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Full text of "Otto Rank, Hans Sachs - Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften (1913)"

Die Bedeutung der 

Psychoanalyse 



fur die 



Geisteswissenschaften. 




Von 



Dr. Otto Rank und Dr. Hanns Sachs 
in Wien. 



Wiesbaden. 

Verlag von J. F Bergmann. 
1913. 



Yerlag vmi J. F. BEEGMASE iu \Vi*sTi:i.l-n. 



Jua 11J* Jiihrpni- - Tsrli-iin : 



Zentralblatt 

m 



Psyelioaiial} T se und Psychotherapist 

HetliEiniscne MonatsBehrift fur SeelenJcrnicte. 
Sr!infiMt<'r: Dr. Wilheln^ Stekel, Wieu T rionjiatjagassf* 2U 



TaiirnLMii II t-ntliidt ri. :i. iu-|n:n dun reichltaltigen Aiitoiloo^oi : 3IiltviImi£oH 
— Rfcferate and Kritikm — Tiiria — IJtoratin' folgendo Origin akrt) 

Ahrabtim: AhshT/o zur j^yoltoaazilyliM-hoii KrforscLiitigr n«d Beliniidliiiiir 
iliui TuaiiisHi-do]m\*siv>ii trrseins. 
n uftcr eln k^inpliKfcrtes Zi'ivmontoll notmitfsriicr Fninon. 

liiiitn«r: Bine |isy *■ liiitiuti I y 1 isi-Iii-* studio :m oiiiom. Stott^rer* 
Fori'iicz i : i"lM*r piMftftgelft KyuipliunlifldiiJigrMt will) rem! iter Analyse* 
FrrMtd: Hie Jlttntl liuRiiintr dor Traiuudt'iitiuigr in iler Psychoanalyse* 
Zur Bymimik iter Dtertrngimg* 
„ I'hi'r iLi-iirotisfhr ErkritiikiiiLgslyfion, 

, Itatsi-hliitro i'iir die Xnrte hi»i dor j>syelioaijulylisflu*]i Bolinjtdhiiijr. 
1 1 ji v ** lo ck Ellis': Die I.flirou dor Freud** Srlmle- 
U.'lhuath: Analyse ehies Trauma ehies ri '/ojjtlirigoii luiuheiw 
loses: T'tiliowussfc Zalilciilicliaiidhuiir, 

J 11 J jii a l> it $g$ i-r J2in Beitmir zur Psyrlmhigie iler so^onniiiiloii lH|ttomunie T 
Ktivnes IiilnijokUmu Projektum mid Ktiinili ruu|2r» 
M a v 1 1 n o w s k i : ( i e/e ir li net e 'I 1 i"a um ft* 

Drvi Itumauo hi Zallioil. 
M .i r i I- li -mi Beauchftnti Jhiiiiosextiuliliil mill l.'arauoia. 
NelkiMi: I'mof sHiTzoitlirt'tw Wort verl^rru aire ti. 
Oppenheiin: Zur Trugit dor Gtouese des EifersiieLtswaluies* 
Rank : Yilikorpsyrholoiriselie Paralteloii zn don iufuiililo.n Kexualtlioorioii. 
hvitl.-r: Kino, infantile SexiuillJioiirit' mid Hire Berfebuug zur SollKstiiiord- 

syinliolik* 
Sad£$r: Die eexuatevmboltselic Yerwertumr d«s Kapfscbuierz^ 
E i 'h rotter: Exneriiuoutidlf Tritium*. 
Si;lbei , €r; Hnntilc mid Psydiommlysis 

Tun dm Iuite?rorioTi dor Symljolik. 
Eokunoiuuiilist-lt" Wrsuche. 
Do- Rexiejinng^n drs Tun milkers zur ^Zcit*. 
3fasken div Hemosexualiliit* 
flier i-i n Zero nu mi ell tor deni ScHlufenyreHon- 
Beiirago zur Infant Hon Sexiialitut. 



frko-l.i 



Wolff; 



Jiihrlicli orselieineii 12 Hefto im Gesamt-Umfang von 36 hh 
40 Drudcbogeu zum Preise von Mk. is.—. 



Die Bedeutung der 

Psychoanalyse 



fur die 



Geisteswissenschaften. 



Von 



Dr. Otto Rank und Dr. Hanns Sachs 

in Wien. 

M Car tous les hommes desirent d'etre heureux; 
cela est sans exception. Quelques difierents moyens 
qu'ils y emploient, ils tendent tous a ce but. Ce 
qui fait que Tun va a la guerre, et que l'autre n'y 
va pas, c'est ce meme de*sir qui est dans tous les 
deux aecompagne de differentes vues. La volonte* 
ne fait jamais la moindre d-marche que vers cet 
objet. C'est le motif de toutes les action, de tous les 
hommes, jusqu'a ceux qui se tuent et qui se pendent/ 
* Pascal: Pensees sur L'Homme, 



Wiesbaden. 

Verlag von J. F. Bergmann. 
1913. 



Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. 

Herausgegeben 

VOD 

Hofrat Dr. L. Loewenfeld in Miinchen. 
Heft 93. 



Nachdruck verboten. 

Das Eecht der Dberseiztmg in alle Sprachen, iwsbesondere audi ins Uvgarische 
und ins Bussische vorbehalten. 



Vorwort. 



Auf den folgenden Blattern, die die Anwendbarkeit und Bedeutung 
der Psychoanalyse fur die Geisteswissensehaften dartun sollen, 
konnte diese selbst nur in knappster Form abgehandelt werden: weder 
die Darstellung ihres Werdeganges, noeh das ausgebreitete Tatsachen- 
material, auf dem ihre Beweiskraft rulit, durfte Beriicksichtigung 
linden. Aber aueh das A.usmafi, in dem die einzelnen Geistes- 
wissensehaften von mas behandelt wurden, steht keineswegs im 
Verhaltnis zu ihrer kulturellen Bedeutung, sondern nur zu der Grosse 
ihrer bisher feststellbaren Beriihrungsnache mit der Psychoanalyse. 
Diese ist einerseits durch den Anteil bestimmt, den das Unbewusste 
an den Geistesprodukten der Menschheit hat, anderseits mit Rucksicht 
auf das jugendliche Alter unserer Wissenschaft auch von ausseren 
und zufalligen Einflussen abhangig gewesen. 

So war unsere Aufmerksamkeit wesentlich auf die Ausftichten 
der Zukuni't gerichtefc, wobei uns die Frage der Methode, die in 
der Problemstellung und -Losung anzuwenden sein wird, am wichtigsten 
schien. In der Bemtihung um dieses prinzipielle Thema such ten 
wir die Erganzung unserer Beschaftigung mit den Einzelproblemen, 
deren Bearbeitung wir in der von Professor Freud herausgegebenen 
und von uns redigierten Zeitschrift «Imago» zu fordern bestrebt sind. 

Statt einzelner den Text unterbrechenden Zitate und Literatur- 
angaben verweisen wir hier ein- fur allemal auf die grundlegenden 
Schriften von Freud (10 Bande, erschienen bei F. Deuticke in Wien 
und S. Karger in Berlin) sowie die von ihm herausgegebenen Sammel- 
werke und periodischen Organe, in denen sich zu unserem Thema 
gehorige Arbeiten und die weitere psychoanalytische Literatur finden. 

Wien, patern 1913. 

Die Verfasser. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Inhalt. 



Seite 

I. Das Unbewusste und seine Ausdrucksformen 1 

II. Mythen- und Marchenforschung . 23 

III. Religionswissenschaft 58 

IV. Ethnologie und Linguistik 69 

V. Asthetik und Ktinstlerpsychologie 81 

VI. Philosophie, Ethik und Recht , . . . . 94 

VII. Padagogik und Charakterologie 105 



I. 

Das Unbewnsste and seine Ansdrucksformen. 

Das Fundament, auf dem die ganze Psychoanalyse ruht, ist die 
Lehre vom Unbewussten. Darunter ist aber nicht ein aus abstrakten 
Denkfolgen abgeleiteter Begriff zu verstehen oder gar eine fur die 
Zwecke eines philosophischen Systems geschaffene Hypothese; mit der 
Bedeutung, welche z. B. Eduard vonllartmann dem Worte gegeben 
hat, besitzt die Psychoanalyse gar keinen Zusammeuhang. Die in der 
Bezeichnung hervortretende negative Eigenschaft des Phanomens — 
namlich die fehlende Bewusstseinsqualitat — ist zwar die wesentlichste 
und charakteristischeste, aber durchaus nicht die einzige. Wir kennen 
bereits eine ganze Reihe von positiven Merkmalen, welche das unbe- 
wusste psychische Material von dem iibrigen, dem bewussten und vor- 
bewussten, unterscheiden. 

Eine Vorstellung, die in einem gegebenen Moment dem Bewusst- 
seinsinhalt eines Individuums angehort, kann im nachsten daraus ver- 
schwunden sein; andere, neu auftauchende sind an ihre Stelle getreten. 
Sie erhalt trotzdem auch eine dauernde Relation zum bewussten Seelen- 
leben, denn sie kann durch irgendeine mir ihr verknupfte Assoziations- 
kette wieder zuriickgeholt werden, ohne dass es eines neuen Sinnesein- 
druckes bedarf; in der Zwischenzeit war sie also dem bewussten 
Seelenleben entruckt, aber doch dem Psychischen erreichbar geblieben. 
Solche Vorstellungen , ■ denen die Bewusstseinsqualitat zwar fehlt, die 
sie aber jederzeit wieder erlan gen konnen, nennen wir vorbewusst 
und unterscheiden sie streng von den eigentlich unbewussten. 

Diese sind namlich nicht wie die vorbewussten voriibergehend 
dem bewussten Seelenleben eiitfremdet, sondern davon dauernd ausge- 
schlossen; die Fahigkeit, in das Bewusstsein oder genauer gesagt in das 
normale Wachbewusstsein des Subjekts einzutreten, mangelt ihnen vollig. 
Andert sich der Bewusstseinszustand, so andern sich auch seine Auf- 
nahmsbedingungen. Nach solchen Umwalzungen, wie sie z. B. die den 
Neurologen bekannte Condition seconde mit sich bringt, ferner die 
Hypnose und in gewissem Urnfange auch der Schlaf, wird d^m Sub- 

Grenzfra^en des Nerven- und Seelenlebens. (Heft XOIIT.) 1 



2 Br. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

jekte eine Tulle von psychischem Material — Phantasien, Erinnerungen, 
Wiinsche usw. — zuganglich, das ihin bisher unbekannt war. Dass 
diese Dinge erst durch die Anderung des Bewusstseins entstanden 
sein sollten, ist bei einigen, z. B. den Erinnerungen, von vorneherein 
ausgeschlossen. Bei anderen lasst es sich aus ihren Wirkungen schliessen, 
dass sie bereits vorher unbewusst vorhanden gewesen sein mtissen. 

An allem, was bei solchen Gelegenheiten aus dem Unbewussten 
zum Vorschein kommt, hat die Erfahrung die konstante Wiederkehr 
gewisser gemeinsamer Ziige gezeigt. Zu diesen gehort in erster Linie 
ein Affektreichtum ungew5hnlich hohen Grades und weiters ein 
andauerndes Bestreben in das bewusste Seelenleben uberzugreifen, das 
sich durch die naturliche Tendenz jedes Affektes und der von ihm 
besetzten Vorstellung, ein moglichst grosses Stiick des Seelenlebens in 
Anspruch zu nehmen, als eine Konsequenz jener Affektstarke erklaren 
lasst. Wenn jedem Bewusstsein szustand eine bestimmte Bedingung fur 
die Zulassung oder Nichtzulassung der Vorstellungen entspricht, so kann 
diese Bedingung durch nichts anderes aufgestellt und durchgesetzt 
werden, als durch eine im Psychischen wirkende Energie, welche die ihr 
missliebigen Vorstellungen vom Bewusstsein ausschliesst oder die darin 
vorhandenen daraus verdrangt. Die Wirkung einer Kraft wird nur 
durch eine andere, ebenso starke oder iiberlegene, die ihr entgegenwirkt, 
aufgehoben; die psychischen Vorgange, die wir beobachten konnen, 
sind also das Resultat dynamischer Verhaltnisse, welche aus 
ihnen zu erschliessen sind. Wir haben das Bild eines gestrengen Tor- 
wartes vor uns, der ungeladenen Gasten die Tiire vor der Nase zuschlagt. 
Da ein vorhandener Affekt nicht eine eininalige, sondern eine Dauer- 
wirkung verursacht, ist es auch mit einer einmaligen Abweisung nicht 
getan. Es muss vielmehr eine standige Grenzwache etabliert werden, 
d. h. mit anderen Worten, ein dauerndes Gegeneinanderwirken der Krafte 
und als Folge davon eine gewisse psychische Spannung sind von 
unserem Seelenleben unzertrennlich. Jene Energie, deren Eunktion es 
ist, das Bewusstsein vor der Invasion aus dem Unbewussten zu beschutzen, 
nennen wir, je nachdem sie aggressiv oder defensiv in Erscheinung tritt, 
Verdrangung oder Widerstand. 

Wir sind zu Zeugen eines Kampfes zwischen zwei psychischen 
Machten geworden und miissen uns jetzt fragen, woher die Feind- 
seligkeit zwischen ihnen stamme. Welchen Eigenschaften verdanken 
es die unbewussten Vorstellungen, dass ihnen mit solcher Hartnackigkeit 
die Bewusstseinsqualitat vorenthalten wird? Worin besteht ihre Unver- 
traglichkeit mit den anderen psychischen lnstanzen? 

Es ware zunachst fraglich, ob es uberhaupt solche Charakteristika 
gibt. Die Abschliessung vom bewussten Seelenleben hangt, wie wir 
gesehen haben, von der "jedesmaligen Bewusstseinseinstellung ab und, 



I. Das Unbewusste und seine Ausdrucksformen. 3 

da diese variiert, mtisste ebenso audi das Unbewusste abwechseln, 
ganz abgesehen Ton der durch die Verschiedenheit der Erlebnisse 
bedingten individuellen Verschiedenheit des Vorstellungsinhaltes, Dagegen 
ist darauf zu verweisen, dass die dem bewussten Seelenleben angehorigen 
Grundtendenzen im ganzen konstant sind und sich nur langsam und 
unmerkbar von Epoche zu Epoche ver'andern. Die Mitglieder einer 
Kulturgemeinschaft haben in ihrer Auffassung der Aussenwelt das 
Wesentliche gemeinsam, gleichviel, ob diese Auffassung schliesslich in 
einer religiosen, moralischen oder philosophischen Weltanschauung gipfelt. 
Trotz aller Fortschritte in der Naturbeherrschung hat das Menschen- 
geschlecht sich in psychisclier Hinsicht seit Jahrtausenden so wenig 
weiterentwickelt, dass wir zunachst die gesamte Kulturmenschheit, auch 
jene der An tike inbegriffen, als erne grosse Einheit ansehen diirfen. 
Die bedeutsamen Wandlungen werden wir bei den Einzeluntersuchungen 
kennen lernen, im Gesamtbild treten sie zurtick, besonders wenn wil- 
es mit Jenen, die ausserhalb der Kulturgemeinschaft stehen, vergleichen. 
Die Stellung des primitiven Menschen, des sogenannten „Wilden u zur 
Aussenwelt ist vom Grund aus verschieden von der unserigen und auch 
in dem Verhaltnis zwischen Bewusstem und Unbewusstem, das in seinem 
Seelenleben obwaltet, lassen sich wichtige Abweichungen vermuten. 

Das Unbewusste ist also bei aller individuellen Mannigfaltigkeit 
nicht willkiirlich und regellos, sondern gesetzmafiig mit bestimmten, 
stets wiederkehrenden Eigenschaften ausgestattet, die wir, soweit sie 
bereits erforscht sind, kennen lernen miissen, 

Unsere erste Frage wird natiirlich der Herkunft des Unbewussten 
gelten. Da es der bewussten Personlichkeit vollig fremd und unbekannt 
gegeniibersteht, so ware es naheliegend, den Zusammenhang mit dieser 
uberhaupt in Abrede zu stellen. So hat der Volksglaube auch von 
jeher gehandelt. Die Stiicke des Unbewussten, die in abnormen Geistes- 
zustanden sichtbar wurden, galten als Beweis der „Besessenheit", das 
heisst, sie wurden als Ausserungen eines fremden Individuums, eines 
Damons, der von dem Kranken Besitz genommen habe, aufgefasst. 
Wir, die mit solchen iibernatiirlichen Einwirkungen nicht mehr rechnen 
diirfen, miissen den Tatbestand psychologisch zu erklaren suchen. Der 
Hypothese, dass eine urspriingliche Zweiteilung des psychischen Lebens 
von Geburt an bestehe, widerspricht die Erfahrung des fortwahrenden 
Kampfes der beiden Instanzen, da bei einer von Anfang an vorhandenen 
Aufteilung die Gefahr einer Grenzverschiebung nicht gegeben ware. 
Die einzig mogliche Annahme, welche denn auch durch die Erfahrung 
bestatigt wird, bleibt die, dass jene Scheidung nicht von vorneherein 
vorhanden sei, sondern sich erst im Laufe. der Zeit herstelle. Dieses 
Herausbilden der Grenzlinie muss ein Prozess sein, der sich vor der 
volligen Erreichung des normalen Kulturniveaus abwickelt, der also in 



4 Br. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

der friihesten Kindheit beginnt und etwa urn die Zeit der Pubertat 
einen erst en Abschluss gefunden hat. Das I T nbewusste stammt 
aus der Kindheit des Menschen und dieser Umstand liefert die 
Erklarung fur die meisten seiner Eigenttimlichkeiten. 

Wir sehen in der Kindheit eine Vorstufe fur das vernunftfahige 
Alter und das ist sie ja auch in vieler Beziehung. Neben dem aber, 
was wir aus der Kindheit in das spatere Leben hiniibernehmen, bleibt 
noch ein anderer Bestandteil, das eigentlich Kindliche, mit dem wir 
nachher nichts mehr anzufangen wissen und das wir deshalb auch ver- 
<ressen. Nur so erklaren sich die grossen Gedachtnisliicken, die die 
eigene Kindheit fur jeden Menschen aufweist, und zwar aus einer Zeit, 
wo er die Ereignisse ganz gut aufzufassen und zu werten wusste. Fast 
Jedermann erinnert sich aus seinen ersten Kinderjahren nur abgerissener 
Details gleichgliltiger Szenen, wahrend er jene Vorfalle, die ihm damals 
die wichtigsten waren, ganz vergessen hat. Die rein infantilen Seelen- 
krafte, die in das Bewusstsein des Erwachsenen nicht aufgenommen 
wurden, konnen aber nicht verloren gegangen sein. Im Psychischen 
gilt das Gesetz der Erhaltung d&r Energie wie in der Korperwelt; das 
Infantile, das aus dem bewussten Seelenleben verdrangt wurde, ver- 
schwand nicht, sondern bildete den Kern, urn den sich das unbewusste 
Seelenleben kristallisierte. 

In welchem Punkt unterscheidet sich der Erwachsene aber so 
fundamental vom Kinde, dass die Seelenzustande jener Entwicklungs- 
epoche fur ihn ganz unbrauchbar geworden sind? Dass dieser Punkt 
die Sexualitat sei, wird wohl allgemeinen Widerspruch erwecken, denn 
gerade die Sexualitat beginnt, wie uns versichert wird, normalerweise 
mit der Pubertat und kann also keine typisch infantilen psychischen 
Phanomene schaffen. 

Die Tatsache der normalen kindlichen Sexualitat, von deren 
Betatigungsformen hier nur die Sauglingsonanie erwahnt sei, ist von 
jedem, der mit Kindern in engere Beriibrung kommt, von Arzten, 
Warterinnen und Eltern so leicht konstatierbar, dass ihre hartnackige 
Verleugnung nicht als objektives TJrteil gewertet werden kann, sondern 
nur als Ausfluss eben jenes Verdrangungsvorganges, der die fur die 
eigene Entwicklung erst wertlos, dann hinderlich gewordenen Bestand- 
teile des Ich nicht wieder vor das Bewusstsein gebracht haben will 
Es ware sehr verwunderlich, wenn eine so wichtige Affektquelle, wie 
es die dem Bereiche der Sexualitat angehorigen Triebe sind, die wir 
unter dem Gesamtnamen Libido zusammenfassen, erst bei Erreichung 
eines bestimmten Alters plotzlich hinzukame. In Wahrheit ist sie von 
allem Anfang an dagewesen, nur verlaufen vor der Pubertat die ihr 
angehorigen Triebphanomene weder in der Form der Sexualausserung 
des Erwachsenen noch in einer einheitlichen Richtung, vielmehr strebt 



I. Das Unbewusste und seine Ausdrucksformen. 5 

jedes, unabhangig Ton dem anderen, seinem Ziele zu, das mit dem 
spateren Sexualziele, dem Gesehlechtsakt, keine Ahnlichkeit haben muss. 

Auch innerhalb der Kindheit unterscheiden wir verschiedene 
Entwicklungsphasen, Ton denen nur die wichtigsten erwahnt werden 
sollen. Die erste umfasst jene Zeit, wo das Kind in der Erkenntnis 
der Aussenwelt noch nicht bis zur Annahme einer fremden Personlich- 
keit gelangt ist. In dieser Zeit sucht es sexuelle Lust am eigenen 
Korper zu gewinnen (Autoerotismus). Neben dem Genitale kommen 
noch alle moglichen Korperstellen in Betracht, so vor allem die Lippen- 
zone, die durch das „Wonnesaugen tf , und die Analzone, die durch 
Zuruckhaltung der Stuhlmassen gereizt werden kann. 

Den entscheidenden Durchgangspunkt bildet ein Stadium, das sich 
normaler Weise zwischen die autoerotiscbe Betatigung und die Objekt- 
liebe einschiebt und das wir mit Rucksicht auf spater zu beobachtende 
pathologische Fixierungen dieses Zustandes als Narzissmus bezeichnen. 
Es ist dadurch charakterisiert, dass die Libido, die ja — im Gegensatz 
zu den Ichtrieben — Ton Anfang an sich an Terschiedenen Korperstellen 
autoerotisch befriedigte, nunmehr bereits zu einer Einheit zusammen- 
gefasst, ihr Objekt zunacbst am eigenen Icli, als Ganzes betrachtet, 
gefunden hat. In gewissem Mafie bleibt der Mensch narzisstisch, auch 
wenn er aussere Objekte fur seine Libido gefunden hat, und der Grad 
dieser Einstellung ist fur die Entwicklung des Charakters und der 
Personlichkeit Ton hervorragender Bedeutung. 

Die nachste Phase kennt dann schon die Objektliebe, die aber 
unter eigentiimlichen Bedingungen Terlauft. Dem Genitale fallt erst 
durch die spatere, mit der Pubertat abschliessende Umbildung die 
Bedeutung eines ausschliesslichen Sexualorganes zu. Das mit diesem 
Terkniipfte, fiir den geschlechtsreifen Normalen ausschliessliche Sexual- 
ziel, der Begattungsakt, kommt noch nicht in Betracht, an seine Stelle 
treten je nach der Triebanlage Terschiedene Formen der Befriedigung : 
sexuelle Neugierde und Entblossungslust, das Zufiigen oder Erdulden 
Ton Schmerzen usw. Was also durch seinen unTeranderfcen Fortbestand 
beim Erwachsenen eine PerTersion (Exhibitionismus, Voyeurtum, Sadismus, 
Masochismus) konstituieren wtirde, bildet eine Ausserung der normalen 
Sexualitat des Kindesalters. 

Sehr wesentlich unterscheiden sich auch die in dieser zweiten 
Phase der Infantilitat hinzutretenden Sexualobjekte Ton jenen des 
Erwachsenen. Die Terhaltnismafiig geringe Bedeutung des Genitals fur 
die auf andere Personen gerichtete Sexualbeziehung und die Unkenntnis 
der Verschiedenheiten im Baue und der Funktion des mannlichen und 
weiblichen Sexualapparates machen es dem Kinde unmoglich, bei der 
Ankniipfung seiner erotischen Beziehungen auf den Geschlechtsunter- 
schied Bedacht zu nehmen. Auch abgesehen daTon gilt die Liebe des 



6 Br. 0, Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Kindes am haufigsten solchen Personen, die fur den reifen Kultur- 
menschen nicht in Betracht kommen diirfen, namlich den Mitgliedern der 
eigenen Familie, vor allem den Eltern, weiters dem Pflegepersonal als 
Elternsurrogat. 

Wer an der Feststellung, dass die ersten Neigungen des Menschen 
regelmafiig inzestuos eingestellt sind, Anstoss nimmt, sei daran erinnert, 
dass die kindliche Erotik, wenn sie auch noch so aflektstark ist, sich 
nur nrit gehemmtem Ziel in der harmlosen Form der Zartlichkeit zu 
aussern pflegt. Fur das im Schosse der Familie heranwachsende Kind 
sind andere Beziehungen von gleicher Innigkeit undenkbar und auch fur 
die Eltern gilt es seit altersher als das schonste Vorrecht, dass ihnen 
die erste Zartlichkeit ihrer Kinder zugewendet wird. Bald beginnt dann 
das Kind den einen Elternteil vorzuziehen, und zwar meistens, da sich die 
Anziehung der Geschlechter auch im Verhaltnis zwischen Eltern und 
Kindern geltend macht, jenen des entgegengesetzten Geschlechtes, von dem 
es selbst mit besonderer Zartlichkeit bedacht wird. Mit dem anderen 
Teile, oft auch mit den Geschwistern gerat es leicht in ein Rivalitats- 
verhaltnis, da es mit niemandem teilen will ; neben die Liebe tritt dann 
Feindseligkeit und der heftige Wun sch nach Beseitigung des 
Nebenbuhlers. 

In der Pubertat erlangt dann die Genitalzone ihr Primat, die 
einzelnen Triebe verlieren ihre Selbstandigkeit und ordnen sich dem 
Zwecke der Erreichung des normalen Sexualzieles unter. Einzelne, wie 
der Bewaltigungstrieb des Mannes, finden im Sexualakt selbst ihre 
Befriedigung, andere, z. B. der Schautrieb, dienen dazu, durch Gewahrung 
von Vorlust die Spannung zu schaffen, durch welche der Sexualakt 
vorbereitet und die Endlust herbeigefuhrt wird. So wie auf die ab- 
gesonderte Befriedigung dieser Partialtriebe muss auch auf die erotische 
Neigung gegen die Familienmitglieder verzichtet werden; die gegen ein 
neues Ziel eingestellte Sexualitat ist gezwungen, auch ein anderes 
ausserhalb der Familie liegendes, vollwertiges Objekt zu finden, was 
ihr normalerweise nach einigem tastenden Suchen auch gelingt. 

Die Sexualitat ist also demjenigen, der die Pubertat hinter sich 
hat, nicht nur nichts Neues, er muss sogar auf einige bis dahin gewohnte 
Arten der Befriedigung seiner Libido verzichten, so vor allem auf den 
Sexualgenuss am eigenen Korper und auf die inzestu5se Fixierung an 
die nachsten Verwandten. Wenn einer der Partialtriebe besonders stark 
ausgebildet war, so wird er unter dem neuen Regime nicht mehr hin- 
reichend auf seine Rechnung kommen. 

So wenig die Libido in das Seelenleben neu hineintritt, so wenig 
kann sie daraus wieder verschwinden. Jedes auf Erreichung von Lust 
gerichtete Streben ist unzerstorbar. Es kann unter dem Einfluss innerer 
oder ausserer Gewalten seine Gestalt andern, aber der Trieb wird stets 



I. Das Unbewusste und seine Ausdruck&formcn. 7 

noch aus seiner alten Quelle gespeist. Muss bei einer solchen Um- 
anderung ein Lustgewinn ganz oder teilweise geopfert werden, well der 
Trieb in der umgewandelten Form keine hinreichende Moglichkeit der 
Befriedigung mehr findet, so bleibt er trotzdem weiter bestehen und ist 
mit seinem ungestuinen Heischen nach der alten Lust ein gefahrlicher 
Feind der neuen Ordnung der Dinge. 

Die Folge dieses Verhaltnisses ware ein nie enden wollender Kampf: 
das Bewusstsein, das im Dienste der Realitatsbeherrschung den von 
der Aussenwelt kommenden Eindriicken zugewandt sein soil, ware durch 
die endopsychische Wahrnehmung dieses JKampfes vollkommen mit Be- 
schlag belegt und die psychische Okonomie dauernd gestort. Nur die 
Verdrangung der uberwundenen Formen der Triebbefriedigung aus dem 
Gesichtsfelde des Bewusstseins niaclit es dennoch moglich, dieses fiir die 
Sinneswahrnehmungen often und die Psyche im Gleichgewiclit zu halten. 
Mit welchen Meclianismen diese Aufgabe ins Werk gesetzt wird, werden 
wir bald sehen. 

Was wir bis jetzt kennen gelernt haben, bildet nur den Kern des 
Unbewussten, nicht etwa seinen ganzen Umfang. Zwar wird auf keinem 
Gebiete dem Menschen im Wege seiner Entwicklung so viel Yerzicht 
zugemutet wie auf dem der Sexualitat und kaum irgendwo ist dieser 
Verzicht scbwerer durchsetzbar , doch. bilden mit und neben ihr 
noch andere dauernd unerfullt gelassene Wixnsche, auch wenn sie den 
reinen „Ichtrieben" entstammen, den Inhalt des Unbewussten. Noch 
oft tritt die Forderung auf, eine unliebsame Realitat, in der unsere 
Wunscherfiillung keinen Platz findet, anzuerkennen und uns mit ihr 
abzufinden. Das ist nun eine Leistung, die der Normalmensch regel- 
mai3ig in seinem Bewusstsein zu erledigen vermag. Doch kann bei 
Auftauchen des Bedlirfnisses, einern besonders peinlichen Konflikt zu 
entfliehen, die Anziehungskraft jenes ersten Verdrangungsvorganges so 
verlockend wirken, dass audi diese rezente Versagung auf dieselbe Weise, 
durch Verdrangung, ihre Erledigung findet. Mit Ausnahme jener Falle, 
wo schon der urspriingliche Verdrangungsvorgang nicht glatt verlaufen 
war, gelingt auch dies. Als Folge des Missgliickens tritt die N euro se 
in Erscheinung. Aber auch bei Gesunden finden unter der begiinstigenden 
Einwirkung des Schlafzustandes die unerfullten Wunsche der Gegenwart 
den Zusammenhang mit jenen der Kindheit und aus dieser Verbindung 
■entsteht das Gebilde des Traumes. Da nun jeder Mensch nicht nur 
Traumer, sondern auch in irgend einem Stlick dem Neurotiker an- 
genahert ist - - sei es im Hinblick auf Angstafiekte, denen er unter- 
liegt, sei es auch nur durch Produktion " der kleinen Fehlleistungen des 
taglichen Lebens, — so lasst sich die Annahme rechtfertigen, dass auch 
der Normale einen Teil seiner seelischen Konflikte, die durch ihre 
Ahnlichkeit mit den infantilen dazu einladen, durch Verdrangung beseitigt. 



8 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Wir wenden uns jetzt jener Gruppe von Kraften zu, durch welche 
die Verdr angung zustande gebracht wird. Eine von ihnen haben 
wir schon kennen gelernt, namlich die aus den organischen Ver- 
anderungen vor und in der Pubertat stammende, durch welche das der 
korperlichen Entwicklung entsprechende psychische Primat der Genitalien 
und der auf ihre Betatigung gerichteten Triebanteile erforderlich wurde. 
Der wichtigste Faktor aber sind die Anforderungen, welche das kulturelle 
Milieu an den Heranwachsenden stellt, dem er sich ohne Abwendung 
von seinen infantilen Wunschzielen nicht einordnen kann.' Die Ver- 
drangung bezeichnet das Mafi des Opfers, das die kulturelle Entwicklung 
einer Gemeinschaft ihren Mitgliedern auferlegt. Die Mittel, durch welche 
sich die kulturellen Anforderungen dem Heranwachsenden bemerklich 
rnachen, sind mannigfaltig. Weitaus das wichtigste ist die Beeinflussung 
durch die Objekte der infantilen Liebeswahl — die Erziehung durch 
die Eltern oder deren Ersatzpersonen. 

Hier mtissen einige Triebmechanismen erwahnt werden, durch 
welche das Gelingen der Aufteilung zwischen Bewusstem und TTn- 
bewusstem erst ermoglicht wird. Wo Liebe und Hass, beide dem- 
selben Objekt geltend, sich entgegenstehen, muss der schwachere Teil 
ins Unbewusste weichen. Dieses ambivalente Verhalten lasst 
sich auch bei einigen Trieben nachweisen, die aus einem Gegensatzpaar 
zusammengesetzt sind (z. B. Sadismus und Masochismus). Da die beiden 
Gegentriebe nicht nebeneinander existieren konnen, ubernimmt der 
starkere die Fiihrung und verweist den schwacheren ins Unbewusste. 

In alien Fallen bewirkt die Ambivalenz, dass der siegreiche Teil, 
um seine Behauptung zu sichern, im bewussten Seelenleben eine unge- 
wohnliche Intensitat zeigt (Reaktionsbildung), zu der auch der 
unterlegene einen Energiebeitrag liefert, da ihm durch die Verdrangung 
die Moglichkeit direkter Ausserung genommen wurde. Fiir die kulturelle 
Einordnung noch wichtiger ist die Fahigkeit mancher Triebe, ihre Be- 
friedigungsweise zu andern, indem sie statt des bisherigen ein anderes 
Ziel der Lustgewinnung akzeptieren, wenn die Befriedigungsweise ahnlich 
und zwischen dem alten und neuen Ziel ein assoziativer Zusammenhang 
moglich ist. So gelingt es, wenigstens einen Teil der grobsexuellen 
Triebe des Kindes auf hohere, kulturelle Ziele hinzulenken (Subli- 
m i e r u n g). Der nicht verwandelbare Teil verf allt, soweit er nicht 
direkt befriedigt werden darf, der Verdrangung. 

Daraus, dass ein Wunsch unbewusst und von der direkten Affekt- 
ausserung abgeschnitten ist, folgt also noch nicht, dass er gar keine 
Wirkung mehr entf alten kann ; er iibt im Gegenteil auf die wichtigsten 
Vorgiinge des Seelenlebens bestimmenden Einfluss, soweit dies unter 
Wahrung der Bedingung des Ausschlusses vom Bewusstsein moglich ist. 
An diesem Sachverhalt sind zwei Punkte einer naheren Aufklarung 



I. Das Unbewusste und seine Ausdrucksformcn. 9 

bediirftig: Erstens durch welche Mechanismen gelingt es dem Unbewussten 
wirksam zu werden, ohne doch gegen die von der Verdrangung aufgestellte 
Bedingung zu verstossen? Zweitens bei welchen psychischen Produkten 
sind unbewusste oder vom Unbewussten her gelenkte Vorgiinge besonders 
stark beteiligt? 

Was die Mechanismen betrifft, durch die es den verdrangten Trieb- 
regungen und unbewussten Wunschen gelingt, sich durchzusetzen und 
das Tun und Denken des real eingestellten Kulturmenschen zu beeinflussen, 
so dienen sie, wie es ja in der Natur des Konfliktes mit dem Bewusstsein 
liegt, samtlich der Entstellung des Unbewussten und seinem Kompro- 
miss mit dem Bewusstsein. Diese Entstellung wird je nach dem Ver- 
drangungsstadium und dem psychischen Zustand des Individuums und 
je nach der Kulturhohe der Basse, kurz entsprechend der herrschenden 
Relation des Bewusstseins zum Unbewussten, verschieden stark ausfallen 
und in sozialer Hinsicht jeweils verschied en wertvolle Kompromissleistungen 
ergeben. Wie die Psychoanalyse uberhaupt das Vorstellungsleben als 
Widerspiel des Trieblebens auffassen lehrt, so entsprechen auch die 
einzelnen psychischen Mechanismen der Entstellung und Kompromiss- 
bildung den yerschiedenen Moglichkeiten der Triebschicksale, von denen 
wir ausser der Verdrangung noch andere, insbesondere Triebver- 
wandlungen (darunter die Verkehrung ins Gegenteil) kennen. Fiir 
uns kommen hier vor allem jene Vorgiinge in Betracht, welche nicht 
wie die Verdrangung mit der Verweisung ins Unbewusste einen Ab- 
schluss finden, sondern Ersatzbildungen ins Bewusstsein schicken, 
die aus den ursprunglichen Affektquellen erhalten werden. Diese 
Schicksale vollziehen sich an dem betreffenden Triebe selbst so gut wie 
an seinen sublimierten Anteilen, So kennen wir auf psychischem Gebiete 
den Mechanismus der tendenziosen Projektion, durch den eine innere 
unvertriigliche Wahrnehmung nach aussen geworfen wird, und den 
Mechanismus der Auseinanderlegung (Spaltung), der die fiir ge- 
wohnlich im Unbewussten anstandslos vereinigten Elemente, besonders 
Widerspruche (der Ambivalenz, des Gegensinnes etc.), in ihre Bestandteile 
zerlegt, gewissermafien Gegensatze konstituiert, urn dem Bewusstsein 
die gesonderte Annahme der mit einander unvertraglich gewordenen 
Kegungen zu ermoglichen. Auf der anderen Seite haben wir die 
sozusagen verinnerlichenden Mechanismen der eigentlichen Verdrangung 
und der Verdi chtung (Kontamination), welche die fiir das Bewusstsein 
unvertriiglichen Eleiuente, besonders Gegensatze, zu verschmelzen oder 
aufzuheben suchen. Der Trieb verkehrung endlich entspricht die 
Ersetzung durch das Gegenteil, wobei meist ein anstossiges 
unbewusstes Element durch seinen im Bewusstsein ubermaJ&ig betonten 
Widerpart vertreten ist. Andere Mechanismen wirken entstellend und 
kompromissbildend durch die Affektverkehrung, ferner die Ver- 



10 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeviling der Psychoanalyse etc. 

schiebung des Affektes vom Bedeutsamen auf Unwesentliches, sowie 
endlich durch Verlegung korperlicher Sensationen oder deren Vor- 
stellung von anstossigen auf harmlose Stellen (Verlegung von unten 
nach oben). 

Arbeiten die genannten Mechanismen, wenn audi unter dera 
tendenzios entstellenden Zwang der bevnissten Zensur, doch nach 
eigenen, dem Unbewussten infolge seiner nahen Beziehung zum 
Triebleben inharenten Gesetzen, so gibt es andere von den logisch en und 
formalen Anspriichen des Bewusstsein s ausgehende Beeinflussungen, 
die dem unbewussten Material weitere Modifikationen aufnotigen. Hierher 
gehort vor allem die beim Traum sogenannte sekundiiro B e - 
arbeitung, welche den in gewissen Partien zu stark, in anderen zu 
wenig entstellten und daher zunachst unverstandlichen, Luck enhai ten 
oder zu anstossigen unbewussten Anteil den Forderungen der voll- 
bewussten psychischen Instanz anzupassen sucbt. Bei dieser Uberarbeitung 
und Umordnung werden dem angestrebten Zusammenhang zuliebe einzelne 
nicht mehr verstandene Elemente des Unbewussten nunmehr nach- 
traglich logisch motiviert — im Laufe der Entwicklung oft sogar 
mehrmals — und erhalten so einen neuen, sozusagen systemisierfcen Sinn, 
Diese Art der sekundaren Bearbeitung, nanilich der Mechanismus der 
vom Bewusstsein ausgehenden Rational is ierung oder Systera- 
bildung, der fur das Zustandekommen und das psychoanalytisehe 
Verstandnis insbesondere der grossen Kulturleistungen von weittragender 
Bedeutung ist, stellt eine zweckmafiige Erganzung der Mechanismen des 
Unbewussten dar, indem er die tendenzios entstellten unbewussten Beitrage 
der Phantasie- und Geistestatigkeit zu neuen, sinnvollen Zusammen- 
hiingen umordnet und xiberarbeitet. Die Kenntnis dieses Vorgangs 
und die Moglichkeit seiner Reduktion auf die treibenden Krafte des Un- 
bewussten gestatten der Psychoanalyse amPrinzip derUberdeter- 
miniertheit alles psychischen Geschehens soweit das Un- 
bewusste daran teilhat - audi dort festzuhalten, wo ein logisch 
befriedigender Sinn und ein voiles bewusstes Verstandnis jede weitere 
Erkliirung eines Phanomens iiberilussig zu machen und auszuschliessen 
scheint. So wenig aber die Kenntnis des bewussten Anteiles fur sich * 
allein das voile Verstandnis einer seelischen Leistung vermittelt, so 
wenig vermag die Beriicksichtigung der unbewussten Motivierungen fiir 
sich allein ihre voile Bedeutung zu erschopfen ; doch machen erst sie 
die Genese des psychischen Produktes verstancllich und auch den Prozess 
der Rationalisierung selbst in seiner Beziehung zur Ableugnung des 
Verdrangten, 

Ein weiterer, formaler Faktor, dem das Unbewusste bei seineni 
jeweiligen Eintritt ins Bewusstsein Geniige leisten muss, ist die Rxick- 
sicht auf Darstellbarkeit, die in den kulturell wertvollen, ins- 



L Das Unbewusste und seine Ansdrucksformeii. H 

besondere den kiinstlerischen Leistungen nicht minder eklatant wie im 
Traumleben hervortritt. Es ist ohne weiteres verstandlich, dass das 
Material, in welchem eine unbewusste Regung sich manifestiert, nicht nur 
die Form bestimmt, sondern auch den Inhalt in gewissem Sinne beein- 
flussen muss, dass also beispielsweise der Dichter dieselbe Empfindung 
anders zum Ausdruck bringen muss als der Maler, der Philosoph den- 
selben Gedanken anders als der Mythenbildner. Aber auch der jeweilige 
' Zustand der Psyche wird sich in der Darstellung geltend machen, so 
dass etwa der religi5s Inspirierte den gleichen Gefuhlen anderen Aus- 
druck verleihen wird als der nuchterne Auf klarer und der Irre dieselben 
Impulse anders darstellt als der Triiumer. 

Ein letztes, wegen seiner besonderen Eignung zur Verhiillung des g 2 5D^ 
Unbewussten und zu seiner Anpassung (Kompromissbildung) an neue 
Bewusstseinsinhalte uberall mit Vorliebe verwendete Ausdrucksmittel 
des Verdrangten ist das Symbol. Wir verstehen darunter eine be- 
sondere Art der indirekten Darstellung, die durch gewisse Eigen- 
tiimlichkeiten von den ihr nahestehenden des Gleichnisses, der Metapher, 
der Allegorie, der Anspielung und anderen Formen der bildlichen Dar- 
stellung von Gedankenmaterial (nach Art des Rebus) ausgezeichnot ist. 
Das Symbol stellt gewissermaiaen eine ideale Vereinigung all dieser 
Ausdrucksmittel dar: es ist ein stellvertretender anschaulieher Ersatz- 
ausdruck fur etwas Verborgenes, mit dem es sinnfallige Merkmale gemein- 
sam hat oder durch innere Zusammenhange assoziativ verbunden ist. 
Sein Wesen liegt in der Zwei- oder Mehrdeutigkeit, wie es ja selbst 
auch durch eine Art Verdichtung, ein Zusammenwerfen (avjufidAAeiv) 
einzelner eharakteristischer Elemente entstanclen ist. Seine Tendenz vom 
Begrifflichen nach dem Ansehaulichen stellt es in die Nahe des primi- 
tiven Denkens; durch diese Verwandtschaft gehort die Symbolisierung 
wesentlich dem Unbewusten an, entbehrt aber als Kompromissleistung 
keineswegs der bewussten Determinanten. die in verschieden starkem 
Anteil die Symbolbildung und das Symbolverstandnis bedingen. 

Will man die mannigfach abgestufte Schichten- und Reihenbildung 
der Symbolbedeutungen und der Symbolerkenntnis verstehen, so muss 
man sich einer genetischen Betrachtung zuwenden. Man erfahrt dabei, 
dass die Symbolbildung nicht, wie es ihrer Mannigfaltigkeit nach zu 
erwarten ware, willkurlich und nach individuellen Verschiedenheiten 
vor sich geht, sondern dass sie bestimmten Gesetzen folgt und zu 
typischen iiber Zeit, Ort, Geschlechts- und Rassenunterschiede, ja iiber 
die grossen Sprachgemeinschaften hinwegreichenden allgemein mensch- 
lichen Bildungen fuhrt. Uber die typische, allgemein menschliche 
Bedeutung sagt der Asthetiker Dilthey: „Versteht man unter einem 
naturlichen Symbol das Bildliche, das in fester gesetzlicher Beziehung 
zu einem inneren Zustande steht, so zeigt die vergleichende Betrachtung, 



12 Dr. 0, Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

dass auf Grund unseres psychophysischen Wesens ein Kreis natiirlicher 
Symbole fur Traum und Wahnsinn, wie ftir Sprache und Dichtung 
besteht". „Da die wichtigsten Verhaltnisse der Wirklichkeit uberall 
verwandt sind, und das Herz des Menschen uberall dasselbe, gehen 
Grundmythen durch die Menschheit. Solche Symbole sind: das Ver- 
haltnis des Vaters zu seinen Kindern, die Beziehung der Geschlechter, 
Kampf, Raub und Sieg." 

Die Erforschung der typischen Symbolformen und die Herstellung * 
ihres untergegangenen Verstandnisses durch das Zusammenarbeiten 
verschiedener Hilfswissenschaften (wie Kulturgeschichte, Linguistik, 
Ethnographie, Mythenforschung u. a.) ist allerdings kaum noch in Angriff 
genommen. Psychoanalytisch am besten studiert und auch kultur- 
geschichtlich am ehesten zu belegen ist jene grosse und hochbedeutsame 
Gruppe von Symbolen, die der Darstellung sexuellen Materials und 
erotischer Beziehungen dienen, der Sexualsymbole, wie wir kurz 
zu sagen pflegen. Das Pravalieren der sexuellen Symbolbedeutungen 
erklart sich aber nicht nur aus der individuellen Erfahrung, dass kein 
Trieb in dem Mafie der kulturellen Unterdrlickung unterworfen und der 
direkten Befriedigung entzogen ist wie der aus den verschiedensten 
„perversen (t KomponentenzusammengesetzteSexualtrieb ; dessenpsjchischer 
Bereich, das Erotische, daher in weitem Umfang der indirekten Darstellung 
fahig und bediirftig ist. Eine weit grossere Bedeutung fur die Genese 
der Symbolik hat die Tatsache, dass den Geschlechtsorganen und 
-Funktionen in primitiven Kulturen eine fiir unsere Begriffe ganz 
ungeheure Wichtigkeit beigelegt war, von der wir uns durch die 
Ergebnisse der ethnographischen Forschung und die in Kult und Mythus 
erhaltenen Heste eine annahernde Vorstellung machen konnen 1 ). Dieser 
Sexualoiberschatzung des primitiven Menschen und ihrer eintnal not- 
wendig gewordeuen Einschrankung verdanken wir die Grundlagen der 
Kultur so gut wie wir den weiteren Ausbau der fortgesetzten 
Sublimierung einzelner unbefriedigbar gewordener und verdrangter Trieb- 
komponenten schulden, Wenn wir beispielsweise heute das P flu gen 
oder das Feuererzeugen als das ein em Traumer vollkommen un- 
bewusste Symbol des Geschlechtsaktes verwendet finden, so lehrt das 
Studium der Kulturgeschichte, dass diese Verrichtungen ursprtinglich 
tatsachlich den Sexualakt vertreten haben, d. h. mit den gleichen 
libidinosen Energien, eventuell auch mit den zugehorigen Vorstellungen 
besetzt waren wie dieser. Ein geradezu klassisches Beispiel dafiir bietet 
die Feuererzeugung in Indien, die dort unter dem Bilde der Begattung 
vorgestellt wird. Im Rigveda (III 29, 1) heisst es: 

i) Vergl. R. Payne Knight: „Le culte du Priape". Bruxelles 1883 und 
Dulaure: „Die Zeugung in Glauben, Sittenund Brauchen der Vblker\ Verdeutscht 
und erganzb von Krauss, Reiskel und Ihm. 



I. Das Unbewusste und seino Ausdrucksformen. 13 

„Dies ist das Quirlholz; das Zeugende (das mannliche Reibholz) 
ist zubereitet! Bring die Stammesherrin (das weibliche Reibholz) herbei; 
den Agni wollen wir quirln nach alter Art. In den beiden Reibholzern 
ruht der Wesenkenner (Agni) gleich der Leibesfrucht, die schon hinein- 
gesetzt ist in die schwangeren Frauen ... In sie, die die Beine aus- 
gespreitzt hat, fahrt als ein Kundiger ein (das mannliche- Holz). B (Nach 
L. v. Schr5ders Ubers. in „Mysterium und Miraus im Rigveda 8 , 
S. 260). Wenn der Inder Feuer entziindet, dann spricht er ein heiliges 
Gebet, welches auf eine Mythe bezug nimmt. Er ergreift ein Stuck 
Holz mit den Worten 1 ): „Du bist des Feuers Geburtsort", legt darauf 
zwei Grashalme. „Ihr seid die beiden Hoden tf , darauf ergreift er das 
unten liegende Holz: „Du bist Urvaci". Darauf salbt er das Holz mit 
Butter und sagtdabei: „Du bist Kraft K , stellt es dann auf das liegende 
Holz und sagt dazu: „Du bist Pururavas" usw. Er fasst also das 
liegende Holz mit seiner kleinen Hohlung als die Representation der 
empfangenden Gottin und das stehende Holz als das Geschlechtsglied 
des begattenden Gottes auf. Uber die Verbreitung dieser Vorstellung 
sagt der bekannte Ethnologe Leo Frobenius: „Das Feuerquirlen, wie 
es bei den meisten Volkern zu finden ist, reprasentiert also bei den alten 
' Indern den Geschlechtsakt. Es sei mir erlaubt, gleich darauf hinzuweisen, 
dass die alten Inder mit dieser Auffassung nicht allein dastehen. Die 
Siidafrikaner haben namlich dieselbe Anschauung. Das liegende Holz 
heisst bei ihnen „ weibliche Scham", das stehende „das Mannliche" 2 ). 
S chin z hat dies seinerzeit fur einige Stamme erklart und seitdem ist 
die weite Verbreitung dieser Anschauung in Siidafrika u. z. bes. bei den 
im Osten wohnenden Stammen aufgefunden worden." („Das Zeitalter 
des Sonnengottes. 8 Berlin 1904, S. 338 f.) 

Zwischen den beiden extremen Stadien, der realen Identifizierung 
(im Gebrauch) und der unbewussten Symbolyerwendung (im Traum) 
liegen andere mehr oder weniger bewusste Symbolbedeutungen, welche 
in dem Mafie, in dem sie unkenntlich wurden, in der Sprache Nieder- 
schlag gefunden haben. Noch deutliche Hinweise auf die sexual- 
symbolische Bedeutung des Feuerziindens finden wir im Feuerraubmythus 
des PrometTieus, dessen sexualsymbolische Grundlage der Mythologe 
Kuhn (1859) erkannt hat. Wie die Prometheussage bringen auch 
andere tJberlieferungen die Zeugung mit dem himmlischen Feuer, dem 
Blitz, in Zusammenhang. So aussert 0. Gruppe a ) iiber die Sage 



!) Nach Schroder fiihren schon die altesten Ritualtexte, die Jajurweden 
diese Formel an. 

2) Im Hebraischen bedeuten die Ausdriicke fiir ^mannlich" und n weiblich tt 
geradezu: der Bohrer und die Gehohlte. 

3) Griech. Mythol. u. Relig. Gesch. Bd. II (Miinchen 1906), S. 1415 ff. 



14 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

von Semele, aus deren brennendem Leib Dionysos geboren wird, sie 
sei „wahrscheinlich einer der in Griechenland sehr sparlichen Keste des 
alten Legendentypus, der sich auf die Entflammung des Opferfeuers 
bezog", nnd ihr Name habe B vielleieht urspriinglich die .Tafel' oder 
den ,Tisch k . das untere Reibholz (vergl. Hesych. aejuefa] TQaxe^a) 
bezeichnet .... In dem weichen Holz des letzteren entziindet sich 
der Funke, bei dessen Geburt die , Mutter' verbrennt*. — Noch in der 
mythisch ausgeschmiickten Geburtsgeschichte des Grossen Alexander 
heisst es. dass seine Mutter Olympias in der Nacht vor der Hochzeit 
traumte, es umtose sie cin machtiges Gewitter und der Blitz fahre 
flammend in ihren Sehoss, daraus dann ein wildes Feuer hervor- 
breclie und in weit und weiter zetoenden Flammen verschwinde *) 
(D r o y s e n : Geseh. Alex. d. Gr., S. Q9). Hierher gehort ferner die beruhmte 
Fabel vom Zauberer Virgil, der sich an einer sproden Sehonen dadurch 
racht, dass er alle Feuer der Stadt verloschen und die Burger ihr neues 
Feuer nur am Genitale der nackt zur Schau gestellten Frau entziinden 
lasst; diesem Gebot der Feuerzundung stehen andere Uberlieferungen 
im Sinne der Prometheussage als Verbot derselben gegeniiber, wie das 
Marchen von Amor und Psyche, das der neugierigen Gattin verbietet, 
den nachtlichen Liebhaber durch Lichtanzunden zu verscheuchen, oder' 
die Erzahlung von Periander, den seine Mutter unter der gleichen 
Bedingung allnachtlich als unerkannte Geliebte besuchte. Aber auch 
unsere heutige Sprache hat noch vieles von dieser Synibolik bewahrt: 
wir sprechen vom „Lebenslicht", vom „Ergluhen" in Liebe, vom „Feuer- 
fangen" im Sinne von Verlieben und bezeichnen die Geliebte als „Flanime". 
Entsprechend dem unteren Reibholz gilt dann jede Feuerstatte, 
Altar, Herd, Ofen, Lampe etc., als weibliches Symbol. So diente 
beispielsweise bei der Satansmesse als Altar das Genitale eines ent- 
blosst daliegenden Weibes. Dem griechischen Periander wird nach 
Herod ot (V, 92) von seiner verstorbenen Gattin Melissa eine Weis- 
sagung zuteil mit der Bekraftigung, er habe „das Brob in einen kalten 
Ofen geschoben", was ihm ein sicheres Wahrzeichen war, „da er den 
Leichnam der Melissa beschlafen". Das Brot ist hier dem Phallus gleich- 
gesetzt; nach den interessanten Arbeiten vonHofler, namentlich iiber 
B Gebildbrote K , ahmen noch unsere heutigen Wecken- und Striitzelgebacke 
den Phallus nach (vergl. bes. Zentralblatt f. AnthropoL etc. 1905, S. 78). 
Aber das im Backofen Erzeugte, das Brot, wird auch mit dem im 
Mutterleib Erzeugten, dem Kind, verglichen, wie noch der Name „Leib K 
(erst spater in „Laib" unterschieden) und die Form (mit dem Nabel in 
der Mitte) erkennen lassen. Andererseits umschreibt man die Geburt 

i) Ahnlieh tr&umt die mit Paris sclrwangere Hekuba, sie bringe ein brennendes 
Scheit zur Welt, das die ganze Stadt in Brand setze. (Vergl. dazu den Brand des 
Tempels von Ephesus in der Geburtsnacht Alexanders). 



I. Das Unbewusste imd seine Ausdrucksformen. 15 

noch heute in Tirol mit clem Ausdruck: der Ofen ist eingefallen, wie 
auch Franz Moor in S ch i 1 1 or $ „Rauber tf die einzige briiderliche 
Beziehung zu Karl darin erblickt, dass sie 9 aus dem gleichen Ofen 
geschossen 8 seien. Aber die sexuelle Bedeutung greift auf alles iiber, was 
mit dem urspriinglichen Symbol in Beziehung tritt. Die Esse, durch die 
der Storch das Kind fallen lasst, wird zum weiblichen, der Schornstein- 
feger zum phallischen Symbol, wie man noch an seiner jetzigen Glucks- 
bedeutung erkennt; denn die meisten unserer Gluckssymbole waren 
urspriinglich Fruchtbarkeitssymbole, wie das Hufeisen (Rosstrappe), das 
Kleeblatt. die Alraune u. a. m., und so erscheint das Sexualleben wieder 
innig mit der Vegetation und dem Ackerbau verbunden. 

Fur die urspriinglich sexuelle Betonung des Pfiiigens war, ausser der 
phallischen Bedeutung fast aller Werkzeuge *), die Auffassung der Erde 
als Ur-Mutter mafigebend (vgl. das schone Buch von D i e t e r i c h 
„Mutter Erde e , 2. Auflage, 1913). Dem Altertum war diese Vorstellung 
so gelaufig, dass sogar Traume , wie beispielsweise der ^von Julius 
Ciisar und Hippias berichtete, vom Geschlechtsverkehr mit der Mutter 
auf die Mutter-Erde und deren Besitzergreifung gedeutet wurden. Auch 
im Sophokleischen ^Odipus" spricht der Held wiederholt von der 
„Mutterflur, von wo erselbst entkeimet war." Und noch Shakespeare 
lasst im „ Pericles" den Boult, der die widerspenstige Marina en tjungfern 
soil, das Symbol yom Ackern gebrauchen (IV, 5): „An if she were a 
thornier piece of ground than she is, she shall be ploughed." Zu bekannt, 
urn hier genannt zu werden, sind die Benennungen menschlicher Zeugungs- 
vorgange aus dem Bereiche des Ackerbaues (Samen, Befruchtung etc.). 
Die diesen sprachlichen Beziehungen zugrunde liegende Identifizierung 
der menschlichen und vegetativen Befruchtung ist offen erkennbar in 
dem his in spate Zeit erhaltenen Befruchtungszauber, der darin 
besteht, dass ein nacktes Paar auf dem Acker den Geschlechtsakt ausiibt, 
gleichsam um den Boden zur Nachahmung aufzumuntern. Bemerkenswert 
ist in diesem Zusammenhang, dass sowohlim Griechischen und Lateinischen 
wie in den orientalischen Sprachen „pflugen" fur gewohnlich im Sinne 
von Koitieren gebraucht -wird (Kleinpaul, Ratsel d. Sprache S. 136) 

*) Messer, Hammer, Nagel etc. Der Hammer Thors, mit dem insbesondere der 
Ehebund geweiht wurde, ist von Cox (Myth, of the Aryan Nations 1870, vol. H 
p. 115), Meyer (Germ. Myth. 1891. S. 212) u. a. in seiner phallischen Bedeutung 
anerkannt und der entsprechende Donnerkeil Indras ist sein Phallos (Sehlesinger: 
Geseh. d. Symbols, 1912, S, 438). ttber den Nagel fiihrt Hugo Winckler aus : 
„Der Nagel ist das Werkzeug der Fruchtbarkeit, der penis; daher dessen Gestalt in den 
altbabylonischen , cones' noch zu erkennen ist, welche den eingeschlagenen clavis der 
Romer vertreten; vergl. arabisch na'al = koitieren (^Arabisch-Semitisch-Orientalisches 14 , 
Mitt. d. Vorderasiat. Ges. 1901, 4/5). Noch im heutigen Volksleben der Bayern, 
Schwaben und Schweizer soil der eiserne Nagel als Symbol des Phallus und der 
Fruchtbarkeit eine Rolle spielen (Arch. f. Kriminalanthrop., Bd. 20, p. 122). 



16 T>t. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

unci dass nach Winckelmann (Alte Denkmaler der Kunst) die Aus- 
driicke „ Garten", „Wiese ff , .Feld tt ini Griechischen scherzhaft den 
weiblichen Geschlechtsteil bezeichneten, der im Hohenlied Salomonis der 
s Weinberg" heisst. Das neurotische Gegenstuck zu dieser symboli- 
sierenden Vermenschlichung der Erde findet sich bei den Indianern 
Nordamerikas , deren Widerstand gegen die Pflugkultur sich nach 
Ehrenreich daraus erklart, dass sie sich scheuen, die Haut der Erden- 
mutter zu verletzen; hier ist die Identifizierung sozusagen zu gut ge- 
lungen. 

Andere Symbole von scheinbar individueller Bedeutung lassen ihre 
typische Form und Geltung aus entwicklungsgeschichtlichen Zusammen- 
hangen erkennen, wie beispielsweise die Symbolisierung des Vaters 
als Kaiser oder einer anderen machtigen Autoritatsperson. Auch hier 
zeigt die Kulturhistorie die urspriinglich reale Bedeutung der spater nur 
noch im Symbol fortlebenden Beziehung darin, dass der Vater in primi- 
tiven Verhaltnissen seiner „Familie tt gegenuber wirklich mit den hochsten 
Machtvollkommenheiten ausgestattet war und uber Leib und Leben der 
„Untertanen a verfugen konnte. Uber den Ursprung des Konigtums aus 
dem Patriarchat in der Familie aussert sich der Sprachforscher Max 
Muller in folgender Weise: B Als die Familie im Staate aufzugehen 
begann, da wurde der Konig inmitten seines Volkes das, was der Ge- 
mahl und Vater im Hause gewesen war: der Herr, der starke Schutzer *). 
Unter den mannigfachen Bezeichnungen fur Konig und Konigin im 
Sanskrit ist eine einfach: Vater und Mutter. Ganaka im Sanskrit be- 
deutet Vater yon GAN zeugen; es kommt auch als Name eines wohl- 
bekannten Konigs im Veda vor. Dies ist das altdeutsche chuning, 
englisch king. Mutter im Sanskrit ist gani oder gani, das griechisehe 
yvvrj, gotisch quino, slawisch zena, englisch queen. Konigin also be- 
deutet urspriinglich Mutter oder Herrin und wir sehen wiederum, wie 
die Sprache des Familienlebens allmahlich zur politischen Sprache des 
altesten arischen Staates erwuchs, wie die Briiderschaft der Familie die 
(pQOXQta des Staates wurde. u . — Auch heute noch ist diese Auffassung 
des koniglichen Herrschers und der gottlichen und geistlichen Ober- 
hoheit als Vater im Sprachgebrauch lebendig. Kleinere Staaten, in 
denen die Beziehungen des Fiirsten zu seinen Untertanen noch engere 
sind, nennen ihren Herrscher „Landes vater" ; selbst fur die Volker 
des machtigen Russenreiches ist ihr Kaiser das B Vaterchen", wie 
seinerzeit fiir das gewaltige Hunnenvolk ihr Attila (Diminutiv von got. 
atta = Vater). Das herrschende Oberhaupt der katholischen Kirche 



l ) Vater ist von einer Wurzel PA ahgeleitet, welche niekt zeugen. sondern 
beschutzen, unterhalten, ernahren bedeutet. Der Yater als Erzeuger hiess im 
Sanskrit ganitar (genitor). Max M tiller; Essays, II. Bd., Leipzig 1869, deutsche 
Ausg., S. 2). 



1. Das Unbewusste und seine Ausdruckst'onneti. 17 

wird als Vertreter Gott-Vaters auf Erden von den Glaubigen „heiliger 
Vater" genannt und fuhrt im Lateinischen den Namen g Papa a (Papst), 
mit dem auch unsere Kinder noch den Vater bezeichnen. 

Diese wenigen Beispiele mogen gemigen, nm das hohe Alter, den 
reichen Inbalt, den weiten und typischen Geltungsbereich, die kultur- 
geschichtliche wie individuelle Bedeutung der Symbolik zu kennzeichnen 
und auf das Fortleben der symbolbildenden Krafte im Seelenleben des 
beutigen Kulturmenschen hinzuweisen. 

Psychologisch betrachtet bleibt die Symbolbildung ein Regressiv- 
phanomen, ein Herabsinken auf eine bestimmte Stufe bildlichen Denkens, 
das sicli beim vollwertigen Kulturmenschen in deutlicbster Auspragung 
in jenen Ausnahmszustanden findet, in denen die bewusste Realanpassung 
entweder teilweise eingeschrankt ist ? wie in der religiosen und kiinst- 
lerischen Ekstase, oder ganzlich aufgehoben erscheint, wie im Traum 
und den Geistesstorungen. Dieser psychologischen Auffassung ent- 
spricht die kulturhistorisch nachweisbare urspriingliche Funktion der der 
Symbolisierung zugrunde liegenden Identifizierung als 
eines Mittels zur Realanpassung, das uberfliissig wird und zur blossen 
Bedeutung eines Symbols herabsinkt, sobald diese Anpassungsleistung 
gegliickt ist. So erscheint die Symbolik als der unbewusste Nieder- 
schlag iiberfliissig und unbrauclibar gewordener primitiver Anpassungs- 
mittel an die Realitat, gleichsam als eine Rumpelkammer der Kultur, 
in die der erwacbsene Mensch in Zustiinden herabgesetzter oder 
mangelnder Anpassungsfahigkeit gerne fliichtet, um seine alten, langst 
vergessenen Enderspielzeuge wieder hervorzuholen. Was spatere Gene- 
rationen nur noch als Symbol kennen und auffassen, das batte auf 
fruheren Stufen geistigen Lebens vollen realen Sinn und Wert. Im 
Laufe der Entwicklung verblasst die urspriingliche Bedeutung immer 
mehr oder wandelt sich sogar, wobei allerdings Sprache, Folklore, 
Witz u. a. oft Reste des ursprunglichen Zusammenhangs in mehr oder 
weniger deutlicher Bewusstheit bewahrt haben. 

Die weitaus umfassendste und bedeutsamste Gruppe primitiver, dem 
bewussten Denken ziemlich ferngeriickter Symbole bilden diejenigen, 
welche Erscheinungen und Vorgange der Aussenwelt urspriinglieh im 
Dienste der Anpassung sexualisierten, um in spateren Stadien die diesem 
ursprunglichen Sinn wieder entfremdeten Anthropomorphismen als 
„ Symbole* des Sexuellen zu verwenden. Ausser diesen scheint es noch 
andere Fornien und Mechanisrnen der Symbolbildung zu geben, welche 
umgekehrt den menschlichen Kfirper, seine organischen Vorgange und 
psychischen Zustande durch harmlose oder anschaulich leicht darstellbare 
Dinge der Aussenwelt symbolisieren. Hierher gehort die Kategorie der 
somatischen Symbole, am besten bekannt aus den Traumforschungen 
Schemers, welche Korperteile oder ihre Funktionen bUdlich dar- 

Gronzfragpn ties Xerven- und Seelenlehens. (Heft XCIII.) 2 



18 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedentung der Psychoanalyse etc. 

stellen (z. B. Zahnreihen als Hauserreihen, Urindrang als tlber- 
schwemnning etc.), und die Kategorie der (von H. Si lb e re r) sog. 
funktionalen Symbole, welche endopsyehisch wahrgenommene 
Zustande und Vorgange des eigenen Seelenlebens (das jeweilige Funktio- 
nieren der Psyche) plastisch darstellen (etvva die triibe Gemutsstimmung 
durch das Bild einer diisteren Landschaft, das Einarbeiten in schwierige 
Gedankengange durch das muhselige Aufsteigen auf einem sich immer mehr 
verengenden Pfad u. A.). Diese beiden Arten „introjizierender K Symbol- 
bildung, welche der erstgeschilderten aprojizierenden* der mater ialen 
Kategorie, die das psychisch Inhaltliche versinnbildlicht, scheinbar 
gegeniiberstehen , sollten vielleicht besser nicht als besondere Arten 
der Symbolbildung angesehen werden, sondern als bildliche Dar- 
stellungs arten korperlicher und psychischer Vorgange , die bei 
der eigentlichen Symbolbildung in gewissem Ausmafie regelmaJJig mit 
unterlaufen. So wird z. B. im phallischen Symbol der Schlange neben 
der Form, Fahigkeit sich aufzurichten, Glatte, Geschmeidigkeit des Phallus 
besonders dessen Gefahrlichkeit und Unheimlichkeit dargestellt, also 
nicht wesentliche Bestandteile desselben, sondern bestimmte psychische 
Einstellungen dazu (Angst, Abscheu), von denen andere auch tatsachlich 
zu anderen Symbolisierungen des mannlichen Gliedes fuhren (z. B. als 
Vogel etc.), wahrend in manchen wieder gewisse somatische Eigen- 
tumlichkeiten und Zustande (Stock = Erektion, Spritze = Ejakulation, 
leere Ballonhiille Schlaffheit) Darstellung finden. 

Zusammenfassend lassen sich fur das eigentliche Symbol im psycho- 
analytischen Sinne, wie wir es am besten aus der Sprache des Traumes 
kennen, aber auch in einer Reihe anderer seelischer Produktionen wieder- 
finden, folgende Charakteristika aufstellen: 

Die Stellvertretung fur Unbewusstes, die konstante 
Bedeutung, die Unabhangigkeit von individuellen Be- 
dingungen, die entwicklungsgeschichtliche Grundlage, 
die sprachlichen Beziehunge n r die phylogenetischen 
Parallelen (in Mythus, Kult, Religion etc.). Das Zutreffen dieser 
Bedingungen, unter denen wir von einem Symbol sprechen und von 
denen bald diese, bald jene einwandfrei nachweisbar sind, bietet uns 
zugleich die Moglichkeit, die aus dem individuellen Seelenleben erkannten 
Symbolbedeutungen zu verifizieren und eine auf diesem vagen und viel- 
deutigen Gebiet besonders schatzenswerte Sicherheit. Weitere Unter- 
stutzung bei der Symbolerforschung gewahrt das reiche im Folklore 
und Witz niedergelegte Material, das haufig genug auf anderen Ge- 
bieten nur unbewusst verwendete, besonders sexuelle Symbole so ver- 
wendet, als mtissten sie jedem gelaufig sein l ) t Eine sehr merkwurdige 

*) Die gewissen Formen des Witzes nahestehenden absz&ncn Riitsel sind 
in ihrer tlberwiegenden Menge nach Scluiltz (Ratsel aus dem helleniselien Kultur- 



I. Das Unbewusste und seine Ausdrucksformen. 19 

Bestatigung und teihveise Bereicherung erfahrt unsere Symbolkenntnis 
ferner durch das psychoanalytische Studium gewisser Geisteskranker, 
yon denen ein Typus, die sog. Schizo- oder Paraphreniker, die Eigen- 
tumlichkeit hat, uns die geheimen Symbolbedeutungen offen zu verraten. 
Endlich haben wir in allerjiingster Zeit sogar ein experimentelles 
Verfahren gewonnen, das die Yerifizierung bekannter und die 
Auffindung neuer, zunachst individueller Symbole in einwanclfreier 
Weise gestattet und jeden Zweifel an der Existenz einer sexuellen 
Traumsymbolik zerstreut 1 ). AIs solche gleichsam von der Natur an- 
gestellte Experimente durfen auch gewisse Traume betrachtet werden, 
in denen "ein korperliches Bedurfnis sexueller oder anderer JSTatur sich 
in bestimmten typischen Synibolen zu befriedigen sucht, ehe der Reiz 
zum Erwachen und damit zur Feststellung der Symbolbedeutungen 
fuhrt (Wecktraum). - AIs ein nicht zu unterschatzendes, wenn auch 
nur heuristisches Prinzip der Symbolforschung ist schliesslich der Erfolg 
derselben anzusehen, der uns gestattet, unverstandlichen Ausserungen 
des Seelenlebens einen guten Sinn und tiefe Bedeutung abzugewinnen, 
Was diese Art des wissenschaftlichen Beweises auf dem Gebiet der 
Symboldeutung betrifft, teilen wir voll und ganz die Auffassung des 
My then- und Sprachforschers Wilhelm Miiller, die er vor mehr als 
eineni halben Jahrhundert gegen seine Fachgenossen vertreten hat: 
„Wie wir die Bedeutung unbekannter Worte dadurch ermitteln, dass 
wir dieselbe zunachst aus dem Zusammenhange einer Stelle erraten und 
sie fur richtig halten, wenn sie an alien Stellen, wo das Wort wieder- 
kehrt, passt, so ist die Erklarung eines Symbols, abgesehen von anderen 
Stutzpunkten, dann fiir richtig zu halten, wenn dasselbe allenthalben, 
wo es erscheint, oder doch in einer grossen Anzahl von Fallen, dieselbe 
Erklarung zulasst und diese in den Zusammenhang des Mythus passt. fc 
Die Kenntnis des eigentlichen unbewussten Sinnes und das Ver- 
standnis ist weder bei alien Symbolen gleich, noch bleibt es im Laufe 



kreise 1912, II. Teil) fl ursprunglieh keine Riitsel, sondern symbolische, zum Teil 
sogar dialogisch gestaltete Schilderungen der rituellen Vorgange der Feuererzeugung 
und Rauschtrankgewinnung gewesen", die im Verein mit geschlechtlicher Zeugung „im 
Mittelpunkte altes arisches Ritual es standen." — „Wenn sie bei der betreffenden 
Handlung gesungen wurden, konnte iiber den Sinn solcher Verse kein Zuhorer im 
Zweifel sein. K „Erst spiiter, als mit der religiOsen Obung auch dieses Verstiindnis 
verblasste, wurden sie zu ,R&tseln ( und mussten sieh an verschiedene uberlieferte 
Losungen anpassen lassen." (S. 117 f,) 

!) Der Versuchsperson wird der hypnotische Auftrag erteilt, etwas Bestimmtes, 
etwa eine sexuelle Situation zu traumen. Sie traumt dieselbe aber nicht in direkter 
Darstellung. wie dies bei harmlosen Auftragen der Fall ist, sondern in symbolischer 
Verkleidung, die vollauf der im gewohnlichen Traumleben durch Psychoanalyse 
aufgedeckten entspricht. Vergl. Dr. Karl Schrottet: „ Experimented Traume 1 * 
(Zentralbl. f. Psa., II, 1912). 

2* 



20 Dr. 0. Hank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

der Entwicklung und des Bedeutungswandels desselben Symbols konstant. 
Audi ist innerhalb eines durch den ungefahr gleichen Bewusstseins- 
inhalt zusammengefassten Kulturkreises das Symbolverstandnis je nach 
den Oebieten der Anwendung, der Volksschicbte, in der es auftritt, 
und dem psycbischen Zustand des Auffassenden versehiedeh. Es zeigt 
sich, dass die Bedingungen des Symbolverstandnisses zu den Tendenzen 
der Symbolbildung in einer gegensatzlichen Korrelation stehen. Indem 
die symbolische Darstellung in den Dienst unbewusster Strebungen 
tritt, urn das anstossig Gewordene in verkleideter Form ins Bewusstsein 
zu schmuggeln, muss ibr eine gewisse Unbestimmtheit anhaften, die 
von der leicht zu durcbscliauenden Zweideutigkeit (in der Zote und im 
Witz) bis zur volligen IJn vers tan dlichkeit (in Traum und Neurose) ab- 
gestuft sein kann. Zwischen diesen beiden extremen Einstellungs- 
moglicbkeiten des Bewusstseins zum Symbol und seinem Verstandnis 
liegt eine Reihe sozusagen vollwertiger Symbolisierungen , wie sie 
Religion, Mythus und Kunst aufweisen, die einerseits eine verstandes- 
mafiige Darstellung und Auffassung ermoglichen, anderseits aber doch 
nicht des tiefen unbewussten Sinnes entbehren. 

Damit sind wir bei der zweiten der oben aufgeworfenen Fragen 
angelangt, namlich bei welchen psychiscben Produkten unbewusste oder 
Yom Unbewussten her gelenkte Vorgange sich mittels der geschilderten 
Mechanismen besonders deutlich geltend machen. 

Wir haben schon einiger Bildungen Erwahnung getan, welche 
eine Storung der normalen Geistestatigkeit bedeuten und ihre enge Be- 
ziehung zum Unbewussten nicht verleugnen konnen. Es sind dies jene 
Falle, wo der unbefriedigende Ausgang des Konflikts zwischen Un- 
bewusstem und Verdrangung, unterstiitzt von anderen Umstanden, eine 
Erkrankung verschuldet; solche Krankheiten infolge misslungener oder 
wieder nickgangig gemachter Verdrangung zahlen wir zu den Psychosen, 
wenn sie dauernd das normale Verhaltnis zur Realitat aufheben; 
Psychoneurosen nennen wir sie, wenn trotz der teilweisen Ruck- 
kehr zur infantilen Einstellung die wesentlichen Zuge der kulturellen 
Personlichkeit intakt geblieben sind. Ein verwandter Fall ist die 
Hypnose und Suggestion, denen auch Normale und Gesunde unterliegen. 
Ein zeitweiliger Verlust der Realitiitsfunktion tritt im Schlafe ein 
und die an ihn gekniipffce Seelentatigkeit, die als Traum vor das Be- 
wusstsein tritt, wird hauptsiichlich vom Unbewussten beherrscht, Schliess- 
lich gehoren in diese Reihe die Fehlhandlung en, wie Versprechen, 
Verschreiben, Namen-Vergessen, Vergreifen und dergleichen, die deut- 
lich auf die Einwirkung einer der bewussten Einstellung entgegen- 
wirkenden psycbischen Instanz hinweisen. 

Alle diese Phanomene haben das Gemeinsame, dass sie die Be- 
ziehungen zu den Mitmenschen abzureissen und zu schwachen suchen. 



L Das Unbewusste und seine Ausdrucksformen. 21 

Der isolierende und den Menschen aus Beruf und Familie heraushebende 
Charakter der Neurosen und Psychosen ist allgemein bekannt. In der 
Hypnose wird der Hypnotisierte dem Einfluss eines einzigen Menschen 
unterstellt, so dass er von alien ubrigen abgeschnitten erscheint, Im 
Schlafe ist diese Abschneidung in der denkbar vollstandigsten Weise, 
ohne Ausnahme fiir irgend eine Person, durchgefiihrt. Die Fehlhand- 
lungen des Vergessens und ahnliche haben meist das Resultat, dass sie 
die .Mitteilungsfahigkeit, wenn auch in geringfiigiger Weise, beein- 
trachtigen, andere, wie z. B. das Vergreifen, fuhren oft dazu, die Um- 
gebung zu schadigen. 

Es ware begreiflich, wenn das Unbewusste, das ja im wesentlichen 
aus der vorsozialen Zeit des Menschen stamrat, sich auch vornehmlich 
in asozialen oder antisozialen Phanomenen, wie es die bisher aufgezahlten 
sind, ausserte. Tatsachlich ist aber das Unbewusste im Seelenleben 
von solcher Bedeutung, dass ein erheblicher kultureller Fortschritt sich 
gegen sein Widerstreben kaum hatte durchsetzen lassen. Es war im 
Gegenteil notwendig, die ausserordentlich intensiven Triebkrafte aus 
dieser Quelle zur Teilnahme an der sozialen und kulturellen Arbeit zu 
gewinnen, da ohne die von ihnen gelieferten Energiemengen kein Erfolg 
erzielbar gewesen ware. 

Die nutzlichen, zur Verlangerung des Lebens und Erhohung der 
Lebenshaltung dienenden Tatigkeiten waren meist unbequem und 
muhselig. Liess es sich aber so einrichten, dass dabei die verdrangten 
Wiinsche eine, wenn auch nur symbolische, Befriedigung fanden, dann 
wurden diese wichtigen Handlungen lustvoll und damit war fiir ihre 
Auslibung ein wesentlicher Anreiz gegeben. Zu solcher Lustgewinnung 
in symbolischer Betatigung, bei der die Phantasie das Beste tun musste, 
eignen sich unter den versagten Wiinschen die sexuellen am besten, 
da sich bei ihnen das Ziel von der Realitat auf die halluzinatorische 
Befriedigung eher verschieben lasst als bei den „Ichtrieben ff , deren reale 
Befriedigung fur die Erhaltung des Individuums notwendig ist und die, 
wie z. B. der Hunger, keine andere Form derselben dulden konnen. 

Wir haben gesehen, dass das Unbewusste derjenige Teil des Seelen- 
lebens ist, der auf unmittelbare Lustgewinnung eingestellt, sich der 
Realitatsanpassung nicht fugen will. Soweit also die menschliche 
Geistestatigkeit sich ausschliesslich der Realitat und ihrer Beherrsehung 
zuwenden musste, konnte mit dem Unbewussten nichts angefangen 
werden. Aber auf alien jenen Gebieten, wo dem Geiste eine Abwendung 
von der Wirklichkeit gestattet war, wo die Phantasie ihre Fliigel regen 
durfte, war ihm sein Anwendungsgebiet gesichert. Wenn wir deshalb 
auf alteren Kulturstufen Tatigkeiten, die fiir uns mit der Phantasie 
nichts mehr zu tun haben, wie z. B. den Ackerbau oder die Rechtsprechung, 
mit symbolisch-phantastischen Handlungen durchsetzt finden, so erklart 



22 Dr. (», Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

sich dies daraus, dass in primitiveren Verhaltnissen die Anspruche des 
Unbewussten noch starker ausgepragt waren als bei uns. 

Andere Kulturprodukte, bei denen die Phantasietatigkeit eine 
wesentliche Rolle spielte, haben ihren Charakter rein zu bewahren gewusst 
oder sogar die ihnen ehemals zukommende Realitatsfunktion aufgegeben ; 
in diese Gruppe gehoren Religion und Kunst, mit alien ihren Vorlaufern 
und Nebenerscheinungen. 

Vor uns stent also eine doppelte Reihe: auf der einen Seite die 
asozialen, auf das Individuum beschrankten und berechneten Ausserungs- 
formen des Unbewussten, vor allem Traurn und Neurose, die uns hier 
nicht weiter beschaftigen, auf der anderen die fiir Entstehung und Ent- 
wicklung des Kulturlebens bedeutsamsten Phiinomene, Mythos und 
Religion, Kunst und Philosophie, Ethik und Recht. Der psychologische 
Anteil, den die diesen Gebilden zugewandten Geisteswissenschaften not- 
wendig haben miissen, kann daher niemals vollig befriedigend ausfallen, 
wenn er nicht die Psychologie des Unbewussten miteinschliesst. 



II. 
Mythen- und Marchenforschung. 

Die Berechtigung, Methodik und Ergebnisse der Psychoanalyse 
fur das Verstandnis der Entstehung, Wandlung und Bedeutung mythischer 
tJberlieferungen fruchtbar zu machen, lasst sich durch den Hinweis be- 
griinden, dass mit derartigen Untersuchungen die Grenzen der eigentlich 
psycho anal ytisch en Domane nicht im mindesten uberschritten werden. 
Abgesehen davon, dass der Mythus seit jeher als deutungsbediirftig gait, 
ist wohl kaum zu verkennen, dass wir es in den mythischen und 
marchenhaften Erzahlungen der Natur- wie der Kulturvolker, gleich- 
giltig welchen Sinn und Inhalt sie haben mogen, mit reinen Phantasie- 
produkten zu tun haben, und diese Feststellung bietet uns die Ge- 
wahr fur den berechtigten und notwendigen Anteil psychologischer 
Betrachtung an der Mythenforschung. Gerade in der Durchleuchtung 
des menschlichen Phantasielebens und seiner Produktionen hat die 
Psychoanalyse ihre Hauptleistung vollbracht: namlich in der Auf- 
deckung der machtigen unbewussten Triebkrafte, die zur 
Phantasiebild ung drangen, in der Klarlegung der psychischen 
Mechanism en, die an ihrer Entstehung beteiligt sind, und im Ver- 
standnis der vorwiegend syinbolischen Ausdrucksformen, die 
dabei zur Verwendung gelangen. 

Die erste Anregung fiir psychoanalytische Bemiihungen urn das 
Verstandnis der Mythenbildung und Mythenbedeutuug giug von der 
Einsicht in die Entstehung und den Sinn der Traume aus, die wir 
Freud yerdanken. Aller dings ist man nicht erst durch die Psychoanalyse 
auf die Beziehungen zwischen Traum und Mythus aufmerksarn geworden; 
die ausserordentliche Bedeutung des Traumlebens fiir Dichtung und 
Mythus war, wie P. Ehrenreich 1 ) betont, zu alien Zeiten anerkannt. 
Nicht nur sollen bei vielen Volkern, nach ihrer eigenen Angabe, Traume 
die einzige Quelle der Mythenbildung sein, auch namhafte Mythologen 

*) „Die allgemeineMythologieundilireetlinologisc]ienGrundlagen ,( . Leipzig 1910, 
S. 149 (Mythol. Bibl. IV, 1). 



24 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sacl^: Die Bodeutung der Psycho analyse etc. 

wie Laistner, Mannhardt, Roscher und neuestens auch Wundt 
baben die Bedeutung des Traumlebens, naraentlich des Angsttraumes, 
fiir das Verstandnis einzelner Mythen- oder wenigstens Motiv-Gruppen 
eingehend gewurdigt. Und wenn diese Anschauungsweise auch in 
jungster Zeit durch die in den Vordergrund geriickte nNaturdeutung" 
einigermaften in Misskredit geraten ist, so bleibt sie darnm doch in 
den Augen einsichtiger Forscher, wie beispielsweise Ehrenreichs, 
als wertTolle Erkenntnis unbestritten. Man begreift aber die scbroffe 
Gegenuberstellung der rein innerlichen, psych ologischen Betrachtungs- 
weise, die vom Traurnleben ausgeht, und der Auffassung, welche aus- 
schliesslicli die reale Umwelt (Naturvorgange) zur Grundlage nimmt, 
wenn man den engen Gelfcungsbereich einer Erklarungsweise ermisst, 
welche so ziemlich auf den Typus des Angsttraums beschriinkt blieb und 
auch hiebei an dem unverstandenen Traumerlebnis und -Inhalt haftete. 

War aber die Parallelisierung von Traum und Mythus und damit 
dessen psychologische Betrachtungsweise einmal in ihrer prinzipiellen 
Berechtigung anerkannt, so musste notwendig einem tieferen Verstandnis 
des Traumlebens auch ein Fortschritt auf dem Gebiet der Mythen- 
forschung entsprechen. Den ersten,- zugleich wichtigsten und in viel- 
facher Hinsicht denkwiirdigen Schritt in dieser Richtung erblicken wir 
in Freuds Deutung der antiken Odipus-Mythe, die er auf Grund 
typischer Traume mannlicher Individuen vom Tode des Vaters und dem 
geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter als allgemein menschlichen 
Ausdruck dieser primitiven, in der Vorzeit aktuell gewesenen, seither 
aber intensiv verdrangten Wunschregungen aufklaren konnte. Die Be- 
deutsamkeit dieser Entdeckung verdient naher gewurdigt und vor Miss- 
verstandnissen bewahrt zu werden; eine Auseinandersetzung dariiber 
vermag uns ein Stuck weit in die Methodik der psychoanalytischen 
Mythendeutung einzufiihren. 

Wie man sieht, fiihrt dieser Fortschritt weit iiber die vorherige 
bloss ausserliche Parallelisierung hinaus zu den gemeinsamen unbewussten 
Quellen, aus denen nicht nur die Traumproduktion in gleicher Weise 
wie die Mythenbildung, sondern alle Phantasieprodukte uberhaupt ge- 
speist werden. Die Psychoanalyse hat also nicht nur eine bestimnite 
Deutung vorzuschlagen, sondern sie begriindet zugleich damit die Not- 
wendigkeit der Mythendeutung tiberhaupt aus dem Anteil, den das 
Unbewusste an der Mythenbildung hat. Ferner setzt sie an Stelle der 
flachenhaften Vergleichung eine genetische Betrachtungsweise, welche 
gestattet, die Mythen als die entstellten tjberreste von Wunsch- 
phantasien ganzer Nationen, sozusagen als die Sakulartraume der 
jungen Menschheit aufzufassen. Wie der Traum in individueller Hin- 
sicht so reprasentiert der Mythus im phylogenetischen Sinne ein Stuck 
des untergegangenen Kinderseelenlebens und es ist die glanzendste 



II. My then- und MSrchenforschung. 25 

Bestatigung der psychoanalytischen Betrachtungsweise, dass sie die aus 
der Individualpsychologie gesehopfte Erfahrung des unbewussten Seelen- 
lebens in den mythischen Uberlieferungen der Vorzeit vollinhaltlich 
wiederfindet. Insbesondere der tragende Konflikt des kindlichen Seelen- 
lebens, das ambivalente Verhaltnis zu den Eltern und zur Familie mit 
all seinen vielseitigen Beziehungen (sexuelle Wissbegierde etc.), hat sich 
als Hauptmotiv der Mythenbildung und als wesentlicher Inhalt der 
mythischen Uberlieferungen erwiesen. Ja es liesse sich zeigen, dass die 
Entwicklung der mythischen Vorstellungen in ihrem weiteren Umfang 
geradezu die kulturelle Einordnung des einzelnen in die Familie und 
dieser in die Stammesgemeinschaft widerspiegelt. 

Es empfieblt die Freudsche Deutung der Odipussage ganz be- 
sonders, dass sie nichts in das Material hineintragt und zu seinem 
Verstandnis keiner Hilfsannahmen bedarf, sondern dass sie direkt in 
den gegebenen Elementen den Sinn der Mythe nachweist. Die einzige 
Voraussetzung ist das Stuck unerschrockenen Forschermutes — wie es 
Iibrigens Odipus selbst reprasentiert l ) — , das den an der Einsicht 
in das Traumleben geschulten Psychoanalytiker in den Stand setzt, an 
die psychische Realitat des Erzahlten zu glauben. Wir haben 
damit den wichtigsten Grundsatz der psychoanalytischen Mythenauf- 
fassung festgestellt 2 ), wenngleich wir uns daniber klar sind, dass die 
unverhiillte Naivitat der griechischen Odipusfabel, die seine Anwendung 
ohne weiteres zulasst, nur einen besonders deutlichen Ausnahmefall 
darstellt; tibrigens weichen auch die zu ihrem Yerstandnis herangezogenen 
Traumbilder in ihrer Durchsichtigkeit vom regularen Typus der Trauni- 
bildung auffallig genug ab. Es ist hier nicht n6tig, die von Freud 
erorterten Grtinde hierfiir zu wiederholen; fur uns steht fest, dass die 
Mehrzahl der My then, wie auch die Mehrzahl unserer nachtlichen 
Traume, erst nach einer mehr oder weniger komplizierten Deutungs- 
arbeit ihren tieferen Sinn verraten. 

Auch dieser Gesichtspunkt ist, wie die Parallelisierung mit dem 
Traum, keineswegs erst durch die Psychoanalyse nahegelegt worden 
Die Anschauung, dass die Mythen ausser ihrem manifesten Sinn — der 
iibrigens nicht immer ohne weiteres verstandlich ist — noch eine 

x ) Man vergl. in Schopenhauers Schreiben an Goethe (v. 11. Nov. 1815) 
die Stelle: „Der Muth keine Frage auf dem Herzen zu behalten ist es der den 
Philosophen maclit. Dieser muss dem Odipus des Sophokles gleichen, der Auf- 
klarung iiber sein eignes schreckliches Schicksal suchend, rastlos weiter forscht, 
selbst wenn er schon ahndet, dass sich aus den Antworten das Entsetzlichste fur 
ihn ergeben wird. Aber da tragen die meisten die Jokaste in sich, welche den 
Odipus urn aller Gutter willen bittet, nicht weiter zu forschen : und sie geben ihr 
nach tf (Ferenczi, Jmago" L S. 276 ff.). 

2) Es ist dies zugleich ein Fundamentalsatz der psychoanalytischen Be- 
trachtungswebc uberhaupt. 



^6 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

andere, geheime Bedeutung haben miissten. dass sie also erst zu deuten 
seien, ist uralt; vielleicht so alt wie die Mythen selbst, die schon bei 
iltrem Auftreten, ahnlich wie die Traume, ein befremdendes Unverstandnis 
erweckt haben mochten, sodass man sich entschloss, dem von ihnen 
Erzahlten objektive Realitat zuzusprechen, also an sie zu glauben. Es 
ist nun nach verschiedenen psychoanalytischen Erfahrungen sehr wahr- 
scheinlich, wenn auch nicht unbedingt beweisbar, dass der Prozess, (len 
man auf einer friihen Stufe reicher Entfaltung als Mythenbildung 
bezeichnet und der sich spater in kultische, religiose, kiinstlerische, 
philosophische Bestrebungen sondert, seinen Anfang nahm zu einer 
Zeit, wo der Mensch den naiven Glauben an die psychische Realitat 
seiner Wtinsche und Begierden sich nicht mehr offen einzugestehen 
wagte, zu einem Zeitpunkt also, den wir in der individuellen Ent- 
wicklung als den Beginn der Verdrangungsperiode kennen. 

Mit dieser Einsicht ist ein zweites wichtiges Prinzip psychoanalytischer 
Mythenforschung gegeben. Ist der Mythus, wie wir es vom Traum und 
anderen psychischen Leistungen wissen, ein Produkt niaehtiger nach 
Ausdruck ringender seelischer Strebungen und gleichzeitig auch der 
Gegenregungen, die sie an der vollstandigen Durchsetzung hindern, so 
muss sich in seinem Inhalt die Wirkung dieser Tendenz aussern, und 
eine psychologische Deutung wird in der Riickgangigmachung dieser 
Entstellungen ihre Aufgabe zu sehen haben. Allerdings muss ihr dabei 
immer Ziel und Absicht ihrer Forschung bewusst bleiben: durch Auf- 
zeigung der ursprunglich an der Mythenbildung beteiligten unbewussten 
Triebkrafte den geheimen psych ologischen Sinn des Mythus zu ergriinden, 
womit keineswegs auch die alteste Form der mythischen Erzahlung oder 
die urspriingliche bewusste Bedeutung derselben rekonstruiert ist, deren 
flerstellung die Mythologie als ihre Aufgabe betrachtet. Wenngleich 
nun nicht zu leugnen ist, dass in manchen Fallen die urspriinglichere 
Uberlieferung dem unbewussten Sinn naher steht, da mit dem Fort- 
schreiten der Verdrangung immer weiter gehende Entstellungen verbunden 
sind, so darf doch nicht an das Prinzip von der allmahliehen Wieder- 
'kehrdes ursprunglich Verdrangten vergessen werden, das uns gestattet, 
oft noch in hochkomplizierten und spaten Gestaltungen, wie beispielsweise 
in den Marchen, weniger verhiillte Stucke des unbewussten Sinnes zu ent- 
decken. So weit wird auch die Psychoanalyse der vergleichenden Mythen- 
und Marchenforschung nicht entraten konnen; allerdings nicht zu dem 
Endzweck die urspriingliche Gestaltung des Mythus zu eruieren, vielmehr 
in der Absicht den unbewussten Sinn zu erschliessen, der vermutlich 
auch in der urspriinglichsten Form nicht voll kenntlich gewesen sein 
wird. Denn das Bedurfhis nach Gestaltung und Erzahlung von Mythen 
kann erst mit dem Verzicht auf gewisse reale Lustquellen und der 
Notigung zu ihrem kompensatorischen Ersatz in der Phantasiebefriedigung 



II. My then- und Miirclienforschung. 27 

eingesetzt haben. Dieser reale Verzicht scheint das phylogenetische 
Gegenstuck unserer psycliischen Verdriingung zu sein und n5tigt die 
Wunschphantasie zu ahnlichen, wenn auch nocli nicht so raffinierten 
Entsteliungen wie diese. Natiirlich besteht auch bei der psychologischen 
Reduktion der entstellten mythischen Uberlieferung auf die unbewussten 
Triebkriifte der zuerst aufgezeigte Grundsatz zu Recht, denn es wird 
hier die gleiche Anerkennung der erschlossenen Deutung als einer 
psycliischen Realitat erfordert, die bei den der Odipus-Sage nahestehenden 
Formen bloss den oflenkundigen Inhalt als eigentlichen Sinn zu sanktionieren 
hatte. Die Psychoanalyse rekonstruiert also die ehemals 
bewusst geduldete, dann verbotene und nur inGestaltdes 
Myth us wieder entstellt zum Bewusstsein zugelassene 
Wunschdurchsetzung, deren Aufgeben den Anstoss zur 
Mythenbildung hot. Sie ist sich dabei klar, letzten Grundes nichts 
anderes zu treiben als Psychologie, Analyse des Phantasielebens, das sich 
ebensowohl in anderen Formen manifestiert. Aber die dem Mythus 
eigentUmliche, vielleicht fiir ihn charakteristische Beziehung psychischer 
Inhalte und Vorgiinge auf Naturphanomene gehort selbst zum Teil schon 
vormythischen Perioden der „aniniistischen Weltanschauung" an, deren 
Berucksichtigung this wieder nur zu einem psychologischen Ausgangs- 
punkt der Mythenbildung und Mythenforschung zuruckfuhrt, Mag es 
die Mythologie heutigen Tages immerhin als ihre Aufgabe betrachten, 
die zunachst in rein menschlicher Einkleidung iiberlieferten mythischen 
Erzahlungen (und der „Mythos" ist nichts anderes als „Erzahlung") auf 
die Darstellung von Naturvorgiingen ^zuriickzufuhren", wie man etwa 
das prachtig sinnliche Hohelied Salomonis als Gespriich zwischen Ghristus 
und der Kirche „gedeutet a hat, Aufgabe des Psychologen wird gerade 
das Umgekehrte bleiben: die nienschlich eingekleidetenPhantasieprodukte, 
auch dort wo sie direkt auf andere Vorgiinge ubertragen scheinen, aus 
ihren psychologischen Quellen abzuleiten und zu verstehen. Dies geschieht 
vermoge Kenntnis der Verdrangungs- und Ersatzbildungsvorgange und 
der dabei verwendeten psycliischen Mechanism en, wie sie uns aus dem 
psychoanalytischen Studium des menschlichen Phantasielebens bekannt 
geworden sind. 

Entschliesst man sich in der angedeuteten Weise, diese dynamischen 
Faktoren als wesentlich fiir die Mythenbildung zu beriicksichtigen, 
so versteht man nicht nur das fruhzeitig au.ftretende Bedxirfnis nach 
einer Deutung des entstellten und unverstandlichen mythischen Produkts, 
sondern auch die Wege, auf denen man diese zunachst suchen musste. 
Wird der Mythus konstituiert als Ersetzung abgeleugneter psychischer 
Realitaten und ihre rechtfertigende Projektion auf ubermenschliche Gotter 
und Heroen, denen das dem Menschen anstossig Gewordene noch erlaubt 
sein darf, so wird das Deutungsbedurfnis, das quasi noch zum Mythus 



28 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

dazugehort, notwendiger Weise diese Abwehr zu unterstiitzen und zu 
verstarken suchen. Die Deutung wird sich also nicht den zugrunde 
liegenden psychischen Realitaten, sondern im Gegenteil den Phanomenen 
der Aussenwelt zuwenden, die eine Beziehung auf das nur teilweise 
verstandene und vom Bewusstsein abgelehnte Phantasieprodukt gestatten. 
Dass sich besonders uberragende Helden und aussergewohnlicheMenschen 
dazu eignen, die der allgemeinen Verdrangung unterliegenden Regungen 
gewisserrnafien kollektivisch auf sich zu nehmen und als iibermenschliche 
Heroentaten durcbzusetzen, ist ja naheliegend und wird durch die Trager 
der mythischen Erzahlungen sowie die ihnen zugesehriebenen Taten 
hinlanglich bewiesen. Minder einleuchtend scheint die Beziehung mensch- 
lich gefasster Mythen und Marchen zu den Naturvorgangen und Hirnmels- 
korpern, wie sie die naturmythologische Deutungsweise behauptet. 
Doch braucht man sich als psychologische Berechtigung fur diese 
Auffassung nur gegenwartig zu halten, dass der phantasiebegabte Mensch 
der Vorzeit auch den unbeseelten Naturerscheinungen, denen er mit 
bewunderndem Unverstandnis gegenuberstand, je nach ihrer Eignung 
gewisse eigene Affekte beilegte und sie so mit seinem psychischen Leben 
verwob. Der Naturvorgang an sich wurde ihm allerdings nicht zum Motiv, 
sondern bot ihm nur Material fur die Phantasiebildung, ahnlich wie der 
Trimmer aussere Reize oft geschickt in sein Traumbild verwebt Man 
darf die Bedeutung der Naturphanomene fur die Mythenbildung vielleicht 
ahnlich einschatzen wie die Psychoanalyse das aktuelle Tagesmaterial fiir 
die aus unbewussten Motiven erfolgende Traumbildung wertet. Es ist 
wahrscheinlich, dass dem mythenbildenden Menschen die Projektion der 
versagten Befriedigungen auf vergotthchte Heroen und vermenschlichte 
Gotter nicht geniigte, sondern dass er auch in anthropomorpher Weise 
die den gottlichen Willen reprasentierenden Naturvorgange in die Mythen- 
bildung einbezog. Der Umstand, dass die fertigen Mythen diesen Anteil 
bis zu einem gewissen verschieden deutlichen Grade erkennen lassen, 
scheint dafur zu sprechen, dass schon bei ihrer Gestaltung die ver- 
menschlichte Auffassung der Naturvorgange mitbestimmend war. An- 
scheinend in der Weise, dass die bereits friiher im Dienste der Selbst- 
erhaltung (Furcht) und auf dem Wege der Selbstdarstellung (Projektion 
des Ich auf die Umwelt) personifizierten Phanomene zur Zeit, da der 
Mensch nach ausseren Darstellungsobjekten fiir s£me verdrangtenRegungen 
suchte, als ein Material zur Mythenbildung verwendet wurden, wahrend 
die Triebkraft fur beide Prozesse aus dem unbewussten Affektleben 
stamrnt. Dieser Auffassung entspricht die Tatsache, dass die in ihrer 
Berechtigung - - namentlich fur die festen mythischen Kalenderzahlen — 
nicht zu bestreitende naturmythologische Deutung immer nur rein 
deskriptiv zu zeigen vermag, welche Naturvorgange bestimmten mythischen 
Motiven entsprechen konnen, aber nicht zum dynamischen Verstandnis 



IT. Mythen- und Marchenforschung. 29 

der psychischen Prozesse leitet, die zur anthropomorphischen Apperzeption 
ausserer Vorgange iiberhaupt und weiterhin zu ihrer Ausgestaltung in 
Form menschlicher Erzahlungen fiihren. Wenn dem gegenliber extreme 
Vertreter der Naturdeutungsmethode in starrer Weise daran festhalten, 
dass mit der Aufzeigung atmospharischer, lunarer, astraler und iihnlicher 
Elemente des Mythus, die mitunter nur auf dem Wege gekiinstelter und 
allegorischer Spielereien herausgelesen werden konnen, dessen „Deutung" 
voll gegeben sei, so erwacht jenseits dieser Feststellungen fur den 
Psychologen ein erneutes Interesse. Er gewinnt den Eindruck, als 
befanden sich die Forscher, welche sich einer ausschliesslich natur- 
mythologischen Deutungsweise — gleichviel in welchem Sinne — be- 
dienen, bei ihrem Beiniihen, den Sinn der mythischen Erzahlungen zu 
ergriinden, in einer den primitiven Mythenschopfern ahnlichen Ein- 
stellung, indem sie sich bestrebten, gewisse anstossige Motive durch 
Beziehung auf die KTatur, durch Projektion in die Aussenwelt ihrer 
Anstossigkeit zu entkleiden und so die der Mythenbildung zugrunde 
liegende psychische Realitat durch Unterlegung einer objektiven Realitat 
zu verleugnen. Diese Abwehrtendenz ist wahrscheinlich eines der Haupt- 
motive fur die mythische Projektion anstossiger Gedanken auf kosmische 
Vorgange gewesen und ihre Reaktivierungsmoglichkeit im Dienste der 
Mythenerklarung wird von den Begriindern der naturmythologischen 
Deutungsweise ganz naiv als besondererVorteil ihres Verfahrens geschatzt. 
So gesteht Max Muller 1 ), dass „ durch dieses Verfahren nicht bloss 
bedeutungslose Sagen eine eigene Bedeutung und Schonheit erhielten, 
sondern dass man dadurch einige der emporendstenZuge der 
klassischen Mythologie beseitige und ihren wahren Sinn aus- 
findig mache. 8 - Diesem naiven Eingestandnis gegenliber erinnert man 
sich gerne der scharfen Worte des Arnobius, der allerdings als 
Anhanger des Fruhchristentunis ein personliches Interesse daran hatte, die 
heidnischen Gotter so roh als moglich erscheinen zu lassen, und der 
darum die allegorisierenden Mythendeutungen seiner Zeitgenossen fetwa 
300 n. Chr.) mit folgenden Worten zuriickweist: „Inwiefern seid ihr 
denn wohl sicher, dass ihr in der Erklarung und Auslegung denselben 
Sinn wahrnehmt und darlegt, den jene Historiker selbst in ihren ver- 
borgenen Gedanken batten, den sie aber nicht mit dem eigentlichen 
Ausdrucke, sondern in anderen Worten dargestellt haben? Es kann 
doch ein zweiter eine andere scharfsinnigere . und wahrscheinlichere 
Auslegung ersinnen .... Da dem so ist, wie konnt ihr etwas Gewisses 
von vieldeutigen Dingen herleiten und eine bestimmte Erklarung dem 
Worte geben, das ihr durch zahllose Arten der Auslegung durchgefuhrt 
iindet? . , . . wie wollt ihr denn wissen, welcher Teil der Erzahlung 

i) Essays (Bd. II. d. deutsch. TJbersetzung, Leipzig 1869, S. 143). Ahnlich 
Cox: Mythology of the Aryan Nations, vol. I. 



30 Dr. 0. Rank 11. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

in gewohnlicher Darstellung abgefasst, was dagegen in ihr durch zvvei- 
deutige und fremdartige Ausdriicke verhiillt ist. wo die Sache selbst 
kein Merkrnal enthalt, welches die Unterscheidung an die Hand gibt? 
Entweder muss alles in allegorischer Weise abgefasst sein, und von uns 

so erklart werden oder nichts Vordem war es ublich, 

allegorisclien Reden den elirbarsten Sinn zu geben, schmutzige und 
hasslich lautende Dinge mit dem Schmuck anstandiger 
Benennung zu verhiillen: jetzt sollen sittsame Dinge 
zotig und garstig eingebiillt werden!" - Diese Tor yielen 
Jahrhunderten niedergeschriebenen Worte gelten unverandert gewissen 
Ausschreitungen modemer Naturmythologen, die — wie beispielsweise 
Si e eke das mythisehe Motiv der Kastration als Darstellung der 

Mondabnahme, das des Inzests als erne bestimmte Konstellation des 
Mondes zur Sonne erklaren. Der Psychoanalytiker, der die tlber-* 
determinierung aller seelischen Erscheinungen kennt, ist sich von vorn- 
herein klar iiber den Anteil, den eine Reihe bewusster Faktoren des 
Seelenlebens an der Mythenbildung notwendigerweise haben muss, und 
leugnet durchaus nicbt die Bedeutung naiver Naturauffassung fur die 
Gestaltung # der Mythen. Wie wenig die Berucksichtigung der un- 
bewussten Triebkrafte eine Beachtung der Naturelemente ausschliesst, 
zeigt am besten die Tatsache, dass die rnodernen Mythologen, die sicb 
der vergleiclienden Forschung bedienen, in den wesentlichen Punkten 
der Mythenauffassung mit den Ergebnissen der psychoanalytischen 
Forschung iibereinstimmen. So gesteht Gold zi her 1 ), wenngleich in 
naturmythologisch befangener Naivitat, dass „Elternmorde oder Kindes- 
totungen, Brudermorde und Geschwisterkampfe, geschlechtliche Liebe 
und Vereinigung zwischen Kindern und Eltern, zwischen dem Bruder 
und der Schwester die Hauptmotive des Mythos ausmachen"; und 
Stucken, Jeremias u. a, bezeiehnen direktlnzest undKastration 
als „ Motiv der Urzeit", das sich allenthalben in der Mythologie finde. 
Wahrend aber die Psychoanalyse diese Regungen, deren Bedeutung sie aus 
dem infantilen xlktualleben wie aus dem unbewussten Seelenleben des 
Erwachsenen wiirdigen gelernt hat, als psychische Realitat anzuerkennen 
vermag, bleibt die Naturdeutung bei der ablehnenden Projektion dieser 
Regungen an den Himmel stehen. Dem gegen iiber haben einsichtige 
Forscher die sekundare Rolle der Naturbedeutung 2 ) betont, und ein 

x ) „Der Mythos bei den Hebraern". Leipzig 1876, S, 107. 

*) In diesem Sinne sagt Stucken (Mose S. 432): „Der von den Vorfahren 
tiberkommene Mythus wurde auf Naturvorgange Ubertragen und naturalistisch ge- 
deutet, nicbt umgekehrt." — „Die Naturdeutung selbst ist ein Motiv 11 (S. 633 Anrnkg.). 
Abnlich aussert sich Meyer (Gescli. d. Altert, V. Bd., S. 48): „In zahlreichen 
Fallen ist die in den Mythen geauchte Natursymbolik nur scbeinbar vorbanden oder 
sekundar in sie hineingetragen, wie sehr vielfach in den vedischen und in den 
agyptischen Mytben, sie ist ein primitiver Deutungsversuch so gut wie die bei den 
Griecben seit dem 5. Jahrbundert aufkominenden Mythendeutungen\ 



IT. Mytken- und Marclienforschung. 31 

psychologiscli orientierter Mythologe wie Wundt lehnt den von manchen 
Mythologen festgehaltenen Standpunkt eines himrnlischen Ursprungs der 
Mythen als eine psychologisch unvollzielibare Vorstellung ab x ), indem er 
den Helden als Projektion menschlicher Wiinsehe und Hoffnnngen auffasst. 
Aufgabe der psychoanalytischen Mythenforschung ist es, den 
durch Beziehung auf Naturvorgange und anderweitige Entstellungen 
unkenntlich gewordenen unbewussten Sinn der deni Mythus zugrunde 
liegenden Phantasien aufzudecken. Das geschieht vermoge unserer Einsicht 
in den Inhalt und die Mechanismen des unbewussten Seelenlebens, das 
wir am Traum besonders deutlich studieren, aber audi in andern 
Ausserungen (wie Religion, Kunstwerk, Witz etc.) nachweisen konnen. 
Wir treten damit ausdriicklieh dem Missverstandnis entgegen, welches 
uns die Auffassung der alteren ,Traumtheorie" zuschreibt, die gewisse 
mythische Motive direkt aus dem Traumerlebnis hervorgehen liess. Wir 
baben vielmehr Traum und Mythus als parallele Produktionen der 
gleichen seelischen Krafte erkannt, welche auch andere SclxSpfungen 
der Phantasie hervorbringen. Gleichzeitig sei betont, dass Traum und 
Mythus fiir uns keineswegs identisch sind. Schon der Umstand, dass 
der Traum von vorneherein nicht fiir das Verstandnis bestimmt ist, 
wahrend der Mythus zur Allgemeinheit spricht, schliesst eine derartige 
Identifizierung aus. Aber gerade die Bedingung der Verstandlichkeit 
legt es nahe, den Unterschied zwischen dem poetischen Aufbau eines 
Marchens und der anscheinenden Absurditat eines Traumbildes aus dem 
besonders intensiven Anteil jener seelischen Krafte zu verstehen, denen 
Freud die „sekundare Bearbeitung" des Trauminhalts durch die bewusste 
psychische Instanz zuschreibt. Damit riicken die Mythen, ohne sich allzu 
sehr vom innern Aufbau des Traumes zu entfernen, in die Nahe besser 
bekannter psychischer Bildungen, die gleichsam - wie schon ihr Name 
andeutet — eine Mittelstellung zwischen dem Traum und jener Bewusst- 
seinsinstanz einnehmen: namlich in die Nahe der Tagtraume. Die 
ehrgeizigen und erotischen Phantasien der Knaben- und Pubertiitsjahre 
kehren in der Mythenbildung als Inhalt einer Reihe gleichlautender, 
vielfach voneinander unabhangiger Erzahlungen wieder. So ist uns 
beispielsweise die Mythe von der Aussetzung des neugeborenen Helden 
im KSrbchen und Wasser, seine Errettung und Pflege durch arme Leute 
und sein endlicher Sieg uber die Verfolger (meist den Vater) als ehrgeizige, 
von erotischen Wiinschen unterfutterte Phantasie der Knabenzeit bekannt, 
die dann im „Familieuroman u der Neurotiker wiederkehrt und sich in 
mancher Beziehung mit den pathologischen Verfolgungs- und Grossen- 
ideen gewisser Geisteskranker deckt. Wenn wir dabei die Aussetzung 
in Korbchen und Wasser auf Grund unserer Symbolkenntnis als Dar- 
stellung der Geburt deuten konnen, so gibt uns das dadurch ermoglichte 



*) s Yolkerpsychologie". II. Bd. 3. Teib 1939, S. 232. 



32 Br. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: DieBedeutung der Psychoanalyse etc. 

Verstandnis der Sage zugleich den Schliissel zur ErofFnung ihrer gelieimen 
Triebkraft und Tendenz in die Hand. Dabei zeigt sich, dass die 
Symbolisierung im allgemeinen dazu dient, die unter dem Drnck 
der Verdrangung stehenden Wunschregungen in verhullter Darstellung 
durchzusetzen, die dem Bewusstsein nicbt mehr anstossig sein kann und 
doch den atis dem Unbewussten zur Ausserung drangenden Aflfekten 
eine fast gleichwertige Ersatzbefriedigung gewahrt. Dies ist iibrigens 
die allgemeinste Formulierung, unter die sich die Mechanismen der 
unbewussten Phantasiebildung, also auch die der Mythenschopfung ein- 
ordnen lassen. Sie dienen, allgemein gesprochen, der Fesfchaltung und 
entstellten Durchsetzung des psychisch Lustvollen, das zum Yerzicht 
bestimmt ist, anderseits der wunschgemafi eingekleideten Anerkennung, 
d. h. eigentlich der Ableugnung des Unlustvollen, Peinlichen, das dem 
Menschen von der Realitat aufgezwungen wird. Der Erfolg dieser 
beiden Bestrebungen, die ja Grundtendenzen der Psyche reprasentieren, 
lasst sich unter den Gesichtspunkt der Wun seller fullung zusammen- 
fassen, die sich zur Kompensation der versagten Befriedigung oder zur 
[Jmgehung eines aufgenotigten Verzichts in immer neuen raffinierteren 
Verkleidungen dieser Mechanismen bedient, die wir im einzelnen kurz 
darstellen wollen, 

Der auch aus dem Trauraleben bekannte Mechanismus der 
Spaltung einer Personlichkeit in mehrere, ihre Eigenschaften repriisen- 
tierende Gestalten kehrt z. B. in der Form des Heldenmythus wieder, 
wo der aufruhrerische Sohn die dem Vater ge]tenden feindseligen 
Regungen etwa an einem Tyrannen befriedigt, der die gehasste Seite 
der j,Vaterimago" reprasentiert, wahrend den kulturellen Anforderungen 
der Pietat durch gesonderte Anerkennung einer geliebten, verehrten, ja 
sogar verteidigten oder gerachten Vaterimago Rechnung getragen wird. 
Dieser Spaltung der mythischen Gestalten entsprechen offenbar im Helden 
selbst, von dessen Standpunkt der Mythus gebildet scheint, ahnliche 
^ambivalente* Einstellungen den betreffenden Personen gegeniiber, so 
dass sich in letzter psychologischer Auflosung dieser Mechanismus auf 
eine, wie wir sagen konnten, „paranoide a Auseinanderlegung des 
im Psychischen Verbundenen und seine Pro jekti on auf die mythischen 
Gestalten reduziert. Eine ganze Reihe komplizierter und mat einem 
reichlichen Personenaufgebot ausgestatteter Mythen lasst sich so auf 
das Familiendreieck von Eltern und Kind zuruckfiihren und in letzter 
Linie als eine in rechtfertigender Weise verhiillte Darstellung der ego- 
zentrischen kindlichen Einstellung selbst erkennen. 

Von der Spaltung, die ein, wie es scheint, unmittelbar im Wesen 
der myth enbilden den Phantasietatigkeit begriindetes Darstellungsmittel 
ist, empfiehlt es sich, den ahnlichen Mechanismus der Doublettierung 
ganzer mythischer Gestalten (nicht bloss einzelner von ihnen abgespaltener 



II. My then- und Marchenforsehung. 33 

Regungen) zu unterscheiden, der einzelnen moderneu Mythologen 
(Winckler, Stucken, Hiising u. a.) bereits bekannt ist und sich 
durch die ganze Mythen- und Marchengeschichte verfolgen lasst. Auch 
hier gewahrt uns erst die psychoanalytische Vertiefung in das Sagen- 
gefuge Einblick in die Tendenz dieses Mechanismus als eines Mittels 
zur Wunschdurchsetzung und Triebbefriedigung, die auch in der Realitat 
niemals am urspriinglichen Wunschobjekt stattfinden kann, sondern erst 
nach entsprechenden Ersetzungen im Sinne einer Reihenbildung. Wie 
nianche Traume in einer Reihe aufeinanderfolgender Situationen immer 
das gleiche Wunscbmotiv in verschiedener Einkleidung und Entstellung 
moglichst adaquat zu erfullen suchen, so wiederholt auch der Mythus 
* ein- und dieselbe psychische Konstellation solange, bis sie gewissermafien 
in alien ihren Wunschtendenzen erschopft ist. Der Fall der Doublet- 
tierung liegt beispielsweise vor in einer Reihe von Uberlieferungen, 
welche den verponten Tnzest mit Mutter, Tochter oder Schwester durch 
Doublettierung des mannlichen oder weiblichen Partners annehmbar zu 
machen wissen. Beispiele fur Doublettierung des mannlichen Partners 
bieten die zahlreichen Marchen und Sagen, in denen ein Konig 
zunachst im vollen Bewusstsein seiner Sunde die eigene Tochter heiraten 
will, die sich ihm aber durch die Fluent entzieht und nach mannig- 
fachen Abenteuern einen Konig beiratet, in dem man leicht eine Doublette 
tff*k- AeS urs P r ™# licl:i abgewiesenen Vaters wiedererkennt. Ein klassisches 
aXm8 Beispiel von Doublettierung des weiblichen Partners zum Zwecke der 
Ahmh Inzestdurchsetzung stellt die Lohengrinsage dar, in deren erstem Teil 
der Sohn die geliebte Mutter aus der Gewalt des grausamen Vaters er- 
rettet, die anschliessende Heirat mit der Geretteten aber erst in einem 
zweiten Teil vollzogen wird, nachdem die ganze Rettungsepisode sich 
nochmals mit einer fremden Dame, einer Mutterdoublette, abgespielt hat. 

Diese und viele ahnliche Beispiele zeigen, dass die Doublettierung, 
manchmal auch Vervielfaltigung einzelner mythischer Figuren in der 
Regel mit der Yerdoppelung oder Vervielfachung ganzer Sagen-Episoden 
einhergeht, die man erst wieder zur Deckung, man mochte sagen zur 
Verdi chtung zu bringen hat, die ihnen im unbewussten Phantasieleben 
ursprUnglich zukam. Mit der Spaltung, Doublettierung, symbolischen 
Einkleidung und Projektion dieser psychischen Elemente ist also der 
anstossige, etwa inzestuose Inhalt der Erzahlung im Sinne der. Ver- 
drangungstendenz vervvischt, zugleich aber wird in der verhiillten Form 
die urspriingliche Befriedigungstendenz festgehalten. 

Bei diesen im Laufe des Verdrangungsfortschritts immer mehr 
komplizierten Prozessen tritt auch eine allmahliche Verse hi ebung 
des atfektiven Akzents vom ursprUnglich Bedeutsamen auf Nebensach- 
liches, bis zur volligen Umkehrung des Affekts oder Vor- 
stellungsinhalts, wie wir sie von der Traumbildung kennen, ein. 

Orenzfragcu ries Xerven- uml Seplenlnbens. (Heft XCIH.) g 



34 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedentung der Psychoanalyse etc. 

Dies ist eine notwendige Folge der an den Verdrangungsfortschritt 
gekniipften Unverstandlichkeit der Mythen, denen doch immer noch 
irgend eine bewusste, wenn aucb missverstandliche, Bedeutung unter- 
gelegt werden musste. 

Die angefuhrten psychischen Entstellungsmotive und -Mechanismen 
geben dem Mytbologen wie dem Forscher, der sich auf mythologisches 
Material zu stiitzen gewohnt ist, beherzigenswerte Winke, dass beiVer- 
wertung dieses Materials nocb mehr Vorsicht geboten ist, als die ver- 
gleichende Mytbenforscbung bereits mit Recbt fordert, und dass noch 
andere, einflussreichere und scbwerer zu durcbscbauende Faktoren Beruck- 
sichtigung Yerlangen, als die historiscbe Grundlage und die ausseren 
Schicksale der mythischen Uberlieferung. Wie der gewissenhafte Forscber 
heute kein mythiscbes Gut mebr verwertet, ohne den Gesichtspunkten 
der vergleichenden Forschung Recbnung zu tragen, so wird es zu einer 
Forderung der wissenschaftlichen Sicberheit geboren, keinen Mythus, 
der nicbt aucb psychologisch als gedeutet gelten kann, zum Zwecke 
einer einwandfreien Beweisfubrung zu verwenden. 

Die Mytben sind aber nicbt nur durcb Auflosung der Yerbullenden 
Synibolik und der Gegensatzdarstellung, durcb Aufbebung der Spaltung 
und Doublettierung, durcb Zuriickftibrung der Auseinanderlegung und 
Projektion auf die egozentriscbe und dem Bewusstsein anstossige 
Einstellung des Unbevvussten psychologiscb zu verstehen. Es ist 
dabei nocb ein anderer Faktor zu berucksichtigen, der — abgesehen 
von der besprocbenen Auseinanderzerrung der Mytben in der Langen- 
und Breiten dimension — aucb eine Scbichtung in der Tiefendimension 
bewirkt, die dem Mythus in nocb viel boberem Grade als beispielsweise 
dem Traum zu eigen ist. Der Mytbus ist ja kein individuelles Produkt wie 
der Traum, aber aucb kein sozusagen feststehendes wie das Kunstwerk. 
Vielmebr ist die Mytbenbildung stets im Fluss, niemals vollendet, und 
wird von den aufeinanderfolgenden Generationen ihren religiosen, 
kulturellen, ethiscben Anspruehen, das heisst aber psycbologisch ge- 
sprochen dem jeweiligen Verdrangungsstadium, angepasst. Diese Gene- 
rationsschicbtung liisst sicb in weitgebendem Mafie nocb in ge- 
wissen formalen Eigentiimlichkeiten der Mythenbildung erkennen, indem 
besonders anstossige Greuel, die ursprunglich dem Tr'ager der mythischen 
Begebenheiten allein zugescbrieben waren, allmahlich in verscbieden 
abgescbwachter Form innerbalb derselben Erzablung auf seine Vor- 
und Nachfahren verteilt oder in gesonderten Versionen des Mythus 
dargestellt werden. 

Als Urheber, Fortpflanzer und Ausschmucker der sogenannten 
Volksproduktionen mussen wir uns begabte Einzelindividuen denken, 
an denen sicb der Verdrangungsfortschritt besonders deutlich und wobl 
aucb fruber manifestiert. Die Erzahlung gebt dabei im Laufe ihrer Aus- 



II. Mythen- und M&rchenforscliung. 35 

gestaltung anscheinend durch eine Reihe ahnlich eingestellter Individual- 
psychen hindurch, von denen jede in der gleichen Richtung an der 
Hervorhebung der allgemein menschlichen Motive und der Abschleifung 
manches storenden Beiwerks oft generationenlang arbeitet. Auf diesem 
Wege kann es in langen Zeitraumen und unter geanderten Kultur- 
bedingungen moglich werden, dass spate und in ihrer ganzen Anlage 
der Kulturhohe angepasste Fassungen doch in einzelnen Punkten dem 
unbewussten Sinn der Erzahlung naherkommen. Wie anderseits die 
ursprunglich mit realer Glaubwiirdigkeit ausgestatteten religiosen Mythen 
in aufgeklarten Zeitaltern den AnsprucH auf ernste Beachtung allmahlich 
einbiissen und schliesslich ganz verlieren, zeigt ja die Geschichte der 
griechischen, vedischen und eddischen Uberlieferungen deutlich genug. 
Mit der realen Entwertung des Mythus muss aber, da seine psychische 
Realitat auf hoherer Kulturstufe noch weniger anerkannt werden kann, 
auch eine psychologische Entwertung einhergeben: er wird aus dem 
Gebiet der sozial wertvollen Funktion in das Reich der Fabel verwiesen, 
und da sich, wie bereits angedeutet wurde, auch der Anteil des un- 
bewussten Phantasielebens allmahlich wieder deutlicher durchsetzt, so 
kann der Mythus, der sich ebensowenig aus der Welt schaffen lasst 
wie die mythenbildenden Faktoren aus dem Seelenleben, auf einer 
gewissen Kulturstufe als March en wiedererscheinen und wird von hQrcheut flyiU 
besonders entwickelten Kulturvolkern mit herablassender tJberlegenheit in 
die Kinderstube verwiesen, wohin es ja auch in einem tieferen Sinne, als 
ein Ruckschlagsprodukt, gehoi't und wo es eigentlich nur noch richtig 
verstanden werden kann. Es verhalt sich damit ahnlich wie mit den 
primitiven Waffen, z. B. Bogen und Pfeilen, die, vom Kulturmenschen 
durch zweckentsprecbendere ersetzt, in der Kinderstube als Spielzeug $\jtf^)W* 
fortleben. Ebensowenig wie diese Waffen ist aber das Marchen, wie 
die wissenschaftliche Forschung langst fest gestellt hat, fur Kinder 
geschaffen, denen es iibrigens bei einer Reihe von Volkern bis zum 
heutigen Tage vorenthalten wird ; es dtirfte vielmehr eine „herabge$unkene a 
Form des Mythus darstellen, wie die vergleichende Foi'schung vermuten 
lasst. Psychologisch betrachtet ist es die letzte Form, in der das mythische 
Produkt dem Bewusstsein des erwachsenen Kulturmenschen noch ertraglich 
ist. Dem phantasiebegabten und von primitiven Affekten erftillten Kinde 
tritt aber auch das Marchen als objektive Realitat entgegen, weil es 
der Zeit noch nahesteht, in der & an die psychische Realitat seiner 
ahnlichen eigenen Regungen glauben musste. Die Erwachsenen dagegen 
wissen schon, dass es „nur ein Marchen" ist, das heisst, ein Phantasie- 
produkt. Fiihrt uns so das Marchen selbst zu einem psychologischen 
Ausgangspunkt der Mythenforschung zuriick, so verrat es uns zugleich 
den menschlichen Ausgangspunkt der Mythenbildung, indem es die G5tter 
und Heroen auf irdisches Mafi reduziert und ihre vermenschlichten 



36 Dr. <*• Kank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Schicksale im Rahmen der Familie sich abspielen lasst, Mit dieser 
vollen Ausgestaltung der bereits dem Mythus zu Grunde liegenden rein 
menschlichen Ziige hat das Marchen der psychologischen Auffassung 
und Deutung selbst vorgearbeitet und wird daher bei der Analyse des 
Mythus als wertvolles Hilfsmittel willkommen sein, welches nicht nur 
das mythische Material erganzt. sondern oft eine Bestatigung der daraus 
gezogenen Schlttsse gestattet. Der einfache Mythus liefert das Material 
in noch relativ rohem Zustand, weil er es auf libermenschliche Verhiilt- 
nisse beziehen kann; das komplizierte Marchen reduziert es aufmensch- 
liche Dimensionen, aber in vielfach verhiillter, zum Teil ethisch ge- 
milderter Weise. Beide Formen erganzend zusammengehalten ergeben 
ein voiles Verstandnis im. Sinne der psychoanalytischen Auffassung, die 
das fur unser Empfinden anstossige Motiv als allgemein menschliche 
Regung beim Primitiven und im unbewussten Seelenleben des erwachsenen 
Kulturmenschen aufzeigt und in seiner psychischen Realitat anerkennt. 



i S Byiic/ez- Urn die Anwendung der methodisch dargelegten Grundsatze zu 

irchea erlautern, greifen wir als Beispiel eine weitverbreitete Gruppe von Uber- 

lieferungen heraus, innerhalb der sich die Resultate der psychoanaly- 
tischen Deutungsarbeit durch die Ergebnisse der vergleichenden Marchen- 
forschung vom mythologischen Standpunkt erharten lassen, Es handelt 
sich urn den Roman der zweiBruder, der bei verschiedenen Vslkern 
alter und neuer Zeit in mannigfacher Gestaltung erscheint und aus 
dessen hochkomplizierter Fassung im Grimm'schen Marchen (Nr. 60) 
wir den Kern der Erzahlung herausschalen wollen, urn ihn auf die 
zugrunde liegenden psychologischen Triebwurzeln zuriiekzufuhren. Dabei 
werden sich uns durch Vergleichung mit minder entstellten oder anders 
eingekleideten Fassungen der Geschichte unmittelbare Einblicke in die 
dargelegten Mechanismen der Mythenbildung eroffnen. 

Das Grimm'sche Marchen lautet in gekiirzter Fassung: Von zwei 
Briidern, einem reichen bosen und einem armen redlichen, hat dieser 
zwei Kinder, „das waren Zwillingsbruder und sich so ahnlich wie 
ein Tropfen Wass'er dem andern". Ihr Vater hat einst das Gliick, auf 
einen Goldvogel zu stossen, dessen Federn und Eier der reiche Bruder 
gut bezahlt und durch den Genuss von dessen Herz und Leber er die 
Eigenschaft des M Goldlegens K erlangen wilL Die kostbaren Bissen 
werden aber nichtsahnend Von den beiden hungrigen Zwillingsbriidern 
verspeist, von denen nun jeder morgens ein Goldstuek unter dem Kopf- 
kissen Jfindet. Auf Anstiften des neidischen Oheims werden darum die 
Knaben von ihrem Vater im Walde ausgesetzt. 



II. Mythen- und Mftrchenforschung. 37 

Dort findet sie ein Jager, der sie aufzieht, sie im Waidvverk unter- 
richtet und, als sie herangewachsen sind, reichlich ausgestattet in die 
Welt schiekt. Er begleitet sie ein Stuck Weges, gibt ihnen beim 
Abschied noch ein blankes Messer und spriclit: „Wann ihr euch 
einmal trennt, so stosst dies Messer am Scheideweg in einen Baum, 
daran kann einer, wenn er zuriickkommt, sehen wie es seinem abwesenden 
Bruder ergangen ist, denn die Seite, nach welcher dieser ausgezogen 
ist, rostet, wann er stirbt; so lange er aber lebt. bleibt sie blank." -- 
Die Bruder kominen in einen grossen Wald, wo sie, vom Hunger zur 
Jagd genotigt, sich durch Schonung des mitleidheischenden Wildes einige 
Paare hilfreicher Tiere erwerben, — Schliesslich mussen sie sich 
aber trennen, „versprachen sich briiderliche Liebe bis in den Tod und 
stiessen das Messer, das ihnen ihr Pflegevater mitgegeben, in einen Baum; 
worauf der eine nach Osten, der andere nach Westen zog. u 

„Der jungste l ) aber kam mit seinen Tieren in eine Stadt, die war 
ganz mit schwarzem Flor iiberzogen." Als Grund erfahrt er von einem 
Wirt, dass alljahrlich einera vor der Stadt hausenden Drachen eine reine 
Jungfrau geopfert werden miisse und es sei niemand mehr xibrig als die 
Konigstochter, die am nachsten Tage dern schmahlichen Schicksal ent- 
. gegengehe. Viele Bitter hatten schon versucht, dem Drachen beizu- 
kommen, aber alle hatten ihr Leben eingebusst und der Konig habe 
dem, der den Drachen besiege, seine Tochter zur Frau und das Reich 
als Erbe versprochen. Am andern Morgen besteigt der Jungling den 
Drachenberg, findet dort in einer Kapelle den kraftigen Trank, der ihn 
befahigt, das an der Schwelle vergrabene machtige Schwert zu schwingen, 
und erwartet so die Ankunft des*Untiers. Da kommt die Jungfrau mit 
grossem Gefolge. „Sie sah von weitem den Jager oben auf dem Drachen- 
berg und meinte der Drache stande da und erwartete sie, und wollte 
nicht hinaufgehen." Endlich aber muss sie den schweren Gang an- 
treten. Der Konig und die Hofleute kehren heim und nur der 
Marschall soil von Feme alles mit ansehen. Der Jager empftingt sie 
freundlich, trostet sie, verspricht sie zu retten und verschliesst sie in der 
Kirche. Bald darauf kommt der siebenkopfige Drache daher gefahren 
und stellt den Jager zur Rede. . Es entspinnt sich ein Kampf, in dem 
der , Jungling dem feuerspeienden Ungeheuer mit zwei Hieben sechs 
Kopfe abschlagt (Hydren-Motiv). „Das Untier ward matt und sank 
nieder, und wollte doch wieder auf den Jager los, aber er schlug ihm 
mit der letzten Kraft den Schweif ab, und weil er nicht mehr kampfen 
konnte, rief er seine Tiere herbei, die zerrissen es in Stiicke. Als der 
Kampf zu Ende war, schloss der Jager die Kirche auf, und fand die 
Konigstochter auf der Erde liegen, weil ihr die Sinne vor Angst und 



*) Wortlich, trotzdem es sieh urn Zwillingsbriider handelt. 



38 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc 

Schrecken wahrend des Streites vergangen waren. B (T o d e s s c h 1 a f). Als 
sie zu sich kam, sagte er ihr. dass sie nun erlost ware. Sie freute sich 
und sprach: „Nun wirst du mein liebster Gremahl werden." Ihr Korallen- 
halsband verteilte sie zur Belohnung unter die Tiere, „ihr Taschentuch 
aber, in dem ihr Name stand, schenkte sie dem Jager, der ging hin 
und schnitt aus den sieben Drachenkopfen die Zungen- aus, wickelte sie 
in das Tuch und verwahrte sie wohl." 

Der vom Kampf ermattete Bitter legte sich nun mit der Jungfrau 
zur Ruhe; aber auch die Tiere schliefen bald alle ein, nachdem eines 
dem anderen den Wachedienst iibertragen hatte. Als der Marschall, 
nachdem er eine zeitlang gewartet hatte, nachsehen kam und alle in 
tiefem Schlaf fand, hieb er dem Jager das Haupt ab, trug die Jungfrau 
auf seinen Armen den Berg hinab und zwang ihr das Versprechen ab, 
ihn als den Drachentoter auszugeben. Sie bedang sich aber yon ihrem 
Vater die Gunst aus, dass erst tiber Jahr und Tag die Hochzeit gefeiert 
werde; „denn sie dachte in der Zeit etwas yon ihrem lieben Jager zu 
horen." Auf dem Drachenberg waren inzwischen die Tiere erwacht, 
sahen, dass die Jungfrau fort und ihr Herr tot war, und schoben ein- 
ander die Scliuld zu, die endlich am Hasen haften blieb. Dieser entzog 
sich der Strafe, indem er binnen 24 Stunden eine Wurzel herbeischaffte, 
die den Herrn wieder lebendig machte. Doch wurde ihm in der Eile 
der Kopf verkehrt aufgesetzt, „er aber merkte es nicht bei seinen 
traurigen Gedanken an die Konigstochter ; erst zu Mittag, als er etwas 
essen wollte, da sah er, dass ihm der Kopf nach dem Riicken zu stand, 
konnte es nicht begreifen und fragte die Tiere, was ihm im Schlafe wider- 
fahren ware?" — Sie miissen nun alles gestehen, der Kopf wird wieder 
richtig aufgesetzt, und der Jager zieht mit seinen Tieren traurig in die 
Welt. 

Nach Ablauf eines Jahres kommt er in dieselbe Stadt, die aber 
diesmal, zur Hochzeitsfeier der Konigstochter, mit rotem Scharlach aus- 
gehangt war. Der Jager lasst der Braut durch seine Tiere Botschaft 
sagen, woriiber verwundert der Konig deren Besitzer selbst holen lasst. 
Er tritt gerade ein, als die sieben Drachenkopfe zur Schau gestellt 
werden, und bringt den angeblichen Drachentoter mit der Frage nach 
den fehlenden Zungen in Verlegenheit; auf dessen Ausfliichte erweist 
er sich selbst durch Vorweisung dieser Siegestrophaen sowie des Taschen- 
tuchs und des Korallenhalsbands als Anwarter auf die Hand der 
Prinzessin. Der ungetreue Marschall wird gevierteilt, die Konigstochter 
aber dem Jager zur Frau gegeben und dieser zum Statthalter des Beiches 
ernannt. „Der junge Konig liess seinen Vater und Pflegevater holen 
und iiberhaufte sie mit Schatzen. Den Wirt vergass er auch nicht." 1 ) 

! ) Auffalliger Weise aber den Bruder g^nzlich. 



II. Myth en- und Mftrchenforsclmng. 39 

Der junge Konig lebt mit seiner Gemahlin vergniigt und zieht oft 
in Begleitung seiner Tiere auf die Jagd. Einst jagt er in einem nahen 
Zauberwald einer weissen Hirschkuh nach, verliert seine Begleitung, 
schliesslich auch das Wild und den Weg und muss im Walde iiber- 
nachten. Es naht ihm eine Hexe, die unter dem Vorwand, sich vor 
seinen Tieren zu fiirchten, ihm eine Rute zuwirft, durch deren Beriihrung 
die Tiere und dann auch der Konig selbst in Stein verwandelt werden 
(Todesschlaf). 

Zu dieser Zeit kommt zufallig der andere Bruder, der bis dahin rait 
seinen Tieren ohne Dienst umhergezogen war, in das Konigreich, sieht 
nach dem Messer im Baumstamm und erkennt daran, dass seinem 
Bruder ein grosses Ungluck widerfahren, er aber doch noch zu retten sei. 
In der Stadt wird er wegen der grossen Ahnlichkeit fur den vermissten 
Konig gehalten und von der besorgten Konigin freudig als der ver- 
misste Gemahl empfangen. Er spielt die Rolle in der Hoffnung, den 
Bruder dadurch am ehesten retten zu konnen ; nur abends, als er in das 
konigliche Bett gebracht wird, legt er ein zweischneidiges Schwert 
zwischen sich und die junge Konigin, die sich nicht getraut, nach der 
Bedeutung dieser ungewohnten Zermonie zu fragen (Enthaltungs- 
motiv). 

Nach einigen Tagen macht er sich in den Zauberwald auf, es 
begegnet ihm alles wie dem Bruder, nur weiss er der Alten richtig zu 
begegnen und zwingt sie, den Bruder samt seinen Tieren wieder zu 
beleben (Wiederbelebung). Die Zwillingsbriider verbrennen hierauf die 
Hexe, umarmen einander freudig und erzahlen ihre Schicksale. Als aber 
der eine erfahi't, dass der Bruder an der Seite der Konigin geschlafen 
habe, schlagt er ihm in einer eifersuchtigen Regung den Kopf ab, 
bedauert aber sogleich, seinen Retter so belohnt zu haben. Wieder 
bringt der Hase die Lebenswurzel, mit deven Hilfe der Tote belebt und 
die Wunde geheilt wird. 

Hierauf trennen sich die Bruder neuerdings, beschliessen aber zur 
selben Zeit von verschiedenen Seiten in die Stadt einzuziehen. Der 
alte Konig fragt seine Tochter nach dem richtigen Gemahl, aber sie 
vermag ihn zunachst nicht zu erkennen; erst das Korallenhalsband, das 
sie seinen Tieren gegeben hatte, bringt sie auf die richtige Spur. 
Abends, als der junge Konig zu Bett geht, fragt ihn seine Frau, 
warum er in den vorigen Nachten immer ein zweischneidiges Schwert ins 
Bett gelegt habe. „Da erkannte er wie treu sein Bruder gewesen war." 

Wird an den naiven Horer die Frage nach dem Sinn dieses 
Marchens gestellt, so wird er ohne viel Bedenken die Darstellung der 
edeln, aufopferungsvollen Bruderliebe als Tendenz der Erzahlung erkennen. 
Es kann ihm aber nicht entgehen. dass dieser Hauptinhalt mit einer 



40 Dr. 0. Rank u, Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Reihe von Abenteuern verkniipft ist, die in mehr oder weniger losem 
Zusamrnenhang damit stehen, dass ferner die simple Moral der Geschichte 
mit einem unverhaltnismateig komplizierten Apparat in Szene gesetzt 
ist und dass endlich die ziemlich dick aufgetragene moralische Schichte 
selbst an mehr als einer Stelle Ton einer ethischen Skrupellosigkeit 
durchbrochen wird, wie sie auch sonst das Marchen als urzeitlich-infantiles 
Produkt charakterisiert. Mag man nun auch einige dieser Eigentiim- 
lichkeiten, wie die Ausschmuckung mit wunderlichen Ziigen, die mehr- 
malige Wiederholung einzelner Details, die Verquickung verschiedener 
Motive u. a. als bedeutungsloses Ergebnis jener tagtraumerischen Lust 
zum Fabulieren ansehen wollen, die an der Weiterbildung der Marchen- 
stoffe gewiss Anteil hat, so bleibt doch immer eine Reihe typischer 
Grundmotive, die nachweislich aus mythischer Zeit stammen, wo die 
Erzahlung oft genug einen ganz anderen Sinn und eine uns befremd- 
iche Tendenz hatte. Das Marchen ist in seiner heutigen Gestalt nichts 
Urspriingliches, aber auch nichts Einheitliches, weshalb es auch niemals 
in seiner Ganze gedeutet, gleichsam Satz fur Satz auf den unbewussten 
Sinn zuriickgefuhrt werden kann; es ist vielmehr notwendiger * Weise 
so geworden, wie es uns vorliegt, und die Riickverfolgung seines Ent- 
wicklungsganges wird uns am ehesten auch Aufschluss iiber seine 
eigentliche Bedeutung und den Grund des Bedeutungswandels liefern, dem 
es im Laufe der Zeiten untervvorfen war. Wegen dieser vielfachen 
Kompliziertheit der uns uberlieferten mythischen Gebilde konnen wir 
immer nur eine Deutung nach einzelnen Motiven unternehmen 
und miissen daher das vorliegende Produkt, ahnlich wie einen zur 
Deutung bestimmten Traum, in einzelne, zunachst selbstandig zu be- 
handelnde Elemente zerlegen, zu denen uns die vergleichende Forschung 
quasi die Einfalle liefert, welche die mythenbildende Gesamtheit zu den 
einzelnen Themen im Laufe ihre Ausgestaltung beigesteuert hat. 

An dem vorliegenden Marchen unterscheidet man leicht eine in 
den Mittelpunkt geruckte Erzahlung: die Befreiung und Heirat einer 
zum Opfer fur ein Ungetiim bestimmten Jungfrau durch einen kuhnen 
Jungling (Rettungsmotiv) von einer Vorgeschichte und einem mit ihr 
in Zusammenhang stehenden Abschluss, welche beiden Rahmenteile das 
eigentliche Brudermotiv enthalten. 

Die Vorgeschichte der beiden vonihrem Vater ausgesetzten Zwillings- 
bruder (Aussetzungsmoti v) hat selbst wieder eine Einleitung in einem 
Bericht von zwei durchaus verschiedenen Brudern d^r vorigen Generation, 
in denen man zunachst die einer ausschmiickenden Tendenz zuliebe ein- 
gefuhrten Doublettierungen der eigentlichen Zwillingshelden sehen darf. 
Tiefere Analyse erkennt aber in ihnen, nach dem bekannten Schema 
des Mythus von der Geburt des Helden, Abspaltungen der Vaterimago, 
von denen der „bose Vater" fur die Aussetzung verantwortlich gemacht 



11. Mythcn- und Marchen forschung. 41 

wird, wahrend der „gute Vater" sie, wenn aucb ungern, zulasst 1 ) und 
im Verlauf der Erzahlung als hilfreicher Jager wieder erscheint, der 
die Knaben liebevoll aufzieht, sie aber dann gleichfalls in die Welt 
hinausschickt (Aussetzungsmotiv). Der Eingang des Marchens wiirde 
also in direkter und unverliiillter Darstellung besagen, dass ein Vater 
seine Kinder, nachdem er sie liebevoll aufgezogen und fur die Welt 
vorbereitet hatte, im erwacbsenen Alter aus dem Vaterhause stosst 2 ). 

Mit dieser aktuellen Aussetzung -) der Sohne in die rauhe Wirk- 
lichkeit des Lebens beginnt die eigentliche Vorgeschichte des Helden- 
abenteuers : namlich die notwendige Trennung der Briider (Trennungs- 
motiv) und das gegenseitige Treuegeliibde am Zeichen des blanken 
Messers, welche Motive erst spater in ihrer Bedeutung klar werden 
konnen. 

Es folgt nun eine besondere Ausgestaltung des ganz selbstandigen 
Motivs vom Drachenkampf und der Befreiung einer Jungfrau, 
das wir als typisehen Bestandteil in den Mythologien verschiedener 
Volker kennen.- Wir diirfen daher die Bettungsepisode zunachst ohne 
Rucksicht auf das Brlidermotiv betrachten — um so eher, als der Bruder 
darin gar nicbt vorkommt — , um uns daran iiber einige Eigentumlich- 
keiten der Marchenbildung Kechenschaft zu geben. Liest man die aus- 
fiihrliche Schilderung des jungfraulichen Opfers im Marchen mit einer 



*) Mit dem zur Begrundung der Aussetzung ans einem f rem den Zusammen- 
hang eingefuhrten Motiv des ^Goldlegens" liaben wir uns hier nicht welter zu 
beschaftigen. In einem gewissen naheliegenden Sinne reprasentiert der geldspendende 
Vogel auoh den Vater und die Eigenschaft des Goldlegens bei den Sohnen ihre 
materielle Selbstimdigkeit. 

2 ) Im Anfang des Marchens hat dieses urzeitliehe Motiv in der Aussetzung 
der Kinder durcli ihren Vater noeh direkte Darstellung gefunden; im Verh&ltnis zu 
ihrem giitigen Pflegevater erscheint es bereits ins Gegenteil verkehrt, da die heiden 
Briider selbst die Annahme von Speise und Trank verweigern, bis ihnen der Jager 
den Auszug in die Welt gestattet: Da sprach der Alte mit Freuden ,,was ihr begehrt, 
ist mein eigner Wunsch gewesen". 

3 ) Den geheimen Sinn der Aussetzung konnen wir hier, wo die Gehurts- 
geschichte des Heiden nicht weiter verfolgt werden soil, ausseracht lassen, ver- 
weisen aber darauf, dass audere Fassungen dieses weit verbreiteten Marchens die 
typische Aussetzung der durch den Trank aus einer Wunderquelle empfangenen 
Knaben in Kastchen und Wasser enthalten, sowie darauf, dass auch die hilf- 
reichen Tiere des Heldenmythus in unserem Marchen wiederkehren und hier wie 
dort hedeutsame Reprasentanten fiir die hilfreichen Eitern-Imagines darstellen, die 
vom Kind in pietatvoller "Weise geschont werden, nachdem sie je zwei Junge 
(Zwillingsmotiv) den Heiden zur Verfligung gestellt haben. Auf die ^Wassergehurt^ 
weisen die Namen der Knaben hin, die bald Wasserpeter und Wasserpaul, Johannes 
und Kaspar Wassersprung , Wattuman und Wattusin, hald Brunnenstark und 
Brunnenhold heissen. Als Naehklang davon ist in unserem Marchen der Hinweis 
anzusehen, dass die bei den namenlosen Knaben ein an der glichen ^wie ein Tropfen 
Wasser dem auderen". 



42 Or. 0. Rank u. Dr, H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

gewissen Geneigtheit zum psychologischen Verstiindnis, so ist es schwer, 

den rein menschlichen Inhalt zu verkennen. Die Ausschmiickung der 

Stadt, der feierliche Zug, der die reine Jungfrau zur Kapelle begleitet 

nnd sie dort ihrem unvermeidlichen Schicksal iiberliissfc, all das mutet so 

an, als bezoge es sich im Geheimen auf die Hochzeit der Prinzessin, die 

sich in jungfraulicher Scheu vor ihrem kiinftigen Gatten ikigstigt und 

in ihm, in Erwartung der bevorstehenden geheimnisvollen Ereignisse, 

nur ein Untier sieht, das es auf ihre Vernichtung abgesehen hat. Dass 

diese Auffassung dem Marchen selbst noch nicht ganz fremd geworden 

ist, verrat die Stelle, wo die Prinzessin, als sie .von weitem den Jager 

oben auf dera Drachenberg sah, meinte, der Drache stande da und envartete 

sie, und sie wollte nicht hinaufgehen". Sie identifiziert also direkt den 

Draehen mit ihrem spateren Brautigam und Gemahl, allerdings nur in 

fltichtiger und irrtiimlicher Weise, aus der wir aber den leisen Nach- 

klang einer tieferen psychologischen Bedeutung des Motivs vernehmen. 

Wir konnen diese Auffassung aber auch direkt aus parallelen IJber- 

lieferungen belegen, die dasselbe Motiv im Sinne unserer Deutung ver- 

werten. In dem alten und volkstiimlichen milesischen Marchen, das 

uns der romische Dichter Apulejus unter dem Titel „Amor uud 

Psyche* uberliefert hat, befiehlt das Orakel dem koniglichen Vater der 

Psyche seine Tochter mit vollem Hochzeitsschmuck und in feier- 

lichem Zug auf die Spitze des Berges zu fuhren und dort dem „aus 

Drachengeschlecht entsprossenen Eidam tf zu iiberlassen ; so „ wohnt 

Psyche unter Triinen nicht ihrer Hochzeit, sondern ihrem Leichen- 

begangnisse bei B (auch in unserem Marchen ist die Stadt zuerst schwarz 

ausgeschlagen) l ). Aber auch hier fallt die Jungfrau nicht dem erwarteten 

schrecklichen Draehen anheim, der sich gar nicht zeigt, sondern wird 

die Gemahlin Amors, des Liebesgottes selbst, der sie jede Nacht als 

unsichtbarer Gatte besucht, bis die neugierige und von ihren Schwestern 

aufgestachelte Psyche sich eines Nachts gegen das Gebot des Geliebten 

davon liberzeugt, dass statt des vermeintlichen Scheusals ein herrlicher 

eJiingling an ihrer Seite ruht, der sich ihr nun zur Strafe entzieht. 

Dieses Marchen zeigt mit aller erwunschten Deutlichkeit, dass es sich 

bei der Auslieferung der unberuhrten Jungfrau an den abscheulichen 

Draehen zunachst urn eine Hochzeit handelt, die von der angstlichen 

Jungfrau in unverkennbar neurotischer Weise als gefurchtete "Ober- 

waltigung durch ein abstossendes Untier halluziniert wird. Bepriisen- 

tiert also der Drache in einer Schichte der Deutung die gefurchtete und 

verabscheute tierische Seite des kiinftigen Gatten, so kann kein Zweifel 

daran aufkommen, dass es die geschlechtliche Seite des Mannes ist, 

*) Das hier angeschlagene Todesmotiv hat natiiiiich auch seine eigene 
Bedeutung, die jedoch in diesem Ztisammenhang tibergangen werdeu muss. Teilweise 
Erklarung findet es in dem spater zu besprechenden Motiv derWiederbelebung. 



II. My then- und Marchenibrsehung. 43 

welche im Drachensymbol zunachst Ausdruck gefunden hat. Dass diesem 
Drachen, hier wie in anderen Mythen, im Laufe der Zeit alle reinen 
Jungfrauen des Landes geopferfc werden mtissen, macht uns an seiner 
phallischen Bedeutung gerade nicht irre; dass er daneben noch andere 
Bedeutungen hat, ja haben muss, da diese eine nur ein Stuck weit den 
Sinn des Marchens enthiillt, werden wir in anderen Schichten der 
Deutung zu zeigen haben, heben jedoeh schon hier hervor. dass diese 
verschiedenen Bedeutungen einander (und auch andere Bedeutungen) 
nicht im geringsten ausschliessen, ja vielmehr bis zu einem gewissen 
Grade nach einem Punkte konvergieren. Dass aber die virginale Angst 
vor dem Vollzug des Sexualverkehrs die Drachenepisode in dieser 
Deutungsebene beherrscht, zeigt auch der Abschluss der Szene, die nicht, 
wie man erwarten sollte, mit der wirklichen Hochzeit endigt, sondern 
mit einer einjahrigen Abstinenz, die sich die Braut ausbedingt, oder die der 
Held in manchen tJberlieferungen freiwillig auf sich nimmt (Motiv der 
Enthaltung). Erst nach Ablauf dieser Zeit erfolgt die Hochzeit, die 
logischerweise, wie im Marchen von Amor und Psyche, unmittelbar folgen 
sollte, so dass es den Anschein gewinnt, als waren die lust- und unlust- 
betonten Einstellungen dem Sexualakt gegemiber hier miteinander so 
unvertraglich, dass sie in zwei auch zeitlich gesonderte Szenen ausein- 
ander gelegt werden miissten, die sonst verbunden erscheinen. Die tiefere 
Bedeutung dieses Zuges, sowie der ganzen zu seiner Begriindung em- 
gefiihrten Episode vom ungetreuen Marschall, kann erst Terstandlich 
werden, wenn wir das eigentliche Brudermotiv, dessen Analyse wir 
uns nunmehr zuwenden wollen, auf seine unbewussten Grundlagen 
zuruckgefuhrt haben werden. 

Der letzte, besonders widerspruchsvolle Teil des Marchens mit dem 
der Tendenz der Erzahlung so krass oppoirierenden Brudermord bedarf 
am meisten der Aufklarung, verspricht aber auch am tiefsten in das 
zugrunde liegende seelische Gefuge einzufuhren. Ehe wir daran gehen, 
dies durch Vergleichung mit weniger entstellten Fassungen desselben 
Motivs zu erweisen, wollen wir versuchen, inwieweit die Anwendung 
unserer Grundsatze auf das vorliegende Material selbst uns dem Sinn 
der Erzahlung naher bringt. In der ehelichen Stellvertretung des einen 
Bruders durch den andern sowie in der darauf folgenden eiferstichtigen 
Ermordung des briiderlichen Nebenbuhlers erkennen wir, trotz der senti- 
mentalen Abschwachung, die diese Motive hier erfahren haben, primitive 
Zuge urzeitlichen Liebes- und Seelenlebens, deren Krassheit durch das 
„gute Ende" der Geschichte ktinstlich verdeckt wird. Der tible Lohn, der 
dem Better fiir die Erlosung des Bruders zu teil wird, lasst vermuten, 
dass es sich urspriinglich urn ein durchaus feindseliges Verhaltnis der 
beiden Briider und urn eine begrtindetere Eifersucht gehandelt haben 
muss. Seheuen wir aber nicht davor zuriick, diese machtigen Affekte 



44 Dr. 0. Rank \u Dr. H. Sachs: Die Bedcutung dor Psychoanalyse- etc. 

des eifersiichtigen Bruderhasses und den notwendigen Verzicht auf ihre 
Erledigung in der Realitat als eine der Triebkrafte fur die Marchen- 
bildung anzuerkennen, so wircl mit einem Male sowohl der Drachen- 
karapf wie auch die anschliessende Episode vom ungetreuen Marschall 
als noch weiter etitstellte Douhlettierung derselben Urmotive klar, die 
in der Schlussepisode in sentimentaler Abschwachung zum Durchbruch 
gelangen. In alien drei Szenen handelt es sich ja urn die Beseitigung 
eines Gegners, der den siegreichen Bruder des Lebens und der Braut zu 
berauben sucht, urn dann dessen Stelle im Ehebett einnehmen zu konnen.- 
Stellt aber der bose Drache wie auch der bose Marschall eine Personification 
der gehaasten Bruder-Imago dar, welche die sexuelle Eifersucht erregt, so 
verstehen wir auch, warum sich die geliebte Bruder-Imago vor dem 
Drachenkampf vom bruderlichen Gefahrten trennt (Trennungsmotiv) und 
in den beiden folgenden Episoden nicht vorkommt: sie ist namlich 
durch die beiden Ersatzfiguren des Drachen und Marschalls vertreten, 
mit deren Totung ja auch der Bruder beseitigt ist. Deswegen lasst 
der junge Konig in seinem neuen Gliick alle seine Verwandten, sogar 
den Wirt kommen und belohnt sie, wahrend der getotete „ Bruder" folge- 
richtig nicht erwahnt wird. Doss der ungetreue Marschall die gehasste 
Seite des „getreuen" Bruders personifiziert, ist auch dark angedeutet, 
dass beide Personen dem erfolgreiehen Bruder gegenuber in dieselben 
Situationen gebracht vverden, wie z. B. in der doublettierten Erkennungs- 
szene, wo sich der Held als Besitzer des Halsbandes soAvohl dem 
Marschall wie auch dem Bruder gegenuber als der richtige Gatte 
erweist. Dass auch der Drache den zu bekanrpferiden Bruder vertreten 
soil, hat nichts sonderbares. Wir kennen ein ahnliches Verhaltnis bei- 
spielsweise aus der Siegfriedsage, wo der Held auf Anstiften seines 
Ziehvaters Regin dessen Bruder, der in Drachengestalt den Hort 
bewacht, totet und im weiteren Verlaufe gleichfalls die Jungfrau fur 
sich gewinnt. Andere Beziehungen der Siegfriedsage zu unserem Marchen 
sollen spater erwahnt werden, — Auffallig ist nur die dreimalige Wieder- 
holung ein- und derselben Grundsituation, die — wie in manchenTraumen — 
in immer deutlicherer Darstellung des Gegners (Drache, Marschall, Bruder) 
das Motiv der itivalitat mit dem Bruder urn den Besitz derselben Prau 
und die Beseitigung des Nebenbuhlers variiert. 

Wie sehr dieses Motiv .ursprunglich im Mittelpunkt der Erzahlung 
stand, zeigt deutlich eine andere, in manchen Punkten weniger 
entstellte Fassung desselben Marchens, die uns auch das Verstandnis 
fur einige bisher ungedeutete Motive eroffnen wird. Es ist dies das 
sogenannte alteste Marchen der Weltliteratur, die vor etwa 2000 Jahren 
literarisch fixierte agyptische Geschichte der Bruder Anup 
und Bat a, „Anup nun besass ein Haus und hatte eine Prau, wahrend . 
sein j lingerer Bruder bei ihm wie ein Sohn lebte." Eines Tages 



IT. My then- und Marchenforschung. 45 

versucht die Frau des Silteren, den jungen Schwager zu verflihren. Dieser 
aber weist sie entriistet zunick, ohne seinem Bruder davon zu sagen. 
Sie verleumdet nun Bata, dass er ihr Gewalt getan habe. „Da wurde 
der altere Bruder wiitend, wieein Panther, erschliffsein Messer 
und nahm es in die Hand", urn den jiingeren Bruder nieuchlings zu 
toten, wenn er abends nach Hause kame. Dieser aber wird von den 
Tieren seiner Herde gewarnt (Motiv der hilfreiehen Tie re) 1 ) 
und flieht. „Sein alterer Bruder lief hinter ihm her rait dem Messer 
in der Hand." Der jiingere Bruder ruft Re an; der Gott erhort ihn 
und lasst ein grosses Wasser zwischen den beiden entstehen, an dessen 
Ufern sie getrennt die Nacht verbringen. Als die Sonne aufgeht, ver- 
teidigt sicli Bata vor ihrem Angesicht, erzahlt Anup die niedertrachtigen 
Antrage seiner Frau, beschwort seine Unschuld und entmannt sich 
zum Zeichen seiner Reinheit. „Er zog hierauf ein scharfes Messer 
hervor, schnitt seinen Phallus ab und schleuderte ihn in den Fluss, wo 
er von einera Fisch verschlungen ward.* Als Anup nun reuevoll zu 
weinen anfangt, bittet Bata urn eine Gunst. „Ich werde mein Herz 
nehmen und es auf die Blume der Zeder legen und wenn man dir einen 
Krug Bier geben wird und er schaumt, das geht dieh an, dann komm 
und suche mein Herz! a (Motiv des Treuegeliibdes.) Anup geht 
heim, totet sein Weib und wirft ihre Leiche den Hunden vor; dann 
sitzt er, Staub auf dem Haupt, und trauert urn seinen Bruder. 

Dieser lebt inzwischen im Zederntal. Die Gotter loben seine 
Keusehheit und gewahren ihm einen Wunsch. Er bittet um ein Madchen, 
und sie schaffen gemeinsam eins fur ihn. Er lebt mit ihr und vertraut 
ihr sein Geheimnis von dem Herzen in der Zedernbltite an. Aber ihr 
leichter Sinn, ihre Neugier und Liisternheit lassen sie dem einzigen 
Verbot ihres Mannes zuwiderhandeln: sie kommt dem Meer zu nahe, 
die Wogen entreissen ihr eine Locke, die zu den Waschern des Konigs 
von Agypten treibt. Der Konig lasst die Besitzerin suchen, macht sie 
schliesslich zu seinem Weib und lasst, um sie Batas Rache zu entziehen, 
auf ihren Wunsch die Zeder fallen, 

Bata fallt tot nieder (Todesschlaf). Sein Bruder merkt das 
Ungliick, wie ihm vorausgesagt war, am Schiiumen seines Bieres und 
eilt ins Zederntal. Drei Jahre sucht er das Herz; im vierten findet er 
es endlich und gibt es dem toten Bata zu trinken. Da erwacht dieser 
und umarmt seinen Bruder (Wiederbelebung). 

Dann verwandelt sich Bata in einen Apisstier und lasst sich von 
seinem Bruder an den Hof des Kfinigs von Agypten treiben. Der Stier 
gibt sich der Konigin als Bata zu erkennen. Die Konigin erschrickt 

*) Die Kuh, die ihn zuorst wanit, vertritt die reuige Frau selbst, wie iiber- 
haupt die moisten Tiere des Marchens, in der Gestalt hilfreicher oder verderldicher 
Wesen, nahestehende Mcnschon vertreten. 



46 Br, 0. Hank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

und erreicht in einer Liebesstunde, dass der Konig den Stier toten 
la-sst. Zwei Blutstropfen fallen am Tor des Palastes zur Erde; zwei 
riesige Sykomoren schiessen in einer Nacht auf (Hydren-Motiv). Wieder 
gibt sich in ihnen Bata zu erkennen, wieder bewirkt die Konigin, dass 
die Baume gefallt werden. Dabei fliegt ihr ein Splitter in den Mund, 
sie wird scliwanger und gebiert Bata als iliren Sohn (Wieder- 
geburts-Motiv), Der Konig stirbt, Bata wird sein Erbe und lasst die 
Konigin hinrichten, Nach dreissigjahriger Herrschaft hinterlasst er 
sterbend seinem Bruder Anup die Krone. 

Ehe wir die einzelnen Motive auf ihre Verwandtschaft mit dem 
deutschen Briidermarchen untersuchen, wollen wir zunachst den ganzen 
Inhalt und Auf bau dieser inerkwurdigen Geschichte zu verstehen suchen, 
von der H. Schneider 1 ) sagt: „Sieht man ganz von einem historischen 
oder mythologischen Kern ab und betrachtet die Geschichte ganz isoliert 
und fiir sich allein, so kann man zunachst versucht sein, nichts als 
eine ausserliche Verbindung heterogener Elemente, ein ideenfiticlitiges 
Phantasiespiel in ihr zu sehen. Jede Einheit und Logik scheint zu 
fehlen .... Die Gestalten wechseln wie im Traum , ... der Schau- 
platz ist ebenso unklar .... Trotzdem werde ich der Dichtung gegen- 
iiber nirgends die Empfindung vollkommenster innerer Einheitlichkeit, 
vollkommenster kunstlerischer Beherrschung, vollkommenster logischer 
Entwicklung los. Nur liegen Einheit und Notwendigkeit nicht im 
bunten Bilderreigen an sich. sondern dahinter." Versuchen wir mit 
den Mitteln unserer psychoanalytischen Grundauffassung diesen ver- 
borgenen Sinn der Erzahlung herzustellen, so erkennen wir zunachst 
in den verschiedenen Episoden der agyptischen Erzahlung gleichfalls 
Doubletten der einen Grundsituation, deren minder verhtillte Darstellung 
hier, zum Unterschied vom deutschen Marchen, vorangeht, wahrend die 
entstellten Variationen im zweiten Teil folgen, um in immer erneuten 
Versuchen endlich die ersehnte Befriedigung des verponten Wunsches 
doch durchzusetzen. So erweist sich der Konig des zweiten Teiles als 
sozial erhohte Doublette des alteren Bruders und die bose Konigin ist 
eine so deutliche Doublette der bosen Prau Anups, dass Schneider 
zu dem Schluss kommt: „Diese beiden Prauen sind geradezu eine 
Person." (S. 260). Und wie im deutschen Marchen der gehasste Bruder 
in immer neuer Gestalt, als Drache, Marsehall und schliesslich in seiner 
wirklichen Eolle auftritt, so erscheint auch Bata als Stier, Baum und 
schliesslich in menschlicher Gestalt als Wiedergeburt seiner selbst, indem 
er sich aus der Mutter als sein eigener Sohn erzeugt. Sein nomineller 
Vater ware dann der Konig, in dem wir eine Doublette des alteren 
Bruders erkannt haben, der ja nach dem Wortlaut des Marchens wirklich 

i) „Kultur und Denken der alten Agypter", 2. Ausg., Leipzig 1909, S. 257. 



II. Mythen- und Marchenforschung. 47 

an ihm Vaterstelle vertritt. Bata strebte also von Anfang an danach, die 
„Mutter" zu verfiibren, die er ja im zweiten Teil in symbolischer Ein- 
kleidung immerfort verfolgt, was deutlich yerrat, dass die Verleumdung 
durch sie am Anfang der Erzahlung nur als eine Projektion seines 
Inzestwunsches aufzufassen ist. Enthiillt uns so der agyptische Bericht 
den Grund der erbitterten Rivalitat der Briider als Neigung zu dem 
einzigen unersetzlichen Inzestobjekt 1 ), so kennt er auch noch die ent- 
sprechende Strafe fur die verbotene Realisierung dieser Neigung: die 
Entmannung. Dass diese urspriinglich durch den eifersiichtigen 
Nebenbuhler (Bruder, Vater) — und nicht in einer Art Gestandnis des 
verbotenen Wunsches durch eigene Hand — erfolgte, zeigt uns nicht 
nur die vergleichende Mythengeschichte, sondern das agyptische Marchen 
selbst, wenn auch nur in verhullter und gemilderter Form. Dem in 
einen Apisstier, dem Symbol der mannlichen Kraft, verwandelten Bata 
wird auf Befehl des Konigs der Kopf abgeschlagen und die aus den 
Blutstropfen aufspriessenden , mit wunderbarem Wachstum begabten 
Sykomoren, deren Splitter die Fahigkeit menschlicher Befruchtung haben, 
werden gleichfalls unerbittlich gefallt. In beiden Motiven miissen wir 
auf Grund zahlreicher individualpsychologischer Erfahrungen und mytho- 
logischer Parallelen symbolische Darstellungen der bereits im ersten 
Teil vorgenommenen Kastration erblicken, welche die urspriingliche 
Rache des eifersiichtigen Nebenbuhlers ist. Insbesondere das Abschlagen 
des Kopfes, das uns hier zunachst interessiert, ist schon an einem 
ausserlichen Detail als Ersatz fur die "Kastration kenntlich, namlich 
an den fruchtbaren Blutstropfen, die sonst folgerichtig dem ab- 
geschnittenen Phallus entspringen 2 ). Ist aber das Kopfen des Apis- 
stieres durch den Konig ein symbolischer (verkleideter) Ausdruck der 
am Nebenbuhler vorgenommenen Kastration, so durfen wir diese Be- 



*) In einem albanesischen Marchen, das die Befreiung der einem Ungehener 
(Lubia) geopferten Konigstochter (entsprechend dem Draclienkampf des deutschen 
Marchens) behandelt, stellfc sieli heraus, dass der Held seine eigene Mutter 
gerettet (Rettungsphantasie) und zum Weibe genommen hat, wahrend er den 
Konig, ihren Yater (= Ungeheuer) zufallig totet und dessen Erbe antritt (Hahn, 
(xriech. u. alb. Marchen, Leipzig 1864, Nr. 98). — Hier sei darauf hingewiesen, dass 
die Heroen der griechischen Sage: Perseus, Apollo, Bellerophon u. a. immer 
ein Ungeheuer (Gorgon, Minotaurus etc.) toten, wie der Sphynxtoter Odipus seinen 
Vater. 

2 ) Bei der Entmannung des Uranos entsteht so Aphrodite — almlich wie 
Batas B kunstliches B Gottermadchen. Deutliehere Anklange an das agyptische 
Marchen zeigt die Erzahlung yon dem Zwitterwesen Agdistis, bei dessen Entmannung 
aus dem Blut ein Granatbaum (= neuer Phallus) entsteht; die Eruchte desselben 
steckt Nana in ihren Busen, wovon sie schwanger wird und den Attis gebiert, der 
sich spater, von seiner eifersiichtigen Mutter in Wahnsinn versetzt, unter einer 
Fichte selbst entmannt (wie Bata). Aus dem Blut entsprossen Veilchen. — An 
den Ertihlingsfesten der Gbttermutter wurde als Symbol der Kastration eine machtige 



48 Dr. 0, Rank n. Dr. H. Saclis: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

deutung auch in das deutsche Marchen eintragen und finden es nun 
entsprechend, dass der junge Konig dem Bruder den ^opf" abschlagt, 
als er von dessen Stellvertretung in seinem Ehebett Kenntnis erhalt. 
Die Wiederbelebung im deutsclien Marchen entspricht der Wiedergeburt 
im agyptischen. Aber auch die vorhergehende Kopfung des Bruders 
durch den Marschall werden wir im gleichen Sinne als Kastration des 
unerwiinschten Nebenbuhlers fassen, wie anderseits das Abschlagen der 
Drachenkopfe x ), und noch deutlicher das Ausschneiden der Drachen- 
zungen, auf die Revanche hinweist. In diesem Zusammenhange glauben 
wir auch das Motiv des Treuegelobnisses bei dem in den Baum ge- 
stossenen Messer als letzten, bereits ethisch umgewerteten Rest des alten 
Kastrationsmotivs zu erkennen. Das Messer entspricht denrjenigen, mit 
dem Anup seinen Bruder verfolgt, aber auch dem zweischneidigen 
Schwert, das der Eindringling spiiter zwischen sich und die Frau seines 
Bruders legt. Das Hineinstossen in den Starnm erscheint so als letzter 
Nachklang der Baumfallung (Kastration) und es wird begreiflich, wieso 
jeder der beiden an diesem Instrument wunschgemafi erkennen kann, 
dass der Bruder gestorben ist. 

Wie im agyptischen Marchen, so unterschieden wir auch im 
deutschen eine Reihe von aufeinanderfolgenden Szenen, die immer 
wieder in verschieden deutlicher Einkleidung die Rivalitat mit dem 
Bruder um das gemeinsame inzestuose Liebesobjekt und die Kastration 
des gehassten Nebenbuhlers darstellen. 

In wie aufdringlicher Weise diese Urmotive den Marchenstoff 
urspriinglich beherrschen, zeigt in manchen Punkten noch deutlicher 
als das iigyptische Marchen die diesem zugrunde liegende Mythe von 
Isis und Osiris, an deren Hauptziigen wir uns orientieren wollen, 
ohne im einzelnen auf die ihr selbst anhaftenden Entstellungen und 
Komplikationen Rucksicht zu nehmen. 



Fichte gefallt, wie im agyptischen Marchen die bus dem Blut entsprossenen Syko- 
moren. — Agdistis selbst entsteht dadurch, dass des Zeus Same von der sich 
gegen die Gewalt str&ubenden Kybele zur Erde floss; ebenso entsteht Erichthonios 
und andere Wesen aus verspritztem Samen, dem andere Male das Blut entspricht, 
Dass auch die FrQchte dieses Phallusbaumes, die Nana in ihren Busen steckt, rein 
sexuell zu deuten sind, zeigt die Mythe von Zagreus, der unter dem Vorwand, sich 
zu entmannen, die Hoden eines Widders in den Busen der geschwangerten Deo warf, 
!) Psyche, von der es eharakteristisch heisst: „in demselben Wesen hasst sie 
das Untier und liebt sie den Gemahl", wird von den Sch western eroffnet. „dass ein 
schrecklichei\ in vielen Knoten sich windender Drache mit giftgeschwollenem. blut- 
runstigen Halse und scheusslichem Kropfe heimlich des Nachts bei dir ruht. u Die 
Schwestern raten ihr, nachts, wenn er schlafe, an sein Lager zu schleichen: „hebe 
klihn die Rechte empor und mit aller Kraft durchschneide mit jener zweischneidigen 
Waffe dem Drachen den Knoten, der Hals und Kopf verbindet* 



II. Myth en- und Mftrclienforschung. 49 

Der Erdgott Keb und die Himmelsgottin Nut haben vier Kinder: 
zwei Sonne, Osiris und Set, und zwei Tochter, Isis und Nephthys. Isis 
ward das Weib ihres Bruders Osiris, Nephthys das des Set; Osiris aber 
beherrschte die Erde als Konig und wurde von seinem Bruder Set 
todlich gehasst, der ihn durch List in erne Kiste lockte und diese in 
den Nil warf. Plutarchs Bericht begriindet diese Feindschaft des Set 
gegen Osiris damit, dass dieser der Gattin des Set, seiner eigenen Schwester 
Nephthys also, unwissentlich beigewohnt hatte. Isis macht sich auf 
die Suche nach dem Leichnam des Gatten, findet ihn endlich und ver- 
birgt ihn im Walde. Set entdeckt das Versteck und zerstuckelt den 
Leichnam des Bruders. Isis sammelt die verstreuten Teile und setzt 
sie wieder zusammen; nur der Phallus fehlte, er war ins Meer getragen 
und von einem Fisch verschlungen worden (wie bei Bata). Sie ersetzt 
dieses fehlende Glied des Toten durch ein nachgebildetes aus dem Holz 
des Sykomorus (Baumphallus) und stiftet zum Andenken das Phallusidol. 
Mit Hilfe ihres Sohnes Horus, der nach spaterer Uberlieferung erst 
nach Osiris Tode von diesem erzeugt worden war, racht Isis die Er- 
mordung ihres Gatten und Bruders. Zwischen Horus und Set, die 
urspriinglich selbst Briider waren, entspinnt sich ein erbitterter Kampf, 
wobei die Gegner einander gewisse Teile als kraftspendende Amulette 
entreissen; Set schlagt dem Gegner ein Auge aus und verschlingt es, 
verliert aber dabei die eigenen Genital iezi (Kastration), die — nach 
einer Bemerkung Schneiders - urspriinglich gewiss auch von Horus 
verschlungen worden waren. Schliesslich wird Set gezwungen, das 
Auge wieder von sich zu geben, das Horus dem toten Osiris eingibt 
und ihn damit belebt, so dass er als Herrscher ins Totenreich eingehen 
kann. 

Der Osirismythus, auf dessen Deutung wir hier nicht eingehen 
konnen, zeigt deutlich, dass der Nebenbuhler den Platz im Ehe- 
bett des Bruders urspriinglich wirklich ausgefiillt hat und dass seine 
Kastration durch den eifersiichtigen Bruder erfolgt. Ferner bestatigt 
sich hier die phallische Bedeutung der Sykomoren sowie die Auffassung 
ihrer Fallung als Entmannung, denn Isis lassfc an Stelle des fehlenden 
Gliedes, welches wie das des Bata von einem Fisch verschlungen worden 
war, ein nachgebildetes aus Sykomorenholz anfertigen. Aber auch in 
symbolischer Einkleidung findet sich dieses Motiv in der Osiris-Sage. 
An der Stelle, wo die sterblichen Reste des Osiris ruhen, spriesst (nach 
Plutarch c. 15 squ.) eine Tamariske empor, die der Konig zu fallen 
befiehlt, um eine Saule daraus anfertigen zu lassen. Isis, die am Hofe 
dient, fordert die Saule und belebt den zerstiickelten Leichnam des 
Osiris mit ihren Kiissen, so dass er wieder Zeugungskraft erhalt; sie 
wird Mutter eines Kindes mit schiefen und kraftlosen Beinen (Symbol 
der Kastration), einer Neuinkarnation des Osiris. Wir finden also auch 

(ironzfragen des Xervuii- und Soolonloln'iis, (Ifoft XCIII.) 4 



50 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

hier die inzestuose Wiedergeburt aus der eigenen Mutter, wie Lei Bata, 
Attis und vielen anderen, als wichtiges Motiv und verstehen auf Grund 
dessen auch das Motiv der Wiederbelebung ira Marchen. 1st das 
Kopfabschlagen ein Symbol der „nach oben verlegten" Kastration, so 
bedeutet das Wiederaufsetzen desselben den Ersatz des Phallus, wie in 
der Osiris-Sage; erfolgt die Wiederbelebung im deutschen Marchen durcli 
Essen einer Wurzel, im agyptischen durch Eingeben des auf dem 
Zedernbaum liegenden Herzens und in der Osirissage durch Verschliu gen 
des ausgerissenen Auges, so verriit uns ein Rest des ursprunglichen 
Motivs im Horus-Set-Kampf, dass es sich eigentlich um die Einverleibung, 
das Wiedererlangen der verlorenen Genitalien handelt, welche die Wieder- 
geburt aus der eigenen Mutter und damit die Uberwindung des 
Todes ermoglichen. So erklart es sich, dass der Held nicht nur den 
toten Bruder (als seinen Sohn, d. i. aber als sich selbst) wiederbelebt, 
sondern auch die Prinzessin dem Reich der Unterwelt (das der Drache 
auch reprasentiert) entreisst. Nun wissen wir aber aus analytischer 
Erfahrung und mythischen Belegen, dass die Rettungsphantasie regel- 
mal3ig die Mutter betrifft und dtirfen daher auch die darauf folgende 
erste Wiederbelebung des Helden als inzestuose Wiedergeburt auffassen. 
Dies ist um so eher gestattet, als sowohl die Osiris-Mythe wie auch 
das Marchen von Bata die inzestuose Bedeutung des umworbenen Sexual- 
objekts deutlich bezeugen. Setzen wir diese Deutung ins deutsche 
Marchen ein, so verstehen wir, dass von der Mutter der Bruder gar 
nicht die Rede sein kann, da sie hinter den anderen weiblichen Personen 
der Erzahlung verborgen ist; wir begreifen aber auch die freiwillige 
Entsagung (Motiv der Enthaltung) vom Greschlechtsverkehr, wie sie in 
der einjahrigen Abstinenz und im Motiv des Schwertlegens (symbolum 
castitatis) *) zum Ausdruck kommt, einerseits als Inzestablehnung, 
andererseits als ambivalente Busseinstellung nach erfolgter Totung 
des Nebenbuhlers (Vater, Bruder). Aber nicht nur in der freundlichen 
Gestalt der Lebenspenderin und des ersehnten Sexualobjekts erscheint 



I 



!) Die allgemein ublicke Zuriickflihrung des Motivs der Schwerttrennung auf 
den historischen Brauch des Brautwerbers und der niit diesem symbolisch voll- 
zogenen Ehezeremonie erklart vor allem nicht die dabei verwendete spezielle 
Symbolik und scheint darum vielfach einer mythischen Auffassung weichen zu 
mitssen, deren GrundlageF. v. Reitz en stein (Zeitschr. f. Ethnol. 1909, S. 64A-C83) 
in den Hochzeitsbraueken von Naturvolkern nachgewiesen hat. Darnach dient das 
in den angefiihrten tlberlieferungen als symbolum castitatis verwendete Schwert 
ursprttnglich der Befruchtung in Form eines Holzes oder Stahes, den der Gatte in 
den ersten drei Nachten, deren er sich des Beischlaf's enthalt, zwischen sich und 
sein junges Weib legt. Aus IJnkenntnis des Kausalzusammenhanges von Ge- 
schlechtsverkehr und Empfangnis ttberlasst er in den ersten Nachten gewisser- 
mafien ein em Gotte das jus primae noctis zur wunderbaren Befruchtung, nach deren 
vermeintlichem Eintritt er sich erst dem Geschlecktsgenuss hingeben darf. 



II. Mytlien- und Marchenforsehung. 51 

die Mutter im Marchen, sondern auch in Gestalt der fuvchtbaren Todes- 
gottin, die einen wieder in den ewigen Schlaf (todesahnlicher Zustand 
des Drachenbesiegers; Versteinerung) versetzen will, und die der Held 
iibenvinden muss wie die anderen bosen Machte. Darum lasst Bata 
seine Mutter und Gemahlin, nachdem sie ihn wiedergeboren hat, hin- 
richten und im deutschen Marchen wird die Hexe verbrannt, nachdem 
sie den versteinerten Bruder wiederbelebt hat. 

Wir brechen hier die Deutung ab, die sich im einzelnen noch 
weiter verfolgen liesse 1 ), urn einen allgemeineren Gesichtspunkt fur die 
Psychologie der Mythenbildung zu gewinnen. Zu diesem Zwecke brauchen 
wir nur in der Reduktion der mythischen Personen auf die egozentrale 
Gestalt des Mythenbildners fortzufahren. Es muss uns auffallen, dass die 
beiden Bruder Zwillinge sind, die einander nicht nur korperlich „wie ein 
Tropfen Wasser dem andern" gleichen, sondern audi in ihren Eigen- 
schaften und Attributen sie haben dieselben Tiere, gleiche Kleidung etc.), 
und auch nicht durch Namen unterscliieden sind, sodass die Konigin 
ihren Gemahl nur an einem kiinstlichen Zeichen erkennt. Wenn auf 
irgend etwas der Begriff der Doublette passt, so ist es auf die beiden 
Bruder, von denen der eine ein genauer Abklatsch des andern ist. Mit 
dieser Reduktion der beiden Bruder auf eine Person 2 ) ginge aber der 
Hauptsinn der Erzahlung, die Rivalitat der Bruder urn das gemeinsame 
Liebesobjekt verloren, wenn wir uns nicht erinnerten, dass urspriinglich 
der eine Bruder ein alterer gewesen ist und am jiingeren Vaterstelle vertrat, 
wie im Marchen von Bata noch deutlich gesagt ist. (Als Rest dieser 
alteren Fassung spricht das deutsche Marchen an einer Stelle noch vom 
„jtingeren K Bruder, obwohl es Zwillinge voraussetzt). Aber auch im 
deutschen Marchen reprasentiert der Drache, der Ansprucbe auf die 
Prinzessin erhebt, und der alte Konig, der sie nicht hergeben will, den 
Vater, wie ja die umworbene Prau nach unserer Deutung die Mutter 
vertritt. Beide Annahmen werden vollauf bestatigt durch Varianten 



1 ) Abgesehen von weiteren psychologisehen Deutungen verzichten wir auch 
auf jede naturmythologische Interpretation^ die etwa mdglich ware. So ist nicht 
auszusehliessen, dass die im Zeitabstand eines Jahres bald schwarz bald rot 
ausgeschlagene Stadt auf eine bestimmte Sonnen-Konstellation (oder Mondphanomen?j 
Bezug hat, ebenso wie es auffallig bleibt, dass die Herbeischaffung des Krautes zur 
Wiederbelebung des Sonnenhelden genau 24 Stun den in Anspruch nimmt. Bertick- 
sichtigt man noch das verkehrte Aufsitzen des Kopfes beim Erwachen und seine 
Umkehrung am Mittag (wo die Sonne sich zum Abstieg wendet), so wird die Gestaltung 
einzelner Motive durch Anlehnung an Naturvorgange wahrseheinlich. Doch schliessen 
diese Bedeutungen den psychologisehen Sinn der Erzahlung keineswegs aus, erfordern 
ihn viehnehr zum Verstandnis der menschlich eingekleideten Erzahlung und der 
mythenbildenden Triebkrafte, die sich kaum in der Schilderung von Naturvorgangen 
erschOpfen konnen. 

2 ) In einzelnen Marchen dieser Gruppe tritt tatsachlich nur ein „ Bruder a auf. 
Vgl. z. B. in „Schwedische Volkssagen" ubers. v. Oberleitner 8. 58 ff. 

4* 



52 Dr. 0. Rank u. Dr. H, Sachs: Die Betleutung dor Psychoanalyse etc. 

des Briiderniarchens, die damit beginnen, dass ein eifersiichtiger Konig 
seine Tochter you der Welt abschliesst, diese aber doch auf wunderbare 
Weise (Inzest-Befruchtung) empfangt und Mutter der Zwillings- 
b riider wird, die sie aussetzt; einer der Bruder heiratet dann, wie im 
niitgeteilten Marchen von der Lubia (S. 47, Amnerkg. 1), in der Kcinigs- 
tochter seine Mutter und erbt nach dem Tode des alten Konigs (des 
Vaters) das Reicb. Es handelt sich also in diesen Marchen um eine 
Verschiebung der ursprunglich dem Vater geltenden feindseligen und 
eifersiichtigen Regungen auf den alteren, bevorzugten Bruder (und auf 
die Schwester, statt der Mutter), welche Ersetzung sich im Osirismythus 
xnit seiner aneinander gereihten Familiengeneration noch verfolgen 
lasst 1 ). Diese mythische Verschiebung spiegelt ein Stuck primitivster 
Kulturleistung wider, die mit der Nivellienmg der friiher so ungleichen 
Gegner zu Zwillings-Doubletten einen ethisch befriedigenden Abschluss 
in den pietatvollen Briidermarchen gefunden hat. 

Aber die auf der fortschreitenden Verdrangung dieser primitiven 
Regungen beruhende Entwicldung macht bei dieser Form der Milderung 
nicht halt, sondern schafft weiter verhullte Ausdrucksformen, die uns auf 
Grund der psychologischen Deutung des Brudermotivs verstandlich werden. 
Auf die innigen Beziehungen der Siegf riedsage zu unserem Marchen 
haben bereits die Bruder Grimm in ihren Anmerkungen hinge wiesen 2 ). 
Hier sei nur hervorgehoben, dass Siegfried die vom Drachen erloste 
Jungfrau 3 ) verlasst, wie der Held des Marchens, dass er aber dann wie 
dieser versucht, die Stelle im Ehebett des Nebenbuhlers einznnehmen, ja 
schliesslich von Gunther direkt aufgefordert wird, ihm die libermachtige 
Magd zu bezwingen. Auch Siegfried legt ein zweischneidiges Schwert 
zwischen sich und das Weib, aber der schmahliche Tod, den er erleidet, 
spricht noch deutlich dafur, dass er ursprunglich wirklich der begunstigte 

*) Der Osirismythus zeigt auch noch hei Verfolgung seiner Entwicklung wie • 
aus dem ursprUnglfchen Mbrder des Bruders sein Racher wird. Ursprunglich ist 
Thout, nehen Bet, der Morder des Osiris; spater tritt er im Kampfe des Horus gegen 
Set als Arzt und Schiedsrichter auf, der aber schon zu Gunsten des Horus ent- 
scheidet. Schliesslich ist er direkt zum Parteigaager des Osiris geworden und 
kampft fur ihn gegen Set (vgl. Schneider 1. c. S. 445 if.) 

2 ) W. Mannhardt (Germ. Mythen & 2U ff ) hat die Ubereinstimmung unserer 
Marchengruppe mit der im Mahabharata erzahlten indischen Sage aufgezeigt, die er- 
zahlt, fl dass Indra nach des Drachen Ahi Tode (nach Vritras Ermordung) sich in 
die Verhannung begibt, ein anderer nimmt seinen Platz ein und will sich mit des 
Gottes Gattin vermahlen, da kommt Indra zurUok und totet den Eindringling". 
Mannhardt meint, dass „der andere auf eine dem Indra so nahe verwandte und 
verbriiderte Gestalt wie Agni zurtiekgehen * werde. Agni heisst Indras Z w i 1 1 i n g s - 
bruder und ein „Enkel der Fluten" (apam nap£t). Ferner macht Mannhardt 
auf ahnliehe Zuge in den Mythen von Freyr, Thor und Odhin aufmerksam (S. 221—223). 

^) Ihr todesahnlicher Schlaf entspricht dem Motiv der Versteinerung im Marchen 
und weist auf ihre mlitterliche Rolle gegen aber dem Held en hin, die auch aus 
anderen Anzeichen ersichtlich ist 



IT. My then- und MSrchenforschnng. 53 

Nebenbuhler sein musste. Nur ist hier das Verhaltnis der Rivalen zur 
Blutsbriiderschaft abgeschwiicht *). Noch weiter geht die Milderung 
des anstossigen Verhaltnisses in einer Gruppe deutseher Sagen, die utis 
nur in spaten Handschriften uberliefert sind: den Or t nit- Wolf- 
dietrich-Epen. Ortnit gewinnt mit Hilfe seines Vaters, des Zwerg- 
konigs Alberich, die keinem Freier zugangliche Tochter des Heiden- 
konigs Machorel nnd entfiihrt sie in seine Heimat (Gardasee). Der alte 
Heidenkonig sendet, Versohnung heuchelnd, reiche Geschenke, darunter 
zwei junge Lindwiirmer (Zwillingsmotiv), die herangewachsen das Land 
verwiisten. Ortnit will die Ungeheuer, trotz Abratens seiner Gattin 
bestehen und heisst sie, wenn er fallen solle, sein em Racher die 
Hand reichen. Ohne Gefolge reitet er in den Wald versinkt aber 
in so tiefen Schlaf ("Versteinerung), dass ihn weder das Nahen des 
Ungeheuers noch das Bellen und Scharren seines Hundes (hilfreiches 
Tier) weckt. Er findet durch den Lindwurm den Tod. 

Ihn racht in der uns uberlieferten Sagenverkniipfung der junge 
Held Wolfdietrich, in dessen Kindheitsgeschichte die Motive des Vaters, 
der seine Tochter absehliesst, die Verleurudung der Frau durch den ab- 
gewiesenen Freier, die Aussetzung u. a. in bekannter Bedeutung hinein- 
spielen. Im Kampf mit seinen B ruder n urn das Erbe flieht Wolf- 
dietrich zu Ortnit urn Hilfe. Als er dessen Tod erfahrt, zogert er nicht, 
ihn zu rachen. Wie der zweite Bruder im Marchen verfallt er fast dem 
gleichen Schicksal, Termag sich aber im entscheidenden Moment durch 
das Schwert Ortnits zu retten. Er besiegt den Drachen, wie auch die 
aufruhrerischen Yasallen und erhalt zum Lohne dafiir die Hand "von 
Ortnits Witwe, mit deren Unterstiitzung er die Bruder besiegt und sein 
Reich erobert. — Wir erkennen leicht die bekannten Ziige unseres 
Marchens wieder und mussten daraus schliessen, dass Wolfdietrich den 
Tod seines Bruders racht und dessen Witwe heiratet. Das ist nun 
allerdings, wenn auch nicht in der oberflachlichen historischen, so doch 

In diese Gruppe gehort nach Grimms Anmerkungen auch die Sage von den 
Blutsbrtidern, von denen der eine die Stelle bci der Frau des andern einnimmt, 
aber ein Schwert dazwisehen legt, und schliesslieh vom Aussatz befallen wird (nach 
Grimm — Versteinerung), wovon ihn der treue Freund durch das Blut der eigenen 
Kinder befreit. Diese werden dann vom Geretteten durch ein Wunder wiederbelebt. 
Ebenso gehort hierher das Marchen vom „treuen Johannes 1 * (Nr. 6), zu dessen 
Rettung aus der Versteinerung (Wiederbelebung durch Blut) der KGnig seinen eigenen 
Sdhnen den Kopf abschlitgt, den ihnen der treue Johannes wieder aufsetzt. In 
einer Version ist dieser selbst des Konigs Ziehbruder. — Auch das Marchen 
vom „Lebenswasser K (Nr. 97) und manches andere wiirde auf Grand unserer Deutung 
in vielen Punkten verstandlich. — Der Einreihung all dieser (Jberlieferungen in die 
Gruppe der Briidermarchen entsprechend nhnmt Wundt (Volkerpsych. II. Bd. 3, Teft\ 
Leipzig 1909, S. 27l ff) den „Begriff des Zwillingsmarchens in einem weiteren Sinne", 
in dem er darunter „alle die Marchen- und Mythenstoffe zusammenfasst, in denen 
zwei Persbnlichkeiten, die der gleichen Generationsstufe angehoren, durch ihre 
Handlungen in ein freundliches oder feindliches Verhaltnis treten . , ." 



54 T>\\ 0. Rank u. Dr. H, Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

in der zugrunde liegenden inythischen Schichte der Erzahlung nach- 
weisbar und den Forschern langst bekannt. Wenn wir Jiriczeks zu- 
sammenfassender Darstellung der .Deutschen Heldensage" folgen (Sammlg. 
Goschen Nr. 32) x ), so erfahren wir, dass in der uns vorliegenden Uber- 
lieferung zwei Sagen verschiedenen Ursprungs, die miteinander nichts 
zu tun hatten, verbunden seien: eine mythische von Ortnit und die 
historische von Wolfdietrich, wobei dieser an Stelle einer der Ortnitsage 
angehorigen mythischen Figur getreten sei. Eine reinere Fassung der 
Ortnitsage ware bruchstiickweise in der Thidreksage erhalten, wo Konig 
Hertnit im Kampf mit einem Drachen erliegt, ein Held (Thidrek von 
Bern) den Drachen besiegt und die Witwe heiratet. „Aus Andeutungen 
und Sagentrummern skandinavischer Uberlieferung lasst sich eine altere 
Grestalt der Sage erschliessen, wonach der Bruder des Grefallenen 
die Racherrolle ubernimmt. Dieses mythische Briiderpaar heisst 
im Nordischen ^Haddingjar', deutsch lautgerecht „Hartungen-, vgl. den 
Namen Hartnit (Hertnit), woraus das mhd. Ortnit entstellt ist. Von 
diesen Namen geleitet, hat Miillenhoff in scharfsinniger Weise den 
Zusammenhang der Hartungensage mit einem ostgermanischen Dioskuren- 
mythus erschlossen" (Jiriczek S. 146 f.) 2 ). 1st hier das ursprtinglich 
briiderliche Verhaltnis der beiden Helden dureh vergleichende Mythen- 
forschung festgestellt, so erkennen wir auf Grund unserer Deutung 
hinter dem pietatvollen Racheramt das eigentlich rivalisierende Ver- 
haltnis und wissen, dass im tieferen Sinne einer psychologischen Deutung 
der benachteiligte Bruder den begiinstigten Nebenbuhler in Drachengestalt 
erschlagt, um dessen Witwe zu besitzen, ganz wie der Odipus der 
griechischen Mythe. Die Ersetzung des Bruders durch ein Ungeheuer- 
stellt dabei eine besondere Form des Zweikampfes mit dem unkenntlichen 
Vater dar, der in zahlreichen Uberlieferungen — auch von Ortnit und 
seinem libermachtigem Vater Alberich — berichtet wird 8 ). Dieser un- 
erkannte Zweikampf selbst ist das Gegenstuck zum unerkannten (in- 
zestuosen) Geschlechtsverkehr, der in unserer Marchengruppe durch das 
Motiv des Gattentausches (abgeschwacht durch das symbolum 
castitatis) vertreten ist. 

*) Man vgl. auch die jiingste Spezialarbeit von H. Schneider: fl Die Gedichte 
und die Sage von Wolfdietrich". Mimchen 1913. 

2 ) Auch das Dioskuren-Motiv selbst, die Rachung der geraubten und ge- 
schandeten Sclnvester durch ein Briiderpaar, das sich bei verschiedenen Yttlkern 
n'ndet, hat ursprtinglich den Kampf zweier (Zwillings-) Bruder um die gemeinsam 
geliebte Schwester (resp. Mutter) zum Inhalt, der mit der Kastration des Gegners 
geendet haben mag, wovon ein Nachklang im Sinne der scharfsinnigen Yermutung des 
Naturmythologen Schwartz noch im Namen des griechischen Dioskuros Kastor 
(von castrare) enthalten sein soil. 

») Dies zeigt hubsch ein (v. R. Kehler, Kl. Schr. I, 21 ff mitgeteiltes) galisches 
Marchen (Variante zum Grimmsehen Marchen Nr. 21), wo zwei Bruder um eine 
Ritterstochter freien und unerkannt miteinander kampfen. 



11. Mythen- unci Miirchenforsclmng. 55 

So fiihrt also das Marchen in letzter Linie auf den primitiven 
Familienkonflikt mit dein iibermachtigen Vater zuriick und stellt fur 
den benachteiligten Sohn oder Jiingsten in verhiillter Einkleidung eine 
Wunschkorrektur der unlustvollen Realitatsanpassung dar. Wenn wir 
darum bemerkt haben, dass die Mythenbildung mit der fortschreitenden 
Milderung urzeitlicher Greuel zu pietatvoller Menschenachtung und 
Nachstenliebe ein Sttick der ethischen Kulturentwicklung widerspiegle, 
so darf nicbt unerwahnt bleiben, dass daneben unbedenklicb alte Reste 
primitiven Affektlebens im Marchen fortleben. Es zeigt so allerdings 
die Entwicklung etbiscben Empfindens, aber nicht in der Form, wie sie 
sich wirklich vollzogen bat, namlich mit Verzicbt auf ehemalige Lust- 
quellen und endlicher Anpassung an die harten Forderungen der Realitat, 
sondern immer noch mit Festhaltung an den alten primitiven Befriedigungs- 
arten, die in der Form verhiillter Wunschphantasien unter der moraliscben 
Oberflachenschichte symbolisch Erfiillung finden. 

Ein fiir das Marcben typiscbes Beispiel hierfiir, das zugleich den 
primitiv-menschlichen Kern der mytbischen Einkleidung entbtillt, hat 
uns die Aufzeigungdes Stammbaums der Briidermarchen geliefert. 
Es lebt darin, wie letzten Endes in fast alien mythischen Gebilden, die 
alte unumschrankte Macht des Pater familias fort, gegen die sich der Sohn 
in einer urspriinglichen Schichte der Phantasiebildung erfolgreicb auflehnt. 
Stand dem Vater, wie es die primitiven Verhaltnisse voraussetzen, un- 
umschranktes Recht liber das Leben der mannlichen Familienmitglieder 
(einsehliesslich der Sobne) und iiber den Leib der weiblichen (ein- 
schliesslich der Tochter) zu, so ist es begreiflich, dass das Streben des 
Sohnes dahin ging, diese Vorrechte des „Vaters u fiir sich in Anspruch 
zu nehmen, und zwar zunachst durch entsprechende Handlungen, welche 
jedoch die vaterliche Machtentfaltung noch starker herausforderten. 
Der Yater kann von dem Recht, die ihm unbequemen erwachsenen 
Sohne als Nebenbuhler urn die Macht aus dem Verband auszustossen 
oder als sexuelle Rivalen zu kastrieren, ausgiebigen Gebrauch gemacht 
und auf diese Weise die entsprechenden Revanchegedanken des Sohnes 
zu intensiven Rachegeliisten gesteigert haben. Dieses Stadium der 
Kulturentwicklung spiegeln nach einem Gedanken Freuds die zahl- 
reichen Marchen wieder, in denen die herangewachsenen Sohne, wie in 
unserer Gruppe, vom Vater (oder alteren Bruder) ausgetrieben werden 
(Aussetzung), urn sich in fremden Reichen Ruhm und Weib zu er- 
ringen. Wahrend aber in friiher Kulturentwicklung die Wirklichkeit 
tatsachlich diese Opfer und Anstrengungen vom Sohn gefordert hat, 
sucht er sich in der Phantasiebildung gleichsam dafiir zu entschadigen, 
indem er die nexxe Heimat nach dem Bilde der alten verlorenen, den 
fremden Konig, in dessen Dienste er tritt, mit den Ziigen des eigenen 
Vaters (Familienroman), die begehrten und eroberten Liebesobjekte 



56 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

nach dem Typus der vergebens ersehnten inzestuosen bildet. So wird 
der Held des agyptischen Briid erniarchens, der die Mutter verfuhren 
will, vom bevorzugten Rivalen (Vater, Bruder) ausgetrieben iVerfoIgung 
mit geziicktem Messer), oder entmannt (Selbstkastration), oder getotet 
(Aufenthalt im Zederntal). Das Bild der Mutter folgt ihm aber iiberall 
bin; er lebt mit dem Gotterweib, bis sie ihm durcb den Konig ent- 
zogen wird, in dem wir eine Vaterimago erkannten. Der Held folgt 
ihr an den Hof, was nichts anderes darstellt als die wunschgemafce 
Wiederkehr in das (unkenntlich gemachte) Elternhaus, wo der Sohn 
nunmehr am Deckbild fremder Personen die unerlaubten und vori der 
Realitat versagten Wunschbefriedigungen durchsetzen kann. Das gleiche 
Schema von der riicksichtslosen Durchsetzung des am meisten benach- 
teiligten jungsten Sohnes zeigt eine Reihe von Marchen, sowie die 
Mehrzahl der Mythen in einer urspriinglichen Schichte, die jedoch im 
Verlauf des Kulturfortschritts und der damit verbundenen Ein- und' 
Unterordnung des Menschen unter die obrigkeitlichen Gewalten von 
den ambivalenten Gegenregungen der Reue und Pietat im Sinne der 
vaterlichen Einstellung Uberlagert wird 1 ). Auf dieser Stufe der Mythen- 
bildung treten dann die ethisch hochwertigen, psychologisch sekundaren 
Motive der Vaterrache, der Bruderliebe, der Verteidigung der Mutter 
oder Schwester gegen lastige Angreifer in den Vordergrund. So lange 
die nicksichtslos sexuellen und egoistischen Urmotive das bewusste 
Handeln und Denken des Menschen beherrschen diirfen, hat er weder die 
Notigung, noch die Fahigkeit zur Mythenbildung. Erst dem allmahlichen 
Verzicht auf reale Durchsetzung dieser Regungen geht die Ersatz- 
befriedigung in der Phantasiebildung parallel, deren jeweilige Kompen- 
sationen es gewissermafien dem Menschen ermoglichen, einzelne Regungen 
fortschreitend und erfolgreich zu unterdriicken. Die mythische Erzahlung, 
wie sie ins Bewusstsein- eintritt, ist jedenfalls kein unentstellter Ausdruck 
der primitiven Regungen, da sie sonst nicht bewusstseinsfahig werden 
konnte, andererseits wird sie aus demselben Grunde nicht von der 
menschlichen Familie erzahlt, was noch immer zu anstossig ware, sondern 

*) Gewiss gibt es, wenn auch in beschrankterem Mafie, ursprttnglich von 
gehemmten Wunschregungen des Vaters ausgehende Phantasiebildungen. Besonders 
scheinen hierlter die zahlreiehen Mythen und Marchen zu gehoren, welche die sexuelle 
Verfolgung der Tochter durch den Vater zum Inhalt haben und deren oft hoch- 
komplizierte Wunschmechanismen Zeugnis davon ablegen, wie schwer diese primitiven 
Verzichte dem Menschen fallen. Das Schema ist in ahnlicher Weise wie beim 
Sohnesmythus die Ersetzung der Familie: Ein Konig verfolgt seine Tochter mit 
Liebesantragen, sie flieht und gelangt nach mancherlei Abenteuern zu einem Konig, 
der sie heiratet, in dem man aber eine mehr oder weniger deutliche Doublette des 
Vaters erkennt. — Auch in Wirklichkeit wird die Tochter, die sich der sexuellen 
Gewalt des Vaters durch die Fluent entzogen hat, dem Manne gegenuber, der sie 
aufnimmt und schutzt, in ein kindliches Abhangigkeitsverhaltnis geraten. 



II. My then- mid Marchenforschung 57 

auf iiberirdische Wesen bezogen, seien es nun die ratselhaften, machtigen 
Himinelskorper, oder die dahinter waltend gedachten Gutter oder die zu 
solchen erhohten Heroen. So erklart sich vielleicht der Widerspruch, 
dass die My then bewussterweise naive Naturerkenntnis darstellen und 
vermitteln konnten, wahrend die Form der mythischen Erzahlung rein 
menschliche Elemente bilden, deren hesondere affektive Stauung die 
eigentliche Triebkraft fur die Mythenbildung abgibt. 

Unter diesem Gesichtspunkt ware die Mythen- und Marchenbildung 
eher als ein Negativ der Kulturen twicklung zu hetrachten, 
gewisserma&en als Ablagerungsstelle der in der Realitat unverwendbar 
gewordenen Wunschregungen und unerreichbaren Befriedigungen, auf 
die das heutige Kind zugunsten der Kultui* ebenso, wenn auch schwer 
und ungern, verzichten lernen muss, wie seinerzeit der primitive Mensch. 
Diese Funktion der Aufnahme und symbolisch eingekleideten Befriedigung 
sozial unverwendbarer Triebregungen teilt aber der Mythus mit der 
Religion, mit der er lange eine untrennbare Einheit gebildet hat, Nur haben 
es die wenigen grossen Religionssysteme der Menschheit in der TJm- 
wandlungs- und Sublimierungsfahigkeit dieser Triebe, in dem Grade der 
Verhiillung ihrer Befriedigung und in der dadurch ermoglichten ethischen 
Hohe der Gesinnung zu einer Vollkommenheit gebracht, die sie weit 
liber den primitiven Mythus und*das naive Marchen, mit denen sie doch 
die wesentlichen Triebkrafte und Elemente gemeinsam haben, hinaushebt. 



III. 

Keligionswissenschaft. 

Die Religion ist nicht von jeher die unzertrennliche Begleiterin 
der Menschheit gewesen, vielmehr hat in der Entwicklungsgeschichte 
ein prareligioses Stadium einen breiten Raum eingenommen und 
mit diesem mlissen wir uns zunachst beschaftigen, urn einen Einblick 
in die psychische Genese der Religion zu erlangen. 

Die den Menschen beherrschende Einstellung war in dieser Epoche 

die animistische, d. h. die Prirnitiven bevolkerten die Welt mit 

Wesen, denen sie Leben und Beseeltheit, wie sich selbst zuschrieben; 

die Erkenntnis unbelebter Objekte der Aussenwelt ging ihnen noch ab. 

Urn zu dieser Auffassung zu gelangen, musste sich der Mensch erst 

die Pahigkeit erwerben, zwischen den Vorgangen der Aussemvelt und 

den endopsychischen Wahrnehmungen scharf zu unterscheiden. Solange 

die Zweiteilung in Innen- und Aussenwelt, Ich und Nicht-Ich nicht 

vollstandig ausgebildet war, konnte sich die Erkenntnis nicht befestigen, 

dass die auf halluzinatorischem Wege herstellbare psychische Realitat 

von der mit den Sinnen wahrgenommenen objektiven verschieden ist. 

Erst schrittweise erzwingt sich die Realitat nicht nur praktisch, sondern 

auch theoretisch die Anerkennung ihrer selbstandigen Existenz, so dass 

der Notwendigkeit, sie mit den ihr angemessenen realen Mitteln zu 

beherrschen, nicht bios reflektorisch Folge geleistet wird. Mit fort- 

schreitender Realanpassung musste auf das bisherige, durch die Ver- 

tauschung der objektiven mit der psychischen Realitat begrundete 

Allmachtsgefuhl zum grossen Teile verzichtet werden und dasselbe 

rettete sich nun auf das Gebiet der endopsychischen Befriedigung, ins 

Phantasieleben. 

Hier ist also der Ausgangspunkt aller jener Bildungen zu suchen, 
welche darauf abzielen, dem Menschen die Lustbefriedigungen, die er 
dem Kulturfortschritt opfern musste, auf einem der Realitat entzogenen, 
psychisch autonomen Gebiet zu gewiihrleisten. Die Phantasiebefriedigung 
hat zunachst wohl noch keine differenzierten Formen, erst allmahlich 
gewinnt sie fest umrissene Gestalt. 



III. Religionswissenscliaft. 59 

Als unmittelbare Vorstufen der Religion gelten der Tot em is mus 
und die Tabuvorschriften. Fur beide ist charakteristisch, dass 
ihnen die Voraiissetzung der Existenz hoherer Wesen nicht innewohnt, 
sondern dass ihre Gebote tmd Verbote als selbstverstandlich und in sich 
begrundet auftreten. Wenn wir die in ihnen enthaltenen Einschran- 
kungen und Verbote in ihren wesentlichen Formen betrachten, so finden 
wir, dass sie dazu dienen, der Realisierang bestimmter Wunsche die 
Gelegenheit zu entziehen. Die Aufstellung dieser Regeln lasst also einer- 
seits erkennen, dass man das allgemeine Vorhandensein dieser Wunsche 
annahm, andererseits, dass man jede Versuchung nach Kraften vermeiden 
wollte. Sie sollen einen mit grosser Muhe und Energieaufwand zustande 
gebrachten, fiir das Wohl der Gesamtheit auch sehr wichtigen Verzicht 
sichern. Wenn die Auffassung der Psychoanalyse richtig ist, dass die 
wesentliche Voraussetzung der Kultur in der Verdrangung intensiv lust- 
betonter, aber jeder sozialen Entwicklung entgegenwirkender Strebungen 
besteht, so muss das durch die primitiven Verbote Betroffene als tiefste 
Schichte des Unbewussten wiederkehren. Tatsachlich stellt sich als 
eine der wichtigsten Funktionen des Totemismus die Verhinderung des 
Inzestes dar und der bedeutsamste Fall des Tabu, das Tabu der Herrscher, 
ist deutlich darauf berechnet, die Gewaltanwendung gegen das Oberhaupt, 
das ja urspriinglich mit dem Familienoberhaupt zusammenfiel, unmoglich 
zu machen. 

Als Folge dieser Verbote und der stets aufs neue andrangenden 
Auflehnung dagegen stellte sich eine psychische Spannung her, die 
yon dem Individuum als Angst empfunden wurde. Als Mittel zur 
psychischen Ausgleichung dieser Spannung bot sich der Mechanismus 
der Projektion in die Aussen welt dar, wodurch der Konflikt erledigt 
und die bisher unbestimmte Angst auf imaginare Ohjekte geworfen 
werden konnte. Dies war um so leichter moghch als die animistische 
Anschauung den Projektionsmechanismus vorgebildet hatte, so dass die 
auf Grund dieser Anschauung entstandenen, die Aussenwelt bevolkernden 
beseelten Wesen dadurch zu Damonen wurden, dass man ihnen den 
Willen und die Macht zu schaden zuschrieb. Mit dem Damonenglauben 
ist die erste religiose Stufe erreicht. Hand in Hand mit ihm geht die 
Ausgestaltung der Magie und Zauberei als Techniken, welche die 
Beeinflussung der Damonen erzielen sollen. teils in der Absicht sie zu 
verscheuchen, teils um sie unterwerfen oder gnadig stimmen zu konnen. 

Der Damonenglaube erhielt dadurch eine neue Richtung, dass die 
Geister zu eindrucksvollen Naturvorgangen und den Himmelskorpern in 
Beziehungen gesetzt wurden; damit begann der Aufbau der Mytho- 
logie, wahrend die Magie ihre Fortsetzung in Kult und Ritus 
findet. Uberall aber lassen sich noch bis in die feinsten Auslaufer die 
urspriinglichen Totem- und Tabuanschauungen erkennen. 



60 Dr. 0. Rank n. Dr. H. Sat- lis: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Die Bediirfnisse, einerseits die Vorgange der Natur sich durcli 
Vermenschlichung naher zu bringen und andererseits die eigenen mensch- 
lichen Gefuhlskonflikte durch das Hinausverlegen in die Natur zu er- 
ledigen, trafen in der Tendenz zur Mythenbildung zusammen. Die bisher 
unbestimmt vorgestellten Damonen nebmen die charakteristischen Ziige 
der einzelnen Naturphanomene an und werden in Beziebungen zu einander 
gebracht, die den menschlichen nachgebildet sind und gleichzeitig die 
gegenseitige Ein wirkung jener Naturvorgange aufeinander darstellen 
sollen. Dadurch werden die Damonen nach und nach zuGottern er- 
boben. Da die versagten und spater verdrangten Wlinsche die Phantasie 
itnmer aufs neue anspornen, werden, solange der mythenbildende Prozess 
iiberhaupt noch im Flusse ist, denselben Naturvorgangen stets neue 
Gestalten und Geschichten unterlegt und daraus erklart sich die Viel- 
gestalt im Pantheon aller antiken Religionen. 

Die soziale Funktion der Mythologie ist es also, die schadlichen 
verdrangten Triebe soweit es geht auf den Weg der Phantasie- 
befriedigung zu leiten und ihre Hinausweisung aus der Realitat zu be- 
fordern. Da aber auch ein Stuck der ursprunglichen tatsachliehen Be- 
friedigung gebieterisch ihr Recht fordert, werden dazu nach dem Prinzip 
der Wiederkehr des Verdrangten aus dem Verdrangenden 
gerade jene Einrichtungen benutzt, welche zur Verhutung der Durch- 
setzung geschaifen worden waren. So wurden die Strebungen, denen 
die mythenbildende Phantasie einen Ausweg eroffnet hatte, der die Ge- 
samtheit ~ Horde, Stamm, Volk, Staat - "vor ihrer Verwirklichung 
schutzen sollte, durch die andere Halfte der Religion, namlich durch 
Kult und Ritus erst recht wieder zuruekgefuhrt. Die Religion ist eben, 
wie jedes Produkt des Konfliktes zwischen Unbewusstem und Ver- 
drangung, eine Kompromissbildung. Der Zwiespalt, der darin liegt, dass 
sie den Weg zur Gesittung frei macht und doch das Kulturfeindlichste 
unter gewissen Bedingungen gestattet, begleitet sie auf ihrem ganzen 
Entwicklungsgange. Zuzeiten kann der Kompromiss auch vollig 
missglucken und der religiose Eanatismus, der dann zur Herrschaft 
gelangt, ist ein Werkzeug der Vernichtung fur alles, was die Existenz 
der menschlichen Gesellschaft ermoglicht. 

Aber schon auf der allerersten Stufe begegnen wir diesem inneren 
Zwiespali Noch ehe es religiose Mythen oder Ritual gab, wurde das 
Tabu der Herrscher nicht nur dazu benutzt, um ihre Person zu schutzen, 
sondern auch um sie durch das strenge Zeremoniell auf das grundlichste 
zu qualen. Die Totung des Totemtieres, die gewohnlich streng ver- 
boten ist, wird an gewissen Festtagen nicht nur gestattet, sondern 
geradezu als religiose Pflicht gefordert. Aus diesem Brauch entwickelt 
sich dasOpfer, wobei als Motivierung hinzutritt, dass der Mensch das, 
was er sich versagen musste, dem Gotte abtrat, um es spater zu feier- 



III. Religionswissenschaft. 61 

lichen Anlassen sich selbst als Diener und Stellvertreter des Gottes zu 
gestatten 1 ). Das Opfer geht daher auf die Voraussetzung der Identi- 
fizierung mit der Gottheit zuriick; ganz in diesem Sinne sagt auch 
S. Reinach (Orpheus p. 63): „Si les legendes humanisent les dieux, 
les rites tendent a diviniser les hommes.- So konnte bei den zu gott- 
licher Ehrung gefeierten Festen auch der streng verponte Inzest als 
heilige Orgie wieder aufleben. 

Diese Wiederkehr des Verbotenen ist kein einfacher RiickfalL der 
das Antisoziale wieder aufleben lasst, sondern zu ihrer Ennoglichung 
ist der Umweg iiber Phantasievnrstellungen Bedingung; und wenn sie 
auch den Bereich des rein Psychischen verlassend schliesslich in Hand- 
lungen auslaufen, so sind diese doch ganz mit phantastisch-symbolischen 
Elementen durchsetzt. Zur Erleichfcerung dieses Kompromisses zwischen 
Phantasie und Wirklichkeit wird die kultische Handlung in Hinsicht 
auf Zeit und Ort aus dem Alltag herausgehoben und iiber ihn erhoht. 
Dadurch wird das tJbergreifen in die gewohnlichen sozialen Beziehungen 
gehindert, so dass trotz Durchsetzung des Unerlaubten keine Friktion 
mit den kulturellen Anforderungen droht. 

Alle diese religiosen tJbungen haben als Kompromissprodukte ein 
Doppelantlitz : Ihre VVirkung besteht in der Ermoglichung 
des Verzichtes auf gesellschaftsfeindliche Triebbefrie- 
digung, ihr Wesen liegt in deren Grestattung, teils bloss 
in der mythenschaff enden Phantasie, teils durch kultische 
und rituelle Ausiibung der in dieser Phantasie dar- 
gestellten verbotenen Akte. 

Mit den steigenden Anspruchen der Verdningung wird auch die 
eingeschriinkte festliche Art der Begehung als anstossig empfunden und 
nicht mehr in unverhtillter Form gestattet. An ihre Stelle treten eine 
Reihe ritueller Akte, welche in mannigfacher Variation die urspriing- 
lichen Handlungen in symbolischer Umschreibung wiederholen. Ahnlich 
erfahrt das religiose Zeremoniell bei seiner Entwicklung aus den primi- 
tiven Vorschriften immer. weiter gehende Entstellungen, die nicht selten 
die Tollstandige Ablosung vom urspriinglichen Sinn erreichen konnen. 
Unter diesen Zeremonien heben wir eine besonders interessante Gruppe her- 
vor, die wir uberall, von den primitivsten bis zu den hochst entwickelten 
Verhaltnissen antreffen. Es sind dies die verschiedenen Reinigungs- 
Siihne- undBusshandlungen, welche das unterirdisch alle Religionen 
durchziehende Schuldgef iihl verraten. Dieses vollkonnnen regelmafiige 
Vorhandensein des Schuldgefiihls beweist uns, dass das ganze Gebaude 
der Religion auf der Grundlage der Triebverdrangung eirichtet ist. 

i) „Was der Menscli nicht ist, aber zu sein wilnscht, das stellt er sich in den 
Gottern als seiend vor." (Feuerbach.) 



62 Dr. 0, Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Eine andere Ausgestaltung der religiosen Akte kniipft an die 
bereits erwahnte Magie an. Die magische Beeinfiussung besteht darin, 
dass ein gewiinschter Effekt durch Handlungen oder Reden (Formeln) 
herbeigefiihrt werden soil, welche irgend einen assoziativen Zusammen- 
hang mit ihm haben. aber keineswegs ausreichend sind, urn ihn nach 
den Naturgesetzen zu erzeugen ; z. B. die Schadigung eines Feindes 
durch Verletzung seines Abbildes Dieses Hinwegsetzen uber die Natur- 
gesetze ist der Rest des Allmachtsgefiihles , das seine Quelle in der 
Uberschatzung der psychischen Realitat hatte und auf das der Mensch, 
soweit die Realitatsanpassung ihn dazu zwang, verzichten musste. Die 
Magie hat zur Voraussetzung den Glauben, dass die Kraft der Wiinsche 
allem ausreiche, urn schwienge, oft unmogliche Veranderungen in der 
Aussenwelt zu erwirken. Der Glaube an die Allmacht der Gedanken 
gipfelt in der Uberzeugung an die Macht des Wortes, die so tief wurzelte, 
dass man es fur genugend hielt, den Namen einer Person auszusprechen, 
urn auf sie im gewiinschten Sinne einzuwirken. Diese Vorstellung von 
der Zauberwirkung des Wortes ist die Grundlage des Gebetes; denn mit 
Aufgeben der Vorstellung einer direkten Beeinfiussung durch das Wort 
tritt an deren Stelle die an ein personlich gedachtes, ubernaturliches 
Wesen gerichtete Bitte, welche sich auf zweifache Weise als direkte 
Fortsetzung des Glaubens an die Allmacht der Wtinsche verrat. Einer- 
seits erwartet der Betende, dass das feierliche Aussprechen seiner Wimsche 
hinreiche, um den Gott zu deren Vollziehung zu veranlassen, anderer- 
seits hat er sich damit das Allmachtsgefuhl, auf das er verzichten musste, 
indirekt durch Abtretung an die Gottheit bewahrt, mit der er sich 
unbewusst identifiziert. Der letzte Schritt in der religiosen Durch- 
dringung des Gebetes driickt dann die Bedeutung des Wortes herab 
und verinnerlicht das Verhaltnis zum Gott, indem es den Glauben in 
den Mittelpunkt stellt und von ihm den Erfolg des Gebetes abhangig 
macht. 

Der primitiven Menschheit erschien es selbstverstandlich, dass alles 
dasjenige, was ihr verboten war, der Gottheit oder dem Menschen im 
Dienste der Gottheit erlaubt sein sollte. Diese ausnahmsweise Freiheit 
gait sogar als ein wesentliches Attribut des Gottes und seiner aus- 
erwahlten Diener, der^Konige und Priester. Dadurch wurden dieselben 
mit der Glorie des Ubermenschentums umgeben, insbesondere, wenn 
ihnen die inzestuose Ehe erlaubfc oder sogar geboten war, wie z. B. den 
persischen Priestern und den agyptischen Herrschern. 

Mit dem Aufstieg vom Damon zur Gottheit geht ein Umschwung 
in der Einstellung einher, die auf der Ambivalenz der an alien religiosen 
Bildungen beteiligten Triebkrafte beruht. Wahrend urspriinglich nur 
die Feindseligkeit gegen den Yater und die Rivalifeat mit seiner Uber- 
macht, sowie der daraus entspringende Wunsch ihn zu beseitigen zum 



III. Religionswissenschaft. 63 

Ausdruck kam, zeigen hohere Entwicklungsstufen immer deutlicher die 
Einwirkung Ton Liebe und Yerebrung, die der Sohn dem Yater gegen- 
uber empflndet. Deshalb sind die Gutter nicht wie die Damonen nur 
feindliche Gestalten, die zurnen und strafen, sondern auch huldvolle, 
die beschutzen und belohnen konnen. Insbesondere waren, seitdem sich 
zwischen Mutter und Sohn die Inzestschranke gefestigt hatte, aus iiber- 
triebener Scheu vor deren tJberschreitung nicht bloss die rein libidinosen 
Begehrungen, sondern auch die damit untrennbar verbundenen zartlichen 
Regungen unerlaubt geworden, wie die zahireichen Tabuverbote beweisen, 
die den Verkehr zwischen Mutter und Sohn oft aufs ausserste beschranken. 
Auch diese im Liebesleben nicht voll verwertbare Zartlichkeit sucht 
jetzt in der religiosen Phantasiewelt Befriedigung und erschafft die 
Figur der mutterlichen Gottheit — Istar, Isis, Rhea, Maria , mildert 
aber zugleich die strengen Ziige des Yatergottes. Diesen geliebten und 
verehrten Gestalten konnte man nunmehr alle jene dem Bewusstsein 
als Greuel erscheinende Eigenschaften und Handlungen nicht mehr zu- 
>schreiben. In diesem Sinne setzt eine sekundare Bearbeitung ein, welche 
die einzelnen Legenden in einem dem ethischen und rationalen Niveau 
der Epoche angepassten Religionssystem zusamnienfasst. Mit einem 
vollstandigen Gelingen kann aber dieses Bemuhen, wenn es auch mit dem 
grossten Eifer durch Jahrhunderte fortgesetzt wird, nie gekront seiu, 
da die dabei wirksamen Triebkomponenten die Tendenz haben, immer 
wieder auf die krasse Urmythologie zuriickzugreifen, wie noch bei 
einzelnen christlichen Sekten unserer Tage erkennbar ist. 

Derselben Systembildung unterliegen mit der Zeit auch Kult und 
Zeremoniell, die ihrem Ursprung dadurch so entfremdet werden konnen, 
dass oft kaum eine Spur ihrer eigentlichen Bedeutung mehr zu erkennen 
ist. Eine Reihe der fiir die Systemisierung nicht tauglichen Gebote 
und Yerbote fallen dann aus dem Rahmen der Religion ganz hinaus 
und verschwinden entweder oder leben, ihres religiosen Gehalts ent- 
kleidet, als hygienische Vorschrift, Sitte oder Gesetz fort. 

Die in niythischer und kultischer Hinsicht sehr weit getriebene 
Ausgestaltung eines Religionssystenis nimmt keine Riicksicht mehr auf 
Geschlecht, Alter und individuelle Einstellung der Einzelnen, sondern 
zwingt jedem Bekenner seinen gesamten Inhalt auf, obgleich der jeweils 
besonders ausgepragte Triebanteil nur an einem bestimmten Stuck 
desselben Befriedigung finden kann. Infolgedessen hat der Einzelne, 
wenn er auch das Religionssystem in seiner Ganze akzeptiert, doch 
immer nur zu bestimmten Teilen, die seiner individuell ausgepragten 
Triebrichtung entgegenkommen, ein besonders inniges Yerhaltnis. So 
wird derjenige, in dessen eigenem Seelenleben die Lust am Zufugen 
oder Erdulden von Schmerz eine besondere Rolle spielt, die Passion 
mit viel e-rosserer Inbrunst aufnehmen und glaubig verehren als irgend 



64 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

ein anderes Stiick der christliclien Glaubenslehre. Wer die sexuelle 
Rivalitat mit dem Vater intensiv empfunden hat, dem wird die Gestalfc 
der jungfraulichen Mutter als Ebenbild der Erfiillung seiner eigenen 
kindlichen Wxinsche besondere Verehrung abgewinnen. So zeigt sich, 
dass hinter der scheinbaren Einformigkeit, welche die grossen Religions- 
systeme iiber ihre Bekenner ausbreiten, eine personliche Verschiedenheifc 
Platz hat, die in der mehr oder weniger bewussten Privatreligion 
des einzelnen ihren Ausdruck findet. 

In den eben erwahnten Fallen dienen die religiosen Phantasien 
der Darstellung nicht nur verbotener, sondern audi verdrangter, dem 
Individuum fremd gewordener Wunschregungen. Diese konnen nur in 
entstellter und verhiillter Einkleidung vor das Bewusstsein treten und 
die Religion liefert .die sozial anerkannten Formen, durch die dem 
Glaubigen das religiSse Zeremoniell erlautert wird. Wo aber individuelle 
Momente sich so stark in den Vordergrund drangen, dass sie sich weder 
der normalen Verdrangung, noch der durch die Religion ermoglichten 
sozialen Einordnung gefugt haben, dort setzt eine intensivere Form der 
Abwehr ein, welche nicht nur die Wiinsche, sondern auch die entstellten 
Phantasien verdrangt und nur das dazu gehorige Zeremoniell unabhangig 
davon bestehen lasst. Das ist der Fall der Zwangsneurose, bei 
welcher der unmotivierte lmpuls zur fortwiihrenden Wiederholung 
gewisser Zeremonien auftritt. Der Mechanismus des zwangsneurotischen 
Zeremoniells ist dem des religiosen auffallig parallel, nur dass die Zwangs- 
handlungen dem Kranken, und noch viel mehr seiner Umgebung, voll- 
kommen sinnlos erscheinen, wiihrend bei den Akten des religiosen 
Zeremoniells die allgemeine Anerkennung den fehlenden realen Zweck 
und Sinn erganzt. 

Die ausserste Konsequenz der von der sekundaren Bearbeitung 
ausgehenden Systembildung ist die Dogm ati k. Dieser rationalisierende 
Faktor schiebt sich durch sein "Qberwuchern trennend zwischen das 
Gefuhlsleben des einzelnen und die fur dasselbe geschaffenen religiosen 
Bildungen; Die Folge davon ist, dass von Zeit zu Zeit religios 
besonders tief veranlagte Naturen diesen Zwiespalt fuhlen, den erkaltenden 
Umweg iiber das Dogma scheuen und aufs neue einen personlichen 
Weg direkter Entladung suchen. Darnit stellen sie zunachst fur sich selbst 
ein Stuck des alten verloren gegangenen Religionsinhalts wieder her. 
Haben solche Inspirierte dann noch die Fahigkeit auf ihre Mitwelt 
suggestiv zuwirken, so entsteht der Typus des Religionsgrunders 
oder Erneuerers, dem ein stark mystischer Einschlag niemals fehlt, 
wie die Gestalten Ohristus 1 , Mohammeds, Luthers bezeugen. 

Auch wo es nicht zur Grundung einer neuen Sekte kommt, wird 
ein mystischer Gefiihlsstrom unablassig in die Religion einmiinden. 
Der Grundgedanke der Mystik ist das Wiederaufleben der uralten, schon 



Til. Religionswissenschaft g5 

in der Idee des Opfers verwirklichten Vorstellung der Identifizierung 
mit der Gottheit, und zwar in der hochsten und innerlichsten Form, 
als unmittelbare Vereinigung der Seele mit ihrem Schopfer. Aber auch 
in dieser spaten und hochsubliraierten Gestalt machen sich noch die 
Anspniche des urspriinglich Verdrangten geltend, indem diese Identi- 
fizierung leicht die Ziige einer sexuellen Vereinigung mit der Gottheit 
annimmt; dies ist bei vielen Mystikern durch die analytische Erforschung 
ihrer Bekenntnisse bis in die feinsten intellektuellen Auslaufer nach- 
zuweisen und bei einzelnen, besonders bei ekstatischen Frauen, selbst bis 
zur bewussten Phantasie (Christus als Seelenbrautigam) fortgeschritten. 
In Erkenntnis der weiblichen und passiven Einstellung des Mystikers 
sagt Ludwig Feuerbach (in den No ten zum „Wesen des Christen- 
tums", Kroners Volksausgabe, S. 181) uber ihn: „Sein Kopf ist stets 
umnebelt yon den Dampfen, die aus der ungeloschten Brunst seines 
begehrlichen Gemiits aufsteigen." — „Er setzt sich einen Gott, mit dem 
er in der Befriedigung seines Erkenntnistriebes unmittelbar zugleich 
seinen Geschlechtstrieb, d. h. den Trieb nach einem personlichen Wesen 
befriedigt.^ — Die mystische Verzticktheit kann sich bis zu jenen 
Formen der Exaltation steigern, von denen uns die Keligionsgeschichte 
zahlreiche Beispiele berichtei. 

So wie ehemals der Animismus in der Magie, so besitzen auch die 
zur Regression ins Primitive neigenden Formen der Mystik gewisse 
Techniken zur Beherrschung der aus der Projektion des Unbewussten 
erschaffenen ubernaturlichen Welt im Spiritismus, Okkultismus und 
Ahnlichem. 

In der bisherigen Darstellang haben wir die psychoanalytische 
Stellungnahme zum Entwicklungsgang des religiosen Geftihls in den 
grobsten Ziigen skizzierfc. Es eriibrigt uns noch ein wichtiges Problem, 
das in unseren Ausfuhrungen keinen Platz gefunden hat, naehzutragen. 
Wie erwahnt, stellen die primitiven Kulte einen teilweisen Durch- 
bruch der verbotenen Wunschbefriedigungen in ein fiber den Alltag 
hinausgehobenes Stuck der Realitat dar. Es stimmt mit den psycho- 
analytischen Grundsatzen gut zusammen, dass uns als eine der bedeut- 
samsten und haufigsten kultischen IJberlieferungen die inzestuose Ver- 
bindung zwischen der Muttergottin und ihrem Gatten-Sohne entgegen- 
tritt, wie in Babylonien Istar und Tammuz, denen Astarte und Adonis 
entsprechen, ferner in JLgypten Isis und Osiris, resp. Horus, dann 
Griechisch Kybele und Attis, Indiseh Maja und Agni, Tanit und Mithra, 
endlich Japanisch Izanami und Izanagi u. t. a. Auch noch in der 
Apokalypse Johannis heisst die Himmelskonigin die Mutter des Siegers 
(12, 1), wahrend sie an anderer Stelle als dessen Braut gefeiert wird 
(21, 9fg). Robertson (Evang. Myth., S. 36) spricht direkt die 
Vermutung aus, dass die Beziehung Christi zu den Marien wahrschein- 

Grenzfragen des Neryen- und Seelenlebens. (Heft XCTII.) 5 



66 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

lich auf einen alten Mythus hinweise, fl wo ein palastinensischer Gott, 
vielleicht des Namens Joschua, in den wechselnden Beziehungen von 
Geliebter und Sohn gegeniiber einer mythischen Maria auftritt." — Die 
teils unverhiillte, teils symbolisch unter gewissen Voraussetzungen 
gestattete Veriibung des Inzests scbeint diesen Kulten vielfach den 
geheimnisvollen Nimbus verliehen zu haben, wie wir es beispielsweise 
vom Attiskult durch eine Notiz bei Clemens Alexandrinus (Protr. 2) 
iiberliefert haben. „Der Sohn wird zum Geliebten, was der Inhalt der 
Mysterien des Attis und der Kybele gewesen zu sein scheint." (Roschers 
Lexikon d. griech. u. rom. Myth.) 

Dieses zeitweilige Aufleben des Inzests in feierlicher und mystisch- 
symbolischer Weise erfuhr mit der Abschwachung und Ausgestaltung 
der Phantasiebildungen im Laufe der Entwicklung mannigfache Schick- 
sale, von denen wir eines, das fiir die Religionsbildung besondere 
Wichtigkeit gewonnen hat, hier kurz verfolgen wollen. 

Die Verdrangungsneigung gegen den Inzest macht sich in den 
angefiihrten Mythen und Kulten insofern geltend als der jugendliche, 
gewohnlich schon mit Eintritt der miinnlichen Reife in geschlechtliche 
Beziehung zur Mutter-Gattin gebrachte Sohn unmittelbar nach diesem 
Hohepunkt der Befruchtung in der Bltite seiner Jahre einem friihen 
Tode verfallt. Dieses traurige Schicksal erweist sich deutlich in den 
Uberlieferungen als Strafe fiir den verponten Inzest, wo der Gatten- 
sohn, sei es von sexuellen Rivalen, sei es durch eigene Hand das 
Schicksal der Kastration erleidet, wie in den Berichten von Uranos, der 
mit seiner Mutter Gaa die Kinder der Welt zeugte, Attis, Adonis, 
Osiris u. a. m. 

Dieses tragische Hinscheiden des jugendlich kraftigen Gottes 
wurde an die entsprechenden eindrucksvollen und bedeutsanien Natur- 
vorgange, wie Sonnenuntergang und Schwinden der Vegetation an- 
gekniipft, und damit zunachst das psychische Bedurfnis nach regel- 
mafiiger Wiederholung dieser der Triebbefriedigung dienenden kultischen 
Akte mit Berufung auf die Naturgesetze motiviert. Bei dieser Ver- 
gleichung des individuellen Schicksals mit den kosmischen Vorgangen 
kam aber noch eine andere, alien Menschen tief innewohnende und fiir die 
Religion- und Mythenbildung sehr bedeutsame Wunschregung auf ihre 
Rechnung: namlich die Tendenz, die harte Notwendigkeit des Todes vor 
dem eigenen Bewusstsein abzuleugnen und ihre Anerkennung zu um- 
gehen. Indem dieses Bediirfniss sich an die Kehrseite der fiir den 
Menschen traurigen Naturvorgange anheftete, also an Sonnenaufgang, 
an die Wiederkehr der fruchtbaren Jahreszeiten etc., war fiir den im 
Dienste der Befruchtung geopferten Gott die Moglichkeit seiner Auf- 
erstehung gegeben, die tatsachlich in all den angefiihrten "Uber- 
lieferungen ein wesentliches Element bildet. Hier setzt nun eine 



III. Religionswissenschaft. (J7 

weitere Phantasie ein. welcher die Svmbolik der Erde als Mutter aller 
Lebewesen zu Grunde liegfc, und die damit der individuellen Inzestphantasie 
eine breitere Grundkge und einen neuen Sinn verleiht. Aus dem ab- 
geschnittenert Zeugungsglied des Gattensohnes, das die Muttergattin 
sorgfaltig bewahrt (Isis, Kybele, Astarte etc), spriesst die neue Vegetation 
und so erhebt sich auch aus der Mutter-Erde, in die der geopferte Gott 
oder sein wesentlichstes Attribute der Phallus, eingesenkt wird, der 
wiedererstandene Gott zu neuem Leben 1 ). Diese Auferstehung wird an 
den Inzestwunsch angeknlipft mit Hilfe der alt en und typischen Phantasie, 
welche das Sterben als eine Riickkehr in den Mutterleib, den Tod als 
eine Fortsetzung des Zustandes vor der Geburt auffasst. Darum halten 
sich die geopferten Gottheilande vor ihrer Auferstehung in einer, oft von 
Wasser umspiilteu, Hohle auf, die den Mutterleib symbolisiert und 
bereits in der Geburtsgeschichte dieser Gottmenschen im gleichen Sinne 
verwendet ist. Auf diese Weise erschafft die religiose Phantasie durch 
immer weitere Ausgestaltung der der Mutterlibido angehorigen Symbolik 
die typische Gestalt des geopferten und wiedererstandenen Gottheilands, 
dem die Phantasie der inzestuosen Wiedergeburt a\is der eigenen 
Mutter zugrunde liegt (Jung). 

Durch das allmahliche Zuriicktreten dieser inzestuosen Bedeutung 
der Muttergottheit und das starker e Vordringen des den einzelnen mit 
zunehmender Erkenntnis der Notwendigkeit des Todes immer mehr 
beherrschenden Unsterblichkeitswunsches kommt es zur Aus- 
gestaltung der schon fruhzeitig auftauchenden Jenseitsvorstellungen *), 
zu grossartigen Phantasien, die den Aufenthalt der Verstorbenen in 
einer der realen Welt mehr oder weniger angenaherten Unter- oder 
Uberwelt zum Inhalt haben und dem Menschen nach Ablauf einer 
gewissen Zeit ein neues Leben auf Erden oder ein Fortleben im Jenseits 
verheissen. Damit wird der Trust, der urspriinglich dem einzelnen nur 
auf dem Umweg der unbewussten Identification mit dem Gottheros 
moglich war, offen und ausdriicklich gewahrt. 

Der Unsterblichkeits- und Auferstehungsglaube, in dem die meisten 
philosophisch gelauterten Religionssysteme gipfeln, zeigt, wenn man ihn 
auf die inzestuose Wiedergeburt zuruckverfolgt, die denkbar vollstandigste 
Ablehnung des Vaters, an dessen Stelle sich ja der Sohn versetzt. Diese 
Ablehnung ist, — was sich in dem aus jeder Religion herausfuhlbaren 
Schuldgefuhl zeigt — , eine Folge der infantilen Rivalitat und der Feind- 
seligkeit, die sich im Unbewussten erhalten und von dort aus im religiosen 

!) Feste, bei denen die verschiedensten Yolker den Phallus verehrten, wurden 
in spaterer Zeit auf die Wiedergeburt im Jenseits bezogen. (Nach Liebrecht 
Zur Volkskunde, 1879). 

2 ) Vergl. Edm, Spiess: „Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen vom 
Zustande nach dem Tode auf Grund vergl. Religionsforschung dargestellt." Jena 1877. 

5* 



68 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Saclis: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Leben durcbsetzen. Der spatere Dualismus vieler Eeligionen, in 
denen neben den Schopfer der Zerstorer tritt, die urspninglicb in einer 
Gestalt vereinigt waren, ist eine Folge der Gefublsspaltung, welche die 
Gegensatze in der unbewussten Einstellung zum Vater, wenn sie auf- 
boren vertraglicb zu sein, durcb gesonderte Darstellung (Zerlegung) in 
zwei oder mebrere Figuren erledigt (Ormuzd-Arbiman, Gott-Teufel). 
Der extremste Ausdruck der Uberwindung des Vaters ist der A t h e i s m u s , 
bei dem sicb das Individuum rein auf sicb selbst stellt und keinen 
Scbopfer und Herrn anerkennt. 

Daneben versiegt aber niemals die ambivalente Gefiiblsstromung, 
welcbe an der Gestalt des Vaters festhalt und Verehrung wie Dankbarkeit 
gegen inn als die erste religiose Pflicbt empfindet. Fur den einzelnen 
bleibt das Verhaltnis, das er in der Kindbeit zum Vater eingenommen 
bat, vorbildlicb fur die Stellung, die er spater zum Weltenschopfer und 
Vater im Himmel einnimmt. Aucb wenn er sicb, wie es zur Vollendung 
des Entwicklungsganges notwendig ist, Tom Vater emanzipiert oder 
gegen seine Autoritat auflebnt, kann er die in seiner infantilen Ein- 
stellung vereinigten Empfindungen der Liebe und Abhangigkeit vom 
Vater unbewusst beibebalten und in der Religion zum Ausdruck bringen. 

Damit ist der Kreis geschlossen, da die Eeligion, die vom Verbalt- 
nis des Kindes zu den Eltern ausgegangen ist, in einem grossartigen Kom- 
promissprodukt der darin entbaltenen ambivalenten Gefiiblsregungen gipfelt. 



IV. 

Ethnologie und Linguistik. 

Die fur die ethnologische Betrachtung bedeutsamen Tatsachen 
konnen sowohl durch physische wie durcli psychische Einwirkung be- 
stimmter Faktoren, wie Abstammung, Religion, okonomische Verhalt- 
nisse, Kliraa u. dergl. auf eine Volksgruppe hervorgebracht werden; 
die Mehrzahl dieser Determinanten maehen ibren Einfluss gleicbzeitio- 
auf beiden Wegen geltend. Dadurch wird eine scharfe Sonderung zwar 
erschwert, docb darf trotzdem die Untersuchungsmethode nicht unter- 
schiedslos dieselbe sein, da die physischen Konsequenzen jeder Beein- 
flussung durcb die Biologie, die psychischen durch die Psychologie 
aufgeklart werden miissen. Umgekehrt ist wieder jedes ethnologisch 
interessante Phanomen der Durchforschung nacb beiden Ricbtungen 
bin bedurffcig, da eine einseitige Auffassung keine vollstandige Problem- 
losung liefern kann. 

Die Psychoanalyse kommt selbstverstandlicb nur fiir den psycho- 
logischen Teil in Betracht, fur diesen aber kann sie hervorragende Be- 
deutung gewinnen. Wir wissen, dass sehr Vieles in den Anschauungen 
und Grewohnheiten einer Volksgesamtheit, sei es auf dein Gebiete von 
Brauch und Sitte, sei es auf jenem von Religion und Sittlichkeit. sich 
nicht auf Vorgange in dem bewussten Seelenleben ihrer Mitglieder 
zuriickfiihren lasst. Wenn wir dem mystischen Begriff einer nicht durch 
Summation der Einzelpsychen entstandenen, uber ihnen schwebenden 
„Volksseele 8 fernbleiben wollen, werden wir zu der Annahme gedrangt, 
dass es sich urn unbewusste Regungen handle. Diese miissen sich 
dann bei fast alien Individuen einer Kulturgemeinschaft in typischer 
Form wiederholen, weil sonst die Bereitwilligkeit der Gesamtheit, sich 
den von ihnen ausgehenden Beeinflussungen zu unterwerfen, unerklarlich 
ware. Das grosste Verdienst der Psychoanalyse ist es eben, uns zur 
Bekanntschaft mit diesem typischen, unbewussten Seeleninhalt verholfen 
zu haben. Vor ethnologisches Material gestellt, werden wir uns geradeso 
wie bei einer individualpsychologischen Untersuchung fragen, welches 



70 Dr. 0, Hank u. Dr. H. Sachs; Die Bedeutnng der Psychoanalyse etc. 

Stuck des Unbewussten darin verkorpert sei und durch welche Mechanismen 
es seinen Ausdruck gefunden habe, wobei wir iiatiirlicli nie vergessen 
werden, dass nach Abschluss dieser Untersuchung noch weitere von 
anderen Seiten her notwendig sein werden. 

Die Forderung der Ethnologie durch die Psychoanalyse gehort 
zum grossten Teile noch der Zuknnft an; bisher wurde die Tatsache, 
dass eine Reihe Ton Gesamtheitsprodukten dem unbewussten Seelen- 
leben nahestehen, mehr in umgekehrter Richtung ausgeniitzt, das heisst 
die Psychoanalyse gewann dadurch eine wertvolle Untersttitzung, dass 
sie ihre Satze auf einem ganz anderen Wissensgebiet anwendbar und 
durch den Erfolg der Anwendung bestatigt fand. In den Sitten und 
Gebrauchen der verschiedensten Volker wiederholt sich vollig getreu 
die Symbolik, die bei der Traumdeutung festgestellt worden war. So 
sind z. B. die mannigfaltigen Zeremonien, die Aussaat und Ernte 
begleiten, ebenso wie die Hochzeitsfeierlichkeiten fast ausnahmslos 
nur eine Haufung jener Symbolik, durch welche im Traum die Akte 
oder Organe der Fruchtbarkeit und Zeugung dargestellt werden. In 
dieser Hinsicht erwies sich die jiingere Schwesterwissenschaft der 
Ethnologie, dieFolkloristik, besonders wertvoll, umsomehr als sie sich 
intensiv mit der Sexualitat beschaftigte, an der die Ethnologie bisher 
oft achtlos Torbeigegangen war. Das folkloristische Material zeigt uns 
nicht nur den Aberglauben und die sonderbaren Vorschriften, die an 
die erotische Betatigung so haufig gekntipft waren, sondern dariiber 
hinaus auch den Einfluss, den das mehr oder minder gehemmte Ge- 
schlechtsleben eines Volkes auf seine sonstige Sittlichkeit iiben kann, 
und erganzt damit die psychoanalytische Kenntnis von der Wirkung 
der Sexualverdriingung auf das Seelenleben des Einzelnen. 

Wenn die Symbolik der Volkssitte und des von den Vdrfahren 
liberlieferten Brauches mit jener, in die sich das Unbewusste im Traum 
und verwandten Ausserungsformen kleidet, in vielen Fallen iiberein- 
stimmt^ so mussen wir darin wohl mehr als ein blosses Spiel des Zu- 
falls sehen. Das im I. Kapitel iiber die wesentlichen Ztige und die 
Entstehung der Symbolik Gesagte gentigt, um uns den Weg zur Er- 
kenntnis der Gesetzmafiigkeit dieser Erscheinung anzudeuten. Die 
Symbolik ist der Rest einer einstigen Identitat zwischen dem Symbol 
und dem Dargestellten, die im primitiven psychischen Leben bestanden 
hat; diese kommt deshalb dort wieder zum Vorschein, wo einfachere 
Seelenvorgange sich abspielen, die dem ersten Prinzip des psychischen 
Geschehens, der Lustgewinnung, unterstellt sind und dem Zwang der 
Realitatsanpassung nur wenig oder gar nicht Rechnung tragen. Die 
Symbole des Volksbrauches waren also wie jene der Traumsprache als 
Residuen einer untergegangenen Vorzeit anzusehen. Beini Traum hat 
die Analyse * diese Annahme vollkommen verifiziert, denn als seine 



IV. Ethnologie and Linguistik. 71 

Wurzel erwies sich das Zuriickstreben ins Infantile, das sick durch die 
Wiederbelebung von Kindheitserinnerungen, aber auch durch die An- 
wendung infantiler Denkformen auf rezente Eindrlicke (Tagesreste) 
durchsetzt. Die Vorzeit, auf welche das ethnologische Material 
hinweist, kann nicht dem Einzelnen angehoren, sondern nur dem Volk 
in seiner Gesamtheit, in letzter Linie, da die Grenzen zwischen Volk 
und Volk in der fernsten Vergangenheit verschwimmen, der Menschheit. 
Diese Gleichsetzung zwischen individueller und Volks- Vergangenheit ist 
zwar bei der Symbolik am meisten in die Augen fallend, aber keines- 
wegs auf sie beschriinkt. Eine eingehende Untersuchung ergab hin- 
reichende Anhaltspunkte, um die Vermutung zu rechtfertigen, dass die 
samtlichen primitiven Formen des Seelenlebens, wie sie dem Kinde 
eignen und im Unbewussten des Erwachsenen aufbewahrt bleiben, unter 
gewissen Einschrankungen mit den Vorgangen im Seelenleben der 
Wilden, soweit diese als Abbild der Urmenschheit gelten diirfen, identisch 
sind; ebenso, dass der weitere Entwicklungsgang, den das Kind durch- 
macht, um das Niveau des Kulturmenschen zu erreichem als eine aufs 
ausserste verkiirzte Wiedergabe des Weges aufgefasst werden kann, 
den die ganze Menschheifc bis zur kulturellen Gegenwart durch- 
schritten hat. 

Wir haben gleich anfanglich die Verdrangung als das Ilesultat 
der auf das Individuum einwirkenden Gesamtkultur gekennzeichnet. 
Nunmehr sehen wir, dass auch ihr Gegenpart, das Unbewusste, liber die 
Grenzen des Individuums hinausreicht und die Wiederkehr der Uranfange 
unserer Gattung darstellt, bei denen jeder als Kind frisch beginnen muss, 
und die bei fortschreitender kultureller Anpassung dem Bewusstsein ent- 
zogen, aber niemals vernichtet oder wirkungslos geinacht werden. Vom 
Uberbau des hoheren Seelenlebens verdeckt, bleibt das Unbewusste 
dennoch lebendig und reprasentiert, da es gleichzeitig die Vergangenheit 
des Individuums wie die der Gattung in sich fasst, das Allgemein- 
Menschliche der Personlichkeit, die Verbindung, die den Hochst- 
entwickelten wie den Zuriickgebliebenen mit der Gesamtheit verknupft. 

Diese durch die Psychoanalyse ermoglichte Hypothese ist nichts 
anderes als eine "Ubertragung des von Hack el aufgestellten, sogen. 
biogenetischen Grundgesetzes, demzufolge die Entwicklung 
des Individuums die Artentwicklung wiederholt, auf das psychische 
Leben. Die Frage liegt nahe, warum die Psychoanalyse als Voraus- 
setzung einer solchen Hypothese unentbehrlich sein sollte, da doch die 
gnindliche Beobachtung des Kinderseelenlebens dazu auszureichen 
scheint. Darauf ist zu erwidern, dass die in dieser Hinsicht be- 
deutungsvollsten Stadien bereits durchlaufen sind, wenn das Kind einer 
deutlichen Ausserung fahig und dadurch ein taugliches Studienobjekt 
geworden ist, Weitaus das Wichtigste kann man nur durch Er- 



72 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

schliessung tfer im Unbewussten erhalten gebliebenen Reste aus jener 
Vorzeit, d. h. durch Psychoanalyse erfahren und gegebenen Falles mit 
den Mitteln einer durch diese Erfahrung gescharften Beobachtung beim 
Kinde bestatigt finden. IJbrigens ist das Kinderseelenleben auch noch 
auf spateren Stufen keineswegs grundlich gekannt wie das allgemeine 
Fehlurteil in der Frage der Kindersexualitat beweist. Mit der Psycho- 
analyse hat die vorurteilsfreie Beobachtung des Kindes erst begonnen, 
da der uber die eigene Verdrangung nicht aufgeklarte Forscher kaum 
lmstande ist, den ganz oder teilweise verdrangungsfreien Geistes- 
zustand des Kindes im wahren Lichte zu erblicken. 

Eine wichtige Stlitze fur die hier entwickelte phylogenetische 
Hypothese liegt in der Tatsache, dass der Parallelismus sich in ge- 
wissen Fallen nicht bloss auf das Innenleben beschrankt, sondern 
auch nach aussen hin in Erscheinung tritt. Wir zielen damit auf 
einzelne typische Symptome der Neurotiker, insbesondere der Zwangs- 
kranken, welche die aberglaubischen Gebrauche der primitiven Volker 
genau wiederholen. Sowohl die fur das Verhalten der Wilden geltenden 
Vorschriften wie die den Symptomen zugrunde liegenden Impulse waren 
vollig unverstandlich und zwar den Personen, die unter ihrer Einwirkung 
handeln, ganz ebenso wie dem sie untersuchenden Forscher. Die Psycho- 
analyse fuhrt beide Phanomene auf denselben Ursprung zuriick, der 
diese Seltsamkeit erklart, namlich auf das Unbewusste, unter dessen 
Herrschaft der Neurotiker und der Primitive in weit hoherem Grade 
stehen, als der normale Kulturmensch. 

So entspricht z. B. der oft zu beobachtenden neurotischen Scheu vor 
offenen Klingen, spitzen Gegenstanden u. dergl. eine Tabu-Vorschrift, die 
verbietet, die Waffen an bewohnter Statte aufzubewahren ; die Zwangs- 
Torstellung, dass der Tod eines Menschen durch die eigenen bosen Wiinscbe 
verursacht werden konne, wird durch den Glauben an die Moglichkeit 
der Schadigung des Feindes durch magische Formeln wiederholt; die der 
Lebensfreude absagende Trauer der Neurotiker urn geliebte Personen 
findet in der Angst der Wilden vor ihrer Wiederkehr als feindliche 
Damonen Ausdruck 1 ); wie die Beziehungen des Neurotikers zu den fur 
ihn bedeutungsvollen Personen zwischen mafiloser Liebe und Hass ab- 
wechseln, ist auch der Wilde gegen einige fur ihn besonders wichtige 
Personen, vor allem gegen seinen Herrscher und die Stammesfremden 
ambivalent eingestellt, so zwar, dass ihnen bald hingebungsvollste Ver- 
ehrung, bald erbarmungslose Feindseligkeit entgegengebracht wird; vor . 
allem aber lassen die zahllosen strengen Vorschriften, die ein ungestortes 
Beisammensein von verschiedengeschlechtlichen Familienmitgliedern — 

*) „Jeder Tote ist ein Vampyr, die ungeliehten ausgenommen\ Friedrich 
Hebbel, Tagebuch vom 31. Januar 1831. A 



IV. Ethnologie und Linguistik. 73 

Mutter und Sohn, Schwiegermutter und Schwiegersohn, Bruder und 
Schwester — verhindern sollen, erkennen, dass beim Wilden die fur die 
Atiologie der Neurose mafigebende tiberstarke Inzestangst besteht, die 
nur aus einer hochst intensiven Inzestversuchung zu erklaren ist. 

Die Komplexe, die das Familienleben des Neurotikers storen, spielen 
also auch in der primitiven Familie eine kulturhistorisch bedeutsame Rolle. 

Die Parallele zwischen psychischer Onto- und Phylogenese ist 
inehr als ein interessantes Aper§u; in zalilreichen Fallen kann gezeigt 
werden, dass das, was die Psychoanalyse als bedeutungsvollen Faktor 
der Individual - Entwicklung erwiesen hat, auch fur die kulturelle 
Bntwicklung von besonderer Wichtigkeit gewesen ist und deshalb in 
sinngemafier Anwendung zur Losung der schwierigsten ethnologischen 
Probleme beitragen kann, Freilich muss dabei behutsam vorgegangen 
und der Verschiedenheit des Materials ausreichend Rechnung getragen 
werden. Zwar ist der grosste Teil der Entwicklung der Menschheit 
von innen heraus, durch die aus psychischen Quellen gewonnenen 
Energiemengen bewirkt worden, wie etwa die Aufrichtung der Tabu- 
Verbote mit ihren ethischen, religiosen und asthetischen Nachfolgern samt 
den Bildungen, die zur Kompensation des durch diese Verbote auferlegten 
Verzichtes geschaffen wurden. Aber diese Entwicklung ist durch aussere 
Einwirkungen ausserordentlich stark beeinflusst, bald beschleunigt, bald 
verlangsamt, manchmal sogar in ganz andere Bahnen gelenkt worden. 
Die fur die Einwirkungsweise der Aussenwelt mafigebenden Momente 
sind nun bei der Einzel- und Art-Entwicklung sehr oft fundamental 
verschieden. So ist z. B, die Feuererzeugung ein nicht nur fur die 
physischen, sondern mittelbar auch fur die psychischen Existenz- 
bedingungen hochst bedeutungsvoller Akt gewesen, Wir diirfen an- 
nehmen — und die in der Ethnologie aufbewahrten Erinnerungsspuren 
beweisen es auch — , dass diese fur den Urmenschen eminent wichtige 
Tatigkeit bei ihm grosse Affektquantitaten auszulosen imstande war und 
entsprechende Verschiebungen in seiner Libido-Besetzung der Aussen- 
welt zur Folge hatte. Die psychische Okonomie konnte, nachdem 
diese neue Art der Affektabfuhr sich auf Grrund des damit verbundenen 
grossen praktischen Vorteils fest etabliert hatte, auf eine neue Basis 
gestellt werden. Ebenso hat die Einfiihrung des Ackerbaues iiberall 
einen psychischen Umschwung mit sich gebracht.* Das Recht, die 
Mutter Erde aufzuwuhlen und zu befruchten, brachte zahllose das Leben 
beengende Tabu-Verbote in Wegfall, ein Beweis, dass mit und durch 
diesen Fortschritt in der ausseren Kultur sich die Menschheit auch ein 
Stuck innerer Freiheit, das ihr bisher noch entzogen war, zu erobern 
wusste. Die Bekanntschaft mit der Feuererzeugung und dem Ackerbau 
kann aber auf die psychische Entwicklung unserer Kinder kaum einen 
ahnlich umwalzenden Einfluss ausiiben und beide haben fur unser Un- 



74 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

bewusstes nur durch ihre Sexual-Symbolik Bedeutung, die allerdings 
einen letzten Rest ihres ehistigen phylogenetischen Wertes darstellen mag. 
Diese den Parallelismus storenden Einwirkungen sind bei der 
Anwendung der psychoanalytischen Methode und ihrer Resultate auf die 
Ethnologie genau in Erwagung zu ziehen; wer, ohne sie gebiihrend zu 
benicksichtigen, eine glatte Ubertragung von der einen Problemreihe 
auf die andere versuchen will, dem kann die Rechnung unmoglich 
stimmen. Sehr ungerecht ware es, der Psychoanalyse die Schuld daran 
zu geben, oder etwa gar, den Spiess umdrehend, zu behaupten, dass der 
oder jener Grundsatz der Psychoanalyse unrichtig sei, weil er sich nicht 
ohne weiteres auf die Crgeschichte der Menschheit anwenden lasse. Fur 
die Psychoanalyse sind die auf diesem Gebiet begonnenen Untersuchungen 
von ausserordentlichem Wert als Probe auf ihr Exempel, als Unter* 
stutzung der durch sie aufgestellten, viel umstrittenen Thesen. Ihre 
eigentliche Beweiskraft beruht nach wie vor . auf dem individual- 
psychologischen Material, init dem sie sich niemals in Widerspruch 
setzen darf. Wird dadurch ihre Anwendbarkeit auf andere Wissen- 
schaften erschwert, so ist dies als notwendige Konsequenz der anders- 
artigen Zusammensetzung des Materials zu betrachten, das eine eigene 
Methodik erfordert. Ein „Sesam, tu dich auf", mitdem ohne Sorge und 
Miihe alle Tiiren geoffnet werden, ist die Psychoanalyse nicht. 

Mit den obigen Ausfiihrungen im engen Zusammenhang steht die 
Frage, ob man sich den phylogenetischen Parallelismus so vorzustellen 
habe, dass infolge eines uns noch unbekannten Gesetzes die samtlichen 
psychischen Entwicklungsstufen der Art im Individuum von Anfang an 
als Dispositionen enthalten seien und dann mit dem Fortschreiten der 
organischen Entwicklung, sozusagen automatisch, in Erscheinung treten, 
oder ob nur deswegen, weil auf das Kind der Reihe nach die gleichen 
Ursachen einwirken wie auf die primitive Menschheit — Ubergang vom 
Lust- zum Realitatsprinzip, animistische Weltauffassung, Inzestschranke 
usw. — die gleichen Folgen hervorgebracht werden. Es lasst sich ein- 
sehen, dass man die Beantwortung dieser Frage, die erst, wenn die 
Erforschung des ganzen Problems recht weit gediehen ist, mit einiger 
Sicherheit gegeben werden kann, nicht bei Beginn der Untersuchung 
fordern darf. Jedenfalls muss die erste Moglichkeit, die viel weiter 
ausgreift und eine Reihe anderer Probleme in sich schliesst, als Arbeits- 
hypothese einstweilen zuriickgestellt werden. 

Die Spuren friiheren psychischen Lebens werden uns noch in einer 
anderen Bildung aufbewahrt, die sich in ununterbrochenem Flusse von der 
Urzeit her bis in unsere Gegenwart fortsetzt und fur das Geistesleben 
der Menschheit von hochstem, ja entscheidendem Wert ist, namlich durch 
die Sprache. tlber die Sprachentwicklung des Kindes ist bisher vom 



IV. Ethnologie und Linguistik. 75 

Standpunkt der Psychoanalyse aus noch kerne Untersucbung angestellt 
worden, Dagegen hat hinsichtlich des grossen Problems der Entstehung 
der menschlichen Sprache der Philologe Dr. Hans Sperber l ) erne 
Hypothese aufgestellt, die, ohne von psychoanalytischen Pramissen aus- 
zugehen, sich mit den Resultaten psychoanalytischer Denkweise voll- 
kommen deckt. Nach Sperber ist es zur Entdeckung des Ursprungs der 
Sprache notwendig, diejenige typische Situation aufzufinden, welche es 
am ehesten einem Menschen nahelegte, durch beabsichtigte Laute einen 
anderen Menschen im Sinne seiner Wlinsche zu beeinflussen. Solcher 
Situationen gibt es nur zwei : das Kind, dem die Nahrungszufuhr fehlt, 
und der sexuell erregte Mensch werden die Wahrnehmung rnachen, dass 
die bei ihnen zunachst rein reflektorisch ausgestossenen Schreie einen 
Anderen, dessen Gegenwart sie wiinschen, herbeirufen und werden daraus 
lernen, diese Schreie absichtlich zu wiederholen, wenn sie den Betreffenden 
in ihrer Nahe haben wollen. Vom Ealle des Kindes, das seine Mutter 
ruft, fiihrt kein Weg zur Sprachbildung, wohl aber vom sexuellen Lockruf. 
Die ersten Tatigkeiten des Urmenschen sind namlich fur ihn Surrogate 
des Geschlechtsaktes, er wird dabei, z. B. beim Feueranzunden, denselben 
Lockruf ausstossen und, wenn er dessen Wirkung einmal kennen gelernt 
hat, durch ihn auch zur Teilnahme an dieser Tatigkeit auffordern. 
Spater wird dann dieselbe Lautfolge iiberhaupt nur im abgeleiteten 
Sinne benutzt, da die jungere Generation sie gebrauchen lernt, ehe der 
Begattungstrieb in ihr erwacht. ' Kam dann nach jahrhundertelanger 
Pause die Erfindung einer neuen Tatigkeit, etwa Graben oder Hammern 
hinzu, so hatte sich inzwischen ein anderer sexueller Lockruf fixiert, 
der nun auf die neue Entdeckung liberging. So lasst sich die Ent- 
stehung mehrerer primitiver Yerbal-Wurzeln erklaren, mit denen dann 
der Anfang der Sprache gegeben ist. Hinsichtlich der Substantia soil 
nur kurz darauf verwiesen werden, dass die wichtigste Einteilung, die 
wir heute noch rnachen, namlich nach dem Geschlecht, darauf deutet, 
wie sehr an alien Dingen ihre Beziehungen zu den Sexualeharakteren 
beachtet wurde 2 ). 

Zu der Hypothese Sperbers stimmt es ausgezeichnet, dass in 
den meisten Sprachen die Wurzeln der Bezeichnungen fur die primitiven 
Tatigkeitsformen : Feueranzunden, Graben, Ackern usw. die Neben- 
bedeutung coire haben. Diese Wurzeln sind allerdings nicht mehr mit 
den alten Lockrufen identisch, aber die durch diesen Umstand in die 

*) Imago, 5. Heft, Jahrgang 1912 „t)ber den Einfluss sexueller Momente auf 
Entstehung und Entwicklung der Sprache". 

2) Erstaunlich nennt Erich Schmidt den im Geschlechtsunterschied aus- 
gesprochenen Trieb der Naturkinder, der ttber Mensch und Tier hinaus mit sinnlicher 
Personifikation auf alle Ersckeinungen erstreckt wird. (Schlesinger, Geschichte 
des Symbols, S. 417). 



76 -Dr. 0. Eank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Beweisftihrung gerissene Liicke lasst sich durch eine andere, von Sperber 
mit reichem etyrnologischen Material belegte Beobachtung ausfiillen. 
Es besitzen namlich gerade Worte, die zur Bezeichnung sexueller Gegen- 
stande oder Tatigkeiten dienen, die Eignung, dass sich fur alle nur 
erdenkbaren Bedeutungsgebiete Ableitungen und Umformungen ihres 
eigentlichen Sinnes anwenden lassen. Als Ursprung fur grosse und 
weitverzweigte Sprachfamilien findet sicli daher ausserordentlich haufig 
ein Ausdruck der Sexual-Sphare. Da die Sprachbildung nur so gedacht 
werden kann, dass einige wenige Urformen (Wurzeln) eine Reihe von 
Bedeutungen annehmen und im Laufe der Zeit durch Hinzutreten von 
Bildungsformen variiert werden, kann es als erwiesen gelten, dass die- 
jenigen Wurzeln, welche dem Bedeutungswandel am besten entgegen- 
kamen, zur Sprachbildung am tauglichsten waren und dies sind, wie 
wir gesehen haben, unzweifelhaffc die sexuellen. Wurzeln mit ursprunglich 
nicht sexueller Bedeutung, die in spateren Stadien auftreten, werden 
eine grosse Ausbreitungsfakigkeit dadurch gewinnen, dass sie die sexuelle 
Vorstellungssphare passiert haben. 

Von einem Stammwort mit der Bedeutung vulva finden wir z. B. 
Abkommlinge, die zur Bezeichnung von so wenig verwandten Vorstellungen 
wie Geback, zottiges Kleidungsstuck, Gefass und anderen dienen. So 
heisst mittelhochdeutsch „kotze« vulva, ferner Hure und endlich grobes 
Wollenzeug, kotze „Ruckenkorb«. Dazu gehoren elsassisch „Kutt« 
podex, bayrisch „Kutz B Eingeweide, thuringisch „Kuttel K Sack (wovon 
„Kutte" sackformiges Kleidungsstuck), englisch „cod a Kissen (altdanisch 
kodde) und das in mehreren deutschen Dialekten belegte B Kutt a Grube. 
Damit sind die Ableitungen durchaus noch nicht erschopft: schweizerisch 
„chutz« Eule, dann „Kotz" Bliitenbuschel, schwedisch ^otte" der 
rundliche Bliitenstand der JSTadelbaume, althochdeutsch „chutti tt agmen, 
niederlandisch s kudde tt grex. Ausserdem hat eine grosse Anzahl dieser 
Worte daneben noch den alten Sinn „vulva" aufbewahrt. 

Wenn die Wichtigkeit eines Vorstellungsgebietes fur die Sprach- 
bildung davon abhangt, dass von den daraus entnommenen Ausdrucken 
Ableitungen auf moglichst zahlreiche und moglichst weit auseinander- 
liegende andere Gebiete leicht zustande kommen konnen, so lasst es sich 
auch theoretisch rechtfertigen, dass dies Gebiet die Sexualitat ist. Die 
allgemeine Tendenz, bei jeder aufs praktische gerichteten Tatigkeit 
einen Lustnebengewinn zu erzielen, kann vorausgesetzt werden. Diese 
wurde jedenfalls am besten verwirklicht, wenn es gelang, fur eine solche 
Beschaftigung eine Ahnlichkeit mit einer nicht auf praktische Zwecke, . 
sondern nur auf Lustbefriedigung gerichteten Tatigkeit zu finden; war 
dieser Erfolg erzielt, so wurde er dadurch festgehalten und stets aufs 
neue betont, dass man der praktischen unlustvollen Tatigkeit die Be- 
zeichnung jener anderen lustvollen anheftete und so die Einsetzung der 



IV. Ethnologie unci Linguistik. 77 

einen fiir die andere durcli den Namen sanktionierte. Derartig lust- 
betonte Betatigungen gibt es fur den primitiven Mensclien nur zwei, 
namlich die Stillung des Nahrungs- und des Sexualtriebes ; wahrend 
aber die Stillung des Nahrungstriebes ein Akt ist, der auf hochst einfache 
und stereotype Weise vollzogen wird und kaum den Anbaltspunkt fiir 
zahlreicbe Analogien bietet, dem iibrigens auch der soziale Cbarakter 
anfanglich vollkommen fehlt, liegt der Fall beim Geschlechtstrieb weit 
giinstiger. Ein anderer, sebr erbeblicber Umstand ist es, dass der 
Nahrungstrieb, dem nur mit sofortiger realer Befriedigung gedient ist, 
der Phantasietatigkeit ungleicb ferner stebt als der Sexualtrieb. Der 
tiefere Grund der Bevorzugung dieses letzteren endlich liegt in der Ver- 
drangung, welche ibn in erster Linie trifft und ein dynamiscbes Moment 
hinzufiigt, das dem Nahrungstrieb vollkommen feblt. Da der Menscb 
infolge der Aufricbtung der Inzestschranke und anderer kultureller 
Anforderungen auf einen grossen Teil der vorher gewobnten sexuellen 
Befriedigung verzicbten musste, wurde bei ibm eine betracbtbcbe Libido- 
Quantitat disponibel, fiir die er keine Verwendung mebr fand. Das aus 
dieser Libido-Stauung entstebende Unlustgefuhl veranlasste ibn, jede 
Gelegenbeit zu ihrer Ablagerung zu beniitzen, d. b. er sexualisierte seine 
Umwelt und insbesondere seine eigenen Tatigkeiten. Wahrend also die 
Herstellung einer Analogie mit der Stillung des Nahrungstriebes, 
abgesehen von der grosseren Schwierigkeifc, bloss eine positive Lustpramie 
gewabrte, konnte die Sexualisierung nocb ausserdem durch Milderung der 
Spannungs-Unlust wobltuend wirken. 

Das vollkommene Gegenstlick zu dieser urspriinglichen Art der 
Entwicklung lasst sich auf boheren Kulturstufen und bei intensiverer 
Verdrangung beobacbten. Wenn die unverbliimte Bezeichnung des 
Sexuellen schamverletzend und desbalb unlustvoll zu wirken beginnt, 
wird statt seiner eine Stellvertretung eingesetzt z. B, statt des Wortes 
fiir Vagina eines fiir den Mund oder eine andeie harmlose Korperoffinung 
oder fiir den Begattungsakt irgend eine Arbeitsleistung. Diese gleicbnis- 
weise Bezeicbnung erhalt oft durch standige Verwendung zum gleicben 
Zwecke mit der Zeit selbst die sexuelle Bedeutung. Es werden also 
durch diesen Prozess urspninglich harmlose Worte in sexuelle verwandelt, 
wahrend die primitive Entwicklung darin besteht, dass ein fiir das 
Sexuelle gebrauchter Ausdruck sich durch Bedeutungswandel zur Be- 
nennung einer kulturell wichtigen Beschaftigung oder eines Werkzeugs 
ausbildet. Durch die wechselnde Anziehungs- und Abstossungskraft 
der Sexualitat wird ein Teil der Sprachentwicklung in bestandigem 
Flusse erhalten. 

Auch abgesehen von den Beziehungen zur Sexualitat ist die 
Kenntnis des Unbewussten fur das Verstandnis des Ursprunges und der 
fruhesten Entwicklung der Sprache von hohem Wert, weil darin jene 



78 Dr. 0. Rank u. Br. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

primitiven Denkformen aufbewahrt sind, welche bei den ersten Ansatzen 
zur Sprachbildung mitwirkten. Bei dem innigen Zusammenhang, der 
zwischen Denken und Sprache besteht, lasst sich iiber ihr Werden 
kaum eine Hypothese aufstellen, wenn man sich von der Denkweise des 
Urmenschen, die jedenfalls von der gegenwartigen sehr verschieden 
war, keine bestimmte Vorstellung gebildet hat. 

Der Einfluss einiger dem Unbewussten angehoriger psychischer 
Mechanismen lasst sich schon heute behaupten, obgleich wir erst am 
Anfang der einschlagigen Untersuchungen stehen. So gehort es zu den 
bereits erwahnten Eigentiimlichkeiten des Unbewussten, das ihm das 
Gefiihl fur dieUnvertraglichkeit der Gegensiitze abgeht, ja dass 
es sie, auch wenn sie ganz diametral gegenttberstehen, mit Vorliebe 
miteinander verlotet. Genau dasselbe hat schon vor mehreren Dezennien 
ein hervorragender Philologe v ) als durchgangige Eigenart der altesten 
Sprachen festgestellt ; diese bezeichnen haufig Gegensatzpaare mit dem- 
selben Ausdruck, der sich erst spater inzwei verschiedeneWorte mit entgegen- 
gesetzter Bedeutung teilt. So heisst das von uns mehrfach herangezogene 
Wort „tabu" und das gleichbedeutende hebraische „kodausch", wie das 
lateinische ^sacer* gleichzeitig „heilig" und „unheimlich, verflucht". 

Die Fiihigkeit zu abstrahieren und begrifflich zu denken hat sich 
erst langsam herausgebildet und war in den ersten Stadien der Sprach- 
entwicklung gewiss nur rudimentar vorhanden. Auf die Frage, mit 
welchen Denkformen die primitiven Menschen dort, wo ihnen die 
Begriffe mangelten, am ehesten operiert haben mogen, gibt uns die 
Analogie mit dem Unbewussten ebenfalls Aufschluss. Auch dieses 
kennt die Begriffsbildung nicht, dafiir bedient es sich in weitem Ausmafie 
eines anderen, der Anschauung niiherstehenden Hilfsmittels, um der 
Eigenart und dem Zusammenhang der Dinge wenigstens einigermafien 
psychisch gerecht zu werden, namlich der Symbolik. Es konnen also 
zwei in unserem Denken weit auseinanderliegende Vorstellungen im 
unbewussten Geistesleben und ebenso in dem der Primitiven dadurch 
sehr enge verknupft sein, dass sie beide als Symbole fur dasselbe Dar- 
stellungsobjekt benutzt wurden oder dass sogar die eine der beiden dem 
darzustellenden Gegenstand selbst entsprach, die andere dem darstellenden 
Symbol 2 ). Auf diese M5glichkeit sollte die Etymologie bei Erforschung 
der altesten Ableitungen stets Bedacht nehmen. Zahlreiche Symbole 
sind durch ihre Verwendung im Folklore und im Kunstwerk allgemein 
bekannt. Von ihnen macht auch die Etymologie bereits Gebrauch und 
die Psychoanalyse braucht nur auf ihre besondere Bedeutung im un- 



x ) Karl Abel: „tJber den Gegensinn der Urworte\ Leipzig 1884. 
*) Nach Gerber (Die Sprache der Knnst, 1885) wurden die Wurzeln auf der 
Stufe der unbewussten Syinbolik geschaffen. 



IV. Ethnologie und Linguistik. 79 

bewussten Seelenleben als einen bisher unbekannten Faktor hinzuweisen. 
Andere Symbole, und gerade diejenigen, die fur das primitive Seelen- 
leben am meisten eharakteristisch sind. verloren ihre Beziehungen zum 
bewussten Verstandnis und verscliwanden fast vollstandig aus jenen 
Formen der Symbolanwendung, die auf die Aufnahme durch einen anderen 
berechnet sind. Sie zogen sich auf diejenigen Ausserungsarten des 
Unbewussten zurttck, die auf Verstandnis gern verzichten, wie es vor 
allem beim Traum der Fall ist. Die Symbole dieser Gruppe lassen 
sich iiberhaupt erst durch grundliche Erforschung des Unbewussten 
kennen lernen und fiir ihre etymologische Verwertung ist deshalb die 
Kenntnis der Psychoanalyse unumgangliche Bedingung. 

Wir mlissen noch einen fliichtigen Blick auf das Material der Sprache, 
die Lautbildung werfen. Fur das Kind sind die Zusammenfiigungen 
artikulierter Laute, die es nach und nach beherrschen lernt, etwas Selb- 
standiges, das sich yon den Dingen, die es bezeichnet, dadurch vorteil- 
haft unterscheidet, dass es viel leichter dem eigenen Willen unterworfen 
werden kann, als jene. Das Kind ist deshalb geneigt, den Zusammen- 
hang zwischen der Sache und ihrer Bezeichnung, den es intellektuell 
ohnehin nicht ganz fassen kann, dahin misszuverstehen, dass es den 
Namen fur die Sache nimmt, ihn als einen Ersatz der Sache selbst ansieht. 
Ahnliches finden wir bei den primitiven Menschen, die der Meinung 
sind, dass man eine gewisse Gewalt iiber eine Sache liabe, wenn man 
deren Nam en wisse. Daher riihrt die Neigung zum Euphemismus, 
namentlich bei Personen- und Ortsnamen; zahlreiche Reste dieses 
Glaubens finden sich in Mythen und Marchen. 

Eine Folge dieses Irrtums ist es, dass im kindlichen und auch 
sonst im primitiven Denken die Annahme vorwaltet, der Ahnlichkeit 
der Bezeichnung miisse ein sachlicher Zusammenhang entsprechen. 
Die lautliche Assoziation tritt auf dieser Stufe der Geistestatigkeit leicht 
an die Stelle der faktischen Relation; auch im Unbewussten ist dasselbe 
der Fall, was besonders an der Traumarbeit sehr deutlich wird, die sich 
mit Vorliebe y.ur Herstellung von Zusammenhangen der Klang- Assoziation 
mit Hinwegsetzung iiber die inhaltliche Verknupfung bedieni Ftir die 
Entstehung der Sprache ist die im Traume hervortretende Tendenz, 
die Ahnlichkeit der Sache mit der Lautahnlichkeit der Bezeichnung 
in Zusammenhang zu bringen, von hervorragender Bedeutung 1 ). 

Eine Analogic zu diesem Mechanismus bietet uns die Entstehung 
der Schrift. Von den agyptischen Hieroglyphen wenigstens wissen wir 

!) „ Zwischen das Wort und seinen Gegenstand tritt das Bild und deutet zufallig 
gleichlautendeGegenstande, zwischen denen keinanderer Zusammenhang alsphonetische 
und Lautsymbolik besteht. Wo an sich versehiedene Wiirter im Laut zusammen- 
treffen, tliuschen sie das Volk, so dass es eine gleiche Beziehung annimmt. Dieser 
Glaube an die Verwandtschaft der Laute und ihre Doppelbedeutung hat Anteil an 
der Gestaltung der griechischwi Religion". Welcker (Griech. Gotterlehre, 1857) 



80 Br. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

bestimmt, dass ihre allmahliche Umwandlung aus einer Aneinander- 
reihung von Bildern zu einer Lautschrift daher ihren Ausgang nahm, 
dass man bestimmte Zeichen nicht nur fur den Gegenstand, den sie 
darstellten, verwendete, sondern audi fur andere Objekte, mit denen 
sie gar keine innere oder aussere Gemeiusamkeit besassen, deren Namen 
aber denselben oder einen ahnlichen Wortlaut hatten. Man benutzte 
also ebenfalls nicht die Basis der sachlichen, sondern die der klanglichen 
Assoziation. So bezeichnete man den Sohn mit dem Bilde der Gans, 
weil beide Worte etwa gleich lauteten, den Riehter schrieb man als 
Wolf, weil beide den Namen „seb a fuhrten 1 ). Die Deutung des Hora- 
pollo, der urn jeden Preis inhaltliche Beziehungen als die zugrunde- 
liegenden darzustellen versuchte, fiihrte zu demselben Unsinn, wie ihn 
eine Traumdeutung, die sich dieser Technik bedienen wollte, zu Tage 
forderu wiirde. 

Selbstverstandlich kommt die Psychoanalyse nur fur den Ursprung 
der Sprache und die Etymologie in Betracht. Darin liegt nicht ein 
Ubersehen der Wichtigkeit der hoheren Ausgestaltung und noch weniger 
eine Unterschatzung der ihrem Studium gewidmeten Philologie. Fiir 
den Standpunkt unserer Betrachtung jedoch kommen diese Stufen nur 
als sekundare Bearbeitung des primitiven psychischen Materials 
in Betracht, denn unsere Aufgabe beschrankte sich darauf, den Einfluss 
desTJnbewussten auf die Sprachbildung in den Grundzugen darzulegen 
und darauf hinzuweisen, wieviel durch die Erreichung einer besseren 
Einsicht in dieses Problem fur die Sprachwissenschaft zu gewinnen isi 

x ) „Die Hieroglyphen" von Prof. Dr. A. Ermann, Sammlung Gtischen, Nr. 608. 
Nach Conrady war diese Bezeichnung mittels „Lautrebus" auch hei an deren ver- 
wandten Bilderschriften wie der chinesischen und sumerischen die Regel (Ver- 
ofFentlichungen des stiidt. Museums fiir Yolkerkunde in Leipzig, 1907, H. 1, Einl.). 



V. 
Asthetik und Kiiiistler-Psychologie. 

Die Moglichkeit eines psychologischen Verstandnisses ist bei der 
Poesie jedenfalls leichter als auf jedem anderen Kunstgebiete. Wir 
wollen deshalb auch bei unseren asthetischen Betrachtungen diese vor- 
ziiglich ins Auge fassen und die anderen Kunstgattungen nur gelegentlich 
streifen. 

Stellen wir nun zwei asthetische Grundfragen, namlich welcher 
Art der Genuss ist, den ein Werk der Dichtkunst bereitet, und auf 
welche Weise es ihn hervorzurufen vermag, so zeigt schon die erste 
Uberlegung Widerspruche, die sich kaum losen lassen, solange die 
Betracbtung nur auf die Vorgange im Bewusstsein beschrankt bleibt. 
Denn auf die erste Frage mussen wir antworten, dass der Inhalt der 
Dichtungen zum grossen Teile danacb angetan ist, in uns peinliche 
Affekte zu erregen : Unheil und Trauer, das Leiden und der Untergang 
edler Menschen sind fiir die Tragodie das einzige, fur das Epos, den 
Roman, die Novelle das haufigste Thema; auch dort, wo Heiterkeit 
erweckt werden soil, ist das nur moglicb, wenn Missverstandnisse oder 
Zufallstticke die Personen fur eine Weile in schwierige und unerquickliche 
Situationen bringen. Aber den Gipfel des Kunstgenusses finden wir 
darin, wenn uns ein Werk vor Spannung fast den Atem raubt, Tor 
Schreck die Haare straubt, um uns zuletzt Tranen des tiefsten Leidens 
und Mitleidens abzufordern. Alles dies sind Empfindungen, die wir im 
Leben flieben und in der Kunst sonderbarerweise aufsucben. Die 
Wirkungen dieser Affekte sind offenbar, wenn sie vom Kunstwerk aus- 
geben, ganz anderer Art als sonst, obgleich sie vom Bewusstsein 
ebenso aufgenommen werden und diese asthetische Abanderung 
der Affektwirkung, vom Peinlichen zum Lustvollen, ist 
daher ein Problem, bei dem wir von der Kenntnis des unbewussten 
Seelenlebens Forderung erwarten diirfen. 

Diese veranderte Einstellung zu unseren Affekten kann keineswegs 
allein dadurch erklart werden, dass der Zuschauer oder Horer weiss, 
nicht die Wirklichkeit, sondern nur ihr Widerschein stehe vor ihm. 

Grenzfragen des Nerveu- und Seelenlebens. (Heft XCIII.) 6 



82 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Dadurch lasst sich zwar verstehen, warum Tatsachen, die uns peinlich 
bertihren wtirden, wenn sie wahr waren, in dieser Scheinwelt vorfallend 
uns zur Heiterkeit stimmen, wie es eben fiir das Lustspiel und Verwandtes 
erwahnt wurde; in den wesentlichsten Fallen handelt es sich aber urn 
etwas ganz anderes. Die normale Wirkung dieser Tatsachen auf unser 
Empfinden wird durch die fehlende Realitat nicht aufgehoben, vielmehr 
erregen sie genau dieselben Affekte wie Furcht, Entsetzen, Abscheu, 
Mitleid etc., werden also, wenigstens im Hinblick auf ihre Wirkung, 
vollig ernst genommen, den realen gleichgestellt. Die AfFekte selbst 
sind es, die sich von den durch die Wirklichkeit erregten unterscheiden, 
und zwar nicht in ihrer Entstehungsursache und nicht in ihrer 
Ausserungsform, wohl aber durch das in sein Gegenteil verkehrte, dem 
Inhalt inadequate Lustvorzeichen. 

Damit hangt die Beantwortung der zweiten Frage zusammen. Das 
Hauptmittel, durch das die Dichtkunst ihre Wirkung ubt, ist die eigen- 
tumliche Lage, in welche der Zuhorer versetzt wird. Wie durch Sug- 
gestion wird er gezwungen, Dinge, die ihm von einem anderen vor- 
erzahlt werden, zu erleben, d. h. in subjektive Wirklichkeit umzusetzen, 
wobei ihm doch die Kenntnis des richtigen Sachverhaltes nie vollig ver- 
loren geht. Der Grad der Tauschung, der erzielt werden soil, ist in 
jeder Kunstgattung verschieden und danach richten sich die Sug- 
gestivmittel, deren sie sich bedient. Diese sind teils von innen her 
durch den Stoff bedingt, teils sind es technische Hilfsmittel, die sich 
mit der Zeit zu typischen Formen entwickelt haben und das Erbe 
friiherer Generationen darstellen, das fiir den schaffenden Klinstler bereit 
liegt. Dagegen gehoren jene Veranstaltungen, bei welch en die Illusion 
durch direkte Nachbildung der Wirklichkeit erreicht werden soil, wie 
etwa die auf der modernen Biihne gebrauchlichen, nicht hierher, weil 
sie mit dem Wesen der Dichtkunst nichts zu tun haben. Von den 
beiden anderen wird noch spater zu handeln sein. 

Wir verweilen zunachst bei der sonderbaren Mittelstellung, in 
die jeder versetzt wird, auf den ein Werk der Dichtkunst die voile und 
richtige Wirkung ausubt. Er wird die Wahrheit dieses Werkes fiihlen, 
seine Un wahrheit wissen, ohne dass ihn dieser fortwahrende Zwiespalt 
zwischen Schein und Sein, der doch die peinlichste Unentschiedenheit 
hervorrufen musste, im Mindesten anficht. Wenn wir den Vergleich 
mit anderen Phantasieprodukten ziehen, insbesondere mit dem oft 
zur Poesie in Parallele gestellten Traum, so finden wir, dass bei diesem 
die Tauschung vollkommen ist. Von einem besonders begriindeten Aus- 
nahmsfall abgesehen (das Gefuhl des Traumes im Traum), glaubt der 
Traumer bis zum Schluss an die Realitat der Vorgange. Dass der 
Geisteskranke seine Wahnbildungen an die Stelle der Wirklichkeit setzt, 
ist bekannt. Aber auch wenn wir die unmittelbaren Vorlaufer der 



V. Asthetik und Kiinstler-Psychologie. 83 

Poesie, die My then, ins Auge fassen, finden wir dasselbe Phanomen. 
Der Mensch der mythenbildenden Zeitalter, die auf unserer Erde noch 
keineswegs ganz voriiber sind, glaubt an seine Phantasiebilder und ver- 
mag sie gelegentlich als Objekte der Aussenwelt wahrzunehmen. 
Dass die Dichtkunst fiir uns dasselbe nicht mehr voll zu leisten vermag, 
bedeutet ein Absinken ihrer Funktion, dem ihre mindere Geltung 
innerhalb unseres sozialen Zustandes entspricht; dass sie dazu doch noch 
teilweise irostande ist, macht sie zur letzten und starksten Trosterin der 
Menschheit, der der Zugang zu den alten, verschiitteten Lustquellen 
immer schwieriger wird. 

Die Phantasiebildung , der das poetische Werk in dieser so wie 
mancher anderen Hinsicht am nachsten stent, ist der sogenannte „Tag- 
traum*, dem sich ziemlich alle Menschen gelegentlich hingeben; ins- 
besondere vor und in der Pubertal nimmt er ini Innenleben grossen Platz 
und einschneidende Bedeutung in Anspruch. Der Tagtraumer kann aus 
diesen Phantasien einen erheblichen Lustbetrag gewinnen, ohne doch je 
an die reale Existenz der getraumten Situationen zu glauben. Andere 
Merkmale trennen diese Produkte .allerdings scharf vom Kunstwerk : Der 
Tagtraum ist form- und regellos, er kennt die Hilfsmittel nicht, deren sich, 
wie wir gesehen haben, das Kunstwerk zur Erreichung seiner suggestiven 
Wirkung bedient und kann sie auch leicht entbehren, da er nicht fiir 
die Wirkung auf andere berechnet, sondern rein egozentrisch ist. Dafiir 
konnen wir bei ihm die Umkehrung der Affektwirkung wiederfinden, 
die uns beim Kunstwerk so ratselhaft schien, allerdings nicht in dem- 
selben Ausmafie. Meist bilden dem Traumer genehme, seine bewussten 
Wiinsche erfullende Situationen den Inhalt des Tagfcraums; besonders 
die Befriedigung des Ehrgeizes durch ungeheuere Erfolge als Heerfiihrer, 
Staatsmann oder Kiinstler, dann die Erringung des Gegenstandes seiner 
Liebe, die Sattigung der Rache fiir die ihm von einem Machtigeren zu- 
gefiigte Unbill malt sich der Tagtraumer in aller Breite aus. Dazwischen 
kommen auch, wenngleich seltener, Situationen vor, die in Wirklichkeit 
hochst peinlich waren, die aber der Tagtraumer mit demselben Behagen 
ausfiihrt und wiederholt. Der haufigste Typus ist die Phantasie vom 
eigenen Sterben, aber auch andere Leiden und Ungliicksfalle : Verarmung, 
Krankheit, Einkerkerung und Schande sind nicht selten vertreten ; nicht 
minder auch die Vorstellung von der Begehung eines ehrlosen Yer- 
brechens und dessen Entdeckung. 

Wir werden uns nicht wundern zu finden, dass der Durchschnitts- 
mensch als Tagtraumer bei der Produktion solcher Phantasien den 
gleichen Genuss findet wie als Zuhorer einer Dichtung bei ihrer Auf- 
nahme. Beide Funktionen sind ja in wesentlicher Hinsicht identisch, 
insoferne als die Aufnahme einer Phantasie nur darin besteht, dass sie 
nacherlebt wird. Voraussetzung fiir die Moglichkeit dazu ist allerdings, dass 



84 Br. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

bei dem Aufnehmenden die Tendenzen ebenfalls vorhanden sind, zu 
deren Befriedigung die Phantasie geschaffen wurde. Die erste Forderung 
an das Kunstwerk, das uber zeitliche und raumliche Beschrankung hin- 
aus zu wirken bestinimt sein soil, ist daher seine allgemein mensch- 
liche Grundlage. Nun wird bei der grundsatzlich gleichartigen Trieb-. 
anlage der Menschheit auch der Tagtraum einer solchen Basis kaum 
vollig entbehren; der Unterschied liegt darin, dass die gemein-mensch- 
lichen Ztige, bei denen ein Miterleben anderer moglioh ist, in der Phan- 
tasie des Kiinstlers ohne sein Zutun hervortreten und die Fiihrung iiber- 
nehmen, wahrend sie beim Tagtraumer von seinen hochstpersonk'chen 
Anspriichen an das Leben yerdeckt werden. So sehen wir, um ein 
Beispiel zu geben, im Tagtraum des Ehrgeizigen einen Mann auftreten, 
dessen ungebeure Erfolge uns kein Interesse abnotigen, da sich der 
Traum an der Tatsache geniigen lasst und jede innerliche Motivierung 
verschmaht, durch die der Fall an das allgemein Psycbische angeschlossen 
witrde. In ^Macbeth." seben wir zwar auch einen Ehrgeizigen und seine 
Erfolge, aber die psychologiscben Pramissen sind bis zu den Wurzeln 
jedes Ehrgeizes verfolgt, so dass jeder, der ehrgeizige Wiinsche gehegt 
hat, unwiderstehlich hingerissen die ganzen Schrecken der Mordnacht mit- 
empfinden muss. 

Hiermit ist uns ein Fingerzeig zum Verstandnis der suggestiven 
Kraft des Kunstwerkes gegeben, aber dem Problem der Umkehrung der 
Affektwirkung sind wir noch nicht naher geriickt. Dazu konnen wir 
erst gelangen, wenn wir die Affekttheorie der Psychoanalyse zu. Hilfe 
nehmen. Diese lehrt namlich, dass sehr grosse Mengen von AfTekt 
unbewusst bleiben konnen, ja in gewissen Fallen unbewusst bleiben 
miissen, ohne dass die Lust- oder Unlustwirkung dieser Affekte, die 
notwendigerweise dem Bewusstsein angehort, verloren ginge. Die so 
ins Bewusstsein gelangende Lust und Unlust wird dann an andere Affekte, 
resp. an die zu denselben gehorigen Vorstellungen gelotet; manchmal 
gelingt diese Verlotung so Tollkommen,; dass niehts Auffalliges iibrig 
bleibt, sehr oft ist aber diese Lust oder Unlust dem Affektkomplex, aus 
dem sie zu stammen scheint, inadaquat oder, wie in unserem Falle, ent- 
gegengesetzt. Die patbologischen Beispiele ungeheuer starker Freude- 
oder Schmerzausserungen bei anscheinend nichtigen Anlassen sind be- 
kannt. Die Lage der Dinge ist nun allerdings komplizierter als sie 
bisher dargestellt wurde. Es ist namlich nicht ohne weiteres richtig, 
dass die von den unbewussten Affekten abgeloste Lust beliebigen Stell- 
vertretern angehangt wird. Dies wiirde der strengen Determination im 
Psychischen widersprechen und liesse die irrige Voraussetzung auf- 
kommen, als ob ein vom Bewusstsein ausgeschlossener Affekt auf seine 
Durchsetzung verzichten wiirde. Vielmehr sind jene bewusstseinsfahigen 
Vorstellungen und Affekte, die jetzt mit so starkem Lust- und Unlust- 



V. Asthetik und Kunstler-Psychologie. g5 

gewinn arbeiten, nichts anderes als die Auslaufer und Ersatzbildungen 
der urspriinglichen, nun verdrangten Affekte. Zwischen beiden muss 
ein enger assoziativer Zusammenhang nachweisbar sein und auf der 
durch diese Assoziation hergestellten Bahnung verschiebt sich die Lust 
und die mit ihr zusammenhangende Energiebesetzung. 

1st diese Theorie richtig, so muss ihre Anwendung ad unser 
Problem moglich sein und hatte dann ungefahr so zu lauten: Durch 
das Kunstwerk werden neben den bewussten Affekten auch unbewusste 
von viel grosserer Intensitat und oft entgegengesetzfcem Lustvorzeichen 
erregt. Die Vorstellungen, mit deren Hilfe dies geschieht, mussen so 
gewahlt sein, dass sie nebst den vor dem priifenden Bewusstsein be- 
stehenden Zusammenhangen auch ausreichende Assoziationen zu den 
typischen unbewussten Affektkonstellationen besitzen. Die Fahigkeit, 
dieser komplizierten Aufgabe gerecht zu werden, gewinnt das Werk 
daher, dass es bei seiner Entstehung fur das Seelenleben des Kunstlers 
das zu leisten hatte, was es bei seiner Eeproduktion fur die Zuhorer 
leistet, namlich die Abfuhr und Phantasiebefriedigung der ihnen gemein- 
samen, unbewussten Wtinsche. 

Hier muss daran erinnert werden, was im ersten Kapitel iiber 
Widerstand und Zensur und die damit zusammenhangende Notwendig- 
keit der Verhxillung (Entstellung) gesagt wurde. Die unverhullte Dar- 
stellung des Unbewussten wiirde die ganze Abwehr der sozialen, mora- 
lischen und asthetischen Personlichkeit hervorrufen, also nicht Lust, 
sondern Angst, Ekel und Abscheu erregen. Die Poesie macht deshalb 
von alien jenen Masken und Darstellungsmitteln — Umstellung der 
Motive, Verkehrung ins Gegenteil, Abschwachung des Zusammenhanges, 
Zerlegung einer Gestalt in mehrere, Doublierung der Vorgange, Ver- 
dichtung des Materials, insbesondere aber von der Symbolik — den 
allerreichlichsten Gebrauch. So entsteht aus den verdrangten Wunsch- 
phantasien, die als typisch notwendigerweise auf eine geringe Anzahl 
beschrankt bleiben und daher des ofteren wiederholt recht gleichformig 
wirken rmissen, die unendliche, nie zu erschopfende Mannigfaltigkeit 
der Kunstwerke. Fiir diese sorgt nebst der individuellen Yerschiedenheit 
auch die variierende Intensitat der Verdrangung, die mit dem Wechsel 
der Kulturepochen ihren starksten Widerstand bald gegen das eine, 
bald gegen das andere Stiick des Unbewussten richtet. 

Der Konfiikt zwischen Verdrangung und Unbewusstem findet im 
Kunstwerk als in einer Kompromissbildung eine zeitweilige Bei- 
legung. Das Unbewusste gelangt zum Durchbruch, ohne dass ein direkter 
Ansturm gegen die Schranken der Zensur notwendig ware, die vielmehr 
auf geschickte Weise umgangen werden. Aus der Welt geschafft wird 
der Konflikt damit freilich nicht, das beweist eben das haufig verkehrte 
Lustvorzeichen, mit dem die Phantasien vor das Bewusstsein treten. 



86 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Selbst in ibrer Verhiillung haffcet den ersehnten Situationen noch ein 
peinlicher Charakter an, der siealsaus demOrkus des Unbewussten empor- 
gestiegene Gespenster kennzeichnet. Dieser Zug, der geeignet ware, den 
Kunstgenuss aufzuheben, wird nun in das Kunstwerk eingearbeitet, indem 
der bewussteZusammenhang so gefiigt wird, dass die Hauptsituationen gern 
den Charakter des Traurigen, Furchtbaren, Verbotswidrigen annehmen; 
insbesondere in der Tragodie ist dies regelmafiig der Fall und in ihr 
wird auch die Reinigung des Gemutes der Zuborer am vollstandigsten 
erreicht. Dass die meisten Werke der Dichtkunst in unserem Be- 
wusstsein unerfreuliche Affekte wecken, ist also kein Widerspruch 
gegen ihre lustvolle Funktion, wie wir anfangs glauben mussten, sondern 
eine Unterstutzung dabei; denn einerseits werden dadurcb die Unlust- 
affekte im Bewusstsein verarbeitet und in den Dienst der kiinstleriscben 
Form gestellt, anderseits wird die aus unbewussten Quellen gespeiste 
yerbotene Lust ohne Verstoss gegen die Zensur unter der Maske des 
fremden Affektes genossen 1 ). 

Die Fahigkeit, aus peinlichen Affekten Lust zu schopfen, und das 
auf diese Weise ermoglichte Verweilen der Poesie bei den dazu gehorigen 
Vorstellungen muss aber noch eine zweite Wurzel haben, denn der 
Tagtraum, der das Unbewusste nicht in den Dienst der kunstlerischen 
Spannung zu stellen vermag, verwertet sie ebenfalls, wenn auch seltener 
wie das Kunstwerk. Tatsachlich lasst sich aus diesen Leidens-Phantasien 
auch primar ein Lustgewinn ableiten. Wir wissen bereits, dass zu den 
infantilen Triebanlagen, die in die Sexualbetatigung des Erwachsenen 
nicht ganz aufgenommen werden konnen, auch die sexuelle Lust am 
Zufugen und Erdulden von Schmerzen (Sadismus-Masochismus) gehSrt. 
Im Tagtraum, wo ihre Befriedigung weder mit physischem Schmerz, 
noch mit iibeln sozialen Folgen verkniipft ist, finden sie auch nach 
vollzogener Verdrangung ihre Pflegestatte und von dort aus wandern 
sie ins Kunstwerk tiber, wo sie aufgenommen und fur seine sekundaren 
Tendenzen ausgeniitzt werden. 

Ein wichtiges Moment ist auch, dass sich der asthetische Genuss vollig 
abseits von dem in die Realitat gestellten, handelnden und wirkenden 
Ich abspielt. Dadurch wird es dem Zuborer ermoglicht, sich mit jedem 
Empfinden, mit jeder Gestalt ohne Zaudern zu identifizieren und diese 
Einverleibung immer wieder mtihelos aufzugeben. In diesem Sinne hat 
das Gebot B L'art pour Part" seine voile Berechtigung, da das tendenziose 
Kunstwerk, bei dem sich der Autor und sein Publikum von vornherein 
fur gewisse Gesinnungen und Figuren einsetzen, so dass fur die Gegen- 

! ) „Ich habe es oft gesagt und -werde nie davon abweichen: die Darstellung 
todtet das Darzustellende, zunachst im Darsteller selbst, der das, was ihm bis dahin 
zu scbaffen machte, durch sie unter die Ftisse bringt, dann aber auch fur den, der 
sie geniesst* (Friedrich Hebbel). 



V. Asthetik und Kunstler-l J sychologie. 87 

spieler nur Ablehnung tibrig bleibt, nicht ebenso alle Seiten des Seelen- 
lebens ins Spiel zu Ziehen vermag. In solchen Fallen besteht ein Rest 
der Realitatseinstellung fort, der die Schwingen der Phantasie lahmt. 
Nur wer sich an ein Kunstwerk vollkommen verliert, kann seine tiefste 
Wirkung fiihlen und dazu ist die vollstandige Abwendung von den 
Gegenwartszielen notwendig. 

Es enibrigt uns noch die Betrachtung derMittel der asthetischen 
Wirkung, die wir oben in innere und individuelle einerseits, in aussere 
und technische andererseits eingeteilt. haben. Fur die erste Kategorie 
gilt vor allem der Grundsatz der Okonomie der Affektverteilung. Urn 
mit dem Kunstwerk einen starkeren Eindruck hervorzurufen, als es mit 
einem tatsachlichen Ereignis oder rait einem Tagtraum der Fall ware, 
ist ein Aufbau notwendig, der den Affekt nicht sogleich unnutz ver- 
flackern lasst, sondern ihn langsam und gesetzmafiig von einer Stufe 
zur anderen steigert, bis der hochste Grad erreicht und der Affekt dann 
raoglichst restlos abreagiert wird. Die r innere Kunstform", die den 
Kiinstler zwingt, fur jeden Stoff eine andere Art der Behandlung zu 
wahlen, ist nichts anderes als die unbewusste Einsicht, wie das Maximum 
der durch den Gegenstand erzeugbaren Affektmenge durch die richtige 
Abwechslung zwischen Fortschreiten und Retardation zu erreichen ware. 
Je nach dieser Einsicht wird der Kiinstler dann den Stoff als Tragodie 
oder Epos, Novelle oder Ballade behandeln und auch innerhalb der 
Gattung die Mittel genau nach dem Ziele bemessen. Die Affektokonomie 
ist geradezu das Kennzeichen des Genies, das mit ihrer Hilfe die stiirksten 
Wirkungen erzielt, wahrend gegen ihre Gesetze die schonste Deklamation 
und die schauerlichste Handlung keinen tieferen Eindruck hervorbringen. 

Neben der Affektokonomie steht an zweiter Stelle die Denk- 
okonomie, der zu Liebe im Kunstwerk alles Geschehen streng gesetz- 
mafiig und liickenlos motiviert sein muss, wahrend doch das wirkliche 
Leben mit seinem bunten und tumultarischen Treiben uns kaum hie 
und da den abgerissenen Fetzen einer Motivation in der Hand lasst. 
In der Dichtung kann der Faden der Handlung nie unvermittelt abreissen, 
der Ablauf der Tatsachen innerhalb des Werkes ist .vollkommen uber- 
sehbar und nach dem Satze vom zureichenden Grunde ohne weiteres zu 
verstehen, d. h, unsere Denkgesetze mussen sich nicht miihselig gegen 
die Aussenwelt behaupten, sondern sie finden eine Welt vor, die nach 
ihren Regeln harmonisch gebaut ist. Die Folge davon ist, dass die 
Zusammenhange des Kunstwerkes miihelos verstanden werden, ohne dass 
die Gedankenbahnen und die Tatsachen sich liberkreuzen; die Denk- 
okonomie ist die Ursache, dass bei der Aufnahme des Kunstwerkes be- 
deutend weniger Kraftaufwand notwendig ist als bei der Aufnahme 
eines gleich umfangreichen Stiickes der Aussenwelt, und das Resultat 
dieser Kraftersparnis ist ein Lustgewinn. Durch Hilfsmittel, welche die 



88 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Denkokonomie noch weiter fordern, z. B. mittels Durchfiihrung eines 
konsequenten Parallelismus oder das Nebeneinandersetzen scharfer 
Kontraste in den Motiyen, Vorgangen und Gestalten kann dieser Lust- 
gewinn noch gesteigert werden. 

Es ist ohne weiteres einzusehen, dass an dieser Stelle die engeren 
asthetischen Probleme einsetzen, die zum grossen Teil durch die 
Anwendung dieser Grundsatze auf bestiraxnte Gruppen und Gattungen 
der Losung naher gebracht werden konnen. Wir diirfen darauf nicht 
eingehen und wenden uns den ausserlichen Kunstmitteln zu; diese be- 
stehen, da das Medium der Poesie die Sprache ist, in Klangwirkungen, 
die wir in zwei Gruppen teilen konnen: Rhythmus und Gleichklang. 

Der Gleichklang hat in verschiedenen Formen, als Stabreim, 
Anfangsreim, Innenreim und so weiter, existiert, bis er sich fur unseren 
Kulturkreis alsEndreim fixiert hat. Die Grundlagen der Lustwirkung 
sind iiberall gemeinsam: Die Wiederkehr derselben Lautfolge verursacht 
eine Aufmerksamkeitsersparnis u. z. besonders dann, wenn das Reim- 
port beidemale fur den Sinn wesentlich und kein blosses Flickwort ist; 
die Kraftanstrengung, auf die man gefasst sein musste und die plotzlich 
iiberflussig wird, setzt sich beim Wiedererkennen des Gleichen in Lust 
um 1 ). Andererseits ist das Spiel mit Worten, wobei dem Klang die 
eigentliche Wichtigkeit zugeteilt und auf ihm die assoziative Verbindung 
aufgebaut ward, eine Quelle der Kinderlust, die also durch den 
Reim fur den Bereich der Kunstubung wieder erweckt wird. 

Der Rhythmus wird schon auf primitiven Kulturstufen als Mittel 
der Arbeitserleichterung erkannt und verwendet ; diese Funktion ist ihm 
erhalten geblieben und sie dient dort, wo die Uberwindung • realer 
Widerstande ausser Betracht bleibt, neben unserem Fall z. B. auch 
beim Tanz und Kinderspiel, zur direkten Lustgewinnung oder Lust- 
erhohung. Doch ist hinzuzufugen, dass die wichtigsten Formen der 
Sexualbetatigung, insbesondere des ,Wonnesaugen a des Kindes, dann 
aber auch der Sexualakt selbst, aus physiologischen Grunden rhythmisch 
sind. Durch die Einfiihrung des Rhythmus bei einer bestimmten Tatigkeit 
wird dieselbe also den Sexual vorgangen ahnlich gemacht, sexualisiert. 
Die Lust am Rhythmus hat demnach wahrscheinlich ausser dem Motiv 
der Arbeitsokonomie noch eine gleich bedeutsame sexuelle Wurzel. 

Was hier vom Kunstwerk gesagt wurde, stiitzt sich auf die 
Untersuchung, die Freud fiber das Problem des Witzes angestellt hat. 
Auch der Witz dient der straflosen Befriedigung unbewusster Tendenzen. 
Auch er kann sich, um fur seinen Inhalt die Gunst der Horer zu ge- 
winnen, der Kinderlust am Wortgleichklang bedienen, der sich bei ihm 
gelegentlich bis zum — scheinbaren — Wortunsinn steigert. Alle 
derartigen Hilfsmittel, also bei der Poesie die durch Affekt- und Denk- 

i) Ahnliches hat Dr. Karl Weiss (Wien) in einem Vortrag vertreten. 



V. Asthetik und Kunstler-PsychoJogie. 89 

Okonomie geforderte Kunstform, dann Reim und Rhythmus, dienen als 
Vorlust. Das heisst sie reichen dem Horer eine leicht zu erlangende 
Lustpramie dar und locken ihm so das erste Interesse ab. Mittels einer 
Kette soleher Lustpramien wird eine psyehische Spannung hergestellt 
und stufenweise gesteigert, die ihn veranlasst, die Anstrengungen, 
welche die Aufnahme des Werkes von seiner Einbildungskraft fordert, 
zu leisten, die Widerstande zu iiberwinden, bis die Endlust und mit ihr 
die Abfultr der Affekte und die Erledigung der Spannung erreicht 
wird. Fur den oberflachlichen Beobachter scheint der ganze Lustbetrag, 
den eiu Kunstwerk erweckt, durcb die Mittel erzeugt zu werden, welcbe 
zur Herstellung der Vorlust dienen; aber in Wirklichkeit bilden sie nur 
die Fassade, hinter der die eigentliche, aus dem Unbewussten stanimende 
Lust versteckt ist. 

Der Mechanismus der „ Vorlust" ist nicbt auf diese beiden Falle 
beschrankt. Wir haben ihn schon bei der Verfolgung des Entwicklungs- 
ganges der Sexualitat kennen gelernt; dort sahen wir die fruher selb- 
standigen Partialtriebe die Vorlust liefern, welche zur Erreichung der 
Endlust (im Sexual-Akt) anstachelt. Fernerhin mag sich noch auf 
anderen Gebieten eine ahnliche Einrichtung nachweisen lassen. 

Die Verwandtschaft mit der Sexualitat ist nicht nur auf Ausser- 
lichkeiten beschrankt; es gilt ja als Binsenwahrheit, dass die Frage 
„ob Hans seine Grete kriegt?" das Hauptthema der Poesie sei, das 
in unzahligen Varianten stets aufs neue vorgetragen wird, ohne die 
Dichter und ihr Publikum je zu ermiiden. Dass nicht nur der Stoff, 
sondern auch die schopferische Kraft in der Kunst tiberwiegend sexuell 
sei, ist schon mehr als einmal in intuitiver Erkenntnis ausgesprochen 
worden. Die Psychoanalyse muss diese Anschauung insoferne ein- 
schranken, als sie statt der schlechthin sexuellen die Triebkrafte des 
Unbewussten einsetzt. Wenn im Unbewussten auch der Sexualitat die 
weitaus grosste Bedeutung zukommt, so fiillt sie dasselbe doch nicht 
restlos aus ; auf der anderen Seite darf nie ausser Acht gelassen werden, 
dass die sexuellen Triebfedern, welche die Psychoanalyse anerkennt, 
einen ganz besonderen Charakter, namlich den des Unbewussten 
haben miissen. Das bewusste Begehren lasst sich mit der Phantasie 
nicht lange gentigen, es zerst5rt den Schein und strebt nach Befriedigung 
in der Realitat; durch sein Auftreten wird sowohl die Schaffenslust 
des Kiinstlers wie der asthetische Genuss des Zuschauers aufgehoben und 
zu nichte gemacht. Das unbewusste Begehren unterscheidet 
nicht zwischen Phantasie und Realitat, es wertet die Gescheh- 
nisse nicht danach, ob sie objektive Tatsachen oder nur subjektive 
Vorstellungen sind und dieser Eigenschaft verdankt es seine Fahigkeit, 
die psychologische Basis fur den Aufbau der Kunst zu bilden. Ins- 
besondere ist es der Odipus-Komplex, aus dessen sublimierter Triebkraft 
die Meisterwerke aller Zeiten und Volker geschopft haben; die Spuren 



90 Dr. 0. Rank u. Dr. H Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

davon Widen die mehr oder minder verhiillten Darstellungen der Odipus- 
Situation, die der Analytiker immer wieder auf den Urtypus zurtick- 
fiihren kann. Bald wird, wie im Odipus selbst, die Tat in aller 
Krassheit begangen, aber durch die subjektive Unkenntnis des Taters 
gemildert; bald wieder umgekehrt das Verbotene bewusst angestrebt, 
aber dadurch entsiihnt, dass die Verwandtschaft sich als irrig heraus- 
stellt (Familienroman) ; am haufigsten wird die Situation abgeschwacht, 
indem statt der Mutter die Stiefmutter, die Frau des Herrschers oder 
eine andere Figur, die sich nur in den feineren Details als Mutter- 
Imago verrat, eintritt und die Figur des feindlichen Vatera einer ahnlichen 
Entstellung unterliegt. 

Wenn wir unsere Beobachtungen auf die bildende Kunst aus- 
dehnen, finden wir unschwer einzelne verwandte Ziige. Als eine Wurzel 
der Anlage zum Maler lasst sich z. B. die Sublimierung des im Trieb- 
leben eines Individuums besonders stark entwickelten Schautriebes 
annehmen. Die Schaulust ist in ihrer primitivsten Form, beim Kinde, 
an die ersten Lustobjekte gekniipft, unter denen die sexuellen — im 
weiteren Sinne der Psychoanalyse — den ersten Platz einnehmen. Es 
ist bekannt, dass die Darstellung des Menschen, insbesondere des nackten 
menschlichen Korpers, lange Zeit hindurch als die einzige Aufgabe des 
Malers und Bildhauers gait. Die von keiner Figur belebte Landschaft 
trat erst in neuerer Zeit hinzu, nachdem ein weiterer Verdrangungs- 
scbub die Anforderung der Zensur auf Ablenkung vom ursprunglichen 
Ziel verscharft hatte. Doch gilt noch heute der Menschenleib als das 
eigentlicbe und edelste Thema, das kein Kunstler vollig vernachlassigen 
darf. Das zugrundeliegende ursprungliche, beim Kulturmenschen ver- 
drangte Interesse lasst sich auch noch in der sublimierten Form 
deutlich erkennen. 

Die Stelle der Denkokonomie nimmt bei der bildenden Kunst die 
Okonomie der Anschauung ein. Das ideale Ziel ist, jedes Phanomen 
frei von den verwirrenden Zufallseigenschaften in seiner fur die kunst- 
lerische Wirkung wesentlichen und cbarakteristischen Form, wie sie sich 
dem Geiste des Kunstlers darbietet, dem Beschauer zu zeigen und ihm 
dadurch die Miihe zu ersparen, selbst das fiir den Eindruck Wichtige 
vom Nebensachlichen zu sondern. 

Noch deutlicher als bei den allgemeinen Grundlagen des kiinst- 
lerischen Schaffens ist der Zusammenhang mit dem Unbewussten bei 
der Produktion des Einzelwerkes. Die Tatsache, dass die Konzeption 
eines Kunstwerkes und der damit verbundene Zustand geistiger Er- 
hohung nicht vom Bewusstsein ausgehe, ist ausnahmslos von alien, die 
imstande waren, in diesem Punkte Erfahrungen zu machen, bezeugt 
wordeu. Die Inspiration ist ein plotzliches Erfassen von Gestalten und 
Zusammenhangen, die dem Kunstler selbst bis zu diesem Momente 



V Asthetik und Kunstler-Psychologie. 91 

entweder ganz unbekannt waren, oder doch nur in neblig unbestimmter 
Form vor seinem Geiste wogten und sich jetzt mit einem Schlag in 
leibhafter Deutlichkeit vor ihn hinstellen. Das Ratselhafte dieses Vor- 
ganges hat zunachst zu der Annahme gefiihrt, dass der Kunstler einer 
gottlichen Eingebung das verdanke, was er nicht aus seinem Bewusst- 
sein geschopft haben kann. Die Psyehologie hat schon seit langem die 
Vorstellung eines Un- oder Unterbewussten zur Erklarung nicht ent- 
behren konnen, ohne sich jedoch bisher mit der Natur dieser bewusst- 
seinsfernen Instanz zu befassen und sich die Frage vorzulegen, ob die 
Produkte der Inspiration nicht von dieser Instanz her deter mi niert 
sein miissen, so dass man aus der Untersuchung ihrer gemeinsamen 
Charaktere etwas uber die ohne Bewusstsein ablaufenden psychischen 
Akte erfahren konnte. 

Die Frage, woher der Kunstler das ihm bisher unbekannte 
psychische Material nehme, ist fur die Psychoanalyse nicht schwer zu 
beantworten. Anders steht es allerdings mit dem Problem der Veran- 
lassung, durch welche der Ubergang vom Bewussten zum Unbewussten 
ins Werk gesetzt und des Mechanismus, durch den dieser Ubergang 
ermoglicht wird. Die Tatsache, dass es sich urn eine Flucht aus der 
Realitat und um die Regression auf infantile Lustquellen handelt, ist das 
einzig feststehende. Wie sich die Art der Beniitzung dieses Weges 
von jener, die der Neurotiker vornimmt, unterscheidet, ftir denja genau 
dieselbe Formel gilt, ist noch wenig erforscht. Die Frage ist umso 
interessanter, weil sich die Zuge beider Typen sehr oft mischen, da 
derselbe Mensch Kunstler und Neurotiker zugleich sein kann, also 
einen Teil seiner regressiven Lustgewinnung durch das Medium der 
kunstlerischen Inspiration und einen anderen Teil mittels neurotischer 
Symptome besorgt. Nach welchen Grundsatzen die Auswahl vor- 
genommen wird, ob etwa einzelne Triebe der Verbindung mit gewissen 
anderen bediirfen, um fur die eine oder andere Methode geeignet zu 
werden, dartiber miissen uns erst spatere Untersuchungen belehren. 

Eine fundamentale Unterscheidung wurde bereits im I. Kapitel 
angedeutet. Die Neurose macht es der Umgebung des Kranken nicht 
moglich, ihr einen Sinn beizulegen. Die Symptome rufen den Eindruck 
des Willkiirlichen und Unsinnigen hervor und sind uberdies gewiss 
nicht darnach angetan, um von den Angehorigen des Kranken als 
Annehmlichkeit empfunden zu werden oder Fernerstehende an ihn zu 
fesseln. Die Krankheit triibt und hindert die sozialen Beziehungen des 
Neurotikers. Beim Kunstler ist die Sachlage wesentlich verschieden. 
Zwar erschwert auch die Hingabe an die Kunst die Anpassung an das 
soziale Milieu; die Beispiele dafur, dass Kunstler als Gatte, Vater, 
Freund oder Staatsbiirger nicht fur vollwertig galten, brauchen nicht 
erst aufgezahlt zu werden. Zum Loos des Ktinstlers geh6rt es, dass er 



92 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

dort, wo er unmittelbar durch seine Person lichkeit wirken soil, meist 
erfolglos oder unverstanden bleibt; doch seinen Werken weiss er erne 
Gestalt zu geben, die nicht nur Verstandnis findet, sondern tiefe, lust- 
voile Wirkung hervorruft. Der Neurotiker verliert also dadurch, dass 
er sich auf seine infantile Einstellung zuruckzieht, wenn auch gegen 
seinen Willen, den sozialen Anschluss, wahrend der Kiinstler das, was 
er aus demselben Grunde aufgeben musste, auf einem neuen, nur fur 
ihn gangbaren Weg wiederzugewinnen weiss. Er wirbt una Liebe und 
Bewunderung nicht auf die gewohnliche Weise, sondern auf eine 
kompliziertere und mehr geistige Art, er erobert die Anderen auf dem 
Umweg durch die Tiefen der eigenen Personlichkeit. 

Immerhin bleibt noch genug Geineinsames bestehen, urn die oft 
beobachtete Ahnlichkeit zwischen den Kiinstlern auf der einen und den 
Nerven- und Geisteskranken auf der anderen Seite - Genie und Irrsinn 
— psychologisch zu begrfinden. 

Die Neigung zu plotzlichen Stimmungsumschlagen, die Mafilosig- 
keit in Liebe und Hass und die Unfahigkeit zur stetigen Yerfolgung 
praktischer Ziele lassen sich durch die verstarkte Einwirkung des Unbe- 
wussten auf die bewusste und gewollte Lebensfuhrung erklaren. Das 
stets erneute Empordringen der primitiven Seelenkrafte, die zur Herr- 
schaft gelangt alle von der Kultur geschlungenen Bande zerreissen und 
entweihen wiirden, erzeugt ein tiefes andauerndes Schuldgefuhl, das sich 
durch „Rationalisierung" in moralische Uberfeinerung umsetzt, die ge- 
legentlich wieder mit dem tJberspringen ethischer Schranken abwechselt. 
Uberhaupt werden unausgeglichene psychische Gegensatze im Bewusst- 
sein besser vertragen als von den Durchschnittsmenschen, worin eben- 
falls eine Assimilierung an das unbewusste Seelenleben zu erblicken 
ist, welches die Gegensatzpaare nicht einander aufheben, sondern neben- 
einander bestehen lasst. 

Beiden Typen gemeinsam ist die hohe Reizbarkeit oder Reiz- 
empfindlichkeit; das heisst, sie reagieren oft auf wenig betrachtliche 
aussere Anlasse mit unangemessenen und unverstandlich scheinenden 
Affektmengen. Die Ursache dieses Charakterzuges liegt darin, dass die 
Moglichkeit einer Reaktion aus unbewussten Affektquellen als Polge 
einer zufalligen Bertihrung dorthin fiihrender Assoziationsketten bei 
ihnen leicht gegeben ist. 

Das Verhaltnis des Kunstlers zur Aussenwelt ist schon darum 
durchaus eigentumlich, weil sie fur ihn nicht so sehr als Tummelplatz 
seiner Leidenschaften wie als Antrieb fur seine schopferische Phantasie 
in Betracht kommt. Dazu geniigt schon eine sehr geringe Menge 
ausseren Erlebens. Sehr oft ist die Arbeitsweise des Genies bewundert 
worden, das in seinen Werken die genaueste Kenntnis des Menschen- 
geistes in seiner ganzen Fiille und Tiefe zeigt, ehe es seine Beobach- 






V. Astlxetik und Kunstler-Psychologie. 93 

tungen iiber den kleinsten Kreis hinaus ausdelmen konnte. Die Er- 
klarung liegt darin, dass die Menschenseele unendlich weiter ist als der 
Bezirk, der sich dem Bewusstsein darbietet. Im Unbewussten liegt die 
ganze Vergangenheit unseres Geschlechtes begraben; es gleicht einer 
Nabelschnur, die den Einzelnen an die Gesamtheit anschliesst. Je grosser 
das verwertbare Stuck des Unbewussten ist, desto mehr Moglichkeiten 
bestehen fiir den genialen Menschen sein bewusstes Ich abstreifend sich 
in fremde Personlichkeiten zu verwandeln. Wenn Shakespeare den 
Seelen der Weisen und Narren, der Heiligen und Verbrecher bis auf 
den Grund sah, so war er nicht nur unbewusst alle diese - ~ das gilt 
vielleicht fiir jedermann — sondern er besass auch die uns anderen 
fehlende Gabe, fiir sich selbst sein Unbewusstes sichtbar zu machen, 
indem er scheinbar selbstandige Gestalten von seiner Phantasie er- 
schaffen liess. Diese Gestalten sind alle nur das eigene Unbewusste des 
Dichters, das er, umsichdavonzubefreien, hinausgestellt n projiziert B hat. 

Der Kiinstler kann an sehr kleinlichen Ereignissen mehr erleben 
als der Durchschnittsmensch in den buntesten Abenteuern, weil sie fiir 
ihn nur der Anlass dazu sind, seinen inneren Keichtum kennen zu lernen. 
Seine Reizbarkeit ist nur die Kehrseite dieses Phanomens und muss 
auffcreten, soweit er diese Uberfiille nicht fiir sein Werk yerwertet, 
sondern den Alltagsweg wiihlt, seine Affekte in der Realitat ablaufen 
zu lassen. 

Versuchen wir schliesslich, aus den bisherigen Betrachtungen einen 
Standpunkt fiir die Erkenntnis der Bedeutung der Kunst in der 
kulturellen Entwicklung zu gewinnen, so kommen wir zu dem Schlusse, 
dass die Kiinstler zu den Anfuhrern der Menschheit im Kampfe 
um die Bandigung und Veredlung kulturfeindlicher Triebe gehoren. 
Wenn eine der gewohnten Ausserungsformen veraltet, das heisst unter 
dem Kulturniveau zuriickbleibt und mit ihrer allzu verraterischen Gestalt 
dem Aufstieg im Wege stent, dann sind es die mit kiinstlerischer 
Schopferkraffc begabten Indiyiduen, die es ihren Mitmenschen moglich 
machen, sich yon der Schadlichkeit zu befreien, ohne auf die Lust ver- 
zichten zu miissen, indem sie den alten Trieb in eine neue, unanstossige, 
edlere Form giessen und diese an die Stelle der alten setzen. Wird 
umgekehrt die Verdrangung an einer Stelle in ihrer bisherigen Inten- 
sity iiberfliissig, so fiihlen sie zuerst die Milderung des Druckes, 
der auf ihrem Geist am schwersten lastete und, das neugewonnene Stuck 
Freiheit fiir die Kunst ausnutzend, bevor es sich noch im Leben durch- 
gesetzt hat, weisen sie der Mitwelt den Weg, 



VI. 
Philosophies Ethik nnd Becht. 

Wie die Philosophie zu den ubrigen Wissenschaften ein ganz 
eigenartiges Verhaltnis hat, so nimmt auch die psychoanalytisclie 
Betrachtungsweise ihr gegeniiber eine besondere Stellung ein. Die hig- 
her behandelten Disziplinen gestatten dem Analytiker das Zurttck- 
greifen auf ihr Objekt und eroffnen ihm in dem mehr oder weniger 
phantastischen, den unbewussten Anteil kaum verleugnenden Wunsch- 
material den Zugang zum besseren Verstandnis der Phanomene und 
damit zur Bereicherung der betreffenden Wissensgebiete. Die philo- 
sophischen Systeme dagegen treten uns selbst in Gestalt von Erkenntnis- 
material mit dem Anspruch entgegen, als rein -wissenschaftliche und 
letzte Erklarungen der Stellung des Menschen zur Aussenwelt und zum 
Universum gewertet zu werden. 

Scheint diese Sonderstellung der Philosophie zunachst jeden psycho- 
analytischen Zugang auszuschliessen, so bieten doch zwei andere bei 
Betrachtung der philosophischen Systeme und ihrer Schopfer hervor- 
tretende Eigentiimlichkeiten uns einen Anlass, dem Problem der Philo- 
sophie und des Philosophen naher zu treten. Zunachst muss auffallen, 
dass in der Philosophie die Personlichkeit ihres Schopfers in einem 
Mafie hervortritt, wie es einer Wissenschaft eigentlich nicht ansteht 
und auch auf keinem andern Erkenntnisgebiet, wohl aber in der Kunst, 
anzutreffen ist. Dieser Umstand mahnt uns daran, die eigenartige 
psychologische Struktur des Philosophen, die ihn iiber den 
reinen Wissenschaftler erhebt und dem Typus des Kunstlers nahert, doch 
aber von diesem selbst wieder scharf differenziert, vom Standpunkt 
der Psychoanalyse zu durchleuchten. Damit ist uns auch das Ver- 
standnis fur einen wesentlichen Teil der Systembildung gegeben, die 
anerkanntermafien durch individuelle Besonderheiten der Personlichkeit 
beeinflusst, ja oft von rein subjektiven Momenten bestimmt ist. Die Ver- 
folgung dieser individuellen Bedingtheit des Systems bis in das Trieb- 
leben und die Schicksale der Libido einerseits, die Aufzeigung seiner 






VI. Philosophic, Efchik und Recht. 95 

innigen Beziehungen zu Charakter, Personlichkeit und Lebenseinflussen 
anderseits, bildet die Aufgabe einer psychographischen Unter- 
suchung, wie sie sich aus der Anwendung psychoanalytischer Grund- 
satze und Gesichtspunkte auf Leben und Werk genialer Geister zu ent- 
wickeln beginnt. 

Diese Forschungsmethode eroffnet uns sozusagen einen inneren 
Zugang aus den Tiefen der Personlichkeit in das dem System zugrunde 
liegende Wunschmaterial ; eine Keihe philosophischer Lehrgebaude 
bietet zudem der psychoanalytischen Forschung eine breite Angriffsflache 
in ihren Systemen selbst, in denen das Unbewusste ihres Schopfers, 
das ihnen viel von ihrer allgemeinen Geltung verleiht, entweder als 
metaphysische Projektion in eine ubersinnliche Welt oder als 
mystischer Ausdruck endopsychischer Wahrnehmung oder endlich 
direkt, in sozusagen metapsychologischerErkenntnis, als Objekt 
der philosophischen Betrachtung erscheint. 

Wir wollen nun diese verschiedenen Moglichkeiten einer Anwendung 
psychoanalytischer Gesichtspunkte auf das Gebiet der Philosophie 
methodisch kurz erortern und beginnen mit der psychographischen 
Betrachtung der philosophischen PersSnlichkeit, von der wir, die extremen 
Ausgestaltungen herausgreifend, drei Haupttypen unterscheiden mochten: 

1. den Typus des intuitiven Schauers, des eigentlich kiinstlerischen 
Metaphysikers, wie ihn am reinsten Plato reprasentiert und wie 
er sich bei den Mystikern und den ihnen nahestehenden speku- 
lativen Naturphilosophen deutlich ausgepragt findet; 

2. den Typus des synthetischen Porschers, wie ihn die posi- 
tivistischen Systeme Comte's, Spencer's, und bis zu einem gewissen 
Grade auch die empiristischen Lehren eines Locke voraussetzen ; 

3. endlich den Typus des analytischen Denkers, wie ihn in 
seiner scharfsten Ausbildung Kant und Spinoza darstellen, wie er 
aber auch bei Descartes, Hume u. a. deutlich tiberwiegt. 

Diese Typen sind natiirlich, wie schon unsere z. T. artifizielle Unter- 
ordnung der Systeme unter sie zeigt, im einzelnen Palle selten rein 
anzutreffen, behalten aber ihren heuristischen Wert auch in den weitaus 
haufigen Mischformen dieser beiin einzelnen Philosophen verschieden 
ausgepragten Ztige. 

Der Typus des analytischen Denkers, der vorwiegend auf 
erkenntnistheoretische Sicherheit ausgeht, welehe die Grundlagen und 
Grenzen des bewussten menschlichen Erkenntnisvermogens zu eruieren 
sucht, wird in seinen Lehren kaum ein psychoanalytisch.es Forschungs- 
objekt darbieten. Die Einmengung unbewusster Wunschelemente ist in 
weitgehendem Mafie ausgeschaltet, das Bewusstseiu arbeitet an der Selbst- 
erkenntnis seiner eigenen Fahigkeiten. Bei diesem Typus wird sich 



96 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

wiser Interesse auf die eigenartige Charakterbildung und Personlichkeit 
konzentrieren, die darin zum Ausdruck kommt, dass sich der Philosoph, 
wie vielfach bezeugt, vorn praktischen und Liebesleben so gut wie aus- 
zuschliessen, von der tauschenden Einmengung der Eealitat in die Denk- 
vorgange so gut es geht freizuhalten sucht, urn in weitgehender Weise 
die Denkrealitat zur Geltung zu bringen. 

Das psychoanalytische Studium der Zwangsneurotiker hat ein 
erstes Verstandnis dieser pbilosophiscben Neigungen, sowie der aus 
ihnen folgenden Einstellung zu Welt und Menschen,^ zu Tun und 
Denken, d. h. zur Einschrankung des Tuns und zur Uberwucherung 
des Denkens, eroffnet. Diese Kranken stehen nicbt nur durch ihre 
uberscharfe Intelligenz, ihr Interesse fiir iibersinnliche Dinge und ihre 
ethischen Skrupel dem Typus des Philosophen nahe, sondern verraten 
uns auch die narzisstische Natur der Selbstbespiegelung des eigenen 
Denkens und dessen intensive Sexualisierung, die hnmer weiter weg 
vom ursprunglich sinnlichen Inhalt der \ r orstellungen zur Lustbetonung 
der Denkoperationen selbst tendiert. Dem neurotischen Griibelzwang, 
der pathologischen Erklarungssucht, dem die Tatkraft lahmenden Zweifel 
der Zwangskranken entspricht die philosophische ^Verwunderung" iiber 
sonst unbeachtetes Geschehen, die logisch motivierte, pedantische 
Gedankenordnung nach demPrinzip der Symmetrie, das strenge Kausalitats- 
bediirfnis, das sich mit Vorliebe an die unerforschbaren, von ewigen 
Zweifeln umwogten tiefsten Probleme des individuellen und kosmischen 
Daseins heftet. Alle diese Ztige erweisen sich der psychoanalytischen 
Forschung als Resultat verschiedener Schicksale bestimmter infantiler 
Triebanlagen undNeigungen, unter denen die von libidinosenKomponenten 
getragene Schaulust und Wissbegierde, sowie der mit grausamen Regungen 
verkniipfte Bemachtigungstrieb die Hauptrolle spielen. Insbesondere 
macht sich die fruhzeitige und energische Verdrangung, welche die 
intensive Sexualforschung des Kindes durch aussere und innere Momente 
erfahrt, in entsprechend mannigfacher Weise geltend. Entweder es wird 
mit dem verbotenen Objekt der Forschung die Wissbegierde selbst so 
gut verdrangt, dass sie von da an gehemmt bleibt ; oder die Verdrangung 
der sexuellen Neugierde missgliickt und sie kehrt als neurotischer 
Griibelzwang aus dem Unbewussten wieder, wobei nunmehr das Denken 
und Forschen selbst die ursprunglich dem Ziel desselben geltende Lust 
annimmt; endlich ist noch der ideale Fall moglich, dass die zur Wiss- 
begierde sublimierte Libido den Forschungstrieb unterstutzt und anspornt, 
so dass es ihm moglich ist, im Dienste der intellektuellen Interessen zu 
arbeiten. 

Wir erkennen leicht, dass der Typus des analytischen Denkers der 
zweiten Ausgangsmoglichkeit der Verdrangung des infantilen Forschungs- 
triebes am nachsten steht, indem er, auf rein intellektuellem Gebiet 



VI. Pliilosophie, Ethik und Reclit. 



97 



rerbleibend, die Denkvorgange selbst — vermoge einer weitgehenden 
Introversion der Libido - - mit Lust besetzt und der Realitat die Gesetze 
des eigenen Denkens aufzwingt, wie es der subjektive Idealismus eines 
Kant'), Schopenhauers*) u. a., aber auch der in den Solipsismus 
ausmiindende extreme Phanomenalismus tut. Diese egozentrische Ein- 
stellung zur Aussenwelt erweist sich als Folge einer narzisstischen 
Uberschatzung des eigenen Ich 3 ) und der Denkrealitiit, welche in die 
Aussenwelt projiziert wird. 

Dem gegentiber stent der Typus des positivistischen 
Forschers, der sein sublimiertes Erkenntnis- und Kausalitatsbediirfnis 
in zweckentsprechender Weise der objektiven Realitat zuwendet und 
damit dem Lustprinzip am meisten entsagt hat. Wie ersichtlich, stellt 
er die dritte der angefiihrten Ausgangsmoglichkeiten infantiler Trieb- 
verdranguug dar und wird der psychoanalytischen Untersuchung in 
seiner Personlichkeit und seinem Werk am wenigsten Material darbieten, 
da bei ihm libidinSse Triebkrafte, im Sinne Nietzsches, nur als Motor 
des Denkens fungieren 4 ). 

Weitaus unser grosstes Interesse beansprucht der erste Typus 
des eigentlich nietaphysischen Philosophen, der nicht nur in 
seiner kunstlerischenPersonlichkeit psychoanalytisch am ehesten zuganglich 
ist, sondern auch im Inhalt seines Werkes das phantastische Wunsch- 
material oft so deutlich verrat, dass schon dem Aristo teles die Ver- 
wandtschaft dieser Art des Philosophierens mit dem Erdichten von 
Mythen auffiel. Wahrend also die beiden ersten Typen fiir uns vor- 
wiegend charakterologisches Interesse haben, indem die unbewussten 
Triebregungen und libidinosen Energien nur auf dem Umweg der 
Charakterbildung als Motor des Denkens und Forschens dienen, ist bei 
diesem dritten Typus auch der Inhalt des Systems deutlich vom 
Unbewussten determiniert und beeinflusst, worauf uns schon die wenigen 
typischen, im Laufe der philosophischen Entwicklung immer wieder- 1 
kehrenden Grundanschauungen und Systeme aufmerksam machen konnten, 
deren vielfach iiberraschende tfbereinstinmiung in Aufbau und Inhalt' 
mit den verungltickten Systembildungen gewisser Geisteskranker die 
Psychoanalyse aufgedeckt hat. 

!) Kant: v Bisher nalim man an, alle unsere Erkenntnis mtisse sich nach 
den Gegenstanden richten; .... Man versucke es daher einroal, ob wir nicht in 
den Aufgaben der Metapliysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die 
Gegenstande mtissen sich nach imserer Erkenntnis richten." 

2 ) Schopenhauer: „Die Welt ist meine Vorstellung." 

9 ) Bekanntlich stellt am deutlichsten Fichte das Icb und seine Betrachtung 
in den Mittelpunkt der Philosophie und Weltauffassung und leitet alles tibrige daraus 
ab. — Der metaphysische Unterschied zwischen reinem und empirischem Ich kommt 
fttr unsere psychologische Betrachtung nicht in Frage. 

4 j Audi Plato bezeichnet das Denken als ,snblimi'ertcii Geschlechtstrieb." 
(Jrenzfrngeii iU»a Xerven- mul SpeleiilolH'iis. (Heft XOIII.) 7 



98 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

Steht diese Art des Philosophierens dem kiinstlerischen Schaffen 
nahe, so ist doch nicht zu ubersehen, dass diese beiden Typen geistiger 
Produktivitat eine scharfe Differenzierung, ja in gewisser Hinsicht eine 
psychoanalytisch interessante Gegensatzlichkeit aufweisen. Schon ausser- 
lich ist der Kiinstler ohne ein starkes Attadiemenfc und Werbungs- 
bedurfnis der Um- und Mitwelt gegeniiber kaum denkbar, wahrend den 
Philosophen eine starke Introversion seiner Libido und ein „autistisches 
Denken" (Bleuler) charakterisieren. Die banale Auffassung von der 
erotischen Freiheit des Kiinstlers und der sexuellen Gebundenheit 
(Keuschheit) des Philosophen kennzeichnet diese Gegensatzlichkeit, wenn 
auch grob, so doch nicht unzutreffend. x ) Der Kiinstler knupft seine 
allgemein menschlichen Gestaltungen immer an den Einzelfall an, der 
Philosoph strebt zum Allgemeinen ; der Kiinstler will gefallen und 
verwendet demnach suggestive Mittel, der Philosoph will tiberzeugen 
und bedient sich .logischer Mittel. Einen iiber die Deskription hinaus- 
gehenden Unterschied hat Schopenhauer in dem Ausspruch festge- 
stellt: „Ein Dichter ist man nicht ohne einen gewissen Hang zur 
Verstellung und Falschheit; hingegen ein Philosoph nicht ohne einen 
gerade entgegengesetzten Hang". Die tieferen Differenzen lassen sich 
letzten Endes zuriickfuhren auf eine Verschiedenheit der sexuellen 
Konstitution, die beim Kiinstler eine Hypererotik, beim Philosophen eine 
Anerotik zeitigt, auf verschieden ausgepragte Partialtriebe und die 
mannigfachen Schicksale derselben, besonders aber auf eine beim 
Philosophen viel weiter getriebene Abwendung vom Sexuellen ins Geistige, 
Ubersinnliche, Unreale. 

Dementsprechend aussert sich auch das Unbewusste in diesen 
Systembildungen auf andere Weise als in der kiinstlerischen Produktion. 
Wir. unterscheiden zweckentsprechend zwei Ausdrucksformen desselben 
beim Philosophen, die als metaphysische gekennzeichnet sind, da 
sie durch keine objektive Erkenntnis begriindet erscheinen: namlich 
die religiftse und die mythologische Systembildung. Die 
erste, von der es verschiedene Ausgestaltungen gibt, postuliert einen 
Schopfer, der die Welt aus sich selbst oder aus dem Nichts hervor- 
gebracht haben soil (Heraklit, Stoiker, Neuplatoniker, Mystiker). Wie 
in der Religionsbildung erkennt die Psychoanalyse auch hierin die un- 
bewusste Universalprojektion einer im infantilen Leben machtig 
geweseneir- Vater-Imago und kann feststellen, dass das beim „Denker ft 
vorherrschende Gefiihl der Allmacht hier auf dem Wege der Projektion 
dem Vater-Gott iiberlassen scheint. In anderen Systemen wird das 
Weltall in animistischer Weise belebt und der Dualismus der toten 



*) Sowohl Schopenhauer wie Nietzsche hehen die typische Eliolosigkeit 
des Philosophen, die sie selbst demonstrieren, am Beispiel des Carte si ns, Leibniz. 
Malebranche, Spinoza, Kant u. a, hervor. 



VI. tMosophie, Ethik und Recht. 00 

Korperwelt und des sie durchdringenden Geistes wird unter dem Bilde der 
geschlechtlichen Befruchtung angeschaut; die reiche Ausgestaltung dieser 
sexuellen Symbolik bei einzelnen Mystikern verrat diese Systeme deutlich 
als Projektioneu innerer Libidovorgiinge. In bewusster Erkenntnis 
dieser Sexualisierung nicht nur der Denkfunktionen, sondern auch der 
Denkinhalte hat LudwigFeuerbach einmal die philosophische Gegen- 
iiberstellung und spekuiative Ausbeutung des Verhaltnisses von Subjekt 
und Objekt auf das geschlechtliche Verhaltnis von Mann und Frau 
zuruckgefiihrt. 

Die mythischen Systembildungen sind charakterisiert durch die 
Annahme einer iibersinnlichen Welt, die, wie der subjektive Idealismus, 
als Entwertung, Ablehnung oder Verneinung der peinlich empfundenen 
Realitat und als Flucht zu den aus dem Unbewussten hinaus projizierten 
infantilen Wunschsituationen gelten kann. Hierher gehort auch der 
Glaube an die Praexistenz, die Seelenwanderung und die Wiederkehr des 
Gleichen, der in letzter Linie, wie die entsprechenden religiosen Glaubens- 
lehren, von unbewussten Mutterleibs- und Wiedergeburts-Phantasien 
ausgeht. 

Diese metaphysischen Vorstellungen sind in ihrem Absehen von 
jeder Realitatspriifung der psychoanalytischen Zergliederung als Phantasie- 
produkte am leichtesten zuganglich und erweisen sich dann als 
Projektionsphanomene des unbewussten Seelenlebens in eine izber- 
naturliche Welt, die natiirlich den Wunschen des betreffenden Individuums 
und denen vieler anderer in hohem Mafie entgegenkommt , da sie 
psychologisch betrachtet nur eine narzisstische Selbstspiegelung des 
Individuums im Kosmos darstellt. Diese metaphysische Projektion 
bildet gewissermafien die primitivste und haufigste Form, in der das 
Unbewusste in die Systemhildung einstromt. Den ersten Schritt in der 
Richtung zur Erkenntnis des Unbewussten bilden dann die ratio nalistischen 
und mystischen Lehrgebaude, die, so gegensatzlich sie auch erscheinen 
mogen, doch das gemeinsam haben, dass sie das tiefste Wesen der 
Welt und die letzte Erkenntnis der Dinge im eigenen menschlicuen 
Seelenleben zu finden erwarten; trotz dieser Tendenz konnen sie in die 
Gebiete des Unbewussten nicht direkt Einblick gewinnen, sondern 
sie nur in endopsychischer Wahrnehmung erfassen und in 
Symbolen darstellen. In diesem Stadium der Erkenntnis tritt uns das 
Unbewusste in den philosophischen Lehren als etwas Mystisches, Un- 
greifbares und Unerkennbares entgegen. Im Laufe der weiteren Ent- 
wicklung ist es endlich zur scharfen begrifflichen Erfassung des 
Unbewussten gekommen, von dem einzelne Philosophen, wie beispiels- 
weise Hartmann, wenn auch in anderem Sinne als die Psychoanalyse, 
sprechen, wahrend andere es in seiner Bedeutuug und Wirksamkeit 
erkannt und dargestellt haben, wie Schopenhauer in der Willens- 

7* 



100 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutimg dor Psychoanalyse etc. 

lehre oder Nietzsche, an dessen psychoanalytische Zuriiekfiihrung der 
metaphysischen und ethischen Bediirfnisse auf primitive Triebregungen 
hier nur erinnert zu werden braucht. 

Um Missverstandnissen vorzubeugen heben wir, obwohl ja in diesem 
Zusammenhang die ausschliessliche Betonung psychoanalytischer Ge- 
sichtspnnkte keiner Entschuldigung bedtirfte, doch ausdrlicklich hervor, 
dass wir mit diesen skizzenhaften Bemerkungen weder das Wesen der 
Philosophie erschopft noch Hire Entwicklungsgeschiclite iiberblickt, noch 
die Personlichkeit des Plulosophen voll verstandlich gemacht zu haben 
glauben. Es konnte sich nur darum handeln, fluchtig anzudeuten, von 
welchen Punkten aus die psychoanalytische Betrachtungsweise imstande 
sein wird. an diese Probleme heranzutreten. Erst eingehende Detail- 
untersuchungen werden zu zeigen haben, inwieweit solche Versuche zum 
psychologischen Verstandnis der Philosophie fruchtbar sein konrten *). 
Zur kritischen Wurdiguug eines Systems werden sie natiirlich niemals 
ausreichen und pratendieren dies auch gar nicht; sie konnen nur be- 
stimmte Winke und Andeutungen iiber die personliche und subjektive 
Bedingtheit philosophischen Denkens und Schauens geben, wodurch aber 
die objektive Wertung der philosophischen Ergebnisse nicht im geringsten 
tangiert werden muss. 

Ahnliche Gesichtspunkte und Einschrankungen wie fur unser 
Studium der Metaphysik gelteu auch fiir die psychoanalytische Durch- 
leuchtung der Ethik, so weit sie als philosophische Disziplin in den 
Systemen abgehandelt wird. Es geschieht dies meist mit dem Anspruch, 
dass die Philosophie auf Grund ihrer Einsichten in das Weltgeschehen 
und Menschenleben auch am ehesten zur Aufstellung ethischer Normen 
fur das Verhalten des Individuums in seiner Beziehung zur Sozietat be- 
rufen sei. Wir haben hier von dieser Tendenz, welche ubrigens auf 
die rationalistische Auffassung des Sok rates von der Lehrbarkeit der 
Tugend zuriickgeht, vollkommen abzusehen und die ethischen Lehren 
der einzelnen Philosophen zunachst als den Ausdruck individueller Be- 
diirfnisse und Forderungen psychologisch zu betrachten. Ein solches 
Studium lehrt, dass die Geschichte der ethischen Entwicklung innerhalb 
der Philosophie ein Spiegelbild der Verdrangung der krass 
egoistischen, g ewalttatigen und grausamen Regungen 
desMenschen darstellt, und dass sich der Kampf gegen diese asozialen 
Regungen auf dem Gebiet der Ethik abspielt, wie der Kampf gegen die 
libidinosen Regungen im Bereiche der Metaphysik. Fiir die spezielle 
Ausgestaltung der Ethik werden also die Schicksale der infantil vor- 
herrschenden Triebregungen der Grausamkeit und Bemachtigungslust 



*) Vgl. die Arbeiten von Dr. phil. Alir. Frh. v. Winters tein und Dr. Eduard 
Hitschmann in ^Tmago 1 ', II. Jahrgang 1913, H. 2 ? April. 



VI. Philosophic, Ethik und Reeht. 1()1 

mafcgebend sein, die von ihrer Vermengung mit libidinosen Komponenten 
(Sadismus) abhangen. Zur Aufstelluug ethischer Normen kommt es 
durch Verdrangung dieser Regungen mittels Reaktionsbildung, woraus 
die Forderungen des Mitleids, der Menschenliebe und Gleichachtung des 
Nebenmenschen resultieren. Dass diesen ethisclien Postulaten urspriinglich 
die entgegengesetzten asozialen Regungen zugrunde liegen, zeigt sich 
deutlich in den von Zeit zu Zeit hervortretenden ethischen Revolutionaren, 
welche die verweichlichende Mitleidsmoral verspotten und die skrupellose 
Hingabe au den krassen Egoismus, den Willen zur Macht, als Heilmittel 
preisen, wie Stirner und Nietzsche. Aber auch ein so tiefer Ethiker 
wie Schopenhauer kann sich nicht genug tun in der detaillierten 
Schilderung der boshaften, grausamen und eigensiichtigen Triebregungen, 
von Spinoza wird sogar berichtet, dass er — angeblich zu wissen- 
schaftlichen Zwecken — Insekten aufs Grausamste gequalt habe, und 
der wohl anspruchsvollste Ethiker unter den Philosopher Kant, begann 
seine philosophische Laufbahn mit einer Abhandlung: „tJber das radikale 
Bose in der rnenschlichen Natur.* 

So zeigt die Geschichte der Ethik den unaufhorlichen Wechsel 
zwischen dem Vordringen der Reaktionsbildungen gegen die egoistischen 
Triebe und der Tendenz, sie rucksichtslos durchzusetzen ; beide Arten der 
Einstellung sind von der individuellen Triebanlage des einzelnen und der 
rnehr oder minder gelungenen Verdrangung bestimmter Triebgruppen 
bedingt. Ahnlich verhalt es sich auch rait der in vielen ethischen Systemen 
aufgestellten Forderung des ganzen oder teihveisen Verzichts auf den 
Geschlechtsverkehr und den mannigfachen Einschrankungen des Sexual- 
genusses (Sexualethik). x ) Die Tugend ist also nichts weniger als lehrbar, 
jeder ist vielmehr notwendig so weit „ethisch tt als seine Verdrangung 
zur Schaffung und Erhaltung Ton Reaktionsbildungen ausreicht und die 
Forderungen der einzelnen Philosophen konnen zunachst nur fur sie 
selbst und eine Anzahl ahnlich eingestellter Individuen Bedeutung und 
Geltung beanspruchen. Dass. unter solchen Umstanden audi das eminent 
wichtige Problem der scheinbaren Willensfreiheit im Sinne der psychoana- 
lytischen Weltanschauung einer Revision bediirftig ist, mag hier nur 
erwahnt sein. 

Wenn wir es versuehen wollen, von unserem Gesichtspunkte aus 
eine Einsicht in die Genese der Ethik zu gewinnen, so mussen wir 
davon ausgehen, dass ihr Wesen im Verzicht auf eine Lustbefriedigung 
besteht, den sich das Individuum freiwillig auferlegt. Insofern sind 
die alten Tabu-Verbote die direkten Vorlaufer der ethischen Normen. 
Freilich ist die Motivierung in beiden Fallen ganz verschieden. Denn 

*) Vgl. Christian v. Ehrenfels: „Sexualethik" (Grenzfragen Nr. 56). Wies- 
baden 1908. 



102 Br. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc 

die Einschrankungen durch das Tabu gehen, soweit sich eine bewusste 
Motivierung fur sie gebildet hat, auf einen durchaus egoistischen Grund, 
die Angst vor einem dem Ubertreter drohenden tJhel, zuriick. Die 
unbewussten Griinde sind hingegen die sozialen Riicksichten auf jene 
Einrichtungen , insbesondere auf die primitive Familie, deren Bestand 
durch die Versuchung, welche das Tabu hindern soil, bedroht wiirde. 
Die Versuchung selbst wurde verdrangt und mit ihr zugleich musste 
auch die richtige mit ihr verbundene Motivierung bewusstseinsunfahig 
werden. Da das Wohlergehen des Einzelnen enge mit dem des Stammes zu- 
sammenhangt, gehen die sozialen Griinde zum grossen Teil wieder auf 
egoistische zuriick. Zum andern Teil aber wirken libidinose Strebungen mit, 
die dem Verzicht im Seelenleben erst Haltbarkeit verleihen, indem sie 
ihn wenigstens auf indirektem Wege lustvoll machen. Solche von der 
Libido ausgehende, meist wohl sekundare Motivierungen sind z. B. die 
Erfahrung des grosseren Lustgewinnes durch Aufschiebung der Be- 
friedigung oder die Liebe zu einer Person, deren Anspriiche und Ge- 
fiihle durch den Verzicht geschont werden sollen. 

Im Gegensatz hierzu darf bei der ethischen Einstellung der Egoismus 
als Motiv, etwa als Angst vor Strafe, gar keine Rolle mehr spielen. Er 
wird unterdriickt, im weitestgehenden Palle des „Heiligen tt sogar aus 
dem Bewusstsein verdrangt, wie die asozialen Wiinsehe beim Tabu. Die 
soziale Motivierung hingegen, die heute, wo die Familie nicht mehr mit 
Staat und Menschheit zusammenfallt, farblos und unanstossig geworden 
ist, wird nun in den Vordergrund gestellt und fur die einzige und aus- 
reichende ausgegeben. Uber die Quellen dieser sozialen Pflicht haben 
sich in der Wissenschaft zwei Hauptmeinungen herausgebildet, von denen 
die eine, durch Rousseau vertretene, eine voluntaristische Determinierung 
in der „ursprunglichen Giite der Menschennatur" sucht, wahrend die 
andere, intellektualistische, im kategorischen Imperativ Kants gipfelt. Auf 
die unbewusste Motivierung der Ethik als Reaktionsbildung gegen ver- 
drangte Triebe wurde bereits hingewiesen. Die Haupttendenz der Tabu- 
schranke war es, das Verbotene physisch unmoglich zu machen, in- 
dem es jede Gelegenheit dazu abschnitt, wahrend die Wirkungsweise 
der Ethik darin besteht, dass psychische Energien den Willen aut 
ihre Seite zu ziehen suchen. 

Am weitesten entfernt von der direkten Einflussphare des Unbe- 
wussten scheint das Recht zu stehen, da es der Lustbefriedigung 
den mindesten Spielraum gonnt und am starksten die sachliche und 
logische Zweckmafiigkeit, also die Realanpassung vertritt. Das Recht 
in seiner reinen Form verzichtet ganz darauf, die Bundesgenossenschaft 
des Gefuhls anzurufen, seine Form el ist nicht das „Du sollst* der Ethik, 
sondern das Niichterne „Wenn du dieses tust und jenes nicht 
lasst, wird dir von der Gemeinschaffc ein bestimmtes Ubel angetan, oder 






VI. Philosophie, Ethik und Recht. 103 

ein bestirumter Vorteil vorenthalten" , wobei es der praktischen Er- 
wagung des Einzelnen uberlassen bleibt, wofur er sich entscbeiden will. 
Damit stehen die Rechtssatze dem Tabu naher als die Ethik, nur dass 
das Tabu ein unbestimmtes Ubel von unbestimmter Seite her androht. 
Blieb dieses aus, so wurde wohl die Bestrafung von der Gerueinschaft 
verhangt und so der "Ubergang vom Tabu-Verbot zum Gesetz geschaffen. 

Wir lassen das Privatrecht vollig bei Seite und wollen nur dem 
Strafrecht eine kurze Betrachtung widmen, das infolge seiner Durch- 
dringung mit ethischen und religiosen Anschauungen dem unbewussten 
Seelenleben naher steht. Diese Verwandtschaft tritt auch ausserlich 
in Erscheinung durch die vielgestaltige Symbolik, mit welcher Rechts- 
sprechung und Strafvollzug bei alien Volkern ausgestattet waren 1 ). Selbst 
in unserer Zeit, die sonst die fiir den praktischen Zweck unbrauchbare 
Symbolik beseitigt, hat sich ein Stiick davon im Strafprozess erhalten. 
Die Bedeutung dieser Symbolik hat J. Storfer 2 ) in einem Fall, bei der 
Bestrafung des parricidium im alten Rom, mit Grluck erforschi Es 
gelang ihm nachzuweisen, dass die Symbolik der Ausdruck der allgemeinen 
unbewussten Annahme gewesen sei, das Motiv fiir den Vatermorder 
(der Grundfall des parricida) sei immer das Streben nach dem Allein- 
besitz der Mutter. Von einer solchen hypothetischen Form der Beteiligung 
des Unbewussten bei der Bestrafung lasst sich naturlich nur im 
iibertragenen Sinne sprechen. In Wahrheit muss es sich darum handeln, 
dass jeder Einzelne sich unbewusst in die seelische Situation des Ver- 
brechers versetzt, sich mit ihm identifiziert. Das Verbrechen, das 
die Gemeinschaft bestraft, wurde also unbewusst von jedem einzelnen 
ihrer Mitglieder mitbegangen. Die Bestrafung gibt ihr dann willkommene 
Gelegenheit das sonst Verbotene Grausame unter einer sozialen Sanktion 
ihrerseits zu tun. Die Vorliebe, mit der bei solcher Gelegenheit dem 
Verbrecher das Gleiche angetan wurde, was er getan und das Unbewusste 
der anderen gewunscht hatte (ius talionis), ist als schliessliche reale 
Durchfuhrung des durch das Verbrechen geweckten Wunsches anzusehen. 

Der Verbrecher, der diejenigen Handlungen begeht, auf welche 
die Anderen bereits verzichtet haben, stellt also eine niedrigere Stufe 
der Triebbeherrschung dar, vom Standpunkt der gegenwartigen Kultur 
gesehen ein Riickschlagsphanomen in primitivere Epochen. Die von 
Lombroso betonte anthropologische llinlichkeit des Verbrechers mit 
dem Wilden hat eine psychologische Parallele, welche aber auch auf 
den Neurotiker Bezug nimmt, der, wenn auch auf andere Weise, durch 
missgliickte Triebverdrangung an der sozialen Einordnung scheitert. 



i) Max Schlesinger: ,Die Geschichte des Symbols". Berlin 1912, HLBuch, 
Kap. 2, sowie die hier verzeichnete Literatur (S. 267 ff). 

2) J. Storfer: B Zur Sonderstellung des Vatermordes". Wien u. Leipzig 1911. 



104 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bodeutnng der Psychoanalyse etc. 

Die Kriminalpsychologie hat von den Einsichten der Psychoanalyse 
bisher nocb wenig Gebrauch gemacht 1 ). Ein Weg, der einenZusammen- 
hang mit dem Unbewussten erkennen lasst, wurde durch das Asso- 
ziations-Experiment angebahnt. Die dabei gewahlte Form ist die 
von der Schweizer Schule der Psychoanalyse (Jung u. a.) ausgebildete, 
wobei die Erfahrung gemacht worden war, dass die Geftihle und Erleb- 
msse der Versuchsperson durch die Reaktionen auf eine Reihe ausge- 
wahlter Reizworte haufig ans Licht gebracht werden konnten. Da fur 
den Verhrecher seine Tat zu den stark gefiihlsbetonten Komplexen 
gehort, so ergab sich die Aussicht, den Tatbestand festzustellen und 
den mutmafilichen Verhrecher zu iiberftthren 2 ). 

Wir haben vorhin vom Verbrechen als einem Riiekschlagsphanomen 
gesprochen und miissen uns nun auch die Frage vorlegen, unter welchen 
Bedingungen eine Tat zuerst so gewertet werden konnte. Auch in 
dieser Hinsicht gibt die hereits erwahnte Arbeit Storfers wertvollen 
Aufschluss. Im Friihstadium der sozialen Entwicklung, in der Epoche 
der Vaterrechtsfamilie, war der Vatermord mit Hochverrat gleichbedeutend ; 
da die sonst iihliche primitive Art der Siihnung, die Blutrache, in 
diesem Falle nicht moglich war — innerhalb der Familie nicht, weil 
derSohn durch das Gelingen seiner Tat Geschlechtsoberhaupt geworden 
war und nicht von Sippe zu Sippe, weil keine Wletzung eines fremden 
Geschlechtsgenossen vorlag • . wurde das Bestreben, das Leben des 
wichtigsten GHedes der Gemeinschaft zu schiitzen, zum ersten Anlass 
der Statuierung der Strafbarkeit einer Handlung vom Gesichtspunkte 
des offenthchen Rechts. Der Vatermord ist daher als Archityp 
des Verbrechens anzusehen. 

In primitiven Verhaltnissen ist das Motiv einer solchen Tat in der 
wirtschaftlichen Rivalitat zwischen Vater und Sohn zu suchen. Tat- 
sachlich findet sich hei vielen Volkern die Institution der Beseitigung 
des Vaters durch den zu Kraften gelangten Sohn. Unter den wirt- 
schaftlichen Giitern steht das Weib in erster Reihe und das ausschliess- 
liche Recht des Vaters auf alle Frauen der Familie hat in dem jus primae 
noctis der patriarchalisch gebliehenen Gemeinwesen seine Spuren hinter- 
lassen. Die Parallele mit dem, was die Psychoanalyse im unbewussten 
Seelenleben des einzelnen gefunden hat, lasst sich also auch in der 
Entstehung und Entwicklung des Strafrechtes nachweisen. 

!) Hinweise vergl. hei Erich Wulff en: „Der Sexualverbrecher". Berlin 1909. 

2 ) C. <J. Jung: .Die psycholog. Diagnose des Tatbestandes". Juristisch- 
psychiatrische Grenzfragen IV, 2. Marhold, Halle 1906. 

A. Stehr: „Psychologie der Aussage". „Das Recht". Sammlung v. Abhand- 
lungen f. Juristen und Laien, Bd. IX/X. Berlin 1912. 



VII. 
Fadagogik und Charakterologie. 

Die Psychoanalyse ist nicht nur eiae Wissenschaft, welche erne 
wesentliche Bereicherung unserer Kenntnis des menschlichen Geistes- 
lebens darstellt; vielmehr wurde sie zunaehst als praktische Behandlungs- 
methode zur Beeinflussung seelischer Storungen ausgebildet. 

Das We sen dieser therapeutischen Technik besteht darin, den 
Kranken von der zwanghaften Herrschaft gewisser mit seinem Ich 
unvertraglicher, aber unzureichend verdrangter Triebregungen, die aus 
dem Unbewussten ihre iibermachtige Wirkung entfalten, zu befreien, 
indem der unzweckmaJige Prozess der vom Lust-Unlustprinzip automatisch 
ausgehenden Verdrangung in der Analyse ruckgangig gemacht und 
durch die der Kealanpassung entsprecbende bewusste Beherrschung 
dieser Regungen ersetzt wird. 

Die Mitt el dieser Beeinflussung sind, der Natur des Leidens ent- 
sprechend, weniger intellektueller als affektiver Art und werden vom 
Heilungswunsch des Patienten, sowie seinem intellektuellen Interesse an 
der Analyse gefordert. Durcb die Einfalle des Patienten, seine Traume, 
Symptomhandlungen, Fehlleistungen und andere Ausserungen werden 
Zugange zu seinem Unbewussten geschaffen und schrittweise erweitert, 
wobei dem Arzt die Intensitat der urspriinglichen Verdrangung als 
Widerstand gegen die Aufdeckung des Unbewussten entgegentritt. 
Die Beseitigung dieser Widerstande ist die Hauptaufgabe der Kur. 
Sie gelingt nur mit flilfe eines dynamischen Faktors, Ton dessen 
richtigem Eingreifen die Moglichkeit und der Erfolg der Bebandlung 
abhangen. Es ist dies der Einfluss des Arztes, der auf Grund einer 
bestimmten affektiven Einstellung des Patienten moglicb wird, die wir 
Ubertragung heissen, weil sie einer auf die Person des Arztes 
transponierten Affektlage der Zu- und Abneigung entspricht, welche 
ehemals bedeutsamen und autoritativen Personen der Kindbeit gegolten 
hatte (Eltern, Verwandte, - Pflegepersonen, Lehrer, Priester). In der 
Verwendung des suggestiven Faktors unterscheidet .sich die Psycho- 
analyse von alien anderen psychotherapeutischen Methoden darin, dass 
sie sich der eigentumlichen Art seiner Wirksamkeit fortwahrend bewusst 
bleibt und die gefiigige Glaubigkeit des Patienten dazu benutzt, urn 



106 Dr. 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc, 

dauernde Veranderungen in seinem Seelenleben herbeizufiihren, die ihm 
auch nach der notwendigen Auflosung des Ubertragungsverhaltnisses 
seine psychische Leistungsfahigkeit und Selbstandigkeit gewjihrleisten. 

DieWirkung dor psychoanalytischen Beeinflussung setzt sich aus 
zwei Faktoren zusammen : die Befreiung der verdrangten Triebregungen 
aus der falschen symptombildenden Einstellung und ihre neuerliche zweck- 
mafiige Anpassung an reale Befriedigungsmoglichkeiten, d. h. Hinlenkung 
in sozial wertvolle Betatigungsbahnen (Sublimierung), welche Unter- 
ordnungen in einem friiheren Stadium der Entwicklung missgliickt 
waren. Die psych oanalytische Therapie ist so einer „Nacherziehung 
zur Uber win dung von Kindheitsresten" (Freud) gleich- 
zustellen und hafe als solche ein Anrecht auf padagogische Wertung. 

Allerdings ist die fur den erwachsenen und gemiitskranken 
Menschen ausgebildete Therapie nicht ohne weiteres geeignet, in 
direkter Anwendung auf das gesunde heranwachsende Kind iibertragen 
zu werden. Die Natur der psychoanalytischen Aufgabe und ihrer 
Losung brachte es rait sich, dass sie zunachst nur auf eine sozusagen 
negative Seite der Erziehungsaufgabe Licht wirft, indera sie uns 
lehrt, welche Einfltisse vom Kinde fernzuhalten sind, um es vor dem 
spateren Verfall in Neurose, dem Zusammenbruch aller Erziehungs- 
erfolge, zu bewahren. 

Die Grundlage zur Durchfuhrung der positive*! padagogischen Auf- 
gaben muss eine verstandnisvolle sexuelleErziehung, einschliesslich 
sexueller Aufklarung sein. Diese sollte nicht, wie so haufig noch, 
durch grobe Verfiihrung, briiske Einweihung oder zufallige Belauschung 
sexueller Akte (bes. der Eltern) erfolgen. Vielmehr sind alle diese 
schadigenden Einfltisse fern zu halten, anderseits aber jedes Aufdrangen 
auch von gesundem Sexualwissen, insbesondere aber jede Art von 
Geheimnistuerei in sexuellen Dingen zu vermeiden. So weit es geht 
soil man das Kind, bei moglichster Fernhaltung direkt schadigender 
Einwirkungen, fur sich gewahren lassen und es so wenig als moglich 
in seiner nattirlichen Entwicklung hemmen. Das Kind nimmt die 
sexuellen Dinge, von denen es durch Vorgange am eigenen Korper 
und seine scharfsichtige Beobachtung des ihn umgebenden Stiickes 
Natur Kenntnis erhalt, zunachst wie andere Erfahrungstatsachen bin 
und so muss sie auch der Erwachsene wieder nehmen lernen, wenn er 
dem Kinde ein hilfreicher Berater sein will. Eine eigentliche Auf- 
klarung hatte erst zu erfolgen, sobald das Kind selbst durch spontane 
Fragen ein intensiveres Interesse fur die Bedeutung der sexuellen Vor- 
gange verrat, die ihm infolge seiner geringen Erfahrung nur teilweise 
oder garnicht verstandlich sein konnen. 

Der heranwachsende Mensch, der sich dafur interessiert, woher 
die Kinder kommen, hat ein Recht, wenn auch nicht auf vollstandige, 



VII. Padagogik und Charakterologie. 107 

so doch auf unentstellte Auskunft, deren Vorenthaltung oder Ver- 
falschung sich spater schwer rachen kann. Aber auch eine unmittelbar 
verhangnisvolle Folge kann sich bei dem in der Kegel schon vor dem 
Fragen einigermafien informierten Kind einstellen, wenn es sich von 
den Eltern belogen und hintergangen fiihlt. Es verliert nicht selten 
alle Achtung und jedes Vertrauen den Erwachsenen gegeniiber und 
wird der Beeinflussung durch den Erzieher schwer zuganglich. 

Denn schon beim Kind stellt sich jenes bedeutungsvolle Uber- 
tragungsverhaltnis libidinoser Regungen auf die Personen 
der nachsten Umgebung her, das wie in der psychoanalytischen Kur 
so auch in der normalen Erziehung als wichtigster Hebel der sugge- 
stiven Beeinflussung erkannt wurde. Wie das Kind den Eltern, 
insbesondere dem Vater gegeniiber eingestellt war, so wird es sich den 
diese Autorit'aten spater vertretenden Respektspersonen (Lehrer, Priester, 
Vorgesetzter, Chef etc.) gegeniiberstellen, und darum bleibt die wiehtigste 
Bedingung aller spateren Erziehungsarbeit die Herstellung und Er- 
haltung guter Beziehungen in der Familie, die leider gegenwartig nur 
die Ausnahme, nicht die Regel sind. Andererseits diirfen diese Be- 
ziehungen aber auch nicht zu innig werden, da sonst die Ubertragungs-, 
Sublimierungs- und Ablosungsfahigkeit der Elternlibido erschwert und 
bis zur neurotischen Fixierung eingeschrankt werden kann. Die glatte 
Ablosung von der Autoritat der Eltern und der sie vertretenden Person- 
lichkeiten ist eine der wichtigsten, aber auch schwierigsten Leistungen, 
welche dem Kinde beim Abschluss der Erziehungsarbeit obliegen, wenn 
es zu psychischer und sozialer Selbstandigkeit gelangen soil. Hier hat 
die Padagogik aus dem Ubertragungsverhaltnis und seiner schrittweisen 
Losung in der psychoanalytischen Kur noch viel zu lernen. 

Die Psychoanalyse gestattet aber nicht nur die Aufzeigung und 
Vermeidung von bisher begangenen Erziehungsfehlern, sondern vermag 
auch inpositiver Weisezur Erzielung besserer Resultate anzuleiten. 
Das psychoanalytische Studium der Neurosen hat das Problem der 
Charakterbildung und -Entwicklung von der dynamischen Seite 
beleuchtet, die bisher fast vollig im Dunkel geblieben war. Zwar kann 
sie iiber die den Charakter des Menschen beeinflussende Anlage nichts 
aussagen, was tiber die sparlichen und unsicheren Ergebnisse der Ver- 
erbungslehre hinausginge, weiss aber um so mehr von dem Prozess 
ihrer Ausgestaltung, der durch iiussere und innere Vorgange des 
individuellen Lebens entscheidend bestimmt wird. Der Charakter kann 
wohl als eine besonders ausgepragte, in typischer Art erfolgende Reaktions- 
weise des Individuums aufgefasst werden ; die analytische Forschung hat 
nun ergeben, dass bei seiner Ausbildung den intellektuellen Momenten ein 
weit geringerer Anteil zukomme, als man bisher anzunehmen geneigt war. 
Vielmehr beruht die Charakterbildung auf einer fur das Individuum 



108 Dr. 0. Rank u. Dr. II. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

zweckmafiigen Okonomie des psychischen Kriiftespiels, welche 
•jevveils eine ganz bestinnnte Verteilung von Affektmengen, ein gewisses 
Mafi Ton Triebbefriedigung, -Unterdriickung und -Subliniierung er- 
fordert. Die bleibenden Charakterziige eines Menscheu sind entweder 
unveranderte Fortsetzungen der ursprUnglichen Triebregungen, Ab- 
lenkungen derselben auf hohere Ziele oder Reaktionsbildungen gegen 
dieselben. So kann etwa ein ursprunglich grausames Kind, das s°ich 
an Tierquiilereien sadistisch befriedigte, spater ein Metzger oder ein 
passionieiter Jiiger werden, und damit die alte Triebbetiitigung und 
-Befriedigung in wenig modifizierter, wenn auch sozial ntttzlicher Weise 
fortsetzen; es kann aber auch einen Beruf wahlen, der ibm dies im 
Dienste hoherer, intellektueller und wissenschaftlicher Interessen 
gesiattet, und etwa als Naturforscber die Vivisektion mit besonderem 
Interesse betreiben, oder als Chirurg der Wissenscbaffe und seinen Mit- 
raenschen wert voile Dienste leisten; in einem dritten Falle kann die 
allzu machtige Triebregung intensiver Verdrangung verfallen und 
auf dem Wegc der Eeaktionsbildung in bumanitaren und e this c hen 
Betatigungen Befriedigung suchen, die dem ursprUnglichen Triebziele 
entgegengesetzt sind, indem das grausam-sadistische Kind im spateren 
Leben ausserst mitleidig wird und sich mit besonderer Vorliebe etwa 
dein Tierschutz widmet. Schliesslich sind bei Verstarkung der urspriing- 
lichen Triebanlage im Laufe der Beifung und mangelnder Ausbildung 
von Hemmungen die antisozialen Ausgilnge in Perversion (Sadisnius) und 
Verbrechen (Messerheld) moglich, wie andererseits eine allzu intensive 
ferdrangung zum missgluckten Ausgang in die asoziale (Zwangs-) 
Neurose fuhren kann. 

Andere Charaktereigenschaften zeigen weniger einfache Beziehungen 
zu den ibnen zugrunde liegenden Triebkomponenten oder den aus 
diesenzusammengesetztenStrebungen; manche sind in ihrer Entstehung 
nicht eindeutig bestimmt, da einzelne Triebanteile verschiedene Schick- 
sale • erfahren kiJnnen, andererseits mehrere Teiltriebe zur endgultigen 
Konstituierung eines Charakterzuges zusamniengewirkt haben, einander 
verstarkend, • paraJysierend, verscbrankend. Doch hat die psycho- 
analytische Triebanalyse iibereinstimmend ergeben, dass unsere besten 
Tugenden, viele unserer wertvollsten geistigen Leistungen und sozialen 
Institutionen der Umwandlung ursprunglich boser, niedriger und 
asozialer Triebe Hire Entstehung verdanken. 

Auch fur die spatere Beruf svvahl des Kindes und die Ver- 
meidung der oft so verhangnisvollen Irrtumer dabei gibt die psycho- 
analytische Betrachtungsweise dem Erzieher gewisse Anhaltspunkte, die 
der Beachtung wert sind, wenn auch im einzelnen Falle haufig genug 
aussere, der Beeinflussung widerstrebende Faktoren unerbittlich ihr Becht 
fordern. Im allgemeinen wird das Individuum dem Erziehungsideal : 



VII. Padagogik und Ckarakterologie, 109 

subjektiv am gliicklichsten zu sein und zugleich seinen Beruf im Dienste 
der Sozietat am vollkommensten auszufullen, am nachsten kommen, wo 
ihm gestattet wird, die infantilen Lustquellen der Triebbetatigung in einer 
sublimierten und fiir die Gesellschaft nutzlichen Form zu verwerten, 
wie das etwa fur das angefuhrte Beispiel vom Chirurgen zutrifft. 

Neben der dynamischen Auffassung beruht ein weiteres Stuck des 
psychoanalytischen Verstandnisses der Charakterbildung auf der Einsicht, 
dass insbesondere die im normalen Sozial- und Liebesleben unbrauch- 
baren Partialtriebe derSexualitat soldier Verwandlungen und 
Veredlungen am ehesten fahig sind, dass es daher Aufgabe der Erziehung 
ist, die Ausserungen dieser asozialen und jperversen* Triebe beim Kinde 
nicht zum Anlass ihrer scharfsten gewaltsamen Unterdriickung zu nehmen, 
sondern als Anzeicben tlafur, zu weleber Zeit und an welchen Stellen 
eine giinstige Beeinflussung der Triebrichtung erforderlich ist. Besonders 
sind es die in friiher Kindheit mit den Exkretionsfunktionen verkniipften 
Lustgefiible (Anal- und Urethral-Erotik), welche beim heutigen Kultur- 
menschen der intensiysten Verdrangung unterliegen und vorwiegend 
durcb Reaktionsbildungen gegen diese „animalischen a Interessen wesent- 
licbe Beitriige zur Konstitution des Charakters liefern. Das Verhalten 
des Menschen gegen seine animalischen Funktionen (zu denen ubrigens 
auch die Sexualitat gerech.net wird) und die Art seiner psychiscben 
Reaktionsbildungen darauf sind nicht nur fur den einzelnen iiberaus 
charakteristisch, sondern scheinen auch wesentliche Rassenunterschiede 
und -Abneigungen zu begriinden. 

Fiir den Erzieher ergibt sich aus den psychoanalytischen Erfahrungen 
die Forderung, neben den intellektuellen Komponenten der Charakter- 
bildung insbesondere die affektiven Momente der Ubertragung,- ferner 
die dynamischen des sexuellen Triebanteils und seines Schicksals scharfer 
ins Auge zu fassen und durch zielbewusste Leitung nutzbar zu machen. 
In diesem Sinne muss die Psychoanalyse zunachst eine Erziehungsmethode 
fiir die erwachsenen Gesunden werden, wie sie es fiir die erwachsenen 
Kranken bereits ist, mit denen die Gesunden das Stuck Amnesie fiir 
die bedeutungsvollsten Vorgange der Kindheit gemeinsaui haben, welches 
ihnen das Verstandnis fiir das - Seelenleben des Kindes erschwert und 
verwehrt. Aufgabe einer psychoanalyitschen Propaganda wird es sein, 
die Erzieher zur Selbsterkenntnis, zur psychischen Freiheit und Offenheit 
zu erziehen, die zum intimen Verkehr mit Kindern und zu ihrer giinstigen 
Beeinflussung erforderlich sind. 

Im Ganzen warnt die Psychoanalyse davor, an das Kind zu strenge 
Verdrangungsanforderungen zu stellen, legt vielmehr starkere Beriick- 
sichtigung der individuellen Leistungsfahigkeit nahe, die allerdings auf 
ein gewisses gemeinsames Kulturniveau gehoben werden soil. Aufgabe 
der Erziehung kann es im allgemeinen nicht so sehr sein, Verdrangungen 



110 Dr 0. Rank u. Dr. H. Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse etc. 

auf gewaltsame Weise neu zu schaifen, als vielmehr die auf Grund innerer 
Vorgange und der allgemeinen Einwirkung des Kulturmilieus bei einzelnen 
Regungen bereits spontan einsetzende Verdrangungsneigung bei ihrem 
Auftreten und Fortschreiten sorgsam zu beobachten und in zweckent- 
sprechender Weise zu unterstutzen ; insbesondere darauf zu achten, dass 
sie nicht ubermafiig intensiv beansprucht werde und den Trieb in falsche 
und schadliche Bahnen lenke. Sie empfiehlt Triebbeherrschung an Stelle 
von Triebunterdriickung anzustreben , dem Kinde den Verzicht auf 
momentane Lustbefriedigung zuguiisten einer spateren, holier wertigen, 
der Realforderung angepassten, zu erleichtern durcb gewisse Lustpramien, 
die aber nicht in herkomrnlicher Weise in materiellen (Spielsachen, 
Zuckerwerk, Geld etc.), sondern in ideellen Werten zu bestehen batten. 
Das Kind ist nur durcb Liebe zu erziehen und wird sich unter 
dieser Bedingung auch durcb die zeitweilige Entziehung derselben 
geniigend gestraft fiihlen. Nur einer geliebten Person zuliebe gibt es 
unerwiinschte Betatigungen und Ziele auf, nimmt es nacbahmend auf 
dem Wege der Identifizierung mit den Erwachsenen an, was die Kultur 
in Gestalt dieser Liebesobjekte von ihm fordern darf. 

Ausser den negativen und positiven Winken und Anregungen, 
welche die Erziehungslehre aus den Resultaten der psychoanalytischen 
Erforschung des Seelenlebens erwacbsener, in der Erziehung verungliickter 
Menschen gewinnen und sich zu Nutze rnachen kann, bietet die 
padagogische Praxis nicht selten Gelegenheit, die psychoanalytischen 
Gesichtspunkte und technischen Hilfsmittel in direkte Anwendung 
zu bringen, wo es sich namlich darum handelt, Bander und Jugendliche, 
die sich bereits auf falscher Bahn befinden, gunstig zu beeinflussen und 
vor weiteren, vielleicht schweren Schadigungen zu bewahren, noch ehe 
sie Gelegenheit haben, verheerend ins soziale Leben uberzugreifen. Aus- 
zuschliessen von der padagogischen Beeinflussung in diesem Sinne sind 
schwachsinnige, moralisch schwer defekte oder degenerierte Individuen, 
ebenso wie ausgesprochene Neurotiker, deren Behandlung dem analytisch 
geschulten Arzte tiberlassen bleiben soil. Trotz dieser Einschrankungen 
erofFnet sich fiir den Piidagogen und, wie vielversprechende Arbeiten 
des Ztiricher Pastors Dr. Oskar Pfister zeigen, auch fiir den Seel- 
sorger ein reiches und fruchtbares Arbeitsfeld, das jetzt so gut wie 
brach liegt. Eine Menge von kindlichen Eigenheiten, die entweder gar 
nicht oder *nur falsch verstanden und durch die iiblichen padagogischen 
Mafinahmen meist nur verschlimmert werden, enthullen sich dem psycho- 
analytisch geschulten Erzieher auf den ersten Blick als vom Unbewussten 
determinierte neurotischeZiige, die, im Stadium ihres Auftretens 
und im jugendlichen Alter erkannt, leicht unschadlich gemacht werden 
konnen; zugleich wird das neurotisch disponierte Individuum durch 
solches Eingreifen befahigt, den spateren Kampf zur Beherrschung seines 



VII. P&dagogik und Charakterologie. Ill 

Trieblebens besser geriistet anzutreten. Jeder, der nur in ein paar 
Fallen die Genugtuung erlebt bat, kiridliche Fehler, die als Bosheit, 
Eigensinn, Verschlossenbeit, als Lxigenhaftigkeit, Stehltrieb, Arbeitscheu, 
jeder padagogischen Beeinflussung hartnackig widerstanden hatten, durch 
psychoanalytische Zuriickfiibrung auf neurotiscbe Einstellung zu den 
Eltern oder falsche Triebverschiebung schwinden, ja nicht selten den 
gegenteiligen Tugenden weichen zu sehen, musste der Uberzeugung Aus- 
druck geben, dass die Psychoanalyse der Erziehungslehre unschatzbare 
Dienste zu leisten bestimmt ist. Aber auch einzelne klinisch schwerer 
wiegende Symptome, wie Angstzustande bestimmter Art (Tierpbobien, 
Pavor nocturnus u, a.), Idiosynkrasien fgegen Speisen, Personen, Gegen- 
stande), Verschrobenheiten und leichte nervose Symptome korperlicher 
Natur (Stottern, nervoses Husten, Rauspern), erweisen sicb durch ihren 
neurotischen Charakter und die unter Umstanden von Seiten des Erziehers 
leichter erzielbare Beeinflussung als padagogiscb zugangliche Objekte 
der Psychoanalyse; zumindest aber sind sie dem analytisch geschulten 
Erzieher in statu nascendi erkennbar und konnen, wo es notig ist, 
friihzeitig der iirztlichen Behandlung zugefuhrfc werden. 

Im allgemeinen darf man sagen, dass die Psychoanalyse, wie sie 
bereits weit uber ihre ursprunglich rein therapeutische Bedeutung hinaus 
zu einer Wissenschaft, ja zu einer geistigen Bewegung geworden ist, 
auch ihre padagogische Verwendung liber das Gebiet der individuellen 
Prophylaxe hinaus als positive Erziehungslehre soziale Bedeutung gewinnt. 
Und wenn auch ihre Forschungsrichtung sie notwendiger Weise immer 
wieder vom unbewussten Seelenleben ausgehen heisst, so ist doch nicht 
zu ubersehen, dass sie in letzter Linie die bessere Beherrschung dieses 
Unbewussten durch standige Erweiterung des bewussten 
Gesichtskreises anstrebt. Damit ist freilich dem Menschen, der mit 
Beginn der Zivilisation auf direkte Ausniitzung gewisser Lustquellen, mit 
fortschreitender Kultur allmahlich auch auf die in den vorhergehenden 
Kapiteln erorterten Wunschkompensationen derselben verzichten lernen 
muss, eine weitere Versagung auferlegt, die durch den intellektuellen 
Faktor lustbetonter Erkenntnis und bewusster Beherrschung des eigenen 
Ich wie der Aussenwelt allerdings bis zu einem gewissen Grade wett- 
gemacht wird. In diesem der Menschheit aufgezwungenen Verzicht 
des Lustprinzips zu Gunsten der Realitatsanpassung ist die Erziehung 
unser wertvollstes Hilfsmittel, da sie das junge und heranwachsende 
Menschenkind rechtzeitig darauf vorbereiten, ihm zweckmafiige Wege 
der Ersatzbefriedigung weisen und so ftir das kulturelle Leben tauglich 
macheu kann, indem sie ihm die Flucht in die alten, als unzweckmafiig 
verlassenen Einstellungsweisen erspart und verwehrt. 



Buchdruckerei Carl Ritter, G. m. b. H., Wiesbaden. 



Verlag von J F. BERG MANN in Wiesbaden. 



Ober den Selbstmord 

insbesondere den 

Schiiler-Selbstmord. 

Dr. Alfred Adler, Prof. Dr. S. Freud, Dr. J. K. Friedjung, Dr. Karl Molitor 
Dr. R. Reitler, Dr. J. Badger, Dr. W. Stekei, Unus multorum. 

Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. 

Preis Mk. 1.35. 

Die aufsehenerregenden Forschungen Freuds uud seiner Schiller stehen 
jetzt im Mittelpnnkte des offentlichen Interesses. Diese kleine Sehrift ist nicht nur 
fur Arzte hochinteressant. Jeder Piidagoge sollte sie lesen, um die wirklichen 
Zusammenhange zwischen dem Liebesleben der Menschen und ilirem Selbstver- 
nichtungstrieb kennen zu lernen. Auch Gebildete jeden Standes, besonders Juristen, 
Seelsorger, Richter usw. werden gewiss grossen Nutzen und neue Erkenntnis 
Ziehen. Die Form der Diskussionen verleiht dem kleinen Bandchen einen frischen. 
vonvartsdrangenden Zug, der gewiss viel zu seiner Verbreitung beitragen wird. 



Die Onanie. 

Vierzehn Beitrage zu einer Diskussion der 
Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 

Von 

Dr. B. Dattner. Dr. Paul Federn. Dr. S. Ferenczi, Professor Dr. Freud. 

Dr. Josef K. Friedjung. Dr. E. Hitschmann. Dr. Otto Rank. Dr. Rud. 

Reitler. Gaston Rosenstein. Dr. Hanns Sachs. Dr. J. Sadgei*. Dr. 

Maximilian Steiner. Dr. W. Stekei. Dr. Viktor Tausk. 

Mk. 4.—. 



Somnambulismus und Spiritismus. 

Von Hofrat Dr. L. Loewenfeld in Miinchen. 
Zweite rermehrte Auflage, — Preis Mk. 2.— 

Als eine sehr erfreuliche Tatsache begrusst Referent die Neuauflage der vor 
trefflichen Sehrift, weil in unserer fur niystisehe Erscheinungen leicht empfiinglichen 
Zeitepoche nur die Verbreitung grundlicher Belehrung, wie sie in der Loewen- 
feldschen Arbeit mit seltener Klarheit geboten wird, geeignet ist, die phantastisehen 
Auswuchse spiritischer WundergUiubiger zu bekampfen. Wenn zu diesem wiinschens- 
werten Erfolge auch die Arzte beitragen sollen, so kann Referent nur weitgeliende 
Verbreitung der Sehrift in Arztekreisen wiinschen, denn leider sind die Besriffe 
^Somnambulismus" und ,Spiriti sinus" auch in diesen Kreisen reeht wenig bekannt. 
. . Wenn Mher fur unmoglich gelialtene Dinge als wahr sich herausstellen, so 
werden wir nicht aberglkubige Auffassungen aus LangSt vergangenen Zeiten nur Er- 
klarung heran Ziehen, sondern bemliht sein, den Schleier des Mythischen von diesen 
Tatsachen zu entfernen. In weJcher Weise das g»schehen muss und gesehehen kann, 
entwickelt Verfasser uberzeugend, und bleibt nur zu wunschen, dass eine so kritische 
Sachdarstellung weite Verbreitung findet. Berliner kiln. Wochenschrift, 



Verlag von J. F. BKKGHANN in Wiesbaden. 



Die Intellektuellen mid die Gesellschaft. 

Ein Beitrag zur Naturgeschichte begabter Families 

Von 

Dr. H. Kurella in Bonn. 

Preis Mk. 3.60. 

Der dnrch seine seit 20 Jahren verOifentlichten Studien tiber die Anlage zum 
Irresein und zur Kriminalitat bekannt gewordene Verfasser veroffentlichfc in der 
vorliegenden Scbrift in fiir jeden Gebildeten verstSndlicher und hochst fesselnder 
Darstellung die Ergebnisse seiner Untersuchungen tiber die produktive Veranlagung. 

Eingehend wird die Einteilung der bei Menschen iiberbaupt vorkommenden 
Begabungs- Arten klargelegt, es werden wirtschaftliche, technische und 
ideologischc Begabung unterschieden. 

Es wird als Mutterboden der geistigen Kultur Nordeuropas seit dem 15. Jabr- 
hundert die evangelischo Kirche, der Handwerker- und Bauernstand nachgewiesen ; 
es wird die Mobilisierung, Entwurzelung und Bureaukratisierung dieser Bevolkerungs- 
schichten durch das moderne Wirtsehaftsleben von dem ungemein scharfen und 
geistvollen Standpunkt des Autors gekennzeichnet, und es wird dieser Zersetzungs- 
Vorgang in einem lebhaft gehaltenen Kapitel : K fi u s 1 1 e r u n d P u b 1 i k u m , besonders 
frappant und anschaulich charakterisiert. 



Bewusstsein und psychisches Geschehen. 

Die Phanomene des Unterbewusstseins und ihre Rolle in 
unserem Geistesleben. 

Von 

Mofrat Dr. L. Loewenfeld, Munchen. 

Preis Mk. 2.80. 

Dass unser Seelenleben nieht lediglicb Vorgftnge umfasst, die im Lickte des 
Bewusstseins sicb ahspielen, sondern neben diesen auch andere, welche, wenn auch 
sozusagen in Dunkel gehtillt, doch aus ihren Wirkungen deutlich erkennbar sind, 
diese Anscbauung bat seit Leibniz zahlreiche Vertreter, aber auch entschiedene 
Gegner gefunden. Bis zur jtingsten Zeit haben sicb diese Meinungsverschiedenheiten 
erbalten, obwohl in den letzten Dezennien durch die Forschungen einer Reihe von 
Autoren unsere Kenntnisse iiber die dunkle Seite unsores Seelenlebens bedeutend 
erweitert wurden. 

Der Verfasser hat in der vorliegenden Scbrift den Versuch unternommen, 
cine Beendiguug des durch Jahrhunderte sich hinziehenden Streites anzubahnen, 
indem er jene Anscbauung, welche auch der dunklen Seite unseres Seelenlebens ein 
gewisses Bewusstsein zuerkennt — die Unterbewusstseinstheorie — in eingehender 
Weise begrtindete und nachwies, dass sie den derzeit bekannten Tatsachen am 
besten entspricht. 

Daran anschliessend hat er eine gedrangte, aber alles Wichtige umfassende 
Oborsicht tiber die unter der Sclnvelle unseres Bewusstseins verlaufendeu geistigen 
Tatigkeiten und deren so bedeutungsvollen Anteil an unserem Geistesleben gegeben. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Ober den 

nervdsen Charakter. 

Grundziige 
einer vergleichenden Individ u a 1 - 
Psychologie und Psychotherapie. 

Von 

Dr. Alfred Adler, 

Wien. 
Preis Mk. 6.50, gebunden Mk. 7.70. 



Aus Besprechungen. 

Grundziige einer vergleichenden Tndividualpsychologie und Psychotherapie 
nennt Verf. selbst sein Buch. Dasselbe stellt sich als organischer Weiterbau 
dar auf Basis jener Anschauungen, welche er in der Studie iiber Minderwertigkeit 
von Organen seinerzeit niedergelegt. In einem aus drei Kapiteln bestebenden 
tbeoretischen Teil gibt Verf. seine ftberzeugung wieder: „Am Anfang der Ent- 
wicklung zur Neurose stelit drobend das Gefuhl der Unsicberheit und Minder- 
wertigkeit und verlangt mit Macbt eine leitende, sicbernde, berubigende Zweck- 
setzung, um das Leben ertriiglich zu macben. Was wir das Wesen der Neurose 
nennen, bestebt aus dem vennehrten Aufwand der verftigbaren psychischen 
Mittel, Unter diesen ragen besonders bervor: Hilfskonstruktionen und Fiktionen 
im Denken, Handeln und Wollen . . . Wie die tastende Geste, wie die ruckwarts 
gewandte Pose, wie die kOrperlicbe Haltung bei der Aggression, wie die Mimik 
als Ausdrucksformen und Mittel der Motilitat, so dienen die Charakterziige, 
insbesondere die neurotiscben, als psychische Mittel und Ausdrucksformen dazu, 
die Recbnung des Lebens einzuleiten, Stellung zu nebmen, im Scbwanken des 
Seins einen fixen Punkt zu gewinnen, um das sicbernde Endziel, das Gefubl der 
tiberwertigkeit, zu erreichen". 

Die Durcharbeitung der Gedankengange des Verf im einzelnen, ist in 
einem kurzen Referate nicht zu erfassen; das Bucb verkilrpert eine Welt- 
anscliauung mit Deutungen und Symbolisierungen, welche Verf. in die Natur 
bineinlegt. Aucb im zweiten praktisch genannten Teil des Buches stebt Verf. 
auf holier, philosopbischer Warte, er leitet Charakterziige, wie wir sie bei NervOsen, 
richtiger Minderwertigen finden, von der fiktiven Idee ab und schliesst: „Minder- 
wertige Organe und neurotiscbe Phiinomene sind Symbole von gestaltenden 
Kraften, die einen selbstgesetzten Lebensplan mit erbohten Anstrengungen 
und Kunstgriffen zu erfullen tracbten", 

W/'ener KUniache Wochenschrift. 



Verlag von J. F. BERG MANN in Wiesbaden. 



Die Sprache des Traumes. 

Erne Darstellung der Symbolik und Deutung des Traumes 
in ihren Beziehungeii zur kranken mid gesunden Seele 

fiir 

Arzte und Psychologen 

von 

Dr. CTilhelm Stekel, 

Spezialarzt fiir Psyehotherapie und Nervenleiden in Wien. 



Preis M. 12.60, geb. M. 14.—. 



Aus Besprechungen: 

Das Werk ist in der Literatur der Traume einzig in seiner Art. Der 
bekannte Wiener Verfasser bringfc in diesem Buch aus seiner Erfahrun^, die 
das Studium von nicht weniger als zehntausend Traumen umfasst, die Analyse 
von fUnfhundertvicrundneunzig Traumen. Allein vom Standpunkt der Empirie 
betrachtet, kann ein Werk, das tiber das klassifizierte Material einer solchen 

Anzahl Traume verfugt, nur nutzlich sein Ein anderer Vorzug des 

Buches ist die grosse Zahl von Beweismaterial, das aus vielseitigen Quellen 
zuSflwnmengetragen und reich mit Anmerkungen versehen ist. Ein anderes 
anregendes und charakteristisches Merkmal des Buches sind die Verallgemeine- 
rungen, zu denen der Verfasser von seinem Material ausgehen d gelangt. Es 
ist wohltuend zu sehen, wie diese Verallgemmneruugen linmer das Resultat 
des eigenen Denkens des Verfassers sind und nicht sklavische Wiederholungen 
der Ansichten des Meisters, welche, so wahr sie aueh sein mogen, Material 
iu die Hande der Kritiker gegeben haben, Zum Schluss empfiehlt der Referent 
das Werk als einen ausserst wertvollen Beitrag zur modernen Psyehopatho- 
logie. Der Traum wird in seiner Bedeutung ins rechte Licht geruckt. Man 
erkennt seine Bedeutuug als Quelle unschatzbaren Materials. Dieses ermog- 
licht uns das Versfcftndnis der geistigen Verfassung unserer Kranken ja 
es ermoglicht uns sogar die Anwendung einer rationellen Psychotherapie. 

Journal of Nervous and Mental Diseases. 

In seinem Buche „Die Sprache des Traumes" bringt Stekel ausfuhrlich 
alles Bemerkenswerte tiber das Wesen und die Deutung des Traumes. Ihm 
kommt es im wesentlichen darauf an, die Symbolik des Traumas zu ergriinden 
und zu zeigen, dass das primitive Denken ursprunglich symbolisch ge wesen 
sei. Im Traume spielen haupts&chJich zwei Faktoreu eine iiberwiegende Rolle : 
das Erotische und das Kriminelle, so dass man nahezu sagen kann: der 
geheime Verbrecher in uns tobt sich im Traum aus, doch es stent das 
Kriminelle fast stets im Dienste des Sexuellen. Die Analyse des Traumes 
muss von der Deutung der einzelnen Traumelemente ausgehen. Avobei es nach 
Freud zweifelhaft ist. ob das Traumelement: a) im positiven oder negativen 
Sinne gewonnen werden soil (Gegensatzrelation*; b) hist-orisch zu deuten ist 
(als Reminiszenz); c) symbolisch oder ob d) seine Verwertung vom Wortlaut 
ausgehen soil. An der Hand von 594 Traumen, die eingehend analysiert und 
in ein bestimmtes System eingegliederfc werden. fuhrt uns Stekel in dies 
Uebiet ein. Er zeigt die Bedeutung der Traum en tstellung, der Reden im 
Traume, der AfFekte im Traume, er erklart besonders ausfuhrlich die Be- 
deutung der Todessymbolik. Zum Schlnsse beschreibt er die Technik der 
Traumdeutung, indem er den Gang einer Psychoanalyse vorfiihrt. 

Zentralblatt fiir Physiologies 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Robespierre. 

Eine bistoriscb« pathologist Studic. 

Von 

Hans Freimark. 

Prels Mk. 1.50. « 

Der durch seine kritischen Arbeiten auf dem Gebicte des Okkultismus 
bekannte Verfasser sucht in dieser Studie fiber Robespierre der Gegenwart das 
\\ esen dieses ftevolutionsmannes verstandlich zu maehen Robespierre ist, wie 
Freimark nachweist, ein lebensfremder Trimmer, der seinen Ideen und Idealen zuliebe 
die er ftir die Ideale des uaturlichen Menschen ansieht. vor Opfern nicht zuriiek- 
scheut, der aber auch sich selber opfert in dem Augenblick, da er nur wider seine 
Ueberzeugung leben konnte. Auf Grund umfangreicheL* Qnellenstudien wird das 
Leben Robespierres dargestellt, wie es sich abrollt vom ersten Werden bis zu dem 
letzten Emporungsschrei im Konvent. Dabei fallen erhellende Streiflichter auf die 
Zert, auf die politische Lage, die ubrigen fuhrenden Persbnlichkeiten des Frankreich 
der Revolution. So wird diese Studie iiber eine der markantesten Figuren der 
gewaltigen Epoche zu einem eindrucksvollen Gemalde dieser Umwalzungen selbst. 
V. n V das Wcrtvollste darin sind die psychologischen Lichter, die der Verfasser iiber 
die Verworrenheiten der Vielen und die Verscblossenbeit und die Unzugangliehkeit 
des Linen verstehend zu verbreiten weiss. Es ist Freimark durch Hingabe und 
Vertmfung gclungen, die Gestalt Robespierres plastisch erstelien zu lnssen. Diese 
fctudie berichtet nicht nur iiber den Advokaten von Arras, sie lasst ihn erleben. 
Und dieses Erleben bringt die schreckliche und doch wiederum erstaunlicbe Er- 
schemung dieses Mannes menschlich niiher und lasst sie uns endlich sehen, wie sie 
gesehen werden muss. 

Das Pathologisehe bei Otto Ludwig. 

Von 

Dr. Ernst Jentsch. 

Mit der Totenmaske Otto Ludwigs. 

Preis Mk. 2A0. 

Man muss es dem Verfasser der Otto-Ludwig-Pathographie Dank wissen, dass 
er selbst bei aller Zusammenfassung der pathologischen Beobachtungen an' Otto 
Ludwig eigentlich nicht zu dem Schlusse kommt, dass irgendeine geistige Anomalie 
vorhanden war. Was wir aus einem iiberaus lesenswerten und liebevoll geschriebenen 
Buche erfahren, ist, dass Otto Ludwig mtfglicherweise erblich belastet war, jedenfalls 
aber selbst ein ungemein sensibler Mensch gewesen ist, ein Menseh von sehr weicher 
Veranlagung, nicht gestahlt zum harten Kampf im Leben, recht unpraktisch und 
vielleicht weltfremd, wie schon erwahnt von vielen Leiden gequalt, claher zur Selbst- 
beobachtung und Hypochondrie geneigt, von einer qualenden Selbstkritik erfullt, die 
ihn zur Vernichtung zahlreicher Arbeiten veranlasste und sohliesslich seine produktive 
Schopferkraft als Didhter lahmte und seinen Genius auf das Gebiet theoretischer 
Spekulationen (iber das Drama fuhrt Im ganzen grossen aber ist der sympathische 
Emdruck, den das Buch hinterlasst, dass sich das deutsche Volk freuen darf, dass 
ein vielfach korperlich leidender Mensch so urges unde kunstlerische Schopfungen, 
wie es die Otto Ludwigs sind, hervorbringen konnte, trotz seiner schwankenden 
Gesundheit. Am Menschen Otto Ludwig war vielleicht vieles pathologist, an seinen 
Sc!i;»pf:mgen ist alios gesund. Neites Wiener Journal. 



Verlag von J.F.BERGMANN in Wiesbade 



Uber 

Symptomatologie, Wesen und Therapie 

der 

Hetniplegischen Lahmung. 

Mit besonderer Berucksichtigung der Entwickelung und 
Funktion der Bewegungszentren in der Wirbeltierreihe. 

Von 
Professor Dr. med. Nic. Gierlich 

Nervenarzt in Wiesbaden. 



Mit 18 Abbildungen im Text. 
Preis Mk. 4.00, 



Die klinische Untersuchung 
Nervenkranker. 

Ein Leitfaden 

der 

allgemeinen und der topischen und eine synoptische 
Zusammenstellung der speziellen Diagnostik der Kerven- 

krankheiten 
fiir Studierende und praktisehe Arzte 

nach Vorlesungen von 

Dr. Otto Veraguth, 

Nervenarzt, Privatdozent dei* Xourologie an der Uinveraitiit Ziiiich. 

Mit 102 teils farb. Textabbildungen und 44 Scbematen und Tabellen. 

Preis gebunden Mfo IQMo. 

Veraguth streift die Probleme der Anatomic und Physiologie des Nerven- 
sy stems nicht oberfiachlich, sondern dringt tief in das Wesen der Fragen ein. 

.... Um so mehr wird der praktisehe Arzt und auch der Neurologe Freude 
an dem Buche haben una* Vorteile aus ihm ziehen. Denn der Verfasser sagt nicht 
nur, dass dies und jenes ist oder sein muss, sondern er entAvickelt auch, warum es 
so sein muss und nicht anders sein kann. Man verliert so den Eindruck eines 
schematischen FUhrers und wird vielmehr auf die Hohe der klinischen Betrachtungs- 
weise, der individuellen Erfassung des Krankheitsbildes gefuhrt. 

Uberall ist die Selbststiindigkeit der Arbeit und der Auffassung von Wesen 
und Bild der Krankheiten zu loben. Medizinische KUnik. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Die Halluzination, 

ihrc Entstchung, ihre Ursachen und ihrc 

Realitat. 

Von 

Privatdozent Dr. Kurt Goldstein in Konigsberg. 

Preis Mk. 2. ~ , 

Yerf besprieht die Halluzinationen, Wahrnehmungen, die sich von den ge- 
wnlinlichcn dadurch unterscheiden, dass ihnen keine wirklichen Dingo entsprechen. 
Die Bedeutung des Studrams dor Sinnest&uschungen fur die normale Psychologies 
ist klar; die Halluzinationen und die aus ihnen mitstehenden Folgen filr die Psyche 
zcieen die fundamental Bedeutung der scharfen Unterscheidung zwischen „subjektiv 
und obiektiv* beim Gcsunden, wek-he in der voriiegenden Studie auseinandergesetzt 
• j " J Deutsche Medizinalzeitung. 



Das Problem des Schlafes. 

Biologisch und psyctiophysiologisch betrachtet. 

Von Dr. Ernst Tromner in Hamburg. 

Mit 13 Figuren im Text. 

Preis Mk. 2.80. 

DieHefte der Loewenfeldschen Sammlung .Grenzfragen usw." sind dureh- 
gehends vorztiglich, und dies trifft auch fur die vorliegende, auch weiteren Kreisen 
verstandliche Abhandlung zu. Der Laie mag vielleieht kaum glanben, wieviel 
Interessantes liber den Schlaf zu sagen ist. Der Autor hat es veretanden, das Problem 
in kurzer und anre^euder Darstellung vollstandig und abgerundet zu behandeln. 
In dem Hauptabschnitt uber den Mensehenschlaf werden die sekretorischen Junk- 
tionen, die Motilitat und die Statik behandelt. Bei letzterer hndet das Emschlafen 
im Gehen Erwahnung und das Sehnarchen Erkl&rung. Einleuchtend sind auch die 
kurzen Ausfuhrungen uber das Verhaltnis zwischen Hypnose und Schlaf. 

Frankfurter Zetttwff. 



Ober die Psyohologie der Eifersucht. 

Von 

Dr. M. Friedmaini, Nervenarzt in Mannheim. 

Preis Mk. 3.—. 

Das vorliegende Buchlein ist wohl der erste Versuch einer zusammenfassenden 
Darstellung der Eifersucht, wobei als Gr'undlage der Untersuchung nicht nur die 
erotische Eifersucht - was wir im allgemeinen immer unter dem Begriffe der 
Eifersucht verstehen genommen wurde, sondern auch ein gleichartiger Affekt, 

der unter ahnlichen Umstanden auf alien iibrigeu Gebieten menschlicher Betatigung: 
wie in Amt, Beruf, in Familie und Kunst, in Wissenschaft nnd im Offentlichen 
Leben entsteht, und dem F. den Kamen ^Strebungseifersucht* beilegt. 

Prager Medizin. Wochenschnju 



Verlag von J. F. BERG M A N N in Wiesbade 



Uber Gewohnung 

auf normalem und pathologischem Gebiete. 

Von 

Prof. Dr. K. Heilbroiuier, Utrecht. 

Preis Mk% 1.60. 

I n h ft 1 1 : 
Bcgriff und Umfang dor Gewohnung. - GiftgewBhimng niederer Organism^ - 
Anderweitige (Tewohnung niederer Organismen. - Akklimatisation hoherer Orga- 
msmen. - Baktenelle Gewohmmgen. - Giftgewohnung hoherer Organismen. - 
Meranz und chron.sche Vergiftimg. Nikotin. - Arsen. Narkotika. - Abstinenz- 
erscheinungen und Entziehung - Alkohol. - Pawlows Versuche an Hunden 
UW T^ de 5 Vi Resnltllte aufdenMenschen. - Bedingnngsreize boim Menscben .- 
AVert der Oewohnung, - Gewohnung an pathologist Akte. - Tiks und Vcr- 
Avandtes - Hysteric - Sexuelle Gewohnung. - Gewohnheitsmassiges Entweichen - 

Sexualitat und Dichtung. 

Ein weiterer Beitrag zur Psycliologie des Dichters. 

Von 

Dr. med. Otto Rinrichsen, Privatdozent in Basel. 

Preis Mk. 2.60. 

Tp;j 1 i„?i„ ,lr i Cl, ^ e - n i. i er0rt 5 rt I,ie - r d J? Bedeut « n g der aus dem gesehlechtlichen 
IreMcben des Dichters fur seine Produktion sta.nmei.den Impulse; und .war 
cZlhf 1 C^U an em £ W |?hr nngleichartiger dichterischer Individualitaten : 
O-oethe, Gnllparzer Stendahl, Holtei, E. T. A. Hoffmann. Kleist Hebell, Nissel 
uaw. , wobe. H.nr.chsen auf die Phantasieliebe des Dichters in. allgemeinen 
„L*,,fT la Bed ,T ltu "? des sexuellen Erlebnisses fttr dichterischesVhaffen 
^«n if a sexuelle Eige.mrt der genannten Dichterpersonlichkeiten nilher 
e.ngeht und auch mriirfach Gelegenheit nimmt, sich mit den Amdi-M~n 
Preuds und : semer Schiller .Stekel, Sadger) sowie mit Fliess undNietzscte 
knti hC h anseinanderzusotzen. Medizinlsche Kliuik. 

Sadismus und Masochismus 

von Dr. A. Euleirburg-, 

Geh Med -Rat, Professor in Berlin. 
Zweite znm Teil nmgearbeitete Auflag e, 

Preis Mk. 2.80. 

WM .fti*l« V Eul f 1 . l p ur |, Sehort zu den wenigen Automn, die uber diese Kunst 
ve ugen. Er versteht es, diese Fragen aus dem Gebiete der sexueHen Psychopath ologia 
vom wissonsehaftlichen Standpunkte des Arztes und Psycholngen aus, dabei in 
Cnntt 7 1Je r n i e f ter T d ***&** Gebildeten verstandlicher Form zu behandeln 
Daium ist die Lekturo des vorhegenden Essays recht interessant. ... Im Mittel- 
punkt der ganzen Darstellung stehen die biographischen Charakters child erungen des 
Marquis de Sade und des Schrifts tellers Leopold v. Sacher-Masoch. 

Allgem, Medizinische Central-Zeitung. 



Verlag von J. T\ BERG MANN irPWiesbaden. 



Uber die sexuelle Konstitution 

und andere Sexualprobleme. 

Von 

Hofrat Dr. L. Loewenfeld, Nervenarzt in Mimchen. 

Mb. 6. — , gebunden Mk. 7.—. 



Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis: 

A. Uber die sexuelle Constitution. 

Einleitung. 
1. Beginn und Dauer der sexuellen Funktionen. 
II. Die Quellen der sexuellen Erregungen. 

III. Die Starke des Sexualtriebs. 

IV. Die sexuelle Leistungs- und Widerstandsf ahigkeit : 

a) beim Manne, b) beim Weibe. 
V. Spermasekretion und -exkretion. 

VI. Schlussfolgerungen. Die versehiedenen Sexualkonstitutionen. 
Hygienische Winke. 

B. Erotik und Sinnlienkeit, 

C. Die Libido als Triebkraft im geistigen Leben. 

Die Sublimierungsfrage. Zusatzo. 



Aus Besprechungen: 
Ein trefFIiches Work, dessen aktueller Inbalt in reizvoller Weise belehrt 
anregt und unterhalt. Fur seinen wissenschaftlichen Gebalt btirgt der Name 
des bekannten Nervenarztes. Er erweitert die Freudsche Definition des im 
Titel genannten Begriffs ganz wesentlich durcb eingehende Wurdigung des 
Beginns und der Dauer der sexuellen Funktionen, der somatischen, chemischen, 
olfraktoriscben und psychischen) Quellen der sexuellen Erregung, der Starke 
des Geschlechtstriebes, der sexuellen Leistungs- und Widerstandsfahigkeit (bei 
beiden Geschlecbtern) sowie der Spermasekretion und -exkretion. In den 
Schlussfolgerungen werden verschiedene Sexualkonstitutionen aufgestellt und 
beherzigenswerte hygienische Winke gegeben. Auf Scbritt und Tritt begegnet 
uns der erfahrene Spezialist, der eine seltene Fulle von Literatur kritisch ver- 
arbeitet und mit der Einstreuung eigener Beobachtungen nicht kargt Weiter 
wird in zwei besonderen Abscbnitten die Erotik und Sinnlicbkeit sowie die 
Libido als Triebkraft im geistigen Leben behandelt, wobei die Sublimierungs- 
frage eine eigene Erbrterung findet. Auf den konkreten Inhalt kSnnen vrir 
nicht naher eingehen. Belangvoll ist die aus der eigenen Erfahrung gezogene 
Folgerung, dass die Masturbation in mindestens 75% die Hauptursache der 
Impotenz bildet, und die t)T)erzeugung, dass unter den schadigenden Momenten 
die Abstinenz nur eine recht untergeordnete Rolle spielt. Welcher Gegensatz 
zu sonst und jetzt geausserten Anschauungen anderer Autoren ! Den Einfluss 
der Sexualitat und damit auch der Liebe auf das kiinstlerische Schaffen hat 
man nach Loewenfelds Meinung Iiberschatzt. 

Deutsche med, Wockensehrift. 



Grenzfragen 

des 

Herven- und Seelenlebens. 

Im Yereine mit hervorragenden Fachmannern des In- und Auslandes 

herausgegeben Ton 
Hofrat Dr. L. Loewenfeld in Miinchen. 

70. Heinrich you Kleist. Eine pathograyhisch-psychologische Studie. Von 
Dr. J. Sadger. Nervenarzt in Wien, M. 1.60 

71 Sludien iiber die Genealogie und Psychologic der Musiker. Von 
Dr. Oswald FeU, Arzt in Frankfurt a. M. M. 2.40 

72. Die jugendlichen Verbrccher im gegenyvartigen mid zuMinftisren 
Strafrecht. Von Prof. Dr. Ernst Schultze in Greifswald. M. 2.— 

73. Cesnre Lonibroso als Mensch und Forscher. Von Dr. Hans Kurella 
in Kudowa. M - ' 2 -40 

74. Abstinenz oder Mafsigkeit? Von Dr. A. Forel in Zurich. M. —.65 

75. Bertihmte Homosexuclle. Von Dr. Alb. Moll in Berlin. M. 2.40 

76. Yom deutsclien Plutareh. Eia Beitrag zur Entwickelungsgeochichte des 
deutschen Klassizismus. Von Dr. L. Sadee in KQnigsberg. M. 2.60 

77. Erblichkeit xind Erziehung in ihrer individuellen Bedeutung. Von 
Dr. Julius Bayerthal in Worms. M. 2. — 

78. Musik und Nerve*. II. Das musikalische Gefiihl. Von Dr. Ernst 
Jentsch in Breslau. M - 2 -^° 

70. Die krankhafte vYillensschwache und ihrc Erscheinungsfonnen. Eine 
psychopathologisehe Studie von Dr. Karl Birnbaum in Berlin-Bach. M. 2.— 

80. Zur Psychologic und Psychopathologic des Dicliters- Von Dr. 
O. Hinrichsen, Piivatdozent in Basel. M. 2.80 

81. Hector Berlioz. Eine pathographische Studie. Von Dr. Oswald Pfcis 
in Frankfurt a. M. r „ . , M * l \ 

82. Ueber die Psychologic der Eifersucht. Von Dr. M. I nedmann in 
Mannheim. M. *■" 

83. PsYchiatrisch-genealogisckc Untersu chung der Abstannnung Kbnig 
Ludmgs II. und Ottos I. von Bayern. Von Prof. Dr. W. S t r o h - 
mayer in Jena. ™* l*^ 

84. Das Problem des Schlafes, Von Dr. Ernst Tromner in Hamburg. 

M. 2.80 

85. Sexualltat und Dichtung. Von Dr. O. Hinrichsen, Pmatdozent in 
Basel, M - 2 - 60 

80. Die Halluzination, Hire Entstehung, ihre Ursachen nnd ihre Realitiit. 
Von Privatdozent Dr. Kurt Goldstein in Konigsberg. M. 2.— 

87. Ueber Oewohnung auf norraalem und pathologischen Gebiete. Von 
Professor Dr. K. Heilbronner in Utrecht. M. 1.60 

88. Die Intektuellen und die Gesellschaft. Ein Beitrag zur Naturgeschichte 
begabter Familien. Von Dr. H. Kurella in Bonn. M, 3 60 

89. Bewusstsein und psychisches Geschelien. Die Phanomene des TJnter- 
bewusstseins und ihre Rolle in unserem Geistesleben. Von Hofrat Prof. 
Dr. L. Loewenfeld in Miinchen. M. 2.80 

90. Das Pathologist e bei Otto Ludwig. Von Dr. Ernst Jentsch in Breslau. 
Mit der Totenma^ke Otto Ludwigs. M. 2.40 

91. Robespierre. Eine historisch-psychologische Studie. Von Hans Frei- 
niarlc in Berlin-Friedenau. M, 1.8Q 

92. Der Lebensprozess der > T ervenclemente # Von Dr. V. Franz. Ab- 
teilungsvorsteher des neurol. Institutes Frankfurt a. M. M. 2.40 

~ Pruck ron ^C a~r 1 BU t e r , Q.'m. T). H., Wiesbaden. 



Totbg vera -T, F. BEIi»:MANN in \Vj,-.si. f id<'ii. 



Die Traume der Dichter. 

Eine vergleichende Untersuchung der unbewussten TriebkrMte 
bet Dichtern, Neurotikern und Verbrechern. 

Bausrvine %m K<vc]iuL>v/ii/ JeS tilln.stlers und jfes Kunstwevkes 
von Dr. Wilhelm Stekel in Wion. 



A u^ 1'..^ |. !<♦•<■ binitr.Mi: 

Man biMiidit k«in PftrtCtgHngei' der m-m-ii iiifriiztiifcrlieii r.syrbolo^io van dor 
Biclitiiiiig EVoudfl ym gfeni, mui die&ea mit r^pe^.tabjeni $iejss gestd*u|Feji<i limb 
Dr. Steke& mit uiifricbtigor Wnniu* m begrflS6ett< . . . Dies ve^iisgesc&kt, kann 
m;m uiii mn so mehr Am rkoinmn^ von dem aurcgemlon Material Sprocto^ diis 
Str-kf/l nfer vereboigt bak Dass das Trunin lob on sine gar bcdoutsanm EoUe mi 
Sebuften ilr-r Dscrliter ^nlelt, Lst ja i-tin* alio Wjilnheil, und ebenso, tiass die Often Ken 
K\viflctlDri ili -i i warlien JYitumeii and d^u Si-libifrxumneit der Piebb-r piituttter reclit 
[H&wer zu sioben sLad, Die dioavsisebe Begeisterung des Dkbtera beim S^bauVu 
i>i ein Tninee/usiund, der ilia der \Virklirlikoit onn -Eiekt ; er siliiiiVt. nbne si Hi dcasen 
so Idar in-wnsst zti SfJn wis der Matbenmtiker, der seine Recbntrffgeo in it hi^iaiuenmi 
KruriUungeiL Srhrili far Schrkr besorgfc, and dm Wnmhr seiner Kunni bcisteht 
iktriii. dais sriu Werk einen inni-reii lu^isrhi-u, ur^nnisr-heii ZllsainmenlltPig nnfweist. 
■ dine iLirfri or sicb im ein^olneu sagen kiiunle, wie dieeer eutfiiaiiden fet, „ , . Stekej 
bat nun im eine gtehr grpsse Altaian ileufcechei! Dkbter eine Ruudfrtige geriehtet, in 
iter or aie hiu Betmtwortting founder Fmgeu nmieliU j : B l. ilahen Sio typische 

[Bum wiedorbd b>j Trimmey L J . Koaaim £ie mir einen Traum miUoJIen, der Ilunn 

«unen grossen Eimlruck geroacht hat? 8, Haluii Sie TagfarSnme? i. Eaben Ibit' 
iiiiurar krimiuellru Binschkg? 5. Siad llire TrUtune niiehhrn (iter jdiimteHsi-ii V 
'-. Venvirteu Si© iBrfe Trfimno /.in' ilJciht^mclien l t rndukthin? ,: Diese Fra^en wnrd^u 
viclfach selar intcEre^ajuii bcwitwortet F.s -seien nar japenanni ili*.- fiiditer; Timm 
lugger. &mtm Fn-i^^n. Viktor Biftthgeii, Emil lliif, Anton v. Olna-n. Dora 
v. Stoekert-Meyaerts KaNicck. Utto Eitj^I, (iinzkev, I/vnkr-u^l*n|»|ior, WokogiBn, 
SchriFlenip todwig Ffnrkh, V;ui\ [i>)Uw Willi. Im UjiIM, JiiHttS Rodopborg iisw! 
Stekel ltat dazti uorh in den Werkeri der Sllterffn i>irlH-r, bei itoHbe, Gottfried 
Ki -Ili-'i'* Elebbel nsw., nnob T'niuiu'T^iililunp'u geforsofet itrnl nlso rin ansscirordentHcb 

jiEixitdjuudos MateritJ El&aiirimeilgetogea Hleiln-nder Wort ist eeinciii Uuebi' 

jrdenl'all^ ge^icbcJrt. AWfl Wimer Tagtittiii 



Uber den Traum. 

Yon 

Trof. l>r, Signi. Fit ml in Wieu. 

Z w -■ i j ■■ A ii fin -*f\ — [Vis Mk, WO. 



hi* 1 kleiue inbuli.srou fir Arl>*'ii isi jetd; in sweifcer, rnoderii «*rtrjitiz*»*r Anf ,] 
f-r?ii;hi*'neri. Si«' biet&t uine aurb dem NicbtpsycJielegeB leiclit fessdlehe DArstcdluug 
der (jiundproMeuLe der wissensr ti a ft I ieli«<n TriiLiiiid'/nhni^. die vun Fr-. nit 
tiuiu^uriiri wunh'. erortcrt sie an tiufatleui Ii»>isjiioI*>u aiol gewlilud Ausbticke auf 
die Bedeutnmr dir Wi^e^scbeftexi vein Traume fur Nonrt<riul*.^ie, l'sylii:t(ri^ 
MJytn>legie itnd Psyeliolagle. 

Jedex Oobfldete sollfce <l"0 Widersrfcand tttoerwriutloii, der ibn niiliuli, d; 
fl^r Bc^btung and Untersnchuti^ m ivnrdt|.^n und die$e >'-hrIfi lefwn, . . 



6BENZFRAGEN DESNERVEN- UNO SEELENLEBENS. 

QEBILBETE AXLEH STANCE, 
Dtt, L. LOEWEJfFELD usa 0b. U. EURELLJL. 

lit VE&mfc* MIT HKIlVOin KAi .'IlilANNEKS Qf3 IK- UNN AtfSLAV; 

flEKJU,*ti0£ar.£H 70S 

Hofrat Dr. L LOEW^NFELD 

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Die Bedeutung der 

Psychoanalyse 



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Geisteswissensdiaften. 



Von 

Dr. Otto Rank und Di\ Hanns Sachs 
in Wien. 



Wiesbaden, 

Verlag von J. F, Bergniana,