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Full text of "Der Sentenzenkommentar Peters von Candia, des Pisaner Papstes Alexanders V [microform] : ein Beitrag zur Scheidung der Schulen in der Scholastik des vierzehnten Jahrhunderts und zur Geschichte des Wegestreites"

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FRANZISKANISCHE STUDIEN 

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PETEBS VOI CAroiA 

DES PISASEß PAPSTES ALEXAIDEES V. 



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EIN BEITRAG ZUR SCHEIDUNG DER SCHULEN 

IN DER SCHOLASTIK DES VIERZEHNTEN JAHRHUNDERTS 

UND ZUR GESCHICHTE DES WEGESTREITES 

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MÜNSTER IN WESTF, 1925 
VERLAG DER ASCHENDORFFSCHEN VERLAGSBUCHHANDLUNG 



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FRANZISKANISCHE STUDIEN 

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DEE SENTENZEMOMMENTAE 
PETEES YON GiroiA 

DES PISAIEE PAPSTES ALEXAIDERS V. 



EIN BEITRAG ZUR SCHEIDUNG DER SCHULEN 

IN DER SCHOLASTIK DES VIERZEHNTEN JAHRHUNDERTS 

UND ZUR GESCHICHTE DES WEGESTREITES 

VON 

FRANZ KARD. EHRLE S. J. 




MÜNSTER IN WESTF. 1925 

VERLAG DER ASCHENDORFFSCHEN VERLAGSBUCHHANDLUNG 









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Imprimatur. 



Monasterii, die 9. Septembris 1924, 



Nr. 4738. 



. Meis, 

Vicarius Eppi Gnlis. 




DRUCK DER ASCHENDORFFSOHEN BÜOHDRUCKEREI, MÜNSTER i. W. 



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Vorwort. 

Die freundliche Einladung, einen ^Beitrag zu der Festschrift 
beizusteuern zu Ehren des mir von seinem römischen Aufenthalt 
her befreundeten Dr. J. Schlecht in Freising, veranlaßte mich 
nach einem Theologen zu suchen, für welchen mir in der trau- 
rigen Kriegszeit in der so gastlichen JVIünchner Hof- und Staats- 
bibliothek die nötigen Handschriften zugänglich waren. Meine 
Wahl fiel auf Petrus von Candia, den die Kirchengeschichte als 
den ersten Pisanerpapst Alexander V. kennt. Die Notizen, welche 
ich vor vielen Jahren (1881) aus einer Neapolitaner Handschrift 
seines Sentenzenkommentars gemacht hatte, ließen mich hoffen, 
aus ihm einiges Licht über die in der Scholastik des 14., Jahr- 
hunderts bestehenc^en Lehrrichtungen zu gewinnen. Allerdings 
verzögerten mannigfache Störungen die Fertigstellung der Arbeit 
bis gegen das Ende des Jahres 1919 und die Drucklegung bis 
nach Sommer 1923. Jedoch war es leider nicht möglich in dem 
Manuskript die Literatur von 1919 bis 1923 nachzutragen. 

Zur Erläuterung des Untertitels bietet die Einleitung das 
Erforderliche. Doch dürften für einen Punkt noch' einige Worte 
angebracht sein. Selbstverständlich war ich bestrebt, die aus 
den Schriften Peters gesammlten Materialien so sorgsam wie mög- 
lich für die Literargeschichte der Scholastik auszuwerten, sowohl 
für die einzelnen Lehrer als für die ganzen Schulen. Unter letz- 
teren ist neben dem Thoraismus und Skotismus der Nominalismus 
für das 14. und 15. Jahrhundert die hervorragende Neubildung, 
welche der ganzen Periode ihr besonderes Gepräge gibt. Wäh- 
rend sich nun für die beiden ersten Schulen das aus Peter von 
Candia gewonnene Material auf wenigen Seiten in die bereits 
bekannte Geschichte der Schulen einfügen ließ, habe ich mehr 
als den zehnfachen Raum auf dieselbe Funktion in bezug auf 
den Nominalismus ' verwandt. Dazu veranlaßte mich nicht nur 
die Bedeutung dieser Schule für die Kennzeichnung ihrer Geburts- 
und Blütezeit, sondern auch die Unzulänglichkeit ihrer Erforschung. 

Es schien zumal wünschenswert, eine möglichst breite und 
feste Grundlage für eine ergiebigere Aufklärung der ganzen 
nominallstischen Epoche zu schaffen. Hierfür mußten die Quellen, 
und zwar nicht nur die handschriftlichen, sondern auch die in 



IV Vorwort. 

wenig verbreiteten Werken gedruckten, weiteren Forscherkreisen 
zugänglich gemacht werdeji. Die von Prantl in seiner Geschichte 
der Logik im Abendlande in dankenswerter Weise veröffentlichten 
Auszüge, von welchen die einschlägige Forschung ' bisher fast 
ausschließlich zehrte, genügen nun nicht mehr, wo es sich um 
ein frisches Ausweiten und Vertiefen der Forschungsarbeit han- 
delt. In derselben Absicht wurde auch aus der Universitäts- 
geschichte das einschlägige, weitschichtige Material so zusammen- 
getragen, daß weitere Ergebnisse und Funde leicht angegliedert 
werden können. 

So viel zur Erklärung des mangelnden Ebenmaßes in der 
Verarbeitung des aus Peter ausgehobenen Materials. 

Man wird vielleicht ;an manchen Stellen ein Eingehen auf 
die Lehrentwicklung vermissen. Aber ich habe sie mit Absicht 
ausgeschieden nnd mich auf das Literarhistorische beschränkt 
aus den Gründen, welche ich bereits 1883 dargelegt habe. Im 
Laufe der Jahre und der Arbeit hat sich mir die damals ausge- 
sprochene Überzeugung noch mehr gefestigt, daß wir an die Dar- 
legung der Lehrentwickelung erst dann mit bleibendem Nutzen 
gehen können, wenn wir eine genügende Übersicht über das uns 
erhaltene Material und zwar nicht nur das gedruckte, sondern 
auch das ungedruckte gewonnen haben. Zur Gewinnung dieser 
Übersicht bin ich schließlich zur Veröffentlichung der Quästionen- 
verzeichnisse übergegangen, obgleich dadurch teilweise nichts 
Bleibendes, sondern nur eine Vorstufe dazu geschaffen wird. 
Diese Verzeichnisse werden, wie ich hoffe, zunächst den Be- 
arbeitern einzelner doktrineller Lehrpunkte die ihnen sicher er- 
wünschten Hinweise auf bereits vorliegende Materialien bieten; 
sie werden es aber auch ermöglichen, für die noch ausstehenden 
Textausgaben eine verständnisvolle, das ganze vorliegende Ma- 
terial berücksichtigende Auswahl zu treffen. 

Noch dürfte in betreff der Namensgestaltung der scholasti- 
schen Lehrer in neusprachlichen Texten eine Vorbemerkung viel- 
leicht am Platze sein. Seitdem besonders Haureau einer Anzahl 
dieser Namen ein französisches Kleid gegeben hatte, begann man 
auch in anderen Ländern diese Formen einzuführen. Betreffs 
mancher Namen war hingegen nichts einzuwenden. Ohne Zweifel 
ist es zulässig, daß, insofern der jetzige Familien- oder Ortsname, 
welcher der lateinischen Wortform zugrunde liegt, sich mit genü- 
gender Sicherheit feststellen läßt, dieser in neusprachigen Texten 
zur Verwendung komme. So konnte ich schon vor Jährzehnten 
im Toulouser Archiv feststellen, daß ,Aurior die südfranzösische 
Form des lateinischen ,Aureoli' ist; wie A. Thomas (Annales du 
Midi XXV <1913> 68 und Mölanges de Philologie et de Lirgui- 



Vorwort. V 

stique dediees ä M. Louis Havet, Paris 1909, 519. 520), einer der 
bedeutendsten Romanisten, neuerdings ermittelte, daß ,01ieu' die 
provengalische Gestalt für ,01ivi' sei. 

Ob Wortformen wie de la Palu (de Palude), Meironnes 
(Maironis), de Beauvoir (de Belle visu), Herve de Nedellec (Her- 
vaeus Natalis), Durand de Saint-Pourgaln (Durandus de S. Por- 
tiano), ,de Bassoles* (de Bassolis) bereits als gesichert gelten 
können, ist mir vorerst noch etwas zweifelhaft. Für die Örtlich- 
keiten entnommenen Namen genügt ein gewisser Gleichklang 
nicht, wenn uns nicht auch historische Quellenangaben nach der- 
selben Provinz, an denselben Distrikt verweisen und sich die 
Latinisierung etymologisch aus der neusprachlichen Wortform 
erklären läßt. 

Daß in der Verwendung modernisierter Namensformen eine 
gewisse Zurückhaltung geraten sei, zeigt eine Stelle der deutschen 
Übersetzung der trefflichen Geschichte der mittelalterlichen Philo- 
sophie von M. de Wulff, Im Originaltext war im Anschluß an 
Haureau von einem Jean de la Rive die Rede, der von hier mit 
derselben Namensform in die deutsche Übersetzung gelangte. 
Hier ist es nun schwierig, in diesem ,Jean de la Rive' den ita- 
lienischen Franziskaner .Johannes de Marchia' oder ,Joannes de 
Ripa', wie er in den Handschriften seiner Zeitgenossen meistens 
heißt, d. h. den Giovanni da Ripatrasone nelle Marche (bei Ascoli) 
wiederzuerkennen, zumal er kaum einfachhin als Skotist regi- 
striert werden darf. Daher wird wohl die Beibehaltung der alten 
lateinischen Namen vorzuziehen sein, wo sie nicht durch 
einwandfreie, gemeinverständliche, neuzeitliche Namen ersetzt 
werden können. 

Ferner sollten doch wohl in den von Ortsbezeichnungen her- 
geleiteten Namen diese Bezeichnungen in der jetzt üblichen Form 
gegeben werden, insofern sie sich mit Sicherheit ermitteln läßt; 
also Peckham, Ware, Wodeham. Auch wäre in den Namen eine 
Mischung von lateinischen und neusprachlichen Elementen zu 
vermeiden. 

Es ist infolge eines Versehens im Anhang in einigen Schrift- 
stücken die lateinische Orthographie und Interpunktion sowie 
die Verwendung der großen Buchstaben und des u und v nicht 
in üblicher Weise geregelt und sind zwei Texte in altkölner 
Mundart möglichst genau in der Fassung der Originale abge- 
druckt, was für den Germanisten vielleicht einige Vorteile, für 
die Allgemeinheit der Leser aber nur geringe Nachteile haben wird. 
Noch habe ich der Verwaltung der Bayerischen Staats- und 
Universitätsbibliothek in München sowie der Amploniana in Erfurt 






IV . ' ' " ' Vorwort.' - ' . ' ' ' ' '■''', 

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wenig verbreiteten Werken gedruckten, weiteren Fprscherkreisen 
zugänglich gemacht -werdeji. Die von Prantl in seiner Geschichte 
der Logik im Abendlande in dg^nkenswerter Weise veröffentlichten 
Auszüge, von welchen die einschlägige Forschung ' bisher fast 
ausschließlich zehrte, genügen nun nicht mehr, wo es sich um 
ein frisches Aus^yeiten und" Vertiefen der Forschungsarbeit han- 
delt. In iderselben Absicht wurde auch aus der .Universitäts- 
geschichte das einschlägige, weitschichtige Material so zusammen- 
getragen, daß weitere Ergebnisse und Funde leicht angegliedert 
werden können. " 

So viel zur Erklärung des mangelnden Ebenmaßes in der 
•Verarbeitung des aus Peter ausgehobenen Materials. 

Man wird vielleicht .an manchen Stellen ein Eingehen auf 
die Lehrentwicklung vermissen. Aber ich habe sie mit Absicht 
ausgeschieden und mich auf das Literarhistorische beschränkt 
aus den Gründen, welche ich bereits 1883 dargelegt habe. Im 
Laufe der Jahre und^ der Arbeit hat sich mir die damals «ausge- 
sprochene Überzeugung noch mehr gefestigt, daß wir an die Dar- 
legung der Lehrentwickelung erst dann mit bleibendem Nutzen 
gehen können, wenn wir eine genügende Übersicht über das uns 
erhalteujB Material und zwar nicht nur das gedruckte, sondern 
auch das ungedruckte gewonnen haben. Zur Gewinnung dieser 
Übersicht bin ich schließlich zur Veröffentlichung der Quästionen- 
verzeichnisse übergegangen, obgleich dadurch teilweise nichts 
Bleibendes, sondern nur eine Vorstufe dazu geschaffen wird. 
Diese Verzeichnisse werden, wie ich hoffe, zunächst den Be- 
arbeitern einzelner doktrineller Lehrpunkte die ihnen sicher er- 
wünschten Hinweise auf bereits vorliegende Materialien bieten; 
sie werden es aber auch ermöglichen, für die noch ausstehenden 
Textausgaben eine verständnisvolle, das ganze vorliegende 'Ma- 
terial berücksichtigende Auswahl zu treffen. 

Noch dürfte in betreff der Namensgestaltung der scholasti- 
schen Lehrer in neusprachlichen Texten eine Vorbemerkung viel- 
leicht am Platze sein. Seitdem besonders Hauröau einer Anzahl 
dieser Namen ein französisches Kleid gegeben hatte, begann man 
auch in anderen Ländern diese Formen einzuführen. Betreffs 
mancher Namen war hingegen nichts einzuwenden. Ohne Zweifel 
ist es zulässig, daß, insofern der jetzige Familien- oder Ortsname, 
welcher der lateinischen Wortform zugrunde liegt, sich mit genü- 
gender Sicherheit feststellen läßt, dieser in neusprachigen Texten 
zur Verwendung komme. So konnte ich schon vor Jahrzehnten 
im Toulouser Archiv feststellen^ daß ,Auriol' die südfranzösische 
Form des lateinischen ,Aureoli' ist; wie A. Thomas (Annales du 
Midi XXV <1913> 68 und M^langes de Philologie et de Lingui- 






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Vorwort. V 

stique dediees ä M. Louis Havet, Paris 1909, 519. 520), einer der 
bedeutendsten Romanisten, neuerdings ermittelte, daß ,01ieu* die 
proven^alische Gestalt für ,01ivi* sei. 

Ob Wortformen wie de la Palu (de Palude), Meironne? 
(Maironis), de Beauvoir (de Belle visu), Herve de Nedellec (Her- 
vaeus Natalis), Durand de Saint-Pour^ain (Durandus de S. Por- 
tiano), ,de Bassoles' (de Bassolis) bereits als gesichert gelten 
können, ist mir vorerst noch etwas zweifelhaft. Für die Örtlich- 
keiten entnommenen Namen genügt ein gewisser Gleichklang 
nicht, wenn uns nicht auch historische Quellenangaben nach der- 
selben Provinz, an denselben Distrikt verweisen und sich die 
Latinisier ung etymologisch aus der neusprachlichen Wortform 
erklären läßt. 

Daß in der Verwendung modernisierter Namensformen eine 
gewisse Zurückhaltung geraten sei, zeigt eine Stelle der deutschen 
Übersetzung der trefflichen Geschichte der mittelalterlichen Philo- 
sophie von M. de Wulff. Im Originaltext war im Anschluß an 
Haureau von einem Jean de la Rive die Rede, der von hier mit 
derselben Namensform in die deutsche Übersetzung gelangte. 
Hier ist es nun schwierig, in diesem ,Jean de la Rive' den ita- 
lienischen Franziskaner .Johannes de Marchia' oder , Joannes de 
Ripa*, wie er in den Handschriften seiner Zeitgenossen meistens 
heißt, d. h. den Giovanni da Ripatrasone nelle Marche (bei Ascoli) 
wiederzuerkennen, zumal er kaum einfachhin als Skotist regi- 
striert werden darf. Daher wird wohl die Beibehaltung der alten 
lateinischen Namen vorzuziehen sein, wo sie nicht durch 
einwandfreie, gemeinverständliche, neuzeitliche Namen ersetzt 
werden können. 

Ferner sollten doch wohl in den von Ortsbezeichnungen her- 
geleiteten Namen diese Bezeichnungen in der jetzt üblichen Form 
gegeben werden, insofern sie sich mit Sicherheit ermitteln läßt; 
also Beckham, Ware, Wodeham. Auch wäre in den Namen eine 
Mischung von lateinischen und neusprachlichen Elementen zu 
vermeiden. 

Es ist infolge eines Versehens im Anhang in einigen Schrift- 
stücken die lateinische Orthographie und Interpunktion sowie 
die Verwendung der großen Buchstaben und des u und v nicht 
in üblicher Weise geregelt und sind zwei Texte in altkölner 
Mundart möglichst genau in der Fassung der Originale abge- 
druckt, was für den Germanisten vielleicht einige Vorteile, für 
die Allgemeinheit der Leser aber nur geringe Nachteile haben wird. 
Noch habe ich der Verwaltung der Bayerischen Staats- und 

Universitätsbibliothek in München sowie der Amploniana in Erfurt 

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Vi Vorwort. 

für die zuvorkommende Förderung meiner Arbeit und dem hochw. 
P. F. Doelle 0. F. M., dem Schriftleiter der Franziskanischen Studien, 
und dem hochw. Definitorium der Sächsischen Franziskanerprovinz 
für die mir großmütigst gewährte Druckmöglichkeit, dem hochw. 
Monsignore A. Pelzer und Herrn P. F. Polster S. J. für mehrfache 
Hilfeleistung den schuldigen, herzlichsten Dank abzustatten. 

Rom, Weihnachten 1921. 

Franz Ehrle S. J. 



1 

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Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Vorrede .................; III 

Einleitung 1 

I. Peter von Candla, sein Lebenslauf 4 

IL Sein literarisclier Nachlaß. 

1. Handschriftliche Überlieferung seines Sentenzenkommentars ... 17 

2. Verzeichnis der Quästionen und Artikel '. 24 

3. Die didaktische Technik und Gliederung des Sentenzenkommentars 30 

4. Seine vier Principia — Bedeutung der .coUationes' und ,prin- 
cipia* im Werdegang eines Doktors der Theologie im 14. Jahrhimdert 39 

5. Literarhistorische Auszüge 56 

ni. Zur Charakteristik Peters von'Candia so^ie der schola- 
stischen Schulen und Lehrer seiner Zeit. 

1. Peter als Lehrer und Forscher 74 

2. Die Nominalisten seines Gesichtskreises 78 — Wilhelm Ock- 
ham 78 — Adam Wodeham 96 — Johann von Mirecourt 103 — 
Gregor von Rimini . . . .v 106 

3. Namen und Wesen des Nominalismus 106 

4. Ausbreitung und teilweise Vorherrschaft des Nominalismus im 14. 
und 15. Jahi'hundert 112 

Paris: erste päpstliche Warnungen gegen dessen Einwirkung auf die Theo- 
ogie von 1317, 1346 — Förderung durch das Pariser Artistentum 114 — 
Das königliche Verbannungsdekret von 1474 116 — Die Verteidigungsschrift 
der Pariser Nominalisten 117 — Geschichte ihrer Verfolgungen, erste Periode: 
Johann XXII gegen Ockham 117 — Zweite: zur Zeit des Husitismus 118 — 
Dritte: Vorstoß der ,Alberti8ten' unter der englisch-burgundischen Herrschaft 
1409 — 1437 123 — Vierte: Das Verbannungsedikt und seine Ursachen 125 — 
Verurteilung des von Pariser und Kölner Realisten begünstigten Löwener Theo- 
logen Petrus de Rivo 126 — Teilweise Aufhebung des Verbannungsediktes 
1481 137 — Tonangebende Vorherrschaft des Nominalismus in Paris, aber nicht 
Alleinherrschaft 138 

Prag (1348): zuerst paritätisch, in der husitischen Periode durch Wiklif 
ausschließlich realistisch 140 

Köln (1389): in Wirklichkeit realistisch gerichtet, will aber den Nomina- 
lismus nie statutenmäßig ausgeschlossen haben 146 — Schreiben von fünf Kur- 
fürsten zugunsten der Nominalisten von 1425 149 — Die Universität verteidigt ihre 
Parität 151 — Neues Licht über die dritte .Verfolgung' der Pariser Nomi- 
n allsten 153 

Löwen (1425): Einfluß Kölus 157 — Verordnungen gegen den Nomina- 
lismus von 1427 und 1447 159 — Weitere Maßnahmen gegen ihn 1470 (Zu- 
stimmung Kölns) 1475, a486 160 

Wien (1365, 1389): allgemeine Orientierungen über den Wegestreit an 
den östlichen Hochschulen 162 — Rudolfinische Gründung mit Hilfe Alberts von 



VIII 



Inhaltsverzeichnis. 



Sachsen 1365: — Albertinische Neugründung unter dem Einflüsse Heinrichs von 
Langenstein 1389 164 — Tatsächlicher, wenn auch nicht statutarischer Ausschluß 
des Realismus 165 — Unabhängige Ordensstudien 166 — Eindringen des Humanis- 
mus 167 — Seine richtige Stelle im Gymnasium des 16. Jahrhunderts 168 — 
Ende der Alleinherrschaft des Nominalismus in Wien 1499 169. 

Heidelberg (1386): anfängliche Alleinherrschaft des Nominalisnms durch 
Pariser und Prager Einflüsse 171 — 1452 finden die Realisten von Köln her 
Eingang 174 — Prozesse des Arnold von Heisterbach und Johann Ruchrath 
von Oberwesel 181 

Freiburg (1456): anfangs ausschließlich nominalistiscli, seit 1484 paritä- 
tisch 183 

Basel (1460): zuerst nur die ,via moderna' zugelassen 184 — 1464 er- 
langen von Paris her die Realisten Einlaß 185 

Ingolstadt (1472): seit der Gründung paritätisch 187 — völlige Spaltung 
der Artistenfakultät nach den beiden Wegen 188 — 1477 Rückkehr zur einheit- 
lichen Fakultätsverfassung 190 — Fortdauer der Kämpfe bis 1519; Verbot des 
Wegestreites und Ecksche vermittelnde Lehrbücher 191 

Tübingen (1477): beide Wege zugelassen 193 — Einwirkung des Humanis- 
mus in der Verordnung des Königs Ferdinand von 1525; Beseitigung des Wege- 
streites 197 

Erfurt (1379, 1389, 1392): Bedeutung seiner Stadtschulen 200 — aus- 
schließlich nomiualistisch gerichtet: Richard Billingham, Wilhelm Heytesbury 202 

Leipzig (1409): Anknüpfung an Prag 204 — Vorherrschaft des Nominalis- 
mus Thomas (Martin) Molenfelt und Heinrich (?) von Grevenstein 205 — Vor- 
lesungen über die , Summa' des hl. Thomas 1502 207 — Unter den Reahsten 
die Thomisten zahlreicher 209 

Rostock (1419): von Leipzig und Erfurt beeinflußt, paritätisch 210 

Greifswald (1456): Gründer Heinrich Rubenow, Veranlassung; Ver- 
legung der Rostocker Hochschule nach Greifswald 213 — Verordnung von 1467 
gewährt beiden Wegen Raum in den richtigen Grenzen 215 — Ein Pariser 
Magister bringt 1480 den Pariser , modus doctrinandi' und zwei Kölner Magistri 
von Kopenhagen die ,via beati Thoniae' 217 — Schwere Wirren in der 
Hochschule 1481 — 1484; ob vom Wegestreit veranlaßt? 218 

Wittenberg (1502): von Tübingen durch Staupitz beeinflußt, vom Landes- 
fürsten gegründet und geleitet 227 — Zunächst skotistisch und thomistisch orien- 
tiert 229 — In den Statuten von 1508 drei Wege: Thomisten, Skotisten, Gre- 
gorianer (Gabrielisten) d. h. Nominalisten vertreten durch Jodok Trutfetter 231 — 
Ende des Wegestreites, der Scholastik und der Philosophie durch das Luthertum 234 

Krakau (1364, 1397): paritätisch mit vorwiegender Vertretung des Nomi- 
nalismus 235 — Nach dem interessanten ,liber diligentiarum' unter den Realisten 
mehr Skotisten als Albertisten 236 — Hauptanziehungskraft: Humanismus, Mathe- 
matik und Astronomie 238 

Rückblicke und Ergänzungen: Gruppierung der Hochschulen nach 
ihrer Stellungnahme im Wegestreit 238 — Der Wegestreit in Oxford 240 — 
in Paris 244 — in Spanien 246 — in Italien: Nominalisten-Akademie von Bologna 246 
— Ursprung der Gymnasien 249 — ,Facultas grammatica' in Oxford 250 — 
Der Totengräber der Scholastik 250 

5. Die Skotistenschule bei Peter von Candia: Franziskus Mai- 
ronis 252 — Franziskus de Marchia (von Ascoli) 253 (Guillelmus 

de Rubione 254, Robert Cowton, Johann Canon 259) — Landulf Caracciolo 260 

6. Die Thomistenschule 262 

7. Die Augustinerschule 265 



\&:*. 









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Inhaltsverzeichnis. 



IX 



8. Einzelne Lehrer 267: Johannes de Ripa, sein Sentenzenkommentar 
und seine »determinationes* 268 — . Walter Brinkel, sein Sentenzen- 
kommentar und seine Logik 277 — Thomas Bradwardine (Doctor 
profundus) — Wilhelm Amidani von Cremona 279. 

IV. Anhang von Aktenstücken. f 
' 1. Die Antwort der Kölner Hochschule auf das Mahnschreiben der Kur- 
fürsten in betreff des Wegestreites (24. Dezember 1425) ... . . . 281 

2. Die Antinominalistische Erklärung der Löwener Universität von 1447 290 

3. Ein Gutachten iäer Basler Universität für die Zulassung eines ein- 
zigen .Weges' . . . . . .;....:....... . . .... 293 

4. Das Gutachten der yierundzwanzig Pariser Theologen zugunsten des 
Petrus de Rivo (Mai-November 1471) : . ,. 297 

5. Die Verordnung Ludwigs Xl.'gegen den Nominalismus (1. März 1474) 305 

6. Die Verteidigungsschrift der Pariser Nominalisten (1474) • • • • 321 

7. Ingolstädter Schriftstücke über den Wegestreit (Wende des 15. und 

16. Jahrhunderts). ... . .'...-. .... . '. . . .326 

V. Nachträge. 

1. Literatur: G. Ritter —. Buchwald — Herrle .— Benary — C. Michalski — 
A. Birkenmajer 343 

2. Ergänzungen zu: S. 7, A. 3 — S. 7 — S. 24, A. 1 — S. 39 ff., 47 ff. 
principia, collatipnes, vesperiae — S. 72, 279 — S. 77 — S. 103 — S. 109 
Norainalismus — S. 149 Univ. Köln — S. 162v, S, 172, A. 5 Manuale schola- 
rium — S. 184;— S. 208 Summe des hl. Thomas — s; 264 Schulbildungen 
(Ägidius Roraanus 

3. Größere Nachträge: Johann Gerson über den Nominalismus seiner 
Zeit, vgl. S. 109.- Die Streitsache des Petrus de Rivo SS. 126—137, vgl. 
SS. 157— 1P2 ,— Das Mahnschreiben der fünf Kurfürsten an die Univ. 
Köln (10 Nov. 1425), vgl, S. 281 — Zur Überlieferung der Verordnung Lud- 
wigs XI. gegen den Norainalismus (1474), vgl. S. 305 

. 4. Verbesserungen zu S. 97, Z. 4 unten— S. 107, Z. 19 — S. 109, 
A. 5 — S. 112, Z. 16 — S. 123, Z. 4 unten — S. 137, A. 1, Z. 2 — S. 256, Z. 11. 



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VIII Inhaltsverzeichnis. 

Sachsen 1365: — Albertinische Neugründung unter dem Einflüsse Heinrichs von 
Langenstein 1389 164 — Tatsächlicher, wenn auch nicht statutarischer Ausschluß 
des Realismus 165 — Unabhängige Ordensstudien 166 — Eindringen des Humanis- 
mus 167 — Seine richtige Stelle im Gymnasium des 16. Jahrhunderts 168 — 
Ende der Alleinherrschaft des Nominalisraus in Wien 1499 169. 

Heidelberg (1386): anfängliche AUeinherrschatl des Nominalismiis durch 
Pariser und Prager Einflüsse 171 — 1452 finden die Realisten von Köln her, 
Eingang 174 — Prozesse des Arnold von Heisterbach und Johann Ruchrath 
von Oberwesel 181 

Freiburg (1456): anfangs ausschließlich nominalistisoh, seit 1484 paritä- 
tisch 183 

Basel (1460): zuerst nur die ,via moderna' zugelassen 184 — 1464 er- 
langen von Paris her die Realisten Einlaß 185 

Ingolstadt (1472): seit der Gründung paritätisch 187 — völlige Spaltung 
der Artistenfakultät nach den beiden Wegen 188 — 1477 Rückkehr zur einheit- 
lichen Fakultätsverfassung 190 — Fortdauer der Kämpfe bis 1519; Verbot des 
Wegestreites und Ecksche vermittelnde Lehrbücher 191 

Tübingen (1477): beide Wege zugelassen 193 — Einwirkung des Humanis- 
mus in der Verordnung des Königs Ferdinand von 1525; Beseitigung des Wege- 
streites 197 

Erfurt (1379, 1389, 1392): Bedeutung seiner Stadtschulen 200 — aus- 
schließlich nominalistiscli gerichtet: Richard Billingham, Wilhelm Heytesbury 202 

Leipzig (1409): Anknüpfung an Prag 204 — Vorherrschaft des Nominalis- 
mus Thomas (Martin) Molenfelt und Heinrich (?) von Grevenstein 205 — Vor- 
lesungen über die , Summa' des hl. Thoraas 1502 207 — Unter den Realisten 
die Thomisten zahlreicher 209 

Rostock (1419): von Leipzig und Erfurt beeinflußt, paritätisch 210 

Greifswald (1456): Gründer Heinrich Rubenow, Veranlassung; Ver- 
legung der Rostocker Hochschule nach Greifswald 213 — Verordnung von 1467 
gewährt beiden Wegen Raum in den richtigen Grenzen 215 — Ein Pariser 
Magister bringt 1480 den Pariser .modus doctrinandi' und zwei Kölner Magistri 
von Kopenhagen die ,via beati Thomae' 217 — Schwere Wirren in der 
Hochschule 1481—1484; ob vom Wegestreit veranlaßt? 218 

Wittenberg (1502): von Tübingen durch Staupitz beeinflußt, vom Landes- 
fürsten gegründet und geleitet 227 — Zunächst skotistisch und thomistisch orien- 
tiert 229 — In den Statuten von 1508 drei Wege: Thomisten, Skotisten, Gre- 
gorianer (Gabrielisten) d.h. Nominalisten vertreten durch Jodok Trutfetter 231 — 
Ende des Wegestreites, der Scholastik und der Philosophie durcli das Luthertum 234 

Krakau (1364, 1397): paritätisch mit vorwiegender Vertretung des Nomi- 
nalismus 235 — Nach dem interessanten ,liber diligentiarum' unter den Realisten 
mehr Skotisten als Albertisten 236 — Hauptanziehungskraft: Humanismus, Mathe- 
matik und Astronomie 238 

Rückblicke und Ergänzungen: Gruppierung der Hochschulen nach 
ihrer Stellungnahme im Wegestreit 238 — Der Wegestreit in Oxford 240 — 
in Paris 244 — in Spanien 246 — in Italien: Nominalisten-Akademie von Bologna 246 
— Ursprung der Gymnasien 249 — .Facultas gramnratica' in Oxford 250 — 
Der Totengräber der Scholastik 250 

5. Die Skotisten schule bei Peter von Gandia; Franziskus Mai- 
ronis 252 — Franziskus de Marchia (von Ascoli) 253 (Guillelmus 
deRubione254, Robert Cowton, Johann Canon 259) — Landulf Caracciolo 260 

6. Die Thomistenschule 262 

7. Die Augustinerschule 265 



inlialtsverzeichnis. IX 

8. Einzelne Lehrer 267 : Johannes de Bipa, sein Sentenzenkommentar 
und seine .determinatioues' 268 — , Walter Bvinkel, sein Sentenzen- 
kommentav und seine Logik 277 — Thomas Bradwardine (Doctor 
profundus) — Wilhelm Araidani von Cremona 279. 

IV. Anhang von Aktenstücken. 

1. Die Antwort der Kölner Hochschule auf das Mahnschreiben der Kur- 
fürsten in betreff des Wegestreites (24. Dezember 1425) ..... 281 

2. Die Antinominalistische Erklärung der Löwener Universität von 1447 290 

3. Ein Gütachten der Basler Universität für die Zulassung eines ein- 
zigen ,Weges' 293 

4. Das Gutachten der vierundzwanzig Pariser Theologen zugunsten des 
Petrus de Rivo (Mai-November 1471) 297 

5. Die Vex'ordnung Ludwigs XL gegen den Nominalismus (1. März 1474) 305 

6. Die Verteidigungsschrift der Pariser Norainalisten (1474) 321 

7. Ingolstädter Schriftstücke über den Wegestreit (Wende des 15. und 

16. Jahrhunderts) 326 

V. Nachträge. 

1. Literatur: G. Ritter — Buchwald — Herrle — Benary — C. Michalski — 
A. Birkenmajer 343 

2. Ergänzungen zu: S. 7, A. 3 — S. 7 — S. 24, A. 1 — S. 39 ff., 47 ff. 
principia, collationes, vesperiae — S. 72, 279 — S. 77 — S. 103 — S. 109 
Nominalismus — S. 149 Univ. Köln — S. 162 v, S. 172, A. 5 Manuale schola- 
rium — S. 184 — S. 208 Summe des hl. Thomas — S. 264 Schulbildungen 
(Ägidius Romanus 

3. Größere Nachträge: Johann Gerson über den Nominalismus seiner 
Zeit, vgl. S. 109.- Die Streitsache des Petrus de Rivo SS. 126—137, vgl. 
SS. 157 — 102 — Das Mahnschreiben der fünf Kurfürsten an die Univ. 
Köln (10 Nov. 1425), vgl. S. 281 — Zur Überlieferung der Verordnung Lud- 
wigs XI. gegen den Nominalismus (1474), vgl. S. 305 

4. Verbesserungen zu S. 97, Z. 4 unten— S. 107, Z. 19 — S. 109, 
A. 5 — S. 112, Z. 16 — S. 123, Z. 4 unten — S. 137, A. 1, Z. 2 — S. 256, Z. 11. 



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Verzeichnis der häufiger zitierten Werke. 

AF = Analecta Franciscana, Quaracchi 1.(1885), 11: Glaßberger (1887), III: 

Chron. XXIV min. gen. (1897), IV: Liber de confonnitate (1906). 
A F H ,= Archivum Franciscanum historicum. Periodica publicatio. Ad Claras 

Aquas f (1908) etc-. 
BF = Bullarium Franciscanum, Romae V: 1303—34 (1898) ed. C. Eubel; VI: 

1334—78 (1902); VII: 1378—1431 (1904). 
W = Waddingus L. Annales ordinis Minorum. 
W = Waddingus L. Scriptores ordinis Minorum ed. Romae 1806. 
Sb SS = Sbaralea J. H. Supplementum ad Scriptores trium ordinum S. Fran- 

cisci, Romae 1806. 
Denifle-Chatelain, Chartularium universitatis Parisiensis, Parisiis I (1889), ll 

(1891), 111(1894), IV (1897) 
— Auctarium chartularii univ., Paris, Parisiis 1(1894): 1333—1407, II (1897): 

1407—1466. 
Bulaeus C. E., (Du Boulay), Historia universitatis Parisiensis, Parisiis III 

(1666), IV (1868) 
Denifle H., Die Universitäten des M. A. I (Berlin 1885). 
Munimenta academica universitatis Oxoniensis ed. H. Anstey (Rolls Series), 

London 1868, 2 Bde. 
Hermelink H., Die theologische Fakultät in Tübingen vor der Rel'ormation 

1477-1534, Tübingen 1906. 
Prantl C, Geschichte der Logik im Abendlande, München III (1867), IV (1870). 
De Wulff M., Geschichte der mittelalterlichen Philosophie übers, von R. Eisler, 

Tübingen 1913. 
Ueberweg F., Grundriß der Geschichte der Philosophie. — II. Bau rag artner M., 

Die mittlere oder die' patristische und scholastische Zeit i", Berlin 1915. 
Werner K., Die Scholastik des späteren M. A., Wien: I Johannes Dans Skotus, 

1881. — IL Die nachskotistische Scholastik, 1883. — IIL Der Augustinismus 

in der Scholastik des späteren M. A. 1883. — VL 1. Der Endausgang der 

mittelalterlichen Scholastik, 1887. — 2. Der Übergang der Scholastik in ihr 

nachtridentinisches Entwickelungsstadium, 1887. 
Dr eiling p.. Der Konzeptualismus in der Universalienlehre des Petrus Aureoli, in : 

K. Baeuraker, Beiträge zur Geschichte der Philosophie des M. A. XI 6, 

Münster 1913. 
Valois Noel, La France et le Grand Schisme d'Occident, Paris, T, II (1896: 

1378—1394), m. IV, (1901, 1902: 1394—1417). 
Reichert B. M., Monumenta ordinis fratrum Praedicatorum historica. Romae 

IIL IV. VIII: Acta capitulorura generalium I (1220-1303) 1898. — II 

(1304—1378) 1899. — III (1380—1498) 1900. 
Gersonii Joh., Opera omnia ed. L. E. Dupin, Antwerpiae 1706. 
D 'A r g e n t r e D u p 1 e s s i s , Collectio iudiciorum de novis erroribus, Parisiis 1 2 (1724). 
Qu6tif-Echard, Scriptores ordinis Praedicatorum, Lutetia Paris. 1719. 
Os Singer J. F., Bibliotheca Augustiniana, Ingolstadtii 1768. 



XII Verzeichnis der häufiger zitierten Werice. 

(Villiers, Cosmas de) Bibliotheca Carraelitana, Aurelianis 1752. 

Hain L., Repertorium bibliographicum, Stiittgartiae 1826—38. 

Coxe H., Catalogus codd. mss., qui in collegiis aulisque Oxoniensibus asser- 

vantur, Oxoniae 1852. 
Schum W., Verzeichnis der amplonianischen Handschriften-Samnilung in Erfurt, 

Berlin 1887. 
Ehrle F., Das Studium der Handschriften der mittelalterlichen Scholastik, in: 

Zeitschr. f. kath. Theologie VII (1883) 1-51. — In neuer Fassung: Nuove 
proposte per lo studio dei manoscritti della Scolastica medievale in Gregoriä- 
num m (1922) 198—218. 

— Die vatikanischen Handschriften der Salmantizenser Theologen des 16. Jahr- 

hunderts in : Katholik LH und LIII. 

— Die Ehrentitel der scholastischen Lehrer des M. A., in : Sitzungsberichte 

der Bayrischen Akademie der Wiss., histor. Kl. 1919, n. 9. 



I 



I 



Einleitung. 

Der Augustinismus und Aristotelismus scheiden, wie früher^) 
nachzuweisen gesucht wurde, im wesentlichen die philosophischen 
Lehrrichtungen in der Scholastik des 13. Jahrhunderts. Diese 
Scheidung wurde nicht auf induktivem Weg durch Vergleichung 
der einzelnen Lehrmeinungen aus deim bunten Gewirr der ein- 
schlägigen Schriften herausgelesen, sondern unzweideutigen Aus- 
sprüclien der Lehrer selbst entnommen. Sie selbst schieden sich 
in diese beiden Hauptrichtungen. 

So fand denn diese Einteilung fast allgemeine Annahme. 
Die Ausstellungen, welche gemacht wurden, beweisen wohl nur, 
daß, wie bereits hervorgehoben worden war^), neben dieser 
Haupteinteilung noch weitere Unterabteilungen möglich und 
wirklich zu machen sind. Ohne Zweifel führte, wie De Wulf 
richtig hervorhob^), das stufenweise und nicht immer in dem- 
selben Maße, noch auch in derselben Richtung erfolgende Ein- 
brechen des Aristotelismus in die Ideenwelt der noch im wesent- 
lichen augustinisch gerichteten Lehrerschaft *) zu verschiedenartigen 
Lehrgebilden, deren Gruppierung in Unterabteilungen wohl erst 
dann mit Nutzen versucht wird, wenn das reiche, noch vor- 
liegende handschriftliche Material gehoben sein wird. -^ Kaum 
weniger bedeutsam und mannigfaltig sind die Verschiedenheiten, 
welche der Kampf der beiden Hauptrichtungen in der theolo- 
gischen einerseits und in der rein philosophischen Artistenfakultät 
andererseits zutage förderte. In diesen beiden Fakultäten waren 
die formellen und materiellen Voraussetzungien, die Aufgaben, 
Anlehi^ungen und Verknüpfungen zu verschieden, als daß nicht 
der Umbildungs- und Neubildungsprozeß hätte erheblich ver- 



1) Arch. 1. Liter, u. Kirchengesch. des M.-A. V (1889) 603—635. 

2) Ebd. 

3) Le trait6 ,de unitate lorraae' de Gilles de Lessines (Les Philosophes 
Beiges I), Louvain 1901, pp. 10 — 22. Ders., Gesch. der mittelalterlichen Philo- 
sophie; übers, voij R. Eisler, Tübingen 1913, 232 ff. 

^) Hierüber R. M. Martin, Quelques premiers Maitres dominicains de Paris 
et Oxford et la soidisant öcole dominicaine augustinienne (1229 — 1279) in der 
Revue des sciences phil. et th6ol. IX (1920) 556—580; vgl. F. Ehrle, FS VIII 
(1921) 123 Anm. 

Franzisk. Stud., Beih. 9 : F r. E li r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 1 



7 



2 Einleitung. 

schiedene Resultate zeitigen sollen. Die Theologen schöpften 
nicht nur aus den rein natürlichen Erkenntnisquellen, sondern 
auch und zwar vorzüglich aus den übernatürlichen der christ- 
lichen Offenbarung: der Hl. Schrift und der vielfachen Über- 
lieferung, wobei sie diesen letzteren Quellen eine normgebende 
Vorherrschaft einräumten. Für die Artisten bildeten neben der 
aus älterer Zeit stammenden lateinischen, recht ärmlichen Litera-. 
tur die aristotelischen Schriften mit ihren arabischen Erklärern 
die in immer gesteigertem Maße dem Lehrbetrieb der Artisten 
zugrunde gelegten Textbücher. Ferner hatte diese Fakultät als 
erste und gemeinsame Einführung zu allen Brotfächern neben 
inneren • und maßgebenden Beziehungen zur Theologie, zum 
Kirchen- und Zivilrecht auch solche zur Medizin, Mathematik und 
den Naturwissenschaften, So sehr daher auch die Theologie 
auf die Gestaltung der philosophischen Geistesarbeit der Artisten 
einen beherrschenden Einfluß hatte, so blieb diesen dennoch 
Raum und Freiheit genug zu freier, selbstherrlicher Betätigung 
auf ihrem eigenen Gebiete. Allerdings standen im Kampfe des 
Augustinismus und Aristotelismus nicht wenige der grundlegend- 
sten Sätze auf rein philosophischem Gebiet in Frage, weshalb 
dieser Kampf sich auch in der Artistenfakultät sehr fühlbar 
machen mußte. Trotzdem ließ er noch für Verschiedenheiten und 
Gruppierungen zweiter und dritter Ordnung reichlichen Raum. 

Für die nähere Aufweisung dieser mehr nebensächlichen 
Unterabteilungen finden sich sehr beachtenswerte Hinweise in 
den gehaltvollen Studien, welche Baeumker neuerdings Alfred 
von Sareshel, Roger Bacon und dem Piatonismus im Mittelalter 
gewidmet hat 0- Durch Mandonnets Siger de Brabant haben wir 
in das Lehren und Treiben der Pariser Artistenfakultät vom Ende 
des 13. Jahrhunderts mannigfache Einblicke gewonnen. Bei 
Roger Bacon 2) finden wir in den ihm geläufigen kritischen Be- 
merkungen über Land und Leute seiner Umwelt sehr lehrreiche 
Hinweise über Lehrdifferenzen zwischen den ,theologi' und den 
,philosophantes' und zwischen Paris und Oxford. 

Leider sind wir über diese Mannigfaltigkeit, welche sich 
aus dem allmählichen Obsiegen des Aristotelismus ergab, noch 
sehr wenig unterrichtet. Noch hat uns niemand die Wandlung 

1) Die Stellung des Alfred von Sareshel (AUredus Anglicus) und seiner 
Schrift De motu cordis in der Wisseijischaft des beginnenden XIII. Jahrhunderts, 
in: Sitzungsberichten der K. bayr. Alcad. der Wiss. Philos.-philol. u, histor. KI. 
1913, Abb.. 9, S. 1 — 17 u. Roger Bacons Naturphilosophie (verbess. u. ver- 
mehrter Sonderabdr. aus den FS III), Münster 1916, 69 f.; Ders., Der 
Piatonismus im M.-A. (Festrede in der Akad. der Wiss.), München 1916, 25. 

2) Baeumker, Roger Bacons Naturphilosophie a, a. 0. 7. 



Einleitung. 3 

erklärt, welche in der Franziskanerschule von Bonaventura 
über Richardus de Mediavilla zu Skotus führte. Hoffentlich 
dehnt Minges seine mühevollen Forschungen . auch auf das 
Werden des Skotus aus 0. Ferner, wie ist in derselben Fran- 
ziskanerschule die Entwickelung über Franziskus Maronis und 
Petrus Aureoli zu Wilhelm Ockham zu erklären? Wie konnte 
es bei den Dominikanern neben einem Herväus, einem Johann 
Regina von Neapel^) und einem Thomas von Sutton einen Jo- 
hann Quidort von Paris, einen Eckehart, einen Durandus, Petrus 
de Palude Und Robert Holkot geben ? Wie kam die sehr be- 
achtenswerte Augustinerschule von Ägidius von Rom über Ger- 
hard von Siena, Thomas von Straßburg zu eitifem Gregor von 
Rimini? Auf diese und ähnliche Fragen können wir allerdings 
eine Antwort erst dann erhoffen, wenn uns die noch in großer 
Zahl in den Handschriften-Sammlungen schlummernden Zwischen- 
glieder bekannt und zugänglich gemacht sind. 

So viel zur Erklärung des Untertitels, welcher einen zweiten 
Zielpunkt kundgibt, dem vorliegende Arbeit gilt. 

^) P. Älinges 0. F. M., Skotistisches bei Richard von Mediavilla, in: 
Theol. Quartalschrift (1918) 60—80. 

2) C. J. Jellou.schek 0. S. B., Johannes von Neapel und seine Lehre 
vom Verhältnisse zwischen Gott und Welt. Ein Beitrag zur Geschichte der 
ältesten Thomistenschule, Wien 1918. 



1* 






I. Peter von Candia. 

Unter den Lehrern des 14. Jahrhunderts finden sich, im 
Gegensatz zur Hochscholastik, einige, welche ihre Kollegen, deren 
Lehrmeinungen sie folgen oder bekämpfen, mit Namen nennen, 
während sie in früherer Zeit nach dem stehenden Gebrauch in 
der Regel nur als ,iiuidäm' oder ,alii' bezeichnet werden durften. 
Wenn ich mich nicht täusche, finden sich bei Petrus so viele 
Nameii, daß sich das Bild, welches er sich von der Gruppierung 
der Theologen seines Jahrhunderts in Schuleü und Richtungen 
machte, mit ziemlicher Sicherheit feststellen läßt. Wir möchten 
eben auch für das 14. Jahrhundert, wie es für das 13. gelang, 
über diesen wichtigen Punkt aus den Aussagen der Lehrer selbst 
die nötige Belehrung gewinnen. Allerdings -um zu voller Klar- 
heit und Sicherheit zu gelangen, werden wir außer Petrus auch 
andere Lehrer befragen müssen. Partei- und Schulrücksichten 
können irreführende Auffassungen und Urteile veranlassen. 

Doch machen wir uns vor allem mit unserem Gewährs- 
mann näher bekannt. 

Schon 30 -Jahre entbehrte 1409 die Kirche Gottes eines 
sichern, von allen Gläubigen anerkannten Oberhauptes ^). Unter 
dem Drucke des französischen Hofes und der Pariser Universität 
sagten sich 1408 mehrere Länder von den beiden seit der zwie- 
spältigen Wahl von 1378 bestehenden Obedienzen von Rom und 
Avignon los, entboten die ganze Christenheit zu einem alige- 
meinen Konzil nach Pisa, um durch die Wahl. eines unzweifelhaft 
rechtmäßigen Papstes die schmerzlich entbehrte Einheit wieder- 
zugewinnen. Der unter so außerordentlichen Umständen er- 
wählte dritte, Pisaner Papst war ein griechischer Minderbruder, 
der Kardinal von Mailand Pitros Philargis oder Philaretus von 
Candia. Seine Wahl zeitigte nicht die Hoffnungen der franzör 
sischen Partei; sie führte vielmehr, wie König Ruprecht von der 
Pfalz auf der Tagung von Frankfurt (1409)^) vorahnend sich 
ausgedrückt hatte, von der verruchten Zweiheit zu der ver- 



1) N. Valois, La France et le Grand Schisme d'Occident III (Paris 1901) 
75—107; J. Haller, Papsttum u. Kirchenreform, Berlin 1903. 

2) R. Höfler, Ruprecht von der Pfalz, Freiburg i. Br. 1861, 416. 



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I. Peter von Candia. 5 

fluchten jDreifjaltigkeit', mehrte die traurigen Wirren, denen erst 
das Konstanzer Konzil unter der Führung Kaiser Sigismunds durch 
die Abdankung des römischen Papstes, die Absetzung des avi- 
gnonesischen Papstes Benedikt XIII. (Peter von Luna) sowie des 
zweiten Pisaner Papstes Johann XXIIl. (Johann Cossa) und die 
Wahl Martins V. (1417) glücklich ein Ende bereitete. 

Der 1409 von einem bedeutenden Bruchteil der Kirche in 
Pisa Erkorene mußte zur Zeit seiner Wahl eine hervorragende 
Persönlichkeit sein 0- Für die Lebensgeschichte des Erwählten 
sind vor allem einige Stellen des bekannten Kurialen Dietrich 
von Niem (Nieheim) heranzuziehen^). Dietrich war nicht nur 
Zeitgenosse, sondern stand als Kanzleibeamter, zunächst der 
römischen Päpste von Urban VI. bis Gregor XII. und sodann 
der beiden Pisaner Päpste, den Personen und Ereignissen so 
nahe, daß er der Wahrheit in seinen Aufzeichnungen näher 
kommen , mußte als alle anderen Berichterstatter, sofern nicht 
seine von Leidenschaft und Parteisucht stark beeinflußte Feder 
auf Irrweg;e geriet- 

In betreff der Herkunft Alexanders beruft sich Dietrich auf 
die Rede, welche der Papst selbst am 30. April 1410 vor seinem 
Hofstaat hielt ^). An diesem Tag ließ er, in klarer Voraussicht 



1) Die neueste Lebensbeschreibung verdanken wir dem Direktor der 
Bank von Athen üfa^Ko^ "PeviiQt], 'lacoQiüal fieÄdrai' '0 "EAXriv ndnag 'AÄi^- 
avÖQoge' <pp. 1-106>. — Td Bv^dvrtov nal ij iv BaaiÄela oivoöog <^pp. 107-192>. 
'Ev 'A-&i^vais, iK tcöv KaTaavTj/A,dT0v "AvÖQdov KoQVft'^Äa, 1881, 8'', pp. 192. 
Eine nicht unfleißige, aber doch nicht wissenschaftlichen Anforderungen ent- 
sprechende Arbeit. Eine Besprechung derselben von H. Vastj in: Revue 
historique 21 (1883) 190 ff. Eine weitere sehr unbedeutende Biographie findet 
sich in den Miscellanei di varia letteratura IV (Lucca 1762) 353 ff.: .Fratris 
Mathaei Ronthi, Monaci Montis Oliveti, Vita Alexandri papae V ad fratrem 
Macharium eiusdem ordinis.' 

2) Theodorici de Nyem de scismate II. 3 ed. G. Erler, Lipsiae 1890, 
pp. 319ff.; Ders., Liber de vita ac fatis Johanni? XXIII, in: von der Hardt, 
Rerum concilii . Constantiensis, tom. II, pars 15, Francofurti et Lipsiae 
(1697) 355; vgl. G. Erler, Dietrich von Nieheim, Leipzig 1887. 

3) Die Hauptstelle lautet in De scismate 1. c. p. 319: ,Hic fuit nati9ne 
Grecus, natus in insula Candie, que per Venetos occupatur et, ut ipsemet tunc 
in agone seu in ultimis constitutus, coram suis familiaribus iaciendo. pulcrum 
sermonem dicebat, quod nunquam novit eius patrem aut matrem aut aliquem 
fratrem seu eius carnis ydemptitate coniunctum, sed querentem eum in pueritia 
mendicitate victum quidam frater oi*dinis minorum Italiens in eadem insula 

V recoUegit atque in Latino sermone instruxit, et dum erat aliqualiter raaior 
/ et aptus in domo fratrum minorum in ipsa insula consistente ipsum posuit et 
habitu regulari eorundem fratrum induit et considerans, quod esset bone indölis, 
eum secum ad Italiam ppstea duxit, in qua in primitivis artibüs eruditus ad 
Studium Exoniense in Anglia mittebatur, ubi etiam per plures annos stu- 
dendo et bene proficiendo demum accessit Parisius, et tarn diu illic in philo- 






6 



I. Peter von Candia. 



seines nahen Endes, die hl. Messe in seiner Gegenwart feiern und 
empfing während derselben- die hl. Wegzehrung; hierauf versam- 
melte er das Kardinals-Kollegium um sein Todesbett und ermahnte 
es eindringlich, die Wiedervereinigung der gespaltenen Christen- 
heit mit allen Kräften zu fördern. Sodann rief er in ähnlicher 
Weise seine Familiären zu sich und verabschiedete sich auch 
von ihnen, wobei er sie mit der ihm eigenen Beredsamkeit mahnte, 
ihre Lebenshoffnungen nicht auf das zu setzen, was der Tod 
raubt. Hierbei veranschaulichte er ihnen die Eitelkeit alles 
Irdischen in seinem eigenen, so außerordentlichen Aufstieg zur 
höchsten, irdischen Höhe und in seinem nun bevorstehenden 
Ende. Auf der Insel Candia von griechischen Eltern geboren, 
habe er, so führte er aus, weder seinen Vater noch seine Mutter 
noch irgendeinen seiner Angehörigen gekannt. Als armes, 
bettelndes Waisenkind habe er einen gutherzigen, italienischen 
Minderbruder getroffen, der sich seiner erbarmte, ihn im Latei- 
nischen unterrichtete und in einem Konvente seines Ordens auf 
der Heimatinsel unterbrachte. 



Sophia et sacra theologia studuit, quod magnus raagister in ipsa tlieölogia illic 
factus !uit. Post hec autem veniens in Lombardiam et noticiam dicti Joannis 
Galeacii ducis Mediolanensis acquirens ex eins promocione atque favore plures 
episcopatus rexit, et primo episcopus Vicentinensis, demum afChiepiscopus 
Mediolanensis et successive cardinalis, inde legatus in partibus Ulis, postremo 
creatus papa fuit gradatim ad dignitates et honores huiusmodi ascendendo.' 
Vgl. auch ebd. 326. 

Über die eingangs erwähnte Rede Alexanders wird auch in einem gleich- 
zeitigen Brief eines Florentiner Kaufherrn berichtet. Derselbe schreibt am 
3. Mai 1410: ,Del Papa ci ^, questo di vero insino a nona: che a XXX di si 
comunicö, con una messa inanzi. E in presenza di Cardinali, come pigliando 
r ultimo curaiato propose loro la parola di Dio: ,Pacem meam do vobis, pacem 
raeam relinquo vobis': confortandogli ad amore insieme e ad affaticarsi nella 
umilitä e nella pace dell'universo. Di poi fe chiamare tutta la seguente famiglia 
ihnanzi a ab, e disse l'altra parola: ,Non turbetur cor vestrum neque formidet, 
qyia vado ad Patröm', consölandogli e confortandogli a bene vivere in suUa 
veritä di Dio, ne darsi al mondo fallace, mostrando in ab il fine di catuno 
vivente.' C. Guasti, Ser Lapo Mazzei. Lottere di un Notaro a un Mercante 
del secolo XIV. II (Firenze 1880) 171. 

Einen dritten Bericht über diese Abschiedsrede Alexanders bietet uns ein 
Schreiben des bekannten Pariser Theologen Peter Plaoul, Bischof von Senlis 
(1409 — 1415): jipse (Alexander) de recessu ex hoc mundo certificatus, eius 
patris, cuius erat vicarius, scilicet Christi sequens vestigia, laetissimus ex hoc 
mundo egrediens totam domum suam cönvocayit. In quorum consolationem 
dixit: ,Non turbetur cor vestrum neque formidet etc. et pulcherrime dilatavit 
materiam, ostendendo quod tristari non debebant sed magis consolari, quiai 
sperabat apud celestem patriam magis proficere quam äpüd ecclesiäm mili- 
tantem'. Chronique de Jean Branden in den Chroniques relatives ä l'hisitoire 
de la Belgique sous la domination des ducs de Bourgogne ed. Kervyn de 
Lettenhove, Bruxelles 1870, 136, 



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I. Peter von Candia. , 7 

Daß Alexander auf Kreta von griechischen Eltern geboren 
wurde, ist zweifellos. Zum Überfluß fand ich noch in einem 
seiner ,principiä* eine Stelle, an welcher er sielbst seine Heimat 
deutlich bezeichnet. Er nennt Plato seinen Landsmann und 
sagt, seine eigene Heimat sei der des großen Philosophen be- 
nachbart gewesen ^). Trotzdem findet sich in Bologna noch heute 
in der Via Saragozza an der Fassade des Hauses Nr. 62 eine 
Steintafel mit der Inschrift: D. 0. M / F. Alessandro V / nacque / 
in questa casa /. Auch der im übrigen nicht unfleißige Lokal- 
forscher G. Guidicini^) glaubt, Alexander werde als Grieche und 
Kretenser nur infolge seines langen Aufenthalts auf dieser 
InseL bezeichnet. 

Als Geburtsort nennt Reniere^) Kare, einen kleinen Flecken 
an der Nordostseite der Insel am Golf von Mirabel. Wenn ich 
nicht irre, geht diese Angabe auf die Greta sacra des Flaminius 
Cornelius^) zurück. — Das Jahr 1340 ist als annäherndes Ge- 

1) In der Erfurter Hs Fol. 94 (s. unten S. 22) Bl. 226: , Ex quo patet, 
dicit magister meus <Gerardus Calcar">, quod hec positio non includit contra- 
dictionem de ydeis, quia tarn preclarus philosophus non posuisset manifestam 
contradictionem, cum ipsum super omn es philosophos beatus Augustinus extollat, 
tum quia rationes Aristotelis contra eum sunt valde solubiles, tum quia, cum 
Plato Msset Grecorum peritissimus, et egoqui sum sue regio n i. vicinus, 
iure patrie debeo. pro compatriot^ pugnare, ne inveniatur in contra- 
dictione; hie breviter dico, salvando compatriotam, quod ppinio, quam 
exprimunt, numquäm fuit Piatonis, sicut docet beatus Augustinus in multis 
locis. Sed opinio Piatonis fuit ista, quam sustinui contra ipsum, videlicet quod 
ydee sunt forme <exemplares>, extra res, in mente divina, habentes ydempti- 
cum coiicursum, suas tarnen form alitates indelebiles penitus retinentes. Tarnen 
si illa, quam imponit sibi magister meus, fuisset opinio Piatonis, . nescio quo- 
modo sit bene intelligibili.s. 

Et ideo in hac parte faciendo honorem veritati dicerem quod Aristoteles l" 
Ethicorum cap. 2^ dicit, quod ambobus existentibus amicis, sanctum est preho- 
norare veritatem, Nam si vellem omnes compatriotas defendere, oporteret me 
frequenter contradictionis laqueos introire. Sunt namque crebra iurgia int(3r 
vicinos.' 

^) Cose notäbili della cittä di Bologna V (Bologna 1873) 4. 

3) Nach TevieQri p. 3 : iv Kagatg, ftiKQ^ X^Q^V ^^? yi(O{t07ioÄect)s BovÄi- 

4) Greta sacra II (Venetiis 1755) 358—368 eine Biographie Alexanders; 
p. 365 nach Andreas Cornelius in suo rerum Gretensiüm msi codice: ,il quäle 
(Alexander) era dalle Gares dal Gasal Wlisneri, territorio del Gastel Mirabelle' 

Während Reniere sich an die neugriechischen Benennungen hält, finden 
wir bei Flaminius Cornelius die alten Namen. In der Tat findet sich noch bei 
I Boschini, 11 regno tutto di Candia delineato a parte a parte <Venetia> 1651 
Bl, 1 auf der Gesamtkarte an der nordöstlichen Seite der Insel im territorio 
di Candia, am Golf von Mirabel, am Ufer der Name Kares, der auf den späteren 
Karten fehlt. Den eigentümlichen Namen Casal Wlisneri erklärt uns in etwa 
Coronelli, Isolario, Venetial696 .— Greta pp. 197 — 222 — indem er p. 221 unter 
den Casali di Gastel Mirabelle auch ein Vuglismegni aufführt. 



IV 



8 I. Peter von Candia. 

burtsjahr durch Dietrich von Niem ^ gut bezeugt. Wie derselbe 
meldet, war Alexander bei seiner Wahl ungefähr siebzig Jahre 
alt. — Nach Reniere hätte sich Alexander in dem kleinen Konvent 
von Villa nuoYa {Neccjiohg}^) 1357 dem Orden angeschlossen; 
nach Cornelius wäre dies im Hauptkonvent der Insel in Candia 
geschehen^). Von- dort läßt ihn die letztere Quelle nach Padua 
ziehen, wo das Hauptstudium der mit der griechisphen Ordens- 
provinz ^) eng verbundenen venetianischen war. Seine Erfolge 
in den Studien veranlaßten seine Ordensobern, ihn nach dem 
stehenden Ordensgebrauch zu seiner weiteren Ausbildung zur 
nächst, wje Dietrich ausdrücklich bezeugt, an das Generalstudium 
des Ordens in Oxford zu senden ^). Hier schloß er seinen Studien- 
gang durch die Erlangung des Bakkalaureates ab. Auch in England 
erhielt sich das Angedenken von Peters Aufenthalt. Sehr bestimmt 
und genau ist die Aufzeichnung des an Erinnerungen reichen ,Liber 
veritatum* des schreibseligen Oxforder Kanzlers und Theologen 
Thomas Gascoigne ^). Er schreibt : ,Praedictus papa Alexander 
quintus fuit bacallärius sacrae theologiae Oxoniae et doctor theo- 
logiae Parisiis, ut ipse papa in concilio Pisano dixit domino 
Thomae Spofforth, abbati ecclesiae beatissimae Mariae Eboraci, 
qui dominus Thomas fuit etiam in concilio Constantieiisi'. Nach 
dem Fortsetzer des Eulogium hätte Peter auch einige Zeit in 
Norwich verweilt. Er berichtet''): ,Iste papa vocatus est Alexander 
quintus. Hie autem fuerat studens Northwici et Oxoniae erat- 
que iocundus vir et eloquens in latina lingua et graeca, in qua 
natus et nutritus fuit; frater autem Minor quidam legebat evan- 
gelium in greco in die coronatiönis suae*. Auch König Heinrich IV. 
von England erinnerte sich des Minderbruders von Oxford , und 
schrieb ihm nach seiner Erwählung ^), er entsinne sich noch: 
,qualiter a iuventute vestra fuisti in regno Anglie ac etiam in 



1) De schismate 1. c. p. 321: ,Fuit autem dictus dominus Petrus, cum 
eligebatur in papam, septuagenaris vel circa' (oder citra). 

2) L c. p. 3. 3) L. c. p. 365. 

*) Seine Heimatprovinz war die provincia Romaniae, seine HeiAatlcusto- 
die die custodia Nigropontis, s. Liber de conformitate, fructus XI, pars II, In: 
AF IV (1906) 533. 303; Liber provincialis ord. min., in: BF. 

5) Seinen Aufenthalt in Oxford bezeugt übrigens Petrus selbst in seinem 
Sentenzenkommeutar lib. 2, q. 1, a. 2 (Erfurter Hs Fol. 94, I. 110): ,Istam 
positionem audivi quemdam bacularium in Oxonia sustinere, qui pro ipsa opi- 
nione nullam penitüs rationem habebat, sed solummodo rationibus respondebat.* 

ß) Loci e libro veritatis (1403 — 1458). Passages selected from Gascoignes 
Theological Dictionary ed. J. E. Thorold Rogers, Oxford 1881, 161. 

'') Eulogium (historiarum sive temporis) ed. Frank Scott Haydon, 
(Rolls Series) III (London 1863) 415. 

8) A. G. Little, The Grey Friars in Oxford, 1891, p. 1249, note 2. 



J—:- 



I. Peter von Candia. 9 

preclaro universitatis Oxonie studio conversatus, quodque multos 
honores et bona quamplurima suscepistis ibidem'. Sollte die 
Angabe DJugloß' *) auf Wahrheit beruhen, Alexander sei einige 
Jahre in Rußland, Böhmen und Polen, im besonderen in Wilna, 
wahrscheinlich im Lehrfach, in den Ordensstudien tätig gewesen, 
so wäre dies wohl um die Jahre 1370 bis 1375 geschehen, also 
naph Ablauf seiner Oxforder Studienjahre und vor seiner Lehr- 
tätigkeit in Paris, (um 1378 bis 1380), die auf die Erlangung der 
theologischen Magisterwürde abzielte. 

Hier in dem größten Generalstudienhaus des Ordens, dem 
Konvente der hl. Maria Magdalena, am nordwestlichen Ende des 
Quartier latin ^) traf außer andern hoffnungsreichen Studieren- 
den jedes Jahr jener ein, welcher vom Orden der theologischen 
Fakultät für die Erlangung der theologischen Grade vorgeschlagen 
werden sollte. Hier hielt nun Alexander, als der für dieses Jahr 
Erwählte, 1378 am 28. September sein erstes principium, das 
heißt die erste der vier feierlichen Vorlesungen ^). und vollendete 
1380 seine Erklärung (lectura) der Sentenzenbücher des Lom- 
barden *) — zwei Leistungen, welche der Erlangung des Lizentiates 
und damit der theologischen Magisterwürde vorhergehen mußten. 

übrigens wurde ihm der Zugang zum langersehnten Ziele 
seiner Studien, wie es scheint, durch die schnöde Geldgier des 
damaligen Pariser Kanzlers Johann Blanchart nicht wenig er- 
schwert. Klemens VII. selbst mußte durch ein Schreiben vom 
15. September 1381 dem Kanzler befehlen, Petrus unter den 
üblichen Bedingungen zum Lizentiat zuzulassen. Ja, in dem 
großen 1385 gegen diesen Kanzler geführten Prozeß wird unter 
andern vorgebracht, daß ein Minderbruder von Candia — offen- 



1) Dluglossii, Historia Polonica, Lipsiae 1672, 1. 10, c. 207. Es 
kommt 1410 Nikolaus de Volavia als Abgesandter des Pisaner Konzils und 
wirbt für die Anerkennung Alexanders, welche durch König Wladislaus erfolgt. 
Dann folgt ein Zusatz: ,Erat insuper Alexandro iam inde ab eo tempore, dum 
in minoribus agens, terras Russiae visitaret, lamiliaritas contracta cum Wla- 
dislav rege Poloniae adhuc in gentilitatis errore constituto.' Dluglossius, 
Opera omnia ed. Przezdziecki, Cracoviae III (1876) 592. 

Dhigloß begann seine Geschichte 1455 zu schreiben und starb 1480. 
H. Zeißberg (Die polnische Geschichtsschreibung im M.-A., Leipzig 1887, 
333, in: Preisschriften der fürstl. Jablonowskischen Gesellschaft in Leipzig 
n. 17) bemerkt: ,Man ist also, wie gesagt, berechtigt, mit, zweifelnder Vorsicht 
Dinge hinzunehmen, für welche Dlugloß allein die Quelle ist,' 

2) über diesen Konvent vgl. Wadding ad an 1234 n. 17—35, ed. II 
(Lugd. 1732) 373 — 385 und F. Gonzaga, De origine seraphicae religionis, 
Romae 1587, 115—134. 

3) S. unten S. 17 ff. 

4) S. unten dieses Datum in den Hss. 



10 I. Peter von Caridia. 

bar unser Petrus — mit dem Kanzler wegen seiner Zulassung 
zum Lizentiat verhandelt und ihm nicht wehiger als achtzig 
Goldfranken geopfert habe ^). iSs wäre also Peter nicht vor dem 
Herbst 1381 zum Doktorat gelangt ^). 

Bald nachdem er in die ihm zur zweiten Heimat gewordenen 
oberitalienischen Ördensprovinzen zurückgekehrt war, erhob ihn 
Urban VI. am 5. Oktober 1386 auf den Bischofsstuhl von Pia- 
cenza^), von wo er bereits am 23. Januar 1388 auf den von 
Vicenza^) und am 18. September 1389, auf den von Novara 
übergingt). Am 17. Mai 1402 bestieg er den ungleich bedeut- 
sameren erzbischöflichen Stuhl von Mailand ^). Diese hervor- 
ragende Stelle in der kirchlichen Hierarchie, in der Metropole 
des durch alle politischen Verwickelungen berührten Herzogtums 
war ein mehr als genügender Titel zur Erlangung der Kardinals- 
würde. Petrus erhielt sie von Innozenz VII. am 12. Juni 1405 
mit dem Titel der auch heute noch von den Franziskaner-Kon- 
ventualen verwalteten Kirche der zwölf Apostel. Doch hieß 
Petrus nach dem damals stehenden Gebrauch ,vulgo cardinalis 
Mediolanensis' bis zu seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl ''). 
Bald nach seiner Erhebung zum Kardinalat zog Petrus am 23. No- 
vember 1405 von Viterbo, wo damals die Kurie weilte, als päpst- 
licher Legat für die Lombardei (ivit legatus ad partes suas sci- 
licet Lombardiae) nach seiner Metropole^). 

Hier herrschte damals als Herzog und Reichsvikar 



1) über das Schreiben Klemens' VII. s. Denifle-Chatelain, Chartu- 
larium III 303, n. 1463 und BF VII 231, n. 623. Der Papst bezeichnet Petrus 
als .baccalarius in theol. . . . qui in diversis studiis legendo, disputando et 
alios actus scholasticos exercendo cursus suos in Sacra pagina perfecit.' Der 
Kanzler soll ihn wie üblich durch vierMagistri prüfen lassen und falls er würdig 
befunden wird, zum Magisterium zulassen. — Der Prozeß ebd. p. 359, n. 1511, 
art. 52: ,Item et quidam frater Minor nuncupatus de Candia, ut admitteretur 
ad licentlam, tractavit cum dictö cancellario ac eidem tradidit octuaginta ' 
francos auri.' 

2) Nach dem Catalogus licentiatorum (Pariser Nat.-Bibliothek Hss 5657'', 
12850) erhielt Peter die Lizenz 1381/82. Denifle-Chartularium III 302, 
n. 1463. 

3) C. Eubel, Hierarchia cath. M.-A. I 421. Vgl. auch für die folgenden 
Ernennungen BF VII 7, n. 16 Anm. 

4) Hierarchia cath. I 558. 

5) L. c. 389 ebenfalls unter Urban VI. 

6) L. c. 348 unter Bonifaz IX.; vgl. BF VII 47, n. 155; 74, n. 219; 
78, n. 238; 87, 263; 144, n. 410; 179, n. 497; 411, 1175 Anm. 2; 415, n. 1184, 
Anm. 4. 

7) L. c. I 25. 

8) L, c. I 22, nota 6. Dort finden sich auch die Hinweise auf seine 
Bevollmächtigungsschreiben in den päpstlichen Briefbüchern. 



.J_ 






I. Peter von Candia. 11 

Giangaleazzo Visconti. Ef verstand es meisterhaft, die eigen- 
tümliche Lage seines Landes, als Zankapfel zwischen dem Reich 
und Frankreich, zu seinem und seines Landes Vorteil auszu- 
nützen. Frankreich und zumal die unternehmungslustigen Herzöge 
von Anjou und Orleans gelüsteten nach dem reichen Lande, 
das Frankreich noch hundert Jahre lang bis zum Tage von Pavia 
(1525) als Einfallstor und Aufmarschgebiet für seine italienischen 
Unternehmungen dienen sollte. Wie außer Dietrich von Niem auch 
der Fortsetzer des Liber Fontificalis aus der Zeit Eugens IV. 
ausdi-ücklich hervorhebt, war Giangaleazzo der besondere Gönner 
unseres Theologen seit seinen Studienjahren. Offenbar schätzte 
der Herzog den Minderbruder als gefeierten, seeleneifrigen Pre- 
diger, als tiefen Theologen und erprobten, kenntnisreichen Ge- 
wissensrat ^). Außer dem Herzog wußte auch beizeiten der als 
schlauer und gewalttätiger Kirchenpolitiker gefürchtete Kardinal 
Johann Cossa (als Pisanerpapst Johann XXIIL) die hervorragenden 
Eigenschaften Peters zu schätzen und auszunützen. 

Am 29. Juni 1408 sagte sich laut einem Aktenstück der 
Kardinal Cossa im Verein mit dem Kardinal von Mailand durch 
einen gemeinsam bestellten Bevollmächtigten von der römischen 
Obedienz Gregors XIL los und ging zu der zu gründenden 
Pisaner Obedienz über^). Wieweit aus diesem Schriftstück und 
anderen zeitgenössischen Zeugnissen ein Abhängigkeitsverhältnis 
des Mailänder Kardinals von Cossa erschlossen werden kann, 
bedarf noch einer erneuten Prüfung, zumal die Behauptung, Cossa 
habe in Pisa, da er seine Kandidatur zur Papstwürde als aussichtslos 
erkannte, die Wahl des ihm ergebenen Kardinals Peter durch- 
gesetzt^). Außer der Gunst dieses mächtigen und geschäftsge- 

1) Ed. Duchesne II, 511. 

2) S. oben S. 6 Anm. und Martene-Durand, Amplissima collectio VII 
1125, wo auch eine zeitgenössische Quelle von dem Erwählten sagt: .famosis- 
siraüs scilicet magistqr in theologia et " qui olim rexerat ducem Mediolanensem'. 
Nach Argelati, Scriptores Mediolanenses. I 2 p. 35 bestellte Giangaleazzo 
Petrus auch zum Vormund seiner Kinder; er ernannte ihn zum Vorstand des 
Geheimen Rates, wie Glaßberger (Chronica, in: AF H 227) berichtet. In 
dieser Stellung erlangte er für den Herzog von Wenzel die Belehnung mit 
Mailand. Palacky, Geschichte von Böhmen III 1 (Prag 1845) 107. 

3) N. Valois 1. c. IV 15, 25, note 1, wo hiefür ms. latin 12542, f. 71 ff. 
der Pariser Nät.-Bibl. zitiert wird; Martene-Durand, Amplissima Collectio 
VII 803 ff. u. Bourgeois du Chastenet, Nouvelle Histoire de Concile de 
Constance, Paris 1718, reuves p. 525 ff.. 

*) Dietrich von Niem, De vita et fatis Johannis XXIII, in: H. von 
der Hardt, Magnum Concilium Constantiense, Helmstadi 1697, II, 15 pars, 355: 
»Postquam autem ad hoc deventum in eodem Pisano concilio fuerat, quod dicti 
Angelus et Petrus a papatu, quem quilibet eorum se habere praetendebat, 
finaliter amoverentur et immineret novi summi pontificis secundum determina- 



12 I. Peter von Candia. 

wandten Kirchenfürsten mag auch das Wohlwollen zur Wahl 
Peters beigetragen haben, dessen er sich in Mailand und Frankreich 
erfreute. Die Stimmung dieser beiden Zentren war in Pisa von 
entscheidendem Einfluß. Auch als Sprosse eines im großen Kirchen- 
streite neutralen Landes empfahl sich Petrus den Wählern. In 
dieser Richtung war aber nachweisbar die Hoffnung noch viel 
wirksamer, welche man sich von seiner Erwählung für die Wieder- 
gewinnung des längst von der Kirche getrennten Ostens machte. 
Daß die Wahl auch im Orient Eindruck machte, beweist der Brief, 
durch welchen Kaiser Manuel Paläologus Alexander V. zu seiner 

Erhebung beglückwünschte 0- 

Doch alle Hoffnungen schnitt der baldige Tod des Erwählten 
ab. Am 26. Juni 1409 in Pisa erwählt, am 7. Juli ebendaselbst 
gekrönt, traf er am 6. Januar 1410 am Spital und Konvent von 
S. Maria de' Crociferi (Crociali) vor den Toren Bolognas ein, 
hielt am 12. Januar seinen feierlichen Einzug^) und starb daselbst 



tionem dicti Concilii electio facienda, tangeretur etiam per aliquos multis ratio- 
nibus, ut dictus Balthasar tunc eligeretur in papam: quod cum sibi constaret, 
respondit, quod illud non expediret, sed sibi videretur esse magis utile ac 
conveniens ea vice, quod dictus Petrus de Candia, presbyter cardinalis, elige- 
retur in papam, quia esset vir apprime literatus et aetate grandaevus ac bonae 
famae et de Graecia oriundus, ita quod non haberet aliquos sibi cai"nis ' iden- 
titate coniunctos, per quos Romana ecclesia grayaretur. Quem si eligerent, 
vellet fideliter omnibusque modis, quibus posset, dirigere atque iuvare, ut 
Urbem et alias terras ecclesiae Romanäe in prövincia Patrimonii beati Petri in 
Tuscia et etiam alia temporalia et regalia ipsius ecclesiae violenter et iniuste 
occupata recuperaret ab illicitis detentoribus eorundem.' — In dem Traktate 
,de diöicultate reformationis in concilio generali' heißt es, die Kardinäle hätten 
1408 eine Relorm der Kirche ,in capite et in membris' in Aussicht gestellt 
und dann doch ,eundem Alexandrum de eodem consortio' gew^ählt, ,qui prorsus 
inexpertus erat eorum, quae officii pastoralis et sublimitas exigebat, quamvis 
esset magnus theologus, et quidquid dicti cardinales ab eo petierunt, ipsis 
absque contradictione concessit nee audebat ipsis aliquid denegare.' Jo. Ger- 
sonii, Opera omnia ed. Dupin II, (1706) 872; vgl. 874. 

^) Chronique d'Antonio Morosini ed. G. Lefevre-Pontalis et L, Dorez, 
I (Paris 1898) 260—270, p. 262 macht der Pisaner Gesandte in Venedig u. a. 
geltend für die Anerkennung Alexanders: ,seria a tuto el mondo lux e materia 
de aconzarse la sisma de Griexi de redur quely a la fede chatolicha cristiana.' 
M arten e-Durand, AmpUssima coUectio II 1369; Prince A. Galitzin, 
Sermon in6dit de Jean Gerson sur le retour des Grecs ä l'unitö, Paris 1859, 4"; 
Gersonii Opera II 141; Valois IV 111. 

2) Nerio Malvezzi, Alessandro V a Bologna, in: Atti e memorie della 
R. Deputazione di storia patria per le provincie di Romagna. 3« serie IX (1891) 
362—379 u. XI (1893) 39—56 u. A. Rubbiani, La tomba di Alessandro V 
a Bologna 1. c. XI (1893) 57—68. — Über Einzug und Leichenbegängnis s, 
Malvezzi, I. c. 46. 48 ff. 55 f. u. Ghirardacci, Storia di Bologna, II (Bo- 
logna 1669) 580. 



I. f>eier vöii Candta. 18 

bereits am 3. Mai^). Seine Ordensbrüder errichteten ihm in 
Bologna bereits 1424 in ihrer herrlichen Kirche von S. Francesco 
ein erstes Grabdenkmal ^), das man nach Rubbiani Vasari fälschlich 
dem Nicolö d'Arezzo zuschreibt^). Als dieses bereits 1482 zer- 
fallen war, beauftragten sie den berühmten Medailleur Maestro 
Sperandeo da Aleantova *) mit der Herstellung eines neuen Denk- 
mals^), das 1807 bei der Profanierung der Kirche von S. Francesco 
in barbarischer Weise nach dem in diesem Jahr in der Certosa 
außerhalb der Stadt angelegten neuen Campo Santo übertragen 
würde ^). Von dort wurde es 1887 auf Befehl und Kosten Papst 
Leos XIII. durch Kardinal Battaglini in die ihrer ursprünglichen 
Bestimmung zurückgegebene Kirche von S. Francesco zurück- 
gebracht und wieder kunstgerecht aufgebaut '^). 

Das persönliche Wirken und die kirchenpolitische Tätigkeit 
Alexanders berührt unser Thema nur von ferne, weshalb ich 
mich auf wenige Bemerkungen beschränken kann. Sein von 
Dietrichs von Niem^) kaustischer Feder entworfenes Charakter- 
bild verrät den bei einem Regierungswechsel enttäuschten Höfling 
und mahnt zur Vorsicht. Trotzdem kann auch Dietrich die 
Lauterkeit und Selbstlosigkeit des Erwählten nicht in Frage 
stellen. Seine Anklagen zeigen uns in Alexander eine weit- 
gehende, gutmütige Schwäche und eine gewisse Weltfremdheit, 
welche in dem in festen Bahnen sich bewegenden Gange der 

1) Die Stimmen, welche Cossa für den Tod Alexanders verantwortlich 
machten, sind grundlos. S. die genaue Beschreibung der Einbalsamierung der 
Leiche durch den berühmten Arzt Pietro di Argelata in Medici, Compen- 
dio storico della scuola anatomica di Bologna, Bologna 1857, 40 ff., vgl. 
Girurgia magistri Petri de Argelata, Venetiis per Bonetum Locatellum Berga- 
raensem 1497 lib. 5, tract. 12, cap. 3, p. 1067 De custodia corporis. 

2) Rubbiani 1. c. 61; vgl. Rubbiani, La chiesa di S. Francesco in 
Bologna, Bologna 1886. 

3) Rubbiani, Atti e memorie 1. c. 57. 

4) A. Venturi, Archivio storico dell'Arte, Roma, an. I, fasc. 10; an. II, 
fasc. 5. 6. 

ö) Rubbiani 1. c, 59. 63. Eine Abbildung dieses Denkmals bietet Cia- 
conius, Vitae et res gestae Rom. Pont, et Card. ed. Oldoini II (Romae 1677) 777. 

<*) Dort blieben die Bruchstücke schlecht verwahrt bis 1837 liegen, worauf 
sie der Stadtrat von ungeschickten Händen wieder- zusammenfügen ließ. Eine 
Abbildung des damaligen Zustandes, in: Eletta dei monumenti piü illustri, 
Bologna, tipi Marsigli, 1840. Rubbiani 1. c. 59. 

'^) Am 18. Mai übergab die Stadt protokollarisch das Denkmal der 
Commissione per la Fabbrica di S. Francesco. Rubbiani 1. c. 60. 

8) De scismate ebd. 321 — 326. Sobald die Anerkennung Alexanders 
einigermaßen gesichert schien, fand sich Dietrich, vielleicht am 7. November 
in Prato, an der Kurie ein, wohl wieder als abbreviator, wie unter Innozenz 
und Gregor. Hiernach wäre Dietrich mit Alexander in Bologna eingezogen. 
G. Erler, Dietrich von Neheim, Leipzig 1887, 188 f. 421 f. 



14 1. Peter von Candia. 

Kurie ganz beträchliche Verwirrung hervorzurufen geeignet war. 
Er entwirft uns das typische Bild eines Vorgesetzten, der nicht 
,Nein' sagen kann und alle Untergebenen in allem befriedigen 
möchte. 

Man fragt sich allerdings, wie Alexander bei dieser Charak- 
teranlage in wenigen Monaten kirchenpolitische Maßnahmen von 
so einschneidender und weittragender Bedeutung wagen und 
durchführen konnte, wie sein so knapp bemessenes Pontifikat 
aufweist. Hier müssen wir zweifellos zwei für solche Leistungen 
geeignete Faktoren in Rechnung setzen. Ohne Zweifel hielt 
Cossa, sei es auch für seine eigenen Zwecke, die Versprechungen, 
welche . er nach unserem Chronisten ^) zugunsten seines Schütz- 
lings gemacht hatte. Er sorgte für die Sicherheit des Erwählten, 
gewann ihm Rom und andere Teile des Patrimoniums. Die 
Aufgabe des Königs Ladislaus und die Investitur des Herzogs 
von Anjou, das Fallenlassen König Ruprechts von der Pfalz und 
die Begünstigung Wenzels gehörten zum Programm der Pisaner 
Partei und der sie beherrschenden französischen Politik 2). Was 
also in dieser Richtung geschah, das mußte geschehen, und nur 
ein sehr kräftiger Wille hätte sich diesen politischen Notwendig- 
keiten entziehen können. 

A. Corbellini veröffentlichte 1915/17 drei umfangreiche 
Artikel: Appunti sulF Umanesimo in Lombardia, in: Bolletino della 
Societä Pavese di Storia patria XV (1915) 327—362; XVI (1916) 
109—169; XVII (1917) 5—51; auf welche mich G. Mercati nach 
meiner Rückkehr nach Rom gütigst aufmerksam machte. Die 
beiden ersten Artikel enthalten einige Ergänzungen zu dem oben 
Gesagten, welche in folgende vier Punkte zusammengefaßt werden 
können. Der Autor arbeitet fast ausschließlich mit italienischem 
Material, auch wo auswärtige Verhältnisse in Frage sind. Sein 
Verdienst liegt in der kritischen Ausschöpfung humanistischer 
gedruckter und ungedruckter Quellen, besonders der Briefsamm- 
lung Decembrios und dessen Traktat ,de republica* (AmbrOsiana: 
cod. B. 123. sup.); auch für die politische Geschichte Gian Galeazzos 
und seines hervorragenden Ministers Peters von Kandia. Immerhin 
dürfte die Nachprüfung einiger Darbietungen ratsam sein. 

1. Die Frage nach dem Vaterland Peters ist in obigem Sinn 
gelöst. Corbellini kennt wenigstens Dietrich von Niera. über 
die Geschichte der Frage G. Tiraboschi, Storia della letteratura 
ital. to. 2, 1. 2, c. 3; Magenta, I Visconti e gli Sforza nel 
Castello di Pavia I (Milano 1883) 191; Malvezzi 1. c. 368. 374. 

1) S. oben S. 11 Anra. 4. 

2) Dietrich von Nieheim, De scismate I. c. 



■jMi.isiti^:lÄ isis 



■• V;- 



1. Peter von Candia. 15 

— Für die Jahre bis zur Erhebung auf den bischöflichen Stuhl 
von Novara (1389) wird aus sicheren Quellen belegt die Gegen- 
wart Peters als mag. in theol. in Pavia für den 17. Okt. 1384 
(XV 355), ebenso für den 7. Mai 1385 (XV 357). Er verweilte 
ebendaselbst 1390. 1391. 1393 (XV 357, XVI 115. 124. 125); aber 
erhielt hier weder den Doktorgrad noch lehrte er daselbst nach- 
weisbar als ,magister' (XVI 356. 361. 362); er mag in dem dor- 
tigen Ordensstudium als Lesemeister (lector) tätig gewesen sein. 

2. Von besonderem Interesse ist für uns die Stellung, welche 
der bekannte Humanist Uberto Decembrio (der Vater der beiden 
Humanisten Angelo und Pier Candido D.) zuerst als Sekretär 
und dann als Kanzler an der Seite Peters innehatte. Zum erstenmal 
finden wir Uberto in einem Aktenstück vom IS. Juni 1390 in Ver- 
bindung mit Peter (XVI 112, vgl. 115). — Diiese seine Fühlungnahme 
mit dem Humanismus, der offenbar eine gewisse Neigung und 
Wertschätzung zugrunde lag, erklärt uns vielleicht das unten 
zu erwähnende, korrektere und gewähltere Latein des Sentenzen- 
kommentars Peters, der allerdings geraume Zeit vor der höfischen 
Periode unseres Theologen liegt. Neben Decembrio verdient auch 
Antonio Loschi als Humanist der visconteischen Kanzlei (XVI 
148 ff. 155 ff.) besondere Erwähnung. 

3. Seinem Zweck entsprechend geht Corbellini ausführlich 
auf diese höfisch-politische Seite Peters ein. Er war der Kanzler 
(der Ministerpräsident) des allgewaltigen Gian Galeazzo. Bereits 
als Bischof von Novara finden wir ihn in solcher Stellung bei 
den Friedensverhandlungen in Genua 1391 und der auf sie fol- 
genden Sendung nach Florenz (XVI 116 ff.). Unvergleichlich 
glanzvoller ist das Auftreten und sein Erfolg in Prag, wo er von 
Wenzel für seinen Herrn das Herzogtum Mailand, für sich und 
seine Nachfolger auf dem Stuhle von Novara die Würde eines 
»principe del Impero' und für seinen Sekretär Uberto Decembrio 
den Titel eines ,conte palatino' erlangte (XVI 127. 144). Wie 
Corbellini nach seinen Materialien feststellen zu können glaubt, 
bricht Peter nach dem 24. Juni 1393 nach Böhmen auf, trifft am 
5. Februar in Prag ein, verbleibt daselbst bis zum 11. Mai 1395 
und ist am 1. Juli 1395 wieder in Pavia (XVI 141. 142 A. 1. 
155. 160). Die Überreichung der Insignien der neuen Herzogs- 
würde erfolgt erst im September im Mailand auf dem Domplatz. 
(F. Palacky, Gesch. von Böhmen III 1, 106 ff.) Nach unserm 
Gewährsmann wäre Peter sodann 1396 — 1398 sicher in Italien 
verblieben. / 

4. Ef lieh tritt hier noch eine andere Seite Peters in schärfere 
Beleuchtutig. Nach dem Gesagten und dem noch zu Erwähnenden 



16 1. Peter von Candia. 

scheint Peter bereits als Bischof von Novara in das Leben und 
Treiben des glänzenden Mailänder Hofes verwickelt worden zu 
sein, in dessen Humanismus und Renaissance mit ihren schönen 
und unschönen Seiten, in seine macchiavellistische Politik, seine 
Prunk- und Verschwendungssucht und sein Wohlleben. Es drängt 
sich daher die Vermutung auf, daß er sich dem Typus der uns 
besonders aus Frankreich bekannten Kanzlerbischöfe und -Kardinäle 
näherte, die ihren weltlichen Herrn dienten, aber ihrer Kirche 
wenig Segen brachten. Es genügt, an den Kardinal von Amiens 
Johann de la Grangie zu erinnern, der beim Ausbruch des ver- 
hängnisvollen Zwiespalts eine so bedeutende Rolle spielte. Wie- 
viel blieb da wohl bei Peter voni Geiste seines Ordensstandes 
und seines geistlichen Charakters übrig, von den Idealen, zu 
denen ihn der Ernst seiner Todeskrankheit zurückführte? 

An ausdrücklichen Bezeugungen in dieser Richtung liegt 
uns allerdings nur eine Stelle der Historiae patriae des Mailäüder 
Augustinereremiten Andreas Bigli (Billius) vor, der 1435 starb 
und die Zeit von 1402 bis 1432 schildert (XVI 110). Er spricht 
(Muratori, SS. rer. ital. XIX 40) von Peters vulgären Tafelfreüden 
(Nihil vitiorum habuisse diceres, si non tanta cura invigilasset 
ventri, ut saepe inhaerens mensae; iuberet ex mercato, quod forte 
in mentem vesnisset, emi et concoqüi, ita sähe dimidium temporis 
conviviis trahebatur) und von dessen verschwenderischer Pracht- 
entfaltung (Levitatis id modo notatum plus quadringenti vernaculae, 
uno vestitu insignes in domo versabantur). Bigli war ein kri- 
tischer, temperamentvoller Kopf, der auch eine Kritik der Pre- 
digten des hl. Bernhardin von Siena veröffentlicht hat. Über- 
treibungen sind daher nicht ausgeschlossen, zumal bei den 400 
gleichgekleideten Dienern eines Kirchenfürsten. In dieser Richtung 
liegen freilich auch die mehrfachen Beziehungen Peters zum 
Kardinal Balthasar Cossa (Johann XXIII). 

Peter mag von seiner Umgebung zeitweilig ungünstig be- 
einflußt worden sein, aber er muß doch bei aller Nachgiiebigkeit 
gewisse Grenzen eingehalten haben, wie die zahlreichen, gün- 
stigeren Berichte verbürgen. 

Doch kehren wir nun zum Theologen zurück. 



1. Handschriltßche tiberliejferung des Sentenzenfcommenfars. I7 

IL Der literarische Nachlaß. 

Peters uns handschriftlich erhaltener Nachlaß umfaßt an 
erster Stelle seinen Sentenzenkommentar und die ihm nahe- 
stehenden viei* ,principia*. Außerdem liegen uns noch einige 
kleinere Schriften vor, welche teils liturgischen, teils kirchen- 
rechtlichen Inhalts sind und daher für uns hier keine besondere 
Bedeutung haben. Ich beschränke mich deshalb darauf, sie im 
Verzeichnis der den Sentenzenkommentar ^enthaltenden Hand- 
schriften zu erwähnen. 

1. Die handschriftliche Überlieferung des 
Sentenzenkommentars. 

Die Zahl der Handschriften dieses Kommentars ist auffallend 
groß. Hierzu hat ohne Zweifel die höchste kirchliche Würde 
beigetragen, zu welcher der Verfasser erhoben wurde. Doch 
kann nicht geleugnet werden, daß, wie er ohne sein hervor- 
ragendes Wissen und Können diese Hohe nicht erklommen hätte, 
so auch seine hervorragendste wissenschaftliche Leistung eine 
solche Verbreitung kaum gefunden haben würde, wenn ihr Inhalt 
dem Interesse und der Erwartung nicht einigermaßen entsprochen 
hätte, mit der sie gesucht und ge wertet wurde. Außerdem wurden 
gar manche der Handschriften vor 1408 geschrieben. 

Leider kann ich bei der gegenwärtigen Kriegslage kein 
einwandfreies, nach einem geeigneten Schema durchgeführtes Ver- 
zeichnis der einschlägigen Handschriften liefern. Manche Hand- 
schriften, welche ich noch nicht eingesehen hatte, sind mir nun 
unzugänglich, was auch von einigen solchen gilt, welchen ich er- 
gänzende Notizen der früher für andere Zwecke gemachten Be- 
schreibungen entnehmen müßte. Ich muß mich daher vielfach mit 
dem von den gedruckten Katalogen Gebotenen bescheiden. 

In der Beschreibung werden jene Handschriften hervor- 
gehoben, welche das lange, inhaltsreiche Explicit oder die ,prin- 
cipia' enthalten. Das Explicit gibt uns wertvolle Aufschlüsse 
über das Abfassungsdatum des Kommentars, wie schon oben^ 
erwähnt wurde, und über die Entstehungs weise des uns vor- 
liegenden Textes, wie untengezeigt wird. 

Das Explicit findet sich in korrektester Form in der vati- 
kanischen Hs Vatic. 1081. Es lautet: ,Explicit lectura super 
Sententias venerandissimi fratris Petri de Candia, ordinis fratrum 
Minorum, anno Domini M« trecentesimo octoagesimO compilata 



1) S. 9. 
FranziBk. Stud., Beih. 0: Fr. Ehrle, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 2 



18 tl. Der literarische Nachlaß. 

tempore, quo Parisius legebat Sententias, quam de verbo ad 
verbum, ut iacet, suis scolaribüs in scolis antedicti ordinis per- 
legebat, cui Deus pro labore solacium tribuat, et <scriptori> ^) 
pro scribendo donet refrigerium caritatis, Amen.* 

Basel, Univ.-Bibl. Hs A II 22, Papier; vgl. G. Haenel, Catalogi 
11. mss. Lipsiae 1830, c. 606. 

Brüssel, Kgl. Bibl., Hs 1525 (ol. 3699-700), BI. 2, 11^188, 15. Jahrb., 
Papier. Van den-Gheyn, Catalogue des mss. de la Bibl. Royale de Bel- 
gique III (Braxelles 1903) 7. 

. Cues, Bibl. des Hospitals, Hs 195, Papier, 110 BJ., 15. Jahrb., 
Bl.loe-llOv, ohne Titel: ,Petri de Candia libellus de terminis theo- 
logicalibus'. Beginnt: ,Ad facultatem theologicam accedentes'. Endet: 
,nec tres omnipotentes'. ,Explicit libellus de terminis theologicaUbus 
domini Petri de Candia, cui Deus concedat vitam eternam'. J. Marx, 
Verzeichnis äer Hss-Sammlung des Hospitals zu Cues (einer Stiftung 
des Kard. Nikolaus von Cues), Trier 1905, 181. — Derselbe Traktat auch 
in Berlin, Kgl, Bibl., Hs 975, Bl. 190. V. Rose, Verzeichnis der lat, Hss 
II 3 (1905) 1235. 

Danzig, Stadtbibl., Hs 1970, Papier, 15. Jahrhi, 179 Bl., enthält 
Bl. 1—139 die Kommentare zum 2, 3. 4. Sentenzenbuch, mit dem langen 
Explicit. 0. Günther, Katalog der Hss der Danziger Stadtbibl. III (Dan- 
zig 1909) 117. 

Erfurt, Stadtbücherei (Amploniana), Hs Fol. 94, s. unten S. 22. 

Ebd. Hs Fol. 106, Pergament, 15. Jahrh. (nicht Paris 1380 wie Schum), 
247 Bl., Bl. 84 das lange Explicit mit der Variante : ,quod eis concedat 
Jesus Christus. Amen'. W. Schum, Verzeichnis der Amplonianischen 
Hss-Sammlung zu Erfurt, Berlin 1887, 73. 

Florenz, Biblioteca Nazionaie, Abteilung: Conventi soppressi, 
codd. 1463. A. 1; 1365. A. 5; 267. G. 3, also drei Handschriften des Sen- 
tenzenkommentars. 

Ebd. Laurenziana, ehemals S. Croce, Plut. XXV. sin. cod. IX, n» 
VIII, Bl. 93: .Officium Visitationis B. V. Marie compilatum per rev. 
dorn. P. de Candia, tunc episcopum Novariensem, nunc autem cardinalem 
Mediolanensem'; — n» IX, Bl. 99^—102 fünf ,prosae vel sequentiae' 
unseres Autors. A. Bandini, Catal. codd. mss. bibl. Medic.-Laurentianae 
IV (Florentiae 1777) 189. 

Ebd. Laurenziana, Gaddiana Hs 188 : logisch-sophistische Traktate 
in kleinster Schrift, .desperate lectionis', darunter, nach ,sophismata 
asinina secundum usum Anglie', Bl. 35: ,Expliciunt obligatiönes edite 
a fratre Petro de Candia ord. Min. provincie Romane'. A. Bandini, Cata- 
logus mss. bibl. Leopoldinae II (Florentiae 1792) 181. — Dieselben sollen 
auch in Oxford, Bodleiana, Hs Canonic. 278, f. 65 sein. 

Ebenso in Rom, Vatikana, Vatic. lat. 2130, Papier, 1088 Bl., 15, Jahrh. 
(Bl. 1041 an. 1420), 293X206 mm, eine Sammlung logischer Traktate, 
unter ihnen Bl. 1047— 1051^: ,Obligationes Pe^ri de Candia'. Beginnt: 



1) Dies ist eingefügt in Erfurt Hs Folio 106. 






1. Handschriftliche Überlieferung des Sentenzenkommentars. 19 

.Rogasti me, carissime, ut tue in Crucifixi latere caritati'. Endet: ,ideo 
hec de petitione ista dicta sufficiant'. — Vatic. lat. 3038, Papier, 44 BI., 
15. Jahrh., 216X150 mm, BI, 22^—37^: ,Expliciunt obligationes magißtri 
Petii de Candia multe, bone, utiles'. Derselbe Anfang und Schluß. — 
Vatic. lat. 3065, Papier, mehr als 153 Bl„ 15. Jahrh., 312X200 mm, BI. 98v— 105 : 
.Expliciunt obligationes compilate a venerabili artium doctore magistro 
Petro de Candia'. Derselbe Anfang und Schluß. Vgl. BI. 37v— 40v: .Ex- 
pliciunt consequentie composite a venerabili artium doctore, magistro 
Paulo (!) de Candia'. Beginnt: ,Consequentia est aggregatum ex conse- 
quente et antecedente cum nota illationis*. Endet: ,patet quomodo 
uniuscuiusque problematis fit probatio etc. Amen'. 

Während also die Florentiner Hs der Gaddiana den Traktat unserm 
Autor zuzuschreiben scheint, spricht der Vatic. lat. 3065 denselben ihm ab. 
Ein Franziskaner konnte kein Artistendoktor werden. Die Anfangsworte 
weisen eher auf einen Theologen hin. Übrigens macht Petrus von der 
nominalistischen Dialektik weitgehenden Gebrauch, Er kennt ihre ein- 
schlägigen Traktate. So verweist er zu Anfang des zweiten Artikels 
der ersten Quästion zum Prolog (V 1 f. 12) auf ,Hetiberi in suo tractatu 
de scire et dubitare'. Mit Heytisbury sind wir im Brennpunkt der ein- 
schlägigen Literatur. 

Gott in gen, Univ.-Bibl., Hs Theol. 128, Papier, 416 BI., 15. Jahrh., 
305X205 mm. Kommentar zu den Sentenzen mit dem langen Explicit; 
BI. 307v— 327 vor dem dritten Buch die vier ,principia'. 

London, Britisches Museum, Hs Harleian 431, BI. 30, 33—35 ,pro 
moderne scismate tollende'. Catalogue of the Harleian Mss. I (London 
1808) 253 n. 63. — Dasselbe in Cambridge, Emmanuel College, Hs 9 
(I. 1. 9). M. Rhodes James, The Western Mss. of the library of Em- 
manuel College, Cambridge 1904, p. 9, n. 25, f. 207v .Conclusiönes Petri 
de Candia in concilio Pisano'. 

Mailand, Ambrosiana, Hs A. 123. sup.: Der Sentenzenkommentar, 

Melk, Stiftsbibliothek, in ihr fand isich nach dem Kataloge von 
1483 (Th. Gottlieb, Mittelalterliche Bibl.-Kataloge Österreichs I (Wien 1915) 
178 der Sentenzenkommentar: Hs C 22 in !■«, C 23 in S««— 4"=. Sie findet 
sich nicht im Catalogus codd. mss. bibl. Mellicensis I (Vindobonae 1889), 
der nur die Hss 1—234 verzeichnet. 

München, Staatsbibliothek, Clm. 8453, 8881, siehe unten S, 23 f, 

Münster, Paulina (Univ.-BibI,), Hs 475, 15,/16. Jahrh., BI. 43: 
,Questio Petri de Candia de peccato original!'. J. Staender, Cata- 
logus codd. mss. bibl. Paulinae, Breslau 1889, 105. .Es ist die ,quaestio 2«' 
des dritten Sentenzenbuches, die sich gedruckt findet in Alva et Astorga, 
Monumenta seraphica, Lovanii 1665, 191—211, 

Neapel, Biblioteca nazionale, Hs VII. C, 26, Papier, Folio : Der 
Sentenzenkommentar. Das erste Buch schließt: ,compIetus 1430, die 
penultima septembris'. 

Oxford, Balliol College, Hs 64, Pergament, in reicher Ausstat- 
tung, 14. Jahrh.: Sentenzenkommentar. H. Coxe, Catalogus codd. mss. 

collegiorum et aularum Oxon. I (Oxoniae 1852) 17. 

2* 



20 IL Der literarische Nachlaß. 

Ebd. Magdalen College, Hs 92, Bl, 9^, 15. Jahrh., eine kurze Notiz. 
Coxe 1. c. II 48. 

P a d u a , Antoniana, Hs 132, Papier, 170 Bl., geschrieben in Padua 
1408, Sentenzenkömmentar. t- Hs 162, Papier, 128 BL, 15. Jabrh., Kom- 
mentar zum ersten Buch. — Hs 163, Papier, 132 BL, geschrieben 1422, 
zum ersten Sentenzenbuch. L. Minciotti, Catalogo dei codd. mss. della 
bibl. di S. Antonio, Padova 1842, 51. 57; A. Josa, I cödd. mss. della 
bibl. Antoniana, Padova 1886, 68. 69. 

Paris, Bibliothöque nationale, Hs 3084, Pergament, 183 BL, Folio, 
14./15. Jahrb., der Sentenzenkomnientar anonym. — Hs Nouv. Acquis. 
1467, Fonds Cluni 54. L. Delisle, Inventaire des mss. de la Bibl. Natio- 
nale: Fonds Cluni, Paris 1884, 121. 

Ebd., Bibl. de 1' Arsenal, Hs 452, Pergament, 15. Jahrb., BL 171-186, 
Kommentar zuni dritten und vierten Buch. H. Martin, Catalogue des 
mss. de la bibL de 1' Arsenal I (Paris 1885) 302! 

Rom, Vaticana, Vatic. lat. 1081, Pergament, 289 BL, geschrieben 
1411, 39X27 mm, eine Prachthandschrift mit feinstem Miniaturschmuck, 
der lebhaft an die zwei mächtigen Bände der Bibel erinnert, welche 
Herzog Johann von Berry Klemens VII. schenkte i). Enthält Bl. 1— 2^ die 
,collatio'; Bl. 2^—9 ,Questio primi principii' ; Bl. 9^—140^ ,Expliciunt sex 
questiones. super primo sententiarum per venerandissimum magistrum 
Petrum de Candia ordinis Minorum in lectura Parisionsi disputatorie 
recitate'; Bl. 140^— .142 ieine zweite ,collatio'; BL 142—148 ,Questio se- 
cundi principii'; Bl. 148—219 ,Expliciunt tres questiones super secundo 
libro sententiarum per reverendissimum magistrum Petrum de Candia 
in lectura Parisyensi laudabiliter recitate'; Bl. 219^—220 ,Incipit coUatio'; 
Bl. 220—226 ,Questio tertii principii'; Bl. 226— 258 ^ ,Exphcit in ordine 
lecture reverendissimi fratris Petri de Candia ordinis Minorum questio 
decima <6inl'?, 3in2ni, lin3'n> super tertio sententiarum' ; BL258v— 259^ 
,Incipit coUatio'; Bl. 259v-264v ,Quarti principii questio'; BL 264 y— 289 v 
,Unica questio libri quarti'. —Es folgt Bl. 289 v das lange Explicit s. ob. S. 17f . 

Dann finden sich folgende sechs Verse: 

,Sermones tetri non sunt, quos Candida Petri 
Scripture sancte sie Parysius recitate 
Quatuor hos libros scripsit in eximios. 
Ergo hec qui cernis ea lector conde supernis 
Mentibus inflicta, quia sunt altissima dicta, • 
Sic Petrum sequeris sicque peritus eris'. 

Den Schluß bildet folgender Schreibervermerk: ,Hermannus de 
Mundo scripsit anno dominice incarnationis millesimo quadringentesimo 
undecimo mensis februarii, noctis tuno hora secunda'. — Vatic. lat. 10 496, 
Pergament, 14./15. Jahrb., 110 BL, 291X213 mm, der Sentenzenkommentar 



1) P. Durieu, La Bible du Duc Jean de Berry, in: Revue de l'Art ancienne 
et moderne 1910 (Sonderabdruck) 11 ff., wo die ganze einschlägige Literatur 
verzeichnet ist. Diese herrliche Bibel, in zwei mächtigen Bänden, bildet heute 
codd. Vatic, lat. 50. 51; vgl. Vattasso-Pranchi Cavalieri, Codd. Vatic. 
lat. I (Romae 1902) 58—63. 



1, Handschriftliche Überlieferung des Sentenzenkommentars. 21 

ohne die .principia'. Vattasso-Carusi, Bibl. Vaticanae codd. mss.: Codd, 
Vatic. lat. 10301—10700, Romae 1920, 242. — Vatic. Ottob. lat. 916, Pa_ 
pier, 262 BL, 310X200 mm, 14./15. Jahrh. (vor 1415, s. Bl. 1 unten), der 
Sentenzenkommentar ohne die ,principia'. 

Ebd., Archiv von St. Peter, Hs F. 20 nach dem von Mgr. Stor- 
naiolo zum Druck bereiteten Katalog, enthält ,Praefationes Ambro- 
sianae Petri archiepiscopi Mediolanensis, qui postea Alexander V papa 
fuit'. Montfaucon, Bibliotheca bibliothecarum mss. I (Paris 1729) 158. 
Also nicht ,in bibl. Vaticana', wie J. A. Fabricius, Bibliotheca latina ed. 
Mansi I (Patavii 1754) 59 sagt. 

Venedig, Marciana, Hs 110, Papier und Pergament, 96 Bl., soll 
in Bologna 1882 geschrieben sein. Enthält den Kommentar zum ersten 
Sentenzenbuch. Bl. 7: ,hanc Sententiarum lecturam compilatam Parisius 
in scolis fratrum Minorum anno 1379', — Hs 111, Pergament, 295 Bl., 
»completum 12 die m. f ebruarii Padove anno 94' (s, Bl. 154). Enthält den 
Kommentar zum zweiten und dritten Buch. Am Ende des dritten Buches 
das lange Explicit von 1380. J. Valentinelli, Biblioteca manuscripta ad 
S. Marci Vehetiarum II (Venetiis 1869) 70f. 

Infolge der durch den Krieg geschaffenen Zwangslage konnte 
ich zunächst nur die beiden Münchener Hss benützen, erhielt aber 
später, als sich diese als ungenügend erwiesen, von der Verwaltung der 
Amploniana in Erfurt mit gewohnter Zuvorkommenheit die Hs Fol. 94 
nach München zugesandt, wofür ich der genannten Verwaltung den 
schuldigen Dank darbringe. Außerdem standen mir noch Notizen aus 
der Neapolitaner Hs VII. C. 26 zur Verfügung. Es werden also, sobald 
es die traurige Kriegslage gestattet, weitere Hss herangezogen werden 
müssen, obgleich die aus den vier genannten Hss gewonnenen Resul- 
tate kaum in Frage gestellt werden dürften. 

Nachträglich gelang es noch, die hier gebotenen Auszüge mit der 
vatikanischen Prachthandschrift Vatic. lat. 1081 zu vergleichen, welche 
wohl als für Alexander V selbst hergestellt gelten kann. Sie wird als 
VI angeführt und die in den ausgehobenen Texten in eckige Klammern 
eingeschlossenen Stellen sind als sichere Verbesserungen oder Varianten 
ihr entnommen. Eine andere Art der Verwertung war nicht mehr tunlich. 

Die Beiziehung der Erfurter Hs erwies sich als notwendig, da die 
beiden Münchner in der trostlosen Schrift angefertigt sind, welche die 
Benützung deutscher Papierhandschriften aus ärmeren Konventen oder 
Schreiberschulen zu einer entsagungsvollen Geduldsprobe macht. Es 
läuft eben in ihnen der mit maßlosen und eigentümlichen Abkürzungen i) 
gespickte Text, ohne Rubrikation, ohne irgend ein Wort, sei es auch 
nur durch einen großen Anfangsbuchstaben, hervorzuheben, mit Ver- 
zweiflung erregender Gleichförmigkeit Seite für Seite weiter, so daß 
sich die Orientierung und die Aushebung nutzbarer Stellen sehr müh- 
sam und zeitraubend gestaltet. Es ist daher von nicht geringer Be- 

1) Es scheinen spezifisch deutsche Abkürzungen dieser Zeit und der 
scholastischen Autoren; so z. B. sc az = sie patet; a°^ = maior; v" = minor; 
go == ergo; vor vero az = minor vero patet; ::^j = esse. 



22 . IL Der literarische Nachlaß. 

deutimg, sich für ein eingehenderes Studium, wo möglich, . eine sorg- 
fältiger geschriebene und reicher ausgestattete Pergamenthandschrift , 
zu wählen. 

Cod. Amplon. Fol. 94 <£'!> der Stadtbücherei von Erfurt, eine 
gut rubrizierte Pörgamenthandschrift von 239 Blättern mit 293X203 mm, 
wurde in Köln um die Jahre 1402—1405 von Johann Gynk oder Johann 
von Roermund angefertigt, einem deutschen Schreiber, wie das wit = 
vult beweist. 

Die innere Seite des vorderen Deckels bietet uns in Händen des 
15. Jahrh. folgende Inhaltsangabe, der ich die entsprechenden Blätter- 
nummern einfüge: ,Liber librarie porteceli Erff<ort> — 240 Theologie', 
von einer andern Hand des 15. Jahrh. — Petrus de Candia super qua- 
tuor libris sentenciarum <ff. 1— 203> *). Item quatuor principia eius- 
dem <ff. 204— 226>. Item ars sermocinandi <ac coUaciones faciendi) 2). 



1) Die Anfänge der einzelnen Bücher (das erste Bl. 1, das zweite Bl. 100, 
das dritte BL 152, das vierte BL 183) s. unten S. 27 ff. Die Schlußworte sind 
folgende: Die des ersten Buches in M 1 f. 165: ,unde universaliter in similibus 
arguere ab illa de sensu composito ad illam de sensu diviso consequentia nihil 
valet. Et sie apparet, quid est ad istam rationem dicendum. Et in hoc lini- 
tur huius lecture sexta questio et primi speculatio Dei gratia cum vestra bene- 
volentia terminatur. Amen.' — Die des zweiten E f. 152: ,sicut non sequitur: 
habet contrarium a fine proprio rectitudinem, ergo habet contrarium sue nature 
corruptuni. Sic igitur patet, qualiter est ad premissum articulum dicendum et 
consequenter ad totam questionem. Et sie est finis huius secundi Sententiarum 
Deo gratias.' — Die des dritten BL 182: ,Ad illud responsum est supra in npna 
ratione, ubi dictum est, quod corporalis visio humanitatis Christi non est beati- 
tudo illa formalis, qua quietatur visiva potentia, sed potius provenit ex redun- 
dantia beatitudinis intellectualis clare, videlicet visionis et perpetue fruitionis, 
quod nobis concedat, qui eternaliter vivit et regnat. Amen. Et sie finis tertii 
PetrL' — Die des vierten BL 203^: ,Et sie nunquam habetur, quod album est 
nigrum, vel calidum frigidum, licet istam conclusionem non reputem impossi- 
bilem, ut alias me recolo dixisse; tarnen hoc bene habetur, quod ex multipli- 
catione formaliter non habetur veritas talium propositionum, licet possent 
aliter verificari. De ista materia disposüi prolixani facere mentionem; sed 
Dens vult ut requiescam a laboribus meis. Et ideo in hoc sit finis huius que- 
stionis, que est in ordine totius lecture undecima. Complectitur igitur presens 
lectura Xli™ questiones per trigintatres articulos, per viam trinarii condivisa 
ad laüäein beatissüne trinitatis. Amen. Et sie est finis huius negotii. 

CoinplBta est et lecta Parisius a venerabili magistro Petro de Candia, 
anno Domiäi M.CCC.LXXX", scripta vero per fratrem Johannem de Rure- 
munda anno Doniini M" CCCC 2°, crastino sancti Anthonil, tempore, quo Davan- 
trie viguit Studium provincie, necnon completa ibidem.' 

Es folgt ein Verzeichnis der Ehrentitel scholastischer Lehrer des 13. bis 
15. Jahrh.; s. dasselbe in: Ehrle, Die Ehrentitel der schol. Lehrer des Mittelalters, 
Sitzungsber. der Bayer. Ak. d. Wiss. Philos.-phiL u. bist. Kl. 1919. 9. Abb. S. 43 f. 

2) ,Explicit ars sermocinandi ac collationes faciendi, finita per manus 
fratris Johannis de Ruremunda, aiino Domini 1402 crastino beati Bartholomei 
apostoli hora completoriL' 

Beginnt: ,Ars sermocinandi ac coUaciones faciendi prima facie dividitur 
in Septem capitula, quarum(!) prima versatur circa thematis divisionem.' 

Endet: ,sine quo nuUa natura subsistit, nulla doctrina instruit, nuUus 



,^.,.^,^,_,,,^^,^, ';i 



.M^...^:..>^ 



'/--:. 



1. Handschriftliche Überlieferung des Sentenzenkommentars. 23 

Item Francisci de Ma<i>ronis de quatuor signis nature <ff. 236 v— 
238v>i). 

Leider weist die Hs eine Liicke auf, da die Blätter 93 bis 99 so 
ausgeschnitten sind, daß der innere Rand nur noch Reste des Textes 
aufweist. Diese Lücke entspricht M 2, ff . 213— 221 v. 

Den von alter Hand gezählten Blättern gehen sechs neuerdings 
mit lateinischen Zahlen bezeichnete vorher. Von diesen bieten Bl. 3 ^ 
bis 5 zwei vom Schreiber des Sentenzenkommentars vergessene Stücke, 
die zu BL 26v (BL HIv) und zu BL 27 (BI. IV) gehören. Am Ende 
dieses Nachtrages lesen wir von gleichalter Hand: ,Istas responsiones 
scriptor lecture, nescio quo spiritu ductus, oblitus est. Quoad Tem prihci- 
pales responsiones, quarüm responsionum rationes addticit beatus Tho- 
mas, non estimo ipsum istius fuisse intentionis <et> voluisse salvasse opi- 
nionem pref äti doctoris, quia novi hominem non f uiss;e Predicatorem, 
sed potius Minorem. Quoad 1^^ alias rationes magistri Petri Aureoli, 
quod illarum responsiones dimiserit, poterat esse causa, quia ei, quod 
absit, concludere videbantur. Sed quod principalium rationum solutiones 
non adduxerit, alia non occurrit causa, nisi quia egregie potatus, parvi- 
pendens doctrinam salutarem, finem operis gestierit. Fuit namque Friso.' 
Es zeigt sich auch hier eine gewisse Gegensätzlichkeit zwischen der 
Dominikaner- und Franziskanerschule. Außerdem wären nach dem 
Schreiber diei Friesen als starke Trinker bekannt gewesen. 

Clm. 8453 <MT> der Münchner Hof- und Staatsbibliothek, eine 
Papierhandschrift des 15, Jahrh., von 317 Blättern, mit 293X208 mm. 
Auf einem Zettelchen auf dem Rücken der Hs in einer Hand des 
18./19. Jahrh. : Monac. Augustin 153. Am selben Ort und außen auf dem 
vordem Deckel von einer Hand des 15. Jahrh. : .Questiones in 4 11. Sent.' 
Auf der Innern Seite des vordem Deckels ein gedrucktes Exlibris mit 
Bildern der Muttergottes, des hl. Johannes des Täufers und des hl. Augustin 
mit der Inschrift: ,Ad bibliothecäm conventus Monäcensis ord. Erem. 
S. P, Augustini'. Ebendaselbst auf einem zweiten Zettelchen von einer 
Hand des 17./18. Jahrh.: ,Quaestiones super libros Sententiarum n. 36'. 
Auf BL 1 oben von einer Hand derselben Zeit ,n. 36'. Ferner eben- 
daselbst am untern Rand von einer Hand des 15./16. Jahrh.: ,Iste liber 



usus expedit; quo habito habetur integrale bon um in vita, scilicet felicitatis 
eterne, quam nobis concedat* etc. 

1) Bl. 236^: jlsta sunt quatuor signa nature magistri Francisci de Maronis 
ordiriis Fratrum Minorum.' 

Beginnt (im Text vorher vier Zirkel mit Inschriften): ,Primum Signum 
quidditativum, quod est entis sive prima quiditas id est entitas, habet passiones.' 

Endet: ,De 7" dico' quod aliqua distingui ex natura l*ei, quecunque distin- 
guuntur circumscripta omni operatione intellectus negotiaütis.' 

jExpliciunt quatuor signa nature magistri Francisci de Maronis ord. Min. 
Scripte per fratrem Jo. Gynk, anno 2» stud<ii> CoIon<iensis>.* 

Es folgt noch eine und eine halbe Kolonne der ,ars dicendi' ohne Hinweis 
auf die Lücke. Beginnt: ,Preterea diligenter considerari oportet propter pre- 
cedentium intelligentiam, quod quatuor sunt modi dicendi' und endet: ,ploran8 
plorat, loquens loquitur etc. de consimilibus'. 



24 II. Der literarische Nachlaß. 

est conventus fratrum Erem. S. Augustini ep. in Monaco'. Von anderer 
Hand darunter mit Bleistift: ,N. 1051'; 

Bl. 1 ^as erste Sentenzenbuch, BI. 168 das zweite, Bi. 247 das 
dritte, BI. 291 das vierte. Die alte Blattzählung springt von, Bl. 5 auf 8. 
Der Name des Verfassers fehlt, Bl. 165 v findet sich nur: .Expliciunt 
sex questiones super primo sententiarum per venerabilem fratrem'. 
Es folgt das Verzeichnis der Quästionen zum ersten Buch. , . 

Die Hs ist unvollständig und reicht nur bis Bl. 198'' von E 1, bis 
Bl. 240y von M2. Sie endet Bl, 317 ^ im zweiten articulus in der con- 
clusio quinta mit den Worten: ,Species in quibus corpus Christi realiter 
continetur, transmutationi locali possibiliter subiecti'. 

C Im. 8881 <M2y derselben Bibliothek, eine Papierhandschrift, die 
im Jahre 1393 am 18, Februar in Wien vollendet wurde, von 248 Blättern 
mit 298X213 mm. 

Bl. 1 das erste Sentenzenbuch, Bl. 117 das zweite, Bl. 189 das 
dritte, Bl. 220 das vierte. Bl. 248 Verzeichnis der Quästionen und Artikel 
des ersten und zweiten Buches. Bl. 219 v von derselben Hand: .ExpUcit 
S"» über venerabilis doctoris Petri de Candia super d^ Sententiarum'. 

BL 247 V von derselben Hand: ,Explicit lectura super quartum Sen- 
tentiarum magistri Petri de Candia anno Domini 1393 feria tertia proxime 
ante festum beati Petri ad Kathedram, scripta in studio Wyenensi'. 

Auf der Innern Seite des hintern Holzdeckels oben: ,. ..Bmich (?) 
Tachah student<is> tunc ibidem, scilicet (?) anno Domini 1393'. — Auf 
dem Rücken .De Candia Petri lectura super IV lib. Senf von einer Hand 
des 17./18, Jahrh. Auf einem Zettelchen: ,Monac. Francisc. 181', Hand 
des 18,/19. Jahrh. Auf der äußern Seite des vordern Deckels von einer 
Hand des 15. Jahrh. : ,Lectura Petri de Candia super 4'"' li. Sententiarum A.' 

2. Das Verzeichnis der Quästionen und ArtUcel des 

Kommentars. 

Es folgt zunächst das Verzeichnis der im Sentenzenkom- 
mentar behandelten Fragen. Die Kommentare im 13. Jahrhundert 
halten sich zwarnoch durchgängig an den Text des Lombarden und 
schieben nur wenige neue oder anders gefaßte Fragen ein, so 
daß man durch den Gang und Text der Sentenzenbücher über 
den Inhalt der Kommentare meistens hinreichend orientiert ist. 
Dagegen gestaltet sich im 14. Jahrhundert der Zusammenhang 
zwischen dem Texte des Lombarden und seinen Kommentaren 
allmählich immer loser und freier. Gar bald sind die vorgeb- 
lichen Kommentare nur ausgewälte Fragen zu den in den Sen- 
tenzenbüchern behandelten Stoffen, wobei die Fragen nach der 
Stoffverteilung dieser Bücher geordnet sind. Um daher die, wie 
ich bereits früher^) hervorgehoben habe, uns vor allem not- 
wendige Übersicht des uns noch erhaltenen, unedierten Stoffes. 

1) Ehrle, Thomas de Sutton. Festschrift Georg von Hertling, Kempten u. 
München 1913, 17. Ders., Das Studium der Hss der mittelalt. Schol. Zeitschr. f. 
kath. Theol. VII (1883) 49. 



2. Verzeichnis der Quästionen und Artikel des Kommentars. 25 

ZU ermöglichen, wird es sich empfehlen, auch Verzeichnisse der 
in den Sentenzenkommentaren vom Ende des 13. Jahrhunderts 
und nach demselben behandelten Fragen zu veröffentlichen, wie 
ich es für die Quodlibeta und quaestiones disputatae vorschlug 
und Wjie es Daniels, in ganz richtiger Erkenntnis der Sachlage 
für Wilhelms von Ware Kommentar bereits getan hat 0. Es läßt 
sich eben aus den Sentenzenbüchern der in diesen Kommentaren 
behandelte , Stoff nicht erschließen. 

Schon im 13. Jahrhundert können wir bei den anonymen 
Quästionen, welche sich in den Hss, zumal infolge der un- 
bedachtsamen Beseitigung der alten Einbände^), in beträcht- 
licher Zahl finden, nicht selten aus der Fragestellung allein 
annähernd die Abfassungszeit bestimmen. Es wurden eben in ge- 
wissen Zeiten gewisse Stoffe und Fragen, welche der in den Schulen 
herrschenden Mode entsprachen, mit Vorliebe erörtert, in ähn- 
licher Weise lassen sich zumal im 14. Jahrhundert aus der Fas- 
sung der Fragen die Sentenzenkommentare datieren. Halten wir 
zum Beispiel die Fragen Wilhelms von Ware mit denen Peters 
von Candia zusammen, so erkennen wir auf den ersten Blick in 
ersteren die goldene Zeit der Hochscholastik und in letzteren 
den ausgeprägten Typus der durch den Nominalismus beein- 
flußten Periode des ausgehenden 14. Jahrhunderts. Dort die 
klare, ruhige, sachliche Fassung der Fragen, die ohne unsach- 
liche Nebenabsichten in den Kern des vorliegenden Stoffes ein- 
zudringen sucht; hier etwas Gesuchtes, Zugespitztes, Gespreiztes, 
eine Häufung schwer verständlicher Ausdrücke, ein Abgehen 
von der üblichen Terminologie, ohne zwingende Notwendigkeit. 
Wir finden uns eben inmitten der nominalistischen Periode, zu 
deren charakteristischen Merkmalen das überwuchern des bis 
zu ungesunden Spitzfindigkeiten getriebenen, philosophischen Ver- 
arbeitung des theologischen Lehrstoffes gehört. Und doch müssen 
wir, so viel ich bis jetzt sehe, Petrus als einen relativ gemä- 
ßigten Vertreter dieser Richtung bezeichnen, wie uns die unten 
folgenden Auszüge dartun werden. 

Diese ungünstige Beurteilung muß möglicherweise durch 
Beibringung mildernder Umstände eine gewisse Abschwächung 
erfahren, weshalb es ratsam sein wird, in dem endgültigen Urteil 
über die Entwickelung der Sentenzenkommentare im 14. Jahr- 
hundert eine gewisse Zurückhaltung walten zu lassen. Es fehlt 
uns eben, wenn ich nicht irre, die erforderliche Kenntnis eines 
für die Voruntersuchung nicht unwichtigen Faktors. Es fehlt 
uns eine völlig klare und sichere Antwort auf die Frage: 

1) FS IV (1917) 230 IL «) Ehrle, Das Studium der Hss 24 ff. 



,26 II. Der literarische Nachlaß. 

für wen waren diese Kommentare bestimmt? Sind es für An- 
fänger abgefaßte Schulvorlesungen oder sind es Probevorlesungen 
erprobter Lehrer, welche sich vor ergrauten Magistern um" die 
Doktorwürde bewerben. In ersterem Falle müssen wir ein stufen- 
weises, systematisches Fortschreiten des Unterrichts von den 
bereits erklärten Materien zu neuen Stoffen und einen engen 
Anschluß an das auf einen solchen Lehrgang berechnete Text- 
buch des Lombarden voraussetzen, das statutengemäß erklärt 
und beigebrächt werden mußte. In letzterem Fall dagegen mußte 
der Kommentierende zeigen, daß er die ganze Fülle theologischen 
Wissens besaß, welche zum Doktorat erforderlich war. 

Während nun die älteren uns erhaltenen Sentenzenkommentare 
mehr den Typus von Schulyorlesungen haben, stellen sich manche 
der späteren durchaus als Probevorlesungen dar. Nehmen wir 
z. B. den Kommentar Peters von Candia ojier seines Zeitgenossen 
Johann von Basel, so finden wir bereits in der ersteh Quästion 
zum Prolog des Lombarden einen guten Teil des Stoffes nicht 
nur vom Ende des ersten, sondern fast von sämtlichen vier 
Büchern vor. Mit souveräner Beherrschung werden alle diese 
Stoffe vorgetragen, allenthalben zielt deren Behandlung nicht 
auf Schulbetrieb, sondern auf wissenschaftliche Forschung ab. 
Der Vortragende denkt offenbar nicht an Anfänger, sondern an 
seine Fachgenossen, mit denen er in regem und scharfem Wett- 
bewerb sich um Erschließung neuer Gesichtspunkte, Fragestel- 
lungen und Lösungsversuche abmüht. Er steht an der Peripherie 
des durch die Forschung Erreichten und strebt nach Neuland. 

Um den zwischen diesen beiden Typen von Sentenzen- 
kommentaren stufenweise erfolgten Übergang zu verstehen und 
richtig zu werten, müßten wir vor allem ein klares Bild von dem 
Studiengang und Schulbetrieb der alten Artisten- und Theologen- 
Fakultäten zu gewinnen suchen. Seit dem ersten ernstlicheren 
Versuche Thurots hat zwar das Pariser Chartular Denifles und 
Chatelains uns aus der Zentralstelle dieser Studien reiche Mate- 
rialien geboten. Aber leider herrschte auch an dieser Stelle der 
für unsere geschichtliche Forschungen fatale Gebrauch, daß das 
Tägliche und Gewohnte als allgemein bekannt vorausgesetzt wird. 
Daher bedarf es zu Mitteilungen über dieses für uns Begehrens- 
werteste eines äußern Anstoßes, eines Streites oder Prozesses. 
Wir erhalten also nur bruchstückartige Mitteilungen, zwischen 
denen allenthalben die bedauerlichsten Lücken klaffen. Bei dieser 
Überlieferungsart liegt für nicht fachmännisch gebildete Arbeiter 
die Gefahr nahe, daß sie die verschiedenen Zeiteja und Lagen 
angehörigen Bruchstücke zu einem einheitlichen Bilde vereinigen, 



2. Verzeichnis der Qüästioneh und Artikel des Kommentars. 27 

welches natürlich für keine Zeit der Wahrheit entspricht. In 
betreff dieser Gesamtbilder sehr skeptisch geworden, möchte 
ich zunächst sehen, was sich mit Hilfe der Statuten der theolo- 
gischen Fakultät von Bologna von 1362 und anderer gleichzei- 
tiger Materialien erreichen läßt. Die Bologneser Statuten, welche 
sich durch Ausführlichkeit auszeichnen, sind im Druck. Sie werden 
in der Sammlung der Reale Commissione per la storia dell' Uni- 
versitä di Bologna erscheinen. 

Ich füge dem hier nun folgenden Verzeichnis sämtlicher 
im Sentenzenkommentar erörterten Fragen die nötigen Hinweise 
auf die drei von mir benützten Handschriften an. 

Sehr gern hätte ich dem Verzeichnis drei Artikel des Kom- 
mentars in vollem Abdruck angefügt. Durch sie hätte sich uns 
Petrus selbst vorgestellt, seine wissenschaftliche Art, Sprache, 
Lehrmethode so klar und anschaulich, wie es eine beschreibende 
Schilderung nicht leisten kann. Hierfür wären die drei Artikel 
der dritten Quästion des zweiten Sentenzenbuches besonders ge- 
eignet. Es werden in ihnen grundlegende Fragen der Psychologie 
und Erkenntnislehre in einer Weise behandelt, daß uns nicht 
nur die Lehrmeinungen des Autors, sondern auch die seiner 
skotistischen und nominalistischen Umwelt vorgelegt werden. 
Doch mußte ich leider dies Vorhaben aufgeben, da die drei mir 
zur Verfügung stehenden Handschriften zur Herstellung eines hin- 
reichend lesbaren Textes nicht genügten. Ich hielt es zu gewagt, 
ohne genügende Einsichtnahme in die; italienischen und fran- 
zösischen Handschriften diesen Aufwand an Arbeit, Zeit und 
Druckraum zu machen. Die Mitteilung und Kommentierung der 
drei Artikel würde ein lohnendes Arbeitsthema bilden. 

<1> Circa prologum in quo communiter querunt doctores de ha- 
bitu per Studium theologicum acquisito quero istam questionem: utrum 
Intellectus viatoris per exercitium theologicum acquirat evidentem noti- 
tiam de credibilibus; Ef.l, Mlf.l, M2f.l. 

Primus articulus: utrum habitus theologie sit tantum credit<iv>us 
vel probabUis in studente. LI. dt. 

Secundus articulus: utrum in intellectu studentis theologie fides 
et scientia possunt simul existere in eodem subiecto subiective. Ef.3, 
Mlf.3^, M2f.2. 

Tertius articulus: utrum studenti theologie, utviator est, repugnat 
cognitio scientifica <credibilium veritatum). Ef.6^), M2f. 5. 

<2> Circa primam distinctionem, in qua communiter querunt 
doctores de frui et uti, quero istam questionem: utrum sola natura uni- 
versaliter et completive perfecta sit obiectum talis fruitionis <totaliter 
quietantis>. E flO, MJ fll v, M2 f, 9. 

1) In M 1 fehlen Bl. 6. 7. 



28 IL Der literarische Nachlaß. 

Primus articulus: utrum dilectio alicuius <limitate> substantie 
possit affectum volitive create totaliter satiare. Et. 10, Ml f. 12, M 2 f. 9«; 

Secundus articulus: utrum eternis relationibus possit correspon- 
dere formaliter a divina essentia distincta ratio fruitiva. E f. 13, M 1 f. 15 2, 
M2f.l2. ■ 

T er tius articulus: utrum voluntas creata respectu fruitionis elicite 
Sit a suprema substantia necessitabilis obiective. E f. 20, M l f. 25, M2f. IT^. 

<3> Tertia questio ad videndum <clarius> essentie divine perfec- 
tionem sitista: utrum alicui rationi, cui entitatis conditio inest intrinsece, 
correspondeat formaliter omniura perfectionum essentialium plenitudo. 
E f. 27, Ml f. 34^, M 2 f. 25. 

Primus articulus: utrum sit naturaliter demonstrabile quamlibet 
conditionem primitatis simpliciter alicui enti per rationem propriam 
convenire. E f. 27^, Ml f. 35. 

Secundus articulus: utrum entitati, cui primitas correspondet 
intrinsece, repugnet formaliter quiditatum <quidditatis> multiplicatio nu- 
meralis. Er.32'«^), M2f.30v. 

Ter tius articulus: utrum infinitatis positiva conditio sit evidenter 
demonstrabilis de qualibet entis primaria ratione. Ef. 37, Ml f. 48^, M2f. 35. 

<4> Questio ad presens pertractanda est hec in forma: utrum 
simplicitati divine substantie sit intrinsece compossibilis qualiscunque 
distinctarum rationum realium multitudo, E f. 41 2), M2f. 37'". 

<Primus articulus erit iste> utrum supremo rerum principio corre- 
spondeat in esse proprio fecunditas productiva. LI. dt. 

Secundus articulus erat iste: utrum productorum in divinis 
realis distinctio sit absoluta penitus vel simpliciter relativa. Ef.49^, 
Ml f. 68^, M2f.4lv. 

Ter tius articulus erat iste: utrum divine substantie ex natura 
rei formaliter correspondeat pluralitas attributalium rationum. Ef53^, 
Mir. 74^, M2 f. 52. 

<5> Questio ad presens pertractanda proponitur sub hac forma: 
utrum creatura rationalis sive create sive increate caritatis presentia, 
possit ad beatificum premium acceptari. E f. 57, Mir. 81, M2f.57. 

Primus articulus erit iste: utrum Caritas immensa formaliter 
possit esse formalis caritativa dilectio creature. 

Secundus articulus erat iste : utrum <co>existentia caritatis create 
Sit necessaria viatori ad recte agere potentie volitive, Ef. 61^^), M2f. 63. 

Tertius articulus erat iste: utrum Caritas limitata realiter sit qua- 
litas suscipiens magis vel minus intensive. Ef.ßS'", Ml f. 96^, M 2 f. 67^; 

<6> Questio ad presens pertractanda est ista: utrum divina essen- 
tia habeat distinctam notitiam cuiuslibet gradus possibiliter vel realiter 
existentis. E f. 72 ^), M 2 f. 79-". 

Primus articulus erat iste: utrum divina essentia sit tantummodo 
secundum rationem essentialem cuiuslibet entis realis vel possibilis ratio 
formaliter cognitiva. 



1) In Mt 1 fehlen BI. 41. 42 und damit der Anlang von Art. 2. 

2) In M 1 fehlen BI. 65. 66. s) in m 1 fehlen BI. 89. 90. 
4) In M 1 fehlen BI. 101. 102. 



ö, Verzeichnis der QuHstioneü und Artikel des Kommentai?S. 29 

Secundus articulus erat iste: utrum intellectiva divine substantie 
habeat distinctam et infallibilem notitlam futurorum contingentium. 
E f. 79^, M 1 f. 132, M2f.94^. 

Tertius articulus erat: utrum Del eterna prescientia volitivam 
creatam necessitet ad proprium actum producendum. Ef. 90^, Ml f. 155, M2 f. 

<1> Circa materiam secundi Sententiarum, in quo communiter 
doctores querunt de magnitudine divine potentie secundum <rationem 
causaliter effectivam>, quero istam questionem: utrum immensitas di- 
vine potentie ad plura se valeat extendere causaliter effective quam 
limitata intellectualis substantia possit capere cognitive. <£' f. looy, 
Ml f. 168, M 2 f. 117. 

Primus articulus est: utrum ab immensa deitatis potentia sit effec- 
tive <derivabilis> aliqua species simpliciter infinita. LI c. 

Secundus articulus erat iste: utrum immensa deitatis omnipo- 
tentia possit quodlibet accidens absolvere a qualibet dependentia sub- 
iectiva. E f. 110, M 1 f. 187, M 2 f. 134. 

Tertius : articulus erat ille: utrum aliqua quidditas essentialiter a 
Deo distincta poterit eternaliter a deitatis omnipotentia produci <causa- 
liter> effective. Ef. 113^, Ml f. 191, M 2 f. 138. 

<2> Queritur secundo circa secundum sententiarum: utrum que- 
libet intellectualis natura certis circumscripta limitibus corporum ext<rin- 
secis> passionibus naturalibus sit subiecta. Ef. 120^, Ml f. 201, M2f. 145^. 

Tres articuli pertractandi, quorum primus iuxta materiam primi 
argumenti erit iste: utrum quelibet creatura spiritualis ad sui existen- 
tiam requirat aliquod receptaculum corporale. E f. 121, Ml f. 201'", M2 f. 146^ 

Secundus articulus est iste: utrum quelibet limitata intellectualis 
substantia possit mo veri realiter per aliquod spatium successive. E f. 124 ^' 
Ml f. 208, M 2 f. 150. 

Tertius articulus erat iste: utrum mensuris temporalibus nature 
intellectualis permanentia partibiliter mensuretur. Ef. 131^, Ml f. 217, 
M 2 f. 158. 

<3> Questio tertia est ista: utrum forma reponens hominem in 
esse specifico sit intellectualis entitas incorporalis per naturam. E f. 135" i), 
M2f 163. 

Primus articulus erit iste: utrum forma reponens hominem in 
esse specifico sit de potentia materie ad esse deducta. E f. 136, M2f. 163. 

Secundus articulus erat iste: utrum forma reponens hominem 
in esse specifico sit per species a corruptibilibus causatas cuiuscunque 
ab ea cognoscibilis cognitiva. E f. 140, Ml f. 227, M2f. 168. 

Tertius articulus erat ille: utrum forma reponens hominem in 
esse specifico habeat positivum contrarium vel formaliter privativum. 
Ef. 149, Ml f. 239, M 2 f. 1^9. 

<1> Circa materiam tercii libri Sententiarum, in quo commu- 
niter querunt doctores de incarnationis misterio quero istam questionem : 
utrum ineffabile Dei Verbum naturam passibilem assumpsit de Virgine 



1) In M 1 fehlen BI. 222. 223. 



30 IL Der literarische Nachlaß. 

propter liberationem humani generis a dyabolica potestate. E f. 152, 
Ml f. 247, M 2 f. 189. 

Primus articulus erit iste: utrum Verbum aeterni Patris potuerit 
in unitatem suppositalem assumere naturam certis limitibus circum- 
scriptam. E f. 152^, M l f. 247^, M 2 f. 189. 

S ecun du s articulus declarandus est iste: utrum earo, ex qua 
forniatum corpus Cliristi fidelitur creditur, fuerit aliquando sordibus ori- 
ginälis criminis deturpata. Ef. 167, Ml f. 266, M 2 f. 203^. 

Seqüitur tertius articulus: utrum beätissime incarnationis ultima 
ratio et precisa fuerit humani generis relevatio ad pristinam dignitatem. 
E f. 176, M 1 f. 281, M 2 f. 214. 

<1> Circa materiam quarti sententiarum quero istam questio- 
nein : utrum eukaristia sit sacramentum ex institutione divina corpus 
et sanguinem <Christi> signans veraciter sub speciebus panis et vini 
realiter contineri. E f. 183'», Ml f. 291^, M 2 f. 220. 

Primus articulus erit iste: utrum aliqua forma verborum fuerit 
a Christo instituta, cuius efficacia substantia panis et vini in substantiam 
corporis et sanguinis Christi totaliter convertatur. E f. 183^. 

S ecun du s articulus erat iste: utrum corpus dominicum sub spe- 
ciebus panis et vini realiter contineatur secundum quamlibet condi- 
tionem proprie quantitatis, E f. 191, Ml f. 305, M 2 f. 230. 

Tertius articulus erat iste: utrum corpus dominicum virtute sacra- 
mentalis efficacie relinquat locum, quem occupat in celestium regione. 
Ef.201^, M 2 f. 246. 

3. Die didaktische Technik und Gliederung 
des Sentenzenkommentars. 

Es dürfte sich lohnen, die Gliederung und den Aufbau der 
einzelnen Quästionen und Artikel unseres Kommentars zu be- 
achten und zu kennzeichnen. Es gehört dies zur Vervollstän- 
digung des Bildes, welches wir von der Eigenart des Autors und 
seiner Zeit geben wollen. Die mit dem 14. Jahrhundert ein- 
setzende rasche Fortentwicklung und Vervielfachung der Auf- 
fassungen und Fragestellungen mußte doch wohl auch den Schul- 
betrieb beeinflussen und den neuen Aufgaben gemäß umgestalten. 
Es muß daher die genauere Kenntnis der Lehrmethode bei allen 
literargeschichtlichen Untersuchungen von Belang sein, in welchen 
namenlose Schriften bestimmten Autoren, Zeiten oder Schulen 
zuzuteilen sind. 

Über den Ursprung der scholastischen Lehr- und Disputier- 
raethode wurden neuerdings ergebnisreiche Erörterungen geführt 0. 

1) M. Grabmann, Geschichte der scholastischen Methode II (Freiburg 1911) 
213— 221. 518 f. 554.558.560; B.Geyer, in: Theologische Revue XV (1916) 262; 
Ders. , Peter Abaelards philosophische Schriften, in: Beiträge zur Geschichte 
der Philosophie des M.-A. XXI 1, Münster 1919, p. VI H. 



S. Die didaktische Tecimik und Gliederung des Sentenzenkommentars. 31 

Aus ihnen dürfte §ich Jim wesentlichen wohl ergeben haben, daß 
die eigentlichen Lebenskeime dieser Methode in der ,Logica nova' 
(Analytica, Topica, Elenchi) lagen, deren Kenntnis sich in der 
ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts im westlichen Europa 
auszubreiten begann. Es ist nun ein unbestreitbares Verdienst 
Abaelards, dem die ,Neue Logik' nicht unbekannt war % daß er 
die in ihr gegebenen Anregungen mit dem ihm eigenen Scharf- 
sinn \ind feinen Verständnis für die wissenschaftlichen Bedürf- 
nisse und Aufgaben seiner Zeit in scharf gefaßte Forschungsregeln 
umformte, welche auf seine Umwelt einen nachhaltigen Einfluß 
ausübten. Trotzdem geht es niöht an, alles was in der Folge 
an Materialsammlung und kritischer Verarbeitung von Theologen 
und Kanonisten geleistet wurde, Abaelards ,Sic et Non' zuzu- 
schreiben. Wie er, so schöpften auch seine Nachfolger unmittelbar 
aus der ,Logica nova', ohne sie auszuschöpfen. Sie blieb also 
doch immer die eigentlichste Quelle der ,scholastischen Methode'. 

Letztere finden wir bereits am Anfange des 13. Jahrhunderts 
als Lehrmethode bei Robert Gour^on und Präpositinus^), als 
Disputiermethode bei Simon von Tournai im wesentlichen aus- 
gebildet^). Wenn wir daher im folgenden die didaktische Technik 
der Summe des hl. Thomas als Anknüpfungs- und Vergleichs- 
punkt wählen, so wollen wir ihr hiermit in dem Entwickelungs- 
prozeß der scholastischen Methode keine besonders einschneidende 
Bedeutung beilegen; wir tun es vielmehr, um von der bekann- 
testen und am unverbrüchlichsten durchgeführten auszugehen. 

Der Aufbau der einzelnen Artikel des Aquinaten umfaßt: 
Die Fragestellung (Quaeritur). Die Antwort beginnt mit einer 
Bekämpfung der vom Heiligen beabsichtigten Entscheidung (Vi- 
detur quod). An dritter Stelle folgen einige Gründe für diese 
, Entscheidung (Sed contra) ; an vierter die eigentliche Beantwortung 
der Frage (Respondeo dicendum quod) mit deren genauerer Fas- 
sung, Erläuterung und Begründung. Den Schluß bildet die Lösung 
der eingangs vorgebrachten Einwendungen (Ad primum . . .). 

Wie Thomas so zerteilt auch Peter von Candia jede Quä- 
stiori in mehrere Artikel. Es zerfällt bei ihm jeder umfassendere 
Fragenkomplex in drei Teilfragen. Hieraus ergibt sich, daß die 
Gestaltung jedes ersten Artikels von der des zweiten und des 
dritten verschieden ist. Es wird eben im ersten die Gliederung 
der Quästion in drei Artikel dargelegt und begründet. 

Machen wir uns zunächst mit dem Aufbau eines solchen 



1) B. Geyer, Die alten lateinischen Übersetzungen der aristotelischen 
Analytik, Topik u. Elenchik, in: Philosophisches Jahrbuch XXX (1917) 31—40. 

2) M. Grabmann ebd. II 495. 558 ff. 220. ^) Ebd. II 543 f. 



32 li. Der Üterarische Nachlaß. 

ersten Artikels bekannt und wählen wir hierfür den ersten 
Artikel der ersten Quästion. 

Nach der oben S. 27 mitgeteilten ersten Quästion beginnt die Er- 
örterung mit drei, gegen die beabsichtigte Lösung gerichteten Gründen 
<media> Bl. 1: ,Et arguo quod non, tribus mediis; et primo sie: ex nullis 
propositionibus probabüibus vel simpliciter creditis acquiritur evidens 
notitia; sed totum theologicum exercitium est circa probabilia vel sim- 
pliciter credita; ergo questio est falsa. 

Patet consequentia et maior declaratur. Quoniam ex probabüibus 
causatur opinio et ex credibilibus fides; sed tam fides quam opinio 
sunt habitus inevidentes, aliter habentes opiniones vel credulitatem de 
conclusionibus contradictoriis haberent notitias evidentes, quod videtur 
falsum; ergo maior est vera. 

' Sed minor probatur sie . . .' — Es folgen hierauf noch die zwei 
weiteren, oben angekündigten ,media', welche mit .Preterea et se- 
cundo . . . et tertio' eingeführt werden. Dann: ,Ad oppositum et pro 
veritate questionis arguo tantum uno medio. — Omnis habitus intellec- 
tuaUs est sapientia vel inteUectus, scientia vel prudentia, ars, fides vel 
opinio; sed constat quod per exercitium theologicum aliquis habitus ac- 
quiritur, aliter esset Studium otiosum; et non fides, quia eque bene habe- 
tur sine tali studio, ut patet de vetulis et simplicibus Christianis; nee 
opiinio, cum includat formidinem; nee ars . . .' 

Es folgt nun: ,Pro decisione istius questionis iuxta materiam 
<trium> argumentorum ad oppositum questionis adductorum tres erunt 
articuli pertractandi, quorum primus iuxta materiam primiargumenti: 
utrum . . .' Es folgen die drei oben S. 27 mitgeteilten Fragen. 

Hierauf beginnt die Behandlung des ersten Artikels im be- 
sondern: ,Pro declaratione primi articuli primo premittam quo- 
rumdam dpctorum opiniones .<:?^>, secundo eliciam seu conflabo posi- 
tionem meam per certas conclusiones.' 

Quantum ad primum est advertendum, quod dominus Petrus 
Aureoli scripto suo primo super Sententias, questione prima prologi 
articulo secundo sententiaUter sie argumentatur . . . <^^ ö> Ulterius est 
Gregorius de Arimino, qui dicit quatuor . . . Alii dixerunt quod habebant 
rationem scientie subalterne, ut beatus Thomas ... Alii quod est tan- 
tum notitia conclusionum . . . <2> Obmissis igitur opinionibus istorum 
doctorum, qui mihi in <certis> suis dictis non placent, venio ad id, quod 
mihi videtur magis consonum veritati et prout potest coUegi ex dictis 
Doctoris subtiUs in 3» Sententiarum dist. 24 et venerabilis Inceptoris 
Ockam quest. 7« prologi, inter omnes mediandp pro <questionis> decla- 
ratione Septem pono conclusiones. Prima est hec ... 

Nach den sieben Folgerungen werden zunächst vier kurze .con- 
clusiones correlative' <eorrelarie> und hierauf gegen die sechste und 
siebte zwei Einwendungen vorgebracht und letztere gelöst. 

Im Unterschied von diesem ersten beginnt der zweite Artikel 
nach dem oben S. 27 mitgeteilten Wortlaut, Bl. 3: ,Pro cuius decla- 



ä. Die didaktische Teclmlk und Gliederung des ^entenzenkommentars. 33 

rationeij pono quasdam distinctiones, 2P subiungam preambulas con- 
clusiones; 3» addam declarativas articuli propositiones et 4o adducam 
certas obiectiones/ 

,Prlmo ergo premitto quasdam distinctiones <necessaria8 ad intel- 
ligeritiam dicendorum>. Prima est, quod scientia triplieiter solet ab 
auctoribüs accipi, scilicet adhesive, coüätive <collective> et demonstra- 
tive . . .' Bl. 3^: ,Hiis duobus modis premissis iuxta tertium modum 
scientie erit nostra consideratio prefigenda. — Pro quo advertendum, 
quod communiter doctorum opiniones sunt, quod fides et scientia re- 
spectu eiusdem non se compatiuntur sie videlicet, quod nee actus est 
actui compossibilis nee habitus habitui, ut videtur velle Doctor subtilis 
30 Sententiarum dist. 24. Alii vero dicunt, quod licet actus actui non 
Sit composibilis, tamen habitus habitui et actus unlus cum habitu alte- 
rlus compossibilis absolute, cuius opinionis videtur fuisse Gregorius de 
Arimino 2 questione sui prologi articulo 2.; alii vero quod nullum Sim- 
plex est alteri composibile concedunt absque distinctione, ut wlt Doctor 
subtilis 30 Sententiarum dist. 24. 

Sed quidquid sit de istis opinionibus, sine preiudicio melioris seh- 
tentie, videtur mihi quoad aliquid dicendum aliter; et ideo sie procedam: 
quatuor conclusiönes preambulas premittam, 2» subiungam quinque 
conclusiones materie declarativas et 3P adducam aliquas in contrarium 
rationes pro pleniori notitia veritatis. — Sit ergo prima conclusio . . ,' 

Bl. 4: ,Ex quibus conclusionlbus sequitur, quod universaliter <na- 
turaliter> quilibet actus vitalis ad suam potentiam triplici habitudine 
comparatur, scilicet productionis, inforraationis et vitalis immutationis, 
que tamen sunt ab invicem separabiles de Dei potentia absoluta. — 
Hiis premissis pono quinque conclusiones materie declarativas, 
quarum prima est hec . . .' 

Nach diesen fünf Folgerungen oder Sätzen folgt Bl. 5^: ,Cöntra 
secundam, tertiam, quartam conclusiones, ut veritas magis pateat, arguo 
sie, quia similem tangunt materiam: quecunque sie se habent . . .' Es 
folgen drei Einwendungen und deren Lösung. 

Ich lasse nun noch aus dem zweiten Sentenzenbuch den 
Aufbau eines weiteren ersten Artikels und zwar den der dritten 
Quästion folgen, -r- Nach dem oben S.,29 mitgeteilten Wortlaut dieser 
Quästion beginnt dife- iit*i|rterung Bl. 135 v; ,Et quod non, arguitur tribus 
mediis. Primo sic!^^Ilä forma de potentia materie ad esse deducta . . .' 
Es sind drei Einwendungen gegen die beabsichtigte Lösung. 

Hierauf: ,In oppositum et pro veritate questionis arguo unico 
medio. Quodlibet a materia separatum est incorruptibile per naturam . . ,' 

Sodann Bl. 136: ,Pro decisione questionis iuxta materiam trium 
argumentorum in questionis oppositum adductörum, tres erunt articuli . 
pertractandi, quorum primus iuxta materiam primi argumenti erit iste.' 
Es folgen die oben S. 29 mitgeteilten drei Artikel. 

Die Erörterung des ersten Artikels beginnt: ,Pro declaratione 

^) Hier und im Folgenden weist V 1 Abweichungen auf. 
Franzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrl e, Der Sentenzenkommentar Peters %'on Candia. 3 



34 IL Der literarische Nachlaß. 

priini articuli sie procedam: primo opinionem Commentatoris circa 
premissum articulum cum suis coloribus . recitabo. Secuüdo sua positio 
impugnabitur per probabiles rationes. Tertio modus exprimetur intelli- 
gendi materiam iuxta theologicam disciplinam. Et quarto Commenta- 
toris motiva finaliter dissolventur. Ex quibus apparebit clarius, quid de 
prefato articulo sit dicendum. Pro primi ergo declaratione, prout 
exvariisdictisCommentatorispossumJperpendere, sex colligo conclu- 
siones suum propositum declarantes, quarum prima sit ista: Substantia 
intellectualis non potest uniri corporijper modum aliquem mixtionis . . .' 

Nach diesen seclis conclusiones folgt Bl. 136v: ,Ex qua sequitur 
correlative secundum istam viam pars articuli affirmativa, videlicet 
ultima forma reponens hominem in esse specifico est de potentia materie 
ad esse deducta. Pro cuius intentione habenda est advertentium, quod 
homo differt secundum <eum> a brutis animalibus per virtutem cogita- 
tivam, que in aliis animalibus vocatur estimativa . . .' Nach dieser Dar- 
legung folgt Bl. 337 der zweite Teil: 

.Contra premissam Commentatoris opinionem arguitur 
multipliciter, et principaliter contra duo, que sunt opinionis radicalia 
motiva, quorum primum existit, quod <cogitativa>, loco cuius in aliis 
animalibus existit estimativa, in nobisest ultima forma nos reponens 
in esse specifico; secundum vero quod intellectus possibilis nobis con- 
iungitur mediantibus nostris fantasmatibus, quando fantasmata lumine 
intellectus agentis irradiantur vel irradiata fiunt actu intelligibilia. — 
Contra primum arguitur . . .' Es werden nun zwölf Gründe gegen die 
Ansicht des Averroes vorgelegt, darunter der fünfte mit Einwendungen 
und Widerlegungen. . 

Hierauf Bl. 138 v; ,Hiis ergo ignorantie nebulis effugatis superest 
ostendere, quid de premisso articulo secundum veritatem finaliter 
sit tenendum. Pro cuius declaratione decem pono conclusiones, 
quarum prima sit ista: unio forme ad materiam non est unio consurgens 
formaliter ex aliqua mixtione. Ista conclusio sie probatur . . .' 

Nach der zehnten conclusio Bl. 139 : ,Ex ista conclusione sequuntur 
due propositiones correlative, quarum prima est hec: quod possibile est 
aliquam intellectualem substantiam per modum forme informative uniri 
alicui substantie corporali. Secunda propositio correlativa est hec: 
nullam includit repugnantiam duas . . . intellectuales substantias uniri 
posse adinvicem per modum forme et materie, ita quod ex eis resultät 
unum <realiter> constitutum. — Quod prima sequatur ex hoc patet . . .' 

Schließlich Bl. 139V : ,Ad rationes Commentatoris restat re- 
spondere.' 

Es möge noch die Skizzierung eines weiteren zweiten Ar- 
tikels folgen, der wohl zu den reichhaltigsten und verwickeltsteii 
des ganzen Kommentars gehören dürfte. Es ist der zweite Artikel 
der dritten Quästion des zweiten Sentenzenbuches, aus welcher 
oben bereits der erste Artikel auszüglich mitgeteilt wurde. Die 
Frage betrifft interessante psychologische und erkenntnistheo- 
retische Probleme. 



3. ßie dtdaktisclie Technik, und Gliederung des Sentenzenkommentars. 35 

Sie lautet Bl. 140: ,iitrum forma reponens hominem in esse speci- 
fico Sit per species a corrüptibilibus causatas cuiuscunque ab ea co- 
gnoscibilis cognitiva. — Pro cuius articuli declaratione, quia<or- 
dine> cognitionis potentie cognoscuntur per actus et actus per obiecta, 
ideo sie procedam: primo investigabitur de obieeto nostri intellectus; 
secundo videbitur de ipsius actibus ettertio videbitur, si preter actum 
et obiectum sit species necessaria in parte intellectiva, quibus declaratis 
facilis erit via ad premissi articuli notitiam pleniorem'. 

,Pro primo ergo exequendo est advertendum, quod de obieeto 
nostri intellectus potest esse duplex consideratio: una in ratione 
adequationis, alia in ratione eixecutionis. — Primo ergo conside- 
randum est de obieeto intellectus nostri in ratione adequationis, et hoc 
est investigare, quod est nostri intellectus obiectum adequatum. Pro 
cuius declaratione premitto unam distihctionem necessariam, quod ob- 
iectum alicui potentie fore adequatum potest ad presens quatuor modis 
intelligi, secundum quod quadruplex adequatio obiciendi <obiectiva> 
inter auctores communiter reperitur: una est formalis adequatio .. . 
2« adequatio dicitur virtualis ... 3» adequatio obiectiva ... 4" modo .... 
adequatione denominativa'. 

,Ad propositum ergo descendendo, si loquimur de obieeto ade- 
quato primo modo . . . Opportet ergo hoc intelligere de obieeto adequato 
adequatione quidditativa vel denominativa. luxta quod intellectum 
quatuor ponö conclusiones . . .' Es folgen diese vier Sätze Bl. 140— 14lv; 
hierauf werden gegen jeden einige Einwendungen vorgebracht , und 
gelöst Bl. 141V— 142 V, 

Hierauf kommt er auf den dritten gegen Skotus gerichteten Satz 
zurück Bl. 142va: ,Sed quia pro tertie conclusionis confirmatione 
fuerunt adducte quinque rationes, que sunt contra Doctoris subtiUs 
ymaginationem, ad quas sub dubio proraisi me responsurum: ideo non 
instando contra conclusionem premissam, converto me ad ipsarum ra- 
tionum responsionem ad consolationem affirmantium Scoticam discipli- 
nam. — Arguebatur enim primo sententialiter in hec verba . . .' Nach 
der Darlegung der Beweise des Skotus folgt zunächst noch Bl. 142va: 
,Sed antequam veniam ad argumentorum responsionem, declaro meutern 
Doctoris subtilis in ista materia. Pro cuius intentione habenda duas 
premitto distinctiones et consequenter ponam duas conclusiones . . .' 
Hieran schließt sich dann die Widerlegung der fünf Beweisgründe. 

Es folgt der zweite Teil der eingangs Bl. 140 angekündigten .du- 
plex consideratio'. Bl. 143 vb: ,Finita ergo prima consideratione de ob- 
ieeto nostre intellective potentie in ratione adequationis; superest 
videre de ipsa in ordine executionis. Et hoc videre est investigare, 
quid Sit illud quod primo occurrit intellectui. Pro cuius declaratione sie 
procedam: primo declarabo, quid super hoc sentit Doctor subtilis 
et rationes suorum persequacium <persequentium> modulo meo solvam; 
secundo declarabo quid sentiunt Hockam <Ockam>, Johannes de 
Ripa et plurimi modernorum; tertio declarare intendo modum doc- 
torum veterum, qui prima facie videtur positio philosophica <phy8ica> 

.3* 



36 IL Der literarische Nachlaß. 

multum divulgata; et quarto sub compendio declarabitur modus medius 
ostendens quamlibet opinionum predictarum veritatis aliquid continere.' 

,Pro primo ergo exequendo premitto quasdam dlstinctiones . . ,' 
Nachdem diese vier Unterscheidungen vorgelegt sind, beginnt die erste 
der oben angekündigten Unterabteilungen Bl. 144: ,Hiis igitur distinctio- 
nibus premissis quinque pono conclusiones iuxta mentem suam, qua- 
Tum prima sit ista . . .' Hieran schließen sich vier Einwendungen gegen 
den ersten der obigen Sätze und deren Lösung. 

Hierauf finden wir Bl. 145 die zweite der oben Bl. 143vb ange- 
kündigten Unterabteilungen: ,Nunc autem consequenter procedendum 
est ad cpnsiderationem <de obiecto primario) nostre intellective potentie 
secundum aliorüm doctorum ymaginationem. Pro quo exequendo trium 
doctorum dicta sub compendio coUigam, ut latius veritas considerationis 
secunde videatur. Et primo circa presens propositum colligo ex dictis 
Hockam quinque propositiones suam intentionem radicaliter expri- 
mentes, quarum prima est hec . . .' 

An zweiter Stelle nach diesen fünf Sätzen und ihren Beweisen 
folgt Bl. 145vb: ,Secunda positio est magistri Johannis de Ripa <duo 
sententialiter) continens. Primum . . .* Bl. 146: ,Et patet si quis wlt ra- 
dicaliter inspicere, quod positio illa, quam tenet magister Johannes, est 
positio antiquorum nisi sola locutione differens. Nam antiqui dixerunt, 
quod magis universalia secundum ordinem <semper ordine> nature sunt 
priüs nota. Nunc autem non intellexerunt, quod universalia essent 
quedam res subsistentes a materia separate, ut communiter imponltur 
Piatoni, sed potius conceptus rerum communes, ut patet in dictis ipso- 
rum, utpote venerabilis Alexandri de Haies, beati Thome, <domini> Bona- 
venture. Et sie patet, quod, licet non expresserint nomen singularitatis 
in primo cognito per intellectum nostrum, tamen nihil aliud yoluerunt 
nisi quod intellectus prius percipit rem extra animam sub ratione con- 
fusa quam distincta . . .' 

Ebd.: ,Ex dictis igitur colliguntur tria dicta, radicaliter tres opi- 
niohes constituentia. Primum est quod species specialissima, cüius 
singulare fortiüs movet sensum, est primo cognitum ab intellectu. Se- 
cundum est, quod singulare sub ratione singularitatis est primum cog- 
nitum ab intellectu. Tertium quod singulare non sub <ratione> singula- 
ritatis sed potius universalitatis est primum cognitum ab intellectu. Ex 
quibus patet, quid sentiunt de hoc solempnes doctores.' 

.Contra quamlibet istarum positionum non arguam, sed in ponendo 
conclusiones meas probationes, quas pro eis adducam, erünt obiectiones 
contra conclusiones predictarum opinionum, et ipsorum motiva modulo 
meo solvam. Hec nunc sufficiant.' 

,Finitis ergo opinionibus premissis descendam ad quandam viam, 
que mihi videtur rationabilior <rationabiliter> imitanda. Pro. cuius de- 
claratione sex pono conclusiones, quarum prima sit illa. . .' Es schließen 
sich nicht sechs, sondern sieben Sätze an. 

Bl. 147 findet sich die oben erwähnte Widerlegung des Skotus, 
Ockham und Johannes de Ripa. 

Bl. 147 v; ,Nunc superest de actu intellectus aliquid dicere et de 



3. Die didaktische Technik und Gliederung des Sentenzenkommentars. 37 

speciebus, propter quas principaliter iste articulus est motus.' Hiermit 
geht er zu dem Bl. 140 angekündigten zweiten Hauptteil über mit 
den Worten: ,Ut finis ergo fiat de premisso articulo, videndum est 
de actu intellectus. Pro cuius declaratione Septem pono conclusiones, 
quarum prima sit ista: actus intelligendi non causatur totaliter ab intel- 
lectuali perceptivä . . .' Es folgen aber in Wirklichkeit acht Sätze. 

Von dem achten heißt es Bl. 148 v: Octava conclusio est hec et 
<est> quodammödo ad articulum responsiva.' In der Tat' handeln die 
Sätze vom fünften an über die .species' deren Erörterung als dritter 
Hauptteil angekündigt war. Zum Schlüsse finden sich noch einige 
Einwendungen gegen den fünften Satz und deren Lösung. Die Ein- 
wendungen sind dem Sentenzenkommentar des Johannes de Ripa 
1. Sent. dist. 3, q. 3, a. 3 entnommen; ,ubi breviter omnem speciem sive 
in parte sensitiva sive in parte intellectiva negat.' Vgl. Bl. 148 b, 148vb, 
wo es von diesen Einwendungen heißt ,que sunt pulchre et apparentes'. 

Obgleich sich Peter, wie aus obigen Skizzen erhellt, in etwas 
freieren Bahnen bewegt, so finden wir doch auch bei ihm die 
wesentlichen Elemente der Methode des hl. Thomas: Die Frage- 
stellung (utrum), die Einwendungen (arguo, arguitur), die vor- 
läufige Begründung der zu gebenden Antwort (Ad oppositum), die 
eigentliche Antwort mit ihrer ausführlicheren Begründung und 
Erläuterung (Pro decisione, pro declaratione) und schließlich die 
Lösung der Einwendungen. 

Diese aquinatischen Elemente finden sich allerdings, wie 
wir schon oben andeuteten, etwas vollständiger nur in dem je- 
weiligen ersten Artikel jeder Quästion, in welchem auch die Ein- 
führung und Einteilung in sämtliche drei Artikel zu geben ist. 
Bei den zweiten und dritten Artikeln fehlt entsprechend das ,arguo*, 
das ,Ad oppositum', und es wird, nach der Wiederholung der Frage- 
stellung, durch das ,Pro cuius declaratione' sogleich die eigent- 
liche Beantwortung und Erläuterung der Frage eingeleitet. Diese 
genau orientierende Ankündigung bildet ohne Zweifel ein charak- 
teristisches und wesentliches Element der von Peter beliebten 
Methode. Sie ist selbstverständlich je nach der in Frage stehenden 
Materie und ihren Anforderungen verschieden. Die durch diese 
Ankündigung eingeleitete Darlegung entspricht dem »corpus ar- 
ticuli' des hl. Thomas. Wie dem ,corpus', so ist bei Peter der 
Darlegung ein so dehnbarer Rahmen gewährt, daß alles Erför- 
derliche untergebracht werden kann. Die Übersicht der ver- 
schiedenen Ansichten und ihre Kritik, die wünschenswerten Vor- 
bemerkungen und Unterscheidungen, die endgültige Beantwortung 
der Frage. Diese letztere gibt Peter in der Regel durch eine 
bestimmte Zahl von genau und thesenartig gefaßten Sätzen (con- 
clusiones). 

Die mit unverbrüchlicher Regelmäßigkeit wiederkehrenden 



38 IL Der literarische Nachlaß. 

stereotypen Wendungen, mit welchen die einzelnen Glieder ein- 
geführt werden, bilden in den Quästionen und Artikeln ein festes, 
allen didaktischen Anforderungen entsprechendes Gerippe, welches 
erlaubt, den Gang der Erörterungen mit Leichtigkeit zu skizzieren. 
Auch für das ,corpus* ist in dieser Beziehung gesorgt. Es bietet 
der Forschung alle wünschenswerte Bewegungsfreiheit, aber sorgt 
andererseits durcli die orientierenden Ankündigungen und durch 
die genaue Zählung der Lehrsätze dafür, daß allenthalben Lehrer 
und Schüler wissen, wohin die Reise geht, und sie dadurch zur 
Nachprüfung angeregt und befähigt sind.' 

Es verdient Beachtung, daß, während Peters Beweisführungen 
sich meistens in freierer Form bewegen, er sie von Zeit zu Zeit 
in der vollsten Geschlossenheit der syllogistisch-scholastischen 
Form zusammenfaßt. Nach dem ,ergo* des Syllogismus oder En- 
thymemas folgt: ,Consequentia patet* oder ,declaratur*. ,Probatur 
maior, probatur minor' etc. Es ist, als ob Peter von Zeit zu Zeit 
das Bedürfnis fühle, seine Hörer die volle Kraft einer muster- 
gültigen Beweisfiihrung fühlen zu lassen. 

Die Lehrmethode Peters darf sich also sehr wohl sehen 
lassen. Sie entspricht einerseits den didaktischen Anforderungen 
eines wirksamen Schul- und Lehrbetriebs, läßt aber zugleich der 
wissenschaftlichen Forschung den nötigen Spielraum. 

Die scholastische Methode in der Summa des hl. Thomas 
ist ausgesprochenermaßen auf die Einführung Von Anfängern 
berechnet. ,Nostrae intentionis in hoc opere est, ea quae ad 
ehristianam religionem pertinent, eo modo tradere secundum quod 
congruit ad eruditionem incipientium.* Er will daher vor allem 
die überfülle an weniger geeignetem Stoff (multiplicatio inutilium 
quaestionum, articulorum et argumentorum) und den Mangel an 
systematischer Anordnung vermeiden. — Dagegen hatte Peter 
von Kandia bei seinen auf die Erlangung des Bakkalaureats und 
Doktorrats gerichteten Pariser Vorlesungen mit dem Urteil auf 
dhm Lehrstuhl ergrauter Magistri und mit den in scharfem Wett- 
bewerb zu ihm stehenden ,Socii* zu rechnen. Wir dürfen eben 
nie die eigentümlichen Verhältnisse des Pariser akademischen 
Betriebs vergessen. 

Es widerspricht auf den ersten Blick allen unseren Voraus- 
setzungen und Erwartungen, wenn wir hören, daß der eigent- 
lichste und wesentliche Löhrkurs, welcher in der theologischen 
Fakultät den eintretenden Scholaren geboten wurde: Die Erklä- 
rung des obligatorischen Textbuches, nicht langerprobten Magistri 
anvertraut war, sondern in den Händen angehender Bakkalaurei 
lag. Allerdings schwindet diese Verwunderung bald, wenn wir 



4. I)ie vier .principia*. 39 

beachten, daß die Bakkalaurei keine Anfänger im Lehrfach waren. 
Waren es Ordenslehrer, so hatten sie oft schon zehn und mehr 
Jahre in ihren Stüdienkonventen als Lesemeister (lectores) die 
Sentenzen einer sorgsam ausgewählten Schar ihrer Ordensbrüder 
und den mit ihnen zugelassenen auswärtigen Schülern vorge- 
tragen^). Gehörten die angehenden Bakkalaurei dem Weltklerus 
an, so waren sie in der Regel ,magistri artium* und blickten 
meistens bereits auf eine lange Lehrtätigkeit in der Artistenfakultät 
zurück. Diese fortwährende Erneuerung des Lehrkörpers, dem 
die wichtigsten Vorlesungen der theologischen Ausbildung anver- 
traut war, hatte sicjier ihre Vorteile. Jeder der sich in ununter- 
brochenem Wechsel folgenden Bakkalaurei setzte auf der großen 
Pariser Lehrbühne stets wieder sein Bestes ein. Unangenehme 
Zwischenfälle waren bei diesen Vorlesungen, die eben doch im 
Grunde Probevorlesungen waren, durch vorgängige Prüfungen 
und die Überwachung der für alles verantwortlichen Magistri 
hintangehalten. Im übrigen war die Auswahl unter den gleich- 
zeitig die Sentenzen lesenden Bakkalaurei groß. 

Für weitere Erörterung der einschlägigen Verhältnisse sei 
auf die bereits oben ^) gebotene Darlegung hingewiesen und zu- 
gleich auf die Veröffentlichung der Statuten der theologischen 
Fakultäten. 

4. Die vier »principia*. 

Da uns nur wenige jener Schauvorlesungen erhalten sind, 
welche in der Verfassungsgeschichte der mittelalterlichen Uni- 
versitäten als ,princii)ia' bezeichnet sind, so werden sich ge- 
nauere Mitteilungeii aus den uns vorliegenden Peters empfehlen, 
um so mehr, als uns hier alle vier ,principia* eines und desselben 
Lehrers in ihrer vollen und ursprünglichen Fassung vorliegen. 
Ich lasse zunächst die nötigen Angaben über ihre Anordnung 
und Technik folgen. 

E ff. 204—210. Jedes ,principium' wird eingeleitet durch die soge- 
nannte ,collatio'. Die erste beginnt: ,Stetit ante me in veste Candida, 
Actuum capitulo decimo 3). Venerabiles patres et magistri <michi me- 
rito> reverendi. Ut ex sacre scripture serie potest coUigi, vestis Can- 
dida quadrupliciter potest sumi, scilicet: 

1) So befiehlt der Papst, dem Augustinereremiten Gregor von Rimini 1345 
die Lizenz zu erteilen und qualifiziert ihn hierbei als ,iii sacra pagina bacca- 
lareus Parisiensis, qui iara sunt XXII anni elapsi in studio laboravit, sex vide- 
licet annos continuos Parisiis aö postmodum inde ad natale solum rediens 
Bononie, Padue et Perusii cathedram tenuit principalem et iam sunt anni 
quatuor, quod ad legendas Sententias rediit ParisioS; quarum lecturam ibidem 
commendabiliter consummavit' Denifle-Chatelain, Chartularium II 557, 
n. 1097. 2) s. oben S. 26. . a) va <v. 30>, E Actuum 4«. 



40 II. Der literarische Nachlaß. 

pro clare sapientie certa possessione, 
veritatis dubie manifestatione, 
pro probitatis proprie glorificatione, 
pro dignitatis tradite intronizatione.' 

Primo, in qua sumiter pro clare etc. iuxta illud Dan. 7° »Antiquus 
dierum sedit, vestimentum eins tanquam nix Candida. Nam sapientia 
candor est lucis eterne'. - 

Endet: ,qui cuncta verbo sue sapientie misericorditer reparavit'. 

Hierauf folgt die »questio primi principii'. 

Bl. 204 v. ,Iuxta thema coUationis <205> formo talem titulum questio- 
nis: utrum Candida Christiane religionis professio sit a qualibet percep- 
tiva potentia rationabiliter imitanda.' 

Endet Bl. 210: , quo mens assentit in lege tradita. Ex quibus cor- 
relative i) sequitur, quod Candida Christiane legis professio est a qua- 
libet perceptiva potentia rationabiliter imitanda. Et ad rationes in oppo- 
situm patet <quid per conclüsiones positas) sit dicendum. Et sie est 
finis <huius collative questionis ad Christi laudem, cui est> honor' etc. — 
.Explicit questio coUativa pro primo principio domini Petri de Candia 
compilata, Parisius anno Domini 1378 die 28 Septembris recitata.* 

Noch vollständiger findet sich dieses Explicit in der Hs. Fonds 
Cluni 54 (Nouv. Aquis. 1467) der Pariser Nationalbibliothek, Bl. 8 .Expli- 
cit coUativa pro primo principio fratris Petri de Candia, quam cömpi- 
lavit Parisius anno MOCCCOLXXVIIP XXIin« die mensis Septembris et 
XXVIII die eiusdem mensis in scolis legit et cetera'. 

E ff. 210 V— 216. Das zweite ,principium'. 

Beginnt: .CoUatio. Stetit ante me in veste Candida. Actuum capitulo 
decimo. Venerabiles patres et magistri mihi merito venerandi. Ut in 
primo principio declaratum extitit, secunda significatio huiüs nominis 
,vestis Candida' sumitur pro veritatis dubie manifestatione.' 

Bl. 211: ,Questio ad presens pertractanda eritista: utrum Candida 
lucis eterne simplicitas sit secundum varias rationes intrinsecas crea- 
turarum omnium causaliter effectiva.' 

Endet Bl. 216: ,Ex qua conclusione sequitur contradictorium pro- 
positionis correlative posite in 2" principio reverendi patris mei de 
ordine beate Marie de Monte Carmeli, videlicet quod beati possunt im- 
men^ium bonum inequaliter participare, cuius oppositum ipse asserit. 
Et alia omitto causa brevitatis.' 

E ff. 216—221. Das dritte ,principium'. 

Beginnt: ,Collatio. Stetit ante me in veste Candida. Actuum X". Vene- 
rabiles patres <et magistri michi merito venerandi). Ut in primo princi- 
pio extitit declaratum, tertia significatio huius nominis ,vestis Candida' 
sumitur pro probitatis proprio glorificatione.' 

Bl. 216v: , Questio ad presens pertractanda <erit ista>: utrum Can- 
dida Redemptoris humanitas fuerit ex unione ypostatica ad Verbum 
immensum beatifice quietata.' 



1) Vatic. 1081 hierfür stets correlarie. 



4. Die vier .principia'. 41 

Endet Bl. 221: .Quinta conclusio est: Candida. Verbi nativitas 
almis patfibus temporaliter revelata ad sui credulitatem equaliter obligat 
singulos viatores. Primam partem <istaruni pono contra Carmelitam, 
secundam> contra reverendum patrem meum bachalareum de domo 
Predicatorum. Sed quia satis scripsi et verisimiliter credo scolam noUe 
grävari tantum in audiendo, ideo de ista supersedeo, quousque Deo 
placebit. — Explicit tertium principium cum questione sua magistri 
Pe<tri> de Ca<ndia>/ ' 

E ff. 221— 226. Das vierte ,principium'. 

Beginnt Bl. 221 : .CoUatio. Stetit ante me in veste Candida. Actuum 
<capitulo decimo>. Venerabiles patres et magistri <michi merito venerandi). 
Sicut in piimo principio extitit declaratum quarta et ultima significatio 
huius nominis ,vestis Candida' sumitur pro dignitatis tradite introniza- 
tione iuxta illud Ecc. 9": ,Omni tempore sint vestimenta tua Candida et 
oleum de capite tuo non deficiät' fuitque aliqualiter lucidatum, magistrum 
Petrum Lumbardum in theologica facultate magistrum fuisse, bachala- 
rium et discipulum, in tribus principiis prelibatis; consequenter restat 
ipsum ostendere infra terminos episcopii coUocatum. Idcirco querit in- 
tellectus scolasticus, quöt in episcopo requiruntur conditiones ad iustius 
presidium.' 

Bl. 222: .Questio ad presens pertractanda est hec <in forma) : utrum 
Candida beatorum societas in finali glöria equaliter obiectum beatificum 
speculetur . . . Pro <decisione> istius questionis certas pono conclusio- 
nes cum <dictis> patrum meorum venerabilium coUativas.' 

Endet Bl. 226: ,Sic igitur patet, quid sentio de rationibus magistri 
mei <Gerardi Calcar). Isti igitur viro peritissimo et ingenioso me re- 
commendo, quantum valeo, et regratior sibi. <Alias conclusiones coUa- 
tivas cum aliis meis patribus et magistris pro presenti non recito, ne 
tedio reverentias vestras afficiam. Et ideo michi meorum magistrorum 
indulgeat Caritas, cum, etsi non scriptori, tarnen auditoribus tantum 
sufficiat recitasse.> 

Expliciunt quatuor principia cum annexis quatuor questionibus 
coUativis multum pulchris venerabilis domini magistri Petri de Candia 
per manus fratris Heriberti de Werle, dum erat studens Colonie, quas 
^scribi fecit frater Johannes Gynck pro tunc studens Trevirensis, pro 
quarum mercede prefato Heriberto predictus frater Johannes reddidit 
duas marcas pagamenti Colonie. Complete quoque sunt anno Domini 
MoCCCCVo, tempore ostensionis reliquiarum Aquisgrani, in conventu 
Colon<iensi>.' 

Schon aus diesen wenigen Mitteilungen, in welchen sich 
dazu noch manches Formelhafte findet, erhellt, daß es sich hier, 
wie schon angedeutet wurde, um prunkhafte Schaudisputationen 
angehender Theologiedoktoren handelt. Es gehörten eben die 
,principia* zu den verschiedenen akademischen Leistungen, durch 
welche sich der Bakkalar zur Lizenz und der Doktorwürde, das 
heißt zur Aufnahme in die offizielle Lehrerkorporation, hindurch- 
ringen mußte. Dieser Bestimmung entsprechend ist der Stil 



42 II. Der literarische Nächlaß. 

für unseren heutigen Geschmack sehr schwülstig. Die Worte dienen 
in erster Linie dem Prunk, erst in zweiter dem Verständnis und 
Unterricht. Wie in dem sprachlichen Ausdruck, so zeigt sich 
auch in der Wahl des Stoffes das Bestreben, Neues, Absonderliches, 
Glänzendes zu bieten. Für diese Übungen war den Magistri und 
Bakkalaren gegenüber besondere Höflichkeit geboten ^). 

Von den ,venerabiles patres et magistH reverendi*, welche 
Petrus seine Magistri nenntund wenigstens einem derselben gegen- 
über sich als dessen Schüler bezeichnet (El. 207 ,me suum disci- 
pulum'), finden hier folgende Erwähnung: 

Malivus de Sancto Audomaro de venerabili coUegio Navarre, 

Gerardus Calcar, 

Lambertus de Marchia, 

Franciscus de Sancto Michele^). 

1), S. die Statuten von Bologna, die im Drucke sind; vgl. unten S. 42 
Anm. 2 und S. 76. 

2) Von diesen Magistri finde ich für Malivus de S. Audomaro (Saint-Omer) 
keine näheren Angaben. 

Von den Übrigen ist wohl Gerhard Kiicpot von Kaikar (Calker) 
der bekannteste. Sein Familienname erscheint je nach der verschiedenen 
Gestaltung des ,y' als Kiicpot (Denifle-Ghatelain, Chartul. univ. Paris. III 
586, n. 1643; Auctar. Chart. I 659, nota 5), Kijcpot (W. Schmitz, Mitteilungen 
aus Akten der Universität Köln <Progr. des Kaiser- Wilhelm-Gymn. zu Köln, 
Köln 1878> 5 f. Kycpot (Bianco, Die alte Universität Köln 2, Köln I <1855> 87). 
Wie Schmitz a. a. O. beibringt, findet sich bereit^ 1289 bei Lacomblet, 
Urkundenbuch II (Düsseldorf 1846) 510 ein ,dictus Kikepot'; in den Kölner Jahr- 
büchern ist zum 27. Aug. 1416 die Rede von .alzehande volk mit wunderlichen 
namen: Lndevrais, Kickpott, Rodehund' (H. Cardauns, Kölner Chroniken II 
57, 12). Es ist eine verkürzte Form von Kick-in-den-Pot, vgl. ,Johan kijk in den 
pot' (a. a. O. Anm. 3); als Ortsbezeichnung für einen Hügel bei Cleve (Velsen, 
Die Stadt Cleve 166). Im Bremisch-Niedersächsischen Wörterbuch II 768: ,Kick 
in den Pott: ein Topfgucker, der sich um die Küche bekümmert, mehr als sich 
gebührt.' 

In Paris finden wir Gerhard 1365 als Scholar der Artistenfakultät. In 
diesem Jahre bestand er in ihr seine erste Prüfung (determinavit) ; s. Denifle- 
Chatelain, Auctarium 309, n. 37 u. S. XVII, Anm. 4. 

Als Artisten-Magister begann er wahrscheinlich 1365 seine Lehrtätigkeit 
(incepit), da Gregor XI am 27. Jan. 1371 von ihm schreibt: ,qui a quatuor 
ahnis citra in artibus Parisius rexit et scholaris theologie a totidem annis.' 
Regest. Aven. vol. V, f. 551; ebd. S. XVII, Anm. 4. 

.Magister Gerardus Calker' wird ebendaselbst am 23. Mai 1371 als 
Zeuge erwähnt (Chart, univ. Paris. III 199, n. 1367); 1378 geht er als nuntius 
nätionis Anglicanae mit einem ,rotulus' an die Kurie ab, kehrt aber infolge 
der zwiespältigen Wahl bald zurück (1. c. III 236, n. 1419; 563, n. 1620; 555, 
n. 1608;: Auctarium I 562, 44; 563, 12). 

Infolge des Schismas wandte sich Gerhard um 1383 mit Heinrich Haim- 
buch von Langenstein (de Hassia), Heinrich von Oyta, Marsilius von Inghen, 
Heinrich von Odendorp u. a., als in Paris die Absendung eines rotulus an 
Klemens VII beschlossen wurde, an die im Osten erstehenden Universitäten 



4. Die vier ,principia'. 43 

Ferner lernen wir drei Bakkalare kennen: 

bachalarius de' domo beate Marie de Carmelo, 
bachalarius de domo Predicatorum, 
bachalarius de domo Sancti Augustini. 



Während Marsilius nach Heidelberg ging, kamen . die beiden anderen Magistri 
nach Wi^n. Von hier zog Gerhard 1388 zur Eröffnung der neuen Universität 
nach Köln, wohin ihm bald auch der Dekretist Heinrich von Odendorp folgte. 
Denifle, Universitäten 619, n. 1625. Das Datum 1383 wird bezeugt durch eine 
fast gleichzeitige Notiz in der Wiener Hs 4919 (Denis 166, theol. 508), Bl. 110: 
,quod prefatus magister Henricus <de Hassia> hanc epistolam <de futuris peri- 
culis ecclesie> scripsit <cum monachis Ebracensis (Ebrach im Rheingau) ce- 
nöbii degens> et destinavit circa annos Domini MCCCLXXXIII, quando recessit 
a studio Parisiensi propter magnam scisma ecclesie, quod tunc cepit inter 
papas.' S. M. Denis, Codd. theol. lat. bibl. Vindobon, Vindobonae I (1793) 461. 
Die ältere Wiener Überlieferung nennt das Jahr 1379, aber doch wohl nur als 
annäherndes. Anfangsdatum des Schismas (Denis 1. c. I 459. 462; II 1. 193). Im 
Schuljahr 1384—1385 war Heinrich sicher schon in Wien. Denifle, Univer- 
sitäten 619, a. 1624. 

Gerhard weilte wohl schon am 22. Dez. 1388 in Köln, da der Stadt- 
magistrat als Patron der zii gründenden Universität das päpstliche Gründungs- 
schreiben verkünden ließ; war er es ja doch, der am 6. Jan. 1389 bei der 
Eröffnungsfeier die Festrede hielt. ,Subsequeoter vero die sexta mensis Januarii' 
hora vesperarum, sub anno Domini millesimo trecentesimo octuagesimo nono, 
indictione et pontificatu quibus supra, venerabilis et unice scientie dominus 
magister Gerardus Kijcpot, prepositus ecclesie beatorum Apostolorum Colo- 
niensis, professor sacre theologie, principiando in eadem, coram quampluribus 
magistris, doctoribus, licentiatis, baccalariis et aliis viris litteratis ac universo 
clero tarn seculari quam religiöse, necnon consulibus, scabinis et maioribus 
civitatis Coloniensis ad hoc in scolis seu maiori domo capitulari ecclesie Colo- 
niensis convocatis et congregatis legit in Ysaie capitulo LX": ,Surge, illuminare, 
Iherusalem, qüia venit lumen tuura et gloria Domini super te orta est.' Et 
allegavit, quod alias ibi dimisit lecturam suam in Wienna tamquam quod pro 
nunc deberet annuntiare huic sancte Colonie ortum novi luminis scientiarum 
ipsam primo et consequenter totam patriam et Universum orbem illustrantis. 
Deinde statim post <2> prandium in eisdem scolis disputavit istam questionem: 
,utrum in universitate scibilium omnibus veritatibus et virtutibus humane Philo- 
sophie consonarent veritates et virtutes sacre theologie.' Ad quam respondit 
magister Hartlenus de Marka et arguerunt contra eum quamplures magistri, 
doctores, licentiati et alii viri litterati, tam seculares quam reguläres. Et nichilomi- 
nus tam in lectione quam in disputatione predictis fuit publice proclamatum, quod 
omnos magistri volentes incorporari huic studio generali comparerent tertia die 
sequente in domo capitulari sancti Andree Coloniensis post prandium. Quibus 
die et hora advenientibus comparuerunt ibi venerabilis viri et magistri in arti- 
bus infrascripti'. Unter diesen 21 Gründern der Kölner Universität wird an 
erster Stelle genannt .Gerardus de Kaikar, prepositus sanctorum Apostolorum 
Colonien. ,sacre theologie professor'. Diese Gründer wählten am bezeichneten 
Tag den mag .Hartlenus de Marka für ein halbes Jahr zum Rektor, vereidigten 
ihn und leisteten ihm nach Pariser Art selbst den Eid. S. Schmitz a. a. 0. 
4 — 7 aus der im Besitz der Familie Bianco befindlichen ersten Original- 
Matrikel der Universität. 

In dem ,rotulus', dessen Absendung die Universität am 5. Febr. 1390 



44 IL Der literarische Nachlaß. 

Der Franziskanerkonvent hatte Petrus selbst für dieses Jahr 
als seinen Doktoranden entsandt. ^ 

Zur volleren Kenntnis der Technik dieser Disputierübungen 
müßten wir die einschlägigen Bestimmungen der Universitäts- 
statuten beiziehen. Doch wird es sich mehr empfehlen, daß wir 
vorerst aus der uns hier gebotenen, praktischen Verwirklichung 
der Statuten alles ausziehen, was uns zu deren erforderlichen 
Erläuterung von Nutzen sein kann. Ohne diese Beihilfe dürfte 
es zu schwierig sein, sich aus den theoretischen Bestimmungen 
allein ein einigermaßen klares Bild vom Verlauf dieser Veran- 
staltungen zu machen. 

BI. 205: .Minor vero sequitur ex 3° corrolario sequente ex 2« parte 
prime cönclusionis primi articuli venerabilis magistri mei magistri Ma- 
livi de Sancto Adomaro de venerabili collegio <Na>varre, qui 
dielt, quod in assensu articulorum fidei Imperium voluntatis principalius 
concurrit quam rationalis apparentia. Ergo minor vera.' 

EL 205: .Minor vero sequitur ex 5» conclusione 2i articuli venera- 
bilis magistri mei magistri Gerardi de Calcar, qui dicit, quod divinum 
essentiale lumen absque distinctione in se omnia representat specifice 
et individualiter distincta. Quare propositum.' 



beschloß, erscheint Gerhard an zweiter Stelle unter den 737 Namen wie oben, 
jedoch mit dem Zusatz G. Kijcpot de Kaikar, magister in theologia. Schmitz 
a. a. 0. 9. Am 24. März 1393 erscheint Gerhard noch als Zeuge in der Einleitung 
der Statuten der medizinischen Fakultät (Bianco a. ^a. 0. Anhang 24). 

Da 1395 Wilh. Kreseken als Propst des Apostelstiftes erwähnt wird, 
muß der Tod Gerhards zwischen 1393 und 1395 erfolgt sein. Die Angabe 
Aschbachs (Geschichte der Wiener Universität I <Wien 1865> 134), mit Be- 
rufung auf Acta facultatis artium f. 44, beruht, wie Horawitz auf Anfrage 
W. Schmilz mitgeteilt hat, auf einem Lesefehler; s. Schmitz a. a. 0. 6 Anm. 

Franciscus Robini de S. Michaele (in Lotharingia) finden wir mit 
seinem vollen Namen 1387 in dem ,rotulus magistrorum regentium facultatis 
theologice' als ,Viridun. dioc. subdiac. magister in artibus. ahas bis rectori uniy. 
Paris., quique legit in vico Straminum artes fere per XV annos et fere per 
octo annbs libros moralis Philosophie, diebus videlicet dorn, et festivis, dudum 
etiam nuntius ad curiam Romanam pro dicta universitate', Kanonikus von Metz, 
Toul und Verdun (Chart. III 447, n. 1538). Er war Rektor der Universität 1368 
(1. c. III 180, n. 1348; 186, n. 1354) und 1378 ,anno denario revoluto a sua 
prima electione (1. c. III 235, n. 1419). Wird ,licentiatus in theologia an. 1383 
(1384) (1. c. m 388. n. 1513. nota 37). Außerdem wird er noch 1371 und 1385 
erwähnt (L c. III 199, n. 1368; 388, n. 1513). 

Lambertus Colini de Marchia wird in einem rotulus facultatis artium 
von 1379 aufgeführt als ,presbitero, baccalareo in theol., nuper rectori, qui plu- 
ribus annis rexit in artium facultate legitque librum Ethic, canonico Lingon,* 
(Chart. III 253, n. 1433). Ferner notiert Du Boulay (Hist. univ. Paris. IV 973): 
,incepit in artibus et procurator an. 1368.' Er wurde im Dezember 1370 zum 
Rektor gewählt (1, c. III 199, n. 1368, nota 5). Ei* war unter den Wahlmännern 
(intrantes) bei der Rektorwahl am 24. März 1373 und am 23. Juni 1379 (1. c. 
m 212, n. 1387; 237, n. 1421). 



4. Die vier ,prmcipia'. 48 

Bl. 205: ,Et minor sequitur ex 2« conclusione 3» articuli reverendi 
patris mei bachalarii de domo beate Marie de Garmelo, qui dicit 
quod sicut ex esse beatifico agminis sensati non resultat perfectio in- 
finita, ita ei maius bonum correspondere non potest perfectione finita 
et per consequeiis, cum Dens sit infinitus et ipsum non attingit nemo 
per finitam perfectionem, sequitur quod non immediate attingit suum 
finem, quod est propösitum'. 

Bl. 205: »Minor vero sequitur ex 3« conclusione 2' articuli vene- 
rabilis magistri mei magistri Lamberti de Marchia, qui dicit, quod 
quamvis beatitudo formalis sit in duobus actibus, scilicet intellectus et 
voluntatis, principalius tarnen et proprius consistit in operatione intel- 
. lectus quam in actibus ipsius voluntatis. Cum igitur beatitudo sit maxi- 
raum bonüm et ab effectu valor esse (cause?) indicatur, sie quod in- 
tellectus est naturalis potentia, voluntas vero libera, sequitur esse nobi- 
liorem voluntate, quod est propösitum.' 

Bl. 205: .Minor vero sequitur ex 2« parte conclusionis reverendi 
patris mei bachalari de domo Predicatorum, qui dicit, quod lex 
Christi omnes homines ratione utentes ad sui observantiam inequaliter 
obligat et per consequens cum distributio illa ratione meriti proveniat 
ex obligatione legis, sequitur quod lex quantum est ratione süi inequa- 
liter premiabit.' . 

Bl. 205: .Minor vero sequitur ex 14» propositione declaranda ve- 
neraMlis magistri mei magistri Francisci de Santo Micha^ele sue 
4e conclusionis primi articuli, qui dicit quamvis quelibet divinapum per- 
sonarum diöerat ab alia. nulla tamen potest complete videri beatifice 
sine reliqua, quod est propösitum.* ^ 

Bl. 211 v: ,Pro <decisione> istius questionis iuxta materiam qüatuor 
argumentorum ad oppositum questionis adductorum quatuor ponam 
conclusiones declarativas presentis materie et coUativas cuin dictis 
patrum meorum venerabilium, cum quibus me indignum dinosco con- 
currere in lectura,' 

Bl. 211 v: ,Ex ista conclusione taliter declarata secuntur due pro- 
positiones correlative contradicentes propositionibus positis per vene- 
rabilem magistrum meum magistrum Franciscum de Sancto My- 
chaele in suo secundo principio pro responsione ad argumentum meum 
primum factum contra decimam propositionem declarativam quarte con- 
clusionis sui principii, quarum prima est ista: Nulla divina suppositio- 
nalis ratio est formaliter aliqua perfectio simpliciter independens.' 

Bl. 213 v; ,Ex qua conclusione infertur correlative contradictorium 
tertie conclusionis secundi principii magistri mei Gerardi de Calcar, 
videlicet quod prima lux ad hoc quod sit ad extra determinate' (?) cau- 
sativa requiritur in .ipsa duplex ex natura rei causalium et exem- 
plarium rationum, cuius oppositum magister mens asserit et per conse- 
quens sequitur <quinta> conclusio mei primi principii, scilicet quod infinita 
pluralitas idearum est in arte supremi artificis coUocanda, ad quam 
conclusionem probandam induxi sex rationes. ad quas sui gratia ma- 
gister meus benigne respondit in suo secundo principio. Prima ratio 
in radice fuit ista: Divinus intellectus eternaliter cognovit hominem non 



46 it. Der literarische Ngchiaß. 

esse asinum. Querebam: quid terminabat intellectionem divinam vel 
ipsamet substantiafintellectus divini vel obiecta intelligibilia etc., ut ha- 
betur in primo principio meo. Ad istam rationem respondit magister 
meus tripliciter ; . .' 

Bl. 215V : ,Ex qua conclusione sequitur correlative, quod assensus 
articulorum fidei potius dependet a recte rationis dictamine quam ab 
imperio voluntatis, quod est fundamentum sexte conclusionis mei prin- 
cipii primi et contradictorium positionis yenerabilis magistri mei Mali vi 
de venerabili collegio de Navarra, contra cuius positionem et mei 
corrolarii confirmationem adduxi tres rationes, ad quas magister meus 
sui gratia in secundo principio suo benigne respondit Arguebam primo 
sie: Omnis actus principalius dependens a voluntate quam a ratione etc- 
Quere rationes in fine prime questionis. — Ad istas rationes respondit 
magister meus. Ad primam dat istam distinctionem, quod actus volun- 
tatis sunt in duplici differentia: quidam eliciti, quidam imperati . , .' 

Bl. 217 : ,Ex qua <conclusione> ulterius sequitur tertia propositio 
sequens ex dictis meis in secunda conclusione mei principii primi, vide- 
licet, quod nuUa divina relationis formalis conditio est formaliter ratio 
beatificans obiective, que est propositio, pro qua versatur controversia sco- 
lastica inter venerabilem magistrum Franciscum de Sancto Michaele 
et me suum discipulum. Cuius conclusionis oppositum in suo secundo 
principio asserens respondendo ad primam rationem factam in meo 
principio remisit michi propositiones huiusmodi: relatio divina est for- 
maliter infinita; relatio divina est formaliter essentia divina et sie de 
similibus. Contra quarum propositionum fundamentum argui in primo 
principio meo; sed pro nunc gratia brevitatis recito unam de rationibus, 
ad quam respondit venerandus magister in suo tertio principio. Argui 
enim sie: nuUa ratio incommunicabilis dicit formaliter denominationem 
perfectionis simpliciter; sed quelibet divina relatio saltem distinctiva etc. — 
sicud habetur in secundo principio contra eumdem magistrum. Ad 
istam rationem respondet magister meus in suo principio tertio, cuius 
responsio in qu££tuor propositionibus consistit . . .' 

Bl. 218: ,Ex qua conclusione sequitur correlative sexta conclusio 
principii mei primi, scilicet quod firma legis adhesio a recte rationis 
dictamine dependet potius quam ab imperio voluntatis. Contra quam 
arguit venerabilis pater meus bachalareus de domo beatiAugustini 
in suo principio secundo tribus mediis. Primo sie. Si conclusio est 
vera, sequitur quod habens dictamen rationis clarius adheret et firmius 
nostre legi, quam adhereat non habens eque darum dictamen rationis. 
Consequens falsum, ergo et antecedens. Consequentia patet . . .' Bl. 218v: 
,Ad istas rationes difficiles respondeo cum reverentia magistri mei re- 
verendi primo ad primam. Pro cuius clariori responsione premitto 
unam distinctionem de isto termino ,recta ratio«, prout habetur in prima 
questione quasi in fine. Quere ibidem.' 

Bl. 219 v: ,Ex qua conclusione sequitur correlative contradictorium 
corrollarii sequentis ex secunda conclusione tertii principii magistri 
GerardiCalcar.ubi dicit, quod distinctarerum representatio non arguit 
<in> Deo pluralitatem ydealium rationum, contra quam radicem argui in 



4. Die vier .principia'. . 47 

meo principio secundo multipliciter, ad que respondet prefatus magister 
meus in principio suo tercio. Arguebam enim sie ibi contra respon- 
sionem datam uni argumento facto in meo principio. Querebam enim 
tunc, quid eternaliter terminabat intellectionem divinam, cum eternaliter 
intelligeret hominem non esse asinum. Magister meus dixit finaliter, 
quod creatiu'am esse in esse possibili sive obiectivo; contra quam 
responsionem argui sie: Niehil quod in alio et non se ipso cognoseitur, 
terminat cognitionem cognoscentis ipsum; sed quelibet creatura, que a 
Deo cognoseitur, in alio et non in se ipso cognoseitur; ergo nulla talis 
terminat intellectionem divinam etc., sieud habetur in secundo principio 
post seeundum eonclusioilem. Ad istam respondit magister meus con- 
cedendo minorem et negando maiorem. Ad exemplum dieit: illud ne- 
dum physiee sed etiam perspective est multipliciter falsum. Primo spe- 
culum non terminat visionem, sed obiectum visum. Ut si Sor<tes> vi- 
deatur in speculo, speculum non terminat visionem meam sed Sor<tes> 
seeundum perspectives . , .' 

Bl. 222 v; ,Ex qua conclusione sequitur correlative, quod in super- 
infinita (?) deitatis substantia sunt rationes varie ex natura rei forma- 
liter differentes; euius oppositum tenetlin suö quarto principio et in 
tribus precedentibus magister Gerardus Calear, pro quo scholastica 
pugna inter ipsum et me hueusque duravit. Et licet pro meoi corrol- 
lario feeerim plures rationes in aliis prineipiis, ad quas consequenter 
magister meus respondit suffieienter; tarnen finaliter devenimus ad dif- 
ficultatem unius ratiönis, quam in meo principio tertio pro mea conclu- 
sione, quam defendo et contra suam positionem taliter formavi: Si 
videndo essentiam meam intuitive viderem Sortem, visio mea non ter- 
minaretur etc., sieud habetur in questione tertii prineipii post tertiam 
conclusionem ad tale Signum. — Ad istam rationem respondet magister 
meus in suo quarto principio.' — Bl." 223: ,Et per hoc patet, quod im- 
proprie dicitur creaturam terminare intellectionem divinam. Unde in 
rei veritate inter magistrum meum et me videtur esse equivocatio de 
isto termino »terminare intellectionem divinam', quod ipse capit pro 
obiecto, sive sit primarium sive seeundarium; ego vero pro illo, quod 
immediate coneurrit ad intellectionem seeundum nostrum modum intel- 
ligendi. Et de hoc semper quesivi a magistro meo, et ipse, cum sua 
reverentia, non aliter respondit nisi: quod Deus intelligit creaturam, de 
quo nullam feci questionem.' 

Sammeln wir aus diesen Auszügen die Elemente, welche 
über diese Veranstaltungen einiges Licht verbreiten können. 

Sie werden klar und wiederholt als ,principia* bezeichnet. 
Wir kennen in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mehrere 
solcher Veranstaltungen des Universitätsbetriebes: Die ,aula', 
jvesperiae', 'sorbonica*, ,quaestiones ordinariae oder disputatae', 
,quaestiones de quolibet', ,determinationes*. Wie der Name an- 
deutet, handelt es sich beim ,principium* um eine »Eröffnung', 
nämlich um das ,principium lecturae super libros Sententiarum*, 
um die Eröffnung der Vorlesungen über die Sentenzenbücher, 



4Ö ii. Der Üterarische Nachlaß. 

welche die ,baccalarii sententiarii* zu halten hatten % nachdem 
sie ihren Kurs von Vorlesungen über die Hl. Schrift vollendet hatten. 

Auch in der theologischen Fakultät^) gab es neben den 
,graduati' einfache ,studentesV ,supposita', welche der Fakultät 
nicht angehörten (non incorporati)^). Allerdings waren die meisten 
von ihnen als Magistri oder Bakkalaurei vollgültige Mitglieder der 
Artistenfakultät, ja sie waren zuweilen bereits als solche Rektoren 
der ganzen Universität gewesen. Diese ,studentes* hatten in der 
theologischen Fakultät fünf bis sieben Jahre die Vorlesungen der 
Magistri und Bakkalaurei zu hören und sich an den von ihnen 
geleiteten Übungen zu beteiligen, bevor sie sich zum biblischen 
Bakkalaureat stellen konnten. 

Die Pariser, Bologneser, Toulouser, Wiener und Kölner 
Statuten unterscheiden scharf zwei Arten angehender biblischer 
Lehrer: die ,cursores* und die ,bacalarii biblici*. Nicht minder 
bestimmt ist der Unterschied zwischen dem ,cursorie* und dem 
jOrdinarie legere bibliam*. So sind die Taxen des ,cursor* ver- 
schieden von denen des ,biblicus* und diese von denen des ,sen- 
tentiarius' ^). Doch wird der Unterschied, soviel ich sehe, nirgends 
genügend erklärt, ja er ist, wie Hermelink richtig bemerkt, in den 
Statuten mancher deutschen Fakultät ,verwischt* % So kennt 
z. B. Heidelberg^) nur ,cursores*. Leider belegt Hermelink den von 
ihm hervorgehobenen Unterschied durch keinen Quellennachweis '^). 

Mit der Zulassung zu dem ein- oder zweijährigen Kurs der 
biblischen Vorlesungen wurde der bisherige Scholar der theolo- 
gischen Fakultät einverleibt (incorporatus) und nahm nun auf 
der dritten und untersten Stufe der ,graduati' seinen Platz. An 



1) Daher konnte Peter in dem vorletzten Artikel seines Kommentars zum 
zweiten Sentenzenbuch auf einer Stelle seines .principium secundum' verweisen, 
mit dem er die Vorlesung zu diesem Buch eröffnet hatte, s. oben 40, n. 11. 

2) Die hier gebotene Übersicht fußt vorzüglich auf den Pariser Reform- 
statuten Urbans V, auf welchen sich die Statuten der Pariser, Bologneser, 
Toulouser, Wiener und Kölner theologischen Fakultäten aufbauten. Sie gilt da- 
her an erster Stelle für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. 

3) So heißt es in den Bologneser , Statuten von 1362 cap. 1: ,in nostra 
facultate graduati et graduandi cum copiosa comitiva suorum studentium' und 
cap. 11: ,presente venerabili magistrorum collegio cum omnibus bachalariis et 
studentibus.' Für Paris s. Denifle-Chatelain, Chartularium II 98. 

*) Bianco, Die alte Universität Köln I (Köln 1855) Anhang 41, 
öj Die theologische Fakultät in Tübingen 38. 

6) Winkelmann, Urkundenbueh I 20. 

7) Ein solcher findet sich in etwa in den Kölner Statuten. Bianco 
a. a. O. 39: ,Ordinamus qu,od nuUus religiosus admittatur ad lecturam libri 
Sententiarum, nisl primo legerit Bibliam per annum; nee aliquis secularis, nisj 
duos cursus rite compleVerit,' 



L Die vier ,principla*. 49 

einigen Hochschulen mußte er nach Vollendung seiner biblischen 
Vorlesungen noch ein Jahr dem Studium der Sentenzenbücher 
widmen, bevor er zum Halten von Vorlesungen über diese Bücher 
zugelassen werden konnte. Durch die Zulassung wurde er ,baca- 
larius sententiarius' und stieg hiermit zur zweiten Stufe der Gra- 
duierten empor. Mit dem Beginn der Vorlesungen über das dritte 
Buch wurde er ,bacalarius formatus'. 

Die uns hier beschäftigenden, einleitenden Vorlesungen (prin- 
cipia) waren sowohl von den ,cursores*, den ,bacalarii biblici' und 
den ,bacalarii sententiarii' zu Anfang ihrer Kurse und jedes Sen- 
tenzenbuches zu halten. Doch bestanden andere Vorschriften für 
die biblischen und andere für die ,principia* der Sentenzenbücher. 

In Köln mußten die ,sententiarii formati' nach der Erklärung 
der Sentenzenbücher sich noch vier Jahre an den Disputierübungen 
der Sentenziarier und Magistri beteiligen, bevor sie sich um das 
Lizentiat bewerben konnten. Dieses führte sie dann zur dritten 
und höchsten Stufe der Graduierten. Nun trennte sie nur mehr 
eine Reihe kostspieliger Veranstaltungen vom Doktorate der Theo- 
logie, d. h. von der offiziellen Aufnahme. in das Kolleg der Magistri. 

Diese Vorlesungen über die Sentenzenbücher dauerten in 
Bologna ein Jahr. Die vier principia waren zu halten um das 
Fest des hl. Hieronymus (30. Sept.), uin Weihnachten, Anfang 
April und Mitte Mai, zu Anfang der Erklärung je eines Buches. 
Sie mußten dem vom Promovierenden zu seinem Promotor (pater, 
determinator) gewählten Magister vorgelegt werden und durften 
ohne Genehmigung nicht veröffentlicht werden^). 

In den die principia einleitenden ,collationes* mußte sta- 
tutengemäß das Lob der theologischen Wissenschaft und das 
des Lombarden, des Verfassers der Sentenzenbücher ertönen. 
In der vatikanischen Handschrift (V 1) treten uns die ,colla- 
tiones* klar und deutlich als von den ,prineipia* scharf geschie- 
dene Leistungen entgegen. Wo der Raum es gestattet (Bl. 141. 
258. 319), finden wir zunächst das ,Incipit collatio* oder den Titel 
,principii secundi collatio' und erst an zweiter Stelle ,Questio 
principii' oder ,Principii secundi questio'. Zwischen beiden Lei- 
stungen besteht ein wesentlicher Unterschied. Die ,Collatio' ist 
ein Vortrag über die beiden oben erwähnten Themata in dem 
schon seit dem Ende des 13. Jahrhunderts vielfach auch in den 
Predigten üblichen geschraubten Ton, in dem gewisse vier- bis 
sechsgliederige Verschnörkelungen als Stoffeinteilungen und Glanz- 
punkte wirken sollen. Ich habe oben (S. 40) die erste der ersten 



1) Kap. 6. 2) Bianco ebd. 

Franzisk. Stud., Beih. 9 : F r. E h r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 



.50 II. Der literarische Nachlaß. 

,Collatio* mitgeteilt. Die vier Eollationen Peters halten sich genau 
an das vorgeschriebene Thema: Das Lob des Lombarden und 
des theologischen Studiums. 

Dagegen mußte jedes ,principium* eine theologische Frage 
in streng wissenschaftlicher, aber an besondere Vorschriften gebun- 
dener Form erörtern, wobei es den Lehrern gestattet war, die 
Ansichten und Äußerungen der mit ihnen ihre ,principia' haltenden 
Kollegen in passender Form zu bekämpfen 0- Im übrigen waren 
die ,principia' hervorragende Ereignisse im akademischen Leben. 
Sie mußten feierlich der ganzen Universitätswelt angekündigt 
werden, und damit niemand von deren Besuch abgehalten werde, 
durfte während derselben keine andere akademische Veranstal- 
tung stattfinden. 

Petrus hielt, wie es scheint, 1378/79^) seine vier ,principia* 
mit vier Doktoren der Philosophie aus dem Weltklerus und drei 
Religiösen, einem Dominikaner, einem Augustiner und einem 
Karmeliter, wäjirend er der Vertreter des Franziskanerstudien- 
hauses war. Die vier Religiösen waren nur Bakkalare der Theo- 
logie, während die vier dem Weltklerus angehörigen Aspiranten 
bereits geraume Zeit an der Universität als ,magistri artium* d. h. 
als Mitglieider der philosophischen Fakultät tätig gewesen waren, 
sieh aber nun um die beiden Bakkalareate der theologischen Fakul- 
tät, um die Lizenz und die Doktorwürde der Theologie bewarben. 
Es werden ja in" obigen Auszügen ,principia' nicht nur jener vier 
Artisten-Magistri, sondern auch der drei Religiösen erwähnt. Wenn 
also Peter zumal die vier weltlichen Magistri als seine Lehrer 
und sich als deren Schüler bezeichnet, so ist das eine höfliche 
Bedewendung. Die Religiösen konnten in die artistische Fakultät 
keine Aufnahme finden und durften nur unter der Leitung eines 
Theologie-Magisters ihres Ordens promovieren. 

jPrincipia', welche nur vier oder zwei Jahrzehnte älter sind 



1) Diese für die hier folgenden Erklärungen wichtige Bestimmung läßt 
sich durch die Statuten der theologischen Fakultäten gut nachweisen. So heißt 
es in. einem in Heidelberg zu leistenden eidlichen Versprechen: ,Item in quo- 
libet libro, faciendo principium, dicta et conclusiones eius vel eorum, qui 
mecum concurrerint legende, instare.' Winkelmann, Urkundenbuch der Univ. 
Heidelberg, Heidelberg 1896, 21. — In den Kölner Statuten lesen wir: ,Item 
seiitentiarii in suis principiis cum suis conlegentibus honeste conlerant, sine 
verbis offensivis, honorem sibi mutuo deferentes, more Studii Parisiensis.' 
Bianco,. a. a. 0. 40. — In Bologna lautete die einschlägige Bestimmung: ,Et 
licet legentes bachalarii possint lectionibus quandoque repugnare dicta colle- 
gentium sociorum, id tarnen faciant potius in principiis et ultima lectione, ita 
sane ut nee gratia disputative impugnationis asserant aliquid revocationi 
obnoxium, id est non sane dictum vel suspectum.' 

2) S. oben S. 42 f. 



4. Die vier .principia*. 51 

i 

als die uns hier beschäftigenden, finden sich in . Clm 26 ■ 71 1 » 
Bl 397__406. Es sind die des Augustiner-Theologen Bons em - 
biante. Bei der Aufspürung anderer Exemplare dieser eigen^ 
tümlichen Schriftart wird damit zu rechnen sein, daß bei: 4ei* 
handschriftlichen Weitergabe in ihnen das Formelhafte .abgestreift 
und nur das Doktrinelle und Lehrhafte festgehalten wiarde, wie 
es in obiger Münchener Hs der Fall zu sein seheint. Es dürfte 
sich empfehlen, zur Vervollständigung obiger Notizen auch über 
diese ,principia* das Wünschenswerte hier mitzuteilen. Es ist 
nicht viel, da uns . ja von Bonsembiantes ,prinicipia*,; wie ich 
schon oben bemerkte, nur das Lehrhafte erhalten ist. 

Bonsembiante Badoer und Bonaventura de Peragan Stief^ 
brüder^), ersterer aus der durch eine Reihe trefflicher venetia- 
nischer Dogen und Diplomaten bekannten Familie der , Badoer, 
beide Mitglieder des Ordens der Augustiner-Eremiten, gehörten 
zu dem großen Freundeskreis, welchen der /italienische Dichter- 
könig Francesco Petrarca in seinem gereifteren Alter in Padua 
als Domherr der dortigen Kathedrale und in Arquä in den Euga- 
neischen Bergen in seinem vielbesungenem Landhaus. zu sammeln 
verstanden hatte. Im Jahre 1369 weilte der Dichter in Arquä- 
als Gast in der Sommerfrische der Paduaner Augustiner. An- 
scheinend war es dieser Aufenthalt, währenddessen er dieses 
schöne Fleckchen Erde so lieb gewahn, daß er sich zur Grün- 
dung einer eigenen Heimstätte daselbst entschloß. Hier erhielt 
er Ende Oktober Kunde von dem anscheinend fast plötzlich in 

1) Eine Papierhandschrift von der Wende des 14. u. 15. Jahrh. aus dem 
Augustiner -Erem.-Kloster von Regensburg, von 442 Blättern, 300 X 208 mm, 
von einer Anzahl von Schreibern. Den Hauptteil der Hs bilden die Senten^en- 
kommentare, die ,Responsiones' und die leider unvollständigen ,Vesperiae' 
Johanns von Basel Bl. 1—396. Nur Bl. 301—309 ist Nik. von Oresme de 
communicatione ideomatum eingeschaltet. Dann folgen die vier »principia' 
Bonsembiantes in einer ungemein gedrängten und ah Abkürzungen überreichen 
Schrift. — Weitere ,principia', bei denen gleichfalls das typische Formelhafte 
abgestreift ist, jene des Johannes de Wasia finden sich in Hs Fol. 110 der 
Erfurter Stadtbibliothek, Bl. 1 ff. 

iä) jfratres uteriiii^, also Sprossen einer und derselben Mutter. Hieraus 
ergibt sich, daß der ältere Buonsembiante (Bonsembiante, lat. Bonsembiante; 
Schöngesicht) ein Badoer war, wie der Name der Familie seines Vaters im 
venezianischen Dialekt lautet (ital. Badoario oder Badoaro, lat. Baduarius), ein 
Geschlecht, das aus Ungarn stammen soll und früher auch den Namen' Parti- 
cipatio oder Participaci führte; vgl. Marin Sanudo, Le vite dei Dogi ed. 
G. Monticölo (Muratori SS rer. ital. 2 t. 22, pars 2), Cittä di Castellö I (1900) 19 
liota 12, 119 passim. Es gab der mächtigen Republik neun Dogen und eine 
Anzahl hervorragender Staatsmänner und Diplomaten vom 9. bis 17. Jahr- 
hundert. Dem jüngeren dieser Brüder Bonaventuras kommt also wohl dieser 
Name nicht zu. Sein Vater war aus dem edlen Geschlecht derer de Peraga 

von Padua. 

4 * ' 



* 



52 11. Der literarische NachlaJß. 

Venedig erfolgten Tode Bonsembiantes. Er schrieb daher am 
J. November einen Beileidsbrief an Bonaventura in Padua mit 
dem Ausdruck des ganzen Mitgefühls seiner echten Dichterseele. 
Dieser Brief ist uns unter den ,litterae seniles' Fetrarcas in den 
Basler Gesamtausgaben seiner lateinischen Werke im Urtext 
und in der Ausgabe Fracassettis in trefflicher italienischer Über- 
setzung mit dankenswertem Notenschatz ^) veröffentlicht. . 

Bonsefmbiante, der ältere deö hervorragenden Brüderpaares ^) 
(geboren 3. Juni 1327), wird in nnserer Hs Bl, 397 am Rand von 
gleichzeitiger Hand vom Ende des 14. Jahrhunderts als ,magister 
nostri ordinis' bezeichnet. Daß er in der Tat das Doktorat der 
Theologie in Paris erlangte, ergibt sich unzweifelhaft aus seinen 
vier ,principia**). Dia'ß dies nicht lange vor dem Jahr 1363 ge- 
schah, folgt aus der Weise, in welcher er sich mit Johannes de 
Calore beschäftigt, welcher in der Geschichte dieser Universität 
als Kanzler eine gewisse Rolle spielte ^). Offenbar wurde Johann 

1) Francisci Petrarca, Opera quae extant omnia, Basileae 1581, 
p, 890 f., epist. rer. senilium 1. 11, ep. 14. 

2) Lettere senili di Francesco Petrarca volgarizzate e dichiarate con 
nobe da G. Fracassetti II (Firenze 1870) IIb. 11. lettera 'XIV, pp. 178—186. 
Beginnt: »Quantum, prob, dolor.' Vgl. A. Portenari, Felicitä di Padova, 
Padova 1623, 453. 

3) Der jüngere, Bonaventura de Peraga, geb. 22. Juni 1332, überlebte 
seinen Bruder um mehr als ein Jährzehnt. Er wurde von seinem Orden auf 
dem Generalkapitel von Verona 1377 zum GeneralpTtor erwählt. Auch er 
war bereits bald nach 1362 Doktor der Theologie. Um diese Zeit finden wir 
ihn unter den neun Theologieprofessoren, welche sich der durch Innozenz VI. 
in Bologna errichteten theülogischen Fakultät einverleiben ließen. Von den 
Päpsten wurde er mit verschiedenen Sendungen betraut, so nach Ungarn und 
Polen. Nach Ausbruch des Schismas stand er treu zu Urban VI. und wurde 
von ihm 28. September 1378 zur Kardinalswürde erhoben (Eubel, Hierar- 
chia cath. I <1898> 22). Er soll 1388 (1385) in Rom auf der Engelsbrücke 
meuchlings durch einen Pfeilschuß getötet worden sein, wie die Sage ging 
durch einen Anhänger Francescos von Carrara, Herrn von Padua, den er sich 
durch energischen Widerstand gegen dessen Vergewaltigungen von Kirchengut 
verfeindet hatte. (Tiraböschi, Storia della letteratura italiana 1. 2, c. 1; 
Fr. Petrarca, Lettere senili 1. c. p. 184 f.) 

Eine inhaltsreiche Biographie des hervorragenden Mannes veröffentlichte 
D. A; Perrini O. S. A., welche mir hier nicht zugänglich ist. In dieser Schrift 
wird u. a. ausführlich nachgewiesen, daß es Bonaventura de Peraga ist, dessen 
Porträt im Vatikan in der berühmten, von Fra Angelico ausgeschmückten 
Kapelle Nikolaus' V. neben drei Kirchenlehrern eine Stelle gefunden hat. Bis- 
her wurde das Bild vielfach auf den hl. Bonaventura gedeutet. Vgl. AASS 
10. Junll t. 2, p. 392 ff. 

*) Nur hierfür wurden die Religiösen zum" Sentenzenlesen nach Paris 
gesandt und bei ihrer Zulassung mußten sie versprechen, sich für das Dok- 
torat an keine andere Universität zu wenden. 

ö) Er wurde 1370 Kanzler der Universität und starb 1381 s. Denifle- 
Chatelain II 636 und III 300, n. 1460; 720 im Index. 



4. Die vier ,prlncipia'. 53 

c. 1363 gleichzeitig mit Bonsembiante ,bacalarius sententiarius 
formatus'. Johann war 1362 noch actu regens in artibus ^), zu- 
gleich aber wohl auch Bakkalar der Theologie, da er 1363 einige 
Sätze widerrufen mußte, welche er in diesem Jahr in seinen 
,vesperiae* vorgetragen hatte ^). Die ,vesperiae* und die ,aula' 
waren die letzten akademischen Akte der Lizentiate der Theo- 
logie, welche der Verleihung des Doktorates unmittelbar vorher- 
gingen. In der Tat wird Johann bereits 1365 als ,magister actu 
regens in theologia* bezeichnet^). 

In dem cod. Vatic. lat. 981 finden sich Bl. 1 bis 71^ die 
,Determinationes' des Johann de Ripa. Bl. 91 bis 105 folgen 
,principia* Bonsembiantes. Dessen Sentenzenkommentar wird 
von Johann von Basel, einem hervorragenden Lehrer und General- 
prior desselben Ordens, mit denen Johann Bockinghams und des 
Franziskaners Rogerius Rosetus (vor 1381) mehrmals erwähnt^). 
Nach Trithemius, Fabricius u. a. scheinen nur die Kommentare 
zu den ersten drei Sentenzenbüchern erhalten zu sein. 

Das erste .principium' beginnt, wie auch die drei andern 
unmittelbar mit der in ihm erörterten Frage mit Abstreifung alles 
Formelhaften: ,utrum divina notitia Verbi productiva cuiuslibet veri in 
ipso representati fuerit eternaliter infallibilis evidentia'. 

Das zweite, Bl. 400: ,utpum solo incommutabili Verbo increata 
potentia creaturas quaslibet in esse produxit'. 

Das dritte, Bl. 402^: ,utrum anime unite Verbo fuerit commu- 
nicata notitia omnium futuroruüi ad utrumlibet contingentium.' 

Das vierte, Bl. 404^; ,utrum beatificatus futura revelata in 
Verbo infallibüiter presententur.' 

Unser Theologe disputierte (conferendo) in seinen ,prihci- 
pia*, wie es üblich war, mit den Bakkalaren, welche mit ihm 
zugleich zur Lesung der Sentenzenbücher zugelassen waren und 
ihre Antrittsvorlesungen hielten. Es waren dies je ein Bakkalar 
der Franziskaner, Karmeliter» Zisterzienser (Bernhardiner), Domini- 
kaner, Cluniacenser und des Kollegs der Sorbonne^). Ferner 
erwähnt er Johann de Calore in einer Weise % daß wir auch 

1) Denifle-Chatelain, Chartularium 11 636, n. 1165, nota 9. 

2) L. c. III (1894) 108, n. 1288: ,in primo'articulo mearum vesperiarum.' 

3) L. c. II 636. 

<) In Clm 26711, ff. 38b; 45: 1. 1, q. 2, a. 1; 47: 1. 1, q, 2 et 4; 49. 

5) Bacellarius de domo Minorum Bl. 398. ordiriis M. 401. 403. 

„ . Carmelitarum BL 398 v 401 v. 404. 405 v 

de domo Bernh<ardinorum> 81.399. 402. 398v(?), 
„ Predicatorum Bl. 400. 40 iv. 402 Y. 404 v. 

„ de Cluniaco Bl. 404, Cluniacen<sium> Bl. 406. 

„ de Cerbona Bl. 404 v 406. 

6) Bl. 406 ist fast die ganze zweite Hälfte der ersten Spalte der Diskussion mit 
Johann gewidmet. Sie beginnt: ,Tertia conclusio principalis sit hec: cuilibet. 



54 II. Der literarische Nachlaß. 

ihn zu den Bakkälaren rechnen müssen, welche zugleich mit 
Bonsemb^te ihre ,principia* und ihre vorschriftsmäßigen Vor- 
lesungen über die Sentenzenbücher hielten. Auffällig ist nur, 
daß Johann nicht als magister bezeichnet wird. Sicher war er 
schon geraume Zeit ,niägister artium*. Seine Erwähnung wird 
uns weiter untfen die Datierung der ,principia* ermöglichen. Außer- 
dem nennt er den bekannten englischen Theologen Thomas Brad- 
wardine % der, obwohl er seine Summa gegen gewisse Sätze 
des Nominalismus schrieb, doch stark unter dessen Einwirkung 
stand. Weiterhin werden ein ,inagister Alanus' ^) und ein ,magister 
Petrus de Cluniaco* ^) : genahnt, welche ich weiterhin nicht nach- 
weisen kann. 

Beachtenswert ist auch der ,articulus domini Gardinalis*, 
welchen der Dominikaner-Bakkalar in seinem dritten ,principium' 
verwertet hatte und dessen Erörterung Bonsembiante in seinem 
vierten wieder aufnimmt^). Es gelang mir, ihn als einen der 

beatificp spii;itui repugnat aliquid culpabiliter velle. Probatur: quia miseria 
culpe est incompossihilis gratie et glorie. Ex qup infero ... 4» quo aut Deus 
non influit ad omne agere creature aut prius aliquando influit creatura quam 
Deus. Sed prima pars non est danda; ergo secunda, cuius oppositum sepe 
dixit Johannes de Calore. Verum quia alias probavi per Augustinum 13 de 
Trinitate c. 5 quia ad malum prior est voluntas hominis quam Dei, querendo 
ibi accipitur ,malum' respondet,- quod accipiebatur pro dillormiter, culpabiliter 
agere. Contra hoc argui sie: ad malum sie sumptum prior est voluntas 
hominis ; ergo Deus non f acit ipsum hoc agere et per consequens non semper 
prius influit, cuius oppositum saepe dixit <offenbar Johannes>. Secundo 
arguo sie: mali sie sumpti Deus nuUo modo est causa elfectiva; ergo nee 
prior nee posterior voluntate creata . . . S« sie . . . 4« quia desinere conservare 
qualitatem, quod est odium Dei . , . Ad illud respondet <Jphann> ad primum 
negändb consequentiam; Stat enim quod Deus faciat voluntatem hominis esse 
positum ad malum, etiam facit eam facere, Sed exdictis eins <d. h. Johannes> 
in quarto principio articulp quinto arguitur sie: voluntas hominis in sie agenda est 
prior quam voluntas Dei per ipsum, quia Deus facit ipsam esse priorem; ergo 
pi*ius influxit quam Deus, cuius oppositum tenet<Johannes>. Patet consequen- 
tia, quia per. ipsum semper tarn prior prius influit quam posterior. 2» sie 
.<respondet> . . . 3» sie . , . Ad 2^ negat antecedens ... Ad Augustinum 
dicit <Johanne8 > . . : <406 b> Ad 3™ concedit . . , Die Erörterung mit Jo- 
hann schließt: sed hoc, utrum sit bene concessum, relinquo iudiciö suo.' 

Es folgt eine Diskussion mit dem Cluniacenser-Bakkalar: .Respondendo 
breviter ad rationes, quas feci contra baccelarium Cluniacensem . . .' 

1) Bl. 399 V 

2) Bl. 402 v; ,l8tam <conclusionem> alias posui contra magistrum Alanüm 
sie: Si divinum Verbum fieret foi'malis cognitid creature, hoc esset per aliquam 
actionem ad extra.' 

3J Bl. 399 : Ex quo inferd contra dominum Petrum de Cluniaco (am 
Rand von derselben Hand: conti-el monachum de Cluniaco). 

*) Bl. 405: , Contra solutiohes per me datas in 3» principio quibusdam 
rationibus probantibus(?) quod Dfeum esse sit Deus quatenus est significabile 
complexe; et ly esse sumitur verbauter et non notionaliter, etiam non est 



4. Die vier ,principia*. 55 

Artikel nachzuweisen, zu deren Widerruf der Zisterzienser-Kalr- 
dinal Wilhelm Curty um 1342 den Lizentiaten .Nikolaus von 
Autrecöurt verurteilte. Wie wir sehen werden, spielte das ,signi- 
ficabile complexe* in Paris noch zwanzig Jahre später eine 
gewisse Rolle. 

Mehrfach kehren dieselben spezifischen Wendungen der 
,principia' wieder, welche wir bereits, bei Peter von Candia und 
aus den Fakultätsstatuten kennengelernt haben. So werden 
die in den Statuten vorgeschriebenen Auseinandersetzungen mit 
den Kollegen eingeleitet: , Pro coUatione habenda cum bacellario 
Carnielitarum posui in tertio principio conclusiones* 0- »Gonclusio 
prima coUativa cum Bernhardino bacellario'^). ,Conferendo cum 
bacellario de Cerbona in tertio principio arguebam sic*^). 

Sodann finden sich deutliche Anklänge an die Schule seines 
Ordens. Hierher gehören die bei einigen Erörterungen auffallend 
zahlreichen Stellen aus dem hl. Augustin ^). Auch auf seinen 
besonderen Ordensdoktor Ägidius von Rom beruft er sich mehr- 
mals; ja an einer Stelle sagt er geradezu: ,Ideo sequendo viam 
doctoris nostri Egidii 1. 2, d. 23 ponam aliquas conclusiones* °). 

Im übrigen ist klar, unser Theologe ist ein echtes Kind 
seiner Zeit, der Blütezeit des Nominalismus. Er geht die Wege 
der Neuerer, hält sich wenigstens in seiner Forschungsmethode 
viel mehr an den Ockhamisten Gregor von Rimini als an den 
Ägidianer Thomas von Straßburg. Ja es treten bei ihm die spe- 
zifischen Züge des Ockhamismus noch schärfer und klarer her- 

alicuius entitatis et per consequens nullius perlectionis nee finite nee infinitCj arguit 
ipse <d. h. der baccalarius Predicatorum) hie lioc modo. Etprimo sie: non minus 
Deum esse est aliquid quam Deum distingui a creatura; sed secundum est 
aliquid, id est aliqua entitas et alicuiüs entitatis, ergo et primum. Probatur 
breviter per articulum domini cardinalis. Dicit, quod signiüicabile complexe 
per illud complexum: Dens et creatura distinguitur ab invicem nicliil sit, revocat 
tamquam falsum et scandalosum; et tunc querit, quomodo accipitur in illo 
articulo ly nicliil. Si enim opponitur huic quod est aliquid, id est aliqua entitas, 
habetur propositum, quod signiücabile complexe est aliqua entitas vel *alique enti- 
tates. Sed Deum esse non est alique entitates, ergo est aliqua entitas.' Die von 
Nikolaus von Autrecöurt widerrufenen Artikel finden sich inDenifle-Chatelain, 
Chart, univ. Paris. II 583, n. 1124. Für uns komm eii hier Artikel 54 und 55 nach 
der Zählung des Buläus (Hist. univ. Paris. IV 308) in Betracht. So läuten im 
Chartul. p. 583: 54, ,Item quod Dens et creatura non sunt aliquid.* Falsum 
et scandalosum prout iacet. — 55. ,Item quod signiücabile complexe per istüd: 
Dens et creatura distinguuntur, nichil est.' Falsum et scandalosum. — Über 
die Untersuchung des Kardinals 1. c. p. 579; Eubel, Hlerarchia cath. I (18i98) 17; 
vgl. J. Lappe, Nikolaus von Autrecöurt. Sein Leben und seine Philosophie, 
in: Beiträge zur Gesch. der Phil, des M.-A. VI 2, Münster 1908, 31* ff. 
?^- ij Bl. 405 V vgl. 401; 404 V. 2) ßl. 398 v. 3) ßl. 406. 

*) Zumal zu Anfang des ersten und zweiten ,principium'. 

6) Bl. 397 V. 397. 



56 II. Der literarische Nachlaß. 

vor als bei Petier von Candia und Johann von Basel. Hierfür 
genügt es, einen Blick auf die logisch-sophistische Ausbeutung 
des ,significabile complexe* im zweiten und vierten ,principium* 
zu werfen. Hier weht der Geist, der genau in diesen Jahren 
Johann de Calore zu seinen zensurierten Sätzen führte 0^ Der 
Geist ungesunder Neuerungssucht und Effekthascherei. 

Dies dürfte genügen, um uns den vorerst erforderlichen 
Einblick in die Theorie und Praxis der mittelalterlichen ,princi- 
pia* zu gewähren; tieferer Einblick ist wohl ohne Abdruck und 
sorgfältige Kommentierung einiger ,principiaVkaum zu vermitteln. 

5. Literarhistorische Auszüge. 

Im folgenden biete ich nun literarhistorische Auszüge 
aus dem Kommentar. In diese reihe ich nicht nur die für un- 
seren Hauptzweck so wertvollen Hinweise auf die älteren Lehrer 
und deren Scheidung in Lehrrichtungen und Schulen ein, sondern 
auch Stellen, welche die Lehrmethode, die Stoff anordnung, den 
Aufbau der Quästionen, die Ausdrucksweise unseres Lehrers zu 
beleuchten geeignet sind. Dagegen scheide ich zu geeigneter 
Verwendung anderwärts die für die Lehrrichtung desselben be- 
zeichnenden Stellen aus. 

Den einzelnen Stellen füge ich die Hinweise auf die Erfurter 
Hs an, ziehe Jedoch die beiden Münchener Hss und die vatika- 
nische (Vatic. lat. 1081 = V 1) nur bei zweifelhaften Stellen zu 
wünschenswerten Vergleichen heran. Solche Vergleiche sind nicht 
selten dadurch geboten, daß wir es hier nicht mit einem regel- 
recht veröffentlichten Werke zu tun haben, das in einer vom 
Verfasser endgültig festgestellten Fassung herausgegeben (editum), 
das heißt den offiziellen ,Verlegern', nämlich den öffentlichen 
jStationarii librarii' der Universitäten oder andern privaten oder 
gewerbsmäßigen Schreibern oder Schreiberschulen zur Vervielf älti- 
gfUiig zugewiesen wurde ^). Wir haben vielmehr, wie bei den meisten 
ungedruckten und selbst bei einigen gedruckten Sentenzenkommen- 
taren, Nachschriften (reportata) vor uns ^). Dies beweisen nicht nur 
. I 

1) Vgl. oben S. 52 A. 5. 

2) Die beiden Ausdrücke .stationarii' und .librarii* werden im 13. und 
14. Jahrh. selbst in den offiziellen Aktenstücken nicht klar und scharf geschie- 
den, 8. P. Delalain, fitude sur la librairie Parisien du Xllie au XlVe siecle, 
Paris 1891, pp. XX. XVIII. ,Stationarius' ist mehr der Beschaff er der Hss durch 
Abschreiber, .libparius' ist der Händler; vgl. auch Wattenbach, a. a. 0. 554. 

3) Wattenbach, a. a. O. 564 und 563, wo das Explicit der Venediger 
Hs unseres Sentenzenkommentars (s. oben S. 21) verwertet wird. 



.5. Literarhistorische Auszüge. 57 

die zwischen den Hss Textverschiedenheiten, sondern auch zahl- 
reiche Wendungen, welche der Lehrer unmittelbar an seine Zu- 
hörer richtet, auf ihre Stimmung Rücksicht nimmt, auf das in 
nachfolgenden Vorlesungen zu Behandelnde hinweist usw.; Wen- 
dungen, die bei einer Überführung der Vorlesungen in Buchform 
ohne Zweifel beseitigt worden wären, wenn sie überhaupt in 
seinem Manuskript standen und nicht vielmehr im Schwünge des 
Vortrags, der augenblicklichen Lage und Stimmung, dem ge- 
schriebenen Wort angefügt worden waren. So ruft Peter am 
Schlüsse zweier Vorlesungen seinen Zuhörern zu (VI f. 33^): 
,Quia nolo vos aggravare. Forsan declarabitur in lectione se- 
quenti.' (VI f. 38'*'): ,Supersedeo usque ad proximam lectionem, 
et gratias <ago> vobis magnas'. Die Vorlesungen des Lehrers 
wurden, zuweilen wohl mit einer Art von Schnellschrift ^), nach 
Möglichkeit in dem Hörsaal nachgeschrieben, zunächst von den 
Schülern im Interesse ihrer eigenen Studien; dann wurden sie^ falls 
Interesse und Nachfrage vorhanden war, durch Lohnschreiber in 
den Klöstern und an den Universitäten in Reinschriften verbreitet. 
Diese uns in den Bibliotheken erhaltenen Reinschriften weisen, 
wie uns auch die vier hier benützten Hss sattsam zeigen, sehr 
zahlreiche, zuweilen nicht belanglose Verschiedenheiten in ihren 
Texten auf. Das ,verDum ad verbum', das manche Abschreiber 
unseres Kommentars in ihren Explicits marktschreierisch hervor- 
heben, ist also bedeutend einzuschränken. Der Stoff und Ge- 
dankengang ist in allen Hss derselbe, findet sich aber bald in 
dieser bald in jener klarer und voller. 

Für unseren Kommentar bietet ohne Zweifel die vatikanische 
Hs (VI = Vatic. lat. 1081) die beste und korrekteste Nachschrift. 
Sie wird nur selten durch die Erfurter verbessert, übertrifft aber 
diese letzte außerdem bei weitem durch ihre durch alle Blätter 
durchgeführte, musterhafte Hervorhebung der 'Einteilung des 
Textes, sowie durch die Lesbarkeit und Schönheit ihrer auf der 
Höhe der Entwicklung stehenden ,littera Parisiensis'. 

Obiges gilt von den Sentenzenkommentaren. Für die Ge- 
staltung der Texte in den Hss der Quolibeta und Quaestiones 
disputatae oder ordinariae ist noch ein anderer Faktor in Rech- 
nung zu setzen, über dessen Tragweite bei anderer Gelegenheit 
zu berichten sein wird, wenn die Veröffentlichungsart dieser 
Schriftgattung besprochen wird. 

In den hier folgenden Mitteilungen werden wir uns selbst- 



Allerdings kommt .reportari' auch im Sinne von .abschreiben' vor, 
s. Wattenbach, a. a. O. 564. ,Dilctieren' heißt in jener Zeit ,ad pennam dare'. 
1) Ebd. 



58 II. Der literarische Nachlaß. 

verständlich auf die Wiedergabe jener sachlichen Varianten be- 
schränken, welche für unsere Zwecke besonderes Interesse bieten. 
Die ausgehobenen literarhistorischen Notizen werden entweder 
sachlich gruppenweise geordnet vorgelegt, oder wo eine solche 
Anordnung nicht angängig ist, folgen sie nach dem Text der 
Erfurter Hs und folglich dem Gang der Sentenzenbücher. Hier- 
durch wird im Anschluß an das oben mitgeteilte Fragen Ver- 
zeichnis das Auffinden der ausgehobenen Stellen in den Mün- 
chener und den anderen Hss nach Möglichkeit erleichtert. 

Beginnen wir mit den Auszügen, welche sich auf die Lehr- 
richtungen beziehen. Wir wissen, daß wir es im 14. Jahrhundert 
mit Nominalisten, Skotisten imd einigen strengeren oder weniger 
strengen Thomisten zu tun haben; aber wir wünschen für diese 
Gruppierung der Lehrer zeitjgenössische Zeugnisse, Zeugnisse, 
welche sich über diese Scheidung der Schulen aussprechen, die 
uns die Gründer und die bedeutendsten Vertreter jeder einzelnen 
Schule angeben. 

1. E. 16, Ml 21 V. Es handelt sich um den zweiten Artikel der 
ersten ,quaestio in 1. Sent.' Erat iste: utrum eternis relationibus possit 
correspondere formaliter a divina essentia aliqüa ratio fruitiva. Der 
Autor hebt zunächst die Schwierigkeit der Frage hervor und kündigt 
alsdann die Disposition ihrer Erörterung an: ,Pro cuius articuli decla- 
ratione, quia inter doctores reperitur diversitas magna <difficultas re- 
peritur maxima), idcirco intendo aliquantulum prolixius immorari. Circa 
que, ut veritas clarius appareat, primo pertractabo materiam iuxta 
ymaginationem Doctoris Subtilis, secundo iuxta mentem domini 
Aureoli, tertio iuxta ymaginationem Ockam, et quarto iuxta illud, 
quod videtur miehi rationabilius eligendum.' 

,Pro presenti igitur lectione. tractabo materiam iuxta ima- 
ginationem Doctoris subtilis, pro quo pono quinque conclusiones/ qua- 
rum prima sit ista: Absolute est possibüe in divina essentia et non in 
eternis relationibus visionem create intellectionis intellectualis substantie 
terminari . . .' ,Secunda conclusio est hec: nuUam includit repugnan- 
tiam frui ordinate divina essentia et non personis creatam potentiam 
volitivam . . .' ,Tertia conclusio: Non est impossibile creaturam ratio- 
nalem paterno frui supposito sine Filii vel Spiritus Sancti notione . . ,' 
,Quarta conclusio: Non est possibüe intellectionem creatam in patria 
in suo natural! acumine videre divinam essentiam sine personarum 
trinitate . . .' ,Quinta conclusio et ultima: Non est possibüe voluntatem 
creatam ex libertate propria in beatifico statu ab actu fruitionis beati- 
ficei) rationes ypostaticas sequestrare.' 

,Hec conclusio sie probatur. Non est possibüe, voluntatem crea- 
tam ponere aliquod antecedens, ex quo natural! necessitate sequitur 
aliquod consequens et non ponere illud consequens. Sed actus volun- 
tatis reßpectu obiecti beatifici habet conditionem annexam ad tale ob- 

1) M 1 1 16. 



5. Literarhistorische Auszüge. 59 

iectum, quod est deitas et unitas veritas et trinitas simuli); ergo non 
est possibile, quod voluntas producat talem actum sine tali conditione, 
et per consequens nön est in potestate talis voluntatis, 'quod una per- 
sona fruatur sine alia vel essentia sine persona. 

Declaro autem radicem rationis. Licet sit in voluntatis potestate 
elicere actum demeritörium vel non elicere actum demeritorium, tamen 
si elicit, non est in potestate voluntatis, quin talem actum concomitetur 
deformitas; et ita, licet forsitan sit in potestate voluntatis elicere actum 
beatifice dilectionis circa Deum clare per intellectum sibi ostensum; 
tamen non potest talem actum elicere, quin concomitetur, quod sit 
trium personarum; <quare propositum). 

Radix et tota ymaginationis ratio est ista. Omnis actus habens 
duo obiecta secundum prius et posterius, habet primum obiectum, a quo 
essentialiter dependet, et secundum, a quo essentialiter non dependet, 
sed tendit in illud virtute primi obiecti et hoc est accidentaliter. Licet 
ergo non possit manere idem' actus nisihabeat habitudinem ad primum 
obiectum, potest tamen manere idem virtute primi obiecti sine habitu- 
dine ad secundum obiectum, quia ab eo non essentialiter dependet; 
verbi gratia: idem est actus visionis essentie divine et aliarum rerum 
relucentium in essentia divina, sed essentia divina est primum obiectum, 
res autem vise sunt secund<ari>um obiectum. Non potest tamen manere 
visio eadem, nisi esset visio eiusdem essentie. Potest tamen manere 
absque hoc quod esset visio rerum visarum in divina essentia. Sicut 
ergo Deus potest sine contradictione cooperari ad <f. 14> actum, quo 
quis tendit in primum obiectum, non cooperando ad ipsum in quantum 
tendit in secundum obiectum, et tamen est idem actus qui prius; ita 
sine contradictione potest cooperare ad visionem essentie divine, non 
cooperando ad visionem vel fruitionem unius persone sine alia, quia 
divina essentia habet rationem primi obiecti et persone quasi secundi. 

Et ista est breviter raensDoctoris Subtilis, prout potest 
coUigi ex verbis suis satis obscure positis primo Senten- 
tiarum d. 1, a. 2. 

Contra tamen istam opinionem arguit Johannes de Ripa primo 
Sententiarum q. 1 a. 2 <quarto> prime distinctionis, ex cuius dictis col- 
ligo Septem rationes, propter septem radices, quas tangit . . .' 

In Verlauf derselben Quästion2) wird mit einer ganz ähnlichen 
Wendung auch Aureoli Mangel an wünschenswerter Klarheit vorge- 
worfen. Ef. 14^: .Consequenter predictus articulus, ut premissum est, 
iuxta ymaginationem fratris domini Petri Aureoli est aliqualiter 
declarandus, ex cuius positione, sive sit vera sive sit falsa, catholica 
vel erronea, non curo ad presens, quia ipsam ad presens non recitabo 
ut ipsam teneam, sed ut magis clareat veritas in posterum dicendorum. 

Colligo quinque conclusiones quarum prima sit ista . . .' Nach der 
fünften beschließt er diesen Teü E f. 16: ,Et ista est ymaginatio 
istius doctoris multum diffuse et obscure posita primo Senten- 

1) Vatic. 1081 quod est deitatls et trinitatis simul. 

2) Vgl. oben n. 1. 8. 



60 IL Der literarische Nachlaß. . , 

tiarum, dist. 1, q. j per quinque articulos <dilatata>. — Contra istum 
doctorem et positionem arguitur sex modis.' 

Dieser Ankündigung entsprechend leitet er den dritten Teil seiner 
Erörterung also ein. E f . 16 ^i .Consequenter tractandus est articulus 
iuxta ymaginationem Ocham et suorum seqüacium. Pro cuius 
declaratione sex pono conclusiones , . , Von dem zweiten Beweis für 
die erste conclusio heißt es: ,Hoc argumentum est Achilles om- 
niuro Ockamistarum.' Ähnlich heißt es auch von der vierten con- 
clusio. Quarta conclusio: ,non est possibile, beatum in patria intuitive 
videre vel diligere unam personam, non videndo vel diligendo aliam 
personam vel quamlibet earum . . .' Ista conclusio primo probatur per 
argumentum, quod filii 0(fham, utpote Adam et Monachus 
multum ponderant . . . ,Has conclusiones ideo ex positione induxi, 
ut ex fructibus nobilitas arboris cognoscatur. Et hec est 
hereditas filiorum Ocham breviter recollecta.' Nun macht er 
sich an die Widerlegung dieser Ansicht: .Contra istam positionem ar- 
guo aliquibus mediis . . .' 

2. E 52. In dem zweiten Artikel der vierten quaestio in 1. Sent.: 
,utrum productorum in divinis realis distinctio sit absoluta penitus vel 
simpliciter reiativa' werden zwei Ansichten der Lehrer erwähnt. Die 
erste, welche sich bei Richard von St. Victor, Bonaventura und Johann 
de Ripa i) findet, hält die Unterscheidung für eine durchaus absolute. 
Die zweite Ansicht glaubt, sie sei nur eine relative; doch wird dies 
vom hl. Thomas in einer, von Skotus in anderer Weise erklärt. ,Doctör 
subtilis tarnen aliter declarat in reportatione Parisiensi d. 26, q. 2, 
ubi dicit, quod suppositum substantie in creaturis habet tres conditiones, 
quarum prima est ultima actualitas, unde natura in supposito actuatur 
et ponitur in actu. Secunda vero conditio est ultima singularitas et 
unitas, quam non habet natura, quia non est de se hoc in entitate 2) nee 
per consequens in unitäte, sed contrahitur per differentiam individualem. 
Tertia conditio est incommunicabilitas, quam non habet natura, quia 
est divisibilis et limitata, et ideo non potest communicari sine sui divi- 
sione. Prime autem due conditiones sunt perfectionis, scilicet actualitas 
et simplicitas, sed tertia videlicet incomiQunicabilitas nee dicit perfec- 
tionem nee imperfectionem, ymmo quodammodo vergit in iinperfec- 
tionem, quia communicabilitas videtur dicere perfectionem pro eo quod 
bonum est sui ipsius diffusivum. Relatio vero in divinis est ratio in- 
communicabilis. Nunc autem quia in ratione persone divine concurrunt 
essentia et relatio, ideo ex parte divine essentie habet actualitatem et 
unitatem sive singularitatem, ex parte vero relationis incommunicabili- 
tatem. Quia ergo iste conditiones tres, videlicet actualitas, unitas, in- 
communicabilitas integrant rationem persone, ergo cum has perfectis- 
sime recipit persona ab essentia et relatione, sequitur quod proprio 
persona est quid constitutum ex essentia et relatione, ita quod nee 
essentia dat proprio rationem personalem nee relatio, sed ambo vere 
integrant rationem personalem. 

1) Von ihm heißt es Vatic. 1081, f. 70^: ,quam opinionem iste mo- 
dernior nititur colorare.' 2) Von gleichalter Hand auf einer Rasur. 



5. Literarhistorische Auszüge. 61 

Sed licet ista videantur pulchre dicta, tarnen in auribus 
Ockara non generant pulohram melodiam. Cum dicit quod na- 
tura in creaturis non dicit actualitatem nee unitatem nee incommunica- 
bilitatem, quero de qua natura loquitur, aut de creata aut de increata. 
Si de increata, falsum est, quia ipsa est summe actualis; si vero de 
creata, ista est vel substantia vel accidens, et quodcunque istorum detur, 
sequitur quod est una et singularis et actualis. Si loquitur sompni- 
ando, cum excitatus fuerit, recumbat in novissimo loco, Sed 
quia ista materia est satis divulgata, non oportet hie diutius immorari. 

Verumptamen ad mentem doctoris, cui communiter imponitur, 
quod est una natura communis in omnibus in divinis, dico quod modus 
suus perscrutandi methaphysicus, et ideo sumebat rationes specificas 
abstractive, non considerando nisi ipsas tantum, ut verbi gratia sumendo 
humanitatem ut sie, non plus considerando Sortem quam Martinum, nee 
plus duos quam <centum>. Et sie ex sua ratione formali non dicitur 
una vel plures, sed cum ipsa intelligitur hec vel una, tunc dicitur con- 
trahi per differentiam individualem. 

Ista ergo abstractio non est quod in re extra, sit ista natura 
communis, sed <precise> in consideratione intellectus ut ipsemet prima 
questione quodlibeti dicit, quod universale nihil est preter singulare. Et 
istum modum investigandi habuerunt communiter methaphysici per- 
scrutatores, ut Avicenna in illa communi auctoritate, que allegatur 
de ipso 50 Metaphysice equinitas est tantum equinitas etc. Et si dica- 
tur quod secundum hoc in re non est differentia inter Ockam et 
Scotum, absque dubio verum est, sed est differentia in modo 
investigandi. Unus namque procedit loice et alius metaphysice. 
Verumptamen aliqui, sine fundamento loyce studentes doctri- 
nam Doctoris Subtilis, divulgabant, non intelligentes modum 
perscrutandi Doctoris Subtilis, quod sie ex parte rei intelligebat, 
quod non est verum.' 

3. In einer wirklich recht spitzfindigen Erörterung über das Formal- 
öbjekt unseres Verstandes (Artikel 2 der quaestio 3 in 2 Sent.) erklärt 
Petrus mit fast naiver Offenheit, daß ihn zur Aufstellung einer Meinung, 
welche einer früher von ihm verteidigten Ansicht völlig widersprach, 
nichts anderes veranlasse als das Bedürfnis nach etwas Wechsel und 
der Wunsch einen ü^all vorzuführen, in dem einem solchen Bedürfnis 
ungescheut entsprochen werden kann. 

Ef. 141v: ,Unde inter istam positionem et positionem Doctoris 
Subtüis est tantum in hoc differentia, quia iste ponit differentiam ulti- 
mam contineri sub ente virtualiter et denominative, non autem forma- 
liter et quidditative, quam positionem sustinui in secundo meo prin- 
cipio contra magistrum Gerardum de Kaikar. Et nunc oppositum 
hie teneo, non quod unum putem magis verum quam aliud, sed ut 
<coloretur> multiplexi) ymaginandi via, pro libito volentium 
nunc panem commedere, nunc caseum manducare.' 

4. Für die Kenntnis beider für uns hier besonders in Frage kom- 

ij So deutlicli in M 2, f. 170. 



62 iL iDer iiterarische Nachlaß. 

menden Schulen der Nominalisten und der Skotisten ist der Ein- 
gang zum dritten Artikel der vierten quaestio in 1. Sent. von besonderer 
Bedeutung. Er lautet E f. 53 v; ,Tertius articulus erat iste: utrum divine 
substantie ex natura rei formaliter correspondeat pluralitas attributalium 
rationum. Pro cuius articuli declaratione est advertendum, quod circa 
difficultatem propositam varie fuerunt ymaginati doctores. Ad presens 
tarnen sufficit duos famosiores et modefniores modos ymaginandi 
cum suis coloribus recitare, quorum primus est Doctoris Subtilis 
et suorum sequacium, utpote magistri Francisci de Marchia, 
Francisci de Maronis et Landulphi, doctorum hujus venerabilis 
universitatis. Secundus modus inceptoris Wilhelmi Ockam 
et plurium aliorum suorum sequacium, utpote Ade, Gregorii 
et plurium aliorum. 

Tenet igitur Doctor Subtilis quod attributa sive perfectiones distin- 
guuntur intrinsece et ex natura rei, pro qua opinione quatuor per or- 
dinem sunt declaranda, videlicet quid sit simplicitas, quid sit f ormalitas, 
quid modus intrinsecus, quid perfectio attributälis. Ex quibus apparebit, 
qualis sit ymaginatio doctoris Subtilis, — Quantum ad primum pono 
duas conclusiones, quarum prima est hec: summe simplicitatis conditio 
non excludit pluralitatis omnimodam rationem,' 

Der Schluß dieses Teiles lautet Ef, 55: ,Multe alle rationes fiunt 
pro ista opinione et similiter apparent multe auctoritates Sanctorum 
hanc opionem colorantium <roborantes>, ex quibus maoifeste cohclu- 
ditur, quod inter ipsas perfectiones attributales, secluso omni operatione 
intellectus est aliqualis non ydemptitas ex natura rei. Et sie patet arti- 
culi declaratio secundum ymäginationem Scotistarum, quäre' etc. 

Nachdem er obige vier Punkte erörtert hat, kommt er zur zweiten 
Ansicht. E f. 55: ,Secunda opinio circa difficultatem perfectionum attri- 
butalium est Ockam et suorum sequacium, pro cuius opinionis 
declaratione pono sex conclusiones, quarum prima est ista: nulle per- 
fectiones sunt in divina essentia ex natura rei ab invicem formaliter 
vel realiter düferentes.' Auf diese sechs Sätze folgt eine Zusammen- 
fassung dieser Ansicht, in welcher sich einige nützliche Angaben finden. 

Ef. 56: ,Ymaginatio igitur istorum consistit in hoc, quod omnis 
distinctio est realis vel formalis. Realis est duarum naturarum non 
ydemptitas <et ambarum ratio). Distinctio formalis est tantummodo 
inter unam rem, que est multe, et quelibet istarum et nuUa istarum est 
alia, et ita nuUa reperitur distinctio formalis nisi inter divinam essen- 
tiam et relationes. Quia ergo termini significantes divinam essentiam, 
ut denotant perfectionem, ex modo significandi non significant divinam 
essentiam nisi ut absolutam rem, ideo eis nuUa distinctio correspondet 
ex natura rei, sed precise significant <rem> simplicissimam, multa alia 
frequenter connotando. Et ex hoc quod diversa tales termini conno- 
tant, non oportet rem simplicissimam tunc distinctionibus onerare. Est 
igitur fundamentum ipsorum, quod nee in creaturis nee in divina essen- 
tia absolute considerata est aliqua distinctio ex natura rei. Et ad hoc 
speeialiter probandum addueit magister Gregorius de Arimino 
contra Doctorem Subtilem septem rationes et Ockam unam. 



5. Literarhistorische Auszüge. ' 63 

quam reputat demonstrative concludere contra omnem distinctionem 
huiusmodi sive in creaturis sive in Deo, exceptis relationibus tantum, 
quas decrevi adducere et breviter solvere ad consolationem disci- 
pulorum Doctoris Subtilis, quia<in rei veritate>non multum conclu- 
dunt contra intentionem prefati doctoris. Arguit Gregorius primo sie . . .' 

Er schließt diese Widerlegung Gregors mit folgender zu beherzi- 
genden Bemerkung: Ef. 57: ,Et sie Doctor Subtilis diversimode 
loquitur de esse idem formaliter et distingui et iste doctor 
Gregorius semper capit uno modo, et ideo <in rei veritate) 
non habet meutern doctoris et <in nullo> arguit contra eum. 
Hoc autem communiter provenit , quando unus doctor non 
est alteri familiaris in doctrina. Et sie patet quid est dicendum 
ad rationes premissas.' 

5. Auch folgende Stelle vom Anfang des zweiten Artikels der 
ersten Frage des zweiten Buches bietet einiges Interesse. E f . 110: ,Se- 
cundus articulus erat iste: utrum immensa deitatis omnipotentia possit 
quodlibet aeeidens absolvere a qualibet dependentia subiectiva. Pro 
cuius articuli declaratione primo investigabitur conditio et quidditas 
totius ambitus accidentium et consequenter dicetur breviter de quesito. 

Quantum ad primum sciendum est, quod circa conceptum acci- 
dentis triplex'fuit positio loquentium de aeeidente. Prima ponebat 
quod realiter in rerum natura quidquid erat, erat substantia seeundum 
suam realitatem, ita quod aeeidens realiter loquendo nihil erat. Ista 
autem positio videtur fuisse Parmenidis et Melissi pönentium omnia 
unum esse, non utique numero sive speeie specialissima, sed genere 
generalissimo; quam plures moderni volebant probabiliter sustinere. 
Que licet posset sine contradictione defendi, tamen non videtur quod 
posset theologice sustineri, primo quia fides profitetur in sacramento 
altaris aeeidens existere sine subiecto, et per consequens est ibi rea- 
liter aliquod aeeidens ex natura rei. Secundo quia fides ponit in 
parvulis suscipientibus sacramentum baptismi virtutes theologieas in- 
fundi, que non sunt substajitie, sed aeeidentia ipsam animam parvuli 
reddentia deiformem. Quare propositum. Tertio quia in adultis cogi- 
mur ponere per penitentiam caritatem creatam infundi virtute penitentie 
sacramenti, que non ponitur substantia sed vera qualitas.' 

Nach zwei weiteren Beweisen, welche aus den beseligenden Akten 
der ,visio* und .fruitio' und aus den ,dotes' der Seligen hergenommen 
werden, fährt der Verfasser weiter: ,Ulterius ista positio negaret omnem 
experientiam circa qualitates activas et passivas, ut docet experientia 
de caiido et frigide, et sie consequenter haberet dicere, quod sine ac- 
quisitione cuiuseunque qualitatis homo fieret ealidus et frigidus et similiter 
loycus et geometra, que omnia videntur absurda; quare et ipsa positio. 

Istam opinionem audivi quemdam baeularium in Oxonia 
sustinere, qui pro ipsa- opinione nuUam penitus rationem habebat, 
sed solummodo rationibus respondebat; et ideo cum nee pro se rationes 
habeat, sed potius sibi adversatur eeclesie auetoritas, ratio probabilis 
OlO^y et cotidiana experientia, nuUatenus est a theologo sustinenda, 
sed ut vana et stolida <potius> relinquenda. 



64 it. ßer literarischie ^fachlaß. 

Secunda opinio est huic totaliter contraria et extrema, que 
ponit, quod cuilibet predicamento sub ambitu accidentis correspondet 
ex natura rei res aliqua positiva, a re alterius predicamenti realite'* 
condistincta. Unde ista ppsitio ^ymaginatur, conceptum accidentis sui 
divisione primaria dividi in conceptum absolutun et respectivum; et 
ulterius absölutum dividi in qualitatem et quantitatem, que secundum 
eos sunt accidentia absoluta. Sed respectivum accidens dividunt in 
Septem predicamenta. Unde, si respectus sit intrinsecus adveniens, sie 
dicunt quod est relatio; si vero extrinsecus sit, sunt sex genera respec- 
tiva ut actio, passio, quando, Situs, liabitus et ubi. Et istius opinionis 
videtur fuisse Doctor Subtilis et multi antiqui doctores. 

<Tertia> vero opinio ponit, quod sub ambitu accidentis nihil 
realiter a qualitate distinctum continetur, sed quodlibet accidens est 
Vera qualitas. Et ex hoc dividunt conceptum entis in substantiam et 
qualitatem, et sie apud eos predicamenta non essent nisi varii conceptus 
duo rerum genera diversimode exprimentia, intellectui talium rerum 
multimodas passiones , manif estando. Et istius opinionis fuerunt domi- 
nus Petrus Aureoli, frater Wilhelmus Hockam et plures mo- 
dernorum doctorum. Et quia hec opinio videtur modernis <placibilior>, 
ideo ipsam decrevi mpdulo meo radicare. Cuius probationes erunt im- 
pugnationes contra secundam opinionem, ad quas intendo respondere 
ad consolationem volentium vias veteres imitari, cuius modum 
etiam sub compendio declarabo. 

Premitto quasdam distinctiones necessarias pro intellectu conclu- 
sionum, quarum prima sit ista, quod nomine accidentis quandoque in- 
tellectus concipit rem per modum absölutum quandoque per modum 
respectivum, verbi gratia ut quis concipit Sor<tem> album et similiter 
cum quis ipsum concipit patrem vel similem. Et hoc est, de quo dicitur 
apud modernes <antiquos>, quod accidentium quoddam est absölutum, 
ut quantum et qualitas; et quoddam respectivum, ut relatio et alia 
sex genera. 

Distinctio secunda iuxta mentem antiquorum est hec, quod 
accidentium quedam sunt permanentia et quedam successiva. De primis 
ut albedo, caliditas <et sie de aliis>, de secundis ut tempus, motus et actio. 

Distinctio tertia est quod accidentium in genere relationis que- 
dam sunt modo nnmeri, ut duplum et dimidium; quedam modo potentie 
ut pater et filius; quedam modo mensure ut scientia et scibile. 

Hiis igitur distinctionibus premissis octo pono conclusiones 
opinionem tertiam plenarie continentes, quarum prima est hec:' nuUa 
realitatis positiva conditio potest existere quovismodo entitas, que sit 
accidens successivum. Hec conclusio satis apparet per Hockam in 
suo tractatu de successivis, que tarnen ratione, in ista materia 
meo iudicio difficiliori, sie probatur. Si tale accidens esset, vel est res 
per se subsistens vel alteri inherens; non primo modo, quia tunc dato, 
quod Dens quodcunque aliud ens creatum ab istö destrueret, non minus 
esset hoc subsistens. Sed hoc implicat contradictionem : motum esse 
et nichil moveri, similiter tempus esse et nichil moveri, cum tempus 
Sit numerus motus secundum prius et posterius, ut patet per Philoso- 



L Literarhistorische Auszüge. 65 

phum 40 Physicorum. Ergo videtur, quod cöntradictionem implicat suc- 
cessiva intelligi per modum subsistentis. Si ergo sit inherens, queritur 
de ipsius subiecto adequato, non' potesf dici ipsum mobile <nec> spatium 
nee ipsa simul; et omnia alia sunt ad hoc impertinentia; ergo propositum. 

Consequentia patet et assumptum <apparet>, quia quidquid est in 
ipso mobili est permanens similiter in spatio. Ergo videtur quod tale 
successivum npn est in re aliqua per modum inherentis; et per conse- 
quens cum ex parte rei non possit intelligi nee per modum inherentis 
nee per modum subsistentis, sequitur, quod nichil tale est in re, nisi 
quedam negotiatio intellectus; quare propositum. 

Es folgt ein zweiter Beweis dieses ersten Satzes. 

6. Ein nicht uninteressantes Prädikat erhält Ockham, in Ml 
f. 10 V,. E f. 9, V 1 f. 18 V.. Es handelt sich im dritten Artikel des Prologs 
um das Erkennen der Glaubenswahrheiten. E l 9, M 1 f. 10 v; .Qualiter 
autem de subiecto indivisibili sive simplici possit haberi cognitio scienti- 
fica, cjwn non sit diffinibile diffinitione proprio dicta, que secundum 
philosophos sumitur ex variis partibus <essentialibus> rerum diffinibi- 
lium, est advertendum, quod secundum ymaginationem doctorum 
duorum valentium, videlicet Doctoris Subtilis et Guillelmi 
Okami), inter quos controversia non modica reperitur, quia Doctor 
Subtilis <ut ex suis dictis coUigi potest tarn in prologo lecture Pari- 
siensis quam etiam Oxoniensis> expresse tenere videtur, quod habita 
tali abstractiva notitia de nuda essentia deitatis intellectus viatoris 
potest demonstrare de divina essentia omnes veritates necessarias, et 
hoc a priori. 

Pro cuius probatione <positione> est advertendum, quod ymagi- 
natur, quod si inter aliquos conceptus est ordo essentialis, tunc potest 
unus conceptus de alio demonstrari per conceptum medium; ut puta, 
quia inter istps conceptus : homo, animal, substantia est Ordo essentialis, 
potest substantia de homine demonstrari per animal tamquam <per> 
medium,' sie syllogizando : omne animal est substantia, omnis homo est 
animal, ergo omnis homo est substantia. Quia ergo inter conceptus, 
qui de divina essentia predicantur, est ordo essentialis, videlicet inter 
conceptus attributales, notionales et respectivos ad extra, ideo habens 
talem deitatis <divinitatis> distinctam notitiam potest unum de alio 
depionstrare; et secundum hoc ponit tres conclusiones. Prima quod 
peffectiones essentiales possunt de divina essentia demonstrari; secunda: 
quod perfectiones notionales; tertia: quod perfectiones respective. 

In quibus conclusionibus omnibus est una radix et simile argu- 
mentum, videlicet quod qualis ordo est inter aliqua, si illa essent 
distincta' realiter, talis nunc est inter ipsa secundum rationem; sed si 
essentialia vel notiohalia seu respectiva essent distincta realiter, tunc 



1) Hierher gehört auch eine Stelle vom Anfang desselben Artikels (V 1 
l. 1 4 v):, Secunda vero opinio huic contraria habet multos defensores non parve 
auctoritatis vires, inter quos existunt dominus Petrus Aureoli, Guillelmus Ochan 
et Johannes de Ripa. Primus 11» questione sui prologi articolo III dielt sen- 
tentialiter, que sequuntur . . .' 

Franzisk. Stud,, Beih. fl : Fr. E h r l e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 5 



66 II. Der literarische Nachlaß. 

haberent ordinem inter se, quia per prius esset natura immaterialis 
intellectu perfecto, et per prius intellectus perfectus acitu intelligendi, 
et per prius actus intelligendi, notionalibus, et sie de aliis. Igitur et 
nunc de facto habent talem ordinem secundum rationem. Et ita cum 
ad demonstrationem requiratur talis prioritas, sequitur qupd de omnibus 
talibus necessariis veritatibus possit fieri demonstratio. Et radix priori- 
tatis inter tales conceptus est distinctio formalis perfectionum attribu- 
talium, quam ille doctor tenet pro fundamento. 

Ockam vero dicit, quod aliquarum yeritatum necessariarum de 
Deo et articulis fidei, supposita tali abstractiva notitia, potest haberj 
scientifica cognitio et aliquarum non. Et sua radix est, quia iste non 
ymaginatur distinctionem formalem in divina essentia absolute consi- 
derata, sed tantum inter relaiiones et essentiam propter fidem. Idcirco 
nuUum ordinem ymaginatur ex natura rei, sed precise in qüibusdam 
conceptibus Deo et creaturis communibus ponit talem prioritatem <id 
est> secundum maiorem et minorem conceptus communitatem, ita quod 
illi conceptus ex hoc sunt priores, quia sunt communiores; et quia 
quidam conceptus sunt proprii Deo et quidam communes. Et ideo 
iuxta hoc ymaginandi sunt quinque conclusiones . . .' 

7. Auch eine Aristotel[es betreffende Stelle dürfte Beachtung 
verdienen. Sie findet sich im dritten Artikel der ersten Quästion des 
zweiten Sentenzenbuches. Der Artikel lautet E f. 113^: .utrum aliqua 
quidditas, essentialiter a Deo distincta, potuerit eternaliter a deitatis 
omnipotentia produci effective. — Pro cuius articuli declaratione sie 
procedam, Primo videbitur que fuerit circa hoc philosophorum opinio 
et maxime perypäteticorum et adducentur ipsorum principalia motiva, 
et meo modulo dissolventur. Secundo videbitur de presenti quesito 
secundum . viam duplicem et utriusque partis motiva ad solatium 
volentium indifferenter aliquam istarum sustinere meo modulo 
dissolventur. Et demum ex hiis, <quasi correlarie) ponQtUr conclusio 
ad articulum responsiva. 

Quantum ergo ad primum est advertendum, quod generaliter 
omnes philosophantes posuerunt aliquid a Deo distinctum eternaliter 
extitisse sed diversificati. fuerunt, quoniam aliqui posuerunt, ipsum. 
mundum fuisse eternaliter tam secundum materiale principium quam 
etiam secundum formale, sed transmutätiones generativas, alterativas 
et corruptivas posuerunt infra naturam quatuor elementorum; et isti 
fuerunt perypatetici : Aristoteles yidelicet et sui sequaces. Alii vero 
licet posuerint huiusmodi eternitatem quoad materiale principium, non 
tarnen quoad formale; et hj fuerunt diversificati, quoniam Plato posuit 
mundum generabilem et corruptibilem secundum formam et in fine 
triginta sex millium annorum circulariter renovandum, ut recitat Augu- 
stinus 12 " de civitate Dei c. 13.' Weiterhin führt er die Ansichten des 
Anaxagoras und Empedokles an und fährt alsdann fort: 

,Sed <quia> aliqui theologi volunt Aristotelem catholi- 
cum facere, dicunt, quod nunquam fuit sua opinio, quod mundus. 
eternaliter fuerit, sed potius sensit oppositum, quod ex suis principiis 
nituntur probare; ideo versatur apud nonnuUos, que fuerit intentio 



5. Literarhistorische Auszüge. ü7 

Phüosophi in hac parte, dubium scrüpulosum. Pro quo elucidando 
motiva sie dicentium recitabo et solvam et consequenter ostendam, 
quod opinio Aristotelis fuit ista, quam in principio iam premisi, 

Ärguo ergo pro parte illorum et primo sie. Nullus rationabiliter 
debet existimare, philosophum tarn preclarum sibi ipsi in medio dicendi 
contradixisse; sed si Aristoteles ponit mundum eternum sibi ipsi multi- 
pliciter contradixit. Ergo propositum. — Consequentia et maior patent 
et minor probatjur. Quoniam ipse 3" Physicorum dieit, impossibile est 
infinita esse pertransita; sed posito quod mundus eternaliter fuisset, 
infiniti dies et anni et menses sunt pertransiti <ergo sequitur quod 
aliqua infinita sunt pertransitia>,. quod suis dietis repugnat. Ergo 
propositum.' 

Naeh einer Reihe ähnlieher Beweise kommt er zu einigen Beweis- 
stellen. <E f. 114>: ,Ad hoc etiam addueunt ipsi quasdam auctoritates, 
que quodam modo videntur auferre mundi eternitatem. Unde in libro 
de pomo dieit, quod Deus sua sapientia ereavit seculum, Similiter 2" 
metheorum dieit, quod märe factum est de novo. Item in de seeretis 
seeretorum in pluribus loeis asserit, Deum ereatorem ex nihilo fecisse 
omnia . . .' Sodann besehließt er diesen Teil: 

,Et ista sunt motiva dicentium, Aristotelem sensisse, mundum 
temporaliter a Deo produetum, aliter sibicontradixisset, quod non est 
putandum in tanto philosopho. — Sed salva ipsorum reverentia, ista 
motiva non concludunt suum propositum. Et ideo ad ista respondendo 
dico duo. Dico primo, quod mundum fuisse eternum fuit de mente 
Aristotelis. Seeundo dico, quod eternitas mundi suis principiis non 
repugnat, ' 

Ad primam ergo rationem, cum Philosophus dieit quod infinita 
pertransire est impossibile, et tamen cum hoc ponit eternitatem etc.; 
sie dico, quod ly <Ii> infinita potest sumi sive cathegorematiee <cathe- 
. goriee> vel sincatacorematiee <sincathegoriee>. Si sumatur sinkata- 
gorematice, potest eoncedi seeundum suam opinlonem; nee est contra 
eum, quod infinita sunt pertransita, quia duo sunt pertransita, et tria 
sunt pertransita et sie sine fine. Si autem catagorematice, sie nego 
infinita esse pertransita. Et cum dicitur quod sie, quia infinita sunt 
preterita; sie dico, quod licet infinita sint preterita seeundum suam 
mentem, non tamen sunt infinita preterita. Et ratio est, quia pertran- 
sitio de sua ratione formali ponit terminum initialem et finalem, que 
ratio infinite, repugnat; sed preteritio, licet ponit terminum finalem, non 
tamen formaliter ponit terminum initialem. Et ideo fallacia consequentis 
est arguere a ratione preteriti ad rationem pertransiti. Nam bene 
sequitur: est pertransitum, ergo preteritum, et e contra minime valet 
de forma. Et sie apparet, quod dieta non repugnant.' 

, Nach mehreren derartigen Gegengründen antwortet Petrus, auch 
auf die .auctoritates' E f. 114^: ,Ad auctoritates patet, quod prima, que 
sumitur ex libro de pomo, non facit contra eum, quia de auctore istius 
libri, utrum Aristoteles fuerit, <verisimiliter> dubitatur, ymo 
creditur a multis firmiter, quod nunquam feeerit librum illum. 
Et consimiliter dicitur de libro de seeretis secretorum . . .' 

5* 



68 II. Der literarische Nachlaß. 

8. Folgende Stelle aus dem ersten Artikel der ersten quaestio in 
2 Sent. beleuchtet etwas die Lehrentwickelung in der Richtung des 
Nominalismus, der .communis modernorum ruminatio'. 

E. f. 108, V 1 f. 165: ,Declaräto primo ad conclusionem preambulo, 
restat nunc descendere ad quesitum.'videlicet si Dei omnipotentia posset 
ad extra aliquem effectum producere infinitum. Girca quain questionem 
solet a doctoribus tribus-modis opinari. Primus modus 6st, quod De'us 
ad extra potest producere effectum simpliciter infinitum. Secundus modus 
est, qupd maximus effectus ad extra possibilis est tantummodo limi- 
tatus. Tertius modus est quod nullus est ad extra maximus effectus 
possibilis finitus <vel infinitus), sed quocunque signato, supra eum Dens 
potest in infinitum perfectiorem in esse producere. Primum raodum 
tenet magister Johannes de Ripa, secundum vero Doctor Sub- 
tilis et dominus Petrus Aureoli; et tertium modum sequitur 
communis modernorum ruminatio^). Ut ergo fructus <aliquis> habea- 
tur, primum modum per certas conclusiones exprimam et rationibus 
confirmabo et consequenter contra illum obiciam per vias oppositum 
opinantium, quas iuxta pretacte opinionis regulas solvam. Et demum 
rationes pro conclusionibus - opinionis adductas solvam meo modulo, ad 
solatium. volentium oppositum sustinere. Et sie dabitur via et methodus, 
quibus quelibet predictarum viarum poterit probabiliter sustineri.' 

9. Weiteres Licht über die Lehrrichtungen erhalten wir im Fol- 
genden (art. 2, qu. 6 in 1 Sent), zugleich lernen wir einen neuen Theo- 
logen und Logiker kennen. 

Ef. 79^; , Secundus articulu« erat iste, utrum intellectiva divine sub- 
stantie habeat distinctam et infallibilem notitiam futurorum contingentium. 
Pro cuius declaratione sie procedam. Primo recitabo motiva Philosophi 
<80> et sui commentatoris cum suis motivis. Secundo contra ipsum obi- 
ciam et suis rationibus respondebo. Tertio procedetur ad articulum 
secundum vias doctorum theologice facultatis. Quarto sub; certis condi- 
tionibus modus dicendi securior eligetur' . , , <81> ,Nunc vero proce- 
dendum est ad declarandum premissum articulum secundum vias theo- 
logice facultatis. Pro quo exequendo sie procedam. Primo recitabo 
opinionem dominiPetri Aureoli cum suis coloribus et motivis, ad- 
ducendo obiectiones ad opinionis notitiam pleniorem; secundo ymagi- 
nationem magistri Johannis de Ripa cum suis coloribus recitabo; 
tertio ymaginationem Doctoris Subtilis cum certis conclusionibus 
explicabo ... 

<;86v> Nunc consequenter declaranda est intentio Doctoris 
Subtilis, qualiter Dens cognoscat futura contingentia. Pro cuius opi- 
nionis declaratione pono certas conclusiones •• • ^87 V 1 f. 127^) Sed 
contra secundam conclusionem arguit Ockam per tres ratio- 
nes et Brinkel <Brihkil> per quinque rationes, quorum rationes 
adduco, ut via sustinendi conclusionem predictam facilior appareat ex 
sohitione rationum. Arguit Ockam primo sie super Sent. dist. 38 . . .' 
<87v> ,Unde, si quis bene advertit positionem magistri Johannis de 



^) So deutlich E. V 1 hat: .existiraatio.' 



5. Literarhistorische Auszüge. 69 

Ripa, nihil est aliud quam ppsitio Doctoris Subtilis diffusius 
declarata.' 

Contra premissam <secundam> conclusionem'fpro eius planiori 
notitia ulterius arguiturperquinque ration'es.quas fecit magister 
Richardus Brinckel in questione prima sue lecture, Arguit ergo 
primo sie. Quam primo naturaliter volitiva tlivina cogitative et ratio- 
nabiliter wlt a fore, tarn primo naturaliter intellectiva scientia adhesiva 
intelligit a fore. Sit ita, gratia exempli, quod a sit aliquod volitum ad 
extra, tunc sici): quam primum naturaliter volitiva divina wlt a fore, 
täm primo naturaliter cognitive et rationabiliter wlt a fore. Ergo quam 
primo naturaliter volitiva divina wlt a fore,'^tam primo naturaliter in- 
tellectiva <divina> scientia adhesiva intelligit a fore, et per consequens 
nüUus est ordo huiusmodi inter intellectivamet volitivam. 

Consequentia p^-tet et minor ex hoc apparet, quia si non est ita, 
tünc volitiva divina vellet, quod non esset rationabiliter volitum vel in- 
tellectum; quod videtür falsumet per consequens apparet <oportet>, quod 
ita Sit, quod quam primo wlt aliquid, tam primo cognitive et rationabi- 
liter wlt illud.' 

Et maior probatur. Quam primo naturaliter volitiva divina wlt 
cognitive et rationabiliter a fore, tam primo naturaliter intellectiva divina 
dictat a fore; ymo forsan prius intellectiva dictat sie, cum ista conse- 
quentia Sit bona et formalis: volitiva wlt a före; ergo wlt cognitive et 
rationabiliter a fore; ergo pro <omni> mensui'a, pro qua antecedens est 
verum, pro eadem consequens est verum. Siergo eque primo wlt voli- 
tiva a fore et intellectiva <dictat> a fore, sequitur quod quam primo 
naturaliter volitiva divina cognitive et rationabiliter wlt a fore, tam primo 
intellectiva scientia adhesiva intelligit a fore . . .' 

10. Beachtenswerte Bemerkungen (art. 3 qu. 1 in 1 dist. in 1 Sent.) 
über die Lehrrichtung Landulfs erhalten wir in Folgendem. 

E f. 20: .Tertius articulus erat iste, utrum voluntas creata respectu 
fruitionis eUcite sit a suprema substantia necessitabilis obiective. Pro 
cuius declaratione sie procedam, primo investigabo ratioriem libertatis 
in communi; secundo libertatem voluntatis in speciali respectu volun- 
tatis create; et tertio descendam ad formam questionis. 

Quantum ad primum nunc declarandum pono sex conclusiones, 
quarum prima sit ista: Ratio communis productivi principü per naturale 
et liberum dividitur adequate . . .' 

Ef. 21: .Quinta conclusio est hec: indeterminatio activi principü 
vel respectu possibilis vel actualiter existentis non monstrat generaliter 
radicem primariam libertatis. Istam conclusionem declaro per duplicem 
positionem circa istam materiam. 

Ad cuius evidentiam est notandum, quod duplex videtur esse de- 
terminatio, quedam videlicet de possibili et quedam in esse. Prima est 
äd posse agere et ad posse non agere , secunda vero ad agere vel non 
ägere; et secuhdüm hoc due fuerunt opiniones. Prima dixit, quod liber- 
tas radicabatur in hoc, quod est posse agere et posse non agere. Se- 

1) V 1, f. 128 tunc sic> sed quam. 



70 II. Der literarische Nachlaß, 

cünda vero dicebat libertatem radicari in utroque. Nunc vero dico, 
quod nuUus istorum modorum indicat radicem primariam libertatis. 

Ista conclusio sie intellecta taliter declaratur. Cui eternaliter com- 
petebat determinatio respectu alicuius, eidem indeterminatio respectu eius- 
dem nullo modo conveniebat; sed divine voluntati eternaliter coinpetebat 
determinatio respectu sui. Ergo nunquam fuit ibi aliqua indeterminatio, 
et <tamen> libere-se liabebat respectu sui. Ergo non oportet quod ratio 
libertatis radicetur in ista indeterminatione ... 

Preterea, ut prius dicebatur, Spiritus Sanctus libere producitur, 
quia per hoc distinguitur a productione Verbi, et tamen nulla talis inde- 
terminatio est respectu illius, quoniam impossibile est Spiritum Sanctum 
posse non produci a Patre et Filio. Igitur nee valet dicere, sieud dicit 
Landulphus scripto suo primo, distinctione prima, questione tertia, quod 
necessitas illius determinationis non provenit ratione libertatis forma- 
liter, sed ratione nature, et ideo ab extrinseco provenit voluntati divine, 
quod non possit esse indifferens, in divinis, videlicet quia est talis natura; 
sed nulla esset contradictio de ratione formali voluntatis, quando Dens 
posset se non amare et similiter Spiritum Sanctum non producere, sed 
quare hoc non provenit, est ratio assignata. Sed absque dubio, licet 
ista responsio evacuet difficultatem, tamen suä radix non videtur vera, 
ymmo innititur fundamento periculoso. Arguitur igitur contra ipsaiii sie . . .' ' 

Am Ende des dritten Argumentes bemerkt der Verfasser über 
Landulf: 

E f. 21v: ,Et certe mirum videtur de isto doctore, euius doc- 
trina sententialiter et ex toto sub verbis elarioribus est doc- 
trina Doctoris Subtilis, quomodo a magistro suo deviavit. 
Nam ipse tenet oppositum et nititur deelarare quolibet 16 questione et 
similiter scripto primo super sententias distinctione <X> in responsione 
questionis. Quare apparet cum reverentia, quod adhuc stat conclusio 
et responsio nulla.' 

Der dritte Teil dieser Quästion beginnt E f. 23 v, V 1 f. 36: Gonse- 
quenter tertio videndum est: si creata voluntäs respectu fruitionis feli- 
cite Sit necessitabilis obiective. Pro euius deelaratione sex pono con- 
clusiones, quarum prima sit ista: Non semper obiectum voluntati create 
sub ratione deleetabilis vel tristabilis demonstratum neeessitat ipsam ad 
proi;|ueendum respectu sui actum aliquem positivum. Istam conclusionem 
directe pono contra ymaginationem Johannis de Ripa. Yma- 
ginatur namque ipse, quod si aliquod obiectum voluntati per intellectum 
ostendatur sub quäcunque ratione mundi, statim ipsa voluntäs respectu illius 
habet volle vel noUe de necessitate, ita quod non stat ipsam neutram 
permanere per purum non velle. Ymaginor enim oppositum, quod stat 
ipsam neutram sie permanere, staute motione obieeti, absque hoc quod 
habeat velle vel npUe . . .' 

Ef. 24: ,Tertia conclusio est hee: Respectu beatitudinis' univer- 
saliter cognite nulla create voluntatis affectio ipsam neeessitat subiee- 
tive : Ista conclusio ponitur contra ymaginationem quorumdäm doctorum, 
qui dieunt voluntatem habere <ex inglinatione propria> glf^gtUHi »d 
bonum universallter cognitura , , ,' 



5. Literarhistorische Auszüge. 71 

Das dritte Argument hierfür ist folgendes E f . 24: ,Preterea tertio 
arguitur sie. Quelibet potentia, cum ex conditione intrinseca sibi non 
competat nisi uns modus agendi, de necessitate excludit plures raodos 
agendi. Sed voluntas est talis potentia, qüod sibi ex conditione intrin- 
seca non cempetit nisiunus modus agendi; et loquor de voluntate creata, 
qüia de voluntate increata secus est <Ef. 24'^), quoniam illi correspondent 
ex natura rei düo modi agendi, unus necessarius, alius contingens, quia 
in productione Spiritus Sancti Deus necessario modo se habet, hoc est 
necessario producit Spiritum Sanctum, ut scimus ex loyca Brinchil, 
qui dicit, quod Deus necessario producit ad intra i) et tamen contingenter 
producit ad extra; et tamen in productione creature sie se habet, quod 
cöntijigenter producit creaturam. Ex quo apparet quod voluntati divine 
correspondent duo modi agendi; sed voluntati crisate non nisi unus modus, 
<id est> mere contingenter et libere, ut apparet ex toto processu pre- 
cedentis considerationis. Ergo nüUo modo sibi correspondent plures 
modi agendi et per consequens non fertur naturaliter in beatitudinem 
universaliter apprehensam, quare propositum . . .' 

Nach diesen sechs Sätzen folgt: E f. 25: ,Ex quibus <omnibus> con- 
clusionibus finaliter sequitur pars articuli negativa, videlicet quod vo- 
luntas creata respectu sue fruitionis elicite non est a suprema substantia 
necessitabilis obiective. 

Utautem videatur radix positionis advertendum est breviter, quod 
imaginantur tres <solennes> doctores, quos fama non modicum 
exaltavit, contra quos fundam totam positionem meam, videlicet bea- 
tumThomam,dominumPetrum Aureoli etmagistrum Johannem 
de Ripa . . •' 

Nach der Darlegung der Ansichten dieser drei Lehrer schließt 
Petrus: E f. 25: ,Ex quibus apparet, quod isti tres tam solempnes 
doctores conveniuntin conclusione finali <d.h. quod voluntas est 
necessitabilis>. Ymaginor igitur, quod non oportet, quod obiectum volun- 
tati ostensum ipsam necessario moveat ad actum volendi vel nolendi- 
sed stat ipsam neutram permanere, ut satis apparuit in prima et secunda 
. conclusionibus. Sic igitur patet quod ymaginor circa quesitum. Sed 
quiaisti tres doctores pro suis positionibus recitant et faciunt 
fortissimas rationes et multas, ideo ipsas, ut veritas mearum con- 
clusionum magis appareat intendo adducere et solvere iuxta posse. Pro 
nunc vero, quia <E f. 25^> nimis essetprolixum, de ipsis super- 
sedeo usque ad proximam lectionem <et gratias vobis magnas>. 

11. Hier (1 art., 5 qu. in 1 Sent.) lernen wir einen neuen Lehrer 
Wilhelm von Cremona kennen. 

E f. 57'': Primum articulum intendo declarare iuxta ymagi- 
nationem magistri Johannis de Ripa, qui circa istam materiam 
pre ceteris laboravit, et etiam ipsius partem nisus sum defendere 
in meo principio primo contra positionem venerabilium sociorum . . .' 

E f . 60, V 1 f. 84v: Äd istas rationes respbndeo. Ad primam. Cum 



1) E, V 1 extra; M 2 f, 21 ursprünglich auch ad extra, dann ver- 
bessert intra. 



72 IL Der literarische Naclilaß. 

dicitur, quod quelibet forma creata tante informat quante est forma in 
sua natura, et per consequens quelibet forma informat secundum quam- 
libet denominationem sibi intrinsecam et essentialem. Hie dico, quod 
audivi quandoque quosdam dicentes, quod'istud non est verum pro eo, 
quod anima intellectiva est forma corporis humani, et tamennon sibi 
communicat intellectivum, quia tunc irrationale esset intellectivum, quod 
videtur absurdum. Et per istum modum dicunt, quod ista propositio 
magistri Johannis communiter accepta universaliter non est Vera. 

Istam responsionem audivi semel amagistro Wilhelme de 
Cremona, quando hie Sententiasi);'actu legebet sed salva sui 
reverentia non habebat pro tunc mentem doctoris.* 

12. Folgende Stelle aus dem zweiten .principium' führt uns 
Bradewardine als großen Logiker vor und erwähnt von neuem die 
Ockhamisten. 

E f,'213, V 1 f. 144^: Sed ad illa respondeo ad primum, cum sua 
reverentia, petit principium; videlicet quod omnis conditionälis sit ne- 
cessaria. Quoniam quot modis dicitur consequentia, tot modis dicitur 
conditionälis. Est enim consequentia ,ut nunc' et est consequentia Sim- 
plex, et ista subdividitur in materialem et formalem, ut dicitur in sum- 
mulis primitivis. Constat autem quod consequentia ,ut nunc' non est 
necessaria; ergo nee conditionälis sibi correspondens. Et ideo Christus 
non dixit propter hoc impossibile, licet nullum esset inconveniens <Ghri- 
stum> dixisse impossibile materialiter. Nam poterat dicere : nuUa deitas 
est humanitas et, in dicendo istam propositionem negativam, dixit etiam 
illam: humanitas est deitas, que est impossibilis. 

Et si dicat magister mens, quod ista distinctio de consequentia 
reperitur in tractatulis antiquorum et sacerdotalium logicorum et non 
subtilium, dico magistro meo, quod ipsa distinctio pro salvandis auctori- 
tatibus necessaria est, et est etiam Doctoris Profundi, qul mag- 
nus logicus fuit, libro tertio, capite VIII ubi ponens 13 conclusiones, 
sua sec.unda sie dicit: aliqua consequentia bona non est necessaria 
simpliciter nee ,ut nunc', sed ,ut contingens' equaliter 2). Et dat exemplum 
Scripture Gen. 13 capitulo, cum Abraham loqueretur Loth, dixit: ,Si ad 
sinistram ieris, ego dextram tenebo; et si tu dextram elegeris, ego 
ad sinistram pergam's). Ex quo patet, quod non oportet quod omnis 
conditionälis verä sit necessaria, sicud nee omnis consequentia est neces- 
saria. Et si dicatur, quod famosum principium est in dvalectica, dico 
quod illa regula: ,omnis conditionälis vera est necessaria et omnis falsa 
impossibilis' est intelligenda per additionem istius <termini> Simplex . . .' 

,Ad aliud cum dicit de ludeis, qui viderant Christum et non Patrem, 
hie dico <magistro meo>, quod ista allegatio <faceret> pro me. Quia stat 
quod videatur Filius sine Pätre. Verumptamen quia adducit illud contra 
glosam meaq, patet quod non est ad propositum, quia loquimur de hiis, 

1) E f. 60 Et ista est reponsio magistri Wilhelmi de Cremoua, qui legit 
Sententias Parlsius, sed salva ... 

2) Thomäe Bradwardini, De causa Del contra Pelagium et de virtute 
causarum, ed. H. Savilii, Londini 1618, p. 653, cap. 5. 

3) L. c. p. 654. 



5. Literarhistorische Auszüge. 73 

qui beatifice vident divinam essentiam, et sie de lege: qui videt me et 
Patrem meum videt. Nee etiam cum reyerentia est ad propositum de 
visione per accidens, cuiusmodi t'uit ludeorum. Unde illa est obiectio 
filiorum Ockam contra seipsos, qua probant unam personam sine 
alia posse videri. Simiiiter a particulari ad universale arguere, qualis 
constituatur consequentia sue discretioni relinquo . . ,' 

13. Weiteres über Johannes de Ripa bietet uns folgende Stelle 
(vom Schluß des art. 1, qu, 5 in 1 Sent.). 

E f. 61v, V 1 f. 87 v; Unde notandum ulterius, quod sicud obiectum 
respectu alicuius potentie non requirit, ut obiectivus terminus inexisten- 
tiam per informationem in tali potentia, ita ad hoc quod formaliter i) 
immutet talem potentiam, non requiritur inexistentia per informationem, 
sed solum obiectiva, vel immutativa, non quomodolibet, sed per modum 
primi et immediati obiecti apprehensi a tali potentia' Et per <hoc ap- 
paret> quod ad hoc quod taUs qualitas sit formalis notitia, non 
requirit inexistentiam per informationem, sed solum per presentiam 
<exemplarem>. Sic ergo imaginatur doctor iste de divina essentia, si 
esset notitia vel volitio creatüre, quod hoc non fieret primo modo, id 
est per aliquam speciem causatam, in qua reluceat divina essentia, sed 
immediate et per semetipsam, ut sit , quo videtur' et ,quod videtur'. 

Et ista est simiiiter ymaginatio beati Thome non solum de possi- 
bili sed etiam de facto, ut patet 3" capitulo sui libri contra gentilies, 
capitulo LP ubi formaliter sie dicitur: ,modus autem huius visionis satis 
iam ex dictis, qualis esse debeat, patet. Ostensum enim est superius, 
quod divina essentia et substantia non potest videri per intellectum in 
aliqua specie creata. Unde oportet, si essentia divina videatur, quod 
per ipsammet divinam essentiam intellectus videat ipsam, ut sit in tali 
visione divina essentia et ,quod videtur' et ,quo videtur'. Et consequenter 
dicit divinam essentiam speciem intelligibilem intellectus, non tamen 
per informationem, sed per. hoc quod perficit ipsum intellectum ad in- 
telligendum, quod perfectioni divine <essentie> non repugnat'. Hec sunt 
verba prefati doctoris. Ex quo patet, quod ista non est nova opinio, 
sed potius antiqua per magistrum tamen Johannem^) lucidius 
declärata. Per hoc non excluditur avoluntate actus eins vel motus, quo 
tendit in obiectum, sed precise actus immutans potentiam per modum ») 
representativi, in quo reluceat obiectum. Et sine dubio iste modus 
intelligendi est valde possibilis et rationi conformis. Et sie consideratio 
istius primi articuli terminatur.' 



1) M 2 L 62v formaliter) vitaliter. 

2) de Ripa. «) M 2 f. 62 v modum) medium. 



74 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

III. Zur Charakteristik Peters von Candia sowie (Jer 
scholastischen Schulen und Lehrer seiner Zeit. 

Entwerfen wir nun auf Grund des hier vorgelegten Materials 
zunächst ein Bild des Lehrers und Forschers. 

1. Peter von Candia als Lehrer und Forscher. 

Wie die Natur und Herkunft unseres Materials es erwarten 
läßt, kommt hier zumal das Bild des Lehrers deutlich zum Aus- 
druck. Wir sehen vor uns einen Mann, dem das Wort in Fülle, 
leicht und frisch von den Lippen floß. Selbst die dürftigen, uns 
hier vorliegenden Auszüge zeigen uns nicht das Bild des mühsam 
am Schreibpult mit seinen Gedanken und deren Gestaltung rin- 
genden, gelehrten Forschers, sondern den Lehrer auf seinem 
akademischen Thron, der in lebensvoller Fühlung und regem 
Ideenaustausch mit seinen Schülern stehend seinen schwierigen 
Stoff ihnen mundgerecht macht. Allenthalben wendet er sich 
direkt an sie, spricht sie an, fordert sie auf zu diesem oder jenem 
Problem, in ihrem Geiste selbst Stellung zu nehmen ^), liest ihre 
Gedanken und beantwortet sie. Kurz sein Kommentar ist durch- 
aus gesprochenes, nicht geschriebenes Wort. Hierauf weisen auch 
die lustigen und witzigen Wendungen hin, mit denen er seinen 
Vortrag würzt. 

Gern neckt er die allzu verwegenen ,filii' und ,sequaces' 
Ockhams, scherzt über den Adel ihres Stammbaumes und dessen 
Früchte (n. 1); liest in ihren Mienen, daß die Melodie seiner 
Darlegungen ihnen nicht behagt (n. 2); weist den aus gedanken- 
losem Träumen Erwachenden den letzten Platz an (n. 2). An 
einer Stelle gesteht er seinen Hörern, er habe anderswo die gegen- 
teilige Lehre vorgetragen, nur weil er Abwechslung liebe, wie 
jener, der bald in das Brot bald in den Käse einbeiße (n. 3). 
Zu diesem leichten, anregenden Ton passen vortrefflich einige 
ihm geläufige Ausdrücke. Häufig ersetzt er die ernstfeierlichen Aus- 
drücke, wie ,sententia*, jOpinio*^ durch ,imaginatio', zumal wo er 
im Unterton die etwas verstiegene Höhe der in Frage stehenden 
Ansicht oder Materie andeuten will (passim). Besonders drastisch 
wirkt in dieser Richtung das Bild der fast anschaulichen , com- 
munis ruminatio modernorum'. 



1) E I. 162 V, 



1. Peter von Candia als Lehrer und Forscher. 75 

Auch das Latein, welches unser Lehrer spricht, unterscheidet 
sich vorteilhaft von dem anderer scholastischer Autoren. Es ist 
nicht nur korrekter, sondern auch leichter, da es eben, um so 
zu sagen, gesprochen, nicht geschrieben ist. Dieser Vorzug wird 
uns viel fühlbarer, wenn wir seinen Vorlesungen in einer korrek- 
teren und leicht lesbaren Handschrift folgen können, wie sie uns 
in dem cod. Vatic. lat. 1081 vorliegt. 

Hinter dieser leichten, gefälligen Hülle steckt jedoch ein 
tiefes und ausgebreitetes Wissen. Der Kommentator kennt seinen 
Aristoteles und Augustinus, l^ennt seine scholastischen Vorgänger 
und Zeitgenossen und zwar, nicht nur die alten und feierlichen 
(antiqui et solempnes, quos fama non modicum exaltavit) ^), sondern 
auch die : ,modernr, die seit 1300 lebten und lehrten und seine 
Zeitgenössen, mit denen er auf den scholastischen Turnierplätzen 
des Quartier latin in Paris gar manche Lanze gekreuzt hatte. 
Er weiß in reicher Fülle ihre Ansichten, ja selbst ihre einzelnen 
Beweisgründe in gefälliger, prägnanter Kürze zusammengefaßt dar- 
zulegen. Nie weist er sie, wenn sie von seiner Meinung abweichen, 
vornehm ab; er beantwortet ihre Beweise oder gibt den Grund 
an, dessentwegen er ihnen diese Ehre nicht zu schulden glaubt. 
Das Interesse, welches er seiner Zuhörerschaft entgegenbringt» 
veranlaßt ihn allenthalben in kurz gefaßten Punkten die Dispo- 
sition des zunächst folgenden Teiles anzukündigen ^), so daß trotz 
der Masse der sich kreuzenden Lehrmeinungen, die er vorlegt, 
die Orientierung leicht festgehalten werden kann. Er beherrscht 
eben offenbar das Gedankenmaterial seiner Zeit. 

Sehr beachtenswert ist die Unabhängigkeit und Selbständig- 
keit der Stellung, welche sich Petrus den ihm vorhergegangenen 
Lehrern gegenüber wahrt. Er hat sich offenbar keinem derselben 
und keiner Schule verschrieben, bewegt sich allen gegenüber in 
voller Freiheit. Er sucht nicht so sehr stützende Autoritäten als 
überzeugende Gründe und Erklärungen. Andererseits weiß er 
bei der Lösung schwieriger Probleme die Hilfe der Überlieferung 
und wohlbegründeter Autorität sehr wohl zu schätzen und zu 
verwerten. Diese Haltung unseres Lehrers kann uns nicht wunder- 



1), M 2, 21, E25: ,Ex quibus omnibus conclusionibus simul sumptis fina- 
liter sequitur pars articuU negativa, videlicet quod voluntas creata respectu sue 
fruitionis elicite non est a suprema substantia necessitabilis obiective. Ut 
autem videatur radix positionis est advertendum, quod ymaginantur tres Doc- 
tores <,soIenipnes> fehlt in E, quos fama non modicum exaltavit, contra quos 
fundam totam meam positionem, videlicet Beatum Thomam (1. 2, q. 4, a. 2. 3), 
dominum Petrum Aureoli (ex dictis suis in scripto ordinarig d. 1, q. 3) et 
magistrum Joannem de Ripa (super Sent. q. 1, ,^, 3), 

8} S. 66, n. 7; S. 69, u. 10. 



76 in. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

nehmen bei der Haltung, welche sein Orden, wie wir sehen werden, 
im wissenschaftlichen ^Betrieb einnahm. 

In der Behandlung und Widerlegung seiner Kollegen 'und 
wissenschaftlichen Gegner bewegt sich Petrus stets in höflichen 
Formen.. Von dem ,salva reverentia* oder ,cum reverentia' ^) 
macht er allenthalben reichlichen Gebrauch, nicht nur dem hl. 
Thomas und Skotus gegenüber, sondern in den feierlichen Schäu- 
, disputationen vor seinem Lizentiat gegenüber seinen zukünftigen 
Kollegen. Besonders in diesen ,principia' befleißigt er sich be- 
sonderer Urbanität, wie dies die Universitätsstatuten ausdrücklich 
verlangten. Er spricht allenthalben von den ,venerabiles mägi- 
stri' ^), den ,reverendi patres* ^), den ,venerabiles' oder ,reverendi 
patres mei bächalarei' % Er empfiehlt sich ihrem Wohlwollen^). 
Doch hindern ihn diese höflichen Formen nicht, das wissenschaft- 
liche Turnier mit allem Schneid durchzuführen, gegnerische An-- 
sichten und Beweise gegebenenfalls mit aller Bestimmtheit zurück- 
zuweisen '). 

Zur genaueren Kennzeichnung des Forschers und seiner 
philosophischen und theologischen Lehrrichtung dürfte der erfor- 
derliche Einblick in die im 14. Jahrhundert bestehenden und sich 
folgenden Schulen und Tendenzen noch nicht gewönnen sein. 
Es scheinen die Faktoren, welche bei dieser Entwickeluhg maß- 
gebend waren, noch nicht lückenlos aus ihrem Dunkel hervor- 
gezogen, noch in sich und in ihrem Einfluß genügend gewertet zu 

1) E f. l,58.v : ,Ex quo patet, quod salva reverentia Doctoris Subtilis 
positio sua nön videtur vera,' 

Et". 9^: ,Sed quia liec opinio <Sancti Ttiome) est directe contra con- 
clusionem meam, ideo cum reverentia tanti doctoris non teneo ipsam et arguo 
unico medio. contra ipsam,' — EL 51^ gegen den lil. Tliomas: ^sed salva sua 
reverentia potest argui sie contra totam suam positionem.' ' 

2J E f. 218^: ,Ad istas rationes difficiles respondeo cum reverentia 
magistri mei venerandi, primo ad primam.' 

3) E f. 222 : ,Pro declaratione istius qüestionis certas pono conclusiones 
Cum questionibus patrum meorum venerabilium colla,tivas.' Vgl, E f, 217, 

*) E f, 204; .Venerabiles patres et magistri reverendi, mihi merito 
venerandi.' 

5) E f,;209; s, oben S. 45 f. 

6) E f. 206 : ,Et hec pauca et exilia sint dicta contra patrem meum,- in 
cuius aspectu non dubito fore frivola, cui me humiliter recommendo.' Vgl, 
E l 207. 207 V. 208. 

'') E f, 207 v; Sed salva reverentia raotiva non inducunt propositum.' — 
,et ideo cum reverentia non concludit,' — Et". 208: ,Sed salva reverentia nee 
motiva concludunt nee quod reputat impossibile est impossibile,' — E f. 212 v: 
.responsiones cum reverentia non sunt propositum.' — E f. 225 : ,magister 
Gerardus Calcar contradicit sibi ipsi.' — E f, 226: ,Sic igitur patet quid sentio 
de rationibus magistri mei, Isti igitur viro peritissimo et ingenioso me recom- 
mendo, quantum valeo et regratior sibi.' 



1. Peter von Candia' als Lehrer und Forscher. 77 

sein. Auch hier fehlt eben noch die Erforschung des ungedruckten 
Materials. Immerhin läßt sich die Stellung Peters soweit fest- 
stellen, daß man ihn als nominalistischen Skotisten oder als sko- 
tistischen Nominalisten bezeichnen kann. Letztere Bezeichnung 
dürfte die zutreffendere sein. Mit Skotus, Aureolus und Ockham 
haben wir die älteren Lehrer genannt, welche zu Peters Rich- 
tung; füliren und bei ihm besondere Beachtung finden. Adam 
Wodeham und Gregor von Rimini stehen Peter zeitlich näher, 
doch ersterer hatte ilachweisbar kaum einen weitergehenden Ein- 
fluß auf ihn. Daß jedoch solche Einflüsse vorhanden waren und 
nachweisbar sind, Zeigte mir ein Blick in den umfangreichen 
Seritenzenkommentar des Franziskaners Johannes de Ripa^. 

Um mit dem Offenkundigsten zu beginnen, die didaktische 
Technik des Kommentars Johanns von 1357 ist die von Peter 
von 1378. Dasselbe ,arguo quod sie', das ,Preterea*, das ,Ad 
oppositum*. Am deutlichsten tritt die Übereinstimmung beim Be- 
ginn der Lösung der Frage hervor, welche die Häupteinteilung 
der Quästionen bestimmt. 



Peter von Candia (1378) 
Pro decisione istius questiönis, 
iuxta materiam trium argumento- 
rum ad oppositum questiönis adduc- 
torum, tres sunt articuli pertrac- 
tandi, quorum primus iuxta mate- 
riam primi argumenti: utrum . . . 



Johannes de Bipa (1357) 
Circa istam questionem iuxta qua- 
tuor argumenta ad partem negati- 
vam deducta, quatuor deducam 
articulos, ex quibus clare patebit, 
quid sentiam de quesito. —Primus 
igitur articulus iuxta materiam primi 
argumenti est iste: utrum ... 

Durch die Einleitungsformel der Lösung werden die ,que- 
stiones*, wie bei Peter in drei, so bei, Johannes in vier , articuli' 
oder Teilfragen zerlegt und zwar bei beiden mit der eigentüm- 
lichen Bezugnahme auf die drei oder vier Gegengründe. 

Bei dißser Übereinstimmung in der Lehrtechnik wird wohl, 
trotz der Selbständigkeit Peters, der Einfluß Johanns und seiner 
Umwelt auf den, Lehrgehalt sehr beachtenswert gewesen sein. 
Wie bei Johannes, so finden wir auch bei Peter die fiir den No- 
minalismus typische einseitige Bevorzugung des ersten und zweiten 
Sentenzenbuches und die Vernachlässigung des dritten und vierten 
mit ihrem fast ausschließlich theologischen Stoff. Johannes kom- 
mentierte nur das erste und zwar aufs ausführlichste; Peter widmet 
dem ersten sechs, dem zweiten drei, den beiden andern je eine ,que- 
stio' ; eine Vernachlässigung, über welche schon Gerson Klage führt. 

Für weitergehende Erforschung der bei Peter vorliegenden 
Einflüsse sei noch nachdrücklich hervorgehoben, daß in der theo- 



1) S. hier unten. 



?8 llt. ^ur Charakteristik ?eters von Öandlä. ■ 

logischen Umwelt Johanns und Peters in der zweiten Hälfte des 
14. Jahrhunderts, so viel sich beim jetzigen Stand der Försöhung 
vermuten läßt, zumal zwei Gruppen von Lehrern besondere Be- 
achtung verdienen, welche allem Anscheine nach deh Höhepunkt 
der nominalistisch beeinflußten Scholastik bilden, ein Höhepunkt 
der um so wichtiger ist, als auf ihn im 15. Jahrhundert nur noch 
Auszüge und Kompendien, welche nur das im 14. Erarbeitete in 
gangbarere Münzen umprägten. Es sind dies aus dem Franzis- 
kanerorden: Johannes de Ripa, wahrscheinlich der noch unten ') 
zu erwähnende Franz von Perugia und Peter von Candia; aus 
dem Augustinerorden Gregor von Rimini, Ugolino Malabrancä 
von Orvieto, Buonsembiante von Padua^) und Johann von Basel. 

So viel zur Charakteristik des Forschers. — Koinmen wir 
zu den Schulen. 

Es treten in unserem Kommentar vorzüglich zwei Schulen 
mit großer Klarheit und Schärfe hervor: die der Nominalisten 
und die der Skotisten. 

2. Die Nominalisten. 

a) Wilhelm Ockham ihr Urheber. 

Am meisten beschäftigt sich Petrus mit den Nominalisten. 
Nirgends bezeichnet er sie als Nominalisten oder Terministen, 
sondern er legt ihnen nur schlechthin die Namen Ockhamisten ^) 

') In diesem Abschnitt. 

2) S. oben S. 52 Anm. 3 

3) S. oben S, 60. In den Akten der Pariser Universität findet sich 
dieser Ausdruclc zum ersten Mal im Januar 1341 in dem ,Liber procuratorum 
nationis Angelicanae' : ,Item tempore procurationis eiusdem <Henrici de 
Unna, Daci> sigillatum fuit statutum facultatis contra novas opiniones quorun- 
dam, qul vocantur Occhaniste, in domo dicti procuratoris, et publicatum luit 
idein statutum coram uuiversitate apud Predicatores in sermone.' Denifle- 
Chatelain, Auctarium I 44f. 

Das damals veröffentlichte Statut selbst vom 29. Dezember 1340 Ist 
betitelt: .Statutum facultatis artium de reprobatione quorundam errorum Ocka- 
nicorum.' Denifle-Chatelain, Chartularium II 505, n. 1042. Es wendet 
sich gegen eine Reihe norainalistischer Sätze. Allerdings > nennt es Ockham 
nur, indem es ein früheres Statut erwähnt: ,salvis in omnibüs, que de doctrina 
Guillelmi dicti Ockam alias statuimus.' 

Dieses frühere Statut vom 25. September 1339 trägt den Titel: »Statutum 
facultatis artium, quod doctrina Okannica non dogmatizetur.' In Betreff Ockhams 
enthält es folgendes: ,Cum igitur a predecessoribus nostris, non irratiönabiliter 
motis circa libros apud nos legendos publice vel occulte, certa precesserit 
ordinatio per nos iurata observari, et quod aliquos libros per ipsos non admissos 
vel alias consuetos legere non debemus, et istis temporibus nonnulli doctrinam 
Guillermi dicti Okam (quamvis per ipsos ordinantes ädmissa non fuerit vel 
alias consueta, neque per nos seu alios, ad quos pertineat, examinata, propter 
quod non videtur suspicione carere) dogmatizare presumpserint publice et 



Die Schulen. 2. Nominalisten. a) W. Öckham. ?Ö 

oder ,filii- 0, »sequaces' 2), ,sequentes \ imitatores ^) Ockam* bei. 

pcculfe super hoc in loeis privatis conventicula faciendo: hinc est quod nos 
nostre salutis memores, considerantes iuramentum quod fecimus de dicta ordi- 
nafiöne observanda, statuimus, quod nullus decetero predictam doctrinam dog- 
matizare presumat audiendo vel legendo publice vel occulte, necnon ponven- 
ticula faciendo super dicta doctrina disputanda faciendo vel ipsum in lectura 
vel disputationibus allegando.' Es folgen noch die Strafbestimmungen gegen 
die Zuwiderhandelnden. Denif le-Chatelain, Chartulariura II 485, n. 1023; 
im AuctariumT 35 wird es nur erwähnt. 

Auch der Dominikaner Thomas Claxton spricht bald nach dem Konzil 
von Konstanz von den .Holkoniste* (Florenz, Nat.-Bibl. Conventi soppreösi 340. 
B. 6, BI. 154). Bl. 168 bemerkt er: ,Hockam autem super Sententias 
vitat multoties suam exprimere intentionem prop.ter novitatem 
süarum opinionum et ad ignorantiam precedentium se frequenter ibidem 
declinat; sed in suis qUodlibetis liberius exprimit suas opiniones.' 

Auch der Beschluß des General-Kapitels des Dominikanerordens von 
Venedig 1357 verdient Beachtung, besonders, wenn eine von Denitle vorge- 
schlagene Lesart berechtigt sein sollte. Er lautet: ,Item mandamus ac stricte 
iraponimus prioribus provincialibus et diffinitoribus capitulorum provincialium, 
quatenus singuli studeant in suis provinciis Studium reformare seu potius 
innovare, ordinantes et in virtute sancte obedientie mandantes, quatenus nullus 
trater noviter transiens de studio phylosophie ad Studium theologie audeat 
studere vel legere ex proposito et morose in doctrinis vanis et mecftnicls, 
quoadusque ad minus studerit et legerit ,sic, quod non habeat ignorantiam ter- 
minorum et communium conclusionum et yere doctrine, et in doctrina sanctl 
doctöris et doctorum nostrorum antiquorum et aliorum et potissime sanctorum, 
ne ijpsi ignorantes, quid <est verum)» et quid est falsum, varios, quod absit, 
prolabantur in errores, falsa pro veris et certis, quod est errori proprium, 
approbando.' 

In einem weiteren Abschnitt wendet sich das Kapitel an die Theologen: 
»imponimus omnibus lectoribus principalibus et cursoribus et magistris stu- 
dentium in theologia, ne ipsi questiones mere philosophicas aut logicas 
audeant disputare vel tractare, sed potius theologicas et morales, et ne ipsi 
vel alii in sermonibus vel lectionibus insistant coloribus et rithmis, nisi paucis, 
cum hoc potius concernat mimos et ioculatores quam doctores et predicatores.' 
B. M. Reichert, Monumenta ord. Praed. hlst. IV 377 ff. ; Denifle-Chatelaln, 
Chartulariura III 44j n. 1233, wo Anm. 1 vorgeschlagen wird, statt , doctrinis 
vanis et mechanicis' .Öchanicis' zu lesen. 

1) <ZuS.78> S. oben S. ßO n. 1. 2) <Zu S. 78> S. oben S. 62 n. 4. 

3) So M 1 und M 2 oft für ,sequaces*. 

4) Als ,imitator' wird Adam Wodeham bezeichnet im vierten principium. 
E f. 223^: .Tertio arguebam contra magistrum meum <Gerardum Calcar> per 
unam rationem Doctoris Subtilis, cuius iura <?> in hac parte defendo, probando 
distinetionem formalem ex natura rei, sie. Si in divina essentia'ut habetur 
in secundo principio ad tale Signum <das Zeichen fehlt; E f. 214v>. Ad 
illam rationem respondet magister mens iuxta sententiam Ockam et sui 
imitatoris Adam, quod sine formali distinctione potest salvari, quod Filius 
Sit qupmodo natus et non quomodo datus, et Spiritus Sanctus quoraodo datus, 
non quomodo natus per hoc, quod Filius est a solo Patre, ideo dicitur natus; 
sed Spiritus Sanctus dicitur datus per modum voluntatis, quia est concorditer 
procedens a duobus; et ideo non oportet ponere distinetionem in principiis 
elieitivis. 



80 iil. Zur Charakteristik Peteirs von Cändia. 

Er kennt ihren- Stammbaum ^) und führt ihr Geschlecht: allent- 
halben auf Ockham zurück. Dieser selbst ist auch ihm der 
,inceptor* Wilhelmus Ockam^), eine Bezeichnung, deren Geschichte 
und eigentlicher Sinn nun einwandfrei festgestellt zu sein scheint. 
In den Wiegendrucken, wird er im Sinne von Gründer der No- 
minalistenschule gedeutet: ,sacre schole inyictissimorum Nomi- 
nalium inceptor* ^). Gegen diese Herleitung will liian einwenden, 
daß jener Ehrentitel schon im Gebrauch war, bevor sich all- 
mählich eine Nominalistenschule ausgebildet hatte. Es darf aber 
nicht vergessen werden, daß die Schulbildung schon gegen 
1339 in Paris vollauf im Gange war^), also noch zu Lebzeiten 
des nicht vor 1349 in München verstorbenen Gründers^). 
Schon am 25. September 1339 wendet sich in Paris die. Artisten- 
fakultät gegen den Mißbrauch, daß nicht gutgeheißene Schriften 
der ,doctrina Guillermi dicti Okam* öffentlich und insgeheim vor- 
getragen wurden^). 1340 ist daselbst von ,errores Occanici' "^3, 
1341 von einer ,scientia Okanica'^) und 1341 von ,Occhaniste' ^) 
die Rede. In dieser Zeit bestand also bereits eine nach Ockham 
benannte Lehrrichtung und Schule, während die Bezeichnung 
,inceptor venerabilis* sich so früh bisher noch nicht nachweisen ließ. 
Es kann daher von einer Priorität der Schulbildung gegenüber dem 
Titel ,inceptor* vorerst keine Rede sein, zumal nicht in dem Sinne 
der Kolop honejener Bologneser Wiegendrucke ^°). In ihnen wird 
der wahre, historische Sinn dieses Titels völlig mißverstanden. 

Hier können wir für das Folgende auf die sorgsam aus- 
gesponnenen und im Wesentlichen kritisch durchaus zutreffenden 
Darlegungen Hofers ^0 zurückgreifen, welche sich nun bündiger 
zusammenfassen und erheblich verstärken und ergänzen lassen. 

Für den Bildungsgang Ockhams kommt nur Oxford in Frage. 
Es wird zwar vielfach behauptet, er habe eine Zeitlang in Paris 
verweiltund gelehrt; dies wurde aber bisher nirgends nachgewiesen. 
Ebensowenig ließ sich bisher die nicht weniger allgemeine Annahme 
nachweisen, Ockham sei ein Hörer des Skotus in Oxford gewesen. 
Licht versprechen neuere Arbeiten über diesen letzteren Lehrer. 
Ohne Zweifel hat Ockham mit Skotus das gemeinsam, daß er sich zu 
seinen Vorgängern, Skotus eingeschlossen, ebenso frei und un- 
abhängig stellte, wie es der ,Doctor subtilis' getan hatte. Dagegen 

1) S. oben S. 60 n. 1; S. 61 n. 2. 2) s. oben S. 62. 3) Hain n.. 11 949. 
4) s. oben S. 78. •'') W (vgl. Zitierwelse in den FS: Umschlag). 

«) S. oben S. 78 Anm. 3. 7) s. oben S. 78 Anm. 3. 

»3 S. oben S. 78 Anm, 3. 9) S. oben S. 78 Anm. 3. 

1") S. oben S. 78 Anm. 3. 

11) J. Hofers C. SS. R., Biographische Studien über Wilhelm von Ockham, 
in: AFH VI (1913) 209—233. 439—465. 654—669. 



Öie Schulen, 2. Die Nominalisten, a) W. Ockham. 8l 

ist Oxford mit seinem kritischen Unabhängigkeitssinn und seiner 
Vorliebe für sopliistische Logik und positives Wissen als Ockhams 
,alma mäter' klar nachzuweisen. 

Hierfür ist ohne Zweifel an erster Stelle der ,Liber confor- 
mitatis' zu verwerten, dessen Gelehrtenverzeichnis historischen 
Sinn verrät. Es nennt: ,frater Guilielmus Occham, bachalarius 
formatus Oxoniae'. Unmittelbar vorher geht: ,Frater Petrus 
Joannis <01ivi>, hie bachalarius formatus Parisius fuit' 0. Also wie 
Olivi seine letzte Ausbildung und seinen akademischen Grad in 
Paris erhalten hatte, so verdankte dies Ockham Oxford. Ferner 
hebt Johann XXII, in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe 
vom 2. April 1330 hervor, Ockham habe, wie wir sehen werden, 
vor seiner Zitation nach Avignon (1324) in England Irrtümer zu 
verbreiten gesucht'^). Er kam also von England und nicht von 
Paris an die Kurie. 

Außerdem vermittelt uns obige Stelle des ,Liber conformi- 
tatis' die eigentliche historische Bedeutung des Titels ,inceptor'. 
Das Wort bezeichnet ohne Zweifel einen akademischen Grad und 
zwar der theologischen Fakultät, da ja sie allein einem Mitglied 
eines Bettelordens offen stand. In den Verfassungen der Hoch- 
schulen, zumal jener von Oxford und Paris, ist oftmals von ,inci- 
pere, inceptio, incepturus, inceptor' die Rede, In der Grundform 
jincipere' bedeutet es mit den Leistungen beginnen, an welche 
die Erlangung eines akademischen Grades geknüpft ist und welche 
mit den einzelnen Stufen desselben verunden sind ^). In der Theologie 
gab es im wesentlichen nur zwei Grade: das Bakkalaureat und 
das Magisterium. Das Lizentiat ist ja nur die Pforte zum Magi- 
sterium. Ersteres war kein Stand; letzteres brachte als not- 
wendige Folge eine weitere Zeremonie und eine noch erheblichere 
Auslage. Es war das ,incipere ad magisterium*^). Aber auch 



% ^) Fructus VIII, pars 2, in: AF IV 339. .Formatus' wurde der ,bacca- 

laureus sententiarius', sobald er mit seiner Vorlesung beim dritten Sentenzen- 
buch angelangt war. 

2) BP V 465: ,Sane cum, sicut fidedignorum relatu percepimus, prae- 
fatus Michael haeresiarcha et schismaticus aliique duo nequam homines com- 
plices sui, videlicet Guilelraus Okam Anglicus et Bonagratla ordinis praedicti . , . 
ad partes Alamaniae se his diebus praeteritis conferentes errores et haereses 
pessimas aliaque cunctis detestanda fidelibus praedicare, et dogmatizare, sicut 
praefatus Guilelmus alias in Anglia idem f acere temptaverat, . . . praesumpserint 
hactenus', sollen sie gefangen werden. 

^) Vgl. Munimenta academica im Index II 826, I p. XCII, p. 243 und 
Denifle-Chatelain, Chartularium I 388, n. 338; 438, n. 396; 494, 

^) Es gibt also ein doppeltes .incipere', das des einfachen Scholaren, welcher 
die Leistungen für das Bakkalaureat ,beginnt', und ein solches des Bakkalaureus, 
der diejenigen .beginnt', welche ihn zum Lizentiat und Magisterium führen 
tYanzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrle, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 6 



82 UI. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

der von den ,Artes* als Artistenmagister zur Theologie Aufge- 
stiegene konnte nach dreiJahren ,incipere in theologia*, das heißt 
sich für die Leistungen des Bakkalaureats präsentieren^). 

Alle Bakkalaurei mußten nach Vollendung der Vorlesungen 
über die Sentenzenbücher, bevor sie an die Lizenz denken konnten, 
ein oder das andere Jahr sich an den Disputierübungen beteiligen 
und predigen^). Hierauf schritten die Weltgeistlichen nach Be- 
lieben, sobald es ihre Börse erlaubte, zum Lizentiat und Magi- 
sterium weiter. Nicht so die Religiösen. Von ihnen wurde, 
abgesehen von päpstlichen Vergünstigungen, alle zwei Jahre nur 
einer zum Magisterium zugelassen; nur die Dominikaner stellten 
in Paris zwei. Eine solche Beschränkung scheint für das Bakka- 
laureat nicht bestanden zu haben. Deshalb kehrten manche dieser 
Ordensbrüder als Bakkalaurei für die Leitung ihrer Ordensstudien 
von den Hochschulen in ihre Heimatprovinzen zurück. Von dort 
kamen einige, oft nach Jahren, auf Anweisung ihrer Orden oder 
infolge der bald so verpönten päpstlichen Vergünstigungen^) 
an die Hochschulen zurück für die Erlangung des Doktorats. 
Andere verblieben ihr Leben lang Bakkalaurei. 

Zu diesen letzteren gehörten Olivi und Ockham. Sie waren 
durchaus nicht die einzigen. Dies erfahren wir im besonderen 
von Oxford. Hier erhielten diese Bakkalaurei oder, wie der 
,Liber conformitatis' sich genauer ausdrückt: ,bacalarii formati', 
einen eigenen Titel. Sie hießen ,inceptores*. An allen vier Stellen, 
an welchen sich bisher dieser Titel mit diesem bestimmten Sinn 
nachweisen läßt, ist von England und ist von Religiösen die Rede. 

Zunächst finden wir eine schon von A. Wood^) benutzte 
Stelle aus Wilhelm Woodfords Defensorium paupertatis (c. 1390), 
welches uns noch handschriftlich erhalten ist ^). Der Franziskaner 
erwähnt in dieser gegen Wiklif gerichteten Streitschrift: ,Inceptor 
Ockam, inceptor Uvarus, inceptor Cowton, inceptor Chatton.* Es 
sind dies vier bekannte englische Franziskaner. Außer Ockham 
Wilhelm von Ware, Robert Cowton und Walter von Chatten^). 

sollen; dies ist das ,iocipere ad magisterium', s. ebd. III 358, n. 49: Zu einem 
,baccallarius, <qui> erat in proximo licentiandus', sagt der habgierige Kanzler 
,non incipiatis ad magisterium sub aliquo magistro nationis vestre'. 

1) Munimenta academica II 390 f., 389. 2) l, c, n 3951,^ 391. 

"; Denifle-Chatelain, Chartularium II p. VI ff.; Munimenta acade- 
mica I 207. 

4) A. Wood, Historia universitatis Oxoniensis, Oxoniae I (1674) 80, 

5) In Hs 75 des Magdalen College in Oxford; vgl. Coxe, Catalogus II 43 
und Index p. 115; im Britischen Museum Hss Harleian 31. 42. 635. 

6) Über Walter Chatton s. Denifle-Chatelain, Chartularium 11 419. 
423. 453. 471 und Little 170; E. Longprö, Gualtiero dl Catton in Studi 
Francescani, 1923, 101—114. 



Die Schufen. 2. Die Nominalisten, a) W. Ockliam. 83 

Ferner finden wir in der Rottenburger Liste scholastische Ehren- 
titel^), die aiis Franziskanerkreisen des 15. Jahrhunderts stammen, 
,n. 17 Incepjtor amenus Cowton, n. 18 Inceptor profundus ßarro 
(Ware), n.is Inceptor singularis Guillelmus Ockkam'. — Nach 
dem oben /erwähnten Wilhelm Woodford (Britisches Museum, Hs 
Harleian 31, Bl. 96 v) war Wilhem von Alnwick einer der ,incep- 
tores Mindrum, qui egregie scripserunt super Sententias' ^). — 
Endlich fir^det sich in Hs Fol. 117 der Amploniana in Erfurt 
folgendes E'xplicit : ,Expositio litteralis 4or 11. Sententiarum per vene- 
rabilem dos'ctorem tam nomine quam re, magistrum Johannem 
Clenckockjj inceptorem pro tunc theologice universitatis Oxonie, 
ord. herepi. S. Aug., anno Domini MCCCCXVIIir ^). 

\^in^n Grund, der zuweilen den Aufstieg der inceptores zum 
Magistei'ihm verhinderte, geben uns die beiden Namen Olivi und 
Ockham Kn die Hand. Die Vorlesungen beider über die Sentenzen- 
bücher odeo" ihre sonstige wissenschaftliche Betätigung gab zu 
Irrungen Anlaß. — Doch kehren wir nun zum Lebensgang Ock- 
hams zurück;. 

Ockham i| wurde spätestens 1324 von Oxford an die päpst- 
liche Kurie iiJi Avignon geladen, um sich wegen gewisser Lehr- 
sätze, durch /die er Anstoß erregt hatte, zu verantworten. Nach 
dem stehendm Brauch haben wir ihn nicht in einem ,Inquisitions- 
verließ' l|ßgend zu denken, sondern er war dem großen Konvent 
seineSf Ordens als Häftling zugewiesen. Diese Tatsache und dieses 
Datum stehen nun fest zunächst durch ein von K. Müller aus 
denji cod. 3387, Bl. 262—265 der Pariser Nationalbibliothek ver- 
öff/entlichten Rechtfertigungsschreiben Ockhams aus dem Jahre 
1334^). Hier sagt er, er habe fast volle vier Jahre gebraucht, 
'bis er die Irrtümer Johanns XXII. in Betreff der evangelischen 
Armut erkannt habe. Nun kannte er sie aber sicher im Früh- 
ling 1328, als ihn im wesentlichen diese vorgebliche Erkenntnis 
mit Michael von Cesena zur Flucht an den Hof Ludwigs des 
Bayern veranlaßte. . — Sodann sprechen dafür zwei Schreiben 

1) F. Ehrle, Ehrentitel 14. 2) Little 167. 

3) W. Seh um, Verzeichnis 80, 

*) Zeitschr. für Kirchengeschichte VI (1884) 108: ,Noveritis itaque et 
cuncti noverint christiani, quod fere quatuor annis integris in Avenione mansi 
antequam cognoscerem presidentem ibidem pravitatem hereticam incurrisse, 
quia nolens leviter credere, quod persona in tanto officio constituta hereses 
diffiniret esse tenendas, constitutiones hereticales ipsius nee legere nee habere 
curavi. Postmodum vero ex occasione data, superiore mandante, tres consti- 
tutiones seu potius destitutiones hereticales, inprimis videlicet ,Ad conditorem 
canonum', ,Cum inter nonnullos' et ,Quia quorundam' legi et studui diligenter. 
In quibus complura hereticalia . . . patenter inveni.' — Little 229 hielt dies 
Schreiben noch 1892 für unediert. 

6* 






84 iit. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Johanns, eines vom 5. April 1329 an die englischeü Bischöfe 
und ein zweites an König Johann von Böhmen vom 22.\juni 1330 ^). 
In ihnen sagt Johann, Ockham sei bereits geraume Ze;it vor seiner 
Flucht nach Avignon geladen und seine Schriften einer Kommis- 
sion zur Prüfung tibergeben worden. Diese habe damals bereits 
mehrere seiner Sätze als häretisch festgestellt gehabi Hierher 
gehört an dritter Stelle auch ein Zusatz zu dem ersten i)äpstlichen 
Schreiben nach der Flucht vom 28. Mai 1328, in dem ^ich Johann 
im besonderen mit Ockham beschäftigt ^). / 

: Aus allem diesem hat schon Hofer weiterhin ganz zutreffend 
geschlossen*), daß die Zitation Ockhams im Jahre jl324 nach 
Avignon nichts mit dem theoretischen Armutsstreit zu ,tun hatte, 
sie bedeute vielmehr den Anfang des Kampfes gegen ,den Ock- 
hamismus und Nominalismus. Es war nämlich bisher (mehrfach 
Ockham mit einem ,Guillelmus dictus Anglicus* identifizie/t worden, 
der nach einem Schreiben Johanns XXII. von 1323 ^)/ in Bologna 



1) BF V 380. 784: ,Sicut vestram credimus prudentiam /non latere, nos 
dudum, postquam Michael de Caesena, olim ordinis Minorup generalis ma- 
gister ... et duo nequam complices sui, videlicet Bonagratia de dicto ordine . . . 
et quidam Anglicüs vocatus Guilelmus Okam ordinis praelibi^ti, contra quem 
ratione multarum opinionum erronearum et haereticalium, quas( ipse scripserat 
et dogmatizaverat, pendebat inquisitio auctoritate nostra, iam erat diu, in eadem 
curia inchoata . . . latente et furtive nocturno tempore . . . se ad^-fugae ignomi- 
niam converterunt.' — Dasselbe Schreiben ging ,verbis competenW. aptatis' 
in einer anderen Ausfertigung auch im besonderen an den Bischof von Lirp,coln, 
den Ordinarius für Oxford, was uns wieder auf diese Hochschule als die HeWat 
Ockhams hinweist. 1 

2) Ebd. V 480, n. 876 aus" Raynal dus, Annales ad an. 1330, n. \27, 
nachdem von Peter von Corvara und Michael von Gesena die Rede war, fäliyt 
Johann weiter: ,Guilelmum quoque Okam Anglicum ordinis fratrum Minoruiö 
haeresiarcham, qui haereses varias dogmatizabat publice et scripta fecerat 
haeresibus et erroribus plena; propter quae fuerat vocatus ad curiam eiusque 
scripta fuerant pluribus doctoribus assignata, ut ea deberent examinare cum 
diligentia et quae invenirent haeretica seu erronea declarare, qui iam multos 
articulos declaraverunt haereticales — qui quidem male sibi conscius fugae 
praesidio sibi confidens vitare voluit canonicam ultionem.' 

ä) Ebd. V 346, n. 711. Es ist ein Empfehlungsschreiben für die beiden 
Kleriker, welche zur Verhaftung der Flüchtlinge ausgeschickt werden. Nachdem 
in dem Hauptschreiben nur von Michael und Bonagratia die Rede war, heißt 
es: ,Eisdem. — Cum Guilelmus Okam de ordine fratrum Minorum, qui super 
crimine haeresis in curia Romana delatus exstiterat, pendente inquisitionis 
negotio in eadem curia contra ipsum, tan quam sibi male conscius inde nuper 
occulte absque licentia nostra recesserit, se de dicto crimine reddendo con- 
victum, universitatem etc. ut supra.' 

4) Ebd. 439—465. 

5) BF V 259, n. 520. Es ist wohl eher Wilhelm Alnewik gemeint, der 
1322 auf dem Generalkapitel von Perugia die bekannte Erklärung unter- 
zeichnet hatte. 



Die Schulen. 2. Die Nominalisten. a) W. Ockham. 85 

Irrlehren verbreitet haben sollte. Diese Irrlehren brachte man 
mit dem theoretischen Armutstreit in Verbindung und ließ in- 
folgedessen wegen dieses Streites Ockham nach Avignon laden. 
Diesen unrichtigen Voraussetzungen entsprechend glaubte selbst 
K. Müller, die Anklage bezüglich philosophischer und theolo- 
gischer Irrtümer sei gegen Ockham erst infolge der sich stei- 
gernden Schärfe des Armutsstreites vorgebracht worden. 

Die eben erwähnte, allein richtige Ansicht Hofers läßt sich 
nun auch direkter und genauer nachweisen. Hierfür lagen bereits 
längst bei Baluze Ansätze vor, welchen bisher nicht genug nach- 
gegangen wurde. — In seiner vortrefflichen Ausgabe und Erläu- 
terung der ,Vitae paparum Avenionensium* 0, hatte Baluze die Aus- 
sage Johanns XXIL, die Schriften Ockhams seien bereits vor 
1328 einer Kommission zur Prüfung übergeben, dadurch gestützt, 
daß er auf eine Schrift des Benediktiner-Kardinals Jakobus de 
Furno, des späteren Papstes Benedikt XII., verwies. 

Diese Schrift Benedikts läßt sich, abgesehen von einer kurzen 
Notiz in den Kammerrechungen von 1336 ^), zum erstenmal deut- 
lich im Katalog der päpstlichen Bibliothek in Avignon 1365 unter 
Urban V. nachweisen. Leider wanderte sie 1408 mit dem Haupt- 
teil dieser Bibliothek nach Peniscola und wird daselbst noch 
nach dem Tode Peters von Luna (Benedikts XIIL) in einem Ka- 
talog aus der Zeit seines Nachfolgers Gil Muiioz (Klemens' VIII.) 
erwähnt^). Bei der Auflösung dieser Bibliothek nach 1429 kam sie 



1) I 797. In MoIIats sehr schätzenswerten Neubearbeitung, von der wäh- 
rend des Krieges drei Teile erschienen, fehlt noch Bd. 1. 

2) S. unten S. 86, Anm. 2. 

^) F. Ehrle, Historia bibliothecae Rom. Pont, tum Bonifatianae tum 
Avenionensis, Romae I (1890) 316: Ur. (Katalog Urb ans V. von 1369) n. 382. 
Item magnus über contra dicta magistri Ekardi, magistri Guillelmi de Ocham, 
fratris Petri Johannis Olivi, Joachim super Apocalipsy et magistrum Michelem 
de Sezena, coopertus corio rubeo, qui incipit in secundo corundello primi folii: 
sunt, et finit in ultimo corundello penultimi folii ante articulo<s> Ekardi: in 
communi sed. 

Ebd. p. 358, n. 923: ,Item quidam über, coopertus corio rubeo, con- 
tinens articulos Ekardi datos ad examinandum et responsiones, qui incipit in 
secundo folio: verbis, et finit in penultimo folio ante tabulam: angelis.' 

Am deutlichsten treten die beiden Bände im Katalog Urbans hervor, als 
zwei große, in rotes Leder gebundene Bände (nn. 382. 923). Auch im Katalog 
Gregors erkennen wir sie leicht wieder, als pars secunda und pars prima. 
Dagegen finden wir im Pariser Katalog von Peniscola vier hierher gehörige 
Bücher verzeichnet, aus welchen wir die beiden Bände der Reinschrift nicht 
mehr mit Sicherheit herausfinden können. Zwei davon mögen die eigenhän- 
digen Niederschriften Benedikts gewesen sein, worauf auch im Verzeichnis 



86 III, Zur Charakteristik Peters von Candia. 

nicht mit dem Teil, durch welchen Eugen die Verdienste des' 
Kardinals Peter von Foix lohnen wollte, in das Kolleg dieses 
Kardinals nach Toulouse und von hier in die Pariser National- 
bibliothek. Sie wäre also in der Nähe von Peniscola oder Te- 
ruel zu suchen 0- 

Doch prüfen wir zunächst die auf diese Handschrift bezüg- 
lichen Einträge der Kataloge der päpstlichen Bibliothek. 

Aus den Kammerrechnungen ersehen wir, daß Benedikt XII. 
bald nach der Erhebung seine Schriften durch drei Theologen 
inPont-Sorgue in der Ruhe der päpstlichen Sommerfrische genau 
prüfen ^) und hierauf aus seinen auf Papier geschriebenen Auto- 
graphen in schöne Pergamentbände abschreiben ließ. Unter diesen 
Schriften fand sich neben den sechs Bände füllenden Homilien 
Benedikts über das Matthäusevangelium (nebst einem siebten Tndex- 
band) ein Traktat über die 1331 entbrannte Streitfrage ,de vi- 
sione beatifica' und sodann eine Sammlung, in welche Benedikt 



Klemens' VII. das ,in papiro' und in n. 99 von Peniscola das .creditur esse 
originale' liinweist. 

Ebd. p. 499: Gr. (Katalog Gregors XI. von 1375) n. 655. .Item in volu- 
mine signato per CLV dicta ei responsiones fratris Jacobi tituli sancte Prisce 
presbyteri cardinalis ad articulos datos per dominum Johannem papam XXII 
ex dictis fratris Ekardi, Michaelis, Guillelmi de Ocham et Petri Johannis ordinis 
Minorum, de animabus sanctorum exutis de corpore, an videant Deum ante 
diem iudicii; secunda pars.' 

n. 656: ,Item in volumine signato per GL VI prima pars contra articulos 
maglstrorum Ekardi, Michaelis, Guillelmi de Ocham et Petri Johannis.' 

M. Faucon, La librairie des papes d'Avignon, Paris II (1887) 49 Pen. 
(Katalog von Peniscola c. 1410 in der Pariser Nat.-Bibl. ms. lat. 5156^) n. 98. 
,Item responsiones eiusdem domini Benedicti contra dicta magistri Eckardi, 
magistri Guillermi de Ocham, fratris Petri Joannis, abbatis Joachim super 
Apochalipsim et magistri Michaelis de Sezena.' 

n. 99: ,Item unus liber in papiro eiusdem domini Benedicti, ubi est 
inicium; creditur esse origiaale.' 

Ebd. p. 122, n. 702: ,Item dicta Jacobi, cardinalis Albi <Zisterzienser> 
ad articulos Guillelmi Oquam. 

Ebd. p. 123, n. 712: ,Item dicta fratris Jacobi, tituli S. Prisce presbiteri 
cardinalis, tradita contra fratrera Acardum, magistrum in theologia.* 

Ebd. finden wir in einem Verzeichnis aus der Zeit Klemens' VII. II 32: 
,Item dicta fratris Jacobi, tituli S. Prisce presbiteri cardinalis super articulis 
traditis per dominum papam fratris Ricardi <i. Aycardi>, magistri in theologia 
ad examinandum, in papiro, copertus pergameno.' 

Ebd. p. 29: ,Item questiones et dicta fratris Jacobi, tituli S. Prisce pres- 
biteri cardinalis, in VIII cisternis lion legatis.' 

i) F. Ehrle, Nachträge zur Geschichte der drei ältesten Bibliotheken, 
in: Römische Quartalschrift f. christl. Altertumskunde u. f. Kirchengesch, : Fest- 
gabe A. De Waal dargebracht, Freiburg, Supplem. XX (1913) 352—360. 360—369, 
wo das Madrider und Terueler Verzeichnis besprochen wird. 

2) F. Ehrle, Historia bibl. Rom. Pont. I 583. 155. 



Die Schulen, 2. Die Nominalisten. a) W. Ockham. 87 

die Gutachten um 1336 zusammenschreiben ließ, welche er als 
Kardinal im Auftrage Johanns über verschiedene verdäcl^tige 
Lehrmeinungen ausgearbeitet hatte 0. Neben dieser zweibändigen 
Gesamtsammlung werden auch einige der ursprünglichen auto- 
graphen Teilgutachten verzeichnet. Dieser Umstand ist für die 
Datierung dieser letzteren von Belang. In der Sammlung werden 
die Autoren, um deren Schriften und Lehrsätze es sich handelt, 
in folgender Ordnung genannt: Meister Eckhart, dessen Sache 
durch den Erzbischof von Köln anhängig gemacht worden war^), 
Wilhelm Ockham, Petrus Johannis Olivi, um dessen Apokalypse- 
kommentar es sich damals handelte ^). Die Prüfung dieses Kom- 
mentars dürfte vielleicht eine Ausdehnung der Untersuchung auf 
den von Olivi viel benutzten Apokalypsekommentar des Abtes 
Joachim von Fiore veranlaßt haben, der an vierter Stelle genannt 
wird. Als letzten finden wir Michael von Cesena, den nur der 
1322 entbrannte theoretische Armutsstreit an diese Stelle gebracht 
haben konnte, 

/ Von diesen Prozessen führte der gegen Eckhart geführte 
1329 zur Verurteilung verschiedener Lehrsätze. Ferner ist zu 
beachten, daß in dieser Zusammenstellung der Prozesse, der g%en 
Ockham gerichtete durch zwei Mittelglieder von dem gegen 
Michael von Cesena getrennt ist. Die , Beanstandungen Michaels 
betrafen ohne Zweifel die Frage der evangelischen Armut. Also 
müssen die früher eingeklagten Sätze Ockhams doch wohl auf 
einem anderen Gebiet liegen. Daß übrigens die von Johann an- 
geordnete Untersuchung der Lehrsätze Ockhams resultatlos ver- 
lief, wußten 1474 die Pariser Nominalisten in ihrer Verteidigungs- 
schrift sehr wohl zu verwerten^). 

Muß nun auch nach dem Gesagten die Schrift Benedikts 
als verloren gelten, so sind uns doch in dem Sentenzenkommentar 
Johanns von Basel ^) genügende Bruchteile erhalten, um festzu- 



1) F. Ehrle, 1. c. I 155— 161. 

2) Über den Prozeß Eckharts s. Denifle, in: Arcliiv f. Lit. u. Kirchen- 
gescli. II 471 ff. 610 ff. u. BF V 409; Denzinger-Bannwert 501—529. 

3) Archiv f. Lit. u. Kirchengesch. III (1887) 451. 
^) S. unten Anhang. 

5) Johann Hiltalinger, aus einer bereits im 14. Jahrhundert angesehenen 
Basler Familie stammend, spielte als Theologe und als General der Augustiner- 
Eremiten in der avignonesischen Obedienz eine nicht unbedeutende Rolle. Vgl 
Urkundenbuch der Stadt Basel, Basel IV (1899) 174. 471; V (1900) 342. 403; 
Noel Valois, La France et le Grand Schisme 11 287. 293. 305—307. 367; 
IV 129. 310 f. Denifle-Ghatelain, Chartularium III 302, n. 1462. 

Zunächst finden wir ihn als Lesemeister (lector) in Straßburg, 1371 er- 
langt er die Doktorwürde in Paris und wird hierauf 1371 bis 1377 Provinzial 
seiner rheinisch-schwäbischen Heimatprovinz. 1377 erwählt ihn das Ordens- 



88 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

stellen, daß 1324 dem Kardinal Jakobus de Fürno durch Johann 
zur Theodizee und der Trinitätslehre gehörige Artikel zur Prüfung 
überantwortet worden waren. Die Bruchstücke finden sich in einer 
zur ersten distinctio des ersten Sentenzenbuches gehörigen Frage: 
,utrum studens sacre theologie, sciens sacre Scripture textum: 
Deum esse trinum et unum, sufficienter possit probare vel in- 
quirere per Studium bonura et meritorium?' Bei der Erörterung 
dieser Frage werden die Artikel 24 und 27 Eckharts und die 
Artikel 12 und 24 Ockhams^) nebst den entsprechenden Aus- 



kapitel von Verona zum Ordensprokurator. worauf er von neuem Provinzial 
wird. S. A. Höhn, Clironologia provinciae Rheno-Sueviae ord. fr. erem. S. Aug. 
(s. 1.) 1744, 65—68. 

Am 18. September 1379 ernannte ihn Kleraens VII., der ihn mit mehreren 
Sendungen betraut hatte, zum General seines Ordens und erhob ihn am 10. März 
1389 auf den bischö fliciien Stuhl von Lombes. Johann starb kurz vor Okt. 1392. 
S. Denifle-Ghatelain, Chartularium III 302, n. 1462 Anm. 1 ; Eubel, Hier- 
archia I 2 310. 

. Sein literarischer Nachlaß findet sich am vollständigsten in Clm. 26711 
(Papier, 442 Bl., 300 X 208 mm, 15. Jahrb., aus Regensburg). Wir finden 1. den 
Sentenzenkommentar (zum 1.: Bl. 1— lJi3, zum 2.: 154— 213^ zum 3.: 310—327, 
zuwiH.'. 328—386); 2. Vesperiae Bl. 386^-396; 3. Responsiones Bl. 214—301. 

Andere Handschriften in Toulouse Hs 248 zum ersten, und in Basel, 
Univ.-Bibl. Hs F. II 9 zum zweiten Sentenzenbuch. 

Vgl. F. Ehrle, Ehrentitel 10, Anm. 5. -^ 

1) Clm. 26 711, Bl. 53 b: ,Assumptum hie probatar, quia aliter Deus non 
foret unus extra numerum, ymmo poneretur in numerum, quod videtur falsum 
<B1. 53' a>. Ratio fundatur super 24i» articulum Eckardi cum tertio et fundatur 
ratio super 27 articulum Ockam retractato per dominum Benedictum. Quia 
aut essentia sub respectu paternitatis est incompossibilis Filio aut non Primum 
non potest dici secundum Ockam, quia tunc infertur quod absolute essentia 
est compossibilis Filio, quod omnino est falsum. Secundum etiam dici non 
potest, quia tunc compossibile foret, Filium habere essentiam sub respectu 
paternitatis et etiam sub respectu filiationis, quod omnino est impossibile et 
contra veritatem. Ergo etc.' 

Ebd. Bl. 53 V b: ,Secundum corolarium: Sacre scripture textus in omni 
suo proprio sensu est verus. Patet hoc corolarium ex conclusione. Aliter 
<B1. 54> videtur nullus arliculus per eam sufficienter posset probari. Item 
Math. 7: ,Jota unum aut unus apex non preteribit a lege' etc. Item primo 
Thimot. S*^ c. : ,Omnis scriptura divinitus inspirata utilis est.' Propter quod 
dicit dominus Benedictus 12 in retractatione articulorum Petri Johannis c. 5, 
quod quidquid est contra. scripturam divinam et catholicam, quod hoc est here- 
ticum. Probat per Jeronimum libro 2° super prima ad Galatas.' 

Ebd. Bl. 55 va: ,Ad tertiam rationem, cum arguitur: per rationem natura- 
lem possumus cognoscere divinam essentiam esse etc., iste est articulus 12 
domini Benedicti 12 contra Ockam, ubi dicit Ockam, quod ex puris naturalibus 
possumus cognoscere istam propositionem: Deus est summum bonum, et non 
possumus cognoscere ex puris naturalibus istam: Deus est trinus, et tamen 
ipsa divina essentia non plus cognoscitur quam trinitas personarum. Et in 
eodem articulo dicit, quod virtute sermonis ista debet concedi: ex puris natura- 
libus potest ita bene cognosci trinitas personarum sicut essentia divina. — 



Die Schulen. 2. Die Nominalisten, a) W. Ockham. 89 

führungen Benedikts verwertet und teilweise mitgeteilt. Da nun 
Ockham, nach seiner eigenen Aussage, bis 1328 die vermeint- 
lichen Irrtümer Johanns betreffs der Armutsfrage nicht erkannt 
hatte, so war in den 1324 eingeklagten Sätzen nichts, was diese 
Frage betraf, sonst hätte die Gegnerschaft auf diesem Gebiet nicht 
lange latent bleiben können. Hier erfahren wir nun, daß 1324 
Artikel Ockhams aus dessen Sentenzenkommentar unter Anklage 
standen. Wir sind also berechtigt zu sagen, daß 1324 der eben 
erst entstehende Ockh.amismus die kirchliche Lehrgewalt zum 
erstenmal zum Einschreiten veranläßt hat. 

Wie dieses Einschreiten veranlaßt wurde, steht nicht fest. 
Eckharts Sätze hatte 1326 der Erzbischof von Köln eingeklagt. 
Johann Quidorts Irrtum in Betreff der in der Eucharistie fortbe- 
stehenden ,paneitas' war in Paris beanstandet worden, und Johann 
hatte hiergegen Berufung an den Hl. Stuhl eingelegt (1304). Nach 
seinem Tode (1306) wurde der Prozeß gegen die noch geraume 
Zeit nachwirkende Irrlehre äüffallenderweise fallen gelassen, wäh- 
rend der gegen Eckhart nach dessen Tod (1327) bis zu der Lehr- 
verurteilung von 1329 weitergeführt wurde! Ob der für Oxford 
zuständige Bischof von Lincoln oder der Metropolit von Canter- 
bury die Sätze Ockhams zur Prüfung an die päpstliche Kurie 
einsandte, oder Ockham an den Papst appellierte, ist unbekannt. 
Wie Johann XXII. in mehreren Schreiben hervorhebt, waren zur 
Zeit der Flucht Ockhams 1328 bereits mehrere seiner Sätze als ver- 
dammungswürdig nachgewiesen, übrigens führte auch die Unter- 
suchung über einige Sätze Olivis, gegen welche außer Benedikt XII. 



Contra istum articulum procedit idem Dominus multum diffuse bene per sex 
longas rationes. Prima ratio fundatur in hoc, quod naturaliter Deum esse, 
scimus, et tamen non scimus Deum esse trinum et unum; et hoc probat per 
plures auctoritates . . .' 

Ebd. Sexta ratio est: si dicta illa essent <B1. 56> vera, non esset neces- 
saria fides pro trinitatis cognitione, cuius oppositum probatur per Augustinum 
primo de trinitate c. 2 . . .' ,Sed tunc stat difficultas de verbis Augustini de 
ipsis (?) Platonicis. Ad hoc respondet dominus Benedictus in retractatione supra- 
dicti 12 i arliculi c. 8 dicens primo: Quod si philosophi ad aliquam notitiam 
trinitatis pervenerint, non habuerunt ex naturalibus vel effectibus, sed fuit 
plurimum imperfecta, quia solum communiter (?) appropriata et non propria, 
sicud patet ex glosa Exod, 8: .Digitus Dei est hie' Vgl. Bl. 57. 57^ 58. 58 v. 

Ebd. Bl. 56vb: ,Istam veritatem <non essent nee esse possent realiter 
distincte (persone divine), nisi foret vera et realis trinitas personarum> deducit 
dominus Benedictus in tractatu contra errores Eckardi 24 et 27 articulis c. 2° 
probans, personas esse distinctas alias et alias contra Eckardum, qui 27" articulo 
dixit, quod omnis distinctio est a Deo aliena neque in naturis neque in per- 
sonis, probavit quia ipsa natura est unum et hoc unum et quelibet persona est 
una et id ipsum unum quod natura. Contra articulum est Christi Joh. II: 
Alius est qui testimonium perhibet de me . . .' 



90 III. Zur Charakteristik Peters von Caiidia. 

auch Ägidius von Rom eine eigene Schrift verfaßt hatte 0, gleich- 
falls zu keinem Ergebnis. 

Obige etwas weitschichtige Darlegung dürfte sich lohnen 
da sie uns über das Entstehen des Ockhamismus das allerdings 
dürftige Licht verbreitet, welches aus den wenigen uns erhaltenen 
Quellen zu gewinnen ist. Unmittelbar nachweisbar ist zunächst 
nur, daß seine erste Beanstandung in Oxford erfolgte, das ja 
wohl überhaupt als die Heimat seiner Schulrichtung anzusehen 
ist. Die Beanstandung von 1324 betraf, wie nun als unzweifel- 
haft gelten kann, den Sentenzenkommentar, während die zweite 
von 1339 und 1340 von der Pariser Artistenfakultät ausging und 
gegen die Logik Ockhams gerichtet war. Für den Klosterbruder 
im Universitätsverband waren die Vorlesungen über die Sentenzen- 
bücher, abgesehen von seinen ,cursus biblici', das erste Hervor- 
treten seiner wissenschaftlichen Individualität. Diese prägte sich 
allerdings bei Ockham nicht minder in seiner Logik als in dem 
Sentenzenkommentar aus. Beide Leistungen atmeten denselben Geist 

<Die von Hof er gegen K. Müller und Seeberg verfochtene 
Ansicht hat nun durch Pelzer eine vollgültige Bekräftigung er- 
halten^). Er veröffentlichte vor kurzem 51 aus dem Sentenzen- 
kommentar Ockhams ausgezogene Sätze philosophischen und 
theologischen Inhalts, welche spätestens im August 1325^) auf 
Befehl Johanns XXII. in Avignon durch den Erzbischof Jak. von 
Concoz 0. Pr. von Aix (1322 — 1329} einer Kommission von sechs 
Theologen übergeben worden waren. Die Kommission bildeten 
Johann Lutterell, ehemaliger Kanzler der Universität von Oxford 
(1317 — 1322), zwei Augustiner-Eremiten und drei Dominikaner. 
Von diesen fünf waren vier bereits in hohen kirchlichen Würden, 
der Aufstieg des fünften erfolgte bald. Die Daten dieser Würden 
zwingen uns, die Übergabe des hier veröffentlichten Gutachtens 
an den Papst auf 1326 anzusetzen. — Nirgends ist die Rede vom 
theoretischen Armutsstreit; es handelt sich nur um philosophische 
und theologische Fragen, und von diesen berühren nur wenige 
logisch-dialektische Materien. Hierdurch wird das oben über 
den spezifischen Lehrinhalt des Nominalismus vollauf bestätigt. 

Das wichtige Schriftstück ist mit der Pelzer eigenen pein- 
lichen Genauigkeit gedruckt und beleuchtet. Es hat eine beson- 

1) S. den Sentenzenkommentar Johanns von Basel Clm. 26 711,,BI. 63 v; 
jCuius oppositum probat Egidius in tractatu de reprobatione erroris Petri 
Johannis, errore 3^; vgl. El. 6'5\ 

2) A. Pelzer, Les 51 articles de Guillaume Occam censurös, en Avignon, 
en 1326, in: Revue d'histoire ecclesiastique XVIII (1922) 240— 270, aus cod. 
Vatic. lat. 3075, ff. 1—5. 

3) Nach dem Brief Johanns XXII. an den König von England (12, Mai 1325) 
scheint die Untersuchung bereits im Gange zu sein. Pelz er 246, Anm. 3, 



Die Schulen. 2. Die Nominalisten, a) W. Ockham. , 91 

dere Bedeutung als die erste Maßnahme des kirchlichen Lehr- 
amtes in bezug auf den Nominalismus. Der erste Schritt in dieser 
Richtung von selten der Pariser Artistenfakultät datiert von 
1339/40 0- Sehr beachtenswert und bezeichnend für die Haltung, 
welche der Hl. Stuhl solchen Lehrstreitigkeiten gegenüber ein- 
nahm, ist die Tatsache, daß er sich weder durch das Gutachten 
der von ihm bestellten Kommission, noch durch die ihr parallel 
laufenden Arbeiten des Kardinals Jakob Fournier (Benedikt XII.) ^) 
zu einem Einschreiten gegen die beanstandeten Sätze des Vaters 
des Nominalismus veranlaßt fühlte, und doch hatte Johann XXII. 
fürwahr keinen Grund, seinen so gehässigen literarischen Wider- 
sacher zu schonen. Bei Johann von Pouilli (1321) und Eckhart 
(1329) erfolgten Lehrverbote, bei Johann Quidort (Johannes Pa- 
risiensis II.) 1306 nicht. Ob weil Johann bereits in diesem Jahr 
starb? Ob bei Ockham wegen seiner 1328 erfolgten Flucht? 
Und doch stehen bei. solchen Untersuchungen nicht die Personen 
in erster Linie, sondern die Reinheit der kirchlichen Lehre. — 
Erst die Extravaganzen eines Nikolaus von Autrecourt (1346) und 
Johann von Mirecourt (1347) veranlaßten die ersten ernstlichen 
Maßnahmen. 

Die Gegenwart eines Durandus, dessen Mentalität manches 
mit dem Nominalismus gemeinsam hatte, der es aber verstand, seine 
Eigenheiten innerhalb gewisser Grenzen zu halten, bürgt dafür, 
daß die neuen und freien Ansichten das wünschenswerte Ver- 
ständnis fanden. — Daß Lutterei die Sätze in Avignon eingeklagt, 
ist wahrscheinlich, bedarf aber doch wohl noch weiterer Bekräf- 
tigung, da sich manches in den Quellen genügend aus dessen 
Teilnahme an der Untersuchung erklärt ^)>. 

Die Maßregelung der Logik stützte sich zunächst mehr auf 
eine bloße statutarische Ungehörigkeit. Sie war dem Fakultätsrat 
nicht zur Prüfung vorgelegt und daher von ihm nicht zugelassen 
worden. Doch der Strom, aus dem diese Logik emporgestiegen 
war und mit dem sie schwamm, erwies sich stärker als die Statuten. 
Die ockhamische Logik kam in die Hände eines Buridan und 
Marsilius und zog immer weitere Kreise. — Ähnlich erging es 
dem Ockhamismus des Sentenzenkommentars. Daß er der ihm 
1328 drohenden Verurteilung entging, ist wohl zu verstehen. 
Wenn die Sondermeinungen eines Skotus, Durandus, Aureoli un- 
behelligt blieben, war es schwer, in der stufen-, nicht sprungweise 
sich weiterziehenden Entwickelung plötzlich bei Ockham den 
Punkt zu finden, wo das Unzulässige begann. Dieser War' erst 
deutlicher bei Nikolaus von Autrecourt, Johann von Mirecourt, 

1) S. oben S. 90. 2) g. oben S. 85 f. 3) S. oben S. 88. 



92 UI. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Johannes de Ripa gegeben. Ja wir müssen, um eine aus den 
Universitätskreisen und zwar aus der theologischen Fakultät selbst 
sich erhebende Reaktion gegen den Ockhamismus zu finden, bis 
zu Gerson an die Schwelle des 15. Jahrhunderts herabsteigen, 
der, obwohl selbst in ihm aufgewachsen, auf Grund seiner ange- 
stammten Innerlichkeit das Seichte und Unchristliche der herr- 
schenden Theologie herausfühlte, bekämpfte und die in der theo- 
logischen Literatur des 15. Jahrhunderts vorherrschende moralisch- 
aszetische Richtung anbahnte. 

Aus Obigem ergibt sich auch, daß allem Anscheine nach 
die bedeutendsten spekulativen Schriften Ockhams: der Sentenzen- 
kommentar, die Quodlibeta und die Logik großenteils in seine Ox- 
forder Periode vor 1324 fallen. Daß in dem Sentenzenkommentar 
das erste Buch den weitaus größten Raum einnimmt, ist nicht, 
wie vielfach hervorgehoben wird, etwas Auffälliges. Es ist dies 
vielmehr eine im 14. Jahrhundert gewöhnliche Erscheinung. 
Gerson mahnt in seiner zweiten epistola de reformatione theolo- 
giae, von Paris sprechend: ,quod materia secundi, tertii et quarti 
Sententiarum magis tractarentur; quia vix legitur nisi primus' 0- — 
Bezüglich dieses Kommentars glaubten K. Müller^) und Seeberg ^) 
aus dessen letzten Zeilen herleiten zu können, daß er nach 1335 
geschrieben oder wenigstens ergänzt sei. Dieser Schluß beruht 
auf der irrtümlichen Annahme, der an dieser Stelle^} zweimal 
erwähnte Johannes sei Papst Johann XXIL, während ich durch 
eine genauere Prüfung des zweiten bis vierten Sentenzenbuches 
aus einer großen Zahl von Stellen augenscheinlich feststellen 
konnte, daß unter , Johannes* hier wie allenthalben der bekannte 
Franziskanertheologe Johannes Duns Skotus zu verstehen ist. 

1) Opera omnia ed. Dupin, Antwerpiae 1706, I 123. 

2) Allg. deutsche Biographie XXIV (1887) 725. 

3) Protestant. Realencyklopädie » XIV (1904) 263: ,Die letzten Worte des 
vierten Buches zeigen nun das ,contradictorium in contradictorium', was contra 
Johannem XXII in materia de fruitione geschrieben ist, bzw. damals Ergän- 
zungen empfing. Gemeint dürfte das .Compendium errorum' sein. Der Aus- 
druck ,transitus de contradictorio in contradictorium* ist ein in scholastischer 
Logik üblicher Ausdruck; s. z. B. in Ockhams Sentenzenkommentar ed. Lug- 
duni 1495 in 2 Sent. q. 1, H (Bl. nicht numeriert): ,nec est transitus de con- 
tradictorio in contradictorium sine acquisitione vel deperditione alicuius positivi.' 
— Der Sinn an obiger Stelle (s. folg. Anm.) ist also: dieses Prinzip haben 
wir gegen Skotus geltend gemacht, da, wo er im ersten Sentenzenbuch (in 
primo) über die Beseligung (de fruitione) handelt. 

^) In der Lyoner Ausgabe des Joh. Trechsel von 1495 der Annotationes 
super 4 II. Sent. Ockhams endet das vierte Buch mit folgenden Ausführungen Bß: 
,Ad tertium dubium dico, quod idem actus numero non potest successive ter- 
minari ad diversa obiecta, ita quod primo terminetur ad unum et postea ad 
aliud vel post ad diversa obiecta, sicut ponit Johannes in primo de fruitione, 



JDie Schulen, 2. Die Nominalisten. a) W. Ockham. 93 

Es bleibt also nocb zu untersuchen, ob der wenigstens im ersten 
Entwurf ohne Zweifel vor 1324 zur Erlangung des Bakkalaureats 
fertiggestellte Kommentar später ergänzt oder stellenweise um- 
gearbeitet wurde. Hierbei wäre auch die von Ockham benutzte 
Literatur festzustellen, wozu allerdings außer den Drucken eine 
Anzahl . geeigneter Handschriften heranzuziehen wäre. Auch 
Pelzer S. 245 A. 2 bemerkte den Irrtum Seebergs und K. Müllers. 
Es dürfte nicht unnütz sein, einige weitere Hinweise 
Ockhams auf Skotus zu verzeichnen. Sie werden zeigen, welche 
Bedeutung eine systematische Durchforschung der scholastischen 
Schriften Ockhams für die dringend nötige kritische Revision von 
Waddings Gesamtausgabe der Werke, des Skotus hat. Auf- 
fallenderweise hat sich weder Wadding noch Sbaralea dieser 
Schriften bedient. Es müssen hierfür allerdings für Ockham außer 
den Drucken, wenigstens für den Sentenzenkommentar, auch 
Handschriften herangezogen werden, welche leider nicht zahlreich 
sind. Gelegentlich einer flüchtigen Durchsicht des Kommentars 
wegen Feststellung des fraglichen , Johannes' notierte ich in 
der Lyoner Ausgabe von 1495 folgende auf Skotus und andere 
Lehrer bezügliche Zitate. Die meisten beziehen sich auf das 
,opus Oxoniense', eines auf das ,Reportatum Parisiense', ein 
anderes auf die ,Metaphysica*, mehrere auf die Quodlibeta. Die 
genannte Ausgabe entbehrt der Blätterzählung. Sie wird durch 
große Buchstaben auf den seitlichen Rändern ersetzt. 



et propter illam rationem de transitu contradictorii in contradictorium, quam 
fecimus contra Johann em in materia de fruitione, que cum ibi et alibi frequenter 
et diffuse ponantur, ideo nunc pertranseo.' 

Doch ist zu beachten, daß die vierzehnte und letzte Quäslion des vierten 
Buches also lautet: .Queritur ultimo, utrum voluntas beata necessario fruatur 
Deo' und also schließt: ,Ad argumenta autem principalia patent solutiones ex 
dictis. Et hec de questionibus huius operis.' 

Hierauf folgen sechs ,dubitationes addititie'. Sie beginnen: ,Sunt autem 
quedam dubitationes adhuc discutiende, quarum prima est: utrum charitas 
habeat aliquam causalitatem respectu actus meritorii.' Die sechste lautet: 
,Item que et cuius sit securitas.' 

Ebd. in 3 Sent. q, 13, E: ,quomodo ponit Johannes in primo de 
materia de caritate et in quotlibet; et iste intellectus est impossibilis, quod 
probatur in questione de connexione virtutum.' 

Ebd. q. 12, X X: ,Ad primum istorum respondet Johannes <dazu am 
Rand responsio Scoti> in principio <Z. primo) de materia caritatis et secundo, 
ubi querit, utrum aliquis actus dilectionis sit indif f erens ; et in quotlibet, ubi 
querit; utrum actus dilectionis indiff erens; et in quotlibet, ubi querit, utrum 
actus dilectionis naturalis et meritorie sint eiusdem speciei,' Es ist die Quaestio 
quodlibetalis 17, ed. Vivös XXVI 202. 

Ebd. q. 12, B: ,Praeterea per illud argumentum, per quod Johannes 



94 in. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Ockham zitiert in 1 Sent. Prologus q. 3 (q. annexa 9«) C: .Preterea 
secundum istum doctorem <cf. B am Rand> in repertorio <L reportato> 
Parisiensi; q<uere>i<bi> Quando aliqua respiciuntur ab aliqua potentia 
vel ab habitu, Ita quod quodlibet illorum per suam rationem formalem 
natum est respici a potentia tali vel habitu, ibi nullum eorum est primum 
obiectum potentie primitate virtutis; ergo ibi notitia unius non continet 
notitiam alterius; sed subiectum et passio frequenter sie se habent, quod 
sunt distincte res secundum eum. Quod patet, quia alibi probat iste 
doctor, quod subiectum est causa eKiciens sue passionis . . .' 

Q. 4 (q. annexa 11 «) P. Im Text: ,Ad istud dicit Scotus, quod diffi- 
nitio prudentie debet intelligi de habitu activo proximo, qualis est habitus 
acquisitus ex actibus.' 

In 2 Sent. q. 1 K: ,Si queras utrum ille conceptus copule includat 
conceptum absolutum subiecti et predicati, vel est conceptus distinctus 
ab utroque vel non, si primo modo, tunc conceptus copule esset tanquam 
forma totius complexi distinctus aliquo modo a partibus coniunctim et 
divisim, sicut ponit Joh<annes> de forma totius in re extra, quod intendis 
vitare . . .' 

Q. 2, B: ,Quere Gandensem in Summa.' — H: ,ad rationes Jo- 
<hannis>: non valet . . .' — ,Sed si teuerem, quod relatio esset aliqua 
res, dicerem cum Joh<anne> . . .' — ,Eodem modo est in proposito. Quere 
Jo<hannem>.' — Q: ,Sciendum tamen est, quod ista differentia, quam 
ponit Jo<hannes> inter relationes . . .' 

Q. 4 et 5, D: ,Ideo aliter probat Jo<hannes> istam conclusionem . . .' 

In 3 Sent. q. 12, B: ,Preterea per illud argumentum, per quod 
Joh<annes> probat in Metaphisica distinctionem specificam inter habi- 
tum immediati principii et conclusionis; quia scilicet aliquis potest habi- 
tualiter scire principium et errare circa conclusionem; sed idem princi- 
pium non potest habitualiter sciri et ignorari ignorantia prave disposi- 
tionis. Ideo est distinctio specifica inter tales habitus.' — H: ,De ista 
unitate quere in Jo<hanne> et etiam in prologo de unttate scientie re- 
rum diversorum principiorum et conclusionum speculabilium.' — P: ,Quere 
in Thoma.' — Kurz vorher: .Quantum ad primum articulum . est una 
opinio Thome prima II, q. LXV quod alique sunt virtutes, que perficiunt 
hominem quantum ad statum communem <4 virtutes cardinales).* — 
R: ,Est alia opinio Henrici Gandensis quotlibet V, q. VIL' — S: ,Item 
Gregorius X Moralium. Quere hoc et alia in Gandensi et Joh<anne>.' — 



probat in Metaphisica distinctionem specificam inter habitum principii et con- 
clusionis.' 

Ebd. in 2 Sent. q. 2, B: ,Ad rationes Johannes de separatione non valet; 
dazu am Rand: ,Solutio rationum Scoti.' 

Johann XXII. war bekanntlich kein Magister der Theologie, schrieb nie 
einen Sentenzenkommentar, noch Quodlibeta, noch einen Kommentar zur Meta- 
physik; dagegen passen alle obigen Zitate auf die entsprechenden Schriften 
des Skotus. ' 

Clm. 8943, eine recht armselige Handschrift des Sentenzenkommentars 
des Ockham, hat auch im Text selbst die Hinweise auf Jo<hannes> z. B. Bl. 141: 
^ad rationes predictas Jo. tenendo = ed. 1495 in 4 Sent. q. 7, J. 



jbie Schuien. 2. Die Nominalisten, a) W. Ockham. 95 

XX: ,Ad primum istorum respondet Joh<annes> in principio de materia 
caritatis et secundo, ubi querit: utrum actus voluntatis sit indifferens et 
in quotlibet <XVn>, ubi querit; utrum actus dilectionis naturalis et 
meritorie sint eiusdem speciei, et dicit quod tarn habitus quam actus 
voluntatis potest esse indifferens . . .' 

Q. 13, E: ,quomodo ponit Joh<fannes> in primo de caritate et in 
quotlibet. Et iste intellectus est impossibilis, quod probatur in que- 
stione de connexione virtutum,' — 0: ,Ad ista est opinio Joh<annis>, 
Quere ubi querit istam questionem <utrum aliquis habens rationem er- 
roneam potest, staute errore, scire se errare vel credere>.' 

In 4 Sent. q. 7, I: ,His suppositis faciliter potest responderi ad 
rationes Joh<annis> predictas, tenendo quod accidens potest esse causa 
partialis producendi substantiam et corrumpendi simpliciter accidens.' 
Es handelt sich um die Akzidentien der Eucharistie, — Am Schluß der 
Dubitationes Additie, welche der q. 14 angefügt sind, findet sich die von 
Seeberg erwähnte Stelle, welche sich nach dem Vorstehenden von selbst 
erledigt. — BB : ,Ad tertium dubium dico, quod idem actus numero non 
potest successive terminari ad diversa obiecta, ita quod primo terminetur 
ad unuin et postea ad aliud vel post ad diversa obiecta, sicut ponit Jo- 
hannes in primo <libro Sent.> de fruitione; et propter illam rationem 
de transitu contradictorii in contradictorium, quam fecimus contra Jo- 
hannem in materia de fruitione, que cum ibi et alibi frequenter et diffuse 
ponantur, ideo nunc pertranseo'. 

Von den scholastischen Werken Ockhams werden bei Peter 
von Candia außer dem Sentenzenkommentar nur noch zwei 
Traktate ,de principiis theologie' und ,de siiccessivis* ^) ange- 
führt. — Neben Skotus, Aureoli und Johannes de Ripa findet 
Ockham in unserm Kommentar am meisten Berücksichtigung. 
Skotus und Ockham werden als ,doctores valentes* bezeichnet ^). Im 
übrigen ist letzterer hier allenthalben nur frater Wilhelmus Ockam, 
während sonst jedem der ihm schuldige Titel , dominus' oder 
,magister' erteilt wird. Doch trotz aller dieser Beachtung wahrt 
sich Petrus auch Ockham gegenüber dieselbe Unabhängigkeit, 
welche er selbst dem hl. Thomas, Bonaventura und Skotus nicht 
opfert, bekämpft ihn nicht selten, zuweilen in einem etwas scherz- 
haften, spöttischen Ton^). 



1) E f. 35 v; ,Dico quod debet sie intelligi: Dens potest facere, quidquid 
fieri non includit contradictionem, ut exponit Ockam in tractatu suo de 
principiis theoiogie.' Dieser Traktat wird weder von Sbaralea noch von 
Little verzeiclinet. Es wäre noch zu untersuchen, ob er etwa dem Kommentar 
zum Prolog der Sentenzenbüclier entnommen ist. 

2) s, o^jen s. 64. Der Traktat findet sich in der Amplonianischen Hs 
Octav. 76 n. 13 in Erfurt von der Mitte des 14. Jahrli. (Schum 734): ,Tractatus 
Ockam de rebus successivis.' Beginnt: ,Qiiia communis opinio est, quod motus'; 
endet: ,verificare contraria.' 

3) S. oben S. 65, 4) S. oben S. 74, 



96 in. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

b) Der Franziskaner Adam Wodeham. 

Von den ,Söhnen' Ockhams, das heißt von den Nomina- 
listen, hebt Petrus am meisten Adam hervor, bezeichnet ihn 
als dessen ,imitator'. Wenigstens an einer Stelle erhalten wir 
den volleren Namen ,Adam Wudam' ^). Es ist dies der englische 
Franziskaner Adam Woodham oder Wodeham, der in der 
späteren scholastischen Literatur als Adam Goddam wohl -be- 
kannt ist. Nach Wadding ^) wäre er in Wodeham bei Southampton 
geboren und in Babwell bei Bury (Buria) 1338 gestorben und 
begraben. In Betreff des Geburtsortes mahnt das Dictionary of 
National Biography^), daß es in England fünf Orte mit dem 
Namen Wodeham gibt. Was das Todesjahr angeht, ist das Datum 
Bales, des Pits^) und Sbaraleas^) 1358 wahrscheinlicher, wenn 
wir nach der Lehrentwicklung urteilen, welche uns in Adams 
Sentenzenkommentar entgegentritt. Pits gibt auch für dieses 
Datum keine Quelle an. Er hält sich an Bale. 

Der Sentenzenkommentar Adams ist uns vielleicht noch 
handschriftlich erhalten^). Allerdings der unter seinem Namen 
durch den bekannten Pariser Nominalisten Johannes Major 1512 
gedruckte'^) ist nur eine Bearbeitung, welche Heinrich von Oyta 



1) E f. 191«. Das Dictionary of National Biograpliy XXII 24 gibt die 
folgenden beiden Formen nach der heutigen Schreibweise: ,The name Goddam 
is offered by the printed edition <und von vielen alten Hss> of his commentary 
on the ,Sentences', but it is a manifest classical adaptation of Wodeham or 
Woodham, derived from one of the five places of that name in England.' 

2) Annales ad 1358 n. 6, VIII. 139. 3) S. oben Anm. 1. 

^) Scriptorum illustrium Maioris Brlgtanniae Catalogus I, Basileae (1557) 
447. J. Pitseus, Relationum historicarum de rebus Anglicis tomus I, Parisüs 
1619, p. 482: ,Obiit et sepulturam accepit Babwellae prope Buriam an. 1358.' 

i») L. c. p. 3: ,Obiit autem hie Adam anno non 1338, sed 1358 ex iisdem' 
d. h. nach Balaeus, Willotus, Possevinus. 

6) Außer den von Sbaralea in alten Bibliotheken nachgewiesenen Hand- 
schriften verweise ich auf cod. 1249 B, 7 der Nationalbibliothek von Florenz 
in der Abteilung Conventi soppressi aus der Santissima Annunziata mit dem 
tractatus de indivisibilibus nach dem dritten Sentenzenbuch. 

■^3 Der Titel lautet: Adam Goddam super | quatuor libros Senten | tiarum. | 
Venumdantur Parrhisiis a Johanne Granion eiusdem civitatis | bibliopola in 
claustro Brunello prope scholas Decretorum e regio | ne dive Virginis Marie. 

Der Kolophon: Hie finem accipit egregium opus Ade Goddam in qua- 
tuor I libros Sententiarum impressioni datum cura et opera | Johannis Barbier 
impressoris impensisque honestorum | virorum Johannis Petit, Johannis Granion 
et Ponceti | le Preux huius alme Parisien sis Academie biblio | polarum in lucem 
prodit a vitiorum labeculis, quibus | scatebat expunctum solertissima industria 
dissertissi \ mi magistri nostri Johannis Maioris, . ipsius Ade conterranei. Anno 
Domini 1512 tertio non. Aprilis. — Ein Folioband von 152 Blättern. 



öle Schulen. 1 t)ie Nominalisten. b) A. Wodehani. 97 

anfertigte 0. Diese Bearbeitung durch Heinrich bezeugt das Ex- 
plicit der Sorbonner Handschritt 2), welche Major seiner Ausgabe 
zugrunde legte : ,Explicit lectura sententiarum magistri Ade de 
Vodronio, abbreviata per magistrum Henricum de Hoyta/ In 
der Tat wird im Drucke Adam selbst zitiert^). 

Es wird sich lohnen, bei sich bietender Gelegenheit das 
Verhältnis des ursprünglichen Kommentars Adams zu dem ge- 
druckten Auszug Heinrichs genauer festzustellen. Dazu bietet 
allerdings wohl nur die Pariser Nationalbibliothek die notwen- 
digen Vorbedingungen. Es finden sich dort, wenn wir den An- 
gaben des vorläufigen, summarischen Katalogs Delisles folgen 
dürfen, in Hs 15892 und 15893 zwei Exemplare der ursprüng- 
lichen Arbeit Adams; sodann in Hs 15894 der Au&zug Heinrichs 
handschriftlich. Dabei ist dort mit Sicherheit auf ein Exemplar 
des seltenen Druckes von 1512 zu rechnen. Endlich soll uns 
Hs 15895 auch noch Heinrichs eigenen Kommentar zu den Sen- 
tenzenbüchern bieten^). 

Von anderen Handschriften mit dem Kommentar Adams nenne ich 
noch in Paris in der Sorbonne (Universitätsbibliothek) Hs 19:5 (44), Per- 
gament, 15. Jahrhundert. Vgl. U. Robert, Catalogues des mss. des Bibl. 
de France, Paris 1896, p. 516. 

Britisches Museum in London Harleian Ms. 3243. 

Nationalbibliothek von Florenz, Conventi soppressi (aus S. Croce 
cod. 403) Hs 1249, B. 7, Papier, Ende des 14. Jahrhunderts. Enthält nach 
dem 3. Buch einen Traktat ,de indivisibUibus'. 

Nationalbibliothek von Neapel VII, C. 53. 

Rom in der Vatikana Hs Vatic. 1110 

Krakau bietet in der Universitätsbibliothek Hs 1176: Adae Pari- 
siensis in 11. Sent 



1) Wir wissen nur, daß die Bearbeitung zur Zeit Papst Gregors XI. (1370 — 
1378) erfolgte. Es heißt nämlich im Drucke Bl. 121v b : , Aliud falsum sumitur, vide- 
lieet quod tales conceptus in mente nostra congregati: ,Rex Bohemie primus 
futurus', vel ,summus sacerdos prinius futurus' et sie de similibus significet 
illos, qui primo succedent iam presentihus. et presens signit'icat precise Gre- 
gorium XI, licet solum pro ilio ,nunc' vere supponat respectu verbi de pre- 
senti, tarnen ita significat preteritos et futuros sicut istum.' 

Der Hinweis auf den König von Böhmen dürfte doch wohl eher Prag 
als Ort der Bearbeitung voraussetzen lassen. Vgl. Aschbach, Geschichte der 
Wiener Universität. Wien I 402—407. Heinrich kam 1383 nach Wien. 

2) Jetzt in der Pariser Nationalbibliothek Hs 15894. L, Delisle, Inventaire 
des mss. latins de la Bibl. Nat. 8823—18 613, Paris 1863— 71 (Sorbonne) p. 27. 

3) Bl. llvb. 12va. 108 b. 

4) Die Hochachtung, mit welcher Gerson (s. unten, S. 103, A. 40: to. I, 100) 
von Heinrichs Wissen spricht dürfte eine genauere Untersuchung dieses seines 
anscheinend eigenen Sentenzenkommentars wünschenswert erscheinen lassen. — 
J. Schwab, Joh. Gerson, Würzburg 1858, 84 ff. 

Franzisk. Stud., Beih. -9 : F r. E h r I e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 7 



98 lll. !Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Toulouse Hs 246: Explicit lectura Sententiarum magistri Adam de 
Vodronio, abbreviata per mag. Henricum de . . . (eine Lücke vgl. oben 
die Pariser Hs 15894), geschrieben in Paris 1399. 

Ebendaselbst Hs 247 mit demselben Explicit; zwei schöne Perga- 
menthss. Ronen Hs 584 geschrieben 14./15. Jahrhd. 

Brügge Stadtbibliothek Hs 172, scheint das erste und dritte Sen- 
tenzenbuch zu enthalten. 

Mailand Ambrosiana Hs E. 55, sup. soll ein Traktat de conceptione 
B. Virginis sein. Es könnte die entsprechende Quästion aus dem dritten 
Sentenzenbueh sein. Allerdings findet sich in dem gedruckten Auszug 
eine solche nicht. Vgl. Strozzi, De immac. Conceptione 1. 5, c. 22, blieb 
mir unzugänglich. Vgl. jetzt Michalski, Les courants phüosophiques 
ä Oxford et ä Paris -pendant le XIV siöcle (Bulletin de l'Acad. des 
Sciences de Cracovie. 1920. Gl. d. bist, et phil.) lös. 

In dem gedruckten Auszuge Heinrichs von Oyta wird außer- 
dem auf jCathon* verwiesen 0, das heißt wohl auf Gualterus 
Caton ^), ein Name, der, wie so viele englische Eigennamen, sich 
in den romanischen Ländern die mannigfachsten Umgestaltungen 
gefallen lassen mußte. Ob wohl Maior außer diesem Hinweis noch 
eine andere Quelle für seine Behauptung hatte, Caton sei der 
Lehrer Adams gewesen?^) Nach Maior und Wadding ^) wäre 

1) Bl. 135 b: ,Ista questio principaliter inducta est ad solvendum argu- 
menta quorumdam contra phisicam veritatem posita, quod continuum non com- 
ponitur ex indivisibllibus. Ponam igitur quatuor argumenta Cathoa tenentis, 
continuum ex divisibUibus önitis Componi. Secundo alia quatuor In contrarlum. 
Tertio solvam argumenta Catho. Quarto movebo quedam dubia de partibus 
continui et solvam. — Tenet igitur Cathon in quadam determina,tione exponens, 
quod continuum non componitur ex partibus semper divisibilibus.' 

2) Sbaralea 314; Little 170; E. Longpröl c. 

3) Eingangs bietet Maior eine in humanistiscliem Stile gehaltene Vita 
Ade, deren erster Teil hier folgen möge: ,Vitam auctoris nusquam me legisse 
memini ; aliqua tamen, quae per eins et aliorum monimenta innotescunt scribere 
enitar. Nostra ex insula Britannia ea in parte, quam Angli colunt, oriundus 
est, cognomento Goddam, alias Voddam, professione Minoritanus, Qxoniensis 
academiae (quae ea in tempestate viros celebres emisit) doctor, Londiniis, An- 
glorum regia, Oxoniae et Norwici plurimum moratus, quibus in locis duas Sen- 
tentiarum lecturas peregit. Okam et Catonis contemporaneus, utrumque in 
scholis respondentem audivit. Materias positivas et faciles necnon praeceden- 
tium nexus intricatos et inutiles aspernatus, theoricas theologas pertractat, in- 
terserendo secundum sententiae oportunitatem, philosophiam moralem et natu- 
ralem utilem; acriter, perspicue, succincte et solide omnia prosequens. Sen- 
tentias ab eo scriptas nuUibi oöendi. Earum succum et meduUam Henricus 
Oyta a centum viginti annis abhinc extraxit, , quem Sententias. Adae appellamus; 
eum nonnunquam abbreviavit, ut in quarto, materia de quantitate, videre est. 
In Omnibus librariis et in caracteribus optimis Adam invenimus, quod viro 
erat magnae laudi. Si eius librum habuissemus, lubenti animo eum calcographis 
tradidissemus. Sed illustris viri et eruditi Petri Menenes, Lusitani, in theosophia 
bachalarii, exemplar procuravimus mediocriter castigatum. Quod imitari pro 
maiori parte elaborävimus, curantes ut tabula alphabetica ad folia et columnas 
adderetur . . .' ^) Scriptores 1, 



Die Schulen. 2. Die Nomin alisfen. b) Ä. Wodeüara. 99 

Adam in Norwich, London und Oxford als Lektor tätig gewesen. 
Von London steht dies fest, da Adam am Anfang des dritten 
Sentenzenbuches bemerkt: , Circa tertium librum, quia alias Lon- 
dinie toto anno pertractavi questiones 13 primarum distinctionum, 
nunc incipio a distinctione 14' 0- Im Explicit einer ehemals im 
Dominikanerkonvent St. Jakob in Paris verwahrten Handschrift 
hieß es: ,Explicit lectura reverendi et subtilis bachalarii fratris 
Adam Wydekam ordinis Minorum*^). Um einen Lehrer nur als 
Bakkalaureus zu bezeichnen, bedarf es eines besonderen Grundes. 

Es wird mehrfach behauptet oder als möglich erklärt, Wode- 
ham sei der frater Adam, welcher Ockham zur Abfassung seiner 
Logik veranlaßt habe. In den ältesten Drucken (Paris 1488) und 
in Clm. 23530 (14./15. Jahrhundert) beginnt die Vorrede Ockhams 
mit den Worten: ,Dudum me, frater carissime, tuis litteris stude- 
bas inducere*. Nach mehreren Autoren ^) müßte man annehmen, 
daß es in einigen Handschriften ,frater Adam* oder ,ad Adamum' 
heißt. Doch hiermit wäre obige Annahme noch nicht erwiesen, 
denn in der Amplonianischen Hs Oct. 67 (Schum 726), welche 
1339 von englischer Hand geschrieben ist, lesen wir: ,Incipit pro- 
hemialis epistola auctoris ad Willelmum de Ambersberg <Ambsb, 
doch wohl eher Ambsbury) ordinis Minorum de provincia Anglie: 
Dudum me frater et amice.' 

<Es mögen hier einige Nachträge folgen, welche ich großen- 
teils gütigen Mitteilungen Msgr. Pelzers verdanke. 

Das für die Geschichte des Ockhamismus nicht unwichtige, 
innige Verhältnis Wodehams zu seinem Lehrer, auf welches uns 
auch Peter von Candia aufmerksam gemacht hat, tritt uns be- 
sonders scharf aus den beiden Schreiben entgegen, welche in 
der Venediger Ausgabe *) von 1508 die Logik Ockhams einleiten. 
In dem Drucke fehlt der Name Ockhams in dem Briefe Adams ^).> 

Der Text ist im Druck von dem bekannten Nominalipten- 
haupt Markus von Benevent ^) humanistisch etwas überarbeitet. 

1) L. c. f. 115V. 2) Qu6tif-Echard I 739. 

^) SbSS p. 327: ,Haec Summa Logices est ad Adamum Woddam eius au- 
ditorem et dividitur in tres partes'; Little 226; WSS ed. Romae 1660, 156. 

*) Summa totius logicae magistri Guielmi Occham Angllci, logicorum ar- 
gutissimi nuper correcta. Am Schluß: Impressum Venetiis per Lazarum de 
Soardis, die 15 Maii 1508. 

5) Im genannten Druclte und in Vatic. 952 lautet die entsprechende Stelle : 
,. . . posteriores in hiis sufficienter edocti varia opuscula ordinantes iter facile ad 
eam satagentibus prebuerunt, inter quos precipue existimo venerabilem doctorem 
Anglicum ordinis Minorem, sed ingenii<per>spicuitate et doctrine veritate sublimem.' 

<*) L, A. Birkenmajer, Marco Beneventano, Kopernik, Wapowski a 
najstarsza korta geograficzna Polski (Rozprawy Wydzialu matem. przyrodn. 
Akad. w. Krakowie XLI A. 1901, 134—222) 189—190; Prantl, Geschichte der 
Logik im Abendland, München, IV (18). ^ * 



100 III. Zur Charakteristik iPeters von Candia. 

Er folgt hier in der Fassung des Ottob. 2071 (membr., ff. 84, 
355x250 mm, sec, 14) mit Beiziehung der codd. Vatic. 950 — 953, alle 
aus dem 14. Jahrhundert. Adams Brief fehlt in Vatic. 950 u. 951. 

Vatic. Ottob. lat. 2071. 

Bl. l: Inclpit prologus fratris et magistri Adam de Anglia 
in logicam sui magistri fratris Guillermi de Ockam, egregis- 
simi bachalarii theologie. 

Quam magnos veritatis sectatoribus afferat fructus sermocinalis 
scientia, quam logicam diöunt, multorum peritorum docet auctoritas, ratio 
quoque ac experientia liquido comprobat et convincit. Unde Aristoteles, 
auctor precipuus, huiusmodi scientiam, nunc introductoriam methodum, 
nunc scien'di modum, nunc scientiam omnibus communem et viam veri- 
tatis appellat, dans ex hiis verbis intelligere, quod nulli ad scientiam 
patet accessus, nisi in logicis erudito. Averrois quoque, Philosophy inter- 
pres, in physicis, dyalecticam dicit esse instrumentum discernendi veruin 
a faiso. Ipsa namque cuncta dubia diffinit, cunctas scripturas enumerat 
atque eviscerat, ut testatur doctor egregius Augustinus. 

Cum enim duo sint actus sapientis ad alterum: non mentiri, de 
quibus novit, et mentientem posse manifestare, ut scribitur in Elencis; 
hoc autem fieri nequit absque discretione veri a falso, quod solum pro- 
stat hie methodus; luculenter apparet eam fore perutilein speculanti. 
At vero hec sola facultatem prebet arguendi in omni proplemate, omne- 
que genus sophismatis dlssolvere docet et demonstrationis medium in- 
venire, mentem quoque a vinculis, quibus detinetur, absolvit atque liber- 
tati restituit. Quemadmodum enim vincula corporis membra ligant nee 
non et officia atque instituta prohybent, sie falsa argumenta et sophi- 
stica, ut docet Aristoteles 3° Metaphysice, mentem ligant. Similiter hec 
ars errorum caliginem detigit, actus humane rationis dirigit instar lucis 
corporee. Quinimo et luci comparata invenitur purior, sicut enim ex- 
clusa hac luce corporea, actus humani aut nulli essent aut aliter erra- 
bundi et sepe in preiudicium operanti; sie absque huius facultatis peritia 
actus rationis. Cernimus namque plurlmos hac scientia pretermissa 
volentes intendere scientie et discipline, multipharie oberrare, varios 
errores docendo seminare, oppiniones absurditatibus plenas confingere, 
sine modo et ordine et penitus non intelligibiles sermones prolixos 
texere et ordinäre. Simile quoddam patientes languidorum sompniis ac 
fictionibus poetärum, rationes nullius vigoris velut insolubiles ponde- 
rantes, vim propriam vocum ignorantes, qui eo periculosius errant, quo 
se existimant pre ahis sapientes, audacter sine modo falsa pro veris 
auditorum auribus ingerentes. 

Premisse itaque utilitatis, quam logica administrat, intuitu motus, 
preclarus ille philosophus perypateticus Aristoteles eam artificiose com- 
posuit, quam quia pröpter obscuritatem greci sermonis in latinum trans- 
lati quis assequi (?) sine temporis diuturnitate vix poterat; posteriores 
si quidem in hiis sufficienter edocti, varia opuscula ordinantes, iter fa- 
che ad dicta satagentibus prebuerunt. Inter quös sane precipue vehe- 
rabilem äc egregissimum doctorem, humanam naturam et Ingenium ex- 



Die Schulen. 2. Die Nominalisten, b) Wodeham. 101 

cedentem; quantum fas est recipere, ab altis luminibus divinis homini 
rationali pro statu isto, fratrem Guiliermum de Ockam, Anglicum, ordine 
Minorem, sed ingenii perspicuitate et doctrine veritate sublimem, sub 
cuius ferula me fuisse tateor non verecunde, in hac scientia et aliis 
pluribus, professorem eiusdem ordinis prelibati. 

Si quidem hie doctor eximius, sepe multorum pulsatus precibus, 
totius huius methodi eonsiderationem plene et limpide ac seriöse com- 
posuit ut diligenti lectori in sequentibus demonstrative patet, iniciansque 
a terminis et ut a prioribus demum cetera prosecutus ad finem optatum 
usque perduxit. Ad studiosas itaque preces pro hoc preclaro volumine, 
licet compendioso, gratissimum stilum universis dirigens ac prodesse 
cupiens exorsus est sie dicere. — Explicit prologus fratris Adam. 

Incipit prologifs fratris Guliermi de Ockam, quorum uter- 
que est eiusdem ordinis, ut patet ex prologp predicto. 

Dudum me frater et amice karissime tuis litteris studebas indUcere 
ut aliquas regulas artis logice in unum tractatum coUigerem coUectumque 
tue dilectioni transmitterem. Cum igitur, tui profectus ac veritatis in- 
ductus amore, tuis precibus nequeam contraire, experiam quod ortaris 
remque michi difficilem, sed tam tibi quam michi, ut existimo, fructuosam 
aggrediar. Logica enim est omnium artium aptissimum instrumentum, 
sine qua nulla scientia perfecte sciri potest, que non more materialium 
instrumentorum usu crebro consumitur, sed per cuiuslibet alterius scien- 
tie studiosum exercitium continuum recipit incrementum. Sicut enim 
mechanicus, sui instrumenti perfecta carens notitia, utendo eodem re- 
cipit pleniorem, sie in solidis logice principiis eruditus, dum aliis scien- 
tiis operam impendit solicite, simul istius artis maiorem acquirit peri- 
tiam. Unde illud vulgare : ,ars logica labilis ars est', in solis sapientiale 
Studium negligentibus locum reputo obtinere. Et quia plerumque con- 
tingit, ante magnam experientiam logice, subtilitatibus theologie alia- 
rumque facultatum iuniores impendere Studium ac per hoc in difficultates eis 
inexplicabiles incidunt, — que tamen alias, si sunt, sunt parve aut nulle, — 
et in multiplices prolabuntur errores, veras demonstrationes tanquam 
sophisticas respuentes, et sophisticas pro demonstrationibus recipientes, 
tractatum hunc duxi scribendum. Logice i) igitur considerationis conti- 
nentiam prosequendo <de> terminis, ut a prioribus, exordium sumendum 
est, deinde de propositionibus, postremo de sillogismis et aliis speciebus 
argiimentationis perscrutatio subsequitur. Non nunquam in processu 
regulas per exempia tam physica <phylosophica?> quam theologica 
declarando. 

Explicit prologus fratris Guliermi de Ockam, directus discipulo 
suo predicto. 

Ferner verdient Vatic. lat. 955 Beachtung. Er enthält Re- 
portata des Sentenzenkommentars Adams in einer Fassung, welche 
von ihm eigenhändig verbessert und ergänzt wurde. Außerdem 

1) Dieser Satz ist eingeschoben in Vatic. 950. 951, 952, Ottob. 2071; aller- 
dings oben nach .reputo obtinere'; doch gehört er wohl hierher. 



102 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

stellt sich in ihm die ganze Oxforder Umwelt Adams dar 0- Wenn 
uns die oben erwähnten Pariser Hss den Auszug und Druck 
Oytas erklären, so scheint diese vatikanische mit dem gleich- 
artigen cod. 172 der Brügger Stadtbibliothek ^) für die ursprüng- 
liche Fassung des Wodehamschen Kommentars lehrreich zu sein. 

Little ^) wagte noch nicht, den im Briefe Ockhams genannten 
Franziskaner Adam Anglicus mit Wodeham zu identifizieren, zumal 
in Anbetracht des cod. Amplon. Oct. 67 ^), der den Brief an einen 
Wilhelmum de Amb<er>sb<ergh> <?> gerichtet sein' läßt. Die im 
Druck befindliche Beschreibung des Vatic. 955 scheint geeignet, 
weitere Zweifel zu beseitigen. Der diese Hs ergänzende Schreiber 
besaß ,reportata' mit eigenhändigen Randbemerkungen Ockhams 
Bl. 161 V. ,Ad 14 bene dicit Okham manu sua in margine re- 
portationis mee . . .' Adam wird Bl. 41 ^ ,nunc' als »doctor', ,tunc' 
als ,bachalarius* bezeichnet, 

Endlich bietet uns der Vatic. lat. JllO, Bl. 135 eine interes- 
sante Datierung: ,Et sie finitur 4"^ liber fratris Ade Wodeham, 
doctoris in theologia, qui legit Oxonie anno Domini M^CCC'^XXXII.' 
Hiermit kommen wir dem Jahre 1324 nahe, in dem Ockham Ox- 
ford verließt). 

Zunächst blieb Adam ziemlich unbeachtet und wurde selten 
genannt. Er hatte nur in England gelehrt. Sein Kommentar fand 
auf dem Kontinent wenig Verbreitung. Selbst die Einwirkung 
der avignonesischen Päpste auf die Oxforder Universität, die Ge- 
burtsstätte des Skotismus und Ockhamismus, scheint im 1 4. Jahr- 
hundert gering gewesen zu sein, wahrscheinlich auch infolge 
des hundertjährigen. Krieges und des großen Schismas. Ganz 
scheint ihnen jedoch die Lehrrichtung der Oxforder Magistri nicht 
entgangen zu sein. In seinem wichtigen Schreiben vom 20. Mai 
1346 gegen den auch in Paris Fuß fassenden Nominalismus erwähnt 

1) Unter andern: Guillelmus deSkelton, Johannes deRodington, Richardus 
de Kylnyngton, Richardus de Kamshale, Richardus Fitzralph (Radulphi, auch 
Firaf, Firauf, Syrensis, Hibernicus), Gualterus Burleus, Gualterus Chatton. 

2) J. Laude, Catalogues des mss. de la bibl. publique de Bruges. Bruges 
1859, p. 165. 

3) The Grey friars at Oxford. (Oxford historical Society n XX.) Ox- 
ford 1892, p. 172. 

4) W. Schum, Verzeichnis der Amplonianischen Hss-Sammlung. Berlin 
1887, p. 726. 

5) In dem alten Verzeichnis der Oxforder Magistri des Franziskanerordens 
(Monumenta Franciscana ed J. S. Brewer [Rolls Series] p. 554) ist Adam der 61. 
— Wenn wir diese Liste mit der etwas besser datierten der Pronvinzinle zu- 
sammenhalten, so kommen wir für seine Doktorierung gegen das Jahr 1340. — 
Es ist also wohl möglich; unseren Adam mit dem ,frater Adam, magister in 
Sacra theologia, de Anglia' zu identifizieren, der nach Glaßberger (AF II 177) 
1339 nach Basel kam, um gewisse Wunder zu untersuchen. 



Die Schulen; 2. Die Nominalisten, c) J. v. Mirecourt. 103 

Klemens VI., ohne ihren Namen zu nennen, andere Universitäten ^). 
Sollte er nicht an erster Stelle an Oxford gedacht haben, an die 
Heimstätte der ,Anglicanae subtilitates*, welche Richard de Bury 
in seinem Philobiblion erwähnt? 2) Zu einem der bekannteren 
Vertreter des Nominalismus in der neueren Scholastik wurde 
Adam erst durch den Druck eines Auszuges seines Kommentares, 
In dem königlichen Proskriptionsdekret gegen den Nominalismus 
von 1474 ^) wird auch vor Adam gewarnt. 

c) Der Zisterzienser Johann von Mirecourt. 

Neben Adam nennt Petrus als Schüler oder Anhänger 
Ockhams auch einen ,Monachus*, der in andern Quellen zuweilen 
als ,Monachus albus* ^) oder als ,Monachus Cisterciensis' bezeichnet 
wird. Ohne Zweifel ist hier Johannes de Mirecuria (Mire- 
court) gemeint, der in der Geschichte der Pariser Universität 
keine sehr ehrenvolle Notorietät durch den Widerruf einer langen 
Reihe von ihm vorgetragener Lehrsätze erlangt hat. Von ihm 
ist uns ein Kommentar zu Sentenzenbüchern erhalten. 

Er findet sich nicht nur in den von d'Argentre s) und Denifle ß) er- 
wähnten Handschriften der Pariser Nationalbibliothek Hss 15882 und 15883, 
sondern außerdem in derselben Bibliothek anonym in Hs 14570. 

Sodann in Erlangen Hs 370 zum zweiten Sentenzenbuch. 

Krakauer Universitätsbibliothek Hss 1182 und 1184. 

Nationalbibliothek von Neapel Hs VII. C. 28. 

Metz Hs 211: .Questiones Monachi super quatuor 11. Senf mit einem 
Verzeichnis der 184 Quästionen. 

Turin, Universitätsbibliothek, Pasini Hs 133, D.IV. 28; Codici super- 
stiti p. 465, n. 228, anonym, zum ersten Buch. 

Der Kommentar, gehört annähernd in das Jahr 1345, da 
Johann in diesem Jahr zur Erlangung des Lizentiates in Paris 
die Sentenzen erklärte^). 



1) Denifle-Chatelain, Chartalarium II 587: ,que <doctrine sophistice) 
in quibusdam aliis doceri dicuntur studiis'. 

2) The Philobiblion of Richard de Bury ed. E. C. Thomas, London, 1888, 
c. 9, p. 87 heißt es in dieser am 24 Jan. 1345 vollendeten Schrift von den 
Pariser Artisten: .Involvunt sententias sermonibus imperitis et omnis logice pro- 
prietate privantur, nisi quod Anglicanas subtiJitates, quibus palam detrahunt, 
yigiliis lurtivis addiscunf Cf, J. de Ghellinck, Richard Aungerville de Bury 
in Revue d'histoire ecclösiastique. XIX (1923) 195. 

3) S. unten den Anhang n. V. 

4) So in der Hs VII. C. 28 der Nationalbibliothek von Neapel. Als ,Mo- 
nachus' wird er 1525 in einer Tübinger Verordnung bezeichnet. (Roth) Ur- 
kunden 147. 5) CoUectio iudiciorum I 1, 345. 

6) Denifle-Chatelain, Chartularium II 610, n. 1147. 

7) Ebd. 541, n. 1076; 568, n. 1111. 



104 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. . 

Als 1340 die Ausbreitung des Ockhamismus Papst Benedikt XII, 
einen ehemaligen Pariser Lehrer, und die Artistenfakultät zu be- 
unruhigen begann, da zeigte sich, daß er bereits in den Pariser 
Studienanstalten mehrerer Orden Eingang gefunden hatte. Zumal 
war dies der Fall in St. Bernhard, dem Studienhaus der Zister- 
zienser. Unter den Mitgliedern der Universität, welche 1340 zur 
Verantwortung nach Avignon zitiert wurden ')» befand sich neben 
einem Magister der Zisterzienser auch ein Servit. Die Augustiner-^ 
anstalt wurde 1344 durch Gregor von Rimini, den späteren Ordens- 
general selbst, mit der neuen Lehrrichtung bekannt gemacht^). 
Seit 1340 wiederholen die Generalkapitel des Dominikanerordens 
immer eindringlicher ihre Warnungen gegen die ,doctrine vane, 
curiose et frivole' und ihre Mahnungen zum treuen Festhalten 
an der Lehre des hl. Thomas^). Nach Denifle waren sie vor- 
züglich durch die nominallstischen Sondermeinungen des Robert 
Holkot veranlaßt*); doch werden solche auch Armandus de Bello- 
visu und Petrus de Palude zugeschrieben. 

Durch jene Zitation an die päpstliche Kurie und entsprechende 
Verhandlungen in Avignon schien das Übel ausgerottet. Klemens VI. 
milderte bereits wieder einige der Strafsentenzen Benedikts^). 
Doch das Feuer glomm unter der Asche weiter, wie mehrere in den 
nächsten Jahren erfolgte Verurteilungen von Lehrsätzen deutlich 
bekunden. Von diesen ist die bedeutsamste die 1347 gegen 
Nikolaus von Autrecourt gerichtete ^). Nikolaus gehörte dem Welt- 

1) Ebd. 505, n. 1041. 2) s. hier unten S. 106. 

3) Reichert, Monumenta IV 262 das Gen.-Kap. von Mailand 1340: ,tam 
lectores autem quam studentes, opinionibus et doctrinis variis et frivolis preter- 
missis, doctrine veneräbilis doctoris S. Thome studiose insistant.' 

Ebd. 280 das Gen.-Kap. von Carcassonne 1342: Jmponlmus lectoribus 
et studiosis universis, ut spretis et postpositis doctrinis vanis, curiosis et fri- 
volis, quarum plures a veritate abducunt, in dicta doctrina S. Thome studeant.' 

Ebd. 297 Gen.-Kap. von Puy (Podii) 1344: ,Cum . . . intellexerimus non- 
nullos in nostro ordine legentes ad haue vaniloquii et curiositatis stultitiam de- 
volutos, ut spreta iam salubri solidaque doctrina peregiinis doctrinis et variis 
abducantur, adeo ut etiam ipsam veritatis doctrinam audeant ausu temerario 
frivolis lacerationibus improbare, mandamus . . .' Es folgen Strafandrohungen 

Ebd. 308 das Gen.-Kap. von Brive (ßrive = Brive-Ia-Gaillard, Dep. Cor- 
röze) 1356: ,Cum ordo noster ... ab exordio ... de vanis et curiosis non cu- 
rans, veritati studuerit . , .' 

Vgl. Denifle-Chatelain, Chartularium II 550, n. 1091; 591, n. 1127. 

*) Ebd. II 591, n. 1127, A. 1. Doch verweist Reichert IV 308, A. auch 
auf Thomas von Neapel, dessen Lehrsätze (articuli) 1346 — 48 in Neapel, im 
Orden und an der päpstlichen Kurie nachhaltigen Anstoß erregten. S. Denifle- 
Chatelain, Chartularium II 614, n. 1148; Reichert IV 303. 

5) Denifle^Chatelain, Chartularium II 541, n. 1076; 568, n. 1111. 

6) Ebd. 610, n. 1147. Daselbst wird das Schriftstück datiert: ,1347 et 
postea'. 



Die Schulen, 2. Die Nominalisten, c) J, v. Mirecourt. 105 

klerus an. Sehr zahlreich sind auch die Sätze, welche bald nach 
1347 verurteilt wurden. Ein großer Teil derselben war dem Sen- 
tenzenkomnientar und einem' Vortrage unseres Zisterziensers Jo- 
hann von Mirecourt entnommen ; einige jedoch waren von anderen 
Mitgliedern der Universität aufgestellt worden. Leider ist es nicht 
möglich, die beiden Gruppen genau zu scheiden, da uns die Original- 
protokolle dieser verschiedenen Verurteilungen nicht vorliegen. Von 
den uns erhaltenen Gesamtverzeichnissen verdient das uns durch 
den bekannten Augustiner-Theologen und Ordensgeneral Hugolinus 
Malabranca von Orvieto überlieferte besondere Beachtung 0- 

In diesen Sätzen tritt uns der spezifische Typus der nomi- 
nalistischen Geistesrichtung mit besonderer Klarheit und Schärfe 
entgegen, worauf wir weiter unten zurückkommen werden. 

Nach der Lehrverurteilung von 1347 verschwindet Johann 
fast gänzlich aus der Öffentlichkeit. Selbst De Visch hatte in 
seiner Bibliotheca Gisterciensis keinen Platz für ihn. In dem reich- 
haltigsten Verzeichnis der nominalistischen Lehrer in dem könig- 
lichen Proskriptionsdekret von 1474 findet sich unser Theologe ^) 
als jMonachus Gisterciensis' unmittelbar nach Ockham. Daß der 
,Johannes Gathalanus ex canonicis regularibus', den Petrus Nigri 
in seinem Clipeus Thomistarum unter den von ihm bekämpften 
Gegnern des hl. Thomas aufführt^), mit unserem Johannes zu 

1) S. hier Ehrle, gli Statuti della Facoltä, teologica di Bologna del 1364 
e 1440, p, 66 (im Druck befindlich). Vgl. A. ßirkenmajer, Vermischte Unter- 
suchuiigen (Baeiimker, Beiträge XX. 5), 1922, S, 235. 

2j Hermelink, Die theologische Fakultät 138, A. 1. 2. 

3) Es dürfte sich verlohnen, hier aus Petrus Nigri und Johannes Capreolus 
die Verzeichnisse der von ihnen als Gegner des hl. Thomas bekämpften Autoren 
zusammenzustellen. Petrus Nigri, Clypeus Thomistarum. Venetiis per Simonem 
de Luere, nomine domini Jordani Ladislaensis, ultimo augusti, 1504. f, 2^: 
jSequar hunc ordinem, Impriinis enim ad modum commenti super Aristotelis 
dyalectica veteri questiones inducam ad liberales artes atque philosophiam plu- 
rimum conducentes. Afferam deinde nonnullos litterarum fama atque scientie 
prestantissimos viros, et quidem ex sacro ordine fratrum Minorum Joannem 
Scotum, quem doctorem subtilem vocant, Franciscum Mayronem, quem illumina- 
tum, Petrum Aureoli argumentatorem acerrimum, Petrum Aquilanum, Guillelmum 
Ocham, Antonium Andree atque Landulphum; ex ordine autem Heremitarum 
Gregorium Ariminensem; ex canonicis regularibus Joannem Cathalanum atque 
ex alio genere alios Paulistas, Terministas äc Nominales, quorum omnium in 
Thomam opiniones, argumenta, contrarietates destruere, solvere confutare est 
hoc in opere propositi mei.' In der ersten Quästion zum Prolog des ersten 
Buches erklärt Capreolus: ,Sed antequam ad conclusiones veniam, premitto 
unum, quod per totam lecturam haberi volo pro supposito, et est quod nihil de 
proprio intendo influere, sed solum opiniones, que mihi videntur de mente Sancti 
Thome fuisse, recitare nee aliquas probationes ad conclusiones adducere preter 
verba Bua, nisi raro. Obiectiones vero Aureoli, Scoti, Durandi, Johannis de 
Ripa, Henrici, Guidonis de Garmelo, Garronis, Adam et aliorum Sanctum Thomam 
impugnantiura propono locis suis adducere et solvere per dicta Sancti Thome,' 



106 



III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 



identifizieren sei, wageich nicht zu behaupten. Allerdings ist 
sofort von den Paulisten, Terministen und Nominalisten die Rede; 
aber wie sollte Johann von Mirecourt als Katalane bezeichnet 
werden? ^) 

d) Der Augustiner-Eremit Gregor von Rimini. 

An dritter Stelle wird neben Adam und Johann auch der 
ehemalige . Augustinergeneral Gregor Novelli^) von Rimini 
unter den ,sequaces' Ockhams aufgeführt. Während sein un- 
mittelbarer Amtsvorgänger Thomas von Straßburg ^) gleiichwie 
der offizielle Ordensdoktor der Augustiner-Eremiten, Ägidius von 
Rom, als gemäßigter Realist bezeichnet werden konnte, so hat 
Gregor stark in die Bahnen des Durandus und Aureoli und be- 
sonders des Ockham eingelenkt. Petrus setzt sich daher wie 
mit Ockham so auch mit Gregor häufig auseinander; jedoch be- 
zeichnet er ihn nur an einer Stelle *) ausdrücklich als Ockhamisten. 

3. Namen und Wesen des Nominalismus. 

Wollen wir im Rückblick auf vorstehende Ausführungen aus 
ihnen einen Beitrag zur Lösung der oben erwähnten Streitfrage 
über das Wesen des Nominalismus zu gewinnen suchen, 
so müssen wir mit verstärktem Nachdruck auf die Mannigfaltigkeit 
dieser Lehrrichtung hinweisen. Zur Kennzeichnung derselben 
dürfen wir uns nicht mit einem Hinweis auf die logischen Eigen- 
heiten dieser Schule begnügen. Ohne Zweifel ist die Bezeich- 
nung jNominalismus' einseitig von dieser logischen Eigenart ge- 
nommen. 



1) Auf den Katalanen Johannes Baluster paßt diese Bezeichnung nicht. 
Er ist nicht ein Regularkleriker, sondern ein Karmelit. (Cosmas Villiers) 
Bibliotheca Carmelitana I 759. 

2) So nennt ihn Thomas Claxton (Florenz, Nationalbibliothek, Conventi 
soppressi Hs 340, B. 6, Bl. 104 v, 135 v) zweimal. 

3) Thomas war Ordensgeneral vom 11. Juli 1345 bis 1357, Gregor vom 
28. Mai 1357 bis 1358. Der erstere las die Sentenzen in Paris 1340 (Krakau, 
Univ.-Bibliothek Hs 1751), der letztere 1344. 

über Gregor erhalten wir weitere Nachrichten in einem Schreiben Kle- 
mens' VI., in dem er am 12. Juni 1345 dessen Zulassung zum Doktorat anordnet. 
In diesem Jahre hatte Gregor bereits 22 Jahre den höheren Studien gewidmet 
und zwar sechs Jahre in Paris, Von hier kehrte er als Bakkalaureus nach 
Italien zurück und war in Bologna, Padua und Perugia als Lesemeister tätig. 
1345 las er seit vier Jahren die Sentenzen in Paris. Denifle-Chatelain, 
Chartularium II 557, n. 1697. S. hier oben S. 32. 

^) S. oben S. 62,:n. 4. In den Anfängen der Universität von Witten- 
berg (1502) bezeichnete man den Nominalismus als die ,via Gregorii' und die 
Nominalisten als ,Gabrielistäe' nach dem bekannten Tübinger Professor Gabriel 
Biel, der Ockhams Sentenzenkommentar in einem bündigen und leichter ver- 
ständlichen Handbuch zusammengefaßt hat. 



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Die Schulen. 3. Namen und Wesen des Nominalismus. 107 

Zur Aufhellung der Berechtigung dieser Frage hat ohne 
Zweifel Prantl in seiner mit eisernem Fleiße, aber teilweise auch 
mit maniehafter Parteinahme geschriebenen , Geschichte der. Logik 
im Abendland' nützliche Anregungen gegeben und reiches Ma- 
terial zusammengetragen. Auf Grund desselben glaubte er die 
Bezeichnung ,Nominalisten' und ,Nominalismus' in ihrer Anwen- 
dung auf die ,Ockhamisten' und den ,Ockhamismus' verfemen 
zu müssen ^). Einige hochachtbare Autoren trugen dieser For- 
derung bereits einigermaßen Rechnung ^), während M. Baum- 
gartner in seiner vortrefflichen Neubearbeitung Überwegs hin- 
gegen in sehr sachverständiger Weise einige Bedenken erhob ^). 

Richtig ist, daß für die Anhänger Ockhams zunächst der 
Ausdruck ,t ermini st ae' in Aufnahme kam und zwar, was zu 
beachten, von selten ihrer Gegner: der Realisten. Nach Maß- 
gabe des gegenwärtig gedruckten Materials finden wir diesen 
Ausdruck zuerst bei Gerson^). Erst viel später gebraucht der 
deutsche Dominikaner Petrus Nigri (1475) den Ausdruck ,con- 
ceptistae* ^). In Köln war 1425 der Ausdruck »nominales' zur 
Bezeichnung der Ochhamisten gemeinverständlich^) und gelangte 
zumal von Paris aus '^) allmählich zur Alleinherrschaft, die durch 
die neuere Scholastik hindurch bis auf unsere Tage andauerte ^). 
Eine historisch so gut belegte Benennung kann offenbar ohne 
zwingende Gründe nicht leichten Sinnes aufgegeben werden; soll 
nicht der Schaden bedeutend größer als der Nutzen sein. 

. / 1) Prantl. III 344, IV 147 ff. 185 f. 192 ff. 

2) M. de Wulff 374 ff.; H. Hermelink 97; N, Paulus, Der Augustiner 
Barth. Arnoldi von Usingen, Luthers Lehrer und Gegner (Straßburger theol. 
Studien I 3), Freiburg 1893, 11. 

3) Grundriß der Gesch. der Philosophie II (Berlin 1915) 598 ff. 

4) Opera omnia ed. Dupin, Antwerpiae 1706, to. IV De modo significandi 
propositiones quinquaginta, c. 819 und to. I Epistola <prima> missa studentibus 
coUegii Navarrae Parisiensis, c. 101. Vgl. G. Schwab, Johannes Gerson, Kanzler 
der Univ. Paris. 

5) In seinem Clipeus Thomistarum ed. Venetiis 1504 gebraucht er in der 
Regel den Ausdruck ,Moderni'; spricht jedoch zweimal Bl. 2^, 30 v auch von 
,Terministae et Nominales' und an einer BL 56r von .Conceptistae': ,Quaeritur, 
utrum universale sit substantia vel accidens . . . Una opinio est eorum, qui dl- 
cunt, quod universale est conceptus mentis; et isti nominantur conceptistae, qui 
necessario habent dicere, quod omne universale est accidens.' Ihnen stellt er 
Bl. 46 die Realistae, seu antiqui' entgegen. 

6) S. unten Anhang. '^) S. unten Anhang. 

8) Um nur einen Beweis anzudeuten, so bestand, wie ich im Katholik 52 
(1884) 500 aus Estatutos hechos por la muy insigne Universidad de Salamanca 
ano 1561, Salamanca 1574, dargetan habe, in Salamanca in der Epoche des 
größten Glanzes dieser Hochschule eine cätedra de Nominales' (später cätedra 
de Durando) zur Erklärung der Schriften Gabriel Bleis oder des Marsilius von 
Inghen. 



108 



III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 



Ist die Bezeichnung auch begrifflich zutreffend? Zunächst 
bemerkt Baumgartner richtig, daß die Ausdrücke ,Konzeptisten' 
(Konzeptualisten ist eine Neubildung jüngsten Datums) und ,Ter- 
ministen* an und für sich nur Nuancierungen und Spezifizierungen 
der weiter ausgreifenden Bezeichnung »Nominalen*, sind. Wir 
haben hier vor allem zwei Perioden des Nominalismus zu unter- 
scheiden, eine ältere des Roscelin im 11. und 12. Jahrhundert 
und die neuere des 14. und 15., die, wie wir aus Peter von Candia 
ersahen ^), schon früh nach ihrem Hauptvertreter als ockhami- 
stische bezeichnet wurde. Zwischen beiden Schulen scheint kein 
historisch nachweisbarer Zusammenhang zu bestehen. 

In beiden Epochen handelte es sich ini wesentlichen um 
drei Dinge, welche sich untereinander genau entsprechen. Der 
sprachliche Ausdruck: das Wort, der Name; sodann der ihm im 
Verstände zugrunde liegende Begriff (conceptus) und die beide 
bewahrheitende Wirklichkeit (res). Das dritte Element wird für 
die Allgemeinbegriffe von allen Nominalisten älteren und neueren 
Datums in irgend einer Form in Frage gestellt. Das ist der alte 
Rechtstitel, der zugunsten der Bezeichnung ,Nominalismus' spricht. 
Von den beiden ersteren Elementen beschäftigte sich in der jün- 
geren Periode, zu Anfang des 14. Jahrhunderts, die kurze, vor- 
ockhamistische Zeit mehr mit den intellektuellen Begriffen (Kon- 
zeptualismus) ^), während Ockham (f 1348 oder nicht viel später), 
den Spuren der ,parva logicalia* des Wilhelm Shyreswood (f 1249), 
Lambert von Auxerre (ca. 1250) und besonders der Petrus Hispa- 
nus (Johann XXI 1 1277) folgend*), die Beziehungen des sprach- 
lichen Satzelementes (terminus) zu seiner weitschichtigen Sprach- 
logik (sophisteria) ausweitete und hiermit die Zeit des Terminis- 
mus einleitete. Da also Ockham und seine Schule in der Logik 
das dritte Element der Universalienfrage: die Realität der allge- 
meinen Begriffe, durch einseitige Betonung und Ausbildung der 
beiden ersten Elemente einigermaßen in Frage stellte, so haftet, 
wie Dreiling sich in betreff Aureolis ausdrückt ^), seinem System 
,ein gewisser nominalistischer Zug' an, auch wenn es nicht als 
,vollendeter Nominalismus* bezeichnet werden kann. 

Doch ist dies ohne Zweifel der geringere Nachteil einer 
Gleichsetzung von Nominalismus und Ockhamismus. Ungleich 
schwerwiegender ist, wie schon oben erwähnt wurde, die in 
dieser Gleichsetzung liegende Einseitigkeit, mit welcher die Kenn- 



1) Ebd. 598 f. 2) S. oben S. 78 ff. 

3) Dreiling, Der Konzeptualismus des Petrus Aureoli 181 ff. 

4) R. Stapper, Papst Johannes XXI (Kirchengesch. Studien IV 4), 
Münster 1898. 5) Ebd. 125. 



I 



Die Schulen. 3. Namen und Wesen des Nominalismus. 109 

Zeichnung der wissenschaftlichen Gesamteigenart Ockhams und 
seiner Schule seiner relativ leichter wiegenden Logik entnommen 
wird. Schon Prantl ^ erkannte einigermaßen und Hermelink ^) 
hob noch deutlicher hervor, daß mit dem sogenannten Nomina- 
lismus Ockhams wissenschaftliche Eigenart noch lange nicht er- 
schöpft, sei. ]!^och vollständiger ist die Aufzählung von Ockhams 
Sonderansichten bei Baumgartner ^) und Baeumker^). 

Ohne Zweifel haben wir drei weite Gebiete zu unterscheiden, 
in welchen der Ockhamismus seine Eigenart ausgewirkt hat. 
Erstens das schon besprochene logische, das bis jetzt als das 
namengebende allzusehr im Vordergrund stand; zweitens das 
realphilosophische der Psychologie, Metaphysik und Ethik und 
drittens das in den Geschichten des philosophischen Denkens 
meistens vergessene theologische. Diese drei Seiten der Nomi- 
nalistenschule weisen trotz der Verschiedenheit ihres Stoffes einen 
gemeinsamen Familienzug auf, welcher eine wesenhafte Bluts- 
verwandtschaft verrät. Ohne Zweifel färbte die logisch-sophistische 
Eigenart unverkennbar auf die beiden andern ab und gibt zumal 
der Behandlung der Theologie ein ganz eigenes Gepräge. 

Für eine Charakterisierung dieser theologischen Seite des 
Nominalismus war ohne Zweifel der Pariser Kanzler Johann 
Gerson ^) in hervorragender Weise berufen. In ihm aufgewachsen, 
hatte er ihn mit der Luft seiner wissenschaftlichen Umwelt in 
sich aufgenommen, kannte ihn theoretisch und praktisch aus lang- 
jähriger Lehrtätigkeit und aus den Funktionen seines Kanzler- 
amtes. Bei seiner zu Innerlichkeit und ruhiger Sachlichkeit hin- 
neigenden Gemütsart erkannte und bekämpfte er mit wachsender 
Schärfe seine Mängel und Schwächen, zumal indem er ihn an 
den Methoden und Leistungen der früheren Entwickelungsperioden 
des theologischen Studiums maß. Seine Klagen und Geständnisse 
haben um so mehr Bedeutung, als er sich der nominalistischen 
Strömmung nicht sofort und nicht rückhaltlos entgegenstemmte, 
sondern geraume Zeit noch teilweise von ihr getragen wurde. 
Die sieben Anklagepunkte seiner ,epistola 2» de reformatione theo- 
logiae', die dem Jahr 1400 zugeschrieben wird, zeigen uns den 
theologischen Nominalismus, wie er leibte und lebte. Es wäre 
daher eine durch geeignete Belegstellen der einschlägigen ge- 
druckten und besonders ungedruckten Autoren verstärkte Dar- 
stellung von Gersons Anschauungen, Kritiken und Wünschen, 
selbst nach Schwab, noch eine lohnende Arbeit. 

1)111344. 2) Ebd. 94. 98 ff. 3) Ebd. 596 ff. 

•t) In P, Hinnebergs Kultur der Gegenwart, Leipzig 1913, 418—423. 
5) S. oben S. 104, Anm. 4; ebd. to. I 122 ff. Das von Schwab 1. c. 84 ff., 
272 ff. Gebotene ist ungenügend und überholt. 



110 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Wollen wir das innerste und allgemeinste Prinzip der no- 
minalistischen Eigenart aufweisen, so können wir wohl einen 
ungesunden, übertriebenen Drang nach Neuem und Eigenem als 
solches bezeichnen. Würde dieser Drang sich innerhalb ver- 
nünftiger Grenzen halten, so wäre es ein wohltätiges Vorwärts^ 
streben, das zu gesunder Fortentwicklung führen müßte. Aber 
nun entfernte sich dieser Drang, den wir durch drei Hauptetappen 
verfolgen können, immer weiter von der gesunden Basis und wurde 
stets radikaler und destruktiver. Diese Etappen knüpfen sich an 
folgende vier Namen: Skotus, Durandus und Aureoli, Ockham. 
Kann dieser Drang bei Skotus, im Anschluß an die älteste, vor- 
skotistische, aristotelische Franziskanerschule, noch anregend und 
unter einigen Rücksichten als wohltätig bezeichnet werden, so 
läßt sich dies bei Durandus und Aureoli kaum mehr und bei Ock- 
ham gar nicht mehr sagen, wenn auch selbst ihm nicht jede 
nützliche Anregung abgesprochen werden kann. In Nikolaus von 
Autrecourt und Johann von Mirecourt endlich haben wir unge- 
sunde Zerrbilder dieser Richtung, die aber, trotz aller Extrava- 
ganzen, dennoch den Familientypus nicht verkennen lassen. 

In der Universalienlehre und in den erkenntnistheoretischen 
Problemen wurden die vernünftigen Sätze des hl. Thomas mit 
ihrer klaren, nun einmal eingebürgerten Terminologie beiseite 
geschoben ^), bevor sie genügend geprüft und verstanden waren. 
Es wird zuweilen widerlegt, was nicht behauptet worden war. 
Man hat den Eindruck, daß auf diesen beiden Gebieten zwischen 
den eigentlichen Anschauungen der beiden Parteien nicht die 
Gegensätzlichkeit besteht, welche die Schärfe der Polemik vor- 
auszusetzen scheint, wie dies auch neuerdings von den sach- 
verständigsten Forschern ausgesprochen wurde. Dies gilt nicht 
nur von Skotus, den wir noch nicht zu den Nominalisten rechnen, 
vielmehr höchstens als einen ihrer Bahnbrecher bezeichnen könnten, 
sondern selbst von Aureoli und Durandus. Zumal bei Aureoli 
treten uns allerdings die typischen Züge der Schule deutlich ent- 
gegen: Das Hervorheben des rein Verstandesmäßigen gegen- 
über dem zu großen Autoritätskultus, Ausschaltung alles Formalisti- 
schen und Figürlichen, Forderung strengster logischer Nüchternheit 
und Einfachheit, Betonung des Empirismus gegenüber übertrie- 
bener Systematisierung, des Individuellen vor dem Universellen ^). 



1) Sehr scharf und treffend hebt Gers on (ebd. De modis significandi IV 819) 
dies hervor. Zu bemerken ist, daß Gerson neben den Nominalisten besonders 
die Skotisten im Auge hat. 

2) üreiling, a.a.O. 118 ff. 



Die Schulen. 3. Namen und Wesen des Nominalismus. 111 

Äußern sich diese Tendenzen zunächst als Reaktion gegen die 
Formalitäten und den ijberschwänglichen Realismus des Skotus, 
so wirken sie sich doch auch auf dem metaphysischen Gebiet 
in der Behandlung des Individuationsprinzips und auf dem psy- 
chologischen in der . Zurückweisung des intellectus agens und 
der entsprechenden Speziesarten nicht minder kräftig aus. 

Am gefährlichsten wurden diese Triebe in der theologischen 
Forschung. Hier kann man das Walten des Nominalismus als 
ein überwuchern des Artistentums bezeichnen. Er verkennt den 
eigentlichen Charakter der christlichen Theologie als einer Über- 
lieferungswissenschaft. Es wird fast nur spekuliert. Die grund- 
legende Funktion: die Herleitung des positiven Lehrstoffes aus 
den Glaubensquellen: der Hl. Schrift und der Überlieferung, wird 
fast gänzlich ausgeschaltet. Mit ihrer ockhamistischen Logik in 
der Hand treten diese Lehrer leichten Mutes an die schwierigsten 
Fragen der Theologie heran: die Wesenheit Gottes, die Drei- 
faltigkeit, den Hervorgang der zweiten und dritten Person, die 
beseligende Anschauung Gottes; suchen aus diesen geheimnis- 
vollen Tiefen Elemente zur Umgrenzung ihrer philosophischen 
Begriffe herzuleiten, ohne die theologischen Voraussetzungen ihrer 
Untersuchungen aus den Offenbarungsquellen gesichert und um- 
grenzt zu haben ^). In allen theologischen Gebieten, welche sie 
berührten, bezeichnet eine traurige Verwirrung der bisher stehenden 
Begriffe den Gang ihres Wirkens. Zum Erweis dieses zersetzenden 
Einflusses genügt schon ein Blick auf die Fragestellungen ihrer 
Sentenzenkommentare, wie ich oben erwähnt habe. 

Diese Auswirkung auf die Theologie gehört daher als durchaus 
wesentliches Element zum Problem der Wesensbestimmung und 
der Namengebung dieser Schulrichtung. Ohne Zweifel ist es eine 
Übertreibung, wenn man mit einigen deutschen Theologen der 
ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts die gesamte Scho- 
lastik durch den Nominalismus zugrunde gehen läßt, aber anderer- 
seits dürfte doch auch der durch ihn angerichtete Schaden oft 
zu gering eingeschätzt werden. Ohne Zweifel überdauerte eine 
durch den hl. Thomas und seine Schule getragene Richtung durch 
Capreolus, durch den von der Neuerung nur äußerlich beein- 
flußten Thomas Claxton, Dionysius Rickel den Karthäuser, Diego 
Deza, Petrus Nigri, Konrad Köllin die ganze traurige Periode 
und hatte auch damals noch die Skotistenschule im Franziskaner- 
orden eine gewisse Vertretung. Dabei bleibt aber bestehen, daß 
der im 14. und 15. Jahrhundert in der Scholastik sich breitmachende 



ij Dreiling, Der Conceptualismus 181 



112 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Nominalismus nicht nur den englischen, böhmischen, sondern 
auch den deutschen Neuern durch manche Anschauungen Vor- 
schub geleistet hat. 

Die Folgen der methodischen Fehler dieser einflußreichen 
Schule veranlaßten wohl auch die Schwäche, welche die Theo- 
logie der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in der Behandlung 
der so weittragenden, kirchenpolitischen Fragen Unter Bonifaz VIII. 
und Johann XXII. an den Tag legte. Die einschlägige Literatur 
ist nun von R. Scholz fleißig gesammelt, aber ohne die nötige 
Voraussetzungslosigkeit beleuchtet. Leider versäumte er es, den 
\ Abschluß, welchen diese Fragen in der neueren Scholastik des 

16. Jahrhundei'ts erhielten, zur Orientierung heranzuziehen. Der- 
selbe hätte ihn veranlaßt, mit Zurückdrängung der landläufigen 
Anschauungen den historisch nachweisbaren Grundgedanken der 
Theologen von der ,pofestas indirecta' schärfer herauszuarbeiten 
und in ihm einen nach beiden Seiten abzweigenden Leitgedanken 
zu finden. 

Die Schwierigkeit, mit der im 14. Jahrhundert der folgen- 
schwere Irrtum der Kanonisten von der ,potestas directa' über- 
wunden wurde, das sinnlose Hereinziehen der alttestamentlichen . 
Anschauungen in die neutestamenliche Frage, die Unbeholfenheit 
im Ausheben beweiskräftiger, richtunggebender, naturrechtlicher, 
biblischer und traditioneller Beweismomente, sowie der allerdings 
mehr moralische Mangel an Wahrheitsmut werfen auf die füh- 
renden, theologischen Kreise jener nominalistischen Periode ein 
ungünstiges Licht. 

4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. 

Es dürfte sich noch verlohnen, zu der Frage nach der Aus- 
dehnung und der mehrfach behaupteten Vorherrschaft des 
Nominalismus Stellung zu nehmen, insoweit das vorliegende 
Quellenmaterial dieses gestattet. 

Denifle spricht von dem an der Pariser Universität herr- 
schenden Nominalismus (Nominalismum tunc in universitate domi- 
nantem) 0- Prantl^) sagt: ,Marsilius <von Inghen) gehörte der 
occamistischen Richtung an, welche nunmehr einmal die Majorität 
für sich hatte.' Aschbach ^) schreibt: ,Zwar gelang es noch 
vor der Mitte des 14. Jahrhunderts die Nominalisten an der 
Pariser Universität zu unterdrücken (1327), doch nach einigen 
Dezennien schon waren sie daselbst wieder die herrschende 



1) Denifle-Chatelain, Chartulariura III 486. 

2) Geschichte der Logik IV 94. 

3) Geschichte der Wiener Universität I (Wien 1865) 80. 



Die Schulen. 4^ Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. 113 

Partei. Auf der neugestifteten Prager Universität mui3ten sie 
aber den Realisten das Feld räumen, dagegen herrschten sie aus- 
schließlich in Wien, während sie in Heidelberg neben denselben 
bestanden.' — Baumgartner sagt schon mit Bezug auf die erste 
Hälfte des 14. Jährhunderts: ,Paris und seine Universität bildeten 
einen Hauptherd für die ockhamistischen Neuerungen* 0- Auch 
für die Folgezeit bemerkt er: , Auch zur Zeit nach Peter von 
Ailly und Gerson blieb di^ Pariser Universität ein Zentrum der 
,via moderna*, d. h. des Ockhamismus und Nominalismus' ^); ferner: 
,Auch im Laufe des 15. Jahrhunderts galt die Pariser Univer- 
sität als ein Hort des Ockhamismus, der zwar 1473 durch die 
starke Gegenpartei der Reales unterdrückt wurde, aber schon 
1481 wieder die Gleichberechtigung erhielt'^). 

Die Frage wurde bereits von Prantl, trotz seiner souve- 
ränen Verachtung der Scholastik, mit Geduld und Fleiß unter- 
sucht*). Aber seine Arbeit ist weder lücken- noch fehlerlos, 
auch wenn wir von deren lehrhafter und spekulativer Seite, 
die sehr viel Schiefes enthält, absehen. Neuerdings wurde die 
Untersuchung von Hermelink ^} wieder aufgenommen und 
zwar für das literar-historische Gebiet mit Beibringung von reichem, 
neuem Material und mit gerechterer Beurteilung, der Scholastik. 
Hier ist ein dankenswerter Gewinn erzielt. Weniger gelungen, 
wenn auch besser als bei Prantl sind die spekulativen Erörte- 
rungen und Werturteile. Es sind eben die scholastische Philo- 
sophie und Theologie Fächer, bei deren Betreten eine führende 
Hand oder wenigstens gründliches Studium eines geeigneten 
Handbuches mehr als bei manchem anderen Fach unerläßlich 
sind. Wer sich ohne eine solche Beihilfe an die Erklärung eines 
mittelalterlichen Philosophen setzt, wagt dieselben Irrfahrten, 
welche jeder zu gewärtigen hat, der ein fachmännisches Werk 
einer ihm unbekannten Wissenschaft zur Hand nimmt. Bevor 
man sich an den Nominalismus, an die Universalien- und Ab- 
straktionslehre wagt, dürfte es sich empfehlen, daß man sich 
wenigstens Kleutgens Philosophie der Vorzeit zu eigen gemacht hat. 

Es ist mir nicht möglich, für die spekulative Seite dieser 
Frage das Nötige nachzutragen, zumal auch, weil ich hiefür, 
wenn es in einigermaßen abschließender Weise geschehen soll, 
das Heranziehen reichlicheren handschriftlichen Materials für un- 
erläßlich halte, wie ich schon eingangs^) betont habe. Dagegen 



1) Ueberweg-Baumgartner, Grundriß i*^ II 614. 

2) A. a. 0. S. 630. 

3) A. a. 0. S. 607. ^) Gesch. d. Log. im Abendlande IV 185 ff. 

5) Die Theologische Fakultät in Tübingen 133 ff. 6) S. oben S, 109, 112. 
Franzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrle, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 8 



Il4 lll. ^ur Charakteristik Peters von Öandia. 

möchte ich versuchen, das positive Material noch vollständiger 
in' der oben erwähnten Weise mit ergiebigerer Mitteilung der 
einschlägigen Texte vorzulegen. 

Bei der neu durchzuführenden Untersuchung haben wir drei 
Gebiete, schärfer als es bisher geschehen ist, ins Auge zu fassen, 
wobei das von jedem einzelnen dieser Gebiete Gesagte sorgsam 
von dem für die anderen Ermittelten getrennt zu halten ist. Es 
handelt sich nämlich darum, die Ausdehnung des Nominalismus 
aui die Fakultäten, die Schulrichtungen und die Univer- 
sitäten zu ermitteln. Allerdings können wir die Untersuchung 
nicht nach diesen drei Gebieten gliedern, wir müssen aber in 
jedem Stadium diese Gebiete zur Bemessung der nachgewiesenen 
Verbreitung scharf im Auge behalten. 

Paris. 

Der Nominalismus wurde, wie uns eine Reihe interessanter 
Äußerungen Peters zeigen, zu seiner Zeit und in seinen Kreisen 
auf Ockham zurückgeführt; daher die Ausdrücke ,Ockhamisten', 
,scientia Occamica' *) und demnach das moderne, durchaus be- 
rechtigte jOckhamismus*. Es kam also diese Schulrichtung in 
vielleicht bereits ziemlich ausgeprägter Form von Oxford, fand 
dann allerdings in Paris einen leider nur zu günstigen Nähr- 
boden. Daher werden bei der Erforschung des Ursprungs dieser 
Doktrin die ,subtilitates Anglicane' und etwaige Sondermeinungen 
Oxforder Lehrer zu beachten sein. Ferner ist das Auftreten 
des Ockhamismus ohne Zweifel früher anzusetzen, als dies vielfach 
geschieht, da sein Haupturheber bereits um das Jahr 1324 von 
Oxford nach Avignon vorgeladen wurde. Skotus verließ Paris 
1305, Durandus würde bisreits 1312 Magister, starb aber erst 
1332. Aureoli ist 1316 Bakkalaureus, 1318 Magister, er starb 
bereits 1322. Das ist die Umwelt, in die wir das Werden Ock- 
häms nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung einzusetzen 
haben. Doch bleib| noch viel den Handschriften abzuringen. 

Die erste öffentliche Warnung vor der sich anbahnenden 
,via moderna' findet sich wohl in einem Schreiben Johanns XXII. 
vom 8. Mai 1317 an die Pariser Universität^). Während er den 
Artisten mehr disziplinare Fehltritte vorhält, treffen bei den Theo- 
logen seine Klagen die Lehrrichtung. ,Quidam etiam theologi, 
postpositis vel neglectis canonicis necessariis, utilibus et edifica- 
tivis doctrinis, curiosis, inutilibus et supervacuis philosophicis 
questionibus et subtilitatibus se immiscent, ex quibus ipsius studü 

1) Auch ,Occanica' s. oben S. 78 A. 3. 

2) Denifle-Chatelain, Chartularium II 200, n. 741. 



Die Schulen, 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nominalismus. — Paris. 115 

disciplina dissolvitur,, luminis eius splendor offenditur et post- 
sequens studentium utilitas multipliciter impeditur*. Dieselbe 
Klage wiederholte in noch schärferer und vollerer Form Kle- 
mens VI. in seinem so wichtigen Schreiben vom 20. Mai 1346 *), 
als die Lehrtätigkeit eines Gregor von Rimini (1344) die ersten 
Lehrverurteilungen okhamistischer Sätze (1346, 1347) vorbereitete. 
Wohl zu beachten ist, daß sich der Ockhamismus in Paris 
zuerst in der Artistenfakultät bemerklich machte und daß er 
von ihrer Seite die ersten Gegenmaßregeln (1339 — 1341) hervor- 
rief. Außerdem dürfte, wohl für seine Ausbildung, Ausbreitung 
und Fortdauer, mehr als es bisher geschehen ist, die Stellung 
der Artistenfakultät im Pariser Universitätsbetrieb in Rechnung 
zu setzen sein. Die Theologen, welche in Paris neben den Ar- 
tisten die weitaus stärkste Fakultät bildeten, verbrachten, nicht 
weniger als die Dekretisten und Mediziner, als Artisten die ersten, 
frischesten, aber auch unreifsten acht bis zehn Lernjahre nicht 
etwa mit dem Studium der ganzen Philosophie, welche damals 
auch die Physik und andere naturwissenschaftliche Disziplinen 
umfaßte, sondern in erster Linie mit der Logik, da dieser im 
Vergleich zu andern Gebieten der Philosophie unverhältnis- 
mäßig viel Zeit und Kraft geopfert wurde. Hatten sie die arti- 
stische Magisterwürde erreicht, so betätigten sie sich in der 
Regel noch lange Jahre in dem einträglichen Unterricht dieser 
Fakultät und in der begehrenswerten Leitung und Vertretung 

1) ,Nam nonnuUi magistri et scolares artium et Philosophie scientiis in- 
sudantes ibidem dimissis et contemptis Philosophi et aliorum magistrorum et 
expositorum antiquorum textibus, quos sequi deberent, in quantum fidei catho- 
lice non obviant, ac veris expositionibus et scripturis, quibus fulcitur ipsa 
scientia, ad alias varias et extraneas doctrinas sophisticas, que in quibusdam 
aliis doceri dicuntur studiis, et oppiniones apparentes, non existentes et inutiles, 
et ex quibus Iructus non capitur, se convertunt, Studium predictum, a quo velut 
a preciellente ac dominante aliis fonteque vivo iluenta scientiarum et doctrine 
haurire solebant cetera studia, peregrinis inherendo oppinionibus persepe inuti- 
libus et erroneis, quantum in eis est, quasi faciendo servile. 

Plerique quoque theologi, quod deflendum est amarius, de textu Biblie, 
originalibus et dictis sanctorum ac doctorum expositionibus (ex quibus vera illa 
acquiritur theologia, cui non attribuendum est quidquid ab hominibus sciri potest, 
ubi plane nulla vanitatis et curiositatis noxia reperitur, sed hoc quo fides salu- 
berrima, que ad veram ducit beatitudinem initatur <!>, gignitur, roboj^tur et 
defenditur) non curantes, philosophicis questionibus et aliis curiosis disputationibus 
et suspectis oppinionibus doctrinisque peregrinis et variis se involvunt, non 
verentes in Ulis dies suos, que nee domi nee militie nee alicubi prosunt, et 
ommissis necessariis supervacua docere et dicere satagunt in tanta temporis 
egestate, sie quod, unde deberent prodire fructus uberes sicut antiquitus refi- 
cientes fideles delectabiliter ad salutem, pestifera pululant quandoque semina, 
et in perniciosam segetem, de quo profecto dolendum est, coalescunt.* Denifle- 
Chatelain, Chartularium II 588, n. 1125. 

8* 



116 III. Zur Charakteristik Peters von Caüdia. 

der ganzen Universität. Hatten sie sich hierdurch zur Anwart- 
shcaft auf die nötigen Pfründen emporgearbeitet, so begannen 
sie endlich auch als Scholaren und Bakkalare in der theologischen, 
kanonistischen oder medizinischen Fakultät zu arbeiten. Diese 
übermäßige Beschäftigung mit der mehr einleitenden, formalen 
Logik, dieses im Verhältnis zum eigentlichen Lebens- und Fach- 
studium überlange Lehren bei den Artisten verursachte eine 
Hypertrophie des logisch-sophistischen Lehrbetriebs, dessen Folgen 
sich vorzüglich in der stofflich verwandten Theologie fühlbar 
machen mußte. --- In derselben Richtung wirkte das unbegrün- 
dete und ungesunde Übergewicht, welches in Paris, zumal im 
14. Jahi'hundert, die Artisten durch die an sie gebundene Wahl 
des Rektors bald über die anderen Fakultäten, sogar über die 
theologische gewannen. Auch diese konstitutionellen Verhält- 
nisse der Pariser Universität helfen uns, die Erstarkung und 
zähe Lebenskraft des Nominalismus zu verstehen. Die Artisten- 
fakultät war die Geburtsstätte auch dieser Verirrung. Wie sie 
einen Siger von Brabant geboren hatte, so erstand in ihr in 
einem zweiten Stadium desselben, nun aber auf andere Gebiete 
übergreifenden Entwickelungsprozesses der Ockhamismus. Richtung 
und Maß dieses neuen Verderbens zeigen die Sätze eines Niko- 
laus von Autrecourt und eines Johann von Mirecourt. 

Im übrigen sind wir für das 14. Jahrhundert arm an Quellen 
für die Geschichte des Nominalismus. Sie fließen reicher im 
fünfzehnten. Wir müssen daher mit der nötigen Vorsicht etwas 
von der Lichtfülle dieser Zeit in die vorhergehende Epoche 
zurückleiten. 

.^ In der zweiten Hälfte des 15, Jahrhunderts verliert die 
Pariser Universität ihre Unabhängigkeit. Ihr Zepter geht auf 
den König und das Parlament über^), was teilweise mit der 
innerpolitischen Entwicklung des Landes zusammenhängt. Dies 
ist zu beachten zum Verständnis der Aktenstücke über den Vor- 
stoß der Pariser Thomisten gegen die Nominalisten, welcher ein 
königliches Verbannungsedikt gegen diese letzteren am I.März 
14742) veranlaßte. Das Edikt wurde allerdings bereits 1481 
durch einen Beschluß (arret) des Parlamentes wesentlich abge- 
schw«^cht. Immerhin veranlaßte dieser kräftige Vorstoß eine 
Verteidigungsschrift der Pariser Nominalisten, welche mit dem 
Antwortschreiben der Kölner Universität von 1425 auf einen 
Erlaß der Kurfürsten zugunsten des Nominalismus zu den wich- 



.1) Denifle-Cliatelain, Cliartularium IV 713, n. 2690; 680, n. 2630; 
669, n. 2608; Bulaeus, Histbria univ, Paris. IV 713. 
2) More gallicano 1473, weil vor Ostern. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 117 

tigsten Quellen für die Geschichte dieses zweihundertjährigen 
Schulstreites gehört. Es verdient mit dem Kölner Schreiben durch 
einen verbesserten Neudruck der Forschung zugänglicher gemacht 
zu werden. 

Die Durchführung des königlichen Ediktes wäre der Tod 
des Pariser Nominalismus gewesen. Der König verbietet, wie 
er ausdrücklich bemerkt, auf den Rat seines Beichtvaters Johann 
Bochart, Bischof von Avranches (1453 — 1484) und zahlreicher 
Magister der vier Fakultäten und der vier Nationen, die Lehr- 
sätze der Nominalisten, von welchen er die für Paris in Frage 
kommenden ziemlich vollständig aufzählt 0, in irgend einer Form 
vorzutragen oder zu verbreiten und verordnet, daß alle ihre 
Bücher aus allen Bibliotheken eingezogen und einer strengen 
Prüfung unterworfen werden sollen. Was Wunder, wenn die 
Nominalisten zu einem kräftigen Gegenstoß ausholten. 

In ihrem Verteidigungsschreiben ^), welches auch auf 
die Vorgeschichte des königlichen Ediktes einiges Licht wirft^ 
suchen sie zunächst den zwischen beiden Schulrichtungen strit- 
tigen Differenzpunkt festzustellen. Hierbei weisen sie allerdings 
auch schon auf Sondermeinungen hin, welche sich auf anderen 
Gebieten aus diesem Differenzpunkt ergeben. Ihre Darlegung 
bewegt sich in der etwas vulgären Form, welche uns aus den 
Scholaren-Dialogen eben jener Zeit und aus Gersons ,Concordia 
metaphysicae cum logica* bekannt ist. Die Reales halten sich 
an die Sache, die Nominales glauben sich mit den Worten be- 
gnügen zu müssen, letzteres eine Anschauung voll weittragender, 
zu gefährlichem Subjektivismus führender Folgerungen. 

Ah zweiter Stelle erhalten wir in wenigen aber scharfen 
Strichen eine Geschichte der Nominalistenschule. Sie wird uns 
durch je einen Blick in die vier Hauptverfolgungen vorgeführt, 
welche nach der Ansicht des Schreibers über sie hereingebrochen 
waren. Die erste soll die Person des Schöpfers der Schule 
getroffen haben. Als solcher gilt auch dem Verfasser der Apo- 
logie ganz unzweifelhaft Ockham. Der Nachwels dieser angeb- 
lich von einer ganz persönlichen Feindschaft Johanns XXIL gegen 
den englischen Minoriten ausgehenden Verfolgung zeigt uns schon 
deutlich die Züge des spezifischen Gallikanismüs, welcher in der 
pragmatischen Sanktion von Bourges (1439) seine erste Formu- 



1) Einige derartige Sätze Pariser Nominalisten von 1465 werden erwähnt 
in d'Argentre I 2, 255. Sie werden einem Artisten Johann Fabri zugeschrieben. 
Ähnliche Sätze des Franzislcaners Johann Guyon von 1348, in: Denifle- 
Chatelain, Chartularium II 622, n. 4158. 

2) s. Anhang. 



118 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

lierung erhalten hatte 0. Der Papst hätte sogar die Pariser Uni- 
versität gegen Ockham aufgehetzt, habe aber von ihr nur die 
Artistendekrete von 1339 und 1340 erlangen können. Die Dar- 
stellung dieser ersten Verfolgung offenbart eine Atmosphäre, 
welche die nahe Periode des Abfalls vorherahnen läßt. — Die 
Fakultätsbücher, der ,Liber rectoris* ^) ist dem Verfasser zugäng- 
lich, was in Verbindung mit andern Anzeichen die Vermutung 
nahelegt, daß die Schrift aus den führenden Kreisen der Artisten- 
fakultät stammt und gegen jene Theologen und Artisten gerichtet 
ist, welche das königliche Dekret veranlaßt hatten. 

Die zweite Verfolgung setzte nach dem Verfasser in Böhmen 
mit dem Auftreten der Hu ssitischen Bewegung ein. Es hätten 
Hus und sein böser Geist Hieronymus von Prag, da sie den 
Nominalismus der Deutschen in ehrlichem Geisteskampf nicht 
niederringen konnten, von Wenzel ein Dekret erlangt, welches 
diese zum Abzüge nach Leipzig und zur Gründung einer deutschen 
Universität veranlaßte ^). Die hier behauptete Verknüpfung des 
Aufkommens des Hussitismus und des hierdurch veranlaßten Ab- 
zuges der deutschen Lehrer und Studenten von Prag nach Leipzig 
mit dem wissenschaftlichen Kampf der Nominalisten und Realisten 
liegt nicht offen zutage. Und doch mußte in dieser Richtung 
. etwas vorgelegen haben, da auch ein die Kölner Universität 
betreffendes Aktenstück von 1425 die hussitischen Wirren mit 
diesem Gelehrtenstreit in Verbindung bringt^). Aber erst die vor 

1) N. Valois, Le Pape et le Concile, Paris 1909 und J. Haller, Papsttum 
und Kirclienreform, Berlin 1903. 

2) Denifle-Chatelain, Chartularium I p. XXXII. 

3) C. Höfler, Magister Johann Hus und der Abzug der deutschen Pro- 
fessoren und Studenten aus Prag (1409), Prag 1864, 255. 280; W. Tomek, 
Geschichte der Prager Universität, Prag 1849, 43; Palacky, Geschichte von 
Böhmen, Prag II 2 (1842) 300 ff., HI 1 (1845) 182 ff. 

^) S. unten S. 123. — Selbst Gerson, Opera omnia IV sagt in seiner 

' concordia metaphysicae cum logica p. 827 : »Universalium huiusmodi realium 

positio damnata fuit novissime per sacrum Constantiense concilium contra Hus 

et Hieronymum Pragenses combustos; et qui vidit et audivit testimonium per- 

hibet de his. Ex quibus sequitur evidenter, quod assertor pertinax doctrinae 

talis cum suis sequelis haereticus est censendus, immö impius et Insanus, 

scandalizans etiam pias auras, quantumcunque pius haberi posset aut verus 

intellectus apud exercitatos in huiusmodi positionibus.' — Ähnlich in der ,epi- 

stola (zum Lobe des hl. Bonaventura) an. 1426 Lugdunum missa cuidam fratri 

Minori' ebd. I (1706) 118: ,Damnata est novissime per celeberrimum Constan- 

! tiense concilium inter errores Hus et Hieronymi de Praga positio ista de uni- 

I versalium realium et aeternorum positione; et maxime quod aliqua sit entitas 

I realis et aeterna, communis Deo et creaturae, quia tunc nulla creatura poluisset 

creari quasi de nihilo, sed posset annihilari. Ita fuit tunc argutum, me audifente, 

et a dicto Hieronymo statim concessum, sed damnatum; nuper etiam Parisiis 

revocatum," 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 119 

kurzem von L. Klicman veröffentlichten Akten des Wiener Pro- 
zesses gegen Hieronymus von Prag ^) brachten das gewünschte 
Licht über diese Zusammenhänge. 

Die Prager Universität gilt im allgemeinen als realistisch 
gerichtet. Doch versagen in betreff der philosophischen Orien- 
tierung ihrer vorhussitischen Periode die Geschichtsquellen fast 
gänzlich, da zumal die Akten der theologischen Fakultät voll- 
ständig verloren zu sein scheinen^), über die folgende Kampf- 
periode sind wir viel besser unterrichtet. Wenn wir nun nach 
dem eben Gesagten für den Ausbruch der hussitischen Wirren 
auch eine Spaltung auf philosopischem Gebiet in Rechnung setzen 
müssen, so darf ihr doch selbstverständlich neben den gewaltigen 
nationalen und religiösen Gegensätzen nur ein ganz untergeordneter 
Einfluß zugeschrieben werden. 

Die hussitische Partei erhielt ihre ganze theologische und 
philosophische Weisheit von John Wiclif^). Scharfes und folge- 



1) Processus iudiciarius cum articulis contra Jeronimum de Praga here- 
ticum habitus in Wyenna an. 1410 — 1412 ed. L. Klicman, in: Historicky Archiv 
Öeskö Akadenie öis 12. Prag 1913; vgl. L. Klicmann, Der Wiener Prozeß 
gegen Hier, von Prag, in: Mitteilungen des Instituts f. öster. Gesch.-Forsch. XXI 
(1900) 445—457, 

2) A. Kranz, Der Magister Nikolaus Magni von Jawor, Freiburg 1898, 25. 

3) Aus der älteren Literatur verdienen noch immer Beachtung C. Prantl, 
Geschichte der Logik IV (1870) 38 ff. und G. Lechler, Johann von Wiclif und 
die Vorgeschichte der Reformation I (Leipzig 1873) 458 ff. 

Im Jahre 1882 setzte die The Wyclif Society mit ihren Arbeiten und Ver- 
öffentlichungen ein auf Grund von Shirley's A catalogue of Originals works of 
John Wyclif, Oxford 1865. In der Vorrede zu ihrem dreißigsten Band (Joan. 
Wyclif Opera minora ed. J. Loserth, London 1913, heißt es: ,The task under- 
taken by the Wyclif Society . . . is now Coming to its end. All that the, eminent 
English Reformer's pen wrote down is at present in print, with exception of a 
very small part still awaiting publication.' Das reiche in den 30 Bänden ge- 
hobene Material ist noch nicht in die ältere Darstellung eingearbeitet. Für die 
philosophischen Auffassungen des merkwürdigen, aber wirren Mannes kommen 
vor allem die drei Bände in Betracht: Jöh. Wyclif Tractatus de Logica. ed. 
M. H. Dziewicki, London I (n. 18: 1894), II (n. 21: 1897), III (n. 23: 1899). 
In der Vorrede findet sich einiges Wenige zusammengestellt, was aber nicht über 
das von Prantl und Lechler Gesagte hinausgeht. 

Nach einigen Hinweisen in Joan. Wiclif De ente praedicamentali from 
the unique Vienna Ms., Quaestiones XIII Logicae et Philosophicae from the 
unique Prague Ms. ed. R. Beer, London 1891 p. 1 note sollte sich in dem von 
Shlrleg als ,Opus amplissimum De ente sive Summa intellectualium' bezeichneten 
Werke manches Brauchbare finden. Doch scheinen hier Teile des ,Tractatus 
de Logica' gemeint zu sein. 

Im übrigen fehlt den weitläufigen Darlegungen Wiclifs Klarheit und Leben. 
Es ist tote Schulweisheit, die, mühsam gedächthisjuäßig gölernt, pflichtschuldig 
weiitergegeben wird. Die Darlegungen quillen niclit lebensvoll aus der eigenen 
Einsicht und Überzeugung. In den metaphysischen Fragen wird der realistische 



120 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

richtiges Denken war weder die starke Seite Wiclifs noch Hus'. 
Immerhin läßt sich feststellen, daß Wiclif, Hierönymus von Prag 
und wohl auch Hus entschiedene Realisten skotistischer Richtung 
waren. Nach den Realisten entspricht den Begriffen und Worten, 
auch den allgemeinen (universellen) etwas Wirkliches und Reales, 
das sich freilich in der Außenwelt nur in Einzelwesen und mit spezi- 
fischen und individuellen Unterschieden behaftet findet. Während 
nun die Skotisten zwischen diese differenzierenden Unterschiede 
und das Gemeinsame eine formale, reale Unterscheidung legen, 
lassen die Thomisten zwischen diesen beiden Elementen nur eine 
Scheidung des abstrahierenden Geistes zu. 

Die Logik Wiclifs gelangte bald auch in die Hände seiner 
böhmischen Verehrer 0. Für die Kenntnis des philosophischen 
Kredos des Hus verweist uns Höfler auf Grund des cod.slO. E. 24 
der Prager Universitätsbibliothek auf eine aufsehenerregende 
quodlibetarische Disputation vom Jahre 1409, welche unter dem 
Vorsitz des von den Hussiten hochverehrten Vater Mathias Knyn 
stattgefunden haben soll. Jedoch Höflers Verzeichnis der nach ihm 
damals behandelten Fragen läßt nicht auf eine quodlibetarische 
Disputation schließen. Auch wären genauere Mitteilungen nötig, 
um dem Quästionenverzeichnis eine solche außerordentliche Be- 
deutung sei es für die Geschichte der hussitischen Wirren sei es 
für die Lehrentwickelung zuschreiben zu können. Viel reich- 
licheres Material liegt uns für Hierönymus von Prag', eine viel ge- 
sprächigere Natur, vor. Es läßt an der Richtigkeit obiger Orien- 
tierung keinen Zweifel aufkommen. Die skotistische Färbung ihres 
Realismus ist offenkundig durch die vielfachen Beziehungen zu 
den skotistischen Formalitäten und ihrer formalen Unterscheidung. 
Außer der wiclifschen Theologie, welche den Häuptanklagepunkt 
gegen Hierönymus bildet, werden ihm noch einige überspannte 
Sätze vorgeworfen, welche mit seinem Realismus zusammen- 
hängen^). Die Aussagen der Zeugen offenbaren uns in dieser 
Beziehung ein wirres Gemengsei von unverdauten theologischen 
und philosophischen Sätzen und eine starke, ungesunde Neigung, 
die philosophischen Lehrdifferenzen zu Kämpfen der Häresie mit 
dem Glauben aufzubauschen und eine Geistesatmosphäre zu 
schaffen, in der ein vermeintliches Martyrium für den logischen 



Standpunkt starr gewahrt, aber in die wirre Verquickung von philosophischen 
und theologischen, alt- und neutestamentlichen Sätzen sind stellenweise recht 
nominalistisch-sophistische Exkurse eingefügt, 

1) L. Klicman, Processus 1. c. p. 22. Hierönymus von Prag hat bereits 
in Paris die Logica Wiclifs. 

2) Höfler, a.a.O. 255; Klicman, 1. c. p. 17. 



Die Schulen. 4, Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 121 

Realismus nicht mehr unmöglich war. Diese theologische Über- 
spannung . logischer Sondermeinungen in der Richtung des Rea- 
lismus mußte Hieronymus in den nominalistisch gerichteten 
Universitäten von Heidelberg und Wien ernstliche Schwierig- 



1) Ich hebe aus den oben (S. 119 Anm. 1) erwähnten Prozeßakten das 
einschlägige Material aus. S. 12. Der erste Zeuge gegenHieronymus Nicolaus 
Teil sagt am 5. Sept. 1410 Folgendes aus: <1> Ad primum igitur articulum in- 
terrogatus respondit se nichil scire de illo <er betrifft seine Verehrung Wiclifs>; 
sed cum magister Jeronimus intravit lectorium Haidelberge, movebatur sibi que- 
stio de arficulis "Wickleph, sed non audiverit eum aliquid ad hec respondere. 

<2> Item ad secundum articulum interrogatus respondit, quod magister 
Jeronimus non posuit Haidelberge in posicione sua, sed demum ex articulis 
suis.'deductis et via, quam tenebat, per magistros argumentis fuerit convictus, 
quod tanqua,m consequens concesserit articulum presentem et fuerit notabiliter 
notätus in illo, ita quod etiam quam plures magistri ibidem voluerunt, <265v> 
quod revocasset in kathedra, et sie fuerit super quatuor articulis coram episcopo 
Wormaciensi accusatus, quorum articulorum presens articulus erat unus, ita 
quod impedimentis interrumpebatur, quod non revocaverit illos. — Interrogatus 
quo anno, dicit circa festum Nativitatis anno etc. VI*"; de mense et die non 
recordatur, quia continuaverit actum suum per quatuor dies. — Interrogatus in 
loco, dicit, quod in novis scolis Haidelberge, presentibus communiter omnibus 
magistris arcium et aliis suppositis studii et presertim magistro Conrado de 
Susato, magistro Wilhelme de Eppenbach, baccalaureo in theologia, magistro 
Johanne de Franckfordia et magistro Henrico de Hassia etc. . . .' 

S. 13 : ,Ad sextumdecimum articulum interrogatus respondit, quod sie. 
Interrogatus unde sciat, quia interfuerit actui suo in Haidelberga, et ista materia 
fuerit quodam modo materia principalis posicionis sue, et magister Jeronimus 
nisus fuerit deducere ex illo loicam realem et quod universalia communia realia 
deberent subici et predicari in propositionibus, et propter hoc intulerit magistros 
Okkah, Maulveld, Biridanum, Marsilium et eorüm sequaces fuisse non dialecticos, 
sed diabolice hereticos ; et hoc fuerit ultimum correlarium suum, ut appareat 
sibi. Et de loco, tempore et aliis interrogatus, respondit ut supra in primo articulo.' 

Nicht minder wichtig ist die Aussage des zweiten Zeugen Konrad von Hildes- 
heim -— bacc. art. in Prag 1401 (Mon. Univ. Prag. 1 1, 361, 304), dann in der fac. 
art. in Heidelberg 1405 (Toepke I 97) — S. 14: ,Ad secundum dicit et rogatus 
respondit, quod semel Haidelberge in actu, quem fecit, a certis magistris notatus 
fuerit super certis articulis, qui secundum dictamen magistrorum heresim sapie- 
bant; et illorum articulorum unus fuerit in effectu, quod ultra distinctionem per- 
sonarum in mente divina essent quedam forraalitates realiter distincte. — Inter- 
rogatus unde sciat. dicit, quia interfuerit et audiverit a magistro Jeronimo; et 
unus magistrorum, pro tunc baccalaureus in teologia, videlicet magister Con- 
radus de Susato, iusserit specialiter illum articulum signari; et sie ipse signa- 
yerit ipsum articulum ad tabulam suam cum quibusdam aliis articulis de quibus 
iam non habeat memoriam. — Interrogatus, utrum posuisset illum articulum in 
positione vel alias, dicit quod non recordetur, si in positione vel vi argumen- 
torum concesserit. — Interrogatus quotto anno, dicit quod citra quintum, ut 
appareat, non tarnen recordetur de tempore determinate nee de mense nee de 
die. — Interrogatus in quo loco, dicit, quod in lectorio ordinariarum" disputa- 
tionum in scolis artistarum, ex opposito domus fratrum Augustinensium Here- 
mitarum, presente magistro Conrado. — Interrogatus quibus presentibus, dicit 
quod communiter magistris universitatis et scolaribus et presertim magistro 



122 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

keiten bereiten. Als der Wiener Prozeß eine etwas gefährlichere 
Wendung nahm, entzog sich Hieronymus der Sache im September 

Conrado de Susato, magistro Johanne de Frankfordia baccalaureo in teologia, 
et Nicoiao Teil, pro nunc magistro artium, teste supradicto et aliis multis, ita 
quod scole fuerint replete . . .' 

S. 14 : ,Ad ultimum interrogatus de fama, dicit quod communiter a magi- 
stris Haidelberge teuebatür suspectus, ita quod cum etiam vitaverint propter 
dicta in disputatione sua proposita et concessa et propter opinionem univer- 
salium <15> realium, quam tenuit in uno corrolario suo, quod magistrum Mar- 
silium et supradictos <dixit fuisse> hereticos in loica et philosophia ex eo, quod 
non tenerent universalia realia.' 

S. 19, Der dritte Zeuge Johannes de Voburg (bacc. art. in Prag 1407 
Mon. univ. Prag. 1 1, 393 und mag. art. actu regens 1410 in Wien^Aschbach 1 613) 
, weiß Folgendes: ,Ad secundum articulum interrogatus respondit, quod legerit 
in positione magistri Jeronimi in hec verba: Universalia in mente divina sunt 
, ponenda. Item in eadem positione dixerit et posuerit, quod quialitas inest ra- 
' tione forme ab extrinseco; quelibet enim qualitas determinatur a forma sub- 
stantiali, quam sequatur, ut sit instrumentum 6ius ad agendum vel <20> suum 
subiectum et sie qualitas a forma substantiali essentialiter conservatur. — In- 
terrogatus unde hoc sciat, qüod illa positio fuerit facta per magistrum Jero- 
nimum, dicit ex eo, quia unus concesserit sibi illam positionem et idem rescrip- 
serit Präge, et ille dicat, quod sit positio magistri Jeronimi; imo utiqne credat 
hoc, quia titulus positionis sit; utrum ad mundi sensibilis armoniäm necessarium 
Sit ponere universalia realia, et ille Jeronimus illum titulum posuerit in dispu- 
tatione quodlibet, cum magister Knyn arguebat contra, — Interrogatus utrum 
tunc interfuerit, dicit quod non; sed ex post magister Jeronimus voluit replicäre 
contra magistrum Lupum, et sie reassumpserit secundario eandem positionem, 
et illi actui interfuerit cum magistro Leonhardo de Monaco et magistro Balthero 
Harrasser et rectore universitatis et aliis. — Interrogatus quo die, dicit quod 
non adverterit tempus, sed fuerit post prandium in die celebri, — Interrogatus, 
utrum tenent hoc in positione tan quam argumentum vel tarn quam verum, dicit 
quod tamquam verum, et nititur hoc ibidem multipliciter defendere.' 

S. 22: ,Ad secundum articulum interrogatus respondit, quod audiverit 
magistrum Jeronimum Parisius respondere de materia illa, et ipse sie respon- 
derit scolastice, quod quilibet steterit contentus de ipso; verumtamen quod aliqua 
correlaria in" positione sua pro tunc posuerit, super quibus fuerit sibi impositum 
Silentium; et ipse ulterius illa frivole non defenderit. Dixerunt enim magistri 
sibi, cum huiusmodi correlaria deduxit: Magister istud dimittete, quia forte du- 
ceremini ad inconvenientia maiora. Et sie ipse responderit: Libenter. 

S. 26 Als zehnter Zeuge trat Achacius Chenczl de Salzburga studens 
Wiennensis auf. Er bezeugt: 

,Ad primum articulum interrogatus respondit, quod in quodam actu de 
universalibus realibus magister Jeronimus recommendaverit Wikleph maxime, 
et non sciat iam certe verba recommendationis et ultimatim dixerit: Pueri vos 
debetis illam scientiam studere, quia est scientia Wikleph et bona' et consi- 
milia verba, subiungens : Ostendit enim nobis viam veritatis. — Interrogatus 
quomodo venerit ad propositum, quod magister Jeronimus recommendaverit 
Wikleph et scientiam suam, dicit, magister Jeronimus replicaverit contra magi- 
strum Lupum de universalibus et sie inducendo argumenta venerit sibi ad pro- 
positum, — Interrogatus, utrum in illo actu attenderitne etiam alia quam illam 
recommendationem, dicit, quod bene attenderit actum et declarationem positionis, 
quam ostendit in quadam figura triangulari ad modum clipei, ubi in uno posita 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrscliaft des Nominalismus. — Paris. 123 

1410 durch die Flucht. Aus einem sicheren Standort richtete 
er alsdann ein spöttisches Entschuldigungsschreiben an seine 
Wiener Richter*). 

Die Betonung, welche Hieronymus wie hier im Wiener 
so später im Konstanzer Prozeß ^) auf seinen realistischen , Glauben* 
legte, machte an verschiedenen Stellen beträchtlichen Eindruck | 
und erzeugte für die Realisten vielerorts eine unangenehme 
Stimmung. Ich teilte schon oben^) zwei in dieser Richtung \ 
liegende Stellen Gersons, eines gemäßigten Nominalisten mit, der 
auch aus der Verurteilung der beiden Prager eine Verurteilung 
des Realismus herleiten möchte. 

Ungleich beachtenswerter ist ein Mahnschreiben sämtlicher 
Kurfürsten an die Kölner Universität von 1425, über welches 
wir weiter unten genauer berichten müssen. Die Fürsten legen ' 
der Universität dringend ans Herz, daß sie von dem gefährlichen 
Realismus ablasse und in die sicheren und leichter gangbaren Wege 
des Nominalismus einlenke. Als vierten Grund führten sie hier- 1 
für auch die Leichtigkeit an, mit der jugendliche Köpfe , durch 
die zwar nicht schlechten, aber doch zu hohen und spitzfindigen 
Sätze des Realismus auf Abwege geführt werden könnten, wie ' 
sich dies bei den beiden Pragern in Konstanz gezeigt habe, deren 
Häresjen aus dem Realismus geflossen seien. — Treffend ant- 
worten die Kölner den Kurfürsten, die eigentliche Quelle der 
Prager Irrlehren sei in ihrem Wiclifismus zu suchen, der aller- 
dings erst infolge der starken Begünstigung der Deutschen durch 
Karl IV. nach dessen Tod einen gewaltigen nationalen Rück- 
schlag veranlaßte und zum Abzug der Deutschen führte. 

Die starke Hervorhebung des Verdienstes der beiden großen 
Nominalisten von der Wende des 14. und 15. Jahrhunderts: 
Peter d'Ailly und Johann Gerson, mit welcher diese dritte Ver- 
folgung beschließt, verrät uns auch, daß wir den Verfasser dieser 
Schrift in einer der drei französischen Nationen der Pariser 
Nominalisten zu suchen haben. Peter d'Ailly, ein mehr geschäfts- 



erat dictio Pater, in alio Filius et in inferiori angulo videlicet tertio, ille due 
dictiones Spiritus Sanctus.' Vgl, S. 34. 

S. 32. Auch ein Bertoldus de Monaco, baccalaureus Pragensis bezeugt: 
,Ad secundum interrogatus respondit sibi non constare, sed sepius audiverit eum 
defendere universalia'. 

S. 32. Ähnlich antwortet Henricus de Aura, clericus Herbipolensis dioc. 
bacc. art: ,Ad secundum interrogatus respondit, quod aliquotiens audiverit ab 
eo in disputatione quodlibeti, cum voluit probare universalia realia tempore 
patris Knyn quodlibetarii post festum Epiphanie' bei der berühmten Disputation. 

1) S. unten. 2).S, unten. 

3) S. oben S. 118, Anm. 4. 



124 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

gewandter und beredter als tiefer Theologe und überzeugter 
Nominalist, spielte wie au! dem Konstanzer Konzil überhaupt 
so auch im Prozesse gegen die beiden unglücklichen Prager eine 
hervorragende Rolle. 

Obige Vermutung wird verstärkt durch die dritte Ver- 
folgung der ,armen' Nominalisten, die ganz in Frankreich spielt. 
Sie wurde durch die im Auftrage des Herzogs von Burgund er- 
folgte Ermordung des Herzogs von Orleans (1409) und die Wirren 
des hundertjährigen, englisch -französischen Krieges veranlaßt. 
Auch Paris und seine Universität hatten damals schwer zu leiden. 
Lehrer und Hörer wanderten ab; die Hörsäle verödeten 0- Diesen 
Tiefstand benützten nach dem Verfasser der Verteidigungsschrift 
die Albertisten — ein in der Geschichte der Pariser Universität 
sonst nie genannter Name — , um den Nominalismus zu verdrängen 
und auszuschließen. Erst als Paris den Engländern wieder ent- 
rissen war (1437) und die Universität zu neuem Leben erwachte, 
erstand auch die nominalistische Schule wieder und blühte in 
den letzten zwanzig Jahren (also seit ca. 1453) aus eigener Kraft 
so üppig hervor, daß nun (1474) ihr Wert und ihre Bedeutung 
wieder offenkundig waren. 

In Denifle-Ghatelains Chartularium und Auctarium, in welchen 
das uns erhaltene Aktenmaterial der Pariser Universität bis 1452 
sorgsam zusammengefaßt ist, findet sich keine Spur von einem 
Ausschluß der Nominalisten auf Betreiben der Albertisten in den 
Jahren 1407 bis ca. 1437. Allerdings berichtet auch Aventin^) 
von einem Niedergang der Pariser Nominalisten, aber dieser ge- 
hört in die letzten Lebensjahre Buridans (ca. 1358), kann also 
mit unserer obigen dritten Verfolgung nichts zu tun haben und 
dürfte sich erst durch erneute Buridan-Studien klären lassen. 
Aschbach ^) möchte die Nachricht Aventins auf den Abzug einer 
Reihe führender deutscher Theologen beziehen, welche zwischen 



1) Denine-Chatelain,' Chartularium IV p. VII. Die Verödung der 
Universität war am größten 1418, 1420, 1438/9. 

2) Aventinus, Annales ducumBoiariae ed. S. Rietzier, München II (1884) 
1. 7, c, 21, p. 474: ,In Germania interiore in latebrisque Hercyniae sylvae Athenea 
et coetus iuvenum studia aemulantium Hercynophori <Erfurt> et Pragae in- 
structi sunt. Marsilius Bathavus, Joannes Buridanus, discipuli Vilelmii Ocomensis 
<Ockham> recentiorisque sectae peripateticorum adsertores, Lutetia pulsi ad 
Germanos migrarunt ; ille Haedulobergomi, ubi sepultus est, hie Viennae in No- 
rico ludum literarium pubhco salario aperuit, ubi eins autographa commentaria 
in Ptolomaci astronomica ostenduntur.' Der Tod Buridans wird gewöhnlich auf 
ca. 1358 angesetzt, die Heidelberger Universität datiert von 1385 (1386). Vgl, 
den Exkurs über die Realisten und Nominalisten 1. c. 1. 6, c. 3, p. 200 f., wo 
Buridan sogar als ,Viennensis gymnasii (eröffnet 1365) institutor' figuriert. 

3) Geschichte der Wiener Universität, I (Wien 1865) 81. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschait des Nominaiismus. — Paris. 125 

1378 und 1383 zumal infolge des Schismas Paris verließen^) und 
den Pariser Nominalismus an mehrere im Osten erstandene 
Universitäten verpflanzten. Eine solche Verwechselung mag der 
Angabe Aventins zugrunde liegen, hat aber mit unserem Rätsel 
nichts zu tun, da es allen seinen Zeitbestimmungen völlig wider- 
spricht. 

Im übrigen fielen in die von der Verteidigungsschrift be- 
zeichneten Jahre zwei in das Pariser Universitätsleben tief ein- 
schneidende Ereignisse: die Unterstellung der Universität unter 
das Parlament und damit das Ende ihrer bisher durch den 
Namen des Königs gedeckten Autonomie (1446) und zweitens 
die berühmte Reform der Universität durch den Kardinallegaten 
d'Estouteville (1452). In den vom Legaten veröffentlichten Re- 
formdekreten findet sich nichts, was mit obigem Bericht in Ver- 
bindung gebracht werden könnte. Dieser Bericht ist übrigens 
auch um so unerklärlicher, als in der ersten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts die beiden den Realismus stützenden Orden kaum erst 
ihren Tiefstand überwunden hatten und sich langsam durch 
Reformkonvente und -provinzen emporarbeiteten. Eine Schild- 
erhebung der Albertisten und ,Thomatisten' ohne Zutun der Domi- 
nikaner ist kaum denkbar. Nun findet sich aber in jener Zeit 
außer Johannes Capreolus (f 1444), der seine Kraft und Zeit in 
der Stille seiner Zelle seinem großen Werke widmete, unter den 
Schriftstellern des Ordens in der spekulativen Forschung kein 
Name von einigem Klang, eine Tatsache, die uns die Schrift- 
steller des Ordens aus dem vom schwarzen Tod von 1349 datie- 
renden Niedergang der Ordensdisziplin sattsam erklären^). — 
Eine wirklich befriedigende Erklärung dieser rätselhaften soge- 
nannten dritten Verfolgung der Pariser Nominalisten wird uns 
weiter unten ein Schreiben der Kölner Universität aus dem Jahre 
1425 bieten. 

Ungleich besser sind wir über die vierte Verfolgung 
und ihre Ursachen unterrichtet. In ihrem Mittelpunkt steht das 
königliche Verbannungsdekret vom 1474. Der Verfasser forscht 
vor allem nach dessen Veranlassung. Die ersten Ursachen, welche 



1) Hierüber bisher das Beste in Denifle-Chatelain, Auctarium I 659 
n. 5; doch bleibt noch manches Dunkel zu hellen. 

2) V, Fontana, Constitutiones, declarationes et ordinationes Capitulorum 
Generalium s. Ord. fr. Praed. Romae 1655 cc, 547—575 und B. de Rubeis 0. Pr. 
De rebus Congregationis sub titulo B. Jacobi Salomonii in provincia S, Domini 
Verietiarum erectae ord. Praed. commentarius historicus, Venetiis 1751, 11; 
weitere Quellen in G, M. Häfele O. Pr., Franz von Retz. Ein Beitrag zur Ge- 
lehrtengeschichte des Dominikanerordens und der Wiener Universität am Aus- 
gang des M. A., Innsbruck 1918, 316 ff. 



126 111. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

er anführt, sind sehr schwach. Der Ruhm und die Glorie, mit welchen 
sich die Nominalisten bedeckten, erzeugte blassen Neid bei den 
Realisten. Die siegreiche Kraft der ersteren, welche die letzteren 
in den feierlichen akademischen Disputierübungen so häufig ver- 
spürten, hatte sie zu diesem Verzweiflungsakt getrieben. 

Ernster ist der dritte Grund zu nehmen, nämlich die emp- 
findliche Niederlage, welche die Realisten nach der sehr wohl 
begründeten Ansicht des Verfassers um jene Zeit in der Ange- 
legenheit des Löwener Professors Petrus de Rivo erlitten 
hatten. Obgleich die ältere Geschichte der Löwener Universität 
noch arge Lücken aufweist, so sind doch seit kurzem die in 
diese Sache einschlägigen Aktenstücke, wenn auch nicht lücken- 
los, so doch in hinreichendem Umfange veröffentlicht 0- Die An- 
gelegenheit selbst ist geeignet, das innerste Wesen und die Ge- 
schichte des Nominalismus nach verschiedenen Richtungen er- 
heblich zu beleuchten. 

Die beiden Vorkämpfer des sich durch drei Jahrzehnte 
(1446—76) hinziehenden Lehrstreites waren Petrus de Rivo und 
Heinrich von Zoemeren (Someren). In der Kirchengeschichte 
knüpft er sich vorwiegend an den Namen des ersteren, dessen 
Sätze ihn veranlaßten und deren Verurteilung ihn beendete. 



1) Quellensammlungen; Du Plessis d'Argentr6, CoUectio iudicio. 
rum de novis erroribus, Paris, 12 (1728, die vorgeblich zweite Ausgabe von 
1755 bietet nur ein neues Titelblatt) 258—284. 248 — 250, eine reiche aber wirre 
Masse einschlägiger Aktenstücke aus Handschritten Pariser Bibliotheken. — 
P, Fredericq, L'h6r6sie ä l'Universitö de Louvain vers 1470 in: Bulletin de 
TAcadömie Royale de Belgique, Classe des lettres etc., 1905, 11 — 16 Einleitung, 
16 — 75 Aktenstücke. Auf Veranlassung Dom Berliöres, der ihm aus dem vati- 
kanischen Archiv ein Schreiben Pauls IL zusandte, veröffentlicht F. mit einer 
kurzen, im Stile Hauröaus und Prantls gehaltenen Einleitung, durch Molanus 
(s. hier unten) auf die Hauptquelle verwiesen, aus dem kgl. Archiv von Brüssel, 
Reg. Univ. de Louvain n. 7: Acta universitatis Lovaniensis 1453—1474 (tome3) 
in allerdings nicht einwandfreier Weise zahlreiche Auszüge aus den Sitzungs- 
protokollen der Universität von 1469 — 1473. — J. Laminne, La controverse 
sur les futurs contingents ä, i'Universit6 de Louvain au XV^ siöcle, in: Bulletin 
de l'Acad. Royale de Belg. 1. c. 1906, 377—427 Darstellung, 427—438 Piöces 
justif. aus derselben Quelle, jedoch aus Registre 6 (1446, 1447) und 8 (1476, 
1477). Über diese Register vgl. Laminne, I.e. 385 Anm. 3. 

Quellennachrichten aus zweiter Hand: J. Molanus (f 1585), Histo- 
ria rerum Lovaniensium II. 14 ed. P. F. X. de Ram (CoUection de Chronique 
Beiges inödites n. 9), Bruxelle 1861, I, 506. 507. 582 ff.; Valerius Andreas, 
Fasti academici studii generalis Lovaniensis, Lovanii 1635. Die anscheinend 
reichere Ausgabe von 1650 war mir nicht zugänglich. 

Bearbeitungen: Die vollste bietet J. Laminne, welcher zumal auch auf 
die spekulative Seite des Lehrstreites eingeht. — Neben ihm verdient Beachtung 
L. Willems in der Biographie Nationale publ. par l'Acad. Royale de Belgique 
XIX (Bruxelles 1907) Rivo Petrus de, 387—396. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nominallsmus. — Paris. 127 

Peter, dessen flämische Namensform wahrscheinlich van der 
Beken lautete^), war in Assche bei Alost gegen 1420 geboren^). 
Er findet sich 1437 in der Löwener Universitätsmatrikel ^), wird 
am 14. Februar 1441 baccal. art. und 1442 bereits mag. art.^). 
Von nun an lehrte er in der Artistenfakultät, übernahm aber 1460 
auch den Lehrstuhl der Rhetorik^) und begann wohl auch seine 
Studien in der theologischen Fakultät. Aber selbst 1473 zur 
Zieit seiner Verurteilung war er erst Lizentiat in der Theologie^) 
und erreichte das Doktorat mit allen seinen Rechten erst 1477^). 

Peter war ohne Zweifel ein Mann von nicht gewohnlicher 
Begabung, von scharfem, führigem Geiste, von gewinnendem Be- 
nehmen, sieghafter Beredsamkeit, aber seinem Geiste und Charakter 
fehlte die Tiefe und Gediegenheit. So hielt er denn die gesamte 
Universität, mit Ausnahme eines Bruchteiles der Theologen, zu 
ihrem nicht geringen Schaden im Banne seiner Persönlichkeit. 
Er war vorwiegend Artist und zeigte in sich und seinen Mißge- 
schicken die Schwächen und das Gefährliche des überwiegenden 
Artistentums. Als Löwener Artist war er, wie wir unten sehen 
werden, vorwiegend Realist. 

Es war ohne Zweifel das Verdienst Heinrichs von Zoemeren, 
sich den Verirrungen Peters, der Artisten und eines starken 
Bruchteils der übrigen Fakultäten beizeiten entgegengestemmt 
und den vollen Schiffbruch der Universität verhindert zu haben^). 
Er war der Führer einer an Zahl verschwindenden, aber ge- 
schlossenen Minderheit, deren Kern seine Kollegen vom Studien- 
haus der Theologen (CoUegium theologicum malus) ^) bildeten, 
denen sich der wackere und angesehene Abt des bei Löwen 
gelegenen Prämonstratenserstiftes Parc Theodoricus de Taldel 
anschloß. 

Heinrich fehlten die glänzenden Gaben, fehlte die sieghafte 
Werbekraft Peters, dagegen besaß er, was diesem mangelte: 
Klugheit und Gediegenheit in Charakter und Wissen. In Zoemeren 
einem Dorf e in Brabant in der Diözese Utrecht geboren^"), hatte 
auch er seine philosophische Ausbildung in Löwen erhalten. 



1) Willems, I.e. 382. 2) Valerius Andreas, I.e. 61. 

3) Reusens, Matricule de l'Univ. de Louvain, I (Bruxelles 1903) 214. 

^) L. c. 5) Valerius Andreas 1. o. 61. 

ß) D'Argentr6,'l.c. 282. i) Laminne, I.e. 421. 438. 

8) Frederic q, 1. c, 50. Im Okt. 1471 verlautete bereits : .nisi boni amici im- 
pedivissent, Sanctitas Sua totam universitatem Lovaniensem declarasset hereticam.' 

9j Über dieses Universitätskolleg s. Reusens, in: Annuaire de l'Uni- 
versitö de Louvain 1839, 278 iL; Molanus, I.e. I 622; Valerius Andreas, 
1. c. 171 ff. 

10) Foppens, Bibliotheca Belgica, Bruxellis 1739, 464. 



128 lll. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

1435 daselbst immatrikuliert 0, stieg er am 14. März 1436 zum 
Bakkalaureat und 1437 zum Doktorat auf ^) und war von nun 
an im Lehrfach tätig. 1446 finden wir ihn unter den in der 
artistischen Fakultät tätigen Professoren^). 1447 wurde er als 
gewandter Stilist und Latinist zum Diktator der Universität be- 
stellt % Als solcher hatte er die offiziellen Aktenstücke zU redi- 
gieren. Für seine theologischen Studien siedelte er nach Paris 
über, wo er 1451 das Bakkalaureat, 1456 das Lizentiat und bald 
darauf das Magisterium erlangte ^). Er hatte also vor Peter auch 
den Vorteil einer normalen theologischen Ausbildung voraus, 
welche in, dem bald entbrennenden Lehrstreit von entscheidender 
Bedeutung sein mußte. Spätestens 1460 war er wieder in Löwen, 
wo er an Stelle des gefeierten Heymericus a Campo einer der 
vier ordentlichen Theologieprofessoren wurde ^). Die Pariser 
Nominalisten nehmen, wie wir sehen werden, Heinrich für ihre 
Schule in Anspruch'), ob und wie weit mit Recht, ist bei dem 
gegenwärtigen Stand der Forschung nicht mit voller Sicherheit 
zu entscheiden. Gegen diese Behauptung spricht in etwa die 
philosophische Ausbildung Heinrichs in der realistisch gerichteten 
Fakultät von Löwen. 

Bereits 1446 und 1447 finden wir Vorboten der kommenden 
Wirren. Die Artistenfakultät sieht sich veranlaßt, die Erör- 
terung einer Reihe von Sätzen zu untersägen, da sie einen Ein- 
bruch in das theologische Lehrgebiet darstellen würde. Es sind 
darunter recht nominalistisch klingende Sätze. Zu ihnen gehört 
auch einer, der die Wahrheit und Erkennbarkeit der bedingt zu- 
künftigen Dinge*) betrifft. In Verbindung mit diesen Sätzen 
wird bereits Heinrich von Zoemeren genannt. Er war damals 
eben unter die Professoren der Artisten eingereiht worden, über- 
siedelte aber kurz darauf nach Paris. 

Zum vollen Ausbruch kam die Streitsache, als sich um 
Weihnachten 1465 Petrus de Rivo in einer Quaestio quodlibetaria 
in der Artistenfakultät eingehend mit dem schwierigen Lehrpunkt 
beschäftigte^). Heinrich, seit 1460 einer der vier ordentlichen 

1) Reusens, Matricule 1. c. 74. 

2) L.c. 

3) Laminne, I.e. 381. *) l.c. 

5) Denifle-Chatelain, Chart, univ. Paris. IV (1897) 707. 

6) Valerius Andreas, l.c. 55. 52. '^) S. unten Anhang. 

8) Laminne, 1. c. 430 einer der Sätze, welche bereits im Februar 1447 
beanstandet wurden, lautet: ,quod in futuris contingentibus determinate altera 
pars contradictionis non est vera et altera falsa"; vgl. 384—388. 

9) D'Argentr6, l.c. 261—264 bietet die Quaestio, wie sie Petrus nach- 
träglich niedergeschrieben hat, unter dem Titel: »Quaestio quodlibetica disputata 
anno 65 (intelligitur supra millesimum et quadringentesimum) : An in potestate 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 129 

Theologieprot'essoren und Vorstand des größeren Theologenkollegs, 
war durchaus berufen, diesen Einbruch in das theologische Lehr- 
gebiet zurückzuweisen und die nötige Richtigstellung der Aus- 
führungen Peters zu bieten. 

Offenbar widersprach Heinrich entschieden einigen Sätzen 
Peters. Dieser erhielt selbstverständlich Stützung von selten 
seiner Artistenfakultät. Damit war eine Gegensätzlichkeit nicht 
nur zwischen Artisten und Theologen, sondern auch zu der von 
den Artisten beherrschten Universität, zu deren Rektor und seinem 
Beamtenapparat geschaffen. Außerdem ergab sich hieraus für 
Peter eine Stellung, von welcher aus sich die Gewinnung der 
übrigen drei Fakultäten leicht bewerkstelligen ließ. Schon die 
ersten Maßnahmen der Universität, von welchen wir Kunde er- 
halten, offenbaren mit sich steigernder Klarheit die eben skizzierte 
Parteistellung. 

Heinrich scheint sich zweimal nachdrücklicher in der Öffent- 
lichkeit mit den Sätzen Peters beschäftigt zu haben, wie am 19, 
November 1470 in einer Anklagerede festgestellt wird^. Dies 
geschah zumal kurz vor dem 25. Juni 1470, als Heinrich bei 
einer feierlichen Doktordisputation (vesperie) den Vorsitz führte, 
wobei er sich eingehend über den Streitpunkt aussprach^). 

Es ging daher das ganze Bestreben Peters und seines An- 
hangs dahin, Heinrich zum Schweigen zu bringen. Es wurde 
zunächst die Behandlung des Streitpunktes untersagt^). Sodann 
wurde Heinrich mit den Seinen von allen Universitätsberätungen 
ausgeschlossen, in welchen dieser Streit berührt werden sollte*), 
während von einem Ausschluß Peters kaum die Rede ist. Später 
ging man so weit, die Lehrtätigkeit selbst von Heinrichs Stellver- 
treter auf dessen ordentlichem Lehrstuhl zu verbieten ^). Schließ- 
lich erfolgte sein völliger Ausschluß aus der Universität (privatio) ^). 



Petri fuerat Christum non negare, poitquam Christus ei dixerat: ter me nega- 
bis.' — Er scliließt: .Praemissa quflitum raeminisse possum, dixi in scholis 
artium tempore quodlibetorum et sub ordine prescripto, semper innixus pro- 
testationi solitae de submittendo me determinationi sanetae Sedis apostolicae 
et matris meae l'acultatis theologicae.' Willems, I.e. 388 setzt die Quaestio 
auf den 14. bis 20. Dezember 1465. 

1) Fredericq, I.e. 36: ,quod illis non obstantibus (trotz der wiederholten 
Schweigegebote vom Januar und Juni) depost bina vice in scolis theologorum 
idem magister noster publice raentionem fecisset de futuris contingentibus.' 

2) Frederic q, 1. c. 25: , contra mag. nostrum Henricum de Zomeren propter 
coUationem per eum factam in novissimis vesperiis in theologia, in qua coUa- 
tione longum sermonem fecit de materia futurorum contingentium.' 

. 3j Hierfür konnten sie sich allerdings auf einen Beschluß von 1447 berufen. 
Fredericq, I.e. 20 (30. Dez. 1469). 21 ff. 25 f. 

4) -L. c. 29. 34 f. 41. 5) L. c- 49. 6) L. c. 36. f 43. 49. 

Franzisk. Stud., Beih. B: Fr. Ehr le, Der Sentenzenkommentar Peters von Candla. 9 



130 in. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Verhängnisvoll war für die Universität in dieser leidigen 
Sache das gänzliche Versagen der theologischen Fakultät. Sie war 
ja doch in diesem theologischen Lehrstreit die gegebene nächste 
zuständige Stelle. Ihr Versagen wurde offenbar durch eine tief- 
gehende Spaltung verursacht, welche in ihrem Schöße bestand 
und ihre Tätigkeit völlig lähmte. In ihr standen Heinrich und seine 
Getreuen einer Anzahl ihrer Kollegen gegenüber, deren Namen 
wir aus einer Erklärung erfahren; welche sechs von ihnen zu- 
gunsten Petrus' de Rivo und seines Traktates abgaben, allerdings 
als ihre persönliche Meinung (privata sententia) ^). Unter diesen 
sechs Theologen sind neben einem Lehrer aus dem , Weltklerus 
drei Dominikaner, ein Karmelit und ein Augustiner^). Allerdings 
muß man der Universität zugute halten, daß sie immerund immer 
wieder die Sache an die theologische Fakultät verwies und sie 
stets von neuem zur Entscheidung der Streitfrage drängte ^). 
Aber es mußte doch auch der Universität der häusliche Zwist 
der Theologen sattsam bekannt sein und damit auch die Aus- 
sichtslosigkeit, von dieser Seite das nötige Li.cht zu erhalten. 

Die Erkenntnis dieser Sachlage war es ohne Zweifel, welche 
die Löwener Universität veranlaßte, bei den Kölner und Pariser 
Theologen die Hilfe zu suchen, welche sie von ihrer eigenen 
Fakultät nicht hoffen konnten. Sie ordnete einen eigenen Agenten 
Magister Walter von Rupelmund an die beiden Universitäten ab ^). 
Er erhielt in Köln am 11. Oktober 1470 von acht Professoren 
Erklärungen, welche ausdrücklich als der offizielle Bescheid der 
theologischen Fakultät bezeichnet werden^). Sie betreffen das 
Löwener Statut ,Cupiens iuxta consilium Apostoli' von 1447; so- 

1) D'Argentre, I.e. 267— 269. 

2) Es war dies Joannes Warenacker (s. Valerius Andreas, i. c. 57, Mo- 
lanus, 1. c. 504), der Augustiner-Eremit Joannes Godehieudeel (Godtliebsdeel, Val. 
Andreas, I.e. 58), der Karmelit Joannes Beriz; die Dominikaner Joannes de 
Bomalia (Val. Andreas, I. c. 57, Molanus, I.e. 503). Er stellt sich am 29. Dez. 
1471 als Inquisitor haer. prav. für Löwen vor (Fredericq, I. c. 55), wurde vom 
Stadtrat als Nachfolger des Johann von Wininghem als einer der ordentlichen 
Theologieprofessoren bestellt, wie auch Joh. Warenacker ein solcher war; 
Joannes de Haercelde und Anton de Rupe (Val. Andreas, 1. c. 59). 

3) Petrus selbst gab seine Sache der theologischen Fakultät anheim. Er 
wußte ja, daß er bei der in ihr herrschenden Spaltung von ihr wenig zu be- 
fürchten hatte. S. d' Argentr6, 1. c. 264; Fredericq, 1. c. 25. 28. 29. 34. 35. 48. 70. 

4) Derselbe berichtet über seine Sendung in einer Sitzung vom 31. Dez. 
l471. Fredericq, I.e. 56: .auditus fuit mag. Walterus de Rupelmonda et facta 
relatione de actis per eum Parisius et in Colonia presentavit universitati deter- 
minationes magistrorum nostrorum facultatis theologie universitatis Parisiensis 
in materia de futuris contingentibus etc. Quibus lectis universitas huiusmodi 
acta laudavit et gavisa est ea sie fuisse facta,' 

5) D'Argentrö, 1. c. 272. 273. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrsctiaft des Nominalismus, — Paris. 181 

dann den Hauptsatz des Petrus de Riyo in betreff der ,futura 
contingentia' und drittens dessen einschlägigen Traktate. Die 
Entscheidung lautet durchaus zugunsten Peters 0- — In Paris 
war der Agent weniger glücklich. Er konnte dort vom 16. Mai 
bis 13. November 1471 in betreff derselben drei Punkte nur von 
24 Theologen für Petrus günstige Gutachten erhalten, aber keine 
offizielle Äußerung der Gesamtfakultät ^). Eine solche vom 12. 
November 1470 datierte Erklärung liegt vielmehr zugunsten 
Heinrichs vor^), und zwar will d'Argentr6 sie den Fakultäts- 
protokollen entnommen haben. Es waren also auch in Paris die 
Ansichten der Theologen geteilt. 

Durch solche Zustimmungen ließ sich die Universität immer 
mehr auf der falschen Bahn bestärken, die sie eingeschlagen 
hatte, als sie trotz der (offenkundigen Meinungsverschiedenheit 
der Theologen und trotz einer gelegentlichen Einsprache der 
medizinischen Fakultät sich entschloß, diese , causa fidei' in die 
Hand zu nehmen *). Den entscheidendsten und verhängnisvollsten 
Schritt in dieser falschen Richtung tat sie aber, als sie Heinrich auf- 



1) L. c. 273 : ,Super quibus <die drei vorgelegten Punkte> deliberavit et 
unanimiter conclusit praefata veneranda facultas sacrae theologiae universitatis 
Studii Coloniensis.' Es wird nicht gesagt, wer die Fragepunlcte vorgelegt hatte. — 
NachFrederlcq, I. c. 32 wird über die Sache in der Sitzung vom 19. Oktober 1470 
berichtet: ,ea que per certos fautores earundem facultatum <der beiden juri- 
stischen, der medizinischen und artistischen) in universitate Coloniensi . . . acta 
fuerunt.' Vgl. I.e. 32. 34. 48. 

2) Dies wird in obigem Bericht reichlich verschleiert. 

3) D'Argentrö, I.e. 259. 260. ,Ex primo registro ms. sacrae facultatis 
Parisiensis fol. 103 hoc monumentum extraxi, quod non adhuc in lucem 
editum erat.' 

4) Heinrich Valgate, der Prokurator Heinrichs vonZoemeren (Fredericq 
I, c. 66) unterscheidet sehr klar die ,causa fidei' und die ,causae inquisitionis 
et privationis' d. h. den Rechtsstreit wegen des Ausschlusses Heinrichs. Bei 
Fredericq, 1. c. 70 versichert die Universität am 11. August 1472 in einem lichten 
Augenblick: ,Item propter certa relata per Henricum Valgate in congregatione 
universitatis, videlicet quod procuratores universitatis in curia Roroana accep- 
tassent nomine universitatis causam fidei, nee si hoc ita sit, quod non credit, 
universitas non habet illa acta avoata, quia de causa fidei nichil ad universitatem, 
de quo protestata est ab initio et adhuc protestatur; verum illam comraisit theo- 
logis et sancte sedi apostolice; causas autem tarn inquisitionis quam privationis 
tenet pro suis et illas cum omnibus suis appendiciis vult et intendit defendere. 

Schon am 23. Mai 1472 ,protestabatur facultas meidicine, quemadmodum 
ab initio litis protestata fuit, quod de causa futurorum contingentium non vellet 
se intromittere, sed de causa privationis magistri Henrici de Zomeren et de 
omnibus, que concernunt ad iurisdictionem domini rectoris et universitatis, semper 
vult mauere cum universitate'. Fredericq, I.e. 64. 47. 

Freilich die Scheidung dieser beiden Streitsachen war insofern schwierig, 
als die Berechtigung der zweiten gänzlich von der Beurteilung der ersteren abhing. 

9* 



132 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

forderte, die falschen und gefährlichen Sätze zu formulieren, 
welche er in den Schriften und Lehrvorträgen Peters gefunden 
zu haben glaubte, und dann über die 25 von ihm vorgelegten 
Sätze selbst zu Gericht saß, allerdings mit Beiziehung einiger 
von ihr gewählten Theologen und Dekretisten. So ließ denn die 
Universität und der Rektor durch ihren Syndikus am 10. Juli 
1471 feierlich erklären, die 25 Sätze seien teils nicht falsch oder 
anstößig, teils von Peter nicht gelehrt und folglich dieser und 
die Universität selbst von Heinrich in Löwen und in Rom 
schmählich verleumdet worden^). 

Dieses unglückliche Verdikt, zu dem sich die Universität 
durch ihre blinde Parteinahme für Peter und seine Artisten hatte 
verführen lassen, mußte aus sich zu einer Reihe weiterer Fehl- 
tritte führen. Um den Widerstand Heinrichs zu brechen und 
seinen Verteidigungsmaßnahmen zu begegnen, ging die Universität 
allmählich bis zu dessen völligem Ausschluß aus ihrem Schöße 
vor, wobei sie sich naturgemäß stets auf die Mißachtung ihrer 
Entscheidung und der durch sie veranlaßten Strafsentenzen berief. 
Besonders häufig hebt sie die Schädigung hervor, die ihr durch 
die in Rom eingelegte Berufung erstehe, ohne zu beachten, daß 
weder Eide auf die Universitätsstatuten noch diese Statuten selbst 
einen Theologen behindern können, sich in Glaubenssachen an 
den Hl. Stuhl zu wenden^). So war denn für die Universität 
beider starren Nachhaltigkeit, mit welcher beide Parteien, ihrem 
Nationalcharakter entsprechend, ihre, Sache verfolgten, in beiden 
Streitfragen eine empfindliche Niederlage unvermeidlich. Der 
damalige Rektor, einige seiner Beamten und Petrus de Rivo 
wurden nach Rom geladen und verurteilt. Peter mußte in Rom 
und Löwen feierlichen Widerruf leisten. 

Nach Rom war die Kunde von der Löwener Streitsache 
bereits unter Paul IL (f 26./7. Juli 1471) gedrungen. Durch ein 
Schreiben vom 5. Mai 1470 übertrug der Papst mit Umgehung 
der zunächst zuständigen Stellen von Lüttich und Köln die Unter- 
suchung und Berichterstattung dem Bischof von Tournai ^). Die 
Löwener Universität hatte also in nächster Nähe eine Stelle, um 
ihre Beschwerden anzubringen. Doch hielt sie sich Tournai 
gegenüber mehr passiv. Wir hören nur von der Entgegennahme 
einiger Tournaier Schreiben'*). — Auch an Kardinal Bessarion 
(Card. Graecus f 18. November 1472) kam die Sache. Er gab 
sie an Francesco della Rovere, den späteren Sixtus IV. (9. August 



1) D'Argentre, I.e. 270—272. 2) Predericq, I.e. 42—44. 

4 Frederic q, 1, c. 16—20. 

4) D'Argentre, I.e. 269; Fredericq, I.e. 29. 35. 47. 48. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 133 

1471) weiter. Bereits in seinem kurzen brieflichen Gutachten 
an Bessarion entschied er gegen Petrus de Rivo und begründete 
bald darauf seine Stellungsnahme in einem eigenen Traktat^). 
Am 23. Mai 1472 überreichte ein Beamter des Diözesanbischofs 
von Lüttich ein Breve Sixtus' IV. an die Universität^). Leider 
kennen wir bis jetzt dessen Inhalt nicht. Es ist überhaupt die 
Parteinahme für Peter gegen Heinrich in der Protokollführung der 
Universitätsversaramlungen geradezu auffällig. Das letzterem 
Ungünstige wird genau verzeichnet; das ihm Günstige dagegen 
kurz angedeutet oder verschleiert. Hieran trug allerdings der 
Schriftleiter die geringere, der Geschäftsführer: der Rektor, die 
größere Schuld. Das Breve muß manches für die Universität und 
die Partei Peters Unangenehme enthalten haben, da der Rektor 
trotz aller Ehrfurchtsbezeugungen die Richtigkeit einiger Angaben 
des Breve bezweifeln zu müssen glaubt^). Auch den Behörden 
von Tournai^) und dem herzoglichen Hofe von Brabant^) gegen- 
über hatte die Universität keinen leichten Stand. Sie mußte sich 
mehrmals bemühen, die an beiden Stellen herrschende Unzufrieden- 
heit mit ihrem Vorgehen gegen Heinrich einigermaßen wieder 
zu beschwichtigen. 

Das eben erwähnte Breve mag wohl teilweise eine Frucht 
des Aufenthalts Heinrichs am päpstlichen Hof gewesen sein. 
Bald nach seinem Ausschluß aus der Universität (November 1470) 
scheint Heinrich nach Rom abgereist zu sein ''). Nach Molanus und 
Valerius Andreas^) starb Heinrich am 14. August 1472 bald nach 
seiner Rückkehr von Rom. 



1) D'Argentre, I.e. 260, 261. Mit Bessarion scheint Heinrich mehrfach 
freundschaftliche Beziehungen unterhalten zu haben. Bessarion sandte Heinrich 
ein Exemplar seines 1469 in Rom gedruckten Defensorium Piatonis (Proctor 
3300) Molanus, I.e. 862. Heinrich macht auf Drängen Bessarions eine epitoma 
in primam partem dialogorum Guillelmi Ockam in Vienna Austriae, welche 1481 
in Löwen per Joannem de Westphalia (Paderborn) gedruckt wurde (Proctor 9229) 
Molanus, 1. c, 506. 

2) Am 1. Oktober 1471 hat Petrus de Rivo bereits Kunde von diesem 
Schreiben und sucht sich mit ihm vor der Universität abzufinden. Fredericq, 
1. c. 51. 

3) L. c, 63. 4) L. c. 64. 5) l. c. «) L. c. 

7) Im Protokoll vom 26. November 1470 heißt es noch .magistro nostro 
mag. Henrico de Zomeren ibidem adhuc presente et andiente' 1. c. 42. Am 
29. November legt er noch einmal gegen seine Ausschließung Verwahrung und 
Berufung an den HI. Stuhl ein, 1. c. 44. — Am 11. August 1471 war Heinrich 
in der Universitätsversammlung nicht anwesend, wie Laminne, 1. c. 409 glaubt. 
Es ist in dem Protokoll von Henricus Valgate, dem Prokurator Heinrichs, die Rede. 

8) L. c, 409 (nicht den 13. August); Molanus, I.e. 506: ,Obiit anno 1472 
decanus ecclesiae Antverpiensis rediens isx Urbe.' Valerius Andreas, I.e. 
p. 55: ,Obiit Henricus an. Dom. 1472 XIX kal. sept., dum ex Urbe redit.' 



134 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Kurz nach dem 31. August 1472 mußte sich endlich auch 
Petrus de Rivo zu einer Romfahrt verstehen^). Die Universität 
stattete ihn auf seine Bitte reichlich mit Empfehlungsschreiben 
aus^) und stellte ihm auch einen rechtskundigen Begleiter^). 
Bereits am 9. Mai 1473 erstattete er in einer Versammlung der 
Universität über seine in Rom gemachten Erfahrungen Bericht*). — 
Offenbar hatte Peter in Rom eine Gelehrtenwelt gefunden, welche 
für seine Beredsamkeit und seine nominalistisch-sophistischen 
Unterscheidungen und Auffassungen unempfänglich, dagegen auf 
die schwierigen, von ihm leichten Sinnes aufgeworfenen Fragen 
wohl vorbereitet war. Hier halfen ihm seine Sprüche nichts von 
der aristotelischen Wahrheit (aristotelice verae), von den Sätzen, 
welche ,veritate propria et ex rigore Logicae non sunt verae', 
dagegen wahr sind ,veritate notitiae divinae*^). — Jedoch auch 
dieser peinlichen Lage erwies sich Peter vollständig gewachsen^). 

1) Fredericq, 1. c, 71. In der Sitzung dieses Tages erwähnt der Rektor 
den mag. Antonius Perkenbergh (Peck de Bergis), artium magister et in decretis 
licentiatus, ,qui nomine universitatis acceptavit onus equitandi cum mag. Petro 
de Rivo, prout equitavit ad curiam Romanam'. 

2) L. c. 65. 3) S. oben Anm. 11, 

4) L. c. 73. Der erste in dieser Sitzung zur Verhandlung gelangende 
Gegenstand ist ,ad audiendum relationem magistrorum Petri de Rivo et Anthonii 
Peck de Bergis de hiis, que acta sunt in Romana curia et ad desuper deli- 
berandum. 

Zuerst liest Peter ,quamdam cedulam papiream, quam in manu tenebat, 
intentionem suam continentem', — so kündigte Peter und der Protokollführer 
der Universität in mehr als verschleierter Weise Peters in Rom erfolgten 
Widerruf an. 

Viel ehrlicher und beachtenswerter ist der Bericht Antons. Er zeigt uns, 
worin, wie ich schon oben hervorgehoben habe, der Hl. Stuhl den hauptsäch- 
lichsten Fehltritt der Universität gefunden hatte. Es war dies das Urteil vom 
10, Juli 1471 über die 25 Sätze, welche Heinrich aus den Traktaten Peters 
ausgezogen hatte. 

,Dehinc r'etulit magister Anthonius Peck diligentias per ipsum factas etiam 
in curia Romana in causa usurpationis iurisdictionis ratione inquisitionis pridem 
facte ex commissione universitatis per magistrum Nycolaum de Mera, tunc rec- 
torem, sententie absolutorie inde subsecute super hiis, que magistro Petro de 
Rivo imponebantur quoad assertionem et dogmatizationem certarum proposi- 
tionum materiam fidei concernentium, de quibus supra facto, an eas asseruisset 
vel dogmatizasset necne, commissa fuerat inquisitio dicto magistro tunc rectori 
<von Seiten der Universität); quibus quidem diligentiis non obstantibus- 
<trotz der Bemühungen des Agenten Anton Peck>, iudex apostolicus in 
Urbe tulit <74> sententiam revocatoriara et cassatoriam dicte absolutorie per 
mag. Nycolaum de Mera tunc rectorem late, condempnans in expensis huiusmodi 
cause mag. Nycolaum memoratum, mag. Petrum de Rivo et mag. Petrum Bodo 
sindicum universitatis.' 

5) D'Argentr§, I.e. 271. 264. 263: ,phiIosophice locutus sum, sicut in 
scholis artium decet'. 

ß) Dies deutete auch bereits Molanus, I.e. 507 an. 



Die Schulen, 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 135 

Er verstand sie sofort und fand sich mit ihr ebenso leicht ab, 
als er bisher das Gros der Löwener Universität berückt und 
seine leichtsinnigen "Sätze verteidigt hatte. Bezeichnenderweise 
gelang es ihm aber selbst in Rom durch sein klug berechnendes 
und gewinnendes Auftreten trotz seiner schwierigen Lage staunens- 
werte Erfolge zu erzielen. Die spielende Leichtigkeit, mit der 
er sich jeder Belehrung zugänglich und zu jedem Widerruf be- 
reit finden ließ, ersparte ihm zwar nicht einen regelrechten 
Widerruf (18. März 1473) 0, verschaffte ihm aber doch ein äußerst 
gnädiges und warmes Empfehlungsschreiben des Papstes an die 
Universität (9. April 1473)2). 

Seinem Temperamente ganz entsprechend begann Peter sofort 
nach seiner Rückkehr nach Löwen allmählich seine nächste Ver- 
gangenheit mit seiner Verurteilung und seinem Widerruf der- 
art zu verdecken und zu verschleiern, daß sich Sixtus bald ge- 
zwungen sah, in einem weiteren Schreiben vom 3. Januar 1474 
das Geschehene kräftig zu unterstreichen^). Er schloß Peter 
für zehn Jahre vom Aufstieg zum Doktorat und von der Lehr- 
und Predigttätigkeit aus und verurteilte ihn eventuell zu einem 
erneuten Widerruf. Aber selbst diese energischen Maßnahmen 
konnten an der Begeisterung der Universität für ihren Schützling 
nichts ändern. Trotz des päpstlichen Verbotes forderte sie immer 
wieder von neuem von der theologischen Fakultät Peters Zu- 
lassung zu ihrer Körperschaft*). Die Stadt Löwen übertrug ihm 
den 1475 freigewordenen ordentlichen Lehrstuhl^). Die Univer- 
sität wählte ihn zum drittenmal zu ihrem Rektor ®) und bestellte 
ihn beim feierlichen Empfang des Erzherzogs Maximilian zu ihrem 
Sprecher^). Aber trotz allen Drängens und Treibens der Uni- 
versität und der Fakultäten verstanden sich die Theologen erst 
nach dem 4. März 1477 dazu, Peter in ihre Körperschaft aufzu- 
nehmen, als der päpstliche Delegierte klar und deutlich das ent- 
gegenstehende Verbot als aufgehoben erklärt hatte ^). 



1) D'Argentr§, I.e. 278—280. 2) l. c. 280. 

3) D'Argentre, I.e. 281 — 283. Sixtus erklärt offen, er habe Peter jenes 
Empfehlungs-Breve nur in Anbetracht seines Widerrufes ausgestellt und nur in- 
sofern als ,iosons' bezeichnet. Ferner drückt er auch sein Mißfallen darüber 
aus, daß Peter beim Empfang des Erzherzogs Maximilian in einer Weise gefeiert 
worden sei, welche sich mit seiner römischen Verurteilung schlecht vertrug. 

^) Laminne, I.e. 433, 417; Molanus, I.e. I 507, 

5) Valerius Andreas, I, c. 88. Der Lehrstuhl war durch denTod des 
Johann Varenacker frei, welchen wir oben (S. 130) als einen Hauptgegner Heinrichs 
in der theologischen Fakultät kennengelernt haben. 

6) Laminne, I.e. 436. 437. 438, 

7) Valerjius Andreas, I.e. 61. ^) Laminne, I.e. 438. 421. 



136 ^ III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 



\« 



Peter starb 1499 als Dekan von St; Peter in Löwen. Selbst 
noch in seinem Testament erwähnt er, durch einen Hinweis auf 
das Statut von 1447, die ,futura contingentia', welche sein Leben 
so bewegt gestaltet hatten^). 

Wie konnte die doch von Haus aus so realistisch gerichtete 
Löwener Universität sich auf so nominalistisch orientierte Bahnen 
führen lassen, wie es die Wege des Petrus de Rivo waren? 
Vergessen wir nicht, daß fast an allen mittelalterlichen Hoch- 
schulen für die Richtung der Universität und ihres Rektors an 
erster Stelle in der Regel die Artistenfakultät verantwortlich war, 
unter deren maßgebendem Einfluß die Universität und ihr Rektor 
standen. Das Verfängliche des von Peter gewählten Forschungs- 
themas lag darin, daß unter einer anscheinend vorherrschend 
philosophisch-logischen Hülle ein theologischer Kern sich verbarg. 
Hierdurch ließen die Artisten sich zu einer gefährlichen Grenz- 
überschreitung verführen, vor welcher mit soviel Recht JohannXXH., 
Klemens VI und so viele Statuten dringlich gewarnt hatten. Sie 
glaubten es mit einem Satz der aristotelischen Logik zu tun zu 
haben und wagten sich leichten Mutes an eine Frage, deren 
Lösung die Entscheidung eines der schwierigsten theologischen 
Probleme in sich schloß: Der Versöhnung des untrüglichen 
Vorherwissens Gottes unserer freien Handlungen und der durch 
unsere Freiheit bedingten Zukunft dieser Handlungen, ein Pro- 
blem, das noch einmal um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts 
im berühmten Gnadenstreit die theologische Welt jahrelang in 
Atem hielt ^). — Doch so leicht diese Doppelseitigkeit der von 
Peter behandelten Frage den Fehlgriff der Artisten erklärt, so 
schwer verständlich " ist für uns das Verhalten der Kölner und 
vieler Löwener und Pariser Theologen. Sie mußten denn doch 
bis zum Kern, welchen Richard Fitzralph (Armacanus) und 
Thomas Bradwardine bereits vor einem Jahrhundert gestreift 
hatten, vordringen. Und doch beruft sich der Löwener Domini- 
kanertheologe Johann von Bomalia in seinem Gutachten^) neben 
Albert und Thomas einerseits auf die doch eigenartigen Durandus 
und Petrus de Palude, andererseits auf die sehr korrekten ,Alten' 
Herveus und Bernardus de Trillia; während er im selben Akten- 
stück diesen Gewährsmännern des Petrus de Rivo*) noch Peter 
von Candia und Petrus Aureoli anfügt. Schon die Auswahl 
dieser Gewährsmänner zeigt einen auffallend weitherzigen Rea- 



1) Molanus, I.e. 507. 583; Laminne, 1. c. 421, 

2) Damals tauchte auch die Erinnerung an die Verurteilung des Petrus 
de Rivo wieder auf. S. Laminne, I.e. 396. 414. 422; de Lugo, De incarna- 
tione disp. 26, Sectio 6. 

3) D'Argentr6, 1. c. 269. *) L. c. 271, vgl. 260; Fredericq, I.e. 51. 



Die Schulen, 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nominalismus. — Paris. 137 

lismus, dem, das Schiefe und Schwankende der artistischen Be- 
ha;ndlung der Frage kaum mehr zum Bewußtsein kam. Es hatte 
eben der Nominalismus eine Atmosphäre geschaffen, deren Ein- 
wirkung sich selbst die skotistischen und thomistischen Theologen- 
kreise nicht völlig entziehen konnten. 

Dies ist in kurzen der Verlauf der ohne Zweifel für die 
Pariser, Kölner und LÖwener Realisten sehr peinlichen Lehr- 
verurteilung des Petrus de Rivo. Es ist leicht begreiflich, daß 
der Verfasser der uns hier beschäftigenden Verteidigungsschrift 
in dieser mißlichen Lage der Pariser Realisten den Hauptgrund 
ihres Vorstoßes von 1474 findet. Mit zornigem Ingrimm, so 
meint er, hätten sie sich gegen die in diesem Falle in der Person 
des Nominalisten Heinrich von Zoemeren siegreichen Verteidiger 
der Glaubensreinheit gestürzt. In der Tat finden sich unter den 
Theologen, auf deren Rat der König das Verbannungsdekret 1474 
erließ, neun der Pariser Theologen, welche das Gutachten 1471 
zugunsten Peters de Rivo unterzeichnet hatten 0- 

Daß übrigens das Verbot von 1474 nicht ganz der Partei- 
lage entsprach, verrät nicht nur der zuversichtliche Ton der eben 
besprochenen Verteidigungsschrift der Verbannten; es dürfte dies 
auch die Tatsache beweisen, daß es bereits am 29, April 1481 
wieder aufgehoben wurde. Bezeichnenderweise war hierüber 
die Freude besonders laut in der natio germanica und in der 
picardica, welche das Ereignis in einer Festversammlung feierten^). 
Aus den Protokollen dieser Versammlungen spricht der helle 
Jubel, mit welchem das königliche Dekret die begeisterten Nomi- 
nalisten erfüllte. Der Gesinnungswechsel Ludwigs XL ist wohl 
durch einen Personenwechsel in den obersten Vertrauensstellen 
veranlaßt. Die nominalistischen Bücher waren zumal auf Be- 
treiben des königlichen Beichtvaters in den Bibliotheken fest- 
genagelt oder verschlossen und von den Privaten eingezogen 
und dem Präsidenten des königlichen Parlaments in Verwahrung 
gegeben worden-^). Für ihre Freigabe bemühte sich besonders 

1) Bulaeus V 707 und D'Argentre, I.e. 273—298. Ihre Namen sind: 
Guil, Bonyile decanus, Joan. Patin, Petrus Caros, Joan. Watat, Steph. Gervasii, 
Joan. Cossart. 

2) Bulaeus, Hist.univ. Paris, V 739—741 und D'Argentr6,l. c. 302— 304, 
wo außer dem königlictien Schreiben die einschlägigen Einträge aus den Akten 
der Prokuratoren der beiden Nationen mitgeteilt sind; die Akten der normannischen 
sind für diese Zeit nicht erhalten. 

8) Es war dies Jean le Boulanger, dessen Sohn Michel Parlamentsrat, 
führt nach dem Tode seines Vaters am 29. April und 17. Mai 1482 auch diesen 
Teil des königlichen Dekretes aus; ,quod illi libri Nominalium, qui olim ab uni- 
versitate ablati apud praesidentem servabantur, singuli singulis, quibus pertine- 
bant,- restituerentur'. Bulaeus, I.e. 747. 748. 



138 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

der Magister Martinus Magistri, welcher vom König vor kurzem als 
gefeierter Lehrer an seinen Hof berufen und zum königlichen 
Almosengeber bestellt worden war. Er war ein überzeugter 
Nominalist ^). Er wurde von Magister Berengarius Mercatoris^) 
und dem Prevost von Paris Jean d'Estonteville unterstützt. Sehr 
zu beachten ist, daß es im Protokoll der Picarden heißt, es solle 
sich nun jeder an die ihm genehme Schule halten^). 

Kehren wir nunmehr zu unserer obigen Frage zurück und 
fragen wir: hatte der Nominalismus im 14. und 15. Jahrhundert 
an der Pariser Universität die Vor- oder gar die Alleinherrschaft, 
so müssen wir, wie ich schon eingangs bemerkte, mehrfache 
Unterscheidungen machen. Fragen wir demgemäß: hatte er die 
Alleinherrschaft in der theologischen Fakultät, so müssen wir 
sofort mit einem entschiedenen Nein antworten. Die Fakultät 
setzte sich aus Professoren des Welt- und des Ordensklerus zu- 
sammen. Die letzteren folgten gemäß den Ordensstatuten oder 
auch aus Korpsgeist ihren Ordenslehrern. Wir haben die Tho- 
misten, Skotisten und Ägidianer. In diesen Schulen gab der eine 
oder andere Lehrer die Lehrrichtung seines Ordens auf. Dies 
taten Ockham, Wodeham, Gregor von Rimini, vielleicht auch 
Holkot. Bei manchen andern mag sich die nominalistische Atmo- 
sphäre mehr oder minder stark geltend gemacht haben, jedoch 
so, daß die gegebene Lehrrichtung des Ordens doch noch deutlich 
nachweisbar blieb. Die den Orden angehörigen Lehrer waren 
wohl stets die Minderheit. Außer den Dominikanern, denen zwei 
Lehrstühle eingeräumt waren, verfügten die andern Orden nur 
über je einen. Die Mehrzahl bildeten daher zu allen Zeiten die 



1) Von ihm (f 1482) sind gedruckt außer Quaestiones morales ein Trac- 
tatus consequentiarum von 1494 bis 1499 mehrere Ausgaben, darunter eine von 
1499 (Hain 10461) Tractatus consequentiarum in vera divaque Nominalium via. 
Parisiis per Antoniiim Denidel, 1499, 40; ferner Expositio praedicabilium Por- 
phirii (Copinger 3740 — 3742), Er ist wohl zu unterscheiden von Johannes 
Magistri, einem dem Weltklerus angehörigen Parlamentsrat, der gleichzeitig mit 
Martin in Paris Philosophie lehrte. S. über ihn und seine Werke Prantl, 
a. a. 0. IV und Hain. 

2) Er findet sich im königlichen Schreiben von 1473 untejr Realisten- 
Theologen, welche für die Verbannung der Nominalisten gestimmt hatten. 
Bulaeus, I.e. V 707. Er hatte also inzwischen seine Lehrrichtung teilweise 
geändert. 

^) L. c. 740: ,Placuit meae nationi', sagt der Prokurator der Picarden, 
,ut litterae illae darentur executioni et quod honorandus dominus rector hoc 
mandaret fieri per singula collegia, ut absque scrupulo omnes ad unum viae 
et opinioni tam Realium quam Nominalium vacarent studentes, quamvis alias 
tempore procurationis docti viri mag. Petri Caronis, scilicet an. Dom. 1473 via 
et doctrina dictorum Nominalium fuerit prohibita.' Es sollten also beide Rich- 
tungen gleichberechtigt sein. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Paris. 139 

Lehrer des Weltklerus, welche sich auf die Universitätskollegien 
stützten. Ihnen fehlte dem Nominalismus gegenüber ein Korrektiv, 
wie es die Ordenslehrer besaßen. Im übrigen dürfte bei ihnen 
solches kaum wirksam gewesen sein. Sie hatten ja wohl ihre 
Wahl zwischen den beiden Wegen bereits in der artistischen 
Fakultät getroffen. Es ist überhaupt bei dem engen Zusammen- 
hang der Theologie und Philosophie kaum tunlich, obige Frage 
nur für eine dieser beiden Fakultäten zu stellen, obgleich die 
Lage in ihnen nicht ganz dieselbe war. 

In den Orden allerdings war in der Theologie und auch in 
der Philosophie eine bestimmte Lehrrichtung mehr oder minder 
entschieden festgelegt. Doch während Inder theologischen Fakultät 
die Ordenstheologen Aufnahme fanden, wenn sie auch nicht zu 
den verschiedenen Ehrenämtern der Fakultät wählbar waren, er- 
hielten sie in die artistische Fakultät keinen Zutritt. Es fehlte 
also hier den Lehrern des Weltklerus jener soziale Einfluß von 
selten der Ordenslehrer, welcher in der theologischen immerhin 
ein in Rechnung zu setzender Faktor gewesen sein wird. Die 
Jugend der Orden erhielt ihre philosophische Ausbildung in den 
Provinzial- und Generalstudienhäusern ihres Ordens, also auch in 
den besonders bevorzugten in Paris. In dieser Isolierung war 
die Pariser Artistenfakultät modeartigen Neuerungen zugänglicher. 
Außerdem darf bei der Beurteilung dieser Fakultät nie außer 
acht gelassen werden, daß sie nicht nur den allerdings besonders 
zahlreichen Theologen, sondern auch, den Dekretisten und Medi- 
zinern die für ihre Fachstudien erforderliche philosophische Vor- 
bildung zu vermitteln hatte, ein Umstand, der ohne Zweifel zu Orien- 
tierungen Anlaß geben konnte, welche mit den Normen und Anfor- 
derungen der theologischen Fakultät weniger in Einklang standen. 
Ihre Dekrete gegen den Ockhamismus von 1339 und 1340 waren 
offenbar Reaktionen gegen ein bereits eingebrochenes, wenn auch 
erkanntes und bekämpftes übel. In der Folge fehlten solche 
heilsame Einsprachen. Die Dekrete wurden nie widerrufen, aber 
sie wurden mißachtet. Der Ockhamismus breitete sich aus und 
erhielt die Vorherrschaft. Dies sagen uns Namen wie Buridan 
und Marsilius von Inghen und andere, durch welche Paris zum 
Hauptsitz und zur Quelle des Ockhamismus wurde. Allerdings 
zeigte diese Schulrichtung selbst an ihrem Hauptsitz verschiedene 
Schattierungen. Neben dem waschechten Nominalismus eines 
Peter d'Ailly stand der gemäßigtere eines Johann Gerson. Selbst 
die Ordensschulen fühlten seine Einwirkung; trotzdem bildeten 
sie, selbst noch am Ausgang des 15. Jahrhunderts, als sich be- 
reits das Werden einer neuen Zeit vorahnen ließ, ja bis tief in 



140 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

diese Zeit hinein die festesten und einzigen Stützpunkte des 
, alten Weges'. Hierdurch retteten sie aus der Zeit des nomina- 
listischen Niederganges ein kostbares Element, das dann die 
Grundlage des Wiederaufbaues wurde. Bei diesem Aufbau fand 
auch das Brauchbare, was der Nominalismu.s neben vielem Miß- 
gearteten enthielt, sorgsame Verwendung. 

Leider ist dies alles, was uns für die Geschichte des Nomi- 
nalismus in Paris, dieser wissenschaftlichen Zentralstelle des 
mittelalterlichen Europas, erhalten zu sein scheint. Nur etwas 
Weniges können \yir von der Veröffentlichung der Prokuratoren- 
akten der normannischen und picardischen Nationen erwarten, 
welche Denifle bereits in Aussicht gestellt hattet- 

Aus dem Gesagten dürfte sich ergeben, daß in der Pariser 
Artistenfakultät zum mindesten seit den offenbar wirkungslos 
gebliebenen Dekreten von 1339 und 1340 der Nominalismus die 
Vorherrschaft, wenn auch nicht die Alleinherrschaft, besaß 
und eben dadurch auch die Mehrzahl der dem Weltklerus an- 
gehörigen Lehrer der theologischen Fakultät ihm wie von selbst 
zufiel. Allerdings bildeten in dieser Fakultät die Studienhäuser 
der Orden, unter welchen neben den Dominikanern und Fran- 
ziskanern im 14. Jahrhundert die Augustiner eine viel zu gering 
angeschlagene Rolle spielten, ein , gewisses Gegengewicht. Sie 
hielten den , alten Weg' noch immer in Erinnerung und retteten 
dadurch der wissenschaftlichen Entwicklung ein wichtiges Fer- 
ment. Trotzdem ist zum Verständnis der Orientierung selbst 
dieser Ordensanstalten die Kenntnis des auch sie stark beein- 
flussenden Nominalismus unentbehrlich. 

Wenden wir uns nun zu den im Laufe des 14. und 15. Jahr- 
hunderts nach dem Vorbilde und unter starker Einwirkung von 
Paris im Osten gegründeten Hochschulen, , so finden wir zunächst 
eine Gruppe mit vorherrschend realistischer Richtung: 
Prag (1348), Köln (1388) und Löwen (1425). 

Prag 1348. 

Die Prager Hochschule, auf Grund eines päpstlichen 
Bevollmächtigungsschreibens vom 26. Januar 1347, von Kaiser 
Karl IV. durch eine goldene Bulle vom 7. April 1348 gegründet, 
sollte nach dem ausgesprochenen Willen des mit den Pariser 
Verhältnissen persönlich wohlbekannten Kaisers dem Pariser 
Muster genau nachgebildet werden^). Die Gründung trat lang- 



1) Denifle-Chatelain, Auctarium I, p. IX. 

2) W. Tomek, Geschichte der Prager Universität, Prag 1849, 3f. ; Monu- 
menta historica universitatis Pragensis, Prag. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrscliaft des Nominalisraus. — Prag. 141 

sam ins Leben. Die ersten Vorlesungen, von welchen Tomek 
Spuren fand, waren jene, welche 1347 ein Augustinereremit in 
seinem Konvent hielt ^); doch wohl vor seiner Einverleibung in 
die erst im Werden begriffene Universität, in dieselbe Richtung 
der Ordensstudienhäuser weist ein jedenfalls von Prag erbetenes 
Schreiben Urbans V. vom 11. November 1366, das die Provin- 
ziale der Dominikaner, Franziskaner, Karmeliten und Augustiner 
ermahnt, in ihren Prager Konventen theologische Lehrstühle zu 
errichten^). Ein fünfter Lehrstuhl für den Weltklerus erstand 
bei der Domkirche auf dem königlichen Schloß'**). Berufungen 
von auswärtigen Lehrern werden wohl in diesen ersten Jahren 
erfolgt sein, sind aber, soviel ich sehe, bis jetzt im einzelnen 
nicht nachgewiesen. 

Die ersten Spuren einer akademischen Gesetzgebung sollen 
von 1360 datieren. Die Lehrer legten eine Reihe strittiger Punkte 
dem tüchtigen Erzbischof Arnest von Pardubitz vor. Dessen 
am 10. April 1360 erfolgte Entscheidungen sollen die Grundlage 
der allgemeinen Universitätsstatuten von 1385 abgegeben haben*), 
von welchen uns Bruchstücke erhalten sind^). — Von Fakultäts- 
büchern ist uns von den Theologen fast nichts^), von den Ar- 
tisten der jLiber decani' und von den Juristen die ,matricula 
graduatorum' einigermaßen erhalten^). Ersterer entspricht dem 
jLiber procuratorum' der Pariser Nationen^). In Paris hatten 
nur die vier höheren Fakultäten Dekane, nicht aber die Artisten. 

In der Zeit zwischen 1367 und dem Jahre 1384, in w^elchem 
der nationale Streit entbrannte^), sind die bedeutendsten uns 
bekannten Artistenlehrer: Heinrich von Oyta (1367)^°), Konrad 



1) Ebd. 3 f. 

2) Tomelc 24. Das Dominikanergeneralstudium vom lil. Klemens wurde 
erst am 8. Dezember 1383 in Gegenwart des Ordensgenerals Raimund vonKapua 
feierlich der Universität inkorporiert. Der Sprecher der Universität war bei 
dieser Feierlichkeit der bekannte Theologe Heinrich von Oyta. Monumenta III 69. 

3) Palacky, Geschichte von Böhmen 112 (Prag 1842) 300; Denifle, Uni- 
versitäten 589. 4) Tomek 8. &) Monumenta, I.e. III 1—12. Tomek 8. 

0) In der Wiener Hofbibliothek Hs. 4929; Bl. 260—262 scheint ein Bruch- 
stück erhalten. ') Monumenta, I.e. II. 2 und III. 

8) Denifle-Chatelain, Auctarium, I p. XI. 

9) Tomek 47. Er begann unter dem Rektorate Konrads von Soltau. 
Erzbischof Johann von Jenstein entscheidet am 2. Dezember 1384 zugunsten 
der Böhmen. ^ 

10) Über Heinrich Totting von Oyta liegt uns nun G. Sommerfeldts treff- 
liche Arbeit vor in den Mitteilungen des Instituts für Österreich. Geschicht- 
forschung 25 (1904) 576—604. 

Ich hebe hier aus ihr die feststehenden Resultate und deren Hauptstützen 
aus und füge einige Ergänzungen an. 

1355. In einer Supplik Kaiser Karls IV, zugunsten der Universität Prag 



142 - in. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

lesen wir: .Heinrico Totting de Oytha. mag. in art, studenti in s. tlieol. in uni- 
v,ersitate'. Denifle, Universitäten 592, 407. 

1362. In einem an Urban V. eingesandten Rotulus von 1362/3 wird für 
eine Hamburger Präbende empfohlen ,Henricus dictus Totting, clericus Osna- 
brugensis, rector superior studii generalis et solennioris Alamanie artium Erfor- 
densis'. Ebd. 406. 

1366. In einer weiteren von Kaiser Karl ebenfalls Urban übersandten 
Supplik wird genannt: .Henricus dictus Totting, Cursor in theologia et mag. in 
art. in universitate Pragensi actu regens'. Ebd. 407. 

1366 bis 1370 ist er als magister actu regens in art. in Prag tätig. Monu- 
menta bist. univ. Prag. II, 133 — 142. 

1369 lernen wir einen Heinrich von Oyta den Jüngern kennen: ,Item 
eodem anno <1369> die 28 Aprilis incepit magister Henricus, dictus Pape, de 
Oyta sub mag. Henrico Embek; tenetur.' 

1371 bis 1373 hatte sich Heinrich in Avignon in betreff von sechs Artikeln 
zu verteidigen, derentwegen ihn Adalbertus Ranconis de Ericinio oder de Bo- 
hemia, scolasticus ecclesie Pragensis, magister in artibus et baccalarius in s. theol. 
angeklagt hatte. Heinrich wird bei diesem Anlaß als .prepositus Widenwurgensis 
in ecclesia Osnaburgensi, baccalarius in theol.' bezeichnet. Sommerfeldt ebd. 
585 ff. aus Clm. 3786, BL 2, vgl. cod. 289, /ff. 159—163 des Dominikanerkonvents, 
in Wien; Hildesheim Beverinische Bibl. cod. 629, ff. 163—172. 

1377 12. Nov. finden wir Heinrich in Paris. Wir lesen im ,Liber pi'o- 
curatorum nat. anglic.': ,Item in eadem congregatione <in crastino s. Martini 
Hyemalis (12 nov.) 1377> supplicavit mag. Gerardus de Pellikera, quatinus natio 
admitteret magistros Henricus de Euta et Jacobus de Kracovia, quia essent 
magistri alibi et non Parisius, ad festum et similiter cum ahis magistris et qui- 
libet eorum solveret francum pro bejanio, sicut et alii novicii consueverunt. 
Cuius supplicatio fuit interempta <angenommen — interinare>. Denifle- 
Chatelain, Auctarium I 527. 

1378. ,Item anno et die, quibus supra facta, etc. <1378 5, Jan.> ad haben- 
dum deputatum, qui proponeret verbum coram imperatore, et magister Henricus 
de Hassia ad rogationem nationis acceptavit honus. Et concorditer erant predicte 
tres petitiones petende <s. c. 529> a domino imperatore per nationem concluse. 

Item eodem anno quo supra <1378>, undecima die Januarii, facta con- 
gregatione ... ad habendum consilium de modo procurandi accessum <ad epi- 
scopum) et erant deputati procurator et mag. Johannes de Saxonia et mag. 
Hinricus Tuve, quod adirent mag. Albertum et mag. Andream et mag. Henricum 
de Oyta et mag. Jacobum de Prucia, qui una cum deputatis adiverunt dominum 
episcopum, etc.' Denifle-Chatelain, Auctarium 530. Die bei Kaiser Karl IV. 
nachzusuchende Audienz wird wohl kaum mehr stattgefunden haben, da der 
Kaiser nur vom 21. Dezember 1377 bis 11. Januar 1378 in Paris weilte. 

1378. ,Item an. Dom. quo supra <1378> XXII die m. apr. facta congre- 
gatione . . . deinde supplicavit mag. H. de Euta, magister in Praga, quatinus 
natio vellet ordinäre aliquos, qui adirent facultatem theologie et supplicarent 
facultati, ut ipsa supplicaret in Universitate pro eo, quod posset poni ad rotulum 
sine tamen preiudicio cuiuscunque magistri Parisiensis. Cuius supplicatio fuit 
concessa.' Ebd. 540. 

1380. ,Item duodecima die m. sept. scilicet auni predicti, factis congre- 
gationibus universitatis ac etiam nationis in s. Maturino supplicavit mag. Henricus 
de Euta pro litteris supplicatorlis ad episcopum, prepositum, decanum et capi- 
tulum civitatis Osnabrugensis, ut sibi distribuerent redditus prebende sue, sicut 
et aliis concanonicis, et secundum quod debeht, quoniam hoc negaverant sibi; 
et in casu quod non proficerent sibi predicte litere supplicatorie, supplicavit 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Voriierrsciiai't des Nominaiismus. — Prag. 143 

von Soltau (1368)^), Matthäus von Krakau (1367), Konrad 
von Ebrach 0. Cist. (1376)^). Von diesen ging der wohl be- 
deutendste Heinrich von Oyta 1377 nach Paris für seine theo- 
logischen Studien. Er weilt daselbst noch am 12. September 
1380, erlangte hier bald darauf die Magisterwürde, ging aber 
nicht mehr nach Prag zurück, sondern wandte sich mit Heinrich 
von Langenstein, Gerhard von Kaikar, Konrad von Ebrach, 
Rollmann Cholb von Paris nach Wien. Von den übrigen Prager 
Lehrern finden wir Konrad von Soltau, Matthäus von Krakau 
und später Nikolaus von Jawor^) in Heidelberg wieder, zwei 
Hochschulen, an welchen bekanntlich der Nominalismus die Vor- 
herrschaft besaß. 



ut sibi concederent literas citatorias. Cuius supplicatio concorditer fuit concessa.^ 
Ebd. 592. 

Im selben Jalir wurde er Lizentiat der Theologie. Ebd. I 527 Anm. 5. 

1381 soll Heinrich nach Denifle (Chart. III 583, Anm. 4, 385) nach Prag 
übersiedelt sein. Vgl. Sommerfeldt 581, 583 f. 

Er vollzieht am 8. Dezember 1383 die Inkorporation der Dominikanerschulen 
in die Universität. Monum. histor. univ. Prag. III 69. 

1383 wird er am 30. Dezember als Mitglied der theologischen Fakultät 
in Prag erwähnt. Sommerfeldt 581 aus cod. 4929, Bl. 260^ der Wiener Hof- 
bibliothek. 

Wahrscheinlich erst 1385 kam Heinrich nach Wien. Die Errichtung der 
theol. Fakultät in Wien wurde erst am 20. Februar 1384 vollzogen. Als Vertreter 
des Kanzlers wird Heinrich am 22. April und 31. Mai 1385 erwähnt in den Acta 
facultatis art. lib. I, ff. 23, 23\ Sauerland, in: Histor. Jahrb. des Görres- 
vereins 14 (1893) 861. 

1387 und 1391 ist er in Wien vielfach als Prediger tätig. Sommerfeldt 
598. 603. 

1396 am 9. Dezember wird er Halbbruder des Deutschritterordens. P.Hipler, 
in : Ztschr. f. Gesch. u. Altertumskunde Ermelands 3 (1866) 180 A. 3. Er stirbt 1397. 

Schwierig ist es, die handschriftlich erhaltenen Schriften zwischen den 
beiden Henricus de Oyta (Totting und Pape) zu verteilen. Pape dem Jüngeren 
dürften die Bearbeitungen der aristotelischen Schriften gehören, bei denen nicht 
immer klar ist, ob sie 1377 und 1387 in Prag verfaßt oder abgeschrieben wurden 
(Sommerfeldt 583). Totting dem Älteren werden eher die aszetisch-mora- 
lischen Schriften und die Predigten zugeschrieben (ebd. 597 ff.). Wichtig wäre 
es, mit Sicherheit zu ermitteln, wem die Sentenzenkommentare und der gedruckte 
Auszug aus dem Kommentar des Adam Wodeham zuzuteilen sind. Ebd. 582 f. 

1) ,An. Dom. 1368 ... 27 die febr. Nicolaus Bavarus et Conradus Sulcow 
<1. Sultow> fuerunt magistrati sub mag. Henrico de Oyta.' Monum. univ. 
Prag. I 1, 136. 

Von nun an ist Konrad in hervorragender Weise als Examinator und bei 
den Promotionen in der Artistenfakultät tätig bis zum 8. Mai 1383. Ebd. II, 
138—239; vgl. den Index in I 2. 

2) ,Item eodem anno <1376> 16 die febr. mag. Hermannus de Winterswik 
fuit in ecclesia Pragensi, presente domino archiepiscopo, licentiatus in sacra 
theologia per mag, Conradum de Ebraco.' Ebd. I 1, 168. 

. äJ) A. Franz, Der Mag. Nikolaus Magni de Jawor, Freiburg 1898. 



144 III, Zur Charakteristik Peters von Caudia. 

Fragen wir nun, welcher der beiden Schulen gehörten 
diese vorhussitischen Lehrer an? Für die realistische oder ,alte' 
spricht in etwa der große EinJluß der' Klosterschulen in dieser 
Periode. Aber gegen eine ausschließlich oder auch nur über- 
wiegend realistische Richtung spricht der Umstand, daß in Prag 
schon vor 1367 die ausgesprochen nominalistische Summula des 
Johann Buridan ein beliebtes, vielgebrauchtes Textbuch der 
Artistenfakultät war ^). Nicht minder beweiskräftig ist hierfür 



1) In den 1390 neu geordneten Artisten-Statuten lesen wir Rubrica V, 
n. 28 unter dem Titel: ,De modo proiiuntiandi accurtatas quaestiones' folgende 
Verordnung: Item magistri considerantes, quod|vergebat in non modicum scan- 
dalum facultati, quod jjuagistri quaestiones Buridani et aliorum magistrorum 
accurtabant, per ianuas intimando: ,tunc pronuntiabuntur quaestiones accur- 
tatae Buridani'; ideo statuerunt, ut nullus magistrorum de cetero praesumat 
quaestiones alterius magistri accurtare, nisi sibi adscribat, sie intimando: ,tunc 
pronuntiabuntur quaestiones illius,qui easdem collegit.' Monum. univ. Prag. 1 1, 82. 

Zum vollen Verständnis dieser Verordnung müssen w^ir eine andere vom 
20. April 1367 heranziehen (ebd. II, 13 f.), welche uns außerdem einen interes- 
santen Einblick in den Schulbetrieb der ,pronimtiatores' gewährt. Die Ver- 
ordnung wurde der oben erwähnten Neuordnung der Statuten von 1390 als n. 8, 
Rubr. I einverleibt. 

,De modo pronuntiandi. — Item an. Dom. 1367, 20. die Aprilis in plena 
congregatione facultatis magistri considerantes, quod multae inordinationes 
et deformitates fierent per pronuntiatores et multi errores, ex quibus studen- 
tibus in artibus magnum dispendium et toti facultati, imo toti universitati grave 
scandalum posset exoriri; nam quivis scholaris pronuntiavit quidquid et quando- 
cunque voluit propria temeritate et scripta incorrecta et ignota, multos errores 
continentia dabant ad pennam, ipsa reverendis magistris false adscribendo, ut 
tanto plures sibi allicerent <41> reportantes <13 irrig repraesentantes> ; facultas 
igitur cupiens illorum pronuntiatorum temerariara abusionem supprimere et uti- 
litati studentium fideliter providere, matura deliberatione praehabita et unanimi 
consensu statuerunt, quod quivis magistrorum poterit super quolibet libro 
de facultate artium propria dicta dare per se vel per alium pronuntiando 
poteritque scripta et dicta aliorum per se vel per alium pronuntiare, dummodo 
sint ab aliquo vel aJiquibus famoso vel famosis de universitate Pragensi, Pari- 
siensi vel Oxoniensi magistro vel magistris compilata et dummodo 'ista antea 
fideliter correxerit et pronuntiatorem assumserit idoneum et valentem. Bacca- 
larii super libros Aristotelis et alios libros difficiles propria dicta dare vel pro- 
nuntiare non debebunt, dicta tamen aliorum magistrorum de ista universitate 
vel aliorum de universitatibus Parisiensi scilicet vel Oxoniensi famosorum dare 
poterunt, non quidem per alios, sed per semetipsos pronuntiando, dummodo 
tamen decanum, qui pro tempore <13 tunc> fuerit, praerequirant, ut ista commit- 
tat alicui magistrorum, qui examinet, si sint dicta istius, cui adscribuntur aut 
etiam sint correcta. Simplex autem scholaris nihil audeat pronuntiare subpoena 
privalionis lectionum et resectionis a communitate facultatis, nisi ab aliquo 
magistrorum fuerit ad hoc constitutus, cuius nomine pronuntiet ea quae a magi- , 
stro fuerint sibi praesentata et correcta. 

Haue igitur constitutionem omnes magistri et baccalarii per iuramenta ( 
praestita fideliter observabunt et eandem <42> iurabunt observare, ita semper | 
ut nullus pronuntiet vel faciat pronuntiari extra limites facultatis, potestate 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Prag. 145 

die Vorherrschaft des Nominalismus bei der deutschen Mehrheit 
dieser Zeit. Diese Vorherrschaft wurde denn doch nicht erst 
geschaffen, als der bald alles beherrschende nationale Gegen- 
satz Feuer fing, vielmehr bemächtigte sich dieser der bereits 
bestehenden wissenschaftlichen Gegensätzlichkeit, um die Kluft 
zwischen den Parteien zu vertiefen. Ein drittes Beweismoment 
liegt darin, daß in Leipzig, zu Beginn der Hochschule, die von 
Prag mitgebrachten, nominalistischen Schriften des Heinrich 
von Grevenstein und Thomas Molnvelt als Textbücher im Ge- 
brauch waren, Werke, welche uns fast nur mehr in der Prager 
Universitätsbibliothek handschriftlich erhalten zu sein scheinen ^). 
Ich glaube daher, daß wir vorerst nicht berechtigt sind, von einer 
Alleinherrschaft des Realismus an der Prager Universität einfach- 
hin zu sprechen und dies weder in ihrer vorhussitischen Periode 



tarnen addendi vel minuendi vel mutandi, si videbitur aliquando expedire, utique 
reservata.' Ebd. II, 40 ff.; vgl. 13 f. 

Aus dieser Verordnung erfaliren wir, daß in Prag, bereits vor 1367 1. so- 
wohl die Magistri als die Bakkalaurei, statt in ihren Vorlesungen ihre eigenen 
Gedanken vorzutragen, durch Bakkalaurei ja selbt durch Scholaren die von 
ihnen ausgearbeiteten Lehrvorträge oder auch Schriften oder Kommentare anderer 
Lehrer ihren Schülern vorlesen ließen; 2. daß sich diese Vorleser (pronuntiatores) 
vielerlei recht bedenkliche Übergriffe erlaubten. Ohne Überwachung von seiten 
der mit dem Unterricht betrauten Magistri und Bakkalaurei, ja in deren Ab- 
wesenheit kündigten sie, an der Türe ihrer Lehrsäle stehend, Vorlesungen an, 
in denen sie Auszüge (quaestiones accurtatas) jener Autoren vorzutragen ver- 
sprachen, deren Bücher die Kandidaten des Bakkalaureates gehört haben mußten, 
selbstverständlich um durch eine solche Kürzung des Studiums eine größere 
Schülerzahl zu gewinnen. Hierbei schrieben sie Bücher falschen Autoren zu, 
auch wohl in derselben gewinnsüchtigen Absicht, bedienten sich fehlerhafter 
Abschriften und diktierten (ad pennam dare) völlig unverständliche Texte. — 
3. Um so schwerwiegende Mißbräuche abzustellen, verordnete die Fakultäts- 
versammlung: a) es solle den Magistri gestattet sein, für die vorgeschriebenen 
Textbücher ihre eigenen Gedanken und Erklärungen oder auch die eines anderen 
entweder selbst vorzutragen oder durch andere vorlesen zu lassen. Doch dürfen 
sie von fremden Schriften nur jene benutzen, welche von Lehrern berühmter 
Hochschulen, wie jener von Prag, Paris oder Oxford abgefaßt sind. Hierbei 
müssen sie den vorzulesenden Text genau verbessern und sich tüchtiger Vorleser 
bedienen. — Die Bakkalaurei dürfen in ihren Vorlesungen über die aristotelischen 
oder andere schwierige Schriften nicht ihre eigenen Gedanken und Erklärungen 
vorlegen. Sie dürfen hierfür die eben bezeichneten Schriften verwenden; jedoch 
müssen sie hierbei vorher die Autorschaft der zu benutzenden Schrift und die 
Korrektheit der Handschrift durch einen ihnen vom Dekan bestimmten Magister 
feststellen lassen, Die Verwendung eines Vorlesers ist ihnen verboten. Scholaren 
dürfen von nun an nicht mehr als Vorleser fungieren. 

Das in obiger Verordnung beispielsweise gerade die Verkürzung der 
Summula Buridans erwähnt wird, beweist, daß sie wie in Köln so auch in Prag 
ein vielbenütztes, Textbuch war. 

1) S. unten Leipzig. 
l<'ranzisk. Stud., Beih.9: Fr. Ehrle, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 10 



146 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

noch unter ihrer nichtböhmischen Studentenschaft. Der Realis- 
mus des Hus und seines Anhangs war ohne Zweifel eine aus 
England mit der Theologie und den ungesunden Reformideen 
Wiklifs eingeführte Streitwaffe. Hiermit besteht sehr wohl, daß 
schon vor Hus neben dem vorwiegend in deutschen Kreisen ge- 
hegten Nominalismus, in Anlehnung an die böhmischen Ordens- 
schulen, auch der Realismus Verbreitung und Existenz — viel- 
leicht auch Gleichberechtigung hatte. 

Man könnte geneigt sein, die Lösung dieser teilweise noch 
offenen Fragen unter anderem auch in den Sentenzenkommen- 
taren zu suchen, welche uns von Heinrich von Oyta^), Konrad 
von Sollau ^) und Konräd von Ebrach^) noch erhalten sind. Dies 
wohl mit Recht, da sie in der vorhussitischen Zeit abgefaßt sind. 
Ich glaube, sie würden für die Gleichberechtigung des Nomina- 
lismus sprechen. Die Annahme eines völligen Richtungs wechseis 
dieser Männer infolge der beginnenden nationalen Streitigkeiten, 
in vorgerücktem Mannesalter, nach langer Lehrtätigkeit, wäre 
willkürlich. 

Wir können also nach dem Gesagten als Ergebnis fest- 
halten: an der Prager Hochschule schrieb der Hussitismus, nach 
dem Vorgange Wiklifs, den Realismus auf seine Fahne, nachdem 
er wahrscheinlich bereits vorher neben dem Nominalismus da- 
selbst vertreten gewesen war. 

Köln 1389. 

In betreff der Kölner Universität*) ist die Beantwor- 
tung der uns hier beschäftigenden Frage leichter, da uns hier 
ein wichtiges Schriftstück die gewünschte Belehrung erteilt. 

Diei Hochschule, eine Gründung der Stadt, erfolgte auf 
Grund eines päpstlichen Bevollmächtigungsschreibens Urbans VI. 
vom 21. Mai 1388, mit Einwilligung des Kurfürsten, Sie wurde 
nach einer Vorfeier vom 22. Dezember 1388 am 6. Januar 1389 



1) Er findet sich in Krakau, Univ.-Bibl. Hss. 1361. 1362. 2417; in Prag, 
Univ.-Bibl. Hss. V.B. 25, XIII. G. 7, IX. H. 20; Wien, Hofbibl. Hss. 4173, Schotten- 
kloster 40; München, Staatsbibl. Hs. 5590; Paris, Nat.-Bibl. Hs. 15895. 

2) Sein Sentenzenkommentar ist in Krakau, Univ.-Bibl. Hs. 1280. 1281. 
1282. 1588; Greifswald, Rubenow-Bibl. Hs. VII. E. 77; München, Staatsbibl. 
Hs. 18 359. 

3) In Neapel, Nat.-Bibl. Hs. VII. C. 25; Paris, Nat.-Bibl. Hs. 3070; Krakau, 
Univ.-Bibl. Hs. 1279. 

4) F. J. V n B ian co , Die alte Universität Köln und die späteren Gelehrten- 
Schulen dieser Stadt, Köln 1855; H. Keussen, Die Matrikel der Universität 
Köln (1389—1559), Bonn 1892; ders.. Die Stadt Köln als Patronin ihrer Hoch- 
schule, in: Westdeutsche Zeitschr. 1891, 344 — 404; W. Schmitz, Aus den Akten 
per Universität Köln. Vier Programme des Kaiser- Wilh.-Gymnasiums 1878 
1879. 1882. 1883; vgl. Denifle, Univ. 387— 403. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Köln. 147 

förmlich eröffnet durch eine Rede des von Wien berufenen Theo- 
logen Gerhard Kikpot von Kaikar und durch eine Disputation 
über ein realistisch klingendes Thema: die Übereinstimmung von 
Glauben und Wissen^). 

Selbstverständlich war auch für die innere Gestaltung Paris 
das Vorbild. Der erste Dekan der theologischen Fakultät Jo- 
hann von Wasia sandte den Bidell Wilhelm nach Paris, damit 
er sich dort eine wohl bescheinigte Abschrift der dortigen Sta- 
tuten anfertigen lasse und nach Köln mitbringe ^). Sodann waren 
unter den 21 Magistern, welche sich sogleich nach der Eröff- 
nung der neuen Hochschule einverleiben ließen, nicht weniger 
als zwölf Pariser Magistri neben drei Prägern^). Ja nach Denifle 
ließen sich im Stiftungsjahr 1389 nicht weniger als 32 ,magistri 
Parisienses nationis Anglicane' in Köln inskribieren ^3. 

Keussen hält es für sehr wahrscheinlich, daß der erste 
Anstoß zur Gründung der Hochschule von selten der Domini- 
kaner gegeben worden sei. Allerdings bringt er zur Begrün- 
dung seiner Vermutung nur die Tatsache bei, daß die Stadt sich 
zur Betreibung ihrer Gründung an der päpstlichen Kurie des 
Dominikanermagisters Alexander von Kempen bedient habe^). 
Eine Spur dieser Vermittlung finden wir auch in der Köllhoff- 
schen Kölner Chronik zum Jahre 1388^). Ohne Zweifel war 
in Köln die Erinnerung an Albert und Thomas, vielleicht auch 
an Skotus noch lebendig; zumal die Lehrrichtung der beiden 
ersten erwies sich, wie wir sehen werden, als ein bedeutsames 
Element in der Entwicklung der neuen Hochschule. 



1) Biänco, Anhang 86. 

2) Bianco, Anlagen S. 34, s) Ebd. I 87. 
^) Auctarium I, p. XLIII, Anm. 4. 

5) H. Keussen, Die Stadt Köln als Patronin ihrer Hochschule. Alexander 
spielt auch noch bis 1398 im Leben der rasch aufblühenden Universität eine 
gewisse Rolle. Er ist 1392 unter den Zeugen bei der Verkündigung der Uni- 
versitätsstatuten (Bi an e o, Anlagen S. 33) ; 1393 bei der der medizinischen Fakultät 
(ebd. S. 24); 1398 ist er einer der .custodes' der theologischen Fakultätsstatuten 
(ebd. S. 35). 

6) Chroniken der deutschen Städte, XIV (Leipzig 1877) 728 heißt es in 
der Koelhoffschen Chronik (1499) in der Würzburger Hs.: ,In dem vurß jair 
sante ein rait van Coellen gen Rome etzliche moenich van den 4 bedelorden 
zo dem pais umb ein gemein Studium of universitete van allen facultaten, ind 
si quamen vur den pais Urbanus ind Melden dem vur die begerde der stat van 
Coellen, ind he bewillichte dat ind bestedichte die ind gaf in privilegie und 
vriheiten as der hoghen schoil zo Paris . . . inde die eirste lexe las ein doctor 
van der universitete van Praga in Behemerlant in dem capitelhuis, ind dede 
die eirste lexe in theologia of in der hilliger schrft. ind bald dairnac wart 
gekoren zo eime rectoir der universiteten magister Hertlinus van der Mark.' 

10* 



14Ö ÜI, Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Die hervorragende Rolle, welche bei der Eröffnung der 
Hochschule Gerhard von Kaikar spielte, spricht nicht für ihre 
realistische Orientierung. Gerhard gehörte zu der Gruppe deut- 
scher Theologen, welche bald nach dem Ausbruch des Schismas 
sich von Paris den eben damals aufblühenden östlichen Universi- 
täten zuwandten^). Wie diese seine Kollegen und deren gemein- 
same Mutter, die Pariser Hochschule, wird auch er dem damals 
in Paris vorherrschenden Nominalismus gehuldigt haben. — 
Dagegen spricht zugunsten einer Parteinahme der Kölner Hoch- 
schule für den Realismus die Wahl des Johann von Wasia^) 
zum ersten Dekan der theologischen Fakultät. Von Johann ist 
uns ein Auszug eines Kommentars zum ersten Sentenzenbuch 
erhalten^), welcher den Augustinereremit Alphonsus Toletanus 

1) Vgl. oben S. 42 A. 2) g. oben a. a. 0. 

3) Wasia ist offenbar die ostflandriscHe Landschaft Waes, wo sich Saint- 
Gilles-Waes und Waesmünster finden; wie auch Johann die Pfarrei von Conkeler 
und später die der Walpurgiskirche in Brügge innehatte. 

1379 am 23. Juni finden wir ihn zu Paris als magister artium unter den ,in- 
trantes' (Wahlmännern) der ,natio Picardica' für die Rektorswahl; Chart, univ. 
Paris. III 237, n. 1421. 

Im selben Jahr wird er als .baccälarius formatus in theol.*, als clericus 
der Diözese von Toumai und als Mitglied des Kollegs der Sorbonne bezeichnet; 
Supplic. Clementis VII an. 1, p. 6, f. 241. 

1392 erhält er die Lizenz und wird in der vor kurzem gegründeten Kölner 
Universität immatrikuliert, er wird Rektor 1393 und 1394 der erste Dekan der 
theol. Fakultät; Keussen, Matrikel der Univ. Köln I 57 A. 21. 

Am 24. März 1393 findet sich bei der Veröffentlichung der Statuten der 
medizinischen Fakultät unter den Zeugen ,mag. Joh. de Wasia s. theol, professor' ; 
Bianco, Anhang 24. ' 

Im selben Jahr verkündigt er als Dekan die theologischen Statuten, für 
deren Abfassung er durch den Pedell eine Abschrift der Pariser in Paris hatte 
holen lassen; ebd. 35. 34 A. 1. 

1402 im März kauft mag. Amplonius de Berka von Erfurt in Brügge von 
den Testamentsvollstreckern (ab executoribus) Johanns einen erheblichen Teil 
seiner bedeutenden Bibliothek. Aps diesen Büchern — ungefähr 40 Hss., die 
nachweislich sicher ihm gehörten, und vielleicht einer Reihe anderer, von denen 
dies nicht genau feststeht, — ergibt sich, daß Johann sich außer mit Theologie 
und Seelsorge auch mit mathematischen, astronomischen und komputistischen 
Studien und Klassikern beschäftigte; Seh um, Verzeichnis SS. XX. 76. 246. 364. 
365. 399. 559. 584, s. im Index S. 988. Aus diesen Hss. ergeben sich weitere Daten. 

*) Schum 76: cod. FoL 110, Papier, 158 Blätter, koUegienheftartig von 
Johann selbst geschrieben. — Vorsteckblatt: ,Lectura magistri Alfoncii ord. 
herem. s. Aug. super 4o'" 11. Sent. abbreviata per mag. Johannem de Wasia, 
Parisiensem. — Bl. 1: ,Primum principium circa libros Sent. a mag. Jo. de Wasia'; 
dessen vier ,collationes' und ,principia' (s. oben S. 49 ff.). — Bl. 17: ,M. Jo. de 
Wasia anno 76 (1376).' Der Kommentar zum ersten Buch beginnt: »Facies eins 
sicut sol . . . Apoc. 1. Reverendi patres. Sicut scribit doctor egregius Yspalensis 
<Isidorus>'. Doch ist nur die Erklärung des ersten Sentenzenbuches dem Kom- 
mentar des Alfonsus entnommen. Von diesem ist uns ja nur der zu diesem 
Buch gehörige Teil erhalten. 



V 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Köln. 149 

zum Verfasser hat. Dieser Kommentar .weist zwar eine starke 
Einwirkung des Nominalismus auf, läßt aber trotzdem den Autor 
als einen Ägidianer erkennen, wie es die Konstitutionen seines 
Ordens forderten. Johann von Wasia wird am 24. März 1393 
unter den Zeugen genannt, welche bei der Veröffentlichung der 
Statuten der medizinischen Fakultät zugegen waren ^). Unter 
seinem Dekanate erfolgte vor 1394 die Verkündigung der Statuten 
der Theologen ^). Dagegen ist von ihm in den artistischen Sta- 
tuten 1398^) nicht mehr die Rede. In diesen Statuten verdient 
für unsere Frage der Umstand Beachtung, daß sich unter den 
zu erklärenden Büchern auch die ,Summula Byridani*, d. h. des 
berühmten Pariser Nominalisten Johann Buridanus findet*). Für 
eine gewisse Beeinflussung von nominalistischer Seite spricht 
auch, daß unter den einundzwanzig in die zu gründende Hoch- 
schule eintretenden Magistri sieben von dem nominalistischen 
Heidelberg kamen. ^). 

Mit aller wünschenswerten Bestimmtheit offenbart sich, wie 
ich schon oben andeutete, die wissenschaftliche Richtung der 
jungen Hochschule in einem Schreiben derselben vom 24. Dezember 
1425, welches auch für die Gesamtgeschichte des Nominalismus 



1) Bianco, Anlagen 33. 

2) Ebd. 34. 3) Ebd. 72. 

4 Nach den ältesten Statuten der Artistenfakultät von 1398 muß der 
Scholar, welcher sich für das Bakkalaureat meldet, beschwören ,se esse in se- 
cundo anno studii in facultate artium in hac universitate vel alia famosa et 
quater respondisse ordinarie magistris ad sophismata et ter extraordinarie, et 
audivisse libros infrascriptos in scolis facultatis cum diligentia, videlicet sum- 
mulas Petri Hispani vel Byridani, veterem artem, priorum, posteriorum, elen- 
chorum, topicorum, librum physicorum et librum de anima. Item statuimus, 
quod promortrendi ad gradum bacalariatus teneantur audivisse hie vel alibi a 
magistro vel bacalario cum questionibus diligenter parva logicalia, scilicet sup- 
positiones, ampliationes, appellationes, consequentias, obligatoria et insolubilia. 
Bianco, Anlagen 64. 

Dementsprechend heißt es weiterhin: ,Item statuimus quod bacalarii facul- 
tatis nostre admitti debeant ad legendum summulas Petri Hispani et Byridani 
.<67> et parva logicalia et rethoricalia et grammaticalia.' Ebd. 66. 

Im Verzeichnis der Lesetermini und Kollegiengelder der einzelnen Bücher 
heißt es: ,Item de quantitate eollectarum statuimus et ordinamus circa libros 
ordinarios in facultate nostra legendos, quod sümmule Petri Hispani et similiter 
Byridani legantur per tres menses et pro quinque albis.' Ebd. 71. 

Johann Buridan schrieb als gefeierter und langjähriger Lehrer der Pariser 
Artistenfakultät vor 1358 eine in echt nominalistischem Geiste gehaltene Er- 
weiterung und Fortführung (|er Logik Ockhams als ,scriptum super summulas, 
d. h. über die sieben Traktate der Summulae des Petrus Hispanus. Zu dieser 
Arbeit Buridans lieferte alsdann noch Johann Dorp einen Kommentar. Prantl 
IV 14 ff., III 34 f. 

5) Keussen, Matrikel I 3—6, Denifle, Universitäten 386. 



150 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

von nicht geringem Werte ist, weshalb ich dasselbe in genau 
revidiertem Texte im Anhang folgen lasse. 

Die Kurfürsten ^), also außer den drei Erzbischöfen von 
Köln, Mainz und Trier wenigstens auch der Pfalzgraf Ludwig III. 
(1410 — 1436), hatten sich 1425 an die Stadt Köln, als an die 
Patronin der Hochschule, gewandt mit dem Ersuchen, sie möge, 
an ihrer Schule einen Wechsel der wissenschaftlichen Richtung 
veranlassen und den an ihr seit einiger Zeit zur Alleinherrschaft 
gelangten Realismus durch den Nominalismus ersetzen. Der Rat 
gab das Schreiben an die Universität weiter. Diese beschloß 
in einer Sitzung (in nostra generali congregatione) vom 24. Dezember 
ein von geeigneter Seite ausgearbeitetes Antwortschreiben an die 
Kurfürsten abgehen zu lassen. 

In diesem sehr sorgfältig ausgearbeiteten und in nüchter- 
nem, sachlichem Tone gehaltenen Schreiben faßt die Universität 
ganz zweckmäßig, in Anlehnung an ihre akademische Disputier- 
methode, das kurfürstliche Schreiben in sechs Punkte zusammen, 
auf welche sie hierauf im einzelnen antwortet, wobei sie auch 
hier ihre Antwort, wo es nötig ist, in mehrere genau numerierte 
Absätze zerlegt. Wir gehen hier nur auf den historischen Ge- 
halt der beiden interessanten Schreiben ein. 

In Anbetracht der ihnen obliegenden Sorge für die Glaubens- 
reinheit stellen die Kurfürsten zunächst fest, daß an der Univer- 
sität die bei ihrer Stiftung festgelegte und auch an den anderen 
Hochschulen herrschende Lehrrichtung aufgegeben und durch 
die Doktrin eines hl. Thomas, Albert des Großen und anderer 
alter, tiefgründiger Lehrer (aut talium antiquorum, alti sermonis 
doctorum) ersetzt worden sei. Unter diesen , anderen* Lehrern 
sind, wie aus einer späteren Stelle erhellt, Alexander von Haies, 
Bonaventura, Ägidius von Rom und Skotus gemeint. Die tief- 
sinnigen Sprüche dieser realistischen Lehrer gehen, so meinen 
die Fürsten, hoch über die jugendlichen Köpfe der Scholaren 
und führen diese zu gefährlichen Irrtümern, wenn sie sich im 
Sinne dieser hohen, ihnen unverständlichen Sätze auszudrücken 
versuchen. Das zeige das traurige Schicksal der Prager augen- 
scheinlich. Dieser Gefahr hätten die ,modernen' Lehrer Buridan, 
Marsilius und ihre Kollegen vorgebeugt, indem sie die gang- 
bareren und sichereren Wege des Nominalismus erschlossen. 
Daher geht die Ansicht der Fürsten dahin, es sei mit Beseitigung 
dieser gefährlichen Neuerung auf die frühere, anfängliche Dok- 
trin zurückzugreifen. 

1) Nach dem Wortlaut außer den vier rheinischen, zunächt beteiligten 
(den drei geistlichen und dem PfalzgraSen) der Herzog von Sachsen- Wittenberg, 
der Markgraf von Brandenburg und Sigismund als König von Böhmen. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Köln. 151 

Diesem Ansinnen gegenüber bestreiten die Kölner Lehrer 
die dem ganzen Vorgehen der Kurfürsten zugrundeliegende An- 
nahnie, als habe der Realismus jemals an der Kölner Hochschule 
die Alleinherrschaft besessen, vielmehr seien seit deren Eröffnung 
an ihr ,beide Wege' zugelassen gewesen und seien es noch. Der 
philosophische Unterricht baue sich seit Beginn der Schule auf 
den aristotelischen Schriften und deren besten Erklärern auf. Als 
solche galten von jeher auch an ihrer Schule von den Alten 
Averroes und Avicenna, Eustathius, Boethius und Themistius, von 
den Neueren der hl. Thomas, Albert der Große, Ägidius (von 
. Rom), Buridanus und jeder andere hierzu geeignete. Es sei daher 
der , neue Weg* des Nominalismus niemanden verlegt; es würden 
vielmehr die Scholaren im Examen jeder nach der von ihm ge- 
wählten Schule geprüft, übrigens sei dieses Verfahren ganz 
selbstverständlich, da die Scholaren in der Regel (quotquot 
affluunt) bereits vorher in den besonderen (städtischen und geist- 
lichen) Schulen einer der beiden Richtungen sich angeschlossen 
haben und in ihr vorgebildet an die Universität kämen; un- 
möglich könnten sie daher in die entgegengesetzte Richtung ge- 
preßt werden. 

Am reichsten an Aufschlüssen sind die Antworten auf die 
drei letzten Punkte. Der vierte gilt der Verteidigung der von 
den Kurfürsten so schwer beschuldigten ,via antiqua^ Zunächst 
wird sie gedeckt durch die Namen ihrer berühmtesten Vertreter, 
eines hl. Thomas, Albert des Großen, Alexander von Haies, 
Ägidius von Rom, Skotus und ähnlicher alten Größen (et talium 
antiquorum). — Aus den übrigen Ausführungen teile ich nur 
die historisch wichtigen Angaben mit! . 

Von diesen dürfte folgende die wichtigste sein, welche 
endlich über die, wie ich oben^) bemerkte, bisher unerklärliche 
sogenannte dritte Verfolgung der Nominalisten in Paris einiges 
Licht verbreitet. Es machen nämlich die Kölner Lehrer u. a. 
geltend: vor der Zeit von Buridan (1328 — 1358) 2) habe an allen 

1) S. oben S. 124 f. 

2) Am 9. Februar 1328 finden wir ihn als Rektor der Universität in Paris 
als mag. art. und clericus Atrebatensis, ohne Benefizium ; Chart, univ. Paris. 11 
307, n. 870 und Regest, Vatic. Comm. Joh. XXII an. 13, p. 4, epist. 3169. 

Am 2. November 1330 hat er, in Paris weilend, bereits paroch. eccl. de 
lUies Atrebat. eccl.; ebd. an, 14, p. 1, epist, 950, 

1340 ist Johannes Brudan (!) de natione Picard, zum Rektor erwählt, 
Auctar, chart, univ, Paris, I 41, 

Am 19. Juni 1342 ^naturales, metaphysicos et morales libros Parisius 
legens' ist er bereits im Besitz eines Kanonikats in Arras; ebd. Regest. Vatic, 
Comm, Clem'. VI, n, 149, f, 376, 

Am 22. Dezember 1347 ist er mit andern Magistern Zeuge bei einem 



152 III. Zur Charakteristik Peters von Candia, . 

Universitäten einzig und allein der Realismus geherrscht. Aller- 
dings sei er hierauf durch die dreißigjährige Lehrtätigkeit Buri- 
dans in der artistischen Fakultät aus Paris verdrängt worden, 
habe aber daselbst vor etwa zwanzig Jahren, also um 1405, 
wieder die Vorherrschaft erlangt. In diesen Jahren (ca. 1405 — 1425) 
habe er gegen 3000 Schüler in der realistischen Doktrin heran- 
gebildet, wie er unzählige in der vorburidanischen Periode be- 
reits herangebildet habe, ohne daß sich je aus . dieser Doktrin 
ein Irrtum oder eine Häresie ergeben hätte. 

Sehr richtig urteilen die Kölner über die Prager Wirren. 
Ihre Hauptursache war der unglückselige, aus England einge- 
schleppte Wiklifismus. Eine weiteriB die nationale Schwenkung 
Wenzels zugunsten der Tschechen. Der zwischen Realismus und 
Nominalismus bestehende Gegensatz habe in dieser Sache keine 
entscheidende Rolle gespielt. 

In Beantwortung des fünften Punktes äußert sich das Ant- 
wortschreiben, teilweise wohl aus taktischen Gründen, sehr gün- 
stig über Buridan, Marsilius und die anderen Nominalisten. Auch 
bei dieser Gelegenheit beteuern die in ihrer Mehrheit ohne Zweifel 
realistischen Lehrer von neuem ihre praktische Neutralität in 
diesem Schulstreit. Sie nehmen, wie sie sagen, das Gute, wo 
sie es finden, bei den Alten und bei den Modernen. 

Gegen die im sechsten Punkte enthaltene Schlußfolgerung 
machen sie geltend, daß an allen Hochschulen Deutschlands, 
Italiens, Frankreichs und Englands es den Lehrern freisteht, sich 
der Schriften der Lehrer beider Richtungen in den Vorlesungen 
zu bedienen, falls dies nur ohne alle ungehörige Kritik geschieht. — 
Ferner geben sie zu bedenken, daß ein Verbot des Realismus in 
der artistischen Fakultät mit Notwendigkeit- ein solches auch für 

Statut der ,natio Picardorum* ; Chart, univ. Paris. II 610, n. 1146 und 
JSulaeus IV 300. 

Am 5. August 1348 präsentiert ihn die Universität dem Bischof für die 
Kaplanei s. Andree de Arcubus in Paris. Chart, univ, Paris. II 621, n. 1156, 
Bulaeus IV 307. 

In den Rötuli vom 22, Mai 1349 wird Buridan unter den 20 der natio Picar- 
dorum (Isti sunt secundum statum eorum et sufficienliam modicUm habentes) 
an erster Stelle genannt. Chart, univ. Paris. II 645, n. 1165, S. seine Beneiizien 
ebd. II 646, n. 26. 

Am 19. Februar 1357 vertritt er die natio Picardica in einem Streite, den 
diese mit der natio Anglicana führt. Auctar. chart. univ. Paris. I 206, 36. — 
In dem Concordatum, durch das dieser Streit beigelegt wird, erscheint er am 
12. Juli 1358 als Zeuge, Chart, univ, Paris, III 58, n, 1249; dasselbe Aktenstück 
im Auctar. Chart, univ, Paris, I 235, 

Längst abgetan sind die Fabeln Aventins (ed, Riezler 1.7, c. 21, 11 474; 
1.6, c. 3, II 200) über Buridans Beziehungen zur Königin Johanna, seine Ver- 
treibung aus Wien und Flucht nach Wien usw. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrscliaft des Nominalismus. — Köln. 153 

die theologische fordern würde, da — und hier liommt der allein 
richtige realistische Standpunkt der Verfasser zur Geltung, wie 
er denn auch nur auf den hl. Thomas exemplifiziert wird — 
die Lehrgegenstände beider Fakultäten zu innig untereinander 
verknüpft sind, als daß sie sich in den einzelnen Fakultäten nach 
verschiedenen Anschauungen behandeln ließen. — übrigens würde, 
so argumentieren sie weiter, der Ausschliiß der realistisch ge- 
richteten Autoren und Lehrer den beabsichtigten Zweck mit- 
nichten erreichen, da hiermit noch keineswegs die realistische 
Orientierung der Partikularschulen beseitigt M'äre. Infolgedessen 
würde der besagte Ausschluß als einzige Folge die Abwanderung 
der deutschen Scholaren von den deutschen Hochschulen nach 
Paris zeitigen, wo nun der Realismus, und der Realismus allein 
zugelassen sei. 

Es wird also hier die bisher völlig unbekannte Tatsache 
von neuem festgestellt, daß eingangs des 15. Jahrhunderts der 
Nominalismus einige Jahrzehnte von der Pariser Universität ver- 
bannt und der Realismus allein zugelassen war; ob nur tatsäch- 
lich oder statutenmäßig ist vorerst nicht klar, doch ist das erstere 
wahrscheinlicher. 

Er wird sich lohnen, im Lichte dieser Tatsache auf die 
sogenannte dritte Verfolgung der Pariser Nominalisten nochmals 
zurückzugreifen. Nach ihrem Verteidigungsschreiben von 1474 trat 
nach der Ermordung des Herzogs von Orleans (1407) eine Ver- 
ödung der Pariser Hochschule ein. Diesen Umstand benutzten 
die Albertisten, um kampflos die Alleinherrschaft an sich zu 
reißen. Sie verblieben in deren Besitz, bis nach der Vertreibung 
der Engländer aus Paris (1437) die Nominalisten wieder in ihre 
alte Stellung einrückten. In ihr entfalteten sie sodann eine so 
segensreiche und ruhmvolle Tätigkeit, daß auch der blasseste 
Neid ihrem Verdienste nichts mehr anhaben konnte. 

Das Kölner Schreiben von 1425 datiert nun gerade aus den 
drei realistisch gerichteten Jahrzehnten der Pariser Artisten 
(1407 — 1437) und es stellt auch seinerseits ein mehr als zwanzig- 
jähriges realistisches Interregnum ausdrücklich fest, so daß an 
der Wirklichkeit desselben kein vernünftiger Zweifel möglich ist. 

Es dürfte geraten sein, die beiden Berichte nebeneinander 
zu stellen. Die Kölner schreiben, 1425 sei der zu Buridans 
Zeiten aus Paris verdrängte Realismus seit zwanzig Jahren wieder 
an der Arbeit gewesen und habe in diesem Zeitraum dreitausend 
Graduierte gewonnen. Es fällt also nach ihm der Beginn dieser 
zweiten Alleinherrschaft der Realisten in Paris auf das Jahr 
1405, also genau zwischen die Rückkehr der Dominikaner nach 



154 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Paris (1403) und die Ermordung des Herzogs von Orleans (1407), 
das Datum, welches die Verteidigungsschrift der Pariser Nomi- 
nalisten angibt. 

Diese letztere Schrift von 1474 berichtet, nach der eben er- 
wähnten Ermordung des Herzogs sei infolge der englisch-burgun- 
dischen Wirren die Pariser Universität verödet und die führen- 
den Nominalisten seien ^) abgewandert. Diese Verödung benutzten 
die,Albertisten', um ihrem Realismus die Alleinherrschaft zu sichern, 
bis Paris der burgundiseh- englischen Partei 1437 entrissen wurde. 
Nach dieser Wendung begann der Nominalismus mit der Hoch- 
schule selbst zu neuem Leben zu erstehen. In den letzten zwanzig 
Jahren (also 1454 — 1474) erstarkte er so, daß nun seine Über- 
legenheit offenkundig und allgemein anerkannt ist. 

Diese genaue Übereinstimmung der beiden sonst so ver- 
schiedenen Berichte in betreff der uns hier interessierenden Tat- 
sache, nämlich der bisher völlig unbekannten Vorherrschaft des 
Realismus an der Pariser Universität von ca. 1405 bis ca. 1437 
stellt sie unzweifelhaft fest. 

Leider bietet es über die näheren Umstände dieses auffallenden 
Lehrwechsels keine weiteren Aufschlüsse, so daß wir in dieser Be- 
ziehung auf Kombinationen und Vermutungen angewiesen sind. 

Unter diesen dürfte wohl eine der aussichtsreichsten die 
sein, daß wir in den, am bestimmten Zeitpunkt eintreffenden 
Albertisten (supervenerunt quidam Albertistae) die Dominikaner 
von St. Jakob erblicken, welche 1403 aus einer fast dreißig- 
jährigen Verbannung nach Paris und an die Universität zurück- 
kehrten. Sie waren 1387 wegen ihres auf die Autorität des hl. Tho- 
mas gegründeten Widerstands gegen die kirchlicherseits noch nicht 
festgestellte Lehre von der unbefleckten Empfängnis Maria von 
der Universität ausgeschlossen worden, zum großen Schaden des 
Ordens und der Universität^). Als 1403 Peter von Luna (Bene- 
dikt Xin.) die Obedienz in Frankreich zurückgegeben wurde, er- 
langten Peter, der König und Gerson ^) auch die Zurückberufung 

1) In der Tat finden wir Peter d'Ailly 1407 und 1408 an der Kurie Benedikts 
und Gerson in Bayern und Südfrankreich. F. Ehrle, Martin de Alpartlls Chro-* 
nica, Paderborn 1906, p. 465. 

2) Denifle-Chatelain, Chartularium III 486—533, n. 1557—1588. 

3) In seiner ,epistola missa studentibus collegii Navarrae Parisiensis' 
(Scriptum Brugis) beklagt Gerson lebhaft die Schädigung, welche die Universität 
durch das Fehlen der ,Jacobitae' erleide: ,quanta et, qualis iactura spiritualis 
est et fuit, tot hactenus sermones, tot lectiones, tot salubres instructiones in 
universitate et alibi exinde cessisse'. Er fürchtet, es könnten ihm einige seinen 
Wunsch, den Zwist beigelegt zu sehen, als Verbrechen oder Wankelmut an- 
rechnen. Er hatte für ihre Vertreibung sich kräftig eingesetzt: ,pro scelere vel 
mutabilitate deputantes, quod pacem Jacobitarum videar optasse', Opera omnia 
ed. Dupin. Antwerpiae I (1706) 112 f. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Köln. 155 

der Dominikaner nach Paris und an die Universität. Es ist schwer 
glaublich, daß die Lehrrichtung Alherts und des hl. Thomas ohne 
Zutun der Dominikaner kurz nach ihrer Rückkunft in Paris die 
Alleinherrschaft erlangt habe. Allerdings berührte dieser Lehr- 
wechsel zunächst die artistische Fakultät und nur erst in zweiter 
Linie die theologische, zu der allein die Dominikaner Zutritt 
hatten. Doch dürfte durch diese Einwendung obige Vermutung 
kaum entwertet sein. 

Für diese von uns vermutete Verknüpfung des Wiederauf- 
lebens des Pariser Realismus mit der Zurückberufung der aus 
der Universität verbannten Dominikaner spricht auch eine Stelle 
einer Ingolstädter, nominalistischen Streitschrift von der Wende 
des 15. und 16. Jahrhunderts. Ihrem Verfasser war die könig- 
liche, antinominalistische Verordnung von 1474 sehr ungelegen 
und er sucht sie auf jegliche Weise aus dem Wege zu räumen. 
In seinen diesbezüglichen Darlegungen finden sich die drolligsten 
Anachronismen. Er spricht von den Franziskanern, die mit Ockham 
Ludwig dem Bayern anhingen und von den Dominikanern, die 
dem Papste treu blieben. Hierfür habe der Papst letztere da- 
durch belohnt, daß er die seit langem von Paris verdrängten 
Realisten mit dem gesamten von dort gleichfalls verbannten 
Dominikanerorden dorthin zurückführte 0. Der Verfasser der 
Schrift scheint das Verteidigungsschreiben der Pariser Nomina- 
listen gekannt zu haben und ihm einiges zu entnehmen. Ohne 
Zweifel verdient diese Erklärung des Wiederauflebens der durch 
Ockham in Paris aus dem Felde geschlagenen Realisten durch 
die Zurückführung der Dominikaner alle Beachtung, trotz der 
krausen Darlegung, in die sie verwoben ist. 

. Weiterhin wird gegen das von den Kurfürsten gewünschte 
Verbot des Realismus ins Feld geführt, daß die realistischen,' 
nun zu verbannenden Autoren sich von selten der römischen 
Kirche und von selten der Pariser Universität, welche der Kölner 
stiftungsmäßig als Vorbild vorschweben müsse, der größten Wert- 
schätzung erfreuen. 

Nachdem dann noch die Beleidigung erwähnt wird, welche 
ein solches Verbot für die Orden bedeuten würde, denen die 
großen Realisten angehören, wird noch hervorgehoben, es gehe 
denn doch wohl nicht an, den Apostaten Averroes in die christ- 
lichen Schulen zuzulassen und die christlichen Autoren auszu- 
schließen, oder den Artistenmagistri Buridan und Marsilius Ein- 

1) S. unten Ingolstadt ,Cum . . . Minores . . . Predicatores vero pontificis partes 
defenderent, restituit pontifex et redire Parisius iussit expulsos Realistas cum 
universö ordine Predicatorum.' Ebd. 113. 



156 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

tritt zu gewähren und ihn den berühmtesten Lehrern der Theo- 
logie zu verweigern. • 

Zum Schluß erlauben sich die Kölner die etwas spitzige 
Bemerkung, die Fürsten seien doch wohl von , anderer' Seite zu 
diesem Schritte veranlaßt worden. Aber es wäre zu wünschen, 
daß ihre ,informatores' selbst heirvortreten und ihr Visier lüften 
wollten, auf daß man mit ihnen diese schwierige, nur wissen- 
schaftlich gebildeten Leuten zugängliche Frage erörtern könne. — 
Hierauf beschließen sie ihr Schreiben mit der inständigen Bitte, 
die Kurfürsten möchten sie bei ihrer von Anfang an gewährten 
Freiheit belassen, sie würden alsdann die jetzt übliche Richtung 
(doctrinam nunc currentem) so maßvoll handhaben, daß sich kein 
Mißstand ergeben werde. 

Fragen wir noch mit den Kölnern, wer waren wohl die 
oben erwähnten ,informatores', welche das kurfürstliche Schreiben 
veranlaßt hatten? An erster Stelle muß man wohl an das be- 
nachbarte Heidelberg denken, das, wie wir unten hören werden, 
damals noch mehr dem Nominalismus ergeben ■ war als Köln 
dem Realismus. Wie Köln den Niederrhein, so beherrschte Heidel- 
berg den Oberrhein. Sie waren Nachbarn mit allen Vor- und 
Nachteilen eines solchen Verhältnisses, zumal da außer der geo- 
graphischen Lage die Zugehörigkeit zu einer der beiden wissen- 
schaftlichen Richtungen die Frequenz der zwei Hochschulen be- 
einflußte. — In den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts (um 
1452) erkämpfte, wie wir sehen werden, ein nach Heidelberg 
berufener Kölner Theologe daselbst dem Realismus die ihm bis- 
her verwehrte Zulassung. War dies eine Gegenoffensive für die 
Offensive von 1425? — Endlich wie Köln für seine ,via S. Thomae' 
1452 in Heidelberg Propaganda machte, so tat es 1479 und 1481 
dasselbe auch an den neugegründeten Hochschulen von Kopen- 
hagen und Greifswald, wie wir später berichten, werden. 

Im übrigen hatte in Köln das kurfürstliche Schreiben keine 
wahrnehmbare Wirkung. Köln blieb ein Hort des Realismus, 
wenn auch — wie das An wortschreiben im Augenblicke der Not 
mit vielleicht etwas übertriebenem Nachdruck hervorhebt — den 
anderswo nominalistisch vorgebildeten Scholaren gegenüber eine 
gewisse Toleranz geübt wurde und gewaltsame Bekehrungen 
zum , alten Weg' nicht vorkamen noch statutenmäßig beabsichtigt 
waren. In der Tat ist mir kein solches Statut der Kölner Hoch- 
schule bekannt. Das einzige, was ich in dieser Richtung fand, 
ist ein Gutachten der Kölner Theologen von 1470, in welchem 
sie ein antinominalistisches Statut der Löwener Universität vom 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Löwen. 157 

Jahre 1447 gutheißen 0- In diesem werden Wiklif, Ockham und 
ihre ,sequaces* für die Erläuterung der aristotelischen Schriften 
ausgeschlossen und nur realistische, von der Universität gut- 
geheißene Autoren zugelassen. Durch diese Gutheißung, auf 
welche wir unten noch zurückkommen, offeiibarten die Kölner 
ohne Zweifel ihre wahre Herzensmeinung. Dieselbe verleugnet 
auch den Einfluß nicht, welchen sie auf die Richtung der Löwener 
und später der Mainzer Hochschule ausgeübt haben. Auch der 
Anteil bezeugt ihn, welchen sie an dem Mainzer Prozeß des 
Johann Ruchrath von Oberwesel 1479 hatten^). 

Was daher die wissenschaftliche Orientierung der Kölner 
Universität in unserer Frage betrifft, so scheint an ihr von An- 
fang an ein an Alleinherrschaft grenzendes Vorwalten des 
Realismus bestanden zu haben, welches seine Hauptstütze in der 
theologischen Fakultät gehabt haben dürfte. Auf diese haben 
wohl die vier Mendikantenkonvente einen bedeutenden Einfluß 
ausgeübt, zumal der der Dominikaner, in welchem noch nach 
Jahrhunderten der Geist Alberts und seines noch größeren 
Schülers Thomas lebte und webte. 

Löwen 1426. 

Für die Löwener Universität können wir uns kürzer 
fassen, da sie statutenmäßig noch entschiedener als die Kölner 
an dem Realismus festhielt. Freilich ist nach dem Urteil des 
sachkundigsten Gewährsmannes E. Reusens die Geschichte ihrer 
älteren Periode erst noch zu schreiben^}; doch gelang es diesem 
unermüdlichen Forscher, nachdem er, leider sehr spät, die Mög- 
lichkeit zu • einer freieren und leichteren Ausbeutung der im 
Brüsseler königlichen Archiv verwahrten Universitätsakten er- 
langt hatte, noch einige brauchbare Steine zurechtzurichten^). 



1) S. unten Löwen. 2) g. unten Mainz. 

3j ,L'histoire de l'ancienne Universite de Louvain est encore ä faire', in : 
Analectes pour servir ä l'histoire ecclesiastique de la Belgique 17 (1881) 149. 

4) Eine gute Übersicht über die handschriftliche und gedruclite Literatur 
bietet E. Reusens 149—153 und in Matricule de l'Universite de Louvain (Col- 
lection de chroniques Beiges inedites n. 31) Bruxelles 1903, pp. XXI ff. 

Von der älteren Literatur verdienen noch immer Beachtung: Joan. Molani 
(t 1585) Historia Lovanensium ed. F. X. de Ram (Collection de Chroniques 
Beiges inedites n. 9) Bruxelles 1861; N. Vernulaeus, Academia Lovaniensis, 
Lovanii 1627; Valerius Andreas, Fasti Academiae Lovaniensis, Lovanii 1635, 
eine bedeutend erweiterte Ausgabe 1650. Fleißige Zusammenfassungen des 
älteren Materials durch E. Reusens in den Analectes pour servir ä l'histoire 
ecclesiastique de la Belgiques Bd. 17 bis 30 (1881—1903) Bd. 17—23 Geschichte 
der Kollegien; 24, 25 Gründung der Univ.; 26 ein rotulus von 1449; 27, 29 
Naraenlisten; 30 Professoren. Ein Sonderabdruck sollte dies Material in vier 



158 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Die Universität ist doch wohl ähnlich wie in Köln eine 
Gründung der Stadt. Auf ihre Bitten erwirkte der Herzog 
Johann IV. von Brabant am 9. Dezember 1425 das Bevollmäch- 
tigungsschreiben Martins V. ^). Wie Köln, so trug auch Löwen 
die Hauptlast der Kosten^), und es stand daher ihrem Stadtrat 
bis in die späte Zeit die Berufung der Professoren zu^), wenn 
auch ehrenhalber der Herzog und der geistliche Kanzler den 
Vortritt hatten. Dementsprechend war es auch die Stadt, welche 
1 431 den Kanonisten Heinrich de Mera nach Rom entsandte, uin 
die Errichtung einer theologischen Fakultät in die Wege zuleiten^). 

Starken Einfluß übte auf die innere Gestaltung und die 
wissenschaftliche Richtung der jungen Gründung die Kölner Hoch- 
schule. NochRashdall vermißte hierfür die nötigen Belege^). Diese 
fehlen nicht. Die allgemeinen Löwener Universitätsstatuten sind 
einfach den Kölner nachgebildet, wie Reusens selbst ausdrücklich 
zugesteht. Dies ist leicht erklärlich, da sie von Heinricus Bru- 
nonis de Piro, einem 1427 von Köln berufenen Lehrer des Zivil- 
rechtes abgefaßt sind^). Die Eidesformeln (iuramenta), welche 



Bänden bieten, unter dem Titel: .Documents relatifs ä l'Jiistoire de I'univ. de 
Louvain', wovon nur der erste Band im Selbstverlag des Verf. in Brüssel 
(1893—1902) erschien; s. E. Reusens, Actes on Procös-verbaux (s. unten) p. XXV. 
Quellenpublikationen: De Ram, Anciens Statuts de la Facultö de 
Medicine in Compte rendu des seances de la Commission Royale d'histoire. 
3nie Serie, tome 5 (1863). 391—418. In derselben Sammlung tome 9 (1867) 
147— 206, E. Reusens, Statuts primitifs de la Faculte des Arts de Louvain; 
ferner A, van Hove, Statuts de l'Universite de Louvain anterieurs ä l'annöe 
1459, in: Bulletin de la Commission Royale d'histoire de rAcad6mie Royale de 
Belgique tome 76 (1907) 597—662; E. Reusens, Matricule de l'Universitö de 
Louvain 1426—1453 (CoUection de Chroniques Beiges inödites n. 31). Bruxelles 
1903; ders. Actes ou Procös-verbaux de Söances tenues par le Conseil de l'Uni- 
versit6 de Louvain I (1432—1443) (in derselben Sammlung n. 32) Bruxelles 1903. 

1) Molanus I 455; E. Reusens, Analectes 24 (1893) 49 ff. 

2) Einschlägige Auszüge aus den Stadtrechnungen E. Reusens, Ana- 
lectes 25 (1895) 339—432; 24 (1893) 66 ff. Verhandlungen mit den ersten Pro- 
fessoren aus diesen Rechnungsbüchern. 

3) Molanus II 954. 

4) Ebd. I 499: ,Henricus de Mera <van der Meeren>, decretorum doctor, 
qui anno 1440 obiit decanus ecclesiae S. Petri et Cancellarius universitatis, a 
magistratu oppidi Lovaniensis missus fuit Romam, ad sollicitandam et impe- 
trandam facultatem studii sacrae theologiae. — Universitas regratiatur dominis 
de oppido de bona diligentia facta super impetratione facultatis theologiae et 
confirmationis beneficiorum.' Acta anno 1432, 18 nov. Danach ist auch zu 
berichtigen, was De Ram (ed. Molani II 893 Anm. 1) hierüber schreibt. 

») The Universities of Europe in the Middles Ages, Oxford 1895, II 1, 
260. A. 6: 'Gölnitz (Ulysses Belgico-Gallicus p. 96) describes the University as 
'e Coloniensi nata', but I see no particular evidence for this.' 

ö) E. Reusens, Matricule p. IX: ,Les Statuts de l'Universitö de Cologne, 
qui servirent de modale aux premiers Statuts de l'Universite de Louvain s'ex- 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrscliaft des Nominalismus. — Löwen. 159 

sich eingangs des Löwener Matrikelbuches finden, sind die der 
Kölner Universität^). Allerdings stammen die Kölner weiterhin 
von Paris, Schon der erste Rektor leistete seinen Eid ,nach 
Pariser Art*^}. 

Die Lehrrichtung der philosophischen und theologischen Fakul- 
tät und die Parteinahme im ,Wege'streit muß von Beginn der Grün- 
dung an im realistischen Sinn festgelegt worden sein. Molanüs ^) 
führt einen, allem Anscheine nach den Fakultätshüchern der 
Artisten entnommenen Beschluß aus dem Jahre 1427 an: ,Con- 
cluditur 1427 die 2 iunii, quod nuUus magister debeat recipi aut 
admitti ad regentiam, nisi iuret, se nunquam doctrinare Buri- 
danum, Marsilium, Ockam aut eorum sequaces'. Dieser Beschluß 
blieb dauernd in Kraft. 

Am 5. November 1446 alarmierte der Magister Johann 
Block die Universität durch die Nachricht, es würden gefährliche 
Sätze vorgetragen. Ohne weiteres bezog Heinrich von Zoemeren, 
den wir oben kennengelernt haben, und einige seiner Freunde 
diese Insinuation auf sich und erbot sich, die verdächtigten Sätze 
zu verteidigen. Er wies hierauf nach, daß die Sätze dem ,Doc- 
tor subtilis' entnommen seien, ,quem reprobare facultati non 
licebatV worauf die Universität nach Einholung eines Gutachtens 
der theologischen Fakultät die Sache auf sich beruhen ließ^). 

Mit diesem Zwischenfall, welcher möglicherweise bereits 
die große Streitsache von 1470 über die bedingt zukünftigen 
Dinge einleitete, hängt wahrscheinlich eine auf den Beschluß von 
1427 zurückgreifende und ihn erweiternde Lehrverordnung vom 
8. Februar 1447 zusammen. Sie war von fünf, die theologische 
Fakultät darstellenden Magistri: Heinrich von Campo, Johann 



priment de la maniöre suivante au sujet de l'immatriculation.' Nach den Akten 
der Artistenfakultät: ,In presentia facultatis artium <1429> lecta fuerunt statuta 
universitatis concepta per dominum Henricum <Brunonis> de Piro,' 

Heinrich wurde 1418 bacal. art. in Paris (Denifle-Chatelain, Auc- 
tarium II 240), in Köln 1421 immatrikuliert (Reusensl 174), dann 1426 in Bo- 
logna (Friedländer-Malagola, Acta nat. Germ. 176), kam 1427 nach Löwen 
als Professor des Zivilrechtes (Mol anus I 350, Reusens, Matricule 67, n. 26) 
als van den Perbome bis 1431, 1429 Rektor, worauf er nach Köln zurückkehrt. 
Hier wird er 1432 Rektor, geht als Gesandter ans Basler Konzil 1435, zieht sich 
aber noch im selben Jahr in die Kölner Karthause zurück, wo er 1473 stirbt 
(s. Reusens a. a. 0.). 

1) Reusens, Matricule p, X, A. 2: ,Ces serments, inscrits en tete du 
,Liber intitulatorum de 1453 ä 1485 sont les memes que ceux de l'ancienne Uni- 
versite de Gologne.' Vgl. Keussen p. XIV f. und Molanus II 920. 

2) S. oben S. 146 f. 

3) i^ 582 mit der Überschrift: ,Doctrina Ockam et sequacium.' 

4) Molanus I 582. 



160 ' tu. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Wyninghen, Peter Welle, Andreas von Capella und Johann Waren- 
acker auf Ersuchen der anderen Fakultäten, besonders der 
artistischen^) ausgearbeitet und von der Artistenfakultät gut- 
geheißen und in ihre Akten aufgenommen worden^). 

Die Verordnung ist offenbar gegen Anregungen gerichtet, 
welche von nominalistisch angekränkelten Kreisen ausgingen, 
etwa im Sinne der mehr wahrheitigen Sätze Peters de Rivo, Da- 
mals war weder in der theologischen noch in der philosophischen 
Fakultät eine Spaltung eingetreten. Es, war unter den Lehrern, 
welche 1447 die Verordnung in der Artistenfakultät guthießen, 
einer, Ägidius Bailloeul ^), welcher 1470 zu den Freunden Hein- 
richs von Zoemeren gehörte und unter den Theologen, welche 
sich an der Abfassung beteiligten, war einer Johann Warenacker ^), 
den wir 1470 auf der Seite des Petrus de Rivo finden. Beide 
Fakultäten waren eben in ihrer realistischen Grundanschauung 
einig gegen jede Regung des Nominalismus. Die Differenzierung 
für und gegen Petrus de Rivo war noch nicht eingetreten. 

Zunächst mahnt die Verordnung, Lehrpunkte über die Macht 
Gottes und anderes Theologisches den Theologen zu überlassen; 
zweitens Fragen über das Mögliche und Unmögliche, das Notwen- 
dige und Bedingte nur nach Maßgabe der natürlichen Kräfte (secun- 
dum causas propinquas) zu beantworten, ohne sich in die höheren 
theologischen Sphären zu versteigen; drittens mahnt sie nicht 
nur falsche, sondern auch alle anstößigen und verdächtigen Lehr- 
ineinungen zu vermeiden. An vierter Stelle wird zur Beleuch- 
tung und praktischen Anwendung dieser Mahnung eine Reihe 
solcher anrüchiger Sätze angeführt. Es sind jene typischen, 
aufs Neue, Unerhörte, Sensationelle, Modeartige gestimmten Sätze, 
welche die Atmosphäre bilden, in welcher der Nominalismus gedieh. 

Besonders beachtenswert ist für uns der Schluß dieser Auf- 
zählung, mit welchem die Theologen, wenigstens in der Sache, 
auf die Stellungnahme der Universität von 1427 zurückgreifen. 
In diesem Schluß möchten die Verfasser eine Norm aufstellen, 
vermittelst welcher die zu vermeidenden Ansichten erkannt werden 
können. Alles sei zu vermeiden, so hören wir, was den durch 
sich selbst einleuchtenden Wahrheiten und was richtig verstan- 
denen aristotelischen Sätzen, sofern sie nicht den Glauben be- 
rühren, widerstreitet. Um sodann gegen willkürliche Erklärungen 
des Stagiriten eine Schranke aufzurichten, ■ verordnet die Fakul- 
tät, daß zu seiner Erläuterung nicht etwa Wiklif, Ockham oder 



1) D'Argentrö I 269. 2) s. unten im Anhang. 

3) P, Fredericq (s. oben S. 126, A. 1) 69, 20; J. Laminne (s. oben ebd.) 
385. 386. -t) D'Argentrö I 2, 267, vgl. 265. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominaiismus. — Löwen. 161 

ihre Anhänger, sondern Averroes, wo er nichts Unchristliches 
lehrt, oder Albert, Thomas, Ägidius von Rom und andere Autoren 
beigezogen werden sollen, welche die Fakultät in der Folge noch 
gutheißen wird. Endlich sollen exotische Sätze, wie die obigen, 
falls sie der erwähnten Norm entsprechen, zwar für Disputier- 
übungen zugelassen sein, nicht 'aber lehrhaft aufgestellt und 
vorgetragen werden; einige wenige jedoch, welche namhaft 
gemacht werden, sollen überhaupt gar nicht berührt werden, 
unter diesen auch der inbetreff des Bedingtzukünftigen. Bezüg- 
lich desselben bahnte sich bereits eine Streitfrage an. 

Die Verordnung fand, wie oben ^) gezeigt wurde, in dem 
großen Löwener Streit von 1470 die volle Billigung der theolo- 
gischen Fakultät von Köln^) wie auch einer Anzahl realistisch 
gerichteter Pariser Theologen^), übrigens stand sie noch' am 
Ende des Jahrhunderts in Löwen in voller Kraft, wie uns einige 
Notizen des Molanus zeigen. Als 1480 der Promoter der Fakul- 
tät—doch wohl der artistischen — mitteilt, daß einige Lehrer 
Aristoteles im Sinne Ockhams erklären, werden sie sofort mit 
einer dreijährigen Entziehung ihrer Ehrenrechte bedroht^). — 
Ja, als 1486 ein Graduierter bei einer akademischen Funktion 
die Äußerung tat, Aristoteles sei ein Nominalist gewesen, so nahm 
es die Fakultät so bitter ernst, daß nur das sofortige Geständ- 
nis, es sei ein dummer Bubenstreich gewesen, größeres Unheil 
verhindern konnte^). — Ein Magister regens, also ein sich im 
aktiven Lehrdienst Befindlicher, erhob 1497 gegen drei Graduierte 
die Anklage, sie sprächen sich gegen die Statuten im Sinne des 
Nominalismus aus. Sie wurden sofort zur Verantwortung ge- 
zogen. Jedoch auf ihre Beteuerung hin, sie seien sich dessen 
nicht bewußt gewesen und sie würden sich gern den Wünschen 
der Fakultät fügen, wurde von weiteren Schritten Abstand ge- 
nommen^). 

Zu der starken Verankerung der Universität im Realismus 
dürften auch in Löwen wie in Köln die Lehrstühle der dieser 



1) S. 130f. 2j D'Argentre I 2, 272 f. 3) Ebd. 275. 

4) Molanus I 582: ,Anno 1480 obiecit promotor facultatis, quosdam Arl- 
stotelem exponere ad intentionem Ockaml'et eins sequacium. Placuit facultati 
tales legentes ob omnibus honoribus per triennium privari.' 

5) Ebd. I 581: ,Anno 1486 Marsilius de Graenendonck reconcillatus est 
facultati, qui in actu formali asseruerat, Aristotelem Nominalem fuisse, agnosceng 
se ex levitate fecisse. Acta' <fac. art.>. 

6) Ebd. .Antonius Portoliet regens obiecit anno 1497, Nicolaum de Eg- 
mond, Herconem de Seagis et Joannem de Angie contra statuta doctrinare vias 
et doctrinas Nominalium. Responderunt se hoc nescire, et si quid facultati in 
doctrina displiceat, se hoc emendaturos.' 

Franzisk. Stud., Beih. 9 : F r. E h r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 1 1 



162 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Richtung angehörigen Orden, besonders der Dominikaner, bei- 
getragen haben. Dies lassen schon die Unters,chriften der oben 
erwähnten für Petrus deRivo eintretenden Theologen vermuten. — 
Ob Peter von Crockart 0. Pr., der als Lehrer Franciscos 
de Vitoria auf die Erneuerung, der Scholastik einen so großen 
Einfluß ausgeübt hat^), mit der Löwener Universität in Verbin- 
dung gestanden hat, ist noch nicht geklärt. In dieser Richtung 
wäre auch auf die Ent Wickelung der niederländischen Reform- 
provinzen des Dominikaner- und Franziskanerordens zu achten, 
da diese Reformbestrebungen in den Studien auf die bedeuten- 
deren Ordenslehrer zurücklenkten ^). Sicher wurde auch in 
Löwen bald im 16. Jahrhundert den theologischen Vorlesungen, 
auch in der Jesuitenschule, statt der Sentenzenbücher des Lom- 
barden die Summe des hl. Thomas zugrunde gelegt, wie es 
Bellarmin daselbst tat in' den Jahren 1570 — 1574'^). 

Wien <1365> 1384. 

Kommen wir nun von den realistisch gerichteten Univer- 
sitäten Prag, Köln, Löwen zu den nominalistischen. Welchen 
von den älteren östlichen Hochschulen diese Bezeichnung zukam, 
sagt uns schon das gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Heidel- 
berg entstandene ,Manuale scholarium'. Auf den Angriff des 
Realisten: ,<Moderni> versantur in sophismatibus tantum, veram 
doctrinam aspernantur' antwortet der Nominalist: ,Offendis veri- 
tatem, nam eruditissimi viri reperiuntur inter modernes. Nonne 
audisti, in quibusdam terris eos possidere integras universitates? 
ut Viennae, Erfordiae utque quondam hie <Heidelberg 
vor 1452> erat*^). Eine ähnliche Notiz aus derselben Zeit 
findet sich in einem Gutachten, das der Basler Universität 1464 
abrät, neben dem neuen auch den alten Weg zuzulassen^). Es 
wird da geltend gemacht, daß die vorzüglichsten Universitäten 
nur einen Weg dulden, nämlich Paris, Köln, Wien und Erfurt. 
Eine dritte Angabe aus etwas späterer Zeit bietet uns Aventin. 
Nach ihm hatte der Nominalismus die Alleinherrschaft in Paris, 



1) S. I30f. 2) ^Der Katholik' 52 (1884) 509 f. ,3) Ebd. 508 f. 

*) Le Bachelet, Bellarmin avant son Cardinalat, Paris 1911, 73 L 
C. Sommervogel, Bibliothöque de la Compagnie de Jesus I (Paris 1890) 
c. 1252. 4. B. Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunge 
I (Freiburg 1907) 249, w^o der Bericht aus Wien vom 30. September 1570 be- 
sondere Beachtung verdient. 

5) p. Zarncke, Die deutschen Universitäten im M. A., Leipzig 1857, der 
einen Neudruck des Manuale bietet, S. 12 f.; vgl. hier unten S. 172, A. 5. 

") S. unten Anhang. 



Die Schulen. 4. Ausbreitimg und Vorherrschaft des Nominalismus. — Wien. 163 

Erfurt, Ingolstadt und WienO- — Eine vierte und fünfte liierher 
geliörige Stelle enthalten realistische, Ingo Istädt er Streitschriften. 
In einer beruft sich der Verfasser auf einige, nach seiner An- 
sicht ausschließlich realistische Universitäten: , diverse et famose 
universitates, que in artibus nulluni Nominalem admittunt, 
ut est Colonia, Liptz, Wittenberg' ^). In bezug auf Leipzig 
wird die Ansicht des Verfassers durch die Abwanderung der 
Ingolstädter Realisten an diese Hochschule bekräftigt^). In einer 
anderen Streitschrift werden Paris, Köln, Heidelberg und Leipzig 
als realistische Universitäten aufgezählt^). 

Zur richtigen Einschätzung dieser und ähnlicher allgemeinen 
Angaben über die wissenschaftliche Orientierung einzelner Hoch- 
schulen ist vor allem zu bemerken, daß sie wohl im großen und 
ganzen zutreffend sind und wirklich besagen, welcher Rich'tung 
die weitaus größte Zahl der Lehrer und Schüler angehörte, welche 
Lehrbücher und Examinatoren die Ankommenden zu gewär- 
tigen hatten. Damit war aber noch nicht gesagt, daß die Hoch- 
schule auf diese Richtung statutenmäßig festgelegt und allen An- 
hängern der entgegengesetzten ausnahmslos verschlossen sei. 
Es konnten im Gegenteil auch an Universitäten, welche an- 
scheinend am entschiedensten auf eine Richtung eingeschworen 
waren, wie es z. B. bei Wien und Köln der Fall war, wenn es 
zeitweise besondere Umstände ersprießlich erscheinen ließen, auch 
Hörer der entgegengesetzten Richtung Aufnahme und Berück- 
sichtigung finden. Die Kölner erklärten sich 1425 unter dem 



1) Aventin leitet den Streit von Roscelin (Racelinus Britannus) her. ,Eo 
namque authore duo Aristotelicorum Peripateticorum genera esse coeperunt, 
unum illud vetus, locuples in rebus procreandis, quod scientiam rerum sibi 
vindicat, quamobrem Reales vocantur; alterum novum, quod eam distrahit. No- 
minales ideo nuncupati, quod avari rerum, prodigi nominum atque notionum 
verborum videntur esse assertores. 

In hisce duobus generibus dissidium et bellum civile est; illius Thomas 
Aquinas Italus et Joannes Duns Scotus; huius Vilelmius Ocomensis Anglius, cuius 
sepulcrum marmoreum apud nos in Boiaria Monachii in templo Franciscanorum 
monstratur, Marsilius Haedulobergensis academiae, Joannes Buridanus Viennensis 
gymnasii institutor, Gregorius Ariminensis Viennae humatus, antesignani sunt . . . 

<202> Istaec nova Aristotelicorum secta <die des Roscelin> a veteribus 
pene explosa et exibilata a Vilelmio Ocomensi rursus excitata, aucta atque de 
integre instaurata est. Hanc ob causam a suis venerabilis ille inceptor vocari 
solet; vicitque manus Vilelmii adeo, ut celeberrima Athenea GalUarum Lutetia, 
Germaniae Magnae Hercynophos (Erfurt), Nariscorum Angilostadium (Ingol- 
stadt), Noricorum Vienna in illius verba iuraverint.' Joh. Turmairs gen. Aven- 
tinus Annales ducum Boiariae ed. S. Riezler II (München 1884) 200 ft 

2) S. unten Leipzig, wo diese Universität auch von nominälistischer Seite 
als ausschließlich realistische Hochschule bezeichnet wird. 

3) S. unten Ingolstadt. *) S. ebd. 

11* 



164 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Drucke des kurfürstlichen Schreibens zur Aufnahme und paritä- 
tischen Behandlung der Nominalisten bereit und die Wiener 
Hochschule hatte 1499 gegen die Errichtung einer Realistenburse 
nichts einzuwenden, wenn sich eine genügende Zahl von Hörern 
dieser Richtung anmelden würde. Andererseits sehen wir frei- 
lich, daß in Ingolstadt die Realisten zur Abwanderung nach 
Leipzig gezwungen waren und es sollen Köln, Leipzig und Witten- 
berg zeitweise die Nominalisten einfach ausgeschlossen haben. 
Wohl angeregt durch das Beispiel und die Erfolge Kaiser 
Karls IV. bei seiner Prager Gründung erbat sich auch Herzog 
Rudolf IV. von Österreich 1365 von Urban V. die Bevollmäch- 
tigung zur Errichtung einer Universität in Wien ^), Für deren 
Einrichtung bediente er sich des Rates des Pariser Artisten Albert 
von Sachsen ^). Der bald eingetretene Tod des Gründers und 
Spaltungen in der herzoglichen Familie beeinträchtigten bedeutend 
das Gedeihen der jungen Gründung, so daß Herzog Albrecht III. 
1384 eine weitgehende Reorganisation ins Werk setzen mußte. 
Für sie wurde Heinrich von Langenstein (de Hassia)^) berufen, 

1) J. Aschbach, Geschichte der Wiener Universität I (Wien 1865); 
R. Kink, Gesch. der Univ. zu Wien, Wien 1854, I 1 Darstellung, I 2 Urkunden, 
II Statuten, beide vielfach überholt; H. Denifle, Universitäten 604 — 625 viel 
Neues; G. Bauch, Die Reception des Humanismus in Wien, Breslau 1903 mit 
erneuter Benutzung der handschriftlichen Akten der Artistenfakultät. 

2) Auch Albertus de Helmstede, Riggersdorf (Rigmersdorf) s. Denifle, 
Universitäten 608, A. 1585. 

3) Henricus Heinbuch (Hembuche, de Langenstein) de Hassia, nicht aus 
adeliger, sondern ärmerer Familie, erscheint am 20. Februar 1363 in Paris, 
indem er das Bakkalaureat erlangt (iuravit iuramenta consueta determinantium 
et determinavit <sub Hermanne Consul de Saxonia) Auctarium I 279, über den 
Namen ebd. I p. XLII. 

20. Mai 1363 erhält er die Lizenz (licentiatus est . . . ad S. Genovefam, 
cuius bursa nichil) ebd. 284. 

2. Juni 1363 verspricht er die Gebühren zu bezahlen ,si ad pinguiorem 
fortunam posset venire . . . incepit 2» feria post Pentecost.' (22. Mai) unter 
demselben Magister; ebd. 285. 

26. August 1363 wird er bereits zum Prokurator der ,natio anglicana* 
gewählt; ebd. 289. 

1364, 1370, 1371, 1372 erlangen unter seiner Leitung viele Scholaren das 
Bakkalaureat (determinant), die Lizenz oder halten ihre erste Doktorvorlesung 
(incipiunt); ebd. 294. 295. 298. 348. 349. 351. 354. 375. 387. 392. 401. 405. 409. 421. 

18. Oktober 1370 wird er zum Überbringer (nunfius) des rotulus gewählt, 
doch auf seine Bitte durch einen andern ersetzt; ebd. 369. 

26. November 1370 ist er nicht aktiver Professor in der Artistenfakultät 
(licet non esset regens); ebd. 375. 

30. September 1375 wird er als .bachalarius formatus in s.theol.' bezeichnet 
und zum Schiedsrichter bestellt; ebd. 478. 

4. März 1376 sucht er seine rückständigen Promotionsgebühren in Ord- 
nung zu bringen; ebd. 484. 485. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrscliaft des Nominalismus. — Wien. 165 

der seinerseits wieder verschiedene seiner Pariser Genossen 
Heinrich Kikpot von Kaikar, Heinrich von Oyta u. a. für Wien 
gewann. 

Während 1365 unter dem Einflüsse des Artisten Albert von 
Sachsen das Pariser System der Vorherrschaft der Artistenfakul- 
tät eingeführt wurde, bevorzugte der Theologe Heinrich von 
Langenstein 1389 das Prager System, das auch in Köln, Heidel- 
berg und Löwen Eingang fand. Das Rektorat war nicht mehr 
eine ausschließliche Domäne der Artisten, sondern war den Tüch- 
tigsten jeder Fakultät zugänglich^). 

Nach allgemeiner Annahme^) war die Wiener Universität 
von ihrer Gründung an eine Hochburg des Nominalismus. Leider 
bieten Aschbach ^) und Kink^) in betreff dieses wichtigen, die 
Lehrrichtung großenteils bestimmenden Punktes nur dürftige Be- 
merkungen, so daß die erforderlichen Quellenbelege für obige 
Annahme bisher noch immer fehlten. Die wenigen Anhaltspunkte, 
welche in Kinks Quellenpublikationen verborgen lagen, hat erst 
neuerdings Bauch ^) richtig herausgearbeitet. Bauch hat auch 
nach Kink die handschriftlichen Fakultätsakten der Artisten im 
Interesse der Geschichte des Humanismus von neuem heran- 
gezogen und hatte vor Kink Blick und einiges Interesse für den 
Wegestreit voraus. Aber auch er bringt kein Fakultätsstatut 
und keine andere obrigkeitliche Verordnung, welche zugunsten 
einer Alleinherrschaft des Nominalismus spräche. Wir müssen 
also ihr Bestehen aus gelegentlichen Angaben erschließen. 

Die vom Jahr 1389 datierten Statuten der Artisten fordern 
für das Bakkalaureat den Nachweis, daß der Kandidat Vorle- 
sungen über gewisse Textbücher gehört habe. Unter diesen 
Büchern finden sich neben solchen, welche beiden ,Wegen' ge- 
meinsam waren, auch einige, mit welchen sich nur die ,Modernen' 
befaßten. Es heißt da u. a.: ,debet audivisse Summulas Petri 
Hyspani, Suppositiones, Ampliationes etAppellationes, Obligationes, 

5. Januar 1377 soll er im Namen der Nation den Bischof von Glasgow be- 
grüßen; ebd. 510. 

1378 soll er Karl IV. drei Bitten der Nation vortragen; ebd. 530 s. hier 
oben S. 142. 

24. Mai 1379 finden wir ihn in einer wegen des Schismas berufenen Ver- 
sammlung; Chart, univ. Paris. III 568. 571 A. 19, n. 1624. 

Gegen 1383 verließ er Paris (ebd. I 659 nota 5, p. LXXI), darauf soll er 
sich eine Zeitlang im Zisterzienserldoster Ebrach aufgehalten haben. 

Gegen 1384 nahm er in Wien hervorragenden Anteil an der Reorgani- 
sation der dortigen Universität; Denifle, Universitäten 619 ff. 

1) R. Kink II 19. 80. 2) vgl. oben S. 162 f. 

3).I 79 ff. *) I 1, S. 90. 

*») Bauch, Die Rezeption 6. 



166 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Insolubilia, Consequentias' '). Das klingt allerdings spezifisch 
ockhamistisch. 

In denselben Statuten finden wir eine Taxenordnung für 
die Erklärung der vorgeschriebenen, Textbücher^), ferner sind 
uns Verteilungen dieser Bücher aus den Jahren 1390, 1431 und 
1528 erhalten^). In diesen finden wir folgende: die questiones 
Byridani (Buridani) zur Physik des Aristoteles, Alberts von 
Sachsen Erklärung de celo et mundo, die ihm zuweilen zuge- 
schriebene Summa naturalium *), ferner die Obligatoria und die 
Insolubilia des Johannes Holandrinus, die Logik Wilhelms von 
Heytesbury, endlich die Obligatoria und Insolubilia des Marsilius 
von Inghen ^), — alles ohne Zweifel echt nominalistische Autoren. 

Im übrigen wenn wir von Alleinherrschaft des Nominalismus, 
sei es an der Wiener, sei es an einer anderen Universität sprechen, 
so bezieht sich dies zunächst nur auf die artistische Fakultät, 
den eigentlichen Sitz der den Wegestreit nährenden Lehrfächer. 
Doch darf nie vergessen werden, daß, wie oben nachdrücklich 
hervorgehoben wurde, der Streit auch weite Gebiete der Theo- 
logie in Mitleidenschaft zog. In die theologischen Fakultäten 
hatten aber auch die Religiösen Zutritt, während sie aus den 
artistischen ausgeschlossen waren. Trotz dieses Ausschlusses 
wurden aber die philosophischen Fächer mit Vorliebe in den in 
den Universitätsstädten errichteten Studienhäuser der Orden mit 
mindest ebensoviel Eifer betrieben als in den artistischen Fakul- 
täten des Weltklerus; sind sie ja doch die unerläßliche Vorbe- 
dingung für einen gedeihlichen theologischen Schulbetrieb. Von 
diesen Ordenskollegien aus, mit ihrer wenigstens statutenmäßig 
realistisch orientierten Philosophie und Theologie, wurde eine 
nicht leicht zu überschätzende, wenngleich unwahrnehmbare Ein- 
wirkung auf die parallel laufenden Universitätskurse ausgeübt. 
Allerdings wurde diese Einwirkung um so schwächer, je mehr die 
Ordensstudien selbst in den Strudel des nominalistischen Treibens 



1) Kink II 189. 2) n 213. 2I6. 3) I 2, 10—13. 

4) Vielleicht die ,Philosophia pauperum', s. vor allem M. Grabmann, 
Die ,Philosophia pauperum' und ihr Verfasser Albert von Orlamünde, in: Bei- 
träge zur Gesch. der Philos. des M. A. XX 2, Münster 1918. 

">) Kink II 216 ,Item magister disputans in prlvato exercitio questiones 
Byridani aut equales in numero Physicorum, habeat de ipsis octo libris Physi- 
corum viginti quatuor grosses a quolibet exercitantium, ita quod non presumat 
plus aliqualiter extorquere.' — ,De questionibus de Celo et mundo Alberti vel 
equalibus ipsis in numero: duodecim grossos.' — II 213 .Si^mrna naturalium 
Alberti quatuor grossi.' — I 2, 12 ,Naturalia Alberti.' — I 2, 11. 12 .Obligatoria 
(zweimal) Insolubilia Holandrini.' — I 2, 10 ,Loyca Hesbri.' — I 2, 11. 12 .Obli- 
gatoria, Insolubilia Marsilii.' — Über Heytesbury und Holandrinus s. Prantl 
IV 89. 267. 



Die Schulen. 4; Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Wien. 167 

hineingerissen wurden. . Am offenbarsten ist dieser Einfluß in 
Köln und Löwen, in etwa auch in Prag und Paris. Ob je in 
Wien und den andern deutschen Universitätsstädten Studienhäuser, 
zumal der in Studiensachen zielstrebigen Dominikaner bestanden, 
wäre noch, zu untersuchen. Jedenfalls hatte die Allein- oder 
Vorherrschaft des Nominalismus allenthalben eine bisher viel 
zu wenig in Rechnung gestellte Einschränkung und Grenze in 
den Ordensschulen. 

Hermelink ^) glaubt, die ockhamistische Tradition sei in Wien 
durch Gregor von Rimini begründet und durch berühmte Männer 
wie Heinrich von Langenstein und Heinrich von Oyta befestigt 
worden. Jedoch Gregor war, soviel bis jetzt bekannt, in Wien 
niemals als Lehrer tätig, noch hatte er zur dortigen Hochschule 
irgendwelche Beziehungen. Er wurde am 28. Mai 1357 zum 
Generalprior feines Ordens erwählt. Im folgenden Jahr finden 
wir ihn in Wien. Doch führten ihn allem Anscheine nach Ordens- 
angelegenheiten dahin. Sein Vorgänger, der Ägidianer Thomas 
von Straßburg, war in Wien gestorben^). Nun nahm Gregor dessen 
Visitationsreise daselbst wieder auf. Doch bereits 1358 raffte 
auch ihn zu Wien der Tod hinweg^). Es war wohl obige 
Stelle Aventins, die zu diesem Irrtum Anlaß gab. 

Sehr beachtenswert ist das Ende des nominalistischen, ja 
an den akatholischen Universitäten so ziemlich jeglichen philo- 
sophischen Lehrbetriebs zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Die 
beiden Hauptfaktoren dieses Untergangs waren der Humanismus 
und die Reformation. Uns interessiert hier zumal die Einwirkung 
des Humanismus, welche sich an der Wiener Universität beson- 
ders deutlich verfolgen läßt. Allerdings verfielen auch die rea- 
listisch gerichteten Fakultäten, welche gleichfalls die Zeichen 
der Zeit nicht verstanden und ihren Bedürfnissen keine Rech- 
nung getragen hatten. Durch die Überwucherung der sophi- 
stischen Formallogik und durch veraltete Grammatiken und Text- 
bücher im Unterricht der lateinischen Spräche war der Schul- 
betrieb auf ein nach Reform schreiendes Niveau herabgedrückt. 



1) In Köln war seit 1248 ein Generalstudium der Dominikaner für die 
weitausgedehnte Teutonia. Über Wien und andere Städte, in denen sog. ,studia 
solemnia' gewesen zu sein scheinen, s. B. M. Reichert 0. P., Akten der Pro- 
vinzialkapitel der Dominikanerprovinz Teutonia, in: Römische Quaftalschr. XI 
(1897) 296 ff. . - 

2) S. 134: ,Die ockaraistische Tradition war in Wien durch Gregor von 
Rimini begründet und durch berühmte Männer wie Heinrich von Langenstein 
und Heinrich von Oyta befestigt.' 

8) Höhn, Chronologia provinciae suevo-bavaricae (s. 1.) 1744, p. 57. 
4) J. Ossinger, Bibl. Augustana 7.4. 



168 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Es war also dem frisch aus den klassischen Quellen schöpfenden 
Humanismus die Bahn vielerorts aufs beste bereitet. 

Das Auftreten eines Enea Silvio (Pius IL) diesseits der Alpen, 
später das fahrender, italienischer Dichter und Redner und deut- 
scher Italienfahrer regte zunächst die Neugierde an, und bald 
gewannen ihre wohlklingenden und einschmeichelnden Verse und 
Sprüche leitende Kreise, ja gekrönte Häupter. Die Apostel der 
neuen Kunst waren zum Teil von Haus aus Juristen, Mediziner, 
ja auch wohl Theologen. Doch fühlten sie sich oft in den ihnen 
durch ihr Fachstudium geöffneten Fakultäten nicht wohl. Sie 
fanden dort für ihre , Hauptkunst' kein rechtes Verständnis. Daher 
strebten sie in der Regel der artistischen Fakultät zu, so wenig 
Gegenliebe diese buntgefiederten Neulinge bei den nüchternen 
Philosophen auch fanden. Und doch ging das poetische Fein- 
gefühl nicht irre. Dorthin gehörten sie nach einer eigentüm- 
lichen Laune des alten Schulplans. Dies beweist zum Beispiel 
ein Statut der Wiener Artistenfakultät aus vorhumanistischer 
Zeit, aus dem Jahre 1428 in betreff der Vorbereitungen zur 
Bakkalaureatsprüfung ^). Es enthält reichhaltige und eingehende 
Bestimmungen über das Studium dei* lateinischen Grampiatik 
und seine Lehrbücher. Im übrigen gehörten die humanistischen 
Studien auch begrifflich, wenn sie im Universitätsbetrieb einmal 
eine Stelle finden sollten, eher zu den grundlegenden artistischen, 
als zu den besonderen Fachstudien. Freilich ihre eigentliche Stelle 
waren die auf die Universität vorbereitenden Partikular-, Stadt- 
und Kapitelschulen; in diese und in die an ihre Stelle tretenden 
Gymnasien hat sie denn auch die Studienreform des 16. Jahr- 
hunderts eingereiht. — Indessen erwiesen sich in der Regel die 
einmal in die artistischen Fakultäten eingedrungenen Humanisten 
als eine wahre Kuckucksbrut, welche die alteingesessenen Ar- 
tisten nur zu bald aus ihrem Neste verdrängte. — Es wird frei- 
lich allenthalben hervorgehoben^), daß der Humanismus unter 
den Vertretern beider Wege gleichmäßig begeisterte Anhänger 
gewann. Einige von ihnen setzten das fahrende und hungernde 
Poetentum fort; andere und nicht wenige gewannen in verschie- 
denen Lebenslagen der neuen Kunst den ihr anfangs mancher- 
orts fehlenden Ruf wissenschaftlicher Gediegenheit und achtung- 
gebietender Lebenshaltung. 

Allerdings blieb es aus ihnen allen nur einem niederländi- 
schen und einem spanischen Dominikaner der theologischen Fa- 

1) Kink II 274 ff. 

2) W. Visclier, Geschiclite der Univ. Basel, Basel 1860, 190 ff. 175. 187 
bezeugt dies für die Basler Realisten. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Wien. 169 

kultät von Paris mit ihren Schülern von Salamanca vorbehalten, 
die lebensfähigen und berechtigten Elemente des Humanismus 
durch eine zeitgemäße Erneuerung des philosophischen und theo- 
logischen Lehrbetriebs in der neueren Scholastik vollauf zu ver- 
werten^). 

Doch kehren wir zu der Wiener Hochschule zurück. In 
ihrer Umwelt wirkte die Erinnerung an die Werbetätigkeit Enea 
Silvios noch lebhaft nach und bereitete bei dem alternden Kaiser 
Friedrich HL und dem frisch aufstrebenden Maximilian I. dem 
Humanismus den Boden '^). Schon dessen erste Vertreter fanden 
durch die Gunst des Hofes leicht Zutritt und Einfluß. Diese 
ersten Berührungen mit der neuen Geistesrichtung genügte, um 
bei den für sie gewonnenen kaiserlichen Raten, ja selbst bei 
dem Superintendenten Perger Anschauungen zur Geltung und 
Entschlüsse izur Reife zu bringen, welche Dinge wie den Wege- 
streit und was mit ihm zusammenhing, wegzufegen geeignet 
waren, wobei, wie es bei Reformen so leicht geschieht, das Kind 
mit dem Bade ausgeschüttet wurde. 

Die damals in den leitenden Kreisen herrschende Geistes- 
verfassung zeigt uns das Reformdekret, das Perger im Namen 
des Fürsten dem Dekan der Artistenfakultät zugehen ließ und 
dieser am 13. Oktober 1492 der Fakultät vorlegte^). Von den 
vier Punkten beklagt der erste, daß die Hörer mit nichtssagenden 
und nutzlosen Sophistereien hingehalten werden, statt mit grund- 
legenden Texten beschäftigt zu werden. Der dritte rügt, daß 
die Universität sich nicht nach dem Beispiele anderer berühmter 
Hochschulen einen der großen Lehrer wie Skotus, Albert oder 
einen ihm nahestehenden oder auch Ockham zum Führer er- 
wählt habe^). Die beiden andern Punkte betreffen die Unzu- 



^) Vgl. F. Ehrle, Die vatikanischen Handschriften der Salmanticenser 
Theologen, in: Katholik 64 (1884) 495 ff, 

2) G. Bauchs reichhaltige Studie: Die Reception des Humanismus in Wien, 
Breslau 1913, 11 ff. 3) Ebd. 25 ff. 

*) Kink I 1, 194, Anm. 4, wo jedoch gerade das Wichtigste ausgelassen 
ist. Ergänzt in Bauch a. a. 0. 30 f., Anm. 4: ,Primo quidera in eo quod scolares 
et baccalarii nostre facultatis occuparentur duntaxat rebus vanis et inutilibus 
sophismatibus, relictis textibus et aliis f undamentalibus ; secundo quod nee 
lectiones fierent sicut <31> fieri deberent, utiliter et diligenter, ymo, si ita con- 
tinuando essent in futurum, nihil opus esse principi exponere salarium pro magi- 
stris collegiatis, cum alias et habundanter possint haberi lectores; tercio, quod 
facultas in doctrina nuUum ex insignibus et probatis doctoribus more aliarum 
universitatum sequeretur, puta Scotum doctorem subtilem, Albertum Magnum 
vel alium talem, sed nee Occam; quarto quod nee in textualibus fierent exa- 
mina graduandorum, sed solum in aliis et statim iterum deponerent, solum de 
his curantes, quibus examinantur. Aus den Acta facultatis artium III 357. 



170 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

länglichkeit der an der Universität gehaltenen Vorlesungen. — 
Es hatte also Perger nur mehr eine etwas dunkle Erinnerung 
an die Sophismata seiner Bakkalaureenzeit. Die Namen der großen 
Lehrer hafteten hoch in seinem Gedächtnis, die Eigenart jedes 
einzelnen war ihm anscheinend nicht mehr klar, ebensowenig 
die bisherige Orientierung der Universität und deren Begründung, 
daher dann die verblüffende Zurwahlstellung aller. Was Wunder, 
wenn in der Folge 1499 im Unmut über den unbefriedigenden 
Gang der philosophischen Studien die bisherige Alleinherrschaft 
des Nominalismus beseitigt und dem Realismus Zugang gewährt 
wird. Es geschieht nicht aus klarer Erkenntnis etwaiger Vor- 
teile, sondern mit einer sich über den ganzen Wegestreit hinweg- 
setzenden Geste ^). Der Sinn der Herren stand nun einmal auf 
möglichste Förderung ihrer humanistischen Studien. 

Der Anfang des Endes war auch in Wien, daß an die Stelle 
der allerdings längst veralteten Grammatiken neue, nach klassi- 
schen Mustern gestaltete traten^), daß die sehr unzulänglichen 
Übersetzungen der aristotelischen Schriften aus dem 13. Jahr- 
hundert durch neue ersetzt wurden, welche in humanistischen 
Kreisen durch des Griechischen vollauf mächtigen Übersetzer 
veranstaltet waren ^) — Neuerungen, die ohne Zweifel ihre Be- 
rechtigung hatten. Weittragender war schon, daß selbst an 
katholischen Universitäten die aristotelischen Schriften durch 



1) Kink II, 198, vollständig bei Bauch a.a.O. 96. Nach den Bestimmungen 
über die humanistischen und grammatilialischen Verlesungen wurde unter dem 
Druck des Hofes von der Fakultät in betreff der philosophischen Fächer be- 
stimmt: .Quatenus predicta ordinate et expeditius fierent, hortatur facultas ar- 
tium per prefatos dominos deputatos, ut aliquos de gremio suo magistros ydo- 
neos eligat, qui libros secundum viam Nominalium hinc inde disperses, sub ex- 
pensis tamen facultatis, emendent, corrlgaht et simul in unum librum aut cur- 
sum comportent ac demum in lucem imprimi faciant pro studio et incremento 
singulari facultatis. Facultas interea cursum Thome Bricoti cum textu Aristotelis 
recipiat. Insuper omnibus magistris et conventoribus (Vorständen der Bursen) 
seriosius demandat, ut huiusmodi doctrinam mutuentur, doceant eamque bac- 
calaureis et scholaribus clare et diligenter tradant ... 

Item de bursa Realistarum conclusum est taÜter: si tanta üeret futuris 
temporibus affluentia scholarium, qui affectarent et desiderarent, sub tali, quam 
vocamus Realistarum, via et disciplina edoceri, tunc una domus de via illorum 
erigatur, in qua conventor, magistri, baccalaurei et scolares Reales sint, neque 
alicui hcitura Sit, hac in domo inhabitare, nisi sub hac disciplina edoceri et pro- 
moveri velit.' Aus Acta fac. artium IX 10. 

Übrigens blieb ein guter Teil dieser von den .Regenten' der Fakultät ab- 
gerungenen Verordnungen toter Buchstabe. S. Bauch a. a,. 0. 102 f. 

Über Bricot s. Frantl IV 199, der ihn als .terministischen Skotisten' be- 
zeichnet. 2) Bauch a.a.O. 16 f. 106 f. 115. 

3) Ebd. 113. Diesen humanistischen Übersetzern fehlte allerdings viel- 
fach das erforderliche Verständnis des Lehrinhalts. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Heidelberg. 171 

modeartig wechselnde Bearbeitungen ersetzt und selbst dieses 
stark humanistisch gestaltete Studium der Philosophie durch An- 
gliederung von Sprachen, Mathematik und Astronomie bedeutend 
eingeschränkt wurde. Immerhin gaben diese Hochschulen die 
Philosophie als gründlegende Einführungswissenschaft für die 
Fachwissenschaften und im besondern für die Theologie nicht 
auf. Dies geschah selbst in den akatholischen Universitäten erst 
infolge des religiösen Umsturzes. Es fiel also die scholastische 
Philosophie - nicht dem Humanismus, sondern dem Luthertum 
endgültig zum Opfer, wie uns die Entwicklung der Dinge an 
der Wittenberger Hochschule so deutlich zeigt ^). 

Heidelberg 1386. 

Die Heidelberger Universität verdankt ihre Gründung 
dem Kurfürsten Ruprecht L, auf den wohl auch der Erfolg des 
ihm befreundeten Kaisers Karl IV. eingewirkt hatte ^). Auf seine 
Bitte stellte ihm Papst Urban VI. am 23. Oktober 1385 das er- 
forderliche Bevollmächtigungsschreiben aus ^). Der erste Schritt, 
den Ruprecht nach Ausweis der uns erhaltenen Akten, zur Ver- 
wertung des päpstlichen Schreibens tat, war, daß er unter dem 
29. Juni 1386 den geschätzten Pariser Artistenmagister Marsilius 
von Inghen (bei Arnheim) als , seinen Pfaffen' und ausdrücklich 
als jAnheber und Regirer' der zu errichtenden Hochschule be- 
stellte^). Ohne Zweifel unter dessen Leitung legte sodann der 
Kurfürst durch ein Schreiben vom 1. Oktober 1386 die Grund- 
linien der Universitätsverfassung fest''), und zwar in auffallend 
engem Anschlüsse an Paris, wodurch auch vorerst das in mancher 



1) Ebd. 108 ff. 115. 

2) Ebd. 163. Ders. , Wittenberg und die Scholastik, in: Neues Archiv f. 
Sächsische Geschichte (1897) 285—339. 

3) Das handschriftliche Material für die Geschichte der Universität liegt 
großenteils in der Hss-Sammlung der Universitätsbibliothek in den Schränken 
358. 359. 362. 389. Aus ihnen schöpfte G. Toepke, Die Matrikel der Univ. 
Heidelberg von 1386—1662, Heidelberg (3 Teile : I (1884), II (1886), HI Register (1893) 
und E. Winkelmann, Urkundenbuch der Univ. Heidelberg, Heidelberg 1886, 
I Urkunden, II Regesten. In I S. VII ff. eine kurze Übersicht über das hand- 
schriftliche Material. Leider konnten selbst für die ältere Zeit nicht alle wün- 
schenswerten Texte abgedruckt werden, so daß die Veröffentlichung zumal der 
älteren Dekanatsbücher oder Fakultätsakten sehr zu wünschen bleibt. — 
J. F. Hautz, Geschichte der Univ. Heidelberg, Mannheim, I (1862), II (1864), 
eine für ihre Zeit fleißige Arbeit, ist nun vielfach überholt. Vgl. H. Denifle, 
Universitäten 380 ff. 

4) Winkelmann I 3, n. 2. 

5) Ebd. I 4, n. 3; ,iniciator nostre universitatis' nennt ihn 1423 der Rektor 
I 122, n, 86. 6) Ebd. I 5, n. 4. 



172 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Beziehung nicht heilsame Übergewicht der Artistenfakultät nach 
Heidelberg verpflanzt wurde. 

Gegen eine der typischsten Bestimmungen des Pariser Sy- 
stems, die Bestimmung, durch welche das Rektorat zur aus- 
schließlichen Domäne der Artistenmagistri wurde, machte am 
31. Januar 1387 der ehemalige Prager Magister der Theologie, 
Konrad von Soltau, welcher in Prag eine teilweise nach Bologna 
orientierte Verfassung kennengelernt hatte, bereits bei der Ab- 
lesung des Immatrikulationseides einen Vorbehalt ^ und regte 
schon am 16. März 1387 eine Änderung dieser Bestimmung an; 
zunächst freilich ohne Erfolgt). Einen solchen hatte erst ein 
zweiter Antrag in der Universitätsversammlung am 15, Juni 
1393^). Es. wurde probeweise für zwei Jahre das Rektorat allen 
Magistri aller Fakultäten, ja in besonderen Fällen sogar einem 
Scholaren zugänglich gemacht und das aktive Wahlrecht gleich- 
falls allen Magistri zugestanden. Da die Probe günstig ausfiel, 
wurde die neue Bestimmung bis Dezember 1398 verlängert*). 
Hiermit war ohne Zweifel der Einfluß der Artistenfakultät be- 
deutend eingedämmt. 

Trotzdem war anscheinend der Nominalismus durch den 
überwältigenden Einfluß des Marsilius noch auf Jahrzehnte hin- 
aus so stark, daß der Realismus neben ihm keinen Zutritt fand^). 



1) Wir lesen in Toepice, Matrikel I 3, Anm. 3: Jnsuper ultimo die ianua- 
rii <1387> iuravit venerabilis vir magister Conradus de Soltau, doctor s. theol., 
modo expresso, hoc excepto quod super statuto domini nostri ducis, quo tene- 
batur, quod semper . rector deberet esse magister in artibus et non doctor in 
alia facultate, dixit se velle plenius deliberare, super quo postea pluries extitit 
disceptatum. luraverunt etiam tunc magistri Fridericus de Solczbach magister 
in artibus Pragensis et Albertus Korner, baccalarius in medicinis in eadem uni- 
versitate.' Acta (Annales) univ. (Cod. 362 der Univ. Bibl.) I 37. 

Wie die ursprüngliche Rechtslage war, zeigt der Bericht des Marsilius 
selbst über die Wahl des ersten Rektors : ,Post hoc XVII die Novembris <1386> 
congregatis magistris tribus in facultate artium, de qua iuxta modum universi- 
tatis Parisiensis et privilegia dicti domini ducis eligi debebat rector, super elec- 
tione primi rectoris pro dicti studii gubernatione electus est concorditer dictus 
magister Marsilius de Inghen per'dictos magistros Heylmannum et Dytmarum, 
consentiente ad hoc magistro Reginaldo sepedicto; qui licet Interesse non debebat, 
nichilominus ex superhabundanti, quia pauci adhuc erant magistri artium, et 
cum protestatione, quod non traheretur in consequentiam, cui protestationi idem 
magister Reginaldus consensit, Mt admissus et vocatus.' Winkelmann 12, n. 1. 

2) Winkelmannn I 16 f., n. 17. 3) Ebd. I 53, n. 31. 
4) Ebd. I 55, n. 31. 

^) Über die Stellung Heidelbergs im Wegestreit berichtet das bereits oben 
(S. 162) erwähnte Manuale clericorum ed. Zarncke, Die deutschen Universitäten 
20: Camillus: Unde venis? — Bartolus: De Erfordia. — Cam. . . . Quorsum 
iter est tuum? — Bart. Heidelbergam versus . . . Cam. Expone modum uni- 
versitatis vestrae <d. h. Erfurts) — Bart. Faciam cupide. Priraum colunt viam 



\. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Heidelberg. 173 

Es war nämlich Marsilius neben Ockham und Buridan einer der 
rührigsten Vertreter der neuen Richtung. Selbst in Paris reichten 
die größten Schulräume der englisch- deutschen Nation kaum 
hin, die Schülermassen zu fassen 0, welche sein Name anlockte. 
1385 war er eben bereits fast dreiundzwanzig Jahre ununter- 
brochen in der Pariser Artistenfakultät im Lehrfach tätig ge- 
wesen und verharrte anscheinend in ihm bis zu seinem Tode 
(t 20. Aug. 1396). Nach 1394 war er nur ,magister in artibus 
et s. theol. baccalarius formatus*; erst einige Zeit nach seinem 
Tode 1422 wird er ,sacre pagine professor* genannt, eine Be- 
zeichnung, welche nicht ohne weiteres Glauben verdient. 

Sonst läßt sich aus der wissenschaftlichen Orientierung der 
ersten Lehrer auf die der Hochschule kaum ein Schluß ziehen. 
Unter diesen, d. h. unter den Graduierten, welche sich in der 
ersten Zeit der jungen Hochschule einverleiben ließen, findet 
sich eine auffallend große Zahl von ,Pragenses', neben mehreren 
,Parisienses' ^). Es begannen eben 1384 unter dem Rektorate 
Konrads von Soltau die hussitischen Wirren ^). Erzbischof Johann 
von Jenstein sprach am 2. Dezember 1384 die Universitätskollegien 
den Böhmen zu^). Konrad selbst finden wir in Heidelberg wieder. 



modernorum; antiquos, si qui sunt, non admittunt neque ipsis . concessum est 
aut legere aut exercere. — Cam. Quam ob rem? — Bart. Propter dissensiones, 
nam litigia concitantur, e quibus inimicitia oritur nasciturque invidia; ad vitandos 
vero huiuscemodi concertationes unam viam habere existimant. — Cam. Id 
laudandum non est, nam si multiplex esset via, acutiores fierent usitatioresque 
et ad arguendum promptiores discipuli. — Bart. Verissimum hoc est. — Cam. 
Sedrogasti, quis sit ritus universitatis nostrae <d. h. der Heidelberger> tibieno- 
darem. Est longe alius, ut audio, quam vester; primum modernos non exclu- 
dimus; si quid boni haurire poterimus, non recusamus; tum in quacunque via 
magistri admittuntur; salvum est euique, resumere, quod probationibus suis con- 
tinere valeat; siquidem apud nos sunt aliqui, qui Albertum sequuntur, qui 
Thomam in dihgentia, qui subtilissimi Joannis Scoti vestigia observant . . .' 

Ebd. S. 44: Cam. Quae via nunc floret <in Heidelberg) — Bart. De 
omni opinione reperies artiura cultores; at via doctoris Sancti est amplior aliis. 
— Cam. Nempe a pluribus audiverim, quondam universitatem plenam fuisse 
modernorum dogmatibus <vor 1452). — Bart. Sic est, et adhuc seniores ma- 
gistri, maxime de natione Suevorum moderni sunt; sed scholares non habent 
inclinationem ad ipsos. — Cam. Quid autem de via dices vel doctoris magni 
vel subtilis? — Bart. Nihil; nam qui Albertum sequuntur, pauci sunt, tres tan- 
tum quatuorve magistri Coloniae promoti, et totidem, qui fortasse Scotum se- 
quuntur; sed parva est eorum audientia.' 

1) Denifle-Chatelain, Auctarium I, p. 459. 

2) Toepke I 1 ff.; bei Benutzung dieser ersten Liste ist freilich das in 
Anm. 1, S. 1 Gesagte wohl zu beherzigen. Weitere Aufzählung der Lehrer aus 
den ersten Jahren s. Winkelmann I 1. 2. 13. 17. 53. 

3) S. oben S. 141. 

*) Tomek, Gesch. der Univ. Prag 47. 



174 III, Zur Charakteristik Peters von Candia. 

WO er neben dem belgischen Zisterzienser Reginaldus de Buxeria 
(auch de Alna, seiner Heimatabtei) ^ der bedeutendste Vertreter 
der Theologie war^), Reginald wandte sich 1388 nach Köln^). 
Bekanntlich war die junge Heidelberger Universität Ende 
1388 der Auflösung nahe. Neben Pest und Kriegen wird auch 
die Gründung der benachbarten Kölner Hochschule (1388) unter 
den zehrenden Kräften erwähnt^). Ob die Ausschließung des 
Realismus in Heidelberg auch ein Faktor in der Abwanderung 
war ? In den Quellen findet sich kein Anhaltspunkt. Auf diese 
Frage und über die wissenschaftliche Orientierung der Hoch- 
schule erhalten wir erst durch Rückschlüsse aus Statuten etwas 
späterer Zeit sichere Aufklärung. — Auf den 1406 erfolgten Aus- 
schluß des »fahrenden' Magister Hieronymus von Prag darf nicht 
allzu starker Nachdruck gelegt werden. Außer seinem übertrie- 
benen, wiklifitischen Realismus war es sein später auch in Wien 
an den Tag gelegtes anmaßendes und unbotmäßiges Benehmen, 
was ihn allenthalben unmögliclj machte^). Zunächst verbot am 



1) Toepke I 1. 3 A. 2. Er kam etwa September 1386 nach Heidelberg 
als Pariser Doktor. ' 

2) Winkelmann I 2 nach dem Gründungsbericht des Marsilius: ,qui per 
dictum dominum ducem honorifice receptus stipendiis certis est retentus, ut 
dictum Studium initiaret in facultate theologie', 

8) Wir finden ihn bereits 1389 in Köln, Keußen, Matrikel 17. 

4) Item citra medium rectorie <dem Rektorat des am 10. Oktober 1388 
erwählten Bertholdus de Osenbrugge> recedente rectore propter epideraiam et 
guerras et una secum magistris Hertleno de Marka et Theoderico de Monasterio 
et fere simul omnibus scolaribus, paucis in comparatione demptis, substitutus 
fuit magister Marsilius de Inghen et intitulati sunt sub eo in parte eiusdera rec- 
torie sequentis. Es folgen nur zwei Namen. 

Zu dieser Stelle bemerkte Marsilius am Rand: ,Attende hie recessum rec- 
toris propter epydemiam et guerras et fere omnium scolarium et erectionem 
studii Coloniensis.' Toepke I 34, Anm. 4. 

5) (Casimir US Wundt), Programma memorabilia nonnuUa ordinis philo- 
sophici Heidelbergensis exhibens, Heidelbergae 1779, p. 5, nota 8 werden die 
bekannteren Graduierten aufgezählt, welche sich in den ersten Jahren der 
Heidelberger Hochschule einverleiben ließen. Unter ihnen wird auch Hieronymus 
von Prag erwähnt. Aus dem nun verlorenen ersten Band der Dekanatsakten 
der Artistenfakultät wird über Hieronymus einiges mitgeteilt. ,Anno 1406, 7 die 
aprilis Mag. Hieronymus Pragensis ad facultatem artium hie receptus, sed paullo 
post ab ea exclusus est. Volumen I actorum facultatis artium, fol. 28 sequentia 
de eo habet: ,M. Jerönimus de Praga, postquam receptus fuit ad facultatem 
artium, volens facere actum publicum quod iraportune arroganter infective contra 
magistros modernes sc, Buridanura, Marsilium etc, multa mirabilia in positione 
sua dixit, publice in scolis representans eos non vere loyce auctores, sed fere 
hereticos, requisitus fuit per iuramentum, quatenus presentaret suam positionem 
facultati, antequam exiret scolas, quod facere minime curavit.' Deinde copiosius 
narratur eundem nonnullis magistris in disputatione .puncta pessime sonantia' 
publice concessisse multaque ,praesumptuose, importune et contumeliose contra 



Öie Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Heidelberg. 175 

8. November 1412 die theologische Fakultät von Heidelberg unter 
dem frischen Eindruck der Prager Wirren nicht etwa nur die 
gefährlichen Irrtümer Wiklifs, was etwas Selbstverständliches 
gewesen wäre, sondern in Verbindung mit ihnen ausdrücklich 
,etiam universalia realia', mit dem Zusatz ,verum potius con- 
traria', zu ergäiizen ,dogmatisent* 0- Im Jahre 1444 forderte 
der Kurfürst Ludwig IV., bald nachdem er 1442 die Regierung 
seines kleinen, aber reichen und schönen Landes angetreten 
hatte, nach dem Beispiel seines Vaters Ludwig (1410), von der 
Universität einen Bericht ein über ihren Stand und allenfallsige 
Reformvorschläge ^). Bei den hierfiir am 26. April gepflogenen 
Beratungen wurde, wie es scheint, auch die Frage aufgeworfen: 
,an expediret facultati pro eius incremento et augmento admit- 
tere viam antiquorum in hac universitate'. Zu diesem Zeitpunkt 
erhielt dieser realistische Fühler eine energische Abfuhr. Es 
wurde ihm nicht bloß ein scharfes Nein entgegengesetzt, sondern 
eine neungliedrige Kommission eingesetzt, die beraten sollte, wie 
man den Realisten derartige Versuche für die Zukunft verleiden 
könne ^). , ; 

Der Kommission gelang es nicht, die Realisten von weiteren 
Vorstößen abzuhalten. Kaum hatte Friedrich I. die Regierung 
angetreten, so erfolgten wieder solche, zunächst allerdings mehr 
persönlicher Art. Am 12. April 1452 erlaubten sich zwei Ma- 
gistri Jost von Kalw und Marzell Geist von Atzenheim unlieb- 
same Bemerkungen über einige ihrer Kollegen und deren Lehr- 
methode, worauf sie sofort für ein halbes Jahr vom Lehramt 



doctores et magistros vivos et defunctos' protulisse, ideoque per facultatem ab 
omni ,actu scholastico' suspensum fuisse; cum vero hac suspensione non ob- 
stante ,replicationem' seu defensionem suam e valvis publicis indicasset, .inti- 
matum', sie acta pergunt, ,fuit-'sibi sub sigillo decanatus per iuramentum et sub 
pena exclusionis perpetue a dicta facultate, quatenus cessaret <6> ab actu 
scholastico sive legendo, regendo, disputando, determinando, exercendo seu etiam 
replicando; quibus Omnibus non obstantibus sequenti die diptus M. Jeronimus 
iterum intimavit, ut prius, se volle replicare etc., iuxta quod intimatum ivit 
ad cemeterium Sancti Petri, ubi inter rusticos et vetulas tantum, quod studen- 
tibus Omnibus per iuramentum suo actui Interesse fuit interdictum'. 

1) Winkelmann 1106, n. 70: ,Anno Domiiii M.CCCC.XII die octava mensis 
novembris facta congregatione omnium magistrorum facultatis theologice, prius 
et pro tunö prehabita deliberatione conclusum fuit et statutum, quod nullus magi- 
strorum vel baccalarius dogmatiset aut dogmatisare presumat perversa condemp- 
nataque dogmata Wycklet'f etiam universalia realia, verum potius contraria. 
Insuper si quem audierit intellexentve talia dogmatisantem, denuntiet talem loci 
ordinario aut decano facultatis theologice vel ipsi facultati.' Aus den Acta fac. 
theol. (cod. Heidelb. 358, 46) f. 5. 

2) W.inkelmann I 147. 

3J Winkelmann II 36, n. 316 aus Acta fac. art. I 225. 



176 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

suspendiert wurden ^). Dieselben verzichteten aber ohne weiteres 
auf alle ihre Befugnisse in der Artistenfakultät. Zehn Tage 
später, am 22. April 1452, in derselben Sitzung, in der der Ver- 
zicht der eben Genannten der Fakultät kundgegeben wurde, 
kam ein zweiter .Fall dieser Art zur Verhandlung und diesmal 
erfahren wir Genaueres. Ein Magister Peter von Kalw, also 
ein näherer Landsmann des Jost, hatte sich scharf gegen die 
ganze Fakultät ausgelassen und unter anderm nach . seinem ei- 
genen Geständnis gesagt ,quod etiam vellet in contumeliam et 
opprobrium omnium de facultate se dare ad viam antiquorum', 
refutando et contempnendo viam modernorum'. Auch ihm werden 
alle seine Befugnisse entzogen^). Außerdem wird bald darauf 
beschlossen, bei der Immatrikulation das eidliche Versprechen 
zu verlangen, die zu Graduierenden würden bei der Erklärung 
der vorgeschriebenen Autoren dieselbe Methode zur Anwendung 
bringen ,sicut de principio studii in nostra facultate legi est con- 
suetum, in via videlicet communi modernorum per primevos 
nostre facultatis patres Marsilium et alios modernes introducta' ^). 
Damit noch nicht zufrieden, bestellte die Fakultät trotz der üblen 
Erfahrungen, welche sie mit ihrem ersten Ausschuß von 1444 
gemacht hatte, einen zweiten siebengliedrigen, um neue Ver- 
teidigungsmaßregeln gegen die anstürmenden Realisten zu er- 
sinnen^). Beachtenswert ist die Begründung dieser Maßnahme: 
,quia ista viä ab initio studii in facultate non fuit practicata, 
quinimo ab omnibus predecessoribus sollempnibus magistris et 
patribus nunquam admissa'. Doch alle diese Liebesmühen waren 
umsonst. Das Verhängnis war nicht mehr abzuwenden. 



1) Ebd. I 41, n. 362 aus Acta fac. art. II 19^, lu Toepke I 387 Jodocus 
(Aichmann) de Calwa wird licentiatus in artibus 1444 sub mag. Petro Crebsz; 
1388 — 391 promovieren unter ihm mehrere seiner Landsleute aus Schwaben 1447, 
unter, ihnen 1451 auch der oben erwähnte Peter von Calw; II 394 ist er 1455 
Dekan der Artistenfakultät als mag. Jodocus Aichmann de Calw in s. pagina 
baccalarius; I 298 finden wir ihn am 23. Juni 1459 als Rektor der Universität, 
und zwar bereits als in s. theol. licentiatus und selbstverständlich als mag. art. 

Jost war also nicht ein unreifer Jüngling. Es handelte sich auch bei ihm 
um den bekannten Streit, wie auch sein Verhalten zu Peter von Calw nahe legt, 
der nach Toepke I 248 im Februar 1446 immatrikuliert, am 31. Januar 1449 
baccal. art. wurde und (ebd. II 391) am 20. März 1551 ,sub Jodoco de Calw' 
die Lizenz erhält. 

2) Winkelmann II 41, n. 363 aus Acta fac. art. II 19^. 

^) Ebd. II 41, n. 364 aus Acta fac. art. H 19". Aus der Zeit zwischen 
dem 22. April und 21. Mai. Ob dieser Beschluß nicht ein Ergebnis des er- 
wähnten Ausschusses war? 

4) Ebd. II 41, n. 365 aus Acta fac. art. II 19 v. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaf t des Nominalismus. — Heidelberg. 177 

Kaum acht Tage später bringen die Reformstatuten des 
Kurfürsten vom 29. Mai 1452^) einen wesentlichen Wechsel der 
Lehrrichtung. Der Realismus erhält Zutritt und völlige Gleich- 
berechtigung^). Diese auffallende und einschneidende Maßnahme 
dürfte wohl mit zwei weittragenden Verfassungsänderungen zu- 
sammenhängen; ob als Voraussetzung oder notwendige Folge- 
rung, wäre noch zu untersuchen. Magister Konrad von Soltau 
hatte, wie oben^) erwähnt wurde, gegen die Vorherrschaft der 
Artisten einen wuchtigen Schlag geführt, als er nach Prager Art 
das Rektorat den Magistri der anderen Fakultäten erreichbar 
machte. Nun verordnete Friedrich noch, daß die Leitung der 
Universität in den Händen eines Rates ruhen solle, zu welchem 
die Artisten nur ihren Dekan und vier ihrer ältesten Magistri 
stellen durften. Außer diesen artistischen Vertretern gehörten 



1) Ebd. I 161—165, n. 109 aus Heidelb. Univ.-Bibl.-Schreiu II 4, n. 4. 

2) Ebd. I 163: ,Iteni als unser voraltern das obgnante unser Studium also 
herworben haben und ine das gegonnet und gegeben ist, das man in demselben 
unserm studio in allen kuüsten, die von der heiligen kirchen nit verbotten sind 
lesen, leren und lernen möge und of das dasselbe unser Studium in künftigen 
ziiten in kunsten und an personen destermee zuneme, so ist unser meinunge 
und Wille, das hifure In der facultet und kunst der friien kunst, die man nennet 
zu Latine facultatem artium, ein ieglicher meister derselben kunste^ der hie ist 
oder herkummet, lesen und leren und ein ieglicher schuler hören und lernen 
möge, was er wil, das von der heiligen kirchen nit verbotten ist, es sii der 
nuwen oder der alten wege, das man nennet zu Latine viam modernorum oder 
antiquorum, und das man auch ein ieglichen darin, der des wirdig und darczu 
togelich ist, zu baccalarien und zu meister mache und promovir. Und was 
Statut oder ordenung darwidder durch die universitet unserß obgnanten Studiums 
oder die facultet in den friien kunsten gemacht geschriben oder geseczt weren, 
die sollen gancz abegetan werden, abesin und fürbaß nirae gescheen. Und 
wollen auch, das die, die also von denselben zweien wegen sin, fruntlich und 
zuchtlich ieglicher in sinem wege lese, lere, wandel und ir keiner den andern 
oder des andern weg lere oder kunste mit werken, geberden oder werten heim- 
lich oder öffentlich understee zu verachten, zu smehen oder zu sehenden, als 
liebe ime sii unser hulde zu han und unser Ungnade zu vermeiden. Dan ob 
iemants herwider ust understeen, weiten wir darczu tun lassen, das ein ieglicher 
versteen mochte, uns das nit liebe were. Und auf das dieselben dester fride- 
licher bü ein in unserm studio gesin und ieglicher in sine wege geleren und 
gelernen moege, so ist unser meinung und wille, das der rector die doctores 
und meister, die nuwe, als vorgeschriben steet, hinfure die universitet unsers 
obgnanten Studiums regiren und des rats derselben universitet sin werden, ein 
ordnunge furnemen und begriffen, wie es zusehen denselben von den zweien 
wegen modernorum und antiquorum und mit der promocien der, die dan in 
ieglichem wege promoviret werden wollen, gehalten werden solle, solich begriff 
an uns zu bringen, die forter zu bestetigen. 

3) S. oben S. 172. 

Franzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrl e, Der Sentenzenkomnientar Peters von Candia. 12 



178 III. Zur Charakteristik Peters von Candia, 

ihm noch die Magistri der ,oberejn' Fakultäten: der Theologie, 
des Kirchenrechts ^ und der Medizin an. 

Wer die Verfassungsänderung vorschlug, wird wohl auch 
den Wechsel der Lehrrichtung beantragt haben oder umgekehrt, 
der Urheber des letzteren wird auch der des ersteren gewesen 
sein. Mit letzterem Wechsel möchten Toepke ^) und Winkelmann 
den Kölner Magister Herwich Gisberti von Amsterdam in Ver- 



1) Zivilrecht wurde, wie es scheint, imdS. Jahrhundert nur selten gelesen. 
Schon 1444 beklagt die Universität diesen Mangel. Winkelmann I 149. Im 
Rerormstatut von 1452 wird die Wahl eines geeigneten Lehrers verfügt. Ebd. 
I 164; vgl. Hautz I 300, n. 8; 159. 

2) G. Toepke I, S. XI: ,bacc. art. oder b. art. mit beigefügtem Datum 
in der Anmerkung bedeutet, daß der Betreffende an diesem Tage, nachdem er 
die Prüfung bestanden, zur Erlangung des Baccalaureats zugelassen ist (admissus 
est ad adipiscendum gradum baccalariatus in artibus); steht noch v. mod. (viae 
modernae, in via moderhorum) oder v. ant. (viae antiquae, in via antiquorum) 
dabei, so gehörte der Baccalaureandus der einen oder <XII> der andern Rich- 
tung an, beziehungsweise bestand er in dieser oder jener die Prüfung. Von 1454 
bis 1523 nämlich wurde nach den beiden Hauptrichtungen der scholastischen 
Philosophie (Nominalismus und Realismus) examiniert, in jeder jährlich zweimal, 
im neuen Weg gewöhnlich im Januar und Juli, im alten gewöhnlich im Mai und 
November. Das erste Examen in via antiqua (Realismus) fand im Mai 1454 
statt, das letzte im Juni 1523. Bis 1454 hatte der Nominalismus allein Geltung 
auf der Uoiversität, wenn auch Anhänger der anderen Richtung schon geraume 
Zeit vorher vorhanden waren. Nach 1523 hörte zwar der Unterschied der beiden 
Sekten zunächst noch nicht gänzlich auf, verlor aber an Bedeutung; man einigte 
sich dahin, daß die Prüfung sämtlicher Kanditaten, gleichgültig welcher Rich- 
tung, in einem und demselben Termine durch eine aus Anhängern beider Sekten 
zusammengesetzte Kommission stattfinden soll. Die Bezeichnung der Kanditaten 
in Akten der Artistenfakultät als Novista, Realista oder Suevista bezieht sich 
von da ab auf seine Angehörigkeit zum Gontubernium novum, realium oder 
Suevicum, welche Kontubernien bis dahin die Hauptburgen der beiden Parteien 
gewesen waren und mit allen ihren Angehörigen an der einen oder anderen 
Richtung festgehalten hatten, die bursa nova am Nominalismus, die beiden an- 
deren am Realismus. Ich habe diese Bezeichnung, da sie, wie bemerkt, nach 
1523 weniger Bedeutung hatte, nicht mit angeführt. Vom Ende 1546 ab ver- 
schwindet auch sie, weil Kurfürst Friedrich IL die genannten drei Bursen in 
eine zusammengezogen und befohlen hatte, daß darin ,in einem gleichen wege 
der lehr zu halten', auch in der Wahl und Besetzung der Lecturen und anderer 
Dignitäten und Ämter alle Unterschiede der zwei Wege resp. Sekten fortfallen solle.' 

A. a. 0. ir (1886) 392 findet sich im Album magistrorum artium a. 1391—1620 
bei einem Eintrag von Frühling 1453 <3. Gyselbertus Nicolai de Delfft dedit et 
determinavit sub magistro Herwico de Amsterdam) folgende Randnote: ,primus 
magister in via antiqua promotus cum magistrandis moderhis'. Ferner wird 
zum Juni 1454 <a. a. A. S. 393> bemerkt: ,Anno 1454*' nona die Mali facta con- 
gregatione magistrorum de facultate arcium per iuramentum super inceptione 
temptaminis magistrandotum de via antiquorum conclusum fuit cum consensu 
et voluntate magistrorum de ambabus viis, quod illud futuris temporibus debet 
incipi in crastino beati Jacobi apostoli.' Die fünf Promovierenden, bei welchen 
diese Note steht, promovierten ,sub mag. Herwico de Amsterdam'. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nomiaalismus. — Heidelberg. 179 

bindung bringen, ohne jedoch diese Vermutung fester zu stützen. 
Sehen wir, was in dieser Richtung vorliegt. 

Unter dem am 23. Juni 1452 beginnenden, zweiten, halb- 
jährigen Rektorate des Mag. Johann Kutzenb ach von Heilbronn 
wird' in Heidelberg immatrikuliert Giszpertus (Klinckart de) Delft 
aus der Utrechter Diözese, baccalarius in art. Coloniensis, der 
also von Köln kam, wo er bereits das Artisten-Bakkalaureat 
erlangt hatte. Bereits am 8. Oktober desselben Jahres erhält 
er als Bakkalar Aufnahme, in die Heidelberger Artistenfakul- 
tät^). — Unter demselben Rektorat erscheint etwas später in der 
Matrikel ,Herwicus <de> Amsterdammis, magister <in art.> Colo- 
niensis, baccalarius in s. theol. formatus' und am 5. Jan. 1453 
wird er als Magister in die Fakultät aufgenommen ^). 

Bald zeigen sich die Früchte dieser Reise von Köln nach 
Heidelberg. Im , Album magistrorum artium' findet sich am 
20. März 1453 unter den ,baccalarii ad licentiam in artibus pro- 
moti': Gyselbertus Nicolai de Delfft d<edit> et det<erminavit> sub 
mag. Herwico de Amsterdam' ^). Zu dieser Eintragung fügte eine 
andere Hand die Bemerkung: ,Primus magister in via antiqua 
promotus cum magistrandis modern<is> • (oder moderne scilicet 
vie).' — Beim zweitfolgenden Promotionstermin werden zwischen 
dem 25. Juni und 4. Juli 1454: ,infra,scripti baccalarii in artibus 
de via antiquorum ad licentiam in art. fuerunt admissi' und 
zwar alle fünf ,sub mag. Herwico de Amsterdam**). Es war 
nämlich unterdessen, nach der Anordnung des Kurfürsten, in 
einer Fakultätssitzung am 9. Mai 1454 einmütig von den An- 
hängern ,beider Wege* der Promotionstermin für den ,alten Weg' 
auf den 24. Juli angesetzt worden^). 

Das Auftreten der beiden Kölner Graduierten einige Wochen 
nach dem entscheidenden kurfürstlichen Erlaß zeigt zum minde- 
sten, daß man in Köln die Entwicklung in Heidelberg aufmerk- 
sam verfolgte und sich dafür interessierte, daß der Erlaß nicht 
toter Buchstabe bleibe, sondern möglichst bald verwirklicht werde. 
Vom rein geschäftlichen Standpunkt aus hätte ja die Ausschließung 
f des Realismus in Heidelberg den Kölnern nicht unerwünscht sein 

1) Toepke I 271, A. 8; Keussen I 359, 54 (1444). 

2) Toepke II 272, A. 8; Keussen I 320, 87 (1440). 1458 und 1461 finden 
wir ihn bei Toepke II 397 als Dekan der Artistenfakultät und s. theol. licentiatus. 

3) Ebd. II 392, A. 1. 4) Toepke II 393 f. (1455). 

5) Anno 1454"^ nona die Mali, facta congregatione magistrorum de facul- 
tate artium per iuramentura, super inceptione temptaminis magistrandorum de 
via antiquorum, conclusum fuit cum consensu et voluntate magistrorum de am- 
babus viis, quod illud futuris temporibus debet incipi in crastino beati Jacobi 
apostoli.' Acta facultatis artium II 25, s. ebd. II 393. Vgl. Winkelmann l 
195, n. 138 (1489). 

12* 



180 III, Zur Charakteristik Peters von Candia. 

können. So waren ja alle realistisch vorgebildeten Scholaren 
Köln vorbehalten. Andererseits mußte jedoch dieser Ausschluß, 
diese Brandmärkung des Kölner Realismus ihnen so abträglich 
erscheinen, daß ein behutsamer Vorstoß erforderlich war. Wie 
daher beim kurfürstlichen Schreiben, von 1425 an erster Stelle 
Heidelberg, so dürfte bei Kurfürst Friedrichs Erlaß von 1452 als 
nähere oder entferntere Anregung Köln in Frage kommen. 

Zunächst war eine Reihe von Verordnungen nötig, um den 
nun einmal vorgeschriebenen Lehrwechsel mit Ausschaltung aller 
Mißbräuche zu verwirklichen. Die Artisten machten sich, wie 
Hautz wissen will und es auch verständlich wäre, mit schwerem 
Herzen an die Arbeit. Zunächst bestellten sie 1453 vier Magistri: 
Simon und Herwich von Amsterdam, Johann Peter von Dacia 
und Burckhart Wenck von Heerenberg als ,examinatores in via 
antiqua'^). Sodann wird am 24. Juli 1455 die Prüfungsordnung 
den neuen Verhältnissen angepaßt, so daß nicht mißbräuchlich 
zwischen den beiden zugelassenen ein dritter möglichst ,gang- 
barer* Weg ausgeklügelt werde ^). Am 11. Oktober 1472 wird 
das Hinundherpendeln zwischen den beiden ,Wegen' unmöglich 
gemacht, indem nur ein einmaliger Wechsel des ,Weges* gestattet 
wird\^). In betreff der Vorlesungen über die aristotelische Ethik 
muß noch am 28. September 1481 eine besondere Bestimmung 
getroffen werden, nach der, was Beachtung verdient, in gewissen 
Fällen diese Bücher bei einem Magister der anderen Richtung 

1) Hautz I 306. Einen Anhaltspunkt liefert, daß der am 21. Mai 1452 
bestellte . Ausschuß der Artistenfakultät u. a. am 3. Juni den Vorschlag macht, 
den Kurfürsten zu bitten, daß er keine Neuerung in der Universität zulasse. Seine 
Antwort vom 17. Juli ließ an Klarheit nichts zuwünschen übrig. S. Winkelmann 
II 42, n. 368. 369, aus Acta fac. art. II 20. Noch kräftiger spricht für diese 
Stimmung die Entschiedenheit, mit welcher sich wenigstens die Mehrheit dem 
Eindringen des Realismus entgegengestellt hatte. 
.2) Hautz I 306 aus Acta fac. art. II 20—25. 

3) Winkelmann I 173, n. 114: .Conclusum fuit, quod Scolaris transiens 
de via in viam debet habere omnia, que requiruntur ad gradum, ad quem an- 
helat iuxta modum illius vie, in qua vult promoveri, Videlicet Scolaris transiens 
de via modernorum ad viam antiquorum, si voluerit promoveri in eadem, debet 
omnia audire in lectionibus et exercitiis aut examinibus, ut modus est antiquorum, 
ac si nunquam audisset <174> unum in via modernorum, ita quod formalia vie 
modernorum non suffragentur nee in lectionibus nee in exercitiis nee in tempore 
volentibiis promoveri in via antiquorum. <Idem> servandum est, si quis trans- 
iret db via antiquorum ad viam modernorum ; et ad hoc est statutum, quod 
facultas vult firmum teuere, quod etiam est per universitatem conclusum, in 
quo si quis dubitaret, haberet etiam universitatem requirere et non tantum fa- 
cultatem. Item fuit conclusum, quod esset dispensandum cum quodam bacca- 
lario, qui petivit dispensationem super hoc, quia volens promoveri in via anti- 
quorum solum audivit libros phisicorum et de anima pro parte, licet audiverit 
omnes libros . . . <secundum> formam et viam modernorum.' Acta fac. art. II 29 v. 

4) Winkelmann II 50, n. 454. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Heidelberg. 1 81 

gehört werden müssen 0- — Schließlich gestattet noch J 464 die 
Universität auf Antrag von. vier realistisch gerichteten Magistri, 
daß, falls die Fakultät beistimme, die Bursen gemäß einem Ent- 
würfe dieser Richtung geleitet werden^). Ob es sich bei dieser 
Notiz nicht vielleicht nur um die Bursa de via Realistarum handelt 
und nicht um die Bursa Suevorum (Suevista) oder Modernorum-0? 
— Neben diesen Verordnungen läuft eine Reihe von Mahnungen, 
Verboten und Androhungen einher, durch welche ein einigermaßen 
friedliches Zusammenleben der beiden Richtungen ermöglicht wer- 
dien sollte*). 

Mit unserem ,Wege'streit und der Universität Heidelberg 
hängen einigermaßen zwei Rechtgläubigkeitsprozesse zusammen. 
Der erste betraf den Zisterzienser-Magister Arnoldus aus der 
Abtei Heisterbach. Er ließ 1453 einige ziemlich unbedachte Thesen 
an den Kirchentüren anschlagen und lud zu deren Erörterung in 
der damals üblichen Weise ein. Die Thesen betrafen vorzüglich 
den von den Realisten behaupteten und von den Nominalisten 



1) Winkelmann I 193, n. 135 (II 54, n. 488): ,Voluit facultas artium, sta- 
tuit atque ordinavit, ut et hü libri Ethicorum, ut et alii libri, de cetero in utraque 
via a magistris.eiusdem vie, qui biennium in regentia compleverint, legi debeant, 
hoc tamen specialiter adiecto, quod si in una viarum aliquis magistrorum ad 
eligendum prefatos libros abilis non inveniretur, quod tunc in eodem anno bac- 
calaurei illius vie, in qua defecit magister, ad audiendum magistrum de alia via 
pro eiusdem libri completione ' vigore huius statuti sint realiter et cum eif ectu 
obligati; legantque hü duo inprimis quisque pro via sua, nisi alter alteri ex 
gratia cedere velit.' Acta fac. art. II 104. 

2) Ebd. I 48, n. 431. 

3) Über die beiden Bursen s. Winkelmann I 485, 11 63. 390; Hautz 
I 205. 195. 347. 432. Ebd. I 226—234 finden sich die Statuten der Realistenburse 
von 1546. Selbst noch in dieser späten Zeit gelobten die Magistri Treue ,vie 
et burse antiquorum', wie. denn im 15. Jahrhundert, zumal an den deutschen 
Universitäten, die Bursen die ^Hochburgen der beiden Richtungen waren. Ebd. 
I 232, n. 2. 3; 233, n. 9. 

Nach dem ,Manuale scholarium' (in Zarncke, Die deutschen Universitäten 
s. oben S. 162, Anm. 5) hätten in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die 
Reaüsten die Vorherrschaft in Heidelberg besessen. Camillus kommt von Erfurt, 
Bartholomäus berichtet über sein Heidelberg. S. 44: ,Cam. Quae via nunc 
floret? — Bart. De omni opinione reperies artium cultures; at via Doctoris 
Sancti amplior est aüis. — Cam. Nempe a pluribus audiverim quondam uni- 
versitatem illam plenam fuisse modernorum dogmatibus. — Bart. Sic est et 
adhuc seniores magistri, maxime de natione Suevorum, moderni sunt, sed scho- 
lares non habent inclinationem ad ipsos.' 

Ebd. S. 20: , Barth. Sed rogasti, quis sit ritus universitatis nostrae tibi 
enodarem. Est enim aUus'quam vester (als der von Erfurt). Primum <21>, 
modernes non excludimus; si quid boni haurire poterimus, non recusamus. Tum 
in quaque via magistri admittuntur.' Es finden sich Anhänger Alberts^ des Thomas 
und Skotus. Der Einfluß Kölns war also ein nachhaltiger. 

4) Winkelmann II 43, n. 376 (1453) ; H 47, n. 422 (1462); II 57; n. 514 (1489). 



182 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

geleugneten reellen Unterschied zwischen der Substanz und der 
Quantität und der Seele und ihren Fähigkeiten. Die mehr reali- 
stisch gerichtete, theologische Fakultät brachte die Thesen mit 
der Lehre von der Transubstantiation und den Konstanzer 
Dekreten gegen Hus in Verbindung und betonte zumal, daß sie 
nur zu geeignet seien, den ,Wege'streit zu nähren. Die Thesen 
wurden daher auf Befehl des Rektors abgerissen, und ein Verbot der 
angekündigten Erörterung an ihre Stelle gesetzt,worau.f der Magister, 
obwohl er Beschützer und Gönner hatte, sich ruhig verhielt 0- 

Der zweite Prozeß wurde in Mainz auf Befehl des Kur- 
fürsten Diether von Isenburg 1479 gegen den Wormser Dom- 
prediger Johann Ruchrath von Oberwesel (de Wesalia) geführt^). 
Hierzu sandten auf Bitte des Kurfürsten auch die Universitäten 
von Köln und Heidelberg Theologen. Aus Köln kamen drei 
Dominikaner, der Inquisitor Gerhard von Elton, Jakob Sprenger 
und ein Ungenannter; aus Heidelberg Nikolaus von Wachenheim, 
,solus de via Modernorum*, wie der Bericht bemerkt, sodann vom 
alten ,Weg' Herwich von Amsterdam und Jost Aichmann von 
Calw, den wir bereits kennengelernt haben ^). Die beanstan- 
deten Sätze betreffen fast ausschließlich das theologische, kirchen- 
rechtliche und moralische Gebiet. Unsere Streitfrage ist fast nur 
durch den Hauptbericht in der bekannten Sammlung des Ortwin 
Gratius (van Grans), dessen Verfasser unbekannt ist, mit dem 
Prozeß verknüpft worden^). Er wohnte dem Prozesse mit leb- 
haftem Mitgefühl für den Prozessierten bei ^). Nach seinem End- 
urteil wäre die Sache für den Schuldigen viel glimpflicher ver- 
laufen, wenn statt der Realisten die Nominalisten unter den 
Richtern die Mehrheit gehabt hätten (si non omnes uno solo 
dempto, fuissent de via Realium), wobei er sich in nicht ganz un- 
berechtigte Klagen über die Leidenschaftlichkeit ergeht, mit welcher 
damals vielfach dieser »wissenschaftliche' Kampf geführt wurde ®). 

1) (Schönmezel) Fasciculus alter collectorum ad historiam facultatis 
medicinae, Heidelbergae ,1771, wo die Thesen abgedruckt sind. Auszüge bei 
Hautz I 306 f.; vgl. Winkelmann II 43, n. 377 f. 

2) 0. Giemen, Über Leben und Schriften Johanns von Wesel, in: Deutsche 
Zeitschr. f. Geschichtswissenschaft N. F. 2 (1897) 143—173; N. Paulus, Über 
Leben und Schi^i^ten Johanns von Wesel, in: Katholik 78 (1898) I 44—57. 

3). Winkelmann 1 191, n. 131. 132; 1143. n. 377. 378; d'Argentrel 1, 398. 

4) Fasciculus rerum expetendarum et fugiendarum ed. Coloniae 1535, 
f. 163; d'Argentre I 2, 291—298. Brecher (Allgem. deutsche Biographie 
29. 443) möchte ihn dem oben genannten Heidelberger Theologen Nikolaus von 
Wachenheim zuschreiben. 

5) D'Argentr6 I 1, 297: ,Huius doctoris Johannis de Wesalia exaraini 
et inquisitioni interfui ego ipse qui haec scribo.' 

6) L. c. I 1, 298: ,Quis, nisi ipse diabolus, seminavit illam zizaniam inter 
philosophos et theologos, ut tanta sit dissensio etiam animorum inter diversa 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrscliaft des Nominalismus. — Freiburg. 183 

Freiburg 1456. 

Freiburg i. Br. erhielt durch Erzherzog Albrecht VI. von 
Österreich auf Grund eines Bevollmächtigungsschreibens KalixtsIIl. 
vom 20. April 1455 eine Hochschule durch Stiftungsbrief vom 
21., September 1456^). Berater des Erzherzogs bei dieser Gründung 
war der Mediziner Matthäus Hummel von Villingen, welcher in 
Heidelberg 1441 vorgebildet, in Favia am 20. März 1455 als Doktor 
aller Fakultäten promoviert, eben nach Heidelberg zurückgekehrt 
war, als der Ruf Albrechts an ihn ergingt). 

Die Gründung erfolgte unter dem Einfluß der Wiener und 
Heidelberger Hochschulen und von ihnen kamen auch die ersten 
Artistenlehrer ^). Es war daher Freiburg, wie seine maßgebenden 
Vorbilder, anfangs ausschließlich nominalistisch orientiert ^). Die 
Realisten fanden erst 1484 Eingang. Am 8. Angust dieses Jahres 
sandte die Universität zwei Abgeordnete nach Innsbruck zum 
Erzherzog, um gewisse Anschuldigungen auszuräumen. Sie brachten 
vom Hof die gemessene Weisung mit, den Realismus zuzulassen ^). 
Als die Ausführung auf Schwierigkeiten stieß, wurden auf fürst- 
lichen Befehl 1487 die Magistri Georg Nordhofer und Michael 
Lindelbach von Tübingen berufen, um den Realismus in Gang zu 



opinantes, inter eos qui Thomam, qui Scotum, qui Marsilium imitantur, adeo ut 
si universalia quisquam realia negaverit, existimetur in Spiritum Sanctum pec- 
cavisse; iramo summo et maximo peccato plenus creditur contra Deum, contra 
christianam religionem, contra iustitiam, contra omnem politiam gravissime 
deliquisse.' 

1) H. Sclireiber, Geschichte der Stadt und Universität Freiburg: Ge- 
schichte der Stadt Freiburg, Freiburg 1857, 4 Bde. und Geschichte der Universität 
Freiburg, Freiburg 1857, 2 Bde.; J. Riegerus, Analecta Academiae Friburgensis, 
Ulmae 1774 bietet nur Urifunden: Die Besitz- und Rechtstitel der Kirchen und 
Benefizien, w^elche der Hochschule als Fundation einverleibt waren, dagegen 
keine Statuten. Die Veröffentlichung dieser und der Fakultätsbücher wäre vor 
allem zu wünschen. Schreiber I 6 — 10. 19 

2) Ebd. I 13—18. 

3) Von den ersten vier Artistenlehrern kamen drei von Wien und einer 
von Heidelberg. Es folgten bald weitere fünf aus Wien und drei aus Heidelberg. 
Ebd. 49. Als die drei Wiener Lehrer 1469 eintrafen, brachten sie auch die 
Wiener Universitätsstatuteu mit. Doch beschloß der Senat: ,Conclusum est, quod 
nostra statuta debent mauere et non deberent assumi statuta universitatis Vien- 
nensis in forma; sie tarnen quod si nostris esset defectus, quod fieret suppletio, 
et si qua essent corrigenda, quod illa corrigerentur.' Ebd. 40, Anm. 1. 

4) Ebd. 60. 

ö) Ebd. 60, 56. Zum 14. September 1484 wird in den Senatsprotokollen 
angemerkt: ,Cum predictis etiam nuntiis nostre universitatis quamdam missivam 
misit <der Erzherzog), in qua sua serenitas vult, ut universitas viam Realistarum 
assumat.' Prot, senatus acad. 



184 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

bringen, was ihnen dann auch nach und nach gelang. Sie waren 
Realisten skotistischer Färbung^). 

So wurden denn alle Lehrfächer in der Artistenfakultät 
doppelt besetzt mit Nominalisten und Realisten (Skotisten). Jeder 
der beiden Wege hatte seine eigene Burse, seine besonderen Exa- 
mina und Examinatoren^). Diesen Zwiespalt zeigen deutlich 
auch uns erhaltene Verteilungen der zu erklärenden Lehrbücher 
unter die Vertreter der beiden Wege von 1497 und 1508 ^). Nach 
Schreibers allerdings vielfach unzulänglicher Darstellung scheint 
diese Doppelseitigkeit mit ihren gelegentlichen Straßenkämpfen 
bis zu den Zeiten der religiösen Umwälzung fortbestanden zu haben. 
Wie anderwärts so lag auch hier dieser Weitherzigkeit nicht eine 
wissenschaftliche Überzeugung zugrunde, sondern die Sorge des 
Fürsten für die Frequenz seinerjGründung, zumal mit Rücksicht auf 
die nahe Tübinger Universität, wo beide Wege Vertreter hatten *). 

Basel 1460. 
Basel ^) eröffnete seine durchaus städtische Universität am 
4. April 1460 auf Grund eines päpstlichen Bevollmächtigungs- 
schreibens vom 12. November 1459^). Bei der Gestaltung der 

^) über die Zulassung in Freiburg berichtet das Senatsprotokoll: ,Eodem 
die <30. September 1486> quidam magister Tübingensis, nomine Michael Lindei- 
bach petiit admitti ad exercendum actus scholasticos, quemadmodum unus alter 
magister nostre universitatis ; fuit conclusum concorditer per omnes de consilio 
pro tunc presentes, quod debeat assumi, quamvis dixit se esse de modo 
doctrinandi Scoti, si tamen quod se conformet statutis universitatis nostre et 
artium facultatis.' 

Die beiden Realisten wurden am 13. Mai 1487 immatrikuliert. Hermelink, 
Württemberg. Vierteljahrhefte 15 (1906) 336. Vgl. Schreiber 60 undHermelink, 
Die theol. Fakultät 153. 

2) Schreiber 60, 43, wo folgender Beschluß der Artistenfakultät mitge- 
teilt wird: ,31. Juli 1491. Approbatum fuit statutum facultatis artium de sex- 
decim recipiendis ad consilium facultatis et non ultra, ita tamen, quod semper 
servetur, quod aequalis sit numerus utriusque viae.' 

3) Ebd. 60 — 63 Anm- S. 60. 61 ist, wie schon mehrfach bemerkt wurde, 
zu lesen : ,In via Realium (seu Scotistarum).' — ,In via Nominalium.' 

'^J Nach Schreiber 61 wäre allerdings durch Magister" Johannes Brisgoicus 
eine ,neue Umwandlung zugunsten des Nominalismus öder bestimmter der ver- 
mittelnden Lehre Wilhelms von Occam herbeigeführt worden'. Aber S. 62 wird 
das Fortbestehen des Dualismus aufs klarste hervorgehoben. Auch die .ver- 
mittelnde' Lehre Ockhams zeigt, daß hier eine der nicht seltenen Unzulänglich- 
keiten Schreibers vorliegt, der beim Fehlen der notwendigen Quellenangabe 
nicht abgeholfen werden kann. Nach Hermelink 212 hatte Brisgoicus in Freiburg 
seit 1533 bis zu seinem Tode (1539) den Tübinger Martin Kügelin, einen Rea- 
listen, zum Gehilfen in der theologischen Fakultät, der dann auch dessen Nach- 
folger wurde. 

») W. Vis eher, Geschichte der Universität Basel von der Gründung 1460 
bis zur Reformation 1529, Basel 1860; R. Wackernagel, Geschichte der Stadt 
Basel, II 2 (Basel 1916) 588 f. «) Vischer 26. 32. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Basel. 185 

Verfassung sind zwei Einwirkungen erkennbar; wenigstens in 
den ersten Jaliren von selten der aus Süddeutschland stark be- 
suchten Hochschulen von Pavia und Bologna^) und nachhaltiger 
von selten Erfurts^). Von den ersten Universitätsstatuten sind 
uns nur Teile der Vorarbeiten erhalten^). Im Jahre 1465 wurde 
eine endgültige Fassung derselben einem Ausschuß anvertraut. 
Das Ergebnis seiner Arbeit liegt uns nur im Konzept vor^). Erst 
von einer dritten Redaktion von 1477 besitzen wir noch die 
Originalausfertigung ^). 

Anfangs wurde der Rektor von den Magistern allein gewählt ^). 
Hiergegen erhoben die Juristen-Scholaren 1472 Einsprache und 
verlangten nach dem Beispiel von Bologna-Pavia-Prag eine eigene 
Universität (Korporation) mit einem eigenen Rektor zu bilden^). 
Von dem beschränkten aktiven und passiven Wahlrecht fürs Rek- 
torat, das sie nach einem zweiten Vorstoß erhielten^), verloi'en 
sie das aktive bereits wieder 1481 ^), und schließlich lag auch in 
Basel die eigentliche Leitung in den Händen der Graduierten ^°). 

In der Artistenfakultät verlangte schon 1460 ein Gutachten die 
Zulassung beider Wege ' 0- Doch fand schließlich nur die ,via moderna* 
Eingang ^^), deren Vertreter unter den Magistern größtenteils von 
Erfurt und Heidelberg, nominalistisch gerichteten Hochschulen, 
kamen ^^). — Infolge des Zuzuges dreier realistischer Pariser Magi- 
stri, unter welchen Johann Heynlin von Stein (a Lapide)^^) der 
bedeutendste war, wurde 1464 die Frage von neuem angeregt ^^). 
Durch die Vermittlung des Stadtrates, dem selbstverständlich die 
Entwicklung seiner Hochschule sehr am Herzen lag, wurde von 



^) Ebd. 94. Die Stadt verschaffte sich die Statuten von Pavia, 

2) Der Einfluß Erfurts war ein doppelter: seine Statuten dienten als Muster 
für die Basler Univ.-Statuten, in deren Entwürfen ,oft Abschnitte wörtlich aus 
den Statuten von Pavia oder von Erfurt entlehnt sind'. Ebd. 95. Dasselbe gilt 
für Erfurt auch von der Fassung von 1477, Ebd. 96 f. Sil — 314. Sodann kam 
von Erfurt die Mehrzahl der ersten 'Lehrer. S. unten Anm. 13, 

3) Ebd, 95. 4) Ebd. 96. 5) Ebd. 96. 6) Ebd. 100 f. 

■^3 Hier werden wir lebhaft an das sich gleichfalls an Bologna anlehnende 
Vorgehen der Prager Juristen erinnert, welche es dauernd zu einer eigenen 
Universität und einem eigenen Rektor brachten. Monumenta historica univ. 
Pragensis II 1 (1834), wo der ,Liber rectoris iuristarum' gedruckt ist. Vischer 101. 
315 — 3J8. Unter den wenigen Magistri, welche die Scholaren unterstützen, 
fand sich ein italienischer Jurist Bonifazio di Gambarotta (Gambarupta). Ebd. 107. 

8) Ebd. 107. 109. 9} Ebd. 110 f. w) Ebd. 111. 

") Ebd. 140 f. 12) Ebd. 141. 

13) 1460 sind von den vier besoldeten Artistenlehrern (coUegiati) drei von 
Erfurt und einer von Heidelberg, und von den übrigen 14 damaligen Artisten- 
Magistri sind zwei weitere Erfurter, sieben Heidelberger, zwei Leipziger, zwei 
unbekannter Herkunft. Ebd. 141. 

1*) Ebd. 143. 15) Ebd. 143 f. 



186 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

fünf Herren der Universität und ebenso vielen Abgeordneten des 
Rates 1464 ein Statut , de paritate viarum* abgefaßt, in Kraft 
gesetzt^) und unter Heynlins Leitung 1465 bei einer Neufassung 
der Statuten organisch in sie eingearbeitet^). Infolgedessen faßten 
in Basel auch »die Realisten Fuß. Doch hatten selbst in der Folge 
die Nominalisten eine starke überzahl und sie ließen diese auch ihre 
Rivalen fühlen, was zu unaufhörlichen Streitigkeiten führte^); 
Um ihnen endlich ein Ende zu machen, beschloß man nach Ver- 
handlungen mit dem Stadtrate am 3. Januar .1492 die Wieder- 
vereinigung der in zwei Abteilungen zerlegten Fakultät und völ- 
lige Beseitigung der beiden Wege, ihrer Namen und aller durch 
sie erzeugten Zwiespältigkeiten *). Nur in der Liste der Lehr- 
bücher findet sich eine Spur des bisherigen Dualismus. Sie läßt 
die Wahl zwischen der Logik des Nominalisten Marsilius und dem 
bei den Realisten üblichen siebten Traktat des Petrus Hispanus 
(potest aut Marsilium aut septimum tractatum Petri Hispani 
legere)^). 

Dieser Beschluß ist die Frucht eines Entwicklungsprozesses, 
den wir auch an anderen Universitäten in jener Zeit beobachten 
können. Im Innern der Fakultät spürt man immer nachdrücklicher 
die Macht des beide Wege und die ganze scholastische Philo- 
sophie in diesem ihrem Scheingebilde gleichmäßig gefährdenden 
Humanismus und sucht Stärkung durch Einigung. Außer der 
Fakultät ist man die endlosen, nichts weniger als wissenschaft- 
lichen Streitereien leid und hat auch die Achtung vor dem Lehr- 
betrieb verlören, der sich zu einseitig in die zwischen den beiden 
Wegen strittigen Sätze verbohrt hatte, mit sträflicher Mißachtung 
des zu einem fruchtbaren Unterrichte Erforderlichen. Dieser 
Prozeß setzte in Basel früher als anderswo ein. Es hatte eben 
auch der Humanismus, ein bedeutender Faktor in demselben, in 
Basel von Italien her früher und kräftiger Fuß gefaßt als an irgend 



^) Ebd. 145. Allseitig abwägend und nachdenklich, wie manche der 
Basler Schriftstücke, ist auch der Eingang dieses Statuts, der auch die Zielpunkte 
der Basler Universitätspolitik darlegt. Er lautet: ,Cum secundum apostolici pri- 
vilegii et erectionis huius Basiliensis studii tenorem sit liberum et permissum, 
omnium licitarum scientiarum hie fieri doctrinationem, conditio quoque et Situs 
urbis, in confinibus plurium nationum^ existens, diversarum gentium capax, etiam 
diversarum artium eruditos ad se provocare non debet prohiberi, maxime cum 
ex diversis officinis coniecte mbnete soleant sua pretiositate evidentius discerni, 
acuarique solet humanum Ingenium varietate rationum seniorum aprobatorumque 
prudentum gravitate elimatarum; — volumus , . .' 
2) Ebd. 148. 3j Ebd. 166—175. 

4) Ebd. 175—183. 

5) Ebd. 179. Vgl. Prantl, Geschichte der Logik IV 94; Anm. 366. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Ingolstadt. 187 

einer anderen deutschen Hochschule 0. Im übrigen weist auch 
Basel unter seinen Humanisten mehrere Namen auf, welche deutlich 
zeigen, daß zwischen Humanismus und Scholastik an und für sich 
keine innerliche und wesentliche Gegensätzlichkeit bestand, wie 
eine solche bei der damals einsetzenden religiösen Neuerung vor- 
handen war; weshalb auch in Basel die Scholastik nicht dem 
Humanisn^us, sondern dem Zwinglianismus erlag ^), 

Für die Geschichte des Nominalismus wäre die Veröffent- 
lichung der, wie schon hervorgehoben wurde, inhaltsreichen, ein- 
schlägigen Basler Schriftstücke zu wünschen. Vischer hat zwei 
abgedruckt, zunächst ,die Ursachen warumbe die Juristen eynen 
sundern Rektor haben sollten' (vgl. oben S. 185) und die ,Se- 
quuntur Compactata unionis magistrorum facultatis ärtium studü 
Basiliensis tam moderne quam antique viarum', vom 3. Januar 
1492. Ein drittes folgt hier unten im Anhang. 

Ingolstadt (1459) 1472. 

Das päpstliche Bevollmächtigungsschreiben Pius' IL für die 
herzogliche Universität Ingolstadt ist vom 7. April 1459 ^). Herzog 
Ludwig der Reiche von Nieder- und Oberbayern hatte um die 
Privilegien von Bologna und Wien gebeten ^). Infolge der Kriegs- 
wirren begannen die Vorbereitungen erst nach Ludwigs Sieg bei 
Singen 1462 und konnte das Eröffnungspatent erst am 2. Januar 
1472 veröffentlicht werden^). 

Im ersten Entwurf dieses Patents waren, vielleicht auf An- 
regung des bei der Gründung den Herzog beratenden Heidelber- 
ger Magister Martin- Mair ^), in Anlehnung an die Pariser Ver- 
fassung vier Nationen vorgesehen, jede mit einem Prokurator 
und Wahl des Rektors, was alles mehr auf eine Schüler-Univer- 
sität hingewiesen hätte'''). Doch wurde dies in der endgültigen 
Redaktion getilgt, ein aus den Fakultäten zu entnehmender Uni- 
versitätsrat und Rektor vorgeschrieben, deren Wahl und Bestal- 
lung den Universitätsstatuten überlassen wurde. Zur Abfassung 
solcher fordert der Herzog auf, unterstellt sie und alle übrigen 

1) Ebd. 186 ff. Eine gedrängte, chronologische Übersicht über das Ein- 
treten der ersten Humanisten in die deutschen Universitäten bietet G. Bauch, 
Die Universität Erfurt im Zeitalter des Frühhumanismus, Breslau 1904, 23- 

'^) Vischer 199. 261. 

3) Vgl. vor allem die fleißige, aber nicht vorurteilsfreie Arbeit C. Prantls, 
Geschichte der Ludw.-Maximilians-Universität In Ingolstadt, Landshut, München, 
2 Bde. (Bd. 2 Urkunden); J. N. Mederer, Annales Ingolstadensis Academiae, 
Ingolstadii 1782, Bd. 4 Codex diplom. 

4) Prantl, a.a.O. I 13. . 

5) Prantl II 10—37. 6) Ebd. I 10. 22; II 7. 
7) Ebd. I 25; II 13, Anm. Z. 78—124. 



188 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Maßnahmen seiner Gutheißung 0. Es geht also auch in Ingol- 
stadt, wie an den übrigen jüngeren deutschen Hochsciiulen, durch 
die Beseitigung der Nationen die Leitung an die Fakultäten und 
in den Fakultäten naturgemäß immer mehr von den Schülern zu 
den Lehrern über. Der allgemeine Zug der Zeit war auf Pro- 
fessoren-Universitäten gerichtet. Ingolstadt hatte also sein ,con- 
cilium generale*, zu dem die höheren, weniger starken Fakul- 
täten ihre Magistri und Lizehtiaten, die Artisten ihre Magistri stellten. 
Es erwählt den Rektor abwechselnd aus den einzelnen Fakultäten, 
wobei jede nur eine Stimme hat. Das Rektorat ist wie üblich 
halbjährig^). 

Die Theologen- und Artisten-Statuten schließen sich eng an 
die Wiener an, während die * medizinischen keine solche Ver- 
wandtschaft zeigen^). Im Gegensatz zu Wien, das nur den .neuen 
Weg' zuließ, hatte man in Ingolstadt von Anfang an beiden Wegen 
Eingang gestattet, womit natürlich ein wissenschaftlicher Zwie- 
spalt in der Artistenfakultät gegeben war. Als dieser Unannehm- 
lichkeiten bereitete, indem der Streit zuweilen vom Hörsaal auf 
die Straße getragen wurde, glaubte man vor Sommer 1472 auf 
Betreiben des herzoglichen Rates Martin Mair dadurch abzu- 
helfen, daß man dem Zwiespalt auch auf dem Verfassungsgebiet 
Rechnung trug, zwei Fakultätsräte schuf mit zwei Dekanen, zwei 
Matrikeln, Kassen, Siegeln, Pedellen und Examensordnungen ^). 

Natürlich brachte diese Verfassungsänderung den gewünsch- 
ten Frieden nicht. Die Nominalisten hatten stets eine starke 



1) Ebd. II 17, Anm. Z. 160—177. 2) Ebd. I 35; Mederer IV 58 ff. 

3) Prantl I 40. 48. 52. Auch die ßursenordnung stimmt oft wörtlich mit 
der Wiener überein. Ebd. I 62. 

^) Von diesem Verfassungswechsel berichtet eine Notiz aus dem Jahre 
1508 in dem cod. 482 der Münchner Universitäts-Bibliothek, Bl. 50: »Facultas 
artium sub unico capite et decano regebatur; tandem ad instig ationem doctoris 
Martini Mayrs fuit divisa, et duo decani electi, quorum quilibet habuit singulare 
concilium, examen et temptamen ; et facta monstruosa, multae altercationes f uerunt 
subsecutae inter utrasque vias in disputationibus et aliis expediendis in repu- 
blica universitatis et facultatis, et frequenter princeps et consiliarii sui molestati 
et legentes de universitate impediti, in legende turbati.' Ebd. I 53, Anm. 3. 

Das Datum dieses Wechsels scheint sich mir aus einem Beschluß der 
Artistenfakultät aus dem Sommersemester , tempore aestavali' 1472 zu ergeben, 
in dem die Rede ist ,Acta conclusa et decreta per facultatem artium viae modernae 
sub uniuscuiusque decanatu' von dem Bakkalaureat ,in via moderna' und von 
einem .decanus eiusdem viae'; einem ,decanus artium viae modernae' usw. 
Ebd. II 49. 50 ff. 

Ist obige Notiz und dieses Datum zutreffend, so müßte die ursprüngliche 
Verfassungseinheit der Artistenfakultät, ähnlich wie die vier Nationen, nur im 
Projekt oder eine kürzeste Frist bestanden haben. — Im übrigen vgl. ebd. I 54. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschäft des Nominalismus. — Ingolstadt. 189 

Mehrheit ^) und ließen sie gelegentlich die Realisten fühlen. Diese 
setzten sich von Zeit zu Zeit nachdrücklich zur Wehr, so zumal 
1475 ^). Diese Erfahrungen veranlaßten den Herzog, zur Einheit- 
lichkeit des Fakultätsregimentes zurückzukehren. Er verordnete 
am 28. Oktober 1477 die Wahl eines gemeinsamen Dekans, „der 
abwechselnd einem der beiden Wege zu entnehmen sei"^). Da 
die »Realisten' von dieser Neuordnung eine noch schlimmere Be- 
drückung befürchteten, traten sie am 6. Januar 1478 aus der 
Fakultät aus, so daß ' der Herzog selbst und der Bischof von 
Eichstätt in Ingolstadt erschienen, um die Geister zu beschwich- 
tigen und die Verordnung zu verwirklichen^). Nach einigen 
Verhandlungen gab der Herzog seine Entscheidungen am 15. Fe- 
bruar 1478 in endgültiger Form hieraus^), worauf die Artisten 



1) Ebd. I 77. 80. 82. 125. 126. Sie waren auch die Rührigeren. Von 
den uns aus dieser Zeit erhaltenen Fakultätsbeschlüssen s. ebd. II 88 ff., n. 15; 
93 f., n. 21 stammen fast alle von den Modernen. 

2) Ebd. I 80; II 72 f., n. 9. 10. Welcher Art die Bedrückungen waren, 
schildert uns das Protokoll folgender Klageführung. II, 72: Die iovis ultima 
mensis iulii <1475>. 

Coram magnifico domino Nicoiao de Ratisbona, almae universitatis Ingol- 
statensis rectore, comparuit magister Joannes Tolhopf, decanus artium viae rea- 
listarum, pro se ac nomine totius facultatis dictae. Coram praefato domino 
rectore proposuit per venerabilem virum magistrum Kilianum in theologia licen- 
tiatum: Quia in universitate Ingolstatensi facultas artium habet unum votum; 
sed quia magistri Modernorum plures sunt numero quam viae Realistarum, quare 
id, quod promovere volunt, promovent, quod abiicere volunt, abiiciunt, quia de 
suis votis concludunt propter pluralitatem votorum suorum, et exinde censetur 
factum, ac si per totam facultatem artium fuisset conclusum. 

Item secundo dicit, quod maxime in consilio artium praeiudicium patiun- 
tur, qui illi non ad honores nee ad lucra recipiuntur, ut exemplificat in causa, 
quia nullus est ex eis electus in electorem rectoris. 

Item quod ipsi de via moderna possunt promovere doctores, prout pro- 
movent apud principium, et sie eos allicere atque favores acquirere plurimorum . . . 

3) Ebd. I 81. i) Ebd. I 81 f. 

5) Ebd. I 82. Der endgültige Beschluß des Herzogs von 1478 beginnt 
(ebd. II 77): 

Ludwig von gottes genaden hertzoge in Nieder und Obern Bayern etc. 

Nachdem sich bisher zwischen den maistern des alten und newen wegs 
der artisten fakultet irrung gehalten, die wir vormals hinzulegen unterstanden 
auch ettliche gescheffte und Ordnung an sy lanngen lassen, die sy aber bisher 
nit angenomen noch zu fortgangk bracht haben, so nu soliche irrung zwischen 
ir uns gantz unleidenlich sein wil, und wo wir die gedult setzten, mocht unser 
universitet, die wir doch mit grosser mün und costung zu wegen bracht haben, 
gantze zu rüstung bringen, auch sonst in ander wege vil unrats därauß er- 
wachsen, darumb uns gebürt, weitter in die Dinge zu sehen und ein bestenn- 
delich wesen zu bringen, 

Also setzen und ordnen wir, das es hinfür gehalten werde wie hirnachvolget, 

Nemlich das der alt und new weg der artisten hinfür ein facultet sein 
und beleiben sol und das sich die maister von einander nicht Sündern, allain 



190 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

in einer Neufassung ihrer Statuten am 23. November 1478 der- 
selben Rechnung trugen^). In ihr werden die Wege nicht mehr 
erwähnt noch berücksichtigt. 

Auch von dieser Rückkehr zur Einheit wurde selbstver- 
ständlich die überzahl und damit das übergewicht der Modernen 
nicht berührt; weshalb als notwendige Folge die Spannung zwi- 
schen beiden Parteien fortbestand. So kam es am 9. Juni 1479 
nach dem Tode Herzogs Ludwig (f 18. Jan. 1479) noch einmal 
zu einer Schilderhebung der Realisten. Sie kündigten die Wahl 
eines Dekans ihres Weges an, bestimmten besondere Examens- 
termine für die Scholaren ihrer, wie sie sich ausdrückten, ,sana' 
doctrina' und bemächtigten sich des Universitätssiegels ^). Herzog 
Georg griff zuerst entschieden, dann mehr vermittelnd ein ^). 

Im übrigen war bisher bei all diesen Neuredaktionen vom 
1. Juni 1492^) und 1507^) und herzoglichen Entscheidungen zu- 
nächst nur Einheit der Verfassung in der Artistenfakultät und 
Gleichberechtigung sowie Gleichstellung der beiden Wege fest- 
gelegt, ohne daß gegen das Fortbestehen der beiden Richtungen 
etwas eingewendet wurde. Es war ihnen nur vorgeschrieben, 
sie sollten ihre eben doch rein wissenschaftliche Gegensätzlich^ 
keit auf die Hörsäle beschränken, im übrigen sozialen Verkehr 
und im Universitätsleben gegenseitige Duldung und Eintracht 



gantz ains ainigen wesens hallten und kain weg mer dann den andern loben 
noch fürdern, auch kain maister dem andern untersteen sein schuler zu ent- 
ziehen weder haimlich noch offennlich, sunder es soll in ains yglichen freyen 
willen steen, welichen wege er lernen wolle. 

Item die gantz fakultet beder wege soll ainen dechant, ainen rate und 
ain gellt, auch yeglicher maister sein aigne stym haben, und so sy ainen dechant 
erwelen wollen, das sol auf ir yglichs aide den tauglichsten zuerweln 
geschehen ... 

Item es sollen ain <am Rand zway> mal im jar maister und vier mal 
baccalarien und alleweg auf sein geordnete zeit gemacht und damit in alle wege 
gehaltn werden nach laut t der Statut, auch zu ainer <77> yglichen zeit in sunder- 
hait vier ungeverlich und die tuglichesten maister durch der gantzen facultet 
maister erweit werden die tentamina und examina zuvolbringen. Und welche 
vier maister, sy sein des alten oder newen wegs durch die maister all oder den 
merern tail erwellt werden, die soUn also dann mitsambt dem dechant macht 
habn, die schuler zuverhörn und zuv ersuchen ... 

Item yeglicher maister darzu georndent mag seinen wege lesen und dispu- 
tiren ungeirret der andern ... 

1) Ebd. I 82; II 78 — 88, wo eine Gegenüberstellung dieser Neuredaktion 
zu der von 1472 (bei Mederer IV 69 — 87) gegeben ist. 

2) Prantl I 83 f. 3) Ebd. I 84. , 

*) Ebd. I 87; II 101 — 117, n. 26, wo diese neue Neuredaktion oder vielmehr 
diese Einordnung der unterdessen gefaßten Fakultätsbeschlüsse abgedruckt ist. 

°) Diese auch in der Folgezeit häufig erwähnte Redaktion scheint nicht 
erhalten zu sein. Ebd. I 104 f. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrscliaft des Nominalismus. — Ingolstadt. 191 

walten lassen. Doch hiermit wurde von jenen kräftigen und 
eckigen Zeiten oö'enbar zu viel verlangt. Der Gegensatz griff 
immer und immer wieder über die Schwellen der Hörsäle hin- 
aus. So mußten denn die zahlenmäßig Schwächeren zum Wander- 
stab greifen, und es begannen die Realisten nach Köln und Leipzig 
abzuwandern ^3. 

In der Tat hören auch nach 1507 die Klagen der ,Alten' 
nicht auf. Sie hatten schon die neue Entscheidung, welche der 
Statutenrfedaktion von 1507 zugrunde lag, nur mit der Bemer- 
kung jprinceps non bene informatus' hingenommen ^). Eine wahre 
Duldung und Gleichberechtigung war eben von den übermäch- 
tigen Modernen nicht zu erwarten. So brach denn der Zwist 
bereits 1508 wieder aus bei Gelegenheit der Wahl zweier Sena- 
toren zum Universitätsrat. Die Modernen beanspruchten beide 
Stellen als, ihr gutes Recht. Selbst der Rektor und das Plenum 
des Senates erklärten das für unbillig und sprachen eine Stelle 
den , Alten' zu^). Bald begannen von neuem Verhandlungen 
zwischen der Untersuchungskommission und den Herzögen zur 
Schlichtung dieser und ähnlicher Zwiste. In einem Schreiben 
von 1514 legen die beiden regierenden Herzöge selbst die Haupt- 
schuld an diesen unleidlichen Zuständen den Modernen zur Last^). 

Immerhin glaubt Prantl, daß bald darauf, nicht zum min- 
desten durch den Einfluß des auch in dieser Beziehung hervor- 

1) S. unten Anhang. 2) Ebd. I 125. 3) Ebd. I 126. 

^) Ebd. II 151. Im einem Schreiben vom 7. Juni 1514 an die 1512 für 
die Universität bestellte Untersuchungskommission, den herzoglichen Rat Ilsung, 
den Franziskaner-Lesemeister Schatzger und den Prinzenerzieher Johann Av entin, 
sagen Herzog Wilhelm und Ludwig: ,Und dieweyl wir befinden, das wider ange- 
regte weylend unseres herrn und vatters lobliche Ordnung, so weylendt sein 
Heb mit ratt aller lesenden doctorn angeregter universitet ir und allen gliedern 
derselben zu gut und auffnemung aus hoher betrachtung fürgenomen und von 
gantzer universitet gelobt und in weylend seiner lieb leben für und für unwider- 
sprechenlich gehalten ist <die Statutenredaktion von 1507>, so können wir 
bey uns selb noch unsern rätte keins wegs finden, das solch Ordnung nw erst 
bey uns verdruckht und nit gehalten werden soll weylend unsern herrn und 
vattern zu schimpff und seiner getrewen handlung zu abbruch. Und ist darauf 
unser ernstlich maynung, hayssen und geschefft, das ir die gelider baider 
angeregter weg für euch beschaidet und in. von unsern wegen in ernst saget, 
dieweyl offenbar ist, das der new artisten weg vorgeraelte ordenung mer 
dann zu ainem mal mit <152> den walen des dechants auch in andern fällen, 
on unser und der universitet rats bewilligen,, überfarn und nit gehalten 
hab, des wir weylendt unserm herrn und vattern zu eren gar kein gefallen 
haben und pillich mit strafen dogegen gehandelt würde, noch dann wollen wir 
als jung und gnädig fürsten die scherff und ungenad ditzmals unterlassen.' Es soll 
aus Gnade bei der Dekanswahl und den Examensterminen bleiben, von jetzt an 
aber müsse .angeregte Ordnung <von'1507> gestracks gehalten werden'. Vgl. 
ebd. I 127 ff.; II 145—154, n. 33—41. 



192 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

ragenden Kanzlers Johann Eck und seiner eklektisch aus den 
verschiedenen Parteianschauungen schöpfenden und in versöhn- 
lich-ausgleichendem Geiste geschriebenen, philosophischen Lehr- 
bücher, eine gewisse Entspannung und verhältnismäßig ruhigere 
Stimmung eintrat. Aus dieser Stimmung erstand dann 1519 eine 
neue Fassung der Fakultätsstatuten mit einer wesentlich verän- 
derten Orientierung 0. Man will Ruhe und Frieden haben, sucht 
dies aber, durch die Erfahrung belehrt, nicht mehr durch Gleich- 
berechtigung und Duldung der leidigen Wege zu erreichen, son- 
dern auf viel radikalere Weise, nämlich durch die völlige Be- 
seitigung der Wege selbst. Es soll von ihnen keine Rede mehr 
sein ; alle auf sie bezüglichen Parteibezeichnungen sollen ver- 
stummen, alle Rücksichtnahme auf sie und ihren Inhalt soll auf- 
hören. Nur mehr von Artisten darf gesprochen werden. 

Neben diesen negativen Bestimmungen laufen die positiven, 
wie wir sie schon an andern Universitäten in diesem letzten 
Entwicklungsstadium kennengelernt haben: neue, bessere Gramma- 
tiken, sprachlich vervollkommnete Übersetzungen der aristote- 
lischen Schriften, Erweiterung des humanistischen Lehrplans ^). 
In der Logik, ja überhaupt dem ganzen philosophischen Lehr- 
betrieb soll nach Beseitigung der weitläufigen und vielfach nutz- 
losen Kommentare des Stagyriten die Bearbeitung Ecks zugrunde 
gelegt werden. Doch wird hierbei ausdrücklich erlaubt, geeig- 
neten Erläuterungsstoff aus anderen Autoren wie Albert^ Ock- 
ham und anderen^) zu entnehmen, v/^bei die beachtenswerte 
Bemerkung fällt, es gehe doch wohl nun nach der Erfindung 



1) Ebd. II 155, n. 43. Der wichtigste Abschnitt dieser Statuten von 1519 
ist betitelt: ,De toUenda viarum aequalitate utque uno et communi nomine omnes 
artium vel magistri vel auditores artistae appellentur.' — Er lautet: ,Quamvis 
autem ab illustrissimo quondam principe et domino Alberto etc. felicis memoriae 
nova quaedam ordinatio fuit instituta atque in illa et <156> et antiqua via et 
npva per omnia aequatae, ut quod in gymnasii incrementum commodumque 
non modicum cessurum sperabatur, quia tarnen ad parum et omnino nihil effi- 
cere, quin potius incommoda, dissensiones et rixae parere experientia postea 
testante compertum est; idcirco illustrissimus princeps Wilhelmus etc. huiusmodi 
Ordinationen! ac utriusque viae aequalitatis articulos iterum voluit obliterari 
idque posthac observari, ut homina illa ,nioderni, antiqui, realistae, nominales' 
aboleantur nee usurpentur amplius atque omnes artium vel magistri vel schola- 
stici uno et communi nomine artistae appellentur; cui quidem principis decreto 
reverenter ac plausibiliter duximus subscribendum atque parendum.' 

2) Ebd. I 200 f. 

3) Da hier von der Logik die Rede ist, dürfte zunächst an Albert von 
Sachsen zu denken sein. Prantl ebd. I 200 setzt ohne weiteres Albertus Magnus 
und fügt Thomas bei, von dem im Text keine Rede ist. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrscliaft des Nominalismus. — Tübingen. 193 

der Buchdruckerkunst nicht an, sich auf die Kenntnisnahme eines 
einzigen Autors zu beschränken 0- 

Prantl setzt für Ingolstadt das. Ende der Scholastik auf 
ca. 1520 an. Dies beruht auf einem schon oben erwähnten Irr- 
tum. Wann und wie an akatholischen Universitäten das Ende 
der Scholastik herbeigeführt wurde, können wir besonders deut- 
lich in Wittenberg beobachten. Die katholische Theologie bedarf 
der scholastischen Philosophie als der unerläßlichen Einführung 
und Vorbildung für jegliches Fachstudium und als ihrer natür- 
lichen und wissenschaftlichen Voraussetzung.- Deshalb konnte 
die Scholastik an den katholischen Universitäten nicht ohne 
wesentliche Schädigung der Theologie ausgeschaltet werden. 
Sie bestand daher auch in Ingolstadt weiter. Dem Erneuerungs- 
versuch Ecks fehlte die erforderliche Verankerung an dem Punkte 
der Vergangenheit, an welchem mit dem Wegestreit die gedeih- 
liche Entwicklungslinie unterbrochen war. Der Versuch gelang 
später Franz von Vitoria in Paris und Salamanca. 

Tübingen 1477. 

Auch Tübingen^) stellt sich uns in der typischen Gestalt 
einer fürstlichen deutschen Hochschule des 15. Jahrhunderts dar. 
Der Stifter Graf Eberhard im Bart erhält die erbetene päpstliche 
Bevollmächtigungsbulle vom 13. November 1476^) und kündigt 
am 3. Juli 1477 die Eröffnung seiner Hochschule an^), deren 
Ausstattung durch Einverleibung und Zuwendung von kirch- 
lichen Stiftungen ihm allerdings noch geraume Zeit viele Schwie- 
rigkeiten verursachte ^). — Die Gründung war ein Wagnis. Das 
südwestliche Deutschland konnte damals mit Universitäten hin- 
länglich versorgt scheinen. Im Süden Basel (1456) und Frei- 
burg (1460), östlich Ingolstadt (1472), im Norden Heidelberg (1385) 
und das gleichzeitig gestiftete Mainz (1477). Es mußte also der 
Gründer von Anfang an mit einer scharfen Konkurrenz rechnen. 

ij Ebd. II 160: .ToUimus insuper longos et inutiles logicae commentarios, 
quorum loco Petri Hispani summulae a Joanne Eckio facultatis nostrae sump- 
tibus et mandato explanatae in manus sumantur. Poterit autem et unusquisque 
magister simul cum bis aliorum quoque doctrinas, utpote Alberti, Ocham etc. 
suis tradere discipulis atque in ea doctrina erudire fideliter, quam duxerit soli- 
diorem, propterea quod hoc tempore librorum copia impressoriae artis beneficio 
nobis data efficiat, ut uni sententiae vix liceat inhaerere.' 

2) (Roth) Urkunden zur Geschichte dfer Universität Tübingen aus den 
Jahren 1476—1550, Tübingen 1877; Klüpfel, Geschichte der Univ. Tübingen, 
Tübingen 1877; H. Hermelink, Die theologische Fakultät Tübingen vor der 
Reformation 1477 — 1534, Tübingen 1906; ders., Die Tübinger Universitäts- 
matrikeln I (Stuttgart 1906). 

3) (Roth) 11. >) Ebd. 28. •'i) Ebd. 1—10; Hermelink 1—17. 
Franzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrl e, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 13 



194 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Was die Verfassung, innere Gliederung und Gestaltung an- 
geht, zeigt auch Tübingen den an den fürstlichen Hochschulen 
jener Zeit vorherrschenden Charakter einer Professoren-Univer- 
sität. Keine Nationen und hiermit Ausschaltung des Scholaren- 
elementes aus der Leitung; nur Fakultäten als Hauptbestandteile, 
in straffer Organisation in sich durch die Lehrer und unterein- 
ander durch den Senat zusammengefaßt. Dieser diente dem 
Fürsten als geeignete Handhabe für seine Leitung. Der Senat 
umfaßt alle nie sehr zahlreichen Lehrer der drei höheren Fakul- 
täten und aus den Artisten vier von der Fakultät erwählte Ver- 
treter, darunter zwei der festbesoldeten Kollegiateü 0. 

Trotz des bösen Archivbrandes im Sapienzhause (Realisten- 
burse) von 1534^) sind wir ziemlich" genau durch die Statuten 
und Fakultätsbeschlüsse der Artistenfakultät über die Stellung 
Tübingens zum Wegestreit unterrichtet. Es waren von Anfang 
an beide Richtungen zugelassen, wie es die Konkurrenzlage der 
jungen Hochschule forderte, falls sie es zu der erforderlichen 
Frequenz bringen wollte. Dies erweisen die öinschlägigen Stellen 
der ältesten Artistenstatuten von 1477, Welche unten ^) folgen. 
Sie offenbaren uns in der Fakultät das Dasein zweier gegen- 
sätzlicher wissenschaftlicher Schulen, die zwar bestrebt sind, ihre 
beiderseitigen Hausstände klar und scharf geschieden und ab- 
gegrenzt zu halten, nicht in feindseliger und aggressiver Absicht, 
sondern um durch diese reinliche Scheidung das gegenseitige 
gute Einvernehmen wirksamer zu sichern. 

Auch in den Zusatzverordnungen vom 27. März 1488, welche 
die ursprünglichen Statuten von 1477 auf dem laufenden zu 
halten suchen, wird der Dualismus der beiden Wege weiter- 
geführt. Diese Verordnungen betreffen großenteils die Konven- 
toren, d. h. die Hilfskräfte der Bursenvorstände, sowohl im 
Lehrfach als im Ordnungsdienste; sowie die Kollegiaten: jene 
Lehrer, welche in den Bursen zur Vervollständigung ihrer Be- 
soldung Wohnung und Verpflegung erhielten. Ferner bezieht 
sich eine Reihe von Bestimmungen aus anderen Verordnungen 
auf denselben Gegenstand^). 

1) So die Universitäts-Statuten von 1477 (Roth) 42. 

2) Hermelink 3; es war die Realistenburse (Roth) 403. 3) g. Anhang. 
4 (Roth) 376. ,De cetero habeantur in qualibet via quinque conventores, 

quorum unus sit economus, qui presit uni exercitio modo ut infra; et secundo 
presit Ulis duobus actibus burse, scilicet computationi bursali fiende omni sep- 
timana semel et hoc die sabbati, secundo coUectioni census bursalis. Alii qua- 
tuor presint aliis quatuor, quilibet scilicet uni exercitiorum. 

De predictis quinque magistris debent duo esse theologi, duo magistri 
iuriste et unus medicus ... 

<377> Item iidem conventores una cum sexto, scilicet resumptore atque 



Die Schulen, 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Tübingen. 195 

Von Interesse sind auch die Bestimmungen, durch welche' 
eine Neuredigierung der Universitätsstatuten von 1500, das fast 
gewaltsame Werben und ,KeiIen' unter den Neulingen zugunsten 
eines bestimmten Weges und seiner Burse hintanzuhalten sucht 0. 



coUegiatis'' sue vie habent eligere magistrum pedagogie presidentem, poteritque 
pedagogista eligi de quacunque lacultate. 

<378> De CoUegiatis, — Collegiati eliguntur hoc modo, scilicet per qua- 
tuor decanos quatuor facultatum cum residuo coUegiato illius vie, de qua fuit, 
qüi cessit vel decessit. Et semper sint duo in via moderna et duo in via anti- 
qüa. Inter quos quatuor sint semper duo; theologi, unus de via moderna et 
alter de via antiqua, alii vero duo sint de facultate iuris et medicine.' 

Über die ,Conventores' -und .Collegiati', die wohl in den Repetenten einiger 
deutscher Seminare und in den Fellows der englischen Universitätskollegien, 
allerdings in etwas veränderter Form fortbestehen, vgl. (Roth) 431 ff. 410. 412 f. 
431. 443. 450. 

Die Regelung der Verfassung und Gestaltung des inneren Bursenlebens 
ist der Hauptzweck ausführlicher' Statuten von 1505 (Roth) 406 — 425. In ihnen 
findet auch das der Burse angeschlossen : ^ ..^Slagogium Berücksichtigung, das 
schon die Knaben aufnahm und zum Eintritt in die Burse vorbereitete; vgl. 
(Roth) 402. 

In den besagten Bursenstatuten von 1505 finden sich folgende einschlägige 
Stellen: (Roth) 414. ,Item conventoribus omnia kathedraUa (Kollegiengelder) 
sue vie, mensam bursalem sine vino, 'armaque in cameris reperta cum tertia 
parte aliarum penarum . , . cedere volumus.' 

<416> .Concessit denique universitas superintendentibus illius vie, cuius 
decanus est, quod decanum etiam collegiatum usque ad depositionem ab officio 
inclusione (inclusive?) decanatus in predictis negligentem punire possint.' Hier- 
nach hatte anscheinend -jeder ,Weg' seinen eigenen Dekan, gehabt. 

<417> ,Item volumus, quod omnia illa equaliter observentur in ambabus 
bursis, ita quod sine scitu et consensu sup erinten dentium omnium ambarum 
viarum nichil in predictis in una bursa mutetur, nisi in alia idem fiat.* Vgl. 
418 Anm. 

<424> ,Omnes collegiati electioni pedagogiste Interesse debent et ad id 
vocari quilibet in via sua.' 

Bei der Absetzung eines Conventors ,superintendentes . . . debent ad se 
vocare seniorem collegiatum vie conventoris destituendi'. 

Auch in den Universitätsstatuten vom 6. Oktober 1477, also den ältesten, 
findet sich eine Stelle : ,Cum infinitas multis in iuris articulis reprobetur, volumus 
et statuismus, quod omnes regentes in superioribus facultatibus, quatuor in 
artibus magistri regentes, quorum semper duo ex collegiatis adminus sint a 
facultate electi, singuli de singulis viis, una cum rectore universitatis ac decanos 
facultatis artium in omnibus negotiis universitatem concernentibus, totam uni- 
versitatem representare habeant et representent.' 

1) (Roth) 102: .Debet denique deinceps quilibet intitulandus hec inter alia 
iuramenti intitulandorum capitula iurare: Item quod nullum membrum aut sup- 
positum, ad quemcunque statum peruenit, hie vel alibi, quoscunque nostre 
vniuersitati incorporandos per se vel alium directe vel indirecte, quouis modo 
id fieri possit, ad viam hanc vel illam seu bursam specialiter alliciat, inducat, 
persuadeat aut qualitercunque promoueat, cum iniuria aut detractione vie alterius 
aut personaliter cuiusdam, sub pena periurii, quam secus faciens incurrat ipso 

13* 



196 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

'EndliGli verdient auch Erwähnung; daß selbst in der ,ordinatio 
facultatis theologicae- von 1496 bei der Bestellung und Besoldung 
der Professoren die Verschiedenheit der Wege sorgsame Berück- 
sichtigung findet 0- ^ ' 
Es gelang dem Grafen schon in den ersten Zeiten, seiner 
jungen Gründung tüchtige Vertreter aller Richtungen zuzuführen, 
so die beiden Pariser Realisten Johann Heynlin von Stein (a La- 
pide), den wir schon 1474 als einen, der Berater Ludwigs XL in 
dem Proskriptions dekret der Nominalisten genannt finden ; Konrad 
Summenhart (aus Sommenhardt bei Calw). ' Neben ihnen ver- 
dienen noch der Franziskaner und Skotist Paul Skriptoris und 
der bekannte Nominalist Gabriel Biel Erwähnung, dessen aus 
Ockham ausgezogener Sentenzenkommentar Luthers theologische 
Ausbildung in seiner ersten Zeit stärk beeinflußte. 

facto, et exclusiönis perpetue ab vnluersitate, cum de aliquo tale quid comp ertum 
fuerit et constiterit. 

. Cbnsulenti tamen se, ad quam bursam aut viam se recipere debeat, con- 
sulere poterit'ad viam et bursam, quam maluerit, non tarnen alteram alteri vel 
personam persone cum detractione prelerendo. Cauendo etiam, ne impediat 
talem ab execucione commissiönis sibi facte ad viam aliam personam vel per- 
sonas vie alterius, quo minus exsequi possit, dummodo commissio illa a paren- 
tibus consanguineis aüt missum expensantibus facta fuerit. Qua executione 
facta, si eo non obstante in alia via stare cuperet, non recipiatur ad bursam 
aliam, nisi aliter Rectori conu'entoribus et magistris constiterit de commissione 
ad aliam viam facta, donec secunda commissio a prefatis absque omni fraude 
et deceptione procurata fuerit, cüi finaliter standum sit per omnia, pena sub eadem.' 

1) (Roth) 264: ,In primis itaque in illiüs nomine initium sumentes', so 
beginnt der erste Abschnitt, ,qui cuiuslibet boni operis' auctor est et patrator, 
volumus et ordinamus, quod de cetero in nostra facultate theologica predicta 
quatuor habeantur magistri theologie ordinarii, duo inquam de via realium et 
duo de via modernorum, de quibus duo, unus scilicet realista, alter modernus 
ducentos habeat florenos, in stipendio equa portione inter eos dividendos, alij 
duo centum florenos similiter inter distribuendos. Qui quatuor ordinarii cura- 
bunt atque providebunt, quod singulis diebus, quibus hactenus legi consuevit 
ordinarie in theologia, per unum ex eis sup ordine una perficiatur lectio ordi- 
naria. Denique duo unius vie magistri curabunt, quod per se una theologica ' 
resumptio quolibet die, quo legi" sölet ordinarie, pro sue vie auditoribus per- 
ficiatur; et idem curabunt <265> duo magistri alterius vie ea die, qua is cui 
resumptio' pro tunc incuinbit, legit ordinarie, simul etiam quadragesimali tempore 
exceptis, poteruntque magistri huiusmodi resumptiones domi vel in scolis pu- 
blicis perficere, quod eorum arbitrio et beneplacito relinquendum duximus. Item 
duo magistri unius vie quoad resuimptiones per se perficiendas taliter inter se 
conveniant et convenire debent, quod unus ex ipsis per dimidium unum supra- 
dictam perficiat resumptionem, alter autem per reliquum dimidium annum ... 
secundum quod ipsis magis expediens visum esse fuerit, dummodo nequaquam 
alternatis diebus aut mensibus illam perficere contendant. Poteritque resumptor 
pro tempore vie sue socium substituere, si se ex aliqua causa ingruente ab- 
sentare vel ad tempus modicum infirmari contingeret.' Vgl. auch die Anstellung 
Jakob Lemps von 1509 ebd. 113 ff. und Hermelink 166, 199. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismns. — Tübingen. 197 

Der auch in Tübingen eindringende Humanismus iuhrte 
bereits 1481 zur Errichtung eines Lehrstuhls für Oratorien (Rhe- 
torik)^) und erhielt in Heinrich Bebel von Justingen und Johann 
StÖffler biBgeisterte und rührige Vertreter, denen bald ein Me- 
lanchton und Reuchlin sich beigesellten ^). Die Reformbestrebungen 
dei: Humanisten verstärkten bald eifrige Pfleger der Mathematik 
und Astronomie, w^elche die Universität Krakau für die deutsehen 
Hochschulen in großer Zahl heranbildete ^). Die Humanisten ge- 
wannen auch in Tübingen leicht und friedlich die jüngeren 
Scholastiker für ihre sprachlichen und ästhetischen Reformen 
und untergruben durch die Beseitigung der sophistischen Aus- 
wüchse der nominalistischen Logik die Vorbedingungen des Wege- 
streites. An die Stelle des scholastischen Aristoteles mit seinen 
veralteten Übersetzungen und der seinen Text überwuchernden 
Qüästionen trat der humanistische in besseren Übertragungen 
und mehr philologischen Erklärungen. Endlich wurde hier wie 
anderswo die durch diese Neuerungen geschaffene Leere durch 
klassische, mathematische und astronomische Studien ausgefüllt. 

Sehr zu beachten ist, daß uns in Tübingen dieser Wechsel 
zuerst 1525 in einer Verordnung des altgläubigen Königs FerdinandL 
entgegentritt. Infolge seines. tollen Regiments war Herzog Ulrich 
1519 durch den schwäbischen Bund aus seinem Land vertrieben 
worden, worauf der Bund das Land gegen Ersatz der Kriegs- 
kosten an Österreich abtrat und Karl V. es 1522 seinem Bruder 
Ferdinand zuwies. Nach der Besitzergreifung wandte Karl sofort 
auch der Landesuniversität seine Fürsorge zu. Ihre Privilegien 
wurden 1520 und 1522 gutgeheißen^). Er stiftete zehn Stijpendien 
in den Bursen für Magister, bestimmte die Unentgeltlichkeit der 
Vorlesungen, wobei er besonders des mathematischen Unterrichts 
Stöfflers und des griechischen und hebräischen Reuchlins gedenkt. 
Für letzteren werden in Venedig gedruckte, hebräische Bibeln 
zu billigen Preisen bereitgestellt^). 

In dieser Pflege der Studienarbeit fuhr auch König Ferdinand 
fort. Er erließ 1525 eine ausführliche Verordnung, welche durch- 
aus den Geist der neuen Zeit atmet. In ihr wird über das Un- 
zulängliche und Verkehrte des bisherigen Studienbetriebs lebhafte 



1) (Roth) 71. In Graf Eberhards erster Ordnung von 1481: ,ainem der 
in Oratorien lyset dryssig Guldin.' 

2) Hermelink 170 ff. Ders., Die Anfänge des Humanismus in Tübingen, 
in: Württembergische Vierteljahrhefte. N. Folge 15 (1906) 319—336. 321. 

3) Hermelink 164. 154. Ders., Württ. Vierteljahrhefte ebd. 333; s. 
unten Krakau. 

4) (Roth) 125 ff. 

6) Ebd. 130 ff. 132 ff. 



198 III. Zur Charakteristik Peters von Gmndia, 

Klage geführt und eine Reihe einschneidender Bestimmungen er- 
lassen ^). Das fünfjährige Studium der Theologie wird genau auf 
die Erklärung der gesamten Hl. Schrift des Alten und Neuen 
Testaments und die Sentenzenbücher verteilt ^). In den Bestim- 
mungen für die Artistenfakultät wird der Dualismus der beiden 
Wege völlig abgetan. Selbst die Namen der Wege sollen ver- 
schwinden. Daher werden die nach ihnen benannten Bursen 
umgetauft^). Auch der wissenschaftliche Lehrplan ist typisch 
für die humanistisch-scholastische Übergangszeit. Neue Über- 
setzungen und Paraphrasen der aristotelischen Werke werden in 
den Vordergrund gerückt, Diese Werke selbst mehr nach Art 
der übrigen klassischen Autoren dem sprachlichen Verständnis 
der Scholaren zugeführt^ ohne daß zu dem Inhalt durch selb- 



1) Bereits in ihrer Einleitung hebt die Verordnung die Reformbedürftigkeit 
der Universität deutlich hervor. Ebd. 141: ,Quod <q,uod . . . solidiora salu- 
brioraque dogmata condecendi et recta methodo in auditorum animas trans- 
fundant> quia superiori aetate neglectum et siinul pro solida et luculenta veri- 
tatis doctrina fragiles nutantesque argutias pro caelestis eloquii mysteriis, per- 
plexa philosophorum placita tradita esse cognovimus, unde tarn praeceps libertas 
orta est, quia fides nutat et labat religio, cuius cöntemptum omni non seculo 
non sunt gravissima secuta dissidia, cumque nos potissimum calamitatibus prae- 
sentis nostri infelicis seculi moniti ifomenta'^ tantarum| turbationum rescindere 
cupiamus, quae, ut est extra omnem controversiam, ob coinquinätum docendi 
modum introductae sint, decrevimus singula in nostris provinciis litteraria gym- 
nasia quorundam doctrina, prudentia et probitate virorum scrutinio et censurae 
committere'. Diese ,viri' sollen eine Reform durchführen. 

2) Ebd. 143. In betreff der Erklärung der Sentenzenbücher wird beson- 
ders verlangt: ,Interpretando tamen textum Magistri Sententiarum difficultates 
duntaxat ex isto textu emergentes quanto brevius et lucidius absolVant, qUoniam 
perfidem efficimur filii Dei et]non per inanes et frivolas questiones, quae sunt 
inflantis et in aeternum exitium aedificantis carnis et doctrinae, quae spiritui 
Dei adversatur.* 

Am Schluß dieses die Theologen betreffenden Abschnitts wird bezüglich 
der Erklärung der hl. Schrift besonders eingeschärftes. 144; ,Omnium vero' erit 
Studium et soUicitudo, ut Sacra Volumina expedito'progressu pureque et syncere 
tradantur, resecatis et penitus omissis argutiis syllogisticis ac aliis minus ad 
rem pertinentibus.' 

3) S. unten S. 199, Anm. 2. Die Realisten-Burse wurde zur Adlerburse 
und die Burse der Modernen wurde Pfauenburse, Namen, welche wohl den 
Freiburger Bursen entnommen waren. Doch bürgerten sich, wie Roth bemerkt, 
die neuen. Namen nicht ein. 

Selbst auf die Auswahl der Lehrer des Zivilrechtes scheint der ,Wege- 
streit' zuweilen eingewirkt zu haben, weshalb wir auch in dieser Richtung eine 
Mahnung finden. (Roth) 148: ,Cumque vel parum vel potius nihil 'conveniat 
iuridicae facultati cum sectis Artistarum maxime ad modum superioris aetatis 
traditarum, conductores (die Stellen, welche die Auswahl zu treffen hatten) de 
cetero nequaquam aemulentur aequalitatem collegiorum sive bursarum, sicut 
hactenus illis consuetum erat . . .' Es hatte also nicht nur die Landsmannschaft, 
sondern auch die Angehörigkeit zu einem bestimmten Wege den Ausschlag gegeben. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Tübingen. 199 

ständige, lehrhafte Kritik Stellung genommen wird. Es erfahren 
also die Scholaren, was der Stagirite gelehrt hat; aber von der 
Untersuchung seiner Ansichten, von der Darlegung eines philo- 
sophischen Lehrkursus, der den Scholaren auf die mannigfachen 
Fragen und Probleme klare und wohlbegründete Antworten geben 
könnte, hören wir fast nichts. In dieser Richtung übt die über- 
triebene Angst vor dem Wiederaufleben des leidigen Haders einen 
verderblichen Einfluß aus. Das Ideal der Verordnung ist die 
,einstimmige* Wahrheit 0, die nun einmal leider in vielen Punkten 
nur durch den klärenden Kampf der Geister zu erreichen ist. 
Allerdings erlaubt und wünscht die Verordnung, daß zur 
Erklärung der Paraphrasen die hierzu geeignetsten älteren Autoren 
herangezogen werden ^). Von den lateinischen nennt sie mit 

1) S. folgende Anm. ,ac si plures etnon una via sit atque methodus veritatis.' 

2) (Roth) 147. Professores Philosophicae Collegiorumque Magistri, quos 
Bursarum conuentores appellare consueuerunt, ad Philosophiam siue rationalem 
siue naturalem siue moralem non admittant Auditores nisi sint Grammatici. 
Solita uero exercitia et actus suos prosequantur iuxta modum qui sequitur. 

Docebunt inprimis Paraphrasticam Jacobi Fabri Stapulensis in Dialectica 
Aristotelis interpretationem et eiusdem Paraphrasim in Physica Aristotelis, ex 
quo Auditores, ob Aristotelem barbare uersum, fastidiunt ueterem translationem, 
interpretaturi et declaraturi , eandem Paraphrasim ex veteribus Autoribus, qui 
minus inculcarunt superuacanea et sophistica. Ex quibus eligere possunt inter 
Arabes Auerroym, Philosophiam Auicennae, Algazelis; de Graecis Themistium, 
Simplicium, Alexandrum, Theophrastum ; Ex Latinis Linconicum, Albertum Magnura 
et Thomam, Scotum, Ocham, Egidium Romanum, Gaietanum, non Monachum et 
Joannem de Gaudauo. Neque ullatenus ad Sectarum viarumque discrimina aut 
certos maxime Neotericos Scriptores astringantur, ac si plures et non una via 
Sit atque Methodus ueritatis. Hoc enim alitur occasio Dissensionum et perni- 
ciosarum Factionum, quibus hactenus nimjum curiose et perquam anxie in ani- 
marum suarum Auditorumque iacturam et pluriam offensionem, solidiore veri- 
tatis doctrina neglecta, incubuerunt. 

Qüapropter explosis viis et sectis eoründemque nominibus, ipsi Philoso- 
phiae Professores siue Conuentores (ut uocant) in posterum sine delectu viarum 
et respectu Authorum in Contuberniis suis, quorum alterum Aquile, Alterum 
Pauonis nomine de caetero appelletur, legant et doceant praedicamentorum 
Paraphrasim et Epithomata siue parua Logicalia Fabri uel Petri Hispani Textum, 
aut, si hunc quoque fastidiant Auditores, Rudolphum Agricolam uel Trapezuntium, 
meliori ordine et clariori Interpretation e ad Auditorum profectum ex Scholiis 
siue Commentariis praefätorum Authorum. 

In Philosophia uero morali Gollegiati duo, quando syncerior habetur tra- 
ductio Aristotelis atque per Jacobum Fabrum Scholiis et Commentariis non con- 
temnendis est illustrata ipsis Aristotelis textum fideliter et diligenter, et non 
obiter, ut hactenus, tradant. Ex quo haec Philosophiae pars maxime pertinet 
ad rectam vitäe institutionem, tum ad superiores doctrinas siue Facultates uehe- 
menter conducat potissimum ad Theologiam et ad Jurisprudentiam, vnde Audi- 
tores etiam ad tam utiles Lectiones audiendum asstringant. 

Caeterum ipsi Magistri nihil aeque curabunt, quam ut Adolescentes 
optimae spei et indolis adhortentur, immo astringant ad memoriam diffinitionum, 
diuisionum et necessariarum demonstrationum, vt magis Textui quam glosse- 



200 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

weitherziger Auswahl nach Robert Grosteste (Linconicus) außer 
Albert und Thomas die Thomisten Ägidius von Rom und Thomas 
de Vio gen. Caietan, welcher kurz vorher auf dem Reichstag von 
Augsburg (1518) als Kardinallegat in den' Gesichtskreis des Ver- 
fassers getreten war, ferner Skotus, ja selbst Ockham, während 
sie den extremen Nominalisten Johann von Mirecourt (Monachus) 
und den Averroisten Johann de Janduno, der in eben jener Zeit 
durch Venetianer Drucke auch in Deutschland eine gewisse Ver- 
breitung gefunden hatte, namentlich ausschließt 0- 

Es machte sich also das Bedürfnis einer gewissen Reform 
des philosophischen und theologischen Studiums, das im wesent- 
lichen auf die Beseitigung des Wegestreites und seiner Über- 
wucherung der scholastischen Spekulation gerichtet war, nicht 
nur in den neugläubigen, sondern auch in den altgläubigen Kreisen 
fühlbar. Träger dieser Reformbewegung war in beiden Kreisen 
der Humanismus. In den neugläubigen, lutherischen Kreisen 
warf sie auf Grund der theologischen Irrungen Luthers Logik 
und Philosophie über Bord. Die altgläubigen Kreise ließen sich 
zunächst auch veranlassen, die philosophische Lehrentwicklung 
übermäßig einzuschränken, ein Übereifer, von dem die katho- 
lischen Universitäten Ingolstadt, Wien und Freiburg bald wieder 
zu dem für das theologische Studium unentbehrlichen Maß philo- 
sophischer Lehrentwicklung zurückkehrten. 

Im übrigen finden wir selbst in den nach der Rückkehr Herzog 
Ulrichs (1534) und nach der Durchführung der religiösen Neuerung 
erlassenen Universitätsverordnungen noch immer entschiedene 
Verwarnungen gegen das Wiederaufleben des Wegestreites ^). 

Erfurt <1379> 1392. 

Erfurt^) ist besonders geeignet, uns mit den scolae particu- 
lares bekannt zu machen, welche, wie uns oben^) das Antwort- 

matum et questiuncularum argutiis inhaereant sibique fructum inde afferant, 
nomenque et famam Vniuersitati extendant, ne insulsi rudesque doctrina atque 
eloquio Parentum substantiis incassum decoctis dojnum reuertentur. 

1) S. N. Valois, Histoire litteraire de France XXXIII (Paris 1906) 528—623. 

2) Die Literatur über die Umgestaltung der Universität . durch Ulrich s. 
(Roth) 164; ferner vgl. ebd. 170 schreibt Blarer am 17. Februar 1535: ,Jun- 
gentur duo ista factiosa Realium et Nominalium, sie enim appellant, contubernia, 
ut unum Sit contubernium, ubi omnibus in commune praelegatur Aristoteles, 
praelegantur bonae litterae.' S. 177. 195, n. 13. 425. 429. 

3) Motschmann, Erfordia litterata, Erffurtta 1729; Kampschulte, Die 
Universität Erfurt in ihrem Verhältnisse zu dem Humanismus und der Refor- 
mation 1 (Trier 1858), für die ältere Periode völlig unzulänglich; Weissenborn, 
Akten der Erfurter Universität, in: Geschichtsquellen der Provinz Sachsen. 8. 
Halle 8. 1 (1881), 8. 2 (1884); ders., Urkunden für die Stiftung des Amplonius 
Ratingh, Erfurt 1879; für die ältere Periode vor allem Denifle, Universitäten 
I 403 ff.; G. Bauch, Erfurt im Zeitälter des Frühhumanismus, Breslau l904. 

4) S. 149 ff. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrscliaft des Nominalismus. — Erfurt. 201 

schreiben der Kölner so eindrucksvoll zeigte, einen Einfluß auf 
die wissenschaftliche Richtupg der Hochschulen ausübten, der 
bisher in den Universitätsgeschichten viel zu wenig beachtet 
wurde. Denifle hat für die berühmte Stadtschule von Erfurt 
neues Material beigebracht. Wir sind zu sehr geneigt, diese Stadt- 
und Kapitelschulen in die Reihe unserer Volksschulen herabzu- 
drücken, während sie vielfach mehr unseren Gymnasien ent- 
sprachen. Außer dem Trivium und Quadrivium vermittelten die 
Schulen zuweilen fast das ganze Wissen der philosophischen 
Fakultäten. Kaiser Karl IV. erklärt 1362 in einer Eingabe an 
den Papst, daß die Erfurter Stadtschule zuweilen als ,studium 
generale' bezeichnet werde ,ex eo, quia in dicto loco Erforden, 
secundum usitatam loquendi consuetudinem illius patrie et aliarum 
adiacentium dicebatur, prout adhuc dicitur, esse Studium gene- 
rale propter magnam studentium multitudinem, qui ad prefatum 
locum plus quam ad aliquem alium locum totius Alamannie con- 
fluere consueverunt; et etiam ex eo, quia ibidem sunt et fuerunt 
quatuor scole principales, in quibus philosophia tam naturalis 
quam moralis cum alüs libris artium copiose legebatur' ^). Dem- 
entsprechend finden wir eineh richtigen Prager ,raagister artium' 
an der Spitze der Schule^). Auch in Prag las an einer solchen 
,scola particularis' ein Magister Gregor die Logik und die ,libri 
naturales' des Aristoteles^); ein anderer außer der Grammatik 
auch die Notariatskunst ^). 

- So wird uns verständlich, daß die Kölner bemerken konnten ^), 
ihr Nachwuchs komme in der Regel mit einer bestimmten philo- 
sophischen Richtung zur Immatrikulation und in ihm fänden sich 
manche, die in den ,kleynen Schoelen' (,scole particulares') so 
tüchtig vorgebildet seien, daß sie ohne weiteres zum Bakkalau- 
reat, ja einige fast zum Lizentiat zugelassen werden könnten. 
Erst das zweite päpstliche Bevollmächtigungsschreiben von 
1389 führte, nachdem ein erstes 1379 ausgestelltes erfolglos ge- 
blieben war, zu einer wirklichen Gründung. Aber auch jetzt 
noch erhielt die von der Stadt angestrebte Hochschule erst 1392 
ihren ersten Rektor^). Ja überhaupt brachte sie es nie zu der 
Blüte, welche ihre Stadtschule im 13. Jahrhundert weithin in 
Deutschland bekannt gemacht und ihr tausend Schüler zugeführt 
hatte ''). 



1). Denifle, Universitäten 407. 

2) Ebd. 407: .Henricus dictus Totting, Cursor in theologia et magister in 
artibus in universitate Pragensi.' 

3) Ebd. 408. 583. 4) Ebd. 584. &) S. oben S. 151. 
6) Weissenb orn, Akten. 8. 1, 36. 

'') Denifle, Universitäten 404. 



202 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Was die wissenschaftliche Orientierung der Hochschule an- 
geht, so haben wir schon oben/) gehört, daß Erfurt und Wien 
als die beiden unbesiegten Hochburgen des Nominalismus galten, 
in welche der Realismus niemals Einlaß erhielt. Selbstverständ- 
lich sind für diese Frage die ältesten Artistenstatuten von 1412 
mit Zusätzen von 1449 von entscheidender Bedeutung. In ihnen 
findet sich allerdings keine Stelle, durch welche sich die Hoch- 
schule in betreff der Wegefrage grundsätzlich festgelegt hätte. 
Dagegen stoßen wir auf eine Reihe von Einzelbestimmungen, 
welche eine solche Festlegung zur stillschweigenden Voraussetzung 
haben. Besonders wichtig ist in dieser Beziehung in den Sta- 
tuten von 1412 die Rubrik ,De libris legendum per quod tempus*, 
in welcher die Zeit angegeben wird, die auf jeden der für die 
offiziellen Vorlesungen zugelassenen Texte zu verwenden ist. 
Unter diesen Texten finden wir mit der entsprechenden Zeitan- 
gabe die nominalistischen Traktate, welche als ,Parva loycalia' 
in jener Zeit eine bedeutende Rolle spielen. Ihnen werden vier 
Monate zugewiesen^). Ferner einer dieser Traktate (die restric- 
tionfes) in der Bearbeitung Richards Billingham^) mit einem Monat; 
die Logik des Wilhelm Heytesbury mit vier. Weiterhin werden 
in einem Zusatz von 1449 für die abendlichen Disputationen die 
,sophismata' Alberts von Sachsen (von Rickmersdorf) empfohlen*), 
der 1390 als Bischof von Halberstadt starb. Endlich wird, gleich- 
falls in einem Zusatz von 1449 festgesetzt, daß die Bakkalaurei, 
ja selbst die Magistri nur die Quästionen jener Autoren ihren 
SpezialVorlesungen (exercitia) zugrunde legen sollen, welche. 



1) S. oben S. .162. 

2) W^eissenborn, Akten II 134: .Suppositiones, ampliationes, restrictiones, 
appellationes simul per duos menses. Consequentie per unum mensem. Obli- 
gatoria et insolubilia per 1 mensem. Biligam per 1 mensem . . . Loyca Hertis- 
beri per 4 menses.' 

Ebd. II 133 heißt es in einem Zusatz von 1449: ,Item parva loycalia, 
scilicet suppositiones, confusiones, consequentie, ampliationes, appellationes, re- 
strictiones Biligam, obligationes et insolubilia debent disputari in exerciliis per 
medium annum.' 

Diese Traktate bilden bekanntlich den siebten Teil der vielkommentierten 
Summulae logicales des Petrus Hispanus: Die sogenannte ,Logica modernoruin', 
während die ersten sechs die Logica antiqua (vetus et nova logica) enthalten. 
Jene Logica modernorum führte Ockham am wirksamsten in den Lehrbetrieb ein. 

3) Aus dem Zusatz von 1449 ist nicht klar ersichtlich, welcher Traktat 
Billinghams hier gemeint ist. Vgl. unten S. 206, Anm. 4, 

*) Ebd. 133: ,ltem in exercitiis vespertinis debent disputari tractatus 
Petri Hispani sine additione materiarum impertinentium cum sophismatibus Al- 
berti, que debent diligenter declarari.' 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und. Vorherrschaft des Nominaiismus. — Erfurt. 203 

wie z. B. die von Buridan upd Marsilius, voij der Fakultät gut- 
geheißen sind^). 

Auch Billingham ist einer der Autoren, welche wir ver- 
gebens bei Prantl suchen. Offenbar war er einer der nomina- 
listischen Logiker, welche mit bewunderungswürdigem Eifer an 
der Fortbildung der ,subtilitates Anglicane' arbeiteten, daß sie 
schon ihrem Zeitgenossen Richard de Bury Klage erpreßten^). 
Nach den englischen Biographen^) können wir ihn für die zweite 
Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts etwa 1344 bis 1414 ansetzen. 
Seine Schriften fanden, wie zur gleichen Zeit jene Wiklifs, auch 
auf dem Kontinent Verbreitung, ja müssen eine gewisse Berühmt- 
heit erlangt haben. Fand er doch sogar mehrere Erklärer*). 
Allerdings das Ansehen und die Beliebtheit Heytesburys hat ,er 
nicht erreicht. 

Obigen statutarischen Bestimmungen entsprechend finden 
wir in Erfurt nur nominalistisch gerichtete Lehrbücher der Logik 
im Gebrauch. Ich verweise nur auf jene Jodoks Truttfetter von 
Eisenach ^), Luthers Lehrer an dieser Hochschule, und die des 
Bartholomäus Arnoldi von Usingen^). Einen volleren Überblick 

^) Ebd. 141: ,Item de cetero non debent fieri publice tales pronuntia- 
tiories exercitiorum communium per baccalarios, sed si volunt possunt pro- 
nuntiare questiones approbatas, utputa Byridani, Marsilii etc. vel alterius, cum 
consensu tarnen facultatis, que discernere debet, an sint tales, quod sint pro- 
nuntiande licite; et conclusum est per facultatem, quod idem statutum intelligi 
etiam debet, de magistris, quia non est ratio diversitatis.' 

2) Polybiblion ed. Thomas. 

3) J. Bale, Scriptorum illustrium Maioris Brytanniae catälogus, Basileae 
1557, VI 8; Th. Tanner, Biblibtheca Britanico-Hibernica, Londini 1748, 100; 
Dictionary of national Biography V (1886) 32. 

' ^) J. Truhlar, Catälogus codd. mss. lat. qui in bibliotheca publica et 

universitatis asservantur I (Pragae 1905) 367: cod. 896, ff. 222— 232 Capellanus 
super Biligam. Ob identisch mit Hugo sacerdos dioc. Constantiensis capellanus 
in Birlig: Grammatikalisches in cod. 1932. Vgl. auch II (1906) 107: cod. 1987, 
f. 101. Notabiliora in Biligam; I 369: cod. 898, f. 121 Disputata super Biligam. 
Auch Clm. 14896, Bl. 218 enthält Comment. in librum Biligam ine: ,1° queritur 
utrum notitia libri Biligam sit pars sophistrie.' 

5) Sumulae totius logicae, quas opus malus appellitare libuit per Jodocum 
Trutvetter Isennachcensem theologum ex dogmatibus veterum recentiorumque 
omnium in gymnasio nuper Erphordiensi utpote saccus e floribus, laborio- 
sissime compilatae. — Expressum ... ab Lupambulo Schenk . . . Erphordiac 
1501, 40. — Epitome seu breviarium dialecticae, hoc est disputatricis scientiae, 
iterum iam recusum planiorl siquidem et praeceptorum et exemplorum filo per 
D. Judorum Isennachensem. — Impressum Erphordiae per Matheum Maler, 
1512, 40. Vgl. G.. Plitt, Jodoc Trutfetter von Eisenach, Erlangen 1876; 
Prantl IV 241. 

6) Gompendium novum totius logicae opera et studio singulari M. Bartho- 
omei de Usingen in gymnasio Erphordiensi collectum s. 1. et a., 4". 

Summa compendiaria totius logicae in famatissimo studio Erphurdiensi 



204 III. Zur Charakteristik Peters ivon Candia. 

Über die bis 1536 in Erfurt gedruckte Literatur des pliiloso- 
phlschen Gebietes ermöglichen die Annales typograpbici von Panzer. 
Für die Beurteilung der Scholastik, ja der Philosophie über- 
haupt in der protestantischen Periode! der Hochschule ist die 
Mahnung bezeichnend, welche sich in den Statuten der Theologen 
von 1634 findet: ,§ 7 Philosophiam ipsam et philosophos non 
damnent'^). 

Leipzig 1409. 

Die infolge der nationalen Gegensätze im Mai 1409 von 
Prag abgewanderten, angeblich gegen 400 Bakkalaurei und Scho- 
laren und mehr als 40 Magistri finden in Leipzig^) von selten 
der Landgrafen Friedrich und Wilhelm von Thüringen freund- 
liche Aufnahme. Alexander V. stellte auf Bitten der beiden 
Landgrafen das erforderliche Bevollmächtigungsschreiben am 
9. September 1409 aus. Bereits am 24. Oktober wurde Magister 
Heinrich Bernhagen zum ersten Dekan der Artisten erwählt, 
worauf am 30. November die erste Bakkalaureatspromotion statt- 
fand. Dagegen erfolgte die erste Rektorwahl erst im Dezember, 
wie auch die eigentliche Stiftungsurkunde vom 2. Dezember 1409 
datiert ist^). 

Wie nahe lag, wurde manches aus der in Prag erprobten 
Verfassung beibehalten, unter anderm die vier Nationen (Meißner, 
Sachsen, Bayern, Polen), deren Wirkungskreis allerdings, wie 



per mag. Bartholomeum Arnoldi de. Usingen collecta. — Per . . . Nicolaum Keßler, 
civem Basiliensem, 1507, 4''. — Parvulus loycae cum figuris. — In schola Erf- 
furdiana per Bartholomeum de Usingen . . . concinnatum . . . effigiätum Erffurdiae 
per Wolffgangum Schenk, 1504, 4°. — Compendium totius logicae brevissimis 
figuralis exposituin in schola Erphordiana per Bartholomeum de Usingen . . • 
concinnatum. Matheus Maler impressit Erphordiae, 1513, 4®. N. Paulus, Der 
Augustiner Bartholomäus Arnoldi von Usingen, Luthers Lehrer und Gegner 
(Straßburger theol. Studien I 3), Freiburg 1893; Prantl IV 244. 

1) Weissenborn, Akten II 68, 

2) B_ Stübelj Urkunden der Universität Leipzig (Codex diplom. Saxoniae 
Regiaell) Leipzig 1879; P. Zarncke, Die urkundlichen Quellen zur Geschichte 
der Universität Leipzig in den ersten 150 Jahren (1409 — 1559) ihres Bestehens, 
in: Abhandl. der Kgl. Sächsischen Gesellschaft der Wiss. Philol.-histor. Kl. 3 
(1857) 509— 922; Ders. , Die Statutenbücher der Universität Leipzig, Leipzig 
1861; Ders., Acta rectorum univ. Lipsiensis, Lipsiae 1858; G. Erler, Die 
Matrikel der Universität Leipzig (Codex diplom. Saxoniae regiae 18) Leipzig 
1902, 3 Bde; Brieger, Die theologischen Promotionen auf der Universität 
Leipzig, Leipzig 1890; E. H. Gersdorf, Die Universität Leipzig im ersten 
Jahre ihres Bestehens in den Berichten der deutschen Gesellschaft zur Er- 
forschung der vaterländischen Sprache und Altertümer in Leipzig, Lei||zig 1847; 
Collegium B. M. Virginis in Univ. Lipsiensi, Leipzig 1890; G. Bauch, Der Früh- 
humanismus in- Leipzig (Beihefte des Zentralbl. f. Bibl.-Wesen 32) Leipzig 1899. 

3) Gersdorf 4ff.; Zarncke, Statutenbücher 3. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Leipzig. 205 

uns die erhaltenen Bruchstücke ihrer Statuten *) zeigen, sehr eng 
begrenzt war und sich fast auf die Sorge für die würdige Ver- 
tretung der Landsmannschaften bei einigen kirchlichen Feierlich- 
keiten beschränkte. Die Einsammlung der hierfür nötigen Geld- 
mittel besorgten dje ,seniores' oder eigens hierfür gewählte Mit- 
glieder. Wie die änderen Fakultäten, so hatten auch die Artisten 
ihren Dekan. 

Im übrigen lenkte auch diese Hochschule bald immer mehr 
in die Bahnen der deutschen Hochschulverfassung ein, bei der 
das Hauptgewicht in den Fakultäten lag^) und in diesen bei den 
älteren Magistri. Dies zeigt auch die Tendenz, die Lehrer mit 
fester Versorgung in den Bursen oder durch kirchliche Bene- 
fizien lebenslänglich der Schule zu sichern, im Gegensatz zu der 
ständigen. Erneuerung des Lehrkörpers im Pariser System^). 
Gleicherweise ging auch in Leipzig mit Zurückdrängung der 
mittelalterlichen, korporativen Selbstbestimmung die Leitung mehr 
und mehr an die landesfürstliche Regierung über*). 

In betreff der wissenschaftlichen Lehrrichtung der Hoch- 
schule finden wir in den uns erhaltenen Statuten^) nur wenige 
sehr dürftige Andeutungen. Dieselben zeigen uns jedoch immer- 
hin mit genügender Klarheit, daß in der artistischen Fakultät 
der Nominalismus vorherrschte. Dies bezeugt die Tatsache, daß 
von den ältesten Artistenstatuten von 1410 an bis zur Reform 
des Herzogs Georg von 1496 die spezifisch nominalistische Logik 
Wilhelms von Heytesbury (Hesbrus, Heysbrus, Hentisberus) im 
philosophischen Unterricht eine hervorragende Stelle einnahm^). 

1) Zarncke, a. a. 0. 3, 157—175. 

'^) Allgemein gültige, die Haltung oder - Verfassung der ganzen Hoch- 
schule betreffende Verordnungen wurden im 15. Jahrhundert in der Regel in 
den Universitätsversammlungen durch Abstimmung nach Nationen erlassen. 
Ebd. 55—63. 

3) Ebd. 4. 4) Ebd. 5. 6. 16. 5) Ebd. 305 ff. 

^) Za,rncke, Statutenbücher 310. 311: Philosophische Fakultät, Statuten 
von 140^: ,9. Qui libri possunt audiri pro tertia lectione. 

Item eodem die <an. Dom. 1410, Sept. 30> in eadem congregatione con- 
clusum fuit et statutum, nuUo contradicente, quod quilibet, volens audire libros 
ad gradus, solum audire debeat duas lecciones in die de libris ad gradus et 
non poterit audire aliquem pro tercia leccione, nisi Priscianum breviorem et 
loycam Hesbri. Si vero secus fecerit, non sint tales libri sibi computandi pro 
auditis ad gradus. 

10. De terminis leccionum maximo et minimo. 

Item eodem die in eadem congregacione conclusum fuit et statutum, nullo 
contradicente, quod lectiones librorum ad gradus finiendae essent iuxta terminos 
praefixos in studio universitatis Pragensis, videlicet maximum, ultra quod non, 
et minimum, infra quod non. Qui termini infra conscripti continentur. 

11. De libris ad gradus. 

Item die et loco, quibus supra, placuit magistris pro tunc facultatem 



206 iil. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Erst in dem genannten Jahr verschwindet sein Name in den 
Verzeichnissen der für die Grade vorgeschriebenen Textbücher. 
Seine Logik wird als wenig gedeihlich bezeichnet (quia .'.'\ parüm 
fructus in se habet) und bezeichnenderweise durch den ,liber 
rheticorum Aristotelis' ersetzt ^), offenbar ein Zugestänänis an den 
auch hier siegreich vordringenden Humanismus. Neben Heytes- 
bury werden 1410 unter den Textbüchern auch noch die ,PäTva 
logicalia' Maulfelts und Greffinsteins und des bekannten Ockha- 
misten Märsilius von Inghen gestattet. Marsilius ist uns von 
Paris und Heidelberg her geläufig. Von den beidefn ersten 
dürfte Maulfeit mit Martin Molenfelt aus Livland zu identifizieren 
sein, von dem ein ,tractatus obligaforiorum' gedruckt und anderes 
handschriftlich erhalten ist^). Von Greffinstein konnte ich bisher 



repraesentantibus, quod libri pro gradibus magisterii et baccälariatus in uniyer- 
sitate Pragensi similiter hie permanere debeant sine additione et diminutiöne 
at annum. Quo finito possit fieri mutacio, addicio vel diminucio iuxta placitura 
facultatis. Et idem placuit de parvis loycalibus Maulfelt pro exercitiis et ordi- 
nario servandis ad idem tempus et postea iuxta voluntatem facultatis ulterius 
continuandis vel immutandis in alia parva loycalia, scilicet Greffinstein vel 
Marsilii vel alterius. 

12. Libi-i ad gradum Baccälariatus. ' 

Libri ad gradum baccälariatus sunt: tractatus Petri Hispani, Priscianus 
brevior, vetus ars, priorum, posteriorum, elencorum, phisicorum, de anima, 
sp<li>era materialis. 

13. Libri ad Gradum Magisterii. 

Ad gradum magisterii sunt libri isti: topicorum, de celo, de gene- 
racione, metheororum, parva naturälia, ethicorum, politicorum, ycönomicorum. 
perspectiva communis, theorica planetarum, Euclides, loyca Hesbri,' arismetica 
communis, musica (Muris), methafisica.' 

In der dritten Statutenredaktion der Artistenfakultät von 1471 lesen wir 
im Abschnitt ,De modo exercendi': ,Et debet decanus nomen disputantis inscri- 
bere sicut legentis et el circa hoc iniungere, quod sub siio iuramento et poena 
expressa et, si opus fuerit, exprimenda disputet. Quod si non fecerit," per de- 
canum et executores suos, eundem inavisate visitantes, denunciatus iuxta condi- 
gnum puniatür, hoc annexo, quod pro exercitio parvorum loycalium niagistri 
libere disputare possunt septiraüm tractatum Petri Hispani cum träctatu 
quodam aut Ma,ufelt vel alterius.' 

Außerdem findet sich die ,loyca Hesbri' ebd. 3'27.' 329 (1436/7). 352 (vor 
1449). 399. 400 (1471). Sie fehlt in der vierten Statutenredaktion von 1499;' 
ebd. 464 f. 473. ' 

1) In der von Bischof Thilo von Merseburg, als Kanzler, der Universität, 
im Auftrag der beiden Herzöge abgefaßten unc^. veröffentlichten Reform der 
Statuten von 1496 lesen wir: ,§ 7. De lectione loic^e Hesbri.— Quia. lectio 
loicae Hesbri parum fructus in se h9,beat, ideo volumus/quod loco eiusdem 
lectionis pro magisterio legatur de cetei^o liber rhetoyicorum A]cist6telis,' ebd, 22. 
Seit 1471 war zwischen der Rhetorik und dieser Logik die Wahlfrei. . 

2) Expositio magistri Petri Tartareti in summulus Petri IJispani una cum 
passibus Scoti emendata summaque accuratione Basjleae impressa. Additus 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Leipzig. 207 

in den Handschriftensamralungen nichts entdecken. Es handelt 
sich ^offenbar um Präger Lehrer, deren Namen nicht in weitere 
Kreise gedrungen sind. In der Tat findet sich in der Prager 
Matrikel der Name Grevenstein sehr häufig, und zwar nur in 
der ,natio Bavarorum'^) »während der Name Molenfelt nicht vor- 
kommt. Von den Grevenstein scheiden Bartholdus, Conradus 
und die beiden Johannes ohne weiteres aus. Sie wurden nur 
Bakkalaurei. Dagegen könnte Henricus der von uns gesuchte 
Logiker sein. Er wird am Weihnachtstermin 1375 Bakkalaureus 
und am Ostertermin 1380 Lizentiat^). Sodann wirkte er als 
magister regens der Artistenfakultät sehr eifrig an dieser Hoch- 
schule^). 

Eine beachtenswerte Notiz findet sich in der Reform der 
Universitätsstatuten des Herzogs Georg von 1502 in dem die Theo- 
logen betreffenden Abschnitt, welcher die täglichen Vorlesungen 
festlegt. Es heißt daselbst: ,Und solln alle tag ein doctor, den 
andern tag ein ander doctor und also folgende ordinarie, wie 
gewönlich inn andern universiteten, ein stunde vor mittage lesen 
und die nehist folgende stunde ein baccalarius der hailigen 
schrifft in sententiis, nach mittag umb eilffen ein Cursor in biblia, 
dornach umb I stunden aber ein sententiarius, umb zwo hören 
sol ein doctor oder aufs wenigste ein licentiat in parti- 

est tractatus Insolubilium eiusdem et Obligatoriorum magistri Martini Molenfelt 
ex Livonia s. a. <1514>. 

In der Hs 2605 der Prager Universitätsbibliothelc (Papier, geschrieben 
1413, 156 El., 21 X 15 cm) steht BI. 52— 59^ ,Thome Mauleveit Tractatus de 
confusionibus cum notis marginalibus'. Beginnt: ,Affectuose cognitionem' ; redet: 
,sed consequens falsum est. Et sie est fini de confusionibus'. Es war dies ein 
den (Parva logicalia' angefügter Traktat. Siehe J. Trulhäf, Catalogus codd. 
mss. lat. bibliotecae univ. Pragensis II (Pragae 1906) 327 f. Disputata confu- 
sionum, mag. Stephani de Palcez finden sich ebendaselbst in Hs 1987, Bl. 76—92 II. 

Auch Clm. 14896 (Papier, 248 Bl., 209 X 155 mm, 15. Jahrhd.) Bl. 99—218 
bietet: <magistri Maufelt, disputata in Parva Logicalia). Bl. 99 ,Circa initiura 
parvorum logicalium queritur primo utrum nötitia parvorum loycalium sit scientia. 
Et . . ; quod illa questio principaliter duo includit in se. Primo includit nomen 
et titulum illorum librorum, scilicet quod dicuntur parva loycalia, 2« includit in 
se utrum notitia illorum hbrorum sit scientia.' Bl. 163^ ,Expliciunt disputata suppo- 
sitionum magistri Maulfeit'. 

Bl. 187 V , Circa initium consequentiarum primo queritur: utrum notitie 
consequentiarum sit assignandum aUquod subiectum.' Bl. 218 ,Expliciunt dispu- 
tata consequentiarum magistri Maulfeit.' 

Bl. 218 folgt , Circa initium libri Biligam et primo queritur utrum notitia 
libri Biligam sit pars sophisterie'. Vgl. oben S. 202 Bl. 248^ ,Finis huius libri 
Biligam'. 

1) Monumenta historica univ. Pragensis I. Ein Grebenstein in Hessen- 
Nassau, Kr. Hofgeismar. 2) Ebd. I 167. 192. 

3) Ebd. I 214. 226. 231. 235. 240. 241. 253. 257."' 



208 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

bus beati Thomae lesen ein gantze stunde, umb drei 
hören aber e|n sententiarius' 0. Dieselbe Verordnung wurde mit 
einigen Veränderungen 1519 wiederholt^). — So interessant diese 
Notiz in anderer Beziehung ist, hat sie wohl mit dem uns hier 
beschäftigenden Wegestreit unmittelbar nichts zu tun. Sie be- 
rührt zunächst die Frage: wann begann man dem theologischen 
Unterricht statt der Sentenzen des Lombarden die Summa des 
hl. Thomas zugrunde zu legen und die Lehrmeinungen des Aqui- 
naten statt durch dessen Sentenzenkommentar durch Hinweise 
auf seine reifste Geistesfrucht festzustellen? Wie ich schon 1880 
hervorhob ^), geschah dies viel später, als man anzunehmen ge- 
neigt war. 

Von den ersten gedruckten Kommentaren der Summe er- 
schien der erste des Kardinals Thomas de Vio Cajetanus (in 1»™) 
in Rom 1507 (in 1^ 2ae 1511, in 2^ 2ae 1517, in 3^ 1522). Im 
Jahre 1512 veröffentlichte der Dominikaner Konrad Köllin seine 
seit 1507 in Heidelberg gehaltenen Vorlesungen über die 1^ 2»^ 
auf Betreiben eben dieser Fakultät. Seit 1509 arbeitete in Paris 
sein Ordensgenosse Peter Crockart von Brüssel an seinem Kom- 
mentar zur Summe ^). 

Von andern Dominikanern können wir wenigstens Vorle- 
sungen über die Summe nachweisen. So für 1490 an der Frei- 
burger Universität von Kaspar Grunwald^); für 1520 in Rostock 



1) L. Zarncke, Statutenbücher 28. 

^) Ebd. 36: ,Hora VII mane in vet test., hac aestate a libro Geneseos 
auspicando. Hora VIII mane legetur in Divo Augustino et Hieronymo, hac ae- 
state a libris Divi Augustini de trinitate Dei exordietur. Hora I legatur primus 
über sententiarum. Hora II legatur in scholasticis sacrae paginae scriptoribus, 
et hoc aestivo semestri in operibus beati Thomae: Hora IV opera novi testa- 
menti enuncleabuntur, et hac aestate ab evangelio inchoabitur.' — Zur Erklä- 
rung dieser Verordnung ist ein weiterer fast unmittelbar folgender Abschnitt 
zu beachten: ,Es sollen auch zween doctores predigerordens ad consiiium fa- 
cultatis theologicae genommen werden, lauts der Statuten, doch mit dem Be- 
scheid, das fiscus facultatis theologicae, über statutorum und sigillum bei dem 
eltisten doctor im grossen collegio bleiben soll, das auch dieselbigen, so auf- 
genommen sollen werden, alhier inn der universitet cursum und sententias lesen 
und byrretum nehmen.' Es dürften also wohl diese Thomas-Vorlesungen den 
beiden Dominikaner-Doktoren zugefallen sein, wie an andern deutschen Uni- 
versitäten dieser Zeit. 

3) stimmen aus Maria Laach (1880) 389. 

4) Qu6tif-Echard, Scriptores ord. Praedicatorum II, Paris 1721; Ehrle, 
Salmantizenser Theologen 52, 509. 

5) H. Schreiber, Geschichte der Alb ert-Ludwigs-Universität zu Freiburg 
i. Br., Freiburg I (1868) 131. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschalt des Nominalismus. — Leipzig. 209 

von Johannes Hoppe und Cornelius de Snekis^; für 1503 in 
Krakau von dem dem Weltklerus angehörigen, ungemein tätigen 
Magister Stanislaus Biel^). Diese weittragende, nach so langer 
Vernachlässigung erfolgte Hinwendung zur Summe des hl. Thomas 
möchte man auf die Weisung eines Ordenskapitels zurückführen. 
Doch findet sich in der i^.usgabe Reicherts keine Spur einer 
solchen. Sie enthält eben nur die Akten des Gesamtordens. 
Dagegen ist es, wie schon früher hervorgehoben wurde, nicht 
unwahrscheinlich, daß eine solche Weisung von der Leitung der 
damals auch im Dominikanerorden bestehenden Reformprovinzen 
ausging, deren Akten In jene Sammlung keine Aufnahme fanden. 

Ich habe bei dieser Notiz länger verweilt, weil sie Gelegen- 
heit bot, von neuem auf den Einfluß aufmerksam zu machen, 
welchen die Ordensstudienhäuser auf die wissenschaftliche Orien- 
tierung ausübten. Er kommt in den Universitäts- und Fakultäts- 
statuten kaum zum Vorschein. Im besondern veranlaßte der 
Einfluß Leipziger Thomisten Luther zu heftigen Ausfällen. 

Herrschte in Tübingen und Wittenberg beim alten Weg 
mehr die skotistische Richtung vor, so hatten in Leipzig die Tho- 
misten das Übergewicht. Dies zeigen Namen wie Martin Pollich 
von Meilerstadt, Andreas Bodenstein von Carlstadt, Erasmus 
Wonsidel und noch nachdrücklicher ihre für den Universitäts- 
betrieb in Leipzig gedruckten" Handbücher in thomistischem Sinne ^). 

1) O.Krabbe, Die Universität Rostock, Rostock 1854, 321. Dort lesen wir in 
der ,Observantia lectionum in univ. Rostochiensi' von 1519/20: ,Rev. pater 
Joannes Hoppe, theologie magister, heretice pravitatis Inquisitor, ordinls Pre- 
dicatorii vicarius, leget et elucidabit diebus festis hora prima secundam secunde 
beati Thome Aquinatis, summis festis dumtaxat exceptis.' — Rev. pater Corne- 
lius de Snekis, theologie magister, heretice pravitatis Inquisitor, predicatorii 
conventus 'Rostochiensis prior, hora septima antemeridiana leget et elucidabit 
primam secunde beati Thome, singulis diebus onerosis.' — Neben ihnen lasen 
noch drei Lehrer des Weltklerus und zwei Franziskaner und ein dritter Domi- 
nikaner, welche aber alle außer dem Dekan Bartoldus Moller, einem Rostocker 
Domherrn, nur Bakkalaurei der Theologie waren. 

Dieses als Reklame veröffentlichte Vorlesungenverzeichnis, das mit dem 
Wittenberger zusammengefallen ist (s. unten Wittenberg), atmet schon den 
Geist einer neuen Zeit, die Reformen versprach und teilweise anbahnte, aber 
eine grundstürzende Revolution brachte wie auf dem kirchlichen, so auch auf 
dem akademischen Gebiet. 

2) Hs 2228 der für die Scholastik des 14. und 15. Jahrhdt. reichen und 
wichtigen Krakauer Univ.-Bibliothek enthält: ,Stanislai Biel, s. theol. professoris, 
Canonici eccl. Cracoviensis, Annotationes in 2"" 2«" beati Thomae.' Am Rand 
,1503'. Vgl. Hs 2222. Wt. Wisloki, Catalogus codd. mss. bibliothecae uniy. 
Jagelonicae Cracoviensis, Cracoviae II (1881). 

3) Hierher gehören: De intentionibus opusculum mag. Andree Bodenstein 
Carlstadii compilatum ad Sancti emulorum Thome commoditatem. Impressum 
Liptzk per Melchiorem Lotter (s. a.) 1507, 4^. 

Franzisk. Stud., Beih. 9 : F r. E h r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 14 



210 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Bei der Beurteilung dieser Erzeugnisse darf allerdings das oben 
über den Eklektizismus dieser Periode Gesagte nicht unbeachtet 
bleiben. 

Obige Notizen, so spärlich sie auch sind, dürften hinreichen, 
die aus dem Manuale Scholarium und anderen allgemeinen Quellen 
sich ergebende Angabe^) zu bestätigen, daß in Leipzig von An- 
fang an beide Lehrrichtungen gleichmäßig zugelassen waren. 
Allerdings gegen das Ende des 15. Jahrhundert? wird diese Hoch- 
schule mit der von Wittenberg als realistisch bezeichnet^), was 
doch wohl eine zeitweilige Vorherrschaft dieser Lehrrichtung 
voraussetzt. 

Rostock 1419. 

Nach allem Anschein schließen sich zwei andere nordische 
Hochschulen ziemlich enge an die von Leipzig und Erfurt an, 
weshalb das Nötige über sie hier folgen mag. Es sind dies die 
Universitäten von Rostock (1419) und Greifswald (1456). 

Behufs der Rostocker Hochschule^) wandten sich die 
beiden Herzöge Johann IIL und Albrecht V. von Mecklenburg 
und in ihrem Auftrag der Bischof von Schwerin, Heinrich IL 
von Nauen, durch zwei Schreiben vom 8. September 1418 an 

<Martini Pollichü> Cursus Logici commentariorun^ nostra coUectanea. 
Impressum Liptzk per Melchiorum Lotter, 1512, fol. 

Exercitium totius veteris artis . . . a viro Erasmo Wonsidel acutissimo 
philosophiae studii Liptzensis magistro congestum. Nunc denuo ab inclita fa- 
cultate artium eiusdem famigeratissimi gymnasii assumptum et ad communem 
omnium promovendorum utilitatem institutum et approbatum. Impressum Lyptzk 
per Jacobum Thanner, 1511. 

Textus parvuli antiquorum. — Finit tractatus Parvulus Antiquorum inti- 
tulatus per Iratrem Arnulphum in artibus et theologia magistrum editus et in 
florentissimo studio Lypsensi emendatus ac per Conradum Kaeheloffen impres- 
sus. s. a. 40. 

Compendium totius logices, quod a nonnuUis Parvulus Antiquorum appel- 
latur in florentissimo studio Liptzensi renovatum, cum quibusdam additionibus 
coUectis ex magnifico et eggregio domino Magno Hundt Partlienopolitano <Magde- 
burg> ... in lectione Petri Hispani, quam publice legit opiniones beati Thomae, 
venerabilis Alberti declarantibus, studiosis admodum proficuis. Liptzk Melchior 
Lotter, 1511, 40. 

Außerdem gibt es auch einen .Parvulus Modernorum* und einen ,Parvulus 
logicae, der sich aber auch an Paulus Venetus und die Modernen anschließt. 

1) Siehe oben S. 162. 

2) Siehe oben S. 163. 

3) 0. Krabbe, Die Universität Rostock im 15. und 16. Jahrht., Rostock 
1854, 2 Bde.; E. J. von Westphalen, Monumenta inedita rerum Germani- 
carum IV, Lipsiae 1745, 1008—1047; A. Hofmeister, Die Matrikel der Uni- 
versität Rostock I, Rostock 1889, 1419 — 1499; Etwas von gelehrten Rostocker 
Sachen. Jahrgang 1 — 6. Rostock 1737—42, 6 Bde. 8»; die übrige Literatur 
s. Hofmeister a. a. 0. VI ff. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nominalismus. — Rostock. 211 

Papst Martin V. *). Außerdem soll auch der Stadtrat von Rostock 
durch eigene Abgeordnete die Sache an der päpstlichen Kurie 
gefördert haben ^). Das päpstliche Schreiben, welches die Er- 
richtung von nur drei Fakultäten: Rechte, Medizin und freie 
Künste (artes) gestattet^), ist vom 13. Februar 1419 datiert^) 
und die Eröffnung der Universität erfolgte durch das einmütige 
Zusammenwirken aller drei Faktoren: der Herzöge, des Bischofs 
und der Stadt in feierlicher Weise am 12. November desselben 
Jahres^). Trotzdem dürfte die Gründung ähnlich wie in Köln 
und Löwen im wesentlichen als eine städtische zu gelten haben, 
war es ja doch die damals noch ansehnliche Hansastadt, welche 
dauernd die Hauptlasten trug^). Der Erfolg entsprach den ge- 
brachten Opfern. Die Schule erfreute sich alsbald eines bedeu- 
tenden Zulaufes aus dem ganzen Norden. 

Nach A. Hofmeister"^) hätte Erfurt als die ,Mutteruniver- 
sität'.von Rostock zu gelten. Als Beweis hierfür gilt ihm, daß 
den Rostocker Universitätsstatuten, welche uns in E. von West- 
phalen^) aus einer Niederschrift von 1432 erhalten sind, die Er- 
furter zugrunde liegen. Dagegen hält Rashdall^) die Rostocker 



1) Urkundliche Bestätigung der Herzoglich Mecklenburgischen hohen Ge- 
rechtsame über dero Akademie und Rath zu Rostock, besonders in Absicht der 
vieljährigen zwischen beiden vorwaltenden Streitigkeiten <Rostock> Fol. Beil. 3, 4. 

2) Krabbe a. a. 0. 367. 

3) In der Erteilung der Vollmacht zur Errichtung the'ologischer Fakultäten 
ließ Martin V. große Vorsicht walten. Rostock erhielt sie erst 1432 von Eugen IV., 
welcher sich hierin von anderen Gesichtspunkten leiten ließ. Hätte die .Furcht' 
vor Konzilien Martin V. zu seinem Verhalten bestimmt, wie Rashdall (II 1, 257) 
meint, so hätte sie auf Eugen einen noch viel stärkeren Einfluß ausüben 
müssen. Hierin urteilt Krabbe 39. 54 ff. richtiger. 

4) Krabbe 38, Anm. 2. 

6) Krabbe 45 ff.; Hofmeister, Matrikel 1. 

«) Der Verfasser der ältesten Universitätsstatuten gründet das Recht zu 
deren Abfassung auf die ,priyilegia ;apostolica a domino Martino V. oppido 
Rostochiensi concessa' und hebt hervor, daß die Statuten ,proconsulibus omnibus 
requisitis et praesentibus et eisdem consentientibus' verkündet worden seien 
Westphalen IV 1008 f. 

7) Ebd. VIII: ,Den in der noch erhaltenen ältesten Form erst nach 1424, 
wahrscheinlich um 1432 niedergeschriebenen Statuten der Universität liegen die 
der Mutteruniversität Erfurt, welche wohl bis zur endgültigen Redaktion maß- 
gebend gewesen sein mögen, zugrund.' Leider sind diesen interessanten An- 
gaben die wünschenswerten Beweise nicht beigefügt. 

8) Sie sind ohne jegliche Einleitung abgedruckt, in: Westphalen IV 
1008—1047. 

9) II 1, 258: ,In other respects the Constitution was closely modelled on 
Leipsic' Für Erfurt liegen uns Univ.-Statuten von 1449 vor (s. oben S. 202), 
während fiir Leipzig aus älterer Zeit (1410 ff.) nur ein Bruchstück mit Nach- 
trägen erhalten ist. 

14* 



212 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Statuten unter mancher Rücksicht für eine genaue Nachbildung 
der Leipziger. Es dürfen eben die Zusammenhänge und die 
Verwandtschaftsverhältnisse der Universitäts- und Fakultäts- 
statuten noch lange nicht als geklärt und festgestellt gelten ^). 
Sicher kamen die ersten Lehrer der entstehenden Hochschule 
größtenteils von Erfurt und Leipzig^). Jedenfalls bewegen sich 
die Rostocker Universitätseinrichtungen durchaus im Geleise der 
übrigen deutschen Hochschulen neueren Datums. Es fehlen 
die Nationen. Das Schwergewicht liegt in den Fakultäten. Der 
Universitätsrat wird den älteren ,magistri stipendiati' entnommen, 
welchem zwei oder drei ,nötabiles graduati' sich nach ihrer Wahl 
angliedern. In ähnlicher Weise herrschte auch in den Fakul- 
tätsräten und bei den Dekanatswahlen das tätige, ältere Lehrper- 
sonal vor; ja dasselbe besorgte in den ersten 150 Jahren die 
Wahl und Berufung der neuen Professoren. 

Im Jahre 1443 erfolgte eine Neugründung der Rostocker 
Universität. Es wurde nämlich 1439 durch eine leidenschaft- 
liche Spaltung des Städtrates, welche schließlich noch durch 
die Basler Konzilskämpfe in beda,uerlicher Weise verschärft 
wurde, ein großer Teil der Lehrer und Schüler nach Greifswald 
getrieben, wo sie zunächst den Lehrbetrieb eine Zeitlang fort- 
führten. Als 1443 nach langwierigen, durch politische Streitig- 
keiten erschwerten Verhandlungen die Rückverlegung nach Ro- 
stock erfolgen konnte, blieben sechs der Rostocker Lehrer in 



1) Nur zu oft wird aus einer Übereinstimmung zweier Statuten vorschnell 
eine Herleitung gefolgert, während der Übereinstimmung in Wirklichkeit die Ab- 
stammung aus einer beiden gemeinsamen Quelle zugrunde liegt, die zuweilen 
durch mehrere Generationen fortwirken kann. 

2) Ebd. 3: Ad gloriam et honorem aeterni Dei glorioseque virginis Marie 
ac omnium sanctorum. Ad ecclesie catolice perpetuum stabilimentum intro- 
ducta est privilegiata universitas studii Rostoksensis anno salutis MoCCCCoXlX" 
<Brixii, 13.' Nov.> cepitque artium facultas plantar! et rigari per magistros in- 
frascriptos: Primus omnium decanus erat 

mag. Hinricus Töke de Brema Erfordensis 

Hermannus de Hamma mag. Pragensis 

Petrus Steenbeke Erfordensis 

Theodoricus Sukon „ 

Henricus Vos „ 

Jacobus Nigebuer Lipsensis 

Michael Heyhestersteen Erfordensis 
Ebd. 6, Im Jahre 1420 werden rezipiert weitere drei Leipziger, drei Erfurter; 
ebd. 8: 1421 ein Prager, drei Leipziger und vier Erfurter Bakkalaurei; S. 10: 
1421 im folgenden Dekanat (Semester) drei Leipziger und ein Erfurter; S. 13 
(1422) ein Pariser und ein Erfurter Magister; S. 16: 1423 ein Kölner Magister. 
Mit ihm hören diese Aufnahmen für die erste Bemannung der Hochschule auf. 
VgL Krabbe 45 f. 



magister 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Greifswald. 213 

der gastlichen Stadt zurück und regten hierdurch die Gründung 
der Universität Greifswald (1456) an. Die infolgedessen not- 
wendige Ergänzung des Rostocker Lehrkörpers erfolgte, wie 
1419, großenteils von Erfurt und Leipzig aus. 

Die Stellung Rostocks zum Wegestreit ist aus den Statuten 
kaum zu entnehmen. Von den hierfür vor allem in Betracht 
kommenden Artistenstatuten ist leider nur Weniges in dem sel- 
tenen ,Etwas von gelehrten Rostockschen Sachen' gedruckt. Der 
interessante Lektionskatalog von 1520 gehört einer Epoche an, 
in welcher dieser Streit bereits größtenteils begraben war. Immer- 
hin verdient erwähnt zu werden, daß in den sogenannten ,dispu- 
tationes mensales', welche in den Bursen (regentiis) um elf und 
sechs Uhr stattfanden, an zweiter Stelle einige ausgewählte Sätze 
aus den logischen Sophismen des Nominalisten Albert von Rickmers- 
dorf vorgelegt werden sollten. — Eher erlaubt die zweimalige 
Rekrutierung des Lehrkörpers aus Erfurt und Leipzig einen 
Schluß. Von Erfurt konnten nur nominalistisch gerichtete Lehrer 
kommen, während unter den Leipzigern nach aller Wahrschein- 
lichkeit auch Realisten waren. Daß Skotisten in Rostock Einlaß 
fanden, verbürgen uns die Franziskaner-Lehrer und -Schüler, 
welche von der Gründung an der Hochschule angehörten. Die 
Thomistenschule können ein Prager (1421), ein Löwener (1444) , 
und drei Kölner (1421, 1423, 1444) ^) Magistri vertreten haben, 
die in Rostock Aufnahme fanden und vielleicht in den Lehrdienst 
eintraten. Nach all diesem dürfen wir wohl annehmen, daß 
sich Rostock dem Leipziger Brauch anschloß, welcher beide 
,Wege' gleichmäßig zuließ. 

Greifswald 1456. 
Etwas reichlicher fließen die Quellen für die Geschichte 
der Greifswalder Hochschule^), da ihr Geschichtsschreiber 
Kosegarten seiner Darlegung die wünschenswerten Quellenbelege 
angeschlossen hat. Sie verdankt ihr Dasein dem Willen und 
Können eines einzigen ihrer Bürger, Heinrich Rubenow, der 
einem angesehenen und wohlbegüterten Geschlechte von Greifs- 
wald angehörte ^). Er allein brachte den größten Teil der für die 
neue Stiftung erforderlichen Ausstattung auf. Der Landesherr 
Wratislaw IX. (f 1457) aus der Wolgaster Linie der Herzöge 



1) Hofmeister 67. 71. 

2) J. G. B. Kosegarten, Geschichte der Universität Greifswald mit ur- 
kundlichen Beilagen I, (Greifswald 1857), II (1856 : Urk. Beilagen). A. Balthasar, 
De vita et fatis Henrici Rubenow, Griphiswald 1737. 

3) Kosegarten I 28. 36ff. 44—53. 54; II 165 f. 



214 III. Zur Charakteristik Peters von Gandia. 

von Mecklenburg und die Stadt förderten auch ihrerseits nach 
Kräften das große Unternehmen*). 

Zunächst sorgte Rubenow, der seine Studien an der Ro- 
stocker Hochschule gemacht hatte, 1439/40 dafür, daß die Lehr- 
tätigkeit der Rostocker in Greifswald fortgeführt werden konnte ^). 
Allerdings mußte sie 1440 eingestellt werden, da am 3. Januar 
dieses Jahres das auf Rostock lastende Interdikt aufgehoben 
wurde, infolge einer zwischen den beiden städtischen. Parteien 
erzielten Verständigung. Es war nämlich die Rostocker Univer- 
sität vom Basler Konzil nur für die Dauer dieses Interdikts zur 
Fortführung ihrer Funktionen in Greifswald ermächtigt worden^). 
Aber selbst nach der Einstellung ihrer Lehrtätigkeit wurden die 
Rostocker Lehrer durch den Widerstand ihrer eigenen Mitbürger 
bis 1443 von ihrer Heimat ferngehalten, und als sich ihnen in 
diesem Jahr die Tore Rostocks wieder eröffneten, blieben sechs 
von ihnen in Greifswald zurück. 

Nach dem Abzug der Rostocker machte sich Rubenow 
daran, die Mittel für die geplante Neugründung zu beschaffen. 
Als dies im Frühling 1455 im wesentlichen geschehen war, wandte 
sich Herzog Wratislaw an Papst Kalixt*). Nach den in vorbild- 
licher Weise geführten Vorverhandlungen wurde am 29. Mai 
1456 die päpstliche Bevollmächtigungsbulle ausgestellt, und es 
konnte am 17. Oktober dieses Jahres die Eröffnung der Hoch- 
schule mit den üblichen Feierlichkeiten erfolgen^). 

Die alten Universitätsstatuten sind uns leider nicht erhalten. 
Dagegen liegen uns die Annalen der Universität (das sogen. 
'Rektoratsbuch) 1456—1487^) und die Matrikel (Album) ^) 1456— 
1825 vor, für die uns besonders interessierende Artistenfakultät 
außer den ältesten Statuten^) auch das Dekanatsbuch (1456-^1660) ^). 
Für die Verfassung der neuen Hochschule trifft das oben 
von der Rostocker Gesagte zu*°). — In betreff ihrer Stellung 
zum Wegestreit sind wir viel besser unterrichtet, als man nach 
einer Bemerkung Prantls erwarten konnte. Er hat offenbar Kose- 
gartens urkundlichen Teil zu oberflächlich durchgesehen. Er 
beschränkt sich darauf festzustellen, daß an der Greifswalder 
wie an der Leipziger Universität „die Worte ,via antiqua' oder 



1) Ebd. I VII. 55f. 61. 2) gbd. 28ff. s) Ebd. 27. 31ff. 

4) Ebd. 60; II 3 ff. ») Ebd. 60; II 14 ff. 

«) Ebd. II 157—200; vgl. I p. IV. ' 

7) ßbd. II 257—270; vgl. I p. III. 

8) Ebd. II 295—312; vgl. I p. V. 

9) Ebd. II 201—256; vgl. I p. IV. 

10) S. die lichtvolle und woMbelegte Darstellung Kosegartens ebd. I 71 ff. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nominalismus. — Greifswald. 215 

,via moderna' überhaupt gar keine Verwendung fanden" ', und 
doch finden sich in den beiden eben erwähnten Artistenbüchern 
drei in betreff, deö Wegestreites sehr beachtenswerte Nachrichten. 
Zunächst ist uns im Statutenbuch dieser Fakultät aus dem 
Jahre 1467 ein in einer Vollversammlung der Universität gut- 
geheißener Beschluß der Artistenfakultät erhalten, durch den 
sich diese Hochschule mit aller wtinsch,enswerten Klarheit und 
Entschiedenheit auf den in dieser Frage aliein richtigen Stand- 
punkt stellt^). Sie will jedem Artisten-Magister volle Freiheit 
gewahrt wissen, nicht nur im Wegestreit, die ihm begründeter 
erscheinende Richtung einzuschlagen, sondern auch jede wohl- 
belegte Ansicht zu verteidigen, die den Offenbarungswahrheiten 
nicht widerstreitet. Es ist dies die Anschauung, welche wir be- 



1) Ebd. IV 191. Diese präzisen Worte fiiiden wir bei Kosegarten allerdings 
nicht, und doch erhalten wir über die an der Hochschule zugelassenen Wege 
interessante Mitteilungen. 

2) In einem Anhang zum Statutenbuch der Artisten lesen wir zum Jahre 
1467: (Statutum editum in rectoratu domini licentiati Houeners. Ad toUendam 
omnem hesitationem, , dissensionem et controuersiam in f acultate artium stätuimus 
irrefragabiliter, et firmiter pbseruandum conclusimus, plena ad hoc specialiter 
totius vniuersitatis facta congregatione, licitum esse cuilibet magistrorum in 
artibus disputantlum disputare, doctrinare, exercitare, et philosophice concludere 
in quacunque via probabili, salua semper publica soUemni protestatione orto- 
doxe fidei catholice, ita quod, si philosophice certa contra veritatem theoloycam 
conclusio versetur, eXtunc disputans magister uel baccalarius in philosophia 
concludens teneatur de fidei catholice veritate soUemnem facere protestationem, 
quoniam pro principali conclusione et ultima firmiter teuere debebit, argu- 
mentationibus inde f actis et faciendis gratia exercitationis illorum, in quibus 
silua de nouo oritur, pro et contra (questiones) philosophice positas, ipsam 
conclusioniem cum protestatione de Christi fide data manutenende integra omnino 
et illesa, ut concordia maneat solita inter theologorum et artistarum facultates. 
Et in hoc ortodoxe fidei catholice, cum aliud sit credere et aliud philosophari, 
in nuUo volumus penitus derogari; — presentibus commendabilibus viris do- 
minis Theoderico Stephani, Jacobo Staken et Hinrico de Armis, artium liberalium 
magistris.' Ebd. II 311. 

Im Dekanatbuch' (ebd. II 214) findet sich diese Nachricht in folgender 
Fassung: Sub quorum temptamine <es handelt sich um ein Promotions- 
examen> in eodem decanatu <dem zweiten .magiistri Ludovici Grotz- 
suyn, qui est de Griphenberch oriundus, natione Pomeranus 1467/8 
Winter II 210>, factia ad hoc speciali convocatione totius universitatis ad so- 
piendam dissensiam et dlscordiam magistrorum in viis tenendis, quas tunc 
habuerunt ad examen promotOrium magistrandorum, conclusum fuit, quod licitum 
est cuilibet magistrorum legere, disputare, doctrinare et philosophice <Kose- 
garten physice> concludere in artibus in quacunque via probabili sine 
qualibet derogatione vie alterius, secundum quod tunc magistris <215> fa- 
culatem regentibus fuit iniunctum a rectore de nomine. universitatis, sub pena 
iuramenti prestiti, Cuius statuti tenor latius est expressus in statutis aliis ad 
mundum scriptis in pergameno <d. h. S, 311>. 



216 III, Zur Charakteristik Peters von Candia. 

reits die Pariser, Kölner und Basler Lehrer darlegen hörten. 
Sie mußte zur Zulassung beider Wege führen. — Aus der Ein- 
leitung des Beschlusses erfahren wir, daß auch Greifswald die 
üblichen Wegestreitigkeiten nicht ganz erspart blieben. Inwie- 
fern sie in den hartnäckigen Kämpfen der folgenden Jahre eine 
Rolle spielten, wird noch zu untersuchen sein. 

Für das zweite Semester des Jahres 1480 verzeichnet das 
Dekanatsbuch im dritten Dekanat des Magisters Johannes Petri 
de Haffnis die Aufnahme in die Artistenfakultät des Pariser 



1) Ich stelle hier alle Quellenberichte zusammen, welche für den Wege- 
streit in Frage kommen können. Im Album (Matrikel) Bl. 47 lesen wir ,Sub 
isto rectoratu <des Johann Meyloff, Sommer 1480> fuit conclusum per üniversi- 
t&tem, ut depositio modl doctrinandi, legendi et disputandi a prinoipio universi- 
tatis habiti et tenti secundum statuta facultatis artium fieret et assumptio modi 
doctrinandi etc., prout habetur et tenetur Parisiis, Bononii, Colonie et nove unl- 
versitatis Haffniensis. Det Dens prosperum successum.' Kosegarten I 132. 

,In isto rectoratu <s. oben 1480> notabilis insurrexit discordia in facultate 
artium super diligentia et modo doctrinandi, vnde antedictus doctor medicine, 
rector precedens, peciit ab vniuersitate presidentiam in facultate artium cum 
certis magistris sibi conuenientibus ; ipse vellet facere factum in facultate et 
introducere nouum modum proficuum scholaribus istius facultatis in moribus et 
doctrina. Quod ita factum est; propter quod duo collegiati de collegio decli- 
narunt, et regimen totius coUegii cum ceteris magistris dicto doctori medicine 
fuit coramissum. Rektoratsbuch, Kosegarten II 192. 

Eine weitere Stelle teilt Kosegarten I 133 aus dem Album Bl. 49^ mit: 
,procurante quodam Henrico ter Porten, medicine doctore, cui per uniyersitatem 
fuit assignatum coUegium minus; sed ipse propria äuctoritate et temeritate 
usurpavit ipsum regimen totius facultatis artium.' 

,Decanatus tercius magistri Johannis Petri de Haffnis, qui electus fuit 
sabbato proximo ante festum Luce <18. Oct.> anno Domini mcdlxxx™". Sub 
cuius decanatu inceptus fuit modus doctrinandi in facultate artium iuxta modum, 
qui Parisiis obseruatur.' 

,Item sub eodem decanatu respectus fuit venerabilis vir, magister Her- 
mannus Melberch, qui Parisiis promotus fuit, a quo ordinationem in modo doctri- 
nandi suscepimus; qui eciam libros suos, quos Parisiis pro baccalariatu et ma- 
gisterio collegerat, nobis communicauit.' Dekanatsbuch ebd. II 228. 

,Item sub cuius decanatu <des Gudmundus Ugla, Sommer 1481> 
magister Enwaldus Kiene, magister Hermannus Melberch, fuerunt electi in 
coUegiatos, per magistros de secreto consilio facultatis artium, et per dominos 
de secreto consilio vniuersitatis approbat.' Ebd. 229. 

,Sub eodem decanatu <s. oben 1481> fuerunt recepti ad facultatem duo 
magistri, videlicet Baltazar de Pingwia et Johannes Sartoris de Linghe, West- 
ualus, qui primum venerunt ad Daciam de Colonia, vocati per regem Cristiernum, 
cum multis aliis doctoribus et magistris, pro erectione noui studii Haffnensis. 
Postea, mortuo rege Cristierno, ad scripta dominorum de consulatu huius opidi 
et nostre facultatis, que tunc deficit in magistris et suppositis, venerunt prefati 
magistri ad vniuersitatem istam; et extunc incepit hie vigere via beati Thome, 
quam doctrinarunt hie presertim prefati magistri.' Ebd. 229, 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nominalismus. — Greit'swald. 217 

Magisters Hermann Melberch von Teterow 0- Auffallenderweise 
wird Melberch noch im selben Dekanat in den Fakultätsrat ge- 
wählt und erhält im folgenden eine Stelle in einer der Bursen. 
Den Grund dieser Vergünstigungen verrät uns eine weitere Notiz, 
die besagt, Melberch habe der Hochschule die in der Pariser 
Artistenfakultät übliche Lehrmethode übermittelt, indem er ihnen 
seine Pariser Kollegienhefte mitteilte; infolgedessen sei in Greifs- 
wald während dieses Dekanates die Pariser Lehrmethode in der 
Artistenfakultät eingeführt worden. Auf Melberch und diese 
Lehrmethode werden wir weiter unten zurückkommen. 

In dem folgenden Dekanat, also im ersten Semester von 
1481, fanden zwei weitere fremde Magistri Aufnahme in die 
Fakultät: Balthasar de Pingwia^) und Johannes Sartoris de 
Linghe ^). Sie waren von Köln durch König Christian von Däne- 
mark mit vielen anderen Lehrern zur Gründung der Kopenhager 
Universität (1478) berufen worden. Nach dem Tode des könig- 
lichen Stifters, als sich vielleicht zeitweilig die Aussichten der 
jungen Gründung trüber gestalteten, waren die beiden Magistri 
von den Greifswalder Konsuln und der Artistenfakultät, welche 
damals an geeigneten Lehrern Mangel hatte, brieflich nach Greifs- 
wald eingeladen worden ^), vielleicht auf Anregung eines in Kopen- 
hagen promovierten Magisters Johannes Wuff, der im ersten 
Semester 1480 bei den Greifswalder Artisten Aufnahme gefunden 
hatte. Durch die beiden Kölner Lehrer erhielt der ,Weg*: die 
Schule des hl. Thomas Einlaß in die Artistenfakultät von Greifs- 
wald. Ferner ließ sich der Rektor im selben Jahr von einem 
Dominikanermagister das Doktorat der Theologie erteilen^). 

Diese Zulassung der Thomisten scheint ohne Störungen ver- 
laufen zu sein. Wir finden ihre beiden Vertreter binnen kurzem 
in den akademischen Ehrenämtern. Während Balthasar bereits 
1482 während seines ersten Dekanates Greifswald wieder ver- 
ließ ^), können wir Johann im Dekanatsbuch bis zu seinem siebten 



1) Kosegarten I 143. 

2) Seinen vollen Namen s. unten Anra. 6; vgl. Kosegarten I 143. 

3) Ebd. I 133. 144. 149. 

4) Diese Angaben scheinen den Geschichtsschreibern der Universität Kopen- 
hagen entgangen zu sein. Ich finde nur in H. F. Roardam, Kiobenhavns Uni- 
versitets Historie (1537—1621), Kiobenhavn I (1869) 9: ,Den 26ie Maj 1479 heldt 
M. Peder Albretsen sit Intog i Kjobenhavn met endet Magistre, Bakkalaurer og 
Skolarer, som han hawde hentet fra Hoyskolen i Köln, og de l^te Juni s. A. 
foregik Kjobenhavn's Universitet's Indoielse.' 

5) Kosegarten I 192. 

6) ,Decanatus primus magistri Balthasar Wortwyn de Distelhusen, alias 
Hose de Pi<n>gwia, medecinarum baccalarii, dyocesis Moguntinensis, qui electus 
fuit per dominos de secreto consilio universitatis propter speciales discordias, 



218 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Dekanat (1492) und zweiten Rektorat (1490) verfolgen und er- 
fahren, daß er sich 1484 durch die | glückliche Beilegung einer 
vierjährigen, leidenschaftlichen Spaltung der Fakultät große Ver- 
dienste um die Hochschule und die Stadt erwarb. 

Dagegen scheint die Ankunft des Pariser Magisters Melberch 
die Quelle schwerer, die Universität vier lange Jahre schwer 
schädigender Wirren gewesen zu sein. Allerdings haben wohl 
außer Melberch, seinem Anhang und seinem Pariser ,modus 
doctrinandi' auch andere Persönlichkeiten mit anderen Zielpunkten 
viel zur Verschlimmerung der Lage beigetragen. Leider ist die 
Berichterstattung über die Ursachen und den Verlauf dieser Wirren 
sehr mangelhaft. .In dem Rektorats^ und Dekanatsbuch kommt 
selbstverständlich nur die Auffassung des jeweiligen Rektors und 
Dekans zum Ausdruck und dieser Ausdruck selbst ist durch das 
Ausschneiden von einem Blatte^) und die Unleserlichmachung^) 
mißliebiger Stellen gefälscht oder wenigstens verstümmelt. 

Die Wirren begannen 1481 und knüpfen sich zunächst an 
den Namen eines Magisters Heinrich Ter Porten von Groningen 
in Westfriesland,^), der als doctor artium et medicine und Ordi- 
narius der medizinischen Fakultät im zweiten Semester 1479 
das Rektorat der Universität innegehabt hatte, also immerhin 
ein Mann von einigem Ansehen war. Es liegen uns noch zwei 
Berichte vor, die sich gegenseitig ergänzen. Der eine im Album, 
dem Matrikelbuch, und ein zweiter im Rektoratsbuch, den An- 
nalen der Universität. Ein dritter Bericht im Dekanatsbuch der 
durch den Z\yist zunächst betroffenen Artisten ist leider durch 
Überstreichen von Tinte fast unleserlich gemacht. Nach beiden 
Quellen war eine Änderung der Lehrmethode der Anlaß zum 
Kampf. Es sollte damals die seit der Gründung der Hochschule 
befolgte Methode abgetan und die in Paris, Bologna, Köln und an 
der eben 1478 gegründeten Universität von Kopenhagen übliche, 
eingeführt werben- Dies erhellt aus dem. allerdings mangelhaften 
Text des Albums. Nach dem Rektoratsbuch entfesselte den Kampf 
weniger diese Neuerung als die Art, in welcher der eben ab- 

quas magistri secreti consilii tacultatis non potentes concordare inter se habue- 
runt anno Dom. LXXX primo, feria sexta ante Martini <9. Nov.>. Ante cuius 
decanatum, tempore discordiarum fuerunt duo magistrandi temptati, examinati 
et admissi, atque per eundem magistrum Balthasar promoti et octo baccalarii, 
feria tertia ante Omnium Sanctorum* . . . ,Decanatus primus magistri Her- 
manni Melberch de Tetrow, qui electus fuit anno Dom. millesimo quadringen- 
tesimo octuagesimo secundo, feria tertia post dominicam Letare, propter reces- 
sum magistri Balthazar de Pingwia, ne facultas remaneret acephala, et conclude- 
batur in eadem convocatione, ut tale . . ., officium continuaretur ab anticipato 
tempore per totum tempus estatis.' Ebd. II 229. 230. i) I 144. 

2) Ebd. II 196. 3) Kosegarten II 229 f.' 202. *) Ebd. I 153. 133. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Greifswald. 219 

getretene Universitätsrektor Ter Porten sie durchzufüliren ver- 
suchte. Nach dieser Quelle ließ er sich im Sommersemester 
1481 von der Universität die Vollmacht erteilen, in der Artisten- 
fakultät diese Änderung mit Hilfe seines Anhangs zu verwirk- 
lichen. Nach dem Album wäre allerdings ihm von der Univer- 
sität nur die Leitung des kleiuen Kollegs, nicht aber die der 
ganzen Fakultät übertragen worden. Indessen die Notwendig- 
keit einer solchen Intervention zeigt, daß gegen die geplante 
Änderung ein erheblicher Widerstand zu gewärtigen war und 
zwar von selten des kleinen Kollegs. 

Schon 1456 hatte Herzog Wratislaw für seine Gründung 
drei Bursen oder, wie man in Greifswald zu sagen pflegte, 
Kollegien vorgesehen und ausgestattet. Das große Kolleg mit 
sechs Magistri und 200 Scholaren und das kleine mit vier Magistri 
und 150 Scholaren für die Artisten; ferner ein ,Gollegium iuri- 
starum* für je drei Kirchen- und Zivilrechtslehrer und ihre Schüler ^). 

Infolge des Eingreifens des Mag. Ter Porten^) verließen 

1) Kosegarten I 87. II 20. 

2) ictj lasse hier die ihn betreffenden Nachrichten folgen: 

,Hic rector <Joan. Petri, 1481 Sommer> in suo rectoratu multas perse- 
cuciones sustinuit, quia insurrexit <193> magna discordia in vniuersitate propter 
regimen doctoris medicine, Hinrici Ter Porten prenominati, in facultate artium, 
ad quod assumptus fuit. Domini de vniuersitate fuerunt valde diuisi, coUegiä 
et magistri inibi existentes fuerunt valde diuisa, ita quod se intromiserunt pro- 
consules. Qui illis de minori coUegio adherentes cum certis doctoribus varios 
tractatus tarn in coUegiis quam in pretorio habuerunt propter illam discordiam. 
Tandem propter adhesionem proconsulum et consulum illis de minori coUegio 
cum certis doctoribus, magistri maioris coUegii cogebantur habere patienciam. 
Tamen in rectoratu sequenti idem doctor medicine cum magistris certis minoris 
coUegii clam et occulte cum magna confusione et schandalo recesserunt, et 
magistri maioris collegii regimen triumphum obtinuerunt, cooperante adminiculo, 
de quo in rectoratu sequenti.' Ebd. II 192. 

,Sub rectoratu eodem <Arnoldus Zegeberch 1481/2 Winter> prenomi- 
natus doctor medicine, desperatus factus petiit cappam a gardiano conuentus 
Minorum in isto opido; illa cappa parata, clam de isto opido recessit, spreta 
eadem cappa, et transtulit se in Wismariam, vbi petiit cappam a priore ordinis 
Predicatorum, vbi ipse spretus iuit ad cartusiam prope Rostock, loquens cum 
priore ibidem de sua cappa. Tandem vertebatur anlmus suus, et venit in Sundis, 
vbi recipiebätur in phisicum ciuitatis. Ebd. II 193. 

,Sub cuius rectoratu <Gudmundus Ugla, 1483 Sommer> sepedictus doctor 
medicine Hinricus Ter Porten, alumnus magistri Arnoldi, homo errabundus, in- 
stabilis et yagus in ahimo, sie spernens cappam et spretus ab ,ea, ut supra, 
intrault religionem matrimonii, et duxit viduam braxatricem sereuicie in opido 
antedicto Sundis, et si ad modum probationis habuisset, fortasse eam dimi- 
sisset. Qui multas contumelias ibi in publice consistorio officialis, et eciam 
per totum ppidum Sundis, passus est,' propterea quia minus discrete tanquam 
homo grossus et insulsus multa sibi illicita in vniuersitate nostra attqmptauit; 
scilicet quia primum eins braxator in Groninghen, tempore braxator factus est 
in Sundis. Ecce qualis mutatio Gaienü' Ebd. II 195. 



220 III, Zur Charakteristik Peters von Candia. 

zwei der Lehrer (collegiati) das kleine Kolleg, wodurch es gänz- 
lich in die Hände des Delegierten geriet. Der Streit wurde hef- 
tiger und zog immer weitere Kreise auch in der Bürgerschaft. 
Die Magistri des kleinen Kollegs und Ter Porten verstanden es, 
die Prokonsuln und Konsuln der Stadt für sich zu interessieren, 
so daß die Herrn des großen Kollegs in eine bedrängte Lage 
gerieten. Doch im November oder Dezember 1481 trat eine 
Wendung zuungunsten des Magisters Ter Porten und seines An- 
hangs im kleinen Kolleg ein. An seiner Sache verzweifelnd, 
bat er zuerst in Rostock bei den Franziskanern um Aufnahme 
in ihren Orden, dann bei den Dominikanern in Wismar. I)a er 
bei ihnen keine Gegenliebe fand, zog er sich in die Kartause 
bei Rostock zui^ück. Doch auch hier fand er keine Ruhe! Schließ- 
lich finden wir ihn als Stadtarzt in Stralsund, wo er dann die 
Witwe eines Bierbrauers heiratete, aber selbst von hier aus noch 
einmal in die Greifswalder Händel eingriff. Das ist das Bild, 
das uns die Universitätsbücher mit unverhohlener Abneigung von 
dieser Lebensphase des anscheinend leidenschaftlichen und ün- 
stäten Magisters entwerfen. Als Ter Porten 1481 von der Greifs- 
walder Bühne abtrat, erschien bald der uns bekannte Pariser 
Magister an seiner Stelle. 

Infolge des Zwistes waren schon im Herbst 1481 die Uni- 
versitätswahlen schwierig geworden, zumal jene des Dekans der 
gespaltenen Artisten 0- Es wurde deshalb erst anfangs 1481 der 

^) Ich sammle hier die auf den Verlauf des Streites bezüglichen Stellen: 
,Item sub eodem decanatu <Herm. Melberch 1482> in vigilia Margarete <Juni 
oder Juli> fuit exclusus magister Johannes Vust a consilio facultatis artium 
propter rebellionem suäm et inobedientiam, tum etiam quia turbator fuit con- 
silii, impatiens, litigiosus. Ipse vero idem magister prefatus vocetenus appellauit 
ad rectorem et vniuersitatis consilium, vbi tunc tractabatur illa causa per dominos 
de vniuersitate, et dabatur sententia quarta die mensis augusti sub certa forma 
tunc expressa, in qua continebatur, quod magister prenominatus et omnes sibi 
adherentes debent pro tempore decanum teuere pro decano sub pena exclu- 
sionis ab vniuersitate, et cum hoc quod per eundem male fuit appellatum, et 
per decanum cum consilio facultatis bene processum. Post hoc idem magister 
Johannes Vust cum quibusdam, vt referebatur, coram suppositis suis excercens, 
informauit scholares vt decanum non honorarent, quia dixit protunc decanum 
non esse magistrum. Propter quod accusatus coram vniuersitate non camparuit, 
ideoque in contumaciam suam domini de vniuersitate procedentes, iuxta con- 
clusionem prius iactaxa, ab vniuersitate fuit exclusus in vigilia beati Barthölomei 
apostoli <23. August), rectore existente Johanne Parleberch, legum doctore, eccle- 
siarum Caminensis canonico ac sancti Nicolai Gripeswaldensis preposito, cum 
adiecto mandato in valuis ecclesiarum et collegiorum, vt ab opido Gripeswaldensi 
recederet infra mensem, sub pena sui prestiti iuramenti; et quia huiusmodi man- 
datis se non obtemperauit, ideoque in vigilia Michaelis archangeli ab eodem 
rectore vniuersitatis periurus fuit declaratus. 

Item ad tollendam exceptionem factam contra decanum, quod non esset 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Greifswäld. 221 

vor kurzem in die Fakultät aufgenommene Kölner Magister Baltha- 
sar de Pingwia ausnahmsweise durch den geheimen Universitäts- 
magister, fuit iniunctum per vniuersitatem, vt documentum sue promotionis osten- 
deret ante Michaelis; alias criminis falsi deberet subiacere penis. Quapropter 
fuit compulsus pergere ad vniuersitatem Rostockensem, in qua documentum 
custoditum ibidem recepit, et hie in vniuersitate Gripeswaldensi coram dominis 
de vniuersitate ostendit, et sie cessauit pena criminis falsi.' Ebd. II 231. 

,Post illius pronunciationem <des Rektors Joh. Meyloff 1482 Oct.. 18> 
magistri minoris coUegii appellarunt contra suam electionem, et doctor Johannes 
Brughe consiliarius. Tandem in profesto Barbare <3. Dezember) iidem magistri 
in domo predicti rectoris, congregato ibidem consilio vniuersitatis, coram Ulis 
resilierunt ab omnibus appellacionibus per eos aut aliquos eorum interiectis. 
Cuius facti Johannes Moerdorp, protunc notarius vniuersitatis eiusdem, fuit no- 
tarius. Et decremt vniuersitas cum eonsensu precedentis rectoris, magistrum 
Johannem Vust, exclusum per eundem rectorem precedentem, reintitulandura. 
Insuper ad importunam instanciam consulatus, magis vero vnius proconsulis, 
scilicet domini Nicolai Smiterlow, vnus magistrorum predicti collegii, scilicet 
magister Johannes Sartoris, fuit creatus per vniuersitatem in decanum facultatis 
artium, non obstante statuto facultatis eiusdem, pro ista vice; a qua pronun- 
ciatione et creatione magistri maioris collegii appellarunt ad dominum aposto- 
licum, et suam appellationem fecerunt committi in curia romana, ad quam vigore 
illius commissionis fecerunt citari magistros eiusdem collegii minoris et predictum 
proconsulem cum duobus consulibus, videlicet Wedegone et Hinrico, con- 
dictis Lotzen. 

Iidem magistri de coUegio minori sub suo decano predicto sie pronunciato 
fecerunt promotiones magistrorum et baccalariorum ; sed prandium habuerunt 
contra solituin in coUegio iuristarum, . quia predictus doctor Johannes Brughe, 
protunc in antiquis iuribus Ordinarius, erat aduocatus illorum magistrorum mi- 
noris collegii. Magistri vero maioris collegii etiam fecerunt promotiones magi- 
strorum et baccalariorum sub suo decano, qui erat magister Johannes Petri. 

Prope finem rectoratus, die solito ad eligendum nouum rectorem, de mane 
hora septima, in coUegio iuristarum, in aula congregati, domini de consilio 
vniuersitatis ad eligendum nouum rectorem estivalem, quidam doctores et licen- 
ciatus, scilicet dominus Nicoläus Dedelow, sacre theologie, Johannes Brughe, 
decretorum, Laurencius Bockholt, decretorum doctores, Wolterus Hovener, decre- 
torum licenciatus, adiuncto sibi <195> in subsidium predicto doctore medicine 
<Ter Porten>, quem vocarunt de Sundis, exceperunt contra supradictum 
Johannem Meyloff rectorem et alios consiliarios artistas. Super qua exceptione 
iidem predicti recesserunt de aula, et intrarunt aliam cameram ibidem, vbi tan- 
quam in sinagoga prefecerunt in eorum rectorem contra statuta vniuersitatis 
prefatüm Wolterum Hovener. Alii permanentes in debito loco electionis, con- 
stituendo ecclesiam, secundum statuta eiusdem vniuersitatis elegerunt rectorem 
sequentem, quem rectorem idem Joannes Meyloff pronuntiauit. CoUegia diuisim 
vero tenuerunt ambos, vnum licenciatum Houener pro rectore, videlicet minus; 
malus vero, tanquam canonice electum, rectorem sequentem. Quem etiam habe- 
bant et tenebant rectore iuriste et clerus ciuitatis; qui habebat sceptra, sigilla, 
libros statutorum, et matriculam vniuersitatis; qui etiam fecit decantari missam 
vniuersitatis solito more, et pronuntiauit statuta. Alter, scilicet Houener, solum 
sicut .baculus arundineus reputatus fuit, et passus multas contumelias, sicut illi 
consueti sunt pati, qui se minus canonice constituunt dominatores. Nomen vero 
et dignus titulus ipsius canonice electi scribentur , in continuatione solita.' 
Ebd. II 194 f. 






222 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

rat zum Dekan bestellt. Doch er war des Streites bald müde 
und verließ Greifswald noch vor Ablauf seines Semesters, 



(Decanatus primus magistri Johannis Sartoris de Linglien, qui electus fuit 
anno domini millesimo quatringentesimo octuagesimo secundo, altera die post 
katherine, vicesima septima mensis nouembris. Cuius electio facta fuit per 
dominos de secreto consilio vniuersitatis propter controuersias etdiscordias,,quas 
inter se gerebant magistri de secreto consilio facultatis. Et ita magistri et sup- 
posita maioris collegii quendam alium pro decano reputabant per illam muta- 
cionem hyemalen, studentes vero minoris collegii suo decano adherebant.' 
Ebd. II 235. 

,Conuiuium istorum promotorum <1482/3> celebratum fuit in coUegio iuri- 
starum tempore ordinarii doctoris Johannis Brugghen de Wismaria, propter dis- 
cordiam magistrorum in facultate; occasione cuius non modice fuerunt facte 
expense, et alia emanarunt facultati detrimenta. Nee mirum, quia ut inquit 
Maro: nulla salus hello, pacem te poscimus omnes <Aen. 11. 362>; 
ideoque dicitur; qui morantur aput bella, multa nouerunt mala. Hec 
annotat pacis amator. Omnium rector in eternum benedictus sit.' 

.Decanatus secundus magistri Hermanni Melberch, qui electus fuit sabbato 
ante festum sancti Georrij <19. Apr,>, anno domini m° cccc» Ixxxiij». 

Sub cuius decanatu fuit cpntrouersia magna in facultate arcium inter magi- 
stros vtriusque collegii, propterea quod solummodo magistri et supposita maioris 
collegii eundem magistrum Hermannum pro decano tenuerunt, alii vero magistri 
et supposita minoris collegii aliter estimauerunt et eorum collegii vnum ex eorum 
magistris pro decano recognouerunt.* Ebd. II 237. 

,Sub eodem decanatu multe fuerunt conuocationes super amplectanda con- 
cordia, et etiam super aliis diuersis materiis, facte, quandoque in stüba facul- 
tatis artium, quandoque in domo consulari: sed parum deducebatur in effectum 
propter hinc inde discordias. Sub eodem decanatu feria tertia post festum beati 
Laurencij, que fuit dies duodecima mensis augusti, fuit quedam disceptaoio inter 
opidanos huius opidi. Custodiat eos. dominus deus in perpetuum in sua pace, 
ne decertatio contingat, sed in omni tranquillitate confirmet et conseruet. 

Item sub eodem decanatu feria quarta, que fuit dies tercia mensis sep- 
tembris, decanus suprascriptus cum omnibus magistris maioris collegii intrauit 
collegium minus, habita oportunitate, mandando suppositis inhabitantibus, qua- 
tenus aut decano et rectori vniuersitatis, magistro Gudmundo Ugla, obedirent, 
aut receptis rebus suis collegium minus exirent; et sie actum est, quod quidam 
eorum prestita obediencia remanserint, alii vero exirent, et in opido Sudensi 
moram trahere ceperint. Postmodum tarnen vocati fuere omnes magistri per 
illustrissimum principem ßuggslaum in Tangklim, in octaua trium regum, dis- 
cordias magistrorum ibidem gratiosus iste dominus cupiebat dimouere. Ad cuius 
nutum prefati magistris minoris collegii cum eorum suppositis reuertebantur ad 
possessiones eorum, Emittat dominus sempiternam pacem inter eos cum caritate 
vt pace pariter fruamur in eternum; amen.' Ebd. II 237. 

In isto rectoratu <Gudmundi Ugla 1483 Sommer), feria quarta ante natiui- 
tatem Marie Virginia, decanus facultatis artium, videlicet magister Hermannus 
Melberch, coassumptis sibi magistris maioris collegii, intrauit in collegium minus 
sub prandio pro executione facienda statutorum facultatis eiusdem contra illos 
magistros et scholares sibi ex vniuersitate rebelles, et expulit nolentes obedire 
realiter et cum effectu, prout sonat desuper vnum statutum, et fuerunt expulsi 
in vna hora octuaginta, qui sequebantur illum proconsulem in Sundis, qui erat 
manutentor illorum rebellium, et magistri ibi inceperunt cum Ulis scholaribus, 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Greifswald. 223 

worauf der oben erwähnte Pariser Magister Melberch für den 
übrigen Teil des Wintersemesters und das folgende Sommersemester 
ihn ersetzte. Diese Wahl verursachte eine Versbhärfung der Wirren. 
Ein Magister Johann Vust bestritt deren Rechtmäßigkeit, hetzte 
seine Scholaren gegen den Neuerwählten auf und wurde des- 
halb von der Universität ausgeschlossen. 

Auch die folgende Dekanatswahl kam erst am 27. November 
1482 durch Universitätswahl zustande. Sie fiel auf den zweiten 
Kölner Magister Johannes Sartoris von Lingen. Er wurde jedoch 
nur im kleinen Kolleg anerkannt, während das große Kolleg 
gegen seine Wahl in Rom Einsprache einlegte. — Dieselbe Partei- 
lage dauerte auch nach der Dekanatswahl vom April 1483. Es 
wurde zum zweitenmal Melberch erwählt. 

Selbstverständlich wurden auch die Rektoratswahlen unter 
dem Einfluß derselben Parteistellung vollzögen. Dem im Herbst 
1482 von der Partei des großen Kollegs erwählten Johann Meyloff 
und dem ihm an Ostern 1483 folgenden Gudmundus Ugla (Sommer 

1483) stellte das kleine Kolleg, mit Hilfe des von Stralsund her- 
beigerufenen Ter Porten, Magister Walter Ho vener entgegen. 
Statt des im Herbst dieses Jahres vom Universitätsrat bestellten 
Arnold Segeberch wählte dasselbe Kolleg Magister Joachim Conradi. 

Unterdessen erfolgte endlich während des Rektorates des 
Godmundus Ugla und des Dekanates des Hermann Melberch eine 
heilsame Explosion des seit langem angesammelten Zündstoffes. 
Geführt von ihrem Rektor und ihrem Dekan, brachen am 3. Sep- 
tember 1483 die Magistri des großen Kollegs in das ihnen be- 
nachbartö kleine Kolleg ein, forderten die Magistri und Scholaren 
zur Unterwerfung unter ihren Rektor und Dekan auf und ver- 
trieben die Widerstrebenden aus dem Kolleg. So zogen denn 
in einer Stunde achtzig Scholaren aus ihrem friedlichen Studien- 
heim in die Verbannung nach Stralsund, wo sie mit ihren Lehrern 
den Schulbetrieb weiterführten. 

Eine so offenkundige Gewalttat rief endlich den Herzog 
auf den Plan. Er berief in der Oktav des Dreikönigfestes (13. Jan. 

1484) sämtliche Magistri vor sich nach Anklam (Tanklim). Nach- 
dem beide Teile ihre Auffassung der Lage vorgetragen hatten, 

qui apud eos permanserant, exercere et legere ad aliquod tempus quousque 
reintrarunt, de quo infra dicetur. 

In fine rectoratus die, hora et loco solitis pro electione hiemali facienda, 
convenerunt domini de consilio vniuersitatis ad eligendum. Supradicti doctores 
et licenciatus constituerunt sinagogam ut supra, assumpto sibi quodam alio 
licenciato, sfcilicet Joachim Conradi; iterum abierunt de ecclesia, nolentes eli- 
gere ; sed suum rectorem, quem prius taliter elegerunt, continuerunt manutenere 
in animis suis.' Ebd. II 196. 



224 III. 2ur Charakteristik Peters von Candia. 

wurde bestimmt, es sollten die Magistri und Scholaren des kleinen 
Kollegs in ihr altes Heim zurückkehren. Sodann solle zur Neu- 
wahl eines Rektors und Artistendekans geschritten werden. Die 
Ansprüche auf Schadenersatz für die im kleinen Kolleg verur- 
sachten Verluste wurden an einen besonderen Ausschuß ver- 
wiesen, welcher die Magistri des großen Kollegs zur Zahlung 
von fast hundert Gulden verurteilte. Aus dieser Summe sollten 
die durch diese Gewalttat erwachsenen Kosten ersetzt werden^). 



1) Es folgen die Quellenbelege über Aussöhnung: ,Item quamquam idem 
raagister Ewaldus Kiene canonice et legitime fuit electus <1483 Okt.> secundum 
statuta f acultatis in decanum, nichilominus fuit magna controuersia inter magistrbs 
maioris coUegii et minoris. Pro qua sedanda fuerunt vocati per illustrissinjum 
principem, dominum ac ducem Buggeszlaum cet. ut comparerent coram ep in 
Tanglym, quod et factum est, et illa fuit finalis conclusio, quatenus ad noüam 
decani electionem similiter et rectoris vniuersitatis concorditer procederent. 
Domini igitur de vniuersitate similiter et artiste, mandatis principis se obtem- 
perantes, vt bene decuit, processerunt ad nouam vtriusque, tam rectoris quam 
decani, electionem. De quo decanus predictus fuit bene contentus propter con- 
cordiam et pacem amplectandam.' 

,Decanatus secundus magistri Johannis Sartoris de Linghen, qui electus 
fuit sabbato ante festum georii <17 Apr.>, anno domini millesimo quadrin- 
gentesimo octagesimo <!> quarto. 

Qui quidem decanus, posthabita necnon jurgiorum amputata materia, 
concorditer et ex pleno consensu omnium dominorum de facultatis secreto consilio 
fuit electus, et plenam in suo decanatu per integram mutacionem obtinuit oben- 
dienciam, quod antea ad quatuor annos, stante discordiarum ac dissensionum 
dampnosa disceptacione, fieri non potuit. Herum quidem renouare seu descri- 
bere disceptationis conflictus seu controuersie contingentiam et facti seriem, 
esset longissimum, immo ante diem clause componet vesper olimpo 
<Vergil Aen. 1. 374>. Qua propter mediis preterlapsis finem belli, pacem vide- 
licet, amplectendum atque seruandum arbitror. Beati enim pacifici, ait 
Dominus, quoniam filii Dei vocabuntur.' Ebd. II 240. 

,Sub eodem decanatu ad toUendum et subducendum omnem controuersiam, 
altercandi materiam, et rancores et discordias, inter magistros de facultate super 
explusione et eiectione magistrorum et suppositorum minoris collegii, ipsis per 
magistros maioris collegii facta (cuius autor fuit quidam Hermannus Melberch 
cum suis complicibus, proiit supra in suo secundo decanatu commemorat aperte, 
qui eciam sua temeraria et subdola curiositate certos insontes magistros etate 
iuuenes in eorum magna dampna et detrimenta sibi, ad satisfaciendum sue 
praue voluntati, associauit, vnde et tunc facultati et toti ' vniuersitati damnosa 
exterminia et incommoda grauissima euenerunt) insuper ad amplectendum con- 
cordiam et pacem in premissis iuxta quod sentenciatum fuit in Tanglim anno 
eodem in octauis trium regum per illustrissimum principem, dominum Bugslaum 
et cet. et suos consiliarios ibidem, tam spirituales quam seculares nobiles ple- 
parie congregatos, elegerunt prememorati magistri hinc inde arbitros amicabiles, 
compositores et tamquam amicos concordes dominos postea expressos ad arbi- 
trandum, dictandum, ac de alto et basso iudicandum et sentenciandum cum 
plena ac omnimoda potestate et auctoritate, controuersias, questiones et litium 
anfractus super rebus alienatis, dampnis et Interesse occasione expulsionis sub- 
ortis. Qui quidem arbitri, iuxta potestatem et auctoritatem a partibus hincinde 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Greifswald. 225 

So kamen die vierjährigen Kämpfe zum Abschluß. Sie 
zeigen uns ein im Lieben und Hassen kraftvolles Geschlecht, in 
dem selbst die führenden Gelehrten scharfkantig und gewalttätig 
im Verkehr mit ihrer Umwelt, durch den verfeinernden Einfluß 
von Kunst und Wissenschaft noch kaum berührt waren. 

Zu unserem Ausgangspunkt zurückkehrend, fragen wir nun : 



ut preraittitur, coram notario et testibus soUemni stipulatione interueniente pre- 
stita, iuxta quoddam publicum instrumentum desuper confectum, citatis ad hoc 
legitime citandis, in presencia ambarum parciuni laudarunt, diffinierunt, et 
sentenciam arbitralem, sub pena centum florenorum vallatam, tulerunt, cuius 
tenor de verbo ad verbum sequitur, et est talis.' Ebd. II 241. 

Es folgt der Schiedsspruch, dessen wesentlichen Inhalt ich oben mit- 
geteilt habe. 

,Qua sentencia, laudo seu arbitrio, lecta, lata et fulminata, transiuit in 
rem iudicatam, cui nouem de magistris maioris coUegii parebant, et realiter 
cum effectu ratam ipsis iniunctam soluendo expagarunt. Sed quidam Godt- 
mundus Ugla, archidiaconus Vecionensis de Swecia, decimus, qui tarnen princi- 
palis luit confabricator disturbii expulsionis prememorate, clam et occulte 
contra suum prestitum iuramentum incurrens defacto periurium, cuius reatu 
prout tiraetur dampnabiliter irretitus, quesiuit subterfugia, minime satisfaciens 
laudo et rei iudicate, cui propter forefacta extitit, ut premittitur, obnoxius, non 
salutato hospite ac minus iuste aufugit. 

Item quidam murus lapideus diuisit per medium in longum quandam 
curiam minoris collegii a curia coUegii maioris, ex qua diuisione apparuit Signum 
et argumentum seperationis coUegiorum inter se, prout eciam ad nounuUa tem- 
pora (quum agitabantur ad quatuor annos continue controuersie, dissidia et 
discordie, de quibus supra) steterant, et fuerunt per quandam portam seratam 
et firmatam tanquam per intersticium locatum et situatum in capite illius aggeris 
seu vie angustioris, qua itur de minori ad maius coUegium, diuisa et seperata. 
Attendendo itaque, quod non in dispersione sed coUectione Christum imitamur, 
iuxta verbum per Organum dominice vocis emissum: qui mecum non colligit, 
dispergit; ad demonstrandum itaque et successoribus et posteris nostris indi- 
candum, insinuandum et exhortandum, et ad perpetuam vnionem, pacem et 
concordiam in nostra facultate seruandum, amplectendam et continuandam, ad 
dimoüendum quoque et toUendum omnem materiam dissidii ac futurarum diuersi- 
tatum occasionem, huiusmodi murus lapideus premeraoratus de consilio, volun- 
tate, consensu, matura prehabita deliberatione omnium dominorum de vniuersi- 
tate nostra Gripeswaldensi, fuit distractus, radicitus euulsus ac in partes diuisus 
et separatus, in euidens testimonium revnionis caritatiue <243> et incorpo- 
rationis amborum collegiorum, vt sie pariter ligata in vinculo pacis ex fönte 
caritatis proxime et curiose anime nostre consulentis vinea Domini vberius 
possit adolere ad producendura fructuosos palmites pro incremento nostre sacra- 
tissime Christiane religionis, cuius autor est ille celestis agricola, qui exiuit de 
paradiso, ut rigaret hortum plantacionum, gerens tunicam, ut legimus, inconsu- 
tilem, que scisa <!> non fuit, demonstrando exemplari habitudine statumoptimum 
regiminis, qui in pace et subditorum vnitate consistit, ad gloriam et honorem 
ipsius nörainis Domini nostri Jhesu Christi, a quo nostra salus est, vita et re- 
demptio, quique dignetur post huius miserie fluctuantem peregrinationem nos 
reduces in futuram patriam felices pariter et beatos constituere, vbi ipsi laus 
est, honor et gloria et eterna potestas per infinita secula; amen.' Ebd. II 242. 243. 
Franzisk. Stud., Beih. 9 : Fr. Ehrle, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 15 






2U 



In. 2ur Gharakteristik Peters Von Candiä. 



wurde bestimmt, es sollten die Magistri und Scholaren des kleinen 
Kollegs in ihr altes Heim zurückkehren. Sodann solle zur Neu- 
wahl eines Rektors und Artistendekans geschritten werden. Die 
Ansprüche auf Schadenersatz für die im kleinen Kolleg verur- 
sachten Verluste wurden an einen besonderen Ausschuß ver- 
wiesen, welcher die Magistri des großen Kollegs zur Zahlung 
von fast hundert Gulden verurteilte. Aus dieser Summe sollten- 
die durch diese Gewalttat erwachsenen Kosten ersetzt werden ^). 



1) Es folgen die Quellenbelege über Aussöhnung: ,Item quamquam idem 
magister Ewaldus Kiene canonice et legitime fuit electus <1483 Okt.> secundum 
statuta f acultatis in decanum, nichllominus fuit magna controuersia Inter magistros 
maioris collegii et minoris. Pro qua sedanda fuerunt vocati per illustrissimum 
principem, dominum ac ducem Buggeszlaum cet. ut comparerent coram eo in 
Tanglym, quod et factum est, et illa fuit finalis conclusio, quatenus ad nouam 
decani electionem similiter et rectoris vniuersitatis concorditer procederent. 
Domini igitur de vniuersitate similiter et artiste, mandatis principis se obtem- 
perantes, vt bene decuit, processerunt ad nouam vtriusque, tarn rectoris quam 
decani, electionem. De quo decanus predictus fuit bene contentus propter con- 
cordiam et pacem amplectandam.* ' 

,Decanatus secundus magistri Johannis Sartoris de Linghen, qui electus 
fuit sabbato ante festum georii <17 Apr.>, anno domini millesimo quadoin- 
gentesimo octagesimo <!> quarto. 

Qui quidem decanus, postbablta necnon jurgiorum amputata materia, 
concorditer et ex pleno consensu omnium dominorum de facultatis secreto consilio 
fuit electus, et plenam in suö decanatu per integram mutacionem obtinuit oben- 
dienciam, quod antea ad quatuor annos, stante discordiarum ac dissensionum 
dampnosa disceptacione, fieri non potuit. Herum quidem renouare seu descri- 
bere disceptationis conflictus seu controuersie contingentiam et facti seriem, 
es^et longissimum, immo ante diem clause componet vesper olimpo 
<Vergil Aen. 1. 374>. Qua propter mediis preterlapsis finem belli, pacem vide- 
licet, amplectendum atque seruandum arbitror. Beati enim pacifici, ait 
Dominus, quoniam filii Dei vocabuntur.* Ebd. II 240. 

,Sub eodem decanatu ad toUendum et subducendum omnem controuersiam, 
altercandi materiam, et rancores et discordias, inter magistros de facultate super 
explusione et eiectione magistrorum et suppositorum minoris collegii, ipsis per 
magistros maioris collegii facta (cuius autor fuit quidam Hermannus Melberch 
cum suis complicibus, prout supra in suo secundo decanatu commemorat aperte, 
qui eciam sua temeraria et subdola curiositate certos insontes magistros etate 
iuuenes in eorum magna dampna et detrimenta sibi, ad satisfäciendum sne 
praue voluntati, associauit, vnde et tunc facultati et toti ' vniuersitati damnosa 
exterminia et incommoda gräuissima euenerunt) insuper ad amplectöndum cbn- 
cordiam et pacem in premissis iuxta quod sentenciatum fuit in Tanglim anno 
eodem in octauis trium regum per illustrissimum principem, dominum Bngslaum 
et cet. et suos consiliariös ibidem, tamspirituales quam seculares nobiles ple- 
parie congregatos, elegeruhtprememorati magistri hinc inde arbitros amipabiles, 
compositores et. tamquam amicos concordes döminos postea expressos ad iarbi- 
trandum, dictandum, ac de alto et basso iudicandum et sentenciandum. cum 
plena ac omnimodä potestate . et auctoritate, controuersias, questiones et litiuni 
anfractus super rebus alienatis, dampnis et Interesse occasione expulsionis süb- 
ortis. Qui quidem arbitri, iuxta potestatem et auctoritatem a partibus hineinde 



^^Mijik4iÄi^g^ÖMiM,i^Ä*fei^ 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominallsmus. — Greifswald. 225 

So kamen die vierjährigen Kämpfe zum Abschluß. Sie 
zeigen uns ein im Lieben und Hassen kraftvolles Geschlecht, in 
dem selbst die führenden Gelehrten scharfkantig und gewalttätig 
im Verkehr mit ihrer Umwelt, durch den verfeinernden Einfluß 
von Kunst und Wissenschaft noch kaum berührt waren. 

Zu unserem Ausgangspunkt zurückkehrend, fragen wir nun: 



ut premittitur, coram notario et testibus sollemni stipulatione interueniente pre- 
stita, iuxta quoddam publicum instrumentum desuper confectum, citatis ad hoc 
legitime citandis, in presencia ambarum parciura laudarunt, diffinierunt, et 
sentenciam arbitralem, sub pena centum florenorum vallatam, tulerunt, cuius 
tenor de verbo ad verbum sequitur, et est talis.' Ebd. II 241. 

Es folgt der Schiedsspruch, dessen wesentlichen Inhalt ich oben mit- 
geteilt habe. 

,Qua sentencia, laudo seu arbitrio, lecta, lata et fulminata, transiuit in 
rem iudicatam, cui nouem de magistris maioris coUegii parebant, et realiter 
cum effectu ratam ipsis iniunctam soluendo expagarunt. Sed quidam Godt- 
mundus Ugla, archidiaconus Vecionensis de Swecia, decimus, qui tamen princi- 
palis fuit confabricator disturbii expulsionis prememorate, clam et occulte 
contra suum prestitum iuramentum incurrens defacto periurium, cuius reatu 
prout timetur dampnabiliter irretitus, quesiuit subterfugia, minime satisfaciens 
laudo et rei iudicate, cui propter forefacta extitit, ut premittitur, obnoxius, non 
salutato hospite ac minus luste aufugit. 

Item quidam murus lapideus diuisit per medium in longum quandam 
curiam mtnoris collegii a curia collegii maioris, ex qua diuisione apparuit Signum 
et argumentum seperationis collegiorum inter se, prout eciam ad nonnulla tem- 
pora (quum agitabantur ad quatuor annos continue controuersie, dissidia et 
discordie, de quibus supra) steterant, et fuerunt per quandam portam seratam 
et firmatam tanquam per intersticium locatum et situatum in capite illius aggeris 
seu vie angustioris, qua itur de minori ad malus coUegium, diuisa et seperata. 
Attendendo itaque, quod non in dispersione sed collectione Christuni imitam'ur, 
iuxta verbum per Organum dominice vocis emissum: qui mecum non colligit, 
dispergit; ad demonstrandum itaque et successoribus et posteris nostris indi- 
candum, insinuandum, et exhortandum, et ad perpetuam vnionem, pacem et 
concordiam in nostra facultate seruandum, amplectendam et continuandam, ad 
dimoüendum quoque et tollendum omnem materiam dissidii ac futurarum diuersi- 
tatum öccasionem.huiusmodi murus lapideus prememoratus de consilio. volun- 
tate, consensu, matura prehabita deliberatione omnium dominorum de vniuersi- 
tate nostra Gripeswaldensi, fuit distractus, radieitus euulsus ac in partes diuisus 
et separatus, in euidens testimonium revnionis caritatiue <243> et incorpo- 
rationis amborum collegiorum, vt sie pariter ligata in vinculo pacis ex fönte 
caritatis proxime et curiose anime nostre consulentis vinea Domini vberius 
possit adolere ad producendum fructuosos palmites. pro incremento nostre sacra- 
tissime Christiane religionis, cuius autor est ille celestis agricola, qui exiuit de 
paradisö, ut rigaret hörtum plantacionum, gerens tunicam, ut legimus, inconsu- 
tilem, que scisa <!> non fuit, demonstrando exemplari habitudine statumoptimum 
regiminis, qui in pace et subditorum vnitate consistit, ad gloriam et honorem 
ipsius nöminis Domini nostri jhesu Christi, a quo nostra salus est, vita et re- 
demptio, qfiique dignetur post huius miserie fluctuantem peregrinationem nos 
reduces in futuram patriam felices pariter et beatos constituere, vbi ipsi laus 
est, hoher et gloria et eterna potestas per infinita secula; amen.' Eb d. II 242. 243. 
Franzisk. Stud., Beih. 9 : Fr. E h r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 1 5 



,226 III. Zur Charakteristik Peters von Candia,. 

waren diese leidenschaftlichen Kämpfe durch den Wegestreit 
verursacht, von ihm beeinflußt oder wenigstens mit ihm ver- 
knüpft? Für irgend einen Zusammenhang scheint die Tatsache 
zu sprechen, daß der Zwist mit dem Versuch begann, die Lehr- 
methode (modus doctrinandi) an der Hochschule und im besondern 
an dem kleinen Kolleg zu ändern. Unter dem ,modus doctri- 
nandi', ,novus modus in doctrina* kann man ein Doppeltes ver- 
stehen: entweder die Technik des Lehrbetriebs: Art, Zahl, Ver- 
teilung der Vorlesungen, Disputationen, ,exercitia*; oder aber 
eine Änderung der Lehre, der wissenschaftlichen Richtung. Nur 
letzteres berührt den Wegestreit unmittelbar. Allerdings sind 
beide Beziehungen eng miteinander verbunden. 

Welches war nun die wissenschaftliche Richtung des Lehr- 
betriebes in Greifswald im Augenblick, als 1480 die Änderung 
einsetzte? Nach allem, was wir oben den Statuten und der 
Wahl der Lehrkräfte entnehmen konnten, ja nach der Verord- 
nung von 1467 durchaus voraussetzen müssen, waren daselbst 

1480 beide Wege zugelassen. Die Einführung der thomistischen 
Richtung 1481 durch die beiden Kölner-Kopenhagener Magistri 
besagt uns, daß vorher die skotistische der in Greifswald ange- 
siedelten und in ihrer theologischen Fakultät vertretenen Fran- 
ziskaner vorherrschte. Dies vorausgesetzt müßten wir, wenn 
wir die Änderung von 1480 auf das Lehrhafte beziehen, die neu 
eingeführte Richtung des Magisters Melberch als den Nominalismus 
ansehen und annehmen, daß vorher nur der Skotismus vertreten 
war. Nun aber war 1474 der Nominalismus in Paris ausge- 
schlossen worden und er wurde erst am 29. April 1481 wieder zu- 
gelassen. Es fiel also aller Wahrscheinlichkeit nach die Aus- 
bildung Melberchs in Paris in die realistische Periode der Pariser 
Magistri und diese müßten Skotisten gewesen sein, da ja sonst 
die Nachricht vor der Einführung des Thomismus in Greifswald 

1481 unverständlich wäre. Allerdings ist es denkbar, daß Mel- 
berchs Pariser Universitätsstudium und Doktorierung in die nomina- 
listische Zeit vor 1474 erfolgte und es daher die nominalistische 
Richtung war, die er in Greifswald einführen wollte. 

Melberch wurde im Sommer 1481 KoUegiat eines der beiden 
Kollegien, und zwar allem Anscheine nach des großen. In der 
eben erwähnten Voraussetzung hätte er zumal dieses für seinen 
Nominalismus gewonnen, während das kleine Kolleg auf seinem 
bisherigen realistisch-skotistischen Wege verharrte. Dann hätten 
die Vorstöße Ter Portens (1480) und Melberchs (1483) die Aus- 
treibung des Skotismus und die Einführung des Nominalismus 
bezweckt, in schärfstem Gegensatz zu der Verordnung von 1467. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Norainalismus. — Wittenberg. 227 

Ein solches gewaltsames Vorgehen wäre in einer Zeit nicht auf- 
fällig, in welcher der philosophische Wegestreit auch anderswo 
zu Straßenkämpfen und pöbelhaften Belagerungen von Universi- 
tätskollegien führte. Allerdings stehen wir mit den achtziger 
Jahren am Beginn des Eklektizismus, der den Wegestreit abflauen 
ließ. 

Das alles ist möglich und wird dem gegenwärtigen Stand 
der Quellenforschung gerecht, aber es ist nur möglich und trifft 
nur zu, wenn sich der Streit um Doktrin selbst und nicht nur 
um die Technik der Lehrmethode drehte. Allerdings ist eine zu 
so leidenschaftlichen Kämpfen führende Differenz der Technik 
schwer faßbar, ohne daß sie in das lehrhafte Gebiet überge- 
griffen hätte. Schon die Wahl der Lehrbücher Melberchs läßt 
dies kaum zu. — Aus viel späterer Zeit, aus dem Jahre 1516 
ist uns noch eine hierher gehörige Notiz erhalten. Es heißt: 
jUnanimi tunc regentium consensu conclusum fuit, ut res facul- 
tatis artium, tum lectiones prelegendo tum ordinationes <ob ordi- 
narias d.h. questiones> disputando, iuxta situm Oolonien- 

sium hie tractarentur* 0- 

Soviel zur möglichst sorgfältigen Auswertung der uns für 
die Greifswalder Hochschule vorliegenden Nachrichten. 

Wittenberg 1502. 

Die Errichtung der Wittenberger Hochschule fiel in die Epoche 
jenes fürstlichen Absolutismus, in der, im Gegensatz zu dem frei- 
heitlicher denkenden Mittelalter, eine solche Leistung nur auf 
allerhöchsten Befehl möglich war. Sie war das Werk des Kur- 
fürsten Friedrich III. des Weisen von Sachsen^). Er bediente 
sich zur Anwerbung geeigneter Lehrkräfte und zur inneren Orga- 
nisation der Hilfe des tüchtigen Mediziners und Humanisten Martin 

1) Ebd. II 254. 

2) Das Brauchbarste wäre N. Müllers im Druck begonnene, aber durch 
den Tod des Verfassers unterbrochene Arbeit über die ältesten Statuten der 
Universität Wittenberg, welche Prof. Hermelink (Kiel) W. Friedensburg für seine 
Geschichte der Univ. Wittenberg (Halle a. S. 1917) zugänglich machte. Die 
beiden Veröffentlichungen von Th. Muther, Die Wittenberger Universitäta- 
und Fakultäts-Statuten, Halle 1867 (Festschr. des Thüring.-sächsischen Vereins 
für das vaterländische Altertum) und ,Die ersten Statuten der Wittenberger 
Artistenfakultät', in: Neue Mitteil, aus dem Gebiet histor.-antiquar. Forschung 
(Thüring -sächsischer Verein 3) XIII (1874) 177 ff., sind unzulänglich und ver- 
altet, wie G. Bauch zeigt, in: , Wittenberg und die Scholastik', im Neuen Archiv 
für sächsische Geschichte und Altertumskunde XVIII (1897) 299 ff. und Friedens- 
burg 24 f. ■" 

A. Grohmann, Annalen der Univ. Wittenberg, Meißen 1733, 3 Bde., 
berücksichtigt fast nur die juristische und finanzielle Ausstattung, ohne dem 
wissenschaftlichen Betrieb die nötige Aufmerksamkeit zuzuwenden. 

15* 



228 III. Zur Charakteristik Peters von Caudia. 

Pollich von Meilerstadt und des Augustinereremiten Johann von 
Staupitz. Jeuer warb in dem benachbarten und daher etwas 
eifersüchtigen Leipzig, während dieser geeignete Lehrer seines 
Ordens in Tübingen gewann, wodurch diese Universität einen 
nicht unwesentlichen Einfluß auf die neue Schule ausübte^). 

Friedrich erbat sich nach italienischem Gebrauch ein kaiser- 
liches Bevollmächtigungsschreiben, das vom 6. Juli 1502 datiert 
ist. Bereits am 24. August kündigte er die Eröffnung der neuen 
Hochschule an und diese erfolgte alsdann bereits am 18. Oktober. 
Nachträglich ließ er hierauf durch den päpstlichen Legaten Kar- 
dinal Raimund Peraudi am 2. Februar 1503 und durch Papst 
Julius IL am 20. Juni 1507 seine Stiftung bestätigen^). 

Universitätsstatuten aus der Zeit der Gründung sind be- 
zeugt ^), liegen aber nicht mehr vor. Die ältesten uns erhaltenen 
von 1508 und die Statuten der Artistenfakultät von 1504 stammen 
beide von Tübingen*). Letztere brachte wohl der von Tübingen 
berufene Augustinereremit und erste Wittenberger Artistendekan 
Sigmund Epp mit^); erstere vermitttelte vielleicht bereits im 

1) Friedensburg 10 ff. 14ff. Hermelink 62—69. 

2) Vor allem Denifle, Universitäten 763—791; G. Kaufmann, Die 
Universitätsprivilegien der Kaiser in der Deutschen Ztschr. f. Geschichtswissen- 
schaft I (1889) 118 — 165; Gesch. der Deutschen Universitäten; Friedensburg 
16 ff, 21 ff. — Friedensburgs fleißige Arbeit hätte an einigen Stellen eine rich- 
tigere Fassung erhalten, wenn der Verfasser Denifles einschlägige Arbeiten zu 
Rate gezogen hätte, was wohl aus Rücksicht auf das protestantische Publikum, 
an das er sich an erster Stelle wendet, nicht geschehen ist. 

^) Im Dekanatsbuch der juristischen Fakultät heißt es: ,Anno Domini 1502 
. . . intronisata est alma aehademia Wittenburgensis . . . que recta et gubemata 
fuit certis statutis, quibus singuli . . . promovebantur. Tandem anno octavo in 
feste Sancti Michaelis domini principes alia et nova statuta dederunt, quibus 
reformatores instituerunt.' Friedensburg 24 Anm. 1. 

*) Die Universitätsstatuten, gedruckt in Th. Muther i — 15. Doch 
wie G. Bauch a. a. O. 299 f. gezeigt hat, ist es Scheurls Überarbeitung der 
ursprünglichen Statuten von 1508 (1509). Außerdem brachte Muther eine spätere 
Abschrift des 17. Jahrhts. zum Abdruck, während Im Besitz der Familie Scheurl 
in cod. Scheurl 71 <;ob. 281> sich eine gleichzeitige, jetzt von N. Müller ge- 
druckte Abschrift findet. Friedensburg 26 Anm. 3; Hermelink 28 Anm. 1. 

Die von Muther gedruckten Artistenstatuten a. a. 0. 177 — 208 sind einer 
Abschrift von 1599 in der Matricula II entnommen, während in Matricula I die 
Urschrift erhalten ist. Dieses Dekanatsbuch der Artisten legte N. Müller 
a. a. 0. 165 — 210 seinem Neudruck zugrunde. Bauch a. a. 0. 300; Friedens- 
burg 24 Anm. 3. 25, 

Die der Wittenberger zugrunde liegende Tübinger Fassung der Artisten- 
statuten 8. (Roth) Urkunden zur Gesch. der Univ. Tübingen (1476 — 1550), 
Tübingen 1877, 320—375. Roth setzt sie auf 1503/4, während sie nach Bauch 300 
mit denen von 1477 identisch sind, abgesehen von einigen Zusätzen. 

6) Vgl. Muther, Die ersten Statuten 177—208 und (Roth) 322—375; 
Friedensburg 25. 48. Bei Muther, Wittenb. Univ.- und Fak.-Statuten 39 — 48 
finden sich die Artistenstatuten von 1508. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrscliaft des Nominalismus. — Wittenberg. 229 

Gründungsjahr Staupitz als Tübinger 0- Die ursprünglichen Tü- 
binger Universitätsstatuten wurden 1508 durch den Juristen Christoph 
Scheurl einer etwas humanistischen Überarbeitung unterzogen^), 
die jedoch ihren Tübinger Ursprung nicht verwischte. Scheurl 
kam eben von Bologna und hatte offenbar vom Kurfürsten den 
Auftrag, gewissen Spaltungen und Mißbräuchen einen Jiräftigen 
Riegel vorzuschieben. Er tat dies, indem er seinen Herrn für 
das in Bologna in dieser späten Zeit bestehende System der Re- 
formatoren gewann, einer aus wenigen Vertrauenspersonen be- 
stehenden Aufsichtsbehörde^). Durch sie konnte der Fürst die 
Schule nach Belieben leiten, ohne aus der wünschenswerten 
Deckung hervorzutreten. Es hatte Wittenberg eben fast nichts 
mehr von der großen, freihejitlichen Selbstverwaltung des Mittel- 
alters. Es war eine rein fürstliche Anstalt; wie dies damals 
großenteils selbst bei Paris der Fall war*). Entsprechend finden 
wir keine Nationen, die Scholaren sind fast gänzlich von der 
Leitung ausgeschlossen, und es liegt diese in den Händen weniger, 
dem Fürsten ergebener Lehrer. 

Was die Stellung. Wittenbergs zum Wegestreit angeht, so 
herrschte bis heute die Annahme vor, es seien daselbst bereits 
seit der Gründung zwei Wege zugelassen gewesen, doch seien 
diese beiden Wege im Unterschied zu allen übrigen Hochschulen 
nicht die der Realisten und Nominalisten gewesen, sondern die 
Schulen der Thomisten und Skotisten ^). Diese Annahme bedarf bei 
der völligen Abhängigkeit der Wittenberger von den Tübinger 
Statuten eines genaueren Nachweises. 

.Tatsache ist, daß die ältesten Statuten der Wittenberger 
Artistenfakultät vom Dekanat des Magisters Thomas Kölin von 
Schwäbisch-Gmünd (18. Oktober 1503 bis 1. Mai 1504), welche 
Muther veröffentlicht hat, an vielen Stellen die Teilung der Fa- 



1) Vgl. Muther, Wittenb. Univ.- und Fak.-Statuten 1—15 und (Roth) 
39—66); Friedensburg 14 f. 47 ff. 

2) Ein Posten im juristischen Dekanatsbuch, BI. ISS^f. besagt, daß Scheurl 
am 16. Mai 1509 quittiert über 10 aurei, den Lohn für seine Überarbeitung der 
Statuten (omnia predicta statuta ad emendationem dominorum reformatorum 
cum diligentia composuerat). Friedensburg 26 Anm. 1. 

3) Scheurl schreibt unter dem 5. Januar 1509: ,Faciem reipublicae nostrae 
litterariae mutavimus more Bononiensis, omnem potestatem ad doctores refor- 
matores redigentes.' Christoph Scheurls Briefbucb, hrsg. durch v. Soden-Knaake, 
Potsdam 1867, 55; Friedensburg 28, Anm. 1. Die S. 29 erwähnte Bestel- 
lung von (Konservatoren' ist eine im kanonischen Rechte wohlbekannte Gepflogen- 
heit, über deren Pflichten und Befugnisse jedes Handbuch Aufschluß gibt. 

4) S.'oben S^J^. 

ö) G. Börff^STwittenberg und die Scholastik 301; Friedens bürg 50 f.; 
Hermelinlc78. 



230 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

kultät in zwei Wege erwähnen und berücksichtigen. Aber es 
ist nicht minder Tatsache, daß alle Stellen dieser ältesten Witten- 
berger Statuten wörtlich den ältesten Tübinger Artistenstatuten 
von 1477 entnommen sind, wo sie sich zweifellos auf die Wege 
der Alten und Modernen beziehen 0- 

Deytlicher als die ältesten Statuten zeigen uns den wirk- 
lichen Sachverhalt und dessen weitere Entwicklung die Statuten 
von 1508, und zwar sowohl die Universitäts- als die Artisten- 
statuten ^). In ersteren wird wenigstens an einer Stelle kurz, aber 
sehr scharf die Zulassung und völlige Gleichberechtigung aller 
wissenschaftlichen Richtungen hervorgehoben : , Vias scholasticorum 



1) Ich gebe die auf den Wegestreit bezüglichen Stellen nach (Roth) Ur- 
kunden zur Geschichte der Univ. Tübingen, Tübingen 1877, Die ältesten Artisten- 
statuten von 1477, 320 — 375 und Muther, Die ersten Statuten der Artisten- 
fakultät a. a. O. 177 — 205. Roth 326 von der Fakultätskasse sprechend: ,cuius 
arche claves habeant duo seniores magistri utriusque vie.' Muther 180. 

Roth 328: Der Dekan darf seinen Posten ohne Erlaubnis der Fakultät 
14 Tage nicht verlassen; geschieht es, so soll er ,suas autem vices antiquo 
sue vie decano vel seniori magistro committere.' Muther 181. 

Roth 330. Der Dekan erhält zwei ,consiliärii' zur Seite, .quorum unus 
decanus antiquus immediatus, si commoditas admittat, alter alteriusvie ad 
minus trium annorura magister'. Muther 182. 

Roth 331. Ist einer vor den Fakultätsrat Geladener abwesend, soll ver- 
handelt werden ,ac si absentes presentes forent, si saltem nuUi viarum quid 
pz-eiudiciale tractetur'. Muther 183. 

Roth 332. ,Discreta Hat in qualibet viaelectio <lectionum et exercitiorum> 
a magistris eiusdem vie secundum ordinem senii procedendo,' Muther 183. 

Roth 345 (vgl. 3b6). Jeder zu Promovierende ,quater ad minus magistris 
ordinarie et bis extraordinarie aliasque toties quoties a magistro sue vie re- 
quisitus füerit, respondere sit astrictus*. Muther 187 (vgl. 193). 

Roth 346. (Statuit similiter facultas, quod baccalaureus vel Scolaris de 
una via ad aliam se transferens ad minus teneatur in alia pro adeptione gradus 
annum complevisse.' Muther 188. 

Roth 349. Wer einen Nachlaß der Universitäts gebühren erlangen will, 
,tales coram eo <decano> et conventoribus aliisque dupbus uniuscuiusque vie 
magistris ex consilio facultatis ab ipsa facultate sibi adiunctis certa hora 
compareant'. 

Roth 356. ,Voluit facultas et ordinavit, quod baccalaureis sive scolaribus 
utriusque vie per totam facultatem ad temptamen admissis eligantur per sortem 
quatuor magistri pro temptandis in qualibet <357> via, sie videlicet, quod tot 
cedule convolute in birretum ponantur, quot unius vie fuerint magistri, decano 
excepto.' Muther 193. 

Für zwei kurze Stellen Muthers finde ich kein Original bei Roth. Muther 204 : 
jStatuiraus quod unus de conventoribus in qualibet via habeat per diem unam 
disputationem.* S. 205 : ,Item conventores omnia cathedralia sue vie . . . habeant.' 

2) Die Theologenstatuten von 1508 erwähnen die ,Wege' ganz neben- 
sächlich nur an einer Stelle. Muther 19: ,Nullus unquara promoveatur, nisi 
quottidie audierit duas lecliones ordinarias in eis viis, quas ipse elegerit, et 
diebus festis extraordinarie unam'. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Wittenberg. 231 

doctorum absque diöerentia erigimus'Oi während anderseits 
die Nationeneinteilimg, die Landsmannschaften und jegliches Kon- 
ventikelwesen auf das entschiedenste abgelehnt werden. 

Was hier unter den ,viae scholasticorum doctorum* zu ver- 
stehen sei und wie viele dieser ,Wege* zugelassen werden, zeigt 
uns eine Stelle der Artistenstatuten vom selben Jahr mit aller 
nur wünschenswerten Klarheit^). Während in allen anderen 
Universitätsstatuten nur von zwei »Wegen' die Rede ist, werden 
hier in Wittenberg drei ,Wege* geduldet: die der Thomisten, der 
Skotisten und der Gregorianer. Allerdings stieß sich der Her- 
ausgeber der Statuten an der Lesart ,Gregorii* und ersetzte sie 
eigenmächtig durch ,Guillelmi*, obgleich er an zwei Stellen in 
der Anmerkung feststellen mußte, daß die Handschrift ,Gregorii' 
habe, das nur an einer Stelle durch eine spätere Hand in ,Occam' 
abgeändert worden sei^). Allerdings hat Ockham ohne Zweifel 
das erste Recht auf die Vaterschaft der ,via moderna*, aber auf 
das zweite kann doch wohl Gregor von Rimini Anspruch erheben, 



1) Muther, Wittenb. Univ.- und Fak.-Statuten 3: .Nationum divisiones 
partiales aut aliquorum conventicula, quas ipsi appellant ,Sanctorum solenni- 
tates*, prorsus summovemus prohibemusque. Vias scholasticorum doctorum 
absque differentia erigimus'. 

2) Muther a. a. 0. 45: ,De horis lectionum et modo legendi nee non 
officio conventorum. Caput decimum. — Quilibet legat a principio horae usque 
in finem voce clara et intelligibili; legat inprimis textum, quatenus scolastici 
suos libros emendare possint et punctare. Deinde textum continuet et dividat, 
Magistri deputentur ad lectiones ordinarias per reformatores. Indifferenter 
profiteatur via Thomae, Scoti, Gregorii. Aestate quinta, hieme sexta 
legatur maior Logica per illas tres vias; aestate septima et hieme octava 
libri physicorum et de anima, quibus finitis parva naturalia similiter per tres 
vias. Hora duodecima minor loyca, id est Petrus Hispanus similiter per tres 
vias. Secunda libri ethicorum et post illos metaphysica, item mathematica. 
Tertia Grammatica. Septima hieme, octava aestate et prima et quarta humanae 
litterae. Poterit etiam privatim quis profiteri sine tamen ordinariarum lectionum 
praeiudicio.* 

Hiermit ist eine zweite Stelle derselben Statuten zusammenzuhalten, 
s. Muther ebd. 41: ,De electione decani. Caput tertium. — In die Philippi 
et Jacobi <1. Maii> nee non sancti Lucae <18. Oct.> vocentur per cedulum antiqui 
decani senatores artistici, id est magistri omnes, quis, ut prediximus, de senatu 
seu facultate esse voluerint, et statim publicato gymnasiarcha, implorato divino 
auxilio, eligatur decanus ordine prescripto, etiamsi fuerit absens brevi reversurus, 
incipiendo ab eo, qui primum in senatum est ascriptus, quicunque ille fuerit 
seu religiosus seu secularis, Thomae, Scoto, sive Gregorio mancipatus, dum- 
modo nullus ceteris praeficiatur, nisi sit quatuor annorum magister vel superio- 
rum facultatum baccalaureus, gravis moribus et famae integrae, sed tunc illius 
ratio non habeatur, donec ordine ad eum reversum fuerit.' Zur Erklärung 
dieser nicht leichtverständlichen Wahlbestimmungen vgl. ebd. die Erläute- 
rungen der Reformation aus dem J. 1510. 

8) Dies erkannte bereits G. Bauch, Wittenberg und die Scholastik 316. 



232 IIL Zur Charakteristik Peters von Candla. 

da er entschiedener und unentwegter als die übrigen auf den 
Balinen Ockliams fortgeschritten ist. Im besondern für Witten- 
berg lag für eine solche Textänderung gar kein Anlaß vor, sondern 
es war die Lesart der Handschrift eher gefordert. Man soll hier 
wenigstens in der vorlutherischen Zeit die Modernen weniger nach 
Ockham, dessen Namen einen antikirchlichen Klang hatte, als nach 
Gregor benannt haben. Sicher wurde diese Ehre zuweilen auch 
Gabriel Biel zugeteilt, welcher eine geschätzte Zusammenfassung 
der Doktrin Ockhams geliefert hatte. Sie hatte von Tübingen 
her frühzeitig auch in Wittenberg Freunde gefunden. Diese be- 
zeichneten sich zuweilen als ,Gabrielistae* ^). 

Neben diesen Statuten bildet das von Christoph Scheurl 
1507 gedruckte Verzeichnis der Wittenberger Lehrer ein für 
unsere Frage sehr beachtenswertes Schriftstück. Es war die 
junge Hochschule 1506 durch die Pest und durch die Gründung 
einer Universität in Frankfurt a. 0. gefährdet. Daher mußte die 
Werbetrommel gerührt werden. Andreas Meinhardi von Pirna 
veröffentlichte 1508 zu diesem Zwecke einen lateinischen Schüler- 
dialog ^) und Scheurl am 1. Mai 1507 den ,Rotulus doctorum 
Wittenbergae profitentium. / Viteberge sub signo rectoratus nostri 
calendis Maus anno septimo supra millesimum quingentesimumque ^). 



1) Den Beweis hierfür liefern allerdings vorzüglich die beiden hier in 
Frage stehenden Stellen. Luther selbst sagt ,mea secta, scilicet Occamica'. 
Erlanger Ausg. 24. 347 ; Weimarer Ausg. 6. 195. 600 und Ockham war ihm der 
,liebe Meister'; Hermelink 93. 91 Anm, 1. 

2) über Biel s. Hermelink 87—94. Zu der Benennung »Gabrielista* 
s. ebd. 91 Anm. 1; Köstlin-Kawerau, Luther 1 5 (Berlin 1908) 133; De Wette, 
Briefwechsel Luthers I (Berlin 1825) 34; Hermelink 91 Anm. 2. 

3) Dialogus illustrate ac augustissime urbis Albiorenae, vulgo Vittenberg 
dicte, situm, amenitatem ac illustrationem docens, tirocinia nobilium artium 
iacientibus editus bei Martin Landsberg in Leipzig 1508. 

4) Von Kaufmann H 574—577, nach Strobel, Neue Beiträge zur Lite- 
ratur III 2, 57 f. und Grohmann, Annalen der Univ. Wittenberg II 79 ff. 
abgedruckt. 

Auf die Dozenten der Medizin folgen S. 576: 

In artibus per duas opiniones celeberrimas : ordinarii<die an den Schul- 
tagen) et extraordinarii <die an den freien Tagen lesen>. 

Hojfa sexta antemeridiana. 
Magister Nicolaus Amsdorf, theologie baccalaureus, in via Secti <Scoti>. 
Magister Andreas de Carlstadt, theologie baccalaureus formatus, Thomista. 

Hora septima. 
Magister Petrus Lupinus, sacre theologie baccalaureus formatus, Thomista. 
Magister Wolfgangus de Zwickaw, Scotista, in naturali philosophia, phy- 
sicorum et de anima. 

Hora duodecima. 
Magister Ghilianus de Melierstadt, iuris utriusque baccalaureus, Thomista. 
Magister Sebastianus Fribergensis, theologie baccalaureus, Scotista. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung undVoriierrscliaft des Nominalismus. — Wittenberg. 233 

Im Verzeiclinis der sechzehn Artistenprofessoren ist bereits 
im Titel ein gewisser wissenschaftlicher Zwiespalt angedeutet. 
Es ist überschrieben : ,In artibus per duas opiniones celeberrimas 
ordinarii*. Daß hier , opiniones' im Sinne von ,vie* gebraucht ist, 
zeigt gleich die Charakterisierung des ersten Lehrers als ,in viaScoti* 
lehrend. Im übrigen werden von den zehn ,ordinarii* vier als Thomi- 
sten und vier als Skotisten bezeichnet. Es ergibt sich also aus diesem 
Verzeichnis mit hinlänglicher Sicherheit, daß sich die Stellen der 
beiden Hochschulen gemeinsamen Statuten, welche sich in Tübingen 
in sonst üblicher Weise auf die Realisten und Nominalisten bezogen, 
in Wittenberg in der Zeit vor 1507 auf die Thomisten und die 
Skotisten beziehen und daß daselbst nach 1507 drei Wege: Tho- 
misten, Skotisten und Nominalisten vertreten waren. Endlich ist 
beachtenswert, daß hier die Repräsentanten der beiden ersteren 
Schulen mehrfach, wie auch Scheurls Rotel zeigt, nicht dem 
Dominikaner- und Franziskanerorden, sondern dem Weltklerus 
angehörten, während die in Wittenberg, auch an der Universität 
zahlreichen Augustiner nicht Ägidianer, sondern Skotisten oder 
Gregorianer (Nominalisten) waren. 

Um die kritische Zeit des Pest Jahres 1506 hatte sich der 
Kurfürst zur Hebung der Frequenz seiner gesunkenen Hoch- 
schule veranlaßt gesehen, einen tüchtigen Vertreter des Nomi- 
nalismus aus dem ausschließlich nominalistisch gerichteten Erfurt 
zu berufen. Es war dies Jodokus Trutletter aus Eisenach. Er 
traf anfangs 1507 in Wittenberg ein^. Obwohl er es bereits 
1510 wieder verließ, so wurde doch selbst sein kurzer Auf ent- 



Magister WoHgangus Ostermayr, theologie baccalaureus, in morali philo- 
sopliia. 

Hora secunda. 

Magister Conradus Kunig, Scotista. 

Magister Matheus Torgensis, Tliomista, de celo et mundo, de generalione 
et corruptione, Metheorura, item parvorum naturalium libris. 

Hora tertia. 

D[ominusl Symon Steyn, artium magister et medicine baccalaureus, artista- 
rura decanus, in grammatica Sulpitii secundam editionem. 

Magister Andreas Carlstadt, metaphisicam Aristotelis. 

Es folgen die ordinarii: ,In humanis litteris'; hierauf fünf ,In Philosophia 
extraordinarie <legentes>' ohne auf den Wegestreit bezügliche Bemerkungen. 

Zwei Professoren Ostermayr und der Dekan Stein lesen über Materien, 
welche vom Wegestreit nicht berührt werden. Selbstverständlich waren alle 
Lehrer ,magistri in artibus'. . Karlstadt las über zwei verschiedene Stoffe. 

^) Unter den: ,In sacra theologia Ordinarii et Extraordinarii conducti' 
finden wir nach Staupitz und Martin Pollich von Meilerstadt an dritter Stelle: 
.Dominus Jodocus Truttfitter de Ysennach, sacre theologie magister Erfordiauus, 
archidiaconus Vittembergensis.' Ebd. 575; Friedensburg 51. 



234 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

halt dadurch von Bedeutung, daß er dem Ockhamisten Luther, 
dessen Lehrer er in Erfurt gewesen war, die Wege ebnete. 

übrigens waren hier bald die drei Wege nicht nur durch 
Lehrer, sondern auch durch entsprechende Lehrbücher vertreten 
und festgelegt. Für seine Nominalisten veröffentlichte Trutfetter 
die Epitome seu breviarium Dialecticae ', der skotistische Franzis- 
kaner Ludwig Henning gab 1505 die Formalitates des Antonius Sirecti 
mit den Zusätzen des Irländer Mauritius a Portu und die Schriften 
des Petrus Tartaretus heraus^), während von den Thomisten 
Meilerstadt seine ,Cursus logici* der Wittenberger Studentenschaft 
widmete^) und Andreas Bodenstein aus Karlstadt seine beiden 
Abhandlungen ,De intentionibus* Leipzig 1507 und ,Distinctiones 
Thomistarum' in Wittenberg veröffentlichte^). 

Nur die älteren, tiefer gewurzelten Universitäten wie Wien, 
Erfurt und Köln hatten die Kraft, sich auf eine Schule festzu- 
legen. Die jüngeren zwang die immer härter werdende Kon- 
kurrenz der sich rasch mehrenden Hochschulen, ihre Tore allen 
Richtungen zu öffnen. 

Bauch zeigt, wie in seinen anderen Schriften, so in seinem 
Aufsatz ,Wittenberg und die Scholastik'^) hinlänglich, daß, wie 
anderswo, so auch in Wittenberg zwischen dem Humanismus und 
der Scholastik und keinem ihrer ,Wege' eine wesentliche Gegen- 
sätzlichkeit bestand und daß im besonderen die Realisten in ihren 
jüngeren, bildsameren Jahrgängen den berechtigten Anforderungen 
der Rückkehr zum Klassizismus viel Verständnis und Interesse 
entgegenbrachten^). Es bleibt ein unzweifelhaftes Verdienst des 
Humanismus, die Verirrungen und Zerrbilder der damaligen Scho- 
lastik energisch bekämpft zu haben '^). Allerdings gingen die un- 
reiferen und prinzipienlosen sowie die der religiösen Neuerung 
anheimgefallenen Elemente, wie Luther selbst in seiner theologi- 
schen ,Reform*, viel zu weit und schütteten das Kind mit dem 

1) PrantI IV 241. Trutfetter hatte zuerst in Erfurt 1501 seine .Summulae 
totius logicae' gedruckt, aus denselben zog er dann obiges ,Epitome' aus, von 
welchem auch eine Erfurter Ausgabe yon 1507 existiert. Bauch, Wittenberg 
und die Scholastik 314; Friedensburg 52. 

2) Herraelink 2011; Bauch a. a. 0. 302—306; Friedensburg 50. 

3) Friedensburg 47. 

4) G. Bauch, Andreas Carlstadt als Scholastiker, in; Zeitschr. f. Kirchen- 
geschichte 18 (1898) 37—57. 40; Bärge, A. Bodenstein v, Carlstadt, Leipzig 1905. 

5) Im Neuen Archiv für Sächsische Gesch. und Altertumskunde 18 (1897) 
285—339, 

ö) Hermelink 151 ff.; Vischer, Gesch. der Univ. Basel 190 ff. 

') In den Statuten von 1516 finden sich noch die ,Wege', doch fehlt ein 
Vertreter des Nominalismus, Friedensburg 109. Aber bereits am 21. März 
1518 rühmt sich Luther, daß Petrus Hispanus,' Tartaretus und Aristoteles über 
Bord geworfen Seien. Ebd. 111. 112. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorlierrschaft des Nomin alisraus. — Krakau. 235 

Bade aus. Wesentlicher Gegensatz bestand zwischen der Scho- 
lastik und Luthers Sätzen von dem völligen Unvermögen der 
menschlichen Natur, ihrer Vernunft und ihres Begehrungsver- 
mögens; Sätze, für welche er die ersten Anregungen aus seiner 
nominalistischen Ausbildung geschöpft hattet- Durch sie war 
jeglicher Philosophie Grund und Boden entzogen. Melanchthon, 
der Lehrmeister des akatholischen Lehrbetriebs^), füllte die durch 
die Beseitigung der Philosophie entstandene Leere durch ,positive' 
Fächer: durch Klassiker, alte Sprachen und Naturwissenschaften 
auf, eine Maßnahme, welche teilweise im akatholischen Univer- 
sitätswesen unserer Tage noch nachwirkt. 

Krakau (1364) 1400. 

Bereits König Kasimir der Große hatte die Gründung einer 
Hochschule in seinen Staatenversucht^), auch von Urb an V, 1364 ein 
Bevollmächtigungsschreiben erlangt und die Bologneser Verfasser 
zum Vorbild seiner Gründung erwählt ^). Aber kriegerische Verwick- 
lungen vereitelten seine Bestebungen, weshalb König Ladislaus 
Jagellow sie wiederaufnahm, sich eine auch auf die theologische 
Fakultät erstreckende Bevollmächtigung 1397 von Bonifaz IX. er- 
bat und 1400 die neue Hochschule durch ein königliches Schreiben 
eröffnete ^). 

Leider sind uns von den allgemeinen Universitätsstatuten 
nur unbedeutende Bruchstücke erhalten, welche Szuski in dankens- 

1) Hermelink 120—133. 92—96; Deniile, Luther und Luthertum I, 
Mainz 1904, 569 ff. 

2) Gleich nach seiner Ankunft in Wittenberg legt er sein Arbeitsprogramm 
in seiner berühmten Rede vom 29. August 1518 dar. Ebd. 117. Bauch, 
Wittenberg und die Scholastik 327—337. 

3) Kaz. Mora\vski,Historya UniwersytetuJagiellonskiego, 2 Bde, Krakow 
1900. Codex diplomaticus universitatis studii generalis Cracoviensis, 5 Bde. 
Cracoviae 1870. Zeißberg, Das älteste Matrikelbuch der Universität Krakau, 
Innsbruck 1872. P. Zegota, A. Chmiel, Pelczar, Album studiosorum uni- 
versitatis Cracoviensis, Cracoviae I (1887) II (1892). Wl. Wislocki, 
Acta rectoralia almae universitatis studii Cracoviensis, tom. I, fasc. 1, Cracoviae 
1893. J. Muczkowski, Statuta nee non über promotionum philosophnrum 
ordinis in universitate studiorum Jagellonica ab an. 1402 ad au. 1849, Craco- 
viae 1849. Wl. Wislocki, Liber diligentiarum facultatis artisticae universi- 
tatis Cracoviensis. Pars I (1487 — 1563), in: Archivum do Dziczöw literatury i 
oswiaty w Polsce IV (1886). In demselben Archivum andere Quellenpubli- 
kationen von J. Szujski I (1878) 1 f f . 71 ff. 85 ff. 95 ff. II (1882) 363ff. 409 
G. Bauch, Deutsche Scholaren in Krakau in der Zeit der Renaissauce 1460— 
1520 im 78. Jahresbericht der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur, 
III. Abteil. (Breslau 1901) 1—76. 

4) Codex diplom. I 1—3. 6; vgl. K. Morawski I 24 ff. 

5) Ebd. 19. 



236 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

werter Weise gesammelt hat. Soviel wir aus dieser Sammlung, 
sowie aus den ,Acta rectoralia* und den Artisten Statuten ent- 
nehmen können, herrschte in Krakau der in den östlichen Univer- 
sitäten ausgebildete Typus der Professoren-Universität mit lebens- 
länglichen, in Kollegien und kirchlichen Benefizien versorgten 
Lehrern vor^). 

In dem, was uns an Artistenstatuten erhalten ist, findet 
sich keine die wissenschaftliche Orientierung bestimmende Vor- 
schrift. Nach allem Anschein herrschte volle Freiheit in der 
Wahl der philosophischen Richtung. Eine gewisse Begünstigung 
der ,via moderna* kann man in der Taxenordnung der Vorle- 
sungen in der Erwähnung der ,sophismata' Alberts von Rickmers- 
dorf finden^). — Weiteres Licht bietet der sogenannte ,Liber 
diligentiarum* ®), ein Unikum in der weitschichtigen Universitäts- 
literatur. In ihm spiegelt sich der gesamte Unterrichtsbetrieb 
von 1487 bis 1563 in einem klaren und scharfen Abbild wider. 
Es sind nämlich in ihm alle Vorlesungen, Stunde für Stunde 
und Lehrstuhl für Lehrstuhl verzeichnet, welche in der Artisten- 
fakultät gehalten wurden. Für jede Vorlesung wird der Pro- 
fessor und der Autor oder Gegenstand angegeben, welcher ihr 
zugrunde lag. Außerdem werden noch die Lücken oder die 
Lückenlosigkeit des Pflichteifers (diligentia) des Professors in 
knappen Bemerkungen angedeutet; diesen ist der eigentümliche 
Titel entnommen. 

Eine genauere Prüfung dieses eigenartigen Schriftstücks er- 



1) S. oben S. 235 Anm. 3. 

2) Muczkowski p. XIV. 

3) Es beginnt: .Incipit registrum facultatis artistice, in quo lectiones et 
exercitia omnium et singulorum magistrorum et eorum diligentie pro singulis 
commutationibus <Semester> notari debebunt nee non eorum negligentie omnes, 
quotiens eos aut lectiones aut exercitia aut etiam actus ordinarios sive quos- 
cunque alios negligere contigerit, sive tales magistri sint collegiati tarn maiores 
quam minores, sive extranei tarn de facultate quam extra, ita quod circa singu- 
lorum nomina, que singulis commutationibus repetenda erunt, punctus diligentie 
aut negligentie annotetur; quod quidem punctum circa collegiatos utrosque et 
etiam extraneos, dummodo de facultate existant, totiens, quotiens annotatum 
fuerit, negligentiam signabit, circa vero extraneos diligentiam et presentiam 
Signabit sive lectionis sive actus cuiuscunque, ea presertim ex causa, cum Uli 
pure extranei nuUum tunc habeant eis designatum ordinem, quem ordinem 
decanus aut domorum prepositi consignare solent bis, qui sunt intra domum 
sive facultatem; et hoc quidem registrum factum est de consensu facultatis 
unanimi in decanatu magistri Andree de Labischin, decretorum doctoris et for- 
mati in theologia baccalary nee non ad S, Florianum canonici, anno Dom. 1487, 
currente commutatione hyemali, in quo etiam omnes actus transitorii et omnia, 
que facultas mandaverit, scribi poterunt, cuius registri tenor, modus et forma 
tenebitur in hunc, qui sequitur, modum. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Krakau. 237 

weist für diese allerdings etwas späte Periode, welche es deckt, 
ein gewisses Vorherrschen der , Alten', und zwar mehr der Sko- 
tisten als der Thomisten. Doch fehlen daneben nicht genügende 
Spuren der »Modernen'. Von den Skotisten wurden erklärt die 
,distinctiones' und ,formalitates' des Nikolaus de Orbellis (Dor- 
belli 1501) 0, des Antonius Sirectus und Nikolaus Bonetus (1506)^). 
Die Thomisten waren mehr durch Albert als durch Thomas ver- 
treten'*). Sehr oft wurden die »Parva Logicalia' erklärt, die, in 
ihrer Gesamtheit genommen, die ,Logica Modernorum' bildeten 
und als das spezifische Arbeitsgebiet der Ockhamisten galten. 

Diese drei Schulen scheinen in Krakau, wenigstens in dieser 
Periode in ruhigerem Wettbewerb nebeneinander gearbeitet zu 
haben, jede in ihren eigenen Bahnen, jedoch ohne schärfere Be- 
fehdung untereinander. Zu diesem ruhigeren Betrieb trug ohne 
Zweifel der Eklektizismus oder Synkretismus bei, welchen die 
früheren heftigen Phasen des Wegestreites nun am Ausgang des 
Mittelalters gezeitigt hatten *). Die Alten hatten bei den Modernen 
durch ruhigere Prüfung manches Brauchbare entdeckt und vor- 
urteilsfrei, ohne Aufgabe ihrer Gründanschauungen in ihren Lehr- 
betrieb eingearbeitet; ein Umstand, der bei der Verwertung des 
,Liber diligentiarum* zur Bestimmung der Lehrrichtung wohl be- 
achtet werden muß und sie erschwert. Nicht jede Vorlesung 
über einen der Traktate der ,Parva logicalia' darf in dieser 
Übergangszeit ohne weiteres als Spur der ,via moderna' gedeutet 
werden ^). 



1) Liber diligentiarum 51. 

2) Ebd. 77. 99. 107. 83. 3) Ebd. 12. 22. 36. 65. 66. 71. 

*) Prantl IV 291; vgl. in der nächsten Anm. das Exercitium novae logicae. 

^) Introductorium dyalecticae, quod Congestum Logicum appellatur, nuper 
denuo revisum et accurata diligentia fideliter emendatum. — Am Schluß: Con- 
gestum per Michaelem de Vratislavia, CoUegii maiorls artistarum studii Craco- 
viensis collegiatum finit. Impressum Argentinae per . . . Joannem Knoblauch, 
1515, 4P. Die Schrift ist im Sinne der Modernen gehalten. Panzer VI 452 
n. 35 führt eine Krakauer Ausgabe von 1509 an. 

Exercitium Novae Logicae seu librorum Priorum et Elenchorum magistri 
Joannis de Glogovia pro iunioribus recoUectum ac noviter emendatum. — Am 
Schluß : In studio Cracoviensi, impensis domini Joannis Haller noviter recognitae 
et impressae. Cracoviae 1511, 4"^. Auch Johannes war KoUegiat des Artisten- 
CoUegium Maius. Als Eklektiker unternimmt er es, die Ausführungen Ägidius' 
von Rom, Thomas', Alberts des Großen mit denen des Nominalisten Paulus Venetus 
zu einer einheitlichen Darstellung zu verarbeiten. 

Über Michael von Breslau vgl. Liber diligentiarum ed. W. Wislocki 452 
(1488—1512); über Johann von Glogau ebd. 411 (1487—1506); Prantl IV 291 
A. 725; 245; Panzer, Annales typographioi, Norimbergae VI (1798) 447 ff. 



238 III, Zur Charakteristik Peters vott Candla. 

Wie allenthalb«n um diese Zeit nehmen auch im Krakauer 
Vorlesungenverzeichnis die klassischen Autoren, das Grammatisch- 
Stilistische des Humanismus, sowie die Astronomie und Mathematik 
einen auffallend breiten Raum ein. Besonders diese beiden letzten 
Fächer wurden in Krakau mit einem Eifer und Geschick und in 
einem Umfang getrieben, daß sie die hauptsächlichste Anziehungs- 
kraft bildeten, welche weither die Scholaren nach der östlichen 
Hochschule führten 0- 

Rückblicke und Ergänzungen. 

Fassen wir noch die Gesichtspunkte zusammen, welche uns 
die vorstehenden Materialien eröffnen. 

Von den hier erwähnten Universitäten^) waren nur zwei 
ausschließlich nominalistisch gerichtet: Wien und Erfurt. Für 
beide steht dies nicht durch statutarische Bestimmungen fest; es 
wird uns nur durch andere Quellenberichte bezeugt. 

Ursprünglich nur den Nominalisten zugänglich waren Heidel- 
berg, Basel und Freiburg. Heidelberg, das 1386 erstand, öffnete 
den Realisten erst 1452 seine Tore. In Basel, 1460 gegründet, 
zogen sie bereits 1464 ein. In Freiburg, 1456 eröffnet, verschaffte 
1484 ein Schreiben des Erzherzogs ihnen Einlaß. — In Basel 
erfolgte der Wechsel durch Pariser Magistri, in Heidelberg durch 
Kölner. 

Von der Gründung an waren paritätisch die Universitäten 
von Tübingen, Leipzig, Ingolstadt, Köln, Greifswald, Wittenberg, 
Krakau; nachweisbar statutenmäßig Ingolstadt, Tübingen, Greifs- 
wald, Wittenberg. Bei den Hochschulen von Prag und Köln er- 
schließen wir die Zulassung des Nominalismus vorzüglich durch 
die Textbücher (Buridan); ebenso bei Leipzig (Heytesbury, Molen- 
felt), Erfurt (Billingham) und Krakau (Albert von Sachsen). 

In Köln herrschte weit mehr als an andern paritätisch ge- 
richteten Universitäten die ,via antiqua' vor; wahrscheinlich durch 
den Einfluß der theologischen Fakultät, welche ja auch 1470 die 
antinominalistische Verordnung der Löwener von 1447 guthieß. 

Dagegen hatte sich in Löwen die artistische Fakultät selbst 
bereits früh gegen den Nominalismus ausgesprochen. Allerdings 
finden wir im Streite um die Sätze des Petrus de Rivo, daß auch 
hier die Theologen in allem, was Glaubenssätze zu berühren schien, 
einen entscheidenden Einfluß ausübten. 



^) So sagt Schede] in seiner bekannten Chronik: .Astronomiae.tamen 
Studium Cracoviae maxlme viret. Nee in tota Germania illo clarlus viget.' 
Vgl. Bauch 4—12. 

2) S. bes. oben S. 162. 172 Anm. 5. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft desNominalismus. — Rückblicke. 239 

Im übrigen müssen wir die Nachrichten in betreff der wissen- 
schaftlichen Richtung der einzelnen Universitäten sorgfältig auf 
ihren Wahrheitsgehalt prüfen. Wollen wir dies in bezug auf die 
vier oben (S. 162 f.) mitgeteilten Berichte tun, so müssen wir vor 
allem die Zeit beachten, welcher der Bericht angehört, da an 
mehreren Hochschulen die Richtung wechselte, ja wie in Paris 
mehrmals wechselte. Paris soll bis zur Zeit Buridans, also bis 
gegen 1362 realistisch gewesen sein; dann war es nominalistisch 
bis 1407, hierauf von neuem realistisch bis nach 1437; alsdann 
wandte es sich wieder dem Nominalismus zu bis 1474. Nach 
der kurzen realistischen Periode von 1474 bis 1481 scheint der 
neue Weg zum drittenmal die Vorherrschaft erlangt zu haben. 
Der Basler Bericht von 1464 macht es realistisch, weil in diesem 
Jahr drei Pariser Magistri ihrer Hochschule den Realismus bringen. 
Aventin bezeichnet es als nominalistisch. 

Weiterhin ist zu beachten, welches der Ruf war, in dem 
die Hochschule stand und welches ihre statutenmäßige Stellung 
war. So galten den Ingolstädtern um die Wende des 15. und 
16. Jahrhunderts Leipzig und Wittenberg als realistisch, während 
sie nachweisbar in früherer Zeit beide Wege zuließen. Ingol- 
stadt wird von Aventin den Nominalisten zugeteilt, während 
diese daselbst nur die Vorherrschaft besaßen. Die Basler und 
Ingolstädter halten Köln für realistisch, und doch beteuert es 
selbst, es sei durchaus paritätisch. Statutenmäßig wird es dies 
wohl gewesen sein; in Wirklichkeit war aber Köln ohne Zweifel 
eine vorherrschend realistisch gerichtete Hochschule. — Es ist 
also solchen Zuteilungen der Hochschulen an die einzelnen Wege 
nicht ohne sorgsame Prüfung Glauben zu schenken. 

Meritorische Erörterungen der großen Streitfrage erhalten 
wir nur von selten der Pariser, Kölner, Ingolstädter und Basler 
Hochschule. In Leipzig wirkte ohne Zweifel der noch von Prag 
her datierende Gegensatz zu dem hussitischen Realismus nach, 
ohne jedoch zum anderen Extrem zu führen. Sonst zeitigte vieler- 
orts bei der wachsenden Konkurrenz die Sorge für die wünschens- 
werte Frequenz eine gewisse Weitherzigkeit. 

Die Schwierigkeiten, welche die allzu leidenschaftliche Par- 
teinahme für einen der beiden Wege in ihrem Gefolge hatte, und 
die Maßnahmen, durch welche man sie zu beseitigen suchte, 
lernen wir besonders in Ingolstadt, Basel und in etwa auch in 
Tübingen kennen. 

Im übrigen tritt in obiger Darlegung an vielen Stellen die 
Lückenhaftigkeit des uns für die Universitätsgeschichte bisher 
vorliegenden Quellenmaterials zutage. Bei mancher Universität 



240 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

scheint für die ältere Periode nur sehr wenig erhalten zu sein. 
Sehr zu bedauern ist, daß die Geschichte mancher Hochschule über 
die noch handschriftlich vorliegenden Quellen kaum Aufschluß 
gibt. Diese Quellen umfassen naturgemäß in der Regel drei 
Klassen. Erstens Urkunden, Grund-, Rechnungs-und Verwaltungs- 
bücher, welche den Besitzstand, das Vermögen und Einkommen dar- 
legen. Zweitens die Statuten, sowohl die der Gesamtuniversität als 
die der Fakultäten, beide mit ihren bezüglichen Matrikeln oder 
Promotionsverzeichnissen. Drittens das Begehrenswerteste : die 
Dekanats- und Rektoratsbücher (über decani, über rectoris), falls 
sie außer den Promotionsverzeichnissen auch die Protokolle der 
Universitäts- und Fakultätssitzungen enthalten, welche für die 
Geistesgeschichte, die Lehrmethode, für wissenschaftliche Rich- 
tung und Forschung das Wertvollste enthalten. Hierfür ist auch 
die zweite Klasse unentbehrlich, da die Verfassung und Gliede- 
rung der Schule mit deren wissenschaftlichem Betrieb wesentlich 
verknüpft ist. — Von geringerem Wert für die Wissenschafts- 
geschichte ist die erste Klasse. Sie enthält Dinge-, die sich in 
den Archiven und der Geschichte jeder mittelalterlichen Körper- 
schaft wiederfinden. Anderseits erfordern ihre oft recht be- 
trächtlichen Urkundenbestände eine langwierige Editionsarbeit, 
die offenbar als zu den ,curae secundae' gehörig gelten kann. 

Dagegen wäre es ungemein wünschenswert, daß die Be- 
stände der zweiten und dritten Klasse möglichst bald in den 
entsprechenden Lokalzeitschriften genau und schulgerecht ver- 
zeichnet würden. Von diesen Verzeichnissen wäre alsdann zu 
der Veröffentlichung der verzeichneten Schriftstücke ein leichter 
Schritt. Die historischen Lokalkommissionen würden doch wohl 
diesen Quellenschriften der wissenschaftlichen Vergangenheit 
wegen ihres hohen Wertes für das Kultur- und Geistesleben den 
Vortritt vor manchen anderen Materialien erteilen. 

Zur Ergänzung der oben über die Hochschulen Ost- und 
Mitteleuropas gebotenen Materialien mögen hier noch einige An- 
gaben über die west- und südeuropäischen Universitäten 
folgen. 

Den Vortritt beansprucht ohne Zweifel Oxford als mut- 
maßliche Heimstätte des Ockhamismus. Leider sind aber die 
Munimenta academica, die Collectanea-Bände der Oxford histori- 
cal Society und die Bearbeitung Anthony Wood's^) bedauerlich 

1) Munimenta Academica or documents illustrative of academical life and 
studies at Oxford ed. H. Anstey (Rolls Series) 2 voll., London 1868; CoUectanea 
A. Wood, The History and Antiquities of the Univ. of Oxford ed. Gutch, 
Oxford 1786. Das Beste, mit reichlichem Literaturverzeichnis ist H. Rashdall, 
The Universities of Europe in the Middle Ages IP (Oxford 1895) 319 ff. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Rückblicke. 241 

arm an Mitteilungen in betreff des wissenschaftlichen Lebens der 
Alma Mater Englands. Über den Wegestreit selbst enthalten 
die Quellenberichte keine Zeile und die Jür weitere Kreise be- 
stimmten Darstellungen verdecken die Leere durch Sympathie- 
erklärungen zugunsten des freieren, antikirchlichen Geistes 
Ockhams und des Ockhamismus und machen gewagte Rück- 
schlüsse aus dem Verhalten der ,natio Anglicana* von Paris. Und 
doch ließe sich etwas Greifbares beibringen. 

Das Schweigen hat nicht etwa seinen Grund in einer völlig 
unbestrittenen Alleinherrschaft des Nominalismus in seinem Hei- 
matland. Zur Erkenntnis der wahren Sachlage müssen wir aller- 
dings vor allem feststellen, daß von englischen Lehrern die Ock- 
hamsche Logik mit ganz besonderem Eifer weitergebildet wurde. 
Dafür bürgen uns aus den Kreisen der Artisten die Namen Heytes- 
bury, Brinkel, Billigham, Strodus, Ferabrich, Clenkot, Halifax, 
Dumbleton, Alington, Caubraith, Swineshead, Cranston, Maior, von 
welchen uns die meisten, sei es auch nur durch PrantP), längst 
bekannt sind, Brinkel^) und Billigham^) sich aus den Hand- 
schriften als zu ihrer Zeit geschätzte Logiker nachweisen las- 
sen. — Es war sich aber auch die Universität des großen Vor- 
sprunges und des besondern Ruhmestitels wohl bewußt, welchen 
ihre einzigartige Pflege der Logik für sie darstellte. Dies beweist 
eine bisher noch nicht beachtete Quellenstelle ^). Um 1408 sah 
sich die Hochschule veranlaßt, durch ihren Kanzler, ihre beiden 
Proctors (procuratores) und acht Magistri eine neue Verordnung 
in betreff der ,determinatio' auszuarbeiten, welche dieses, den 
Zugang zum Bakkalaureat regelnde Examen mit den wünschens- 
werten Kautelen umgeben sollte. In der Einleitung betont die 
Oxforder Universität ausdrücklich mit berechtigtem Wohlgefallen, 
daß der wunderbare Scharfsinn ihres logischen Schulbetriebes 

1) Geschichte der Logik IV, Index. 

2) Im Sentenzenkommentar des Augustinereremiten Johann von Basel in 
Clra. 26911, Bl. 16. 18. 20 passim. 

3) s. oben S. 203 Anm. 4. 

^) ,Quia per solemnes determinationes bachillariorum in facultate artium 
nostra mater Oxoniae universitas, et praecipue ipsa artium facultas, multipliciter 
honoratur, ac mira scientiae logicalis subtilitas, qua praefata mater 
nostra supra caetera mundi studia dignoscitur hactenus claruisse, 
per Iructuosum exercitium in eisdem potissimum suscipit incrementum, utile et 
expediens visum est magistris, ut certa forma provideretur, sub qua bachillarii 
sufficientes et idonei, exclusis indignis, ad determinationis actum forent admit- 
tendi, modumque et conditiones exprimere, quos in suo introitu, processu et 
exitu debeant observare, necnon formam sie statutam, ne temporis vetustate 
ipsam deleret oblivio, scripturae perpetuae mancipare.' 

Es folgt hierauf die betreffende Verordnung Munimenta academica I 
241—247. 

Franzisk. Stud., Belh. 9: Fr. Ehrle, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 16 



242 III. Zut Charakteristik Peters von Candia. 

eine Spezialität bilde, durch die sie allen anderen Hochschulen 
überlegen sei (mira scientiae logicalis subtilitas, qua praefata 
mater nostra super caetera mundi studia dignoscitur hactenus 
claruisse). Nun ist aber bekanntlich gerade diese überschweng- 
liche Pflege der Logik das Hauptmerkmal der nomin alistischen 
Schulrichtung. 

Weiterhin besitzen wir eine noch zu vervollständigende 
Reihe von bisher zu wenig beachteten Hinweisen auf eine ge- 
wisse Eigenart der englischen Scholastik. Alle diese Hinweise 
gehen in die Richtung der ,subtilitates Anglicanae* des Philo- 
biblion^), also in die Richtung des nominalistischen Ideenkreises 
Ockhams. Schon der unermüdliche Kritiker Roger Bacon setzt 
manchmal die ,theologi* und die ,philosophantes de Anglia* in 
einen gewissen Gegensatz zu den ,Parisienses' ^). Auch er hält 
die ,Anglicani' für scharfe Denker (adhuc omnes Anglicani . . . 
satis inter alios homines sunt et fuerunt studiosi)^). Dies er- 
innert an ein Werturteil, das nach dem Zeugnis Gersons*) der 
Herzog von Lancaster dem Herzog von Burgund abgab: ,in 
Anglia vires subtiliores <esse> in imaginationibus, sed Parisienses 
habent veram et solidam et securam theologiam'. Auch hier wird 
bei den Engländern ein gewisses Übermaß an Scharfsinn hervorge- 
hoben, mit dem allerdings die Gediegenheit weniger gesichert ist. 
Diese Geistesanlage und die Bevorzugung einer sophistischen Logik 
mußte naturgemäß der britischen spekulativen Gedankenwelt 
eine gewisse Färbung geben. In der Tat finden wir in der scho- 
lastischen Literatur Andeutungen, welche eine solche voraus- 
setzen. So finden wir im Sentenzenkommentar des Augustiner- 
eremiten Alphonsus Toletanus (1345) Randglossen wie folgende: 
,opinio multorum Anglicorum*, »communis responsioAnglicorum*^); 
in den Handschriftenkatalogen ^) Angaben: »Scriptum (Sentenzen- 
kommentar) Anglicanum*, ,Quolibet Anglicanum'. In einer Floren- 
tiner Handschrift'^) lesen wir: ,Expliciunt sophismata asinina se- 
cundum usum Anglie', ohne Zweifel jene auch an anderen Uni- 
versitäten geduldeten, scherzhaften Sophismen. Es muß also 



1) S. oben S. 103 Anm. 2. 

2) Roger Bacon Opera hactenus inedita ed R. Steele, fasc. 2: lib. 1 
Communium naturaUum, Oxford 1911, 281. 283 f. s) Ebd. 283. 

^) Opera omnia ed, Dupin II 149. 

5) Ed. Venetiis 1490, BI. 27 v. 145^. 

6) In der Stadtbibliothek von Assisi und in der Bibliothek Borghese in 
der Vaticana. 

'') Bandinus, Catalogus codd. mss. Leopoldinae II (Florentiae 1792) 
181: cod. Gaddianus 188. Vgl. Worcester Hs. F. 118: Sophisteria secundum 
usum Oxonie. Tractatus de asininis; vgl. Hs. Q. 54. — Erfurt Hss 368. 369. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Rückblicke. 243 

etwas Eigenartiges in diesen Geistesprodiikten gewesen sein, das 
einen Rückschluß auf das Heimatland erlaubte. Derartige No- 
tizen wären wohl beim Mangel anderweitigen Materials zu sammeln. 

Denselben nominalistischen Zug, den die so zahlreichen 
englischen Logiker zur Schau tragen, finden wir auch bei den 
allerdings recht wenig zahlreichen englischen Realphilosophen 
und Theologen, bei einem Walter Burleigh, Johann Baconthorp, 
Robert Holkot, Thomas Bradwardine, Richard Fitzralph (Arma- 
canus) und in der einzigen Oxforder Lehrverurteilung dieser 
Zeit *)• Die 1314 verbotenen Sätze passen, obgleich rein theolo- 
gischer Natur, sehr wohl zu den Pariser nominalistischen ,errores*.— 
Man wird daher mit vollem Recht von einer Vorherrschaft des 
Nominalismus in Oxford sprechen dürfen, und zwar von einer 
solchen, die aus einer traditionellen, mit dem englischen Genius 
engverwandten Geistesrichtung gewissermaßen aufgesprossen und 
herausgewachsen war. Es war also Oxford noch mehr eine 
Hochburg dieser philosophischen Schule als Paris. 

Trotzdem dürfte es irrig sein, eine Alleinherrschaft des ,moder- 
nen Weges* in England zu behaupten. Das Vorhandensein einer 
nicht zu verachtenden Vertretung des , alten Weges* verbürgten 
schon allein die bedeutenden Studienhäuser der vier Mendikanten- 
orden, für welche die scholastische Bildung die unerläßliche 
Vorbereitung auf das Predigtamt war. Die einzige Spur des 
Wegestreites knüpft sich an das Generalstudium der Domini- 
kaner^). Um das Jahr 1358 erlaubte sich einer seiner In- 
sassen in einer Predigt einen etwas anzüglichen Ausfall , con- 
tra Sophistas* das heißt gegen die studentes sapientie ,ut videan- 
tur*. Der Funke zündete und ein heftiger Streit war die 
Folge (oriebatur briga inter ipsum et Sophistas). Auf die 
Frage dieser letzteren, wer diese , studentes' seien, antwortete er 
so, daß er den Anschein erweckte, er verstehe darunter die Ar- 
tisten. Die Folge davon war ein Sturm dieser Fakultät gegen 
den unbedachtsamen Prediger. Er sah sich alsbald zu einer ent- 
sprechenden Erklärung gezwungen und pries nun die ,artes* als 
die ,janua et apertura ad omnes scientias*. Ein gewisses Haschen 
nach Eindruck und Beachtung gehörte in der Tat zur Kenn- 
zeichnung des Nominalismus. Ihm wird also wohl diese Anspie- 
lung des realistischen Predigers gegolten haben. 

Mögen also auch einige Lehrer der Ordensstudien von der 
nominalistischen Bewegung beeinflußt worden sein, so hielten 
sie doch noch so viel an der wissenschaftlichen Ordensüber- 
lieferung fest, daß in ihren Schulen der Realismus eine beach- 

1) Munimenta academiea I 100. 2) Ebd. I 211. 

16* 



244 lll. 2ur Charakteristik Peters von Candia. 

tenswerte Vertretung fand. Das gilt, glaube ich, besonders von der 
theologischen Seite des Ockhamismus. Sie fand wohl in den 
Ordensschulen weniger Anklang als die logisch-philosophische, 
so daß wir also auch hier das vom artistischen Schulbetrieb Ge- 
sagte nur mit Vorsicht, auf Grund besonderer Beweise, auf 
den theologischen ausdehnen dürfen. Wie weit sich übrigens 
auch auf letzterem Gebiet Ordenslehrer gerade in jener Zeit 
durch die Hochflut abtreiben ließen, besagen uns die beiden be- 
kanntesten Namen Baconthorp und Holkot. Neues Licht über 
diesen Gegenstand erhoffe ich von einer Arbeit über den Kom- 
mentar zum ersten und zweiten Sentenzenbuch des Dominikaners 
Thomas Claxton vom Anfang des 15. Jahrhunderts. — Für das 
Bestehen realistisch gerichteter Kreise spricht auch das Auf- 
kommen des Wiklifismus. Der recht dürftige und schülerhafte Rea- 
lismus Wiklifs ist kein Eigenprodukt. Er ist vielmehr das, was jener 
aus einem realistisch gerichteten Lehrgang in sich aufgenommen 
hatte. Dies ist mit Bezug auf die völlig unberechtigten Lob- 
sprüche hervorzuheben, durch welche Wiklif als einer der geistes- 
mächtigen Scholastiker gefeiert wird. Hier wird gegen die elemen- 
tarsten Regeln der historischen Kritik gesündigt, sowohl von 
manchen der Herausgeber der Werke Wiklifs als von Historikern, 
welche sich ohne genügende Nachprüfung auf deren Einleitungen 
stützen. Selbst die gründlichste historische Vorbildung befähigt 
nicht zu einem sachverständigen Urteil über Leistungen, welche 
wesentlich auf dem Gebiet der mittelalterlichen Scholastik liegen 
und deshalb eigene Vorstudien erheischen. 

Wir dürfen also wohl diese Ausführungen über Oxford in 
dem Schlußsatz zusammenfassen: in Oxford hatte der Nominalis- 
mus nicht die Alleinherrschaft, wohl aber die Vorherrschaft. 

Für die Stellung des Nominalismus in Paris ist, wie mir 
scheint, der Ausspruch des ,Philobiblion' *) maßgebend, und zwar 
für die entscheidende Zeit gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts. 
Der Ockhamismus war offiziell auch in der Artistenfakultät ge- 
ächtet und verbannt, wurde aber allenthalben insgemein eifrig 
gepflegt und verbreitet. Von 1340 bis 1474 finden wir keine 
offizielle Kundgebung in betreff desselben außer den Lehrver- 
urteilungen von 1346—1352, die zeigen, daß die Theologen wach- 
sam ihres Amtes walteten. Über seine wirklichen Schicksale haben 
wir aber aus zeitgenössischen Quellen neue Aufschlüsse erhalten. 
Freilich müßten wir auch hier sorgsam die Schicksale des Nomi- 
nalismus in der Artistenfakultät von denen in der theologischen 
unterscheiden. In der artistischen tiefes Schweigen. In Anbe- 

1) S. oben S. 103 Anm. 2. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Rückblicke. 245 

tracht dieses Schweigens ist es sehr zu bedauern, daß Denifle- 
Chatelain nicht mehr die Mittel fanden, den von ihnen schon an- 
gekündigten dritten Band ihres Auctariums ^) mit den ,libri pro- 
curatorum nationum Gallicanae et Picardorum' zu veröffentlichen. 
Es wird nun mehrfach auf Grund des glücklicherweise noch er- 
schienenen Liber procuratorum ,nationis Anglicanae' einseitig 
diese Nation als die Trägerin der Ockhamschen Ideen gepriesen. 
War in dieser Nation im Laufe des hundertjährigen Krieges die 
Zahl der englischen Scholaren bedeutend zurückgegangen, so 
mehrten sich die Deutschen damals derart, daß die Namens- 
änderung nicht mehr hintanzuhalten war und von 1437 an^) 
die Nation der Wahrheit gemäß als alemannica bezeichnet wurde. 
Es dürfen daher die nominalistischen Tendenzen dieser Nation 
durchaus nicht einseitig dem englischen Element derselben zuge- 
schrieben werden. Übrigens verweist eine unten ^) mitgeteilte 
Nachricht, daß 1481 bei der Wiederaufhebung des Verbannungs- 
ediktes von 1474 der Jubel in der picardischen Nation kaum 
viel geringer war als in der deutschen. — Anderseits finden 
wir unter den Pariser magistri der Theologie, auf deren Urteil 
sich Ludwig XL in seinem Verbannungsdekret von 1474 berief, den 
Mag. Johann Heinlin von Stein und unter den Artistenmagistri 
der ,natio alemannica' den Nikolaus Tinctoris^). Von diesen 
wirkte ersterer in Basel und Tübingen^), letzterer in Ingolstadt 
zugunsten des Realismus^). Ebenso hieß 1471 eine Anzahl Pariser 
Theologen die antinominalistische Verordnung der Löwener Theo- 
logen von 1447 gut '^). Endlich machte 1480 ein Pariser Magister 
die Universität Greifswald mit der Pariser Lehrmethode, und zwar 
anscheinend mit dem Nominalismus bekannt^). 

Ungleich wichtiger ist die sehr rege literarische Tätigkeit, 
welche die Pariser Nominalisten um die Wende des 15. und 16. 
Jahrhunderts durch die Presse entfalteten. Im Mittelpunkt dieser 
Bewegung steht der Schotte Johann Maior. Diese Literatur hat 
Prantl^), insofern sie die Logik betrifft, großenteils zusammen- 
gestellt. Sie enthält unter anderem ein gewisses Lebenszeichen 
des spanischen und italienischen Nominalismus. Dies gilt 
zumal von Spanien, da allem Anscheine nach . die Veröffent- 
lichungen der spanischen Nominalisten fast ausschließlich in Paris 
erschienen sind. 



1) Auctarium I p. IX. 2) Ebd. II p. VII, s) Anhang. 

4) Anhang. 5) s. oben S. 185, 196 und Hermelink, Matrikeln I. 

^) F. X. Freninger, Matrikelbuch der Univ. Ingolstadt. 

') S. oben S. 137* und Anhang. 8) s, oben S. 226. 

9) IV Index. 



246 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Es ist die Zeit, in der für Spanien, besonders seitdem es durch 
die Angliederung der Niederlande mehr als früher aus seiner 
Abgeschlossenheit heraustrat, der Humanismus durch den großen 
Kardinal Ximenes, Luis Vives u. a. neue Bahnen eröffnete und 
die spanische und portugiesische ^ Jugend zahlreich nach Paris 
strömte und die neuen Anregungen an die heimischen Univer- 
sitäten von Salamanca, Alcala und Lissabon-Coimbra trug. Da- 
mals vertraten Anton Coronel, GasparLax, Johann Dolz, Ferdinand 
Enzinas, Jakob Ortiz, Hieronymus Pardo in Paris den spanischen 
Nominalismus ^). Sie wohnten meistens in den Kollegien von 
Sainte-Barbe und Montaigu^). Dort lernte auch Dominikus Soto 
vor seinem Eintritt in den Dominikanerorden diese Schulrichtung 
kennen und befähigte sich, nachdem er den lebenskräftigen Rea- 
lismus des hl. Thomas in sich aufgenommen hatte, später, den 
Wünschen der leitenden Kreise Salamancas entsprechend*), seine 
eine neue Epoche einleitenden Kommentare zu Aristoteles zu 
verfassen, welche in ihrer weiteren Fortbildung die Arbeiten des 
Toletus, Fonseca, der Conimbrizenser, Complutenser und eines 
Johannes a S. Thoma in der neueren Scholastik zeitigten. 

Es wird hier auch wieder an die eigentümliche Stellung zu 
erinnern sein, welche die weitaus bedeutendste spanische Uni- 
versität, die von Salamanca, in der Periode ihrer reichsten Ent- 
faltung dem Nominalismus einräumte. Neben den Lehrstühlen 
für die Erläuterung der Schriften des hl. Thomas und des Skotus 
(cätedra de S. Thomas, de Escoto) bestand auch eine ,cätedra 
de Nominales*, auf welcher anfangs die Lehrsätze des Tübinger 
Gabriel Biel oder des Marsilius von Inghen, später die des Durandus 
erklärt wurden ^). Doch darf hierbei nicht übersehen werden, daß 
es sich hier um theologische Lehrstühle bandelt und. dement- 
sprechend nicht der logisch-sophistische Lehrbetrieb der Nomina- 
listen, sondern deren theologischen und die mit ihnen verknüpften 
realphilosophischen Lehrmeinungen Berücksichtigung finden konn- 
ten. Es duldete eben und berücksichtigte die Universität alle 
Schulrichtungen, welche die römische Kirche duldete. 

Weniger klar umgrenzt ist unsere Kenntnis des italie- 
nischen Nominalismus. Das philosophische Wissen war eben 

1) Bevor die Universität von Coimbra neu belebt war, unterliielten die por- 
tugiesisclien Könige eine Anzalil Studenten an der Pariser Hoclischule, sogenannte 
königliclie Scliolaren. A. Astrain, Historia de la Compania de Jesus en la Asi- 
stencia de Espana I (Madrid 1902) 76. 2) Prantl a. a. 0. 

3) I. Quicberat, Histoire de Sainte Barbö II; Fölibien, Histoire de 
Paris III. 

i) P. Duhem, fitudes sur Leonard de Vinci III (Paris 1913) 263 ff. 271 ff. 

5) F. Ehrle, Die Salmantizenser Tlieologen, KatholikLII 500, LIII503. 513. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus.— Rückblicke. 247 

daselbst wie das ganze Geistesleben und politische Dasein nicht 
in wenigen Mittelpunkten gesammelt, sondern reich durch das 
ganze gesegnete Land verteilt. Die Philosophie wurde dort um 
die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts nicht nur pflicht- und 
fachmäßig von den Theologen, sondern auch in recht autodi- 
daktischer Art von Juristen und Medizinern betrieben. So finden 
wirO eine Gruppe von Sienesen: den Mediziner Olivieri, Giacomo 
Ricci, Bernadinus Petri de Landuciis de Senis. Eine 1494 in 
Venedig, dem italienischen Leipzig, veröffentlichte nominalistische 
Sammlung nennt uns weitere Namen: Caietanus de Thienis, An- 
gelus de Fosombruno, Bernardus Torni, Simon de Lendaria. Von 
größeriBm Einfluß war der Augustinereremit Paulus Nicolettus 
Venetus und Paulus Pergulensis Venetus. Diese beiden waren 
wohl mit Petrus Mantuanus die Hauptvertreter des italienischen 
Nominalismus. Mediziner waren außer Olivieri auch Alexander 
Sirinoneta, Benedictus Victorius Faventinus oder Bononiensis und 
Blanchellus Menghus Faventinus. 

Diesen Namen Prantls ist aus einigen Bologneser Wiegen- 
drucken noch ein interessanter Beitrag anzufügen. Die Kolophone 
dieser Drucke stellen für die Jahre 1494 bis 1498 das Bestehen 
einer ,vera Nominalium academia in Italia' für Bologna fest. Ihr 
Hauptbegründer war anscheinend der rührige Cölestinermönch 
Marco da Benevento (Marcus Alexandreus de Benevento). Marco 
sagt 1494 in der Widmung der Summule in libros Physicorum 
,fratris Guillelmi de villa Occham Anglie* ^) : ,Cum animadverterem 
igitur in huius alme et opulentissime civitatis gymnasium (!), in 
quo sub te quam optimo militavi principe, invictissimorum Nomi- 
nalium nostrorum libros tanquam oppressos et calcatos existere, 
institui . . . impressione ad clarissimam lucem excitare* ^). In 
einem Drucke von 1498^) sagt Marco von sich selbst: ,frater 
Marcus de Benevento, congregationis Celestinorum sub regula 
S. Benedicti, qui etate nostra veram Nominalium academiam in 
Italia suscitavit, quam infecti gustu prosternebant*. Marco war 
1494 nur ,artium bacchalarius*^); erst 1496 wird er als ,professor* 

1) Für das Folgende s. Prantl IV Index. 

2) Für die hohe Verehrung, welche Ockham in dieser Akademie genoß 
sprechen folgende Stellen der Kolophone : Hain n. 11949: .Magister Guillelmus 
de Hoccam . . . sacre schole invictissimorum Nominalium inceptoris, in omnium 
disciplinarum genere Doctoris plus quam subtilis.' — Ebd. n. 11950: .Expositio 
. . . fratris Guillelmi de Ocham, doctoris plus quam subtilis, ex ordine fratrum 
Minorum, veritatum theologicarum magistri cantatissimi ac logicarum acutissimi, 
sacre schole invictissimorum Nominalium principis.' 

3) Hain n. 11951. Die Widmung gilt: ,mag. Alexandro de Achillinis, artium 
et medicine doctori optimoque philosopho'. 

^) Ebd. n. 11949: Die Logik Ockhams. ß) Ebd. n. 11951. 



248 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

bezeichnet 0- Soviel ich sehe, beschränkte sich seine ganze 
wissenschaftliche Tätigkeit auf die Drucklegung verschiedener 
philosophischer Werke Ockhams und des Kommentars des hl. 
Thomas zum zweiten Sentenzenbuch ^). Sein Verleger war Bene- 
dictus Hectoris Faelli. Über den Drucker, welcher mit dem Lyoner 
Drucker Johann Trechsel im Vertrieb der Werke Ockhams wett- 
eiferte, ist Proctor^) nicht im klaren. In einem seiner eben- 
falls von Marco besorgten Drucke Ockhams von 1496 findet sich 
eine Widmung des Joh. Bapt. Millanus ,artium liberalium cultor' 
an ,Joanni Trechsel, achademie Nominalium decoratori' ^). — 
Möge es nun gelingen, auch von anderer Seite Licht auf die 
Tätigkeit dieser Akademie zu leiten. Allerdings liegt die Ver- 
mutungnahe, daß sie ihren Stifter kaum lange überlebt haben wird, 
als eines der kurzlebigen Gebilde, an welchen im Italien jener 
Zeit der philosophische Hochschulbetrieb so fruchtbar war. 

Hiermit haben wir nur aus einer der Quellen geschöpft, 
welche uns für die Geschichte des italienischen Nominalismus 
zur Verfügung stehen: aus den Wiegendrucken. Dieses ohne 
Zweifel sehr lückenhafte Material wäre nun noch durch das nur 
handschriftlich erhaltene zu ergänzen. Außerdem ist noch die 
Quellenliteratur der italienischen Universitätsgeschichte auszu- 
nützen. Allerdings versprechen die in erster Linie in Betracht 
kommenden Fakultätsstatuten von Bologna, Padua und Pavia, 
sofern sie außerhalb Italiens zugänglich sind, keine reiche Aus- 
beute. Es herrschte eben in Italien, wo der teilweis zersetzende 
Einfluß des Humanismus viel früher eingesetzt hatte, eine arge 
Zerfahrenheit auf dem philosophischen Gebiet. Die bedeutendsten 
Universitäten hatten den Primat des artistischen und theologischen 
Betriebs willig Paris überlassen und setzten ihre Hauptkraft in 
die Fakultäten der Rechte und der Medizin. Die. Philosophie 
spielte auf ihnen eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle und 
blieb mit der Theologie großenteils den Studienhäusern der Men- 
dikantenorden überlassen. Diese waren durch ihre Ordensstatuten 
oder einen gewissen Korpsgeist und nicht durch den Wegestreit 
orientiert. Ferner zeigte sich in den außerhalb dieser Ordens- 
kreise betriebenen philosophischen Studien, ja teilweise in diesen 
Kreisen selbst, eine gewisse Zügel- und Ziellosigkeit. Es wurde 

1) Ebd. n. 11952. 2) r. Proctor s. folg. Anm. 

3) Ebd. n. 11950: .Expositio in artem veterem' Ockhams und die ,que- 
stiones Alberti Parvi de Saxonia'. ,Impensis prudentissimi viri Benedicti Hec- 
toris Bononiensis, artis impressorie solertissimi Bononieque impressa sub an. 
Dom.' 1496. Vgl. über Faelli R. Proctor, Index to the early prints in the 
British Museum I (London 1898) 442. 

4) Hain n. 11950, vgl. oben S. 247 Anm. 2. 



Die Schulen. 4. Ausbreitung und Vorherrschaft des Nominalismus. — Eückblicke. 249 

wieder in Bahnen eingelenkt, welche sich wie der Averroismus 
und Piatonismus schon hinlänglich als ungangbar erwiesen hatten. 
Schon früher als an den nordischen Universitäten kam in Italien 
die Scholastik selbst in Frage. Es war nur zu natürlich, daß 
neben diesen schärferen Gegensätzen der Wegestreit hier viel 
von seiner Schärfe verlor. 

Noch erübrigt ein Wort über das Verhältnis des Humanis- 
mus zur Scholastik und über den Ursprung der Gymnasien. 
Besonders die Geschichte der Artistenfakultät von Wien und die 
einschlägige Arbeit Bauchs zeigt wie an einem Schulbeispiel, wie 
die italienischen und die heimischen »fahrenden Poeten* stets und 
hartnäckig an der Türe der Artistenfakultäten pochten und Einlaß 
begehrten. Dies war begreiflich. Sie kamen ja meistens von 
einer artistischen Fakultät, konnten an die grammatikalischen 
Studien anknüpfen, die ja auch noch von den Artisten betrieben 
wurden und ihre Klassikerstudien als zur Einführung zu den 
vier höheren Fakultäten gehörig geltend machen. Die neuen An- 
kömmlinge fanden aber nur zu oft bei den Artisten einen recht 
kühlen Empfang aus vielen Gründen. Es bedurfte nicht selten 
eines gelinden Druckes von höherer Stelle, daß sie von der Fa- 
kultät zu Vorlesungen über die Klassiker oder die ,Oratoria' zu- 
gelassen wurden. Der eigentliche Eintritt in die Fakultät blieb 
ihnen lang versagt. Sie waren eben ein Fremdkörper, dem an 
dieser Stelle nicht wohl sein konnte und der das Wohlsein seiner 
Umgebung störte. 

Erst im Laufe mehrerer Jahrzehnte kam der mit dem Ein- 
bruch der Humanisten in die Artistenfakultäten begonene Ent- 
wicklungsprozeß zum Ende. Die Vorbereitung auf den fach- 
männischen Universitätsbetrieb wurde in zwei Teile zerlegt, den 
humanistischen und den philosophischen. Durch den Humanismus 
wurden die anfangs mit den Artistenbursen verbundenen Päda- 
gogien zu unsern humanistischen Gymnasien ausgebaut und 
anderseits die philosophischen Fakultäten von allen grammati- 
kalischen (mathematischen usw.) und klassischen Zutaten befreit. 
Jene Pädagogien . gehörten ursprünglich in die Kategorie der 
Stadt- und Klosterschulen, vor welchen sie die Vorteile der Inter- 
nate voraushatten, allerdings um den Preis der unersetzlichen 
Vorteile der Familienerziehung. Sie lehrten außer Lesen und 
Schreiben zumal Latein und Rechnen, verstiegen sich aber häufig 
auch zu Dialektik und Philosophie. Dies ungeregelte Ineinander- 
greifen der Artistenfakultäten, der Pädagogien und der Stadt- 
schulen war nicht von Vorteil für die Ausbildung. Eine Folge 
dieser ,anorganischen* Verbindimg waren in Tübingen sogar ,paeda- 



250 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

gogia utriusque vie* 0» also ein übergreifen des Wegestreites in 
die Vorbereitungsschulen. Diese Verwirrung steigerte sich noch, 
als der Humanismus eine Fülle neuen Stoffes beigebracht hatte. 
Es brauchte daher geraume Zeit, bis eine rationelle Scheidung 
durchgeführt und das scharf umgrenzte Vorbereitungsstudium dem 
Gymnasium und die Philosophie der Universität zugeteilt wurde. 

Zum Studium dieses Entwicklungsprozesses, welcher sowohl 
das Werden unsierer heutigen Mittelschulen als die Wende der 
alten zur neueren Scholastik berührt, eignen sich zusammen- 
fassende Darstellungen, wie sie z. B. Paulsen und KämmeP) bieten, 
weniger, viel besser dagegen quellenmäßige Bearbeitungen be- 
schränkter Gebiete in der Art jener, welche A. Diehl^) und 
J. Wagner für Württemberg im Anschluß an Roths Tübinger Ur- 
kundensammlung geliefert haben. 

Endlich sei noch auf die bisher wenig beachtete Tatsache 
hingewiesen, daß sich in den Munimenta academica (Rolls Series), 
dem Codex diplomaticus der Oxforder Universität, neben den 
Statuten der anderen Fakultäten auch solche für die ,facultas 
grammatica' finden. In ihnen ist die Rede von ,incipientes 
licentiati, magistri regentes in grammatica*. Diese Magistri üben 
ihre Schüler nicht nur im Englischen, sondern auch ,in gallicö, 
in Romanis*. Zur Leitung ist ein Ausschuß von vier Magistri 
der artistischen und je einem der übrigen Fakultäten bestellt. 
Das eigentliche Regiment aber führen zwei jener vier Artisten- 
magistri als ,superintendentes*. Ihnen ist der gesamte Schul- 
unterricht der Stadt Oxford unterstellt^). 

Wie ich bereits mehrmals hervorhob, war nicht der Huma- 
nismus der Totengräber der Scholastik, wo sie erstarb, 
sondern das Luthertum. Selbst an den deutschen Universitäten 
war es der Scholastik leicht, im Humanismus die wahren, berech- 
tigten Bildungselemente herauszufinden und sich einzugliedern. 
Allerdings vollzog sich dieser Reformprozeß in Deutschland anders 
als in Paris-Salamanca, ja auch als in Köln und Löwen. Hier 
bildete eben der beste Realismus einen festen und sicheren Grund- 
stock. Es wurden daher hier nur die berechtigten Zugeständ- 
nisse gemacht: regelrechtes, gefälliges Latein, Klarheit und Sorg- 

1) (Roth) Urkunden zur Gesch. der Univ. Tübingen 356. 102. 

2) H. J. Kämmel, Geschichte des deutschen Schulwesens im Übergang vom 
M. A. zur Neuzeit, Leipzig 1882; F. Paulsen, Geschichte des gelehrten Unter- 
richts 2, Leipzig 1896. 

3) Geschichte des humanistischen Gymnasiums in Württemberg (Württ. 
Kommission f. Landesgesch.) I bis 1559, Stuttgart 1912; A. Diehl, Die Zeit der 
Scholastik 186—256 und J. Wagner, Die Zeit des Humanismus vor der Refor- 
mation 257—316. 

4) Munimenta academica II 436— -445. 



Die Schulen. 5. Die Skotistenscliule. 251 

falt im Ausdruck, Maßhalten in den Fragestellungen. Viel weiter 
ging man in dieser Beziehung an den meisten deutschen Univer- 
sitäten, auch an jenen, welche dem alten Glauben treu blieben. 
Es fehlte eben an ihnen den erneuernden Kräften eine halt- und 
tragfähige Grundlage. Eine solche konnte der Nominalismus, ja 
selbst der Skotismus nicht abgeben. Man war daher geneigt, zu 
viel aufzugeben, ging zu einer mehr philologisch-humanistischen 
Erklärung über. Aristoteles wurde als griechischer Klassiker 
behandelt und das nannnte man Philosophie. Oder wo von dieser 
noch mehr beibehalten wurde, kam man zu einem Synkretismus, 
bei dem zwar die Wegedifferenzen verschwanden, aber mit ihnen 
auch nicht wenig von dem wesentlichen Lehrstoff. 

Die zersetzende Einwirkung des Luthertums auch auf diesem 
Gebiete, das karge Fortleben der Philosophie an den akatholischen 
und anderseits das Wiederaufleben derselben in verjüngter Form 
an den katholischen Universitäten liegen jenseits der nun schon 
sehr ausgeweiteten Grenzen dieser Arbeit. 

5. Die Skotistenschule. 

Die zweite Schule, welche in unserm Sentenzenkommentar 
deutlich in Erscheinung tritt, ist die der Skotisten. Es war 
ja die Schule, welcher Petrus als Minorit besonders nahe stand. 
Allerdings war Skotus, wie ich schon früher ^) hervorhob, im 14. 
Jahrhundert noch nicht der offizielle Ordenslehrer der Franzis- 
kaner. Er wurde dies viel später als man gewöhnlich anzunehmen 
geneigt ist. Der erste Text, der einigermaßen in dieser Richtung 
liegt, ist ein Dekret des Generalkapitels von Valladolid von 1593 ^). 
Trotzdem tat der Korpsgeist und die sich bald auch auf dem 
wissenschaftlichen Gebiet ausbildende Gegensätzlichkeit^) zum 
Dominikanerorden und dem hl. Thomas ihre Wirkung. Schon 
sehr bald schlössen sich nicht wenige Franziskanerlehrer an ihren 



1) stimmen aus Maria-Laacli XVII (1880) 292. 

2) Es wurden seit 1880 eine Reihe ungedruckter Ordenskonstitutionen 
veröffentlicht, so die Narbonenses von J260, durch mich, in: Archiv f, Literatur 
und Kirchengesch. VI (1892) 87 — 138; die Assisienses von 1316 durch A. Carlini, 
in: AFH IV 276—302. 508—526; die Lugdunenses von 1325 durch A. Carlini 
ebd. IV 527—536; die Perpinianenses von 1331 durch S. Mencherini, ebd. 
II 276—292. 412—430. 575—598; die Caturcenses von 1337 Benedikts XII von 
neuem im BF VI 15—42, n. 51; die Assisienses von 1340 durch F. Delorme 
im AFH VI 251—266; die Farinariae von 1354 im BF VI, Append. II 634—655; 
vgl. Chronologia historico-legalis, Neapoli 1650 ; Archiv f. Lit, und Kirchengesch. 
VI, 10. Anm. 1. 

3) Sie setzte gleich nach dem Erscheinen der Summe des hl. Thomas ein, 
die nach einem Dekret des Generalkapitels von Straßburg von 1282 nur mit 
dem Correctorium des Wilhelm de La Marc benützt werden durfte; s. Zeitschr. 
für kath. Theol. XXXVII (1913) 272 ff. 



252 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Doctor subtilis an und begannen allmählich ihn bereits als ,Doctor 
noster' *) zu bezeichnen, wobei sie sich freilich eine ziemliche 
Freiheit wahrten. Unter diesen Umständen ist es von Interesse, 
Petrus von ,sequaces' des Skotus und von ,Skotisten* reden zu 
hören ^). Die Bezeichnung ,Skotisten' findet sich um dieselbe 
Zeit auch bei Gerson^), während Alfonsus Toletanus um 1345 
nur von ,Scotus et sui* oder ,et sequaces'*) spricht. 

Als Anhänger dieser Schule werden Franciscus de Marchia, 
Franciscus de Maironis und Landulf genannt, deren Sentenzen- 
kommentare uns noch vorliegen und die Richtigkeit dieser Zu- 
weisung bezeugen. 

a) Franciscus de Maironis. 
Franciscus de Maironis (Meyronnes) in der Provence? 
(tl325), ein Zeitgenosse des Petrus Aureoli, dessen Angriffe gegen 
Skotus er mehrfach abwehrt, hinterließ uns seine Sentenzenkommen- 
tare in einer Reihe voneinander anscheinend stark abweichender 
Redaktionen, wie schon die Skotisten des 15. Jahrhunderts be- 
merkten^). Es liegt uns einer seiner Kommentare zu den vier 
Sentenzenbüchern mit den Quodlibeta in einer Reihe von Aus- 
gaben, außerdem noch ein zweiter Kommentar zum ersten Buch, 
der ,Conflatus* genannt wird, in einigen Ausgaben vor. Die Hand- 
schriften seiner Kommentare sind zu zahlreich, als daß sich hier 
eine Aufzählung derselben empfehlen könnte. Es wäre hier eine 
ähnliche, nur viel weitschichtigere Arbeit zu leisten wie jene, 
die Dreiling für Aureoli durchführte. Um sich übrigens einen 
annähernden Begriff von der Reichhaltigkeit seines literarischen 
Nachlasses zu bilden, genügt schon ein Blick in die Handschriften, 
weichein der Nationalbibliothek von Neapel sich vorfinden. Ich be- 
schränke mich deshalb darauf, auf die unblutigen Geisterschlachten 

1) Petrus de Aquila Clm. 8879, f. 38' passim. 

2) S. oben p. 62. 

3) Opera omnia ed. Dupin. Antwerpiae, 1706, I Secunda lectio contra 
vanam curiositatem, c. 101: ,Sed vereor ne curiositatem increpans in eandem 
me immergam, dum studeo eos, quos Seotistas appellamus, ad concordiam cum 
aliis doctoribus adducere.* In auffallender Weise stellt Gerson ,Scotus' und 
,Ripa' zusammen. S. I 97. 101. 

4) Lectura super primo Sententiarum. Venetiis, Paganinus de Paganinis, 
1490, ff. 14. 40. 137. 159. 

5) Mauritius a Portu (f 1513) in Francisci Maironis, in 1«» Sent. ed Vene- 
tiis, 1504, f. II in der Vorrede von Franz sprechend: ,Scripsit super Magistrum 
non modo bis, ut plerique alii, in Britannia primum aut alibi, deinde in Gallia, 
sed ter et in quosdam etiam libros quater.' Gull. Vorillon (f 1464), Compendium 
411. Sententiarum. Basileae 1510 1. Sent. d. 10: ,qui tantae exstitit sa- 
pientiae, ut. in immensis operibus, quae condidit, vix destiterit, quin semper sit 
in quaternitate locutus.' Sbaralea 267. 



5. Die Skotistenschule. a) Pränciscus de Maironis. b) Franciscus de Marehia. 253 

hinzuweisen, in welchen sich Franz 1321 in Paris mit dem dominus 
Petrus Rogerii, dem Prior von St. Pantaleon, dem nachmaligen 
Papst Klemens VI. maß und dieser mit Aureoli. Es sind uns in 
einigen Handschriften fragmentarische Berichte über sie erhalten. 
Die erörterten Streitpunkte betreffen einige sehr spitzfindige 
Punkte der Gotteslehre. 

b) Franiscus de Marehia. 

Weniger bekannt und genannt ist Franziskus von 
Pignano^) in der Diözese von Ascoli in den Marken (daher 
auch Franciscus Rubel oder Rubeus (Rossi) de Apiniano oder 
de Marehia oder auch de Esculo). In den zumal im 15. Jahr- 
hundert verbreiteten Verzeichnissen von Ehrentiteln erhält er als 
Franciscus de Esculo den Titel ,Doctor succinctus*. Er fand sich 
auf dem berühmten Generalkapitel von Perugia, wo er jene Er- 
klärung mitunterzeichnete, welche so recht den theoretischen 
Armutsstreit entfesselte ^). Infolgedessen verweilte er mit Michael 
von Cesena und Ockham am Hofe Ludwigs des Bayern und griff 
durch mehrere heftige Schriften in den Kampf gegen Johann XXII. 
ein, bis er sich 1344 mit Klemens VI. wiederaussöhnte ^). 

Er las die Sentenzenbücher 1320 in Paris, und es sind uns 
seine Vorlesungen, wie es scheint, in mehreren Ausfertigungen 
erhalten. 

So in Neapel in der Nationalbibliothek inHs VII. C. 27, Pergament, 
14. Jahrh., ohne Blattzählung, Folio. .Explicit fratris Francisci de Marehia 
super primum Sententiarum secundum reportationem factam sub eo 
tempore, quo legit Sententias Parlsius anno Domini 1320.' 

Ebendaselbst Hs VII. C. 27, Pergament, 14. Jahrh., enthält eine 
etwas verschiedene Redaktion zu den ersten drei Sentenzenbüehern. 
Die Fassung der Fragen ist im ersten Bueh sehr ähnlieh, doch zeigt die 
Ausführung große Verschiedenheiten. Das Explicit lautet gleichmäßig 
unter allen Büchern: ,Explieit . . . Sententiarum fratris Francisci de Marehia. 
ord. fratrum Min.' 

Paris, Nationalbibliothek, Hs 15805, 14. Jahrh., BI. 89: zum dritten 
Sentenzenbuch. 

Ebendaselbst Hs 15852, 14. Jahrh., zu allen Sentenzenbüchern. 

Ebendaselbst Hs 16110, 14. Jahrh., ßl. 125 Quolibeta. 

Rom, Vatikana, Vatikan. Hs 1096, Bl.l zum I.B., BI.119, 2.B., 14. Jahrh. 

Ebendaselbst, Vatikan. Hs 6738 zum 2. B. geschr. 1357. 

Bologna, Universitätsbibhothek, Hs 2257. 

Ebendaselbst, spanisches Kolleg (Albornoz), Hs 45. 



1) Sbaralea, Supplementum 243. 

2) Wadding VI 2 ad. an. 1323, n. 53. 

3) Eubel a.a.O. Index V 622; VI 667. 



254 III. 2ur Charakteristik Peters von Candia. 

München, Hof- und Staatsbibliothek Clm. 8872, Papier, 188 BL, 
288X212 mm, 14. Jahrb., .Franciscanorum Monacensium' Enthält Bl. 1—88 
Sermones Landulfi Caraccioli. 

Bl 89—115: ,Tractatus Philosophie naturalis' von anderer gleich 
alter Hand, Beginnt: ,Cum secundum doctrinam AristoteUs in plerisque 
locis ex notitia principiorum videatur notitia cuiuscunque rei essentia- 
liter dependere, idcirco . . . unam questionem de subiecto Philosophie 
naturalis disputabo, et est: utrum mobilitas sit formalis ratio subiectiva 
primi subiecti Philosophie naturalis.' Es ist ein in sich abgeschlossener 
in Artikel gegliederter Traktat. Er endet: 

Bl. 116—135 mit Franciscus de Marchia verknüpften Quä- 
stionen, wie es Bl. 116 von alter Hand heißt, zum ,Tertium de anima'. 
Doch wird Bl. 119 v, 120 der Sentenzenkommentar des Franziskus zitiert. 
BL 120: »Contra istum articulum magister Franciscus de Marcia in suo 2«, 
questione, qua querit: utrum angeli sint compositi ex potentia et actu', 
Bl. 131 V am Rand: »Franciscus de Marcia <in questionibus>'. Derselbe 
Name findet sich Bl. 134 bei der Quästion: ,utrum angelus possit causare 
effective aliquam formam substantialem materialem'. Es werden erwähnt 
Thomas Anglicus Bl. 116 v. 117, Albertus, Thomas Bl. 116. 117. 

Florenz, Laurenziana Fesul. Supplem. 161 1), Bl. 67—73 Francisci 
de Marchia super 1 et 2 Metaphys. questiones. 

Ferner verzeichnet Sbaralea^) eine Handschrift mit allen vier 
Sentenzenbüchern in der Paulina in Leipzig und eine andere mit dem 
dritten Buch allein in der Ambrosiana in Mailand. 

Eine dritte Handschrift, welche dieser vortreffliche Biblio- 
graph in dem Hauptkonvente der Konventualen bei SS. Apostoli 
in Rom vorfand, könnte geeignet scheinen, uns bei der Abgren- 
zung des literarischen Nachlasses unseres Skotisten Schwierig- 
keiten zu bereiten. Die Handschrift, welche nur das zweite, dritte 
und vierte Buch enthält, weist nach Sbaralea folgende Titel und 
Explicits auf: ,2"^ über Sententiarum fratris Francisci Rubel de 
Marchia.' ,Explicit 2"^ über Sent. fratris Francisci Rubel repor- 
tatus per fratrem Guillelmum de Rubione Parisius.' ,Incipit 
4"s IIb. Sent. venerabilis. doctoris magistri fratris Rubel de Mar- 
chia.' ,Expliciunt questiones magistri Francisci de Marchia de 
ord. fr. Min. super 4™ üb. Sent.* Ferner stimmt die Fassung der 
ersten Frage jedes der drei Bücher, welche uns Sbaralea wohl- 
weislich mitteilt, im wesentlichen mit der der beiden oben er- 
wähnten neapolitanischen Handschriften. 



1) A. M. Bandinius, Bibliotheca Leopoldina-Laurentiana III (Florentiae 
1793) 104. Anfang: ,Utrum res secundum quod res vel aliquid sit subiectum 
metaphysice. Quod non videtur, quia illud quod est commune subiectis omnium 
scientiarum aliarum non est subiectum scientie specialis.' Ende im 2. Bucli: 
,in generali sunt substantiales in nobis'. 

2) Supplementum ad SS. trium ord. p. 243. 



Die Schulen. 5. Die Skotistenschule. b) Pranciscus de Marchia. 255 

Nun aber liegt uns von Wilhelm de'Rubione ein Kommentar 
zu den Sentenzen in zwei Foliobänden gedruckt vor, welche 1518 
in Paris bei dem bekannten Drucker und Verleger Jost Badius 
van Assche (einem Orte zwischen Brüssel und Gent, daher Jo- 
docus Badius Ascensio) erschien ^). Als wissenschaftlicher Her- 
ausgeber erscheint der spänische Minorit Alfons de Villa Sancta. 
Von ihm stammt die in dem schwülstigen und überschwänglichen 
Humanistenstil der Zeit gehaltene Widmung^) der Ausgabe an 



1) Der erste, das erste und zweite Sentenzenbuch enthaltende Band hat 
folgenden Titel : ,F. Guilielmi de Rubi | one venerabilis admodum patris et theo- 
logi facile do | ctissimi provinciQ AragonicQ quondam Ministri: Dis | putatorum 
in quatuor libros Magistri Sententiarum | Tomus prior super Primum et Secundum 
diligenter | ab Jodoco Badio Ascensio impressus et indice sequen | ti iUustratus. 

Impetratis gratia et privilegio e regione posterioris | Tomi explicandis. 

Vaenundatur cum reliquo Tomo in aedibus dicti | Ascensii, Michaelis Con- 
radi et Simonis Vincentii.' 

Das Kolophon lautet auf Bl. 393^: ,Finis auspicatus disputatorum in 
Pri I mum et Secundum Sententiarum li ) bros per Venerabilem Patrem Guilhel | 
mum de Rubione Ministrum Provinciae | Aragoniae ordinis F. Minorum : impres | 
sorum apud Parrhisios accuratione Jo | doci Badü Ascensii: Impensis autem 
eins I dem et Michaelis Conradi necnon Si | monis Vincentii bybliopolarum lauda | 
bilium. Ad Calendas Martias sub ) annum Sesquimillesimum decimumocta | vum. 

Aus dem zweiten Band, dessen Titel und Kolophon fast wörtlich mit 
dem ersten übereinstimmt, hebe ich folgende Varianten hervor: auf dem Rücken 
des Titels ist ein an Badius gerichtetes Druckprivileg für drei Jahre mit dem 
Datum 30. März 1517 auant Pasques (also 1518) abgedruckt. — Im Kolophon 
heißt es: impressorum summa accuratione pro penuria exemplaris ab Jodoco 
Badio impensis eiusdem und seiner hier umgestellten Genossen cum gratia | 
et privilegio in fronte huius tomi ex I pressis ad pascha sesquimille | simum 
decimum octauum. — Deo laus et gloria.' 

2) Ich hebe aus ihr das Wichtigte aus: C^terum paucis elapsis diebus, 
industria atque ductu Jodoci Badü Ascensii fidissimi poetarum atque oratorum 
interpretis atque explanatoris clarissimi et nostra tempestate (si scriptis cre- 
dimus) facile principis, mihi summa amicitia coniuncti, devenit in manus quod- 
dam scriptum super quatuor sententiarum libros cuiusdam facile quam erudi- 
tissimi et celeberrimi viri Fratris Guilielmi de Rubione, nostri Minoritani ordinis 
alumni ac (ut index ostendebat) quondam ProuinciQ Aragoniae ministri, auctoris 
profecto eximii atque omnium sui temporis grauissimi, qui doctoris nostri sub- 
tiliissimi dogma et anfractus inextricabiles vsque in hodiernum diem (ob nimiam 
obscuritatem) <II^> nostros scotizantes fatentes omniumque neotericorum nomi- 
nalium ämbages ita exacte et adamussim elucidat, digerit et absoluit, vt (sicut 
familiari eoUoquio dicere assolet doctrin^ scoticQ eminentissimus vir magister 
Joannes de Quintana, Aragonius, quondam prior Sorbonicus, quod apud Par- 
rhisios magni est momenti, ac nunc doctoris subtilissimi in almo nostro conuentu 
interpres famatissimus tu^que pr^stantiQ obseruantissimus) vltimam manum toti 
scholQ imponere videatur. Quocirca non possum non improbare eruditos nostri 
temporis viros nee satis demirari, quaenam incuria eis incesserit, vt tam anti- 
quum scientiaruni decus et monumentum ac doctrinae Scoticae tutamen inex- 
pugnabile tanto temporis interuallo cum blattis et tineis ac diris obliuionibus 
certare permiserint. Quapropter non modicum coenobica nostra academia omnis- 



256 lll. Zur Charakteristik Peters von Candla. 

den aus königlichem Blute stammenden Großadmiral von Kastilien 
und Granada Federico Manrique, Grafen von Modica und Aguilar. 

Von dem was uns interessieren würde, erfahren wir, wie 
üblich, so gut wie nichts. Wir hören nur, Alfons habe vor kurzem 
durch die Findigkeit des ihm befreundeten Verlegers Jost Badins 
eine Handschrift des ihm bisher gänzlich unbekannten Kommentars 
Wilhelms erhalten. Die Arbeit habe sich, auch nach dem Urteil 
des Hauptlehrers im Pariser Studienhaus des Ordens, des berühmten 
Skotisten und ehemaligen Priors der Sorbonne Johann de Quin- 
tana, eines Aragonesen, als eine ganz hervorragende Leistung 
der skotistischen Schule erwiesen; weshalb Badins sich zu dessen 
Ankauf und Drucklegung entschloß. Auffallenderweise kennt 
weder Wadding noch Sbaralea irgend eine andere Handschrift 
Wilhelms und weiß von diesem selbst nur so viel, als Alfons hier 
mitteilt, nämlich er sei Provinzialminister der aragonesischen 
Ordensprovinz gewesen (provinciae Aragonicae quondam ministri). 

Kaum minder auffällig ist ein auf dem Rücken des Titel- 
blattes abgedrucktes Schreiben des Generalministers Geraldus 
Oddonis vom 25. Mai 1333 0, durch welches er auf den günstigen 

qua schola tenetur omni disciplinarum genere eruditissimo Ascensio impres- 
soriae artis primati, qui tantum auctorem (ignauia nostrorum) longis annis in- 
cultum non solum ex abditis produxit in lucem, sed et grandi auri pondere 
comparatum suis optimorumque bibliopolarum Michaelis Conradi Hispani et 
Simonis Vincentii Galli impensis tradidit imprimendum.' 

Von seinen eigenen Leistungen bei der Herausgabe sagt Alfons nur Fol- 
gendes <f. II1>: ,Quas ob res accipe, illustrissime Archimarine, conterraneum 
doctorem catholicum omnium scotizantium dissertissimum totaque minerua re- 
fertum, lucubratiunculis meis mendis abstersum et sub incude litteraria elabo- 
ratum ... Ex venerabili conventu nostro Parrhisiensi. Ad Calendas Febr. Anno 
millesimo quingentesimo decimo septimo, Parrhisiano calculo.' 

1) Bl. Iv auf der Rückseite des Titels: ,Transsumptum Confirmationis | et 
approbationis huiusce operis F. Guilielmi de Rubione in quatuor libros | Senten- 
tiarum Facte per Reverendum patrem Ministrum generalem magnorum | virorum 
ad hoc deputatorum graui examine et iudicio pr^habito. 

Noverint vniuersi, quod Nos fratres Petrus de Aquila minister in prouincia 
Tuscana, Bernar | dus de Aretio, Simon de Spoleto, Nicolaus de Interamne, 
lector Romanus, Jacobus de Jora lector | Paduanus, Auctoritate.Reuerendi in 
Christo patris Fratris Geraldi ordinis fratrum Minorum gene | ralis ministri com- 
missarii deputati ad examinandum novum opus editum a fratre Guilielmo de 
Ru I bione, ministro prouinci^ Aragoni^ super quatuor libros Sententiarum, ipsum 
opus tenuimus, legi | mus et diligenter inspeximus, in quo per dei gratiam nihil 
comperimus contra fidem vel contra bo | nos mores, sed conclusiones catholicas 
vel opinabiles per viros scholasticos secundum diuersa prin | cipia doctrinarum. 
In cuius rei testimonium präsentem scripturam fecimus fieri et nostrorum sigil- 
lo I rum impressione muniri. Actum et datum in sacro loco Assisii . XXV . die 
mensis Mali, anno domini MCCCXXXIII. 

Et Ego prQfatus f rater Geraldus, fratrum Minorum generalis Minister, prae- 
nominatorum com | missariorum meorum tanquam fide dignorum examine et 



Die Schulen. 5. Die Slcbtistenschule. b) Pranciscus de Marchia. 257 

Bericht der von ihm bestellten Zensoren hin die Veröffentlichung 
des Kommentars gestattet (,commissariorum . . . examine et rela- 
tione contentus, iuxta nostri ordinis instituta . . . opus sie exa- 
minatum et in nullo penitus condemnatum publicandi et copiandi 
licentiam duxi ... concedendum*). Sowohl der Bericht der Zen- 
soren, unter denen Petrus de Aquila (der sogenannte Scotellus) der 
bekannteste ist, als auch die Erlaubnis des Generals sind von Assisi 
und vom oben erwähnten Tage datiert. Geraldus beruft sich für 
sein Vorgehen auf die ,ordinis instituta'. 1333 waren noch die 
,Constitutiones Perpinianenses' von 1331 in Kraft*); sie wurden 
erst 1337 durch die ,Caturcenses' Benedikts XII. ersetzt'^). Die 
Konstitutionen von 1331, welche leider bei der infolge des theore- 
tischen Armutsstreites im Orden herrschenden Erregung wenig 
Anklang fanden, waren die ersten, welche eine etwas ausführ- 
lichere Studienordnung enthielten. In dieses Kapitel ,de studiis* 
war auch ein Rundschreiben des Geraldus aufgenommen worden, 
welches die nach der literarischen Betätigung Ockhams und seiner 
Genossen allerdings dringend notwendigen Bestimmungen über die 
Zensur der zu veröffentlichenden Schriften bot^. Diesen Be- 
stimmungen entspricht das Approbationsschreiben des Generals 
aufs genauste. Die Regeln fanden auch Benedikts Billigung, wes- 



relatione contentus iuxta nostri ordinis instituta praefato F. Guilielmo pr^memo- 
ratum opus sie examinatum et in nullo penitus condemnatum publicandi et co- 
piandi licentiam duxi tenore praesentium concedendam. In cuius rei testimonium 
praesentem scripturam feci sigilli mei officii impressione muniri. Actum et da- 
tum Anno, Mense et die pr^fatis. 

') AFH II (1909) 276—292. 412—430. 575—598. 

2) BF VI 25—42. 

3) Archivum Franciscanum historicum II (1909) 597; cap. 20, n. 5: Ex 
registro Generalis Ministri: ,Novum opus theologicum, iuristicum vel physicum, 
prout librum seu libellum, summam, compendium, postillam, expositionem, glos- 
sas, tractatum vel coUectionem aut compilationem questionum vel sermonum, a 
quocumque fuerit editum, nullus frater sine capituli vel ministri generalis exa- 
mine praevio et obtenta licentia, intra vel extra ordinem publicare, communicare 
vel eopiare praesumat. Si quis autem hoc attemptare praesumpserit, omnibus 
scholasticis et legitimis actibus ac usu librorum se noverit ipso facto fore pri- 
vatum. Nee ideo quisque talium habens gratiam, torpescat ignavia vel a bono 
concepto aut incepto desistat aut retrahatur opere, sed completum opus generali 
ministro fiducialiter studeat intimare. Qui praemisso diligenti examine, si ei 
et eis, per quos obiatum sibi opus videri et examinari fecerit, opus fidei et 
rationi consonum, catholicum et salubre appareat, concedat utique libenter et 
liberaliter licentiam ubilibet copiandi.' 

Ältere Verordnungen über Bücherzensur erließ Michael von Cesena am 
4. März 1326: s. Glaßberger, in: AF II 136 und die Ordenkonstitutionen von 
1292 s. Denifle-Ghatelain, Chartularium II 56, n. 580. 

Franzisk. Stud., Beili. 9; Fr, Ehrl e, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 17 



258 lll. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

halb er sie, mit einigen Zusätzen, fast wörtlich seinen Konstitu- 
tionen von Cahors (1337) einverleibte 0. 

Nach dem Gesagten und nach dem Explicit der Handschrift 
von SS. Apostoli scheinen wir annehmen zu müssen, daß Wilhelm 
de Rubione in seinen Studienjahren die Vorlesungen seines Leh- 
rers Franciscus de Marchia nachschrieb, welche uns in besagter 
Handschrift, vielleicht noch jetzt, erhalten sind; sicher liegen uns 
noch Abschriften dieser oder auch anderer Nachschriften vor. 
Ferner müssen wir annehmen, daß Wilhelm später nach Erlan- 
gung des Doktorates als Lehrer seine eigenen Sentenzenkommen- 
tare ausarbeitete. Von diesen gelangte eine Abschrift oder eine 
Nachschrift in Paris gegen 1517 in die Hände des Badius und 
liegt uns jetzt in seinem Drucke vor. 

Im Übrigen kann ich mich hier nicht auf eine genauere 
Charakterisierung dieses Autors einlassen. Ich beschränke mich 
auf die Mitteilung der zur Bestimmung der Handschriften nötigen 
Angaben^) und bemerke, daß nirgends weder im Text noch in 

1) In den Constitutiones Caturcenses BenediktsfXII (BF VI 31, n. 51) heißt 
es in dem langen Kapitel de studiis: ,Praedicti vero magistri, lectores et 
bacallarii legentes theologiam dictis philosophorum non multum insistant, sed 
quae theologice possunt tractari, pertractent theologice et dictis communibus 
antiquorum et approbatorum doctorum, prout secundum Deum et veritatem po- 
terunt, se conforment.' 

In betreff der Generalstudien des Ordens wird bestimmt (1. c. p. 30): ,Nullus 
quoque frater dicti ordinis ad legendum in praenominatis studiis Sententias assu- 
matur, nisi prius legerit quatuor libros^^Sententiarum cum scriptis approbatorum 
doctorum in aliis studiis, quae in eodem ordine dicuntur generalia vel in con- 
ventibus infrascriptis, videlicet Rothomagensi, Remensi, Metensi, Brugensi <31>, 
Londoniensi, Eboracensi, Northwicensi, Novi Castri; Stanfordiensi, Conventreiensi, 
Oxoniensi, Burdigaliensi, Narbonensi, Massiliensi, Astensi, Varadiensi, Pragensi, 
Pisano, Erfordiensi, Ariminensi, Tudertino, NuUus autem bacallarius in aliquo 
trium praenominatorum principalium studiorum (Parisiensis, Oxoniensis, Canta- 
brigiensis) seu illorum, in quibus, ut praemissum est, continget imposterum per 
sedem apostolicam ordinari, quod fiant in eis in theologia magistri, incipiat ut 
magister, antequam textum biblie cum glossis ordinariis studuerit.' 

über die Bücherzensur ebd. 32. 

2) Im Kommentar zum ersten Buch beginnt der Prolog: ,Candor est 
lucis eterne et speculum sine macula' Sap. 7. — Die erste Quästion: ,utrum 
notitia theologica sit possibilis viatori'. — Die zur dist. 1: 'utrum eodem actu, 
quo quis diligit propter Deum aliquod ens creatum, diligat ipsum Deum'. — Die 
letzte zur dist. 48: ,utrum voluntas creata.sit semper moraliter bona, quando 
voluntati increate est conformis'. 

Zum zweiten Buch beginnt der Prolog: ,Deus creator omnium et terri- 
bilis et misericors. 2 Macch. 1. Die erste Quästion zur dist. 1: ,utrum activa 
productio et passiva secunde cause sit forma aliqua per se una distincta rea- 
liter ab ipsa causa secunda et a passo presupposito ac a termino in ipsum 
naturaliter introducto*' Die letzte zur dist. 44 : ,utrum huiusmodi secularis pote- 
stas presidendi sit a Deo'. 

Im zweiten Band beginnt der Kommentar zum dritten Buch: ,At ubi 



Die Schulen. 5, Die Slcotistenschule, b) Franciscus de Marchia. 259 

den Randnoten ein Autor genannt wird. Nur Bl. 1^ finde ich 
einmal im Text: ,Responsio, ubi sie procedam. Primo enim pre- 
mittam quamdam distinctionem Doctoris Subtilis.' Die Form ,Re- 
sponsio', zur Einführung der eigentlichen Lösung der Frage, findet 
sich um dieselbe Zeit in dem Kommentar des Augustiner Alfonsus 
Toletanus, der uns in Wiegendrucken vorliegt. Sorgst finden wir 
bei Wilhelm allenthalben namenlose Wendungen wie Bl. 3^ , Quan- 
tum ad primum est opinio cuiusdam dicentis*; Bl. 4^ ,est opinio 
quorumdam dicentium'; Bl. 5^ ,aliqui dicunt, alii dicunt aliter'; 
Bl. 71 V ,doctor iste, opinionis huiusmodi inventor, ponit duas con- 
clusiones ad propositum in secunda questione süi quodlibeti'; 
Bl. 276 jOmnes enim in questione ista moderni, ut communiter, 
quibusdam antiquis doctoribus contradicunt'. Solche Hinweise 
konnten wohl nur vom Verfasser etwa in seinem Handexemplar 
oder von einem Zeitgenossen in ergiebigem Maße mit den ent- 
sprechenden Namen versehen M'^erden, wie es im Kommentar des 
eben genannten Alfonsus Toletanus geschehen ist. 

Wilhelm ist wohl im wesentlichen der Skotistenschule zuzu- 
teilen. Hierfür spricht sein Verhältnis als Schüler zu einem her- 
vorragenden Skotisten; hierfür der günstige Bescheid, den die 
Zensurbehörde unter der Leitung eines so bekannten Anhängers 
dieser Schule, wie es Peter von Aquila war, über seinen Kom- 
mentar erteilte. 

Auffallend ist, daß Petrus von den Oxforder Lehrern 
Robert Cowton nicht benutzte. Die Anzahl der Handschriften 
von Roberts Sentenzenkommentar ist zumal in Oxford auffallend 
groß 0, und außerdem standen noch zwei Auszüge desselben 

venit plenitudo temporis' wie der Lombarde. Die erste Quästion zu dist. 1 
,utrum unio hypostatica sit forma aliqua in re extra distincta realiter ab extremis, 
videlicet a Verbo divino et ab homine assumpto'. Die letzte zur dist. ,utrum 
lex evangelica sit utilior quam Mosaica'. 

Der Prolog zum vierten Buch beginnt: »Habebat in dextra sua Stellas 
Septem . . . Apoc. 1. Die erste Qnästion zu dist. 1 lautet: ,utrum in sacraraentis 
Sit virtus aliqua supernaturalis creata ultra naturam increatam divin am eis omnibus 
assistentem ad eflectus ipsornm. causaliter operandum'. Die letzte zu dist. 49 
,utrum gloria beatorum sit equalis'. 

1) A. G. Little, The Grey Friars in Oxford (Oxford Historical Society 
n. 20), Oxford 1892, p. 223 weist in den Bibliotheken von Oxford und Cambridge 
allein 16 Handschriften nach. Außerdem findet er sich noch in der National- 
bibliothek von Florenz, Conventi soppressi Hs 357. C. 5, in der Pariser National- 
bibliothek Hs. 15 886. 15887; Leipzig Universitätsbibliothek Hs 1401. 

Robert Cowton wurde oft mit Walter Chatton verwechselt, weshalb die 
beiden zugeteilten Handschriften einer erneuten Prüfung bedürfen. 

Daß wir es mit zwei Lehrern zu tun haben, ergibt sich mit Sicherheit 
vor allem aus einem Zitat, das einem der gegen Wiclif gerichteten Traktate 
,Defensorium mendicitatis' (Hss desselben s. bei Littte 1. c. p. 248) des Franzis- 

17* 



26Ö in. Zur Charakteristik Peters von Oandia. 

(abbreviatio) bereit von Johann Sharp und Kichard Sneddesham*). 
Für dieselbe Schule warben auch die Erklärungen aristotelischer 
Schriften des Johann Canon, von denen zumal die zur Physik 
viel benutzt und gedruckt w^urde. 

Landulf Caracciolo. 

Bekannter und weiter verbreitet war der Sentenzenkom- 
mentar Landulfs Caracciolo von Neapel, welchen Petrus an 
dritter Stelle unter den Anhängern des Skotus nennt ^). Da er 
von 1331 bis 1355 den erzbischöflichen Stuhl von Amalfi inne- 
hatte, so dürfte seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität^) 
nur wenige Jahre nach der des Franciscus de Marchia anzusetzen 
sein. Schon Bartholomäus von Pisa hebt hervor % daß sein Kom- 
mentar vorzüglich auf die Vervollständigung und die Erklärung 
der Doktrin des Doctor subtilis abziele. Ja auch Landulf selbst sagt 
uns ausdrücklich, daß er sich im wesentlichen an Skotus halte ^). 

Landulfs Kommentar findet sich handschriftlich ®) in folgenden 
Bibliotheken: 

Neapel, NationalbibUothek Hs 7. C. 49, Pergament, 14./15. Jahrb., 
Folio, 43 BL — Oben in alter Schrift: Landulphus in 3«"» incompletus.— 
Der Prolog beginnt: ,Fundamentum primum iaspis, secundum saphir, ter- 
tium calcedone, quartum smaragdus. Apoc. 21. Doctor celeberrimus 
Augustinus 1° de symbolo dicit' — Die erste Quästion lautet: ,utrum 
natura humana sit lapsa a statu sue institutionis'; die zweite: ,utrum 
reparatio humane nature lapse spectet ad lancem iustitie, an ad opera gratie'. 

kaners Wilhelm Woodford entnommen ist. In ihm werden aufgezählt: ,Inceptor 
Ockam, Inceptor Uvarus (Ware), Inceptor Cowton, Inceptor Chatton.' Woodford 
lehrte in Oxford 1389. 

Ferner findet sich in der Universitätsbibliothek von Cambridge in Hs. 
F f. III, 26 eine ,questio fratris Galtheri magistri ... de Schaton, que est secunda 
in ordine primi sui in prologo, ineipit: ,utrum Dens possit creare'. Explicit: 
,6t ideo non est simile'. I19 Britischen Museum Hs Harleian 3243, f. 55: 
,Adam Wodham de divisione etc. contra Chatton'. 

1) Sneddisham in Oxford, Morton College Hs 91; London, Britisches 
Museum Royal 11. B. I. Sharp in Oxford, University College Hs 192, 

2) S. oben n. 4.' 3) Ebd. 

4 Liber conformitatis Conform. VIII, 2 p. (AF IV) 339: ,Frater Landulf us 
de Neapoli ornate multum et subtiliter plura addendo Scotum declaravit.' — 
Conform. XI, 2 p. ed. cit. p. 529: ,be Neapolim fuit magister Landulf us. Scripsit 
multum luculenter super quatuor libros Sententiarum, vestigia sequendo Scoti, 
ipsum in omnibus declarando, et fuit archiepiscopus Melphitanus,' 

&) In der Hs VII. C. 49 der Nationalbibliothek von Neapel (Blätter nicht 
numeriert) sagt Landulf von sich in der Quästion: ,utrum Verbum assumpsit 
naturam humanam aUquo ordine' (gegen Ende) : ,Ad cuius evidentiam sciendum, 
quod secundum Philosophum et Doctorem Subtilem, quem ut plurimxun sequimur, 
permanentia ut sie non mensuratur tempore.* In der Tat ist aber an mehreren 
Stellen am Rand angemerkt: .Loquitur contra Scotum'. 

6) In 2™ gedruckt Venedig, Adam de Rottweil Vaticana Stamp, Barber. 
BBB IV 14. 



Die Schulen. 5. Die Skostlstenschule. c) Landulf Caracciolo. 261 

Erlangen, Universitätsbibliothek, Hs 338, Pergament, 14, Jahrb., 
Folio, 148 Bl. enthält die Kommentare zum 1., 3., 4. Sentenzenbuch. 

Ebendaselbst, Hs 168, Pergament, 14. Jahrh. vor 1354, 88 Bl. 
bietet den Kommentar zum zweiten Sentenzenbuch. 

Basel, Universitätsbibliothek, Hs B. V. 25. 

Cambridge, Gonville and Caius College, Hs 326 (526), Pergament, 
115 BL, 15. Jahrh., in 2n> Sent.; M. Rhodos James, Descriptive Catalogue 
I (1907) 369. 

Krakau, Universitätsbibliothek, Hs 1276, Pergament, 14. Jahrh., 
Folio, 146 Bl. soll Bl. 42 bis 109 ,in 4-ni Sent.' enthalten, dabei aber be- 
ginnend. Bl. 45: ,utrum theologia sit scientia', einer Frage, die zum Prolog 
des ersten Buches gehört. 

Ebendaselbst, Hs 1295, Papier, 15. Jahrh., Folio, 373 Bl. enthält 
nach dem gedruckten Katalog Bl. 294—308: .Incipit ars sermocinandi per 
magistrum Landulf um ord. fratrum Min. compilata' i). 

Ebendaselbst, Hs 1391, Pergament, 14. Jahrh., Folio, 102 BL, soll 
den Kommentar zum vierten Buch neben den ,questiones de malo' des 
hl. Thomas enthalten. 

Oxford, Magdien College, Hs 90, Pergament, 15. Jahrh,, Folio, 
117 BL, verspricht den Kommentar zum ersten Buch. Derselbe begiant, 
anscheinend ohne Prolog: ,Quia nullius sane mentis Studium circa illa, 
quorum notitia est.' 

Florenz, Nationalbibliothek, Conventi soppressi, Hs 640. B. 5 zum 
ersten, — Hs 642. B. 7 und Hs 643. G. 1. zum vierten Sentenzenbuch. 

Ebendaselbst, Hs 641. A. 3, Pergament, 14. Jahrh., Folio, enthält 
nach dem Kommentar zum zweiten und dritten Sentenzenbuch des Hugo 
de Castro Novo (Hugues de Chäteauneuf), eines Zeitgenossen Landulfs, 
den Kommentar dieses letzteren zum zweiten Buch. 

Mailand, Ambrosiana, Hs L 151. inf. 2. bietet den Kommentar 
zum dritten und vierten Sentenzenbuch. 

Montecassino, Hs G. 376 (411), Pergament, 14. Jahrh., Folio, ent- 
hält nach einer Überschrift von späterer Hand: Sermones magistri 
Landulphi Carazoli ord. Min. Beginnt: ,Nuptie facte sunt in Cana Galileo. 
Jo. 2. Sacram scripturam si diligenter inspiciamus, quatuor genera nup- 
tiarum eam inspiciemus mistice et seriöse describere;' — Weitere Pre- 
digten enthält Clm. 8872, Papier, 14. Jahrb., Folio, 188 BL, BL 1—88, 
136-138, 148-170. Sie beginnen Bl. 1: ,Erant viri bellatores et ministri 
et principes et duces. 'Auf Bl. 1^, 3. 5. 16. 32 usw. findet sich von an- 
derer Hand des 14./15. Jahrh. ,sermo magistri Landolfi'. 

Wien, Dominikanerbibliothek nach dem alten Katalog von 1513. 
Th. Gottlieb, MittelalterL BibL-Kataloge Österreichs. I (Wien 
1915) 356, I 46. 

Soviel ich aus der neapolitanischen Handschrift ohne er- 
schöpfende Prüfung ersehen kann, berücksichtigt Landulf von den 
älteren Lehrern den hl. Thomas, Skotus, Alexander von Haies, 

1) Dieser Traktat wäre mit dem oben S. 22 erwähnten zu vergleichen. 



262 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Heinrich von Gent, Wilhelm von Ware, Richard von Middleton, 
Herväus; von den jüngeren Ockham, Geraldus (Oddonis) Gene- 
ralis, Franziskus Maironis, Franciskus de Marchia. Im Texte selbst 
wird, soviel ich sehe, nur Skotus genannt, wie ich oben erwähnte. 

6. Thomistenschule. 

Von einer weiteren Schule findet sich bei Petrus, zu dem 
wir nun wieder zurückkehren, keine Spur. Ohne Zweifel bestand 
damals neben den beiden erwähnten eine Thomistenschule, 
die allerdings bei weitem nicht die Geschlossenheit und über- 
lieferungstreue besaß, welche die zahlreichen zum Anschluß an 
Thomas mahnenden Beschlüsse der Generalkapitel erwarten ließen. 
Auch abgesehen von Ekkehard und Tauler, bei welchen die Mystik 
als weiteres Element zur Scholastik trat, erwies sich Johann 
Quidort als so wenig treuen Schüler seines Ordenslehrers, daß 
er wegen seiner verwegenen Sätze nach Avignon vorgeladen 
würde, wo er 1306 vor der Fällung des Urteils starb. Zur selben 
Zeit begann Durandus de Saint-Pour^ain seine Lehrtätigkeit, die 
aber doch wohl im Orden weniger störend empfunden wurde, 
da ihn Johann XXII. bereits 1313 zum Lehrer der theologischen 
Palastschule machte. Allerdings gingen auch Petrus de Palude, 
Bobert Holkot, Armandus de Bellovisu (Beauvoir), Thomas Claxton 
in manchen Punkten ihre eigenen Wege. Freilich auch von diesen 
wurde Petrus de Palude sehr bald zum Patriarchen von Jerusalem 
(1 329)erhoben und damit großenteils demEinf luß des Ordens entrückt. 
Trotzdem standen die leitenden Kreise treu zu dem einmal erwählten 
Ordenslehrer. Unter ihnen nimmt ohne Zweifel Herväus die erste 
Stelle ein. Neben ihm finden wir, um nur jene Lehrer zu er- 
wähnen, deren Arbeiten uns noch handschriftlich vorliegen, 
Bernardus de Trillia, Johann von Neapel, Thomas von Sutton, 
Nikolaus Trevet, Bombolognus deBombolognis, RaimundusBeguini, 
Heinrich von Lübeck, Johann von Lichtenberg, Bernardus Lom- 
bardus. Hartmann von Köln sowie die Verfasser der Schutz- 
schriften gegen Wilhelm de La Marc, Heinrich von Gent, Gottfried 
von Fontaines, Ägidius von Rom, Jakob von Viterbo, Durandus. Am 
Anfang des 15. Jahrhunderts ersteht in Capreolus ein Herväus eben- 
bürtiger Thomist. Auf ihn folgen dann noch Didacus Deza, Petrus 
Nigri und Konrad Köllin. — Doch von dieser ganzen Schule kennt 
Peter von Candia nur Thomas und auch ihn nur als einen ver- 
einzelten Lehrer. 



1) Vgl. M. Grab mann, Die Schrift de ente et essentia und die Seins- 
metaphysik des hl. Thomas von Aquin, in: O. Willmanns Festschrift, Freiburg 
181,9, 114. 



Die Schulen. 6. Die Thoinistenschule. 263 

Zur Erforschung des Ursprungs und der Ausbildung der 
scholastischen Schulen im Laufe des 14. Jahrhunderts müssen 
wir selbstverständlich beachten, wann die später üblichen Bezeich- 
nungen der einzelnen Schulen zum erstenmal auftauchen. — Für 
die Thomistenschule wurde vor kurzem nachgewiesen, daß ihr 
Name, in der eigentümlichen Fassung ,Thomatiste', sich c. 1304 bei 
dem bekannten, theologisierenden Mediziner Arnald von Villanova 
findet 0- Er wurde vöü einem seiner Gegner, dem Kanoniker Jakob 
Albi von Digne in der Provence zuerst gebraucht. Ihm sagt 
Arnald: ,Vos autem estimo Thomatistas vocare quoscunque 
sectantes opinionem Thome.' 

Die Bezeichnung ,Thomiste' in dem nun üblichen Sinn ist 
bis jetzt zuerst bei dem Franziskaner Peter von Aquila (Scotellus) 
1334—1361 nachgewiesen (in 2 Sent. dist. 8, qu. 2)^). Peter hat 
wohl schon vor 1334 einen vielbenutzten, bündigen und nach 
Möglichkeit leichter verständlichen Auszug aus den Hauptwerken 
des Skotus hergestellt. Es fühlten also wohl die sich um Maironis 
und Landulf scharenden Skotisten das Bedürfnis, die ihnen neben 
den Ockhamisten entgegentretenden Dominikaner unter einem 
Schulnamen zusammenzufassen. 

Eine weitere Belegstelle glaubte ich in dem in dieselbe Zeit 
gehörigen Kommentar des Skotisten Johann Canon zur aristote- 
lischen Physik in der Paduaner Ausgabe von 1475 (ohne Blatt- 
zählung) lib. 1, quaest. 6, Bl. 4 gefunden zu haben: ,opinio Thomi- 
starum magistri Petri de Alvernia'. Jedoch fehlt in einer Münchner 
Handschrift des Kommentars das für unsere Frage allein bedeut- 
same Wort ,Thomistarum*. 

Wie bekannt findet sich die Scheidung in ,Albertisten und 
Thomisten' zuerst in Köln bei Heinrich von Kampen (Henricus 
de Campo), der 1444 als gefeierter Lehrer der Theologie von 
Köln nach Löwen übersiedelte und daselbst 1460 starb ^). In 
seinen ohne Zweifel vor 1444 in Köln in der Bursa Laurentiana 
(Albertistenburse) verfaßten ,Problemata inter Albertum Magnum 
et S. Thomam* werden diese Bezeichnungen häufig wiederholt. 
Wann und wie sich in Köln die in dieser Schrift zutage tre- 
tende Gegensätzlichkeit zwischen Albertus und Thomas heraus- 
bildete, ist noch nicht erforscht. Ob erst und nur durch Heinrich? 
Mit dieser Differenzierung war ein Bedürfnis für eine unterschei- 
dende Bezeichnung gegeben, das wohl kaum zu etwas anderem 



1) F. Ehrle, Arnaldo de Villanova edi .Thomatiste'. Contributo alla storia 
della Seuola Tomistica in Gregorianum I (1920) 491. 2) l, c. p. 493 s. 

3) Mit ihm istGerhardus de Monte (f 1480) zusammenzuhalten. Überweg- 
Baumgartner 632. 



264 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

als ZU obigen Schulnamen führen konnte. Capreolus ^) und Claxton 
nennen und bekämpfen außer den ,terministae' nur einzelne Lehrer. 
Es beherrschte eben im 14./15. Jahrhundert der Gegensatz zwischen 
Realisten und Nominalisten den artistischen und theologischen 
Lehrbetrieb, und es schieden diese beiden Namen die Lehrer in 
zwei große Schulen. Zu einer weiteren Teilung der Realisten 
in Thomisten und Skotisten lag zunächst kaum ein Bedürfnis vor. 
Sollte aber eine solche versucht werden, &o lag viel mehr Ver- 
anlassung zu einer Namensgebung bei der bereits etwas zahl- 
reichen und kompakteren Schule des Skotus vor als bei der des 
hl. Thomas. Dieser wird allenthalben viel genannt. Aber eine 
Schule desselben tritt uns in den Zitaten der Lehrer des 14. Jahr- 
hunderts kaum entgegen. Die außerhalb des Ordens bekanntesten 
Lehrer, ein Durandus, Petrus de Palude, Holkot, wiesen unter sich 
und zu Thomas zu viele Abweichungen auf, als daß man . daran 
denken konnte, sie unter einem Schulnamen zusammenzufassen. 
Herväus und die andern oben erwähnten thomastreuen Lehrer 
sowie die Schutzschriften des Aquinaten waren außerhalb des 
Ordens zu wenig verbreitet. Die Schulen erhielten aber in der 
Regel ihre Namen von ihren Gegnern und Außenseitern. 

WirhabenzweiArtenvon Schulbildungen zu unterscheiden. 
Eine, um sozusagen innere und objektive, bei der Lehrer nach 
Lehrer dieselben Ansichten verficht und so allmählich eine 
durch übereinstimmende Lehrmeinungen zusammengehörige 
Gruppe entsteht. Diese Schulbildung kann lang in latentem 
Zustand verharren, wenn infolge der geringen Verbreitung 
der Schriften dieser Lehrer oder aus andern Ursachen die 
anderen Lehrrichtungen auf diese Lehrer und infolgedessen 
auf die Zusammengehörigkeit derselben und das Dasein der 
Gruppe nicht aufmerksam werden und sie nicht in die Öffent- 
lichkeit ziehen, was in der Regel mit einer Namengebung ver- 
bunden sein würde. An dem so langen latenten Zustand der 
Thomistenschule waren nach dem oben Gesagten zunächst die, trotz 
der außerordentlichen Verbreitung der Thomasschriften, geringe 
Verbreitung der thomistischen Schriften, sodann aber noch mehr 
die von Thomas teilweise abweichenden Typen der bekanntesten 
Dominikanerlehrer des 14. Jahrhunderts schuld, welche die 
Stetigkeit der in den Bahnen des Aquinaten ausharrenden Lehrer 
nicht vermuten ließ. Sie trat erst durch Capreolus recht in 
die Öffentlichkeit. Er machte durch seinen kräftigen Defensiv- 



1) Ed. Tours III (1900) ff. 190: ,habet ex testamento patris Terministarum 
scilicet Occam'. III 303: ,opinIo quorumdam Terministarum sicut Adae <.Wode- 
ham> et similium'. 



Die Schulen. 7. Die Augustinerschule. 265 

stoß gegen seine gesammte theologische Umwelt die übrigen Lehr- 
richtungen sehr nachdrücklich auf das Bestehen einer Thomisten- 
schule aufmerksam. 

Nicht wenige Schulbildungen erfolgten durch Dekrete der 
zuständigen Behörden, zumeist durch die Generalkapitel einzelner 
Ordensgenosssenschaften. Dies geschah, als der Dominikanerorden 
sich zur Lehre des hl. Thomas und die Augustiner-Eremiten sich 
zu der des Ägidius von Rom verpflichteten. Da jedoch die ein- 
schlägigen Kapitelsbeschlüsse zunächst nur im betreffenden Orden 
bekannt wurden und sodann noch die Wirkung der getroffenen 
Bestimmungen abzuwarten war, so trat auch bei dieser zweiten 
Schulbildungsart nach außen hin die neue Schule ungefähr in 
der bei der ersten Gründungsart geschilderten Weise in Erscheinung. 
Ganz und voll zur ersten Art gehörte ohne Zweifel das Entstehen 
der Skotisten- und Nominalistenschule. 

Doch überlassen wir die positive Lösung dieser Frage ge- 
duldiger Forscherarbeit. 

Einen Reflex der Kölner Auffassung und Namengebung finden 
wir in der Schutzschrift der Pariser Nominalisten von 1474. Nach 
ihr waren es Albertisten, welche nach 1407 die durch die eng- 
lisch-burgundischen Wirren verödete Pariser Artistenfakultät be- 
setzten. Der Ausdruck Albertisten gilt hier dem Verfasser offenbar 
als gleichbedeutend mit Thomisten. Die Thomisten werden in 
der Schrift noch zweimal erwähnt. An der ersten der beiden 
Stellen werden die Thomisten aus der Masse der Realisten, im 
Gegensatz zu den Skotisten, als diejenigen ausgeschieden und be- 
zeichnet, welche den Nominalisten im Redekampfe nicht stand- 
halten konnten (aliquos et maxime Thomistas superant dispu- 
tando). An einer zweiten Stelle werden sie, wie bei Arnald von 
Villanova, als ,Thomatiste* bezeichnet. 

7. Augustinerschule. 

Ebensowenig Berücksichtigung findet bei Petrus de Candia 
die Augustinerschule. Eine solche bestand nicht nur auf dem 
Pergament der Ordensdekrete, sondern auch in Wirklichkeit im 
Bewußtsein der Lesemeister und Doktoren des Ordens. Zum 
Nachweis genügt ein Blick in den an Zitaten so reichen Senten- 
zenkommentar des Alfonsus Toletanus (Alonso de Toledo yVargas?) 
aus dem Jahre 1345 0- Der Ordensdoktor der Schule war Ägi- 
dius von Rom^). Einzig in der Gelehrtengeschichte dürfte 



1) In dem Drucke (Venetiis, Paganinus, 1490) und in Hs 250 der städ- 
tischen Bibliothek von Avignon findet sich das Datum ,legit 1345'. 
2} Denifle-Chatelain, Chartularium II 12, n, 542. 



266 in. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

der Fall sein, daß Ägidius diese Ehrung noch zu seinen Leb- 
zeiten zuteil wurde, und daß das Ordenskapitel sogar die Werke, 
die er noch schreiben würde, zum voraus als normgebend er- 
klärte 0. Alfonsus bezeichnet Ägidius als ,doctor noster'^); wäh- 
rend er andere Augustinerlehrer wie Jakob von Viterbo ^), Jakobus 
de Appamiis ^), Bernardus Oliverii % Michael de Massa ®), Lukas 
de Massana '^) nur als ,quidam doctor noster' einführt. 

Noch geschlossener zeigt sich die Schule gegen Ende des 
14. Jahrhunderts in dem unedierten Nachlaß Johanns von Basel. 
Wir hören hier zum erstenmal die Gesamtheit der Lehrer eines 
Ordens als Schule (Ordensschule) als ,scolanostra* Clm.26711 61.66^ 
bezeichnet. Von einem ,antiquus doctor huius scole* spricht 
Johann Bl. 130 ; ferner faßt er auch sonst die Lehrer seines Ordens 
als eine Einheit zusammen (Bl. 114'*' ,ex dictis doctorum nostro- 
rum*, Bl. 115, faciunt doctores nostri'). 

Es bleibt allerdings noch zu untersuchen, worin das diese 
Schule einigende und kennzeichnende Element bestand. Aus dem 
oben Gesagten scheint sich schon teilweise zu ergeben, daß die 
so hervorstechende, nominalistische Richtung Gregors von Rimini 
weit abstand von dem Konservatismus des Thomas von Straßburg. 
War es mehr ein gewisser Korpsgeist als eine lehrhafte Über- 
einstimmung, was diese Ordenslehrer verband? Dies wird noch 
zu untersuchen sein, wenn der nur handschriftlich erhaltene 
Nachlaß der sehr zahlreichen Augustiner-Eremiten-Lehrer zugäng- 
lich gemacht und geprüft wird, — nach allem Anschein eine 
lohnende Arbeit, ohne welche die Darstellung der literarischen 
Physiognomie der Scholastik des 14. Jahrhunderts, bei der Be- 
deutung, welche dieser Orden gerade damals besaß, lückenhaft 
wäre. Werner und Scheeben, zu sehr auf die gedruckte Literatur 
beschränkt, lassen dieselbe kaum vermuten. 

Petrus erwähnt Ägidius, soviel ich sah, nur einmal in ganz 
nebensächlicher Weise ^). Häufig und eingehend beschäftigt er 
sich mit dem Augustinergeneral Gregor von Rimini, aber nicht 
als mit einem Vertreter der Augustiner-, sondern der Nominalisten- 
schule, wie wir oben®) sahen; 

Die Tatsache, daß sich Petrus nach dem Gesagten nur mit 
zwei Schulen, mit den Skotisten und Nominalisten auseinander- 
setzt, ist von nicht geringer Bedeutung für die Erkenntnis seiner 
eigenen Lehrrichtung. 



1) Denifle-Chatelain, Chart. II, 12, n. 542; 42, n. 567. 

2) BL 24^ 115. 127V. 3) ßl. 33. *) Bl. 19 \ 
ö) Bl. 45 \ 6) Bl. 151V. 7) Bl. 57 ^ 

«) Ef. 27. 9) S. 106. 



Die Schulen. 8. Einzelne Lehrer. 267 

8. Einzelne Lehrer. 

Kommen wir nun zu den' einzelnen Lehrern, deren 
Namen sich in Peters Kommentar finden. — Wie ich schon oben 
gelegentlich erwähnte, gewährt er den großen Lehrern des 
13. Jahrhunderts die ihnen gebührende Ehre; was im Zeitalter 
des Nominalismus schon eine gewisse Leistung war. Damit räumt 
er ihnen freilich noch lange nicht den entsprechenden Einfluß 
auf die Gestaltung seiner Lehrsätze ein. ,Doctores antiqui* 0, 
,venerabiles* ^) und ,solempnes* ^) sind für ihn Alexander von 
Haies *), der hl. Thomas ^) und Bonaventura ^). Es sind dies auch 
die Lehrer, denen er in der Regel nur ,cum reverentia' oder 
'salva reverentia* widerspricht'''); eine Ehrung, die er einmal 
auch dem Skotus zuteilt. Allerdings das Vorlegen der Lehrsätze 
der ,Alten* besagt in den meisten Fällen noch lange nicht die 
Annahme derselben. Er teilt dieselben mit, insofern deren Er- 
örterung zur allseitigen Beleuchtung des von ihm behandelten 
Gegenstandes zweckdienlich erscheint^). 

Einige andere ältere Autoren werden nur das eine oder 
andere Mal erwähnt, wobei es noch zuweilen zweifelhaft bleibt, 
ob deren Schriften Petrus wirklich vorlagen oder ob er die Hinweise 
nur anderen Quellen entnahm. So werden Heinrich von Gent, 
Richard von Middletown und Wilhelm von Ware genannt und 
zwar letzterer, wie schon bei Bartholomäus von Pisa, als ,Jo- 
hannes Guarionis'. Stärkeren Einfluß auf Peters Lehrrichtung 
haben außer den oben erwähnten Skotisten und Nominalisten 
wohl nur Aureoli und Johannes de Ripa ausgeübt, und zwar 
dieser letztere allem Anscheine nach weitaus den stärksten. 



1) Ef. 145: »antiqui dixerunt . . . <146> utpote venerabilis Alexander de 
Halis, beatus Thomas. Bonaventura ... Ex quibus patet, quid sentiunt de hoc 
solempnes doctores'. 

2) E f . 176 v; ,Ista conclusio est contra ymaginationem quoruradam doc- 
torum et maxime venerabilis fratris Alexandri de Halis.' 

3) S. oben Anm. 1. ^) Ebd. s) Ebd. 6) Ebd. 
7) S. oben S. 46, 47. 

8j Ef. 159: ,Sed adhuc contra premissam conclusionem arguitur per ra- 
tiones Boneventure, qui contrarium conclusionis mee tenet.' 

E f . 131 v: ,Pro declaratione istius sie procedam. Primo formabo quam- 
dara Positionen! iuxta ymaginationem domini Boneventure predictum articulum 
declarantem. Secundo impugnabitur per rationes aliquas, quibus respondebitur, 
ut clarius appareat doctrina veterum theologorum. Tertio eligetur positio nio- 
dernorum dictis conformior. Pro primi ergo declaratione sex pono conclusiones 
iuxta menteni prefati doctoris . . .' ,Unde advertendum est pro mente sua ha- 
benda, quod coramuniter inter antiquos doctores fuerunt posite tres mensure, 
videlicet eternitas, evum et tempus.' 



268 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Von diesen beiden Lehrern ist uns Aureoli durch seinen 
gedruckten Sentenzenkommentar und seine Quodlibeta, sowie 
durch eine fleißige, ihm gewidmete Studie Dreilings einiger- 
maßen bekannt. Zur allgemeinen Kennzeichnung seiner Lehr- 
richtung ist oben einiges gesagt. Dagegen bedarf Johannes de 
Ripa einer gewissen Einführung. 

a) Johannes de Ripa. 

Bartholomäus von Pisa erwähnt, wie üblich, unsern Theo- 
logen an zwei Stellen seines zwischen 1385 und 1390 verfaßten 
Liber conformitatis , nämlich in der Conformitas VIII, pars 2. 
wo er die durch ihr Wissen ausgezeichneten Brüder (fratres 
scientia singulares) aufzählt ^ und in der Conformitas XI, pars 2, 
wo er die Verbreitung des Ordens (multitudo locorum) schildert 
und bei der Aufzählung der einzelnen Konvente'^) die in irgend 
einer Weise hervorragenden Brüder namhaft macht, welche aus 
denselben hervorgegangen sind. Außer den obligaten Lobsprüchen 
erfahren wir von Johann, daß er aus den Marken stammte, 
weshalb er zuweilen als Johannes de Marchia bezeichnet wird. 
Sein Heimatkonvent war Ripatransone in der Kustodie von Ascoli. 
Daher Johannes de Ripa. 

In den Handschriftenverzeichnissen der Antoniana von 
Padua von Josa und Minciotti wird Johannes zum Jahre 1250 
angesetzt ^). Er gehört offenbar um die Mitte des 14. Jahrhunderts. 
Alfonsus Toletanus, der 1345 in seinem Sentenzenkommentar so 
viele Autoren, darunter auch den Franziskus de Marchia so oft 
erwähnt, weiß nichts von Johann. Ich fand ihn bisher erst bei 
Peter d'Ailly (1350—1420), bei Gerson (1363—1429) und bei 
dem Augustiner Johann von Basel (vor 1365). Es dürfte daher 
das Datum, welches eine Erfurter Handschrift Fol. 369 aufweist, 
mehr Beachtung verdienen, als die Handschrift auf den ersten 
Blick beanspruchen zu können scheint. Es heißt nämlich Bl. 200: 
,ExpIiciunt determinationes. doctoris ingeniosissimi magistri Jo- 
hannis de Rippa, per eumdem pronuntiate Parisius. Deo gratias, 
anno 1354.* Die vierte Zahl fehlt im Verzeichnis Schums, doch 
glaube ich sie richtig gelesen zu haben. Viel später als in das 
sechste Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts dürfte Johann nicht anzu- 
setzen sein. 

Capreolus nennt in der Einleitung zu seiner großen Schutz- 
schrift des hl. Thomas unter den Autoren, gegen deren Angriffe 

1) ed. Quaracchi, 1906, p. 340. 2) Ebd. p. 511. 544. 

8) Vgl. L. Minciotti, Catalogo dei Codd. Mss. della bibl. di S. Antonio 
Padova, Padova 1842, 64 und A. M. Josa, I Codd. Mss. della bibl. Antoniana di 
Padova, Padova 1886/ 194. 



Die Schulen. 8. Einzelne Lehrer, a) Johannes de Ripa. 269 

er den Aquinaten verteidigt 0, auch Johann, obgleich er sich im 
Verlauf seiner Ausführung nur selten mit ihm auseinandersetzt. 
Gerson^), obgleich der folgenden Generation angehörend, stellt 
Johann mehrmals in prägnanter Weise neben Skotus; nicht 
als dessen Schüler, sondern als einen selbständigen, aber geistes- 
verwandten Fortschreiter auf der durch den Nominalismus er- 
öffneten Bahn. 

Es dürfte sich lohnen, hier bei der [Erwähnung Johanns 
auf eine Bemerkung Peters aufmerksam zu machen, welche für 
die Beurteilung der in den mittelalterlichen Sentenzenkommen- 
taren verwerteten Literatur von Bedeutung ist. Petrus sagt 
Ef.27 von der Erkenn- und Beweisbarkeit der göttlichen Voll- 
kommenheiten : , Alii doctores, quosviderepotui, tenent, quod talis 
propositio non est pure <per se?> nota, sed bene est demonstrabilis.. 
Huius opinionis fuerunt Doctor Subtilis et beatus Thomas, Ockam, 
Adam, Joannes de Ripa. Sed eorum diversitas est in modo 
probandi.* Lückenlose Heranziehung der einschlägigen Literatur, 
ja selbst methodische Auswahl derselben war bei den damaligen 
Bibliotheksverhältnissen selten und kaum erreichbar. Die 
Autoren mußten sich in der Regel, wie hier Petrus, mit der 
ihnen , erreichbaren* Literatur bescheiden. Es waren eben im 
14. Jahrhundert größere, öffentliche Bibliotheken noch selten^); 
Bibliotheksreisen kostspielig und langwierig. Die Kloster- und 
Kollegsbibliotheken, die hier vor allem in Betracht kommen, 
waren wohlgehütet. Die Scholastik war die Spezialität der 
Mendikanten- und Zisterzienserbibliotheken. Natürlich kommen 
nicht die Büchereien kleiner Konvente, sondern die der Pro- 
vinzial- und zumal der Generalstudienhäuser in Betracht. Aber 
auch von diesen enthielt jede in der Regel nur die führenden 
Lehrer ihres Ordens in einer gewissen Vollständigkeit; von den 
Lehrern der andern Orden und Schulen meistens nur die Sterne 
erster Größe. Von den Lehrern zweiter und dritter Ordnung 
selbst ihres eigenen Ordens, vor allem von deren nach- 
geschriebenen (reportata, data ad pennam) Schriften fand sich die 
eine oder andere, so daß zu einer auch nur annähernden Voll- 
ständigkeit die Zusammenfassung mehrerer Studienbibliotheken 
desselben Ordens erforderlich war. Es ist merkwürdig, wie diese 
selteneren Autoren sich auf die Studienhäuser verteilen; wahr- 
scheinlich wie sie eben die von den Generalstudien, zumal von 
Paris zurückkehrenden, als die zu ihrer Studienzeit bevorzugten 



1) S. oben S. 105, Anm. 3. 

2) Opera omnia ed. Dupin I 101, 77. 

3) Ehrle, Historia bibliotheca Rom. Pont. (Romae 1890) I 747 ss. 743 ss. 



270 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Lehrer in ihre Heimatsprovinz mitbrachten. Eine etwas weitherzi- 
gere Vertretung der Lehrer aller Orden und Schulen zeigt uns der 
alte Bibliothekskatalog der Sorbonne ^). Etwas von dieser Eigenart 
findet sich auch in dem Oxforder Theologenkolleg, in dem Merton- 
Kolleg, Einen bedeutenden Fortschritt unsrer Kenntnis des mittel- 
alterlichen Bibliothekswesens dürfen wir uns von der Sammlung 
der mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und Öster- 
reichs versprechen, von welcher vor kurzem die beiden ersten 
Bände durch Th. Gottlieb und P. Lehmann veröffentlicht wurden^). 
Der Katalog der Wiener Dominikanerbibliothek von 1513^) kann 
als ein Schulbeispiel dessen gelten, was wir für die Geschichte 
der Scholastik von dieser Sammlung erwarten dürfen. 

Zu den selteneren Autoren zweiter und dritter Ordnung 
gehört auch Johannes de Ripa, der uns hier beschäftigt. Auch 
nach seiner Ernennung zum Bischof von Novara gedachte Petrus 
das Studium dieses Autors fortzusetzen; vielleicht zur end- 
gültigen Ausarbeitung seiner Sentenzenkommentare. Wie die 
Hs 572 ^) der Antoniana in Padua uns zeigt, lieh " sich Petrus 
Johanns Kommentar zum ersten Sentenzenbuch aus dieser 
Bibliothek aus. Wir lesen Bl. 21 im Inventar der ausgeliehenen 
Bücher: ,Primo reverendus pater et dominus Petrus de Candia, 
episcopus Novarensis, habet primum magistri Johannis de Ripa 
et habuit eum a reverendo patre magistro Barth olomeo de Plebe, 
et dominus Marcus Phalero, nobilis civis Venetiarum, est fidem- 
jussor predicti libri.' Die Handschrift scheint in die Antoniana 
zurückgekehrt zu sein. Wenigstens findet sich daselbst noch 
jetzt, wie wir gleich sehen werden, ein hervorragend schönes 
Exemplar dieses Kommentars. 



1) L. Delisle, Cabinet des manuscrits de la Bibl. Nat. Paris. 3 (1871) 9—114. 

2) Th. Gottlieb a.a.O. — P.Lehmann, Mittelalterliche Bibliotheks- 
kataloge Deutschlands und der Schweiz. München I: Konstanz und Chur. 

8) Gottlieb a. a. 0. 1, 293—414. 

4) Hs 572, Pergament, Folio, 49 Bl., dicke, große Schrift enthält nach 
Bl. 2: ,In Christi nomine, amen. Annoeiusdem nativitatis 1396, indictione quarta, 
die Veneris 15 mensis Septembris infrascriptum inventarium librorum conventus 
sancti Antonii de Padua factum in presentia honoräbilium virorum dominorum 
Jacobi de Zachis, Fredi de Plombiolis, Caroli Aurificis, Petri Masenentis Pisani 
bidelli et Petri de Paradiso, strazaroli, deputatorum.' 

Bl. 2 bis 9 liturgische Bücher. — Bl. 9 ^ : .Registrum armarii librorum sacri 
conventus beati Antonii confessoris de Padua, qui sunt catenati.' — Bl. 14: ,Libri 
extra armarium cum catena sunt infrascripti', bis Bl. 20 ", wo die Liste der aus- 
geliehenen Breviere und Bücher sich findet. 

Bl. 23 bis 48 V füllt das Inventar der Sakristei mit dem Datum 1397, 
die 10 maii. Hs 573 enthält ähnliche Bibliotheks- und Sakristei-Inventare aus 
dem Jahr 1449. 



Die Schulen. 8. Einzelne Lehrer, a) Johannes de Ripa. 271 

Peter d'Ailly, ein Zeitgenosse Peters von Candia, bezeich- 
net^) mit einem gewissen Nachdruck Johann de Ripa als den 
Komnientator des Skotus, was doch wohl eher auf Landulf paßt, 
wie wir sehen werden. 

Heinrich von Langenstein (de Hassia) spricht in seiner 
Streitschrift gegen die ,Maroniten* ^) und seiner Verteidigung 
des hl. Bernhard im Streite über die Unbefleckte Empfängnis von 
den ,formalitates Doctoris Subtilis de Scotia, und den quidditates 
Johannis de Marchia* ^). Diese Zusammenstellung der , quidditates* 
Johanns mit den bekannten, aus der skotischen ,distinctio for- 
malis* sich ergebenden ,formalitates' des Skotus ist ein nützlicher 
Fingerzeig, der aber zu seiner vollen Verwertung ein genaueres 
Studium des handschriftlichen Sentenzehkommentars Johanns 
verlangt. 

Mehr als mit irgend einem anderen Autor, selbst noch 
mehr als mit Aureoli, beschäftigt sich Petrus mit Johann*). An 
den meisten Stellen setzt er sich kritisch mit ihm auseinander. 
Er kennt ihn genau, hebt den Lehrpunkt hervor, welchen er ein- 
gehender als alle anderen Autoren behandelt hat^), und tritt ihm 
meistens entgegen. Wenn also auch Petrus etwas später als 
Johann in Paris weilte, so muß ersterer doch wohl noch unter 
der Einwirkung dieses, wie es scheint, hervorragenden Lehrers 
gestanden haben. Soweit die von Petrus verwerteten Stellen 
Johanns einen Schluß erlauben, scheint dieser, ähnlich wie Aureoli 
und Ockham vom Skotismus ausgehend, ein zu mächtiger Geist 
gewesen zu sein, um sich ähnlich wie Maironis und Landulf u. a. 
auf diese Doktrin einzuschwören. Sie diente ihm, teilweise in der 
Ausgestaltung, welche sie durch Aureoli und Ockham erhalten 
hatte, als Ausgangspunkt selbsteigener Spekulationen. Diese er- 



1) Questiones magistri Petri de AUiaco, cardinalis Cameracensis super 11, 
Sententiarum. Argentlne, 1490, Bl. 1^, 1 Sent. q, 6, a. 2: ,Omnes doctores in 
hoc concordant <omnia attributa divina vel rationes attributales non supponunt 
pro perfectionibus distinctis essentialiter vel realiter>, sed differenter; quia ali- 
qui tenent, quod nee supponunt pro perfectionibus distinctis formaliter seu quo- 
modocunque aliter. Et hoc infra tenebo et infra probabo. Alii tenent, quod 
nee supponunt, quod pro distinctis formaliter et concedunt pluralitatem perfec- 
tionum divinarum, non tarnen realiter sed formaliter distinctarum, sicut Scotus et 
suus commentator ille Johannes de Ripa, quam opinionem inferius evidenter 
reprobabo.* 

2) über die einschlägigen Schriften Wilhelms von Ware (Guaro), Franz 
Maironis und Peters Aureoli vgl. Lemmens, Franciscana Scholastica MedüAevi. 
III: Gull. Guarrae, Jo. Duns Scoti, F. Aureoli qq. disp. de Immac. Conceptione. 
Quaracchi, 1904; Ehrle, Die Ehrentitel der scholastischen Lehrer des M. A., 
in: Sitzungsber. der bayr. Akad, der Wissenschaiten, hist. Kl. 1919 19 ff. 

3) S. oben S. 267. *) g. oben S. 59. 68—71. &) S. oben S. 68. 71. 73. 



272 lll. Zur Charakteristik Petßrs von Candia. 

halten daher vom Skotismus und Nominalismus nur ihr Grund- 
gepräge, auf welches dann die persönliche Eigenart Johanns 
weiteres Detail eintrug. In dieser persönlichen Ausprägung zeigt 
er sich aber allem Anscheine nach weniger grundstürzend und wage- 
mutig als Ockham. Doch wie gesagt, erfordert eine sichere und 
mit kräftigeren Zügen zu entwerfende Zeichnung der Lehr- 
Physiognomie Johanns ein eingehenderes Studium seines Sentenzen- 
kommentars. 

Zu diesem Studium kann ich noch einen vielleicht richtung- 
gebenden Beitrag liefern. Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, 
haben wir Johannes de Marchia mit den beiden extremsten 
Nominalisten, dem Nikolaus von Autrecourt und Johann von 
Mirecourt, in eine gewisse Verbindung zu bringen, zumal mit 
letzterem. Die Lehr Verurteilung, durch welche durch dreiund vierzig 
Pariser Theologieprofessoren unter dem Vorsitze des Universitäts- 
kanzlers Roberto de Bardis, eines Florentiners, 1347 vierzig bis 
fünfzig Sätze verboten wurden^), traf ohne Zweifel in erster 
Linie die echt nominalistischen Ausgeburten des jugendlichen Bak- 
kalaureus der Theologie Johann von Mirecourt^). Es müssen eben 
seine ,prinzipia' und sein Sentenzenkommentar von 1345 wirklich 
den Höhepunkt der dieser Schule eigenen Verwegenheit und 
Sucht nach Staunenswertem und Unerhörtem gebildet haben. 
Daß Johannes de Marchia solchen Leistungen nahestehe, ist eine 
Anschuldigung, welche nur auf Grund stichhaltiger Beweise 
erhoben werden darf. 

Solche scheint der schon mehrmals erwähnte Augustiner- 
eremit Johann von Basel zu liefern in seinem um das Jahr 1370 
verfaßten Sentenzenkommentar ^). In seiner vier- und fünfund- 
dreißigsten Quästion zum ersten Buch behandelt er die schwierige 
Frage von der Mitwirkung Gottes zu unseren freien und im be- 
sonderen zu unseren sündhaften Handlungen. Hierbei legt er 
gewisse Ansichten vor, von welchen er bemerkt: ,Ad ista, 
quamvis non appareat in f oris *), continent tamen hec dicta 

^) Denifle-Chatelain, Chartularium II 613, n. 1147 nach einer Hs der 
Wiener Dorainikanerbibliothek BI, 125^: ,Articuli fratris Johannis de Mercuria (!) 
ord. eist, coildempnati per Robertum de Bardis, cancellarium Parisius, de con- 
sensu magistrorum, an. Dom. MCCCXLVir mit nur sieben Artikeln. 

2) Ebd. aus derselben HsBl. 125 v; ,Articuli Joannis de Mirecuria, baccalarei 
in theol. <liest die Sent. 1345, s. ebd. II 569, n. 1111> ord. Cist.aliorumque 
Parisiis per 43 magistros in theol. reprobati tanquam erronei et a venerabili 
Hugolino ord. erem., s. theol. doctore eximio, in hanc brevem forniam collecti. 
In dieser Fassung sind sie abgedruckt ebd. II 610—613. 

Robertus de Bardis wird Kanzler 7. März 1336; ebd. II 459, n. 998. Er 
starb vor dem 26. Oktober 1349; ebd. II 657, n. 1177. 

3) Vgl. oben S. 266. ^) Hs unklar, oder ,in forrais'. 



Die Schulen. 8. Einzelne Lehrer, a) Johannes de Ripa. 273 

laqueos, propter quos doctrina Johannis de Marchia prohibita 
fuit, quia aliqui ipsum sequi volentes, hoc concesserunt et alia 
plura magis male sonantia' 0- — Außerdem beruft er sich in der 
letzteren Quästion auf den elften und zwölften der 1347 ver- 
urteilten Artikel: ,Per alium articulum de novellis damnatis per 
dominum Robertum XI "s et duodecimus sunt ad idem, scilicet 
quod peccantem Dens wlt peccare: error* ^). — Weiterhin setzt 
sich hier Johann von Basel mit Bradwardine auseinander, der, 
wie schon mehrfach hervorgehoben wurde ^), Johann von Mire- 
court beeinflußte. Er schließt seine Ausführung mit der Bemerkung : 
,Et tamen oppositum huius arguit Doctor profundus; in hac parte 
plus confusus quam profundus, 1. l'' Summe sue 33" et 34° 
capitulis* % 

Einen interessanten Kommentar und eine gewichtige Be- 
kräftigung obiger Bemerkung Johanns fand ich in der Wiener 
Handschrift der Statuten der theologischen Fakultät von Bologna, 
welche, wie ich an einer anderen Stelle nachweisen werde, den 
Augustinereremiten Ugolino Malabranca von Orvieto zum Ver- 
fasser haben. Er hat nämlich das Verzeichnis der 1347 verur- 
teilten Sätze seinen Statuten als letztes Kapitel angefügt, nicht 
etwa in einer von ihm selbst stammenden Neuredaktion, wie die 
Herausgeber des Pariser Chartulars nach der Wiener Hs. an- 
nahmen % sondern in dem offiziellen Text der Pariser theologischen 
Fakultät. In seiner kurzen Einleitung^) kennzeichnet er die 

1) Clm. 26711, Bl. 145 ^b. vor Mitte. 

2) Ebd. Bl. 149 vb. — Die beiden Artikel lauten in der Wiener Hs.: <11> 
Item quod Deus aliquid reprobat, quod ipse wlt esse vel fieri voluntate bene- 
placiti. — <12> Item quod Deus facit malum culpe esse et peccatum esse, et 
quod peccator peccet et vult, facit esse. 

3) D'Argentr6 I 1, 345—355. *) Bl. 150 a. 

5) S. oben S. 27. 

6) Bl. 116. Die Überschrift des Kapitels lautet: ,Quare patetiunt aliqui 
articuli condempnati, qui sunt magis latentes. Rubrica. Capitulum XXIII™. 

,In quorumdam doctrinis sie palliati delitescunt errores, ut ipsismet teme- 
rariis assertoribus sint plerique ignoti, licet a doctoribus per lucem gratie de- 
struantur. Propterea illi seniores luminosi meritoque famosi doctores in Pari- 
siensi studio probati, in sacra theologia magistri, velud ad fores sapientie sem- 
per vigiles et ad postes hostii eins propensius observantes, ne dogma subdolum 
latenter serperet ad ingressum, numerosos patefecerunt trina vice articulos 
propter virus eorum . . . repellendos. Verum quia posteriores articuli secunda 
et trina vice per quadraginta tres solempnes magistros, post doctam indaginem 
condempnati in sua virulentia sunt magis latentes ; ego frater Ugolinus de Urbe 
Veteri, ordinis heremitärum sancti Augustini, memorie dictorum magistrorum in- 
dignus discipulus, prout Parisius in actis universitatis theologorum in forma 
publica reperi, Ipsos articulos utique noxios, ne nostram Bononie universitatem 
inficiant, hie inferius annotavi de mandato domini domini (!) Aymerici Bononie 
episcopi, nostre facultatis cellantissimi cancellarii nee non et reverendorum ma- 
Franzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrl e, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 18 



274 lll. 2ur Charakteristik Peters von Candiä. 

Sätze, in voller Übereinstimmung mit Johann von Basel, als solche, 
deren Tragweite und Gefährlichkeit ihren Verfechtern selbst 
nicht klar waren. Es mußten daher nach ihm die alten, erprobten 
Lehrer (illi seniores luminosi . . . famosi . . , probati) ein- 
greifen und der unreifen Jugend das schleichende Gift aufweisen. 
Sie taten es durch drei Lehrverurteilungen (trina vice). Die 
40 bis 50 1347 von 43 Lehrern verurteilten Sätze sollen der 
zweiten und dritten Verurteilung angehören (secunda et tertia 
vice). Hiermit ist auch die Nachricht der Wiener Hs zusammen- 
zuhalten, nach der die Verurteilung nicht nur Sätze des Johannes 
de Marchia, sondern auch anderer Lehrer enthielt (aliorumque) ^). 
— Ugolino hält diese gefährliche Lehrentwickelung noch nicht für 
abgeschlossen; im Gegenteil, er fügt das Pariser Verzeichnis am 
Schlüsse seiner Statuten für Bologna an, damit allenfalls 
weitere zu verbietende Sätze angefügt werden können. 

Hierher gehört auch das Explicit des Sentenzenkommentars 
des Franziskanermagisters Franz von Perugia^), welcher uns in 
Clm. 8718 (Pergament, 192 Bl., 330 x 243 mm, 14. Jahrh.) 
erhalten ist. Es lautet Bl. 80 : ,Explicit liber primus Sententiarum 
editus a magistro Francisco de Perusio regente Parisius in scolis 
fratrum Minorum anno Domini M'*CCC°.LXX. suptilissime, in 
multis passibus oppositum magistro Johanni Ripe tenentem(!), 
recitando multas suarum rationes probantes(?) et improbantes.* 
Wir erfahren hier, daß Franz 1370 im Studienkonvent der 
Franziskaner in Paris die Sentenzen erklärte und sich hierbei 
eifrig mit den von Johannes de Ripa vorgetragenen Ansichten 
auseinandersetzte. Es wäre also für eine Untersuchung des 
Johannes dieser Sentenzenkommentar des Franz von Wert. 

Dies sind wohl alles Fingerzeige, welche bei einer Unter- 
suchung des handschriftlichen Sentenzenkommentars des Johannes 
de Marchia vielleicht von Nutzen sein können und hoffentlich 
dazu führen werden, diesen Höhepunkt des Nominalismus, in dem 
offenbar Johannes eine nicht nebensächliche Rolle spielte, aus 
seinen treibenden Kräften und seinen Zielpunkten nach Gebühr 
zu beleuchten. 

Von dem Sentenzenkommentar Johanns de Ripa kann ich 
vorerst nur sechs Handschriften nachweisen. 



gistrorum meorum, et statutis nostris, que de prefatorum patrum cancellarii 
dictando extendi, ideo ultimo loco inserui, ut, si apparuerint erroney articuli 
alii noviter condempnandi et adiungendi nuUus limes prepediat.' 

1) S. 272 Anm. 2. 

2) Mein Kollege Fr. Pelster machte mich gütigst auf diese Handschrift 
aufmerksam. Vgl. über Franz F. Ehrle, Die Ehrentitel der scholastischen Lehrer 
des M. A. n. 9, S. 47, n. 11. 



t)ie Schulen. 8. Einzelne Lehrer, a) Johannes de Ripa. 275 

Paris, Nationalbibliothek (aus der Sorbonne) fis Fond latin 15369, 
Pergament, Folio, 351 Blätter, 14./15. Jahrh. — Bl. 2 in alter Hand : ,Incipit 
lectura fratris Johannis de Marchia (de Marchia ausradiert und Ripa 
darüber geschrieben).' — Bl, 347^ vor dem Inhaltsverzeichnis von der- 
selben alten Hand: .Explicit primus über Sententiarum ex exemplari 
originalis compilati ab ore magistri Johannis de Marchia (darüber von 
derselben Hand de Ripa) de ordine fratrum Minorum.' 

Die ,Collatio' beginnt: ,Amice ascende superius. Tunc erit tibi 
gloria Luc 14.' — Die erste Quästion : ,utrum divina essentia possit esse 
de immensa intellectui creato notitia theologica beatifica*; — zur dist. 
1 Bl. 64»: ,utrum sola trinitate incommutabili creatura rationalis beatifice 
possit frui'; — die letzte zu dist. 48: ,utrum cuiuslibet voluntatis create 
iuste et recte agere a prima et summa rectitudine voluntatis divine 
originem deducat.' 

Padua, Antoniana, Hs 190, Pergament, 259 Blätter, 30X21 cm, 
14. Jahrb., schön, mit vergoldeten Initialen i). 

Assisi, Stadtbibliothek (aus S. Francesco), Hs 156, Pergament, 
202 Blätter, 339 X 240 mm, 15. Jahrh. Die Initialen sind ausgeschnitten 2). 

Eine andere Arbeit Johanns enthält die oben erwähnte Erfurter 
Hs F. 369, Pergament, Folio, 200 Blätter, 14. Jahrh. Sie füllt in dieser 
Handschrift Bl. 147—200. 

Das oben 3) mitgeteilte Explicit spricht von .determinationes pro- 
nuntiate Parisius', aber auf Bl. 147 werden sie als Kommentar zum 
zweiten Sentenzenbuch bezeichnet. Sie beginnen: ,Quoniam elucidatiö 
sapientie fructus est consummatus ipsumet <!> teste Ecc. 34. Qui elucidant 
me vitam eternam habebunt. Ideo pro hoc fructu principaliter obtinendo, 
occasionaliter autem propter quedam, que in prologo primi Sententiarum 
tractavi, in quibusdam determinationibus impugnata, licet non ad proprium 
intellectum, quem habui ad ipsorum declarationem sinceram, ad plenam 
indaginem veritatis.' Wie wir hier erfahren, sind die ,Determinationes' 
jünger als der Sentenzenkommentar. Sie sind veranlaßt durch Angriffe, 
welche ein Lehrer infolge von Mißverständnissen gegen einige Punkte 
von Johanns Erklärung des Prologs der Sentenzenbücher gerichtet 
hatte. Die erste Frage lautet: ,utrum divina essentia secundum quam- 
libet perfectionem intrinsecam communicabüis sit ad extra ut forma 
informativa.' Es sind drei Quästionen, von welchen jede drei Artikel 
enthält. Sie schließen: ,qualiter concludunt, patere potest ex dictis et 
cetera.' Eine genauere Prüfung der Autorschaft Johanns dürfte sich 
empfehlen. 

Rom, Vatic. lat. 1082, Pergament, 269 Blätter, 318X223 mm, 
14. Jahrh. Lesbare, stark gekürzte Schrift. — Enthält den Kommentar 
zum ersten Sentenzenbuch ohne die .CoUatio'. Der Kommentar beginnt 
,Circa prologum' und endet wie Vatic. 1083. — Bl. l auf dem unteren 



1) L Minciotti, Catalogo dei codici manoscritti di Sant' Antonio di 
Padova 64. 

2) G. Mazzatinti, Inventar! dei Mss. delle Biblioteche d' Italia (Assisi), 
Forli 4 (1894) 48. s) S. 268. Vgl. Schum, a. aO. 258. 

18* 



276 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

Rand ein päpstliches Roverewappen, wahrscheinlich Sixtus' IV. — Bl. 
264^ von einer Hand des 15. Jahrh.: ,Ad usum magistri Francisci de 
Vellero, est liber iste. Si quis furatus fuerit suspendatur. Amen, Amen.' 
Darunter von einer dritten Hand, ebenfalls des 15. Jahrh.: .Johannes 
de Ripa super Sententias.' Bl. 265—269 ein alphabetischer Index. 
Bl. 269 von derselben Hand des 14. Jahrh. : ,ExpKcit tabula super primum 
Sententiarum reverendi magistri Johannis de Ripa provincie Marchie 
Anchonitane.' 

V a ti c . 1 a t . 1083, Pergament, 284 Blätter, 300 X 207 mm, 14. Jahrh. — 
Enthält nach Bl. 281 von derselben Hand: ,ExpIicit primus liber Sententia- 
rum finitus per manus Guillelmi Langerdy, compilatus ab ore <magistri 
Johannis de Marcliia(?) ausradiert) de ordine Minorum. Hec sunt acta 
in studio Parisiensi. Anno Domini 1357. 16. die Decembris. Vgl. unten 
Vatic. lat. 6738, B1.118. — Bl. 281-284 ein Verzeichnis der 281 ,articuli'. 
Eine ähnliche Datierung von 1345 findet sich auch im gedruckten Sen- 
tenzenkommentar Gregors von Rimini. . 

Bl. 1. Die ,Collatio' beginnt wie oben. — BI.lv folgt: ,Circa pro- 
logum primi libri Sententiarum, in quo doctores communiter solent 
investigare de notitia theologica, ,qualis sit' primo inquiram de notitia 
theologica beatorum: ,que sit' et ,qualis sit', et demum de notitia theo- 
logica viatorum in lumine qualicunque creato, naturall vel supernaturali.' 

,Circa primum igitur ergo quero istam questionem: utrum divina 
potentia possit esse de immensa natura intellectui creato notitia theo- 
logica beatifica. Et quod non arguo quadrupliciter.' Nach vier Argumenten 
folgt Bl. 2: ,Ad oppositum autem istius questionis arguo sie' Nach vier 
Gründen für die gegenteilige These beginnt die Lösung Bl. 2: ,Circa 
istam questionem iuxta quatuor argumenta ad partem negativam 
deducta, quatuor deducam articulos, ex quibus clare patebit, quid 
sentiam de quesito.' 

Primus igitur articulus iuxta materiam primi argumenti est iste : 
utrum Sit absolute possibile, formam creatam esse proprio sub obiecto 
formali remissius actum vel formam intrinsecam, que sit in sua natura 
actus vel forma.' Der Kommentar endet Bl. 281: ,hanc regulam incommu- 
tabilem et immensam beatifice contemplari nos faciat, qui est via, 
veritas et vita perfecta.' 

Vatic. lat. 1084, Papier und Pergament, 237 Blätter, 291X213 mm, 
geschrieben 1460. — Beginnt Bl. 1: ,Circa prologum' wie oben. Ent- 
hält Bl. 1—106^ im wesentlichen denselben Text des Kommentars zum 
ersten Sentenzenbuch, aber verkürzt und in anderer Ordnung. Der 
Text endet Bl. 106 v wie Vatic. lat. 1083. Hierauf folgt von derselben 
Hand: ,Explicit lectura super primo Sententiarum, subtüis merito nuncu- 
pata, magistri Johann! de Ripis ordinis Minorum, 1460 die 19 m. maii.' 

Vatic. lat. 6738, Pergament und Papier, 119 Blätter, 278X202 mm, 
14. Jahrh. — Bl. 1 am oberen Rand von einer Hand des 16./17. Jahrh.: 
,Johannes de Marchia super primum Sent.' Enthält den Kommentar zum 
ersten Sentenzenbuch unvollständig, in gut leserlicher Schrift. Beginnt 
Bl. 1: ,Circa secundam distinctionem, in qua Magister agit de unitate 
divine essentie.' — Endet Bl. 118 wie Vatic. lat. 1082 und 1083. Am 



Die Schulen. 8. Einzelne Lehrer, b) Brinkel. 277 

Schluß von derselben Hand: .Explicit primus über Sententiarum scrlptus 
et compilatus ab ore magistri Johannis de Marchia de ordine Minorum. 
Hec sunt acta in studio Parisiensi anno Domini 1357 16. die decembris 
per manus Christofori Pragensis. Deo gratias.' Vgl. oben Vatic. lat. 
1083, Bl. 281. 

Vatic. lat. 6761, Pergament, 257 Blätter, 336X240 mm, 14./15. 
Jahrb., die ersten sieben Blätter falsch gebunden. Bl. 2 die ,Collatio'. 
Bl. 1 der Name des Verfassers von einer Hand des 17. Jahr. Bl. 255 y 
,Liber conventus de Spo<le>to ordinis heremitarum S. Augustini* von 
einer Hand des 15. Jahrh. mit großem Omega u. g. als Bibliotheks- 
signatur. Endet wie Vatic. lat. 1082. 

Vatic. lat. 981, Pergament, 142 Blätter, 204X140, 14. Jahrb., ent- 
hält 1. Blatt 1 — 71^ die oben aus der Erfurter Hs F. 369 erwähnten 
,Deter minationes' des Johannes de Ripa. — 2. Bl. 71v— 87» folgen 
andere anonyme Quästionen. Die erste lautet- ,Utrum natura humana 
personaliter unita Verbo potuit in cognoscendo proficere.' — 3. Bl. 
91—105 nach drei leeren Blättern die oben erwähnten .Principia' des 
Augustiners Bonsembiante. Bl. 105 ,Expliciuntprincipia Bonsambl. doctoris 
ordinis fratrum hermitarum S. Augustini.' 

b) Brinkel. 

Sehr wenig war bisher von einem englischen, anscheinend 
der nominalistischen Richtung angehörigen Franziskanerlehrer 
Brinkel bekannt, welchen Petrus zweimal erwähnt. LelandO 
kennt ihn nicht. Bale (1559) nennt ihn Brinkelaeus Minorita^); 
Willot^) (1558) und Wadding*) (1650) verzeichnen ihn als 
Walter Brinkel, während Petrus ihn hier als Richard be- 
zeichnet. Sbaralea^) (1806) fügt dem von Wadding Gesagten 
nur einen völlig irrigen Hinweis auf die tabula originalium des 
Gualterius Pictaviensis an. 

Eine Ortschaft Brinkley oder Brinkel findet sich in der 
Grafschaft Cambridge^). Der Name Walter scheint auf Willot 
zurückzugehen. Bale kennt noch keinen Taufnamen. 

Was wir bisher von Brinkels literarischem Nachlaß wußten, 

1) J. Lelandus, Commentarü de Scriptoribus Britannicis ed. A. Hall, 
Oxonii 1709. 

2) J. Baleus, Scriptorum illustrium Maioris Brytanniae Catalogus. Ba- 
sileae II (1559), p. 52, Centuria XI. — Dazu: Anecdota Oxoniensia. Index Bri- 
tanniae Scriptorum, quos e variis bibliothecis non parvo labore coUegit Joannes 
Balaeus cum aliis: John Bale's Index of British and other writers ed. R. Lane 
Poole, Oxford 1902, p. 50. 

3) H. Willotus, Athenae orthodoxorum sodalitii Franciscani, qui vel . . . 
eruditione ... vel eloquentia, vel editis scriptis SS. Dei Sponsae Romanae operara 
navarunt, Leodii 1558. 

4) WSS ed.. 1806, p. 101. 5) Sb SS 313. 

6) A. G. Little, The Grey Friars in Oxford (Oxford Historical Society 20), 
Oxford 1892, 223. 



278 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

verdanken wir im wesentlichen Leland und Bale. Im Drucke 
des letzteren von 1559 wird für die dort gebotenen Notizen als 
Fundort nur: , ex bibliothecis* angegeben^). In seinen von Lane 
Poole veröffentlichten^) und von Little^) bereits benutzten Auf- 
zeichnungen erhalten wir genauere Auskunft. Da heißt es: 
Brynkeley . . . scripsit distinctiones theologicas lib. 1: Ad scien- 
dam primam originem et finalem^); ex Ramesiensi 
(Ramsey) monasterio. 

Brenkyll Minorita scripsit lecturam Sententiarum lib. IV: 
Utrum per aliquam disciplinam vel scientiam; ex Collegio 
Reginae Oxon. 

Brinquilis Minorita Anglus scripsit super Sententias lib. IV: 
Sit aliqua conclusio theologica; ex bibliotheca Carmelitarum 
Parisiensium. 

In seinem Drucke von 1559 betitelt Bale die dritte Schrift 
als jDeterminationes*, worin ihm die übrigen Literaturhistoriker 
folgen. 

Petrus erwähnt von Brinkel die erste Quästion seines Sen- 
tenzenkommentars (lectura) ^) und seine Logica ^), die selbst Prantl 
unbekannt blieb. Weitere Zitate fand ich bei dem Augustiner 
Johann von Basel, der 1389 Bischof von Lombez wurde und 
vorher bereits General seines Ordens war, folglich fast zur selben 
Zeit mit Petrus gelehrt haben muß''). 

Nach den uns erhaltenen Zitaten zu schließen, haben wir 
Brinkel einer bereits recht verstiegenen Periode des Nominalismus 
zuzuweisen. Es dürfte daher das ihm von Bale und seinem 
Gefolge zugeteilte Datum (1310) kaum zutreffen, vielmehr muß 
er wohl zur zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts herabgerückt 
werden, in die Nähe der Lehrtätigkeit von Petrus und Johann 
von Basel. Brinkel war eben doch kaum ein Gestirn, dessen 
Licht die Augen von 1310 bis zum ausgehenden Jahrhundert 
auf sich ziehen konnte, sonst wäre auch das Verschwinden seiner 
Schriften schwer zu erklären. 

Weiterhin führt Petrus einen ,Doctor profundus' an. Er nennt 
dessen Namen nicht, sondern bezeichnet ihn nur durch den 
Zusatz ,qui fuit magnus logicus'. Wer M^ar dieser Doktor? Nach 



1) A. a. O. p. 52. 2) A. a. O. p. 50. 51. 

3) A.a.O. p.223, note 3 aus dem Ms. Seid. siip. 64, f. 16 v, 
*) Dies ist das Incipit: Die Anfangsworte der Schrift. — In der Ausgabe 
von 1559 setzt Bale: »originem et fin*. 

5) S. oben S. 68 f. 

6) S. oben S. 71. Sie findet sich in Prag, Univ.-Bibliothek cod. 396, 
Truhlar I 154. '^) S. über ihn Ossinger, Bibliotheca Augustiniana 440. 



Die Schulen. 8. Einzelne Lehrer, b) Brinkel. 279 

der hier unten folgenden Sammlung von Ehrentiteln scholastischer 
Lehrer, deren Wert wir hier erfahren, können nur zwei in Frage 
kommen: der Franziskaner Jakob von Ascoli und der Erzbischof 
von Canterbury Thomas Bradwardine (f 1349). Schon der 
Hinweis auf den Logiker, sowie das nominalistische Gepräge der 
diesem Doktor entnommenen Stellen deuten auf Thomas. In der 
Tat war es nicht allzu schwer, in dem Werke , De causa Dei 
contra Pelagianos et de virtute causarum' die von Petrus er- 
wähnten 13 conclusiones und die von ihm mitgeteilte zweite 
conclusio zu finden*). 

Ganz in derselben Weise wie Petrus zitiert auch Johann 
von Basel den ,Doctor profundus* ohne Angabe des Namens^). 
Es hatte sich also dieser Ehrentitel in der zweiten Hälfte des 
14. Jahrhunderts so eingebürgert, daß er als allgemeinverständ- 
lich angesehen werden konnte. Bradwardine war in der Tat ein 
umfassender und scharfsinniger Gelehrter, dem die pelagianischen 
Tendenzen einiger Sätze Ockhams und seiner Schule nicht ent- 
gehen konnten. Doch in der nominalistischen Atmosphäre seiner 
Zeit aufgewachsen, besaß er nicht das zwischen beiden Extremen 
äquilibrierte, traditionelle Wissen, um ohne eigene Gefährdung 
in der Richtung des andern Extrems den richtig erkannten 
Irrtum zu widerlegen '^). 

Schwer verständlich ist für uns die etwas spitzige Be- 
merkung, mit welcher Petrus den als Ordensgeneral (1326 — 1343) 
und Bischof von Novara (1343 — 1356) hervorragenden Augustiner 
Wilhelm Amidani von Cremen a bedacht hat, zumal als er 
sein Amtsvorgänger auf dem Stuhle von Novara war. Wilhelm 
hat eine gewisse Bedeutung durch die Schrift, mit welcher er 
in die kirchenpolitischen Kämpfe Johanns XXII. und Ludwig des 

Bayern eingriff.^) 

* * 

Im vorstehenden sollte ein kleiner Beitrag zur Geschichte 
der Scholastik des 14. und 15. Jahrhunderts geliefert werden, so 
gut es die traurigen und unruhigen Zeiten erlaubten. Es ist 



1) ed. H. Savilii, Londini 1618, p. 653 f. und siehe oben S. 72. 

2) Clm. 26711 ff. 3'. 9. 11. 18 v. 

3) Vgl. S. Hahn, Th. Bradwardiuus und seine Lehre von der menschlichen 
Willensfreiheit. (Beiträge zur Gesch. der Philosophie des M. A. V. 2), Münster 
1905, wo die übrige Literatur verzeichnet ist. 

*) Ossinger 1. c. p. 31 und Rieh. Scholz, Unbekannte, kirchenpoli- 
tische Streitschriften aus der Zeit Ludwigs des Bayern (Bibl. des preuß. histor. 
Instituts in Rom 9, 10), I (Rom 1911) 13 ff.; II (1914) 16-28: ,Reprobatio (6) 
errorum' des ,Defensor pacis'. Der Familiennamen ,de Amidenis' beruht auf 
der Autorität Arisis, Cremona letteraria I (Cremona 1702). 



280 III. Zur Charakteristik Peters von Candia. 

nichts Fertiges, nichts Abgerundetes, nur weniges von bleibendem 
Wert. Immerhin dürfte eine Anregung zur Weiterarbeit nach ver- 
schiedenen Richtungen gegeben sein. Es wurde zunächst an 
einigen Autoren nachgewiesen, um wieviel reichhaltiger um die 
Mitte des 14. Jahrhunderts im Vergleich mit der vorhergehenden 
Zeit die scholastischen Handschriften an literarhistorischen Hin- 
weisen werden. Sodann wurden auch aus bereits bekannten 
Quellen teilweise neue Resultate gewonnen, teilweise bisher 
unbeachtete Probleme herausgearbeitet, deren Fragezeichen uns, 
nun Antwort und Lösung heischend, entgegenstarren und zur 
Forschung anregen. Endlich wurde nachdrücklich auf die vielfachen 
Zusammenhänge hingewiesen, welche zwischen der Lehrgestaltung 
und Lehrentwicklung einerseits und anderseits dem Lehrbetrieb 
und den Verfassungsfragen der Hochschulen bestehen — alles 
Fäden, welche hoffentlich bald in glücklicheren und ruhigeren 
Zeiten leichter und feiner fortgesponnen werden. 



IV. Anhang von Aktenstücken. 281 

IV. Anhang von Aktenstücken. 

1. Die Antwort der Kölner Hochschule auf das Mahnschreiben 
der Kurfürsten in betreff des Wegestreites. 

(24. Dezember 1425, vgl. oben S. 149 ff.) 

Das Original dieses Schreibens mit den vier Siegeln der Faicultäten 
befindet sich nach einer gütigen Mitteilung des Herrn Stadtarchivar 
Professor Keussen in seinem Kölner Stadtarchiv unter n« 10 221. Bianco 
(F. J. von Bianco, Die. alte Universität Köln I, Köln 1855, Anhang 
238—241) beruft sich für seinen fehlerhaften Text auf die ,Annales 
univ. Coloniensis', die, vv^ie ich ebenfalls von Herrn Keussen erfuhr, in 
Wirklichkeit die noch im Stadtarchiv vorhandenen Briefbücher (Registra 
litterarum) der Universität sind. 

Vor Bianco war das Schreiben bereits von Martene-Durand, 
Thesaurus novus Anecdotorum. I (Paris. 1717) 1762—1766 veröffentlicht 
vs^orden, welche es einer Handschrift der Bibliothek der Famüie Bigot 
(ex ms. Bigotiano) entnahmen. Über diese Bibliothek sind wir durch 
L. Delisle (Cabinet des mss. de la bibl. Imperiale. I (Paris 1868) 322— 
329) unterrichtet. Ebenso hat er uns den alten Katalog dieser Bibliothek 
zugänglich gemacht: L. Delisle, Catalogue des mss. rassembles au XVII 
siecle par les Bigot (Collection des bibliophiles de Normandie), Ronen 
1877, petit in 4". Außerdem liegt uns noch der Auktionskatalog dieser 
Sammlung gedruckt vor: Bibliotheca Bigotiana seu Catalogus librorum, 
quos dum viverent, summa cura et industria ingentique sumptu congessere 
clarissimi domini uterque Joannes, Nicolaus et Ludovicus Emericus 
Bigotii, Paris 1706, in 12o. Der fünfte und letzte Teil enthält die Hss. 
H. Omont (Concordance des numeros anciens et des numeros actuels 
des mss. latins de la Bibl. Nationale, Paris 1903, pp. 42—45) hat die 
Bigotiani der Nationalbibliothek identifiziert. Ich habe unter ihnen die 
uns interessierende Hs nicht gefunden. Allerdings war mir der hand- 
schriftliche Gesamtkatalog dieser Bibliothek unzugänglich. 

Ohne Quellenangabe hat das Schreiben auch Du Plessis d'Argentrö, 
CoUectio iudiciorum de novis erroribus I2 (Parisiis 1728) 220—223 
abgedruckt. Er benutzte Martene-Durand. 

Dem hier gebotenen Abdruck lege ich eine von Herrn Professor 
Keussen genau geprüfte Abschrift des Kölner Originals zugrunde, für 
deren freundliche Mitteilung ich ihm den schuldigen Dank darbringe. 
Die Texte Biancos und d'Argentrös ließ ich unbeachtet, gebe aber die 
Varianten Martenes (M) und zwei des Kölner Originals (C). 

Bei der Bedeutung des Schriftstückes glaubte ich dem lateinischen 
Originaltext die deutsche Original-Übersetzung an die Seite setzen zu 
sollen. Ich verdanke eine genaue Abschrift dem Herrn Stadtarchivar 
Keussen. Ihr liegt das erste Briefbuch des Universitätspedells zugrunde, 
das gegenwärtig in der Pariser Nationalbibliothek als cod. lat. 5237 ver- 
wahrt wird; vgl. Catalogus bibl. Regiae, Parisiis 1744 IV. 4. p. 57. Sie füllt 
Bl. 285—287. Es handelt sich hjer um eine gleichzeitige und offizielle 
Übersetzung, welche uns den Sinn darlegt, in welchem der lateinische 



282 IV. Anhang von Aktenstücken, 

Originaltext zur Zeit seiner Abfassung in den Universitätski'eisen ver- 
standen wurde. Für das Verständnis mehrerer besonders wichtiger 
Stellen ist diese Kontrolle von nicht geringem Wert. 

,Ad gloriam sancte Trinitatis glorioseque Virginis^ Dei matris 
ac totius Curiae celestis. Amen. 

A Sancte ac felicis civitatis Coloniensis, fidelis filie Apostolice Sedis, 
honorabiles Domini exhibuerunt alme Universität! Studii eiusdem civi- 
tatis litteram per serenissiraos Principes sacri Imperii inclitos Electores 
ipsis destinatam, Qua vigilanter examinatä, videtur ejus tenor ad 
quosdam 2) Articulos posse summarie perstringi, 
B Primus est, quod in eorum zelo est, bonum Fidei salvare, procu- 
rare et augmentare. Quidquid autem tali bono contrarium fuerit, dissonum 
aut suspectum eliminare, extirpare ac relegare. 

C Secundus est, quod in Facultate Artium predicte Universitatis 
per Magistros nunc Regentes non legitur doctrina, que in principio 
fundationis Studii legebatur, que in aliis quoque Universitatibus Almanie 
legitur; Neque idem modus legendi observatur, qui ab origine Studii 
inolevit. 
. B Tertius est, quod Juvenes ibidem introducuntur in via alterius 
doctrine, puta sancti Thome et Alberti Magni aut talium antiquorum alti 
Sermonis Doctorum. 

i E Quartus est, quod, etsi doctrina talium Doctorum non sit in se 

mala, transcendit tamen Juvenum capacitatem. Unde evenit, quod 

Juvenes liujus doctrine subtilia dicta et alta principia non intelligentes 

_ et nihilominus secundum talem instructionem loqui presumentes, incidunt 

] in errores perniciosos aut hereses seu varias controversias. Exemplum 

\ adest de Pragensibus, quorum error ex tali doctrina emanavit. 

F Quintus est, quod Magistri moderniores, ut Buridanus, Marcilius 

et eorum College sive sequaces, hujusmodi periculum provide precaventes, 

doctrinam artium reduxerunt ad alium stilums) humiliorem, et ad alios 

terminos et modos loquendi, ex quibus nuUum derivari possit erroris 

contagium. 

G Sextus est, quod mentis eorum est, volle nos a tali novitate 
desistere, redeundo ad modum imbuendi in Artibus ab initio institutum. 
H Sane, omnimoda reverentia cuiuslibet semper salva, videtur pre- 
missis articulis cum humilitate sie posse responderi^). Unde ad 
Primum Articulum gaudemus in Domino super tali devoto Principum 
tam magnificorum zelo, deprecantes Altissimum, ut in eodem velit eos 
feliciter conservare, cupientes ex intimis precordiis eis coUaborare ad 
tam Divini propositi executionem expeditam, 

1 Ad materiam secundi puncti, dicimus quod ab inchoatione Studii 
Coloniensis fuit consuetum, juxta Statuta facultatis Artium legere libros 
Philosophi, cum questionibus et dubiis circa eösdem incidentibus; Qui 
etiam modus presentialiter viget et continuatur. Secundo dicimus quod 
ab exordio Studii Magistris pertractando &) suas questiones licitum fuit 



^) M add. Marie, 2) m quosdam> certos. ^) M stylum. 

4) M om. Sane — responderi. 5) m pertractandi. 



1. Kölnei* Hochschule an die Kurtursten in betreff des Wegestreites. 283 

et liberum, allegare diverses auctores, utpote vel Aristotelem vel 
Commentatorem Averorymi) aut Avicennam, Eustrachiura aut Boetium, 
Themixtium aut Sanctura Thomam, Albertum Magnum, Egidium, Buri- 
danum aut quemcumque alium, prout eis visum fuit ad declarandum 
materias, quas discutiebant, expedire; Et hie modus etiam jara usitatur. 
Nemini namque precluditur via modernorum; Quin ymmo Magistri 
componendö übros questionaliter, pluriraa modernorum dicta reverenter 
interserunt. At verö ipsi Scolares, dum ad tentamen seu examen veniunt, 
recipiuntur unusquisque in sua via, secundüm quam dirigitur, caritativö 
locatur et promovetur, 

K . Ad materiam tertii Articuli respondendo dicimus, quöd Scolares 
Facultatis Artium, quotquot affluunt, iam antea in Scolis particularibus 
in via currentis doctrine sunt fundati, licet secundüm magis et minus; 
Ita quöd nonnülli ex merito sue scientie f orent digni gradu Bacularitus 2) 
aut in propinquo ad honorem Licentie assumendi. .Cujus ratio est, quia 
omnes particularium Scolarum Rectores in via currente imbuunt suos 
Scolares. Qualiter ergo alicujus pia conscientia doctrinam eis prius 
insertam possit eradicare, alium modum instructionis eis proponendo^*)? 
L Ad materiam quarti Articuli dicere audemus, quöd doctrina 
sancti Thome, Alberti Magni, Alexandri de Halls et Bonaventure, Egidii 
de Roma, Scoti, et talium antiquorum est in se bona et illibata et 
nuUatenus inculpanda. Sed quando dicitur quöd transcendit juvenum 
capacitatem, videtur, salvä caritate, distinguendum. Nam aut intelligitur, 
quod sie eorum vires supergreditur, quöd per se ipsos nequeant eam com- 
prehendere, quo admisso, constat idem esse Judicium de omni scientia, 
secundüm qualemcumque viam; Quod Philosophorum Princeps innuens 
alt: ,Addiscentem credere oportet'*). Aut sie transcendit, quöd 
suorum Preceptorum auxilio nequeant percipere. Hunc sensum decli- 
namus, experientia cöntrarium attestante. Ipsi enim juvenum informatores, 
in eadem Facultate Regentes, in via hujus doctrine sunt viri triti, sunt 
ingenio perspicui et circumspectione oculati, qui panem solidum pro- 
portionaliter capacitati Discipulorum frangere noverunt ac masticare. 
Secundö dicimus: Datis duobus equalis indolis, diligentia et exercitio 
paribus, equaliter antiquorum et modernorum viis immorantibus, non 
comperietur unius respectu alterius difficultas multüm preponderare. 
Cujus Signum est, quöd in via currente quolibet anno plures inveniuntur 
Scolares adeo periti et sufficientes, Quöd acutissimis argumentis valent 
obviare. Inveniuntur insuper novi Magistri non pauci, ut unius aut 
duorum aut trium annorum hujus doctrinae alumpni, quibus quis &) infra 
metas Artium concluderet e) ignoramus. Tertiö dicimus, quöd k tali 
doctrina, aut ejus modo tradendi errores et hereses longe relegantur. 
Quippe ante Buridanum erat hec doctrina universalis per omnes Uni- 
versitates Studiorum, que a nostre ') omnium Universitatum Universi- 
tate, inquam Parisiensis), aliquot annis peregrina, ad gremium ejusdem 

1) M Averroyum, Avicenam, Eustrathium . . . Themistium. 

2) M bacalariatus. ^) M modum eis apponendo. 

4) ed. J. Bekker, I "EÄeyxot, 165 B. 2. 5) m quis> quid. 6) M concluditur. 
'') M uostre> nunc. ^) M universitas inquam Parisiensis. 



284 IV. Anhang von Aktenstücken. 

I ä spatio viginti annorum remeavit, Et ex tünc ultra tria millia in Artibus 
graduatorum secundüm hujus vie principia procreavit. Atqui numerus 
Magistrorum ante seculum Buridani pre nimia multitudine non est 
definibilis; Nondum tarnen errores aliquos aut hereses ab hac doctrina 
subortosi) esse didicimus. Quartö dicimus quöd hec doctrina non fuit 
damnate memorie Iheronimos) suorum errorum causa; quia ex vero 
non infertur falsum. Si objiciatur quod per occasionem hujus doctrine 
Iheronymus erravit, dicimus quöd occasio non Mt data, sed accepta 
que ä nuUa scriptura potest prohiberi. Nam et lex Mosaica illo modo 
fuit occasio peccandi, ut dicitur ad Romanos VIII. et ex doctrina Christi 
sumpseruntPhariseipluriuminconvenientium occasionem. E contra autem 
per viam hujus doctrine potissimö potest Pragensium error et Wycle- 
fistarum exterminari, prout in nostra Coloniensi Universitate docet 
operis evidentia. Quamquam non credimus, quod occasio hujus nephandi 
^rroris ex hac doctrina fuerit sumpta, sed magis ex Doctrina Wicle- 
fistarum; Hac etiam causa cooperante, quöd tempore Imperatoris fun- 
dantis Studium Fragens e Almani magnas prerogativas obtinebant, quas 
post ejus obitum Bohemi subtraxerunt; Que sane injuria sufficiens causa 
extitisset controversie, scismatis et tandem dissipationis illius Universi- 
tätis, etiamsi illic sola modernorum doctrina floruisset. 
M Ad materiam quinti Articuli dicimus quöd Buridanus, Marcilius, 
aliique plures in illa doctrina commüitones fuerunt viri egregii et 
laudabiliter multa conscripserunt; propter quod etiam ^) eorum Sententias, 
sicut antea est prelibatum, amplectimur veneranter cum antiquorum 
Sententiis coordinando, et ex utrisque pleniores determinationes dubio- 
rum cohflando, prout visum fuerit nobis opportunum. 
N Ad materiam sexti Articuli dicimus quöd aliud non constat nobis, 
discurrendo per singulas Universitates, Almanie, Italie, Francie, Anglie, 
quin permitteretur Magistris in Facultate Artium, pertractando questiones 
sue Facultatis, uti doctrina Doctorum prenominatorum, dummodo sobrie 
applicarent, aliis invective non injuriando, Secundö dicimus quöd 
Artium*) cum Facultate Theologie tam indissolubilis est cpnnexio, 
quöd per idem^) valere est, prohibere hujus doctrine usum in Artibus 
et in Theologia, et permittere in Theologia et in Artibus. Exempli 
gratiä, Doctor Sanctus in omnibus summis suis utitur eisdem«) principiis, 
quibus usus est libros Philosophi exponendo, prout luce clarius constat 
cuilibetin ejus doctrina erudito, Tertiö dicimus quöd nostrum prohibere 
in Facultate Artium nostre universitatis dicte doctrine frequentiam, nihil 
ad intentionem principum') proficeret; Quia non ideo particularium 
Scolarum Magistri suum modum in hac via instruendi pretermitterent. 
Quo nimirüm precepto promulgato, Scolares, relictä Almaniä, Parisiüs, 
ubi nulla alia frequentatur doctrina, concorditer se transferrent. Nee est 
silentio dissimulandum, quod, quia Romana et universalis Ecclesia 



1) M subortas. 

2) M Jheronymo; am Rand Pragensi. ^) M propterea etiam. 
^) M quod facultaitis artium. s) C quod pridem. 

6) M om eisdem. '') M om principum. 



1. Kölner Hochschule an die Kurfürsten in betreff des Wegestreites. 285 

Doctores prenominatos facto et opere habet approbatos, eorum libris 
et scriptis utendo et allegando, non videtur nostre auctoritati congruere 
aut potestati subesse, eorum doctrinäm prohibere. Numquid legem ä, 
Rege conditam revocat Prefectus? Quin immo hujusmodi nostra pre- 
sumptuosa inhibitio plurima adversum nos inconvenientia suscitaret. 
Nam nos non esse universali Ecclesie conformes argueret; non modicam 
jacturam fame Universitati Parisiensi, omnium Universitatum exemplari, 
irrogaret, illam, que inibi sola colitur, proscribendo doctrinäm, tanquam 
errorum amicam et heresum suscitativam; Presertim cum nostra Uni- 
versitas ad instar illius fundata pluribus decoraturi) Magistris in illa et 
graduatis et ad ejus honorem obligatis. Denique hec ipsa inhibitio 
non parvum honoris prejudicum inferret preclaris Ulis Ordinibus, de 
quorum fuerunt professione sepedicti Doctores, quorum solempnes 
librarie talium Doctorum libris munite exornantur, ac per hoc contra 
nos juste querele actionem possent attentare. Eya^), quomodo dictat 
alicujus recta conscientia, quod ubi commentator Averoys^), ä Fide 
apostata, honoratur, illic tam mirifici Christiani Doctores turpiter repu- 
diarentur? Aut ubi Buridanus, Marcilius et alii simplices Magistri Artium 
sunt accepti, ibi tam insignes sacre Theologie Professores proscribantur? 
Et quia generosi ac illustrissimi Principes in hac materia loquuntur, 
prout clam ab aliis minus juste informantur, desiderii nostri esset 4), 
quöd informatores tales palam ad lucem comparentur, ostendentes in 
quibus materiis hec doctrina Claudicat. Nemo enim ignorat ad litteratos 
hujusmodi difficultatis decisionem pertinere, quos libenter volumus 
recipere, cum eis conferendo, paratissimi consentire, si quid fuerit corri- 
gendum aut evitandum : Unde ad omnem cautelam perquisivimus multüm 
scrupulosö modum docendi, conferendi et conversandi ipsorum Magistro- 
rum, nee aliquid explorare potuimus, nisi quod foret laude dignum. Itaque 
Omnibus Principibus, quanta possumus humilitate, obnixius supplicamus, 
quatenus dignentur in nostra primitiva libertate nos permittere, securi 
quod doctrinäm nunc currentem tam temperatö pretendimus manuducere, 
ut nuUum ex ea inconveniens valeat pullulare, aspirante Altissimo, qui 
est benedictus in secula seculorum. Amen. 

Datum et conclusum in nostra generali Congregatione, celebrata 
in domo Capitulari Ecclesie Coloniensis, sub anno Domini millesimo 
quadringentesimo vigesimo quinto, in vigilia Nativitatis Christi, sub 
sigillis quatuor Facultatum predicte nostre Universitätis'. 

Offizielle deutsche Übersetzung. 
A Bl. 282 V, ,Die erbare heren der heihger ind seliger stat Colne der 
getruwer dochter der peisligen stoils hain der heiliger universiteten 
des Studiums der selver stat getzont eynen brieff, yn overmits die dur- 
luchtige fursten des helighen Romschen ryks verschynende kurfursten 
ghesant, wilcs briefs ynhaltenisse andechtliche geproefft, sichtlich ys, 
dat der brieff etzliche artikele begryfende sy. B. Dat eirste artikel 
ys, dat der selver fursten begeronge is, dat guet des heilighen geloven 
zo behalden, zo werven ind zo vermeerren ind, so wat dem geloven 

1) M om decoratur. 2) m eia. ^) M Averrois. •*) C esse. 



286 IV. Anhang von Aktenstücken. 

wieder, ungelyck ader archwenich were, zo verwerpen, uss zo reeden 
ind zo verdryven. G Dat ander artikel is, dat yn der faculteten der 
vryen kunsten der vurgen. universiteten overmitz die meysteren, die nu 
alda regeren nyet gelesen en wirt die lerunge, die gelesen wart yn 
anbeghinne des Studiums yerst fundiert, wilch lerunge men noch heldt 
yn anderen universiteten in duytschem lande, ind dat ouch die wyse 
des lesens nyet en werde gehalden, als men plach in anbegynne des 
Studiums. <B1. 286> D Dat dir de artikel ys, dat die jungen zo Colne 
geleydt werden in den wech eyner andere lerungen, as myt namen sente 
Thomas van Aquino, des grossen Albrechtz ind der anderen alden 
leerrer van hohen reden. E Dat virde artikel is, off wal die lerunge 
alsulcher leerre yn sich selve nyet böse en sy, doch so oversticht sy 
die begryfflicheit der jungen, dan af komet dat die jungen die subtile 
werde und hohe begynne der leerungen nyet verstainde, ind doch 
gelyche wail na der leerrongen vermassen zo sprechen, vallen in 
schedeliche yrrongen, ketzeryen ader maniucherhande wedestrevicheyt 
na dem exempel derre van Präge, derr yrronghe uss solcher leerongen 
gevlossen ys. F Dat vunfte artikel ys, dat die nuweste meystere, 
as Buridanus, Marcillius ind yre mytgesellen off navolghere, die also- 
lichen schaden vorsichttighe verhoedende die leerongen der vryen 
kunsten zo eyner ander slychter wyse wider bracht hain zo anderen 
werden und in anderen wysen zo sprechen, uss wilchen gheynich 
vlecke eynicher yrronghen upperstain mach. G Dat seste 
artikel is, dat unser heren der kurfursten meynunge ys, uns van 
van(!) alsalicher nuwecheyt äff zo laissen und wider zo komen zo 
solicher wysen zo leren in den vryen kunsten als van anbeghinne gesät 
ys. H Up wilche artikele dunct uns, dat man behelterisse aller eir- 
werdicheyt wail möge antwerden. indupdatyrste artikel antworden 
wir, dat wir uns ervreuwen in Gode, unsem herren, van alsolicher 
ynniger meynongen groisser begeronge also groiss mechtiger fursten, 
biddende den homechtigen got, dat he sy in der selven ynnicheit vertan 
behalden wille, myt begerende uyss ynwendicheit unses hertzen myt 
yn zo arbeyden zo eyndechtlicher vyssdracht des gotlichen vorsatz. 
/ Zo der materiendes anderen punctes sagen wir, dat von anbegynne 
des Studiums van Colne na den Statuten der faculteten der vryen 
kunsten gewonlich was zo lesen die boiche Aristotilis myt den vragen 
ind zwyvelen, die dar yn vyelen, in wilcher maissen yd noch euch in 
deser gainwordiger zyt gehalden ind behoidet wirdt. zom anderen male 
sagen wir, dat van anbegynne des Studiums dem meysteren in dem dat 
sy overtreckden yre question ind vragen tzemelich was zo allegeren ind 
vor zo brencgen mannicherhande van den yersten meysteren, dye dye 
boiche, dar van dye materie der letzen roerende was, beschreven hatten, 
als myt namen Aristotilem, Averroym, Avicennam, Eustrachium, Boetium, 
Themixtium, sente Thomam, Albertum den groissen, Egidium, Buridanum 
off eynichen anderen, alse den lesenden meisteren duchte guet syn, 
zo erklerende alsolche materien, dye dye meistere yn irme lesen under- 
scheyden uyss zo richten, wilche wyse euch noch hudisdags alhye 
gewonliche gehalden wirdt, want nyemande alhy verboeden enwirdt. 



1. Kölner Hochschule an die Kurfürsten in betreff des Wegestreites. 287 

zo oeven den wech der nuwer meistere, mer dye meistere yn dem dat 
sy mannicherhande boiche vergaderen yn vragender wysen, undersetzen 
sy euch myt erwirdicheit vyele alsulcher worde, der dye nuweste 
leerre gebruychet haint. ind die schoelre, dye dar komen werden, up 
dat si versoecht adir verheert werden, dye werden alhye entfancgen 
ind zo gelaissen als yederman yn synen wege, na wuchern wege eyn 
ychlich der selver scheeler guetliche gesatzt ind gevordert wirdt. 
K Zo der materien des dirden artikels antwerdende sagen wyr, so 
wat scheelere van der faculteten der vryen kunsten her koment, dye 
synt algereide zo voerentz yn kleynen schoelen me ind myn gefundiert 
ind geleert yn dem wege deser leeroncgen, also dat etzlichen van den 
selven schoelren van yre kunst weghen wirdich weren baccalarii zo 
werden off by na entfancgen zo werden zo der eren der licencien yn 
den vryen kunsten. ind dyt ys dan äff dye reede, want alle dye meistere 
dye dye kleine schölen regierent, lerent yre schoelre na dem wege, 
dye nu leuffich ys, in wilcher waisse moechte dan eyniche guden mans 
consciencie alsolche leeroncge, dye den schoelren algereide einge- 
plantzet were, uyss roeden ind den selven eyne andere wyse zo leren 
yn geissen ind vorlegen. L Zo der materien des vierden artikels 
dorre wir sagen, dat dye leeroncge sente Thome, des groissen meister 
Albrechtz, Aleexanders van Halis, Boneventuren, Egidii van Romen, 
Scoti ind der gelychen van den alden, ys yn sich selven guet, unge- 
brochen ind yn geyner wyss zo straiffen sunder wannee man saight, dat 
dye lerencge oeverstygene ys boeven begryfflicheit der yuncgen, dat 
behaldende allir vruntschaff ys zo underscheiden, want dat en ys nyet zo 
verstayn, dat die leroncge yn der maissen der yungen schoelre kreffte 
oeverstyge, dat sy dye leroncge oevermitz sich selven nyet en kunnen 
begryffen, wart also zo verstain so ys dat euch des gelychs eyne be- 
wysonge van allerhande wysheyt na eynicherhande wege zo leren, dat 
also der furste der wysen Aristotiles bewysende spricht: „zo geloe- 
vende ys dem lerenden mynschen noitt." off anter dat ys also zo ver- 
stain, dat dye yuncgen euch myt hulpe yrre meystere, dye sy leeren 
<286v>, alsulche leroncge der wyr nu gebruychen nyet en moegen 
begryffen, wilchen synn also zo verstain, wir wider achten want dat 
versoeken yn dem synne dar wider ys. wante dye meystere dye dye 
yuncgen leren ind yn der faculteten regieren yn dem wege deser 
leroncgen, synt versoechte manne, durchsichtich van synne ind 
myt vursichticheit all umb zo seinde, dye dat gedichte broit na 
begrifflicheit yre scheeler na gebur kunnen brechen ind kouwen. Zom 
andere nmale sagen wir: were sache, dat zwene yuncgen von gelycher 
yugenclicher yngiffte ind van gelycher vlysicheit ind oevyncgen weren, 
der eyner yn dem wege der alden leroncgen ind der andere yn dem 
wege der nuwer leroncgen blyvende weren so en sulde dye swaricheit 
des eyns weges von dem anderen wege nyet vyele vorslain yn dem 
gewichte, dar äff wail ys eyn bewyselich tzeichen, dat man alle yare 
vyele me schoeler dye sich oeven yn den leuffen der leroncgen dye zo 
dir zyt leuffich ys vyndt also verstendich ind genoychlich, als dat sy 
dye scharpste argumente moegen widerlegen; men vyndt euch dar zo 



288 IV. Anhang von Aktenstücken. 

nyet wenich nuwer meistere van eyme off van zwen off van dryn 
yaren, dye yn deser leroncgen nu louffende geleert synt, yn argueren 
eyme ychliclien mochten concluderen, ind dye rede sliessen, als wir 
anders nyet enwissen. Zom dirden male sagen vi^ir, dat yrroncge ind 
ketzeryen zo upperstain seer verre ys ind vreemde ys van deser 
leroncgen ind van deser wyse zo leren; ind vor Buridanus getzyden 
was dese leroncge gemeyne oever alle universiteten dye doch seder 
etzliche yare zo Parys, dye eyne moder ys allir universiteten, vreemde 
wurden was, ind ys doch dyeselve leroncge van zwentzich yaren her- 
wart zo Parys wider komen, wilche universitete van Parys boeven 
dryduysent personen van deser leronghen anbegynne yn den vryen 
kunsten gradueirt ind verhoeget halt ind wye vele vor Buridanus ge- 
tzyden personen in der leroncgen upkomen synt, dat getzall en ys 
nyet underscheyden; nochtan en hain wir nyet gehoert, dat van der 
leroncgen bys noch eyniche yrroncgen off ketzereyen upgestanden syn, 
Zom vierden maile sagen wir, dat van verdoem der gedechtnisse 
wilnee Jheronimus geyne sache syner dwelniege uysser deser leroncgen 
nyet enhatte; want vyss dem dyncge dat wair ys, en mach men nyet 
besliessen, dat valsch ys. ind off yeman her wider sich lochte, sagende, 
dat Jheronymus van der orsaiche deser leroncgen geyrret have, sagen 
wir, dat eym dye orsache dar uyss nyet en ys gegeven wurden, mer 
van yem selven angenoemen dye men nyemande overmitz eyniche 
schrifft verbeiden en kan, want euch dye ee ind gesetze, dye Moyses 
gegeven hatte, was eyn orsaiche zo sundigen, als gescreven steid yn 
der epystolen zo den Romeren yn dem eichten capittel. ind dye Pharisey 
namen ouch orsache viele untzemelicher sachen uyss der leren Cristi. 
Her wider mach men wail uyss dem wege deser leroncgen widerlegen 
dye yrroncge der Prageschen ind der Wyklevysten, as dat in unser 
universiteten zo Coelne sichtencligen wail zo bewysende ys. wat 
tan wyr nyet engelevben, dat dye orsaiche der suntlichen dwelingen 
van deser leroncgen genomen sy, sunder we uyss der leroncgen 
der Wyklevysten dar ouch myt zo gehulpen halt, dat yn zyden unses 
heren des keysers seligen, dye dat Studium zo Präge yersten fundeerde, 
dye duytzschen alda groissen vortzoch hatten, wilchen vortzoch na des 
keysers doide dye Bemer an sich zoegen, dat wail eyne saiche genoich 
geweest ys, deser widerparticheit ind deser deiloncgen ind ynt leste 
der verstreuwyncgen der universiteten zo Präge off ouch wail saiche 
were geweest, dat zo Präge die nuwe leroncge alleyne gehalden were 
wurden. M Zo der materien des vunften artikels sagen wyr, dat 
Buridanus, Marcilius ind yn der lerongen yre gesellen viele waren 
uyssgenomen manne, die viele dyncges loeveliche ghescreven hain, 
dar umb dat wir ouch yre synne als vurgeroert ys eerwirdelichen zo 
uns nemen, dye selve synne eyndrechtich zo machen myt den synnen 
der alden leerre ind dair uyss van beyden synnen vollenkomener be- 
wysoncge zo vergaderen, gelych uns dat nutze dunckt syn. N Zo der 
materien des seesten artikels sagen wir, dat zo oeverlouffen alle 
universiteten yn Alemanien, yn Ytalien, yn Frankryche ind yn Engelaut 
so en ys uns anders nyet kundich, dan men wail gehencgen sulde den 



1. Kölner Hochschule an die Kurfürsten in betreff des Wegestreites. 289 

meisteren yn der faculteten der vryen kunsten yn dem ovecholen dye 
question. ind vragen der selver faculteten, so gebruychen der leeren 
der vurgedachten meistere, des sy anders dat meesligen zo brechten, 
dye andere meystere nyet unrechtliche zo scheiden, zom anderen 
male sagen wir, dat alsolchen vasten vervestunge ys tuschen den vryen 
kunsten ind der faculteten van der heiigen schrifft, dat all gelyche 
mechtich ys zo verbeyden dat gebruychen deser leroncgen yn den 
kunsten ind yn der heiiger schrifft ind ouch zo gehencgen dat ge- 
bruychen yn der heiiger schrifft als yn den vryen kunsten, dar up sagen 
wir eyn exempel. sente Thomas der heiige leerre yn alle synen summen 
gebruycht he der selver fundamente ind begynnzell yn der heiiger 
schrifft, der he gebruycht halt yn erkleroncgen Aristotiles boichen, as 
dat cleerliche sehynt eyme ychlichen, dye yn syner leroncgen geleert 
ys (287). zom dirden male sagen wir, dat unse verbieden dye oevyncge 
der leroncgen yn unser universiteten yn der faculteten der vryen kunste 
en solde nyet moegen helpen zo der meynoncgen unser heren der 
fursten, wante doch dye meistere van den kleynen scheelen darumb des 
dye me nyet afflaissen en sulden yre wyse yn desem wege yre 
scheeler zo leren, ind yd en were nyet wunder, wurde alsulche gebot 
gekundiget, dat assdan dye scholer meistdeils Alemannien begeven 
werden sulden ind sych zo Parys voegen, dar anders geyne leroncge 
geoefft enwirdt. ouch en ys nyet zo verswygen, dat want die Roymsehe 
ind dye gemeyne heiige kirche die vurgen. döctores vor geproeffde 
leere halt yn worden ind yn werken, yre boiche ind schrifften zo ge- 
bruychen ind so allegieren so en ys dat ouch her umb yn unser macht 
noch gewalt nyet, yre leroncge zo verbieden, mach ouch wall der prefect 
adyr eyn amptman des konyncges gesetze wider roeffen mer nyet dye 
mynner sagen wir, dat alsulchen unse vermesseliche verbot, dat wyr 
deden, dat sulde wider uns mannighe umbequemelicheit erwecken, want 
dar by zo proeven were, dat wyr der gemeyner heiiger kirchen nyet 
gelych enweren ind dat sulde ouch der universiteten zo Parys groyss 
myssgeruchte ynbrengen, dye eyn bildelich exempel ys aller universi- 
teten, yn dem dat dese leeroncge dye alleyne ind anders geyniche alda 
geoefft wirdt, undergedruckt wurde, gelych as off dese leroncge were 
eyn vrundynne der dweloncgen ind dat sy dye ketzerye erweckende 
were; ind Sonderlings want unse universitete na gelych eit der universi- 
teten zo Parys gefundiert, myt vyel meysteren getzyrt ys, dye alda 
meistere wurden syn, ind dan äff sy der selven universiteten zo eren 
verbunden synt. ind ouch want alsulchen verbot sulde eyn groyss 
achterdeill zo der eren yn brencgen den hohen claren orden, vyss 
wylchen dye ducke genanten döctores profess geweest synt, myt 
wilchen doctore schoenen boichen dye lyb<r>arien getzyret stain, ind 
dye selve orden mochten ass dan dar umb wider uns versoeken eyn 
rechte clage. Eya, wye mach eyniche mynschen rechte consciencie dat 
zo sich nemen, dat yn der leerre, dat myt Averroys der ungeloevyge 
ynne gheeert wirdt, dat yn der selver leere dye hohewirdigen kirsten 
doctore smeelichen verworpen sulden werden off ouch, dat yn den 

Franzisk. Stud., Beih. 9 : F r. E h r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Caudia. 1 9 



290 IV. Anhang von Aktenstücken. 

stucken, dar ynne Buridanus, Marcilius ind dye anderen simpele meistere 
yn den vryen kunsten synt zo gelaissen, dat ass dan also groisse uyss- 
getzeichende meistere ind doctore yn der heiliger schrifft yn yren 
stucken uyssgeschreven werden sulden. ind want dye hogeboeren 
durluchtige fursten yn deser materien sagen alse sy heymelige van 
anderen luyden nyet rechtilige geleert werden, dar umb were unse 
begeroncge, dat dye gene, dye dat also anbrengen, wulden erschynen 
offenberliche vor dat licht bewysende, yn wilchen materien dyese 
lerpncge hynckende were; wante nyemande unbekant en ys, dat dye 
schichtonge alsolcher swairre Sachen zo gehoert den gelierden luden, 
dye wir gerne zo laissen willen, myt yn vanden materien uns zo under- 
sprechen ind wir willen aide bereydt syn ind unsen volbert dar zo 
geven, off yet gevonden wurde, dat men billige corregieren adir besseren 
sulde. ind wir hain nyet allir vursichticheyt uns in desen Sachen zo 
verwaren seer andechtliche undersoecht alle dye wyse alsolches 
leerens confererens inde wandelonge der vurgen, unser meistere, ind 
wir enkunnen yn alle yren saichen nyet gevynden, dan dat loeves wert 
sy. ind yn deser maisse bidden wir ynnenklichste moegen myt aller 
oetmoedicheit dat sy gewyrdighen uns zo laissen yn unser yersten 
vryheit ind dat sy des sicher syn willen, dat wir dye leroncge, dye nu 
leuffich ys, also meestliche meynen zo voeren, dat dar van geyniche 
untzemelicheit upperstain moege, dat der hoeste got des gunnen wille, 
dye benedyt ys van ewen zo ewen amen. 

Gegeven ind geslossen in unser ghemeynre vergaderunge, ge- 
halten in dem capittelhuys der kirchen van Coelne. in den jair unss 
herren 1425 uph des heiligen Kyrstes avondt. under segele der vierre 
faculteten unser vurgen. universitete.' 

Erstes Brief buch des Pedells der Universität Köln (Paris, Bibl. 
nat. Cod. lat. n. 5237), Bl. 285b— 287a. 



2. Die antinominalistische Erklärung der Löwener Universität 

von 1447. 

über die antinominalistische Haltung der Löwener Hochschule 
habe ich das Nötige bereits oben S. 157 ff. beigebracht. 

Ich lasse hier die Verordnung von 1447 folgen, deren Text ich 
der ,Historia Lovaniensium' des Johann Molanus i) entnehme. Der Ori- 
ginaltext wäre nach Molanus vielleicht noch im Brüsseler königlichen 
Archiv in den Löwener Universitätsakten lib. 2, fol. 20 erhalten. Sie 
hat besondere Bedeutung, zunächst da sie neben den Beschlüssen der 
Pariser Universität von 1339 und 1340 die einzige entschiedene Ver- 
urteilung des Ockhamismus vor dem königlichen Dekret von 1474 dar- 
stellt; sodann aber auch weil sie von der gesamten Kölner theologischen 
Fakultät (1470) und von einer bedeutenden Zahl (24) Pariser Theologen 
(1471) gutgeheißen wurde. 

1) S. oben S. 93, Anm. 4;'Molanus ed. Ram I 585. 



2. Die antinominalistische Erklärung der Löwener Universität von 1447. 2Ö1 

Die Kölner Zustimmung!) hat nur eine allgemeine Fassung; da- 
gegen liegen uns von den Pariser Lehrern die einzelnen Erklärungen 
vor, einige von ziemlichem Umfang, weshalb sie nach verschiedenen 
Richtungen hin von Interesse sind. Ich lasse sie daher unten an dritter 
Stelle folgen. 

Die Löwener Verordnung ist etwas mangelhaft abgefaßt. Die ein- 
zelnen Bestimmungen sind nicht unter bestimmten Gesichtspunkten 
zusammengeordnet; der Stil unbeholfen. 

Zunächst werden gewisse Materien vom philosophischen Lehr- 
betrieb ausgeschieden und der theologischen Fakultät zugewiesen. 
Sodann wird dementsprechend bei der Beurteilung gewisser Begriffs- 
bestimmungen vor dem Ausschweifen über die Grenzen der Vernunft- 
erkenntnis gewarnt. Es folgt die Mahnung, die Aufstellung nicht nur 
offenbar falscher, sondern auch verdächtiger und gefährlicher Sätze zu 
meiden. Nun wird eine Reihe solcher Sätze aufgeführt und zum Schluß 
vor allen Aufstellungen gewarnt, welche dem gesunden Menschen- 
verstand oder dem aristotelischen Lehrgefühl widerstreiten. — Alsdann 
folgt das für unseren Gegenstand wichtige Gebot, zur Erklärung der 
aristotelischen Texte nicht Wiklif oder Ockham oder deren Anhänger, 
sondern nur Averroes, Albert, Thomas, Ägidius von Rom und andere 
von der Fakultät gebilligte Autoren heranzuziehen. Hierauf wird noch 
erlaubt, daß gewisse Thesen, welche der Lehre des Aristoteles und 
anderer Autoritäten nicht widerstreiten, der Übung halber in den Schul- 
disputationen erörtert werden. Zum Schlüsse werden noch drei Sätze 
vom philosophischen Lehrbetrieb ausgeschlossen. 

.Cupiens juxta exemplum Apostoli venerabUis Artium Facultas s e 
ipsam probabilem exhibere Deo, inconfusibilem, recte trac- 
tantem verbum veritatiss); ne sui alumni doctrinis variis abducantur, 
statuit et ordinat ea quae sequuntur, quae de caetero firmiter observari 
praecepitet decernit: In primis quidem ut disputatio de potentia Divina 
et caeteris Theologicabüibus venerandae Facultati Theologicae relin- 
quatur. — Secundo: Ex quo sermones exponendi sunt, ut Philosophus 
dicit, secundum materiam subjectam, judicetur in Scholis possibUe, 
impossibile, necessarium vel contingens, secundum causas propinquas, 
nisi' quatenus captivandus sit intellectus in obsequium Fidei. — Tertio: 
Abstineatur, nedum a doctrina falsa, sed etiam ab offensiva et suspecta, 
sive in Fide, sive in moribus, sive in Philosophia. 

Quarto: Ut propositiones, quae dicunt, quod contingit dari corpus 
informatum per animam rationalem, homine non existente; — Quod 
absolute loquendo possibile est, unam animam intellectivam numero 
omnia corpora humana informare, staute multitudine hominum, ut 
aiunt; — Quod potest unus homo totus esse in Anglia, omnibus ejus 
partibus existentibus in Roma et non in Anglia, poteritque totus moverj 
ab Anglia ad Romam, partibus e converso venientibus a Roma ad 
Angliam simul et semel pro eodem tempore; — Quod relativum potest 
esse sine correlativo; — Quod determinate altera pars contradictionis 



1) S. oben S. 130, Anm. 4. 2) 2 Tim. 2. 15. 

19' 



292 IV. Anhang von Aktenstücken. 

in futuris contingentibus est vera et altera falsa sicut in praesentibus 
et praeteritis, unde etiam oppositum hujus conclusionis non stat cum 
Fide; — Quod est simpliciter possibile duo contraria, secundum esse 
rerum intensissimum, esse in eodem subjecto simul; — Quod idem 
accidens numero potest simul et semel esse in diversis subjectis non 
continuis et alienis, ubi nullum suorum subjectorum est, nuUa separatione 
facta ab ipsis; — Quod in quolibet continuo datur punctum immediatum 
puncto; — Quod possibile est intelligere lineam, quae est unius pedis, 
tamen nee Iiabens initiura nee finem; — Quod contingit dare veram 
speciem realiter existentem sine genere; — Quod verum ens, positum 
extra animam, est nihil, — et plures vel minus opinabiles, pridem per 
nonnullos disputatae vel in posterum disputari possibiles, non debeant 
determinari. 

Similes autem vel minus opinabües intelligantur generaliter omnes, 
quae sunt offensivae, vel contra principia per se nota, aut contra textum 
Aristotelis sane intellectum in locis, in quibus non contradicunt Fidei. 

Et ne cuilibet pateat auctoritas, pro ejus voluntate ad suam partem 
textum trahere repugnantem, statuit eadem Facultas, ut textui Aristo- 
telis fides adhiberi debeat, non secundum expositionem Wiclef, Occam, 
suorumve Sequacium vel aliorum Suppositorum, sed secundum quod eum 
exponunt et intelligunt, suus commentator Averroes, ubi contra Fidem 
non militat, vel Dominus Albertus Magnus vel Sanctus Thomas de Aquino 
vel Aegidius de Roma vel aliquis alter, quem placebit Facultati reve- 
renter acceptarei). 

Si quae tamen propositiones ex praenominatis aut similibus 
inveniri possint, sanae doctrinae Aristotelis vel aliorum approbatorum 
Doctorum non obviantes, illas probabiliter tantum sustineri in disputatione 
obviativa, vel causa exercitii Magistrorum inter se, dummodo non deter- 
minentur, inter Scholares non intelligatur interdictum. 

Propositiones vero, quae dicunt, quod absolute possibile est, ut 
una anima intellectiva numero omnia corpora humana possit informare, 
staute multitudine hominum, ut nunc; — Quod totum posset esse in 
Anglia, omnibus suis partibus existentibus in Roma et non inAnglia; — 
Quod in futuris contingentibus determinate altera pars contradictionis 
est vera et altera falsa, sicut in praeteritis et praesentibus, ita etiam 
quod oppositum hujus conclusionis non stet cum Fide, et similes, hoc 
est aeque offensivae vel magis periculosae, sileantur omnino.' 

1) Zu dieser Verordnung machte der spätere Papst Hadrian VI. Zusätze. 
Zu obiger Stelle folgenden: Decanus s. Petri adiecit: ,Et ne dissensio sit inter 
supposita Facultatis, qui doctorum debeant, quo ad expositionem textus Aristo- 
telis, haberi pro approbatis, censeantur, praeter supra nomlnatos, omnes alii 
doctores antiqui et faraati pro acceptatis a Facultate, videlicet Alexander de 
Hallis, Bonaventura, Altisiodorensis, Scotus, Durandus, Henricus de Gandavo, 
Petrus de Palude et huiusmodi.' 

Von diesen Zusätzen heißt es S. 586 : ,Interiectam a domino decano Divi Petri 
interpretationem anno 1512 approbavit artium Facultas eodem anno die 28. maii 

Est autem interpretatio Adriani postea summi pontificis, 

Porro statutum universitatis anno 1447 die 8 februarii conclusum exstat. 
üb. 2 actorum fol. 20.' 



3, Gutachten der Basler Universität bezüglich des Wegestreites. 293 

3. Ein Gutachten der Basler Universität für die Zulassung 

eines einzigen Weges. 

(3. Juli 1464.) 

Nach dem oben Seite 185 Gesagten wurde 1460 bei der Gründung 
der Universität, trotz einiger für die Duldung beider Wege sprechenden 
Stimmen, zunächst nur der Nominalismus zugelassen. Die Streitfrage 
wurde wieder aufgenommen, als 1464 drei realistische Pariser Lehrer 
um Aufnahme baten. 

Durch die Güte des Herrn Staatsarchivar Dr. R. Wackernagel bin 
ich in der Lage, eines der bei dieser Beratung verfaßten Gutachten 
mitzuteilen. Der anonyme Verfasser sucht die bereits 1460 getroffene 
Entscheidung zu stützen und demgemäß den Stadtrat zu veranlassen, 
nur einen der beiden Wege zu dulden. Er schreibt im Namen der Uni- 
versität, der .domini de Universitate', und reicht in ihrem Namen seine 
Denkschrift dem Rat ein. 

Demgemäß soll hier zunächst die Zulassung des Realismus ver- 
hindert und die alleinige Duldung des Nominalismus empfohlen werden. 
Doch scheint dies der Verfasser selbst kaum zu hoffen; denn er fügt 
bei, daß, falls die Abweisung der Realisten untunlich sein sollte, eher 
diese allein an Stelle der Nominalisten als beide Wege nebeneinander 
geduldet werden sollen. Diese eigentümliche Gleichgültigkeit in betreff 
der Wegewahl zeigt wohl, daß wir bereits der Zeit nahe stehen, welche 
den maßlosen Streit entweder unwillig abbrach oder endlich in seine 
richtigen Grenzen eindämmte. 

Besondere Beachtung verdient der eingangs gegebene Hinweis 
auf Paris und Köln, Wien und Erfurt, als auf Universitäten, an welchen, 
wie es der Schreiber selbst wül, nur ein Weg geduldet wird. Offenbar 
denkt er sich die beiden ersten Universitäten in den Händen der 
Realisten und die beiden letzteren in denen der Nominalisten, was nach 
dem oben Gesagten nicht ganz zutrifft. 

Die Darlegungen enthalten, ihrer Adresse entsprechend, mehr eine 
dem sozialen und bürgerlichen Leben entnommene Begründung und 
lassen die wissenschaftliche Seite der Frage fast gänzlich außer acht, 
Sie zeigen, wie tief und unangenehm dieser wissenschaftliche Kampf in 
das städtische Leben eingriff. 

Wohl infolge städtischer, an erster Stelle für die Frequenz ihrer 
Hochschule besorgten Einflüsse erreichte das Gutachten seinen Zweck 
nicht. Auch die Universitätskreise scheinen sich dem Gewicht der für 
die Zulassung beider Wege sprechenden Gründe nicht verschlossen zu 
haben. Die Universität entsandte Vertreter, welche mit ebensoviel 
Herren des Stadtrates ein Statut verfaßten, welches das Verhältnis der 
beiden Wege regeln sollte. Vischer gibt aus ihm einen entsprechenden 
Auszug, weshalb ich mich hier auf die Mitteilung der erwägenswerten 
Einleitung beschränke*. Doch bleibt sehr zu wünschen, daß die Veröffent- 
lichung des Originaltextes dieses Statutes und der übrigen so reichen 
unedierten Materialien dieser Universität recht bald erfolgen möge. 



294 IV. Anhang von Aktenstückefn. 

t 

Motiva universitatis, propter que non videtur expediens am- 
barum viarum conjunctio, moderne scilicet et antique. 

,A viris enim scientia claris et in scolastico regimine expertissimis 
et a multis talibus atque in diversis et pluribus locis per maturam 
multam et longam prehabitam deliberationem compertum est, quod non 
valeat nee expediat ambas simul foveri in eadem universitate vias. 
Patet illud in famosissimis universitatibus Parisiensi, Coloniensi, Wien- 
nensi, Ertfordensi aliisque pluribus, in quibus unica dumtaxat fovetur 
via, et in illarum aliquibus statutis et ordinationibus ambarum viarum 
junctura prohibetur. Evidens quoque est, quod premisse universitates 
per tempus tantum sagaciter provide et utiliter recte sunt per vires 
oculatissimos in sapientia et experientia magnos, succesiveque per 
posteros et iterum per illorum successores ab antecessorum eminentia 
non degenerantes id approbatum est, usque ad presens quoque ser- 
vatum, quorum omnium sapientiam, scientiam, experientiam atque 
tam uniformem taliter tantoque tempore servatam consuetudinem pro 
norma et autoritate magis convenit habere immutabili, quam a tanta 
prudentia et sagacitate talium et tantorum propter modica pauca motiva 
recedere et ad oppositum declinare. Non etiam dubium qüecunque per 
quemquem in hoc loco cogitari possunt et allegari pro viarum junctura 
predictarum, quin et illa inter tot tales et tantos sint sufficienter cogi- 
tata, allegata et ponderata, insufficientia tarnen iudicata. Et hoc unicum 
motivum sufficere deberet ad propositum, quoniam specialia reliqua 
motiva virtualiter in ipso includuntur. Verisimile enim est, quod que- 
cumque motiva ad non conjungendum ambas vias particulariter moveri 
possunt, et vires tante, ut premissum est, experientie taliterque preditos 
moverint. 

Ex superhabundanti tamen, in finem ut evidentius intelligatur, 
ambas vias simul jüngere non expedire, pauca quedam subjungimus 
particularia motiva. 

Ex viarum enim illarum junctura sequitur discordia, tolUtur pax 
ab universitatis suppositis majoribus et minoribus, scissio fit et odium 
malaque innumerä, que ex odio rancore atque discordia oriri frequentius 
Visa sunt. Ad illud autem experientia primum nos ducit. Ubicunque 
enim ambe vie simul attemptate sunt, semper, quod premissum est, verum 
apparuit; nee legibus, statutis aut ordinationibus unquam sufficiens 
provisio fieri potuit, quominus fieret, quamvis id sepe longa atque 
multiplici consideratione fuerit attemptatum. 

Est insuper ad id natura, que quemlibet inclinat ad amandum 
verum a se tale putatum vel scitum et ad ejus contrarium vel dissentiens 
odiendum. 

Item naturale est amare se et inde venit, ut quilibet videre suum 
laudat laudarique desideret, laudantes quoque et idem secum senten- 
tientes amet, contradicentes quoque quasi suos vilipensores et partem 
suam deteriorantes odiat, rodat, insequatur, amore sui ad id ipsum im- 
pellente i), quemquidem amorem divine leges nedum non evellunt, sed nee 
cum effectu cohibent, quominus ad transgressionem maximam hominum 

1) Hs impellens. 



3. Gutachten der Basler Universität bezüglich des Wegestreites. 295 

partem talis amor sui ducat, quapropter nee statutis quibuscunque 
poferit extingui aut efficaciter prohiberi. 

Item fiant ordinationes qualescunque, non servabuntur, nisi penales 
fuerint; quod si penales, nichil valebunt, nisi sit qui executioni debite 
demandet, penam stricte exigendo ; quisquis autem rector f uerit, vix ad 
ambas vias aut earum sectatores equalis erit. Si enim directe de viarum 
altera fuerit, nisi equitate ducatur, ultra modernum undique currentem 
et heu clare patentem cursum, aut inequalis erit in exigendo sive ne 
quosfovet offendat, etiam quos non sie amplectitur, permittit inultos, non 
exigendo penam, et re vera vehemens ineentivum delinquendi prebetur. 
Este etiam quod reetor rigorose et equaliter se habere velit in exae- 
tione penarum, et ipse forsitan ymo verisimiliter presumitur, quod ex 
multitudine excedentium tot sibi occurrent incomoda odii et rancoris, 
quod etiam ab eisdem, quos punivit, per se odio habebitur; sieque ille 
hodie, alter eras, rector existens, et hie illi odiosus, alter alii factus. 
sequitur prius propositum. Quod si reetor non debet habere auetori- 
tatem plenam sine assessoribus aut sine consensu birretatorum uni- 
versitatis secretive consilii puniendi, quemadmodum statuta jam ordinata 
sonant, tunc et illi de consilio et assessores mixti erunt eritque res 
iterum odiis i) involuta. Hie enim audiet illum votantem contra suum, 
quem habet de via sua, ut puniatur; et alter alterum similiter. Quid 
iterum nisi materia aperitur ad odia. Timende quoque sunt periculosiores 
dissensiones et universitati et civitati; nee expedit soll rectori totum 
committere et jam servata statuta immutare. Non enim est possibile 
quod obvietur undique, quin, quando voluntatum motus dissentiunt, et 
dissentiens Hat animorum sensus. 

Et si forte diceretur, tales poni possent ordinationes, quod reetor 
vel assessores nichil habebunt dieere, nisi seeundum earum tenorem, 
sed hoc non potest fieri, cum non sit in genere hujusmodi ponere 
ordinationem, quin particularibus casibus aliter et aiiter seeundum 
varias singularium infinitorum eventuum conditiones aliter et aliter 
particularibus casibus veniant applieandum, quam quidem applieationem 
per votantes2) oportet fieri, in qua quod talis in hoc forefacto penam 
illius statuti vel alterius inciderit, multa se Offerent exeeptionum preten- 
dentia; et ita prius propositum redibit. 

Item opus est, si bene regi debet universitas et salubriter erescere, 
oculum adhiberi, ne indigni ad gradus promoveantur. Ex viarum autem 
junetura sequi Visum est, quod qui propter suam ignorantiam in una 
via rejecti sunt, ad aliam posterius accedentes leviter promoti; sieque 
occasio data fuit alterius vie rectoribus ad promovendum minus ydoneos 
aut videre ab aliis ipsos promoveri in totius boni communis jacturam, 
quod valde intolerabile est. Datur etiam scolaribus occasio levipendendi 
gradus. Presument enim ab aliis promoveri, si a suis reiceantur. Sed 
nee statutis illud caveri potest, nisi juramenti debitum annectatur, quod 
valde perieulosum est timendumque quod sepe frangatur amore vie 
proprio atque odio aliene impellentibus. Quod si statueretur,, ne ab una 

1) Hs odiosis. 2) Hs fotantes. 



296 IV. Anhang von Aktenstücken. 

via ad aliam quis gradiatur, irrationabile valde id esset, libertatem tollere 
a Scolaribus audiendi, cum concessa sit libertas doctrinandi. 

Item timendum est, quod sepe magistri aut baccalarii alterius vie 
a suis puniantur vel alias secundum videre suum graventur; tales ita- 
que Odium concipient contra vie sue sectatores; secundum odii quoque 
naturam ceteris adherebunt alterius vie, quos vie sue sectatoribus scient 
adversos, sicque divisiones erunt multe varieque machinationes, que 
bono universitatis valde prejudicant. Nee est possibile, quod caritate 
jungantur regulariter, qui dissentientes sunt animo, quibuscumque 
statutis condendis. 

Item quisquis magister ab antiquis ad modernos declinaverit, a 
quibus recedit, non diligetur et econtra, quod patenter visum est; nee 
prohiberi potest, quod ab una via ad aliam declinatio fieri non debeat. 

Item scolares ab una recedentes via ad aliam, magistri quoque 
suscipientes, et hü, a quibus recedunt, similiter dissentient; et sequentur 
iterum mala plurima, que faciliter considerari possunt. 

Item si deberent unam facultatem indistincte simul omnes facere 
et communiter simul regere, sequerentur semper hec mala, que discordia 
parere consuevit, desolationem et destructionem totius facientia. Nee 
est possibile quod unum fiat in statutis promotionibus actibus regimini- 
bus ex taliter et tantum diversis. 

Item per viarum juncturam multi retrahentur ab adventu et im- 
pedietur crescentia universitatis. Magistri enim et quicunque alii potius 
ibi sunt, ubi quiete doctrinam vie sue aut effundere aut haurire possunt. 
Claruit enim per experientiam, quod ab universitatibus, in quibus viarum 
junctura temptata fuerat, multi recedebant, paucioresque solito pristino 
ad easdem se dabant, doctrinationis uniformitatem diligentes. 

Item non dubium, quin f ama exitura sit de diversitate et discordia, 
quarum occasione plurimi retrahentur ab adventu, quemadmodum 
hucusque in minoribus differentiis factum est. 

Item non acuentur ingenia, veluti quidam putabant, per viarum 
juncturam, nisi in punctis certis sub diversitate positis, ad que plurimi 
se dabunt pro ipsorum defensione, aliis magis utilibus punctis et scientiis 
neglectis. Certum etiam est, quod magis proficere potest animus tran- 
quillitate dotatus, quam continua contradictione turbatus. 

Ex hiis paucis et aliis multis resdsis motivis consulunt in omni 
fidelitate domini de universitate pro bono ejusdem, quod procurare 
juraverunt, et avisant, quatenus BasiUensis civitas in uniformitate vie 
contenta sit. Quod si eis moderna minus quam (antiqua) placeat, magis 
suadent solam antiquam acceptandam, quam ambas simul jungendas, 
salvis statutis suis privilegiis et addictis quibuscunque. 

Presentata deputatis civitatis tertia July anno etc. LKTTTI".' 



4. Gutachten der vierundzwanzig Pariser Tlieologen für Petrus de Rivo. 297 

4. Das Gutachten der vierundzwanzig Pariser Theologen 
zugunsten des Petrus de Rivo. 

(Mai— November 147J.) 

Als in Löwen 1471 die Partei des Artistenmagisters Petrus de 
Rivo das Bedürfnis fühlte, ihre Lage durch zustimmende Gutachten 
anderer Hochschulen zu verbessern, entsandte sie zu diesem Zweck, 
wie oben berichtet wurde, zwei Agenten nach Köln und Paris. Die 
ausnahmslos dem ,alten Weg' ergebene Kölner Fakultät gab in der 
gewünschten Kichtung eine Gesamterklärung ab. Bei den anscheinend 
durch den Wegestreit gespaltenen Pariser Theologen war eine solche 
nicht zu erhalten, und die Löwener Abgeordneten mußten mit Sonder- 
gutachten von vierundzwanzig Lehrern i) sich begnügen. Wie der be- 
kannte Humanist Pichet sich ausdrückt, stimmten ,qui plures doctiores- 
que habebantur' den Löwenern zu. 

Über die Zahlen- und Parteiverhältnisse dieser Lehrer und ihre 
Beziehungen zu den neunundvierzig Pariser Universitätslehrern, welche 
1474 für königliche, antinominalistische Verordnung eintraten, werde ich 
weiter unten (S. 307 f.) das Wünschenswerte beibringen. 

Die Darlegung, welche die Löwener in Köln und Paris zur Begut- 
achtung überreichen Ueßen, muß, weü anscheinend nicht erhalten, aus 
den Antworten rekonstruiert werden. Hierfür liefern die beiden führenden 
Erklärungen des P. de Vaucello und des G. de Castroforti, welchen sich 
fast alle übrigen Lehrer einfach anschlössen, genügende Anhaltspunkte. 
Die Löwener unterbreiteten drei Gegenstände dem Urteil ihrer Kollegen. 
Erstens ihren antinominalistischen Beschluß von 1447; sodann den Satz 
aus der aristotelischen Schrift negl iQfitjveiag: den bedingt zukünftigen 
Dingen kommt als solchen eine bestimmte Wahrheit nicht zu; drittens 
eine Schrift des Petrus de Rivo 2) mit sechs Teilen oder Abhandlungen, 
deren Anfangsworte und Umfang mitgeteilt wird. Sie waren der Er- 
örterung des obigen Satzes gewidmet. 

Die Gutachten wurden, soviel wir aus acht (6, 11, 14, 18, 19, 20, 23, 24) 
Datierungen ersehen, zwischen Mai und November 1471 fertiggestellt. 

1) Ich lasse sie in alphabetischer Ordnung folgen. Gesperrt sind die 
neun Namen der Lehrer des Verbannungsedikts von 1474 ; s. liier unten S. 308. 

Alvetis, Aegidius 17. Has, Petr. de 24. 

Borni Milo 8. Le Cozic Rolandus 0. Pr. 6. 

Bourgensis Gull. 2. Martini Petr. 23. 

Bouylle Guil. 10. Moneti Joan. 7. 

Boyssel Radulphus 18. Munerii, f rater Joan. 19. 

Canuti Joan. O. Pr, 12. Patini, frater Joan. 13. 

Caros Petr. 4 Pilory Joan. 0. Pr. 21. 

Castroforti, Guil. de 11. Pitas, frater Dionysius 16. 

Cossart Joan. 0. Pr. 22. Porcelli Joan. 15. 

Cozic V. Le Cozic 6. Ursi Ant. 3. 

Flehet Guil. 9. Vaucello, Petr. de 1. 

Fontenayo, . . de 20. Watait (Vatat, Fatat), frater Joan. 14. 

Gervasii Steph. 5. 

2) Codex 24. 1. 



298 IV. Anhang von Aktenstücken. 

G. de Castroforti sagt ausdrücklich, daß es unter den Pariser 
Theologen die Realisten waren, welche mit ihm dem Petrus de Rivo 
zustimmen (tenuerunt hucusque Parisius omnes illi communiter, qui 
doctrinam Realium insequuntur). Wir können hier auf die weitschichtige 
Streitfrage sachlich nicht näher eingehen, um ihren Zusammenhang mit 
dem Wegestreit genauer aufzuweisen. Auffallend scheint die vorsichtige 
Verklausulierung, mit welcher Gull, de Castroforti seine Erklärung über 
die Schriften des Petrus de Rivo einleitet. Es ist als ob er die Möglich- 
keit einer gegenteiligen Stellungnahme der kirchlichen Autorität fühlte. 
Nach dieser Rückendeckung trägt er dann freilich seine Petrus günstige 
Ansicht entschieden vor. 

Ich entnehme den hier folgenden Text der Originalausgabe der 
Miscellanea von Steph. Baluze: IV (Paris 1683) 538—549 (ed. Mansi 
Lucca II (1761) 294—297). Als seine Quelle bezeichnet Baluze ,ex 
codd. 624 et 2671 bibl. Colbertinae'. Diese Handschriften sind jetzt in 
der Pariser Nationalbibliothek codd. 3169 und 4152; vgl. H. Omont, 
Concordance des numeros anciens et des numeros actuels des mss. 
latins de la bibl. nat. Paris, 1903, p. 51, 62. Aus Baluze entnahm 
d'Argentrö das Aktenstück für seine ,Collectio iudiciorum de novis 
erroribus' I 2 (J728) 273—278; benützt von Quötif-Echard, SS. ord. 
Pr. I 812. 



<538> Opiniones sive signaturae Doctorum Parisiensium, 

quarum mentio fit suprä pag. 536 ^). 

An. 1471. <1> ,Videtur mihi, salvo semper Doctorum ac peritiorum 
meliori judicio, quod ordinatio facta per venerandam theologiae facul- 
tatem universitatis studii Lovaniensis super quibusdam propositionibus 
et earum similibus, quae videnturpiarum auriura offensivae, et postraodum 
per facultatem artium eiusdem universitatis acceptata et per modum 
statuti in suis registris descripta, quod scilicet tales propositiones omnino 
sileantur, (quae quidem ordinatio sie incipit: Cupiunt juxtaconsi- 
lium Apostoli venerabilis artium facultas etc. et finitur: et 
similes, hoc est, aeque offensivae vel magis periculosae, 
sileantur omnino) 2) provide, sapienter, et fructuose sunt edita, facta et 
instituta ad bonorum ipsius universitatis, vitationem errorum, et ad 
falsorum dogmatum periculosas inventiones supprimendas, ad profectum 
etiam scholarium seu auditorum, praesertim ad veriorem seu securiorem 
eruditionem ülorum, qui studio theologiae intendunt. — Praeterea videtur 
mihi, quod positio seu doctrina Aristotelis in libro primo peri ermenias 
de futuris contingentibus non repugnat nee adversatur sacrae scripturae 
nee revelationibus in eadem contentis, quodque cum veritate scripturae 
et dictis seu expositionibus sanctorum Doctorum sustineri potest ac 
defendi. Contraria vero assertio mihi videtur periculosa, dissona veri- 
tati, non dogmatizanda, sed potius silenda; ne longius divulgata plurimos 
a veritatis rectitudine et doctrina sanctorum <539> Doctorum deviare 



1) Der von Baluze vorgesetzte Titel. ^) Vgl. oben S. 29J. 



4. Gutachten der vierundzwanzig Pariser Theologen für Petrus de Rivo. 299 

faciat. Insuper mihi videtur, quod contenta in quodam codice, ut fertur, 
per magistrum Petrum de Rivo, — quoad primam partem incipiente: 
An in potestate Petri etc.; quoad aliam partem: Sicut Tullius 
testatur libro de fato etc.; quoad aliam partem incipiente: 
Ponentes in propositionibus etc.; et quoad aliam: A quolibet 
catholico etc.; et quoad aliam, decem capitula continentem: Utrum 
Philosoph! tres virtutes etc.; et quoad aliam novem capitula conti- 
nentem, incipiente: Finalis particula, — si hujusmodi contenta et 
scripta düigenter inspiciantur et examineutur, non dissonant veritati, 
nee suspecta haberi debent in fide et doctrina sanctae matris Ecclesiae, 
sed magis ut ex dictis Doctorum approbatorum elicita et compilata. 
Sic subscriptum et signatum: De Vaucello. 

<2> Et mihi Guillelmo Burgensi, sacrae theologiae Doctori, actu 
in praedicta facultate regenti, videtur conformiter ad praedictam opinio- 
nem magistri nostri de Vaucello; qui etiam est opinionis Aristotelis 
in fine primi peri ermenias. Sic subscriptum et signatum Bourgensis. 

<3> Et mihi Antonio Ursi, sacrae theologiae professori, actu 
regenti Parisius in praedicta facultate, ita videtur, sicut continetur in 
praedicta determinatione magistri nostri de Vaucello. Sic subscriptum 
et signatum. Ursi. 

<4> Et mihi Petro Caros, sacrae theologiae professori, ita videtur 
ut in praedicta determinatione magistri nostri de Vaucello supraseripto. 
Sic subscriptum et signatum. Caros. 

<5> Et mihi Stephane Gervasii, sacrae theologiae professori, videtur 
ut in praedicta determinatione magistri nostri de Vaucello supraseripto. 
Sic subscriptum et signatum. Gervasii. 

<6> Et mihi fratri Rolando de Cozic ordinis <540> fratrum Prae- 
dicatorum, sacrae theologiae professori, necnon contra pestem haere- 
ticam in toto regno Franciae Inquisitor! auctoritate apostolica deputato, 
videtur in omnibus et per omnia dicendum fore, tenendum et determi- 
nandum in praedicta materia, prout doctor egregius magister noster 
reverendus Petrus de Vaucello dixit, scripsit ac determinavit. Et con- 
formiter dico, teneo et determino, teste manu propria hie apposita, die 
28 mensis Junii, anno Domini millesimo CCCCLXXI. Sic subscriptum et 
signatum. Cozic. 

<7> Idem videtur mihi Johanni Moneti, Presbytero, sacrae theo- 
logiae professori immerito. Sic subscriptum et signatum. Moneti. 

<8> Praedictis assertionibus adhaerendo ego Milo Borni conformiter 
dico cum honorando magistro nostro Petro de Vaucello substantialiter. 
Teste signo meo manuali, anno ut suprä, apposito. Sic subscriptum et 
signatum. M. Borni. 

<9> Mihi Guillelmo Ficheto, Parisiensi theologo, Doctori, eadem, 
quae doctissimo patri Petro de Vaucello de superioribus disputationibus 
sentienda probandaque videntur. Nam in coUegio et consessione patrum 
doctorum Parisiensium, in qua diutissime fuit superius descripta materia 
disputata, eam doctissimum fere quemque sententiam tulisse audivi. 
Atque maxime patris de Vaucello opinionem probarunt, qui plures 



300 IV. Anhang von Aktenstücken. 

doctioresque habebantur. Res etiam mihi diutius cogitanti ita se habere 
Visa est. Quapropter testor meam esse sententiam cum ante nominato 
patre consentaneam. Sic subscriptum et signatum. Fichetus. 

<10> Mihi Willelmo Bouylle, omnium theologorum minimo, praefatae 
veritatis declaratio videtur catholica et sanctorum Doctorum Realium 
doctrinae utcimque consona. Sic subscriptum et signatum. Bouylle. 

<11> Cum nihil inter humana salubrius fore censeatur, inquisitione 
atque manifestatione catholicae veritatis, ipsa sapientia divina attestante 
quae dicit: Qui me elucidant, vitam aeternam habebunt i), et ad 
hoc tam strenuum atque laudabile et fructuosum opus sacrae professores 
veritatis astringi et teneri maxime videantur, et signanter, ubi materia 
occurrit et reddenda ratio exigitur, hinc est quod ego Guülelmus de 
Castroforti, inter sacrae theologiae studii et almae universitatis Parisi- 
ensis clarissimos professores minimus, ac regalis coUegii Campaniae, 
alias Navarrae, in eodem Parisiensi studio fundati iudignus magister, 
a nonnullis egregiae litteraturae ac eruditis viris opinari ac opinionem 
propriam super quibusdam materiis ac quaestionibus inferius descriptis 
signare requisitus, requisitioni mihi factae statifacere cupiens, ad easdem 
quaestiones, quae mihi fore dicenda videbantur, quantum Dominus suffra- 
gari meisque aspirare conatibus dignabitur edicere atque scribere conabor. 

Prima quaestio in ordine: Uti'um opinio vel doctrina Philosophi 
primo peri ermenias sententialiter dicent, quod in propositionibus de 
futuro contingenti non est determinata veritas, quemadmodum in illis de 
praesenti et praeterito, stare possit cum fide catholica, vel utrum sacrae 
fidei adversetur et repugnet, attento quod Dens omnia futura evidenter 
et determinate cognoscit. Salvo semper peritorum judicio, mihi videtur, 
quod praedicta Philosophi opinio veritatem continet, quam sequuntur 
Doctor Sanctus et plures alii in sacris litteris famatissimi atque clarissimi 
Doctores et in fide firmissimi, ejusdem fidei strenuissimi defensores, 
dictamque Philosophi sententiam tenuerunt huc usque Parisius omnes 
illi communiter, qui doctrinam Realium insequuntur. Unde et praenomi- 
natus <541> sanctus Thomas de Aquino in omni passu, in quo de futuris 
contingentibus loquitur, nullam ponit in eis determinatam veritatem, 
prout futura sunt aut in futuritione considerata. Repugnat enim futuro 
contingenti, ut tale est, determinatio veritatis aut falsitatis. Alias enim 
contingens non esset. Eo enim contingens esse dicitur, quia potest 
evenire et potest non evenire. Ergo ad nullum est determinatum. Qua- 
propter ponere propositiones de futuro contingenti esse determinate 
Veras aut determinate f alsas, . sicut illas de praesenti aut de praeterito, 
quae sunt inimpedibiliter verae aut falsae, est favere errori dicentium, 
omnia de necessitate evenire, sit quod non possunt impediri, quod 
repugnat fidei et libertati voluntatis, et concilia destruit, et merita 
dissolvit. Obsequitur itaque fidei dicta Philosophi opinio, nee eidem 
adversatur aut repugnat, si recte intelligatur. 

Secunda quaestio est de quondam statuto a Doctoribus sacrae 
theologiae studii ac famosae universitatis Lovaniensis quondam instituto 

1) Eccii. 24. 31. 



4. Gutachten der vierundzwanzig Pariser Tlieologen für Petrus de Rivo. 301 

et ordinato, et consequenter per facultatem artium dictae universitatis 
accepto et per modum etiam statuti et ordinationis recepto, et in suis 
registris seu libris scripto;. cujus quidem statuti vel ordinationis vigore 
reprimuntur tamquam sub silentio ponendae quaedam propositiones, 
quae pro tunc eis videbantur nullatenus communi doctrinae convenire, 
sed potius inutiles aut piarum aurium offensivae; — cujus etiam statuti 
vel ordinationis exordium tale est: Cupiens juxta consilium 
Apostoli venerabilis artium facultas se ipsam Deo probabilem 
et inconfusibilem etc. statuiti) etc. In primis quidem ut disputatio 
de potentia divina et ceteris^theologicalibus venerandae facultati theologiae 
relinquatur. Et sie de aliis; — utrum scilicet praefata ordinatio sit justa 
et tamquam <543> rationabilis tenenda et observanda. In hac autem 
materia, sicut in praecedenti ac etiam sequenti, opinionem insequendo 
clarissimi et famatisslmi sacrae theologiae professoris magistri Petri de 
Vaucello, ac etiam theologiae facultatis almae universitatis Parisiensis 
Decani meritissimi atque doctissimi, puto dictam ordinationem perutilem 
atque fructuosissimam esse, cum et exhortationibus et praeceptis Apostoli 
conveniat, quibus Timotheo scribebat: Stultas autem et sine disci- 
plina quaestiones devita, sciens quia generant lites^); et con- 
formiter ad Titum tertio capitulo: Stultas autem quaestiones et 
contentiones et pugnas legis devita, sunt enim inutiles et 
vanae3) etc. Unde propositiones, quae per statutum praefatum silendae 
praecipiuntur, non tantum vanae et inutiles videntur, quin etiam, ut in 
pluribus, sanae doctrinae subversivae, et nonnullae earum de haeresi 
suspectae. Proinde ordinatio facta ad honorem cedit praedictae universi- 
tatis Lovaniensis, ad suppressionem falsi et periculosi dogmatis, et ad 
commendationem doctrinae veritatis catholicae, profectui studentium 
deservit, et alias affert quamplurimas notabiles commoditates, propter 
quas amplexanda est praedicta ordinatio et jugiter observanda. 

Tertia quaestio quendam tractatum continet a quodam vene- 
rabili et profundae litteraturae viro, sciUcet magistro Petro de Rivo 
editum atque compositum, signanter et principue ad elucidationem veri- 
tatis dictae sententiae seu opinionis Philosophi de futuris contingentibus, 
et ad confutationem opinionis contrariae; — Qui quidem tractatus 
quoad primam partem incipit: An in potestate Petri etc.; quoad aliam 
partem: Sicut Tullius testatur in libro de facto etc.; quoad aliam 
partem incipit: Ponentes in propositionibus etc.; et quoad aliam: 
A quolibet catholico <344> etc.; et quoad aliam decera capitula con- 
tinentem: Utrum Philosophi tres virtutes etc.; et quoad aliam 
novem capitula continentem incipit: Finalis particula etc.; — utrum 
praefatus tractatus debeat vel in toto vel in parte de haeresi aut falsitate 
notari, aut possit probabiliter tamquam veritatem continens sustineri, 
et tamquam probabilis sanaeque doctrinae conveniens dogmatizarl et 
defendi. — Quamvis autem haec quaestio non parvi sit ponderis, 
et grandi egeat discussione propter arduas subtilesque difficultates, quae 
in praedicto continentur tractatu, attamen pro modulo facultatis meae, 



1) S. oben S. 291. ^) 2 Tim. 2. 23. 3) Tit. 3. 9. 



302 IV. Anhang von Aktenstücken. 

probabiliter tantum loquendo, ac etiam submittendo determinationi 
ecclesiae sacrosanctae, si quandoque per eam aliter definiri contingat, 
mihi pro nunc videtur, quod tractatus ille subtiliter ingeniöse et multum 
scientifice conditus est, nihilque erroris aut falsitatis fidei contariae includit 
vel continet, sed si attente et per singula discutiatur et ad sensum, 
quem exprimit, capiatur, catholicis et sinceris veritatibus et dictis sanc- 
torum Doctorum consonat et conformatur. Non enim, sicut adversarii 
obicierunt, negat veritatem propositionibus de futuro contingenti, 
quae in symbolo fidei aut canone' sacrae scripturae continentur, quin 
potius eas verissimas fatetur, ab omni catholico firmiter et usque ad 
mortem credendas; sed loquendo de veritate propositionis creata et 
inhaerente formaliter et actualiter ex praesentia rei siguificatae existente, 
dicit quod in talibus propositionibus de futuro contingenti non est veritas 
determinata, sicut in illis de praesenti et praeterito; ita scilicet quod 
sicut illae de praesenti et praeterito, quae sunt verae, sunt inimpedi- 
biliter verae, et quae falsae, inimpedibiliter f alsae, sie se habent illae 
de futuro contingenti, quoniam postquam ponuntur esse de futuro 
contingenti, <545> ponuntur esse impedibiliter et per consequens possunt 
dici neutrae, sie quod non sunt verae inimpedibüiter nee falsae 
inimpedibiliter, eo modo quo verae sunt determinate et inimpedibiliter 
illae de praesenti et de praeterito. Et ipse sensus exprimitur evidenter 
in tractatu praelibato. Qui quidem sensus sie verus et conformis doc- 
trinae communi videtur, ut non possit nisi fallaciter calumniari. Et iste 
modus dicendi prafatam Philosophi sententiam clarissime discutit, eam 
cum Sacra fide concordat atque salvat. Et hie etiam sensus videtur esse 
de intehtione Philosophi, si bene et attente verba sua considerentur, 
quibus dicit: In iis ergo, quae sunt et quae facta sunt, necesse 
est affirmationem vel negationem esse veram vel falsam^) etc. 
In singularibus vero etfuturis non similiter est 2) etc. Manifestum 
est enim, quod per ea, quae sunt, Philosophus intelligit praesentia, 
quae necesse est esse, dum sunt, et per ea, quae facta sunt, intelUgit 
praeterita, ad quae non est potentia. Et sie non vult Philosophus aliud 
dicere, nisi quod praesentia et praeterita sunt inimpedibiliter vera aut 
falsa. Sed non similiter est in singularibus et futuris contingentibus, 
quia non sunt inimpedibiliter et determinate vera, aut inimpedibiliter 
et determinate falsa; quia sie non essent ad utrumlibet, si essent inim- 
pedibiliter, sicut praesentia et praeterita. Et hoc etiam declarat Philo- 
sophus consequenter dicens: Quare quoniam oratio nes similiter 
verae sunt quemadmodum et res, manifestum est, quoniam 
quaecunque sie se habent, ut ad utrumlibet sint, et contraria 
ipsorum contingere queant, necesse est similiter se habere 
et in contradictione^), scilicet ut altera pars contradictionis in iis, 

1) Hegl iQfiifivslas 9 ed. J. Bekker I 18: 'Eni fihv oiv x&v ßwaiv xal 
yevofiiviov ävdyni] rijv iiaTdq>aaiv i) tijv &7i6q)aoiv äÄtj'&'ij •JJ ipevö'^ elvav . . . 

2) L_ c_ 'Eni ob Tcöv nad"' iaaata aal fieZÄövvav ov% dfioicDS. 

8) L. C. p. 19. "ßov' inel öf*ol(og ol Aöyoi äÄ^jd-etg üaneg ra ngayi^ata, 
6'^/Lov Ostias ^xet &oxe önöxe^ Mxv%b v,a.l xdvavxia ivöixeod'tti,, äpäyurj öfA^oCois 
^X^iv Mal xijv &vxlq>aatv. 



4. Gutachten der vierundzwanzig Pariser Theologen für Petrus de Rivo, 303 

quae sunt ad utrumlibet, non sit determinate et inimpedibiliter vera, 
et altera determinate et inimpedibiliter falsa, sieut in contradictoriis de 
presenti et praeterito. Et sequitur iterum: <546> Neque enim quem- 
admodum in iis, quae sunt, sic.se habent, et in iis, quae 
non sunt, possibilibus tamen esse vel non esse^). Patet enim 
evidentissime quod Philosophi sententia est, quod in iis, quae non sunt, 
possibilibus tamen esse vel non esse, (et haec sunt futura contingentia 
ad utrumlibet), non sie est sieut in iis, quae sunt, id est praesentibus; 
quia talia, dum sunt, necesse est ea esse, et sie sunt inimpedibiliter et 
determinate vera. 

Et haec mihi ita fore dicenda pro nunc videntur, cum protestatione 
addendi vel diminuendi, etiam mutuandi et corrigendi, si aliter, ut prae- 
misi, per Ecclesiam sacrosanctam determinatum extiterit, cui me et 
omnem scientiam meam cum omnibus dictis et scriptis meis humiliter 
et devote submitto. In testimonium approbationis praemissorum, proba- 
biliter tamen, et gratia profectus tantum, Signum meum huic scripto 
inserere decrevi die XVI mensis Mali anni Domini MCCCC septuagesimi 
primi. Sic subscriptum et signatum. G. Castroforti. 

<12> Mihi autem fratri Johann! Canuti ordinis fratrum Praedica- 
torum, in facultate theologiae minimo magistro, ut Decanus <videlicet 
magister Petrus) 2), videtur asserendum et tenendum in supra contentis 
et declaratis, teste signo manuali. Sic subscriptum et signatum. Canuti. 
<13> Ego frater lohannes Patini, in sacra pagina humilis professor 
et actu regens Parisius, praedictis assertionibus cum modificationibus 
assentio, teste signo meo manuali, anno quo supra. Sic subscriptum 
et signatum. Patini. 

<14> Ego frater Johannes Watat, humilis sacrae paginae pro- 
fessor, praedictis assentio, teste signo meo manuali hie apposito, 
IX Julü, anno quo suprä,. Sic subscriptum et signatum. Watat. 

<15> Mihi Ivoni Porcelli, in facultate theologiae <547> regenti 
immerito, videtur quod, habito respectu ad causas secundas tantum, 
non potest dici, quod propositionum de futuro contingenti ad utrumlibet 
haec pars est determinate vera et illa falsa vel e contra ; in aliis autem 
determinatis circa praedictas materias per disertissimum virum atque 
honorandissimum magistrum nostrum Petrum de Vaucello, praedictae 
facultatis decanum dignissimum, sto in eius determinatione, cujus opinio 
mihi videtur probabiUs et probabiliter posse sustineri, tamquam dictis 
et opinionibus Doctorum approbatorum consona et innixa veritati, prae- 
dicanda et dogmatizanda. Sic subscriptum et signatum. Porcelli. 

<16> Ego frater Dionysius Pitas, humilis professor in sacra pagina, 
ita sentio cum praecedentibus substantialiter, scilicet tam cum Domino 
Decano facultatis magistro Petro de Vaucello, quam cum honorando 
magistro nostro Guillelmo de Castroforti. Sic subscriptum et signa- 
tum. Pitas. 



^) L. c. Oi) yäQ &a7tBQ inl rwv övtcov oÜTCog Sy^ei aal inl v&v /tij övt<av 
fiiv övvaT<äv öh elvai- ^ f*ij elvai, dAA' ihaneq eHQtjTai. 

2) Ed. Mansi; de Vaucellis, vgl. oben S. 299 und unten n. 15. 16. 



304 IV. Anhang von Aktenstücken. 

<17> Et mihi Aegidio de Alvetis ita videtur et sentio cum praece- 
dentibus et sto cum Domino Decano facultatis Petro de Vaucello, 
necnon cum honorando magistro nostro Guilhelmo de Castroforti. Sic 
subscriptum et notatum. Aegidius de Alvetis. 

<18> Et mihi Radulpho Boyssel, in primis salvo semper peritiorum 
judicio, mihi videtur doctrinam Aristotelis in primo peri ermenias, de 
veritate et falsitate propositionum de contingenti, per omnia sanam 
esse et veram, in nuUo catholicae veritati repugnantem aut disso- 
nara. Praeterea rationabile et pernecessarium mihi videtur quae- 
stiones theologales non debere terminari aut disputari in scholis artium, 
et propositiones illas debere dari silentio, quae in statuto Lovanii edito, 
incipiente: Cupiens jtixta illud Apostoli, signato manu Adriani Petri 
<548> notarii dictae Universitatis. Insuper mihi videtur, quod in propo- 
sitionibus de futuro contingenti non est verum et falsum similiter sicut 
in ilUs de praesenti et praeterito. Factum anno Domi. MCCCCLXXI, die 
X Septembris. Sic subscriptum et signatum. Boyssel, 

<19> Ego frater Johannes Munerii, in sacra pagina humilis magister, 
ita sentio cum praecedentibus magistris nostris, specialiter cum magistro 
Petro de Vaucello et magistro Guilhelmo de Castroforti, stände in deter- 
minationibus eorum. Teste signo meo manuali hie apposito secunda die 
mensis Septembris, Sic subscriptum et signatum. Munerii. 

<20> Idem mihi videtur cum reverendis magistris nostris de Vau 
cello et Caros, et in eisdem sto cum determinatione magistri Petri de 
Vaucello et affirmatione ejusdem magistri nöstri Petri Caros. Factum 
antepenultima die mensis Septembris, anno Domini MCCCCLXXI. Sic 
subscriptum et signatum. DeFontenayo. 

<2l> Adhaerendo determinationibus magistrorum nostrorum Petri 
de Vaucello et Guülelmi de Castroforti, conformiter dico ego frater 
Johannes Pilory, in sacra theologia magister actu regens Parisius et 
Prior in conventu fratrum Praedicatorum, quod luculenter et plane ad 
verum sensum propositionum praefati magistri determinaverunt. Sic 
subscriptum ac signatum. Pilory. 

<22> Ego frater Johannes Cossart, humilis magister actuque regens 
ordinis fratrum Praedicatorum, conformiter dico sicut et optime deter- 
minaverunt honorandi magistri nostri Petrus de Vaucello ac Guilhelmus 
de Castroforti. Sic subscriptum et signatum, Cossart, 

<23> Mihi quoque Petro Martini humili sacrae paginae Doctori ac 
regenti actu Parisius in eadem facultate <549> conformiter videtur fore 
sentiendum de propositionibus propositis, secundum quod sentiunt prae- 
stantissimi patres nostri et magistri nostri magistri Petrus de VauceUo 
et Guilhelmus de Castroforti, cum qualificationibus, modificationibus et 
protestationibus ipsorum, Quapropter eisdem adhaerendo et conf ormando, 
huic praesenti scripto Signum meum manuale apposui in testimonium 
praedictorum, anno quo supra, die vero XIII Novembris. Sic subscriptum 
et signatum. Martini. 

<:;24> Videtur mihi Petro de Has, in theologia magistro, codice 
magistri Petri de Rivo et aliis perlectis, quod ea, quae circa hanc mate- 
riam de futuris contingentibus diffinivit atque in iis dicenda declaravit 



5. Die Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 305 

6t firma fide tenenda colendissimus magister noster Guillelmus de Castro- 
forti, regalis collegii Navarrae rector et magister summus, catholice et 
ingeniöse multum diffinita sunt et optime determinata. Et pro hujüs 
meae opinionis assertione Signum meum manuale hie apposui, XXI mensis 
Septembris, anni MCCCC septuagesimi primi. Sic subscriptum et sig- 
natum. P. Häs.' 



5. Die Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 

(1. März 1474.) 

Die Verordnung wurde, so viel ich sehe, zum erstenmal von Du 
Boulay in seiner reichhaltigen Geschichte der Pariser Universität ohne 
Quellenangabe (V <1670> 706— 710J in der ihm eigenen nachlässigen Weise 
veröffentlicht. In dieser Ausgabe wurde, und wird sie auch noch jetzt, 
fast ausschließhch benutzt. Und doch war bereits 1820 im siebzehnten 
Band der ,Ordonnances des Reis de France de la troisiöme race' Paris, 
607-612 nach zwei Handschriften n-^ 364. 365, fol. 183 der .Biblioth^que 
des Avocats' ein bedeutend verbesserter Text erschienen. Selbstver- 
ständlich ist dieser Text (Or) der hier folgenden Neuausgabe zugrunde 
gelegt. Da Du Boulay offenbar andere Handschriften benutzt hat als Du 
Theil, der Herausgeber der ,Ordonnances', und diese noch weniger Ver- 
breitung gefunden haben als Du Boulay, so sind unten die bemerkens- 
werten Abweichungen und Lücken Du Boulays (Bu) verzeichnet. Die 
Pariser Handschriften sind mir gegenwärtig unzugänglich. Es kamen 
mir daher zwei Abschriften von der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts 
sehr gelegen, welche in der unten S. 327 beschriebenen Hs lat. 482 fol. 
der Münchner Universitätsbibliothek Bl. 73— 75v, 83—85 (J 1. J 2) ent- 
halten sind. Sie stimmen im großen und ganzen so miteinander, daß 
sie wohl auf dieselbe Vorlage zurückgehen. Anderseits steht diese 
Vorlage auch der des Textes der Ordonnances sehr nahe. Es bekräf- 
tigen ihn daher die Ingolstädter Abschriften in erwünschter Weise, bieten 
aber außerdem einige nützliche Lesarten. Die zweite Abschrift (J 2) ist 
bedeutend sorgfältiger und lesbarer. — Eine weitere Abschrift verzeichnet 
das Chartular. univ. Paris. III p. X nota 4 im .codex Harcourt, fol. 184'. 
Die nötige Aufklärung über diese Handschrift erhalten wir ebd. I p. XXXIII, 
wo sie als .codex Carnotensis 662' bezeichnet wird. Weiteres über diesen 
bietet der Catalogue des mss. des bibl. de France. Departements to. XI: 
Chartres (1890) 261—263. Seine jetzige Bezeichnung ist .cod. 595 (662)'; 
Bl. 184. Die Abschrift wird mit Bl. 182—187 im Katalog S. 262 als ,copie 
du XVI« si^cle' bezeichnet. Die Handschrift war das alte, offizielle 
.Cartulaire' des Pariser Kollegs d'Harcourt (von 1280). Wie sich diese 
Handschrift zu dem ,Cartulaire' der Bibliothek ,des Avocats' verhält, in 
dem die Abschrift sich auch auf Bl. 183 fand, wäre noch zu untersuchen. 

Ferner ist zu beachten, daß fast allenthalben die Verordnung dem 
Jahre 1473 zugeteilt wird. Allerdings bieten alle Handschriften als Datum 

Franzisk. Stud., Beih. 9: Fr. Ehrl e, Der Sentenzenkommentar Peters von Candia, 20 



306 IV. Anhang von Aktenstücken. 

den 1. März 1473. Aber dieses Datum ist ,more Gallicano' mit Ostern 
als Jahresanfang berechnet und entspricht deshalb dem 1, März 1474 1). 

Zum Verständnis des Aktenstücks ist die Zeitlage wohl zu beachten. 
Es fällt in die Periode, in der, wie schon oben (S. 116) bemerkt wurde, 
die mittelalterliche, akademische Selbstherrlichkeit schon großenteils zu 
Grabe getragen war und die königliche Gewalt, welche bisher nur als 
oberste Schutzmacht hoch über dem autonomen Walten der Hochschule 
geschwebt hatte, bereits häufig in das akademische Leben eingriff. Hier 
hatte sie sich in den Dienst einer Schule gestellt, welche, wie ich ver- 
mute, in der Artistenfakultät in der Minderheit war, aber in der theo- 
logischen einen starken Rückhalt besaß. Oder warum nahm diese 
Schule die königliche Gewalt zu Hilfe, wenn sie die Sache bei den Ar- 
tisten durch ihr eigenes Übergewicht hätte durchsetzen können? Die 
Maßregel entsprach wohl nicht den in dieser Fakultät vorwaltenden An- 
schauungen. Sie war, wie die nächste Zukunft zeigte, eine Gewaltmaß- 
regel. ,Violenta non durant.' So berechtigt die Verordnung in mancher 
Hinsicht war, sie kam reichlich zu spät. Schon mehr als hundert Jahre 
vorher hätte im Nominalismus das Berechtigte, Heilsame von dem Un- 
gesunden und Überschwänglichen geschieden und dieses Letztere' be- 
seitigt werden sollen. 

Zu diesen Erwägungen regt uns das Schicksal des königlichen 
Ediktes an. Ich teüe daher auch die diesbezüglichen Quellenberichte 
mit, die ich gleichfalls Du Boulay entnehme; allerdings ohne bei der 
Unzugänglichkeit der Pariser Handschriften, dessen Texte nachprüfen 
zu können. Außer den Quellenstellen gebe ich auch einiges wenige 
von dem sie einrahmenden Text Du Boulays selbst. 

Wie wir aus den einleitenden Sätzen dieses letzteren ersehen, 
gingen dem Edikt leidenschaftliche Kämpfe vorher. Ob die Nominalisten 
vorfühlten, was gegen sie geplant war oder ob eine besonders heftige 
Phase des Wegestreites die Realisten zu ihrem Vorstoß veranlaßt hatte, 
ist nicht klar. Ersteres dürfte wahrscheinlicher sein, da eine Maßnahme, 
wie dies Edikt es war, doch wohl eine längere Vorbereitung forderte, 
die der Gegenpartei kaum verborgen bleiben konnte. 

Die königliche Verordnung war als entscheidender, mit dem Feinde 
völlig aufräumender Schlag geplant. Allerdings wurden die Nominalisten 
nicht formell des Landes verwiesen, aber sie wurden aus dem Univer- 
sitätsbetrieb völlig ausgeschaltet, konnten keinen akademischen Grad 
erlangen. Da nun die Aussicht auf diesen Betrieb und diese Grade 
allein sie nach Paris geführt hatte, wurden sie eben doch zum Abzug 
gezwungen. — Wie gründlich man mit den Nominalisten aufräumen 
wollte, zeigt am deutlichsten die Einziehung der gesamten nomina- 
listischen Literatur. Freilich nahm man im richtigen Gefühl der beson- 
deren Sachlage Abstand von der sonst üblichen Verbrennung (Wiklif, 
Hus, Juden). Es handelte sich eben hier in erster Linie um Schulmei- 



1) Als Beleg genügt diese eine Stelle des ,Llber procuratoris' der deut- 
schen Nation: ,Anno Domini MOCCC^LXXIIIIO secundum compotum curie Romane 
Jahresanfang 25. Dezember>, LXXIIP secundum usura Parisiensem.' 



5. Die Verordnung Ludwigs Xl. gögen den Nominalismus. äÖ7 

nungen, die zunächst großenteils das philosophische Gebiet betrafen, 
wenn sie auch zuweilen in die Domäne der Theologie übergriffen und 
diese stark in Mitleidenschaft zogen. Verbrannt wurden offenkundig 
als häretisch zensurierte Biicher. Auf ein solches Lehrurteil gegen 
nominalistische Schriften stützte sich das königliche Schreiben nicht und 
konnte sich nicht stützen, da keines vorlag. Den VerurteUungen der 
mehr theologischen Sätze des Nikolaus von Autrecourt und Johann von 
Mirecourt, sowie dem von Ugolino Malabranca von Orvieto gesammelten 
Irrtümerverzeichnis lag nur die Autorität der Pariser Theologen zugrunde. 
— Selbst das durch die Artistenfakultät erlassene Verbot des Ockhamis- 
mus von 1339 und 1340 wird vom König nirgends ausdrückhch erwähnt. 
Es wurde nach den Berichten Du Boulays erst bei der Verkündigung 
des königlichen Edikts in den Universitätssitzungen mehrfach in den 
Vordergrund gerückt. Den durch ihre Eide an die Universitäts- und 
Fakultätsbeschlüsse gebundenen Universitariern gegenüber war es verr- 
wendbar. 

Die auf den stückweisen Abbruch des königlichen Schreibens ab- 
zielenden Bestrebungen der Pariser Nominalisten galten, in richtiger Er- 
kenntnis der Sachlage, zunächst der Einziehung der ganzen Nominalisten- 
literatur. Das war der schwächste, weil am weitesten gehende Punkt. 
Aber auch in betreff desselben erbaten sie zunächst behutsam nur, man 
möge sich mit der Einziehung je eines Exemplares jedes nominalistischen 
Autors in jeder Bücherei begnügen, die allenfallsigen weiteren Exemplare 
den Besitzern belassen. Aber auch diese Bitte wurde folgerichtig ab- 
schlägig beschieden. Es wäre ja sonst der eigentliche Zweck der ganzen 
Maßnahme hinfällig geworden. Man wollte ja das Studium dieser Auto- 
ren völlig unmöglich machen, nicht etwa nur erschweren. 

Es dauerte sechs Jahre, bis auch nur an diesem Punkt die Bresche 
gebrochen war, Allerdings war mit der Rückgabe der Bücher, wie die 
königliche Erklärung von 1481 ausdrücklich hervorhebt, die Duldung 
der nominalistischen Sondermeinungen gegeben. Von hier bis zur Wieder. 
Zulassung in den vollen Universitätsbetrieb war nur ein leichter Schritt. 
Daß auch dieser erfolgte, dafür bürgt uns, wie ich glaube, die schon 
oben erwähnte große Zahl nominalistischer Veröffentlichungen durch 
die Pariser Presse um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts. 

Aus dem Zahlenverhältnis der zur Vorbereitung der königlichen 
Verordnung beigezogenen und für sie eintretenden Lehrer läßt sich in 
betreff der Vertretung der beiden Wege in der theologischen und philo- 
sophischen Fakultät sowie in den Nationen kaum ein sicherer Schluß 
ziehen i). Es ist zwar die Theologie durch zwanzig Lehrer vertreten : 

1) Ich lasse hier ein alphabetisches Verzeichnis der für die königliche 
Verordnung von 1474 eintretenden Magistri folgen, mit Angabe der Fakultät 
(Theol. Decr. Med. Art.) und der Nation (A. Franc, A. Picard., A. Norm., A. Alem.). 
Gesperrt sind die neun Namen der 1471 für P. de Rivo stimmenden Lehrer. 
Selbstverständlich finden viele der hier verzeichneten Lehrer in dem Char- 
tularium univ. Paris. IV und in dessen Auctarium II Erwähnung. Ich merke 
bei den einzelnen Namen nur jene Stelle dieser beiden Quellenwerke an, an 
welcher sie zum erstenmal auftauchen. Aus den hierbei verzeichneten Daten 

20* 



308 



IV. Anhang von Aktenstücken. 



Bavene, Bouille, Caros, Castroforti, Cossart, Chetart, Gervasii, Grandis, 
Heredi, Lapide, Martini, Mercatoris, Molendinis, Patini, Puteo, Rota, Thi- 
baut, Trousset, Ursi, Watat. Daneben weist das Kirchenrecht nur drei 
und die Medizin vier Vertreter auf. 

Den zwanzig Theologen stehen neunzehn Artisten gegenüber, 
sieben aus der französischen (Franciae, Gallica) und je vier aus der 
pikardischen, normannischen und deutschen (alemannica) Nation. Ob 
die stärkere Vertretung der französischen Nation uns berechtigt, in ilu* 
ein stärkeres Hinneigen zum Reahsmus anzunehmen, ist mir zweifelhaft. 
Da ihr Gebiet ganz Paris umschloß, so war sie vielleicht erheblich zahl- 
reicher als die andern Nationen. 

Die überwiegende Vertretung der theologischen Fakultät zeigt 
doch wohl, daß in ihr der Sitz und die Stärke der hier tätigen, anti- 
nominalistischen Bewegung lag. Sie mußte den Ausschlag geben. 
Übrigens gehörte ja ein gewisses Aufsichtsrecht des Lehrgebietes zu 



ist ersichtlich, welche von den Genannten in Anbetracht eines mehrjährigen 
Studiums oder längeren Lehrtätigkeit besondere Beachtung verdienen. — - Es ist 
zu beachten, daß das Chartularium IV nur bis 1452 und das Auctarium II bis 
1466 reicht. 



Algia, Guil. de M N IV 491 (1430), II 

809 (1450J. 
Avis Joan. MN IV 703 (1451). 
Basin Joan. M IV 99 (1403). 
Basso Madidi (v. Roris, Bassa) Joan. 

MNIV 703 (1451). 
Bavene Joan. T II 731 (Bavant 1448). 
Benedict! Joan. AP IV 119 (1403). 
BouiI16 Guil. T IV 573 (1435); II 500 

(1437). 
Buslanden, Franc, de, AA. 
Calvi Ivo A F. 
Caronis Petr. AP. 
Caros Petr. T IV 706 (1450/1); II 773 

(1449). 
Castroforti, Guil. de, T IV 689 (Rektor 

1450); II 809 (1450). 
Castillon, Guil. de, D. 
Chetart Amator T. 
Colini Joan. AF. 
Cossart Joan. T. 
Garsias Petr. AF. 
Gervasii Steph. T. 
Grandis Steph. T, 
Hannen Jac. A P. 
Heredi Bardinus T. 
Houle (Hug) Jac. AA. 
La Longue, Roh. de, AN. 
Lapide, Joan. Heynlin de, T II 903 (1 454). 
Martigniaco, Joan, de, AF IV 692 (1449); 

11 624 (1445). 



Martini Petr. T II 967 (1466). 

Mercatoris Berengar. T II 979 (1466). 

Molendinis, Lucas de, TU 909 (1455). 

Monsignet Radulphus AN. 

Mudrat Nie. A N. 

Normanni Gaufridus A P IV 485 (1429); 

II 492 (1436). 
Parvi (Veteri Villa s. Buivilla) Steph. D. 
Patin Joan. O. Pr. T IV 688 (1449). 
Pluyette Joan. AF II 719 (1448). 
Puteo, Donatus de, 0. Min. T IV 543 

(1432), II 762 (1435). 
Rasso (v. Basso, Madidi, Roris). Joan . 

MNIV 703 (1451). 
Remigii Joan. A F IV 737 (1452). 
Roca, Joan. de, T II 942 (1461 Rektor). 
Roris et Bassa Madidi Joan. M v. Basso. 
<Roris Joan. M IV 703 (1451)>. 
Rory Joan. AF 
Sanguet Mathur. T 
Scissoris Petr. AF. 
Scriptoris Joan. AA. 
Succurribilis Petr. AN. 
Thibaut Ursinus T IV 689 (1449). 
Tinctoris Nie. AA. 
Trousset Joan. T 
TuUeu Rob. D. 
Ursi Ant. T 
Valles Joan. AN. 

Veteri Villa (Buivilla) Parvi Stephanus D 
Watat Joan., 0. Pr., T IV 693 (1650). 



5. Die Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 309 

den Traditionen dieser Fakultät. Andererseits wird wolil selbst diese 
Fakultät nicht geschlossen hinter der Verordnung gestanden haben. 
Wäre dies der Fall gewesen, so hätten sich die Verfasser der könig- 
lichen Verordnung den Vorteil sicher nicht entgehen lassen, den die 
Feststellung dieser Tatsache ihrer Sache versprach. 

Die vier deutschen Artisten Johann Heinlein von Stein (de Lapide), 
Nikolaus Tinktoris, Johann Scriptoris und Franz von Buslanden sind in 
der Geschichte der deutschen Universitäten bekannte Namen. Sie waren 
auch später in ihrer Heimat für den .alten Weg' tätig. 

Verweilen wir noch einen Augenblick bei den zwanzig Pariser 
Theologen von 1474. Von ihnen hatte sich fast die Hälfte (neun) 1471 
für Petrus de Rivo ausgesprochen, nämlich Bouüle, Caros, Castroforti, 
Cossart, Gervasii, Martini, Patini, Ursi, Watat. Unter den vierundzwanzig 
Theologen von 1471 finden wir nicht weniger als vier Dominikaner: 
Canuti, Cossart, Le Cozic, Pitory und vier weitere Religiösen, welche 
sich nur als ,fratres' bezeichnen : Munerii, Patini, Pitas, Watat. Dagegen 
waren unter den zwanzig Theologen von 1474 nur drei Religiösen: Cos- 
sart, Patini, Watat, von welchen ersterer Dominikaner war. 

Von den vierundzwanzig Theologen von 1471 schlössen sich die 
meisten: siebzehn i), der Meinungsäußerung ihres Dekans Petrus de 
Vaucello (1) an. Noch ausführlicher als er begründete G. de Castroforti 
(11) seine Ansicht; weshalb sechs 2) von den siebzehn sich auf P. de 
Vaucello Stützenden zugleich auch G. de Castroforti zustimmen. Eiaer 
Petrus de Has (24) beruft sich nur auf G. de Castroforti, während drei 
Bouille (10), Patini (13) und Watat (14) ohne Nennung eines Namens (prae- 
dictis) sich, ersterer nur mit P. de Vaucello, die beiden andern mit P. de 
Vaucello und G. de Castroforti einverstanden erklären. Einer: Fonte- 
nayo (20) stützt sich auf P. de Vaucello und Caros, der doch nur mit 
wenigen Worten sich für ersteren erklärt hatte. Einer nimmt in seiner 
Meinungsabgabe auf niemand Bezug: Boyssel (18). 

Noch bedarf das Verzeichnis der nominalistischen Lehrer 3), deren 
Sätze und Bücher verboten werden, einer kurzen Erläuterung. Drei 
Namen machten vielfach Schwierigkeiten. Zunächst frug Hermelink *), 
wer der dort genannte ,Monachus Cisterciensis' sei. Für die Antwort 
lag, wie die oben (S. 103) gebotenen Mitteilungen zeigen, in den Hand- 
schriftensammlungen, in d'Argentr6 und in dem Urkundenbuch der 
Pariser Universität ß) das nötige Material bereit. Es war der Zisterzienser 
Johann von Mirecourt. 

Mehr Schwierigkeit bereiteten selbst den Herausgebern des Pariser 



1) Alvetis (17), Borni (8), Bourgensis (2), Canuti (12), Caros (4), Cossart 
(22), Flehet (9), Fontenayo (20), Gervasü (5), Le Cozic (6), Martini (23), Moneti 
(7), Munerii (19), Pilory (21), Pitas (16), Porcelli (15), Ursi (3). 

'^) Alvetis, Cossart, Martini, Mimerii, Pilory, Pitas. 

3) S. unten S. 3l3. ^) Die theologische Fakultät in Tübingen 138. 

5) D'Argentrö I 1 345; Chartularium univ. Paris. II 610, n. 1147. 



310 VI. Anhang von Aktenstücken. 

Urkundenbuchs 1), Prantis) und Rashdallä) die beiden Namen ,Adam 
Dorp'. Erstere kommen zu dem Resultat: ,Adam Dorp omnino ignotus 
est'. Und doch löst sich das Rätsel durch Einschiebung eines Kommas 
zwischen beiden Namen. Es sind nämlich gemeint Adam Wodeham 
(Goddam) und Johann Dorp 4). Wie bei Buridan und Marsilius einer der 
beiden Namen weggefallen ist, so geschah es auch hier und wurde nur 
der bekanntere Rufnamen gesetzt. Infolge dieser Schwierigkeit hat sich 
bei Rashdall selbst in den Index ein Adam Dorp eingeschlichen. 

Bu. S. 705. ,Die louis 13. lanuarii <1474> electus est in Procuratorem 
Nationis GaUicanae M. loannes de Martigniaco alias Coulliart, qui quia, 
vt arbitror, Antinominalis erat, Antagonistam habuit magistrum Guidonem 
Ribart, sed tandem contentione et certamine, quod per tres hebdomadas 
durauit, superior fuit. Sub hoc Procuratore et Rectore magistro Fa- 
nuche gravissimi conflictus fuerunt in Vniuersitate propter sententias 
Nominalium et Realium. Rex authoritatem suam in ea re interpositam 
voluit et ad Vniuersitatem litteras dedit per Confessorem suum, quae 
lectae fuerunt in Comitijs Centuriatis apud Mathurinenses die 19, lanuarii 
anni praedicti et ad eas examinandas deputati sunt quidam viri Illu- 
stres, qui die 10. Febr. retulerunt, Regi placere, vt Vniuersitas disciplinam 
Scholasticam reformaret tam in doctrina quam in moribus. Atque ideo 
conclusum, vt <706> fieret Reformatio iuxtaMandatumRegis; idque iterum 
ac tertio iteratis Comitijs conSirmatum. Quod vt auditum est a Rege, 
edixit Siluanecti prima Martii <1474> aduersus Nominales. Edictum autem 
tale est: 

Or, S.607. ,Ludovicvs,DeiGratia Francorum Rex, Vniuersis presentes 
litteras inspecturis salutem. — Etsi Regalis Prouidentiae populum aucto- 
ritati sue diuina dispensatione creditum, Fidei et Religionis titulo, 
ingenuisque moribus et disciplinis ac vera et sana virorum Clarorum 
doctrina institui facere atque ornari maxime interest; Nos tamen, qui 
Regno Christianissimo divinae propitiationis permissione prefecti sumus, 
id potissimum curare tenemur, vt fidei puritas in Gallijs, que sole erro- 
rum 5) seu heresum monstris semper ß) caruerunt, inconcussa atque omni 
prorsus errorum caligine intacta permaneat; ob cuius quidem integer- 
rimam defensionem clare felicisque memorie Francorum Reges LUiati, 
Predecessores nostri, qui Christiane semper ') Religionis et Catholice 
veritatis fuerunt feruentissimi zelatores, merito Christianissimi vocati sunt. 

Sic Carolus Magnus Rex et Imperator gloriosissimus studiosos 
quidem viros, Bedam scilicet, Rabanum, Strabum, Alcuinum, aliosque 
complures famosissimos atque eruditissimos ex vrbe Roma 8) ad inclytam 
vrbem nostram^) Parisiensem idcirco transduxit, quo illic Generale ex 

1) Ebd. III p. X, nota 4. 

2) Gesch. der Logik IV 186, Anm. 62; 237, Anm. 357; 14, Anm. 55. 

3) H. Rashdall, The Universities ol Europe in the Middle Ages I (1895) 
539; II 2 (1895) 806. 

4), Über ihn reiches, neues Material in Denifle-Chatelain, Auctarium 

I 978, 867. 6. ») errorum seu fehlt Bu. «) semper fehlt Bu, Or, J 2. 

7) semper fehlt Bu. ^) Romana Or. ^) nostram fehlt Bu. 



5. Die Verordnung Ludwigs XI, gegen den Nominalismus. 311 

omni Nationum lingua Studium institueret. Qui profecto Doctores suis 
praeclaris moribus, doctrina et disciplinis idem Studium ita refertum reli- 
querunt, vt eorundem Predecessorum nostrorumi) Francorum Regum 
ope atque auxilio in hunc vsque diem non modo celeberrimum, verum 
etiam fructuosissimum atque florentissimum vbique terrarum liabitum 
Sit, ab omnique superstitionis <608> et heresis macula alienum. 

Quod ita sane contigisse minime ambigimus propter doctrine sin- 
ceritatem, quam iidem ipsi Authores ibidem, alijque clarissimi Regentes 
atque Doctores plantare ac serere 2) curauerunt; heresim inde et errorum 
spinas atque tribulos funditus euellentes, abijcientesque et penitus rese- 
cantes periculosas ac inutiles et ad perniciosa scandala potius quam ad 
fidei edificationem declinantes doctrinas, superfluas quoque questiones 
omnino prorsus rescindentes; Precipue clara Theologorum Facultas, que 
velut sydus quoddam fulgentissimum, suorum claritate radiorum, non 
solum Regnum nostrum, sed etiam uniuersum Orbem accendit atque 
illustrat, utiliores semper doctrinas amplectens minusque utiles penitus 
abscindens. 

Sic namque priscis temporibus illud antiquissimum nominatissi- 
mumque Atheniense Studium, quod iam olim omnis Grecia universusque 
terrarum Orbis coluit, doctrinam Socratis et Piatonis, Doctrine ») Thaletis 
Milesij, Biantis, ceterorumque, quos Greci Sapientes apellabant, quoniam 
ex ea fructus uberiores provenii'ent, preponere non dubitavit. Sic deinde 
Gregorius ille Magnus, olim Pontif ex Maximus, sacrarum litterarum Inter- 
pres doctissimus, verbique divini maximus Preco, Marcii TuUij Ciceronis 
libros, miro dicendi lepore refertos, quoniam iuuenes eiusdem Auctoris 
mira suauitate sermonis illecti, Sacrarum Litterarum Studium omittentes, 
maiorem etatis sue florem in Eloquentie TuUiane studio consumebant, 
quoad potuit, diligentissime supressit. 

Quo fit vt Nos quoque, eorumdem Predecessorum nostrorum ve- 
stigia sequentes, summopere niti deceat, quo predictum Parisiense Stu- 
dium, in quo fidei lumen semper maxime claruit, ingenuis quidem moribus 
sanaque disciplina ac summorum Realiumque Auctorum doctrina, ce- 
teris quibuscumque minus necessariis doctrinis, penitus sublatis, deinceps 
perpetuo nostris potissimum temporibus ad Dei omnipotentis laudem, 
Ecclesie sue edificationem et fidei orthodoxe incrementum feliciter 
illustretur. 

Cum itaque a quibusdam, quorum erga Nos predictamque filiam 
nostram carissimam Vniuersitatem Parisiensem totamque Rempublicam 
nostram, maximis in rebus, fides*) comprobata est, Nobis his diebus 
nuntiatum extiterit, saluberimas leges atque statuta a summis olini Pon- 
tificibus eorumque Legatis, ac etiam a Predecessoribus nostris Fran- 
corum Regibus rite debiteque sancita, ac eadem in Vniuersitate publi- 
cata, minime aut parum per complures s) eiusdem Vniuersitatis studentes 
esse obseruataß); — Vnde') quoniam ijdem ipsi Studentes exempla in- 

1) nostrorum fehlt Bu. 2) ac serere fehlt Bu. 

3) doctrinamque Jl. ^) quibuscunque fehlt Bu. ^) fidei Bu. 

6) per complures> complices Bu. 

') Or gegen seine Handschrift unde> verum. 



KM^ 



312 IV. Anhang von Aktenstücken. 

genuosque Patrum mores imitari dedignantes, vite dissolutiori, corrup- 
tisque moribus assidue insistunt, quamplurima in dies vitia pullulant: 
nee non etiam alios quosdam, suo nimium ingenio fretos, aut rerum 
quidem nouarum avidos, steriles doctrinas, minusque fructuosas, omissis 
eorumdem patrum Realiumque doctorum solidis salubrioribusque doctri- 
ß. ^ nis, quam eas ipsas steriles doctrinas, in toto aut in parte eorundem 
'' Statutorum tenore dogmatizare prohiberentur, palam legere ac sustinere 
non vereri; — Nos autem id, vt Regem Christianissimum decet, egre 
molesteque ferentes, signanter quod aurum virtutis sacrorumque morum 
in.vitiorum scoriam cpnuertatur, et preterea quod steriles seu minus 
fructuosae, seu erroribus i) proximiores doctrine in preclaris inserantur 
<609> ingenijs, cupientesque ideo, ut 2) ne vnde virtutum, sapientie atque 
doctrine fulgor elucere atque emanare deberet, inde vitiorum errorum- 
que tenebre proueniant, — iis scilicet incommodis salubri, nostris prae- 
sertim diebus, remedio occurrere volentess), dilectum et fidelem Con- 
siliarium nostrum et Confessorem Episcopum Abrincensem, predictae 
Vniuersitatis alumnum sacrarumque litterarum eximium Professorem 
Parisius, apud eandem Vniversitatem destinandum censuimus. Qui^) 
tandem, posteaquam de eiusmodi oberrationibus ei debite constitit, 
conuocauit sibique, iussu et mandato nostro, ascivits) quamplurimos 
sacrae Theologiae Professores, eiusdemque 6) et ceterarum Facultatum ac 
Nationum ipsius Vniuersitatis Doctores atque Magistros, vite et morum 
integritate, litterarum peritia, summa etiam ') virtute et rerum gerendarum 
experientia comprobatos, quorum nomina sunt haec : et primo Facultatis 
Theologie magistri Guillelmus Bonylle«) Decanus eiusdem, Donatus de 
Puteo, Guillelmus de Castro-Forti, Vrsinus Thyboult »), Thomas Troussel i«), 
Antonius Vrsi, Joannes Patin "), Petrus Garos 12), Joannes Watat 13), Lucas 
de Molendinis, Joannes Bavent 1*), Stephanus Geruasii, Bardinus Heredis, 
Joannes de Rochais), Berengarius Mercatoris, Petrus Martini, loannes 
Cossart, Matheus Sanqueti«), Stephanus Grandis, loannes de Lapide, 
Amator Chetart"), omnes predicte Facultatis Theologie Doctores. — 
Facultatis autem Decretorum Magistri Stephanus Parvi alias de Veteri- 
Villa, Decanus eiusdem, Robertus Tulleuis) et Guillelmus de Castülon, 
omnes ipsius facultatis Decretorum Doctores. — Facultatis vero Medicine 
Magistri Joannes Basin, Decanus eiusdem, Guillelmus de Algia^ loannes Auis, 
loannes Roris i9) et Bassa madidi, omnes dicte Facultatis Medicine Docto- 



1) seu erroribus> severioribus Bu. 

2) ut Or, ut> et J2, ut fehlt Jl, Bu. 

3) volentes nur Jl. *) Qui> Cui . . . convocavimus sibique J 1. 
5) ascivit> associavit Bu. ß) eiusdemque fehlt Bu. 

7) etiam fehlt Bu. 8) go Or, Bu; J2 BuUIe, Jl BuU. 

9) Tyboult Or, Thyboult J2, Thibaut Bu, Bursinus Jl. 2. 

w) So Or, Joannes Trousset Bu, Brüssel Jl. 2. ") Batin Jl. 

12) Karos J 1. 2. w) So Bu und oben S. 303 Vatat J 2, Fatat J 1. 

14) So Cr, Jl; BaveneBu. is) So Or, Roca Jl, Eoka J2, Rota Bu. 

16) So Or, Mathurinus Sanguet Bu, Zanquet J2, Zanckquet Jl. 

17) So Or, Bu; Jl Schechhart, J2 Schettart. 

18) So Or, Bu; Tbuelen J2, i») Rosa Bu. 



5. Die Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 313 

res. — Facultatis autem Artium, et primo Nationis Franciae Magistri leannes 
de Martigniaco, Procurator eiusdem, Joannes Pluette, Joannes Rorerii i), 
Yuo Calui2), Joannes Colinis), Petrus Scissoris et Petrus Gratias*) — 
Nationis vero Picardie Petrus Caronis, Procurator eiusdem, Gaufridus 
Normanni, Joannes Benedicti, Joannes Hannen et Joannes Remigii. — 
Nationis quidem Normanie Magistri Robertus Laloignes), Procurator 
eiusdem, Joannes Valles, Radulphus de Monsignet 6), Petrus Succurribilis 
et Nicolaus Murdrac'); — et Nationis Alemannie magistri Franciscus de 
ßuteziaidem 8), Procurator, eiusdem, Jacobus Houit»), Joannes Sciptoris 
et Nicolaus Tinctoris, omnes in dicta Artium Facuitate Regentes seu 
Magistri. 

Quibus Omnibus cum eodem Consiliario et Conf essore nostro, post 
ingentem eiusdem rei consultationem, vno animo, vnoque consensu, 
nomine penitus ipsorum discrepante seu contradicente, visüm est, quod 
pro eorumdem Scholarium et Studentium vite, morum et discipline Re- 
formatione Statuta iam oiim et pluries in eadem Vniuersitate tam per 
nonnullos Apostolicos Legates in Regno nostro specialiter deputatos, 
quam etiam per eandem Vniuersitatem et maxime per Artium Facul- 
tatem facta, edita, publicata, satis abundeque suJficere videntur, dummodo 
rite et inuiolabiliter obseruentur, — hoc vno duntaxat excepto, quod 
Artium Temptatores, qui nouissime, anno scilicet miliesimo quadringen- 
tesimo quinquagesimo secundo lo). annuales effecti sunt, vnde predictae 
oberrationes, alijque complures abusus atque defectus prouenerunt, con- 
tinuabuntur per Cancellarios Beate Marie et Sancte Genouefe Parisiensis 
presentes et futuros ad tale longum tempus, quod eis melius videbitur 
faciendum; provt et quemadmodum ante predictum tempus id erat fieri 
consuetim, annuente et assentiente Beatissimo Patre nostro et summo 
Pontifice; Qui quidem Cancellarij vires <610> moribus sanaque Doctorum 
Realium inferius nominatorum doctrina eruditos in eiusmodi Temptatorum 
Officijs praeficere et instituere tenebuntur. — Visum est eis rursum 
doctrinam Aristotelis et Commentatoris Auerrois, Alberti Magni, Sancti 
Thome de Aquino, Egidij de Roma, Alexandri de Halis, Scoti, Bona- 
uenture aliorumque Doctorum Realium, que quidem doctrina retroactis 
temporibus sana securaque comperta est, tam in Facuitate Artium quam 
Theologie, in predicta Vniuersitate deinceps more consueto esse legen- 
dam, dogmatizandam, discendam et imitandam, ac eamdem tanquam n) 
ad sacro-sanctae Dei Ecclesie ac fidei Catholice edificationem, iuuenumque 
studentium eruditionem longo vtiliorem esse et accommodatiorem, quam 
Sit quorundam aliorum Doctorum Renouatorum doctrina, vt puta Guil- 
lelmi Okam, Monachi Cisterciensis 12), de Arimino, Buridani, Petri de 
Alliaco, Marsilij, Adam, Dorp i3), Alberti de Saxonia, suorumque similium, 

I) So Or, Roeri J2, Bu. 2) innocentius Calvi J 1. 

3) Golini J2. *) So Or, Garsias Bu, Grasias J2. &) Lalongue Bu. 
6) Monsiquet Jl, 2. '') Murdrat Bu, Mordracii Jl, 2. 

8) So Or, Bu; Franc. Buslaidem Jl. 2. 9) So Or, Bu; Hug Jl. 2. 

10) Durcli die Reform des Kardinals Estouteville von 1452. Bulaeus V 575. 

II) tanquam fehlt Or, 12) Johann von Mirecour. 
13) Über sie s. oben S. 310. 



314 IV, Anhang von Aktenstücken. 

quam nonnulli, vt dictum est, eiusdem Vniuersitatis Studentes, quos 
Nominales, seu i) Terministas vocant, imitari non verentür. 

Quapropter Nos qui nihil humanis in rebus 2) ad predicte^) Dei 
Ecclesie decus et fidei orthodoxe tuitionem vera clarissimorum, sanctis- 
simorumque virorum sententijs comprobata doctrina esse salubrius 
existimamus, desiderantes ideo vt Scolares in eamdem Vniuersitatera 
optimarum videlicet Artium discendarum gratia confugientes, ijs potis- 
simum moribus, disciplina*) et litteris instituantur atque imbuantur, que 
non modo sibi ipsis, verum etiam saluti totius populi christiani maxime 
prodesse valeant, audita et attente cum magni consilii nostri gentibus 
considerata deliberatione predicta, statuendam duximus et expresse 
edicimus presentiumque tenore, de nostrae regie potestatis et auctori- 
tatis plenitudine certaque scientia statuimus et edicimus, quod pro eo- 
rumdem scolarium et studentium a recta veraque vita, moribus et disci- 
plina oberrantium Reformatione, statuta iam pridem, vt dictum est, per 
Legatos Apostolicos predictamque Vniuersitatem et Artium Facultatem 
facta et edita rite et inuiolabiliter de cetero obseruentur, — hoc vuo 
duntaxat, vt supra dictum est, excepto, quod dicti Artium Temptatores 
a dictis Beate Marie et Sancte Genouefe Cancellarijs presentibus et 
futuris vsque ad tale longum tempus» quod eis melius et comodius vide- 
bitur faciendum, continuari, suisque in officijs manuteneri poterunt et 
debebunt, annuente et consentiente summo Pontifice, modo superius 
declai'ato. 

Et vlterius statuimus et edicimus quod predicta Aristotelis doctrina 
eiusque Commentatoris Auerrois, Alberti Magni, Sancti Thome de Aquino, 
Egidii de Roma, Alexandri de Halis, Scoti, Bonauenture, aliorumque 
Realium Doctorum, quorum doctrina, vt dictum est, rectroactis temporibus 
Sana securaque comperta est, tam in sacre Theologie quam in Artium 
Facultatibus in predicta Parisiensi Vniuersitate deinceps more solito 
legatur, doceatur, dogmatizetur, discatur et imitetur; alteram autem 
predictorum Nominalium tam expressatorum &), quam aliorum quorum- 
cumque sibi similium in eadem universitate nec<5) alibi quoquo versum 
in Regno nostro deinceps, palam nee occulte, auf) quouismodo nulla- 
tenus esse legendam, docendam et dogmatizandam aut aliquatenus su- 
stinendam, expresse decernimus. — Et vt illa tanquam lolium ex tri- 
tico divellitur 8), ab eodem Regno nostro euanescat et eliminetur, uni- 
uersis <611> predictae Vniuersitatis Collegiorum praefectis pedagogis, 
regentibus et magistris») presentibus et futuris prohibendum duximus 
ac ex nunc presentium tenore prohibemus, ne sub penis inferius expres- 
satis 10) eamdem ipsam doctrinam suis in scholis, nee alias quouis modo 
publice, nee occulte dogmatizent, doceant, legant nee studeant. 

1) seu fehlt Bu. 

2) qui in rebus humanis ad . . . nihil esse B u. 

3) predicte universitatis et Dei J 1. 2. 

*) Bu om. disciplina bis disciplina unten Zeile 14. 

ß) expressatorum> predictorum Bu, ^) universitate> civitate Bu. 

'') aut alias quovis modo J 1, 2. ^) avellatur Bu. 

^) pedagogis bis presentibus fehlt Bu. i") expressis Bu. 



5. Die Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 315 

Quae omnia et singula predicta, vt firmiter obseruentur, suumque 
et debitum sortiantur effectum, viterius statuimus et edicimus, quod 
predictae Vniuersitatis Rector modernus, Decani Facultatum Theologie, 
Decretorum et Medicine, ac etiam quatuor Nationum Procuratores in 
facie totius Vniuersitatis, presentibus dilectis et^) fidelibus Consiliarijs 
nostris, Curie Parlamenti nostri presidentibus et preposito Parisiensi aut 
eins locum tenente, quos et eorum quemlibet ad hiec et alia infräscripta 
exequenda expresse committendo deputauimus et deputamus. Omnes, 
autem2) et singuli Doctores, Collegiorum Prefecti, Pedagogi, Regentes 
et Magistri, ceterique omnium predictarum Facultatum Scolares tarn se- 
culares quam Religiosi cuiuscunque gradus, Status, Ordinis et Professionis 
existant in manibus predicti Rectoris corporaliter iurabunt hoc presens 
Statutum et Edictum nostrum se inuiolabiliter obseruaturos. Quarum qui- 
dem nomina, qui sie, vt dictum est, iurabunt, inscribi volumus in libro 
Rectoris 3) eiusdem Vniuersitatis: Et quod omnes et singuli predicti Recto- 
ris *) moderni in eodem officio Rectoris ß) successores in noua eorum 
creatione idem jusiurandum preter cetera, que fieri solita sunt, iuramenta 
prestare tenebuntur. Insuper quod predicti Beate Marie et Sancte Ge- 
nouefe Cancellarij presentes et futuri, neminem penitus eiusdem Vni- 
uersitatis studentem ad quamuis cuiuscumque Facultatis licentiam neque 
gradum admittere nee recipere possint aut debeant; nee etiam predicti 
Procuratores aliquos Scolares ad Baccalariatus gradum admittant, nisi 
prius vna cum alijs iuramentis prestare solitis, suis in manibus, predietum 
prestiterint iuramentum. 

Quoeirea predictis Parlamenti nostri Presidentibus Prepositoque 
Parisiensi aut eins Loeumtenenti presentibus et futuris, et eorum eüilibet 
in solidum harum serie precipiendo mandamus, quatenus predictis Reetori e) 
Doctoribus, Collegiorum Prefectis, Pedagogis, Magistris tam Regentibus 
quam non Regentibus predicte Vniuersitatis vno in loco, vt fit, solem- 
niter congregatis lias presentes Edicti et Statuti nostri litteras legi et 
publieari, ac ipsas in eeterorum Edictorum ac Statutorum Regiorum 
Rectoris 7) libro et Facultatum, ac Nationum predicte Vniuersitatis Catha- 
logis seu libris inscribi; idemque Statutum et Edictum inuiolabiliter ob- 
seruari faciant, inhibendo seu inhiberi faeiendo ex parte nostra omnibus 
ibi tune assistentibus et alijs quibus fuerit inhibendum, sub pena priua- 
tionis non modo a predicta Vniuersitate et priuilegijs eiusdem, verum 
etiam a tota Ciuitate Parisiensi, ne quis ipsorum contra presentium teue- 
rem quicquam moliri aut aetemptare palam nee occulte quoquomodo 
presumat. Si quis autem ordinationem ipsam inobedienter s) sustinuerit. 
non solum eum eiusdem penae declaratione, sed etiam, vt ceteris de se 
spectaculum prebeat cedatque in exemplum, vsque ad bannimentum seu 
potius totius 9) nostri Regni perpetuum exilium et alias arbitrarias penas, 

1) dilectis et fehlt Bu. 2) autem> inquam Bu. 

3) rectorio, Or, Bu rectorie J 1. 2., vgl. über den ,liber rectoris' 
Belegstellen oben S. 305. ^) Rectores Bu. 

6) Wie oben Anm. 3. ^) rectorie J 1. 2. 'J Wie oben Anm. 3. 

8) Si quis autem penam ipsam <istam Bu> inobedientie sustinuerit J 1. 2, Bu. 

9) totius fehlt Bu. 



316 IV. Anhang von Aktenstücken. 

secundum delinquentis persone qualitatem, et sui criminis et inobedientie 
grauitatem, esse mulctandum atque plectendum expresse declaramus; 
preter tarnen nostre Regie Majestatis indignationem, quam eumdem ipsum 
delinquentem casu predicto incursurum, ex nunc provt et tunc, decer- 
nimus per presentes. 

Or. S. 612. Pretereane predicta Nominalium doctrina quicquam non 
modo vigoris, sed ne fomitis quidem in hoc Regno in posterum habere 
possit, mandamus insuper primo predicti Parlamenti nostre Curie Presi- 
denti, eidem specialius committentes, quatenus omnes et singulos ipsius 
Vniuersitatis libros et apud eiusdem Vniuersitatis Supposita existentes, 
ex quibus eadem ipsa Nominalium doctrina procedit, in manu nostra 
realiter et de facto capiat seu capi faciat, sub eademque i) facto ex eis 
debite inuentario, cutodiat, quovsque libros ipsos per viros litterarum 
peritia comprobatos atque expertos fecerimus visitari; de eisdemque 
quod fuerit rationis, extiterit ordinatum. Ad id autem faciendum et ad 
libros ipsos in predicti Presidentis manus afferendum eique ac suis in 
hac parte Deputatis parendum, vohimus, ab eo vel 2) suisque Deputandis 
omnes et singulos, quos opportunum fuerit, veluti nostris pro rebus et 
negotijs est fieri consuetum, viriliter cogi ac districtius coarctari eidem que 
ac suis Deputatis, ab omnibus et singuüs lusticiarijs et Officiarijs nostris 
quoad hec pareri efficaciter et intendi iubemus per presentes; quarum 
Transsumpto seu Vidimus, vno aut pluribus sub sigillo Regio confectis 
fidem indubiam veluti huic original! vbique adhiberi volumus. In quo- 
rum omnium premissorum fidem et testimonium, nostrum presentibus 
litteris fecimus apponi sigillum. Datum Siluanecti die prima Martij anno 
Domini millesimo quadringentesimo septuagesimo tertio coUatio facta 
est 3). Regni vero nostri anno decimo tertio. Per Regem, Domino Duce 
Borbonij, Episcopo Albiensi, Dominis de Argentoneo ^3, de Genliaco, 
Magistro Joanne de Ambasia et alijs presentibus. Sic signatum DE 
CERISAY5).' 

Bu. S. 710. ,Statim hoc Edictum Rectori significatum est,statimque ille 
Comitia Generalia indixit ad diem 9 Martij apud Bernardinos, vbi ex- 
plosa est doctrina Nominalium vnanimi fere omnium Ordinum consensu, 
vt scribit praedictus Nationis Gallicanae Procurator^). ,Anno', inquit. 
,Domini 1473 die 9 Martij facta est Congregatio Generalis Vniuersitatis 
apud Sanctum Bernardum per juramentum, ad audiendum Edictum Regium 
super Ref ormatione, de qua supra, et ea quae per Dominum Primum 
Praesidentem cum Domino Confessore et pluribus Consiliarijs Regijs 
per Ordinationem Regis erant Vniuersitati proponenda. Edictum Regium 
lectum est, continens principaliter duo. Primum est renouatio iura- 
menti de non dogmatizando aut sustinendo doctrinam Guillelmi Okam 
et consimiles. Secundum est de tradendo Domino Primo Praesidenti per 
Inuentarium libros Nominalistarum dicti Okam, et similium. Quantum 



1) eademque fehlt Or, hat also sub facto ex eis. 

2) So Jl. 2, ab eoque suisque Or. 

8) Fehlt Bu. *) D. de Argentina, D. de Genlyaco Bu. 

5) Cerisay> Crusan J 2. ß) Joh. de Martigniaco, s, S. 313. 



5. Die Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 317 

ad primum fere omnes parati fuerunt iurare. Et primo Dominus Rector 
absolute iurauit. Dominus Decanus Facultatis Theologiae et quasi omnes, 
exceptis paucis, qui sustinent Nominales, qui nihilominus conditionaliter 
iurauerunt. De Facultatibus Decretorum et Medicinae iurauerunt omnes 
sine difficultate. Item quatuor Procuratores quatuor Nationum. 

In eandem rem saepe celebrata sunt Comitia Nationum, Facultatis 
Artium et totius Vniuersitatis. 14 Martij Facultas Artium in San-Julia- 
nensii) aede deliberauit de luramento, quod exigebatur asingulis Magistris 
de non dogmatizando doctrinam Okamicam aliorumve Nominalium con- 
tentorum in Edicto Regio. Conclusit vero placere obedire Regi et prae- 
stare iuramentum cum modüicatione facta per dominos Commissarios 
apud Sanctum Bernardum. Item placuit mittere Nuncios ad Regem de 
Singulis Nationibus pro temperamento, seu, vt ibidem scribitur, modi- 
ficatione Edicti. Insuper placuit ex qualibet Libraria extrahere librum 
vnum de quolibet Doctore Nominali, iUumque tradere primo Curiae 
Parlamenteae Praesidi. 

Postridie eins diei, hoc est 15 Martij in Comitijs Generalibus apud 
Mathurinenses habitis, idem a Rectore propositum idemque quod supra 
conclusum. Item 21 eiusdem mensis Rector exposuit, quam non vlli 
labori pepercisset, vt ex Librarijs Officinis libros Nominalium extralieret 
vtque magister Berengarius Mercatoris dominum Cancellarium super ea 
re adisset, certioremque fecisset de verbo Vniuersitatis proposito et 
sententia parendi Mandatis Regijs. 

S. 710. Die 7 Aprilis Vniuersitas in Comitijs generalibus apud 
Bernardinos habitis audiuit a fratre loanne Paillardo Minorita, primum 
Curiae Parisiensis Praesidem non esse contentum, sibi tradi de singulis 
Nominalium operibus vnum exemplar, sed omnia exposcere; placuit 
ad Regem Oratores mitti, qui Edicti temperamentum postularent, ut 
habetur in Actis illius diei. — Anno eodem die 7. mensis Aprilis fuit alma 
Vniuersitas per dominum Rectorem apud Sanctum Bernardum per 
juramentum congregata super duobus articulis, Primus fuit ad audien- 
dum relationem Magistri nostri fratris loannis Paillardi Ordinis Fratrum 
Minorum missi ab Vniuersitate ad dominum Primum Praesidentem supre- 
mae Curiae Parlament! super modificatione Edicti Regij de excatenatione 
librorum Nominalium a singulis Librarijs. Secundus fuit communis. 
Quantum ad primum articulum dictus Magister noster retulit, quod 
dominus Primus Praesidens sibi respondit, quod non poterat contentari 
de vno volumine cuiuslibetDoctoris illius doctrinae Nominalium, imo indif- 
ferenter omnes libros habere intendebat secundum voluntatem Regis. 
Super <711> hoc extitit conclusum, quod mitteretur Ambassiäta ad 
supremum dominum nostrum Regem ad ostendendum sibi damna et 
inconuenientia, quae possint oriri, si omnes libri extraherentur a Libra- 
rijs. Et quantum ad extractionem aliquorum Librorum, placuit Nationi 
obedire Regi; et quod dominus Rector in fine Congregationis haberet 
praecipere per Iuramentum omnibus et singulis Magistris, Principalibus 
CoUegiorum et Paedagogiorum vt infra noctem haberent dare vnum 



1) Dei" Sitz der Nominalisten-Fakultät. 



äl8 iV. Anhang von Aktenstückeii. 

librurn. siue volumen Nominalium, si quos haberent, in manibus Primi 
domini Praesidentis, Ad extractionem omnium librorum, vt praefertur, 
placuit mittere ad Regiam Majestatem super moderatione sui Edicti, et 
nominavit Ambassiatores dominum Decanum Parisiensem magistrum 
loannem Hue, Magistrum loannem Luillier vel de Truquez^i in Theologia 
Professores, et c. Ribard cum syngrapha.' 

S. 739. Anno 1481 resurrexit Nominalium secta exilio et carceribus 
ab anno 1473 damnata, hocqüe anno postliminio revocata est redditi 
libri Magistris et catenis soluti Mandato Regis, de quo statim Praepo- 
situs Parisiensis certiores fecit Rectorem et Vniuersitatem. Sic enim 
legitut* in Commentarijs Vniuersitatis. 

,Anno Domini 1481 die vltima Aprilis fuit facta Congregatio ad 
audiendum lecturam litterarum transmissarum per dominum Praepositum 
Parisiensem Vniuersitati Parisiensi; fuerunt lectae litterae domini Prae- 
positi Parisiensis, quarum tenor sequitur, et primo superscriptio,' 
.Amonsieverle rectevr et ä messievrs de nostremäre l'Vniuersite de Paris. 

Monsieur le Recteur! ie me recommande ä vous et ä Messieurs 
de nostre m^re l'Vniuersitö, tant comme ie puis. Le Roy m'a charg6 
faire declouer et deformer tous les Liures des Nominaux, qui ja piepa 
furent sceellez et clouez par Monsieur d'Avranches 6s Colleges de ladite 
Vniuersit6 ä Paris que ie vouus fisse SQauoir, que chacun y estudiast, qui 
voudroit. Et pour ce ie vous prie, que le fassiez s(?auoir par tous lesdits 
Colleges. Monsieur nostre Maistre Berranger vous en parlera de bouche 
plus au long et de causes, qui meuuent le Roy ä ce faire. En priant Dieu, 
Messieurs, qu'il vous donne bonne vie et longue. Escrit au Plessis du 
Parc ce 29 iour d'Avril. Vostre fils et seruiteur I. Destouteville.' 

<740> De eadem re sie legitur in Commentarijs Nationis Germanicae : 
.AprUis vltima, anno quo supra, alma Parisiorum Vniuersitas apud Sancti 
Mathurini Ecclesiam quatuor super articulis congregata fuit. Primus ad 
audiendam litterarum lecturam siue tenorem a supremo domino nostro 
Rege seu Parisiorum Praeposito, Regis voluntate, missarum et c. Quantum 
ad primum articulorum Natio celebriter et optime congregata, supremo 
Domino nostro Regi necnon domino Praeposito Parisiensi Priuilegiorum 
Vniuersitatis Conseruatori de bono zelo et affectu erga filiam Uniuersi- 
tatem suas litteras communicando, gratias non debitas, sed possibiles 
habuit. Item et Magistro nostro magistro Berengario Mercatoris pro 
laboribus assumptis egit gratias; insuper et quoad litterarum tenorem 
specialiter Deo summo, singula, vt lubet, in melius commutanti, qui 
Regis Francorum Christianissimi mentem desuper hoc bono Paschali 
tempore illuminauit, quod memorabile est, contra Doctrinam Nominalium 
famosissimam, quatenus non sine periculis consilijsque plurimis sapienter 
mutauit Decretum. Congratulaturque Natio doctrinam illam salubrem, 
Christianam, Vniuersitatis fulgorem, totiusque machinae mundi lucernam 
super candelabrum poni, hoc est eins libros, in Bibliothecis cathenarum 
ferratis clausos, aperiri Regem Christianissimum voluisse, Doctoresque 
eorum sapientiae et scientiae lumine Christicolis ex eis reddi concessisse. 
Nam vt Dominus Lucae dicit Xi: ,Nemo luceram accendit et in abscon- 
dito ponit nee sub modio sed super candelabrum, vt qui ingrediuntur 



Zurücknahme der Verordnung Ludwigs XI. gegen den Nominalismus. 319 

lumen videant'. Lucerna enim Doctorum os eorum est. Quomodo enim 
sapientiae et scientiae lumen lucerna reddere posset, si illorum Doctrinae 
libri in Bibliothecarum pulpitis, compedlbus, catenisque f erreis, ne aperiri 
valeant, detineantur? Quomodo insuper Doctoris lucerna lumine sapien- 
tiae ac scientiae, doctrinae Nominalium luminosissimae, refundere possit, 
si lucerna cum luce sub modio absconderetur, profecto nön videt jSfatio. 
Cum igitur a Praedecessoribus nostris, non dico nedum irrationabiliter, 
verum etiam inuidiae iugis (cum veritas odium protulerit) aut brigarum 
gratia motis circa Nominalium libros apud nos publice legendos, certa 
per nos iuramenta obseruari praecesserit ordinatio, Alemanorum Nationi, 
Regis Christianissimi voluntati, Parisiorum Praepositi affectui se con- 
formanti placuit, quod veritatis et doctrina et via, quae diu latere non 
potest, publicaretur, Interdum enim patitur lustus, sed non semper, et 
clausi in compedibus seu catenis libri, vt lubet, aperirentur, a Studiosis 
visitentur et a Doctoribus dogmatizentur; quicunque etiam Magistri doc- 
trinam quam lubet, libere doceant; vt Horatij illud vulgo dicitur: 

Nullius addictus iurare in verba Magistri, 

Quo me cunque rapit tempestas, deferor hospes, 

Nunc agilis fio, et mersor Ciuilibus yndis: 

Virtutis verae custos rigidusque satelles; 

Nunc in Aristippi furtim praecepta relabor 

Et mihi res, non me rebus submittere conor. <Epist. 1. 1. 14.> 

Vt sie denique Philosophiae sapientiaeque militiam attingere niten- 
tes, neque eins muneris tirones effici, nodos nutricis enodare anhelantes, 
Philosophiae lucernam, hoc est Nominalium Doctrinam seu librös, non 
in abscondito hoc est tenebrosis solitarijsque locis positam; neque sub 
modio, hoc est catenis vel ferratis clausam; sed super candelabrum, 
hoc est Bibliothecarum pulpita sine catenarum clausuris; sed super 
candelabrum, hoc est super alias Vniuersitatis Parisiorum doctrinas seu 
sectas scientiae Nominalium lumen videatur eminere.' 

In Commentarijs quoque Nationis Picardiae de eadem Nominalium 
Resurrectione sie legitur: ,Anno Domini 1481 vltima die mensis Aprilis 
Alma Parisiensis universitas apud Sanctum Mathurinum hora 8 de mane 
fuit <741> solemniter congregata ad audiendum quasdam litteras a Domino 
Praeposito Parisiensi missas Domino Rectori et praefatae Vniuersitati 
per Magistrum nostrum magistrum Berengarium Mercatoris, qui venerat 
a supremi Regis Curia. Auditis dictis litteris, quae continebant virtualiter 
quomodo Dominus Praepositus acceperat a supremo domino nostro 
Rege, qualiter sibi placebat, quod libri Nominalium, alias per Reuerendum 
Patrem dominum Episcopum Albrincensem incatenati et clauati atque 
interdicti, soluerentur et deligarentur, vt libere volentes in ipsis studere, 
studerent. Placuit meae Nationi vt litterae illae darentur executioni, et 
quod honorandus dominus Rector hoc mandarat fieri per singula Colle- 
gia, vt absque scrupulo omnes ad nutum viae et opinioni tam Realium 
quam Nominalium vacarent studentes; quamuis alias tempore Procura- 
tionis docti viri magistri Petri Caronis, scilicet anno Domlni 1473 via ac 
Doctrina dictorum Nominalium fuerit proliibita ex praecepto Regio certis 



320 IV. Anhang von Aktenstückeü. 

de causis, et nunc certioribus alijs causis est aperta, quas in parte in 
facie Vniuersitatis venerandus magister noster Berengarius allegauit, 
cum dictae litterae hoc sibi praeciperent. Et pro laboribus in re dicta 
assumptis supremo domino nostro Regi, domino Praeposito Parisiensi et 
Magistro nostro reddidit Natio ingentes gratiarum actiones. Acta fuerunt 
haec praesentibus venerabilibus et discretis viris dominis et magistris 
Petro Bouuart Receptore dictae Nationis, Roberto d'Oresmeaux, Petro 
Gouy, Bertrando Pigonce et pluribus alijs, anno, mense et die praedictis, 
teste meo manuale signo hie apposito, BERNARDVS PINTE, cum syn- 
grapha. Ita est.' 

Ex bis patet magistrum Berengarium Mercatoris plurimum institisse 
apud Regem pro übertäte Nominalium, quam in rem quoque studiose 
incubuisse legimus magistrum Martinum Magistri, Doctorem Sorbonicum, 
Regi ab Eleemosynis magnaeque virum authoritatis. De quo sie Gaguinus 
Epist' 63. ad Trithemium: ,Sed hunc', inquit, ,cum ex Schola Parisiensi 
Rex Francorum Ludouicus XI propter hominis celebrem famam accer- 
siuisset, mors immatura assumpsit, quinquagesimum agentem annum, 
videlicet anno 1482. Ille autem inter Nominales celeberrimus et in lucem 
edidit librum, quem sie inscripsit: Tractatus Consequentiarum in vera 
diuaque Nominalium via'i). 

S. 747. Praeterea Dominus Rector fecit legi parvas litteras, quas 
Dominus Praepositus ex Rege recipiens, quondam Vniuersitati commu- 
nicauerat, quarum tenor erat, quod illi libri Nominalium, qui olim ab 
Vniuersitate ablati apud Praesidentem seruabantur, singuli siugulis, 
quibus pertinebant, restituerentur. Super istis, placuit Nationi, si qui 
praedictaesuspicionis2) conscij essent, eos ab Vniuersitate expelli etpuniri; 
et pro futuro Scholares a nefas seruari, deputareque qui Consilijs Inter- 
essent; pro superioribus Facultatibus eos, quos sua Facultas ordinaret, 
pro Facultate Artium Magistrum loannem de Martigniaco; egitque gratias 
Domino Regi, Domino Praeposito Parisiensi, qui litteras communicauerat. 

Die 17 Maij im Comitijs Marthurinensibus actum est praesertim 
de restitutione librorum Nominalium, decretumque vt illi redderentur 
ijs, ad quos pertinere dignoscerentur; vt constat ex Commentarijs seu 
Regestis omnium Facultatum et Nationum. In Regestis quidem 
Vniuersitatis sie legimus: 

,Anno Domini 1482 die Veneris post Ascensionem Domini, 17. mensis 
Maij Congregatio facta apud Sanctum Mathurinum ad audiendum ea, 
quae nobilis et scientificus vir M, Michael le Boulanger, Domini nostri 
Regis in sua venerabili Curia Parisiensi Consiliarius, nobis dicturus 
erat, in praesentia Domini Praepositi Parisiensis. Comparuit praefatus 
Magister Michael le Boulanger, in praesentia M. Locumtenentis Criminalis 
per Dominum Praepositum Parisiensem transmissi, qui Vniuersitati ex- 
posuit quod Dominus noster Rex eidem rescripserat, quod dictos libros 
Nominalium in manu defuncti Praesidentis primi, eins patris, depositos 
restitueret; et ea de causa eiusmodi libros ibidem afferri fecit, et diuisit 

1) Hain 10461. 

2) Lückenhafter Text. 



JDie Verteidigungsschrift der Pariser Nominalisten. 321 

in huiusmodi Congregatione, vt restituerentur. Vniuersitas agit gratias 
Regiae, maiestati de restitutione librorum, Domino Praeposito Parisiensi 
et M. Michaeli Bouianger, et conclusit, vt ponerentur in manu scribae, 
et restituerentur illis, quorum interest, habende quittantiam, vt illi, qui 
voluerint studere, studeant doctrinae Nominalium et fiat conclusio 
in forma'. 

Similiter in libro Picardicae Nationis fol. 185. verso et 186 
recto sie legitur. 

,Anno Dömini 1482 die 17 Maij fuit Alma Parisiensis Uniuersitas 
per Dominum Rectorem apud Sanctum Mathurinum solemniter conuocata 
ad audiendum illa, quae dicturus erat Magister Michael Bouianger in 
Vniuersitate et in praesentia Domini Praepositi Parisiensis vel suiLocum- 
tenentis. Qui recitauit in dicta Congregatione se recepisse litteras a 
supremo Domino nostro Rege, in quibus cauebatur, quod dictus supremus 
noster Rex volebat libros Nominalium, quos Magister Joannes Bouianger 
primus Praesidens in Parlamente, iam defunctus, habebat, esse restitutos 
in Vniuersitate illis, ad quos pertinebant; et quod illi, qui vellent, amodo 
studere in illa via Nominalium, studerent. Similiter recitauit Locumtenens 
Domini Praepositi Parisiensis, dictum Praepositum recepisse litteras super 
eadem materia. Habuit Natio innumerabiles gratias supremo nostro Regi 
de bono zelo, quem habet erga Vniuersitatem, similiter Domino Prae- 
posito Parisiensi et Magistro Michaeli Bouianger de bona diligentia facta 
per ipsos in executione suarum litterarum. Et placuit Nationi, quod 
libri illi Nominalium portarentur domum Scribae Vniuersitatis, qui haberet 
restituere vnicuique quod suum esset. Acta fuerunt haec in praesentia 
Domini Receptoris Magistri Petri Caronis, Magistri Bertrandi Pigonce, 
loannis de Campis, Magistri loannis Bredouble et plurimorum aliorum. 
Signatum Magister Douart cum syngrapha.' 



6. Die Verteidigungsschrift der Pariser Nominalisten. 

(1474.) 

Das königliche Schreiben, welches tatsächlich, wenn auch nicht 
ausdrücklich, den Nominalismus nicht nur aus der Pariser Universität, son- 
dern auch aus ganz Frankreich (s. oben S. 314 in regno nostro) verbannte, 
ist vom 1. März datiert. Die undatierte Verteidigungsschrift, welche die 
Pariser Nominalisten ihm entgegenstellten, wurde, so viel wir aus dem 
ganzen Inhalt entnehmen können, noch im selben Jahr, wahrscheinlich 
spätestens um oder gegen die Mitte dieses Jahres abgefaßt. 

Ich entnehme deren Text der Originalausgabe der Miscellanea 
des Stephan Baluze (ed. IV <Paris 1683> 531—538; ed. Mansi, II <Lucca 
1761> 293—294). Baluze gibt in der Pariser Ausgabe seine Quelle also 
an: ,Ex cod. 3849 bibl. Colbertinae'. Diese Handschrift wird nun als 
cod. lat. 4364 in der Pariser Nationalbibliothek verwahrt, s. Omont, 
Concordance des numeros anciens et des numeros actuels 
des mss. de la Bibl. Nat. Paris, 1903, p. 67. Sie enthält, wie wir aus 
demCatalogus bibliothecae regiae III (Pari sl744) 583 ersehen, nach 

Franzisk. Stud., Belh. 9 : F r. E h r 1 e , Der Sentenzenkommentar Peters von Candia. 21 



322 IV. Anhang von Aktenstücken. 

zwei Traktaten über das Verhältnis von Kirche und Staat, an dritter 
Stelle: .Articuli Nominalium missi ad Ludovicum XI, regem Franeiae'. 
Leider konnte ich den Text, der an Korrektheit manches zu wünschen 
übrig läßt, nicht mit der Handschrift vergleichen. 

Nach meiner Rückberufung nach Rom konnte ich 1921 durch die 
gütige Vermittlung Mgr. Duchesnes und des Herrn H. Omont den cod. 
4364 der Pariser Nationalbibliothek (ol. Barrois s. Bl. 2^, membr., ff. 46, 
223X163 mm, sec. 14/15) selbst einsehen. Leider mußte ich feststellen, 
daß von den vier im Catalog. bibl. regiae verzeichneten Stücken nur 
mehr der den beiden ersten Nummern entsprechende Teil vorhanden 
war. Unsere Verteidigungsschrift und der an vierter Stelle angegebene 
Papstkatalog (bis Honorius III) fehlen. Wir müssen uns also mit Baluze, 
der allerdings unter seinen Zeitgenossen durch die Genauigkeit seiner 
Textausgaben hervorragt, begnügen. 

Die Schrift hebt mit einer beachtenswerten Begriffsbestimmung 
des Nominalismus im Gegensatz zum Realismus an. Sie betont vom 
,artistischen' Standpunkt aus vorzüglich dessen logisch-philosophische 
Seite. Hierauf folgt die ,Leidensgeschichte' der nominalistischen Schule; 
nämlich die bereits oben S. 117—126 besprochene Schilderung der vier 
Verfolgungen der Pariser Nominalisten. 

Sequentes articulos miserunt Nominales Universitatis Pari- 
siensis ad regem Franeiae Ludovicum XI, qui ad requisitionem 
magistri Johannis Boucard et Thomistarum jusserat doctri- 
nam Okam et Nominalium condemnari et ulterius ibi non 

doceri neque legi. 

An. 1473 Uli Doctores Nominales dicti sunt qui non multiplicant res 
principaliter signatas per terminos secundum multiplicationem terminorum. 
Reales autem, qui e contra res multiplicatas esse condendunt, secundum 
multiplicitatem terminorum. Verbi gratia. Nominales dicunt, quod dei- 
tas et sapientia sint una res et eadem omnino, quia omne, quod est in 
Deo, Dens est. Reales autem dicunt, quod divina sapientia dividitur a deitate. 

Item Nominales dicti sunt, qui düigentiam et <532> Studium adhi- 
buerunt cognoscendi omnes proprietates terminorum, a quibus dependet 
veritas et falsitas orationis, et sine quibus non potest fieri perfectum 
Judicium de veritate etfalsitate propositionum. Quae proprietates sunt: 
suppositio, appellatio, ampliatio, restrictio, distributio exponibilis. Co- 
gnoscunt praeterea Obligation es et insolubilem naturam, vera f undamenta 
argumentorum dialecticorum, et omnes eorum defectus. Quibus rebus 
instructi de unaquaque argumentatione faciliter cognoscunt, an bona 
sint, an mala. Reales autem haec omnia negligunt et contemnunt di- 
centes : ,Nos imus ad res, de terminis non curamus' Contra quos magister 
Johannes de Guersonno: ,Dum vos ad res itis, terminis neglectis, in 
totam rei caditis ignorantiam.' Haec ille in tractatu s ao super Magnificati); 

1) Opera omnia IV (1706) 248 Tractatus II Zwiegespräch zwischen Ma- 
gister und Discipulus: ,Diso. Quid agis in logica, quam stiidiosi nostri temporis 
vilem habent, Terministam irridentes, eo quod omnia refert ad terminos. 

Nos, inquiunt, rem inquirimus, ad rem imus. Quid ad nos de terminis? 



Die Verteidigungsschrift der I»ariser Nominalisten. 323 

et subjungit idem quod dicti Reales se involvunt difficültatibiis inexpli- 
cabilibus, dum difficultatem quaerunt, ubi non est nisi difficultas logicalis. 

Item inter Nominales primus, qui legitur fuisse condemnatus fuit 
Guillelmus Okam, quem Johannes XXII persecutus est, primo quia dictus 
Guillelmus Okam fuerat eidem Papae contrarius in haeresi de animabus 
beatis, quas idem Papa dicebat, non videre Deum facie ad faciem ante 
diem Ultimi judicii; et similiter dicebat, animas daranatorum ante diem illum 
non cruciari in inf erno. Et eundem Papam compulit dictus Okam, haeresim 
suam revocare. Et contra eandem haeresim scripsit pulcherrimum trac- 
tatumi) in quo omnes errores dicti Johannis XXII et omnium sibi ad- 
haerentium lucidissime dissolvit. Scripsit praeterea alium tractatum, in 
quo eiusdem Johannis XXII errores aliquos supra hoc collegit. 

Secundo Papa Johannes XXII eundem Okam <533> persecutus est, 
quod in dialogo suo per scripturam sacram et per dicta summorum pon- 
tificum et Conciliorum generalium et Doctorum Ecclesiae defendit aucto- 
ritatem regiam, ostendens, et potissime Regem Franciae, habere regnum 
suum immediate a Deo, et non a Papa, neque Papae Regem esse sub- 
jectum in temporalibus, neque Papam pro libito suo posse Regem Fran- 
corum deponere a regno, neque regnum posse transferre de gente in 
gentem, sicut dogmatizare visus fuerat Bonifacius Vni per quandam 
decretalem, quam super hoc promulgavit, asserens esse de necessitate 
salutis credere, omnem Principem mundi Papae pleno subjectum tam 
in spiritualibus quam in temporalibus. Et incipit decretalis Unam 
sanctam2). 

Propter has causas idem Johannes XXII multa privilegia dedit 
Universitati Parisiensi % ut ipsam doctrinam GuillelmiOkam condemnaret. 
Dicta tarnen Universitas noiuit eam condemnare. Sed facultas artium, 
importunitate victa, fecit statutum, in quo cavetur, dictam doctrinam non 
esse dogmatizandam, quia nondum erat approbata et examinata^). Et 
postmodum instituit juramentum, quo juraverunt omnes, dictam doctri- 



— Mag. Gravissime, respondet talibus olim praeceptor noster inclytus: sie fuit 
et est in plurimis, qui se gratis involvunt cura errorum inextricabilibus modis, 
quos sola seit et potest logica resolvere definiendo, dividendo, terminorum denique 
connotationes cum modis significandi vivaciter exponendo necnon sopliismatum 
paralogizationes phantasticas detegendo.' 

1) Sbaralea, Supplementum 336 sq. verzeichnet Iteine Abhandlung, welche 
diesem Gegenstand im besonderen gewidmet wäre. Es ist also wohl eine der 
gegen die .errores' Johanns gerichteten Schriften gemeint, in welchen meistens 
auch diese Sondermeinung bekämpft wird. Vgl. Hain n. 11940. Dialogorum 11. 7 
adversus hereticos; eiusdem (Ockham) tractatus de dogmatibus Johannis pape 
XXII. (Paris 1476) oder n. 11946. Compendium errorum Johannis pape XXII. 
Lugduni 1496. 

2) R. Scholz, Unbekannte kirch.-polit. Streitschriften I (1911) 141 ff. 

3) Johann XXII. schrieb viel, weshalb von ihm auch zahlreiche Schreiben 
an die Pariser Universität vorliegen.. In ihnen kommt aber neben dem ver- 
dienten Wohlwollen auch Ernst und Strenge zum Ausdruck. 

*) Der mehrfach erwähnte Beschluß von 1339, s. oben S. 78 Anra. 3. 

21* 



324 IV. Anhang von Aktenstücken. 

nam iion dogmatizare in casibus, in quibus est contra fidemi). Et ex- 
presse habetur in libris Rectoris 2). Et in eodem libro notantur quatuor 
articuli, in quibus asserebat, dictum Okam errasse; quorum nuUus, ut 
Cläre patet intuenti, est contrarius fidei Et primus articulus in nullo 
librorum reperitur; immo contrarium ejus habetur frequentissime et in 
logica et in theologia ejus. Et ita est ibi error facti, qui non est tole- 
rabilis. 

lussit etiam idem Papa doctrinam huius Okam examinari per 
quendam Cardinalem 3). Qui, licet multa disputaverit contra eundem 
Okam, nihil <534> tamen repererunt, quod ausi fuerint condemnare. 
Neque secuta est aliqua damnatio articulorum per eundem Cardinalem 
examinatorum. 

Item secundo legimus Nominales expulsos de Bohemia eo tempore, 
quo haeretici voluerunt Bohemicum regnum suis haeresibus^) inficere, 
ut coUigitur ex historia Pii Papae, quam de Bohemia conscripsit, ita 
quod cum dicti haeretici non possent supradictum disputando superare, 
impetraverunt ab Venceslao Principe Bohemiae, ut gubernarentur studia 
Pragensia ritu Parisiensium &). Quo edicto, ut ibidem habetur, coacti 
sunt supradicti Nominales Pragam civilatem relinquere, et se transtule- 
runt ad Lipzitam civitatem, et ibidem Universitatem erexerunt solem- 
nissimamG), Quibus expulsis, haeretici per regnum Bohemicum suas 
haereses seminaverunt. 

Eo tempore Dens ita providit fidei ecclesiae, ut, cum apud Bohe- 
miam regerentur studia secundum ritum Parisiensium, suscitavit Dens 
Doctores catholicos: Petrum de AUyaco, Johannem de Gersonno "J"), et 
alios quamplures doctissimos viros Nominales, qui convocati ad Con- 
cilium Constantiense, ad quod citati fuerant haeretici, et nominatim 
Hieronymus et Johannes, ii fidem Christi defenderunt, et dictos haereti- 
cos publice per quadraginta dies disputando superaverunt ita et confu- 
derunt, ut dicti haeretici se argumentis Petri de AUyaco victos confi- 
terenturs). 

Item tertia persecutio Nominalium fuit post occisionem Ducis 
Aurelianensi