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Full text of "Die Analyse eines Eifersuchtswahnes"

RUTH MACK BRUNSWICK 



E I FE R S U C H T S "W A HNHi 



I 



■ 









m. 



VPS/oa 



Die Analyse eines 
Eifersuchtswahnes 



Von 



Ruth Mack Brunswick 

. - 

New York 






Sonderabdruck aus der „I n t e r n a t i o n a 1 e n 

Zeitschrift für Psychoanalyse 4 * 

(herausgegeben von Sigm. Freud) 



IQ29 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig/ Wien/ Zürich 



Alle Rechte, insbesondere die 
der Übersetzung vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



! 



■ 



Druck der „Elbemühl", Wien III 



, 



J. 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

I) Einleitung 5 

II) Analyse der infantilen Sexualstrebungen 9 

1) Der Einfluß der Verführung 9 

a) Todesphantasien 15 

3) Die infantile Onanie ' 16 

4) Penisneid und Kastrationsangst ,..19 

5) Homosexuelle Eifersucht und Analerotik 24 

III) Erste paranoische Phase: Eifersucht 28 

IV) Zweite paranoische Phase: Die negative Übertragung 37 

V) Dritte paranoische Phase: Die Beendigung der Analyse 45 

VI) Schlußfolgerungen 49 

1) Diagnose .. 4g 

a) Mechanismen 56 






I 

Einleitung 

Die Patientin, mit der sich diese Arbeit beschäftigt, kam nach Unter- 
suchung auf der Psychiatrischen Klinik mit der Diagnose Eifersuchtsparanoia 
zu mir. Ich bringe im folgenden ihre klinische und ihre analytische Kran- 
kengeschichte, um dann parallel mit dem Verlauf der Analyse die theoretischen 
Probleme zu erörtern, die sich aus ihr ergeben. Eine Beurteilung der 
diagnostischen und prognostischen Probleme möchte ich vorläufig noch 
aufgeschoben wissen. 

Eine wüste Eifersuchtsszene, Selbstmorddrohungen und ein ernsthafter 
Suizidversuch auf der Polizeiwachstube hatten die Patientin zur Beobach- 
tung auf die Psychiatrische Klinik gebracht. Von dort wäre sie trotz aller 
Dissimulationsversuche in die Irrenanstalt gekommen, wenn ihr Mann sie 
nicht auf ihr Drängen schließlich auf eigene Verantwortung wieder nach 
Hause genommen hätte. Nach ihrer Heimkehr erkrankte sie an einer 
Mastoiditis. Bei der Behandlung wurde sie dem Internisten der Ohrenklinik 
durch ihr Benehmen auffällig. Ihre psychiatrische Vorgeschichte kam zur 
Sprache, und da sie beim Befragen nicht völlig unzugänglich schien, 
schickte sie der Internist zu mir. 

Sie war eine kleine, kümmerlich entwickelte, intelligente und nicht 
ganz reizlose Proletarierfrau, der man ihre dreißig Jahre nicht angesehen 
hätte. Ihr Benehmen war schüchtern, ihr Wesen scheu und mißtrauisch. 
Sie hatte sich offenbar nur auf starkes Zureden hin entschlossen, zu mir 
zu kommen. Sie war aber nicht schwer dazu zu bewegen, sich aufs Sofa 
zu legen und wurde dann allmählich viel zutraulicher. In der ersten Stunde 



brachte sie die Vorgeschichte und Beschreibung ihrer Symptome, die ich 
hier folgen lasse. 

Sie war die Jüngste von fünf Geschwistern. Die Mutter war nach mehr- 
jähriger Krankheit im dritten Lebensjahr der Patientin gestorben; der 
Vater heiratete nach einem Jahre eine unfreundliche Frau, die zwei eigene 
Kinder mit in die Ehe brachte. Zwischen der Patientin und ihrer ältesten 
Schwester bestand ein Altersunterschied von zehn Jahren ; so war es natürlich, 
daß das jüngste Kind der Obhut des ältesten anvertraut wurde. Diese 
älteste Schwester, Luise, war körperlich gut entwickelt und von angenehmem 
Äußeren, aber geistig zurückgeblieben und sexuell abnorm. Sie kam in der 
Schule nicht weiter als bis zur vierten Klasse und brachte es nie zu irgend- 
einer geregelten Tätigkeit. Im 29. Jahr (dem Alter, in dem bei meiner 
Patientin die Psychose ausbrach) starb Luise in der staatlichen Irrenanstalt, 
in der sie die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbracht hatte, an progressiver 
Paralyse. Sie hatte seit — richtiger schon vor — Eintritt ihrer Pubertät 
als Prostituierte gelebt, femer lebenslang an Enuresis gelitten. Bei den 
ständigen Mißhandlungen durch Vater und Stiefmutter war schließlich die 
kleine Schwester, die sie anfangs bemuttert hatte, zu ihrer Beschützerin 
geworden. 

Bald nach Ankunft der Stiefmutter wurde meine damals vierjährige 
Patientin zu entfernten Verwandten aufs Land geschickt. Von dort kehrte 
sie erst mit elf Jahren für ständig ins Elternhaus zurück. Drei Jahre 
später kam Luise in die Irrenanstalt. 

Mit 28 Jahren heiratete meine Patientin einen gleichaltrigen Mann, 
dessen erste Werbung, kurz vor seinem Einrücken zum Kriegsdienst, sie 
abgewiesen hatte. Als sie zu mir kam, war sie bereits 1 6 Monate verheiratet. 
Sie war beim Sexualverkehr völlig frigid und gegen alle Annäherungen 
ihres Mannes, die über das Maß eines sanften Kusses hinausgingen, völlig 
ablehnend. Sie hatte intensive Vaginalkrämpfe, die das Einführen des 
Gliedes außerordentlich erschwerten und für sie schmerzhaft machten. Jeder 
Geschlechtsverkehr wurde von einer zwei bis drei Wochen andauernden 
heftigen Menstruation gefolgt. Nach einigen besseren Tagen pflegte dann — 
gewöhnlich, aber nicht immer als Folge eines Koitus — die Blutung von 
neuem zu beginnen. Dieser übermäßige Blutverlust hatte eine starke 
sekundäre Anämie verursacht. Die unmittelbare Folge dieser sexuellen 
Schwierigkeiten waren monatelange Enthaltsamkeit und Übellaune auf 
seiten des Mannes und der Ausbruch der paranoischen Psychose auf Seiten 
der Frau. 



Die Analyse eines Eifersuditswahncs 



Sie entwickelte die Vorstellung, daß ihr Mann unerlaubte Beziehungen 
zu ihrer Stiefmutter, einer Frau von mehr als 50 Jahren, unterhielt. Anfangs 
erschien ihr selber diese Idee nicht sehr glaubwürdig. Es kam ihr wohl 
vor, daß der Stiefmutter ungewöhnlich viel daran gelegen war, mit dem 
Schwiegersohn gut zu stehen. Nur hatte die ganze Sache zuerst keine 
große Bedeutung. Allmählich drängten sich ihr dann kleine Beobachtungen 
auf. Die Stiefmutter bestand zum Beispiel darauf, einen Sonntagsausflug 
mitzumachen, den die beiden jungen Leute zu zweien geplant hatten, und 
der Mann ließ es ohne Widerspruch geschehen. Wenn die Patientin mit 
ihrem Mann zum Sonntagsbesuch zu den Eltern kam, erschien die Stief- 
mutter im Staatskleid und ließ es sich nicht nehmen, den Schwiegersohn 
beim Kommen und Gehen zu küssen. Für die Tochter hatte sie solche 
mütterliche Zärtlichkeiten niemals übrig. Einmal bemerkte die Patientin, 
wie der Fuß der Stiefmutter sich unter dem Tisch mit dem des Schwieger- 
sohns berührte. Als sie Bemerkungen darüber machte, geriet die Stiefmutter 
in Wut und spottete, die Patientin scheine der Liebe ihres Mannes nicht 
sehr sicher zu sein. 

Die Ereignisse erreichten ihren Höhepunkt darin, daß die Stiefmutter — 
nicht zum erstenmal — den Schwiegersohn in den Stall begleitete, wo 
er das Pferd für die Nacht zu versorgen hatte. Als sie nicht sofort zu- 
rückkamen, ging die Patientin ihnen nach. Sie fand nichts Auffälliges, 
war aber trotzdem überzeugt, daß sie zu jener Zeit und an jenem Ort in 
sexuelle Beziehung zu einander getreten waren. 

Jetzt begannen auch die Hausnachbarn ihr Gerüchte zuzutragen. Sie 
verbot ihrem Mann, die Eltern allein aufzusuchen ; sie verbot ihm in 
gleicher Weise, sich von der Stiefmutter in den Stall begleiten zu lassen. 
Aber sie konnte der älteren Frau nicht verbieten, den Schwiegersohn an- 
zusprechen ; und der spöttische Triumph, den sie aus ihrer Stimme heraus- 
hörte, verwundete sie aufs tiefste. Sie konnte auch die Nachbarn nicht 
davon abhalten, allerlei Geschichten herumzutragen. Jeder machte sich über 
sie lustig, nicht nur ihr Mann und die Stiefmutter. Auf der Straße quälten 
sie die Blicke und das Lachen von völlig Fremden, die Schlechtes von ihr 
sagten. Manchmal, wenn sie sich so beobachtet fühlte, wunderte sie sich 
selbst, warum Leute ein so böswilliges Interesse an ihr nehmen sollten, 
die nicht einmal wußten, wer sie war und noch weniger wissen konnten, 
daß sie von ihrem Mann betrogen wurde. Dann hatte sie wohl manchmal 
das Gefühl, das Ganze könnte ein Irrtum sein ; alles erschien ihr so un- 
wahrscheinlich. Gerade dann aber ereignete sich immer irgendeine Kleinig- 






Ruth Made Brunswick 



keit, die sie in ihrem Verdacht bestärkte. Nicht nur die Fremden, auch 
ihre nächste Umgebung war gegen sie; nur der Bruder und die Stief- 
schwester blieben ihr freundlich gesinnt. Ihre größte Feindin war die Stief- 
mutter, die nächstgrößte ihre Schwiegermutter, mit der sie und ihr Mann 
leider Zimmer und Küche teilen mußten. Sie hatten sogar alle drei zu- 
sammen in zwei Betten geschlafen, bis vor kurzem die Anschaffung eines 
Sofas für die Schwiegermutter dieser Schwierigkeit ein Ende machte 
Trotzdem war der Raum ein sehr beengter und die Patientin konnte sich 
bei Tag und bei Nacht nicht rühren, ohne von der alten Frau beobachtet 
zu werden, die begreiflicherweise nicht beglückt davon war, den Lieblings- 
sohn und das Zimmer mit einer zwar eingeschüchterten, aber doch eigen- 
sinnigen und mißtrauischen Schwiegertochter teilen zu müssen. 

Ich zähle in diesem ersten Teil noch verschiedene bemerkenswerte 
Symptome auf, deren Struktur und diagnostische Bedeutung ich erst später 
erörtere. Das erste dieser Symptome ist die Klage der Patientin, sie habe 
keine Gefühle, könne weder lieben noch hassen und hätte nie für jemanden 
wirkliche Zärtlichkeit empfunden. Dieses Symptom verschwand, sobald die 
wichtigste Gefühlsbindung der Patientin bewußt gemacht worden war; mit 
anderen Worten, ihre Gefühle waren vorhanden, waren aber auf ein 
unbewußtes Objekt beschränkt und infolgedessen nicht sichtbar. Ein zweites 
Symptom besteht in periodischen und scheinbar unmotivierten Wutanfällen 
in denen die Patientin vorübergehend den Kontakt mit der Außenwelt 
verlor, nichts spürte als ein ungeheures Sausen und Brausen im Kopf, und 
das Gefühl hatte, daß ihre Augen größer wurden und sich von den Augen- 
höhlen zur Schläfe hin entfernten. Ein drittes Symptom ist die Empfindung 
eines elektrischen Stromes in ihrem Kopf, die manchmal, aber nicht immer, 
gleichzeitig mit dem eben beschriebenen Wutanfall auftrat. Dieses Symptom, 
das bei so vielen Psychosen mit paranoischen Zügen aufzutreten pflegt 
und theoretisch leicht zu erklären ist, wurde im Laufe der Analyse von 
der Patientin selbst gedeutet, während der Mechanismus des zweiten 
Symptoms mit seinen körperlichen Begleiterscheinungen erst in der letzten 
Analysenstunde Aufklärung fand. 

Mit dieser Einleitung als Basis, verfolge ich nun den Gang der Analyse, 
um das Material so vorzubringen, wie es sich mir im Verlaufe der 
analytischen Arbeit darbot. 



■ 



II 

Analyse der infantilen Sexualstrebungen 

i) Der Einfluß der Verführung 

Am Beginn der zweiten Stunde machen sich Ühertragungsschwierigkeiten 
geltend. Die Patientin liegt unruhig auf dem Sofa und behauptet, nichts 
mehr zu wissen. Ich erkläre ihr, daß Träume oft eine gute Hilfe seien, 
und gebe ihr einige einfache Unterweisungen in der Assoziationstechnik. 
Daraufhin bringt sie zwei Träume, als ersten einen Alptraum, der seit 
Beginn des psychotischen Zustandes regelmäßig wiederkehrt, als zweiten 
einen Traum, der sich mit der analytischen Situation beschäftigt. Der 
Angsttraum lautet wie folgt: 

Ein schwarzer Mann kommt zu der Patientin und hat Geschlechtsverkehr 
mit ihr. Sie hat beim Koitus große Angst, kommt aber zum Orgasmus. 

Dieser wiederkehrende Traum ist einer der wichtigsten Bestandteile 
ihrer Psychose. 

Auf Befragen, was ihr zu dem schwarzen Mann einfällt, meint die 
Patientin, sie habe keine Ahnung, wer er sein könne, das Auffälligste an 
ihm aber sei eine große, flatternde Masche gewesen. Zu diesem für einen 
Mann ungewöhnlichen Stück der Kleidung fällt ihr auch sofort etwas 
ein: „Gerade so eine Masche hat meine Schwester in ihrem schönen 
blonden Haar getragen. Sie ist ihr so gut gestanden." Sie fügt noch hinzu, 
daß der Mann in diesem Traum oft einen langen schwarzen Mantel anhat. 

Beim Versuch, die orgastischen Gefühle im Traum zu beschreiben, 
sagt sie: „Es erinnert mich — wie soll ich das nur sagen — an das 
Gefühl bei der Selbstbefriedigung." 



10 Ruth Made Brunswick 



Folgen wir diesen Assoziationen in der Reihenfolge ihres Auftretens. 
Die Patientin nimmt willig die Deutung an, daß der schwarze Mann mit 
der Masche eine Verkleidung der Schwester ist; die Übereinstimmung, daß 
die Schwester tot und der Mantel schwarz ist, bestärkt sie noch in dieser 
Überzeugung. Mit ihrer Beschreibung des Gefühls beim Orgasmus eröffnet 
sich das ganze Kapitel der infantilen Onanie. Eine sehr plastische Erinnerung 
aus dem neunten Lebensjahr steigt jetzt auf: Sie kugelt mit einem etwa 
fünf Jahre älteren Mädchen im Heu herum; sie sieht das Gesicht des 
Mädchens und die folgenden Vorgänge in aller Deutlichkeit. Sie kitzelt 
das ältere Mädchen am Halse und erhält die Aufforderung, „dasselbe 
weiter unten zu tun". Sie tut es, worauf das Mädchen das gleiche an ihr 
vornimmt. Solche Vorgänge im Heu wiederholen sich zwischen den beiden 
Mädchen durch eineinhalb Jahre. Dann werden sie eines Tages von der 
das Haus führenden Tante ertappt und gründlich durchgeprügelt; die Tante 
erklärt ihnen, was sie getan haben, sei eine große Sünde, davon werde 
man krank und schlecht. Das ältere Mädchen, die Anstifterin, schiebt 
jetzt vor den andern die Schuld auf die Jüngere. Darauf reagiert meine 
Patientin mit Angst, Schuldgefühlen und Haß auf die Gefährtin, an die 
sie sich im Laufe ihrer Beziehungen sehr angeschlossen hatte. 

Sie sagt ernsthaft, sie sehe jetzt ein, was für ein Unrecht sie damals 
begangen habe. Sie hat die erhaltene Züchtigung immer erinnert, den 
Grund dafür aber vollständig vergessen. Jetzt kann sie, zum erstenmal, 
die ganze Szene lückenlos rekonstruieren. * 

Das plötzliche Wiederauftauchen des bisher vergessenen Materials macht 
ihr einen starken Eindruck, und ich benütze die Gelegenheit, um ihr zu 
erklären, daß gerade das das Ziel unserer Kur sei. Ich erkläre ihr, daß 
alle Kinder onanieren, manche aus eigenem Antrieb, manche, wenn sie 
von Erwachsenen oder älteren Kindern dazu angelernt werden. Ich setze 
hinzu, daß die Kinder meistens dabei entdeckt und von irgendeinem 
Erwachsenen bestraft oder geschreckt oder wenigstens von aller weiteren 
Onanie abgehalten werden. Setzt das Kind das Verbotene dann trotzdem 
fort, so glaubt es unrecht zu tun, hat ein schlechtes Gewissen und fürchtet 
sich vor den Folgen. Ich versichere ihr ferner, daß man von der Onanie 
nicht krank wird, wenigstens nicht so wie sie es glaubt. Sie fragt: „Macht 
es einen auch nicht krank, wenn man es noch als Erwachsener tut?" Ich 
beruhige sie darüber, ohne sie weiter auszufragen. 

Der Übertragungstraum, der in die Nacht nach der ersten Analysen- 
stunde fällt, lautet wie folgt: 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 11 

Ein Ausländer fragt die Patientin entweder um ein ausländisches Brot oder 
um Auskunft, wo er es bekommen kann. Die Patientin besorgt es für ihn. Er 
hat beim Sprechen einen fremden Akzent, was der Patientin ein Wollustgefuhl 
verursacht. Der Mann gibt der Patientin ein Paar Hosen, dann einen Überrock 
zu halten und sagt, sie solle auf ihn warten. Er verschwindet, sie wartet, 
aber er kommt nicht zurück. 

Der Traum war von einem angenehmen Gefühl begleitet. Die Patientin 
bewundert es, wenn jemand fremdartig spricht, besonders wenn es ein 
leichter ausländischer Akzent ist. Sie war in der Schule für Sprachen 
begabt und wollte gerne fremde Sprachen studieren. Ihr Vater hätte es 
vielleicht erlaubt, wenn die Stiefmutter das Studieren nicht für eine 
lächerliche Wichtigtuerei erklärt hätte. Die Patientin erzählt, daß sie 
schließlich eingewilligt hat, ihren Mann zu heiraten, weil die Jahre im 
deutschen Kriegsdienst seine Sprache verändert und ihm den leichten 
fremdartigen Akzent gegeben haben, der sie so anzieht. 

Ich erwähne, daß in meiner deutschen Aussprache der englische Akzent 
sehr merkbar ist. Der Ausländer bin offenbar ich. Dabei beobachte ich, 
daß die Patientin onanistische Bewegungen mit den Schenkeln macht, sage 
aber nichts darüber. Sie sagt dann von selber, daß meine Stimme ihr 
während der Analysenstunde genau dieselben wollüstigen Gefühle hervor- 
ruft, wie sie im Traum vorkommen. Sie nimmt die Deutung an, daß ich 
der Ausländer bin, und ich erkläre ihr, daß die Hosen, die er ihr zu halten 
gibt, eine Parallele zu der schwarzen Masche sind: das männliche Organ 
einer Person, die in Wirklichkeit weiblich ist. Ich gehe hier mit ihr nicht 
weiter auf den Sinn des Traumes ein, der natürlich den Geschlechtsverkehr 
mit mir bedeutet, denn ich will sie im Augenblick nicht auf die Art der 
Übertragung aufmerksam machen. Statt dessen benütze ich die Gelegenheit, 
eine Beziehung zwischen den beiden Träumen und der Masturbations- 
erinnerung aus dem neunten Lebensjahr herzustellen. Zu dieser Zeit wurde 
die Patientin von einem älteren Kinde verführt. Im ersten Traum verführt 
ein Mann die Patientin, der in Wirklichkeit ihre ältere Schwester bedeutet; 
dieser Traum hat ja auch die Erinnerung an jenen Vorfall mit dem 
Bauernmädchen aufgeweckt. So scheint es also wahrscheinlich, daß zwischen 
der Schwester der Patientin und dieser Freundin irgend ein Zusammen- 
hang besteht. 

Ich mache jetzt meinen ersten energischen Angriff. Auf Grund des ge- 
schilderten Materials spreche ich die Vermutung aus, daß die Patientin 
vielleicht, in der frühesten Kindheit, noch ehe sie aufs Land geschickt 
wurde, ähnlichen Angriffen von seiten der Schwester ausgesetzt gewesen 



12 Ruth Made Brunswick 



war. Auf diese Andeutung reagiert sie mit ihrem ersten heftigen Nein! 
Sie fügt aber trotzdem gleich hinzu, daß sie und die Schwester bis zu 
ihrem vierten Jahr, als man sie aufs Land schickte, im selben Bett ge- 
schlafen haben, und daß die Schwester immer sehr zärtlich mit ihr war 
aber nicht in unrechter Weise. Wie ich sage, daß bei der sexuellen Ab- 
normität der Schwester so etwas doch leichter vorgefallen sein könnte als 
sonst und daß das Bauernmädchen vielleicht nur ein Ersatz für die Schwester 
war, die die Patientin so zärtlich liebte und damals und später so schmerzlich 
vermißte, wird sie merklich zugänglicher und scheint viel eher bereit, die 
Möglichkeit einer körperlichen Intimität zwischen der Schwester und' sich 
zuzugestehen. Mir scheint es klar, daß diese erhöhte Zugänglichkeit durch 
einen Austausch zustande gekommen ist; sie kann die Beziehung zur 
Schwester zugeben, wenn sie dabei einem anderen Vorwurf entgeht, der 
ihr in der Kindheit viele Schuld- und Reuegefühle gemacht haben muß 
nämlich dem Vorwurf, der Schwester mit dem Bauernmädchen untreu' 
geworden zu sein. Wir werden später sehen, wie große Bedeutung die 
Treulosigkeit als Äußerung der Rache wie auch als Äußerung der Identifi- 
zierung für unsere Patientin hat. 

Während ich aus therapeutischen Gründen die unbewußten Seiten der 
Übertragung, wie sie sich im zweiten Traum zeigt, außer acht lasse be 
spreche ich mit der Patientin ihre bewußte Einstellung zu mir Sie'ver 
sichert, daß sie sich bei mir sicher und geborgen fühlt; ich erinnere sie 
daran, daß es gerade die Schwester war, von der sie Sorgfalt und Freund- 
lichkeit zu empfangen gewohnt war; offenbar hat sie ihre Einstellung zur 
Schwester jetzt auf mich übertragen. Sie gibt zu, daß sie nur zur Schwester 
solches Zutrauen gehabt hat wie jetzt zu mir, und daß sie glücklich ist 
jetzt wieder so einen Menschen zu haben. Ich stelle ihr dann die Parallele' 
zwischen den Träumen her; der schwarze Mann, der sie schreckt und ihr 
beim Geschlechtsverkehr wollüstige Gefühle macht, ist ihre Schwester- und 
der Ausländer, dessen Stimme ihr Wollustgefühle macht, bin ich- so bin 
ich jetzt ihre Schwester. Sie hat ihr Zutrauen und ihre Zärtlichkeit schon 
auf mich übertragen. Man kann aber nicht immer aussuchen, welche 
Gefühle man auf den Analytiker übertragen und welche man bei dem 
ursprunglichen Objekt lassen will. Wenn es richtig ist, daß ihre Schwester 
sie verfuhrt hat, so kann sie jetzt leicht dazukommen zu glauben, daß 
ich sie verführen will, um so mehr wir doch in der Analysenstunde Dinge 
besprechen, die sie in ihrem ungewöhnlich strengen Elternhaus nie er- 
wähnen durfte. Außerdem habe ich ihr doch gesagt, daß die Onanie keine 






Die Analyse eines Eifersuditswahnes 13 

Sünde und keine Krankheit sei; einen solchen Ausspruch, meine ich, 
könnte sie leicht als Provokation betrachten. 

Sie antwortet mit stürmischen Zutrauens- und Liebesbeteuerungen : niemals 
werde sie das Vertrauen enttäuschen, das ich in sie gesetzt habe, nie 
anderes als das Allerbeste von mir denken. Sie wird so zärtlich, daß ich 
Mühe habe, meine Hand wieder freizubekommen, die ich ihr zum Abschied 
gereicht habe; sie besteht darauf, sie wiederholt zu küssen. Offenbar ist 
sie nicht imstande, die in der Situation liegenden Möglichkeiten oder 
meine Warnung zu erfassen. Ich bekomme aber den Eindruck, daß es bei 
so starker und leistungsfähiger Übertragung möglich sein müßte, ein ganzes 
Stück Arbeit mit der Patientin zu leisten ; bis zu der Zeit, wo die Gefühls- 
beziehung vom Positiven ins Negative umschlagen wird und ich die Rolle der 
Verführerin und Verfolgerin zugeschrieben bekommen werde, müßte sie 
genügend Einsicht gewonnen haben, um uns selbst über die Schwierigkeiten 
der neuen Situation hinwegzuhelfen 

Selbst in dieser Analyse, die hauptsächlich an Hand der Träume geführt 
wird, mache ich keinen Versuch, jedes Detail eines Traumes zu analysieren. 
Manchmal wird ein unerklärt gebliebenes Traumstück noch durch späteres 
Material aufgeklärt; im allgemeinen aber verwende ich nur, was sich der 
Deutung von selber darbietet, und vernachlässige alles übrige. 

Die Patientin spricht weiter darüber, wie merkwürdig es ist, daß sie 
zwar beim Geschlechtsverkehr nie die geringste Empfindung hat, daß aber 
trotzdem im Traum der schwarze Mann sich manchmal in ihren Mann 
verwandelt und sie dann befriedigen kann. In Wirklichkeit hat sie vor 
dem Koitus solche Angst, daß der Mann sie für die Schmerzen, die sie 
dabei aussteht, manchmal dadurch entschädigt, daß er ihre Klitoris mit der 
Hand reizt, um ihr so leicht lustvolle Sensationen zu verschaffen. Sie be- 
schreibt seine Versuche, sie zu masturbieren, und sagt, er streichle ihr den 
Geschlechtsteil „von vorne". Ich frage, ob ihr die verschiedenen Teile des 
weiblichen Genitales bekannt sind, und erfahre, daß das nicht der Fall ist. 
Ich beschreibe sie ihr und frage, ob es ihr jemals aufgefallen ist, daß das 
kleine Glied „vorne" dem größeren Glied des Mannes ähnlich sieht. Ja, 
das kennt sie (wenn auch nicht mit Namen); es ist verstümmelt, nicht 
wahr? Sie hat die kindliche Vorstellung von der Kastration der Frau 
offenbar noch in ihrer ursprünglichen Form beibehalten. 

In der dritten Stunde zeigt sich die Patientin analytischen Gedanken- 
gängen ungleich zugänglicher. Sie erzählt, daß sie abends vorher nicht 
einschlafen konnte, weil irgendetwas sie beunruhigt hat. Sie fragt plötzlich : 



*4 Ruth Made Brunswick 



„Wenn jedes Kind onaniert, warum muß dann meine Schwester es mich 
gelehrt haben? Warum hätte ich nicht selber daraufkommen können?" 
Ich erkläre ihr, welchen Einfluß eine Verführung von außen her auf die 
Erweckung der kindlichen Sexualität haben kann, und beschreibe ihr ganz 
kurz die Tendenz, Erlebnisse aus früher Zeit immer wieder zu wiederholen. 
So könnte das Onanieerlebnis im neunten Jahr sehr leicht die Wieder- 
holung eines noch früheren bedeuten. Das Sträuben der Patientin, die 
Rolle zuzugeben, die ihre Schwester in ihrer eigenen Masturbation ge- 
spielt hat, wird hier zum Hauptwiderstand der Analyse. Sie sagt: „Als 
zwölfjähriges Mädchen hat Luise wahrscheinlich noch gar nicht gewußt 
daß es unrecht ist, mich solche Sachen zu lehren; später hat sie dann 
erfahren, wie schlecht es ist, und hat aufgehört. Denn später war sie so 
besonders streng mit mir. Wenn ich sie nur über irgendetwas Schlechtes 
gefragt habe, hat sie gesagt, darüber dürfe ich nicht sprechen und nicht 
denken. So glaube ich, sie muß gewußt haben, daß sie etwas Unrechtes 
mit mir getan hat, aber sie hat natürlich nichts dafür können, denn 
damals hat sie es ja nicht verstanden." Die Wurzeln dieses Widerstandes 
liegen sehr tief und lassen sich erst später aufdecken. 

Sie spricht jetzt von der Stiefmutter, von der sie immer schlecht be- 
handelt worden ist. Sie erinnert sich, daß sie sie als Kind sehr gern ge- 
habt hat und daß die Stiefmutter sie abgewiesen und gesagt hat: Ich 
brauche deine Liebe nicht." Sie war damals sehr verletzt. Jetzt hat" sie 
für die Frau nur mehr ein Gefühl von Haß, zum Teil weil sie ihr die 
Schuld an Luisens Schicksal zuschiebt, zum Teil, wie sie leicht zugibt, 
infolge der vielen Zurückweisungen. Sie erinnert sich aber, daß erst lange 
nach der Pubertät der Haß gegen die Stiefmutter größer war als die Liebe 
zu ihr. 

Sie beschreibt eine Anzahl von Symptomen. Sie hat Anfälle von Zittern, 
mit dem Gefühl, als ob ein elektrischer Strom durch ihren Kopf ginge,' 
darauf folgt ein Jucken im ganzen Körper, das allmählich nachläßt, bis 
es sich schließlich auf die Geschlechtsteile beschränkt. Dort muß sie sich 
dann heftig kratzen, manchmal fünf Minuten lang, immer solange, bis 
das Gefühl kommt, daß es jetzt zu Ende ist. Manchmal blutet sie hinterher. 
Sie versteht meine Erklärung dieser Kompromißbildung : sie muß sich 
kratzen, bis sie zur Befriedigung kommt und blutet; die Blutung ist 
dabei die Strafe für die — wie sie selber zugibt — nur schlecht ver- 
kleidete onanistische Handlung. Sie spürt bei dieser Betätigung keinen 
Orgasmus, nicht einmal Lüstgefühle, nur die Erleichterung des Juckreize«. 



Die Analyse eines Eifers uditswahnes 



15 



2) Todesphantasien 

Der Tod spielt in den Gedanken und Phantasien der Patientin eine 
große Rolle. Sie erzählt, daß sie oft vom Tod träumt, wobei er gewöhnlich 
durch irgendeine unbestimmte Person in einem fließenden schwarzen 
Gewand oder Mantel dargestellt wird. Der Zusammenhang mit dem 
schwarzen Mann ist uns beiden sofort klar, trotzdem begegnet sie der 
Deutung mit der Frage: „Warum ist aber der Tod manchmal auch grün 
angezogen?" Ich frage, was sie glaube, und sie antwortet: „Der Mann im 
schwarzen Mantel bedeutet meine tote Schwester; und wenn der Mantel 
grün ist, dann bedeutet es die Blätter und das Gras auf dem Grab der 
Schwester." 

Sie kann sich an ihre wirkliche Mutter nicht erinnern, hat aber oft 
Sehnsucht nach ihr. Ich erwähne jetzt ihren Selbstmordversuch. Sie sagt, 
daß sie immer mit dem Gedanken an einen Selbstmord gespielt hat, daß 
sie sich aber erst seit ihrer Heirat wirklich umbringen will. Ich frage, ob 
dieser Wunsch irgend etwas mit dem Tod von Mutter und Schwester zu 
tun hat; sie antwortet, daß sie ihnen wahrscheinlich nachfolgen will. 

Bei den außerordentlich ungünstigen Lebensumständen der Patientin 
und den unübersteiglichen Schwierigkeiten ihres Sexuallebens ist es wirklich 
nicht schwer zu verstehen, wenn die Versuchung, den Toten zu folgen, 
stärker wird als der Wunsch zu leben. In solchen Fällen ist der Selbstmord 
eine sehr reale Gefahr. 

Die nächste Stunde bringt eine Mutterleibsphantasie. Die Patientin hat 
folgenden Traum: 

SU üt bei ihrem eigenen Begräbnis, einer feierlichen Zeremonie mit vielen 
Teilnehmern, die alle den weiten Weg zu dem sehr entlegenen Friedhof zu Fuß 
gegangen sind Das Begräbnis dauert sehr lange. Das Schönste daran ist das 
wunderbare Gefühl, im Sarg zu liegen und getragen zu werden. Düses Gefühl 
xst so angenehm, daß sie deutlich wollüstige Sensationen bekommt. Am Ende 
tegen7£b°r *" Sanß ^ ^ Erd€ Mnunter eeuissen, wo sie friedlich 

Hier haben wir das Motiv für den in der vorigen Stunde erörterten 
Selbstmordversuch der Patientin. Das Begräbnis bedeutet die Analyse; sie 
kommt zu mir, der Ersatzperson für die (tote) Schwester mit den Mutter- 
attributen, die im Traum durch die Erde und den Sarg (das bekannte 
Symbol Holz = Frau) dargestellt werden, in dem die Patientin getragen 
wird. Ich mache hier auf die doppelte Bedeutung des Wortes „getragen" 
aufmerksam. Die wollüstigen Gefühle, die eine solche Vereinigung mit 



* 



^6 Ruth Made Brunswidt 



einer Frau begleiten, lassen keinen Zweifel über die Art der libidinösen 

Bindung. 

Die vielen Leute, die alle den weiten Weg zum Friedhof zu Fuß 
gehen, haben doppelte Bedeutung; sie sind erstens das Gegenteil, also ein 
Äquivalent für das Alleinsein in der Analysenstunde; zweitens bedeuten 
sie die Patientin selbst, die fast zwei Stunden zu Fuß gehen mußte, um 
zu mir zu kommen, ehe ich in Erfahrung gebracht hatte, wie wenig Geld 
sie besaß. In diesem Sinne bedeutet „alle Leute" „nur ich", also keine 
Rivalen, Brüder, Schwestern oder andere Patienten. Hier zeigt sich zum 
erstenmal die Eifersucht auf meine andern Patienten, die später eine 
wichtige Rolle spielen wird. 

)) Die infantile Onanie 

Während die Patientin an diesem Tage zu mir unterwegs war, ereigneten 
sich zwei Dinge. Eine gutgekleidete Frau in der Straßenbahn schaute auf 
die Schuhe der Patientin und lachte dann. Die Patientin ist überzeugt, 
daß die Frau über sie gelacht, sich über ihre ärmliche Kleidung lustig 
gemacht hat. Sie fügt hinzu, daß die Stiefmutter sich sehr gerne über 
sie lustig macht, besonders in sexuellen Dingen, wo die Patientin so 
besonders unwissend ist. Nun hat das Gefühl der Patientin, daß sie von 
der Stiefmutter verachtet wird, sicher eine reale Basis; sie hat es aber 
von diesem ursprünglichen Objekt auf die indifferente Außenwelt ausgedehnt. 
Die Wahl der Schuhe als Zielscheibe des Spottes ist auch nicht ohne 
symbolische Bedeutung. 

Der zweite Vorfall bringt die Erklärung eines interessanten Symptoms. 
Die Patientin hat die Periode und ihre Binde preßt sich beim Gehen 
gegen das Genitale. Plötzlich merkt sie, wie ein elektrischer Strom von 
der Klitoris ausgeht und sich tief in die Vagina hinein erstreckt. Es ist 
dies das erstemal, daß sie irgend eine Art Empfindung in der Vagina hat. 
Sie sagt, daß der elektrische Strom, den sie bisher im Kopf gefühlt hat, 
jetzt offenbar auf das Genitale verschoben worden ist. Auf meine Antwort 
hin, daß er vielleicht nur zu seinem ursprünglichen Sitz zurückgekehrt 
ist, leuchtet ihr Gesicht auf und sie sagt lebhaft, daß sie jetzt die Bedeutung 
des rätselhaften elektrischen Stroms im Kopf verstehen könne. Er ist nichts 
anderes als ein verschobenes Sexualgefühl. Ich füge noch hinzu, daß es 
ein verdrängtes Sexualgefühl ist, ein Gefühl, das sie nicht anerkennen 
wollte und das deshalb auf die Suche nach einem andern Ausweg gehen 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 



V 



mußte. Ich erkläre ihr, es sei die Verbindung mit der verbotenen Onanie, 
die einen solchen Umweg der Befriedigung notwendig mache; denn die 
frühen Sexualgefühle stammen ja fast alle von der Onanie. (Die schock- 
artige Natur des Sexualgefühls ist ja wirklich dem elektrischen Schlag 
sehr ähnlich.) 

Daraufhin bringt die nächste Stunde die ersten Träume, in denen die 
Onanie wirklich vorkommt. Bisher war der Geschlechtsverkehr mit dem 
schwarzen Mann das einzige Mittel zur Befriedigung. Der Rückweg zur 
Onanie und der ursprünglichen Situation zeigt sich nun in folgendem 
Traum : 

Die Patientin ist in einem Gasthaus, wo sie sehr viel trinkt und unter dem 
Einfluß des Alkohols sexuell erregt wird. Sie geht mit ihrem Mann nach 
Hause und bittet ihn, sie, wie er manchmal tut, durch Reiben an der Klitoris 
zu befriedigen. Er sagt, er sei zu schläfrig. Daraufhin onaniert sie. Der 
Orgasmus ist stark und geht zu schnell vorüber. 

Während und nach dem Traum hat die Patientin das Gefühl, daß 
sie wirklich onaniert hat. Ich bestätige ihr das zu ihrem Entsetzen. Alle 
Angst vor den schrecklichen Folgen der Onanie kommt jetzt an die 
Oberfläche. Ich versuche, ihr die schädliche Wirkung der durch Scham 
und Angst herbeigeführten Onanieunterdrückung klarzumachen. Ich setze 
auseinander, daß ihre Frigidität zweifellos daher kommt, daß sie ein Stück 
ihrer Sexualtätigkeit gewaltsam unterdrückt hat; gibt man das eine Stück 
auf, so opfert man leicht die ganze Sexualität. Sie hat ihre onanistischen 
Wünsche unterdrückt und dabei die Möglichkeit verloren, überhaupt 
irgendwelche sexuellen Gefühle zu haben. Sie ist überzeugt worden, daß 
die Sexualität etwas Schlechtes ist, und hat sich ganz davon abgewendet. 
So hat sie nicht nur den Wunsch nach der Onanie aufgegeben, sondern 
gleichzeitig auch den Wunsch nach dem Geschlechtsverkehr. 

Daß die Onanie schließlich im Traum aufgetreten ist, scheint mir ein 
großer Fortschritt. Der nächste Traum allerdings enthält eine Warnung 
vor der Gefahr, der sie entgegengeht: 

Die Patientin schaut sich um Näharbeit um. Bei der ersten Stelle wo sie 
um Arbeit bittet, nimmt ein Mann sie sofort auf. Ihr wird sein Eifer verdächtig, 
besonders wie er darauf besteht, daß sie sich gleich niedersetzen und zu nähen 
anfangen soll. Er gibt ihr sogar eine Schürze. Nachdem sie eine Weile genäht 
hat, ist es fünf Uhr und Zeit zum Aufhören, weil eine Redoute sein soll. 
Jeder Angestellte bekommt eine Maske und ein Kostüm. Die Mädchen tanzen 
miteinander. Plötzlich um Mitternacht ist der Ball zu Ende und die Patientin 
merkt, daß das Ganze nur ein Trick ihres Arbeitgebers war, um sie in die 



18 



Ruth Made Brunswick 



Irrenanstalt zu bringen, wo ihre Schwester gestorben ist und wo sie jetzt selber 
ist. Sie wird nie wieder freikommen. 

Ich deute der Patientin diesen Traum. Der Mann bin ich. Es stimmt 
auch, daß ich Arbeit für sie gefunden habe. Durch meine Hilfe, sagt der 
Traum, habe ich sie in meine Arbeitsstube (Ordinationszimmer) gelockt. 
Wie ich sie einmal da habe, sage ich, daß es Zeit zum Aufhören ist; das 
heißt, die Analysenstunde ist zu Ende. Was folgt aber darauf? Im Traum 
ist es ein Maskenball, wo Mädchen miteinander tanzen; das bedeutet die 
homosexuelle Verführung, die die Patientin am Ende der Stunde erwartet. 
Die Verschickung in die Irrenanstalt ist die unmittelbare Folge der Ver- 
führung. Auch der Traum der vorigen Nacht stellt einen der Gründe bei, 
warum die Patientin sich so vor diesem Schicksal fürchtet: die Onanie, 
die eben in der Analyse aufgetreten ist, ist die Ursache der Geisteskrankheit. 
Der Endgedanke im Traum, daß die Patientin nie wieder freikommen 
wird, basiert sich auf ihr Sträuben, die infantile Onanie bewußt werden 
zu lassen; sie hat natürlich Angst, daß sie dem infantilen Zwang zur 
Onanie wieder verfallen wird, wenn sie die darauf bezüglichen Wünsche 
bewußt werden läßt. 

Ein anderes Detail zeigt noch, daß ich die Verschickung ins Irrenhaus 
im Traume richtig gedeutet habe, und beweist gleichzeitig, mit welchem 
Mißtrauen die Patientin meine Hilfeleistungen annimmt. Ich habe ihr 
gegenüber einen Plan erwähnt, sie für die Sommermonate aufs Land zu 
schicken, und dabei eine bekannte Ortschaft an der Donau in Betracht 
gezogen. Sie gibt jetzt zu, daß sie seit Tagen davon überzeugt war, ich 
wolle sie eigentlich in die Irrenanstalt schicken, die nicht weit von der 
erwähnten Ortschaft entfernt liegt. Selbst jetzt gelingt es mir nicht ganz, 
sie zu überzeugen, daß ich als Fremde nicht einmal von der Existenz 
dieser Anstalt gewußt habe. Sie bleibt offenbar dabei abzuwarten, bis sie 
meine wirklichen Absichten erkennen kann. Angesichts dieses Mißtrauens 
verweile ich ziemlich lange bei der Besprechung dieser Situation und ihrer 
Gefahren für unsere Behandlung. Ich wiederhole meine Versicherungen, 
daß die Onanie keine Sünde sei und sich nicht mit Geisteskrankheit oder 
Tod bestraft, und ich dränge sie von neuem, einzusehen, wie gerne sie 
mich beschuldigen möchte, daß ich sie ins Unglück stürzen will. Der 
folgende Traum bringt die Reaktion auf diese Stunde: 

Die Patientin ist auf einem Feld und pflückt Blumen. Sit fühlt sich so 
glücklich, daß sie plötzlich onanieren möchte; sie hat zum erstenmal keine 
Angst, ihrem Drang nachzugeben. Trotzdem onaniert sie nicht, sondern geht 



Die Analyse eines Eifersuchtswahnes 19 



weiter und denkt die ganze Zeit, daß sie jetzt onanieren wird und daß es ihr 
nicht schaden wird. Sie erinnert sich, daß ich das gesagt habe. Sie kommt 
dann zu einem Haus, wo sie mich trifft, und ist so glücklich, daß sie ganz 
vergißt, daß sie onanieren wollte 

Dieser leicht deutbare Traum ist lustbetont. Ich möchte einen bestimmten 
Punkt aus ihm hervorheben. Die Träume zeigen, daß die Patientin ihre 
Angst vor der Onanie gehorsam aufgegeben hat. Die Onanie selbst aber 

ist in Zusammenhang mit dem Zu-mir Zur-Schwester Kommen 

gebracht. Wie sie dann mich, die Analytikerin, trifft, ist sie imstande, 
ihren infantilen Sexualwunsch nach mir aufzugeben und glücklich zu 
sein, ohne selbst zu onanieren oder von mir masturbiert zu werden. Die 
Träume der Patientin werfen ihre Schatten voraus; was in ihnen vor- 
kommt, ist in der Wirklichkeit noch nicht vorgefallen. Der Wunsch der 
Patientin, ich solle sie masturhieren, wie es früher ihre Schwester getan 
hat, ist noch nicht voll in die Übertragung gekommen. Folglich kann sie 
den Wunsch, den sie noch nicht einmal akzeptiert hat, auch nicht aufgeben. 
Aber der Traum hebt die unmittelbare Gefahr, die der Analyse durch 
die Situation des Vortages gedroht hatte, wieder auf. Die Patientin ist 
bestimmten Folgerungen ausgewichen und hat damit die momentane 
Krisis überwunden. Ich brauche nicht hervorzuheben, daß diese Gefahren 
jeden Moment wieder auftauchen können, und man ihnen nur dann begegnen 
kann, wenn sie aktuell werden. 

4) Penisneid und Kastrationsangst 

Die Bewältigung der Onanieangst und ihrer Folgen hält an und im Lauf 
der nächsten Stunden tauchen mehrere wichtige damit zusammenhängende 
Themen in der Analyse auf. Das erste dieser Themen ist der Penisneid, 
wie der folgende Traum zeigt : 

Die Patientin onaniert. Wie sie an der Klitoris hantiert, wächst diese zu 
so ungeheurer Größe, daß das anschwellen ihre Hand in die Höhe hebt. Sie 
wird größer ah das Glied eines Mannes, so groß wie das Glied eines Pferdes, 
das sie abends vorher gesehen hat 

Wir haben bereits gehört, daß die Patientin die Klitoris für einen ver- 
stümmelten Penis hält. Diese Verstümmelung, gibt sie jetzt zu, hat sie 
immer mit den Folgen der Onanie zusammengebracht. Ich habe versucht, 
ihr auszureden, daß die Onanie schreckliche Folgen haben muß, und der 
jetzige Traum akzeptiert meine Korrektur. Wenn die Patientin nicht zur 
Strafe verstümmelt worden ist, dann besitzt sie, was ihrer Meinung nach 

2« 



20 Ruth Made Brunswide 



jedem normalen Menschen zukommt: einen Penis. Zur Kompensation ist 
das Glied, das sie sich zuspricht, sogar ein besonders großes. Von da an 
ist sie in ihren Träumen nicht mehr kastriert. 

Im Falle dieser Patientin scheint der wirkliche Peniswunsch weniger 
wichtig als das, was man die negative Seite des Penisneides nennen könnte, 
das Gefühl, daß sie den Penis als Strafe für die Onanie eingebüßt hat. 
So muß sie zuerst ihre infantile Kastrationstheorie korrigieren und dann 
auf das dadurch wiedergegebene Glied von neuem Verzicht leisten. 

Ein zweiter ähnlicher Traum lautet wie folgt: 

Die Patientin ist zuerst ein Kind, dann ein junges Mädchen, schließlich 
eine reife Frau. Plötzlich wird sie ein Mann mit einem besonders großen 
Glied. Sie ist sehr stolz auf das Glied und uriniert damit. 

Ich erkläre ihr, daß man als Kind glaubt, alle Menschen hätten ein 
Glied, und daß diese Annahme erst später durch Beobachtungen richtig- 
gestellt wird. Sie sagt, daß der Vergleich mit einem um drei Jahre älteren 
Bruder sie auf ihren Mangel aufmerksam gemacht haben muß. Dieser 
Bruder starb mit sechs Jahren, als sie drei Jahre alt war. Sie hat sich 
nicht gut mit ihm vertragen und seit seinem Tod nur selten an ihn 
gedacht. Aber sie erinnert sich ganz deutlich an Gefühle von Rivalität 
und Empörung und hat dabei ein leichtes Schuldgefühl, demzuliebe sie 
meine Erklärung, daß ihre Feindseligkeit wahrscheinlich durch Neid bedingt 
war, gerne annimmt. 

An diesem Punkt hat sie eines der plastischen Erinnerungsbilder, wie 
sie viel zur Überzeugung des Patienten und zur Aufhellung der Analyse 
für den Analytiker beitragen. 

Sie sieht ihren Bruder so, wie er auszusehen pflegte, wenn sie — die 
beiden Jüngsten — im Haus miteinander herumspielten. Beide tragen 
kurze gestrickte Hemdchen, die bis zu den Hüften reichen und vom Nabel 
an vorne offen sind. Gerade unter seinem Hemdschlitz sieht sie sehr 
interessiert einen Körperteil, den sie „das Vogerl" nennt, zur Belustigung 
der gesamten Familie, vor der sie ihre Bewunderung nicht verbergen 
kann. Ich äußere, diese Bezeichnung deute offenbar an, daß sie dieses 
„Vogerl" fliegen gesehen habe, und bringe das Phänomen der Erektion in 
Zusammenhang mit dem vorigen Traum (S. 19), in dem ihre Klitoris 
sich so ungeheuer vergrößert. Sie antwortet, sie könne sich an das Heben 
und In-die-Höhe-Steigen des „Vogerls" gut erinnern; einen Augenblick 
später erwähnt sie, daß sie oft sehr angenehme Flugträume habe, die aber 
immer in einen Sturz ausgehen, so daß sie dann am nächsten Tag ganz 



Die Analyse eines Eifersuchtswahnes 



21 



lahm ist. Ich mache sie aufmerksam, daß sie in ihrem zweiten Traum 
(S. 20) wie ein Mann uriniert, und daß Kinder oft beim Urinieren Be- 
obachtungen über die Genitalien der Gespielen machen. Sie antwortet auf 
diese Bemerkung mit einem wie gewöhnlich halluzinatorisch auftauchenden 
Erinnerungsbild, dem wichtigsten ihrer ganzen Analyse : 

Die Szene spielt kurz nach dem Tod von Mutter und Bruder im dritten 
Lebensjahr der Patientin. Sie geht im Park mit ihrer älteren Schwester 
spazieren, — sie sagt, sie würde jetzt gerne mit mir dorthin gehen, um 
mir die Stelle zu zeigen. Ihre Schwester versammelt wie gewöhnlich eine 
Menge von Burschen um sich, mit denen sie sich zur Empörung und 
Demütigung der vernachlässigten Kleinen lachend unterhält. Die Patientin 
hat plötzlich Harndrang. Das Urinieren geht im Freien aber schwerer als 
zu Hause, weil sie geschlossene Hosen anhat. Sie verlangt, daß die Schwester 
ihr die Hosen aufknöpft, und zieht so ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die 
Schwester erfüllt ihr Verlangen und kehrt dann zur Unterhaltung mit den 
Burschen zurück. Die Kleine beginnt daraufhin während und nach dem 
Urinieren mit ihrem Genitale zu spielen, zieht auf diese Weise noch einmal 
die Aufmerksamkeit der Schwester auf sich, diesmal aber in Form von 
Vorwürfen. Luise sagt streng, die Kleine wisse wohl, daß sie das auf 
der Straße nicht machen dürfe; sie droht, sie werde ihr den anstößigen 
Körperteil abschneiden und sie von einem Polizeimann wegführen lassen, 
wenn sie sich nicht besser benehmen könne. 

Die Kleine verbindet offenbar die Drohung mit dem vorhergegangenen 
Vergleich zwischen sich und dem Bruder, und glaubt von diesem Augen- 
blick an, man habe ihr das Genitale abgeschnitten. Sie erinnert sich, diese 
Meinung verschiedenen Familienmitgliedern geäußert zu haben und deshalb 
verspottet worden zu sein. (Der spätere Spott der Stiefmutter, S. 16, über 
die Unwissenheit der Patientin in sexuellen Dingen bekommt wahrscheinlich 
seine verletzende Wirkung zum großen Teil von diesem früheren Spott 
:über einen schwerwiegenderen körperlichen Mangel. Den gleichen Sinn 
hat auch die Wahl der schäbigen Schuhe, S. 16, — ein offenbares 
Symbol für ein mangelhaftes Genitale — als Zielscheibe für den Spott 
der fremden Frau.) 

Versuchen wir, die erinnerte Szene zu deuten. Das Urinieren verfolgt 
^offenbar den Zweck, die Aufmerksamkeit der mit den andern beschäftigten 
Schwester zu fesseln. Auch bei einem kleinen Mädchen ist ja das Urinieren 
jm.it dem Herzeigen der Genitalien verbunden. Dieses Herzeigen müssen 
-wir. als eine Aufforderung auffassen, als ob sie sagen wollte: „Komm und 



22 



Ruth Made Brunswidc 



spiel mit mir, wie du es zu Hause machst. Ich bin genau so gut 
(potent) wie diese Jungen." Dieser Verführungsversuch schlägt aber fehl, 
das Herzeigen der Genitalien bleibt ohne Wirkung. Der nächste noch 
deutlichere Schritt ist das Spielen mit den Genitalien, die exhibitionistische 
Onanie eines Kindes, das sein eigenes Genitale zeigt, um als Revanche 
das der andern Person zu sehen zu bekommen. Dabei ist auch ein Rache- 
element mitenthalten (wie es sich gewöhnlich in den Handlungen 
abgewiesener Frauen findet). Eine Person, die ganz zufrieden onaniert, 
braucht keinen Gefährten; ihre Einstellung ist: „Wenn du dich nicht 
um mich kümmerst, so werde ich mich eben selbst unterhalten und 
befriedigen." 

Ich glaube nicht, daß die Patientin selbst als Dreijährige ganz im un- 
klaren über die Mißachtung gewesen sein kann, die man durch onanistische 
Handlungen auf sich zieht. Es war aber der Mühe wert für sie, bestraft 
zu werden, wenn sich die Schwester dabei nur um sie kümmern mußte. 

Die Patientin hat in dieser Stunde noch ein drittes Erinnerungsbild. 
Sie sieht ihre Schwester als zwölfjähriges Mädchen nackt vor sich stehen. 
Sie hat dichte schwarze Schamhaare, die in der damals zweijährigen 
Patientin solche Bewunderung erregen, daß sie wie gebannt hinsieht, bis 
die Schwester ihr verbietet, „dorthin" zu schauen. 

Ich erinnere daran, daß die Patientin bisher immer voll Bewunderung 
von dem schönen blonden Haar ihrer Schwester zu sprechen pflegte; diese 
Bewunderung hat sich offenbar von den schwarzen Schamhaaren, die 
schon früher ihre Bewunderung erregt hatten, dorthin verschoben. Ich 
erinnere an den wiederkehrenden Traum vom schwarzen Mann mit der 
Masche (S. 9), die in Wirklichkeit ein männliches Organ an einer Frau, 
in andern Worten einen Penis bedeuten sollte. Sie bewundert also die 
Schamhaare, weil sie glaubt, daß hinter ihnen ein Phallus verborgen ist. 
(Siehe den Traum auf S. 40.) 

Wir verdanken diesen Zufluß an neuem Material offenbar dem Abbau 
der Kastrationsschranke. Die Patientin ist jetzt imstande, Ereignisse aus 
der Zeit vor der Kastrationsangst zu erinnern und — da die Kastration 
keine Drohung mehr für sie bedeutet — auch die Ereignisse, die zu ihr 
geführt haben. 

Der folgende Traum zeigt die Verbindung zwischen Urinieren und 
Masturbation : 

Die Patientin uriniert ins Bett und macht eine große Lache. Sie legt sich 
mit dem Rücken darauf, um sie vor der Stiefmutter zu verbergen. Ihre UM- 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 23 

tat ivird aber entdeckt und sie bekommt Schläge. Eine Frau ruft ihr auf der 
Straße nach: „Angepißt!" 

Der Traum beschäftigt sich mit der Enuresis der beiden Schwestern. 
Meine Patientin pflegte bis zu ihrem zwölften Jahr das Bett zu nässen; 
bei der Schwester hielt die Enuresis das ganze Leben lang an. Beide 
Mädchen wurden von der Stiefmutter häufig für diese Unart geschlagen. 
Schläge waren aber auch die Strafe, die meine Patientin für die Onanie 
und ihre Schwester für ihre zahlreichen von den Eltern verurteilten 
sexuellen Beziehungen erhalten hatte. 

Wir wissen, daß die Enuresis sowohl eine Folge wie auch ein Äqui- 
valent der Onanie ist. Der wahrscheinliche Vorgang ist der, daß das Kind 
bis zu einer gewissen Zeit, gleichgültig, ob im Schlaf oder Wachen, nach 
der Onanie uriniert. Ist es gelungen, die Onanie zu beseitigen oder auf 
den Schlaf zu beschränken, dann kann doch die Enuresis, meist auch 
während des Schlafes, weiter bestehen bleiben. Sie ist auf diese Weise das 
fortgesetzte verräterische Anzeichen einer vergangenen oder gegenwärtigen 
Sexualbetätigung. Das Kind wird für die manifeste Enuresis und die latente 
Onanie bestraft. Ein zweites Motiv der Enuresis liegt darin, daß das 
Urinieren als Äquivalent der Ejakulation ein Gegenbeweis gegen die Kastration 
ist. Wenn die Patientin im letzten Traum eine ungeheure Lache macht, 
so betont sie damit ihre Potenz. Diese Folgerung findet noch Bestätigung 
in einer Frage, die sie an mich stellt. „Wenn jemand kastriert ist," fragt 
sie, „wie kann er dann urinieren ?" Wie ich ihr erkläre, daß die weibliche 
Harnröhre nicht in dem fehlenden Penis und auch nicht in der Klitoris 
gelegen ist, sagt sie: „Beim Geschlechtsverkehr kommt aber doch die 
Flüssigkeit bei der Frau genau so heraus wie beim Mann, nicht wahr?" 
Für die Patientin hat die geschlechtsreife Frau ihre phallischen Eigen- 
schaften noch durchaus beibehalten. Der Traum kommt gerade richtig zur 
Zeit, da sie ihre eigene Kastration rückgängig gemacht hat und sich 
folglich alle männlichen Vorrechte wieder zuerkennen will. 

Daß eine Frau ihr einmal auf der Straße „angepißt" nachgerufen hat, 
stimmt wirklich. Die Nachbarschaft wußte, daß beide Schwestern an 
Enuresis litten, und beide hatten viel böse Spötteleien auszustehen, die von 
der Stiefmutter noch unterstützt wurden. Die Patientin war wütend über die 
Beleidigungen, aber machtlos, weil sie sie als berechtigt anerkennen mußte. 
Obwohl also die Beleidigung im Traum auf Realität beruht, enthält sie 
doch ein Element von Verfolgungs- und Beziehungsideen. Es ist für diese 
Krankheit typisch, daß zwar manche der pathologischen Reaktionen durch 



24 



Ruth Made Brunswidc 



reale Vorkommnisse ausgelöst werden, die Reaktionen selbst aber trotzdem 
abnorm sind. 



f) Homosexuelle Eifersucht und Analerotik 

Ich erkläre der Patientin jetzt, man müsse wohl annehmen, daß Luise, 
nach ihrer Enuresis und den Beziehungen zur kleinen Schwester zu urteilen, 
sehr viel allein onaniert habe. Die gemeinsame Onanie hätte sie offenbar 
nach einer Weile aufgegeben; aber es ist nicht wahrscheinlich, daß es 
ihr dann gelungen sein sollte, ihre Begierden ganz zu beherrschen. Offenbar, 
setze ich hinzu, habe sie ihre zahlreichen sexuellen Beziehungen begonnen, 
um von der Onanie frei zu werden, nachdem sie sich von der gemeinsamen 
Onanie, wie ihre Strenge der Schwester gegenüber zu beweisen scheint, 
abgestoßen fühlte. Die Patientin erwidert, daß sie als Kind rasend eifersüchtig 
auf die Bekannten war, mit denen die Schwester ausging. „Ich war eine 
Männerhasserin," sagt die sonst so schüchterne Patientin leidenschaftlich, 
„ich wollte sie für mich haben. Aber sie ist immer mit diesen Burschen 
fortgegangen und ich habe die Burschen gehaßt." 

Offenbar haßte die Patientin die männlichen Freunde ihrer Schwester 
weil sie ihnen die Schuld an dem Aufhören der onanistischen Beziehungen 
zwischen sich und der Schwester zuschob. Sie glaubte wahrscheinlich, daß 
die Burschen mit ihrem besseren Geschlechtsapparat der Schwester mehr 
zu bieten hatten als sie. 

Ich zeige ihr die Parallele zwischen dem Gefühl, daß die Burschen 
sie um die Liebe der Schwester gebracht haben, und dem Gefühl, daß die 
Stiefmutter ihr den Mann wegnimmt. Ich erkläre ihr den Mechanismus 
der doppelten Eifersucht, wobei die homosexuelle Wurzel die bestimmende 
ist. Die Patientin sieht ein, daß ihr Haß auf die Stiefmutter zum größten 
Teil gekränkte Liebe ist; sie gibt auch bereitwillig, zu, daß es sie sehr 
verletzt, daß ihr Mann, der doch nur der Schwiegersohn ist, der Stiefmutter 
mehr bedeutet als sie selbst, die Tochter. Sie ist von der Stiefmutter immer 
nur vernachlässigt oder bestenfalls mißhandelt worden. Aber der Eintritt 
eines fremden Mannes in die Familie hat ihre eigene Stellung noch 
bedeutend verschlechtert. « 

. Die lebenslange schlechte Behandlung durch die Stiefmutter mit den 
zahlreichen Züchtigungen, die sie von ihr erhalten hat, wird von der 
Patientin masochistiseh als . Koitusersatz gewertet und bildet gleichzeitig 
die Grundlage ihrer Verfolgungsideen. Wir sehen hier die direkten libjdi- 






Die Analyse eines Eifersuditswahnes 25 

nösen Wurzeln des Verfolgungswahnes. Ich verweile jetzt bei dieser maso- 
chistischen Lustquelle und der analen Zone, die dabei eine Rolle spielt. 
Die Patientin sagt in Bestätigung meiner Beobachtungen, daß alles besser 
sei, als vernachlässigt zu werden, und erzählt im Anschluß das Folgende: 
Ihr Mann habe oft darauf bestanden, den Verkehr von hinten auszuführen, 
wie Hunde es tun; sie hasse das, besonders wenn er — wie ein wirklicher 
Hund — den Penis in ihren After einführen will. Hunde haben natürlich 
keine Vagina; darum können sie auch nicht den für Menschen normalen 
Verkehr ausführen. Ich korrigiere ihre Ansichten über die Anatomie der 
Hunde und erwähne, daß Hunde beim Verkehr so aussehen, als ob sie 
miteinander raufen würden. Sie bringt daraufhin die folgende Erinnerung: 
Als sie ungefähr elf Jahre alt war, schlief sie eine Weile zwischen Vater 
und Stiefmutter. In der Nacht erwachte sie einmal von sonderbaren 
Geräuschen und fand das ganze Bettzeug in Bewegung und Aufruhr. „Es 
sah aus," sagt sie, „als ob sie schrecklich raufen würden." Sie konnte 
sich aber nicht klar darüber werden, wer der Angreifer war. Sie fügt noch 
hinzu, daß sie als anderthalbjähriges Kind eine kurze Zeit zwischen ihren 
wirklichen Eltern geschlafen hat. 

In der nächsten Stunde bringt sie den folgenden Traum: 

Eine Hündin, "welche die Patientin tatsächlich in meinem Hause gesehen 
hat, kommt in das Zimmer, das ich als Beliandlungsraum benütze. Die Patientin 
fragt das Tier, ob es schläfrig ist. Es nickt und sie legt es in einem Lehn- 
sessel schlafen. Die Stiefmutter kommt herein, schimpft und sagt, daß ein 
Lehnsessel kein Platz für einen Hund ist. Wie der Hund nach einem langen 
Schlaf aufwacht, masturbiert die Patientin ihn. 

Die Patientin erkennt sofort, daß sie selbst der Hund sein muß ; sie 
versteht offenbar, daß der Hund das anale Tier ist, das die Stiefmutter 
beim Koitus benutzt. Sie würde viel lieber bei mir als bei sich zu Hause 
schlafen, wo sie allerhand Schwierigkeiten mit ihrem Mann hat, den sie 
verlassen möchte. Ich deute ihr daraufhin den Rest des Traumes: das 
Ahalysensofa ist der Lehnsessel, auf den ich die Patientin lege ; im Traum 
stellt die Patientin mich vor und der Hund die Patientin. (Siehe S. 43 
über die doppelte Rolle in Masturbationsphantasien.) Daß ich der Patientin 
einen Platz zum Schlafen gebe, bedeutet offenbar, daß ich sie einschläfere. 
Daß die Masturbation nach dem Aufwachen stattfindet, ist eine Umkehrung; 
es soll heißen, daß ich die Patientin nicht nach, sondern vor ihrem 
Schlaf masturbiere, eben um sie einzuschläfern. Die Stiefmutter behandelt 
sie wie einen Hund; alles ist zu gut für sie, sogar der Schlafplatz. Dieses 



26 Ruth Madk Brunswick 



Detail enthält auch noch eine Anspielung auf die Schwester der Patientin. Wie 
ich aus mehreren Erwähnungen weiß, hat die Stiefmutter Luise häufig 
gezwungen, als Strafe für das Bettnässen auf dem nackten Fußboden zu 
schlafen. Besonders im Winter tat Luise der Patientin dann schrecklich leid. 
Im Traum identifiziert sie sich also mit der Schwester und identifiziert 
außerdem mich mit ihrer Stiefmutter. Wir bekommen hier die erste An- 
kündigung von einer gründlichen Veränderung der analytischen Situation. 

Zu dieser Zeit teilt mir die Patientin mit, daß sie zum erstenmal einen 
Verkehr ausgeführt hat, ohne Schmerzen, Blutungen oder Krämpfe zu 
bekommen. Während des Verkehrs bekam sie das Jucken am Genitale, 
das sich in der letzten Zeit unter andern Umständen sehr fühlbar gemacht 
hat; beim Koitus steht es an Stelle der normalen lustvollen Sensationen. 
Unmittelbar nach dem Verkehr träumte sie von einem Koitus, diesmal 
aber in Begleitung eines allgemeinen Wollustgefühls, das von der Vagina 
seinen Ausgang nimmt. Am nächsten Tag ist der Wunsch zu onanieren 
so stark, daß sie sich zum erstenmal traut, ihm nachzugeben. Sie ist dabei 
völlig anästhetisch, das Genitale reagiert in keiner Weise auf die Berührung. 
In der Nacht darauf träumt sie den folgenden Traum: 

Sie schläft mit ihrer Schwester und hat dabei das Bett naßgemacht. Ihre 
Schwester sagt, sie soll den Nachttopf benützen, aber das Malheur ist schon 
geschehen. 

Die Deutung liegt auf der Hand und wird von der Patientin ohne 
Schwierigkeiten angenommen. Das Zusammenschlafen bedeutet Onanieren 
ebenso wie im späteren Leben die Redensart „mit einer Frau schlafen" 
den Geschlechtsverkehr mit ihr bedeutet. Wie es schon zu spät ist, 
redet ihr die Schwester zu, den Nachttopf zu benützen; das Bett ist aber 
bereits naß. Wir sehen hier die deutlichste Gleichsetzung von Urinieren 
und Ejakulation. Die spätere Strenge und die moralischen Bemühungen 
der Schwester konnten nichts mehr nützen, die vorhergegangene Onanie 
hatte schon ihr Werk getan. 

Dieser Onanieversuch, so erfolglos er an sich auch war, bedeutet doch 
in der Aufhebung der Verdrängungen meiner Patientin einen Schritt nach 
vorwärts. Diese Masturbation besteht ausschließlich in Reizung der Klitoris. 
Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende vaginale Sensibilität. Der gleich- 
zeitige Fortschritt findet seine Darstellung in dem folgenden Traum: 

Die Patientin ist bei einer Penisausstellung. Alle Männer werden auf der 
einen Seite aufgestellt, alle Frauen auf der andern. Man sieht immer nur die 
untere Körperhälfte. Bei Schluß der Ausstellung bekommt jede Frau einen 
Mann und noch extra einen Penis. 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 17 

Wir sehen hier die Erfüllung sowohl der männlichen (Klitoris) wie 
auch der weiblichen (vaginalen) Wünsche. Ein anderer Traum der gleichen 
Periode hat deutlich feminine Bedeutung: 

Die Patientin ist in einer modernen Schule mit einem ganz besonderen 
hehrer. In dieser Schule muß sich die Patientin auf ein Sofa niederlegen und 
lernt sich zu bücken, tanzen und besser mit Männern umgehen. 

Die Träume vom maskulinen urethralen Typus stehen aber zu dieser 
Zeit im Vordergrund. Im folgenden ein Beispiel: 

Die Patientin möchte durch das Vorzimmer aufs Klosett gehen, traut sich 
aber nicht, weil viele betrunkene Männer herumstehen. Schließlich geht sie 
doch. Sie uriniert stehend wie ein Mann und entdeckt dabei plötzlich, daß sie 
einen großen Penis hat. Sie ist sehr stolz und denkt, wie dumm es von ihr 
war, sich zu furchten, wo sie doch einen ebensolchen Penis hat wie die Männer. 
Sie hätte Lust, ihn den Männern zu zeigen. 

Bei diesem Traum erübrigt sich die Deutung. Ich bringe ihn nur als 
Illustration zu dieser Phase der Behandlung. 




III 

Erste paranoische Phase: Eifersucht 

Es ergibt sich jetzt für mich die Notwendigkeit, den Mann meiner 
Patientin ein zweites Mal zu sehen. Kurz nach Beginn der Analyse hatte 
er sich einmal in Begleitung seiner Frau vorgestellt. Damals hatte ich 
Wert darauf gelegt, nur in Anwesenheit der Patientin mit ihm zu sprechen 
jetzt aber war mir daran gelegen, ihn sich frei aussprechen, wenn not- 
wendig, über das Benehmen seiner Frau klagen zu lassen, usw. Außerdem 
war es auch nötig, gewisse praktische Fragen zu regeln. Bei der Ungunst 
der äußeren Verhältnisse mußte ich versuchen, der Patientin, soweit es eben 
möglich war, Erleichterungen zu verschaffen, die analytische Arbeit durch 
äußere Maßnahmen zu unterstützen wie in einer Kinderanalyse. Glück- 
licherweise ließ sich in meinem Fall die Behandlung weiter fortsetzen, 
obwohl fast alle meine nach der Verbesserung der äußeren Bedingungen 
zielenden Bemühungen zum Scheitern bestimmt waren. 

Ich bat die Patientin, im Vorzimmer zu warten, und forderte den Mann 
auf, alleine zu mir hereinzukommen. Nach einer kurzen Unterredung ging 
er dann mit seiner Frau nach Hause. 

In den darauffolgenden vier Tagen ernteten wir die Früchte dieser Ver- 
anstaltung. Es war mein Gefühl gewesen, daß die Patientin der Über- 
tragung ihrer Eifersucht auf mich die stärksten Widerstände entgegensetzte. 
Ihre Träume drehten sich zu lange Zeit immer wieder um das Urinieren, 
den Besitz eines Penis usw. Der sonst so schnelle Fortgang dieser Analyse 
war hier offenbar von einem Hindernis aufgehalten. Ich war mir zwar 
darüber klar, daß es gefährlich war, ihre Eifersucht in die Übertragungs- 



Die Analyse eines Eifersu&tswahnes 29 

Situation hineinzuzwingen. Ich fürchtete aber, wenn keiner von uns den Mut 
dazu hätte, dann würde die Analyse stocken, der Widerstand sich verstärken 
und die Aufgabe, die wir zu erledigen hatten, nur immer schwerer werden. 

Am ersten Tag nach der Unterredung mit ihrem Mann hat die Patientin 
alle Träume vergessen und findet wenig zu sagen. Am zweiten Tag kommt 
sie um eine halbe Stunde zu spät; sie entschuldigt sich damit, daß sie 
sich in der Straßenbahn geint hat. Ich reagiere nicht auf diese Anzeichen, 
sondern warte ab, bis der Widerstand eine gewisse Höhe erreicht hat; ich 
rechne damit, daß er dann auch der Patientin als solcher fühlbar werden 
wird, so daß sie ihn nicht ableugnen kann, wenn ich ihn ihr vorhalte. 
Am dritten Tage sieht sie, wie ich gerade vor ihrer Stunde telephoniere. 

Sie beginnt die Stunde mit der Beschuldigung, daß ich am Telephon 
auf englisch über sie gesprochen habe. Sie gibt zu, daß sie mich nicht 
zum erstenmal am Telephon gesehen hat; diesmal aber ist sie sicher, daß 
ich mich über sie beklagt habe, daß ich Veranstaltungen gemacht habe, 
sie wegführen zu lassen usw. Sie wartet ungeduldig auf meine Antwort 
und prüft jedes meiner Worte mit dem größten Argwohn. Sie erklärt, daß 
ich sehr böse auf sie bin und deshalb darauf hinarbeite, daß „etwas mit 
ihr geschehen" soll. Zu Hause sind alle ihre Feinde und ich bin mit 
ihrer Familie im Bunde. Sie gibt zu, daß sie alle Hausarbeit vernachlässigt 
hat, daß also ihr Mann und ihre Schwiegermutter Grund zur Unzufriedenheit 
haben. Sie fügt aber hinzu, daß es ganz gleich ist, ob sie etwas tut oder 
nicht tut, es seien doch immer alle gegen sie. 

Sie erzählt folgenden Traum : 

Um einen Hahn sind viele Hennen versammelt. Er springt auf eine nach 
der andern und hat Geschlechtsverkehr mit ihnen. 

Sie erkennt sofort, daß ihr Mann der Hahn ist, bringt aber keine 
weiteren Andeutungen über seine Untreue. Der Traum verrät jedenfalls 
die Wichtigkeit dieses Themas, wenn sich die Patientin auch nicht weiter 
darauf einläßt. 

Zur Erklärung des Ärgers, den sie mir zuschreibt, mache ich sie auf- 
merksam, daß man gewöhnlich annimmt, jemand sei böse, wenn man ihn 
schlecht behandelt hat. Ich meine, sie müsse ein schlechtes Gewissen haben, 
weil sie tags vorher zu spät gekommen ist, und nehme nun infolgedessen 
an, daß ich böse sei. Sie reagiert auf diese Behauptung mit absoluter 
Ablehnung. Angesichts ihrer völligen Unzugänglichkeit sage ich weiter 
nichts und erkläre mich einverstanden, als sie vorschlägt, die Stunde vor 
der gewöhnlichen Zeit zu beenden. Sie macht physisch wie psychisch 



30 



Ruth Mack Brunswick 



einen durchaus kranken Eindruck und ich beginne zu denken, daß sie 
wahrscheinlich für die analytische Arbeit unzugänglich bleiben wird. 

Ich merke aber bald, daß man von der Neurosenanalyse her nur nicht 
an die blitzschnellen Übergänge gewöhnt ist, die den Psychosen ein leichtes 
sind. Am vierten Tage zeigt die Patientin sich bereit, näher in die Sachlage 
einzugehen. Sie sieht etwas besser aus und zeigt beim Hereinkommen ein 
beschämtes und begütigendes Lächeln. Sie gibt zu, daß meine Unterredung 
mit ihrem Mann der Ausgangspunkt der ganzen Schwierigkeit ist. Sie war 
wartend im Vorzimmer gesessen; und plötzlich war sie — nach ihren 
eigenen Worten — von einer rasenden, wahnsinnigen Eifersucht gepackt 
worden. Eine panikartige Angst hatte sie ergriffen, die Außenwelt war 
plötzlich nicht mehr vorhanden, sie wußte nur von einem ungeheuren 
Brausen und elektrischen Summen in ihrem Kopf und der Gedanke packte 
sie, daß mir ihr Mann sicher besser gefallen würde als sie selbst. Sie 
hatte sich in die Hände gebissen und gewußt, daß ihr nichts übrig bliebe, 
als sich umzubringen. 

Sie ist — wie sie sagt — besonders überrascht darüber, daß sie nicht 
wegen ihres Mannes, sondern meinetwegen eifersüchtig war. Ich zeige ihr 
sofort, daß ihre Eifersucht auf die Stiefmutter von genau derselben Art 
ist; sie gönnt ihrem Manne nicht die Zärtlichkeit, die sie sich selber 
wünscht. Es ist, wie ich ihr ferner zeige, auch kein großer Unterschied 
mehr, ob sie glaubt, daß ich (oder ihre Stiefmutter) ihren Mann lieber 
habe als sie oder ob sie sich vorstellt, daß ihre Stiefmutter (oder ich) 
Sexualverkehr mit ihm habe. Ich frage sie, ob sie das vielleicht geglaubt 
habe, und erhalte zur Antwort, daß es ihr gestern nicht unmöglich erschien. 

Sie versteht jetzt auch den Projektionsmechanismus : sie war böse auf 
mich und hat ihren eigenen Ärger auf mich projiziert. Außerdem hat 
sie — weil sie böse war — so gehandelt, daß jeder in einer gewöhnlichen 
Beziehung zu ihr Stehende beleidigt und geärgert werden müßte ; nachdem 
sie so ihre Rolle gespielt hatte, nahm sie meine Reaktion darauf als ge- 
geben an. Es nützte auch nichts, daß ich keinerlei Empfindlichkeit zeigte. 
Sie phantasierte das Fehlende hinzu und stellte sich als die schlecht 
Behandelte hin. 

Unter dem Einfluß dieser Deutungen und in der Erleichterung, von 
der sie gefolgt werden, bringt ie eine Anzahl lebhaft gefärbter Über- 
tragungsphantasien. Sie erzählt, sie hätte abends vorher, als ihr Widerstand 
schon abgelaufen, aber noch nicht analytisch gedeutet worden war, phan- 
tasiert, daß ich in ihr Bett käme und daß sie sich in meine Arme ge- 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 



31 



schmiegt und mich geküßt hätte. Schließlich hätte sie ein Kissen so fest 
wie nur möglich an sich gedrückt und sei eingeschlafen. Sie gibt die 
unverkennbare Ähnlichkeit dieser Szene mit ähnlichen Erlebnissen mit 
der Schwester in früher Kindheit zu. 

Daß sie zu dieser Zeit ihren Mann und ihr Haus in auffälliger Weise 
vernachlässigt, ist natürlich auf die ausschließlich homosexuelle Bindung 
ihrer Libido in der Übertragungssituation zurückzuführen. Sie haßt ihren 
Mann, weil er an ihrer Statt den Penis besitzt, mit dem sie die geliebte 
Frau erringen könnte. Der Traum der nächsten Nacht demonstriert diese 
Haß- und Neideinstellung: 

Sie und ihr Mann möchten einen Maskenball besuchen, haben aber keine 
Kostüme. Sie wollte immer gerne auf so einen Ball gehen, ist aber nie dazu 
gekommen. Man kann Kostüme beim Teufel ausleihen, der plötzlich erscheint; 
er ist ganz rot, hat einen Schweif, Hörner und ein scheußliches Grinsen. Für 
den Mann bringt er ein Kostüm, das ganz aus männlichen Geschlechtsteilen 
zusammengesetzt ist, für die Frau ein schreckliches Kostüm aus weiblichen 
Genitalien. Das Kostüm des Mannes ist häßlich, aber nicht so furchtbar wie 
das Frauenkleid, das vorne ein großes offenes Loch hat und darüber ein ganz 
kleines Glied, das aussieht wie ein Penis, „wo man onaniert". Die Patientin 
will ihren Mann verhindern, die Kostüme anzunehmen, aber er will es durchaus. 
Die Patientin wird dann wütend mit dem Teufel, der sich aber nur über 
ihren Arger lustig macht, grinst und herumtanzt und plötzlich — genau so 
aussieht wie der Mann der Patientin. Sie sagt: „Wenn er uns schon so grausliche 
Sachen bringt, hätte er uns wenigstens beiden dasselbe bringen können." 

Versuchen wir, die Traumelemente der Reihe nach zu analysieren. Der 
Maskenball (siehe S. 1 7) bedeutet eine] sexuelle Versuchung. Die Maskierung 
der Tänzer soll die Verhüllung des Geschlechts bedeuten, d. h. man sieht 
keine Geschlechtsunterschiede. Der Ball ist offenbar das Werk des Teufels, 
wie daraus ersichtlich, daß er die Kostüme beistellt; in anderen Worten 
ausgedrückt: die Sexualität ist das Werk des Teufels. Der Teufel selbst 
mit seiner roten Farbe, seinen Hörnern, seinem Schwanz und seinem 
triumphierenden Grinsen ist ein deutliches phallisches Symbol. Er bringt 
der Patientin und ihrem Mann sexuelle Gewänder; das Gewand der 
Patientin ist aber eine scheußliche Mißbildung. Sie ist also mit einer 
Sexualität belastet, die nicht einmal phallisch, folglich auch nicht der Mühe 
wert ist. Sie ist wütend über die Vernachlässigung, die sie von Seiten der 
Natur erfährt, — schließlich ist es ja die böse Seite der Natur, der Teufel 
des Traumes, welche die Sexualität der Menschen geschaffen hat, — und 
ihre Wut überträgt sich im weiteren auf den Mann, der das besitzt, was man 
ihr versagt hat; der Teufel verwandelt sich zum Schluß in ihren Mann. 



32 Ruth Madk Brunswick 



Die Onanie der Patientin mit ihrer Schwester rückt jetzt in den Mittel- 
punkt des analytischen Interesses. In einem Traum, welcher der Vorläufer 
des wichtigsten aus der ganzen Analyse ist, stellt die Patientin ihre 
passive Onanie mit einem Schwesterersatz zum erstenmal als unlust- 
betont hin : 

Die Patientin sucht überall nach einer Frau; manchmal bin ich diese Frau y 
schließlich ist es eine Cousine, mit der die Patientin im Alter von 14 Jahren 
zusammen geschlafen hat und die sie masturbieren -wollte. 

Diese Cousine hat eine Schwester, die blond ist und die Patientin an 
ihre eigene Schwester erinnert. Sie sagt: „Wenn es die andere Cousine 
gewesen wäre, hätte ich sie es vielleicht machen lassen, aber diese konnte 
ich nicht leiden.' 

Wir finden hier zum erstenmal, daß die gemeinsame Onanie unlust- 
betont ist. Die Gründe dafür sind verschiedener Art: erstens meine Wei- 
gerung, die erotischen Wünsche der Patientin zu erfüllen (der Traum 
beginnt mit der Suche nach mir) ; zweitens der Widerstand, neues Material 
über die alte Onanie mit der Schwester zutage zu fördern ; und drittens 
kann das Ich sich der Onanie widersetzen und sie unlustvoll machen, 
seit sie aus der Vergessenheit befreit und bewußt gemacht worden ist, 
während es vorher nur mit Verdrängungsmaßnahmen arbeiten konnte. 
Diese zunehmende Macht des Ichs, seine Fähigkeit, Material zu beherrschen 
und zu dirigieren, das früher durch die Verdrängung seiner Machtsphäre 
entzogen war, zeigt sich jetzt auch in dem Auftauchen immer neuer, be- 
wußt gewordener Materialstücke. 

Der erste Traum dieser Serie zeigt, wie alle diese Vorgänge sich jetzt 
durchaus innerhalb der Übertragung abspielen, und wie aussichtslos es wäre, 
die Analyse auf bloße Erinnerung einschränken zu wollen. 

Die Patientin liegt mit ihrer Schwester im Bett; die Schwester masturbiert sie, 
bis sie zum Orgasmus kommt. Die Schwester verwandelt sich dann in mich. 
Ich habe einen großen Penis. Ich habe Geschlechtsverkehr mit der Patientin 
und befriedige sie wieder. Dann verwandle ich mich in den schwarzen Mann 
des periodischen Angsttraumes. Auch er hat befriedigenden Verkehr mit der 
Patientin; sie hat keine Angst vor ihm. Der schwarze Mann verwandelt sich 
dann in ihren Mann, mit dem sie einen höchst befriedigenden Verkehr ausßihrt. 
Die Schwester ist blond, wie sie auch in Wirklichkeit war. Ich bin dunkelhaarig, 
wie in der W irklichkeit, und der Mann ist wie die Schwester blond, was er auch 
wirklich ist. 

Dieser Traum war außerordentlich lustvoll. Eine seiner Folgen ist, daß 
es der Patientin gelingt, ihrem Mann und ihrer häuslichen Arbeit mehr 
Interesse zuzuwenden. 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 



33 



Auch der nächste Traum beschäftigt sich mit der Anerkennung der 
männlichen Vorrechte. 



Sie geht mit ihrer Schwester auf ein Klosett, das zwei Abteilungen neben- 
einander hat, eine kelle, die schon besetzt ist, und eine dunkle, in die die beiden 
Schwestern hineingehen. Luise setzt sich auf das Klosett und nimmt die Patientin 
auf den Schoß. Die Patientin spreizt die Beine und läßt sich von der Schwester 
masturbieren. Dann tauschen sie die Plätze und die Rollen und wiederholen den 
Vorgang. Währenddessen versuchen sie, ein Licht zu finden oder Licht zu 
machen, was ihnen aber nicht gelingt. Der Mann der Patientin kommt herein, 
findet mit der größten Leichtigkeit sofort den elektrischen Kontakt und dreht 
das Licht auf. Plötzlich aber schlagen Flammen heraus und setzen das Stroh, 
das in der Nähe liegt, in Brand. (Das Ganze spielt in einer Art Stall oder 
Scheune.) Die Patientin bittet ihren Mann, das Feuer zu löschen. Fr tut es, 
nimmt sie dann bei der Hand und fuhrt sie nach Hause. 

Dieser Traum enthält, wie so häufig bei der Patientin, eine Szene, die 
sie wirklich erlebt hat. Im Alter von neun Jahren onanierte sie so, wie 
es hier geschildert ist, mit einem Mädchen auf dem Lande. Das Klosett 
befand sich nahe bei dem Stroh, wo sie schließlich erwischt wurden. Dazu 
gehört auch, daß — wie wir gehört haben — die Patientin ihren Mann 
und ihre Stiefmutter beschuldigt, im Stall, wo das Pferd gehalten wird, 
Sexualverkehr gehabt zu haben. Deuten wir diese Erinnerung mit Hilfe 
des Traumes, in dem das Mädchen auf dem Land durch die Schwester 
ersetzt ist, so sehen wir, daß das Erlebnis im neunten Lebensjahr nur 
die Wiederholung einer früheren Szene ist, die sich zu Hause mit der 
Schwester abgespielt hat. Vermutet haben wir das bereits, der Traum bringt 
uns nur den ersten wirklichen Beweis für unsere Annahme. Die Symbolik 
des Lichtanzünden s und Feuerlöschens ist uns aus den Träumen von 
Enuretikern bekannt und leicht verständlich; das Feuer bedeutet seinen 
Gegensatz, Wasser oder Samen, wie auch die Flamme der Sexualität. Die 
beiden Frauen können das Licht nicht finden, aber der Mann findet es 
sofort; das bedeutet, daß er potent ist, während sie es nicht sind. Der 
Traum sagt uns nicht, wie der Mann das Feuer löscht; wir können aber 
annehmen, daß er dazu dasselbe Mittel verwendet wie zum Anzünden, 
nämlich Urin oder Samen. Die Angst der Patientin vor dem Feuer im 
Stroh bedeutet gleichzeitig ihre Angst vor der Sexualität und ihre Angst 
vor Entdeckt werden und Strafe. Die größere Potenz des Mannes macht 
offenbar einen solchen Eindruck auf sie, daß sie ganz zufrieden mit ihm 
fortgeht. 



34 



Ruth Made Brunswick 



Der folgende Traum, der wichtigste, den sie in der Analyse produziert 
hat, muß als das Äquivalent einer plastischen Erinnerung gewertet werden: 

Eine Person, welche die Patientin als Luise bezeichnet, welche aber in allen 
andern Hinsichten mir ähnelt, nimmt die Patientin zu sich ins Bett. Die 
Patientin liegt so, daß ihr Kopf bei den Füßen der Schwester ist, damit sie 
leichter ihre Genitalien erreichen kann. Luise ist ungefähr zwölf Jahre alt, 
die Patientin ist etwa zweijährig und ganz klein. Sie masturbieren einander 
gleichzeitig. Luise unterweist die Patientin, wie sie mit der einen Hand die 
Labien spreizen und mit der andern die Klitoris reiben soll. Das geht 
unter der Bettdecke vor sich. Plötzlich spürt die Patientin den intensivsten 
Orgasmus, den sie je gefühlt hat, ihr ganzer Körper gerät in Erregung; einen 
Augenblick später stellt sich dieselbe Reaktion bei der Schwester ein. Luise 
nimmt sie dann voll Leidenschaft in die Arme und drückt sie eng an sich. 
Sie hat dabei das Gefühl absoluter Wirklichkeit. 

Das Wirklichkeitsgefühl ist so stark, daß die Patientin beim Erwachen 
ihr Genitale mit der Hand untersucht, um herauszufinden, was damit 
geschehen ist. Sie hat die Menstruation und trägt eine Binde; und nur 
der Umstand, daß die Binde nicht verschoben ist, überzeugt sie davon, 
daß sie das Ganze geträumt hat. 

Untersuchen wir als erstes Element das Wirklichkeitsgefühl des Traumes. 
Wir wissen, dieses Gefühl bedeutet, daß der Inhalt des Traumes nicht 
Phantasie, sondern Wirklichkeit ist. Die Patientin erinnert jetzt, daß sie 
und ihre Schwester genau so, wie der Traum es beschreibt, gelegen sind 
und onaniert haben. Ihre Lage erklärt sich offenbar daraus, daß sie sonst 
ihrer Kleinheit wegen die Genitalien der größeren Schwester gar nicht 
erreicht hätte. So mußte sie auch, um die Schwester zu masturbieren, beide 
Hände gebrauchen, wo ein Erwachsener nur eine nötig gehabt hätte. Diese 
Details sprechen für die Wirklichkeit des Vorkommnisses. Das Alter der 
beiden Schwestern ist korrekt angegeben; die früheste Onanie fand statt 
ehe die Patientin im Alter von vier Jahren aufs Land geschickt wurde. 

Wir erhalten hier auch zum erstenmal ein Motiv für Luisens Verführung 
der kleinen Schwester. Sie masturbierte sie, um sie zu lehren, wie sie das 
gleiche an ihr ausführen sollte. Wenn man Luisens körperliche und 
geistige Minderwertigkeit in Betracht zieht, hat ihr Hinwegsetzen über 
die gewöhnlichen Hemmungen auch nicht viel Verwunderliches. Die 
Patientin beugt sich schließlich vor der Kraft dieser Argumente. Sie sagt, 
daß sie schon seit längerer Zeit meine Annahme für richtig hält, es nur 
nicht zugeben will, um ihrer toten Schwester kein Unrecht zu tun. Aber 
gerade diese Angst' vor der Beschuldigung zeigt ihre Bedeutsamkeit. Bei 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 35 



der späteren Onanie mit dem Mädchen auf dem Lande beschuldigt die 
Patientin ihre Gefährtin ganz direkt für ihr unrechtes Handeln und ihre 
Ungerechtigkeit. Sie haßte und fürchtete dieses Mädchen, und wir müssen 
annehmen, daß sie ursprünglich ihre Schwester in genau derselben Weise 
gehaßt und gefürchtet hatte. Ich zeige der Patientin, daß die Bindung an 
einen andern Menschen ebensogut auf Haß als auf Liebe gegründet sein 
kann, und daß das Schuldgefühl, das aus solchem Haß entspringt, die 
Bindung nur verstärkt. Es gelingt mir aber diesmal nicht, die Schuld- 
gefühle zu beschwichtigen, welche die Beschuldigung der Schwester in 
der Patientin erweckt hat. Sie gibt zwar die Tatsache der Verführung zu, 
schreckt aber noch davor zurück, ihre Folgen einzusehen: die pathogene 
Fixierung an die ältere Schwester, die zur Grundlage ihrer paranoischen 
Psychose geworden ist. Täte sie es, so würde eine Unmenge tief verdrängter 
Wut und Rachsucht gegen die geliebte Schwester auftauchen, die sie noch 
nicht ins Bewußtsein zulassen will. 

In der nächsten Stunde ist sie müde und niedergeschlagen. Sie kann 
sich nicht verzeihen, der toten Schwester auch nur mit einem Gedanken 
zu nahe getreten zu sein. Meine Versicherungen, die Schwester sei durch 
ihre Abnormität und Unwissenheit von jeder Schuld freizusprechen, nützen 
nichts, weil sie unbewußt oder auch halb und halb bewußt von der Schuld 
der Schwester und dem Schaden, den sie angerichtet hat, überzeugt ist. 
Trotzdem bringt der Traum dieser Nacht eher eine Bestätigung als einen 
Widerruf der gestrigen Mitteilungen: 

Die Patientin liegt in gewöhnlicher Lage mit der Cousine, die ihrer Schwester 
ähnlich sieht, im Bett. Sie masturbieren sich gegenseitig. 

Am folgenden Tag bringt sie folgenden Schuldgefühlstraum: 

Die Patientin und ihre Schwester waschen miteinander Wäsche. Es ist sehr 
schwere Arbeit. 

Als Einfall bringt sie Erinnerungen an die Zeit, zu der sie und die 
Schwester tatsächlich gemeinsam gearbeitet haben. Einmal mußten sie 
30 kg Kohle vom Keller herauftragen. Die Schwester erklärte, bei dieser 
schweren Last nicht mithelfen zu können; sie war damals schon krank; 
wie sich später herausstellte, waren es die Anfänge ihrer Paralyse. Die 
Patientin war gerne bereit, die Kohle allein zu tragen, während die 
Schwester nebenherging. Unterwegs trafen sie den Vater, der der älteren 
Schwester schwere Vorwürfe über ihre unerhörte Faulheit machte. Der 
Patientin tat damals die Schwester außerordentlich leid und sie war froh, 
für beide arbeiten zu können. 



36 



Ruth Mack Brunswidc 



Der Traum spricht von einer Arbeit, einer geistigen oder physischen 
Last, — einer Schuld, — die beide gemeinsam tragen sollten. Die Patientin 
trägt sie aber allein wie die Onanieschuld, die sie auch bis heute gerne 
allein getragen hat. 

Plötzlich erinnert die Patientin einen vergessenen Traum, den sie 
unmittelbar nach dem vorigen geträumt hat. Sie erinnert ihn jetzt, weil 
er eine Bestätigung meiner Deutung enthält: 

Die Patientin und ihre Schwester liegen in gewöhnlicher (nicht umgekehrter) 
Lage nebeneinander. Die Patientin masturbiert die Schwester, bis sie zum Orgasmus 
kommt. Sie hat wieder ein starkes Gefühl von Wirklichkeit. 

Das Wirklichkeitsgefühl im Traum ist so stark, daß sie erwacht. Die 
Deutung dieses Traumelements wird noch dadurch bestätigt, daß sie sich 
beim Erwachen mit dem Glied ihres Mannes in der Hand findet. Er 
schläft noch, und es kann kein Zweifel bestehen, daß sie ihn im Schlafe 
masturbiert hat. Der tiefere Sinn des Wirklichkeitsgefühls bezieht sich aber 
darauf, daß sie tatsächlich ihre Schwester masturbiert hat; wir erinnern uns 
daran, daß in mehreren Koitusträumen die Gestalt der Schwester oder des 
schwarzen Mannes am Ende in den Mann der Patientin verwandelt 
wurden. Er hat also auf sexuellem Gebiet die Rolle der Schwester 
übernommen. 

Das in der Folge auftauchende Material dient nur dazu, die vor- 
gefallene Onanie wirklich zu beweisen und die Patientin trotz allen 
Widerstrebens von ihrer Existenz zu überzeugen. 






IV 
Zweite paranoische Phase: Die negative Übertragung 

Jetzt, da die Patientin die Beziehungen zur Schwester, so wie sie 
wirklich waren, erinnert und zugegeben hat, kann sie sich auch nicht 
länger gegen die Wiederholung der Reaktionen schützen, die sich aus 
ihnen ergeben. Als Folge davon beginnt die langerwartete negative Über- 
tragung aufzutauchen. Sie erzählt, daß sie um mich besorgt ist, daß sie 
Angst hat, es könne mir etwas zustoßen. Sie weiß, daß ich nach Amerika 
fahren will, und macht sich Sorgen darüber. Das Meer ist so gefährlich, 
ich könnte in einen Sturm geraten Sie sagt in einem auffallend gleich- 
gültigen Ton, daß sie nicht weiß, was sie dann ohne mich anfangen soll. 
Mir fällt auf, daß sie, die sonst so leicht ein Übermaß von Erregung 
zeigt, dabei ganz ungerührt bleibt. Sie behauptet, daß sie unruhig und 
besorgt ist, daß sie ohne mich nicht leben kann. Aber die Art, in der sie 
es sagt, widerspricht dem Inhalt ihrer Worte. 

Ich benütze die Gelegenheit zu zwei Warnungen: erstens, daß der 
Ärger und Haß auf ihre Schwester ihr bald zu Bewußtsein kommen 
werden, und zweitens, daß es wahrscheinlich nicht dabei bleiben wird, 
daß sie diese Gefühle als vergangen erinnert, sondern daß sie sie, wie es 
bisher immer in ihrer Analyse geschehen war, in der Übertragung 
reproduzieren wird. Ich füge hinzu, daß die Besorgnis um mich aus 
Todeswünschen gegen mich entspringt und daß man Todeswünsche gegen 
jemand hat, den man haßt, fürchtet oder an dem man sich wegen 
verschmähter Liebe rächen will. Das einzige Stück davon, das sie zu 
diesem Zeitpunkt annimmt, ist die aus verschmähter Liebe entstandene 
Rachsucht. 



38 



Ruth Mack Brunswick 



Sie klagt jetzt, daß ich weniger freundlich mit ihr sei, daß mein 
Mädchen sie beim Kommen nicht grüße. Sie bemerkt in meinem Hause 
eine gewisse argwöhnische Stimmung und behauptet schließlich, daß ich 
sie verdächtige, mich bestohlen zu haben. Ich erwidere, daß mir nichts 
von meinem Eigentum fehle, worauf sie einwirft, daß ich ja nicht täglich 
alles, was ich habe, nachzähle, daß leicht etwas fehlen könnte, wovon ich 
nicht weiß, ich aber trotzdem ein unbestimmtes Gefühl haben könnte, es 
sei nicht alles da. Ich versuche herauszufinden, an was für Gegenstände 
sie dabei denkt, kann aber nichts von ihr erfahren, da sie Angst hat, ich 
könnte jede genauere Bezeichnung eines Gegenstandes als Eingeständnis 
des verübten Diebstahls auffassen. 

Sie sagt, es sei sehr bedauerlich, daß ich meinen Argwohn vor anderen 
geäußert habe: die Leute auf der Straße zeigen durch ihr Benehmen 
gegen sie, daß sie auch schon solche Dinge über sie reden gehört haben. 
Allerdings, fügt sie hinzu, könnten es auch meine Mädchen sein, die 
diese böswilligen Verleumdungen über sie verbreitet haben. Für meine 
Versicherungen, daß weder ich noch meine Mädchen ihre Ehrlichkeit im 
geringsten bezweifeln, hat sie nur ein höhnisches Lächeln. 

Sie sagt weiter, daß sie weiß, daß wir alle gegen sie verbündet sind- 
sie kennt zwar meine Pläne nicht im einzelnen, aber sie beobachtet meine 
Handlungen genau, um meine Absichten daraus zu erfahren. Alle meine 
Versuche, ihr vernünftig zuzureden, treffen auf taube Ohren; und sie 
erinnert alle Freundlichkeiten, die ich ihr in der Vergangenheit erwiesen 
habe, um sie als Beweise der gegen sie gerichteten Verschwörung zu 
verwerten. 

Ich lasse sie zu dieser Zeit anstatt täglich nur jeden zweiten Tag 
kommen. Es scheint mir zwar unumgänglich nötig, den Kontakt mit ihr 
aufrecht zu erhalten, aber die Analysenstunde bringt sie jetzt in einen 
solchen Zustand von Reizbarkeit, daß die Fortsetzung einfach unmöglich 
ist. Sie träumt gar nicht, manchmal vergißt oder verdreht sie die Träume. 
Sie liegt oft lange Zeit in absolutem Stillschweigen auf dem Sofa. Wenn 
ich sie am Ende einer Stunde entlasse, bin ich meistens unsicher, ob sie 
überhaupt wiederkommen wird. 

Die Beziehungen zu ihrem Manne bessern sich in dieser Zeit, teils aus 
Widerstand gegen mich, teils wegen des wirklichen Fortschrittes, den ihre 
heterosexuelle Entwicklung durch das Überwinden früherer Hemmungen 
gemacht hat. Der homosexuelle Kern ihrer paranoischen Psychose ist noch 
unangerührt, trotzdem sind an der Peripherie deutliche Veränderungen vor 



Die Analyse eines Eifersuchtswahnes 



39 



sich gegangen. Die Patientin hat beim Koitus ein gewisses Maß vaginaler 
Sensationen, bei vereinzelten Onanieversuchen ein gewisses Maß von 
Empfinden an der Klitoris. Beide Zonen scheinen gleichzeitig von einem 
Stück Hemmung frei geworden zu sein und sich entwickelt zu haben, 
wobei die Vagina die Klitoris weit überflügelt; bei der letzteren hat man 
offenbar schon mit der zu dieser Zeit normalen Rückbildung zu 
rechnen. Die Patientin verlangt nicht mehr, von ihrem Mann masturbiert zu 
werden, empfindet auch keine besondere Lust bei diesem Vorgang; sie 
hat nur selten Lust, selber zu onanieren. Ihr Fortschritt in der Hetero- 
sexualität und ihre Einstellung zu dieser Seite sehen wir aus folgendem 
Traum : 

Sie wird von einem großen blonden Kind entbunden. Ich bin die Hebamme, 
ihr Mann ist der Vater des Kindes. 

Wir wissen, daß der blonde Mann der Nachfolger der blonden Schwester 
ist. Das Kind ist also das Produkt der jetzt durch den Mann ersetzten 
phallischen Schwester. Ich, als Analytikerin, helfe ihr, das Kind zur Welt 
zu bringen. 

Der günstige Anschein, den dieser Traum erweckt, ist zum Teil be- 
rechtigt, zum Teil auf ihr Sträuben gegen das Preisgeben weiteren Materials 
zurückzuführen. Die homosexuelle Bindung an die Schwester kann ja nicht 
aufgegeben werden, ehe sie sie nicht voll zugegeben und in der analytischen 
Situation reproduziert hat. Der Widerstand richtet sich natürlich gegen das 
Auftauchen neuen Materials zu dieser Bindung. Anderseits ist in der 
Heterosexualität der Patientin, wie der Traum es zeigt, ein wirklicher 
Fortschritt zu bemerken. Von dieser Seite gesehen, — ohne die paranoischen 
Störungen, die von der anderen, homosexuellen Seite herkommen, in Betracht 
zu ziehen, — ist der Traum von bester Vorbedeutung. Die Entwicklung 
einer normalen Heterosexualität ist unentbehrlich als Kernpunkt für die 
Persönlichkeit der Patientin, wie sie sich nach der Analyse entwickeln 
soll. Offenbar kann diese Entwicklung vor sich gehen, unabhängig von 
der homosexuellen Bindung, die natürlich am Ende aus ihrer Libido- 
ökonomie eliminiert werden soll. 

Die Patientin berichtet jetzt von ihrer Angst, daß sie sich an der Schwester 
mit Syphilis angesteckt haben könnte. Ich versichere zwar, daß ich an ihre 
Syphilis nicht glaube, dränge sie aber, eine Wassermannsche Probe machen 
zu lassen. Sie hält aber an ihrer Idee fest, ohne die Blutuntersuchung 
machen zu lassen. 

Das Durcharbeiten durch die negativen Reaktionen nimmt seinen Fort- 



40 Ruth Madt Brunswick 



gang und ich bekomme den Eindruck, daß es sich hier um einen inneren 
Prozeß handelt, den man weder beschleunigen noch abändern kann. Die 
Patientin ist jetzt auf allen Gebieten so unbeeinflußbar, wie sie es bisher 
nur in bezug auf die Wahnidee von der Untreue ihres Mannes war, und 
selbst dort nicht immer mit der gleichen Zähigkeit. Die Systematisierung 
ihrer Wahnideen macht zwar keine großen Fortschritte, aber das Gefühl, 
daß ich der Führer einer gegen sie gerichteten Verschwörung bin, wird 
immer stärker. Es macht den Eindruck, als hätte sie nur noch keine Zeit 
gehabt, die Einzelheiten dieser Idee auszuarbeiten und zu systematisieren. 
Schließlich, nach drei Wochen, bringt sie folgenden bedeutsamen 
Traum : 

Die Schwester der Patientin kommt zu ihr und sagt: „Warum schämst du 
dick immer so fiir mich? Später einmal wirst du auch viele Männer haben 
und vielleicht so schlecht werden wie ich. Komm in den Wald anstatt da zu 
stehen und mit mir zu streiten. 11 Die Patientin nimmt die Hand der Schwester 
und geht mit ihr in den Wald. Plötzlich verschwindet die Schwester und ein 
junger Mann tritt an ihre Stelle. Er hat dunkle Haare, einen Backenbart und 
trägt Uniform. Er nimmt die Patientin bei der Hand und verspricht, sie aus 
dem Wald herauszuführen. Statt dessen fuhrt er sie aber immer tiefer in den 
Wald hinein. Dann sagt er zu ihr: „Leg dich hier ein bißchen nieder und 
ruh dich aus, denn wir haben noch weit zu gehen. Sie weigert sich, sich 
niederzulegen, aber er sieht sie so böse an, daß sie sich furchtet und ihm 
gehorcht. Er setzt sich neben sie urui drückt sie plötzlich an sich, wie ihr 
Mann das tut, und hat Geschlechtsverkehr mit ihr. Sie fühlt Angst und Ekel. 
Dann verschwindet er und ein zweiter Mann kommt, der brünette Haare hat. 
Die Patientin geht gerne mit ihm, weil sie irgendjemanden ärgern will, dtr 
ihr untreu war, entweder ihre Schwester oder ihren Mann. Er fiüirt sie in 
ein kleines Haus, das meinem Haus ähnlich sieht, und in ein kleines Zimmer, 
wo er von hinten mit ihr verkehrt. Das bereitet ihr solche Schmerzen wie der 
erste Koitus mit ihrem Mann. Dann kommt ein dritter Mann mit einer kleinen 
Glatze und dahinter einem Scliopf blonder Haare, die aussehen wie die Haare 
ihrer Schwester. Er heifit Rudolf (der Name ihres Mannes). Er führt die 
Patientin in ihre wirkliche Wohnung und hat Verkehr mit ihr, wobei sie sich 
sehr ekelt. Plötzlich erschrickt sie furchtbar über ihr Benehmen, bekommt große 
Angst und ist sicher, daß sie sich im Laufe der Nacht mit einer Geschlechts- 
krankheit angesteckt hat. Sie ist wütend auf ihre Schwester und auf ihren 
Mann und spürt heftigen Haß auf beide. Dann erscheint die Schwester und 
sagt: „Siehst du, jetzt hast du auch eine Menge Männer gehabt wie ich. Aber 
du bist nicht schlecht. Es ist keine Sünde, viele Männer zu haben. Im Gegen- 
teil, du mußt sie alle ausprobieren und den behalten, der dir am besten paßt. 
Dein Mann ist zu groß für dich." Nachdem die Schwester wieder verschwunden 
ist, ist die Patientin noch böser auf sie als vorher und denkt: „Wenn sie mich 
nicht in den Wald geführt hätte, wäre ich nicht schlecht geworden." 



Die Analyse eines Eifersudatswahnes 41 

Beim Erwachen hat sie ein Gefühl der Erleichterung. 

Der Wald bedeutet offenbar eine Art Venusberg, in den die Patientin 
von ihrer Schwester geführt wird. Er ist auch ein Symbol für das weibliche 
Genitale, also den Ort, wo die gemeinsame Onanie stattgefunden hat. Daß 
die Patientin die Schwester wegen ihres unsittlichen Lebenswandels tadelt, 
sehen wir aus dem Vorwurf der Schwester, daß die Patientin sich ihrer 
schämt. Sie bringt dann die Patientin in dieselbe Lage, derentwegen man 
ihr Vorwürfe macht. Das heißt, die Patientin identifiziert sich aus Schuld- 
gefühl mit der Schwester und betrachtet sie gleichzeitig (wie aus ihrer 
Angst vor Geschlechtskrankheit ersichtlich ist) als die Ursache ihrer 
Schwierigkeiten. Luise, wie wir wissen, begann ihren unsittlichen Lebens- 
wandel in dem Bemühen, sich die Onanie abzugewöhnen. Sie hatte eine 
besondere Vorliebe für Männer in Uniform: Soldaten, Briefträger, Kondukteure. 
Sie war aber im Notfall auch mit anderen zufrieden. Jetzt hat die Patientin 
Verkehr mit den Männern, die eigentlich ihrer Schwester zugehören, und 
wird dadurch ebenso schlecht wie die Schwester. 

Die kahle Stelle vor dem blonden Haarschopf des dritten Mannes ist 
ein interessantes Detail, über das ich die Patientin befrage. Das blonde 
Haar erinnert sie an die schwarzen Schamhaare der Schwester, die sie wie 
gebannt anzustarren pflegte (siehe S. 22). Der dritte Mann ist also ihre 
Schwester. Die Patientin hat im Laufe der Analyse die Vorstellung von 
der Frau mit dem Phallus aufzugeben begonnen; so sehen wir jetzt anstatt 
des schwarzen Haares, hinter dem sie den Penis vermutete, eine kahle, 
nackte Stelle vor einem Haarschopf: eine Stelle, an der etwas fehlt. Es 
handelt sich hier um das Fehlen des Gliedes. Dieser Mann trägt aber den 
Namen ihres Mannes, von dem wir wissen, daß er an die Stelle der Schwester 
gerückt ist. So hat die kahle Stelle auch noch eine zweite Bedeutung: 
sie spielt auf den Wunsch an, ihrem Mann sein Glied wegzunehmen. 

Die Untreue der Patientin ist eine Nachahmung der Schwester und 
gleichzeitig die Rache gegen die Schwester. Offenbar beruht auch die 
Stärke ihrer Übertragung zum Teil darauf, daß sie auf diese Weise der 
Schwester untreu werden kann. 

Wir finden jetzt noch eine weitere Quelle für die Eifersucht auf den 
Mann und die Stiefmutter. Die Stiefmutter selbst spielt, wie wir erfahren 
haben, dabei die größere Rolle. Da aber der Mann so offenbar der Nach- 
folger der Schwester ist, so ist es unvermeidlich, daß sie an seiner Treue 
zweifeln muß. Die Vermengung von Schwester und Mann im Traum 
unterstützt unsere Deutung. Sie ist auf beide böse, weil sie sie sexuell 



42 



Ruth Made Brunswick 



erregen, ohne sie dann zu befriedigen ; und sie ist böse auf die Schwester, 
weil sie sie die später so verpönten sexuellen Betätigungen gelehrt hat. 

Der Ausspruch der Schwester, daß der Mann der Patientin (sie meint 
natürlich seinen Penis) zu groß für sie sei, hat zweierlei Bedeutung: 
erstens, daß die Schwester nicht zu groß für die Patientin wäre (da sie 
ja nur eine Klitoris hat), und zweitens, daß die Patientin in ihrer Identi- 
fizierung mit der Schwester, die wir durch den ganzen Traum hindurch 
sehen, die Schwester besser befriedigen könnte als ein Mann, da eben auch 
für die Schwester ein Mann zu groß wäre. Wir werden die Patientin 
später noch öfters in dieser doppelten Rolle zu sehen bekommen. 

Hinter der heterosexuellen Ausschweifung erkennen wir verschiedene 
homosexuelle Motive. Die heterosexuellen Beziehungen sollen dazu dienen, 
das homosexuelle Objekt zu ärgern. Sie sind ferner auch ein Mittel, 
um die Schwester von ihren Liebhabern zu trennen. Die Patientin zieht 
die Liebhaber der Schwester an sich, um der Schwester den Verkehr mit 
ihnen unmöglich zu machen. Wir kennen diesen Mechanismus, der sowohl 
homosexuellen als heterosexuellen Ursprungs sein kann, aus den Neurosen. 
Ein Knabe zum Beispiel, der hauptsächlich an den Vater gebunden ist 
übertreibt oft den normalen heterosexuellen Wunsch nach dem Besitz der 
Mutter, um sie auf diese Art von dem (im Unbewußten) mehr geliebten 
Vater zu trennen. 

Der letzte Satz des Traumes enthält das wichtigste Stück: Wenn die 
Schwester die Patientin nicht in die Irre geführt hätte, wäre sie nicht 
schlecht geworden (oder nicht krank geworden, wie die Angst zeigt, sich 
an Luise mit Syphilis angesteckt zu haben). 

Einige Tage später erfahre ich aus einem Traum eine Form ihrer 
Onanie, die sie bisher nicht erwähnt hatte. 



Ich stehe in brokatenen Hausschuhen und einem fleckigen rosa Nachthemd 
vor der Patientin und sage ärgerlich: „Ich bin böse, daß du etwas vor mir 
verborgen hast. Zur Strafe werde ich dir nicht das versprochene Zimmer 
mieten und dich auch nicht im Sommer aufs Land schicken." Die Patientin 
ist sehr beleidigt und antwortet: „Ich habe immer alles gesagt. Das habe ich 
noch nicht einmal meinem Mann erzählt. Natürlich fällt mir nicht alles sofort ein." 
Ich antworte: „Gut, erinnere dich jetzt und alles wird wieder gut sein." Und 
die Patientin erinnert plötzlich etwas, was sie ^fast vergessen" hatte: In den 
Zeiten, in denen sie weder ihre Schwester noch das Mädchen auf dem Land 
zur Verfügung hatte, pflegte sie Katzen, Hunde, ja sogar kleine Ferkeln zu 
nehmen, um sie zu masturbieren. Es war besonders lustvoll fiir sie, wenn die 
Tiere ganz plötzlich zusammenzuckten, genau so wie ihre Schwester es tat. 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 43 

Nachdem sie mir das erzahlt hat, gebe ich ihr die Hand und bin nickt mehr 
böse. Sie ist sehr froh. 

Das rosa Nachthemd des Traumes hat die Patientin wirklich beim 
Nähen in meinem Hause gesehen. Es hat in der Wäsche die Farbe ver- 
loren, aber keine Flecken bekommen. Die Patientin deutet die Flecken 
selber als Folgen der Onanie. Die Vorstellung ist offenbar von der männ- 
lichen Onanie hergenommen, da die normale weibliche Ejakulation kaum 
genügen würde, um Flecken irgendwelcher sichtbaren Größe zu erzeugen. 
Wir erinnern uns dabei an die Vorstellung der Patientin, daß Frauen 
genau so wie Männer eine Ejakulation haben. (Siehe S. 23.) 

Bei der Onanie mit den Tieren, wie der Traum sie uns vorführt, spielt 
die Patientin die Doppelrolle, die bei der Onanie überhaupt so häufig ist. 
(Siehe den Traum auf Seite 25.) Sie spielt die aktive und passive Rolle. 
Sie ist einerseits sie selbst und onaniert mit dem Tier, das für die Schwester 
steht. Anderseits ist sie aber auch das Tier, mit dem die Schwester onaniert. 
Wir kennen diesen Mechanismus zum Beispiel aus der Onanie des 
masochistischen Mannes, der sich von seiner aktiven Seite her mit dem 
Vater identifiziert und so mit der Frau verkehrt, die seine passive Seite 
darstellt. Bei der Klitorisonanie der kleinen Mädchen spielt das Kind den 
Vater in der Beziehung zu sich selbst als Mutter. 

Ich erkläre der Patientin diesen Mechanismus, worauf sie zugibt, daß 
sie nach dem vierzehnten Jahr eine ganze Reihe von Jahren hindurch 
tatsächlich mit den im Traum erwähnten Tieren onaniert hat. Sie be- 
nützte ausschließlich Weibchen, steckte ihnen immer ihren Finger in die 
Vagina und wartete, bis das schon erwähnte Zucken auftrat. Ich frage sie 
natürlich, ob sie auch bei der Schwester den Finger in die Vagina gesteckt 
habe; sie hat davon niemals etwas erwähnt. Tatsächlich hat sie diese Art 
der Onanie niemals erinnert, obwohl sie die Tatsache der gemeinsamen 
Onanie seit dem detaillierten und plastischen Traum, den wir als Äquivalent 
einer Erinnerung betrachtet haben, akzeptiert hat. 

Sie setzt mir jetzt auseinander, daß die Schwester sie unterwies, an der 
Klitoris zu reiben, bis der Orgasmus begann, und dann ihren Finger schnell in 
die Scheide zu stecken. Sie tat das sehr ungerne. Ich frage, ob die Schwester 
je das gleiche bei ihr ausgeführt habe. Sie sagt, sie hätte es einmal ver- 
sucht. Aber es hätte ihr so weh getan, daß sie geschrien und Luise 
ganz böse von sich weggestoßen hätte. Die Schmerzen in der Scheide und 
der Krampf beim Koitus sind offenbar auf diesen Vorfall zurückzuführen. 

Ich frage nun, seit wann sie eigentlich die Onanie mit der Schwester 



44 



Ruth Madt Brunswick 



erinnere und zugebe und warum sie nie erwähnt habe, daß auch die Vagina 
etwas damit zu tun habe. 

Sie antwortet, daß sie im Alter von fünf Jahren vom Land zurück- 
gebracht wurde, um ein Jahr lang zu Hause zu bleiben. Sie erinnert sich 
genau, daß die Onanie mit Reizung der Vagina zu dieser Zeit vorfiel. 
(Wahrscheinlich war die Patientin vorher zu klein, um dazu gebraucht zu 
werden.) Ich frage, warum sie mir nie vorher von diesem einen Jahr im 
Elternhaus erzählt habe. Sie erwidert, daß sie es sicher oft erwähnt habe. 
Was die Onanie betrifft, so habe sie nicht nur immer davon gewußt, 
sondern sie auch niemals geleugnet! 

Sie erzählt mir von neuem, wie schrecklich eifersüchtig sie im Alter 
von drei und fünf Jahren auf die Knaben und Männer war, mit denen 
ihre Schwester umzugehen pflegte. Die Schwester verbrachte oft längere 
Zeit außer dem Hause. Das steigerte offenbar die Eifersucht der Kleinen, 
die dann die größere Schwester weder behüten noch selbst befriedigen 
und noch viel weniger von ihr befriedigt werden konnte. So war also 
das Gefühl, das später in ihrer Paranoia eine Rolle spielte, daß Dinge 
vor sich gingen, von denen sie ausgeschlossen war, zum Teil eine hysterische 
Wiederholung der Zeit, zu der zweifellos alle möglichen Dinge vor sich 
gingen, wenn sie nicht zu Hause oder wenn sie zu Hause und ihre 
Schwester fort war. 



V 
Dritte paranoische Phase: Die Beendigung der Analyse 

Als Folge dieser wichtigen Funde und der endgültigen Bewußtmachung 
der infantilen Onanie tritt die Patientin jetzt in die gefährlichste Phase 
ihrer Analyse ein. Wir wissen, daß bei ihr die Träume und Erinnerungen 
nur Vorläufer von Ereignissen sind, die sich dann innerhalb der analy- 
tischen Situation tatsächlich abspielen müssen. 

Nachdem die Patientin das vergessene Jahr im Elternhause mit der 
dazugehörigen Onanie erinnert hat, erscheint sie am nächsten Vormittag 
nicht zu ihrer Stunde. Sie telephoniert im Laufe des Nachmittags, daß sie 
zu Hause zu tun hatte und nicht kommen konnte. Wir stehen schon im 
späten Frühjahr, kurz vor Schluß des Arbeitsjahres, und sie weiß sehr gut, 
daß jetzt jede Stunde von Wichtigkeit ist. Am nächsten Tag frage ich sie 
sofort beim Kommen, was sie tags vorher abgehalten habe. Sie berichtet, 
daß sie zu einer Bekannten von mir nähen gegangen ist, zu der ich sie 
empfohlen hatte. 

Sie versucht offenbar, eine andere Frau gegen mich auszuspielen, um 
mich böse und eifersüchtig zu machen. Um ihrem Verfolgungswahn 
Gelegenheit zur Entfaltung zu geben, frage ich sie streng, wie sie so 
etwas tun konnte; sie müsse sehr böse auf mich sein, wenn sie imstande 
sei, sich so zu benehmen. Sicher hätte sie die Näharbeit der Analyse nur 
vorgezogen, um mich zu beleidigen. Ob sie mich vielleicht eifersüchtig 
machen wolle? Dann müsse sie ja selbst eifersüchtig auf mich sein. Dann 
frage ich : „Ist das vielleicht der alte Ärger auf die Schwester, den Sie 
mir nie glauben wollen? Sie sieht mich überrascht und erschrocken an, 



46 



Ruth Mack Brunswidt 



sagt, daß ich es erraten habe, und erzählt mir, was sich tags vorher zu- 
getragen hatte. 

Sie saß nähend zu Hause, nachdem sie ihre Stunde hei mir versäumt 
hatte und ehe es Zeit war, zu der andern Frau nähen zu gehen. Sie hatte 
keinen bestimmten Grund gehabt, nicht zur Stunde zu kommen; sie wollte 
nur die Arbeit für meine Bekannte beenden. Plötzlich riß ihr der Faden 
und sie bekam einen schrecklichen Wutanfall. Sie hörte lachen und sah 
gleichzeitig ihre Schwester lachend vor sich stehen. Sie wendete sich um 
und befühlte mit der Hand die Stelle, wo sie die Schwester stehen sah, 
aber es war niemand da. Alle Bitterkeit und verhaltene Wut gipfelte in 
dem Gedanken: „Wenn sie nur tot wärel" 

Sie rief ihre Schwiegermutter an, die in der Küche war, und fragte, 
wer gelacht habe. Die Schwiegermutter antwortete, es müsse jemand auf 
der Straße gewesen sein ; sie hätte es auch gehört. So war also das Lachen 
wirklich, die Erscheinung der Schwester aber eine Halluzination ; sie hatte 
einen Kern von Wirklichkeit wahnhaft verarbeitet. Aber der Umstand, daß 
das Lachen wirklich gewesen war, bestärkte sie in der Überzeugung, daß 
die Schwester dagewesen sei. Sie brauchte einige Zeit, bis sie sich darüber 
klar wurde, daß das Ganze nur eine Erscheinung gewesen war. 

Mitten in ihrer Wut, während sie das lachende Gesicht der Schwester 
vor sich sah, erinnerte sie sich, wie die Schwester mit ihren Freunden 
gelacht hatte. Sie erinnerte sich, wie sie versucht hatte, Luisens Aufmerk- 
samkeit auf sich zu ziehen, wie Luise sie auf den Arm genommen hatte, 
aber mit dem Kind auf dem Arm zu den Burschen zurückkehrte, ohne 
sich stören zu lassen. 

Unmittelbar nach dieser Erzählung sagt sie, sie weiß, daß ich sie nicht 
mehr gerne habe, seit ein neuer Patient, ein junger Mann, zu mir kommt. 
Dieser Patient spielt offenbar die Rolle der Burschen, mit denen die 
Schwester verkehrte. 

Sie versteht die Analogie der gegenwärtigen mit der vergangenen Situation 
so gut, daß ich sie frage, welcher Frau sie sich wohl damals als Kind 
zugewendet habe, wenn sie sich an der Schwester rächen wollte, so wie 
sie jetzt versucht, mich zu vernachlässigen und meine Bekannte zu be- 
vorzugen. Sie meint, es könne nur die Stiefmutter gewesen sein. Sie habe 
sich immer gewundert, warum sie eigentlich jemand so gern haben sollte, 
der doch nie anders als unfreundlich zu ihr gewesen war. Wir sehen also, 
daß ihre Wahl ursprünglich nur auf die Stiefmutter gefallen war, um die 
Schwester zu ärgern, die sie vernachlässigte. Erst später wurde sie dann 



Die Analyse eines Eifersucbtswahnes 47 

Schwesterersatz und als solcher zum Ohjekt für die homosexuelle Eifersucht 
der Patientin. 

Auf dem Höhepunkt des Anfalls, als die Schwester in der Halluzination 
wieder lebendig schien, erwachte zum erstenmal der alte Todeswunsch 
wieder in ihr. Jetzt gelingt es mir, die Patientin davon zu überzeugen, 
daß ihre Besorgnisse für meine Sicherheit bei der Überfahrt über den 
Ozean auch nichts anderes als solche gegen mich gerichtete Todeswünsche 
seien. Diese Bewußtmachung ist vielleicht das schwierigste Stück der 
ganzen Analyse. Angesichts ihres bewußten Todeswunsches gegen die 
Schwester im Augenblick der Halluzination bleibt ihr aber nichts 
anderes übrig, als auch diesen Mechanismus in der Übertragung zu 
akzeptieren. 

In diesem Wutanfall spürte die Patientin auch wieder das Brausen im 
Kopf, gleichzeitig mit dem Gefühl, daß die Augen größer werden und sich 
nach der Schläfe bewegen. „Alles drehte sich, schildert sie, „dabei hörte 
ich das schreckliche Brausen und alles wanderte irgendwo anders hin." 
Ich frage, wie sie sich diese Symptome erklären kann. Ihr scheint die 
Erklärung sehr einfach. Ihre Schwester ist im Wahnsinn gestorben; wenn 
man aber wahnsinnig ist, dann ist alles im Gehirn verkehrt, manchmal 
dreht es sich sogar ganz herum. Das Symptom bedeutet also eine hysterische 
Identifizierung mit der Schwester. Sein tieferer Sinn liegt in der phallischen 
Bedeutung der Augen, die erst größer werden, d. h. erigieren, sich dann 
vom Platz bewegen, sich verdrehen und schließlich ganz verschwinden. 
Damit ist offenbar das Schicksal des mißbrauchten Sexualorgans gemeint, 
das sowohl in Neurosen wie in Psychosen so häufig durch das (erkrankte) 
Gehirn symbolisiert wird. 

In dieser Phase wird die Wiederholung der Vergangenheit besonders 
auffällig. Wir sehen jetzt, daß die Leute auf der Straße, die sich in dem 
Beziehungswahn der Patientin über sie lustig machen, einfach Neu- 
auflagen der Schwester und ihrer männlichen Freunde sind, die lachten 
und das Kind nicht beachteten. Die Kleine fühlte sich gedemütigt und 
vernachlässigt und war sicher, daß sie sie auslachten, während sie in 
Wirklichkeit einfach lachten und sie nicht beachteten. Wir wissen 
aus Freuds Arbeit über Paranoia, 1 daß der Paranoiker Gleichgültigkeit als 
Feindseligkeit empfindet. Er erwartet, überall liebevoll aufgenommen zu 



1) Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
Homosexualität. Ges. Schriften, Bd. V. 



48 



Ruth Made Brunswidc 



werden, und wird statt dessen in der Wirklichkeit von Fremden natürlich 
ebenso gleichgültig behandelt wie wir alle. Die erwartungsvolle Einstellung 
des Paranoikers gleicht ganz der des Kindes, das in seinem uns wohl- 
bekannten allumfassenden Narzißmus erwartet, überall Liebe und Aner- 
kennung zu finden, die wir Erwachsenen dem Kinde gewöhnlich auch 
entgegenbringen. Bei meiner Patientin hat sich diese kindliche Einstellung 
im erwachsenen Leben erhalten; was aber für das Kind normal ist, müssen 
wir hier beim Erwachsenen als psychotisch bezeichnen. 

Wir benützen die letzten vier Tage dieser nur zweieinhalb Monate 
langen Analyse, um das Material der letzten Stunde zu vertiefen und aus- 
zuarbeiten. Die Patientin ist nicht nur von der Richtigkeit meiner Deu- 
tungen überzeugt, sie ist auch zum erstenmal von der rätselhaften Wut 
befreit, die sie seit der Kindheit immer wieder plötzlich überfallen hatte 
und gegen die sie machtlos gewesen war. Sie kann auch endlich ruhig 
und ohne übermäßige Trauer an die Schwester denken. „Ich weiß jetzt," 
sagt sie, „daß es halt ihr Schicksal war. Es tut mir leid, daß es so 
gekommen ist, aber jetzt weiß ich, daß ich nichts dafür konnte, und ich 
bin nicht mehr so schrecklich traurig. Ich wäre nur froh, wenn ihr Leben 
anders gewesen wäre." 

Ich schicke sie kurz vor Beendigung der letzten Stunde fort, weil wir 
wirklich nichts mehr zu besprechen haben. In diesen vier Tagen seit ihrem 
Anfall hat sie alle ihre Symptome verloren. Der Verkehr mit ihrem Mann 
ist befriedigend und lustvoll. Sie verträgt sich noch immer nicht gut mit 
ihrer Stiefmutter und Schwiegermutter; ich habe aber inzwischen beide kennen 
gelernt und kann mir leicht vorstellen, daß auch ein Gesunder nicht ohne 
weiteres mit ihnen auskommen würde. Ihr Benehmen ist ruhig und heiter 
und sie zeigt mir gegenüber nichts von der übertriebenen Dankbarkeit 
die das Zeichen einer ungelösten Übertragung ist und so leicht die Basis 
für einen späteren Rückfall abgeben kann. 






VI 
Schlußfolgerungen 

i) Diagnose 

Ich habe diesen Fall, ebenso wie die Psychiater, die ihn vor mir gesehen 
haben, als Eifersuchtswahn bezeichnet. Diese Diagnose stützt sich auf die 
folgenden Tatsachen: 

i) Die Psychose ist monosymptomatisch, die vorherrschende Idee ist ein 
Eifersuchtswahn; um ihn gruppieren sich einige schlecht systematisierte 
und wenig ausgearbeitete Verfolgungsideen. 

2) Der pathologische Prozeß ist scharf umschrieben. Wenn auch die 
untergeordneten Beziehungsideen eine größere Anzahl von Personen und 
somit in einem gewissen Maß das tägliche Leben der Patientin mit ein- 
beziehen, hat doch ihre Arbeitsfähigkeit dadurch nicht ernstlich gelitten. 
Auch die Beziehungen zu den weniger wichtigen Personen ihrer Umge- 
bung sind durch die Krankheit nur wenig beeinflußt; wenn ihre spezifi- 
schen Schwierigkeiten nicht berührt werden, ist ihr Benehmen normal. 

3) Wir sehen keine Anzeichen von intellektueller Schädigung oder 
ungewöhnlich labiler Affektivität. Die Affekte sind ungeschädigt. Ein 
gewisser Scharfsinn, der sich bei der Paranoia fast immer findet und in 
unserem Falle ganz auf das Gebiet der Wahnideen beschränkt bleibt, ist 
der Patientin nur durch und während ihrer Krankheit zu eigen. Wir 
finden aber keine Spur der für die Schizophrenie charakteristischen phanta- 
stischen Ideenbildung. 



50 Ruth Made Brunswick 



4) Mit Ausnahme der elektrischen Sensationen (dem einzigen halluzi- 
natorischen Phänomen, das bei der echten Paranoia vorzukommen pflegt) 
finden wir keine Halluzinationen; ihr Fehlen bei gleichzeitigem Auftreten 
von Wahnideen ist für diese Krankheit charakteristisch. Die Vision der 
toten Schwester würde ich als ein der Analyse zugehöriges Phänomen bei 
einer Person von ausgesprochen plastischem Typus bezeichnen. Für sie ist 
die Erinnerung an ein Ereignis gleichbedeutend mit dem Wiedererleben. 
Fast jeder ihrer Träume ist nichts als eine wenig entstellte Wiederholung 
von Vergangenem. Wir finden die Tendenz, plastisch zu erinnern, am aus- 
gesprochensten bei Kindern, die vergangene Erlebnisse fast immer als 
Bilder erinnern und oft aufzeichnen können, was sie auf andere Art nicht 
auszudrücken imstande sind. In ähnlicher Weise benehmen sich Psychotiker, 
teils weil sie auf das kindliche Niveau regrediert sind, teils weil ihnen 
die Funktion der Realitätsprüfung verloren gegangen ist. 

So viel hätte ich an positiven Anhaltspunkten für die Diagnose hervor- 
zuheben. Es stimmt wohl, daß die Patientin mit ihren dreißig Jahren zu 
jung für eine Paranoia scheint, die im allgemeinen erst in den Vierzigern 
aufzutreten pflegt. Wir finden aber einen solchen Mangel an Überein- 
stimmung zwischen Krankheit und Patienten gelegentlich, am seltensten 
in den Zwangsneurosen, am häufigsten vielleicht bei den frühzeitig auf- 
tretenden Psychosen, bei denen der Krankheitsprozeß noch nicht die ganze 
Persönlichkeit ergriffen hat. In dem vorliegenden Fall hatte ich häufig 
den Eindruck, daß Krankheit und Patientin nicht zusammenpaßten. Wir 
kennen alle die typische paranoische Persönlichkeit und die typische Para- 
noikerin, wie man sie in den Irrenanstalten findet: eine Frau in mittleren 
Jahren, streitsüchtig und aggressiv. Meine Patientin dagegen war schüchtern 
schweigsam und von unterwürfigem Wesen. Sie war in jeder Beziehung 
minderentwickelt. Es wäre unsinnig, diese Minderentwicklung der Persön- 
lichkeit der Paranoia zuzurechnen; wir wissen, daß in den meisten Fällen 
das Gegenteil der Fall ist. Die gewöhnliche Paranoia persecutoria, mit 
ihrer umfassenden Ideenbildung, ihrer überragenden Intellektualität und 
ihrem Vorkommen bei Personen mit großer Sublimierungsfähigkeit ist 
ihrem Wesen nach eine hochorganisierte männliche Psychose, die auch 
tatsächlich bei Männern viel häufiger zu finden ist als bei Frauen. So 
steht also das primitive Niveau meiner Patientin im Gegensatz zu der 
Wahl ihrer Krankheit. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf eine Mög- 
lichkeit zur Differenzierung zwischen zwei Typen der echten Paranoia, 
dem Eifersuchtswahn und dem Verfolgungswahn, hinweisen. Der letztere 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 5* 

ist, wie wir gesehen haben, eine komplizierte Psychose männlichen Charak- 
ters und ist die häufigste Form der Paranoia bei Männern. Der Eifersuchts- 
wahn andererseits ist die bevorzugte Form der Paranoia bei Frauen. Ähnlich 
wie die Hypochondrie, kann die Eifersucht ein kompliziertes System von 
Verfolgungsideen verdecken. Sie kann aber auch als vereinzeltes Symptom 
auftreten, um das sich nur im Hintergrund einige rudimentäre Verfolgungs- 
ideen gruppieren. Wenn wir bedenken, daß die Eifersucht in allen ihren 
normalen und abnormen Formen bei Frauen so viel häufiger vorkommt 
als bei Männern, verstehen wir auch das Vorherrschen des Eifersuchts- 
wahnes beim weiblichen Geschlecht. Im Gegensatz zu dem philosophierenden, 
systematisierenden Verfolgungswahn, ist der Eifersuchlswahn viel primitiver 
und rudimentärer, dem normalen Leben und der Neurose viel näher 
gerückt. Es scheint mir möglich, daß diese verschiedenen Formen der 
Erkrankung auf eine Variation der Mechanismen wie auch auf Unter- 
schiede in der Entwicklung zurückzuführen sind. 

Es wird behauptet, daß die Paranoia eine seltene Psychose sei. Das mag 
stimmen, wenn wir unsere Schätzung auf die Statistiken der Irrenanstalten 
stützen. Aber der Charakter der Paranoia, ihre Umschriebenheit und 
Lokalisierung — im Gegensatz zu der das ganze Leben überschwemmenden 
Schizophrenie — hält die an ihr Leidenden von den Anstalten fern. 
Ein großes Stück der Persönlichkeit des Paranoikers bleibt, wenn auch 
nich intakt, so doch noch realitätsfä'hig. 

Bevor ich mich in die Differentialdiagnose einlasse, will ich noch 
einmal kurz den Ablauf des von mir geschilderten Falles zusammenfassen. 
Der Zeitpunkt des eigentlichen Auftretens der Psychose ist nicht leicht 
zu bestimmen. Die akute Erkrankung begann offenbar kurz nach der 
Heirat. Die Patientin war, als sie zu mir kam, 16 Monate lang verheiratet 
und litt seit ungefähr einem Jahr an den Vorstellungen von der Untreue 
ihres Mannes. Man scheint berechtigt anzunehmen, daß die Patientin 
zwar immer scheu und mißtrauisch, vielleicht sogar latent paranoid, aber 
doch vorher nicht krank gewesen war. 

Es ist oft eine heikle und schwierige Sache zu entscheiden, wie weit 
eine Eifersucht berechtigt ist. Besonders bei Personen dieses Standes ist fast 
keine Art von sexueller Beziehung völlig ausgeschlossen. Aber nach ein- 
gehender Untersuchung der Verhältnisse auf Grund von persönlicher 
Kenntnis aller beteiligten Personen kam ich zu dem Schlüsse, daß ein 
Verhältnis des Mannes meiner Patientin mit der Stiefmutter seiner Frau 
zwar nicht ausgeschlossen, aber doch außerordentlich unwahrscheinlich sei. 



52 Ruth Madt Brunswick 



Die Situation wurde aber noch durch drei Umstände kompliziert. Der 
erste war ein etwas kokettes, verliebtes Benehmen der Stiefmutter, einer 
gesunden und sinnlichen Fünfzigerin, deren eigener verwachsener und 
zuckerkranker Gatte beim Geschlechtsverkehr sicher viel zu wünschen 
übrig ließ. Die zweite Schwierigkeit lag darin, daß der junge Mann Angst 
hatte, die ältere Frau zu beleidigen und sich dadurch mit ihr und dem 
Schwiegervater zu überwerfen, von dem er finanziell abhängig war. Die 
Patientin hatte immer behauptet, daß die Schwiegermutter auch un- 
gebührlich zärtlich mit ihrem anderen Schwiegersohn, dem Mann ihrer 
eigenen Tochter, sei. Nur schien ihr dieses Verhältnis nie so bedeutsam 
wie das zwischen ihrem eigenen Mann und der Stiefmutter, weil, wie 
sie sagte, der andere Schwiegersohn seine Frau sehr gern hatte. 

Der dritte Umstand ist der interessanteste. Es ist für diese Krankheit 
charakteristisch, daß die Patienten sich wirklicher Tatsachen bemächtigen, 
sie verzerren und pathologisch auf sie reagieren. Wir wissen, daß auch der 
nicht psychotische Eifersüchtige eine ungewöhnliche Schärfe der Beobachtung 
entwickelt und dort, wo es ihn angeht, für Nuancen empfindlich wird, 
die man normalerweise nicht bemerken kann. So ging es auch mit 
meiner Patientin. Uns mag es unsinnig erscheinen, daß ein gesunder 
und nicht unschöner Mann von dreißig Jahren sich an eine ganz ordinäre 
fünfzigjährige Marktfrau wegwerfen sollte. Gerade hier verbirgt sich aber 
der dritte, für das normale Empfinden gar nicht merkliche Umstand : der 
junge (wie ich später zu erfahren Gelegenheit hatte), selbst schwer hysterische 
Mann war an seine eigene Mutter so stark gebunden, daß er sich, wenn 
er gezwungen wäre, zwischen ihr und seiner Frau zu wählen, wie er 
selber zugab, ohne Zögern für die Mutter entscheiden würde. So war 
also unsere Patientin in gewissem Sinne im Recht : in ihrer Eigenschaft 
als Mutterersatz konnte die Stiefmutter tatsächlich den jungen Mann 
mehr als gebührlich an sich ziehen. 

Auf dieser wenig soliden Basis entwickelte sich die Vorstellung von der 
Untreue des Mannes, die dann zur Idee wurde, daß der Mann, die Stief- 
mutter und die Schwiegermutter eine Verschwörung gegen sie angezettelt 
hatten. (Die auf die Schwiegermutter gerichtete Eifersucht war offenbar 
eine Abzweigung von der wichtigeren Eifersucht auf die Stiefmutter, 
wobei die Erkenntnis der erotischen Natur der Mutter-Sohn-Beziehung eine 
Rolle spielte. Die bloße analytische Aufklärung der Vorgänge, die sich in 
ihrem Mann abspielten, war von bester Wirkung auf die Patientin.) In 
der Entwicklung der Übertragung wurde diese Verschwörung auch auf 



Die Analyse eines Eifersuditswahncs 53 



mein Haus ausgedehnt. Ihr einziges Ziel war, die Patientin „aus dem Weg 
zu schaffen". Aus diesem Grunde rief ihr Mann die Polizei und die 
Polizei brachte sie auf die psychiatrische Klinik. Sie gab sozusagen 
dem Druck der Familie nach und benahm sich so, daß man diese Maß- 
regeln gegen sie ergreifen konnte. An dieser Stelle fand sich bei der 
Patientin eine unbestimmte Vorstellung von induziertem Wahnsinn. Nach 
meiner Kenntnis der Familie ist es sehr gut möglich, daß die beiden 
älteren Frauen sich der jüngeren gegenüber feindselig benahmen und ver- 
suchten, ihren Mann gegen sie zu beeinflussen. Die ganze Situation war 
auch so kompliziert und unerfreulich, daß die drei anderen zweifellos 
froh waren, die Patientin loszuwerden. Wir wissen von den Neurosen her, 
wie schnell eine Familie bereit ist, die Schwäche eines ihrer Mitglieder 
auszunützen und eine Erkrankung zu ihrem Vorteil zu wenden. Als 
Analytiker sind wir häufig die Gegner der Familie. Warum die Ver- 
wandten der Patientin sie aus dem Weg schaffen wollten, kümmert sie 
übrigens wenig. Man hat den Eindruck, der sich natürlich unter den 
gegebenen Umständen wahrscheinlich weder bestätigen noch abstreiten 
läßt, daß eine wirkliche Systematisierung der Verfolgungsideen bei dieser Form 
der Paranoia wenn überhaupt, dann erst viel später vorgenommen würde, 
und daß in unserem Falle einfach die Zeit für eine wirkliche Entwicklung 
der Ideen und Symptome noch zu kurz gewesen war. Die psychiatrische 
Erfahrung lehrt uns, wie lange eine solche Wahnbildung braucht und 
daß die Ausarbeitung der einzelnen Teile des Wahngebildes sich über 
Jahre ausdehnen kann. Andererseits aber erhalten sich auch viele Fälle 
von Eifersuchtswahn unbestimmt lange in ihrer unsystematisierten und 

rudimentären Gestalt. 

Die beiden Möglichkeiten, die wir bei der Differentialdiagnose in Betracht 
zu ziehen haben, sind die paranoische Form der Schizophrenie und die 
Hysterie. Wenn auch keine positiven Anzeichen vorhanden sind, so scheint 
es mir doch derzeit unmöglich, die erstere der beiden Möglichkeiten voll- 
kommen auszuschließen. Die Patientin zeigte keine Stereotypien der Sprache, 
der Bewegungen oder des Denkens, keine psychische Beeinträchtigung, außer 
daß sie in Zeiten starker Gefühlskonflikte die Schnelligkeit und Exaktheit 
ihrer Arbeit vermindert fühlt. Sie hat keine Halluzinationen, mit Ausnahme 
der elektrischen Sensationen, und keine Wahnvorstellungen, außer den Eifer- 
suchts- und Verfolgungsideen, also keine Ideen über eine an ihr vor sich gehende 
Umgestaltung, eine Beeinflussung von fremder Seite, eine Geisterwelt usw. 

Die beiden verdächtigsten Punkte sind 1) die elektrischen Sensationen 



54 Ruth Made Brunswick 



im Kopf und 2) die anfängliche Klage über den Mangel jeglichen Gefühls. 
In Bezug auf den ersten Punkt müssen wir bedenken, daß wir hier mit 
einer Person von sehr primitivem Typus zu tun haben, für die „Elektrizität 
etwas ganz anderes bedeutet als für uns. Es ist einfach eine infantile Art, 
verschobene sexuelle Sensationen zu beschreiben. In den Psychosen, in denen 
elektrische Sensationen eine Hauptrolle spielen, ist gewöhnlich der Ver- 
folgungsgehalt die Existenzbedingung dieser Sensationen: jemand versucht, 
auf diese Weise den Patienten zu beeinflussen, sendet den elektrischen 
Strom in irgend einer bösen Absicht in seinen Körper. In unserem Falle 
aber blieb die Vorstellung sozusagen leer. Auch hier ist es wieder möglich, 
daß der Inhalt sich nur noch nicht entwickelt hat, der Rahmen erst in 
späterer Zeit ausgefüllt werden würde. Wir können das zu diesem Zeitpunk 
noch nicht beurteilen. 

Die Erklärung der Gefühlsunempfindlichkeit der Patientin habe ich 
bereits gegeben. Daß ein Symptom theoretisch und therapeutisch der 
Analyse zugänglich ist, besagt allerdings noch nichts über seine diagnostische 
Bedeutung. Aber auch klinisch unterscheidet sich die Indifferenz meiner 
Patientin deutlich von der eines gewöhnlichen Schizophrenen oder Hebe- 
phrenen. Die Libidoregression, die wir dort als Ursache finden, geht viel 
zu tief, um, wie in dem vorliegenden Fall, analysiert und als Folge davon 
behoben zu werden. Was uns hier als Regression erscheint, ist auch tat- 
sächlich keine Regression, sondern eine Fixierung. Wir müssen bedenken 
daß die Bindung der Patientin an ihre Schwester in eine sehr frühe 
Periode ihrer Entwicklung, bis in ihr erstes Lebensjahr zurückreicht. (Zu 
dieser Zeit erkrankte ihre Mutter, so daß die Schwester ihre Pflege übernahm.) 
Nachdem diese Fixierung einmal stattgefunden hatte, war auch jede 
Gelegenheit zur Weiterentwicklung oder zur späteren Regression von einer 
höheren Stufe genommen. Nur die Kombination des primitiven Niveaus, 
auf dem die Fixierung stattfand, mit dem Umstand, daß das Objekt, an 
das sie sich gebunden hatte, unbewußt wurde, erweckt den Anschein 
einer — in Wirklichkeit nicht vorhandenen — weitgehenden Regression. 

Es ist ohne Zweifel therapeutisch leichter, eine primäre Fixierung zu 
beeinflussen als eine Regression. Ich führe auch den therapeutischen Erfolg 
bei meiner Patientin darauf zurück, daß ihre Krankheit auf einer solchen 
Fixierung und einer sich daraus ergebenden Entwicklungshemmung basiert 
war. Ich zweifle auch nicht daran, daß der gewöhnliche Tatbestand bei 
der Paranoia die Regression ist und nicht die Fixierung mit Entwicklungs- 
hemmung. Es ist aber interessant, einen typischen Eifersuchtswahn auf 



Die Analyse eines Eifersu&tswahnes 55 



atypischer Basis kennen zu lernen; und es ist sicher nicht möglich zu 
beurteilen, wie oft der zugrunde liegende Mechanismus ein atypischer ist. 
Ich hatte die Analyse dieser Patientin unternommen, weil ich nach der 
Behandlung eines (später zu veröffentlichenden) männlichen Paranoikers 
die Mechanismen der weiblichen Paranoia kennen lernen wollte. Es war 
also ein reiner Zufall, daß der Fall sich als atypisch und dadurch der 
Beeinflussung günstig erwies. 

Es wird gewöhnlich angenommen, daß der Schizophrene keine Über- 
tragung zustande bringt. Diese Behauptung stimmt aber kaum für die 
Frühstadien der Erkrankung, in der der Patient in seinem Bemühen, die 
narzißtische Regression zu überwinden, zahlreiche überkompensierende 
Identifizierungen und Liebesbindungen vollzieht. So kann ich also die 
Schnelligkeit, mit der meine Patientin ihre Übertragung zustande brachte, 
nicht als Beweis gegen die Diagnose einer beginnenden Schizophrenie 
verwerten. Die Bindung an die tote Schwester hätte bei jeder Art von 
Erkrankung die Herstellung einer homosexuellen Übertragung außer- 
ordentlich erleichtert. Es ist theoretisch durchaus möglich, ihren Anfall 
von Eifersuchtswahn als eine frühe schizophrene Phase zu bezeichnen. 
Die Besserung der Patientin wäre dann das Ergebnis einer Remission, 
unterstützt durch das Aufdecken unbewußter Faktoren mit der daraus- 
folgenden Druckverminderung vom unbewußten her. Solche Remissionen 
gehen aber in der Schizophrenie ohne äußere Hilfe vor sich. Die Krankheit 
chreitet bis zu einem bestimmten, individuell verschiedenen Punkt fort, 
um dann plötzlich haltzumachen. Wir müssen also außerordentlich 
vorsichtig in der Beurteilung sein, ob die angewendete Therapie überhaupt 
etwas mit dem therapeutischen Resultat zu tun gehabt hat. 

Wenn diese Art der Auffassung auch allen Anspruch auf Glaubhaftigkeit 
hat und theoretisch höchst befriedigend wirkt, so wird sie doch wieder 
von der klinischen Beobachtung des Falles widerlegt. Jeder Diagnostiker 
weiß, wie schwierig es ist, die fast unmerklichen klinischen Nuancen zu 
formulieren, die ihn bei der Abgabe seines Urteils leiten. Ich begnüge 
mich daher, zu erwähnen, daß alle Eindrücke, die ich von der Patientin 
in allen Stadien ihrer Krankheit, nach ihrer Herstellung und während ihrer 
zahlreichen häuslichen Konflikte erhielt, der Diagnose einer Schizophrenie 
oder einer schizoiden Psychopathie durchaus widersprachen. 

Zur Unterstützung der Diagnose einer Hysterie könnte man natürlich 
anführen, daß die ganze Psychose vielleicht nur eine Imitation der toten 
Schwester sei, die vor dem Tode geisteskrank war und sich wahrscheinlich 



56 Ruth Made Brunswick 



über die Feindseligkeit der ganzen Welt beklagt hat. Aber die Form der 
Übertragung, auch abgesehen von den paranoischen Mechanismen, ist der 
einer Hysterie durchaus unähnlich. Man vermißt die hartnäckige Leiden- 
schaftlichkeit der hysterischen Objektbeziehung. Man erstaunt über die 
Leichtigkeit, mit der die Patientin unter dem Einfluß ihres Wahnes den 
Liebesverlust von seiten ihrer sonstigen Objekte verträgt (Analytikerin, 
Mann usw.). Sie hat eine unheimliche Art, einem durch die Finger zu 
schlüpfen. Infolge der verminderten Bedeutung der Realität hat die Über- 
tragung nicht ihre sonstige Macht. Wir müssen auch bedenken, daß die 
Selbstmordversuche der Patientin durchaus ernsthaften Charakters waren. 

Es ist kein Zweifel, daß gewisse hysterische Mechanismen vorhanden 
sind, so zum Beispiel die Identifizierung mit der Schwester, deren Gehirn 
„verdreht" war, die Metrorrhagie, das Jucken usw. Auch die Wutanfälle 
haben hysterischen Charakter, ebenso der sie begleitende momentane Kontakt- 
verlust mit der Außenwelt, der aus hysterischen Anfällen und Dämmer- 
zuständen bekannt ist. Die hysterische Identifizierung kann natürlich ohne 
weiteres neben der homosexuellen Bindung bestehen. Nur für die Wahn- 
bildung erhalten wir aus ihr keinen Anhaltspunkt. 

Schließlich scheint mir noch die Schnelligkeit der Analyse gegen die 
Diagnose einer Hysterie zu sprechen. Eine gewöhnliche Hysterie von de 
Schwere unseres Falles erfordert eine viel längere Dauer der analytische 
Behandlung. 

2) Mechanismen 

Verlassen wir jetzt die Frage der Diagnose, um uns den Mechanismen 

dieser Psychose zuzuwenden. Es besteht bei dem vorliegenden Falle kein 

Zweifel, daß die unbewußte Homosexualität der Patientin die Ursache, die 

Heirat die Veranlassung der Erkrankung war. Wir sehen verschiedene 

Gründe, warum die Heirat als auslösender Faktor wirkt, der wichtigste 

darunter ist wahrscheinlich die mit ihr verbundene Enttäuschung. Der 

Mann ist, wie wir erfahren haben, an die Stelle der Schwester gerückt; 

folglich erwartet die Patientin von ihm die (masturbatorische) Befriedigung, 

die sie in der Vergangenheit von der Schwester empfangen hatte. Die neue 

Beziehung erweist sich aber als ganz anders geartet und die Patientin 

steht der Anforderung des Koitus völlig unvorbereitet gegenüber. So mißlingt 

der Versuch, die homosexuelle Liebe von ihrer Schwester auf ihren Mann 

zu übertragen, weil sie mit dem, was er ihr bieten kann, nichts anzufangen 

weiß. Ihre eigene Gleichgültigkeit projiziert sie dann auf ihn. Die Ehe 



Die Analyse eines Eifersuchtswahnes 57 



schlägt also fehl, weil sie die Anpassung ihrer Homosexualität nicht zu- 
stande bringt; wir dürfen aber annehmen, daß auch ein befriedigendes 
heterosexuelles Erlebnis nur ihre unbefriedigte Homosexualität an die 
Oberfläche gebracht hätte. 

Ich verweile an dieser Stelle einen Augenblick bei der Frage der so- 
genannten periodischen Paranoia. Bei dieser Erkrankung ist eine Disposition 
zur Paranoia vorhanden, die Krankheit selber wird aber nur bei einer 
besonderen Provokation manifest. In unserem Falle wäre die Ehe dieses 
provozierende Moment. Es ist bekannt, daß solche Fälle mit oder ohne 
Behandlung Bemissionen aufweisen. Wir könnten den Fall unserer Patientin 
dieser Gruppe zurechnen; damit würde die Heilung — richtiger gesagt 
die Bemission — ihre Erklärung finden. Nach Durchsicht der Literatur 
aber habe ich den Eindruck, daß die Bemission bei solchen Fällen auf- 
tritt, wenn der aktuelle Konflikt aus der Welt geschafft ist und daß eine 
Bezidive eintritt oder eintreten kann, wenn ein äußeres Ereignis den realen 
Druck, unter dem der Patient steht, wieder steigert. Die latente paranoische 
Tendenz wird von außen her aktiviert : das Individuum kann ein be- 
stimmtes Maß von innerem Druck aushalten, ohne krank zu werden; die 
Krankheit bricht erst aus, wenn zu diesem inneren Druck ein Druck von 
außen hinzutritt. Natürlich sind die meisten Fälle von Paranoia vor allem 
endogen und zeigen, soviel ich weiß, keine Neigung zu fluktuieren. 

Nach dem Vorhergehenden scheint es mir aber doch nicht korrekt, 
unseren Fall als einen Fall von periodischer Paranoia zu klassifizieren. Wir 
sehen keinen äußeren Grund für die Bemission. Die Schwierigkeiten des 
Ehelebens waren konstant im Ansteigen, von hier aus war nicht auf eine Besse- 
rung zu hoffen. In der Außenwelt der Patientin war nicht die geringste Ver- 
änderung vor sich gegangen, nicht einmal ihre wirklich elenden Ver- 
hältnisse hatten sich gebessert. Anderseits ist es prognostisch sicher von 
guter Vorbedeutung, wenn die Krankheit durch ein bestimmtes Ereignis 
hervorgerufen worden ist. Das gleiche gilt auch für die Neurosen. Ein 
Individuum, daß auf eine ungewöhnlich schwierige Situation neurotisch 
reagiert hat, ist sicher viel leichter zu heilen, als ein Patient, der scheinbar 
ohne Ursache und unter günstigen Umständen neurotisch geworden ist. 

Ich möchte noch ein Wort über die kurze Dauer dieser Analyse sagen, 
die sich über nicht mehr als zweieinhalb Monate erstreckte. So kurz, 
scheint mir, müßten auch die Analysen von Kindern vor der Latenzperiode 
ausfallen, wenn es nicht notwendig wäre, die analytische Therapie mit 
einer viel länger dauernden erzieherischen Bemühung zu kombinieren. Bei 



58 Ruth Made Brunswick 



meiner Patientin war offenbar die Einfachheit und Kindlichkeit ihres 
Wesens für die Schnelligkeit der Analyse verantwortlich. Der Vergleich 
ihrer Behandlung mit einer Kinderanalyse ist auch mehr als eine bloße 
Analogie. Die Patientin war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kind ge- 
blieben. Die analytische Arbeit hatte nur eine Fixierung zu lösen. Selbst 
die Verdrängung ihrer Homosexualität war ganz primitiver Natur, ohne 
die übliche neurotische Verarbeitung und darauffolgende Regression. So 
war also die analytische Arbeit bei ihr außerordentlich vereinfacht, man 
mußte keinen langen Rückweg machen, um zu der eigentlichen Quelle 
der Krankheit zu gelangen. Offenbar ist es gerade die Primitivität im Aufbau 
dieser Psychose, die der Behandlung den Zugang ermöglicht hat. 

Der Hauptgrund für die Kürze der Behandlung scheint mir aber in der 
Natur und Dynamik der psychotischen Übertragung zu liegen Die zwei 
Hauptschwierigkeiten eines solchen Falles sind i) die Verwandlung der 
Psychose in eine Übertragungspsychose und 2) die Beherrschung der sich 
daraus ergebenden Übertragung. In den weiter vorgeschrittenen Fällen von 
Paranoia, bei denen der Analytiker sofort zum Hauptverfolger wird, muß 
unser ganzes Bemühen dahin gehen, die Übertragung abzuwehren die 
analytische Atmosphäre so klar und affektfrei als möglich zu erhalten, bis 
es gelungen ist, das Wahnsystem wenigstens an einigen Stellen zu Unter _ 
minieren. In Anfangsstadien, wie in dem vorliegenden Fall, versucht dir 
Patient, seine Wahnideen für sich zu behalten und dem Analytiker den 
Zutritt zu ihnen zu verwehren. Hier glaube ich, muß man die gewöhn- 
liche analytische Taktik verfolgen und gerade das tun. wogegen der Patient 
sich sträubt: man muß die Psychose zwingen, sich in der Übertragne 
zu offenbaren. 

Der auffälligste Faktor dieses Falles ist das völlige Fehlen eines Ödipus- 
komplexes. Unser erster Eindruck, daß die Patientin von der Ödipusphase 
aus regrediert ist, bestätigt sich in der Analyse nicht: der Vater spielt bei 
ihr keine Rolle. Wir fragen uns, wie das in einer Familie möglich sein 
soll, wo ein Vater tatsächlich vorhanden war. Die Antwort kann nur lauten, 
daß das starke und frühzeitige homosexuelle Trauma das Kind vor der 
ödipusstufe so an die ältere Schwester fixiert hatte, daß die Entwicklung 
zum Ödipuskomplex und zur Heterosexualität dadurch blockiert war. Dabei 
kommt in Betracht, daß es sich bei der Bindung an die Schwester um 
ein starkes, von beiden Seiten aufrecht erhaltenes Liebesverhältnis handelte. 
Es stimmt zwar, daß der Neurotiker sich im allgemeinen gerade dort unr 
lösbar bindet, wo seine Liebe enttäuscht worden ist; trotzdem dürfen wir 






Die Analyse eines Eifersucht swahnes 59 



an den zwar selteneren, aber einfacheren anderen Fall nicht vergessen: 
wenn das Individuum in seiner frühen Jugend an irgendeinem Punkt zu 
viel an Befriedigung bekommen hat, dann wird es im späteren Leben 
immer wieder versuchen, zu dieser ersten und stärksten Lustquelle zurück- 
zukehren. Nicht die Phantasie, sondern die wirklichen Erlebnisse berech- 
tigen ihn dazu, an dieser Stelle ganz bestimmte Erwartungen zu hegen. 
Wenn dann ein späteres Ereignis diese vom Bewußtsein niedergehaltenen, 
aber im Unbewußten immer noch lebendigen Wünsche wiedererweckt und 
ihre Befriedigung dem Individuum nicht gelingt, dann ist damit wohl die 
Basis zur Entwicklung einer Psychose gegeben. 

Bei Fehlen des Ödipuskomplexes, mit der phallischen Frau als einzigem 
Liebesobjekt, kann der Peniswunsch nicht die gewöhnliche Umwandlung 
in den Wunsch nach einem Kinde erfahren. Dieser Wunsch nach einem 
Kind der normalerweise den narzißtischen Peniswunsch ablöst, ist zwar 
selbst noch narzißtisch, eaber bereits der ntspringt Objektbindung des 
Mädchens an den Vater. Bei unserer Patientin dagegen finden wir weder 
einen Fortschritt über die ursprüngliche Situation hinaus noch eine Reak- 
tion auf diese Situation. Sogar die Identifizierung mit der Schwester, wie 
sie in der Masturbation mit den Tieren gegeben ist, entspricht eher einer 
Wiederholung des Geschehenen als einer wirklichen Identifizierung, bei 
der die ursprüngliche passive Rolle zugunsten der aktiven aufgegeben 
würde. Die Entwicklung ist sowohl nach der femininen wie nach der mas- 
kulinen Seite hin gehemmt. 

Die Frage, ob Paranoia immer auf verdrängte Homosexualität zurück- 
geführt werden muß, wird von unserem Fall natürlich nicht geklärt. Ich 
möchte in dieser Beziehung nur einen Punkt besonders hervorheben Die 
Homosexualität meiner Patientin ist nicht die gewöhnliche, auf die Liebe 
zum Vater und die Identifizierung mit ihm gegründete männliche, aktive 
Homosexualität. Sie entsteht aus der zufälligen Bindung des normalerweise 
passiven kleinen Kindes an ein zufällig weibliches (wenn auch phallisches) 
Objekt, die Schwester. Wir müssen diese atypische Form dem Faktor der 
Verführung zuschreiben, der, wie wir wissen, alle möglichen Umwälzungen 
in der Entwicklung eines Individuums zur Folge haben kann. Aber selbst 
diese atypische Homosexualität führt zu einer paranoischen Psychose, so 
ungeeignet das von ihr betroffene Individuum auch für diese Krankheit 

erscheint 1 

Zur Frage der Prognose kann ich nur hinzufügen, daß die Patientin 
jetzt bereits etwas mehr als einundeinviertel Jahr gesund geblieben ist. 



60 Ruth Mack Brunswick: Die Analyse eines Eifersumtswahnes 



Auf eine plötzliche und radikale Mastoidoperation hat sie allem Anschein 
nach völlig normal reagiert. Sie ist dicker und lustiger geworden und hat 
ihre Schüchternheit und Zurückgezogenheit aufgegeben. Trotzdem ihr Mann 
ein deutlicher Neurotiker ist, sind ihre Geschlechtsbeziehungen befriedigend 
und das Einvernehmen mit den Frauen der Familie kein zu schlechtes. 
Sie hat mit ihrer Heilung etwas von dem Anziehenden und Feinfühligen 
ihres Wesens verloren; der Eindruck, den sie macht, ist gewöhnlicher und 
ihrer Umgebung besser angepaßt. Bisher hat keiner der vielen unvermeid- 
lichen Familienkonflikte ihr Gleichgewicht gestört, ihre Anpassung an die 
Außenwelt scheint durchaus gelungen. 

Es ist unmöglich zu beurteilen, wieviel von dieser Besserung echt ist, 
wxenel sich noch auf latente Reste der Übertragung zurückführen läßt. 
Ich sehe die Patientin von Zeit zu Zeit und ihr Verhalten mir gegenüber 
schemt normal. Trotzdem kann ich über die Dauer des Heilerfolges natür- 
lich nichts aussagen. Man möchte sagen, daß das ganze unbewußte Mate- 
nal zutage gefördert und damit die Psychose an der Wurzel zerstört 
worden ist - wir wissen aber noch nicht, ob die Bewußtmachung von 
bisher unbewußtem Material bei den Psychosen dieselbe therapeutische 
Wirkung hat wie bei den Neurosen. Bei der Schizophrenie zum Beispiel 
ist es sicher nicht die Aufgabe der Behandlung, einfach das sonst Verhör 
gene zum Bewußtsein zu bringen. Das bewußt gewordene Unbewußte ist 
ja ohnehin das Element des Schizophrenen. Offenbar steht ein Fall wie 
der hier geschilderte den Neurosen näher als den Psychosen. So möchte 
ich mich zum Schluß mit der Behauptung begnügen, daß es unter ganz 
speziellen strukturellen Bedingungen möglich ist, einen paranoischen Prozeß 
zu analysieren und therapeutisch zu beeinflussen. 1 



• 



i) Hinsichtlich der analytischen und der psychiatrischen Literatur der Paranoia- 
Frage verweise ich auf meine demnächst erscheinende Arbeit: „Nachtrag zu Freuds 
,Geschichte einer infantilen Neurose"'. 



PSYCHOANALYTISCHE 

SIGM. FREUD: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 
6. durchgesehene Auflage. Pa P pba?id M. 3.80. 

Lt™,™ r D K, e , 8 . CXU ?." Cn J / V blrr, l n ? cn - AbweidmnBcn in Bezug auf das Sexualobjekt. Die 
ÄnZ^H, n. C T rC,,C S2 TlCrC a ' 8 S « ua »ob|ek.e. Abweichungen In Bezug auf das Sexualziel. 
Äeu^ükc™ SÄ """T HX,CrUn 7 K V ° n vorl ^fi« e » Scxualzielen. Perversionen. Der Sexualtrieb bei den 
Neurotikcrn. Pnrtlaltrlcbe und crogene Zonen. - iL D Ic Infantile Sexualität Die sexuelle I a.en* 
Periode der Kindheit und ihre Durchbrechung Die mas.urbatorlschen S^xuaflußerungen Die Infant 
Sexualforschung Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation. - 111. D i c U m gest ä^u ng d rT"! 
b e r , a , Das Prima, der Genitalzonen und die Vorlust. Das Problem der Sexualeren* Die Linidotheorie 
Differenzierung von Mann und Weib. Die Objek.findung. -Zusammenfassung "»"«ouieorie. 

Wer die „Abhandlungen" nicht kennt, kennt Freud nicht. 

{Strohmayer in der „Monatsschrift für Psychiatrie u. Neurologie«) 
Enthalten die Schlüssel für die meisten Anschauungen Freuds. 

(„Deutsche Med. IVochensclirift") 
Die „üre, Abhandlungen" tragen die Züge einer klassischen Darstellung an sich und werden 
auch von den Gegnern der Psychoanalyse mtt wissenschaftlichem Genuß und mit Hochachtung 
gelesen werden Großzügige, konsequent auf erkenntnismäßige Erfassung des Gegen 

Standes gerichtete Darstellung . . . ungemein feines und sicheres Gefühl für die spezifisch 
seehschen Probleme auf dem Gebiete der Sexualität . . . saubere logische Arbeit 
knappes vornehmes sprachliches Gewand. („Leipziger Lehrerzeitun^ 

Ich wüßte kein Werk anzuführen das in solcher Kürze so geist- und gedankenreich die 
wichtigen Sexualprobleme behandelt. Ganz neue Horizonte. 

(Näcke in Groß* „Arch. f. Kriminalanthropologie 1 *) 
Es erübrigt sich fast, auf die grundsätzliche Wichtigkeit dieser Schrift hinzuweisen d" 
gedrängter Form den Extrakt der sexualpsychologischen Lehre Freuds enthält. ' "* 

(Schneider, Köln, in der Monatsschr. f. Kriminalpsychologie 



SIGM. FREUD: Beiträge zur Psychologie des Liebes- 

I e b e n s. Pappband M. i. — . 

In der ersten Studie beschreibt Freud einen besonderen Typus der Liebesobjektwahl beim 

Manne Er ze.chnet sich durch merkwürdige Liebesbedingungen aus: die eine ist die d« 

„g e s c h a d , g t e n D , ■ , 1 1 e n«. Der Betreffende wählt niemals ein Weib zum Liebesobjekt 

das noch frei ,st. sondern nur ein solches, auf das ein Anderer als Ehegatte, Verlobter 

Freund Eigentumsrechte geltend machen kann. Die zweite Bedingung besagt, daß das' 

keusche und unverdächtige Weib niemals den Reiz ausübt, der es zum Liebesobjekt erhebt 

sondern nur das sexuell irgendwie anrüchige, an dessen Treue ein Zweifel gestattet ist.' 

Diese Bedingung, die man mit etwas Vergröberung die der „D i r n en li e b e« heißen mag. 

gibt begreiflicherweise reichlich Anlaß zur Betätigung der Ei fersu cht. Überraschend 

wirkt auch die Tendenz, „die Geliebte zu retten«. Freud versucht die Entstehung 

dieser Eigenheiten der Objektwahl psychoanalytisch zu erklären. Die zweite Studie u Über 

die allgemeine Erniedrigung des Liebeslebens« ist besonders auch wegen der allgemein 

kultur-philosophischen Ausblicke bemerkenswert. .„So müßte man sich denn vielleicht mit 

dem Gedanken befreunden, daß eine Ausgleichung der Ansprüche des Sexualtriebes mit 

den Anfoiderungen der Kultur überhaupt nicht möglich ist, daß Verzicht und Leiden sowie 

in weitester Ferne die Gefahr des Erlöschens des Menschengeschlechtes infolge seiner 

Kulturentwicklung nicht abgewendet werden können.") Die dritte Studie beleuchtet die 

Einschätzung der weiblichen U nb e r ü h r t h e i t bei den Primitiven und im normalen 

und neurotischen Liebesleben der Kulturvölker. 



S1GM. FREUD: Studien zur Psychoanalyse der Neurosen. 

Ganzleinen M. 10. — . 
Die in diesem Band vereinigten 16 einzelnen Monographien repräsentieren zusammen nicht 
nur ein ansehnliches Stück psychoanalytischer Neurosenlehre, sondern führen insbesondere 
auch zu allen sexualbiologischen und sexualpsychologischen Verästelungen des Freudschen 
Systems. Die Studie: „Ein Kind wird geschlagen" behandelt die Entstehung sexueller 
Perversionen; die Arbeit über „Einen Fall von weiblicher Homosexualität" gehört zu Freuds 
aufschlußreichsten Krankengeschichten. Unentbehrlich für die Kenntnis der psychoanalytischen 
Sexualwissenschaft sind die Abhandlungen über „Eifersucht, Paranoia und Homosexualität", 
über das „Ökonomische Problem des Masochismus" und eine der jüngsten Studien Freuds 
über „Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds", in der die ab- 
weichende Rolle des Ödipus- und des Kastrationskomplexes beim Manne und bei der Frau 
festgestellt wird. 



S FERENCZl: Versuch einer Genitaltheorie. Geheftet M. 4.50. 

1 1- File AmplilmlxJs der Erotlsmen Im Ejakulatlonsakt. Der Bcgattungsakt als amphlmlktlsdicr Vorsang. 
Inhalt: n dcs crol | sf hen Rcalitatsslnnes. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte. Die 

E,,,w t j 4lu "f' ( , cn|(alfunktlo n. Phylogenetische Parallele. Zum „thalassatcn Regressionszug". Begattung und 
Befruchtung. Koitus und Schlaf. BloanulytUche Konsequenzen. 

TV Cenitaltheorie ist ein Werk der schöpferischen Intuition, die der jahrelange Durch- 
A eh den Filter der Empirie, gewissenhafte Beobachtungen, die stummen, doch 
^""l" P n therapeutischen Beobachtungen der täglichen Behandlungsstunden veredelt haben. 
p* snOCi i st ein Romantiker unserer Wissenschaft. Seine weitblickenden Ideen, Anregungen 
g A Funde können ihre Herkunft aus den kaum noch eroberten Gebieten des Kosmos nicht 
U lpuffnen. Man fühlt, daß der, der dieses Buch geschrieben hat, kein Handwerker ist, 
Ve A jemand, für den Forschung Erlebnis bedeutet, innere Notwendigkeit ist. 

son (Alexander in der „Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse"} 



HELENE DEUTSCH: Psychoanalyse der weiblichen Sexual- 
funktionen. Geheftet M. ?./0. 

Inhalt- I Einleitung - IL Infantile Sexualität des Weibes. - III. Der MannllchkeilHkomplex des Wclbcs. 
-KDMaSSmiWI Mann und Weib In der Fortpflnnzungsper.ode. - V. Psychologie der Pubertät. 
Die erste Menstruation Typische Menstruatlonsbcsdiwerden. Schwierigkeiten der Pubertät. Typische Pubertäts- 
phantaslcn. Triebschicksal In der Pubertät. - VI. Der Deflorutlonsakt. - VII. Psychologie des Scxualakles. — 
VIII. Frigidität und Sterilität. — IX. Sdiwanj-erBchafl und Geburtsakt. — X. Psychologie des Wochenbettes. — 
XI. Laktation. — XII. Das Klimakterium. 

Aus der Einleitung: „. . . Dieses Beobachtungsmaterial soll eine psychologische 
Orientierung und Ergänzung zu den Kenntnissen jener Vorgänge schaffen, die man zusammen- 
fassend ,Sexualleben des Weibes' nennt . . . Was bisher zur psychologischen Erkenntnis 
des Weibes analytisch beigetragen worden ist, wird hier berücksichtigt ... Es liegt im 
Zweck dieser Arbeit, das aufzuklären, was der Bewußtseinspsychologie rätselhaft bleiben 
mußte, weil es ihrer Arbeitsmethode unzugänglich war. Aber auch Tiefenpsychologie ist 
in der Erkenntnis der Seelenvorgänge beim Weibe einen Schritt gegen die beim Manne 
zurückgeblieben. Besonders sind es die generativen Vorgänge, denen — obzwar sie den 
Mittelpunkt im psychischen Leben des geschlechtsreifen Weibes bilden — auch analytisch 
noch wenig Beachtung geschenkt worden ist. Das Kantsche Wort: .Die Frau 
verrät ihr Geheimnis nicht', behielt auch hier seine Gültigkeit. Sichtlich waren 
dem Manne die verborgenen Seeleninhalte des Mannes zugänglicher, weil wesensverwandter. . ." 



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RUTH MACK BRUNSWICK 



IE ANALYSE EINE 5 



UF£RSUCHTSVAHNE5