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Full text of "Die Götteranrufungen in den Werken der drei tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides [microform] in den Komödien des Aristophanes und in den Dialogen Platons und Xenophons .."

DIE 



GOTTERANRUFUNGEN 



IN DEN WERKEN DER DREI TRAGIKER 

AISCHYLOS, SOPHOKLES, 
EURIPIDES, 

IN DEN KOMÖDIEN DES 

ARISTOPHANES 

UND IN DEN DIALOGEN 

PLATONS und XENOPHONS 



Wissenschaftliche Beilage 

ZUM 

Jahresbericht der Lehr- und Erziehungsanstalt 

DES 

Benediktinerstiftes Maria-Einsiedeln 

IM 

Studienjahr 1930-31 

VON 

P. Eugen PFIFFNER 



EINLEITUNG. 



In seiner Erklärung des Menandrischen Schiedsgerichtes (Epitre- 
pontes) ^ bemerkt U. v. Wilamowitz zum Ausdruck vr] zbv Aia vbv 
ffojrrjp' in Vers 142 : « Anrufungen von Göttern und Beteuerungen 
mit ihrem Namen werden von uns leicht überhört und bedürfen 
doch gerade der Erklärung, da sie mit dem Namen durchaus nicht 
gegeben ist ». Was Wilamowitz anschließend in kurzen Zügen über 
Inhalt, Gebrauch und geschichtliche Entwicklung der Epiklesen 
andeutet, gab den Anstoß zu vorliegender Untersuchung. 

Die griechische Sprache weist in einem großen Bereich der klas- 
sischen Werke, in verschiedenstem gedanklichen Zusammenhang 
und verschiedensten Satzformen ausrufartige Wendungen auf, die 
in formelhaft wiederkehrender Fassung Götternamen enthalten, und 
die wir allgemein als Götter anrufun gen oder Götterepiklesen bezeichnen. 
Sie lassen sich in ihrer äußeren Gestaltung auf drei Grundformen 
zurückführen : 

1. Der Göttername steht im Vokativ, meist begleitet von einer 
Interjektion wie w : w Zeh, "AnoAXov. Wir nennen derartige Formen 
Götter-« Anrufe ». 

2. Der Göttername steht im Akkusativ und verbindet sich mit 
den vorgestellten Partikeln vj, p.d, vai fid zu einem Schwur oder einer 
Beteuerung : vrj Aca, fia robs Oeoüs. 

3. Der Göttername, im Genitiv, folgt der Präposition Tzpbs und 
bildet mit ihr einen Ausdruck, den wir Beschwörung nennen: itp. dsäjv. 

Ihrem Ursprung und ihrem Wesen nach sind Anruf, Schwur 
und Beschwörung Gebets formen. 

Der Narnensruf des Gottes ist wohl überhaupt die primitivste Art, 
in der sich die Hilfsbedürftigkeit der Menschen und ihr Glaube an 
die Mächtigen einer höheren Welt ausspricht. ^ 

Der Schwur ist von Haus aus der naive, unwillkürliche Akt des 
Bedrängten, der, einem drohenden Mißtrauen begegnend, in der Not 
^■^einen andern Ausweg weiß, als seine Sache den Göttern anheim- 
zustellen. 3 

Beschwören heißt durch Anruf einer Gottheit auf den WiUen des 
Menschen einwirken, daß er etwas Bestimmtes tue oder lasse. ^ Der 
'vdaube und die Erinnerung an Gott soU in dem, der bittend ange- 
fangen wird, Gefühle gewährender, nachgiebiger Güte wecken. 



. — 4 — 

Im folgenden untersuchen wir die Anrufe der Götter, die Beteue- 
rungen und die Beschwörungen bei ihrem Namen nicht im Bereich 
des rituellen Gebrauches, wie etwa Anrufungen in Hymnen und 
liturgischen Gebeten oder Schwurformeln bei offiziellen Eides- 
leistungen vor Gericht und bei Abschluß von Bündnissen. Was uns 
hier beschäftigt, sind die spontanen, vom Augenblick eingegebenen 
Epiklesen, die von einer leidenschaftlichen Erregung als ihr Expo- 
nent ausgelöst werden. 

Das so bestimmte Objekt untersuchen wir unter einem doppelten 
Gesichtspunkt : 

1. Was für Umstände der Person, des Ortes, der Zeit begründen 
die Epiklese der Gottheit, und zwar der bestimmten Gottheit im einzel- 
nen Falle ? 

2. W^as ist der Sinn dieser Anrufungen ? W^ohnt ihnen ihr ur- 
sprünglicher religiöser Gehalt inne, oder ist dieser zurückgedrängt 
durch die in ihnen sich äußernde Leidenschaft oder nicht mehr 
empfunden infolge ihres gewohnheitsmäßigen Gebrauches ? 

Die Götteranrufungen, die wir .ins Auge fassen, entspringen 
zunächst dem künstlerischen Willen des einzelnen Dichters oder 
Schriftstellers, sind aber dem Epiklesengebrauch des alltäglichen 
Lebens nachgebildet. Wir werden suchen, von den literarischen 
Epiklesen aus zu schließen auf die Götteranrufungen der lebendigen 
Umgangssprache. Aus dieser Zielsetzung heraus wurden aus der 
klassischen griechischen Literatur dramatische Werke und Dialoge 
ausgewählt, Schriftgattungen, in denen das Reden und Handeln 
der lebendigen Menschen nachgeahmt wird. 

Unsere Untersuchung beschränkt sich auf die im Titel genannten 
Werke, der klassischen griechischen Literatur. Es handelt sich um 
Erzeugnisse verschiedener Art (Tragödie, Satyrspiel, Komödie, 
Dialog) und verschiedener Autoren (Aischylos, Sophokles, Euripides, 
Aristophanes, Piaton, Xenophon). Wir werden zeigen und begründen, 
wie und warum der Gebrauch der Epiklesen von einer. Literatur- 
gattung zur andern und von einem Schriftsteller zum andern sich 
ändert. 

Es wird auffällen, daß wir die Dramatikerfragmente und ferner 
Menander nicht in unsere Untersuchung aufgenommen haben. Die 
Fragmente konnten wir mit Recht übergehen, da sie nach ihrem 
Zusammenhang zu ungenügend erscheinen, um etwa auftauchende 
Epiklesen in der eben besprochenen Weise einzeln zu behandeln. 
Der Mangel an verfügbarer Zeit möge das Außerachtlassen der 
Götteranrufungen Menanders entschuldigen. 

Der Plan unserer Darstellung ist folgender : 

In einem kurzen ersten Teil handeln wir über die sprachliche Form 
der Anrufe, Schwüre und Beteuerungen und erklären die Epikleser 
nach ihrem grammatischen Sinn und ihrer grammatischen Funktior 
im Satze. 



— 5 — 

Der zweite Teil ist der Einzeluntersuchung der Götteranrufungen 
gewidmet nach den Gesichtspunkten, wie wir sie oben festgelegt. 
Und zwar wird jeder Autor für sich, in chronologischer Reihenfolge 
der Werke nach einem gleichartigen Schema behandelt, also Aischylos, 
Sophokles, Euripides, Aristophanes, Piaton und Xenophon. Die den 
einzelnen Autoren zukommenden Eigenheiten im Epiklesengebrauch 
v/erden so am ehesten deutlich. Zudem stellen die Namen der ange- 
führten Schriftsteller, im Bereich der Götteranrufungen, Punkte 
einer Entwicklung dar. Unsere Untersuchung folgt so gleichsam 
Schritt für Schritt dem Weg des geschichtlichen Wandels der Epiklesen, 
Was wir in den ersten Kapiteln im Keime sehen, wächst sich späterhin 
aus, und die Ergebnisse der weiteren Abschnitte gründen sich auf 
bereits Besprochenem. 

Bei der Aufarbeitung des Materials der einzelnen Autoren bilden 
die Namen der Götter jeweils das Stichwort, unter dem wir die 
Epiklesen dann nach bestimmten Gesichtspunkten ordnen. Wir führen 
die Anrufungen in ihrem Kontext an, nennen die redende Person, 
bezeichnen sie, wo es von Bedeutung ist, nach Nationalität, Geschlecht, 
Stand, Charakter, Stimmung, erwähnen den Zusammenhang nach 
Ort und Zeit. Wenn gleiche oder ähnliche Epiklesen wiederholt 
unter gleichen oder ähnlichen Umständen laut werden, so schließen 
wir daraus auf ein typisches Vorkommen. Sind so aus den Epiklesen 
selber Gesichtspunkte für ihren Geltungsbereich gewonnen, so suchen 
wir dessen Grenzen aus der Eigenart oder der Verehrung des ange- 
rufenen Gottes zu erklären ; hat dieser beim einzelnen Autor seine 
charakteristischen Züge, so machen wir sie geltend ; wo es notwendig 
erscheint, bestimmen wir das Wesen des angerufenen Gottes von 
anderwärts her aus Theologie und Mythologie. ^ 

Während wir den Geltungsbereich der Epiklesen jeweils aus dem 
Zusammenhang der einzelnen Stellen ermitteln, erstreckt sich das 
Suchen nach ihrem inneren Gehalt immer abschließend auf die Summe 
der Invokationen des bestimmten Dichters oder Schriftstellers. Es 
führen zum tieferen Sinne der Götteranrufungen Erkenntnisse über 
die religiöse Haltung des betreffenden Autors im allgemeinen, über 
seine Stellung zum Gebet und Schwurwesen, wie es zu seiner Zeit 
üblich war, gelegentliche Bemerkungen und Reflexionen über die 
Epiklesen selbst. Mitunter schließt schon der Zusammenhang, in 
den eine Epiklese fällt, einen sie begleitenden tieferen Gehalt aus oder 
legt ihn im Gegenteil nahe. Bekanntlich gebraucht der Grieche auch 
den Götteranrufungen ähnliche Ausrufe, Beteuerungen und Be- 
schwörungen, in denen nicht heilige Namen genannt werden. Wo diese 
Ausdrucksweisen dazu beitragen, den inneren Gehalt der religiösen 
Invokationen zu klären, ziehen wir sie heran. 

Bei der Behandlung des einzelnen Schriftstellers bilden den Aus- 
gangspunkt unserer Untersuchung immer die im Text vorkommenden 
Epiklesen. Sie ergeben, daß in einer bestimmten Literaturgattung 
und bei einem bestimmten Autor ein bestimmter Epiklesengebrauch 
Geltung hat. Von den Epiklesen des einzelnen Schriftstellers aus 
machen wir dann Rückschlüsse auf die Götteranrufungen der Griechen 



— 6 — 

zu einer bestimmten Zeit und die ihr Geistesleben beeinflussenden 
geistigen Strömungen. 

In einem Schlußkapitel fassen wir die Teilergebnisse zusammen. 

Anmerkung. — Umstände halber werden hier aus Aristophanes, 
Piaton und Xenophon bloß die Schlußergebnisse veröffen licht. 



7 — 



L TEIL. 



Die Epiklesen in ihrer grammatischen Form. 



I. GOTTERANRUFE. 

Das Verständnis der Götteranrufe in ihrem sprachlich-gramma- 
tischen Sinn bietet keine Schwierigkeit. 

Ihre einfachste Form stellt das Aussprechen des bloßen Namens 
dar : d) Zeh, '^Hpdx?^£ts. 

Häufig schließt sich an die Apostrophe die Aufforderung, ein Un- 
glück, eine Notlage zu sehen, eine schmerzliche Äußerung zu hören : 

Zeh Zeh rdd' öpos ; Eur. Hipp. 1363. 

Zeb Zeh rdd' dxoöscs ; ib. Med. 1405. 
Oder der zaudernde, ratlose Mensch fragt die Götter, was zu tun sei : 

d) Zsü, vi dpdcrcü ; Soph. Phil. 908. 

(L Zso, zi Xs^üj ; Eur. Kykl. 375. 

Oft schließt sich an den Anruf des Gottes eine Bitte, an das « Du » 
oder « Ihr » gerichtet. Seltener spricht sich der Wunsch in unper- 
sönlicher Form aus : 

(L Ihoc TiarpoJoc, aoyfsvscrOi y' dXXd vov. Soph. El. 411. 

(h ßeo:^ fivoi.ro rabra vuJv. ib. Phil. 779. 

Selten enthält die Epiklese Dank für empfangenes Gute (Eur. 
Herakleid. 867 ff.), bei Euripides öfters Vorwürfe oder dumpf ge- 
äußerte Resignation (vgl. ib. Hek. 488 f., Hik. 734 ff.). 

Über die sprachliche Form dieser Anrufe ist zu vergleichen : 
Konrad Ziegler, De precationum apud Graecos formis quaestiones 
selectae, Vratislaviae, 1905. 



2. SCHWÜRE. 

Die überaus mannigfachen Formen der Schwüre erklären sich 
hauptsächlich aus den verschiedenen Ideen, die der Eid ^ im allge- 
meinen zum Ausdruck bringen kann. Vgl. hierüber : Schröder, 
De Graecorum iuramentis ; Hirzel, Der Eid ; ferner über das grie- 
chische Schwurwesen überhaupt : Hofmann, De iurandi apud 
Athenienses formulis ; Ziebarth, De iureiurando in iure Graeco 
quaestiones; vom gleichen Verfasser den Artikel «Eid» in R. E., 



— ö — 

V., 2076 ff. ; ferner die eingangs zitierten Schriften von Meinhardt, 
Ott, Kühnlein. 

Vor allem ist der Eid oft gedacht als Verfluchung. Der Schwörende 
ruft gräßliche Flüche herab, die ihn treffen sollen, falls er meineidig 
wird. Ott (i. c. 13) spricht von einem « Eventualfluch » ^. Der Falsch- 
schwörer verfällt der Rache der Götter, die er angerufen. Vgl. Hirzel, 
1. c. 137 ff. ; Rohde, I, 64 f. 

oö rbv Tzdvrcüv Oso)v Osbv ~p6[xov 

"xlAcov irzsl adeos, ä.(pclos, ort Ttößct-ov 

öAoc/uav, cpövY^mv sc -dvd' i^co. Soph. Oid. T. 660 ff. 
Vgl. ib. 644 f. ; trach.1188 f. ; Eur. Med. 746 ff. ; Iph. T. 748 f. : 
Ar. Lys. 235 (ib. 234 ist zugleich Segen demjenigen gewünscht, dei 
zum Eid steht. Ähnlich Ar. Thesm. 469). 

Der Schwörende denkt sich den Eid als Verfluchung auch dann, 
wenn er irgend etwas, das ihm zu eigen ist, was er mit besonderei 
Liebe umfaßt, für den Fall des Meineides den Göttern opfert, so daß 
schreckliches Unheil z. B. Frau und Kinder treffen soll. Siehe untei 
Euripides, Kykl. 268 f. Hei. 835. Ar. Frö. 586 f. Vgl. S. Augustinus 
Serm. 180,7 (ed. Maur. II Venet.) : Cum dicit quisque « per meam 
salutem », salutem suam Deo obligat : quando dicit « per filios 
meos » oppignerat Deo filios suos, ut hoc veniat in caput eorum 
quod exit de ore suo ipsius. Vgl. Samter, Volkskunde im altsprach- 
lichen Unterricht, I, Berlin, 1923, S. 32 f. ^ 

Andern Sinn hat der Eid, wenn er als Zeugnisforderung aufgefaßt 
ist : Die Götter werden vom Schwörenden als Mitwisser aufgerufen, 
die unbedingt Glauben verdienen. Durch seine höhere Einsicht bürgi 
der Gott für die Wahrheit einer Aussage, macht ein Versprecher 
zuverlässig : 

'Eych yäp, l'arcü Zshs 6 Tüdvd' öpcTjv de:, 

o'jT äv atwTZijaaipi, rrjv d.Trjv bpcTjv y.'-X. Soph. Ant. 184 f. 

Ivfo) B'dTMUOü) f, oj deol ^uviaropis'^ y.T?.. ib. Phil. 1293 f. 

rjv o'JTzod' avTjp oos, aövocds p.oi KuTzpts, 

fja^uvsv sövfj y-?.. Eur. El. 43 f. 

pdpropas ds rajvds daipovas y.aXo). ib. Phoin. 491. 

Vgl. Trach. 399 ; Soph. Oid. K. 522 ; Eur. Iph. T. 1077 ; Ar. Ach. 911 : 
Plat. Phaid. 62 a. ^ 

Eine Mehrzahl von Zeugen gibt nach allgemeinem Empfinder 
einer Aussage das Gepräge größerer Zuverlässigkeit. ^ Darum die 
Häufung der Schwurgötter. Am gebräuchlichsten war (vor Gericht 
nicht im täglichen Leben) der Anruf dreier Gottheiten. ' 

Der Eid kann weiter seinem Wesen nach eine Art Vergleich be- 
deuten. Die über jeden Zweifel erhabene Existenz einer Sache (Eides- 
hort) stützt die Glaubwürdigkeit einer Aussage oder eines Verspre- 
chens. So schwören wir : « So wahr Gott lebt. » Ein Meineid würde 
die Verneinung Gottes bedeuten. 

'AIX\ elkep tayu Zehs IV ic ipou asßas, 

£ü Toor' iTtcaraa', bpy.i,os ds aoi Itfw, 

bI pr] vbv aörbyscpa y.xl Soph. Ant. 304 f. 

« So wahr ich Zeus ehre und achte usw. » 



roijäp 70 obv ddy.rjnay.al roh?, aohs dpovous 

y.paxouaiv, siTzep iorlv -q ':za?M'.(pa~os 

Airq Süvedpos Z'/jibi chr/uioüs vöp.ot,s. ib. Oid. K. 1380 f. 

.( Du bist in die Flüche verstrickt, so wahr die alt ehrwürdige Dike 

bei den ewigen Gesetzen des Zeus waltet. » 

Vgl. Soph. El. 1221 ; Oid. K. 623 ; 628 ; Ar. Ekkl. 105 f. « 

Einer Aussage in Eidesform kann endlich ihre Zuverlässigkeit 
erwachsen aus folgender psychologischer Berechnung : Man nimmt 
an, der Mensch scheue sich, in wirklicher oder gedachter Gegenwart 
von etwas Ehrwürdigem (dem jeweils angerufenen Eideshort) die 
Unwahrheit zu sagen. 

So ist zu erklären der berühmte Schwur des Demosthenes, 
Or. 18, 208 : pä Tohs Mapadcovc Tzpoay.ivduvsoaavras rcov -xpoxbvuiv y.ac 
rohs iv ID.arabOcs TraparaSapivoos yo.l zoh? iv ZaXapl.vt vaopay^-qaavza?. 
Schon bei Homer schwört Hera in ähnlichem Sinn beim Uyo? 
y.oopidLov IL 039 ff. Vgl. Soph. El. 881, wo Chrysothemis schwört : 
aä TTjv Tzavpwav earcav. Eur. Hei. 835 legt Helena einen Eid ab 
beim Haupte ihres Menelaos : äyvov dpy.ov obv -/.dpa y.azchpoaa. 
Zu ihrem Gatten sagt Panthea, Xen. Kyr. VI, 4, 6 : sTzopvucu gol 
rrjv iurjv y.ac a-qv wiXtav. In dieser Formel schwört die Frau bei 
ihrer eigenen Liebe zum Mann. Das klingt an an unser « Bei meiner 
Treue ! », « Bei meiner Ehre ! ». Der Wert der eigenen Persönlichkeit 
wird so gewissermaßen das Heilige, vor dem man sich scheuen würde, 
falsch zu schwören. Vgl. Eur. Orest 1517 : 

T-qv ip-qv '^o'/rjv y.a~(bpoa , -qv dv söopy.olp.' tfco. 
Vgl. hiezu Hirzel, 1. c. 135 f. 

Oft ist aus der Schwurformel nicht ersichtlich, was für eine Idee 
in ihr, im einzelnen, zum Ausdruck kommen soll. Das gilt besonders 
von folgenden unbestimmten Formeln : 

öpvupt, d'itö}po(T£[v) Xen. Kyr. VI. i, 3 ; Symp. 3, 8. 

i7top.6aas Ikyu) ib. Oik. 20, 29. 

opy.ios, OS aoi Xsyu) Soph. Ant. 305. 

öpvupt Ttdvras Oeoüs Xen. Symp. 4, 11. 

öpLvupl aoi rbv Mldp-qv ib. Oik. 4, 24. 

Einer besonderen Erklärung bedürfen die sich immer wieder- 
holenden Schwüre vt] (vbv) Aca, val pä (rbv) Ata, pä (rbv) dia, vac reo 
atcü, oö rbv A'ca (vsl roj aul)). vq rbv Atovoaov, pd rbv 'A-jzöXXco usw. 

Die Partikel vy] (attisch) «wahrlich», aja», das lateinische ne 
(nae) drückt eine Beteuerung aus. vq verhält sich zu vai wie 8-q zu bat, 
hat dieselbe Bedeutung wie vq. ^ Für das boiotische vei, das noch 
Bekker in seiner Aristophanes-Ausgabe setzt {vei rbv IbX.aov Ach. 
832, vsl roi aiö) ib. 869), schreibt Theodor Bergk v:q (ib. 867, 905) ; 
z(, ist boiotische Schreibweise für geschlossenes langes e. i" pd ist 
gleichfalls Adverb der Beteuerung. Es ist zu verbinden mit dem 
homerischen psv « gewiß », « freilich », und verhält sich zu diesem 
wie xd zu y.sv. ^^ 

Mit dem Akkusativ des Schwurgottes verbinden das bloße val 



— 10 — 

nur die Dorier [vai Ata Ar. Ach. 767, vac räv y.bpav Wesp. 1438). 
Dafür setzt der ionisch-attische Dialekt vat fid, die Attiker häufiger 
vrj (vui jiä Ata, vr) Ata. ^^ Dem ionisch-attischen od /ud rbv Ata ent- 
spricht das dorische oö rov Ata. Lys. 986 ; 990 ; od -(h ato) ib. 1171. 

Der Akkusativ Aia, räv y.öpav, rä> atcl) usw. ist von Haus aus 
Objekt eines Schwurverbums [djuvu/uc yalav Eur. Med. 752). Doch ist 
zu bemerken, daß die genannten Partikeln vai, vai [xd, vrj, /md sich 
nie mit einem Verb des Schwörens verbinden (etwa öfivofic vrj ^a2av ).i3 
In den ganz seltenen Fällen, wo vrj Aca etwa ein Verb des Schwörens 
folgt {^rj Aia, iych'di ys, & Y^r^- irrouöaug Xsyo) Xen. Oik. 20, 29), 
sind vrj Aia und tTzo/iiöaas unabhängig voneinander zu übersetzen 
(in unserm Beispiel : Ja, beim Zeus... ich schwöre es dir !). 

Die ^chwurformeln vai p.ä Aia, vrj A., vrj r. Aiov, usw. stehen, mit 
dem Wert einer verstärkenden Partikel, in positiven Aussagen oder 
isoliert als bejahende Antwort (« Ja », « Freüich », « Doch ») oder in 
negativen Sätzen zur Betonung eines einzelnen Wortes. ^^ Beispiele 
werden uns im Verlauf der Untersuchung zur Genüge begegnen. Wir 
weisen hier nur noch auf den merkwürdigen Gebrauch dieser Formeln 
in Imperativ- und Wunschsätzen hin. An sich gehört ja ein Schwur 
in eine Aussage oder in ein Versprechen, nicht in einen Befehl, eine 
Bitte oder einen Wunsch. Eine genaue Prüfung der Textstellen ergibt, 
daß vTj Aia in den betreffenden Satzarten gleich wie in Aussagen 
den Wert einer zustimmenden Partikel hat, die regelmäßig eine 
vorausgegangene Äußerung oder Anregung, oft mit den gleichen 
Worten, aufnimmt : 

K. CO Arjp.e, dsof/ iSsWe « Komm heraus ! » 

A. irj Ai'j d) Tzdrep, e^eXde drjz' « Ja, komm heraus ! » Ar. Ri. 725 f, 

Vgl. Arist. Ri. 725 ; Wo. 455 ; 1406 ; Vö. 661, Lys. 1188 ; Frö. 1459 ; 
Ekkl. 469 ; PI. Euthyd. 291 a ; 293 b ; usw. 

fiä {'öv) Aia usw. findet sich in negativen Aussagesätzen (ein- 
faches oder erweitertes oö), meistens mit der Negation zu stehenden 
Ausdrücken verbunden : pä vöv Ai' oöx sytofe, oö pd zbv Aia usw, 
Ohne begleitendes oö steht pä {röv) Aia nur im Zusammenhang mit 
einer Frage, die eine Negation enthält, oder verbunden mit einer 
Adversativpartikel {dXXd oder adversativem prj). Zur letzten Regel 
bilden Ausnahmen folgende zwei Beispiele, in denen der Schwur mit 
[id keine Partikel mit negativem oder adversativem Sinn bei sich 
hat : Ag. Tzidob. Kl. pä rrjv ävaaaav 'Apysiav dedv. 
üMoJv ah ra^u) Ttpdaae, rdv döpocs 3 iyd), 
ä /prj Tzapslvac vüpcpiocao Tzapösvotz. Eur. Iph. A. 739 f. 

Ecpaiveüst, d) Iwxp. — Md. röv Zrjdov^ iL KaXliy.his, (o ah j^pmpLevos 
TzoXXd vovdrj ecpcoveoou -Tipöi pe. dXX' i'do, ecTti ztvaz Xsyscs t^ous ßsX~ioüs elvao, 

Plat. Gorg. 489 e. 

pd (r.) Aia bedeutet immer Verneinung entweder als verstärkende 
Partikel zu einer im Kontext ausdrücklich vorhandenen Negation, 
oder dann selbständig für sich — entsprechend dem vrj (r.) Aia. ^^ 

Vgl. Xen. Oik. 12,1 ; PI. Apol. 26 d ; Ar. Ekkl. 335 f. ; Ar. Vesp. 
1399 f-' ib- 953 f- ' ^^- P^- 21 f. ; ib. 110 f. 



II — 



3. BESCHWÖRUNGSFORMELN. 

Wir sagten oben, daß der Schwur, in seinem eigentlichen Sinn 
erstanden, nicht einen Befehl oder eine Bitte begleiten kann. Diese 
unktion fällt einer weiteren, vrj Ata entsprechenden Epiklese zu : 
obs Acös (tt/). rwu dewv usw.). Wir nennen Tcp. A. eine Beschwörungs- 
irmel. Wie man sich selber im Eid durch ein religiöses Motiv band 
;um Bekenntnis der Wahrheit), so glaubte man ähnlich andere an 
en eigenen Willen zu binden, indem man ihn vor einer Gottheit 
n ihrer wirklichen oder gedachten Gegenwart) aussprach. Der Gott 
'urde so zum Anwalt, Fürsprecher, die ausgesprochene Bitte heilig. 
>er Bittende stellt sich durch die Beschwörung mitunter ausdrücklich 
1 die Reihe Schutzflehender {otd'' cxvijpiot Soph. O. T. 327), die unver- 
itzlich waren, die man nicht abweisen durfte, ohne den Zorn des 
'shs hsatoi zu gewärtigen [itpbs aövod Zt^vös Ixeaiou. Soph. Trach. 484). 

Der Gott wird im Vorstellungskreis der Griechen als Anwalt 
er Bitte gegenwärtig auch durch den Anruf : der Name des Gottes 
;eht im Akkusativ als Objekt zum Verb y.aXkü), weit häufiger aber 
n Genitiv, abhängig von der Präposition "xpos. 

ÄXX ävTofjLai as A'ia xaXoba bpLbjviov 

Tcsp.^'Ov p.s y~l. Eur. Andr. 921 f. 

Mt), Ttpöi as tob (TTTscpawos äwofiac AibS. ib. Alk. 1098. 
Die Präposition Ttpös, mit dem Genitiv verbunden, bedeutet 
von her, von selten », in unserem Fall die einwirkende Gegenwart 
es Namens. Das Erflehte wird als von den Göttern veranlaiBt ge- 
acht. 

In dem oben angeführten Beispiel ist 7tp. Acög von einem Verb 
es Bittens begleitet. So ähnlich auch Eur. Hipp. 311 f. Hek. 1127 f. 
Zeit öfter ist das Verb unterdrückt, mitunter so, daß dessen Objekt 
i noch erhalten ist : 

va: Ttpös as zrjads prjvpbs "loxdaz/js Eur. Phoin. 1665. 
vu: as Ttpbs dscov, iL Scoxp. Ar. Wo. 784. 

[eistens fehlt aber as oder ein ähnliches, wie die Beispiele zeigen 
erden. 

Sehr oft begegnen uns Beschwörungsformeln in Fragesätzen, 
lier unterstützte der Ausdruck ursprünglich die Bitte um Antwort 
lit slns, didaaxs usw. verbunden : 

£v SOTs Ttpös dsaiv, sc' VC üoXuvsuous Ttkpi ocad' . 

Eur. Phoin. 1083 f. 
ipsp' stTts Ttpbi dscov, deiXiav tj pcopiav 

idcüv vcv iv poi raur' ißouXsüaw 7tots7v ; Soph. O. T. 536 f. 
gl. ib. 1009 ; Xen. Kyr. VIII. 4, 19. 

In der Regel fehlt aber ein derartiges Verb. 11 p. decov ist dann wohl 
s Ellipse zu betrachten. Es scheint mir wichtig, zu betonen, daß 
srartige Ausdrücke nicht den Wert einer Beteuerungspartikel 
aben, wie die gegebene Entwicklung klar zeigt. IJpbs Xaphwv in einer 



Frage darf also nicht «bei den Chariten» übersetzt werden, ^^ sondern 
heißt « um der Chariten willen », im Sinne unseres « bitte » odei 
(( mit Verlaub ». 

Merkwürdig ist die Stellung des np. d. in folgenden zwei Beispielen : 

Phaidra ist in ihrer vbaos von einem leidenschaftlichen Verlangen 

nach der Jagd ergriffen : « In den Wald will ich gehen, wo die Tanne 

sich hebt, wo blutgierige Hunde umher streifen, auf gefleckte Hirsche 

losfahren. Wie sehne ich mich, den Hunden zu rufen... » 

dtjLC ^pbs oAav 

y.ul Tzapä 'rzs.'jxa^ , "(va d-rjpoipovov 

ozs'.ßouat y.üvzs- 

rzpbs dscov zpapnc y.ual dcoöSat y-X. Eur. Hipp. 215 f. 

Lysistrate erzählt dem Kinesias von seiner Frau, wie die immer 
an ihn denke. Wenn sie ein Äpfelchen oder ein Ei in die Hand nehme, 
rufe sie klagend aus : « Hätte das doch Kinesias ! « 
Kinesias fällt ein : iL Tcpöi, Oscov. Ar. Lys. 856 f. ^'^ 
An beiden Stellen ist die Beschwörungsformel Exponent eines 
großen Verlangens. Möglich, daß Tzpbs dscov aus seiner Stellung in 
Wunschsätzen (Beschwörungen) selber Ausdruck des Begehrens 
geworden ist. Oder aber die ursprüngliche Funktion des -^zpbs Oscov 
ist vergessen, und die Formel hat ungefähr den Wert eines co 6soc, 
mit dem es äußerlich den Anruf eines « heiligen » Namens gemeinsam 
hat. 



— 13 — 



II. TEIL. 



Einzeluntersuchung der Götteranrufungen 
in den Literatur werken. 



I. AISCHYLOS. 

Die sieben uns erhaltenen Stücke des ersten der drei großen 
ragiker reihen wir zeithch so auf : Hiketiden, Perser, Prometheus, 
ieben gegen Theben, Agamemnon, Choephoren, Eumeniden. ^ Die 
urchschnittHche Verszahl der Tragödien beläuft sich auf rund 
070, der « Agamemnon » übersteigt das gewöhnliche Maß bis zur 
.ahl 1673. Wir fanden in allen Tragödien nur sechs emphatische 
[piklesen. 

Man hat wiederholt hervorgehoben, wie die Menschen des Aischylos 
1 einer eindrucksmächtigen Art Gottesnähe leben, gleichsam unter 
en Augen Gottes. Glück und Unglück kommen von Gott oder gott- 
rfüllten Wesen. Leiden, Angst weckt im einzelnen das- Gottesbe- 
/ußtsein, das in einen Ruf an die Gottheit ausklingt, der zumeist 
igentliches Gebet, nicht bloß Exponent einer leidenschaftlichen 
Lrregung, ist ^ : der Mensch wendet sich an die Götter und fleht um 
tire Hilfe. So fleht der Chor der Jungfrauen in den « Sieben », als 
^heben vom Feind hart bedrängt ist : 

u) cuvTS/cUi, iir] Ttpodwi Tcup'fcou.ara. ib. 251 

fiso: izo/2'(a, ij.rj [is dooXzlas "-uiziv. ib. 253 

o5 rzaxy.parss Zeo, rps-i-ov sci i^dpohs ßsAos, ib. 255. 

Im gleichen Sinn lebensvolle Gebete sind die spontanen « Siehe » 
md « Höre » an die Unsterblichen : 

öeor ysvsriic, yJ-ösz' eb ~ö oczkiov cdövzss. Hik. 77 
ü-i'odsv d' si) '/Ä'joc y.a/.oö ps.vos ib. 175 

/ergl. Eum. 745. 

Aber wenn Eteokles, ergrimmt über die oben angeführten klagen- 
ien Stoßgebete der Frauen, auffährt : 

(h Ze~j, füvacy.aw ocov wTzaaas 'fsvos, Sieb. 256 
: Gott, mit was für einem Frauengeschlecht hast du uns beschert ! », 
)0 ist hier das Gebet in weitem Maß Ausdrucks form des Ärgers 
iber das « Weibervolk ». 

Vollends dienen der Schildenmg des Affektes folgende sechs Epi- 
ilesen. Sie wiederholen sich zum Teil nach Art eines Refrains im Liede. 



— 14 — 

OTOTOTOi. 

/lä Fä fjtä Ca, ßöav 

(foßspbv dTtÖTpsTte, 

d) Tzd, Fäs Tcaiy Zeb. Hik. 889 ff. 

Die Verse wiederholen sich ib. 898 f. Sie ertönen dem Munde dei 
geängstigten Danaiden : der ägyptische Herold ist aufgetreten und 
will die Mädchen mit sich fortschleppen, fiä und Tcd sind kindliche 
« Lallformen » für Mutter und Vater. ^ 

örororo: nöxot, da. 

'ÄTtöUcüv, 'AtzöXXcov. Ag. 1072 f. u. 1076 f. 

Die Form da für x^j findet sich auch Prom. 568, und Kassandra, von 
prophetischem Enthusiasmus ergriffen, schreit so ihr düsteres Weh 
in die Szene. 

lü) ja yd, eW efx idsco), 

Tzplv rövd' iTziddv xrL Ag. 1538 f. ^ 

Chor : « Weh, Erde, daß du mich doch aufgenommen hättest, eh ich 
Agamemnon in der Silberwanne hingestreckt erblicken mußte. » 

Totdvde X^P^^ d/äptrov 'iTZÖrpoTtov y.azwii, 

iü) yala fi'thi, pLcopsva p cd^dsi 

oüadsos 'fovd. Choe. 44 ff. 

Der Chor singt die Verse, wie er mit Opfergaben zum Grabe des 
Agamemnon kommt : « Um dem drohenden Leid zu wehren, heuchelt 
Klytaimnestra Liebe — weh, Mutter Erde — darum schickt mich 
zum Grabe dieses gottgehaßte Weib. » 

d) daipov, a>s pz TiöX?.' iaspiezai xaxdjv xvX. Pers. 845 f. 

So die Königin Atossa, von der Niederlage und der schmachvollen 
Heimkehr ihres Sohnes benachrichtigt. 

Klytaimnestra steht gegen Ende der Tragödie « Agamemnon » 
nach vollbrachter Tat zwischen den Opfern ihrer Rache, den Leichen 
des Agamemnon und der Kassandra und ruft aus : 

pä r7]v rs?,SLov rfjs ip^s nacdös Jcxi^v, 

^'Ar/jV "Epovöv 6', ((Irre vövd' scrcpa^ ^T^t 

o'j poc peXdd.ocov iP^TZcs äpnavecv (pößov xzl. Ag. 1431 ff. 
« Noch furcht' ich nicht das Tor des Hades, solang Aigisthos die 
Flamme schürt auf meinem Herd. » 

Den angeführten Stellen ist gemeinsam, daß die Ausdrücke 
pd Fd, 3) 7ra Zeh, dacpov mit inhaltslosen Schmer zensvujen ozorordl, 
TiÖTcob, uü untermischt sind. Das bringt sie selber den Interjektionen 
der Klage nahe. Im besondern ist die Epiklese dmpov im Munde der 
Atossa parallel gesetzt dem Schrei üj nÖTioc in der Chorpartie ib. 
852 ff. ^ Allgemein drängt die formelhafte Wiederholung der genannten 
Götteranrufungen (Hik. 889 f., 898 f., Ag. 1072 f., 1076 f., 1538) ihren 
vorwiegend pathetischen Charakter auf ; wer so zu den Göttern ruft, 
will nicht etwas von ihnen erbitten. Die Epiklesen sind Exponenten 
des Affektes. 

Am Schwur Ag. 143 1 f. fällt auf, daß er überhaupt nicht der 
Beteuerung einer Wahrheit gilt. ^ Es hat wenig Sinn, daß die Königin 



— 15 — 

iiii der betreffenden Stelle schwört, sie fürchte sich nicht vor dem 
rode. Wem liegt daran, das zu glauben oder abzulehnen ? Auch ruft 
Klytaimnestra die drei göttlichen Wesen nicht zu Zeugen ihrer 
Unschuld, als Bürgen der Gerechtigkeit ihrer Sache auf. Diese Idee 
!:ommt nirgends zum Ausdruck. Die Frau gründet ihre Zuversicht 
keineswegs auf die Götter, sondern auf Aigisthos. Der Schwur erklärt 
sich richtig, wenn wir ihm die grammatische Funktion einer ver- 
rdärkenden Partikel geben, die mit dem Werte eines emphatischen 
;( Nein » mit ob zu verbinden ist. Die Stelle läßt sich dann übersetzen : 
.( Nein, noch furcht' ich nicht das Tor des Hades usw. » Die Epikle'se 
ist lediglich die überschwengliche Äußerung des stolzen Gefühles 
der Sicherheit. Man braucht sich nur die schauerliche, erschütternde 
Szene auszumalen, in der sie eingeflochten ist, und man ahnt, wie 
wirkungsvoll das Pathos der Königin gerade in der hier breit und 
feierlich gedehnten Schwurform sich gestaltet. 

Wir gelangen jetzt zur näheren Erklärung der so ausgeschiedenen 
Epiklesen. Zunächst : Welche Götter werden angerufen ? Zeus, 
Ge, Apollo, Daimon, Dike, Ate, Erinys. 

Für Aischylos hat Zeus seine charakteristische Bedeutung. Aus 
dem Grunde der religiösen Gedanken und Empfindungen des Dichters ' 
leuchtet streng, erhaben das Bild des Gottes durch. Man hat Aischylos 
den gewaltigsten Propheten des Zeusglaubens genannt, ^ und seine 
Hymnen auf den Vater der Götter und Menschen lassen in der Kraft 
des Ausdruckes an die gottbegeisterten Sänger des Alten Bundes 
denken. 

Die Epiklesen der Ge sind ein mächtiger Widerhall alter religiöser 
Anschauungen, deren Ursprung sich in tiefes Dunkel verliert, des 
Glaubens an die Leben gebende und' Leben nehmende Mutter Erde. ^ 
Die Ge gebiert alles, was lebt, ernährt alles und nimmt von allem, was 
stirbt, den Keim zu neuer Geburt in ihren Mutterschoß auf. Vgl. Choe. 
127 f. Die Ge, die heimatliche Scholle, vom Regen des Himmels be- 
fruchtet, ist die Menschenmutter, nie versiegender Urquell des Lebens, 
Sieb. 16 ff., frg. 44 N. Wir ahnen aus Aischylos dunkel, von tief 
innerlichem Glauben geschaute Beziehungen zwischen der Frucht- 
barkeit der Fluren und der Menschen. Eum. 835, 907 ff., 938 ff., 956 ff. 
Das sind religiöse Ideen, die vor allem dem griechischen Mysterienkult, 
der altes Glaubensgut hütet, vertraut sind. 

Uralt ist die Verbindung der Ge mit Zeus. In Dodona war die Mutter 
Erde neben Zeus verehrt. In Athen lag ihr Temenos im Bezirk des 
Zeus Olympios. ^" Später tritt Ge in den Epiklesen zurück. Das 
Aischyleische iL Zeü ts y.ac Frj y.ai.. Oeol Sieb. 69 wird verdrängt 
durch das. häufigere w Zeö -/ac Oeoi. 

Ist der Anruf des Zeus allgemein als im Wesen des obersten Gottes 
und in seiner Stellung im religiösen Bekenntnis des Dichters begründet, 
so sind die jeweiligen Epiklesen der Ge noch in besonderer Weise 
motiviert. Die Ge spielt außerhalb der Mysterienfeiern eine große 
Rolle in einem religiösen Bereich von weittragender ' Bedeutung : 
im Totenkult. So'wie Mutter Erde auf überlieferten Totentäf eichen 
und Grabinschriften oft genannt ist,^^ so kam ihr Name sicher auch 



— i6 — 

in den Klageliedern auf die Verstorbenen vor. Wir nehmen an, daß 
man in diesen Gesängen zur Göttin rief etwa in Refrains der Art, 
wie sie uns Aischylos bietet. (S, Ag. 1538, Choeph. 45, Ag. 1072.) Da 
war es nun leicht möglich, daß die Epiklesen der Ge vor allem dem 
Ausdruck des Leides dienten und mit der Zeit zu- einem allgemein 
üblichen Schmer zensschrei absanken. ■ 

Apoll ist Ag. 1072 f. und 1076 f. genannt auf Grund seiner mytho- 
logischen Beziehungen zu Kassandra. 

Die Daimones ^^ sind in den Tragödien unseres Dichters göttliche 
Wesen. Ge und Hermes heißen i^bvioo dncitohss Pers. 628, die Moiren 
oaiaovss doOovoaot Eum. 961 ff. Ähnlich sind die Eumeniden be- 
zeichnet, ib. 928 f. Daß Dareios dactuov ^^ genannt wird, darf nicht 
zur Annahme führen, als ob bei Aischylos die Toten im allgemeinen 
mit diesem Titel bedacht würden ; 1* denn der persische König wird 
im gleichen Stück auch 6-65 geheißen. ^^ Der Daimon scheint ein 
persönliches Wesen ^^ zu sein. 

Die Begründung der Daimon-Epiklese " Pers. 845 f. ergeben die 
bereits angeführten Stellen ib. 345 und 354 f. Die Dämonen sind 
Urheber des Unglücks, das über das Perserreich hereingebrochen ist. 

Direkte Beziehung zum Text haben auch die Schwurgötter Dike, 
Ate, Erinys in Ag. 143 1 f. 

Es fragt sich nun weiter : Was ist der tiefere Sinn dieser affekt- 
betonten Götterepiklesen bei Aischylos ? Sind sie bloße rhetorische 
Floskeln, jeglichen religiösen Gehaltes entleert ? Das ist nicht anzu- 
nehmen. Es spricht von vornherein dagegen die allgemeine religiöse 
Atmosphäre, wie Schadewaldt sich ausdrückt, « das elementar magische 
Gottesbewußtsein))!", ein Wesenszug der Werke des Aischylos. Die 
Epiklesen erweisen sich sodann direkt selber als Formen eines reli- 
giösen Bereiches durch ihr Vorkojnmen. Sie verteilen sich nämlich 
auf alle Stücke des Dichters mit der bezeichnenden Ausnahme des 
« Prometheus )>. Daß sie hier fehlen, ist religiös-pS3^chologisch begründet 
im Wesen des Helden, der ein Feind der Götter und selbst ein Gott 
ist. (Prom. 92.) Offenbar gibt der Dichter dem Prometheus einen 
Ersatz für die unpassenden Götterepiklesen, wenn er ihn in seinem 
Leide zum heiligen Äther, zu den Lüften, zu den Stromesquellen 
und Meereswogen, zu Erd' und Sonne rufen läßt. (Prom. 88 ff. Wie 
der Zusammenhang ergibt, sind Ge und Helios nicht Gottheiten, 
sondern Elemente. Siehe darüber unter Eur. S. ) Wenn aber Pr. die 
Rufe zu den Göttern umgeht, muß diesen ein lebendiger religiöser 
Sinn innewohnen. 

Der Verlauf unserer Untersuchung wird weiterhin ergeben, wie 
die auf Aischylos folgenden Dichter und Schriftsteller Epiklesen in 
geschwätziger Art häufen. Daß sie beim ersten der drei großen 
Tragiker so selten sind, spricht für den Ernst, mit dem .sie erfaßt 
und ausgesprochen werden. Dieses letzte Moment gewinnt an Bedeu- 
tung durch den Nachweis, daß Aischylos speziell das Schwören oder 
wenigstens dessen Übermaß bewußt meidet au^ Motiven seiner 
persönlichen sittlichen Einstellung. Außer dem Schwur Ag. 1431 f. 
hören wir nur noch einmal gelegentlich von einem Eid, den die Helden 



— 17 — 

in den « Sieben » Vers 45 f. bei Ares, Enyo und Phobos leisten. Aischy- 
los lebt in einer Zeit, wo bei den Griechen, besonders bei den selbst- 
bewußten Herrenmenschen, unter persischem Einfluß eine Reaktion 
Qegen den Unfug des Viel- und Falschschwör ens einsetzt. ^^ Das bloße 
Wort des Mannes soll sich ohne Eid behaupten. ^^ So erklärt sich der 
Aischyleische Ausspruch : 

oöx dvdpös opy.OL TziaViS, d.X)< opxwv äirjp- Frag. 394 N. 

« Nicht verbürgen Eide die Zuverlässigkeit eines Mannes, sondern 
der Charakter des Mannes den Wert der Eide. » Eum. 432 verschmäht 
Apoll den angebotenen Eid der Erinnyen mit der Begründung : 

op'/.obs ~o. psq d'.xcaa pij voxa.v ?J/'co. 

Das will heißen : was beschworen wird, ist nicht schon dadurch 
wahr und gerecht. Wo Aischylos weiter vom Horkos spricht, setzt 
er ihn als etwas Geringeres einem Größern, Stärkern gegenüber : 

opxo<: jap oüzc Zrjvds ^cr^^usc tlXsuv. Eum. 621, 

sövrj jap ävopl y.ac y'jvaizl pbpiapos 

opxou 'ozl /LLSc^(Dv TTj dixTj wpoupoopLsvrj. ib. 217 f. 

Die Prüfung der Epiklesen im einzelnen ergibt, daß sie bei 
Aischylos Ausdrucksmittel nur des stark gesteigerten Affektes sind. 
Unter diesem Gesichtspunkt ist von Bedeutung, daß Götteranrufungen 
im Mtmde einzelner Schauspieler wohl im « Agamemnon » und in 
den « Persern » möglich sind, aber noch nicht in den « Hiketiden », 
wo der Chor durchaus Träger der seelischen Erlebnisse ist. ^ 

Die Epiklesen des Aischylos bringen mit Ausnahme des stolzen 
Schwures der Klytaimnestra eintönig ein einziges Pathos zum Aus- 
druck : Trauer und Schmerz. Das liegt begründet im Charakter der 
Aischyleischen Menschen, die am tiefsten vom Leid bewegt sind. 



2. SOPHOKLES. 

In chronologischer Ordnung lassen wir die Tragödien des Sophokles 
(durchschnittlich je etwa 1500 Verse) so folgen : Antigene, Aias, 
Oidipus, Tyr., Trachinierinnen, Elektra, Philoktet, Oidipus Kol. ^ 
Untersucht wurde ferner das ziemlich umfangreiche Bruchstück 
des Sophokleischen Satyrspieles « Die Spürhunde » (E. Diehl, Suppl. 
Sophocleum, Bonn, 1913, zählt 445 Verse). 

Häufiger als bei Aischylos (im ganzen 94 mal) werden die Götter 
bei Sophokles in emphatischer Weise, in Ausrufen, Beteuerungen und 
dringlichen Bitten genannt. Gleichartige Epiklesen wiederholen sich 
nicht nur in der gleichen Tragödie, sondern sind über alle Stücke hin 
zerstreut. 

Die angerufenen Gottheiten sind : Zeus, Götter im allgemeinen 
und Göttergruppen, Athena, ApoUon, Artemis, Helios, Themis, 
Dike, Daimon. Zu den Götteranrufungen zählen wir weiter zwei 
Schwüre beim Olympos. 



— i8 — 



Zeus. 



Wiederholt (17 nial) wird der höchste Gott im Vokativ angerufen. 

Gegen Ende des Oid. Kol. erdröhnt der bedeutungsvolle Donner- 
schlag. Der Chor fährt erschrocken zusammen : 

"ExTUTien aWrjp, üj Zeo. ib. 1456. 
Im gleichen Zusammenhang, der Chor : 

tu fiiyas aW-^p, w Zeo. ib. 1471. 

An beiden Stellen läßt das außerordentliche Naturereignis den 
« frommen » Chor mit Furcht und Zittern zum Gewittergott auf- 
schauen. — Die guten Leute von Kolonos rufen aber, so scheint es, 
hei jedem Schrecken, der sie trifft, zu Zeus : 

« Wißt ihr um den Sohn des Laios ? » fragt Oidipus die Männer von 
Kolonos : Aatou lazs rcv övt' ; Chor : doocö. 

Oid. TÖ TS Aaßdandäv 'fsvoc; Chor : d) Zsb. ib. 220 f. 
Oidipus eröffnet dem Chor das Schaurige : die beiden Mädchen, seine 
Töchter, sind Kinder seiner eigenen Mutter ! 

Oid. abzai dk oy' i| i/nou piv. Chor. : ttcos (pijs ; 

Oid. Tiacds, döo d' ära. Chor : (h Zeu. ib. 530 ff. 

In ähnlichem Sinn klagt der Chor : w Zeo. Oid. T. 1198, und 
Aigisthos, El. 1466. 

Oft ist u) Z. mit einer erstaunten Frage verbunden : Oidipus, über 
den Tod des Laios aufgeklärt : 

ou Zsü, ri uoü dpäaac ßeßouX&Jaat Tzipt ; Oid. Tyr. 738. 
« Was hat sein Wille über mich verhängt ! » 

Diese, hier sicher von lebendigem Glauben an das allmächtige 
Walten des Himmelsgottes getragene Äußerung können wir als 
Grundform einer ganzen Reihe emphatischer Fragen, die einander 
ähnlich sind, ansehen : 

In seiner Gewissensangst scheut sich Neophtolemos, dem betrogenen 
Philoktet zu enthüllen, daß er ihn nach Troia bringen will : 

(h Zsö, vi dpdaü) ; deözepov X-q(pdö} y.vl. Phil. 908 f. 
Herakles, schmerzgequält : (LZ., olav fx' ap" edoo Xchßav, olav. Trach. 
9961 
Der gleiche, wie er krank hereingetragen wird : 

& Zsö, TzolYü.i Tj-Ao) ; ib. 983 f. 
Der Paidagogos hat der Klytaimnestra den Tod des Orestes berichtet. 
Chor : ip&j cped' rö %äv orj deaTiöraiat to2s 7td?MC 

TrpopptCoVj ä>i eoixsv, e<fdapdaL jivos. 
Klyt. : (h Zeu, vi raöra... ; El. 764 ff. 

Vgl. w Z. rc AsBcü ; Oid. R. 310, noc fiö/icü/uev u) Z. ib. 1748. 

Den aufgeführten Epiklesen ist gemeinsam, daß sie aus Schrecken 
und Angst hervorgehn. Zeus erscheint in einer bestimmten Funktion, 
die im folgenden Anruf, im Epitheton seines Namens zum Ausdruck 
kommt. 

Der Chor sieht den blinden König (ein Mensch hat es gewagt, in den 
Hain der Eumeniden zu treten) : 

Zeü d?,eBfjTop, vis 7to6' ö Tcpsoßvs; Oid. Kol. 143. 



— 19 — 

i'dsB^Tcüp {(Uicco abwehren, schützen) heißt der Gott als Nothelfer 
Die Epiklese deutet auf die Bestürzung der Bewohner von Kolonos hin 
Noch einmal wird Zeus mit einem ähnlichen Titel benannt : 
Jj Zei) zpoTtcüs, jj-Yj TTor' Bcaidocfxc ae y-X. Trach. 303 f. 
Der Scholiast erklärt Tpoit. : dizozpsTt-cxz:, ä?.£^uay.s, r/.szsösc 3s p.r] 
'-ndelv Ttapa'zX-^aia. S. oben Ais. Sieb. 255. 

In anderem Sinn wird Zeus von Oidipus angerufen : 

U) Zzö, dbooirjs Tolcrt roLoöroiacv so. Oid. Kol. 642. 
Zeusschwüre weist Sophokles 7 auf : Der äußeren Form nach 
gehören zunächst ihrer drei zusammen. Kreon, in einer pathetischen 
patriotischen Ansprache : 

iyüj fdp,< iazcü ^ Zbus Tzdvd' öpojv äst, 
oh-' dv (jUüTtrjaaijii rrjv ärvjv öpcbv 
avelj^ouaav dazocs dvr: r-^s (Tcor/jpcas. Ant. 184 ff. 
Deianeira fragt den Lichas mißtrauisch, ob er ihr auch die lautere 
Wahrheit mitgeteilt : 

tavo) psyas ZsoSj, diu y' dv i^udoDi y.opd), Trach. 399. 
lautet die prahlerische, aber nicht aufrichtige Antwort. 

Oidipus klagt über sein Schicksal und beteuert seine Unschuld : 
Tjvejy.ov y.axövar' , u) ^ivot, fjvsyy.ov . . . p.iv, dsbs'c<r~(Oj^ roo~cov d' abdai- 
psTOv oödiv. Oid. Kol. 521 f. 

Wie Ant. 184 f., schwört Kreon noch einmal : 

dXÄ' siTVsp tayßi Zshs IV iS ipoö aißas, ■* 

£0 ~oör' ixiazaa , öpxios ds aot Xtfo). 

ei prj ibv abzb^^etpa zobos. zoö zdwoo 

eupovzes ix<pav£~~' ig öcpdaXpohs ipoös, 

obx oplv "Acd'/]5 pobvos dpyJcrsc, Tzplv dv 

Cdivzss xpspacrzol z'rjvds d7]Xcbcr/]d' oßpcv. ib. 304 ff. 

Wie Kreon, schwört zweimal auch Neoptolemos : 

d'Tzdjpoa d'fvbv Z-qvbS u^iazou aißaQ. Phil. 1289. 
Zrjva d' bpy.tov y.aXM. ib. 1324. 
Der Jüngling hat offensichtlich Mühe, dem einmal betrogenen 
Philoktet seine Aufrichtigkeit zu beteuern. 

Herakles, der Sohn des Zeus und der Alkmene, verlangt von 
Hyllos, dem er nicht traut, einen Eid : 

öpvo Aibs vöv ZOO pe (püravzos xdpa. Trach. 1185 
Hyllos : öpvup ix<i)~fe, Zrjv" s'^ojv i-cüpozov. ib. 1188. 

In den « Spürhunden » schwört der Chor : val nä äia (Vers 112) 
u. ob pd Ata. (V. 331). 

Wir werden auf die hier vereinzelten Formeln zurückkommen. ^ 



Beschwörungsformeln bei Zeus : 

Philoktet bittet den Neoptolemos, er möge ihn von der Insel weg 
mit sich nehmen : 

vebaov, Ttpbs abzob Ztjvos Ixsaio'j, zsxvov, TtscaOvjzc. Phil. 484 f. 
Der gleiche fleht den Chor an, er möge bei ihm bleiben : 
pij, Ttpbs dpacou Albs, iX^djjs, cxezeücu. ib. 1181. 



— 20 — 

Deianeira beschwört den Lichas, sie nicht anzulügen : 

[i7j, Tzpöi as 701) y.av äpy.ov Ocracov voltvos 

Albs yaraarpaTtTOvros , i'/.-As^TjS Xoyov. Trach. 436 f. 
« Um Zeus willen, der auf den Höhen des Oita den Donner roller 
läßt )) . 

Tekmessa, in Angst, zu Aias : Gib mich nicht dem Gespött deine; 
Feinde preis, verlaß mich nicht : 

y.cü a ävztdZcü -Tzpöz z icpsarioo dobs 

S'jvTjs TS zTJs (TYJs, fj auvqA/Äyß-q^ lu.oi, 

trq p äzubarß xzX. Ai. 492 ff. 

Tekmessa spricht, als basovins des Helden. 

Der Zeus der Sophoklei sehen Epiklesen ist der allmächtige (O. T 
738), allwissende (TzdvO' bpmv), große {as-fas) Gott, der Retter in allei 
Not. Auf die Schrecken, die von ihm ausgehen, ist hingewiesen ir 
den Beiwörtern dpcüos, bpy.oos. Deutlich klingt seine menschenfreund 
liehe, segnende Güte durch. Der Gott ist nicht nur der Schutz de] 
Hilfesuchenden, wir fühlen einen Hauch inniger, zu Herzen gehendei 
Frömmigkeit gegen den Zeus des heimatlichen Herdes. So oft kommi 
in den Rufen zum Vater der Götter und Menschen der Begriff asßsadcu 
zur Geltung : ehrfürchtige Scheu vor dem Heiligen muß Sophokles 
vertraut sein. 

Alle Götter, Götter gruppen. 

Oidipus will den Tag nicht sehen, wo er nach Korinth kommer 
könnte, um seinen vermeintlichen Vater zu töten und seine vermeint- 
liche Mutter zu heiraten : 

piTj oYJza, pi] oYJz', uj üscov d:fvbv asßas, 

loocpo zauz-qv qp.ipav ::zX. O. T. 830 f. Vgl. ob. Trach. 303 f. 

Philoktet, in seinen Schmerzen : 

o'j oJf -T^'^T 1 ^'■^^^' ^'-P'^ xouwcCeov doy.n>, w deoi Phil. 735 f. 
Neoptolemos ist im Besitz des Bogens und wünscht sich glückliche 
Fahrt — nach Troia : 

u) (ho!, jivoczo za~jza vwv. ib. 779. 
Chrysothemis klagt vor Elektra und dem Chor über das Unglück 
ihres Hauses : 

w llsoi Tzarpojoi. (T'rf'csv;.ads y' d?da. vhv. El. 411. 
Antigene, die in den Tod geführt werden soll : 

(h 'CVjS dqßrjS dcrzo ■zu-pwov 

y.al Oso: Tzpoysvscs, 

d.yopca or] y.oby.kzi pkX/M). Ant. 937 ff. 
Oidipus weissagt, dem Lande werde aus seinem Tod Segen er- 
wachsen : 

y.o'jTzoz' Oidi'Tzoöv ipsls 

dxps2ov olyqzrjoa oi^aaOao tÖ-jzcov 

zo}V ivdd.d\ ecTVsp p:Q dsoc ■^s'jorooac ps.^ O. K. 626 ff. 

Odysseus protestiert im Namen der Atreiden und des Heeres, daß 
Neoptolemos an Philoktet den Bogen zurückgebe : 



— 21 — 

i'fü) o' drcavod) y', üj dsol Suviazopes, 

UTzip r' "Arpstdojv roo re aöuTzavvos arpo~oi). Phil. 1293 f. 
Herakles will, daß sein Sohn Hyllos, wenn auch ungern, die lole 
zur Gattin nimmt : 

Hyll. Tzpdaasiv äifcoyas obv ps Tiuvor/.ojs Tads ; 
Her. l'fLojs.- rooriuv pdorupas '/.cOm dsoüc,. Trach. 1247 f. 
Sehr häufig (34mal) ist die Beschwörungsformel Tzpbs ßscov 
(seltener oj tz. decbv : Ai. 371, O. T. 646, 1037). 

Odysseus, in Angst und Schrecken zu Athena, wie sie den rasenden 
Aias aus dem Innern des Hauses rufen will : 

p'/j Tzpös deojv, öJJ.' ivdov rlpxscrco psvwv. Ai. 76. 
Tekmessa, in ergreifender Seelenangst, zu Aias : 

Tzpöi ßs(7jv, pa?Ä(Taoo. ib. 594- 
Teukros klagt beim Leichnam des Bruders : 

rrzi'ilaadc. Tcpbs dsdjv, v'rjv 'üyjqv duocv ßpozolv. ib. 1028. 
« Sehet, um Gottes willen, das Schicksal dieser beiden Helden, des 
Aias und des Hektor; » 

Agamemnon will die Leiche des Aias nicht freigeben. Odysseus 
dringt in ihn : rbv ävdpa vövds Ttpbs Oscov prj z/Jß ädccTZzov cSd' dvayXrjvcos 
ßcdsli^. ib. 1332 f. 

Der Chor der Greise bittet den Seher Teiresias, sein folgenschwe- 
res Geheimnis zu offenbaren : pi] Tzpbs Oswv (fpovcov j' dTioarpaici^'i, 
i-sc Tüdvzss OS Tzpoayjjvöbpev oc8' r/.rrjpioi. Oid. Tyr. 326 f. 

Oidipus zu Kreon : « Hab' ich durch Feigheit oder Blödigkeit dich 
zu solch verwegenen Entschlüssen gebracht ? » 

ipsp' s'cxh Tzp. ß.. dstPJav rj pxopiav j iocöv zzX. ib. 536 f- 
Der geblendete König : ob o-q y.Xbco tzoo -zp. ß . zolv p.oi 0'dotv 
ouy.puppooovzoiv ; ib. 1471 f. 

Noch dreimal finden wir 'xpb'- ß-mi^ im Mund des Oidipus, ib. 1009, 
1410 f., 1432. lokaste braucht zweimal die Beschwörungsformel, 
ib. 698, 1060, ebenso der alte Diener Phorbas dem König gegenüber, 
ib. 1153, 1165. Auf den Chor, Chrysothemis und Elektra verteilen 
sich die Stellen mit tz. ßerhv in El. 369, 469, 889, 1191, 1206, 1484, auf 
Deianeira und Lichas in Trach. 242, 429. Oft begegnen wir dem Aus- 
druck im « Philoktet », nämlich Vs. 433, 747, 770, 967, 1163, 1185, 
1235, 1300, 1301. Philoktet selber führt die Worte sechsmal. Vgl. 
ferner Tzpn^ ß. O. K. 49, 275, 1407. 

Wie die Übersicht zeigt, ist Tzpbc, ßscov. in aller Mund, begleitet 
aber immer hedetitsame Momente seelischer Erregtlng. 

Sonderfälle von Beschwörungsformeln im Namen der Götter sind : 
Kreon will den Oidipus bewegen, in sein Vaterland zurückzukehren: 
TToos ßs(7)v izazpojwv, Oidcizooi, Tzsiaßeh ipoi 
xpb'd^ov, ßs?ajaa<^ dazu xac döpoos polslv 
zaus cfohs, '^zazpwous '/-zL 0. K. 756 f. 

Polyneikes fleht seinen Vater an : 

7r,oös J-üi/ (78 '/.p-qvd)v /.. ßscov bpoyvuov alzcb. ib. 1333 f. 
Antigone, im Angesicht des Todes, ruft ihren Landsleuten zu : 
zt ps, Tüpbi ßscov TZnzpcjüwv, ob'/, oliopkvav bßpt'Csis, ; Ant. 838 f. 



— 22 — 

Chrysothemis bittet ihre Schwester, sich nicht unbesonnen ins 
Verderben zu stürzen : 

Tzpöi vuv Öswv OB )daTop.ai rwv kfyevojv. El. 428. 

Tekmessa zu Aias : y.ai ae Tzpbs vob ^o~j rsxvou y.al dscöv hvobuai^ pLi^ 
rpuoobs 'jfJ-äi Yivrj. ., . 

Die Antwort des Helden : ... od y.drotaß' syw d&oli ojs, oödsv dpzscv 
el'u dcpet?JT7]i izo ; Ai. 587 f. 

Philoktet, der sich um sein höchstes Gut betrogen sieht : 
aTVÖdos, cxvobpai <t'j ä'yZÖSoi, r/.ereüw, -sxvov 
Tzpbi dediv Tzarpüküv, röv ßiov ßs pti] d.wiXrß. Phil. 932. f. 

Der Anruf der « Götter » ist im Empfinden des Griechen allgemein 
begründet : er fürchtet, durch Namensetzung einen einzelnen Gott zu 
verletzen. ^ 

Das Epitheton 7zazpaO(. {kxjsvel<^, biiöjvioi), das Sophokles so oft 
an Qioi anschließt, kennzeichnet Ahnengötter einer Familie, eines 
Geschlechtes oder Staates. ^ Was im Schöße der Familie an reli- 
giösem Empfinden lebt, hat seinen Brennpunkt in der Andacht 
zu den Qeol rairpajoi. Diese Götter wachen sorglich über die Erhaltung 
der Gemeinde, die ihnen geweiht ist.^^ Darum die Klage der Chryso- 
themis, El. 411. Die Erinnerung an die Ahnengötter muß in den 
Sprossen eines Hauses Gefühle herzlicher Frömmigkeit und Familien- 
sinnes wecken. ^^ Das ist die Bedeutung ihres Anrufes El. 428, O. K. 
1333 f. Für Chrysothemis und Polyneikes waren die Q. tz. die Schutz- 
götter der Tantali den und Labdakiden, besonders ihr Ahnherr Zeus.^^ 
In einem weiteren Sinn umschließt der Begriff d. TiU-pwoi die Götter 
der Heimat. Um ihretwillen bittet Kreon den Oidipus, in die dbuoi 
'zn-pwoi zurückzukehren. 

An sie denkt Antigene in einem Moment, wo die Liebe zu Theben, 
zu Familie und Heimat mächtig in ihr aufflammen mußte, vgl. 
O. K. 755 f., Ant. 838 f., 937 f. Ein feiner Zug des Dichters wird hier 
kenntlich : sein menschliches Fühlen bricht hervor. In Phil. 933 liegt 
schließlich im Ausdruck r^pbi 0s3v TtaTpwcuv keine andere Beziehung 
zum Kontext, als daß er selbständig alles Liebe und Heilige in sich 
begreift, was einen Menschen des Sophokles in einem Augenblick 
solcher Spannung bewegen konnte. 



Athena. 

Herakles in seinen Qualen : 

d) IJaAMs, IJcd/As, rödi p ah Acoßäva:. Trach. 1031. 
« Wie schmachvoll lastet die Krankheit auf mir ! » 

Der Ruf zu Athena ist in der persönlichen Beziehung des Helden 
zur Göttin begründet. Er hebt künstlerisch wirksam hervor, wie 
drückend und beschämend Herakles seine Lage empfindet. Für deii 
Helden knüpft sich an den Namen « Pallas »^^ die Erinnerung an 
glänzende Taten, an Ehre und Ruhm : Größeres als er hat kein Mensch 
getan. Umsomehr muß er jetzt unter seinem Elend seelisch leiden. 



— 23 — 

Apollon. 

Der Hiereus verkündet dem König, daß Kreon nahe : er kommt 
von Delphi und bringt das Wort des delphischen Gottes : 
Oidipus : ihva^" AtcoXXov, sc yäp -.v roiri jk vw 

fTcoz^pc ßacYj Xajj.7tpös &(ntsp optpazc. O. T. 80 f. ^^ 

« Erschiene doch mit ihm (mit Kreon) das Glück so hilfreich, wie 
heiter uns sein Blick entgegenstrahlt !>; 

Oidipus verkündet, daß [nach der Weissagung des Apoll am Ort, 
wo er begraben, die Thebaner eine Niederlage erleiden werden. 

"v' ouuöi sudcov xal y.expupuivos vixos 
'^o/pös TTor' aÖTüjv dsppöv alua tüstuc, 
ei Zehs irc Zehs X^ -^^^s (?o?/3os aaifrqs, O. K. 621 f. 
In beiden Epiklesen ist Apoll angerufen um seiner Orakel willen. 
Immer wieder greift bei Sophokles aus dunklem Hintergrund der 
Götterwille in das irdische Leben und Weben der Menschen ein. ^^ 



Artemis. 

Elektra hat ihrer Mutter freimütig das große Verbrechen vorge- 
halten. Klytaimnestra, zornig : 

dylx' ob pä VTjv dsa7Z0i,vav"A prepiv dpdaoüs 
TOüd' oöz äXo^eis '/.zX. El. 626 f. 

« Du sollst mir nicht der Strafe deiner Keckheit entgehen, sobald 
nur Aigisthos zurückkehrt. » 

Elektra hat ihren Bruder wieder gefunden. Sie kann ihre Freude 
nicht meistern. Orestes mahnt zum Schweigen : 

oiXd.v äpetvov, prj vts ivoodev xXuTj. 
Elektra : äXd' ob rav '"Apr&piv 

zäv aciv ädpijzav xzX. ib. 1238 f. 
« Bei der ewig jungfräulichen Artemis, nimmermehr halte ich es 
für würdig, davor noch zu beben usw. » 

Als uralte Schwurgöttin der Griechen ist uns Artemis auch sonst 
bekannt. ^^ Nicht nur die Frauen nannten sie in ihren Eiden, der 
Jüngling schwur bei ihr dem Vaterlande Treue, ehe er in den Krieg 
zog. Bei Sophokles sind es Frauen, die bei Artemis schwören, und ihr 
Schwur hat einen wilden, drohenden Unterton. Die Göttin ist Hort 
des Freuenlebens, der Mutter eine treue Helferin bei der Erziehung 
der aufwachsenden Jugend, darum rufen beide zu ihr : Klytaimnestra 
und ihre Tochter. 

Nach griechischer Auffassung ist Artemis, in ihrer blitzenden 
Schönheit, furchtbar, wenn sie zürnt, seltsam unheimlich, gewalt- 
tätig. In ihrer unberührten Jungfräulichkeit bewahrt sie etwas 
Herbes, Unnahbares." Es ist bemerkenswert, wie der Chor des «Aias», 
da er fragt, wer im Helden den Wahnsinn erregt, zuerst an Artemis 
denkt. (Aias 172 ff.) i^ 



— 24 



Helios. 



Der Chor legt beim heftig erzürnten Oidipus für Kreon Fürbitte 
ein : « Beschuldige deinen Freund nicht grundlos, entehre ihn nicht. » 
Oid. : « Das von mir verlangen, heißt meinen eigenen Tod oder meine 
Verbannung wollen. » 

Chor : oö rbv Ttdvrwv Oicov dsbv rcpöaov 

"A?xov sTzsl ädsos... oXoi iiav y~h O. T. 660 f. 

Helios, der alles sieht und alles hört, ^^ ist einer der ältesten 
Schwurgötter. ^ Im Homerischen Hymnos auf Hermes (v. 381) wird 
er neben oc«',uoy ss alXoi als Bürge der Wahrheit angerufen. Aga- 
memnon schwört bei Zeus, Ge, Helios und den Erinnyen, IL T. 257 ff. 
Der Sonnengott, « dessen Licht in alle Falten des Herzens sieht »,21 ist 
der gegebene Zeuge alles menschlichen Geschehens. Sophokles nennt 
Helios : rov izdvrcov Osojv Osbv npöixov. Schneidewin meint : n'xpöp.os 
heißt er wohl als am Himmel auf- und niedersteigender Tipdfiaxos 
ifü'Aa^ der Götter ». Die Erklärung ist fade. Wir werden richtiger das 
Epitheton O.T. 660 mit Soph. fragm. 1017, (wo) Helios (heißt) : 
jsvvqTris (Iscüv y.ai Tzar-qp Ttdvvcov, verbinden. Vermutlich klingt hier 
die Idee durch : Helios, die Ge befruchtend, (Sonne-Erde) ist Prinzip 
alles Lebens. 22 

Vgl. über Ge : Ant. 338 : dscov rs väv önzp-dTav, Fäv. 

Phil. 391 : Fd, fjtdssp abrou Aibs. 



Themis. 

Chor der Thebaner : dÄ?, oö rdv Jcbs dazpaTzdv 

y.ac vdv oupavlav dspiv, 
oapbv o'jy. d-Kovriroi. El. 1063 f. 
i. 

« Beim Blitzstrahl des Zeus und bei der himmlischen Themis, die 

Undankbaren bleiben nicht lange ungestraft. » 

Themis ^^ ist eine alte Erdgöttin, dann ethisch umgedeutet der 
« gute Rat )) im Himmel und auf Erden als Ausdruck der ewigen 
Ordnung der Dinge, oder dann als Kundgebung des göttlichen Willens 
an die Sterblichen. Qipi<i ist Inbegriff der Gesetze, die das Verhältnis 
der Menschen zur Gottheit ordnen. Es ist Qsp.i<-., daß der Mensch 
erst das Seinige tut und dann die Götter um ihren Segen bittet. 
(X. Kyr. I, 6, 6) öi/^is ist, was den Menschen an den heiligen geschwo- 
renen Eid bindet. 

An unserer SophoklessteUe ist Themis gedacht als Rächerin des 
Undankes der Kinder gegen ihre Eltern. Das ergibt der Zusammen- 
hang. Wie hier neben Zeus (der Blitz steht als Symbol des Zeus 
opy.io<^ kommt Themis als Schwurgöttin neben Zeus und Apoll 
vor, Piaton, Nom. 936 e. 



— 25 — 

Dike. 

Oidipus zu Polyneikes : 

TOlfäp rö nbv dd-/.7]na xac vohs oohs dpovoos 
xpavooabv. ecrrep iar'cv -q Ttakdwaros 

jr/:q ^övsdpos Zrjvös äp^aiOLS, vöpoiS- 0. K. 1380 f. 

« Du bist den Flüchen überantwortet, so wahr die altehrwürdige 
Dike bei den ewigen Gesetzen des Zeus waltet. » 

Die Dike des Sophokles 2* wacht über die Gesetze des Zeus. Sie 
ist unerbittlich, unentwegt, ein Fels, an dem das Unrecht zerbricht. 
Im O. K. flucht der Vater seinem Sohn : er läßt Dike walten. 

Daimon. 

Oidipus, geblendet, in Verzweiflung : 

(dal n.cfu, duaravos ^T(^> 

7lo2 'fäs (sepopca vÄdpwv ; Ttd pot 

cpdojyä diaTtsTarao (popddrjv ; 

Icü dacpov, fV ic7J?J,ou. O. T. 1307 f. 

Herakles seufzt : 

(L Tzac, Tzoh rror' s? ; 

rads ps raos ps TzpöaAaßs xo'jcfcaas- 

acai, ich ocußov. Trach. 1023 f. 

Philoktet hat den Chor fortgeschickt und ruft ihn wieder unter 
Jammern und Androhung von Flüchen zurück : 
pscvazs, Tzpös dsojv... 
acac alal, oatpcov, dacucov. Phil. 1185 f. 

In den Tragödien des Sophokles, der « den großen herrschenden... 
Gottheiten seiner Stadt hingegeben » ^^ ist, tritt das dunkle Wirken 
des Daimons, anders als bei Aischylos, zurück. Hingegen erinnern 
die angeführten Epiklesen in ihrer Verwendung an Aisch. Pers. 845 

Olymp OS. 

Kreon zu Haimon : ou r6v8''"0XDp7zov, lad' ort y-X. Ant. 758 f. 

« Es soll dir nicht zur Freude gereichen, durch Tadelreden mich 
zu verspotten. » 

Der Chor in einem Lied : stTzsp... ob rbv"OXop-xov... O. T. 1086 ff. 

« Wenn ich wirklich in die Zukunft schaue, und mich der Sinn 
nicht trügt, werden wir dich sicher, beim Olympos, o Kithairon, 
sobald der Morgen tagt, als Nährer und Vater des Oidipus verehren. » 

Der Schluß : da man beim Olympos schwört, muß er einst ein 
Gott gewesen sein, ^^ scheint mir nicht zwingend. Der Olympos ist, 
den Anschauungen schon des fünften Jahrhunderts entsprechend, 
der « Himmel » oder, da es sich wohl um eine altüberlieferte Schwur- 
formel handelt, der « Götterberg », 2' als Ort, wo die Götter wohnen. 



— 26 — 

Bei einem andern der alten Völker war der Eid beim Sitz ihres 
Gottes, beim Himmel, ebenfalls geläufig. (Matth. 23, 22.) 

Sophokles verwendet häufig Anrufe, Schwüre und Beschwörungs- 
formeln, in denen neben Göttern oder an ihrer Statt Namen von 
Personen und Dingen genannt sind, die nicht in den Bereich des Gött- 
lichen gehören, die aber ein Licht werfen auf den Sinn der Götter- 
epiklesen. 

So heißt es 0. K. 250 f. : 

Tzpbs (J ort aoi iplXov ix asdsv ävTouac, 

Antigene sagt die Verse zum Chor der Koloner. 

Hier stehen die Begriffe « Kind, Gattin, Teurer Besitz » gleich- 
wertig neben dens : alles, was aufgezählt wird, gilt als ein iplXov, 
nichts weist etwa auf eine Steigerung des Ausdrucks gegen den 
Schluß hin. Im Gedankenkreis der Sprechenden ist die Gottheit ein 
« Gut », das aber so lebendige Wertschätzung erfährt wie ein eigenes 
Kind oder die eigene Gattin. 

Ohne Zweifel hat anderwärts manches, was in ähnlichen Epiklesen 
angerufen ist, eine besondere göttliche Weihe, gilt als etwas Göttliches. 
An das ist zu denken, wenn Antigene in ihrer Klage an die deol 
TzpoYSvslc, das heilige Theben anschließt : 
uj 'CVjS d/jßqs, äaz'j KCl-pwov 
y.ac dzoc TzpoYsvsls- Ant. 937 f., 

oder Polyneikes seinen Vater bei den « Heiligen Quellen » beschwört, 
O. K. 1333, oder Chrysothemis schwört p.ä zrjn Tzarpwav kariav,'El. 881, 
oder Oidipus bittet Ttpbi qevcas... ras aas. O. K. 514 f. 

In den beiden letzten Beispielen kann sowohl der Herd als auch 
die Gastfreundschaft als etwas Sakrales gelten, die Epiklese also 
religiös gedeutet werden. 

Anders ist aber sicher zu urteilen an der Stelle Phil. 468 ff. : 
Tzpös ^öv (j£ 'Kavpbs "pos re ß'qzpbs, cS Th.vov, 
Tipbs r' sc Tc aoo xct'-' olxbv iarc TrpoacpüJs 
cyJ-y]5 cxvou/uao xvX. 
Hier äußert sich allerdings ein tiefes, aber rein menschliches 
Empfinden : Liebe zu Vater und Mutter, zum eigenen Heim soll den, 
der angegangen wird, zum Nachgeben bewegen. 

Ähnliches ist zu sagen von der Beschwörungsformel : 
{Ttpbs) sövy^s TS arjij, fj anvqXXAjßrß ipoi Ai. 493, u. 
Tzpbs Tob ao~) rsxvoo. ib. 587. 
Diese Offenbarungen des seelischen Empfindens , des Seelenlebens, 
im besondern der Liebe sind für Sophokles geradezu charakteristisch.^^ 



Wie bei Aischylos, suchen wir nun auch bei Sophokles die Götter- 
anrufungen auf ihren tieferen religiösen Gehalt zu prüfen. Sind die 
aufgezählten Epiklesen vom Gedanken an die Gottheit erfüllt ? 



— 27 — 

Allgemein ist die Frömmigkeit des Sophokles fast sprichwörtlich. 
In seiner freundlichen, beherrschten Art, mit klarem Geist steht der 
große Dichter der höheren, alles ordnenden Gewalt der Götter gegen- 
über. Er beugt sich gern vor ihrem unentfliehbaren, alles umspannen- 
den Willen und strebt nicht ihre Wege zu erforschen. ^^ Der Satz : 
wödkv TOüTcüv OTO ß7] Zeös, Trach. 1278, « Nichts ist geschehen, was 
gegen den Willen des Zeus wäre », löst befriedigend alle Probleme, 
auch entgegen dem Urteil menschlichen Denkens und Empfindens. ^^ 

Den Helden des Sophokles liegt als Hauptpflicht ob eüasßelv 
zä Ttpös deo'Ji, Phil. 1441. Die Frömmigkeit geht mit dem Menschen, 
wenn er stirbt, ib. 1443 f. Vgl. Ant. 72. 

In welchem Sinn gebraucht nun der « fromme » Sophokles Götter- 
epiklesen ? 

Es ergibt sich zunächst eine gewisse Gleichmäßigkeit in der Weise, 
wie der Ausdruck w Zsb in kleine, typische Fragesätze eingeflochten 
ist ; CO Z£ü, VC rubra ; — tzoI jas, t^ym,^^ — vi dpdaa), — vi Xicco, — tüoc 

Das deutet hin wenigstens auf eine Neigung zu schablonenhafter 
Verwendung des Zeusrufes. An mehr als einer Stelle entspricht Jj Zed 
einem Angstschrei : öoocl), tccos (pij< ; cual, (psu ipsb^ S. O. K. 220 f., 530 f., 
1748, El. 766 (vgl. 764). Das gleiche gilt dann besonders von der 
Epiklese da2uov, O. T. 1307 f. Trach. 1023 f. Phil. ii86f. llcOdäs HaUds, 
Trach. 103 1 geht in seiner emphatischen Wiederholung parallel 
zum Aischyleischen "AtüoUojv^ "AtzoUojv, Ag. 1073, 1080. 

Das -xpbs ds(ov ist auffallend oft gebraucht. Man ist versucht, 
ihm das Prädikat « abgegriffen » zu geben. Auf jeden Fall tritt die 
ursprüngliche Funktion der Beschwörungsformel zurück, z. B. Ai. 
1028, wo Ttp. ds(7)v nicht das aze-laade betont, sondern ähnlich wie 
unser « Um Gottes willen ! « der inneren Erregung Ausdruck gibt. 
InO. T. 1472 weiß der blinde König, daß er seine Töchter weinen 
hört. Er will nicht etwa Antwort auf seine Frage : Ttpös Oscov ist ein 
Klageruf ähnlich wie in Ant. 838. Und doch bleibt der Formel ein 
lebendiger religiöser Gehalt : das ergibt die Stelle Ai. 587 f. Aias, von 
Tekmessa mit Tzpbs rob aob rszvoo xac Os&v angefleht, weigert sich 
ausdrücklich, in seinen Entschließungen auf die Götter Rücksicht 
zu nehmen, weil er diesen nichts schulde. Offenbar har er Tzpbs, Öscov 
seinem tieferen Sinn nach verstanden. 

Zur Wertung der Sophokleischen Schwüre ist folgendes zu beach- 
ten : mehr noch als bei Aischylos macht sich beim zweiten der drei 
großen Tragiker eine entschiedene Ablehnung des Eides geltend. ^^ 
Die Athener sind stolz auf ihr Manneswort : « Frommen Sinn und 
billig Denken und Abscheu vor der Lüge {4^s'jdo(jvop.slv) fand ich 
nur bei euch », rühmt König Oidipus den Leuten nach, die ihn gastlich 
aufnehmen. O. K. 1125 f. Zu Theseus, diesem idealen Urtyp des 
Atheners, sagt der gleiche : a Ich will mich deiner nicht, wie wenn 
du ein schlechter Mensch wärest, mittels eines Eides versichern», 
ib. 650. Philoktet verschmäht ausdrücklich den Schwur und will, 
daß ihm Neoptolemos sein Versprechen durch Handschlag bekräftige, 
Phil. 811 f. Einen Augenblick sind wir sogar versucht, attische Treue 



— 28 — ^ 

und Wahrhaftigkeit, wie sie im Altertum z. T. sprichwörthch war, ^s 
in der treuherzigen Art des Neoptolemos anzuerkennen. Der JüngHng 
weist zuerst das Ansinnen des Odysseus, sich mit List der Waffen 
des Philoktet zu bemächtigen, entrüstet ab : zi obv u avwjas äUo 
-xItjV '^sDÖrj U-fuv : ib. loo. Allerdings läßt sich dann Neoptolemos 
überzeugen, daß Lügen kein alaxpöv sei (ib. io8) und daß es naiv 
wäre {y.abrbs wt vios rzori, ib. 96 ff.), nicht zu lügen, wo es Vorteil 
bringt. Das wirft ein schiefes Licht auf die Wahrhaftigkeit der Grie- 
chen. Trotzdem beschränkt Sophokles den Eid auf den y.ay.6r und sieht 
in ihm ein bedeutendes moralisch-religiöses Bindungsmittel minder- 
wertigen Charakteren gegenüber. Über den Eidesbruch klagt der 
Dichter Ant. 36g f. 

Aus der Stellung des Sophokles zum Eidwesen erklären sich 
nun seine Schwüre und Schwurformeln. In seinen Tragödien schwört 
vor allem Kreon (s. außer iVnt. 184 f., 304 f. auch O. T. 644 ff., wo 
er schwört, ohne einen Götternamen zu nennen). Der Mann ist dadurch 
in seiner moralischen Qualität a.ls unzuverlässig gekennzeichnet. Hyllos 
muß schwören, weil ihm sein Vater nicht traut, sich mit einem Hand- 
schlag ausdrücklich nicht zufrieden gibt. Trach. 1182, 1185, 1188. 

Neoptolemos muß im Eid Hilfe suchen, nachdem er durch Eid 
Betrug sein Vertrauen eingebüßt hat. Lichas, der Trach. 399 einen Eid 
ablegt, verdient offenbar nicht, daß man sich mit seinem Mannes- 
wort abfindet. Dem Chor in O. T. 660 f. traut der Dichter nicht das 
stolze Bewußtsein der eigenen Zuverlässigkeit zu, die große Menge 
läßt er schwören. 

In den eben angeführten Beispielen ist der Schwur bestimmten 
Menschen mit Übeidegung zugewiesen. Es ist somit von vornherein 
klar, daß es sich hier nicht um leere emphatische Beteuerungen 
handelt. Der Chor der Thebaner (O. T. 660 f.) ruft wirklich den Helios 
zum Zeugen seiner Wahrhaftigkeit auf. Ähnlich schwören Kreon, 
Hyllos, Neoptolemos. Sicher will auch Lichas, daß sein l'arw 
fisjas Zeoq, (Trach. 399) als Eid gelte. 

Neben diesen Epiklesen haben die Schwüre des Oidipus (O. K. 
521 f., 621 f., 626 f., 1380 f.) ähnlich wie die des Chores (O. T. 660 f.) 
einen eigenen Sinn : sie sind nicht Beteuerungen der eigenen Wahr- 
haftigkeit, sondern fromme, glaubensvolle Benifung auf einen gött- 
lichen Ausspruch oder eine göttliche Anordnung. 

Der Kennzeichmmg des Affektes, so daß der Gedanke des Schwö- 
rens im eigentlichen Sinn ähnlich wie Aisch. Ag. 1431 f. (s. oben) 
zurücktritt, dienen die noch übrigen Schwurformeln : das jj.d vrjv und 
oö -a.v "Aprsfjxv charakterisiert die zornige Frau ; oö röv "C}?.Ufj.7rov 
bringt am einen Ort (Ant. 758 f.) heftigen Zorn, am andern (0. T. 
1086 ff.) jubelnde Freude zum Ausdruck. Exponent des feierlichen 
Pathos ist der Schwur bei Zeus und Thetis (El. 1063 f.). Vgl. weiter 
die Schwüre des Herakles (Trach. 1248) und des Odysseus (Phil. 
1293 f.). 

Für die Bewertung des inneren Gehaltes der Sophokleischen 
Anrufe, Beteuerungs- und Beschwörungsformeln wird im ganzen 
folgendes gelten : Wenn der religiöse Grundgedanke selbst der 



— 29 — 

häufigsten Epiklese {^tpos dzojv) noch nicht verblaßt ist, so werden wir 
um so eher selteneren Invokationen inneren Wert zuerkennen, sicher 
dort vor allem, wo der Gott, der angerufen ist, zum einzelnen Text 
direkten Beztig hat, wie in den angeführten Beispielen Zsbs älzzrjrwp, 
rpoTvacds, öpxtos, ty-imos, apalos, ^wkaztos, die dzol TzazpüJoc Athena, 
ApoUon, Themis und Dike. 

Daß die Epiklesen im allgemeinen tieferer Bedeutung nicht ent- 
behren, erhellt auch aus der bereits festgestellten Beobachtung, daß 
der Dichter in ihnen oft neben die Götter oder an ihrer Statt Werte 
einsetzt, die für sein lebendiges persönliches Empfinden von Bedeu- 
tung sind. 

Wenn wir den von Mitleid erfüllten, gottesfürchtigen Chor im 
Oid. KoL, Oidipus selber, den leidenden Herakles, den gutmütigen 
Philoktet, den etwas weichen Neoptolemos und Tekmessa, die Frau 
mit ihren leidenschaftlichen Klagen, nebeneinanderstellen, so haben 
wir aus allen Tragödien des Sophokles die Personen genannt, die am 
meisten Götteranrufungen im Munde führen und diesen dadurch un- 
bedingt eine schmerzlich weiche, klagende Note verleihen. Aias macht 
von den «frommen Redensarten» keinen Gebrauch, obwohl auch er 
z. B. stöhnt und jammert ulj, alal akü Ai. 333, 336, 385, 370. Der 
Telamonier verwirft die Götteranrufungen ausdrücklich : sie sind 
seinem trotzigen, unfrommen Gemüt zuwider. 

Es ist eine eigene Geistigkeit, die sich in den Tragödien des So- 
phokles offenbart : der Mensch scheut sich nicht, oft « heilige Namen » 
auszusprechen. Andere Völker haben anders empfunden ; wohl auch 
einmal die Griechen. ^^ .Wenigstens sagt Sophokles selber von den 
Eumeniden, den uralten Göttinnen : « Wir zittern, ihre Namen zu 
nennen, wir gehen an ihnen vorbei, ohne aufzuschauen, ohne ein 
Wort auszusprechen, nur schweigend beten wir, still, in Gedanken. » 
0. K. 129 f. 

3. EURIPIDES. 

Die Werke des Dichters (wir fügen jeweils den einzelnen Stücken 
die Verszahl und die Zahl der Epiklesen bei) : Alkestis (1163 : 6), 
Medea (1419 : 12), Hippolytos (1466 : 15), Andromache (1288 : 4), 
Herakleiden (1055 : 2), Hekabe (1295 : 4), Hiketiden (1234 : 2), 
Ion (1622 : 6), Herakles (1428 : 4), Troerinnen (1332 : 3), Elektra 
(1359 : 8), Helena (1692 : 6), Iphigenie Taur. (1499 • 8), Phoinike- 
rinnen (1766 : 11), Orestes (1693 : 9), Kyklop (709 : 10), Bakchen 
(1392: ig), Iphigenie Aul. (1629: 5), der unechte Rhesos (996: i). ^ 

So ergeben sich für Euripides 116 Epiklesen, in denen zu folgenden 
Gottheiten gerufen wird : 

I. Zeus mit seinem Götterkreis, 

II. Erde und Licht, 

III. Schicksalsgottheiten, 

IV. Dike, 

V. Die fremdländische Idaia Mater. ^ 



— 30 — 

I. 

Zeus. 

Direkte Anrufe. Wiederholt wird der Gott aufgefordert, mensch- 
liches Elend zu sehen oder zu hören : 

Zsö, firj XdOoc ae rd)v8' 05 alvcoi xaxcov. Med. 332. 

So Medea, nachdem sie von Kreon den Befehl erhalten, das Land 
zu verlassen. 

lason, dem Medea verwehrt, die ermordeten Kinder zu sehen : 

Zsö, rdd" dxoOscs u)S dTzdaüvöfied". ib. 1405. 
Der sterbende Hippolyt : 
Zsi> Zs'j, rdS' opäs ; 

od' b (TS/mvos ^ s'fco xal dsoasnrojp y~X. Hipp. 1363 f. 
Vgl. Aisch. Ö£o.' -/-svirat, y.yjir eh rö 8iy.aiov cdövres, Hik. yy, ferner 
ib. 175, Eum. 745. 

Amphitryon zögert, dem Herakles zu sagen, was er im Wahnsinn 
getan: w Zsv, -ap^Hpas dp bpa<^ dpovcov rdde ; Herakl. 1127. 
In der Not wendet sich der Mensch fragend an Zeus : 
Der Chor in Angst, ob Alkmene schon gestorben : 

uo Zso, res äv Ttcos Tzöpoi tzö. jivoiz äv xvk. ; Alk. 213 f. 

Kreusa erweist sich aus den Erkennungszeichen als Mutter des 
Ion, der ausruft : 

w Zsb, rf's '^pd^ ixxovr^ycrzl Ttörpoi ; Ion 1422. 

Odysseus, der aus der Höhle des Ungeheuers kommt : 

tu Zsüy Tc Mccü, osj'i/' cdojv dvrpwv eaco y.~X. Kykl. 375 f. 
Vgl. üj Z., zi XsSw ; S. Oid. R. 310. 

Talthybios, ergriffen vom Elend, das Hekabe getroffen : 
cL Zso, TC XJzw ; TzÖTSpd d dvdpojTtous bpdv ; Hek. 488 f. 

Bitte um Hilfe : 

Elektra, wie Orestes und Pylades auf Helena losstürzen, um sie 
zu ermorden : 

w Jtos, w Jios dkvaov xpdros *, 

iX.d' sTzcxoopov ipoloo cpcXoiac TdvviO^. Or. 129g f. 

Der bloße Namensruf des Gottes im Leid und in der Freude : 
Hekabe, der Andromache begegnend : 
H. cüpoi. A. ri Ttaid.v ipbv arsvdCets ,' 

H. acac. A. rdivd' aXfimv. 

H. d) Zsb. A. xal ooampd^ ; Troad. 578 ff. 

Elektra ruft aus : « Käme doch Orest, um mich Ärmste zu retten 
und meinen Vater zu rächen ! » 

OSois Tuyvds Tzbvcov ipo: va psXsa Xuvrjp, 
(ü Zeo Zsü, nazpi d' alpdrcuv... El. 135 ff. 
Adrastos : 

u) Zeo, VC ofjra robi zaXMiTidjpous ßporohs 

(fipovecv Xiyou Jt; aob fäp iBrjpvijpeda 

dpd)psv re roiabd" äv ab zDy/^dvrjS, dsXwv. Hiket. 734 ff. 



— 31 — 

« Zeus, was nennt man weise das unselige Geschlecht der Men- 
schen ? Es hängt von deinem Wink ab, und wir tun, was du willst. » 
Chor, freudig (der Sieg der Athener ist gemeldet) : 

u) Zeo TpoTTücs, vtjv ijLLOt deaoi) cpnßou 

e?,eüdipov 7tdpea~iv l^iiap siaidscv. 
Alkmene fällt ein : 

tu Zsü, 2/>öva» fisv zäfx iTceaxi'^lw y.a'/.d, 

Xdpcv d" öpcos aot ToJv 'Keizpa-fpivaiv i%oi. Herakleid. 867 ff. 
« O Zeus, du hast spät meine Not angesehen ; aber ich sage dir 
iennoch Dank. » Vgl. c5 Zeu rpoTiois. S. Trach. 303. 

Schwüre : 

Die argivischen Frauen zu Iphigenie : 

a)S ex j ifioö aoi Tvdvva acjr]d-^oz-ai, 

lavü) fisyas Zeus, cov iTztaxTJTtTsis ■Tiipc. Iph. Taur. 1076 f. 
« Ich für meinen Teil werde über alles schweigen, v/orum du mich 
gebeten hast. » Vgl. carw /uiyas Zeus, cov y" du y.zX. S. Trach. 399. 

Silenos brüstet sich, wie er einst im Kampf gegen die Giganten 
dem Bakchos beigestanden : zobr idcov övap ?.sxw ; 

ob jj.d de' , ijie: y.al ayjJX idei^a Ba/.iloj. Kykl. 8 f. 
« War das etwa nur ein Traum ? Nein, ich habe ja... » 
Silenos hat sich hinter den Wein gemacht und entschuldigt nun 
seine Dieberei mit der Ausrede, der Wein liebe ihn und habe ihn ge- 
küßt. Der Kylop droht, er werde den alten Schlingel durchprügeln : 
;( Du liebst den Wein, nicht er dich. » 

xXabaei, ipiXcbv vöv olvov ob (fcAohvTd ae . 
S. vai p.a. Jt , iTzei poü ip'qa' ipdv oi/ros xaAoi). 
« Doch, er sagt, er liebe mich, weil ich so schön sei. « 

ib. 554 f- 
Kyklop zu Silenos : ärco^^scs " Sös o'jrws- 
Silenos beharrt auf seinem Standpunkt : 
vac pd Je ob izplv äv ■fs ae 

<jTS(pavov l'doj Xaßövva, jsöaojpcü ri tc. ib. 558 ff. 
Kyklop : « Du verkommener Mundschenk. » wvoioos ddixos- 
Silenos : ob pä J? , dXX wvos yhr/.üs ib. 560. 
Vgl. vai pä Jt ib. 586. 

Die Schwüre im Kykl. erinnern an die entsprechenden in den 
Spürh. des Sophokles : sie sind somit typisch für das Satyrspiel, 
gemahnen an den Gebrauch von vt] {pä) Jta in der Komödie. 
Fremdartig nimmt sich der Schwur Rhes. 816 aus : 

eh vüv TÖd^ i'are, Zehs ößdjiioarai iLarrjp. 
Der Ausdruck Tzarrjp ist nicht im Kontext begründet, er ist all- 
gemein gebräuchlich, vgl. J 235, E 33, e 7. Ar. Ach. 217 to Zv. Tzdrep 
xal deoL 

Beschwörungsformeln : 

Herakles bittet Admet, die verschleierte Alkestis aufzunehmen- 
Admet : pij, Trpös ae roö anelpavzos äwopac Jiös. Alk. 1098. 
Vgl. Soph. Trach. 1185, wo Herakles von seinem Sohn verlangt : 
öpvu y/cös vuv Tod ßs (poaavvos xdpa. 



— 32 — 

Hermione zu ihrem Vetter Orestes : « Führ mich hinweg aus 
diesem Land ! » 

(Vj^ dvro/uac as Jia :mXo~ja' öuoyvcov. Androm. 921. 
Vgl. S. O. K. 1333 ff. Polyneikes zu seinem Vater : Tzpds dsojv ötj.oYvuov 

CUT CO. 

Chrysothemis zu ihrer Schwester : izpbs Oscov iy-jf^vwv. El. 428. 

Wie die jeweiligen Verweise zeigen, erinnern die Euripideischen 
Zeusanrufungen an Sophokles, wenigstens im sprachlichen Ausdruck. 
Aber die alten Formen atmen einen neuen Geist. Skeptische Ge- 
danken knüpfen sich an die Epiklesen Hek. 867 f., Troad. 820 ff. 
Anderwärts spricht der Dichter klar sein Urteil aus über den Zeus 
des Mythos. Er kann es dem Gott nicht verzeihen, daß er sich des 
Ganymedes freut und, unbekümmert um Leid, das Menschenherzen 
bricht, die Heimat seines Lieblings in Trümmer sinken läßt, Troad. 
820 ff. Dramatisch wirksam gellt Herakl. 347 der Schrei gegen Him- 
mel : duaO-js Tis el Osös, e'c diy.acoi oö'/. iipuc,, weil Zeus, der Ehebrecher, 
sich um seinen natürlichen Sohn Herakles nicht kümmert. 

An einer andern Stelle nennt der Dichter das Wesen, das er nicht 
kennt, und das er sucht, das auf stillen Wegen alles Sterbliche mit 
Gerechtigkeit führt : Zeus. Troad. 884 ff. 

Götter. 

Ähnlich wie Zeus werden die Götter interpelliert. 

Anrufe : 

Herakles hebt den Schleier von Alkestis. 
Admet : uj Osoc, ro AsBai ; (pdafjt dsATZcarov zöos " 

fuval'/.a /.z'jaacü rvjv iurjv irTjTÖficos, 

ij y.sproans ixe dso~j zcs t/.TzkqaGEb J(ipd ; Alk. II23 ff. 

Teukros, wie er Helena sieht : 

d) Osoi^ riv' sloov oUtv ; ^yßiaTrjv opdj 
'fovac/.ös si'/M (fövMv /.rX. Hei. 72 ff. 

Menelaos vor Orest : 

(J) Osoc, Tc ?,s6aaco ; Teva osdop'/.a vspripcov ; Orest 385. 

Hilferufe : 

d) ßsoc, ysvocads zaivd' d-izörpoTiOO zay.div 

y.ac ^'jii3aatv ztv' Ocoi'Tzo'j zsxvots oö-s. Phoin. 586 f. 

dj d^oi, 'fiviadco d-j tzot soroiH ysvos 

rö Tav-dAecov y.ac peraarrjzw y.axdjv. Hei. 855 f- 

Beidemal spricht der Chor. 

Bloßer Nmnensruf : 

Menelaos hat dem Boten des Bruders den Brief an Klytaimnestra 
entrissen. Agamemnon, entrüstet : 

d) Osoc, afji dvaKjjpvzou ^pzvöz. Iph. xA.ul. 327. 



-^ 33 — 

Iphigenie will, daß Pylades dem Sohn des Agameinnon die Bot- 
schaft bringe, sie, seine Schwester, lebe noch. Orest ruft aus : 

(L deoi. Iph. TcTobs dsobs ävaxaXsTs iv to2s i,«o?s / Iph. Taur. 780. 
Eteokles wirft seinem Bruder vor : « Du kamst, das Vaterland zu 
zerstören. » Polyneikes : 

ddcxca f , tu öeo;', Et. MoT^vacs, fJ^] ^vddd' dvcv/.dXec dsoös- 

Phoin. 608. 
Hekabe, in ihrer Verzweiflung am Boden liegend : 
(h deoi' zaxohs fisv dvaxaXw robs aunp-dious, 
op.Los d^ §xst n a'pjpLa :ay.Xrjay.uv dsoös. 
orav zis fip-Cüv duazoyTJ Xdßr] vü^rjv. Troad. 469 ff. 
Die Stadt wird angezündet, die Troerinnen werden in Gefangen- 
schaft geschleppt. Hekabe schreit auf : 
cd) dsoL xac Tc robs dsobs xaXo) ; 
xac Tzpcv yd-p oöx ■qxouaav dvaxaXooiJLzvot,. ib. ■ 1280 f. 

Menelaos freudig (er erkennt, wie die Frau, die vor ihm steht, 
der Helena gleicht ) : 

(L dso'r Oeös jap xal rö yijvajaxsiv (p'doos,. Hei. 560. 

Schwur bei Zeus und den Göttern : 

Theseus verherrlicht Athen : 

Zebs de ^ovcffvcop 0I x iv oöpavw dsol 

o1o)v bif -fjji&v areixsT rj^ccüpsvoi. Hik. 1174 f. 

« Zeus und die Götter sollen Zeugen der Wohltaten sein, die Argos 
von der Stadt empfangen hat. » Vgl. cL Oso: ^oviazopss. S. Hik. 1293. 

Beschwörungsformeln : 

Phaidra zu ihrer Amme, die von Hippolytos gesprochen : 

d7Lü)?.sads p-s, pala, xai as. -rphs dsdjv 

Toöd" dvdpbs abOis 'Xicraopai aijd.v Tzipt. Hippol. 311 f. 
Polymestor zu Agamemnon : 

Ttpbs dsü)v as Acocropat, 

pidss p scp-lvac rfjds: papxd)ad.v jkp'^'- Hek. 1127 f. 
Odysseus zu den Satyrn : 

acfdrs Ttpbs dsd)v, Orjpss, -qaV)id.C,z-£, Kykl. 624. 
Phaidra zückt den Dolch gegen sich. Die Amme hält ihr die Hand. 

Ph. aTteXOs Tzpös dsüjv ds^tds r i/UTJs psdss. Hippol. 333. 
Medea ermordet ihre beiden Knaben. Man hört aus dem Palast 
Hilferufe : vac, Tzpös tisdjv, dpij^av. Med. 1277. 

Polymestor wird von Hekabe geblendet und schreit : 
c(h \iiaioi, cd) "ÄTpscdac. 
ßod.v ßodv abvoj, ßodv. 
Ire, pöXeve Ttpös dzdjv. Hek. 1091 ff. 

Klytaimnestra, das Todesopfer : 

d) Tsxva, Tzpöi dsdjv pi] xvdiTjTs p-qripa. El. 1165. 

Vgl. npbs dscov in Alk. 382, 1064, Med. 1402, Hippol. 503, 8gi, 1358, 
Hek. 551, Herakleid. 271, Orest 1031, Iph. Aul. 1183. 



— 34 — 

ixf] Tipbs dscöv in einer abschlägigen Antwort Iph. Taur. 547 
Orest 787. Ttpöi dsd)v als Ausriif Hippol. 219. 
TTjOÖs dscüv in Fragen : 

lokaste, in Angst und Sorge zum Boten, der Bericht aus dei 
Schlacht bringt : 

SV etTzk Tzpbs dswVj ei' n IloXüvsixoos Ttspt 

oI<Td% ä)s jiü^u fioc 7.al -68\ slXsöaasi (pdos. Phoin. 1083 f. 

Aigeus erzählt, daß er den delphischen Gott um Kinderseger 
befragt. Medea : 

Tipbs dsüjv, aTCMS T^P 8sop' dsc reivscs ßcov ; Med. 670. 
Menelaos zu seiner Gattin, die er wiedererkennt : 

'Kpbs decbv, obpctiv tzcüs, r&v ipicöv d.7i£aTd.h]S ,' Hei. 660. 

Der rasende, geblendete Polyphem, vom Chor genarrt, such1 
Odysseus : 

npös ds&v, ':zeipeöjaa'7] pivoua sl'aco döptov ; Kykl. 679. 

Ohne jede Emphase steht 7t p. 0. in höflicher Frage : 

Helena bittet die Elektra, sie zum Grabe der Klytaimnestra zx 
begleiten : 

Tzpbs dsrhv, Tzidoi äv drj-d /uoc zt Tzapdkvs. ; Orest 92., 
Vgl. 7r,o. decDv in El. 364, Orest 579, 747, Iph. Taur. 658. Formelhafi 

erscheint in Fragen die Wendung : Tzp. d. dh^Ows... ; Ion 265, Iph 
Taur. 509. 

Variiert ist die Beschwörungsformel Alk. 275 f. 

pTj Tüpös cre dewv T?,fjS ßs TtpodouvaCj 

prj Ttpbs Ttacdcov oui öpwavtsis. 

So Admetos zu Alkestis, die in den Tod gehen will. 

Dieser letzten Stelle entspricht fast wörtlich Soph. Ai. 587 f., wc 
Tekmessa ihren Herrn, dessen Tod sie ahnt, beschwört.: 

y.0.i ae Tzpbs too adh rkxvoo 

y.ai dsäJv Ixtoupai, pj] rcpodohs 'qpds ysv'r^. 

Sogar das gleiche Verb izpodtoövat wiederholt sich. 

Die kritische Haltung des Euripides gegen die Götter komm1 
ähnlich wie in den Zeusepiklesen zum Durchbruch Troad. 469 ff 
1280 f. 

Zeus und die « Götter » werden uns noch in vielen Epiklesen neber 
andern hl. Namen begegnen. Wir werden nicht mehr im einzelner 
darauf hinweisen, wo der allgemeine Grund das Faktum erklärt 
man will den höchsten Gott und alle Götter ehren. S. Soph. untei 
« Götter ». 

Hera. 

Hermione erzählt, wie sie von bösen Weibern gegen Andromach( 
aufgereizt wurde : 

pä ~7jv ävuaaav, oöx äv sv j' ipols dbpots 

ßUTtoua äv a.byä<i räp ixapTzouv äv lixq. Andr. 934 f. 



— 35 — 

« Du willst die abscheuliche Sklavin ( Andrem. ) in deinem Hause 
dulden, sie, die des Gatten Liebe teilt... Die dürfte in meinem Hause 
nicht das Licht schauen und meines Ehebettes sich erfreuen. » 

Agamemnon will, daß Klytaimnestra heim nach Argos gehe und 
ihr Kind im Lager der Achaier lasse. 

Die Frau wehrt entschieden ab : 

jjLa Tr]v ävaaaav 'Apfsiav 6sdv. Iph. Aul. 739. 

Die beiden Schwüre bei Hera entsprechen einander : es schwören 
Frauen,, die durch ihre Heimat (Sparta und Mykene) mit der Göttin 
verbunden sind. Zu Andr. 934 f. paßt Hera als eifersüchtige Frau 
im besondern als Schwurgöttin. 



Poseidon und Meeresgottheiten. 

Theseus sieht im Tode seines Sohnes die gerechte Strafe der Götter : 

üj deol Uöffscdöv 6\ WS o.p 'ipff i/j.ös Ttarrjp 

öpdws, dxooaas ~äJv ificTw xaTSoxßdrcov. Hippol. Ii6g f. 
Silenos lügt dem Kyklopen vor, er habe ihn nicht hintergangen : 

Hä rbv Iloascdiu tov vs'/.övza a , (L RöxXo)'^, 

[lä TOV fitfav TpcTcüva y.a: zbv Nvjpia, 

üä TTjv KaXu-<^(b ras ts N'/jpsws xöpas, 

fia. 0' lepa xöpav cy^Oucüv re Tiäv 'fsvo^, 

ä7cd)noa , d) xdXhavov ü) KoxXdjTtiov xzl. Kykl. 262 ff. 

Achill drohend : 

pik rbv de bypüjv xupdnov rsdpappsvov 

Xfjpia, woroop'fbv dhidos ^ //' iyeivaroj, 

0UI a'vLsrai gtjs doyarpos 'Ajajiißvcüv äva^, 

0Ö8' £cs äxpuv X^~'-P > ^<y~^ 'izpoaßaXelv tcstzXois- Iph. Aul. 948 ff. 

« Nein, bei Nereus, dem Vater der Thetis, die mich geboren hat, 
nicht wird Agamemnon die Iphigenie berühren. » 

Der Anruf des Poseidon Hippol. 1169 ff. ist mythologisch begrün- 
det. Theseus hat zu seinem göttlichen Vater gebetet, er möge Hippo- 
lytos verderben zur Strafe für das vermeintliche Verbrechen an der 
Phaidra (ib. 887 f.). Vers 1169 f. ist Dank für Erhörung des Fluches. 

Kykl. 262 ff. schwört Silenos beim Vater des Polyphem. Daß 
man Gottentsprossenen gegenüber in Schwüren und Beschwörungs- 
formeln den göttlichen Vater oder Ahnherrn nennt, kommt bei Euri- 
pides wiederholt und auch bei Sophokles vor : Alk. 1098, Med. 746 f., 
Soph. Trach. 1185. Neben Poseidon nennt der Silen in seinem Schwur 
noch Triton, der mit dem Kyklopen zum gleichen Erzeuger aufsehen 
darf, Nereus, den « weisen, gerechten, müden, unfehlbaren » Meergreis, 
die Nymphe Kalypso von der ogygischen Insel Homers, die fünfzig 
Nereustöchter, die Meermädchen ^ und endlich die heiligen Wogen 
samt den Fischen. Die Häufung der Schwurgötter steigert nach 
griechischer Auffassung die Zuverlässigkeit des Eides. ^ Der unver- 
schämte Lügner Silenos erschöpft überhaupt alles, was zu Poseidon 
irgendwie Beziehung hat und durch seine Realität das, was er aus- 
sagt, unterstützen kann. Die Fische mögen hier als Kinder des Meeres 



-36- 

gedacht sein, aber im Ausdruck lyfiücuv rs -kov yivos liegt sicher eine 
Verulkung der Formel OsäJv äTcav yivos, wie sie so oder anders gern 
den Schluß längerer Schwüre bildet : önvu nddov yvjs Ttavspa 6'"ff?.oov 
Ttarpbs ToöfjLou dsdüv ts wjvvidsls o.%av yivos. Med. 746 f. 
Vgl. ib. 752 f., Phoin. 626 f. 

An seinen Meineid knüpft der Vater den Fluch : 

« Meine Buben, sie, die mein höchstes Gut sind, sollen elend zu- 
grunde gehen, falls ich lüge. » Kykl. 268 f. 

Daß man im Schwur das Haupt des Kindes als Pfand setzte, war 
zwar bei den Griechen gebräuchlich. Aber der Silen macht doch eher 
den Eindruck, als wollte er die üblen Folgen des Meineides vorsichtig 
auf andere ablenken. 

Achill schwört bei seinem göttlichen Ahnherrn. Wieder gibt der 
Mythos den Ausschlag für die Wahl des Schwurgottes. 



Athena. 

Kreusa : ä)J^ ob rb Jios '^o)Jjaa-pov ido'; 
xa: T7]v st: ifiocs ay.OTts?..o/ac dsäv 
?J.lxv7j^ T ivüopoo Tpczcoviddos 
Tcörvcav ä'/~dv 

ou'/Jtc y.po'lco lixos^ ws aripvcov 
aTzovrjaapivTj pacov eaopac. Ion 870 ff. 

« Nein, beim sternbesäten Himmel, der Wohnung des Zeus, bei 
der Göttin auf felsiger Burg, beim heiligen Strand des Tritonischen 
Sees... » Die irr' ipols axo-itiXotai Osd ist Athena, der Tritonische 
See ihre Geburtsstätte. 

Kreusa enthüllt langsam, erst in dunkeln Worten, wer Ion ge- 
zeugt : tarcü Fopyoipöva. Ion : ri vo'jv lAsfas / , 

K. ä axoTisAocs Itt" ijj.ocs 

zbv i?MCO(po7i Ttdyov Odaaso. 
I. * * ßjysis poo dbua xoö aacpr] vdds. 
K. Tzap ärjoövcov Tüirpav 'l>o'ißa). 
I. ~i cPoißov aö^as ; 
K. xp'jTzvopsvov Xij^os TjövaTÖ-qv. Ion, 1478 If . 

Kreusa schwört dem zweifelnden Ion, daß er nicht der Sohn 
eines Sterblichen sei : 

pä zrjv TtapaoTiiZooaav dppaaiv tzots 
Ncx/]v''Addvav Zrjv: yrjyeve^s sTto, 
obx ia'iv o'jTis aoi, ■za'Tjp Qvqr&v, rixvov, 
äXX oiTTZsp i^idps^ls AoBias ava^. Ion, 1528 ff. 
« Bei der Siegesgöttin Athena, die einst dem Zeus im Streitwagen 
mit ihrem Schild zur Seite stand, im Kampf gegen die Giganten... » 
Die kunstvollen Schwüre bei Athena erklären sich aus einem 
Motiv, '^ das im « Ion » wirksam ist. Ein « stark athenisches Hochge- 
fühl » ^ herrscht in der Tragödie vor. Euripides schmeichelt dem 
autochthonen Volk in der hehren Stadt der Pallas : Ion, der Stamm- 



— 37 — 

vater der lonier, ist nicht von Xuthos, dem Fremdling, erzeugt, son- 
dern des einheimischen Königs Erechtheus Tochter Kreusa empfing 
ihn aus der Umarmung des Apoll. Und so schwört denn Kreusa bei 
der Stadtgöttin, deren Kultbild im Tempel des Erechtheus stand, 
daß Ion göttlicher Abkunft ist. 



Apoll. 

Herakles kommt aus der Unterwelt zurück. Megara berichtet ihm, 
wie sie und sein Vater und seine Kinder dem Tod geweiht sind. 
Herakles : 

"ÄTto/dov, o'iois cppoLnioLS apiii Xöyoo. Herakl. 538. 

vgl. die ähnliche Wendung : vi 0"' itj-cv ; ws ^oc, (fpocfucov. äpxsc xay.cüv 
Troad. 712. 

Theoklymenos sieht Menelaos in seinen zerlumpten Kleidern vor 
sich stehen : 

"AxoXXov, WS iod/jTt d'jofibpww TZpsrcst. Hei. 1204. 

Thoas vernimmt vom Verbrechen der zwei gefangenen Griechen, 
vom Muttermord : 

"ÄTtoXXov, oöd'^ iv ßapßdpocs f srXi^ vis, äv. Iph. Taur. 1174. 

Chor : wva^ üaidv, 

aTZÖTpoTtos jsvotö p.oi -Tzqiidxaiv. Herakl. 820 f. 

Tlaiäv ist Beiname des Apoll. ^ 

Elektra hat Orest und Pylades aus dem Versteck kommen sehen. 

Von Angst ergriffen, sucht sie Schutz : 

ü) (Voiß ^' AtzoXXov , 'Kpoaizirvcoae p.rj davelv. El. 221. 

In all diesen Anrufen gibt sich Apoll als Nothelfer {äTzörpoTzos) zu 
erkennen. 

Der einzige Schwur beim delphischen Gott : 

6 (Polßos ocdsrrjv ip.7jv ä'Tratdcuv. Ion 306, 

erklärt sich aus der Götterfabel, s. o. unter Athena. 

Man hat den Eindruck, daß die Rufe zu Apoll in eine andere 
gedankliche Sphäre gehören, als das Bild, das Euripides sonst vom 
delphischen Gott kühn entwirft oder wenigstens zwischen seinen 
Zeilen durchschimmern läßt. Das delphische Orakel lügt. S. und 
vgl. Ion IG ff., 71, 537, 1345, 1534, 1559. lö Der gottgeweihte Diener 
im heiligen Tempel, Ion, räsoniert über seinen ungerechten Brot- 
herrn sehr respektlos ib. 384 ff., 442 f. 

Apoll ist feig und wenig hilfsbereit, Orest 420 f. Im Grund ist er 
ein ehrloses Wesen. Hat er doch brutal ein Mädchen vergewaltigt 
und das arme Ding hinterher sitzen lassen, sich nicht einmal um sein 
Kind bekümmert, Ion 759 ff., 386. Er wagt es auch gar nicht, in der 
Tragödie, in der die mißliche Geschichte zum Austrag kommt, sich 
auf der Bühne zu zeigen, ib. 1556. 



38 



Artemis. 

Der Name der Artemis wird zunächst in Epiklesen zweier Tragö- 
dien laut, in denen die Göttin an der Handlung beteiligt ist : Hippel, 
und Iph. Taur. 

Der Held, von seinem Vater verbannt : 
(h (pUzarrj p.ot 8aoij.övujv Atjtoos xöpt] 
(Tuvdaxs auvy.üvafs, (p£oSoufj.sada y,zX. Hippol. 1092 f. 

Der sterbende Jüngling verzeiht dem Vater unter einem heiligen 
Eid die Schuld, die er an ihm begangen : z-qv vo^öda/uvov Tcapdivov 
uapzopofiai.. « Bei der pfeilgewaltigen Art. » ib. 1451. 

Orest berichtet den Untergang des Kalchas : öAco?.£v... 

Iph. (2) TM-vL , ois SU. Iph. Taur. 532 f. 

Iphigenie und Orest schwören sich gegenseitig : sie soll ihn retten, 
und er soll ihren Brief überbringen. Sie schwört : 

"Aprspiv, SV TjaTLsp dchpaaiv zopäs e^*^- 
Er : iyco 0' ävaxrd y' oöpavoö, aepvbv Jta. ib. 748 f. 
Es handelt sich nicht um eine eigentliche Epiklese, sondern um 
eine bloße Nennung der Schwurgötter. 

Iphigenie ist Priesterin der Artemis, Hippolyt Schützling der 
Göttin : das erklärt diese Anrufungen. 

Noch viermal kommt Artemis in Epiklesen vor : Antigone sieht 
vom Söller auf das feindliche Heer vor Theben : 
cd) TTorvia Tzac Aavo'Js 
^/yycdra, xaTciy^tü^'/ov arzav 
■TZidiov d(TTpd'xrsc. Phoin. 109 ff. 

Antigone, nachdem der Greis den Kapaneus gezeigt : 
prjTZOTS prjTZore ~d^d\ w Ttozvoa, 
yp'jasoßöavp'Jiov d> Jobs ipvos 
^'Aprsuc, dr)!}?.oaüvav rXcaijv. ib. 190 ff. 

Medea klagt im Innern des Palastes : 
(7j nrfdla dspo xal Tzorvt "Apvs/nc, 
?su(T(jbO^ d Tidaxco. Med. 160 f. 

Hier ist neben Artemis noch Themis genannt. 

Die drei letztgenannten Anrufe gehen aus angsterfüllter Stimmung 
hervor, entsprechen den Epiklesen des Apoll Herakl. 538, 820 f. 
Hei. 1204, Iph. Taur. 1174. Dort rufen Männer zum Gott, hier Frauen 
zur Göttin. 

Artemis ist noch einmal Schwurgöttin im Hippol. Der Chor der 
Frauen von Troizen schwört der Phaidra, ihr Liebesleid niemand zu 
offenbaren : 

öpvupc aspvrjv "Jpvc-piv Jobs xöprjv^ 

prjosv xaxcov acov sls (pdoi deccecv tvots. Hippol. 713 f. 

Artemis ist hier sicher nicht genannt wegen ihrer Beziehung zum 
Helden der Tragödie. Das wäre widersinnig. Im ganzen Stück wird 
die Göttin gefeiert als Hüterin unberührter Jungfräulichkeit. An un- 



— 39 — 

serer Stelle soll sie ihre schützende Hand ausbreiten über das Geheim- 
nis einer bewußt unerlaubten Liebe. Artemis erscheint hier als 
Frauengöttin, die über das intime Frauenleben wacht, als Hort des 
geschlechtlichen Lebens der Frau, wie sie von den griechischen Frauen 
oft (besonders bei Aristophanes) angerufen wird. Der Gedanke an die 
spezifische Frauengöttin Artemis spielt sicher auch mit in der Epiklese 
der Medea (s. oben), die, von ihrem Gatten verlassen, in ihren Frauen- 
rechten gekränkt ist. 

Ares. 

Menoikeus will sich für Theben opfern, sich von der Burg der 
Kadmeer hinabstürzen in die Schlucht, wo der Drache haust. Er 
beteuert seinen Vorsatz : 

fid TÖv just' äavpcüv Zrjv' "ip'rj rs cpoiviov, 
OS Tobs 67tsp~ei?xtv~as sx yacas tcots 

(TTtaprobs o-vcuras vrjads y/js Idpüaaro. Phoin. 1006 ff. 
« Beim Zeus, dem Gott des Himmels, beim blutigen Ares, der einst 
die erdentsprossene Saat zu Herrschern dieses Landes setzte... » 

Bei der Durchsicht unseres ganzen Stoffmaterials stoßen wir 
auf diesen einzigen Schwur bei Ares, ^^ dem « wilden, ungestümen 
Gott, dem Schlachtgetümmel und Mord allein am Herzen liegt ». 
Menoikeus schwört so, weil er zum Adel der Stadt gehört, dessen 
Stammheroen, die Spartoi, nach dem Mythos aus der Saat der Dra- 
chenzähne entsproßt sind. ^^ 



Aphrodite. 

Die liebeskranke Phaidra äußert ihren Haß gegen Frauen, die 
keuschen, sittsamen Sinn vortäuschen und heimlich die eheliche 
Treue brechen : 

ß? %o)S Ttor , w osaTzoiva tcowccc K'Jitpt, 

ßXsTtouabv eis npoaco'Jta rcov coveovsrcüv . Hippol. 415 f. ^^ 

« Wie wollen die ihren Gatten in die Augen schauen ? » 

Der Landmann aus Mykene beteuert, daß er seine Gattin Elektra 
nie berührt habe : 

551U ootloO" avTjp öde, auvocSi poc KÜTvpts 

i^'/jaoyjvöv eövij. Ttapdivos d" Ir' söt; öt]]. El. 43 f. 

An beiden Stellen handelt es sich um zä zrjs "A^yodhrjs 'ispa. 
Wir bemerken, daß die Göttin nur mit ihrem Beinamen benannt wird. 

Euripides preist die Kypris, die immer mit frisch duftendem 
Rosengewinde das Haar sich kränzt, die zur Erkenntnis das liebende 
Verlangen gesellt, das hilft, das Höchste zu wirken, Med. 840 ff. Aber 
wo Liebe alle Schranken bricht, zerstört sie des Menschen Ruf und 
Ehre. Aphrodite ist reizvoll wie keine andere Göttin, wo sie Maß 
zu halten weiß. Die köstlichste Gabe der Götter aber, die den Menschen 
nie verlassen möge, ist die mocfpoaüva, die kluge Selbstbeherrschung, 
ib. 627 ff. 



— 40 — 

Mit bitteren Worten spricht der Dichter vom Unsegen, der von 
Aphrodite ausgeht : die Göttin wird gewalttätig, herzlos, blutdürstig. 
Vgl. Hippol. 84 ff. 1461. 14 

Hekate. 

Medea in ihrem Rachedurst : 

oö jap fiä rrjv dsaizoivav rjv iya) asßo) 

fxdXiara TtdvTcüV za: ^ovepybv stXbfiTjv, 

"^E'/Äri^v fiu^ols vaiooaav hazias ^pyjs, 

Xctipiov res dÖToJv roöfibv äXyuvec xsap. Med. 395 ff. 
Menelaos fürchtet Betrug. Er kann nicht glauben, daß die vor 
ihm stehende Frau Helena ist : 

üj <po)<T(pöp "ExdTTj, "JtsfXTzs (pdo/itar' &bp.Bvrj. Hei. 569. 
Hekate, 1^ ursprünglich eine chthonische Gottheit, erregt allen 
Spuk und gespenstigen Greuel. Wo es gruselig ist, da ist ihr Reich, 
da reitet sie vorbei mit ihrem wilden Schwärm, den Geistern der 
Verstorbenen. Wo der Mensch Schrecken empfindet, wo er Betrug 
fürchtet, ruft er zu Hekate. Als Hort des Zaubers steht die Göttin 
Medea besonders nahe : lichtscheu, wie alles Geisterhafte, hockt sie 
in einem Schlupfwinkel ihres Hauses. Die dunkle Kunst der Hekate 
wird den Racheplan der Frau gelingen lassen. 1-^ 

Chariten. 

Der trunkene Kyklop schwärmt für den häßlichen Silenos und 
nennt ihn seinen « Ganymedes » : 

oöx dv (pi^aatfi ' ai Xdptrss TTScpcoac ps. 
dXts TavoprjÖTjv tövS' sj(^(ov dvaKaöaopai 
■/.dlXiara vrj ras Xdpcvas. Kykl. 581 ff. 

« Die Chariten sind die Göttinnen des Reizes und der Blüte aller 
sinnlichen Erscheinungen, der Heiterkeit, Schönheit, Anmut, zu- 
nächst in der Natur, aber auch in der menschlichen Sitte und Lebens- 
weise. » 1' Der Schwur bei ihnen ist hier vom Dichter ironisch gemeint. 
Der schöne Ganymedes, ^^ der Liebling des Zeus, war allerdings mit 
den Reizen der Chariten geschmückt, nicht Silenos. Und wenn Poly- 
phem sagt, er verschmähe sogar die Chariten, und nach dem häßlichen 
Alten greift und bei den Huldinnen schwört, wie selig er in seiner Liebe 
sei, so beleuchtet das alles nur die Wirkung des Weines am trunkenen 
Kyklopen. 



IL ERDE UND LICHT. 

Der Chor der Phoinikerinnen klagt, daß die beiden Brüder 
gegeneinander kämpfen : 

(psb 3ä (pei) da., 

bcdopoc drjpes, (povtai -^o^ac x~X. Phoin. 1296 f., 
vgl. drororo? nÖTtoc da. Aisch. Ag. 1072. 



— 41 — 

Im gleichen Klagelied der Chor : 
i(ü fiot %6vü)v^ 

CO) Zeu, eoj yä. ib. 1289 f., 
v'gl. (h 7:a,racs ital. Zeu. Aisch. Hik. 889. 

Orest nach dem Muttermord. Man sieht die beiden Leichen : 

10) Fä xa: Zb'j Tzavdepxeta 

ßpoT&v, IdsTs vdS' epya. El. 1177 f. 
Phaidra klagt : ccb ya xac (pcos' Hippol. 672. 
Der Chor der Frauen von Korinth hört Medea jammern und ruft : 

dies, (h Zei) xalfä xai (pws, 

d][äv ocav ä dbazavoc, 

nkXizei vöfxtpa; Med. 148 ff. 

Hippolytos hat gehört, daß ihn Phaidra liebt : 
(b ydca ju^vep -rjXioo z dvarcTOXCti, 
olcDv Xbfcüv app-qrov eiarjxooa öjta. Hippol. 601 f. 
Der Phrygier unterbricht seine Schreckensnachricht über das 
jeschick der Helena mit dem Ruf : 

cü Zeu xac yä xa: (päjs xac vü^. Orest, 1496, 
/gl. (h Nb$ fdXaiva pyfsp, ap'' bp^s rdda ; Aisch. Eum. 745. 

Hippolytos, durch die Lüge der Phaidra schrecklichen Frevels 
ingeklagt, schwört seinem Vater : 

. vuv d^ opzcöv aoi Zrjva xai Ttidov y^dovbz 
öpvopi Tcbv a&v priTLoff d'^^aa^Jai ydpcov 
pqS' äv deXr/aai pyjd'^ äv ivvocav kaße'cv. Hippol. 1025 ff. 
Polyneikes geht von Eteokles und lokaste weg : 
zrjv ds dpsxlaadv p.s yacav xa: dsobs papvöpoaac 
üjs äztpos oixzpä Ttda^wv i^eXauvopat i^ovos. Phoin. 626 f. 

Medes verlangt von Aigeus, daß er ihr schwöre, sie zu schützen : 
op.v\) Ttidov PfjS Tiazspa d^^Hhov Tcazpbs 
zoöpoö dswv zs aovzidscs d%av ysvos. Med. 746 f. 
Aigeus schwört : öpvupi P/jv zac X^prcpov '^HXJoo fdos deoüs ze Ttdvzas 
Ippevelv a aoü xXbw. Ib. 753 t. 

Lyssa, ehe sie in den Palast eintritt, um im Auftrag der Hera den 
Herakles wahnsinnig zu machen : 

"HXlov papzopbpeada dpcocr ä dpäv ob ßoöX.opai. Herakl. 858. 

Der Greis zeigt der Antigone im Pelasgerheer den Amphiaraos ;' 
\ntigone : 

(h XfäapoC,ä)voo Oöfazep ä Aazoüs 

HsXMvaca^ IpuasöxuxXov iptfyo^. Phoin. 175 f. 

« O Tochter des lichtumgürteten Helios, Selanaia, gekleidet in 
strahlendes Gold... « 

Nach dem Bericht über den Tod des Aigisthos bricht Elektra in 
iie Rufe aus : 

<h (psyyos, (h zsdptTZTzov rjXio'j asXas, 

(h faXa xac vü^ rjv idepxöprjv izdpoc,, 

vöv öppa zoöpbv dpnzuxac z" iXsödepoc, 

iTVSc Ttarpbs tvstzzwxsu Acyurdos (poveös. El. 866 ff. 



— 42 — 

« O Licht, o strahlendes Viergespann der Sonne, o Erde... o Nacht, 
die ich lang geschaut. Nun ist mein Auge frei, weit öffnet sich der Blick 
dem Licht. » Vgl. zu dieser Stelle : 

'fä zal TZüwö^MS (Ts)Äva 

xal ?MfinpÖTüTac dsou 

oaeai/ußpoToc adyac, 

äy-j-oPJav ijLoo ivi^yMtr -/.rX. Herakleid. 748 ff. 

« Erde, nächtliches Leuchten des Mondes, flammendes Licht des 
Sonnengottes, das den Sterblichen erglüht, bringet uns Siegesnach- 
richt. » 

Der Scholiast bemerkt zum Ruf : 
leb ya. y.ac (foji, 
rrjv yyjv xac rö (fws i'izuaXsizai oig av äpifACüTaza azoiyela. 

Hippel. 672. 

Erde und Licht sind genannt als Elemente im naturphilosophischen 
Sinn. Diese Erklärung weist den Weg zum Verständnis der Euripi- 
deischen Epiklesen der -p] und des cccSs (oder -/yiios). Sie klingen 
äußerlich an Aischylos an. Aber Euripides hat die alten Formen 
mit neuem Gehalt gefüllt, mit den philosophischen Ideen seiner 
Zeit. 1^ Sonne oder Licht oder Äther oder Himmel heißt das Eine, 
das, mit der Erde zusammen, in philosophischem Sinn Prinzip alles 
Seins ist. 2° Euripides kleidet seine philosophischen Ideen offenbar 
gern in sakrale Formen. Dafür zeugt sein berühmtestes Gebet, wor- 
in er die Gottheit in wechselnde philosophische Termini einfangen 
will. Troad. 884 ff. 

« Der du das 'f~OS oy^qp-a (das, was die Erde hält) bist und auf der 
Erde deinen Sitz hast, wer immer du auch sein magst, Zeus, Unbe- 
greiflicher, ob avdyy.-/] 0öasos, ob voy, ßporcov, dich ruf ich an. Auf 
stillen Wegen schreitest du und führst alles Sterbliche, wie dcxr] es 
will. » 

Neben dem Euripideischen (pojs im profanen Sinn ist vög (Med. 148, 
El. 867) sicher nicht die Urgöttin, sondern die Nacht im Gegensatz 
zum Licht. 

Als Lichtepiklese werden wir aus dem Geist des Euripides heraus 
auch den Ruf zu Selanaia verstehen. 2skavato. = 2eXi^vrj ^^ ist im 
Sinn der Alten zunächst die Mondgöttin. Ihr Kult war bei den Grie- 
chen im allgemeinen als fremdländisch empfunden (Gestirndienst). ^^ 
Bedeutung hatte Selene vor aUem für das Zauberwesen. Als Licht- 
göttin (Licht) stellt sie uns Euripides vor durch ihre genealogische 
Hinordnung zu Helios. 

Euripides ruft im einzelnen Fall zur Erde, wo es ähnlich (in seinem 
Sinn) auch Aischylos tut. Das begründet äußerlich die Epiklese. 
Die häufige Nennung des Lichtes ist mehr subjektiv begründet in 
den philosophischen Ansichten des Dichters über das Licht als Ele- 
ment. Med. 764 ff. ist hingegen die Wahl des alten Helios durch die 
Mythologie nahegelegt, weü der Sonnengott der Ahnherr der Medea 
ist. Lyssa mag ebenfalls beim Gott ihre Unschuld beteuern (Herakl. 
858) ; ihr ganzes Tun und Reden gehört ja in eine andere Welt, eben 



— 43 — 

in die mythologische. 

Es fällt auf, wie oft in den Euripideischen Epiklesen, in den Epi- 
theta der jeweiligen Götter, die Idee von Licht und Glanz liegt, 
vgl. Phoin. 175 f., 169, 172 usw. 

Möglich, daß auch hier sein philosophisch-religiöses Bekenntnis 
sich ausspricht. 



III. SCHICKSALSGOTTHEITEN. 

Peleus klagt über den Tod seines Enkels Neoptolemos : 
o) fio'cpa, YTJpws ia^o-TOLs Tcpös rip/iarrcv 
oc'a HS rbv oöarrjvov äp.(pLßd.a i](_ets. Andr. 1081 f. 

« Wie hast du mich Unglücklichen am Rande des Alters über- 
wältigt. » Klytaimnestra treibt mit ihren Fragen den Agamemnon 
in die Enge. Er soll gestehen, was man mit Iphigenie vorhat. 

A. (70 8^ fjv y'' ipcüvas Bho-\ shor dv yJJjois- 
K. ob'/. alX ipco-(7), zal ah pr] Xsf aXXa pou. 
A. CO TibxvLa polpa y.ai ~bX'0 Sacpcov r ipös. Iph. Aul. 1134 ff., 

vgl. d) datpov, Aisch. Pers. 845 ; Ico dacpoi, Soph. O. T. 1311. 
lason zu Medea, die seine Hilfe abgewiesen : 
äXX oöv i-j-o) psv dacuovas papropopCiL, 
tt)S -jzdvd" ÖTzoopYscv ao> zs zal ~iy.voc5 dsAcu. Med. 6ig f. 

Polyneikes fühlt sich in seinen Rechten gekränkt, von Mutter und 
Bruder verstoßen : 

pdpirupus, 03 T&vds daiaovas '/.aXw, 

WS Tidvva Tzpdaacüv ahv ocx'fj, dcxrjs dzsp 

äTzoffTepuup.M Ttarpidos dvoiacoyTava. Phoin. 491 ff. 

Moira bezeichnet den Anteil des Lebens und der Lebensgeschicke, 
der jedem einzelnen von seiner Geburt an beschieden ist, oder dann 
die ^Gottheit, die diesen Anteil des Menschen vom Anfang bis zum 
Ende verwaltet. ^^ 

Daimon ist bei Euripides der individuelle Schutzgeist, der über das 
Geschick des Menschen wacht {daipwv ipös Iph. Aul. 1136). Dem 
alten Wort ist besonders unter dem Einfluß der Philosophie der neue 
Inhalt zugekommen; Vgl. Aisch. Von einer Mehrzahl oalpoiss spricht 
der Dichter füglich, weil diese Wesen nach den Theorien seiner Zeit 
in verschiedenen Klassen nicht nur einzelnen Menschen, sondern 
Städten und Ländern und Völkern zugeteilt sind. '^^ 

Tyche ^ ist der glückliche Zufall, dann ein Schutzgeist, der von 
« Daimon » nur durch das Geschlecht verschieden ist. 

pLocpa, dacpcüv, vjxtj sind im Sinne des Euripides Namen für das, 
was er anderswo auch dsivrj dvdjrq Hei. 514, amv Herakleid. , 900, 
pöpos Hei. 1077, ~o TzsTtpwpsvov Andr. 1268 nennt. -^ Der Glaube 
an das Schicksal muß zuzeiten mächtig auf den Dichter gewirkt 
haben : 



— 44 — 

« Zum Himmel empor 
bin ich auf Flügeln des Sanges gestiegen. 
Tief hab' ich gegrübelt : 
doch nichts hab' ich gefunden, das deine 
Kraft bezwänge, Ananke. » Alk. 962 ff. (Wilam.) Vgl. 
Hei. 514 : 

« Nichts ist mächtiger als Ananke ». Vgl. oben Troad. 886 dvdqcrf] 
(föasos. Dann betont Euripides aber wieder, daß das Schicksal vom 
Willen der Gottheit abhängt, vgl. Andr. 1268 ff. Wenn ihn die Götter 
nicht den Händen des Polyphem entreißen, müsse man annehmen, 
sie seien schwächer als die Tyche, erklärt Odysseus. Kykl. 606 f. 



IV. DIKE. 

Medea, nachdem ihr Aigeus seinen Schutz zugesichert : 
u) Zeil JcXY] TS ZT]vbs "H^tou re (fcos, 

'fs.\.rjaoiis.aQa y.eh obov ßsß-:jy.ap.ev. Med. 764 ff. 

Elektra hat die Ermordung des Aigisthos vernommen : 
(h deot, /li'AT) TS ■Ttdvd'' öpoxf , rjWss ttots. El. 771. 
Vgl. die Dike-Epiklesen Aisch. Ag. 1431, Soph. O. R. 1382. 

Die Gerechtigkeit ist die Göttin, die vielleicht am tiefsten auf die 
Seele des Euripides eingewirkt. Es ist schwer zu sagen, was dem Dichter 
Dike ist : ist sie ein persönliches Wesen, ist sie ein heiliger, idealer 
Gedanke ? Sie trägt den Titel : Tochter des Zeus (Med. 764), Tracs 
ipövou (Eur. fr. 222 vgl. fr. 223 N.). Ihr Blick durchdringt alles, 
darum auch die Verbindung Gerechtigkeit-Licht, wie sie in der ersten 
Epiklese zum Ausdruck kommt (El. 771). Gewaltig ist ihre Kraft 
(l^e^ jfäp -q J'u-q psya adsvoi ib. 958). Die Ungerechten stürzt sie 
vom Throne (ib. 771, 878). Die Greuel ihrer Rache am treulosen lason 
leitet Medea auf Dike zurück (s. o. Med. 764 ff,). Charakteristisch für 
Euripides ist die Verbindung : Zeus-Gerechtigkeit. Der höchste Gott 
lenkt die Dinge y.aTa 8ty:/]v, Troad. 888. Doch hat der Dichter für 
Dike auch Tadel übrig : obj^ dpa Jixa y.axo6s, oöd' Ap.scße~at ßpoTwv 
dauveacas. Phoin. 1726 f. 

Möglicherweise steht Euripides in der Art, 'wie er die Ansprüche, 
der Dike ins Licht rückt, unter dem Einfluß der Orphik. Die Orphiker 
haben « die Gerechtigkeitsidee besonders stark betont, wie von ihnen 
überhaupt der sittlichen Wertung des Göttlichen das Wort geredet 
wurde ». ^^ Daß der Dichter sich mit der Askese und Mystik be- 
schäftigt, die sich an die Namen des Orpheus und Pythagoras knüpfen, 
darauf weisen Spuren in seinen Tragödien, besonders die Gestalt des 
Hippolytos. ^^ 



45 



V. DIE FREMDLÄNDISCHE IDAIA MATER. 

Der Phrygier erzählt das schaurige Ende der Helena und bricht 
in den Ruf aus : 

'Ida'ta ixaxep fxd.zep 

ößf)ifxa ößpifia, aiac. Orest 1453 f. 

Die Epiklese charakterisiert die Nationalität des Redenden. 
Idaia ist « ein » Name der großen kleinasiatischen Meter, ^^ der 
Göttermutter, der wilden Bergmutter. Phrygien und Lydien sind 
vor allem die eigensten Stätten ihres Kultes. «Den höchsten Gott 
hatte sie in den Schluchten und in der Wildnis der Berge geboren 
und gesäugt, sie bändigt die gewaltigen Tiere der Wildnis, die Löwen 
sind wie Hündchen vor ihr, der Gewaltigen, der 7:ö~vi,a drjpcöv. Im 
brausenden Bergwald, auf den Gipfeln der Felsgebirge wohnt sie und 
zieht einher in den Orgien des Sturmes. Um sie sind allerlei phal- 
lische Gestalten, die aus der beregneten Erde geschossen sind (Kureten, 
Korybanten). » ^ Ihr Gottesdienst hat früh auf das europäische 
Griechenland eingewirkt und besonders auf die Religion von Eleusis 
(Demeter) nachhaltigen Einfluß geübt. ^^ In Athen war ihr das 
Metroon geweiht. Aristophanes verspottet die dort gefeierten Orgien 
der Frauen (Lys. 557 f., Wesp. 119, Ekkl. 1069). 



Ähnlich wie Sophokles weist auch Euripides viele Epiklesen auf, 
die nicht auf göttliche Namen läuten, die aber wieder bedeutungsvoll 
sind für das Verständnis' der bereits genannten Anrufungen. 

Phoin. 604 ff. klagt Polyneikes über erlittenes Unrecht : iL 6so)v 
ßüjpoc Tzavpwwv... y.Xbsvk pou... y.al ftscov Tf7>v XboxotlcüXcov dcöpaO'... icSAao- 
vöpsada Ttavpidos.-. ädr/Aa j , u) dso't... d) Tzdzsp, y.Xusis ä Tidcf/^co ;.. xa: crö, 
p^Tsp;.. (J)7röhs-.- (h xaai'Cvqrai . 

Die Altäre der Ahnengötter und das Tempelhaus des Amphion 
und Zethos, der thebanischen Nationalheroen, der Götter mit den 
leuchtenden Rossen gehören hier natürlich in den Bereich des Reli- 
giösen. Die andern Rufe erklären sich menschlich aus der Stimmung 
des Helden, der Heimat und Familie verläßt. Vgl. Soph. Ant. 937 f. 
Ein Schwur bei den heiligen Quellen findet sich Rhes. 827 : ob r^ts 
2cposvTcddas 'Tfq-cds. Vgl. Soph. O. K. 1333. An die Achtung vor 
den Ahnen der Familie und vor der Mutterliebe appelliert Iphigenie : 
prj Tzpös (Jz üsXoTzos xai "Kpbs ''Azpiws Ttarpbs 
xal T^ads prjvpös, 7} Ttpiv wdtvooa ips 
vüv dsoxspav w82va zrjvde Xapßdvsc. Iph. Aul. 1233 ff. 
Vgl. Ttpös vüv ae Tzarpös, tzpös rs pyjzpos. S. Phil. 468. 

«... um der Mutter willen, die mich mit Schmerzen gebar und 
jetzt wieder in Schmerz um ihre Tochter schwebt... » Vgl. Phoin. 1665 : 
Ttpös (TS vrjade prjrpös loy.daTrjs, ferner Alk. 275 f. 
Merkwürdig ist der Schwur Phoin. 1677 • 
«rrö) aidrjpos opxcöv vi poi ^ccpos. 



- 46 - 

Antigene droht, sie werde Haimon in ihrer Brautnacht ermorden : 
« Beim Stahl, bei meiner MordkUnge ! » Vermuthch hat hier die eigene 
Waffe den strafenden götthchen Blitz abgelöst, bei dem man in alten 
Zeiten schwur {oij vav Aibs da-pcmdv. Soph. El. 1063). 

Helena beteuert dem Menelaos : 

ü.-fibv opy.ov (Tov -/.dpa xarcbjiooa. Hei. 835. 

Man ist versucht, diesen Schwur wieder einer Sophokleischen 
Formel nahezubringen : 

opvu Albs obv Toü pe(pü(7av-os xdpa, Trach. 1185. 

Wie ehedem beim Haupt des Zeus, so schwört man jetzt beim 
Haupt des Gatten. Einst mußte die Gottheit angerufen werden, um 
dem Menschen das Geständnis der Wahrheit abzunötigen. Jetzt soll 
die Scheu vor einem Menschen, dem man Ehrfurcht und Liebe schuldet, 
die Lüge verhindern. Möglich ist ja allerdings, daß Helena das Haupt 
des Menelaos der Gottheit als Pfand setzt. Vgl. o. die Erklärung des 
Schwures Kykl. 268 f. u. Einl. Doch liegt der Gedanke zu nahe, der 
Dichter der Aufklärung dränge den Anteil der Götter am Eide zurück. 
In diesem Sinn erklären wir auch : 

TTjv i^Tjv '^ojTjV ■/.arcöfioa" 'ijV äv sbopioifi sycö. Orest 1517. 

« Ich schwöre bei meiner Seele, bei der ich mich scheuen würde, 
meineidig zu werden. » Wir könnten nach unserem Sprachgebrauch 
übersetzen : « Bei meiner Ehre, bei meiner Treue ! ». Der Wert der 
eigenen Person verbürgt die Wahrheit einer Aussage. 

Oft kehren bei Euripides folgende Beschwörungsformeln wieder : 
-pbs 'feve7oo, rzpos yovdrojv, Ttpbs t^S ds^cas, Ttpbs (pc?ajs Ttaprjidoi, %. yspa- 
apcoo vpcxös, Med. 65, 324, 709 f., 853 f., Hippol. 605, 607, Hiket. 
277, Troad. 1042, Iph. Taur. 701, 1068, Phoin. 923, Iph. Aul. 
909. Ursprünglich war mit solchen Beschwörungen das. Berühren oder 
Umfassen der Knie, der Hand verbunden. Siehe 
Tzpbs (TS yevsiddos, d) (fUos, 
ävvopac dpipoTZi-vo'jaa zb abv jbvu '/.at yßpo. dsÜMta. Hiket. 277 f ^ 

Im allgemeinen wird bei Euripides sicher die Gebärde weggelassen, 
vgl. Med. 65. Der Körperteil, der genannt wird, ist wohl einfach 
pars pro toto (vgl. o. Helena 835, Phoin. 612 -/.dpa). Man bittet den 
Mitmenschen um eines Gutes willen, das ihm so teuer ist, wie sein 
eigenes Ich oder seine eigene Würde. So ist zu verstehen : 
Tzpös (TS osctäs, 
(TS znc (T czvo'jpac, crk 8s (pi?:rjS 'Tzap-qidos 
yovdrojv rs zal tcov iv döpoKTc (pü^vdrcov. Iph. Taur. 1068 ff., 

vgl. Ttpbs T St vi aoi y.ar ohbv iarü ■zpoaipüM. S. Phil. 469. 

Der Zusatz -o)v iv dbaotcrt (pclrdrcov stützt unsere Auffassung. 
(h Tzpos (TS Yovdzcüv y.al YsoarTpio'j rpi/b^i. Phoin. 923. 
"TZpbs (TS Yovdrcüv -rjs re vsoydpou xöpr^z- Med. 324. 
-,00s Ysvetddos ds, Ttpbs (Trß dsctds rt. pinzspos. Iph. Aul. 909. 

Offenbar klingt hier die Idee durch : was dem einzelnen Menschen 
als das Kostbarste gilt, das ist sein Gott. Roh drückt das in seinem 
Sinn der Kyklop aus : 



— 47 — 

b Ttlooros . . . Tols ooipols deög. 

rä d'' aXXa y.bp.TZOi '/.ai Xbfwv sö/uopcpccu. Kykl. 316 f. 
Er nennt sogar den Bauch seinen Gott : 

äfüj ouTivt düci) 7z)a]v iuoi, dsöiat d" ou, 

y.al TTj iisrfiarrj jaazpl rfjde dat/abvcüv. ib. 334 f. 
Vgl. St. Paulus, Philipp. 3, 19 : div b dsbs 'q y.oüda. 
Zum. Schwur : Ttpbs. ■ . '/"spaaptiou zpcxbs- Phoin. 923. Vgl. St. Augu- 
stinus, Enarratio in Psalm. X, 5 (ed. Migne tom. IV, i) : In Domino 
ergo Qonfido. Uli timeant qui confidunt in homine, et de parte 
hominis se esse negare non possunt, per cuius canos iurant. 



Wir versuchen nun zusammenfassend die Euripideischen Epiklesen 
auf Gehalt und Bedeutung zu prüfen. 

Zunächst, wenigstens nach ihrer äui3ern Form, gehören die Götter- 
anrufungen in einen religiösen Bereich. Wie stellt sich Euripides zur 
Religion ? Der Dichter ist religiös ein suchender, irrender Mensch. 
Unsere Untersuchung der Epiklesen bestätigt das Urteil, das Aly^^ 
über ihn fällt : « Immer grübelnd, hat er stets seinen Götzen von 
gestern verbrannt, gierig ergreifend, was seine Zeit ihm zu bieten 
hatte, ein uferloser Denker, der, stets nach dem Höchsten greifend, 
nur selten eine reife Frucht gepflückt hat. » 

Euripides ^^ hat vorab den religiösen Mythos abgelehnt (siehe 
unter Zeus und Artemis, S. 30). Er denkt geringschätzig über herr- 
schende religiöse Institutionen : über das delphische Orakel oder 
wenigstens seine Priester (s. unter Apoll, S. 37). Aber wenn der Dichter 
auch den Mythos verwirft, so verwirft er damit noch nicht den Glau- 
ben an die Gottheit überhaupt, und wenn er eine religiöse Form seiner 
Zeit verurteilt, so verurteilt er noch nicht allen Gottesdienst. Euripides 
wendet sich von der überlieferten Religion ab, weil er an das Göttliche 
hohe Anforderungen stellt (s. wieder unter Zeus S. 32). Und 
so sucht der ernste Mann, über den sich Aristophanes so billig 
lustig macht, wo er seinen Gott finde. Daß er von den Philosophen 
religiöse Befriedigung verlangte, dafür bürgt sein berühmtes Gebet, 
worin der Gottesgedanke in philosophische Fachausdrücke gekleidet 
ist (s. o. unter Erde und Licht, S. 40). Der Glaube an das Schicksal 
nimmt den Zweifler zeitweilig gefangen (s. unter Schicksalsgott- 
heiten, S. 43). Und vielleicht das Tiefste in diesem religiösen Ideen- 
wandel des Dichters ist sein Glaube an die Gerechtigkeit (s. unter 
Dike, S. 44), sein stark betontes sittliches Empfinden. Wir scheiden 
einzelne treibende religiöse Kräfte in der Seele des Mannes aus, wie 
sie aber alle ineinander gewirkt, sich gegenseitig abgelöst haben, 
unter dem Einflui3 so leidenschaftlichen Empfindens und so ruhelosen 
Denkens, werden wir nicht ergründen. 

Wenn Euripides religiösen Sinn hat, wie stellt er sich nun weiter 
zur ersten Form der Gottesverehrung, zum Gehet ? Die Frage bringt 
uns der Wertung seiner Epiklesen näher. Der Dichter hat wenig 
Vertrauen auf den Ruf an die Gottheit, höchstens, daß das Gebet 
im Menschen die Hoffnung auf Besseres wach erhält. « O ihr Götter ! 



- 48 - 

Zwar ruf ich zu schlechten Helfern, aber es hat doch etwas für sich 
{iX^i TL ax^p-o), die Götter anzurufen, wenn unsereins vom Unglück 
heimgesucht ist » (s. o. Troad. 469 ff.). « ihr Götter ! doch was rufe 
ich zu den Göttern ; sie haben mich ja früher nicht gehört, wie ich 
zu ihnen rief » (ib. 1280 f.). Das Bekenntnis, daß wir nur tun, was der 
Gottheit beliebt, ist niederdrückende Resignation (s. o. Hiket. 734 ff.). 
Der Dank an Zeus für ein glückliches Ereignis ist karg bemessen 
(s. o. Herakleid. 867 ff.). Eine so ausgesprochene Neigung zum Beten, 
wie etwa Aischylos, hat der dritte der drei großen Tragiker somit nicht. 

Aber was bedeuten dann die vielen Götter epiklesen in seinen 
Dramen ? Sie sind zunächst nichts anderes als ein Festhalten an 
überkommenen Formen der dramatischen Technik. Anrufe, Schwüre 
und Beschwörungsformeln der Euripideischen Tragödien sind dem 
Wortlaut nach sehr oft ähnlich, fast gleich, solchen der beiden andern 
Dichter. Das gilt im besondern, für die Epiklesen des Zeus, der 
« Götter )), des Apoll, der Artemis, Themis, Dike, der Ge und des 
Helios, der Nyx und der Daimonen. (Anlehnung an Überliefertes 
bedeutet auch das Appellieren an die Eltern-, Gatten-, Geschwister- 
liebe in Beschwörungsformeln.) Wiederholt ist bei Euripides die Wahl 
des jeweils angerufenen Gottes durch dessen mythologische Beziehung 
zu einer bestimmten Person oder Gegebenheit bedingt (s. unter 
Poseidon, Athena, Apoll, Artemis, Ares, Helios [Licht]). Aber auch 
hier geht der Dichter nicht eigene Wege (s. Sophokl. unter Athena, 
Aisch. unter Apoll). 

Neu sind für den dritten der drei Tragiker die Epiklesen der 
Kypris, allgemein als Göttin der Liebe, und von den bis anhin behan- 
delten Autoren läßt er zum erstenmal seine Menschen (Griechen und 
Fremde) zu ihren Landesgottheiten rufen (s. unter Hera und Idaia M.). 
In ähnlicher Funktion kommen aber Aphrpdite und einzelne Landes- 
götter auch bei Aristophanes zur Geltung. Beide Dichter schließen 
sich vermutlich an einen bestehenden Bühnenbrauch oder direkt 
an das reale Leben an. (Mit Rücksicht auf Aristoph. ist bemerkenswert, 
daß der Ruf zur Idaia M., Or. 1453 f. komischen Einschlag hat.) 
Fremde durch ihre Schwurgötter zu charakteriesieren, war wohl 
literarische Mode, wie neben Euripides und Aristophanes auch Piaton 
und Xenophon beweisen. 

Daß E. Götterepiklesen braucht, ist somit zunächst äußerlich 
begründet : der Dichter steht unter dem Zwang der Tradition und 
hält sich in den allgemein üblichen Ausdrucksformen. 

Es läßt sich weiter beobachten, daß E. in der Verwendung der 
Epiklesen an den einzelnen Stellen nach einem mehr äußerlichen 
Gesetz vorgeht, indem nicht der Charakter der Sprechenden für den 
Ruf zur Gottheit bestimmend ist, sondern die Gewohnheit des Dich- 
ters, in gewissen Umständen regelmäßig gewisse Redewendungen 
zu verwerten, die dazu einander oft ähnlich sind : 

So ist Tipbs, dsäjv typischer Notschrei in der Todesangst Med. 1277, 
Hek. 1091 f., El. 1165. 

Bei einem unverhofften Wiedersehen klingt das Staunen sicher 
in einen Ruf zu den Göttern aus : w dsoc, vc MBco ; Alk. 1123. 



— 49 — 

(5 dsoi, riv' eldov ö-^tv ; Hei. 72. o) deoi ' deös 'fäp y.a\ zb ff/'vcöaxeov 
(fUoos. ib. 560. uj deoi,Ti Xeöaaco ; Or. 385. 

Mit einer Epiklese beteuert man die eigene Unschuld oder den eige- 
nen guten Willen : 

aX?^ ouv ifü) fisv dacjuovas piapTÖpofiac 

u)S Ttdvd' üTtoopyslv croc ve y.al vixvocs dsXw. Med. 619 f. 

pdpvopas ds Tcüvde dalpLoi^as y.aX&, 

tt)S Trdvra Tzpdaacov ahv dcy.7j, davjs cizsp' '/.vi. Phoin. 491. 

Vgl. Med. 1405 f., Hippol. 601 f., 1026 f., 1092 f., 1363, Her. 858, 
Iph. Taur. 1183 f-> Phoin. 491, 626 f. 

Gleichartig sind ferner folgende Stellen. Es handelt sich immer 
um ein. Schweigen oder Nichtreden : 

y.ai ae Tzpös Osöjv . . . X'^aaopai oiya.v. Hippol. 311. 

öiya-B Ttpös dso)v. Kykl. 624. 

y.al p-fj OB Ttpbs dscov, so Xiyecs jdp /.zX. Hipp. 503. 

Vgl. ferner : Iph. Taur. 1076 f., ib. 546 f., Orest 786 f., Hipp. 713. 

Sehr oft kehren Götteranrufungen wieder im Rahmen gleicher oder 
ähnlicher Wörter oder Wortverbindungen : 

■TZpbs Osüjv ae Xüaaopiu piOss p scpslvai zfjde X^P'^'- Hek. 1127 f. 

ä-TzsXSs, Tzpbs dscTjv dszcrls r' ißvjs, psdss. Hipp. 333. 
Vgl. dazu Hek. 550 f. 

w deoi, ysvotade rcovo' anörpoKOi zaxcüv 

zcu cüpßarrcv nv" OcdcTCO'j zsxvocs döre. Phoin. 586 f. 

(L deoi, Yevsadco d'fj Tror' eb~oyh<i jevos 

zb TavzdXeiov y.ai psracrzijzw y.ay.&v. Hei. 855 f. 

Vgl. dazu Phoin. 84 f. 

X.£u<T(Tiß' ä Tcdcr^cü. Med. 160. 

zd.d' dy-oöeos o7a Tzdc/jf^opsv. ib. 1405. 

Vgl. ferner Orest 747 und Phoin. 1083 f- '> Med. 6ig f. und Phoin. 491 f.; 
Med. 1402 und Hipp. 1358 f. ; Phoin. 608 f. und Iph. T. 780 f. ; Phoin. 
608 f. und Iph. A. 327 ; Herakleid. 867 f. und El. 866 f. 

Siehe auch die Wendungen : 

(h Zsö, zdd" dxo'Jets — rdd' öpas. Med. 1405, Hipp. 1336, Med. 
332, Herakl. 1127, vgl. Med. 160, 148 f., El. 771 f., 1177 f. 

Diese Zusammenstellung erweist den schablonenhaften Gebrauch 
der Epiklesen bei Euripides. 

Die Formelhaftigkeit insbesondere der kurzen Götteranrufungen 
ergibt mitunter deutlich ihr Kontext. So, wenn- tu ZebzucLpobundalal. 
parallel gesetzt ist, Troad. 578 ff., oder ioj Zsü ich yä zu idi pot növcov, 
Phoin. 1289. Der Vergleich der beiden Stellen Herakl. 538 und Troad. 
712 (s. o. unter Apoll) zeigt, daß "AtcoXXov etwa ein zi d" iaziv aufwiegt. 

Mehr als bei Aischylos oder Sophokles sticht bei Euripides die 
künstliche Aufmachung vieler Epiklesen in die Augen. S. die Schwüre 
bei Athena, Ares, die Rufe zu Artemis zum Licht (im besondern die 
Epiklesen des Ion und der Phoin.). Man darf annehmen, daß die 
kurzen, einfachen w Zso, w deoi bereits so abgeplattet sind, daß sie 



— 50 — 

nicht mehr das Pathos zum Ausdruck bringen. Hier schreitet offenbar 
die Entwicklung der dichterischen Verwendung der Epiklesen fort : 
Or. 92 (siehe oben) mit dem leidenschaftslosen, konventionellen 
TLpbs dswv beweist, daß wenigstens diese ^Götteranrufung die Bedeu- 
tung einer einfachen Fragepartikel angenommen hat. 

Nach der Neigung zum Realismus, die Eurip. eigen ist, ist dieser 
Gebrauch der Epiklesen Anlehnung an das wirkliche Lehen derbreiten 
Masse. Das gilt sicher vor allem von der Verwendung der Schwur- 
formeln. Erst Euripides gibt uns ein Bild von der Schwurfreudigkeit 
des athenischen Volkes. Er hält sich fern von der aristokratischen 
Zurückhaltung eines Aischylos oder Sophokles und läßt in seinen 
Dramen alle Welt schwören. So gibt sich Medea ausdrücklich nicht 
zufrieden mit dem bloßen Versprechen des Aigeus, sie verlangt vom 
König einen Eid als Unterpfand seiner Treue, Med. 731 ff., 746 ff. 
In der Tragödie Hippolytos schwört nicht nur der Chor der Phaidra, 
sondern der Held selber der Amme und seinem Vater, Hipp. 713, 
611, 1026 f. Lyssa beteuert bei Helios ihre Unschuld, Her. 858. 
Kreusa versichert ihren Sohn unter Eid seiner göttlichen Abkunft, 
Ion 1528 f. lason und Polyneikes rufen die Daimones zu Zeugen ihres 
ehrlichen Willens an. Med. 619 f., Phoin 491 f. Iphigenie und Orest 
schwören sich gegenseitig, ihre Versprechen zu ha]ten, Iph. T. 735 ff. 

Auf den Ernst und die Zuverlässigkeit all dieser Schwüre wirft ein 
Licht das berüchtigte ""^^ Euripideische 

■q -f?M(Ta oaojp.oy^ , 'q ok (ppTjV dvwuoros. Hipp. 6l2, 
« Geschworen hat die Zunge, nicht der Sinn. » 

Die Stelle ist aus dem Zusammenhang zu erklären : Hippolytos 
hat der Amme unter Eid versprochen, geheimzuhalten, was sie ihm 
anvertrauen werde. Die Alte hat dann die Liebe der Phaidra zu ihm 
geoffenbart. Der bestürzte Jüngling will um Hilfe rufen. Die Amme 
mahnt ihn an seinen Eid. Darauf die Antwort des Hippolytos, wie 
wir sie oben angeführt. Sie will zunächst bedeuten, daß der Schwörende 
« wenn er nach dem Schwur einsieht, er werde durch sein Halten 
andere Pflichten verletzen, von dem Eid wieder zurücktreten 
könne «. ^^ Hippolytos, der das gefährliche Wort braucht, ist übrigens 
in der Folge ein Muster der Eidestreue. Lieber läßt er sich falsch 
verdächtigen und von seinem Vater ungerecht verbannen, als daß 
er ihm eröffnet, was er unter Eid zu verschweigen gelobt, vgl. Hippol. 
1308 f. 

Für die Zeit des Euripides ist es aber bedeutsam, daß sein 
-q jXSiaa" ofj.wp.o'i fj ok (fp'/jv dvwpo-os, bei der herrschenden Unsitte 
des Vielschwörens, moralisch minderwertigen Menschen zur erlösenden 
Formel wurde, kraft deren sie das bindende Moment des Eides aUein 
in die Meinung des Schwörenden verlegen und sich auf anständige 
Weise der zwingenden Gewalt der Eidesworte entziehen konnten. ^^ 

Wie abgenutzt im wirklichen Leben durch das ewige Schwören 
Schwurformeln werden konnten, zeigen die Ausdrücke vac pä Jia, 
ob pä zlia im « Kyklopen », die entsprechend dem obengenannten, 
izpbs dscbv, einfache Bejahungs- und Verneinungspartikeln sind. 



— 51 — • 

Aber so formelhaft und abgeplattet die Euripideischen Epiklesen 
in weitem Maß erscheinen, so kann man ihnen doch nicht allgemein 
jeglichen tieferen Gehalt nach der religiösen Seite hin absprechen. 

Euripides übernimmt den Gebrauch von Epiklesen als dramatisches 
Requisit. Er gibt seinen Anrufungen aber trotzdem eine persönliche 
Note. AusdemJj da7tjiov -wir dein daliioh ip.oc,., Die Götter der Epiklesen, 
Molpa und Tu^'f), vor allem auch zf'.xTj haben in seinen Tragödien eine 
charakteristische Bedeutung. Die Rufe zur Ge und zum Licht kenn- 
zeichnen schon in ihrer äußeren Form den Dichter, dem die Ideen 
der Aufklärung vertraut sind. Wenigstens zu einem Teil sind die 
Anrufungen ein flüchtiger Widerschein philosophischer und religiöser 
Gedanken, die Eiiripides beschäftigt haben. Wenn er besonders in den 
Beschwörungsformeln das Göttliche zurückdrängt zugunsten einer 
erhöhten Wertschätzung des Menschlichen, so ist das wieder ein 
Zeugnis dafür, daß ihm die Epiklesen nicht als leere W^orte gelten. 
Sie sind eine Art Bekenntnis persönlicher Anschauungen. 

Der Dichter sucht offensichtlich hinter mancher der überlieferten 
Gottheiten ihre ideale Gestalt. Er glaubt an einen Zeus, an eine Artemis 
in seinem Sinne (S. unter Zeus und Artemis). Es ist somit nicht 
ausgeschlossen, daß manche Anrufungen, besonders auch der Götter 
im allgemeinen, ihrem ursprünglichen Gehalt nach erfaßt sind. Das 
legen nahe die vielen Reflexionen über Gott, das Göttliche, das Gebet, 
die sich an so häufige Epiklesen wie uj Osoc.w Zsu anschließen : 

d) Oso't — ri roL»s dsohs dvay.cdsls ^'^ ~ois swns ; I. Taur. 780. 
oj deoL y.azobs ftsv clvay.u'Aco r. aopijÄxo'Ji. Troad. 469, 
vgl. Phoin. 608, Hei. 560, Troad. 1280. Freilich machen die derart 
angefügten Betrachtungen, in ihrem stetigen Wiederkehren den Ein- 
druck einer gewissen Manieriertheit. 

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie Euripides viele seiner 
Epiklesen mit einer gewissen Sorgfalt künstlerisch ausgestaltet. Statt 
des vorwiegend religiösen bekommt die Götteranrufung vorwiegend 
künstlerischen Wert. 



4. ARISTOPHANES. 

Die Untersuchung der Aristophanischen Epiklesen ergibt im 
Gesamtüberblick zunächst eine reiche Mannigfaltigkeit der ange- 
rufenen Götter, die z. T. wieder einzeln durch Epitheta nuanciert 
sind. Die heiligen Namen sind jeweils nach allgemein menschlichen 
Motiven gewählt, nicht etwa, wie bei den Tragikern, auf Grund beson- 
derer mythologischer Beziehungen eines Namens zu einer Person oder 
Handlung. Aristophanes bringt eben Menschen des gewöhnlichen 
Lebens auf die Bühne, und wo Götter auftreten, sind sie in die all- 
tägliche Sphäre gerückt. 

Am häufigsten ruft man zu Ze^is und den « Göttern » (ohne beson- 
deres Beiwort), weil ihr Wirkungskreis tmein geschränkt ist (anders 
als z. B. der des Hermes). 



— 52 — 

Wenn wir dann weiter untersuchen, warum im einzelnen Fall 
aus der reichen Fülle der Götter diese oder jene Gestalt oder der 
einzelne Gott mit besondern Epitheta interpelliert wird, so ergeben 
sich folgende Gesichtspunkte ; 

I. Die Nationalität der redenden Personen. 

Für Athen, Attika kommen in Betracht Zeus {i^rj Jen), Poseidon, 
Apoll, Dionysos, Demeter, reo deco, Athena, Kekrops, Agraulos. 
Sparta : Dioskuren ; Boiotien : Herakles, die Dioskuren Amphion 
und Zethos, loalos ; Megara : Poseidon, Diokles ; Korinth : Poseidon ; 
Sybaris : Köre. 

2. Ihr Geschlecht. 

Männer : « Götter «-schwur, Poseidon, Apoll, Hermes, Demeter 
in bestimmter Funktion, Herakles. 

Frauen : rio dsclj, Artemis, Aphrodite. 

3. Ihr Stand oder ihr Beruf. 

Bauern : Dionysos, Demeter. Seeleute und Ritter : Poseidon. 
Volksführer, Volksredner : Apoll. Dichter : Dionysos, Lehrer und 
Schüler : Apoll und Chariten. Marktleute : Hermes. [Hetairen : 
Aphrodite, Artemis, wohl auch Apoll.) 



4. Ihre Charaktereigenschaft. 

Fromme : Ge. Altväterische : Uranos. Gesetzlose, Ungebundene, 
Leichtlebige : Dionysos. Liederliche, Wollüstige : Aphrodite, Artemis 
— Phosphoros, Hekate — Apoll, selten auch Männer : Aphrodite, 
Hekate ; selten Frauen : Apoll. Prahler : Poseidon, Herakles. Tölpel : 
Herakles. 

5. Eine momentane Stimmimg. 

Schrecken, auch Staunen : Zeus Soter, Poseidon, Apoll, Herakles, 
Pan (Korybanten, Dioskuren). Schmerz : Apoll, Poseidon. Freude : 
Phoibos, Apoll, Dionysos. Spottsucht : Demeter. Rechthaberei : Po- 
seidon. Ränkesucht : Hermes. Patriotische Regungen : Athena, die 
Landesgötter, Zeus Hellanios. 



6. Das Gesprächsthejna. 

Geld und Handel : Hermes. Politik : Apoll. Seewesen : Poseidon. 
Religiöses : Ge. Friede : Dionysos. Etwas Schönes, Feines : Zeus 
ßaaüeöi, 'jzoAu-'.utjZOS. 



53 — 



7- Ort oder Zeit, wo die Handlung spielt. 

Herd : Hestia. Markt : Hermes. Thesmophorienjest : reo dso). 

8. Einzelne Epiklesen haben objektiv, in sich selber größere Kraft 
des Ausdruckes und werden darum vor andern gewählt : z. B. die 
zusammengesetzten Schwüre vor den einfachen, ein vyj zbv Iloasodü) 
vor V7] Tobs dsoüs. 

g. Bloß äußerlich mag die Kürze des vrj Jia den ausgedehnten 
Gebrauch dieser Formel verursacht haben. 

Die bunten Motive, die Epiklesen auslösen, spielen ineinander, 
so daß in der gleichen Szene verschiedene Götterrufe sich folgen, z.B. 
vTj Tohs dsoüs, npbs r^s 'Eauas, vrj röv IJoaetdcb, Plut. 394 ff., vgl. Ri. 
336 f. Einzelne Personen gebrauchen verschiedene heilige Namen, 
z. B. Strepsiades in den Wo. 

jj.ä T7jvVjj.ij(^lrjV, u) Ttap-ßaa'tleü' ''ATicaöl-Q, v-q röv Uocrsidctj, vt] zlia, 
VT] Qia^ röv "ÄTiö/Jcü, -pös t(ov Oswv, vi] robs dsoüs. Vers 372-1150. 

Allgemein ertönen Epiklesen, wo es lebhaft zugeht. Daß in einer 
so bewegten Szene, wie Frd. 1210 ff., wo nacheinander mehrere 
Männer auftreten und über Zeitverhältnisse schimpfen, niemand 
zu den Göttern ruft, ist auffällig. 



Die Epiklesen sind ihrer Form nach meist Schwüre, weniger oft 
Ausrufe und ganz selten Beschwörungsformeln. Im sprachlichen 
Ausdruck sind sie einfach (anders als z. B. bei Euripides). Die Rufe 
zu einem einzelnen Gott sind wiederholt in vielen Beispielen gleich- 
lautend. 



Was ist der tiefere Gehalt der Aristophanischen Epiklesen ? 

Das Urteil über die religiöse Einstellung des Aristophanes im all- 
gemeinen ist geteilt. ^ Um dem Dichter gerecht zu werden, darf man 
das, was sich in seinen Komödien an religiösem Leben äußert, nicht 
nach unseren Begriffen über Glauben und religiöses Empfinden be- 
messen. Die Götterwelt des Aristophanes ist homerisch. Sein Gott 
bleibt im Bereich des Natürlichen und Notwendigen. Was in neuerer 
Zeit besonders Walter F. Otto ^ über die griechische Gottesidee for- 
muliert, hat sicher seine Geltung für Aristophanes, wird durch seine 
Epiklesen geradezu neu beleuchtet : Der griechische Gott trägt den 
Sinn einer Wirklichkeitssphäre in sich. Wir erinnern an die Rufe zu 
Poseidon, Apoll, Dionysos, Aphrodite : sie haben jeweils einen deutlich 
umschriebenen Geltungsbereich, durchdrungen von einer gleichartigen 
Stimmung, deren Exponent der Gott der Epiklese ist. Poseidon ver- 
körpert die Idee des Stürmischbewegten, wo immer es im Unbeseelten 
und Menschlichen dem weltoffenen Sinn des Griechen sich zeigt. 
Licht und Klarheit ist apollinisches, Rausch dionysisches Wesen. 
Sinnliches Verlangen ist von Aphrodite mitgeteilt. Nichts Mensch- 
liches ist so einer Gottheit fremd. Dem Dichter ist religiöses Gefühl 



— 54 — 

nicht Scheu vor etwas Unermeßlichem, Unfaßbarem, sondern heiteres 
Schauen und Anerkennen des Wirkhchen. 

Die Götter Homers sind menschengestaltig. Schon in der Ilias 
hören wir sie menschlich scherzen und lachen. Aristophanes steigert 
die Darstellung ihrer Erlebnisse ins Groteske. Er durfte sich das 
erlauben. ^ Man vergesse nicht, daß die dramatischen Spiele der 
Komödie, ihrem Ursprung nach Kulthandlung im Dienste des Gottes 
Dionysos, aus den alten Phallosliedern und Phallosumzügen sicher 
ein gutes Maß des Grotesken und Obszönen, was uns in Aristophani- 
schen Göttergestalten, Opferszenen und Gebeten stört, als geheiligte 
Tradition von Geschlecht zu Geschlecht weitergaben. 

Es wäre falsch zu behaupten, dem Publikum des Aristophanes 
ginge religiöses Denken und Fühlen ab. Wer wollte das annehmen von 
einer Zeit, in der Pheidias seinen Götterbildern Leben einhauchte, 
wo der Hermenfrevel eines Alkibiades derart die Gemüter erregte ? 
Der Dichter mußte sich hüten, religiöses Empfinden zu verletzen. * 
Man kann in dieser Hinsicht darauf verweisen, wie i^ristophanes den 
alten Götterglauben in seine Komödien modernen ungläubigen 
Strömungen gegenüber (Euripides, Sokrates) ° direkt in Schutz 
nimmt. Was er auf religiösem Gebiet geißelt, das sind vorab die 
fremden, importierten Kulte, wie die des Sabazios, des Adonis, der 
Bendis, der Kybele, der Kotyto, der Korybanten. ^ Er macht sich 
lustig über die barbarischen Götter überhaupt. ''Der Dichter wendet 
sich gegen religiöse Mißbräuche. Er karikiert gewinnsüchtige, betrü- 
gerische Priester und Seher, die geheimnisvollen nächtlichen Heilungen 
im Tempel des Asklepios. ^ Er übt K^ritik an den Orgien der Weiber- 
kulte und am Aberglauben. ^ 

Bei alledem ist aber Aristophanes, mag er nun^ religiöses Gut 
schützen oder angreifen, nicht tief, sein Urteil erstreckt sich auf 
Äußeres, ist volkstümlich. Deutlich kommt indes in seinen Komödien 
eine gewisse Skepsis der Götterwelt gegenüber zum Ausdruck. S. 
Ri. 32 ff., PI. iig ff., 124 ff., vgl. Girard 1. c. 606. 

Lebt speziell in den Epiklesen des Dichters ein Funke von Religion ? 

Was daran zweifeln läßt, ist zunächst die übergroße Häufigkeit 
der Götteranrufungen. Mitunter bewegen sich Rede und Antwort 
fast bloß in Epiklesen. Vgl. Plut. 394 ff., Ri. 336 ff. 

Wiederholt sind Götteranrufungen frivol mißbrmicht. S. Ach. 410 f., 
Frö. 337 f., 483 f., Ekkl. 369 f., sehr oft in Situationen mit so viel 
Komik einbezogen, daß ein ernster, tiefer Gedanke von vornherein 
ausgeschlossen bleibt. S. Arch. 807, 816, Lys. 403. Hiebei ist aber zu 
beachten, daß viele Epiklesen, die den Zuschauer zum Lachen reizen, 
von den redenden Personen ernst gemeint sind, so Rufe zu Apoll, 
Poseidon, Herakles in großem Schrecken. 

Durchgängig sind Epiklesen eingeflochten in Reden, die stark 
affektbetont sind, in denen die innere Erregung Hauptsache ist. 
Auf das weist die Wahl des Schwurgottes hin, der oft zum Inhalt 
einer Stelle keine andere Beziehung hat, als daß er Symbol einer Stim- 
mung ist. Vgl. Poseidon, Demeter, Genetylides. Speziell sind die 



— 55 — 
Beinamen und Epitheta der Götter Ausfluß des Affektes : ßaac/.sos. 

Viele Götteranrufungen kehren schablonenhaft in bestimmten 
Redewendungen wieder, s. Zeus, Herakles ; vi] Jia im beson- 
deren ist oft Partikel mit dem Wert eines Ja oder Nein oder Doch, 
Freilich usw. Sein tieferer Sinn ist oft vergessen, würde, wenn er noch 
lebendig wäre, eigentlich störend wirken. Vgl. i/-/y Jia in Imperativ- 
sätzen, in einer Bitte an Götter. 

Und doch darf man den Epiklesen nicht schlechthin und immer 
jeglichen Gehalt absprechen. Das ergibt sich schon daraus, daß 
nicht alle wahllos immer und überall gebraucht sind, sondern so wie 
es den besondern Eigenschaften oder Erscheinungsformen der jeweils 
angerufenen Götter entspricht. Das setzt wenigstens eine gewisse 
Reflexion voraus. 

Aus Aristophanes geht ferner hervor, daß das Schwören bei den 
Göttern als Aiisdruck des Götter glaubens aufgefaßt wird. 

Pheidippides zu seinem Vater : 

oto so (ppovscs fJ-d. zbv zlia rbv VA6f.i~cov. Wo. 817. 

Der Schwur findet nicht Gnade vor dem Vater, den Sokrates mit 

seiner Philosophie verdorben hat. Der fromme Sohn wird getadelt, 

da er noch so dumm sei, in seinem Alter noch an Zeus zu glauben 

und bei Zeus zu schwören, da es doch überhaupt keinen Zeus gebe : 

idou y'' Idoh J'i VküfiTiLOv • rrjS pMp'tac, • 

To Jla vopcCscvj övra r-qXcxovrovi. ib. 818 ff. 

Wer bei Aristophanes die religiöse Überzettg^mg ändert, ändert 
entsprechend auch den Wortlaut seiner Epiklesen. S. Wo. 627, 667, 
814, Vö. 194. Selbst einem Mnesilochos ist es nicht gleichgültig, bei 
was sein Schwiegersohn schwört. Er gibt sich nicht zufrieden mit dem 
philosophischen :Eid beim « Äther ». Euripides muß sich, um Glauben 
zu verdienen, zum Schwur bei den alten Göttern bequemen, Thesm. 
272 ff. Also ist die Götterepiklese nicht in jedem Fall bloße leere 
Redensart. Dabei ist zu beachten, daß das Aussprechen der kom- 
munsten Beteuerungsformel, des überhäufigen v-/] JUt Frö. 305 f. als 
vollgültiger Schwur angesehen wird. 

Zur vollen Würdigung speziell der Eidesformeln ist zu betonen, 
daß Aristophanes über das Schwören ernst denkt. Es geht zwar 
aus seinen Komödien hervor, daß falsch schwören in Athen nichts 
Ungewöhnliches war. Xanthias lügt mit vr^ rbv Jia und i^vj r. Iloauda) 
seinem Herrn vor, er sehe Ungeheuerliches. Frö. 285, 288, 295. Mne- 
silochos beteuert in arger Verlegenheit mit vvj Jia Unwahres, Th. 615. 
Strepsiades bietet sogar seinem Gläubiger drei Obolen an, wenn er 
ihm erlaube, seine nachweisbaren Schulden vor Gericht durch Meineid 
abzuschwören, und er beteuert die Aufrichtigkeit seines Anerbietens 
noch durch vrj Jia., Wo. 1234 f- 1241. 

Wenn ein Bub versteht, frech zu lügen und seine Lügen durch 
Eide zu bekräftigen, so ist das nach Ri. 423 f. ein Zeichen, daß der 
Schlingel Beruf hat, Volksführer zu werden. 



-56- 

Es gab notorische Meineidige in Fülle. Auf die Frage, ob er die 
Falschschwörer in der Unterwelt gesehen, antwortet Dionysos, auf 
die Zuschauer hindeutend, er habe sie auch jetzt vor Augen, Frö. 276. 
Sokrates macht sich darüber lustig, daß man glaube, Zeus strafe 
die Meineidigen. « Wenn der Gott mit dem Blitz die Meineidigen 
erschlägt, warum hat er dann den Simon und den Kleonymos und 
den Theoros nicht schon längst mit der Flamme verzehrt ; denn Mein- 
eidige sind sie wahrhaft. Statt dessen zerschmettert er seinen eigenen 
Tempel und die hohen Eichen. Unvernünftig ! Eichen schwören doch 
keine Meineide. » Wo. 399 ff. vgl. Vö. 1606 ff., wo Peisthetairos den 
Göttern den Rat gibt, sie sollen sich nur zu ihrem Vorteil, in ihrem 
eigenen Interesse, mit den Vögeln verbünden, die Raben würden 
dann das Amt auf sich nehmen, allen Falschschwörern die Augen 
auszuhacken, s. o. 

Aber Aristophanes verurteilt den Meineid. Xanthias und Mnesi- 
lochos sind keine Ehrenmänner. In den Reden des Sokrates und 
Strepsiades geißelt der Dichter die Gottlosigkeit der Philosophen. 
Peisthetairos vertritt die Interessen der Vögel den Göttern gegenüber. 
Und wie Strepsiades sich anbietet, falsch zu schwören, wirft ihm Pasias 
entrüstet vor : 

äizoAoio To'tvuv evs'S ävaodscas hc. Wo. 1236. 
Das Verletzen der Eide heißt ein Verbrechen am Heiligen [ävöatdr 
iTzdOofiev Vö. 328 f.). Das berühmte Euripideische -rj yXoKz öiiwjjlox 
wird als verderblich persifliert. Frd. 102, 1471 f., Thesm. 275 f. 

Schließlich werden wir nun allerdings die Grundbedeutung der 
Aristophanischen Epiklesen nicht in der Betonung einer sittlichen 
oder religiösen Idee finden. Für den Dichter hat wohl, wie die "Religion 
Homers überhaupt, so auch ihre Formenwelt vor allerh künstlerischen 
Wert. Die Epiklesen sind Mittel der künstlerischen dramatischen 
Technik. 1° 

Es liegt ein eigener Reiz darin, im Ineinander und Durcheinander 
der bunten Aristophanischen Epiklesen nach den Motiven zu suchen, 
die jetzt ein erschrockenes ^ffpdzXscs verursachen, dann ein polterndes 
fj.d TÖv rioastdcb, ein lustiges vr] -öv Jcövüaov, ein selbstbewußtes 1^77 
TTjv "Apsutv aus Frauenmund. Der Dichter charakterisiert durch die 
Invokationen einzelne Personen. Frauen und Männer weisen durch 
gesonderte fromme Formeln auf die Eigenart und die schwachen 
Seiten ihres Geschlechtes hin. Durch die Schwurgötter werden 
Stämme und Volkstypen kenntlich. Mitunter wird ein ganzes Stück 
durch oft wiederholte Götternamen, wie Poseidon, Demeter, auf einen 
charakteristischen Ton abgestimmt. Auch einzelne Szenen erhalten 
so ihre Färbung. Wo viele Götternamen erklingen, geht es laut und 
leidenschaftlich zu, wo Rufe zu Hermes durch die Luft fliegen, wird 
gemarktet und gefeilscht, wo wir Apollonschwüre hören, politisiert. 
Dem mühsamen Nachsuchen wiederholen sich bis zum Überdruß 
vrj Jca, fjiä Tohs deoüs. Aber auch diese Formeln haben ihre Funktion. 
Sie kennzeichnen den Athener, im besondern den geschwätzigen 
Bürger der niederen Klasse. 



— 57 — 

Aristophanes spiegelt in seinen Komödien wirkliches Volksleben, 
aber er kopiert es nicht. Dem Alltag sind Züge entnommen, zum Teil 
sicher ins Groteske gesteigert, überspannt. Wir werden auch manches 
an den Aristophanischen Götteranrufungen abstreichen müssen, 
wenn wir von ihnen aus auf Gehalt und Gestalt der zu seiner Zeit 
üblichen Epiklesen Rückschlüsse ziehen wollen. 



5. PLATON. 

Der Überblick über die Platonischen Epiklesen ergibt folgendes : 

Nur zu wenigen Göttern wird gerufen : am häufigsten zu Zeus, zu 
den Göttern im allgemeinen, dann zu Hera, Poseidon, Apoll, Aphrodite, 
Chariten, Herakles, Zethos und Ammon. Der Großteil der Epiklesen 
sind Schwüre, zahlreich sind auch die Formeln Ttpbs decov, Tcpös Jiög. 
Dazu kommen nur zwölf eigentliche Anrufe. 

Die Götteranrufungen sind häufiger in den früheren Werken als 
in den Spätdialogen. In diesen tritt zugleich das lebensvolle Wechsel- 
spiel von Rede und Gegenrede zurück. Der Gehrmich von Epiklesen 
ist somit S'yifiptom der lebendigen Umgangssprache. Wo Piaton mehr 
lehrhaft wird, doziert, ist die Vermeidung häufiger Götteranrufungen 
notwendigerweise gegeben. 

Aus der Verwendung der Zeusschwüre folgt, daß vornehme Leute 
mit heiligen Namen sparsam umgehen. Ferner rufen die Gebildeten 
fast nur zu Zeus. Weil sich nun die Dialoge Piatons im Kreis der 
vornehmen Gesellschaft halten, müssen seine Epiklesen von vorn- 
herein seltener und eintöniger sein als z. B. bei Aristophanes. 

Wenn wir die tatsächlich vorkommenden Götteranrufungen ihrer 
Form und ihrem Gebrauch nach ins Auge fassen, so fällt auf, daß die 
Rufe zu Poseidon, Apoll, Aphrodite, Chariten, Herakles Analoga in 
der Komödie finden : sie sind offenbar durch Konvention bedingt. 
Daß Piaton fremde Schwurgötter (Zethos, Ammon) ausrufen läßt, 
ist der Idee nach auch nicht neu, und mag ebenfalls auf allgemeinem 
Gebrauch beruhen, s. oben Euripides. 

Die Zeusschwüre im besondern sind so schablonenhaft gleichen 
Wendungen beigegeben, daß man versucht ist, anzunehmen, rein 
äußerlich nach dem Sprachgebrauch ziehe ein iywys, ein usuvoi, ein 
acpbdpa je den Schwur vrj Jia nach sich. 

Was wir über den Eid beim Hund gefunden, verstärkt den Eindruck 
daß bei Piaton die Götteranrufungen in erster Linie « Formeln » sind. 

Und doch steckt in ihnen wohl auch ein Stück Eigengut des Philo- 
sophen. 

Es gab im Altertum ein religiös-philosophisches System, dessen 
Jünger aus Überzeugung den Namen Gottes nicht leichthin aus- 
sprachen : die Schule des Pythagoras. Wir wissen, daß die Pythago- 
reer im besonderen bei der Eidesleistung es vermieden, Götter anzu- 
rufen. ^ Der Pythagorasjünger Timaios (im Dialog seines Namens) 
braucht keine frommen Epiklesen, wohl aber spricht er mit religiöser 



- 58 - 

Scheu und Erhfurcht vom ernsten Gebet : « Alle, die einigermaßen 
die rechte Gesinnung haben, rufen bei großen und kleinen Unter- 
nehmungen die Götter an ; wir aber, die wir über das All zu lehren 
vorhaben, inwiefern es entstanden und unentstanden ist, rnüssen 
doch besonders, wenn wir nicht völlig abgeirrt sind, die Götter und 
Göttinnen anrufen und beten, alles zunächst in ihrem Geiste und dann 
in Übereinstimmung mit uns selbst zu lehren. » Tim. 27 c. 

Der Einfluß des p3'thagoreischen Lehrsystems auf die Spekulation 
Piatons 2 ist schon von Aristoteles betont (Metaph. I. 6,1-4, A, 6, 
987 a). Es sind wohl Gedanken dieser Schule, die Phileb. 12 c zum 
Ausdruck kommen : « Die Ehrerbietung, die ich stets vor den Namen 
der Götter habe, läßt Menschliches hinter sich und ist mehr als die 
höchste Furcht.» 

Vielleicht hat auch das Hervortreten des Zeus in den Epiklesen 
tieferen religiösen Grund. Zeus ist « der Gott der Götter » debs 
ßsröv iv vö/i.oiq ßaaih'jojv, Kritias 121b. In Zeus ist eine königliche 
Seele und ein königlicher Geist, Phil. 30 d. Zeus ist der Gott 
schlechthin, der den Anfang, das Ende und die Mitte aller Dinge hält 
und sie nach ihrer Natur lenkt : ö p.kv drj Osos, ojoTzsp za'c 6 TtaÄacbs 
Inyos. (i-pyrjV vs y.cü zB?,soTrjv >:al uioa rcov övrcov ciTzö-vrcov ixcüv, vjOeiq. 
Tcspcu^sc y.arä cbatv r.spiTzopsoöiisvo^. Nomoi 715 e f. 
Vgl. b (CSV oTj uiyiiQ iffsu.cov iv oöpavw Zsus- Phaidr. 246 e. 
Zeus ist dasjenige, was Piaton anderwärts das Eine, das Gute, das 
wahrhaft Seiende nennt. Staat 509 b, Tim. 29 e. 



6. XENOPHON. 

Zusammenfassung : 

Neben Zeus und den « Göttern » tauchen bei Xenophon vereinzelt 
Epiklesen der Hera, des Apoll, des Herakles und des fremden Mithras 
auf. Zetcs, mit Vorliebe piytavos genannt, beherrscht den Plan. In 
zwei Werken (Hier, und Apol.) finden sich überhaupt nur Zeusschwüre. 
Die Beteuerung bei der Hera ist Xenophon in ganz ähnlichem Sinn 
wie Piaton geläufig, vrj r-qv "Hpav hat ausgeprägt ruhigen, vornehmen 
Charakter. Im Kontext sind die Rufe zu Apoll und Herakles wie bei 
Piaton und Aristophanes begründet. In seiner Art als Charakteristikum 
einer fremden Nationalität ist der Schwur bei Mithras gewöhnlich. 
S. unter Arist. und Piaton. 

Ihrer äußeren Form nach sind die Epiklesen zum größten Teil 
Schwüre, Beschwörungsformeln : 15, Ausrufe : 7. 

Anders als bei Piaton gestaltet sich bei Xenophon die Auswahl 
der Menschen, die zu den Göttern rufen. Der Autor kennt nicht die 
vornehme, einer gewissen Klasse eigene Zj.irückhaltung im Gebrauch 
der Epiklesen. Unbekümmert läßt er sodann seine Meder und Perser 
bei den hellenischen Göttern schwören. Das realistische Empfinden 
eines Aristophanes, der in der Wahl der Schwurgötter und weiter 



— 59 — 

im sprachlichen Ausdruck der Schwurformen sogar die Eigenheiten 
einzelner griechischer Stammestypen wahrt, geht Xenophon offenbar 
ab, der nur mit dem Eid bei Mithras aus seiner Rolle fällt. Dazu ist 
wohl auch öfivu/j.i aoc zbv McOprjv Oek. 4,24 nicht nach dem wirk- 
lichen Leben gebildet. Wir wissen, daß die echten Perser (im Gegen- 
satz zu den erdichteten unseres Autors) sehr sparsam mit Schwüren 
waren. Mehr als der Eid galt ihnen das ehrliche Manneswort und der 
Handschlag. Und sie machten sich geradezu lustig über die Schwur- 
sucht der « wahrheitsliebenden » Griechen. ^ 

Wie bei Xenophon im allgemeinen Leute jeglicher Nation bei den 
gleichen Göttern schwören, so sind auch die einzelnen Menschen nicht, 
etwa wie bei Aristophanes, durch ihre gesonderten Epiklesen nach 
Stand und Charakter gekennzeichnet. Die meretrix schwört wie die 
ehrsame Frau, der Bauer wie der Philosoph und der Dicher. Zu Hera- 
kles rufen Xenophon, Sokrates und Kyros. Für Xenophon sind die 
Invokationen nicht das kunstvolle Mittel zur Charakterisierung der 
Menschen wie beim großen Komiker. 

Das erklärt, warum in den Werken unseres Autors mit A^orliebe 
die farblosen gewöhnlichen Beteuerungsformeln laut werden. 

v'-q Jeu, v7] Tobs Iho'Js, ■^p. Osojv bringen kein Pathos zum Ausdruck, 
wohl aber, was sich an andern Epiklesen von ihnen abhebt, wie die 
feierlichen Schwüre bei den « Göttern », die Heraepiklesen, das irr- 
op.hü(o 0Oi TTjv iprfjV -/.cd a~rjv cptltav. 

Es ist bemerkenswert, wde Xenophon im Pathos gelegentlich der 
Tragödie verwandte Töne anschlägt, hier im letztgenannten Schwur, 
in der Beschwörung Tzpös Oecov Tzazpajwv Kyr. ATII. 7, 17, vgl. auch 
'E'i.op.sdä (joi, (Jj Ze~j usytcrTs (nach einem Donnerschlag) ib. VH. 1,3 



Erklärt sich allgemein der Gebrauch der Epiklesen bei Xenophon 
irgendwie aus dessen religiöser Haltung ? 

Es muß auffallen, wie vertraulich, intira Xenophon seine religiösen 
Menschen mit den Göttern verkehren läßt. Kyros nennt die Götter 
seine Freunde : «;$ tcoös (fü-oos pou ovzas zoui Oeohs oovco ocdxsLucu, 
Kyr. I. 6,4. Hermogenes ist stolz auf seine Freunde, wieder die Götter, 
die alles wissen und alles vermögen. « Sie sind mir so gewogen, daß 
sie, aus lauter Sorge um mich, mich niemals aus dem Auge verlieren, 
weder bei Tag noch bei Nacht, ich mag hingehen wohin ich will und 
tun, was ich will. » Symp. 4,47 f. Hermogenes lebt unter den Augen 
der Gottheit. In ähnlicher religiöser Athmosphäre bewegt sich Ischo- 
machos Oek. 5,19 f., 7,7 f., 7,12 f. Das Gefühl des ständigen Kon- 
taktes mit den Göttern ist in ihm intensiv ausgeprägt. Ähnlich läßt 
Xenophon den Kyros sagen, er beginne alles, was er unternehme, 
es möge groß oder klein sein, immer mit den Göttern. Kyr. I. 5,14. 
Vgl. ib. I. 5,6. Für den Bereich, in dem Xenophon lebt, mag gelten, 
was Ziebarth, zu stark verallgemeinernd, von den Griechen über- 
haupt sagt : « Revera enim Graeci in vita cotidiana tarn saepe iurant... 
quia in omnibus vitae condicionibus deos praesentes putant. « ^ 



— 6o — 

Xenophon gibt uns im besondern selber Anhaltspunkte zur Wer- 
tung seiner Schwurformeln. 

Das Aussprechen von vr] (röv) Jca wird von dem Verb d/j.vüvac 
begleitet : i7top.öaa<i ouv ixelvos Nrj röv Jl" icp'f], scos o.y ys Tzoirjaco xal as 
ijdscüi y-X. Kyr. IV. 1,23. 

^■1] Jia, tfco oh yi aoi. . . sTuo/nöans Ujco xrX. Oek. 20,29. 

Der letzte Satz ist die Antwort auf einen Vorwurf des Isomachos, 
der besagt, daß Sokrates in ernster Sache scherze : 

I^h p.sv xalCecz. . . w Scüxpavss- 

Falsch wäre nun der Schluß, vtj Jca bringe auf alle Fälle einen 
wirklichen Schwur zum Ausdruck, weil öfjLvüvcu schwören heißt. Der 
Sinn des oiivwat kann wechseln. Es bedeutet sicher in sakraler Weise 
eine Gottheit zum Zeugen anrufen, z. B. Kyr. VI. 1,3 : xal b Faddras 
ävarscvas Tag ;Ke?^o«s ttoös ~pv oöpa\^ov a'izwiioasv xrX. 

Oft aber besagt das Verb einfach soviel wie « kräftig betonen, 
emphatisch behaupten, im Ernst sagen (als Gegensatz zu Scherzen, 
s. o. Tzac^sts Oek. 20,29) ». 

Auf jeden Fall hat dfivuvao Doppelsinn. Das ergibt Symp. 4,10 : 
Kritobulos begründet seine These : Ich bin stolz auf meine Schönheit. 
« Wenn ich nicht schön wäre, so müßtet ihr (die am Gastmahl Teil- 
nehmenden) von Rechts wegen als Betrüger zur Strafe gezogen wer- 
den ; denn obschon niemand einen Eid von euch verlangt, schwört 
ihr beständig, ich sei schön. » sc /usv roiwv ixfj xaXös sip.1, ws, olofiat, 
uasls äv ocxauos ärzdr/js olxrjv urzi/^oczs. oödevös T'^-p öpxcCovros äse öfivu- 
ovTSS xaXbv pk ipazs scvac ; xd-fio piv-^i tzkttsoci), xaXohs X^'P ^■'^' dyadobs 
ujias ävopas vopJCco. 

Kritobulos scherzt hier mit der Bedeutung des Wortes djuvüvac. 
Seine Lobredner haben ihm sicher nicht unter wirklichem Eid ver- 
sichert, er sei schön. Aber er legt das nicht so ernst gemeinte « fort- 
währende Schwören » im eigentlichen Wortsinne aus. 

Die Stelle zeigt, wie die Begriffe « Schwören » und « Behaupten » 
in einander übergehen. Zugleich wirft sie aber auch ein Licht auf die 
sittliche Beurteilung des Meineides bei den Griechen : Wer falsch 
schwört, ist der Strafe für Betrug würdig (drrar/^s oixrj) und gilt nicht 
als Ehrenmann. 



6i 



III. TEIL. 



SCHLUSZBETRACHTUNG. 



Mit Xenophon haben wir die Reihe unserer Einzeluntersuchungen 
zu Ende geführt. In einem Schlußkapitel sollen nun die Teilergebnisse 
zusammengefasst und verdeutlicht werden. 

Die Werke der Literatur, die wir berücksichtigt haben, sind zu einer 
Zeit entstanden, wo im täglichen Lehen Götteranrufungen im allge- 
meinen sehr häufig waren. Vor allem beobachten wir eine eigent- 
liche Schwursucht, in ihren Folgen das leichtsinnige Falschschwören. 

Die Schwüre der Umgangssprache bewegen sich in feststehenden 
Formen. Nur eine Auswahl von Göttern sind im Schwur angerufen, 
und nicht alle aus ihnen sind es in gleicher Häufigkeit. 

Ganz selten sind im 5.-4. Jahrhundert die altertümlichen Beteue- 
rungen bei Ge, Helios, Uraros, Olympos, die Schwüre bei den 
Daimonen. 

Erster und häufigster Schwurgott in allen Umständen ist, wenig- 
stens in Athen, Zeus. Die Beteuerungen bei Zeus waren wohl im grie- 
chischen Sprachgebiet überhaupt gebräuchlich, wenn wir nicht 
annehmen wollen, Piaton lasse seine Nichtathener in Ausdrücken 
reden, die ihnen fremd sind. Außer Zeus weisen die hellenischen oder 
hellenisierten Stämme und Städte ihre besonderen (vaterländischen) 
Schwurgötter auf, so Sparta (Dioskuren), Argos (Hera), Korinth 
(Poseidon), Megara (Poseidon, Diokles), Boiotien (Herakles, Amphion, 
Zethos, loalos), Sybaris (Köre), Kyrenaika (Ammon). 

Für Attika läßt sich an Hand der Literaturquellen ein detail- 
lierter Katalog von dsol 'öpztot mit ihrem jeweiligen Geltungsbereich 
zusammenstellen : 

Die Götter im allgemeinen werden in Eidesformeln nur von Männern 
genannt. Ihr Anruf hat ungefähr soviel (kaum mehr) Beteuerungs- 
kraft wie der des Zeus. 

Bei Hera schwört in den Dialogen Piatons und Xenophons in 
Reden, die eine Bewunderung ausdrücken, ein Kreis von Männern, 
die wir der höheren Gesellschaft eingliedern. (Das gilt in diesem Fall 
auch von Sokrates, der sonst im Gebrauch der Epiklesen viel mehr 
als Mann aus dem Volk zu taxieren ist.) 

Nebst Zeus ist häufigster Schwurgott Poseidon. Nur Männer 
beteuern beim Erderschütterer, im besondern Seeleute, Ritter. 
Der Schwur hat das Gepräge durchschlagender Kraft. 



— 62 — 

Apoll ist Eideshort des Atheners in der Volksversammlung, in 
Fragen der Demokratie, weiter in der Schule, in der Sphäre der 
Dichtkunst, wohl allgemein bei Flötenspiel und Tanz. 

Artemis (Hekate, Phosphoros, Pandrosos) ist typische Schwur- 
göttin der Frauen, besonders im Bereich des geschlechtlichen Lebens. 
Unter Männern schwören nur Wollüstlinge bei der Schwester Apolls. 

Aphrodite nennen im Eid gewöhnlich unsittliche Frauen und ihre 
Gegenstücke im andern Geschlecht. Selten mag sie in ernsthafter 
anständiger Weise als Zeugin intimer Verhältnisse auch vom recht- 
schaffenen Mann angerufen werden. 

Marktleute (mit dem besondern Beigeschmack, der dem Wort 
bei den Griechen eignet) schwören bei Hermes. Handel, Geld, kluges 
Wesen sind Wirkbereiche des Gottes, und was hier behauptet wird, 
untei"stützt sein « heiliger Name ». 

Bei Dionysos beteuert der zufriedene Bauer und der lustige Geselle 
allüberall und etwa noch der Dichter in der poetischen Ekstase, 
also nur Männer. 

Bei Demeter schwört wieder der Landmann und, mit offener Vor- 
liebe, wer immer sich in Spott und persönlicher Invektive ergeht. 
Zusammen mit ihrer Tochter Köre taucht die Göttin in spezifischen 
Frauenschwüren auf [fia toj Osw). 

Im Reich des Schönen ist der Schwur bei den Chariten Brauch', 
im Bann des Zauberwesens der bei Hekate. Wo das Volk kräftig seine 
Ansicht betont, bürgt Herakles für deren Wahrheit. Der Schwur beim 
attischen Urahn Kekrops kennzeichnet den vaterländisch gesinnten 
Athener. Im gleichen Sinn ist Schwurgöttin Agraidos. 

Einzelne der aufgezählten Götter sind jeweils durch besondere 
Epitheta zu den Umständen des Schwures in Beziehung gesetzt, so 
Zeus als avj~rjp, fihos. opxios, :ivtos. p-s'fii<i, Poseidon als aluxos, 'i'^ziiLos, 
Hermes als äyopalos- 

Öfter sind mehrere Schwurgötter in einer Formel genannt, unter 
ihnen gewöhnlich Zeus (Apoll) oder die Götter im allgemeinen. Die 
Häufung der Schwurgötter verstärkt nach griechischem Empfinden 
die Zuverlässigkeit des Eides. 

Ähnlich wie die Schwurgötter sind die Numina, die der Athener 
in Anrufen zu nennen pflegt, auf eine bestimmte Zahl reduziert. 
Uralt sind wohl die Invokationen der Ge (in Zusammenhang mit 
Zeus) und des Daimon in Klagen. Im 5.-4. Jahrhundert ist w Zsb und 
w Oeol in aller Mund und immer am Platz, entsprechend den gleichlau- 
tenden Sch\vüren ^rj Jia, v-rj r. Oeoos. 

Schrecken, Schmerz, Staunen spricht sich unter Männern aus in 
der Epiklese des Apoll, Poseidon, Herakles, Freude in der des Phoibos 
Apoll. Der Anruf des Dionysos, Hermes, der Demeter, Aphrodite, 
Hekate und der « beiden Göttinnen » hat im gleichen Bezirke Geltung 
wie die entsprechenden, auf die gleichen Namen lautenden Beteuerun- 
gen. Wo der Mann zu Apoll ruft, wendet sich das weibliche Geschlecht 
an Artemis. Selten sind die Anrufe der Athena in patriotischer Ange- 
legenheit. Zu Pan, den Dioskuren, Kebriones und Porphyrion ruft 
der Grieche im Schrecken. 



- 63 - 

Ähnlich wie in Schwurformen sind die Götter auch in Ausrufen 
oft durch Beiwörter in besonderes Licht gerückt, oder es ist eine Seite 
ihrer Wirksamkeit den jeweihgen Umständen entsprechend hervor- 
gehoben. So heißt Zeus mitunter ßaaUsus, osarzörrjS, fis-fcavos-, tzoX'j- 
rifi'rjvos, (pDciazos, b/j.6yuios, äXe^rj-wp, rpoTZCuoi. 

Die Götter werden genannt csD^oi, 7LOAu~'.p:rfOL, TzarptyoL, Tzpojsvsls, 

Apoll erhält den Beinamen dTzo-pÖTzcuos oder wird schlechthin als 
"ÄKorpoKcuoc, oder IJauiv bezeichnet. Apoll und Herakles tragen den 
Titel ävccB. Hermes wird angerufen als dö/uos, ipizu'AcO.os. 

So wie in den Schwüren und in analogem Sinn werden weiter 
in den Anrufen auch die Götternamen gehäuft. 

Verglichen mit den andern Epiklesengattungen sind selten die 
Beschwörungsformeln bei den Göttern. Man bittet den Mitmenschen 
fäsfhur um Zeus (mitunter hiotos, äpalos, iwsavcoi genannt) und um 
der deoi willen. Von den Göttern werden in diesem Zusammenhange 
mit Vorliebe die Tzavpwoi angerufen. Vermutlich gehören auch die 
(in der Literatur) seltenen Formeln Tr^oos r-^s /"//?, ^,005 Xupirwv, -pöi 
rrfi liiyrias dem realen Leben an. 

Von den Schwüren, Anrufen und Beschwörungsformeln der be- 
sprochenen Art, ist anzunehmen, daß sie bereits im 5. Jahrhundert 
das Produkt einer langen Entimcklung darstellen. In weitem Maß 
sind die Epiklesen ihrer itr sprünglichen Gebetsftinktion entfremdet. 
Sie sind zu Exponenten des Affektes herabgesunken oder in weiterem 
Verlauf formelhaft mit dem tatsächlichen Wert einer bejahenden oder 
verneinenden Partikel in alltäglichen Redewendungen erstarrt. Das 
Bruchstück der Sophokleischen Ichneuten beweist, daß um die Mitte 
des 5. Jahrhunderts ein val p.d Jla ungefähr gleich viel bedeutet wie 
in Xenophons letzten Werken, also fast 100 Jahre später. Der einzige 
uns erhaltene Schwur des Aischylos hat, ebenso ausgesprochen, pathe- 
tischen Charakter wie einige der Eidesformeln . in der Kyropädie. 
Endlich läßt sich das Faktum, daß Götternamen mit Wörtern und 
Wortverbindungen zu festen, geschlossenen Ausdrücken verwachsen 
sind, nur aus einem weit zurückreichenden Epiklesengebrauch er- 
klären. 

Mit der Zeit des Aischylos macht sich — wenigstens in Athen — 
eine Reaktion im besondern gegen das Viel- und Falschschwören 
geltend. Das geschieht zum Teil unter persischem Einfluß. Die 
Sphäre dieser geistigen Bewegung sind die oberen, selbstbewußten 
Schichten der Gesellschaft. Andererseits gewinnen sophistisch-auf- 
klärerische Tendenzen Geltung : die von ihrem Geist Erfüllten ver- 
meiden den Eid überhaupt oder setzen in ihm und in der Epikiese 
schlechthin an Stelle der sonst angerufenen Götter Werte ein, die 
außerhalb des geltenden sakralen Bereiches liegen. Zwar kannte man 
sicher auch in konservativ-gläubigen Kreisen (im besondern) Beschwö- 
rungsformeln, die keinen religiösen Gehalt hatten ; das beweist 
Sophokles. Bezeichnend für die Aufklärung ist aber,- daß sie in ihren 
Epiklesen aus irreligiösen Motiven die Götter nicht nennt. Es wirkt 
auf den Epiklesengebrauch weiter die Neigung zum Monotheismus : 



-64- 

dieser will den Kult und die Formen des religiösen Bekenntnisses 
einem einzigen Gott zuhalten. Endlich predigt und übt die Schule des 
Pythagoras eine religiöse Scheu, die sich hütet, « heilige Namen » 
(leichtsinnig oder überhaupt) bei der Beteuerung der Wahrheit auszu- 
sprechen. S. unter Piaton. All diese Bewegungen, die dem Schwurwesen 
entgegenwirken, sind nicht volkstümlich. Das geht aus Aristophanes 
hervor. Das Volk häuft nach wie vor seine Epiklesen und ruft mit 
Vorliebe zu vielen Göttern. Weite Kreise aller Stände sehen im aus- 
gedehnten Gebrauch der Götteranrufungen nichts Unrechtes und nichts 
Unfrommes. Aber die entgegengesetzten Strömungen sind da und 
wachsen mit der Zeit, wenigstens soweit sie von philosophischen 
Ideen bedingt sind. 

Der verschiedene Bestand an Epiklesen bei Aischylos, Sophokles, 
Euripides, Aristophanes, Piaton und Xenophon erklärt sich aus der 
Art und Weise, wie sich der einzelne Autor jeweils zum Komplex der 
Strömungen iind Erscheimtngen verhält, die den Gebrauch der Götter- 
anrufungen umspielen. Daneben bedingt von vornherein die Ungleich- 
heit der Literatur gattung der Tragödie, der Komödie und des Dialogs 
für ihren Autor je einen anderen Standpunkt gegenüber den Formen 
der Umwelt im Sinne ihrer literarischen Verwertung. Weiterhin wird 
die subjektive Einstellung des schaffenden Menschen zu den auf ihn 
einwirkenden Kräften abfärben bis ins Kleinste seiner dichterischen 
oder schriftstellerischen Gestaltung hinein. 

Am wenigsten nimmt die Tragödie das Gepräge des Alltags in ihr 
Spiel auf. Sie idealisiert. Ihr ist durch die bindende Tradition der 
Mythos als Stoff zugeteilt und mit dem Mythos als bestimmte reli- 
giöse Ausdrucksform der Gebrauch von Epiklesen. In der Tragödie 
sind die Götterbilder der Griechen beseelt. Darum erscheinen auch die 
Götteranrufungen religiös belebt, ihr Gebetsgedanke' ist betont und 
gesteigert. Bei Aischylos offenbart sich der religiöse Ernst in ganz 
seltener Verwendung von Epiklesen. Der Dichter läßt oft zu den 
Himmlischen rufen, fast immer in tief empfundenem Gebet. Ihm 
gegenüber läßt Sophokles häufiger Epiklesen einfließen zur Kenn- 
zeichnung des Affektes, in den überlieferten Stücken selbst häufiger 
als Euripides. Er verkörpert die Eusebeia, die in öfterem Aussprechen 
heiliger Namen keine religiöse Entweihung sieht. Aischylos und 
Sophokles vermeiden, aristokratisch selbstsicher, eine Form der 
Epiklese, den Eid, als Stütze der menschlichen Wahrhaftigkeit. 

Euripides verwirft den Mythos, den er dichterisch auswertet. 
Er steht im Banne der neuen religiös-philosophischen Ideen, ist aber 
nicht schlechthin irreligiös. Mit dem überlieferten Glauben setzt er 
sich ernst auseinander. Darum haben auch seine Invokationen ernsten, 
im Sinne des Dichters — wenigstens zum Teil — religiösen Gehalt. 
Euripides scheut sich nicht — anders als seine Vorläufer — , in seine 
Dramen realistische Züge des Lebens aufzunehmen. Folgerichtig 
zeigt er mitunter freie Anlehnung an den formel- oder partikelhaften 
Epiklesengebrauch seiner Zeit. 

Die Tendenz der Tragiker, die Epikle^en der Umgangssprachen 
dichterisch zu idealisieren, zeigt sich bei Aischylos, Sophokles 



- 65 - 

und Euripides gleichmäßig in. der kunstvollen Ausgestaltung ihrer 
Fortn- Sie alle weisen ferner altertümliche, durch die Tradition 
gegebene Epiklesen auf, die Rufe zum Daimon, zur Erde, zum 
Licht, zu Dike und Themis. Endlich finden wir in der Tragödie 
neugeprägte Götteranrufungen, die sonst nicht übliche Namen ent- 
halten, so in den Werken des Sophokles und Euripides, Formeln, in 
denen Gottentsprossenen gegenüber der göttliche Vater oder Ahn- 
herr genannt ist, oder in denen ein Numen auf Grund anderer 
mythologischen Beziehungen zum Schwörenden oder zur Schwur- 
szene genannt wird. In diesem Sinne sind künstliche Gebilde die 
Schwüre bei Athena und Ares. 

Anders als die Tragödie nimmt zu den objektiven Gegebenheiten 
die Komödie Stellung. Aristophanes drückt sich in den Formen des 
AUtags aus. Doch ahmt er nicht einfach realistisch nach. Der Dichter 
steigert, was er der Natur und dem Leben entnimmt, ins Komische 
und Groteske. Alle seine Ausdrucksmittel, so auch die Epiklesen, 
dienen dem Zwecke, in grellen Farben zu charakterisieren iind daher 
zu karikieren. Das Personal der Komödie hat das Format des gemeinen 
Mannes. Darum die Fülle der Epiklesen und die bunte Reihe der ange- 
rufenen Numina bei Aristophanes. Womöglich übertreibt der Dichter 
die Gemeinheit seiner Leute. Darum so oft der frivole Mißbrauch der 
Götteranrufungen. Mit den Tragikern verglichen, tritt bei Aristophanes 
das religiöse Moment der Epiklesen zurück. Dafür hat sie der Dichter 
der Komödie als Symbol einer seelischen Stimmung oder Charakter- 
prägung kunstvoU ausgenützt. Glanz, Feinheit, Weichlichkeit, Freude 
und polternde Kraft haben ihren Exponenten in der Götteranrufung. 

Während der jüngste der drei tragischen Dichter der Invokation 
nur selten die Bedeutung einer Affektäußerung nimmt, gebraucht 
sie Aristophanes bedeutend öfter, rein formelhaft. Das gilt im beson- 
dern vom Zeusschwur. 

Es hängt zusammen mit der allgemeinen Neigung zur Parodie, 
die dem Komödiendichter eigen ist, daß viele seiner Götteranrufungen 
an die Tragödie anklingen. Diese Epiklesen, die Ausdrucksformen der 
Tragödie ins Lächerliche ziehen, entstammen dem Kunstwillen des 
Aristophanes, beruhen nicht auf realistischem Abzeichnen des schwö- 
renden Atheners. 

Auch insofern ergibt der Epiklesengebrauch der Komödie nicht 
einfach ein getreues Abbild der Wirklichkeit, als Aristophanes im 
Gegensatz zur Umgangssprache an die metrische Form gebunden ist. 

Die Komödie zeigt bezüglich der Götteranrufungen Berührungs- 
punkte mit dem Satyrspiel. Eine Linie zieht sich in der partikel- 
artigen Verwendung des val fiä Jta, p-ä zlia von den « Spürhunden » 
des Sophokles und dem « Kyklopen » des Euripides zu den Stücken 
des Aristophanes. 

Den bis jetzt besprochenen Dichtungen gegenüber werden die 
Prosadialoge Piatons und Xenophons notwendig eine andere Ver- 
wendung der Epiklesen zeigen. Die beiden Schriftsteller entnehmen 
die Invokationen dem wirklichen Leben als Formen der Umgangs- 
sprache (zur Sprache Piatons vgl. Hirzel, Der Dialog, S. 247, 251), die 



— 66 — 

sie reden. Sie weisen fast ausschlielBlich Zeus- und « Götter »-Epiklesen 
auf, die meist den grammatisch-sachlichen Wert einer bejahenden 
oder verneinenden Partikel behaupten. Die Anrufungen besitzen kaum 
mehr ideellen Eigengehalt — fast so wenig als ein « Ja » oder « Nein » 
oder « Doch ». Sie haben auch nicht mehr die künstlerische Funktion 
wie etwa bei Aristophanes. 

Daß die Rufe zu Zeus in den Dialogen vorherrschen, erklärt sich, 
wenigstens bei Piaton, aus der tieferen Idee, einen Gott der Götter 
anzuerkennen. 

Wenn nun auch Aristophanes und den beiden Dialogschriftstellern 
Realismus gemeinsam ist, ergeben dennoch ihre Werke ein verschie- 
denes Bild des Epiklesengebrauches, weil ihre Gestalten einem ver- 
schiedenen gesellschaftlichen Milieu angehören. 

Piaton weist weniger oft Epiklesen auf, wo er sich in den späteren 
Dialogen von den Formen der Umgangssprache mit ihrem Gegenspiel 
von Frage und Antwort entfernt und zusammenhängende wissen- 
schaftliche Darlegungen bietet. 

Würdigen wir abschließend die Epiklesen der Griechen des 
5.-4. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit als bestimmte geschichtliche 

Erscheinung. 

Die häufigen Götteranrufungen zeigen, als religiöses Phänomen 
betrachtet, daß die wie bei andern alten Völkern, so einst auch bei 
den Griechen vorhandene Furcht vor dem Aussprechen göttlicher 
Namen längst entschwunden ist. Das bedeutet zunächst nicht not- 
wendig einen Niedergang ernsten religiösen Denkens und Empfindens. 
Der Mensch gewöhnt sich eben, intimer, freundschaftlicher mit seinem 
Gott zu verkehren, und zum Teil ist der häufige. Ruf zum Gott Aus- 
druck des lebendigen Denkens an ihn. Nach und nach verraten die 
gewohnheitsmäßigen Invokationen allerdings eine zunehmende Ver- 
flachung der Frömmigkeit, der Ehrfurcht vor dem Heiligen. Wenn 
die Epiklesen im Laufe der Zeit gleichsam instinktiv Ausdruck des 
Affektes geworden sind, so läßt sich daraus erschließen, daß einst 
im griechischen Volke der Gedanke machtvoll lebendig war, daß die 
vielfachen Ereignisse des menschlichen Lebens, die die Seele bewegen, 
im Zusammenhang stehen mit dem Walten der Gottheit. Es wohnt 
den alltäglichen Epiklesen ein Rest religiösen Gehaltes inne. Ergeben 
doch all die kleinen Formeln, die teilweise vom unbewußten Empfin- 
den ausgelöst sind, wenn wir sie gleich zerstreuten Mosaiksteinchen 
aneinanderfügen, noch immer lebensvolle Bilder einzelner Götter und 
des religiösen Denkens und Strebens. Die Epiklesen, mit der Sprache 
organisch verwachsen, sind geeignet, diese als Eigengut eines religiösen 
Volkes erscheinen zu lassen. 

Wo die Götteranrufungen der Schilderung des Affektes dienen, 
werfen sie ein Licht auf die Art der Gefühle und Empfindungen, 
deren Symbol sie sind. Fast nur Schmerz spricht sich aus in den 
Epiklesen des Aischylos ; dann werden die Affekte, die sie spiegeln, 
in steigendem Maße reicher und bunter bis zu Aristophanes. Was sich 
in ihnen jeweils an seelischen Regungen und Stimmungen äußert. 



-67- 

ist bedeutungsvoll für den Dichter und für den Kreis der Menschen, 
die er zur Darstellung bringt. 

Die Epiklesen haben endlich auch sprachgeschichtUches Interesse. 
Im besondern zeigen die Schwüre und Beschwörungsformeln, wie 
Wortgebilde ihren lebendigen Sinn einbüßen, zu einer Interjektion 
oder einer Partikel werden in mannigfacher Bedeutungsmöglichkeit. 



— 68 



ANMERKUNGEN ZUR EINLEITUNG. * 



^ Der ausführliche Titel der mehrmals zitierten "Werke ist im Literatur- 
verzeichnis einzusehen. 

2 Vgl. Lasaulx, Die Gebete der Griechen und Römer, Würzburger Vorle- 
sungsverzeichnis 1842, S. II f. 

3 So Hirzel, Der Eid, i f. 

4 Vgl. Ott, 12 ; Meinhardt, 8 f. 

^ In der Aufreihung der angerufenen Götter gehen wir insofern gleichmäßig 
vor, als wir immer Zeus an die Spitze stellen, dem wir die Götter im allgemeinen 
oder Göttergruppen folgen lassen, um dann die einzelnen hellenischen Götter 
oder Halbgötter anzuschließen. Fremdländische Gottheiten stehen jeweüs am 
Schluß. Das Nacheinander « Zeus — Götter im allgemeinen » mag logisch als 
fehlerhaft erscheinen. Zeus ist aber der Gott der Epiklese Kar' h^oxvv. Bei allen 
Autoren wird er am häufigsten genannt und bietet die reichsten Beispiele für 
jede Verwendungsart der Epiklesen. Wo Zeus zusammen mit andern Göttern 
genannt wird, steht er gewöhnlich am ersten Platz. 

Epiklesen mit mehreren « heüigen » Namen führen wir in der Regel nur 
einmal an, und zwar im Kapitel über jenen der angerufenen Götter, der an 
letzter Stelle einzeln behandelt wird. So kommt i> Zeü koI deol im Abschnitt 
« Götter » zur Sprache. 



ANMERKUNGEN ZUM ERSTEN TEIL. 



1 Über die Bedeutung des Wortes ogKo^ vgl. Hirzel, Der Eid, 153,3 % 
Ott, 9 : hgKGQ = EQKog Boisacq, s. v. oqkoq — ce qui enferme ou contraint. ögKioc : 
Zfjva 6' oQKiov (Schützer des Eides) Kokü. Soph. Phil. 1324 ; oqkioq öe aoc Myu. 
S. Ant. 305^ '( Ich sage eidlich aus. » 

kTTLOQKog = Meineid. 

ÖQKovv - il^Eiv = verteidigen {k^ogKovv Thuk. 5,30). 

svopKsu = recht schwören (Thuk. 5,30). 

imopKSQ = falsch schwören (PI. Alk. L. 109 d). 

Ich schwöre = ö/iw/u {oßvvu) mir dem Akkusativ : anybg v6ug (S 271, beim 
Wasser des Styx), Tag anov6dg (Thuk. 5,47 Vertrag beschwören), öpKovg (ib. 30 
Eide schwören), Tav-a (IL T. 187 etwas beschwören). KaTöfiwfu bei etwas 
schwören (Eur. Or. 1517). hirö/iwfu (Kw. VI. 1,3) abschwören. Gegensatz 
inöfiyv/it. 

Selten steht das Schwurverb im Passiv: Zevg bß^j/ioaTai -KaTTjp. Eur. Rhes 816. 

2 Vgl. St. Augustinus, enarr. in psalm. VII, 3 : iurare... per exsecrationem, 
quod est gravissimum iurisiurandi, cum homo dicit : si illud feci, illud patiar. 



* Der Übersichtlichkeit halber haben wir den Abschnitten des Textes entsprechend auch die 
Anmerkungen gruppiert, in jeweils gesonderter Numerierung. 



-69- 

^ Wohl vor allem aus dem Empfinden, daß der Eid ein Fluch sei, entstand 
das schreckliche Büd des Zeus Horkios : Der Schwurgott mit dem den Meinei- 
digen strafenden Blitz in der Hand. S. Paus. V. 4, 29. 

* larup ist der Kundige, dann der Zeuge, aber auch der Richter. Vgl. darüber 
Hirzel, Der Eid, 40 ; id. Themis, Dike und Verwandtes, 65, 6. Vgl. Frö. 528 f. 

5 Der Schwur gibt sich schon in uralter Zeit als Zeugenforderung zu erkennen 
in der Wahl des «alles sehenden» Helios als Eideshort. Auch später erinnert 
in manchen Eidesformeln der Ruf zu irgend einem göttlichen Lichtwesen an 
die gleiche Auffassung. 

« Vgl. S. Paul. II. Kor. 13, i. 

Vgl. Matth. 18, 6; I. Tim. 5, ig; Deut. 19, 15. Daß aber nicht nur Menschen, 
sondern auch Götter in der Mehrzahl als Zeugen der Wahrheit aufgerufen wer- 
den, ist an sich allerdings befremdlich. 

' Tres per deos iurare (bei den Griechen) frequentissimum erat, Hof mann, 17. 

8 Vgl. S. Paul. I. Kor. 15, 31. 

^ Vgl. Kühner-Gert, Grammatik der Griech. Sprache, Hannover und Leipzig, 
1904, II, 147, I, 2. Brugmann-Thumb, Griech. Gramm., München, 1903, 628. 

10 Vgl. Meister, Die Griech. Dialekte, Göttingen 1882, I, 219. 

^^ Vgl. Brugmann-Thumb, 1. c. 627. Meillet-Vendryes, Grammaire comparee 
des langues classiques, Paris, 1924, p. 567. 

12 Vgl. Schröder, De Graecorum iuram. 12 ; Kühnlein, 15 f. ; Meinhardt, 19. 

1^ Schröder, 1. c. 10 : istae deierandi formulae (v^, val fiä, fiä) cum ipsis 
iurandi verbis nusquam compositae reperiuntur. 

1* Krüger, Griechische Sprachlehre, Berlin, 1861, § 6g, 34, A., formuliert 
über den Gebrauch der Schwüre mit [j-cl und vi] folgende Regel : ßä steht mit 
dem Akk. der Gottheit, bei der man schwört, und zwar bei Ableugnung, indem 
die Negation ov vorhergeht oder folgt, oft beides, oder doch im Zusammen- 
hang liegt. Bejahend ist vrj. Vgl. Kühner-Gert, 1. c. 147 f. 

'^^ Selten sind die Schwurformeln durch vorgesetztes ö emphatisch ver- 
stärkt : cj vi) J'i koTL örjTa Ar. Lys. 836 ; « vrj rbv 'AttöäTlo. ib. Ekkl. 160. 

1^ Siehe Piaton, Theait. 152 c, vgl. O. Apelt, Piaton, Sämtl. Dialoge, Leipzig 
1916-23, IV, 46. 

^^ In emphatischer Weise findet sich öfters ö Trpöc ^- Vgl. PL Apol. 25 c ; 
26 e ; Euthyd. 290 e ; Nom. 683 e ; Ar. Wesp. 484 ; Soph. Ai. 371 ; O. T. 646 ; 
1037- 



ANMERKUNGEN ZU AISCHYLOS. 



^ Geffcken, 149 ff. id. Anmerkungen 148, 26 und 150, 59. 

"- Vergl. hierüber W. Schadewaldt, Monolog und Selbstgespräch, 38 ff. 

3 Dieterich, Mutter Erde, 38. Kern, 36. 

* Wilamowitz, « Aeschyli Tragoediae », wiederholt den Ausruf, Vers 1537 
und nach 1566. 

5 u ■KÖ'Koi riiieyakai^ ayadäg re TTolcaaovofiov ßioräg eTrenvQaafiev nr?.. 

Über TTÖTToi. s. Imm. Bekker, Anecdota Graeca, 1433 : ^.syoßsv os (adversus 
Aristarchum) ßapiveadai avrb ög rö a <p'iKoi ek tov vKoTiaßslv övofia elvai. rö iröi^oi. Unvdai 
yäp rä nap' avToig äyäTifiara ■TTÖTrovg Ka2.ov(n, Kadag 'ffpodtavbg kv ry KadoTiOV /crA. Theo- 
gnostus, f. 103. Unmöglich scheint dieser Ursprung des ■ko-koc nicht zu sein. 
ä ßsol, TTpbg ßeav, fia /lia sind bei Aristophanes, Piaton, Xenophon in ähn- 
licher Weise verwendet, wie («) ttoVoj bei Homer oder Aischylos, vgl. II. 



— 70 — 

A 254, B 157, Od. a 32, 253 usw. Pers. 550, 852 usw. Aber schon bei Homer 
klingt in wÖTiot kein Göttername mehr mit, so daß wir den Ausdruck in unserer 
Untersuchung füglich beiseitelassen. Vergl. Kern, 129. 

" Die Umstellung der Verse bei Wilamowitz, Aesch. Trag., überzeugt mich 
nicht. Nach W. wäre die Schwurformel zu kütüi. zu ziehen. Die Schwurpartikel 
ßo. steht aber nur in negativem Sinn, in der Regel in Sätzen mit oh. Auch sehe 
ich nicht ein, warum die « numina » als « festes facinoris » angerufen sein sollen. 
Daß Agamemnion tot daliegt, sieht man ja, das braucht nicht beschworen zu 
werden. Siehe unsere Erklärung. 

' Über die Religion des Aisch. s. Rohde, II, 227 ff. 

^ « .... er ist der mächtigste Prophet des Glaubens an den allmächtigen 
Zeus ». Dieterich ib. 86, Geffcken, 192. 

^ Dieterich, ib. 38 ff. ; Kern, 36 und besonders Eitrem in R. E. VII 467 ff. ; 
Preller-Robert, Gr. M. 634 ff. ; Röscher I, 2, 1566 ff. 

10 Eitrem in. R. E. VII 467. 

" id. 1. c. 47g. 

^2 Die Herleitung des Wortes (Daimon) von der Wurzel 6a (in 6aivv/j.i) ist 
heute allgemein angenommen. Kern, 263, i. Die Daimonen sind « Zuteiler » 
des Geschickes. Über die Daimonen s. Tambornino, De antiquorum daemo- 
nismo, bes. 69 ff., Preller-Robert, Gr. M. 112, Waser in R. E. 2010 ff. Usener, 
Götternamen, 248, 292 f. 

1^ Pers. 620. ~6v re oaißova ^apelov hyKaTieladE. 

^* Tambornino, 69, nimmt an, daß bei Aischjdos allgmein die « mortuo- 
rum animae » öaifiovsc genannt werden. S. dagegen auch Rohde IL 232, i . 

^^ Pers. 61. JTspuäv ^ovoiyEvf/ 6e6v. 

18 Anders Kern, 263 : Die Daimonen sind niemals « als göttliche Persön- 
lichkeiten gedacht ». 

1'^ Schadewaldt, 1. c. 40. 

18 Hirzel, Der Eid, i fi, 109 ff. Ott, Beiträge z. Kenntnis d. griech. Eides, 90. 

"ib. 116 ff., 133. 

-» Schadewaldt, 1. c. 38 ff., 52 ff. 



ANMERKUNGEN ZU SOPHOKLES. 



1 Geffcken, 168 ff. 

^ Über iffTu siehe im allgemeinen Teil. 

3 deö^ ist nach Analogie der beiden vorausgehenden Schwüre Zeus. 

* Durch das Wort aißeadai bezeichnet der Hellene das Verhältnis des Men- 
schen zu den überirdischen Gewalten. Es ist die Scheu, die er ihnen gegenüber 
empfindet, die Ehrfurcht, die er ihnen schuldet. Kern 273. Das Substantiv, 
das gleich wie das Verb bei Sophokles wiederholt vorkommt (siehe die folgenden 
Epiklesen), bedeutet diese religiöse Scheu oder ihren Gegenstand. 

5 Siehe Aristophanes. 

8 Es liegt auf der Hand, daß Oidipus an der Wahrhaftigkeit der Götter nicht 
zweifelt. Der Ausdruck elTVEg kt^. ist,_ wie wir eingangs erklärt, eine Schwur- 
formel. 

■^ Vgl. die deol no/J-ac im Gebet Aisch. Sieb. 253. 

iraTQuog bedeutet EKTrarsQav {■nä-Qcog heimatlich). Siehe Pascal, 9 (3). 

8 S. Kern, 127. 

3 S. Röscher, III 2, 1713 ff. 



— 71 — 

1° In Lebensgefahr wird Philokleon aufgefordert, zu den Göttern der Ahnen 
zu beten. Ar. Wesp. 388. 

^^ Pheidippides belehrt Strepsiades, daß der Sohn mit Recht Vater und Mutter 
schlage, und erhält die Mahnung : KaTaiSiadr/Ti. Trargüov /Ha. Ar. Wolken 1468. 

12 Ztvq narpüog wird genannt Soph. Trach. 288, 753. Vgl. auch Eurip. El. 671. 
Piaton Leg. 881 d., Euthyd. 302 d. Die deol Tvarpüoi von Athen sind vornehm- 
lich Zeus, Athena, Apoll. Vgl. Pascal, 9 f. Hingegen ist als Witz zu verstehen, 
wenn der « Richter » Philokieon den Lykos, den Hort des Gerichtswesens, zu 
den Oeol TtaTQÜot zählt. Ar. Wesp. 388 f. Zu den 6. iraTp. Thebens sind zu rechnen 
Amphion und Zethos (Eurip. Phoin. 606), Ares (ib. 1006 f.). 

^3 Pallas bedeutet ursprünglich wohl die Jungfrau. Kern 130. 

^^ Schol. sIkötu^ TTQbg 'ÄTToTJiUva fj hvaßörjaLg. kv yap rJ cnro Osov QTjdTjGO/itivi,) XQVJI^V 
KEiTai TÖ Trjq ÖTraTAayrjg. 

^2 Vgl. Geffcken, 175. 

^^ Ziebarth, 24, Kern, 105 f. Wernicke in R. E. II 1336 ff. 

^■^ Walter F. Otto, ApoUon und Artemis, 338 ff. 

^8 Vgl. Tambornino, 67 f., wo allerdings mit Unrecht Artemis als dea lunaris 
betrachtet wird. S. Kern loi ff. 

19 II. r 277. 

20 Über. Helios als Schwurzeugen vgl. Jessen in R. E. VIII 59 f. 

21 Usener, Götternamen, 193, vgl. ib. 215. 

22 Kern, 37 : « Die Vorstellung muß natürlich (schon in vorgriechischer 
Zeit) vorhanden gewesen sein, daß Himmel oder Sonne die ernpfangende Erde 
befruchten. » Dieterich 92 ff. 

23 Kern, 189 f. Hirzel, Themis, D. & V. i ff. 
2* Über Dike siehe oben unter Aischylos. 

^5 Dieterich, 41. 

2" Wilamowitz, Berliner Klassikertexte V 2 S. 49, zitiert bei Kern 43. 

" Kern, 183 f. und 201 f. Röscher III i, 847 f. 856. 

28 In ähnlichem Sinn kommt die zarte Empfindsamkeit des Dichters zum 
Ausdruck im Abschied des Aias von seinem Söhnlein, wo der Telamonier mit 
Wehmut vom Glück des unverständigen, sich selber unbewußten Kindes 
spricht. Ai. 545 ff. Vgl. die Äußerungen der leidenschaftlichen Liebe der Tek- 
messa ib. 485 ff. Vgl. Schadewaldt, 65. 

-^ Über die religiöse Welt des Sophokles vgl. Rohde, II 233 ff. Ferner 
W. Schmid, Probleme a. d. Soph. Antigone, 2 ff. Siehe auch das Urteil von 
U. v. Wilamowitz : « Auf die Götter hat er (Sophokles) allezeit vertraut, gerade 
darum so insbrünstig, weil er ihre Wege nicht zu erforschen strebte, gerade darum 
an ihre Gerechtigkeit glaubend, weil der Weltlauf nur ihre Willkür zeigte. » 
T. V. Wilamowitz, Die dramat. Technik des Soph. (Beitrag) 372. « II (Sophocle) 
vivait dans ce monde surnaturel comme au milieu d'etres familiers plus grands 
que lui, dont son male genie portait la ressemblance. C'etait la meme facilite 
d'allure, la meme force temperee et douce, la meme serenite de l'intelligence. j- 
Masqueray, 109. S. glaubt selbst an Wunder, Od. Kol. 1663 f. 

3" Sophokles läßt « nur einfach mitteilen, was nach Zeus' Willen geschehen 
muß, so daß die Unterwerfung selbstverständlich ist und nicht einmal einen 
Entschluß bedeutet. » T. v. Wilam. Zum Schluß des Philoktet, 1. c. 312. 
Vgl. auch Rohde, II 236. 

^1 T. V. Wilam, 1. c. 95 bemerkt zu Trach. 983 : Die Frage ist « wenig be- 
gründet, und sie findet auch niemals eine Antwort ; denn schon in den nächsten 
Worten weiß er (Herakles) , wo er ist. » Das rrot yäc yKo ist eben, mit « Zev eng 
verbunden, ein Klageruf etwa nach Art unseres « Mein Gott, was ist das ! », 
das man auch dann ausspricht, wenn man ganz genau weiß, um was es sich 
handelt. 



— 72 

^2 Vgl. Hirzel, Der Eid, 133, 118, 113. 
33 Id. 1. c. 124 ff. 
3* Kern, 127. 



ANMERKUNGEN ZU EURIPIDES. 



^ Vgl. Geffcken, 17g ff. und 204 ff. 

^ Die Begründung dieser Einteilung wird der weitere Verlauf der Untersu- 
chung ergeben. 

3 crefivög zu aißsadai vgl. Anmerkungen zu Soph. 4. S. auch Kern, 131. Vgl. 
csfivbD Jia Iph. T. 749, 7;v iya asßu y-akiüTa Med. 395 f. Vgl. Hippol. 713 f. 

* Vgl. Odyssee. £ 4 Tithq vipißgefisTTjc; ov te Kparog kern /isyiaTOV. 

'' Über die Meergötter vgl. Kern, ig6 ff., 258 ff. Röscher, III, 207 ff. III, 2, 
12788 ff. 

" Hirzel, Der Eid, S. 84. 

■' Vgl. Wilam., Ion. S. 17 f. 

^ Geffcken, I. S. 191. 

^ Über den Ursprung von JTaidv aus dem Heilruf «i^is naiav. siehe Kern, 154. 

^^ « Es ist spaßhaft, wie sich mancher bemüht hat, den Gott durch ver- 
renkende Interpretationen zu entlasten. » Wilam., Ion, 13, 2. 

^^ Ares hatte « eine geringere Kultverbreitung als irgend ein Olympier, 
eine bedeutende allerdings in Athen, wo der hochheilige Hügel des Blutgerichtes 
seinen Namen trug v. Kern, 11.8. Id quidem silentio non praetereamus, nunquam 
nos Martern invocatum vidisse — i. e. in comicorum Graecorum et Piatonis, 
Xenophontis, Luciani sermone • — • ne eis quidem in locis, in quibus gloriantes 
milites nobis occurrunt. Per quem deum, cum is iam apud Homerum minime 
in favore sit, ideo non iuratum esse non miramur. Meinhardt, p. 49. 

12 Menoeceus per lovem et Martem, quippe per Spartarum fautorem iurat. 
Ziebarth, De iureiur. in iure gr. quaest. p. 9. 

13 SiaTToiva heißt auch Hekate Med. 394 f. ; vgl. ferner nörvia ,uoiQa Iph. 
Aul. 1136. TTÖTvia heißt Artemis Med. 108, Phoin. 108, ige. Hera trägt den Titel 
ävaaaa Andr. 934, Iph. Aul. 739. 

1* Aphrodite devient un etre tyrannique, capricieux, sanguinaire. Mas- 
queray, 127. 

lä Über Hekate siehe Preller-Robert, 324 ff. R. E. VII, 2769 ff. Kern 45 f. 

1" Hekate wird auch genannt als Gattin des Aietes und von ihm Mutter der 
Kirke und der Medea. Diodor IV. 45. Schol. Apoll. Rhod. II. 200, II. 242. 
Von der Göttin kommt die alienatio mentis, vgl. Hippol. 141 f. Über Hekate 
als numen possessionis siehe Tambornino, 67 f. (Besonders wird die epilepsia der 
H. zugeschrieben.) 

1' Preller-Robert, 481. 

" Vgl. Troad. 820 ff. 

1" Vgl. Schadewaldt, 112. 

20 Vgl. Masqueray, 189 ff., 196 ff. 

-1 S. Schwenn in R. E. II. Reihe, dritter Halbband 11 36 f. Röscher, II. 
3119 ff. Daremberg-Saglio, III. 1386 ff. Preller-Robert, 443 ff . 

-2 Kern, 93 ff. 

23 Preller-Robert, 530 f. Röscher, II. 3, 3084 ff. 

-^ Waser R. E. IV. 2010 ff. Preller-Robert, 541 f. Tambornino, besonders 
69 ff. 



— 73 — 

25 Preller-Robert, 539 f. 

2« Masqueray, 181 f. 

2" Kern, 281. 

28 Wilamowitz gibt zu, daß sich Euripides so « wie mit ziemlich allen Gedan- 
ken und Bestrebungen seiner Zeit, auch mit dieser Art Askese und Mystik 
wiederholt beschäftigt, die sich an die Namen des Pythagoras und Orpheus 
knüpft », will aber für seinen Hippolytos eine k freiwillige heiter-frische Keusch- 
heit » gewahrt wissen und meint, der Dichter geißle das « orphisch-pythago- 
reische Wesen » als « Muckertum ». Gr. Tr. I. Hippel. 117. Vgl. damit seine 
Äußerung: «alle Ekstase, alle Mystik ist dem Hellenentum... wider die Natur». 
Gr. Tr. IV. Bakchen, 135. Vgl. dagegen den Einfluß der Mystik auf das 
griechische Geistesleben (besonders Aischylos und Piaton), Bieterich, 37-58. 
Rohde nennt die Weihen der Göttinnen zu Eleusis " die Krone der attischen 
Götterverehrung», Psyche II. 243. Zu Euripides vgl. Masqueray, 195: II y a, 
en effet, chez lui (Euripide) un penchant tres curieux au mysticisme. Vgl. 
ib. 194 : Si Euripide avait eu pour l'Orphisme l'estime plus que mediocre dont 
on parle, pourquoi Hippolyte serait-il aussi admirable ? 

2ä S. über sie Schwenn, R. E. XI. 2255 f. 2250 ff. Dieterich, 82 f. Röscher 
(Kybele), II. i, 1638 ff. Kern, 33 ff. ib. 34 : « Sie (die magna mater) hat in ihrer 
großen, weiten Heimat keinen gemeinsamen Namen, sie heißt nach dem Ort, 
an dem sie verehrt wird » : Dindymene, Idaia, Kybele, Sipylene, usw. 

3« Dieterich, 82 f. 

^1 Die große Mutter « ist früh nach Griechenland gekommen, schon der 
(Homerische) Demeter-Hymnus zeigt, wie sie der Religion von Eleusis angeglie- 
dert ist ». Dieterich, 82. 

^2 Geschichte der griechischen Literatur, S. 124. 

2ä Über die Religion des Euripides s. Masqueray, 108 ff., Zeller-Nestle, 
Gesch. d. Phil. d. Griechen I. 26 S. 1441-59, Rohde, Psyche II. 247 ff., Geffcken, 
178 ff., 204 ff. 

3* Vgl. dazu Aristophanes, Frö. 102, 1471, Thesmoph. 275, Piaton Theait. 
154 d, Symp. 199 a, Athen. III. 122 B (Kaibel). 

35 Hirzel, Der Eid, S. 55. 

3" id. 53 ff. 



ANMERKUNGEN ZU ARISTOPHANES. 



' S. den eingangs zitierten Aufsatz von Jules Girard, La religion dans 
Aristophane, ferner Pascal, Dioniso, Roggwiller, Philosophie, Dichtung, Kunst 
und Religion in der attischen Komödie S. 133 ff. 

2 Gottesidee, 13 ff. Für die geschichtliche Betrachtung der einzelnen Götter 
gilt allerdings, was Dieterich sagt, Mutter Erde, S. 70 f. : « Eine Gottheit ist 
nicht ein einheitliches Wesen wie ein Mensch : sie hat nicht ein Prinzip, eine 
Herkunft, einen irgendwie einheitlichen Charakter. Im jahrhundertelangen 
Werden einer Gottheit haben die unzähligen Traditionen der Orte, wo sie einmal 
heimisch war, und die mannigfaltigen Stimmungen der Zeiten und Seelen der 
Menschen, die einmal an sie geglaubt, mitgestaltet an dem \\"esen, das nun erst 
die lebenden Menschen einer Zeit in ganz wenigen Hauptzügen einheitlich 
schauen und glauben. » 

3 Girard weist auf eine allerdings entfernte Parallele hin, auf die geistlichen 
Spiele des christhchen Mittelalters : A cette epoque de foi profonde et naive. 



— 74 — 

si Dieu lui-meme est respecte, ses ministres le sont fort peu. Le vilain du fabliau 
traite fort lestement saint Pierre, saint Thomas et saint Paul, qui lui refusent 
l'entree du paradis, et si l'on y regarde de pres, la justice divine elle-meme etait 
en defaut, quand eile oubliait Täme du pauvre homme etc. 1. c. 596 f. 

* II n'avait pas commis de profanation religieuse comme Eschyle et Alci- 
biade furent accuses d'en commettre ; il n'avait pas, comme les Sophistes, 
nie Taction de la puissance divine, dans le monde physique ; il n'avait pas, 
comme on pretendait que Socrate l'avait fait, detourne de rendre aux dieux 
de la patrie le culte auquel ils avaient droit : il n' etait donc dans aucun des cas 
qui rentraient dans l'accusation d'impiete. Girard, 602, cf. 604 f. 

s Thesm. 443 ff. Frö. 889 ff. Wo. 263 ff. 

" Lys. 388 f., 557 f., Wesp. 9 f., iig, Ekkl. 1069, vgl. Pascal 20 f. 

' Vö. 1615 ff., vgl. Pascal 15 f. 

■" Plut. 653 ff. Ei. 109 ff. Vö. 959 ff. Frd. 1052 ff. 

^ Thesm. 280 ff. Frö. 293. 

^^ La question d'art est donc capitale dans ses comedies ; eile Test en par- 
ticulier dans la maniere dont il a traite la religion. Girard 607. 



ANMERKUNGEN ZU PLATON. 



' Jamblich, V. P. 150, § 144, Laert. Diog. VIII. 22. 
2 Vgl. über Piaton Willmann, 1. c. 414 ff. 
^ Vgl. Hermann Diels, 1. c. 



ANMERKUNGEN ZU XENOPHON. 



1 Vgl. Herodot, I, 153, vgl. hiezu Hirzel, Der Eid, 115 ff.; ferner Schröder, 
De Graecorum iuramentis, 3. 

2 De iureiurando in iure Graeco qu., 6. 

3 Dagegen freüich Rohde, I, 65 : « Man darf zweifeln, ob die Griechen 
eine sittliche Verfehlung im Meineid überhaupt fanden und empfanden. » 



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VERZEICHNIS 
DER HAUPTSÄCHLICH BENUTZTEN WERKE. 



Aly Wolf : Geschichte der griech. Literatur, Bielefeld und Leipzig, 1925. 

Dieterich Albrecht : Mutter Erde, Ein Versuch über Volksreligion, 2. Auf. 
Berlin, 1913. 

Geffcken Johannes : Griechische Literaturgeschichte, i. Bd. Von den Anfängen 
bis auf die Sophistenzeit. Mit einem Sonder band Anmerkungen, Heidel- 
berg, 1926. 

GiRARD Jules : La religion dans Aristophane, Revue des deux mondes, tome 28, 
Paris, 1878. 

HiRZEL Rudolf : Der Eid, Ein Beitrag zu seiner Geschichte, Leipzig, 1907. 

— Der Dialog, Ein literarhistorischer Versuch, i. Teil, Leipzig, 1895. 

— Themis, Dike und Verwandtes, Ein Beitrag zur Geschichte der Rechts- 
idee bei den Griechen, Leipzig, 1907. 

Hofmann Guilelmus : De iurandi apud Athenienses formiilis, Darmstadtii, 1886. 
Kern : Die Heligion der Griechen, i. Bd., Von den Anfängen bis Hesiod, Berlin, 

1926. 
Kühnlein Rudolfus : De vi et usu precandi et iurandi formularum. apud decem 

oratores Atticos, Programm der Königl. Studienanstalt zu Neustadt a.d.H., 

Neustadt, 1882. 
Masqueray Paul : Euripide et ses ide'es, Paris, 1908. 
Meinhardt Paulus : De forma et usu iuramentoritm, quae inveniuntur in comi- 

corum Graecorum et Piatonis, Xenophontis, Luciani sermone, Jenae, 1892. 
Ott Ludwig : Beiträge mr Kenntnis des griechischen Eides, Leipzig, 1896. 
Otto W. F., :ApoUon und Artemis, '< Die Antike », B. i, H. 4, 1925, S, 338. 

— Die altgriechische Gottesidee, Berlin, 1926. 

Pascal Carlo : Dioniso, Saggio snlla religione e la parodia religiosa in Aris c- 

fane, Catania, 191 1. 
Preller Robert : Griech. Mythologie *, Berlin, 1894. 
RoGGWTLLER Emst : Philosophie, Dichtung, Kunst und Religion in der attischen 

Komödie, Diss., Zürich, Manuskr. 
RoHDE Erwin : Psyche, Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, 

g. und 10. Aufl., Tübingen, 1925. 
Schadexvaldt Wolfgang : Monolog und Selbstgespräch, Untersuchungen z. 

Formgeschichte d. griech. Tragödie. Neue philologische Untersuchungen, 

H. 2, Berlin, 1926. 
Schröder Dr. G. A. : De praecisis iurandi formis Graecorum et Romanoriim, 

Jahresbericht über das Königl. Gymnasium zu Marienwerder, Marien- 
werder, 1845. 

— De Graecorum iuramentis interiective positis dissertatio prima, ib. 185g. 
Stengel Dr. TavliDi egriechischen Kultusaltertümer ^, Handbuch der klassischen 

Altertumswissenschaft, München, 1898. 
Tambornino Julius : De antiquorum daemonismo, Religionsgeschichtl. Versuche 
und Vorarbeiten, 7. Bd. 1908-09. 



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WiLAMOwiTz-MoELLENDORFF U. : Aischylos, Interpretationen, Berlin, 1914. 

— Euripides Herakles, 2. Bearbeitung, Berlin, 1895. 

— Euripides Ion, Berlin, 1926. 

— Menander, Das Schiedsgericht, Epitrepontes, Berlin, 1925. 

— Piaton, 2 Bde., Berlin, 19 19. 

— Aristophanes Lysistrate, Berlin, 1927. 

Willmann Dr. Otto : Geschichte des Idealismus, 2. Aufl., Braunschweig, 1907. 
ZiEBARTH Ericus : De iureiurando in iure Graeco quaestiones, Gottingae, 1892. 

Artikel « Eid » in R. E. V. 2076 ff. 
Pauly-Wissowa, Real-Encyclopädie der Classischen Altertumsujissenschaft 

(zitiert mit R. E. und dem Namen des Verfassers des jeweiligen Artikels). 
RoscHER : Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie 



TEXTAUSGABEN. 



Aeschyli Tragoediae, ed. Henricus Weil. Lipsiae, 1891. (Ich zitiere Aisch. 

nach dieser Ausgabe.) 
Aeschjdi Tragoediae, ed. U. de Wilamowitz-Moellendorff (ed. mai.), Berolini, 

1914. 
Sophoklis Tragoediae ^, ed. Dindorf-Mekler, Lipsiae, ed. stereot. 1885. 
Euripidis Tragoediae, ed. Nauck, Lipsiae, 1881-91. 
Aristophanis Comoediae 2, ed. Bergk, Lipsiae, 1897. 

AFIETO'PANOYS EIPHNH, ed. Henricus van Herwerden, Lugduni-Bata- 

vorum, 1897. 
Die Wolken des Aristophanes -, erklärt von Teuffei- Kahler, Leipzig, 1887. 
Ausgewählte Komödien des Aristophanes, erklärt von Th. Kock : 

Die Frösche ^, Berlin, 1898. 

Die Vögel '', 1894. 
Piatonis Dialogi, ed. Hermann-Wohlrab, Lipsiae, 1890-96. 
Xenophontis scripta minora 2, ed. G. Dindorf, Lipsiae, 1896. 
Xenophontis Commentarii, ed. Gilbert, Lipsiae, 1898. 
Xenophon, Institutio Cyri, ed. GemoU, Lipsiae, 1912.