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POLITISCH -PSYCHOLOGISCHE
SCHRIFTENREIHE »eh SEX- POL.
Klamukwutihthii
EIN BEITRAG ZUR NEUFORMIERUNG
DER ARBEITERBEWEGUNG
VON ERNST PARELL
VERLAG FÜR SEXUALPOLITIK
K0PENHAGEN-PRA6-ZÜRICH
A934
Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus.
(Zweite Auflage.)
brosch. ,.,... Dan, Kr« 8.—
geb Dan. Kr. 9.—
„Politiken", Kopenhagen, 15. März 1934s
»Das Buch Massenpsychologie des Faschismus von Wilhelm Reich ist von so
grundlegender Bedeutung, dass ich nicht versuchen will, seinen Inhalt hier wieder-
zugeben oder es in einigen wenigen Sätzen zu kritisieren. Ich will hier nur auf
seine Existenz aufmerksam machen und es hauptsächlich allen denen zur Lektüre
empfehlen, die sich mit der wichtigen Frage beschäftigen: Wie kann es angestellt
werden, andere Länder vor der nationalsozialistischen Ansteckung zu bewahren?«
Georg Gretor.
Wilhelm Reich: Der Einbruch der Sexualmoral.
(Zweite, bedeutend erweiterte Auflage)
brosch. . . ca. Dan. Kr. 6. —
„Zeitschrift für Sozialforschung" t
»Reich ist einer der wenigen Autoren, die bei der Anwendung der Psychoana-
lyse auf gesellschaftliche Probleme keine Umbiegung der Theorie ins Idealistische
vornehmen und damit mehrere Schritte zurück hinter die Ausgangsposition von
Freud tun, sondern die im Gegenteil, auf den Ergebnissen der Freudschen Per-
sonalpsychologie und der Marxschen Soziologie aufbauend zu neuen und frucht-
baren Ergebnissen für Soziologie und Psychologie kommen,«
Wilhelm Reichs Charakteranalyse Technik und Grundlagen.
brosch Dan. Kr. 11.25
geb. Dan. Kr. 12.80
Aus dem Vorworts
»Ich muss bitten, auch jetzt weder Vollkommenheit in der Darstellung der
aufgeworfenen Probleme noch Vollständigkeit ihrer Lösung zu erwarten. Wir sind
auch heute wie vor neun Jahren von einer umfassenden, systematischen psycho-
analytischen Charakterologie noch weit entfernt. Ich glaube nur, mit dieser Schrift
die Entfernung um ein erhebliches Stück zu verringern.«
Wilhelm Reich: Der sexuelle Kampf der Jugend*
brosch Dan. Kr. 2.45
geb Dan. Kr. 4.25
Neue Lehrerzeitung t
» Reich (gibt) eine gründliche Analyse der sozialen Wurzeln der Sexualnot
und zeigt, dass die sexuelle Befreiung nur von einer Änderung des wirtschaftlichen
und politischen Fundaments der Gesellschaft erwartet werden kann. Die Sprache
des Buches ist volkstümlich, sodass es besonders der proletarischen Jugend, für
die es geschrieben ist, als Wegweiser dienen wird. Wir empfehlen es aber darüber
hinaus allen Lehrern und Erziehern, die eine Einführung in die sexuelle Frage
vom marxistischen Standpunkt aus wünschen.«
Verlag für Sexualpolitik,
Postbox 827.
Kopenhagen*
Poslglrofconto 30303.
n."
POLITISCH - PSYCHOLOGISCHE SCHRIFTENREIHE
NR. 1
WAS IST KLASSEN-
BEWUSSTSEIN?
Ein Beitrag zur Diskussion über die Neuformierung
der Arbeiterbewegung
Von
Ernst Parell
ufhftyt „
19 3 4
Verlag für Sexualpolitik - Kopenhagen — Prag — Zürich
Copyright 1934
Verlag für Sexualpolitik
Kopenhagen — Prag— Zürich
Vorwort
Die Grundanschauung dieser Schrift lässt sich wie folgt zusammen-
fassen: Der aufreibende Kampf, den die Revolutionäre der ganzen
Welt nach vielen Fronten zu führen haben, bringt es mit sieh, dass
sie das Leben der Menschen nur mehr vom Standpunkt ihrer Ideologie
sehen, oder nur diejenigen Tatsachen des gesellschaftlichen Lebens
beachten, die ihrem Denken und Kämpfen irgendwie nahe oder
verwandt sind. Die Mehrzahl der Bevölkerung der Erde aber, deren
Befreiung aus dem Joche kapitalistischer Unterdrückung ihr Kämpfen
dient, weiss nichts oder wenig- von ihrem Kämpfen, Leiden, Denken,
lebt ihr eigenes unterjochtes Dasein mehr oder weniger unbewusst
und stützt" derart die Herrschaft des Kapitals. Man versuche fest-
zustellen, wieviele von den 40 Millionen deutscher erwachsener Staats-
bürger von den Hinrichtungen deutscher Revolutionäre wirklich
erschüttert sind und wie viele die Zeilungsnotiz darüber mehr weniger
gleichgültig hinnehmen, und man wird dann mit einem Schlage
begreifen, was diese Schrift bezweckt: den Zusaminenschluss des
Bewußtseins der revolutionären Avantgarde mit dem Bewusstsein des
durchschnittlichen Erdenbürgers. Hier werden nur Ansätze gegeben,
Fragen gezeigt, die in der Arbeiterbegung bisher unbeachtet blieben.
Mag das eine oder andere schief gesehen oder falsch sein; dass sich
das wirkliche Leben der Menschen psychologisch auf einer anderen
Ebene abspielt, als die Verfechter der sozialen Revolution gerade auf
Grund ihrer tieferen Einblicke in das gesellschaftliche Sein glauben,
steht fest und ist mit ein Grund des Versagens der Arbeiterbewegung.
Man nehme diese Schrift als einen Appell der unpolitischen durch-
schnittlichen Menschen an die künftigen Führer der Revolution, sie
besser zu begreifen, von ihnen weniger Verständnis für den »Gang
der Geschichte« zu fordern und ihren Leiden und Wünschen besser
Ausdruck zu verleihen, vom »subjektiven Faktor« der Geschichte
weniger theoretisch zu sprechen und ihn als Leben der Masse besser
zu verstehen.
Im Juni 1934.
Ernst Parell.
3
1. Zweierlei Klasse nbewusst sein
Begründung
Der folgende Versuch, vom Standpunkt der Massenpsychologie
einige Schwierigkeiten in der Diskussion über die Neuformierung der
Arbeiterbewegung herauszuschälen und verständlich zu machen, leidet
von vornherein an vielen Mängeln. Die äusseren Umstände und Le-
bensbedingungen, unter denen die deutsche Emigration ihre Arbeit
zu leisten hat, sind nicht leicht. Zunächst ist der innige Kontakt mit
dem politischen Leben, vor allem mit dem Massenleben zerrissen oder
nur unvollständig hergestellt; die Zeitungsberichte informieren ver-
zerrt, widersprechen einander, und übersehen die massenpsychologi-
schen Fragen, so dass sich schon daraus Fehlerquellen ergeben. Bib-
liotheken stehen im Exil nicht oder nicht zureichend zur Verfügung,
Der harte Kampf um die Existenz und die Verfolgung durch die Be-
hörden der Gastländer wirken sich ebenfalls aus. Auch die aktuelle
Zersplitterung in den Organisationen und in der Diskussion innerhalb
der Arbeiterbewegung macht die Leistung der Aufgabe nicht leichter.
Nimmt man noch die Neuheit des Gebietes einer politischen Psycho-
logie hinzu, die mit allen Schwächen und Irrtümerquellen einer jun-
gen Wissenschaft behaftet ist, so haben wir genügend Tatbestände
genannt, die die Forderung nach einer hundertprozentig exakten, feh-
lerfreien, unvermittelt in politische Praxis umsetzbaren Untersuchung
ausschalten. Wir werden uns freuen, wenn es uns gelingt, wichtige,
bisher unbeachtet gebliebene Fragen herauszustellen, sie zum Teil
zu beantworten, im Uebrigen aber der Initiative unserer Mitkämpfer
und ihrer kritischen Ueberprüfung des derzeitigen geistigen Rüst-
zeugs der revolutionären Front bestimmte Richtungen zu weisen.
Die vorliegende Abhandlung ist gleichzeitig auch die Antwort auf
einige Fragen, die seit dem Erscheinen der »Massenpsychologie des
Faschismus« aufgew r orfen wurden, teils auch auf einzelne Kritiken,
die meiner Meinung nach am Unverständnis vieler Wirlschaftspoliti-
ker für psychologische Fragestellungen überhaupt leiden.
Diskussionen mit verschiedenen politischen Gruppen ergaben, dass
der Beantwortung der Frage: »Was ist Klassenbewußtsein?« eine
5
kurze Stellungnahme zu den momentanen Grundfragen der politi-
schen Situation vorangeschickt werden muss.
Die schwerwiegende Niederlage der sozialistischen Bewegung in
Deutschland wirkt sich auch auf andere Länder bereits nachteilig aus
und der Faschismus befindet sich gegenüber der revolutionären Be-
wegung überall im raschen Fortschritt; sowohl die II. wie auch die
III; Internationale haben ihre Unfähigkeit bewiesen, die Situation
auch nur theoretisch, vom praktischen ganz abgesehen, zu meistern;
die zweite Internationale durch ihre prinzipielle bürgerliche Politik,
die dritte durch ihren Mangel an Selbstkritik, durch die Unkorrigier-
barkeit ihrer verhängnisvollen Fehler, vor allem durch ihre Unfähig-
keit, zum Teil durch den Mangel des Willens, die Bürokratie im
eigenen Lager zu vernichten.
Die »Sozialistische Arbeiter-Partei« und die »Internationalen Kom-
munisten« wollen eine »neue Internationale«. Schon über das Wie dieser
neuen Partei herrschen schwere Differenzen. Trotzki rief bereits zur
Gründung der vierten Internationale auf, die SAP ist prinzipiell be-
reit, will aber die neue Internationale als Ergebnis der Sammlung der
Arbeiterschaft erringen, statt wie Trotzki sie an den Anfang zu stellen
und mü dieser Parole die Sammlung durchzuführen. In der sexual-
politischen Bewegung liegt die Frage wie folgt; soll man sofort eine
Organisation gründen und mittels ihres Programms für sie werben,
oder soll man die Ideologie und das Programm zuerst überall eindringen
lassen, und erst zu einem späteren Zeitpunkt auf breiterer Basis die
organisatorische Zusammenfassung durchführen? Wir entschieden
uns für den zweiten Weg, meinen, dass die »lockere, vorbereitende
Organisation« viele Vorteile hat, keine vorzeitige Abgrenzung, Ver-
meidung der Gefahr sektiererischer Abschliessung, bessere Durch-
dringungsmöglichkeit in anderen Organisationen und vieles andere.
Zudem kommt es auch darauf an, welche Perspektiven wir für die
weitere politische Entwicklung haben. Die sexualpolitische Arbeits-
gemeinschaft glaubte, grundsätzlich drei Möglichkeiten nennen zu
können: 1. die, dass sich unvorhergesehen ein Aufstand in Deutsch-
land im Laufe der allernächsten Zeit ergeben sollte; da keine der
bestehenden Organisationen für diesen Fall auch nur im geringsten
vorbereitet ist, hätte keine die Bewegung in der Hand, um sie bewusst
zu Ende zu führen. Diese Möglichkeit ist überdies die unwahrschein-
lichste Perspektive. Sollte sie dennoch zutreffen, wäre die Situation
chaotisch, also in ihrem Verlauf sehr unsicher, trotzdem der beste
Ausweg. Wie würden ihn sofort mit allen Mitteln unterstützen und
fördern. 2. Es ist möglich, dass die Arbeiterbewegung einige Jahre
zu ihrer theoretischen und organisatorischen Sammlung braucht
und dann als geschlossene Bewegung unter guter, geschulter und ent-
schlossener Führung im Laufe der nächsten, sagen wir unverbindlich,
zwei Jahrzehnte zielbewusst die Macht in Deutschland erringen wird.
Diese Perspektive hat die grösste Wahrscheinlichkeit für sich, erfor-
6
dert aber schon heute energische, ununterbrochene und unermüdliche
vorbereitende Arbeit. 3. Die dritte grundsätzliche Möglichkeit ist, dass
die Sammlung der Arbeiterbewegung unter neuer, guter, verlässlicher
Führung nicht oder nicht rasch genug gelingt, dass der internationale
Faschismus seine Positionen überall erringt und festigt, vor allem
durch die ihm innewohnende geschickte Art, die Kinder und Jugend-
lichen zu erlassen, sich eine dauerhafte Massenbasis gibt, dass ihm
eventuell eine wenn auch schwache Konjunkturwelle zu Hilfe kommt;
dann wird die sozialistische Bewegung mit einer langen, sehr langen
wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Barbarei auf viele Jahr-
zehnte rechnen müssen, dann wird sie zu beweisen haben, dass sie
nicht grundsätzlich geirrt hat, dass sie letzten Endes doch recht be-
hält. Diese Variante zeigt die schwere Verantwortung, die auf uns
lastet.
Wir werden uns, so gut wie es die Verhältnisse gestatten, auf die
erste Möglichkeit einstellen, die zweite als die mit der grösseren Wahr-
scheinlichkeit zum eigentlichen Zielpunkt der Arbeit machen, alle
Kräfte auf ihre Erfüllung konzentrieren und alles in menschlichen
Kräften Gegebene aufbringen, um die dritte Möglichkeit auszuschalten.
Wenn wir somit die Herstellung der Einheit und Schlagkraft der
Arbeiterschaft und ihres Bündnisses mit allen Schichten der werk-
tätigen Bevölkerung zum Ziele haben, so müssen wir uns von vorn-
herein von jenen Bestrebungen abgrenzen, die zwar sehr viel von
»Herstellung der Einheit« reden, aber praktisch nur die Zersplitte-
rung weitertreiben, ohne es selbst zu wollen. Woran liegt es, dass
auch jetzt, nach der deutschen Katastrophe, die sektiererische Cliquen-
bildung fortschreitet, dass es in den verantwortlichen Kreisen inner-
halb und ausserhalb Deutschlands so gar nicht erfreulich aussieht,
dass die alten Methoden der fruchtlosen scholastischen Diskussion,
die gegenseitigen nutzlosen Schimpfereien nicht verschwinden wollen,
nicht lebendiger, der heutigen Wirklichkeit zugewendeter Bewältigung
weichen wollen? Wir meinen, dass diese unglückseligen Misstände
im Festhalten an alten, abgebrauchten, verknöcherten Sätzen, Wor-
ten, Schemen, Diskussionsarten liegen, und dieses Festhalten selbst
aus dem Mangel neuer Fragestellungen, neuer Art zu denken, die
Dinge ganz neu und primitiv anzuschauen liegt. Wir sind der Ueber-
zeugung, dass auch nur eine gute neue Idee, auch nur eine treffende,
neuartige Parole den Zusammenschluss bis auf die restlos hoffnungs-
losen Debattierer sofort zustandebringen und die fruchtlosen Diskus-
sionen vernichten würde. Jeden, der sich an dieser Stelle »beleidigt«
fühlen sollte, meinen wir. Den lebendigen Marxismus Wirklichkeit
werden zu lassen, ist die nächste Aufgabe, zunächst im Schauen der
Wirklichkeit und in der Diskussion. Das leitet über zur Frage der
Gründung einer neuen internationalen Organisation. Wenn sie nichts
zu ihrem Gründungskongress mitbringen würde als die alten Metho-
den, Parolen, Denk- und Diskutierweisen, wäre sie eine Totgeburt.
7
JJt-IJ —
Dass wir das Kapital enteignen, die Produktionsmittel vergesellschaf-
ten wollen, dass wir die Herrschaft der Arbeiter, Soldaten, Angestell-
ten und Bauern über das Kapital aufrichten, dass wir die wirkliche
Demokratie des werktätigen Volkes wollen, dass dazu die Eroberung
der Macht nicht mit dem Stimmzettel, sondern mit der Waffe notwen-
dig ist und vieles andere mehr, wissen wir. Nur dies neu hinauszuru T
fen, programmatisch festzulegen, hätte nicht viel Wert, denn es
geschah bisher genug. Die grosse Frage ist, weshalb wir nicht gehört
wurden, weshalb unsere Organisationen verkalkten, weshalb die Bü-
rokratie uns erstickte, weshalb die Massen gegen ihr eigenes Inter-
esse handelten, als sie Hitler zur Macht trugen. Man würde nicht so
unendlich viel Energie auf die — an sich sehr wichtige — Frage der
Strategie und Taktik verwenden müssen, wenn wir die Massen hinter
uns hätten. Die Strategie und Taktik wenden heute die diversen Grup-
pen gegeneinander an. Man muss vor allem mit völlig neuen Erkennt-
nissen über diese Grundfragen, mit völlig neuen Methoden der Mas-
senbeeinflussung mit einer völlig neuen ideologischen und personellen
Struktur auftreten, wenn man auch nur daran denken will, etwas
zu erreichen. Wir wollen nicht lange zu beweisen versuchen, dass wir
nicht die Sprache der breiten, teils unpolitischen, teils ideologisch er-
drückten Massen sprachen, die der Reaktion schliesslich zum Siege
verhalfen. Sie verstanden weder unsere Resolutionen, noch, was wir
mit »Sozialismus« meinen; sie hatten und haben kein Vertrauen zu
uns; sie lasen unsere Blätter aus Pflicht oder gar nicht. So weit sie
in Bewegung gerieten, waren sie dumpf sozialistisch, aber wir konnten
dieses dumpfe sozialistische Fühlen nicht für uns nutzbar machen
und daher verhalf es Hitler zur Macht. Dass wir den grössten Miss-
erfolg in der Erfassung und Begeisterung der breiten Massen hatten,
ist die Urgrundlage der vielen grossen und kleinen Mängel der Ar-
beiterbewegung, der parteilichen Bindung des Sozialdemokraten, wie
des Ressentiments und Gekränktseins mancher proletarischer Füh-
rer, der Debattiererei und des scholastischen Marxismus, die wir be-
trieben.
Ein Stück der gemeinsamen Grundursache des Versagens des So-
zialismus in allen seinen Teilen, ein Stück zwar bloss, aber ein wesent-
liches, nicht mehr zu übersehendes, nicht mehr als zweitrangig zu be-
trachtendes, ist der Mangel einer brauchbaren marxistischen politi-
schen Psychologie. Dieser Mangel drückt sich nicht nur darin aus,
dass eine derartige Psychologie erst erarbeitet werden muss, sondern
auch darin, dass in der Arbeiterbewegung eine grosse Scheu vor psy-
chologischer Betrachtung und Anschauung, vor bewusster praktischer
Psychologie besteht. Dieser Mangel auf unserer Seite wurde zum
grössten Vorteil des Klassenfeindes, wurde die mächtigste Waffe des
Faschismus. Während wir den Massen grossartige historische Analy-
sen und ökonomische Auseinandersetzungen über die imperialisti-
schen Gegensätze vorlegten, entbrannten sie für Hiller aus tiefsten
8
Gefühlsquellen. Wir hatten, um mit Marx zu sprechen, die Praxis des
subjektiven Faktors den Idealisten überlassen, wir waren mechanische
und ökonomistische Materialisten geworden. Uebertreiben wir nicht?
Sehen wir nicht durch die Brille des »Fachspezialisten«? Versuchen
wir diese Frage an Hand einiger konkreter Beispiele zu beantworten,
wichtiger, grosser und auch kleiner, scheinbar nebensächlicher. Es
geht nicht um ein Allheilmittel, sondern um einen kleinen Beitrag, der
ein erster Anfang ist.
Zweierlei „Klassenbewusstsein"
Entscheidend für eine schlagkräftige Politik, die sich die Erkämp-
fung des Sozialismus, die Aufrichtung der Herrschaft der Arbeit über
das Kapital zum Ziele setzt, ist nicht nur zu erkennen, was sich durch
die Entwicklung der Produktivkräfte an gesellschaftlichen Bewegun-
gen und Veränderungen objektiv, unabhängig von unserem Wollen
ergibt, sondern gleichzeitig und gleichwertig damit, was sieh in den
»Köpfen«, das heisst in den seelischen Strukturen der diesen objek-
tiven Vorgängen unterworfenen und sie weitertreibenden Menschen
der verschiedenen Länder, Stadtteile, Berufsschichten, Altersklassen,
Geschlechter etc. abspielt. In der sozialistischen Bewegung und Poli-
tik spielt der Begriff des Klassenbewusstseins eine führende Bolle;
das »Klassenbewusstwerdcn« der unterdrückten Schichten der Be-
völkerung aller Länder ist als dringendste Voraussetzung der revolu-
tionären Umwälzung des heute herrschenden gesellschaftlichen Sy-
stems gefordert. Wir meinen doch offenbar damit, dass sich die Men-
schen unter dem Einfluss der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Prozesse irgendwie verändern müssen, um eine gesellschaftliche Lei-
stung wie die soziale Revolution überhaupt durchzuführen. Wir wis-
sen auch, dass Lenin die Avantgarde und die revolutionäre Partei
schuf, um diese Veränderung der Menschen zu fördern, sie zu be-
schleunigen, zu konzentrieren, zu einer politischen Kraft zu gestalten.
In der Avantgarde, dem besten und bewusstesten Teil der sozialisti-
schen Kämpfer, sollte sich dasjenige. Bewusstsein der gesellschaftli-
chen Situation, der Mittel ihrer Bewältigung, der richtigen Wege zum
Sozialismus konzentrieren, schärfen, in der Voraussicht üben, auf des-
sen Stufe die werktätige Masse annähernd gehoben werden inuss, wenn
die Aufgabe der Revolution geleistet werden soll. Das ist nicht mehr
und nicht weniger als die Problemstellung der Politik, die im Worte
»Einheitsfront« zusammengefasst ist.
Zwei Beispiele mögen genügen zu zeigen, dass wir von einem kon-
kreten Verständnis dessen, was Klassenbewusstsein ist, weit entfernt
sind.
■ In der vor kurzem erschienenen Broschüre »Neu beginnen« wird
sehr richtig die Forderung nach einer »revolutionären Partei«, nach
I ■ " 9
einer im vollen Sinne des Wortes revolutionären Führung gestellt,
das Vorhandensein von Klassenbewusstsein im Proletariat jedoch ge-
i
leugnet:
»Die Grundlage aller ihrer (der IL und III. Internationale) Ein-
sichten und Handlungen bildet der Glaube an eine dem Proletariat
innewohnende revolutionäre Spontaneität Wie aber, wenn eine
solche revolutionäre Spontaneität nur in den Köpfen der sozialisti-
schen Parteien, aber nicht in der Wirklichkeit existierte? — Wenn das
Proletariat von sich aus, also von natürlichen gesellschaftlichen Kräf-
ten, gar nicht zum »sozialistischen Endkampf« getrieben würde
Unfähig anders zu denken als in ihren Dogmen und Thesen, glauben
sie mit geradezu religiöser Inbrunst an spontane Revolutionskräfte...«
(S. 6).
Der ; beispiellos heroische Kampf der oesterrcichischen Arbeiter
vom 12.— 16. Februar 1934 beweist, dass es sehr wohl revolutionäre
Spontaneität ohne ein Bewusstsein vom »sozialistischen Endkampf«
geben kann. Revolutionäre Spontaneität und Bewusstsein vom »End-
kampf« sind zwei verschiedene Dinge.
Die Führung muss also, so lautet die Konsequenz, das revolutio-
näre Bewusstsein in die Masse tragen. Zweifellos muss sie das! Aber
wie, fragen wir nun, wenn wir noch gar nicht genau Bescheid wüsslen
über das, was wir revolutionäres Bewusstsein nennen? In Deutschland
gab es zuletzt etwa 30 Millionen antikapitalisiisch gesinnte Werk-
tätige, übergenug an Zahl für die soziale Revolution, aber an die Macht
kam der Faschismus gerade mit Hilfe dieser a/itikapitalistischcn Ge-
sinnung der Kerntruppen seiner Anhänger. Ist antikapitalistische
Gesinnung schon Klassenbewusstsein oder garnicht, blos ein Ansatz
dazu oder nur eine Bedingung seiner Bildung? Was ist Klassenbe-
wusstsein überhaupt? Lenin schuf den Begriff der Avantgarde, des
revolutionären Vortrupps und der Partei sowie die Organisation selbst,
die das ergänzen sollte, was die Masse selbst nicht spontan zustande-
bringt:
»Wir sagten, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusst-
sein auch nicht haben könnten. Dieses könnte nur von aussen heran-
gebracht werden. Die Geschichte aller Länder bekundet, dass die Ar-
beiterklasse mit ihren eigenen Kräften nur imstande ist, zu einem
tradeunionistischen Bewusstsein zu gelangen, d. h. zu der Ueber-
zeugung der Notwendigkeit, sich gewerkschaftlich zusammenzuschlies-
sen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, von der Regierung
diese oder jene arbeiterfreundliche Gesetze zu fordern usw.« ( Lenin J
Die Arbeiterklasse schafft also doch aus ihrer Klassensituation ein
»Bewaisstsein«, dass zwar noch nicht genügt, die Herrschaft des Ka-
pitals abzuschütteln (dazu ist eine straff organisierte Partei notwen-
dig), aber es gibt doch vielleicht Vorstufen oder Elemente dessen, was
man Klassenbewusstsein oder revolutionäres Bewusstsein nennt? Was
ist das? Wie wird es fassbar? Wie sieht es konkret aus? •
10
Die Leugnung dessen, was man Klassenbewusstsein oder seine Ele-
mente oder Voraussetzungen nennen könnte, als einer spontanen Bil-
dung innerhalb der unterdrückten Klasse beruht auf der Tatsache,
dass es in. seiner konkreten Gestalt nicht bekannt ist, und schafft
somit eine hoffnungslose Position der Führung; denn diese mag noch
so tapfer, geschult und mit anderen guten Eigenschaften ausgestattet
sein: wenn es im Proletariat nichts dergleichen gibt, was man Klas-
senbewusstsein nennt, so wird es keiner Führung je gelingen, solches
in die Massen zu tragen. Was soll denn in die Massen getragen wer-
den? Das hochspezialisierte Wissen um den soziologischen Prozess
und seine Widersprüche? Oder das komplizierte Wissen um die Ge-
setze der kapitalistischen Ausbeutung? Hatten die Partisanen des re-
volutionären lUissland solches Wissen, als sie enthusiastisch kämpf-
ten, oder hatten sie es gar nicht nötig? Waren sie »klassenbewusste«
Arbeiter und Bauern oder nur Rebellen? Wir brachten diese Fragen
vor, um zu zeigen, wie ausweglos sie sind.
Versuchen wir von der einfachen Praxis und Erfahrung auszu-
gehen.
Vor kurzem sprach man in einer politischen Gruppe sehr viel über
das Klassenbewusstsein und die Notwendigkeit, es »im Massen-
masstabe zu heben«. Dem Zuhörer musste sich, vielleicht zum ersten
Male, die Frage aufdrängen: Wovon spricht man denn eigentlich?
Was ist mit dem gemeint, was man Klassenbewusstsein nennt? Einer,
der sich sehr schweigend verhalten halte, bat einen führenden Funk-
tionär, der sich als besonders eifriger Verfechter des Klassenbewußt-
seins des deutschen Proletariats bekundete, er möchte doch fünf kon-
krete Elemente des Klassenbewusstseins nennen und vielleicht auch
fünf hemmende Elemente seiner Entwicklung. Wenn man das Klas-
senbewusstsein entwickeln will, so muss man doch zunächst wissen,
was man entwickeln will, und warum es sich unter dem Drucke der
Not jeder Art nicht von selbst entwickelt, was es also daran verhin-
dert ! Die Frage schien logisch. Der befragte Funktionär war zunächst
ein wenig erstaunt, zögerte eine Weile, dann sagte er entschieden:
»Na, selbstverständlich der Hunger!« »Ist der hungrige SA-Mann
klassenbewusst?«, war die prompte Gegenfrage. Ist der Dieb, der aus
Hunger eine Wurst stiehlt oder der Arbeitslose, der sich für zwei
Mark zu einem reaktionären Aufmarsch verdingt, oder der Jugend-
liche, der bei einer Demonstration Steine gegen die Polizei wirft, klas-
senbewusst? Wenn also der Hunger, auf dem die KPD ihre ganze Mas-
senpsychologie aufgebaut hatte, an sich noch kein Element des Klas-
senbewusstseins ist, was denn sonst? Was ist Freiheit? Wie sieht sie
konkret aus? Wodurch unterscheidet sich die sozialistische Freiheit
von der nationalen, die Hitler verspricht?
Die Antworten waren durchaus unbefriedigend. Hatten die linken
Zeitungen derartige Fragen aufgeworfen und beantwortet? Nein. So
falsch die Anschauung ist, dass die unterdrückte Klasse ohne Führung,
11
aus einem spontan entstehenden revolutionären Willen heraus die
Revolution zum Siege führen kann, so falsch ist auch die ihr entgegen-
gesetzte, dass es nur auf die Führung ankomme, die das Klasscn-
bewusstsein erst zu schaffen hatte. Das konnte ihr, wenn es nicht
irgendwie angelegt, spontan doch in Bildung begriffen wäre, nie ge-
lingen. Wenn also eine bestimmte psychische Situation in der Masse
mit dem hohen Bewusstsein der revolutionären Führung erst zusam-
menklingen miiss, damit die subjektive Vorbedingung für die soziale
Revolution geschaffen werde, ist die Beantwortung der Frage »Was
ist Klassenbewusstsein?« umso notwendiger. Sollte hier jemand ein-
wenden, die Frage sei überflüssig, denn man habe immer betont, man
müsse an die »kleinen Tagesnöte« anknüpfen, so fragen wir: Heisst
es »Klassenbewusstsein entwickeln«, wenn man in einem Betrieh für
Einrichtung von Ventilatoren eintritt? Wie aber, wenn der NSBO-
Betriebsral das ebenfalls tut, vielleicht sogar als besserer Redner?
Hat er dann die Belegschaft, für sich gewonnen? Gewiss! Wo liegt
der Unterschied zwischen der sozialistischen und der faschistischen
Vertretung der »kleinen Interessen«, zwischen unserer Freiheits-
parole und der Parole »Kraft durch Freude«?
Ist dasselbe gemeint, wenn man vom Klassenbewusstsein des pro-
letarischen Lehrlings oder wenn man von dem des proletarischen Ju-
gendführers spricht? Es heisst, dass das Bewusstsein der Massen auf
die Höhe des revolutionären Klassenbewußtseins gehoben werden
müsste; versteht man darunter das hoch entwickelte Wissen um den
geschichtlichen Prozess, den der Führer der Revolution haben muss,
dann rennt man einer Utopie nach. Niemals kann es im Kapitalismus
gelingen, diebreite Masse, die den Aufstand und die Revolution durch-
zuführen hat, mit diesem hochspezifizierten Wissen zu erfüllen, durch
keinerlei Mittel der Propaganda. Dass man in Wahlversammlungen
entweder nur Parolen hinausrief oder aber, wie es oft im Sportpalast
geschah, einen Funktionär stundenlang gelehrt über die Finanzpolitik
der Bourgoisie oder die amerikanisch-japanischen Gegensätze sprechen
liess, erstickte jedes Mal die anfängliche Spannung und Begeisterung,
bedeutete, in der Masse Interesse und Voraussetzungen für die Auf-
nahme objektiver Wirtschaftsanalysen annehmen, erschlug das mit
Recht so genannte Klassenempfinden der Tausende Zuhörer. Die
bisherige marxistisch-revolutionäre Politik setzte ein Klassenbewusst-
sein im Proletariat als fertig vorhanden voraus, ohne es detaillieren,
konkretisieren zu können. Sie legte ihr eigenes, sehr oft auch falsches
Wissen um den soziologischen Prozess in das Bewusstsein der unter-
drückten Klasse hinein, was kürzlich treffend als »subjektiver Idealis-
mus« bezeichnet wurde. Dennoch spürte man in jeder kommunisti-
schen Versammlung das »Klassenbewusstsein« der Masse unzweideu-
tig und konnte die Atmosphäre von der in jeder anderen politischen
Organisation klar unterscheiden. Es muss also so etwas wie ein Klas-
senbewusstsein in der breiten Masse geben, das sich von dem der re-
12
volutionären Führung grundsätzlich unterscheidet. Es gäbe somit
konkret zweierlei Klassenbewusstsein: das der revolutionären I?ührung
und das der Masse; beide müssen zusammenklingen. Die Führung hat
keine dringendere Aufgabe, neben der genauen Kenntnis des objek-
tiven historischen Prozesses, als die, zu verstehen:
a. was die verschiedenen Schichten, Berufe, AUerstufen, Geschlech-
ter un vorwärtstreibenden Wünschen, Ideen, Gedanken in sich tragen;
b. was sie an derartigen Wünschen, Aengsten, Gedanken und Ideen
in sich tragen, die das Vorwärtstreibende an der Entfaltung verhin-
dert (»traditionelle Bindungen«).
Das Klassenbewusstsein der Masse ist nicht fertig formiert, wie
die KP-Führung glaubte, fehlt auch nicht völlig und ist auch anders
strukturiert, wie die SP-Führung meinte; es ist vielmehr in konkreten
Elementen vorhanden, die an sich noch nicht Klassenbewusstsein. sind
(etwa blosser Hunger), es aber wohl in ihrer Zusammenfassung er-
geben könnten; diese Elemente sind auch nicht rein vorhanden, son-
dern durchsetzt, vermischt, durchwoben mit gegenteiligen psychischen
Kräften und Inhalten. Ein Hitler kann nur so lange mit seiner Formel,
dass die Masse kindlich suggestiv sei und nur wiedergebe, was man
in sie hineintrichtert, recht behalten, solange die revolutionäre Partei
ihre wichtigste Aufgabe nicht erfüllt, das Klassenbewusstsein aus
seiner gegebenen Form herauszuarbeiten, zu klären, weiterzutreiben.
Und davon war in Deutschland keine Rede.
Der Inhalt des Klassenbewusstseins des revolutionären Führers ist
nicht persönlicher Art; sofern persönliche Interessen (persönlicher
Ehrgeiz, u. ä.) mitvorhanden sind, wirken sie hemmend auf seine
Tätigkeit. Dagegen ist das Klassenbewusstsein in den breiten Massen
(wir sprechen nicht von der verschwindenden Minderheit der bewusst
eindeutig revolutionären Arbeiter) durchaus und durchwegs persön-
licher Art. Jenes ist erfüllt vom Wissen um die Widersprüche des
kapitalistischen Wirtschaftssystems, um die ungeheuren Möglichkei-
ten der sozialistischen Planwirtschaft, um die Notwendigkeit der so-
zialen Revolution als der Angleichung der Aneignungsform an die Pro-
duktionsform, um die vorwärts- und rückwärtstreibenden Kräfte der
Geschichte. Das zweite ist von solchem Wissen weit entfernt, ebenso
von grossen Perspektiven, da geht es um kleines und kleinstes, alltäg-
liches, banales. Das erste erfasst den objektiven, historischen, sozial-
ökonomischen Prozess, die äusseren Bedingungen, wirtschaftlicher
sowohl wie gesellschaftlicher Art, denen die die Gesellschaft bilden-
den Menschen unterworfen sind; dieser Prozess muss begriften wer-
den, ihn muss man in die Hand bekommen und meistern, wenn man
.aus seinem Sklaven zu seinem Herrn werden will. Man muss also
etwa Planwirtschaft einrichten, um die tödlichen Krisen auszurotten
und erst die Grundlage des Lebens aller Arbeitenden zu schaffen.
Dazu ist unter anderem eine genaue Kenntnis etwa der japanisch-ame-
13
I
~
rikanischen Gegensätze unbedingt notwendig. Das zweite jedoch ist
an den russisch-japanischen oder englisch-amerikanischen Gegensät-
zen gänzlich uninteressiert, ebenso am Forlschritt der Produktiv-
kräfte; es orientiert sich einzig und allein an den subjektiven Spie-
gelungen, Verankerungen, Auswirkungen dieses objektiven Gesche-
hens in millionenfach verschiedenen kleinsten Alltagsfragen; sein
Inhalt also ist das Interesse an Nahrung, Kleidung, Mode, familiären
Beziehungen, den Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung im eng-
sten Sinne, an den sexuellen Spielen und Vergnügungen im weiteren
Sinne, wie Kino, Theater, Schaubuden, Rummelparks und Tanz, ferner
an den Schwierigkeiten der Kindererziehung, an Hausschmuck, an
Länge und Gestaltung der Freizeit etc. etc.
Das Sein der Menschen und seine Bedingungen spiegeln, verankern,
reproduzieren sich in ihrer seelischen Struktur, indem sie sie formen.
Nur durch diese seelische Struktur hindurch ist der objektive Prozess
Für uns erreichbar, seine Hemmung wie seine Förderung und Beherr-
schung. Nur durch den Kopf des Menschen, durch seinen Willen zur
Arbeit und sein Sehnen nach Lehensglück, kurz seine psychische
Existenz schaffen wir, konsumieren wir, verändern wir die Welt. Das
haben die zu Oekonomisten entarteten »Marxisten« längst vergessen.
Die umfassende, historisch mit grossen Perspektiven operierende
Wirtschafts- und Staatspolitik, muss, w r cnn sie den internationalen,
nicht etwa den nationalen Sozialismus (er nenne sich, wie er will)
herstellen und sichern will, wenn sie also eine marxistische sein will,
den Anschluss an das kleine, banale, primitive, einfache Alltagsleben
und Wünschen, der breitesten Masse in allen ihren Verschiedenheiten
nach Land und Schichte finden. Nur auf diese Weise kann es gelin-
gen, den objektiven soziologischen Prozess mit dem subjektiven Be-
wusstsein der Menschen in eines fliessen zu lassen, den Widerspruch
und die Kluft zwischen ihnen zu vernichten; kurz, gerade den Werk-
tätigen, die Kultur fundieren und Reichtum schaffen, das Bewusst-
sein ihrer Anspruchsrechte zu vermitteln, sie erst einmal wissen zu
lassen, welche Stufe die Kulturbildung »oben« bereits erreicht hat,
und wie sie selbst leben, wie bescheiden sie sind und daraus noch eine
Tugend machen, die sie manchmal sogar revolutionär nennen. Gelingt
dieser Zusammenschluss, dann und nur dann treten wir aus den
philosophischen innerparteilichen Debatten über Avantgarde und Tak-
tik, in die lebendige Taktik der strömenden Massenbewegung gegen-
über, in die lebensverbundene politische Tätigkeit. Die Behauptung
ist nicht zu gewagt, dass sich die Arbeiterbewegung eine unendliche
Reihe von Sektiererturn, Eigenbrödelei, Scholastik, Fraktionsbildun-
gen und Spaltungen erspart, dass sie den dornigen Weg zum Selbst-
verständlichsten, zum Sozialismus, abgekürzt hätte, wenn sie ihre
Propaganda und Taktik und Politik nicht nur aus Büchern, sondern
in erster Linie aus dem Leben der Massen geschöpft hätte. Heute ist
es so, dass z. B. die durchschittliche Jugend in manchen Fragen viel
14
••
weiter ist als ihre »Führer«, dass man mit diesen erst »taktisch« über
Dinge wie etwa das Geschlechtsleben reden muss, die der Jugend
selbstverständlich sind. Es sollte umgekehrt sein, der Führer müsste
die Verkörperung des Klassenbewusslseins erster Art sein und das
zweite heranbilden.
Wer die ideologischen Kämpfe der Arbeiterbewegung kennt, wird
vielleicht bisher mehr oder weniger willig gefolgt sein und wahrschein-
lich auch gedacht haben: »Das sind doch keine Neuigkeiten! Wozu
die lange Rede?« Er wird sich sehr bald überzeugen, dass mancher,
der im allgemeinen mit uns einer Meinung ist, dort, wo es aufs kon-
krete geht, stocken, Einwände und Bedenken haben, sich geneigt
fühlen wird, mit Berufung auf Marx und Lenin gegen uns aufzutreten.
Bevor derjenige, der solche Neigungen spürt» weiter liest, empfehlen
wir zur Probe noch einmal den Versuch, fünf konkrete Elemente des
Klassenbewusstseins und fünf Hemmungen desselben sich selbst klar-
zumachen.
Sehr viel Widerstand wird bei solchen, die unter Klassenbewusst-
sein eine ethische Angelegenheit verstehen, folgende Feststellung
wecken:
Die politische Reaktion, Faschismus und Kirche an der Spitze,
fordern von der arbeitenden Masse Entsagung an irdischem Glück,
Zucht, Gehorsam, Entbehrung, Opfer für die Nation, das Volk, das
Vaterland. Dass sie dies fordern, ist nicht das Problem, sondern dass
sie von der Erfüllung dieser Forderungen durch die Masse selbst
politisch leben und dabei dick und fett werden. Sie stützen sich dabei
auf die Schuldgefühle der Massenindividuen, auf ihre anerzogene Be-
scheidenheit, auf ihre Neigung, Entbehrungen stumm und willig,
manchmal auch selig zu tragen, auf der anderen Seite auf ihre Iden-
tifizierung mit dem glorreichen Führer, dessen »Liebe zum Volk«
ihnen die reale Bedürfnisbefriedigung ersetzt. Wohl ist die revolu-
tionäre Avantgarde selbst durch die Bedingungen ihres Seins und
durch die Ziele, die sie verfolgt, einer ähnlichen Ideologie unterworfen.
Was aber etwa für den Jugendführer gilt, kann in keiner Weise für
die geführte Jugend gelten. Wenn man die Masse der Bevölkerung
gegen das Kapital ins Feld führen, ihr Klassenbewusstsein entwickeln,
sie zur Auflehnung bringen will, erkennt man das Entsagungsprinzip
als schädlich, ledern, blöde, reaktionär. Der Sozialismus behauptet
doch, dass die Produktivkräfte der Gesellschaft weit genug ent-
wickelt sind, um der breitesten Masse aller Länder ein dem Kultur-
niveau der Gesellschaft entsprechendes Leben zu sichern. Gegen das
Entsagungsprinzip der politischen Reaktion ist das Prinzip des rei-
chen Glücks auf Erden zu setzen; dass wir darunter nicht Kegel-
schieben und Biertrinken verstehen, wird man wohl glauben. Die
Bescheidenheit des »einfachen Mannes«, die Tugend im Lichte der
Kirche und des Faschismus, ist vom sozialistischen Standpunkt sein
grösster Fehler, eines der vielen Elemente, die sich gegen sein Klas-
15
i
r - -■ _ ■■« -
senbewusstsein richten. Der sozialistische Volkswirtschaftler kann
nachweisen, dass es genügend Reichtümer für alle Arbeitenden zu
einem glücklichen Leben gibt. Dieser Nachweis muss nur noch gründ-
licher, detaillierter und kontinuierlich geführt werden, mit der gan-
zen Sorgfalt wissenschaftlicher Erhebungen,
Den durchschnittlichen deutschen oder anderen Arbeiter oder An-
gestellten interessierte nicht der Fünf-Jahresplan der Sowjetunion »an
sich« als revolutionäre Wirtschaftsleistung, sondern nur die Frage
der erhöhten Bedürfnisbefriedigung. Er denkt etwa so: »Wenn uns
der Sozialismus wieder nur Opfer, Entsagung, Not, Entbehrung bringt,
dann bleibt uns gleichgültig, ob dieses Elend sozialistisch oder kapita-
listisch genannt wird. Der Vorzug der sozialistischen Wirtschaft
muss sich daran beweisen, dass sie unsere Bedürfnisse befriedigt und
mit ihrem Anwachsen standhält.« Das heisst, der Heroismus der
Führung gilt nicht für die breite Masse. Wenn in Revolutionszeiten
den Massen Entbehrungen auferlegt werden, dann haben sie ein Recht
darauf, genaueste Beweise zu fordern, dass sich diese Entbehrung als
vorübergehende Erscheinung von der im Kapitalismus unterscheidet.
Die Führung dieses Beweises bildet eine der vielen Schwierigkeiten
bei der Erfassung der Theorie von der Möglichkeit des So-
zialismus in einem Lande. Wir erwarten hier Empörung über diese
Behauptung. Der Vorwurf der »Kleinbürgern«, des Epikureismus
wird gewiss nicht ausbleiben. Lenin jedoch versprach den Bauern das
Land der Grossgrundbesitzer, obgleich er genau wusste, dass die Ver-
teilung von Land die »Kleinbürgerei« fördert; er führte wesentlich
mit dieser Parole die Revolution durch, mit den Bauern und nicht
gegen sie; er hatte dadurch zweifellos ein Prinzip der hohen soziali-
stischen Staatspolitik und Theorie, den Kollektivismus, verletzt. Die
ungarischen Revolutionäre hatten dagegen hohe Prinzipien, aber keine
Kenntnis des subjektiven Faktors, sie wnssten wohl, was die Ge-
schichte, nicht aber was der Bauer fordert, sozialisierten sofort den
Grossgrundbesitz — und verloren die Revolution. Genügt dieses Bei-
spiel, um an Stelle von vielen andern zu beweisen, dass man die
letzten Ziele des Sozialismus nur erreichen kann durch die Erfüllung
der kleinen, nächstliegenden Ziele der Massenindividuen, durch
mächtige Steigerung ihrer Bedürfnisbefriedigung? Dann, und nur
dann stellt sich der revolutionäre Heroismus der breiten Masse ein.
Es gibt nicht viele Fehler von der Bedeutung der Auffassung, dass
»Klassenbewusstsein« ein ethischer Begriff sei. Die asketische Auf-
fassung der Revolution hat bisher noch immer zu Erschwerungen und
Niederlagen geführt.
Man kann die Auffassung des Klassenbewußtseins, ob es nämlich
ethischer oder anethischer, rationaler Art ist, an Beispielen gut über-
prüfen:
Wenn zwei Menschen, A und B, hungern, kann sich der eine fügen,
nicht stehlen, und betteln oder verhungern; der andere jedoch kann
16
sich eigenmächtig Nahrung verschaffen. Eine weite Schichte des Pro-
letariats leht nach den Prinzipien von B. Es wird »Lumpenproleta-
riat« genannt. Wir teilen keineswegs die romantische Bewunderung
für die Verbrecherwelt, aber die Sache erfordert Klarheit. Welcher
der beiden früher genannten Typen hat mehr Elemente von Klassen-
gefühl in sich? Stehlen ist noch kein Zeichen von Klassenbewusstsein;
eine kurze Ueberlegung zeigt aber — trotz unseres inneren, morali-
schen Sträuberis — , dass derjenige, der sich den Gesetzen nicht fügt
und stiehlt, wenn er hungert, also noch Willen zum Leben äussert,
mehr Energie zur Auflehnung in sich trägt, als derjenige, der sich
süllschweigend auf die Schlachtbank des Kapitalismus legt. Wir hal-
ten daran fest, dass das Grundproblem einer korrekten Psychologie
nicht das ist, weshalb ein Hungernder stiehlt, sondern gerade umge-
kehrt das, weshalb er nicht stiehlt. Wir sagten, Stehlen sei noch kein
Klassenbewusstsein; gewiss. Ein Ziegelstein ist noch kein Haus;
aber aus Ziegelsteinen baut man Häuser, dazu gehören noch Bretter,
Mörtel, Glas und — wir denken an die Rolle der Partei — Ingenieure,
Maurer, Tischler etc.
Wir begeben uns auf ein totes Geleise, wenn wir das Klassenbe-
wusstsein als eine ethische Forderung betrachten und infolgedessen
mit der Bourgeoisie und ihren Sachwaltern in der Verdammung der
Sexualität der Jugend, des Charakters der Prostituierten, der Verwor-
fenheit des Verbrechers, der Unmoral des Diebes wetteifern. Ist un-
sere Anschauung nicht im Widerspruch mit den Interessen der Re-
volution? Könnte die politische Reaktion nicht unsere amoralische
Auffassung des Klassenbewusstseins gegen uns propagandistisch aus-
nützen? Gewiss wird sie das tun, und sie tut es ohnedies schon lange,
obgleich wir unsere Moralität so oft beweisen wollen. Es nützt uns
nichts und treibt nur die Opfer des Kapitalismus der politischen Reak-
tion zu, da sie sich von uns nicht verstanden fühlen. Und wir stehen
in den Augen der politischen Reaktion nicht besser da. In Ihren Augen
sind wir Diebe, weil wir das Privateigentum an Produktionsmitteln
enteignen wollen. Würden wir deshalb diese Grundabsicht aufgeben
oder verschleiern? Nützt die Reaktion nicht auch dies gegen uns aus?
Alles, was sich heute Moral und Ethik nennt, steht ausnahmslos im
Dienste der Unterdrückung der arbeitenden Menschheit. Wir können
theoretisch und praktisch beweisen, dass unsere Ordnung des gesell-
schaftlichen Lebens, eben weil sie eine amoralische sein kann, das
heutige Chaos durch wirkliche Ordnung ablösen kann. Lenins Stel-
lungnahme zur Frage der proletarischen Ethik ging eindeutig aus vom
Interesse an der proletarischen Revolution. Alles, was der Revolution
dient ist ethisch, alles was ihr schadet, ist unethiscli- Versuchen wir
die Frage noch anders zu formulieren. Als Elemente des Klassenbe-
wusstseins kann altes angesehen werden, was der bürgerlichen Ord-
nung widerspricht, was Keime der Auflehnung enthält; als Hem-
mung des Klassenbewusstseins dagegen alles, was an die bürgerliche
Ordnung bindet, sie. stützt und festigt, ]*j
Als während der Novemberrevolution die Massen im Tiergarten
aufmarschierten, waren die Demonstranten eifrig bedacht, den Rasen
nicht zu betreten. In dieser Anekdote, mag sie nun wahr oder nur gut
erfunden sein, ist ein grosses Stück Tragik der revolutionären Be-
wegung kurz ausgedrückt: die Verbürgerlichung des Trägers der Re-
volution.
i
2. Einige konkrete Elemente
des Kiassenbewusstseins und einige Hemmungen
beim Massenindividuum
Wir versuchen hier, ohne tiefere theoretische Begründung, Ver-
haltensweisen durchschnittlicher Menschen zusammenzustellen, die
teils spezifisch in der Richtung revolutionären Bewusstseins, teils
hemmend gegen seine Bildung wirken, was sie zu reaktionären psy-
chischen Haltungen macht. Es kommen für uns nur solche psychische
Tatbestände in Betracht, die entweder politisch links oder politisch
rechts orientieren, nicht aber politisch indifferente, die allen politi-
schen Richtungen zugutekommen können, wie etwa Redebegabung,
kritische Fähigkeiten, Naturliebe etc. Die folgenden Beispiele lassen
sich beliebig vermehren; die hier angeführten wurden von mir mit
zwei Jugendlichen gemeinsam aufgestellt.
Beim Jugendlichen (in der Pubertät und Nachpubertät)
Seit jeher bemühen sich die diversen politischen Parteien besonders
um die Jugend, nicht nur weil sie eine Zukunft noch vor sich halt,
und nicht wie die meisten Erwachsenen — nach einem treffenden
Ausdruck — »hinter sich«. Sie verdient es daher, vorangestellt zu
werden. Dass sie die aktivste Altersschichte darstellt, hängt mit ihrer
Begeislerungsfähigkeit, mit der sexuellen Heitang und der damit
verbundenen Fähigkeit zu Bekenntnis und Aktion zusammen. Diese
Eigenschaften sind an sich noch nicht spezifisch links oder rechts noch
sonstwie gerichtet. Die Kirche z. B. verfügt über mehr Jugendliche
als die linken Parteien. Doch kann man innerhalb des jugendlichen
Erlebens unschwer politisch nach links und andere, politisch nach
rechts drängende Elemente unterscheiden und einander gegenüber-
stellen. In jedem Jugendlichen wirkt eine Tendenz zur Rebellion
gegen autoritäre Unterdrückung, im speziellen gegen die Eltern, die
gewöhnlich Vollzugsorgane der staatlichen Autorität sind. Diese
Rebellion ist es in erster Reihe, die Jugendliche in politisch linke
18
Strömungen zu ziehen pflegt- Sie ist immer verknüpft mit mehr oder
minder bewusster, mehr oder minder drängender Bedürftigkeit nach
Realisierung des sexuellen Lebens. Je klarer darin die natürlichen
heterosexuellen Neigungen zur Entwicklung gelangten, desto leichter
ist der Jugendliche revolutionären Ideen zugänglich; je mehr in seiner
Struktur das homosexuelle Bedürfnis wirkt und je verdrängter das
Bewusstsein der Sexualität im allgemeinen, desto leichter zieht es ihn
nach rechts. Die sexuelle Hemmung, die Angst vor sexueller Be-
tätigung und entsprechendes Schuldgefühl sind immer entweder nach
rechts drängende oder zumindest das revolutionäre Denken hemmende
Gegebenheiten. Bindung an die Eltern und das Elternhaus ist ein
schweres, nicht umkehrbares hemmendes Element. Nicht umkehrbar
wollen wir solche psychische Tatsachen nennen, die nie zu positiven
Elementen des Klassenbewusstseins werden können, also nie von der
revolutionären Partei im Interesse der sozialen Revolution ausgenützt
werden können. Es gibt hier nur die eine Ausnahme, die die Kinder
bereits revolutionär denkender Eltern betrifft; hier kann die Eltern-
bindung sich positiv auswirken, pflegt sich aber auch ebensooft im
Gegenteil als Protest gegen die Eltern in reaktionäre Gesinnung zu
verwandeln.
Es gibt ein Bedürfnis, das wie kein anderes die Jugend bewegt,
dessen Erfüllung ihnen das meiste bedeuten würde, das aber trotzdem
in keiner Jugendproklamation, in keinem Jugendprogramm zu ent-
decken ist: das Bedürfnis nach einer Wohnung, einem eigenen Raum.
Es kann mit der Rebellion gegen die Eltern als positives Element des
Klassenbewusstseins in eine Reihe gestellt werden. Es ist zudem ein
Bedürfnis, das von der Ordnung die die politische Reaktion will, niemals
befriedigt werden kann und darf. Ihm steht kein hemmendes Element
gegenüber, es beherrscht auch das sonst reaktionärste Mädchen. Das
Bedürfnis nach Leben im Jugendkollektiv ist ein weiteres positives Ele-
ment; ihm wirkt jedoch gewöhnlich gleichzeitig die familiäre Bindung
die »Sehnsucht nach dem Elternhaus«, der Heimat, entgegen. Bei gün-
stiger Einrichtung des Kollektivs kann diese ausgeschaltet werden,
d. h, dann, wenn das Kollektiv zur Heimat wird. Die Sehnsucht nach
dem Tanzboden ist bei fast allen Jugendlichen ausnahmslos mächtig; es
bildet zum Unterschied von der Elternbindung ein umkehrbares Ele-
ment, das heisst, unter gewöhnlichen Umständen hemmend, kann es
den revolutionären Ziisammenschluss mächtig fördern, wenn das
Problem der Beziehung der Politik zum Privatleben in revolutionärer
Weise gelöst ward; das gelang in Deutschland gelegentlich besonders
geschickten Jugendgruppenleitern.
Heute kommen in Deutschland sowohl das Kollektivbedürfnis wie
das Sehnen nach dem Tanzboden der politischen Reaktion sehr zugute,
denn es isl bei ihnen organisiert; bei den Christlichen in Form der
»Kränzchen«, bei den Nazis gewiss in den kollektivistischen Jugend-
verbänden.
19
Aus Deutschland kam folgende Mitteilung:
»Neulich sprach ich eine siebzehnjährige höhere Schülerin aus Berlin, die
hier die Ferien verbracht hat. Sie besucht eine Wilmersdorf er Schule und erzählte
mir so nebenbei einiges, was für Dich sehr interessant sein dürfte.
Die Juntjen und Mädchen der Hi- Jugend und des Hundes deutscher Mädel haben
eine ungeahnte Freiheit in Schule und Elternhaus, die sich natürlich auch in
geschlechtlicher Betätigung und Freundschaften auswirkt.
Früher hätte es ein Mädel ihrer Klasse und Schule nie gewagt, sich vor der
Schule von einem. Freund abholen zu lassen. Heute sieben die Jungens (Hi-Jungens
meistens) in Scharen vor der Schule und alle empfinden es als selbstverständlich.
Der B. d. M. wird nur »Bubi drück mich« genannt. Die Dahlemer Gruppe des
B. d. M. musste aufgelöst werden, weil 6 Mädels (unter 18 Jahren) schwanger
wurden.
Es ist doch sehr interessant, wie der Versuch, die Jugend zu organisieren,
dazu führt, dass die Fesseln des Elternhauses gelockert werden, denn diese
Beispiele sind gewiss symptomatisch, was ich inzwischen bestätigt bekommen
habe*«
Es ist nicht richtig, dass die Jungens und Mädels eine »ungeahnte Freiheit«
haben. Wer solches behauptet, sieht die wahren Verhältnisse, Erfordernisse und
Widersprüche nicht. Auch früher haben sich die Mädels vor der Schule von
den Jungs abholen lassen, wenn auch vielleicht nicht gerade an dieser Schule.
Nur im Lichte der Spiessermoral erscheint Schwangerwerden und »Sichabholcn-
lassen« als Zeichen einer »sexuellen Freiheit« der Jugend. Die Freiheiten, die
sich die Dahlemer Jugend jetzt erringt, waren in Neukölln längst selbstver-
ständliche Dinge. Es geht aber um das Ganze: Man inuss zunächst den riesigen
Widerspruch sehen, in dem die Hitlerjugend steckt: einerseits strengste autoritäre
militärische Erziehung und Trennung der Geschlechter, andererseits durch die
Kollektivierung des Jugendlebens Zerreissung der familiären Bindungen, Er-
schütterung der familiären Moral bei gleichzeitiger strengster faschistischer
Familienideologie. Die deutschen Revolutionäre müssen die Entwicklung der-
artiger Widersprüche genauestens verfolgen und sie den Betroffenen klarmachen.
In diesem Falle ist die Lösung der Jugend von den Elternhäusern zu bejahen,
jedoch der Widerspruch dieser Loslösung zu der offiziellen Führer- und Familien-
ideologie klarstens herauszuarbeiten. Es muss auch klar werden, dass die Jugend,
die aus den Fesseln des Elternhauses in die Freiheit und Selbstbestimmung strebt,
was wir bejahen und erfüllen wollen, in Wirklichkeit in ein anderes autoritäres
Verhältnis, nämlich in das des Arbeitsdienstlagers oder des faschistischen Ver-
bandes gerät, wo sie wieder Maul halten muss, Die. Widersprüche enthüllen sieh
am deutlichsten gerade auf sexuellem Gebiet. Das »freiere Benehmen« entspricht
den vorwärtsdrängenden Tendenzen in der Hitlerjugend, soweit sie — wenn auch
dumpf, subjektiv — revolutionär ist; niemals aber würde eine wirklich revolutio-
näre Gesellschaftsführung einen Mädelbund auflösen, weil einige Mädels schwanger
wurden; das bedeutet ja, was der Berichterstatter naiverweise nicht sieht, das k *
das beschriebene Verhalten der Jugend der Führung der NSDAP gar nicht an-
genehm ist und ihr gegen den Strich geht. Es widerspricht ihrer gesamten Moral-
auffassung. Wir müssen diesen Hitlerjungs und -mädels ihr Recht auf volle
Selbstbestimmung und auf gesellschaftliche Sorge für ihre Bedürfnisse, in erster
Linie auch für die sexuellen, völlig klarmachen. Wenn man in dem heute Ge-
gebenen bereits die sexuelle Freiheit sieht, dann übersieht man zweierlei: Erstens,,
dass schon dieses wenige genügt, den moralischen Staatsapparat einschreiten zu
lassen» zweitens, dass dies die ersten Ansätze sind, und von Freiheit nicht ge-
sprochen werden kann:
Solange die gesamte Staats- und Gesellschaftsauffassung dagegen ist.
Solange die Jungs und Mädels keine Wohnungen haben, wenn sie ungestört
sein wollen, keine Empfängnisverhütungmittel, um Schwangerschaften zu ver-
meiden, kein Wissen um die Notwendigkeiten und Schwierigkeiten des Geschlechts-
lebens überhaupt.
Solange sie derart erzogen werden, dass sie in schwere Konflikte kommen,
sobald sie überhaupt geschlechtlich zu leben anfangen.
Solange Jungs und Mädels in den Verbänden getrennt leben.
Solange sie nicht gemeinsam mit den Lehrern bestimmen können, wie ihre
20
Schulung, ihre Vorbereitung für die Aufgaben des gesellschaftlichen Lebens be-
schaffen sein soll.
Solange sie die Zahlen über die Geburts- und Sterbetage der preussischen
Könige und nicht die Geschichte der ärmsten und letzten Jungs und Mädels aus
den Vororten Berlins, Hamburgs, Jüterbogs, des letzten Rauerndorfs studieren
und bewältigen lernen.
Das Ideal der Jugend kann nicht sein, einem Führer kritiklos zu dienen und
für als »Vaterlandsinteressen«, ausgegebene Kapitalist enint er essen zu sterben,
sondern einzig, ihr eigenes Leben zu begreifen und es ihrem eigenen Willen gemäss
zu gestalten. Die Jugend kann nur sich selbst verantwortlich sein. Dann und nur
dann wird die Kluft zwischen der Gesellschaft und ihrer Jugend verschwinden.
Hat die Jugend einmal die Kluft begriffen, die sie heute von der Gesellschaft
trennt, dann erkennt sie sich gleichzeitig als unterdrückt und wird für die
soziale Revolution reif. Hat sie die Kluft praktisch aufgehoben, die gesellschaft-
liche Ordnung ihren Bedürfnissen entsprechend gestaltet, ihrem Freiheitsdrang
real, konkret, auch objektiv freie Bahn geschaffen, dann würde sie zum Voll-
strecker der sozialen Revolution.
Wir können der Jugend aller Länder und Erdteile die Notwendigkeit der
sozialen Revolution nicht theoretisch beweisen, sondern sie nur aus den Nöten
und Widersprüchen der Jugend entwickeln. Im Zentrum dieser Nöte und Wider-
sprüche steht die riesenhafte Frage des Geschlechtslebens der Jugend.
Im Gegensätze zu den üblichen Auffassungen der bisherigen politi-
schen Parteien lehrt die Jugendarbeit, dass die Einsicht des durch-
schnittlichen Jugendlichen in die Klassensituation entweder nur sehr
oberflächlich und schwankend ist, oder aber, wenn echt, sehr selten
anzutreffen; entweder bei intellektuell überreifen oder aber solchen
Jugendlichen, die einem revolutionär gesinnten Elternhause entstam-
men, in dem sie keine Unterdrückung erfuhren. Die Lehrlingssituation
bewirkt eher eine indifferente Stumpfheit als revolutionäre Gesinnung.
Sie könnte nur im Zusammenhange mit anderen, spezifischen Klassen-
elementcn, etwa dem Bedürfnis nach schöner Freizeit positiv werden.
Auch Hunger ist entgegen den vulgären Anschauungen an sich eher
ein Element der Verwahrlosung und der Cliquenbildung als des
Bcwusstseins von der Klassenlage. Wir treffen ihn zusammen mit
anderen Entbehrungen ebensooft oder noch öfter bei der SA-Jugend
oder bei christlichen. Auch diese Elemente können zu mächtigen
Kräften im positiven Sinne werden, wenn sie im Zusammenhang mit
der jugendlichen Sehnsucht nach romantischen Erlebnissen, mit seiner
sexuellen Bedürftigkeit und seiner Elternbeziehung erfasst werden.
Man muss klar sehen, dass der Hunger allein für sich, wenn er nicht
demoralisiert, eher den verschiedenen bürgerlichen Wohltätigkeits-
organisationen in die Arme treibt. Konkreter Erfahrung nach wirkt
auf den Jugendlichen der Hunger weit mehr im revolutionierenden
Sinne etwa in Verbindung mit der Angst vor der Fürsorgeerziehung,
die er als Klasseninstitution sehr leicht erkennt»
Die Neigung zu Bindung an Führer und Ideen ist bei Jugendlichen
in politischer Hinsicht unspezifisch, für jede Richtung brauchbar und
daher eher ein schädliches Element, wenn die revolutionäre Partei
sich dessen nicht richtig bemächtigt.
Sportneigung, Vorliebe für militärisches Auftreten, Uniformen, die
den Mädels (und umgekehrt) gefallen, für militärische Lieder sind
21
unter den heutigen Bedingungen dur proletarischen Bewegung meist
hemmende Elemente, weil die politische Reaktion mehr Möglichkeiten
der Organisierung dieser Bedürfnisse hat. Der Fussballsport im spe-
ziellen wirkt direkt entpolitisierend und mithin als Förderung reak-
tionärer Neigungen. Diese Neigungen sind aber prinzipiell umkehrbar,
auch von links her auswertbar, wenn man die ökonomistische Ansicht
von der Allgewalt des Hungers ausgeschaltet hat.
Dass diese Widersprüche nicht aufgelöst, die revolutionären
Neigungen nicht entwickelt, die Hemmungen von den revolutionären
Organisationen nicht beseitigt wurden, dass aber daraus nicht auf
Fehlen des klassenmässigen Fühlens, sondern nur auf die psycho-
logischen Mängel der revolutionären Arbeit zu schliessen ist, beweist
die ungeheure Fluktuation im Mitgliederbesland der revolutionären
Verbände. Nur eine verschwindende Minderheit hielt durch, und auch
die nicht länger als einige Jahre. Mir stehen keine Zahlen zur
Verfügung, die Erfahrung lehrte jedoch, dass Jugendliche, Erwachsene,
Männer und Frauen, Menschen jeder Schichte zu Millionen durch die
revolutionären Organisationen im Verlaufe des letzten Jahrzehnts
wanderten, ohne, an der revolutionären Sache zu haften, sich an sie
zu binden. Was trieb sie in die revolutionäre Organisation? Keine
Uniform, kein materieller Vorteil, nur dumpfe sozialistische Ueber-
zeugung, revolutionäres Fühlen. Warum blieben sie nicht? Weil die
Organisation es nicht entwickelte. Warum zogen sie weiter in die
Indifferenz oder zur politischen Reaktion? Weil sie auch gegenteilige,
bürgerliche Struktur in sich halten, die nicht zerstört wurde. Warum
wurde diese nicht zerstört, jenes nicht gefördert, entwickelt? Weil
man nicht wusste, was zu fördern, was zu zerstören ist. Mit einfacher
»Disziplin« w T ar dies nicht zu leisten. Mit Musik und Marschieren
auch nicht, das konnten die anderen noch viel besser. Mit Parolen
ebensowenig, wenn sie nicht konkretisiert waren, denn das politische
Geschrei der anderen war besser, kräftiger. Das einzige, was die
revolutionäre Organisation den Massen konkurrenzlos bieten konnte
und in Wirklichkeit nicht bot,, das einzige, was die zuströmenden
Massen hätte halten und andere hätte mitheranziehen können, wäre
die Kenntnis dessen gewesen, was der ungebildete, unterdrückte, nach
Freiheit und nach autoritärem Schutz gleichzeitig lechzende Kapi-
talskuli, ohne es selbst klar zu wissen, wünschte; es in Worte fassen,
in seiner Sprache für ihn aussprechen, für ihn denken. Doch derartigen
Aufgaben war eine Organisation, die jede Psychologie als konterrevolu-
tionär ablehnte, nicht gewachsen.
Wie sieht das Klassenbewusstsein
bei den Frauen
im groben aus?
22
Die Formeln »Einreibung in den Produktionsprozesse , »Unab-
hängigkeit vom Mann«, »Recht auf den eigenen Körper« (und mehr
geschah nicht als diese Formeln wiederholen) besagten nicht viel.
Wohl ist der Wunsch nach wirtschaftlicher Selbständigkeit, nach
Unabhängigkeit vom Mann, nach sexueller Unabhängigkeit vor allem
der wichtigste Bestandteil des Klassenbewusstseins der Frauen. Aber
die Angst, durch die sowjetistische Ellegesetzgebung den Mann und
Ernährer zu verlieren, kein rechtlich gesichertes Sexualobjekt zu
haben, die Angst vor dem freien Leben überhaupt, die alle Frauen
beherrscht, ihre starke Bindungsfälligkeit etc. sind zumindest eben-
so starke negative, hemmende Elemente. Insbesondere die Sorge, dass
durch die angesagte Kollektiverziehung der Kinder diese »genommen«
würden, bildete auch bei Kommunistinnen, zwar nicht in der Ver-
sammlung, wo sie selbst dafür eintraten, dafür umsomehr in häus-
lichen Konflikten mit dem Mann, in politischen Hemmungen, ganz
besonders aber bei kleinbürgerlichen Frauen ein mächtiges Hindernis
der politischen Klarheit. Man musste wissen, dass die Rebellion gegen
die Ehe als ökonomische Bindung und sexuelle Einschränkung ein
mächtiges Aktivuni der revolutionären Bewegung hätte werden können,
wenn man diese die Frauen zentral bewegenden Fragen breit, wahr-
heitsgemäss, sachlich auseinandergesetzt hätte. Statt dessen verwirrten
die selbst unklaren Propagandisten die Frage, indem sie einerseits
von der sowjetistischen Ehe sprachen, auf der anderen Seite jedoch
sich rühmten, dass die Ehen in der SU sich wieder festigten; darauf
konnten durchschnittlich denkende Frauen nur sagen: »Hier pro-
pagiert Ihr die Auflösung der Ehe und Familie, dort aber ist die Frau
weiter vom Mann abhängig,« oder auch umgekehrt: »Ihr wollt uns
alle den Männern ausliefern.« Derartige Widersprüche bedürfen der
sorgfältigsten wissenschaftlichen Untersuchung durch psychologische
Fachgruppen und genauester Handhabung durch die politischen
Organisationen. Es ging ja nicht nur um die durch Betriebsarbeit
gereiften, mehr eindeutig linksorientierten Industriearbeiterinnen, die
ebensowenig erfasst waren, sondern um die überwiegende Mehrzahl
der Hausfrauen, Heimarbeiterinnen, Ladenbesitzerinnen, Kaufhaus-
angestellten etc. Unserer Erfahrung nach ist etwa die uneheliche
Geschlechtsbeziehung oder die Neigung dazu ein Element, das gegen
reaktionäre Einflüsse mächtige Wirkung entfallen kann. Da es aber
immer mit Sehnsucht nach ehelicher Sicherheit gepaart ist, genügt
die einfache Formel von der Aufhebung des Unterschiedes zwischen
ehelich und unehelich durch das sowjetistische Gesetz nicht, um das
erste zu entfalten. Im Betrieb revolutionär, ist manche Frau zu Hause
reaktionär. In erster Linie sind es moralische und kulturelle Ansichten,
die den kritischen, auflehnenden wirtschaftlichen und sexuellen In-
teressen entgegenwirken. — Im Frauenrechtlertum der verschiedenen
bürgerlichen Organisationen liegen mächtige revolutionäre Impulse,
zu ökonomischer Selbständigkeit immer bewusst, zu sexueller meist
23
L ftflHfe
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unbewusst, jedenfalls zu Veränderung des Bestehenden, zu Neu-
ordnung, vor. Nur der Sozialismus kann diese Fragen praktisch
beantworten, aber die Sozialisten bemühen sich nicht, die ideologische
Verworrenheit dieser Frauen zu klären, ihnen klarzumachen, dass sie
gleichzeitig einander Widersprechendes wollen, dass sie sozialistische
Ziele ahnen, aber nicht genau formulieren können und deshalb in
sentimentale oder pankhurstartige Rebellion verfallen. Schon durch
die Aufrollung all der unzähligen kleinen und kleinsten Fragen des
persönlichen Lebens in Verbindung mit dem sozialen wäre doch
zumindest Bewegung in die Sache zu bringen, würden Diskussionen
entstehen, würde derjenige gewinnen, der etwas zu sagen hat, und
das wären nur die Sozialisten, wenn sie nicht formelhaften Partei-
debatten verfallen wären. Der Reaktionär würde glatt versagen, wenn
er sachlichen Auseinandersetzungen Rede und Antw r ort stehen müsste.
Unter den Frauen in Deutschland entwickelte sieh Ende 1933 eine
sehr merkwürdige und lehrreiche Bewegung, an der man praktisch
Dialektik studieren konnte, besser als aus Büchern. Sie protestieren
gegen die Bindung an den häuslichen Herd, was ein revolutionäres
Element ist, wollen aber an dessen Stelle »als deutsche Frauen
Kämpfer wie Brünhilde« sein, was in dieser Form reaktionär ist.
Man muss klar erkennen, dass die Mutterideologie, von den Nazis mit
allen Mitteln gefördert, einen antisexuellen Kern hat, der aufgedeckt
werden muss : Muttersein steht gegen Geliebtesein. Die Frauen wollen
beides, finden aber aus dem Gegezudenken nicht gestattet. Es gibt typische, Millionen
Arbeiterin gleicher Weise betreffende kaum bewusste Schwierigkeiten.
So wie für den durchschnittlichen Jungarbeiter neben dem Lohn die
Wohnungs-und Mädelfrage wohl die typischste, häufigste Schwierigkeit
darstellt, so für den erwachsenen Arbeiter seine familiäre Verantwort-
lichkeit, die wir nicht mit bürgerlicher Familienbindung ohne weiteres
gleichsetzen dürfen. Wenn man ihm sagt: »streike«, so versteht er
29
j-
T- — = ■
nicht, was man will, oder er kehrt einfach den Rücken. Wenn man
ihm aber (hier sehr schematisch, zugeschnitten) klarmachen würde,
dass er in Unklarheit ist, hin- und herschwankt zwischen einer
Empörung, die sich nicht hervortraut, teils weil er nicht weiss, ob
Hitler ein Unternehmerknecht oder ein ehrlicher nationaler Führer
ist, der alle betreuen will, wie ihn etwa der Kartoffelsack belehrt,
dass er imponiert ist von den Reden und Festlichkeiten, irgendwo
doch an den guten Willen glaubt und überdies sich lieber fügt, weil
er Familienvater ist, und ähnliches mehr, dann hat man ihn ver-
standen, was er sofort fühlt; dann hat man sich als echter Revolutionär
erwiesen, denn dann hat man einen Arbeiter gewonnen, wenn auch
noch nicht sofort für den Streik, aber sicher für später, wenn derartige
Inseln des massenpsychologischen Verständnisses sich zusammen-
schliessen, in Ortsgcbictcn, Städten, Provinzen, wenn das Empfinden
wie eine Lawine um sich zu greifen beginnt, dass es Leute gibt, die
genau wissen, was einen erfüllt, empört, zurückhält, vorwärtstreibt
und bindet gleichzeitig. Derartige illegale Flugblätter müsste man
nicht erst mühevoll an den Mann bringen, sie würden aus den Händen
gerissen werden, und die Hersteller würden nicht mit dem Gefühle
der Aussichtslosigkeit arbeilen, wie sie tun, wenn sie noch und noch
über Marterungen und Betrügereien berichten, sondern mit dem
Empfinden des unmittelbaren Kontaktes mit dem wirklichen indiffe-
renten Arbeiter, auf den es ja ankommt. Es würde fraglos die
Illusionspropaganda durch die Wirklichkeit, das politische nutzlose
Geschrei durch sachliche Bewältigung der Situation ersetzen.
Kleine Begebenheiten enthüllen oft mehr als grosse Ereignisse.
Eine derartige unscheinbare Begebenheit soll zeigen, was ich meine,
wenn ich von klassenmässigem Denken und seiner Hemmung spreche,
wobei es den Tatsachen entspricht, dass die bürgerliche Sexualideologie
meist das hemmende Element darstellt. In einem oesterreichischen
Lokalzug sprechen einige Arbeiter und Bauern über Politik, Persön-
liches, Frauengeschichten durcheinander. Da meint ein junger Ar-
beiter, offenbar verheiratet, es sei doch so schlimm mit den Gesetzen.
Die wären alle für die Reichen gemacht, die Armen hätten nichts davon.
Ich horchte auf, um zu hören, was dieser klassenbewusste Arbeiter zu
sagen hätte. Er fuhrt fort: »So ein Gesetz ist zum Beispiet das
Ehegesetz. Der Mann darf die Frau prügeln, heisst es da. Aber das
darf nur der Reiche; wenn ein Armer seine Frau prügelt, wird er
immer bestraft.« Das mag sachlich stimmen oder nicht. Für das»
was so ein durchschnittlicher Arbeiter denkt, ist es höchst bezeichnend.
Er stellt sich als Armer dem Reichen gegenüber und fühlt die Ungleich-
heit; hierin hat er Ansätze zu klassenmässiger Einstellung; aber er
würde seine Frau doch so gerne entsprechend den Gesetzesmoglich-
keiten prügeln; hier fühlt er sich benachteiligt, und zwar klassen-
mässig. Bürgerliche Sexualmoral steht gegen Klassenbewusstsein in
ein und demselben Arbeiter. Das sexuelle Besitzrecht, das der Klassen-
30
staat dem Manne einräumt, die Gewall über die Frau und die Kinder,
gehören zu den schwersten Hemmungen der Entwicklung des Klassen-
bewusslseins bei allen Familienangehörigen. Sie wirken sich aus,
indem sie alle Beteiligten zermürben, den Mann an die bürgerliche
Ordnung binden und die Sowjelordnung geheim oder offen fürchten
lassen, buchstäblich an der politischen Arbeit behindern etc. Dies
ist keine ethische, sondern eine politische Frage und kann nur als
solche, behandelt werden, und zwar in der ersten Linie der revolutio-
nären Propaganda und nicht im Hinterstübchen der Politik wie bisher;
hier liegt vielleicht das wichtigste, politisch wirksamste Gebiet des
Privatlebens beim Manne. Es hat die gleiche reaktionäre Bedeutung
innerhalb des Proletariats wie etwa die Kleinsiedelei und Schrebergär-
tenbewegung als familienpolitische Aktion des Kleinbürgertums. Als
negative, hemmende Elemente des Klassenbewusstseins ragen ferner
hervor die Männerbünde und das Wirtshausleben, beim Kleinbürgertum
speziell das kleine Besitztum. Die wenigsten kleinen Besitzer waren
sich im klaren darüber, dass die Revolution das kleine Besitztum
zunächst nicht antastet. Karrierismus, Identifizierung mit dem Unter-
nehmen, etwa Stolz auf die Entwicklung eines kapitalistischen
Betriebs beim Arbeiter, Streben nach kontinuierlicher wirtschaftlicher
Sicherheit wie im Beamtentum und als künftiger Pensionär wirken
immer gegen die Entwicklung des Klassenbewusstseins, wenn die
revolutionäre Partei nicht genauestens über alle diese Fragen positiv
Auskunft gibt, wenn sie nicht allen Schichten konkret die Frage
beantwortet: Was wird aus meinem Häuschen, Schrebergarten, aus
meinen Wirtshausbesuchen, meinem Kegelklub, meiner Herrschaft
über Frau und Kinder, aus meiner Pensionsberechtigung, aus dem
Unternehmen, auf das ich so stolz bin, nach der Revolution? Man
sieht in dieser konkreten Aufzählung, wie falsch es ist, Rolle und
Platz etwa der Sexualpolitik im Voraus abgrenzen und bestimmen zu
wollen. Sic ist weder die alleinige Politik gegen die politische Reaktion,
wie zu meinen man den Scxualpolitikern unterschiebt, noch eine Frage
der Sexualreformbewegung allein, sie ist vielmehr in konkreten Fragen
des Lebens verteilt, hier als ein Element des Klassenbewusstseins.
wie beim Jugendlichen, dort als Hemmung seiner Entwicklung wie
bei der verheirateten Frau etc. Sie gehört in die revolutionäre Arbeit
hinein, unerlässlich, in engster Verbindung mit nichtsexuellen, rein
wirtschaftlichen oder künstlerischen Fragen, und von diesen eben-
sowenig zu trennen, wie das Leben sie trennt.
Wie repräsentieren sich die Elemente des revolutionären Bewusst-
seins und seine Hemmungen-
beim Kinde?
Die Kinderbewegung war im revolutionären Lager immer einer der
schwächsten Punkte. Wir glauben durchaus nicht, wie man uns
31
unterschiebt, alles zu wissen und alle Fragen mit einem Male lösen
zu können. Wir haben nur einige Tatbestände gesehen und aufgedeckt,
die man weiterentwickeln muss, und wir fordern von den Mitkämpfern
nur, dass sie nicht ledern kritisieren und statt von Leninismus zu
reden ihn korrekt anwenden, indem sie immer »lernen, lernen und
noch einmal lernen«, alles neu anzuschauen, alles ausnahmslos neu
begreifen. Ich führte bereits aus, dass die proletarische Kinderpolitik
zu trocken, rationalistisch, nicht kindgemäss war, dass sie vor allem,
abgesehen von sehr vielen einzelnen sehr geschickten Kindergruppen-
. leitern, nicht wusste, wie ein Kind wirklich fühlt und denkt. Wir
können auch an dieser Stelle nur etwas mehr andeuten, als detailliert
ausführen und erwarten die sachliche Uebcrprüfung durch die be-
treffenden Stellen.
Hunger, effektives Unterernährtsein, ist bei Kindern zwar ein
Erleben, das ihnen unauslöschlich die Kluft zum »reichen Kind«
einprägt, aber es revolutioniert an sich nicht. Es weckt weil weniger
Hass gegen den Besitzenden als Neid, Geducktheit und Neigungen,
zu stehlen, wie etwa in den verwahrlosten Kindercliquen. Wollte man
die Kinderarbeit auf effektiven Hunger basieren, man hätte eine zu
schmale Grundlage, denn wir müssen das vielfache der Kinder
erfassen, die effektiv hungern; überdies ist die Armut nie absolut,
sondern immer relativ zu dem, der mehr hat. Hier kommt es also
auf die Handhabung des Neides und der Bescheidenheit an, die sich
aus ständiger Entbehrung entwickeln und das revolutionäre Fühlen
hemmen. Die stärksten Antriebsfedern zu revolutionärer Gesinnung
bei Kindern ist den Beobachtungen nach die Identifizierung mit
älteren klassenbewussten Geschwistern oder Eltern. Das ist aber
selten der Fall. Zwar kann ein revolutionäres, gottlos erzogenes Kind
eine ganze Schule auf den Kopf stellen und aufwühlen, aber es bliebe
Zufall, wenn es nicht organisiert wäre. Die in Deutschland durch
Kinder verbreiteten Kinderschriften hatten wenig Effekt, weil sie
mehr Gewicht auf Einlernung trockener Parolen als auf die Weckung
des kindlichen Interesses an realen Fragen und Dingen der prole-
tarischen Bewegung legten. Ich muss daran festhalten, trotz allerhand
unbegründeter, auf keinerlei Erfahrung beruhender Einwände von
Kindergruppenleitern und Rcichsleitern von Kindcrorganisalionen,
dass die Kinder auf politische Fragen am leichtesten und lebhaftesten
durch Stellung sexueller Fragen und durch Herstellung einer be-
stimmten kameradschaftlichen Bindung reagieren. Die Sexualunter-
drückung des kindlichen Lebens ist für das Kind so unmittelbar
fühlbar, die Fragen der Klasse seinem Denken jedoch zunächst derart
schwer fassbar, dass es hier keine Frage der Wahl gibt. Und frühes,
der Wahrheit entsprechendes sexuelles Wissen bindet nicht nur sehr
lebhaft an den, der sie vermittelt, zerstört nicht nur jedes sonst
vorhandene Misstrauen des Kindes gegen den Erwachsenen, sondern
bedeutet an sich die beste Grundlegung für areligiöses Denken und
32
mithin für klassenmässiges Fühlen. Die Schwierigkeit liegt auch
hier nicht so sehr an den Kindern als an den Erwachsenen, die diese
Aufgabe durchführen sollen. Von hier aus lassen sich dem Kinde
leicht Kenntnisse und Gefühlsregungen gegen Kirche und Kapital
vermitteln, die man sonst nicht oder nur schwer heranhringen kann.
Um aber diese positive Seile der Aufgabe ZU leisten, ist genaue
Kenntnis der schweren Hemmungen, denen das Kind unterliegt und
die später zu reaktionären Bindungen werden, unerlässlich. Man tritt
in eine Bauernstube im "Gebirge, die Eltern sind sozialistisch eingestellt,
aber das Kind hört, wenn es einem Fremden begegnet, immerzu: »Sag'
schön küss die Hand,« oder: »Na, wie sagt man denn?« und das Kind
krümmt sich vor Angst in sich zusammen, es wird »brav«. Der
ideologische Kampf gegen das sogenannte Bravsein gehört zu den
wichtigsten Aufgaben der proletarischen Front, deren Leistung nur
sehr erschwert ist durch die bürgerliche Verbildung auch der prole-
tarischen Erzieher. Die üblichen Erzählungen, Gespenstergeschichten,
Einschüchterungen (»ich hol sofort den Polizeimann«) gehören zu
den mächtigsten reaktionären Hilfsmitteln der politischen Reaktion.
Jeder proletarische Vater, es gibt nur wenige Ausnahmen, revanchiert
sich für seinen Kulidienst im Betrieb an seinem Kind zu Hause. Hier
wenigstens will er Herr sein, befehlen können und einen Gehorchenden
besitzen. Wenn es nicht der Hund ist, so ist es das Kind. Dass das
Schlagen der Kinder hierhergehört, ist klar. Es nützt aber nichts, dies
nur zu wissen und es selbst nicht zu tun; was nottut, ist die Organisa-
tion breitester, internationaler Propaganda dagegen; das ist schon im
Kapitalismus möglich und durchführbar. Jede Mutter, die auf der
Strasse ihr Kind schlägt, müsste öffentlich zur Rede gestellt werden;
bei organisierter Durchführung einer solchen Massnahme würde die
Oeffentlichkeit sehr bald in den Kampf um das Kind als ein Glied
der Gesellschaft, gegen seine Behandlung als eines Untertans der
Familie, einbezogen werden. Es gäbe dann solche, die dafür eintreten,
dass man die Kinder »besitzt« und schlagen darf, ebenso wie andere,
die dagegen wären; und das wären überwiegend Menschen, die nie
etwas von Kommunismus gehört haben; sie wären unmittelbar in den
Klassenkampf, d. h. einen Teil davon einbezogen, aktiviert, tausend-
fach besser, nützlicher, aussichtsvoller als durch »Forderungen«, die
durch die Türritze gesteckt werden und dann ungelesen in den Papier-
korb wandern. Wir können gewiss nicht alle Details hier erörtern
und genaue Anweisungen geben. Die Sozialisten der kapitalistischen
Länder dürfen nicht auf Anweisungen warten; sie müssen aus
ihrem innersten Gefühl für das, was richtig ist, uns nützt, und gegen
das, was unrichtig ist, uns schadet, auftreten. Man soll weniger von
der Notwendigkeit der Initiative der unteren Organisationen sprechen
und lieber diejenigen Stellen unseres gesellschaftlichen Lebens zeigen,
an denen sich Initiative entwickeln kann. Dazu bedarf es konse-
quentester Umstellung unserer gesamten Propagandamethoden vom
33
Papierenen zum Lebendigen, von der Angst, Fehler zu machen, die
zur Stumpfheit führt, zum Mut, auch Fehler zu begehen und dann
zu korrigieren. Um zum Kind zurückzukehren: Die sexualökonomische
Forschung weist nach, dass die frühe und strenge Erziehung zur
Reinlichkeit die allerschwersten charakterlichen Hemmungen der
Aktivität vermittelt. An der kulturpolitischen Front im Kapitalismus
arbeiten, Kinderpolitik betreiben, heisst konkret nichts anderes, als
zum Beispiel die Frage der Schädlichkeit der frühen Rcinlichkeits-
erziehung breit aufrollen, sachlich behandeln. Man kommt dann rascher
als so manchem lieb sein dürfte, in die Politik, denn der Reaktionär, der
für die Zucht und Disziplin eintritt, wird als Gegner nicht lange auf
sich warten lassen. Aber gerade dies wollen wir ja; wir wollen doch
Diskussionen herbeiführen, an denen die Bevölkerung selbst interes-
siert Anteil nimmt, weil es um schwierige Alltagsfragen geht. Es wird
die Aufgabe der sozialistischen Fachanalytiker sein, den Organisa-
tionen hier behilflich zu sein, die Diskussionen zu leiten etc.
Ein anderes konkretes Beispiel : Das Verbot der Onanie der Klein-
kinder und ihre Bedrohung durch Eltern, Lehrer und Pfarrer ist seit
langem lebhaftes Diskussionsobjekt der Oeffentlichkeit. Die Kom-
munisten konnten damit nichts anfangen, teils weil sie selbst hierin
bürgerlich befangen waren, teils weil sie den sog. »Freudismus«
ablehnen, was es gar nicht ist, denn Freud selbst hat keine Stellung
zu dieser Frage. Hier aber, gerade hier und nirgends so sehr wie hier
liegt das Kernproblem der Erziehung zu Gehorsam oder frischer
Regsamkeit des Kindes. Das sind Klassenfragen, nicht »individuelle«
Angelegenheiten. Das weiss die Kirche ganz genau, denn sie handhabt
die sog. verpönten Fragen; für sie ist die Onanie der Kinder Politik!
Wir glauben ja keinen Augenblick, dass wir diese Frage jetzt lösen
werden, aber aufrollen können wir sie, Diskussionen entfachen, Be-
wegung in unsere Arbeit bringen. Wer da sagen sollte, dass man
nicht gefährliche Dinge berühren dürfe, um nicht abzuslossen, dem
würden wir antworten, er möchte die Sache denjenigen überlassen,
die die nötige Geschultheit haben, um die Sache zu meistern. Sie
sollen nur nicht stören und in den Chorus der Kirche einstimmen.
Niemand besser als diejenigen, die die Konflikte des Kindes kennen,
vermögen zu beurteilen, wie heikel, erregend, aber auch brennend
diese Fragen sind. Sie beschäftigen ausnahmlos jede Mutler aller
Lager und jedes Kind. Das gleiche gilt für alle Fragen der Kinder-
politik, die nichts anderes ist und für uns sein kann als praktisch
angewandte Paedagogik, vorläufig nur in der politischen Diskussion
und im ideologischen Kampf. Ich betone, dass mir restlos klar ist,
welche Widerslände die Aufrollung dieser Fragen wecken wird; aber
ebenso gewiss ist, dass wir damit Kernfragen unseres Seins aufrollen
und deshalb nicht an politischer Arterienverkalkung eingehen werden.
Hier wurden nur einige, typische Beispiele genannt. Sollte jetzt ein
»Berufener« entgegnen, dass die Fragen der kindlichen Erziehung
34
noch in der Wissenschaft kontrovers sind, so würden wir antworten;
gewiss sind sie kontrovers, aber die Ordnung, die Lösung der Frage
kann nicht in Gelehrtenstuben, sondern nur im lebendigen Kampfe
um die Sache erzielt werden. Wir mögen in Details irren: Dass die
Onaniebekämpfung der Kleinkinder für die Reaktion eine abgemachte
Sache ist, steht fest. Dass wir die kindliche Sexualität nicht bekämpfen
dürfen, ebenso. Alles Uebrige wird sich zeigen.
Ich weiss nicht, ob das folgende Beispiel unmittelbar praktische
Konsequenzen ergeben kann, dass es aber eindringlich mahnt, auf
kleines und kleinstes zu achten, das grosse im kleinen aufzusuchen
und dort zu bewältigen, es zu lernen, typische, allgemeine, von un-
typischen, individuellen Tatsachen zu unterscheiden, ist gewiss.
Hitler gewinnt auch die Kinder heule im wesentlichen durch Kriegs-
spiele und Kriegserzählungen. Es steht also sicher die Aufgabe vor
uns, zu begreifen, aus welchen Gründen er damit Erfolg hat, was im
Kinde dabei vorgeht. Es geht nicht um tiefgründige Forschungen
allein, sondern vor allem auch um Verstehen kindlicher Reaktionen.
In einem Hofe spielen einige etwa 6 — 10jährige Jungs Soldaten, Krieg
und ähnliches. Ein Junge rennt mit einem Säbel an der Seite und
einem Holzgewehr in der Hand herum und schiesst auf seine Kame-
raden. Ich frage den Jungen, ob er denn seinen Kameraden totmachen
wolle. Er stockt sofort, sieht mich verblüfft an und fragt: »Tot
machen?« Ich sage: »Natürlich, wenn Du schiesst, so tötest Du ihn
doch!« »Ja aber ich will doch gar nicht töten,« ist die Antwort.
»Warum rennst Du denn mit Gewehr und Säbel herum?« »Der Säbel
ist so schön und lang,« antwortet er. Ich wollte nicht mehr auf die
komplizierte Frage des Pazifismus und des Unterschiedes zwischen
Krieg und Bürgerkrieg eingehen, weiss aber aus anderen Erfahrungen,
dass die Kinder trotz unbewusster Tötungsabsichten, die Freude am
Kriegsspiel nicht aus der Tötungslust, sondern aus der motorischen
Lust am Spiel, aus der Vcrgrösscrung ihres Ichgefühls durch die
Waffe in der Hand und aus der Rhythmik des Soldatischen beziehen.
Sollten sich derartige Einsichten nicht für die proletarische Kinder-
politik nutzbar machen lassen? Sollten das nur Utopien sein? Ich
weiss es nicht; jedenfalls sind dies die Talsachen des kindlichen Lebens,
und wenn wir die Kinder nicht erfassten, so gewiss deshalb, weil wir
uns nicht die Mühe nahmen, sie in ihrer Mannigfaltigkeit zu sehen
und davon zu meistern und zu nützen, was nutzbar werden kann. Das
sind schwere, sehr schwere Fragen, die unmittelbar Antwort heischen.
Wenn wir sie nicht aufrollen werden, werden wir sie auch nie prak-
tisch beantworten.
3. Bürgerliche und revolutionäre Politik
Die Sex-Pol-Bewegung hat gegen vielerlei Fronten zu kämpfen;
eine davon ist das Gestrüpp der festgefahrenen Begriffe, in denen
35
man keinen Inhalt mehr linden kann, wenn man zufällig auf die Idee
kommt, sich sehr banale Fragen vorzulegen. Eine derartige Frage
lautet: »Was ist Politik?« Den Anlass, sie zu stellen, bildet ein Ein-
wand, den man immer wieder zu hören bekommt, wenn man die Grund-
sätze der sich aus der Sexualökonomie ableitenden Massenpsychologie
vorbringt: »Das alles mag ja sehr richtig und auch nützlich sein,
aber vor allem komme es doch auf die ,Politik' und die .ökonomischen
Faktoren' an.« Man kann dann beobachten, wie die stillen Zuhörer
der Versammlung oder des Vortrags, die den massenpsychologischen
Ausführungen mit grossem Interesse und zustimmend folgten, Be-
denken bekommen, unsicher in ihrem Urleil werden, das sie bisher ,
gebildet hatten, und einer merkwürdig scheuen Verehrung vor dem
Worte »Politik« verfallen. Es mag dann oft geschehen, dass sogar
der Vortreter des massenpsychologischen Standpunktes, so einfach und
einleuchtend dieser auch ist, beim Worte »Politik« einen Schritt
zurückweicht und zur Auskunft greift, die Beziehungen der Politik
zur massenpsychologischen Praxis müssten »erst untersucht werden«.
Die Vertreter der hohen Politik und der »ökonomischen Faktoren«,
die sie immer vernachlässigt sehen, obgleich in den Journalen und
Zeitungen kaum anderes als »ökonomische Faktoren«, niemals aber
massenpsychologische behandelt werden, pflegen gewöhnlich eine
konkrete Antwort darüber schuldig zu bleiben, was denn das eigentlich
sei: »Politik«; ein Wort, das auf den gewöhnlichen Sterblichen wie
ein Fetisch wirkt. Man muss sich daran gewöhnen, jede fetischartig
wirkende Angelegenheit in das grellste Licht naiver Fragen zu stellen,
die bekanntlich die peinlichsten, aussichtsreichsten und meist tiefst-
reichenden sind.
Fetisch „Politik"
Der politische Laie versteht unter »Politik« zunächst diplomatische
Unterredungen von Gross- oder Kleinmächtevertrctern, bei denen über
die Schicksale der Menschheit entschieden wird; davon, sagt er mit
Becht, versiehe er nichts. Oder er sieht in der Politik parlamentari-
sches Paktieren mit Freunden und Feinden, aber auch gegenseitiges
Beschwindeln, Bespitzeln, Uebervorteilen, Entscheidungen nach »ge-
schäftsordnungsmässigen« Formeln treffen; er versteht auch davon
nichts, sehr oft stösst es ihn ab, und er bezieht daher den erlösenden
Standpunkt, »mit Politik nichts zu tun haben zu wollen«. Er sieht
dabei den Widerspruch nicht, dass bei diesem von ihm mit Becht
verachteten Handel über ihn entschieden wird, und dass er trotzdem
diese folgenschweren Entscheidungen gutwillig Menschen überlässt,
die er für Schwindler hält.
Politik kann schliesslich bedeuten, dass man Massen der Be-
völkerung gewinnen will. Jedem marxistisch Geschulten ist sofort
klar, dass bürgerliche Politik immer demagogisch sein muss, denn
36
sie kann den Massen nur Versprechungen machen, aber nichts erfüllen.
Im Gegensätze dazu ist die revolutionäre Politik, da sie den Massen
alles, was sie verspricht, auch erfüllen kann, im Prinzip undema-
gogisch. Wo sie demagogisch ist oder wirkt, kann man mit Sicherheit
auf Preisgabe der revolutionären Grundsätze schliessen.
Wir wollen nun eine Probe jener typischen politischen Erörterungen
abdrucken, die erfahrungsgemäss von der Masse der Bevölkerung
als »hohe Politik« empfunden, nicht verstanden, mit grosser Scheu
und Verehrung angesehen und passiv oder garnicht erlebt werden.
» wenn man — wie England — die Legalisierung der Aufrüstung dem
Wettrüsten vorzieht, so muss man zugeben, dass im Zuge einer solchen Legali-
sierung auch Sicherheiten gegen neue Vertragsbrüche geschaffen werden müssen.
Und über diese Sicherheiten, die Garantien für die Durchführung einer Abrüstungs-
konvention, müsste auf der sogenannten Abrüstungskonferenz in Genf verhandelt
werden. Deutschland nimmt aber die französische Bedingung nicht an. Es schweigt
sich in seinen amtlichen Mitteilungen darüber aus und hat sich in den berliner
Gesprächen mit dem britischen Gcheimsiegelbewahrcr Eden geweigert, nach Genf
zu kommen. Damil sind, wie gesagt, die britisch französischen Verhandlungen
gegenstandslos geworden. Der diplomatische Meinungsaustausch ausserhalb der
genfer Abrüstungskonferenz ist beendet, ohne zu einem Ergebnis geführt zu haben.
Es ist nunmehr an der Abrüstungskonferenz, ohne Deutschland die erforderlichen
Frkidcnsbürgschaflcn zu schaffen. Frankreich zählt dabei auf die Mitwirkung
Grossbritanniens.
Das ist Inhalt und Sinn der langen französischen Note vom siebzehnten April,
der Antwort auf die britische Note vom achtundzwanzigsten März und auf das
Aide-Mcmoirc Sir John Simons vom zehnten April.«
Ich brachte diese Probe ohne Quellenangabe, absichtlich, um
niemand zu kränken. Wer sich darin erkennen sollte, den meinen
wir. Anders kann man ja der leichten Gekränktheit der Politiker
nicht begegnen.
Wer ist »Deutschland«, wer »Frankreich«? Was ist »diplomatischer
Meinungsaustausch«? Ist das wirklich Inhalt und Sinn der französi-
schen Note? Welche Beziehung hat diese »politische Note« zu den
Bedürfnissen der Masse, zu ihrem Denken, Fühlen, Leben, Vegetieren?
Gar keine! Man vergleiche damit Lenins Politik beim Brester Frieden.
Die Parole »Schluss mit dem Krieg!« verstand der kleinste hungernde
Bauernjunge, während die Vertreter der hohen Politik dagegen waren.
Die breite Masse, der die revolutionäre Politik Willen und Zukunfts-
gestaltung sichern soll, deren Ausdruck sie also sein müsste, denkt
und spricht anders. Wer heute noch von Barthou-Reisen spricht, ohne
einfach, deutlieh, jedem verständlich zu erklären, worin das reaktio-
näre, der Schwindel dieser Reisen liegt, macht ungewollt mit.
Kontrollieren wir die Wirkung der hohen Politik auf die breite
Masse, so sehen wir, dass sie im besten Falle von Einzelnen als
eine Art Bierhauspolilik nachgeäfft wird. Die breite Masse reagiert
darauf durchaus passiv, duldend, uninteressiert und spielt dauernd die
Rolle von Statisten der »grossen Politik«. Man muss sich restlos
klarmachen, dass das Affentheater der sogenannten »hohen Politik«
ein plötzliches und für die Diplomaten sehr unangenehmes Ende
nähme, wenn die Masse die Statistenrolle mit einer aktiven Stellung
37
ablösen würde, kurz, wenn sie nicht mehr unpolitisch wäre. Wer sich
die für die revolutionäre Politik grundlegende Frage »Was geht in
den Massen vor?« nicht unausgesetzt vorlegt und beantwortet, muss
notwendigerweise, ob er will oder nicht, dem Gestrüpp der bürgerlichen
Politik verfallen und entweder unpolitisch werden oder sie mitmachen.
Das Unpolitischsein der breiten Masse ist die eine Stärke der politi-
schen Reaktion. Die andere ist der Nimbus, mit dem sie ihre Politik
umhüllt, so dass sogar Sozialisten seiner teilhaftig werden wollen.
Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben des revolutionären Poli-
tikers, genau zu fühlen, zu erfahren, zu wissen, wie die Masse die
Kulissenpolitik erlebt. Als Hiller im Sommer 1932 an Hindenburg
die erste Forderung der Reichskanzlerschaft stellte und von diesem
zurückgewiesen wurde, nachdem sich in den Kulissen ein den Massen
nie einsichtiger Intriguenkampf abgespielt hatte, wandte er sich an
seine Anhänger mit einem glühenden Bekenntnis zum »Willen des
Volkes«. Anlass dazu bot der Fall von Potempa:
S. A.-Leute ermordeten auf bestialische Weise einen polnischen
Arbeiter und wurden zum Tode verurteilt. Hiller trat laut für sie ein.
Den Hintergrund dieser Geste Hitlers bildete in Wirklichkeit die,
Abfuhr, die er kurz vorher von Hindenburg erfahren hatte, als er von
diesem die Reichskanzlerschaft forderte. Hitler spielte seine Massen-
basis aus, als seine feudalen Verbindungen versagten.
Die Masse durchschaute in keiner Weise das Spiel, das mit ihr
getrieben wurde. Sie fühlte sich von Hitler vielmehr in nationalisti-
scher Identifizierung »verslanden«. Hitlers Bekenntnis zu Menschen,
die aus »nationalem Ehrgefühl« einen »Marxistenhund« abgeschlachtet
hatten, seine Stellung gegen die verhasste Regierung, die die Mörder
zum Tode verurteilt hatte, überwogen bei weitem die Wirkung der
falschen kommunistischen Gegenpropaganda, die sich damit begnügte,
die Mörder eben »Mörder« zu nennen und dies für die berühmte
»Entlarvungspolitik« zu halten. Hätten die Kommunisten in breiter
Agitation die Zusammenhänge zwischen der Absage Hindenburgs an
Hitler mit Hitlers Appell an das Massengefühl enthüllt, die Wirkung
wäre nicht ausgeblieben. Die KPD sprach aber nur viel über die
»Gleichheit« aller reaktionären Richtungen, vermochte die realen
Widersprüche innerhalb der Bourgoisie nicht zu fassen und hatte
es überdies nicht gelernt, die Reaktionen der eigenen sowie der
gegnerischen Massen genauestens zu verfolgen. Indem sie nichts tat,
als die Mörder Mörder nennen, stellte sie sich automatisch in den Augen
der gesicherten Nazimassen und der vorerst nur schwach Sympathi-
sierenden auf die Seite der von diesen Massen gehassten Regierung.
Warum sprach Litwinow nicht zur Masse?
Revolutionäre Politik wird in Inhalt und Sprache entweder Aus-
druck des primitiven, ungebildeten, lebensverbundenen Wesens der
38
breiten Masse sein, oder sie wird sieh nur revolutionär nennen und
im Effekt ergebnislos und reaktionär sein. Auch dort, wo sie grund-
sätzlich richtige Dinge vorbringt, wird sie von der Masse unverstanden
bleiben und derart im objektiv antirevolutionärem Sinne wirken.
Die Welt steht am Eingang eines neuen mörderischen Krieges.
Barthou und Litwinow traten beide in Genf vom Standpunkt der
Staaten, die sie repräsentieren, als Vertreter des Friedens gegen
Deutschland auf. Eine korrekte Kritik des Auftretens Litwinows vom
internationalen revolutionären Standpunkt fand sich bisher nur in
Trotzkis Organ »Unser Wort« (2. Juniwoche 1934) ; allen anderen
Organisationen des Proletariats scheint das Verständnis, ja das Emp-
finden für das, was jetzt in Genf geschah, völlig abhanden gekommen
zu sein. Doch auch diese Kritik ermangelt der grundsätzlichen massen-
psychologischen Fragestellung: »Wie erlebt der durchschnittliche un-
politische Arbeiter, Angestellte, Bauer Deutschlands, Frankreichs,
Englands, ja selbst der Sowjetunion das Auftreten der beiden Staats-
männer? Fühlt er, dass hinter Litwinow ein proletarischer Staat steht?
Merkt er einen Unterschied zwischen dem Friedenswillen Barthous
und dem Litwinows? Versteht er die feine Unterscheidung der Sowjet-
regierung, die vom »Imperialismus als Ganzes« und von »speziellen
Kriegsparteien« spricht? Weiss der russische Arbeiter, dass er auf
Grund der gegenwärtigen Bündniskonstellation mit dem französischen
Arbeiter gegen den deutschen und englischen ins Feld ziehen und auf
ihn schiessen wird?
Wie soll ein einfacher Sterblicher in folgende Kommcnticrung durch
Bela Kun eindringen?
»Oft bekämpfen wir den Krieg ganz allgemein. Nicht selten fühlen
sich verschiedene kommunistische Redakteure in Verlegenheit. 'Wie
ist das', fragen sie, 'der Imperialismus bereitet den Krieg vor, und
Herriot fährt nach der Sowjetunion und wird hier gut empfangen.
Wie ist das zu erklären?' Ich habe sehr schlechte Artikel über die
Reise Herriots gelesen. Und in keinem Artikel hat man das gelesen,
was jetzt nach der Rede des Genossen Stalin auf dem 17. Parteitag
vollkommen klar ist, dass es unter dem Imperialismus stets Kriegs-
parteien gibt. Der Imperialismus als Ganzes, als Epoche, ist für den
Krieg, aber es sind verschiedene Kriegsparteien vorhanden, die den
Krieg am meisten forcieren. Die aktuelle Aufgabe ist, dass man das
Feuer gegen jene Gruppe der Bourgeoisie konzentriert, die eben die
Kriegspartei ist und den Krieg am meisten forciert.
Natürlich muss man dabei immer betonen, dass die Gruppen der
Bourgeoisie, die sich heute einen pazifistischen Mantel umhängen,
oder die heute den Zeitpunkt des Krieges noch für verfrüht halten,
im geeigneten Zeitpunkt ebenso für den Krieg sein werden, für den
Krieg gegen die Sowjetunion, wie die führende Kriegspartei. Das
müssen wir immer betonen, das Feuer jedoch müssen wir in erster
Reihe gegen die Kricgsparlcien konzentrieren: in Japan gegen die
39
militaristisch-faschistische Clique der Generäle, Feudalen und Trust-
magnaten, in Deutschland gegen die Hitlerfaschisten, in Grossbritan-
nien gegen die Diehards usw.«
(Bela Kun, Die Aufgaben der kommunistischen Presse Rund-
schau 33/1934 S. 1259).
Und wo bleibt die französische Rüstungsindustrie?
Warum, wird der von hoher Bündnispolitik nichts Verstehende
tragen, wandte sich Litwinow in Genf nicht an die breiten Massen
aller Länder, die den Krieg um keinen Preis wollen? Warum schliesst
er Bündnisse nur mit imperialistischen Regierungen, die i\cn Krieg
wollen, und nicht mit ihnen? Warum unterstützt er die Illusion, die
gerade die imperialistischen Mächte nähren, als ob der längst ge-
storbene Völkerbund den Krieg tatsächlich verhindern könnte? Warum
sagte er nicht klar und offen, jedem verständlich, dass niemals der
Völkerbund, niemals irgend eine bürgerliche Regierung der Welt,
sondern einzig und allein die solidarische Aktion der Munitions- und
Transportarbeiter aller kapitalistischen Länder den Krieg wirklich
verhindern könnte? Dass die Ausscnpoliük der S. V. vom unpolitischen
Werktätigen irgendeines Landes besser verstanden wird als die
Frankreichs, kann man nicht behaupten. Und gerade dies wäre das
wichtigste Kennzeichen einer proletarischen Politik!
Wir sparen uns die Beantwortung der Frage, weshalb der Vertreter
eines proletarischen Staates die revolutionäre Diplomatensprache voll-
ständig verlernt hat, auf, bis wir hören werden, was die »einzigen
Führer der Revolution« dazu zu sagen haben. Klar ist jedoch: Auch
nur ein Wort eines Litwinow am Rednerpult des Völkerbundes, gegen
Brauch, Anstand und Völkerbundssitte, unter völlig undiplomatischem
Bruch aller eventuellen Abmachungen an die Munitions-, Transport-
arbeiter und Soldatenmütter aller Länder hätte zur Verhinderung des
Krieges mehr geleistet als zwanzig papierene Bündnispakte. Glaubt
Litwinow wirklich, den Krieg durch seine Politik zu verhindern? Ist
nicht ein Appell wie der Karl Liebknechts 1914 in Form der Ver-
weigerung der Kriegskredite ein tausendfach stärkerer Wall gegen
Kriegschauvinismus gewesen als die hochpolitischen Begründungen
der Sozialdemokratie? Doch unsere proletarisch revolutionären Führer
haben derartigen Respekt vor einem diplomatischen Vertreter, schon
gar einem sowjetistischen, dass sie die Sprache der Geführten nicht
mehr verstehen und uns für verrückt erklären werden. Dennoch, und
immer wieder: Die Zustimmung von fünf oder zehn Millionen
künftigen Kriegsopfern ist mehr wert als 500.000 sogar sowjetistische
Bajonette! Die kommende Katastrophe wird diesen Salz, heute für
verrückt erklärt, blutig einbläuen!
Es gibt für die Sowjetunion als proletarisch-revolutionären Staat
nur eine Rettung: die eigene Armee im Bündnis mit den Arbeitern
der Kriegs- und Transportindustrie sowie den einfachen Soldaten aller
Länder gegen die kapitalistischen Regierungen und Generalstäbe aller
40
L
Länder. Wenn sie heute Bündnisse mit den Generalstählern und
Diplomaten kapitalistischer Länder schliefst, so deshalb, weil die
revolutionäre Beweguni,' international versagte. Lenin wandte sich in
Schritt und Wort immer an die breite Masse. Daraus ergibt sich die
Lösung unserer Frage: Kann es der revolutionären Politik je gelingen,
die bürgerliche Politik zu schlagen, wenn sie deren Sprechart, Taktik,
Strategie anwendet, kurz, bürgerliche Methoden anwendet? Das kann
ihr nie gelingen. Sic kann sich nur im Irrgarten der Politik verirren,
den Ereignissen nachhinken, es schlechter machen als die bürger-
lichen Politiker. Es gibt nur eine Möglichkeit: den unentwirrbaren
Knoten, den die bürgerliche Politik als Irrgarten bildet, zu durchhauen,
indem die. bürgerliche Politik nicht nachgeäfft, sondern ihr das Grund-
prinzip der revolutionären Politik entgegengesetzt wird: unausgesetzt,
unermüdlich, einfach und klar an die Masse wenden; die Gedanken
der Masse, die gedachten und unausgedaehten, aussprechen, ihnen
Ausdruck verleihen, den Respekt der Masse vor der hohen Politik
zerstören, den Schwindel nicht ernst nehmen, sondern erbarmungslos,
unermüdlich aufdecken, in der Sprache der Masse sprechen, nicht die
Masse der »hohen Politik«, sondern die Politik der Masse anpassen,
sie demokratisieren, vereinfachen, jedem zugänglich machen. Der
Leninsche Satz, jede Köchin müsse fähig sein, den Staat zu regieren,
indem Politik und Staatsführung vereinfacht werden, enthält unaus-
geführt den Grundgedanken der sozialen Demokratie. Die »hohe
Politik« kann nur existieren, weil die revolutionäre Politik sich ihr
in Form, Sprache, Gedankengängen, wenn auch mit revolutionären
Inhalten, anpasste, weil sie sich nicht an die Masse wandte, sondern
diese wie ein zu überzeugendes Kind behandelte, das endlich erkennen
muss und »auch immer mehr erkennt«, dass mit ihm Schindluder
getrieben wird. 1 )
Schema der revolutionären Politik
Wenn die Behauptung der sozialen Revolution richtig ist, dass sie
die sozialen Probleme der Wirtschaft und Kultur wirklich im Sinne
der sozialen Demokratie lösen kann, dann haben nur folgende politi-
sche Fragestellungen und Grundsätze Platz.
1. Welche Manöver führen die verschiedenen Richtungen der Bour-
geoisie auf, um Massen hinter sich zu bekommen oder einander
abzujagen?
"2. Was geht in diesen Massen vor, dass sie politischen Gruppen oder
Parteien folgen, die nie ihre Versprechungen erfüllen können?
3. Was für Bedürfnisse hat die Masse in ihren verschiedenen Schat-
tierungen?
i) Die Frage der sowjetistischen Aussenpolitik und ihr Zusammenbang mit den
massenpsychologischen Problemen bedürfen einer ausführlichen Darstellung.
41
4. Welche dieser Bedürfnisse sind gesellschaftlich möglich und be-
rechtigt, welche sind lebensnotwendig?
5. Ist der Stand der Weltwirtschaft derart, dass die Bedürfnisse bei
Ausschaltung der kapitalistischen Herrschaft und Einrichtung der
Planwirtschaft an Stelle der Wirtschaftsanarchie befriedigt werden
können?
6. Wissen die Massen, welche Einrichtungen der Gesellschaft ihrer
Bedürfnisbefriedigung im Wege stehen, weshalb diese hinderlichen
Einrichtungen existieren?
7. Wie sind sie zu beseitigen und wodurch zu ersetzen?
8. Welche wirtschaftlichen, sozialen, massenpsychologischen Voraus-
setzungen sind zur Erfüllung der Bedürfnisbefriedigung der breiten
Massen notwendig?
Aus jeder dieser Fragen lässt sich die unausweichliche Notwendig-
keit der sozialen Revolution ableiten, ausnahmslos aus jeder, auf
ausnahmlos jedem Gebiete des menschlichen Lebens. Anders aus-
gedrückt: Die massenpsychologische Arbeil hat nicht im Schatten der
Wirtschaftspolitik zu stehen, sondern die Wirtschaftspolitik hat in
den Dienst der Massenpsychologie zu treten, die die Masse begreift,
führt; die Bedürfnisse der Menschen sind nicht für die Wirtschafts-
politik, sondern die Wirtschaftspolitik ist für die Bedürfnisbe-
friedigung da.
Bürgerliche Politik der K. P. D.
Die Erfahrungen aus dem Parteileben der K. P. D. lehren, dass diese
einzig mögliche Form revolutionärer Politik in Deutschland fehlte;
wenn Führer der K. P. D. im Sportpalast stundenlang über die In-
teressengegensätze der Grossmächte und die ökonomischen Hinter-
gründe des kommenden Krieges sprachen, ahmten sie, ohne es zu wollen,
ohne es zu wissen, die bürgerliche Form der Politik nach. Unsere
revolutionären Politiker sind allzu eifrig in diesem Wetteifer mit den
Boncours. Weshalb sie hier nachahmen und dadurch alle Möglich-
keiten verlieren, ist eine Strukturfrage des revolutionären Führers.
Sie werden sich wieder sehr beleidigt fühlen, wenn sie dies lesen, und
es als »trotzkistische Konterrevolution« bezeichnen; es besteht auch
keine Hoffnung, sie zu überzeugen, dass sie in der Form, und
daher auch objektiv-sachlich bürgerliche Politik machen. Um jede
Möglichkeit eines sachlichen Protestes abzuschneiden, bringen wir an
Stelle von vielen nur ein konkretes Beispiel dafür, dass die K.P. D.
das revolutionäre Prinzip der Politik gegen das bürgerliche ein-
getauscht hatte.
Im Dezember 1932 veranstaltete die S. P. D. eine Lustgartendemon-
stration. Die kommunistischen Organisationen, im besonderen die
Kampfbünde, schlössen sich dem Demonstrationszug an, mischten sich
42
unler die demonstrierenden sozialdemokratischen Massen, schlössen
ohne viel Theorie über die amerikanisch-japanischen Gegensätze die
praktische Einheitsfront. Es war die Sprache der Masse, ihr Wille,
Die Führung der K. P. D., die eine Einheitsfront »nur unter kommu-
nistischer Führung« wollte, vielmehr zu wollen vorgab, erteilte
nachträglich an die Funktionäre Rüffel; der Parteibefehl hatte nur
gelautet, an den Randsteinen zu bleiben und die sozialdemokratische
Demonstration »zu begrüssen«. Zur gleichen Zeil verhandelte Torgier
im geheimen mit der sozialdemokratischen Führung über die. Bildung
der Einheitsfront, wovon die Masse nichts wussle; sie war vielmehr
offiziell im Glauben gehalten, dass eine Einheitsfront mit der Spitze
der Sozialdemokratie »konterrevolutionär« wäre. Ich selbst hatte
damals an einer geheimen Sitzung zwischen einigen kommunistischen
und sozialdemokratischen Spitzenfunktionären über die Bildung einer
Einheitsfront teilgenommen. In den Zellen durfte niemand etwas
davon wissen. Das ist bürgerliche Politik. Das gerade Umgekehrte
wäre proletarisch-revolutionäre Politik gewesen: den Kommunisten
die Weisung geben, die sozialdemokratische Demonstration zu unter-
stützen, und im Lustgarten mit Lautsprechern der Masse mitteilen,
dass man mit den Sozialdemokraten über die Bildung der Einheits-
front verhandelt. Das heissl, der Ideologie der Masse vorwärtshelfen,
ihren Wünschen Ausdruck verleihen. Statt dessen trieb man »hohe
Politik«, »Strategie« und »Taktik«, ohne Masse, gegen sie, und schloss
jeden aus, der revolutionäre Politik wollte und durchführte.
Ein alter Grundsatz der Revolution ist die Abschaffung der Geheim-
diplom alie. Er ist selbstverständlich, denn da die soziale Revolution
der Vollzug des Volkswillens gegen die Besitzer der Produktionsmittel
unter Führung des Industrieproletariats ist, bleibt nichts mehr zu
verheimlichen. Dann gibt es nichts mehr, das die Masse nicht hören
dürfte; im Gegenteil sie muss alles wissen und kontrollieren können.
Innerparteiliche revolutionäre Politik
Ueberblickt man die Entwicklung der Politik der kommunistischen
Parteien, seitdem Lenin starb, wird man feststellen, dass fort-
schreitend der Grundsatz, sich ständig an die Massen zu wenden,
verloren ging, und dass mit dem Nachahmen der Formen der bürger-
lichen Politik innerhalb und ausserhalb der Partei die. Bürokratisierung
einsetzte. An die Stelle der innerparteilichen Demokratie trat die
Kulissenpolitik des gegenseitigen Hcrcinlcgcns und der Cliquenbildung.
Das unterhöhlte die Kraft der revolutionären Partei restlos, obwohl
sie die besten revolutionären Elemente umsehloss.
Als im Oktober 1917 Lenin den Zeitpunkt für den Volksaufstand
gekommen sah und sich gegen ihn in der Führung der Bolschewiki
Hindernisse erhoben, blieb er seinem Grundsatz der revolutionären
43
Politik treu: Er wandte sich an die Masse der Parteimitglieder, bildete
keine Clique, intrigierte nicht, suchte nicht durch Fraktionsbildung
zu siegen. Jeder Ausschluss der Masse aus politischen Erwägungen
und Massnahmen ist, gleichgültig, was subjektiv gedacht wird, konter-
revolutionär. Die revolutionäre Politik hat vor den Massen nichts zu
verbergen, sie will alles enthüllen. Die bürgerliche Politik darf nichts
enthüllen, muss alles verbergen. An der Kulissenpolitik, wo immer
sie auftreten mag, erkennt man die politische Reaktion.
Es ist ein ungeheurer Vorteil der revolutionären Sexualpolitik, dass
sie ständig die Sprache der Masse sprechen muss, dass ihr von der
Bourgeoisie nichts entgegengesetzt werden kann, weil es eine positive
bürgerliche Sexualpoiitik nicht geben kann; der revolutionäre Sexual-
politiker kann daher auch nicht bürgerlich entarten; es kann nicht
eine Geheimdiplomatie auf sexualpolitischem Gebiet geben; die Sex-Pol
kann sich nur an die Massen wenden, oder sie hört überhaupt zu
existieren auf.
4. Klassenbewußtsein aus dem Leben der Masse
entwickeln
Führung, Partei und Masse
Es ist vielleicht kränkend, es zu hören, gewiss vom Standpunkt
der revolutionären Bewegung schädlich, aber nicht zu leugnen: Die
einzelnen revolutionären Gruppen überbieten einander in der Ver-
sicherung, die »einzigen« und »wahren« Erben des »echten Marxismus
und Leninismus« zu sein; überblickt man jedoch die Differenzen, die
sie von einander trennen, dann findet man, dass sie im Verhältnis
zu den zu leistenden riesenhaften Aufgaben sehr geringfügig sind;
die eine Gruppe will zuerst die revolutionäre Partei .herstellen, die
andere will zuerst die Masse haben, ehe sie die neue Internationale
gründen hilft, die dritte proklamiert sich ständig als »die Arbeiter-
klasse« und als die einzige Führerin der Revolution, ohne es entfernt
zu sein, die vierte vertritt in irgend einer Detailfrage eine eigene
Bichtung etc. Wir sagten bereits, dass diese Zersplitterung an
unkorrekten oder unvollständigen Fragestellungen liegt, dass das
gegenseitige Beschimpfen nicht einen Schritt weiter führt. Wir suchen
in der heutigen revolutionären Diskussion vergebens nach der Frage-
stellung und nach ihrer Beantwortung, weshalb denn die Formierung
der neuen revolutionären Partei nicht gelingen will, weshalb die
frühere revolutionäre Organisation trotz bestehenden Apparats die
Massen nicht gewann, weshalb überhaupt 17 Jahre nach der russischen
Bevolution die Frage über das Verhältnis von Führung, Partei und
Masse noch immer soviel Kopfzerbrechen macht. Ist nicht wahrschein-
44
L
lieh, dass hier in der ganzen Rechnung ein wichtiger Fehler unentdeckt
blieb? Es ist doch ganz unwahrsheinlieh, dass die Katastrophe deshalb
hereinbrach, weil Stalin die Bürokratie grosszüchtete oder die sozial-
demokratische Führung seit Jahrzehnten bürgerlieh entartete oder
Hitler viel Geld von den Industriellen bekam. Die Grundfrage ist,
immer und immer wieder, weshalb sich die Industricarbeiterschaft
den Reformismus und den Bürokratismus auflud. Es geht um die
Grundfrage nach der Beziehung von Führung, Partei und Masse.
Die Gründer der IV. Internationale stehen, zumindest wenn man
ihre Funktionäre hört und ihre Zeitungen liest, auf dem Standpunkt,
dass man zuallererst die revolutionäre Partei schaffen müsse, dann
müsse man das Proletariat gewinnen, dann erst käme das Kleinbürger-
tum an die Reihe. Ich zweifle nicht daran, dass die verantwortlichen
Führer der internationalen Kommunisten selbst die Fehlerhaftigkeit
derartiger Fragestellung verurteilen. Man kann nicht sich Marxist
nennen und derartig schematisch Führung, Partei und Masse trennen.
Die Beziehung ist eine — um das hohe Wort einmal zu nennen
dialektische; kurz: Eine revolutionäre Partei kann nicht in der Luft
entstehen, sie kann sich nur aus der Masse herausbilden, zunächst
aus dem proletarischen Teil der Masse; dies setzt voraus, dass die
Initiatoren der Partei die Sprache derjenigen Massen sprechen, die
die Partei bilden sollen. Die Masse versteht aber von den feinen
Differenzen zwischen den einzelnen revolutionären Richtungen nichts,
sie ist daran uninteressiert. Die revolutionäre Partei formiert sich
nicht nur durch klare Herausarbeitung einer der Wirklichkeit ent-
sprechenden Anschauung und Praxis, sondern auch in erster Linie
durch die Behandlung derjenigen Fragen, die die verschiedenen
Schichten der Bevölkerung interessieren. Dann und nur dann liefert
die breite Masse auch die Funktionäre, die die Partei benötigt. Das
wirkt wiederum zurück in Form besserer Erfassung der Masse und
wieder umgekehrt. Partei und Masse heben sich gegenseitig in die
Höhe: nur durch diese innige Verschmelzung und gleichzeitige Aus-
sonderung der Führerkader aus der Masse entsteht das Gebilde der
Massenpartei, d. h. der nicht quantitativ sondern qualitativ bestimmten
Partei, die die Massen führt. Die K. P. D. veranstaltete Wettwerbungen
von Mitgliedern, die sie wahllos aufnahm. Sie war eine quantitative
»Massenpartei«, zerging aber teils durch die Fluktuation ihrer Mit-
gliedschaft, teils durch die fehlende Differenzierung von geschulten
Funktionären und Massenmitgliedern. Wir kommen auf diese Frage
in einem organisatorischen Artikel noch zurück.
Die deutsche Sex-Pol liess sich immer von der Einsicht leiten, dass
die Führung einer Massenarbeit niemals alles in Details überblicken
kann, dass die Masse niemals allein die grossen Zusammenhänge
erfassen, formidieren, in geschlossene Praxis umsetzen kann, dass es
eines lebendigen Kontaktes zwischen Führung und Masse bedarf, dass
aus dem Leben der Masse die Theorie geschöpft und als Praxis der
45
Masse widergegeben werden inuss. Sie hatte aus dem Parteibetrieb
gelernt, dass die Funktionäre nicht Ausführungsorgane von Be-
schlüssen der Führung sein dürfen, sondern einzig die Vermittler
zwischen Massenleben und Führung. Um diesen Koniakt herzustellen
hatte daher die Sex-Pol sogenannte »Instruktionsabende« einge-
richtet; diese Zusammenkünfte waren nicht etwa dazu da, die Funk-
tionäre zu instruieren, sondern sich von ihnen instruieren zu lassen.
(Wer erinnert sich nicht der berühmten Parteikonferenzen der K.P.D.,
wo derartiges direkt unterbunden wurde!) Man setzte kein Thema
an und keine Diskussion, sondern stellte einfach an die Funktionäre
und einfachen Genossen die Frage, wo sie gegenwärtig die grössten
Schwierigkeiten hätten. Schon dadurch konnte man nicht fehlgehen
in der Beurteilung dessen, was momentan am wichtigsten war. Man
beriet gemeinsam die Schwierigkeit, fand hier eine Lösung, die der
praktischen Ueberpriifung überlassen wurde, schob dort eine Ent-
scheidung auf, bis man mehr Material zur Entscheidung vorliegen
hatte; das lebendige Leben flutete aus den kameradschaftlichen Be-
sprechungen; man brauchte nicht Theorien aus den Fingern zu
saugen, sie ergaben sich von selbst. Die wachsende Beteiligung und
die Lebhaftigkeit der Diskussion zeigten, dass die Instruktionsabende
ein glücklicher Griff gewesen waren. Man erwarb die Ueberzcugung,
dass das Leben sich nicht betrügen, sondern klar, einfach fassen lässt.
Man mussle nur die einfachen Organisationsmitglieder (es waren auch
viele Nichtmilgliedcr anwesend) einfach von der Leber weg reden
lassen. Als einzige ernste Schwierigkeit ergab sich immer nur die
Verbauung durch falsche, von der bürgerlichen Ideologie vermittelte
Anschauungen, die aber im Lichte lebensnaher, unverbogener, un-
dogmatischer Besprechung in Nichts zerflossen. Der vierte Instruk-
tionsabend kam nicht mehr zustande. Der offizielle Parteivertreter
berief nicht mehr ein.
Die Stellung der Sex-Pol zur „Neuen Partei* 4
Die derzeit brennendste Frage der sich neu formierenden Arbeiter-
bewegung lautet: neue Partei oder revolutionäre Erneuerung der
III. Internationale? Die Sex-Pol kann sich aus zwei Gründen weder für
die eine noch für die zweite Richtung heute schon eindeutig ent-
scheiden. Erstens weiss sie nicht, in welchen Gruppen, Organisa-
tionen, Zirkeln ihre Anschauung von den Notwendigkeiten der re-
volutionären Sexualpolitik, die sie vertritt, sich am raschesten und
fruchtbarsten durchsetzen wird. Nach dem bisherigen Verhalten der
wuchtigsten politischen Organisationen zu schliessen, bestehen keine
besseren Aussichten bei den Organisationen, die für eine neue Inter-
nationale sind. Das allein kann jedoch nicht entscheiden; die Sexual-
politik ist nur ein Teil, wenn auch ein unerlässlicher, zentraler der
46
i.
{revolutionären Front überhaupt; wichtig ist daher für die Ent-
scheidung, welche. Kader den Kern der erneuerten Arbeiterbewegung
bilden werden. Das ist bisher in keiner Weise klar hervorgetreten.
Wüsste man heute positiv, dass etwa die heutigen Mitglieder der
K. P. diesen Kern bilden werden (für die heutige Führung trifft das
bestimmt nicht zu), dann wäre die Gründung einer neuen revolutio-
nären Partei sinnlos; dann aber müsste die revolutionäre Mitglied-
schaft der K. P. D. die alte Führung, die nicht den geringsten Ansatz
zu echter Selbstkritik zeigt, nicht nur praktisch »abhängen«, wie sie
es bereits vielfach getan hat, sondern sie auch offiziell absetzen und
sich aus ihrer Mitte eine neue Führung allmählich zusammensetzen.
Man kann auf die Dauer nicht praktisch die Durchführung der Ekki-
Beschlüsse verweigern, etwa den »revolutionären Aufschwung« nicht
proklamieren und zu »Massenstreiks« nicht auffordern, obwohl es
das Ekki verlang!, und gleichzeitig mit dem Begriff »kommunistische
Partei« das Ekki gleichsetzen. Das ist politisch verwirrendes Ver-
halten. Die Frage, was und wer ist »die Partei«, bedarf heute mehr
denn je einer Klärung. Ist es die Gesamtmitgliedschaft, oder nur der
angestellte Apparat, oder nur das Ekki? Wir wissen, dass auch die
besten Kräfte in der Sozialdemokratie mit dem Begriff der »Partei«
wie mit einem Fetisch operieren; je nach der Struktur der Partei,
ihrer Politik, ihrer objektiven Wirkung kann die Unantastbarkeit der
Partei, ihre Einheit und Geschlossenheit ebenso in dem einen Zeit-
punkt eine mächtige Kraft wie in dem anderen eine schwere Be-
hinderung der revolutionären Bewegung sein.
Die Kernlruppen der sozialen Revolution, die Industrie- und
Verkehrsarbeiter, sind heute »noch immer nicht« bei der kommu-
nistischen Partei. Die Parteimitglieder bemühen sich mit allen Mitteln
nach wie vor, sie zu gewinnen, aber Wille und subjektiver Mut allein
machen es noch nicht. Man muss auch Erfolg haben, und um Erfolg
zu haben, müss man auch den besten Weg kennen, das Ziel zu
erreichen. Vielleicht werden diese Kerntruppen bald den Kern der
revolutionären Organisation bilden, ohne sich der heutigen K. P.-
Organisation einfügen zu wollen; sie waren 1923 drin, gingen dann
heraus; man muss verstehen, warum dies so war. Jedenfalls bekäme
dann die Frage einer neuen revolutionären Organisation grosses
Gewicht. Ebenso dann, wenn der Beginn einer tragfähigen; dauer-
haften, nicht magnesium feuerartigen Massenbewegung nicht innerhalb
der sozialdemokratischen Induslriearbeiterschaft, sondern innerhalb
der revolutionär gesinnten proletarischen S. A. sich einstellen würde. 1 )
i) (Anmerkung während der Korrektur):
Die Ausrottung der Führerschaft der S. A. in Deutschland am 30. .In ml. '-»4
zeigte, dass die in der »Massenpsychologie des Faschismus« dargelegten Wider-
sprüche /wischen Revolutionärem und Reaktionärem innerhalb des Faschismus,
die in seiner Ideologie zu einer Einheit zusammengefasst waren, mit einem
Schlage auseinanderklafften. Ich sage das hier nicht, um wie die einzigen
Führer der Revolution es ständig tun. zu beweisen, dass die »Analyse« he-
47
Das können wir heute, wo alles in Gärung begriffen ist, gar nicht
bestimmen. Die. Frage einer neuen Partei wäre auch nie aufgetaucht,
wenn es innerhalb der K.P. die notwendigen Möglichkeiten gegeben
hätte, derartige Fragen überhaupt aufzustellen, miteinander zu be-
stätigt wurde, sondern aus einem anderen Grunde: Noch vor kurzem hatte
die Kominternpresse jeden Versuch, in der N. S. D. A. P. mehr zu sehen als
blos eine Garde des Finanzkapitals, nämlich die ins reaktionäre umgebogene
revolutionäre Energie der Masse, mit wüstem Geschimpfe zurückgewiesen. Jetzt
sah sie ihre Perspektive des revolutionären Aufschwungs darin bestätigt, dass
der linke Flügel der N. S. D. A. P. enthauptet wurde. Derartige Stümperei und
Oberflächlichkeit wird die Geschichte der revolutionären Bewegung hoffentlich
nicht mehr zulassen. Wer die innerparteilichen Kämpfe 192!) bis 1933 mit-
gemacht hat, weiss, dass jeder als Schädling hingestellt wurde, der auf die S.A.
als eine dumpf revolutionäre Truppe hinwies; der den unleugbaren Tatbestand
voranstellte, dass grosse Teile des früheren H. F. B. zur S.A. gegangen waren;
der betonte, dass die S. A. sich aus Werktätigen rekrutierte und nur objektiv,
aber nicht subjektiv eine Söldnertruppe des Kapitels war. Man hörte dies
nicht gerne, sah im Faschismus nur seine reaktionäre Funktion, nicht aber
die revolutionären Energien in seiner Massenbasis und verlor dadurch die
Schlacht. Jetzt, nachträglich, nachdem es nicht mehr schwer ist, die Wider-
sprüche zu sehen, gibt man zu, was früher verfemt war. »Parteitreue« werden
beruhigend sagen, das sei ja schon etwas, man dürfe nicht zuviel verlangen,
die Komintern schwenke ja um, in der Einschätzung des Faschismus ebenso
wie in der Frage der Einheitsfront mit der Sozialdemokratie. Darauf ist zu
antworten: Eine Führung, die in der Erkenntnis der Dinge und Vorgänge nicht
der Masse, vorangeht, die nicht voraussieht, ist keine Führung, sondern eine
Bremsapparatur der gesellschaftlichen Entwicklung, Wenn gute Kommunisten
derart mit der Führung Mitleid haben, so tun sie es aus unbewusster Autori-
tätsangst. Die praktische Erfahrung im Parteileben lehrte, dass der durch-
schnittliche Funktionär, wenn er nicht Parteibeschlüsse vertrat, aus eigenem,
aus reinem Instinkt besser sah und dachte, als irgendein Funktionär in der
Spitze. Es gibt auch heute wieder neue Prozesse, die man voraussehen muss,
aus den Widersprüchen der Jetztzeit entwickeln muss, wenn man die Zukunft
meistern, ihr nicht unvorbereitet enlgeticntrelen will. Wir stehen zum Heispiel
vor der grauenhaften Gefahr, dass die riesenhaften Massenbewegungen, die
jetzt hier und dort einzelne Länder erschüttern, (U. S. A., Frankreich), un-
gerührt, ohne. Zielbewusstheit, verpuffen und der bittersten Enttäuschung und
Lethargie Platz machen werden. Das ist ebenso möglich, wie dass das neue
"Anwachsen der Empörung und der Einsicht in den Massen sich zu einer
weltrevolutionären Situation entwickelt. Man darf ruhig sagen, dass wir
heute nach den Ereignissen vom 30. Juni mit Unterstützung der schweren
wirtschaftlichen Desorganisation Deutschland zum entscheidenden Schlage
hätten ausholen können, wenn die kommunistische Führung in Deutschland
seit 1923 oder zumindest 1929 gründlich vorbereitet hätte. Nicht entschuldigen,
sondern lernen muss man aus dem Vergangenen. Wir müssen heute durch
korrekte Erfassung der grossen Entwicklungslinien und Rückschläge im ge-
sellschaftlichen Prozess alles vorbereiten, um die Zügel der gesellschaftlichen
Ordnung zu ergreifen, wenn das Chaos ausbricht. Bis dahin muss die breite
Masse der Bevölkerung der Erde langsam und gründlich das unerschütterliche
Empfinden bekommen, dass wir die einzigen sind, die sie hegreifen, — sie
die Masse, und nicht nur Barthou, Litwinow und wie sie heissen, und nicht
nur unsere eigenen Wünsche — • dieses Vertrauen kann nicht erschlichen
werden, sondern sie muss echtes, heisses Vertrauen zu uns, zum Kommunis-
mus, erwerben, das die »einzigen Führer« in zehn Jahren nicht nur nicht
aufkommen Hessen, mehr, direkt durch ihre Fehler und Einsichtslosigkeit
ruinierten. Der kommende Krieg ist wohl die nächste siebtbare, riesenhafte
Chance der sozialen Revolution, Wir dürfen sie nicht verpassen, wie wir die
Chancen des 20. Juli 1932, des Dezember und Januar 1933/34 und des 30. Juni
1934 verpassten. Dazu müssen die Revolutionäre zunächst die Autoritäts-
gläubigkeit in sich selbst vernichten!
48
L
raten, Möglichkeiten der Entwicklung zu sondieren. Dies war und
ist nicht der Fall. Wir können nur den revolutionären Sammlungs-
und Rcifungsprozess, der sich in allen Schichten der Bevölkerung
Deutschlands gegenwärtig vollzieht, genau verfolgen und im jeweiligen
Augenblick die konkrete Stellung beziehen.
Würden die heutigen revolutionären Kader nicht in erster Linie
jede für sich ihre Organisation, sondern in erster Linie die Suche der
revolutionären Sammlung verteidigen, dann wäre sie auch beweglich
genug, auf die Vorgänge in der Masse prompt und richtig zu reagieren;
sie würde dann, statt abstrakt und mechanisch zu Massenstreiks auf-
zurufen, dem S. A.-Mann, dem Jugendfunktionär, der Frauenorganisa-
lion in jeder akuten Schwierigkeit mit konkreten Aufklärungen über
Widersprüche, Lösungen und Notwendigkeiten helfen und sich da-
durch automatisch das Vertrauen unfj schliesslich die Führung
sichern. Darin liegt ja eben das Oede, Scholastische, Hemmende, die
Massen Abstossende, dass jede bestehende Organisation sich bereits
für die gottgewählte Führerin der künftigen Revolution hält und aus
diesem Grunde jede andere als konterrevolutionär zu diffamieren
versucht. Diese eitle Ueberheblichkcit und kindische Prestigereiterei
kann nicht oft genug und gründlich genug angeprangert werden. Die
Sex-Pol muss sich davon freihallen, sieh in ihrer heutigen personellen
und organisatorischen Zusammensetzung für die Führerin des sexual-
politischen Flügels der Revolution zu halten. Die schlicssliche Führung
ist kein Anspruch, gewiss kein Recht, sondern nur das Ergebnis eines
Prozesses: Wer die Vorgänge in der Welt am besten begreifen, sie
den breiten, vor allem unpolitischen Massen am besten verständlich
machen, der revolutionären Gärung am klarsten zur Ausreifung ver-
helfen wird, dem wird die Führung zufallen. Die Führung der Re-
volution ist kein Verdienst, keine Eigenschaft, kein Anspruch, sondern
nur eine schwere Verantwortung, ein Ergebnis und kann daher nicht
proklamiert oder ergattert werden. Wer heute, in dieser verworrenen,
komplizierten, so wenig verstandenen, mit so vielen Ausgangsmöglich-
keiten behafteten Weltsituation sich am lautesten als der einzige,
wahre und hundertprozentig klare Führer der erst herbeizuführenden
Revolution proklamiert, wird am raschesten und lautlosesten in der
Versenkung versehwinden, wenn es einmal so weil ist, vom revolu-
tionären Aufschwung mit Berechtigung zu sprechen.
Für das Gelingen des Neuaufbaus ist ferner folgendes von Be-
deutung:
Das wirklich klassenbewußte Proletariat befindet sich in der
Gesamtnation weitaus in der Minderheil: wenn ihm auch die Führung
zusteht, so braucht es doch Bundesgenossen. Man hört immer wieder
von deutschen Genossen, dass aller Grund zum Optimismus bestehe,
weil die guten Revolutionäre einander wieder finden und miteinander
diskutieren, arbeiten, sich gegenseitig beraten. Das ist zweifellos sehr,
sehr wichtig, aber noch kein Grund optimistisch zu sein. Es kommt
49
in erster Linie darauf an, ob diese guten Revolutionäre auch Kontakt
mit den breiten, unzusammenhängenden Massen bekommen; ob sie
ferner, um diesen Zusammenhang zu bekommen, auch genau auf die
Sprache, das Denken, die Widersprüche dieser breiten unpolitischen
oder politisch verbildeten breiten Masse hören, sie auch verstehen, sie
ins Revolutionäre übertragen und in klarer, klassenbewusster Form
wieder vermitteln können. Diese Kader werden ein Generalstab ohne
Heer bleiben, wenn sie die Parteifunktionäre nicht befähigen, ein Teil
der breiten Masse zu bleiben, sich nicht abzusondern und die Un-
politischen oder politisch Verbildeten ganz genau zu verstehen;
Sektierertum ist ausgeschlossen, wenn die Parteimitgliedschaft nicht
Vollzugsorgan der Führung und ihrer Analysen wird, sondern
lebendiger Vermittler zwischen Masse und Führung. Die Führung hat
nicht die Aufgabe, das »kommunistische Programm in die Masse zu
tragen« oder die »Masse zu klassenbewusslen Kämpfern zu machen«,
sondern sie hat die, neben der Verfolgung des objektiven historischen
Prozesses, wichtigste Aufgabe darin zu sehen, das vorhandene revolu-
tionäre Streben aus der Masse zu entwickeln; und zwar gleichzeitig
das des indifferenten Proletariats, Kleinbürger- und Bauerntums. In
den heuligen revolutionären Zeitungen findet man fast nichts als die
Parteisprache; von einem verständnisvollen Fingehen auf die Wider-
sprüche der verschiedenen Schichten der Bevölkerung findet man
kaum je etwas Brauchbares. Fs sollte jedoch die sprachliche und
sachliche Verbindung mit der breiten Masse mindestens drei Viertel
jeder Zeitung füllen; der Rest genügt für die Wiederholung der
marxistischen Grundprinzipien. Man kann auch so formulieren: Bis
wir es gelernt haben, die schwere Theorie in einfacher, jedem ver-
ständlicher Sprache vorzubringen, bis die Massen so weit sein werden,
sich für Theorien überhaupt zu interessieren, muss man das Gleiche
in doppelter Niederschrift vorbringen, unausgesetzt; in der marxisti-
schen Sprache und gleichzeitig übersetzt in die Sprache derer, für
die allein es gilt, ohne deren Verständnis und aktives Einsetzen für
die Sache der Revolution wir elende Debattierer bleiben.
In Diskussionen über diese Fragen pflegt man von der Sex-Pol
fertige Rezepte zu fordern. Schon diese Forderung zeigt, wie wenig
der Marxismus verstanden wurde, wie wenig die Grundaufgabe des
revolutionären Marxisten, nämlich selbständig denken und handeln zu
können, erfasst wurde. Man kann nur an Beispielen Grundsätze
demonstrieren, aber was für den einen Spezialfall gilt, kann für einen
anderen falsch sein. Um zu zeigen, was wir meinen, will ich einige
wichtige Beispiele nennen:
Volkslied und Volkstanz als Ansatz revolutionären Fühlens
Lenin lehrte mit Recht, dass sich der Revolutionär auf allen
Lebensgebieten zurechtfinden muss. Wir müssen dies dahin noch
50
*
1
präzisieren, dass er aus jedem Lebensgebiete die spezielle revolutionäre
Tendenz herausentwickeln können muss. Bisher wurden, denken wir
nur an die proletarischen Schauspieler und roten Truppen, von den
wirklich guten Leistungen abgesehen, die Gewerkschaftsparolen me-
chanisch in die Kunst hinübergetragen, wurde etwa einer bürgerlichen
Chansonform eine revolutionäre Tendenz aufgeklebt. Die revolutio-
nären Künstler haben aber keine wichtigere Aufgabe, als dasselbe zu
tun, was die Sex-Pol auf ihrem Gebiet lernen musste: nämlich, aus
dem Stoff und der Form ihres Gebietes schon im Kapitalismus die
spezifischen revolutionären Tendenzen und Formen herauszuarbeiten.
Das lässt sich ohne viel »Wissenschaft« rein durch unbefangene,
freie, unverkrampftc, also revolutionäre Betrachtung des Lebens
durchführen. Die kommunistische Partei liess die roten Kabarets auf-
treten, um mehr Menschen, auch unpolitische, in die Versammlungen
zu bekommen. Das bewährte sich. Es zeigte sich dabei, dass je
künstlerischer, rhythmischer, volkstümlicher die Darbietungen waren,
desto besser die Wirkung zutage trat: je ähnlicher in der Form dem
bürgerlichen, je aufgeklebter die revolutionäre Losung war, desto
geringer war der Erfolg. Man kann nun nicht genügend rote Kabarets
schaffen, um die Gesamtbevölkerung in die Versammlungen zu
bringen. Daraus ergibt sich, dass man die revolutionäre Kunst, das
revolutionäre Fühlen, die revolutionäre Rhythmik, die revolutionäre
Melodie dorthin tragen muss, wo die Massen leben, arbeiten, dulden,
leiden. Das ist in noch demokratischen oder halbfaschistischen Staaten
gewiss, in vollendet faschistischen Staaten nur mit besonderen Kniffen,
aber doch auch möglich. Die revolutionären Musiker, Tänzer, Sänger
etc. können mit einfachsten Mitteln Gruppen zusammenstellen mit
Jungs, Mädels, grösseren Kindern, aber auch Erwachsenen, die, wie
die Strassensänger es tun, in die Höfe, auf die Rummelplätze, kurz
überall dorthin gehen, wo sich die Träger der kommenden Revolution
gewöhnlich aufhalten; sie können durch gute Volksmusik, einen
Volkstanz, durch Volkslieder, die die Revolution übernehmen kann,
die in sich antikapitalistisch sind, die dem Fühlen der Unterdrückten
angepasst sind oder werden, jene Atmosphäre schaffen und verbreiten,
gefühlsmässig verankern, die wir bitter nolvendig haben, um die
breiteste Masse, zu Sympathisierenden der Revolution zu machen.
Eine bürokratische Natur wird an diesem Vorschlag dieses und jenes
auszusetzen haben, wenn sie nicht gar behaupten wird, dass dadurch
von der »Hauptsache, vom Klassenkampf, abgelenkt wird«. Ich weiss
nicht, ob und welche konkreten Schwierigkeiten hier bestehen. Wer
Rezepte erwartet, wird nie etwas leisten. Doch im Prinzip, ob nun
in dieser oder jener Form durchgeführt, gilt, was die Sex-Pol be-
hauptet: dass man die Massen ge fiihls massig an sich binden muss.
Gefühlsmässige Bindung aber heisst: Vertrauen, wie es ein Kind zur
schützenden und führenden Mutter hat, in seinen geheimsten Sorgen
und Wünschen verstanden werden, auch und mit in erster Linie im
Geheimnisvollsten, im Sexuellen. 51
I
Revolutionäre wissenschaftliche Arbeit
Zur Massenarbeit gehören auch die wissenschaftliche Forschung
und die Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Wissenschaft aller
Gebiete, nicht nur mit der Nationalökonomie. Die bürgerliche Wissen-
schaft beherrscht die Ideologiebildung in der Gesellschaft, und zwar
umso mehr, je lebensnäher die betreffenden Gebiete sind. Man denke
bloss an die sexualpolitische Literatur (Rassenlehre). Daraus geht
klar hervor, tlass die Vernachlässigung der revolutionären wissen-
schaftlichen Arbeit in Ländern mit hoher Kultur sowohl die Erringung
des Masseneinflusses erschwert, als auch die. Hindernisse bei der
Neuordnung der Gesellschaft nach dem Siege der sozialen Revolution
beträchtlich vermehrt. Löst man überdies die Frage der revolu-
tionären wissenschaftlichen Arbeit, dann löst man gleichzeitig ein
grosses Stück des Intellektuellenproblems.
Auch hier muss der neue Aufbau der revolutionären Bewegung mit
einer Rechenschaftsgebung über die bisherige Art der revolutionären
wissenschaftlichen Arbeit beginnen; das kann natürlich hier nur
grundsätzlich geschehen; es sollen nur einige wichtige Tatsachen
hervorgehoben werden. Die marxistische Methode wurde für sich als
Philosophie betrieben, meist in Form von endlosen Debatten über
»Zufall und Notwendigkeil«, die kein gewöhnlicher Sterblicher ver-
stand. Das berühmt gewordene Ruch von Kurt Sauerland über den
»Dialektischen Materialismus« war ein Musterbeispiel dieser Art; es
war Verflechtung von philosophischem Formalismus und Partei-
opportunismus. Die wissenschaftliche Forschungsarbeit auf natur-
wissenschaftlichem Gebiet lag brach; auf gesellschaftlichem kaum
weniger. Der Sachkenntnis der bürgerlichen Forscher war man nicht
gewachsen. Selbst die Zeitschrift »Unter dem Ranner des Marxismus«,
die die Aufgabe hatte, die marxistische Wissenschaft zu pflegen und
auszubauen, erstarrte, von einigen guten Arbeiten abgesehen, in formel-
hafter Sprache und in abstrakter Dialektik. Keine Rede davon, dass
sie Diskussionen angeregt, in bürgerlich-wissenschaftliche Streit-
fragen anders eingegriffen halle, als durch Beteuerung der revolutio-
nären Treue. Das betrifft einen prinzipiellen Punkt. Es genügt an
der wissenschaftlichen Front nicht, ganz und gar nicht, sich der
Aufgabe dadurch zu entledigen, dass man den Gegner rügt, dass er
die Klassenkampftheorie übersieht, oder dadurch, dass man an die
Stelle sachlicher Arbeit in jedem drillen Salz sich zur Revolution
bekennt.
Zunächst bedarf es einer genauen fachlichen Einsicht in die Situa-
tion und Struktur der bürgerlichen Wissenschaft überhaupt Sie ist
zersplittert in hunderttausendfacher individualistischer Weise, dient
entweder der Karriereinacherei der unteren oder dem Privatspieen der
oberen Wissenschaftler; in ein und demselben Fachgebiet versteht
der eine Forscher den anderen nicht; sie ist akademisch nicht nur in
52
k
der Sprache, sondern auch in der Wahl der Themen; man vergleiche
etwa die Zahl der Abhandlungen über die Feinheiten des Hirngewebes
bei chronischen Trinkern mit der Zahl der Abhandlungen über die
Frage, welche sozialen Umstände einen Menschen zum Trinker machen;
die bürgerliche Wissenschaft ist umso lebensfremder, produziert umso
groteskere Theorien, verirrt sich umsomehr im Streit über diese
Theorien, je lebensnäher das behandelte Gebiet ist. Daher ist etwa
die Mathematik noch am freiesten von den Einflüssen bürgerlichen
Denkens, während etwa die Tuberkuloseforschung es noch nicht
einmal zu einer gründlichen Erhebung der Einwirkung von Volks-
ernährung und Wohnmisere auf die menschlichen Lungen gebracht
hat; von der Psychiatrie, dem Tummelplatz der wüstesten Borniertheit,
sei nur gesagt, dass sie, die die Aufgabe hätte, die Grundprinzipien
der seelischen Hygiene zu erarbeiten, wie ein eigens dazu fabriziertes
Werkzeug funktioniert, gerade dies unmöglich zu machen. Wir
begnügen uns mit diesen Beispielen, um anzudeuten, dass die marxisti-
sche Forschung konkurrenzfähig im reinen Stoffwissen sein muss,
um nicht nur die bürgerliche Wissenschaft sachlich zu übertreffen,
sondern mehr: um ein Anziehungspunkt für die jungen Intellektuellen
und Forscher zu werden,, die wir nach der Revolution dringend
brauchen werden.
Die marxistische Wissenschaft kann nicht dadurch entwickelt
werden, dass man die Klassenkampfparole in die Wissenschaft trägt
und nichts tut, als die Etikette »Klassenkampf« aufkleben; sie kann
nur entwickelt werden aus den Fragestellungen, Problemen, Er-
gebnissen der einzelnen Wissenschaftsgebiete selbst. Es muss sachlich
nachgewiesen werden, wo die bürgerliche Forschung versagt, weshalb
sie versagt, wo sich die bürgerliche Weltanschauung der Erkenntnis
hindernd in den Weg stellt, wie sie das tut etc. Dann, nachdem man
dies getan hat, wirklich sachlich geleistet hat, hat man 'auch das Recht,
sich selbst marxistischer Wissenschaftler zu nennen und die Beziehung
der einzelnen Wissenschaft zur Frage des wirtschaftlichen Klassen-
kampfes herauszuarbeiten.
Diese Auffassungen sind nicht leere Behauptungen, sondern durch
die Erfahrungen aus der Entwicklung der Sexualökonomie begründet.
Es soll daher an diesem Spezialbcispicl eine weitere Frage der wissen-
schaftlichen Diskussion zwischen Proletarial und Bürgertum prin-
zipiell geklärt werden; sie mündet in die allgemeine Frage nach den
Grundsätzen der revolutionären Politik ein.
Wer die Diskussion innerhalb der bürgerlichen Wissenschaft kennt,
hat sich auch von der Hoffnungslosigkeit jedes Versuchs überzeugt,
die gegnerische falsche Anschauung durch Debatten auszuschalten.
Freud entdeckte, dass die seelischen Erkrankungen Folgen der Sexual-
verdrängung sind. Die kapitalistischen Staaten bersten in ihren Irren-
häusern, Psychopathenanstalten, Fürsorgehäusern von den Folgen der
bürgerlichen Sexualökonomie. Ein Spassvogel leistete sich vor kurzem
53
-
den Witz, auszurechnen, dass es nach dem Anwachsen der Zahl der
Geisteskranken in der U. S. A. zu urteilen in 250 Jahren nur mehr
Geisteskranke geben wird. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich,
wie es klingt. Bis vor einigen Jahren hatte man noch hoffen können,
dass die umstürzenden Entdeckungen Freuds die Psychiatrie erobern
werden und dadurch die Frage der Neurosenprophylaxe scharf zur
Diskussion kommen wird. Das wäre der erste Schritt zur Auseinander-
setzung zwischen marxistischer und bürgerlicher Anschauung auf
diesem Gebiet geworden, ohne dass zunächst das Wort Marxismus
gefallen wäre. Statt dessen blieb die Psychiatrie unberührt, behielt
sie die geistige Obhut über den Irrsinn von »degenerativer Ver-
anlagung« als Ursache der seelischen ErUran klingen weiter, mehr: Sic
eroberte sogar die Psychoanalyse in grossen Teilen, in wichtigsten
Stücken. Vor kurzem sagte ein führender Psychoanalytiker, dass man
sich nicht um die Neurosenprophylaxe kümmern solle, man habe nur
individuelle Therapie zu treiben. Klar, denn die Frage der Neurosen-
prophylaxe rollt die gesamte Frage der bürgerlichen Sexualordnung
und der Existenz von Religion und Moral auf. Wenn man Freuds
wissenschaftliche Fehler dadurch »marxistisch« bekämpfen wollte,
dass man ihn als »Reaktionär entlarvte«, wäre man ein Dummkopf.
Wenn man sachlich nachweist, wo Freud Naturwissenschaftler genialer
Art und wo er bürgerlicher Philosoph ältester Schattierung ist, hat
man echte, fruchtbare marxistisch-revolutionäre Arbeit geleistet.
Kann man also hoffen, durch wissenschaftliche Diskussionen (Wn
Kampf auf wissenschaftlichem Gebiet zugunsten der Revolution zu
entscheiden? Das kann niemals gelingen. Das bedeutet nicht, dass
man nunmehr jede Diskussion ablehnt; im Gegenteil, man muss
sie pflegen, man muss in allen wissenschaftlichen Organisationen
führende Stellungen durch sachliche Arbeit erobern; man muss aus
den Diskussionen lernen, warum und wo der bürgerliche Forscher
falsch denkt, das wesentlichste übersieht; nur so kann man sich selbst
besser schulen. Aber der reale Kampf wird anderswo geführt; um
beim Beispiel der Sexualwissenschaft zu bleiben: Kein bürgerlicher
Psychiater durchschnittlichen Denkens wird je die Auffassung ak-
zeptieren, dass die Neurosen, Psychosen, Süchte etc. Folgen einer
verrotteten Sexualökonomie der Massen sind: die breiten Massen in-
teressieren sich dagegen sehr für diese Fragen, einfach deshalb, weil
sie darunter schwer leiden, weil sich die Borniertheit der Psychiater,
dieser Sachwalter der kapitalistischen Sexualordnung, und das seeli-
sche Elend selbst konkret an ihrem eigenen Leibe abspielen. Ich
versichere, dass jeder durchschnittliche Arbeiterjunge den Zusammen-
hang von unterdrückter Sexualität und seelischer Depression und
Arbeitsstörung besser begreift als die meisten durchschnittlichen
Psychiater der Welt zusammengenommen. Wir dürfen sagen: Wenn
einmal die Massen sexuell befriedigt, gesund leben werden, wird sich
die Diskussion darüber, ob die seelischen Leiden Ausdruck gestörter
54
'
sexueller Oekonomie sind, von selbst entscheiden; auch für die
Vertreter der bürgerlichen Moral im Lager des Marxismus, für die
bürgerlich verbildeten sozialistischen Aerzte, Pädagogen etc., die
»die Psychoanalyse ablehnen zu müssen glauben«, weil sie nichts
davon verstehen. Der Grundsatz, sich immer und immer wieder ver-
ständlich an die Massen zu wenden, gilt auch hier, im heiligen Be-
reiche der angeblich unantastbaren Wissenschaft. Die Sex-Pol ver-
dankt ihre Popularität, das Verständnis, das ihr breite Schichten der
Bevölkerung Deutschlands und Oestcrreichs entgegenbrachten, keiner
Organisation, denn sie hatte keine; keiner Macht, denn sie besass
keine; sie verdankt sie einzig und allein ihrem Grundsatz, die Frage
der sexuellen Gesundheit öffentlich zu stellen. Deshalb war sogar die
Parteibürokratie gegen sie machtlos und wird es bleiben.
Was für die Sex-Pol in hohem, höchstem Grade gilt, trifft für
jede Art medizinischer oder anderer Wissenschaft zu, so etwa gewiss
für die Tuberkuloseforschung. Voraussetzung hierfür ist freilich, dass
die revolutionäre Wissenschaft nicht falsche, bürgerliche Auffassungen
in die breite Masse trägt, was nur der Reaktion hilft, sondern sich
zunächst selbst über die Grundsätze einer aus der Sache zu ent-
wickelnden dialektisch-materialistischen Naturwissenschaft klar wird
und sich dann erst an die Masse wendet. Es leuchtet ein, dass es
besser ist, gar nichts zu sagen, als dem proletarischen Jugendlichen
die bürgerliche Auffassung von der Schädlichkeit des Geschlechts-
verkehrs im jugendlichen Alter zu vermitteln und dazu »Hoch die
Revolution« zu rufen.
Die Massen haben für richtige Tatsachenfeststellungen einen
prächtigen Instinkt, der nur dann nicht sichtbar ist, wenn die re-
volutionäre Organisation ihm nichts und die Quacksalber ihm alles
bieten, vom Tisch rücken bis zur Quelle von Lourdes.
Die Angst vor der Revolution
Die kommunistisch-revolutionäre Bewegung will das Gleiche wie
die kleinbürgerlich-pazifistische: die Abschaffung der Kriege, die
Herstellung des Friedens auf Erden. Die revolutionäre Anschauung
behauptet mit Recht, dass dieses Ziel nur durch gewaltsame Be-
seitigung der Herrschaft des Kapitals zu erreichen ist, z. B. durch Ver-
wandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg. Der
Pazifismus lehnt auch den Bürgerkrieg als Gewaltanwendung ab, ohne
wahrhaben zu wollen, dass er dadurch nur den Fortbestand des
kriegegebärenden Systems sichert. In der breiten unpolitischen Masse
gilt der Kommunist als »Gewaltmensch«. Die Ansicht der breiten
Masse ist jedoch entscheidend; sie fürchtet die Gewalt, will Frieden
und Ruhe haben und will deshalb nichts vom Kommunismus wissen.
Trotzdem fördert sie gegenwärtig gerade das, was sie nicht haben will.
55
1
Die bisherige kommunistische Propaganda hat mechanisch und absolut
die Theorie der Gewalt der Theorie des Pazifismus entgegengestellt.
Ein ganz grosser Teil der Sozialdemokraten kam deshalb nicht zum
Kommunismus. Die Theorie der gewaltsamen Machtergreifung kann
nicht aufgegeben werden, doch kann, wie sich zeigte, auch die breite
Masse dafür nicht ohne weiteres gewonnen werden. Es war eine der
grossen Stärken der nationalsozialistischen Bewegung, dass sie neben
der Vortäuschung einer »deutschen Revolution« die Masse mit dem Ver-
sprechen der gewaltlosen Machtergreifung erfassle. Sie trug dadurch
sowohl dem revolutionären wie dem pazifistischen Empfinden der
Masse, gleichzeitig Rechnung, natürlich völlig unbewussl. Man braucht
nun nur zwei Fragen zu stellen, um diesen Widerspruch zu lösen:
Die erste Frage ist die, wie die Massen über die Gewalt denken. Die
Erfahrung lehrt, dass sie pazifistisch sind, vor der Gewalt Angst haben;
die zweite Frage ist, wie sich die Frage der dennoch notwendigen
Gewaltanwendung zur Stellung der Massen dazu verhält. Die Antwort
auf beide Fragen lautet und kann nur lauten: Je grösser die Massen-
basis der revolutionären Bewegung, desto geringere Gewaltanwendung
ist notwendig, desto mehr schwindet auch die Angst der Masse vor
der Revolution. Je grösser der Einfluss in Heer und im Staatsapparat,
ebenso. Die russische Revolution vollzog sich deshalb mit geringsten
Blutopfern. Erst die Intervention der Imperialisten verursachte das
Blutbad. Die Schuld daran war historisch klar und jedem sichtbar
auf Seilen der Imperialisten und der übriggebliebenen weissen Garden.
Wie gross aber die revolutionäre Massenbasis ist, hängt davon ab,
wie gut die revolutionäre Partei die Sprache aller werktätigen Schichten
der Bevölkerung sprechen, wie treffend sie ihren Wünschen und
revolutionären Ideen Ausdruck schaffen konnte. Dazu gehört bewusste
massenpsychologische Praxis. Sollte an dieser Stelle wieder ein »prin-
zipieller Gegner« einwenden, was man oft hört, die russische Revolu-
tion hätte ohne Sexualpolitik und Massenpsychologie gesiegt, so würden
wir sofort antworten: Die russischen Bauern waren auch nicht ver-
bürgerlicht wie die amerikanischen, das russische Proletariat nicht
wie das englische, und überdies war Lenin, der grösstc Massen-
psychologe aller Zeiten, Führer der russischen Revolution.
Um zur Frage der Massenbasis der Revolution zurückzukehren
bringen wir ein zweites noch korikreteres Beispiel.
Schupo als Staat und als Privatmensch
In der deutschen Schupo gab es merkwürdige Widersprüche. Die
K. P. D. wütete in den Zeitungen über die »kleinen Zörgiebels«, die
»Polizistenhorden« etc. Das folgte konsequent aus der Sozialfascismus-
theorie. Die Wut auf die Polizei war gewiss begreiflich, denn sie
schoss und schlug immer wieder in die Demonstranten hinein. Aber
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-
\*
eine revolutionäre Führung darf nicht ihren begreiflichen Wutaffekten
verfallen und dabei übersehen, dass man ohne die Sympathie und
tätige Hilfe grosser, ja grösster Teile der Polizei einen Aufstand nicht
oder nur mit unerhörten Blutopfern erzielen kann. Das Gleiche gilt
für das Heer. Sie darf keinen Augenblick vergessen, dass der Schupo-
beamte und der Wehrmann Söhne von Proletariern, Bauern, An-
gestellten etc. sind. Statt wütend zu sein, ist es klüger, sich die
Frage vorzulegen, was in dem durchschnittlichen Schupo und Wehr-
mann vorgehen mag, dass er sich derart aus seiner Klasse heraus-
schwingen kann. Ich weiss nicht, ob gerade die folgende Skizzierung
die richtigste ist: mag sein nicht. Aber man denke sich einmal einen
Schupobeamten, der auf der Strasse, hoch zu Boss, mit Helm und
Waffen so imponierend aussieht, einmal zu Hause im Kreise seiner
proletarischen Angehörigen, als Familienbruder, Gatte oder Vater,
im Bette oder sogar in Unterhosen! Auf der Strasse fühlt er sich als
»der Staat« und die kleinen proletarischen Mädchen machen unwill-
kürlich einen Knix vor dem Wachmann, denn die Mutter drohte, ihn
zu holen, wenn sie »schlimm« wären, d. h. unfolgsam, mit den Ge-
schlechtsteilen spielten etc. Der Schupo fühlt sich also als Hüter der
Ordnung und kommt sich dabei grossartig vor. Das ist das Reaktionäre
in ihm. Zu Hause und in der Kaserne ist er der schlecht bezahlte,
mit einer Nummer versehene, dienende, zum ewigen Ducken ge-
zwungene Knecht der Kapitalisten. Ein Widerspruch, der entscheidend
ist für den revolutionären Kampf, gerade dieser Widerspruch unter
vielen anderen.
Die Mehrzahl der preussisehen Schupos waren Sozialdemokraten.
In den Wochen der Hitlerschen Machtergreifung schützten viele von
ihnen die von der S. S. verfolgten Kommunisten und anderen So-
zialisten. Eine, konsequente, vernünftige, verständnisvolle revolutio-
näre Agitation kann ohne viel Geschrei den psychischen Widerspruch
im Schupo lösen. Noch einmal: Wir haben keine Bezepte, nur die
Methode der Anschauung.
Ein Beispiel, wie man es nicht machen darf. Als die Papenregierung
im Juli 1932 zur Begierung kam, war eine ihrer ersten Aktionen, dass
sie den Schupoleuten den Mädelbesuch in der Kaserne untersagte, der
bis dahin gestattet war. Die Stimmung war deshalb sehr rebellisch.
Wer in den unteren Organisationen arbeitete, hörte von vielen Seiten,
dass sich die jungen Schupos durchschnittlich wie folgt äusserten:
»Wir haben uns viel nehmen lassen, ohne aufzubegehren: Unser Lohn
wurde gedrückt, unsere Dienstzeit über Gebühr in Anspruch ge-
nommen etc. Die Mädels aber lassen wir uns nicht nehmen.« Die
Sex-Pol verständigte sofort das Z. K. und riet, dieser Stimmung
Bechnung zu tragen, gerade dieses Interesse öffentlich zu vertreten.
Davon wollte es aber nichts wissen. Das hätte doch nichts mit dem
Klassenkampf zu tun. Die Erfahrung lehrte, dass überall dort, wo
sich Sex-Pol-Aerzle befanden, wo die Polizei die Beratungsstellen in
57
k
Anspruch nahm, auch die arbeiterfeindliche Stimmung abflaute. Man
hatte kein Ohr und kein Auge für derartige Dinge, die freilich keine
»hohe Politik« waren. .Sie zeigen aber unmissverständlich, dass man
an die verschiedenen Schichten der Bevölkerung nicht mit den
abstrakten politischen Fragen herankommen kann, sondern einzig
aus den Bedürfnissen und Sorgen der Massen aller Art die Politik
zu entwickeln hat.
Wenn wir kein Ohr für die kleinen, scheinbar zufälligen, scheinbar
nebensächlichen Erscheinungen des Massenlebens haben werden,
werden uns die Massen erst recht nicht glauben, dass wir sie verstehen
werden, nachdem wir die Macht eroberten. Ein Freund der Sex-Pol
nahm auf einer Autofahrt auf der Landstrasse zwei wandernde prole-
tarische Lehrlinge auf. Bald kam ein Gespräch über Politik in Gang.
Es waren richtige proletarische Jungs, die das im betreffenden Land
hohe Mindestwahlalter noch nicht erreicht hatten. Sie waren so-
zialistisch gesinnt, aber, wie sie sagten, für die Politik uninteressiert.
Das überliessen sie gern dem würdevollen sozialdemokratischen
Ministerpräsidenten; sie würden ihm auch gern ihr Stimmrecht
überlassen, wenn er ihnen nur die netten Mädels Hesse, die sie auf
ihren Fahrten kennen lernten. Der Berichterstatter versicherte, dass
es sich nicht um verwahrloste Landstreicher, sondern um durch-
schnittliche, frische Arbeiterjungs handelte. Wer kein Ohr, kein
Verständnis, keinen Willen, aus solchen Dingen zu lernen, hat, ist
ein hoffnungsloser Fall.
In Oesterreich schössen Wehrmänner aus Arbeiter- und Bauein-
familien die Arbeilerhäuser in Schutt und töteten Hunderte ihrer
Klassengenossen. Wir fanden in keiner Zeitung, in keinem Bericht
auch nur eine Spur der Frage, wie derartiges möglich ist und wie
dem beizukommen ist. Von dieser Frage und ihrer Beantwortung
hängt nicht mehr und nicht weniger als die Antwort auf die »hohe,
strategische Frage« ab, ob und wie ein Aufstand und Strassenkampf
bei der heutigen militärtechnischen Ausrüstung des Staatsapparats
möglich ist. Nicht mehr und nicht weniger. Statt einander Un-
ratkübel von Schimpfwörtern an den Kopf zu werfen und gegenseitig
»Arbeiter Verräter« zu rufen, was nirgendwo hinführt, weil keiner es
besser versteht, täten die sich Führer des Proletariats Nennenden gut
daran, erst mal derartige Fragen zu stellen, diese Soldaten zu begreifen
und daraus die Praxis der Beeinflussung von Heer und Polizei
zu lernen.
Entwicklung der revolutionären Staatspolitik
aus den Bedürfnissen der Bevölkerung
Bei einer Aussprache des Sex-Pol-Vertreters mit dem Z. K. -Vertreter
Pieck 1932 erklärte dieser, die im »Einbruch der Sexualmoral« ent-
58
i,
wickeilen grundsätzlichen Anschauungen widersprächen denen der
Partei und des Marxismus. Nach Begründung gefragt, sagte er: »Ihr
gehl von der Konsumtion aus, wir aber von der Produktion; Ihr seid
daher keine Marxisten.« Der Sex-Pol-Vertreter fragte, ob die Be-
dürfnisse um der Produktion willen erfolge oder ob nicht umgekehrt
die Produktion der Bedürfnisbefriedigung diene. Pieck begriff diese
Frage nicht. Erst zwei Jahre später wurde klar, um welche Differenz
es ging: Der Oekonomismus entwickelt seine ganze Arbeit und Propa-
ganda einzig von der objektiven Seite des gesellschaftlichen Seins her,
vom Fortschritt der Produktivkräfte, von den wirtschaftlichen Gegen-
sätzen der Staaten, von der Ueberlegenheit der sowjetistischen Plan-
wirtschaft über die kapitalistische Anarchie etc. und »knüpft diese
Staatspolitik an die kleinen Tagesnöte an«; er erlitt vollkommenes
Fiasko mit diesem »Anknüpfen«. Die Sex-Pol entwickelte die Not-
wendigkeiten der sozialen Revolution von den subjektiven Bedürfnissen
her, leitete sämtliche Fragen der Politik aus dem Ob und Wie der
Bedürfnisbefriedigung der Massen ab, und erzielte dadurch das grösste
Interesse auch der politisch unklarsten Menschen aller Kreise. Hier liegt
nicht nur die Grunddifferenz zwischen der lebendigen revolutionären
Arbeit und dem dogmatischen, scholastischen Partei-»Marxismus«,
sondern auch der Grund, weshalb selbst beste Funktionäre, die in der
hohen Staatspolitik sich »eingefahren« hatten, die Fragestellung der
Sex-Pol nicht begreifen.
Manche Kominternfunktionäre spüren ja die Lücke in ihrer Arbeit,
vermögen aber die Stelle der konkreten Verknüpfung von Staatspolitik
und Massenbedürfnis nicht zu finden. So sagte z. B. Manuilski in
seinem Heferat »Die revolutionäre Krise reift heran« auf dem XVII.
Parteitag der K.P. S.U. (III. T. »Der Zustand der Sektionen der
Komintern«) (Zitiert nach Rundschau Nr. 16, S. 586):
»Nehmen wir unsere Kommunistische Jugendinternationale. Die
Kommunistische Jugendinlernationale hat im Laufe einer Reihe von
Jahren unter der Leitung der Komintern eine prächtige Generation
junger Bolschewiki erzogen, die mehr als einmal ihre grenzenlose
Hingabe an die Sache des Kommunismus bewiesen haben. Aber tief
in die Massen der Arbeiterjugend vermochte sie nicht einzudringen.
Auch die Sozialdemokratie hat nicht diese Jugend. Die Jugend ist in
den kapitalistischen Ländern von den nach vielen Millionen zählenden,
von der Bourgeoisie, ihren Militärstäben und ihren Pfaffen ge-
schaffenen Sportorganisationen erfasst. In Deutschland ist ein ge-
wisser Teil der erwerbslosen Jugend in die faschistischen Kasernen
gegangen. Aber die K. J . V. -Mitglieder haben diese Lehre nicht ganz
begriffen. Sie schlugen sich mutig gegen die Faschisten in Deutsch-
land. In einer Reihe von Ländern entfalten sie nicht übel die Arbeit
in der Armee und heimsen dafür langjährige Zuchthausstrafen ein,
aber z. B. in eine katholische Sportorganisation einzutreten, wo zehn-
tausende jugendlicher Arbeiter beisammen sind, fällt ihnen ebenso
59
^
.schwer, wie dem römischen Papst der Anschluss an den Verband
der Gottlosen, um für den Katholizismus Propaganda zu machen.
(Heiterkeit.) Aber die K. J. V. -Mitglieder und die Kommunisten sind
doch durch keine Prestige-Erwägungen gebunden, wie der Statthalter
Christi. Die kommunistischen und K.J. V. -Organisationen müssen
beweglich sein, sie müssen überall da sein, wo es Arbeiter gibt, sie
müssen in den Sportorganisationen sein, in solchen, Organisationen
der Arbeitermussestunden sein, wie die 'Dopolavoro' in Italien, in den
Arbeitsdienstlagern, aber vor allem müssen sie in den Betrieben sein.«
Das ist alles durchaus korrekt, ermangelt aber des wesentlichsten.
Wenn der K. J. V.-Jugendlicbe innerhalb der christlichen Organisa-
tionen arbeitet, steht er mit den wirtschaftlich-staatspolitiscbcn
Analysen des Ekkis in der Hand dem christlichen Jugendlichen völlig
bullös gegenüber. Er muss ja wissen, worüber er mit dem christ-
lichen Jugendlichen sprechen soll und welche Lösungen der Kom-
munismus, zunächst nicht für die Frage der Nationalwirtschaft,
sondern für die speziellen Sorgen des christlichen Jugendlichen hat.
Erst aus diesen Sorgen lässt sich ganz allmählich die Notwendigkeit
der sozialistischen Planwirtschaft als der Grundlage der Lösung der
persönlichen Sorgen ableiten. Im Prinzip ist also, was die Frage der
innerorganisatorischen Arbeit der Kommunisten anlangt, die Sex-Pol
mit Manuilski einig. Die Differenzen treten aber sofort berghoch auf,
wenn es um die konkrete Frage geht, was den christlichen oder
anderen, durchschnittlichen Jugendlichen interessiert, an welchem
konkreten Lebensinhalt sich die Arbeit des K.J.V.-Jugendlichen zu ent-
wickeln hat. 1 ) Das gleiche gilt für jede formalistische Formel der
Kominternführung. Sie sagt immer richtig, dass Massenarbeit geleistet
werden muss, aber sie wehrt sich selbst gegen die konkreten Inhalte
der notwendigen Massenarbeit; und dies umsomehr, je entfernter diese
Inhalte vom Hochpolitischen, je näher sie dem Persönlichen stehen.
Sie setzt einen absoluten Gegensalz von Persönlichem und Politischem,
statt die dialektische Beziehung beider zu sehen. Nicht nur gibt es
persönlichste Fragen, die zugleich typischste Fragen der gesellschaft-
lichen Ordnung sind, wie etwa die sexuelle Partnerl'rage oder
Wohnungsfrage in der Jugend, sondern die Politik überhaupt ist nichts
anderes als die Praxis der verschiedenen Bedürfnisinteressen der ver-
schiedenen sozialen Schichten und Altersklassen der Gesellschaft.
Kurz zusammengefasst unterscheidet sich die revolutionäre von
jeder Art bürgerlicher Politik dadurch, dass jene die Politik in den
Dienst der Bedürfnisbefriedigung der Masse stellt, diese jedoch ihre
ganze Politik auf der strukturellen, geschichtlich bedingten Anspruchs-
losigkeit der Massen aufbaut.
Wer in den kommunistischen Zellen arbeitete, weiss, wie selbst
die Parteimitglieder auf die »hohe Politik« reagierten. Das politische
l) Vgl. »Der sexuelle Kampf der Jugend« von Reich: dieses Buch wurde von der
K. P. D. verboten, während die Jugend aller Kreise es brennend aufgriff.
60
•
Referat gehörte zu den wöchentlichen Zusammenkünften. Ein »Re-
ferent« stellte die Politik der Bourgoisie dar, besser oder schlechter,
die Mitgliedschaft hörte mehr oder weniger interessiert, immer aber
passiv zu. Diskussionen entwickelten sich gewöhnlich nur in solchen
Zellen, wo die Intellektuellen oder alte geschulte Funktionäre in der
Mehrzahl waren, die hochpolitische Diskussionen vorzogen. In den
letzten Monaten vor der Machtergreifung durch Hitler mehrten sich
die Fälle, wo proletarische Mitglieder, die zwar in der »hohen Politik«
nicht bewandert, aber sich dessen bewusst waren, dass etwas ge-
schehen müsse, die öden politischen Referate unterbrachen und strenge
sagten :»Darüber, was die Bourgoisie will und was sie tut, hören wir
Eure Referate seil Jahren. Nun wollen wir aber endlich hören, was
wir tun, was wir für Politik treiben sollen.« Die Referenten wussten
dazu nichts zu sagen. Als in einigen Bezirken die Erfolge der ge-
schulten Sex-Pol-Referenten bekannt wurden, die das ungebildetste
Massen- und Parteimitglied für die Politik durch Aufrollung der
politischen Fragen von den Bedürfnissen, vom persönlichen her zu
interessieren verstanden, wandten sich Parteifunktionäre an die
Sex-Pol um Referenten; man wollte die »Unpolitischen« in die
Gruppenabende bekommen. Die Frauen-Arbeit, die Jugendarbeit ver-
sagte überall, weil man überall die gleiche Art anwandte, über die.
»politische Lage« zu sprechen und überall die gleiche Langeweile
erzielte. Die Sex-Pol-Referenlen waren jedoch geschult, zunächst die
Frage zu stellen, was die Frau, der Jugendliche, der Arbeitslose etc.
an persönlichen Sorgen hatte. Man setzte ein »unpolitisches« Thema
an, etwa »Wie werde ich mit meinem Kinde erzieherisch fertig«, oder
für die Jugend »Junge und Mädel in der Organisation«. Jede Erörterung
einer Frage des persönlichen kleinen Lebens weckte grosses Interesse
lebhafte Beteiligung der Zuhörer und führte regelmässig zu den
grossen politischen Fragen, die in der anderen Form jedes revolutio-
näre Empfinden erstickten. Statt »hohe Politik« zu betreiben und
von »Anknüpfen an die Tagesnöte« zu reden, um sie dann praktisch
auszuschalten, ging die Sex-Pol regelmässig und immer nur vom Per-
sönlichen aus, z. B. um bei der Hitler-Rrüning Politik zu enden. Diese
Methode, statt in hoher Politik stecken zu bleiben, vom Persönlichsten
zu den grossen Fragen der Klassenpolitik zu gelangen, nannten die
Parteivertreter »konterrevolutionäre Ablenkung«. Ihre Funktionäre
riefen aber uns nach Oranienburg, Jüterbog, Dresden, Frankfurt,
Steglitz, Stettin u. s. f., um »an die Unpolitischen heranzukommen«.
Die Sex-Pol konnte in Grossbetrieben mit Angestellten, die national-
sozialistisch verseucht und den roten Gewerkschaften jahrelang un-
zugänglich waren, auf die blosse Ankündigung ihrer Themen Dutzende
von Menschen zusammenbringen, die Zellenarbeil beleben, unpolitische
Frauen und Jugendliebe interessieren. Die Bewegung war zu jung,
zu schwach, von der Parteiführung zuerst ungern gesehen, dann
verboten, sie konnte nur Erfahrungen sammeln. Was als Ablenkung
61
vom Politischen und als reaktionär bezeichnet wurde, war die wirkliche
revolutionäre. Propaganda. Das bezeugte das Interesse der Unpoliti-
schen für die Politik, das sich schliesslich einstellte.
Ohne revolutionäre Politisierung der für die hohe Politik in dieser
Form uninteressierten Masse wird keine revolutionäre Organisation
siegen. Die sogenannten revolutionären Aktionen, denen die Masse
mehr oder minder gleichgültig gegenüberstand, waren Versuche, die
Masse durch Beispielgebung zu »mobilisieren«. Es misslang in den
meisten Fällen.
Die Erfahrungen der Sex-Pol-Arbeit in Deutschland lassen sich
auf jedes Gebiet der revolutionären Politik übertragen. Die Politi-
sierung der trägen Masse kann nicht allein durch Beispielgebung,
ebensowenig durch - wohlgemerkt psychologisch falsche Aufrufe
ä la »An die Werktätigen der ganzen Welt« erfolgen. Wenn die Masse
politisch aktiv werden soll, muss sie sich selbst zunächst die Grund-
frage der revolutionären Politik stellen: »Was wollen wir? Wie
erreichen wir es?« Wenn es richtig ist und wir zweifeln nicht
daran, dass es richtig ist -- dass die soziale Revolution den Gedanken
der sozialen Demokratie verwirklicht, die Teilnahme der Gesamt-
bevölkerung an der Politik, d. h. nicht an der bürgerlichen Diplo-
matiererci sondern an der revolutionären, zur Tatsache macht, die
breiteste Masse nicht nur zur Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens
»heranzieht«, sondern ihr die Hauptarbeit daran überantwortet, dann
ergeben sich mit Notwendigkeit einige Grundsätze der revolutionären
Massenarbeit, die hier nur an Beispielen umrissen werden können.
Sie erheben keinen Anspruch auf Vollgültigkeit, dienen nur als
Beispiele der Überlegung, ob und wie die in den Massen schlummernde
Aktivität geweckt werden könnte.
Inbesitznahme des eigenen Besitzes
Es ist klar, dass es keine Führung je geben kann, die alles über-
blicken und dirigieren könnte, was das gesellschaftliche Leben an zu
bewältigenden Problemen und Aufgaben hervorbringt. Das bringt nur
die bürgerliche Diktatur zustande, weil sie die Bedürfnisse der Massen
nicht in Rechnung stellt, weil sie gerade auf der scheinbaren Be-
dürfnislosigkeit der Masse und auf deren politischer Stumpfheit ruht.
Im heutigen kapitalistischen System ist die Arbeit längst vergesell-
schaftet, nur die Aneignung der Produkte ist eine private des Unter-
nehmers.
Die soziale Revolution will etwa die Grossbetriebe sozialisieren,
das heisst, sie der Selbstverwaltung der Arbeiter dieser Betriebe über-
geben. Wir wissen wie schwer die Sowjetunion im Anfang und auch
heute mit dieser Selbstverwaltung zu ringen hat. Die revolutionäre
Arbeit in den Betrieben kann nur erfolgreich sein, wenn sie das
62
Interesse des Arbeiters für den Betrieb weckt, als sachliches Interesse
an der Produktion, und an diesem Interesse ansetzt. Der Arbeiter
hat aber kein Interesse am Betrieb als solchem, schon gar nicht am
Betrieb in seiner heutigen Form. Ihn revolutionäres Interesse am
Betrieb schon heute zu gewinnen, muss er diesen sich schon jetzt im
Kapitalismus als ihm selbst gehörig zunächst vorstellen. In den
Belegschaften muss das Bewusstsein geweckt werden, dass der Betrieb
und seine Führung auf Grund ihrer Arbeit ihnen und nur ihnen zusteht;
dass dieses Recht, das derzeit der Kapitalist für sich in Anspruch
nimmt, mit vielen Pflichten verbunden ist, dass man über Betriebs-
lenkung, Betriebsorganisalion etc. Bescheid wissen muss, wenn man
sein eigentlicher Herr ist. Es muss klar in der Propaganda zum
Ausdruck kommen, dass der eigentliche Herr des Betriebes nicht der
gegenwärtige Besitzer des Kapitals und der Produktionsmittel, sondern
die Arbeiterschaft ist. Es ist massenpsyehologiseh ein grosser Unter-
schied, ob wir sagen: »Wir enteignen den Grosskapitalisten«, oder
ob wir sagen: »Wir nehmen unser Eigentum in unseren rechtmässigen
Besitz«. Im ersten Falle reagiert der durchschnittliche unpolitische
oder politisch verbildete Industriearbeiter auf die Enteignungsparole
mit einem Schuldgefühl und einer Hemmung, als ob er sich fremden
Besitz aneignete. Im zweiten Falle wird er sich seiner, auf Grund
seiner Arbeit, gesetzmässigen Eigentümerschaft bewusst, und die
bürgerliche Ideologie von der »Unantastbarkeit des Privateigentums«
an den Produktionsmitteln verliert ihre Gewalt über die Massen. Denn
nicht, dass die herrschende Klasse eine derartige Ideologie verbreitet
und verteidigt, ist das Problem, sondern dass und weshalb die Masse
davon ergriffen wird und sie bejaht.
Sollte es eine revolutionäre Organisation nicht zustandebringen,
der Belegschaft der Betriebe beizubringen, dass sie die rechtmässige
Herrin ist und sich schon jetzt um ihre Aufgaben zu kümmern hat?
So wie sich die kleinbürgerlichen Kaufmannsfrauen und die Ar-
beiterinnen in den Sex-Pol-Gruppen darüber eingehend klar zu werden
versuchten, wie man eigentlich die Erziehung der Kinder am besten
gestalten, die Hausarbeit am praktischsten einrichten könnte, ob es
nicht vorteilhafter sei, in einem Wohnblock eine kollektive Küche
einzurichten, so können, werden und müssen die Belegschaften schon
jetzt die Vorbereitung für die Vebernahme der Betriebe treffen. Sie
müssen ganz aus Eignem überlegen, sich schulen, verstehen, was alles
notwendig ist und wie es am besten einzurichten wäre. Die sowjetisti-
schen Erfahrungen können ihnen dabei nur helfen, ihnen aber die
Arbeit nicht ersetzen, da die Verhältnisse und Möglichkeiten dort
andere sind. Dass so und nur so die Belegschaften für die soziale Re-
volution interessiert werden können, und nicht durch gelehrte Referate
über die politische Lage und den Fünfjahresplan, ist ganz gewiss.
Der realen Uebernahme der Macht in den Betrieben durch die Beleg-
schaften muss die ideelle Vebernahme der Macht durch konkrete
63
..
Vorbereitung vorangehen. Das gleiche gilt für jede Jugendorganisa-
tion, jede Sportorganisation, jede militärische Truppe. Dies und nur
dies heisst »Weckung des Klassenbewusstseins«. Die revolutionäre
Parteiführung hat keine andere Aufgabe und kann keine andere haben,
als diesen Vorstufen der revolutionären sozialen Demokratie nach der
Machtergreifung zur restlosen Klarheit zu verhelfen, die Vorbe-
reitungen zu lenken, mit dem grösseren Wissen nachzuhelfen. Derart
in die konkrete Arbeit einbezogen, wird jeder Arbeiter sich als eigent-
licher Herr des Betriebs fühlen und den Unternähmet nicht mehr
als Lohngeber, sondern als Ausbeuter seiner Arbeitskraft empfinden.
Muss der revolutionäre Führer wissen, was Mehrwert ist, so muss
der Arbeiter genau wissen, wieviel Profit für den Unternehmer er
im jeweiligen Betrieb aus seiner Arbeitsleistung wirklich schafft.
Das ist Klassenbewusstsein. Er wird dann streiken, nicht nur aus
gefühlsmässiger Solidarität, nicht nur aus Bindung an den Gewerk-
schaftsführer, sondern aus eigenem Interesse, und kein Gewerkschafts-
führer wird ihn dann betrügen können. Er wird kämpfen für eigene
Interessen, mehr, er wird lendenlahmen Führungen den Streik auf-
zwingen und sie beseitigen, wenn sie versagen. Die revolutionäre
Propaganda war im wesentlichen nur eine negative Kritik; sie muss
es lernen, ausserdem aufbauend, vorbereitend, positiv zu sein.
Ganz das gleiche Prinzip praktischen Bewusstwerdens gilt für die
-Jugend aller Kreise und Schichten. Wo die Jugend im Betriebe stellt,
wird sie an der konkreten Gewerkschaftsarbeit teilnehmen. Wo sie
nicht in Betrieben arbeitet, wird sie sich um die Einrichtung ihres
persönlichen Lebens, um die Lösung ihrer Elternkonflikte, um die
sexuelle Parlnerfrage, um die Wohnungsfrage kümmern. Sie wird
derart nicht nur aus eigenem neue Formen des gesellschaftlichen
Lebens schaffen, zunächst nur ersinnen, dann sich dafür einsetzen und
schliesslich dafür kämpfen; sie wird vielmehr nicht mehr zu bändigen
sein. Mit Referaten über politische Lage, ja selbst über »die sexuelle
Frage der Jugend« ist nicht gedient. Das ist lenkende Arbeit von oben.
Die Jugend muss sich ihr Leben auf jedem Gebiet schon jetzt ein-
zurichten beginnen. Sie kann sich dabei zunächst weder um Polizei
noch Behörden kümmern und soll es auch nicht tun; sie soll einrichten
und tun, was sie für richtig hält und was sie einzurichten vermag.
Sie wird dann bald erkennen, dass sie auf harte Schranken stössl,,
dass ihr die Einrichtung auch nur der einfachsten, selbstverständ-
lichsten Dinge des jugendlichen Lebens unmöglich gemacht werden
wird; und so, praktisch, wird sie erkennen, was revolutionäre Politik,
was revolutionäre Notwendigkeit ist. Wenn ihr die kapitalistischen
Behörden etwa bei der Beschaffung von Empfängnisverhütungsmitteln,
bei der Organisation der gegenseitigen Mille in der Wohnungsfrage
usf. dazwischenfahren werden, zunächst mit Drohungen, dann mit
Arretierungen, schliesslich mit schweren Gefängnisstrafen, dann, nur
dann, werden sie innerlichst spüren, wo und wie sie unterdrückt
64
t,
r <
werden; dann wird sie kämpfen lernen, nicht im luftleeren Raum,
nicht auf Grund von aussen herangetragener Parolen, sondern im
Zusammcnstoss mit der harten Wirklich keil des Lehens im Kapi-
talismus. So lernten es die tschechischen Wanderjugendbünde 1931,
als ihre Mitglieder in Zelten ihr Geschlechtsleben lebten und die Gen-
darmerie Verhaftungen vornahm; sie kämpften dann auf der Strasse
mit der Faust gegen die Staatsmacht für ihr Recht. Heute ist in
Deutschland das Zelten nur mit Eheausweis gestattet, die deutsche
Jugend nimmt dies Verbot murrend aber stillschweigend hin, sucht
sich andere Plätze, umgeht das Verbot. Das Bewusstsein ihres guten
Rechts, sich ihr Leben einzurichten, wird sie unweigerlich auch zum
Kampf dafür zwingen. Sie braucht nur noch eine Stütze, eine Or-
ganisation, eine Partei, die sie versteht, ihr hilft, sie vertritt.
Schlussfolgerung
Das Klassenbewusstsein der Masse ist nicht die Kenntnis der
geschichtlichen oder wirtschaftlichen Gesetze, die das Dasein der
Menschen regieren, sondern:
1. die Kenntnis der eigenen Lebensbedürfnisse auf allen Gebieten;
2. die Kenntnis der Wege und Möglichkeiten ihrer Befriedigung;
3. die Kenntnis der Hindernisse, die die privatwirtschaftliche Gesell-
schaf tsordnung ihr in den Weg legt;
4. die Kenntnis der eigenen Hemmungen und Aengste, sich über die
Notwendigkeiten des eigenen Lebens und ihrer Hindernisse klar zu
werden (»der Feind steht im eigenen Land« gilt auch besonders für
die seelische Hemmung des einzelnen Unterdrückten selbst) ;
5. die Kenntnis der Unüberwindlichkeit der eigenen Kraft gegenüben
der Macht der Unterdrücker im Falle ihrer massenmässigen
Zusammenfassung.
Das Klassenbewusslsein der revolutionären Führung (der revolu-
tionären Partei) istjiichts anderes als die Summe des Wissens und
der Fähigkeiten, für die Masse auszusprechen, was sie selbst nicht
auszudrücken vermag; und die revolutionäre Befreiung vom Joche des
Kapitals ist die zusammenfassende Tat, die aus dem voll entwickelten
Klassenbewusstscin der Masse von selbst erwächst, wenn die revolu-
tionäre Führung auf allen Lebensgebieten die Masse begriffen hat.
65
Grundsätze zur Diskussion über die Neuformierung
der Arbeiterbewegung
Zusammenfassung derjenigen Umstellungen in der Arbeitsmethode, die infolge
der Erkenntnis der begangenen Fehler notwendig winden.
Grundsatz: Es Ist unmöglich, in Einzelheiten Anweisungen zu gehen; man inuss
die Grundsätze der Anschauung und des Betrachtens klar haben und sie auf
die Einzelheiten anwenden; ist der Grundsatz richtig, dann begeht man im
einzelnen Falk- keine Fehler. Ist der Grundsatz der Anschauungsmethode
falsch, dann sind richtige Entscheidungen in Einzelfällen nur Zufall und die
Quelle von Fehlern ist riesengross.
3.
4.
5.
6.
66
Zur Beurteilung des politischen Geschehens
Hei der Fassung jedes Vorgangs sind zwei Fragen notwendig: a) Steht der
Vorgang in der Richtung der reaktionären «der der revolutionären Entwick-
lung? b) (Hauben diejenigen, die den Vorgang durchführen, damit im Sinne
des Sozialismus oder des Kapitalismus zu handeln?
(Objektiv und subjektiv ist nieist verschieden: SA ist objektiv konterrevolu-
tionär, subjektiv revolutionär.)
Zur Bewältigung der Aufgaben ist unerlässlich, bei jeder Beurteilung und
Stellungnahme sieh zu fragen:
Was geht in den verschiedenen Schichten der Masse vor?
Was in ihr ist für und was ist gegen uns?
Wie erlebt die breite unpolitische oder verbildete Masse die politischen
Ereignisse?
Wie erlebt und empfindet die Masse die revolutionäre Bewegung?
Jedes Ereignis ist widerspruchsvoll, enthält Elemente für und gegen die
Revolution; Voraussehen ist nur möglieh:
a) durch Erfassung der Widersprüche,
b) durch Aufstellung der möglichen Varianten der Entwicklung, (z. B. reak-
tionäre und revolutionäre Elemente im Faschismus.)
Der gesellschaftliche Prozess enthält gleichzeitig vorwärtsdrängende und
zurückhaltende oder rückwärtsdrängende Kräfte; revolutionäre Arbeit ist das
Erfassen beider und das Vorwärtstreiben der revolutionären Tendenzen (z. B.
Hitlerjugend: sexuelle Freiheit ist vorwärts, Autoritätsgläubigkeit rückwärts-
drängende Kraft).
Die Bedürfnisse sind nicht für die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft ist
für die Bedürfnisse da.
Polizei und andere Gegner, vor denen man Angst hat, sieh in ("nterhosen
vorstellen. Ebenso jede gefürchtete Autorität.
Zur Arbeitsmethode
'• Die Suggestion als Mittel der Massengewinnung gilt nur für die politische
Reaktion; die revolutionäre Bewegung hat nicht zu suggerieren, sondern der
Masse zu enthüllen, die unausgesprochenen und unausgedachtcn Wünsche der
Masse zu erraten und auszusprechen (Theorie vom revolutionären Aufschwung
•st Suggestion).
8 - Die Geheimdiplomatie ist die Politik der Reaktion; sich immer an die Massen
wenden und Vernichtung der Geheimpolitik ist die Politik der Revolution.
(Gegenbeispiel Litwinows Hede hei der letzten Sitzung der Abrüstungs-
konferenz.)
■ nenn man die eigenen Wünsche in die Masse hineinvei legt und die wirkliche
Lage nicht unabhängig von den eigenen Wünschen beurteilt, bleiben die er-
füllbarsten Wünsche unerfüllt. (Die Situation aus einem kleinen Kreis in die
Masse projizieren.)
"• Ockonomismus führt zum Misserfolg: Der Mensch, nicht die Maschine macht
die Geschichte; dazu braucht er die Maschine. Die Wirtschaft setzt sich nie
Unmittelbar in Bewusstsein um, sondern es gibt viele Zwischenglieder und
auch Widersprüche (Vergl. den christlichen Arbeiter, die arme Nazifrau etc.).
• Wenn die Masse gegen materielles und sexuelles Elend rebelliert, so ist das
kein Problem: immer dann ein unverstandenes Problem sehen, wenn die
Masse gegen das eigene Interesse handelt (»irrationales Verhalten«); z. B.
Frauen bejahen die Ehe, auch wenn sie zum Joch wird. Arbeiter vergessen
die Tatsache der Ausbeutung, wenn es dem Betrieb gut geht. Jugendliche
bejahen die Sexualuntüidiiickung.
- Klassenbewusstscin nicht als System von Lehrsätzen schulmeisterlich an die
Massen herantragen, sondern aus dem Erleben der Masse entwickeln. Politi-
sierung aller Bedürfnisse.
■'■ Deutlich machen, dass das Proletariat, wenn es die eigenen Interessen ver-
tritt, damit gleichzeitig die Interessen aller Werktätigen vertritt. Keine Gegen-
überstellung von Proletariat und Mittelstand. Industrieproletariat ist im
Hochkapital ismuc zahlenmässig in der Minderheit und überdies verbürgerlicht.
• Lieber keine Flugblätter (und sonstige Agitation) als schlechte. Jede Ent-
löschung der Masse verhüten! Entscheidend ist nicht der Wille, sondern
die Wirkung auf die Masse! (Vergl. Volksentscheid.) Vertrauen vor aller
sachlichen Beeinflussung herstellen: z. B. zugeben, etwas nicht zu wissen.
Her Masse nicht mehr zumuten an Aktionen als sie gerade tragen kann. Lang-
sam steigern! Auf lange Sicht gründlich arbeiten, aber auf plötzliche Wen-
dungen gefasst sein!
lh - Üeber das Schicksal der Revolution entscheidet immer die breite unpolitische
Masse. Daher Privatleben, kleines Leben auf den Rummelplätzen, Tanzböden,
Ki "os, Märkten, Schlafzimmern, Herbergen, Wettbüros politisieren! Die
■evolutionäre Energie liegt im kleinen Alltagsleben!
17 " Immer international, nie nur national «lenken. (Wir in Deutschland interes-
sieret! uns nicht för lMc Einheitsfro.nl in Frankreich und im Saargebiet oder
fl "' die chinesische Revolution.)
67
Wir selbst — die Partei
18. Es gibt zweierlei Klasscnbewusstsein: das der Masse ist anders als das der
Führung. (Bedürfnisse der Jugendlichen, z. B. nach eigener Wohnung, Wider-
stand der Betriebsarbeiter gegen Lohnabbau, Empörung der SA-Leute über
ihre Entwaffnung auf der einen Seite — Wissen aber den Mechanismus des
Krisenablaufs, über die Technik der sozialistischen Planwirtschaft, über die
imperialistischen Gegensätze und Kriegsrüstungen auf der ganzen Welt bei
gleichzeitiger genauester Einfühlung in die Bedürfnisse der Massen auf der
anderen Seite.)
19. Ueber das politische Gewicht einer Organisation oder Bewegung entscheidet
nicht ihr Wille oder ihr Programm, sondern ihre Massenbasis, d. h. dasjenige,
was in der Masse dem entgegenkommt. Die revolutionäre Führung kann sich
daher nicht leisten, zu lavieren wie etwa Goebbels, der dem Massacre vom
30. Juni entging, weil er keine Massenbasis zu vertreten hatte, an die er
gebunden war, und daher auf die »richtige« Seite lallen konnte.
20. Grundsätzliche Frage: Wo bin ich, der Revolutionär, selbst bürgerlich, reli-
giös, moralisch verseucht? Wo stört mich diese Verseuchung in meiner revolu-
tionären Arbeit? Wo bin ich selbst autoritätsgläubig?
21. Von der revolutionären Führung ist zu fordern, dass sie nicht nur subjektiv,
sondern auch objektiv im Interesse der Revolution arbeitet.
22. Begeht sie Fehler, dann ist alles daran zu setzen, dass diese nicht nur in den
unteren Einheiten, sondern auch oben korrigiert werden.
23. Die politische Linie muss stets der Kontrolle der Basis unterstellt werden.
(Innerparteiliche Diskussion.)
24. Es genügt nicht, politische Wendungen stillschweigend, manchmal sogar ver-
steckt vorzunehmen, sonst stiftet man Unklarheit und Verwirrung. Ueber jede
politische Wendung ist den Mitgliedern der Partei genaue Rechenschaft zu
geben, begangene Fehler sind einer wirklichen Selbstkritik zu unterwerfen,
die die Schuld nicht mechanisch auf die unteren Einheiten abschiebt (»die Be-
schlüsse des xten Parteitags sind nicht genügend durchgeführt worden«).
25. Darüber hinaus ist die Frage der Führung, der personellen Erneuerung der
mittleren und oberen Funktionärkader zu stellen. Wer nicht im Erkennen
vorangeht, wer nachhinkt, ist auch dann als Führer ungeeignet, wenn er
unter dem Druck der Massen schliesslich nachgibt.
26. Schon jetzt nach Mitteln suchen, zu erfassen, wie man die Bürokratisierung
einer lebendigen revolutionären Organisation von vornherein unterbinden
kann. Warum verbonzt der einfache Arbeiter so gern, wenn er als Funktionär
aufsteigt? Bestes Kennzeichen: Sexualmoralische Einstellung zur Frage der
Jugend und der Ehe !
27. Woran kann man den künftigen Verräter, Spitzel, Ueberläufer, den in ent-
scheidenden Augenblicken Umfallenden erkennen, noch ehe er es selbst
weiss oder ahnt? (Eitelkeit, diplomatische Begabung. Weichheit in der Ver-
tretung des eigenen Standpunktes. Ueberfrcundlichkeit, forciertes Zurschau-
tragen revolutionärer Gesinnung etc.).
28. Wie erkennt man die charakterlichen Eigenschaften des festen Revolutionärs?
(Aeusserlich einfache Haltung, Fähigkeit zu unmilelbarcm Kontakt mit Men-
68
sehen, einfache selbstverständliche Haltung im Sexuellen, Phrasenlosigkei
nicht nur gcfühlsmässige, sondern in erster Linie verstandesmässige Ucbfcr
zeugung vom Sozialismus, keine Verhunzung in höherer Funktion, kein
patriarchalische Stellung zu Frau und Kindern.)
29. Struktur der aufzuhauenden Partei: Qualität des Kerns, nicht Quantität! Ker
(Partei) -f umgehende sympathisierende Masse (= frühere einfache Parte
mitglieder). Bewährungsfrist vor Aufnahme wieder einführen.
30. Funktionäre nicht überlasten! Freizeit unbedingt lassen! Privatleben nicht
ausschalten, sondern in Ordnung haben! Immer Ersatzmänner schulen und
bereithaben. Arbeit in kleinen Portionen verteilen. Sitzungen kurz und
sachlich! Kritik sachlich fördern, Krittelei erbarmungslos ausschalten! Immer
den Standpunkt des Anderen erst verstehen ! Vermeiden von Strohfeueraktio-
nen, keine »Kampagnen«, sondern gründlichste Durchdringung, bis die Aktion
sich wie von selbst auslöst.
31. Kein unnötiger Heroismus! Nicht auf Märtyrertum stolz sein, sondern Kräfte
schonen! Es ist keine Kunst und kein Ruhm zu sitzen, sondern es ist die
grösste Kunst, nicht zu sitzen! Nicht mit »proletarischer Solidarität« prahlen,
sondern wirkliche Solidarität üben (overgl. Misstände in der »Roten Hilfe«).
32. Persönliche Konflikte und Beziehungen stören oft die Arbeit! Lernen, das
Persönliche nicht auszuschalten, sondern zu politisieren (z. B. Frau, die
eifersüchtig und den Mann behindert oder umgekehrt).
33. Im Denken muss man lernen, sich umzustellen; dies ist zu unterscheiden
von Ueberzcugungslosigkcit ; kontrollieren, wo Bindung an Organisation und
an überlieferte Anschauungen das Sehen der lebendigen Wirklichkeit behin-
dert (die revolutionäre Organisation und die bewusste Solidarität in ihr ist
die Grundlage für die revolutionäre Arbeit des F.inzelnen; wo sie darüber
hinaus unbewusst zum Krsatz für Heimat und Familie wird, kann der Blick
für die Wirklichkeit getrübt werden).
34. Auch in innerparteilichen Fragen immer vor der breiten Ocffentlichkeit der
Partei verhandeln (gilt natürlich nur für die Zeit der Legalität). Innerpartei-
liche Geheimdiplomatie ist schädlich. Wer seine Meinung verbirgt, gehört
nicht zu uns. Wer die Sache der Revolution in den Dienst der Taktik stellt
statt umgekehrt, ebenso.
35. Eigene Initiative entwickeln heisst nichts anderes, als das Leben unverholen
ansehen und die Konsequenzen ziehen.
69
Verzeichnis der Fremdworte und schwierigen Begriffe
degenerativ
Depression
Dialektik
diffamiert
Dopolavoro
Fachanalytiker
Fetisch
Formalismus
Freud
Hemmung
Identifizierung
kontinuierlich
kontrovers
Lethargie
motorisch
Neurosenprophylaxe
Oekonomismus
Psychiatrie
Psychopathen
Reaktionen, kindliche
scholastisch
Sex-Pol
Sexual Ökonomie
Struktur
Therapie
70
in der körperlichen Anlage erblich geschädigt
Niedergeschlagenheit
Betrachtung der Erscheinungen unter Berücksichtigung
ihrer inneren Widersprüchlichkeit
veräch 1 1 ich gern ach t
»nach der Arbeit«, italienische Freizeitorganisation, Vor-
bild für »Kraft durch Freude«
auf dem Gebiete der Psychoanalyse voll ausgebildeter
und tätiger Wissenschaftler (vergl. Freud)
zum Götzen erhobener Gegenstand
Hintansetzung des Inhaltes gegenüber der Form
Wiener Nervenarzt, Begründer der Psychoanalyse, einer
naturwissenschaftlichen Methode zui Erforschung und
Beeinflussung seelischer Vorgänge. Die P. stellt die
überragende Bedeutung unbewusster, aus dem Bewusstsein
verdrängter sexueller Wünsche und Triebregungen für die
Charakterbildung und für die Verursachung seelischer
beiden fest
unbewusster Widerstand gegen freie Triebbefriedigung
sich seihst mit einem Anderen gleichsetzen
unaufhörlich
gegensätzlich
Lähmung
bewegungsmässig
Vorbeugung seelischer Erkrankungen
Erklärung der Ereignisse lediglich aus den ökonomischen
Verhältnissen
Wissenschaft von den geistigen Erkrankungen
seelisch Gestörte
Verhalten des Kindes gegenüber Einwirkungen
spitzfindig, lehensfern
sexualpolitische Organisation; in Deutschland bis 1933
»Einheitsverband für proletarische Sexualreform«
Gestaltung des sexuellen Lebens der Massen unter be-
stimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen; im engeren
Sinne wissenschaftliche Erforschung dieser Voraussetzun-
gen mit Hilfe der dialektisch-materialistischen Methode.
innerer Zusammenhang, Aufbau
Heilbehandlung
UNSERE NÄCHSTEN ERSCHEINUNGEN:
DIALEKTISCHER MATERIAIISMUS
UND PSYCHOANALYSE
VON WILHELM REICH
Ans dem Inhalt: Die Psychoanalyse als materialistische
Psychologie. Die Dialektik im Seelischen. Die soziologische
Stellung der Psychoanalyse.
Diese Schritt stellt die erstmalig in der Zeitschrift »Unter
dem Banner des Marxismus« (1929) erschienene grundlegende
Auseinandersetzung über die Anwendung der Psychoanalyse in
der Geschichtsforschung dar. Sie bedeutet gleichzeitig die
erstmalige Anwendung des dialektischen Materialismus auf
psychologischem Gebiet.
UMFANG CA. '<S SEITEN
PREIS: CA. DKR. —.90
RELIGION, KIRCHE,
RELIGIONSSTREIT IN DEUTSCHLAND
VON KARL TESCHITZ
Ans dem Inhalt: Kritik an der bisherigen Stellungnahme der
Arbeiterpresse zum Religionsstreit. Das Wesen der Religion (mit
Einbeziehung der sexualökonomischen Theorie). Die Sünden-
lehre. Die protestantische und die katholische Kirche und ihr
Streit mit der Nazi-Regierung. Die deutsche Glauhensbewegung
(Neu-Heidentum). Gesichtspunkte für die proletarische anti-
religiöse Arbeit.
I
UMFANG CA. 32 SEITEN
PREIS: CA. DER- —.60
Verlag für Sexualpolitik, Kopenhagen,
Postbox 827 Postgirokonto 30302
71
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1. ZWEIERLEI KLASSENBEWUßTSEIN 5
Begründung 5
Zweierlei »Klassenbcwusstsein« <)
2. EINIGE KONKRETE ELEMENTE DES KLASSENBEWUSSTSEINS
UND EINIGE HEMMUNGEN BEIM MASSHNINDIVIDUUM 18
Heim Jugendlichen (in der Pubertät und Nachpubertät) 18
Bei den Frauen 22
Bei erwachsenen werktätigen Männern 28
Beim Kinde -. 31
;i. BÜBGERLICHE UNI) REVOLUTIONÄRE POLITIK 35
Fetisch »Politik« 36
Warum sprach Litwinow nicht zur Masse? 38
Schema der revolutionären Politik 41
Bürgerliche Politik der K. P. I) 42
Innerparteiliche revolutionäre Politik 43
4. KLASSENBEWUSSTSEIN AUS DEM LEBEN DER MASSE ENTWICKELN... 44
Pilhrling, Partei und Masse 44
Die Stellung der Sex-Pol zur »Neuen Partei« 46
Volkslied und Volkstanz als Ansatz revolutionären Fühlens 50
Bevolutionäre wissenschaftliche Arbeit 52
Die Angst vor der Bevolution 55
Schupo als Staat und als Privatmensch 56
Entwicklung der revolutionären Staatspolitik aus den Bedürfnissen der
Bevölkerung 58
Inbesitznahme des eigenen Besitzes 62
Schlussfolgerung 65
5. ANHANG: GKUNDSÄTZK ZUR DISKUSSION ÜBEB DIE NEUFOHMIE-
BUNG DEB ARBEITERBEWEGUNG 66
Zur Beurteilung des politischen Geschehens 66
Zur Arbeitsmethode 67
Wir selbst — die Partei 68
Verzeichnis der Fremdworte und schwierigen Begriffe 70
Inhaltsverzeichnis 72
72
35. 24216
ZEITSCHRIFT FÜR
POLITISCHE PSYCHOLOGIE
UND SEXUALÖKONOMIE
HERAUSGEBER: E. PARELL
Diese neue Zeitschrift stellt sich die Aufgabe, die Forschungsmethode des
dialektischen Materialismus (Marxismus) auf allen Gebieten der politischen
Psychologie und Sexualpolitik auf Grund der sexualökonomischen Theorie von
Dr. Wilhelm Reich konsequent anzuwenden. Sie diskutiert alle Probleme der
Massenpsychologie, soweit sie für den gesellschaftlichen Prozess überhaupt und
speziell für die revolutionäre Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in
eine sozialistische von Bedeutung sind.
HEFT 1 enthält u. a.t
W. Reich: Zur Anwendung der Psychoanalyse in der Geschichtsforschung.
E. Parell: Was ist Klassenbewusstsein? I. Teil.
W. Reich: Der Organismus als elektrophysiologische Entladung.
O. Fenichel: Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-
materialistischen Psychologie.
J. H. Leunbach; Religion und Sexualität.
HEFT 2 enthält u. a.t
E. Parell: Was ist Klassenbewusstsein? II. Teil.
W. Reich: Ein Widerspruch der Freudschen Verdrängungsichre.
Einwände gegen Massenpsychologie und Sexualpolitik.
W. Teschitz: Zur Kritik der kommunistischen Politik in Deutschland.
W. Reich: Der Urgegensatz des vegetativen Lebens.
Ein Pornografie-Prozess in Schweden.
HEFT 3/4 (erscheint Ende September) enthält u. a.t
E. Parell: Was ist Klassenbewusstsein? (Schluss).
W. Reich: Die vegetative Urform des Libido- Angst-GegensaUt *•
Hansen: Ein Kinderschicksal.
W. Reich: Roheim's Psychoanalyse primitiver Kulturen.
Epstein: Marx, Peuchet und die Psychoanalyse.
Roner: Die Funktion der objektiven »Wert-Welt«.
k
Die Zeitschrift erscheint zweimonatlich. Umfang 90 Seiten.
Abonnementspreis t 6 Hefte 12.— DKr. Einzelheft 9.— DKr.
Verlag für Sexualpolitik. Kopenhagen»
Postbox 827.
►302.
WALTER KOLBEN HOFF
UNTERMENSCHEN
ROMAN
KARTONIERT: 5.- D. KR.
Martin Andersen Nexei
»Es ist eine starke Stimme — vielleicht die stärkste bis heute — aus der Tiefe,
wo die Seele kämpft um nicht ganz von den Schlammschichten, die über ihr lagern,
erdrückt zu werden. In diesem Buch wird entschleiert, warum Deutschland so
wurde, wie es heute ist; wird die grauenhafte Wahrheit bewiesen, dass die Prole-
tarier unterlagen wegen ihrer guten Eigenschaften: Gutgläubigkeit und Treue und
weil sie es vergassen, ihr Herz mit einem schützenden Panzer zu umgeben. Das
Buch ist kein gewöhnlicher Roman, es hat wenig mit Literatur im allgemeinen
Sinne zu tun. Es ist ein Schrei. Ein Angstschrei aus der Tiefe um Hilfe, um
Rettung. Ein Notruf aus einer Welt, in der die Seele versunken ist und das Tier
obenauf schwimmt. Jeder Arbeiter sollte dieses Buch, das hoffentlich auch bald
dänisch vorliegt, kennen lernen. Nicht zuletzt mag es dem gemässigten, demo-
kratifizierten, friedfertig eingestellten Arbeiter einiges zu denken geben.
In UNTERMENSCHEN bricht die Stimme des deutschen Proletariers so durch,
dass sie nicht mehr misszuoerstehen ist. Sie klingt nicht nur nach Kellerluft und
blutiger Unterdrückung, nach Hunger und nagendem Ungeziefer. Sie bricht wie
ein Stoss, ein Blutstoss, aus der Wunde einer erschrockenen Seele. DEUTSCH-
LAND — DAS DEUTSCHLAND DER UNTERDRÜCKTEN — HAT BEGONNEN
QLUT ZU WEINEN*.
„Politiken", Kopenhagen, 26. Harz 1934t
»Eine gemütliche Lektüre ist das nicht, aber eben so sicher ist das alles wahr-
heitsgetreu. Doch auch diese Tatsachen sind von einem Prisma gebrochen, das
Temperament heist Oft lächelt ein grosser Satyriker hinter den Bildern hervor
und er hat starke Zähne »Untermenschen« könnte von einem unechten Bruder
Brechts geschrieben sein — oder von seiner linken Hand, die sicher talentvoller
ist als die meisten rechten Hände. Man versteht die Situation im heutigen
Deutschland besser, wenn man dieses Buch gelesen hat.« Svend Borberß.
„Aandehullet", Kopenhagen, Februar 1934t
»-....Mit allen Vorzügen und Fehlern ist »UNTERMENSCHEN« ein ganz ein-
zigartiges menschliches Dokument. Auch das, was der Kritiker sonst mit seinem
literarischen Schulmeisterfinger aufzeigen würde, bekommt Wert, weil es zur
Charakteristik eines ausserordentlich lebendigen Wesens beiträgt Das Buch
endet mit der gleichen Frage, der wir jetzt gegenüberstehen: Wie sollen die
Kleinbürger und grosse Teile des Proletariats von dem Erzeugnis der bürgerlichen
»Gesellschafts«-Erziehung, dem »Traum«, befreit, wie sollen die Millionen Trieb-
menschen kulturell unabhängig und damit sozial aktiv gemacht werden?«
Ebbe Neergaard.
„Studenterbladet", Kopenhagen, 15. Februar 1934 t
» Das Buch soll nicht nur aus einem »lokalpatriotischen« Grunde empfoh-
lem werden. Der Mann hat nämlich einiges erlebt — und dadurch wird er selbst
zum aufklärenden Typus des jetzigen Deutschland. Hunger hinter der Front,
deutsche Schulerziehung, Bürgerkrieg, Arbeitslosigkeit, Vagabundenleben, berliner
Armenleben, Nazirevolution — das sind seine Erlebnisse. Und er kann schildern:
Durch sein Buch versteht man die Zusammenhänge zwischen diesen Dingen.
es ist die Autorität der Gesellschaft, die Pädagogik, die »Moral«, die den
Menschen zerschmettert, meint Kolbenhoff. Eines jedenfalls ist er sicher: »Alle
Lehrer sind Schweine« Doch kann man sich gleichzeitig wärmen an der
Menschlichkeit dieses Buches Das Buch ist überzeugend, nachdem man sich
von seinem Erstaunen erholt hat«. r. Hojberg-Pedersen.
«
Trobris Verlag» Kopenhagen, Postbox 827.
•■
UNIVERSAL TRriO(£|nET
1A x .