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Full text of "Handbuch der Religion und Mythologie der Griechen und Römer [microform] : für Gymnasien"

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GIVEN BY 



Besides tlie iiiain lo^ic ihis book also treats of 
Subject No. Ott Page Suhject No. On page 



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ENCYKLOPÄDIB 

DEB, KLASSISCHEN 

ALTERTHUMSKUNDE 

FÜR GYMNASIEN. 



ERSTER THEIL. 

HANDBUCH DER RELIGION UND MYTHOLOGIE 

DER aRIECHEN UND RÖMER 



VON 



H. W. STOLL. 



SECHSTE AUFLAGE. 




LEIPZIG, 

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER. 

1875. 



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HANDBÜOH 



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RELIGION UNB MYTHOLOGIE 



DER aEIECHEN UND EÖMER. 



FÜR GYMNASIEN 



VON 



HEIl^EIOH WILHELM STOLL, 

PKOFESSOB AM GYMNASIUM ZU WEILBUEG. 




E!ilBä!m5! lWll!Miiafllll»lll|a| |1|||llliiiri^ 

MIT ZWEI UND DBEISSIG ABBILDUNGEN. 

SECHSTE AUPLAaE. 



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LEIPZIG, 
DRUCK UND YERLAG VON B. G. TEUBNER, 

1875. 



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Vorwort zur dritten Auflage. 



Wenn aneli die Yorliegende dritte Anflage der Mythologie 
von der zweiten nicht selir verscMeden ist, so hat sie doch an 
gar vielen Stellen so manche Aenderungen und ergänzende Zu- 
sätze aufzuweisen, das s . sie immerhin eine verbesserte und ver- 
mehrte Auflage genannt werden kann. Namentlich habe ich auf 
den Vorschlag eines verehrten Eeferenten hin, dessen Urtheil ich 
hochhalte, bei einzelnen griechischen Grottheiten die alte Naturseite 
etwas mehr, als dies in den bisherigen Auflagen geschehen, hervor- 
zukehren gesucht, ohne jedoch . von der ursprünglichen Anlage des 
für GrjTunasien bestimjnten Buches abzugehen. Welche Grundsätze 
mich bei der Abfassung der griechischen ''Mythologie von Anfang 
an geleitet, habe ich in dem Vorworte zur ersten Auflage in fol- 
genden Worten ausgesprochen: 

„Das vorliegende Schriftchen sucht sich auf den Standpunct 
der neueren Wissenschaft zu stellen und kann als ein auf grössere 
mythologische Werke vorbereitendes Schulbuch gelten, indem es 
so kurz als möglich das dem Schüler Nothwendige bietet, eines- 
theüs urn ihn bei der Leetüre der classischen Schriftsteller zu 
unterstützen, anderntheUs um ihm die erste Aussicht in die Wissen- 
schaft selbst zu eröffnen. — Der Schüler bedarf nun vorerst eine 
Kenntniss der griechischen Religion und Mythologie in ihrer aus- 
gebildetsten Form, also der Stufe der Entwicklung, auf welcher 
sie während der Blüthezeit des hellenischen Lebens stand. Li 
litterärischer Hinsicht war also auf Homer und Hesiod, die Be- 
gründer jener höchsten Stufe, besonders Rücksicht zu nehmen, ohne 
dass die Schriftsteller späterer ächthellenischer Zeit, wie Pindar 
und die Tragiker, wenn bei ihnen besondere Ideen hervortraten 
oder neue Seiten des bereits Bestehenden sich aufthaten, über- 
gangen werden durften. Damit jedoch der Schüler auch einiger- 
massen eine Einsicht in den Entwicklungsgang der griechischen 
Religion und Mythologie erhalte, niusste hier und da bei den 
einzelnen Gottheiten auf die weniger entwickelten Vorstellungen 
einer früheren Zeit oder locale Culte, sowie auf die Ausartungen 



— VI — 

späterer Zeit kurz laingewiesen werden. Denselben Zweck hat 
der allgemeine Theil des Bnches, in welchem der Verfasser sich 
den Forderungen der Schule gemäss nur auf das ISTothwendigste 
zu beschränken gesucht hat. Ebenso glaubte er in den Citaten 
sparsam sein zu müssen, es sind nur solche Autoren angeführt 
worden, welche entweder in der Schule gelesen werden, oder doch 
dem Schüler leicht zugänglich sind." 

Ich glaubte diese Stelle noch einmal hervorziehen zu müssen, 
da ein Theil der Beurtheiler der zweiten Auflage, deren kurzes 
Vorwort sich über die Bestimmung des Buches nicht ausspricht, 
demselben, wie ich glaube, eine zu grosse Ehre angethan hat, wenn 
sie es neben rein wissenschaftliche Werke der Mythologie stellten, 
zugleich aber auch die Forderungen, die an ein vorbereitendes 
Schulbuch zu stellen sind, nicht immer fest im Auge gehabt zu 
haben scheinen. Indem ich nun die obigen Grundsätze in dieser 
neuen Auflage im Wesentlichen festhielt, habe ich mit besonderer 
Sorgfalt darüber gewacht, dass das der Schule zuzumessende knappe 
Mass nicht überschritten wurde. Diese Beschränkung ist mir bei 
einem Stoffe, wie der hier zu bearbeitende, besonders schwer ge- 
worden, zumal da es von manchen Seiten nicht an Aufforderungen 
gefehlt hat, diese iind jene Partie des Buches zu erweitern. 



In Anlage und Umfang unterscheiden sich die 4., 5. u. 6. Auf- 
lage dieses Buches nicht von der vorhergehenden; doch hat der 
Verfasser im Einzelnen Veranlassung gehabt, noch manche kleine 
Aenderung vorzunehmen. 

Schliesslich erlaube ich mir zu erwähnen, dass zu den bisher 
erschienenen Uebersetzungen dieses Buches (ins Dänische, Hollän- 
dische, Englische, Italienische und Neugriechische) im J. 1871 
noch eine Uebersetzung ins Isländische hinzugekommen ist. 



Inhaltsübersicht. 



Religion und Mythologie der Griechen. 
Allgemeiner Theil. 



Seite 



I. Die reKgiösen Vorstellungen der Griechen in ihrer 

geschichtlichen Entwicklung 1 — 7 

II. Mythische YorsteUimg der Griechen über Entstehimg 

und Entwicklung der Götter tind der Welt . . 7 — 21 

§ 1. Die Göttergeschlechter 7 

§ 2. Die olympischen Grötter und die von ihnen ge- 
ordnete und regierte Welt 10 

§ 3. Der Mensch '. . . 14 



Specieller Theil. 

A. Die Götter. 

I. Die Götter des Olympos 22 — 75 

1. Zeus 22. — 2. Hera 30. — 3. PaUas Athena 33. 

— 4, Phoibos Apollon 37. — 5. Artemis 43. — 6. 
Hermes 45. — 7. Hephaistos 48. — 8. Aphrodite 50, 

— 9. Eros 53. — 10. Ares 54. — 11. Hestia 56. — 
12. Moira 57. — 13. Tyche 59. — 14. Nemesis 59. 

— 15. Ate 60. — 16. Dike 60. — 17. Themis 60. — 
18. Musen 61. — 19. Charis, Chariten 62. — 20. Hören 
64. — 21. Hyaden 65. — 22. Pleiaden 65. — 23. Iris 
67. — 24. Helios 68. — 25. Selene 70. — 26. Eos 71. 

— 27. Die Winde 72. 

IL Die Götter des Meeres 75—86 

1. Poseidon 75. — 2. Amphitrite 79. — 3. Triton 
79. — 4. Okeanos 80. — 5. Pontos 80. — 6. Nerens 
81. — 7. Leukothea Ino 82. — 8. Proteus 83. — 
9. Glaukos 84. — 10, Die Flüsse 85. — Acheloios, 
Acheloos 85. 

III. Die Gottheiten der Erde und der Unterwelt . . 86 — 122 

1. Gaia, Ge 86. — 2. Nymphen 87, — N. der Ge- 
wässer 88. — IST. der Berge 89. — N. der Bäume 89. 

— Orts-N. 90. — 3. Ehea, Kybele 90. — 4. Dionysos 
91. — 5. Die Satyrn 99. — 6. Seilenos 100. — 7. Mar- 
syas 101. — 8. Midas 101. — 9. Pan 102. — lo! Pria- 
pos 103. — 11. Die Kentauren 103. — 12. Demeter 
105. — 13. Die Kabeiren 110. — 14. Persephone, 



VIII — 



Seite 



Kora 112. — 15. Hades 113. — 16. Thanatos und 
Hypnos 115. — 17. Eer 116. — 18. Die Erinyen 116. 
— 19. Hekate 121. 

B. Die Heroen. 122 — 178 

1. Korintliische Sagen (Sisyplios. Belleroph.ontes.) 
124. — 2. Argivisclie Sagen (Inachos. Danaos. Danae. 
Perseus.) 126. — 3. Herakles 131. — 4. Tantalos und 
sein Geschledit 144. — 5. Attisclie Sagen (Kekrops. 
Theseus.) 150. — 6. Thebanisclie Sagen (Kadmos. 
Oidipus.) 153. — 7. Die Argonauten 161. — 8. Der 
trojanische Krieg 167. 



Eeligion und Mythologie der Eömer. 

Einleitung • • . 181 

A. Götter. 

I. Hauptgötter , der römischen Staatsreligion . . . 185 — 198 

1. Jupiter 185. — 2. Juno 188. — 3. Minerva 189. 

— 4. Mars 189. — 5. Quirüius 192. — 6. Vesta 192. 

— 7. Vulcanus 193. — 8. Janus 194. — 9. Apollo 
195. — 10. Diana 196. — 11. Venus 197. — 12. Mer- 
curius 198. 

II. Die Götter des Feldbaues und der Viehzucht . 199 — 206 

1. Satumus 199. — 2. Ops 199. — 3. Vertuninus 
200. — 4. Flora 200. — 5. Ceres 201. — 6. Liber oder 
Bacchus und Libera 202. — 7. Tellus oder Terra 203. 

— 8. Bona Dea 203. — 9. Cybele, Magna, Mater 203. 

— 10. Terminus 204. — 11. Siivanus 204. — 12. Fau- 
nus 205. — 13. Pales 206. 

III. Grötter des Hauses und der Familie .... 207 — 209 

1. Penaten 207. — 2. Laren 207. — 3. Grenien 209. 

IV. Grötter des Geschicks und der Weissagung . . 209 — 211 

1. Parcen 209. — 2. Camenen 211. 

V. Gestirne 211 — 212 

Sol und Luna 211. 

VI. Gewässer und Winde 212—213 

1. Das Meer 212. — 2. Quellen und Flüsse 212. 

VII. Unterwelt 213—214 

Dis oder Pluto und Proserpina 213. 
Vni. Personificationen 214—217 

B. Sagen. 

1. Evander 217. — 2. Aeneas 2' 8. — 3. Piomulus 221. 



Erklärung der Abbildungen. 



Titelvignette: Die Muse Kleio, eiae Bücherrolle in der Linken, 
neljen ihr eine Bücherkapsel. Wandgemälde von 
HerCTilamun. 

Fig. 1. (Seite 23.) Zeus in thronender Stellung, mit dem Blitz in der 
Rechten, den linken Arm an das Scepter gestützt. 
Statue in der vaticanischen Sammlung. 

Fig. 2. (Seite 29.) Büste des Zeus, aufbewahrt im Museo Pio-Clemen- 

tino. 
Fig. 3. (Seite 30.) Köpf der Hera mit dem Diadem, in derViUa Ludo- 

visi zu Rom. 
Fig. 4. (Seite 33.) Statue der Hera, in der vaticanischen Sammlung. 
Fig. 5. (Seite 34.) Büste der Athena, mit einem strengen Ausdruck 

der Züge, aus der Vüla Albani. 

Fig. 6. (Seite. 36.) Statue der Athena von VeUetri, im Louvre. Sie 
hielt in der Rechten die Lanze ala Scepter, in der 
Linken wahrscheinlich eine Opferschale. 

Fig. 7. (Seite 38.) Kopf des ApoUon, dem Belvederischen Apollon 

entsprechend. Früher in der Giustinianischen Samm- 
lung, jetzt im Besitz des Grafen Pourtales- Gorgier. 

Fig. 8. (Seite 40.) Apollon Musagetes, Statue der Pio-Clementi- 
nischen Sammlung. 

Fig. 9. (Seite 42.) Apollon Kallinikos von Belvedere, 

Fig. 10. (Seite 44.) Artemis. Statue von Versailles im Louvre. 

Fig. 11. (Seite 48.) Hermes als Bote und Läufer in Ausführung eines 
Auftrags von Zeus. Bronze-Statue von Herculanum. 

Fig. 12. (Seite 50.) Kopf der Aphrodite, mit sehnsüchtigem Ausdruck. 
Im Louvre, aus Villa Borghese.. 

Fig. 13. (Seite 55.) Ares mit abgelegten Waffen in bequemer Stellung 

ausruhend ; ein Eros spielt ihm um die Füsse. Statue 
der Villa Ludovisi. 

Fig. 14. (Seite 57.) Hestia, die sogenannte Giustinianische Vesta. 

Fig. 15. (Seite 75.) Büste des Poseidon in dem Museo Chiaramonti 
des Vatican. 

Fig. 16. (Seite 92.) Statue des jugendlichen Dionysos mit dem 

Thyrsos in der Rechten. Im Museum des Louvre. 

Fig. 17. (Seite 93.) Schlafende Ariadne, in der vaticanischen Statuen- 
sammlung. 

Fig. 18. (Seite 94.) Dionysos, einen Löwen tränkend, von dem Bas- 
relief an dem Denkmal des Lysifcrates zu Athen. 

Fig. 19. (Seite 99.) Statue des indischen Dionysos, der sogenannte 

Sardanapalos, im Museum des Vatican. 

St oll, Mythologie. 6. Aufl. a** 



— X — 

Fig. 20. (Seite 100.) Der axisruhende Satyr, wahrscheinlicli, eine Nacli- 

bildung des 'berülmiten Satyrs des Praxiteles. Stattie 
des Capitols. 

Fig. 21. (Seite 101.) Seilenos mit dem Bakclioskinde. Marmor- 

grupj)e aus Villa Borghese im Louvre. 

Fig. 22. (Seite 110.) Demeter mit der Fackel, um welche sich eine 

Inful Tvindet, in der Recliten, mit einem Fruchtkorl) 
in der Linken. Pompejanisches Wandgemälde. 

Fig. 23. (Seite 129.) Die Befreiung der Andromeda durch Perseus, 

Relief des Capitolin. Museums. 

Fig. 24. (Seite 131.) Die famesische Colossalstatue des Herakles. 

Fig. 25. (Seite 145.) Niobe, aus der Mobegruppe zu Florenz. 

Fig. 26. (Seite 148.) Opfer der Iphigeneia, pompejanisches Wand- 
gemälde. 

Fig. 27. (Seite 149.) Iphigeneia in Tauris, im Begriff ihren Bruder 

Orestes und Pylades zu opfern. Relief der Villa 
Albani.zu Rom. 

Fig. 28. (Seite 151.) Theseus, Schwert und Schuhe seines Vaters imter 

dem Felsen hervorholend. Relief in der Villa Albani 
zu Rom. 

Fig. 29. (Seite 154.) Kleine Statue des Aktaion aus Marmor im briti- 
schen Museum. 

Fig. 30. (Seite 160.) Der sogen. Farnesische Stier: Zethos und Am- 
phion, die Dirke an einen wilden Stier bindend. 
Colossalgruppe in Neapel. 

Fig. 31. (Seite 170.) Statue des Achilleus. Im Museum des Louvre. 

Fig. 32. (Seite 175.) L a o k o o n , Statuengruppe in der vaticanischen 
.Sammlung. 



Religion und Mythologie 

der Griechen. 



Allgemeiner Theil. 



I. Die religiösen Vorstelliuigen der Griechen in ihrer 
geschichtlichen Entwicklnng. 

Die Ansichten der Griechen von ihren G-öttern sind nicht immer 
dieselben gewesen. Ein Yolk hat ia Bezug auf seine geistige. Ent- 
wicklung sein Kindes- und Jugendalter, wie sein Mannes- und leider 
auch sein Greisenalter; mit der Ausbildung der geistigen Kräfte 
eines Volkes aber entwickeln und läutern sich auch in gleich- 
massigem Portschritte seine religiösen Ansichten und Vorstellxmgen. 
Denn wie eia roher xmä ungebildeter Mensch von seinem Gott eine 
viel niedere xmd rohere Vorstellung haben muss als ein gebildeter; 
ebenso ist natürlich die Religion eines Volkes, während es noch 
in den ersten Anfängen der Cultur steht, eine ganz andere, als zu 
den Zeiten, wo es seinen höchsten Bildungsgrad erstiegen hat. 
So verhält es sich auch mit dem griechischen Volke und seiner 
Religion. 

Die ältesten Bewohner Griechenlands, aus denen sich im Laufe 
• der Zeit das griechische oder hellenische Volk entwickelte, die P e - 
las g er, hatten einen Naturdienst, sie verehrten die Mächte ia der 
Natur, von denen sie sieh abhängig fühlten, als göttliche Wesen. 
Die Sache selbst, wie z. B. die Sonne, das Meer, war nicht Gegen- 
stand der Verehrung, sondern man dachte sich in ihr eine gei- 
stige Macht, welche jene Dinge erfüllte, Veränderungen ia ihnen 
und mannigfache Wirkungen durch sie hervorbrachte. Diese gei- 
stige Naturmacht also war der Gegenstand der Verehrung des noch 
ganz in den Banden der Natur gehaltenen Volkes, eine Macht, die 
eng an ihren Naturkörper gebunden war. So verehrte man z. B. 
die Erde (Gaia) als eiae Gottheit, die aixs ihrem dunklen Schoosse 
den Segen des Gewächsethüms heraufsendet, daneben eine Gottheit 
des feuchten Elements (wie Poseidon), oder den Himmel (wie Zeus), 
welche die Erde befruchten und die Kräfte ihrer Erzeugung wecken; 
in vulkanischem Lande, wie auf der Insel Lemnos, erkannte man 
die Macht des Feuers als eia göttliches Wesen an u. s. w. 

Diese Mächte wurden, wie gesagt, als geistige erkannt, und 
der Mensch musste sie als Wesen betrachten, die mit ihm im All- 
gemeinen von gleicher Art waren; er schuf seine Götter als per- 
sönliche Wesen xmd Hess sie denken und- thun nach menschlicher 

St oll, Mythologie. 6. -Aufl. 1 



Weise. Auf der ersten Stufe der Entwickltuig des mensclilichen. 
Geistes ist vor allem die Phantasie thätig; mit der Phantasie, 
und nicht mit dem reinen Verstände, fasste der Mensch alle diese 
Verhältnisse auf, schuf er unmittelbar, d. h. ohne es selbst zu 
wissen und sich Eechenschaffc davon zu geben, seine Götter und 
erkannte sie an als wirklich existirende, glaubte an sie und ver- 
ehrte sie mit andächtigem Gefühle. Weil aber die Phantasie hier 
die thätige Geisteskraft ist, so stellte der Mensch alle Verhältnisse, 
in denen ihm seine Gottheiten erschienen, in natürlichen Bildern 
dar, in der Sprache der Phantasie, er erschuf sich Mythen, Diese 
Thätigkeit des Geistes ist gewissermassen eine natürliche, un- 
bewusste Poesie, und man kann das ganze Eeich der Mythologie, 
diese tausendfachen Sagen und Mythen des mit so reicher schöpfe- 
rischer Phantasie begabten griechischen Volkes Ein grosses Gedicht 
nennen, an dem die ganze Nation Jahrhunderte lang gedichtet hat. 
Der Inhalt der Mythologie bezieht sich übrigens nicht blos und 
allein auf die Götter; der Grieche fasste in jener mythenbildenden 
Zeit zugleich alle Verhältnisse der Welt mit der Phantasie auf, 
er legte in der Mythologie seine ganze Weltanschauung nieder, 
seine Ideen über die Götter, das Natur- und das Menschenleben, 
Da aber die Natur nach der Anschauungsweise der Alten ganz von 
dem Göttlichen erfüllt war ujid ia demselben aufging und auch in 
dem Menschenleben die Wirksamkeit der Götter überall sichtbar 
war, so ist der Inhalt der Mythologie vorzugsweise religiöser Art. 

Das Volk blieb nicht auf der ersten niederen Stufe seiner 
Bildung stehen; sobald Ordnung und Gesetz in das Leben des 
Volkes kommt, feste Ehen eingeführt sind und Staaten gegründet, 
kommt der Mensch zu der Erkenntniss, das s er von höheren Ge- 
walten, als denen der Natur, regiert wird, von sittlichen Mächten, 
die Ordnung in der Welt und Gesetzmässigkeit schaffen. Somit lässt 
das Volk seine bisherigen Naturgottheiten entweder ganz fallen 
und erschafft sich höhere, geistigere Wesen, oder e's büdet die 
früheren Gottheiten um, löst sie gleichsam von der Natur los 
und macht sie zu freien sittlichen Wesen, welche im Menschen- 
leben ordnend walten. Demeter z. B. ist ursprünglich die göttliche 
Mutter Erde, also nach den Vorstellungen der Naturreligion gleich 
Gaia. Ein solches Wesen wird natürKch von einem Ackerbau trei- 
benden Volke besonders verehrt worden sein; Ackerbau aber bringt 
feste Wohnsitze, Ehen und Staat und Gesittung. Wenn solche Ver- 
hältnisse entstanden sind, so wird die Vorstellung der früheren 
Erdgöttin sich erweitern müssen, Demeter wird als eine Begründerin 
fester Wohnsitze , der Ehen und der Gesetze u. s. w. erscheinen. 
Nun ist sie dem Eeiche der Natur fast ganz enthoben. 

Dieser Umschwung in den religiösen Vorstelliingen, der nicht 
auf einmal eintreten konnte, sondern sich allmählich vorbereitete, 
wurde entschieden zu der Zeit herbeigeführt, wo aus dem pelas- 



— 3 — 

gischen oder altgriechisclieii das äcMgrieckisclie hellenische Leben 
sich entwickelte. Ungefähr 1200 Jahre vor der christlichen Zeit- 
rechnung kam durch einen Anstoss von Aussen eine allgemeine 
Bewegung unter die Völkerschaften in Griechenland, dass fast eine 
vollkommene Veränderung in den Wohnsitzen durch ganz Griechen- 
land eintrat. Besonders ragen unter diesen wandernden Stämmen 
die Dorier hervor, ein griechisches Heldenvolk, das von dem grössten 
Theile des Peloponneses Besitz nahm und nun die übrigen Völker- 
schaften zu. weiteren Wanderungen zwang, die .zum Theil hinüber 
nach den Inseln des Archipelagos und der kleinasiatischen Küste 
führten. Durch dieses wandernde Heldenleben, die Veränderung 
der Wohnsitze und Gründung neuer Städte und Staaten wurden 
die Stämme, die früher in den engen Schranken der rohen Natürlich- 
keit, an die Scholle ihrer Erde gebunden, gelebt hatten, zu einem 
bewegteren Leben hervorgerufen und auf die Bahnen der Geschichte 
geführt; ein neuer Geist kam in das Volk und neue Ordnungen 
wurden geschaffen. Das ganze Leben musste eine andere Gestalt 
annehmen. Natürlich dass auch die religiösen Anschauungen des 
Volkes sich änderten, dass seine Gottheiten die Naturseite immer 
mehr abstreiften und sich zu freien lebendigen Gestalten eines' 
geistigeren Gehaltes ausbildeten. Darum macht man an dieser Stelle 
in der Eeligionsgeschichte der Griechen einen Abschnitt und nennt 
die frühere Zeit mit ihren niederen roheren Religionsbegriffeh die 
pelasgische oder altgriechische, im Gegensatz zu der eigentlich 
hellenischen Zeit, wo das griechische Volk im Allgemeinen die 
Höhe seiner reKgiösen Bildung, zu der es als dies einzelne Volk 
berufen war, erreicht hat. 

In diesem Eingen und Kämpfen nach einer höheren Stufe der 
religiösen Erkenntniss und Bildung waren die Vorkämpfer des 
ganzen Volkes die Dichter, unter denen endlich Homer (c. 900 
V. Chr.) und Hesiod die Sache zum vollen Siege führten. Be- 
sonders wichtig für die Ausbildung der religiösen Vorstellungen 
ist Homer; durch diesen wurden erst die Gottheiten zu klaren und 
vollkommen ausgebildeten Persönlichkeiten, zu sittlich freien Wesen 
geformt. Homer hat nicht den ganzen Eeichthum der Mythen seiner 
Vorzeit aufnehmen können; doch alle Mythen, die er in seinen 
Gedichten behandelt, alle Göttergestalten, die bei ihm auftreten, 
haben das Gepräge seines Geistes , oder vielmehr der Zeit, in 
welcher er lebt, annehmen müssen. Manche Mythen wurden nicht 
mehr ihrem ursprünglichen Gehalte nach von ihm und seiner Zeit 
erkannt, darum erfüllte er sie mit einem neuen Geiste, gab ihnen 
unwillkürlich eine Bedeutung, die der damaligen Auffassungsweise 
entsprach. Und diese religiöse Auffassungsweise, wie wir sie iq. 
Homer finden, ist für die folgende Zeit des ächtgriechischen Lebens 
im Allgemeinen und Wesentlichen geblieben, wenn auch hier und 
da sich aus älterer Zeit der Cult irgend eines Gottes in, besonderer 

1* 



_ 4 — « 

Eigenthümliclikeit erhielt und man an einzelnen Göttern diesen oder 
jenen Zug änderte. Daruna ist der Ausspruch des Herodot (2, 53), 
Homer und Hesiod hätten den G-riechen ihre Götter gemacht, ihre 
Abstammung und ihr Wesen bestimmt, in gewissem Sinne wahr; 
nur darf man die Sache nicht so auffassen, als habe Homer be- 
absichtigt, für das griechische Volk eine besondere Glaubenslehre 
zusammenzustellen. Man kaim Homer nicht einen religiösen 
Dichter nennen; seine Gedichte sind Erzeugnisse einer freien nach 
ihren eigenen Gesetzen schaffenden Kunst; aber er liess im All- 
gemeinen seine Götter so auftreten und erscheinen, wie sie in 
dem Bewusstsein der damaligen Zeit, deren Herold er war, be- 
gründet waren. 

Die Vorstellungen der Götter nun, wie sie bei Homer auftreten, 
sind in leiblicher wie geistiger Hinsicht nach dem Bilde des Menschen 
geschaffen; aber der Gott, als ein höheres Wesen, von dem der 
Mensch sich abhängig erkennt, muss doch über die gewöhnlichen 
Schranken der Sinnenwelt, in denen der Mensch gebunden ist, er- 
haben sein. Der Mensch bemüht sich, seine Götter alles Irdischen 
zu entkleiden, sie über die Mängel der Menschlichkeit hinauszuheben; 
. er nimmt für sie alles Hohe und Heilige in Anspruch , aber er 
vermag nicht seine Götter in dieser erhabenen Höhe zu erhalten. 
Weil er sie einmal mit menschlichem Kleide umgeben, lässt er sie 
auch menschlich fühlen, denken und handeln, TJeberall stossen wir 
somit bei jenen Ansichten von den Göttern auf Widersprüche, die 
uns, weil wir ruhig und besonnen das Einzelne nebeneinanderstellen 
und vergleichen können, leicht in das Auge fallen, dem Griechen 
aber sobald nicht zum Bewusstsein kommen. 

An einzelnen Stellen des Homer erscheinen Götter in riesen- 
mässiger, übermenschlicher Grösse, wie (11. 21, 407) Ares, der, 
in der Schlacht zu Boden geworfen, sieben Plethren*) bedeckte; 
im Allgemeinen aber übersteigen sie nicht bedeutend und auffallend 
das Maas menschlicher Grösse. Auch sind sie wie die Menschen . 
an Trank und Speise und an den Schlaf gebunden. Weil sie einen 
Körper haben, so hängen sie nothwendig von den Bedingungen des 
Eaums und der Zeit ab. Aber diese Schranke sucht der Mensch 
wieder dadurch wenigstens zum Theil aufzuheben, dass er ihnen 
stärkere Sinne gibt, dass sie aus weiter Ferne sehen und hören 
(Od. 5, 283. 4, 505. H. 16, 231. 514. 1*5, 222) und unermessene 
Eäume in der kürzesten Zeit überschreiten können. Ferner wird 
von dem Dichter an vielen Stellen die üeberzeugung ausgesprochen, . 
dass die Götter alles wissen (ß-sol öi rs ituvta i'ßaßiv. Od. 4. 379. 
468), dass sie der Menschen Geschicke voraus kennen und sie 
warnen (Od. 1, 37); dagegen ist ihnen auch wieder manches 
verborgen, selbst Zeus kann hintergangen und betrogen werden 



*) 1 Plethren = 100 griech. Fuss. 



— o — 

(II. 18, 184 ff. 1, 540 ff.). Allwissenheit also kann den home- 
rischen Göttern nicht zugesprochen werden, ebenso wenig als All- 
macht, wenn sich auch hier und da der Ausspruch findet: „Die 
Grötter vermögen alles" (ß'eol Si re navra Svvavrui. Od. 10, 306. 
14, 445). Im Allgemeinen ist den Göttern nur eine höhere Macht 
zugestanden, vermöge welcher sie ohne grosse Mühe (^£ta) in die 
Gesetze und den Gang der Natur und des Menschenlebens ein- 
greifen köimen. — Die Götter heissen selig (ftaxa^sg, §sia ^aovreg, 
aarjSisg), den Leiden und Trübsalen des irdischen Lebens enthoben; 
und doch werden sie heimgesucht wie der Mensch von Angst und 
Noth, Sorge, Verdruss und Schmerz. Auch sind sie, obgleich sie 
heilig und gerecht sein soUen, nicht frei von sittlichen Mängeln; 
sie sind oft neidisch, zornig und hartherzig, versuchen und ver- 
führen die schwachen Menschen (II. 2, init. 5, 563). Diese Schwächen, 
die in dem Obigen hervorgehoben worden sind, haften den Göttern 
der Griechen deswegen an, weil sie, in der Gestalt und der Art 
und Weise der Menschen aufgefasst, sich in Verhältnissen bewegen, 
die den menschlichen Verhältnissen ähnlich sind. Bei einem Dichter, 
wie Homer, der diese Wesen überall in die Ereignisse und Hand- 
lungen nach seinen dichterischen Interessen einführt, müssen solche 
Mängel und Beschränktheiten mehr hervortreten, als wenn man 
die Götter ihrem innersten Wesen nach betrachtet und sie gewisser- 
massen von der Bewegung und dem Treiben des irdischen Lebens 
zurücktreten lässt. Dann werden mehr jene hohen und erhabenen 
Eigenschaften in den Vordergrund treten, welche durch die all- 
gemeinen Ausdrücke: „Die Götter wissen alles und können alles, 
die Götter sind heilig und gerecht und selig," bezeichnet werden. 
Zu diesen Eigenschaften tritt nun noch eine andere, wodurch 
der Gott wesentlich von dem Menschen verschieden ist, die Un- 
sterblichkeit; durch sie erst ist er wahrhaft ein Gott, ein ganz 
anderes Wesen, als die sterblichen Menschen, erhaben über alles 
Zeitliehe und Irdische (d-sol alsv eovreg, asiysvitat, a&avatot xat 
ayiqQaoi). Dass in der Unsterblichkeit das eigenste Wesen der Götter 
beruht, haben auch die Griechen selbst erkannt; nach ihrer Vor- 
stellung schwören die Götter bei der Styx, dem Flusse der Unter- 
welt, den Mächten des Todes, um dadurch anzuzeigen, dass sie, 
falls sie falsch schwören, ihrer göttlichen Natur entsagen wollen 
(Od. 5, 185. n. 15, 36. 14, 271. „Zeus machte die Styx zum 
grossen Schwüre der Götter." Hesiod. Th. 400. cf. 775 ff.). Die 
Unsterblichkeit und ewige Jugendfrische erhalten sich die Götter 
durch den steten Genuss von Nektar und Ambrosia, Trank und 
Speise der Unsterblichkeit*), welche das Götterblut (i'^co^, H. 5, 
340) erzeugen. 

*) NsKzaQ wird abgeleitet von vrj (ne) und ^zdca (ktslvco) oder k3]q; 
afißQOGi'a sc. iScaSi], unsterbliche Speise, d^ß^oeiog gleich ä{ißQOToe aus 
^-{i-ßqoTog^ 



- 6 — 

Mclits ist auf Erden von ewiger Dauer; der schöne Tag des 
griechisclien Lebens, an dessen Morgen Homer seine göttlichen 
Gedichte gesungen, ging auch zu Ende, und die Götter mussten 
endlich von ihren goldnen Herrscherstühlen niedersteigen, weil der 
Glaube an sie aus den Herzen der Menschen verschwunden war. 
Früher schon regten sich hier und da bei den Griechen Zweifel an 
den in der bestehenden Eeligion verehrten Göttern. Den ersten 
Stoss erlitt das Bestehende durch die Philosophie, welche um 600 
V. Chr. in den griechischen Kolonien erwachte. In dem Mutterlande 
wurde die Eeligion durch die Philosophie so bald noch nicht ge- 
fährdet; während der Perserkriege und der nächsten Zeiten der 
politischen Erhebung der griechischen Staaten standen in Athen 
und den übrigen Städten die Götter, die das Volk vor fremder 
Knechtschaft bewahrt hatten, noch in hohem Ansehen. Seit dem 
j)eloponnesischen Kriege aber riss allmählich ein allgemeiner Verfall 
in staatlicher, sittlicher und religiöser Hinsicht ein. Die Zweifel 
der Philosophen drangen in das Volk ein, und so kam es, dass 
bald nach Alexander dem Grossen der -Philosoph Euhemeros mit 
vielem Beifall erklären konnte, die Götter seien ursprünglich nichts 
weiter gewesen als Menschen, die man nach ihrem Tode wegen 
ihrer Grossthaten und ihrer Verdienste um die Menschheit verehrt 
habe*). 

Ausser der Philosophie thaten der alten Eeligion grossen Ab- " 
trag die sogenannten Orphiker, eine religiöse Secte, die ungefähr 
zugleich mit der erwachenden Philosophie entstanden war. Sie 
suchten mehr, als dies die zu sehr vermenschlichten Götter der 
Griechen vermochten, die Bedürfnisse des Herzens zu befriedigen 
und legten den alten Göttern neue Vorstellungen unter. Dadurch 
aber lösten sie die alten Göttergestalten auf und untergruben den 
Volksglauben. Besonders suchte diese orphische Eichtung die Idee 
der Unsterblichkeit der Seele und einer Vergeltung nach dem Tode 
auszubilden und diese in die Geheimculte oder Mysterien einzu- 
führen. Die Mysterien waren Verehrungs weisen alter IsTaturgott- 
heiten, die sich aus vorhomerischer Zeit erhalten hatten, aber in 
ihrer Zurückgezogenheit von den Vorstellungen der hellenischen 
Zeit unberührt geblieben waren. Als nun die hellenischen Götter 
die religiösen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen konnten, da wandte 
man sich diesen alten Eeligions weisen zu, welche sich mit den 
orphischen Vorstellungen genährt hatten und nun zu neuer Blüthe 
kamen. Aber weder Philosophie noch Mysterien vermochten dem 
griechischen Volke das ersehnte Heil zu bringen; man suchte stets 
nach neuen Göttern, zog fremde Götter, die der Aegypter und 
der Asiaten, in den Kreis der Verehrung, ergab sich dem Aber- 



*) Man nennt eine solche Erklärungsweise die euhemeristische, 
pragmatische. 



__ 7 — 

glauben und dem Unglauben, bis endlich, als die Zeit erfüllt war, 
das Cliristentlium mit seiaen einfachen erhabenen "Wahrheiten den 
Wahn und Trug verscheuchte und den Herzen Frieden und Segen 
brachte. 



II. Myth.isch.e VorsteUting der Grieelieii über Entstehung 
und Entwicklung der Götter und der "Weit. 

§. 1. Die GröttergescMeoMer. 

Die Griechen selbst hatten den G-lauben, dass ihre Götter nicht 
Yom Uranfange an existirten und dass vor denen, welche jetzt als 
die Beherrscher und Eegierer der Welt verehrt wurden, einst andere 
Gottheiten die Gewalt in Händen gehabt hätten. Hesiod, ein böo- 
tischer Sänger, der ungefähr hundert Jahre nach Homer gelebt 
haben mag, liefert uns in seiner Theogonie die Entstehungs- 
geschichte der Welt und der Götter (Kosmogonie und Theogonie), 
Am Anfang ward das Chaos {%a67iio, yaLvca, der unermessliche 
gähnende Eaum), so erzählt er (Th. 116 ff.), darauf Gaia (die 
Erde) imd Tartaros (der Abgrund unter der Erde) und Eros 
(die verbindende Liebe). Gaia erzeugt zuerst aus sich selbst den 
Uranos (Himmel), die Gebirge und den Pontos (Meer), dann 
mit Uranos die Titanen: Okeanos, Koios, Krios, Hyperion, 
lapetos, Theia, Eheia, Themis, Mnemosyne, Phoibe, 
Tethys und den jüngsten, Kronos, ferner die Kyklopen und die 
dreiHekatoncheiren (hundertarmige Eiesen,Centimanen) Kottos, 
Briareos und Gyes oder Gyges. Uranos*) aber hasste seine Kinder 
und verbarg sie, so dass sie nicht zu dem Lichte des Tages kommen 
konnten. Darüber grollte ihre Mutter Gaia, und sie beredete den listi- 
gen, verschlagenen Kronos, dass er den Vater verstümmelte und der 
Herrschaft beraubte. Kronos erzeugte nun mit Eheia dieHestia 
oder Histia, Demeter, Here, Hades, Poseidon und Zeus 
(Theog. 453 ff.); damit ihn aber keins seiner Kinder vom Throne 
stosse, so verschlang er sie gleich nach ihrer ' Geburt. Als Zeus 



*) Uranos ist nie als Gott verehrt worden, dagegen genoss Gaia 
oder Ge göttiiche Ehre. Ueberhaupt ist die Theogonie des Hesiod, der 
die religiösen Anschauungen seiner Zeit in ein System zu bringen suchte, 
eine Zusammenstellung der verschiedenartigsten Wesen. Wir stossen auf 
altpelasgische Naturgottheiten, auf concrete Götterindividuen und auf 
Wesen, die priesterlichen xmd philosophirenden Kosmogonien ihren Ur- 
sprung verdanken. Durch das Ganze zieht sich jedoch der Hauptgedanke 
hindurch, dass sich die jetzt bestehende Welt mit ihren Göttern aus 
einem dunkelen Grunde allmählich zu bestimmter Form und individueller 
Lebensäusserung herausgebildet hat. 



^, 8 — 

geboren war, reichte Elieia dem Vater statt seiner einen Stein 
in Windeln, den er verschlang; Zeus aber ward in Kreta vor dem 
Vater verborgen und wuchs dort schnell zu herrlicher Kraft heran. 
Nun stürzt er den Vater und zwingt ihn, durch die Künste der 
Gaia (oder der Metis) unterstüzt, die verschlungenen Kinder, 
welche vermöge ihrer Göttlichkeit unvergänglich waren, wieder 
aiißzuspeien. Zuerst aber spie Kronos den Stein aus, den er zuletzt 
verschlungen hatte; diesen pflanzte Zeus in dem herrlichen Pytho 
(Deljphi) auf, dass er ein Zeichen sei und ein Wunder den sterb- 
lichen Menschen*). 

Vereint mit seinen Geschwistern unternahm nun Zeus einert 
Kampf gegen Kronos und die Titanen, welche sich die bisher geübte 
Macht nicht' entr Bissen lassen wollten (Hes. Theog. 629 ff.). Wilde 
Kraft wird nur durch wüde Kraft besiegt; darum löste Zeus auf 
Eath der Gaia die von Kronos gefesselten und in der Tiefe der 
Erde bewahrt gehaltenen Kyklopen, welche ihm den Donner und 
den verderblichen Blitz gaben; er löste auch die Hekatoncherreni 
und führte sie zum Lichte zurück. Lange, schon 10 grosse Jahre**), 
hatten die Titanen und die olympischen Götter, jene vom Berge 
Othrys, diese vom Olympos aus, den Kampf geführt; da traten^ 
jene gewaltigen Eiesen, die Hekatoncheiren, für die Olympier auf 
den Kampfplatz; Felsen wurden herüber und hinüber geschleudert,, 
während Zeus mit seinem brennenden Blitz hineinfuhr und auch 
die übrigen Olympier mit ihren Waffen am Kampfe Theil nahmen,, 
so dass Himmel und Erde und selbst der Tartaros erbebten und 
von dem Kampfgewühl wiederhallten. Endlich wui'den die Titanen 
tiberwunden und gefesselt in die Tiefen der Erde, den Tartaros, 
geworfen, wo sie, von ehernen Schranken und dreifacher Nacht 
timschlossen, von den Hekatoncheiren bewacht werden, den treuen 
Wächtern des Zeus. — Aber noch ist die Herrschaft des Zeus 
nicht gesichert; Gaia, dem Zeus zürnend wegen der Einkerkerung 
der Titanen, gebiert den Typhöeus, ein neues Ungeheuer von 
gewaltiger Grösse und Stärke; aber auch dieses wird endlich von 
den Blitzen des Zeus niedergeschmettert und in den weiten Tartaros 
geworfen (Theog. 820 ff.). 

So ist Zeus mit seinen Geschwistern zur Herrschaft der Welt 
gelangt. Durch diesen Kampf der Titanen und der Olympier, die 
Titanomachie, wird der Kampf der rohen ungebändigten Natur- 
mächte und der Götter bezeichnet, welche Ordnung und Gesetz in 



*) Dieser Zug der Sage hat seinen Sinn, wenn man die weiter unten 
erwähnte Bedeutung des Titanenkampfes erwägt. Seit dem Hervortreten 
der olympischen Götter hebt sich besonders das Orakel zu Delphi, wo 
ApoUon den Willen des Vaters Zeus, der nun die Weltherrschaft über- 
nommen, verkündet. Der Stein, der in Delphi gezeigt wurde, war ein 
Meteorstein. 

**) Ein grosses Jahr = 8 Jahren. 



— 9 — 

die Welt bringen, überhaupt also der Kampf der früheren roheren 
Zeit mit der späteren, in welcher die Götter des Olympos, höhere 
geistigere Mächte, walteten. Diese siegten über die gewaltigen 
Titanen, die rohen Mächte der Natur, welche nun während der 
Herrschaft des Zeus zum Theil gebändigt in dem Tartaros liegen, 
zum Theil von Zeus neue Ehren erlangen und der neuen Ordnung 
der Dinge dienen müssen. 

Zu den Titanen werden ausser den oben genannten auch noch 
andere Gottheiten gerechnet, wie z. B. Dione, ferner die Kinder 
der obigen, wie Prometheus, Epimetheus, Menoitios, Atlas, 
Hekate, Leto u. A. Wenn auch ihre Namen nicht sämmtlich 
Mächte der Natur, sondern zum Theil geistige Mächte bezeichnen, 
so sind sie doch immer masslose, von keinem höheren geistigen 
Gesetze geregelte Gewalten. Auch die wilden Begierden und Leiden- 
schaften in der Menschenbrust sind blinde natürliche Mächte. 
Bei Homer sind die Titanen nicht die Kinder des Uranos imd 
der Gaia, sondern Okeanos und dessen Gemahlin.- Tethys sind 
der Ursprung aller Götter (II. 14, 201. 244 ff.); unter den 
IJranionen (n. 5, 898) sind bei diesem Dichter nicht die Titanen, 
sondern die Olympier als Himmelsbewohner zu verstehen*). 

Aehnliche Wesen wie die Titanen, Repräsentanten roher Natur- 
gewalt und vergebens gegen die Götter der Ordnung anstrebenden 
IJebermuthes sind die Giganten, bei Homer (Od. 7, 59. 20&. 10, 
120) ein riesiges von Eurymedon beherrschtes Menschengeschlecht, 
das wegen seiner Frevel gegen die Götter von Zeus vernichtet 
ward, beiHesiod (Th. 185) Söhne der Gaia, entsprossen aus -dem 
Blute des von Kronos verstümmelten Uranos. Wie von einem 
Titanenkampf, so sangen die Dichter auch von einem Kampfe der 
Giganten (Gigantomachie), unter denen neben PaUas, Ephialtes, 
Enkelados u. A. besonders Alkyoneus und Porphyrion durch Erevel- 



*) Der besiegte Kronos liegt entweder bei den übrigen Titanen im 
Tartaros, oder er herrscht auf den Inseln der Seligen. Dies letztere ist 
der Glaube einer späteren milderen Zeit, welche eine Aussöhnxmg der 
Titanen mit Zeus und eine Erlösung derselben amiahm (Pindar, Aeschylns). 
Eionos ward an einigen Orten Griechenlands verehrt; ursprüliglich war 
er der die Früchte zeitigende (von kqccvco, v,Qaiv(a) TTimmelsgott, eia ur- 
alter Gott des Feldbaues. Als solcher wurde er mit dem italischen 
Saatgott Satiirnus identificirt, und es bildete sich die Sage, er habe 
während des goldnen Zeitalters, wo die Erde tausendfältigen Segen 
brachte und die Menschen ein glückseliges Leben genossen, in Italien 
geherrscht. In Kreta, wo er mit dem phöm'kischen Gotte Moloch zu- 
sammengeschmolzen war, empfing er Kuider zum Opfer, und daraus ist 
vielleicht in der Sage der Zug entstanden, dass er seine eigenen Kinder 
verschlungen habe; denn in Kreta ist die Sage von Kronos imd Zeus 
ausgebildet worden. Manche der neueren Forscher erklären Kronos als 
Gott der fliessendenj alles erzeugenden und wieder verschlingenden Zeit 
(= xQovog), eine Vorstellung, zu welcher der alles zur Reife bringende 
Himmelsgott leicht führen konnte. 



— 10 — 

muth und Kraft sich aiiszeiclineten, und allmälilich verwechselten 
die spätem Dichter beide so mit einander, dass der Name Titanen 
auch für Giganten gebraucht wurde (Hör. Od. 3, 4, 42 ff.) und 
die Gigantomachie den Titanentampf in Schatten stellte. In älterer 
Zeit bewaffnet und gebildet wie andre Götter und Heroen, wurden 
sie später dargestellt mit schuppigen Drachenschwänzen statt der 
Füsse, mit langem Bart und Haupthaar, Felsen und brennende 
Baumstämme gen Himmel schleudernd. Als der Ort ihres Kampfes 
gegen die Olympier galt ursprünglich Phlegra (Brandstätte) auf 
der makedonischen Halbinsel Pallene, dann der Demos Pallene in 
Attika, sowie manche andre Gegend mit Spuren vulkanischer 
Eevolutionen, als ihre Hauptgegner aber und Bewältiger Zeus und 
Athene und, da die Entscheidung erst durch einen Sterblichen 
erfolgen konnte, Herakles. ApoUod. 1, 6, 1. 2. Ov. Met. 1, 151. 

§.2. Die olympisclieii Grötter und die von ihnen geordnete 

und regierte Welt. 

Die Titanen sind besiegt und durch Gestalten ersetzt, die 
nur noch einen dunkel eriimernden Anklang an jene haben, die 
nicht mehr Naturgötter, sondern klare sittliche Wesen sind. Zeus 
und die Seinen herrschen über die Welt, in der die rohen Gewalten 
der Natur und des Menschenlebens sich den Schranken der natür- 
lichen und sittlichen Ordnung fügen müssen. 

Diese grosse Götterfamilie besteht aus den Geschwistern Zeus, 
Poseidon, Aides oder Hades, Hera, Hestia, Demeter mit 
ihrer Tochter Kor a, und den Kindern des Zeus Athene, Apollon 
und Artemis, Hephaistos, Ares, Aphrodite, Hermes. Sie 
heissen die Olympier, weil die Mehrzahl derselben ihren Sitz auf 
dem Olympos hat. Die ZwöUzahl der olympischen Götter aber 
(Zeas und Hera, Poseidon, Demeter, Hestia; Athena, Apollon und 
Artemis, Hermes, Ares, Hephaistos, Aphrodite) ist erst spät fest- 
gestellt worden. Die drei Brüder nun, Zeus, Poseidon und Hades, 
theilen sich in die Herrschaft der Welt; Poseidon erhält das Meer, 
Hades die Unterwelt, Zeus den Himmel; die Erde ist ein gemein- 
schaftliches Gut. Zeus aber, als der älteste, stärkste und klügste*), 
hat die Obmacht über die übrigen; er ist der König der Götter 
(Hes. Theog. 881 ff. Hom. 11. 15, 187 ff.). 

Die olympischen Götter wohnen, um Zeus geschaart, auf den 
Höhen des Olympos, eines Berges zwischen Thessalien und Make- 
donien. Neben den oben genannten Olympiern finden wir hier auch 
Gottheiten niederen Eanges, wie Leto, Dione, Themis u. A., 



*) Bei Hesiod heisst Zeus der jüngste der Brüder, weil bei diesem 
Dichter das Vollkommenere und Höhere stets auf das Niedere und Un- 
YoUkommene folgt. 



— 11 — 

solche, welche ursprünglich zum Geschlechte der Titanen gerechnet 
werden, aber mit den neuen Herrschern in freuadschaftliche Ver- 
biadung getreten sind. Poseidon und Hades halten sich zwar ge- 
wöhnlich in den ihnen bestimmten Eeichen, jener im Meere, dieser in 
der Unterwelt auf ^ allein der Olympos steht ihnen zu jeder Zeit offen. 
Auf dem Olympos, der mit seinem erhabenen Gipfel über die 
Wolken in den Himmel hineinragt, haben die Götter ihre von 
Hephaistos erbauten Paläste und freuen sich ihrer Seligkeit, jedoch 
nicht ohne dass diese bisweilen durch Leidenschaften, Zwistigkeiten 
und Parteikämpfe getrübt würde. Eine wolkenlose Heitre ist über 
ihnen ausgebreitet, dort wehet kein Windhauch, es föllt kein Eegen 
und kein Schnee (Od. 6, 42 ff.). Auf dem höchsten Gipfel steht 
der Palast des Zeus, in welchem sich die Olympier zum Schmause 
und zur Berathung versammeln (II. 1, 533 ff. Od. 5, 3*). Hebe, 
die ewige Jugend, und Ganymedes („Herzerfreuer" — H. ,20, 
232. 5, 266), der phrygische Knabe, den Zeus aus Liebe entweder 
selbst oder durch seinen Adler von der Erde geraubt und mit un- 
sterblichem Leben beschenkt hat, reichen ihnen die Götterspeise, 
I^ektar und Ambrosia; die Musen und die Chariten erfreuen sie 
mit ihren Gesängen und jeglicher Anmuth. Iris, die sanfte Göttin 
des Regenbogens, bringt die Botschaften der Götter vom Himmel 
hernieder, die Hören, die Gottheiten der Witterung, öf&ien und 
schliessen das Wolkenthor des Olympos, und Helios, der allsehende 
Sonnengott, bringt den Göttern und den sterblichen Menschen das 
allerfreuende Licht des Tages. Am Morgen steigt er, voraus- 
verkündet von der rosigen Eos, der Morgenröthe, im Osten aus 
dem Okeanos auf imd taucht am Abend im Westen in seine Eluthen 
nieder. Denn Okeanos, der grosse Weltstrom, fliesst in einem 
Ringe um die weite Erde und das Meer, aus ihm kommen alle 
Pluthen des Meeres, aUe Ströme und Quellen (II. 21, 196. 18, 607). 
Okeanos wird auch als Person gedacht, sowie alle Ströme, Flüsse 
und Quellen ihre besonderen Gottheiten haben. Denn der Grieche 
erfüllte und belebte die ganze Natur, Berge, Fluren und Wälder, 
die Luft und alle Gewässer mit göttlichen Wesen. Aber alle diese 
Gottheiten der Natur sind den Olympiern untergeordnet imd ge- 
horchen dem Willen des Zeus 

Poseidon hat seinen glänzenden Palast in den Tiefen des 
Meeres zu Aegae (H. 13, 21**) und ist umgeben von einer Schaar 
von Meergottheiten, die um ihn gewissermassen einen zweiten Olymp 

*) Ausser diesem engeren Rathe der Olympier, welcher in dem 
olympischen Götterstaate die Macht des höchsten Herrschers beschränkt 
wie den irdischen König der Rath der Fürsten {ßovXri ysQovreov), findet 
bisweilen auf dem Olympos auch eine Versammlimg sämmtücher Götter 
statt (Q. 20, 4 ff.), welche sich zu jenem verhält, wie im irdischen Staate 
eine ayogd zur ßovXrj. 

**) Aegae stammt von dt'GGco wie alyLaXös und bezeichnet eigentlich 
den Wogenpalast; «tyes sind die stürmenden Wogen. 



— 12 — 

bilden, seiner Gemahlin Am pliit rite, dem Triton, den Nereiden 
■a. s. w. Mit ihnen beherrscht er das Meer, beruhigt es und setzt 
es in Bewegung. 

Die Behausung des Aid es oder Hades*), wo die Todten 
weilen, ist ein furchtbarer, finsterer Raum im Innern der Erde 
(n. 20, 61), zu welchem an verschiedenen Orten der Oberwelt, 
wie bei Tainaron, auf dem attischen Kolonos, furchtbare Erdschlünde 
hinabführen. Dieses Schattenreich hat bei Homer einen Eingang 
und Vorhof jenseits des Okeanos im äussersten "Westen, wohin die 
Strahlen des Helios nicht mehr dringen. Hierhin kam auf seinen 
Fahrten Odysseus (Od. 10, 508 ff. Od. 11); er landete an dem 
Haine der Persephone und citirte auf der Asphodeloswiese, 
welche sich unter der Erde durch das ganze Gebiet des Hades 
bis in diesen Vorhof hinzieht, die Todten aus ihrer unterirdischen 
Behausung. In das Erebos, das tiefere Dunkel und den eigent- 
lichen Sitz des Hades und der Persephone, gelangte er nicht. 

Bei Homer ist die Vorstellung der Unterwelt noch unbestimmt 
und einfach; sie ist ihm eine dunkle Oede. Den folgenden Jahr- 
hunderten blieb es vorbehalten, diese Eäume genauer zu bestimmen 
und mit verschiedenartigen Wesen axiszustatten. Die Vorstellungen 
des späteren Volksglaubens werden wohl am treuesten in folgender 
Schilderung des Lukian in seiner Schrift über die Trauer wieder- 
gegeben: „Der Hades ist ein weiter dunkeler Raum in der Erde; 
er wird umflossen von Kokytos (Klage) und Pyriphlegethon 
(Feuer ström) und anderen grossen schon durch ihre Namen furcht- 
baren Strömen, An dem Niedergange selbst und dem adamantenen 
Thor hält Aiakos, der Neffe des Pluton (Sohn des Zeus, früher 
Herrscher von Aigina), Wacht zugleich mit dem dreiköpfigen Ker- 
beros, einem fürchterlichen Hunde, der die Ankommenden freundlich 
anblickt, die aber, welche wieder zur Oberwelt hinauf wollen, bellend 
zurückschreckt. Zunächst kommen die hinabsteigenden Seelen zum 
acherusischen See, über welchen sie nur durch den Fährmann 
Charon (euphemistisch „Mann der Freude"?) hinüberkommen können. 
Sind sie über den See gesetzt, so kommen sie auf eine grosse, 
mit Asphodelos bewachsene Wiese, wo sie das Wasser der Ver- 
gessenheit, Lethe, trinken. Pluton und seine Gemahlin Per- 
sephone haben die Herrschaft über das Ganze; es dienen ihnen 
aber und üben die Herrschaft mit ihnen die Erinyen und Poinen 
(Strafen) und andere schreckliche Wesen und auch Hermes; doch 
ist dieser nicht immer dorten, (siehe unten Hermes). Als ünter- 
herr scher und Richter sitzen da die Kreter Minos und Rhadaman- 
thys, Söhne des Zeus und der Europa (11.14,321.). Diese senden 
die Gerechten in das elysische Gefild, wo sie ein glückseliges 

*) Der Herrscher der Unterwelt heisst bei Homer überall: "J'Cg, 'Atdrjg, 
'A'iSavsvg, nirgends "Aidrjg ; in nachhomerischer Zeit erhielt die Unterwelt 
sammt dem Gotte die veränderte Namensform "Aidrig (Hades). 



— 13 — 

Leben gemessen; die ScMecliten aber übergeben sie den Erinyen 
und schicken sie an den Ort der Gottlosen, wo sie nach dem Orade 
ihrer Schuld gezüchtigt werden. Diejenigen dagegen, welche ein 
mittleres Leben zwischen dem Gruten und Bösen geführt haben, 
und deren ist eiae grosse Zahl, irren auf der Asphodeloswiese als 
körperlose Schatten umher." 

Bei Homer finden sich noch keine die Unterwelt einschliessenden 
Ströme und kein Fährmann. Nur die Styx wird an mehreren 
SteUen als Fluss der Unterwelt erwähnt (U. 8, 369. Od. 5, 185), 
und an einer Stelle der in den Acheron (den Fluss der Trauer) 
sich stürzende Pyriphlegethon und der Kokytos, ein Arm 
der Styx (Od. 10, 513). Doch ist diese Stelle wahrscheinlich 
späteres Einschiebsel. Kerberos, der wachehaltende Hund, wird, 
ohne dass sein Name genannt ist, erwähnt II. 8, 367 und Od. 
11, 623. Die letzere SteUe aber gehört einer grösseren Inter- 
polation an, welche von Od. 11, 565 bis 627 geht. In dieser 
später eingeschobenen Stelle werden der unter den Todten richtende 
Minos (568), der jagende Orion (572) und der mit dem Bogen 
drohende Herakles (601) in der Art aufgeführt, dass sie ihre 
auf der Oberwelt getriebenen Beschäftigungen ia der Unterwelt 
als Schatten fortsetzen, eine Idee, die dem Homer fremd ist. In 
noch späterer Zeit wird Minos neben Aiakos und Ehadamanthys, 
der bei Homer im Elysion wohnt (Od. 4, 564), Eichter der Todten. 
Ausserdem werden noch an jener Stelle erwähnt Tityos (576), 
Tantalos (582) und Sisyphos (593). Tityos, der riesige Sohn 
der Erde, der die Leto auf ihrem Wege nach Pytho mit frevelnder 
Begier angegriffen, liegt zur Strafe dafür in der Unterwelt auf 
den Boden ausgestreckt, während zwei Geier ihm die Leber ab- 
fressen, den Sitz der Begierde. Der alte Tantalos steht, von 
Durst und Hunger gequält, bis ans Kinn in einem See und über 
ihm hangen die schönsten Früchte ; aber wenn er sich bückt um 
zu trinken, so senkt sich das Wasser, und reicht er hinauf zu den 
Früchten, so weichen diese vor seinen Händen zurück. Sisyphos 
wälzt einen gewaltigen Stein keuchend den Berg hinauf, und glaiibt 
er ihn endlich glücklich auf die Höhe gebracht zu haben, so rollt 
der tückische Felsblock wieder hiaab in die Ebene, dass er aufs 
neue die schwere Arbeit beginne. So treten diese drei Personen, 
die gegen die Götter gefrevelt, in. ihren Qualen als Eepräsentanten 
der nach dem Tode von den Göttern gestraften Sünder auf. Auch 
diese Idee ist dem Homer noch fremd. Wer gegen die Götter ge- 
sündigt, wird bei Homer entweder durch Leiden in der Oberwelt 
oder durch den Tod bestraft; in der Unterwelt aber gibt es bei 
ihm noch keine Scheidung der Todten zu Lohn oder Strafe. Die 
erwähnten Strafen wurden wohl ursprünglich als auf der Oberwelt 
verbüsst angesehen. 

Zu den eben genannten Beispielen in der Unterwelt gestrafter 



- 14 — 

Sünder fügte die spätere Zeit noch die Danaiden (siehe unten 
die argiv. Sagen) und den Ixion, den König der Lapitlien, der 
sich eines Verwandtenmordes und der Undankbarkeit gegen Zeus 
schuldig gemacht hatte; er wurde mit Händen und Füssen an ein 
stets umroUendes Ead gefesselt. Die Aloaden (s. ApoUon) waren 
von einander abgewandt mit Schlangen an eine Säule gebunden 
und wurden von einer Eule (corog) gequält. 

Der Hades liegt in der Erde, der Tartaros aber, der eherne 
Kerker der Titanen, welcher später mit dem Hades vermengt wird 
imd besonders als Ort der Strafe gilt, liegt an den untersten Enden 
der Erde und des Meeres; er wölbt sich unter der vom Okeanos 
umströmten Erdscheibe in gleicher Ausdehnung und Entfernung, 
wie der Himmel über derselben (IL 8, 13 ff.). Neun Tage und 
neun Nächte würde ein eherner Ambos fallen vom Himmel zur 
Erde, und ebensolange Zeit würde er brauchen, um in den Tartaros 
zu kommen (Hes. Th. 720 ff.). — Das Elysion, ein glückliches 
Gefilde, wo die Menschen mühelos in Seligkeit wohnen, hängt bei 
Homer mit der Unterwelt nicht zusammen; es liegt am Westrande der 
Erde, diesseits des Okeanos. Dahin kommen die Verwandten des 
Zeus lebendigen Leibes (Od. 4, 563 ff.). Ob man es sich bei Homer 
als Insel zu denken habe, bleibt unbestimmt; erst Hesiod (Opp. 171) 
nennt „die Inseln der Seligen". — Später werden alle diese Vor- 
stellungen von Hades, Tartaros, Elysion in Verbindung gebracht, 
so dass Tartaros imd Elysion im. Hades befindlich sich entgegen- 
gesetzt werden, jener als Ort der Strafe, dieses als seliger Aufent- 
halt der Gruten. (Siehe Virgil. Aen. 6, 264. bis zu Ende.) 

§. 3. Der Mensch. 

Die Grötter walten ewig in dieser so geordneten Welt, die 
Greschlechter der Menschen aber kommen imd gehen wie die Blätter 
der Bäume; nach kurzem Erdenleben gehen sie hinab in den dunkelen 
Hades. Nach homerischer Anschaiiung ist nur das Leben auf der 
Oberwelt ein wahres Leben; in der Unterwelt lebt die Psyche*) 
allein fort, da sie aber von dem Körper als der Grundlage und 
Bedingung des eigentlichen Lebens geschieden ist, so existirt sie 
nur als besinnungsloses Schein- und Schattenbild (^si'dcoXov , öxi'jf. 
Od. 11, 219 ff.), das jedoch durch den Genuss des körperlichen 
Blutes wieder auf einige Zeit die Besümung gewinnen kann (Od. 
11, 23 ff.). Man blieb übrigens bei dieser Vorstellung nicht stehen. 
So sehen wir in der im vorigen §. pag. 13 erwähnten eingeschobenen 
Stelle Od. 11, 565 — 627 bei Minos u. A. die Vorstellung hervor- 
treten, dass das Leben in der Schattenwelt ein Abbüd des irdischen 



*) '^'^XV bezeicknet bei Homer den Athem und das animalische 
Leben; das geistige Leben, Empfinden, Denken und Wollen liegt 
in den (pQsvsg und dem Q-vfiög, die mit dem Tode verloren gehen. 



— 15 ■ — 

Lebens und der in diesem betriebenen Bescbäftigungen ist. Andere, 
wie Tantalos, werden bestraft; soll dies eine wirMicbe Strafe sein, 
so müssen die Gequälten aucb Besinniing xind Gefühl haben. IJnd 
diese Vorstellung wurde in der Folge festgehalten, wo sich die 
Forderung aufdrängte, dass die Menschen nach dem Tode für ihre 
Werke auf Erden gelohnt oder bestraft werden. 

Auf Erden ist der Mensch von der Geburt bis zum Tode in 
den Händen der Götter; sie stehen ihm hülfreich bei in Noth 
und Gefahren und erfreuen ihn duirch die Gaben des Glückes, oder 
sie stürzen ihn aus Hass und zur Strafe in Unglück und Verderben. 
Darum muss er ihre Macht ehren und anerkennen durch Gebet 
und Opfer, welche die Hauptstücke des Cultus atismachen; er muss 
sich hüten, ihre heiligen Satzungen, die von ihnen eingesetzte sitt- 
liche Weltordnung zu yerletzen imd so in Sünde zu verfallen. 
Hat er durch Sünde ihren Zorn gegen sich aufgerufen, so muss 
er durch sühnendes Opfer sich ihre Gnade wieder zu erwerben 
suchen. 

Die Götter stehen dem Menschen nicht fern, sie schicken ihm 
Zeichen von mancherlei Art und verkünden ihren Willen im Orakel; 
ja sie erscheinen ihm oft selbst in fremder oder eigener Gestalt. 
In alter Zeit kamen sie gern zu den Menschen und lebten ver- 
traulich mit ihnen; Götter verbanden sich mit sterblichen Frauen, 
und Göttinnen schenkten ihre Liebe sterblichen Männern. Durch 
diese Verbindung und diesen Verkehr mit den Unsterblichen wurde 
das Menschengeschlecht geadelt und den Göttern näher gebracht, 
Menschen waren Söhne und Töchter von Göttern. Das hohe Ge- 
schlecht der Helden der Vorzeit war weit erhaben über die 
späteren Menschen und lebte nach dem Tode abgesondert von den 
übrigen Sterblichen ein glückliches Leben auf den Inseln der 
Seligen. So wurden diese Heroen allmählich im Glauben des 
Volkes zu Halbgöttern (ji^i&eoi) und genossen als Wohlthäter 
der Vorzeit besondere Verehrung; ja einzelne, wie Herakles, wurden 
wegen ihrer Tugend und übermenschlichen Thaten von den Göttern 
sogar in den Olympos erhoben. \ 

Homer erfreut sich in seinen Gesängen an dem Glanz und 
Euhm jener Heroenzeit, dem frischen Jugendalter der Menschen 
voll Kraft und Muth, von jeglicher Heldentugend. Er weiss nur 
von dieser einen Vorwelt; er vergleicht wohl oft die Gegenwart 
mit Vergangenem und klagt über die Beschränktheiten des 
Lebens, aber nirgends spricht er von einer Abstufung der Vorzeit 
in mehrere Geschlechter von verschiedenem Charakter. Es ist aber 
dem Menschen natürlich, dass er, von den Leiden der Gegenwart 
beschwert, eine schönere Zeit mit besseren und glücklicheren 
Menschen in der fernen Vergangenheit sucht und nun dieses glück- 
liche Zeitalter der Menschheit dem schlechten Jetzt entgegenstellt. 
So erzählte man denn von einem goldenen Zeitalter unter der 



— 16 — 

Herrschaft des Kronos im Gegensatz zu dem jetzigen eisernen 
unter Zeus. Eine natürliche Folge davon war, dass man bald eine 
allmähliche Abstufung der Geschlechter vom Besseren zum Schlech- 
teren erdachte, üebergangsperioden von dem goldenen Zeitalter zu 
dem harten eisernen. 

Hesiod (Opp. et Dies 109 ff.) erzählt von fünf Geschlechtern 
der Menschen. Zuerst schufen die Götter das goldene Geschlecht; 
sie lebten unter der Herrschaft des Kronos ein glückliches sorgen- 
loses Leben, die Schwäche des Alters blieb ihnen fern, und sie 
starben nach langem Leben wie vom Schlafe dahin genommen. 
(Als dieses Geschlecht von der Erde verschwand, wurden sie nach 
dem Willen des Zeus wohlwollende und schützende überirdische 
Dämonen, ia&Xoi, i7tt')(d'6viotf cpvXansg d-vrixäv av&QcoTCcav. 123.) — 
Es folgte das silberne Geschlecht, schlechter als das vorige an 
leiblicher Kraft und an Gemüth; 100 Jahre lebte ein Kind kin- 
dischen Sinns bei der Mutter, und wenn sie dann endlich zum 
Alter der Reife gekommen waren, so lebten sie, durch thörichten 
Hader von Leiden bedrängt, nur noch kurze Zeit. Zeus vertilgte 
dies Geschlecht im Zorne, weil es in seiner weichlichen Schlaffheit 
den Unsterblichen die gebührende Ehre zu bringen vernachlässigte. 
(Sie wurden unterirdische selige Sterbliche vTtox&ovioc iiäxaQeg 
&v7]ToL 141; aber auch ihnen wurde noch Ehre zu Theü*). — 
Darauf schuf Zeus das eherne Geschlecht aus hartem Eschenholz 
(weiL der Lanzenschaft aus Esche gemacht wird), furchtbar und 
wild, es erfreute sich an Kampf und Krieg und rieb sich selbst 
auf in seinem masslosen Thatendrang, — Das vierte Geschlecht 
ist das der Heroen, welche auch Halbgötter genannt tv^erden, 
gerechter imd besser als das frühere. Sie kämpften um die Mauern 
von Theben und Troja und fielen dort grösstentheUs ; nun leben 
sie unter Kronos auf den seligen Inseln. — Dem fünften Geschlechte, 
dem eisernen, gehört der Dichter selbst an, es ist voll Arbeit, 
Kummer und Noth, voll Uebermuth und Ungerechtigkeit**). 



*) Die eingeklammerten Stellen sind -wahrscheinlich spätere Ein- 
schiebsel. — Bei Homer sind ■9'sot und dcctfiovsg nicht wesentlich ver- 
schieden, auch haben bei ihm die Verstorbenen keinen Einfluss auf das 
Leben der .Zm-ückgebUebenen. Der Philosoph Thaies (um 600 v. Chr.) 
soll zuerst den Unterschied zwischen Göttern, Dämonen und Heroen 
festgestellt haben. Nach dem durch die Philosophen bestimmten Begriff 
sind die Dämonen überirdische Wesen, welche zwischen Göttern und 
Menschen in der Mitte stehen; sie beschirmen die Menschen, tragen 
ihre Bitten zu den Göttern hinauf xind bringen die Gaben und Befehle 
der Götter zur Erde. Der Cultus' der Dämonen erhielt eine besonders 
weite Ausdehnung in der hellenistischen und römischen Zeit, wo die 
griechischen Dämonen den römischen Genien entsprachen; s. röm. Rel. 
Genien. 

**) Virgü (Georg. 1, 125 ff.) redet nur von zwei Zeitaltem, dem 
goldenen und dem eisernen; Horaz (Epod; 16, 63 ff.) von drei, dem 
goldenen, ehernen und eisernen. Ovid (Met. 1, 89 ff.) sucht die Sage 



— 17 — 

Man erkennt an der Darstellung des Hesiod, dass dieselbe 
niclit ursprünglich ist. Die natürlichste Abstufung war: goldenes, 
silbernes, ehernes, eisernes Zeitalter; aber, wie es scheint, mit 
üücksicht auf Homer und die von dem Epos gepriesene Heldenzeit 
wurde das Heroenaeitalter eingeschoben. Dem glücklichen gol- 
denen Zeitalter steht das mühe rolle eiserne entgegen, dem 
schlaffen silbernen G-eschlechte das wildkriegerische eherne; 
das silberne Zeitalter aber ist eiae Verschlechterung und Verkehrung 
des goldenen, wie das eiserne eine moralische Verschlechterung des 
«hernen in sich fasst. 

Die Vorstellung von der Verschlechterung der Menschen (dem 
Sündenfall) und den daraus entspringenden Uebeln knüpft sich 
besonders an den Namen Prometheus an, den Vordenkenden, 
Vorbedacht, den Sohn des Titanen läpetos und der Klymene. 
Hesiod erzählt von ihm in der Theogonie (521 ff.) Folgendes: 
Als die Olympier zur Herrschaft der Welt gelangt waren und nun 
die Götter und Menschen in Meköne (Sikyon) unter einander 
rechteten, was die Menschen den Göttern als Opfergaben dar- 
bringen sollten, zerlegte Prometheus, als Patron und Vertreter der 
Menschen, um den Zeus zu überlisten und in Klugheit mit ihm zu 
wetteifern, einen Stier und barg das Fleisch desselben und die 
Eingeweide in die Haut, auf welche er den Magen, das schlechteste 
Stück, legte; die Knochen legte er auf einen andern Haufen und 
umhüllte sie mit Fett. Nun forderte er den Zeus auf zu wählen. 
Dieser, die List des Prometheus erkennend, wählte absichtlich das 
schlechtere Theil, die Knochen; aber nun. nahm er in seinem Zorn 
den Menschen das Feuer. Prometheus entwandte es wieder in 
einer Ferulstaude aus dem Olympos und gab es den Menschen 
zurück. Darüber erzürnt Zeus noch mehr; er lässt, um die Menschen 
zu strafen und ins Unglück zu bringen, den Hephaistos aus Erde 
«ine schöne Jungfrau bilden, welche von Athene verführerisch 
geschmückt wird, und schickt sie den Menschen. Dadurch kommen 
nun dem Menschengeschlecht alle Leiden und Uebel. Den Pro- 
metheus fesselte Zeus für seinen Frevel an den Göttern mit unzer- 
brechlichen Banden und trieb ihm noch dazu einen Pfahl mitten durch 
den Leib, ein Adler aber zerfleischte dem Gefesselten täglich die 
Leber, welche jede Nacht wieder nachwuchs. Herakles erlegte endlich 
den Adler und befreite den Prometheus nach dem Willen des 
Zeus; denn er wollte, dass sein Sohn durch diese That noch mehr 
verherrlicht werde. 



von den verschiedenen Geschlechtem mit der von Deukalion zusammen- 
zuschmelzen, Prometheus bildet die ersten Menschen und es folgen die 
vier Geschlechter (goldenes, silbernes, ehernes, eisernes). Das vierte 
wird durch die Fluth vertilgt und nun kommt durch Deukalion, den 
Sohn des Prometheus, eine neue Bevölkerung auf die Erde. 

st oll, Mythologie. 6. Aufl. 2 



— 18 - 

Diesem Mythus liegt der Gedanke zu Grunde, dass durcli die 
Erkenntnis s, durcli die Cultur, deren Quelle der GebrauGh des Feuers 
ist, der Mensch aus dem glücklichen und friedlichen Zustande eines 
unschuldigen Naturlebens heraiTstrete und zu unzähligen Leiden ge- 
führt werde. Prometheus seihst, der Vordenkende, ist die per- 
sonificirte Erkenntniss des Menschengeschlechtes, der erkennende 
Menschengeist, der, nur auf sich selbst fussend, den Göttern sich 
widersetzt, ihnen das Gebührende verweigert und anmassend nach 
dem greift, was nur den Göttern gehören sollte. Er brachte sich 
selbst ins Verderben; in Fesseln geschmiedet musste er dulden 
und leiden, bis Herakles, der Mensch, welcher durch Kampf und. 
Duldung das Erdenleben überwand und zum Olympos hinaufstieg, 
den zerfleischenden Adler tödtete. Durch das Weib kam das grösste 
üebel auf die Erde ; durch die Fortpflanzung des Geschlechts wird 
dem einzelnen Menschen ein unsterbliches irdisches Leben unmöglich 
gemacht, die Geschlechter entstehen und vergehen; der Tod also 
ist das grosse Uebel, welches durch das Weib auf die Erde ge- 
bracht wird. Aehnliche Ideen finden wir in den alten Urkunden 
des jüdischen Volkes*). 

Aeschylos hat in. drei auf einander folgenden Stücken, dem 
feuerbringenden, dem gefesselten und dem befreiten Prome- 
theus, die Sage von Prometheus behandelt. Wir besitzen hiervon 
noch das mittlere Stück. Der Feuerraub des Prometheus war der 
Hauptinhalt des ersten Stückes. Prometheus ist hier der Sohn 
der Themis; er hatte sich in dem Titanenkampf auf die Seite 
des Zeus gestellt, weil ihm seine Mutter geweissagt hatta, dass 
die siegen würden, bei welchen nicht die rohe Gewalt, sondern 
die Klugheit herrsche. Als nun Zeus gesiegt hatte und die neue 
Ordnung der Dinge eirführte, da wollte er das bestehende Menschen- 
geschlecht, weil es zu roh und thierisch sei, vertilgen und ein. 
neues, besseres erschaffen. Dem widersetzt sich Prometheus; er 
verkündet dem Zeus eine Zeit, wo ein sterbliches Weib den löwen- 
bewältigenden Helden, den Liebling des Zeus (Herakles), gebären 

*) In den Werken und Tagen des Hesiod (48 ff.) wird derselbe 
Mythus in Einigem verschieden erzählt. Hephaistos bildete das Weib 
aus Wasser und Erde, und die Götter schmückten sie mit allerlei ver- 
führerischen Gaben aus, woher sie den Namen Pandora erhielt. Hier- 
auf ward sie von Hermes dem Epimetheus, Nachbedacht, dem Bruder 
des Prometheus, zugeführt, der sich trotz der Abmahnungen seines Bruders 
bethören Hess und sie annahm. Bisher hatten die Menschen ohne Alter 
und Krankheit, ohne Arbeit und Müh' eia seKges Leben geführt; jetzt 
aber macht das Weib diesem glücklichen Zustande ein Ende. Sie hob 
von dem Passe der Uebel den grossen Deckel, und alle Uebel flogen 
heraus und verbreiteten sich unter den Menschen, mit Ausnahme der 
Hof&aung. Diese blieb, als Pandora den Deckel schnell wieder schloss, 
noch in dem Fasse eingeschlossen zurück; es ward also dem von tausend- 
fachen Leiden heimgesuchten Menschengeschlechte nicht einmal die 
trügerische Hof&iung zu Theil, dass es besser werden wird. 



— 19 — 

werde, wo ein Sterblicher allein die Herrschaft des Zeus noch er- 
retten könne' vor dem Fluche des Vaters. Denn Kronos hatte, 
als er in den Tartaros gestürzt ward, dem Zeus geflucht, da&s ein 
Sohn ihm die Herrschaft rauben solle, wie er sie dem Vater 
geraubt. Zeus gab nach, doch hasste er den üb ermüthigen Freund, 
der es allein gewagt, seinem Willen entgegenzutreten, und Pro- 
metheus gab ihm selbst bald Anlass zu Zorn und Strafe. In seiner 
Vorliebe für das arme Menschengeschlecht stahl er aus der 
Feueresse des Hephaistos einen Funken des göttlichen Feuers 
und brachte es den Menschen, die er nun mancherlei Künste 
lehrte, so dass sie dem rohen und hülflosen Zustande entwuchsen. 
Dadurch stürzte er sich in jähes Verderben. — Im Beginn des 
zweiten Stückes wird Prometheus zur Strafe für seine Widersetz- 
lichkeit und seinen Trotz im wilden Skjrthenlande in einer öden 
Gebirgsgegend auf Befehl des Zeus an einen Felsen angeschmiedet. 
Hier klagt er über sein Greschick und die Ungerchtigkeit - des Zeus; 
denn er werde gestraft für die Woblthaten, die er den Menschen 
zugewandt habe. Mitleidig kommen die Okeaniden und Okeanos 
herbei und geben ihm den Eath, von seinem Trotz abzulassen und 
sieh dem Zeus zu unterwerfen. Prometheus belehrt sie, dass einst 
die Zeit kommen werde, wo der Herrschaft des Zeus Gefahr drohe, 
und dass alsdaim nur er ihn durch Mittheilung eines Geheimnisses 
retten könne. Dies Geheimniss bestand darin, dass eine Göttin 
dem Zeiis einen Sohn gebären werde, der stärker sei als er selbst 
und- ihn von dem Throne stossen werde. Dies will Prometheus 
nicht eher offenbaren, als bis Zeus seine Fesseln löst nnd ihm für 
die angethane Schmach Genugthuung gibt. Auch lo erscheint auf 
ihrer Irrfahrt, und Prometheus verkündet ihr, dass sie einst in 
Aegypten Ruhe finden und dort dem Zeus einen Sohn (Epäphos) 
gebären werde, von dessen späteren Nachkommen Einer, nämlich 
Herakles, ihn von seinen Leiden befreien werde. Zeus, der die 
Drohungen des Prometheus vernommen, schickt den Hermes zu 
ihm mit dem Befehle, die Gattin zu nennen, die den ihm gefähr- 
lichen Sohn gebären würde. Da aber Prometheus bei seinem Trotze 
verharrt, so trifft ihn der Wetterstrahl des Zeus, und er wird mit 
dem Felsen, an den er gefesselt ist, in den Abgrund gestürzt. Hiermit 
endet die zweite Tragödie. — Hermes hatte dem Prometheus dies 
Schicksal verkündet, er werde nach langer Zeit erst wieder ans 
Licht des Tages kommen und so lange an den Felsen, wo ihm. 
täglich ein Adler die Leber -fressen werde, geschmiedet bleiben, 
bis ein Unsterblicher freiwillig für ihn in den Hades ginge. Diese 
Prophezeihungen des Hermes gingen in Erfüllung. Endlieh nach 
langen Leiden des Prometheus übernahm es der Kentaur Cheiron, 
ein Unsterblicher, da er durch einen giftigen Pfeil des Herakles 
eine unheilbare Wunde am Fusse hatte, für ihn zur Busse in den 
Tod zu gehen, und nun erschoss Herakles mit dem Willen des 



— 20 — 

Zeus den Adler und befreite den Prometheus, der vor seiner Ent- 
fesselung das Geheimniss offenbarte. Diese Aussöhnung mit Zeus 
muss den Hauptinhalt des befreiten Prometheus, des letzten Stückes 
der Aeschyleischen Promethea, ausgemacht haben. 

Wir sehen, Aeschylos hat die Sage von Prometheus, welche 
sich bei Hesiod in dunkelen und zum Theil verworrenen Zügen 
findet, nur nach Einer Seite hin in grossartigen Umrissen dar- 
gestellt. Prometheus steht da als ein Gegner des Zeus, des höchsten 
Weltregierers. Er ist Freund und Beschützer der Menschen; aber 
die Gaben, welche diese von ihm empfangen, sind nur irdische 
Güter; er gibt ihnen das Feuer und lehrt sie mancherlei Künste, 
die alle auf irdische Wohlfahrt abzwecken. Er, der nur die welt- 
liche Klugheit repräsentirt, hält diese Güter für die einzigen und 
höchsten; von den edelsten, den sittlichen Gütern der Menschheit 
weiss er nichts und vermag sie den Menschen nicht zu geben. 
Er ist der selbstsüchtige, nur auf seine gewöhnliche Klugheit und 
Kraft vertrauende Menschengeist, der sich dem höheren, göttlichen 
Willen des Zeus nicht unterordnen will und darum der Strafe 
verfällt. Erst als er. von seinem Trotze abgelassen und sich dem 
Zeus gefügt hat, wird er von Herakles befreit, dem Ideale mensch- 
licher Tugend und frommer Unterwerfung unter den Willen des 
Zeus*). 

üeber die Entstehung des Menschengeschlechtes hat 
sich bei den alten Griechen keine feste Meinung gebildet. Nach 
spät erwähnter Sage machte Prometheus (siehe p. 17. Anm.) die 
ersten Mensehen aus Erde oder aus Erde und Wasser, oder er 
bildete gemeinschaftlich mit Athene nach der deukalionischen Flüth 
neue Menschen aus dem zurückgebliebenen Schlamme, Bei Hesiod 
in den Werken und Tagen, wo von den verschiedenen Geschlechtern 
die Eede ist, findet man den Ausdruck, die olympischen Götter 
hätten die Menschen geschaffen; anderwärts aber (Pindar Nem. 6, l) 
herrscht wieder die Ansicht, dass Götter und Menschen Einen Ur- 
sprung haben, das s beide aus dunkelem Grunde, aus der Erde als 
gemeinschaftlicher Mutter entsprossen sind. Beide, unsterbliche 
Götter und sterbliche Menschen, lebten gesellig vereint zu Mahl 
und Versammlung, bis die Menschen durch Stolz und Uebermuth 
der glücklichen Gemeinschaft mit den Göttern verlustig gingen 
oder unter der Herrschaft des Zeus es die Götter für gut fanden, 
sich mit den Menschen auseinanderzusetzen und zu bestimmen, 
welche Ehren ihnen von den Menschen für ihre Wohlthaten tmd 
ihren Schutz zu Theil werden sollten. Der verbreitetste und älteste 
Glaube war jedenfalls der, dass die ersten Menschen aus der Erde 

*) Prometheus wurde zu Athen neben den beiden künstlerischen 
Gottheiten Athene und Hephaistos verehrt; man feierte ihm hier ein 
Fest, die Prometheen, mit Fackellauf, als dem Geber des Feuers, der 
mit Hülfe dieses Elementes mannigfache Künste zu üben gelehrt hat. 



- 21 — 

liervorgewaclisen seien, entweder im Gebirgsland aus felsigem Ge- 
stein oder in den Flussthälern aus fruchtbarem Schlammboden. So 
wuchs Pelasgos in Arkadien im hohen Waldgebirg aus der Erde 
hervor. S. Kekrops in der attischen, die Sparten in der theba- 
nischen Sage. 

Die Vorstellung, dass das Menschengeschlecht aus der Erde 
entsprungen sei, findet sich auch in der Sage von Deukalion und 
Pyrrha. Als Zetis mit dem frevelnden Menschengeschlechte nicht 
mehr zufrieden war und dasselbe durch eine grosse Fluth vertügte, 
rettete sieh allein Deukalion, König von Phthia, mit seinem Weibe 
Pyrrha in einem grossen Schiffe. Nach neim Tagen und neun 
Nächten landeten sie am Parnässus in Phokis. Die Fluth verlief 
sich und Deukalion erbat sich von Zeus, dass neue Mensehen würden, 
oder er fragte das delphische Orakel, auf welche Weise wieder 
ein sterbliches Greschlecht entstehen würde. Themis, welche damals 
das Orakel besass, antwortete: „Hüllet euch beide das Haupt und 
löst die gegürteten Kleider, werft sodann die Gebeine der grossen Er- 
zeugerin rückwärts." Deukalion deutete sich die Gebeine der grossen 
Erzeugerin als die Steine der Erde; und so warfen denn beide 
Steine hinter sich. Aus den Steinen des Deukalion entstanden 
Männer, aus denen der Pyrrha Frauen. (Ovid. Met. 1, 260 ff.). 
Diese Sage von Deukalion und der grossen Fluth bezieht sich vx- 
sprünglich nur auf Griechenland oder vielmehr nur auf Thessalien 
und die Gegend um den Parnass und stand anfangs für sich allein 
da. Später aber suchte man diesen Sagenkreis mit dem des Prome- 
theus und den Sagen über die verschiedenen Menschengeschlechter 
zu verbinden und machte den Deukalion zum Sohne des Prometheus 
und Pyrrha zur Tochter des Epimetheus und der Pandora. Der 
Sohn des Deukalion und der Pyrrha aber war Hellen, Herrscher 
in Phthia, der Stammvater _^ der Hellenen; von dessen Söhnen Aiolos, 
Doros und Xuthos waren die beiden ersteren die Begründer des 
äolischen und des dorischen Stammes. Aiolos erhielt das väterliche 
Erbtheil, da aber der äolische Stamm am weitesten in Hellas ver- 
breitet war, so ■ erzählt die Sage von sieben Söhnen desselben, die 
als Stammfürsten an verschiedenen Orten Griechenlands sieh nieder- 
liessen: Kretheus erbaute lolkos, Sisyphos Korinth, Salmoneus Sal- 
mone in Elis, Athamas herrschte in Orchomenos, De'ion in Phokis, 
Magnes in Magnesia, Perieres ward König in Messene. Xuthos, 
von seinen Brüdern aus Thessalien verdrängt, heirathete in Attika 
des Erechtheus Tochter Kreusa und ward Yater des Ion und Achaios, 
der Stammfürsten der loner und Achaier. Aus dem ionischen Attika 
vertrieben, wohnte er eineZeit lang mit seinen Söhnen in Achaia, 
dem Sitze der loner und später der Achaier; Achaios aber zog 
zurück nach Thessalien und herrschte dort nach des Aiolos Tode. 



Specieller Theil. 



A. Die Götter. 

I. Die Götter des Olympos. 

1. Zeus (Zsvg, Gen. ^tog, Jupiter*). 

Zeus, der Solin des Kronos und der Ehea (Hesiod Theog. 
453 ff.), daher von den Dichtern Kronion und Kronide (Kqovicdv, 
KQoviÖTjg, Safurnius) genannt, war der gewaltige Herrscher der 
Welt, der Vater der Götter und Menschen. Er ist der mächtigste 
unter allen Göttern, seinem Willen müssen sich alle beugen. 
„Wohlan, sagt er, als er den Göttern verbietet an dem Kampfe 
vor Troja Theil zu nehmen, versucht es, hängt ein goldenes Seil 
vom Himmel herab und fasset es alle, Götter und Göttinn.en, nicht 
werdet ihr mich, den Zeus, den höchsten Berather, aus dem Bimmel 
herabziehn, so sehr ihr auch euch abmühtet; aber wollte ich ziehen, 
ich zöge euch herauf sammt der Erde und Meer und bände das 
Seil an das felsige Haupt des Olympos, dass die Welt schwebend 
im Luftraum hinge. So viel stärker bin ich als Götter und Men- 
sehen" (Hom. II. 8, 18 ff.). Darum wird er geehrt von allen Un- 
sterblichen; wenn er in ihre Versammlung tritt, so erheben sieh 
alle von ihren Sitzen und gehen ihm grüssend entgegen (II. 1 , 533). 
Hoch thront er auf seinem Herrschersitz im Ol3ntnpos, und ihm 
nahen die Götter mit ihren Bitten; wenn er gnädig gewährend 
sein Haupt neigt, so wallt das ambrosische Haar von dem un- 
sterbKchen Haupte hernieder, und er erschüttert den ganzen Olympos. 
Von Zeus geht aus die Ordnung aller Dinge, in seiner Hand stehen 
die Geschicke der Menschen, alles Gute und alles Böse kommt von 
ihm, denn er vermag alles (Od. 4, 236). In seinem Hause stehen 



*) Der ursprüngliche Nominativ zu z/tdj wäre /dis (gleichen Stammes 
mit dies und deus, durch Verbindung des d mit dem Zischlaute a {da = J) 
enstand der Nominativ Zsvg (äol. dsvg), dem eine andere Form Ztjs oder 
ZtJv, Gen. Zrjvog (äol. Jdv) zur Seite gestanden haben mag. In Ju-piter, 
Jovis ist an die Stelle des ^ in Zsvg ein j getreten, wie z. B. rnjugum 
= %vy6v. 



— 23 



zwei Tonnen, die eine mit bösen Graben gefüllt, mit Grütern die 
andere-, daraus tbeilt er den Menschen nach eigener Wahl ihre 
Greschicke zu (IL. 24, 527). Als vor Troja der Kampf ohne Ent- 
scheidung hin und her wogt, da nimmt er, auf dem Berge Ida 
sitzend, die goldene Wage und legt hinein die Todesloose, die der 
Troer und der Achäer, fasst die Wage in der Mitte, und es neigt 
sich die Schaale der Achäer (II. 8, 69). Ebenso wägte er die 
Geschicke des Achüleus und Hektor gegen einander ab (II. 22, 209). 




Pig. 1. Zeus. 



Betrachtet man übrigens dieses Büd genauer, so ergibt sich, 
dass doch die Greschicke der Welt nicht in der Hand des Zeus 
ruhen, sondern dass die Bestimmung derselben von einer höheren, 



— 24 — 

Dunkelen Scliicksalsmacht ausgeht, — von der Moira; man findet, 
dass Zeus, wie er sonst wohl der Moira gleichgesetzt wird, ander- 
wärts wieder als ihr untergeordnet erscheint. Dieser Widerspruch 
zeigt sich von Homer an durch das ganze griechische Alterthum 
und wurde von dem Heidenthum nie gelöst. Der Grrvmd liegt darin: 
Zeus ist der höchste, vollkommenste und mächtigste Gott de& 
griechischen Glaubens; da aber eiae Menge anderer Götter neben 
ihm stand und soviel Freiheit behielt, dass die Macht des Zeus 
keine durchgreifende und unbeschränkte sein konnte, sx) drängte 
sich dem Griechen das Bedürfniss auf, über diesem höchsten und 
dennoch nach gewissen Seiten hin beschränkten Gotte noch ein 
höheres Wesen zu denken, das die ganze in viele Personen ge- 
gliederte Götterwelt mit seiner Macht umfasse. Man hatte aber 
Alles, was die schöpferische Kraft des menschlichen Geistes ver- 
mochte, schon auf Zeus und die übrigen Götter zusammengehäuft 
und gewissermassen verbraucht; daher blieb jene Moira ein Wesen 
ohne Leben und Persönlichkeit, nur eine dunkele xmbegreifliche 
Macht, ganz verschieden von den klaren und rein ausgebildeten 
Göttergestalten des Oljmpos. 

Zeus wohnet auf dem^Olympos, dem schneebedeckten Berge 
Thessaliens, der mit seinen Gipfeln über die Wolken hinaus in den 
Himmel reicht. Somit ist der Hammel in Aether und Wolken sein 
Aufenthalt, und die Erscheinungen des Himmels gehen von ihm 
aus, er sammelt und zerstreut die Wolken, sendet Eegen und Schnee 
und Hagel, schleudert den gezackten Blitz und erregt den weithin 
rollenden Donner. Wenn er seinen Schild, die glänzende mit Quasten 
besetze Aegis (H. 5, 738) schüttelt, dann entsteht Stjirm und 
Wetter, dann verhüllt er die Berge in dunkele Wolken und blitzt 
xmd donnert laut (H. 17, 593). Der Blitz ist seine furchtbarste 
Waffe, mit der er Menschen und Götter schreckt (svQvona, -uipt- 
ßQSfjLsrrjg, SQlyöovTtog, der Weit-, Hoch-, Laut-Donnernde; xeQTtcxeQavvogy 
der Donnerfrohe, agymigawog, ccGrsQOTtTjf^g, der Blitzschleuderer, ve- 
(psXriyeqha, oiekaivetprig, der Wolkenversammler, der Schwarzumwölkte;. 
alyio%og, der Aegisführende). Wie aber hier Zeus in dem Schrecken 
des Wetters sich offenbart, so erscheint er auch wieder als der Be- 
sänftiger der tobenden Elemente, so schickt er den günstigen Fahr- 
wind und bringet den heiteren Tag (Z. ovQtog, öd. 15, 475. ai^Qtog\ 
Von ihm kommt alle Ordnung in der Natur, Die Hören, die- 
Gottheiten der Witterung und der wechselnden Jahreszeiten, welche 
das Wolkenthor des Olympos öffnen und schliessen und durch Eegen 
oder Heitre den Früchten Gedeihen bringen (Od. 24, 343), sind 
seine Dienerinnen . oder auch seine Töchter. 

Wie Zeus über die seligen Götter herrscht, wie von seinem 
Willen die Veränderungen in der Natur abhängen, so waltet er 
auch in dem Menschenleben. Er gibt, wie wir schon hörten, den. 
Menschen jegliches Geschick, und da er das Zukünftige wie da» 



— 25 — 

Gegenwärtige weiss, so kommen von ihm dem Menschen alle "Weis- 
sagungen durch Zeichen allerlei Art, durch Träume, durch Blitz 
und Vogelflug und durch Orakel; denn Apollon, sein geliebter 
Sohn, verkündet nur den Willen des höchsten Gottes. Daher heisst 
Zeus Ttuvoficpaiog (11. 8, 250), der Gott aller Stimmen und Laute. 
— Wie die Ordnung der Natur das Werk des Zeus ist, so stammt 
auch im Menschenleben alle Ordnung, Gesetz und Recht von ihm 
und steht unter seinem Schutz. Von ihm, dem König der Götter, 
haben die Könige der Erde ihre Macht und Herrschaft erhalten^ 
auf dass sie Recht üben und Ordnung handhaben (II. 2, 205). 
Er ist Beschützer der Volksversammlungen (uyoQaiog) und des Rathes 
{ßovXaiog) und zürnt schwer den Männern, die in der Versammlung 
mit Gewalt das Recht beugen und die Gerechtigkeit vertreiben 
(H. 16, 386). Darum sind Themis und Dike und Nemesis 
seine Genossinnen. Der Eid wird von ihm überwacht; wer ihn 
verletzt, den trifft die Strafe des Zeus (Z. oQmog, 11.4, 158). In 
seiner besonderen Obhut stehen die Rechte des Gastes, des Flücht- 
lings und Schutzflehenden (Z. ^iviog, «tectog). Wie den Staat, so 
beschirmt er die Familie und das Haus und hat deswegen ge- 
wöhnlich in der Mitte des Hofes einen Altar (Z. egnsiog). 

Wie im Vorhergehenden das Wesen des Zeus geschildert worden 
ist, so finden wir ihn im Allgemeinen bei Homer. Doch diesem. 
Dichter sind seine Götter Wesen mit menschlichen Tugenden und 
menschlichen Schwächen^ daher sehen wir bei Homer den Zeus 
bisweilen in Verhältnissen, die menschlichen Verhältnissen ganz 
ähnlich sind, in denen die überirdische Herrlichkeit und Grösse 
jenes mächtigsten und erhabensten Gottes eiaigermassen getrübt 
wird. Im Olympos findet sein Herrscherreeht bei den Göttern 
nicht immer die volle Anerkennung; besonders widersetzen sich 
ihm oft seine Gemahlin Hera und sein Bruder Poseidon, sowie 
seiae geliebte Tochter Athena, und suchen durch List und Gewalt 
eine Herrschaft über ihn zu erlangen. So wollten einst jene drei 
Gottheiten den Zeus fesseln und in Banden halten; aber Theti& 
holte aus dem Meere den gewaltigen Wogeianann Briareos- 
Aigaion, den hundertarmigen, der sich im Vollgefühle seiner 
Kraft neben Zeus setzte und die Götter schreckte, dass sie den 
Herrscher zu binden nicht wagten (IL 1, 399). Mit Hera lebt er 
besonders im Streite wegen seines Sohnes Herakles, den Hera. 
hasste, weil er von eiuer andern Mutter geboren war. Sie verband 
sich mit Hypnos, dem Schlafe, der den Zeus überwältigen musste, 
während sie gegen den von Troja nach Griechenland zurück- 
steuemden Herakles das Meer aufregte xmd ihn dem Verderben 
nahe brachte. Als Zeus erwachte und das Unheil sah, strafte 
sein Zorn die Gattin auf furchtbare Weise. Er fesselte sie mit 
unlösbaren goldenen Banden an den Aether und band zwei 
schwere Ambose an ihre Füsse, und als die Götter herbei- 



— 26 — 

sprangen, ihr zu helfen, warf er jeden, den er ergriff, über 
die Schwelle des Himmels hinab auf die Erde ; den Herakles aber 
führte er sicher nach dfem rossenährenden Argos (IL 14, 249 und 
15, 18). Wir sehen also, der weiseste Gott kann hintergangen 
werden, auch er steht unter dem Einflüsse der Ate, der Bethörung 
und Verblendung (II. 19, 95 — 133). An dem trojanischen Kriege 
nimmt er selbst nicht wie die andern Götter unmittelbaren Antheil, 
denn das ziemt sich nicht für den erhabensten der Götter; aber 
er begünstigt je nach seinen Zwecken bald die eine, bald die andere 
Partei. Im Ganzen lässt er an Troja sich das ihm bestimmte Ver- 
hängniss erfüllen; aber damit der von Agamemnon beleidigte Achil- 
leus, seinem der Thetis gegebenen Versprechen gemäss (IL 1, 493 ff.), 
von den Achäern wieder geehrt werde, begünstigt er eine Zeit 
lang die Trojaner und gibt ihnen Euhm. 

Die Vorstellung, welche Homer von Zeus hat, bleibt in der 
Folge bei dem ganzen griechischen Volke im Wesentlichen dieselbe. 
Er ist der Nationalgott der Griechen und wird überall als der 
höchste, als der Vater und König der Götter und Mensehen verehrt. 
Die Nationalspiele zu Nemea in Argolis und zu Olympia in Elis, 
wo er (Z. ^OXvfiTCiog) in dem Haine Altis einen herrlichen Tempel 
mit der berühmten von Phidias verfertigten Bildsäule hatte, wurden 
ihm zu Ehren gefeiert. So wurde er denn auch ein Vorsteher des 
Kampfes (Z. ayaviog) und ein gnädiger Verleiher des Siegs; er 
selbst war ja einst in der Titänenschlacht ein gewaltiger Kämpfer 
gewesen und ein ruhmreicher Sieger. 

An einzelnen Orten Griechenlands erhielten sich noch Vor- 
stellungen von Zeus aus uralter Zeit, die noch mehr die ursprüng- 
liche Naturseite des Himmelsgottes zeigen und von dem homerischen, 
olympischen Zeus sehr verschieden waren. Die Bergesgipfel waren 
im allgemeinen die Stätten, wo der' in der Höhe waltende, bajd 
Segen bald Schrecken niedersendende Gott verehrt ward. Die älteste 
Vei'ehrung genoss Zeus zu Dodona in Thesprotien auf dem quell- 
reichen Berge Tomaros und an dessen Fusse, wo sein berühmtes 
Orakel lag (Od. 14, 327). Die Priester an diesem Orakel Messen 
Seilen (2?£Uot), sie gingen mit ungewaschenen Füssen und schliefen 
auf blosser Erde. Dies ist der pelasgische oder dodonäisch'e 
Zeus, zu dem Achilleus in der Ilias (16, 233) als seinem Stamm- 
gotte betet, ein im Aether webender Gott, der den befruchtenden 
Eegen zur Erde sendet und in dem Rauschen der Bäume sich 
offenbart. Die älteste Art der Weissagung geschah nach dem 
Rauschen einer dem Zeus heiligen Eiche mit essbaren Früchten, 
eines Baumes, der auch sonst dem segensreichen Gotte geweiht 
ist (II. 7, 60). Auch weissagte man nach dem Fluge von Tauben, 
die hier dem Zeus geheüigt waren, und aus dem Klange eherner 
in der Luft schwebender Becken, sowie aus einer heiligen Quelle 
am Fusse der Eiche. Der im Aether webende Geist ward früh 



— 27 — 

mit der Allmutter Erde, Graia oder G-e, zusammengebraclit, deren 

Fruchtbarkeit er durch die Feuchte des Himmels erweckt; die dodo- 

näischen Priesterimien sangen das Lied: 

„Zeus -war, Zeus ist und Zeus wird seia. grossester Gott Zeus! 
Früchte spendet die Ge; drum nennet Mutter die Gaia!" 

Diese Priesterinnen sollen zu Dodona neben den Seilen eiagesetzt 
sein, seit Dione dem Zeus als Tempelgenossin beigesellt war. 
Dione ist nämlich in Dodona die Gemahlin des Zeus, statt Hera. 
Sie enthält denselben Begriff, wie der dodonäische Zeus, nur in 
weiblicher Gestalt; darauf deutet auch ihr Name hin {Zevg — 
Jcog — Jimvri = Jimo). Sie ist auch eine Gottheit des Aethers 
und sendet als solche den befruchtenden Eegen, daher heisst sie 
Eegen-Dione {/Imv-t] *Tag). Weil sie aber nur in Dodona besonders 
verehrt war und dieses alte Heiligthum in der spätem Zeit von 
andern verdunkelt wurde, so trat sie in der Folge mehr in den 
Hintergrund und wurde durch Hera von der Seite des Zeus ver- 
drängt. Sie spielt in den griechischen Göttergeschichten eine sehr 
untergeordnete Kolle und wurde von Einigen nur für eine Nymphe 
gehalten oder zu den Titanen gezählt; daher gilt sie auch für 
eine Tochter des Okeanos und der Tethys, oder des Uranos 
und der Ge. Sie soll von Zeus die Aphrodite geboren haben 
(n. 5, 370). — Von Dodona, einem der ältesten Sitze der Hellenen, 
von wo die hellenischen Stammsagen von Deukalion und von den 
Aiakiden sich nach Thessalien, an den Parnass und bis nach Aigina 
verbreitet haben, ist der Cultus des Z/EXkiqvtog oder üavaXli^vtog 
nach Aigina gedrungen. Aiakos, der fromme und milde Sohn des 
Zeus und der Aigina, Herrscher der Insel, Vater des Polens und 
des Telamon, flehte einst zu dem Vater Zeus, dass er die menschen- 
leere Insel ihm bevölkere, und der Gott gewährte dem Sohne so 
viele Unterthanen, als dieser Ameisen an einer dem Zeus geheiligten • 
Eiche hatte hinaufeilen sehen (Ov. Met. 7, 627); Aiakos nannte 
sein neues Volk Myrmidonen {(ivQfjLrjasg, Ameisen). Zu andrer Zeit, 
als Hellas von grosser Dürre heimgesucht wurde, bewirkte er durch 
Opfer und Gebet, dass Zeus den ersehnten Eegen sendete, und 
man baute ziun Danke dem Zeus Panhellenios auf dem höchsten 
Berge der Insel, wo der Gott thronte, einen Tempel. 

Ein Naturgott, ähnlich dem dodonäischen, ist auch Zeus aiif 
der Lisel Kreta; doch sind hier asiatische Vorstellungen mit 
hellenischen verschmolzen. Hier soll Ehea den Zeus in einer 
Grotte des Berges Dikte (Z^ JtKtaiog), damit ihr Gemahl Kronos 
das' Kind nicht verschlinge, heimlich geboren und den Kureten 
(oder auch den Korybanten) und den Nymphen Adrasteia und 
Ida, den Töchtern des Melisseus, des Honigmanns, zur Bewahrung 
und Erziehung übergeben haben. Das Götterkind wurde nun mit 
der Milch der Ziege Amaltheia (Nährerin) und mit Honig, den 
die Bienen vom Gebirg herbeitrugen, ernährt und wuchs bald zu 



— 28 — 

YoUer Kraft heran, dass er seinen grausamen Vater vom Throne 
stossen imd sich selbst der Herrschaft über die Welt bemächtigen 
konnte (siehe p. 8). Wie Zeus auf Kreta geboren sein soll, so 
wurde auch dort sein Grab gezeigt; er starb also und lebte wieder 
auf, wie die Natur im Herbste stirbt und im Frühling wieder neu 
geboren wird. Dieser Naturgott, gewissermassen das persönliche 
Bild der Natur, wurde von den Kretern auf eine orgiastische, wild 
begeisterte Weise verehrt; unter Waffentanz und jauchzender Freude 
tind der schallenden Musik der Kureten, der Priester des Gottes, 
beging man das Auferstehimgsfest der Natur, mit Trauer und Klage 
das Sterbefest. Zeus wurde also hier ähnlich wie anderwärts 
Dionysos verehrt. Wahrscheinlich stellte man sich den Zeus in 
Kreta auch unter dem Bilde eines Stiers vor; hierauf deutet die 
in, Kreta ausgebildete Sage von dem Eaube der Europa. Zeus, 
voll Liebe zu der Europa, der Tochter des Phoinix, den man zu 
einem phöniki sehen König machte, verwandelte sich in einen Stier 
und trug die Königstochter von Phönikien aus über's Meer nach 
Kreta (Ovid. Metamorph. 2, 850 ff., cf. Horat. Od. 3, 27; 25). 
Nach den arkadischen Sagen War Zeus in Arkadien geboren, 
auf dem Berge Parrhasion oder auf dem Ljkaion, und von Nymphen 
aufgezogen worden. Den uralten Dienst des Z. Lykaios auf dem 
Berge Lykaion soll Lykaon, der S. des Pelasgos, eingesetzt haben, 
indem er am Altare des Gottes sein Kind opferte, wofür ihn j'edoch 
Zeus noch während des Opfers in einen Wolf (imog) verwandelte (eine 
verschiedene Erzählung s. Ov. Met. 1, 195 ff.). Dieser in alter Zeit 
durch Menschenopfer gesühnte Zeus Lykaios erscheint einerseits als 
ein Gott des himmlischen Lichtes, andererseits aber auch als ein Spen- 
der des erquickenden Eegens. Grosse Aehnüchkeit mit demlykaiischen 
Zeus hatte der finstere, blutige Menschenopfer heischende Z. La- 
phystios der Minyer in Thessalien xmd Böotien, mit dessen Cultus 
Athamas und sein Geschlecht aufs engste verknüpft sind (s. Argo- 
naiitensage.) Doch steht in demselben Cultus jener furchtbaren Seite 
des Gottes auch eine milde und gnädige entgegen in dem Z. Phyxios, 
der dem Flüchtling Bettung imd Schutz zu Theil werden lässt. Den- 
selben Gegensatz finden wir in Attika in dem zürnenden Z. (laifmarrig 
und dem freundlichen Z. (isdixtog, dem gegen Ende des Winters, 
am 23. Anthesterion, die mit allerlei Sühngebräuchen verbundenen 
Diasien gefeiert wurden, sowie dem (laiiiaKriqg gegen Anfang des 
Winters im Monat Maimakterion die Maimakterien. Auch in Attika 
hatten sich mannigfache Beziehungen des Zeus zur Natur erhalten; 
man flehte ihn an um Schutz und Gedeihen der Feldfrüchte, 
namentlich der Oelbäume (Z. yecoQyog und (lOQtog, Soph. 0. C. 705). 
Der Zeus Ammon, dessen Orakel in der libyschen Wüste westlich 
von Aegypten lag, war ursprünglich kein griechischer, sondern ein 
ägyptischer Gott. Die späteren Griechen hatten die Sucht, ihre 
Gottheiten mit denen anderer Völker, besonders der Ägypter, zu 



29 — 



versehmelzen und für gleichbedeutend zu erklären. So wurde denn 
jener ägyptische Amnion, dessen Orakel mit dem dodonäischen 
manche Aehnlichkeit gehabt haben mag, mit dem griechischen Zeus 
identificirt, und man erbaute diesem Zeus Ammon nun auch in 
Griechenland Altäre und Tempel. 

Die Kinder des Zeus und der Hera sind Ares, Hephaistos, 
Hebe (Hes. Th. 922); ausserdem aber wurden ihm viele Söhne 
und Töchter von andern Göttinnen und sterblichen Frauen geboren:. 
Apollon imd Artemis von Leto, Hermes von Mala, Perse- 
phone von Demeter, Aphrodite von Dione, die Hören von 
Themis, die Chariten von Eurynome, des Okeanos Tochter, 
die Musen von Mnemosyne; Herakles, der Sohn der Alkmene, 
Dionysos, der Sohn der Semele, Perseus, der der Danae, 
Kastor und Polydeukes, Söhne der Leda, waren die aus- 
gezeichnetsten Kinder des Zeus von sterblichen Frauen. Athene 
entsprang aus dem eigenen Haupte des Zeus. 

Die berühmteste und vorzüglichste Darstellung des Zeus durch 
die bildende Kunst war die von Phidias gefertigte Statue zu Olympia, 
wozu ihm die Verse bei Homer IL 1, 528: 

„Also sprach, er und winkte mit schwärzliclien Brauen Kronion; 
Und die ambrosischen Locken des Herrschers wallten iTrm vorwärts 
Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höhn des Olympos." 

das Yorbüd gaben. „Der erhabenste Schwung in der Auffassung 
des Zeusideals machte diese Statue zu einem Wunder der Welt. 
Die zu Grunde liegende Vorstellung ist 
die des allmächtig herrschenden, überall 
siegreichen Gottes in huldvoller Ge- 
währung, gnädiger Erhörung mensch- 
licher Bitten. In ihm schauten die 
Griechen den Zeus gegenwärtig; ihn zu 
sehen war ein N"epenthes (eine Linde- 
rung und Verscheuchung alles Leides 
und Kummers), ihn vor dem Tode nicht 
erblickt zu haben beinah ein solches 
Unglück, als in die Mysterien unein- 
geweiht zu sterben." (C. 0. Müller: 
Handbuch der Archäologie der Kunst 
§. 115.) Es war eine sitzende Figur auf 
einem mit Gold und Elfenbein verzierten 
Throne, etwa 40 Fuss hoch auf einer 
Basis von 12 Fuss. Die Bekleidung 
ist bis auf die Hüften herabgesunken. Mg. 2. zeua. 

Der Körper bestand aus Elfenbein, die 

Gewänder aus Gold. Der Gott hielt in der Rechten eine Nike 
(Siegesgöttin), in der Linken das Scepter mit dem Adler; denn 




— 30 — 

der in der Höhe thronende König der Götter hatte den hoch- 
kreisenden König der Vögel zum Symbol. Die Gresichtszüge und 
die Form des Hauptes und des übrigen Körpers an dieser Statue 
wurden stets von späteren Künstlern als Vorbild genommen. Die 
Haare erhoben sich über der Mitte der Stirne und fielen in reichen 
Locken auf beiden Seiten herunter; der obere Theil der Stirne 
war klar und heiter, der untere Theil, mächtig vorwölbend, drückte 
die Kraft und das Sinnen des Geistes aus, die Augen lagen stark 
zurück und waren weit geöffiaet, um die feinen milden Züge der 
Lippen und Wangen wallte ein reicher voller Bart; die Brust war 
kräftig und breit. (Siehe Fig. 1, Seite 23 eine Zeusstatue in der 
vaticanischen Sammlung. Fig. 2, S. 29 Zeusbüste im Museo 
Pio-Clementino.) 



2. Hera {"HQfj, "Hqk, Juno"^). 

Hera, die älteste Tochter des Krouos und der Ehe a' (daher 
Saturnia), Schwester des Zeus (Hes. Theog. 453), wurde von 
Okeanos und Tethys erzogen, denen Ehea sie brachte, als der 

waltende Zeus den Kronos imter die Erde 
verstiess (II. 14, 200). Zeus verband sich 
heimlich mit ihr ohne Vorwissen der 
Eltern, er raubte die Braut, und ein 
ganzes Jahrenjahr, dreihundert Jahre, 
blieb ihre Ehe verborgen**). Da erklärte 
er sie als seine rechtmässige Gemahlin 
und machte sie zur Königin des Himmels. 
Aber nicht in dem vollen Simie, wie Zeus 
der Herrscher über Götter und Menschen 
ist, ist auch Hera Königin des Himmels; 
zwar besitzt sie grosse Gewalt und durch 
ihre Würde ein gewisses Üebergewicht 
über die andern Götter, der Himmel er- 
bebt, wenn sie auf ihrem goldnen Throne 
zürnt (n. 8, 199), aber dem Zeus steht 

sie bei weitem nach. Die übrigen Götter 
Fig. 3. Hera. ^j^^.^^ g-^ ^^^-^ ^^^ ^^ Gemahlin 

des Zeus und erheben sich von ihren Sitzen, wenn die erhabene 
Göttin in ihre Versamraltmg tritt, wie vor Zeus selbst. Ihrer 
Würde als der Gemahlin des höchsten Gottes entspricht ihre äussere 




*) Dieser Name bedeutet wahrscheinlich „Herrin". 

**) Die Griechen bildeten diese Sagen, weil es bei ihnen selbst Sitte 
war, vor der Vermählung sich heimlich mit der Braut zu verbinden und 
bei der Hochzeit die Braut zu rauben. 



— 31 - 

Erscheintmg. Wenn die schöngelockte (^■iJxojM.og), weissarmige 
(levKcolEvog) Gröttin mit dem grossen Auge {ßoantg) in ihrer ganzen 
Herrliclikeit auftreten will, dann badet sie den unsterblichen Leib 
in Ambrosia, salbt sich mit ambrosischem Oele, welches das ganze 
Hans des Zeus, den Himmel und die Erde mit seinem köstlichen 
Dufte erfüllt, hüllt sich in das schöne, von Athene gefertigte Grewand 
mit goldenen Spangen, legt den verzierten Gürtel um den herrlichen 
Leib und schmückt die Ohren mit prächtigen Gehängen; dann wirft 
sie einen sonnenhellen Schleier um ihr Haupt und bindet imter 
die glänzenden Füsse die schönen Sandalen (II. 14, 170 — 186). 
Ihren stattlichen Wagen mit dem Zweigespann schirren Hebe 
und die Hören an und ab (IL 5, 720 ff. 8, 43a.). 

Ihre Ehe mit Zeus ist diejenige Seite, welche in ihrem Leben 
am meisten hervortritt. Zeus ehrt sie als seine Gemahlin, er 
rathschlagt mit ihr und theilt ihr oft seine Pläne mit, von denen 
andre Götter nichts wissen. Aber nur zu oft sucht Hera diese 
ihre Eechte als Ehefrau geltend zu machen und verlangt mehr, 
als Zeus ihr gewähren will; daher häufig Zank und Zwietracht 
unter den beiden Gatten. Besonders bei Homer tritt dieser trotzige 
imd streitsüchtige Charakter der Hera hervor; der Dichter benutzt 
ihn zu allerlei interessanten Situationen. Den Troern hat die 
Göttin ihren ganzen Hass zugewandt, weil der troische Königssohn 
Paris in dem Streit der Göttinnen Hera, Athene imd Aphradite 
um die Schönheit nicht ihr, sondern der Aphrodite den Preis zu- 
erkannt und durch den Eaub der Helena die Heiligkeit der Ehe 
verletzt hatte ; die Griechen aber begünstigt sie in dem trojanischen 
Kriege, denn Argos, Mykene und Sparta sind ihre Lieblingssitze 
(n. 4, 51 ff.) und ihr vor allen geweiht. Wenn daher Zeus einmal 
die Troer begünstigt und den Griechen Verderben sendet, so hat 
der Gemahl Vorwürfe imd Widersetzlichkeit von ihr zu erwarten» 
Ja sie mischt sich selbst in den Kampf, und als sie einst mit 
Artemis, die den Troern Hülfe leistet, zusammenstösst, ninamt 
sie ihr den Köcher ab und schlägt ihr denselben unter Schelten 
und Lachen um die Ohren, däss die Göttin weinend wie eine Taube,^ 
die von dem Falken gescheucht wird, aus dem Kampfgewühl ent- 
flieht (n. 21, 481—496). 

Den Zorn und die Verfolgung der strengen eifersüchtigen 
Gemahlin des Zeus müssen besonders die von Zeus geliebten 
Göttinnen und Frauen und deren Kinder erleiden. (Siehe Apollon, 
Dionysos, Herakles.) Eine dieser Frauen war lo, die Tochter 
des Inachos in Argos, nach der Sage eine Priesterin der Hera,, 
ursprünglich aber ein göttliches Wesen. Weil sie von Zeus geliebt 
wurde, verwandelte Hera sie aus Eifersucht in eiae Kuh und gab 
ihr als Wächter den hundertäugigen Argos bei, den Argos Panoptes» 
Zeus aber Hess durch Hermes den Wächter der lo tödten und 



— 32 — 

sie selbst nach langem Irren endlich nach Aegypten gelangen, wo 
sie als Isis yerehrt ward*). 

Weil Hera unter den Gröttinnen des Olympos die einzige 
wahre Ehefrau ist und . sie auch von den ältesten Zeiten her an 
den verschiedenen Orten ihrer Verehrung stets in ehelicher Ver- 
bindung mit Zeus erscheint, so hielt man sie vorzüglich für die 
Sehützerin der Ehen. Als die Göttin, welche die Ehen segnet und 
in den Nöthen der Geburt beisteht, wurde sie von den Frauen an- 
gerufen. In dieser Beziehung hat sie die Beinamen ya(iv}Xia, ^vyia, 
Ehegöttin, bUsl^vicc, Göttin der Geburten; darum sind die Eilei- 
thyien (ElXsl&vtai) die bei der Geburt beistehenden Göttinnen, 
ihre Töchter (II. 11, 269**). Uebrigens stand Hera in ältester Zeit 
gleich Zeus in enger Beziehung zur Natur; manche deuten sie als die 
Erde, welche mit dem Himmelsgotte Zeus in heiliger Ehe {tSQog yajttog) 
den Segen der Natur, Pflanzen und Blüthen erzeugt, andre als die 
weibliche fruchtbare Seite des Himmels, als die Göttin der Luft und 
Atmosphäre. — - Ihre und des Zeus Eonder sind bei Zeus angeführt. 

Hauptorte ihrer Verehrung waren Arges und Mykene, zwischen 
denen das berühmte Heiligthum der argivisehen Hera lag, Sparta 
(n. 4, 51), Korinth und manche andre Orte des Peloponneses, 
ferner Samos, viele Städte Böotiens und Euböa's, namentlich Platäa 
und Thespiae am Kithaeron, der ein alter Mittelpunkt des Hera- 
cultus war. Die Ceremonien bei den Pesten, die ihr an diesen ver- 
schiedenen Orten gefeiert wurden, bezogen sich alle auf ihre Ver- 
mählung und Ehe mit Zeus. 

Geweiht waren ihr der Granatapfel, das Symbol der Liebe, 
der Kukuk, der Verkünder des Frühlings, in welcher Jahreszeit 
sich Hera mit Zeus vermählt hatte. Der Pfau, der aus dem Blute 
des erschlagenen Argos entstanden sein sollte, war der Himmels- 
königin heilig wegen der Augen seines Schweifes, die als ein Bild 
der Sterne des Himmels galten (Ov. Met. 15, 385). 



*) Homer erwähnt diese Sage nicht; doch hat bei ihm Hermes den 
BeiQam.en 'AQysicpovtrjg, der Argostödter (Od. 1, 38). Man sieht hieraus, 
dass es vor imd zur Zeit des Homer eine reiche Sagenwelt gegeben haben 
muss, die mu- zum Theil in die homerischen Gedichte aufgenommen werden 
konnte. Die Verschmelzung der griechischen lo und der ägyptischen Isis 
in Eine Person gehörte natürlich nicht der ursprünglichen Sage an. Erst 
in späterer Zeit haben die Griechen ihre Götter mit den Göttern der 
Aegypter identificirt. Der Grund, warum dies bei lo und Isis geschah, 
war ein ganz äusserlicher, er lag darin, dass beide mit Hörnern auf dem 
Kopfe dargestellt wurden. lo war entweder nur eine ältere Vorstellung 
der Hera selbst, oder sie ist eine Personification des am Himmel hin- 
wandelnden (fta = sifit) Mondes; in dieser Auffassung deuten ihre Homer 
auf die Form des Halbmondes, und der vieläugige Argos ist daim ein 
Bild des bestirnten Himmels. 

**) Die Eileithyia in der Einzahl, welche in Kreta eine Grotte be- 
wohnt, wird erwähnt Od. 19, 188; sie ist nach Hes. Th. 922 Tochter 
des Zeus imd der Hera. 



33 



Von der bildenden Kunst wurde Hera immer in edler erhabener 
Gestalt dargestellt, als die liohe ^Gemahlin des Zeus. Ihr berühmtestes 
Bild war die von Pol jklet ver- 
fertigte Statue zu Argos. Sie 
hatte eine Art Krone {erifpa- 
vog) auf dem Haupte, die mit 
den Figuren der Chariten und 
Hören geschmückt war^ In 
der einen Hand hielt sie einen 
Granatapfel, in der andern 
ein Scepter mit einem Knkuk 
auf der Spitze. Das Antlitz 
-der Hera zeigt die Formen 
einer unvergänglichen Blüthe 
und Eeife der Schönheit, sanft- 
gerundet ohne üeberfüUe, Ehr- 
furcht gebietend ohne Schroff- 
heit, die gerundeten nnd offenen 
Augen schauen grade vor sich 
hin. Die Gestalt ist blühend 
und völlig aiisgebildet , um- 
kleidet mit einem langen Chi- 
ton, der nur Hals und Arme 
frei lässt; darüber ist ein Hi- 
mation geworfen, das xim die 
Mitte der Gestalt liegt; der 
Schleier, ein wesentliches Attri- 
but der Verlobten und Frau, ist 
gewöhnlich nach dem Hinter- 
haupte zurückgeschoben.(Siehe 
Fig. 3, Seite 30 Herabüste in 
der Villa Ludovisi zu Eom. 
Fig. 4, Seite 33 Herastatue in 
der vaticänischen Sammlung.) 




Fig. 



Hexf 



3. Pallas Athena (Ad'rjvä, 'AQ'rjvrj, 'Ad'rjvairj, Minerva*). 

Pallas Athena ist die Tochter des Zeus, das Kind eines 
starken Vaters (pßQtfioitcctQri, Od. 1, 101. II. 5, 747), neben Zeus 
vor allen andern Göttern hochgeehrt. Homer nennt keine Mutter, 
aber Hesiod erzählt, dass Zeus die Metis (Klugheit) auf Eath der 
Gaia verschlungen und darauf aus seinem Haupte die Athena ge- 
boren habe (Hes. Th. 886—900 cf. Hom, Hymn. 28. elg 'A^tivav 

*) Ualldg bedeutet die kräftige Jungfrau, wie JJdXXKvzsg rüstige 
Jungen. Das Wort steht bei Homer und Hesiod nie allein. 

st oll, Mythologie. 6. Aufl. 3 



34 




Fig. 5. Pallas A.thena. 



Pind. Ol. 7, 34 ff.). Diese Sage ist von Späteren weiter ausgebildet 
worden, und es Mess, dass Hephaistos (oder Prometheus) auf 
Befehl des Zeus dessen Haupt mit ehernem Beile gespalten hahe, 

und dass Athena sogleich in voller Kraft 
gewappnet aus dem Haupte des Vaters 
gesprungen sei. Aus der Erzählung des 
Hesiod und der Späteren erkennt man, 
-dass Athene die gewaltige Klugheit des 
Zeus ist in persönlicher Grestaltung ; und 
so erscheint sie denn auch bei Homer 
und in der Folgezeit als die kluge und 
gewaltige Götterjungfrau, geschickt in jeg- 
licher männlichen und weiblichen Kunst- 
fertigkeit, eine Lenkerin der geordneten 
und klugen Kriegsführung. Sie beschützt 
alle die, welche sich als kluge und tapfere 
Männer erweisen, wie vor allen den 
Odysseus. Diese Sorge um den Yiel- 
gewandten sowie um sein ganzes Haus,, 
um die kluge kimstfertige Penelopeia^ 
und denverständigen Telemachos zeigt 
sich in der Odyssee überall. Sie überredet 
den Vater Zeus, dass er wider Willen des Poseidon dem Odysseus 
die Heimkehr bereitet, sie ermuthigt den Telemachos und begleitet 
ihn auf seiner Reise nach Pylos und Sparta, sie unterstützt beide 
in dem Kampfe gegen die Freier. In der Odyssee ist Athene mit 
ihrem Vater, der sie liebt wie ein vorgezogenes Kind, stets einig; 
in der Hias dagegen ist sie ihm oft entgegen, trotzdem lässt sie 
dieser immer wegen seiner Vorliebe zu ihr endlich gewähren (II. 8, 
39. 22, 183—185. 5, 877). 

Athene, die gewappnet aus dem Haupte des starken Vaters 
hervorsprang, ist eine kriegerische Gröttin, doch im G-egensatz zu 
Ares, der nur an dem Streit. und dem wilden blutigen Getümmel 
der Schlacht seine Freude hat, eine Vorsteherin des besonnenen 
und geordneten Kampfes, der sicher zum Siege führt; der Gedanke 
des Zeus ist siegreich überall. Weil sie die Verleiherin des Sieges 
ist, tragen Bildsäulen von ihr, wie die unten erwähnte Pallas 
Parthenos auf der athenischen Burg, die Nike, die Siegesgöttin, 
auf der Handj ja sie selbst heisst Nike (Soph. Phil. 134. Eurip. 
Ion. 469 1551) und hatte als solche zu Athen an den Propyläen 
einen Tempel. Sie sollte aus besonderer Rücksicht auf den Giganten- 
kampf (s. p. 9), in dem sie vor allen Göttern neben Zeus sich 
ausgezeichnet hatte, diesen Beinamen erhalten haben. Die stets 
kampffertige und unbezwungene (^AxQvxavvi, H. 5, 115) Jungfrau 
wird somit eine Schirmerin der Städte und Staaten (^AkaX%o^£vriig^ 
die Abwehrerin, ^EQvöirctoXig, die Stadtschirmerin, IL 5, 908. 6, 305, 



— 35 -- 

IlQOfiaxog, die Schützerin), welche das Volk zum Kampfe anfeuert 
{Aaoaaoog, Od. 22, 210), zu Sieg und Beute führt CAyslsia, ATjtrtg, 
Aa(pQia, Beutemacheria) und Mauern und Burgen und , Häfen be- 
schirmt. Darum sind die Burgen und Städte ihr besonderer Sitz 
{'AKQaia, ^AKQtci)] die Palladien, alte Sehnitzbilder der Göttin mit 
gezückter Lanze und geschwungenem Schilde, wurden als heilige 
Schutzbilder und ais Unterpfänder der Erhaltung des Staates und 
der öffentlichen Wohlfahrt in vielen Städten sorglich aufbewahrt und 
verehrt. Das- berühmteste Palladion war das von Troja, das einst 
Zeus vom Himmel herabgeworfen und der König Hos in der von 
ihm erbauten Stadt aufgestellt hatte. Diomedes und Odysseus 
raubten das Bild, weil die Stadt, so lange es in ihren Mauern war, 
nicht erobert werden konnte. Später behaupteten verschiedene 
Städte dieses Wunderbild zu besitzen, so Athen und Argos, selbst 
Eom und Lavinium. 

Aber Athene fördert das Wohl der Bürger auch durch die 
Künste und Stiftungen des Friedens ; sie selbst ist eine kimstfertige 
Werkmeisterin (^EQyavrf)^ sie erfand allerlei Werkzeuge und Ge- 
räthe und lehrte die mannigfaltigsten Künste, namentlich die weib- 
liche Kunst des Spinnens und Webens, aber auch die Gewerbe der 
Männer, wie des Zimmermanns und Schiffbauers, des Goldarbeiters 
u. s. w. (11. 5, 61. Od. 6, 232). Sie waltet femer über der Hand- 
habung des Eechtes, den Gerichtshöfen, den Versammlungen, der 
Verfassung [BovXaia, ^Ayoquia). Auch sorgt sie für die leiblich« 
Wohlfahrt des Volkes, sie ist eine iSTährerin der Jugend (K.ovQOTQ6(pog)-, 
eine Helferin und Heilgöttin {SmxEiQcc, 'OPyteia). 

Vor allen andern Städten hat besonders das mit ihr auch 
durch den Namen verbundene Athen, die Stadt der geistvollen 
Männer, diese weise Göttin als ihre Schutzgottheit verehrt. Das 
attische Land, um das sie mit Poseidon gestritten (s. Poseidon), 
wurde als ihr besonderes Eigenthum angesehen, und alle Ver- 
hältnisse des Landes waren mit ihrem Cultus in enge Verbindung 
gebracht. Sie ist die Schirmerin der Stadt (llohag, Ilohovyog), der 
Phratrien und Geschlechter {pqaxqia), aus denen der Kern des 
Volkes besteht, sie hat den Areopag eingesetzt und Gesetze und 
Ordnung geschaffen, sie hat dem Lande den Oelbaüm gegeben, 
hat das Zügeln der Pferde (^Imtla) und das Anjochen des Stieres 
gelehrt. Auf der Burg hatte sie zwei Tempel, das Erechtheion, 
wo sich das älteste vom HimmBl gefallene Sehnitzbild der Göttin 
befand und der heilige Oelbaum, den sie einst im Streite mit 
Poseidon um das Land gepflanzt hatte, sowie die von Poseidon bei 
derselben Gelegenheit hervorgerufene Quelle von Meerwasser gezeigt 
wurden, und den herrlichen Parthenon mit der berühmten von 
Phidias gefertigten Bildsäule der Athene Parthenos. Die wichtigsten 
Feste waren ihr geweiht, wie die Errhephorien, die grossen und 
kleinen Panathenäen, von denen die kleinen jedes Jahr, die grossen 



— 36 — 



alle 4 Jahre vom 24 — 29. Hekatombaion (Juli — Atigust) gefeiert 
■wurden. Am ersten Tage fand im Odeon ein musisclier Wettkampf 
von Sängern, Zither- und Flötenspielern und andern musischen 
Künstlern statt, am zweiten bis vierten gymnische, ritterliche und 
sonstige Spiele. Die Kampfpreise "bestanden, wenigstens für die 
gymnischen Wettkämpfe, in einem Kranze von Oelzweigen und einem 
schönen irdenen Gefässe mit Oel von den heiligen Oelbäumen. Am 
feierlichsten und glänzendsten war die Procession durch die Stadt 
nach der Burg am 28. Hekatombaion, in welcher das reich mit Bild- 
werken durchwirkte Safrangewand (TteTcXog)^ das attische Frauen jedes- 
mal neu zur Bekleidung des alten Bildes der Göttin gewebt hatten, 



^T^ 



in Form eiaes Segels an 
einem Eollschiff aufge- 
hängt nach dem Erech- 
theion gebracht wurde 
( ein Vorbild solchen 
Actes schon IL 6, 269 
ff. 297 ff.). 

Nach dem Bisheri- 
gen war Athene vorzugs- 
weise eine ethische Gott- 
heit; doch deuten manche 
Spuren in den Sagen 
imd dem Cultus darauf 
hia, das sie gleich den 
meisten Göttern in der 
altpelasgischen Zeit auch 
Naturgottheit war, wie 
denn z. B. in Attika ihre 
Beziehung zu dem. Acker- 
bau und zur Baumpflan- 
zxmg, sowie ihre Verbin- 
dung mit dem Schlangen- 
kinde Erichthonios (s. 
attische Sagen), dem 
Symbole des aus der Erde 
aufsprossenden Eflanzen- 
segens, ihre Naturseite 
hinlänglich bekundet. Er- 
wägt man ihre Abstam- 
mung von Zeus, dem 
Himmelsgotte , so muss 
man sie als Naturgöttin 
ihrem innersten Wesen nach als ein lichtes Kind der reinen Aether- 
höhe auffassen; doch ist sie in der Fülle ihres Wesens und bei 
der Ausdehnung ihres Wirkungskreises auch zu dem Naturleben 




I'ig. 6. Pallas Atheaa. 



— 37 — . 

der Erde in maimigfaclie Bezielmngen getreten. Namentlicli stand 
sie in engem Ziisammenliange mit dem Elemente des Wassers, 
weshalb Poseidon oft neben ihr auftritt, Ihre ältesten Cultnsstätten 
finden sich besonders an Flüssen und Seen, so z. B. in Alalkomenae 
in Böotien an dem kopaisehen See und dem Flusse Triton unfern 
einer Stelle, wo die alte von dem See verschlimgene Stadt Athen 
gelegen haben sollte. Hier am Triton war auch, wie man sagte, Athene 
geboren, und ebenso nahm man an verschiedenen andern griechischen 
Flüssen gleichen iSTamens (in Arkadien, Kreta), wo man auch Athene- 
cult hatte, die Geburtsstätte der Gröttin an. Deshalb heisst Athene 
TQixcovig, TQvtoyivsia^ Fluthgeborene , denn Tqlxoiv bezeichnet die 
rauschende Fluth. Auch in Libyen gab es einen See Tritonis, an 
welchem Athene mit Poseidon, der hier sogar ihr Vater hiess, 
verehrt ward (Herodot. 4, 180); allein hier war nicht, wie man 
annahm, zu allererst die Verehrung der Athene heimisch, sondern 
der Cult war erst durch einen wandernden Grriechenstamm, die 
Minyer, dorthin gebracht. 

Der Athene ist heilig der Oelbaiom als die für Attika wich- 
tigste Pflanze, und die Eule (yAc-DI); sie selbst heisst yXcivuamg, 
die helläugige, scharfsichtige Gröttin., ein Beiwort, bei dem der 
Grieche an den eigenthümüchen Glanz des Auges der Eiüe dachte. 
Das schönste und grossartigste Bild der Athene hat Phidias ge- 
schaffen in dem Standbilde der Pallas Parthenos auf der Burg zu 
Athen. Das Charakteristische in der Darstellung der Göttin ist 
ruhiger Ernst, selbstbewusste Kraft und Klarheit des Geistes. 
Kopf und Bück sind etwas gesenkt, wie bei einer Sinnenden. Auf 
dem Haupte trägt sie den Helm, um die Brust die Aigis, einen 
schuppigen Panzer mit Schlangen am Eande und dem Gorgonen- 
haupte in der Mitte. Die Aigis hat sie mit dem Vater Zeus 
gemein (IL 5, 736 ff. 2, 446); das grausenhafte Gorgoneion aber, 
das alle Feinde zurückschreckt, hat sie entweder von Perseus (s. d.) 
erhalten, oder sie hat es sich, nachdem sie selbst die Gorgo im 
Gigantenkampfe erlegt (Eurip. Ion. 991), an die Brust gesetzt. 
(Siehe Fig. 5, S. 34 Kopf der Athene aus der ViUa Albani. Fig. 6, 
S. 36 Statue der Athene zu Velletri, im Louvre.) 

4. Phoibos ApoUon (^otßog 'Anokkov, Apollo). 

Apollon ist der Sohn des Zeus und der Titanin Leto 
(Latona^ Hes. Theog. 918), nach der gewöhnlichen Sage auf Delos 
am Berge Kynthos geboren (daher ^i^A.tog, Xw-Ö'tog). Leto wurde 
von der eifersüchtigen Hera auf der ganzen Erde verfolgt, bis ihr 
endlich die Insel Delos, die bis dahin unstät in dem Meere umher- 
geschwommen war (Pindar), eine sichere Stätte bot zur Geburt ihrer 
Kinder Apollon und Artemis (Hom. Hymn. in Apoll. Del. 25 ff.). 
Apollon ist seinem Wesen nach ein Gott des Heils imd der Ordnimg, 
der geliebte Sohn des Zeus, der ja der oberste Schirmer der Ordnung 



— 38 



gewährt ihm Heil 



ist. (Daher heisst Ap. oft bei Hoiner ^d cpiXog und wird von Zeus 
angeredet (pike Qoißs.) Er ist der Reine (0otßog), der alles Böse hasst 
und den TJehermüthigen straft; den Guten aber schützt er und 

Seine Waffen sind Bogen und Pfeile, mit denen 
er fernhin trifft und den Gottlosen Ver- 
derben sendet (aQyvQoro^og, 31. 1, 37. 
eKccrog, aKa6Qyog\, eurjßoXog). So tödtete 



er die übermüthigen Aloaden (Söhne 
des Aloeus) Otos und Ephialtes, 
die den Himmel erstürmen wollten 
(Od. 11, 305 ff.). Seine Pfeile bringen 
die Pest, welche die Menschen plötzlich 
in den Jahren der Jugend und Kraft 
dahinniuümt aus dem süssen Leben. 
Als die Griechen im Lager vor Troja 
seinem Priester Chryses die gebüh- 
rende Ehre versagten, da setzte er sich 
fernab von den Schiffen, und neun Tage 
lang flogen seiae verderbenbringenden 
Pfeile in das Lager, dass Menschen 
und Thiere dahinstarben. (Anfang der 
Hias.) Daher heisst er auch vorzugs- 
weise der Pestsender, der Verderber (^ovXiog), daher leiteten schon die 
Alten seinen ISTamen ab von cntollv^i^ ich vernichte*).^ Wie er aber 
Krankheit und Tod verursachen kann, so vermag er auch diese üebel 
von Menschen und Thieren abzuhalten; er ist «Ae^wtajtog, ayAeiog, 
6(0X7} Q, der Helfende und Heilbringende, der Vater des Asklepios, 
des Heilgottes**). Die männliche Jugend steht unter der Obhut des 
jugendlichen Gottes, namentlich in Gymnasien und im Kriege; so 
ist er auch (wie in Sparta) ein kriegerischer Gott geworden, der 
in der Schlacht um Beistand angerufen ward. Wie er zugleich 
mit Hermes in den Gymnasien waltet, so hat er auch mit diesem 
Gotte den Schutz der Wege und Strassen (ayvievg, &vQaiog), des 




Fig. 7. Apoll ou. 



*) Die altgriechische Form des Namens war 'Ansllwv, d. h. der Ab- 
wehr er und Schützer, und man hat wohl die Umwandlung in !4ji;o^ Ata v vor- 
genommen mit Rücksicht auf die entgegengesetzte Bedeutung des Gottes 
als Verderber. Auch in ovUog fanden die Alten die beiden Bedeutungen 
des Verderbers und des Heilbringers (vergl. ovli rs %al (läXa %aiiof, Od. 
24. 402). Ebenso dachte man bei ücciccv an den Heilenden imd den 
Schlagenden. 

**) Asklepios (J.escMZapws) ist Sohn des AppUon von Kor onis, der 
Tochter des Lapithen Phlegyas. Weil er alle Menschen heilte und 
selbst Todte auferweckte, sO erschlug ihn Zeus mit dem Blitze, damit 
nicht femer die Ordnung der Welt gestört werde. Er ward besonders 
zu Epidam'os verehrt. Seine Tochter ist Hygieia (Tyisi-a^ Sygea 
Hygta), die Gesimdheit. — Paian {Uaiijmv, Ucacov, üaidv) ist bei Homer 
der Name einer selbständigen Person, des Arztes der Götter im Olympos 
(II. 5, 401, 899), später ist er Beiname des Apollon imd des Asklepios. 



— 39 — 

Teldes vmä des Waldes und der Heerden (oTtacov (mjXcov, vofiiog) 
gemein, denen er Fruchtbarkeit und Gedeihen bringt*). Er weidete 
die Binder des Troers Laomedon am Ida (H. 21, 448) und die 
Bosse des Admetos in Pierien (B. 2, 763**). Mit seiner Schwester 
Artemis ist er ein Freund und Hüter des Wildes und ein kühner 
Jäger und Verfolger wilder Thiere; doch ist diese Seite mehr bei 
Artemis ausgebildet. 

Apollon ist der liebe Sohn des Zeus; während bei Homer 
die übrigen Grötter im Olympos sich oft gegen Zeus auflehnen, ist 
er, obgleich er eine bedeutende Stellung unter den Göttern eia- 
niimnt, doch immer m gutem Einverständniss mit dem Vater und 
aufs engste mit ihm verbunden. Er ist der Prophet des Zeus 
und gibt dessen Willen und Satzungen den Sterblichen kund (Hom. 
Hym. in Apoll. Del. 132***). Dadurch wird er der Gott der 
Weissagung und der Orakel, in welchen er nicht seinen eigenen 
Willen, sondern den seines Vaters verkündet. Auch schon bei 
Homer ist er der pythische Gott, der Besitzer des delphischen 
Orakels (Od. 8, 79). Da die Aussendungen von Kolonien ge- 
wöhnlich unter Mitwirkung der Orakel geschahen, da Verfassungen 
oft von Delphi aus vorgeschrieben wurden, so ward Apollon auch 
der Gründer von Städten und- Staaten und ihren Verfassungen. 
So beruht die dorische Verfassung ganz auf apollinischem Cult. 
Apollon ist durch dieses Amt des Orakelgottes der eigentliche 
Führer und Lenker der griechischen. Geschichte geworden. — Wie 
die Weissagung, so beruht auch die Poesie auf einer eigenthüm- 
lichen enthusiastischen Gemüthserregung, welche dem Cultus des 
Apollon eigen war, ohne dass derselbe jedoch auf der andern Seite 



*) Als der Gott der Heerden, des Feldes imd Waldes hatte Apollon 
den Beinamen Aristaios (der Beste); später trennte sich dieser Beiname 
von Apollon los und wurde der Name eines besonderen Gottes, der die 
Heerden segnet, Wein und Oelbau fördert, die Zucht der Bienen schützt 
und das Glück der Jagd gewährt. Diesen Aristaios machte man nun 
zu dem Sohne des Apollon von der Nymphe Kyrene. Er ward verehrt 
ia Thessalien, Arkadien, auf der Insel Keos, in Kyrene u. a. O. (Virgü. 
Georg. 4, 315 ff. Piad. Pyth. 9.) 

**) Apollon diente dem Admetos, dem König in Pherä, und weidete 
seine Heerden. Aus Liebe zu demselben erwirkte er ihm von den Moiren, 
dass, wenn die Stunde seines Todes käme, er am Leben bleiben dürfte, 
falls ein Andrer für ihn sterben wollte. Dies übernahm seine Gemahlin 
Alkestis, die schönste unter des Pelias blühenden Töchtern (11. 2, 775). 
Aber Persephone schickte sie wegen ihrer treuen Liebe wieder zur Ober- 
welt herauf, oder nach anderer Sage befreite sie Herakles. — Admetos, 
der Ungebändigte, war ein Beiname des Hades. 

***) In der bei Homer oft vorkommenden Formel: ai yap, Zsv rs 
-jtÜTSQ V.UL 'A&7]vairi v.al "AtcoXXov (IL 2, 371. 4, 288, Od. 7, 311) finden 
wir die Fülle des höchsten göttlichen Wesens in ihre drei Hauptfactoren 
auseinandergelegt: Zeus als die höchste den beiden andern zu Grunde 
liegende und als -Vater gebietende Macht, Athene die personificirte (irjzig 
und Apollon der Prophet dieser Macht. 



— 40 



seinen ursprünglichen Ernst nnd seine Würde verlor und der 
leidenschaftliclien Ausartung des Dionysosdienstes verfiel. Daher 
wird ApoUon auch ein Gott der Dichtkunst, dem Gesang und 

Saitenspiel lieh ist, und eia 
Führer der Musen. Bei Homer 
zwar ist er noch nicht der 
Musagetes, der Musenführer ; 
aher er tritt auch hier schon 
in Verhindung mit diesen Göt- 
tionen auf, er spielt in der 
Versammlung der Götter die 
schöne Phorminx, während die 
Musen ihren lieblichen Gesang 
ertönen lassen (II. 1, 603). 
v(| In seiner ursprünglichen 
Bedeutung als Naturgott war 
Apollon eru Gott des Lichtes; 
daher heisst er Avurjysvi^g, 
Lichtgehorner, AvKsiog und ein 
Sohn der Leto (X'^&co Xccv^avo, 
lateo, Latona,), der dunkelen 
Nacht, nach der allgemeinen 
Vorstellung, dass das Licht aus 
dem Dunkel hervorbricht, und 
da das Licht ein Feind alles 
Unholden und Unreinen, die 
Bedingung alles Schönen und 
aller Ordnung in der Natur 
ist, sowie die Quelle alles 
Lebens, so keimten sich aus 
dieser Grundbedeutung des 
Gottes die verschiedenen oben 
angeführten vorzugsweise ethi- 
schen Seiten seines Wesen ent- 
wickeln. So wurde ■ er einerseits der ernste und erhabene Gott der 
moralischen Weltordnung und sittlicher Eeinheit, ein Feind des 
Uebermuths und alles Schlechten, andrerseits aber auch ein freund- 
licher Spender des Lebens und der Kraft, und wie das Licht 
überallhin dringt imd uns die natürliche Welt enthüllt und offen- 
bart, so ward Apollon auch der vorzugsweise wissende Gott, der 
Gott der Weissagung. In hellenischer Zeit ist die natürliche Seite 
des Lichtgottes vor der ethischen zurückgewichen, doch trat sie 
bei Verfall derselben allmählich wieder hervor, indem man Helios, 
den Gott der Sonne, in der ja das Licht am meisten zur Erscheinung 
kommt, mit Apollon identificirte. 

In dem trojanischen Kriege steht Apollon den Troern bei, 




Fig. 8. Apollon Musagetes. 



— 41 — 

obgleich ihm früher der trojanische König Laomedon, dem er mit 
Poseidon die Mauern von Ilion erbaut und auf dem Ida die 
Heerden geweidet hatte (IL 7, 452. 21, 441 ff.), den versprochenen 
Lohn vorenthalten hatte; er beschirmt besonders den Hektor xind 
hilft ihm den Patroklos überwältigen; ebenso erlegt Paris durch 
seiae Hülfe den Achilleus. 

Dem Apollon werden viele Nachkommen zugeschrieben, be- 
sonders sollten von ihm abstammen Seher und Sänger und die 
Stammheroen solcher Landschaften und Städte, in denen der Cult 
des Grottes verbreitet war. 

Unter den Orten, wo Apollon besonders verehrt ward, nennen 
wir vor allen Dolos und Delphi oder Pytho. Zu Delos sollte 
der Grott geboren sein; daher war ihm die ganze Insel geweiht, 
und kein Todter durfte auf ihr begraben werden, weil der Gott 
als der ßeine und Makellose nicht mit Unreinem in Berührung 
kommen darf. Von Delos aus soll Apollon nach Delphi gewandert 
sein, um das dortige Orakel in Besitz zu nehmen. Dieses hatte 
zuerst der Graia nebst Poseidon, dann der Themis gehört und 
ward von dem Drachen Python oder Delphyne, einem Sohn 
der Ge, bewacht. Apollon tödtete den Drachen (Hom. Hynm. 
in Apoll. Pyth. 123 ff.), musste aber für den Mord ein grosses 
Jahr (8 Jahre) in der "Verbannung leben und Knechtesdienste (bei 
Admetos) thun. Der reine Gott, der in Delphi selbst als ein 
Verfolger der Blutschuld und • Obwalter der Mordsühne verehrt 
ward, musste sich, ehe er dieses Amt übernahm, selbst den Ge- 
setzen der Sühne unterziehen und die gerechte Strafe über sich 
ergehen lassen. Nachdem er gesühnt zuückgekehrt war, nahm er 
von dem Orakel Besitz und begründete an der Stelle, wo vordem 
der Drache, der Repräsentant dunkler Erdmächte und der Finster- 
niss in natürlicher und sittlicher Bedeutung, gehaust hatte, als 
pythischer Gott durch seine Weissagungen eine höhere sittliche 
Ordnung. Er selbst zwar ist keiner Täuschung unterworfen, denn 
vor seinem alles erforschenden Sinn liegt Gegenwart und Zukunft 
aufgeschlossen, aber des Menschen beschränkter Geist vermag nicht 
immer seine Sprüche sich deutlich zu -machen. Daher heisst Apollon 
Ao^iag^ der Verworrene, der Dunkele. Die Weissagung geschah 
durch eine Priesterin, Pythia, welche sich über einem Erdschlunde 
auf einen Dreifuss setzte und, berauscht durch den aus der Höhle 
axifsteigenden Dunst, begeisterte Worte ausstiess; hieraus setzten 
dann die Priester den Orakelspruch zusammen. Man feierte dem 
Apollon zu Delphi alle vier Jahre die pythischen Spiele, zu welchen 
die griechischen Staaten Gesandtschaften und Opfer schickten. 
Denn der delphische Gott und sein Orakel standen in ganz Griechen- 
land in hohem Ansehen, und keine bedetitende Unternehmung wurde 
vorgenommen, ohne dass man vorher seinen Ausspruch gehört hätte. 
AUe übrigen Orakel in Griechenland wurden seit der Wanderung 



— 42 



der Dorier, deren Nationalgott er war, von dem delphischen ver- 
dunkelt, auch das früher so hoch berühmte dodonäische, und wurden 
zum grossen Theil von Apollon selbst in Besitz genommen. So in 
Böotien das Orakel der Tilphossa, von dem er den Namen Til- 
phossios erhielt; bei Theben hatte er am Fluss Ismenos als 
Apollon Ismenios ein Heüigthum und eia Orakel; in Kleüiasien, 
wo der Gott von alter Zeit her verehrt ward und ihm mehrere 
Städte, wie z. B. Troja, geheiligt waren, sind am berühmtesten 
das Orakel zu Didyma bei Miletos (Ap. Didymaios) und das zu 
Klar OS bei Kolophon (Klarios). Als Orakelgott gibt ApoUon den 
Wahrsagern ihre Kunst (II. 1, 72, 86, Od. 15, 245). Weissagerische 
Priesterirmen im Dienste des Apollon waren die Sibyllen, die 

besonders an der 
Westküste Kleinasi- 
ens zu Hause gewesen 
sein Rollen, in Troja, 
Kymä, Erythrä; die 
vornehmste war die 
erythr äische , H e r o - 
p h il e , die nach Cumä 
in Italien gewandert 
sein sollte und von der 
die sibyllinischen Bü- 
cher in Rom stammten. 
Dem Apollon war 
heilig der Lorbeer 
ißafpvri) ; daher bildete 
man die Sage, Apol- 
lon habe die Nymphe 
D a p h n e geHebt, 
diese aber ""sei, damit 
sie den Nachstellun- 
gen des Gottes ent- 
ginge, auf ihr Mehen 
von Zeus oder der 
Mutter Erde oder von 
ihrem Vater Peneios 
in einen Lorbeer ver- 
wandelt worden (0 vid, 
Met. 1, 452 ff.). Fer- 
ner waren dem Gotte 
geheiligt der Schwan, 
von dem man glaubte, 
er singe vor seinem Tode noch ein Klagelied, der Delphin, ein Freund 
der Musik, der Wolf, der durch seinen Namen (Xvkos) ein Symbol des 
Lichtes, zugleich aber auch ein Symbol der Blutrache war, u. a. 




Pig. 9. Apollon. 



— 43 - 

Von der bildenden Kunst ward Apollon meist nackt dar- 
gestellt als ein schlanker, kräftiger Jüngling ohne Bart. Sein 
langes Haupthaar ist gewöhnlich über dem länglich ovalen Gesicht 
zu einem Fnoten über der Stirne zusammengebunden, welcher der 
hochstrebenden Gestalt zum Gipfel dient. In allen Zügen verkündet 
sich ein erhabener, stolzer und klarer Sinn. Die gewöhnlichsten 
Attribute, die er führt, sind Pfeü und Bogen oder die Phorminx. 
Wir haben noch manche alte Statuen von ihm, die berühmteste 
und bekannteste darunter ist der Apollo von Belvedere im Vatican 
zu Rom; sie stellt den Gott in dem Momente dar, wo er eben 
den Python erlegt hat. (Siehe Fig. 9, S. 42 — Pig. 7, S. 38 ist ein 
dem Belved. Apollon entsprechender Kopf. — Fig. 8, S. 40 Apollon 
Musagetes (in langem jonischen Gewände). 

5. Artemis (^'Aqtbiils, t^og, Diana*). 

Artemis, die Tochter des Zeus und der L et o, Zwillings- 
schwester des Apollon, ist ursprünglich dasselbe Wesen wie dieser, 
nur in weiblicher Auffassxmg; denn die Griechen drückten öfter die 
Fülle Einer göttKchen Vorstellung in zwei Personen, einer männ- 
lichen und weiblichen, zusammen aus (Zeus und Dione, Zeus^und Hera, 
Apollon und Artemis). Artemis sendet daher, gleichwie ihr Bruder, 
durch ihre Pfeüe Verderben und -plötzlichen Tod, nicht weniger aber 
schützt und schirmt sie die, welche sie liebt, und mehrt ihren Wohl- 
stand. Doch hat sich bei ihr vornehmlich der Begriff einer der Pfeile 
sich freuenden (io%ecii,Qu) Jägerin, der bei Apollon ganz zurücktritt, 
ausgebildet. Begleitet von den Nymphen, den Töchtern des Zeus, 
streift die Jungfrau, denn sie ward nie besiegt von der Liebe, jagend 
durch die waldigen Gebirge und hat ihre Freude an den Ebern 
und schnellen Hirschen; über die ganze Schaar ihrer Begleiterinnen 
ragt sie mit dem Haupte und dem schönen Antlitz hervor, so dass 
die schlanke Göttin leicht zu erkennen ist (Od. 6, 102 — 109). 
Wenn sie aber der Jagd sich erfreut hat und des Lärmens müde 
ist, dann geht sie nach Delphi zu dem Sitze des geliebten Bruders 
und ergötzt sich mit den Musen und Chariten am schönen Eeigen- 
tanz (Hom. Hymn. 27 iw Dianam). Als Jägerin hat sie noch den 
Beinamen to^oyo^og, die Bogenführende, und ^^ueijAaxaTog, die 
Göttin mit goldenem Pfeil, sXatprißoXog, die Hirschtödterin. 

Die Jagdgöttin liebt die Thiere des Waldes, schützet und 
nähret sie, ebenso gibt sie den Heerden Gedeihen. IJeberhaupt 
hat sich in ihr aus alter Zeit noch eine besondere-Beziehimg zur 
Natur erhalten; sie ist die Spenderin von frischem, blühendem 
Naturleben, Leben und Licht bringend. Daher ward sie auch eine 

*) Der Name "AqrEiiLg kommt wahrscheinlich von ugtsfiris, unversehrt, 
gesund; sie ist die unversehrte Jungfrau, die zugleich Gesundheit xmd 
unversehrte Kraft gibt. 



44 — 



Göttin der Grebiirten {EtXfj'&vi.a) und Ernährerin der Jugend (kov- 
QOTQocpog, TtatdoTQogjog). Als Mondgöttin wurde sie erst spät auf- 
gefasst, nacMem auch ihr Bruder zum Sonnengott geworden war; 
als solche ist sie mit Hekate vermengt. 

Artemis wurde an vielen Orten Griechenlands verehrt, meistens 
in Gemeinschaft mit ApoUon. In Arkadien, wo sie von Alters 
her besonders als die von den Nymphen umgebene Jägerin, die 

Freundin der Waldes- 
höhen auftritt, ist sie 
von Apollon ganz ge- 
trennt; sie hat hier 
in Hainen, an Quellen, 
Seen und Flüssen ihre 
Heiligthümer*). An 
manchen Orten wurde 
Artemis als strenge 
und harte Göttin mit 
Menschenopfern ver- 
söhnt, so zu Sparta 
die A. Orthia, die 
Grade, die Aufrecht- 
stehende (nach der 
steifen Haltung ihres 
alten Bildes). Auf An- 
ordnung des Lykurg 
wurde der Brauch ge- 
mildert, indem man 
an dem Altar der Göt- 
tin Knaben peitschte, 
so dass derselbe mit 
Blut bespritzt wurde. 
Es ist dieselbe Göttin, 
der zu Aulis die Tochter 
des Agamenmon Iphi- 
geneia (so hiess auch 
die Göttin selbst) ge- 
Fig. 10. Artemis. Opfert Werden sollte. 

Agamemnon soU der 
zürnenden Göttin, welche auch Gewalt über die See hatte und den 
verderblichen Sturm sandte, an verschiedenen Hafenorten Griechen- 




*) In Arkadien hatte Artemis vor Alters den Beinamen Kallisto, 
die Schönste. Dieser Name trennte sich später von der Göttin, und Kallisto 
ward ein selbsiändiges Wesen, eine Nymphe tmd Begleiterin der Artemis. 
Zeus zeugte mit ihr den Arkas; darum wurde sie von Hera in eine Bärin 
verwandelt, welche von Artemis erschossen ward. Zeus versetzte sie unter 
die Gestirne als grosse Bärin, Arktos. 



— 45 — 

lands Heiligtliüiner gestiftet haben. In Tauris (Krim) wurde eine 
dieser griecMschen Gröttin in irgend einer Beziehung ähnliche 
Grottheit, welcher blutige Menschenopfer fielen, von den Skythen 
verehrt; die Griechen nannten sie daher die tauris che Artemis. 
Iphigeneia brachte, wie die attische Sage erzählt, ihr Bild aus dem 
Lande der Barbaren nach Brauron in Attika, weshalb sie die 
brau ronische heisst. Der blutige Dienst dieser braurondschen, 
taurischen Artemis, der Tauropolos, Stiertumml erin, hatte einen 
sinnverwirrenden Einfluss und war nicht rein griechischer Natur. 
Auch die ephesische Artemis ist eine ausländische, asiatische Grott- 
heit, welche mit der griechischen Artemis ursprünglich nichts 
gemein hat, eine allnährende Naturgottheit. 

Von der Kunst wird Artemis gewöhnlich als Jägerin dar- 
gestellt, schlank und leichtfüssig, gleich ihrem Bruder Apollon, 
mit dem sie auch in den Gesichtszügen Aehnlichkeit hat. Wenn 
sie als Mondgöttin gebildet ist, so hat sie einen Schleier über dem 
Kopf, den Halbmond über dem Seheitel und in den Händen Fackeln. 
Die berühmteste Statue von ihr ist die Artemis von Versailles im 
Loiivre, eine Beschützerin des Wildes, bei der eine verfolgte Hindin 
Zuflucht sucht (Fig. 10, S. 44). 

6. Hermes (EQ^ijs, Mercurius). 

Hermes, der Sohn des Zeus und der Maia (Mutter), einer 
Tochter des Atlas (Hes. Theog. 938), wurde in einer Höhle des 
arkadischen Berges Kjllene geboren (daher Hermes KvXX'^vi.og, 
Od. 24, 1). Er ist bei Homer der gewandte, allzeit fertige und 
thätige Bote und Ausrichter des Zeus, Jiog ayyslog, StaxtOQog, der 
Alles glücklich hinausführt {di-ayo}), der die Menschen geleitet 
und unterstützt. Nirgends ist er, wie Iris, der blosse Bote der 
Götter, der Verkünder, sondern er ist selbstthätig und hilft im 
Auftrage des Zeus als ein anstelliger xmd gewandter Gott die 
Geschäfte der Menschen und Götter voUführen. So befreite erden 
Ares durch List aus den Fesseln der Aloaden Otos und Ephialtes 
(siehe Ares), er führte den Priamos in der Nacht durch das Lager 
der Griechen zu dem Zelte des AchiUeus (II. 24, 336 ff.), er 
tödtete den Argos (daher 'AQysicpovz'rig^ siehe Hera), schützte den 
klugen Odjsseus gegen die Eänke der Zauberin Kirke (Od. 10, 
277) u. s. w. Aus demselben Grunde ist er bei Homer der Ge- 
leiter der Todten, er führt die Seelen mit seinem goldenen, drei- 
sprossigen Stabe auf Anordnung xxnd Befehl des Zeus in die 
Unterwelt .(^vxoTtofiJcogy, denn überall ist er der Vollführer von 
dem Willen des Zeus, während Apollon der Verkünder und Pro- 
phet desselben ist. Darum kommt er häufig mit Apollon in Ver- 
bindung. Z 

Die Stellung, in der Hermes in den Gedichten des Homer 



— 46 — 

zu Zeus und den Göttern überhaupt steht, erhielt derselbe wahr- 
scheinlich erst durch diesen Dichter oder ungefähr zu dessen Zeit; 
In vorhomerischer, altpelasgischer Zeit war Hermes ein Gott, dessen 
Macht im Himmel und auf Erden verbreitet war, ein Ordner und 
Püger, ein Vermittler in allen Kreisen der Natur und des Menschen- 
lebens, dessen alles vermittelnde Wirksamkeit den Menschen Heil 
und Segen bringt; daher heisst er der segnende und gewinnbringende 
ajtßjcjjTor, egiovviog, öcarrjQ iacov*). Als nun später die einzeln ver- 
ehrten Gottheiten zusammengestellt und zu einem Ganzen in dem 
olympischen Götterstaate geordnet wurden, da musste Hermes, der 
überall Wirksame und Thätige, sich auch dem Zeus, dem Herrscher 
der Welt, unterordnen und wnrde nun der Diener des Zeus, dessen 
Weltordnung er aus- und durchführt. Ein Grundzug aber ist' in 
seiaem Wesen der, dass es ihm am liebsten ist mit den Menschen 
zu verkehren (IL. 24, 334), dass der menschenfreundliche Gott den 
Werken aller Sterblichen Gedeihen gibt. 

Sowie Homer den Gott dargestellt hat, bleibt er ,auch im 
Allgemeinen in der Folgezeit, nur dass man die einzelnen Seiten 
und Grundzüge seines Wesens noch mehr ausbildete. Der dem 
Homer zugeschriebene Hymnus auf Hermes hebt besonders hervor, 
wie der in Arkadien geborene Gott als Gott der Heerden (vofiiog) 
durch seine List und Verschlagenheit es dahin bringt, dass er in 
den Olympos unter die ersten Götter aufgenommen wird; das Ge- 
wandte, Listige und Anstellige bildet hier den Gimndzug seines 
Charakters. Kaum ist der Gott in der Höhle des Kyllene geboren, 
so schlüpft er aus seinen Windeln und macht aus der Schaale 
einer Schildkröte, die er Yor der Höhle gefunden und ausgeweidet, 
eine Lyra; darauf geht er nach Pierien, wo Apollon die Heerden 
der Götter weidet, und stiehlt 50 Einder, die er mit solcher List 
fortzuführen und zu verstecken weiss, dass man keine Spur von 
ihnen entdecken kann. Nun eüt er zu dem Kyllene zurück und 
steckt sich wieder in seine Windeln; Apollon aber ist durch die 
Angabe eines Greises, welcher den Ejiaben mit den Rindern ge- 
sehen hat, und durch seine eigene Sehergabe zu der Gewissheit 
gekommen, dass der eben geborene Hermes der Einderdieb sein 
müsse, und kommt nun in die Höhle des Kyllene, um die Rinder 
zurückzufordern. Da Hermes leugnet, so zwingt ihn Apollon, mit' 
ihm in seinen Windeln zu Zeus auf den Olympos zu gehen; auch 
hier versucht Hermes noch zu leugnen, aber Zeus, der des Knaben^ 
List durchschaut, befiehlt ihm, mit Apollon die Einder zu suchen 



*) Wahrscheinlich kommt sein ]S[a.me von si'qco, fügen, sQiia, das 
Zusammengefügte. Man pflegte dem Gott an Wegen Steinhaufen (Eqfiaioi. 
löcpoi, Od. 16, 471), Sinnbilder des Zusammengefügten, aufzuhäufen, zu 
welchen jeder Vorübergehende einen Stein hinzufügen musste; einem 
solchen von Steinen zusammengesetzten Pfeiler setzte man dann einen 
Kopf auf, und so entstanden die Hermen, Hermessäulen. 



— 47 — 

und sie zurückzugeben. Dies geschah. Als nun Apollon den Hermes 
die Lyra spielen hörte, ergötzte ihn das Spiel so, das er ihm für 
dies Instrument seine Einder gab. Da er aber fürchtete, Hermes 
möchte ihm später die Lyra wieder entwenden und seiaen Bogen 
dazu, so schwor ihm dieser einen feierlichen Eid, ihn nie mehr 
zu bestehlen, und dafür schenkte ihm nun ApoUon den goldenen, 
dreisprossigen Stab (tQiTtixrjXov §aßdov) des Glücks und des Eeich- 
thums*) tmd hiess ihn zu den Thrien im Parnass gehen, drei 
geflügelten, weissagerischen Jungfrauen, um yon ihnen ihre Weis- 
sagekunst zu lernen; denn seine eigene Art der Weissagekxmst 
dürfe er niemand lehren. Hermes möge ihm dieses Amt der höheren 
"Weissagung lassen und sich ergötzen an den Heerden und allen 
Thieren des Erdbodens, er möge die Seelen der Todten zum Hades 
geleiten. So schieden in Frieden und Freundschaft die beiden Söhne 
des Zeus. Dies der Inhalt des homerischen Hymnos auf Hermes. 
Man sieht darin ausser dem zuerst Erwähnten, dass Hermes und 
Apollon ursprünglich manche Kreise der Wirksamkeit gemein ge- 
habt haben müssen, welche aber in der Folge, wo' ihre Vorstellungen 
genauer bestimmt wurden, getrennt und gegen einander abgegrenzt 
wurden. Doch behalten die beiden jugendlichen Brüder noch manches 
gemein; so sind beide vo^lol und aytoviot &eoC, beide sind musische 
Götter und Beschützer der Strassen, Apollon, als ayvisvg, Hermes 
als ivoöiog. 

Die einzelnen Eigenschaften mm, die an Hermes, als dem im 
Menschenleben wirksamen Gotte, besonders hervortreten, sind fol- 
gende: . Er ist l) Beschützer und Hüter der Heerden (vo/itiog) 
und gibt dadurch den Menschen Eeichthum, 2) der Gott mannig- 
facher Erfindungen, 3) der Gott der Herolde, wie er selbst 
der Herold der Götter ist (ki^qv^ &Eäv)', wie die Herolde auch 
priesterliche Functionen beim Opfer hatten, so war auch Hermes 
ein Opferherold, ein Vorsteher des Opfers, das er selbst erfunden 
haben sollte. 4) Er gibt die gewandte Eede (Xoyiog, faaimdus) 
und ist Gott des klugen Verkehrs. Zum Erwerb gehört List, 
Lug und Trug, selbst Diebstahl und Meineid; daher hilft; Hermes 
selbst Betrügern und Dieben, wenn sie ihr Werk nur mit einer 
gewissen Anstelligkeit und Anmuth (jaQig^ Od. 15, 320) aus- 
zuführen suchen. Weil Hermes Handel und, Wandel beschützt, so 
ist er auch 5) der Gott der Wege, der den Wanderer beschirmt 
{yiyBiiovLog) und selbst zufällige Güter gibt, wie den Fund (eQfimov). 
6) Als Geleiter führt er die Todten zur Unterwelt {tl)vxoTCO(iit6g, 
X&oviog), sowie er dieselben auch an gewissen Todtenfesten, bei 
Todtenorakeln und Todtenbeschwörungen wieder zur Oberwelt 
heraufsteigen lässt. Wegen dieser Beziehung zxim Schattenreiche 

*) Dieser Zauberstab, den Hermes gewöhnlich trägt, besteht aus drei 
Sprossen, von denen die beiden oberen zu einem Knoten verschlungen 
sind; später geht er in einen Schlangenstab über. 



— 48 — 



zaubert er aucli durch seinen Stab den Schlaf auf die Augen der 
Menschen (II. 24, 343. 445) und sendet die Träume (Hom. h. in 
Merc. 14 cf. Od. 7, 137). 7) Der Gewandte und Anstellige ist 
ferner der Grott der G-ymnastik (ivaycovLog, Kampfhort). Cf. Hör. 
Carm. 1, 10. Durch alle diese Eigenschaften zieht sich der Grund- 
gedanke hindurch, dass Hermes als der gewandte, thätige und 
menschenfreundliche Gott Glück und Eeichthum gibt. - 

Verehrt ward Hermes von Alters her in Arkadien, Athen, 
Samothrake (hier unter dem ISTamen Kadmilos) und frühzeitig schon 
in ganz Griechenland; besonders hatte er seine Altäre tind Büder 
(Hermen) an den Strassen und Plätzen und am Eingange der 
Ringschulen. 

Man dachte 
sich und bildete 
in der Kunst den 
Hermes als einen 
schlanken, aber 
kräftigen Jüng- 
ling (cf. Od. 10, 
277—279). Auf 
dem Haupte trug 
er den flachen 
Reisehut mit brei- 
ter Krempe (tve- 
raöog), dem man 
später Flügel an- 
fügte. Ebenso 
setzte man ihm 
Flügel an die 
Sohlen (jtESiXa)^ 
welche er sich 
anband, wenn er- 
um irgend etwas 
axiszuführen fort- 
eilen wollte; sie 
trugen ihn über 
das Meer und die 
weite Erde gleich 

dem Wehen des Windes. In der Hand hielt er den oben erwähnten 
Zauberstab, der auch als Heroldstab aufgefasst wird. (Fig. 11 
Bronze-Statue des Hermes von Herculanum). 




Fig. 11. Hermes. 



7. Hephaistos {"Hg)Kt6tog, Vulcanus). 

Hephaistos, die schaffende Kraft des Feuers repräsentirend, 
war in den ältesten Zeiten vor Homer ein in der Natur mächtig 



— 49 — 

schöpferisclies Wesen; aber später behielt er nicM diese hohe Würde. 
Bei Homer und in der Folgezeit ist er ein kunstfertiger Grott, ein 
Werkmeister, der durch die Macht des Feuers die Metalle schmelzt 
und geschickt bearbeitet {xlvrorixvrjg, TColvcpQcov, der Kunstberühmte, 
der Kluge, %alxsvg, Mulciber, der Schmied). Er heisst Sohn des 
Zeus und der Hera, oder auch der Hera allein (Hes. Theog. 927); 
weil er aber schwächlich, hässlich und lahm (ancpiyviqeig, %vXlo- 
TtoSicav) war, so warf ihn gleich nach der Geburt seine Mutter aus 
dem Oljmpos. Die Meergöttinnen Thetis und Burynome fingen 
ihn in ihrem Schoosse auf und erzogen ihn (1\. 18, 394 — 405). 
In den Olymp zurückgekehrt, will er einst seiner von Zeus miss- 
handelten Mutter beispringen, wird aber wiederum von dem Vater 
aus dem Himmel geschleudert; er stürzte den ganzen Tag, und 
erst mit der sinkenden Sonne fiel er halbentseelt auf der Insel 
Lemnos nieder, wo ihn sintische Männer aufhoben und freundlich 
empfingen (II. 1, 590 — 94*); und diese Insel liebte er vor allen 
Landen der Erde (Od. 8, 284), weil sie vulkanisch ist. 

Wegen seiner Hässlichkeit und Lahmheit dient Hephaistos oft 
den Göttern des Olympos zum Scherze. Als er einst bei dem 
Göttermahl der mit Zeus grollenden Mutter unter besänftigenden 
Worten den Becher darreichte und nun auch den übrigen Göttern 
den süssen Nektar brachte, da erscholl plötzlich ein „unauslösch- 
liches Gelächter" der Götter, wie sie ihn so durch den Saal hin 
hinken sahen (H. 1, 571 — 601). Im übrigen war Hephaistos eine 
starke und kräftige Gestalt, wie sie einem tüchtigen Werkmeister 
geziemt. Er hat auf dem Olympos eine Schmiedewerkstätte mit 
20 künstlichen Blasebälgen (H. 18, 470**) xmd hat sich selbst 
zwei goldene redende und sich bewegende ■ Sclavinnen gefertigt, 
auf die er sich stützet (II. 18, 416); auch baute er sieh und den 
übrigen Göttern eherne Paläste (II. 18, 370. 1, 608) auf dem 
Olympos. Dem Achill eus schmiedete er einen kunstreichen Schild 
(H. 18, 478 ff.), dem Dioniedes einen Harnisch (II, 8, 195. Andere 
herrliche Werke des Hephaistos werden erwähnt Od. 7, 91. 24, 
74. II. 2, 101. 14, 238. 15, 310. 18, 376. Virgü. Aen. 8, 426. 612). 

Dem Gotte, der durch seine schönen Werke (ja^Uvra sQya) 
dem Leben Anmuth verschafft, ist in der Hias die schöne Charis 
vermählt (18. 382; bei Hes. Th. 945 ist es Aglaia, die jüngste 
der Chariten); in der Odyssee dagegen ist Aphrodite seine Ge- 
mahlin***). Diese jedoch hat wenig Gefallen an dem plumpen, 

.*) Spätere lassen ihn von diesem Falle lahm und hinkend werden; 
hei Homer ist er es schon von seiner Geburt an. 

**) Später verlegte man seine Esse in den Aetna oder auf eiae der 
vulkanischen Inseln und gab ihm als Gehülfen der Schmiedekunst die 
Kyklopen Brontes, Steropes und Pyrakmon u. a. (Virgil. Aen. ^8, 
416 ff.) 

***) Die betreffende Stelle in der Odyssee scheint übrigens mit Recht 
für spätere Interpolation gehalten zu werden. 

St oll, Mythologie. 6. Aufl. 4 



— 50 — 

hässlichen Schinied und wendet ihre Liebe dem kräftigen^ schönen 
Ares zu. Mit Athene, als der Göttin der Künste, tritt 
Hephaistos oft in Verbindung und lehrt und schirmt mit ihr 
die Künstler der Erde (Hymn. Homer. 19. in Vulcanum. Od. 
6, 232). Namentlich wurde er zu Athen mit Athene und 
Prometheus als Begründer und Förderer menschlicher Cultur, als 
Stifter des durch den Feuerherd zusammengehaltenen Familien- 
lebens und milderer Gesittung verehrt. — An manchen Stellen 
Homers tritt noch mehr die physische Natur des Gottes hervor j 
das Feuer heisst Hauch, Flamme des Hephaistos (H. 21, 355. 17^ 
88); ja das Element selbst wird bei Homer (H. 2, 426) und oft 
bei späteren Dichtern mit dem Namen des Gottes bezeichnet, wie 
de;: Krieg mit dem Worte Ares. 

Ausser attf Lemnos {Aiq^vtog) und in Attika wurde Hephaistos 
in Griechenland wenig verehrt. Die spätere bildende Kunst stellte 
ihn gewöhnlich als kräftigen, bärtigen Mann dar mit den Werk- 
zeugen seiner Kunst; die Lahmheit wurde nur leise angedeutet. 

8. Aphrodite yA(p^o8ixri, Venus). 

Aphrodite, die Göttin der Liebe, ist nach Homer die Tochter 
des Zeus und der Dione (siehe Zeus p. 27); eine andere Sage 
aber, welcher Hesiod (Th. 190) folgt, erzählt, dass sie aus dem 

Schaume des Meeres entstanden und an der 
Insel Kypros ans Land gestiegen sei (^Ag)Qo- 
ysveia, ''Avaövofiivrj , KvTtQoyivsia). Daher 
habe sie den Namen Aphrodite, Schaxmi- 
gebörne, erhalten. Bei Homer und den 
späteren Dichtern ist die Göttin der Liebe 
und Schönheit, die goldene Aphrodite, die 
schönste und blühendste unter allen Göttin- 
nen, mit holdem Blicke und süsslächelndem 
Antlitz, welche von den Hören und den 
Chariten begleitet und bedient wird. Ihr 
goldner Schrnuck leuchtet heller als das 
Feuer und des Mondes Glanz, ambrosisch 
duften ihre köstlichen Gewänder und das 
goldbekränzte Haar, In ihrem Gürtel sind 
alle Zauber versammelt, schmachtende Liebe 
und Sehnsucht, Getändel und schmeichelnde Bitte, die selbst den 
Weisen bethört. (II. 14, 215. vgl. die beiden hom. Hymnen auf 
Aphrod. 4 und 6.) 

Als die Göttin der Liebe besiegt sie Götter und Menschen; 
alles, was Leben hat, fühlt ihre unwiderstehliche Macht. Die 
schönste der Göttinnen verleiht auch den Sterblichen Schönheit 
und Liebreiz und beglückt sie durch die Liebe (sie ist insofern 




Fig. 12. Aphrodite. 



— 51 — 

auch Ehegöttin, ya(ioar6Xog, teXeöiyafiog) ; wer sich aber ihrer Mächt 
widersetzt, wird von ihr mit Strafen heimgesucht, wie Daphnis, 
der Heros der sicüischen Hirten (Theocrit. l). 

Paris, der trojanische Königssohn, ei'kannte ihr vor Hera und 
Atheiie den Preis der Schönheit zu (IL 24, 30), der Troer An- 
chises ward von ihr geliebt, und sie ward ihm Mutter des 
Aineias; darum führte sie dem Paris die Helena zu, die schönste 
der Frauen, und stand im trojanischen Kriege auf Seiten der Troer. 
Sie schützt den Paris, den Aiaeias und Hektor im Kampfe Tind 
wagt sich selbst in das Schlachtgetümmel j da aber wird sie, als 
sie eben Aiaeias aus der Schlacht entführen will, von Diomedes 
an der Hand verwundet und enteüt auf dem Wagen des Ares zu 
dem Olympos. Als sie hier der Mutter Dione ihr Leid klagt, 
spricht diese ihr Trost zu; Athene imd Hera aber verhöhnen sie, 
und Zeus spricht lächelnd: „Mcht sind dir, mein Kind, verliehen 
die Werke des Krieges. Ordne du lieber hinfort anmuthige Werke 
der Hochzeit; jene besorgt schon Ares, der stürmende, imd Athenaia" 
(n. 5, 311—430). 

lieber ihre Verbindung mit Hephaistos- und ihre Liebe zu 
Ares siehe Hephaistos (p. 49) und Ares. Wegen ihrer Zusammen- 
stellung mit Ares wird sie auch eine kriegerische Göttin, welche 
die Waffen des Krieges führt. So gab es zu Sparta eine L4. 'Ageia 
und ivoTthog. Der Beiname viK7]q)6Qog seheint sich übrigens auf 
den Sieg zu beziehen, der im Gefolge von Liebe und Schönheit ist. 

Aphrodite war, wie es scheint, ursprünglich eine asiatische 
Gottheit, gleich der syrischen Ast arte, eine grosse Naturgöttin, 
die aus der Feuchte, dem Wasser alle Erzeugung d,er Erde hervor- 
bringt und daher selbst aus dem Schaume des Meeres entstanden 
sein sollte. Aus dem Oriente nun kam ihr Cult nach Griechen- 
land, wo sie allmählich die reine Gestalt einer griechischen Gottr 
heit annahm. Sie wurde deshalb besonders auf Inseln, an den 
Häfen und an dem Meeresufer verehrt, wie auf Kypros zu Paphos, 
Amathus, Idalion u. s. w., zu Knidos in Karien, auf der Insel 
Kos, aufKythera, in Korinth, auf dem Berge Eryx in Sicilien; 
daher ihre Beinamen KvjtQtg, JJacpia, ^Aiia^ovöLa, ^löccXia, Kvidia, 
Kv&eQeiUf ^EQVKivrj. Als eine Göttin, die zum Meere in Beziehung 
steht, wurde sie stets von den Griechen angesehen, sie hiess 
EvTtloia, die Verleiherin glücklicher Fahrt, FaXrjvaia Meerstillerin. 

Eine asiatische Sage ist die von der Liebe der Aphrodite zu dem 
schönen Adonis, dem Sohne des Phoinix unä der Alphesiboia. 
Diese Sage ist von Späteren sehr häufig behandelt, verändert und 
erweitert worden; die Grundzüge derselben lassen sich jedoch 
deutlich erkennen. Adonis, ein Kind oder ein zarter Jüngling, 
wurde von Aphrodite geliebt und von dieser der Persephone, 
der Göttin der Unterwelt, anvertraut; Persephone aber, die eben- 
falls den E[naben liebte, gab ihn nicht wieder zur Oberwelt zurück. 

4* 



— 52 — 

Der Spruch des Zeus lautete nun, dass Adonis eine Zeitlang im Jahre 
hei Aphrodite, die noch übrige Zeit aber hei Persephone leben sollte. 
Nach einer andern Sage wurde Adonis in der Blüthe seiner Jahre 
von einem Eber auf der Jagd getödtet und von Aphrodite beweint. 
Man sieht, dass Adonis nach dieser asiatischen Anschauung das 
Leben der Natur bezeichnet, welches im Frühling erwacht (wie 
denn auch gesagt wurde, dass Adonis aus einem Myrrhenbaume 
entstanden sei), im Herbst aber durch die Mächte der Unterwelt 
dem Tode anheimfällt. Daher wurde während des Adonisfestes an 
einem Tage mit lauter Klage der Tod, am folgenden die Wieder- 
kunft des Adonis mit Jubel und Ereude gefeiert. Dabei wurden 
die Bilder der Aphrodite und des Adonis und Scherben mit schnell- 
keimenden Gewächsen, als dem Sinnbild des schnellen Aufblühens 
und yerwelkens der Natur (die Gärten des Adonis), umhergetragen 
und zur Schau gestellt (Theocrit. 15). 

Die späteren Griechen imterschieden zwischen einer Aphrodite 
Urania (OvQavia), der Göttin reiner himmlischer, und einer Aphro- 
dite Pandemos (navdrjfiog, Tcag-Sijfiog), der Göttin gemeiner sinn- 
licher Liebe. In älterer Zeit jedoch hatte der Name Pandemos 
die Bedeutung der Volkseinenden; den Dienst dieser das Volk 
zur Gemeinde verbindenden Göttin führte Theseus in Athen ein, 
und ihr baute Solon einen Tempel. 

Der Aphrodite waren heilig als Sinnbilder der Liebe die 
Myrte, die Eose, der Apfel, als Symbole der Fruchtbarkeit der 
Mohn, die Tajube, der Sperling, als Frühlingsvogel die Schwalbe; 
als Meeresgöttin ist sie von Seethieren, wie dem Delphin, umgeben. 
Die Göttin der Liebe und Schönheit Hebt Kränze und Blumen 
(^'Av&SLa)'^ daher weihte man ihr auch die Linde, mit deren Bast 
die Kränze gebunden werden. — Die ausgebildete Kunst stellt 
Aphrodite dar als ein reizendes, in voller Blüthe stehendes Weib 
mit etwas länglichem Gesichte, schmachtenden Augen und lächeln- 
dem Munde, Eine der schönsten und berühmtesten noch erhaltenen 
Statuen ist die mediceische Venus aus weissem Marmor, „einer 
Rose gleich, die nach einer schönen Morgenröthe beim Aufgang 
der Sonne aufbricht, einer Frucht gleich, die aus dem Zustande 
der Herbe und Härte in den der völligen Reife übergeht." (Winkel- 
mann.) Von höherem Kunstwerthe ist die berühmte Statue der 
Venus von Melos. — (Fig. 12 S. 50 Kopf der Aphrodite aus der 
Sammlung Borghese im Louvre.) 

Li Gesellschaft der Liebesgöttin erscheint gewöhnlich Peithö 
(net&(6, Suada, Suadela), die Göttin süsser schmeichelnder Uebei'- 
redung, und Himeros und Pothos, Persomficationen liebender 
Sehnsucht, Wesen, die ursprünglich nicht im Volksglauben existirt 
haben, sondern erst durch die Dichtkunst geschaffen wurden. 
Dagegen ist Eros, der Gott der Liebe und Sohn der Aphrodite, 
eine lebensvolle, ausgebildete Gestalt, welche auch in dem Volks- 



— 53 — 

glauben begründet war. Um des Zusammenhangs willen lassen 
wir ihn hier mit den Wesen, mit welchen er gewöhnlich in Ver- 
biadung tritt, folgen. 

9. Bros (^'Eqcos, "'E^og, Amor, Oupldo). 

Eros wird bei Homer nicht genannt, dort ist die liebeerweckende 
Grottheit nur Aphrodite; bei Hesiod (Theog. 120) aber ist er einer 
der ältesten Götter, eine vereinigende Macht bei der Entstehung 
der Welt. Zuerst war das Chaos, dann ward die breite Erde 
imd der Tartaros Tind Eros, der schönste unter den unsterblichen 
Gröttern. Dieser alte Naturgott wurde zu Thespiä in Böotien 
verehrt, wo ihm alle fünf Jahre die Erotidien gefeiert wurden; 
ganz verschieden aber von ihm ist der Liebesgott, dessen Vor- 
stellung die Dichtkunst mit spielendem Witze ausgebildet hat, 
gewöhnlich Sohn der Aphrodite und des Ares oder des Zeus 
genannt. Er ist ein anmuthiger Knabe, an der G-renze des Jüng- 
lingsalters stehend, voll List und Grrausamkeit, der die Herzen der 
Menschen und Götter mit seinen Pfeilen verwundet. Selbst Zeus, 
der Herrscher der Welt, und seine eigene Mutter sind nicht sicher 
vor ihm; im Himmel und auf Erden, im Meer und in der IJnter- 
,welt herrscht der allsiegende Gott (Soph. Antig. 781 ff.). Er fliegt 
umher auf goldenen Flügeln, bewaf&iet mit Bogen und Pfeilen, 
die er in goldenem Köcher trägt; wen er trifft mit seinen Pfeilen, 
der wird ergriffen von den Leiden und Freuden der Liebe. 

Die heilige Schaar der thebanischen Jünglinge war dem Eros 
geweiht, in Athen verehrte man Eros als den Befreier der Stadt, 
weü Harmodios und Aristo geiton, die beiden befreundeten 
Jüngünge, der Pisistratidenherrschaft ein Ende gemacht haben 
sollten: Eros ist also auch der Gott der Freundschaft und Liebe 
zwischen Märuiern und Jünglingen, weshalb er auch besonders in 
den Gymnasien verehrt wurde. Auf dieser Liebe beruht das enge 
Zusammenhalten im Heere; daher opferten die Lakedämonier und 
Kretenser, bei denen ein befreundetes, liebendes Verhältniss älterer 
Männer zu Jünglingen als ein Erziehungsmittel von dem Staate 
überwacht wurde, vor dem Treffen dem Eros. 

In der späteren griechischen imd in der römischen Zeit um- 
gab man den Eros mit einer zahlreichen Schaar von Brüdern und 
Begleitern, den Eroten, Amoretten. Auch gab man dem Eros 
einen Anteros (IdvteQiog) bei, dem Gott der Liebe den der Gegen- 
liebe, . der durch seine heiteren Spiele erst den altern Bruder zum 
Wachsthum und Gedeihen brachte. Häufig trat Eros in Verbindung 
mit Psyche, der Pei'sonification der menschlichen Seele, einer 
Gestalt, welche auch erst in später griechischer Zeit geschaffen 
wurde. Eros ist entweder in Liebe mit ihr verbunden, oder er 
quält sie in seinem grausamen Sinne. Die letzte Vorstellimg wird 



— 54 — 

besonders unter dem Bilde eines Schmetterlings, des Symbols der 
Seele, dargestellt, welchen Eros über eine Fackel hält, dem er die 
Flügel ansreisst n. s. w. Dies Verhältniss von Eros tmd Psyche 
hat ein Schriftsteller aus der römischen Kaiserzeit, Apulejus, in 
einer zarten und anmuthigen Erzählung*) märchenhaft behandelt, 
deren tieferer Gehalt jedoch philosophischer Natur ist. Denn auch 
die Philosophen haben, wie z, B. Plato im Symposion, das Wesen 
des Eros genauer zu bestimmen gesucht; bei ihnen ist er ein grosser 
Dämon, der die menschliche Seele läutert und zum Gruten und 
dadurch zur Glückseligkeit erzieht. 

Ein fernerer Freund und Begleiter des Eros ist Hymen oder 
Hymenaios (Tfi'^v, ^TfAevaiog, Hymmaeus\ der Gott der Ver- 
mählung, der in dem Brautliede oder Hymenaeus angerufen 
wurde. Daher heisst er der Sohn des Apollon und der Muse 
Kalliope. Die meisten Erzählungen, welche erklären wollen, 
warum er im Brautliede angerufen werde, enthalten den Grundzug, 
dass er von Seeräubern entführte Mädchen befreite und deswegen 
bei ihrer Hochzeit im Brautliede gepriesen wurde. Dies bezieht 
sich auf die griechische Sitte, die Braut vor der Hochzeit zu rauben. 
Hymen wird von der Kunst etwas älter und reifer dargestellt 
als Eros. 

Von Eros gibt es zwei verschiedene Darstellungsarten. Die 
ältere Kunst bildete ihn als einen reifen Knaben von vollendeter 
Schönheit, die jüngere dagegen als ein anmuthiges Kind. 

10. Ares (""^^ijs, Mars). 

Ares, der Sohn des Zeus und der Hera (Hes. Theog. 922), 
ist bei Homer der wilde Gott des Kampfes, der sich erfreut am 
Getümmel der Schlacht und dem Männermord. Daher ist es ihm 
einerlei, auf welcher Seite er kämpft, er ist ein Parteigänger 
(ccXloTtQogaXXog H. 5, 831), der, unersättlich des Krieges, laut 
schreiend die Mauern umtobt und überall Verderben bringt. Wegen 
dieser wilden Streitsucht ist er dem Zeus der verhassteste der 



*) Ein König hatte j. drei Töchter, deren jüngste, bei weitem die 
schönste und lieblichste, Psyche hiess. Eros liebte sie und brachte sie 
an einen von aller Welt abgeschiedenen Ort, wo er in glücklicher Liebe 
mit ihr vereint, jedoch von ihr unerkannt und ungesehen, lebte. Er hatte 
ihr verboten nach seinem Antlitz zu forschen oder je das Geheimniss 
ihrer Liebe zu verrathen; als aber einst ihre bösen Schwestern sie be- 
suchten, wurde sie von diesen, welche über ihr grosses Glück von Neid 
erfüllt waren, verleitet, sich über ihren Gatten Gewissheit zu verschaffen. 
Darum wurde sie von Eros verlassen und suchte ihn nun mit Kumtner 
und unter tausend Mühen imd Gefahren auf der ganzen Erde. Endlich, 
nachdem sie durch die lange Noth und Duldung von der firüheren Be- 
fleckung gereinigt ist, wird sie wieder mit Eros verbunden und erlangt 
durch diese Verbindung die Unsterblichkeit. Ihre Tochter heisst Glück- 
seligkeit. 



— 55 — 



Götter (II, 5, 888) und ein Feind der Athena, die dem geordneten 
Kampfe vorsteht. Diese tritt ihm im trojanischen Kriege gewöhn- 
lich entgegen, nnd durch ihre Hülfe verwundet ihn Diomedes, dass 
der eherne Grott laut aufschreit, 
wie 9000, ja 10000 rüstige Männer 
im Streite (E. 5, 765. 856. 15, 
125 ff. 20, 69. 21^ 400 ff.). Wenn 
er auf seinem Streitwagen gerüstet 
in den Kampf fährt, so gehen ihm 
zur Seite Deimos xmd Phobos, 
Furcht und Schrecken, Eris die 
Erregerin des Streites (II. 4, 440), 
und Enyo die mordende, städte- 
zerstörende Kriegsgöttin (IL 5, 592). 
Von dem der letzteren zu Grrunde 
liegenden Begriffe erhielt Ares den 
Beinamen ''EvvaXiog (II. 2, 651); 
doch kommt auch Enyalios als 
besondere Gottheit neben Ares vor, 
wie in dem athenischen Epheben- 
eide. Deimos und Phobos sind 
seine und der Aphrodite Kinder, 
zugleich aber auch Harmonia, 
die Eintracht (Hes. Th. 933 ff.), 
imd Eros und Anteros. Ausser- 
dem heissen tapfere, besonders rohe und wilde Kämpfer seine Söhne. 

In dem homerischen Hymnus auf Ares (Nr. 8) wird dieser 
als ein Gott angerufen, der für höhere Interessen kämpft; er heisst 
hier Schirm des Olympos, Vater des schönernmgenen Sieges, Helfer 
der Themis, des Eechtes. Allein dies ist ein philosophischer, von 
den übrigen homerischen ganz verschiedener Hymnus aus später 
Zeit, in welchem Ares zugleich als der Planet gleichen Namens 
betrachtet wird. 

Ares war nicht von Anfang an der Gott des Krieges; ur- 
sprünglich war er eine befruchtende, chthonische (unterirdische) 
Naturgottheit, welche Segen und Verderben bringen konnte. So 
wurde er besonders seit alter Zeit im thebanischen Lande verehrt; 
es tritt aber hier vornehmlich an ihm die verderbliche Seite hervor. 
Er ist der Gott, welcher Xrieg und. Seuchen schickt, Und daraus 
entwickelte sich denn später einseitig die Vorstellung eines Kriegs- 
gottes. Uebrigens heisst Ares noch bei Sophokles der Pestsender 
(Soph. Oed. Tyr. 185). Auf den alten Naturgott Ares bezieht 
sich wahrscheinlich der Mythos von Otos und Ephialtes, welche 
den Ares fesselten imd 13 Monate in einem ehernen Gefässe ge- 
fangen hielten, bis Hermes ihn, den erschöpften, durch List befreite 
(n. 5, 385). 




Kg. 13. Ares. 



— 56 — 

Ares fand im Allgemeinen in Griechenland wenig Verehrung; 
nach Homer (Od. 8, 361) hatte er im Lande der wilden Thraker 
seinen Wohnsitz, wohl deswegen, weil dieses Volk besonders dea 
Krieg liebte. Die griechische Kunst hat ihn, weil sein "Wesen zu. 
sehr ein blosser Begriff war, wenig gebildet, desto häufiger aber 
kamen seine Statuen bei den Eömern vor. Er wird dargestellt 
als kräftiger, jugendlicher Mann, gewöhnlich nackt mit dem Hehn 
auf dem Haupte. (Fig. 13 S. 55 Ares, Statue der Villa Ludovisi.) 

11. Hestia (Eatta, 'Iötlyi, Vestd). 

Hestia, die reine Göttin des Herdes und des Herdfeuers, 
findet sich in der Hias und Odyssee noch nicht als Gottheit er- 
wähnt; zuerst wird sie genannt bei Hesiod (Theog. 453) und in 
den homerischen Hymnen, welche bekanntlich erst in der Zeit 
nach Homer gedichtet worden sind. Sie war die Tochter des 
Kronos und der Ehea, nach dem Glauben Einiger die älteste, 
nach Andern die jüngste unter den Kindern des Kronos; und auch 
jetzt noch streitet man darüber, ob sie schon in der Urzeit der 
Griechen sei verehrt worden, oder ob, was wahrscheinlicher ist, 
erst nach Homer die Vorstellung dieser Gottheit entstanden sei. 
Nach dem homerischen Hymnus auf Aphrodite (20 ff.) warben um 
ihre Ehe Poseidon und Apollon; sie aber schwor bei dem Haupte 
des Zeus, dass sie ewig unvermählt bleiben wolle. Dafür ertheilte 
ihr Zeus die schöne Ehre, dass sie in der Mitte des Hauses, an 
dem Herde und in allen Tempehi verehrt würde. Der Herd ist 
der Mittelpimkt des Hauses, der die Glieder der Familie in Liebe 
zusammenhält; Hestia ist daher die Göttin der häuslichen Eintracht, 
sie gewährt dem Hause Sicherheit, Frieden und Segen. So ist sie 
eine den Menschen besonders freundliche Göttin und wird gern 
zusammengestellt mit dem Segenspender Hermes, der gleich ihr 
die Werke der Menschen begünstigt (Honi. Hymn. 29 m Vest?), 
Weil an dem Herde geopfert wird, ist Hestia die Vorsteherin der 
Opfer und des heiligen Opferfeuers; darum bringt man ihr bei 
dem Opferschmause zu Anfang und zu Ende heilige Spenden und 
verehrt sie in den Tempeln der übrigen Gottheiten. 

An dem Herde suchte der Landflüchtige und Verfolgte Schutz; 
daher ist Hestia neben Zeus auch die Schirmerin der Schutzflehenden 
und Hülflosen. Mit Zeus zugleich wacht sie auch" über den Eid; 
denn bei dem Herde und dem gastlichen Tische schwor man zu 
Zeus (Hom. Od. 14, 158). 

Die Stadt nnd der Staat sind gewissermassen grössere Fa- 
milien; daher hatte die Göttin in den Eathhäusern oder Pryta- 
neien (Find, Nem. 11, 1), als dem Mittelpunkte des Staates, ihr 
besonderes Heiligthum mit einem Herde, auf dem ihr von un- 
vermählten Fraxien ein ewiges Feuer unterhalten wurde und von 



— 57 



dem aus die fortziehenden Colonien das heilige Feuer für ihr neu 
zu begründendes Prytaneion mitnahmen. Sie war somit das Sinn- 
bild bürgerlicher Eintracht, gemein- 
samen Wohnsitzes und gemeinsamer 
Gottesverehrung. Auch grössere natio- 
nale Vereine, namentlich religiöser 
Art, besassen an der gemeinsamen 
Culturstätte ein Heiligthum der Hestia; 
so galt die Hestia des delphischen 
Heüigthums gewissermassen als der 
religiöse Mittelpxmtt des gesammten 
Grriechenvolkes. Ja die Göttin erhielt 
eine noch viel umfassendere Bedeu- 
tung, indem man sie als Grund und 
Mittelpunkt der ganzen natürlichen 
wie sittlichen Weltordnung ansah-, in- 
sofern hat sie ihr eigentliches Pryta- 
neion im Hause des Zeus, des höchsten 
Walters der Welt, wo das ewige 
himmlische Feuer brennt, von dem 
Prometheus einst den Menschen einen 
Theü zur Erde trug. 

Statuen und Tempel der Hestia 
waren selten; die Kxmst stellt sie 
dar in der ernsten, würdevollen 
Haltung einer erhabenen Frau mit 
klaren einfachen Gesichtszügen. (Fig. 
14 die sogenannte Giustinianische 

^®^^^0 I-ig. 14. Hestia. 




Wir lassen sich an die olympischen Götter noch diejenigen 
Gottheiten niederen Ranges anschliessen, welche zu dem Olympos 
in gewisse Beziehxmgen treten. Es sind zum Theil dienende Gott- 
heiten des Olympos, zum Theil solche Wesen, welche irgend eine 
Seite eines olympischen Gottes selbständig in sich entwickelt haben, 
wie die Schieksalsgottheiten, die Götter der Witterung u. s. w. 



12. Moira (MoiQa, Parca, Parze). 

Das Wort (loiQci bedeutet ursprünglich den Theil, den be- 
stimmten Theü, daher den Theil des Lebens, der dem Menschen 
beschieden ist (fioiQu ßtoroLO, H. 4, 170), die Lebensdauer und 
das im Leben zugetheüte Geschick, wie den dem Lebenden be- 



— 58 ~ ■ 

stimmten Tod (ß-avazog Kai ^otQcc IL 3, 101. (iolq' okor) ^ccvaroiö 
Od. 2, 100). Dieser Begriff wurde mm von dem Dichter personi- 
ficirt zu einer Moira („Zutheilerin"), einer Schieksalsgöttin, 
"Wir haben bei Zeus das Verhältniss der Moira zn diesem und den 
übrigen Gröttern näher erörtert und gesehen, dass die Moira bald 
über Zeus und den Gröttern stehend, bald von denselben abhängig 
betrachtet wurde. Demnach sah man die Moira entweder als eine 
blind waltende unabwendbare Macht an, oder man glaubte durch 
Gebet und Flehen zu den Göttern auf die Moira einwirken zu 
können. Bei Homer erscheint die Moira gewöhnlich in der Ein- 
zahl; doch finden wir auch schon bei ihm an zwei Stellen eine 
Mehrheit derselben, MotQcci (IL 24, 49) oder KaraKXm&ag, die 
Spinnerinnen (Od. 7, 197), welche dem Menschen die Lebensloose 
zuspinnen (II. 24, 209 *). Erst bei Hesiod treten sie in der Drei- 
zahl auf unter den Ildamen Klotho, die Spinnerin, Lachesis, 
die das Loos Bestimmende, und Atropos, die Unabw;endbare, 
Töchter der ISTacht (iVv^), oder auch des Zeus und der Themis 
(Theog. 217, 904). Man dachte sie sich in der Folge entweder als 
die erhabenen Gottheiten des allgemeinen Schicksals, welche walten 
über der Ordnung in der Natur und im Menschenleben, mit Sceptern 
in der Hand, oder als die Gottheiten der Lebensdauer, die dem 
Menschen den Faden seiaes Lebens zuspinnen und endlich ab- 
schneiden. Als solche treten sie gern mit den Gottheiten der Geburt 
und des Todes in Verbindung. Da sie das Leben und das Geschick 
des Lebens zutheüen, so wissen sie auch die Schicksale der Menschen 
voraus und singen, weissagen dieselben bei deren Geburt (Ovid. 
Met. 8, 452 ff. Horat. Carm. Saecul. 25). Die Dichter schildern 
die Moiren bisweilen als alte, hässliche Frauen; von der Kunst 
aber werden sie dargestellt als ernste Jungfrauen. Die spätere 
Kitnst gibt der Klotho eine Spindel in die Hand, Lachesis bezeichnet 
die Geschicke am Globus oder hält eine Schriftrolle, in der die 
Geschicke verzeichnet sind, Atropos schneidet den Faden entzwei 
oder hält eine Wage, zeigt die Stunde des Todes an der Sonnen- 
uhr u. s. w. An verschiedenen Orten Griechenlands, wie zu Sparta, 
Olympia, Korinth, hatte Moira Tempel und Altäre. 

Ein mit Moira fast gleicher Begriff ist bei Homer Aisa 
{Alaa). Auch dies Wort heisst ursprünglich der Theil und wurde 
zu einer Personification des Schicksals; sie spinnt wie die Moira 
dem Menschen bei seiner Geburt den Schicksalsfaden (H. 20, 127. 
Od. 7, 197). Aber dies Wesen blieb noch viel mehr als die Moira 
eine blosse Personification ohne Leben. _ 



*) Uebrigens ist das Spinnen des Lebenslooses nicht allein den Moiren 
eigen, auch von den Gröttern im Allgemeinen wird dieser Ausdruck ge- 
braucht, Od, 3, 208 all' ov [loi toiovxov knsv.Xmeav Q-sol olßov. cf. 
Od. 1, 17. 



— 59 — 
Eine bei Homer noch niclit vorkommende Personification ist 

13. Tyche {Tv%ri, Fors, Fortuna). 

die Gröttin des Zufalls xind des Glückes, die das Steuerruder 
des Lebens ia Händen bält. Bei Hesiod (Th. 360) wird Tyche 
Tinter den Töchtern des-Okeanos und der Thetys aufgezählt, bei 
Pindar ist sie eine der Moiren. Als die Geberin des Glücks trägt 
sie das Hörn der Amaltheia, das Symbol der Fülle der Glücks- 
gaben, oder den Plutos, den ßeichthum, im Arme und heisst Tvxiq 
uyttd^ (bona Fortuna), das gute Geschick. Sie wurde als solche 
an verschiedenen Orten verehrt,- besonders als Eetterin und Er- 
halterin der Staaten {S^tsiqa, Piad. Ol. 12, m, Tochter des Zeus 
'SAev'ö'E^iog) ; deshalb hatte sie in Sikyon ihr Heüigthum auf der 
Burg als Akraia. In der späteren, hellenistischen und römischen 
Zeit verehrten die einzelnen Städte ihre besonderen Tvyai, welche 
in weiblicher Form den Dämonen oder Genien (s. d.) der Oerter 
entsprachen, 

14. Nemesis (Ne(is6ig). 

Nemesis, bei Homer keine Gottheit, bei Hesiod (Th. 223) 
eine Tochter der ÜSTacht, tritt auch zu den Schicksalsgottheiten 
hinzu. Das Wort vifisöig (von vifAca, zutheilen) bedeutet ursprünglich 
das Zutheilen des Gebührenden," die personificirte Nemesis ist also 
eine Gottheit, welche dem Menschen das Verdiente zutheilt, welche 
Glück und Unglück nach Eecht xaxd Gebühr bringt. Sie unter- 
scheidet sich also von den Moiren dadurch, dass diese als Schicksals- 
gottheiten überhaupt vor der Geburt schon dem Menschen sein 
Geschick bestimmen, Nemesis aber für begangene Thaten zum 
Lohn oder zur Strafe nach dem sittlichen Eechtsgefühl Glück oder 
Unglück verleiht. Besonders tritt aber an ihr das Unheilbringende 
hervor; sie ist eine rächende und strafende Göttin, welche dem 
übermüthigen Menschen, dem bisher ein allzugrosses Glück zu Theil 
ward, schwere Verluste bringt, damit er gedenke, dass er ein 
Sterblicher ist, denn ein ungetrübtes Glück ist nur den Göttern 
beschieden. Man bildete Nemesis als jungfräuliche strenge Göttin, 
welche mit gebogenem Arm das Gewand vor der Brust hält (als 
Zeichen der EUe, des Maasshaltens) und selbstprüfend in den Busen 
schaut. Ihre gewöhnlichen Attribute sind der Zaum, das Schwert, 
die Peitsche. 

Nemesis wurde an einigen Orten Griechenlands verehrt, be- 
sonders hatte sie in dem attischen Flecken ßhamnus ein altes 
Heüigthum, weshalb sie den Beinamen ßhamnusia erhielt. Diese 
rhamnusiche Nemesis wurde mit Adrasteia verschmolzen und 
erhielt auch diesen Namen, der, von öiö^aßnat abgeleitet, die Un- 



— 60 — 

entriimbare bezeichnen soll. Ursprünglich war aber Adrasteia, 
welcher von dem Heros Adrastos in Kleinasien bei Kyzikos ein 
Heüigthmn errichtet worden sein soll (cf. II. 2, 828 ff.), eine von 
Nemesis ganz verschiedene Grottheit, ähnlicb der phrygischen Ebea 
Kybele. 

15. Ate C^ttf). 

Das Wort urrj bedeutet die Bethörung nnd Vierwirning des 
Sinnes, welche zur Sünde führt. Bei Homer ist es gewöhnlich noch 
ein unpersÖnKcher Begriff, die Götter selbst führen den Menschen 
in Verwirnmg, Schuld und Unglück; an manchen Stellen jedoch 
tritt Ate als ein persönliches "Wesen auf, eine schnellfüssige mäch- 
tige erhabene Tochter des Zeus. Selbst den Sinn des Zeus bethört 
sie, weshalb dieser sie erzürnt aus dem Olympos wirft; sie stürzt 
auf die Werke der Menschen (H. 9, 505. 19, 91 ff. 126 ff.). 
Was sie verschuldet, machen die Litai, die Bitten, wieder gut 
(n. 9, 5Q2). Hesiod nennt Ate eine Tochter der Eris (Theog. 230). 
Bei den Tragikern hat sie viel Aehnlichkeit mit Nemesis, sie bringt 
dem Schuldigen die gebührende Strafe. Verehrung ward ihr nicht 
zu Theü, auch kennt man keine bildliche Darstellung von ihr. 

16. Dike {^lxt}). 

Dike (die Gerechtigkeit), nach Hesiod die Tochter des Zeus 
und der Themis, eine der Hören (Theog. 901), ist Schützerin des 
Rechts und der Gerichte, Feindin des Trugs und des Frevels. 
Wenn ein Richter das Recht verletzt, so kommt sie klagend zum 
Throne des Zeus (Hes. Opp. 256). Daher wird sie Beisitzerin des 
Zeus genannt (Soph. Oed. Col. 1377 vgl. auch Antig. 450). Als 
Beschützerin des Rechts bringt sie Ruhe und Frieden imd Gesetz- 
mässigkeit, daher heisst ihre Tochter bei Pindar Hesychia (die 
Ruhe), und bei Hesiod ihre Schwestern Eunomia und Eirene 
(Gesetzlichkeit und Friede). Sie verfolgt den Frevler, stösst ihm 
das Sehwert, das ihr Aisa geschärft, in die Brust und bringt die 
Po ine (die Strafe) wenn auch spät, in sein Haus; ebenso aber 
belohnt sie auch den Guten, der auf dem Wege des Rechtes 
wandelt. Später erhielt sie den Beinamen Astraia. 

17. Themis (@£(iig, idog, att. itog, episch töTog). 

Themis (die Satzung, &ioi> = w^'jjfw), die Göttin der gesetz- 
lichen Ordnung, ist bei Homer zwar noch ganz unentwickelt, aber 
sie erscheint doch auch hier schon als ein göttliches Wesen, 
welches neben Zeus zur Schützung des Rechts angerufen wird und 
die Versammlungen der Männer beruft und auflöst (Od. 2, 68). 
Sie ist am geeignetsten die Ruhe im Olympos wieder herzustellen 



— 61 - 

und weiss mchts vom Murren gegen Zeiis; sie ist die wohlrathende 
Helferin (evßovlog, ameiQu) und heisst, wie Dike, die Beisitzerin 
des Zeus. Hesiod nennt sie die TocMer des Uranos und der Gre, 
eine Titanin, Gremahlin des Zeus, mit dem sie die Hören und 
die Moiren erzeugt (Theog. 135. 901); sie ist also nach dieser 
Zusammenstellung das Wesen, welches mit Zeus die Ordnungen 
der Natur und des Menschenlebens hervorruft. Weil die Satzungen 
des Zeus (^/itog (isyccloio Q^s^iörsg) durch die Orakel verkündet 
werden, wird Themis auch eine weissagende Grottheit Qatidica, 
Ovid. Met. 1, 321), welche vor Apollon das delphische Orakel 
besessen haben soll. Themis hatte an mehreren Orten G-riechen- 
lands Heiligthümer. Ihre gewöhnlichen Attribute sind die Wage 
und das Füllhorn. 

18. Musen (Movßcc, Movßat, Musa, Cämena). 

Homer nennt entweder die Muse, die Göttin des Gesanges, 
in der Einzahl oder auch in der Mehrheit, aber. ohne ihre Zahl 
und ihre Namen anzugeben Nur an einer Stelle (Od. 24, 60), 
welche übrigens jüngeren Ursprungs ist als die übrigen home- 
rischen Gesänge, wird die Neunzahl genannt. Die neun Musen mit 
ihren unterscheidenden Namen finden sich zuerst bei Hesiod (Theog. 
77); sie heissen Kleio (XAetta, Glio)^ die Verkünderin, Euterpe 
(Evxaqitri)^ die Erfreuerin, Thaleia {ßakzicc, Thalia)^ die Blühende, 
Melpomene (MeXTCo/xe'vij), die Sängerin, Terpsichore [TeQil>tx6^7)), 
die Tanzfrohe, Erato (^Equtco), die Liebliche, Polymnia (Ilohv^- 
vitt)^ die Hymnenreiche, Urania {Ovqavia), die Himmlische, Kal- 
liope (Kalhoitti)^ die Schönstimmige. Sie sind Töchter des Zeus 
und der Mnemosyne. Bei Hesiod stehen die Musen auch zu dem 
Tanze in Beziehung, während sie bei Homer nur die Göttinnen 
des Gesanges sind, welche im Olympos bei den Mahlen der Götter 
ihre liebliche Stimme ertönen lassen (H. 1,' 604), die den Sängern 
die Gabe des Gesanges verleihen und ihnen den Stoff ihrer Lieder 
in die Seele legen. Sie werden daher ganz besonders von den 
Sängern um Beistand angerufen, die Sänger sind ihre Söhne und 
Lieblinge. Thamyris aber, der sich mit ihnen in einen. Wettstreit 
einzulassen wagte, wurde von ihnen des Gesanges beraubt und 
mit Blindheit gestraft (H. 2, 594 ff.). 

Die Musen waren ursprünglich begeisternde Quellnymphen, 
denen Quellen, Grotten und Haine geweiht waren. Ihre Haupt- 
verehrong genossen sie bei dem gesangreichen Stamme der Thraker, 
welche aus den Gegenden des Olympos, aus Pierien herabzogen 
nach Böotien an den Berg Helikon. Hier waren ihnen heilig 
die Quellen Aganippe und Hippokrene, hier feierten ihnen die 
Thespier das Musenfest. Von dem Helikon aus verbreitete sich 
der Dienst der Musen auch nach anderen Orten; Lieblingsaufent- 



— Q2 — 

halte waren ihnen die in der Nähe des Helikon gelegenen Berge 
Leibethron*) und Parnassos, an dessen Pusse ihnen die Quelle 
Kastalia unweit Delphi geweiht war. Allmählich kam ihre Ver- 
ehrung über ganz Grriechenland. Nach den Hauptorten ihrer Ver- 
ehrung haben sie die Namen Pierides, Olympiades, PimpleMes, 
Heliconiades, Tliespiades, Parnassides, Gastalides. Uebrigens- waren 
die Namen und die Zahl der Musen, wie sie von Hesiod bestimmt 
werden, nicht die allgemein herrschenden. Man nannte nach den 
drei Stufen der Sängerthätigkeit drei: Melete {MsXixri, das Sinnen)^ 
Mneme (Mv^firi, das Gedächtnis s) und Aoide (l^ot^i^, Gesang), 
oder vier, sieben, acht. Später theilte man den einzelnen der neun 
Musen bestimmte Kreise der Thätigkeit zu und dehnte ihre Wirk- 
samkeit auf alle Zweige der Kunst und der Wissenschaft aus. 
Danach erhielten sie auch verschiedene Attribute: Kalliope ward 
die Göttin des epischen Gesanges, mit Wachstafeln imd Stylus; 
Euterpe die Göttin des lyrischen Gesanges, mit der Flöte; Melpo- 
mene Muse der Tragödie, mit einer tragischen Maske in der Hand^ 
Epheu ums Haupt u. s. w.; Erato Muse der erotischen (Liebes-) 
Dichtkunst und der Mimik; Polymnia Muse der Hymnen; Thaleia 
Muse der heiteren und ländKchen Dichtkunst, der Komödie u. s. w., 
mit der komischen Maske, dem Hirtenstab und Epheukranz; Ter- 
p sie höre Muse des Tanzes, mit der Lyra; Kleio Muse der Ge- 
schichte, mit einer Papierrolle; Urania Muse der Sternkunde, mit 
einem -Globus. 

Die Musen kommen oft in Verbindung vor mit ApoUon, 
der auch ein Gott der Musik ist und die Sänger beschirmt (siehe 
Apollon); daher wird dieser der Führer der Musen, Mtisagetes 
(Movaayirrig). Durch diesen Zusammenhang und wegen ihrer be- 
geisternden Natur sind sie auch weissagerische Gottheiten. Auch 
mit Dionysos waren die begeisternden Musen schon in alter Zeit 
in Pierien verbimden. Später hat die dramatische Dichtkunst, 
welche vorzugsweise im Dionysxxsculte wurzelte, diese Verbindung 
zu neuem Flor gebracht. 

19. Charis, Chariten (Kd^tg, irog, Gratiae, Gratien). 

Die Chariten, Töchter des Zetis und der Hera oder der 
Eurynome, der Weitschaltenden (Hes. Theog. 907)^ oder auch 
des Helios und der Aigle (des Glanzes), waren die Göttinnen 
der Anmuth. Sie bezeichnen besonders den Eeiz des geselligen 
Lebens, die Einigung der Menschen in Gesetzlichkeit (daher wird 
auch ihre Mutter Eunomia genannt), das frohe, heitre Festesleben. 
In Homers Ilias ist die Charis Gemahlin des Hephaistos (18, 
382, Agiaia nennt sie Hesiod), während in der Odyssee Aphrodite 



*) Ein Ort Leibethron oder Leibethra war auch in Pierien. 



— 63 — 

mit ihm vermählt ist (siehe Hephaistos). An einer andern Stelle 
der Hias (14, 267) spricht Homer von den Chariten in der Mehr- 
heit und lässt Hera dem Gotte des Schlafs eine der jüngeren 
Chariten, die Pasithea (die Wunderschöne), versprechen, Hesiod 
(Theog. 907) nennt drei Chariten: Euphrosyne (festliche Preiide)^ 
Aglaia (festlicher Glanz) und Thalia (blühende Festesfreude). 
Da der Begriff der Geselligkeit bei ihnen vorherrscht, so siad sie 
stets unzertrennlich; als die Göttinnen der Anmuth verschönen sie 
alles, was die Menschen erfreut. Feste, Tänze und Gelage, imd 
„selbst die Götter ziehen nie ohne der Chariten Geleit zu fröh- 
lichen Reigen noch zu festlichem Mahle" (Pindar. Ol. 14, 8). 
Ueberall, wo die Menschen zu festlicher Freude und anmuthiger^ 
durch die Sitte und den Schönheitssinn geregelter Lust sich ver- 
sammeln, da erscheinen, die am Tanz imd dem heiteren Liede sich 
erfreuenden Chariten. Die Kunst erhält erst durch die Anmuth 
ihre wahre "Weihe; daher ist Charis die Gemahlin des Hephai- 
stos, daher sind die Chariten befreundet mit den Göttinnen des 
Gesanges, den Musen, und wohnen mit ihnen zusammen auf dem 
Olympos. Sie sind die Beisitzerinnen des Wohlredners Hermes 
und der Peitho, der üeberredung, weil die Beredtsamkeit ohne 
Anmuth erfolglos bleibt. Die Schönheit vermag nicht ohne die 
Anmuth dauernd zu fesseln; darum sind die Chariten die steten' 
Begleiterinnen und Dienerinnen der Aphrodite. Auch mit den 
Hören kommen die Chariten häufig in Verbindung; doch stehen 
sie ihnen entgegen, wie menschliches Leben der Ordnung der Natur. 
„Die Hören zeitigen den Wein, den die Chariten gemessen helfen; 
während bei Hesiod die Hören das Götterkind Pandora mit Früh- 
lingsblumen kränzen, schmücken es die Chariten mit goldenen 
Halsketten; jene pflücken oder streuen Blumen, diese winden sie 
und giessen Balsam aus." (0. Müller.) 

Die älteste Yerehrung hatten die Chariten in Böotien, bei 
dem Minyerstamme zu Orchomenos; hier sollte König Eteokles 
zuerst ihren Dienst eingeführt haben. Von Orchomenos aus kamen 
sie alsdann in die Gegend des Helikon, wo sie mit dem Dienste 
der Musen in Verbindung gesetzt wurden, und an andere Oi-te 
Griechenlands. Zu Sparta wurden nur zwei Chariten verehrt, 
Kleta und Phaönna, Schall und Schimmer; in derselben Zahl 
finden sie sich zu Athen unter den IS'amen Auxo, die Wachsthum- 
f ordernde, tmd Hegemone, die Führerin, Diese athenischen 
Chariten scheinen alte Witterungsgöttinnen gewesen zu sein, gleich 
den Hören Thallo und Karpo und der Thaugöttia Pandrosos, 
welche sämmtlich nebst Helios angerufen wurden, verderblichen 
Brand und sengende Dürre abzuhalten. Ueberhaxipt ist es wahr- 
scheinlich, dass die Chariten in der ältesten Zeit ISTaturgottheiten 
waren, wenig verschieden von den Hören, dass aber später ihre 
Wirksamkeit ganz auf das menschliche Leben übertragen wurde.' 



— 64 — 

Die Gliariten werden gewöhnlich in der Dreizahl vereint dar- 
gestellt, ohne Bekleidung, in mädchenhafter Unbefangenheit, blühen- 
der Jungfräulichkeit, in schlanker vollendetster Gestalt mit freund- 
licher Gesichtsbildung, Ihre Attribute sind musikalische iDLstrumiente 
oder Myrten, Eosen, Würfel. 

20. Hören (^SIqccl, Horae). 

Die Hören, die schönlockigen, blühenden Witterungsgöttinnen, 
sind bei Homer die Dienerinnen des Zeus (//log^Slfiai Od. 24, 344), 
die Hüterinnen des Olympos, welche dessen Thore öf&ien und 
schliessen (H. 5, 749) und durch den Wechsel der Witterung der 
Pflanzenwelt Gedeihen schaffen und die Früchte zeitigen. Diese 
ihre segensreiche Wirksamkeit in der ISTatur kann nur stattfinden, 
wenn in dem Wechsel ein gleichmässiger Kreislauf, eine regelmässig 
wiederkehrende Qxdnung besteht. Die Hören bezeichnen das Ge- 
setzmässige in der Witterung, den gleichen Gang der Zeiten, und 
werden daher vorzugsweise die Gottheiten der Jahreszeiten; ur- 
sprünglich aber bedeutet das Wort w^a jeden begrenzten Zeitraum 
des Jahres sowohl als des Tages und des Menschenalters, be- 
sonders diejenigen Zeiträume, welche Blüthe und Vollkommenheit 
und Eeife herbeiführen (Frühling, Jugend, Herbst). Die Hören 
treten mit Zeus in so enge Verbindung, weil dieser ursprünglich als 
der in der Höhe des Himmels waltende Gott die Witterimg schickt 
und weil die Ordnung im Wechsel der Natur von seinem Willen 
ausgeht. Als Töchter des Zeus treten sie bei Homer, der auch 
Zahl und Namen unbestimmt lässt, nicht auf; erst Hesiod (Theog. 
901 ff,) nennt sie Töchter des Zeus und? der Themis unter den 
Namen Eunomia (Gesetzmässigkeit),. Dike (Eecht) und Eirene 
(Friede), Aus diesen Namen erkennt- man, dass sie Hesiod nicht 
blos als die Gottheiten der Witterung und des geordneten Jahres, 
als Naturgottheiten, auffasst, sondern das er sie in Beziehung zum 
Menschenleben setzt; die Gottheiten, welche die ruhige, gleichmässige 
Ordnung in der Natur aufrecht erhalten, werden zu Schützerinnen 
der Ordnung imd des Friedens in der menschlichen Gesellschaft 
(Find. Ol. 13, 6 ff.). Die Vorstellung der Naturgottheiten ist indess 
stets bei den Hören überwiegend geblieben. 

Die gewöhnliche Zahl der Hören ist die Dreizahl,- weil der 
Grieche drei Jahreszeiten anzunehmen pflegte, Frühling, Sommer 
und Winter, in späterer Zeit finden sich auch vier genannt; ur- 
sprünglich gab es aber wahrscheinlich nur zwei Hören. So ver- 
ehrte man zu Athen die Frühlingshore Thallo {@aXXm r^ &aXk(o), 
welche die Pflanzen sprossen und blühen lässt, und die Höre des 
Sommers Karpo {KaQTtm v. xccQjtog), welche die Früchte zeitigt. 
Wie die Hören die Pflanzen aufwachsen lassen imd zur Blüthe 
bringen, so können sie auch dem natürlichen Leben des Menschen 



— 65 — 

Gedeihen schaffen, sie sind die Ernährerinnen und Pflegerinnen der 
aufwachsenden Jugend; darum erzogen sie die Hera, den Hermes, 
den Dionysos. Auch führen sie das Thun der Mensehen zu gedeih- 
lichem Ende; in dem Laufe der Zeit, unter dem Tanze der Hören, 
reifen allmählich die Werke der Menschen. 

Die Kunst stellt die Hören entweder allein oder in Gremein- 
schaft dar, gewöhnlich mit den Erzeugnissen der Jahreszeiten; die 
Erühlingshore (Chloris, die Blühende) kommt öfter allein vor, den 
Schurz voll Blumen. Häufig erscheinen sie tanzend. Es sind reizende, 
jugendliche Gestalten. Verehrung genossen sie zu Athen, Korinth 
u. a. 0. 

21. Hyaden (Tag, ddog^ Hyades). 

Die Hyaden, die Eegnenden*) sind ein Sternbild an dem 
Kopfe des Stiers, bei dessen Aufgang, gleichzeitig mit dem der 
Sonne, die stürmische, regnerische Zeit beginnt (tristes, pluviae 
Virg. Aen. 1, 744. Horat. Od. 1, 3, 14). Daher wurden sie als 
Nymphen mit dem dodonäischen Zeus in Verbindung gebracht, 
der als der Gott des Himmels den Eegen schenkte und a,uch."7?r)g, 
der Eegnende, der Befeuchtende, hiess. Auch Dione, die zu Do- 
dona des Zeus Gemahlin ist, wird eine 'Tag genannt. Als die do- 
donäischen I^'ymphen waren sie die Ammen des Zeus. Auch 
den Dionysos, der ebenfalls den Beinamen "Trjg, der Feuchte, 
hatte, sollten sie erzogen haben und hiessen danach auch die 
nysäisehen Nymphen, Zeus versetzte sie aus Dankbarkeit für 
diese Verdienste "um seinen Sohn unter die Sterne. Ihre Zahl, ihre 
Namen wie ihre Absta,mmung werden sehr verschieden angegeben. 
Man nennt deren zwei bis sieben, doch ist die Siebenzahl die ge- 
wöhnlichste. Hesiod nahm fünf Hyaden an. Sie sollen abstammen 
von Atlas und Aithra oder Pleione, oder von Okeanos, 
von Melisseus, dem Honigmann, weil von ihnen die süsse 
Nahrung kommt, u. s. w. Von einer Verehrung derselben weiss 
man nichts. 

22. Pleiaden {IIXsLcidsg, IlXri'Cddsg, neXsLccdsg, Pliades, Vergiliae). 

Die Pleiaden werden mit den Hyaden in Verwandtschaft 
gebrächt, sie heissen deren Schwestern, Töchter des Atlas**) und 



*) Sie wurden auch von vs abgeleitet und als eine Heerde kleiner 
Schweine gedacht, Suculae. 

**) Hes. Opp. 383. Atlas heisst wohl deswegen der Vater der 
Pleiaden, weü diese im Westen, wo der Aufenthalt des Atlas gedacht 
wird, sich in das Meer senken und verschwinden. Daher mag auch Ka- 
lypso, die Verbergende, seine. Tochter genannt werden (Od. 1, 52). Er 
ist der Sohn des Japetos xmd der Klymene, aus dem Greschlechte der 
Titanen, „ein kluggesiimter, der des ganzen Meeres Tiefen kennt und 

StoU, Mythologie. 6. Aufl. 5 



— 66 — 

der Aithra oder der Pleione, Sie bedeuten das Siebengestirn^ 
die Sterne der Schiffiahrt (von TtAew*), weil mit ihrem Aufgange 
die mbige, der Schifffahrt günstige Jahreszeit kommt; wenn sie 
aber in das Meer sinken, dann ist die Zeit der Stürme und der 
Eegenschauer, und der Schiffer fliehet das Meer. Sechs von diesen. 
Sternen sind sichtbar, der siebente ist ein dunkler Stern; daher 
hiess es, die siebente der Pleiaden halte sich verborgen aus Scham, 
weü sie allein von den G-eschwistern mit einem sterblichen Manne 
vereint gewesen sei. Aus Schmerz über den Tod ihrer Schwestern, 
der Hyaden, tödteten sie sich selbst und wurden unter die Sterne 
versetzt, oder man erzählte, sie seien, von dem riesigen böotischen 
Jäger Orion fünf Monate lang verfolgt, auf ihr Flehen in Tauben 
(jcElscadsg) und darauf in Sterne verwandelt worden. Diese letzte 
Sage, welche sich in Böotien gebüdet hat, hat darin ihren Grund, 
dass sich das Sternbild ©rion fünf Monate lang am Himmel neben den 
Pleiaden hinbewegt (Pind. Nem. 2, 11 u. 12 Hes. Opp, 615). Die 
Pleiaden wurden wahrscheinlich in der ältesten Zeit wie die hyaden 
mit dem dodonäischen Zeus in Verbindung gebracht. Z\i Do- 
dona Messen die Priesterinnen des Zeus UsXsiaSag, Taiiben; die 
Tauben waren Weissagevögel zu Dodona, imd Homer (Od. 12, 
59 ff.) erzählt, dass Tauben dem Zeus Ambrosia bringen; indem 
sie aber an den Plankten, den Irrfelsen, vorbeifliegen, wird Eine 
getödtet, doch Zeus macht jedesmal die Zahl wieder voll. Diese 
Sage bezieht sich ohne Zweifel auf das Pleiadengestirn, von dem 
ein Stern nicht sichtbar ist. 

Die Namen der Pleiaden werden verschieden angegeben; die 
gewöhnlichsten sind: Alkyone (der Eisvogel, weil dieser im Früh- 
jahr, wenn die Pleiaden aufgehen und der Schiffer sich wieder auf 
das Meer wagt, brütet), Merope (Menschenkind), Kelaino (die 



selbst (d. i. mit dem eignen Leibe) die grossen Säuleu trägt, die Erde 
und Himmel auseinanderhalten (den Himmel über der Erde stützen)." 
Od. 1. 1. Atlas (d. h. der gewaltige Träger) bezeichnet die gewaltige 
Tragkraft des Meeres; er ist ein Meeresriese, der in dem westKchen 
Meere steht, und kennt als solcher die Tiefen des ganzen Meeres, wie 
Proteus (Od. 4, 385), und heisst 6Xo6q)Q(av mit Bezug auf die dämonische 
Natur des Meeres^ das immer für einen Sitz geheimer Weisheit und Arg- 
list gilt. Mit dieser homerischen Vorstellung stimmt im Allgemeinen 
Hesiod (Th. 517 ff. 746 ff.), nur dass dieser dm-eh Weglassung der Säulen 
das Bild vereinfacht; nach ihm trägt Atlas, vor den Hesperiden stehend, 
den Himmel mit dem Haupt und unermüdeten Armen, — zur Strafe, wie 
man sagt, weü ' er im Titaneukampfe mitgestritten. Spätere Deutung, 
wohl nicht lange vor Herodot, sah in Atlas die Personiflcation eines den 
Himmel stützenden Berges (s. Herodot 4, 184), und man erzählte, der 
reiche König Atlas, Besitzer grosser Heerden und prächtiger (der hesperidi- 
schen) Gärten, sei von Perseus mit dem Medusenhaupte in einen Berg 
verwandelt worden (Ovid. Met. 4, 631 ff.). Der Berg Atlas in Afrika ist 
dieser verwandelte König mid Himmelsträger. 

*) Eine andere Ableitung ist von ttIsco, q)Xs(o, pluo, Regengestirn. 



- 67 - 

Dunkle, wahrscheinlicli von dem dunklen Eegengewölk), Elektra 
(die Grlänzende), Sterope (die Blitzende), Taygete und Maia, 
die älteste und schönste. Die beiden letzten Namen weisen auf 
den Peloponnes hin; Taygete hat ihren Namen vom lakonischen 
Berge Taygetos, Maia ist eine arkadische Göttin, die Mutter des 
Hermes. In Arkadien aber fanden sich besonders die Sagen über 
die Pleiaden*). Im Ganzen hatten die älteren Griechen eine ge- 
ringe Kenntniss von den Gestirnen; "der Thierkreis mit den zwölf 
Sternbildern wird erst spät erwähnt. 

23. Iris ('l^tg. i'Sog). 

Iris, die Tochter des Thaumas (ß'ccvixa, das Wimder) und 
der Okeanine Elektra (Glanz, Hes. Theog- 265), ist die Göttin 
des Regenbogens. Der Eegenbogen verbindet den Himmel mit 
der Erde; daher eignet sich Iris zu einer Botin der Götter, deren 
Befehle sie vom Himmel zur Erde niedei'bringt. Wenn sie einmal 
zti einer Botin der Götter gemacht ist, so kann sie von diesen 
nicht allein auf die Erde, sondern überall hin gesendet werden, 
in das Meer und in die Unterwelt (IL 24, 78. Hesiod. Theog. 
784 ff. Virgü. Aen, 9, 803). Vorzugsweise wird sie von Zeus 
und- von Hera ausgeschickt; dann fliegt die schnellfüssige Göttin 
auf goldenen Elügeln, „wie der Schnee aus Wolken daher fliegt 
oder der Hagel, vom Nordwind getrieben" (IL 15, 170). Spätere 
Dichter gesellen sie besonders der Hera als Botiu und Dienerin 
zu (Ovid. Met. 1, 270. 14, 85. Virg. Aen. 5, 606. 4, 693). Sie 
unterscheidet sich von Hermes, der ein ähnliches Amt hat, dadurch, 
dass dieser mehr ein auf Befehl des Zeus ausführender und thätiger 
Gott ist (siehe Hermes), während Iris fast blos das Botenamt ver- 
richtet. Da sie aber einmal als freie Persönlichkeit hingestellt ist, 
so kann es auch vorkommen, dass sie selbst freiwillig Rath er- 
theilt oder auch helfend eingreift (IL 23, 198 ff. 15, 201. 24, 
96. 5, 353). In der Odyssee kommt sie nicht vor, hier ist Hermes 
ausschliesslich der Götterbote. — Iris findet sieh nicht in Statuen 
dargestellt, wohl aber auf Vasen und Reliefs, als eine ].eichte, ge- 
flügelte Gestalt, oft mit einer Kanne; denn man glaubte, sie trage 
den Wolken das Wasser zu. Von einer Verehrung der Iris finden 
sich geringe Spuren**). 

*) Von Sternen werden bei Homer ausser den Hyaden, Pleiaden und 
Orion (IL 18, 486) noch genannt Heosphoros (EcogtpoQog), der Morgen- 
stern, welcher der Eos vorauszieht (II. 23, 226. Od. IS, 93); er heisst 
Hesperos ('EaTCSQog), Abendstem, wenn er am Abend leuchtet (II. 22, 
318); femer Seirios, Sirius, dev brennende Himdsstem, der den Menschen 
lästige Hitze bringt, der Hund des Jägers Orion (IL 22, 26 £F.); Arktos, 
die Bärin, auch der Wagen genannt, und Bootes oder Arktophylax, 
der Bärenhüter (IL 18, 486. Od. 5, 272). 

**) Die Ossa, welche sich bei Homer als Personification findet (IL 2, 
93. Od. 24, 413. vgl. die qp^/iMj oder S^ftr? bei Hesiod. Opp. 760), be- 



24. Helios {"HXiog, 'HsUog, Sol). 

Helios, der Sonnengott, ist Sohn des Titanen Hyperion 
(des Hochwandelnden; daher heisst Helios 'TjteQLovldrjs oder auch 
selbst 'TtvsqCodv Od. 1, 8. 24) und der Titanin Theia (Hes. Theog. 
371 ff.) oder der Enryphaössa (Hom. H. in Sol.) und wird des- 
halb auch vorzugsweise Titan genannt. Er führt den goldenen 
glänzenden Sonnenwagen mit dem feuersehnaubenden Eossegespann 
den Tag über am Himmel hin, um den Gröttern und Menschen zu 
leuchten, ein jugendlich starker Grott mit leuchtendem Blick, das 
umlockte Haupt mit glänzender Strahlenkrone geschmückt (Hom. 
H. in Sol.). Des Morgens erhebt er sich im Osten aus dem Okeanos 
(Xi^vvi Öd. 3, 1, eiaer ruhigen Bucht des Okeanosstromes), am 
Abend steigt er im Westen an den Thoren des Helios, dem Ein- 
gang in die Dunkelheit, wieder in den Okeanos nieder und lässt 
die ermüdeten Pferde ausruhen. Wagen und Gespann finden sich 
zuerst in den hom. Hymnen (in Merc. 69 in Cer. 88); doch muss 
man wohl diese . Vorstellung auch in Ilias und Odyssee voraus- 
setzen, obgleich ihrer dort keine iErwähnung geschieht. Auch bleibt 
es bei Homer und bei Hesiod unbestimmt, auf welche Weise Helios 
von Westen nach Osten zurückkehrt. Spätere Dichter sagen, Helios 
schiffe in der Nacht auf dem Okeanos in einem goldenen becher- 
förmigen Kahne, den Hephaistos gefertigt, um die nördliche HäKte 
der Erde nach dem Osten herum, wo man ihm einen prächtigen 
Palast gab. (Eiae poetisch schmückende Beschreibung der Burg 
des Sol sowie des Wagens und der Vorbereitung zur Fahrt siehe 
Ovid. Met, 2, 1 ff.). Ebenso erhielt er später im Westen einen Palast. 

Helios sieht und hört alles {rcavSeQKrig, der Allsehende H. 3, 
277. Od. 11, 109); er dringt mit seinem Lichte in die verborgensten 
Orte, zieht das Geheimniss an den Tag und straft auch wohl selbst 
den Schuldigen (Soph. 0. C. 869). Daher ruft man ihn an bei 
Betheuerungen und Schwüren. 

Auf der Insel Thrinakia hatte Helios „sieben Heerden der 
Binder und gleichviel trefflicher Schafe, fünfzig in jeglicher Heerd', 
und niemals mehret sie Anwachs, nie auch schwindet die Zahl" 
(Od. 12. 127 ff.). Diese Heerden des Helios waren ursprünglich 
eine bildliche Bezeichnung der Tage des Jahres, welche ja von 
dem Sonnengotte heraufgeführt werden; das alte Jahr bestand aus 
50 Wochen von je sieben Tagen und sieben Nächten. Wo Helios 
verehrt wird, da finden sich auch gewöhnlich ihm geweihte Heerden 
von weisser oder röthlicher Farbe (Hom. H. in Ap. P» 234. Herod. 
9, 93). Jene Heerden auf Thrinakia wurden von Phaethusa 



zeicknet das schweifende G-erücht. Sie heisst auch //tos oiyyslog, 
ohne jedoch eine bestimmte Bestellung zu haben. Ihr entspricht die 
Fama der röm. Dichter (Virg. Aen. 4, 173. Ovid. Met. 12, 39 ff.). 



— 69 — 

{g)aog, LicM) und Lampetia (XdfiTtoa, leuchten), den Töchtern des 
Helios und der Neaira (Neujahr, Neumond?), geweidet. Als die 
Gefährten des Odysseus von den heiligen Rindern geschlachtet 
hatten, wurden sie auf Verlangen des Helios, dem Lampetia den 
Frevel gemeldet, von Zeus ins Verderben, gestürzt (Od. 12, 374. 
cf. 1, 7). 

Ausser PhaSthusa uiid Lampetia werden noch als Kinder des 
Helios genannt der im Osten im Lande Aia wohnende zauberreiche 
König Aietes und die auf der im Westen gelegenen Lisel Aia 
hausende Zauberin Kirke. Beider Mutter war Perse oder Perseis. 
Mit Klymene erzeugte Helios den PhaSthon (^0aE&cov*). Als 
dieser zu einem schönen Jüngling herangewachsen war, suchte er 
den Vater in seiner Burg auf und erlangte durch viele Bitten von 
ihm, dass er ihm auf einen Tag die Lenkung des Sonnenwagens 
überliess. Da aber seine Hand die wilden Rosse nicht zu bändigen 
vermochte, so nahte er sich zu sehr der Erde, so dass er sie fast 
in Brand steckte. Da erschlug ihn Zeus mit seinem Blitz, und 
er fiel in den Pluss Eridanos. Seine Schwestern," die Heliaden 
oder PhaSthontiden, beweinten ihn und wurden in ihrem Schmerz 
in Erlen oder Pappeln verwandelt; ihre Thränen sind der Bern- 
stein, tjXektqov (Ovid. Met. 2, 1 ff.**), 

Beinamen des Helios sind axafias, der Unermüdliche, rjXiKrcoQ, 
(pai&cov, Ttccficpavocov , cpasGtfißQorog , der Leuchtende, rsQil^ifißQOvog, 
der Menschenerfreuer; den Beinamen ^otßog, der Helle und Reine, 
erhielt er erst spät, nachdem er mit Apollon identificirt worden. 
Wir finden eine Vermengung beider Gottheiten, des allsehenden 
Sonnengottes und des allkundigen Weissagers Apollon, zuerst bei 
Euripides. 

Helios wurde an vielen Orten Griechenlands verehrt, wie zu 
Korinth, zu Argos, in Elis, besonders aber auf der Insel Rhodos 
(Pind. OL 7, 54 ff.), wo sein kolossales Bild von 70 Ellen Höhe 
am Eingange des Hafens stand, eins der sieben Wunderwerke der 
alten Welt. Geweiht war ihm der den Tag verkündende Hahn; 
man opferte ihm vornehmlich weisse Thiere, unter andern Pferde. 
Wenn er in ganzer Figur abgebildet wird, so erscheint er meist 
bekleidet, auf seinem Wagen, die Rosse mit der Peitsche regierend. 
Sein Gesicht ist etwas voller als das des Apollon. 



*) Phaethon war ursprünglicli ein Beiname des Helios (Od. 5, 479), 
der sich von ihm loslöste und nun der Name einer besonderen Person 
wurde. Aehnliche Beispiele liefert die Mythologie viele (siehe Kallisto 
xmter Artemis). 

**) Der Bernstein wird in der Mythe mit dem Sonnengott zusammen- 
gebracht wegen der Verwandtschaft der Wörter '^Iskt^ov imd tjAs'xtco^, 
die strahlende Sonne (II. 6, 513). 



- 70 



25. Selene (UsX'^vtj, M^vrj, iMna*). 

Selene, die Mondgöttin, ist TocMer des Hyperion und der 
Tlieia (Hes. Th. 371), Schwester des Helios und der Eos, ein 
Titanenkind (Pttt^v/g, Titamd). In der Hias und Odyssee kommt 
sie niclit als Göttin vor; dagegen besitzen wir einen homerischen 
Hynmns auf Selene (Hom. Hymn. 32), in welchem sie (die Tochter 
des Pallas, Hom. Hymn. in Merc. 100) als die weissarmige, schön- 
gelockte Göttin erscheint, mit langen Flügeln, geschmückt mit 
goldenem Diadem. Wenn sie ihre schöne Gestalt im Okeanos ge- 
badet und in glänzende Gewände gekleidet hat, dann schirrt sie 
ihren Wagen an iind fährt an den Himmel, um der Erde ihr 
freundliches Licht zu bringen. Auf ihrem mit zwei weissen Pferden, 
mit Maulthieren oder mit Kühen**) bespannten Wagen zieht die 
milde Göttin langsam am Himmel hin, eiae bescheidene Erscheinung 
gegen den mit dem Viergespann rasch dahin fliegenden "Bruder 
Helios. 

Es gibt von Selene nur wenig Mythen, am meisten ist" ihr 
Verhältniss zu Endymion von der Poesie ausgeführt und aus- 
geschmückt worden. Die Sagen hierüber weisen zum Theüe nach 
Elis, zum Theü nach Karlen. In Elis, wo die olympischen 
Spiele gefeiert wurden, heisst er der Sohn des Königs Aö'thlios 
[ae&Xog, der Wettkampf), dem er als Herrscher folgte; er zeugte 
mit Selene 50 Töchter, welche die 50 zwischen die olympischen 
Spiele fallenden Monate bezeichnen. Dieser ele'ische König soll, 
wie die Dichter erzählen, nach Karlen gewandert sein, oder er war 
ein karischer Jäger oder ein Hirte. Auf dem Berge Latmos 
liegt er in einer Hohle in ewigem Schlummer, und allnächtlich 
steigt Selene voll Liebe zu dem schönen Jüngling vom ffimmel 
herab, um ihn zu küssen und bei ihm zu ruhen. In dieser Sage 
bezeichnet Endymion, der Beschleichende, den Schlaf, der in die 
Menschen gleitet {avdva) ; er ruht in dem Berge der Vergessenheit 
(kd&oa, Xccv&avG)). Er ist ein in süssem Mehtsthun schlummernder 
Hirt oder ein Jäger, der die Menschen erjagt, oder ein König, wie 
der allbändigende Hypnos (TtavdafiarojQ II. 24, 5), der auch Herr- 
scher aller Götter und Menschen heisst (IL 14, 233). — Aehnlich 
der eleischen Sage von Endymion ist die attische, dass Selene dem 
Zeus die Pandeia geboren habe (Hom. Hymn. 32); denn diese 



*) Das Wort Sslrivri hängt mit asXag, Glanz, zusammen; zwischen 
Mi^vT] und Zsh^vT] machten die Dichter den Unterschied, dass sie sagten, 
jener sei der menschliche, dieser der bei den Göttern gebräuchHche 
Name für die Mondgöttin, d. h. M-^vrj ist die Benennung des gewöhn- 
lichen Lebens, SsXi]vt] der dichterische Name. 

**) Die Kuh ist dm-ch ihre Homer das Symbol des Halbmondes. 



— 71 — 

bezeiclmet das nach einer bestimmten Zahl von Monaten wieder- 
kehrende athenische Fest Pandia oder die Diasien. 

Selene wurde später mit Artemis, Hekate und Persephone 
vermengt. Daher erhielt sie auch den Beinamen ^oCßr], wie ihr 
Bruder Helios nach ApoUon ^otßog genannt ward (Virg. Aen. 10, 
216). In ihrer gewöhnlichen Bildung durch die Kirnst ist sie von 
Artemis nur durch ein volleres Gesicht, dtirch vollständigere Be- 
kleidung und ein bogenförmiges Schleiergewand über dem Haupte 
tinterschieden. Ob sie als Mondgöttin einen Cultus gehabt, ist 
ungewiss. 

26. Eos CHcj's, Aurora"^). 

Eos, die Göttin der Morgem-öthe, ist die Tochter des Hy- 
perion und der Theia, eine Schwester des Helios und der 
Selene (Hes. Theog. 371 ff.). Am frühen Morgen erhebt sich 
die rosige, schöngeloekte Göttin im safranfarbenen Gewände (^qi- 
yiveia, EvitXoaccfiog, ^oSoSantvXog, QoSonriyvq xqonoTteTtXog, purpurea, 
lutea), die hellglänzende Bringerin des Lichtes (XttiiitQOcparig^ gjaeg- 
90(»og), von dem safranfarbenen Lager, um mit ihrem schnellen 
Gespann (Od. 23, 244) weisser oder röthlicher Eosse an den Himmel 
zu fahren. Zwar steigt sie bei Homer von dem östlichen Ocean 
her auf, aber sie geht nicht wie Helios am Himmel hin, um im 
Westen unterztitauchen; sie ist nur die Göttin des Tagesaufgangs 
imd des Tageslichtes überhaupt, bezeichnet aber nirgends die Dauer 
des ganzen Tages. Erst später wird sie mit Hemera {^H^eqo) 
gleichbedeutend, so dass diese von den Tragikern an ganz in ihre 
Stelle eintritt. Auch bei Hesiod (Theog. 124) ist Hemera noch 
von Eos verschieden, die Tochter der Nyx und des Erebos, weil 
das Licht aus dem Dunke^ hervorbricht; im Westen geht sie unter 
und begrüsst an der westlichen Pforte beim Begegnen die Mutter 
Nacht (ibid. 748). 

Mit der schnellen Göttin, die mit dem Windhauch des Morgens 
sich erhebt, hat die Sage, ähnlich wie mit den Harpjden, den 
hinwegraffenden Windesgöttinnen, die Vorstellung verbunden, dass 
sie die Menschen raube und entführe; doch thut sie dies nicht in 
feindlicher Absicht, sondern aus Liebe. So entführte sie den schönen 
Tithönos, den Sohn des trojanischen Königs Laomedon(Il. 20, 237), 
imd machte ihn. zu ihrem Gemahle. Sie erbat sich für ihn von 
Zeus ein ewiges Leben; da sie aber zugleich um ewige Jugend zu 
bitten vergessen hatte, so trockneten mit der Zeit seine Glieder 
aus und die Stimme schwand ihm. Darum verschloss sie ihn in 



*) Der Name kommt von arra, «■jjju.i., wehen, hauchen, weil mit dem' 
Anfang des Frühroths sich gewölmlich Windhauch erhebt. Od. 5, 469. 
avQT} o kv, norccfiov '^vxQri nvhi iqäd-i icqo. Aeolisch heisst 17005 avwg. 
So kommt Aurora yon aura. 



- 72 — 

ein Gemacli (Hom. Hymn. in Ven. 219 — 238), oder sie verwandelte 
ilin in eine Cicade; in seiner irdischen Natur vermochte er nicht 
die Unsterblichkeit zu tragen. Söhne der Eeos und des Tithonos 
sind Emathion und Memnon (Hes. Th. 984). Den letztem 
macht die naehhomerische Sage zu einem Fürsten der am Okeanos 
wohnenden östlichen Aethiopen und lässt ihn vor Troja im Kampfe 
mit Achilleus fallen; er wurde in Asien als ein schöner früh ver- 
storbener Jüngling an vielen Orten gefeiert und beklagt, ursprüng- 
lich, wie es scheint, ein Bild des schönen schnell verbleichenden 
Morgensterns. Wie den Tithonos entführte Eos auch den Jäger 
Orion, die Götter aber zürnten hierüber so lange, bis ihn Artemis 
in Ortygia mit ihren sanften Geschossen tödtete (Od. 5, 121 — 124); 
ferner den Kleitos, den Sohn des Mantios (Od. 15, 250), und 
von dem Gipfel des Hymettos in Attika den Kephalos, den Ge- 
mahl der Prokris (Ov. Met. 7, 700). Dem Astraios (Sternen- 
mana) gebar Eos die Winde Argestes, Zephyros, Boreas und 
Notes, sowie den Heosphoros und die übrigen Sterne (Hes. ,Theog. 
378 ff.). 

Eine besondere Verehrung genoss Eos bei den Griechen nicht. 
Von der Kunst wird sie dargestellt als eine prächtige, meist ge- 
flügelte Gestalt entweder auf dem Wagen mit Flügelrossen oder 
als Führeria der Soimenrosse. Sie trägt bisweilen eine Fackel 
in der Hand. 

27. Die W^inde ('AvEfioc). 

Auch die Winde sind göttliche Wesen; doch findet sich bei 
ihnen wie auch bei andern Naturgottheiten ein Wechseln und 
Schwanken zwischen dem Naturelement und freier Persönlichkeit. 
In Homers Dias (23, 200 ff.) wohnen sie in Thrakien und halten 
im Hause des Zephjrros als lustige luftige Gesellen ein Gelage. 
Man betete zu den Winden und brachte ihnen Trankopfer; so 
Achilleus, als er den Scheiterhaufen des Patroklos anzündete 
(n. 23, 194 ff.). Nach Homers Odyssee (10, 1 ff.) herrscht auf 
der- fernen westlichen Insel Aiolia eiu Dämon Aiolos*), Sohn 
des Hippotes (^iTtTtordörjg)^ den Zeus zum SchafBier der Winde be- 
stellt hatte, dass er sie wehen lässt und ruhen nach seinem Willen. 
Auf der ringsum von ehernen Mauern und hohen Felsen umgebenen 
Insel wohnt er in einem reichen Hause mit seiner Gattin und 
12 Kindern, 6 Söhnen und 6 Töchtern, die er mit einander ver- 
mählt hat. Odysseus kam auf seinen Irrfahrten an diese Insel 
und wurde von Aiolos freundschaftlich einen ganzen Monat be- 
wirthet, und als er endlich weiter fuhr, gab ihm der Herrscher 
in einem Schlauche verschlossen die widrigen Winde mit, liess 



*) atoXog, beweglich, ein Beiwort der Luft. 



— 73 — 

aber einen günstigen Wind in seine Segel wehen. Aber auf der 
Fahrt öfl&ieten die Gefährten des Odysseus, während er schlief, aus 
Neugier den Sehlauch; die stürmenden Winde brachen heraus und 
trieben das Schiff wieder an die Insel des Aiolos zurück. Dieser 
jedoch wies ihn erzürnt von sich; denn nicht sei ihm erlaubt 
einem Manne beizustehn, der den unsterblichen Göttern yerhasst 
sei (Od. 10, 13 — 75). Weder in der Ilias noch bei Hesiod wird Aiolos 
erwähnt, auch hat er nirgends in Griechenland Verehrung genossen. 
Spätere Dichter geben Lipära oder Strongyle, eine der äolischen 
Inseln, für seinen Wohnort aus; dort sitzt er, das Scepter in der 
Hand, auf der Höhe eines Felsenberges und hält die in einer 
Höhle eingeschlossenen Winde in Gehorsam (Virg. Aen. 1, 52. 
140. 8, 416. Ovid. Met. 1, 262). Dieser Winddämon wurde yiel- 
fach mit Aiolos, dem Stammheroen der Aeolier, verwechselt und 
vermengt. 

Bei Homer heissen die vier Hauptwinde: Euros (der sen- 
gende Ostwind), ISTotos (der feuchte Süd), Zephyros (der 
dunkle, regenbringende West) und Boreas (der brausende 
Nord). Boreas und Zephyros werden gewöhnlich von Homer zu- 
sammengestellt, wie Euros imd Notos (n. 2, 145. 9, 5. Od. 5, 295); 
nur Boreas und Zephyros haben gemeinschaftliche Epitheta, und 
kein Epitheton des Euros oder Notes kommt auch einem andern 
Winde zu. Hesiod (Theog. 378 ff.) nennt auch diese vier Winde, 
statt des Euros aber hat er den Namen Argestes (der Klare 
und Helle, weil er aus dem Osten kommt, wo die Sonne auf- 
steigt). Sie heissen bei Hesiod die Söhne des Astraios (Sternen- 
manns) und der Eos. Den Grund hiervon siehe Eos, Anmerkung. 

Boreas, der stärkste "und wildeste aller Winde, hatte an 
einigen Orten Griechenlands Heüigthümer. In Attika sollte er 
die Oreithyia, die Tochter des Erechtheus, geraubt und nach 
Thrakien entführt haben. Als nun die Athener im Kriege gegen 
Xerxes von dem Orakel den Befehl erhielten, sie sollten ihren 
Schwager anrufen, erklärte man mit Bezug auf jene Fabel den 
Boreas als solchen, opferte ihm und rief ihn zur Hülfe. Die Flotte 
der Perser wurde am Vorgebirge Sepias durch den Sturm stark 
beschädigt, und nun glaubte man, Boreas habe seinen Verwandten 
Hülfe geleistet, und errichtete ihm am Flusse IKssus ein Heiügthum 
(Herod. 7, 189). 

Zephyros, der mildeste unter den Winden (der römische 
Favonius, „der Holde"), hatte ebenfalls bei Athen einen Altar. 
Als der Westwind, welcher den Regen bringt, fördert er das 
Wächsthum der Pflanzenwelt. Daher gab man ihm die Frühlings- 
hore Chloris zur Gemahlin, welche er auch entführt haben 
sollte, und den Karpos (Frucht) zum Sohne (Ovid. Fast. 5, 197). 
Wahrscheinlich wegen seiner Beziehung zum Pflanzenreich wurde 
auch gedichtet, Zephyros habe den. Hyakinthos, den Sohn des 



_ 74 — 

Amyklas*), geliebt; dieser nämlich bezeiclmet wie Adonis die atif- 
blühende und wieder ersterbende Natur. Da der schöne Jüngling 
seine Liebe dem Apollon zuwandte, so trieb einst Zephyros, während 
Apollon sich mit dem Greliebten am Distoswerfen erfreute, aus 
Eifersucht die von Apollon geworfene Diskosscheibe auf das Haupt 
des Hyakinthos, dass er starb; aus seinem Blute entspross die 
gleichnamige Blume (Ovid. Met. 10, 184). Dem Hyakinthos zu 
Ehren wurden zu Sparta die Hyakinthien gefeiert; am ersten Tage 
brachte man Todtenopfer, am zweiten und dritten aber wurden 
fröhliche Festzüge gehalten. — Von den anderen Winden finden 
sich keine besonderen Mythen. Neben den erwähnten Hauptwinden 
werden von Späteren noch mehrere andere genannt. An dem jetzt 
noch existirenden achtseitigen Windthurm zu Athen waren acht 
Hauptwinde angebracht; auf der Kuppel des Thurmes befand sich 
ein Triton, der jedesmal mit einem Stabe den Wind zeigte, welcher 
eben wehte. Man stellt die Winde gewöhnlich dar als Wesen mit 
Elügeln an Haupt und Schultern. 

Zu den Gottheiten der Winde gehören auch die Harpyien 
(^'A^Tcviai, gleichen Stammes mit ccQTca^o), == &vsXloit\ die Göttinnen 
des raffenden Sturmes. Bei Homer, wo sie nur unvollständig 
personificirt sind, werden ihre Namen und ihre Zahl nicht voll- 
ständig angegeben, er nennt nur die Podarge mit Namen (H. 16, 
150). Es sind schnelle Göttinnen, von denen man glaubte, sie 
hätten die Menschen, welche spurlos verschwunden waren, geraubt 
(Od. 1, 241. 14, 371. 20, 66 M.). Bei Hesiod (Th. 267), der 
ihrer zwei nennt, Okypete und Afe'llo, und ihnen den Thaumas 
und die Elektra zu Eltern, die Iris zur Schwester gibt, sind sie 
schon körperlicher geworden, geflügelte, schönlockige Göttinnen. 
Von späteren Dichtern werden sie als geflügelte Missgestalten 
dargestellt, zusammengesetzt aus der Gestalt von Jungfrauen und 
Vögeln. Sie kommen besonders in der Sage von Phineus, dem 
blinden Weissager in Thrakien, vor; sie rauben ihm das Mahl, 
nach späterer Sage verschlingen sie es zum Theü, zum Theil be- 
sudeln sie es (Virg. Aen. 3, .216 ff.). Hier erscheinen sie ganz 
als der personificirte schmutzige, alles wegraffende Hunger, 

Typhoeüs, Typhäon, Typhon (Tvg)(osvg, Tvtpaav, Tv(pmv, 
Tvcpcog) ist der verderbliche Sturmwind, der tobende Dampf, der 
mit zerstörender Gewalt aus der Erde, aus den Vulkanen hervor- 
bricht. Bei Homer liegt er be wältiget im Lande der Ar im er in 
der Erde, die von den Blitzen des Zeus gepeitscht wird (H. 2, 781). 
Nach Hesiod, der ihn den jüngsten Sohn der Gaia und des Tar- 
taros nennt, ist er ein riesiges Ungeheuer mit gewaltigen Händen 
und Füssen und mit hundert Drachenköpfen; er wollte über Götter 
und Menschen herrschen, wurde aber von Zeus in fm'chtbarem 



*) Heros der alten Stadt Amyldä bei Sparta. 



■ — 75 - 

Kampfe durch den Blitz gebändigt tind in den Tartaros geworfen 
(Theog. 820 ff.), von wo er noch immer Verderben auf die Ober- 
welt sendet. Er ist der Vater aller Stürme nnd schlimmen Gluth- 
windej die zerstörend über Land nnd Meer gehen. Mit Echidna 
erzeugte er den Kerberos, die lernäische Hydra, die Chimaira und 
andere verderbliche Ungeheuer (Hes. Theog. 306 ff.). Die spätere 
Sage nimmt an, dass er unter dem Aetna begraben liege (Pind. 
Pyth. 1, 15 ff.); auch verlegte man ihn in andere vulkanische 
Länder, nach Phrygien, Lydien u. s. w. 



II. Die (jötter des Meeres. 

1. Poseidon (Iloöstdcäv, Iloösiddcav^ Neptunus). 

Poseidon ist der Sohn des Kronos und der ßhea, der 
Bruder des Zeus (Hes. Theog. 453), und zwar bei Homer der 
jüngere. Als nach Besiegung des Kronos und der Titanen die 
Kroniden die Herrschaft der Welt unter sich theilten, ward ihm 
durch das Loos das Meer zu Theil 
(n. 15, 187 ff.). Er ist bei Homer der 
dunkelgelockte (Kvccvoiairrig) Herr- 
scher des Meeres; nur noch in seinen 
Beiwörtern yairioypg, svvoaiyaiog, ivo~ 
aix&oav, der Erdhaltende, Erderschüt- 
ternde, hat sich eine Andeutxmg er- 
halten, dass er früher mit dem Element 
gleichbedeutend war. Zeus ist älter 
und weiser als Poseidon und hat da- 
her die Obmacht über ihn; allein 
Poseidon erkennt diese nicht immer 
an. Als ihn einst Zeus durch Iris 
aus dem Kampfe vor den Mauern 
Trojas abrufen lässt, da sagt er in 
seinem Zorne, dass er als Bruder 
gleiche Würde mit Zeus habe und 
diesem nicht zu gehorchen brauche; 
Zeus möge seinen Kindern befehlen, 
nicht ihm. Er will also dem Zeus 
nur das Recht patriarchaKscher Herrschaft über seine Pamilie zu- 
gestehen. Iris aber macht ihn darauf aufmerksam, dass Zeus der 
ältere sei imd ihm die Erinyen folgen (H. 15, 185 ff.). Die Erinyen 
bedeuten hier den zürnenden Fluch, der. auf dem lastet, welcher 
die Pietät gegen Eltern oder auch ältere Brüder verletzt. Die 
Verpflichtung zum G-ehorsam liegt also auch hier im Pamilienrecht. 




Fig. 15. Poseidon. 



— 76 — 

Ein ähnliclier Fall der Atiflehnung findet sich. II. 1, 400, wo er- 
zählt wird, dass Poseidon mit Hera und Athena den Zens habe 
fesseln wollen. Zu andrer Zeit zeigt sich Poseidon auch wieder 
gefällig und willfährig gegen den Bruder (D.. 8, 440), und Zeus 
erkennt ihn an als TCQeaßvzavog xal aQiGtog unter den Göttern 
(Od. 13, 142). In der Odyssee, wo Poseidon den Odysseus, der 
den Kyklopen Polyphemos, den Sohn des Poseidon und der 
Nymphe Thoosa, geblendet hat, verfolgt und von der Heim- 
kehr zurückhält, hat Zeus lange auf den Zorn des Bruders Rück- 
sicht genommen, bis er es endlich, während Poseidon fern bei 
den Aethiopen weilt und der Opfer sich freut, auf Zureden der 
Athena wagt, mit den übrigen Göttern die Rückkehr des Odysseus 
zu beschüessen (Od. 1, 11 — 79). In der Ilias ist Poseidon ein 
Feind der Troer; schon vor dem trojanischen Kriege war er von 
dem trojanischen König Laomedon schwer beleidigt worden. Er 
hatte ihm mit ApoUon die Mauern von Troja gebaut, aber den 
versprochenen Lohn nicht erhalten (II. 7, 452. 21, 443),-~ dafür 
schickte er ein Seeungeheuer, von dem die Tochter des Laomedon, 
Hesione, verschlungen werden soUte, als eben Herakles noch zu 
rechter Zeit erschien und das Ungeheuer tödtete. 

Als der Herrscher des Meeres, («va^, svQVKQeiayv, Saturnius 
domitor niaris) hat er seinen Palast in den Tiefen des Meeres, zu 
Aegä (n. 13, 21. Od. 5, 381*). Hier stehen seine stürmenden, 
erzhufigen Rosse, mit denen er in seinem Wagen über die Meeres- 
fluth fährt. Dann freut sich das ganze Meer, es- glättet seine 
Wellen, und die Ungeheuer der Tiefe erkennen den Herrscher \ind 
kommen von allen Seiten herauf und umhüpfen ihn spielend 
(n. 13, 17 fe. Virg. Aen. 5, 817 ff.). Die Götter des Meeres sind 
ihm unterthan imd ehren ihn als ihren Gebieter. Alle Erscheinungen 
des Meeres gehen von ihm aus; er ebnet die Fluth und gibt günstige 
Fahrt; aber er erregt auch den Sturm und treibt gewaltig die 
tobenden Wellen auf. Dann erbebet die Erde unter seinem Zorn, 
und es zerbrechen die Felsen (ivvoaiyaiog, ivoöixd-cav, KivaKtcoQ yaCag 
Soph. Trach. 498). Leicht beweglich wie das Meer ist auch sein 
Sinn; er ist heftig tmd aufbrausend und verfolgt mit schwerem 
Hasse, die ihn verletzt haben. Er vernichtet die Schiffer, über- 
schwemmt die Länder und lässt die Fluthen die Städte verschlingen; 
er sendet verderbliche Meeresungeheuer (Hesione, Andromeda) und 
wilde Stiere (Hippolytos, Herakles c. 8.) aus der Meerestiefe ans 
Land, um die Menschen zu strafen. Seine Waffe, mit der er die 



*) Aegä, der Wogenpalast des Poseidon, war ursprünglich wohl 
nur eine Umschreibung der wogenden, brausenden See. Nachdem der 
Ort localisirt war, schwankte man zwischen dem Aegä in Achaia, in 
Euböa und einer Felseniusel zwischen Tenos und Chios. Wahrscheinlich 
ist der letzte Ort die von Homer bezeichnete Wohnung des Poseidon 
(s. p. 11. Anm.). 



— 77 — 

-d-ewalt übt über das beweglicbe Element, ist der Dreizack {tQimva, 
tridens)] mit ihm regt er die Fhitb auf und bändigt sie, mit ihm 
zerschlägt er die Felsen und stösst Quellen aus der Erde hervor 
(Od. 5, 292. II. 12, 27. Yirg. Aen. 1, 138). 

Poseidon war in altpelasgischer Zeit ein allgemein, auch an 
solchen Orten verehrter Grott, welche nicht mit dem Meere in Be- 
rührung standen; er bezeichnete ursprünglich das gesammte tun 
und durch die Erde verbreitete G-ewässer. Er war somit ein Grott, 
der die Pflanzenwelt nährt (0vtul(iiog, der Befruchter, zu Her- 
mione), imd stand in vielen Gregenden mit. Demeter, der Mutter 
Erde, in enger Verbindung. Von ihm kommen Quellen und Flüsse 
■und See. In der Folge aber wurde er vorzugsweise der gewaltige 
Gott des Meeres, und seine ursprüngliche weit ausgedehnte Be- 
deutung schwand immer mehr aus dem Bewusstsein des Volkes. 
An vielen Orten trat seine Verehrung zurück, während andere 
Culte sich hoben und in den Vordergnind traten, dagegen wurde 
sein Cult wieder an andern Orten, die .dem Meere nahe lagen, ein- 
geführt. Daher kommt es, dass von so vielen Länderstreitigkeiten 
erzählt wird, die er mit andern Gröttem hatte. So stritt er mit 
Athena um den Besitz von Attika und Trözen. Attika erhielt 
Athena, weil sie den dem Lande nützlichen Oelbaum erschuf, 
während Poseidon eine Quelle von Meerwasser auf der Burg von 
Athen entstehen liess, oder dem Lande das Pferd gab (Herodot. 
8, 55); doch finden wir im Cultus von Attika beide Gottheiten 
als LTtTttoi versöhnt neben einander (Soph. 0. C. 54. 706. 1070); 
auch über Trözen wurde die Herrschaft unter beide Gottheiten 
getheilt. Mit Hera stritt Poseidon um Argolis, mit Helios um 
Korinth u. s. w. Seinen Antheil an Delphi, welches er früher 
mit Gaia gemeinschaftlich besass, trat er dem Apollon gegen die 
Insel Kalauria ab. 

Das Ross war dem Poseidon, dem Wasser gott, besonders 
heilig; denn es nährt sich auf feuchten, grasreichen Auen, an 
Quellen und Flüssen und ist ausserdem ein Symbol der stürmenden 
Meereswogen sowie der durch die Fluthen hinsegelnden Schiffe 
(Od, 4. 707). Poseidon erschuf das Pferd und lehrte es lenken 
und zügeln, daher der Beiname titjciog in Attika und an manchen 
andern Orten. Als der Eosselenker tritt er in häufige Verbindung 
mit Athena, welche die Zügel des Bosses erfunden haben soll und 
daher auch wrmor heisst. Diirch sein Verhältniss zum Pferde wird 
er auch der Hort der Wettrennen mit Pferden; bei solchen Wett- 
kämpfen wurde er angerufen und durch Opfer und Gelübde verehrt. 

Die Gemahlin des Poseidon war Amphitrite. Bei Homer 
tritt sie noch nicht als solche auf; erst Hesiod (Theog. 930) ver- 
bindet sie mit Poseidon und lässt den Triton aus ihrer Ehe ent- 
stehen. Ausserdem wird der Gott mit einer Menge von Geliebten 
in Verbindung gebracht und ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft 



__ 78 — 

zugesclirieben. Denn die vielen Städte und Stämme, welche ihn 
verehrten, machten grossentheils ihre Gründer und Stammheroen 
zu Söhnen des Poseidon; ausserdem galt er als Yater mancher 
Seegottheiten, Quellen u. s. w. und besonders auch riesiger Un- 
holde, wie des Polyphem, Busiris u. a. 

Auch in der hellenischen Zeit, als Poseidon vorzugsweise 
Beherrscher der Meere geworden war, hatte sein Cult eine all- 
gemeine Verbreitung, besonders aber in Küstenländern und auf 
Insehi. Bei Homer ist vornehmlich Nestor, der Beherrscher von 
Pylos, ein Schützling und Verehrer des Poseidon (Od. 3, 5). Sein 
Vater Neleus, ein Sohn des Poseidon (Od. 11, 253 ff.) oder des 
Aioliden Kretheus (p. 21), war aus Thessalien, einem alten 
Sitze der Aeolier und des diesem Stamme eigenen Poseidoncultus, 
in den Peloponnes gekommen. Thessalien sollte Poseidon von den 
überfluthenden Wassern des Peneios dadurch befreit haben, daßs 
er mit seinem Dreizack das Felsenthal Tempe öfihete und so dem 
Wasser einen Ausfluss zum Meere verschaffte; daher hiesö er in 
Thessalien TtstQatog (nitqa, der Fels). Auch in dem wasserreichen 
Böotien blühte von uralter Zeit her der Dienst des Poseidon, be- 
sonders zu Onchestos (IL 2, 506. Hjonn. in Ap. Pj^h. 52). Dem 
Stamme der loner war Poseidon eia Nationalgott. Diese wohnten 
anfangs an der Nordküste des Peloponneses, in Achaia; sie wurden 
von da in Folge der dorischen Wanderung von den Achäern ver- 
trieben, wanderten nach Attika und darauf hinüber an die klein- 
asiatische Küste. Schon in Achaia hatte die Verehrung des Poseidon 
in den verschiedenen Städten der loner geblüht, besonders in 
Helike {skiGGco) und Aegä, und sie erhielt sich auch daselbst 
nach der Auswanderung der loner. Dorthin brachten ihm, wie 
Homer sagt (11.8, 203), alle Danaer viele und schöne Geschenke. 
Der Cult des helikonischen Poseidon (^EhKcoviog avalE, H. 20, 
404) wanderte mit den Tonern nach Asien; er hatte sein hehrstes 
Heiligthum am Vorgebirge Mykale im Gebiet der Stadt Prione. 
Hier war das Panionion, wo die lonier ein Nationalfest, die Panio- 
nien, feierten (Herod. 1, 148). Bei Korinth wurden dem Gotte 
auf dem Isthmos jedes dritte Jahr die isthmischen Spiele ge- 
feiert; der Preis des Sieges . war ein Fichtenkranz. Ausser den ge- 
nannten erwähnen wir noch als Orte seiner Verehrung Aegina, 
Euböa, Athen und Eleusis und eine Menge von Städten im Pelo- 
ponnes. Herodot (2, 50. 4, 188) berichtet von einem Gülte des 
Poseidon ia Libyen und behauptet fälschlich, dass von da aus Poseidon 
zu den Griechen gekommen sei. 

Heüig sind dem Poseidon ausser dem Pferde der hinstürmende 
brüllende Stier, ein Symbol der tosenden Fluthen {xavQBog JJoQSi- 
öav, Hes. Scut. 104), und der Delphin, der Freund der ruhigen 
See, unter den Bäumen die Fichte wegen ihres dunkelen Grüns, 
der Farbe des Meeres, und wegen ihrer Verwendung zum Schiff- 



— 79 — 

bau. Dargestellt Avnrde er von der Kunst oft in Gruppen mit 
Amphitrite \ind andern Meeresgottheiten; er ist zwar erhaben und 
gewaltig, doch fehlt ihm die ruhige Majestät des Zeus, mit dem 
er Familienähnlichkeit hat; er zeigt seinem Elemente gemäss etwas 
Unruhiges und Heftiges, einen gewissen Trotz und Unmuth. Sein 
Körper ist schlanker als der des Zeus, doch von derberer Muscu- 
latur; das Gesicht hat eckigere Formen, weniger Klarheit und 
Euhe in den Zügen, das Haar ist mehr gesträubt und durcheinander- 
geworfen. (Fig. 15, S. 75 Kopf des Poseidon in dem Museo-Chiara- 
monti des Vatican.) 

2. Amphitrite (L^ftgoitr^tri^). 

Amphitrite, Tochter des Nereus, eine Vereide (Hes. Theog, 
243), war die Gemahlin des Poseidon und mit ihm Beherrscherin 
des Meeres. Ihr Name bedeutet die mit Wasser die Erde um- 
wogende Göttin; sie ist also insofern ursprünglich das - Element 
des Meeres. Bei Homer wird sie immer nur in Beziehung auf die 
Wogen des Meeres (^AficpttQitrjg Kv^a Od. 3, 91. 12, 60) oder auf 
die Meerwunder und Ungeheuer genannt (Od. 12, 97. 5, 422); 
eines Verhältnisses zu Poseidon geschieht keine Erwähnung. Erst 
bei Hesiod (Theog. 930) ist Amphitrite die Gemahlin des Poseidon, 
dem sie den Triton (Brauser), die Ehode oder Rhodos (die 
Rauschende, von QO^iat) imd die Benthesikyme (die Wogerin 
der Tiefe) gebiert. Als Poseidon um sie warb, floh sie zum Atlas ; 
der Delphin aber fand sie auf und überbrachte sie dem Poseidon, 
der ihn zum Dank unter die Sterne versetzte ; oder Poseidon raubte 
die Göttin auf Naxos, während sie den Reigentanz aufführte. Die 
Skylla wurde von Amphitrite aus Eifersucht in ein Ungeheuer 
mit sechs Köpfen und zwölf Füssen verwandelt. Von den Dichtem 
wird Amphitrite geradezu zur Bezeichnung des Meeres gebraucht. 
Sie wurde von der Kunst als eine reizende Göttin dargestellt, ähnlich 
der Aphrodite; ein eigenthümliches Merkmal an ihr ist ein Haar- 
netz und Seekrebsscheeren an der Seheitel. 

3. Triton (TQttcov). 

Triton ist der Sohn des Poseidon und der Amphitrite 
(oäer der Kelaino, der Sehwarzen), ein weitherrschender Gott, der 
in den Tiefen des Meeres bei Vater und Mutter in goldenem Hause 
wohnt (Hesiod Theog. 930 ff.). Ursprünglich ist er überhaupt ein 
Bild des lautrauschenden Meeres, sein Name ist abzuleiten von 
tQi^co; in der Argonautensage aber erscheint er als der Gott des 
Sees Triton in Libyen (Herod. 4, 178 ff. 188. Ap. Rh. 4, 1551 ff.). 
Ferner gilt er für einen Dämon des Meeres. Atich dachte man 
sich die Tritonen in der Mehrzahl, als dienende Wesen der anderen 



• — 80 — 

Seegottheiten beim Eeiten und Fahren und als neckische Begleiter 
der Nere'iden, mit denen sie ähnlich, wie in den Bäkchoszügen 
Satyrn und Pane und Nyraphen, die schwärmende Umgebung der 
höheren Grottheiten des Meeres ausmachten, Sie hatten die Doppel- 
gestalt von Mensch und Fisch, indem der untere Theil des Leibes 
in einen Delphinenschwanz auslief, und führten eine schnecken- 
förmige Muscheltrompete, durch deren Ton sie auf Geheiss des 
Poseidon die Wellen bald erregten, bald besänftigten (Ovid, Met. 
1, 333. Virg. Aen. 10, 209). Wenn zu dem menschlichen Ober- 
körper und dem Fischschweif noch zwei Vorderfüsse eines Pferdes 
hinzukommen, so nennt man sie Kentaurotritonen oder Ich- 
thyokentauren. 

4. Okeanos (ibcsavog, Oceanus). 

Okeanos ist der die Erde und das Meer umfliessende grosse 
Weltstrom, der Ursprung der Götter, der Wogen des Meeres, der 
Flüsse und Quellen, aus dem sich Sonne, Mond und Gestirne er- 
heben und in den sie sich wieder niedersenken {cct\)6QQOog , der in 
sich zxurückströmende, %-sSiv yaveötg II. 14, 201. 246. 21, 196. 
aKaXaQQskrig ^ sanftströmend, ßad-vQQOog, tiefströmend, ßad'vdCvrjg, 
tiefwirbelnd). Bei Homer ist er der Yater der Titanen und des 
Kronos; nachdem Kronos von Zeus gestürzt ist, geniesst er unter 
dem neuen Herrscher, dem auch er unterthänig ist, ein ruhiges 
geehrtes Alter; aber er bleibt den jetzt regierenden Göttern fern 
und kommt nicht zur Götterversammlung (11. 20, 7). Er steht 
an Eang keinem Gotte nach, ausser dem Zeus, vor dessen Blitz 
er sich fürchtet (H. 14, 244. 21, 198). Er ist der AUvater der 
Welt, wie seine Gemahlin Tethys die Allmutter ist; diese heisst 
daher aucli vorzugsweise fi'qrrjQ (II. 14, 201). Er hat seinen Palast 
am Ende der Erde (II. 14, 301). Als Zeus mit den Titanen 
kämpfte, brachte Ehea die Hera hierher zu den Grosseltern, von 
denen sie erzogen ward. Homer nennt ferner die Töchter des 
Okeanos und der Thetys Eurynome und Perse (II. 14, 303. 
18, 398. Od. 10, 139). — Bei Hesiod (Theog. 133. 337 ff.) ist 
Okeanos Sohn des Uranos und der Gaia, der älteste der Titanen; 
er erzeugt mit Tethys 3000 Ströme und 3000 Okeaninen; der 
Dichter nennt von ihnen 25 Ströme und 41 Okeaninen als die 
ältesten. Die geehrteste und wichtigste derselben ist Stys, In 
der späteren Zeit bedeutete der Name des Okeanos das äussere 
grosse Meer im Gegensatz zum Mittelmeer. 

5. Pontos (Ilovtos) und sein GescMecht. 

Pont OS, eine nicht weiter individuaHsirte Personification der 
Meerestiefe, gilt als der Stammvater einer Eeihe von Meeresgöttern. 



— 81 — 

Er heisst Sohn der Gaia und erzeugte mit dieser den Kereiis, 
Thaumas, Phorkys, die Keto und Eurybie (Hes. Th. 131. 233 ff.). 
Von diesen ist der IsTame Eurybie ein Ausdruck der weiten Ver- 
breitung des mächtigen Elementes, Thaumas (ß'avfia), der Vater 
der Iris und der Harpyien, ein Büd der Wundererscheinungen 
nicht blos des Meeres, sondern namentlich auch des Himmels; denn 
man glaubte, dass diese aus dem Meere aufstiegen. Keto (%ijrog) 
und Phorkys ((IfoQKvg^ 06qoivv, ^OQZog, der Graue), ein Meergreis, 
dem in. Ithaka ein Hafen geweiht war (Od. 13, 96), repräsentiren 
die ungeheuerliche und grauenhafte Seite des Meeres und gelten 
als die Eltern vieler mythischen Ungeheuer, wie der Graien, Gor- 
gonen und des Drachen Ladon, der die Aepfel der Hesperiden 
bewacht (Hes. Th. 270. 333); auch heisst Phorkys Vater der 
iSTymphe Thoosa (&o6g), der stürmenden Meeresfluth, der Mutter 
des Kyklopen Polyphemos (Od. 1, 71). Nereus endlich vertritt 
mit seinem Geschlechte die freundliche und wohlwollende Seite 
des Meeres. 

6. Nereus (Nvjqsvs) und die Nereiden (NTjQstdsg). 

Nereus, der Meergreis (ysqtav aXiog II. 18, 141), der in den 
Tiefen des Meeres wohnt, war nach Hesiod (Theog. 233 ff.) der 
Sohn des Pontes und der Gaia, Gemahl der Doris, mit welcher 
er die Nereiden, die Nymphen des Meeres, erzeugt. Homer er- 
wähnt seine Eltern nicht. Einige erklären den Nereus, als Nicht- 
fliesser (wj-^eco, Nefluus)^ für den Gott des stets ruhigen, un- 
wandelbaren Seegründes. Er ist vorzugsweise der Gott des ägäischen 
Meeres, wo er seiae Behausung hat, ein weissagender, untrüglicher, 
müdgesinnter Greis, der in der Heraklessage ungefähr dieselbe 
Rolle spielt, wie Proteus in der Odyssee und Glaukos in der 
Argonautensage. Diese Gottheiten haben, wie das Element des 
Wassers unstät und wandelbar ist, neben der Weissagung die 
Macht, sich in beliebige Gestalten zu verwandeln. Als Herakles 
ausgezogen war, um die Hesperidenäpfel zu holen, überraschte er, 
auf Anzeige der Nymphen des Zeus und der Themis, den Nereus 
im Schlafe und fesselte ihn. Nereus verwandelte sich in allerlei 
Gestalten; da ihn aber Herakles nicht los liess, so weissagte er 
ihm endlich, wie er zu den Hesperiden gelangen würde. Diese 
Sage ist der homerischen von Proteus nachgebildet. Bei den Dar- 
stellungen des Nereus sind wie bei ähnlichen Meergöttern an 
Augen, Kimi und Brust statt der Haare Blätter einer zackigen 
Seepflanze angedeutet. 

Die Zahl der Nereiden, der schönen Töchter des Nereus, 
wird von Hesiod auf 50 angegeben, Homer nennt dereii 34, setzt 
aber hinzu, dass ihrer noch mehrere seien (H. 18, 37 ff.). Ihre 
Namen bezeichnen die verschiedenartigsten Eigenschaften des Meeres 

st oll, Mythologie. 6. Aufl. 6 



— 82 — 

und Beziehungen des Seelebens. Sie sind die IsTymphen des innern 
Meeres, während die Okeaninen die des äusseren Meeres, des 
Okeanos sind; die Naiaden dagegen sind die Nymphen der süssen 
Oewässer, Die Nereiden wohnen auf dem Grrunde des Meeres bei 
dem greisen Vater in silberglänzender Grrotte, mit weiblichen Ar- 
beiten, besonders mit Spinnen beschäftigt {xQvörjXaacctoi, mit goldenen 
Spindeln, Pindar. Nem. 5, 36 cf. Ovid. Met. 14, 264). Sie stehen 
den Schiffern bei und werden daher besonders an Hafenörtern ver- 
ehrt. Sie wurden dargestellt als jugendlich schöne, nackte, schlanke 
Gestalten, oft mit Tritonen und Seeungeheuern gruppirt. 

Die vorzüglichsten der Nereiden sind Amphitrite, die G-e- 
mahlin des Poseidon, und Thetis (0mg), die Gemahlin des Peleus, 
Mutter des Achilleus (H. 1, 538. 18, 35 ff.). Von diesen wird 
die erste durch ihre Verbindung mit dem Herrscher Poseidon die 
hohe Königin des Meeres, die andere ist durch ihre Ehe roit einem 
sterblichen Manne in alle Leiden des menschlichen Lebens herein- 
gezogen. Sie kennt das ihrem Sohne Achilleus bestimmte - Geschick, 
sie weiss, dass er in der Blüthe seiner Jahre fallen miiss. Sie 
liebt ihn mit aller ZärtKchkeit einer Mutter, sie hört seine Klagen 
und trauert mit ihm, und klagt um seinen frühen Tod. Von Hera 
war sie auferzogen und wider ihren WiUen von Zeus imd Hera 
mit Peleus vermählt worden (IL 24, 60). Nach späteren Sagen 
warben Zeus und Poseidon um ihre Hand ; Themis aber weissagte, 
dass ihr Sohn grösser werden würde als der Vater. Darum standen 
sie ab von der Bewerbung, und Zeus verband sie einem Sterb- 
lichen. An ihrem Hochzeitsfeste nahmen alle Götter Theil. Sie ist 
eine wohlwollende, hülfreiche Göttin gleich ihren Schwestern, mit 
denen sie bei Nereus in den Tiefen des Meeres wohnte. Sie nahm 
dort den vor Lykurgos flüchtenden Dionysos auf (H. 6, 135. Od. 
24, 75), ebenso den Hephaistos, als er von Hera aus dem Himmel 
geworfen ward, und als Zeus von Poseidon, Athene und Hera mit 
Pesselung bedroht wurde, rief sie den Aigaion zu Hülfe (p. 25. 49). 

Spätere Dichter nehmen Thetis geradezu für das Meer. Ver- 
ehrung genoss sie an einigen Orten, wie in Pharsalos, in Sparta. 

7. Leukothea Ino (AsvaoQ'm ^Ivco). 

Leukothea heisst eine Genossin der Nereiden. Homer spricht 
von ihr Od. 5, 333 ff., wo sie dem schiffbrüchigen Odysseus er- 
scheint und ihn rettet, indem sie ihm ihren Schleier hingibt. Sie 
scheint die nach dem Sturme eintretende Ruhe des Meeres zu be- 
zeichnen, wodurch die Schiffbrüchigen wieder das Land gewinnen 
können. Homer nennt sie Ino Leukothea, die Tochter desKadmos 
(cf. Hes. Theog. 975), welche früher eine Sterbliche war, nun aber, 
in den Tiefen des Meeres göttliche Ehre erlangt hat. Es ist dies 
eine Stelle des Homer, wo man deutlich sieht, dass er eine reichere 



— 83 ^ 

Sage gekannt hat, ohne sie weitläufig erzählen zu wollen. Die 
einfachste Sage, die dem Homer zu Grunde liegen mag, ist wohl 
dieer: Ino, die Tochter des thebanischen Kadmos, war die Ge- 
mahlin des Athamas, des Königs in Orchomenos, dem sie den 
Learehos und den Melikertes gebar. Sie erhielt den Sohn ihrer 
Schwester Semele, den Dionysos, zur Erziehung; darüber erzürnte 
Hera und machte den Athamas rasend. In der Easerei tödtete er 
Learehos und verfolgte Ino nebst Melikertes. Sie stürzte sich mit 
dem Sohne in das Meer, xmd beide wurden zum Lohne für die 
Erziehung des Dionysos zu Meergöttern erhoben, Ino als Leukothea, 
Melikertes unter dem Namen Palaimon. Nun bringen sie den 
Schiffern Hülfe in der Noth ('Ivw GcateiQa, Od. 1. 1.). Lio wurde an 
mehreren Orten Griechenlands verehrt, so zu Megara, in Chäronea, 
auf Kreta, auf dem Isthmos bei Korinth neben Poseidon und Pa- 
laimon. — Die Eömer identificirten sie theils mit Älinnea, theils 
mit der altitalischen Mater Matuta^ der gnädigen Göttin der dem 
Schiffer günstigen Tageshelle. 

Palaimon oder Melikertes, der Sohn der Ino, wurde be- 
sonders zu Korinth verehrt; ihm zu Ehren waren zuerst die isthmi- 
schen Spiele gefeiert worden. Die Korinthier erzählen, die Pluthen 
hätten seinen Leichnam an den Isthmos in den Hafen Schönus 
gebracht; dort habe ihn Sisyphos, der Herrscher von Korinth 
und Bruder des Athamas, gefunden und ihm zu Ehren auf Befehl 
der Nereiden die isthmisehen Spiele eingesetzt. So lange die Spiele 
dem Palaimon geweiht waren, erhielt der Sieger einen Eppich- 
kranz; als man sie aber dem Poseidon zu feiern anfing, wurde 
statt des Eppichs die Fichte eingeführt. — Die Kunst stellte den 
Palaimon als einen Knaben dar, der von Seegöttern oder Delphinen 
getragen wird. Die Römer identificirten ^n mit dem Hafengott 
Portunus oiev Portumnus, den man zu einem Sohne der Mater 
Matuta machte. 



8. Proteus (IJgGJzsvg). 

Proteus ist ein dem Poseidon untergebener weissagerischer 
Meergreis, der die Robben Amphitrites weidet und sich auf der 
Insel Pharos, eine Tagereise weit von der Mündung des Nil (des 
Aigyptos), aufhält. Des Mittags treibt er seine Heerde aus der 
Pluth ans Ufer und ruht mit ihr im Schatten der Pelsen. Als 
Menelaos auf der Rückfahrt von Troja an diese Insel kam und 
dort längere Zeit durch ungünstige Winde von der Fahrt zurück- 
gehalten wTirde, überfiel er, auf den Rath der Eidothea*), der 
Tochter des Proteus, den schlummernden Alten, um ihn zur Weis- 



*) . Eidothea (wissende Gröttin) bezeichnet in dem Namen der Tochter 
die Eigenschaft des •^eissagerischen Vaters. 

6* 



— 84 — 

sagting zu zwingen, anf welche Weise er zur Heimat gelangen 
könne. Proteus verwandelte sich in allerlei Grestalten, einen Löwen, 
Drachen, Panther, in Wasser und einen Baum; allein als er sah, 
dass man ihn nicht lassen wollte, nahm er seine gewöhnliehe 
Gestalt wieder an und weissagte nun dem Menelaos untrüglich. 
Er gibt ihm den Weg der Eückkehr an, sagt ihm, was seinen 
Freunden und seinem Hause Grutes und Böses während seiner Ab- 
wesenheit widerfahren ist, und verkündet ihm endlieh, dass er 
nicht sterben, sondern, als Eidam des Zeus, in das elysische G-efild 
eingehen werde, wo der blonde Ehadamanthys wohnt. Darauf 
tauchte der Greis wieder in das Meer (Od. 4, 351 — 570 cf. Yirg. 
Georg. 4, 387 ff.). Durch spätere mythologische Deuteleien wurde- 
Proteus zu einem König von Aegypten gemacht, der bei den 
Aegyptern Ketes (von «i^rog, Seeungeheuer) geheissen habe. Seine 
Gemahlin wird Psamathe (^ipccfia&og, Sand) genannt. Euripides 
in der Helena nimmt an, dass zu diesem ägyptischen König Proteus 
Hermes die yoii Paris entführte Helena gebracht habe. Nach an- 
derer Sage heisst es, als Paris mit Helena hierher gekommen sei, 
habe Proteus diese bei sich behalten und statt ihrer dem Paris- 
ein Schattenbild mitgegeben; nach dem Falle Trojas aber habe er- 
dem rückkehrenden Menelaos die wahre Helena wieder zugestellt.. 

9. Glaukos (^rXaviiog). 

Glaukos (der Grünlichblaue, von dem grünlichblauen 
Glänze des Meeresspiegels) war ursprünglich ein Gott der Schiffer 
und der Fischer, der zu Anthedon in Böotien verehrt wurde. Von 
da ging er über in die minye'ische Sage von den Argonauten. Er 
sollte die von ihm erbaute Argo gesteuert haben; in der Seeschlacht 
der Argonauten gegen die Tyrrhener blieb er allein unverwundet, 
wiu'de aber darauf nach dem Willen des Zeus ein Gott des Meeres, 
der dem Jason erscheint. Die späteren Dichter, welche die Sage 
von den Argonauten bearbeitet haben, machen ihn, gleich Proteus 
und Nereus, zu einem weissagerischen Meergott, dem Propheten 
des Nereus, der aus den Fluthen tauchend freiwillig den Argo- 
nauten weissagt. Die Einwohner von Anthedon erzählten, Glaukos 
sei ein Fischer gewesen, der durch den Genuss eines Krautes ge- 
trieben ward in das Meer zu springen, wo ihn Okeanos und Thetys 
zu einem Gotte machten (Ov. Met. 13, 904 ff.). Man versetzte 
den Gott auch nach Delos; hier sollte er mit den Nereiden ge- 
weissagt und- den Apollon selbst seine Kunst gelehrt haben. Als 
Weissagegott wurde er zum Vater der Sibylle De'iphobe gemacht 
(Virg. Aen. 6, 36). — Seine Abstammung wird verschieden ange- 
geben; man nennt Kopeus (das Euderholz), Polybos (der Näh- 
rende), Poseidon als seine Väter. Spätere vermengten ihn mit 
Melikertes. 



— 85 — 
Zu dem Eeiclie des Poseidon gehören auch 

10. Die Flüsse (Ilota^ot)^ 

die Söhne des Okeanos, des grössten aller Flüsse, und der Tethjs, 
deren sämmtliche Namen zu nennen kein Sterblicher vermag; aber 
in den einzelnen Ländern sind sie bekannt und werden als mächtig 
wirkende Götter verehrt. Bei Homer erscheinen sie einestheils, mit 
dem IsTaturelement identificirt, als die mächtig daher rauschenden 
Flüsse, anderntheils aber als freie, selbständige Gottheiten. Der 
Xanthos oder Skamander in Troas hatte einen eigenen Priester 
(n, 5, 78); Peleus gelobte dem Spercheios in seinem heiligen 
Haine (xi^zvog) auf dem Altare eine Hekatombe zu opfern und 
des Achilleus Haare zu weihen, wenn dieser glücklich aus dem 
Kampfe vor Troja zur Heimat kehrte (II. 23, 140 ff.). Die Haare 
der Jünglinge aber wurden den Plussgöttern geweiht, weil sie der 
aufwachsenden Jugend des Landes gleichwie den Pflanzen Gedeihen 
^aben. Beim Schwur ruft Agamemnon den Helios, der alles sieht 
und hört, und die Flüsse und die Erde und die Unterirdischen als 
Zeugen an (II. 3, 276); die Flüsse repräsentiren. hier neben den 
Göttern des Himmels und der Unterwelt mit der Gaia das Gebiet 
der Erde. Dies bezeugt, dass sie mächtige Götter sind, denen hohe 
Ehre zu Theil wird; doch alle sind sie dem Zexis unterthan. Bei 
-allgemeinen Götterversammlungen erscheinen sie auf dem Olympos 
(n. 20, 7). In den einzelnen Ländern treten sie oft als Väter der 
Stammheroen auf. — Homer nennt ausser den oben erwähnten als 
die bedeutendsten Acheloios, Axios, Alpheios, Enipeus, Si- 
moeis (11.2, 849. 5, 545. 21,194.307). Die trojanischen Flüsse 
nahmen thätigen Antheil an dem Kampfe für das Vaterland. Als 
Achilleus in der wüthenden Feldschlacht die Fluthen des Xanthos 
mit Leichen der Troer anfüllte, da Hess der erzürnte Gott seine 
Wellen anschwellen und drohte den Feind zu ertränken; aber auf 
der Hera Befehl griff Hephaistos mit seinem Feuer den Flussgott 
an und verbrannte ihn schrecklich (II. 21, 136 ff.). 
Der vornehmste aller griechischen Flüsse ist 

Acheloios, Acheloos {'A%£X(6ios, 'A%eK^o^). 

Dieser Fluss (jetzt Aspro-potamo) entspringt auf dem Pindos 
und fliesst durch Dolopia, auf der Grenze Yon Akamanien imd 
Aetolien, dem ionischen Meere zu; er mündet den echinadischen 
Inseln gegenüber. Er ist der grösste der griechischen Flüsse und 
kam schon in den ältesten Zeiten Griechenlands zu hohem Ansehen, 
weil er in der Nähe von Dodona floss. Daher heisst er auch der 
älteste der Flüsse, und Homer nennt ihn den Herrscher (H. 21, 
194 nQsiav). Das dodonäische Orakel soll immer am Ende seiner 



— 82 — 

und Beziehungen des Seelebens. Sie sind die Nymphen des innern 
Meeres, während die Okeaninen die des äusseren Meeres, des 
Okeanos siad; die Naiaden dagegen sind die Nymphen der süssen 
Gewässex'. Die Nereiden wohnen auf dem G-runde des Meeres bei 
dem greisen Vater in silberglänzender Grotte, mit weiblichen Ar- 
beiten, besonders mit Spinnen beschäftigt (jj^vavikaKUToi, mit goldenen 
Spindeln, Pindar. Nem. 5, 36 cf. Ovid. Met. 14, 264). Sie stehen 
den Schiffern bei und werden daher besonders an Hafenörtern ver- 
ehrt. Sie wurden dargestellt als jugendlich schöne, nackte, schlanke 
Gestalten, oft mit Tritonen und Seeungeheuern gruppirt. 

Die vorzüglichsten der Nereiden sind Amphitrite, die Ge- 
mahlin des Poseidon, und Thetis (0ewg), die Gemahlin des Peleus, 
Mutter des Achilleus (H. 1, 538. 18, 35 ff.). Von diesen wird 
die erste durch ihre Verbindung mit dem Herrscher Poseidon die 
hohe Königin des Meeres, die andere ist durch ihre Ehe mit einem 
sterblichen Manne in alle Leiden des menschlichen Lebens herein- 
gezogen. Sie kennt das ihrem Sohne Achüleus bestimmte Geschick, 
sie weiss, dass er in der Blüthe seiner Jahre fallen muss. Sie 
liebt ihn mit aller Zärtlichkeit einer Mutter, sie hört seine Klagen 
und trauert mit ihm, und klagt um seinen frühen Tod. Von Hera 
war sie auferzogen und wider ihren Willen von Zeus und Hera 
mit Peleus vermählt worden (IL. 24, 60). Nach späteren Sagen 
warben Zeus und Poseidon um ihre Hand 5 Themis aber weissagte, 
dass ihr Sohn grösser werden würde als der Vater, Darum standen 
sie ab von der Bewerbung, und Zeus verband sie einem Sterb- 
lichen, An ihrem Hochzeitsfeste nahmen alle Götter Theil. Sie ist 
eine wohlwollende, hülfreiche Göttin gleich ihren Schwestern, mit 
denen sie bei Nereus in den Tiefen des Meeres wohnte. Sie nahm 
dort den vor Lykurgos flüchtenden Dionysos auf (H. 6, 135. Od. 
24, 75), ebenso den Hephaistos, als er von Hera aus dem Himmel 
geworfen ward, und als Zeus von Poseidon, Athene und Hera mit 
Fesselung bedroht wurde, rief sie den Aigaion zu Hülfe (p. 25, 49). 

Spätere Dichter nehmen Thetis geradezu für das Meer. Ver- 
ehrung genoss sie an einigen Orten, wie in Pharsalos, in Sparta. 

7, Leukothea Ino (AsvKod-sa 'Xvci). 

Leukothea heisst eine Genossin der Nereiden. Homer spricht 
von ihr Od. 5, 333 fi'., wo sie dem schiffbrüchigen Odysseus er- 
scheiat und ihn rettet, indem sie ihm ihren Schleier hingibt. Sie 
scheint die nach dem Sturme eintretende Euhe des Meeres zu be- 
zeichnen, wodurch die Schiffbiüchigen wieder das Land gewinnen 
können. Homer nennt sie Ino Leukothea, die Tochter des Kadmos 
(cf. Hes. Theog. 975), welche früher eiue Sterbliche war, nun aber, 
in den Tiefen des Meeres göttliche Ehre erlangt hat. Es ist dies 
eine Stelle des Homer, wo man deutlich sieht, dass er eine reichere 



— 83 ~ 

Sage gekannt hat, ohne sie weitläufig erzählen zu wollen. Die 
einfachste Sage, die dem Homer zu Grunde liegen mag, ist wohl 
dieer: Ino, die Tochter des thebanischen Kadmos, war die Ge- 
mahlin des Athamas, des Königs ia Orchomenos, dem sie den 
Learchos und den Melikertes gehar. Sie erhielt den Sohn ihrer 
Schwester Semele, den Dionysos, zur Erziehung; darüber erzürnte 
Hera und machte den Athamas rasend. In der Easerei tödtete er 
Learchos und verfolgte Ino nebst Melikertes. Sie stürzte sich mit 
dem Sohne in das Meer, und beide wurden zum Lohne für die 
Erziehung des Dionysos zu Meergöttern erhoben, Ino als Leukothea, 
Melikertes unter dem I^Tamen Palaimon. ISTun bringen sie den 
Schiffern Hülfe in der Noth ('Ivro GmetQa, Od. 1. 1.). Ino wurde an 
mehreren Orten Griechenlands verehrt, so zu Megara, in Chäronea, 
auf Kreta, auf dem Isthmos bei Korinth neben Poseidon und Pa- 
laimon. — Die Eömer identificirten sie theüs mit Älhunea, theils 
mit der altitalischen Mater Matuta^ der gnädigen Göttin der dem 
Schiffer günstigen Tageshelle. 

Palaimon oder Melikertes, der Sohn der Ino, wurde be- 
sonders zu Korinth verehrt; ihm zu Ehren waren zuerst die isthmi- 
schen Spiele gefeiert worden. Die Koriathier erzählen, die Eluthen 
hätten seinen Leichnam an den Isthmos in den Hafen Schönus 
gebracht; dort habe ihn Sisyphos, der Herrscher von Koriath 
und Bruder des Athamas, gefunden und ihm zu Ehren auf Befehl 
der Nereiden die isthmischen Spiele eingesetzt. So lange die Spiele 
dem Palaimon geweiht waren, erhielt der Sieger etaen Eppich- 
kranz; als man sie aber dem Poseidon zu feiern anfing, wurde 
statt des Eppichs die Fichte eingeführt. — Die Kunst stellte den 
Palaimon als eiuen Knaben dar, der von Seegöttern oder Delphinen 
getragen wird. Die Eömer identificirten jJin mit dem Hafengott 
Portunus oder Portumnus, den man zu einem Sohne dev Mater 
Maiuta machte. 



8. Proteus {IlQotEvg). 

Proteus ist ein dem Poseidon untergebener weissagerischer 
Meergreis, der die Robben Amphitrites weidet und sich auf der 
Insel Pharos, eine Tagereise weit von der Mündung des Nu (des 
Aigyptos), aufhält. Des Mittags treibt er seine Heerde aus der 
Eluth ans Ufer und ruht mit ihr im Schatten der Felsen. Als 
Menelaos auf der Eückfahrt von Troja an diese Insel kam und 
dort längere Zeit durch ungünstige Winde von der Fahrt zurück- 
gehalten wurde, überfiel er, auf den Rath der Eidothea*), der 
Tochter des Proteus, den schlummernden Alten, um ihn zur Weis- 

■ ^ 

_ *) Eidoth e a (wissende Göttin) bezeichnet in dem Namen der Tochter 
die Eigenschaft des -^eissagerischen Vaters. 



— 84 — 

sagung zu zwingen, auf welche Weise er zur Heimat gelangen 
könne. Proteus verwandelte sich in allerlei Grestalten, einen Löwen, 
Drachen, Panther, in Wasser und einen Baum; allein als er sah, 
dass man ihn nicht lassen wollte, nahm er seine gewöhnliche 
Grestalt wieder an und weissagte nun dem Menelaos untrüglich. 
Er gibt ihm den Weg der Eückkehr an, sagt ihm, was seinen 
Freunden und seinem Hause Gutes und Böses während seiner Ab- 
wesenheit widerfahren ist, und verkündet ihm endlich, dass er 
nicht sterben, sondern, als Eidam des Zeus, in das elysische G-efild 
eingehen werde, wo der blonde ßhadamanthys wohnt, Daranf 
tauchte der Greis wieder in das Meer (Od. 4, 351 — 570 cf. Virg, 
Georg. 4, 387 ff.). Durch spätere mythologische Deuteleien wurde 
Proteus zu einem König von Aegypten gemacht, der bei den 
Aegyptern Ketes (von '/ci^Tog, Seeungeheuer) geheissen habe. Seine 
Gemahlin wird Psamathe (^pccf.iad'og, Sand) genannt. Euripides 
in der Helena nimmt an, dass zu diesem ägyptischen König Proteus 
Hermes die von Paris entführte Helena gebracht habe. Nach an- 
derer Sage heisst es, als Paris mit Helena hierher gekommen sei, 
habe Proteus diese bei sich behalten und statt ihrer dem Paris 
ein Schattenbild mitgegeben; nach dem Falle Trojas aber habe er 
dem rückkehrenden Menelaos die wahre Helena wieder zugestellt.. 

9. Glaukos (Tlavicog). 

Glaukos (der Grünlichblaue, von dem grürdichblauen 
Glänze des Meeresspiegels) war ursprünglich ein Gott der Schiffer 
und der Fischer, der zu Anthedon in Böotien verehrt wurde. Von 
da ging er über in die miuyeische Sage von den Argonauten. Er 
sollte die von ihm erbaute Argo gesteuert haben; in der Seeschlacht 
der Argonauten gegen die Tyrrhener blieb er allein unverwundet, 
wurde aber darauf nach dem Willen des Zeus ein Gott des Meeres, 
der dem lason erscheint. Die späteren Dichter, welche die Sage 
von den Argonauten bearbeitet haben, machen ihn, gleich Proteus 
und Nereus, zu einem weissagerischen Meergott, dem Propheten 
des Nereus,. der aus den Fluthen tatichend freiwillig den Argo- 
nauten weissagt. Die Einwohner von Anthedon erzählten. Glaukos 
sei ein Fischer gewesen, der durch den Genuss eines Krautes ge- 
trieben ward in das Meer zu springen, wo ihn Okeanos und Thetys 
zu einem Gotte machten (Ov. Met. 13, 904 ff.). Man versetzte 
den Gott auch nach Delos; hier sollte er mit den Nereiden ge- 
weissagt und 'den Apollon selbst seine Kunst gelehrt haben. Als 
Weissagegott wurde er zum Vater der Sibylle De'iphobe gemacht 
(Virg. Aen. 6, 36). — Seine Abstammung wird verschieden ange- 
geben; man nennt Kopeus (das Euderholz), Polybos (der Näh- 
rende), Poseidon als seine Väter. Spätere vermengten ihn mit 
Melikertes. 



— 85 — 
Zu dem Reiclie des Poseidon gehören auch 

10. Die Flüsse (Uoraiioi^, 

:die Söhne des Okeanos, des grössten aller Flüsse, und der Tethjs, 
deren sämmtliche Namen zu nennen keia Sterblicher vermag; aber 
in den einzelnen liändern sind sie bekannt und werden als mächtig 
wirkende Götter verehrt. Bei Homer erscheinen sie einestheils, mit 
dem Naturelement identificirt, als die mächtig daher rauschenden 
Flüsse, anderntheils aber als freie, selbständige Gottheiten. Der 
Xanthos oder Skamander in Troas hatte einen eigenen Priester 
(n, 5, 78); Peleus gelobte dem Spercheios in seinem heiligen 
Haine (rsy,evog) auf dem Altare eine Hekatombe zu opfern und 
des Achilleus Haare zu weihen, wenn dieser glücklich aus dem 
Kampfe vor Troja zur Heimat kehrte (II. 23, 140 ff.). Die Haare 
•der Jünglinge aber wurden den Flussgöttern geweiht, weil sie der 
aufwachsenden Jugend des Landes gleichwie den Pflanzen Gedeihen 
^aben. Beim Schwur ruft Agamemnon den Helios, der alles sieht 
und hört, und die Flüsse und die Erde und die Unterirdischen als 
Zeugen an (II. 3, 276); die Flüsse repräsentiren. hier neben den 
Göttern des Himmels und der Unterwelt mit der Gaia das Gebiet 
der Erde. Dies bezeugt, dass sie mächtige Götter sind, denen hohe 
Ehre zu TheU wird; doch alle sind sie dem Zeus tmterthan. Bei 
allgemeinen Götterversammlungen erscheinen sie auf dem Olympos 
(n. 20, 7). In den einzelnen Ländern treten sie oft als Väter der 
Stammheroen auf. — Homer neimt ausser den oben erwähnten als 
die bedeutendsten Acheloios, Axios, Alpheios, Enipeus, Si- 
moeis (11.2, 849. 5, 545. 21,194.307). Die trojanischen Flüsse 
nahmen thätigen Antheil an dem Kampfe für das Vaterland. Als 
Achüleus in der wütbenden Feldschlacht die Fluthen des Xanthos 
mit Leichen der Troer anfüllte, da Hess der erzürnte Gott seine 
Wellen anschwellen und drohte den Feind zu ertränken; aber auf 
der Hera Befehl griff Hephaistos mit seinem Feuer den Flussgott 
an und verbrannte ihn schrecklieh (H. 21, 136 ff.). 
Der vornehmste aller griechischen Flüsse ist 

Acheloios, Acheloos {'Axs^cotog, ^A%EK(pos). 

Dieser Fluss (jetzt Aspro-potamo) entspringt auf dem Pindos 
und fliesst durch Dolopia, auf der Grenze von Akamanien xmd 
Aetolien, dem ionischen Meere zu; er mündet den echinadischen 
Inseln gegenüber. Er ist der grösste der griechischen Flüsse und 
kam schon in den ältesten Zeiten Griechenlands zu hohem Ansehen, 
weil er in der Nähe von Dodona floss. Daher heisst er auch der 
älteste der Flüsse, und Homer nennt ihn den Herrscher (II. 21, 
194 Kqdviv). Das dodonäische Orakel soll immer am Ende seiner 



— 86 — 

Sprüche beföhlen haben, dem Acheloos zu opfern. Man dachte sich 
ihn auch in Gestalt eines Stieres mit Stierhörnem; denn der Stier 
ist ein Symbol der Befruchtung und des Wachsthums; zugleich 
aber ist mit dem Stierkopf der Begriff stets vorstrebender Gewalt 
verbimden. Er warb um De'ianeira, die Tochter des ätolischen 
Königs Oineus; als aber Herakles in derselben Absicht erschien, 
musste er mit diesem um die Braut kämpfen. Er verwandelte sich 
in eine Schlange, in einen Stier u. s. w.; aber endlich erlag er 
dem gewaltigen Gegner (Soph. Trachia. 9 ff.). Die Sage fügt 
hinzu, Herakles habe ihm im Kampfe ein Hörn ausgebrochen, 
welches die Naiaden mit Früchten füllten und zum Segenshorne 
machten, gleich dem Hörne der Amaltheia (Ovid. Met. 9, 1 ff.), 
Herakles aber seinem Vater Zeus übergab. Ueber die Entstehung 
der echinadischen Inseln, welche sich von Acheloos herschreibt, 
siehe Ovid. Met. 8, 576 — 588. Bei Dichtern und in Orakelsprüchen 
wurde Acheloos zum Appellativum und bedeutet schlechthin das 
Wasser. 

An die Flussgötter schKessen sich die Quellnymphen an, 
von denen unten, wo wir von den Nymphen überhaupt handeln, 
die Rede sein wird. 



III. Die Gottheiten der Erde und der Unterwelt. 

1. Gaia^ Ge (Fata, rij, Tellus). 

Gaia, die Erde, welche das Leben aus ihrem Schoose gebiert 
und alles Lebendige an ihrer Brust (evQvGxsQvog, mit der breiten 
Brust), trägt, wurde von Alters her als eine göttliche Macht an- 
gesehen und verehrt; sie war die allerzeugende und allnährende 
Mutter. Diesem weiblichen Wesen wurde als männliches der Hitnmel 
entgegengestellt, der mit seinem befruchtenden Regen die Erzeug- 
nisse der Erde hervorruft. Daher ward in dem alten Liede der 
dodonäischen Priesterinnen Gaia mit Zeus, dem Gotte des Himmels, 
gemeinschaftlich angerufen: 

„Zeus war, Zeus ist und Zeus wird sein. grossester Gott Zeus! 
Früchte spendet die Ge; drum nennet Mutter die Gaia!" 

Demeter, die göttliche Mutter Erde, bezeichnete ursprünglich 
dasselbe Wesen. Da die Verehrung dieser Gottheit bei den Griechen 
eine allgemeine Verbreitung fand, so musste Gaia in den Hiuter- 
grund treten: doch erhielt sich noch hier und da ein Cultus derselben. 

Bei Homer ist Gaia eine ehrwürdige, glorreiche (sQt%v8'^q) 
Gottheit, die man bei Eiden und Schwüren neben Zeus, Helios, 
Himmel und Unterwelt anrief (H. 3, 277 ff. 15, 36. 19, 258). 
Man opferte ihr ein schwarzes Lamm, während dem Helios ein 



— 87 — 

weisses dargebracht ward (II. 3, 104). Als die Gottheit von starker 
Zeugungskraft gebiert sie gewaltige Biesen, wie den Tityos auf 
Euböa. Femer heisst sie Mutter sebreckliclier Ungeheuer, wie des 
Drachen Python zu Delphi, des Typhao-n, alles Furchtbare und 
Grausenhafte kommt aus ihrer dunklen Tiefe. Als der Titane 
Kronos den Vater Uranos verstümmelte, da fing sie die fallenden 
Blutstropfen auf und gebar die furchtbaren Erinyen, die riesigen 
Giganten und die melischen Nymp^hen (Gottheiten des moi^- 
denden Kampfes, deim aus der Esche, (isXla, ward der Schaft der 
Lanze gemacht, Theog. 183 ff.). Dem Pontos gebar sie den he- 
raus, Thaiimas, Phorkys, die Keto und Eurybie (232 ff.). 
Siehe noch p. 7. 

Die Autochthonen, die Eingeborenen des Landes, wie der 
attische Erechtheus, heissen Kinder der Gaia (H. 2, 548, an dieser 
Stelle wird das Wort "ÄQovQa statt rata gebraucht). Die Allnährerin 
imd Spenderin aller Gaben (^aCdooQog, Ttavömga, avrjGiöaqa, 7t« fi- 
jEtjjTEt^c, mater älma) nimmt sich auch der aufwachsenden Jugend 
des Landes an; sie wurde deshalb als Kovqoxqocpog, Ernährerin der 
Kinder, verehrt. Als solche hatte sie zu Athen auf der Burg ein 
Heiligthum. Weil aus der Tiefe der Erde die begeisternden Dämpfe 
der Weissagung aufsteigen, so gehört Gaia auch zu den weissagenden 
Gottheiten. Sie war die erste Besitzerin des delphischen Orakels; 
dem Kronos offenbarte sie, dass er von einem seiner Söhne der 
Herrschaft würde beraubt werden; durch ihre Künste unterstützt, 
zwang Zeus den Kronos die verschltmgenen Kinder wieder aus- 
zuspeien, und auf ihren Eath löste Zeus im Titanenkampfe die 
Hekatoncheiren und Kyklopen. * 

Stätten ihrer Verehrung waren ausser Athen zu Sparta, zu 
Delphi, zu Olympia, in Tegea und' an andern Orten. Es werden 
zwar von den Alten Bildsäulen der Gaia erwähnt, doch hat sich 
keine derselben erhalten. Sie trug einen Schlüssel in der Hand; 
denn sie schliesst die Tiefen der Erde auf und lässt alles Lebende 
heraufsteigen. 

2. Nymphen (NviKpai, NympJiae). 

Die Nymphen, d. h. Mädchen, waren Göttinnen niederen 
Ranges, welche auf der Erde wohnten, ia Hainen und auf Bergen, 
an Quellen, Flüssen und Strömen, in Thälern xmd Grotten. Sie 
verdanken ihre Entstehung dem religiösen Sinn, welcher in allen 
Kreisen der Natur das Weben und Walten göttlicher Mächte sieht 
und die Kräfte der Natur personificirt. Bei Homer muss man 
Nymphen im weiteren und engeren Sinne imterscheiden, Kalypso, 
die Tochter des Atlas (Od. 1, 14), Phaethusa und Lampetie, 
die Töchter des Helios und Hüterhmen seiaer Heerden (Od. 12, 132), 
heissen auch Nymphen; allein sie sind verschieden von den Nymphen 



— 88 — • 

im engeren Sinne, den Töchtern des Zeus (kovqui ^log), welche 
Berge, Haine, Quellen und Wiesen zum Wohnorte haben (IL 6, 
420. 20, 8. Od. 6, 123. 17, 240) und die wohlthätigen Geister 
dieser Oertlichkeiten sind. Bei Homer sind sie im Allgemeinen 
keineswegs mit den Naturgegenständen eng vei^knüpft; denn dieser 
Dichter sucht stets seine Gottheiten, von den Banden der Natur 
gelöst, selbständig und frei hinzustellen. Sie sind wohl die Be- 
wohnerinnen der genannten Oertlichkeiten, aber ihr Thun bezieht 
sich nicht auf ein stilles Walten im Innern der Natur. Sie tanzen 
fröhliche Reigen und sitzen in purpurnen Gewändern in kühlen 
Grotten, mit Weben beschäftigt. Häufig sind sie in dem Gefolge 
und der Umgebung höherer Gottheiten, mit Artemis schweifen sie 
jagend durch Berge und Wälder, sie bedienen die Kirke u. s. w. 
(Od. 6, 105. 9, 154. 10, 348. 12, 318. 13, 107. 17, 240. H. 6, 
420. 24, 616). Wenn eine allgemeine Götterversammlung gehalten 
wird, so kommen auch sie zum Olymp (IL 20, 8). Mit den Sterb- 
lichen verkehren sie gerne, sie sind ihnen meist gütig lind hülf- 
reich, sie nähren ihnen anvertraute Kiader; dem Jäger scheuchen 
sie das Wild auf, sie pflanzen Bäume imd nähren das Wachsthum 
derselben. Aber sie können dem Menschen auch verderblich werden, 
sie rauben schöne Jünglinge (Hylas), veranlassen frühen Tod und 
versetzen, namentlich die Quellnymphen, in Sinnesverwirrung. Die 
Menschen lassen ihnen göttliche Verehrung zu Theil werden, 
Odysseus opfert ihnen Hekatomben und betet zu ihnen (Od. 13, 
350 ff.). Auf Ithaka hatten sie in der Nähe der Stadt an einer 
Quelle, wo man das Wasser holte, einen heüigen Altar (Od. 
17, 210). 

An einer Stelle des Homer (Od. 10, 350), welche aber wahr- 
scheinlich jüngeren Ursprungs ist, heisst es von den Nymphen, 
dass sie aus Quellen und Hainen und heiligen Flüssen entstehen. 
Hiernach ist also ihre Existenz an die Naturgegenstände selbst 
gebunden, sie walten in ihnen und beleben sie, und eine natürliche 
Folge ist, dass ihr Leben auch zugleich mit dem Gegenstande 
untergehen muss. Diese Vorstellung ist die in der späteren Zeit 
herrschende. 

Nach den verschiedenen Naturgegenständen, an welche sie 
geknüpft sind, haben die Nymphen verschiedene Namen; so unter- 
scheiden wir: 

Nymphen der Gewässer. Wir können zu diesen auch 
„das heiKge Geschlecht des Okeanos" rechnen, die Okeaninen 
oder Okeaniden ('üxeawvat, ^ilneccviösg), sowie die Nereiden 
(NriQei'deg)^ die Göttinnen des Innern Meeres (Soph. Phil. 1470. 
Nvjxcpai ahat). Die Nymphen der Landgewässer überhaupt heissen 
Naiaden (JVijttfag) und zerfallen wieder in die Flussnymphen 
(iZorajtAtjttfsg), welche ihre einzelnen Namen von den einzelnen ihnen 
zugetheilten Flüssen empfangen haben (Achelo'ides, Ismenides 



— 89 — 

u. s. w.), Quellnymphen (^KQt^vatai, HYiycaai), Nymphen der 
stehenden Gewässer (^EiXsiovo^oi, Atfivamösg, Aifivfxdsg). Weil 
die Quellen eine begeisternde Kraft haben sollten, so schrieb man 
den Wassernymphen die Kunst der Weissagung zu und brachte 
sie in Beziehung zu G-esang imd Dichtkunst. Daher sollten sie 
auch den Apollon erzogen haben, und lu-sprünglich waren die 
Musen nichts anderes, als begeisternde Quellnymphen. Begeisterte 
Seher xmd Priester Messen Söhne von ISTymphen, von Wahnsinn 
Ergriffene, verzückte Weissager nannte man vvftgjoAijnJTot. Quellen 
haben heilende Kraft, darum gehören die Nymphen auch in den 
Kreis der Heilgottheiten ; und weil sie durch ihre Feuchtigkeit 
Blumen xmd Kräuter nähren, so sind sie auch die segensreichen 
Nährerinnen der Thiere und der Menschen (iiovQorQ6g)oi, KaQJtoxQOipot, 
vofiiai) und werden die Erzieherinnen des Zeus und des Dionysos. 
Als solche nährende Gottheiten treten sie häufig in Verbindimg 
mit dem heerdensegnenden Hermes; mit Dionysos und seinen 
Genossen, Silen, Pan und den Satyrn, schweifen sie auf den Bergen 
uinher tmd führen muntere Tänze auf. 

Die Nymphen der Berge, die Oreaden ('O^iemdeg, '0(>£(>w- 
ccöeg, ^ÖQOös^vtadsg, Oreädes), erhalten auch ihre Eiazelnamen von 
den Bergen, denen sie zugetheilt sind, wie die Peliaden, Ki- 
thäroniden, die diktäischen u. s. w. nach dem Pelion in Thes- 
salien, dem Kithäron in Böotien, dem Dikte auf Kreta. Ihre 
Wirksamkeit erstreckte sich jedesmal auf den ihnen zugewiesenen 
Bezirk. — Zu den Oreaden gehört Echo ('fi^ro), der Wiederhall, 
eine Nymphe, welche, von Hera bestraft, weder zuerst zu reden, 
noch, wenn ein Anderer redet, zu schweigen vermag. In die ein- 
samen Wälder Verstössen, liebte sie den spröden, selbstgefälligen 
Narkissos (Nardssus) und verschmachtete aus Gram, dass endlich 
ihr Gebein zu einem Felsen ward und nur noch die Stimme von 
ihr übrig blieb. Narkissos aber wurde nun verdammt sein eignes 
Bild zu lieben; er sitzt an der Quelle und beschaut sein Bildniss, 
bis er sich in unbefriedigter Selbstliebe verzehrt hat. Seine Leiche 
ward zur Blume gleichen Namens (Ovid. Met. 3, 341 — 510). — 
Aehnliche Wesen wie die Oreaden sind die Napäen (JVajtarort), 
welche in Thälern und Schluchten, die Als'e'iden (^AkGrjWsg), die 
in Hainen und Wäldern sich aufhalten imd zuweilen den Wanderer 
schrecken. Eine verwandte Klasse sind 

Die Nymphen der Bäume, die Dryaden, Hamadryaden 
i^qvadeg^ 'A^aöqvaSeg)^ deren Leben an einzelne Bäume geknüpft 
war und die nach den verschiedenen Arten der Bäume wieder 
verschiedene Namen hatten. Homer kennt diese Klasse von Nymphen 
nicht; Hesiod nennt die melischen Nymphen, die Escheimymphen 
(siehe Gaia). Nach dem hom. Hymnus iw Vener. 259 ff. wohnen 
die Dryaden im waldigen Gebirge, wo sie mit den Unsterblichen 
herrliche Eeigen tanzen und in anmuthigen Grotten mit Hermes 



— 90 — 

xind Silenen in Liebesverein leben; zugleich mit ihrer Geburt sprossen, 
hochwipflige Eichen und Tannen auf, doch wenn nach langer Zeit 
die Stunde ihres Todes naht, dann welken auch die herrlichen. 
Bäume hin, und zugleich mit ihnen verlässt die Seele der Götinnen. 
das Tageslicht. 

Ausserdem finden sich noch bestimmte Ortsnymphen, welche 
ohne allgemeinen Namen nach den verschiedenen Orten, wo sifr 
wohnen und wirken, genannt werden, wie die Nymphen von Nysa, 
Dodona, Lemnos u. s. w. 

Die Nymphen hatten an vielen Orten Heiligthümer an Quellen, 
und Flüssen, in Hainen und Grotten; in späterer Zeit baute man ihnen 
auch in Städten prachtvolle Nymphäen, in denen man Hochzeiten zu 
feiern pflegte. Sie wurden dargestellt als schöne blühende Jungfrauen. 

3. Ehea, Kybele (Psia, 'Pia, Kvßikn, CyMe). 

Ehea, ursprünglich, wie es scheint, eine besondere Form der 
Erdgöttin als eine Göttin strömender (^g'w) Segensfülle, die Schwester 
und Gemahlin des Kronos, Mutter des Zeus und der übrigen 
Kroniden, wird bei Homer nur an einer Stelle (H. 15, 187) er- 
wähnt, und in der Theogonie des Hesiod ist sie auch nur in sofern 
von Bedeutung, als sie die Mutter der Kroniden ist (siehe oben 
Zeus und die Göttergeschlechter). Auch fand sie in Griechenland 
nur hier und da eine untergeordnete Verehrung, stets in Verbindung 
mit ihren Kindern. Die Sage von der Geburt des Zeus hat sich 
besonders auf der Insel Kreta entwickelt; hier aber hatte sich, 
schon früh asiatischer Cult mit griechischem verbunden. . So kam 
es, dass Ehea mit der verwandten phrygischen Kybele oder 
Kybebe zusammenfloss und ganz in dieser Vorstellung aufging. 

Kybele, die grosse Mutter, die Bergmutter, ward von 
Alters her unter verschiedenen Namen an vielen Stellen Klein- 
asiens vorzugsweise auf Gebirgen in orgiastischer Weise verehrt 
als eine mächtige, lebenverbreitende Göttin der Erde. Namentlich 
war sie als solche auch eine Göttin des Wein- und Ackerbaus und 
der darauf beruhenden Cultur, also auch eine Gründerin der Städte 
und Burgen, und zum Zeichen dessen trug sie auf dem Haupte 
die Mauerkrone. In den wilden Gebirgen schweifte sie umher, 
umgeben von Löwen und Pardeln und umbraust von der lärmenden 
Musik ihr dienender dämonischer Wesen. So standen in Phry- 
gien ihr die Korybanten als Diener zur Seite; in Troas, wo- 
sie als die idäische Mutter am Berge Ida verehrt ward, um- 
gaben sie die idäischen Daktylen, künstliche Arbeiter in Erz. 
Ihr ältestes Heiligthum hatte die Göttin unter dem Namen Ag- 
distis oder Angdistis (von dem Berggipfel Agdos) in Galatien 
zu Pessinus am Berge Dindymon, daher auch Dindymene genannt; 
in einem höhlenartigen Heiligthume, rcc KvßeXa, befand sich ihr 



— 91 — 

ältestes Bild, ein roher Stein (Meteorsteia?), der später nach Bora 
gebracht wurde. Ihre Priester sind dort die Galli, welche eine 
gewisse priesterliche Herrschaft über das Land ausübten. Ueber 
das Einzelne der Verehrung dieser grossen Göttin ist wenig be- 
kannt; im Allgemeinen war es ein wilder Dienst mit rauschender 
Musik, wobei das Tjmipanum, eine Handpauke, eine besondere 
Eolle spielte, und blutigen Verstümmelungen. Der Geliebte und 
Priester der Kybele war der schöne Jüngling Atys (Attis, Attes)^ 
er kam auf" eine grausame Weise um und man betrauerte ia 
wildem Schmerz seinen Tod. Dieses Wesen deutet (ähnlich dem 
Adonis) auf das Leben in der Natur, welches blühend auflebt und 
wieder erstirbt. Anderwärts vertritt seine Stelle Sabazios, der 
mit Dionysos identificirt ward. 

Dieser asiatische Dienst der Kybele verbreitete sich allmählich 
über ganz Griechenland, und nun ward sie, wie schon früher mit 
Ehea, auch mit anderen griechischen Gottheiten, mit Gaia (Soph, 
Phü. 391), Demeter (Eurip. Helen. 1301 fi".), vermengt, sodass 
eine allgemeine Verwirrung der Begriffe eintrat, die noch grösser 
ward, als auch die ägyptische Göttin Isis noch herbeigezogen wurde*), 

4. Dionysos {/liowöog, ^icoweog, Bä%%oe, Bacchus, lÄher). 

Dionysos, der Gott des Weines, wird bei Homer nur 
selten genannt. Der Dichter kennt ihn als den Sohn des Zeus 
und der Thebanerin Semele (II. 14, 325 cf. Hes. Theog. 
940**) und erwähnt von ihm zwei Mythen, den über Ariadne 
(Od. 11, 321 ff.) imd den über Lykurgos (IL 6, 130 ff.). 
Von Ariadne,- der Tochter des Miaos, erzählt er, dass Theseus sie 
von Kreta aus nach Athen habe führen wollen; unterwegs aber 
ward sie auf der Insel Dia (!N"axos) durch die Geschosse der 
Artemis getödtet***). Lykurgos, der Sohn des Dryas (des 
Walddickichts), König der Edoner in. Thrakien, verscheuchte die 
Ammen des trunkenen {(laivofisvog = ßäaxetog) Dionysos von dem 
nyse'i sehen Gefilde f), dass sie die heüigen Geräthe auf die Erde 

*) Mau neimt eine solche Vermischung verschiedener, ursprünglich 
von einander getrennter Gottheiten Synkretismus. 

**) Bei späteren Schriftstellern heisst er auch Sohn des Zeus und 
der Demeter. 

***) Diese Stelle des Homer ist verderbt, indem hier zwei Textes- 
recensionen ganz verschiedenen Inhalts zusammen verschmolzen sind. 
Nach der einen Recension ward Ariadne auf Naxos von Artemis getödtet; 
nach der andern wurde sie daselbst durch Artemis mit Hülfe des Dionysos 
{^lovvaov (i(XQzvQL7j6Lv) zuTückgehalten, damit sie dessen Gemahlin werde. 

t) Das Bergthal Nysa, wo Dionysos erzogen worden sein soll, ur- 
sprünglich nur ein Ort der Phantasie, wurde in verschiedene Länder 
verlegt, nach Thrakien, Arabien, Indien, Aegypten. Städte dieses Namens 
werden erwähnt in Thrakien, Böotien, auf Euböa und Naxos, ra Asien 
und Afrika. Der Gott hatte hiervon den Beinamen Nva^'Cog. 



— 92 — 

fallen Hessen, geschlagen von dem mordenden Lykurgos ; Dionysos 
selbst sprang erschreckt in die Wellen des Meeres, wo Thetis 
ihn in ihrem Schoose aufnahm. Den frevelnden König aber hassten 

alle Grötter, Zeus blendete 
ihn und kürzte sein Leben. 
An dieser Stelle des Homer 
wird Dionysos auch zu den 
himmlischen Gröttern gerech- 
net, wiewohl er, gleich De- 
meter, nicht unter die Grötter 
des Olympos eingereiht ist. 
Denn die Wirksamkeit dieser 
beiden Grottheiten erstreckt 
sich wesentlich auf das fried- 
liche Leben auf Erden. Da- 
her kommt es auch, dass 
Dionysos sowohl als Demeter 
in den Gredichten des Homer 
so selten genannt werden; 
diese friedlichen, den Acker- 
und Weinbau pflegenden Gott- 
heiten standen fern von dem 
wilden Treiben des Kriegs 
und dem bewegten Leben der 
Meerfahrt. 

Homer nennt den Dio- 
nysos die Freude der Menschen 
(IL 14, 325) und spricht von 
den Mainaden, den trunkenen 
Begleiterinnen des Dionysos, 
und den Thyrsusstäben als 
von bekannten Dingen. Die 
Yorstelltmg des Dionysos als 
eines Gottes , der durch die 
Gabe des Weins des Menschen Herz erfreut und Sorgen und Traurig- 
keit vergehwinden macht, musste also schon im Allgemeinen aus- 
gebildet sein und seine Verehrung schon, zum Theil in begeisterter 
orgiastischer Weise, eiae weite Verbreitung erhalten haben. 

Der Ursprung des Dionysosdienstes ist wahrscheinlich bei dem 
Stamme der Thraker zu suchen, der aus Nordgriechenland nach 
Böotien gewandert war. So wurde Theben die Geburtsstadt des 
Gottes*). Die Sage erzählt, dass Semele, die von Zeus geliebte 




Fig. 16. Dionysos. 



*) Auch andere Orte, wo Dionysos verehrt ward, nahmen die Ehre, 
Vaterland des Dionysos zu sein, für sich in Anspruch, wie Naxos, Elis, 
Eleutherae, Teos, &eta. 



93 



Tochter des K ad mos, von der eifersüclitigen Hera überredet, sich 
von Zeus, der ihr jeden Wunsch zu gewähren versprochen hatte, 
erbeten habe, er möge ihr in seiner ganzen Herrlichkeit, wie er 
der Hera zu nahen pflege, mit Blitz und Donner erscheinen. Dies 
geschah; die Flamme ergriff Semele und das Haus; sie gebar 
sterbend ein unreifes Kiud, welches Zeus sich in seine Hüfte*) 
nähen Hess und zeitigte. Hermes brachte später auf seinen Befehl 
das Kind zu Ino und Athamas nach Orchomenos. Hera aber 
versetzte diesen in Easerei (s. S. 83) und nun brachte Hermes 
das verfolgte Kind zu den Nymphen in Nysa, welche es in einer 
Höhle verborgen hielten xmd mit süsser Nahrung aufzogen. 




rig. 17. Schlafende Ariadne. 

Von Böotien aus hat sich der Dienst des Dionysos nach 
anderen Orten Griiechenlands verbreitet, nach den Gegenden des 
Parnassus, nach Athen, Sikyon, Korinth, Argos und nach den 
griechischen Inseln, wie ISTaxos, Lesbos u. s. w. In Naxos erscheint 
der Gott mit der Tochter des kretischen Minos, Ariadne**), in 
Verbindung. Dionysos nahm dem Theseus die aus Kreta entführte 
Ariadne gewaltsam ab und machte sie zu seiner Gemahlin, oder 
er fand sie auf der Insel, von Theseus verlassen, im Schlummer 
liegen, Zeus aber gab ihr die Unsterblichkeit (cf. Hes. Theog. 
947 ff.). Die Kinder des Dionysos und der Ariadne sind Oinopion 



*) MriQoe, die Hüfte; daraus büdete man später einen Berg Marcs 
in Indien, auf welchem Dionysos geboren sein sollte. 

**) Die Ableitung von uQt — avSdvco (die sehr Gefallende) lie^ 
nahe; aber der Name konamt her von ayvog, das bei den Kretern aSvog 
hiess; also die „Hochhehre". 



— 94 — 

(der Weintrinker), Euanthes (der Blühende) und Staphylos 
(Tranbenmann). 

Die Verbreitung des begeisternden, aufregenden Dionysoßcultus 
fand an vielen Orten Widerstand; aber der mäcMige G-ott ver- 
schaffte sich überall Eingang. Hierauf beziehen sich viele Sagen, 
zu denen auch die schon oben erwähnte Sage von Lykurge s 
gehört. Die spätere Zeit erzählt diese abweichend von Homer. 
Nach der Frevelthat des Lykurgos wurde das Land von Unfrucht- 
barkeit heimgesucht, und er selbst verfiel in Easerei, in der er 
seinen Sohn Dryas für eine Weinrebe ansah und tödtete. Hierauf 
verging der Wahnsinn; aber da die Unfruchtbarkeit des Landes 




Fig. 18. Dionysos. 

fortdauerte, so führte ihn das Volk auf Befehl des Dionysos auf 
den Berg Pangäon, wo ihn der Grott von Pferden zerreissen liess. 
— Ein ähnliches Schicksal hatte der Herrscher von Theben, 
Pentheus, der Sohn des Echion und der Agaue, einer Tochter 
des Kadmos. Er wollte den Frauen des Landes die Verehrung des 
Dionysos verbieten und suchte die Bakchantinnen in dem G-ebii-ge 
auf. Seine Mutter aber, die sich unter den Bakchantinnen befand, 
sah ihn in ihrer Easerei für einen Löwen oder einen Eber an und 
zerriss ihn (Eurip. Bacch, 1142, Ovid. Met. 3, 513 ff.). — In Argos 
versetzte Dionysos die Weiber, -weil sie ihm die Verehrung versagt 
hatten, in Easerei, dass sie ihre eigenen Bander tödteten und ver- 
zehrten. — Tyrrhenische Seeräuber hatten einst den Grott, den sie 
für einen^ Königssöhn hielten, vom Ufer geraubt und mit sich 
fortgeführt. Man band ihm Hände und Füsse, aber die Bande 
fielen ab. Der Steuermann rieth, ihn ans Ufer zu setzen, da er 
jedenfalls irgend ein Gott sei; aber der Führer des Schiffes ge- 
horchte nicht. Da umschlangen plötzlich Eebengewinde das ganze 



— 95 — 

Sohifif, der Gott verwandelte sich, selbst in einen Löwen, tind die 
Eäuber sprangen erschreckt ins Meer tmd wurden Delphine. Nur 
der Steuermann blieb verschont; ihm gab sich Dionysos zu er- 
kennen und machte ihn glücklich (Hom, Hynm. 7. in Dionys. cf. 
Ovid. Met. 3, 603 ff.). 

So schaffte sich der G-ott überall Anerkennung. Umgeben 
von einem Heere von Weibern, den Mainaden oder Bakchan- 
tinnen, die als Waffe den mit Weinreben und Epheu umwun- 
denen Thyrsusstab trugen, von Silenen und Satyrn, zog er von 
Lande zu Land, um seinen Dienst zu lehren und den Menschen 
seinen Frieden zu bringen. Als Alexander der Grosse nach Asien 
zog, verbreitete sich auch Dionysoscult nach dem Oriente bis nach 
Lidien hin, und man dichtete nun, Dionysos sei bis nach Indien 
gezogen, habe bis dorthin sich die Völker unterworfen und seine 
Altäre aufgerichtet. Nachdem er nun den Menschen seine Göttlich- 
keit offenbart und überall seinen Dienst eiageführt hatte, holte er 
seine Mutter Semele aus der Unterwelt undi führte sie unter dem 
Namen Thyone {&v(avri^ die Easende) mit sich in den Olympos*). 

Der tägliche Genuss des Weines erzeugt bei einem Volke 
einen heiteren, milden und sinnlich gemüthlichen Sinn, er bändigt 
die wilde Kraft und führt zu einem fröhlichen geselligen Leben. 
So hat der Ctütus des Dionysos etwas Weiches und Mildes, und 
der Gott selbst wurde angesehen als der Verbreiter einer milderen 
Gesittung. Zugleich aber zieht der Cultus des Weingottes aus 
einem ernsten und strengen Leben wieder zu dem üppigen Genuss 
sronlieher Lebensfülle herab, zu geistumnebelndem Bausche, zu 
einem Zustande des Lebens, welcher dem strengen und klaren 
althellenischen Leben völlig entgegengesetzt war. Daher kam es, 
dass der Cultus des Dionysos, welcher später als der der olym- 
pischen Götter seine Verbreitung fand, an vielen Orten als der 
bestehenden Sitteneinfalt gefährlich zurückgewiesen wurde. Beson- 
ders war der Dienst des strengen und ernsten Gottes Apollon, 
welcher schon vor Dionysos unter den Hellenen allgemeine Anerken- 
nung genoss, von dem dionysischen verschieden; aber auch Apollon 
war gezwungen, den jungen Gott, der seine Macht immer weiter 
ausbreitete, an seine Seite treten zu lassen. In Delos soll der 
Dienst des Apollon schon durch Theseus gemildert worden sein, 
indem dieser bei demselben dionysische Eeigentänze einführte; in 
Delphi erhielt Dionysos Theil an dem apollinischen Orakel, und 
auf den Gipfeln des Parnass biannten ihm wie dem Apollon zu 
Ehren heilige Eeuer (Eurip. Phoeniss. 234. Sophocl. Antig. 1107 ff.). 

Der Grund, warum man den Naturgott Dionysos dem strengen 
Apollon nähern konnte, lag in der begeisternden Natur des 



*) Hes. Theog. 942. vvv S" dfi(p6xsQoi. Q'soC sIglv. Dionysos selbst 
heisst @vcovtdr}g, Thyonms. 



- 96 — 

Dionysos, vermöge welcher er aucli zur Weissagung befähigt war. 
Er hatte an manchen Orten Orakel, unter anderm gab er zu 
Amphikleia in Phokis den Kranken im Traume die Heilmittel an. 
Er ist also wie Apollon ein latQOfiavng, ein Arzt durch Weissagung. 
Seine Gabe, der Wein, bringt den Menschen G-esundheit und Kraft j 
wie der Gott die Sorgen der Seele verscheucht {Avcctog^ der Sorgen- 
löser), so vertreibt er auch das Siechthum des Körpers; er ist ein 
Eetter (acaviqQ). in geistiger und leiblicher Hinsicht. Bei Sophokles 
(Oed. T. 205) ruft ihn der Chor als den Retter in den verheeren- 
den Seuchen an, und bei Gastmählern weihte man einen Becher 
Weines dem Retter Zeus und einen zweiten dem Dionysos Aga- 
the daimon, dem guten Geiste. Wie Dionysos, der Begeisternde, 
mit Apollon verbunden ward, so stellte man ihn auch auf der 
andern Seite als den wohlwollenden erfreuenden Gott der heiteren 
Geselligkeit mit den Chariten, den Musen, mit Eros und 
Aphrodite zusammen. Er förderte Gesang (MsXito^svog) und 
heitere Kunst; an seine Feste schliesst sich die Ausbildung des 
Dramas, sowie auch einer besonderen Gattung der lyrischen Dicht- 
kunst, des Dithyrambus, an. Auch die Entwicklung des Sinnes 
für bildliche Darstellung durch die plastische Kunst wurzelt wesent- 
lich in der Fülle und Frische des Lebens, welche den Dionysos- 
cultus charakterisirt, die Gabe des Dionysos steigert die Phantasie 
und die sinnliche Anschauungskraft. 

Der GofC des Weines und des Weinbaues erhielt in Bezug 
auf die Natur noch eine weitere Bedeutung; wie er die Rebe 
wachsen lässt und pflegt, so gibt er auch den Pflanzen überhaupt 
Wachsthum und üppiges <7edeihen. Er belaubt den Baum, ruft 
die Blüthen hervor und zeitigt das Obst {^svdQtrrig, ^Av&£vg, 0Xot6gy 
von cploia, floreo, ich blühe). Daher heisst er aiich Hyes ("^'ijg), 
der durch Feuchtigkeit befruchtende, er wird erzogen von den 
Hyaden und begleitet von den Nymphen (Soph. Oed. Tyr. 1075). 
Er reiht sich daher in dieser Beziehung an Demeter und Persephone 
an. Wie Demeter liebt er den Frieden und die Gesetzmässigkeit 
(^@e<ifiog)6Qog) und mildert die Sitten der Menschen. 

Anfangs hielt sich der Cultus des Gottes noch der Natur des 
griechischen Volkes entsprechend in den Schranken der Mässigung. 
Der wohlwollende, freundliche Gott (^Evßovlsvg), der das gesellige 
und häusliche Leben verschönt, wurde in fröhlicher Heiterkeit, doch 
ohne Ausgelassenheit nnd Sinnentaumel verehrt. Plutarch sagt: 
„Vor alter Zeit feierte man das Bakchosfest ganz einfach, aber 
doch fröhlich genug. Voran im Zuge wtirde ein Krug mit Wein 
und Reben getragen, dann kam ein Bock, und dann noch Einer, 
der einen Korb mit Feigen trug." Allmählich aber fielen die 
Schranken der Ordnung, der Gott erfreute sich an rauschendem 
Lärm, man gab sich trunkener Begeisterung und zügellosem, aus- 
schweifendem Rausche der Sinne hin, und gerade dieses Aufgeben 



— 97 — 

eines klaren sittlichen Lebens und des Versenken in die üppige 
Lebensfülle braclite dem griecbiscben Volke den Untergang, Der 
rauschende Dienst des Dionysos, des Bakchos, des Lärmenden 
(dieser Name findet sich erst nach Herodot), kam 'wahrscheinlich 
aus Thrakien und verbreitete sich allmählich über ganz Griechen- 
land und die Kolonien. Der Gott versetzte seine Diener in Easerei, 
man lief in ungebändigter Wildheit xmter dem Ausruf evot (Evoe) 
umher und überliess sich den schrecklichsten Ausschweifungen, 
zerriss Thiere und ass das blutige Fleisch. (Die Beinamen, welche 
•sich hierauf beziehen, sind Eviog, Bauynog tmd BaK^Hog, BQOfiiog u. a.) 
Dieser Dienst des Bakchos hat etwas Asiatisches, ähnlich dem Dienste 
der Kybele, des Atys und Sabazios; daher kam es, dass- man mit 
der Zeit beide Culte mit einander verband und den Dionysos mit 
Sabazios identificirte. Man erkannte nun in Dionysos das blühende 
Leben der ganzen Natur, das nach kurzem Dasein dem Tode verfällt. 

Diese Idee griffen besonders die Orphiker auf und deuteten 
sie nach ihrer Weise und zu ihren Zwecken aus. Sie erzählten 
von dem Dionysos -Zagreus, dem Zerrissenen, dem Sohne des Zeus 
und der Persephone, der von Zeus auf den Thron des Himmels 
gesetzt, aber von den Titanen zerrissen ward. Athene rettet das 
zuckende Herz und bringt es dem Zeus; dieser verschlingt es und 
erzeugt nun den Dionysos aufs neue. Man führte diese Vorstellung 
des Dionysos-Zagreus in die Mysterien der Demeter und Persephone 
ein imd stellte den Gott mit Hades zusammen; seine Verehrung 
bestand nicht allein in rauschender Freude, wie in den gewöhnJicben 
Culten des Volkes, sondern auf Lust und Entzücken folgte Schmerz 
tmd tiefe Trauer. Li dem Schicksal des Zagreus erkannte man 
das Loos der Menschen, die nach kurzer Lebensdauer gleich den 
Pflanzen, der Erde vom Tode ergriffen werden; aber wie Dionysos, 
nachdem er von den Titanen zerrissen war, wieder zu neuem, 
schönerem Leben hervortrat, so ist auch dem Menschen nach dem 
Tode ein neues Erwachen besehieden. 

Unter den Festen des Dionysos sind die älteren, ländlichen 
Winzerfeste von denen zu unterscheiden, welche später in frechen 
Ausschweifungen mit allerlei nächtlichen mystischen Gebräuchen 
gefeiert wurden. In den zu Athen gefeierten Dionysosfesten erkennt 
man noch, selbst in den Zeiten ihres höchsten Glanzes, den Charakter 
ländlicher Einfachheit. Sie fallen in den Winter imd Frühling. 
Im Deeember beging man die kleinen Dionysien oder die 
ländlichen, weil sie auf dem Lande gefeiert wurden, zu einer Zeit, 
wo man auf dem Lande wenigstens den jungen Weia zum ersten- 
male abliess und kostete. Ein Fest der Weinlese konnten sie nicht 
sein, denn diese dauerte höchstens bis zu Anfang November. Sie 
wurden begangen mit allerlei Lustbarkeiten, durch festliche Auf- 
züge, Chorreigen und burleske Tänze, wobei man in allerlei Mum- 
mereien, ia den Masken von Panen und Satyrn, Silenen und 

St oll, Mythologie. 6. Aufl. 7 



— 98 — 

Bakchantiimen manchen muthwilligen Scherz trieb und improvisirte 
Spiele und Lieder aufführte. In diesem lustigen Treiben lagen die 
Keime des attischen Dramas. Als Fortsetzung gleichsam dieses 
Festes feierte man bald darauf im Januar in der Stadt selbst die 
liensLen {Arjvaia, Dionysos selbst hiess Arjvatog), die sich aus den 
ländlichen Dionysien herausgebildet haben; dehn sie waren an- 
fänglich eia ländliches, im Bezirke Lenaion gefeiertes Weinfest für 
Athen und die nächste Umgebung, bei welchem das Trinken des 
jungen Weines die Hauptsache war. Den Glanzpunkt des heiteren 
Festes bildeten die Aufführungen von Komödien und Tragödien. 
Mit dem ersten Beginn des Frühlings, wo die ersten Blumen spriessen^ 
im Blumenmonat Anthesterion (Februar — März) feierte man drei 
Tage lang die Anthesterien (^Av&sarijQia). Am ersten Tage 
zapfte man den nun völlig ausgegohrenen Wein an (lli^oiyia)^ den 
man am zweiten Tage, dem Kannenfeste (pt Xosg), trank. Mit 
Blumen bekränzt, trank man bei einem grossen öffentlichen Feste, 
jeder aus seiner Kanne, unter Trompetenschall um die Wette. Der 
dritte Tag, das Topffest (Xvtqol), war ein Sühnfest der Unter- 
irdischen; man stellte Töpfe mit allerlei Früchten aus zum Opfer 
für den chthonischen Hermes und die Geister der Verstorbenen. 
Das glänzendste Fest des Dionysos waren die grossen Dionysien, 
auch die städtischen genannt, weil sie im Gegensatz zu den 
ländlichen in der Stadt gefeiert wurden, im Monat Elaphebolion 
(März — April), wo der Frühling zur vollen Herrschaft gekommen. 
An diesen Tagen zeigte das durch seinen feinen Geschmack be- 
rühmte Athen der von nah imd fem herbeigeströmten Menge seine 
Pracht und seinen Eeichthum und erfreute sie durch die schönsten 
Kunstgenüsse, durch glänzende Processionen, durch Aufführung von 
dithyrambischen Chören und dramatischen Kunstwerken. Die nächt- 
lichen von bakchantischen Weibern unter lärmender Musik von 
Flöten, Becken und Pauken gefeierten Feste Messen Nyktelien 
(NvxxiXia, Dionysos selbst heisst NvntiXtog), 

Die rasenden Weiber, die man sich in der Begleitung des 
Dionysos dachte und welche an seinen Festen umhersehwärmten, 
hiessen Bakchantinnen, Mänaden, Thyaden, Mimallonen, 
Bassarideh. Dazu kamen noch die Satyrn, Pane, Silene, 
Kentauren, auch Musen und Nymphen. Die Kunst gefiel sich 
in Darstellungen solcher Bakchoszüge (^&taGog), in welchen ge- 
wöhnlich die Bakchantinnen im Ausdruck der grössten Begeisterung 
mit zurückgeworfenem Haupte und fliegenden Haaren, in langen 
fliegenden Gewändern, den Thyrsusstab, Schwerter, Pauken u. s. w. 
in den Händen, auftreten. Von einem solchen Getümmel umrauscht, 
hält sich Dionysos selbst in süsser, trunkener Ruhe, oft in Ver- 
bindung mit der holden Braut Ariadne. Li den Darstellungen des 
Dionysos ist die ältere Form, die majestätische Gestalt des alten 
Dionysos mit reichem Haupt- und Barthaar, in fast weiblicher 



— 99 — 



asiatischer Kleidung (der indische Dionysos genannt), von der 
späteren des jugendlichen Dionysos zu unterscheiden. Dieser hat 
eine weiche, ineinanderfliessende Muskulatur; im Gesichte spricht 
sich ein eigenthümliches 
Gemisch von seliger Be- 
rauschung und unbestimm- 
ter, dunkeler Sehnsucht aus. 
IJm das Haupt trägt er eine 
Mitra und einen Kranz von 
Weinlaub und Epheu, die 
Haare fliessen weich und 
in langen Locken auf die 
Schultern herab. „Das Bild- 
niss des Bakchos ist ein 
schöner Knabe, welcher die 
Grenzen des Lebens und 
der Jünglingsschaft betritt, 
bei welchem die Eegung 
der Wollust wie die zarte 
Spitze einer Pflanze zu kei- 
men anföngt, und welcher 
wie zwischen Schlummer 
und Wachen in einem ent- 
zückenden Traume halb ver- 
senkt, die Bilder desselben 
zu sammeln und wahr zu 
machen anfängt. Diese Züge 
sind voller Süssigkeit, aber 
die fröhliche Seele tritt nicht 
ganz ins Gesicht." (Winkel- 
mann.) — Heilig sind dem 

Dionysos besonders die Rebe und der Epheu, unter den Thieren 
der Panther, Luchs und Tiger, der Esel, der Delphin, der Bock. 
(Fig. 16, S^ 92 Statue des Dionysos im Museum des Louvre. — 
Fig. 18, S. 94 Dionysos, einen Löwen tränkend: — Fig. 19 der 
indische Dionysos. — Fig. 17, S. 93 schlafende Ariadne.) 




Fig. 19. Indischer Dionysos. 



5. Die Satyrn (UdtvQoi, Satyri*). 

Die Satyrn, welche von Homer nicht erwähnt werden, sind 
Begleiter des Dionysos, „ein nichtsnutziges, leichtfertiges Geschlecht" 
{yivog ovriöavmv 21atvQGiv %al cc^ri%avo£Qy&v. Hesiod). Sie re- 
präsentiren das Naturleben, dessen reinste Blüthe wir in Dionysos 
gewahren, in niederer, rein sinnlicher Gestalt.' In ihnen ist die 



*) Man erklärt adzvqos für gleichbedeutend mit zItvqosi Bock. 



100 



Thiergestalt, die eines Bockes, zur mensclilichen erhoben; sie iaben 
struppiges Haar, stumpfe aufgeworfene Nasen, zugespitzte, ^liegjen- 
artige Ohren, mitunter auch Knollen (igoig^ffl;) am Halse und ein Ziegen- 
schwänzchen oder einen Pferde- 
schweif. In ihren Zügen liegt eme 
muthwillige Eohheit. Sie sind trag 
und zu. keiner Arbeit aaistellig; 
Tanz und Musik, Liebe und liVein 
sind ihre Freude. Ihre gewöhn- 
lichen Attribute siij,d ausser dem 
Thyrsusstabe Flöten , Syringen, 
Weinschläuche und Trinkgefässe. 
— Sie heissen Söhne des Hermes, 
als des ländlichen Heerdengottes, 
oder des Seilenos; Hesiod nennt sie 
Brüder der Kureten, der Freunde 
von Tanz und Spiel, und der 
Nymphen der Gebirge, mit denen 
sie gern den lustigen Eeigen auf- 
führen und die sie mit ihrer zu- 
dringlichen Liebe verfolgen. (Fig. 
20, S. 100, ausruhender Satyi-, 
Statue, des Capitols.) 

6. Seilenos (IJsLlijvog, Uikrivog, 
Silenus). 

Seilenos oder Silenos ist 
die besondere Grestalt Eines älteren 
Satyrs, der, fett imd rund wie ein 
Weinschlauch, stets trunken und 
berauscht ist. Daher kann er selten 
seinen Füssen trauen und bedarf 
stets einer Stütze oder einer Lehne. 
Er reitet deswegen gewöhnlich auf einem Esel, oder wird von ge- 
schäftigen jüngeren Satyrn geführt und gestützt. Man stellte ihn 
dar als einen heiteren, gemüthlich trunkenen Alten mit einer Glatze 
und stumpfer Nase, der sich von dem Weinschlauch nicht gut trennen 
kann. Er ist der stete Begleiter des Dionysos und gilt für dessen 
Erzieher und Lehrer. Die Kunst liebt den Moment darzustellen, 
wo Seilenos das ihm zur Pflege übergebene Bakchoskind im Arme 
hält und den künftigen Begründer eines höheren Culturzustandes 
mit freudigem Ahnen betrachtet (Fig. 21). — Die Orphiker legten 
dem Seilenos eine tiefere Bedeutung unter; nach ihrer Vorstellung 
ist er ein weiser, über das gewöhnliche Treiben der Welt er- 
habener Alter, der, die Güter des irdischen Lebens verachtend, in 




Pig. 20. Satyr. 



101 



seiner Weisheit sein Genüge findet, ein begeisterter Seher, vor 
dessen Auge Zukunft und Tergangenheit offen liegt. 

Die Abktmft des Silenos wird verschieden angegeben, eir 
heisst Sohn einer IsTymphe von 
Hermes, dem ländlichen Gotte, 
oder von Pan. Als man sich die 
Silene in der Mehrzahl gedichtet 
hatte, nahm man einen alten Si- 
lenos als deren Vater an unter 
dem Namen Papposeilenos. 

Ein phrygischer Seilenos 
im Dienste der Kybele und des 
Bakchos ist 

7. Marsyas (MaQövag). 

Dieser, ein Sohn des Olym- 
pos*) oder des Hyagnis oder 
des Oiagros, fand die Flöte, 
welche Athena weggeworfen hatte, 
weil das Blasen derselben ihr Ge- 
sicht entstellte, ixnd Hess sich in 
einen musischen Wettstreit mit 
Apollon ein, unter der Bedingung,, 
dass sich der Besiegte ganz in die 
Gewalt des Siegers geben .sollte. 
Apollon siegte mit seinem Eithar- 
spiel über die Flöte des Marsyas 
und zog ihm die Haut ab, nach- 
dem er ihn an eine Fichte auf- 
gehängt hatte. Die Haut des Mar- 
syas wurde bei Eelänä in Phrygien 
in einer Höhle, in welcher der "Fig.' äi. Seiienos mit dem 

Fluss Marsyas entsprang, gezeigt 

(Xenoph. An. 1, 2, 8), und irran erzählte, dass sie sich freudig 
bewege, wenn man auf der Flöte in phrygischer Tonart spiele, 
bei apollinischer Musik aber bleibe sie ruhig. Die ganze Sage 
beruht auf dem Unterschiede dionysischer und apollinischer Musik, 
von denen jene einen rauschenden und leidenschaftlichen, diese einen 
ernsten und ruhigen Charakter hatte. 

Ein ähnliches Wesen wie Marsyas ist 

8. Midas (MLÖag). 

Auch dieser war ursprünglich ein phrygischer Silenos; aber 
die Sage macht ihn später zu einem reichen, weichlichen, dem 

*) Olympos heisst auch ,eia Schüler des Marsyas und wird mit diesem 
der Erfinder der Flöte genannt. 




— 102 — • 

Dionysos befreundeten Könige in Phiygien, einem Soline des Gor- 
dios und der Kybele. Doch erhielten sich anch in dieser Sage 
noch Spuren seines ursprünglichen Wesens; denn man sagte, der 
König habe Satyrohren oder Eselsohren gehabt. Er sollte die Esels- 
ohren durch ApoUon erhalten haben, als er einst nach einem mu- 
sischen Wettstreit zwischen Pan und Apollon das Urtheü, welches 
dem Apollon den Preis zuerkannte, tadelte (Ovid. Met. 11, 146 ff. 
Vorher geht eine andere Geschichte über Midas, v. 90 — 145). 

9. Pan (J7av*). 

Pan, der Sohn des Hermes und einer Tochter des Dryops**), 
war ein arkadischer Gott der Heerden und des Waldes, der, gehörnt 
und geisfüssig, mit den Nymphen durch die Wälder und Berge 
und auf den Triften umherzieht. Er schirmt die Heerden auf der 
Weide von den Höhen der Berge aus und mehrt ihre Pruchtbarkeit 
(^NofiLog , der Weidende), oder er jagt durch die Wälder (^AyQsvg, 
der Jäger), und wenn er ermüdet von der Jagd kehrt, dann bläst 
er auf der Flöte liebliche Weisen. Die Nymphen schaaren sich 
um ihn und tanzen den Reigen oder singen mit ihm wonnige Lieder. 
Gleich bei seiner Geburt war der Gott in seiner eigenthümlichen 
Gestalt ausgebildet, gehörnt, bärtig, krunmmasig, behaart, mit 
Schwanz und Ziegenfuss , so dass die Mutter erschreckt entfloh; 
Hermes aber nahm den Sohn in den Arm und trug ihn erfreut in 
den Olympos, um ihn den Göttern zu zeigen. Alle freuten sich 
über den seltsamen Gott, besonders aber Dionysos; „und sie be- 
nannten ihn Pan***), da er all' in dem Herzen erfreuet" (Hom. 
Hymn. 19, 47). 

Der Hirtengott Pan hat die Hirtenflöte, die Syrinx, erfunden, 
daher machte man die Syrinx zu einer von ihm geliebten Nymphe 
(Ovid. Met. 1, 691 ff.); a,uch die Nymphe Echo war eine Geliebte 
von ihm. In wilder Waldeinsamkeit, wo den Menschen geheime 
Lust und dunkles Grauen ergreift, ist sein eigenster Aufenthalt; 
dort erschreckt er den einsamen Wanderer durch seine furchtbare 
Stimme (panischer Schrecken). Er ist durch diese schreckeneinjagende 
Stimme ein siegreicher Bezwinger der Feinde. Als zur Zeit der 
marathonischen Schlacht der Athener Pheidippides durch Arkadien 
nach Lakedämon eilte, um die Spartaner um Hülfe gegen die 
Perser zu bitten, rief ihn Pan von dem Gebirge Parthenion aus 
an, dass er die Perser in Schrecken setzen wolle, wenn ihn die 
Athener, denen er schon so viel Gutes erwiesen, dafür ehrten. 



*) Der Name kommt wahrscheinlich von mxm, ich weide. 
**) Des Waldmannes. Er heisst auch Sohn des Zeus und der arka- 
dischen Nymphe Kallisto, oder des Hermes imd der Penelope. 
***) Irrige Ableitung des Namens von näg, näv, all. 



— 103 — 

Ton der Zeit an war dem Pan in Athen die Pansgrotte unterhalb 
der Burg als Heüigthum geweiht, und man versöhnte ihn all- 
jährlich durch Opfer und Fackellauf (Herodot. 6, 105). Durch 
Packellauf feierte man ihn, weil er als Bewohner der Bergesgipfel, 
welche das Sonnenlicht zumeist trifft, zum Lichte in einer gewissen 
Beziehung steht. Auch ist er ein Gott der natürlichen Begeisterung 
und Wahrsagung; er soll den Apollon in der Weissagekunst 
unterwiesen haben.- Erst in später Zeit machte man den alten 
Weidegott Pan aus Missverstand des Namens zu einem Spnbol 
des Weltalls und deutete den Ton seiner Syrinx als die Har- 
monie der Sphären. Daher kommt auch seine Abstammung von 
Aether und einer Nere'is, oder von Uranos und Ge. 

Wegen seiner Aehnlichkeit mit den Satyrn und als ein lärm- 
liebender Gott der ISTatiir wurde Pan auch in das Gefolge des 
Dionysos aufgenommen. In diesem Kreise ist er ein munterfer, 
possierlicher Springer und Tänzer, ein zudringlicher Liebhaber 
der Nymphen. Nun bildete man auch die Pane, gleich den Satyrn 
und Silenen, in der Mehrzahl und vermischte allmählich Satyrn 
imd Satyrisken (^ß;rv(>/<?«Of, jüngere Satyrn), Pane tmd Panisken 
{IlttviGxoi, jüngere Pane), Silen und Silene und die altitalischen 
Waldgötter Faunus und Fauni, Silvanüs und Silvani so mit- 
einander, dass fast aller charakteristische Unterschied' seh wand. 
Auch mit der grossen Bergmutter Kybele wurde dieser Berggott 
in Verbindung gebracht. 

10. Priäpos (JlQiKTCog, Priäpus). 

Priapos, der Sohn des Dionysos und der Aphrodite oder 
einer Nymphe, war ein Gott der Fruchtbarkeit des Feldes und der 
Heerden, und man stellte deshalb sein Bildniss besonders in Gärten 
und Weinbergen auf. Er wurde zu Lampsakos am Hellespont ver- 
ehrt und kam erst spät in dem übrigen Griechenland zur An- 
erkennung. Homer, Hesiod und die übrigen älterem Dichter wissen 
nichts von ihm. Priape wurden auch in der Mehrzahl gedacht, 
wie Pane, Satyrn u. s. w. Man identificirte den Priapos mit dem ita- 
lischen Muttunus oder Mutunus. 

Wir ziehen hierher noch 

11. Die Kentauren (KivtavQot, Centatiri*), 

welche als Dämonen des Waldes und der Berge und als eine 
Mischgestalt von Mensch und Eoss mit den Satyrn eine gewisse 



*) Man glaubt das Wort entstanden aus ■xsvrstv, stechen, und ravQog, 
Stier, indem man den Ursprung der -Vorstellung in der in Thessalien 
üblichen Stierjagd zu Pferde sucht, oder aus -nsvzoQsg tiiitoav. 



— 104 — 

Terwandtschaft haben und durch diese Verwandtschaft, sowie wegen 
ihrer thierischen Wüdheit und Genusssucht in das dionysische Ge- 
folge aufgenommen wurden. Bei Homer (II. 1, 268. 2, 743. Od. 
21, 295 ff.) und nach der ältesten Vorstellung ' sind es zottige, 
rauhhaarige, gewaltige Menschengestalten, roh und voll Begier 
nach Wein und Frauen. Sie wohnten in Thessalien in den Wäldern 
des Oeta und Pelion, wurden aber von hier, nachdem sie auf der 
Hochzeit des Lapithen Peirithoos mit Hippodameia weinberauscht 
die Frauen zu rauben versucht hatten und ihre rohe Kraft in 
einem gewaltigen Kampfe von Peirithoos und seinen Freunden, den 
Vertretern des civilisirten Heldenthxims, besiegt worden war, durch 
die Lapithen vertrieben und zogen sich an den Pindus und an 
die Grenzen von Epirus zurück. Auch nach Arkadien und Malea 
wurden sie versetzt (s. Herakles c. 3). Anfangs stellte sie die 
Kunst vorn ganz als Männer dar, an die sich nach hinten der Leib 
eines Bosses anschloss; später aber, ungefähr von der Zeit des 
Phidias an (um 450 v. Chr.), setzte man auf den Leib und die 
Brust des Bosses einen menschlichen Oberleib. Die Gesichtsbüdung^ 
die spitzen Ohren und das borstige Haar erinnern an die Satyrn. 
Seit die Kentauren in den Kreis der dionysischen Wesen 
aufgenommen waren, milderte sich ihre natürliche Eohheit und 
Wildheit: sie mussten sich unter die allbezähmende Macht des 
Dionysos beugen und zwv Verherrlichung desselben dienen. Nun 
schreiten sie zahm, auf dem Hörn oder der Lyra spielend, vor dem. 
Wagen des Dionysos einher. — Nach der gewöhnlichen Sage 
stammen die Kentauren von Ixion und Nephele (Wolke); Cheiron 
(^XsiQcov, Chiron) aber, der weiseste und gerechteste unter den- 
selben, auch vorzugsweise der Kentauros genannt, ist ein Sohn 
des Kronos und der Okeanine Philyra. Er ist der Jugendlehrer 
vieler griechischen Helden, wie des Achilleus (IL 11, 831), des 
Jason und seines Sohnes Medeios (Hes. Theog. lOOl), des Peleus, 
des Telamon, Kastor und Polydeukes, Amphiaraos, Machaon (IL 4, 
219) und A., welche auf dem Pelion bei ihm die Heilkunde, die 
Musik, die Gymnastik und Weissagung lernen. So ist er ein edles 
Wesen, welches aus dem Zustande roher Natürlichkeit, der den 
Kentauren eigen ist, heraustretend, durch Weisheit und höhere 
Erkenntniss sich verklärt hat. Eine Tochter des Cheiron war 
Ende'is, die Mutter des Peleus, Grossmutter des Achilleus. Die 
Lanze, welche dieser vor Troja führte, hatte Cheiron seinem Vater 
Peleus bei seiner Vermählung mit Thetis geschenkt (IL 16, 143. 
19, 390). Herakles wird von Cheiron freundschaftlich aufgenommen 
und bewirthet; als dieser aber die mit dem Gifte der lemäischen 
Schlange bestrichenen Pfeile des Herakles betrachtet, fällt ihm 
einer derselben auf den Fuss und schlägt ihm eine unheilbare 
Wunde, so dass er freiwillig der Unsterblichkeit entsagt und für 
Prometheus in die Unterwelt geht (siehe Prometheus). 



— 105 — 



12. Demeter {/Iri^riT'riQ, Ceres*). 

Demeter, die Tochter des Kronos und der Ehea, Schwester 
des Zeus (Hes. Theog. 454), ist ursprünglich die göttliche Mutter 
Erde, welche den Segen der Gewächse hervorschickt; auch als sie 
mehr die Naturseite abgestreift hat und als eine freie individuelle 
Gottheit auftritt, bleibt sie in der engsten Beziehung zu der Pflanzen- 
welt. Sie lässt Kräuter und Blumen sprossen und gibt den Menschen 
ihre Nahrung, das Getreide des Feldes. Bei Homer wird die Göttin, 
wie auch Dionysos, selten erwähnt (siehe Dionysos); sie ist nicht 
unter dem Eathe der Götter, sondern als eine milde, den Menschen 
freundliche Göttin weilt sie segenbringend- auf der Erde» Das Brod 
{Jviiir^xsQoq ciKtYi) wird als eine Gabe der Demeter öfter genannt, 
„sie sondert die Frucht und die Spreu im Haiiche der Winde*' 
(H. 5, 500);. die Göttin, welche dem Menschen die unentbehrlichste 
Nahrung gibt, muss also unter den Menschen eiae nicht geringe 
Verehrung genossen haben, wenn sie auch in den Gedichten des 
Homer, welche von Kampf und Schlachten und von weiten Meer- 
fahrten singen, eine untergeordnete Stellung einnimmt. Ein Heüig- 
thum der Demeter im thessalischen Pyrasos (der Weizenstadt) 
wird erwähnt II. 2, 696. Mit lasion buhlt sie auf dem dr,eimal 
gepflügten Saatland (ia dem fruchtbaren Kreta, und erzeugt mit 
ihm den Pluto s, den Eeichthum, Hesiod. Theog. 969 ff.); als es 
aber Zeus erfährt, so erschlägt er ihn mit dem Blitze (Od. 5, 125 ff). 
Dass Homer auch die Abkunft der Persephone von Zeus und De- 
meter (Hes. Theog. 912) gekannt habe, lässt sich erschliessen aus 
II. 14, 326 und Od. 11, 217. 

Das Verhältniss der Demeter zu ihrer Tochter Persephone 
oder Kora, worüber sich bei Homer nichts findet, ist der Mittel- 
punkt ihres Mythus und Cultus. Die Tochter wurde der Mutter 
von Hades geraubt; hierüber erzählt der homerische Hymnus auf 
Demeter folgendermassen. Als einst Persephone, von der Mutter 
entfernt, auf der nysischen Flur**) mit ihren Gespielinnen Blumen 
pflückte, da öffnete sich plötzlich die Erde, und heraus stürzte 
Hades mit seinen unsterblichen Eossen und riss, mit dem Willen 
des Zeus, die Jammernde mit sich hinab in die Unterwelt, dass 
sie seine Gattin werde. Nur der allsehende Helios hatte den Eaub 
gesehen. Demeter hatte den Hülferuf der Tochter gehört, ohne 
zu wissen, was ihr geschehe; von Schmerz ergriffen {^AyciLa, die 



*) dri-fi-^zriQ, die Mutter Erde. 

**) Welches Nysa gemeint war, bleibt unbestimmt; vielleicht war 
es ursprünglich Megara, wo Demeter von Alters her verehrt ward. 
Andre Sagen verlegen den Raub nach Sicilien in die Gegend von Emia, 
oder nach Eleusis, nach Hermione in Argolis, nach Pheneos in Arkadien, 
nach Kreta. 



— 106 — 

Scliinerzenreiclie) , eilt sie über die Erde hin, das geliebte Kind 
zu suchen, bis am zehnten Tage (9 Tage dauern die Eleusinien) 
Hekate, welche auch den Schrei der Persephone gehört, den Eäuber 
aber nicht gesehen hatte, sie an Helios verweist, der ihr verkündet, 
dass Hades die ihm von Zeus zugestandene Tochter auf seinem 
Wagen entführt habe. Dem Zeus zürnend und den Olympos 
meidend, wanderte Demeter nun ungekannt unter den Menschen 
umher, bis sie nach Eleusis kam in das Haus des Keleos. Sie 
wurde als altes Weib unter dem Namen Deo*) von des Keleos 
Gemahlin, Metaneira, aufgenommen, welche ihr die Erziehimg 
ihres kleinen Sohnes Demophoon anvertraute. Die Göttin pflegte 
das Kind, und um es unsterblich zu machen, rieb sie es mit Am- 
brosia und hauchte es an mit ihrem göttlichen Munde ; des ISTachts 
steckte sie es heimlich wie einen Holzbrand in das Feuer. Da 
aber lauerte ihr einst Metaneira während der Nacht auf, und als 
sie das Kind in den Flammen sah, schrie sie laut auf vor Schreck 
und wehklagte. So störte sie das Werk der Demeter, und Demo- 
phoon behielt seine sterbliche Natur 5 weil er aber auf den Knieen 
und in den Armen der Göttin geruht, wurde ihm doch ewige Ehre 
zu Theil. Demeter gab sich nun als Göttin zu erkennen und befahl, 
ihr einen Tempel zu bauen an dem Quell Kallichoros. Dort wohnte 
sie und lehrte die Menschen ihren Dienst; von der Gesellschaft 
der Götter hielt sie sich fem, Tind in ihrem Gram und Zorn**) 
sandte sie Misswachs über die Erde, dass Zeus, um sie zu be- 
sänftigen, den Hermes in die Unterwelt schicken musste, um 
Persephone herauf zur Mutter zu holen. Hades aber gab der 
Persephone, als er sie entliess, einen Granatkem zu kosten***), 
damit sie nicht ewig bei der Mutter weilen dürfte, sondern wieder 
zu dem Gatten zurückkehrte. So kam es, dass nach dem Schlüsse 
des Zeus Persephone abwechselnd zwei Theile des Jahres auf der 
Oberwelt bei der Mutter, den dritten Theil aber bei Hades in der 
Unterwelt verlebte (Ovid. Fast. 4, 419—620. Met. 5, 385—572 
Eurip. Helen. 1301 ff.). 

Persephone bezeichnet in diesem Mythus ursprünglich die 
Pflanzenwelt, deren Mutter die nahrungssprossende Erde, Demeter, 
ist; zwei' Theile des Jahres, während des Sommers, grünt und 
blüht die Pflanze in frischem Leben, im Winter aber, dem dritten 
Theile des Jahres, ist sie dem Tode geweiht, das blühende Leben 
wird hinabgezogen in die dunkle Behausung des Hades. Dieser 



*) zi/Tjca, die Suchende, Mos Demeter zu Eleusis. 
**) Diese trauernde und zürnende Demeter Hess MiXcciva (wegen des 
schwarzen Gewandes, das sie ia der Trauer getragen haben sollte) und 
'Eqlvvs, eine Seite ihres Wesens, die mehrfach in Localculten hervortritt; 
Misswachs sowie die Unfruchtbarkeit und Oede des Winters haben ur- 
sprünglich diese Vorstellimg erzeugt. Siehe Erinyen. 

***) Der 'Granatapfel ist das Symbol der Ehe und Liebe. 



— 107 — 

Mythus aber, der sich, ursprünglich auf das Leben der Natur be- 
zieht, wurde in ganz menschlicher Weise aufgefasst und ausgebildet; 
Demeter ist allen Schmerzen und Preuden eines fühlenden Mutter- 
herzens unterworfen. 

Der homerische Hymnus, aus welchem obiger Mythus in kurzer 
Zusammenfassung erzählt ist, bezieht sich besonders auf Eleusis 
bei Athen, wo Demeter von Alters her ein HeDigthum hatte, tmd 
enthält eine Menge kleiner Züge, welche auf Gebräuche des ihr 
dort gefeierten Festes, der Eleusinien, hindeuten. Eine Hauptsache 
in dem Hymnus ist die Ankunft der Demeter in Eleusis, die 
Gründung des Ackerbaus und des Cultus der Göttin. Gegen das 
Ende hin heisst es, Demeter habe die Herrscher in Eleusis, Tripto- 
lemos, Diokles, Eumolpos und Keleos, den Gebrauch der heiligen 
Opfer und die Orgien, die eleusinischen Weihen, gelehrt und sei 
alsdann mit ihrer Tochter nach dem Olympos zur Yersammlung 
der Götter zurückgekehrt. 

Auf dem rharischen Felde bei Eleusis soll das erste Getreide 
gesäet worden sein; dort war die sogenannte Tenne des Triptolemos 
imd ein Altar desselben; und jährlich wurde das Feld feierlich ge- 
pflügt. An den Namen des Triptolemos*) schliesst sich besonders 
die Verbreitung des Getreidebaues an. Dieser soll, von Demeter 
beauftragt, auf einem Drachenwagen auf der Erde umhergezogen 
sein und die Menschen das Pflügen, Säen und Ernten gelehrt 
haben. Er kam unter andern nach Achaia zu dem Könige Eumelos 
(dem Schafhirten); sie bauen nach Einführung des Ackerbaus die 
Stadt AroS (a^oro, ackern). An den Ackerbaii schliesst sich noth- 
wendig die Gründung fester Wohnsitze, die Erbauung der Städte, 
Einführung bürgerlicher Ordnung, der Ehe und eines friedlichen 
Lebens. Dies ist die grosse Wohlthat, die Demeter den Menschen 
mit dem Ackerbau brachte und die besonders in ihren Festen ge- 
feiert wurde. Sie hat daher den Beinamen ©sff/^oqoo^og, die Gesetz- 
geberin. — Wie Triptolemos den Getreidebau verbreitet haben soU, 
so wird auch von Demeter selbst gesagt, dass sie auf ihren 
Wanderungen über die Erde, während sie ihre Tochter sucht, an 
verschiedenen Orten denen, welche sie freundlich aufnahmen, das 
Saatkorn gegeben und sie die Bebauung des Ackers und zugleich 
ihre Verehrung gelehrt habe. Die aber, welche sich der Aufnahme 
des Ackerbaus widersetzten oder die Heüigthümer der Göttin ent- 
ehrten, wurden von ihr bestraft. Ery sichthon, der Sohn des 
Triopas in Thessalien, fiel mit seinen Sclaven in. den Hain der 
Demeter ein und hieb die Bäume nieder; daftir wurde er durch die 
Göttin mit entsetzlichem Hunger heimgesucht. Ov. Met. 8, 740 ff. 



*) Triptolemos (der dreimal Pflügende, cf. Od. 5, 125. vsica svi 
rQinoica) ist Sohn des Eleusis ; er wird auch ein Sohn des Keleos genannt 
und an die Stelle des Demophoon gesetzt. 



— 108 - 

Da Demeter ursprünglich, die Mutter Erde bezeiclinete, 
welche aus dunkeler Tiefe die Pflanzenwelt heraufsendet, (^AvriGt- 
öaQa, die Heraufsenderin der Gaben), so trat sie' mit den unter- 
irdischen Gottheiten in Verbindung und hiess selbst eine Unter- 
irdische [Xd'ovCa). Als diese alte, pelasgische {üeXaGylg) Natur- 
gottheit ward sie auch oft mit Poseidon, dem Gotte alles in der 
Erde verbreiteten Wassers, zusammengestellt; Poseidon verfolgt sie 
mit seiner Liebe. 

Demeter wurde schon in pelasgischer Zeit durch ganz Griechen- 
land hia verehrt, ausser Attika z. B. in Megara, Böotien, im ganzen 
Peloponnes, an der Westküste Kleinasiens, auf Delos und Kreta. 
Von Megara und Korinth aus kam ihr Dienst schon früh nach 
Sicilien. Diese fruchtbare Insel wurde als ein Lieblrngsaufenthalt 
der Demeter angesehen, und es bildete sich sogar die Sage, dass 
dort Persephone von Hades geraubt worden sei. Seit der dorischen 
Wanderung ward der Cult der Demeter in einem grossen Theile 
des Peloponneses, wo die dorischen Stämme zur Herrschaft kamen, 
verdrängt (Herod. 2, 171). Denn die Dorier waren keine Freunde 
der friedlichen Göttin des Ackerbaus; sie waren ein kri'egerischer 
Heldenstamm, dessen Hauptgott Apollon war. Durch den über- 
wiegenden Einfluss der Dorier war das delphische Orakel des 
Apollon in ganz Griechenland zu seiaer hohen Bedeutung gelangt, 
und vornehmlich durch dieses wurde der Cult der olympischen 
Götter zu allgemeiner Anerkennung gebracht. Demeter gehörte 
ursprünglich nicht zu diesen olympischen Gottheiten, und ihr Dienst 
hat sich auch nie vollkommen mit dem der Olympier verbunden, 
wie der Geist des altpelasgischen, auf Ackerbau gegründeten 
patriachalischen Lebens, der sich zum Theü in dem Stamme der 
Achäer und Joner erhielt, sich nie ganz mit dem kriegerischen 
Heldensinne der Dorier ausglich. Als man sich daher friedlich, 
eingewohnt hatte und des bisherigen, durch die dorischen Volks- 
stämme hervorgerufenen bewegten Kriegerlebens müde ward, da 
wendete sich auch der religiöse Sinn wieder mehr den friedlichen 
Mächten zu, und der Dienst der Demeter, der milden Göttin des 
Ackerbaus und der bürgerlichen Ordnung, blühte in Griechenland 
wieder neu auf. Von Attika aus fand der Demetercult wieder in 
neuer Form Eingang im Peloponnes; das eleusinische Heiügthum 
der Demeter wurde allmählich statt des apollinischen Orakels zu 
Delphi der religiöse Mittelpunkt der Griechen. 

Die Mysterien waren altpelasgische Culte, welche während 
der dorischen Zeit in den Hintergrund gedrängt worden waren tmd 
dadurch die Form von Geheimculten angenommen hatten. So hatte 
in alter Zeit die Verehrung der Demeter zu Eleusis wohl nur in 
einfachen ländlichen Festen bestanden, die sich aiif die Saat des 
Getreides, auf die Ernte u. s. w. bezogen; in der Folge aber ver- 
wandelte sich dieser altpelasgische Cult in einen Geheimdienst, in 



— 109 — 

Mysterien, in welche sich die Einzelnen besonders einweihen lassen 
mussten. Die Orphiker, von denen schon mehrmals die Eede ge- 
wesen., verschafften sich Eingang in die Mysterien und machten 
hier ihren Einflnss geltend; und grade diu'ch diesen Einfluss kamen 
die Mysterien zu ihrer hohen Geltung. Man blieb nicht bei den 
alten Vorstellungen stehen, sondern benutzte die alten Gebräuche 
und Symbole, um in sie neu entstandene Vorstellungen über das 
menschliche Leben, über das Schicksal der Seele nach dem Tode 
und dergleichen hineinzutragen Die Vorstellungen von dem Er- 
sterben und Erwachen der Natur oder specieUer des Samenkorns, 
welche in dem Demeterculte lagen und durch den Mythus von 
dem Kaube der Persephone ausgedrückt wurden, waren ganz dazu 
geeignet^ die Ideen von der TJnsterbKchkeit der Seele daran zu 
knüpfen. "^ 

Wir haben zwar von den Mysterien der Demeter nur geringe 
Kunde; aUeio. das steht fest, dass jene Ideen den Mittelpunkt des 
ganzen Cultus ausmachten. Neben Demeter war daher Persephone 
die Hauptgottheit der eleusinischen tind der von diesen ausgegangenen 
Mysterien. Man gesellte aber dazu noch später, gewiss durch Ein- 
wirkung der Orphiker, den phrygischen Bakchos imter dem Namen 
lakchos (^'luK^og) und machte ihn zum Sohne der Demeter xmd 
des Zeus, zum Bruder und Bräutigam der Persephone. Dieser 
lakchos, als Kind vorgestellt, hatte eine ähnliche Bedeutung wie 
Persephone, er trat als KoQog (Eoiabe) an die Seite der Koqt}. 

Eleusis war von alten Zeiten her mit Athen verbunden. Die 
Athener feierten jährlich im Spätjahre, zwischen der Ernte- und 
Saatzeit, im Monat BoSdromion (September — October) neun Tage 
lang die grossen Eleusinien. An den ersten Tagen fanden 
allerlei Vorbereitungen zu den eigentlichen Festlichkeiten statt, 
Opfer, Eeinigungen und Waschungen (eine Procession nach dem 
Meere), Fasten und dergleichen. Das Merkwüi-digste war der 
grosse Zug von Athen nach Eleusis auf der „heüigen Strasse", 
der am 5. Tage des Festes in der zweiten Hälfte des Tages unter- 
nommen wurde, so dass man nach einem Wege von zwei Meüen 
mit der einbrechenden Nacht zu Eleusis ankam. Die Schaar der 
Priester und Eingeweihten war bei diesem lustigen lärmenden 
„lakchoszug" mit Epheu und Myrten umkränzt und trug Aehren, 
Ackergeräthe und Fackeln in den Händen und ergötzte sich unter- 
wegs in ausgelassener Heiterkeit an allerlei Lustbarkeiten imd 
Neckereien. Während der folgenden Nächte drehten sich die 
Feierlichkeiten zu Eleusis vornehmlich vm. das trauernde Suchen 
der verschwundenen Persephone, worairf dann endlich ein freudiges 
Wiederfinden folgte. In dem grossen Tempel der Demeter zu 
Eleusis wurde das „heilige Drama" gefeiert, bei welchem den Ge 
weihten mit grosser Pracht die Geschichte der Demeter, der 
Persephone und des lakchos durch Vorzeigen verschiedener Symbole 



— 110 



unter Ausrufungen und Gesängen dargestellt wurde. Die unter 
allerlei geheinmissvollen Gebräuchen Eingeweihten hiessen Mjsten 
{(Avötat), unter welchen die völlig Eingeweihten die Epopten (iTtojttat, 
die Schauenden), eine besondere Klasse ausmachten; das Verrathen 
der Geheimnisse oder vielmehr das Hinaustragen derselben ins 
profane Leben wurde schwer bestraft. — Die kleinen Eleusinien 
wurden zu Athen gegen Anfang des Frühlings im Monat Anthesterion 
(Februar — März) gefeiert. — Ausserdem beging man zu Athen 
der Demeter das Fest der Thesmophorien {&E6fio(p6Qia, Fest 
der Satzungen), ungefähr einen Monat nach den grossen Eleusinien j 

die Feier dieses nur von 
verheiratheten Frauen 
begangenen Festes, das 
auch sonstwo , nament- 
lich bei dem ionischen 
Stamme, weite Verbreis 
tung hatte, bezog sieb 
besonders auf Gründung 
des Ackerbaus, der Ehe 
und der dadurch hervor- 
gerufenen bürgerlichen 
Ordnung. 

Die Kunstdarstel- 
lungen der Demeter 
gleichen denen der Hera, 
nur erscheint sie mütter- 
licher, weicher und mil- 
der als diese. Man er- 
kennt sie leicht an dem 
Aehrenkranz, der Fackel, 
Aehren und Mohn in den 
Händen, dem Fruchtkorb. 
Auch sieht man das 
Schwein, das Zeichen der 
Fruchtbarkeit, öfter neben 
ihr (Fig. 22. Demeter. 
Pompejanisches Wand- 
gemälde.) 

Man vermischte Demeter in der späteren Zeit mit Gaia und 
Rhea-Kybele. 




Fig. 22. Demeter. 



13. Die Kabeiren (KäßaiQOi, Cäbiri). 

lieber das Wesen der Kabeiren kann man nur sehr wenig 
Genaueres sagen, da die Nachrichten über dieselben grösstentheüs 
aus späterer Zeit staromen, wo die ohnehin wegen ihrer mystischen 



— 111 — 

Sfatur dunkelen Gottheiten mit verscliiedenen anderen Göttern ver- 
junden und vermisclit waren. Wahrscheinlich, waren es uralte 
jottheiten der Fruchtbarkeit der Erde untergeordneter Art. In. 
Böotien, wo sie, wie es scheint, zuerst verehrt wurden, kommen, 
sie mit Demeter verbunden vor. Von da verbreitete sich wahr- 
scheinlich ihr Dienst nach Lemnos, Imbros, Samothrake u. s. w,. 
AluT Lemnos verbanden sich die Kabeiren mit Hephaistos, der 
w^ohl hier in seiner ursprünglichen Gestalt als der Gott des Natur- 
^euers, unterirdisch wirkenden Feuers, aufzufassen ist. Solchen 
N^aturgottheiten, wie Demeter und Hephaistos, schlössen sich die 
Kabeiren als dienende Dämonen an, wohlwollende, gabenspendenda 
Wesen der Natur; da aber Hephaistos mit der Zeit vorzugsweise 
ier Gott künstlerischer Werkmeisterei ward, so ging auch diese 
Eigenschaft auf die Kabeiren über, sie wurden die Gehüfen des 
Eephaistos bei seiner Bearbeitung der Metalle. Ferner wurden 
die Kabeiren auf den genaimten Inseln wegen' der Nähe des Meeres- 
rettende Gottheiten in Sturmesnoth, und insofern wurden sie mit 
den Dioskuren vermengt*). 

In Böotien soll der Dienst der Kabeiren schon in ältester 
Zeit bestanden haben; nach der Einnahme Thebens durch die Epi- 
gonen wurden sie in den Hintergmmd gedrängt, später aber blühte 
ihr Cult wieder in Form von Mysterien neu auf. Am berühmtesten 
wurden die Mysterien der Kabeiren auf Samothrake; als ihre Namen 
werden von einem späten Schriftsteller angegeben Axieros, Axio- 
kersa und Axiokersos. Kamillos (Kadmilos, Kadmos, der 
Ordner), den man für Hermes ausgab, heisst ein Diener derselben., 

*) Kastor und Polydeukes {Pollux), die Söhne des Zeus 
(Dioskuren) oder des Tyndareos (Tyndariden) und der Leda^ 
Brüder der Helena, zu Amyklä geboren, waren rüstige Heldenjünglinge 
des dorischen Stammes, jener ein ßosseb'ändiger, dieser ein Paustkämpfer. 
Sie wurden zu Sparta als Schirnier des Staates und vornehmlich als die 
Vorsteher der Gymnastik verehrt; später vermengte man sie mit anderen: 
Schirmgöttem, und so auch besonders mit den samothrakischen Kabeiren. 
Sie wurden Lenker des Kriegs, Schützer der Gastfreundschaft, Geleiter 
der Reisenden, besonders der Schiffer. Als Zeichen ihrer Nahe galten 
dem Seefahrer die St. Elmsfeuer. Homer sagt von ihnen, dass sie schon 
vor dem trojanischen Kriege von. der Erde verschwanden seien, doch 
auch „unter der Erde von Zeus mit Ehre begäbet, leben sie jetzt um, 
den anderen Tag und jetzo von neuem sterben sie hin; doch Ehre ge- 
messen sie gleich den Göttern" (IL 3, 236 ff. Od. 11, 298 ff.). Sie führen 
also wechselnd ein sterblich-unsterbliches Leben.' Man suchte dies durch 
die Annahme zu erklären, dass Polydeukes der unsterbliche Sohn des. 
Zeus, Kastor aber der sterbKche Sohn des Tyndareos war. Als nun 
Kastor in dem Kampfe mit den Söhnen des Aphareus, Idas und Lynkeus». 
fiel, da bat Polydeukes aus Liebe zu dem Bruder den Zeus, dass er auch 
ihn sterben lassen möge. Zeus Hess ihm die Wahl, ob er mit ihm selbst 
ewig in dem glänzenden Olympos wohnen, oder mit dem Bruder zugleich, 
einen Tag im Olympos leben und dann wieder den folgenden Tag todt 
im Hades weilen wolle. Polydeukes wählte das Letztere. 



— 112 — 

14. Perseph-one, Kora {IIsQöscpovr} , Uegöeipovs la, 
n€g0e<pKö6K. JProset'jpina. KoQrj). 

Persephone, die Tochter des Zens xmd der Demeter 
(Hom. n. 14, 326. Od. 11, 217), ist zwar bei Homer die Ge- 
mahlia des Hades; allein von der Entführung durch Hades finden 
wir hei diesem Dichter nirgends eine Andeutung; zuerst erwähnt 
derselben Hesiod (Theog. 912 ff.). Bei Homer ist sie die schreck- 
liche Herrscherin der Schatten, die erhabene ehrwürdige GremahHn 
des Hades, ein weibliches Gegenbild ihres finsteren Gatten. Wie 
Zeus und Hera auf den Herrscherstühlen des Olympos sitzen, so 
thronen Hades und Persephone in der Unterwelt. Persephone 
theilt mit ihrem Gemahle die Herrschaft über die Todten, ja es 
scheint fast, als ob sie vornehmlich unter den Todten selbst herrsche, 
während Hades seine Gewalt besonders über die Lebendigen übt, 
die er unerbittlich in die Schattenwelt hinabzieht. Dem Odysseus 
sendet Persephone, als er in das Eeich der Todten gekommen, die 
Schatten und zerstreut sie wieder (Od. 11, 213 ff. 226. 385), am 
Ende fürchtet er sogar, dass sie ihm das schreckliche Gorgonen- 
haupt aus der Tiefe des Hades hervorschicken möchte (Od. 11, 633); 
dem Teiresias hat sie aUeia unter allen Todten Besinnung Tind 
Bewusstsein gelassen (Od. 10, 490 ff.). Sie und Hades, der unter- 
irdische Zeus, hören die Verwünschimgen der Mensehen und führen 
sie aus (11. 9, 457. 569). 

Die mildere Vorstellung der Persephone oder Köre und die 
enge Beziehung der Tochter zu der Mutter Demeter hat sich 
erst nach Homer ausgebildet. In diesem Verhältniss zu Demeter 
ist sie eine zarte liebliche Jungfrau, die in unschuldigem Spiele 
mit den Nymphen und ihren Schwestern Athene, Artemis, Aphro- 
dite auf der Frühlingsau an Blumen und Kränzen sich erfreut, bis 
sie von dem finstem König der Schatten hinabgeraubt wird; sie 
bezeichnet die blühende Vegetation der Natur in ihrem Werden 
und Vergehen, oder auch in engerer Auffassung das in die Erde 
gesenkte und aufsprossende Samenkorn (s. p. 109). Sie wurde mit 
Demeter 'in späterer Zeit besonders als eine mystische Gottheit 
verehrt und mit verschiedenen andern mystischen Göttinnen, wie 
Hekate, Gaia, Rheia, der ägyptischen Isis, vermengt; als solche 
soll sie mit Zeus den mystischen Dionysos-Iakchos oder Za- 
greus erzeugt haben, oder sie ist die Braut des lakchos (siehe 
Demeter). 

In der Kunst wurde Persephone verschieden dargestellt, ent- 
weder als die strenge Gemahlin des Hades, ähnlich der Hera, 
oder als die jugendlich zarte Tochter der Demeter, oder als die 
mystische Braut des Dionysos-Iakchos mit einem Kranze von Epheu, 
mit Fackeln in der Hand u. s. w. 



— 113 — 



15. Hades (^'Aidrig, 'Atdrjg, 'AtSavsvg , niovTcaVj Pkito^ 

Bis''). 

Hades, der Solm des Kronos und der Ehea (Hes. Theog> 
453), Bruder des Zeus und Gemahl der Persephone, ist der 
Herrscher der Sehattenwelt, der unterirdische Zeus (Zevg xa- 
tttx&oviog , ava^ ivEQov, II. 15, 188. 9, 457). Als er nach der 
Besiegung des Kronos mit seinen Brüdern Zeus und Poseidon die 
Welt theilte, erhielt er die Unterwelt, das nächtliche Dunkel {^otpog 
^EQOsig, TL. 15, 187 ff.); dort herrschte er mit Persephone, wie in 
dem Olympos Zeus und Hera, aber auch er ist, obgleich ein ge- 
waltiger Gott, wie sein Bnlder Poseidon dem älteren und stärkeren 
und weiseren Bruder Zeus unterthan. Als ihn Herakles in Pylos 
verwundet hatte, musste er in den Olympos kommen und sich dort 
von dem Götterarzte Paieon heüen lassen (II. 5, 395 ff.). Gewöhn- 
lich aber weilt er in seinem Eeiche, in der Unterwelt, sitzend auf 
dem Herrscherthrone. Als sich die Götter in den Kampf vor 
Troja mischten, Zeus von der Höhe laut donnerte imd Poseidon 
mit seinem Dreizack die Erde erschütterte, da erschrak Afdoneus 
und sprang schreiend vom Throne auf; denn er fürchtete, dass seine 
fürchterliche Behausung, vor der selbst die Götter erschrecken, 
den Menschen tmd Göttern sichtbar würde (II, 20, 54 ff.). 

Der verborgene und verborgen wirkende Herrscher in dem 
Eeiche der Schatten hat einen Helm, der ihn unsichtbar macht 
{n. 5, 845); seine furchtbare Macht ruft die Sterblichen hinab in 
das Dunkel, streng und unerbittlich, er ist den Menschen der ver- 
hassteste unter den Göttern (11. 9, 158). Alle Menschen kommen 
in das Eeich des Hades; daher heisst er selbst auch Polydegmon 
und Polydektes (JIoAv^iyjitoov, UoXvSivxrig, der Vielaufnehmende, 
Hom. Hymn. in Gererem 9 — 31). Die Thore der Unterwelt hält 
er fest verschlossen, damit keiner mehr zum Lichte zurück- 
kehren kann (nvXa^xrig II. 8, 367). — Hades hat bei Homer den 
Beinamen ■nhvro'itcaXog, der Eosseberühmte (H. 5, 654), der Gott mit 
dem herrlichen Eossegespann. Es ist sehr zweifelhaft, dass dieses 
Beiwort sich auf den Eaub der Persephone bezieht, da bei Homer 
nirgends etwas davon erwähnt wird; wahrscheinlich liegt ihm die 
Vorstellung zu Grunde, dass der Gott die Seelen aus der Oberwelt 
auf einem Wagen hinabholt. Dieses Amt der Seelenführung wurde 
mit der Zeit vornehmlich dem Hermes (i|;v%07CO|ttJi;og) zugeschrieben, 
der mit goldenem Stabe die Seelen hinabführt; aber noch Pindar 
spricht von dem Stabe des Hades, mit dem dieser die Schatten 



*) Epische Formen sind 'A'törjs, und 'A'Cdcovavg , im gewöhtiliolien 
Leben und in den Mysterien war der Name TJXovtcov gebräuchlich; eine 
dichterische spätere Form ist femer. UXovzsvg (s. p. 12, Anm.). 

St oll, Mythologie. 6. Anfl. 8 



— 114 — 

in sein Eeich treibt. Weil er die Menschen zur Euhe bringt, so 
beisst er jtapiolvrig (der Allbettendes, Soph. Antig. 802). 

Der in der Tiefe der Erde waltende Gott hat auch wie 
Persephone eine milde freundliche Seite; er galt auch als ein wohl- 
thätiger Spender des reichen Gewächsesegens (Hes. Opp. 465) und 
als Besitzer und Geb^r des ßeichthums der in der Erde liegenden 
MetaUe und erhielt deswegen den Beinamen Pluto n und Pluteus 
(der Eeiche), Man findet ihn daher auf Bildwerken bisweilen mit 
dem Füllhorn und mit Aehrenbüscheln dargestellt. Diese mildere 
Seite erhielt in der nachhomerisch^n Zeit namentlich durch Ein- 
wirkung der Mysterien eine weitere Ausdehnung, indem man der 
Vorstellung des Todes eiaen Theil ihrer Furchtbarkeit abzustreifen 
suchte, ein Streben, das sich auch in manchen Beinamen des .Gottes 
kund gibt: Kkv{i£vag, der Erlauchte, Evßovlog wid Evßoat}M4Si ^^^ 
Wohlwollende. So wurden auch «iie Erinyen zu Eumeniden. 

Auf der im Westen gelegenen Insel Erjtheia und in der 
Unterwelt hat Hades Heerden von Rindern, welche von dem fürten 
Menoitios geweidet werden. Unter den Heerden des Hades ver- 
stand man wohl lu-sprüngHch die Schaaren der Todten; auch dachte 
man sich ihn selbst als einen seine Schaaren weid^^den Völkerhirten. 

Ausser dem Eaube der Persephone kennt man von Hades- , 
wenig Mythen. Homer erwähnt eine Verwundung desselben durch 
Herakles iti Pylos (II. 5, 395. s. Herakles c). Es scheint dies 
eine uralte Sage von einer gewaltigen Götterschlacht gewesen zu 
sein, von der auch Pindar Ol. 9, 30 spricht; ,^^m Herakles, der 
gegen die Pylier heranzog, standen ausser dem bei diesen verehrten 
Hades auch Poseidon, Ares, Apollon, Hera entgegen, . ihm zur Seite; 
aber standen im Kampfe Zeus und Athene., 

Wenn man den Hades anrief, so schlug man mit den Händen 
auf die Erde (II. 9, 568). Man opferte ihm und der Persephoiiej 
als den Göttern der dunkelen Tiefe schwarze Schafe, dabei wendete 
der Opfernde das Antlitz ab (Od, 10, 527). Geweiht waren ihm 
die Kypresse und der ISTarkissus. Besondere Verehrung genoss 
Hades zu Hermione neben Persephone und Demeter und in Eljs. 
An dem Berge Minthe bei dem triphyhschen Pylos hatte er einen 
heUigen Bezirk; nördlich von Pylos war der Todtenfluss Acheron. 
und daselbst Tempel des Hades, der Persephone und der Demeter. 
Heüigen Bezirk und Tempel hatte er auch in dem andern elischen 
Pylos. Vielleicht fanden sich an diesen Orten Erdsdilünde wie 
zu Hermione, die als Eingänge, Thore zur Unterwelt angesehen, 
wurden. 

Die Kunst hat den Hades seinen Brüdern Zeus und Poseidon, 
ähnlich dargestellt; nur unterscheidet er sich von ihnen durch sein 
düsteres Aussehen und durch die in die Stime hereinhängenden 
Haare. Gewöhnlich hat er ein weites Gewand. Seine Attribute 
sind der Schlüssel der Unterwelt und Kerberos. Man findet nur 



— 115 — 

nocli wenige Statuen tind Büsten von ihm, welche meist mit dem 
ägyptischen Serapis vermengt sind*). 

üeber die Vorstellung von der Unterwelt siehe oben g. 12 ff. 

16. Thanatos (©ccvatog) und Hypnos C'lTjtvog, Sotnnus). 

Th anatos ist die Personifieation des Todes im Allgemeinen, 
tinterschieden von den Keren, den besonderen Todesarten, Hypnos 
Personifieation des Schlafes. Bei Homer treten sie nur selten als 
Personificationen auf (II. 14, 231. 16, 672). In der letzten Stelle 
trägt Zeus dem Apollon auf, seiaen gefallenen Sohn Sarpedon dem 
Schlaf \md dem Tode, den Zwillingen, zu übergeben, dass sie 
ihn schnell nach LyMen tragen, wo seine Verwandten dem Leich- 
nam die gebührende Ehre zoUen werden. Beide Zwillingsbrüder 
sind Söhne der "Nacht (Nyx) und wohnen in der Unterwelt (Hes. 
Theog. 211. 758). Bei Sophokles 0. C. 1574 ist Thanatos, der 
Grott des ewigen Schlummers (alivvnvog), ein Sohn der 6e und 
des Tartaros. Der Schlaf geht auf der Erde und dem weiten 
Meere umher, ruhig und freundlich den Menschen; dem Tode da- 
gegen starret erbarmungslos das eherne Herz in der Brust, imd 
wen er erhascht, den hält er fest, ein Entsetzen sogar den un- 
sterblichen Göttern (Hes. Theog. 762). Der lebenvemichtende, 
langhinstreckende nachtumhtillte Thanatos bringt schweren Todes- 
schlummer; süsse Euhe verleiht der liebliche, ambrosische Hypnos, 
der Beherrscher der Götter und Menschen (TtavSaftarcoQ). Selbst 
den Zeus schläferte er einst auf Bitten der Hera ein, als diese 
den ihr verhassten Herakles auf dem Meere verderben wollte. Als 
Zeus aber erwachte, zürnte er dem Hypnos und hätte ihn sicher 
ins Meer gestürzt, weim nicht die ehrwürdige Mutter Nacht^ 
die uralte Tochter des Chaos (Her. Th. 123), ihn geschützt hStte. 
Dennoch wagte er es später abermals auf Bitten der Hera, den 
König der Götter auf dem Ida in Schlaf zu bringen, damit 
Poseidon ungehindert den Achäem vor Troja beistehen könne; 
aber Hera musste ihm zum Lohne die Charis Pasithea versprechen 
(IL 14, 231 ff.). — Ovid (Met. 11, 592 ff.) verlegt den Aufenthalts- 
ort des Schlafs zu den im äussersten Norden wohnenden Kim- 
meriern; dort schlummert er in einer -dunkelen Höhle, umgeben 
von dem Heere der Träume. 

Thanatos und Hypnos wurden häufig zusammen abgebildet. 
An dem Kasten des Kypselos (einer mit Figuren geziei-ten hölzernen 



*) Dieser Serapis, bei den Griechen Sarapis, war eia ägyptischer 
Gott der abgeschiedenen Seelen, dessen Dienst erst in ptolemäischer Zeit 
in Aegypten eingeMirt worden sein soll (Tacit. Hist. 4, 83), wiewohl er 
schon in älterer Zeit den Aegytem nicht j&remd gewesen zu sein scheint. 
Sein Dienst kam auch nach Griechenland xind Rom und gewann inij:ömi- 
schen Reiche trotz dem Einschreiten des Staates eine weite Terbröitxmg. 

8* 



— 116 — 

Lade, welche von den Kypseliden, den Tyrannen in Koiinth, nach. 
Olympia geweiht worden war) war die Nacht dargestellt, einen 
schwarzen und einen weissen schlummernden Knaben in beiden 
Armen haltend, mit der Unterschrift: Thanatos und Hypnos. Ge- 
wöhnlich büdete die Kunst den Thanatos als schönen Knaben oder 
Jüngling, meist schlummernd und mit gelöschter oder mit hoch 
brennender aber iimgekehrter Fackel. Der. Schlaf erscheint in sehr 
verschiedener Auffassung, bald als Kind, bald als Jüngling oder 
als Greis, mit und ohne Flügel; er trägt einen Stab, mit dem er 
einschläfernd die Schläfe der Menschen berührt, oder einen Mohn- 
zweig oder ein Schlummerhorn, aus dem er den Schlaf auf die 
Menschen niederträufelt. 

Hesiod (Theog. 212) nennt neben Hypnos und Thanatos noch 
die Träume ('OvaiQoi) Söhne der Nacht; bei Andern heissen diese 
Kinder des Schlafs oder der Erde. Homer kennt keinen Oneiros 
als Gott xmd Beherrscher der Träume; II. 2, 6 ist ovsiQog^ wie 
auch sonst, nur ein wesenloses Traumbild. 

17. Ker (K'^q, K^gsg). 

Ker ist die weibliche Personification des Todesverhäng- 
nisses, des Todeslooses (ki^q und niJQsg ^ccvatoLo), der besonderen 
Todesarten, daher häufig in der Mehrzahl Keren (^KiJQsg). Das 
Wort schwankt bei den Dichtern zwischen Personification und Appel- 
lativum; bei Homer erscheint K'^q oder KilQeg nur selten als 
eigentliche Personification. Es sind dunkele, arge und verderbliche 
Göttinnen, unentfliehbar und von allen gehasst; mit Eris und 
Kydoimos (Streit und Getümmel) wandelt Ker in der Schlacht 
umher in blutigem Gewände, bald einen Frischverwundeten, der 
noch lebt, bald einen Unverwxxndeten ergreifend, bald wieder einen 
Todten an den Füssen schleppend; sie kämpfen mit einander um 
die Leichname wie sterbliche Menschen (II. 18, 535 ff.). In ähn- 
licher Furchtbarkeit erscheinen die Keren bei Hesiod im Scutum 
Herc. 249 ff., schwarz, bluttriefend, mit schrecklichem Blick; sie 
knirschen mit den weissen Zähnen und streiten um die Gefallenen, 
um ihnen das Blut auszusaugen. In der Theogonie (211) heissen 
sie Töchter der ISTyx, Schwestern der Moiren, vrjkEOTtoivot, im- 
barmherzig strafend; sie haben also hier schon eine den Erinyen 
verwandte Bedeutung, die später noch weiter ausgebildet wird. 
Die Keren bekamen auch ähnlich wie die Erinyen die allgemeine 
Bedeutung von Unglücksgöttinnen; verheerende Setichen, abzehrende 
Sorgen, gramvolles Alter heissen Keren. 

18. Die Erinyen ('EQLvvg, vsg, Ev^svCdeg, Furicce, JEumenides). 

Die Erinyen, Töchter der Gaia, aus dem Blute des von 
seinem Sohne Kronos verstümmelten Uranos entsprossen (Hes, 
Theog. 185), uralte, furchtbare Gottheiten, die im Erebos wohnen, 



— 117 — 

sind die Göttinnen des zürnenden Fluchs und der rächenden Strafe. 
Sie bedeuten, das Grefiihl tiefer Kränkung und sclinierzlichen Un- 
willens, wenn heilige Eechte im Menschenleben freventlich verletzt 
werden. So spricht Homer von Erinyen der Eltern, denen von 
ihren Kindern, ferner von Erinyen des älteren Bruders, dem von 
jüngeren Geschwistern die gebührende Ehre versagt und Schmach 
angethan wird; die Erinys oder die Erinyen erheben sich also 
überhaupt und versehen ihr strafendes Amt, wenn heilige Familien- 
rechte gekränkt worden sind (II. 21, 412. 9, 571. Od. 11, 279). 
Uebrigens auch die Bettler, die Schutzflehenden, die Gastfreunde, 
welche Anspruch auf Erbarmen haben und auf schützende Aufnahme, 
haben ihre Erinyen, wenn sie übermüthig behandelt werden (Od. 
17, 475). In dem Fluche (aga) bricht der Schmerz und Unwüle 
über die erlittene Kränkung hervor; daher heissen die Erinyen bei 
Aeschylus auch 'AqccL 

Die Vorstellung der Erinyen hat iadess bei Homer und Hesiod 
eine noch weitere Ausdehnung; sie verfolgdn jeden Frevler, den 
Mörder, dqn Meineidigen u. s. w. An jedem fünften Tage des 
Monats, der für einen schlimmen Tag galt, kommen sie auf die 
Oberwelt, um den Meineidigen zu strafen (Hes. Opp. 803 cf. H. 
19, 259). In grauenvollem Dunkel wandeln sie umher und ereilen 
mit ihrer furchtbaren Macht den Sünder, sie verfolgen ihn auf 
Erden und strafen ihn nach dem Tode noch in der Unterwelt. 
So bringen sie das Verderben nach jeder ruchlosen That, die der 
Mensch begangen hat (JTotvat, die Strafenden, bei Aeschylus); aber 
sie verblenden auch selbst den Süm des Menschen und führen ihn 
zur Uebelthat imd stürzen ihn dadurch ins Unglück. Die strafenden 
Gottheiten werden so auch unglückbringende Schicksalsgöttinnen, 
gleich den Moiren. Agamemnon, der den Achilleus in seiaer Ehre 
gekränkt und dadurch Verderben über sich und die Achäer ge- 
bracht hatte, sagt sich entschuldigend: nicht ich bin schuld, sondern 
Zeus und die Moira und die im Dunkel wandelnde Erinys haben 
mich bethört (II. 19, 87 cf. Od. 15, 234). 

Homer spricht bald von einer Erinys, bald von mehreren, 
eine bestimmte Zahl derselben und bestimmte Namen gibt er jedoch 
nicht an; ebensowenig findet sich bei ihm etwas über ihre Ab- 
stammung. Hesiod lässt sie, wie schon oben gesagt, aus den auf 
die Erde gefallenen Blutstropfen des von dem Sohne verstümmelten 
Uranos entstehen; Zahl und Namen aber bleiben auch bei ihm unbe- 
stimmt. Aeschylus nennt sie alte Gottheiten, Töchter der Nyx, So- 
phokles Töchter Ides Skotos (Finsterniss) und der Ge (Aeschyl. 
Eumen. 321. Soph. Oed. Col. 40. 106), ebenfalls ohne eiae bestimmte 
Zahl anzugeben. Die Dreizahl der Erinyen findet sich bei keinem Dichter 
vor Euripides, und die Namen Alekto ^Alrjuroa, die nie Eastende), 
Tisiphone (Tiaiqjovr], die Eächerin des Mords) imd Megaira 
{MiyaiQa, die Feindliche) nicht vor den alexandrinischen Dichtern. 



— 118 — 

Auch bei den Tragikern treten die Erinyen oft ziemlich all- 
gemein als' strafende und verderbende Wesen airf, die den Sünder 
auf alle Weise heimsuchen durch Ausstossung aus' der mensch- 
lichen Gesellschaft, durch die Qualen des Gewissens und durch 
Marter in der Unterwelt, ja die Vorstellung von denselben als 
Unheilstiftei'innen wird so weit ausgedehnt, dass selbst verderben- 
bringende Mensehen, wie Helena und Medeia, den Namen Erinys 
erhalten (Aesch. Ag. 729. Soph. Elect. 1080. Eurip. Orest. 1386). 
Vornehmlich aber sind die Erinyen bei den Tragikern die Eächeriimen 
der Blutschuld, des blutigen Frevels an den dtu'ch die Natur ge- 
heiligten Eechten der Familie; wie nach einem nothwendigen Natur- 
gesetze treffen sie den, der in dieser Hinsicht gefrevelt hat, ohne 
Bücksicht auf die besonderen Umstände der That, ohne Ansehen 
der Person und der Verhältnisse. Die Eepräsentanten solcher Opfer 
der Erinyen sind bei den Tragikern Orestes und Oidipus. 
Orestes hat nach dem Auftrag des Apollon an der eigenen Mutter 
Klytaimnestra, die ihm den Vater Agamemnon gemordet hat, die 
Blutrache ausgeübt, hat die eigene Mutter erschlagen. Dafür wird 
er von den von seiner Mutter heraufgeschickten Erinyen wie ein 
gehetztes Wild umhergetrieben und kommt schutzsuchend nach 
Delphi in das Heiligthum des ApoEon. Dieser heisst ihn, nachdem 
er sich zuvor mancherlei Sühngebräuchen unterworfen habe, nach 
Athen gehen, damit dort unter Leitung der Athene über ihn ent- 
schieden werde. Die furchtbaren Eachegöttümen folgen ihm auch 
dorthin; sie umringen ihn blutfordemd vor dem Tempel der Athene 
und singen ihm den schauerlichen Eriny engesang, ein Lied, das 
den Geist mit Wahn und Verwirrung erfüllt und fesselnde Bande 
um den Sünder schlingt: „Die Zwanggewalt Moira hat ims für 
ewige Zeit dies Erbtheil bestimmt, rächend nachzugehen den Spuren 
des Frevlers, bis er zum Abgrund sinkt; und auch unten wird 
geringe Freiheit ihm. Häuser stürzen wir ein, da, wo der Streit, 
heimisch gehegt, den Freund gefällt. Solchem jagen wir nach, wir 
vertilgen ihn blutig, wie er in Kraft auch blüht. Hebt auch Hoch- 
muth menschlichen Wahns sich zum Himmel, brechen doch wir ihn; 
er sinkt geschändet zu Boden, weim wir uns nahen im schwarzen 
Gewand und zum Unheilsreigen unser Fuss sich schwingt. Denn 
mit der Kraft hastigen Sprungs setz' ich den Fuss lastend auf 
ihn; läuft er auch schnell, gleitet sein Schritt doch in schweres Ver- 
derben. Doch er selbst merkt thöricht verblendet den Sturz nicht, 
also umnebelt die Schuld ihm das Auge; aber Jammergestöhne 
der Menge verkündet, dass Nachtgraun düster ob dem Hause 
schwebt." Athene, die dem Orestes zu Hülfe kommt, setzt nun 
auf dem Areopag ein Gericht nieder, vor welchem Apollon seinen 
Schützling gegen die Erinyen vertheidigt. Die Richter geben ihre 
Stimmen ab; zuletzt wirft Athene einen weissen, lossprechenden 
Stein in die Urne, und als man die Stimmen zählt, ist die Zahl 



— 119 — 

der schwarzen und weissen Stimmsteine gleich und damit Orestes 
freigesprochen. Die Sterblichen vermögen nicht von dem Mutter- 
morde freizusprechen, nur die Gnade der Götter vermag es. Die 
Erinyen, die alten Gottheiten, in dem Eechtsstreite von den jungen 
Göttern besiegt, drohen Athen schweres Verderben, Misswachs und 
Siechthum; aber Athene besänftigt sie und verspricht ihnen ia 
ihrer Stadt hohe Verehrung. Die Erinyen, die Zürnenden, werden 
somit für die Stadt wohlwollende, segnende Göttinnen, Eumenid^n 
(EvfievlSsg): sie geloben Fruchtbarkeit dem Erdreich und den Thieren, 
Segen den Menschen und werden feierlich in die Grotte des Areopags 
geleitet. (Inhalt der Eumeniden des Aesehylus.) 

Das andere den Erinyen geweihte Haupt ist Oidipus, der 
unglückliche König von Theben, der seinen Vater Laios erschlagen 
und seine Mutter lokaste geheirathet hatte. Obgleich er ohne 
Wissen und Willen gesündigt, musste er doch nach dem Glauben 
der Alten voUkommen für seine That einstehen und verfiel der 
Macht der rächenden Erinyen, die schon lange in seinem Hause 
gewüthet hattien. Der durch sein Unglück gebeugte blinde Greis 
konünt, aus dem Vaterlande Verstössen und nur von seiner Tochter 
Antigene begleitet, zu dem heiligen Haine der Exinyen auf dem Hügel 
Kolönos in der Nähe von Athen, um dort nach einem Orakelspruch 
sich mit den Erinyen auszusöhnen und die endliche Euhe zu finden. 
Er steigt durch einen Erdschlund (;^aAxfo? oviog, Soph. 0. C. 1572) 
in die Tiefe, zu dem Sitze der Erynien hinab, um nicht mehr 
wiederzukehren, und von nun an ist der mit den Göttinnen Versöhnte, 
durch das Unglück Geläuterte und Geheiligte ein schützeüder Hort 
für das attische Land. (Inhalt von Sophokles' Oedipus Coloneus.) 

Die Sagen von Orestes und Oidipus und ihrem Verhäitniss 
zu den Erinyen sind nicht blosse Erfindungen der Dichter, sie 
v?urzeln vielmehr in dem Glauben und dem Cultus des Volkes. 
Die Idee der Erinyen hat sich entwickelt aus der Vorstellung einer 
Demeter-Brinys, einer zürnenden*), unterirdischen Demeter, die 
in Arkadien und Böotien verehrt ward und in der thebanischen 
ICönigsfamilie, dem Geschlechte der Labdakiden, furchtbar waltete 
durch Vater- und Brudermord und Blutschande. Allmählich lösten 
sich die Erinyen als selbständige Wesen von Demeter-Erinys ab, 
und in der thebanischen Sage wurde nun Oidipus der Mann, dessen 
ganzes Leben den Erinyen geweiht war. Schon gleich nach seiner 
Gebiirt wird er auf dem Kithairon, dem den Erinyen heiligen Berge, 
ausgesetzt, durch Verblendung stürzt er in Frevel und Unglück 
und erst mit dem Tode erhält er die Versöhnung. Sein Grab, das 
nach thebanischer Sage sich in Böotien, zu Eteonos im Heiligthimi 
•der Demeter befand, wurde ein Ort des Heils imd des Segens. 
Von Böotien aus wurde wahrscheinlich der Cultus der Erinyen 



*) iQivveiv soll bei den Arkadem zürnen heissen. 



— 120 — 

laacli Attika gebracht, auf den Hügel Kolonos und auf den Ares- 
liiigel oder Areiopagos in der Stadt Athen selbst. In Attika Messen: 
die Erinyen Semnai (Ssiivcel d'sul, die Ehrwürdigen), der Name 
Eumeniden {Ev(i£vi6£g) ist heimisch in Sikyon. Auch im Pelo- 
ponnes findet sich uralte Verehrung der Erinyen; hier hat sich 
besonders die Sage von Orestes ausgebildet. Er sollte die Zeit 
seiner Flucht und Verbannung in Parrhasien, einer Landschaft 
Arkadiens, zugebracht haben; man zeigte hier noch in später Zeit 
ein HeiHgthum der Manien, der rasenden und rasend machenden 
Göttinnen {MavCai), die den Orestes in Wahnsinn versetzten, das& 
er sich einen Einger abbiss. Nicht weit davon lag der Ort "Axt} 
(die Heilung), wo die Gottheiten ein Heüigthum als Eumeniden hatten 
und dem Orestes weiss erschienen sein sollen. Den schwarzem 
Erinyen, den verfolgenden, brachte er Todtenopfer {£vayiG^ax(t)y 
den weissen, den versöhnten, göttliche Opfer (O'visCav) dar. Ausser- 
dem soll noch an mehreren andern Orten des Peloponnes die Ver- 
wandlung der Erinyen in Eumeniden stattgefunden haben; immer 
aber knüpfen sich dabei die Sagen an den Namen des Orestes au. 
Diese pelopoimesischen Sagen haben dem Aeschylus bei der Dich- 
tung seiner Eumeniden vorgelegen; um aber seine Vaterstadt zu 
verherrlichen und besonders um das Ehrwürdige des Areopags, 
des alten Blutgerichts von Athen, hervorzuheben, verlegte er die 
Lossprechung des Orestes und die an den Mythus des Orestes ge- 
knüpfte Versöhnimg der Erinyen nach Athen. 

Die furchtbaren Göttinnen, die, geschieden von den olympi- 
schen Götiern und gehasst von Sterblichen und Unsterblichen, in 
der Tiefe des Tartaros wohnen , müssen ein grauenerregendes 
Aeussere haben. Vor Aeschylus war die Gestalt und das Aus- 
sehen derselben noch nicht festgestellt; dieser Dichter brachte sie 
zuerst auf die Bühne und war daher gezwungen, sie in bestimmter 
Form vorzuführen. Als Vorbild hatte er hierbei die Gorgonen und 
Harpyien vor Augen. Sie treten auf in langen schwarzen Ge- 
wändern mit bluthrothem Gürtel, als alte scheuselige Weiber- 
gestalten mit Schlangenhaaren, blutigen Augen, heraushängender 
Zunge und gefletschten Zähnen. Wie Jagdhimde verfolgen sie ihr 
Opfer auf blutiger Fährte, sie bellen im Schlafe, lecken Blut aus- 
den Leichnamen u. s. w. Daher heissen sie bei Aeschylus und 
auch bei Sophokles geradezu Hündinnen. Verschieden hiervon 
ist die Vorstellung bei Euripides; hier sind sie schnelle, geflügelte,, 
jungfräuliche Jägerinnen, welche Fackeln und Schlangen in den. 
Händen tragen. Die letzte Vorstellung liegt auch der bildenden. 
Kunst zu Grunde, welche, da sie bleibende Bilder darstellt, sich 
hüten musste, durch Schreckgestalten, wie sie Aeschylus malt, 
Augen und Sinn zu verletzen. 

Man opferte den Erinyen schwarze und auch trächtige Schaafe 
und brachte ihnen weinlose Spenden dar, Honig mit Wasser gemischt. 



121 



19. Hekäte (^Exatrj, Hecate). 

Hekate, die Ferhinwirkende , ist in der Zeit, wo sie zu be- 
sonderer Bedeutung gelangt ist, entschieden eine unterirdische 
Gröttin, die auch den Erinyen öfter beigesellt wird. Bei Homer 
finden wir nichts über diese Göttia; dagegen sagt Hesiod (Theog. 
411 — 452), dass Zeus sie, eine Tochter des Perses und der 
Asterie, vor allen andern Titanen geehrt und ihr die hohe Würde 
geschenkt habe, im Himmel, auf Erden und im Meere zu walten, 
Grlück und Sieg, Weisheit in der Versammlung und den Gerichten, 
glückliche Schifffahrt und Jagd, Gedeihen der Jugend und Wachs- 
thum der Heerden zu verleihen. Diese ausführliche und reich- 
haltige Stelle des Hesiod ist übrigens sehr verdächtig, wahr- 
scheinlich ist sie ein Einschiebsel späterer Zeit, wo die Orphiker- 
ihren Einfluss geltend machten. Denn von diesen wurde Hekate, 
eine alte aber bisher zurückgedrängte und wenig bekannte Gott- 
heit, wieder hervorgezogen und txl besonders hoher Ehre gebracht. 
Sie haben manches Fremdländische beigemischt und sie zu einer 
mystischen Gottheit gemacht, die als eine im Himmel, auf Erden 
und im Meere waltende Herrscherin der Natur mit manchen, andern 
mystischen Gottheiten, wie Demeter, Persephone, Ehea-Ky- 
bele, vermengt wurde. Als Schützerin des Wildes und der Jugend. 
(KovqoTQOfpog) ward sie mit Artemis zusammengestellt, aus deren 
Wesen sich vielleicht ihre Vorstellung als einer besonderen Gott- 
heit herausgebildet hat; denn ^kcivyi ist ein gewöhnliches Attribut- 
der Artemis. Wie diese ward nun auch Hekate zu einer Mond- 
göttin umgeformt. 

. Durch ihre Beziehungen zu Demeter und Persephone, die: 
schon in dem homerischen Hymnus auf Demeter hervortreten (v. 
25. 52. 438), und ihre schon bei den Tragikern vorkommende Ver- 
mengung mit Persephone wird Hekate vorzugsweise eine chthonische 
oder unterirdische Göttin, eine furchtbare, gewaltige Herrscherin 
unter den Schatten. Ihr ganzes Wesen hat etwas Dämonisches,. 
Gespenstisches and Grauenhaftes, so dass sie die Trägerin viel- 
fachen wüsten Aberglaubens wird; sie sendet nächtliche Schreck- 
gestalten, wie die Empusa, aus der Unterwelt herauf und schwärmt 
mit den Seelen der Verstorbenen in der Nacht auf Dreiwegen 
(sivodia^ tQtodtrig, Trivia) und an Gräbern (rv(i,ßidLu) umher; ihre 
Nähe verkünden die Hunde durch Heulen und Winseln, auch ist 
sie selbst von stygischen Hunden begleitet. Sie beschützt und 
belehrt die Zauberinnen, welche während der Nacht die durch ihr 
Mondlicht gekräftigten Zauberkräuter aufsuchen und bei nächt- 
lichem Dunkel ihre unheimlichen und verderbenden Beschwörungen 
vornehmen. • 

Man verehrte Hekate besonders zu Samothrake, zu Lemnos, 



— 122 — 

in Argos, Athen, Aegina und an anderen Orten theils in öffentlichem, 
theüs in Geheimcult. Vor imd in den Häusern und auf Dreiwegen 
stellte man ihr Säulen (^EKatata, Hekatesäulen , wie 'EQfiat Hermes- 
säulen) auf, damit sie das Haus und den Wanderer vor Unglück be- 
schütze,- und an dem Schlüsse jeden Monats wurden ihr, sowie' andern 
Unglück zu- imd abwendenden Gröttem, an. Dreiwegen Speisen aus- 
gestellt, welche von den Armen verzehrt wurden. Man opferterihr 
Hxmde und wie den Erinyen und andern chthonischen G-ottheiteu 
Honig xmd schwarze (weibliche) Lämmer. 

Von der Kirnst ist Hekate theüs eingestaltig, theils dtm- 
gestaltig und dreiköpfig gebüdet, weü ihre' Bildnisse häufig auf 
Dreiwegen aufgestellt wurden. Auch Dichter beschreiben, sie; als 
eine dreiköpfige Göttin, mit einem Pferdekopf, einem Hundekopf 
und einem Löwenkopf. Ihre hierher gehörigen Beiwörter siitü 
iQieeoK£(pccXo:g, tQCfioQtpog, triceps, triformis, tergemina u. a. 



B. Die Heroen (^'H^asg, Heroes). 

Dieselbe Phantasie, welche dem griechischen Volke seine freien, 
persönlichen Götter bildete, erschuf aucb die Gestalten der Heroen. 
Die Sagen von den Geschichten der Götter, in welchen diese ihr 
Wesen und Wirken offenbarten, enthielten auch zugleich die Ge- 
schichte der Väter des Volkes, bei welchen die Götter eingekehrt, 
ihre Heiligthümer gegründet und ihre Culte eingesetzt hatten. Die 
Götter mussten einen Grund und Boden haben, wo sie erscheinen 
und wirken konnten, ein Menschengeschlecht, in dessen Geschicke 
sie thätig eingriffen. Das Volk dachte sich seine früheren Helden- 
geschlechter, seine Stammväter unter dem besonderen günstigen 
oder ungünstigen Einflüsse der Götter; unter ihrer Leitung führten 
sie glückliche Unternehmungen und herrliche Thaten aus, durch 
ihre strafende Hand wurden sie in schweres Unheil gestürzt. Die 
Sagen von diesen Helden der Vorzeit sind an allen Orten Griechen- 
lands unter dem Volke selbst aufgewachsen, nicht von einzelnen 
Dichtem erfunden; als aber die epische Dichtkunst entstand^ da 
griff sie vornehmlich nach diesen Stoffen, behandelte nach den Ge- 
setzen der Kunst einen grossen Theü derselben und bildete sie mit 
besonderer Vorliebe aus. Daher heisst auch die epische Dicht- 
kunst die heroische. 

Bei Homer wird zwar jeder ehrenhafte, freie: Mann ein Heros 
genannt (H. 2, 110. 13, 629. Od. 2, 15); vorzugsweise aber führen 
diesen Ehreimamen die Fürsten, wie die Atriden, Laörtes u. A., 
die edlen Geschlechter, welche ihren Ursprung von irgend einem 
Gotte oder einer Göttin ableiteten (die öioyevsig, entgegengesetzt 



— 123 — 

den avBQsg drifiov). Sie sind von den gewölmliclien Menschen nicht 
wesentlich Terschieden, nur zeichnen sie sieh aus durch eine 
grössere körperliche Kraft; den Tod erleiden sie wie die übrigen 
Sterblichen, und nur einzelne Lieblinge der Götter, wie Menelaos, 
werden diesem enthoben und erhalten eine leibliche Fortdauer in 
Elysion. 

BeiHesiod heissen die Heroen zuerst Halbgötter (rjfiid'aoc), 
jenes Geschlecht der herrlichen Kämpfer, die vor Theben und Troja 
stritten, ausgezeichnet durch Gerechtigkeit, Heldeumuth und Kraft, 
und nach dem Tode zu den Inseln der Seligen entrückt (Hes. Opp. 
156 ff.). Pindar stellt die Heroen als übermenschliche Wesen hin, 
welche in der Mitte stehen zwischen Göttern und Menschen und 
Gegenstand religiöser Verehrung sind. Mit der Zeit ist also ent- 
schieden ein religiöses Element in den Glauben an die Heroen ein- 
getreten; es bildete sich ein besonderer Heroencult mit eigen- 
thümlichen Opfern, gleich den Todtenopfern {ivayiöfmTa), welche 
von den den Göttern dargebrachten völlig verschieden waren. Eiae 
Hauptsache bei denselben waren die Spenden (xoaC) aus Honig, 
Wein, Wasser, auch Oel und Milch; wurden den Heroen Thiere 
geopfert, so richtete man beim Schlachten ihre Köpfe zur Erde 
nnd Hess das Blut in eine Grube fliessen, das Fleisch aber ward 
nicht verzehrt, sondern ganz verbrannt. Diese feierlichen Gebräuche 
wurden vornehmlich an den Heroengräbem vorgenommen, aus 
deren Tiefe die Heroen noch heraufwirkten und Glück imd Segen 
brachten. 

Die Heroen, wie sie im Allgemeinen im Glauben des Volkes 
lebten, sind weder rein historisch als gewöhnliche Menschen, noch 
rein symbolisch als blosse Begriffe aufzufassen; sie sind vielmehr 
ideale Menschen, gewissermassen die Repräsentanten des Volkes 
aus uralter Zeit, die aus der Zufölligkeit und Beschränktheit des 
gewöhnlichen historischen Lebens herausgehoben und zu schönen 
grossartigen Gestalten verklärt worden sind. Das Volk sieht zu 
ihnen hinauf als zu Wohlthätem ihres Geschlechts , Gründern 
ihrer Städte und Staaten und der gesetzlichen Ordnung, welche 
wegen ihrer Grossthaten oder auch wegen ihrer göttlichen Ab- 
stammung von den Göttern nach dem Tode durch ein vor den 
gewöhnlichen Sterblichen ausgezeichnetes Loos geehrt worden sind. 
Die Heroen sind zum Theil blosse Gebilde der Phantasie ohne 
historische Grundlage, wie Danaos, Hellen, zum Theil haben sie 
als wirkliche Individuen in alter Zeit gelebt, der sagenbildende 
Geist des Volkes aber streifte von ihnen die Schranken des ge- 
wöhnlichen Lebens ab und machte sie zu Idealmenschen, wie die 
meisten Helden vor Troja; andere waren gewiss ursprüngKch gött- 
liche Wesen und sanken mit der Zeit zu blossen Heroen herab, wie 
Perseus, Bellerophontes. In späterer Zeit ertheilte man auch ge- 
schichtlichen Personen die Ehre von Heroen, wie den Athenern 



— 124 — 

Harmodios luid Aristogeiton; doch galt als die Grenze der eigent- 
lichen Heroenzeit im Allgemeinen die Rückkehr der Herakliden in 
den Peloponnes. 

Wu' können in dem Folgenden mir auf die hauptsächlichsten 
Heroensagen, welche besonders von den Dichtern behandelt und 
ausgebildet worden sind, Rücksicht nehmen. 



1. KorintMsclie Sagen. 

(Sisyphos. Bellerophontes.) 

Sisyphos, der Sohn des Aiölos, war der Gründer vnd Be- 
herrscher von Korinth oder, wie es in alter Zeit hiess, Ephyra» 
Er wird von Homer (II. 6, 153) der gewinnsüchtigste der Menschen 
genannt, was sich auf den Handel und die Seefahrt der Stadt 
Ephyra bezieht. Wegen seiner Schlechtigkeit wurde er in der 
Unterwelt schwer gestraft (siehe p. 13). Den Grund dieser Strafe 
nennt Homer nicht; spätere geben ihn verschieden an. Apollodor 
erzählt, als Zeus die Tochter des Asopos, Aigina, aus Phlius ent- 
führte, habe Sisyphos dies dem suchenden Asopos verrathen; daher 
seine Strafe. Die Schlauheit und trügerische Verschlagenheit seiaes 
Wesens (Slavcpog, von aoq)6g^ bedeutet Schlatikopf) benutzten die 
Alten, um allerlei märchenhafte Erzählungen, woran der äolische 
Stamm reich ist, von ihm zu erdichten. So wird erzählt, Zeus 
habe zur Strafe für den obenerwähnten Verrath dem Sisyphos den 
Tod zugeschickt; Sisyphos aber fesselte diesen auf listige Weise, 
so dass nun kein Mensch mehr starb, bis Ares ihn wieder au& 
seinen Banden befreite. Oder vor seinem Tode gebietet Sisyphos 
seinem Weibe ihn nicht zu bestatten; er bittet nun den Hades, 
ihn auf kurze Zeit ia die Oberwelt zurückzuschicken, damit er sein. 
Weib für die Vernachlässigung bestrafen könne. Als er aber auf 
der Oberwelt war, hatte er keine Lust, seinem Versprechen gemäss 
wieder hinabzusteigen, sondern musste von Hermes mit Gewalt 
geholt werden. Dies letzte wurde auch als Grund seiner Bestrafung 
in der Unterwelt angegeben, — Das Grab des S. war auf dem 
Isthmos. Sein Sohn ist Glaukos und dessen Sohn 

Bellerophontes oder Bellerophon {BsXXeQocpovrvjg , BeXIe- 
Qocpäv), der untadelige, dem die Götter Schönheit und edle Mann- 
haftigkeit gaben. Aber Proitos, der in Korinth herrschte, ersann 
ihm Böses und trieb ihn aus dem Lande. [Anteia (bei den Tra- 
gikern Stheneboia), die Gemahlin des Proitos, liebte den Jüngling; 
da sie aber vergeblich ihn zu gewinnen suchte, verläumdete sie 
ihn bei ihrem Gemahle, der in grossen Zorn gerieth.] Proitos 
vragte nicht den Bellerophon zu tödten, sondern sandte ihn mit 
einer zusammengelegten Tafel voll todbringender Runen ((Jijjitoira 



— 125 — 

XvyQo) an seinen Schwiegervater (lobates) in Lykien. Netm Tage 
lang bewirthete ihn der König, am zehnten aber begehrte er die 
Zeichen zu sehen, die sein Schwiegersohn ihm gesendet habe. Als 
er den Inhalt derselben erkannt, schickte er den Bellerophon aus, 
die Chimaira*) zu tödten, ein feueraushauchendes Ungeheuer gött- 
lichen Geschlechtes, das vorn ein Löwe, hinten ein Drache, in der 
Mitte eine wilde Bergziege war. Yon den Göttern tmterstützt 
(■Q'ecöv tsqaeeai Ttid'iqaag)^ bezwang Bellerophon das Ungeheiier. 
Darauf kämpfte er auf Befehl des Lykiers glücklich mit den S o - 
lymern, Nationalfeinden der Lykier in den benachbarten Gebirgen, 
und zum dritten mit den kriegerischen Amazonen**). Als er 
zurückkehrte, legte ihm der König einen Hinterhalt aus den besten 
Männern von ganz Lykien, damit sie ihn unterwegs erschlügen; 
aber Bellerophon tödtete sie aUe. Nun erkannte der König, dass 
sein Gast von göttlichem Geschlechte sei, und behielt ihn bei sich; 
er gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und theilte mit ihm die 
Herrschaft. Die Lykier aber gaben ihm ein treffliches Stück frucht- 
baren Landes als Eigenthum. Seine Enkel waren Glaukos und Sarpe- 
don, die Anführer der Lykier vor Troja. So erzählt Homer H. 6, 
152 — 199. Hier ist Proitos, der Herrscher in Korinth, ein Enkel 
des Sisyphos, ein Vetter des Bellerophon, der diesen um der Herr- 
schaft willen aus dem Lande trieb. In den leicht auszxischeidenden 
Versen 160 — 166 aber, die von Anteia handeln, ist nach einer 
andern Sagengestalt ein zweiter, mit dem ersten unvereinbarer 
Grund eingeschoben, wariim Proitos den Bellerophon aus dem Lande 
schickte, die Verleumdung des Bellerophon durch Anteia. In dieser 
jüngeren Sagenform war Proitos kein Sisyphide, sondern dei* König 
in Tiryns, Sohn des Abas, imd um nun zu erklären, wie Belle- 
rophon von Korinth nach Tiryns kam, dichtete die Sage, dass er 
seinen Bruder Deliades oder einen angesehenen Korinther ISTamens 



*) Nach Homer (IL 16, 328) ward die Chimaira von Amisodäros, 
dem Könige von Karien, auferzogen. Hesiod nennt sie eine Tochter des 
Typhaon und der Echidna, ein grosses, sclmelles und gewaltiges, feuer- 
schnaubendes Ungeheuer mit drei Köpfen, eines Löwen, einer Ziege und 
eines Drachen (Theog. 319 ff.). Die Vorstellungen des Homer und Hesiod 
werden Ton Späteren auf verschiedene Weise mit einander verbunden. 
Man versetzte sie nach Phrygien, Libyen, Aegypten, Indien und fasste 
sie später auf pragmatische Weise als feuerspeienden Berg. 

**) Die Amazonen, kriegerische Frauen, das Ideal weiblicher Kraft 
uud Tapferkeit, wohnten der Sage nach an den östlichen imd südöstlichen 
Küsten des schwarzen Meeres in der Nähe des Kaukasus und besonders 
an dem Flusse Thermodoa.- Ihre Hauptstadt hiess Themiskyra. Sie flohen 
den Umgang der Männer und lebten nur dem Kriege. Das Alterthum 
berichtet von einer Menge von Kriegszügen der Amazonen; so kamen 
sie nach Phrygien und Lykien, nach Lesbos und Samothrake, selbst nach 
Attika und Böotien. Die Vorstellung von ihnen entstand wahrscheinlich 
aus dunkelen Sagen von bewaf&ieten skythischen Frauen und alten Ueber- 
lieferungen von Hierodulen (Tempeldienerinnen) streitbarer Gröttinnen, 
wie der Enyo, Artemis, Athene. 



— 126 — 

Bßlleros erschlagen habe tmd deshalb zu Proitos geflohen seiiy 
der ihn von dem Morde reinigte und bei sich behielt, bis er ihn, 
veranlasst durch die Verleumdung seiner Gemahlin, nach Lykien 
schickte. Von dem Morde des Belleros soll der Jtingling den 
Namen Bellerophontes erhalten haben, während er früher (mit 
Bezug auf das Ross Pegasos) Hipponoos hiess. Nach Hesiod 
(Theog. 325) tödtete Bellerophon die Chimaira durch Hülfe des 
Pegasos, des aus dem Rumpfe der öorgo Medusa entsprungenen 
Flügelrosses (Theog. 278 ff.). Man erweiterte später die home- 
rischen Worte -ö-erav TSQusGßi ni^rjöccg, indem man dichtete, die 
Götter hätten ihm auf dem Wege zum Kampfe das Flügelpferd 
gesendet, Athena habe das Pferd gezäumt und gezähmt u. s. w. 
(Find. Ol. 13, 63 ff.). Homer fügt seiner Erzählung hinzu, dass 
Bellerophon später den Göttern verhasst geworden und einsam, die 
Spuren der Menschen fliehend, auf dem alefschen Felde (dem Felde 
des Irrens, ulccofiat) umhergeschweift sei, sich in Gram verzehrend. 
Der Grund des Götterhasses wird bei Homer nicht angegeben, 
Spätel-e sagen, er sei bestraft worden, weil er die von den Göttern 
geliebten Solymer getödtet habe. Nach der Erzählung Pindars 
(Isthm. 6, 44) wollte Bell, auf dem Pegasos sich zum Himmel 
schwingen; Zeus aber versetzte das Boss durch eine Bremse in 
Wuth, dass es den Reiter abwarf, der nun lahm oder blind ward. 
— In dem Cypressenhaine Kraneion bei Korinth hatte Bellerophon 
einen heiligen Bezirk; mit Pegasos stand er zu Kormth in dem 
Tempel des Poseidon; auf dem Wege von Korinth nach dem Hafen- 
platze Lechaion stand Pegasos (das Quellross, nniyri)^ wie er mit 
dem Huf einen Quell hervorstampft. Bellerophon und Pegasos 
treten in enge Beziehung zu dem Wasser- und Meergott Poseidon, 
dem Poseidon huTCiog; Glaukos, der Vater des Bellerophon, ist zu- 
gleich ein Meergott, und Poseidon selbst heisst Vater des Belle- 
rophon oder Hipponoos. BeUerophon war ursprünglich ein gött- 
liches Wesen, ein dem Reiche des Wassers entsprungenes Wesen 
des himmlischen Lichtes; er reitet auf dem den Quellen entstiegenen 
Wolkenrosse Pegasos, welches dem Zeus Donner und Blitz zuträgt 
(Hesiod Th. 282 ff.), und bekämpft als Lichtgott das finstere Un- 
gethüm Chimaira. 

2. Argivisclie Sagen. 

(Inaclios. Danaos. Danae. Perseus.) 

Der älteste Herrscher in Argos war Inachos, eigentlich der 
Gott des argivischen Flusses gleichen Namens, ein Sohn des Okeanos 
und der Tethys. Er ward ein Eingeborner des Landes genannt,, 
der nach der deukalionischen Fluth die Argiver von den Bergen, 
in die argivische Ebene herabgeführt und diese wohnlich gemacht. 



— 127 — 

liaben soll, indem er das Grewässer in den nacii ilim benamten 
Fluss znsammenleitete. Spätere gaben ibn für einen Aei^rpter 
aus, nachdem die Sucht bei den Griechen eingerissen war, Alles 
aus dem Oriente und Aegypten abzuleiten. Als Poseidcm und Hera 
tun den Besitz von Argos stritten, sprach Inachos das Land der 
Hera zu und opferte ihr. Nach anderer Sage ist es Phoroneus 
(QoQtovevg, von (pe^ca)^ der Sohn des Inachos, der den J)ienst der 
Hera zuerst in Argos einführte, der die zerstreuten Menschen in 
gemeinschaftlichen Wohnortai vereinigte und ihnen die erste Cultur 
beibrachte, iudem er den Menschen das Feuer gab. Für diese 
Wohlthaten wurde er ia Argos als Landesheros verehrt. 

Die Argiver erzäMten, dass des Inachos Tochter lo (p. 31) 
nach langem Umherirren in Aegypten den Epaphos geboren habe 
und dieser König von Aegypten geworden sei. Nachkommen des 
Epaphos waren Danaos und Aigyptos, Söhne des Belos und 
der Anchirrhoö. Banaos hatte 50 Töchter, Aigyptos 50 Söhne; 
aus Furcht vor diesen floh Danaos mit seinen Töchtern, den 
Danaiden, auf einem Fünfzigruderer nach Argos. Hier machte er 
ax£ die Herrschaft Anspruch, welche der Inachide Gelanor besass, 
und die Argiver sprachen ihm dieselbe zu. Er baute nun die 
Burg von Argos und lehrte das Graben der Brunnen. Die Söhne 
des Aigyptos aber wären ihm nachgefolgt imd baten um die Ehe 
seiner Töchter. Danaos vermählte sie; da er aber noch immer 
seine Neffen fürchtete und sich wegen der Flucht aus Aegypten 
rächen wollte, so befahl er seinen Töchtern, ihre Vettern imd 
Gemahle während der Nacht im Schlummer zu ermorden. Dies 
thaten sämmtliche Danafden und begruben. die Leichname, nur 
Hypermnesira rettete ihren Gemahl Lynkeus. Für diesen Mord 
wurden . die Danaiden in der Unterwelt bestraft, indem sie ewig 
Wasser in ein durchlöchertes Fass schöpfen müssen (Ovid. Met. 
4, 462, hier werden sie nach ihrem Grossvater Belos Belides 
genannt). 

Die Sage, welche den Danaos aus Aegypten nach Argos 
kommen lässt, ist jüngeren Ursprungs; Danaos, in dessen Zeit, wie 
die Alten behaupten, die Argiver Pelasgioten zu sein aufhörten 
und forthin Danaer genannt wurden, ist der Bepräsentant des 
achäischen Stammes der Danaer, die mit den Aegyptern nicht die 
geringste Gemeinschaft hatten. Die Danal'deu, seine Töchter, welche 
ohne Unterlass Wasser in ein durchlöchertes Fass tragen, erklärt 
man, indem man sie von der ursprünglichen Naturseite auffast, 
als die Flüsse und Quellen des trocknen argivischen Landes, welche 
jährlieh im Sommer versiechen. Sie wurden zu Argos verehrt, 
weil sie das Land mit Brunnen versehen hätten, imd vier Brunnen 
waren ihnen geheiligt. Eine derselben Amymöne, war die Ge- 
liebte des Poseidon, der ihr zu Liebe einen Quell gleichen Namens 
entspringen Hess. Fasst man den Kern der ganzen Sage von den 



— 128 — 

Dana'iden von der ethischen Seite auf, so findet man darin das 
zwecklose, Tinselige Leben, zu dem jedes Weib verurtheüt ist, das 
die Bestimmung, Gattia und Mutter des Hauses zu sein, von sich 
weist. — Das Grabmal des Danaos befand sich in Argos mitten 
auf dem Markte ; in Delphi hatte er mit Hypermnestra und Lynkeus 
Standbilder. 

Enkel des Lynkeus und der Hypermnestra waren die feind- 
lichen Brüder Akrisios und Proitos, von denen jener König von 
Ärgos, dieser von Tiryns ward. Des Proitos Töchter, von dem 
züi-nenden Dionysos wegen Vernachlässigung seiner Weihen mit 
hässlicher Krankheit und Easerei bestraft, wurden von dem Seher 
und Weihepriester Melampus, einem Sohne des Amythaon aus 
Messene, Enkel des Kretheus (p. 21), geheilt, wofür Proitos seine 
beiden Töchter ihm und seinem Bruder Bias vermählte xmd ihnen 
zwei Theile seines Eeiches abtrat. So kam das äolische Geschlecht 
der Amythaoniden, zu dem Adrastos gehörte, nach Argolis 
(Od. 15, 224 ff.*). • — Die Tochter des Akrisios war Danafe". 
Da er von dem Orakel den Spruch erhalten hatte, dass er durch 
einen Sohn der Danafe" würde getödtet werden, so verbarg er seine 
Tochter in einem unterirdischen Gemach; Zeus aber, von iLiebe 
zu Danafe' erfüllt, drang in Gestalt eines goldenen Eegens in das 
Gemach und zeugte mit ihr den Perseus (Soph. Antig. 931 ff.), 
den ausgezeichnetsten unter allen Männern (jcdvTcov a^iSeinetov 
avÖQäv IL 14, 320). Akrisios setzte Mutter und Band in einem 
Kasten ins Meer aus; dieser aber wurde an die Insel Seriphos, 
eine der Kykladen, angetrieben, wo ihn Diktys in einem Netze 
ans Land zog und beide seinem Bruder Polydektes, dem Herr- 
scher der Insel, übergab. Später wünschte Polydektes sich mit 
Danas zu verbinden; da ihm aber Perseus, der unterdessen heran- 
gewachsen war, hinderlich war, so suchte er diesen aus dem Wege 
zu schaffen, indem er ihm befahl, zu den Gorgonen zu ziehen 
und das Haupt der Gorgo Medusa**) zu holen. Bei diesem 



*) Früher hatte Melampus seinem Bruder Bias in Messene die Hand 
der Pero, der schönen Tochter des Neleus, verschafft, indem er für ihn 
aus Thessahen die Riader des Phylakos holte; denn Neleus wollte seine 
Tochter nur dem zum Weibe geben, der ihm diese streng bewachten 
Binder als Brautgabe überbrächte. Od. 11, 281 ff. 

**) Homer erwähnt die Gorgonen nicht, er nennt nur das Haupt 
der Grorgo {FoQysiri v.sfpaXri), ein Schreckbild des Hades mit furchtbarem 
Auge (Od. 11, 634); nach IL 5, 738 befindet es sich in der Aigis des 
Zeus. Bei Hesiod (Theog. 270 ff.) sind die Gorgonen Stheino, Euryale 
und die sterbliche Medusa Töchter des Phorkys {Phoreydes, Fhorcides) 
und der Keto; Poseidon verbindet sich mit Medusa und erzeugt mit ihr 
den Chrysaor und das Pferd Pegasos, welche bei ihrer Ermordung 
hervorspringen. Sie wohnen am dunkelen Westrande der Erde, in der 
Nähe der Hesperiden. Früher wurden sie als geflügelte Wesen, furcht- 
bar, mit Schlangenhaaren und mit Schlangen gegürtet, dargestellt, später 



— 129 — 

Abenteuer standen ihm Hermes und Athena, mit welcher Medusa 
in der Schönheit zu wetteifern gewagt hätte, bei imd geleiteten 
ihn zuerst zu den Schwestern der Grorgönen, den Graien Euro, 
Pephredo und Deine, welche, von G-eburt an alt, zusammen nur 
ein Auge und einen Zahn hatten, deren sie sich abwechselnd be- 
dienten*). Perseus nahm ihnen Zahn und Auge ab und gab sie ihnen 
nicht eher zurück, als bis sie ihm den Weg zu den Nymphen gezeigt 
hatten. Von diesen erhielt er Flügelschuhe, eine Tasche und den 




Fig. 23. Perseus und Andromeda. 

unsichtbar machenden Helm des Hades; Hermes gab ihm eine 
Sichel, Athena einen Spiegel. Mit dieser Eüstung kam er zu den 
Gorgonen Stheno, Euryale und Medusa, welche bei Tartesos 
am Okeanos wohnten. Er traf sie schlafend; weil ihr Anblick 
aber versteinerte, so trat er mit abgewandtem Gresichte hinzu und 
schnitt der Medusa, welche allein sterblich war, den Kopf ab, 
indem er ihr Büd in dem von der Athena geschenkten Spiegel 
anblickte. Aus dem Eumpfe der Medusa sprang das geflügelte 



von der Kimst als schöne Jungfrauen gebildet. Wahrscheinlich repräsen- 
tiren sie die furchtbare Seite der Athene, welche selbst bis-weilen Gorgo 
genannt wird. 

*) FQUiai, Greisinnen, siad eine Persordfication des Alters, ihre 
Einzelnamen aber bedeuten Angst und Schrecken {Pephredo hängt zu- 
sammen mit cpQiGßm). Hesiod nennt nur Pephredo und Enyo, schön- 
wangig, granhaarig von Geburt, mit schönem safranfarbigen Gewände 
(Theog. 270 ff.). Bei Aeschylus wohnen die Graien in den gorgoneischen 
Gefilden von Easthene, schwanengestaltig, weder von der Sonne noch von 
dem Monde beschienen. Gewöhnlich werden sie in die Nähe der Gor- 
goiien versetzt, als deren Wächterianen sie gelten. 

St oll, Mythologie. 6. Aufl. 9 



— 130 — 

Pferd Pegaeos hervor. Nachdem Perseus den Kopf der Medusa 
in seine Tasche gesteckt hatte, begab er sich auf den Eückweg^ 
auf welchem ihn der Hehn des Hades vor den verfolgenden Gror- 
gonen schützte. Als er nach Aethiopien kam, sah er Andromeda, 
die Tochter des Königs Kepheus und der Kassiepeia oder Kas- 
siopeia, einem Meerungeheuer ausgesetzt, rettete und heirathete 
sie. Mit ihr kam er nach Seriphos zurück und versteinerte durch 
das Medusenhaupt den Polydektes, der eben seine Mutter DanaS 
durch Gewalt zur Ehe zwingen wollte. Darauf setzte er den 
Diktys zum König der Insel ein, schickte Tasche, Flügelschuhe 
und Helm durch Hermes • an die Njrmphen zurück und gab das 
Medusenhaupt der Athena, welche es mitten auf ihren Schild setzte 
(s. p. 37). Nun kehrte er mit DanaS und Andromeda nach Argos 
zurück; Akrisios aber floh vor ihm nach Larissa, wo er später 
durch einen Zufall von Perseus getödtet ward. Dieser scheute sich 
das Erbe des von ihm getödteten Grossvaters anzutreten und gab 
daher die Herrschaft von Argos an Megapenthes, den Sohn des 
Proitos, ab, wogegen er von diesem die Herrschaft von Tiryns 
erhielt. Darauf gründete er noch die Städte Midea und Mykenä. 
Mit Andromeda zeugte er, ehe er nach Griechenland kam, den 
Perses, ia Mykenä den Alkaios, Sthenelos, Elektryon, die 
Gorgophone u. A. 

Perseus hatte ein Heroon zwischen Argos und Mykenä, zu 
Seriphos, zu Athen. Die ägyptischen Priester zu Chemmis er- 
zählten dem Herodot, dass Perseus auf seiner Fahrt nach Libyen 
hierher gekommen sei und hier eine Feier von Kampfspielen an- 
geordnet habe, weü dies der Sitz seines Ahnen Danaos gewesen 
sei. Auch zeigten sie ein Heüigthum des Perseus mit seinem Bilde 
und seinem Eiesenschuh, dessen Erscheiuung dem Nilthale ein 
fruchtbares Jahr bedeutete. Offenbar aber sind dies nur Erdich- 
tungen und TJebertragungen der ägyptischen Priester, welche dem 
leichtgläubigen Herodot eine uralte Verbindung zwischen Aegypten 
und Griechenland zu beweisen suchten. Bei den Eömern galt die 
Sage, dass Dana6 und Perseus in dem Kasten an die italische 
Küste getrieben worden seien, wo der König Püumnus sich mit 
Danas vermählte und die Stadt Ardea gründete. Darnach ward 
denn die Abstammung des Eutulerfürsten Turnus von Akrisios ab- 
geleitet (Virg. Aen. 7, 410. 371). 

Homer erwähnt nur einmal (II. 14, 320) des Perseus als 
eines ausgezeichneten Helden, von den Thaten desselben aber lesen 
wir nichts bei ihm; doch ist daraus nicht zu folgern, dass er keine 
Mythen von Perseus gekannt habe, im Gegentheü, das Beiwort 
Ttavtcov aQLÖetKerog avÖQäv gibt zu erkennen, dass die Sagen von 
den Thaten des Perseus schon vor Homer allgemein verbreitet und 
bekannt gewesen sein müssen. Hesiod erwähnt die Ermordung 
der Medusa durch Perseus und die Verfolgung desselben durch 



— 131 — 

deren Schwestern (Theog. 280, Scnt. Herc. 216 ff.). Der Kern 
der Sage muss sich in uralter Zeit in Argos gebildet haben und 
wurde wahrscheinlich in alten epischen Liedern behandelt, aus 
denen Pindaros (Pyth. 12, 11 ff.) und der Logograph Pherekydes 
die Hauptsache geschöpft haben mögen. (Fig. 23, S. 129. Perseus 
und Andromeda.) 



3. Herakles {'Hgaa^^g, Hercules). 

Aus "dem Geschlechte des Perseus stammte der grösste und 
vollendetste Held des griechischen Volkes, Herakles. Er ist der 
Nationalheros der Grie- 
chen geworden, das Bild 
eines Mannes, der, stets 
dem Willen des Zeus sich 
fügend, durch seine Kraft 
und Aufopferung die 
Menschen von Noth und 
Uebeln befreit (als^ina- 
xog) nnd durch Mühsale 
und Kämpfe im Erden- 
leben sich die Unsterb- 
lichkeit erringt. Es ist 
hier nicht nöthig zu 
fragen, ob einmal ein 
Herakles wirklich gelebt 
habe, die Hauptsache ist, 
dass das griechische Volk 
sieh ein solches Ideal der 
Heldentugend gebildet 
hat, mag nun ein histo- 
rischer Herakles zu 
Grunde gelegen haben, 
oder nicht. Schon vor 
Homer wurden in epi- 
schen Gedichten, Hera- 
kleen, die Thaten des He- 
rakles besungen; doch 
bleibt für uns Homer die 
älteste Quelle. In Hias 
und Odyssee sind schon 
die Hauptzüge der He- 
raklessage, . wenn auch 
zerstreut, doch ziemlich vollständig enthalten; Herakles ist hier^ 
wie auch bei Hesiod, ein vollkommen griechischer Held in grie- 
chischer Heldenbewaffiuung, Lanze, Pfeil und Bogen, Schild, Panzer 




Fig. 24. Herakles. 



- 132 - 

und Helm, und in dem vollen Gepräge eines griecliisclien Charakters. 
Später jedoch wich man hiervon ah, Pisander, ein Dichter um das 
Jahr 650 v. Chr., gab ihm in seiner Heraklee statt der gewöhn- 
lichen Heldenwaffen eine Keule und die Löwenhaut als Kopf- und 
Körperbedeckung; der Schauplatz seiner Thaten dehnte sich immer 
weiter aus, auch weit über die G-renzen von G-riechenland, fremde 
Einflüsse machten sich geltend. Fremdes wurde mit Griechischem 
verbunden, die Sagen vermehrten und erweiterten sich und erhielten 
eine Bedeutung, die dem griechischen Geiste ursprünglich fern lag. 
Man nahm besonders ägyptische und phönikische Elemente auf und 
brachte die Thaten und Züge des Herakles nach diesen orienta- 
lischen Anschauungen in Beziehung zu dem Laufe der Sonne. 
Durch alles dieses hat sich in dem Sageiikreis des Herakles eine 
solche Masse des Stoffes angehäuft, dass es schwierig ist, Ordnung 
und Licht in dieselbe zu bringen. Wir woUen das Ganze nach 
den Hauptlebensabschnitten des Helden behandeln. 

a) Abkunft und Geburt des Herakles. Herakles heisst 
bei Homer der Sohn des Zeus und der Alkmene, oder auch 
nach seinem Stiefvater Sohn des Amphitryon, zu Theben geboren 
(n. 14, 323. Od. 11, 266 ff. u. 620. 'A(jL(ptrQvcavitt6rig, QfißayEvijg, 
Hes. Theog. 530). Er gehörte zu dem Stamme des argivischen 
Perseus, von dessen beiden Söhnen Alkaios der Yater des Am- 
phitryon, Elektryon aber Vater der Alkmene war. Amphitryon 
hatte den Elektryon, seinen Schwiegervater, erschlagen und musste 
nun mit seiaem Weibe Alkmene vor den Verfolgungen des Sthe- 
nelos, eines Bruders des Erschlagenen, nach Theben flüchten, 
üeber die Geburt des Herakles in Theben erzählt Homer (II. 19, 
95 ff.): An dem Tage, wo Alkmene gebären sollte, rühmte sich 
Zeus in der Versammlung der Götter, heute werde im Hause der 
Perseiden ein Mann geboren, der über alle Umwohnenden herrschen 
würde, über die Männer des Geschlechtes, das von ihm stamme 
(die Perseiden). Hierdurch gereizt, liess sich Hera von Zeus die 
gesprochenen Worte durch einen Eid bekräftigen und veranstaltete 
nua als Geburtsgöttin, dass an diesem Tage Alkmene noch nicht 
gebar, sondern das Weib des Sthenelos, des Perseiden in Argos, 
von einem' Sohne, Eurystheus, entbunden wurde. Dadurch kam 
Herakles, der Gewaltige, unter die Herrschaft des schwachen und 
feigen Eurystheus. Diese Sage wird von Späteren noch erweitert 
und ausgeschniückt; dem Herakles wird als Zwillingsbruder, Sohn 
des Amphitryon, Iphikles beigegeben. (Hes. Scut. Herc. — 
Pindar. Nem. 10, 19 ff. Isthm. 7, 5 ff . — Euripid. Hercul. furens 
1—3. 149. 339 u. a. St. Heraclid. 37. 210. Alcest. 508. 512. 842. 
Euripides nimmt im Hercules furens an, dass Herakles in Argos 
geboren sei, aber in Theben wohne.) 

Herakles war ursprünglich der Stammvater der dorischen 
Herakliden, welche, vor Alters in Thessalien ansässig, sich zur Zeit 



— 133 — 

der dorisclieii Wanderung der Herrschaft des Peloponneses be- 
mächtigten. Hierdurch wurden die Sagen von Herakles nach 
Argolis verpflanzt und der Held selbst mit dem Stamme der dort 
früher herrschenden Perseiden in verwandtschaftliche Verbindung 
gebracht. Die Herakliden machten Argolis zur Heimat ihres Ahnen, 
um dadurch ihre Ansprüche auf den Besitz dieses Landes zti be- 
gründen. N"ach Theben kam Herakles theils durch dorische 
Herakliden, theils von Delphi aus mit dem Cultus des Apollon, 
mit dem er durch die Dorier zusammengebracht worden war; 
daher steht er mit den einheimischen uralten Sagen der Thebaner 
und der Böoter überhaupt in sehr loser Verbindung. 

&) Kindheit und Jugend des H. bis zu seiner Dienst- 
zeit. Der grösste Theil der Sagen, welche in diese Zeit fallen, 
ist späteren Ursprungs; sie wurden erdichtet, um die Lücken zwischen 
der Greburt und dem thatenreichen Mannesalter auszufüllen, zu einer 
Zeit, wo man einzelne Züge der Sage mit einander zu verbinden 
und das Ganze in sich abzxirunden suchte. Homer sagt nur im 
Allgemeinen von dieser Zeit, dass Herakles in aller Kraft aufwächst, 
dass er, geschützt von seinem Vater Zeus und Athena, den Ver- 
folgungen der Hera trotzt und selbst die Unsterblichen, wie Ares 
und Hera, zu verwunden wagt (H. 5, 392). Pemer erwähnt er 
aus dieser Zeit die Heirath mit Megara, der Tochter des theba- 
nischen Königs Kreon (Od. 11, 269). Pindar erzählt zuerst die 
Sage von der Erdrückung der Schlangen (Wem. 1, 35 ff.). Sobald 
Herakles und Iphikles geboren waren, sandte Hera in ihrem Zorne 
zwei ungeheure Schlangen^ um die Kinder zu verderben. Herakles 
ergriff beide mit den Händen und würgte sie zu Tode. 

Ueber die Erziehung des Herakles findet man erst bei späten 
Dichtern und Sammlern ausführliche Nachrichten. Im Wagenlenken 
unterrichtete ihn Amphitryon selbst, Eurytos im Bogenschiessen, 
im Waffenkampf Kastor, im Eingen Autolykos, in der Musik 
Eumolpos oder Linos, den er wegen eines Tadels mit der Leier 
erschlug, in den Wissenschaften Cheiron oder Linos. Der Vater 
schickte ihn aiis Furcht vor seiner unbändigen Kraft zu den Heerden 
auf den Kithäron, wo er bis zum achtzehnten Jahre geblieben sein 
soll. Während dieser Zeit erschlug er den kithäronischen Löwen, 
mit dessen Haut er sich umkleidete, so dass der iJachen ihm als 
Helm diente. Andere leiten diese Haut von dem nemeüschen Löwen 
her*). Als Herakles von den Heerden nach Theben zurückkehrte, 
begegnete er den Gresandten des Erglnos, des Minyerkönigs in 
Orchomenos, welche von den Thebanern den jährlichen Tribut von 
100 Ochsen holen wollten; er schnitt ihnen Nasen und Ohren ab 
xind schickte sie mit auf den Rücken gebundenen Händen nach 



*) In diese Zeit verlegte der Sophist Prodikos seine Dichtung von 
Herakles am Scheidewege, Xenoph-l^Iem. 2, 1,21 ff. Cic. de off. 1,32. 



— 134 — 

Hause zurück. In dem hieraus erfolgten Kriege zwang er die 
Orchomenier den von den Thebanern enthaltenen Tribut doppelt 
zurückzuzahlen und erwarb sich einen solchen Euhm, dass ihm 
Kreon, der König von Theben, seine Tochter Megara zur Gemahlin 
gab und die Götter ihn mit herrlichen Waffen beschenkten. 

Hierauf rief Eurystheus, König in Tirjns (oder Mykenä), 
seinen Verwandten zu sich, dass er ihm diene. Nach der Bestim- 
mung des Zeus sollte dieser Dienst darin bestehen, dass Herakles 
zwölf Arbeiten verrichtete, welche ihm Eurystheus auferlegen würde, 
worauf ihm die Unsterblichkeit zu Theil werden sollte. Herakles 
fragte das Orakel zu Delphi um Rath, was er thun sollte, und 
erhielt die Antwort, er müsse sich in sein Schicksal fügen*). 
Hierüber gerieth er in Wahnsinn, in dem er seine drei Kinder von 
Megara und zwei Kinder des Iphikles tödtete. Als er wieder von 
seiner Easerei und dem Schwermuth geheilt war, begab er sich 
nach Tiryns zu Eurystheus. (So die Aufeinanderfolge der Er- 
eignisse bei ApoUodorus von Athen, Mythologische Bibliothek 2, 
4, 8—12.) 

c) Dienstbarkeit und Arbeiten des Herakles. Was 
über den Dienst und von den Thaten des Herakles bei Homer 
vorkommt, ist Folgendes. Herakles ist durch die List der Hera 
ein Dienstmann des Eurystheus, eines viel schlechteren Mannes, 
geworden, der ihm (durch Kopreus H. 15, 639) viele harte Arbeiten 
und Kämpfe auferlegt, in denen ihm übrigens auf Sendung des 
Zeus Athene beisteht. Unter diesen Arbeiten erwähnt Homer nur 
das Heraufholen des Kerberos aus der Unterwelt (H. 8, 362 ff. Od. 11, 
617 ff.) ; ausserdem führt der Dichter den Kampf mit dem Seeungeheuer 
vor Troja au (II. 20, 145 ff.), den Zug gegen Troja, um die 
Herausgabe der ihm von Laomedon verweigerten Pferde zu er- 
zwingen (II. 5, 638 ff.); auf dem Rückweg wird er durch Veran- 
staltung der Hera nach Kos verschlagen, aber durch Zeus nach 
Argos zurückgeführt (H. 14, 249 ff. 15, 18 ff.). Ferner griff 
Herakles die Pylier an und vernichtete das Herrschergeschlecht 
des Neleus mit Ausnahme des Nestor (H. 11, 689 ff. s. p. 114). 
Iphitos, den Sohn des Eurytos, erschlägt Herakles, das Gastrecht 
verletzend, in seinem eigenen Hause und behält dessen Pferde 
(Od. 21, 22 ff.). Bei Homer ist der Schauplatz für die Thaten 
des Herakles fast nur auf Griechenland beschränkt, das weiteste 
Ziel seiner Züge ist Troja. Von der Zwölfzahl der Arbeiten ist 



*) In diesem Orakelspruch soll der Held zuerst 'HQaKXijg genannt 
worden sein ('Hqu — ^Xiog, weil er durch Hera Ruhm erlangte; wahr- 
scheinlicher bezeichnet das Wort ui-sprünglich den EuhravoUsten aller 
Heroen). Früher soll er 'AXnaiog oder 'Ak-nsidrjg geheissen haben, von 
aixj], die Stärke, das auch in dem Namen 'Alv.iLTqvr] zu erkennen ist. 
'l(pt«X?js, der Name des Bruders von Herakles, hängt zusammen mit l'g 
gleich vis. 



— 135 — 

bei ihm ebensowenig die Eede, als bei Hesiod, der übrigens in 
der Theogonie den von Homer erwähnten Sagen noch, mehrere 
andere zufügt (den Kampf mit dem nemeischen Löwen, der 1er- 
näischen Schlange, mit Geryones, die Befreiung des Prometheus. 
327—332. 313—318. 287—294. 979— 983. 521— 531) und den 
Schauplatz der Thaten weit ausdehnt. In dem dem Hesiod zu- 
geschriebenen Scutum HercuUs wird der Kampf mit Kyknos, dem 
räuberischen Sohne des Ares, geschildert, in welchem er, unter- 
stützt durch Zeus, Athene und Poseidon, den Kyknos erschlägt 
und den Ares überwältigt; ausserdem wird hier noch der Zug gegen 
Pylos und die Verwundung des Ares erwähnt (359 — 367). Bei 
den folgenden Dichtem bis auf Pindar und die Tragiker kommen 
neben andern Thaten alle Arbeiten vor, welche zu den zwölf von 
Eurystheus auferlegten gezählt werden; ein bestimmt abgeschlossener 
Kreis der zwölf Arbeiten wurde wahrscheinlich von Pisander auf- 
gestellt. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Thaten wird von Ver- 
schiedenen verschieden angegeben; wir folgen der Ordnung, welche 
in einem Epigramme der Palatinischen Anthologie (T. H., 651) 
enthalten ist*). 

1) Kampf mit dem nemeischen Löwen. Eurystheus be- 
fahl dem Herakles, die Haut des unverwundbaren, von Typhon 
und Echidna stammenden Löwen, der in dem Waldthale von Nemea 
hauste, zu bringen. Zuerst griff Herakles den Löwen mit Pfeilen 
an; als er aber sah, dass er imver wundbar war, trieb er ihn mit 
der ^Keiüe in seine Höhle, verstopfte den einen Eingang derselben, 
ging durch den andern auf ihn los und erwürgte ihn in seinen 
Armen. Darauf trug er das Thier gen Mykenä, wo der feige 
Eurystheus so vor seiner ungeheuren Stärke erschrak, dass er sieh 
in ein ehernes Pass unter der Erde flüchtete und dem Herakles 
befahl ,. nicht mehr in die Stadt zu kommen, sondern künftig die 
Beweise seiner Thaten vor den Thoren zu zeigen (Apollod. 2, 5, l). 

2) Die lernäische Schlange, erzeugt von Typhon und 
Echidna, ernährt von Hera, hielt sich in dem lernäischen Sumpfe 
bei Argos in der Nähe der Quelle Amymone auf und verwüstete 
die Gegend umher. Sie hatte neun (oder 100 oder lOOOO) Köpfe, 



*) JT^mra (isv iv Ney^scc ßQiaqov ncersnstpvs Xsovtcc, 
^svTSQOV iv jLsQvri tcoXvuvxsvov szravsv vöquv, 
T6 tQLxov avz' inl tois 'EQV[idv&iov SKzavs kccjcqov, 
XgvaoTiSQoav Bluq)ov (ista xavx -^y^svas rsxaqtov, 
IIs(i'jixov 8" OQVt&ag SxviKpaliSas' iisSico^sv, 
"E-nxov 'Aiia^ovidog v,6(iia£ ^coffrij^o: cpasivov, 
"EßSofiov Avysiov TCoXlrjv -hotzqov i^aKci&TiQEv, 
"Oydoov EU Kqtjxtj&s nvQinvoov ijXaGE xavQOv, 
Eifvaxov s% @Q'^yirjg ^lofi'^dsog ilyaysv ?3Mtoug, 
TriqvQvov Ssnarov ßoag ijluasv e§ EQV&sirig, 
^Evdi-naxov kvvcc Ks^ßeqov i^yayEv l| 'AtSao, 
doadsKuxov ^ ijvsyKEv sg '^EXXdda XQvasu ^rjXa. 



— 136 — 

yon denen einer unsterl)licli war. Herakles jagte sie durch glühende 
Pfeile von ihrem Lager auf und hieb ihr die Köpfe ab ; aber statt 
eines abgeschlagenen Kopfes wuchsen immer zwei neue hervor. 
Daher brannte er sie mit glühenden Baumstämmen ab und warf 
auf den unsterblichen Kopf einen grossen Felsblock. Mit der gif- 
tigen Galle der Hydra bestrich er seine Pfeile, so dass die Wunden 
derselben unheilbar waren (ApoUod. 2, 5, 2*). 

3) Der erymanthische Eber war von dem G-ebirge Ery- 
manthos herab (auf der Grenze von Achaia, Elis und Arkadien) 
verwüstend in die Gegend von Psophis eingebrochen. Herakles 
trieb ihn in einen tiefen Schnee, fing ihn imd brachte ihn lebendig 
zu Eurystheus (Apollod. 2, 5, 4). Aiif dem Wege zu dieser Jagd 
kehrte er an dem Berge Pholoö bei dem Kentauren Pholos (Höhlen- 
manne, V. gjoAEOg) ein, der ihn in seiner Höhle freundschaftlich 
mit gebratenem Fleische bewirthete; als aber Herakles, um zu 
trinken, das gemeinschaftliche Weinfass der Kentauren öfEnete, 
kamen diese herzu und griffen ihn mit Felsstücken und Baum- 
stämmen an. Herakles trieb sie auseinander,- tödtete einen Theil 
derselben und verfolgte die übrigen bis Malea, wo sie sich zu dem 
von den Lapithen "aus dem Pelion hierher vertriebenen Cheiron 
flüchteten. Dieser wurde von Herakles wider Willen von einem 
Pfeile getroffen und erhielt eine unheilbare Wunde (s. pag. 104). 
Solche Arbeiten und Kämpfe, welche nicht von Eurystheus auf- 
getragen waren, Messen naqsqya, ISTebenarbeiten, 

4) Die kerynitische Hirschkuh mit goldenem Geweih, 
ein der Artemis geweihtes Thier, das sich auf dem Berge Keryneia 
zwischen Arkadien und Achaia, oder auf dem arkadischen Berge 
Mainalos (die mainahsche Hindin) aufhielt, sollte Herakles ebenfalls 
lebendig zu Eurystheus bringen. Er verfolgte sie ein ganzes Jahr 
lang, sogar bis zu den Hyperboreern, bis er sie an dem arkadi- 
schen Flusse Ladon durch einen Pfeil in den Fuss verwundete 
und in seine Gewalt bekam ' (Apollod. 2, 5, 3). 

5) Die Stymphaliden, einen von Ares aufgezogenen un- 
geheuren Schwärm von Vögeln an dem arkadischen See Stymphalos, 
mit ehernen Krallen, Flügeln und Schnäbeln und mit Federn, die 
sie wie Pfeile abschiessen konnten, sollte Herakles nach dem Auf- 
trag des Eurystheus vertreiben. Er scheuchte sie durch eine eherne 
Klapper, welche ihm Athene gegeben hatte, auf und erlegte sie 
mit seinen Pfeilen oder verjagte sie (Apollod. 2, 5, 6). Nach der 



*) Als Herakles mit der Hydra kämpfte, kam dieser noch eia grosser 
Krebs zu Hülfe; daher rief Herakles seinen Wagenlenker lolaos, Sohn 
des Iphikles, herbei, der ihm im Kampfe beistand. Hierauf bezieht sich 
das Sprüchwort: itqbg Svo ovd' 6 ^HgaKlrig, zwei sind auch für Herakles 
zu viel. Eurystheus aber wollte (nach Apollodor) diesen Kampf nicht 
gelten lassen, weil er mit Hülfe des lolaos vollbracht sei. 



. — 137 — 

Argonautensage flüchteten diese Vögel nach der Insel Aretias in 
der Nähe von Kolchis. 

6) Den Grürtel der Hipp olyte, der Königin der Amazonen 
(p. 125), verlangte Admete, die Tochter des Eurystheus, .zu be- 
sitzen. Hippplyte woUte dem Herakles anfangs das Gewünschte 
freiwillig geben; aUeia anf Veranstaltung der Hera kam es zu 
einem Kampfe, ia welchem Herakles die Königin tödtete und ihr 
den Grürtel nahm. Da dieser Zug zu einem fernen Ziele ging, so 
konnte man leicht TtaQSQya in denselben einfügen; wir erwähnen 
hiervon blos auf dem Eückwege seine Ankunft ia Troja, wo er 
des Laomedon Tochter Hesione vor einem von Poseidon gesendeten 
Seeungeheuer rettete. Laomedon hatte ihm dafür diß Rosse ver- 
sprochen, welche ihm Zeus für den geraubten Ganymedes gegeben 
hatte; nachher aber verweigerte er sie, weshalb Herakles mit der 
Drohung abfuhr, ihn mit Krieg zu überziehen (Apollod. 2, 5, 9- 
cf. n. 5, 638 ff.). 

7) Der Viehhof des Augeas. Eurystheus befahl dem 
Herakles, den Viehhof des Augeias oder Augeas, des Sohns von 
Helios, Königs in Elis, der einen grossen Reichthum an Heerden 
besass, an einem Tage von dem Miste zu reinigen. Herakles 
machte Augeas das Anerbieten, ohne etwas vön dem Auftrage des 
Eurystheus zu sagen, und erbat sich dafür den zehnten Theil der 
Heerden. Augeas giag den Vertrag ein, weil er die Ausführung 
des Versprechens für unmöglich hielt, und Herakles leitete nun 
die Flüsse Peneios und Alpheios durch den Hof, so dass in kurzer 
Zeit aller Mist weggeschwemmt war. Als aber Augeas erfuhr, 
dass Herakles diese Arbeit nach dem Auftrage des Eurystheus 
gethan habe, verringerte er den Lohn (Apollod, 2, 5, 5). Später 
zog Herakles mit einem Heere gegen Augeas, wurde aber ia den 
Engpässen, von Elis von des Augeas Neffen, den MolionidenKtea- 
tos und Eurytos (Söhnen des Aktor oder des Poseidon und der 
Molione, H. 11, 709. 750), während er selbst krank lag, über- 
fallen und verlor einen grossen Theil seiaes Heeres; dafür überfiel 
Herakles die Molioniden bei Kleonä, als sie von Elis aus zu den 
isthmischen Spielen zogen, und erschlug sie, dann verwüstete er 
das Land des Augeas und tödtete ihn nebst seiaen Söhnen. Hierauf 
soll er (nach Pindar) die olympischen Spiele eingesetzt haben. 

8) Den von dem zürnenden Poseidon gesendeten kreti- 
schen Stier, der rasend auf Kreta umherschweifte tmd alles ver- 
wüstete, fing Herakles und brachte ihn nach Mykenä, Hess ihn 
aber alsdann wieder frei. Nach athenischer Sage kam das Thier 
bis nach Marathon, wo es als eine Plage des Landes in der Theseus- 
sage wieder vorkommt (Apollod. 2, 5, 7). 

9) Die Stuten des Diomedes, des Königs der Bistonen 
in Thrakien, wurden ebenfalls von Herakles nach Mykenä gebracht. 
Diomedes fütterte sie mit dem Fleische der Fremden, die in das 



- 138 — 

Land kamen; Herakles aber überwältigte ihn xind Hess ihn selbst 
von den Pferden auffressen. Enrystheus weihte diese der Hera 
und liess sie frei ; später ^pf^urden sie atif dem Oljonpos von wilden 
Thieren zerrissen (Apollod. 2, 5, 8). 

10) Die Einder des G-eryones, der aus drei vom Bauche 
an zusammengewachsenen Körpern bestand, wurden auf der im 
äussersten Westen gelegenen Insel Erytheia (der rothen Insel) 
bei den Bindern des Hades von dem Eiesen Eurytion gehütet 
und von dem zweiköpfigen Hunde Orthros oder Orthos bewacht. 
Herakles erhielt den Befehl diese zu holen, zog durch Europa und 
Libyen und stellte an der Grrenze dieser Erdtheile auf beiden Seiten 
der Strasse von Gibraltar Säulen (die Säulen des Herakles) auf, 
als Zeugen seiner weitesten Fahrt. Da ihn auf der Fahrt der im 
Westen niedersteigende Helios mit seinen Strahlen brannte, so 
spannte er seinen Bogen gegen ihn, und dieser, seine Kühnheit 
bewundernd, lieh ihm seinen goldenen becherförmigen Kahn (Sonnen- 
kahn), in welchem der Held über den Okeanos fuhr. Auf Erytheia 
angelangt, erschlug er den Eurytion und den Orthros, trieb die 
Einder fort und tödtete den ihm nachsetzenden Geryones. Auf 
dem Eückweg ging er über die Pyrenäen und die Alpen, durch das 
Land der Ligurer und Italien (Apollod. 2, 5, 10). — Diese weite 
Fahrt gab vielfache Gelegenheit zum Ausschmücken und Einschieben 
von Nebenarbeiten (er ringt in Libyen mit Antaios, einem Sohn 
der Erde, den er, weil durch Berührung nait der Erde sein Körper 
immer neue Kraft gewann, in die Höhe hebt und in seinen Armen 
erwürgt, tödtet den Busiris in Aegypten, kämpft mit den Giganten 
bei Cumae, mit Eryx auf Sicilien, erlegt den Eäuber Alkyoneiis 
auf dem Isthmos) ; besonders haben die römischen Schriftsteller an 
diese westliche Fahrt ihre Sagen von Herakles angeknüpft. 

11) Das Heraufholen des Kerberos aus der Unterwelt 
wird, weil es die schwerste Arbeit war, gewöhnlich als die zwölfte 
angeführt. Herakles stieg bei Tänaron hinab, fand in der Nähe 
der Pforten des Hades den Theseus und Peirithoos gefesselt und 
befreite jenen; als er aber auch den Peirithoos von seinen Banden 
lösen wollte, erbebte die Erde, und er stand von seinem Unter- 
nehmen ab. Hades erlaubte ihm den Kerberos zur Oberwelt zu 
fähren, wenn er ihn ohne Waffen bezwänge. Am Acheron traf 
er den Hund, fesselte ihn und brachte ihn bei Trözene (oder 
Tänaron, oder Hermione u^ s. w.) ans Tageslicht. Nachdem er 
ihn dem Eurystheus gezeigt, fährte er ihn wieder zur Unterwelt 
(Apollod. 2, 5, 12. cf. IL 8, 362 ff. Od. 11, 623). 

12) Die goldenen Aepfel der Hesperiden waren der 
Hera bei ihrer Vermählung mit Zeus von Gaia zum Geschenke 
gegeben worden und wurden im äussersten Westen der Erde in 
der Nähe des Atlas von den Hesperiden, den Töchtern der Nyx 



— 139 - 

(Hes. Theog. 215*), und dem Drachen Ladon bewaclit. Herakles 
sollte sie dem Enrysthens bringen. Weil auch dieser Zug in die 
äusserste Feme ging und Herakles nicht wissen sollte, wo sich die 
Grärten der Hesperiden befanden, so Hess man ihn die verschiedensten 
Länder besuchen und schob allerlei Abenteuer ein, auch vermengte 
man diese !Fahrt mit der nach den Heerden des Geryones, weil 
man sich das Ziel beider im fernsten Westen dachte. Nach langem 
Umherziehen kam er endlich zu den Hyperboreern**) und zu Atlas, 
der das Himmelsgewölbe trägt. Dieser holte die Aepfel der Hes- 
periden, während Herakles selbst das Gewölbe des Himmels auf 
die Schultern nahm. Als Atlas mit drei Aepfeln zurückkehrte, 
wollte er den Himmel nicht wieder aufnehmen, sondern selbst die 
Aepfel zu Exirystheus tragen; aber Herakles überlistete ihn, indem 
er ihn bat, den Himmel noch so lange zu halten, bis er sich ein 
Kissen gemacht habe, damit der Himmel ihn nicht allzu sehr drücke. 
Atlas liess sich täuschen, und Herakles ging mit den Aepfeln 
davon. Von Eurystheus erhielt er die Aepfel zum Geschenke und 
weihte sie der Athene; diese aber brachte sie an ihren vorigen 
Ort zurück (Apollod. 2, 5, ll). 

d) Nach Verrichtung dieser zwölf Arbeiten kehrte Herakles, 
von dem Dienste bei Eurystheus befreit, wieder nach Theben 
zurück. Hier vermählte er seine frühere Gemahlin Megara mit 
seinem Neffen lölaos und begab sich nach OichaHa (in Thessalien, 
oder nach späteren Sagen in Euböa. oder in Messenien) zu dem 
König Eurytos, um um dessen Tochter lole zu werben. ' Eurytos 
verweigerte die Tochter, und als zu dieser Zeit seine Einder ge- 
stohlen wurden, argwöhnte er, Herakles möge der Dieb sein. Daher 
ging Iphitos, der Sohn des Eurytos, zu Herakles und bewog ihn, 
um ihn vor dem Vater zu rechtfertigen, mit ihm die Einder zu 
suchen. Dies geschah, als sie aber in Tiryns waren, stürzte 
Herakles in einem Anfall von Wahnsinn seinen Freund und Be- 
gleiter von der Mauer hinab, dass er starb (Apollod. 2, 6, 1 und 
2. Ausführung von Od. 21, 22 ff. cf. Soph. Trach. 248 ff.). Des- 
wegen verfiel Herakles in eine schwere Krankheit; um zu gesunden, 
musste er drei Jahre um Lohn dienen. Er wurde nach späterer 
Sage an Omphale, die Königin von Lydien, verkauft, bei welcher 
er in einem Weibergewande weibliche Arbeiten verrichten musste. 
Zugleich aber unternahm er während dieser Dienstzeit mancherlei 
Heldenfahrten (Apollod. 2, 6, 3). 

Nach der Knechtschaft bei Omphale soll Herakles den Lao- 



*) Töchter der Nacht, -weil ihr Aufenthalt im Westen, wo der Tag 
verschwindet, gedacht ward; bei Andern stammen sie von Phorkys und 
Keto, oder von Atlas und Hesperis u. s. w. Ihre Zahl ist 3 oder 5 oder 7. 
**) Die Hyperboreer sind eigentlich ein am Nordrande der Erde jen- 
seits des Boreas in seliger Ruhe lebendes fabelhaftes Volk; Spätrere haben 
sie übrigens auch an den Westrand versetzt. 



— 140 — 

inedon, König von Troja, bekriegt liaben. Dieser schon von Homer 
(n. 5, 640 ff.) erwähnte Zug wurde von Spätem noch sehr er- 
weitert (Apollod. 2, 6, 4). Unter den Helden, welche ihn bei dem 
Unternehmen begleiteten, wird besonders Telamon hervorgehoben. 
Dieser drang bei der Einnahme der Stadt zuerst ein; der ihm nach^ 
stürmende Herakles, erzürnt, dass ein andrer ihm zuvorgekommen^ 
war eben im Begriff ihn mit der Lanze niederzustossen , da trug 
Telamon, die Gefahr merkend, schnell Steine zusammen, um, wie 
er sagte, dem Herakles KalHnikos (dem ruhmreichen Sieger) einen 
Altar zu bauen, und beschwichtigte so den Zorn seines Grenossen» 
Dieser gab ihm die Hesione als Siegespreis, welche auf die Er- 
laubniss, sich einen von den Gefangenen auszuwählen, ihren von 
der ganzen Familie einzig übrig gebliebenen Bruder Podarkes 
mit ihrem Schleier loskaufte. Daher bekam Podarkes den Namen 
Priamos, der Losgekaufte. Hierauf zog Herakles nach Argos 
(s. p. 25) und. unternahm alsdann den Zug gegen Augeas und 
darauf gegen Pylos (Apollod. 2, 7, 2 und 3. cf. IL 11, 689). 

Nicht lange nachher zog Herakles nach Kalydon in Aetolien 
und warb um De'ianeira, die Tochter des Königs Oineus (Apollod. 
2, 7, 5 ff.). Hier musste er mit seinem Mitbewerber, dem Strom- 
gott Acheloos, um die Jungfrau ringen (Soph. Trach. 9 ff. s. p. 
86); er errang den Sieg und den Siegespreis und zog nach 
längerem Aufenthalte in Kalydon mit der jungen Gattin nach 
Trachis am Oetagebirge zu seinem Freimde Keyx. Als er unter- 
wegs über den Fluss Euenos ging und dem Kentauren Nessos^ 
der hier die Wanderer um Lohn auf seinem Rücken Mnübertrug, 
die Deüaneira übergab, um sie ans andre Ufer zu bringen, ver- 
suchte dieser in seiner Eohheit sie zu misshandeln, ward aber von 
Herakles mit dem Pfeü durchbohrt. Sterbend rieth ISTessos der 
De'ianeira, das an dem vergifteten Pfeile geronnene Blut als Liebes- 
zauber aufzubewahren für den Fall, dass Herakles seine Liebe einer 
Andern zuwenden würde, und veranlasste so in der Folge den Tod 
des Helden. — In der Nähe von Trachis traf Herakles mit Kyknos 
und dessen Vater Ares zusammen und bekämpfte sie, unterstützt 
von lolaos und Athene; Kyknos fällt imd Ares wird verwundet 
(Hes. Scut. Herc). Von Trachis aus unterwarf Herakles die Dry- 
oper und schlug, von dem Dorerfürsten Aigimios zu Hülfe ge- 
rufen, die Lapithen (Apollod. 2, 7, 7). 

e) Letzte Schicksale und Apotheose*) des Herakles. 
Homer 'erzählt nichts über die Art, wie Herakles gestorben sei. 
Er sagt nur, dass auch ihn, den Gewaltigen, den Liebling des 
Zeus, das Todesgeschick traf, dass ihn die Moira und der schwere 
Zorn der Hera überwältigte (IL 18, 117 ff.). In der Unterwelt 
.trifft Odysseus sein Schattenbild (ei'öcolov)-^ der dunkelen Nacht 



*) Erhebung zu den Göttern. 



— 141 — 

vergleiclibar schreitet es mit dem gespamiten Bogen xmd einem 
furctitbaren Wehrgehänge nmlier; er selbst (avxog) aber weilt im 
Olympos bei den unsterblicben Gröttern in blühendem G-liicke, ver- 
mählt mit Hebe, der schönen Gröttin der Jugend (Od. 11, 601 ff.). 
Allein- diese ganze Stelle über Herakles rührt nicht von Homer 
her (s. p. 13), und die Verse 602 und 603 {si'dcoXoV ccvrog öh 
[let a&ccvaroiöi &eot(iiv xsq%ixai ev Q'aXivig Kccl s'^st xaXXtßqjVQOv "Ilßriv.), 
in welchem die Unterscheidung zwischen dem Schattenbild xmd 
dem wahren, leibhaftigen Herakles vorkommt, sind ein noch spä- 
teres Einschiebsel des Onomakritos. Nach ächthomerischer Vor- 
stellung kann es nur ein Schattenbild des Herakles in der Unter- 
welt geben. Erst nach Homer entstand der Grlaube, dass Herakles 
imter die Unsterblichen erhoben und mit Hebe vermählt worden 
sei, weil man das Verweilen in der Unterwelt des Göttersohnes, 
der auf Erden so Grosses gethan, für unwürdig hielt. Bei Hesiod 
finden wir diese Vorstellung schon völlig ausgebildet (Theog. 
950 ff.), und die Späteren haben die Sage von seinem Tode imd 
seiner Apotheose mit besonderer Vorliebe erweitert tind aus- 
geschmückt. Die Hauptzüge derselben sind folgende. 

Von Trachis aus zog Herakles mit einem Heere gegen Oicha- 
lia in Buböa, um sich an Eurytos zu rächen. Er erobert die 
Stadt, erschlägt den Eurytos und seine Söhne und führt lole, 
seine Tochter, mit sich fort. Als Deianeira die Kunde erhält, dass 
Herakles siegreich mit der schönen lole zurückkehre, schickt sie 
ihm, um seine Liebe wieder auf sich selbst zurückzuwenden, ein 
mit dem vermeintlichen von Nessos empfangenen Liebeszauber ge- 
tränktes Gewand. Kaum ist dieses an dem Körper des Herakles 
warm geworden, so ^dringt das* für einen Liebeszauber gehaltene 
Gift in seine Glieder, dass sie in Päulniss übergehen imd er von 
den schrecklichsten Schmerzen gequält wird. Lichas, den Ueber- 
bringer des Gewandes, schleudert er ins Meer. Darauf lässt er 
sich nach Trachis bringen, wo Deäaneira sich selbst getödtet hat, 
nachdem sie von dem Unglück gehört, das sie wider Wissen 
und WiQen angerichtet hat. Nachdem Herakles von seinem Sohne 
Hyllos über die von seiner Mutter arglos verübte Erevelthat auf- 
geklärt worden ist und gehört hatj dass der Zauber von dem durch 
ihn getödteten IsTessos stamme, da erkennt er sein nahes Ende, 
denn er erinnert sich des ihm einst gewordenen Orakelspruches, 
dass er durch einen Todten sterben werde. Er trägt daher dem 
Hyllos auf lole zu heirathen, errichtet sich selbst auf dem Oeta 
einen Scheiterhaufen, steigt hinauf und verlangt von den Vorüber- 
gehenden, dass sie ihn anzünden. Das thut endlich Poias, oder 
dessen Sohn Philoktetes (Soph. Phüoct. 802), und Herakles gibt 
für diesen Dienst seine Pfeile. Als der Hokstoss. brannte, fielen 
Blitze vom Himmel, dass Alles schnell verzehrt ward, den Herakles 
selbst aber trug unter dem Eollen des Donners eine Wolke in den 



— 142 — 

Olympos, wo er mit Hera ausgesöhnt und mit Hebe vermählt 
ward. Diese gebar ihm den Alexiares und Aniketos, deren 
i^Tamen auf Herakles selbst als den unbesiegbaren Abwender des 
Unheils hindeuten (ApoUod. 2, 7, 7. cf. Soph. Trachin. — Pindar 
Nem. l.fin. 10, 31 ff. Isthm. 4, 55 ff.— Euripid. Heracl. 910 ff. 
Orest. 1686. — Ovid. Met. 9, 134 ff. — Virg. Aen. 8, 300). 

Gleich nach seiner Apotheose sollen dem Herakles lolaos 
und andere Freunde auf der Brandstätte ein Heroenopfer dar- 
gebracht haben; nach ihrem Vor gange opferte ihm Menoitios 
in Opus und setzte ihm einen Heroendienst ein. Dies thaten bald 
darauf auch die Thebaner und weiter die übrigen Stämme der 
G-riechen im Mutterland und in den Kolonien. Die Athener ehrten 
ihn zuerst als einen Gott durch feierliehe Opfer, und ihrem Bei- 
spiele folgten dann alle Griechen, so dass also dem Herakles an 
verschiedenen Orten zugleich Heroenopfer und Götteropfer dar- 
gebracht wurden; auch ehrte man ihn durch Kampf spiele (^HqkkXsio). 

Wie die Griechen, so hatten auch andere Völker ihren National- 
helden, ein Ideal ihrer Heldenkraft. Wo die Griechen einen solchen 
kennen lernten, da erklärten sie ihn entweder für ihren eigenen 
Herakles, oder sie trugen doch wenigstens den Namen ihres Helden 
auf ihn über. So sprach man denn von einem ägyptischen, phöni- 
kischen, persischen, lydischen Herakles u. s. w. und vermischte 
die fremdländischen Sageh mit den einheimischen. Der italische 
Hercules hat jedenfalls seinen Namen von dem griechischen er- 
halten; aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Vorstellung 
und die Sagen von dem griechischen Herakles, die in Unteritalien 
von den griechischen Kolonien aus Eingang fanden, sich mit den 
Vorstellungen und Sagen altitalischer Helden ähnlicher Art ver- 
bunden haben. Durch ganz Italien hin hatte Hercules Statuen, 
Tempel und Altäre, besonders auch in Eom selbst. 

Von den italischen Sagen erwähnen wir nur die von dem 
Riesen Cacus. Als Hercules von Erytheia aus die Einder des 
Geryones nach Griechenland trieb, wurde ihm, im Gebiete der 
Aboriginer bei Palantium (s. Evander), an der Stelle, wo später 
Eom stand, während er schlief, ein Theil der Heerde von dem 
feuerschnaubenden Eiesen Cacus gestohlen und rückwärts in eine_ 
Höhle gezogen, damit nicht die Fusstapfen der Einder dem Her- 
cules ihren Aufenthalt entdeckten.- Das Brüllen der Einder ver- 
rieth aber den Eäuber; Hercules erschlug ihn und opferte dem 
JPater Inventor. Evander^ ein Einwanderer aus Arkadien, kam 
mit den Hirten der Gegend hinzu, erbaute einen Altar (^Ara 
maxima in Rom) und opferte dem Hercules. Die Familien der 
Po tun und Pinarii wurden als Vorsteher des jetzt gegründeten 
und später von den Eömern beibehaltenen Herculescultus eingesetzt. 
(Liv. 1, 7. Ovid. Fast. 1, 543 ff. Virgil. Aen. 8, 185 ff.). 

Der Herculescult in Sicilien, Korsika, Sardinien, Malta, zu 



— 143 — 

G-ades in' Spanien ist piiönikischen Ursprungs. Auch in Gallien 
und Germanien (Tacit. Germania 2) sollte ein Hercules verelrrt 
worden sein. 

Dem Herakles waren heilig die Silberpappel, der Oelbaum, 
der Epheu, die warmen Quellen. — • Die Kunst hat ihn sehr häufig 
dargestellt, als Kind, als Jüngling und als gereiften Manu. In der 
letzten Gestalt erscheint er besonders als der Vollender ungeheurer 
Kämpfe mit starker Musculatur, breiter Brust, kurzem stierartigem 
Nacken; Kopf und Auge sind verhältnissmässig kleia, die Haare 
stärk und kurz, die IJnterstirn ist mächtig vorgedrängt, die Züge 
des zusammengedrängten Gesichts sind ernst. Seioe gewöhnliche 
Bewafihimg siud Keide und Bogen, seine Bekleidung die Löwen- 
haut. Eine berühmte noch erhaltene Statue ist der sogenannte 
Famesische Herkules in ausruhender Stellung (Fig. 24). 



Die Nachkommen des Herakles, deren eine ungeheure Menge 
aufgezählt wird, heissen Herakliden (^HgankstScci); vornehmlich 
aber werden diejenigen Abkömmlinge des Herakles so genannt, 
welche in Gemeinschaft mit den Dorern in den Peloponnes zogen, 
um die von ihrem Ahnen früher unterworfenen Landschaften (Arges, 
Lakedämon, das messenische Pylos) ia Besitz zu nehmen. Die Sage 
erzählt, Hyllos, der Sohn des Herakles, sei mit seinen Brüdern 
von Trachis aus, wo ihn Keyx nicht schützen konnte, vor den Nach- 
stellungen des Eurystheus durch ganz Griechenland geflohen, bis 
er in Athen Schutz fand.*) Da die Athener ihre Schützlinge nicht 
ausliefern, wollten, so bekriegte sie Eurjstheus, wurde aber bei 
dem skironischen Felsen von Theseus (oder dessen Sohn Demo- 
phon), Hyllos und lolaos besiegt und fiel selbst in der Schlacht, 
nachdem Makaria, eine würdige Tochter des Herakles, sich frei- 
willig zum Heile ihrer Brüder dem Opfertode hingegeben. Darauf 
fielen die Herakliden in den Peloponnes ein, wurden jedoch durch 
eine Pest wieder vertrieben, zogen nach Athen zurück und von 
da nach Thessalien, wo Aigimios, der Fürst der Dorer, den Hyllos 
an Kindes Statt annahm und ihm den dritten Theil seines Landes 
gab, weil ihm einst Herakles gegen die Lapithen beigestanden hatte. 
Von Hyllos leiteten sich alle folgenden Könige der Dorer ab, und 
die Hylleer, die eine der drei dorischen Phylen, trugen von ihm 
den Namen. Drei Jahre nachher machte Hyllos mit einem Haufen 
von Dorern einen neuen Einfall in den Pelopoimes, um sich des 



*) Nach Euripides' Herakliden wohnten die Nachkommen des Herakles 
zuerst in Arges ; von Eurystheus vertrieben, flohen sie nach Trachis und 
daim nach Athen. 



— 144 — 

Ton dem Pelopiden Atreu s in Besitz genommenen Eeiches .des 
Enrysthens zu bemächtigen. Er . fiel in einem Zweikampf mit 
Echemos, König von Tegea, der für Atreus stritt, und erst hundert 
Jahre nach seinem Tode gelang es seinen Nachkommen, sich im 
Peloponnes festzusetzen. Zehn Jahre nach dem Tode des HyUos 
fällt der trojanische Krieg. 

4. Tantalos und sein Geschlecht. 

Tantalos, ein Sohn des Zeus, war ein reicher Könige in der 
Stadt Sipylos an dem gleichnamigen Berge in Lydien. Zeus liebte 
ihn vor allen Menschen und segnete ihn mit allen Grlücksgüterh 
der Erde; er zog ihn sogar zu den Mahlen der Götter hinzu und 
theilte ihm seine Eathsehlüsse mit. Dieses Grlück konnte der 
Sterbliche nicht ertragen; er verrieth die ihm anvertrauten G-e- 
heimnisse und entwendete an den Göttermahlen ISTektar und Am- 
brosia, um davon seinen sterblichen Genossen mitzutheilen. Dafür 
ward er von Zeus gestraft. In der Odyssee (11, 582 s. oben 
p. 13) und bei den meisten Dichtern wird diese Strafe in die 
Unterwelt gesetzt, doch so, dass viele statt der Strafe des Darbens 
ihn durch ewige Angst gequält werden lassen, indem ein stets 
den Sturz drohender Eelsblock über seinem Haupte sehwebt. Nach 
andern Sagen muss man annehmen, dass Tantalos für seine Erevel 
schon in der Oberwelt gestraft worden sei. Er erhielt einst von 
Zeus die Erlaubniss eine Bitte zu thun. Als er nun mit seinem 
göttergleichen Loose prahlte, habe Zeus ihm zwar die Eülle der 
Glücksgüter verheben, aber einen schweren Felsblock über ihn 
gehängt, damit er in steter Angst schwebend die ihn umgebenden 
Güter nicht gemessen könnte. Diese Strafe in der Oberwelt scheint 
die ursprüngliche gewesen zu sein. 

Zu den Frevelthaten des Tantalos, wofür er gezüchtigt wurde, 
gehört auch folgende. Einst lud er die GÄtter zum Mahle nach ' 
Sipylos und setzte ihnen, um sie zu versuchen, das Fleisch seines 
eigenen Sohnes Pelops vor, den er geschlachtet, zerstückt imd 
gekocht hatte. Die Götter merkten den Trug und rührten das 
grässliche Mahl nicht an; nur Demeter, in Schmerz um die ver- 
lorene Tochter Persephone versunken, Hess sich täuschen und ass 
die eine Schulter. Hermes kochte darauf den zerstückten Körper 
in einem Kessel und gab ihm so auf zauberische Weise Gestalt 
und Leben wieder; nur fehlte die eine Schulter. Diese wurde 
durch eine elfenbeinerne ersetzt, und daher sollen alle Nachkommen 
des Pelops durch einen weissen Fleck auf der Schulter ausgezeichnet 
gewesen sein. Der Glaube an dieses Adelszeichen der Pelopiden 
scheint jene Sage zum Theil hervorgerufen zu haben. 

Die Tochter des Tantalos war Niobe, Gemahlin des Amphion, 
Königs von Theben, der mit seinem Bruder Zethos diese von 



-- 145 - 

Kadmos gegründete Stadt iimmauert hatte (Od. 11, 260). Niobe 
Termass sicli, stolz auf ihre zahlreiche ISTachkoimnenschaft, 6 Söhne 
lind 6 Töchter (diese Zahl wird von Verschiedenen verschieden 
angegeben), sich der Leto, 
welche nur 2 Kinder ge- 
boren, gleichzustellen. Dar- 
um würden ihre Kiader 
von Apollon und Artemis 
erschossen, die Söhne von 
Apollon, von Artemis die 
Töchter. Neun Tage lang 
lagen sie in ihrem Blute 
unbestattet, denn Zeus 
hatte die Völker in Steine 
verwandelt ; am zehnten 
wurden sie von den G-öttem 
begraben. Niobe selbst aber 
erstarrte diirch den unge- 
heuren Schmerz und ward 
zu einem Felsen, der auf 
den einsamen Höhen des. 
Sipylos steht; dort fühlt 
sie als Stein noch das 
Leiden, das die Götter ihr 
zugefügt (n. 24, 602—617. 
cf. Ovid. Met. 6,152— 
312*). 

Des Zethos Ge- 
mahlin Asdon, Toch- 
ter des Pandareos, 
wollte aus Neid gegen 
•die kinderreiche Niobe 
einen von deren Söhnen 
tödten, aber aus Versehen ermordete sie in der Nacht ihren eigenen 
Sohn Itylos. In eine Nachtigall verwandelt, klagt sie jedes Früh- 
jahr im dichten Gezweige um den lieben Sohn (Od. 19, 518 ff. 
cf. Soph. El, 144, wo der Sohn Itys heisst**). Auch die übrigen 




Fig. 25. Niobe. 



' *) Die berühmte, jetzt in Florenz befindliche Niobegruppe in Marmor, 
1583 in Rom aufgeftmden, stellt in grossartigster Weise den tragischen 
Untergang der thebanischen Königsfamilie dar. 

**) Aehnlich ist die attische Sage von Prokne, der Tochter des 
athenischen Königs Pandion, welche mit dem Thrakerförsten Tereus von 
Daulis vermählt war. Dieser aber verbindet sich mit ihrer Schwester 
Philomele unter dem Vorgeben, dass Prokne todt sei. Als Phüomele 
den Trug entdeckt imd mit Rache droht, schneidet er ihr die Zunge aus ; 
aber Philomele macht durch einige ia ein Gewand gewebte Worte der 
Schwester ihr Schicksal bekannt, welche nun, um den Tereus zu strafen, 

Stoll, Mythologie. 6. Aufl. 10 



— 146 - 

Töchter des Pandareos hatten ein unglückliches Geschick. Durch 
die Götter ihrer Eltern früh beraubt, blieben sie verwaist in den 
Gemächern zurück. Die Göttinnen Aphrodite, Hera, Artemis, Athene 
nahmen sich ihrer an und gaben ihnen Schönheit und Kunst- 
fertigkeit; als ihnen aber Aphrodite eben von Zeus eine glückliche 
Ehe erbitten wollte, wurden sie von den Harpyien geraubt und 
den Erinyen als Dienerinnen übergeben (Od. 20, 66 ff.). 

Als Pelops, des Tantalos Sohn, zum Jüngling herangereift 
war, zog er nach Pisa in EKs, um mit dem dortigen König Oino- 
maos um seine Tochter Hippodameia zu kämpfen. Oinomaos 
hatte wegen des Orakelspruches, dass er von seinem Eidam ge- 
tödtet werden würde, bestimmt, dass er seine Tochter dem zur 
Ehe geben wollte, der ihn im Wagenrennen besiege; wen er jedoch 
auf der Eennbahn einholte, den durchbohrte er von hinten mit 
der Lanze. So hatte schon mancher Freier sein Leben eingebüsst. 
Als Pelops ankam, bestach er den Wagenlenker des Oinomaos, 
Namens Myrtilos; dieser setzte an den Wagenrädern des Oino- 
maos die Nägel nicht ein, so dass Oinomaos bei dem Wettrennen 
stürzte und umkam. Auf diese Weise erwarb Pelops die schöne 
Hippodameia und die Herrschaft von Pisa; den Myrtilos aber stürzte 
er, anstatt ihm die versprochene Hälfte des Eeiches zu überlassen^ 
ins Meer. Sterbend verflucht Myrtilos den Pelops und sein ganzes 
Geschlecht, und seitdem geht ein finstrer Geist des Frevels und 
des Unheils durch das Haus der Pelopiden. Pelops ward in dem 
nach ihm benannten Peloponnes ein so gewaltiger Herrscher, dass 
seine erhabene Machtfülle für die Folge sprüchwörtlich wurde; 
Zeus selbst gab ihm sein Königsscepter (11. 2, 100 ff.). In Olympia, 
wo er die Spiele prächtig erneuert haben und später begraben 
worden sein soll, ehrte man ihn an seinem Grabe als Heros und 
Kampfeshort mit Blutspenden (Pind. Ol. 1, 90*). 

Nach Pindar war Pelops Yater von 6 völkerbeherrschehden 
Königen, die sich über den Peloponnes zerstreuten; von ihnen sind 
die ältesten und bekanntesten Atreus und Thyestes. Auf An- 
stiften ihrer Mutter tödteten diese ihren Stiefbruder Chrysippos 
und flohen dann vor dem Zorne des Vaters zu dem König von 
Mykenä, dem Perseiden Sthenelos, dem Gemahl ihrer Schwester 
Nikippe. Sthenelos übergab ihnen Midea zum Wohnsitz, und als 



ihren Sohh Itys tödtet und dem Tereus zum Mahle vorsetzt. Als Tereus 
die fliehenden Schwestern verfolgt, wird Prokne in eine Nachtigall, Philo- 
mele in eine Schwalbe, er selbst in einen Wiedehopf verwandelt (Thuc. 
2, 29. Ov. M.et. 6, 424 ff.). 

*) Pindar behandelt in der 1. Ol. Ode die Mythen von Tantalos und 
Pelops, allein er ändert mit frommem Sinn an den alten Sagen, indem er 
solche Züge, welche ihm der Götter und des Heros Pelops nicht würdig 
scheinen, wie das Schlachten und theilweise Verzehren des Pelops und 
die Mithülfe des Myrtilos beim Wettkampf, entweder auslässt oder anders 
erzählt und deutet. 



— . 147 - 

später sein Solm Eurysthetis gegen die Heratliden auszog -und 
in einem Treffen gegen dieselben fiel (p. 143), erhielt Atrens nach 
einer von Eurysthens' vor seinem Auszug getroffenen Anordnung 
die Herrschaft über Mykenä (Thuc. 1, 9). 

Das grausenvolle ■ Geschick des Pelopidenhauses in Mykenä 
war ein Hauptgegenstand der alten Tragödie*). Die Eeihe der 
Greuelscenen wird eröffiiet durch einen Frevel des Thyestes. Dieser 
verleitete die Frau des Atreus zum Treubruch und ward deswegen 
von Atreus vertrieben; um sich zu rächen, schickte er den Plei- 
sthenes, einen Sohn des Atreus, den er als den seinigen aufgezogen 
hatte, mit dem Auftrag nach Mykenä ab, den Atreus zu ermorden. 
Atreus, aber tödtete, ohne es zu wissen, den eignen Sohn. Als er 
die Absicht seines Bruders und seine eigene That erkannte, unter- 
drückte er, um sich rächen zu können, seinen Grimm und ver- 
söhnte sich zum Schein mit Thyestes. Als dieser ins Land zurück- 
gekehrt war, schlachtete Atreus dessen Söhne Tantalos xmd Plei- 
sthenes und setzte ihr Fleisch ihm zum Mahle vor. Thyestes 
erkennt die entsetzliche That, ei- sinkt heulend nieder, und das 
greuliche Mahl ausspeiend, flucht er dem ganzen Stamme der 
Pelopiden. Darauf flieht er ausser Land, das Reich des Atreus 
aber wird durch Unfruchtbarkeit heimgesucht, und als er einem 
Orakelspruche zufolge auszieht seinen Bruder zu suchen, findet er 
zwar diesen nicht, bekommt aber dessen Sohn Aigisthos in seine 
Hände und nimmt ihn mit nach Mykenä, um ihn wie seinen Sohn 
aufzuziehen. Später wird Thyestes von den ausgesendeten Söhnen 
des Atreus Agamemnon und Menelaos aufgesucht und nach 
Mykenä gebracht, wo ihn Atreus einkerkert und durch Aigisthos 
ermorden lassen will. Dieser aber wird von dem Vater erkannt 
und erschlägt nun den Atreus, während er am Ufer opfert. Thyestes 
und Aigisthos bemächtigen sich der Herrschaft von Mykenä und 
jagen den Agamemnon und Menelaos aus dem Lande. Sie kommen 
nach Sparta zu dem König Tyndareos und vermählen sich mit 
dessen Töchtern, ersterer mit Klytaimnestra, letzterer mit 
Helena. Von Sparta aus vertreiben sie Thyestes und Aigisthos 
aus dem Eeiche ihres Vaters, und Agamemnon wird Herrscher 
von Mykenä, während Menelaos den Königsthron von Sparta erbt. 

Agamemnon ward der mächtigste Fürst in Griechenland; er 
besass Mykenä, Korinth, Kleonä, Orneiä, Araithyrea, Sikyon, Hype- 
resia, Gonofe'ssa, Pellene, Aigion, Aigialos, Helike (H. 2, 569 ff. 
2, 100 ff.). . Als daher die Griechen gegen Trqja ausziehen wollten, 
wählten sie ihn in einer Versammlung zu Argos zum Oberanfährer. 
Nach seiner Rückkehr von Troja wurde er von Aigisthos, der 
während seiner Abwesenheit Klytaimnestra zur Untreue verführt 



*) Aeschyl. Agamemnon, Ohoephoren, Eumeniden; Sophocles Electra; 
Euripides Electra, Orestes, Iphigen. Aul, und Taur. 

10* 



— 148 — 

hatte, bei einem Mahle ermordet, während die Seherin Kassandra, 
eine Tochter des Priamos, welche Agamemnon als Siegespreis mit 
sich heimgeführt hatte, von Klytaimnestra erschlagen wurde (Od. 
1, 35. 3, 193. 256. 4, 512. 11, 409. 24, 20). Bei den Tragikern 
wird Agamemnon im Bade getödtet, indem Klytaimnestra ein Netz 
oder ein Grewand über ihn wirft. Später ward er an verschiedenen 
Orten als Heros verehrt. 

Die Kinder des Agamemnon sind Chrysothemis, Laodike 
(bei den Tragikern Elektra), Iphianassa und Orestes (II. 9, 
142 ff.), l^feben Iphianassa erscheint bei den Tragikern noch 




Pig. 26. Opfer der Iphigeneia. 



Iphigeneiay von welcher gedichtet ward, dass sie, als die G-riechen 
auf ihrer Fahrt nach Troja im Hafen von Aulis durch Windstille 
öder durch Stürme, welche die von Agamemnon beleidigte Artemis 
sandte, zurückgehalten wurden, nach dem Spruche des Kalchas der 
Göttin geopfert werden sollte. Artemis aber setzte während des 
Opfers eine Hirschkuh an ihre Stelle und brachte sie nach dem 
skythischen Tauris (Krim), wo sie ihre Priesterin ward (Eurip. Iph. 
Aul. Sophocl. Electra 565). Hier lebte sie lange Zeit, unbekannt 
mit dem Unglück im Vaterhause, bis Orestes sie nach Griechen- 
land zurückbrachte. 



— 149 



Orestes, der jüngste von den Kindern Agamemnons, wurde 
nach der Ermordung seines Vaters auf Veranstalten seiner Schwester 
Elektra nach PhoMs zu dem König Strophios, einem Schwager 
Agamenmons, vor den Nachstellxmgen des Aigisthos in Sicherheit 
gebracht. Im 8. Jahre kehrte er als Jüngling, sehnlichst von der 
misshandelten Elektra erwartet, in Begleitung seines treuen Jugend- 
genossen Pylades, 
Sohnes von Strophios, 
zurück und rächte den 
Mord des Vaters, indem 
er den Aigisthos und 
seine Mutter erschlug 
(Aeschyl. ChoSph. So- 
phocl. und Eurip. 
Elektrae). Es war die 
Pflicht des Sohnes, den 
Mord des Vaters zu 
rächen, darum hatte 
ApoUon selbst ihn znv 

That angetrieben; 
allein indem er der 
Pflicht gegen den Va- 




ter genügte, lud er 
zugleich ein schweres 
Verbrechen auf sich, 
den Muttermord. Des- 
wegen wurde er nach 
der That von den 
Erinyen verfolgt imd 
erst nach langem Um- 
herirren durch Hülfe 
Apollons und der 
Athene zu Athen von 

ihnen befreit (s. 
p. 118). So steUt 
Aeschylos in den Eu- 
meniden die Sache dar ; 
nach Euripides Iphig. 
Taur. erhielt Orestes 

von Apollon den Auftrag, damit er von seiner Raserei befreit 
werde, aus Tauris das Bild der Artemis zu holen und ins Land 
der Athener zu bringen. Orestes begab sich mit Pylades in jenes 
Land, wo damals Thoas herrschte; sie wurden ergriJBfen und sollten 
nach der Sitte des Landes, die ankommenden Fremden der Artemis 
zu opfern, von der Priesterin Iphigeneia zum Tode geweiht werden. 
Allein Iphigeneia erkannte den Bruder und entfloh mit ihm und 



— 150 — 

Pylades imd dem Bilde der Göttin, das sie zu Brauron in Attika 
zurückliessen. Den Aletes, Sohn des Aigisthos, welcher sich die 
Herrschaft von Mykenä angemasst hatte, erschlug Orestes und 
setzte sieh so in den Besitz des väterlichen Eeiches; dazu erhielt 
er noch Argos und Sparta, das Eeich des Menelaos, mit dessen 
Tochter Hermione er sich vermählte. Sein Sohn ist Tisamenos. 
Pylades vermählte sich mit Elektra. (Fig. 26. S. 148 Opfer der 
Iphigeneia, Fig. 27. S. 149 Iphigeneia in Tauris.) 

5. Attisclie Sagen. 

(Kekrops. Theseus.) 

Kekrops, ein Sohn der Erde {yi]yBvi^g) und attischer Au- 
tochthon*), gründete Athen und baute die Burg, welche er nach 
sich Kekropia nannte; denselben Namen erhielt das attische Land, 
welches bisher Akte (Küste) geheissen hatte. Er soll zuerst in 
Attika einige Cultur eingeführt und die Einwohner des Landes zu 
zwölf Gemeinden vereinigt haben. Unter seiner Herrschaft nahm 
Athene nach dem Wettstreite mit Poseidon (s. p. 77) von der 
Stadt und dem Lande Besitz; auch dem^ Zeus setzte er seinen 
Dienst ein. Er ist der Heros eines altpelasgischen Stammes, der 
über Attika, Böotien und die Umgegend verbreitet war; daher 
nahm man auch verschiedene Heroen dieses Namens an, welche 
pelasgische Städte mit Namen Athenä gegründet haben sollen (in 
Böotien am See Kopais, in Enböa). Erst in ganz später Zeit 
wurde er zu einem ägyptischen Einwanderer aus Sai's gemächt. 
Seine Töchter sind Agraulos oder Aglauros, Herse, Pan- 
drosos, ursprünglich Wesen göttlicher Natur, welche, wie er selbst, 
eng mit dem Atheneculte zusammenhingen. Athene vertraute diesen 
Kekropiden ihren Sohn und Pflegling, das Kind Erichthonios oder 
Erechtheus, das von einer Schlange bewacht wurde, in einer ver- 
schlossenen Kiste an, mit dem Auftrage, die Kiste nicht zu öffnen. 
Als aber Aglauros und Herse aus Neugier die Kiste öffiieten und 
das Kind in Sehlangengestalt von einer Schlange umwunden sahen, 
stürzten sie sich, von Wahnsinn ergriffen, von dem Burgfelsen 
herab. Erichthonios aber wuchs unter der Pflege der Göttin 
in ihrem Heüigthume auf und ward später König von Athen 
(II. 2, 547 ff.), der in dem Streite des Poseidon und der Athene 
um Attika — welcher indess auch in die Eegierung des Kekrops 
verlegt wird — das Land der Athene zusprach, ihren Cultus ein- 
setzte und das ritterliche Spiel der Panathenäen stiftete. Er ward 
auf der Burg im Erechtheum neben Athene und Poseidon verehrt. 
Von diesem Erichthonios oder älteren Erechtheus hat man später 



*) Ureingebomer. Als Erdgeborenen und Autochthon dachte man 
ihn als Menschen mit einem Drachenleib (dicpv^g, der Zwiegestaltige). 



151 — 



«inen jüngeren Erechtheus, einen Enkel des ersten, der ebenfalls 
König Ton Athen war, getrennt. — Zur Zeit des jüngeren Erech- 
theus kam der thrakische Priester Etimolpos nach Eleusis nnd 
bekriegte an der Spitze der Elensinier den Erechtheus. Die Athener 
siegen, nachdem des Erechtheus Tochter Praxithea sich freiwillig 
zum Opfertode geboten; Erechtheus erlegt selbst den Eumolpos, 
wird aber von dessen 



Vater Poseidon mit 
dem Dreizack getödtet. 

Hierauf schliessen 
Athener xmd Eleu- 
sinier einen Vertrag, 
wonach beide Staaten 
sich zu einem ver- 
einigen und die eleu- 
^inische Priester Schaft, 
darunter die Eumol- 
piden, in die Gremein- 
schaffc der Athener 
aufgenommen wird, 
Erechtheus re- 
präsentirt noch die 

altpelasgische Zeit 
Attikas. Nach seinem 

Tode erhält der 

Stammvater der in 

Attika eingewanderten 

lonier, der kriegerische 

Ion, welcher den 

Erechtheus gegen 
Eumolpos unterstützt 
haben soll, die Herr- 
schaft Athens. Der 

ionische National- 
heros war Theseus 




Gsvg, der Ordner, 
von ti&r]iii)y wie He- 
rakles der derDorier, 
der gefeiertste Heros 
von Attika. Die Sage bringt ihn mit dem Geschlechte des Kekrops 
amd des Erechtheus in Verbindung. Des Kekrops Sohn war 
Pandion, dessen Sohn Aigeus*), der Vater des Theseus. Dieser 



*) Aigeus (zusammenhängend mit atYsg, s. p. II) bezeickoet ur- 
sprünglich den Poseidon, der besonders bei dem ionischen Stamme ver- 
ehrt ward und auch als Vater des Theseus galt. 



— 152 — 

•ward in Trözen von der Tochter des Pittheus, Aithra, geboren 
lind, nachdem er herangewachsen war, nach Athen zu seinem Vatei* 
geschickt. Das Erkennungszeichen für den Vater war ein Schwert 
und Schuhe, welche dieser früher bei Trözen unter einen Felsblock 
gelegt tind der zu Kraft herangewachsene Theseus auf Anzeigen 
seiner Mutter hervorgeholt hatte. (Fig. 28.) Die Athener haben 
ihn gewissermassen zu ihrem Herakles gemacht, indem sie ihn 
gleich diesem eine Menge schwerer Arbeiten verrichten und das 
griechische Land von allerlei Uebeln befreien lassen. So tödtete 
er unter andern anf seinem Wege nach Athen im Gebiet von Epi- 
dauros den Riesen Periphetes, dessen eiserne Keule er hinfort 
trag, den Sinnis oder Pityokamptes (Fiehtenbeuger), der auf 
dem Isthmos hausete \ind die Wanderer zerriss, indem er sie an 
niedergebeugte Bäume band und in die Luft schnellte, die krom- 
myonische Sau; an der Grenze von Megaris stürzte er den Räuber 
Skiron vom skironischen Felsen ins Meer, wie dieser bisher allen 
Wanderern gethan, bei Eleusis tödtete er den Ringer Kerkyon, 
am Kephissos den Damastes oder Prokrustes (Ausrecker), 
welcher nach seiner langen Bettstelle die Fremden so weit aus- 
reckte, 4äss sie starben. Von Athen aus zog er gegen den ma- 
rathonischen Stier (siehe oben p. 137), brachte ihn lebendig 
nach Athen und opferte ihn dem Apollon Delphinios. Ferner er- 
schlug er den Minotauros auf Kreta. Die Athener mussten 
nämlich Minos, dem König in Kreta, wegen Ermordung seines 
Sohnes Androgeos aUe neun Jahre einen Tribut von sieben Jüng- 
lingen und sieben Jungfrauen zuschicken, welche dem in dem 
Labjrrinthe*) hausenden Minotauros zum Frasse bestimmt waren. 
Theseus übernahm es freiwillig, die Athener von diesem Tribut 
zu befreien, erschlug das Ungeheuer, gelangte durch den Faden, 
welchen ihm Ariadne, des Minos Tochter, gegeben hatte, wieder 
aus dem Labyrinthe und floh mit dieser gen Athen. Auf der Insel 
Naxos (Dia) liess er jedoch die Geliebte zurück (siehe p. 91 u. 93). 
Als er sich Athen näherte, vergass er statt des schwarzen Segels 
zum Zeichen, dass sein Unternehmen geltmgen sei, das weisse auf- 
zustecken; da sein Vater das schwarze Segel sah, stürzte er- sich 
vor Schmerz in das Meer. Nun ward Theseus Herrscher des; 
athenischen Landes, einigte die auf dem Lande zerstreuten Be- 
wohner zu einem Staate, dessen Mittelpunkt Athen war, stiftete 



*) Das Labyrinth, ein überirdisches Gebäude mit zahllosen Irrgängen^ 
hatte der berühmteste mythische Künstler Daidalos aus Athen gebaut. 
Wegen eines Mordes war er von Athen zu Minos geflohen, dem er 
mancherlei Kunstwerke schuf. Da ihn Minos wie einen Gefangenen auf 
der Insel zurückhielt, so machte er sich und seinem Sohne Ikaros 
künstliche Flügel xmd entfloh durch die Luft. Ikaros stürzte ins Meer 
und ertrank (Ikarisches Meer), er selbst kam glücklich nach Sicüien 
oder Unteritalien. (Ovid. Met. 8, 183 ff. Virg. Aen. 6, 14.) 



— 153 — 

die Panathenäen und die Hetoikia (das Fest der eingewanderten 
Fremden), setzte den Cult der Aphrodite Pandemos (der Liebes- 
göttin des ganzen Volkes) und der Peitho (der üeberredung) ein 
tind gründete dem Poseidon die isthmischen Spiele. 

Mit Herakles unternalim Theseus den Zug gegen die Amazonen 
(s. p. 137); er führte die Hippolyte (oder Antiope) mit sich fort 
nach Athen iind vermählte sich mit ihr*). Ihr Sohn ist Hippo- 
lytos. Nach ihrem Tode heirathete er Phaidra, die Schwester 
der Ariadne. Diese yerleumdete den Hippolytos bei Theseus, der 
nun dem Sohne fluchte und den Poseidon bat ihn zu verderben. 
Als daher Hippolytos am Ufer des Meeres hinfuhr, machte ihm 
Poseidon durch einen aus dem Meere aufsteigenden Stier die Pferde 
scheu, und Hippolytos wurde zu Tode geschleift. (Euripid. Hippolyt.) 
Auch an dem Argonautenzug und der Jagd des kalydonischen 
Ebers nahm Theseus Antheü. Mit Peirithoos, dem Könige der 
Lapithen, ging er in die Unterwelt, um für ihn die Persephone 
zu entführen. Für diesen Frevel Hess sie aber Hades an einen 
Felsen, auf welchen sie sich setzten, anwachsen. Theseus wurde 
durch Herakles wieder befreit (s. p. 138); als er aber nach Athen 
zurückkam, hatte sich Menestheus, der im trojanischen Kriege 
die Athener anführte (II. 2, 552. 4, 327), der Herrschaft bemächtigt^ 
und Theseus begab sich nach der Insel Skyros, wo er imikam. 
Kimon, der Sohn des Mütiades, brachte später seine Gebeine nach 
Athen zurück**). 

In Athen wurde Theseus als Heros verehrt; er hatte dort 
einen prächtigen Tempel. Die Kunst stellt ihn dem Herakles 
ähnlich, nur mit weniger gedrungenem Körperbau dar. Da er 
die ßingkunst erfunden haben soll, so eignete ihm eine grössere 
Grewandtheit. 

6. Thebanisdie Sagen. 

(Kadmos. Oidipus.) 

Als Gründer von Theben gilt Kadmos, nach welchem die 
thebanische Burg Kadmeia genannt ward. Die gewöhnliche Sage 



*) Die Amazonen unternahmen, um sich wegen des Raubes der 
BHppolyte zra rächen, einen Eriegszug nach Athen, zogen aber nach 
langem Kampfe wieder ab. 

**) Bei Homer wird Theseus erwähnt IL 1, 265. Od. 11, 631 und 322. 
Wahrscheinlich aber sind dies erst von den Athenern eingeschobene 
Verse. II. 3, 144 wird Aithra, die Tochter des Pittheus, unter den 
Sklavinnen der Helena genannt; man suchte dies zu erklären, indem man 
sagte, als Theseus die Helena nach Attika entführt habe, wären die 
Brüder derselben, Kastor und Polydenkes, nachgeeilt und hätten, während 
Theseus mit Peirithoos in der Unterwelt war, Helena befreit und des 
Theseus Mutter mit nach Sparta genommen , die dann Sklavin der He- 
lena ward. 



- 154 



erzählt von ihm Folgendes. Er war der Sohn des Agenor, des 
Königs von Phönikien, Bruder der Europa, des Phoinix*) und 
Kilix. Als Zeus seine Schwester Europa geraubt hatte, erhielt 
er vom Vater den Auftrag dieselbe aufzusuchen und nicht eher 
zurückzukehren, als bis er sie gefunden habe. Nachdem er lange 
umsonst gesucht, kam er nach Delphi und erhielt den Spruch, von 
seinen Nachforschungen abzustehen, aber einer Kuh zu folgen und 
da, wo sich diese niederlege, eine Stadt zu gründen. Als er nun 
durch Phokis zog, traf er eine Kuh aus der Heerde des Pelagon, 
ging ihr nach und beschloss in Böotien an der Stelle, wo sich 
die Kuh lagerte, eine Stadt zu bauen, das nachmalige Theben. 

Die Kuh wollte er der 
Athene opfern; er sandte 
daher Leute ab, aus der 
nahen Quelle des Ares 
Wasser zu holen. Diese 
aber wurden von einem 
Drachen des Ares, der 
die Quelle bewachte, ver- 
schlungen; und nun kam 
Kadmos selbst zu der 
Quelle und erschlug den 
Drachen. Die Zähne des- 
selben säete er in die Erde, 
aus welcher sofort ge- 
wappnete Männer hervor- 
sprossten, die sich selbst 
bekämpften und mordeten 
bis auf fünf, Echion 
(Schlangenmann), üdaios 
(Bodenmann), Chthonios 
(Erdentsprossener), Pelor 
oder Peloros (Eiesiger), 
Hyperenor (Uebergewal- 
tiger). Diese furchtbaren 
Erdensöhne, die Spartoi 
(Gesäete), wurden die 
Stammväter des thebani- 
schen Adels, und selbst 

Fig. 29. Aktaion. , ii i • i -rr n 

das ganze thebanische Volk 
nennt sich bisweilen das Geschlecht der Sparten. Kadmos musste 
aber zur Busse für den Mord des Drachen dem Ares acht Jahre 




*) Nach Homer (IL 14, 321) war Phoinix der Vater der Europa, 
welche dem Zeus den Minos imd Rhadamanthys gebar. Von einem 
König Phönikiens weiss Homer nichts. 



— 155 — 

(ein grosses Jahr) dienen; darauf ei'hielt er die Herrscliaft von 
Theben iind vermählte sich mit Harmonia (Ordnung, Eintracht), 
der Tochter des Ares imd der Aphrodite. Bei ihrer Vermählung 
erhielt Harmonia Yon Kadmos (oder von Aphrodite, von Athene) 
ein Gewand und ein Halsband, an welchem das Verderben haftete. 
Ihre Töchter heissen AutonoS (Mutter des durch den Zorn der 
Artemis von seinen 50 Hunden zerrissenen Jägers Aktaion, Ovid. 
Met. 3, 131 ff. Fig. 29), Ino (Mutter des Melikertes), Semele 
(Mutter des Dionjsos) und Agaue (Mutter des Pentheus); ihr Sohn 
ist Polydoros (Hes. Theog. 975), dessen Sohn Labdakos. Später 
zog Kadmos mit Harmonia nach lEyrien, wo er König ward. 
In Drachen verwandelt, kommen beide zuletzt in die elyse'ischen 
Gefilde. 

Diese Sagen machen also Theben zu einer phönikischen Colonie 
imd Kadmos zu einem Phöniker. Indessen ist den ältesten Dichtern 
eine phönikisehe Colonie in Theben xmbekannt, Homer weiss nichts 
von einem wandernden Kadmos; erst Herodot nennt den Phoinix 
einen König von Tyros. Ausserdem lässt sich aus derartigen 
Sagen nur schliessen, das zu der Zeit, wo man die Sage bildete, 
der Glaube an eine fremde Einwanderang herrschte, nicht aber 
dass wirklich ein Phöniker Kadmos Theben gegründet habe. 
Kadmos (der Ordner) war ursprünglich eine thebanische Gottheit, 
gleich dem ordnenden Hermes-Kadmilos der tjrrhenischen Pelasger, 
eines Volkes, das von Theben kam und mit den Kadmeern in 
Theben eins und dasselbe war. (So 0. MüUer in seiner Schrift 
Orchomenos.) 

Der Groll oder der Fluch des Ares wegen des Drachenmordes 
wüthete fort in der Geschichte von Theben und brachte Verderben 
über das Königshaus. Der, welcher vor allen vom Unglück heim- 
gesucht ward, dessen ganzes Leben den Erinyen, den Göttinnen 
des Fluches, fgeweiht war, ist 

Oidipus {OlöCnovg, no6og\ der Sohn des Laios, Enkel des 
Labdakos. Homer (Od. 11, 271) erzählt von ihm, dass er seinen 
Vater erschlagen und die eigene Mutter Epikaste ohne Wissen 
geheirathet habe. Als die Götter den Frevel' sofort enthüllten, 
erhängte sich die unglückliche Königin und ging hinab in das 
dunkele Gemach des Hades; Oidipus aber herrschte noch gramvoll 
über Theben, bis zu seinem Tode von den Leiden verfolgt, welche 
die Erinyen der Mutter bringen. An seinem Grabe feierten die 
Thebaner Leichenspiele (II. 23, 679). — Die Geschichte Thebens 
und wahrscheinlich auch die des Oidipus ist schon in vorhome- 
rischen Gedichten besungen worden^ so dass wohl Homer in kurzen 
Worten' und durch wenige Hauptzüge die ganze Sage in das Ge- 
däehtniss seiner Hörer rufen konnte. In der Folge wurde die in 
Homer vorliegende Sage besonders durch die tragischen Dichter, 
welche in der ünglücksgeschichte des Oidipus einen für die Tragödie 



— 156 — 

sehr geeigneten Stoff fanden, häufig behandelt und durch Hinzu- 
ziehung von lokalen Sagen erweitert oder auch •willkürlich verändert. 
Nach Soph. Oed. Eex ist die Sage im wesentlichen folgende. 

La^os, der König von Theben-, hatte von dem Orakel den 
Spruch erhalten, dass, wenn ihm seine Gremahlin lokaste (bei den 
alten Epikern Epikaste), Tochter des Menoikeus, einen Sohn gebäre, 
dieser ihn tödten würde. Als er daher seinen Sohn gleich nach 
der Geburt mit gebundenen und durchstochenen Füssen, damit man 
ihn, wenn er doch sollte erhalten bleiben, erkennen könnte, aus- 
setzen lassen wollte, wurde das Kind von dem treuen Diener, dem 
es die herzlose Mutter selbst eingehändigt hatte, auf dem Kithäron, 
dem Berge der Erinyen, einem Hirten des Königs Polybos von 
Korinth übergeben, dass er es im fremden Lande aufzöge. Dieser 
brachte den Knaben seinem kinderlosen Herrn, der ihn mit seiner 
Gemahlin Merope (Periboia) als eignes Kind auferzog und ihm 
w;egen der geschwollenen Füsse den Namen Oidipus (SehweUfuss) 
gab. Zum Jüngling herangereift, schöpfte Oidipüs Verdacht, dass 
Polybos und Merope nicht seine wirklichen Eltern sein möchten, 
und begab sich nach Delphi, um dort die Wahrheit zu erfahren. 
Das Orakel mahnte ihn ab weiter zu forschen, da er seinen, Vater 
erschlagen und seine Mutter heirathen würde. Auf dem Eückwege 
beschloss daher Oidipus nicht wieder nach Korinth zurückzukehren, 
sondern wandte in Phokis, zwischen Deljphi und Daulis, da, wo 
eine Strasse von der nach Korinth führenden gen Theben ablenkt 
{ö^iav^, Dreiweg), seine Schritte nach dieser Stadt hin. An dem 
Dreiweg begegnet ihm Laios, der auf einem Wagen nach Delphi 
fährt, um den Gott zu befragen. Der Wagenlenker und der Alte 
wollen den Wanderer gewaltsam aus dem Wege drängen; aber 
Oidipus erschlägt im Zorn den Wagenlenker, und als beim Vorüber- 
gehen an dem Wagen Laios ihn auf das Haupt schlägt, tödtet er 
auch diesen sammt seinen Begleitern. Nur einer entkommt, ohne 
dass er es merkt, derselbe, der ihn früher hat aussetzen sollen. 
Darauf zieht Oidipus weiter gen Theben. 

In Theben, wo unterdessen die Sphinx*) hauste, hatte Kreon, 
der Bruder der lokaste, nach des La'ios Tod die Eegierung über- 

*) Die Sphinx {ZcpCy^ oder ^i|, die Würgerin) stammte von der 
Chimaira und dem Orthos (Hes. Theog, 326) oder von Typhon und 
Echidna. Sie bestand aus einem geflügelten Löwenrumpf mit Kopf 
und Brust einer Jungfrau; die Dichter haben übrigens ihr Bild noch auf 
mamiigfache Weise tungestaltet und ihre Gestalt aus den verschieden- 
artigsten Körpern zusammengesetzt. Die ägyptische Sphinxgestalt, welche 
das Muster für die griechische abgegeben hat, war ein ungeflügelter 
Löwenrumpf mit menschlichen Obertheilen. Ursprünglich war wohl die 
thebanische Sphinx ein die Pest bezeichnendes Wesen. Sie sollte von 
dem zürnenden Ares oder von Hera, welche wegen einer Eheverletzung 
des Laios zürnte, geschickt worden sein. Sie sass auf einem Felsen in 
der Nähe von Theben und gab das Räthsel auf: was hat eine Stimme, 



— 157 — 

nommen und dem, der das Land von den Drangsalen des Un- 
geheuers befreien würde, die Herrschaft und die Ehe der ver- 
wittweten lokaste versprochen. Als Oidipus herankam, löste er 
das Eäthsel der Sphinx, worauf sich diese von ihrem Felsen herab- 
stürzte und tödtete, Oidipus aber die Herrschaft von Theben und 
die Hand der lokaste gewann. Ihre Kinder sind Eteökles und 
Poljneikes, Antigöne und Ismene. 

Wegen der verborgenen G-reuel des Oidipus kam eine Pest 
über (^as Land tmd ein Orakelspruch ging dahin, dass die Pest 
nicht eher enden würde, als bis der Mörder des Laios aus dem Lande 
vertrieben sei. Oidipus spricht über den unbekannten Mörder Fluch 
und Bann aus, aber während er seinen Spuren nachforscht, gelangt 
er endlich, namentlich durch den blinden Seher Teiresias imd den 
bei dem Morde des Laios entkommenen Diener, zu der furchtbaren 
üeberzeugung, dass er selbst der Mörder des La'ios, seines Vaters, 
und der Gemahl seiner Mutter ist. Aus Verzweiflung erhängt 
sieh lokaste, Oidipus reisst sich im Schmerze die Augen aus. 
So Sophokles; nach Andern wurde Oidipus auf demKithäron von 
Hirten gefunden und auf erzogen, oder er wuchs in Sikyon, dem 
ursprünglichen Sitze des Polybos und einer Hauptstätte des Erinyen- 
cultus, auf. Den Engpass, wo er den Vater erschlug, verlegten 
manche in die Nähe von Potniä, wo ebenfalls die Erinyen verehrt 
wurden. Die altepische Sage kennt keine !N"aehkom m enschaf t aus 
der Ehe des Oidipus und der Epikaste, nach ihr sind die genannten 
Kinder mit Euryganeia, Tochter des Hyperphas, erzeugt,- die 
Tragödie hat die Fabel in dieser Hinsicht umgebildet, um das 
Geschick des Oidipus um so grausenhafter zu machen. 

Ueber die letzten Schicksale des Oidipus sind die Sagen ver- 
schieden. Nach der oben angeführten Stelle der llias möchte man 
auf einen gewaltsamen Tod (im Kampfe) schliessen; allein die 
Worte öedovTtotog Olömoöcco können auch das gewaltige Zu- 
sammenbrechen des Mannes bezeichnen, der so lange seinem furcht- 
baren Schicksal widerstanden hat, endlich aber unter dessen Schlägen 
erliegt. Nach derselben Stelle ist er- in Theben begraben; andere 
Angaben verlegen sein Grab nach Eteonos in Böotien in ein Heilig- 
thurn^ der Demeter (-Erinys). Bei den Tragikern wird er entweder 
sogleich von seinen Söhnen und Kreon, der in Theben zur Herr- 
schaft gekommen ist , aus dem Lande verwiesen und von seiner 
Tochter Antigene in die Verbannimg begleitet, oder seine Söhne 
sperren ihn ein, um die Schmach des Hauses zu verbergen. Des- 
wegen flucht ihnen der blinde Greis, der sich entehrt sieht, und 



ist am Morgen vierfüssig, am Mittag zweifüssig, am Abend dreiftissig? 
(Mensch.) Die Thebaner versammelten sich täglich, um über dasKätiisel 
zu berathen, und da sie es nicht lösten, so erwürgte sie jedesmal Einen 
von ihnen. Wenn aber das Räthsel gelöst ward, so mnsste sie sich nach 
dem Schlüsse des Schicksals durch den Sturz vom Felsen den Tod geben. 



— 158 — 

dieser Fluch des Vaters bringt den Söhnen Verderben. Sie kommen 
über die Herrschaft in Streit und Krieg und morden einander im 
Zweikampf. Nach Soph. Oed. Col. wird Oidipus lange nach seiner 
Selbstblendimg von den Thebanern in die Verbannung geschickt 
luid gelangt, von Antigene begleitet, während seine Söhne um die 
Herrschaft hadern, nach Kolonos in Attika, wo er sich mit den 
Erinyen versöhnt und die endliche Euhe findet (s. p. 119). 

Die beiden th^banischen Kriege. Die Söhne des Oidipus, 
Eteokles und Polyneikes, hatten beschlossen, jährliöh ab- 
wechselnd in Theben die Regierung zu führen. Aber der ältere, 
Eteokles*), zuerst im Besitze der Macht, wollte dem Bruder zur 
bestimmten Zeit nicht weichen; dieser floh daher zu Adrastos, 
dem Könige von Argos, aus dem Greschlechte des Amythaon (p. 128), 
um bei ihm Hülfe zu suchen. Zu gleicher Zeit kam dort schutz- 
suchend der aus Kalydon wegen eines Mordes flüchtige Tydeus, 
Sohn des Oineus, an. Adrastos nahm beide gastlich auf, vermählte 
sie mit seinen Töchtern und versprach ihnen, sie in ihr Vaterland 
zurückzuführen und wieder in ihre Eechte einzusetzen. So unter- 
nahm man denn den ersten thebanischen Kriög (Krieg der Sieben 
gegen Theben). Die sieben Führer waren Adrastos, der Anführer 
des ganzen Zuges, Polyneikes, Tydeus, Kapäneus, ein Nach- 
komme des Proitos, Hippomedon, Neffe des Adrastos, der Seher 
Amphiaräos, aus dem Greschlechte des Melampus (p. 128) und 
Schwager des Adrastos, Parthenopaiosj nach älterer Sage Bruder* 
des Adrastos, nach Neueren ein Arkader, Sohn der berühmten 
Jägerin Atalante (cf. Soph. 0. C. 1311 ff.). Amphiaräos sah das 
unglückliche Ende des Krieges voraus und wollte nicht mitziehen; 
allein seine Gemahlin Eriphyle, Schwester des Adrastos, von 
Polyneikes durch das verderbenbringende Halsband der Harmonia 
bestochen, überredete ihn zur Theünahme. Deshalb wird sie später 
von ihrem Sohne Alkmaion, einem Seitenbilde des Orestes, ermordet. 
Vor Theben angekommen, vertheilten sich die sieben Führer, um 
die Stadt zu stürmen, mit ihren Schaaren an die sieben Thore. 
Den Thebanern aber weissagte Teiresias den Sieg, wenn sich einer 
aus dem Geschlechte der Sparten dem Tode weihe; dies that 
Menoikeus, der Sohn des Kreon, indem er sich von der Mauer 
der Stadt in die Grotte stürzte, in welcher einst der Drache des 
Ares gehaust hatte. Der frevelnde Uebermuth des Kapäneus, der 
bei der Bestürmung der Stadt ausrief, selbst das Feuer des Zeus 
solle ihn von den Mauern nicht zurückschrecken, brachte die Argiver 
ins Verderben. Schon stand er prahlend auf der Mauer, als ihn 
der Blitz des Zeus niederschmetterte. Die Argiver wichen, Poly- 
neikes fiel zugleich mit seinem Bruder im Zweikampf, imd das 
ganze argivische Heer ging zu Grunde bis auf Adrastos, der auf 



*) Einige lassen den Polyneikes älter sein und zuerst herrschen. 



- 159 — 

seinem gewaltigen Rosse Areion (II. 23, 346), das von der De- 
meter Erinys stammte, nach Kolonos floh. Amphiaraos wurde mit 
seinem Wagen auf der Flucht von der Erde verschlungen und 
ward zu einem weissagenden Gotte, der zu Theben xind namentlich 
zu Oropos Traxunorakel hatte (Pausan. J, 34. Herod. 1, 46. 52. 
u. 8, 134). Durch Hülfe der Athener bestattete Adrastos die 
Todten*). (Aeschyl, Septem contra Thebas. Euripid. Phoenissae 
und Suppliees.) 

Zehn Jahre später sammelte Adrastos die Söhne der Er- 
schlagenen, die Epigonen, zu einem Eachezug gegen Theben 
(Epigonenkrieg). Diese Epigonen waren: Alkmaion, Sohn des 
Amphiaraos, Aigialeus, S. des Adrastos, Promachos, S. des 
Parthenopaios, T her s andres, S. des Polyneikes, Diomedes, S. 
des Tydeus, Sthenelos, S. des Kapaneus, Euryalos, S. des 
Mekisteus. üebrigens weichen die Angaben hierin ab. Die drei 
letztgenannten fochten auch vor Troja. Sis zogen aus im Vertrauen 
auf die gltickverheissenden Zeichen der Götter und unter dem 
Schutze des Zeus (H. 4, 408), schlugen die Thebaner am Elusse 
Glisas, wobei der thebanische Anführer Laodamas, der Sohn dfes 
Eteokles, fiel, und eroberten die Stadt. Thersandros erhielt die 
Herrschaft über Theben; ein grosser Theil der Einwohner war 
aber vor Eroberung der Stadt auf den Rath des Teiresias aus- 
gezogen und gründete nach langem Umherirren die Stadt Hestiäa. 
Ein Theil der Beute und Teiresias mit seiner Tochter, der Seherin 
Manto, wurden nach Delphi dem ApoUon als Weihgeschenk ge- 
sandt; unterwegs aber starb Teiresias, Manto dagegen wurde von 
Delphi aus nach Kleinasien zu dem klarischen Orakel des Apollon 
geschickt. 

Homer kennt diese beiden Kriege aus älteren Gesängen, 
Thebaiden. Er erwähnt einzelne Personen und ganze Scenen aus 
diesem Sagenkreise. (IL 4\ 364—410. 5, 800 ff. 10, 283 ff. 
Od. 11, 326. 15, 244 ff. II. 14, 113 ff. 23, 677.) 

Die Regierung der Kadmiden in Theben ward zur Zeit des 
Labdakos und des La'ios auf eine Zeitlang unterbrochen durch die 
Herrschaft eines andern Geschlechtes, das die Sage von der böo- 
tischen Stadt Hyria nach Theben übertragen zu haben scheint, 
Nykteus, der Sohn des Hyrieus, und nach ihm sein Bruder Ly kos 
sollten während der Minderjährigkeit des Labdakos in Theben die 
vormundschaftliche Regierung geführt haben. Die Enkel des 
Nykteus waren Zethos und Amphion, Zwillingssöhne der Antiope 
und des Zeus, „die weissrossigen Dioskuren Böotiens" (Euripides), 



*) Antigene begräbt gegen das Verbot des Kreon ihren für einen 
Landesverräther erHärten Bruder Polyneikes und erleidet dafür den Tod. 
Deswegen tödtet sich auch Haimon, der Sohn des Kreon, welchem Anti- 
gene verlobt war (Sophocl. Antigene). 



— 160 — 



beide als Scliutzgötter von Theben verehrt. Von der Mutter aus- 
gesetzt, wurden sie auf dem Kithäron von Hirten erzogen; Zethos ward 
ein starker rauber Hirt und Jäger, der mildgeartete Ampbion ein 
Freund des Saitenspiels und des Gesanges. Während die Jüng- 
linge noch auf dem Kithäron sind, kommt ihre von Lykos bisher 
in Haft gehaltene und von dessen böser Gemahlin Dirke grausam 
misshandelte Mutter flüchtend zu ihrem Gehöfte.. Dirke, welche 
ihr nachfolgt, beredet die Jünglinge, dass sie die noch unerkannte 
Mutter an einen wilden Stier binden, um sie zu Tode zu schleifen. 




Fig. 30. Zethos und Amphion. 

Da entdeckt ihnen der Pfleger ihrer Jugend das Geheimniss ihrer 
Geburt, und nun erleidet Dirke die Strafe, die sie der Antiope 
zugedacht. Ihren Leichnam werfen die Jünglinge in die nach ihr 
benannte Quelle Dirke bei Theben. Darauf ziehen sie nach Theben, 
entreissen dem Laios die Herrschaft und Timgeben die untere Stadt 
mit einer Mauer; während Zethos mit gewaltiger Kraft und grosser 
Anstrengung Block auf Block thürmt, bewegt Amphion mit seiner 
Leier mühelos die Steine, dass sie sich von selbst zu einer wohl- 
gefügten Mauer zusammenschliessen. Amphion vermählt sich mit 



— 161 - 

ISTiobe, Zethos mit Thebe oder mit Aödon (s. p. 145 Fig. 30, der 
sogenannte famesische Stier). 

7. Die Argonauten CAQyovaikai,, Argonautae). 

Die Argonautensage, sowie die Sage von Athamas gehören dem 
Stamme der Minyer an, der, in dem böotischen Orchomenos xmd dem 
thessalischen lolkos sesshaft, sclion früh sich mit SchifEfahrt nnd 
Handel beschäftigte. — Athamas, König in Orchomenos^ Sohn des 
Aiolos, (s.p. 21), hatte sich auf Befehl der Hera mit Nephele ("Wolken- 
göttin) vermählt nnd mit ihr den Phrixos rmd die Helle erzeugt. 
Neben !N"ephele verband er sich aber noch mit einer irdischen Ge- 
mahlin Ino (s. p. 82), weswegen Nephele verschwand und der Fluch 
über das Haus des Athamas kam. Ino hasst die Kinder der Nephele 
und bringt es dahin, dass man beschliesst, den Phrixos zu opfern; 
darum will Nephele ihn und seine Schwester Helle durcli einen 
goldwoUigen*) Widder nach dem fernen Aia(Land) bringen lassen. 
Unterwegs aber fällt Helle in das Meer (Hellespontos , Meer der 
Helle); Phrixos langt in Aia an, wo er von dem König Aietes 
gastlich aufgenommen wird und den Widder dem Zeus Phyxios 
(dem fliichtsehirmenden) opfert. Das goldene Yliess wird in dem 
Haine des Ares aufgehängt und später von den Argonauten, 
den Argo-Schiffem, unter Führung des lason nach Grriechenland 
gebracht. 

Homer kennt die Argonautensage, die schon vor ihm Gegen- 
stand des Gesanges war, doch gibt er davon nur einige Andeu- 
tungen und Umrisse. Kirke sagt (Od, 12, 66 ff) bei Erwähnung 
der Irrfelsen, . der Plankten: 

„Nimmer entrann auch eia Schiff der Sterblichen, welches hinanftihr;. 
Sondern zugleich die Scheiter der Schiff' uad die Leichen der Männer 
Eafffc das Gewoge des Meers und verzehrender Feuerorkan hin. 
Eins nur schiffte vorbei der raeerdurchwandelnden Schiffe, 
Argo, die allbesungne**), zurückgekehrt von Aietes. 
Und bald hätt' auch diese die Fluth an die Klippen geschmettert; 
Doch sie geleitete Hera, die Helferin war dem lasön."^ 

Ferner kennt Homer die Verbindung des lason mit Hypsipyle 
in Lemnos und deren Sohn Euneus (Seemann), der mit den Troern 
und den phönikisehen Sidoniern befreundet war (II. 7, 467 ff. 23, 
743 ff.), das Geschlecht des Pelias und des lason (Od. 11, 253 ff.). 
Auch Hesiod (Theog. 992 ff.) spricht von der Geschichte des 



*) Das Yliess des Widders heisst seit Piadar gewöhnlich goldwollig; 
ob man früher schon diese YorsteUung hatte, ist ungewiss; einige nennen 
es purpurn. 

**) So übersetzt Voss das Wort naoLfislovea;' eigentlich bedeutet 
dies das Schiff, welches Allen am Herzen liegt, von dem Jeder gern er- 
zählen hört. 

Stoll, Mythologie. 6. Atifl. 11 



— 162 — 

lason nur in allgemeinen Umrissen-, von dem Zweck der Fahrt, 
von dem goldenen Vliesse des Widders, ist weder bei ihm, noch 
bei Homer etwas zu finden. Erst Mimnermos (um 600 v. Chr.) 
erwähnt das Vliess in der Stadt des Aietes, das lason holt; doch 
ist daraus nicht zu schliessen, dass frühere Zeiten davon nichts ge- 
wusst hätten. Das Vliess gehört so sehr zum Kern der Sage, dass 
wir uns die Vorstellung von demselben schon in den ältesten Zeiten, 
in welchen die Anfänge der Sage liegen, denken müssen. Pindar 
ist der erste uns erhaltene Dichter bei dem wir die ganze Sage 
von den Argonauten in einiger Ausführlichkeit finden; sein Gre- 
dicht (Pyth. 4) ist jedoch besonders darauf gerichtet, die eine 
Person des lason zu verherrlichen, so dass das Schicksal und die 
Thaten der übrigen Argonauten in den Hintergrund treten. Von 
den epischen G-edichten der Griechen, welche die Argonautenfahrt 
behandelten, besitzen wir jetzt mir noch die Argonautica des Apollo- 
nius Rhoditis (c. 200 a. Chr.) und des Pseudo-Orpheus, ferner die 
lateinischen Argonautica des Valerius Placcus (c, 80 p. Chr.), eine 
Nachahmung des Apollonius. Der Stoff ist von den ältesten Zeiten 
an so vielfältig behandelt nnd jedesmal je nach den Vorstellungen 
der Zeit und der Einzelnen so verschieden dargestellt worden, dass 
es unmöglich ist, alle Angaben, die uns noch erhalten sind, auf- 
zuführen oder gar zu vereinigen. Wir wollen versuchen, das Haupt- 
sächlichste nach einzelnen Abtheilungen zusammenzustellen. 

l) Veranlassung der Fahrt. Pelias, der Sohn des 
Kretheus, Enkel des Aiolos, hatte seinem Bruder Aison die 
Herrschaft von lolkos entrissen. Dieser suchte seinen Sohn lason 
gleich nach der Geburt vor den Nachstellungen des Pelias zu 
sichern, indem er ihn heimlich dem Kentauren Cheiron auf den 
Pelion zur Erziehung schickte und ihm in seinem Hause gleich 
einem Todten eine Leichenfeier anstellte. Pelias aber hatte von 
Delphi das Orakel erhalten, sich sorglich vor dem zu hüten, der 
mit einem Schuh einst von den Berghöhen in die Ebene von 
lolkos kommen werde. Als lason das zwanzigste Jahr erreicht 
hatte, kam er in herrlicher Schönheit und Kraft nach lolkos zurück 
und trat unter das Volk auf dem Markt. Pelias sah ihn mit einem 
Schuh und erschrak, aber er barg seinen Schrecken im Herzen und 
fragte nach seinem Stamme und Vaterland. Jener bekannte sich 
als Sohn des Aison tmd ging in das Haus seines Vaters. Dieser 
freute sich ob der Schönheit des Sohnes, und es kamen auch 
Aisons Brüder herbei, Pheres aus der Nähe vom hypere'ischen 
Quell und fernher aus Messene Amythaon; auch Admetos, des 
Pheres Sohn, und Melampus, der Sohn des Amythaon, kamen 
herzu. Sie gingen zum Palaste des Pelias, und lason forderte für 
seinen Vater die Herrschaft zurück. „Das will ich," antwortete 
Pelias, „doch schon umschwebet das Alter mich; aber dir knospet 
noch die Blume der Jugend, Du vermagst es, zu tügen der Unter- 



— 163 — 

irdischen Zorn; denn Phrixos gebeut, seine Seele zu sülinen und 
iiinreisend zu des Aietes Palaste das zottige Widdervliess zu holen, 
auf dem er dem Meere einst entging und seiner Stiefmutter Bosheits- 
geschossen. Ein wunderbar Traumgesicht stieg hernieder und ver- 
kündete mir's. Da forscht' ich, ob's Wahrheit sei, bei Kastalias 
Quell: und schnell befahl mir der Gott eine Seefahrt auszurüsten. 
Wülig wage denn du diesen Kampf, und ich schwöre dir's, Herr- 
schaft und Eeich werf ich dir hin." lason ging den Bund ein und 
sammelte sich Grenossen zur Fahrt aus ganz Griechenland. 

So erzählt Pindar. Nach anderer Sage lebte lason auf dem 
Lande und erschien bei eiaem Opfer, das Peüas verrichtete, mit 
einem Schuh, den andern hatte er bei dem Durchwaten des 
Flusses Anauros verloren (während er die Here in Gestalt eines 
alten Weibes hiaübertrug). Pelias fragte ihn, was er dem Mit- 
bürger thun würde, von dem ihm ein Orakel verkündet hätte, 
dass er von ihm getödtet werden würde. lason antwortete, er 
würde ihn das goldene Vliess holen lassen. — Das Schiff- Ar go, 
ein* Fünfzigruderer, erhielt seinen Namen von aQyog, schnell, oder 
wie. die Sage will, von dem Erbauer Argos. Es wurde erbaut 
unter Leitung der Here (älteste Sage) oder der Athene am Pusse 
des Pelion oder zu Argos. Athene fügt in das Vordertheü ein 
Stück der redenden Eiche zu Dodona. 

2) Die Theilnehmer der Fahrt. Die Sage von den Argo- 
nauten ist, wie schon im Eingange gesagt, von dem Stamme . der 
Miayer ausgegangen; daher waren nach der ursprünglichen Sage 
auch vornehmlich Helden der Minyer die Genossen des lason, wie 
Iphiklos, Akastos, Peirithoos, Asklepios, Erginos, Eu- 
phemos. Hieran schlössen sich nun bei der weiteren Ausdehnung 
der Sage thessahsche Helden, Aktor, Telamon, Peleus, Iphitos 
u. A. an, und als die Sage Eigenthum des ganzen Griechenvolkes 
wurde, durfte keiner von den berühmtesten Heroen des Alterthums, 
welche um jene Zeit (etwa ein Menschenalter vor dem trojanischen 
Kriege) gelebt haben konnten, bei dem Zuge fehlen. Man fügte 
also in ihre Eeihe ein: Orpheus*), Amphiaraos, Zetes xmd 
Kalafs, die Söhne des Boreas, Kastor und Polydeukes, Melea- 



*) Orpheus, Sohn des Oiagros und der Muse Kalliope, war ein 
Sängerheros der mythischen Thraker, der durch die Macht seines Ge- 
sanges sogar Felsen und Bäume bewegte tmd wilde Thiere bezähmte. 
Als seine Gemahlin Eurydike gestorben war, ging er in die Unterwelt 
und rührte durch seiae Kunst die Königin der Schatten so, dass sie der 
Eurydike gestattete, dem Gatten zur Oberwelt zu folgen, doch unter der 
Bedingung, dass er unterwegs sich nicht umschaue. Da er dies dennoch 
that, musste Eurydike umkehren. Virg. Georg. 4, 454 ff. Ov. Met. 10, 
1 S. Er ward von thrakischen Weibern zerrissen, sein Haupt tmd seine 
Leier, die sie. ins Meer warfen, wurden von den Wellen nach der Sänger- 
insel Lesbos hinübergetragen. 

11* 



— 164 — 

gros*), Tydeus, Theseus, Herakles. Im Granzen stellte man 
nach den 50 Eudem des Schiffes 50 Helden fest. Der Anführer 
war lason**) der Steuermann Tiphys oder nach älterer Sage 
Erginos. 

3) Die Fahrt nach Aia. Aia (gleich Fata, das Land) be- 
zeichnete ganz allgemein ein entferntes Land, eine bestimmte 
Lage wurde ihm von Anfang an nicht gegeben; doch steht fest, 
dass es von lolkos, dem Sitze der Minyer, aus in nordöstlicher 
Eichtung nach dem Pontus Euxinus zu gedacht wurde. Erst als 
durch die müesischen Seefahrten Kolchis als« der äussei'ste Land- 
winkel im Osten des Pontus aufgefunden war, erklärte man dieses 
Land für Aia und den Sitz des Aietes; die älteren Dichter wissen 
nichts von Kolchis; und noch Mimnermus (600 a. Chr.) spricht 



*) Meleagros war Sohn des Oineus, Königs von Kalydon in Aeto- 
lien, und der Althaia, einer Tochter des Thestios, Schwester der Leda. 
Oineus hatte einst der Artemis zu opfern vergessen; dadurch erzürnt, 
schickte diese einen furchtbaren Eber, der sein Land verwüstete. Melea- 
gros erlegte ihn mit Hülfe eines grossen Jagdgefolges. Nun aber erregte 
Artemis um Kopf und Haut des Ebers Streit und Krieg zwischen den Aeto- 
lem in Kalydon und den Kureten in Pleuren, in welchem die Aetoler, so 
lange Meleagros" mitkämpfte, die Oberhand behielten. Als aber Meleagros 
einen Bruder seiner Mutter im Kampfe erschlug, fluchte ihm diese, und 
nun blieb er zürnend daheim bei seiner Gattin Kleopatra, der schönen 
Tochter des Idas und der Marpessa. Die Aetoler kamen jetzt in ihrer 
belagerten Stadt in grosse Noth; die Aeltesten des Volkes baten den 
Helden wieder in den Kampf zu gehen und versprachen ihm ein grosses 
Geschenk; es bat sein Vater, seine Mutter, Schwestern und Freunde, aber 
umsonst. Da in der höchsten Noth flehte ihn jammernd die Gattin an, 
und er Hess sich erweichen. Er ging in den Kampf und rettete die 
Aetoler, aber er kehrte nicht wieder zurück; die Erinys, welche den Fluch 
der Mutter im Erebos gehört, gab ihm den Tod (IL 9, 529—599. 14, 
115 ff.). Eine jüngere Sage von dem Tode des Meleagros findet sich bei 
Ovid. Met. 8, 270 ff. Bei der Geburt des Meleagros hatten die in das 
Gemach getretenen Moiren ein Holzscheit in die Flamme gelegt und ge- 
sagt, daßs das Kind so lange leben werde, als das Scheit dauere; die 
Mutter aber hatte, sobald jene das Gemach verlassen, das Holz aus den 
Flammen gerettet und bewahrte es auf. Als nun Meleagros nach Er- 
legung des Ebers der schönen xmd schnellen arkadischen Jägerin Ata- 
lante, die dem Thiere die erste Wunde beigebracht, das Fell des Ebers 
als Siegespreis übergeben und die beiden Brüder seiner Mutter, die ihr 
dasselbe entreissen wollten, erschlagen hatte, warf seine Mutter in der 
Hitze des Zornes das Holzscheit, an dem das Leben ihres Sohnes hing, 
in die Flammen. Während das Scheit verbrennt, stirbt Meleagros, von 
innerem Schmerzensbrande verzehrt. 

**) Einige lassen den Herakles mit lasen die Führung übernehmen; 
da derselbe übrigens in dem ursprünglichen Verzeichniss der Argonauten 
nicht vorkam und neben lason nicht wohl Platz hatte, so nahm man 
verschiedene Gründe an, warum er sich von ihnen entfernt habe. Die 
gangbarste Sage ward, er habe sich in Myeien ans Land begeben, um 
seinen Liebling, den von den Nymphen in eine Quelle hinabgezogenen 
Knaben Hylas (Waldkind) aufeusuchen, und sei mit Polyphemos von 
den weiterschiffenden Argonauten zurückgelassen worden (Theocrit. Id. 13). 



— 165 — 

ganz unbestimmt „von der Stadt des Aietes, wo die Strahlen des 
schnellen Helios in goldenem Gemache liegen am Saume des 
Okeanos." Bei Pindar ist Kolchis das Ziel der Fahrt, tind nach 
diesem Ziele hat sich denn auch der Lauf der Fahrt fester be- 
stimmt. Wir geben denselben nach den Argonauticis des Apollo- 
nius. Von lolkos aus gelangen die Argonauten zuerst nach Lemnos, 
wo kurz vorher die Frauen ihre treulosen Männer ermordet hatten. 
Von da kommen sie über Samothrake durch den HeUespont nach 
der Insel Kyzikos, wo Kyzikos über die DoHonen herrscht. Nach 
freundlicher Bewirthung fahren sie ab, werden aber in der ITacht 
durch einen Sturm ebendahin zurückgeworfen und gerathen mit 
den Dolionen, weil sie sich in der Dunkelheit nicht wiedererkeimen, 
in Kampf, wobei Kyzikos fällt. In Mysien lassen sie Herakles, 
der den Hylas sucht, zurück und kom m en nach Bithynien, wo 
die Bebryker wohnen (ApoUon. A. 1). Hier tödtet Polydeukes 
den König A mykos im Faustkampf, und die Argonauten jagen 
darauf die Bebryker in die Flucht. In dem thrakischen .Salmy- 
dessos befreien sie den blinden Seher Phineus von den Harpyien, 
welche ihm die Speise theils raubten, theils durch -Unrath un- 
geniessbar machten. Die geflügelten Boreaden Zetes und Kalais 
verfolgen die Harpyien und tödten sie;' Phineus aber gibt aus 
Dankbarkeit den Argonauten an, wie sie durch die symplegadischen 
Felsen steuern sollen. Diese furchtbaren Felsen, der Eingang des 
Pontus, öffiieten sich und schlugen wieder zusammen, so dass 
bisher noch kein Schiff hindurch gefahren war; die Argo besteht 
glücklich die Gefahr, und seit dieser Zeit stehen die Symplegaden 
unbeweglich*). ISTun schiffen die Argonauten an der Südküste des 
Pontus hin und gelangen endlich zur Insel Aretias vor Kolchis; 
hier treffen sie die Söhne des Phrixos, welche von Kolchis. in die 
Heimat ihres Vaters hatten schiffen wollen, aber an dieser Insel 
Schiffbruch gelitten hatten. Mit diesen fahren sie nach Kolchis 
und legen das Schiff in dem Flusse Phasis vor Anker (Apollon. A. 2). 
4) Erwerbung des Vliesses. lason fordert das Vliess. 
Aietes**) verspricht es zu geben, wenn lason die ihm von Hephaistos 
geschenkten feuerschnaubenden, erzhufigen Stiere einfange, anschirre 
und nait ihnen ein Stück Landes pflüge, darauf Drachenzähne, die 
ihm Aietes geben will, säe. Durch Hülfe der Zauberin Medeia, 



*)Die Symplegaden sind irrthümlich auch von alten Schriftstellern 
mit den Flankten (Od. 12, 61) für gleichbedeutend gehalten worden; 
man glaubte, Homer habe die Symplegaden aus alten Argonautenliedem 
entlehnt und nach dem "Westen versetzt. Aber die Flankten sind still- 
stehende Felsen, welche sich in der Nähe der SkyUa und Charybdis 
befinden und nur durch ihre siedende Brandimg und den mnhüllenden 
Dampf gefährlich sind. 

**) Aietes ist der Sohn des Helios und der Persei's, Gemahl der 
Okeanide Idyia (Hes. Theog. 956 ff.). Wie seine Tochter Medeia und 
seine Schwester Kirke ist auch er der Zauberei kundig. 



- 166 — 

einer Tochter des Aietes, gelang dem lason die Arbeit, und als 
nun aus den gesäeten Zähnen geharnischte Männer hervorwuchsen, 
warf er auf Medeias Rath einen Stein unter sie, worauf sie sich 
selbst unter einander tödteten (Apollon. A, 3*). Aietes wollte 
aber, da er erkannte, dass die Arlaeiten durch Hülfe seiner Tochter 
ausgeführt worden waren, sein Versprechen nicht halten; deshalb 
raubten in der Nacht lason und Medeia das Vliess aus dem Haine 
des Ares, nachdem sie den Drachen eingeschläfert (oder getödtet), 
und flohen mit den Argonauten (Apollon. A. 4, 1—211), 

5) Rückkehr. Aietes lässt die flüchtigen Argonauten ver- 
folgen, aber umsonst. Apsjrtos (Absyrtos), der Sohn des Aietes, 
der die Schaar der Verfolger führt, wird von lason überfallen und 
getödtet (Apollon.); nach anderer Sage hat Medeia ihren kleinen 
Bruder mit sich genommen, und als sie von Aietes verfolgt werden, 
zerstückelt sie ihn und wirft die einzelnen Glieder ins Meer, so 
dass Aietes durch das Sammeln derselben gezwungen ist von der 
Verfolgung abzustehen. — lieber die Richtung der Heimfahrt 
flnden sich bei den einzelnen Berichterstattern die abweichendsten 
Angaben. Die Einen lassen die Argonauten auf demselben Wege, 
auf welchem sie gekommen sind, heimkehren, die Andern führen 
sie den Phasis hinauf in den östlichen Okeanos, dann südlich in 
das rothe Meer, durch die libyische Wüste, durch welche die Argo 
getragen werden muss, zum Tritonsee und in das mittelländische 
Meer. Diese Ansicht konnte sich nur so lange halten, als die öst- 
lichen Gegenden und die Quellen des Phasis unbekannt waren; 
man wandte sich daher später, um doch die Schiffer auf den 
Okeanos zu bringen und sie durch unbekannte Länder zu führen, 
zu dem dritten Wege, dem nach Westen, indem man nach alter 
Vorstellung den Pontus mit dem Westmeere verband. Bei.Apollo- 
nius (Buch 4), der alte und neue Vorstellungen bunt durch einander 
mengt, fahren die Argonauten aus dem schwarzen Meere durch 
den Istros in den Eridanos, kommen zur Insel der Kürke, wo sie 
von dem Morde des Apsyrtos gereinigt werden, von da an den 
Seirenen vorbei, durch die Skylla und Charybdis zur Insel der 
Phaiaken. Hier vermählt sich lason mit Medeia. Schon im An- 
gesichte des Peloponnes werden sie durch einen Sturm in die Syrte 
verschlagen, tragen die Argo durch die libysche Wüste in den 
Triton und gelangen endlich durch das Mittelmeer in die Heimat. 

Pelias hat den Aison während der Abwesenheit seines Sohnes 
getödtet; dafür rächt sich lason durch Hülfe der Medeia, welche 
des Pelias Töchter überredet, ihren Vater zu zerstückeln und zu 
kochen, indem sie vorgibt, sie werde ihn durch Zaubermittel wieder 
verjüngen. lason und Medeia werden von des Pelias Sohn Akastos 
aus lolkos vertrieben und flüchten nach Korinth. Hier will sich 



*) Dieser Zug ist aus der thebanischen Kadmossage entlehnt. 



^ 167 — - 

lason mit Kreüsa (oder €rlauke), der Tochter des Königs Kreofl, 
vermälilen, aber Medeia tödtUr diese durch eia vergiftetes Gewand 
und Diadem, mordet darauf aucit ihre und des lason Kinder, Mer- 
meros und P her es*), und entflieht auf einem "Wagen mit ge- 
flügelten Drachen nach Athen, -wo sie für einige Zeit des Aigeus 
Gattin wird. Durch Theseus vertrieben, kehrt sie nach Eolchis 
zurück. lason wird auf dem Isthmos im Heüigthum des Poseidon 
von den Trümmern der zerfallenden Argo erschlagen. 

Die Sage von Athamas, Phrixos und dem Widdervliesse hat 
einen tiefen religiösen Grund. Der König Athamas ist der Priester 
des Zeus Laphystibs, der diese zürnende Gottheit durch das fort- 
dauernde Opfer seines Geschlechtes versöhnen muss. Athamas selbst 
ist Priester und Opfer zugleich; er sollte zur Sühne des ganzen 
Landes geschlachtet werden, als eben Kytissoros, der Sohn des 
Phrixos, aus Aia heimkommend ihn befreite. Dadurch aber erregte 
Kytissoros allen seiaen Nachkommen den Groll des Gottes. Wer 
der älteste des Geschlechtes war, der musste sich von dem Gemeiade- 
haus fern halten; ging er hinein, so wurde er geopfert. Viele nun 
von denen, die geopfert werden sollten, flohen aus Furcht ia ferne 
Lande ; kehrten sie aber hernach heim und wurden sie im Gemeinde- 
hause ergriffen, so wurden sie zum Opfer abgeführt (so berichtet 
Herodot 7, 197). Auch Phrixos war zu einem solchen Opfer be- 
stimmt, aber er entzog sich durch die Flucht; der Widder war so 
lange ein versöhnendes Opfer für Zeus Laphystios, bis Einer der 
Athamantiden ergriffen wurde: aus beidem nun, der Flucht des 
Phrixos xmd dem Widderopfer, bildete sich die Sage von dem retten- 
den Widder, der den Phrixos in das ferne Aia trägt. Das Vliess 
des dem Zeus (an des Phrixos Stelle) geschlachteten Widders wird 
ein Schutz und Hort, welchen lason, der Heilende und Versöhnende 
(Idofiai, heilen), endlich nach lolkos zurückbringt. — Die weitere 
Ausbildung der Sage, besonders in Bezug auf die Argonautenfahrt, 
knüpfte sich l)ei den Minyern an etwas Wirkliches und Historisches, 
an die Ausbreitung ihrer Seefahrten und ihrer Colonien. (0. Müller, 
Orchomenos.) 

8. Der trojanisclie Krieg. 

-. Die berühmteste aller von griechischen Heroen gemeinschaftlich 
ausgeführten Unternehmungen ist der trojanische Krieg, an 
welchem Fürsten fast aller Landschaften Griechenlands Theü ge- 
nommen haben sollen. Ihren Glanz und Euhm bei den Griechen 
und der späteren Nachwelt verdanken die Helden dieses als eine 
Nationalimtemehmung angesehenen Zuges dem Sänger Homer, der 



*) Hesiod (Theog. 992 ff.) nennt einen Sohn des lason und der Me- 
deia Medeios. 



— 168 — 

in den beiden Epen IHas tmd Odyssee ihre Thaten und Schicksale 
verherrlicht hat. Seine Heimat ist die kleinasiatische Küste, wo 
in Folge der dorischen Wanderung die verschiedensten Stämme 
griechischer Zunge sich zusammengefunden hatten, besonders solche, 
deren Vorfahren einst den Zug gegen Troja unternommen und 
einen glücklichen Krieg an der Küste geführt hatten, die sie jetzt 
selbst als eine neue Heimat in Besitz genommen, unter diesen 
Achäer unter Herrschern des Pelopidengeschlechtes , loner mit 
Königen aus dem Geschlechte des-lSTestor, Schaaren aus Thessalien, 
Böotien, Euböa, Lokris u. s. w. Die reichen Sagen, welche diese 
Stämme aus ihrer Heimat mit herübergebracht hatten, verbanden 
sich hier und bildeten sich im Munde des Volkes und der Sänger 
weiter aus, bis endlich Homer aus der Masse des grossen Sagen- 
kreises Einen Theil herausgriff und in künstlicher Composition 
nach dem Gesetze der Einheit eine neue Art von Epos schuf. 
Die Ilia's behandelt nur einen kleinen Theü des trojanischen 
Krieges, von der Dauer von 51 Tagen in dem 10. Jahre der 
Belagerung, nämlich den Zorn des von Agamemnon beleidigten 
Achilleus und die Folgen desselben bis zu dem Tode des Hektor; 
die Odyssee umfasst ebenfalls nur einen Zeitraum von 40 Tagen 5 
aber in diese beiden engen Rahmen sind die Begebenheiten, welche 
in die übrige Zeit des trojanischen Krieges und der Heimkehr 
der Helden fallen, so eingefügt und mit dem Hauptinhalte ver- 
woben, dass wir durch Homer doch eine Uebersicht des ganzen 
trojanischen Sagenkreises erhalten. Wir wollen aus der reichen 
Masse nur das Hauptsächlichste ausheben. 

1) Veranlassung des Kriegs und die Fahrt nach 
Troja. Paris, der Sohn des trojanischen Königs Priamos (dessen 
Stammbaum H. 20, 215 ff,), hatte bei einem Wettstreit der Hera, 
Athene und Aphrodite der letzteren den Preis der Schönheit 
zuerkannt; deshalb hassten ihn jene und stürzten ihn und Troja 
ins Verderben (H. 24, 25 ff.*). Durch Hülfe der Aphrodite ent- 
führt er, das Gastrecht verletzend, die schönste der Frauen, Helena, 
die Gemahlin des Menelaos, Königs in Sparta. Dieser reist mit 
seinem Bruder Agamemnon, dem König von Mykenä, in Griechen- 
land umher und fordert die Helden der Achäer zum Eachezuge 
gegen Troja auf (Od. 24, 115**). Man sammelte sich in dem 



*) Später findet sich die Sage: Zu der Hochzeit des Peleus und 
der Thetis waren alle Götter geladen, ausser Eris, der Göttin der 
Zwietracht. Sie warf daher einen goldenen Apfel in die Versammlung 
mit der Aufschrift : der Schönsten. Hera, Athene und Aphrodite machten 
darauf Anspruch, und Zeus bestellte als Schiedsrichter des Streits den 
Paris, der ^uf dem Magebirge die Heerden seines Vaters weidete. Hera 
versprach ihm Herrschaft und Reichthum, Athene Weisheit und Kriegs- 
ruhm, Aphrodite das schönste Weib. Die letzte erhielt den Preis. 

**) Nach späterer Sage waren die griechischen Helden zu dem Eache- 
zuge gegen Troja verbunden durch einen Eid, den sie einst als Freier 



— 169 — 

Hafen von Aulis; als hier den Göttern ein Opfer gebracht ward, 
sandte Zeus ein grosses Wnnderzeiehen. Ein furchtbarer Drache 
wand sich' an dem Ahorn, unter welchem man opferte, hinatif und 
verschlang oben in einem Neste acht junge Yögel mit der Alten. 
Daraus weissagte Kalchas, dass sie neun Jahre vor Troja kämpfen 
tmd erst im zehnten die Stadt erobern würden (H. 2, 303 ff.). — 
Das Opfer der Iphigeneia s. p. 148. Unter Anführung des Aga- 
memnon und des Menelaos zog man nun gegen Troja mit beinahe 
1200 Schiffen (II. 2, 493 ff.). Unterwegs Hess man den trefflichen 
Bogenschützen Philoktetes, des Poias Sohn, der im Besitze der 
Pfeile des Herakles war, auf Lemnos zurück, weü er an einer 
durch einen Sehlangenbiss erhaltenen Wxmde litt (H. 2, 716). Als 
man vor Troja ans Land stieg, sprang zuerst vor allen andern 
Protesilaos ans Ufer und ward von Einem der Trojaner, welche 
die Feinde an der Landung hindern wollten, getödtet (H. 2, 698 ff.). 
2) Die vornehmsten Helden der Griechen und Tro- 
janer*). Das Haupt der Griechen vor Troja war Agamemnon, 
der Sohn des Atreus, der mächtigste unter den Fürsten. Er war 
ein gewaltiger, stattlicher Mann, ein guter König und tapferer 
Lanzenschwinger, aber im Bewusstsein seiner Macht schroff und 
stolz, leicht zu Zorn und Ungerechtigkeit geneigt (H. 2, 477. 569. 
3, 166. 11, 91). Menelaos, ein muthiger und tapferer Held, 
Herrscher in Lakedämon, hatte geringere Macht als sein Bruder, 
mit dem er in inniger Liebe verbunden ist, und war von milderer 
Gesinnung (H. 2, 581. 6, 51. 17, 30. siehe auch H. 10, 114 ff.). 
— Der tapferste, schnellste und schönste Held vor Troja war 
Achilleus, der Sohn des Peleus und der Nereide Thetis**), Enkel 



der Helena deren Vater Tyndareos geschworen hatten, dass sie nämlich 
den erwählten Gatten der Helena gegen jede Unbill schützen wollten. 
*) Die Griechen heissen bei Homer gewöhnlich Achäer oder von 
dem Hauptsitze der Achäerherrschaft Argiver, oder Danaer, wie der 
achäische Stamm in Arges hiess. Die Bewohner des trojardschen Landes 
werden von Homer Dar daner genannt nach Dardanos, dem Sohne des 
Zeus, der an den Westabhängen des Ida die Stadt Dardania baute; nach 
dessen Enkel Tros heissen sie Troer. Dessen Sohn Ilos baute Ilion 
oder Troja, dessen Burg Pergamos oder Pergamon war (II. 20, 215 ff.). 
Der Name Teukrer ist nachhomerisch, abgeleitet von Teukros, welcher 
der erste einheimische König gewesen oder zur Zeit des Dardanos aus 
Kreta eingewandert sein soll. 

**) Nach späterer Sage wollte Thetis ihren Sohn rmsterblich machen 
und legte um deshalb Nachts ins Feuer, um die sterblichen Theüe aus 
ihm herauszubreimen; allein durch die Dazwischenkunft des Peleus wurde 
das Werk unterbrochen. Thetis entfloh -and begab sich wieder in das 
Meer zu ihren Schwestern (vergl. Demophoon p. 106). — Oder: Thetis 
tauchte den Sohn in die Styx; daher war er unverwundbar mit Aus- 
nahme des Knöchels, an dem sie ihn hielt. Auch erzählen die kyprischen 
Gedichte, als Kalchas beim Ausbruch des trojanischen Krieges weissagte, 
dass Troja ohne Achilleus nicht erobert werden könne, habe Thetis, weil 
sie den Tod ihres Sohnes voraussah, ihn als Knaben auf der Insel Skyros 



170 — 



des Aiakos (II. 21, 173. s. p. 27), König der Mjrmidöneü. im. 
thessalischen Phthia, wohin sein Vater Peleus aus Aegina geflohen 
war; er hatte die Wahl zwischen einem kurzen ruhmvollen Leben 

und ruhmlosen Alter und wählte das 
erstere. Er ist unwiderstehlich in 
der Schlacht und furchtlos in der 
Volksversammlung, unbändig und 
unbeugsam im Zorn, aber mild gegen 
Unglückliche,- gastfrei, empfänglich 
für die Freuden eines stillen Lebens 
im Schoosse der Heimat, zärtlich 
gegen seine Mutter (IL 1, 215. 280. 
2, 673. 681. 769. 20, 492 ff. 1, 85. 
9, 307 ff. 24, 518. 600). Sein Lehrer 
Phoinix begleitet ihn in den tro- 
janischen Krieg (II. 9, 441). Pa- 
troklos, Sohn des Menoitios aus 
Opus, der, weil er als Knabe un- 
versehens beim Würfelspiel einen 
andern erschlagen hatte, von seinem 
Vater nach Phthia gebracht und dort 
mit Achilleus erzogen worden war 
(II. 23, 85), ein muthiger tmd hoch- 
herziger Jüngling, ist des Peliden 
theuerster Preund vor Troja. (Fig. 31. 
Statue des Achilleus.) — Nach 
Achilleus ist der erste Held unter 
den Grriechen Aias, der Sohn des 
Telamon*), ebenfalls Enkel des Aia- 
kos, König von Salamis, dem Achil- 
leus ähnlich an Gestalt (IL 18, 192) 
und an Gesinnung; während Achilleus 
vom Kampfe sich zurückgezogen hat, 
ist er der schützende Thurm der 
Achäer (TCVQyog, e^Kog ^A%ccicov, Od. 




Fig. 31. Achillena. 



unter den Töchtern des Königs Lykomedes in Prauenkleidem verborgen 
gehalten. Odysseus aber entdeckte ihn, durch eine List. Er breitete 
nämlich als wandernder Kaufmann vor den Jungfrauen allerlei weiblichen 
Schmuck und Waffen aus und liess dann plötzlich Waffengetöse und 
Schlachtruf erschallen; da entfliehen die Mädchen, Achilleus aber greift 
nach Schwert und Schild, um dem Feinde entgegen zu eilen. So er- 
kannt, verspricht er die Theilnahme am Zuge. Ein Sohn des Achilleus 
und der De'idameia, einer Tochter des Lykomedes, ist Neoptolemos oder 
Pyrrhos. 

*) Die ältere Sage kannte den Telamon xmd Peleus nicht als Brüder, 
sondern nur als Freunde, den Aias und Achüleus also nicht als Vettern, 
doch betrachtete sie die beiden letzteren gleichgearteten Helden immer- 
als demselben Stamme angehörig. 



— 171 — 

11, 556. n. 3, 229. — H. 2, 528. 557. 768. 3, 226. 11, 545 ff. 
17, 279). Teukrbs, ein trefflicher Bogenscliütze, war der Halb- 
bruder des Telamoniers Aias (II. 8, 266 ff.). — Ein anderer Aias 
ist der König in Lokris, Sohn des Oilens, der kleine Aias genannt, 
während jener der grosse heisst; er ist nächst Achilletis der beste 
Läufer (H. 2, 527. 3, 273. 14, 520. 13, 700). — Nestor, der 
Sohn des Neleus (s. p. 78), Herrscher in Pylos, war der älteste 
unter den griechischen Helden, ein weiser, gerechter und kriegs- 
kundiger Greis Yon ausgezeichneter Beredtsamkeit. Er herrschte 
schon über das dritte Geschlecht der Menschen (II. 2, 591, 4, 
292 ff. 10, 18. Od. 3, 126 ff. 245. 24, 52. Erzählungen aus seinem 
früheren Leben: ,11. 7, 125. 11, 670. 23, 626). — Diomedes 
war König von Argos und andern in der Umgegend liegenden 
Städten; schon in dem Epigonenkrieg hatte er mitgekämpft; er 
war ein besonderer Schützling der Athene und ein kluger Held 
von stets vorstrebender Tapferkeit, der selbst den Kampf mit 
Göttern nicht scheut (IL 2, 559. 4, 405. 5, 1 ff. 6, 98. 8, 90 ff. 
9, 53). — Odysseus (Ulysses, Ulixes), Sohn des Laörtes, König 
in Ithaka. Er zeichnete sich vor allen durch Klugheit und List 
aus, war entschlossen und muthig und ausharrend in Gefahren 
(n. 2, 631. 3, 190. 4, 494. 14, 82. Od. 4, 240. 13, 89. 291). 
— Idomeneus, Eürst atif Kreta, gehörte ebenfalls zu den Ersten 
des Heeres (IL 13, 450. 3, 645. 2, 230. 4, 251. 7, 165). Sein 
treuer "Waffengefährte war sein Neffe, der tapfere Meriönes. 

Auf trojanischer Seite war Anführer und der grösste Held 
Hektor, der älteste Sohn des Priamos, ein Liebling des Apollon, 
furchtbar und männerwürgend in der Schlacht, aber ein zärtlicher 
Gatte "und Vater, ein liebender Sohn luad treuer Freund (II. 2, 
816. 3, 60. 6, 394 ff. 8, 337. 22, 35 ff. 405 ff.). Die Ver- 
theidigung des Vaterlandes ist sein höchstes Ziel (H. 12, 243). 
• — Paris (Alexandres), ein jüngerer Bruder des Hektor, ist ein 
guter Bogenschütze, aber von unstätem Charakter, bald tapfer und 
herausfordernd, bald feig und weichlich; der Umgang mit Weibern 
und Saitenspiel liegen ihm mehr am Herzen, als das ernste Geschäft 
des Krieges (IL 3, 16 ff. 6, 504). — Neben Hektor zeichnet sich 
besonders Aineias aus, der Sohn des Anchises, verwandt mit 
Priamos, der Herrscher der Dardaner auf dem Ida, voll Kraft und 
Weisheit (H. 2, 819. 5, 180. 217. 6, 77. 11, 60. 20, 208 ff.), 
ferner Polydamas, Agenor (II. 14, 425. 16, 530 ff.). — Unter 
den Verbündeten der Trofe'r sind ausgezeichnet die Lykier Sar- 
pedon, der Sohn des Zeus (H. 2, 876. 5, 479. 6, 199. 16, 419 ff.). 
Glaukos, ein Sohn des Hippolochos und Enkel des Bellerophontes 
(II. 2, 876. 6, 118. 12, 309), und der Bogenschütze Pandaros, 
Sohn des Lykaon (IL 2, 824. 4, 87. 5, 168 ff.). 

3) Belagerung und Eroberung der Stadt. Die Aehäer 
schlugen ein Lager vor Troja auf, und Menelaos ging in Begleitung 



— 172 - 

des Odysseus in die Stadt, xun die G-attin zurück zu fordern, allein 
vergeblich (II. 3, 205 ff. 11, 122 ff.); man musste sich zu längerer 
Belagerung verstehen. Um ihren Unterhalt zu gewinnen, machten 
die Achäer in einzelnen Ahtheilungen Eaubzüge an der Küste um- 
her, eroberten und plünderten kleinere Städte und führten die 
Menschen hinweg; da sie aber auf diese Weise ihre Macht nicht 
zusammen halten konnten, so wurde es den Trojanern möglich, 
neun Jahre lang ihre Stadt glücklich zu vertheidigen. In das 
zehnte Jahr fallen die Begebenheiten der Iliade. Dem Agamemnon 
war Chryse'is, die Tochter des Chryses, eines Priesters des 
Apollon, welche Achilleus auf einem Streifzuge erbeutet hatte, als 
Sklavin zugetheilt worden, und als der Vater sie um hohen Preis 
loskaufen wollte, verweigerte er sie und wies ihn mit übermüthigen 
Worten aus dem Lager. Daher bat Chryses den Apollon, ihn an 
Agamemnon und dem ganzen griechischen Heere zu rächen. Apollon 
schickt die Pest in das Lager; auf Veranstaltung des Achilleus 
erklärt Kalchas in der Volksversammlung, dass der Gott wegen 
der Entehrung des heiligen Priesters zürne, und dass der Zorn 
nur abgewendet werden könne, wenn Agamemnon die Chryseis 
ohne Lösegeld freigebe und man den Grott durch feierliches Opfer 
versöhne. Dies geschieht; aber um sich an Achilleus zu rächen, 
nimmt ihm Agamemnon seine geliebte Sclavin Bris eis weg. 
Achilleus lässt es geschehen, aber von der Zeit an zürnt er dem 
Agamemnon und nimmt keinen Theil mehr an dem Kampfe. Zeus 
gibt der Thetis, der Mutter des Achilleus, das Versprechen, dass 
er den Trojanern so lange Grlück verleihen wolle, bis Achilleus 
wieder durch Agamenmon zufrieden "gestellt sei (IL. l). Durch 
einen siegverheissenden Traum veranlasst er den Agamemnon, für 
den folgenden Tag eine Schlacht festzusetzen (II. 2). Als die 
Schaaren gegen öinander rücken, fordert Paris die edelsten der 
Achäer ztim Zweikampf heraus. Menelaos nimmt den Kampf an; 
Paris entflieht feige, wird aber durch die tadelnden Worte des 
Hektor bewogen aufs neue sich zum Kampf zu stellen; wer von beiden 
siegt, soll die Helena mit den geraubten Schätzen besitzen. Der 
Vertrag wird unter feierlichen Opfern abgeschlossen (II. 3, 245) 
und der. Kampf beginnt. Paris erliegt und wird der Gefahr durch 
Aphrodite entzogen; während Agamemnon die Erfüllung des Ver- 
trags fordert, schiesst Pandaros, von Athene verleitet, einen Pfeil 
auf Menelaos los und reizt durch diesen Treubruch die Achäer zu 
neuem Kampfe (H. 4, 50), in welchem sich vor allen Diomedes 
hervorthut (II 5). Hektor verlangt endlich einen Zweikampf, 
welchen der Telamonier Aias, durchs Loos erwählt, besteht. Am 
folgenden Tage Waffenstillstand und Bestattung der GefaUenen 
(n. 7). Am dritten Tage wird die Schlacht erneuert, die Griechen 
kämpfen unglücklich (II. 8). Agamemnon räth in einer nächt- 
lichen Versammlung zur Abfahrt; Nestor und Diomedes aber er- 



— 173 — 

klärea sich dagegen, und jener mahnt zur Versöhnung mit Achilleus. 
Die zu ihm geschicjite Gesandtschaft richtet nichts aus (IL 9). 
Diomedes und Odysseus gehen in der Nacht auf Kundschaft aus, 
treffen den Dolon, der von Hektor auf Kundschaft ausgeschickt 
ist, nnd tödten ihn, nachdem sie ihn gezwungen haben, anzugeben, 
wo Ehesos, der vor kurzem aus Thrakien den Trojanern zu Hülfe 
gezogen ist und noch vor den Thoren liegt, mit den Seinen lagert. 
Sie überfallen den Ehesos; Diomedes erschlägt ihn, während Odys- 
seus seine herrlichen Eosse entführt (II. 10, 194 — 379). 

Am andern Morgen eine neue Schlacht, in der sich Agamemnon 
durch Tapferkeit auszeichnet, bis er verwundet aus dem Kampfe 
gehen muss. Hektor, der sich, während Agamenmon wüthet, 
zurückgezogen hat, dringt mit den Trojanern aufs neue vor; Dio- 
medes, Odysseus und andere Helden werden verwundet und die 
Achäer bis in ihre Verschanzungen zurückgetrieben. Hier ver- 
theidigen sie sich auf's tapferste, bis Hektor mit einem gewaltigen 
Feldstein das Thor zertrümmert und den TrpSrn einen Weg zu 
den Schiffen bahnt (IL 11 u. 12). In dem nun folgenden Kampfe, 
in welchem die Achäer hart bedrängt werden, thut sieh besonders 
Idomeneus hervor (H. 13). Here schläfert den Zeus, der den 
Gröttem am Kampf Theil zu nehmen verboten hat, auf dem Ida 
ein, damit Poseidon den Achäem kräftigen Beistand leisten kann 
(n. 14, 153 ff.). Zeus erwacht, schickt erzürnt den Poseidon von 
dem Sehlachtfelde und stellt das Treffen wieder her; Hektor treibt 
die Achäer zurück, dringt in das Lager ein und zündet das Schiff 
des Protesüaos an, während Aias, der Telamonier, ihn vergebens 
zurückzuhalten strebt (H. 15). 

In dieser höchsten Noth stürzt sieh Patroklos, von Achüleus 
gesandt, in dessen Waffen in die Sehlacht und treibt die Troö'r 
5;urück, erschlägt den Sarpedon und viele Andere und wird endlich 
selbst von Hektor erlegt (II. 16). Kampf um die Waffen und 
Pferde des Achüleus und um den Leichnam des Patroklos; die 
Waffen eignet sieh Hektor an, die Pferde aber und Patroklos 
bleiben in der Gewalt der Achäer -(II. 17). Als Achüleus den 
Tod des Patroklos erfährt, jammert er laut und verlangt nichts, 
als Eache an Hektor zu nehmen; er zeigt den Achäem an, dass 
er wieder am Kampfe Theü nehmen werde, und Agamemnon leistet 
ihm glänzende Genugthuung. Angethan mit der Rüstung, welche 
ihm seine Mutter von Hephaistos hat fertigen lassen, eilt er ia 
die Schlacht, wohl wissend, dass auch ihm bald das Todesloos 
beschieden ist (II. 18 und 19). In furchtbarem Kampfe würgt 
er die Schaaren der TroSr und treibt sie in die Mauern der Stadt, 
nur Hektor erwartet ihn auf ebenem Pelde; als er aber den Peliden 
herannahen sieht, ergreift er die Flucht. Dreimal jagt ihn Achüleus 
um. die Stadt xmd stösst ihn endlich nieder. Den Leichnam bindet 
er an seinen Wagen und schleift ihn über das Feld zu dem Lager 



— 174 — 

Mn (n. 20—22). — Am folgei^äen Tage verbrennt Achilleus den 
Leichnam des Patroklos -^oid stellt ihm zu Ekren Leichenspiele an 
(B. 23). Am aüaern Morgen bindet er wieder die Leiche des 
Hektor an seinen Wagen und schleift sie dreimal mn die Grab- 
stätte des Patroklos; und das thut er noch öfter, bis sich die 
Götter des geschändeten Helden erbarmen und Zeus den Priamos 
veranlasst in der Nacht zu dem Zelte des Achilleus zu gehen, um 
die Leiche des Sohnes auszulösen. Achilleus nimmt den Greis 
gastlich auf, gibt ihm die Leiche zurück und gewährt zur Be- 
stattung derselben einen elftägigen Waffenstillstand. Hektor wird 
im Hofe des Palastes ausgestellt und beklagt, darauf wird er 
feierlich verbrannt und die Leichenfeier durch ein Todtenmahl be- 
schlossen (n. 24). Soweit die Ilias. 

Nicht lange nachher ward Achilleus von ApoUon oder von 
Paris und ApoUon am skäischen Thore erschossen. Seine Gebeine 
wurden, wie er befohlen, in einer Urne mit denen des Patroklos 
vereint, und über der Urne, neben welcher man später eine zweite 
mit der Asche des Antilochos aufstellte, des tapfern Sohnes des 
Nestor, der der dritte in dem jugendlichen Preundschaffcsbunde 
gewesen war, errichtete man an den Ufern des Hellespont auf 
dem Vorgebirge Sigeion ein Grabmal (II. 21, 278.-22, 355 ff. 
Od. 24, 35 ff.). Gegenüber an derselben Küste auf dem Vorgebirge 
Ehoitheion ward der Telamonier Aias, ein Freund der Genannten 
(cf. Od. 11, 469), bestattet. Als nämlich bei der durch Thetis 
veranstalteten Bewerbung um die Waffen ihres gefallenen Sohnes 
der Preis des Verdienstes nicht dem starken Aias, sondern dem 
klugen Odysseus zugesprochen worden war, war dieser, in seiner 
Ehre gekränkt, in Wahnsinn verfallen und hatte sich selbst den 
Tod gegeben (Od. 11, 543 ff. Soph. Aias). — Der kyklische Dichter 
Arktinos lässt unmittelbar nach dem Tode des Hektor die Ama- 
zonen den Troern zu Hülfe kommen, deren Königin Penthesileia 
von Achilleus erlegt wird; dann ex-scheint Memnon mit seinen 
Aithiopen, tödtet den Antüoehos und wird dafür von AchiUeus 
erschlagen (eine Parallele zu dem Tode des Patroklos und des 
Hektor); AchiUeus aber fällt selbst durch die Hand des Paris. 
Nach einer spätem Erzählung wird er in dem Tempel des ApoUon 
zu Thymbra bei Troja von Paris getödtet, als er dorthin waffenlos 
gekommen war, um sich mit Polyxena, der Tochter des Priamos, 
zu verbinden. 

Die Kykliker erzählen ferner die Ereignisse nach dem Tode 
des Achüleus, welche den FaU Trojas herbeiführen. In dieser Zeit 
ist der verdienstvollste Mann im griechischen Heere Odysseus-; 
durch dessen Klugheit wird Hion genommen (Od. 22, 230). Da* 
die Stadt nicht erobert werden kann, so lange sich das Palladien 
in derselben befindet, so rauben es Odysseus und Diomedes. Auch 
war nach einem Schicksalsschluss, den der von Odysseus gefangene. 



— 175 — 

Seher Helenes, Soka des Priamos, den Grieclien verkündete, zur 
Eroberung der Stadt die G-egenwart des Philoktetes mit seinen 
herakleischen Pfeilen und des ÜSTeoptolemos, des jungen Sohnes 
von Achüleus, nöthig; deshalb holte Odysseus den letzteren von 
Skyros her (Od. 11, 508) und mit diesem den Philoktetes von 
Lemnos (H. 2, 718 ff. Soph. Philokt.). Neoptolemos, avisgezeichnet 




Fig. 32. Laokooii. 

durch Tapferkeit und klugen ßath (Od. 11, 510 ff.), setzte die 
Heldenrolle seines grossen Vaters fort in des Vaters Waffen, di& 
ihm Odysseus zugestellt, als er nach Skyros fuhr, i£n zu holen; 
er erlegte den letzten Helfer der Troer, Eurypylos, der aus dem 
benachbarten Mysien herbeigerufen worden war (Od. 11, 519).. 
Philoktetes erlegte mit seinen Pfeilen den Bogenschützen Paris,, 



— 176 — 

den Urheber des verderblichen Krieges, der den Achüleus ge- 
tödtet. 

Jetzt ist die Stadt aller ihrer hervorragenden Kämpfer be- 
raubt; die Troer ziehen sich in die Mauern zurück. Doch konnten 
die Mauern mit Gewalt nicht erstiegen werden; darum griff man 
zur List. Epeios erbaute auf den Eath der Athene ein grosses 
hölzernes Ross, in dessen Bauche sich mit Odjsseus die Tapfersten 
der Grriechen verbargen. Dieses Pferd Hessen die Griechen in dem 
Lager zurück, während sie zum Scheine mit ihren Schiffen ab- 
fuhren und sich hinter der Insel Tenedos versteckten. Als die Tro- 
janer in das verlassene Lager der Griechen kamen imd das gewaltige 
Pferd erblickten, entstand ein Streit, ob sie es zerstören oder in 
ihre Stadt bringen sollten, tun es den Göttern zu weihen. Besonders 
rieth Laokoon, ein trojanischer Priester, zur Zerstörung desßosses, 
indem er seine Lanze in dessen Seite schleuderte, dass es Jiohl 
erdröhnte. Bald darauf aber, als er am Ufer dem Poseidon ein 
Opfer brachte, kamen von Tenedos her zwei mächtige Schlangen, 
von Athene gesendet, und tödteten ihn sammt seinen beiden Söhnen. 
Das sahen die Trofe'r als eine Strafe der Götter an für die Ver- 
letzung des Pferdes, und nun drang die Meinung durch, das heilige 
Gebäu in die Stadt hinaufzubringen. So zogen sie denn ihr eigenes 
Verderben in ihre Mauern. In der ISTacht verliessen die Helden 
ihr Versteck, das Heer kehrte zurück, und nun war es um Troja 
geschehen; die Stadt wurde zerstört, die Einwohner grösstentheils 
niedergemacht und der übrige Theil als Sklaven mit fortgeführt 
(Od. 8, 492 ff. 11, 523 ff.). Eine weitläufige Beschreibung der 
Eroberung Trojas nach den Kyklikern siehe Virg. Aen. 2. (Pig. 32. 
Laokoon), 

4) Die Rückfahrt der Griechen war mit vielen Mühselig- 
keiten verknüpft wegen des Zornes der Athene*), welche die beiden 
Atriden in Streit gerathen Hess. Als die Stadt erobert war, be- 
riefen diese gegen allen Brauch noch am Abend eine Volksver- 
sammlung. Die Achäer kamen weinberauscht und hörten die Reden 
der Führer. Menelaos forderte sie auf, sogleich mit ihm zur Heimat 
zu ziehen; Agamemnon aber wollte das Volk zurückhalten, um vor 
der Abreise noch den Zorn der Athene durch heilige Opfer zu ver- 
söhnen. Dadurch entstand ein Streit, und der eine Theil zog am 
folgenden Morgen mit Menelaos, Nestor, Odysseus u. A. ab, der 
ändere blieb mit Agamemnon noch an der trojanischen Küste. 
Als jene nach Tenedos kamen, erhob sich auch unter ihnen ein 
Streit, und Odysseus ging wieder mit den Seinen zu Agamemnon 



*) Als Grund dieses Zornes gibt die spätere Sage an, bei der Er- 
oberung der Stadt sei Aias, der -Lokrer, in den Tempel der Athene ein- 
gedrungen und habe die Eassandra, welche sich zu der Bildsäule der 
Göttin geflüchtet^ gewaltsam weggerissen und misshandelt. 



— 177 — 

zuxück; Nestor und Menelaos aber steuerten weiter an der klein- 
asiatischen Küste Mn, wo sie in Lesbos mit Diomedes zusammen- 
trafen. Von Chios aus segelten sie westlich zur Südspitze von 
Euböa und von da südlich, Diomedes glücklich nach Argos, Nestor 
nach Pylos; Menelaos aber wurde, als er das Vorgebirge Maleia 
umschiffen wollte, von einem Sturm ia das grosse Meer versehlagen 
und kam erst nach langer Irrfahrt, auf welcher er sogar bis nach 
Aegypten getrieben ward (p. 83), in der Heimat an, wo er noch 
lange in Euhe herrsehte (Od. 3, 130 ff.)- — ^^^ ^^^ übrigen 
Achäern gelangten die Myrmidonen unter Neoptolemos, femer 
Philoktetes und Idomeneus wohlbehalten nach Hause (Od. 3, 
188 ff.). Aias, des OÜeus Sohn, scheiterte, von dem Zorn der 
Athene verfolgt, an dem gyräischen Felsen. Poseidon rettete ihn; 
da er aber übermüthig ausrief, dass er auch ohne Hülfe der Götter 
dem Tode entfliehen könne, so zertrümmerte der Gott den Felsen 
und Hess den Uebermüthigen in den Wogen umkommen (Od. 4, 
499 ff.). • , , 

Die längste und unglücklichste Heimfahrt war die des Odys- 
seus, der Gegenstand der Odyssee. Von der trojanischen Küste 
aus kam er mit seinen zwölf Schiffen, durch Sturm verschlagen, 
nach Ismaros, der Stadt der Kikonen in Thrakien, welche er 
plünderte und zerstörte; als in der Nacht seine Gefährten am Ufer 
sassen und zechten, wurden sie von den Kikonen überfallen und 
von jedem der Schiffe sechs getödtet. Odysseus entfloh schnell 
mit den übrigen (Od. 9, 39 ff. 179 ff.). An dem Vorgebirge Maleia 
wurde er durch einen heftigen Nordwind verschlagen und irrte 
neun Tage auf dem Meere umher, bis er am zehnten zum Lande 
der Lotophagen kam an der Nordküste Afrikas (Od. 9, 62 — 104). 
Von da gelangte er zu dem Lande der Kyklopen, roher gewaltiger 
Eiesen mit einem Auge, wo er den Kyklopen Polyphemos, den 
Sohn des Poseidon, der ihm sechs seiner Gefährten verschlungen 
hatte, blendete (Od. 9, 105—565). Auf der weiteren Fahrt kam 
Odysseus zu Aiolos (siehe p. 72), darauf zu den Laistrygonen, 
einem menschenfressenden Eiesengeschlechte, welche den grössten 
Theil der Gefährten des Odysseus vernichteten und alle Schiffe bis 
auf das des Odysseus zerschmetterten (Od. 10, 80 — 132). Hierauf 
landete Odysseus auf Aiaia, der Insel der Zauberin Kirke; diese 
verwandelte einen Theü der Gefährten in Schweine, wiirde aber 
von Odysseus gezwungen, ihnen wieder die menschliche Gestalt zu 
geben. Ein ganzes Jahr lebte Odysseus bei Kirke; darauf hiess 
sie ihn über den Okeanos zum Hades schiffen, damit er dort von 
dem Seher Teiresias den Weg der Eückkehr erfahre (Od, 10, 
133 — 574). Die Fahrt, des Odysseus zur Unterwelt (Od. 11. siehe 
p. 12 ff.). Nach Aiaia zurückgekehrt, erhält er von Kirke Eath- 
schläge über die weitere Fahrt. Als er an der Insel der Seirenen, 
der zauberischen Sängerinnen, welche durch ihren Gesang die 

St oll, Mythologie. 6. Aufl. 12 



' — 178 — 

ScMff enden anzxüocken und zu vei-derben pflegten, vorbeisteuerty 
lässt er alle Geföhrten sich die Ohren mit Wachs verkleben, damit 
sie nicht ins Verderben gezogen würden; er selbst lässt sich mit 
offenen Ohren an den Mast binden (Od. 12, 142 ff.). Darauffährt 
er glücklich an den Flankten oder Irrfelsen (s. p. 165) und dem 
furchtbaren Meeresschlunde Charybdis vorbei; aber während sie- 
zu der Charybdis hinüb erblicken, reisst das Ungeheuer Skylla. 
von der andern Seite sechs der Gefährten von dem Schiffe und. 
verschlingt sie (Od. 12, 201 ff.). Als Odysseus darauf gegen die^, 
Warnung der Kirke und des Teiresias auf der Insel Trinakia. 
gelandet war, wo des Helios Heerden weiden, vergriffen sich seine; 
Gefährten an den Rindern des Gottes und verzehrten sie (Od. 12, 
260 ff.). Dafür kam die Strafe des Zeus; er sandte ein üngewitter 
und zerschmetterte durch einen Blitzstrahl das Schiff, dass alle er- 
tranken bis auf Odysseus, der auf den Trümmern des Schiffes,, 
neun Tage umhergetrieben, endlich zu der Insel der Ifymphe 
Kalypso, Ogygia, gelangte (Od. 12, 403 ff.). Sieben Jahre lang- 
verweilte er hier bei der schönen Nymphe, welche ihn zu ihrem 
Gemahle begehrte und ihm unsterbliches Leben und ewige Jugend 
versprach, wenn er bei ihr bleibe und der Heimkehr vergesse; 
aber nicht überredete sie ihm das Herz in dem Busen. Weinend 
vor Sehnsucht sass er oft am Ufer und wünschte nur den Rauch 
von der Heimat aufsteigen zu sehen und dann zu sterben (Od. 7, 
244 ff. 1, 13. 50. 9, 29. 5, 82. 4, 555). Als das achte Jahr er- 
schien, erbarmten sich sein die Götter tmd befahlen der Nymphe 
ihn ziehen zu lassen; er erbaute sich ein Schiff und fuhr ab. Aber 
Poseidon, der dem Odysseus wegen der Blendung seines Sohnes 
Polyphemos zürnte, schickte einen Sturm über ihn und zerbrach 
ihm das Schiff. Ino Leukothea rettete den Unglücklichen ans 
Land der Phaiaken (Od. 5 u. 6. 7, 261 ff.). Der König Alki- 
noos nahm ihn gastlich auf und Hess ihn auf einem Schiffe nach 
Ithaka bringen. Schlafend kam Odysseus nach 20 Jahren in die 
Heimat zurück (Od. 13) und erschlug die Schaar der Freier seiner 
Gattin Penelope, welche ihm jahrelang im Uebermuth sein Gut 
verzehrt hatten. — Odyssee 5 — 13 handelt von den Fahrten und 
der Heimkehr des Odysseus, die folgenden von dem Rache sinnenden 
und Rache übenden Helden in der Heimat; Buch 1 — 4 dagegen" 
schildern besonders das Treiben der Freier im Hause des Odysseus 
während seiner Abwesenheit, um so zu zeigen, wie nothwendig die 
baldige Rückkehr des Königs sei. Sein Sohn Telemachos, der 
sich endlich als Mann fühlt, ist selbst nach Pylos und Sparta zu 
Nestor und Menelaos gereist, um Kunde von seinem Vater zu er- 
halten; als er nach Ithaka zurückkehrt, trifft er auf dem Gehöfte 
des „göttlichen" Sauhirten Eumaios mit dem Vater zusammen und 
vollbringt mit ihm das grosse Werk der Rache. 



Religion und Mythologie 

der Römer. 



12^ 



Einleitung. 



Die Bevölkerung der Stadt ßom ist aus verscMedenen Stämmen 
erwachsoc, aus Latinern, Sabinem und Hetruskern. Latiner und Sa- 
biner waren verwandte Völkerschaften; sie hatten ihre Grundlage 
in dem grossen pelasgischen Volksstamme, der auf beiden Seiten 
des adriatisehen Meeres, in Italien sowohl wie in der griechischen 
Halbinsel, seine Sitze genommen hatte. Daher hatten im All- 
gemeinen ihre Eeligionsweisen einen gemeinschaftlichen Charakter, 
so dass sie in Eom leicht zu einem Ganzen verwachsen konnten. 
Von ihnen stammen die meisten römischen Gottheiten; doch ist 
es bei vielen Göttern schwer zu ergründen, ob sie latinischen oder 
sabinischen Ursprungs sind. Die Hetrusker dagegen, welche am 
spätesten zu der Bevölkerung der Stadt hinzutraten und mit La- 
tinem und Sabinem nicht eng verwandt waren, scheinen vornehmlich 
einen äusserlichen Einfluss auf die römische Eeligion geübt zu haben, 
indem sie mehr den religiösen Ceremoniendienst ausbildeten, als 
Vorstellungen neuer Götter in "Rom einführten, 

Mit der ßeügion der Griechen stand die der Sabiner und 
Latiuer in ursprünglicher Verwandtschaft; denn auch das griechi- 
sche Volk war aus dem pelasgischen entstanden. Doch haben sich 
im Laufe der Zeit die italischen Eeligionen nach dem besonderen 
Charakter des Volkes auf eigenthümliche und selbständige Weise 
gestaltet und ausgebildet. Den italischen Völkern oind besonders 
auch den Eömern ging die Kraft schöpferischer Phantasie ab, wo- 
durch das hellenische Volk vor allen ausgezeichnet war. Der Eömer 
weiss nichts von dem heiteren Spiele der Poesie, wodurch der 
Grieche seine vielgegliederte Götterwelt ausschmückte und seine 
tausendfachen Mythen schuf. Darum wurde er aber auch weniger 
verleitet, seine Götter in die Beschränktheiten tmd Schwächen des 
menschlichen Daseins herabzuziehen und ihnen Eigenschaften an- 
zudichten, die eines Gottes nicht würdig sind. Ein kalter, sitt- 
licher Ernst ist über seine Götter ausgegossen; er betrachtet sie 
mit tief religiöser Scheu und verehrt sie in seinem auf das Aeussere 
und Praktische gerichteten Sinn mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit, 
die in Wort und That auch das Geringste nicht versah. 



— 182 — 

Die Bewoliner Latiums, aus denen zuerst das römische Volk 
entstand, waren kräftige Hirten und Landbauer, die in patriarcha- 
lisclier Einfachheit zusammenlebten; sie verehrten daher vorzüglich 
Grötter der ITatur, des Feldes und Waldes, die die Heerden schützten 
und segneten und den Früchten des Feldes Gedeihen schenkten 
(wie Faunus, Saturnus, Ver-tumnus u. A.), und solche Grott- 
heiten, unter deren schirmender Obhut Familie und Haus stand 
(Laren, Penaten). Diese altitalische Eeligions weise , die ganz 
den Charakter der Ländlichkeit und Häuslichkeit an sich trägt, 
wurde von Anfang an nach Eom verpflanzt. Der Eömer behielt 
lange, selbst als er schon seine Herrschaft weit über die Grrenzen 
Italiens ausgebreitet hatte, noch seine Vorliebe für das Landleben, 
sowie den Süm für Haus und Familie. Daher erhielten sich bis 
in späte Zeiten die alten ländlichen Feste mit ihren rohen, oft 
nicht mehr verstandenen Ceremonien, wie die Luperealien, Satur- 
nalien u. s. w., mit besonderer Heiligkeit aber wurde, stets der 
Dienst der Hausgötter geübt. 

Neben den Gottheiten des Feldbaues, der Viehzucht und: des 
Hauses wurden von Anfang an in Eom auch Schutzgötter des 
Staates aufgenommen, und da die Idee des Staates bei den Eömern 
die vorherrschende war, so traten diese mit der Zeit in den Vorder- 
grund. An der Spitze der Götter weit steht Jupiter, der Gründer 
ixnd Erhalter des römischen Staats, und ihm zur Seite als höchster 
Staatsschirmer Mars, als Erzeuger des Eomulus der Vater des 
römischen Volkes, und Quirinus, der Wehrhafte, der vergötterte 
Eomulus. Neben diesem Dreiverein kriegerischer Schutzgottheiten 
bildete Jupiter mit seiner Gemahlin Juno und seiner Tochter 
Minerva einen zweiten staatsschirmenden Verein; dazu trat dann 
noch Vesta, die Göttin des häuslichen Herdes, der Grundlage 
des Staates. 

Der Cultus der eben erwähnten Schutzgottheiten des Staates 
machte den Hauptbestandtheil der römischen Staatsreligion aus, 
welche der Sage nach von dem König N"uma geregelt und mit 
den Einrichtungen des Staates in enge Beziehung gebracht worden 
war. Er setzte die Priesterinnen der Vesta ein, ferner dem 
Mars das Priestercollegium der Salier, dann die Flamines, die 
Priester der einzelnen Gottheiten, deren Frauen Flaminicae den 
Gottesdienst mit ihren Männern besorgten. Sie wurden eingetheilt 
in Flamines maiores und minores; zu jenen gehörten als die vor- 
nehmsten der des Jupiter, des Mars und des Qurrinüs (Fl. Dialis, 
Martialis, Quirinalis). Auch die Einsetzung der Fetiales wird 
von Manchen dem Numa zugeschrieben; sie hatten das Amt, den 
Ki'ieg in feierlicher Weise zu erklären und Bündnisse und Friedens- 
schlüsse im Namen des Volkes zu beschwören. Die Aufsicht über 
das gesamm,te Eeügionswesen, öffentlichen wie Privatgottesdienst 
hatte das Collegium der Pontifices, dessen Vorsteher der Ponti- 



— 183 — 

;f ex Maximus war. Ueber seine Obliegenlieiten siehe Liv. 1,20. 
In der Königszeit lagen dem König selbst manche priesterlicbe 
Verrichtungen ob, besonders der Dienst des Jupiter; damit aber 
nach Vertreibung der Tarqtiinier bei einigen besonderen Staats- 
opfern der König nicht fehle, wurde für deren Besorgung der R ex 
Sacrificulus oder Rex Sacrorum erwählt, der unter allen 
Priestern scheinbar den höchsten Eang hatte. Das Collegium der 
Augur es hatte die Pflicht, für das Volk die Auspicien zu halten, 
bei Unternehmungen des Staates denWiUender Götter zu erforschen, 
-den sie in Donner und Blitz, im 'Pluge, dem Geschrei xmd dem 
Pressen der Vögel kund thaten. Die durch Opferschau weissagenden 
Haruspices waren gedungene Hetrusker," welche den Augurn an 
Würde und Ansehen weit nachstanden • und nur in ausserordent- 
lichen Zeiten nach Rom berufen wurden. 

Eine Eigenthümlichkeit der römischen Religion, welche we- 
niger mit dem öffentlichen Wesen zusammenhing, als aus dem Er- 
messen und Gutdünken der Einzelnen entsprang, war die Verehrung 
abstracter, besonders sittlicher Begriffe als göttlicher persönlicher 
Wesen, wie der Virtus, Pides, Pudicitia u. s. w. Man ging 
in dieser Vergöttlichung von Abstractionen, wobei dem römischen 
Charakter gemäss mehr der Verstand als die Phantasie thätig 
war, so weit, dass man allen möglichen Eigenschaften, den ge- 
wöhnlichsten Dingen und Thätigkeiten und zufälligen Verhältnissen 
-eine göttliche Wesenheit unterlegte xmd religiöse Verehrung zollte, 
wie der Orbona, der Kinderlosigkeit, der Pessonia, der Er- 
müdimg u. s. w. 

Die vorgenannten drei Elemente der römischen Religion, das 
natürliche, politische und sittliche, bildeten während der 
Blüthezeit des Staates ein festes Ganzes, das von Seiten des Staates 
Tor fremden Einflüssen geschützt ward. Aber wie es von jeher in 
•staatlicher Hinsicht Grundsatz des römischen Volkes war, Fremdes 
in sich aufzunehmen und mit seinen Institutionen zu verschmelzen, 
so erweiterte es auch bei der Ausbreitung seiner Herrschaft den 
IKreis seiner Religion, indem es bei dem Bekanntwerden mit andern 
Völkern fremde Götter und deren Culte bei sich einführte. Bei 
'der Ausbreitung der römischen Herrschaft in Unteritalien kam man 
mit den dort wohnenden Griechen, mit welchen schon zur Zeit 
der Könige Verbindungen bestanden hatten, in immer nähere Be- 
rührung; dadurch lernte man griechische Gottheiten kennen imd 
führte deren Cult zum Theil in Rom ein. Schon frühzeitig er- 
kannte man den Orakelgott Apollon zu Delphi an; den Dios- 
kuren wurde im Jahre 304 v. Chr. ein Tempel gebaut, und der 
Stand der Ritter nahm sie, die Heldenbrüder, als seine Schutz- 
Gottheiten an; von Epidauros holten die Römer den Cidtus des 
Asklepios, Aesculapius u. s. w. 

Alle diese fremden Culte blieben noch, obgleich sie von dem 



— 184 — 

Staate eingeführt und anerkannt waren, so lange der äcMrömisclie 
Sinn sich, erhielt tind die Bildung der Römer eine nationale war, 
in einer gewissen Abgeschiedenheit von der altrömischen Staats- 
religion, so dass sie im Allgemeinen keinen zerstörenden und auf- 
lösenden Einfluss auf dieselbe ausüben konnten. Als aber zur Zeit 
des zweiten punischen Krieges ein Wendepunct in der Bildungs- 
und Sittengeschichte der Römer eintrat und der Geist der griechi- 
schen Bildung in das römische Volk überging, da fanden auch die 
religiösen Vorstellungen der G-riechen vollen Eingang, und die 
Götter des griechischen Olympos zogen in Rom ein. Die Namen 
der römischen Gottheiten sowie die Gebräuche des Cultus erhielten 
sich zwar grösstentheüs; allein den römischen Namen und Ceremo- 
nien schoben sich griechische Vorstellungen unter. Besonders finden 
wir in der römischen Litteratur, die sich ganz nach der griechi- 
schen gebildet hat, auch in Bezug auf Religion und Mythologie 
griechisches Gepräge. Uebrigens ging die römische Religion nicht 
ganz in der griechischen auf, unter den römischen Gottheiten 
fanden sich manche, für welche es bei den Griechen keine ent- 
sprechenden Wesen gab; in dieseü erhielten sich die ächtrömischen 
Vorstellungen, 

Als die Römer mit der Religion der Griechen bekannt wurden,, 
waren diese schon in das Stadiiim ihres religiösen und sittlichen 
Verfalls eingetreten. Daher ging auch bald der Unglaube und der 
Aberglaube der Griechen auf die Römer über; man trieb frivolen 
Spott mit den Wesen, an deren Existenz man nicht mehr glaubte, 
und wandte sich besonders mysteriösen Culten mit abergläubischen 
Gebräuchen zu. Zunächst wurden die gebildeten Stände, aber nach 
diesen auch bald das gemeiae Volk von dem religiösen Verderbniss 
ergriffen, gegen welches die Anstrengungen des Staates, der, an 
dem Aeusseren festhaltend, die alte Religion der Väter zu erhalten 
suchte, erfolglos blieben. Augustus stellte manche alten Gebräuche 
und Feste wieder her, erbaute den alten Göttern neue prächtige 
Tempel, während er fremde Gottesdienste fem zu halten suchte, 
und in diesem Streben, Religion und Sittlichkeit wieder zu heben, 
eiferten ihm andere Kaiser nach; aber die prächtigen Tempel und 
die glänzenden Feste vermochten ebensowenig wie die Theorien 
der Philosophen dem sinkenden Heidenthum einen neuen Geist ein- 
zuhauchen und seinem Sturze vorzubeugen. 



— 185 — 

A. Götter. 
I. Hauptgötter der römisclieii Staatsreligion. 

1. Jupiter (Juppiter). 

Ju-piter stimmt dem Namen nach mit dem griecMschen 
Zeus tiberein (s. p. 22 Anm.) und hat auch im Allgemeinen die- 
selbe Bedeutung wie dieser; doch haben sich manche Seiten seines 
Wesens mehr auf eigehthümlich römische "Weise ausgebildet. Er 
ist der Himmelsvater, der Herrseher des Himmels; von ihm gehen 
alle Erscheinungen des Himmels aus, Blitz und Doimer, Sturm 
und Hagel, Eegen und Heitre (Pulminator, Tonitrualis, Plu- 
vius, Serenator), das Licht des Himmels kommt von ihm (Luce- 
tius, Diespiter, Tagsvater). Den Donnerkeil trägt er in seiner 
gewaltigen Eechten und schleudert ihn auf die Erde*); die Stelle, 
welche er triift, hat er sich ausersehen, dass sie ihm geheiligt 
werde. An einer solchen Stelle wurde von dem Pontifex ein Stein 
als Symbol des Blitzes unter leisem Gebet in die Erde verscharrt, 
der Ort ummauert und mit einem Altar versehen. Auch glaubte 
man den Blitz durch gewisse Ceremonien vom Himmel herabziehen 
zu können (Jup. Elicius); Numa hatte dies öfter gethan, Tullus 
Hostilius aber verlor bei einem solchen Yersuche das Leben 
(Liv. 1, 20. 31. Ov. Past. 3, 285 ff.**) Als der regensendende 
Grott ist Jupiter der wohltthätige Befinichter der Pelder, dem bei 
anhaltender Dürre geopfert wurde; dabei schleifte man den so- 
genannten Wasserstein (manalis lapis) über die Pelder, in dem 
Grlauben, dass dieser heüige Stein das Wasser vom Himmel herab- 
ziehe (aquilicium). 

Dieser gewaltige Himmelskönig ist Herrscher über die ganze 
Welt, über Götter und Menschen. Die Schicksale der Einzelnen 
wie ganzer Völker und Staaten hängen von dem Willen des höchsten 
und besten Gottes (J. Optimus Maximus) ab; besonders aber 
steht der römische Staat, auf dessen Mittelpuncte, dem Capitolixim, 
sein berühmtestes Heiligthum stand (Capitolinus), unter seiner 
Leitung und Hut. Er hat die Stadt zur Weltbeherrscherin be- 
stimmt, er gibt ihren Beamten die Macht die Menschen zu be- 
herrschen, und führt ihre Heere zum Sieg (Imperator, Victor, 
Stator, der Fluchthemmende, Opitulator). Wenn daher der Jüng- 
ling durch Anlegung der toga virilis in den Bürgerstand eia- 



*) Der Kiesel war Symbol des Donnerkeils; daher trugen Bilder des 
Jupiter einen Kieselstein in der Hand. 

**) Den Blitzgott Jupiter scheint auch der Name Summanus zu be- 
zeichnen, der später, als seine Bedeutung nicht mehr bekannt war, weil 
er ein nächtlicher Blitzgott sein sollte, für den Dis gehalten wurde. 



— 186 — 

trat, so verehrte er den Jupiter auf dem CapitoL Wenn der Consul 
sein Amt antrat, so stieg er, vom Volk und Senate begleitet, zum 
Capitol Mnauf, um dem höchsten Horte des Staates zu opfern; der 
Feldherr brachte, bevor er zum Kriege auszog, auf dem Capitol 
Grebete und Gelübde dar, bei seiner siegreichen Heimkehr fahr er 
auf dem prpichtigen Viergespaim im Triumphzuge zu dem Tempel, 
um dankbar dort Opfer und Gebete zu verrichten und seine Lorbeer- 
kränze in den Schoos des Jupiterbildes niederzulegen. Die herr- 
lichste Beute (spoüa opima), die einem feindlichen Eeldherm durch 
den römischen Eeldherrn abgenommene Rüstung, weihte man eben- 
falls auf dem Capitol in dem Heiügthum des Jup. Feretrius 
(Liv. 1, 10). 

Dem Jupiter Capitolinus zu Ehren wurden im Monat 
September mehrere Tage lang auf dem Circus maximus die rö- 
mischen Spiele durch Wettkämpfe verschiedener Art und durch 
Volksspeisungen gefeiert. Auch die von jenen verschiedenen grossen 
und die capitolinischen Spiele galten dem Jupiter. Ein ähn- 
liches Fest feierte man dem J. Latiaris als dem Beschützer des 
Latinerbundes auf dem Albanerberge. Dies sind dieFeriae Lati- 
nae, bei welchen alle obrigkeitlichen Personen Eoms zugegen 
waren und die Consuln als Leiter des Festes mit den Abgeordneten 
der latioischen Städte dem Jupiter ein Opfer von weissen Stieren 
darbrachten. Das Fest war ein bewegliches, dessen Zeit die Consuln 
ansagten; doch musste es immer abgehalten werden, ehe die 
Consuln in den Krieg auszogen (Liv. 21, 63. 22, 1. Caes. B. 
Civ. 3, 2). 

Da Jupiter als der Lenker menschlicher Schicksale galt, so 
waren ihm die wichtigsten Abschnitte des Jahres geheüigt, wie 
die Iden des Monats, an welchen ihm jedesmal von dem Flamen 
DiaUs ein Schöps geopfert wurde (Ov. Fast. 1, 587). Die Ca- 
lenden jeden Monats dagegen waren der Juno heilig, so dass also 
der Verlauf der Monate unter den Schutz der beiden höchsten mit 
einander verbundenen Gottheiten gestellt war. Bei dem Beginne 
jedes wichtigen Unternehmens rief man ihn nebst dem Janus, dem 
Gotte des Anfangs, an. Der Landmann. feierte ihm bei der Aus- 
saat sowie beim Beginn der Ernte ein ländliches Fest; bei Anfang 
der Weinlese (19. August) wurde ihm ein allgemeines Fest, die 
ländlichen ViaaKa, von ganz Latium begangen. Auch der Tag, wo 
die Fässer des neuen Weines im Frühjahr geöffiiet wurden, war 
dem Jupiter geweiht; es war dies ein ähnliches Fest wie die 
griechischen md-olyca (p. 98) und ebenfalls Vinalia geheissen. In 
Tagen schwerer Noth, wie z. B. nach der Schlacht am Trasimen 
(Liv. 22, 10), gelobte man zur Abwehr der Gefahr dem Jupiter 
ein sogenanntes ver sacrum, nämlich die Opferung sämmtlicher 
in einem Frühjahr geborenen Thiere, in älterer Zeit wohl auch 
noch ausserdem sämmtlicher in dem bestimmten Frühling zur Welt 



— 187 — 

gekommenen Kinder. Die Letzteren wurden jedocli nicM als Opfer 
gesclilachtet, sondern man schickte sie, nachdem sie herangewachsen, 
über die Grenze. 

Als der Lenker der menschlichen Schicksale ist Jupiter auch 
der Verkünder derselben durch Donner und Blitz, durch den Flug, 
die Stimmen, das Fressen der Vögel, durch Träume u. s-. w. 

Wie Zeus so ist auch Jupiter der Beschützer aller sittlichen 
Verhältnisse im Menschenleben; er überwacht die Ehe und die 
verwandtschaftlichen Verhältnisse, den Eid, das Gast- und das 
Völkerrecht; der Grenzstein ist ihm heilig. Darum ist die Fides 
seine Genossin, die bei' ihm auf dem Capitolium wohnt; darum 
heisst er selbst mit Eücksicht auf die in den Bündnissen und Ver- 
trägen zu beobachtende Treue Dius Fidius (Zsvg TCi6riog). Doch 
galt Dius Fidius auch für ein besonderes dem Jupiter verwandtes 
Wesen, entsprechend dem sabinischen Halbgotte Semo Sancus 
(Ov. F. 6, 213 Y. sancire,- eidlich festsetzen). 

Ob dem Jupiter in ältester Zeit von den italischen Völkern 
Eltern zugeschrieben worden sind, ist ungewiss; später, als man 
mit der griechischen Mythologie bekanat wurde, erklärte man ihn 
für den Sohn des Saturnus und der Ops, welche mit Kronos 
und Ehea identificirt worden waren. Juno und Minerva, welche 
auf dem Capitol ia seinem Haupttempel mit ihm vereint waren, 
galten für seine Gemahlin und seine Tochter; doch hat wahr- 
scheinlich ia ältester Zeit dieses Familienverhältniss zwischen den 
drei Gottheiten nicht bestanden. Der höchste Gott stand allein 
und erhaben da in seiner Herrlichkeit, ohne diu-ch irgend welche 
Verbindungen wie der griechische Zeus in die Sphäre irdischer 
Verhältnisse und menschlicher Schwächen herabgezogen zu werden. 

Auf dem Capitol befand sich an dem Platze, der zwischen 
den zwei Hainen (inter duos lucos) hiess, eia Heiligthujn des 
Vejovis. oder Vedjovis mit einem Bilde dieses Gottes, das in 
der Hand Pfeile trug und neben sich eine Ziege hatte. Ovid. (Fast. 
3, 429 ff.) sagt, Eomulus habe den Hain mit einer Mauer tmi- 
geben und den Ort zu einem Asyl gemacht; der Gott, dessen Bild 
hier stehe, sei der junge Jupiter, wie die Züge des Bildes und 
auch der ^Name bezeuge; denn die Vorsilbe ve bezeichne kl«in. 
Die Ziege aber stehe ihm zur Seite, weil sie den Jupiter als Kind 
genährt habe. Vejovis scheint wirklich ein jugendlicher Jupiter 
gewesen zu sein, der die in dem Asyl Schutz Suchenden beschirmte; 
die Pfeile sind wohl ein Bild der schiessenden Sonnenstrahlen. 
Der späteren Zeit war die eigentliche Bedeutung des Gottes ent- 
schwunden; darum erklärte man ihn wegen der Pfeile für einen 
Apollo, oder wegen der Vorsilbe ve für einen verderblichen 
Jupiter. . 



188 — 



2. Juno. 



Juno ist das weibliclie Gegenbild des Jupiter, wie Hera das 
des Zeus. Ihrem Namen (gleich dem griechischen Dione) liegt das- 
selbe, Himmel und Tag bezeichnende Stammwort zu Grunde, welches 
auch in dem Nanmn Jupiter enthalten ist. Sie ist die Himmels- 
königiu, wie Jupiter der Himmelskönig; doch ist bei ihr die natür- 
liche Seite fast ganz zurückgetreten, ihr Walten erstreckt sich 
vorzugsweise auf das Menschenleben. Mit Jupiter, mit dem sie 
auf dem Capitol gemeinsam als Capitolina verehrt ward, hatte 
sie die Obhut über die römische Stadt und das Reich; als Re- 
gina ward sie unter andern auf dem Avehtinus verehrt, wohin 
ihr Bild und Dienst durch Camillus von Veji her gebracht worden 
war (Liv. 5, 22. 22, 1). Auch die Juno Sospita, deren Haupt- 
cultus zn Lanuvium war und auch noch zu der -Zeit blieb, wo man 
sie nach Rom verpflanzt hatte, hatte eine vorzugsweise politische 
Bedeutung (Liv. 22, 1. 8, 14). 

Neben dem Staate hat Juno ihre vorzügliche Sorge dem Hause 
xmd dem weiblichen Geschlechte zugewandt. Wie der Mann seinen 
Genius, so rief jede Frau als ihre besondere Schutzgottheit die 
Juno an, der sie an ihrem Geburtstage opferte. Juno steht dem 
Weibe in allen Verhältnissen des Lebens zur Seite, sie ist eine 
Yirginensis sowohl als eine Matrona, eine Schützerin der 
Jungfrau wie der Ehefrau. Namentlich schützt sie die Ehe wie 
die. griechische Hera; sie heisst deswegen Pronuba (Virg. Aen. 
4,166), Juga oder Jugalis, D omi du ca (neben Jup. Domiducus) 
als die Gottheit, welche die Braut zum Hause des Bräutigams ge- 
leitet, Unxia, weil die Braut bei dem Eintritt in das Haus des 
Gemahls die Thürpfosten mit WoUenbinden umwand und mit Oel 
salbte; als Lucina förderte sie die Geburten (Ov. Fast. 3, 247 ff.). 
Auch als Erhalterin der Kinder ward sie verehrt, gleich der 'griechi- 
schen Artemis KovQotQ6<pog. 

Das Hauptfest, welches der Juno von allen Frauen gefeiert 
wurde, waren die Matronalien, das Hausfrauenfest, am 1. März, 
der Calendae feminarum hiess; es war der Sage nach zum An- 
denken an die an diesem Tage durch Romulus geschehene Ein- 
setzung der Ehe gestiftet (Ov. F. 3, 179 ff.). Die Frauen zogen 
mit bekränztem Haupte zum Tempel der Juno Lucina auf dem 
esquilinischen Berge und brachten der Göttin dort Blumen dar, 
indem sie um das Glück der Ehe beteten (Ov. F. 3, 253). Sie 
bewirtheten und beschenkten an diesem Tage ihre Sklavinnen und 
erhielten selbst Geschenke von ihren Männern und Verwandten. 
Ein ähnliches Fest waren die am 7. Juli der Juno Caprotina 
(Ziegenjuno) gefeierten caprotinischen Nonen; dieses wurde 
von den Ehefrauen in Gemeinschaft mit den Sklavinnen bei dem 



— 189 — 

Ziegenstunpfe am Ziegenfeigenbaum (caprificus) begangen und hatte 
ebenfalls Bezug auf die Ehe. 

In Polge der griechischen Mythologie wurde Juno zur Tochter 
des Saturntis (daher Saturnia) und der Ops und aur Schwester 
des Jupiter gemacht. Ob sie von jeher als die Gemahlin des 
Jupiter angesehen wurde, ist zu bezweifeln; mit diesem xmd Mi- 
nerva steht sie bei den ßömern in engster Verbindung, ein Ver- 
hältniss, das bei den Grriechen in Bezug auf Hera und Athene 
nicht stattfand. Eigenthümlich römisch ist auch, dass die Gans 
der Juno heilig ist. 

3. Minerva. 

Die dritte capitolinische, stadtschirmende Gottheit ist Mi- 
nerva, deren Nanie von dem mit mens und memini verwandten 
Worte miner vare abgeleitet wird. Demnach ist sie die denkende, 
ersinnende und erfindende Göttin. Alle Gewerbe, Künste und 
Wissenschaften der Männer, wie der Walker, Schuster, Aerzte, 
Lehrer, der Bildhauer und besonders auch der Musiker, dann alle 
weiblichen Geschicklichkeiten stehen unter der Obhut der weisen 
Göttin. Vom 19. März an wurde ihr das fünftägige Fest Quin- 
quatrus (Ov. ¥. 3, 809 ff.) gefeiert, an welchem sich die Schul- 
jugend , welche an diesen Tagen Ferien hatte , die weibliche 
Arbeiten lernenden Mädchen, die Handwerker und Künstler der 
verschiedensten Art betheüigten. Am letzten Tage wurde im Schuster- 
saale (atrium sutorium) geopfert und Trompetenweihe (tubüustrium) 
gehalten; denn die Trompete war der Minerva geweiht, und die 
Innung der Trompeter, welche bei den verschiedenen religiösen 
Handlungen, bei Opfern, Leichenzügen und dergl. unentbehrlich 
waren, stand unter ihrem besonderen Schutz. Wie bei diesem Feste 
die Trompeter, so spielten bei einem späteren am 13. Juni ab- 
gehaltenen Feste, das ebenfalls Quinquatrus hiess, aber nur drei 
Tage dauerte (minores), die Flötenbläser eine Hauptrolle (Ov. F. 
6, 645 ff. Liv. 9, 30). 

Von der griechischen Pallas scheint manches anf Minerva in 
späterer Zeit übertragen worden zu sein, wie z. B. die Beziehung 
zu Krieg und Sieg und Beute (Liv. 45, 33). In der Verbindxmg 
der Minerva mit Neptun, denen nach der Schlacht am Trasimenus 
ein gemeinschaftliches Polster gebreitet vnirde (Liv. 22, 10), ist 
auch griechischer Einfluss sichtbar; Pallas und Poseidon wurden 
bei den Griechen oft als "itittoi zusammengestellt. Das trojanische 
Palladion sollte von Aeneas nach Italien gebracht worden sein und 
zu Rom in dem Innersten des Vestatempels aufbewahrt werden. 

4. Mars (Mavors^ Mamers). 

Mars war nach Jupiter der vornehmste Gott der römischen 
Staatsreligion; mit diesem und Quirinus bildete er einen Dreiverein 



— 190 - 

von Selititzgöttern, welchem die drei ersten nnd angesehensten 
Flamines eingesetzt waren. Er war der Erzeuger des Eomuliis 
xmd wurde als Vater imd Schützer des ganzen römischen Volkes 
(Mars pater, Maspiter) angebetet. Besonders im K^ege schützt 
nnd unterstützt er sein Volk; er ist der Kriegsgott, der das Heer 
in den Kampf führt (G-radivus, vom kriegerischen Schritt) und 
ia den Schlachten nebst Jupiter und Quirinus um den Sieg an- 
gerufen wird (M. Victor). Die Lanze ist sein kriegerisches Symbol; 
deshalb hat er selbst den Beinamen Quirinus (von dem sabini- 
schen Worte curis, röm. quiris, die Lanze). Wenn ein Feldherr 
in den Krieg auszog, so ging er zuvor ia den Tempel des Mars 
und bewegte daselbst die heiligen Schilde (ancilia) und den Speer 
des Grottes mit dem Ausruf: Mars wache! Die zweite Beute wurde 
ihm geweiht, während die erste dem Jup. Peretrius gehörte. Die 
Plätze der kriegerischen Uebungen waren ihm heilig, vor allen der 
nach ihm benannte Campus Martins. Die Wettkämpfe mit Eossen, 
welche hier gefeiert wurden, standen unter seinem Schutz und 
wurden ihm zu Ehren gehalten; so die Equirien am 27. Februar 
und 14. März (Ov. F. 2, 855. 3, 519). An den Iden des October 
wurden ihm hier ebenfalls Wettkämpfe mit Eossen gefeiert und 
darauf das Handpferd des siegreichen Zweigespanns, das sogenannte 
Octoberpferd, unter allerlei eigenthümliehen Gebräuchen geopfert; 
denn das kriegerische Eoss eignet dem Grotte des Kriegs. Auf dem 
Marsfeld wurde auch jedes fünfte Jahr der Census abgehalten, 
wobei das römische Volk als Heer gemustert und durch ein dem 
Mars geltendes Opfer gereinigt wurde (lustrum). 

Mit diesen Beziehungen zum Kriege ist übrigens das Wesen 
des Mars nicht erschöpft; er steht von den ältesten Zeiten her in 
Verbindung mit Landbau und Viehzucht. Im Frühjahr, gewöhnlich 
aü eiaem Tage des Mai, führten die römischen Landleute Opfer- 
thiere, welche der Ceres, dem Mars und anderen ländlichen Gott- 
heiten dargebracht wurden, zur Sühne (lustratio) um ihre Aecker 
herum und flehten um Gedeihen der Feldfrüchte. Dies war das 
sogenannte Anibarvale sacrificium. Die Gebetformel, welche 
Cato der Aeltere (E. Eust. 141) dabei vorschreibt, heisst: „Vater 
Mars, ich bitte dich, sei gnädig mir, meinem Hause imd meiner 
Familie; weshalb ich befohlen habe, dir das Schwein-Schaaf-Stier- 
opfer (suovetaurilia) um mein Grundstück herum zuführen. Wehre 
ab erlebte und unerlebte Krankheiten, Verödung, Verwüstung, Schaden 
und böse Witterung! Lass Früchte, Getreide, Weinpflanzung und 
Gesträuch wachsen und wohl gedeihen! Erhalte Hirten und Heer den 
gesund und gib Heil und Wohlfahrt mir, meinem Hause und mettier 
Familie u. s. w." In dem alterthümlichen Liede, das ebenfalls im 
Mai die zwölf Arvalbrüder am Feste der Dea Dia, einer Göttin 
der Fruchtbarkeit der römischen Feldflur, dieser Göttin tanzend 
sangen, wurde unter anderen Göttern auch Mars angerufen, dass 



— 191 — 

er böse Seuchen abwende. Weil das Vieh, das ja auch unter der 
Hut des Mars stand, gewöhnlich in den Wäldern weidete, hatte 
Mars den Beinamen Silvanus. Mars war also im Allgemeinen ein 
Gott, der das Yolk und sein Gebiet und seine ganze Habe gegen 
jeglichen Schaden schützte, mochte er durch feindliche Einfölle 
oder durch wilde Thiere (wie den Wolf), durch schlimme Witterung 
oder durch Krankheit und Pest kommen; die Eigenschaft eines 
kriegerischen Schutzgottes aber ist mit der Zeit am meisten an 
ihm hervorgetreten. 

Der ganze Monat März war dem Mars geheiligt. Tom 1. März 
an zogen die 12 Salier (Tänzer, v. salio) an verschiedenen Tagen 
des Monats dem Mars zu Ehren in der Stadt umher. Sie trugen 
in der Linken die Schilde des Mars, die Ancilia, welche sie, in- 
dem sie unter Waffentanz Gesänge in alterthümlicher Sprache ab- 
sangen, mit ehernen Stäben sehlugen. Zur Zeit ISTumas war ein 
solches Ancile während einer Pest vom Himmel gefallen, als Pfand 
der Eettung des Staates, wenn es demselben erhalten bliebe; darum 
liess Numa von dem Künstler Mamurius (der Name ist verwandt 
mit Mars) noch 11 ganz gleiche Schilde fertigen, damit der wahre 
nicht herausgefunden werden könnte (Ov. F. 3, 373 ff. Liv. 1, 20). 
In den saliarischen Liedern wurden neben Mars die übrigen stadt- 
schirmenden Götter angerufen, so dass dieser Umzug für die Stadt 
dieselbe Bedeutung gehabt zu haben scheint, wie die Ambarvalia 
für die Feldmark. 

Mars \^ar auch ein weissagender Gott. Im Sabinerlande bei 
Tiora Matiene hatte er ein altes Orakel, ähnlich dem dodonäischen, 
nur diente statt der Tauben als Mittel der Weissagung der Specht, 
picus, wonach man dann einen weissagerischen König von Lauren- 
tum Namens Picus machte, der von Circe in einen Specht ver- 
wandelt worden sei (Ovid. Met. 14, 313 ff.). ■ 

Die Gefährtin und Gemahlin des Mars soll ISTerio, Neriene 
(Stärke) gewesen sein. Ausserdem galten als seine Begleiter die 
Molae (Kampfesmühen) und Pallor und Pävor (Erblassen xmd 
Entsetzen), wie es scheint, eine blosse Uebertragung von Jeinog 
und 06ßog. 

Neben dem Mars verehrten die Römer noch eine der griechi- 
chischen Enyo entsprechende Kriegsgöttin Bellona oder Duel- 
lona (v. bellum, duellum), Schwester oder Gemahlin oder Tochter 
des Mars. An der Rückseite ihres Tempels auf dem Campus Mar- 
tins stand eine Säule, bei der seit den Zeiten des Pyrrhus der bei 
Kriegserklärungen übliche Lanzenwurf von den Eetialen vorgenommen 
wurde (Ov. F. 6, 201 ff.); zur Zeit, wo das römische Gebiet noch 
klein war, geschah dies an der Grenze des Feindeslandes (Liv. 1, 
32). Diese wahrscheinlich sabinische Kriegsgöttin war durchaus 
verschieden von der aus Kappadokien stammenden Natxu'göttin 
Bellona, welche in dem römischen Tempel seit der suUanischen 



— 192 — 

Zeit von asiatischen Priestern (Bellonarii) mit wildem Enthusiasmus 
gefeiert wurde. Sie opferten ihr bei ihren Festen ihr eigenes Blut, 
indem sie sich bei dem Opfer in wilder asiatischer Weise Arme 
und SchTiltern mit Messern aufrissen und dabei weissagten. 

5. Quirinus. 

-Quirinus bezeichnet den Speergott (siehe p. 190). Der Name 
war wohl ursprünglich nur ein Epitheton des Mars als Kriegs - 
gottes; übrigens scheint er schon früh verselbständigt und eine 
eigene Person bezeichnet zu haben, ehe er von den Sabinern nach 
Eom gebracht wurde. In Rom tritt Quirinus als schützender 
Kriegsgott dem Mars und Jupiter an die Seite. Die Sabiner gaben 
ihn für den Vater des Medius Fidius, des Gründers von Cures, 
ihres Ahnherrn, aus, ebenso die Eömer den Mars für den Vater 
des Eomulus, welcher nach seinem Tode unter dem Namen Quirinus 
unteif die Götter versetzt worden sei. Eomulus Quirinus ist nach 
dieser Annahme Stam^ivater des römischen Volkes, der Quiriten, 
und gleich dem Mars selbst. 

Am 17. Februar wurde dem Qxiirinus das Fest der Quiri- 
nalien (Ov. F. 2, 473 £P.) gefeiert, an welchem ihm von seinem 
Flamen geopfert xind seine Waffen gesalbt wurden. 

6. Yesta. 

Vesta entspricht der griechischen Hestia; sie ist die reine 
Göttin des Herdes . und Herdfeuers und daher diejenige Göttin, 
welche die Familie in treuer Eintracht zusammenhält. Als solche 
familienschützende Gottheit wurde sie in jedem Hause verehrt, wo 
der Herd, der Mittelpunct des Hauses, ihr Altar war und ihr 
Dienst mit dem der Penaten und Laren in Verbindung stand. 

Wie Hestia in Griechenland, so hatte in Eom Vesta auch eine 
politische Bedeutung; denn die Stadtgemeinde sowie der Staat sind 
grosse Familien. Als Mittelpunct des Staates wurde in der Zeit 
der Könige das Königshaus (regia) am Comitium angesehen, 
weshalb sich dort das Vestaheüigthum befand, und zwar mit dem 
Königshause verbunden. Nach Vertreibung der Könige, wurde das 
Königshaus die öffentliche Wohnung des Pontifex maximus, der die 
Aufsicht über den heiligen Herd des Staates und die Priesterinnen 
desselben hatte. Dieser öffentliche Vestacultus wurde von den 
Eömern ausserordentlich heilig gehalten. Es waren zu demselben 
sechs Priesterinnen, Ves talinnen (Liv. 1, 20) bestimmt, welche 
als die Dienerinnen der reinen jungfräulichen Göttin unvermählt 
bleiben mussten und als geheiligte Personen in hohem Ansehen 
standen. Sie wohnten im Vestaheüigthum und hatten dafür zu 
sorgen^ dass das Herdfeuer nicht erlosch; denn dies galt für ein 



— 193 — 

grosses Unglück des Staates. War ein solches Unglück geschehen, 
so wurde die Vestalin, durch deren Nachlässigkeit das Fener er- 
loschen war, vom Pontifex maximns gepeitscht; das Feuer aber 
wurde nicht an solchem Feuer, das durch menschlichen Grebrauch 
verunreinigt war, sondern durch Brennspiegel oder durch Bohren 
eines Brettes wieder angezündet. Am 1. März, mit dem in älterer 
Zeit das Jahr begann, wurde jährlich das Vestafeuer erneuert, 
auf welche Weise? ist nicht bekannt. Ein Bild der Yesta be- 
fand sich nicht in dem Tempel (Ov. F. 6, 292), das Feuer selbst 
diente als ihr Büd; dagegen glaubte man, dass in dem Innersten 
des Tempels noch verschiedene Heiligthümer, besonders auch die 
Bilder der Staatspenaten verwahrt würden, die allein dem Pontifex 
und den Vestalinnen bekannt seien, — Sowie die ganze Stadt und 
der Staat, so hatte auch jede Curie besonders ihr Vestaheiligthimi. 
, Ein altes Heüigthum der Vesta befand sich in Lavinium, der 
Mutterstadt der Latiner, wohin Aeneas das Feuer der Yesta und 
die Penaten von Troja gebracht haben sollte. Hierher begaben 
sich die römischen Consuln, Prätoren und Dictatoren, wenn sie ihr 
Amt antraten, um zu opfern. 

Der Vesta wurde ein jährliches Fest am 9. Juni, die Ve- 
stalien (Ov. F. 6, 249 ff.) gefeiert, an welchen der Göttin Speisen 
auf den Herd gesetzt und Esel, welche zum Drehen der Mühlen 
dienten, mit Kränzen geschmückt und mit Broten behangen, zu dem 
Tempel der Vesta geführt wurden, zum Zeichen, dass sie der Familie 
die tägliche Speise gewähre. Darum feierten diesen Tag Bäcker 
imd Müller. 



7. Yulcamis. 

Neben der Yesta verehrten die Römer noch den Yulcanus 
als Feuer- und Herdgott,, doch tritt an ihm noch die besondere 
Bedeutung hervor, dass er wie der griechische Hephaistos zugleich 
der Grott der Metallarbeit ist; denn nur durch Hülfe des Feuers 
kann das Metall beai'beitet werden. Darum hat er den Beinamen 
Mulciber, der Schmelzer. 

Vulkan hatte gleich der Vesta eine politische Bedeutung. 
Das Vulcanal, die Cultusstätte des Yulcanus, eine über dem Co- 
mitium erhöhte Fläche ohne Tempel, war gleich dem Tempel der 
Yesta eine Art von Staatsherd, an welchem Versammlungen der 
Patricier und des Senats gehalten wurden. Schon Eomulus und 
Tatius sollten hier zu Berathungen über die öffentlichen Angelegen- 
heiten zusammengekommen sein. Die Tempel des Yulcan verlegte 
man lieber ausserhalb der Stadt, da er mit der Zeit immer mehr 
zu einem Grott der Feuersbrünste wurde. — Yulcan stand in älterer 
Zeit gewiss mit Vesta ra engster, vielleicht in ehelicher Verbindung. 

Stoll, Mythologie. 6. Aufl. 13 



— 194 — 

Als er mit . Hephaistos identificirt war, gab man ihm Vemis zur 
Gemahlin. 

Das dem Vnlcan gefeierte Pest der Vulcanalien fiel an± 
den 23. August. Man kielt ihm zu Ehren an diesem Tage Spiele 
ia der flaminischen Eennbahn und warf ihm als Opfer Fische, die 
Bewohner des ihm feindlichen Elementes, in das Feuer. 

8. Janus. 

Janus, einer der vornehmsten Götter der Eömer und oft 
neben Jupiter genannt, war wohl ursprünglich ein Sonnengott,, 
der die Wandlungen des Waturlebens bedingt und regelt, ein Jahres- 
und Zeitengott, der das Jahr und die Monate und die Tage herauf- 
führt. Der Anfang des Jahres wie der Beginn der Monate und 
Tage waren ihm geheiligt; die Priester riefen ihn an^ jedem 
Morgen als den EröfEner des Tages an (Pater matutinus, 
Horat. Sat. 2, 6, 20); am Beginne jedes Monats, an den Calenden, 
erhielt er Opfer von Wein, Weihrauch und Früchten; der erste 
Monat des Jahres war ihm geweiht xm.ä trug von ihm den N"amen, 
an dem Neujahrstage (Januariae Calendae) feierte man ihm sein 
vorzüglichstes Fest*). An diesem Tage kleidete man sich in fest- 
liche Gewänder und enthielt sich aller schlimmen Worte, man 
suchte nur Schönes und Gutes, das eine glückliche Vorbedeutung 
für das Jahr hatte, zu sprechen, begrüsste sich mit Glückwünschen 
und erfreute sich mit bedeutungsvollen Geschenken. Der Anfang 
aller Zeit liegt in den Händen des Janus; darum hiess es, Janus 
habe zuerst, vor Saturnus und Jupiter, in Italien geherrscht und 
allen Göttern ihre Tempel gegründet. 

Dieser Begriff des Anfangs und Eingangs in zeitlicher Hin- 
sicht, des Uebergangs und Durchgangs aus einem Zeitabschnitt in 
den andern wurde bei Janus vorherrschend und fand seine An- 
wendung auf jede menschliche Thätigkeit. Der Römer legte be- 
sonders auf den Anfang eta grosses Gewicht, von einem guten oder 
schlimmen Anfang hängt der glückliche oder unglückliche Erfolg 
ab. „Alles liegt im Anfang; auf den ersten Ton lauscht ihr mit 
ängstlichem Ohre, nur der erste Yogel, der sich zeigt, ist dem 
Augur bedeutungsvoll," sagt Janus selbst bei Ovid (Fast. 1, 179). 



*) In der älteren Zeit war der März der erste Monat des Jahres. An 
den Iden desselben feierte die Plebs eine Art Neujahrsfest am Ufer des 
Tiber, wobei man sich einem heiteren, ausgelassenen Lebensgenüsse hin- 
gab und sich wünschte, dass man dieses und noch viele Jahre in froher 
Gesundheit und mit Glücksgütern gesegnet verleben möchte (ut annare 
perennareque commode liceat). Aus dieser Beglückwünschungs- 
formel bildete man eine Gottheit Anna Perenna, deren Bedeutung die 
Römer in späterer Zeit auf verschiedene Weise zu erklären suchten (Ov. 
P. 3, 523 ff.). 



— 195 — 

Darum ist Janus ein so bedeutender und in alle Verhältnisse des 
privaten und öffentlichen Lebens eingreifender Grott. Bei jedem 
Unternebmen, bei dem Anfang jeder Arbeit, beim Beginne der Saat 
und der Ernte (Janus Consivius), beim Antritt eiaes Amtes 
u. s. w. rief man ihn an. In jedem G-ebete wurde er zuerst ge- 
nannt, an grossen Götterfesten erhielt er die ersten Gpfer, denn 
er eröf&iete, so glaubte man, den Gebeten die Pforten des 
Himmels. 

Zeit und Ort sind verwandte Vorstellimgen; daher wurde Janus 
auch leicht ein Gott des örtlichen Durchgangs, ein Gott der Thüre, 
die nach ihm janua genannt ist; jani heissen die Durchgänge in 
der Stadtmauer. Er schützte den Aus- und Eingang durch die 
Thüre, öffnete und schloss dieselbe und trug zum Zeichen dessen 
den Schlüssel in der Hand (Claviger, Patulcius, Clusius); an 
der > Thüre brachte man sein Büdniss an mit zwei Gesichtern, ron 
denen das eine nach Aussen, das andre nach Innen gekehrt war 
(Geminus). 

Die Eröffnung des Krieges, wenn das Heer durch die er- 
schlossenen Thore der Stadt in das Feld rückte, war für den Staat 
eine so wichtige Begebenheit, dass man dabei nothwendig des Janus, 
des Gottes des Anfangs und Eröffinens, gedenken musste; alsdaim 
wurde das Heüigthum des Gottes, ein blosses Thor in der Nähe 
des capitolinischen Berges, feierlich aufgeschlossen und blieb so 
lange geöffnet, bis das Heer zurückgekehrt und der Krieg beendigt 
war. (Ov. F. 1," 257 ff. Yirg. Aen. 7, 607 ff. Liv. 1, 19.) 

Wir fügen an diese Gottheiten noch einige andere an, welche 
zwar ursprünglich nicht römisch waren oder zu römischen Göttern 
niederen Ranges gehörten, aber nach Annahme der griechischen 
Vorstellungen seit der Blüthe der römischen Litteratur als mächtige 
und hochstehende Götter, die den vorübergehenden an die Seite 
treten konnten, angesehen wurden. 

9. Apollo. 

Diesen Gott nahmen die Eömer von den Griechen an, ohne 
ihn mit einem einheimischen Gotte zu identificiren oder sein Wesen 
nach irgend einer Seite hin zu verändern. Schon zur Zeit des 
Tarquinius Superbus sollen die Römer das delphische Orakel des 
Apollo befragt haben. Dasselbe geschah zur Zeit der Belagerung 
von"~Veji (Liv. 5, 21). Der erste Tempel wurde deni Apollo zu 
Rom im J. 432 v. Chr. gelobt, damit er eine verheerende Pest 
von der Stadt abwende (Liv. 4, 25). Hierzu kamen in der Folge 
noch mehrere Tempel des A. medicus; doch bezog sich die heilende 
Kraft des Gottes nicht blos auf den Leib, sondern auch auf die 
Seele, er war Heil- und Sühngott. Zur Zeit des zweiten punischen 
Krieges stiftete man dem Apollo .die jährlich wiederkehrenden 

13* 



— 196 — 

apollinarisclien Spiele (Liv. 25, 12), wobei ihm nach grie- 
chischer Art geopfert ward. Diese Spiele wurden ihm als einem 
Gotte gefeiert, der die Feiade abwehrt und den Sieg verleiht. 
Augustus, der den Grott besonders ehrte und ihm bei Actium, wo 
er die Alleinherrschaft errungen, und auf dem palatinischen Berge 
Tempel baute, setzte ihm die actischen Spiele ein und feierte 
das Fest der säcularischen Spiele neben Dis und Proserpina 
auch dem Apollo und seiner Schwester Diana; in dem Liede, 
welches Horaz für diese Feier dichtete und das am dritten Tage 
derselben von Jünglingen und Jungfrauen in dem palatinischen 
Apollotempel gesungen wurde, werden beide Grottheiten um Segen 
für das Eeich angerufen, Sie wurden also hier als Schutzgötter 
des Eeiches betrachtet. 

Der l^&me der Latona, der Mutter des Apollo, ist eine 
Uebersetzung des griechischen Wortes Leto (Isiteo = Xr^^•co), 

Der griechische Heügott Asklepios, der Sohn des Apollon, 
wurde unter dem Namen Aesculapius im J. 291 v. Chr. während 
einer Pest aus Epidauros nach Rom gebracht, wo ihm auf der 
Tiberin'sel ein Tempel geweiht ward (Ov. Met. 15, 622 ff. Liv. 
10, 47). 

10. Diana. 

Diana war eine ächtitalische Grottheit, eine Spenderin des 
Lichts und des Lebens, ähnlich der Juno Lueina*). Wegen dieser 
Eigenschaft ward sie später, als man mit der griechischen Eeligion 
bekannt wurde, mit Artemis identificirt und zur Schwester des 
Apollon gemacht. Indem »sie jetzt ganz das Wesen der Artemis 
erhielt, ward sie eine Hain und Berge und See liebende Jägerin, 
sie ward, wie Artemis in späterer griechischer Zeit, eine Mond- 
göttin (Luna) und eine auf den Dreiwegen xunherschweifende 
(Trivia) und geheimnissvollen Zauber treibende Hecate. 

Der Dienst der Diana war durch latioische Plebejer nach Rom 
gebracht worden; deshalb wurde sie auch von diesen besonders als 
Schutzgöttin verehrt. Zweimal zog die Plebs schutzsuchend zu dem 
Tempel der Diana auf dem Aventinus (Liv. 2, 32. 3, 51), welchen 
Servius Tullius, der Sohn einer Sklavin und Freund des niederen 
Volkes, als gemeinsames HeOigthum und als Mittelpunct des lati- 
nischen Bundes erbaut haben soll (Liv. 1, 45). An den Iden des 
August hatte Servius diesen Tempel geweiht; deshalb war an 
diesem Tage das Fest der Gröttin, und er hiess Tag der Sklaven, 
weil Sklaven und Sklavinnen, die unter dem Schutze der Diana 
standen, vornehmlich dieses Fest feierten. 

Zu Aricia war in einem Haine das Heiligthum einer Haingöttin 



*) Der Name ist verwandt piit dies^ (Zsvg) Jiog, Jimvr]. 



— 197 — 

(Nemorensis), welche für die Diana gehalten wtu'de, mit eiaem 
eigenthümlichen, blutigen Dienste, Der Priester dieses Heiligthmns, 
der Hainkönig (Eex nemorensis), der immer ein entlaufener 
Sklave war, erlangte jedesmal sein Priesterthum durch einen Zwei- 
kampf, in dem er seinen Vorgänger erlegte; er musste, um in 
seiner Stelle zu verbleiben, mit jedem um dieselbe kämpfen, der 
von dem heiligen Baume in dem Haine zur Herausforderung einen 
Zweig abbrach. Die Göttin forderte also Menschenblut; deswegen 
glaubte man, der Dienst der taurischen Artemis, welcher ebenfalls 
Menschenopfer fielen, sei durch Orestes oder Hippolytos hierher 
gebracht worden. Man erzählte, Hippolytos, ein Liebling der Artemis 
(s, p. 153), sei durch Asklepios von den Todten erweckt imd 
durch Artemis unter dem ISTamen Virbius nach Arieia versetzt 
worden, wo er als SchützUng der ISTymphe Egeria, deren Quelle 
sich bei dem dortigen Heüigthume befand, die königliche Herrschaft 
führte (Virg. Aen. 7, 761. Ov, Met. 15, 497. Fast. 3, 263. 6, 731). 

11. Venus. 

Venus entspricht in der späteren römischen Zeit der grie- 
chischen Aphrodite; sie war die Göttro. der Liebe, besonders der 
ehelichen Liebe. Als solche hatte sie verschiedene Beinamen: 
Verticordia (Herzenslenkerin), Coneiliatrix (Versöhnerin), Ob- 
sequens (Willfährige), Viriplaca (Besänftigerin des Mannes), 
Placida und Alma (die Sanfte und Holde), Mimnermia oder 
Meminia (die Eingedenke), Genetrix (Erzeugerin) u. s.w. Manche 
Beinamen sind schwieriger zu erklären. Den Beinamen Murcia, 
Murtia, Myrtia leitete man von der ihr heiligen Myrte ab; 
wahrscheinlich aber kommt der ursprüngliche l^ame Murcia von 
miilcere (erweichen). Cloacina stammt wahrscheinlich von cluere 
oder cloare = luere (reinigen), Calva wahrscheinlich von calvere 
(betrügen, täuschen). Auffallend ist die Bedeutung des Beinamens 
Libitina, Libentina, Lubentina, Lubia; denn obgleich der 
Name, von übet, lubet abgeleitet, die Göttin der Neigung be- 
zeichnen soU^ so deutet doch Alles bei ihrem Dienst auf Tod und 
Leiche hin. Li dem Tempel der V. Lubentina wurden alle Geräth- 
schaffcen, welche zur Bestattung gebraucht wurden, aufbewahrt, 
und nach der Anordnung des Servius Tullius musste für jeden 
Verstorbenen ein Geldstück in denselben entrichtet werden. Wahr- 
scheinlich erhielt Venus diese Bedeutung durch Vermischung mit 
einer altitaHsehen Todesgöttin Libitina, welche auch als Proserpina 
gedeutet ward. 

Unter den obigen Beinamen hatte Venus in Eom verschiedene 
Tempel und Heiligthümer; doch wurde ihr Dienst erst zur Zeit 
des Cäsar und Augustus, welche sie als die Stammmutter des 
julischen Geschlechtes ansahen, zu besonderem Glänze erhoben. 



— 198 — 

Wie vnä wann ihr Cultus nacli Rom gekommen, ist ungewiss; 
aucli weiss man niciit genan, welche Bedeutung Venus vor der 
Aufnahme griechischer Vorstellungen hei den Eömern gehaht habe 
und wie es gekommen, dass Venus mit Aphrodite identificirt ward. 
Es scheint, dass sie in älterer Zeit eine Gartengöttin gewesen ist, 
eine Gröttin des Frühlings und der sprossenden und blühenden 
Natur; wenigstens gebrauchen ältere Dichter (Naevius) ihren 
Namen geradezu für G-artengewächse. — Ein Fest der Venus wurde 
von den Frauen am I.April, im Beginn des Lenzes, gefeiert (Ov. 
F. 4, 1 ff.). 

Amor oder Cupido (Liebe, Liebessehnsucht) ist eine Nach- 
bildung des griechischen Eros, welche bei den Römern keine be- 
sondere Verehrung genoss. 

Talassio oder Talassius ist der römische Hymenaios, Hoch- 
zeitsgott. Das Wort bezeichnet eigentlich die Wollarbeit der Frauen. 
Wenn nämlich die Braut in das Haus des ztikünftigen Gatten ge- 
führt wurde, nahm sie einen Rocken mit WoUe und eine Spindel 
mit G-arn mit, und während des Zuges rief man häufig das Wort 
Talassio aus. Eine von Livius (l, 9) erzählte Legende, die sich 
auf den Jungfrauenraub des Romulus bezieht, sollte die Entstehung 
dieses Ausrufs erklären. 

12. Mercurius. 

Der Name hängt zusammen mit merx, mereari und be- 
zeichnet den Gott des Handels und Gewinnes. Die Römer haben 
die Vorstellung dieses Gottes von dem griechischen Hermes her- 
genommen, welcher ja auch dem Handelsverkehr vorstand, und ob- 
gleich sie in der Folge auch die übrigen Eigenschaften des Hermes 
auf ihren Mercurius übertrugen (Horat. Carm. 1, 10) und diesen 
ganz mit jenem identificirten, so ist doch stets die Vorstellung 
eines Handelsgottes bei ihm die vorherrschende geblieben. 

Mercur hatte ein Fest' an den Iden des Mai, an welchem Tage 
einst im J. 495 v. Chr. (Liv. 2, 21) sein erster Tempel in der 
Nähe des Circus Maximus geweiht worden war. Zu gleicher Zeit 
mit der Gründung dieses Tempels war auch ein CoUegium der 
Kaufleute (mercuriales, mercatores) gestiftet worden (Liv. 2, 
27), xmd Kaufleute waren es besonders, die das Fest des Mercur 
feierten; sie opferten dem Gotte Weihrauch. Vor dem capenischen 
Thore (Ov. F. 5, 673) war ein Wasser, das Wasser des Mercur 
genannt, und bei demselben ein Altar. Mit diesem Wasser be- 
sprengten die Kaufleute sieh und ihre Waaren, um, wie Ovid sagt, 
die Schuld jedes begangenen Betruges von sich abzuwaschen, und 
opferten auf dem Altare, indem sie den Gott um Beistand in ihrem 
Gewerbe anflehten. 



199 — 



IL Die Götter des Feldbaues und der Viehzuclit. 

1. Saturnus. 

Saturnus war ein altitalisciier Gott der Saaten (von sero, 
satum) und der Landwirthschaft, der durch die Einführung des 
Ackerbaues die Menschen zur Gesittung und zu aUgemeinem Wohl- 
stande geführt hatte. In späterer Zeit identificirte man ihn mit 
Kronos umd erzählte, er sei, als sein Sohn Jupiter ihn gestürzt 
habe, nach Latium geflohen, und die Menschen hätten hier unter 
ihm das goldene Zeitalter verlebt. An seinem Feste, den Satur- 
nalien, welche im December, wo das hoffiiungsvoUe Saatkorn in 
der Erde lag, mehrere Tage lang gefeiert wurden, suchte man sich 
jene selige Zeit unter der Herrschaft des Saturnus ins Gedächtniss 
zurückzurufen. Die Herren Hessen den Sklaven volle Freiheit 
und bedienten sie bei Tische; denn während des goldenen Zeit- 
alters war kein Unterschied der Stände gewesen. Man überliess 
sich unter dem frohen Rufe: lo Saturnalia, io bona Satur- 
nali a! jeglicher Lust, schmauste und spielte und erfreute sich durch 
Geschenke. Alle Arbeiten ruhten, die Gerichte, die Schulen, die 
Kaufläden waren geschlossen, und man begann keinen KJrieg und 
schlug keine Schlacht. Ueber die Zeit der Einsetzung dieses Festes 
sind die Nachrichten verschieden, nach Livius (2, 21) wurde es 
im J. 495 V. Chr., nach anderer Angabe in den ältesten Zeiten 
von Janus eingesetzt. Einen alten Tempel hatte der Gott am 
Fusse des Gapitolinus. 

Mcht bloss die Saat, sondern sämmtliche auf der Flur und 
in den Gärten gezogenen Gewächse standen unter dem Schutze des 
Saturnus ; auch die Behandlung des Obstbaumes und der Eebe sollte 
«r erfunden und die Menschen gelehrt haben. Von dem Düngen 
der Felder hatte er den Beinamen Sterculius, Düngergott. 

Die Bildsäule des Gottes war im Innern mit Oel gefüllt, 
einem wichtigen Produkte des italischen Feldbaues, und führte in 
der Hand ein krummes Garteimiesser. 

Die Gemahlin und das weibliche Gegenbild des Saturnus ist 

2. Ops, 

die Göttin des reichen Getreidesegens, die wegen ihres Bezugs ziu: 
Saat den Beinamen Consivia hatte. Sie hatte manche Heilig- 
thümer und das Fest der Satumalien mit ihrem Gemahle gemein- 
schaftlich; ausserdem aber ward ihr noch ein besonderes Fest unter 
dem Namen Opiconsivia gefeiert, am 25. August, ,nachdem das 
Getreide ausgedroschen war. 



— 200 - 

Als Saturniis dem Kronos gleiciigestellt worden war, wurde 
Ops mit Eliea identificirt und beiden als gemeinsamer Vater 
Coelus (Uranos) gegeben. 

Eine der Ops ähnliche Göttin des reichen Jahresertrags war 
Annona (von annus). 

3. Vertumnus. 

Vertumnus oder Vortumnus (von verto) bezeichnet den 
sich Verwandelnden. Diese Wandelung bezieht sich besonders und 
ursprünglich auf die Veränderungen, denen die Früchte bis zur 
Eeife unterworfen sind. Von Vertumnus kommt der blühende 
Segen des Lenzes und die Ernten des Sommers und des Herbstes- 
Wein und Obst, die Gaben des Herbstes, sind seine vorzüglichsten 
Güter; die Vorstellung einer Gottheit des reifendisn Herbstes ist 
die vorwiegende, imd man feierte ihm daher in dieser Jahreszeit, 
im October, die Vertumn allen. Uebrigens haben die Römer die 
Vorstellung des Vertumnus erweitert und sein Wesen auf alle 
Erscheimmgen, in welchen der Begriff des Verbums vertere auf- 
gefunden werden kann, gedeutet, auf den Wechsel der Jahreszeiten, 
den Umtausch der Waaren, die Wandelbarkeit des meiischlichen 
Sinnes u. s. w. 

Man dachte sich den Gott als einen schönen JüngUng und 
stellte ihn dar mit einem Kranze von Aehren oder grünem Laube 
um das Haupt, das mit Früchten gefüllte Füllhorn im Arme, dem 
griechischen Dionysos ähnlieh. 

Die Gemahlin des Vertumnus war Pomona, die Göttin des 
Obstes (Ovid. Met. 14, 623 ff.). Sie hatte einen eigenen Flamen,, 
woraus man die Wichtigkeit ihres Dienstes erkennt. Von der 
Kunst wurde sie einer Herbsthora ähnlich dargestellt, während 

4. Flora; 

die Göttin der Blüthe und des Frühlings, in ihrer Darstellung 
mehr einer Frühlingshora (Chloris) entspricht. Der Dienst diesei* 
Göttin gehört zu den ältesten Roms; er wird auf Titus Tatius 
oder ]S"uma zurückgeführt, der ihr einen Flamen eingesetzt haben 
soll. Vom 28. April bis zum 1. Mai feierte man ihr die Floralien, 
ein Freudenfest, an welchem man die Thüren der Häuser mit 
Blumen bekränzte und bei der Mahlzeit Blumen auf den Tisch 
streute. Die Frauenzimmer trugen, um die bunte Blumenpracht 
der Fluren anzudeuten, an diesen Tagen bunte Kleider, was sonst 
nicht erlaubt war; man überliess sich, mit Kränzen geschmückt, 
dem fröhlichen Lebensgenuss und dem ausgelassensten Muthwülen. 
(Ov. F. 5, 183 ff.). 



— 201 



5. Ceres. 

Auf die Vorstellimg und den Dienst der Ceres hat die grie- 
cHische Demeter schon früh einen solchen Eiafluss geübt, dass alle 
italischen Eigenthümlichkeiten der Göttia verschwunden sind und 
man nur noch aus dem ächtitalischen Namen Ceres erkennt, dass 
■diese Grottheit schon vor der Uebertragung der griechischen Vor- 
stellung in Italien verehrt worden ist*). Cicero (pro Balbo c. 24) 
sagt von ihrem Dienste: „Unsere Vorfahren wollten den Dienst 
der Ceres jnit grosser Eeinheit und Heiligkeit vollzogen wissen, 
und da er aus G-riechenland entlehnt ist, so wurde er auch immer 
durch griechische Priesterirmen ausgeübt, und Alles dabei war 
griechisch benannt. Wenn aber auch die, welche die Feier angab 
xmd verrichtete, aus Griechenland berufen wurde, so wollten sie 
doch, dass dieselbe die Opfer, die zum Heil der Bürger gebracht 
wurden, auch als Bürgerin verrichte, damit sie zu den unsterb- 
lichen Göttern zwar nach fremder Kenntniss, aber doch mit ein- 
heimischer Frömmigkeit bete. Ich sehe, dass diese Priesterionen 
gewöhnlich aus Neapel oder Velia geholt wurden, aus uns ver- 
bündeten Staaten." Dass der Dienst der Ceres von Griechenland 
übertragen worden ist, bezeugt die Zusammenstellung derselben 
mit Liber und Libera, d. i. nach griechischer Auffassung Koros 
(Bakchos) und Kora, sowie , ein gewisser mystischer Charakter des 
Dienstes, der sonst dem Eömer fremd ist. ' Die Frauen, welche ihr 
Fest begingen, fasteten und zogen, die geraubte Tochter der Ceres 
suchend, mit Fackeln umher, indem sie mit Bezug auf den Eaub 
der Tochter die Namen Vater oder Tochter auszusprechen sieh 
hüteten. 

Den ersten Tempel soll Aulus Postumius im J. 496 v. Chr. 
zu einer Zeit, wo man eiae Hungersnoth befürchtete, der Ceres 
nebst Liber und Libera am Circus geweiht haben unterhalb des 
Aventinus, des Hauptsitzes der Plebejer. Denn Ceres war vorzugs- 
weise eine Göttin der Plebs. Deshalb wurden auch die Güter 
derjenigen. Welche sich gegen die Volkstribunen vergangen hatten, 
zum Besten jenes Tempels verkauft und in demselben von- den 
plebejischen Aedilen die Senatsbeschlüsse aufbewahrt, damit diese 
den Volkstribunen zugänglich wären. 

Ceres war wie Demeter eine Göttin der Feldfrüchte, besonders 
des Getreides; man opferte ihr daher vor der Ernte ein Schwein 
(porca praeeidanea) und brachte ihr die Erstlinge der Ernte 



*) lieber Abstammung des Namens Ceres ist man zweifelhaft; man 
leitet ihn ab von dem Stanune cre in creare und crescere, so dass 
er die Erzeugerin der Pflanzen bezeichnete, oder von cernere, dem 
Scheiden der Frucht von der Spreu. Cf. Hom. II. 5, 500 : ots zs ^av&rj 
z/TjftTjT»]^ ■a^Cvei STtecyo^evcov ävs^cov 'Accqnöv xs nal a^vag. 



^ 202 — 

dar (praemetium). Ihr Fest, das sie mit Liber imd Libera ge- 
raeinschaftlich hatte, die Cerealien (Ov. F. 4, 393), fiel in den 
Frühlingsmonat, auf den 11, oder 12. April. An diesem Tage 
veranstaltete man im Circus, wohin man sich in- prächtigem Auf- 
zuge begab, Wettrennen mit Pferden, die acht Tage lang fort- 
gesetzt wurden, und warf dabei Blumen und Nüsse unter das 
Volk; man trug weisse Kleider, und die Plebejer, denn von diesen 
wurde das Fest gefeiert, veranstalteten sich Mahlzeiten und sandten 
sich Blumenkränze zu. Opferthier war an diesem Tage das Schwein; 
der den Pflug 'ziehende Stier durfte der Göttin des Ackerbaues 
nicht geschlachtet werden. 

Ceres wurde m späterer Zeit mit Tellus vermengt, weshalb 
man ihr bei Beerdigungen Schweine opferte und bisweilen bei 
Erdbeben Bettage anordnete (Liv. 41, 28). 

6. Liber oder Baccbius und Libera. 

Liber und Libera, ländliche Segensgottheiten, welche mit 
Ceres eng zusammenhingen und Tempel und Fest mit ihr gemein- 
sam hatten, sind wahrscheinlich blose Uebersetzungen der griechi- 
schen Wörter KoQog und Koqcc, so dass sie dem Dionysos und der 
Persephone entsprechen. Doch wurden die Namen von den Eömern 
gewöhnlich nach dem Worte liber, frei, mit Bezug auf die -Frei- 
heit und Ausgelassenheit, welche bei ihrem Dienste herrschte, gedeutet. 

Der Dienst des Liber oder Bacchus, des Weingottes, kam 
durch die Griechen TJnteritaliens zu den italischen Völkern und 
hatte bei diesen eine weite Verbreitung; in Eom wurde er sicher 
seit dem J. 496 v. Chr. verehrt. Bei der Weinlese spendete 
man ihm in ländlicher Einfachheit den ersten Krug Most. 
Das ihm geweihte Fest der Liberalien (Ov. F. 3, 711 ff.), an 
dem auch Ceres Theil hatte, fiel auf den 17. März und war vor- 
zugsweise ein Fest der Landleute, die an diesem Tage zu den 
Schauspielen in die Stadt kamen. Auf dem Lande feierten sie das 
Fest gleich den attischen Landleuten mit ausgelassenen Scherzen. 
Sie nahmen Fratzengesichter von Baumrinde vor und riefen den 
Bacchus an in fröhlichen Liedern; sie hängten Schaukelbilderchen 
des Gottes an hohe Fichten auf; wohin der Gott sein Antlitz 
wandte, da gediehen die Weinpflanzungen und es füllte sich Thal 
und Hügel (Virg. G. 2, 385 ff.). Man opferte dem Gotte den Bock 
und goss, um die Süssigkeit seiner Gaben anzudeuten, Honig auf 
warme Fladen. An diesem Tage nahmen die Jünglinge die toga 
virüis an; der Eintritt in das freiere Leben geschah am besten am 
Festtage des Liber. 

Bacchus ward den Römern auch ein Mysteriengott, den 
man bei nächtlichen Versammlungen auf die unsittlichste Weise 
feierte. Gegen diese geheimen Bacchanalien, in denen allerlei 



— 203 ~ 

Verbrechen begangen wurden, musste. der Senat im Jahre 186 
T. Chr. mit der grössten Strenge einschreiten (Liv. 39, 8 ff.). 

Libera, welche für sich keinen besonderen Dienst hatte, galt 
in diesen Geheimweihen für die Gemahlin des Bacchus, weshalb sie 
mit Ariadne für gleichbedeutend gehalten wurde (Ov. F. 3, 512). 

7. Tellus oder Terra. 

Tellus, die Mutter Erde, welche den Segen der Gewächse 
aus ihrem Schoose heraufsendet und das Geschlecht der Menschen 
trägt und ernährt, wird bei den Eömern oft mit Ceres zusammen- 
gestellt. An den Saatfesten im Januar (Periae sementivae) 
wurde ihnen gemeinschaftlich geopfert (Ov. F. 1, 657 ff.), und die 
Fordicidia (Schlachtung trächtiger Thiere), das Fest der Tellus 
am 15. Aprü, fiel in die Feier des Ceresfestes hinein. An diesem 
Feste, das von Numa zu einer Zeit, wo Misswachs das Land heim- 
suchte, eingesetzt worden sein soll, opferte der Pontifex mit den 
Vestalinnen auf dem Capitol der Tellus eiue trächtige Knh (Ov. 
F. 4, 929), und in jeder Curie wurde ein gleiches Opfer gebracht; 

Mit Tellus wurde zugleich eine männliche Gottheit von gleicher 
Bedeutung unter dem IS'amen Telliimo verehrt. 

8. Bona Dea. 

Der mystische, von den Griechen wahrscheinlich ziemlich spät 
entlehnte Dienst der Bona Dea, über deren Wesen die Eömer 
selbst im unklaren waren, ist, wie es scheint, nur eiue eigen- 
thümliche Art des Demeterciütes. Ihr Fest fiel auf den 1. Mai 
und wurde von Frauen im Hause des Prätors oder des Consuls 
während der ISTacht in rauschender bacchantischer Feier begangen. 
Männer durften nicht zugegen sein, ja sogar Büdnisse derselben 
mussten während der Feier in dem Hause verhüllt werden. 

9. Cybele, Magna Mater. 

Der auch in Griechenland verbreitete Dienst der Cybele, der 
grossen Segensmutter der Phrygier, wurde während des zweiten 
punischen Krieges im J, 204 v. Chr. auf den Ausspruch der sibyl- 
linischen Bücher nach Eom verpflanzt. Man holte damals das Bild 
der Göttin, einen rohen Stein, aus Pessinus in Phrygien und baute 
ihr einen Tempel auf dem palatinischen Berge (Liv. 29, 10. Ov. 
F. 4, 265). Das Fest der Göttin, die Megalesien (von fisyakr} 
(i'^rrjo)^ wurde einige Tage vor den Cerealien -auf ähnliche Weise 
wie diese gefeiert, und zwar von den Patriciern, während die Cerea- 
lien den Plebejern angehörten. Der eigentliche orgiastische Dienst 
der Cybele blieb aber immer ein ausländischer, an dem der Eömer 



— 204 — 

selbst sich nielit betheiligen durfte; die Priester und Priesterinnen. 
derselben waren Phrygier (unter dem Namen Glalli) und Pbry- 
gierionen. Die Galli zogen in bunten Kleidern mit rauschender 
phrygischer Musik singend in den Strassen \xmher und bettelten 
für ihre Gröttin. ' 

10. Terminus. 

Die Grenze war heilig und stand unter dem Schutze eines 
besonderen Gottes, des Terminus; wer einen Grenzstein ausackerte 
oder verrückte, durfte von Jedermann erschlagen werden. Darum 
wurde der Grenzstein unter besonderen religiösen Ceremonien ge- 
setzt. Man machte eine Grube, zündete in derselben ein Feuer an 
und schlachtete darüber ein Opferthier, so dass das Blut in die 
Grube floss; dann wurden Früchte und Weihrauch daraufgeworfen, 
Honig und Wein hineiagegossen und zuletzt der bekränzte und ge- 
salbte Grenzstein in die Grube gesetzt. Damit man sich aber der 
Heiligkeit der Grenze immer erinnere, ward, wie es heisst auf 
Anordnung des Numa, ein jährliches Fest des Grenzgottes, die 
Terminalien, gefeiert, am 23. Februar. An diesem Tage kamen 
die Besitzer der aneinanderstossenden Aecker an dem gemein- 
schaftlichen Grenzsteta zusammen; jeder bekränzte auf seiner Seite 
den heüigen Stein und brachte einen Fladen zum Opfer. Man er- 
richtete etaen Altar und opferte Korn, Honig und -Wein, in spä- 
terer Zeit auch wohl ein Lamm (Hör. Epod. 2, 59), und schmauste 
zuletzt ia gemüthlicher Heitei'keit (Ov. F. 2, 637 ff.). Auch auf 
der alten Grenze der Stadt Rom wurden solche Terminalien ge- 
feiert an der Strasse nach Laurentum zu zwischen dem 5. und 
6. Meilensteia (Ov. F. 2, 677). Ausserdem hatte der Grenzgott- 
noch einen heüigen Stern auf dem Capitol in dem Tempel des Ju- 
piter. Als man, so erzählt die Sage, unter Tarqurnius Superbus 
den Jupitertempel auf dem Capitol gründen wollte und mehrere 
Heiligthümer, welche an dem ausgewählten Platze standen, exau- 
gurirt werden mussten, wollte allein Terminus nicht weichen. Daher 
schloss man das Heiligthum des Grenzgottes mit in den Tempel 
des Jupiter eia, Hess aber in dem Dache des Tempels eine Oeff- 
nung, damit der Stein des Grenzgottes unter freiem Himmel stehe. 
Auch der höchste Gott erkannte also die Eechte des Grenzgottes 
an und nahm ihn imter seinen Schutz. 

11. Silvanus. 

Silvanus (von silva) ist eigentlich ein Attribut des Mars, 
unter dessen Schutz vor Alters das Wachsthum der Pflanzen und 
das Gedeihen der Heerden stand, und gerade diese Eigenschaft 
hat sich in Süvanus verselbständigt. Er ist seinem Namen nach 



— 205 — 

der Gott des Waldes, der in dem geheimm' ssYollen Dickicht haust 
und . von da des Nachts seine gewaltige Stimme ertönen lässt. In 
dem GreheimnissTollen der Waldeinsamkeit liegt etwas Grranen- 
erregendes und Schreckhaftes; daher gut der segensreiche Gott, 
der die Bäume des Waldes schirmt und sich an ihrem üppigen 
Wachsthum erfreut, zugleich für ein Wesen, das dem Menschen 
Schrecken einjagt und Schaden bringen kann. Wie die Bäume des 
Waldes, ebenso schützt und nährt Süvanus auch die Obstbäume 
und alle Pflanzungen in Gärten und auf Feldern. Daher opferte 
man ihm die Erstlinge der Baumfrüchte, Trauben und Aehren, 
auch Milch, und feierte ihm im Herbste ein Erntefest (Hör. Epist. 
2, 1, 143); der Landmann betrachtete ihn als seinen Schutzgott 
nicht allein für die Felder, sondern auch für sein Haus. Der Gott 
hatte drei Standbilder, von denen das eine bei dem Hause, das 
zweite mitten in der Fliu: und das dritte auf der Grenze der Be- 
sitzung stand. Somit ist er auch ein Schützer der Grenzen (Hör. 
Epod. 2, 22) und tritt dem Terminus nah. Da die Viehheerden 
meistens in den Wäldern weideten, so wurden auch diese unter 
die Obhut des Silvanus gestellt; man flehte zu ihm um Gedeihen 
der Riader und glaubte, dass, er die gefährlichen Wölfe abwehre. 
Als die Römer mit dem griechischen P an bekannt wurden, identi- 
ficirten sie denselben mit Silvanus. 

Fast alles, was man dem Silvanus zuschreibt, wird auch von 

12. Faunus 

gesagt, nur tritt bei diesem noch als besondere Eigenschaft die 
Gabe der Weissagung hervor. An den Standorten seiner Orakel, 
die sich in Waldgegenden fanden, erhielt man, auf dem Felle eines 
geopferten Schafes liegend, die Weissagung im. Traitme durch Bilder 
und Töne (Virg. Aen. 7, 81. Ov. F. 4, 649). Am 15. Februar 
wurden dem. Faunus, der als Heerdengott den Beiaamen Luper- 
cus, Wolfsabwehrer, hatte, die Luperealien (Ov. F. 2, 265 ff.) 
gefeiert. Bei dem in Ziegen oder Böcken bestehenden Opfer fanden 
eigenthümliche Gebräuche statt. Man führte zwei Jünglinge von 
edler Geburt herzu und berührte ihre Stirne mit dem blutigen 
Opfermesser; sogleich aber wurden die Blutflecken wieder mit Wolle, 
die in Milch getaucht war, abgewischt, worauf die Jünglinge laut 
auflachten. Dieses war eine reinigende Ceremonie, wodurch Hirten 
und Heerden gesühnt und Unsegen imd Unfruchtbarkeit abgewendet 
wurde. Nach dem Opfer und Opferschmauss schnitten sich die 
Priester, welche Luperei Messen, aus den Fellen der geschlach- 
teten Ziegen Riemen und liefen alsdann, nur mit einem aus den- 
selben Fellen geschnittenen Schurze bekleidet, von der Opferstätte, 
dem Heüigthum des Lupercus am palatinisehen Berge (Lupercal), 
aus durch die Stadt, indem sie die ihnen Begegnenden zum Scherz 



- 206 — 

mit den Eiemen schlugen. Besonders gingen ihnen verheirathete 
Frauen entgegen, in dem Grlauben, das die Streiche sie reinigten 
und ihnen den Segen der Ehe herbeiführten. Die Einsetzung dieses 
Festes wird dem Eomulus und Eemus zugeschrieben; nach gräci- 
sirender Angabe sollte Evander den Dienst des arkadischen Fan 
nach Latium gebracht und dem Grotte, der nachmals Faunus oder 
auch Inuus (Liv. 1, 5) genannt worden sei, die Feier angeordnet 
haben. 

Durch griechischen Einfluss (siehe p. 103) wurden bei den 
Eömern auch Fauni, sowie Sil vani in der Mehrzahl angenommen 
und in Gesellschaft mit den Nymphen gebracht (Virg. Aen. 8, 
314. Georg. 1, 11). Diese, ebenfalls von den Griechen hergenommen, 
sind ähnliche Wesen wie die Silvane imd Pane, sie schirmen und 
segnen Heerden und Fluren, aber sie schrecken auch, sie weis- 
sagen und setzen die Menschen in Begeisterung und Verzückung. 

Dem Faunus wurde eine Fauna an die Seite gestellt und 
als Lupercus hatte er in der Luperca sein weibliches Gegenbüd. 

13. Pales. 

Am 21. Aprü feierten die Eömer ein ländliches Hirtenfest, 
die Palilien. Man reinigte die Stallungen, schmückte sie mit 
Laubwerk und räucherte sie alsdann nebst dem Vieh mit Schwefel, 
Kienholz, Lorbeer u. s. w. Die Opfer waren unblutig imd bestanden 
aus Kuchen von Hirse, Speisen und lauer Milch; dabei flehte man 
zu der Gottheit um Schutz und Segen der Heerden, bat um Ver- 
zeihung für unabsichtliche Verletzung und Venxnreinigung der hei- 
ligen Haine und Quellen durch die Heerden und reinigte sich und 
das Vieh durch Strohfeuer, über welche man die Heerden dreimal 
trieb und selbst dreimal sprang. Jung und Alt überliess sich an 
diesem Tage einer ausgelassenen Freiide; man zechte und schmauste 
im Freien auf Easenbänken und Tischen von Easen (Ov. F. 4, 
721 ff. TibuU. 2, 5, 87. Propert. 4, 4, 73).- 

Die Gottheit, der zu Ehren dieses Fest gefeier twurde, heisst 
Pales, und man sieht aus den Gebräuchen, dass sie eine Hirten- 
gottheit gewesen sein muss, deren Name mit pasco zusammen- 
zuhängen scheint; aber die Eömer waren über ihr Wesen so sehr 
im Unklaren, dass sie zweifelhaft waren, ob es eine Göttin oder 
ein Gott sei. Sie feierten zugleich an diesem Tage den Stiftungs- 
tag ihrer Stadt. Die Stadt des Eomulus war auf demPalatium, 
dessen Name auf Pales hindeutet, gegründet, und Hirten waren 
ihre erste Bevölkerung. 



207 



ni. Grötter des Hauses Tmd der Familie. 

1. Penaten (Penates). 

Der Name Penates hängt zusammen mit penns, penitus, 
penetrare, penetralia, Wörtern, welche alle den Begriff des 
Innersten und Greheimsten ausdrücken. Die Bilder der Penaten 
standen in dem Räume des Hauses, welcher penetralia heisst, in 
dem grossen Saale, der als der gewöhnliche Aufenthaltsort der 
Familie und der Mittelpunct des Hauses galt. Hier war der Herd 
des Hauses, in dessen Nähe sich der Schrein der Penaten befand; 
auf dem Herde brannte ihnen ein immerwährendes Peuer; vielleicht 
hatten sie auch neben demselben noch einen besonderen Altar. 
Sie sind ganz allgemein die Hausgötter, welche die Einheit der 
Familie und deren Bestand schützten; die Mitglieder der Familie 
suchten an ihrem Altare, dem Herde, Schutz und Zuflucht vor 
Verfolgung, und der Hausvater durfte hier selbst nicht von der 
Obrigkeit angetastet werden. Sie nahmen einen steten Antheil an 
dem Schicksale der Familie itad erhielten bei traurigen wie freu- 
digen Ereignissen des Hauses ihre Opfergaben. In Bezug auf Zahl, 
JTamen tmd G-eschlecht ist ihr Wesen ganz unbestimmt; man rech- 
nete die verschiedensten Gottheiten, welche als Schützer des Hauses 
gelten konnten, unter die Penaten, so besonders Vesta, die Göttin 
des Feuerherdes, auch Jupiter, die Laren u. s. w. Weü ihr Wesen 
ganz allgemeiu gehalten wurde und unbestimmt blieb, so haben die 
Griechen sie mit verschiedenen Namen zu bezeichnen gesucht; sie 
nannten sie Ttcct^aoi yevi&Xioi^ uto^öioi, (xv^toi-, sQxtoi; bei den Römern 
selbst hiessen sie dii penetrales, domestici, familiäres, 
patrii. 

Da der Staat eine Familie im Grossen ist, so gab es auch 
Penaten des Staates. In dem Vestatempel, dem gemeinsamen Herde 
der Stadt und des Staates, hiess auch der ionere Raum penetra- 
lia und ein geheimer Theü desselben penus, in welchem die 
Büder der Penaten des Staates verborgen sein sollten. Diese Pe- 
naten hiessen majores, publici, während man die der einzelnen 
Familien minores, privati nannte. 

2. Laren (Lares). 

Die Laren sind häufig mit den Penaten vermengt worden, 
doch sind sie ursprünglich von denselben verschieden. Sie gelten 
als vergötterte Mensehenseelen, gute Geister, welche nach dem Tode 
segenbrittgend auf der Oberwelt weüen. Die vorzüglichste Sorge 
des Verstorbenen wird sich um die Angelegenheiten der Hinter- 



— 208 — 

bliebenen, der eigenen Familie drehen, somit sind die Laren vor- 
nelimlicli Sclintzgeister des Hauses, dem sie angehörten, nnd konnten 
also leicht mit den Penaten zusammengestellt und verwechselt 
werden; doch sind sie so eng mit dem Hanse an sich verbunden, 
dass sie bei einem Ueberzuge der Familie in demselben zurück-. 
blieben, während die Penaten die Familie begleiteten. Jedes Haus 
hat seinen Lar oder auch mehrere; ihre Bilder, aus Wachs oder 
Holz, hatten wie die Penaten ihren Standort in der Nähe des 
Herdes, oft in eiaem besonderen Schrein (lararium), der bei fest- 
lichen Grelegenheiten geöffnet wurde, damit die Laren mit der Fa- 
milie an dem Feste Theil nehmen konnten. Der Dienst des Lar 
oder der Laren wurde mit der grössten Gewissenhaftigkeit besorgt; 
man opferte ihnen bei jedem freudigen Ereigniss, an allen Festtagen, 
an den Kaienden, Nonen und Iden jedes Monats, und legte dabei 
frische Kränze auf den Herd, bei jeder Mahlzeit erhielten sie ihren 
Antheil von Speisen auf kleinen Schüsseln. Wenn der Sohn des 
Hauses die toga virilis erhielt, so weihte er seine bulla, die 
er bisher als Kind getragen hatte, den Laren; die junge Frau, 
welche in das Haus eingeführt ward, begrüsste sie am Tage nach 
der Hochzeit durch ein Opfer. 

Die Laren haben das doppelte Geschäft, ihre Angehörigen 
sowohl in dem Hause als ausserhalb desselben zu schirmen; sie 
walten über denselben auf der Reise zu Land und zu Wasser 
(Lares viales, permarini) und schützen sie in den Gefahren 
des Krieges (L. militares), sie überwachen den Feldbesitz (L. 
rurales). 

Wie die Laren einzelnen Häusern zugetheüt sind, so kann 
ihre Pbhut auch über ganze Strassen der Stadt ausgedehnt werden, 
ihre . Altäre und Kapellen standen an dem Zusamnienstoss der 
Strassen (compita, daher L. compitales, ihr Fest Gompitalia 
am 2. M^i); ferner gab es Laren für ganze Geschlechter, für die 
ganze Stadt und den Staat (L. gentium, L. urbani oder hostiles, 
weil sie den Feind von der Stadt abwehrten; L. prae.stites, die 
Vorstände des Staates). Die Laren des Staates, die öffentlichen 
(publici), werden von griechischen und römischen Schriftstellern 
mit den griechischen Heroen identificirt, weü sie wie diese die 
Helden der mythischen Geschichte sind und doch fortwährend die 
Stadt und den Staat beschützen, und sind von höherem Eange als 
die Laren der einzelnen Familien (privati); man rechnet zu jenen 
Romulus, Eemus, Tatius, Faustulus, Acca Larentia u. A. 

Lares sind, wie oben gesagt, die guten, seligen Geister der 
Verstorbenen, die bösen, quälenden und gequälten heissen Larvae 
oder auch Lemures; die Geister der Hingeschiedenen überhaupt 
ohne den obigen Unterschied heissen Man es (die Guten) und 
weüen -jmter der Erde, von wo sie bisweilen auf die Oberwelt 
emporsteigen. 



— 209 — 
Den Laren und Penaten verwandte Wesen sind die 

3. Genien (Genii), 

eigentlicli die Götter der Lebenserzeugimg, ron geno = gigno. 
Der Genius führt den Mensclien in das Leben ein und begleitet 
ihn gewissermassen als sein besseres Ich, als der Inbegriff seiner 
höheren Anlagen schützend von der Geburt bis zum Tode; er ist 
somit oft gleich dem Geschicke des Menschen. Der Geburtstag 
eines Menschen war ein Festtag für dessen Genius, man brachte 
ihm alsdann Weihrauchopfer, Wein und Blumen als Opfergaben 
dar und tiberliess sich ilmn zu Ehren einer fröhlichen Laune. Daher 
heisst sich das Leben erheitern und weise gemessen: seinem Genius 
zu Gefallen leben; wer sich dagegen das Leben verkümmert, der 
beleidigt seinen Genius. Nach dem Tode des Menschen geht der 
Genius nicht wie die Seele in die Unterwelt, sondern er bleibt in 
dem heiteren Eeiche des Lichtes zurück und weilt wohl bisweilen 
auf dem Grabe seines Schützlings. — Die Frauen nannten ihre 
Genien Junones, 

Der Genius, identificirt mit dem griechischen Daimon, ist vor- 
zugsweise der gute Geist des Menschen; doch hatte man anderer- 
seits auch die Vorstellung von bösen Genien (das Gespenst des 
Brutus), sowie den Menschen selbst theils die guten, theils die 
bösen Mächte seiner Seele treiben. So konnte der griechische 
Daimon nicht weniger ein KUKodccifiav als ein ccya&odaiiMav sein. 

Wie die einzelnen Menschen ihre Genien oder Dämonen hatten, 
so auch jedes Haus, jede Familie und Genossenschaft, Städte xmd 
Völker; es gab jGrenien einzelner Landschaften und Oerter (G. lo- 
corum), einen Genius des Meeres, der Erde und der Welt. 

Die Genien der Oerter bildete man gewöhnlich in Gestalt von 
Schlangen, welche vorgesetzte Früchte verzehren. Der Genius des 
Menschen dagegen wurde dargestellt als ein Jüngling in der Toga 
mit verhülltem Haupte, Schale und Füllhorn in den Händen. 



IV. Götter des GescMcks. und der Weissagung. 

1. Parcen (Parcae), Fatum, Fortuna. 

Der griechischen Moira entspricht die römische Parca (jioiqu, 
pars); wie die Moira bezeichnet sie entweder als eine dunkle, un- 
erbittliche Macht das Schicksal in seiner abstracten Allgemeinheit, 
, oder sie ist das Gesammtschicksal eines Einzelnen, welches ihm 
Geburt, Lebenslauf xmd Todesloos bestimmt. Wahrscheinlich nahmen 
die Eömer ursprünglich nur eine Parce an; in der Zeit der Littera- 
st oii, Mythologie. 6. Aufl. 14 



— 210 — 

tur dagegen hatten sie die griechisclie Dreizahl mit den griecM- 
schen ÜSTamen. 

Das, was von den Göttern, besonders von Jupiter als gött- 
licher Wille ausgesprochen (fari) nnd als Geschick unabwendbar 
festgesetzt ist, heisst Fatum. Die Pata in der Mehrzahl be- 
zeichnen theils die Eiozelschicksale und den darüber ausgesprochenen. 
Willen der Götter, theils sind sie, identisch mit den Pareen, die 
Schicksalsgottheiten, welche die Lebensloose der Menschen bei ihrer 
Geburt niederschreiben 5 daher heissen sie fata scribunda. Diese 
wurden nach der Geburt eines Kindes am letzen Tage der ersten. 
Woche angerufen. 

Eine sehr ausgedehnte Verehrung genoss bei den Eömern die 
Fortuna, wie die griechische T yche die Göttin des Zufalls 
und besonders des Glückes und Segens. Die Einsetzung ihres 
Dienstes wird dem Servius Tullius zugeschrieben, er hatte ihr, 
weil er durch ihre Gunst als Sohn einer Sklavin auf den Königs- 
thron gekommen war, mehrere Tempel geweiht, imter anderen den 
Tempel der Fortuna Primigenia auf dem Capitol, den der Fors 
Fortuna, des Zufalls, an dem Tiber unterhalb der Stadt. Unter 
dem Beinamen Primigenia, den die Göttin wohl deswegen hatte, 
weil sie allem bei seiner Entstehung sein Geschick zutheilte, hatte 
sie auch auf dem Quirinalis einen Tempel; sie wurde zugleich als 
eine F. Publica verehrt, eine Fortuna des ganzen römischen Volkes, 
dem ihre Huld die Herrschaft über alle Länder verschafft hatte. 
Dieser F. Publica, der Göttin des Staatsglücks, stand die Göttia 
des Privatglücks, F. Privata, entgegen. Die Fors Fortuna wurde 
besonders von den Plebejern bei dem oben erwähnten Heüigthum 
verehrt. An ihrem Feste am 24. Juni zogen sie zu Fuss und auf 
bekränzten Kähnen dorthin und feierten den Tag unter fröhlichen 
Gelagen (Öv. F. 6, 765 ff.). Sie war somit eine Plebeja; aber 
auch die Patricier verehrten eine F. Patricia. Ausserdem hatte 
die Göttin noch eine Menge von Heiligthümern unter den ver- 
schiedensten Namen je nach den Personen, denen ihre Gnade zu 
Theil ward; sie hiess F. Equestris, Libera (der Freien, im 
Gegensatz zu den Sklaven), F. liberum (der Kinder), Virgi- 
nalis, Muliebris, Barbata (die den Knaben zum Jüngling heran- 
wachsen lässt), Virilis; diese F. Virilis erhielt in späterer Zeit 
die Bedeutung des Glücks der Frauen bei den Männern, weshalb 
die Frauen ihr opferten und sie um Erhaltung ihrer Kerze baten 
(Ov. F. 4, 145). Andere Beinamen hat P. von ihr eigenthüm- 
lichen Eigenschaften und Thätigkeiten, wie Respiciens (die Rück- 
sichtnehmende), Blanda (die Holde), Dubia (die Zweifelhafte), 
Brevis (von dem kurzen Glücke), St ata (die Beständige), Bona, 
Mala, Averrunca (die Unheilabwendende), Comes (die auf Reisen^ 
Geleitende), Redux (die glücklich Zurückführende) u. s. w. 

Ausser in Rom wurde Fortuna auch in manchen andern Städten 



— 211 — 

Latiiuns hoch verehrt, so zu Antium (Horat. Carm. 1, 35) uncl 
Praeneste. In beiden Städten war sie auch eine Grottheit der Weis- 
sagung. 

Neben einer Stattie der Bona Fortuna auf dem Capitol stand 
eine Bildsäule des Bonus Eventus, des guten Erfolgs, der 
auch einen Tempel auf dem Marsfelde hatte. Die Pelicitas 
(Faustitas, Hör. Carm. 4, 5, 18), das wirkliche Glück, die Grlück- 
seligkeit, hatte in Eom einen Tempel in der 5. Eegion. 

An diese Schicksalsgottheiten lassen wir sich anreihen die 
Schicksal yerkündenden 



2. Camenen. 

Das Wort Camenae (v. cano) bezeichnet die Singenden d. i. 
die Weissagenden, und da man den Quellen begeisternde Kraft zu- 
schrieb, so dachte man sie sich als weissagende Quellgöttinnen, 
Quellnymphen. Diesen Camenen soll Numa zti Äricia einen Hain 
nebst der Quelle Egeria geweiht haben; die Nymphe der Quelle 
selbst, Egeria, welche den Numa ihres Umgangs und ihrer Lehre 
würdigte, ist den Camenen beizuzählen (Liy. 1, 21). Zur Zeit der. 
römischen Litter atur wurden die Camenen mit den griechischen 
Musen identificirt imd gingen ganz in deren Wesen auf. 

Der Name Carmenta, Carmentis, der ebenfalls von eano 
stammt, ist gleich Camena und scheint der ältere Name gewesen 
zu sein. Die Römer hielten die Carmentis für die Mutter des Ar- 
kaders Evander. Die am 11. und 15. Januar am carmentalischen 
Thor gefeierten Feste der Carmentalien sollten ihr xmd ihren 
Gefährtinnen Porrima (oder Prörsa, Antevorta) und Post- 
vorta gelten, von denen jene die dunkle Vergangenheit, diese die 
Zukunft den Menschen eröffnet habe. Beide wurden von den römi- 
schen Frauen wie Carmenta auch als Geburtsgöttinnen verehrt. 



V. Gestirne. 

Sol und Luna. 

Von den Gestirnen verehrten die Römer nur Sonne und Mond, 
Sol und Luna, deren Dienst Titus Tatius eingeführt haben soU. 
Die Verehrung des Sol war übrigens in Rom nie bedeutend ; seine 
HeOigthümer scheinen meistens aus späterer Zeit zu stammen. 
Wichtiger war der Dienst der Luna; sie besass Tempel auf dem 
Aventin (Ovid. F. 3, 883), auf dem Capitol und unter dem Namen 
Noctiluca auf dem Palatium. Der letzte Tempel wurde jede Nacht 

14* 



— 212 — 

erleuchtet. Die römischen Dichter trugen das Wesen des Helios 
und der Selene ganz auf Sol und Luna über, weshalb auch Luna 
mit Diana und Hecate vermengt ward. 



VI. Gewässer und Winde. 

1. Das Meer. 

Als den G-ott des Meeres verehrten die Eömer den Neptunus; 
da jedoch die älteren Eömer nur sehr wenig mit dem Meer in 
Berührung kamen, so blieb der Dienst dieses Gottes unbedeutend. 
Als er in späterer Zeit für den griechischen Poseidon angesehen 
wurde, trat besonders die Beziehung zu dem Eosse und dem Wett- 
rennen nait Eossen an ihm hervor. Man identificirte ihn mit dem 
altitalischen Gotte Consus, dem am 21. August im Circus Maximus 
die Consualia mit Wagenrennen gefeiert wurden. Eomulus sollte 
dieselben zuerst veranstaltet haben, als er die Sabinerinnen rauben 
liess (Liv. 1, 9). Consus aber war ursprünglich ein unterweltlicher 
Gott, welcher Fruchtbarkeit verleiht und versagt. Beim Circus 
Flamiaius auf dem Marsfeld, in welchem dem Neptunus Equester 
(llodecdav tmtiog) Wettreimen abgehalten wurden, stand ein Tempel 
des IsTeptunus. 

Die Eömer gaben dem Neptunus die Meergöttin Salacia 
(von salum = aXg) zur Gemahlin; ausserdem wird noch -eine 
Meergöttin Venilia erwähnt, welche Virgil (Aen. 10, 76) Mutter 
des Eutulerfürsten Turnus nennt. Wenn römische Peldherm mit 
ihren Flotten in See gingen, so opferten sie unter Gebeten um 
glückliche Fahrt und Sieg xmd Beute den Gottheiten des Meeres 
und warfen die Eingeweide des Opfers ins Meer (Liv. 29, 27. 
Cic. N. D. 3, 20). 

Den Tempestates, den gefährlichen Stürmen auf dem Meere, 
errichtete L. Scipio ein Heiligthum vor dem capenischen Thore 
(Ov. F, 6, 193). 

Portunus oder Portumnus war der Hafengott der Eömer. 
Er hatte einen Tempel an dem Tiberhafen bei Eom. Man identi- 
ficirte ihn mit dem griechischen Palaimon und machte ihn zum 
Sohn der Matuta, welche für Ino Leukothea angesehen wurde, ur- 
sprünglich aber eine Göttin des Frühlichts und der Geburten ge- 
wesen war. 

2. Quellen und Flüsse. 

Den Eömern waren alle fliessenden Gewässer heüig, Quellen, 
Bäche und Flüsse, weshalb die Priester und Magistrate, wenn sie 



— 213 — 

in einer Amtsthätigkeit unterwegs waren, kein ■solches Wasser 
überschreiten durften, ohne vorher Auspicien gehalten zu haben. 
Fontus, der Quellgott im Allgemeinen, der Sohn des Janus, des 
Gottes des Anfangs, und der Quellnymphe Juturna, hatte auf 
dem Janiculum ein Heiligt^jjLum. Ein allgemeines Quellfest, Fonti- 
nalia, an welchem man die Brunnen bekränzte und Blumen in 
die Quellen warf, wurde im October gefeiert. 

Von den Flüssen verehrten die Eömer besonders den Tiber 
imter dem Namen- Tiberinus (pater Tiberin\is); er hatte ein 
Heüigthum auf der Tiberinsel bei Eom, Nach alter Sage sollte 
er König in Alba Longa gewesen imd im Tiberfluss, der bis dahin 
Albula geheissen hatte, seinen Tod gefunden haben (Liv. 1, 3. 
Virg. Aen. 8, 31. 332). 



VII. Unterwelt. 



Dis oder Pluto und Proserpina. 

Der Name Dis, gen. Ditis, ist eine blose üebersetzung des 
griechischen Pluton xmd bezeichnet wie dieser den Unterweltsgott, 
insofern er über die Tiefe der Erde herrscht, in welcher alle Eeich- 
thümer der Menschen verborgen liegen. Der Name Pluton ist 
selbst erst spät bei den Griechen aufgekommen, und es ist wahr- 
scheinlich, dass die Vorstellung eines Königs der Unterwelt erst 
von den Griechen auf die Römer übergegangen ist. 

' Proserpina, die Gemahlin des Dis, .ist ebenfalls keine ur- 
sprünglich* italische Gottheit, sondern die griechische Persephone, 
deren Namen die Römer einen mehr römischen Klang gegeben haben. 
Dem Dis und der Proserpina war das sogenannte Tarentum 
oder Terentum auf dem Campus Martins geweiht. An diesem 
Orte sollte zuweilen Rauch von unterirdischem Feuer aufsteigen, 
und es befand sich daselbst 20 Fuss xmter der Erde ein Altar 
der beiden Götter, der bei den heiligen Gebräuchen für einige 
Zeit aufgedeckt ward. Ein Sabiner Namens Manius Valesius Taren- 
tinus, der Stammvater der römischen Valerier, soll zuerst bei einer 
Seuche diesen Altar entdeckt, an der Stelle schwarze Stiere ge- 
schlachtet und dem Dis und der Proserpina die ersten tarenti- 
nischen Spiele drei Nächte hindurch durch Wettrennen und 
Lectistemien gefeiert haben, weil er hier durch die unterirdischen 
Götter Genesung für seine Kinder gefunden. Nach einer- andern 
Erzählung hatte der erste Consul Valerius Poplicola die tarenti- 
nischen Spiele während einer Pest eingeführt, und von dieser Zeit 
an sollen sie bis auf Augustus noch dreimal gehalten worden sein, 
so dass sie sich ungefähr alle hundert Jahre wiederholt hätten. 



— 214 — 

Deshalb wurden sie Säcular spiele genannt. Augustns erneuerte 
sie im J. 17 V. Chr.; aber diesmal waren sie nicht blos den TJnter- 
weltsgöttern, sondern auch dem Apollo und der Diana geweiht, 

Aehnlich den tarentinischen Spielen waren die taurischen, 
welche von Tarquinius Superbus bei einjer Seuche eingesetzt worden 
sein sollen und später sich bisweilen wiederholt haben. Diese 
Spiele galten ebenfalls den Unterirdischen. In schweren Zeiten 
suchte man durch solche Todtenfeste, durch Opfer und Spiele den 
Zorn der Mächte der Unterwelt zu beschwichtigen imd das Volk 
von dem drohenden Verderben loszukaufen. 

Gewiss waren diese Todtenfeste bei den Eömern alt und be- 
standen schon, ehe diesen die griechischen Vorstellungen eines Dis 
und einer Proserpina, als Herrscher der Unterwelt, bekannt wurden. 
Denn einen Todtencult hatten die Eömer von alter Zeit her; es 
scheint aber, dass sie ursprünglich glaubten, die Todten gehörten 
der Tellus, der Glöttin der Erdtiefe, oder auch der Ceres an. Man 
bezeichnete den Eaum in der Tiefe, wo die Todten sich befanden, 
mit dem Namen Orcus (Einschluss), wie auch später wohl der 
Unterweltsgott selbst genannt wurde, oder mit dem euphemistischen 
ISTamen Mundus. Auf dem Comitium befand sich eine Oeffiiuug 
des Mundus, die mit einem Steine, lapis manalis (Manenstein), 
verschlossen gehalten und nur dreimal des Jahres, am 24. August, 
am 5. October und am 8. November geöfihet wurde. An diesen 
Tagen war die Unterwelt aufgeschlossen, so dass die Geister der 
Todten ihren Wohnort verlassen und frei auf der Oberwelt umher- 
schweifen konnten. Darum waren es schlimme, ungünstige Tage, 
an denen nichts "Wichtiges ohne Noth unternommen wurde; man 
Hess keine Truppen ausheben, kein Heer ausmarschiren, kein Schiff 
in See stechen, lieferte kein Treffen, ging keine Ehe ein u. s. w. 
Dieselbe Freiheit war den Todten im Februar mehrere Tage lang, 
wo das Fest der Per allen*) oder Parentalien gefeiert wurde, 
gestattet. Auch an diesen Tagen enthielt man sich aller wichtigen 
Geschäfte und liess es sich die erste Sorge sein, die Seelen der 
verstorbenen Anverwandten zu sühnen imd • ihre Gräber zu ehren 
(Ov. F. 2, 567). 



VIII. Personiflcationen. 

1. Fides. Die Treue im Halten gegebener Versprechen und 
geleisteter Eide ward bei dem alten Eömer im öffentlichen wie im 
Privatleben mit der grössten Gewissenhaftigkeit geübt. Deshalb 
war der Fides, der Personification dieser Treue, von Staats wegen 



^) Varro 1. 1. b, 3. quod tum epulas ad sepulcra amicorum ferebant. 



— 215 — 

(Fides publica) ein selir heiliger Dienst eingesetzt, den man auf^ 
^uma zurückführte (Liv. 1, 21). Dieser hatte ihr ein Heiligthum 
erbaut und ein Fest angeordnet, an welchem ihre Priester auf 
aweispännigen Wagen zu ihrem Tempel fuhren und, während sie 
der Göttin Weihrauch opferten, die Hände bis an die Fingerspitzen 
umhüUt hatten; denn die Hand, loit der man Treue gelobt, ist der 
Gröttin heüig und muss rein bewahrt werden. Ein Tempel und 
eine Bildsäule der Fides in weissem G-ewande (F. Candida) stand 
auf dem Capitol in der Nähe des Jupiterheüigthums (Cic. IST. D. 
2, 23. siehe p. 187). 

2. Concordia, die Eintracht, war ebenfalls eine vorzugs- 
weise politische Gottheit; denn sie bezeichnete die Eintracht der 
Staatsbürger unter einander. Der erste Tempel wurde ihr von dem 
Dictator Camillas im J. 367 v. Chr., als Patricier tmd Plebejer mit 
einander im Streit lagen, gelobt und, nachdem die Eintracht her- 
gestellt war, auf Beschluss des Senats in der Nähe des Forums 
erbaut. Ein öffentliches Fest wurde ihr nebst Fax, Salus und 
Janus am 30. März gefeiert, ihr allein ein Fest am 16. Januar 
(Ov. F. 3, 881. 1, 639). Livia, die Gemahlin des Augustus, 
weihte der Concordia als der Eintracht der Ehe einen Tempel 
(Ov. F. 6, 631). 

3. Pax, die Friedensgöttin, erhielt im J. 13 n. Chr., als 
Augustus nach Unterdrückung von Unruhen in Gallien, Spanien 
und Germanien zm-ückkehrte, von Senat und Volk einen Altar in 
der Curie, auf welchem am 30. Januar und 30.' März geopfert 
wurde (Ov. F. 1, 709. 3, 882). 

4. Salus als politische Gottheit bedeutet das Wohl de^ 
Staates. Diese Salus Publica erhielt im J. 311 v. Chr. einen 
Tempel auf dem Quirinalis (Liv. 9, 43), und alljährlich wurde ihr 
in älterer Zeit, ungefähr wenn die Consuln ihr Amt antraten, das 
sogenannte Augurium Salutis veranstaltet, worin man die Götter 
befragte, ob man das Heil des Staates von ihnen erflehen dürfe. 
Augustus erneuerte dieses Augurium, und von der Zeit an erhielt 
es sich noch Jahrhimderte lang. Ausserdem wurde Salus als Göttin 
der Gesundheit des Volkes angesehen. Als 180 v. Chr. eine 
Seuche die Stadt heimsuchte, gelobte man der Salus, dem Apollo 
xind dem Aesculapius Geschenke und goldene Statuen (Liv. 40, 37). 

5. Jtiventus oder Juventas (die griech. Hebe) hatte mehrere 
Heiligthümer in Eom. Sie war nicht nur die Personification der 
jugendlichen Mannschaft, auf deren" Kraft die Erhaltung des 
Staates beruhte, sondern bedeutete auch die stets blühende jugend- 
liche Kraft des Staates selbst. In dieser Bedeutung hatte sie 
eine Kapelle auf dem Capitol in dem Heiligthum des Jupiter 
Capitolinus. 

6. Victoria, die Siegesgöttin, der griechischen Nike ent- 
sprechend, besass ausser andern Heüigthümern einen Tempel auf 



— 216 — 

dem palatinischen Berge, wo man ihr am 12. April, also zur Zeity ■ 
wo die Peldzüge wieder begannen, ein Fest feierte. — Vica Pota; 
(Liv. 2, 7), die mächtige Siegerin, ist nichts anderes als eine 
Victoria (Cic. de leg. 2, 11, 28), ebenso die Pellonia, die Ver- 
treib erin der Feinde. 

7. Libertas, die Freiheit, hatte anf dem ÄYentimis, dem 
Hauptsitze der Plebs, einen Tempel; sie scheint sich daher auf 
die Befreiung der Plebejer von dem Drucke der Patricier bezogen 
zu haben. 

8. Virtus und Honor. Virtus, als kriegerische Tapfer- 
keit, erhielt mit der ihr zu Theü werdenden Ehre, Honor, von 
Marius nach Besiegung der Gimbern einen gemeinschaftlichen Tempel. 
Schon früher, im J. 222 v. Chr., hatte Marcellus in der Schlacht 
bei Clastidium beiden einen Tempel gelobt, war aber von den 
Pontifices, welche erklärten, zwei Gottheiten könnten einen Tempel 
nicht gemeinsam haben, gehindert worden ihn zu weihen. Darum 
baute er für die beiden Grottheiten zwei Tempel neben einander 
(Liv. 27, 25). 

9. Pudicitia. Wie die Virtus die Haupttugend des römischen 
Mannes war, so war die Schamhaftigkeit und Keuschheit, 
Pudicitia, die schönste Tugend der Eömerin. Darum ward auch 
dieser göttliche Ehre zu Theil, und zwar verehrten sie die patri- 
cischen Frauen in einem besonderen Heiligthum auf dem Einder- 
markt als P. Patricia. Als aber einst, im J. 297 v. Chr., Virginia, 
aus patricischem Geschlechte, durch die patricischen Frauen von 
dem Dienste der P, Patricia ausgeschlossen wurde, weil sie einen 
Plebejer geheirathet hatte, errichtete sie ein besonderes Heüig- 
thum der P. Plebeja zum Dienste für die plebejischen Matronen 
(Liv. 10, 23). In späterer, verdorbener Zeit verlor der Dienst 
der Pudicitia seine Reinlieit und Heiligkeit. 

10. Pietas bezeichnet die Liebe der Kinder gegen die 
Eltern. Livius (40. 34) nennt einen Tempel derselben, der 152 
V. Chr. geweiht ward. 

11. Spes, die Personification der Hoffnung, hatte mehrere 
Tempel in Rom. Den ältesten Tempel derselben erwähnt Livius 
2, 51, einen andern 21, 62. 24, 47. 

12. Mens, Einsicht, Verstand. Nach der Schlacht am 
Trasimenus, die durch die unbesonnene Verwegenheit des Flaminius 
verloren ging, wurde ihr ein Tempel gelobt (Liv. 22, 10) und 
bald darauf auf dem Capitol erbaut; doch war sie schon früher 
in Eom geehrt worden. 

13. Eoma, die personificirte und vergötterte Stadt Eom, 
erhielt in Eom selbst einen Tempel von Augustus; auswärts war 
ihr schon früher göttliche Ehre zu Theil geworden (Liv. 43, 6). 

Ausser den erwähnten ehrten die Römer noch eine Menge 



— 217 — 

anderer Personificatiönen, wie Aequitas, Billigkeit, dementia, 
Müde, Pollentia, Macht, Quies, Etüie, Fessonia, Ermüdung, 
Febris, Fieber, Orbona, Verwaisung u. s. w. 



B. Sagen. 



Die Eömer sind im Vergleich, zu den Griechen sehr arm an 
Sagen; dazu kommt noch, dass die römischen Geschichtschreiber 
die alten Sagen aiiflösten und zersetzten und wie gewöhnliche 
Geschichte erzählten. Sie glaubten nämlich in den wunderbaren 
Erzählungen, wie sie sich in alten Sagen und Liedern erhalten 
hatten, immer einen geschichtlichen Kern verborgen, und indem 
sie nun das Unglaubliche theils vernünftelnd erklärten, theüs ganz, 
entfernten, vermeinten sie das Wahre gewonnen zu haben. So 
wurde die Entstehung Eoms und die älteste Königszeit wie wirk- 
liche Geschichte erzählt ; und doch ist diese Zeit bis auf Tullus 
Hostilius rein mythisch und selbst von da an bis in die ersten 
Zeiten des Freistaates ist der historische Grund noch vielfach mit 
sagenhafter Erzählung untermischt. "Wir geben in Folgendem die 
römischen Sagen bis zum Tode des Eomulus. 

1. Evander. 

In Latium wohnten in uralter Zeit, so erzählt Virgil Aen. 8, 
314 ff., einheimische Faune und Nymphen und ein rohes, wildes 
Menschengeschlecht. Da kam, vor seinem Sohne Jupiter flüchtend, 
Saturnus hieher, vereinigte das rohe, auf den. Bergen umher- 
schweifende Volk und gab ihm Gesetze. Er bewohnte auf dem 
Capitolinus eine Stadt Satumia, während auf dem Janiculum Janus 
seine Burg hatte. Das Land nannte Saturnus Latium, weü er hier 
in sicherer Verborgenheit gelebt hatte*). Unter seiner Herrschaft 
verlebten die Menschen das goldene Zeitalter ia ruhigem Frieden, 
bis wieder ein entartetes Geschlecht erschien und Krieg und Eaub 
brachte. Verschiedene Völker kamen seitdem in das Land, auso- 
nische und siculische Schaaren, und oft wechselte es noch seinen 
Namen. 

Evander soll nach später römischer Sage, die vielleicht Yon 
Griechen erdichtet worden ist, 60 Jahre vor der Eroberung Troja's 
eine pelasgische Colonie aus Palantion in Arkadien nach Latium 
auf den palatinischen Berg, an die Stelle, wo später Eom erbaut 
wurde, geführt haben. Er war der Sohn des Echemos und. der 



*) bis quoniam latuisset tutns in oris. 



— 218 — 

Timandra, oder des Hermes und einer arkadischen Nymphe, oder 
der Weissagerin Carmenta (Carmentis); auch wird seine Mutter 
Mkostrate und Themis genannt. Auch über den Grund seiner 
Auswanderung giebt es sehr verschiedene Angaben. Er wurde "* 
durch einen Volksaufstand bewogen freiwillig auszuziehen, oder er 
tödtete seinen Vater oder seine Mutter nnd wurde deswegen ver- 
trieben. In Latium kam er zu einem nncultivirten Volke, bei dem 
er sich eine Herrschaft erwarb, welche sich mehr auf ein aus 
seiner höheren Bildung entspringendes Ansehen, als auf äussere 
Gewalt stützte. Er soll den Gebrauch der Schrift (Liv. 1, 7), die 
Musik und andere Künste, besonders auch durch seine Mutter 
Carmenta, die ihn auf der Flucht begleitete (Ov. F. 1, 471 flf.), 
die Weissagung zu den italischen Völkerschaften gebracht und den 
Cultus verschiedener Götter, wie der Ceres, des Neptunus Consus, 
des Hercules und des lykaiischen Pan (Liv. 1, 5. Ov. F. 5, 99), 
der in Latium Faunus oder Inuus genannt wurde, eingesetzt haben. 
Der palatinische Hügel, au± dem er eine Stadt Pallanteum, Palan- 
tium, Palatium gründete, erhielt diesen Namen von seinem Gross- 
vater Pallas oder von seinem Sohne oder Enkel gleiches Namens, 
der dort begraben sein soll. 

Evander wurde zu Rom unter den einheimischen Heroen 
(Indigetes) verehrt; er hatte einen Altar am aventinischen Hügel; 
seine Mutter Carmentis hatte einen Altar am Capitolium in der 
Nähe des carmentalischen Thores. Ueber die Anwesenheit des 
Hercules in Latium bei Evander imd die Ermordung des Cacus 
siehe p. 142. 

2. Aeneas. 

Aus Homers Ilias 20, 300 ff. muss man scMiessen, dass nach 
den ältesten griechischen Sagen Aeneas, der Fürst der Dardaner, 
der Sohn des Anchises und der Aphrodite, nach Troja's Fall in 
der Heimat geblieben ist und er und seine Nachkommen hier über 
die Eeste des teukrischen Volkes geherrscht haben. In ziemlich 
alter Zeit aber entstand schon bei den Griechen der Glaube, Aeneas 
habe mit dem troischen Palladium sich dem allgemeinen Unter- 
gange entzogen und in der Fremde sich eine neue Heimat gesucht. 
Der Dichter Stesichoros (645 — 560 v. Chr.) ist der erste von den 
uns bekannten Griechen, welche erzählen, dass der Held sich mit 
einer trojanischen Schaar und den Heiligthümem Troja's nach 
Hesperien eingeschifft habe; ob er aber angenommen habe, Aeneas 
sei nach Latium gewandert, ist sehr zu bezweifeln. Dieser Glaube,, 
dass Aeneas nach Latium gekommen, scheint sich erst zur Zeit des 
Thukydides oder nicht lange nachher gebildet zu haben; wenigstens 
seit der Zeit des Pyrrhus, der, ein Nachkomme des Achilleus, in 
den Römern die Enkel der Trojaner zu bekämpfen glaubte, wurde 
unter den Griechen allgemein geglaubt, dass eine trojanische Colonie 



— 219 — 

unter Aeneas sich an dem Tiber niedergelassen habe und dass die 
Römer Nachkommen dieser Trojaner seien. 

Auch die Eömer selbst führten ihren Ursprung auf Aeneas 
zurück. Schon ums J. 240 v. Chr. wurde dieser Glaube von dem 
Staate anerkannt. Damals verwendete -sich der Senat bei den 
Aetolern für die Freiheit der Akarnaner, weil deren Vorfahren 
allein von den G-riechen nicht an dem Krieg gegen die Trojaner, 
ihre Stammväter, Theil genommen hätten. Dies geschah also zu 
einer Zeit, wo die griechische Litteratiur noch nicht allgemein 
unter den Römern bekannt war; es ist daher wahrscheinlich, dass 
die Sage von der Einwanderung des Aeneas nicht aus der grie- 
chischen Litteratur geschöpft, sondern eine einheimische TJeber- 
lieferung ist, wie ja auch von Janus, Satumus und andern alten 
Königen behauptet ward^ dass sie aus dem Osten eingewandert seien. 

Livius (l, 1 u. 2) erzählt die Wanderung xmä Ansiedelung 
des Aeneas folgendermassen. Aeneas kam auf seiner Fahrt mit 
dem Reste der Trojaner zuerst nach Macedoiiien, dann nach Siciüen 
und zuletzt in das laurentische Gebiet, wo sie eine Stadt Troja 
gründeten. Als sie dort ans Land stiegen und zu ihrem Unter- 
halte Beute von dem Lande wegtrieben, eilten König Latinus tind 
die Aboriginer, welche damals diese Gegend bewohnten, zur Abwehr 
der Gewalt herbei. Latinus schloss entweder nach einem unglück- 
liehen Treffen oder nach anderer Erzählung vor dem Beginn der 
Feindseligkeiten mit Aeneas Frieden und gab ihm seine Tochter 
Lavinia zur Ehe. Aeneas gründete eine Stadt, die er nach seiner 
Gemahlin Lavinium nannte; sein und der Lavinia Sohn war As- 
canius. Da aber Lavinia schon vor Ankunft der Trojaner mit 
Turnus, dem König der Rutuler, verlobt gewesen war, so begaim 
dieser einen Krieg gegen Aeneas und Latinus. Die Rutuler wurden 
besiegt, aber Latinus fiel in dem Kampfe. Als sich Turnus nun 
mit dem Hetrusker Mezentius, König in Caere, verband, benannte 
Aeneas, um in der drohenden Gefahr die Aboriginer sich geneigt 
zu machen, beide Völker, Trojaner und Aboriginer, mit dem ge- 
meinschaftlichen ISTamen Latiner, und im Vertrauen auf die mu- 
thige Stimmung beider von nun an mit einander verschmelzenden 
Völker wagte er es, sein Heer gegen die mächtigen Hetrusker zur 
Schlacht zu führen. Das Treffen entschied sich zu Gxmsten der 
Latiner, aber es war auch die letzte That des Aeneas auf Erden. 
Er liegt, wie man ihn immer mit Recht- nennen mag, am Flusse 
Numicius begraben; man nennt ihn Jupiter Indiges (den ein- 
heimischen Jupiter). 

Livius hat bei obiger Erzählung als Historiker alles Wunder- 
bare der Sage so viel als möglich ferngehalten. So spricht er 
z. B. nichts von den den Trojanern gewordenen Weissagimgen und 
deren Erfüllung; auch die in der Sage eine Hauptrolle spielenden 
trojanischen Penaten erwähnt er nicht. Aeneas hat sie aus dem 



— 220 — 

Brande der Vaterstadt gerettet und gelangt durch ilire Führung 
endlich in das ihm verheissene Land. Wo sie, so lautete eine Weis- 
sagung, beim Mahle auch noch die Tische verzehren würden, da 
sei ihnen und den Penaten eine neue Heimat beschieden. Als nun 
die Trojaner nach ihrer Landung in Latium sich am Mahle er- 
quicken, treibt sie die Bsslust zuletzt auch noch die Kuchen oder 
die Eppichblätter, auf welche die Speisen gelegt waren, zu ver- 
zehren, und sie erkennen, dass jetzt die Weissagung erfüllt xind 
dass Latium ihr von den Cröttem bestimmtes neues Yaterland 
ist. Den Ort, wo die Penaten aufgestellt werden sollten, fanden 
sie ebenfalls durch eine Weissagung; ein vierfüssiges Thier sollte 
ihnen den Platz zeigen. Ein zum Opfer bestimmtes trächtiges 
Sehwein riss sich los und floh 24 Stadien weit landeinwärts 
auf eine waldige Anhöhe, wo es von 30 Ferkeln genass. Die 
Stelle schien Aeneas nicht günstig zur Grründung einer Stadt, allein 
die Penaten erschienen ihm im Traume und ermahnten ihn, die 
Erbauung der Stadt sogleich zu beginnen, indem sie ihm die der- 
einstige Macht und Grösse seiner -Nachkommen verkündeten. Aeneas 
baute auf dem Hügel die Stadt Lavinium, und auf der Stelle, 
wo er die Sau opferte, errichtete er das Heiligthum der lavini- 
schen Penaten. Durch die 30 Ferkel aber war die Zahl der Jahre 
bis zur Grründung Alba's und zugleich die Zahl der Ortschaften 
des Latinerbundes kund gethan. 

Die Sage von dem Tode des Aeneas, welche Livius nur leise 
berührt, hat grosse AehnHchkeit mit dem Yerschwinden des ßo- 
mulus. Während in der Schlacht gegen Turnus und Mezentius am 
Flusse Numicius Aeneas, von den Seinen umringt, kämpft, ver- 
finstert sich plötzlich der Himmel, Donner und Blitz und gewaltige 
Platzregen erschrecken das Volk, und als das Wetter sich ver- 
zogen hat, ist Aeneas verschwunden. Er erscheint bald darauf dem 
Aseanius nebst mehreren Andern am Ufer des Numicius in voller 
Eüstung ujad erklärt ihnen, er sei ein Gott geworden. Man er- 
richtete ihm an der Stelle ein Heiligthum mit der Aufschrift: 
Patris dei Indigetis. 

Auch von Latinus wird erzählt, dass er nach seinem Tode in 
die Gemeinschaft der Götter aufgenommen worden sei unter dem 
Namen Jupiter Latiaris. Dieser Name bezeichnet dasselbe wie 
Jupiter Indiges, und es ist wahrscheinlich, dass die Sage -von der 
Vergötterung des Latinus die ursprüngliche war, später aber auf 
den fremden Aeneas übertragen worden ist. 

Virgü hat die Wanderung des (frommen, II. 20, 298) 
Aeneas und die Gründung einer trojanischen Colonie in Latium 
in dem Heldengedichte Aeneis besungen. Er hat die einheimischen 
Sagen mit den Erzählungen griechischer Schriftsteller verbunden, 
aber vielfach in den Ueberliefeningen nach eigenem Gutdünken 
geändert. Im siebenten Jahre ihrer Fahrt steuern die Trojaner 



— 221 — 

von Sicilien aus frohen Mnthes ihrem nahen Ziele entgegen; da 
werden sie auf Veranstaltting der Jnno, die aus Besorgniss für 
das ihr theure Carthago die Gründung des römischen Volkes ver- 
hindern will, durch einen Sturm an die afrikanische Küste geworfen, 
wo Dido vor Kurzem Carthago gegründet hat. Aeneas wird von 
Dido gastlich aufgenommen (lib. l) und erzählt ihr bei einem 
Mahle sein und seines Vaterlandes Geschick, die Eümahme und 
Zerstörung Troja's, seine Flucht mit den vaterländischen Göttern, 
mit Vater und Sohn und seinem Weibe Kreüsa, das er jedoch in 
der verhängnissvollen Nacht verlor (lib. 2), er erzählt, wie er mit 
den Eesten des unglücklichen Volkes, mit denen er einen neuen 
Wohnsitz sucht, auf langer Fahrt nach Thracien kommt, nach Dolos 
und Kreta, nach Epirus, an die Ostküste Italiens und endlich an 
die Westspitze Siciliens, von wo er bald das ihm verheissene La- 
tium zu erreichen hoflfen durfte. Doch der Sturm hat ihn nach 
Afrika getrieben (lib. 3). Venus sucht ihrem Sohn durch Ver- 
mählung mit Dido die Herrschaft über Carthago und das -Ende 
seiner unglücklichen Fahrt zu bereiten, und Juno geht auf den Plan 
ein, um Aeneas von Italien abzuhalten; allein Jupiter gebietet dem 
Aeneas, damit das ihm beschiedene Geschick sich erfülle und der 
Grand zu der Stadt Rom, der einstigen Beherrscherin der Erde, 
gelegt werde, Afrika zu verlassen und Italien aufzusuchen. Dido 
giebt sich nach der Fhicht des Aeneas den Tod (lib. 4). Aeneas 
gelangt von Neuem nach Sicilien (lib. 5) und von da nach Cumae 
in Italien; hier geht, er mit der Sibylle in die Unterwelt, wo er 
seinen im vorigen Jahre in Sicilien verstorbenen Vater aufsucht 
und sich von diesem die Zukunft eröfflien lässt (lib. 6). Von Cumae 
aus gelangt er an die- Mündung des Tiber; Latinus bietet ihm in 
Folge eines Orakelspruchs seine Tochter zur Ehe an und gestattet 
ihm einen Platz zur Gründung einer Stadt. Aber Turnus beginnt 
in Verbindung mit vielen italischen Völkerschaften einen gefähr- 
lichen Krieg (lib. 7). Aeneas sucht imd findet Hülfe bei Evander 
(lib. 8). Nach einem langen, in den folgenden Büchern beschrie- 
benen Kampfe, in dem mancher tapfere Held erschlagen wird, 
erlegt Aeneas den Turnus im Zweikampf. Hier endigt die Aeneis. 
Dreissig Jahre nach Erbauung Laviniums gründete Ascanius, 
der Sohn des Aeneas und der Lavinia, die Stadt Alba Longa. 
Nach andern Sagen ist Ascanius ein Sohn der Kieüsa, der, im 
trojanischen Lande geboren, seinen Vater nach Latium begleitete. 
Der Name Ascanius für den Sohn des Aeneas kommt von den 
Griechen her, der römische Name ist Julus; indess gilt Julus auch 
für einen zweiten Sohn des Aeneas oder für einen Sohn des Ascanius. 

3. Romulus. 

Die Gründungssage Eoms lautet nach alter Dichtung folgender- 
massen. Dreihundert Jahre nach Erbauung Alba's wurde von 



— 222 — 

dieser Stadt aus Korn gegründet. Proeas, König ia Alba, IsTacli- 
komme des Ascanins, nach dessen Sohn Süvius die Könige von 
Alba Silvier hiessen, hatte zwei Söhne, Nu mit or tindAmulius, 
von denen dieser den älteren Numitor vom Throne stiess und 
dessen männliche iSTachkommenschaft tödtete, während er dessen 
Tochter ßea (ßhea) Silvia*) zur Vestaün machte und somit 
zur Ehelosigkeit zwang. Aber Silvia gebar von Mars die Zwillings- 
brüder Romulus und Remus. Die Mutter wurde zur Strafe in 
den Tiber (oder den Anio) gestürzt, sie wurde aber eine Göttin 
und der Flussgott erwählte sie sich zur Gemahlin (Hör. Od. 1, 
2, 17); ihre beiden Söhne Hess Amulius in einer Mulde in dem 
eben über seine Ufer getretenen Tiber aussetzen. Als der Fluss 
zurücktrat und die Mulde mit den Knaben auf dem Trockenen 
blieb am Fusse des Palatinus an der Stelle, wo ein wilder Feigen- 
baum, der Ficus Euminalis, noch Jahrhunderte lang mit Ehr- 
fiu-cht erhalten wurde, kam eine Wölfin herzu und säugte sie, oder 
sie trug sie in ihre Höhle imd säugte sie dort; als die Milch nicht 
mehr genügte, trug ihnen ein Specht, der heiKge Vogel des Mars, 
Speise zu, andere Yögel aber schwebten über den Säuglingen und 
verscheuchten ihnen das Geschmeiss. Die so durch göttliche Für- 
sorge erhaltenen Kinder fand Faustulus, der Hirt der königlichen 
Heerden. Er brachte sie seiner Gattin Acca Larentia und diese 
erzog sie mit ihren zwölf Söhnen auf dem palatinischen Berge, wo 
man noch bis zu Nero's Zeit die heilige Hütte des Eomulus er- 
hielt. Die beiden Knaben wuchsen zu starken, muthigen Jünglingen 
heran und erfreuten sich mit den Hirtenjünglingen an gefährlicher 
Jagd und dem Kampfe gegen die Räuber, deren Beute sie imter 
sich vertheilten. Auch mit den Hirten des ISTumitor auf dem 
Aventinus geriethen sie oft in Streit. Einst ward Remus bei der 
Feier der Luperealien von den. Hirten des Numitor gefangen und 
als Räuber nach Alba geführt. Bei dieser Gelegenheit erkennt 
Numitor seine Enkel und verabredet mit ihnen den Sturz des 
Thronräubers Amulius. Die Zwülingsbrüder dringen mit den ihnen 
ergebenen Hirten in die Burg des Königs, erschlagen ihn und geben 
Numitor die Herrschaft zurück. 

Darauf gründen Romulus und Remus an der Stelle, wo sie 
ihre Jugend verlebt, eine Stadt; die ersten Bürger sind die Hirten, 
ihre Jugendgenossen, dazu kam nach späterer Sage noch eine 
grosse Menge von Albanern und Latinern. Es erhob sich aber 
unter den Brüdern ein Streit, wer von beiden der neuen Stadt 
den Namen geben solle, ob sie nämlich Roma oder Remuria zu 



*) Die Schreibart Rea (von reus, die Angeklagte) ist vorzuziehen. 
Sie wird auch Ilia genannt. Ilia heisst aber ursprünglich die Mutter 
des Romulus nur als Tochter des Aeneas; denn Manche setzen die Grün- 
dung Roms bald nach der Zerstörung Troja's und machen Romulus zum 
Enkel des Aeneas. 



— 223 — 

neimeii sei, und ob sie auf dem Palatinus oder dem Aventinus er- 
baut werden solle. Mau kam überein, den Streit durcb ein Augu- 
i'ium zu entscbeiden. Eemus wählte zu der Yogelschau den Aven- 
tinus, Eomulus den Palatinus; jenem erschienen zuerst 6 Geier, 
diesem etwas später, als ihm schon das Zeichen des Eemus ver- 
kündet worden war, 12 Geier. Eemus machte die frühere Zeit, 
Romulus die doppelte Zahl geltend; es kam zwischen den Brüdern 
and ihrem beiderseitigen Anhange zu blutigem Streit, in welchem 
Romulus siegte. 

Als Eomulus seine Stadt Eoma mit Wall und Graben ein- 
geschlossen hatte, sprang Eemus, noch erzürnt über das erlittene 
CTnrecht, zum Spott über die schwache Befestigung imd wurde von 
Oeler, einem Freunde des Eomulus, oder yon diesem selbst mit 
äen Worten: so ergehe es fortan Jedem, der über meine Mauern 
springt, erschlagen*). Zur Sühnung dieses Mordes wurde das Pest 
Lemuria (statt Eemuria) eingesetzt (Ov. P. 5, 479). 

Der jungen in Eom zusammengeströmten Mannschaft fehlten 
iie Prauen. Da die Einwohner der benachbarten Städte keine 
Ehebündnisse mit Eom eingehen wollten, so lud sie Eomulus zu 
äinem Peste, das er dem ISTeptunus Consus veranstaltete, und als 
aun Sabiner und Latiner zahlreich mit Weibern und Kindern 
aerbeigeströmt waren und die Aufmerksamkeit aller auf die Spiele 
sferichtet war, da stürzten plötzlich die römischen Männer auf die 
Eremden Jungfrauen und trügen sie davon. Die über diese Gewalt- 
3hat erzürnten ^Nachbarn ergriffen die Waffen. Die latinischen 
3tädte wurden leicht besiegt; aber die Macht der Sabiner, welche 
5uletzt sich unter dem König Titus Tatius erhob, brachte die 
junge Stadt an den Eand des Verderbens. Eomulus musste sieh 
n die Stadt zurückziehen, und die Sabiner bemächtigten sich der 
Burg auf dem Capitolinus, indem Tarpeja, die Tochter des Be- 
fehlshabers der Burg, Sp. Tarpejus, durch die goldenen Arm- 
Geschmeide der Sabiner bestochen, die Thore öffaete. Von der 
Burg aus griffen die Peinde die Stadt an; Juno, den Sabinern 
lold, dem Geschlechte des Aeneas feind, öffnet ein Thor der Stadt, 
md die Schaaren der Sabiner strömen ein; da lässt Janus einen 
siedenden Quell hervorbrechen und treibt die Peinde zurück. 

Eomulus will am folgenden Tage die Burg wiedergewinnen; 
illeitt er wird zurückgeschlagen. Als die Seinen in wilder Plucht 
iavon eilen, gelobt er dem Jupiter Stator einen Tempel und 
lemmt die Plucht. Die Schlacht erneuert sich und wogt in dem 
rhale zwischen Palatinus und Capitolinus lange hin und her; da 
stürzen die Sabinerinnen, die den Eömern sich vermählt hatten, 
zwischen die Kämpfenden und stiften Prieden zwischen Gatten und 



*) Nach anderer Sage wurde Eemus in dem Kampfe nach dem Augu- 
ium getödtet. 



— 224 — 

Vätern. Die Sabiner siedeln sich auf dem Capitolinus und Quiri- 
nalis an und bilden von nun an einen Staat mit den Eömern; 
Titus Tatius theilt die Herrschaft mit Eomulus. Die Frauen aber 
gemessen seitdem in Eom zum Lohne für die E;ettung der Stadt 
hohe Ehre. Einige Jahre nachher wird Tatius zu Laviniimx bei 
einem Opfer von den Laurentern erschlagen, und von mm an ist 
ßomulus alleiniger König beider Völker. 

Als Eomulus den Grund zu Eoms Grrösse gelegt und seine 
Sendung vollendet hatte, wurde er von der Erde hinweggenommen. 
Am 17". Febr., dem Tage, wo die Quirinalien gefeiert wurden, 
hielt er eine Musterung des Heeres am Ziegensumpfe; plötzlich 
verfinsterte sich die Sonne, und in Sturm xmd Wetter fuhr Mars 
herab zur Erde und führte den Sohn auf feurigem Wagen gen 
Himmel. Als das Wetter sich klärte und das Volk seines Vaters 
sich beraubt sah, versank es in stumme Trauer; Proculus Julius 
aber ti-at bald vor das Volk und erklärte ihm, Eomulus sei ihm 
auf dem Wege von Alba her in göttlicher Gestalt erschienen 
und habe ihm die Meldung aufgetragen, er sei zum Gotte ge- 
worden und werde als Quirinus über sein Volk walten. Diese 
Botschaft tröstete das Volk, und es verehrte den Gründer der 
Stadt als Gott imter dem Namen Quirinus. (Man vergleiche über 
die Geschichte des Eomulus Liv. 1, 3 — 16). 



Eegister. 



Abas 125. 

Absyrtos = Apsyrtos. 
Acca Larentia 208. 222. 
Acbaios 21. 
Acheloos 85. 140. 
Acberon 13. 
Achilleiis 169 ff. 174. 

(Fig. 31.) 
Actiscbe Spiele 196. 
Admete 137. 
Admetos 39. 162. 
Adonis 51, 
Adrasteia 27. 59. 
Adrastos 66. 158. 
Aedon 145. 
Aello 74. 

Aeneas = Aineias. 
Aequitas 217. 
Aesculapius 38. 196. 
Aethlios 70. 
Agamemnon 147. 168 ff. 
Aganippe 61. 
Agathodaimon 96. 
Agaue 94. 155. 
Agdistis 90. 
Agenor 154. 171. 
Aglaia 49. 63. 
Aglauros 150. 
Agraulos 150. 
Aia 161. 164. 
Aiakos 12. 13. 27. 
Aias 170 ff. 174. 176 f. 
A'ides = Hades. 
Aidonens = Hades, 
Aietes 69. 161 ff. 
Aigai 11. 76. 
Aigaion 25. 
Aigeus 151. 
Aigialeus 159. 
Aigimios 140, 143. 
Aigina 124. 
Aigis 24. 37. 
Aigistbos 147. 



Aigle 62. ' 
Aigyptos 127. 
Aineias 171. 218. 
Aiolos 21. 72. 177. 
Aisa 58. 60. 
Aison 162. 

Aithra 65. 66. 152. 153. 
Akastos 163. 
Akrisios 128. 
Aktaion 155. (Fig. 29.) 
Aktor 137. 163. 
Albnnea 83. 
Alekto 117. 
Aietes 150. 
Alexandros = Paris. 
Alexiares 142. 
Alkaios 130. 132. 134. 
Alkestis 39. 
Alkinoos 178. 
Alkmaion 158. 159. 
Alkmene 132. 
Alkyone 66. 
All^oneus 9. 138. 
Aloaden 14. 38. 
Aloeus 38. 
Alpbesiboia 51. 
Alsei'den 89. 
Althaia 164. 
Amaltheia 27. 
Amazonen 125. 
Ambarvale sacrif. 190. 
Ambrosia 5. 
Amisodaros 125. 
Ammon 28. 
Amor 53. 198. 
Amphiaraos 158. 163. 
AmpMon 144. 159- 

(Fig. SO.) 
AmpMtrite 77. 79. 82. 
Amphitryon, 132. 
Amulins 222. 
Amyklas 74. 
Amykos 165. 



St oll, Mythologie. 6. Aufl. 



Amymone 127. 
Amytbaon 128. 162. 
Ancbirrlioe 127. 
Ancbises 171. 218. 
Ancilia 190 f. 
Androgeos 152. 
Andromeda 130. 

(Fig. 23.) 
Aniketos 142. 
Anna Perenna 194. 
Annona 200. 
Antaios 138. 
Anteia 124. 
Anteros 53. 
Antevorta 211. 
Anthesteria 98. 
Antigone 157. 159. 
Antüoclios 174. 
Antiope 153. 159. 
Aoide 62. 
Apbarens 111. 
Aphrodite 10. 50. 

(Fig. 12.) 
Apolliaar. Spiele 198. 
Apollon 10. 37. 46. 195. 

(Fig. 7. 8. 9.) 
Apsyrtos 166. 
Arae 117. 
Areion 159. 
Ares 10. 54. (Fig. 13.) 
Argeipbontes 32. 
Argestes 73. 
Argo 161. 163. 
Argonauten 161. 
Argos 31. 163. 
Ariadne 91. 93. 152. 

(Fig. 17.) 
Aristaios 39. 
Arkas 44. 
Arktopbylax 67. 
Arktos 44. 67. 
Artemis 10. 31. 43. 

(Fig. 10.) 

15 



226 — 



Arvales frätres 190. 
Askanius 219. 
Asklepios 38. 163. 
Asopos 124. 
Asphodeloswiese 12. 
Astarte 51. 
Asterie 121. 
Astraia 60. 
Astraios 72. 73. 
Atalante 158. 164. 
Ate 26. 60. 
Athamas 21. 83. 161. 
Athene 10. 33. 77. 

(Fig. 5. u. 6.) 
Atlas 9. 65. 139. 
Atreus 144. 146. 
Atropos 58. 

Attes, Attis, Atys 91. • 
Augeas 137. 
Augures 183. 
Aurora 71. 
Autolykos 133. 
Autonoe 155. 
Auxo 63. 
Axieros 111. 
Axiokersa 111. 
Axiokersos 111. 

Baccliänalia 202. 
Bacclius = Bakchos. 
Bakchantinnen 95. 98. 
Bakchos 91. 97. 109. 
Bassariden 98. 
Belides 127. 
Bellerophontes 124. 
Belleros 126. 
Bellona 191. 
Bellonarii 192. 
Belos 127. 
Bentliesikyme 79. 
Blas 128. 
Bona Dea 203. 
Bonns Eventus 211. 
Bootes 67. 
Boreaden 163. 165. 
Boreas 73. 
Briareos 7. 25. 
Brisei's 172. 
Brontes 49. 
Bnsiris 138. 

Cacus 142. 
Calendae feminaram 

188., 
Camena 61. 211. 
Capitolin. Spiele 186. 
Caprotin. Nonen 188. 
Carmenta 211. 218. 



Carmentalia 211. 
Celer 223. 
Centimanen 7. 
Cerealia 202. 
Ceres 105. 201. 
Chaos 7. 
Chariten 49. 62. 
Charon 12. 
Charybdis 178. 
Cheiron 19. 104. 133. 

136. 162. 
Chimaira 125. 
Chloris 65. 73. 200. 
Chrysaor 128. 
Chry sei's 172. 
Chryses 172. 
Chrysippos 146. 
Chrysothemis 148. 
Chthonios 154. 
dementia 217. 
CHo = Kleio. 
Coelus 200. 
Compitalia 208. 
Concordia 215. 
Consnalia 212. 
Consus 212. 
Cupido 53. 198. 
Cybele = Kybele. 

Daidalos 152. 
Daimon 16. 209. 
Daktylen 90. 
Damastes 152. 
Danae 128. 
Danaiden 14. 127. 
Danaos 127. 
Daphne 42. 
Daphnis 51. 
Dardanos 169. 
Deianeira 86. 140. 141. 
Deidameia 170. 
Deimos 55. 
Deino 129, 
Deion 21. 
De'iphobe 84. 
Deliades 125. - 
Delphyne 41. 
Demeter 7. 10. 105. 

(Fig. 22.) 
Demophoon 106. 143. 
Deo 106. 
Denkalion 21. 
Diana 43. 196. 
Dido 221. 
Dike 60. 64. 
Diktys 128. 
Diadymene 90. 



Diokles 107. 
Diomedesl37.159.171ff. 
Dione 9. 10. 27. 65. 
Dionysien 97. 
Dionysos 83. 91. (Fig. 16. 

18. 19.) 
Dioskuren 111. 183. 
Dirke 160. (Fig. 30.) 
Dis 113. 213. 
Dius Fidius 187. 
Dodonäische Nymphen 

65. 
Dolon 173. 
Doris 81. 
Doros 21. 
Dryaden 89. 
Dryas 91. 94, 
Dryops 102. 

Echemos 144 217. 
Echidna 126. 135. 
Echiaaden 86. 
Echion 94. 155. 
Echo 89. 102. 
Egeria 197. 211. 
Eidothea 83. 
Eileithyien 32. 44. 
Eirene 60. 64. 
Elektra 67. 74. 148. 
Elektryon 130. 132. 
Elensinien 109. 
Eleusis 107. 
Elysion 12. 14. 
Emathion 72. 
Endeis 104. 
Endymion 70. 
Enkelados 9. 
Enyalios 55. 
Enyo 55. 129. 
Eos 71. 
Epaphos 127. 
Epeios 176. 
Ephialtes 9. 38. 55. 
Epigonen 159. 
Epikaste 155. 
Epimethens 9. 18. 
Equiria 190. 
Erato 61. 
Erebos 12. 
Erechtheus 73. 150. 
Erginos 133. 163. 164. 
Erichthonios 36. 150. 
Erinyen 12. 116. 
Eriphyle 158. 
Eris 55. 

Eros 7. 53. 168. 
Erymanth. Eber 136. 



— 227 



Erysichthon 107. 
Erytheia 138. 
Eryx 138. 

Eteokles 63. 157. 158. 
Euanthes 94. 
Eumaios 178. 
Eumelos 107. 
Eumenides 116. 119. 
Eumolpos 107. 133. 151. 
Euneos 161. 
Eunomia 60. 64. 
Euphemos 163. 
Eupkrosyne 63. 
Europa 28. 154.' 
Euros 73. 
Euryale 128. 129. 
Euryalos 159. 
Eurybie 81. 
Eurydike 163. 
Euryganeia 157. 
Eurymedon 9. 
Eurynome 62. 80. 
Euryphaessa 68. 
Eurypylos 175. 
Eurystheus 132 ff. 143. 

146. 
Eurytion 138. 
Eurytos 133. 137. 139. 

141. 
•Euterpe 61. 
Evander 142. 217. 

Fama 68. 
Eatum 209. 
Fata scribunda 210. 
Eauna 206. 
Eaunus 205. 
Eaustitas 211. 
Eaustulus 222. 
Eavonius 73. 
Eebris 217. 
Eelicitas 211. 
Eeralia 214. 
Eeriae Latinae 186. 
Eeriae semeutivae 203. 
Eessouia 183. 217. 
Eetiales 182. 
Eicus Ruminalis 222. 
Eides 187. 214. 
Elamines 182. 
Elaminica 182. 
Elora 200. 
Floralia 200. 
Flüsse 85. 
Fontinalia 213. 
Fontus 213. 
Fordicidia 203. 



Fortuna 59. 
Furien 119. 



209. 



Gaia 7. 8. 27. 86. 
Galli 91. 204. 
Ganymeda = Hebe. 
Ganymedes 11. 
Ge == Gaia. 
Gelanor 127. 
Genius 209. 
Geryones 138. 
Giganten 9. 138. 
Glauke 167. 
Glaukos 84. 124. 125. 

171. 
Gordios 102. 
Gorgonen 37. 128. 
Gorgopbone 130. 
Graien 129. 
Gratien == Chariten. 
Gyes oder Gyges 7. 

Hades 7. 10. 12. 112, 

113. 
Haimon 159. 
Hamadryaden 89, 
Harmonia 55. 155. 
Harpyien 74, 165. 
Haruspices 183. 
Hebe 11. 142. 
Hegemone 63. 
Hekate 9. 121. 
Hekatoncbeiren 7. 8. 
Hektor 171 ff. 
Helena 84. 111. 147. 153. 

168. 
"Helenos 175. 
Heliaden 69. 
Helios 68. 
Helle 161. 
Hellen 21. 
Hemera 71. 
Heosphoros 67. 
Hepbaistos 10. 48. 
Hera 7. 10. 30. (Fig. 3. 

u. 4.) 
Herakles 10. 13. 19. 81. 

131. 164. (Fig. 24.) 
Herakliden 143. 
Hercules = Herakles. 
Hermes 10. 45. (Fig. 11.) 
Hermione 150. 
Heroen 15, 16. 122. 
Heropbile 42. 
Herse 150. 

Hesione 76. 137. 140, 
Hesperiden 138. 



Hesperos 67. 
Hestia 7. 10. 56. (Fig. 14.) 
Hesychia 60, 
Himeros 52, 
Hippodameia 146. 
Hippokrene 61. 
Hippolocbos 171. 
Hippolyte 137. 153. 
Hippolytos 153. 197, 
Hippomedon 158. 
Hipponoos 126. 
Hippotes 72. 
Histia = Hestia. 
Honor 216. 
Hören 63. 64. 
Hyaden 65. 
Hyagnis 101. 
Hyakinthos 73. 
Hydra 135, 
Hygieia 38. 
Hylas 164. 165. 
Hyllos 141. 143. 
Hymen 54, 
Hyperboreer 139. 
Hyperenor 154. 
Hyperion 7. 68. 
Hypermnestra 127. 
Hyperphas 157. 
Hypnos 25. 70. 115. 
Hypsipyle 161. 
Hyrieus 159. 

lakcbos 109. 112. 

lanus 194. 

lapetos 7. 17. 65. 

lasion 105. 

lason 161 ff. 

Icbthyokentauren 80. 

Tdäiscbe Daktylen 90. 

Idäische Mutter 90. 

Ida 27. 

Tdas 111. 164. 

Idomeneus 171 ff. 177. 

Idyia 165. 

Ikaros 152, 

Ilia 222. 

Ilos 169. 

Inacbos 126. 

Ino 82. 155. 161. 

Inuus 206. 

lo 19. 31. 127. 

lobates 125. 

lokaste 156. 

lolaos 136. 139. 142. 143. 

lole 139. 141. 

Ion 21. 151. 

Iphianassa 148. 

15* 



— 228 



Iphigeneia 44. 148. 

(Fig. 26. 27.) 
IpMkles 132. 
IpMklos 163. 
Iphitos 134. 139. 163. 
Iris 67. 
Isis 32. 
Ismene 157. 
Itylos 145. 
Itys 145. 
lulus 221. 
luno 30. 188. 
lupiter 22. 185. 
luturna 213. 
luventus 215. 
Ixion 14. 104. 

Kabeiren 110. 
Kadmilos 48. 111. 
Kadmos 82." 153. 
Ealais 163. 
Kalchas 169. 
Kalliope 61. 
Kallisto 44. 102. 
Kalydon. Jagd 164. 
Kalypso 65. 87. 178. 
Kamillos 111. 
Kapaneus 158. 
Earpo 63. 64. 
Karpos 73. 
Kassandra 148. 176. 
Kassiopeia 130. 
Kastalia 62. 
Kastor 111. 133. 153. 163. 
Kekrops 150. 
Kelaino 66. 79. 
Keleos 106. 
Kentauren 103. 
Kentaurotritonen 80. 
Kephalos 72. 
Kepheus 130. 
Ker 116, 

Kerberos 12. 13. 138. 
Kerkyon 152. 
Kerynit. Hirschkuh 136. 
Ketes 84. 
Keto 81. 128. 
Keyx 140. 
Kilix 154. 
Kirke 69. 166- 177. 
Kleio 61. 
Kleitos 72. 
Kleopatra 164. 
Kleta 63. 
Klotho 58. 
Klymene 17. 65. 69. 
Klytaimnestra 147. 



Koios 7. 
Kokytos 12. 13. 
Kopeus 84. 
Kopreus 134. 
Kora = Persephone. 
Koronis 38. 
Koros 109. 
Korybanten 27. 90. 
Kottos 7. 

Kreon 133. 134. 156.167. 
Kretheus 21. 162. 
Kretischer Stier 137. 
Kreüsa 21. 167. 221. 
Krios 7. 

Kromyon. Sau 152. 
Kronos 7. 9. 16. 
Kteatos 137. 
Kureten 27. 
Kybebe = Kybele. 
Kybele 90. 203. 
Kydoimos 116. 
Kyklopen 7. 8. 49. 177. 
Kyknos 135. 140. 
Kyrene 39. 
Kytissoros 167. 
Kyzikos 165. 

Labdakos 155. 
Lachesis 58. 
Ladon 81. 139. 
Laertes 171. 
Laios 155. 
Laistrygonen 177. 
Lampetia 69. 
Laodamas 159. 
Laodike 148. 
Laokoon 176. (Fig. 32.) 
Laomedon 39. 76. 134. 

137. 140. 
Laras 207. 
Larvae 208. 
Latiaus 219. 
Latona 37. 196. 
Lavinia 219. 
Learchos 83. 
Leda 111. 164. 
Lemures 208. 
Lemuria 223. 
Lenaien 98. 
Lernäische Hydra 135. 
Lethe 12. 
Leto 9. 10. 13. 37. 
Leukothea = Lio. 
Liber 91. 201. 202. 
Libera 201. 202. 
Liberalia 202. 
Libertas 216. 



Libitina 197. 
Lichas 141. 
Linos 133. 
Litai 60. 
Lotophagen 177. 
Luna 70. 196. 211. 
Luperca 206. 
Lupercal 205. 
Lupercalia 205. 
Lupercus 205. 
Lykaon 28. 171. 
Lykomedes 170. 
Lykos 159. 
Lykurgos 91. 94. 
Lynkeus 111. 127. 

Magnes 21. 
Mala 45. 67. 
Mainaden 95. 98. 
Mainal. Hindin 136. 
Makaria 143. 
Mamurius 191. 
Manes 208. 
Mania 120. 
Mantios 72. 
Manto 159. 
Marath. Stier 152. 
Marpessa 164. 
Mars 54. 189. 
Marsyas 101. 
Mater Matuta 83. 212. 
Matronalia 188. 
Medeia 165 ff. 
Medeios 104. 167. 
Medius Pidius 192. 
Medusa 128. 129. 
Megaira 117. 
Megalesia 203. 
Megapenthes 130. 
Megara 133. 134. 139. 
MeMsteus 159. 
Melampus 128. 162. 
Meleagros 163 f. 
Melete 62. 
Melikertes 83. 
Melische Nymphen 87. 
Melisseus 27. 65. 
Melpomene 61. 
Menmon 72. 174. 
Mene 70. 
Menealos 83. 147. 168 ff. 

177. 
Menestheus 153. 
Menoikeus 156. 158. 
Menoitios 9. 114. 142. 

170. 
Mens 216. 



229 - 



MercTirius 45. 198. 
Meriones 171. 
Mermeros 167. 
Merope 66. 156. 
Metaneira 106. 
Metis 8. 33. 
Mezentius 219. 
Midas 101. 
Mimallonen 98. 
Minerva 33. 189, 
Minos 12. 13. 152. 
Minotauros 152. 
Mneme 62. 
Mnemosyne 7. 61. 
Moira 24. 57. 
Molae 191. 
-Molione 137. 
Molioniden 137. 
Mulciber 49. 193. 
Mundus 214. 
Musen 61. 
Mutunns 103. 
Myrtilos 146. 
Mysterien 6. 108. 

Naiaden 88. 
Napaeen 89. 
!N"arkissos 89. 
Neaira 69. 
Nektar 5. 

Neleus 78. 128. 134. 
Nemeisclier Löwe 135. 
Nemesis 59. 
Nemorensis Dea 197. 
Neoptolemos 170. 175. 

177. 
Nephele 104. 161. 
Neptunus 75. 212. 
Nereiden 81. 88. 
Nereus 81. 
Neriene 191. 
Nerio 191. 
Nessos 140. 
Nestor 78. 171. 
Nike 34. 
NiMppe 146. 
Nikostrate 218. 
Niobe 144 (Fig. 25.) 
Notos 73. 
Numitor 222. 
Nyktelien 98. 
Nyktens 159. 
Nymphen 87. 206. 
Nysa 91. 105: 
Nysäische Nymphen 65. 
Nyx 58. 71. 115. 



Odysseus 171 fF. 174 ff. 

177. 
Oiagros 101. 163. 
Oidipus 119. 155. 
Oilens 171. 
Oineus 140. 158. 164. 
Oinomaos 146. 
Oinopion 93. 
Okeaninen 80. 88. 
Okeanos 7. 9. 65. 80. 
Okypete 74. 
Olympier 10. 
Olympos Berg 10. 
Olympos 101. 
Omphale 139. 
Oneiros 116. 
Opiconsivia 199. 
Ops 199. 
Orbona 183. 217. 
Orcus 214. 
Oreaden 89. 
Oreithyia 73. 
Orestes 118. 148. 197. 
Orion 13. 66.. 72. 
Orpheus 163. 
Orphiker 6 109. 
Orthros 138. 
Ossa 67. 
Otos 38. 55. 

Paian 38. 
Palaimon 83. 
Pales 206. 
Palilia 206. 
Palladion 35. 189. 
Pallas = Athene. 
Pallas 9. 70. 218. 
PaUor 191. 
Pan 102. 205. 
Panathenaeen 35. 
Pandareos 145. 
Pandaros 171. 172. 
Pandeia 70. 
Pandion 145. 151. 
Pandora 18. 
Pandrosos 63. 150. 
Papposilenos 101. 
Parca 57. 209. 
Parentalia 214. 
Paris 168 ff. 171. 
Parthenopaios 158. 
Pasithea 63. 115. 
Patroklos 170 ff. 173. 
Pavor 191. 
Pax 215. 

Pegasos 126. 128. 130. 
Peirithoos 138. 153. 163 



Peitho 52. 63. 
Pelagon 154. 
Pelasgos 21. 28. 
Peleus 82. 163. 168 f. 
Pelias 162. 
Pellonia 216. 
Pelops 144. 146. 
Pelor 154. 
Penates 207. 
Penelope 178. 
Penthesileia 174. 
Penthens 94. 155. 
Pephredo 129. 
Periboia 156. 
Perieres 21. 
Periphetes 152. 
Pero 128. 
Perse 69. 80. 
Perseis 69. 165. 
Persephone 10. 12. 105. 

112. 
Perses 121. 130. 
Perseus 128. (Fig. 23.) 
Phaenna 63. 
Phaethon 69. 
Phaethontiden 69. 
Phaethnsa 68. 
Phaiaken 178. 
Phaidra 153. 
Pheme 67. 
Pheres 162. 167. 
Philoktetes 141. 169. 

175. 177. 
Philomele 145. 
Philyra 104. 
Phineus 74. 165. 
Phlegyas 38. 
Phobos 55. 
Phoibe 7. 71 
Phoibos 38. 

Phoinix 28. 51. 154. 170. 
Pholos 136. 
Phorkys 81. 128. 
Phoroneus 127. 
Phrixos 161. 167. 
Phylakos 128. 
Picus 191. 
Pierides 62. 
Pietas 216. 
Pilunmus 130. 
Pinarii 142. 
Pittheus 152. 
Pityokamptes 152. 
Flankten 161. 165. 178. 
Pleiaden 65. 
Pleione 65. 66. 
Pleisthenes 147. 



— 230 - 



Pluton 113. 213. 
Plutos 105. 
Podarge IL 
Podarkes 140. 
Poias 141. 
Poine 12. 60. 117. 
PoUentia 217. 
PoUux 111. 
Polybos 84. 156. 
Polydamas 171. 
Polydektes 113. 128. 
Polydeukes 111. 153. 

163. 165. 
Polydoros 155. 
Polymnia 61. 
Polyneikes 157. 158. 
Polypliemos76.164.177, 
Polyxena 174. 
Pomona 200. 
Pontifices 182. 
Pontos 7. 80. 
Porca praecidanea, 201. 
Porphyrion 9. 
Porrima 211. 
Portionus 83. 212. 
Poseidon 7. 10. 11. 75. 

(Fig. 15.) 
Postvorta 211. 
Potlios 52. 
Potitü 142. 
Praemetium 202. 
Praxithea 151. 
Priamos 140. 168. 
Priapos 103. 
Procas 222. 
Proculus lulins 224. 
Proitos 124. 128. 
Prokne 145. 
Prokris 72. 
Proknistes 152. 
Promaclios 159. 
Prometlieus 9. 17. 20. 
Prorsa 211. 
Proserpina 118. 213. 
Protesüaos 169. 
Proteus 83. 
Psamathe 84. 
Psyche 14. 53. 
Pudicitia 216. 
Pylades 149. 
Pyrakmon 49. 
Pyriphlegethon 12. 13. 
Pyrrha 21. 

Pyrrhos == Neoptolemos. 
Python 41. 



Quies 217. 
Quinquatrus 189. 
Quirinalia 192. 
Quirinus 190. 192. 224. 

B,ea Silvia 222. 
Remuria 222 f. 
Remus 222. 
Res nemorensis 197. 
Res sacrificulus 183. 
Rhadamanthys 12. 13. 
Rheia 7. 8. 90. 
Rhesos 173. 
Rhode, Rhodos 79. 
Rom. Spiele 186. 
Roma 216. 
Romnlus 221. 

Sabazios 91. 97. 
SäCTilarspiele 196. 214. 
Salacia 212. 
Salier 182. 191. 
Salmoneus 21. 
Salus 215. 
Sancus 187. 
Sarapis 115. 
Sarpedon 125. 171. '173. 
Saturnalia 199. ' 
Satm-nus 9. 199. 217. 
Satyrn 99 (Fig. 20.) 
Seilenos 100 (Fig. 21.) 
Seirenen 177. 
Seirios 67. 
Selene 70. 
Seilen 26. 

Semele 91. 92. 155. 
Senmai 120. 
Serapis 115. 
SibyUen 42. 
Silvanus 191. 204. 
Silvius 222. 
Sinnis 152. 

Sisyphos 13. 21. 83. 124. 
Skamander 85. 
SMxon 152. 
SkyUa 79. 178. 
Sol 68. 211. 
Solymer 125. 
Somnus = Hypnos. 
Spartoi 154. 
Spercheios 85. 
Spes 216. 
Sphinx 156. 
Staphylos 94. 
Sterculius 199. 
Sterope 67. 
Steropes 49. 



Stheneboia 124. 
Sthenelos 130. 132. 146. 

159. 
Stheno 128. 129. 
Strophios 149. 
Stymphaliden 136. 
Siyx 5. 13, 80. 
Suada 52. 
Suculae 65. 
Summanus 185. 
Symplegaden 165. 
Syrinx 102. 

Talassio, Talassius 198. 
Tantalos 13. 144. 147. 
Tarent. Spiele 213. 
Tarentum 213. ' 
Tarpeja 223. 
Tartaros 7. 14. 
Taurische Spiele 214. 
Taygete 67. 
Teiresias 157. 159. 177. 
Telamon 140. 163, 170. 
Telemachos 178. 
Tellumo 203. 
Tellus 86. 203. 
Tempestates 212. 
Tereus 145. 
Terminalia 204. 
Terminus 204. 
Terpsichore 61. 
Terra = Tellus. 
Tethys 7. 80. 
Teukros 169. 171. 
Thaleia 61. 
Thalia 63. 
Thallo 63. 64. 
Thamyris 61. 
Thanatos 115. 
Thaumas 67. 74. 81. 
Theban. Krieg 158. 
Thebe 161. 
Theia 7. 68. 
Themis 7. 10. 60. 
Thersandros 159. 
Theseus 143. 151. 164. 

(Fig. 28.) 
Thesmophorien 110. 
Thestios 164. 
Thetis 82. 168 f. 
Thoas 149. 
Thoosa 76. 81. 
Thrien 47. 
ThriQakia*68. 
Thyestes 146. 
Thyaden 98. 
Thyone 95. 



231 



Tiberinus 213. 
Timandra 218. 
Tiphys 164. 
Tisamenos 150. 
Tisiphone 117. 
Titan 68. 
Titanen 7. 8. 97. 
Tithonos 71. 
Titus Tatius 223. 
Tityos 13. 87. 
Träume 116. 
Triopas 107. 
Triptolemos 107. 
Triton 79. 
Trojan. Krieg 167. 
Tros 169. 
Tubilustrium 189. 
Turnus 130. 219. 
Tyclie 59. 
Tydeus 158. 164. 
Tyndareos 111.- 147. 169. 



Tyndariden 111. 
Typhaon, Typhoeus 8. 
74. 135. 

TJdaios 154. 
Ulysses , Ulixes == 

Odysseus. 
Unterwelt 12. 
Urania 61. 
Uranionen 9. 
Uranos 7. 

"Vejovis 187. 
Venilia 212. 
Venus 50. 197. 
Ver sacrum 186. 
Vergüiae 65. 
Vertunmalia 200. 
Vertumnus 200. 
Vesta 56. 192. 
Vestälia 193. 



Vestalinnen 182. 192. 
Vica Pota 216. 
Victoria 215. 
Vinalia 186. 
Virbius 197. 
Virtus 216. 
Volcanalia 194. 
Vulcanus 48. 193. 

Winde 72. 

Xanthos 85. 
Xutbos 21. 

Zagreus 97. 112. 
Zeitalter 15. 
Zephyros 73. 
Zetes 163. 

Zetbos 144. 159. (Fig. 30.) 
Zeus 7. 10. 22. (Fig. 1. 
u. 2.) 




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UNIVERSITY OF CHICAGO 



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