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Full text of "Röm. 5,12-21 [microform]. Die Adam-Christus-parallele exegetisch und biblisch-theologisch untersucht (teildruck)"

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Rom. 5, 12-21 

Die Adam-Christus-Parallele 
^exegetisch und biblisch-theologisch 

untersucht 

(Teildruck) 



Dissertation 

zur Erlangung der theologischen Doktorwürde 

-der Hochwürdigen katholischstheologischen Fakultät 

der Schlesischen Friedrich* Wilhelms^Universität 

zu Breslau 

vorgelegt von 

Otto Kuß 



1930 



^Spczialdruckerei für Dissertationen Dr. Hermann Eschenhagen K.=G., Ohlau i. Schles. 






Genehmigt auf Vorschlag von-: 

Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Maier 

Prof. Dr. Alfons Schulz 

Examen rigorosum: 24. Juli 1930 
Vortrag: Der Begriff des Gehorsams im Neuen Testament 




101847 



Inhaltsübersicht. 

Inhaltsübersicht 
.Vorbemerkung 
-Verzeichnis der hauptsächlich benutzten Literatur 

I. Teil. Zur Exegese von Rom 5, 12—21 

1. Kapitel. Der äußere und innere Zusammenhang von Rom 5, 12 — 21 

1. Einordnung und Gliederung 

2. Entwickelung des Gedankenganges und Uebersetzung 

2. Kapitel. Einzelexegese von Rom 5, 12 — 21 

1. Die Stellung des 5. Kapitels im Gesamtgefüge des Römerbriefes 

2. Einzelexegese 

II. Teil. Zur biblischen Theologie von Rom 5, 12—21 

1. Kapitel. Sünde und Tod 

1. Der Begriff der Sünde 

a) Sünde bei Epiktet 
i b) Sünde bei Paulus 

Anhang: Ursprung der Sünde nach Rom 5 und 7 

2. Die Beziehung Sünde — Tod 

Anhang: Wilson über Sünde und Tod in Rom 5, 12 — 21 

3. Sünde und Gesetz 

4. AMAPTIA und SANATO^ 

5. Der Ursprung der Sünde 

Psychologische Vorbedingungen 

a) Das Problem des Ursprungs der Sünde in der Umwelt Pauli 

b) Das Problem des Ursprungs der Sünde bei Paulus 
Die Stellung der modernen Exegese 

Prüfung der Stellen 

Rom 5 12—14 

Rom 5. 19. 

1. Kor 15. 22 
Zusammenfassung 

2. Kapitel. Gnade und Leben 

3. Kapitel. Zur Denkweise des Apostels 



III 



Der vorliegende Druck enthält: 

I. Aus dem exegetischen Teil: 

1. Entwicklung des Gedankenganges und Uebersetzung. 1 

2. Aus der Einzelexegese: V. 12 d': scp'co iz6iy^z< T^jxaoTov. 8 

II, Aus dem biblisch*theologischen Teil: 

1. Der Begriff der Sünde 28 

2. Das Problem des Ursprungs der Sünde bei Paulus. . 34 

3. Zur Denkweise des Apostels 46 



V 



1. Aus dem exegetischen Teil. 

1. Entwicklung des Gedankenganges und Uebersetzung. 

Dem Briefstil des Apostels entsprechend ist die Perikope 
«icht streng logisch und sachlich gegliedert; der Apostel ent* 
Rekelt den Gedanken, der ihm vor der Seele steht, vor un* 
seren Augen: er beginnt, bricht ab, erledigt Zwischengedan* 
ken, präzisiert, nimmt den Gedanken immer wieder von 
neuem auf, bis er die Formulierung gefunden hat, die ihm 
die adäquateste zu sein scheint. Die Antithese Adam*Christus 
ist innerster Besitz des Apostels, eine ihn tief erregende in* 
tuitive Erkenntnis; an unserer Stelle versucht er die gedank* 
liehe Durchdringung. 

Mit dem „deswegen" sucht Paulus den Anschluß an das 

Vorangehende. Weil Christus der ist, durch den uns Ver* 

V. 12 söhnung zuteil wurde, deswegen gilt die Beziehung erster 

Mensch — letzter Mensch angewandt auf Adam und Christus: 

...gleichwie durch einen Menschen die 
S ün d e (als Macht) in die Welt hereinkam, und 
du rch die Sünde der Tod (als Macht), und so zu 
allen Mens c h en derTodkam, daraufhin, daß^ 
allesündigten... 

Die Periode bricht ab, der Apostel fängt von neuem an 
2u denken. Alle empfingen den Tod von Adam, wie alle das 
Leben empfangen von Christus: das ist der Gedanke, den er 
liier ausführen will. Da hat ihn sein konstruktives Denken, 
seine große Liebe für eindrucksvolle Formulierungen und ein* 
prägsame Figuren verleitet, den begonnenen parallelismus 
membrorum zu vollenden und damit den Hauptgedanken 
ernstlich zu gefährden. Die Antiparallele steht schon vor sei* 
Tiem geistigen Auge — da stutzt er, die Periode bleibt un* 
vollendet; denn sie drückt seinen Gedanken nicht voUkom* 
"men aus: so wird es keine Parallele zur Christusseite. 

Der Apostel diktiert, er läßt nicht wegstreichen, um 
"Von neuem anzufangen; die Periode bleibt — wie auch sonst 
gelegentlich bei ihm — einfach unvollendet. Aber er präzisiert 
•den Hauptgedanken des V. 12. Er läßt das so't^ xavüs? 



1) Carl Weizsäcker, Das Neue Testament übersetzt, 11. Auflage, Tübingen 
1927, 290. 



•^[jLapirov stehen und schließt mit dem yxp von V. 13 an das? 
Hauptthema des V. 12 an; in VV. 13 und 14 will er klarer 
herausarbeiten, was er in V. 12 eigentlich meint. 
V. 13 Denn (auch in der Periode von Adam) bis zum Ge? 

setz (zur Gesetzgebung) war Sünde zwar in der 
Welt, Sünde wird jedoch nicht (zum Tode) a n * 
gerechnet, wenn kein Gesetz (auf dessen Ueber^ 
tretung die Todesstrafe steht) daist. 
V. 14 Trotzdem — das oCkXd bezieht sich auf den allge*^ 

meinen Negativsatz V. 13 b — h a t d e r T o d (in dem Zeit:^ 
räum) von Adam bis auf Moses auch über die 
geherrscht, die nicht in Aehnlichkeit mit 
der Uebertretung Adams g.e sündigt hatten. 

Wir haben es hier mit einem regelrechten Beweisgang; 
zu tun; den Schluß zieht der Apostel noch nicht, aber die 
Prämissen stehen da. Der Schluß leuchtet von selber einr 
wenn einerseits wirkliche Sünde, also Sünde, die „angerech* 
net" wird, nur durch Gesetzesübertretung zustande kommt,, 
anderseits trotz des mangelnden Gesetzes die vormosaischen 
Generationen starben, so muß ihr Tod, da er auf sie selbst 
nicht zurückgeführt werden kann, auf Adams Tat zurück- 
gehen; Adam ist wirklich Urheber des Todes aller. 

In diesem Gedanken vollendet der Apostel zunächst pro? 
visorisch die Parallele, auf die er hinzielt: den Tod brachte, 
uns also Adam, der ein (Gegen?)Bild des zukünfs 
tigen ist, der uns das Leben bringt. 

So lenkt der Apostel wieder in den Gedanken ein, auf 
den es ihm in der ganzen Stelle ankommt. Im Folgenden 
nimmt er einen erneuten Anlauf, seinen Gedanken zu fassen, 
doch er wird sofort wieder abgedrängt. Denn er sieht, daß er- 
es mit zwei ungleichen Gegnern zu tun hat, daß Sünde undi 
Tod, wenn sie den Menschen verderben wollen, nicht kons 
kurrieren können mit Gott, wenn er den Menschen retten 
will. Das ist innerster Lebensbesitz des Paulus, es ist schließ- 
lich seine eigene Erfahrung. 

In der Erkenntnis und in dem Gefühl des Ueberströmt* 
Seins mit unverdienter Gnade schließt Paulus in zwei kal# 
wachomersSchlüssen und einer Antithese jede quantitative 
und qualitative Vergleichbarkeit zwischen Sünde und Gnade;. 
Tod und Leben aus. 

Das geschieht in VV. 15 und 16, die je aus der Behaup«^ 



tung und Beweis stehen, und in V. 17, in dem die Behaup*^ 
tung fehlt. 
V. 15 (Behauptung:) Aber (nein, . — ) esistbeiderVers^ 

fehlung nicht so wie bei der Begnadung. 

(Beweis) : Denn wenn durch des Einen Ver? 
fehlung die Vielen starben, so ist um vieles 
mehr die Gnade Gottes und die Gabe (,die) i n 
der Gnade des einen Menschen Jesus Chri* 
stus (besteht,) auf die Vielen in überreichem. 
Maße übergeströmt. 

Der Apostel schränkt seine Parallelisierung ein, er son* 
dert aus, differenziert — ein seltener Fall in der altchrist^ 
liehen Typologie, die im allgemeinen sehr summarisch vor* 
geht und sich keineswegs bei Unterschieden aufhält. Sünde 
und Gnade sind in ihrer Wirkung nicht gleich; wiewohl der 
Apostel alle furchtbaren Schrecken der Sünde kennt — die 
Gnade ist doch unvergleichlich mächtiger. 

In V. 16 wird der Blick in die ungeheure Spanne zwi* 
sehen der Wirkkraft der von Adam bzw. Christus ausgehen* 
den Wirkungen noch erweitert. Da, wo Sünde im Spiel ist, 
genügt eine Sünde, um alles zu verurteilen; handelt es sich 
dagegen um Gott und seine Gnade, dann kann man (nach 
Paulus) sagen, daß sie erfahrungsgemäß gerade um so reicher 
gespendet wird, je zahlreicher die Sünden sind, die sie hervor*^ 
rufen. So ist Paulus in Analogie zu V. 20 ff. wohl auch hier 
zu verstehen. 
V. 16 (Behauptung :)Undnichtwie (das) durch Einen» 

der sündigte, (über uns gekommene Uebel ist auch) 
d i e G a b e. 

(Beweis:) Denn das Gericht (erging) zwar auf 
Grund (der Sünde) des Einen (und führte) zur V e r * 
dammung (vieler); die Gnade aber (kam) auf 
Grund vieler Verfehlungen (und wurde) zur 
Rechtfertigung (vieler). 

Der Apostel stellt die Zahl der Sünden einander gegen= 
über, die jeweils zum Eingreifen der überirdischen Mächte 
geführt haben, und wieder kommt ein überströmendes Plus 
für die Gnade heraus. Eine Sünde eines einzelnen verdarb 
alles, unzähHge Sünden vieler aber können die Gnade nicht 
aufhalten; man denkt wieder an 5,20: oS Bs s7:Xs6vaorsv y) i^^apTia, 



Der V. 17 greift über VV. 15 und 16 hinaus. In VV. 15 
und 16 werden Tatsachen konstatiert: so stellt sich das Heils* 
geschehen dem alten Unheil gegenüber; das ist an uns offen* 
bar geworden. Und werm das so ist — fährt jetzt der Apostel 
fort — , wenn wirklich die ^api,!; uou 8'sou durch Christus — 
wie wir das ja erleben — Herr geworden ist über das Unheil, 
das die (^[xap-Tia durch Adam über uns gebracht hat, dann 
wird auch die Zukunft uns mit gleicher Sicherheit die Voll* 
endung des Heilswerkes, die Herrschaft in der Glorie brin* 
gen. V. 17 steht mit den VV. 9 und 10 (die ihre Bestimmung 
von V. 2 empfangen) auf einer Stufe: von dem Faktum des 
wirklich gewordenen Heiles wird auf die Zukunft geschlos* 
sen, von der Rettung auf die Verherrlichung, auf die ^wy] atwvioi;. 

Die Behauptung fehlt in V. 17; der Satz setzt sofort be* 
weisend mit einem yap ein: 
V. 17 Denn wenn durch die Verfehlung des 

Einen (nämlich Adams) der Tod zur Herrschaft 
kam durch den Einen, so werden um vieles 
mehr die, die den Ueberfluß der Gnade und 
der Gabe der Gerechtigkeit empfangen ha* 
ben, im Leben herrschen durch den Einen 
(nämlich) Jesus Christus. 

Der Apostel sieht in die Zukunft der Vollendung, und 
seine Sprache wird auf einmal voller und tönender; wir füh* 
len, wo sein Herz ist. In 5,2 hat er schon das Thema genannt, 
von dem er sprechen wollte {ymi xa'j)((6^s9<a Itc' &h:i^i -n)? 
Z6^f\c, Tou Ö^sou), und immer wieder hat er sich im ganzen 
Kapitel von der Gegenwart des Erreichten zu der Zukunft 
durchgearbeitet, vom . Heil zur Heilsvollendung, von der 
Rechtfertigung zum ewigen Leben. Der V. 17 ist voll von die* 
ser glühenden Hoffnung des Apostels; zugleich treten ihm 
jetzt auch die kosmologischen Zusammenhänge wieder deut* 
lieber ins Bewußtsein: hier der Anbruch der Todesherrschaft, 
dort der in seiner Macht und Glorie unvergleichlich herr* 
liebere Anbeginn der ewigen Herrschaft der Gerechtfertigten. 

Die VV. 15. 16. 17 scheinen in einem inneren Zusammen* 
liang zu stehen, sie bilden eine steigende Linie oder — an* 
■ders ausgedrückt — sie sind konzentrisch wachsende Kreise. 
Schritt vor Schritt kommt der Apostel zu deutlicheren Ein« 
sichten, die Formulierungen gelingen ihm besser und besser, 
seine Sprache wird eindringlicher und farbiger; in V. 17 (und 

4 



später in V. 21) ist in diesem Sinne zweifellos der Höhepunkt 
erreicht. 

In den positiven Schlußsätzen der drei Verse kommt die 
Steigerung des Gedankens deutlich zum Ausdruck: 

V. 15: „Die Gnade ist in reichem Maße übergeströmt": als 
Feststellung dessen, was Tatsache geworden ist. 

V. 16: „Viele Sünden verhindern nicht die Rechtfertigung": 
modifiziert den Gedanken des V. 15, indem er die er* 
staunliche Kraft der Gnade deutlicher zu Bewußtsein 
bringt. 

V. 17: „Die Rechtfertigung führt zum ewigen Leben". 

Auf dieser nunmehr gewonnenen Basis bleibt der Apostel 
auch in W. 18 und 19 stehen; der Weg ist jetzt frei; Paulus 
hat es deutUch ausgesprochen: auf Seiten Gottes liegt das 

V. 18 unvergleichliche Schwergewicht: apa o5v folglich nun, 
in diesem Sinne also, daß nämlich das Schwergewicht bei der 
Gnade liegt, daß, was das Maß anlangt, zwischen Sünde und 
Gnade kein gleiches Verhältnis besteht, in diesem Sinne ganz 
allein können wir sagen: 

...wie (es) durch des Einen Verfehlung für 
alle Menschen zur Verdammung (kam), s o 
(kommt es) auch durch des Einen Rechttat für 
alle Menschen zur Rechtfertigung (die den Be* 
sitz) des (zukünftigen Lebens (verbürgt). 

Jetzt endlich steht der Apostel da, wohin er schon in 
V. 12 gestrebt hatte: ganz einfach und selbstverständlich 
ist es formuliert: in beiden Fällen kommt es von der Tat des 
Einen zu einer Wirkung, die sich auf alle erstreckt, nur unter 
umgekehrtem Vorzeichen. 

In V. 19 spricht der Apostel den Tatbestand erneut aus, 
Zugleich verdeutlichend und begründend, jetzt stärker als in 
V. 18 {^(uri) betonend, daß er von der Zukunft spricht: 

V. 19 Denn gleichwie durch den Ungehorsam 
des einen Menschen sündig wurden die Vie* 
len, so werden auch durchden Gehorsam des 
Einen gerecht werden die Vielen. 

Der Gedanke wird wieder präzisiert: TcapöcTCTw^a das 
heißt Tüapaxofj; BixaCwp-a. das heißt 5;^ax,0Tj. Der Gehörsam, 
mit dem Jesus den Kreuzestod auf sich nahm (Phil. 2,8), 
wird die Menschen gerecht machen, endgültig gerecht machen 



in der Zukunft des Endgerichts, wo die eXxI? BwtaiocruvY]^ 
(Gal. 5,5) Wirklichkeit werden soll. 

Die Vergleichbarkeit zwischen Adam und Christus wird 
also abgelehnt: 

1. allgemein in bezug auf die Kraft (Qualität oder Quan* 
tität) der jeweiligen Wirkung (V. 15), 

2. in bezug auf die Zahl der jeweils ihr vorausgehenden 
Sünden (V. 16), 

3. in bezug auf die Sicherheit des Eintreffens des End# 
Schicksals (V. 17). 

Bei diesem Versuch einer Unterscheidung wird das We* 
sentliche nicht berührt, im Grunde handelt es sich in VV 15 
bis 17 um drei Formulierungen desselben Gedankens: der 
Apostel will einfach sagen: die Gnade ist stärker als die 
Sünde. Darin liegt die Unvergleichbarkeit zwischen Adam=: 
Menscheit und Christus=:Menschheit. Dann fährt er aller* 
dings fort: man kann sie freilich vergleichen und eine Be# 
Ziehung feststellen darin, daß es jeweils einer war, der auf 
alle einwirkte und zwar in entgegengesetztem Sinne (VV. 
18, 19). 

Adam^Christus, das sind die beiden Angelpunkte der 
Weltgeschichte, so wie Paulus sie sehen muß — wo steht nun 
das Gesetz, das Zentrum der jüdischen Geschichtsauffas* 
sung, innerhalb dieser neuen Weltschau? 
V. 20 Das Gesetz ab er ist dazwischen herein* 

gekommen, damit die Sünde sich mehre; wo 
aber die Sünde sich mehrte, daist die Gnade 
in reichlichem Maße übergeströmt. 

Der Apostel spricht von Tatsachen. Das Gesetz ist gut, 
aber es ist ein Faktum, daß es gegen die Sünde keinen wirk* 
samen Schutz geboten hat; im Gegenteil: es hat der Sünde 
Vorschub geleistet. So steht es auf der dunklen Seite der 
Weltgeschichte als eine dunkle Mächt: die Sünde empfängt 
ja ihre eigentlich verurteilende und vernichtende Kraft erst 
vom Gesetz. 

Es ist ein klarer Schluß, den der Apostel aus seiner Welt* 
ansieht hier zieht: von Adam bis Christus gibt es nur Tod, 
wenn Ernst gemacht wird mit der Behauptung, daß erst mit 
Christus das Leben gekommen ist. Da das Gesetz Gottes 
nun aber nur den Sinn haben kann, Gottes Absichten zu för« 
dern, d. h. der Aufrichtung der Gnadenherrsehaft zu dienen, 



so muß man annehmen, — da ja doch faktisch das Gesetz 
die Möglichkeit Sünde zu begehen ins Unendliche mehrte, — 
daß Gott gerade diese Mehrung der Sünde zum Anlaß 
nehmen wollte, die Macht seiner Gnade zu zeigen. Es liegt 
etwas Ungeheuerliches — für jüdische Ohren mußte es 
schlechthin eine Gotteslästerung sein — in diesem Satze 
Pauli, daß Gesetz faktisch und damit providentiell dazu da 
sei, Sünde zu mehren, ein Gedanke, der allerdings dadurch 
abgeschwächt wird, daß für das Gefühl des Apostels der Ton 
auf der Mehrung der Gnade liegt: 
V.21 ...damit, wie geherrschthat die Sündeim 

Tode (durch den Tod), so auch die Gnade 
herrsche durch Gerechtigkeit zum ewigen 
Leben durch Jesus Christus unsern Herrn. 

Das ist die Lösung, an die der Apostel sich immer 
wieder klammert: die Sünde ist da, um von der Gnade Got=> 
tes überwunden zu werden, die Königsherrschaft der Sünde 
ist nur der Aktionsbereich für das Wirken der Gnade. In 
dem mächtigen V. 21 faßt der Apostel den Inhalt der gan« 
zen Perikope noch einmal zusammen, und es bleibt am Ende 
die christliche Gewißheit, daf5 alles Uebel und alles Böse nur 
um des Guten willen da ist, und daß das Wirken Gottes, das 
an uns schon offenbar geworden ist, zur Vollendung gelangen 
wird in der Aufhebung von Sündenherrschaft und Todesangst 
durch die Königsherrschaft der Gnade. 






2. Aus der Einzelexegese.^ 

V- 12d: eip'^ mvTsg vj^apTOv. 

Die Interpretation dieser Stelle ist wirklich die Crux de* 
ganzen Abschnittes (Sanday*Headlam 1896, 134). Was soll 
das bedeuten: Icp' t^ Tcdvre? -^p-apTov? Wie kann der Apostel, 
den Tod der einzelnen von der Sünde der einzelnen ableiten, 
wenn er V. 13. 14 erklärt, daß diese vor Moses gar nicht straf* 
bar sündigen konnten? Wie kann er aber 5, 19 sagen, daß alle 
durch Einen zu Sündern wurden, und damit natürlich auch 
ihren Tod auf diese Sünde gründen, wenn er 5, 12 das Gegen* 
teil sagt? Haben also wirklich alle Menschen in Adam ge# 
sündigt, wie sie auch in ihm gestorben sind (1. Kor. 15,22)? 
Oder haben sie vielleicht Adam nur nachgeahmt, war er so* 
zusagen nur der Erfinder der Sünde? 

Aller dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, versuchte 
man auf verschiedenen Wegen. Diese Versuche ordnen sich, 
wenn man die singulären und infolge ihrer Abstrusität be* 
deutungslosen Vorschläge übergeht, etwa in folgende Grup* 
pen: 
I. Die Lösung wird durch Interpretation des -Jjjxapirov gesucht.. 

1. £co' lö ist r elativisch zu verstehen, 

a. Es bezieht sich auf avQ>pco7!Oc: 
Augustinus — Schaefer. 

b. Es bezieht sich auf ö'avaTO? : 
Zahn, O. Holtzmann. 

2. s^'qj ist konjunktional zu verstehen; auf eine Lösung de;* 
Antinomie wird verzichtet; man nimmt zwei Ursachen 
für den Tod des Einzelnen an: J. Weiß, Feine, Thacke* 
ray, Lietzmann. 

II. Die Lösung wird durch Interpretation des i(^ (5 gesucht 
unter Voraussetzung der konjunktionalen Bedeutung des 
1^' &). 

1. ^^[xapTov drückt hier einen Zustand aus: 
Grotius, Prat, Lagrange, Williams. 

2. ■Jjjj.ap'TOv ist durch sv'ABdcji, zu ergänzen: 

1) Im exegetischen Teil ist in fortlaufendem Text tunlichst ohne Anmerkungen 
berichtet worden. Kommentare sind hier mit dem Namen des Verfassers und dem 
Erscheinungsjahr zitiert, 

8 



Bisping, Cornely, Sickenberger, Haering, Bardenhewer^ 

Freundorfer. 
Die Geschichte der Auslegung der umstrittenen Stelle hat jetzt 
Freundorfer, Erbsünde und Erbtod beim Apostel PauluSy, 
Münster 1927, 105—214 geschrieben; ich kann mich an dieser 
Stelle also kürzer fassen und beschränke mich bei der Aus* 
einandersetzung auf die typischen Lösungen, die heute noch 
maßgebenden Einfluß haben. Damit ist die Entwicklung eines 
eigenen, exegetischen Standpunktes verbunden, der in seine» 
Grundzügen am Schluß noch einmal zusammengefaßt wird. 

AugustinussSchaefer. 

Nach der alten, lateinischen Bibelübersetzung hat Ambro? 
siaster (ML. XVII, 96 f.): in quo id est in Adam omnes pecca^^ 
verunt- Von Ambrosiaster übernimmt diese Deutung A u g u # 
s t i n (oft, z. B. CSEL LX, 528; zu Augustins Erbsündenlehre 
ausführlich Joseph Mausbach, Ethik d. hl. Augustin IP 1929, 
139 — 207), von ihm die Exegese des Mittelalters und die kathos= 
lische Exegese bis auf Schaefer, der wohl aber der letzte Ver# 
treter dieser Auffassung gewesen sein dürfte. 

Schaefer 1891 bringt für seine Auffassung, die l^ ^ 
(in quo der Vulgata) als Relativum auf av8>poD7co? bezieht 
(in dem Sinne „um Adams willen sind alle Menschen Sünder"^ 
a.a.O. 180) vor allem zwei Gründe. 

1. „Wenn . . . Icp' ^ einfach .weil' bedeutete, dann wäre mit 
TcavTS? TJixapTrov füglich ein in Bioc 'zr\<; dpLap-Tta^ 6 ^ava-ro? schon 
enthaltener Grund nur wiederholt" a.a.O. 177. 

2. Daß sTTi = SV sei, begründet er folgendermaßen-: 
"Wenn der Grund ... so beschaffen ist, daß in seinem Wesen 
die Ursache für etwas anderes gelegen ist, dann kommt es 
darauf hinaus, daß l-jzi mit sv gleichbedeutend gefaßt wird" 
a.a.O. 179. 

Beide Gründe sind unzutreffend. 

ad. 1 ist daran zu erinnern, daß Schaefer selbst die Be* 
deutung von kodp? 5, 12 auf die ganze Schöpfung einschließ* 
lieh der Menschenwelt ausdehnt (a.a.O. 176). Dann hätte also, 
streng genommen, Pls. überhaupt den Satz mit Bia-nj? apapTta? 
6 ö'dcvaTros schließen können, denn auch das xol oötw^ si$ Tüccvra? 
av9'p(ii7CQU? 6 9>av(X'iro? Bi^jTvö-sv ist schon eine Wiederholung des 
xol Biot TY)? ÄpiapTta? 6 Q-avaTOi:. Wie man T^piapTrov auch auf= 



9 - 



fassen mag, in jedem Falle gibt der scp' ^^Satz im Zusam» 
menhang einen möglichen Sinn. 

ad 2. Die Stellen, mit denen Schaefer seine Behauptung 
belegt, betreffen allein die Formel liil ovo^aaTi, das hebrä? 
ische btS'lp, wo der Gebrauch zwischen zlq, Iv und i%i 
wechselt, vgl. Blaß^Debrunner § 206, 2. Der formelhafte Cha» 
rakter macht den Beleg durchaus ungeeignet. 

Die relativische Beziehung auf avö'ptoTuoc, die also dem La* 
teinischen in quo (s. aber Freundorfer 129 f.) entsprechen 
würde, wird jetzt von allen katholischen Exegeten abgelehnt, 
z. B. von A. Maier 1847, 179; Bisping 1870, 184; Cornely 1896, 
280; Prat I 1927, 256 f. Anmerkung; Lagrange 1922, 
106; Sickenberger 1923, 189; Bardenhewer 1926, 82; Freun* 
dorfer 233 f. Von den Grammatikern zitiere ich Winer* 
Schmiedel § 24,5 b, 12; Moulton 1911, 175; Blass^Debrunner 
§ 235. Lagrange 1922, 106 f, den ich statt anderer anführe, 
lehnt die relativische Deutung des 1<^S), vor allem aber die 
Beziehung auf ocvö^pw^o^ mit der einfachen durchschlagen« 
den Begründung ab: en grec stcC n'est pas synonyme de in, 
,dans' ,et scp'w ne peut signifier ,dans lequel*, mais seulement 
,parce que*. II est inutile d'insister sur ce point, reconnu par 
les exegetes catholiques les plus autorises. 

Z ahn, O . Holtzmann. 

Die Schwierigkeiten, die die Beziehung von loV(p auf 
avQ'pcoTüo? machte einerseits, anderseits die Tatsache, daß 
auch die konjunktionale Auffassung nicht jeden Anstoß an 
dieser schwierigen Stelle beseitigen konnte, bewogen einige 
Exegeten dazu, 1'^' ^ auf Q^avaros zu beziehen (Zusammen* 
Stellung bei Freundorfer 210 fi.); in letzter Zeit ist diese Auf« 
fassung vor allem von Theodor Zahn und Oskar Holtzmann 
vertreten worden. 

Theodor Zahn sagt in seinem Kommentar 1925, 267, der 
.Sinn des Ico" w* Satzes sei, daß das Sündigen aller Menschen 
„unter Vorhandensein des Todes, unter der Voraussetzung 
und auf Grund des in die Welt und zu allen Menschen ge* 
kommenen Todes stattgefunden habe". Da das zweite 
ö'avaTOi; in V. 12 textkritisch nicht ganz einwandfrei ist, 
hält Zahn auch die Beziehung des i(f ^ auf den vorangehen» 
den Satz (von x«l outw^ an) für möglich, der Gedanke wird 
dadurch ja nicht verändert. Man könnte zunächst einwenden, 

10 



daß nicht anzunehmen sei^.daß Pls einen so. wesentlichen Ge^ 
danken in einen angehängten, unbedeutenden Nebensatz ge:* 
faßt habe, aber Zahn beruhigt dieses Bedenken mit dem Hin* 
-weis darauf, daß sich ja „oft" bei Pls „in Form eines kurzen 
Relativsatzes ein neuer Gedanke" anschließe (a.a.O 268). Er 
verweist dabei auf Rom. 2,29; 3,8. 30; 5, 14; 1. Kor. 3, 11; 
•Gal. 2, 10. Aber dagegen spricht der Aufbau unseres Satzes. 
Schon Johannes Weiß, Beiträge zur Paulinischen Rhetorik 
1897, 226 hat darauf hingewiesen, daß V. 12 „einen Parallel 
lismus bildet, dessen Glieder wieder zweigliedrig sind" und er 
deutet an, daß nach seiner Ansicht aus dieser Erkenntnis 
auch für die Exegese Entscheidendes zu holen sei. Es ist hin* 
zuzufügen, daß in unserem Falle die Stellung der Doppelglie* 
der des Parallelismus chiastisch ist. Pls sind solche Figuren 
nicht fremd. Beispiele für einen chiastischen Parallelismus 
in seinen Briefen sind etwa Rom 10,9 f; 11, 26 ff (dazu F. W. 
Maier, Israel in der Heilsgeschichte nach Rom 9 — 11, Mün* 
ster 1929, 143). Es handelt sich unter dieser Voraussetzung 
in dem 1^'^* Sätzchen also nicht nur um einen vollkommen 
neuen Gedanken, sondern um eine Erweiterung. Der ganze 
Satz zerfällt in vier Teile: 

1. &G%ep Bi' svö$ av8»p(i!)7COu -J) a[xapTria st$ ttöv x6ff|iov si(7^>.9>sv 

2. %a\ tioi TT]? ö^p-apTTia? 6 Q-avaroig 

3. xaC ouTTtd^ s?? ■rcdtvTa? otvQ'pt&Tcou? 6 b'xvocvoq Bit]>.9»sv, 

4. s<^' ^ mvTSi; T^|ji,apT:ov... 

■Sowie sich also die causa erweitert von 1 zu 4, so erweitert 
sich der effectus von 2 zu 3. Der Gedanke ist einfach und 
klar. 

Aber Zahn baut auf seine Weise weiter. Er sieht zu* 
nächst selbst die Schwierigkeit, die ihm der Umstand macht, 
daß Pls sich bei einer so wesentlichen Behauptung nicht 
deutlicher ausgedrückt hat. „PI hat es vermieden, durch ein 
unzweideutiges ,darum' die Herrschaft des Todes über alle 
Menschen geradezu als die eigentliche und einzige Ursache 
des Sündigens aller Menschen zu be*zeichnen". Zahn be* 
schränkt sich leider auf die Feststellung dieses Tatbestandes, 
ohne nach einem Grund zu suchen, und fährt fort: „Was 
PI aber mit Nachdruck sagt, ist doch dies, daß das durch 
den einen Adam, und zwar durch dessen Sünde bewirkte 
^Eindringen des Todes in die Menschenwelt und die damit 
igegebene Ausdehnung des Todes über alle Menschen die 

11 



obwaltenden Umstände sind, unter welchen alle Menschen 
seit Adam gesündigt haben. Diese Umstände bilden gleich* 
sam den Boden, auf welchem das Sündigen aller Adams* 
kinder erwachsen ist." (a.a.O. 269.) Adam ist also, als er 
sündigt, nicht vorbelastet — im Gegensatz zu uns. 

In seinem Grundriß der Neutestamentlichen Theologie 
1928, 102 ff., hat Zahn seinen Standpunkt noch deutlicher 
formuliert. Dort heißt es S. 103: „Unter dem Tode ist die 
ganze Verderbtheit der menschlichen Natur 

zu verstehen d. h. die Sterblichkeit und der leib* 

liehe Tod, aber auch die Störung des normalen 
Verhältnisses zwischen dem Ich und de r leib* 
liehen Natur, die AbhängigkeitdesWillens 
vom Fleisch, die hiedurch bedingte Gott*^ 
Widrigkeit des gesamten menschlichen Da* 
seins und der damit gegebene Ausschluß von 
der belebenden und beseligenden Gemein* 
Schaft mit Gott. Dieser angeborene Tod schließt also 
das ein, was die Dogmatik Erbsünde nennt." (Sperrung: 
von Zahn.) 

Ganz ähnlich ist die Stellung Oskar Holtzmanns, 
Das Neue Testament 1926 II 638 f. Holtzmann übersetzt „und 
der Tod ist so zu allen Menschen hindurchgekommen, auf 
Grund dessen sie alle sündigten." Der Tod ist also „die 
Grundlage des allgemeinen Sündigens," „damit, daß Adam 
sterblich wird, wird sein Leib geschwächt und verfällt der 
Sünde: daher öecQ'SVYi? 5, 6." 

Darüber, daß die konjunktionale Bedeutung des 1^* ^ 
an unserer Steile gegenüber der relativischen mit größerer 
Sicherheit anzunehmen ist, hat sich nach vielen katholischen 
und protestantischen Forschern zuletzt Freundorfer a.a.O. 
232 — 238 verbreitet; deshalb kann ich mich an diesem Punkte 
kurz fassen. 

Die konjunktionale Bedeutung des l<pV^ ist dem Grie- 
chischen durchaus nicht fremd. Schon Wettstein II (1752) 
z. d. St. verweist auf die kategorische Bemerkung von Thomas 
Magister (ed. Ritschi 1832, 129): Itp'^ dcvrl toö Bioti s?g ^capwxY)- 
[jiivovj'der seinerseits wieder eine Beweisstelle aus Syne* 
sius (epist. LXXIII) anführt. Synesius beschreibt dort 
die empörenden Zustände in der Pentapolis. Die Korruption 
geht soweit, daß man Männer ins Gefängnis wirft, weil sie 

12 



Unschuldige nicht anklagen wollen. Ja, man hat sogar einen 
freigelassen, weil er den verdienten Gennadius angeklagt hat; 
xal TÖv ^Xiov siSsv Iwl pTjToT^ avQ'pwTco? Icp' ^ rsvvdcBiov lypA^cc^g 
(Epistolographi Graeci ed. Hercher 1873 p. 685 c; Migne PG. 
LXVI 1440 B). Eine ähnliche Bemerkung findet sich bei Vä^ 
rinus Phavorinus, Dictionarium Basel 1538 p. 813 Zle. 55f; 
Andere Beispiele führt noch an Freundorfer 236 A. 8. Im_ 
selben Sinn kommt s<d'ö noch zweimal bei Paulus vor; 2 Kor. 5, 
4; Phil 3, 12; ähnlich '4,' 10. 

Aber es gibt noch einige sachliche Einwände, die ernst 
zu nehmen sind. Sollte sich die Zahn*Holtzmannsche These 
halten lassen, dann wäre der Gedankengang ohne Anstoß; 
aber gerade das bringt uns neue Schwierigkeiten. Wir können 
dann nicht mehr einleuchtend machen, warum die Konstruk' 
tion an unserer Stelle so verbaut ist. Warum bricht Pls 5, 12 
ab? Warum der zwischengeschaltete Beweis W. 13 und 14? 
Sehr problematisch ist schließlich der Q>avaTo?*Begriff. 
den Zahn*Holtzmann hier unterlegen. Holtzmann scheint 
MvÄTo? mit dc(T&svsia gleichzusetzen, Zahn liest eine ganze 
entwickelte Theologie aus dem Worte heraus, beide geben 
keinen Beweis für ihre Ansicht, beide verkennen oder 
betonen nicht genügend die Beziehung, in der 5, 12 ff. zu der 
Genesiserzählung steht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, 
daß z. B. 5,14 der physische Tod gemeint ist, der Beweis Pli 
baut sich darauf auf. Es wird Zahn schwer fallen, Stellen 
wie z. B. Rom 5, 21; 6,16, 20 f. 23; 7, 5. 10. 11. 13 o, ä., in 
denen das Verhältnis von Tod und Sünde umgekehrt er? 
scheint, als es uns Zahn erklären will, mit seiner Hypothese 
in Einklang zu bringen; er muß zu weiteren Hilfshypothesen 
seine Zuflucht nehmen, er muß 5,21 IßacriXsuasv y) Ä^xp-ua iv 
TW 9'avaTw sehr künstlich umdeuten .(Kommentar 292 f.); er 
muß cap. 7 von „relativer Lebendigkeit" und einem „Zustand 
gesteigerter Herrschaft des Todes" sprechen, alles Vorstel« 
lungen, die ebenso kompliziert wie unwahrscheinlich sind. 

Es kommt hinzu, daß nach der Zahnschen Auffassung 
ein Gedanke eingetragen würde, der aus dem Zusammen* 
hang fällt. Pls will sich ja nicht eingehend über Ursprung und 
Grund der Sünde auslassen, sondern er will Adam als den 
Bringer des Todes kennzeichnen. Was soll da der Gedanke, 
der ohne Bedeutung im Zusammenhang nur aus theoretischem 
Interesse auf die Tatsünden der einzelnen Licht wirft, zumal 

2* 13 



ja Paulus in dem Begriff ö^avaTO^, wie ihn Zahn versteht, 
das schon alles gesagt haben würde. Denn da Pls sich nicht 
so eingehend wie Zahn über seine ö-avairo^sVorstellung 
verbreitet und man von seinen Lesern ein unmittelbares 
Verständnis dieser Zusammenhänge nicht erwarten kann, 
muß ihnen die eigenartige 8>avairo5-a[JiapTia*=Spekulation des 
Apostels vertrauter gewesen sein als uns; der l^'^^Satz hätte 
sich dann erübrigt. 



J. Weiß, Feine, Thackeray, Lietzmann. 

Einige Exegeten entschlossen sich daher, zunächst einmal 
dem philologischen Tatbestand Rechnung zu tragen, und ver- 
zichteten darauf, um jeden Preis einen theologisch eindeuti* 
gen Sinn aus der Stelle herauszuinterpretieren. 

Zu ihnen rechnet Johannes Weiß, der diese Auf* 
fassung schon 1897 in den Beiträgen zur paulinischen Rhe* 
torik (Th. Stud. f. B. Weiß 227) vertrat; vgl. auch Urchristen:: 
tum 1917, 475 A. I. Hier wurde der Tatbestand als „eine der 
vielen Antinomien bei Pls" (Urchristentum 475 A. 1) gedeutet, 
„zwei unvereinbare Gedankentendenzen" (Beiträge 227) soll* 
ten hier aufeinander stoßen. 

Etwas gemäßigter formuliert Paul Feine. Der Ursprung 
der Sünde nach Pls in Neue kirchliche Zeitschrift VIII (1899) 
784 f. seinen Standpunkt. V. 13 begründet nach ihm nicht 
V. 12 cd, sondern V. 12 ab und 12 cd ist eine „Digression" 
(a.a.O. 784). Diese Worte (12 cd) .„verraten, daß Pls an der 
persönlichen Verantwortlichkeit der Nachkommen Adams 
festhält, daß er also die Gedanken von der Freiheit des Men* 
sehen, wie sie das Judentum so stark zum Ausdruck bringt, 
nicht völlig abgestoßen hat". (a.a.O. 785.). Aehnlich Theologie 
des N T 1910, 274; n922, 204: 

Gegen Feine (Theol. d. N T 274) wendet Kühl 1913, 179 
ein, es werde dem Apostel mit der Annähme einer Diver* 
genz zwischen zwei verschiedenen Gedanken in V. 12 „eine 
unglaubliche Unklarheit und Inkonsequenz" zugetraut. Man 
muß Kühl recht geben, wenn Feine gemeint hat, beide An* 
schauungen Pli ständen unmittelbar unvereinigt nebenein* 
ander. Aber so ist es auch nicht. Der Gedanke, daß Adam 
der Bringer des Verderbens ist, ist ganz ohne jeden Zweifel 

14 



der Hauptgedanke, und die W. 13. 14 wollen gegenüber dem 
Nebengedanken am Ende von V. 12 den Hauptgedanken des 
V. 12 hervorheben. Das gibt ihnen an ihrer Stelle überhaupt 
erst ihre Erklärung. Aber Kühl hat recht, wenn er meint, daß 
es nicht zu verstehen sei, wie zwei sich ausdrücklich entge* 
genstehende Gedanken in unmittelbarer Nähe neben eins 
ander hätten bestehen können. Solche „Antinomien" 
kann man auch Pls nicht zutrauen. 

Thackeray, The relation of St. Paul to contemporary 
Jewish thought, London 1900, 38 meint daher, Pls vertrete 
die unausgebildete, widerspruchsvolle Theorie seiner Zeit: 
We find then that there was an antinomy or inconsistency 
in Jewish teaching on the subject of man's inherited ten« 
dency to sin and his individual responsibility. And the same 
juxtaposition of opposite ideas reappears in St. Paul. Eine 
ähnliche Ansicht auch bei Moore, Judaism I, 476; ebenso bei 
Scott, Christianity äccording to St. Paul, Cambridge 1927, 

50: paradoxical coordination of hereditary sinfulness 

with personal respondability which we find in Paul .... 

Aber es bedarf nur eines Hinweises auf die Christusseite 
seiner Parallele, nach der unzweifelhaft die Adamseite ge? 
dacht ist, und auf 5, 19, um zu zeigen, daß Pls. über die An? 
schauungen seiner Zeit hinausgegangen ist. 

Eine Zusammenstellung anderer zu dieser Gruppe ge« 
hörender Exegeten hat Freundorfer 202 gegeben. Es ist nicht 
notwendig, sie hier alle zu besprechen; in diesem Zusammen* 
hange soll nur noch auf den Standpunkt von Lietzmann 1928, 
61 f. eingegangen werden. 

Auch Lietzmann 1928, 61 f. vermag den Gedanken? 
gang nicht einleuchtend zu machen. Er übersetzt relativisch 
mit „weil" und betont mit Recht ausdrücklich gegen 
Lagrange, daß „den Aorist T^p,api:ov kein unbefangener Le? 
ser anders verstehen wird, als ,weil sie auch subjektiv alle 
wirklich (in der Nachfolge Adams) Tatsünden begingen"' 
(a.a.O. 61). Er faßt den Tod als natürliche Folge der Sünde, 
und Adams Tat ist dann insofern das Verderben der Mensch^ 
heit, als sie „von ihm das Sündigen hat" (a.a.O. 61 f.). Da? 
bei verkennt er einmal, daß hier dem Apostel der Genesis? 
bericht vor Augen steht, wo der Tod ausdrücklich als Strafe 
der Sünde erscheint. Vor allem aber würde der Gegensatz 
zu der Wirksamkeit. Christi gar nicht erfaßt sein: denn 

15 



Christus, der ohne Zutun des einzelnen allen das Leben bringt 
^ — von einer subjektiven Aneignung ist in unserer Perikope 
nicht die Rede — , verlangt auf der anderen Seite einen 
Adam, der ohne Zutun der einzelnen allen den Tod bringt. 
Dieser Gedanke ist klar; und in dieser einfachen Strenge ent« 
spricht er am ehesten dem gern stark vereinfachenden Ge* 
dahkengang des Apostels. Schwierige Ueberlegungen dazwi* 
sehen zu schalten, ist verfehlt und bleibt in unserm Falle 
auch ergebnislos. Der Apostel führt W. 13. 14 den Tod der 
einzelnen ausdrücklich auf Adam zurück und kennt auch 
1 Kor. 15, 22 keine Zwischenursache. Es wäre bedenklich, 
allein auf einen zufälligen Nebengedanken, der ganz aus der 
großen Linie herausfällt, eine ausführliche Theorie aufzü* 
bauen. 

Lietzmann selbst ist seiner Lösung anscheinend nicht 
ganz froh geworden, er hält „die Bezugnahme auf die Tat* 
Sünden der Einzelnen für einen doch mehr störenden als 
fördernden Nebengedanken, weil er aus dem Parallelismus 
herausfällt," (a.a.O. 62,). Eine Kritik der Theorie von der 
„doppelten Kausalität", der Lietzmanns Lösung etwa ent« 
sprechen würde, auch bei Freundorfer 241 ff. Eine ähnliche 
Auffassung wurde vor Lietzmann öfter vertreten u. a. voil 
FritzscheI301; B.Weiß 238 f.; Sanday^Headlam 134; Jülicher 
1917, 258 f.. Die komplizierte Erklärung Kühls 1913, 177 dürfte 
im Prinzip auch hierher gehören, sie ist nach ihm nicht wie* 
der vertreten worden. Trotz seines halben Einspruchs S. 177 
muß Kühl der Tat Adams eine andere Bedeutung für die 
vormosaischen, eine andere für die nachmosaischen Genera* 
tionen zuschreiben; der Gedanke des Apostels ist einfacher. 
Ich kann mir ersparen, näher auf diese Theorie einzugehen.^ 



1) Nur ganz kurz kann hier auf die Schrift von Oemmelen, Zur dogmatischen 
Auswertung von Rom 5, 12 — 14 (Ein neuerVersuch) Münster 1930 hingewiesen werden, 
die erst nach Beendigung meiner Arbeit erschien. Oemmelen, der schon anläßlich des 
Buches von Freundorfer zu der Frage Stellung genommen hatte („Zur Erbsünden« 
frage" in Theologie und Glaube XX (1928) 617--625), beabsichtigt ein „völlig 
neues Resultat" (zur dogmatischen Auswertung, S. III) vorzulegen. Leider sind 
ihm die Ausführungen von B. Weiß 1899, 236 f ; 237 Anmerkung und Kühl 1913, 177 
ganz entgangen; er hätte da schon Anklänge finden können. Was seine These vom 
Tod als Sündenfolge (im Gegensatz zu der sonst vertretenen vom Tod als Sünden» 
strafe) angeht, so versuchte sie zuletzt wohl W. E. Wilson (The Relation of Sin 
and Death in Romans V in The Expository Times 39 [1927/1928] 476—478) zu ver« 
fechten. An einer andern Stelle meiner Arbeit habe ich mich mit Wilsons Aus«, 
führungen, die ich keineswegs leicht nehme, auseinandergesetzt; hier sei nur fest« 
gestellt, daß eine solche Auslegung an der Unmöglichkeit scheitern muß, den V. 14 
einigermaßen vernünftig in den Zusamnienhang einzugliedern. Wilson hat sich über 
seine Auffassung des V. 14 leider nicht geäußert; Oe. deutet den V. 14 entschlossen 
ganz anders. Nach der allgemeinen gutbegründetefi Auslegung wollen die W. ' 13 

16 



Grotius, Prat, Lag ränge, Williams. 

Kann man sich unter der Voraussetzung der konjunk* 
tionalen Bedeutung des s^'^ nicht entschließen, einen 
schlichten Selbstwiderspruch des Apostels anzunehmen, ani 
derseits aber auch nicht dazu, die Gedanken, die in V. 12 
auseinanderzustreben scheinen, aus dem lebendigen Gedan« 
kengang des Apostels zu erklären, um so zu einer einheit« 
liehen Auffassung zu gelangen, so wird man durch die Inter* 
pretation des T^fxapirov die Einheit des Gedankenganges 
zu retten versuchen. 

Das tat schon Hugo Grotius, Annotationes etc. Am* 
sterdam 1679 p. 705, der sich auf einem hebräischen Sprach* 
gebrauch berufen zu können meinte, wo peccare dicuntur 
qui malum aliquod etiam sine culpa ferunt. Dieser Erklärung 
ist niemand gefolgt. . 

P r a t I 1927, 257 (unten unter C) sagt: Dans la derniere 
incise (la mort a passe par tous les hommes parce que 
tous ont peche), on peut se demander s'il s'agit du 
peche actuel ou du peche d'origine. Tout milite en faveur de 
la seconde alternative, ä condition toutefois de ne pas con- 
siderer le peche originel ä l'etat isole, mais avec son 
escorte de maux, dans laquelle se trouve aussi le peche 
actuel. Das bedeutet also, wenn ich Prat recht verstehe, daß 
T][jLapTOv hier für ihn einen Zustand angeben soll, den des 
Erbsündeshabens und des Unterworfenseins unter seine Fol* 
gen. Das letztere muß abgelehnt werden, da ja schon im 
3. Glied des V. 12 die wichtigste Folge angegeben ist, deren 
Eintreffen ja eben durch den s(p' (o^Satz motiviert werden 
soll. Das Wesentliche von Prats Erklärung aber, daß i^^apTov 



und 14 den CJedanken des V. 12 (Adam = Urheber des Todes aller) verstärken bzw. 
beweisen; nach Oe. wollen die VV. 13 und 14 beweisen, „das Kommen des Todes 

sei nur ein selbstverständliches, herrscherartiges Fortschreiten des „du mußt 

sterbenl" gewesen auf Grund dessen, daß alle Menschen bereits Sünder geworden 
"waren in dem Augenblicke, als 8i' evo; ovaptuitou t) ajiapTia in die Welt eintrat" 
(a.a.O. 36). Das geschieht dadurch, daß in V. 14 der „Savaxo?" als das ,, Gesetz" 
•der vormosaischen Generationen angesehen wird (wie das „Gesetz Moses" das 
, «Gesetz" der nachmosaischen Generationen ist). Dieses Gesetz kann „nur etwa 
lauten: Du sollst nicht unter der Herrschaft des Todes stehen!" (a.a.O. 34). Dieser 
Ausweg scheitert einfach an seiner Künstlichkeit und nahezu unverständlichen Kom^ 
pliz=ertheit (trotz der Bemerkung Oe.'s S. 36 u.). Es . ist nicht einzusehen, wie man 
,,Tod" bei Paulus als ,, sittliches Gesetz bzw. sittliche Uebertretung" (a.a.O. 35; 
dazu die ,, Beweise" 12 f!) verstehen soll, ebensowenig wie man etwa bei Paulus 
von der ä(iapTia schlechthin als „Element" (a.a.O. 33 u. ö.) sprechen kann. 
Die Theorie Oemmelens, die nicht ohne Liebe und mit einem Scharfsinn, der ans 
Spitzfindige grenzt, vorgetragen wird, muß als wirkliche Lösung der Schwierigkeiten 
abgelehnt werden. 

17 



heißt: „sie hatten Erbsünde"/ wird auch von Lagrange 
vertreten. Lagrange 1922, 106 f. hat schwere Bedenken und er 
gibt zu: Si Ton considerait i^^juxpTrov isolement, on pourrait 
hesiter; denn die Bedeutung von (^{xapiravsiv geht auch 
nach ihm nicht über den Sinn von „Tatsünde begehen" hin* 
aus. Aber er setzt einen einheitUchen Gedankengang voraus 
und erklärt das T^jj.apTov aus dem Zusammenhang als 
„Erbsünde haben": le peche originel est bien contenu sous- 
lä forme „parce que tous ont peche", d'apres l'explication 
foumie par l'Apotre au V. 12. 

• Eine im Prinzip ähnliche, wenn auch im einzelnen ganz 
eigene Lösung, hat neuerdings N. P. Williams, The ideas 
of the fall and of original sin, London 1927, 123 ff. vorge* 
schlagen. Er betont zunächst die Fremdheit von Pli Vor* 
Stellung für uns: To us at the present day the difficulty will 
doubtless appear entirely unreal, because we do not accept 
its rootassumption that a person who has never heard of 
Exodus XX. can have no idea of the moral law: but it is 
real enough for St. Paul. Williams fährt dann fort: If we 
may judge by the general tenor of the verses which foUow 
(15—21), the answer to the problem which shapes itself in 
the Apostle's mind is, that during the pre* Mosaic period 
the human race, though incapable of committing „sin" in 
the strict sense of the term, was nevertheless penetrated 
and infected by the miasma of a vague and 
undefinedabstract„sinfulness". It would seem, 
in other words, that he invokes in his own thoughts the con* 
ception of „original sin" (a.a.O. 128). 

Williams übersetzt also streng genommen, „weil sie alle 
sündig waren", „weil sie alle ihre Sündigkeit von Adam geerbt 
hatten". Aber er bringt damit kein Licht in diese dunkle 
Stelle. V. 13 übersetzt er: Until the Law sin (= „original 
sin") was in the world (a.a.O. 129). Unter dieser Voraus« 
Setzung wird der Gedankengang Pli. endgültig unverständlich; 
Die Erbsünde war schon vor dem Gesetz in der Welt, aber 
die Erbsünde (?) wird nicht angerechnet, wenn kein Gesetz 
da ist (?). Nichtsdestoweniger herrschte der Tod von Adam 
bis Moses auch über die, die nicht gesündigt haben wie 
Adam. Da ist kein Zusammenhang mehr. Williams gibt es, sq 



1) So versteht die Erklärung Lagranges auch Lietzmann 1928, 61. 

18 



scheint es, auch auf, einen Zusammenhang zu finden UncF: 

meint, der Apostel selbst habe gemerkt, daß er hier is in. 

danger of being drawn into the quagmire of an intermi* 
nable discussion as to whether „sin" which is merely an 
unconscious State really is sin or not; deshalb habe er diesen, 
gefährlichen Boden so schnell wie möglich verlassen wollen. 
He hastily drops the whole problem of the moral condition 
of presMosaic mankind, leaving the complicated string of 
clauses which he has begun in V. 12 as a hopeless anacoluthon, 
and reverts to the main thought from which he has been 

drawn aside by these subtle speculations . Und einige: 

Zeilen weiter heißt es: we assume that in the parenthesis 
which begins with v. 12 St. Paul is not really arguing with 
anyone in particular, but only thinking aloud; er nimmt an, 
daß der Gedanke am Ende vom V. 14 unvollendet stehen 
bleibt, daß also Pls sieht, daß er das Problem nicht zu lösen 
vermag und deshalb resigniert zum Folgenden übergeht. Pls 
habe zwischen 14 und 15 dem Sinne nach eine Ueberlegung 
etwa folgenden Inhalts eingeschoben: Die Lösung des Pro* 
blems liegt darin, daß die Menschen von Adam einen „sin* 
ful State" geerbt haben. Aber die Frage, wie ein Zustand, 
durch Geburt und nicht durch Aktsünden erworben, sündhaft 
(sinful) sein kann, ... is too abstruse to be discussed nöw 
(a.a.O. 129): aus diesem Grunde wendet sich Pls V. 15 wie* 
der dem Hauptthema zu. 

Man gewinnt bei der Lektüre dieser Interpretation den 
Eindruck, als ob sie zu früh an einer Lösung verzweifelte und 
ihre eigene Verzweiflung dem Apostel unterschöbe. Um den 
6cp' (p#Satz zu retten, verzichtet sie darauf, in VV. 13 und' 
14 einen vernünftigen Sinn zu finden, man vermißt über* 
haupt eine eingehende Diskussion des V. 13, vor allem 13 b. 
Aber abgesehen von diesen Mängeln in der Einzelexegese 
trifft wohl Williams im Resultat annähernd den Sinn des von. 
Pls Gemeinten. Das wird vor allem deutlich bei seiner Er* 
klärung von V. 19. Darüber sagt er S. 131: It is clear that 
the transgression of Adam is conceived as standing in a 
c a u s a 1 relation to the subsequent death, sin, and condem* 
nation of his descendants nothing less than this can be meant 
by the word xairsönraö-Yicrav („were constituted") in V. 19 
(vgl. aber in dieser Arbeit z. d. St.) — though the exact 
natüre of the link between this primal cause and its multi* 

19' 



tudinous effects is not expressly indicated. — Gegen alle 
<iiese Erklärungen muß man aber immer wieder einwenden, 
daß T^pLap-rov nichts anderes heißt als „Tatsünde begehen''^ 
daß also alle Umdeutungen willkürlich sind, daß wei* 
terhin Rom 3, 23 ein sehr beachtliches Argument gegen diese 
Annahme ist und daß der Abbruch der Perikope ebenso wie 
der überrachende Einschub VV. 13. 14 von. Prat und La# 
grange ebensowenig wie von Williams erklärt wird. Doch das 
soll gelegentlich der Besprechung der Freundorferschen Auf* 
fassung näher ausgeführt werden. 

B isping , Co rnely, Sickenb erger, 
Haering, Bardenhewer, Freundorfer, 

Die Deutung von (5:[JiapTava) = sündig sein, ist allzu ge* 
'waltsam. Sie wird daher mit gutem Recht auch von einer 
Reihe von Exegeten abgelehnt, die dennoch an der tradi* 
tionellen Auffassung des Sätzchens festhalten wollen. 

Schon B i s p i n g 1860, 182 hatte daher erklärt: „Wir müs» 

sen zu dem scp' to mvirs^ i^ptapTOv nach dem Sinne des Apo* 

stels ein SV aörw seil. 'AM[i. ergänzen". 

Auch Cornely 1896, 280 f. ergänzt die Worte in eo 
et cum eo ex contextu, quum tota sententia primis verbis 
per unum hominem regatur. 

Die Stellung Sickenbergers vermag ich aus seinem 
Kommentar 1923, 189 nicht eindeutig herauszulesen; er 
scheint zwischen Prat^Lagrange und Cornely#Bardenhewer zu 
stehen. Protestantischerseits ergänzen irgendwie evTw'ABa^ 
Chr. Fr. Boehme, H. Olshausen, R. Haidane, Fr. A. Philippi; 
H. A. W. Meyer, L. J. A. Ortloph, F. Godet (später anders). 
O. Pf leiderer (später anders), W. Beyschlag, F. R. Tennant, 
{nach Freundorfer a.a.O. 204 ff.), zuletzt Haering 1926, 
58: durch Adams „den Tod nach sich ziehende Sünde ist 
der Tod zu allen durchgedrungen, weil sie alle sündigten, 
weil die Sünde Adams irgendwie aller Sünde war, wenn auch 
nicht ganz ebenso Uebertretung eines bestimmten Gebotes 
wie bei Adam". 

Bardenhewer 1926, 81 f. sagt: „,Weil alle gesündigt 
hatten', nämlich in und mit Adam. Der Aorist T^ixapTov hat, 
wie dies ja in abhängigen Sätzen unzählige Male der Fall 
ist, die Bedeutung unseres Plusquamperfekts. Der Ueber<= 

20 



gang der Sünde war die Voraussetzung des Ueberganges des 
Todes. In und mit Adam aber hatten alle gesündigt, weil 
Adam sündigte als der Vertreter des gesamten Geschlechtes. 
Wie die erwähnten Gnadengaben des Urstandes ihm nicht 
allein für seine Person, sondern in ihm zugleich allen denen, 
die von ihm abstammen würden, verliehen waren, so sollte 
seine Sünde mit ihren Folgen und Strafen von ihm auf seine 
Nachkommen als solche sich vererben." Hier wird Pls richtig 
interpretiert, aber auf Grund der Erkenntnisse einer späteren 
Entwicklung; mit solcher Ausführlichkeit hat Pls der Tat* 
bestand, den wir heute im Dogma von der Erbsünde zusam* 
menfassen, nicht vor Augen gestanden, er hätte sich dann 
verständlicher ausgedrückt. Pls war gewiß auf dem Wege, er 
unterscheidet sich vor allem durch die universalistisch aus= 
gebaute Idee von der Stellvertretung (zunächst auf der Chri* 
stusseite) sehr entscheidend von seinen jüdischen und helleni* 
stischen Vorgängern; aber wenn er auch 1 Kor. 15,22 sagt; 
sv'ABa[jL jcavTS(; dcTCO&v^Tvtoucriv — davon, daß alle in Adam 
gesündigt haben, sagt er nichts, und wir haben kein 
Recht, uns mit einem Durchhauen des Gordischen Knotens 
die Exegese leicht zu machen. Wie Pls seine „Erbsünden* 
lehre" formuliert haben würde, zeigt etwa 5,19.^ 

Am eindrucksvollsten und ausführlichsten ist diese Er* 
gänzungshypothese in letzter Zeit von Freundorfer in 
seinem Buch „Erbsünde und Erbtod beim Apostel Paulus" 
Münster 1927 vertreten worden. Aber auch seine sorgfältig 
begründeten und durch Zitate reich belegten Ausführungen 
können der starken Schwierigkeiten, die dieser Hypothese 
gegenüberstehen, nicht Herr werden. Freundorfer lehnt zu* 
nächst ebenfalls die relativische Bedeutung des Icp'ti) ab: 
„Wenn sich der konjunktionale Sinn des scp' ^ (= Icp' oXg) 
als ein der Gräzität geläufiger erweisen läßt und der Apostel 
selbst an wenigstens zwei Stellen seines kurzen schriftstel* 
lerischen Werkes ihn sicher anwendet, so muß man es auch 
an der dritten Stelle um so mehr in ganz gleicher Weise ver* 
stehen, je mehr es der relativen Deutung schwer wird, ein 



1) Ob Murillo, Paulus, Romae 1926, 295 ff ev 'ASäji ergänzt (cum in quarto 
membro dicuntur „omnes" peccasse, id non de peccato personali potest intelligi, 
s.ed quia uno peccante omnes cum illo peccaverunt 297) oder T,u.ap-ov im Sinne 
von „Erbsünde haben" (quatenus omnibus peccatum inest 296, vgl. SOI) auffaßt, wird 
mir aus seinen Ausführungen nicht klar; es scheint ihm aber wesentlich auf den 
dogmatischen Ertrag der Stelle anzukommen; im Ergebnis (302 ff) kann man ihm da 
■durchaus zustimmen. 

21 



grammatisch und sachlich geeignetes Beziehungswort zu 
dem w zu finden" (a.a.O. 237). Anderseits gibt Freundor* 
fer auch zu, daß „der aktive Sinn des Yi{j.apTOv" eine „fest* 
stehende Tatsache" ist (238). „Das Lexikon weist aus, daß 
&[j.apTav£iv stets nur im Sinne von »Fehlen, Sünde tun' ge* 
braucht wird, nie in dem von ,Sündigwerden"' (a.a.O. 238). 
Er muß die Lösung also anderswo suchen; denn soviel steht 
für ihn fest: „Der Apostel schließt in VV. 13. 14 die per* 
sönliche Verantwortung bewußt und in einem eigenen Be^ 
weisgang aus der Kausalität des Todes aus und läßt exklu* 
siv nur die Adamssünde als seine Ursache gelten — und er 
begründet in 12 d das Hindurchdringen des Todes zu allen 
Menschen trotzdem nicht damit, daß ,Adam sündigte', son* 
dern damit, daß ,alle sündigten"' (a.a.O. 254). Es gibt zur 
Lösung nur „einen befriedigenden Weg", die Annahme, daß 
diese beiden scheinbar divergenten Behauptungen identisch 
sind. „V. 14 drängt so mit Macht zur Annahme eines Mit*- 
eingeschlossenseins aller in Adams Sünde, eines .peccare in 
Adam"' (a.a.O.). Aber auch Freundorfers Standpunkt kann 
die Rätsel nicht lösen, die uns die Stelle aufgibt. Zunächst 
ist die plusquamperfektivische Uebersetzung des i^jj.ap'üov 
nur auf Grund eines vorausgesetzten Tatbestandes zu recht* 
fertigen, entbehrt also jeglicher Beweiskraft. Zwar hat auch 
im hellenistischen Griechisch „der Aorist im Nebensatz oft 
den Sinn der Vergangenheit mit Rücksicht auf die Handlung 
des Hauptsatzes" (Radermacher, Grammatik 1925, 156), aber 
ob das im einzelnen der Fall ist, hat sich „aus dem Zu* 
sammenhang zu zeigen" (a.a.O. 149). Das heißt also, daß wir 
diese Möglichkeit erst dann erwägen können, wenn wir ander* 
weitig unsere These bewiesen haben. Da will nun Freun* 
dorfer „die allgemein anerkannte Tatsache dazunehmen, daß 
Pls in unsern Versen den Gedanken des von Adam ausgehen* 
den Verderbens nicht als einen neuen vorträgt, lehrt, son* 
dern als bekannt voraussetz t." (a.a.O. 255). Das ist aber 
auch nach Freundorf er selbst nur bedingt richtig; denn wenn 
er die VV. 13. 14 „als ein Argument" ansieht, „durch welches 
Paulus zeigen will, daß das Todeslos der Menschheit ,in 
Adams Sünde und deren ursächlichem Zusammenhang mit 
dem Tode', nicht aber in den persönlichen Uebertretungen 
der einzelnen seinen Grund habe", (a.a.O. 247), oder wenn er 
die VV. 13. 14 einen „Beweisgang" (a.a.O. 254) nennt, ist doch 

22 



offensichtlich auch nach Freundorfers Ansicht die Position 
Pli in V. 12 nicht so unbedingt „vorausgesetzt", wie er ander* 
wärts annimmt. Freundorf er fährt dann S. 255 fort: „Für einen 
Leser aber, dem die Vorstellung, daß alle einst an Adams 
Sünde teilhatten und daher Träger einer Erbsünde sind, eine 

vertraute ist, könnte in loserer Genauigkeit auch heute 

noch ein Schriftsteller die Gedanken von 12 c. d mit den 
Worten aussprechen: ,Der Tod ging zu allen hindurch, weil 
alle gesündigt hatten'". Man kann das bezweifeln, selbst 
wenn die Voraussetzungen Freundorfers stimmen sollten. 
Aber es ist gar nicht mit der erforderlichen Gewißheit vor- 
auszusetzen, daß den Adressaten des Römerbriefes die Vor« 
Stellung von einer Erbsünde „eine vertraute" war. Eis hätte 
sich dann in V. 13. 14 nicht so viel Mühe zu geben brau« 
chen, ihnen die Vorstellung des Erbtodes plausibel zu 
machen. Freundorfer bleibt nichts übrig als — trotz der Ab* 
Schwächungen, die er S. 255 macht — den Satz scp' (5 icav-re? 
T^jjLapTov durch ein sv 'ABdcjx zu ergänzen. 

Das ergibt neue Schwierigkeiten. Eine derartige Ergän« 
2ung ist vor allem keine reine Ergänzung mehr, sondern eher 
eine Sinnbestimmung, die das Risiko einer solchen trägt, 
den Sinn ev. umzudeuten. Man hat mit Recht immer wieder 
darauf hingewiesen (z. B. Feine, Der Ursprung der Sünde nach 
Pls 783 f.), daß Pls mit dem sv 'ABap. ja die Hauptsache, 
das eigentlich Wesentliche weggelassen hätte. Das ist 
nicht wahrscheinlich; viel wahrscheinlicher ist, daß Pls, ahn* 
lieh wie er 1 Kor. 15,22 ausdrücklich sagt: Iv tm 'ABa^ TcavTs? 
dcTcoQ'V'^cncoLKjiv, auch an unserer Stelle diesen wesentlichen 
Icurzen Zusatz gemacht hätte, wenn es seine Meinung ge* 
Wesen wäre. 

Ueberhaupt dürfen wir nicht außer acht lassen, daß sich 
für Pls der Tatbestand noch nicht so klär formulieren ließ, 
wie es einer späteren Entwicklung gelang. Hätte öim das 
Dogma von der Erbsünde so klar und ins Einzelne gehend vor 
Augen gestanden, wie uns heute, dann hätte er auch in V. 14 
nicht ohne weiteres sagen können: %al ItA tou? [jly) &u.«pTY]- 
•ffavTa? l%\ TW öfxoKofxa-rt 'zy\(; Tcapaßdccrscö^'ABajjL, — wenn eben 
doch alle durch die Uebertretung des dem Adam ge* 
gebenen Gebotes in Adam gesündigt hätten. 

Es kommt hinzu, daß die Formulierung Tcavirs? i^p,apTov 
in der Bedeutung „alle haben Tatsünden begangen" im Rö« 

23 



merbrief nicht vereinzelt dasteht, sie erscheint wörtlich Rom. 
3,23: TcavTss yo^p ^[xapTov xol 6<Ti7spouvTai 'rij? Bo^y)? tou 8>sou. Und 
hier kann gar kein Zweifel sein, hier ist gemeint, „alle haben 
Tatsünden begangen" (vgl. auch Rom. 2,12 f.). 

Freundorf er versucht (a.a.O. 245 f.) durch eine Unterscheid 
düng von ethisch verantwortlicher Menschheit, die in 3,23' 
gemeint sei, und physischer Menschheit, die in 5,12 gemeint 
sei, die beiden Stellen von einander zu distanzieren (zugleich 
die Frage nach dem Schicksal der ohne aktuelle Sünde früh 
gestorbenen Kinder entscheidend mit hereinzuwerfen); aber 
das ist gezwungen. Es handelt sich für Pls um tcocvts?, also- 
natürlich schlechthin alle Menschen, dem jcavirs? aber 
steht gegenüber die Trennung der Menschheit in Juden und 
Heiden, die der Apostel eben im Römerbrief — soweit es 
entscheidende Dinge wie Rechtfertigung usw. angeht — so 
energisch bekämpft.. Daß die tcöcvtss in cap. 5 von den izdvi:sg 
in cap. 3 sich wesentlich unterscheiden — nach der Intention 
des Pls — ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. 

Soweit ich sehe, ist Freundorf er ein Problem entgangen^ 
das aber von großer Wichtigkeit ist, es betrifft die VV. 13. 14 
und ihre Stellung in dem ganzen Gefüge der Perikope und 
es betrifft das Anakoluth 5, 12. Wir erfahren bei Freundorfer 
nicht, warum der Apostel bei V. 12 abbricht, ohne die Periode 
zu vollenden, und warum in dieser Lücke VV. 13. 14 stehen. 
Daß Freundorfer unschlüssig geblieben ist, ergibt sich aus 
seiner Stellung zu VV. 13. 14, die er einmal als Beweisgäng 
(a.a.O. 254) bezeichnet zu einer Vorstellung, von der er ander* 
seits wieder sagt, daß sie Pls. voraussetzt (a.a.O. 255). Es ist 
aber für das Verständnis der Stelle wichtig, zu wissen, warum 
Pls den V. 12 nach dem überraschend in den Gedankengang 
eingetretenen scp' w Tjavirs? %apTOv unvollendet läßt und in we^ 
eher Beziehung der von Freundorfer richtig so genannte Be* 
weisgaiig der W. 13. 14 dazu steht. Das erklärt sich aber, 
wenn wir annehmen, daß Pls. nach der im Schema des Paral*^ 
lelismus zu Ende geführten Satzhalf te 5, 12 abbricht und den 
durch das s©' ^ xavTs? ^^ixpxov gestörten Gedankengang wie*^ 
der aufnimmt und durch einen eigenen Beweis sichert. Die 
VV. 13. 14 stehen dann notwendig an ihrer Stelle, nach* 
dem der Apostel notwendig5, 12 abbrechen mußte, um 
erst einmal seinen Gedanken zu präzisieren. 

Es wird schließlich noch zu erwägen sein, ob hier Pls 

24 



nicht in irgendeinem Zusammenhang mit der Stellung der zeit*^ 
genössischen Theologumena und Anschauungen in diesen Fra* 
gen steht. Da ist es ohne Zweifel gewiß, daß er nicht bei ihnen 
stehen bleibt, daß er sie vielmehr überwindet, da seine neuen 
Erkenntnisse von Gerechtigkeit und Leben auch die Er? 
kenntnisse von Sünde und Tod beeinflussen und grund* 
legend umgestalten mußten. Aber man muß ernstlich Stellen 
erwägen, wie Apoc. Baruch I 54, 15 (Uebersetzung nachViolet 
1924^ 285 f) „denn wenn auch Adam zuerst gesündigt und den 
Tod über alle gebracht hat außer (?) der Zeit, so haben doch 
auch die, welche von ihm abstammen, ein jeder von ihnen 
sich selber die künftige Qual bereitet und wiederum ein jeder 
von ihnen sich (selber) die künftigen Ehren erwählt, (19 bei 
Violet petit). So ist denn nur für sich selbst allein Adam die 
Ursache, wir (alle) aber, ein jeder + Mensch + ward (es) für 
sich selber." Oder man denke an 4 Esra 3,25 b. 26 (Ueber*^ 
Setzung nach Violet 1924, 7, vgl. Gunkel bei Kautzsch II, 354): 
„Aber die Bewohner der Stadt (Jerusalem) sündigten und hans 
delten durchaus nicht besser, als Adam getan hatte und seine 
Nachkommen; denn auch sie trugen (in sich) das böse Herz," 
Aehnlich 4 Esra, 3,20 ff. (Violet 1924, 5 f ; Gunkel bei Kautzsch 
II, 354) oder 4 Esra 7,45 ff (Violet 1924, 79 f; Gunkel bei 
Kautzsch 11, 372). Die Problemstellung in 4 Esra und Apoc. 
Baruch ist der Pli sehr verwandt, nur daß dort, wo die Verf 
fasser der Apokalypsen im Dämmerdunkel ihrer Melancholie 
stehen bleiben, bei Pls strahlendes Licht sich verbreitet. Bei 
dier allgemeinen Verwandtschaft ist es nicht nur möglich, son* 
dern wahrscheinlich, daß Pls auch in dem umstrittenen 
Sätzchen von dieser Zeitmeinung beeinflußt ist. Zumal 
wir vermuten dürfen, daß Pli vorchristliche Stellung zu 
dem betreffenden Problem sich der von 4 Esra und Apoc. 
Baruch genähert haben dürfte. Sobald er aber sieht, wo er da* 
mit hinkommt, bricht er ab und erweitert ausdrücklich dem« 
gegenüber den Hauptgedanken von V. 12, der durch das l(p' tb 
xc^vts? 7^[jLapTov um der Vollendung des Parallelismus wil= 
len — also mehr unter dem Zwange der Form — nur flüchtig 
unterbrochen wurde, in den W. 13. 14, sodaß nun gar kein 
Zweifel mehr sein kann, wo der Apostel steht. 

Wir fassen unsern Standpunkt, den wir in der Ausein* 
andersetzung nunmehr gewonnen haben, noch einmal kurz zu^ 
sammen. 

25^ 



Pls führt in V. 12 den Eintritt der Sündenmacht und der 
-mit ihr irgendwie verbundenen Todesmacht in den Kosmos 
. grundsätzHch auf Adam zurück. Den parallel gebauten Satz 
vollendet er indessen unter dem Einfluß von bekannten Zeit« 
theologumena und dem Zwange der Form in der bekannten 
Weise: s(p'^ xavTSi^ 7][xapirov. Da er aber sieht, daß dieser 
Nebengedanke den Sinn seiner Parallele in Gefahr bringen 
würde, bricht er ab, um erst einmal in W. 13. und 14 den 
Hauptgedanken von V. 12 zu sichern. Damit ist zugleich der 
Sinn der W. 13 und 14 im Zusammenhang bestimmt. 

Es könnte sich gegen dieses Verständnis der Stelle der 
Einwand erheben, daß dem Apostel doch eine solche Gedan« 
kenverbindung nicht zuzutrauen sei. Demgegenüber ist aber zu 
betonen, daß die Arbeitsweise Pli, das Diktieren, die innere 
Erregtheit, die Art, wie er uns die Konzeption seiner Gedanken 
oft bis ins dinzelne miterleben läßt, eher für als gegen eine 
solche Möglichkeit sprechen. Ich möchte an dieser Stelle die 
vortrefflichen Ausführungen von Williams, The ideas of the 
fall and of original sin, London 1927, 124 f zitieren, der ge» 
legentlich seiner Interpretation von Rom 5, 12 ff. auf Pli Ar* 
heitsweise zu sprechen kommt: 

In studying these obscure and tangled sentences we must 
bear in mind the fact that St. Paul is dictating his letter to the 
Roman Church; that dictation to a stenographer, although an 
easy and rapid method of composition, involves the incori« 
venience of inability to see at a glance what has just been 
dictated; and that consequently, in dictated prose, sentences 
are liable to remain in complete, subordinate clauses are left 
hanging in the air with no principal sentence on which to 
sdepend, and essential links of thought are apt to remain in the 
author's mind and never to appear on paper at all. Ordinarily 
such blemishes are remedied, by a caref ul revision of the steno* 
;:grapher's copy; but the frequent anacolutha and inconcinnities 
which abound in St. Paul's letters make it clear that he had 
no time for the processes.of grammatical, stylistic or logical 
polishing, and that he usually contented himself with scrawling 
a final personal message, in the large letters which may have 
been necessitated by def ective eyesight, at the end of Tertius* 
manuscript, which was forthwith despatched, unrevised, to 
its destination. 

Wenn man das recht erwägt, dann wird man nicht mehr 

-26 



so leicht geneigt ein, von einem „Zerfall der Parallele" (Freun* 
dorfer 242), von einer „Zerstörung des übrigen Gedanken« 
kreises" (a.a.O. 240) zu reden. Man wird dem lebendigen Den* 
ken des Apostels und dem sprachlichen Befund Rechnung 
tragen, und man wird trotzdem die Einheit des Gedankens in 
5,12 ff. genügend gesichert wissen 



27 



II. Aus dem biblisch-theologischen Teil. 

1. Der Begriff der Sünde. 

Bei der bibl.*theol. Behandlung unserer Stelle hat im 
Mittelpunkte des Interesses der Nachwelt immer vorwie= 
gend die Sünden*, vor allem die Erbsündenproblematik ge* 
standen. Und wenn der Ton in der Perikope auch auf der posi* 
tiven Seite — Christushälfte — liegt und zwar so ausschließe 
lieh, daß von daher erst die negative Seite — Adamshälfte — 
in das richtige Licht gesetzt wird, wenn auch Pls mehr neben* 
bei nur um den rechten Hintergrund für seine Predigt an die- 
ser Stelle zu finden, auf die Sünde zu sprechen kommt, so gibt 
es doch keine Stelle in den Paulinen (ausgenommen etwa 
1 Kor 15, 21 ff), an der der Apostel das Thema so an der 
Wurzel packt, wie in Rom 5, 12 — 21. 

Bei der zentralen Bedeutung von (^[j.apTta im Römerbrief 
im allgemeinen und iri unserem Kapitel im besonderen, wird es 
nicht umsonst sein, den Begriff möglichst scharf zu fassen. 
Es soll deshalb versucht werden, den alttestamentlich*paulinis= 
sehen Begriff der Sünde gegen den philosophischen (in dem. 
speziellen Falle des Epiktet) abzuheben. 

„Sünde" bei Epiktet. 

Wir haben uns kurz die Grundzüge des philosophischen 
Weltbildes Epiktets ins Gedächtnis zu rufen und danach die 
Stellung des Begriffs Sünde^ innerhalb seines ethischen 
Systems zu bestimmen. Worauf es in der Ethik des Epiktet 
allein ankommt, ist die Erkenntnis des wahren Weltzu* 
sammenhanges, die von selbst zur rechten Einordnung führen 
muß IIw? Xsyst? TcpocjxaTaira^ai (9>sw); — "Iv', 6 ccv IxsTvo? 9'sX'r), 
VMi ocöxbq ö'sXv) Tcol, 6 ocv sxsTvoi; [iy) ^zkri, touxo [!.f\V aÖTÖi; ^sX*/]. 
— Ilfiis o3v TOUTO YsvYjTai,; — - Hoic, yap äXkioc, ri sTricntscpa^JL^v» 
-ra? 6p[j.a5 toö Q>sou xol TrjV BioCxYjctv; IV, 1, 99 f. Der Philo* 



1) Die Darstellung bei Bonhöffer, Epiktet und das Neue Testament Gießen 
1911, 369—375 ist ungenügend, da sie das NT. rein moralistisch wertet; s. aber die 
gegen Bonhöffer gerichteten Ausführungen Bultmanns in ZNTW. XIII (1912) 97^110 
und 177 — 191, bes. 184. Die Zitate nach der Ausgabe von H. Schenkl (editio maior) 
Leipzig 1916. 

28 



soph sieht die Welt nach dem Willen Gottes geordnet, und 
dieser Ordnung hat sich alles einzufügen. '0 xocrjxoig oöiroi; pia 
•Kokic, IcttX xol f] oöffia, s^ % BsBirj[ji,ioüpYY)T:ai, ^Ca xat <^vapt7) xspioBs» 
-Tiva sTvat xol Tvapaj^wpYjaiv aXKtav uWoiq xol toc (Jisv Bia7.uscrö>ai, 
Toc B' smyivscQ'ai,, tcc ^asv [jivsiv, to: Bs xtvstcrO'at, (III, 24, 10). Es 
gibt also eine objektive Weltordnung und außer ihr nichts, 
was den Menschen zu beeinflussen hat. Demnach gilt es 
einzusehen, was in meiner Macht steht und was nicht; die 
ganze Philosophie Epiktets dreht sich im Grunde um das 
Thema von I, 1: jcspi ttcSv sc^'^Tv xa\ o5x I^'-Jj^w. Der Mensch 
halte sich an das, was in seine Gewalt gestellt ist. Was das 
andere angeht: ö^sira^sv ouv tt] twv oXcov TCsptoBw (IV, 1, 100. vgl. 
II, 1,18. 5,24 ff.); gegen denKreislauf des Geschehens sich auf=' 
zulehnen, wäre zwecklos und Wahnsinn: Vi ouv &so[Jt.a/&); 
(IV, 1, 101), Immer muß man sich das vor Augen halten: -raüTYjv 
T71V [xs^sTYjv sco&sv dc, s<77:spav [xslsTctv sBsi (IV, 1. 111; vgl. IV, 
1, 170; I, 1,25). Durch fortdauerndes Räsonnement muß man 
sich seine Grundsätze bilden, die falschen ausrotten; denn es 
gilt. ouTs b'd^oc'zot; oöirs ouyY] outs tüovoi; outts aXko ti tSSv 'zoi- 

OUTTCOV aiTTlOV SCTl TOU '^pÖCT'USt.V 'ZI Y) [J,7) TCpaTTSlV "/jp!.«?, a^V b'JZ0k'i]<^Si4 

7taiB6Yp.a'üa(I, 11, 33). Vorstellungen und Grundsätze, welche 
die nächsten Ursachen unserer Handlungen sind, sind also zu 
reinigen (xa&apöv TwotTJcrat III, 22, 19). Und wir können es auch. 
Wir haben einen Wegweiser in uns, ein y.ptT/)piov (I, 11, 15), 
'f\ B'Jvap,i5 7} XoyvK-f} (I, 1, 4), das Xo'^oibv 7)Ysu.ovtx6v (I, 26, 
15; II 1, 39; 18, 8; III, 15, 13; 21, 3; 22, 19. 93; IV, 7, 40). 
Der Mensch ist als ^coov loyiy.6v (I, 2, 1; 6, 12; 19, 13; II, 9, 2; 
IV, 6, 34; 7, 7) gebunden, nach seiner Vernunft zu leben, und es 
gilt also der Satz; tw "XoyiYM ^mo i^owov a<popY)T6v s(tti tö aloyov, 
1:6 B'su>.oyov ©opvjTÖv (I, 2, 1). Es ist also des Menschen i3e!= 
Stimmung, nach seiner Vernunft zu leben. Dieser Bestimm 
mung kann man nicht entgehen: man muß sich entscheiden: 
sva (76 BsT otvö'pwxov sTvai ■^ ayaö'öv r\ y.cck6w ■ vj tö Yiysixovtxov as 
BsT s^spya^sffö'ai tö crauTotJ 7] Ta sxiro? - iQ xspl 'öo: saw cpiloxovsTv 
T] izzpX Ta s^co- toutt' scTTi ^iTvOCTocpou cnracytv s/siv ^ ^tcÖTOu (III, 15, 13). 
Es kann schon nach dieser kurzen Skizze der Grundgedans^ 
ken der epikteteischen Predigt kein Zweifel mehr sein, was 
in einer solchen Welt „Sünde" bedeuten muß. Da das Wesen 
des Guten — identisch mit dem Wesen der Gottheit — voö?, 
Tcsiorr^piY], loyo^ bpd-oc, (II, 8, 2) ist, sündigt also, wer gegen 
diese Vernunft, gegen die Weltordnung, gegen das öp9>6v, gegen 



s* 



29 



die Natur (I, 6, 21; 11, 5; II, 2, 14) und damit gegen seine eigene 
Vernunft — denn der Mensch ist ein Teil der Gottheit (II, 
8, 11 ff) — handelt. Das aber will keiner (II, 26, 1). Der 
Fehlende fehlt ja nicht, er handelt uaTop&co^jLairo? ya,^ occyxxaivy 
7'.a|jLßavwv (II, 26, 5). Wer objektiv schiecht handelt, will sub= 
jektiv doch gut handeln: o'trav oSv 'zic (T'jyy.c(.'zccvib-f\':cci tö cLsdBsi, 
tcr^i o-i oÖK Yj^sXsv ^^s'JBsi cw^YM^cc'zi^'ZGd'cci (I, 28, 4; vgl. II, 26, 1); 
einen Zwiespalt zwischen Wollen und Vermögen aber gibt es 
nicht. Er tut also nicht, was er will, und tut, was er nicht will 
(5 %'i'kzi 00 TToisT xot \}ji] %-iXzi -Koizi. II, 26, 4). Ein Streit, u^j^r,, 
ist in ihm — aber er weiß es nicht. Was er will, ist Tau* 
schung, er will es, weil er es nicht erkennt, wie es ist, 
und somit will er es garnicht. Was ist also das Wesen der 
Sünde? tC oüv sG-iri tö ai^wv toS o:|j.apTavsiv ixs; Vj ayvoia 
(I, 26, 6). Unwissenheit^ ist das letzte Wesen der Sünde, so* 
lange es Menschen gibt: o6y\ l'B, oS yivoq ocy^-pia-Kbr^ saTiv, l'S, 
suewou TcavTra Tra ajxapTYjjJLaTa vmi ■zoc dciru)(;rj[;,ai7a Tirapa irauT/^v tyjv 
«yvotav YsysvYjTat; (11, 24, 20). 

Alle fehlen gegen ihren Willen (I, 17, 14), aus Unwissen* 
heit. Somit ist Unwissenheit das größte Unglück ^ [xsyicr'üY) 
^7)[xtK (I, 11, 11) und zieht alles sittliche und moralische 
Elend nach sich (I, 11, 14). Daher darf man den Sündigenden 
nicht zürnen (I, 28, 10), man soll sie vielmehr bedauern 
(sXssTv) wie Blinde und Lahme (I, 28, 9). Es ist überaus 
bezeichnend, daß der Optimismus des Philosophen außer der 
ayvoia ein ernstes Hindernis, für das sittlich*gute Leben 
nicht kennt. Er betont freilich, daß man tun, nicht nur stu= 
dieren müsse (I, 4, 6ff.; II, 9, lOff.), aber für die inneren Wider* 
stände, die nach und trotz aller Erkenntnis vorhanden sind, 
ist in seiner allzu einfachen Welt kein Raum, sie werden 



2) Daß Sünde Unwissenheit sei, ist das letzte, was die Philosophie zu ihrer 
Kennzeichnung zu sagen hat. Sokrates ist der Klassiker dieser Lehre; vgl. vor allem 
Protagoras 345 d (ed. Burnet) oOSIva äv&ptuiiov gv-ov-ra sqajAop-ävsiv. Heinrich Maier, 
Sokrates Tübingen 1913, 339 ff; Ulrich von Wilamowitz=MoelIendorf, Piaton P 
(1929) 108 f. u. ö. Ottmar Dittrich, Geschichte der Ethik I 1926, 174. Diese Anscfaau» 
ung teilt Plato. Unter den opoi (Echtheit bezweifelt Zeller II, 1* 483, Ueberweg 
1^1, 215) findet sich auch eine Definition der ö(j.apTia Def. 416 a 12 (ed. Burnet): 
'Aftap-ia irpäjis Tjapd TÖv iip8öv XoYiotfyv. Daß eine ideale öpö-J-rr,^ oubstruiert wird, ergibt 
sich wohl auch aus Stellen wie Legg. I 627 d! Vgl. ferner Ottmar Dittrich, a.a.O., 
I, 1926, 241 f. Die gegenüber Sokrates durch die stark religiöse Jialtung Piatos 
komplizierte Fragestellung erweitert sich noch bei Aristoteles. Darüber am besten 
jetzt Otto Hey 'A^xapiia in Philologus Bd. LXXXIII N, F. XXXVII (1928), 1—17 
■und 137—163: vgl. Ottmar Dittrich, a.a.O., I, 1926, 245 ff. Zum Ganzen Kurt Latte. 
Schuld und Sühne in der griechischen Religion in Archiv für Religionswissenschaft 
XX (1920) 254—298. 

30 



ignoriert. Konsequent ergibt sich daraus, daß Erziehung Lehre 
ist: Bst|ov TTjV %kdvt]^ xol ö'|»si 7:65^ oc^idiravTai töv &jJiap'C7][JLaTr(ov 
(I, 18, 4, vgl. II, 26, 3 f). Darauf zielt nun das ganze Mühen des 
Philosophen; der Wissende tut notwendig recht: st yocp dikf[%'ig 
sairi tö K^aviras axov-üas Äuap-ravstv, au Bs ywaTrajj.sp.a^Y]jtas tyjv 
aV^d-siccv, avccY'/.Y] crs TjB-ri xa-üopS-oüv (I, 17, 14). 

Aus dieser Einstellung erklärt sich auch ohne weiteres, daß 
der Logik allenthalben ein so entscheidender Platz zugewiesen 
wird. (I, 7; 11, 25); sie ist dann das Handwerkszeug, mit dem 
die Vernunft uns in jedem Zweifelsfalle den Weg zum Mora? 
lischsGuten freimacht. 

„Sünde" bei Paulus. 

Auch Pls stellt sich die Frage: Wie kommt es überhaupt, 
daß der Mensch sündigt? Er spürt den Widerstreit zwischen 
dem dem Guten zugeneigten Wollen und der Schwäche des 
Handelns. Er sieht, daß das Problem nicht so einfach liegt, 
wie die Philosophie es auffaßt; er greift in die Tiefe und 
sieht die furchtbaren Verheerungen, die Adams Tat im Men* 
sehen angerichtet hat. Der Mensch ist in sich selbst uneins 
geworden, er ist bösen Mächten ausgeliefert, denen er — ohne 
die helfende Gnade Gottes — hilflos preisgegeben ist. Für 
PlsistSünde eine Macht. Sie erscheint personifiziert, 
und die Personifikation ist in diesem Falle nicht nur ein 
rhetorisches Mittel des Apostels. Durch Adams Sünde ist 
sie in die Welt gekommen (Rom. 5,12), wie eine Herrscherin, 
in ihrem Gefolge der Tod. Jetzt regiert sie als Herrin (Rom. 
6,14), als Königin über die Menschen wie über ihre Sklaven 
(Rom. 5,21; 6,6. 12. 17. 18. 20. 22); alle stehen unter ihrer 
Gewalt (Rom. 3,9), sind in ihre Knechtschaft verkauft (Rom. 
7,14). Sie hat ihr Gesetz, unter das sie die Menschheit zwingt 
(Rom. 7,25; 8, 2). Der Herrschaftsbereich der Sünde ist die 
(Tdtp'C (Rom. 7,18. 25; 8.4. 5. 6. 7. 8. 9. 12. 13; u. ö.), auch 
das G-wp.a (Rom. 6,6. 12; 7,24; 8,10. 13), die )i£kr\ des 
Menschen (Rom. 6,13; 7,23). Daß der Mensch crapxivos ist, 
schließt ein, daß er TwSTcpausvo? bizh -zr^v Ä^ap-ütav ist (Rom. 7,14); 
man kann der Sünde sterben und so Leben gewinnen 
für die Gerechtigkeit (Rom. 6, 2. 7. 10. 11). Aufs 
tiefste verschwistert ist die Sünde mit dem Tode (Rom. 
5,21; 6,16. 23). In engster Beziehung steht ferner das Ge« 
setz zur Sünde; es ist da, damit die Sünde sich mehre 

31 



(Rom. 5,21), es vermittelt überhaupt erst die Kenntnis der 
Sünde (Rom. 7, 7 — 11); es ist die ^!jva[xt? 't^s (^p.api:ia? 
(1 Kor. 15,56). Dieser Macht hat Adam durch seine Sünde 
zur unumschränkten Herrschaft verhelfen. So ist der Mensch 
schlechthin — ohne die Gnade — in der verzweifelten Lage, 
sündigen zu m ü s s e n (Rom. 7,15: ou yap ö ^sXto 1:001:0 %p(XGGc*i, 
&1V b p.i(7cö ToÖTo tzo'm); die d^ap-öia ist förmlich ein anderes 
böses Ich in ihm (Rom. 7, 17. 20). Anderseits aber steht 
fest, daß Pls die Verantwortlichkeit des einzelnen fcstgehals 
ten hat. So sicher auf der einen Seite Pls überindividuelle 
Mächte kennt, unter deren Druck er aufschreit: TccXatizoipoc, 
syw av^pwxo? (7, 24), so sicher hat er darin auf der anderen 
Seite niemals die Verantwortlichkeit des Menschen mildern 
oder gar aufheben wollen. Die juristische Terminologie, mit 
der er das Heilsgeschehen zu umschreiben sucht, zeigt zur Ge= 
nüge, wie ernst er über die Schuld der Menschen dachte." 

Das ergibt sich mit größter Deutlichkeit aus der Bestim? 
mung, die Pls im 5. Kapitel der Sünde des ersten Menschen 
gibt und damit der Sünde in ihrem Vollsinn als Verstoß ge= 
gen ein Gesetz überhaupt. Diese Sünde war Trapaßarri; 
(5, 14), Uebertretung eines positiven Gebotes (vgl. Rom. 4,15), 
sie war -apaTUTw^.« (5, 15. 17. 18).* Die schärfste Bestimmung 
erfährt die Sünde des ersten Menschen (und damit jede 
Sünde) durch die Bezeichnung als Ungehorsam, ^apa/vO-/) (5,19); 
hier wird die alttestamentliche Grundlage von Pli Sünden^ 
begriff deutlich sichtbar.^ Bei Pls liegt es also, genau genom^ 

3) Vgl. Büchsel, Der Geist Gottes im NT. 1926, 420 f. „Der Mensch ist Sklave; 
die Sünde, die im Fleisch wohnt, übt eine Königsherrschaft, eine persönliche Uebcr= 
macht über ihn aus (Rom. 7, 14; 6, 12 ff). Persönliche Abhängigkeit, nicht sachliche 
Notwendigkeit meint Paulus, wenn er ein Sündigenmüssen aufzeigt. Paulus gibt auch 
nie eine kausale Erklärung der Sünde. Er behandelt den Sünder immer als den per» 
sönlich Schuldigen. Selbst dann, wenn er ihn mit seiner Sündhaftigkeit in übergrei" 
fende Zusammenhänge hineinstellt. Auch als Glied der Menschheit, die Gott wegen 
ihrer Undankbarkeit und Unfrömmigkeit mit dem Hingegebensein an die Sünde in 
ihren verschiedenen, scheußlichen Gestalten straft, oder als Nachkommen Adams, 
der Sünde und Tod in die Welt hineingebracht hat, bleibt der Mensch persönlich 
verantwortlich und schuldig (Rom. 1, 19 ff; 5, 12 ff). Seine Sünde hört nie auf, seine 
Tat zu sein, er mag in seinem sündigen Tun noch so abhängig sein. Nach dem stren» 
gen Kausalitätsbegriff der Naturwissenschaft schließt Notwendigkeit des Vorgangs 
persönliche Verantwortlichkeit aus. Daß Paulus den Sünder immer für seine Sünde 
persönlich verantwortlich macht, zeigt; daß er diesen Kausalitätsbegriff nicht hat." 

4) In 5, 16,20 ist ~0Lp«7r:tu|j.a von der Gesetzesübertretung der anderen Menschen 
j-esagt. 

5) Gegenüber einer einfachen Gleichsetzung von Vernunft und der Idee des 
Guten oder Gottes, macht das AT. Gottes Willen als durchaus souveränen geltend;. 
Die dem Menschen entsprechende Haltung ist die des Gehorsams. „Dieser Gehör» 
sam kann unter Umständen das gerade Gegenteil verlangen von dem, was ein all» 
gemeines sittliches Gesetz gebietet. Abraham ist das Paradigma eines Gottgehor« 
Samen, aber durchaus nicht eines sittlichen Menschen." (Emil Brunner, Die Bedeu 
tung des Alten, Testamentes usw. in Zwischen den Zeiten VIII (1930), 40). 

32 



men so, daß es allein auf die ÖTcaxo'^ ankommt; Gott ist 
souveräner ungebundener Herr über den Menschen. Wie sich 
dieser Wille Gottes äußert, ob in dem vo^x-oc, oder in der 
öruvsi^YjcrtS, das ist gleichgültig; es kommt darauf an, daß 
man ein xotY]TY]S tou vo^ou sei (Rom. 2, 12 ff.), daß man 
dem Willen Gottes so, wie er einem gegenübertritt, Gehorsam 
leistet. Das Wesen der ersten und entscheidenden Sünde ist 
nach dem Apostel TöapaTcofj (Rom. 5,19); damit ist jede 
Sünde in ihrem Wesen gekennzeichnet. 

Stellen wir zum Schluß kurz die Merkmale dieser Sün? 
denbegriffe einander gegenüber. Das letzte Wesen der Sünde 
sieht die Philosophie in Unwissenheit, die richtige Erkenntnis 
wird den Menschen auch gut machen; bei Pls ist Sünde ein 
Verhängnis, das sich der Mensch, fast wie eine Krankheit, 
durch seinen Stammvater selbst und eigenverantxvortlich zu^j 
gezogen hat, der atl. und rabbinische Gedanke, daß das We# 
sen der Sünde im Ungehorsam gegen Gottes souveränen 
Willen bestehe, ist dabei vollkommen festgehalten. 

Sünde ist beim Philosophen Abweichen von der Regel, 
vom 6p^-6v, Verfehlen des Zieles und wird immer wieder 
auf das Nichtwissen zurückgeführt. Bei Pls ist o:^api:ia 
eine Macht geworden, die in ihn hineingreift, ihn zu über* 
wältigen sucht, beinahe ein zweites Ich. 

In der Philosophie wird Vernunft und göttliches Ideal 
identifiziert; nach der Vernunft leben, heißt auch gottgemäß 
leben. Im AT., bei den Rabbinen und bei Pls. ist das Gesetz, 
-der positive Wille Gottes, allein maßgebend, Gott ist un* 
umschränkter Herr des Menschen. 

Die Philosophie kennt den Begriff der Schuld nicht oder 
ist zum mindesten geneigt, ihn zurückzustellen. Im AT. ist der 
Schuldgedanke scharf ausgeprägt, ins Objektive gesteigert, 
Gott bestraft sogar unbewußte Uebertretungen seiner Ge== 
hote. Bei Pls tritt das Problematische der Lage des Menschen 
in dieser Hinsicht deutlicher in Erscheinung: Das Verfallen- 
sein des Menschen an die Mächte des Bösen wird ebenso 
"betont, wie seine Verantwortlichkeit festgehalten wird. 

Die Philosophie bessert durch Lehre, das AT und die 
Rabbinen versöhnen Gott durch Reue und Buße. Pls stellt 
sich zunächst einmal zu dem souveränen frei gnadenspenden« 
den Gott, der uns in Christus prinzipiell mit sich versöhnt. 



33 



und dann appelliert er allerdings mit kräftigen Imperativen 
an die Aktivität des Einzelnen. 

Die Philosophie kennt keine Geschichte, ewig ist ihre 
Situation dieselbe, sie hat es allein mit der sich gleichbleiben* 
den Natur des Menschen zu tun. Für das AT und Pls gibt es 
nur positiv und konkret in der Geschichte begründetes Heil; 
Adam hat am Beginn der Geschichte gesündigt. Die Sünde 
begann ihre vernichtende Herrschaft über die Menschen, 
deren Lage sich dadurch grundlegend änderte, mit Christus 
begann die Herrschaft der Gnade, das Wirken des 7cvsü[j.a, 
und wieder wurde die Situation des Menschen eine andere — 
letzten Endes ist das alles jeweils auf den Gottesbegriff zu« 
rückzuführen: da auf die Idee des Guten, der Welt o. ä., hier 
auf den persönlichen, wollenden, in der Geschichte handeln* 
den Gott. 

2. Das Problem des Ursprungs der Sünde bei Paulus. 
(Die „Erbsündenlehre" PH). 

Einleitung. 

Stellung der modernen Exegese. 

Die Frage nach dem Ursprung der Sünde umfaßt noU 
wendig 2 Teilfragen: 1. Wie ist durch die Stamm* 
eitern die Sünde in die Welt gekommen? 2. In welchem Zu* 
sammenhang steht der einzelne mit dieser Sünde? Auf der 
zweiten ruht das Hauptinteresse Pli, da er ja darstellen will, 
wie wir durch Christus das Leben erhalten, also auf der an* 
dern Seite sagen muß, wie wir durch Adam geschädigt wor* 
den sind. Von der ersten Frage führt der Weg zur zweiten 
über den Erbgedanken, nacheinander über die Theorien von 
Erbtod, Erbstrafe, Erbschuld zu der Lehre von der Erbsünde, 
mit der die spätere christliche Theologie, vor allem Augusti* 
nus, den Tatbestand zu erfassen suchte. Da der terminus nicht 
paulinisch ist, erhebt sich die Frage: Inwieweit lag das, was 
man später Erbsünde nannte, in der Intention Pli, als er Rom 
5, 12 — 21 (u. 1. Kor. 15, 22) schrieb? Eine ins einzelne gehende 
Theorie ist der Eigenart der Stellung des Apostels gemäß na* 
türlich nicht zu erwarten. Der Apostel hat einmal Neuland 
vor sich und differenziert daher seine termini bei weitem nicht 
so eindeutig wie etwa die spätere Theologie, andererseits liegt 
ihm — was gar nicht genug betont werden kann — auch an un*= 

34 



serer Stelle bei weitem nicht so viel an der Hervorhebung der 
Tatsache, daß wir durch Adams Ungehorsam sündig wur* 
den, als vielmehr daran, daß wir durch Christus aus Todver* 
f allenen zu ewig Lebenden gemacht worden sind. Die 
strenge Beachtung dieser beiden Gesichtspunkte dürfte eini= 
gen Schutz gegen ein Abirren von der Lehre des Apostels — 
und nur um diese handelt es sich hier — nach rechts oder 
links bieten. 

Die katholische Exegese hat bis auf Freundorfer mit gu* 
tem Recht daran festgehalten, daß in Rom 5, 12 — 21 von Pls 
die Grundlagen der Erbsündenlehre gelegt worden sind. Man 
hat diesen Gedanken verschieden begründet und z. Zt. wird, 
unbeschadet des Inhaltes, die SchriftsBegründung der Erb* 
Sündenlehre durch das Tridentinum (die auf der exegetisch* 
falschen Erklärung des hl. Augustinus beruht) fast allgemein 
abgelehnt. Pls m e i n t in Rom 5, 12 — ^21 die Erbsünde, aber er 
spricht seine Sprache und nicht die der Hochscholastik. Es 
wird die Aufgabe des Exegeten sein, besonderen Wert auf den 
Unterschied zu legen. 

Die Stellung der neueren protestantischen Exegese ist ge> 
teilt, aber im allgemeinen der Lehre von der Erbsünde 
nicht ungünstig. Giemen,^ hält es für „unwahrschein= 
lieh . . . , daß Pls 1 Kor 15, 21 f u. Rom 5, 12 ff die Erbsünde 
gelehrt haben sollte . . ." Noch kategorischer ist W e i n e 1:" „In 
Rom. 5, 12 steht nichts von einer Erbsünde", einige Zeilen 
später konzediert eir allerdings, es stehe „im Rom. 5, 18 u. 19 
vielleicht eine Erb schuldlehre; wenn hier gesagt wird, daß von 
der einen Uebertretung des Adam aus alle verurteilt worden 
seien, so ist die Deutung auf ein Weitererben des Fluches oder 
des Todesurteils Gottes von jener ersten Sünde her nahelie* 
gend". Damit läßt W. Pls annähernd auf dem Standpunkt der 
jüdischen Apokalyptik stehen bleiben. Negativ entscheidet 
Gillis Piton Wetter.^ 

Positiver steht zur Erbsündentheorie in Rom 5, 12 etwa 
Pfleiderer*. „Ausgesagt ist also in (Rom) 5, 12 — 14 so^ 
wohl der kausale Zusammenhang der Allgemeinheit des Todes 
mit der Allgemeinheit der Sünde, als auch die Begründung 



1) Die ^ 

2) Bibli 

3) Der 



Christi. Lehre von der Sünde, Göttingen 1897 I, 52 (vgl. auch 174 ff.) 
Biblische Theologie des NT. 1921. 273 f (4. Aufl. 1928, 224). 

Vergeltungsgedanke bei Pls, Göttingen 1912, 65 A. 1 (im Anschluß an 
Wernle). 

4) Urchristentum, Berlin 1902 I, 203 Anm. 1. 

35 



beider in der Ursünde Adams, deren Folgen durch göttliches 
Strafgericht auf alle übertragen wurden, nämlich durch Unter« 
werfung alles Fleisches unter die dämonischen Mächte 
der Sünde und des Todes, vgl. 8,20; 7, 14." Bei Jülicher, ^ 
steht bei Behandlung des scp'^ Tcavxss T^fiapTov: PlS „denkt 
. hier keinenfalls an ein Sündigen aller Nachkommen i n 
Adam, freilich auch nicht an die Möglichkeit eines Sündigens 
der gleich nach der Geburt sterbenden Kinder: die Gerechtig* 
keit Gottes schließt für ihn die Vorstellung, als könnte emer 
sterben, ohne den Tod verdient zu haben, schlechthin aus. Die 
Kirche hat mit ihrer Idee von der Erbsünde ungefähr getroffen, 
worauf Pls hinaus wollte, er würde die Sache etwas massiver 
dargestellt haben ..." H. J. H o 1 1 z m a n n sagt:- . . . Das Ster^ 
ben der einzelnen . . . steht wenigstens in einem Zusammen* 
hang mit dem Tode Adams und scheint es wie eine Erbsünde, 
so einen Erbtod zu geben."^ Bei Kühl* heißt es kurz: „Unser 
Satz (5. 12) enthält eine Behauptung, aber keine Erklärung 
der Erbsünde . . ." Auch Lietzmann^ meint „Die Erbsünden* 
lehre der abendländischen Kirche würde vermutlich dem Pls 
als ansprechende Hypothese erschienen sein." A. Schlat* 
ter® macht wie H. J. Holtzmann eine Einschränkung: „Der 
Begriff »Vererbung', der dazu dienen soll, den Zusammenhang 
zwischen dem ersten Menschen und dem ganzen Geschlecht 
zu erläutern, geht schon einen kleinen Schritt über das hinaus, 
was sich als Aussage des Pls bezeichnen läßt, , . ." Auch 
E. M e y e r'^ findet in Rom. 5, 12 ff (allerdings auf Grund 
einer singulären und abzulehnenden Auffassung von Rom 5,14 
liii xoi 6[j.0Ki)[;.a-r!. die Erbsündenlehre: „ . . . Damit ist die 
Lehre von der Erbsünde, wenn auch nicht im Wortlaut, so 
doch inhaltlich ganz unzweideutig ausgesprochen." 

Prüfung der Stellen. 
Es ist im Grunde unbestritten, daß eine ausführliche The* 
orie der Erbsünde aus Rom. 5, 12 — 14, nicht herausgelesen 
werden kann; das beweist schon die Mannigfaltigkeit der 
möglichen Deutungen, die sich von der Annahme einer aus* 
-führlichen Erbsündedogmatik bei Pls über alle Schattierungen 
der Erbschulds, Erbstrafen*, Erbtodtheorien bis zur völligen 

1) Römerbrief 1917, 259. 

2) Neutestamentliche Theologie 1911 ^ II, 55. 

3) Vgl. aber dazu a.a.O., S. 80. 

4) Römerbrief 1913, 175. 

5) Römerbrief 1928, 61. 

'6) Theologie der Apostel, 1922, 265. 
7) Ursprung und Anfänge d. Chr. III, 1923, 386. 

.36 



Leugnung einer theologischen Bedeutung der Stelle erstrecken. 
Das ist leicht zu verstehen, wenn die Stelle isoliert betrachtet 
und exegesiert wird. Wie schon erwähnt, hat Pls seine Lehre 
von der Sünde terminologisch durchaus nicht eindeutig dar* 
gestellt, sodaß — wie auch anderswo — nichts übrig bleibt, 
als hie und da ex paulinis verbis quasi indirecte per modum 
fere sensus consequentis^ auf seine vollständige Lehre zu 
schließen. Vor allem wird es notwendig sein, Rom. 5, 12 — 14 
nicht isoliert zu betrachten, sondern auch alle andern in 
Frage kommenden Stellen, d. i. hauptsächlich Rom. 5, 19, und 
auch 1. Kor. 15, 22 zur Erklärung heranzuziehen. Daneben 
sind vor allem die aus der Gesamteinstellung des Apostels 
folgenden Kongruenzen für die Erbsündentheorie anzuführen 
bezw. abzulehnen, sodaß eine Gesamtübersicht dann den Auf- 
schluß gibt, den die Exegese einer einzelnen Stelle nicht zu 
geben vermag. 

Rom. 5, 12—14. 

Um den Gedankengang von Rom. 5,12 — 14 etwas schärfer 
hervorzuheben,' sei er hier etwas schematisch dargestellt. 
Behauptung: 

Durch einen Menschen ist Sünde und Tod in die M'^eit 

gekommen 

und dadurch der Tod auf alle. 

Nebengedanke: weil alle gesündigt haben. 
Da dadurch der Hauptgedanke Pli gestört zu werden droht, 
fügt er, um den Hauptgedanken von V. 12 zu erklären, hinzu 
einen 

Beweis aus der vorgesetzliche n^ Periode: 

1. Sünde war zwar in der Welt (vgl. Genesis!). 

2. Als feststehender Satz aber: Nur Gesetz ergibt 
(zum Tode) angerechnete Sünde, 

(Also kann die Sünde von 1. als in der vormosa* 
ischen Periode (ohne Gesetz!) Tod nicht ergeben 
haben.) 

3. Nun g a b es aber schon vor Moses Tod. 
Schluß: 

Also war es A d a m s Sünde, die den Todaller 
verursacht hat. 



6) Cornely, Episiula ad Romanos, Paris 1896, 281. 

7) s. zum einzelnen den exegetischen Teil. 

S) Um den beweisstörenden Satz auszuschalten: Gesetz wirkt (Sünde, Sünde 
wirkt) Tod (vgl. V. 13). 

37 



Der Hauptton liegt, wie schon gesagt, auf dem Todes* 
gedanken, und eigentlich ist nur an seiner Hervorhebung 
dem Apostel etwas gelegen: Einer hat gesündigt, alle 
sind gestorben. Aber zu einer vollständig in sich ge* 
schlossenen Gedankenreihe genügt das nicht; denn wie ver* 
trüge sich die Bestrafung aller auf Grund der Sünde eines 
Einzigen mit der Idee der Gerechtigkeit Gottes! Dieser 
würde die einfache schon vor Paulus existierende Erbtodlehre 
nicht gerecht werden. Es ist gewiß zuzugeben, daß der 
Apostel sehr vorsichtig argumentiert und keinen Schritt wei* 
tergeht, als unbedingt notwendig ist; gerade deshalb aber ist, 
um zu einer einheitlichen Auffassung der Stelle zu kommen, 
die Annahme berechtigt und notwendig, daß nicht nur Strafe 
und Schuld, sondern auch die Sünde, paulinisch vielleicht 
besser: Sündhaftigkeit, von Adam auf alle vererbt worden 
sei. Wird die Frage erhoben, wie sich Pls näherhin die Art 
der Vererbung gedacht habe, so muß vom historischsexegeti* 
sehen Standpunkt aus gesagt werden, daß mit den Worten Pli 
selber eine ins einzelne gehende Theorie nicht. zu belegen ist," 
Hier ist auch mit Recht daran zu zweifeln, ob dem Apostel 
überhaupt eine genauere Vorstellung vor Augen gestanden 
habe. 

Es wird die — wenn auch nur annähernde — Beantwortung 
dieser Frage wesentlich davon abhängen, wie Pls sich den 
Zusammenhang der beiden Menschheitshäupter mit den zu 
ihnen gehörigen Menschheitshälften denkt. Die Betrachtungs* 
art ist, wie Feine^" es nennt, hier „objektiv", die Anfänger 
der beiden Reihen sind mit ihrem gesamten Schicksal die 
Prototypen aller einzelnen, nach ihnen Kommenden und von 
ihnen Abhängigen; nach dem Einzelschicksal wird in Rom, 5,, 
12 — 21 nicht gefragt, es ist nicht entscheidend. 

Wie es scheint, genügt also der genealogische Zusammen* 
hang mit Adam^\ um den Menschen als Sünder hinzustellen 
(vgl, Rom. 5, 19), Hier wird noch eine sehr wesentliche In*^ 
kongruenz zwischen den beiden Reihen deutlich. Der Zusam* 
menhang der Glieder mit den Anfängern der Reihen, Adam^ 
und Christus, ist verschieden. Bei den Adamskindern handelt 



9) Vgl. auch Kühl, Römerbrief 1913, 175; Weinel, Biblische Theologie 1921, 274; 
Schlatter, Theologie der Apostel 1922, 265; Pieper, Paulus 1929, 275 u. a. m. 



10) Ursprung der Sünde usw. 782. 

11) ~" ■ - - 



Pls vertritt die Einheit des Menschengeschlechtes, loci bei Pieper. Pls 1929; 
271 f. vgl. Oepke, Missionspredigt 1920, 123. 

38 



es sich um eine leibliche Abstammung^- bei den Christen um 
einen rein geistigen Zusammenhang, der auch keineswegs so 
lückenlos wie auf der Adamsseite alle Menschen einschließt, 
obwohl er universal im prinzipiellen Sinne keinen Menschen 
von vornherein ausnimmt. Universalität des Heils bei Pls ist 
nicht die Apokatastasis des Origenes, sondern immer die 
beglückende Gewißheit, daß es vor Gott auch im Gesetze 
keine Ausnahmen gibt. Auf der Christusseite steht bei der 
Verbindung der Glieder mit Christus als dem Haupt im Hin? 
tergrund Taufe und 2cö^.ai=Gedanke. 

Fassen wir das Gesagte noch einmal kurz zusammen, so 
ergibt sich aus der unbefangenen Betrachtung der Stelle ioh 
gendes: Unter Bezugnahme auf Gen 3 stellt Paulus fest, daß 
Adam durch Uebertretung des ihm von Gott gegebenen Ge* 
botes gesündigt hat. Diese Sünde hat gegenüber allen andern 
Sünden die entscheidende Bedeutung gehabt, daß in ihr die 
Sünde als Macht überhaupt in das Gesamtbild des Univer* 
sums eintrat (12 a). Infolge des gottgewollten, unlöslichen Zu* 
sammenhanges zwischen Sünde und Tod ergab sich als not* 
wendige Folge des Eintritts der Sünde die Herrschaft des 
Todes in der Welt und somit auch über alle Menschen. Ueber 
das Icp' S> TjavTss i^[Jiapi:ov muß eine Hypothese aufgestellt 
werden; mit absoluter Sicherheit läßt sich seine Bedeutung 
im Rahmen des Ganzen nicht feststellen. Jedenfalls kann in 
einem Nebensatz nicht annulliert oder entscheidend verändert 
werden, was im Hauptsatz deutlich ausgesprochen ist und 
worauf der Apostel auch in VV. 13 und 14 noch besonders 
zu sprechen kommt. 

Demgemäß kann als Ergebnis der Stelle Rom. 5, 12 — 14 
gelten, daß für Pls der Tod und insofern auch die todbrin* 
gende Sünde aller Menschen in einem nicht näher beschriebe* 
nen Zusammenhang mit der Sünde des ersten Menschen, 



12) Daher die Lehre von der Allgemein. heit der Sünde; sie ist bekannt 
im alten Judentum und, wie gezeigt, auch im späthellenistischen Judentum (sowohl 
in der apokryphischen Literatur, wie auch in der orthodoxen Richtung); sie ist eine 
Voraussetzung Pli bei der Ausbildung seines Lehrsystems (vgl. Feine, Theologie des 
Neuen Testaments 1922*, 201). Es ist übrigens sicher richtig, daß die missionarische 
Tätigkeit des Apostels großen Einfluß auf seine Lehre gehabt hat, (so E. Vischer in 
Theologische Rundschau 1905, 516; ebenso Monse, Johannes und Paulus 1915, 58 f, 
wo mehr das Psychologische betont wird); allerdings ist es wohl verfehlt, zu ein« 
seitig auf seine Erfahrungen hinzuweisen. Die Lehre von der Allgemeinheit der 
Sünde ist da v o r Paulus, er nimmt sie auf und verwertet sie in den Grundlagen 
•seiner Lehre. Neu ist bei ihm die Lehre von einer innersten ererbten Sündhaftigkeit, 
die den Menschen vor Gott auch in Schuld stürzt, die erst in Jesus Christus ge» 
löst wird. 

39 



Adams, steht, die damit eine irgendwie typische Bedeutung 
auch für den Einzelnen gewinnt. Unter Zuhilfenahme der 
Idee der Gerechtigkeit Gottes könnten wir schließlich von 
der Rom. 5, 12 — 14 (mit nichts zu wünschen übrig lassender 
Deutlichkeit) ausgesprochenen Erbtodlehre auf die Theorie 
von der Erbsünde schließen. 

Das ist m. E. das Aeußerste, was der Stelle — für sich 
betrachtet — zu entnehmen ist, einen bündigen Beweis liefert 
5, 12 — für sich genommen — nicht. Man muß zugeben, daß 
der Gedankengang nicht so glatt ist, wie wir es uns wünschen 
möchten, aber Pls ringt eben um neue Erkenntnis und enU 
fernt er sich auch von dem Standpunkt der jüdischen Theo^ 
logie, so ist er doch, von Augustinus aus gesehen, erst „auf 
dem Wege". Und es bedurfte erst noch der Anstrengungen 
mehrerer Vätergenerationen, ehe klar und deutlich das Dogma 
von der Erbsünde sich formulieren ließ.^'' 

Es bleibt dabei, daß wir, was Rom. 5, 12 — 14 angeht, um 
eine glückliche Formulierung Cornelys^* zu gebrauchen, darauf 
angewiesen bleiben: omnes i n A d a m o peccasse, ex paulinis 
verbis quasi indirecte per modum fere sensus consequentis 
eruitur. 

Das Verständnis wird aber entscheidend ergänzt durch 
eine Heranziehung der andern in Betracht kommenden Stel« 
len, zunächst Rom. 5, 19. 



Rom. 5,19. 

Deutlicher als 5, 12 — 14 spricht 5, 19 ganz unmißverständ^^ 
lieh von einer wirklichen Schädigung des ganzen Menschen* 
geschlechts durch Adam. Durch den Ungehorsam des Einen 
sind die vielen zu Sündern geworden, so wie durch den Ge# 
horsam des Einen die vielen gerecht geworden sind.^^ Hier 



13) Mausbach, Joseph. Ethik des hi; Augustinus Bd. IP 1929, 140 f.; „nur all* 
mählich tritt die Ueberzeugung von der Sünde des Geschlechts deutlicher in der 
christlichen Literatur hervor. Die Schriften der ersten Zeit waren durchweg sitt« 
liehe Mahnschreiben oder apokalyptische Abhandlungen. . . . Die Auseinandersetzun^s 
gen mit dem Heidentum und der Irrlehre boten eoensowenig Veranlassung, über 
die Existenz der Erbsünde nachzudenken. Zuerst mußte der Glaube an den Gott, 
der alles gut erschaffen hat, der Glaube an die Einheit der Welt und der Menschen* 
natur, das Bewußtsein der sittlichen Verantwortung gegen Polytheismus, Dualis* 
mus und Fatalismus festgestellt werden". 

14) ad Romanos 1896, 281. 

15) über -/.a^liTraiflai s. d. exegetischen Teil. 

40 



wird es klar ausgesprochen, daß der Eine, Adam, es bewirkt- 
hat durch seine eigene Verfehlung, daß alle sündig wurden. 
Und so radikal wie auf der einen Seite Tod und Sünde aus* 
gerottet werden, so radikal war auch auf der andern Seite 
die Verderbnis, zu deren Ueberwindung Gott alles aufbot.^® 
Hier ist m. E. die Kernstelle dessen, was man Erbsünden« 
lehre beim Apostel nennt. Mehr erfahren wir nicht. Aber daf5 
Pls die Frage der Erbsünde nicht mit der Deutlichkeit 
behandelt hat, wie etwa das Erbtodproblem, ist leicht be= 
greiflich. Es war ja für sein Evangelium und seine praktische 
Wirkung mehr oder minder bedeutungslos, wie man näher* 
hin die Verderbtheit des Menschen fundierte; es genügte da 
die Feststellung der Tatsache. Wichtig war nur, daß der Tod- 
über die Menschheit herrschte und daß der Grund dieser 
Herrschaft in der Sünde zu suchen, diese nun aber durch 
Christus prinzipiell überwunden sei. 

Daß er die Lösung der Frage im Sinne der Erbsünden* 
lehre gefunden hätte, verbürgt 5, 19 mit genügender Sicher? 
heit. Der Gedanke, daß der Mensch im Innersten getroffen 
wurde, als Adam sündigte, daß er in seiner Substanz verletzt 
wurde, ist für Pls demnach evident. Das kann man besonders 
an der Wertung der anderen Seite sehen : in Jesus Chri* 
s t u s werden wir gerechtfertigt.^^ Eine Aufklärung dieses 
Mysteriums ist. nicht zu erwarten, nicht einmal ein Versuch, 
am allerwenigsten von Pls, der stärker als jeder andere neu* 
testamentliche Schriftsteller im Bereiche des für den Men= 
sehen absolut Uneinsichtigen und Verborgenen steht. Aber 
daß es mit der Strafe, die wir leiden, seine Ordnung hat, kann 
Pls keinen Augenblick zweifelhaft gewesen sein — daß er eine 
ins einzelne gehende Theorie darüber aufgestellt hat, ist un? 
wahrscheinlich und lag auch nicht in seinem unmittelbaren 
Interesse, er legt den Grund des Systems, den folgerichtig 
die lebendige Kirche ausbaut. Wie es sich also genauerhin mit 



16) Im Resultat -würde diese Auffassung des Textes der von Pieper, Paulus^ 
Seine missionarische Persönlichkeit und Wirksamkeit 2. u. 3. Aufl. 1929, 275 ver« 
tretenen entsprechen. Pieper nimmt an, daß in V. 12 ,,Die Erbsündenlehre nicht deut= 
Kch ausgesprochen ist". Er verteidigt aber die Auffassung der Vulgata, die „durch 
ihre Uebersetzung in quo omnes peccaverunt den Sinn nicht verwirrt" habe, mit 
einem Hinweise auf V. 19, aus dem sich nach Piepers Ansicht" ergibt, ,,daß die Sünde- 
Adams auf alle Menschen übergegangen sei". ,,Es haben sich also nicht etwa nur 
auf Grund des schlechten Beispiels ihres Stammvaters die Menschen in Tatsünden 
verstrickt, sondern wie ein schlimmes Erbstück lastet die Sünde auch seit Adams 
Fall auf allen seinen Nachkommen." 

17) Vgl. dazu das Folgende über 1 Kor. 15, 22. 

41; 



der Verantwortung des einzelnen verhielt, wie der Zusam* 
menhang zwischen Adam und dem einzelnen aufzufassen ist, 
wie die Strafe also von jedem einzelnen gerecht verdient ist, 
(das „daß" steht für Pls fest), darüber macht Pls nur An* 
deutungen,^^ die ihr volles Licht von der Lehrentwicklung er* 
halten. Wir dürfen nie vergessen, daß es sich hier um eine 
Nebenfrage für Pls handelt, der seine Energien aus dem Be# 
wußtseins schöpft, daß er auf der Christusseite steht, gerecht* 
fertigt ist, das „Leben" erhoffen darf. 

Ob etwa schon die Lehre vom bösen Trieb hereinspielt in so 
abgewandelter Form, daß der böse Trieb erst seit Adams 
Fall im Menschen wirkt, ist nicht zu entscheiden. Die 
Verbindung von Rom. 5 und 7 bleibt im Grunde problema* 
tisch; über Hypothesen — wenn auch sehr wahrscheinliche wie 
die der Subordination, — ist nicht hinauszukommen. 



1. Kor. 15, 22. 

An der Stelle 1. Kor. 15, 22 ist ebenfalls eine eigenartige 
Verbindung der Menschheit (Tcav-rss) zu Adam angedeutet. 

21. sTcsiBv] yocp Bi'av^pWTcou ■O-avairo? xol Bi'öcvil'pwTuotj oc^dG-zocGtc, 
vsxpwv. 

22. 6(T7usp yxg sv tw 'A^ap. izdvxzq aicO'O'vfjaxoucri.v, 

Die Formel sv XpicrT« ist nach den Untersuchungen 
von Deissmann^® »der eigentümlich paulinische Ausdruck der 
denkbar innigsten Gemeinschaft der Christen mit dem leben* 
digen Christus", „den lokalen Grundgedanken im eigent* 
liehen Sinne .... aufzufassen", hat für ihn gegenüber einer 
bloß rhetorischen Auffassung, „den höheren Grad von Wahr* 
scheinlichkeit".^ Zu 1. Kor. 15, 22 a sagt Deissmann^^: „Das 
SV TW 'ABajx, zunächst veranlaßt durch den rückwirkenden 
Parallelismus des folgenden sv tw Xpi<n:5>, steht auch noch 
unter dem Einflüsse der unmittelbar vorher zweimal ge* 
brauchten Formel und ist daher leicht verständlich. Das sv 



18) Das konzediert auch Freundorfer: (a.a.O. 256) „Auf welche Weise sich 
Paulus das Beteiligtsein aller an Adams Sünde näher dachte, darüber erfahren wir 
aus unserer Stelle und überhaupt aus seinen Briefen nichts." 

19) Deissmann, Die ntl. Formel „in Christo Jesu" 1892, 97 f. 

20) von Deissmann erneut betont in Paulus^ 1925, 255, Anm, 1. 

21) Die ntl. Formel 124 f. 

42 



ist von dem Iv unserer Formel aus zu verstehen und kann 
nicht umgekehrt zur Erklärung des sv XpiffTö verwandt 
werden". Eine sachliche Kongruenz aus s p r a c h ? 
liehen Gründen anzunehmen, lehnt Deissmann für unsere 
SteUe, wie für 1. Kor. 7, 14 ab. Das ist für 1. Kor. 7, 14 leicht 
einzusehen. Indes bei 1. Kor. 15,22 rückt das sv tö 'ABaji, 
durch die Parallel isierung mit £v XpiffTw — 
selbst eine gewisse Inkongruenz in parallelisierten Texten 
bei Pls überhaupt zugegeben — in seinem Bedeutungswert 
doch in ganz anderer Weise an das heran, was Deissmann 
97 f. ausführt. Irgendwo muß es sich also auch bei dem 
SV TW 'ASa(x um einen Ausdruck einer innigen Gemein? 
Schaft der Tzdrztc, mit Adam handeln, ja letzlich wäre 
auch iiier die Möglichkeit einer lokalen Auffassung^^ gegeben. 
In der ganzen Stelle 1. Kor. 15, 21 ff. soll das Verhältnis 
der beiden Menschheitshälften zu ihren Anfängern und zu 
dem Schicksal, das sie über die von ihnen ausgehende 
Menschheit gebracht haben, dargestellt werden. Die Parallele 
ist, wie auch Deissmann hervorhebt,^^ selbstverständlich von 
der Christustheologie des Apostels her konstruiert, somit ist 
auch die Auffassung der Christusseite für die Adamseite 
(wenn nicht maßgebend, so doch) tonangebend.^* 
V. 20 wird also die Behauptung aufgestellt: durch Christi 

Auferstehung ist die Auferstehung aller verbürgt. 
V. 21 Erster Beweis: nach dem feststehenden Satze 1:0t e.ay(x.x(x. 
6ic, Toc TcpcÜTa*^ wird gesagt: Die Auferstehung durch 
Christus in der Endzeit ist so sicher, wie der Eintritt 
des Todes (nicht „der Tod" schlechthin) durch Adam 
in der Urzeit sichere Tatsache ist. 
V. 22 Zweiter Beweis: nach demselben Satze ist die Lebendig* 
machung aller kraft der mystischen Verbindung mit 
dem auferstandenen Christus (sv) in der Endzeit so 
sicher, wie das Sterben aller kraft der Verbindung mit 
Adam in der Urzeit sichere Tatsache ist. 
Sowenig also das sv trfi) XptCTw icavTss ^wo^oiY)'8":^(rovTai 
die einfache Bedeutung hat: Christus hat zum ersten Mal das 



22) Hier ist ausdrücklich an Hebr. 7, 9 f, zu erinnern. 
231 a.a.O. 124. 

24) daß in den beiden iv eine dynamische Verschiedenheit liegt, ergibt die weis 
tere Entwicklung; das dv tS •/j^htzSi wird zur <Jüi|Aa-Lehre des Eph. u. Kol., das sv 
Tüj 'A5(4(A, zunächst weniger beachtet, bildet die Grundlage zu der Erbsiindenlehre 
Augustins. 

25) Gunkel, Schöpfung und Chaos 1921, 369. 

43 



Leben empfangen, — wie e r , so nach ihm in gleicher Weise 
auch jeder einzelne andere, sondern wie Christus als ocTcapj^iQ 
in grundlegenden Gegensatz zu den TcavTss, allen übrigen, 
gestellt wird, so eben, daß alle andern in ihm das Leben 
empfangen, ebensowenig kann das sv tw 'ABdt[jL xavTs? octco- 
^vYicncouaw den glattten (direkt unpaulinischen) Sinn 
haben: Adam ist als erster gestorben, nach ihm ein zweiter 
usf., sondern es muß auch hier — wie auf der positiven Seite 
— '■ ein fundamentaler Gegensatz zwischen Adam und der ge* 
samten Menschheit, die zu ihm zählt, angenommen werden, 
sodaß der Tod aller als i n Adam geschehen gelten kann. Von 
hier aus ist der Schritt zu der nicht unmittelbar im Text lie^ 
genden Annahme, die Menschheit (tcocvts^) habe auch in 
Adam gesündigt, nicht mehr groß. Freilich, gesagt wird von 
Pls selbst nichts Ausführliches über die Zusammenhänge, die 
hier bestehen. Dabei ist aber immer zu beachten, daß Pls, da 
jede Polemik in diesem Punkte fehlte, auch gar nicht ge* 
zwungen war, sich mit unmißverständlicher Deutlichkeit aus« 
zudrücken. Das taten erst seine Interpreten, 



Zusammenfassung. 

So drängen eine ganze Reihe gewichtiger Gründe zu der 
Behauptung, daß Pls in entscheidenden Punkten über das 
schon vorhandene Lehrgut hinausgegangen ist. Mit einiger 
Vorsicht kann gesagt werden: Paulus ist der Schöpfer der 
Erbsündenlehre in ihren Grundlagen. Der Vergleich mit dem 
AT, den jüdischen Apokalypsen, alexandrinischer und pa* 
lästinensischer Theologie ergab, daß die Theorie von der Erb* 
Sünde wohl in den theologischen Prämissen lag, daß aber der 
Schluß noch nicht gezogen war. Das scheiterte an der inne* 
ren Unmöglichkeit. Die innerste Verderbtheit des Menschen* 
geschlechts, die die Erbsündenlehre annimmt, konnte einfach 
erst dann klar gesehen werden, nachdem das Heil auf der 
andern Seite gesichert war. 

Die Trostlosigkeit der Predigt von der Erbsünde war 
untragbar für eine Zeit, die keine Mittel besaß, um sie un* 
schädlich zu machen; nur Ahnungen der furchtbaren Lage 
der Menschheit blitzen auf. Seit Sirach und der Weisheit Sa» 
lomons spüren wir deutlicher, wie die Verzweiflung wächst; 

44 



die Zeit drängt auch die jüdische Theologie mehr und mehr 
zu dem früher zwar zuweilen auftauchenden, aber doch nie* 
mals voll ausgewerteten Gedanken einer inneren Verderbnis 
des Menschen. Den Höhepunkt erreicht diese Entwicklung in 
den Apokalypsen des Esra und Baruch: Völlige Verzweif* 
lung auf der einen Seite, das Sündenproblem, riesengroß anges 
wachsen, scheinbar nicht zu bewältigen — und dem dann auf 
der andern Seite als völlig unzureichendes Korrelat alttesta? 
mentliche Gerechtigkeit als Ideal gegenübergestellt. 

Erst Paulus ist imstande, die Entwicklung entscheidend 
zu beeinflussen. Er sieht alles unter der Perspektive des in 
Jesus tatsächlich gewordenen Heiles, er sieht alles im Lichte 
Christi. Dadurch wird sein Gesamtweltbild verändert und 
entscheidend bestimmt, dadurch wird alles im Einzelnen 
anders.^^ Er kann die Sündenproblematik der Zeit als einziger 
lösen, weil er von oben, nicht von unten her an sie heran=^ 
kommen kann. Vor Damaskus ist ihm die Welt eine andere 
geworden. Christus wurde ihm offenbar und im Lichte dieser 
neuen Sonne sieht er zurück und entdeckt nur noch Dunkel 
dort, wo ihm bisher alles Licht zu sein schien. Von hier aus 
wird es klar: yA^ic, ist der Zentralbegriff auch seiner Sün* 
dentheologie und alle Sündenproblematik in seinen Briefen 
bildet nur den Hintergrund für seine Erlösungslehre. Da, wo 
Gott alles einsetzt, um den Menschen zu retten, muß die 
Verderbnis ungeheuer sein. Erst die umfassende Erkenntnis 
Christi und die beseligende Gewißheit des in ihm erreichten 
neuen Lebens geben dem Apostel die Erkenntnis der Trost* 



26) Anders gewandt würde es heißen: Nichts Bestimmtes (etwa die Liebe oder 
die Rechtfertigung o. ä.) ist das Wesen der paulinischen Theologie und weiterhin des 
Christentums, sondern einzig und allein Christus, vgl. Bultmann, Die Bedeutung 
des geschichtlichen Jesus für die Theologie des Paulus in Theologische Blätter VIII 

(1929), 145: ,„Das Neue' ist die Behauptung, daß Jesus der Messias 

ist. Paulus ist sich nicht bewußt, neue Ideen zu bringen, sondern eine für die Men» 
sehen entscheidende Tatsacha zu verkünden." Aehnlich Gerhard Kittel, Probleme des 
palästin. Spätjudentums Stuttgart 1926, 140: „in dem Faktum der Person Jesu selbst 
hat das Christentum seine religionsgeschichtliche Besonderheit, und nicht in einer 
Reihe von einzelnen hohen religiösen und ethischen Lehren". Derselbe in ThLZ. 
1925 Sp. 540 (Anzeige von Moore, Judaism) betont als das wesentliche Unterscheie 
dungsmerkmal zw. Judentum und Christentum „die Christustatsache"; ,,aber man 
darf nun auf keinen Fall es so darstellen, als sei diese Chiistustatsache eine einzelne 
Verschiedenheit in einer Kette vieler und wesentlicher Gemeinsamkeiten. Sie ist 
die zentrale Tatsache, und dadurch, daß sie anders ist, wird alles anders, entsteht 
die Tiefe des Konfliktes, entsteht die neue Bewegung." So auch Romano Guardini, 
Das Wesen des Christentums in Die Schildgenossen IX (1929), 151: ,,Das ,Wesen des 
Christentums' ist Jesus Christus. — Die Einmaligkeit der Person Jesu Christi ist die 
Kategorie, welche Sein und Tun und Lehre christlich bestimmt". Diese Erkenntnis 
ist nicht durchaus neu, vgl. N. Bonwetsch, die Theologie des Irenäus in Beitr. z. 
Ford. Christi. Theologie Reihe 2. Bd. 9. Gütersloh 1925, 95. 

45 



losigkeit des vorchristlichen Zustandes: Das ist der eigent* 
liehe Quellpunkt der paulinischen Lehre von der „Erbsünde". 

3. Zur Denkweise des Apostels. 

Rom. 5, 12 — ^21 liefert einen wichtigen Beitrag zur Er* 
kenntnis der Denkweise des Apostels^'^ und ist auch nur dann 
zu verstehen, wenn man sich der Eigenart dieser — bei aller 
Gebundenheit an Tatsachen — doch wieder streng konstruk« 
tiven Denkweise bewußt bleibt. 

In Rom. 5, 12 — ^21 zeigt sich deutlich die bezeichnendste 
Eigenart des Apostels: die Antithese.^ Die Antithese be? 
herrscht sein ganzes Denken und Vorstellen, sie bestimmt 
sein Geschichtsbild und seinen Stil.^^ 

'ABa[A, — ^XpiCTOS, 'ö-avairoi; — ^^wtq, &\kuo'vi(x, — x^'P'^' 'iP'9'opa: — 
öc^^apat«, öcc-tj-sveia — Büvajjits usw. — unter solche Kategorien, 
die wie schwarz und weiß einander gegenüberstehen, ordnet 
der Apostel seine Gedanken ein. Die Dinge der Welt und 
Ueberwelt verhalten sich wirklich so zueinander: TÄ&pxoia 
Tzaprikd-zv, iBoö ysyovsv xaiva (2. Kor. 5, 17). Aber in unserm 
Kapitel spielt auch die formale^" Antithese eine große Rolle 
%pCp.a — )^dpi(7p.a, %aT7axpi[xa — Bixaicö[JLa (V. 16), icocpaTCTTwjiia— 
Bixaiw[i-(x, xai:axpi.[jia — BiKatöxrt.? ^«"^s (V. 18), die Anlage der 
Sätze, das deutet alles auf Pli Vorliebe für die Antithese hin. 



27) Ueber Pli Denkweise vgl. auch Feine, Theologie des NT. 1910, 232 ff; Holtz« 
mann, Lehrbuch der Ntl. Theol. 1911 II, 8 ff. 9 Anm. 1. 12; Schlatter, Die Theologie 
der Apostel 1922, 254—262; s. auch Deißmann, Paulus 1925, 84 ff. 

28) Ueber die Antithese bei PIs vgl. besonders Joh. Weiß, Beiträge zur 
Paulinischen Rhetorik in Theol. Studien f. B. Weiß, Göttingen 1897, 175 ff. Rud. 
Bultmann, Der Stil der Paulinischen Predigt und die kynischsstoische Diatribe, Göt« 
tingen 1910, 79 ff. s. auch Otto Schmitz, Das Lebensgefühl des Paulus, München 
1922, 66: ,,Es handelt sich keineswegs nur um . . . antithetisch zugespitzte Einzel« 
formulierungen, sondern das ganze Erleben unc^ damit auch das Denken und Sprechen 
des Paulus ist von diesen Kontrasten beherrscht." Antithesentafeln bei Holtzmann-, 
Lehrbuch der Ntl. Theologie 1911, 21 Anm. 3. 62 Anm. 

29) Zum Stil, (der letzten Endes der Niederschlag der Denkformen eines Men« 
sehen ist), vgl. auch Norden, Antike Kunstprosa Leipzig 1898 (IL Abdruck 1909) 
492 f. Norden weist darauf hin, daß die Antithese eine Sprachform revolutionär 
eingestellter Zeiten sei und z. B. auch im 5. Jahrhundert vor Christus begegnet. 
Dann heißt es über Pls: ,,ist es da zu verwundern, daß der kampfesmutige Mann, 
der sich daran machte, eine Welt der Schönheit in Trümmer zu schlagen, seine 
umstürzenden Ideen in antithetische Formen zu kleiden, indem er die Gegensätze 
von Himmel, Erde, Licht und Finsternis, Leben in Christus und Tod in der Sünde, 
Geist und Körper, Glauben und Unglauben, Liebe und Haß, Wahrheit und Irrtum, 
Sein und Schein, Sehnsucht und Erfüllung, Vergangenheit und Gegenwart, Gegen» 
wart und Zukunft in oft schroffen, bis zur Dunkelheit zusammengedrängten, monus 
mentalen Antithesen offenbarte?" Es bedarf keines eigenen Hinweises darauf, daß 
die Antithese für Pls kein Kunstmittel ist wie für die Rhetorik des. Alterttuns. Pli 
Denken ist tatsächlich inhaltlich von diesen Gegensätzen bestimmt, hier Licht, 
dort Finsternis, hier Reich Christi, dort Reich der Sünde — Zwischenstufen spielen 
keine große Rolle. 

46 



Man darf das niclit psych ologisieren — für jeden Chri? 
sten gilt ja das Gleiche — aber man wird darauf hinweisen 
dürfen, daß Pls wie keiner auch in seinem Inneren dieses 
Gegenüber von Finsternis und Licht erfahren hat; ohne alles 
damit erklären zu wollen, darf man hier auf das Damaskus* 
erlebnis hinweisen. 

In der Antithese sehen wir den Kern dessen, was 
Leisegang „Denkform"^^ nennen will. Nicht in einem Kreise, 
dessen Punkte indifferent einander gegenüberstehen, bewegen 
sich Pli's Gedanken, sondern in feindlich einander gegen« 
überstehenden Begriffen 'A^dcii, — XpiffTÖ?, -S-ivaTro? — ^töiq, t& 
öepj^aTa— TÄ xaivcäc Das durchzieht alle seine Briefe. 

Es liegt nicht im Rahmen dieser Arbeit, die Antithesen« 
reihen aufzusuchen, die in den Briefen aUenthalben auftreten, 
es kann nur darauf hingedeutet werden; aber es ist nicht 
daran zu zweifeln, daß sich ein ziemlich, vollständiges anti« 
thetisches System aus PH Briefen zusammenstellen läßt. 

Pls liebt formell scharfe Pointen, ohne" sie dann Inhalt« 
lieh ganz konsequent auszuwerten. W. 20 und 21 haben wir 
einen typischen Fall dieser Vorliebe des Apostels. Das Ge« 
setz ist dazu da, die Sünde zu inehren, damit die Gnade noch 
größer werde. Je mehr sich also die Minus«Seite steigert, um 
so mehr wächst — im Uebermaß — die Plusseite. Die Plus« 
Seite hat in ihrem Wachstum zur Bedingung das Wachstum 
der Minus«Seite, sodaß rein logisch betrachtet, die Leute, die 
sagen: l7ti[jiiv(«)|jisv t?) &[JLapirCa, tva'-J) )(&^ic, %ksovd<rf\ (Rom. 6, 1), 
den Gedanken des Apostels in gerader Linie verfolgen. 
Hier ist der rhetorische Charakter gewisser theolo^i« 
scher Formeln PK besonders deutlich, und Pls hat die, die 
sich hier ans Wort klammern, selbst in die Schranken ge« 
wiesen. Das dialektische Moment darf eben bei Pls nicht über« 
sehen werden: es ist das Packende, Faszinierende in seinen 
Briefen, -J] ^o^sCffa aÖTw ffo<pia, aber auch das Gefährliche 
und Mißverständliche (2. Petr. 3, 15 f.). 

Auph die Geschichtsbetrachtung PK trägt die Charakter« 
züge seiner Denkart. Sie ist durchaus konstruktiv — wie im 
Grunde alle metaphysische Geschichtsbetrachung — , von 



30) Sehr beachtlich ist übrigens der Hinweis von Johannes Weiß, Beiträge usw. 
1897, 166, daß wenigstens gefragt werden müsse, „ob nicht das Bedürfnis des Klan- 
ges, der Reiz des Tonfalls sehr häufig für die Wahl der Worte und ihre Anordnung 
stärker ins Gewicht gefallen ist, als Rücksichten der Lehre." 

31) Vgl. das Folgende. 

47 



dem Grundgedanken der Erlösung ausgehend, den sie in den 
Mittelpunkt stellt, bezieht Pls die gesamte Weltgeschichte 
auf dieses Zentrum. Ohne den Sachverhalt kritisch zu erfas* 
sen, ohne jede wirklich in unserem Sinne „historische", d. h. 
an die Tatsache hingegebene Betrachtung der Ereignisse, ver* 
einfacht er gewaltsam die Kompliziertheit der Weltge* 
schichte; in dem grellen Licht seiner Erlebnisse sieht er nur 
die schärfsten Konturen und reduziert das verwickelte Ge« 
schehen auf einige wenige starke, allein sichtbare Schlaglinien. 
Wie die beiden Zeiten, um die es sich in Rom. 5,12 ff. han* 
delt, aufeinander zugeordnet sind, zeigt 5,14:'v6i:o<;'T:ou\UXkov'zoi;: 
Der erste Adam ist ein Vorbild des zukünftigen, der erste 
Aion das Vorbild des zweiten. Alles das, was auf der nega? 
tiven Seite mit einem Minuszeichen versehen geschieht, wie* 
derholt sich auf der positiven Seite mit einem Pluszeichen. 
Hier tritt dann allerdings der Kalwachomer in Kraft, und der 
Apostel legt noch einen besonders starken Akzent auf die 
Plusseite, so daß dann von einem Gleichgewicht nicht mehr 
die Rede sein kann. 

Es zeigt sich immer wieder, daß beim Apostel im drän* 
genden Fortschritt des sich überstürzenden Gedankens ver? 
schiedene Vorstellungen durcheinander laufen, sich ergänzen 
und durchdringen, ja unter Umständen sich sogar wider* 
sprechen^^. Doch hierauf allzu kritisch den Finger zu legen, 
hieße die Absicht des Apostels ganz verkennen. Der Apostel 
will seinen Lesern Christus nahe bringen, zu diesem Zwecke 
benutzt er jedes Mittel, das sich ihm bietet. Mit den stark 
pointierten Schlagwörtern sucht der Apostel den wahren 
Sachverhalt zu erfassen, schlaglichtartig beleuchtet er immer 
wieder das Göttliche, das bei ihm in eminentem Sinn eine 
complexio oppositorum, eine Gegensatzeinheit, ist und ar* 
beitet sich so, mehr intuitiv als logischsdiskursiv vorgehend, 
an den Kern der Dinge heran. 

Das Verdienst, das Problem der Denkformen^* eingehend 
gestellt zu haben, gebührt Hans Leisegang, der in sein Buch 



32) Vgl. z. B. Lietzmann, 1. 2. Kor. 1923, 44, 47, 77; E. Meyer, Ursprung und 
Anfänge III 1923. 385. 

33) Unter Denkformen versteht Leisegang ,,das in sich zusammenhängende 
Ganze der Gesetzmäßigkeiten des Denkens, die sich aus der Analyse von schrift« 
lieh ausgedrückten Gedanken eines Individuums ergeben und sich als derselbe Korn« 
plex bei andern ebenfalls auffinden lassen" (Denkformen 9). 

48 



„Denkformen"'* auch seine Untersuchungen über Pls als Den* 
ker'" aufgenommen hat. Aber man muß von vornherein fest* 
stellen, daß die Paulus*Analysen Leisegangs'^ durchaus ver« 
fehlt sind und auf einem fundamentalen Mißverständnis be* 
ruhen. 

Leisegang stellt Pls mit Heraklit zusammen in ein Ka# 
pitel „Der Gedankenkreis", das mit Zitaten von Heraklit, 
Alkmaion, Goethe und George eingeleitet wird'^. Es ist eine 
mystische Denkform'^, die nach Leisegang hier zutage tritt, 
sie findet sich gleicherweise bei dem Evangelisten Johannes, 
Paulus, Augustinus, Eckhart, Seuse, Giordano Bruno, Jakob 
Böhme, Goethe, Schelling, Buddha, Laotse.'^ Es ist nicht die 
Aufgabe dieser Arbeit, auf die mannigfachen Fehler und Miß« 
Verständnisse einzugehen, die sich Leisegang nicht nur bei 
seinen Paulusinterpretationen zuschulden kommen läßt; es 
sei nur auf einige wesentliche Punkte, was Rom. 5,12 — ^21 an« 
geht, hingewiesen. 

Um seine These: Paulus — ein „Kreisdenker" zu be« 
weisen, führt Leisegang insbesondere Rom. 5, 12 — ^21 an. Da* 
zu sagt er Folgendes: 

„Wie ein Pendel bewegt sich der Gedanke zuerst hin und 
her, her und hin: von der Sünde zum Tode, vom Tode zur 
Sünde. Dann schlägt es weiter aus und trifft auf den Be* 
griff des Gesetzes, und nun schwingt es vorbei an Gesetz 
und Sünde. Wieder greift es weiter: Gabe und Gnade, Cha« 
risma und Charis treten in seinen Bereich. Es kommen Ver* 
dammi^is, Gerechtigkeit und Gerechtsprechung hinzu. Schließ* 
lieh überschlägt es sich: es trifft den Gegenpol des Ausgangs* 
Punktes. Von Sünde und Tod, zwischen denen es zuerst hin* 
und hereilte, gelangt es zu deren Gegensätzen: zum Gehör* 
sam, der der Sünde des Ungehorsams, zum ewigen Leben, das 
dem Tod gegenübersteht. Zuletzt aber klingen alle Begriffe 
,Gesetz, Sünde, Gnade, Tod, Gerechtigkeit und ewiges Le* 
ben* zusammen, wie im Schlußsatz einer Symphonie, der alle 
angeschlagenen Motive ineinander verwoben zum Ausklang 



34) Berlin und Leipzig 1928. 

35) Der Apostel Paulus als Denker. Tübingen 1923. 

36) Zu Leisegangs Paulusinterpretation vgl. Ad. Jülicher in DLZ. 1924, 115 !• 
W. Bauer in ThLZ. 1924, 126 f. J. Kögel in ThLBIatt 1924, 102 f. 

37) Denkformen 60. 

38) a.a.O. 72. 

39) a.a.O. 64 ff. 

49 



bringt Das Pendel beschreibt einen vollen Kreis, in dem sich 
die Begriffe zu polaren Gegensätzen ordnen" usw.** 

Nach Leisegang steht dem Apostel „ein Gedankenkreis 
vor dem geistigen Auge", — „so klar und so scharf, daß es 
sich als Zeichnung mit Leichtigkeit festhalten läßt".*^ 



Und diese Zeichnung*^ stellt Leisegang auch her. 



43 



Der eine Mensch, durch den alle sündigen 

Adam 



Sünde 



Tod 



Gesetz 



Verdammnis 



Ungehorsam 




Gehorsam 



Rechtfertigung 



Gerechtigkeit 



Leben 



Gnade 



Jesus Christus 
Der eine, durch den alle gerechtfertigt werden. 



Zur „Verdeutlichung" der Vorstellung Pli erfindet er 
ein „Gleichnis", in dem allerdings alle wichtigen Merkmale 
verschieden sind:** er vergleicht Adam mit einem Rebstock, 
der von der Reblaus befallen wird usw. Darauf brauchen wir 
nicht näher einzugehen. 

Was die Figur jedoch betrifft, sind eine Reihe ernster 
Schwierigkeiten Leisegang ganz entgangen. Sollte die Figur 



40) a.a.O. 90. 
41|) a.a.O. 91. 

42) Auch Deissmann, der Leisegang zuzustimmen scheint, sucht Pls mit Zeich« 
nungen näher zu kommen (in der engl. Uebersetzung, die mir z. Zt. allein Zugang' 
lieh ist, 2. Aufl. London 1926, 293 — 291?). Eine Kritik dieser sonderbaren Diagramme 
von Bultmann in ThLZ. 1926, Sp. 277 f. 

43) a.a.O. 91. 

44) a.a.O. 98 f. weist Leisegang selbst auf einiges Inadäquate hin, vergißt aller« 
dings das Wichtigste zu erwähnen: daß nämlich Adam und Christus aus der Reihe 
der übrigen Menschen herausfallen. 



50 



ein fundamentum in re haben, dann müßte sie der Vorstel* 
lung PH von der Heilsgeschichte Ausdruck geben, die für 
Leisegang ein „Lebensprozeß"*'' ist. Dann ergibt sich Folgen* 
des: Durch Adam kommen Sünde, Tod, Gesetz, Verdamm* 
nis, Ungehorsam nacheinander, darauf folgt Christus, Gnade, 
Leben, Gerechtigkeit, Rechtfertigung, Gehorsam; damit ist 
der Kreis geschlossen, man ist wieder bei Adam (!!), und in 
Analogie zu Heraklit kann der „Lebensprozeß" von neuem 
beginnen. 

Es ist aber zunächst keinesfalls zu verstehen, wie in 
dieser Reihe der Uebergang von der Verdammnis zum 
Ungehorsam, von der Rechtfertigung zum Gehorsam, vom 
Tod zum Gesetz, vom Leben zur Gerechtigkeit sich voll* 
zieht, man kann weiterhin darüber streiten, ob in paulini* 
scher Theologie Gerechtigkeit und Gesetz einander gegen* 
überstehen. Man wird fragen müssen, ob „Sünde" im Schema 
izxpd^KGK; oder a[JiapTia ist, man wird zu bedenken ha* 
ben, daß „Gnade" im Schema x*^?^?? /aoi(y[i,a, BwpsÄ: Iv j^apiTt, 
B(dped: T^? Bi%aioort5vY)c sein kann, daß also die Foimulierung 
Pli noch differenzierter ist, als Leisegang annimmt. Man 
wird aber vor allem betonen müssen, daß ja der Kreis 
gar kein Kreis ist, die Linie des Gedankens kehrt gar nicht 
in sich selbst zurück, wie in der Zeichnung Leisegangs, son* 
dern steht in Wirklichkeit auseinander; oder wie erklärt 
Leisegang den Uebergang von „Gehorsam" zu „Adam" in 
seiner Zeichnung? Adam und Christus stehen einander ge* 
genüber als Anfänger zweier Menschheitsreihen, das ist rieh* 
tig; aber es gibt wohl eine Linie von Adam zu Christus, 
doch niemals umgekehrt. 

Ferner muß stark betont werden: Adam und Christus 
heben sich aus der Reihe der Menschen heraus, so sehr, daß 
Pls 1 Kor. 15,22 kurzerhand sagen kann: ödTcsp yocp IvtS 'ABajx 
TcavTS? (3cxO'9'v^(yxoü<nv, oöxbic, xai Iv Trw'XpKTTM tcocvts? ^woxoiYi'O'vjffovTai. 

So faßt Pls nur 2 Punkte der Weltgeschichte ins Auge, 
Adam und Christus — alles übrige versinkt. Ganz im Gegen* 
satz zu Heraklit, bei dessen biologisch orientiertem „Kreis* 
denken" Punkt für Punkt gleich wichtig ist.*' Ja, bei Pls ist 



45) a.a.O. 98. 

46) Zum Schluß seines Kapitels a.a.O. 134 f. stellt Leisegang die Merkmale die« 
ser Denkformen des Gedankenkreises zusammen: „Der metaphysische Grund, aus 
dem diese Logik erwächst, die Wirklichkeit, die sie in Begriffen, Urteilen und Schlüs: 
sen nachzeichnet, ist die Welt des Geistes, die aber mit der des organischen Lebens 

51 



es schließlich liur ein einziger Punkt, der entscheidend ist: 
Christi Tod und Auferstehung, demgegenüber wird auch 
Adam zur Folie. Daß Leisegang das verkennt, ist einer seiner 
schwersten Fehler. Uebrigens zeigt es sich gerade in unserer 
Perikope deutlich, daß Pls nicht nur der einseitige Konstruk* 
tor ist, den man aus ihm zu machen sucht. Er schließt erst 
vorsichtig alles wesentlich Inkommensurable aus, was immer 
da vorhanden ist, wo Konkreta und nicht nur Gedanken ein* 
ander gegenüberstehen, und kommt erst 5,18. 19 auf die 
Gleichheit zu sprechen. In Rom. 5,12 — ^21 „schwingt" kein Ge# 
danke „wie ein Pendel", sondern Pls argumentiert. Er 
argumentiert lebhaft, sich unterbrechend, wieder beginnend, 
mit einer starken Neigung zu eindrucksvollen Formulierun* 
gen und immer bestimmt von seinem Weltbilde, das Unheil 
und Heil, Tod und Leben, Sünde und Gnade, wie schwarz 
und weiß einander gegenüberstellt. Der entscheidende Anfang 
aber ist jedesmalig eine persönliche Tat (Tcapaßa^i?, 
TCapa:cT(d[ji,a, ^apaxoiQ X'^P''? ^ "^^^ ^^^'=' av^p(i)7cou 'IvjffOü XpiCTOu, 
Bwpsa, ÖTcaxo-^ usw.) und zwar eine freiwillige . Tat. „Das 
Pendel" „greift" nicht „weiter aus" und „überschlägt 
sich" nicht zum Schluß, sondern Pls formuliert mit 
steigender Genauigkeit seine Gedanken. Aber dieser Ge* 
danke ist von Inhalten, von Tatsachen bestimmt; diese 
Tatsachen hängen innerlich zusammen und sind Verwirk* 
lichung von Gottes Plänen und Absichten; vor Pls steht kein 
Kreis, wohl aber das Bild der Geschichte, wie sie sich durch 
den Eintritt Christi in die Welt darstellen muß. Man kann 
wohl sagen, daß es hier kein schwerer wiegendes Mißver* 
ständnis des Apostels gibt als das Leisegangsche.*' Aus dem 
Verkündiger von Heilstatsachen, deren fundamentale Bedeu* 
tung für seine Botschaft Pls ausdrücklich betont — 1 Kor. 15,14 
s? Bs XpicTTÖs oöx lyfiyzpxM, xsvöv 5pa tö yyipuy^oc fip.öv — 

in eins zusammenfällt. Der Prozeß der Entwicklung des Geistes ist derselbe wie der 
Lebensprozeß." usw. usw. Man sieht, Leisegang spricht von Heraklit; Pls wird g e » 
Waltsam in dieses Schema hineingepreßt. 

47) Ueber die eigentümliche Denkweise des Apostels finden sich einige gute 
Bemerkungen bei Otto Schmitz, Das Lebensgefühl des Paulus, München 1922, vor 
allem 64 ff „Der Rhythmus". Er findet drei charakteristische Merkmale ,,in dem 
Rhythmus des Lebensgefühls": „das Merkmal der Entgegensetzung" (65), das Merks 
mal der Synthese" (67), das „Merkmal des Ueberschwangs" (68). Das sind zum min» 
desten paulinische Kategorien. Man mag im einzelnen gegen die Schmitzsche Dar- 
stellung manches einzuwenden haben, man mag vor allem den Apostel mehr Inhalts 
lieh bestimmt sehen und die Schmitzsche Darstellung als Psychologisierung (trotz 
seiner Verwahrung S. IV) ablehnen, aber bei der Lektüre dieses Buches aus der 
Hand eines wirklich Sachkundigen wird einem die Gewaltsamkeit und Verfehltheit 
des Leisegangschen Versuches immer wieder klar. 

52 



wird ein mystischer Religionsphilosoph, dessen Gedanke 
„wie ein Pendel"^^ „hin und her schwingt"*^, „sich 
überschlägt"*^ usw. Wenn jemand ernsthaft Pls mit Heraklit 
zusammen nennt und ihn in die Nähe von Hegel stellen 
will, dann wird man sein Unternehmen nur damit entschul* 
digen können, daß es ihm an der Unterscheidungsfähigkeit 
oder an der notwendigsten Sachkenntnis gefehlt hat. Leise* 
gang ist Philosoph und kommt von der griechischen Philo* 
Sophie und Hegel an Pls heran. Das mag manches (wenn auch 
nicht alles) erklären: mit deren Augen sieht er den Apostel 
und erniedrigt so Heilsgeschichte zu Geschichtsphilosophie. 
Das Resultat wird dem Apostel nicht gerecht. 



48) Denkformen 90. 

53 



Lebenslauf. 

Am 6. Januar 1905 wurde ich in Lauban in Schlesien als Sohn 
des t Militäranwärters Anton Kuß und seiner Ehefrau Maria, geb. 
Franke, geboren. Nach vierjährigem Volksschulbesuch absolvierte ich 
das humanistische Gymnasium in Schweidnitz, das ich 1924 mit dem 
Reifezeugnis verließ. 1924 — 1928 studierte ich in Breslau Theologie. 
Im Früjahr 1928 bestand ich das theologische Abschlußexamen. Auf 
meinen Wunsch im Oktober desselben Jahres aus dem fb. Alumnat 
beurlaubt studierte ich W.«S. 1928 bis S.*S. 1930 in Berlin klassische 
Philologie. Am 1. Oktober 1930 trat ich in das erzb. Alumnat zurück. 

Während meines theologischen Studiums in Breslau besuchte 
ich die Vorlesungen und Uebungen der Professoren Altaner, Baur, 
Geyer, Koch, Maier, Nikel, Schubert, Schulz, Seppelt, v. Tessen* 
Wesierski, Triebs, Wagner, Wittig, Ziesche. Die vorliegende Disser* 
tation stellt eine Umarbeitung der ersten beiden Teile einer im Januar 
1928 von der kath.*theol. Fakultät der Universität Breslau anerkannt 
ten Preisschrift dar („Adam und Christus. Eine exegetische, bib« 
lisch«theologische und religionsgeschichtliche Untersuchung über 
Rom. 5, 12 — 21"). Die Herren Berichterstatter haben wesentlich da* 
zu beigetragen, das Urteil des Verfassers zu klären. Herrn Prof. 
Dr. Schulz danke ich für wertvolle Hinweise auf exegetischem und 
biblisch«theologischem Gebiete; für entscheidende Anregungen, 
mannigfache Belehrung und stets bereitwillige Hilfe bin ich Herrn 
Prof. Dr. Maier zu ganz besonderem Dank verpflichtet. 



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