der USAfindet. 
Die meisten Hudson-Filialen haben nur wenige Titel (wobei diese oft erstaunlich vielfaltig sind), aber die groBeren, etwa die 
im AA-Terminal in Chicagos O'Hare, sind ebenso gut wie eine Buchhandlung in einem Wohngebiet. Man muss schon was 
Besonderes bieten, urn in einem Flughafen eine personliche Note zu setzen, und Hudson's hat mir bei mehr als einem 
langen Chicago-Zwischenstopp mein geistiges Wohlbefinden gerettet. 

Hudson Booksellers http://www.hudsonqroup.com/HudsonBooksellers s.html 

Barbara rief mich am Wochenende des 4. Juli im Biiro an. Ich war nicht der Einzige, der am 
Feiertagswochenende zur Arbeit gekommen war, aber ich war der Einzige, der es tat, weil meine 
Freigangsregelung mir nicht erlaubte, die Stadt zu verlassen. 

Sie hatten mich schlieElich fur schuldig befunden, Mashas Handy gestohlen zu haben. Ist das zu 
glauben? Die Staatsanwaltschaft hatte mit meiner Anwaltin den Deal gemacht, dass man alle 
Anklagepunkte zu „elektronischem Terrorismus" und „Aufruhrertum" fallen lassen wiirde, wenn ich 
mich im Gegenzug des minders chweren Diebstahls schuldig bekannte. Sie brummten mir drei Monate 
mit Freigang in einem Rehabilitationszentrum fur jugendliche Straftater in der Mission auf. Ich schlief 
im Wohnheim, in einem Gemeinschaftsschlafraum zusammen mit echten Kriminellen, Gang-Kids und 
Drogen-Kids, ein paar echten Bekloppten. Tagsiiber war ich „frei", rauszugehen und in meinem „Job" 
zu arbeiten. 

„Marcus, sie lassen sie raus", sagte sie. 

„Wen?" 

„Johnstone, Carrie Johnstone. Das nichtoffentliche Militartribunal hat sie von aller Schuld 
freigesprochen. Die Akte ist geschlossen, und sie kehrt in den aktiven Dienst zuriick. Sie schicken sie 
in den Irak." 

Carrie Johnstone war der Name von Frau Strenger Haarschnitt. Das kam bei den vorlaufigen 
Anhorungen am Kalifornischen Kammergericht heraus, aber das war auch schon so ziemlich das 
Einzige, was herauskam. Sie verweigertejede Aussage dariiber, von wem sie ihre Anweisungen 
erhalten hatte, was sie getan hatte, wer inhaftiert worden war und warum. Sie saE vor Gericht Tag fur 
Tag einfach nur da, vollkommen schweigsam. 

Die Bundesbehorden hatten sich mittlerweile aufgeplustert und iiber die „einseitige, illegale" 
SchlieEung der Treasure-Island-Anlage seitens des Gouverneurs sowie iiber die Ausweisung der 
Bundespolizei aus San Francisco durch den Biirgermeister beschwert. Eine Menge dieser Bullen 
waren in kalifornischen Gefangnissen gelandet, ebenso wie die Wachen aus Gitmo-an-der-Bay. 

Dann kam einen Tag lang iiberhaupt keine Stellungnahme aus dem WeiEen Haus und keine aus dem 
Staatskapitol. Und am nachsten Tag fand eine trockene, angespannte gemeinsame Pressekonferenz auf 
den Stufen des Gouverneurssitzes statt, bei der der Chef des DHS und der Gouverneur ihr 
„Ubereinkommen" verkiindeten. 

Das DHS wiirde ein nichtoffentliches Militartribunal einberufen, um „mogliche Irrtiimer in der 
Beurteilung" nach dem Anschlag auf die Bay Bridge aufzuklaren. Das Tribunal wiirde jedes 
verfiigbare Mittel einsetzen, um zu gewahrleisten, dass kriminelle Handlungen angemessen bestraft 
wiirden. Im Gegenzug wiirde die Kontrolle iiber DHS-Operationen in Kalifornien an den Staatssenat 
iibergehen, der die Macht haben wiirde, samtliche HeimatschutzmaEnahmen im Bundesstaat zu 
beenden, zu untersuchen und neu zu bewerten. 

Der Aufschrei der Reporter war ohrenbetaubend gewesen, und Barbara hatte die erste Frage gestellt. 
„Mr. Gouverneur, bei allem gebotenen Respekt: Wir haben unwiderlegbare Videobeweise, dass 
Marcus Yallow, ein Burger dieses Staates von Geburt an, einer simulierten Exekution ausgesetzt war, 
und zwar durch DHS-Beamte, die offenkundig auf Anweisung des WeiEen Hauses handelten. Ist der 
Staat wirklich gewillt, j eden Anschein von Gerechtigkeit fur seine Burger im Angesicht illegaler, 
barbarischer Folter aufzugeben?" Ihre Stimme zitterte, aber sie brach nicht. 

196 



Der Gouverneur breitete die Arme aus. „Die Militartribunale werden der Gerechtigkeit Geniige tun. 
Wenn Mr. Yallow - oder irgendeine andere Person, die der Heimatschutzbehorde etwas vorzuwerfen 
hat - dariiber hinaus Gerechtigkeit verlangt, so steht es ihm selbstverstandlich frei, 
Wiedergutmachung einzuklagen, soweit sie ihm von seiten der Bundesregierung zusteht." 

Das tat ich auch. In der Woche nach der Ankundigung des Gouverneurs wurden mehr als 
zwanzigtausend Zivilklagen gegen das DHS erhoben. Meine wurde durch die ACLU vertreten, und 
man hatte bereits beantragt, Einsicht in die Ergebnisse der nichtoffentlichen Militartribunale zu 
erhalten. Bislang standen die Gerichte diesem Ansinnen sehr wohlwollend gegeniiber. 

Aber damit hatte ich nicht gerechnet. 

„Sie ist vollig ungeschoren rausgekommen?" 

„Die Pressemitteilung gibt nicht viel her. ,Nach griindlicher Untersuchung der Ereignisse in San 
Francisco und im Antiterror-Sonderlager auf Treasure Island ist dieses Tribunal zu dem Ergebnis 
gelangt, dass die Handlungen von Ms. Johnstone keine weiteren DisziplinarmaEnahmen 
rechtfertigen.' Da steht das Wort , weiteren' - als ob man sie bereits bestraft hat." 

Ich schnaubte. Von Carrie Johnstone hatte ich seit meiner Freilassung aus Gitmo-an-der-Bay fast jede 
Nacht getraumt. Ich hatte ihr Gesicht drohend iiber mir schweben gesehen, dieses kleine dreckige 
Grinsen, als sie den Mann anwies, mir „was zu trinken" zu geben. 

„Marcus ...", begann Barbara, aber ich unterbrach sie. 

„Ist okay. Es ist alles okay. Ich werde dariiber ein Video machen. Und iibers Wochenende stelle ich es 
online. Montage sind gute Tage fur virale Clips. Jeder kommt aus dem Feiertagswochenende zuriick 
und guckt, was es so Lustiges gibt zum Weiterleiten in der Schule oder im Biiro." 

Ein Teil meines Deals mit dem Wohnheim war, dass ich zwei Mai pro Woche einen Psychoklempner 
besuchte. Seit ich dariiber weg war, das als Bestrafung zu empfinden, war das eine echt gute Sache. Er 
half mir, mich auf konstruktive Dinge zu konzentrieren, wenn ich mich aufregte, statt mich von 
meinem Arger auffressen zu lassen. Die Videos halfen dabei. 

„Ich muss jetzt los", sagte ich und schluckte dabei, um die Emotionen aus meiner Stimme 
rauszuhalten. 

„Pass auf dich auf, Marcus", sagte Barbara. 

Als ich das Telefon weglegte, umarmte mich Ange von hinten. „Ich hab grade online davon gelesen", 
sagte sie. Sie las eine Million Nachrichtenfeeds - mit einem Feedreader, der die Storys sofort saugte, 
sobald sie iiber den Ticker liefen. Sie war unsere offizielle Bloggerin, und sie machte den Job gut - sie 
schnitt die Nachrichten aus und stellte sie online wie ein Koch im Schnellrestaurant, der 
Fruhstucksbestellungen umschlagt. 

Ich drehte mich in ihren Armen um, um sie von vorn zu umarmen. Um bei der Wahrheit zu bleiben: 
Allzu viel Arbeit hatten wir heute noch nicht erledigt. Es war mir nicht erlaubt, das Wohnheim nach 
dem Abendessen noch mal zu verlassen, und sie durfte mich dort nicht besuchen. Also sahen wir uns 
im Biiro, aber da waren meistens viele andere Leute, was unserer Fummelei ein bisschen abtraglich 
war. Einen ganzen Tag mit ihr allein im Biiro zu sein war eine zu starke Versuchung. AuRerdem war 
es heiE und schwiil, so dass wir beide Tanktops und Shorts trugen und beim Arbeiten nebeneinander 
eine Menge Hautkontakt hatten. 

„Ich mache ein Video", sagte ich. „Ich will es heute noch veroffentlichen." 

„Gut", sagte sie. „Packen wirs an." 

Ange las die Pressemitteilung. Ich nahm einen kleinen Monolog auf und legte den Ton iiber die 
beriihmten Bilder von mir auf dem Waterboard - wilder Augenausdruck im harten Scheinwerferlicht, 
strahniges Haar, tranen- und rotzuberstromt. 



197 



„Das bin ich. Ich liege auf einem Waterboard. Ich werde mit einer simulierten Hinrichtung gefoltert. 
Die Folter wird von einer Frau namens Carrie Johnstone beaufsichtigt. Sie arbeitet fur die Regierung. 
Ihr konntet sie noch von diesem Video kennen." 

Ich blendete iiber zu dem Film mit Johnstone und Kurt Rooney. „Hier sin d Johnstone und Minister 
Kurt Rooney, der Chefstratege des Prasidenten." 

"Die Nation liebt diese Stadt nicht. Aus ihrer Sicht ist es ein Sodom und Gomorra aus Schwuchteln 
und Atheisten, die es verdient haben, in der Holle zu schmoren. Der einzige Grund dafiir, dass sich 
das Land dafiir interessiert, was man in San Francisco denkt, ist der gluckliche Umstand, dass sie da 
von irgendwelchen islamischen Terroristen zur Holle gebombt worden sind. " 

„Er redet iiber die Stadt, in der ich lebe. Nach letzten Zahlungen wurden 4215 meiner Nachbarn an 
dem Tag getotet, von dem er redet. Aber einige von ihnen sind vielleicht nicht tot. Einige von ihnen 
sind in demselben Gefangnis verschwunden, in dem ich gefoltert wurde. Einige Mutter und Vater, 
Kinder und Geliebte, Briider und Schwestern werden ihre Liebsten nie wiedersehen - weil sie 
insgeheim in einem illegalen Gefangnis mitten in der San Francisco Bay gefangen gehalten wurden. 
Es wurde dort sehr penibel Buch gefuhrt, aber Carrie Johnstone hat die Chiffrierschlussel dafiir." Ich 
schnitt wieder zu Carrie Johnstone, wie sie mit Rooney am Besprechungstisch saE und lachte. 

Dann blendete ich die Bilder von Johnstones Verhaftung ein. „Als man sie verhaftete, glaubte ich, wir 
wurden Gerechtigkeit erfahren. All die Menschen, die sie brach und die verschwunden sind. Aber der 
President ..." - Schnitt zu einem Foto, das ihn wahrend eines seiner vielen Urlaube lachend beim 
Golfspielen zeigte - „... und sein Chefstratege ..." -jetzt ein Bild von Rooney beim Handeschutteln 
mit einem beriichtigten Terroristenfuhrer, der mal auf „unserer" Seite war - „... haben interveniert. Sie 
schickten sie vor ein geheimes Militartribunal, das sie nun freigesprochen hat. Irgendwie sah man dort 
wohl nichts Falsches an all dem." 

Ich schnitt eine Fotomontage aus den Hunderten von Portrats von Gefangenen in ihren Zellen dazu, 
die Barbara am Tag unserer Freilassung auf der Website des Bay Guardian veroffentlicht hatte. „Wir 
haben diese Menschen gewahlt. Wir bezahlen ihre Gehalter. Sie sollten auf unserer Seite sein. Sie 
sollten unsere Freiheiten verteidigen. Aber diese Menschen ..." - eine Reihe von Bildern von 
Johnstone und den Anderen, die vor das Tribunal gesandt worden waren - „haben unser Vertrauen 
verraten. Bis zur Wahl sind es noch vier Monate. Das ist eine lange Zeit. Genug fur euch, loszugehen 
und fiinf von euren Nachbarn zu finden - fiinf Leute, die das Wahlen aufgegeben haben, weil ihre 
Wahl lautet ,keiner der Obengenannten'. 

Redet mit euren Nachbarn. Lasst euch versprechen, dass sie zur Wahl gehen, lasst sie versprechen, 
dass sie sich das Land von den Folterknechten und Verbrechern zuriickholen. Von den Leuten, die 
iiber meine Freunde lachten, als diese in ihrem nassen Grab am Grunde des Hafens lagen. Und lasst 
euch versprechen, dass sie ebenfalls mit ihren Nachbarn sprechen. 

Die meisten von uns wahlen ,keiner der Obengenannten'. Aber das funktioniert nicht. Ihr miisst 
wahlen - die Freiheit wahlen. 

Mein Name ist Marcus Yallow. Ich bin von meinem Land gefoltert worden, aber ich bin immer noch 
sehr gern hier. Ich bin siebzehn Jahre alt. Ich mochte in einem freien Land aufwachsen. Ich mochte in 
einem freien Land leben." 

Ich blendete zum Logo unserer Website aus. Die hatte Ange mit Jolus Hilfe aufgebaut, der uns bei 
Pigspleen so viel freien Speicherplatz besorgte, wie wir nur wollten. 

Das Biiro war ein interessanter Ort. Offiziell hieEen wir Wahlerkoalition fur ein freies Amerika, aber 
alle Welt nannte uns die Xnetter. Die Organisation, ein gemeinniitziges Non-Profit-Unternehmen, war 
von Barbara und einigen befreundeten Anwalten gleich nach der Befreiung von Treasure Island 
gegriindet worden. Die Anschubfinanzierung hatten ein paar Technologie-Milliardare ubernommen, 
die es unglaublich fanden, dass eine Horde Hacker-Kids das DHS in den Arsch getreten hatten. 
Manchmal baten sie uns, die Peninsula runter nach Sand Hill Road zu kommen, wo all die 



198 



Risikokapitalgeber saEen, um eine kleine Presentation der Xnet-Technik zu halten. Es gab ungefahr 
eine Zillion Start-Ups, die aus dem Xnet Kapital schlagen wollten. 

Wie auch immer - ich musste mich um all das nicht kiimmern, und ich hatte einen Schreibtisch und 
ein Biiro mit einer Ladenfront mitten auf Valencia Street, wo wir ParanoidXBox-CDs unter die Leute 
brachten und Workshops zum Bau besserer WLAN-Antennen veranstalteten. Eine erstaunliche Zahl 
gewohnlicher Leute schaute bei uns vorbei, um Spenden zu bringen, sowohl Hardware 
(ParanoidLinux lauft auf so ziemlich allem, nicht bloE auf der Xbox Universal) als auch Bargeld. 

Unser Masterplan war, im September, rechtzeitig vor der Wahl, unser eigenes ARG zu starten und das 
Spiel moglichst eng daran zu binden, dass sich Leute in die Wahlerverzeichnisse eintragen lieEen und 
zur Wahl gingen. Nur 42 Prozent der Amerikaner waren bei der vorigen Wahl an den Urnen 
erschienen - Nichtwahler waren in der groEen Mehrheit. Ich hatte Darryl und Van schon mehrfach zu 
unseren Planungssitzungen eingeladen, aber sie hatten immer wieder abgesagt. Sie verbrachten eine 
Menge Zeit miteinander, und Van bestand darauf, dass es nichts Romantisches war. Darryl wollte 
iiberhaupt nicht viel mit mir reden, aber er schickte mir lange E-Mails iiber so ziemlich alles, das 
nichts mit Van, Terrorismus oder dem Knast zu tun hatte. 

Ange driickte meine Hand. „Gott, wie ich diese Frau hasse", sagte sie. 

Ich nickte. „BloE eine weitere Fuhre Mist, die dieses Land iiber dem Irak auskippt", sagte ich. „Ich 
glaube, wenn sie die in meine Stadt schicken wiirden, ich wiirde ein Terrorist werden." 

„Du bist ein Terrorist geworden, als sie sie in deine Stadt geschickt haben." 

„Das stimmt", sagte ich. 

„Gehst du am Montag zur Anhorung von Ms. Galvez?" 

„Unbedingt." 

Ich hatte Ange vor einigen Wochen Ms. Galvez vorgestellt, als meine ehemalige Lehrerin mich zum 
Abendessen eingeladen hatte. Die Lehrergewerkschaft hatte eine Anhorung vor der Schulbehorde 
organisiert, um zu erreichen, dass sie ihren alten Job zuruckbekame. Man sagte, dass Fred Benson aus 
dem Vorruhestand wiederkommen wolle, um gegen sie auszusagen. Ich freute mich drauf, sie 
wiederzusehen. 

„Wollen wir uns einen Burrito holen?" 

„Unbedingt." 

„Ich hoi nur schnell meine scharfe Sauce", sagte sie. 

Derweil rief ich noch mal meine E-Mail ab - meine Piratenpartei-Mail, wo immer noch ein paar 
Nachrichten von alten Xnettern aufliefen, die meine Adresse bei der Wahlerkoalition noch nicht 
hatten. 

Die letzte Nachricht kam von einer Wegwerf-Mailadresse von einem der neuen brasilianischen 
Anonymisierungsdienste. 

> Hab sie gefunden, danke. Du hast mir gar nicht erzahlt, dass sie so h31B ist. 

„Von wem ist das denn?" 

Ich lachte. „Zeb. Erinnerst du dich an Zeb? Ich hab ihm Mashas E-Mail-Adresse gegeben. Dachte mir, 
wenn sie schon beide im Untergrund sind, dann konnte ich sie auch gleich miteinander bekannt 
machen." 

„Er findet Masha siift?" 

„Das musst du ihm nachsehen, sein Geist ist offensichtlich von den Umstanden benebelt." 

„Und du?" 



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„Ich?" 

„Ja, du - ist dein Geist auch von den Umstanden benebelt?" 

Ich hielt Ange auf Armabstand und betrachtete sie von oben bis unten, von oben bis unten. Ich 
beriihrte ihre Wangen und schaute durch ihre dickrandige Brille in ihre groEen, kecken schragen 
Augen. Ich lieE meine Finger durch ihr Haar gleiten. 

„Ange, in meinem ganzen Leben habe ich noch niemals klarer gedacht." 

Dann kiisste sie mich, und ich kiisste sie, und es dauerte noch eine ganze Weile, bis wir uns den 
Burrito holten. 



200 



Nachwort des Ubersetzers 

Im 13. Kapitel von „Little Brother" heiRt es in einer E-Mail an den Helden: „Hi er in Deutschland 
haben wir eine Menge Erfahrung damit, was passiert, wenn Regierungen auRer Kontrolle geraten." 
Nun ist Deutschland im Jahre 2008 sicherlich kein totalitarer Staat, doch die aktuelle 
Sicherheitsgesetzgebung (Stichworte hier etwa: Vorratsdatenspeicherung, E-Pass, BKA-Gesetz, 
Fluggastdatenerfassung) lasst die Einschatzung von Biirgerrechtsaktivisten, hier werde der 
schleichende Umbau zu einem Uberwachungsstaat vorangetrieben, zumindest nicht vollig abwegig 
erscheinen. 

Vor diesem Hintergrund wollte ich nicht darauf warten, ob und wann Cory Doctorows Little Brother 
- der sich eben nicht nur als spannender Entwicklungsroman iiber und fur junge Erwachsene lesen 
lasst, sondern auch als Pladoyer fur angemessenen zivilen Ungehorsam und gegen undifferenzierte 
Terror-Hysterie - in einer deutschen Ubersetzung erscheint. Und da Cory seine Werke unter remix - 
fahigen Creative-Commons-Lizenzen veroffentlicht, habe ich im Sommer/Herbst 2008 die tagliche U- 
Bahn-Pendelei dazu genutzt, die Geschichte ins Deutsche zu "remixen". Das vorliegende Ergebnis, 
inhaltlich iibrigens kein "Mix", sondern eine vorlagengetreue Ubersetzung, steht ebenfalls unter einer 
entsprechenden CC-Lizenz - siehe dazu Seite 2. 

Das vorliegende Dokument versteht sich durchaus nicht als Endprodukt, sondern sozusagen als finale 
Betaversion. Der Ubersetzer ist weder leidenschaftlicher Computer-Spieler noch versierter 
Programmierer, und sollte Ihnen bei der Lektiire diesbezuglich ein sachlicher Fehler aufgefallen sein, 
werden entsprechende Hinweise gern entgegengenommen und gegebenenfalls in kommende 
Versionen dieses Textes eingearbeitet. 

Download-Adresse dieses PDFs: http://cwoehrl.de/files/lbdt vl.pdf 

Meine E-Mail-Adresse: chw@wort-und-satz.de 

Mein offentlicher PGP-Schliissel: 0x3e4f310497fe2c8f 

Dem Geist des Romans angemessen nutzte ich fur die Arbeit iiberwiegend freie Software: Die 
Rohtexte entstanden zumeist im Minimal-Editor meines Linux-Netbooks; zusammengefuhrt, 
formatiert und ins PDF-Format konvertiert wurde der Text in OpenOffice. Lediglich fur die 
Gestaltung des Titels nutzte ich mit Adobe Photoshop eine kommerzielle Software; Gimp zu lernen 
steht zwar schon seit geraumer Zeit auf meinem Zettel, aber ich hatte in letzter Zeit zu viel zu 
iibersetzen, um mich auch noch damit zu beschaftigen ;-) 

Als Nachschlagewerke nutzte ich fur inhaltliche Fragen die Wikipedia in deutscher und englischer 
Version, fur allgemeine sprachliche Zweifelsfalle das Worterbuch dict.cc und fur Slang-Fragen das 
Urban Dictionary : wo es sich nicht vermeiden lieE, Google zu konsultieren, bediente ich mich des 
weitaus weniger datenhungrigen Scroogle Scrapers . 

Sollte die Thematik des Romans bei Ihnen einen Nerv getroffen haben, dann finden Sie im Internet 
etliche Angebote, die sich mit Datenschutz, Biirgerrechten und Uberwachung beschaftigen. 
Exemplarisch einige Links zu deutschsprachigen Seiten von Organisation en und Einzelpersonen: 

Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung 

Netzpolitik.org 

Ravenhorst 

Chaos Computer Club 

Humanistische Union 

Annalist 



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