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Full text of "Psychoanalyse und Weltanschauung"

JJr. Oskar _l iister 

Pfarrer in -Züricii 



Psychoanalyse und 
VVeltanscnauung 






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Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / "Wi en / Zürich 



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Dr. Oskar Pfister 



Pfarrer in Zürich 



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Internationaler rs y c h oa n a ly tis c Ii e r Verlag 
.Leipzig / Wien / Zürich 









Alle Rechte, insbesondere die Jer Übersetzung, vorbehalten 

* 

Copyright 1928 by »Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag« In Wien I 

* 
Von den in diesem Band enthaltenen zwei Arbeiten ist 
die Abhandlung „Psychoanalyse und Weltanschauung" 
igi8\ta verfaßt und zuerst in dem iguo erschienenen (seit- 
her vergriffenen) Sammelband des Verfassers „Zum Kampf 
um die Psychoanalyse ' veröffentlicht worden, 

die Abhandlung „Die Illusion einer Zukunft" anfangs 
1Q»8 geschrieben und zuerst in der „Imago, Zeitschrift für 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geistes- 
wissenschaften" (herausgegeben von Sign: Freud), Bd. XIV, 
Heft aji, veröffentlicht worden. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christo)))] Reisser's Söhne, Wien V. 






s. 



-Inhaltsverzeichnis 

Seite 
Psychoanalyse und \V eltanschauung 7 

Erster Teil: Psychoanalyse und Positivismus 9 

Zweiter Teil: Psychoanalyse und Metaphysik 17 

I) Historisch 17 

a) Grundsätzliche Auseinandersetzungen: Sigm. Freud 17. — S. Fe- 
renczi 18. — Otto Rank und Hanns Sachs 21. — Herbert Silberer 24. 

ß) Metaphysische Vorstöße von psychoanalytischer Seite: James Put- 
nam 25. — C. G. Jung 28. 

II) Grundsätzliche Erörterung der Beziehungen von Psychoanalyse und 

Metaphysik 31 

Dritter Teil: Psychoanalyse und Ethik 38 

I) Historische Untersuchung 38 

Sigm. Freud 58. — James Ptitnam 45. — Paul Häberlin 44. 

II) Systematische Untersuchung der Beziehungen zwischen Psycho- 
analyse und Ethik 59 

A) Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Ethik a) Prinzipielle Vor- 
aussetzung. 1) Das Wesen der Ethik 59. — 2) Die ethogenetische 
Methode 60. — 5) Spezifisch psychoanalytische Gesichtspunkte für 
Gewinnung einer Ethik 62. — ß) Die Prinzipien der Ethik 65. — 
y) Die Ausbildung der sittlichen Persönlichkeit 84. 

B) Die Bedeutung der Ethik für die Psychoanalyse 87. 

Schluß 9 2 

l 



liilinltsvcrzciaiius 



Seite 

Die Illusion einer Zukunft 95 

I) Freuds Kritik der Religion 99 

1) Die Anklagen 99 

2) Die Religion als neurotischer Zwang 100 

5) Religion als Wunschgebilde 104 

4) Die Religion als denkfeindlich 115 

5) Die Religion als Kulturschutz 115 

II) Freuds Scientismus 118 

1) Der Glaube an die menschheitsbeglückende Wissenschaft x x g 

2) Historische Beleuchtung 120 

3) Kritik dieses Wissenschaftsoptimismus i 2x 

4) Freuds Glaube an die Suffizienz der Wissenschaft i 2 + 

Schluß 130 









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-Psychoanalyse und 

Weltanscnauung 



^ 







Schon lange bevor die Höllenreiter des Krieges, der Pest, des Hungers 
und des Todes den Acker der Menschheit vor unseren Augen verwüsteten, 
dröhnte der Schrei nach Leben durch die Gegenwart. Ihm voran gingen 
einzelne Seufzer und Klagen, ein sehnendes Mitternachtslied einsamer Denker 
und Träumer. Ein Tolstoj und Dostojewski, ein Oskar Wilde, Maurice 
Maeterlinck und Romain Rolland redeten als Propheten des Lebens zu 
ihrem Geschlecht; ein Rudolf Eucken baute sein „personales Lebens- 
system", in welchem Naturalismus und Intellektualismus ihren lang ge- 
tragen Purpur mit dem Arbeiterkittel vertauschen müssen und der seiner 
Eigenart bewußte, schöpferisch wirkende, innerlich reiche Geist den Thron 
besteigt;' ein Henri Bergson schrieb seine Lebensphilosophie, in welcher 
der bisher so stolze [Intellekt es sich gefallen lassen soll, daß ihn das ewig 
Weibliche der Intuition zu den wahren Lebenshöhen hinanzieht. Es ist 
sicher kein Zufall, daß gleichzeitig mit dem Kampfe gegen den Intellektua- 
lismus die Auflehnung gegen Industrialismus und Kapitalismus, dieser prakti- 
sche Kreuzzug zur Eroberung von Leben anhebt, denn hüben und drüben, 
in Denken und Gesellschaftsleben, handelt es sich um dieselbe Not: Die 
Knebelung der Gemütsansprüche; nur die Richtungen, in welchen der 
Lebensdrang des Gelehrten und der des Wirtschafters Ersatz für ihr ver- 
lorenes Gut suchten, waren verschieden. 

Aus dem Lebenshunger ging auch die Psychoanalyse hervor. Es war 
nicht der affektlose Seelenforscher, sondern der ärztliche Samaritergeist, 
der sie ins Leben rief. Aber freilich bestand bei Sigmund Freud, ihrem 
Schöpfer, nicht jene arge Feindschaft zwischen dem Manne Intellekt und 
dem Weibe Gemüt, die andere glaubten für alle Zeiten feststellen zu müssen. 



1) Vgl. Eucken: Die Einheit des Geisteslebens in Bewußtsein und Tat der Mensch- 
heit. S. 492 ff. 



b^- 



Dr. Oskar Plisler 



Freud weiß so gut wie Byron, daß der Baum des Wissens noch nicht 
Baum des Lebens ist, aber er ist auch gewiß, daß die Edelzweige des Wissens 
dem Lebensbaum aufgepfropft werden müssen, um gesunde Früchte zu ge- 
winnen. Der Schöpfer der Psychoanalyse ist weit entfernt von jener Nur- 
Erkenntnis, die nach Nietzsches Hohn von den Dingen nichts wissen 
will, als vor ihnen liegen bleiben, wie ein Spiegel mit hundert Augen. 
Auch für ihn handelt es sich bei der Psychoanalyse im Grunde um eine 
Lebenssteigerung. Wenn Freud jenseits der landläufigen, durch und durch 
intellektualistischen und gemütsfernen Seelenkunde ganz neue Psychologie 
aufbaute so tat er es, weil er im Grunde von der nämlichen Lebensnot 
erfaßt war, die in Dichtung, Philosophie und Politik, dazu in der Malerei, 
Architektur und anderen Kulturleistungen den Schrei nach Leben hervorrief. 
Um so auffallender ist es, daß lange in psychoanalytischen Kreisen eine 
förmliche Scheu bestund, sich auf grundsätzliche Lebensfragen einzulassen. 
So kam es, daß oberflächliche Beurteiler auf den Gedanken kommen konnten, 
die Analyse sei eine Enkelin des Herbartschen Intellektualismus 1 und 
beruhe auf einer mechanischen und passivistischen Geistesauffassung. 2 Aber 
auch aktive Analytiker stellten ihre Arbeit nicht in den großen geschicht- 
lichen Zusammenhang, aus dem sie erwachsen war, und legten sich keine 
Rechenschaft ab über die Weltanschauungsprobleme, die auf ihr Tun Bezug 
hatten. Man benahm sich, wie glückliche Entdecker eines neuen Kontinents 
die mit überquellender Freude und Emsigkeit die Reichtümer und Schön- 
heiten des jungfräulichen Landes auf sich wirken lassen und sie in ent- 
sagungsvollem Kampfe in Besitz nehmen, aber über die Gestalt und Lage 
des Ganzen nicht nachsinnen. Gewiß verdient dieses Verhalten keinen Vor- 
wurf, ist aber doch auch auf die Dauer nicht zu billigen. Da die philo- 
sophischen Verpflichtungen des Analytikers allmählich als dringlich empfunden 
werden, möchte ich gern mein bescheiden Teil zur Lösung der Aufgabe bei- 
tragen und zu den bisherigen Lösungsversuchen Stellung nehmen. 



1) J. H. Schultz: Zeitschrift für angewandte Psychologie. 11, 190g, S. 183. 

2) Hermann v. Müller: Psychanalyse und Pädagogik. Zeitschrift für pädagogi- 
sche Psychologie und experimentelle Pädagogik, 18. Jahrg. (1917), S. 185. 












E n S T F. R TEIL 



Psycnoanalyse und x ositivismus 

„Unter Weltanschauung verstehen wir die gedankenmäßige Erweiterung 
und Vertiefung des bloßen Weltbildes zu einer einheitlichen und abschließenden 
Erkenntnis der letzten Gründe, des Wesens und Zweckes der gesamten Wirk- 
lichkeit." So definiert Hunzinger recht ansprechend den Begriff der Welt- 
anschauung. 1 Darin ist ausgedrückt, daß die Weltanschauung über den Rahmen 
der Erfahrung hinausgreift und einerseits bei der Metaphysik Auskünfte 
über das wahre Sein, anderseits bei der Ethik Aufschlüsse über die Be- 
stimmung des Menschen und von da aus des Weltlaufes erhebt. 

Die Psychoanalyse scheint wirklich nicht die richtige Schmiede, eine 
stahlharte Weltanschauung hämmern zu lassen. Ihre Definition lautet in 
meiner Formulierung — sie ist die einzige mir bekannte — : „Die Psycho- 
analyse Freuds ist ein Verfahren, welches durch Sammlung und Deutung 
von Einfällen die unbewußten Triebfedern und Motive seelischer Vorgänge 
und Inhalte aufsucht. 2 In dieser Begriffsbestimmung steckt nichts von 
einem Weltbild, nichts von Metaphysik und Ethik. Die aufgesuchten un- 
bewußten Triebfedern sollen auch nicht bewertet werden. Was hätte also die 
Psychoanalyse mit der Weltanschauung zu tun? 

Das Wort „Psychoanalyse' kann eben auch noch in einem weiteren Sinne 
gefaßt werden : Als Sammelname für alle theoretischen Einsichten, die man 
mit Hilfe der vorhin angegebenen Methode gewonnen hat. Und ihrer sind 
nicht wenige. Da hören wir von Triebentwicklungen, die vorher unbekannt 



1) Das Christentum im Weltanschauungskampfe der Gegenwart. 1916, S. 27. 

2) Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher? 2. Aufl. 1923, S. 18. 



Dr. Oskar Pfister 



waren, von Verdrängung ins Unbewußte, Introversion, symbolischen Aus- 
drucksformen, Gefühlsebbe und -flut, Abirrungen psychischer Energien in 
krankhafte Erscheinungen, von Übergängen primitiver Interessen in hoch- 
wertige Betätigungen des Intellekts, Gefühles oder Willens, von der Be- 
deutung des Liebeslebens, von den Zusammenhängen des künstlerischen, 
sittlichen oder religiösen Lebens mit den natürlichen Grundfunktionen usw. 
Eine ganz neue psychologische Welt tut sich auf, eine großenteils neue 

Biologie der Seele. 

Und ebenso geht von der Psychoanalyse eine starke, unvermeidliche 
Beeinflussung des Seelenlebens aus. Der Lichtstrahl der Analyse wirkt auf 
die Seele wie der des Sonnenlichtes auf die photographische Platte. 

Da es sich um außerordentlich tiefe Blicke in die Natur des Seelenlebens Uric j 
um sehr folgenschwere Einwirkungen auf ihren Entwicklungsgang handelt^ 
liest die Aufgabe vor, zu bestimmen, wie weit diese neuen Erkenntnisse auf 
die Weltanschauung einwirken müssen, und wie weit die neue Seelenleitu nR 
sich nach den aus der Weltanschauung folgenden Normen zu richten habe 

Freud selbst hat diese Abfindungsaufgabe nicht in Angriff genommen 
Von philosophischen Erörterungen sind seine klassischen psychoanalytischer! 
Arbeiten völlig frei. Diese Unterlassung — mag sie ein Vorzug oder Nachteil 
sein — hängt ohne Zweifel mit seiner persönlichen Berufsstellung und Be- 
gabung zusammen, gewiß aber auch mit seiner großen Bescheidenheit gegen- 
über Problemen, die er nicht als Fachmann und Meister beherrscht. Allein 
es kommen überdies als reckenhafte Grenzwächter zeitgeschichtliche Gründe 
in Betracht. 

Wie alle Psychiater war Freud grundsätzlich durchaus nicht abgeneigt, 
die Psychologie zu Rate zu ziehen, um seine Kenntnis der Seele zu be- 
reichern. Allein ihn stieß die verhängnisvolle Unfähigkeit dieses Wissen- 
schaftszweiges zurück. Die Klage, die Nietzsche in seinem „Jenseits von 
Gut und Böse" erhebt (I, 23), daß die Psychologie sich nicht in die Tiefe 
gewagt habe, bestätigte sich ihm. Wer wissen will, wie es den Männern 
geht, die sich der Psychologie bedienen möchten, um die höheren Er- 
scheinungen und Zusammenhänge des Seelenlebens zu verstehen, der lese 
etwa das erste Kapitel der geistreichen „Prinzipien der Charakterologie** 
von Ludwig Klages (Leipzig 1910), oder die schmerz- und zorn durchbeb ten 
Ausführungen Bleulers. 1 Ähnlich erging es Freud. 

1) Bleuler schreibt unter anderem: „Wie noch mancher andere Psychiater habe 
ich einen namhaften Teil meiner sehr spärlich verfügbaren Lebenszeit damit verloren. 



Psychoanalyse und Weltanschauung 



Als er die Schwingen seines Forschergeistes zu recken begann, lag die 
metaphysische Psychologie in den letzten Zügen. Als Wissenschaft von der 
Seele hatte sie sich eifrig mit dem philosophischen Seelenbegriff herum- 
geschlagen; aber abgesehen davon, daß nicht einmal dieses metaphysische 
Zentralproblem in einer den Wissensdurst befriedigenden Weise gelöst worden 
war, stand es höchst mißlich um die Aufschlüsse über die einzelnen Seelen- 
vorgänge. So segelten diese metaphysischen Psychologen wagemutig in den 
Nebelregionen der Transzendenz umher, aber auf dem festen Boden der 
seelischen Tatsachen spielten sie eine klägliche Figur. 

Man darf sich nicht wundern, daß ein Arzt wie Freud nach einer posi- 
tiven Seelenkunde ausschaute. Allein auch die jüngere Armee von Psycho- 
logen, die damals ihr Fähnlein vortrug, befriedigte ihn nicht. Sie ließ den 
Strom des Geisteslebens durch Haarsiebe und Filter gehen und untersuchte 
mit unsäglicher Geduld die armen Wassertröpfchen, die sie dem so prä- 
parierten Strome enthob. Was nicht experimentell beliebig oft hervorgebracht 
werden konnte, zählte nicht, und da man nur die primitivsten Vorgänge 
des Empfindungslebens und des Intellektes einigermaßen auf die Folter des 
Experimentes spannen konnte, wurde die Wissenschaft vom Seelenleben auf 
ein Gebiet reduziert, das einen Hohn auf den großen Namen der Psycho- 
logie bildet. Mit diesem Reste konnte ein Mann, der wie Freud täglich 
im Kampfe mit den gewaltigen, weitverzweigten und tiefliegenden seelischen 
Realitäten stehen mußte, blutwenig anfangen. Uns Theologen ist's ja auch 
nicht anders gegangen. Die am fleißigsten Psychologie trieben, um dem 
Leben damit zu dienen, erfuhren die grausamsten Enttäuschungen. 

Sigmund Freud wurde durch seinen Beruf gezwungen, ganz neue Psycho- 
logie zu schaffen, nachdem er einmal erkannt hatte, daß die Neurosen 
seelisch bedingt seien und in erster Linie mit seelischen Mitteln beeinflußt 

in den Büchern der Psychologen nach Kenntnissen zu suchen, die das Verständnis der 
Psychopathologie erleichtern sollten. Ich habe niemals auch nur die kleinste Frucht 
dieser Bestrebungen ernten können, und weiß auch keinen Kollegen, dem solche 
Studien etwas genützt hätten, aber manche, dem sie den Blick für die Wirklichkeit 
getrübt haben ... Ich sah auch, wie viele Nicht-Mediziner brennen, im Verkehr mit 
anderen Menschen, in der Erziehung, in der Seelsorge, mehr psychologisches Ver- 
ständnis zu gewinnen, und wie schwer sie enttäuscht werden, wenn sie anfangen, 
Psychologie zu studieren. Es ist Pflicht, sich dieser wissens- und leistungs durstigen 
Leute anzunehmen, statt sie teils in die öde Heide der Spekulation, teils in eine 
Wissenschaft einzuführen, die zwar tausend Einzelheiten aufgedeckt hat, aber an den 
meisten Orten nur seltene Brocken darbietet, die der Schüler benutzen kann." (Die 
psychologische Richtung in der Psychiatrie. Schweizer Archiv für Neurologie und 
Psychiatrie. 11. S. 192.) 



Dr. Oskar Plistcr 






werden können. Durch und durch Empiriker, hatte er unter der meta- 
physischen Psychologie nicht zu leiden. Er kümmerte sich um sie einfach 
nicht. Eher machte ihm die medizinische Metaphysik zu schaffen, nämlich 
der Materialismus, der das psychische Leben nur als eine Art Sonntagsreiter 
der Hirnrinde ansah und darum auch die psychogenen Hemmungen physio- 
logisch zu verstehen suchte. Allein die unbedingte Hingabe an die Erfahrung 
rettete ihn vor der Gefahr, der bis auf den heutigen Tag die Mehrzahl der 
Neurologen erlegen ist. Über das jahrzehntelange Abc-Stammeln der Experi- 
mentalpsychologie, die sich als alleinseligmachende Seelenkunde ausgab, 
wuchs er rasch hinaus. 

Freud ist der erste große Positivist innerhalb der Psychologie. Wir ver- 
stehen hiebei unter Positivismus die Ansicht, daß gegebene Tatsachen und 
ihre gesetzmäßigen Zusammenhänge die einzigen Gegenstände der Erkennt- 
nis ausmachen, auf die Erforschung des innersten Wesens, der letzten Ur- 
sachen und Zwecke somit zu verzichten sei. Freud brach mit dem über- 
lieferten Dogma des psychologischen Objekts. Ohne die Funde der Emp- 
findungspsychologie abzulehnen, wandte er sich den ungeheuer weitläufigen 
für das Verständnis und die Behandlung der Seele wichtigsten Gebieter« 
zu, welche die Psychologie vernachlässigt hatte, in erster Linie dem Trieh- 
und Willensleben, sowie dem Reiche des Unbewußten. Dazu war nöti» 
daß er auch mit dem überlieferten Dogma der Methode brach. Er erkannte* 
daß tiefeindringende Beobachtungen einzelner seelischer Vorgänge, die nich l 
künstlich hervorgebracht werden, ebensogut zuverlässiges Wissen eintragen unr* 
wissenschaftlichen Wert besitzen können, wie die Massenbeobachtungen d 
herrschenden experimentell-statistischen Methode. Gegenüber der landläufig 
naturwissenschaftlichen Psychologie führte er eine historische Seele 
forschung ein, die den Zusammenhängen der Einzelvorgänge nachging, und 

zwar den Ursachen und Absichten der scheinbar geringfügigsten Fehlhand- 
lungen, Einfälle, Träume usw., wie den kausalen und finalen Verkettungen 
ganzer Lebensläufe, z. B. eines Lionardo da Vinci. Kein anderer Psychologe hat 
jemals eine derartige Ehrfurcht vor den Tatsachen, eine derartige Empfäng- 
lichkeit für das Studium aller vitalen seelischen Phänomene an den Tag gelegt. 
In diesem tatsachenfrohen Positivismus, der von dem feigen und ratlosen Ver- 
steckenspielen der offiziellen Psychologie wundervoll absticht, liegt eine er- 
lösende Tat, die manchen von uns, die wir unter dem überlieferten Psycho- 
logendogma der Methode und des Objektes schwer litten, neue Welten erschloß. 
Die neue Forschung war nach Objekt und Methode so neu, daß sie auf 
deutsche Psychologen den Eindruck des historisch Unvermittelten machte. 




PsyAoanalyse und Weltaiisdiauung 



In Wirklichkeit aber schloß sie sich an französische Psychologen, wie 
Charcot, Bernheim und andere Empiriker an, die längst unbewußte 
Motive aufsuchten, als die deutsche Psychologie — auf diesem Punkte fast 
völlig eingekreist — in trostloser Scholastik und ohne die geringste Berück- 
sichtigung der Tatsachen über den Begriff des Unbewußten spintisierte. 
Wenn man Freud und seinen Schülern den Vorwurf macht, daß sie zu 
wenig im Anschluß an die bestehende Psychologie ihre Lehre entwickeln, 
so hängt dies eben mit Freuds Positivismus zusammen. Auf der Beob- 
achtung der Phänomene, nicht auf psychologischen Schulbüchern baut der 
Analytiker auf, und wenn die Psychologen diese Induktionen nicht ver- 
stehen können, so haben sie dies lediglich ihrer Absperrung gegen die 
Tatsachen, ihrem doktrinären Nicht-Positivismus zuzuschreiben. 

Es ist im höchsten Grade bemerkenswert, daß Freud von Anfang an 
seinen Positivismus nur durchführen konnte, indem er über ihn hinausgriff. 
Die Untersuchung der psychischen Erscheinungen ergab nämlich, daß ihre 
Entstehung nur verstanden werden kann, wenn man unbewußte psychische 
Einflüsse gelten läßt. Freud sah sich veranlaßt, ganz bestimmte unter- 
schwellige Motive zu erschließen und ihnen ganz bestimmte Wirkungen 
zuzusprechen. So ging er über den strengen Positivismus und Phänomenahs- 
mus hinaus. Mit der akademischen Psychologie geriet er dabei in Wider- 
spruch, da sie das Dogma aufstellte, psychisch und bewußt seien identische 
Begriffe, daher seien subliminale psychische Motivationen von vornherein 
abzuweisen. Um der Dogmatik treu bleiben und die unterschwelligen Richt- 
kräfte leugnen zu können, mußte man freilich jene einzigartige Horizont- 
verengerung vornehmen, die wir bereits feststellten, und die von Freud 
untersuchten, jedem Kinde massenhaft zugänglichen Tatsachen als un- 
kontrollierbar oder gar — konstruiert und nicht vorhanden (!) ausgeben. 
Wir sehen, es ist die auf Erfahrung gegründete Erkenntnis, die bei Freud, 
dem ersten universellen psychologischen Positivisten, den Rahmen des ÜSur- 
Positivismus sprengt. 

Selbstverständlich konnte Freud nicht allen Äußerungen des unendlich 
bunten Lebens gleichviel Aufmerksamkeit zuwenden. Bei der Auswahl leitete 
ihn aber nicht ein methodologisches Dogma, sondern die Not des Lebens. 
Wenn er der Sexualität ganz besondere Sorgfalt schenkte, so geschah es 
darum, weil sie für die Entstehung der Neurosen hervorragende Wichtigkeit 
besitzt, weil kein anderes Gebiet so vernachlässigt worden war, und weil 
auf keinem anderen so verhängnisvolle Irrtümer zum Schaden der Mensch- 
heit immerwährend vorkamen. Nie hat Freud in Abrede gestellt, daß die 



M Dr. Oskar PÜstcr 



übrigen Triebe ebenso gründlich untersucht werden sollten; allein da er 
in seiner Praxis hauptsächlich Übertragungsneurosen vor sich hatte, also 
Menschen, deren Liebesleben Entwicklungsstörungen erlitten hatten, so 
mußte er sich diesen Lebensäußerungen zuerst widmen. Dieses Verfahren 
schließt eine gewisse Einseitigkeit in sich, gewiß! Allein gerade diese Ein- 
seitigkeit war eine historische Notwendigkeit und ein Glück. Man kann 
doch nicht alles auf einmal leisten! Es steht Leuten, die noch nicht ein- 
mal das armseligste Flüßchen oder Berggipfelchen entdeckt haben, übel 
an, einen Kolumbus zu schelten, weil er bloß Amerika, und nicht gleich- 
zeitig auch noch den Nord- und Südpol entdeckt hat. Daß die psycho- 
analytische Methode bisher nur einen winzigen Bruchteil der ihr unter- 
stehenden Probleme in Angriff genommen hat, zeugt doch nur für ihr e 
Fruchtbarkeit. 

Die Stellung der Schulpsychologie zu Freud gereicht ihr nicht zun* 
Ruhme, entspricht aber ganz ihrer Notlage. Denn wenn Freud im Rechte 
war, wie jammervoll stund sie vor aller Welt da! Mit ihren riesigen Hi]f s , 
mittein, ihren kostbaren Arsenalen komplizierter Apparate, ihrer Armee vor» 
geschulten Vertretern hatte sie auf einem kleinen Sektor ihres Gebietes 
eine Unmasse von Resultätchen erzielt, mit denen praktisch wenig anzu- 
fangen war. Und nun kam einer, der nicht als Fachmann abgestempelt 
war, und wagte es, eine unerhörte Menge seelenkundlicher Tatsachen auf- 
zudecken, seelenkundlicher Hypothesen und sogar Theorien aufzustellen I 
Gegen diese Frechheit verteidigte man sich mit den Waffen, die leider aus 
den primitiven Zeiten der Menschheit herübergenommen wurden : Mit Spott 
und Hohn, Verdrehung der Ansichten Freuds, Verdächtigungen seines 
Charakters, Aufstachelung der niedrigen Leidenschaften, wie der Prüderi 
gegen die neue Sexuallehre usw. Die von den Vertretern der Psychoanalyse 
untersuchten Tatsachen schwieg man tot oder erklärte sie mit fabelhafter Un- 
verfrorenheit, wie gesagt, für bloß konstruiert! Den Gegnern und Kritikern 
stellte man Raum zur verkehrtesten Darstellung und Beurteilung der Psycho- 

Stiulyse in Hülle und" Fülle zur Verfügung, auch wenn sie nie den be- 
scheidensten psychoanalytischen Versuch gewagt hatten ; bat dann einer der 

angegriffenen und mißverstandenen Analytiker um ein bescheidenes Plätz- 
lein in derselben Zeitschrift, um sich zu verteidigen und die Irrtümer zi» 
berichtigen, so wurde er zurückgewiesen.' Wenn es sich um Kunstdünger 

1) Dieses Verfahren leistete sich z. B. der Schriftleiter der Zeitschrift für pädago- 
gische Psychologie und experimentelle Pädagogik in bezug auf einen Aufsatz tibej- 
Psychoanalyse und Pädagogik (Mai bis Oktober 1917) von Prof. H. v. Müller. 



1 









Psydioanalyse und Weltanschauung 



und Viehmast handelt, so verlangt man von dem, der über diese Gegen- 
stände schreibt, praktische Erfahrungen; in der schwierigen, ganz auf Er- 
fahrungen aufgebauten Psychoanalyse aber erteilen die zunftmäßig zusammen- 
gehaltenen Schulpsychologen das Wort dem gänzlich unerfahrenen und vor- 
enthalten es auch dem wissenschaftlich Anerkannten und schulpsychologisch 
Diplomierten, wenn er — Anhänger der Psychoanalyse ist. Dies beweist 
klar, daß es diesen Herren nicht um die Wahrheit, sondern um die Wahrung 
ihrer Macht zu tun ist. Als ob die Wahrheit sich durch solche Redaktoren- 
taten aufhalten ließe! 

Als Positivisten, der den Rückgriff auf letzte Ursachen und Zwecke ab- 
lehnt, erweist sich Freud auch gegenüber der Ethik. Es ist durchaus un- 
richtig, daß die Psychoanalyse auf einer bestimmten ethischen Ansicht auf- 
gebaut sei. Dem Begründer der neuen Methode seelischer Beeinflussung lag 
einzig daran, dem Kranken Klarheit über sich selbst zu verschaffen. Der 
sittlichen Stellungnahme suchte sich der Analytiker als solcher vollständig 
zu enthalten, und wo er sie als Mensch nicht unterlassen konnte, da ver- 
schwieg er sie wenigstens. Dagegen wurde natürlich erwartet, daß der Patient 
die sittliche Billigung und Mißbilligung selbst vornähme und daraus die 
ihm gut scheinenden Schlüsse zöge. Die Verantwortlichkeit über seine sitt- 
lichen Entscheidungen wies so der Analytiker dem Klienten zu. Ob dieser 
Jesus oder Kung-tse oder Buddha, Kant oder Nietzsche zum Führer 
wählen wolle, überließ Freud dem Analysanden. 

Und verdient diese Zurückhaltung nicht volles Verständnis? Der Kranke 
erwartet vom Arzt etwas anderes, als vom Pfarrer. Der jüdische oder katho- 
lische oder religionslose Kranke würde sich unter Umständen schönstens 
bedanken, wenn ihn sein protestantischer Arzt für seine Konfession zu ge- 
winnen trachtete. Die Analyse würde durch jeden verfrühten Versuch zu 
ethischer Beeinflussung schwer gefährdet. Viele Patienten finden sich auch, 
nachdem sie die Beschaffenheit ihrer Tiefenmächte kennen lernten, aus 
eigener Kraft sehr wohl zurecht. Ferner erfordert gerade eine tiefere ethische 
oder religiöse Beeinflussung eine gründliche Schulung, die der Arzt nicht 
ohne weiteres besitzt. Es zeugt von nicht geringer Bescheidenheit, wenn 
der analysierende Arzt sich in dieser Hinsicht Zurückhaltung auferlegt. 
Man soll dem Arzte doch nicht zumuten, was die Pfarrer selbst nur selten 
zustande bringen, nämlich zu bewirken, daß ein Mensch, der sich vom 
sittlichen Wandel oder religiösen Glauben abwandte, sich ihm wieder zukehre! 

Auch der ethische Positivismus, wenn ich den Ausdruck gebrauchen 
darf, verdient daher relative Anerkennung. Daß gewaltige ethische Einflüsse 



Dr. Oskar Pfisler 



möglich waren ohne eine einzige Aufforderung, ein einziges „Du sollst!' 
war eine Entdeckung von außerordentlicher Tragweite. Es ist sehr begreif- 
lich, daß die, welche ohne Einsicht in die Lage des Arztes von Moralpillen 
und Katechismuspülverchen alles Heil der Seele erwarten, in Entrüstung 
ausbrachen. 



ZWEITER TEIL 



Psychoanalyse und JVletaphysik 



I) Historisch 

a) Grundsätzliche Auseinanaersetzungen 

Der Positivismus, der Freud einen Platz im Prytaneion der Geistes- 
wissenschaften sichert, war nicht philosophisch begründet. Als Forschungs- 
prinzip folgte er aus praktischen Bedürfnissen und persönlichen Nötigungen 
oder Schranken seines Begründers. Er war auch nicht eigentlich prinzipiell 
und endgültig gemeint. 

Sigmund Freud 

Es ist ein arges Mißverständnis, daß Freud die Metaphysik von Anfang 
an überhaupt als ein Produkt von Illusionen, nämlich unbefugten Pro- 
jektionen des eigenen Seelenlebens diskreditiere. Die maßgebende Aus- 
führung lautet: „Ich glaube in der Tat, daß ein großes Stück der 
mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die modernen Religionen 
hinein reicht, nichts anderes ist als in die Außenwelt projizierte 
Psychologie. Die dunkle Erkenntnis psychischer Faktoren und Ver- 
hältnisse des Unbewußten spiegelt sich ... in der Konstruktion einer über- 
sinnlichen Realität, welche von der Wissenschaft in Psychologie des Un- 
bewußten zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich getrauen, die 
Mythen vom Paradies und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, 
von der Unsterblichkeit u. dgl., in solcher Weise aufzulösen, die Meta- 
physik in Metapsychologie umzusetzen." (Ges. Schriften IV, S. 288). 

P fister: Psychoanalyse und Weltanschauung. 2 



l8 Dr. O.skar Pfister 



Man sieht sofort, daß es sich keineswegs darum handeil, die philo- 
sophische Metaphysik als unerlaubte Selbstprojektion an den Pranger z u 
stellen. Vielmehr handelt es sich um Mythologie, wobei man höchstens sich 
verwundern kann, wie ein „Mythus vom Guten und Bösen", also eine 
Distinktion der Ethik, den religiösen Vorstellungen vom Paradies und Sünden- 
fall, Gott und Unsterblichkeit koordiniert wird. Letztere reden von Seiendem, 
während man nicht erfährt, was unter dem Mythus vom Guten und Bösen 
verstanden sei. August Comte unterschied bekanntlich zwischen einer 
theologischen, metaphysischen und positivistischen Erkenntnisstufe und lehnt 
dip beiden ersteren ab. Freud hat lange nur die erste Stufe zurückgewiesen 
nicht die Metaphysik im philosophischen Sinne. Später schuf Freud selbst 
ein Stück Metaphysik, nämlich im Sinne einer „Klärung und Vertiefung 
der theoretischen Annahmen, die man einem psychoanalytischen System 
gründe legen könnte" (Ges. Schriften V, S. 520). 



zu 



S. F e r e n c z i 

Auch Freuds Schüler haben es in ihrer großen Mehrheit nicht getan 
Ferenczi sträubt sich in einem sehr bemerkenswerten Aufsatz über Phil Q . 
sophie und Psychoanalyse dagegen, daß man die letztere einer bestimmten 
philosophischen Weltanschauung unterordnen oder in sie einordnen solle..! 
er wünscht, daß man eine geraume Zeit zuwarte, bis man an die jun» e 
Wissenschaft mit Waffen der Metaphysik herantrete. Allerdings werde sich 
wahrscheinlich am Ende ein großer Teil der Metaphysik als Metapsycholog j e 
herausstellen, der Materialismus z. B. als die denkbar vollständigste Pro- 
jektion des Ich in die Außenwelt, der Solipsismus als das Gegenteil, aber 
ein anderer Teil der Metaphysik möge sich als Vorahnung wissenschaft- 
licher Erkenntnisse entpuppen (120). 

Man beachte, daß Ferenczi der Psychoanalyse das Richteramt über 
die Wahrheit der metaphysischen Aussagen beilegt. Nicht anders lassen 
sich die folgenden Sätze deuten: „Es darf nicht vergessen werden, daß rli e 
Psychoanalyse verpflichtet ist, jede Art seelischer Leistung, die Philosophier, 
nicht ausgenommen, auf ihre Entstehungsbedingungen zu untersuchen Und 
zu trachten, den sonst im Psychischen herrschenden Gesetzmäßigkeiten 
auch in ihnen Geltung zu verschaffen, richtiger: die Geltung dieser Ge- 
setzmäßigkeiten auch in ihnen nachzuweisen. Wie aber könnte die Psycho- 



i~\ Populäre Vortrage über Psychoanalyse, S. 118. 






Psychoanalyse und VVeltansdiauniig 



J 9 



logie Gesetzgeberin des Philosophierens sein, wenn ihr zugemutet wird, 
daß sie sich a priori einem bestimmten System unterordne?" (120). 

So schöne Verdienste sich Ferenczi durch seine Entdeckung der psycho- 
logischen Triebfedern des Materialismus und Solipsismus erworben hat, so 
entschieden muß ich seine philosophische Besetzung des Justizministeriums 
ablehnen. Den Ausdruck, die Psychoanalyse habe „den psychologischen 
Gesetzmäßigkeiten Geltung zu verschaffen", nimmt er zwar allerdings 
sofort zurück, da er selbst wohl einsieht, daß bei jedem psychischen Akt 
die psychologischen Gesetze walten, so daß man ihnen nicht erst Geltung 
verschaffen muß. Jener von Ferenczi korrigierte Ausdruck enthielt eine 
Verwechslung von psychologischen Gesetzen und Denknormen. Indem 
Ferenczi der Psychologie das Amt einer „Gesetzgeberin der Philosophie' 
zuspricht, begeht er die Verwechslung von Gesetz und Norm aber doch 
und hält sie fest. Wenn ich die psychologische Gesetzmäßigkeit einer 
Aussage nachweise, so ist über die Gültigkeit des ausgesagten Inhaltes 
nichts ausgemacht. Falsche und richtige Behauptungen sind ohne Zweifel 
mit psychologischer Notwendigkeit zustande gekommen; in psychologischer 
Hinsicht sind sie genau gleich notwendig. Damit, daß ich weiß, welche 
Gesetze bei ihrer Bildung mitwirkten, ist für das Urteil über ihre Bichtig- 
keit oder Unrichtigkeit nicht das geringste gewonnen. Die Psychoanalyse 
hat aber noch eine ganz andere Aufgabe, als diese, und Ferenczi hat sie 
selbst als primus omnium gegenüber zwei metaphysischen Systemen als 
Analytiker so entzückend gelöst: Die Psychoanalyse hat die wahren Motive 
anzugeben, wo hinter den bewußten logischen Konstruktionen unbewußte 
Gedankenbilder stecken, mit anderen Worten, die Psychoanalyse soll überall 
da, wo die bewußten Argumente nur Schein und Trug (Bationalisierungen) 
ind, die eigentlichen Motive einer Gedankenfolge aufdecken. Ferenczi 

det nur von der „naturwissenschaftlichen", nicht von der hier mehr in 
Betracht fallenden „historischen" Aufgabe der Analyse, um Bickerts 
Terminologie zu gebrauchen. Aber auch wenn die wahren Beweggründe 
einer philosophischen Aussage klargelegt sind, ist die Gültigkeitsfrage noch 
nicht erledigt, und sie gehört keineswegs in die Aufgabe der Psycho- 
analyse. Damit, daß der Materialist projiziert, wie Ferenczi sagt, und der 
Solipsist die Vorgänge der Außenwelt in sich verlegt, wie Ferenczi an- 
gibt, ist über den Erkenntniswert der beiden metaphysischen Systeme gar 
nichts ausgemacht. Daß diejenigen Erfahrungsinhalte, die Ferenczi in 
Übereinstimmung mit dem populären Bewußtsein als Außen- und Innen- 
welt bezeichnet, einander in Wirklichkeit von Anfang an gegenüberstehen, 



si 



re 






Dr. Oskar PHitcr 



ist nach Kant und sämtlichen Erkenntnistheoretikern mit Ausnahme der 
Empiriokritizisten eine naive Annahme, die erst erkenntnistheoretisch x u 
erwahren ist. Ferenczi stellt sich, was bei ihm als Arzt ja sicher leicht 
zu begreifen ist, kurzerhand auf den Standpunkt, der in der Philosophie- 
geschichte als naiver Realismus bezeichnet wird. Beschäftigt man sich jedoch 
sorgfältig mit dem Gegenstand, so wird man sehr bald inne, daß dieses 
Verfahren nicht angeht und auch wohl von niemand mehr, der Erkennt- 
nislehre getrieben hat, geteilt wird. 

Vollends daß die Psychoanalyse Gesetzgeberin des Philosophierens sei, 
wie Ferenczi angibt, entspringt einem Psychologismus, den ich für un- 
statthaft halte, und für welchen der verehrte Proponent keinerlei berech- 
tigte Gründe ausfindig machen könnte. Vorläufig beuge ich mich v Qr 
Logik und Erkenntnislehre als Gesetzgeberinnen des Philosophierens und 
kann beim besten Willen nicht das allerbescheidenste Rechtstitelchen <j er 
Psychologie auf wissenschaftliche Normgebung entdecken. Daß die Psycho- 
analyse jedoch, indem sie unerwartete Triebfedern der Urteilsbildung auf- 
deckt und die angeblich echten Stützen jenes Urteils als Schein und Tr u _ 
ausweist, die Erkenntnisfunktion gewaltig erleichtern, ja unter Umständ en 
zur selbstverständlichen Kleinigkeit machen kann, wo man zuvor vor schwi e . 
rigen Rätseln stund, ist eine Ansicht, auf die ich Ferenczi herzhaft Und 
seines Einverständnisses gewiß die Hand drücke. 

Wenn Ferenczi die Philosophie auch keineswegs für immer zur O e - 
mission zwingen möchte, so läßt er sie doch eine Rolle spielen, die ihre»« 
Wesen nicht völlig gerecht wird. Er stellt sie zur Wissenschaft gerade» 
in Gegensatz. „Die Philosophien sind wie die Religionen: Kunstwerk 
Dichtungen, die gewiß eine Menge großartiger Ahnungen in sich berge ö ! 
ihr Wert soll und darf nicht gering geschätzt werden. Aber sie gehör e ] 
in eine andere Kategorie, als die Wissenschaft, unter der wir die Summ 
jener Gesetzmäßigkeiten verstehen, die wir nach möglichster Reinigun 
von den Phantasieprodukten des Lustprinzips zurzeit als real bestehend an- 
nehmen müssen. Wissenschaften gibt es nur eine, Philosophien und Re- 
ligionen gibt es SO Viele, als es mit verschiedenen Geistes- und Gemüts- 
richtungen begabte Menschen gibt. Es liegt im Interesse beider, verschie- 
denen Prinzipien gehorchenden Disziplinen, ihre Thesen nicht miteinander, 
zu vermengen" (121). 

Ich glaube nicht, daß Ferenczi seine Unterscheidung mit Recht auf. 
stellt. Sowohl die Wissenschaft als auch die Philosophie werden mein es 
Erachtens unzutreffend und unzulänglich gefaßt. Die Wissenschaft ist nicht 



Psychoanalyse und 'Weltanschauung 



„eine Summe von Gesetzmäßigkeiten — gemeint ist wohl die Erkenntnis 
von solchen — ; eine Wissenschaft schließt auch Begriffe in sich und die 
historischen Wissenschaften befassen sich auch mit den Einzelerscheinungen. 
Man kann auch nicht sagen, daß es nur eine Wissenschaft gehe, wenigstens 
nicht in der Wirklichkeit. In jedem wissenschaftlichen Fach gibt es un- 
zählige einander widersprechende Lehren, und wo die Gelehrten gleicher An- 
sicht sind, fragt es sich, ob wirkliche Wissenschaft, zutreffende Erkenntnis 
ihnen zuteil geworden ist. Meint aber Ferenczi, daß es bloß idealiter nur 
eine Wissenschaft gebe, so trifft dieses Ideal auch auf die meisten philo- 
sophischen Systeme zu, indem auch jedes von ihnen allgemeine Anerkennung 
und volle Glaubwürdigkeit, also Gemeingültigkeit beansprucht. Was die An- 
wendung der beiden Denkprinzipien anbetrifft, so ist in Erfahrungswissenschaft 
und Philosophie die Überwindung des Lustprinzips durch das Realprinzip ein 
Ideal, dessen Erfüllung aber vielfach zu wünschen übrig läßt. Die Psycho- 
analyse hat oft gezeigt, daß man auch in angeblich gesichertes Erfahrungs- 
wissen subjektive Elemente hineingetragen und so die Objektivität des Urteils 
getrübt hat. Wenn es auch sicherlich nicht in dem Umfang geschah, wie 
in der Philosophie, so ist doch der Unterschied nur relativ. Wir werden später, 
wenn wir den Begriff der Metaphysik entwickeln, darauf zurückkommen. 
Der Schwerpunkt liegt für Ferenczi in der Forderung, die Psychoana- 
lytik unabhängig von philosophischen Systemen weiter auszubauen (127). 
Und hierin hat er in gewissem Sinne sicher recht. Es wäre verhängnisvoll, 
wenn man im gegenwärtigen Zeitpunkt, da unser Erfahrungswissen noch 
so eng begrenzt ist und die Methodik so dringend des kritischen Ausbaues 
bedarf, da aber trotzdem unser Wissensschatz in schönem Wachstum begriffen 
ist, seine spärlich bemessenen Kräfte zersplitterte und vorwiegend Philosophie 
triebe, zumal unter den Psychoanalytikern so wenige philosophisch gründlich 
geschulte Männer sind. Allein dabei gilt es, die Relativität und Unabge- 
klärtheit unseres analytischen Erfahrungswissens stark zu betonen und die 
Notwendigkeit einer philosophischen Bearbeitung dieses Materials schon 
jetzt festzustellen. Daß es sich dabei unmöglich darum wird handeln können, 
die psychoanalytischen Erfahrungen von der Genehmigung Ihrer Gnaden 
der Metaphysik abhängig zu machen, werden wir später zeigen. 

Otto Rank und Hanns Sachs 

Einen erfreulichen Fortschritt in der Erfassung des richtigen Verhältnisses 
zwischen Psychoanalyse und Philosophie markiert die enzyklopädische Schrift, 
die Otto Rank und Hanns Sachs unter dem Titel „Die Bedeutung der 



Dr. Oskar Ptiste. 



Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften" (1913) veröffentlichten. Sie gehen 
von der Tatsache aus. daß in der Philosophie die Persönlichkeit des Schöpfers 
in einem Maße hervortritt, „wie es einer Wissenschaft eigentlich nicht 
ansteht" (96). Sehr hübsch deuten sie damit an, daß auch die exakten 
Wissenschaften der allzu menschlichen Selbstabspiegelung ihren Tribut ent- 
richten. Mit Recht fordern sie für den Analytiker das Recht, die Persön- 
lichkeit des Philosophen psychographisch zu untersuchen und das Wunsch- 
material in ihrem Gepäck nachzuweisen. Dabei unterscheiden sie zwischen 
den Typen der metaphysischen, positivistischen und analytischen Philosophen. 
Die Lehren der letzteren, die vorwiegend auf erkenntnistheoretische Sicher- 
heit ausgehen, werden nach Rank und Sachs kaum ein psychoanalytisches 
Forschungsobjekt darbieten, da die Einmengung unbewußter Wunschelemente 
in weitgehendem Maße ausgeschaltet sei, wohl aber bildet die Person des 
Philosophen einen Gegenstand der Analyse, handelt es sich doch um 
Menschen, die sich vom praktischen und Liebesleben so gut wie aus- 
schließen 1 (96). Noch weniger werden die positivistischen Philosophen den 
Analytiker beschäftigen, während die typischen Metaphysiker auch im Inhalt 
ihres Systems vom Unbewußten determiniert werden. 

So weit kann ich im ganzen den Autoren beipflichten, deren Iland- 
büchlein leider noch viel zu wenig geschätzt worden ist. Dagegen muß 
ich mich von ihnen in ihrer Auffassung der Metaphysik trennen. Si e 
finden, diese habe ihren Namen daher, daß sie durch keine objektive Er- 
kenntnis begründet erscheine (98). Ihre beiden Ausdrucksformen seien die 
religiöse und die mythische Systembildung, von denen die erste einen die 
Welt aus sich selbst oder dem Nichts hervorbringenden Schöpfer, die zweite 
eine übersinnliche Welt annehme. Beide Systeme aber erweisen sich in 
ihrem Absehen von jeder Realitätsprüfung der analytischen Zergliederung 
als Projektionen des unbewußten Seelenlebens in eine übersinnliche Welt 
die gewissen Wünschen des Individuums entgegenkomme, da sie psycho- 
logisch betrachtet nur eine Selbstbespiegelung des Individuums im Kosmos 
darstelle (99). Als Beispiel wird die Willenslehre Schopenhauers und 
Nietzsches genannt. 

Mit diesen Bemerkungen wollen die Autoren jedoch das Wesen der 
Philosophie nicht erschöpfend angeben. Insbesondere heben sie hervor, daß 
die objektive Wertung der philosophischen Ergebnisse durch solche Aus- 

1) Wenn Hume als typischer Vertreter dieser Denkweise genannt wird, so trifft 
dies allerdings nicht zu, da er Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt war. 




P.sydioanalvÄC und Weltanschauung 



künf'te über die persönliche Bedingtheit philosophischen Schauens nicht im 
geringsten tangiert werde (100). Hier liegt der wichtigste Unterschied von 
Ferenczi, zugleich der wesentliche Fortschritt. 

Zunächst möchte ich der Psychoanalyse noch weiteren Spielraum als 
die beiden Analytiker geben. Ich finde nämlich, daß die Erkenntnistheorie 
der als analytisch bezeichneten Denker genau so stark, wie die Metaphysik 
anderer Verdrängungsspuren aufweist, und daß auch der Positivismus als 
Agnostizismus und Abneigung gegen Untersuchung des Wesenkernes oft 
auf Knebelung des Unbewußten beruht. Es gibt ja auch schwer neurotische 
Naturforscher, Historiker uud andere Positivisten der Praxis. Der Agnosti- 
zismus ist in vielen Fällen ein negativer Dogmatismus, eine Projektion der 
neurotischen Abneigung gegen tiefere Selbsterkenntnis in die Außenwelt, 
ein Hängenbleiben am Vater usw. 

Dann aber halte ich die Ausführungen über das Wesen der Metaphysik 
für unrichtig. Der Name Metaphysik hat historisch nichts mit der Stellung 
zur objektiven Erkenntnis zu tun. Vielmehr stammt er aus der Äußerlich- 
keit, daß Andronikus von Rhodus die auf die obersten Prinzipien gerichteten 
Schriften des Aristoteles hinter die auf die Natur gerichteten Werke stellte 
und ihnen den Titel „toi jicrä xä tpuoixü" gab. Mit dieser Anordnung sollte 
zum Ausdruck kommen, daß die Lehre vom wahren Wesen auf Natur- 
erkenntnis gegründet sein müsse. Wenn Rank und Sachs nur sagen wollen, 
daß die Metaphysik, je mehr sie sich von der Erfahrung entferne, desto 
mehr der Einmischung subjektiver Inhalte ausgesetzt sei, so kann ich ihnen 
recht geben. Wenn sie aber die Ansicht vertreten, daß die ganze Meta- 
physik der objektiven Begründung entbehre, so muß ich ihnen opponieren. 
Es ist auch sicher unrichtig, denselben Einwand gegen die ganze Religion 
zu erheben. Auch sie geht nicht nur von subjektiven, sondern auch von 
objektiven Erfahrungen aus, und wenn sie auf primitiver Stufe animistisch- 
anthropomorph denkt, so tut es das primitive Naturwissen auch, und gerade 
die Psychoanalyse hat uns gezeigt, warum es so sein muß. Neben der 
primitiven gibt es aber auch eine hochentwickelte Religion, die mitunter, 
wie in der Mystik und ihrem summum ens das Menschenförmige ganz ab- 
streift, oder, wie in der Philosophie und systematischen Theologie des neun- 
zehnten Jahrhunderts (Biedermann, Schweizer, Lipsius, Pfleiderer) 
die Realitätskorrektur und die Begründung auf objektive Tatsachen sehr ernst 
nimmt. Wenn Gott als absolutes Ich, Indifferenz der Gegensätze, absolute 
Idee, Zentralmonade, actus purus u. dgl. bezeichnet wird, so enthalten diese 
Ausdrücke wohl weniger Anthropomorphismus, als die meisten naturwissen- 



M 



Dr. Oskar Pfister 



schaftlichen Termini. Ob man in der Namengebung den Anthropomor- 
phismus ganz vermeiden könne und müsse, ist sehr die Frage. 

Und wenn die Religion schließlich auch auf die dem Menschen geltenden 
Lebensnormen abstellt, so folgen doch auch diese aus der Wirklichkeit, 
nämlich der Menschennatur. Ich glaube aber auch, daß die Einreihung 
des subjektiven Idealismus in die mythische oder mythologische System- 
bildung geschichtlich nicht gerechtfertigt ist. Denn mythologisch nennt 
man doch nur Gebilde, in denen Götter menschenähnlich oder Menschen 
gottähnlich auftreten. Ich finde, daß auch dem subjektiven Idealismus der 
Titel „objektiver Erkenntnis" nicht ohne philosophische Beweisführung 
abzusprechen sei. 

Die Hauptsache aber ist, daß doch auch Rank und Sachs die Psycho- 
analyse nicht als Gerichtshof zur Beurteilung der Gültigkeit dieser oder 
jener philosophischen Anschauung aufstellen. Damit haben sie, wie von 
so vielseitig gebildeten und scharfsinnigen Männern von vornherein z^ 
erwarten stund, die Selbstbestimmung der Metaphysik gesichert, wenigstens 
derjenigen Metaphysik, die sich den Erfahrungstatsachen anpaßt. Offen 
ließen sie die Frage, wie die Metaphysik sich mit dem durch die Psycho- 
analyse als Methode entdeckten Sachverhalt abfinden werde. 

Herbert Silberer 
In vorzüglich klarer und verständnisvoller Weise hat Silberer davor 
gewarnt, die Metaphysik im Namen der Psychoanalyse abtun zu wollen. 
Auch er schützt Freud vor dem Verdacht, die gesamte Ontologie und 
Kosmologie als wohlgefällige Selbstbespiegelung hinzustellen. 1 Silberer 
hebt hervor: „Wohl läßt sich durch psychoanalytische Untersuchungen 
zeigen, wie im Einzelmenschen diese und jene auf Metaphysisches gehenden 
Neigungen oder auch Vorstellungen entstehen . . . ; aber damit läßt sich 
für das Wesentliche der metaphysischen Betrachtung selbst nichts entscheiden 
und noch viel weniger eine kritisch-idealistische Auffassung des Gegebenen 
ersetzen. Wenn ich psychoanalytisch das Zustandekommen einer bestimmten, 
z. B. religiösen Vorstellung beleuchtet habe, so habe ich einen psycho- 
logischen Vorgang verständlich gemacht, aber über den Wahrheitsgehalt 
oder den Wert der betreffenden Vorstellung nichts ausgemacht. Ein Ersetzen 
der Erkenntnistheorie durch Metapsychologie wäre so ähnlich, als wollte 
ich von einem Flusse, sagen wir, von der Donau, behaupten, sie sei eigentlich 



1) Wie Hitschmann es tut, Imago II, S. 167. 



rAyciioanalyse und Vv clta2sdiauuinj 



nur das nach außen projizierte Symbol meiner Urethralerotik und die Fische 
darin seien gar nichts weiter als bloße Penis- und Spermatozoensymbole. 
Will man von Metaphysik oder Erkenntnistheorie sprechen, so muß man 
sie auf Voraussetzungen (logische Denknotwendigkeiten) gründen, welche 
von einer individuellen Psyche ebenso unabhängig sind, wie die Donau und 
die Fische darin." Es folgt eine Reihe von lobend angeführten, wenn auch 
nicht unbedingt übernommenen Zitaten aus den sogleich zu besprechenden 
Arbeiten von Putnam. Über die positiven Beziehungen zwischen Psycho- 
analyse und Philosophie hat sich Silberer leider nicht ausgesprochen. 

ß) Metaphysische Vorstöße von psychoanalytischer Seite 

James Putnam 

Den ersten und bis heute weitaus gründlichsten Versuch, die Wegmarken 
abzustecken, nach welchen der Psychoanalytiker sich zu richten hätte, ver- 
danken wir James Putnam. Auf dem dritten Kongreß der Internationalen 
psychoanalytischen Vereinigung zu Weimar (am 22. September 1911) be ~ 
handelte er in einem gedankenschweren Vortrag „die Bedeutung philoso- 
phischer Anschauungen und Ausbildung für die weitere Entwicklung der 
psychoanalytischen Bewegung". 1 Ein treuer und durch sorgfältige Nach- 
prüfungen überzeugter Anhänger Freuds, sucht der philosophisch fein- 
gebildete Neurologe von der biogenetischen Einzelforschung, die bei ein- 
zelnen Motiven stehen blieb, zur Natur des Lebensvorganges als eines 
Ganzen vorzudringen (104). Dabei gibt er aber der Metaphysik eine eigen- 
tümliche Stellung: Wenn wir uns als Seelenkenner ausbilden wollen, so 
sollten wir die Seele selbst als Ausgangspunkt wählen; die gewöhnliche 
psychologische Ausbildung ist darum ungenügend, weil sie der Philosophie 
zu wenig Rechnung trug (107). Der Geist an sich ist selbsttätige Kraft, 
fähig, sich selbst zum Objekt zu machen; er muß notwendigerweise eine 
dem Denken analoge Einheit in der Außenwelt verlangen und verwirft 
instinktiv den Begriff eines Weltalls, welches aus zwei widerstreitenden 
Wirklichkeitsarten bestünde, folglich muß das einzig Wirkliche in der Welt 
diese selbsttätige geistige Energie sein, und der geistige Monismus besteht 
zu Recht (107). Der Körper ist somit auch nur geistige Energie. Durch 
solche Betrachtungen lernen wir auch den Willen besser zu verstehen und 



1) Imago I, S. 101. 



2b 



Dr. Oskar Pfijter 



vielleicht höher zu schätzen. Gewännen wir dabei neue Anhaltspunkte für 
die Ethik, (besonders) die Verantwortlichkeitslehre, so wären wir reichlich 
belohnt (108). Wollen wir als Seelenkenner im weitesten und edelsten 
Sinne des Wortes anerkannt weiden, so müssen wir uns zugunsten dieser 
oder jener Weltanschauung aussprechen. Und zwar sollte man einsehen, 
daß das Wesentliche bei jedem Entwicklungsgang die besprochene selbst- 
tätige Energie ist, die selbst keiner Entwicklung bedarf (108). Bergson 
zeigte dies schlagend an der tierischen Entwicklung, nur darf man über 
ihn hinausgehen, indem man zeigt, wie jene selbsttätige Energie, die an 
der Spitze aller Evolution steht, als Selbstbewußtsein wieder zum Vorschein 
kommt (109). So gelangt Putnani zu einer Metaphysik, die mit Hegel 
und Bergson grundsätzlich übereinstimmt. Das Wesentlichste an ihr ist, 
daß nicht die gewissermaßen von selbst vor sich gehende Körperentwicklung 
zur Seelenentwicklung führt, sondern daß im Gegenteil die selbsttätige 
Energie (die als geistig zu denken ist) von Anfang an ihren Einfluß ausübt. 
Erblickt man in den Welterscheinungen seine eigenen geistigen Strebungen 
erkennt man im Weltall sein ideales Ich, seine Ethik, seine Vernunft, seine 
tiefsten Ahnungen, seine Logik wieder, so hat man eine geschlossene Welt- 
anschauung gewonnen (111), bei welcher man sich nicht nur gefühlsmäßig 
in die Geheimnisse der Welt einlebt, sondern auch hineindenkt. 

Putnam untersucht auch die Tatsache, warum so mancher Psycho- 
analytiker sich der Bildung einer Weltanschauung widersetze, und gelangt 
zu dem Schlüsse, daß gerade der Positivismus auf Verdrängung beruhe. 
Das in jedem ruhende dunkle Gefühl, daß sein Schicksal aufs innigste mit 
dem der Welt verknüpft sei, ist einerseits verdrängt, weil es geheimnisvoll 
und nicht klar begriffen ist, „anderseits ist es indessen eng verbunden mit 
einer dunklen Erkenntnis der Tatsache, daß unser Geist und unsere Seele 
die bedeutsamsten in uns liegenden Kräfte sind, und daß die Arbeit unserer 
Intelligenz und moralischen Entwicklung im kleinen und unvollkommen 
die Arbeit derjenigen Energien darstellt, durch welche das Weltall geschaffen 
wurde und erhalten wird (112). Dieser Gedanke gehört zum Urstoff der 
Seele, und alles Erlernen ist nur ein Herausarbeiten des Urstoffes. Jene 
Ahnungen und Regungen hat der Mensch verdrängt, weil man sich nicht 
gern unter dem Einfluß bedeutender, uns nicht genau verständlicher Kräfte 
fühlt, und weil die Naturwissenschaft des letzten Jahrhunderts religiöses 
Denken verhinderte, obwohl die Religionen trotz ihrer Mängel jederzeit di e 
poetische Seite einer wirklich wissenschaftlichen Einsicht in das Geheimnis 
des Lebens vertraten (113). 



I' 



Psydioaiialyse und YVeltaiisdiamiiig 



Allein was geht dies alles den Psychoanalytiker an? Putnam sagt: Der 
psychoanalytische Einblick in die Seelentätigkeit kann nicht gut verstanden 
werden, ohne daß ihrer eigentlichen Natur und ihrer Beziehungen zu den 
anderen weltlichen Erscheinungen genügend Rechnung getragen werde (117). 
Wie dies der Fall ist, wie das positive psychoanalytische Wissen durch den 
gerügten Mangel beeinträchtigt, durch eine vorausgeschickte philosophische 
Seelenlehre aber gemehrt wird, wird leider nicht gezeigt. 

Ich erinnere mich noch lebhaft des Eindruckes, den der Vortrag Put- 
nams hervorrief: Auf der einen Seite stunden die Hörer ehrfurchtsvoll 
unter dem Eindruck einer tiefschürfenden, geistvollen, von edelster Ge- 
sinnung durchglühten Leistung. Auf der anderen Seite aber hatte die Fülle 
der englisch vorgetragenen Gedanken eine gewisse Verwirrung hinterlassen, 
aus der nur wenige Vermutungen hervorragten. Ferenczi gab in der 
bereits verwerteten Arbeit Bedenken Ausdruck, die von vielen der Anwesen- 
den geteilt wurden. Allein er verstund die Philosophie ganz anders, als 
Putnam, der die Metaphysik als Wissenschaft, oder, wie er unzutreffend 
sagt, als wissenschaftliche Methode verstund. 1 

Zwei Mängel sind an Putnams sehr verdienstvoller Arbeit zu beanstanden: 
Er hat den Begriff der philosophischen Anschauungen, damit auch der Meta- 
physik nicht so klar herausgearbeitet, daß ihre Beziehungen zu den exakten 
Wissenschaften klar hervortraten, denn mit den Sätzen, daß die Philosophie 
es mit dem Wesen des Geistes, für sich allein behandelt, zu tun habe (529), 
und daß sie der empirischen Seelen forsch ung vorangehen müsse, gibt sich 
niemand zufrieden. Ferner zeigte er zu wenig, wie jene philosophischen An- 
schauungen auf die psychoanalytische Forschung einwirken müssen. Warum 
die Psychologie erst abzuwarten habe, bis die Metaphysik ihr eine Seelen- 
lehre präsentiere, ist ebensowenig erklärt, wie die andere Frage, worauf 
denn die Metaphysik, die der exakten Seelenlehre vorangehe, ihre philo- 
sophischen Aussagen über diesen nämlichen Gegenstand eigentlich stütze. 
Ferenczi hatte völlig recht, wenn er sich gegen diese dunkle Metaphysik, 
die mit dem Anspruch einer Siegerin einzieht und gebieterisch verlangt, 
daß die Erfahrungswissenschaft sich in ihren Triumphzug einfüge, skeptisch 
verhielt. Putnam ließ außer Betracht, was für schlechte Erfahrungen die 
Psychologie in der langen Zeit machte, da sie im Garn der Metaphysik 
zappeln mußte. Es ist zuzugeben, daß die Psychoanalyse als Methode ohne 
jegliche Rücksicht auf Metaphysik angewandt werden kann, und daß 



1) Antwort auf die Erwiderimg Ferenczis, Imago II, S. 527 



28 



Dr. Oskar Pfister 



Materialisten, Idealisten und Agnostiker genau dieselben exakten Ergebnisse 
erzielen werden. Aber man muß auch zugeben, was Ferenczi erfreulicher- 
weise tut, daß der psychoanalytischen Forschung aus der Philosophie neue 
Gesichtspunkte, neue Erkenntnisse erwachsen (a. a. 0. 519). Wie diese beiden 
Betrachtungsweisen sich vertragen, wie die Erfahrungswissenschaft relativ 
frei, relativ (als Empfängerin) abhängig ist, hat Putnam nicht gezeigt. 
Er behandelt die Weltanschauung als Urstoff der Seele, als dunkles Gefühl, 
das selbstverständlich recht habe und nur zur klaren Erkenntnis erhoben 
werden müsse. Taucht hier nicht eine posthume Schwester der ideae innatae 
auf? Ich fürchte, daß es ihr nicht besser ergehen wird, als den armen 
angebornen Ideen, denen Locke den Todesstoß versetzte und fast alle 
neueren Philosophen den Grabstein schmückten. Bei aller Hochschätzung 
des ausgezeichneten Neurologen und Menschen Putnam kann ich seinen 
fragmentarischen Andeutungen und vor allem ihren Begründungen nicht 
beipflichten, so nahe sich sein metaphysisches Resultat mit dem meinigen 
berührt. 

C. G. Jung 

Während Putnam vorgängig aller Psychoanalyse aus dem Wesen des 
Geistes seine Philosophie ableitet, der die Analyse sich einzuordnen hat, 
baut Jung seine metaphysischen Gedanken umgekehrt auf psychoanalytischen 
und biologischen Erfahrungen auf. Allerdings dringt er nicht bis zu einer 
Weltanschauung vor. Was er gibt, ist nur eine Theorie der „Libido", und 
zwar nicht einmal eine philosophisch abgeklärte Theorie, wie er selbst 
ausdrücklich erklärt. 1 Allein die Libido im Sinne Jungs ist eine trans- 
empirische, folglich metaphysische Größe, und darum werden wir uns kurz 
mit ihr befassen. 

Freud faßte die Libido als psychische Seite des Geschlechtstriebes. 
Jung erweiterte 1912 den Begriff aus Gründen, die hier nicht angegeben 
werden können, indem er gleichzeitig dem Sexualtrieb ein viel engeres 
Gebiet zugesteht, als Freud. Dieser läßt die Sexualität schon im Säugling 
eine große Rolle spielen, Jung nennt die Periode von der Geburt bis 
zum dritten oder fünften Lebensjahr die vorsexuelle Entwicklungsstufe (189). 
Allem schon in dieser Zeit gab es „Libido", denn hierunter soll nichts 
anderes verstanden werden, als „die Energie, die sich im Lebensprozeß 
manifestiert und die subjektiv als Streben und Begehren wahrgenommen 



1) Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen, IV. Bd., S. 178. 



Psychoanalyse und Weltanschauung 



wird". 1 Die „Libido"' ist somit nicht sexueller Natur, sie ist überhaupt 
nichts Konkretes, sondern „geradezu ein X, eine reine Hypothese, ein Bild 
oder Rechenpfennig, ebensowenig konkret faßbar, wie die Energie der 
physikalischen Vorstellungswelt". 2 Diese rein energetisch gedachte „Libido" 
findet sich schon bei den Protisten, und zwar, wie Jung wiederholt, als 
Propagationstrieb. 5 Die „Libido" ist es, die als Wachstumsenergie die Indi- 
viduen zu Teilung, Sprossung usw. veranlaßt und deswegen wiederholt 
„sexuelle Urlibido" genannt wild, 4 allein auch hier haben wir es mit 
bestimmten Anwendungen der an sich asexuellen „Libido zu tun. 

Auf diese Andeutungen müssen wir uns hier beschränken, da Jung 
sich in die Philosophie nicht tiefer eingelassen hat. Auch in der Kritik 
müssen wir uns mit wenigen Punkten begnügen. Daß Jung den Ausdruck 
„Libido", dem Freud eine ganz bestimmte Bedeutung gegeben hatte, in 
einem ganz anderen Sinne gebraucht, kann ich nicht billigen. Eine bedenk- 
liche terminologische Verwirrung war die leicht vorauszusehende Wirkung. 
Sogar Jungs eigene Schüler bedienen sich des Wortes bald im Sinne Freuds, 
bald in demjenigen Jungs. 5 Was die Bearbeitung des Begriffes selbst an- 
betrifft, so ist dieselbe nicht originell. Die Annahme eines Triebes, der 
selbst noch nicht sexuell ist, wohl aber in Sexualfunktionen eingeht, stammt 
von niemand anders, als Freud, der ausdrücklich erklärt, die „Partial triebe , 
die in ihrer Gesamtheit die Libido konstituieren, seien nichts Primäres, 
sondern stammen aus einem an sich nicht sexuellen „Trieb , der erst 
durch Reize aus erogenen Organen sexuell wird. Die positivistische Denk- 
weise, wir können auch sagen: die Vorsicht des Empirikers, bewahrt Freud 
vor dem Versuch, die Fäden dieses Triebes, sowie der erogenen Organe 
weiter zurück zu verfolgen. Allerdings weiß auch Freud, daß der Mensch 
in seiner sexuellen' t Entwicklung den phylogenetischen Werdegang wiederholt, 7 
allein die Lückenhaftigkeit unseres entwicklungsgeschichtlichen Wissens 
verhindert ihn, sich über die Natur des präsexuellen „Triebes" und sein 
Zusammentreffen mit den Organreizen des näheren zu äußern. Daß auch 
er beide Quellen des Sexualtriebes aus einer gemeinsamen unterirdischen 

1) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie. Jahrbuch V, S. 342. 

2) Jahrb. V, S. 342. 

3) Jahrb. IV, S. 177. 

4) Jahrb. IV, S. 180; Jahrb. V, S. 543. 

5) Vgl. meinen Aufsatz: „Ist die Brandstiftung ein archaischer Sublimierungsver- 
versuch?" Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, III. Jahrg., 3. Heft. 

6) Freud, Ges. Schriften V, S. 42. 

7) Freud, Ges. Schriften VII, S. 567. 



r~" 






3 Dr. Osknr Pfister 



Wasserader herzuleiten geneigt ist, dürfte nicht schwer zu erraten sein. 
Jungs sexuelle Urlibido halte ich noch immer für ein terminologisches 
Ungetüm. 1 Wie kann man den Propagationstrieb „sexuell nennen, wenn 
doch die „Sexualität" das letzte Anwendungsgebiet der Libido ist und hier 
erst der Terminus Libido seine Berechtigung erlangt? (IV, 180.) Und wie 
kann man von einer sexuellen Urlibido reden, wenn hinter ihr eine asexuelle 
Ur-Urlibido steckt? 

Für die metaphysische Ausweitung des Libidobegriffes ins Kosmische 
beschränkt sich Jung selbst auf das Zeugnis Schopenhauers. Eine Aus- 
einandersetzung ist daher nicht möglich. 

Dagegen läßt sich nicht weniges aussagen gegen Jungs negative Meta- 
physik, die in der Ablehnung der Existenz Gottes liegt. In seiner Schrift 
„Die Psychologie der unbewußten Prozesse" behauptet nämlich der Verfasser, 
die Frage nach der Existenz Gottes gehöre „zu den dümmsten Fragen, die 
man stellen kann" (91). Die Gottesidee zählt zu den „urtümlichen Bildern" 
diesem alten menschlichen Gemeingut, über welchem die größten und 
besten Gedanken der Menschheit sich bilden (91). Nimmt Jung mit dieser 
These einfach Putnams Satz vom „Urstoff der Seele" herüber, so hängt 
er ihm alsbald eine psychologisch falsche, in philosophischer Hinsicht 
negativ dogmatische Behauptung an: „Man weiß doch hinlänglich, daß 
man sich einen Gott nicht einmal denken kann, geschweige denn sich vor- 
stellen, daß er wirklich existiere, sowenig man sich einen Vorgang denken 
kann, der nicht notwendig kausal bedingt wäre" (91). Ein Blick auf die 
Religionsgeschichte zeigt, daß man sich nie innerhalb des religiösen Bewußt- 
seins Gott vorstellen und denken konnte, ohne seine Existenz anzunehmen. 
Wenn Jung als Grund der Undenkbarkeit Gottes die Aseität angibt, die 
dem Postulat der kausalen Bedingtheit zuwiderlaufe, so hat er sich nicht 
klargemacht, daß dasselbe Argument auch andere Begriffe und Ideen stürzen 
müßte, die auf demselben Erkenntnisweg (in philosophischer Hinsicht) zu- 
stande kamen, z. B. den Substanzbegriff, das Atom, die Materie. Auch bei 
ihnen geht man von gewissen Erscheinungen aus, deren Ursachen man 
sucht; dann klettert man eine unendliche Leiter von Ursachen hinan, die 
sich beim Betreten sofort wieder in Wirkungen verwandeln, aber man 
bleibt aus Gründen, die ich jetzt nicht zu entwickeln brauche, bei einer 
ersten Ursache stehen. Natürlich enthält dieses gedanklich Letzte, ontologisch 
Erste Denkschwierigkeiten, aber sind sie etwa geringer, als die Leugnung 

1) Vgl. mein Buch: Die psychanalytische Methode, S. 140 f. 




Psydionnaly.se und VVcItansdiauuiiq 



dieser Begriffe? Hat irgend jemand die Energetik als System so durchfuhren 
können, daß weniger Schwierigkeiten übrig blieben? Offenbar auch nicht. 
Jung muß sich auch sagen, daß seine Berufung auf Schopenhauers 
Metaphysik so lange wenig Eindruck macht, als er ihre allgemein zuge- 
standenen großen Schwächen nicht zu überwinden unternimmt. 

Der falsche Psychologismus Jungs liegt darin, daß er die Gottesidee 
nur als „schlechthin psychologische Funktion irrationaler Natur" ins Auge 
faßt (91) und die Frage nach ihren objektiven Erkenntnisquellen außer 
acht läßt. Während Putnam seinen „Urstoff der Seele" in einer Art be- 
handelt, die beinahe an den alten Supranaturalismus anklingt, wenn sie 
auch anders gemeint sein dürfte, und mit dem Nimbus des Geheimnisvoll- 
Mystischen umgibt, meint Jung mit der psychologischen Annahme eines 
autosymbolischen Prozesses auszukommen. Dieses Verfahren ist ebenso un- 
erlaubt, wie wenn man schlösse: „Die Ägypter dachten die Sonne als 
Barke; damit projizierten sie ein Produkt ihrer Technik an den Himmel, 
auch enthält der Begriff der Sonnenbarke Widersprüche; folglich gibt es 
keine Sonne." Daß die Gottesidee unzähligemal Realitätskorrekturen erfuhr, 
die dem individuellen Wunschprinzip zuwiderliefen, kann niemand leugnen, 
der die Religionsgeschichte kennt. Indem Jung alle objektiven Erkenntnis- 
quellen der Religion ignoriert und damit, um in seiner Sprache zu reden, 
die Religion von der Objektstufe auf die Subjektstufe herunterreißt, hat er 
höchst voreilig gehandelt. Wenn man sieht, mit welchem riesigen Aufwand 
von Scharfsinn, umfassendem Wissen und systembildender Kraft alle großen 
Philosophen mit Ausnahme Schopenhauers bis auf einen Wundt. 
Eucken, Bergson, diese objektiven Erkenntnisquellen untersuchten und 
aus ihnen mit logischer Stringenz die Gottesidee herleiteten, so kann man 
sein Erstaunen über die Schnellfertigkeit Jungs nicht unterdrücken. 

II) Grundsätzliche Erörterung der Beziehungen von Psycho- 
analyse und Metaphysik. 

Nur in Andeutungen kann ich hier zeigen, wie Psychoanalyse und 
Metaphysik sich gegeneinander zu verhalten haben. Wir gehen dabei vom 
Begriff der Erfahrungswissenschaft und des Positivismus aus. 

Die psychoanalytische Forschung als Erfahrungswissenschaft sucht in 
Ergänzung der Bewußtseinsanalyse die unbewußten Triebfedern und Mo- 
tive des Seelenlebens zu erkennen. Es kommt ihr darauf an, ein durchaus 



Dr. Oskar PfijtM 



zuverlässiges, weil zutreffendes Wissen vom psychischen Sachverhalt zu ge- 
winnen. Nun fragt es sich, ob zu diesem Zwecke ein metaphysischer Weg- 
bereiter ihr vonnöten ist, wie Putnam fordert. 

Niemand wird zugeben, daß der amerikanische Gelehrte die Notwendig- 
keit einer solchen präpsychologischen Metaphysik nachgewiesen habe. Es 
liegt ihm gänzlich fern, zu behaupten, daß Freuds empirisch gewonnene 
Theorien falsch seien. Im Gegenteil wird er nicht müde, die (ametaphysisch 
erworbene) Bereicherung unserer Kenntnis des menschlichen Seelenlebens der 
Psychoanalyse nachzurühmen. Seine eigenen Auslassungen über die zeitlich 
und logisch voranzustellende Metaphysik geben denn auch nirgends Anlaß, 
die längst erfahrungswissenschaftlich festgestellten Ergebnisse zu korrigieren. 
Machen wir uns doch einmal klar, worin das Wesen der Metaphysik 
liegt! Warum bleiben wir denn nicht beim Positivismus stehen und be- 
gnügen uns mit einer Erkenntnis der Phänomene und ihrer gesetzmäßigen 
Zusammenhänge? Die Populärwissenschaft unserer Halbgebildeten versteht 
nicht, warum man sich so viele Mühe macht und nicht ganz einfach bei 
der „Erfahrung" halt macht. 

Der Grund liegt darin, daß dasjenige, was wir Erfahrung nennen, eine 
bunte Mischung von Schein und Sein, von Wahrheit und Irrtum darstellt, 
daß aber alle klaren Köpfe einen starken Drang verspüren, aus diesem 
Gemisch zu wirklicher Erkenntnis durchzudringen. Aus diesem Grunde 
untersuchten sie die Möglichkeit einer Erkenntnis, ihre Grenzen, ihre Hilfs- 
mittel. Mathematiker, wie d'Alembert, Physiker, wie Ernst Mach, Phy- 
siologen, wie Heimholt?., Soziologen, wie' Auguste Comte, Zoologen, 
wie Häckel, sowie eine unabsehbare Menge anderer Forscher, die in der 
Erkenntnis der Tatsachen bahnbrechend wirkten, wurden durch ihren Er- 
kenntnistrieb, ihre innere Nötigung, den Tatsachen gerecht zu werden, 
auf Erkenntnistheorie hingedrängt. Wer diese philosophische Arbeit für 
ein müßiges Spiel wirklichkeitsfremder Phantasten und Grübler hält, ver- 
rät damit eine erstaunliche Unbildung. 

Derselbe Erkenntnistrieb auferlegte die Nötigung, Metaphysik zu treiben. 
Auf die Frage, warum man denn nicht bei der ametaphysischen, rein 
erfahrungsmäßigen Erkenntnis stehen bleibe, gibt es nur eine Antwort: 
Weil es eine solche niemals gegeben hat und niemals geben kann. W as 
man „Erkenntnis" nennt, enthält jederzeit sehr viele Inhalte, die keine 
Erfahrungsinhalte sind. Die Erfahrung hat es mit Erscheinungen zu tun ; 
diese aber enthalten, wie schon der Name andeutet, Schein. Der naive 
Realismus, der annimmt, in seinen Wahrnehmungen die Außenwelt an 



■ ■ 



Psydioanalyse und W eltansdiaunng 



sich zu besitzen, ist wissenschaftlich unhaltbar. Die Optik entzieht bekannt- 
lich die Farbe, die ja nur eine Empfindung ist, den sichtbaren Gegen- 
ständen und weist sie als nur subjektives Erlebnis aus. Die „Erfahrung" 
sagt: Der Zucker ist weiß und süß. Der Physiologe kommt und spricht: 
Weiß ist eine Empfindung, der Zucker hat keine Empfindung und ist 
keine Empfindung; die Empfindung „süß" kommt nur in einem empfin- 
denden Subjekt vor und existiert außerhalb seiner so wenig, wie ein Zahn- 
weh, das niemand hat. Ebenso verhält es sich mit der Farbe, Härte usw. 
Und so werden nun auch Raum und Zeit, die Elemente der Wirklichkeit 
bis hinauf zu den höchsten Gegenständen der Metaphysik untersucht. 

Die Metaphysik ist im Grunde nichts anderes, als eine wissenschaftliche 
Fortsetzung des Verfahrens, das schon in der naiven Erfahrung und primi- 
tiven Erkenntnis überall angewandt wird und jederzeit angewandt werden 
muß. Jede Erfahrung enthält elementare, kindliche Metaphysik. Ausdrücke, 
wie Ursache, Kraft, Gesetz usw. sind durch und durch metaphysischer Art, 
denn wie seit Hume jedermann wissen muß, sind diese Begriffe keines- 
wegs Ergebnis wirklicher oder „reiner" Erfahrung. Auch die Naturwissen- 
schaft arbeitet auf Schritt und Tritt mit transempirischen Begriffen, wie 
Atom, Materie, Substanz, Elektron, Energie usw. Erkenntnistheorie und 
Metaphysik abschaffen, hieße der Naturwissenschaft den Todesstoß versetzen 
oder sie der Naivität ausliefern. Da man bei Ärzten leider nicht selten 
eine Verachtung der Philosophie antrifft, — bei Psychoanalytikern aller- 
dings glücklicherweise nur sehr selten, — so sei darauf hingewiesen, daß 
eine Reihe der tüchtigsten Philosophen, wie Helmholtz, Hermann Lotze, 
Wundt, Flournoy, ursprünglich Mediziner waren und als solche durch den 
Zwang des logischen Denkens in die Philosophie hineingenötigt wurden. Man 
hat somit, wenn man auf gründliche Wissenschaft Anspruch erhebt, nicht 
die Wahl, ob man Metaphysik treiben will oder nicht, sondern höchstens 
die Wahl zwischen kindlicher und methodisch strenger Metaphysik. 

Antimetaphysische Denker, wie Ernst Mach und mein unvergeßlicher 
Lehrer Avenarius, müssen sich eine höchst anfechtbare Erkenntnislehre 
zurechtzimmern, um ihren Standpunkt behaupten zu können. Ich habe 
noch nie einen Psychoanalytiker getroffen, der diese Systeme angenommen 
hätte; daher trete ich auf sie nicht ein und bemerke nur, daß ich die 
Kritik von Wundt und Külpe für zutreffend halte. 1 

1) Vgl. mein Buch: Die Willensfreiheit, S. 257 f.; Wundt: Philosophische Studien, 
Bd. XIII, S. 44—105; Einleitung in die Philosophie, S. 285 — 300: Külpe: Die Philo- 
sophie der Gegenwart in Deutschland, S. 14 — 52. 

Pfistcr: Psychoanalyse und Weltanschauung? 3 



gy Dr. Oskar Pfistcr 



Die Metaphysik ergibt sich demnach aus der Erfahrungswissenschaft 
zufolge des Bedürfnisses, Sein und Schein zu unterscheiden und die Er- 
fahrungsgegenstände- auf ihre Herkunft und ihren Zweck zu prüfen. Ihre 
erkenntnis theoretische Grundlage habe ich früher einläßlich untersucht. 1 
Ich definiere demzufolge die Metaphysik als diejenige Wissenschaft, welche 
die in den Erfahrungsbegriffen liegenden irrealen Elemente 
und Widersprüche zu beseitigen und die letzten denkbaren und folge- 
richtig zu denkenden Ursachen sowie das wahre Wesen der Erfahrungs- 
gegenstände aufzusuchen hat. 

Man sieht, daß diese Disziplin es nicht mit einem Wolkenkuckucks- 
heim, einem absoluten Jenseits zu tun hat, sondern im Gegenteil mit der 
Erfahrungswelt, aber mit der Welt wirklicher Erfahrung. Eine Metaphysik 
ohne objektive Gültigkeit im Sinne Jungs wäre in meinen Augen nicht 
nur ein Rechnungspfennig, sondern Falschmünzerei. In Wirklichkeit ist 
die Metaphysik bei sorgfältigem Aufbau für jeden, der mit dem Dualismus 
und relativen Agnostizismus Kants gebrochen hat, eine Münze, die echten 
Erkenntniswert birgt. 

Je mehr sich das Denken von der Empirie entfernt, desto mehr Einfluß 
gewinnt die Subjektivität des Denkenden. Daher die alte, besonders von 
Fichte betonte Einsicht, daß die metaphysischen Systeme den Charakter 
ihrer Urheber spiegeln. Das ist es, was so wirklichkeitshungrige Forscher, 
wie Freud, von der Metaphysik weghielt. Ich begreife es sehr gut und 
ehre diesen Wirklichkeitssinn. Aber ich gebe zu bedenken: 

1) Das philosophisch ungereinigte Denken, auch das der Naturwissen- 
schaften, strotzt noch viel mehr von Anthropomorphismen als die Meta- 
physik, man denke etwa an Ausdrücke, wie Ursache, Kraft, Stoff, Gesetz. 
Und dabei machen sich die Undenkbarkeiten dieser schlechten Metaphysik, 
die gerade der Psychoanaljtiker lächelnd durchschaut, für jeden klaren Denker 
viel störender geltend als die Anthropomorphismen der großen Philosophen. 

2) Es ist unzutreffend, daß die Metaphysik nur aus Aufbauschungen 
der eigenen Subjektivitäten ins Absolute entstanden sei. Wie stark ein 
Lotze, Fechner, Wundt, Hartmann, Paulsen, Bergson, Busse, 
Raoul Pictet usw. vom naturwissenschaftlichen Studium in ihrem philo- 
sophischen Denken beeinflußt sind, sollte bekannt sein. Gerade die richtig 
verstandene Metaphysik ist es, die der Realitätskorrektur ein Maximum von 
Sorgfalt angedeihen läßt. 

1) Die Willensfreiheit, Georg Reimer, Berlin 1903, S. 223—268. 



a sydioanalyse und Weltaiisdiauuiig 



Damit, daß die bisherigen Metaphysiker nachweislich nur ihre eigene 
zufällige Individualität ins Absolute projizierten, ist nicht gesagt, daß ein 
für allemal nur eine solche individuelle Fälschung der Metaphysik letzter 
Schluß sein müsse. (Rank und Sachs.) Wir erleben immer wieder, daß 
der gebundene Psychoanalytiker seine eigenen Siebensachen in seine Neu- 
rosendeutungen hineinträgt; der analysierte Analytiker ist in der glück- • 
liehen Lage, objektiv zutreffend zu deuten. Warum nicht auch der Meta- 
physiker? Wäre Schopenhauer nicht der neurotisch schwergefesselte Mann 
gewesen, als welchen ihn Hitschmann kundgab,' hätte er sich einer 
Analyse unterzogen, seine Metaphysik trüge ein anderes Gesicht. Gewiß 
geht jede Deutung, auch die metaphysische Weltdeutung von der Einfüh- 
lung aus und trägt damit vom eigenen Leben ins Ganze hinein, man 
erklärt immer das Unbekannte vom Bekannten aus, aber wenn dies mit 
der größtmöglichen Würdigung aller objektiven Erkenntnis geschieht, so 
ist gegen dieses Verfahren, auf dem nicht nur die ganze Psychoanalyse, 
sondern auch die Möglichkeit aller Orientierung in der Welt von der Säug- 
lingsstufe bis zum höchsten Erkennen beruht, nichts einzuwenden. Daß 
es notwendig zu falschen Ergebnissen führe, wäre eine absurde Behauptung. 

5) In jeder Wissenschaft sieht man sich gezwungen, das unmittelbar 
Erfahrene durch logische Konstruktionen zu ergänzen, das konkrete An- 
geschaute durch Abstraktionen, die Erfahrungslücken durch gewisse An- 
nahmen auszufüllen. Es gibt streng genommen keine reine Erfahrung, es 
sei denn, daß wir diesen Begriff höchst naiv fassen. Ohne solche trans- 
empirische, abstrakte Denkhandlungen wäre kein Verstandesdenken mög- 
lich. Ist diese Berechtigung aber anerkannt, so geht es nicht an, dem 
Drange nach Klarheit und kausalem Wissen, der sich als so unerläßliches 
Erkenntnismittel in der ganzen Geschichte der Menschheit auswies, plötz- 
lich eine Schranke in den Weg zu werfen. Am wenigsten darf dies die 
Naturwissenschaft, die selber von guter und weniger guter Metaphysik 
trieft und ohne sie nicht auskommt. 

4) Die Metaphysik führt zu neuen empirischen Erkenntnissen. Welche 
ungeheure Bereicherung verdanken die Naturwissenschaften z. B. der Meta- 
physik Hegels und seiner abstrakten Entwicklungslehre! 

Die Entscheidung des Verhältnisses zwischen Psychoanalyse und Meta- 
physik ist nunmehr spruchreif geworden. Letztere kann nicht die Königin 
sein, die autonom ihre Gesetze erläßt und die Analyse ihrem Hofstaat 

1) Imago II, S. 101. 



36 Dr. Oskar Pfiäter 



eingliedert. Vielmehr ist die Analyse — natürlich nicht als Methode, son- 
dern als Summe der psychoanalytisch gewonnenen Erkenntnisse gefaßt — 
eine der vielen Stufen, deren sich die Metaph}'sik bedienen muß, um zur 
höchsten Erkenntnis hinanzusteigen. Es ist nicht wohlgetan, nur die phy- 
logenetische Entwicklung oder die Libidotheorie zugrunde zu legen. Ich 
verlange von einer Metaphysik, die mehr als eine laienhafte Phantasie sein 
will, daß sie erkenntnistheoretisch fundiert sei und den ganzen Bereich 
des Wirklichen in Betracht ziehe. Wie sie aus der Erfahrung mit Not- 
wendigkeit in jedem klarheitshungrigen Kopf hervorgeht, so muß sie mit 
allen Erfahrungen in Einklang stehen. 

Damit ist auch die Berechtigung und Notwendigkeit einer Meta- 
psychologie ausgesagt. Ich verstehe sie nicht in dem Sinne einer un- 
erlaubten Projektion der Psychologie in die Außenwelt, sondern in der 
Bedeutung, die Freud dem Worte verlieh: 1 als „Klärung und Vertiefung 
der theoretischen Annahmen, die man einem psychoanalytischen System 
zugrunde legen könnte". 2 Hinzukommen muß aber auch eine Verarbeitung 
der Geisteswissenschaften, von welchen die psychoanalytische Untersuchung 
nur einen Teil bildet, wie selbstverständlich auch eine Metaphysik der 
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. 

Verhält sich die Psychoanalyse in dieser Weise gegenüber der Meta- 
physik als die freie und gebende, so wird sie ohne Zweifel durch sie auch 
wieder reichlich beschenkt. Sogar ein so wirklichkeitsfremdes System, wie 
dasjenige Hegels, hat eine Reihe von Natur- und Geisteswissenschaften 
grandios gefördert, ich erinnere nur an die Biologie, die durch die neue 
Pragmatik und ihre entwicklungsgeschichtliche Betrachtungsweise geradezu 
umgeschaffen wurde, ferner an die Geschichte, Sozial Wissenschaft (Marx), 
Staatslehre (Stahl), Theologie (Strauß und Biedermann). Von Anfang 
an haben denn auch die meisten Psychoanalytiker, z. B. Ferenczi, 3 von 
Winterstein,* Silberer, 5 Putnam u. a. der Metaphysik energisch das 
Wort geredet, und soviel ich mich entsinnen kann, war es nur Hitsch- 
mann, 6 der die philosophischen Systeme durch Psychologie glaubt über- 



1) Ges. Schriften V, S. 520. 

2) Die Forderung einer „metaphysischen Forschung", die den tatsächlichen 
Lebenszusammenhang herausarbeitet, erhebt Rudolf Eucken in seinem 1901 erschie- 
nenen Werke „Der Wahrheitsgehalt der Religion" (Seite 140). 

3) Ferenczi: Populäre Vorträge über Psychoanalyse, S. 118. 

4) Imago II, S. 256 f. 

5) Jahrb. IV, S. 803 f. 

6) Imago II, S. 173. 



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riA^^i^teta 



Psychoanalyse und Weltanschauung 



winden und ersetzen zu können, indem er annimmt: „Wer zum Philo- 
sophieren gesund genug ist, der philosophiert eben nicht." Ich fürchte, 
daß es von diesem Gesundheitsbegriff aus auch mit der Dichtkunst, Musik, 
Religion und den meisten übrigen Maximalleistungen des Menschengeistes 
aus wäre, und daß als gesund nur noch der Philister auf der öden Bild- 
fläche zurückbliebe. 

Daß Freud die Metaphysik einstweilen zurückstellte und vorläufig als 
Positivist sich betätigte, ist ihm auch vom Standpunkt der Philosophie aus 
hoch anzurechnen. Sein vorsichtiger Vorstoß in die „Metapsychologie", 
den weniger vorsichtige Denker noch ganz der Erfahrungswissenschaft zu- 
rechneten, muß gerade wegen des gewissenhaften Abstellens auf die em- 
pirischen Tatsachen dem echten Metaphysiker Ehrfurcht einflößen. 



DRITTER TEIL 

.Psychoanalyse und -E/tliik 

Zu den beliebtesten, weil wohlfeilsten und- bei Unwissenden zugkräf- 
tigsten Argumenten, mit denen die Gegner sich der Psychoanalyse zu er- 
wehren suchten, gehört die Behauptung, Freuds Verfahren sei unsittlich 
und ruhe auf einer naturalistischen, minderwertigen Ethik. Selbstverständ- 
lich kann es sich hier nicht darum handeln, sich mit jenen würdelosen 
Verleumdern auseinanderzusetzen. 

Es handelt sich vielmehr um die prinzipielle Frage, ob der positivistische 
Standpunkt auch in der Weise vom Psychoanalytiker könne festgehalten 
werden, daß auf das innerste Wesen des Menschen und seine Bestimmung 
oder Aufgabe innerhalb der Wirklichkeit keine Rücksicht zu nehmen sei, 
und ferner um das Problem, ob die Analyse berechtige und verpflichte, 
der Ethik irgendwelche Direktiven zu erteilen. 

1) Historische Untersuchung 

Sigmund Freud 

Freud stellte der psychoanalytischen Behandlung die Aufgabe, die ver- 
drängten Vorstellungen und Wünsche ans Licht zu ziehen und durch 
affektvolle Aussprache abzureagieren. In seinem großen Werk „Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse" 1 teilt er mit: „Der Satz, daß die 
Symptome verschwinden, wenn man ihre unbewußten Verbindungen be- 



1) Ges. Schriften VII. 



fc» 



Psydioanalyse und Weltanschauung 7 Q 

wüßt gemacht hat, ist durch alle weitere Forschung bestätigt worden, 
obgleich man den merkwürdigsten und unerwartetsten Komplikationen 
begegnet, wenn man den Versuch seiner praktischen Durchführung unter- 
nimmt. Unsere Therapie wirkt dadurch, daß sie Unbewußtes in Bewußtes 
verwandelt, und wirkt nur, insoweit sie in die Lage kommt, diese Ver- 
wandlung durchzusetzen" (289, 290). Es handelt sich somit lediglich um 
eine historische und strukturelle Aufgabe, die mit Hilfe der psychoanalyti- 
schen Methode erledigt werden soll, und daß man dabei der Ethik nicht 
bedarf, liegt auf der Hand. 

Der Arzt verzichtet, wie Freud angibt, „nach Möglichkeit" auf Rat 
und Leitung in den Lebensangelegenheiten seines Klienten (450). Dieser 
muß selbst seine Entscheidungen treffen und soll während der Kur auf 
lebenswichtige Entschlüsse überhaupt verzichten. Nur Jugendliche muß der 
Arzt zugleich als Erzieher behandeln (450), Erwachsene sind für ihr Tun 

selbst verantwortlich. 

Allein schon aus den theoretischen Ergebnissen der Analyse ergibt sich, 
daß ethische Interessen bei jeder Neurose auf dem Spiele stehen, denn 
diese erfolgt stets aus einem hartnäckigen Konflikt zwischen der libidinösen 
Regung und der „asketischen" Gegenstrebung (449). Das Symptom ist 
nichts anderes, als ein gewaltsames Sichbahnbrechen der unterdrückten 
Sexualbegierde. Damit, daß man den Kranken überredete, sich sexuell aus- 
zuleben, wäre nichts gewonnen, denn er kann den verdrängten Trieb nur 
in Symptomen auswirken. Darum lehnt dies Freud als „wilde Psycho- 
analyse" ab. Freud will aber auch nicht, daß der Analytiker zugunsten 
der gesellschaftlichen Sittsamkeit einwirke (450), zumal er ethische Bedenken 
gegen sie hegt. „Wir ersparen es unseren Patienten nicht, diese Kritik 
{an der herrschenden Sexualmoral) mitanzuhören, wir gewöhnen sie an 
vorurteilsfreie Erwägung der sexuellen Angelegenheiten wie aller anderen, 
und wenn sie, nach Vollendung ihrer Kur selbständig geworden, sich aus 
eigenem Ermessen zu irgendeiner mittleren Position zwischen dem vollen 
Ausleben und der unbedingten Askese entschließen, fühlen wir unser 
Gewissen durch keinen dieser Ausgänge belastet. Wir sagen uns auch, wer 
die Erziehung zur Wahrheit gegen sich selbst mit Erfolg durchgemacht 
hat, der ist gegen die Gefahr der Unsittlichkeit dauernd geschützt, mag 
sein Maßstab der Sittlichkeit auch von dem in der Gesellschaft üblichen 
irgendwie abweichen" (451). Die Heilung beruht aber gewiß nicht auf 
sexuellem Sichausleben, sondern auf der Bewußtmachung des Verdrängten 
(451), nämlich so, daß der Kranke selber dieses Unbewußte einsieht (453). 



• 



4o Dr. Oskar Pfistcr 



Durch die Bewußtmachung wird der Konflikt, der zuvor in zwei ver- 
schiedenen seelischen Regionen stattgefunden hatte und daher nicht zu 
erledigen war, auf einen Boden verlegt, auf dem beide Parteien stellen (454). 
Dabei fördern wir eine günstige Entscheidung durch den Hinweis darauf, 
daß die frühere Entscheidung zur Krankheit führte, sowie durch das Ver- 
sprechen, daß eine Entscheidung den Weg zur Genesung bahnen \vird, 
auch weisen wir darauf hin, daß im Zeitpunkt der Erkrankung das Ich 
schwächlich, infantil war, und darum vielleicht mit Grund die Libido-? 
forderung als Gefahr ächtete, während es jetzt erstarkt ist und im Arzt 
einen Helfer zur Seite hat (455). Da wir aber vor der rätselhaften Tatsache 
stehen, daß Paranoiker, Melancholiker und mit Dementia praecox Behaftete 
bei diesem Verfahren nicht geheilt werden, so fragt es sich, ob wir bei 
den Hysterien und Zwangsneurotikern den möglichen Erfolg wirklich in 
all seinen Bedingungen verstanden haben (456). Die therapeutische Arbeit 
zerfällt in zwei Phasen : „In der ersten wird alle Libido von den Symptomen 
her in die Übertragung gedrängt und dort konzentriert, in der zweiten 
der Kampf um dieses neue Objekt (den Analytiker) durchgeführt und die 
Libido von ihm freigemacht" (473). Unter dem Einfluß der ärztlichen 
Suggestion wird dabei das Ich gegen die Libido versöhnlich gemacht, so 
daß es zweckmäßige, verdrängungsfreie Betätigungen zuläßt (473). 

Der Erfolg besteht darin, daß der geheilte Nervöse so viel wird, als er 
bestenfalls unter günstigen Bedingungen hätte werden können (452). In 
ethischer Hinsicht ist zu beachten, daß die psychoanalytische Arbeit sich 
in den Dienst der höchsten und wertvollsten Kulturstrebungen stellt, sofern 
sie die von ihnen unabhängigen und durch sie nicht beeinflußbaren un- 
bewußten Gegenstrebungen gegen diese ethischen Absichten ihrer verhäng- 
nisvollen Macht beraubt und einen besseren Ersatz zustande bringt. 1 Dabei 
wird der zuvor verdrängte Trieb einer höheren Verwendung zugeführt, er 
wird sublimiert, wobei das Sexualziel mit einem sozial wertvolleren ver- 
tauscht wird (404), oder er gelangt wenigstens teilweise zu normaler direkter 
Befriedigung (404). 

Es ist unmöglich, die hohe ethische Absicht, die Freud in seinem 
Verfahren zum Ausdruck bringt, zu verkennen. Und zwar leistet er der 
Ethik Dienste mit Hilfe des psychoanalytischen Vorgehens, wie er umge- 
kehrt diesem mit Mitteln der Ethik zu Hilfe kommt. Um die Ethik macht 
er sich verdient, indem er durch die Neurosenforschung einerseits eine 



1) Ges. Schriften IV, S. 404. 






Psydioanalyse und Weltanschauung j ± 



ungeahnte und ungeheuer wichtige Menge von krankhaften, oft tragischen 
Wirkungen ethischer Konflikte nachweist, anderseits die Natur dieser 
Konflikte aufdeckt. Jede Ethik, die Erfahrungen einen Einfluß auf ihre 
Normengebung einräumt, und eine andere Ethik dürfte heutzutage nur 
schwer möglich sein, hat aus diesen Entdeckungen die wichtigsten Lehren 
zu schöpfen. Es liegen hier noch ungehobene Schätze, von denen später 
geredet wird. Anderseits aber erhebt Freud Anleihen bei der Ethik, so 
daß wir verpflichtet sind, auf den in psychoanalytischen Kreisen wohl 
noch nicht berücksichtigten Gegenstand einzutreten. 

Schon im ersten Teil hoben wir Freuds Zurückhaltung in der Leitung 
des Kranken rühmend hervor. Die Achtung vor der freien Selbstbestimmung 
des Kranken in ethischer und religiöser Hinsicht liegt nicht nur in der 
Stellung des Arztes gegenüber dem Kranken, sondern auch in einem tiefen 
Verantwortlichkeitsgefühl begründet, das durchaus Anerkennung verdient. 
Es kommen aber auch spezielle therapeutische Rücksichten in Betracht: 
Würde der Analytiker sich während des Analysieren« auf ethische Beleh- 
rungen und Räte einlassen, so würde der Widerstand und damit die Ver- 
drängung bestärkt, und ein Mißerfolg stünde zu befürchten. Auch gelangte 
der Analysand, dem sein Analytiker als Vaterersatz, als Mentor die Hand 
böte, nicht zu jener Selbständigkeit, die aus biologischen und ethischen 

Rücksichten zu fordern ist. 

Allein Freud gibt selbst zu, daß die völlige Enthaltung von jeder sitt- 
lichen Wegleitung nicht durchgeführt werden kann. Nur „nach Möglich- 
keit" verzichtet er auf Rat und Leitung. Meine eigenen Erfahrungen führten 
mich zur gleichen Stellungnahme. Es gibt Analysanden, die des Rates und 
der nichtanalytischen Hilfe nicht bedürfen, und die Analyse selbst laßt 
sich ohne ethische Aufschlüsse durchführen. Bei Jugendlichen ist dies natur- 
lich wie Freud erwähnt, nicht der Fall, aber auch Erwachsene befinden 
sich mitunter nach der Analyse in einer Ratlosigkeit und Ziellosigkeit, daß 
sie zu großen Torheiten oder großem Grimm über die Analyse fähig sind, 
wenn man ihnen nicht beisteht. 

Es scheint mir aber auch aus der Lehre von der Verdrängung und vom 
Widerstand hervorzugehen, daß ohne ethische Aufklärung die Bewußt- 
machung des Unbewußten häufig gar nicht durchgeführt werden kann. 
Denn das neurotische Symptom wird nicht nur geschaffen, sondern auch 
festgehalten durch den Zusammenstoß einer libidinös-primären und einer 
ethischen Regung. Wir erfahren oft, wie eine Verstärkung der ethischen 
Türwache eine Steigerung des Symptoms erzeugt. Auch das ethische Urteil, 



^ a Dr. Oskar Plister 



das vom Bewußtsein bejaht wird, beruht oft auf Verdrängungen. Es scheint 
mir deshalb angezeigt, daß nicht nur die verdrängte libidinöse Regung 
sondern auch die sie verdrängende und in der Verdrängung festhaltende 
völlig abgeklärt werde. Wird aufgedeckt, was verdrängte, so scheint es 
selbstverständlich, daß dieser anspruchsvoll auftretende Sittenpolizist nach 
seiner Legitimation gefragt werde, wenn sie nicht von vornherein feststeht. 
Dabei kann und wird es sich oft herausstellen, daß die vermeintlich sittliche 
Absicht unsittlich oder doch sittlich niedrig war. Wo z. B. das Gebot: „Ehre 
Vater und Mutter" im Sinne der jüdischen und christlichen Orthodoxie ver- 
standen wurde und zermalmend wirkte, ist es selbstverständlich angebracht, 
ihm die höhere, freie Pietät im Sinne der Evangelien gegenüberzustellen. 
Dies tut auch Freud, indem er vor dem Kranken an der herrschenden 
Sexualmoral Kritik übt. Ich glaube nun aber, daß gerade hier ein sehr 
schwieriges Problem vorliegt, das gründlichstes Studium erheischt. Wohl 
jeder aufgeklärte Moderne wird an der landläufigen Sexualmoral viel aus- 
zusetzen haben. Allein es ist sehr schwierig, Verwerfliches und Wertvolles 
an ihr voneinander zu scheiden. Oft sah ich Menschen, die sie einfach 
ablehnen zu sollen glaubten, in verhängnisvolle Irrungen hineingeraten, 
deren Folgen und Voraussetzungen sie nicht einsahen, und die sie bitter 
bereuten, als es zu spät war. Der Analytiker wird sich sagen, daß die Kritik 
der bestehenden Moral und Unmoral nicht nur eine Pflicht, sondern auch 
eine sehr schwere Verantwortlichkeit auferlegt, die ein nicht geringes Maß 
von sittlichem Ernst und tiefgrabender Einsicht voraussetzt. Nur eine inner- 
lich gefestigte Persönlichkeit, die sich zu einer klaren Stellungnahme in 
den schwierigen und mannigfaltigen Problemen hindurchgerungen hat, 
kann dem Analysanden bei seiner Abfindung mit den großen Lebensfragen 
die nötige Unterstützung gewähren. Jene für Lebensglück und Lebensleistung 
hochwichtigen Fragen, für welche die auserlesensten Denker der Menschheit 
vom Altertum an bis zu den Philosophen und ethischen Reformatoren der 
Gegenwart ihre ganze Denkkraft und ihr höchstes Streben einsetzten, lassen 
sich nicht aus dem Stegreif beantworten. 

Hinzu kommt, daß die Übertragung unter und auf der Bewußtseinsfläche 
des Analysanden einen gewaltigen Einfluß auf die Richtung der aus ihrer 
Gruft auferstehenden Liebes- und Lebenstriebe ausübt. Man kann noch so - 
eifrig jegliche Verantwortlichkeit dem Klienten überbinden und noch so 
sorgfältig die Übertragung behandeln, es bleibt doch immer ein starker 
Einfluß des Analytikers übrig. Darum weiß ich mich mit Freud und 
allen, die die Psychoanalyse ausüben, einig in der Forderung, daß der 



„ 



Psydioanalyse und vv eltansdiainmg j% 



Größe der analytischen Arbeit die Reife des sittlichen Habitus der analy- 
sierenden Persönlichkeiten möglichst entsprechen sollte. 

Nicht ganz kann ich Freuds Optimismus teilen, daß die Erziehung zur 
Wahrhaftigkeit gegen sich schon vor der Gefahr der Un Sittlichkeit dauernd 
schütze. Wenn ein Mensch von brutalem Egoismus seine Eigenart einsieht 
und sich damit zufrieden gibt, so wird ihn seine Wahrhaftigkeit gegen 
sich gewiß nicht schützen. Aber vielleicht nimmt Freud an, daß die 
tieferen Züge ins Meer der Menschenseele immer auch die altruistischen 
Triebe aufdecken und befreien werden. Jedenfalls ist zu bestätigen, daß 
durch die Analyse gerade unzählige Egoisten, wie manche andere, die 
gegen höhere Ethik verstießen, die Unhaltbarkeit ihres antisozialen und 
selbstschädlichen Begehrens mit tiefer Erschütterung einzusehen gezwungen 
wurden und ohne absichtliche positive Beeinflussung durch den Analytiker 
eine Umwandlung zu besserem Sinnen und Handeln gewannen. 

Wenn der Arzt die Verlockungsprämie der Genesung mit Recht ausspielt, 
so wird es gewiß auch in manchen Fällen, wo der Unwert des Daseins einen 
Patienten bedrückt, sich empfehlen, auf den Gewinn eines beglückenden 
und wertvollen, der wahren Natur und Bestimmung entsprechenden Lebens- 
inhaltes hinzuweisen, wenn auch der Erwerb dieses Gutes selbstverständlich 
als Aufgabe des Analysanden klargelegt wird. 

Was Freud über die Psychologie der Sublimierung kundgab, betrachte 
ich für eine der wichtigsten Entdeckungen, die der Ethik jemals erblüht 

sind. 

James Putnam 

Daß ein so tief denkender Gelehrter, wie Putnam, auch die ethische 
Seite der Psychoanalyse der Prüfung unterziehe, stund zu erwarten. Seine 
Analysen zeigten ihm, daß die Konflikte der Seele, die in die Krankheit 
treiben, „zum großen Teil ihren Grund haben erstens in dem unserseitigen 
Gefühl, "zweitens in der Überzeugung, daß wir in Wirklichkeit mehr 
sind, als wir ausdrücken können". 1 Zum Beleg wird auf Hamlet hinge- 
wiesen, der vielleicht nicht allein wegen unbewußter ödipusartiger Beweg- 
gründe schwankte, sondern auch wegen des halbbewußten Gefühles, daß 
die Ermordung des Oheims nicht ausreiche, die Not zu überwinden, daß 
vielmehr die Dinge von einem allgemeinen Standpunkt aus zu betrachten 
wären (116). Ohne es offen auszusprechen, fordert Putnam eine tief- 
grabende ethische und religiöse Orientierung des Psychoanalytikers. 

1) Imago I, S. 115. 



44 Dr. Oskar Pflster 



Zu diesen leider allzu spärlichen Andeutungen möchte ich bemerken : 
Putnam hat mit der Forderung einer ethisch-metaphysischen Ergänzung 
der Psychoanalyse in höchst verdienstlicher Weise Ernst gemacht. Leider 
aber zeichnen sich seine Ausführungen durch herakliteische Dunkelheit 
aus und beschränken sich auf spärliche Andeutungen. Was ist unter dem 
„unserseitigen Gefühl" verstanden? Es wäre wertvoll, den englischen Ur- 
text zu kennen. Ist etwa an Egoismus gedacht? Es ist bemerkenswert, daß 
die Gegner der Psychoanalyse zwar die materialistisch und „naturalistisch" 
klingenden Aussagen einzelner Freudianer aufgreifen, den tiefsinnigen 
amerikanischen Psychoanalytiker und seinen Idealismus jedoch stets über- 
gehen. 

Welche Stellung die ethische Aufklärung theoretisch und praktisch zur 
Psychoanalyse einnehmen soll, hat Putnam nicht gezeigt. 

Paul Häberlin 

In pädagogischen Kreisen hört man öfters die Klage, die Lehrbücher der 
Pädagogik enthalten nur altbekannte und ziemlich selbstverständliche Dinge. 
Gesetzt, diese Behauptung bestünde zu Recht, so ist doch auf alle Fälle 
zuzugeben, daß sie für Häberlin s Erziehungswerk 1 mit nichten zutrifft. 
Oder mag auch die pädagogische Zielbestimmung dem Kenner Immanuel 
Kants nicht gar zuviel Neues bieten, so enthält dafür der größere Teil des 
Buches, die Methodenlehre, eine so bedeutende Fülle neuer Gedanken und 
.Ratschläge, daß man von einer förmlichen Reformation der Erziehungslehre 
reden möchte. 

Untersucht man dieses Neugut, so findet man bald, daß es zum weitaus 
größten Teil der psychoanalytischen Arbeit entstammt, die Häberlin genau 
kennt. Ich nenne nur einige der wichtigsten Gegenstände: Der Infantilismus 
des Zöglings und Erziehers (77, 104 f.), die Ablösung vom Erzieher (114), 
der Erzieher als Liebesobjekt (119), die Sublimierung der Erotik (125), die 
Beherrschung der Erotik an Stelle ihrer Abtötung (186), die höhere Modi- 
fikationsfähigkeit des Liebestriebes gegenüber dem Ichtrieb (189), die Er- 
klärung einer frühinfantilen sexuellen Erregungsperiode 2 als der wichtigsten 

1) Wege und Irrwege der Erziehung, Grundzüge einer allgemeinen Erziehungs- 
lehre. Basel 1918. 

2) Es ist wenig glücklich, daß Häberlin sie eine erste Pubertätsperiode nennt (190); 
pubes heißt doch bekanntlich mannbar, pubertas die Mannbarkeit, oder die Reife zu 
ihr. Daß man Knaben und Mädchen vom vierten bis zum sechsten Jahre solche 
Mannbarkeit zuspreche, mutet wie ein Witz an. 



; 



Psychoanalyse und \V eltanschauung /{ 



des ganzen Lebens (190), Insichgekehrtheit, Träumerei, mächtige Phantasie- 
tätigkeit, fanatischer Spieltrieb, Gehemmtheit im Verkehr mit anderen, 
Stimmungsschwankungen, Weinerlichkeit, Empfindlichkeit, unverständiges 
Betragen, Unberechenbarkeit, Neigung zum Alleinsein und dann wieder 
ausgelassenes Toben, Unwahrhaftigkeit, Ehrlichkeit bis zu übertriebenen 
Selbstanklagen, Quälsucht, Neid und eine Menge anderer Erscheinungen 
im Betragen des Kindes als Folgen des Kampfes gegen die drohende All- 
herrschaft des Liebestriebes (190 f.), Angst, Nervosität bei Knaben und 
Mädchen als Wirkungen desselben Widerstreites (191), die sexuelle Latenz- 
periode vom siebenten bis zwölften Altersjahr (101), die Psychologie der 
Angst, die bis zur Todesangst gesteigert auftreten kann, und deren Objekte 
eigentlich symbolisch das Objekt einer verbotenen Erotik andeuten (202), 
die „Verdrängung" der erotischen Regungen ins völlig Unbewußte und 
ihre gefährlichen Nachwirkungen (208 f.), die erotischen Phantasien als 
„Manifestationen" (209), der Narzißmus und sein Zusammenhang mit der 
Introversion (210), die Gefahr des lebenslänglichen Infantilismus (211), die 
Sublimierung der Erotik in soziale Arbeit (215), der Sport als Umsetzung 
jugendlicher Erotik in Arbeit (218), die aus der Kinderzeit stammenden, 
stereotyp gewordenen falschen „Fixierungen", die die Gewissensaussagen 
im Sinne egoistischer oder erotischer Strebungen fälschen (252), der Re- 
volutionär, Anarchist, Atheist als negativ Gebundener (245), die Askese 
als Bindungssymptom (256) und Schuldwirkung (324), falsche Bußideale und 
Bußhandlungen als pathologischer Zwang (257), die Homosexualität (257), 
die große Gruppe der Angstideale (258), das Zwangsgefühl der moralischen 
Minderwertigkeit (260 f., 336, 337). kompensatorische Pseudoideale, die das 
Gegenteil des im Innersten Empfundenen ausdrücken (261), krampfhafte 
gute Werke, überbetonte Kirchlichkeit, Wahn der Kraft, Schönheit, Liebes- 
macht usw. als zwanghafte Fixierungsprodukte (262), Flucht aus der Wirklich- 
keit in den Kindheitstraum (Regression, Autismus) (264), theoretischer 
Skeptizismus als kompensatorisch verschleierte Geisteskrankheit (264), das 
Rationalisieren (264), die Notwendigkeit einer speziellen Heilerziehung für 
die Reifung des Gewissens (268), die Unzulänglichkeit der Suggestion und 
Notwendigkeit der Analyse bei der Korrektur von Gewissenswidersprüchen 
(270, 274, 275), die Bewußtmachung und Auflösung der Bindung als ge- 
trennte Akte (271), die Übertragung als meistens notwendiger Umweg der 
Heilung (272), die negative Übertragung (273), die pathologische Lüge nur 
durch psychoanalytische Behandlung heilbar (317), der Wille zur Krank- 
heit (322), die Krankheit als infantil bedingte Selbstbestrafung (324). 



jQ Dr. Osknr Pfister 



Schon ein Blick auf diese Aufzählung, die lange nicht vollständig ist, 
zeigt dem Kundigen, welche unerhörte Bereicherung seines pädagogischen 
Wissens Häberlin der psychoanalytischen Forschung verdankt. Die Be- 
deutung seines Werkes liegt in historischer Beziehung in erster Linie darin, 
daß er als erster akademischer Pädagoge "die analytische Literatur aus- 
zuschöpfen beflissen war. Und daß er es in volkstümlicher, verständnisvoller 
und durchaus nicht sklavisch nachahmender Weise tat, daß er es vielmehr 
kritisch nachprüfend und verarbeitend tat, wenn er auch nirgends eine 
Bereicherung des psychoanalytischen Wissens gewann, sei ihm dankbar zu- 
gestanden. Seine volkstümliche Darstellung wird manchem, der nur die 
Produkte der analytischen Werkstätten, nicht die Gewinnung dieser Produkte 
zu besichtigen wünscht, wertvoll sein, wenn er auch bei selbständiger Be- 
schäftigung mit der Psychoanalyse bald erkennen wird, daß Häberlin bei 
weitem nicht alle Ergebnisse analytischer Forschung sich anzueignen verstund. 

Wir Psychoanalytiker könnten uns über diese Anerkennungen herzlich 
freuen, wenn nicht Häberlin die Freude zerstreute. Das Peinliche an 
H ab erlins Verhalten ist, daß er seine Körbe in den Weinbergen der 
Psychoanalytiker füllt, um hierauf gegen die Männer, die in heißer Arbeit 
unter unsäglichen Schwierigkeiten die Beben pflanzten, behackten, be- 
schnitten, Mißtrauen wachzurufen. Wir sind daran gewöhnt, daß Leute, 
die uns nicht verstehen und weder den wissenschaftlichen, noch den ethischen 
Gehalt unserer Arbeit kennen, in denunziatorischer Absicht die Öffentlich- 
keit gegen uns aufzuhetzen versuchen. Allein es schmerzt uns, daß ein 
Mann, der unserer Arbeit so viel zu verdanken hat, das gegen uns be- 
stehende Odium wenigstens in ethischer Hinsicht nicht nur nicht bekämpft, 
sondern sogar verstärkt. Und zwar geschieht dies in Gestalt vielsagender 
Anspielungen, die dem Angegriffenen und der öffentlichen Mißbilligung 
Ausgesetzten eine Verteidigung erschweren (184, 277). An unzähligen Stellen 
pflückt Häberlin die Beben der psychoanalytischen Forschung, ohne ihren 
Ursprung anzugeben. Wo er aber diesen angibt, kann er nicht umhin, dem 
Lobe die Warnung auf dem Fuße folgen zu lassen. 

Die wichtigere der beiden Stellen lautet: „Es wäre hier wohl der Ort, 
etwas von der psychoanalytischen Methode zu sagen, die ja heute eine große 
Bolle spielt und die ferner besonders stark heilpädagogisch orientiert ist. 
Die psychoanalytische Bewegung hat zweifellos viele Anregungen und auch 
Entdeckungen hergegeben gerade auf den Gebieten, um die es sich hier 
handelt, und man kann ihr dafür nur dankbar sein. Anderseits hat sie, in 
Theorie und Praxis, einen Verlauf genommen, den wir in mehr als einer 



Psydioanalyse und Weltansdiauiiiig . 



Beziehung bedauern, der allerdings schon in ihren Anfängen mehr oder 
weniger deutlich vorgezeichnet war" (277). „Der Kundige wird aus allem 
hier Vorausgegangenen (das Kapitel über Willensbildung inbegriffen) leicht 
entnehmen können, was uns mit der Psychoanalyse einigt und was uns von 
ihr trennt, nach Theorie und Praxis. Wir machen besonders auf den Re- 
lativismus der psychoanalytischen Schule und auf ihren grundsätzlichen 
psychologischen Irrtum aufmerksam, als ob alles aus Trieben allein zu ver- 
stehen sei" (278). 

Es ist somit eine psychologische und eine ethische Auffassung, die 
Häberlin den Verlauf der psychoanalytischen Bewegung bedauern läßt. 
Beide aber hängen so eng zusammen, daß sie voneinander nicht gänzlich 
getrennt werden können. 

Betrachten wir zunächst den Vorwurf, die Psychoanalyse glaube, daß 
alles aus Trieben zu verstehen sei! Wenn dem so wäre, so täte sie gar 
nichts anderes, als was viele Psychologen der Gegenwart für richtig halten, 
und Häberlins Schmerz und Vorwurf müßten sich mit demselben Rechte 

auch ihnen zuwenden. 

Es darf ferner daran erinnert werden, daß auch bei Annahme nur 
zweier Grundtriebe die höhere Geistesentwicklung durchaus nicht nur als 
bloßes Additionsverfahren verstanden werden muß. Wundt hat in seinem 
Prinzip der schöpferischen Synthese gezeigt, wie sich eine total andere 
Betrachtungsweise wissenschaftlich sehr wohl halten läßt. Es wird niemand 
einfallen, den pythagoreischen Lehrsatz nur aus Funktionen der Ich- und 
Arterhaltung erklären zu wollen. Und wenn der Outsider Häberlin allen 
Ernstes glauben sollte, nur er mit seiner Psychologie könne eine höhere 
Ethik begründen, — und nur hierauf kommt es ihm eigentlich an, — die 
gesamte übrige Psychologie mit Einschluß derjenigen Freuds sei es da- 
gegen nicht imstande, so machte er sich einer Unduldsamkeit schuldig, 
die im 20. Jahrhundert nicht mehr vorkommen sollte, und die nirgends 
so peinlich wirkt, wie auf dem Gebiete der Ethik und Religion. 

Ich bekenne, daß mir die analytisch bereicherte Psychologie nie die 
geringsten Schwierigkeiten bereitete, wo es galt, den ethischen Idealismus 
zu begründen. Ja, im Gegenteil hat gerade sie mich gezwungen, die höhere 
ethische Bestimmung des Menschen als psychologischen Befund anzusehen, 
während ich nach der Wundtschen Psychologie höchstens die Möglichkeit - 
des ethischen Idealismus hätte zugeben können. 

Weil Häberlin der Psychoanalyse so viel verdankt, wäre von ihm zu 
erwarten gewesen, daß er sie gegen den landläufigen Vorwurf sittlicher 



<(8 Dr. Oskar Pfisler 



Inferiorität verteidigte und darauf hinwiese, daß in analytischen Kreisen 
eine der seinigen ebenbürtige Ethik anzutreffen ist. Statt dessen beschränkt 
er sich auf den Ausdruck des — Bedauerns! Es macht auf den Unbefan- 
genen einen bemühenden Eindruck, daß Häberlin sich wegen seines Ent- 
wertungsversuches gegenüber der ethischen Dignität der psychoanalytischen 
Arbeit durch einen schweizerischen Pfarrer, der selbst keine Analyse trieb, 
eine öffentliche Abwehr mußte gefallen lassen; gerade derjenige Autor, der 
wegen seiner pädagogischen Schriftstellerei durch Häberlin am ehesten an- 
gegriffen schien, wurde gegen Häberlin entschieden in Schutz genommen. 1 

Doch sehen wir uns Häberlins angeblich überlegene Psychologie etwas 
näher an! Den Trieben, die entweder Ichtendenz oder Identifikation s- 
(Liebes-)tendenz aufweisen, stellt er die normative Funktion als zweite 
Grundfunktion des Menschen gegenüber. 2 Des Menschen Aktivität läßt 
sich nicht in Triebe auflösen, 3 sofern man unter diesen nur die vitale 
Aktivität versteht; vielmehr steht den Trieben die normative Funktion 
gegenüber, die nicht zum Handeln treibt, sondern es nur beaufsichtigt 
und nach bestimmten Normen reguliert (125). Die eine Grundfunktion 
ist daher treibend, die andere lenkend. 4 

Von den Trieben gehen auch Urteile aus, aber es fehlt ihnen der absolute 
Charakter, der die normativen oder Gewissensfunktionen auszeichnet. 5 Weil 
die letzteren den ersteren als richtende gegenüberstehen, kann man sie nicht 
aus ihnen ableiten, 6 und es ergibt sich, daß sie die empirischen Repräsentanten 
der Idee sind, die den eigentlichen Kern, das Absolute, Ewige der Persön- 
lichkeit ausmacht. 7 Doch damit stecken wir bereits in der Metaphysik, 
während wir vorerst das psychologische Problem erörtern wollen. 

Jeder Psychologe wird erstaunt sein, die primitiven Instinkthandlungen 
der Selbsterhaltung mit den Aussagen des Gewissens als Grund- oder Ur- 
funktionen genetisch auf eine Linie gesetzt zu sehen. Denn erstere treten 
bekanntlich von Anfang an auf, vor jeder Erziehung, während das Gewissen 
der Ausbildung bedarf. Häberlin wird uns entgegenhalten, daß hiebei die 









1) H. Müller im Kirchcnblatt für die reformierte Schweiz 1918, Nr. 55. 

2) Über die Wahrheit der Religion. Verhandlungen der Schweizer reformierten 
Predigerversammlung 1916, S. 38. Über das Gewissen. Basel 1915, S. 52 ff. Wege und 
Irrwege der Erziehung, S. 124. 

5) Wege, S. 124. 

4) Wahrheit, S. 38. 

5) Wahrheit, S. 40. 

6) Wege, S. 125. 

j) Gewissen, S. 20 f. 






__^ 



Psychoanalyse und Weltanschauung y„ 



Erziehung jene normative Urfunktion, die das Triebleben leitet, nur auslöse. 
Allein sollte es nicht denkbar sein, daß auch das „Triebleben" ein „normatives" 
Verhalten hervorbringen könnte? Läßt sich nicht deutlich nachweisen, daß 
aus Trieben Impulse und Handlungen hervorgehen können, die an Normen 
gemessen werden und gemessen werden wollen? Mit diktatorischer Gebärde 
erklärt unser Kantianer, aus der Entwicklung der Triebe können keine Urteile 
hervorgehen, die den Charakter des Absoluten tragen. Allein er hat sich fast 
keine Mühe gegeben, diese kategorische Behauptung empirisch nachzuprüfen, 
wie es gerade von ihm zu erwarten gewesen wäre. Hätte er es mit der nötigen 
Sorgfalt getan, so hätte er sicher massenhaft Fälle gefunden, in denen ein 
Imperativ als absolut erlebt wurde, ohne daß andere als Triebmächte in Be- 
tracht kämen. Namentlich die Psychologie des Unbewußten wäre dabei anzu- 
wenden gewesen. Ich erinnere etwa an Freuds „Inzestschranke". Man hätte 
dabei auch zeigen können, wie aus solchen als absolut charakterisierten Trieb- 
wirkungen, die sich psychologisch von H ab erlins anerkannten Gewissens- 
aussagen durch kein einziges Merkmal unterscheiden, manchmal allgemeine 
Normen abgeleitet wurden, die trotz ihrer ethischen Minderwertigkeit rem 
psychologisch den von H ab erlin gebilligten ethischen Normen völlig gleich- 
kommen. 

Wie außer den primitiven Instinkten das sicherlich nur auf Triebe ab- 
stellende elterliche Gebot einen absoluten Charakter annehmen kann, hat 
er ununtersucht gelassen. Und doch sah wohl jeder erfahrene Erzieher eine 
Menge von Zöglingen, die unter dem Einfluß des Elternhauses Handlungen 
als absolut verwerflich beurteilten, die das Gewissen anderer billigte, z. B. 
Tanz und Kartenspiel, und daneben Taten, die andere als unsittlich ab- 
lehnten, ruhig als erlaubt oder sogar als gut gelten ließen. 

Einige Beispiele: Wenn Diebseltern, wie Dickens sie schildert, ihre eigenen 
oder Pflegekinder von klein auf zu Diebstählen anhalten und für solche krimi- 
nelle Handlungen belohnen, so bedürfen wir sicherlich keiner transzendenten 
Funktion im Sinne Kants und Häberlins, um zu begreifen, wie der unsitt- 
liche Befehl der Erzieher den Charakter des Absoluten erlangt. Simmel, von 
dem wir eigentlich eine psychologische Untersuchung des sittlichen Werde- 
ganges weniger als von Häberlin erwarten würden, hat den Nachweis ge- 
führt, daß viele Inhalte des innerlichst empfundenen Sollens auf äußeren 
Zwang zurückgehen; den ethischen Abscheu des Parsen gegen den Genuß 
des Rindfleisches z. B. erklärt er aus dem Verbot der indischen Machthaber. 1 



1) Einl. in die Moralwiss., I, S. 56 ff. 
Pfister: Psychoanalyse und Weltanschauung. 









Dr. Oskar Pfisl« 





Man kann auch experimentell zeigen, daß aus bloßen empirischen Stre- 
bungen absolute innere Impulse, in welchen also ein absolutes „Du sollst!" 
steckt, zustande kommen können. Man kann posthypnotische Aufträge, deren 
Veranlassung dem Gedächtnis entzogen wird, so erteilen, daß ein Unter- 
schied zwischen einer im Sinne Häberlins autonom vom Gewissen diktierten 
Handlung und dieser posthypnotischen Leistung in bezug auf den Gewissens- 
inhalt auch bei der schärfsten Beobachtung der Bewußtseinsinhalte nicht 
aufzufinden ist. Ebenso treffen wir massenhaft Zwangsneurotiker, die es 
als heiligste Pflicht empfinden, irgendeine sittlich indifferente Handlung 
zu begehen, ohne daß andere als „triebhafte" Motive in der Genese anzu- 
treffen wären. 

Die Absolutheit des Sollens ergibt sich individualhistorisch durch einen 
komplizierten Prozeß aus dem Müssen und Dürfen, aus inneren, schon 
in den Instinkten angedeuteten und äußeren Nötigungen. Diese Absolutheit 
läßt sich aus der Bewußtseinspsychologie, wie ich früher zeigte, 1 ein gutes 
Stück weit erklären. Ich glaube jedoch heute, daß erst die Tiefenpsycho- 
logie das ganze Bätsei zu lösen vermag. Wie dies geschieht, kann hier nicht 
in aller Kürze gezeigt werden. Mir scheint, daß sorgfältige Analyse dem 
aufmerksamen Beobachter massenhaft zeigen muß, wie konkrete absolute 
Imperative mit Notwendigkeit aus relativen Strebungen, aus Triebregungen 
hervorgehen. Das allgemeine ethische: „Du sollst!" aber ist nur eine Ab- 
straktion aus ethischen Erlebnissen, wie auch die Ableitung allgemeiner 
Normen, die keineswegs so vom Himmel gefallen sind, wie der Kantianismus 
annimmt. Auf diese fundamental wichtige Tatsache kommen wir noch zurück. 

Häberlin stellt das Wunschideal, das Seinmögen, dem autoritativen Ideal, 
dem Seinsollen gegenüber, 2 das absoluten Charakter trägt (15). Letzteres Merk- 
mal soll die Unabhängigkeit von unseren triebmäßigen Wünschen ausdrücken. 
Als ob die Herübernahme des Fremdbefehles in das Selbstwollen von den 
triebmäßigen Interessen der Selbst- und Arterhaltung unabhängig wäre! 
Die Psychologie der Strafe und Belohnung gibt ganz andere Aufschlüsse. - 
Es ist übrigens sehr seltsam, daß Häberlin das Bindeglied zwischen 
den Wunschidealen und den Funktionen des absoluten Sollens, nämlich das 
anbefohlene Müssen, somit gerade eine der wichtigsten Wurzeln des unbe- 
dingten Sollens hier überspringt. Er übersieht ferner, daß schon die Instinkte 
nicht nur zu Wünschen treiben, sondern sehr oft positiv und negativ impera- 



1) Die Willensfreiheit. Berlin 1903, S. 171 ff. 

2) Gewissen, S. 5 ff. 



. 



■Psychoanalyse und VV eltanscuauune r 

tivischen Charakter tragen, z. B. in der Forderung, sich vor einem bedroh- 
lich entgegenrasenden Pferd in Sicherheit zu bringen, einem Kinde das 
Leben zu retten, sich nicht zu weit über einen Abgrund hinauszulehnen. 
Auch das Problem der angezüchteten Zu- und Abneigungsgefühle wäre hier 
zu erörtern. Um seine Konstruktion einer den Trieben psychogenetisch koordi- 
nierten normativen Grundfunktion aufrechterhalten zu können, hat Häberlin 
den Triebbegriff viel zu eng gefaßt. 1 

Dem allen weicht Häberlin aus, indem er seine ganze Argumentation 
auf eine psychologische Fiktion stützt: Das Gewissen ist absolut, solang 
es spricht, es ist die Idee als absolute, fordernde Macht, und als solche 
keine psychologisch-empirische Tatsache, und nachher ist die Norm nicht 
mehr als Norm gegeben (24 — 32). „Weil man das Spüren einer inneren 
Notwendigkeit — - eben das Gewissen als autoritative Macht — nicht los- 
werden kann, so müssen diejenigen, denen diese Autorität nicht paßt, sie 
irgendwie anders, d. h. empiristisch, zu deuten suchen" (53). Wunderliche 
Argumentation! Muß der Psychologe nicht alle psychischen Vorgänge, 
mögen sie sich für empirisch oder für absolut ausgeben, auf ihre Ent- 
stehungsverhältnisse prüfen? Und heißt psychologisch erklären nicht soviel, 
als mit anderen bekannten psychischen Tatsachen in Zusammenhang 
bringen? Nichtempirische Psychologie ist hölzernes Eisen. Im Mittelalter 
hütete man sich wohl, Halluzinationen empiristisch zu deuten, da die 
Kirche proklamiert hatte, sie seien Teufels werk oder Gotteserleuchtung. 
Glaubt denn Häberlin in allem Ernst, wir werden uns durch die Manen 
Kants dieses durch supranaturale Voreingenommenheit bedingte Verbot 
gegenüber dem sittlichen Bewußtsein gefallen lassen? Mag er sich der 
psychologischen Arbeit entschlagen, die seine ethisch-supranaturalen Speku- 
lationen allerdings bedenklich ins Wanken bringt, unbefangene Psycho- 
logen können ihm nicht folgen. 

Seltsam! Wenn wir das sittliche Bewußtsein ebenso psychologisch unter- 
suchen, wie einen Akkord, eine Tagphantasie oder Symptomhandlung, so 
behauptet Häberlin, wir tun es nur darum, weil uns die im sittlichen 
Bewußtsein liegende Autorität nicht passe! Er selbst aber, der die Gewissens- 
aussagen der empirischen Forschung mit ähnlichen Argumenten vorenthalten 
will, wie die alte Orthodoxie die Bibelkritik, mag es in Wirklichkeit nicht 
tun, weil es seinem mitgebrachten philosophischen Gebäude unbequem ist! 



1) So z. B. Gewissen, S. 54 f.; vgl. Wundt: Ethik, S. 484 ff.: „Die Entstehung im- 
perativer Motive." 

4' 



Dr. Oskar Pfistcr 



Wer von uns ist denn der inkonsequente, gebundene Geist, der Psycho- 
analytiker, der (übrigens hier im Einklang mit fast der gesamten modernen 
Psychologie) sich durch keine ihr von außen entgegengeworfenen Schranken 
zurückhalten läßt, oder Häberlin, der ihm im Namen der Philosophie ent- 
gegentritt, wie ein Priester, der dem Weltkind das Betreten eines Tempels 
verwehren will und ihm zweifelhafte ethische Momente unterschiebt? 

Die Tatsache, daß das Gewissen schwankt und sich sogar widersprechend 
äußert, kann unser Polemiker nicht leugnen. Wie findet er sich mit ihr 
ab? Er sagt: „Jedes wirkliche Gewissensurteil oder jede Gewissensforderung 
ist gleich notwendig, gilt schlechthin. Die absolute Notwendigkeit schließt 
aber wiederum die Widerspruchsmöglichkeit aus . . . Wir haben in allen 
echten Gewissensforderungen (oder Gewissensurteilen) ein absolut konstantes 
und einheitliches System" (15 f.). „So stellt dem wirklichen Verhalten 
gegenüber das konstante System des seinsollenden Verhaltens ein Ideal, das 
Ideal des gesamten persönlichen Verhaltens dar" (17). „Erst das Gewissens- 
ideal ist wirklich ein Ideal, ein absolut zuverlässiges, weil absolut notwen- 
diges Ziel. Wir nennen es . . . die Idee eines bestimmten persönlichen Ver- 
haltens. Diese Idee ist für jede Persönlichkeit dasjenige, was sie schlechthin 
sein soll (17). „Diese Idee ist unser eigentliches Wesen" (19). Nun spürt 
man die normgemäße Forderung als absoluten Imperativ, „und damit die 
dahinterstehende Idee als das absolut Wahre. Darum auch als das absolut 
Konstante (34), das nicht schwanken kann. Wer nachträglich die Absolut- 
heit bezweifelt, hat sich außerhalb der Idee gestellt und zweifelt nur von 
seinem empirischen Wesen aus. „Niemand, der Gewissen spürt, — und wer 
spürte es nicht, — kann in Wirklichkeit Relativist sein" 1 (35). 

Wenn nun die Gewissensstimme zu verschiedenen Zeiten oder zur gleichen 
Zeit schwankt, so kann dies nach Häberlin nur Schein sein, das ethische 
Individuum täuscht sich über den wahren Sinn der Gewissensforderung 
oder faßt sie nicht in ihrer ganzen Reinheit (35). So lange wir empirische, 
daher unideale Wesen sind, können wir das Ideal nicht rein verstehen (36). 
Wir halten triebhafte Gefühle für ethische (57). Das ideale Gewissen er- 
faßt die Idee adäquat, das subjektive Gewissen, das auch „Gewissen im 
empirisch-psychologischen Sinne" heißt, kann sich mit dem idealen inhaltlich 
decken, von ihm aber auch unterscheiden. Nur das ideale Gewissen ist 
überall und in allen Menschen konstant, das empirische keineswegs (38). 

1) Kant war viel vorsichtiger als Häberlin, indem er sich weislich hütete, seinen 
kategorischen Imperativ empirisch abzuleiten. Vgl. Schopenhauer: Grundlage der 
Moral, WW. (Grisebach), III, S. 519 ff. 



L- 



PsydiOanalyse und Weltaiisdiauuns csz 



Häb erlin leugnet nicht, daß es ein Gewissen gebe, welches ganz aus 
dem Triebleben entspringe. Also eine absolut charakterisierte normative 
Funktion, die keine Urfunktion ist! Dieses Gewissen beruhe ganz auf 
äußerer Autorität, auf Anerziehung, Dressur oder freiwilliger Identifikation 
mit dem Willen einer übergeordneten Persönlichkeit oder Tradition (45), 
kurz auf Triebhaftigkeit (57) ; und zwar mache es um so eher den Eindruck 
der Absolutheit, als die Anlehnung an die Autorität meistens aus vor- 
bewußter, infantiler Zeit stamme (45). Das Faktum läßt Häberlin gelten, 
allein er wendet ein, daß das Gewissen in diesem Sinne nur ein falsches, 
heteronomes sei und den Namen des Gewissens eigentlich überhaupt nicht 
verdiene (46). „Die Sache liegt einfach so: Wir, die wir Gewissen spüren, 
wissen absolut zwingend, daß wir einer Bestimmung verantwortlich sind, 
die uns schlechthin — nicht durch menschliche Autoritäten — gesetzt ist (46). 
Wir wissen aber auch aus Erfahrung, daß wir diese Bestimmung nicht immer 
rein erfassen, ja daß wir gelegentlich insofern irren oder geirrt haben, als 
wir den Willen äußerer Autoritäten für unsere notwendige Aufgabe hielten 
und ihn also mit unserer autonomen Bestimmung verwechselten. Wir unter- 
scheiden aber prinzipiell sehr genau zwischen dem echten und dem falschen 
Gewissen, wenn wir auch manchmal im empirischen Verhalten beide ver- 
wechseln" (46), Sogar in jedem Akte des gefälschten Gewissens spüren wir 
die absolute Autorität, und die schlummernde Gewißheit dieser echten 
Autorität geht der Verwechslung mit der unechten voran und macht letztere 
erst möglich (47). Daher bleibt die absolute Forderung, auch wenn man 
die triebhaften Bestandteile aus ihr entfernte (48 ff.). — Einige andere Ge- 
dankengänge, in denen Häberlin Angriffe auf die Absolutheit des Ge- 
wissens wiederum durch die Distinktion eines idealen und eines empirischen 
Gewissens abweisen zu können glaubt, dürfen wir übergehen. Sie brechen 
von selbst zusammen, wenn die von uns besprochenen Rettungsversuche 
des Kantianismus fehlschlagen. 

Das in unzähligen Wiederholungen vorgebrachte Argument, durch welches 
Häberlin die „normative", dem Triebleben entgegengesetzte „Urfunktion 
des Geisteslebens und gleichzeitig die „Absolutheit" ihrer Forderung be- 
gründen zu können hofft, lautet zusammengefaßt: Das wirkliche Gewissens- 
urteil schließt seine absolute Gültigkeit in sich; wer das Gewissen spürt, 
muß die hinter ihm stehende Idee als wahr anerkennen. — Nun ist aber zu 
sagen, daß es ein allgemeines Gewissensurteil nicht gibt. Wir finden 
nur einzelne Gewissensaussagen vor. Das sittliche Bewußtsein sagt zunächst 
rein nichts von einer hinter ihm steckenden Idee aus. Vielmehr ist diese 



54 Dr. Oilcnr Pfister 



„Idee" ein bloßes Folgerungsprodukt, das mit großer Kühnheit auf 
Grund eines mitgebrachten philosophischen Wissens oder Vermutens fabriziert 
worden ist. Ich mag meine erlebten Gewissensaussagen drehen und wenden, 
wie ich will, sie richten sich auf einzelne Handlungen, die als gut oder 
böse charakterisiert werden, sie sagen ferner über mich als Täter das eine 
oder das andere aus, aber erst durch ein mit reichlichem mitgebrachten 
Wissensmaterial logisierendes Verfahren, das selbst nicht zum Gewissensakt 
gehört, komme ich unter Umständen vielleicht zur Annahme einer „Idee" 
vielleicht auch eines normsetzenden Willens. Allein ich betone, das Gewissen 
selbst sagt in bezug auf die einzelnen Handlungen die ethische Qualität 
aus, und das Merkmal der Absolutheit bezieht sich lediglich auf diesen 
konkreten Vorgang. Dies ist das Maßgebende. 

Es heißt den ethischen Sachverhalt direkt auf den Kopf stellen, wenn 
man die Absolutheit statt auf die im Gewissensprozeß charakterisierte 
Handlung auf die im Bewußtsein gar nicht mitgesetzten Ursachen des 
Gewissensaktes bezieht. Erst durch ein Abstraktionsverfahren, das keines- 
wegs selber zum Gewissensurteil gehört, kommt man vielleicht, 
vielleicht auch nicht, zu Häberlins metaphysisch ausgemaltem Hinter- 
grund, der Idee und dem Ewigen der Persönlichkeit, oder was sonst als 
transzendenter Mutterschoß des Gewissensurteils verkündigt wird. Nun 
wissen wir bereits, daß der Empiriker, in diesem Falle der historisierende 
Psychologe, das volle Recht hat, jenen Untergrund der bewußten Gewissens- 
leistung aufzusuchen, und es ist uns weiter bekannt, daß die Metaphysik 
nur so weit auf Gültigkeit Anspruch erheben darf, als ihr keine ander- 
weitigen Erfahrungen widersprechen. Wir möchten daher sehr davor warnen, 
aus einzelnen Bewußtseinsaussagen, die nur prospektiv Absolutheit aus- 
sagen, retrospektiv einen so hohen metaphysischen Pfeiler aufzurichten. 
Die Autorität des sittlichen Bewußtseinsinhaltes kommt jener dem kausalen 
Denken entsprungenen Metaphysik nicht im geringsten zugute. Diese 
Verwechslung einer Gewissensaussage mit einer höchst anfechtbaren Re- 
flexion über das Woher dieser Gewissensaussage bildet einen kardinalen 
Fehler in Häberlins Konstruktion. 

Die merkwürdig zäh durchgeführten, aber stets den springenden Punkt 
übersehenden Versuche, die Absolutheit der Normfunktion trotz der sonnen- 
klaren Nichtabsolutheit ihrer Aussagen festzuhalten, fallen von da aus in 
ihr Nichts zusammen. Es rächt sich bitter, daß Häberlin der Aufgabe 
aus dem Wege ging, die Psychologie der „absoluten" Bewußtseinsinhalte sorg- 
fältig abzuklären und die denknotwendigen Schlüsse aus diesem Sachverhalt 









P»yAonnaIyse und NVcltanschauuiig er 



zu ziehen. Der Vorwand, solang das Gewissen rede, sei es nicht eine 
psychologisch-empirische Tatsache, taugt ebensowenig, wie wenn ich sagte: 
Wenn ich ein Gefühl habe, ist es keine empirisch-psychologische Tatsache. 
Wozu hätten wir denn ein Gedächtnis? Warum kann ich nicht den Zustand, 
in dem ich mich zur Zeit des Gewissensspruches befand, genau so psycho- 
logisch reproduzieren, wie einen Zustand künstlerischer Erregung? Das 
Bestreben, den Psychologen mundtot zu machen, damit der Metaphysiker 
nach Herzenslust schalten und walten kann, hat da Häberlin zu recht 
sonderbaren Behauptungen geführt. 

Und nun soll jedes wirkliche Gewissensurteil gleich gültig sein, so daß 
Widersprüche unter den Gewissensaussagen nicht möglich seien! Was sind 
Gewissensurteile? Wer sich an den allgemeinen Sprachgebrauch hält und 
noch nicht auf Kant eingeschworen ist, wird sagen: Es sind solche, in 
denen wir unsere Handlungen sittlich bewerten. Häberlin selbst war ja 
von solchen ausgegangen. Er leitete seine Theorie von solchen ab, ohne 
irgendeinen Unterschied zwischen richtigem und irrendem Gewissen zu 
machen. Und wirklich lassen sich auch seine Rückschlüsse aus den per- 
versesten Gewissensaussagen ganz ebenso ziehen, wie aus denen, die ein 
hochentwickeltes, von jedem Kulturmenschen gebilligtes Gewissen hergibt. 
Wird dem Kantianer nicht ungemütlich bei diesem Sachverhalt? Der 
Glaube an eine absolute, heilige Norm kann also gegründet 
werden auf niederträchtige, schändliche Gewissensaussagen! Der 
sadistische Ketzerrichter, der ein unschuldiges Mädchen zu Tode martert, 
spürt nicht nur eine autoritative Gewissensmacht, deren Spruch schlecht- 
hin notwendig und gültig ist, sondern er fühlt gerade diese Folter- und 
Henkersarbeit als schlechthin gebotenes und sittliches Werk. 1 Stürzt der 
Inhalt des Gebotenen, so bricht selbstverständlich auch die Autorität des — 
metaphysisch, nicht ethisch — erschlossenen Gebieters, also des absolut 
auftretenden und sich so blamabel aufführenden Gewissens. Denn auf nichts 
anderes, als die Anerkennung der absoluten Gültigkeit des gebotenen Inhalts 
war seine Autorität gegründet. 

Häberlin mutet uns zu, zu sagen: „In meinen erlebten Gewissens- 
aussagen steckt der Anspruch auf absolute Gültigkeit und Unumstößlichkeit. 
Hieraus schließe ich auf eine absolute Norm, die sich in dieser Gewissens- 
aussage offenbart. Nun sehe ich allerdings ein, daß jene sich absolut gebende 




56 Dr. OAar Ptlster 



Gewissensaussage oft grundfalsch ist. Allein trotzdem muß ich jene absolute 
Norm, die ich aus dem grundfalschen Gewissensurteil (!) erschloß, 
für gültig halten!" Gegen Häberlin bäumt sich nicht nur die Logik, 
sondern auch das sittliche Bewußtsein auf. Hat ein Lehrer, der mit dem 
Anspruch auf Unfehlbarkeit auftritt, die schlimmsten Denkfehler begangen, ■ — 
und das erlebte Gewissen hat sich unzähligemal blamiert! — so ist auch 
seine Autorität bei jedem, der nicht an krankhafter Autoritätsgläubigkeit 
und -bedürftigkeit leidet, zusammengebrochen, und wir lehnen seinen An- 
spruch, nichts als Wahrheit darzubieten, rundweg ab. Dazu kann sich 
Häberlin gegenüber dem Gewissen nicht entschließen. Die Ehrfurcht vor 
Kant ist in ihm stärker als die Logik. Auch das sittliche Bewußtsein wider- 
legt Häberlin: Hat sich ein Gewissensurteil als falsch erwiesen, so lehnt 
gerade das Gewissen das frühere Urteil und dessen Absolutheit ab; er 
fügt keineswegs hinzu: „Aber hinter dem falschen Gewissensurteil und 
seinem falschen Anspruch auf Absolutheit steht eine empfehlbare Norm!" 
Diese retrospektive Metaphysik leisten sich höchstens Kantianer. 

Häberlin müßte mindestens Kriterien geben, nach denen das echte, 
absolute Gültigkeit besitzende Gewissen vorn gefälschten zu unterscheiden 
wäre. Da das wirkliche Gewissen auf einer total anderen psychischen „Ur- 
funktion" beruht, als das angebliche Gewissen, da jenes nicht aus Trieben, 
dieses aber nur aus Trieben hervorgeht, müßte es doch kinderleicht sein, 
diese diametral verschiedenen Funktionen auseinanderzuhalten. Es bestätigt 
hier die vollkommene Haltlosigkeit der Häberlinschen Psychologie, daß 
er diesen Unterschied nicht anzugeben vermag. 

Wie soll man nun die Differenz zwischen gültigen und ungültigen Ge- 
wissensaussagen finden? Indem man Gewissensaussage gegen Gewissensaussage 
ausspielt? Aber wer verbürgt denn, daß die richtende Aussage mehr Anrecht 
auf Anerkennung besitzt, als die gerichtete? Beide treten ja mit demselben 
Anspruch auf Gültigkeit auf! Wir Nichtkantianer, die wir nicht vor 
dem zweifelhaften Mysterium des immer absolute Anerkennung fordernden, 
aber unzähligemal sich arg blamierenden Gewissens stehen bleiben, wissen 
guten P t at. Häberlin meint, die Blamagen des Gewissens rühren daher, 
daß die Triebe in die unfehlbaren Sprüche des Gewissens hineingespukt 
haben. Also müßte man nur alles „Triebhafte" subtrahieren, um ein tadel- 
loses Gewissensinventar zu erhalten? Es läge in der Konsequenz der These 
Häb erlins. Allein wir wissen, daß sehr viele der herrlichsten und wert- 
vollsten Gewissensforderungen „Triebhaftes", z. B. die Impulse der Art- 
erhaltung und Nächstenliebe, enthalten. Wer dächte daran, sie auszumerzen? 



Psvd'oannlyse und Weltanschauung 5— 



Und was für eine starre, eisige, quälende Ethik bliebe übrig, wenn man 
das Triebhafte dem sittlichen Bewußtsein entzöge! Sogar Kant hebt hervor, 
daß der Grund des Bösen nicht, wie man gemeiniglich anzugeben pflege, 
in der Sinnlichkeit des Menschen und den daraus entspringenden natür- 
lichen Neigungen gesetzt werden könne. 1 Mit dieser Subtraktion des Trieb- 
haften kommen wir daher nicht weiter. Wir Nichtkantianer schämen uns 
gar nicht, die psychologischen und ethischen Überlegungen anzustellen, die 
Häberlin vom Standpunkt seines ethischen Absolutismus vornehm - als 
„Belativismus" bedauert. Wir fragen nach dem Sinne des einzelnen Sitten- 
gebotes, seinen Wirkungen, seinen Zusammenhängen mit dem Lebensganzen, 
mit der individuellen Entwicklung in geistiger und oft sogar physischer 
Hinsicht, nach der Bedeutung der sittlichen Vorschrift für das soziale Leben 
und die gesamte Menschheit. Und siehe da, wir erleben, was auch der ein- 
gefleischteste Kantianer an sich erleben läßt: Dasselbe Gewissen, das zuvor 
als absoluter Gesetzgeber auftrat, läßt mit sich reden und verwirft, eines 
Besseren belehrt, was es vorhin als absolut geboten erklärte, und es gibt 
unter Umständen das Plazet der Absolutheit einer Forderung, die das von 
Häberlin so geringschätzig behandelte Triebleben aufstellte. Ja, wir kommen 
durch Versittlichung des Trieblebens infolge von äußeren und inneren Lebens- 
erfahrungen vielleicht zu einer viel weniger rigorosen, psychologisch feineren 
pädagogisch wirksameren und philosophisch tieferen Ethik, als der klassische 
und der abgerahmte Kantianismus. 2 

Und wenn uns Häberlin ethischen Belativismus vorwirft, so kehren 
wir den Spieß um und fragen: Tut er nicht das gleiche, indem er wenigstens 
dem empirischen Gewissensspruch den Kredit der absoluten Gültigkeit ent- 
zieht und die Absolutheit lediglich für ein ideales, nichtempirisches Gewissen 
reserviert? Die im sittlichen Bewußtsein selbst allein vorgefundene Absolut- 
heit des Gewissens, nämlich die auf ein bestimmtes Ziel gerichtete 
Absolutheit hebt er auf und reserviert sie für eine transzendente Persön- 
lichkeitsidee. Daß die Psychoanalyse als Erfahrungswissenschaft zu solchen 
phantastischen Jenseitsspekulationen weder ja noch nein sagen kann, liegt 

auf der Hand. 

Es gelüstet uns, von hier aus das Ziel der Erziehung, das Häberlin 
mit großem Kraftaufwand entwickelt und in der inneren Fähigkeit des 

1) Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Kehrbach, S. 35. 

2 ) In seinem Buche „Das Gute" (Basel 1926) ist Häberlin den hier vertretenen 
Anschauungen erfreulicherweise nähergekommen, sofern er neben Kants rigorosem 

Du sollst" auch der Neigung ihren gebührenden Platz einräumt. 



58 



Dr. Oslmr Pßstar 






Zöglings zur Erfüllung seiner Bestimmung, seiner Lebensaufgabe 1 oder 
Pflicht findet, etwas genauer zu untersuchen. Es genügt aber, darauf hin- 
zuweisen, daß nicht nur der Psychoanalytiker, sondern auch Schopenhauer 
Nietzsche, Buddha, Kong-tse, Bentham, Pestalozzi und alle mög- 
lichen Ethiker dieses mehr als vage und darum unbrauchbare Ziel mit- 
leidig kopfnickend bejahen können. Solang man nicht weiß, worin die 
Lebensaufgabe, Bestimmung oder Pflicht bestehe, ist durch Häberlins 
Prinzip kaum etwas gesagt, womit etwas Brauchbares anzufangen wäre. So 
rächt sich Häberlins ethisch-metaphysischer Absolutismus durch ein Stecken- 
bleiben in öder Formalistik. Schon längst warf man Kant vor, daß sich aus 
seinem kategorischen Imperativ keine positiven sittlichen Bestimmungen 
ableiten lassen und daß der schroffe Dualismus von Pflicht und Neigung 
(Häberlin würde sagen: Trieb) den Wert der sittlichen Gefühle verkenne. 
Häberlin macht sich derselben Fehler schuldig, wie er überhaupt die 
während mehr als hundert Jahren unzähligemal erhobenen Einwände gegen 
den Kantianismus viel zu leicht genommen hat und viel zu sorglos in Kants 
riesigem Hause Wohnung nahm. Die Folgen hat er selbst zu tragen. 

Noch viel wäre gegen Häberlins Psychologie einzuwenden. Ich erinnere 
nur an seine Angabe, die Norm „treibe" nicht (wie die Triebe es tun), 
sie könne nur beaufsichtigen und regulieren. 2 Wie kann sie denn auf den 
Ablauf des Trieblebens Einfluß haben, wenn sie nicht Triebkraft besitzt? 
Was hilft der Chauffeur am Steuerrad, der keine Energien abzugeben ver- 
mag, z.B. plötzlich lahm wird? Häberlin merkt, daß er der Normfunktion 
Vitalenergien beilegen müßte, und damit wäre sie ins Empirische, Dies- 
seitige herabgezogen. Sein philosophischer Supranaturalismus verführt ihn 
zu einer psychologischen Absurdität. Doch genug davon! 



1) Wege, S. 12. 

2) Wege, S. 125. 







Psydioanalyse und Weltanschauung ^q 



II) Systematische Untersuchung der Beziehungen zwischen 
Psvchoanalyse und ILthik 

A 

Die Bedeutung der Psyckoanalyse für die Ethik 

a) Prinzipielle Voraussetzungen 

1) Das Wesen der Ethik 
Von Anfang an ging die psychoanalytische Arbeit Hand in Hand mit 
ethischer Stellungnahme. Freud erkannte zuerst, welche ungeheuer große 
Rolle das sittliche Bewußtsein in der geistigen und sogar leiblichen Ökonomie 
des Menschen spielt, führte er doch die große Mehrzahl der nervösen Er- 
krankungen auf ethische Konflikte zurück. Er zeigte zugleich, daß der 
Heilungsprozeß ohne neue ethische Stellungnahme nicht möglich sei. Wenn 
er den Kranken überzeugen will, daß er den pathogenen Wunsch mit Un- 
recht abwies und ihn daher annehmen sollte, oder daß er den mit Recht 
abgelehnten Wunsch sublimieren oder „mit Hilfe der geistigen Leistungen 
des Menschen" beherrschen solle,' so fordert er in allen drei Fallen eine 
ethische Wertschätzung heraus. Und wenn Freud weiter verlangt, daß die 
Entscheidung unter Leitung des Arztes gefunden werde (371), so wird dabei 
ein reifes ethisches Urteil auch vom Analytiker gefordert, auch wenn dieser, 
wie wir hörten, in dieser Hinsicht möglichste Zurückhaltung bewahrt und 
dem Klienten möglichst viel Freiheit in der Entscheidung überläßt. Die 
ethische Sicherheit und Abgeklärtheit des Analytikers ist um so wichtiger, 
als seine Persönlichkeit durch die Übertragung für die Entscheidungen und 
damit das Lebensglück des Klienten von starkem suggestiven Einfluß ist, 
selbst wenn man die Übertragung sorgfältig aufzuheben beflissen ist. 

Kein Analytiker kann seine Tätigkeit dem Ganzen seines ethischen Lebens- 
planes entreißen. Will er sie mit Freud in den Dienst der höchsten und 
wertvollsten Kulturbestrebungen stellen (siehe oben), so muß er wissen, 
worin diese bestehen. Dazu bedarf er aber wiederum der Ethik. Es wäre ein 
grober Irrtum, zu glauben, daß es sich da um lauter selbstverständliche 




60 Dr. Oskar Pfister 



Dinge handle. Der ethische Dilettantismus richtet soviel Unheil an, wie 
der ärztliche und philosophische. Wer behauptet, keine Ethik zu haben, 
besitzt oft eine minderwertige und ist jedenfalls ungeeignet, in Lebens- 
fragen suchenden Menschen ein Helfer zu sein. 

Unter Ethik verstehen wir die Wissenschaft vom Sittlichen oder Sein- 
sollenden, genauer von den allgemeinen Lebenszielen, Lebensgütern, Lebens- 
aufgaben und Lebensnormen. Wie diese Begriffe innerlich zusammenhängen, 
braucht jetzt nicht aufgeführt zu werden. 

Da wir uns auf die allgemeinen. Umrisse zu beschränken haben, läßt 
sich auch nicht ausführen, weshalb wir die normative Ethik nicht ohne 
die sorgfältigste Berücksichtigung der gegebenen psychologischen und soziologi- 
schen Tatsachen aufbauen können. Es genüge der Hinweis auf den Miß- 
erfolg, den Kant und Häberlin wegen ihrer ungenügenden Berücksich- 
tigung des Empirischen erlitten haben. Trotzdem ist die Ethik selbst keine 
rein empiristische Wissenschaft. 

2) Die ethogenetische Methode 

Wie Moralvorschriften tatsächlich entstehen, haben Bank und Sachs 
so vorzüglich skizziert, daß ich ihren Ausführungen nichts beizufügen 
habe. Sie zeigten, wie verwerfliche, egoistische, asoziale Begungen ver- 
drängt wurden und als Beaktion auf sie und ihre Verdrängung allerlei 
sittliche Vorschriften entstunden. 1 Wir haben es hier nun aber mit der 
Gewinnung einer gültigen Ethik zu tun. 

Über die Methode, die ich in ihr zur Anwendung bringe, genügen 
folgende Andeutungen: Wie ich von der Metaphysik verlange, daß sie auf 
breitester und am sorgfältigsten bearbeiteter Erfahrungsbasis ausgehe, so 
fordere ich es auch von der Ethik. Und wie dort die einzelnen Erfahrungs- 
begriffe teils durch kritische Untersuchung der ihnen innewohnenden 
Widersprüche, teils durch Zusammenschau mit anderen Erfahrungsinhalten 
korrigiert und fortgebildet werden mußten, so müssen wir es auch in der 
Ethik tun. Wir untersuchen die Ziele und Motive des menschlichen Handelns 
auf ihre Gültigkeit und gelangen durch ihre Kritik und den Vergleich mit 
anderen Lebenserfahrungen, die sich aus dem praktischen Verhalten ergeben, 
zu immer neuen und höheren ethischen Begriffen, bis dieses Verfahren bei 
den höchsten Ideen zum Stillstand kommt. Von den primitiven, vorsittlichen 
Begungen des bereits im Instinkt vielfach imperativischen Trieblebens ge- 

1) Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, S. 100 ff. 




P*ymOaJMuy<e u»d Weltanschauung 



langen wir durch komplizierte Denkakte zu den Normen der äußeren 
Autorität, durch fortschreitende Einschränkungen und Erweiterungen zu 
Ideen und Normen, die dem subjektiven Lebensanspruch, wie dem der 
sozialen und universellen Entwicklung innewohnenden Geiste entsprechen. 

Die Ethik geht somit selbst den Weg der ethischen Entwicklung und 
Vervollkommnung, wie jede Erfahrungswissenschaft. Diese ordnet ja auch 
die einzelnen Vorgänge hypothetischen Sätzen unter, die sich bei weiteren 
Beobachtungen bestätigen oder Korrekturen erleiden müssen, um allen 
Einzelfällen gerecht werden zu können. Die Ethik geht nach meiner 
Forderung zugleich den Weg, der dem bei der psychoanalytischen Arbeits- 
weise eingeschlagenen analog ist: Sie überwindet die Herrschaft der primi- 
tiven Triebe durch Sublimierung oder Verwendung für sublime Zwecke. 
Sie sucht die als „gut" oder „böse" beurteilten Handlungen unter all- 
gemeine Regeln (Normen) zu ordnen, wobei sich ergibt, daß Ziele und 
Motive von großer Wichtigkeit für jene Wertprädikate sind. Dann werden 
diese Regeln in weiteren Handlungen angewandt, die wiederum sitthch 
bewertet werden und jene Regeln bestätigen oder sie zu korrigieren ver- 
anlassen, vielleicht eine Erweiterung oder Fortbildung der allgemeinen 
Imperative bewirken usw. Dabei wachsen die Ziele des gebilligten Handelns 
nicht nur gemäß rationaler Überlegung, sondern auch und vor allem gemäß 
dem Wachstum des sittlichen Bewußtseins. Diese Ziele lassen sich inhaltlich 
nicht von Anfang an für alle Zeiten ausmachen; vielmehr ergeben sich 
auf jeder Stufe sittlicher Entwicklung neue Ziele nach dem von Wundt 
aufgestellten Prinzip der Heterogonie der Zwecke. 1 Die einzelnen Regeln 
lassen sich mit wachsender sittlicher Erkenntnis in immer umfassendere 
vereinigen. Die höchsten Ziele, die wir mit dem Merkmal der Vollkommen- 
heit ausgestattet denken, nennen wir Ideale. Ihr Inhalt wächst mit der 
sittlichen Vervollkommnung und eilt ihr richtunggebend voran. Die höchsten 
und umfassendsten Normen, die wir auf die Totalität der bisherigen Lebens- 
erfahrungen gründen und durch keine späteren Erlebnisse korrigieren zu 
müssen glauben, denen sich daher unser gesamtes Verhalten unterzuordnen 
hat, tragen für uns absoluten Charakter. 

Unser Verfahren, das in seiner Übereinstimmung mit der philosophischen 
Begriffsbildung dem Postulat der wissenschaftlichen Strenge, in seiner Be- 
rücksichtigung der schöpferischen Kräfte des sittlichen Geistes dem Aufstieg 
des moralischen Bewußtseins bei Individuum und Gattung entspricht, nennen 

a) Wundt: Grundriß der Psychologie, 1. Aufl.. S. 381 f. 



Dr. Oskar Pfister 



wir (in Ermanglung eines besseren, auch die normensuchende Tätigkeit 
angebenden Ausdrucks) das ethogene tische. 1 

3) Spezifisch psychoanalytische Gesichtspunkte für die 
Gewinnung einer Ethik 

Wenn es auch eine nur auf psychoanalytische Erfahrungen aufgebaute 
Ethik nicht geben kann und soll, so liefern jene doch einige grundsätzliche 
Gesichtspunkte, die Berücksichtigung fordern. Der erste besteht in der 

Geltendmachung des Unbewußten in der Ethik. 

Die bisherige Ethik befaßte sicli nur mit dem bewußten Seelenleben. 
Dies rächte sich nicht nur bei der Herstellung des sittlichen Zustandes der 
Persönlichkeit, sondern auch bei der Aufstellung der Persönlichkeitsnormen. 

Ein zweiter Gesichtspunkt, den wir der Psychoanalyse verdanken, ist die 
Anwendung biologisch-hygienischer Grundsätze in der Ethik. 

Freud und seine Nachfolger erkannten, daß eine gewaltige Masse von 
Erscheinungen, die man bisher lediglich als unsittlich oder böse beurteilt 
hatte, vom medizinischen Standpunkt aus als krankhaft zu bezeichnen seien, 
auch wo man von eigentlich „psychopathologischen" Defekten nicht reden 
kann. Mancher Fehlbare, den bisher die Psychopathologie nicht für sich 
in Anspruch genommen hatte, erwies sich als Opfer unbewußter Hemmungen, 
und auch wo keineswegs ein unwiderstehlicher neurotischer Zwang vorlag, 
erkannte man den dominierenden Einfluß von Gefühlsmächten und Vor- 
stellungsverbindungen, die aus Triebverklemmungen hervorgegangen waren. 
Nicht nur der Kleptomane, sondern auch der verbitterte Mensch, der Nörgler, 
der Egoist, der harte Geldmensch wurde als Produkt von Triebverdrängungen 
und Idealverdrängungen erfunden, die eine andere Charakterrichtung aus- 
schließen. Manche bisher als sittlich belanglos angesehene Handlungen und 
Erlebnisse entpuppten sich dem Analytiker als sehr gefährlich für die sittliche 

1) Die von mir angewandte Methode der Ethik ist, wie ich nachträglich finde 
ähnlich derjenigen Piatos, die Schleiermacher beschreibt mit den Worten: „Die 
rh v , eth ° de aber ist die heuristische, und Plato der einzige Meister, der sie in 
ihrer 1 ollkommenheit aufgestellt hat. Ihr Wesen nun besteht darin, daß sie nicht 
von einem festen Punkt anhebend nach einer Richtung fortschreitet, sondern'bei der 
Bestimmung jedes einzelnen von einer skeptischen Aufstellung anhebend durch ver- 
mittelnde Punkte jedesmal die Prinzipien und das Einzelne zugleich darstellt, und 
wie durch einen elektrischen Schlag vereinigt« (Schleiermacher: Grundlinien einer 
Kritik der bisherigen Sittenlehre, WW. 5. Abt., Bd. I, 336 f.). 



f> 



Psyciioanalyse und Weltansdiauung jvr 



Entwicklung, und manche Urteile, die dem Ethiker zuvor als zutreffend 
erschienen waren, mußten infolge analytischer Erfahrungen als falsch ver- 
worfen werden. 

Viel Böses wurde auf diesem Wege als krankhaft herausgestellt, oder 
wo man nicht gleich von Krankheit reden wollte, mußte man wenigstens 
eine Anomalie zugeben, die der normalen Lebensentwicklung zuwiderlief. 
Es fragt sich nun, wie weit wir mit dieser Betrachtungsweise kommen. 
Ließe sich am Ende die ganze Ethik als Gesundheitslehre höherer Ordnung, 
als Hygiene und Diätetik der Persönlichkeit und der Gesellschaft auffassen ?- 
Oder folgte wenigstens die Ethik aus dem Postulat der vollkommenen 
Lebensentfaltung? Bildet die Gesunderhaltung des Individuums und der 
Gesellschaft wenigstens eine der Aufgaben, die die Ethik zu lösen hat? 
Wir wollen nichts ausplaudern. Der Standpunkt individueller Gesundheit 
im gewöhnlichen, naturalistischen Sinne reichte natürlich nicht aus. Aber 
daß wir den Gesichtspunkt der Gesunderhaltung der Psychoanalyse als- 
wertvollen Zuschuß zum ethischen Kapital gutschreiben dürfen, steht fest. 

Ein dritter Grundsatz, den die Analyse zwar nicht entdeckte, wohl aber 
mit unerhörter Schärfe und Klarheit aufdeckte, ist 

das Postulat der individuellen Verwertung der ethischen Gebote. 

Es fiel auch der bisherigen Ethik niemals ein, einen Normalmenschen 
zu konstruieren, dem jeder Sittliche zu entsprechen habe. Allein Freud 
zeigte in überraschender, beweiskräftiger Weise, daß die Anwendung einzelner 
allgemein gebilligter sittlicher Normen nicht nur für die Gesundheit, sondern 
auch für die sittliche Dignität gewisser von Verdrängung bedrohter Personen 
höchst unheilvoll sein kann. Der Konflikt ist derselbe, wie wenn man einem 
unvorbereiteten Volk ohne Bücksicht auf die historische Kontinuität die 
höchsten sittlichen Ordnungen aufdrücken wollte; leicht entsteht Schaden, 
der den sittlichen Wert der Neuerung bei weitem überwiegt, oder ihn ins 
Gegenteil verwandelt. Dem todkranken Alkoholiker kann plötzliche Abstinenz 
zum Verderben werden, dem hilflosen Sklaven unter Umständen die Freiheit. 
Über den einzelnen ethischen Normen muß immer diese stehen: Die Durch- 
führung der idealen ethischen Forderung ist von der realen Aufnahmsfähigkeit 
derjenigen, für welche dieses Gebot bestimmt ist, abhängig. 

Unbeschadet dieses Satzes liegt auf der Hand, daß es ethische Forderungen 
gibt, die für alle Menschen gelten, so gut wie die Gebote der Hygiene 
immer zutreffen, wenn anders sie richtig aufgestellt sind. Die besonderen 
subjektiven und sozialen Faktoren sorgen aber dafür, daß gerade unendlich 



€4 Dr. Ostnr Pf.ster 



mannigfaltige Lebensgestaltungen aus den Anordnungen der Ethik hervor- 
gehen. 

Schon bei der Gewinnung der anzuerkennenden Lebensziele, -guter, 
-aufgaben und -normen ist der Ethiker, wie die Analyse nachwies, nicht 
nur von den offen vorliegenden Tatsachen, sondern auch von seinen unter- 
schwelligen Dominanten abhängig. Dadurch wird das objektive Urteil be- 
einträchtigt und zufälligen Ereignissen unterworfen. Selbst den klarsten und 
tiefsten Geistern ist dies widerfahren. Der tiefsinnige Plato spiegelt in 
seinem ethischen Dualismus seine eigenen Triebverklemmungen ebenso 
deutlich, wie Kant in seiner trieb- und neigungsfeindlichen Ethik der 
transzendentalen Freiheit, Schopenhauer in seinem lebensfeindlichen 
Pessimismus, Nietzsche in seiner das Krankheits- und Ohnmachtsgefühl 
überkompensierenden Lehre vom Übermenschen. Jeder stellt zunächst die 
Ethik auf, die seinem eigenen Lebensbedürfnis entspricht, und je straffer 
das Gängelband der vom Unbewußten herüberwirkenden Tiefenmächte, 
desto geringer ist die Aussicht, unbefangen der Menschennatur und dem 
wirklichen Wesen der Gesamtrealität gerecht zu werden. 

Ebensowenig darf aber übersehen werden, daß viele der größten ethi- 
schen Reformatoren, Propheten und Heroen entschieden Neurotiker waren, 
und daß auch die Ethik durch solche die größten Förderungen bisher erfuhr. 
Unterziehen wir neurotische Ethiker einer Analyse im Sinne Freuds, so 
enthüllt sich das ethische System als Rationalisierung, somit als Verdrängungs- 
folge, und der Bau bricht beim Ansturm einer unbefangenen Kritik, einer 
nicht durch Lebenshemmungen verfälschten ethischen Betrachtungsweise 
vielleicht zusammen. Wie oft fällt es z. B. Pessimisten, die in ihrer Wut 
auf das Leben bis zur Existenzunfähigkeit vorgedrungen waren, wie Schuppen 
von den Augen, und sie erkennen ohne Zureden anderer ihren Fehler und 
freuen sich, von ihm geheilt zu sein, während alle theoretischen Argumen- 
tationen vorher an ihnen wirkungslos abgeprallt waren! Dies schließt nicht 
aus, daß gewisse ethische Aussagen, die im Zustand der Fixierung geschaffen 
worden waren, auf ihr richtiges Maß zurückgeführt und in zutreffende Be- 
leuchtung gesetzt, als gültig anerkannt bleiben und hohen Wert besitzen. 
Sie verenden im Lichte der Psychoanalyse keineswegs, sondern beginnen 
hier, wie alle echten Werte, erst recht zu leuchten. So liefert auch der vom 
Unbewußten aus gehemmte Ethiker dem innerlich freien Ethiker wertvolle 
Inhalte. Dies hängt damit zusammen, daß die Ethik als wirklichkeitsgerechte 
Wissenschaft der rein objektiven, nüchternen Kritik bedarf und auf ihr ruht — - 
insofern muß sie von Verdrängungseinflüssen frei sein — ; anderseits aber 



,_ 






Psychoanalyse und \V eltansdiauung 



<>~5 



hat sie zur Voraussetzung die stärkste Entfaltung der sittlichen Kräfte, den 
weitesten Horizont der Lebenserfahrung und noch mehr die tiefste Ergründung 
der sittlichen Mächte, ihr Erfassen in der eigenen Psyche und in der Außen- 
welt. Dies alles aber wird nicht nur durch kühle Überlegung und Beob- 
achtung erworben. Es müssen gewaltige ethische Erlebnisse stattgefunden 
haben. Der ideale Ethiker wird derjenige sein, der alle diese ethischen 
Requisiten vollkommen besitzt, sie am adäquatesten durchzudenken und 
auf einen gültigen Ausdruck zu bringen vermag. 

Für den Ethiker aber ergibt sich als Voraussetzung seines wissenschaft- 
lichen Denkens der dem psychoanalytischen Forschen zu verdankende Satz: 

Das ethische Denken darf nicht durch unterschwellige Hemmungen 
derart fixiert sein, daß es den subjektiven und objektiven Bedin- 
gungen und Wirkungen des menschlichen Verhaltens nicht ge- 
recht zu werden vermag. 

ß) Die Prinzipien der Ertnik 

Es ist nicht möglich, das ethogenetische Verfahren hier so anzuwenden, 
daß die einzelnen ethischen Werte und Normen als notwendige Ergebnisse 
der menschlichen Entwicklung hervortreten. Man müßte zeigen, wie schon 
die primitiven Triebe rückwärts und vorwärts über sich hinausweisen. Rück- 
wärts, sofern sie ihre Kraft und Bestimmung einem größeren Ganzen, dem 
Individuum und schließlich dem All verdanken, und vorwärts, indem sie 
über ihren jeweiligen Zielinhalt hinausdrängen. Der Trieb läßt sich nur 
verstehen als Lebenserscheinung eines Individuums, das keineswegs nur sich 
und seine Art erhalten will, denn das Leben ist ein unaufhörlicher Strom, 
der seine Wellen immer weiter sendet und sich immer weiter ausdehnt, es 
sei denn, daß störende Einflüsse eine Lebensbeeinträchtigung hervorbringen. 
Daß nur Selbst- und Arterhaltung die Urtriebe ausmachen, ist eine kurz- 
sichtige Betrachtungsweise, ein würdiges Gegenstück zum konservativen 
Staatsbegriff behäbiger Spießbürger. Jeder Trieb geht aus von einem emp- 
fundenen Mangel, dessen Überwindung angestrebt wird. Allein, indem der 
Trieb diese Erlösung sucht, setzt er andere Funktionen in Tätigkeit, so daß 
der Lebenskreis sich erweitert. Der einzelne Trieb dient einer Erweiterung 
des individuellen Lebensbereiches. Der Einzelne geht in Beziehung auf seine 
Objekte, wie in funktionaler Hinsicht, instinktiv und nach innerer Not- 
wendigkeit auf Erweiterung des primitiven Daseins aus. Beide Erweiterungen 
greifen ineinander: Indem der Mensch mit der ihn umgebenden Natur und 

Pfister: Psychoanalyse und Weltanschauung. g 






66 Dr OsL-u- Pfister 



mit anderen Menschen sich zum Zwecke der Triebbefriedigung und Lebens- 
förderung auseinandersetzt, muß er auch seine Fähigkeiten erweitern. Seine 
Wünsche muß er mit der Wirklichkeit in Einklang bringen. Gehorchte er 
anfangs nur seinen Instinkten und Gelüsten, so sieht er sich durch viel- 
fache peinliche Konflikte mit der Umwelt veranlaßt, auf sie denkend Rück- 
sicht zu nehmen und Normen zu suchen, die ihm gestatten, eine Lebens- 
führung zu gewinnen, die ebenso den eigenen Entfaltungsbedürfnissen, wie 
denjenigen der Mitbewerber um die Sonnenplätze und Tafeln der Erde, 
sowie den Gesetzen der umworbenen Realität bestmöglich entsprechen. 

Sowie der Mensch diese Notwendigkeit einsieht, das eigene Gelüsten 
durch gültige Normen mit den Lebensansprüchen anderer Menschen in 
Einklang zu setzen, verläßt er die vorsittliche Stufe und betritt das Reich 
des Sittlichen. 

Seine Aufgabe in bezug auf die Umwelt besteht nun darin, sich der 
Wirklichkeit handelnd und erleidend richtig einzufügen. Wie dies zu ge- 
schehen habe, läßt sich aber nur aus einer genauen Kenntnis der Menschen- 
natur und des Gemeinschaftslebens schöpfen. Man sieht bald ein, daß kon- 
sequente Durchsetzung der eigenen Wünsche ohne Rücksicht auf fremde 
Lebensinteressen das eigene Wohl schwer schädigt, man erkennt die Not- 
wendigkeit, sich Gesetzen und Normen unterzuordnen. Man verzichtet auf 
manche egoistische Wünsche, weil Mitmenschen sonst dasselbe Verhalten 
sich aneignen können, woraus Unheil entstünde, während durch organische 
Eingliederung des Einzelnen in das Leben einer Gemeinschaft auch für ihn 
Heil erwächst. 

Aus der Familienmoral entspringt bei Erkenntnis der weiteren Zusammen- 
hänge eine Volksmoral und zuletzt sogar eine Menschheitsmoral, und jede 
sucht sich möglichst günstige Formen der Lebensentfaltung zu schaffen. 
Der Übergang von der einen zur anderen Stufe vollzieht sich jeweils unter 
allerlei Krisen, deren Ausprägungen und Wirkungen die Psychoanalyse nach 
manchen Richtungen bahnbrechend zu untersuchen begonnen hat. 1 



i) Nietzsche kannte bereits den Sachverhalt im allgemeinen und schildert ihn 
in den geistvollen Worten: „Jenes verborgene und herrische Etwas, für das wir lange 
keinen Namen haben, bis es sich endlich als unsere Aufgabe erweist, — dieser Tyrann 
in uns nimmt eine schreckliche Wiedervergeltung für jeden Versuch, den wir machen, 
ihm auszuweichen oder zu entschlüpfen, für jede vorzeitige Bescheidung, für jede' 
Gleichsetzung mit solchen, zu denen wir nicht gehören, für jede noch so achtbare 
Tätigkeit, falls sie uns von unserer Hauptsache ablenkt — ja, für jede Tugend selbst, 
welche uns gegen die Härte der eigensten Verantwortlichkeit schützen möchte. Krank- 
heit ist jedesmal die Antwort, wenn wir an unserem Recht auf unsere Aufgabe zweifeln 



V , 



Psydioanalyse und Weltanschauung £p 

Die philosophische Durcharbeitung führt zu der Erkenntnis, daß wir 
teilhaben an einem Gesamtleben, das die gesamte Wirklichkeit ausfüllt. 
Der Einzelne ist von ihm getragen und besitzt nur ein relatives Fürsich- 
sein in diesem absoluten Prozeß; aber die ihm anvertrauten Kräfte hat er 
diesem Gesamtleben zu widmen. Die psychoanalytische Forschung zeigt, 
daß der vom Gesamtleben abgesperrte Mensch eine ähnliche Rolle spielt, 
wie eine Zelle, die sich dem sie tragenden Organismus nicht eingliedert, 
sondern ohne Rücksicht auf ihn lebt und sich vermehrt. Eine solche Zelle 
ist als Wucherung zu betrachten; leicht zerstört sie ihren Wirt und sich 
selbst Die Analyse enthüllt uns manchen Egoisten und lieblosen Autisten 
als einen durch Verdrängung erkrankten Menschen, der biologisch, wie eth.sch, 
als Anomalie zu beurteilen ist. Aber auch in manchem selbstfemdhchen 
Asketen entlarvt sie ungesunde Züge, die auf Triebstauung zurückgehen. 
Somit unterstützt die Analyse das Prinzip der objektiven Eingliederung 
in das soziale und allgemeine Leben. Wir können es in die Form 
bringen : Gib jeder deiner Lebensfunktionen und deinem ganzen Leben 
die richtige Stellung innerhalb des objektiven Gesamtlebens! 

Mit dieser allgemeinen Formel, die durchaus nicht ein psychoanalytisches 
Sondergut sein soll, können wir noch nicht viel anfangen. Was** das 
Gesamtleben? Worauf geht es aus? Worin besteht sein wahrer Wert? Wie 
verhalten wir uns richtig zu ihm? Diese Fragen lösen wir nur mit Hilfe 
einer schärferen Beobachtung des psychischen Lebens. Erst wenn wir das 
Wesen des Geistes genauer kennen, können wir angeben, wie eine norm- 
entsprechende objektive Eingliederung ins Universalleben zu verstehen sei. 
Und nun werden wir in skizzenhafter Andeutung des ethogenetischen 
Verfahrens auf die Bedürfnisse und Entwicklungstendenzen der Menschen- 
seele eintreten müssen, ohne welche die objektive ethische Stellung des 
Individuums innerhalb des Universallebens nicht zu erfassen ist. Daß wir 
ohne Erforschung des psychischen Erlebnisses das Wesen und den Sinn des 
Gesamtlebens nicht erfahren können, wird uns nicht wundern, wenn wir 
berücksichtigen, daß die Naturbetrachtung uns nur die durch Sinneswahr- 
nehmung vermittelte Außenseite der Dinge darbietet, während wir im 
Selbsterleben die Wirklichkeit unmittelbar und v on innen her ergreifen. 

wollen, wenn wir anfangen, es uns irgend worin leichter zu machen. Sonderbar und 
furchtbar zugleich! Unsere Erleichterungen sind es, die wir am härtesten büßen 
müssen' Und wollen wir hinterdrein zur Gesundheit zurück, so bleibt uns keine 
Wahl: wir müssen uns schwerer beladen, als wir je vorher belastet waren . . ." 
1) Vgl. Pf ister: Die psychanalytische Methode, S. 555 f- 

5 



68 Dr. Oskar Pfjatcr 



Wir beginnen bei den primitiven Lebensäußerungen, die wir als Funktionen 
der elementaren Ichtriebe bezeichnen. Wir erinnern uns dabei von vorn- 
herein, daß in jeder vorkommenden psychischen Erscheinung Empfinden 
Fühlen und Streben gesetzt sind. Wenn wir von Trieben reden, so meinen 
wir damit Gesamtheiten gleichartiger Strebungen, und zwar zunächst 
primitiver Art, jedoch auch höheren Niveaus, z. B. in der Bezeichnung 
Spiel-, Macht-, Erwerbstrieb u. dgl. 

Im Neugeborenen äußern sich der Atmungs-, Bewegungs- und Sauge- 
trieb, sowie andere Strebungen, in denen Erfahrungen der Aszendenten zum 
Ausdruck kommen (Instinktregungen). Im Zusammenhang mit den Trieb- 
befriedigungen entwickelt sich das Wahrnehmen, das wiederum dem Streben 
neue Entwicklungsmöglichkeiten verschafft, die ihrerseits das Wahrnehmen 
und die Erfahrung erweitern. 

Die Schwäche und enge Eingrenzung des neugeborenen Menschen lassen 
die Absicht der Erhaltung des eigenen Lebens hervortreten. Von Ziel und 
Absicht im Kinde ist anfangs keine Rede. Die Zielstrebigkeit ist gänzlich 
teleologisch, nicht final, denn die zielsetzende Instanz ist dem Individuum 
transzendent, nicht immanent, indem sie nur. im Naturwillen liegt. 

Hat sich aber die Zielstrebigkeit entwickelt, — die Psychologie gibt uns 
die Einzelheiten dieses Prozesses an, — so zwingt nicht nur das Lebens- 
bedürfnis, sondern auch die angeborene Anlage, in der früher angedeuteten 
Weise den Kreis der Objekte, wie die psychischen Funktionen zu bereichern. 
Für die ethische Entwicklung interessiert uns dabei vor allem, wie der 
Lebenstrieb sich den verschiedensten Objekten und Funktionen zuwendet 
und sie mit Gefühlsbetonungen ausstattet. Diese Verlagerung der Gefühls- 
energien ist heute noch fast unerforscht, wiewohl sie für den Aufbau des 
gesamten Lebens von allergrößter Wichtigkeit ist. Erst die Psychoanalyse 
ließ das Problem klarer erkennen. 

Von den unzähligen Umschaltungen möchte ich für unsere Zwecke 
namentlich auf eine Differenzierung hinweisen, die das Werden des sittlichen 
Bewußtseins stark beeinflußt. Anfangs geht das Streben derart auf Lebens- 
erhaltung aus, daß das Objekt zum Ich in eine neue Stellung kommt und 
seinen Zwecken dienstbar gemacht wird, oder daß das Subjekt sich zu ihm 
m eine andere Beziehung setzt in derselben Absicht des Nutzeffektes oder 
der Abwendung einer Unlust. Die Gefühlsbetonung gehörte im Streben 
und in der Befriedigung weder der Objektsvorstellung als solcher, noch 
der Funktion des Gewinnens oder Besitzens als solcher, sondern dem ganzen 
Prozeß und seinem Ergebnis an. 



^ 



Psydioannlyse und VVcltan.-icxiaiiung £ Q 



Nun aber kann und wird unter dem Einfluß bestimmter Erfahrungen 
eine Gefühlsumlagerung zustande kommen. Unter Umständen, von denen 
wir einen Teil besprechen werden, stößt der Mensch an den äußeren 
Objekten an; dann wird ihre Vorstellung zuletzt selber unlustbetont, und 
der Trieb zieht sich von ihr zurück. Zunächst sucht er andere Objekte in 
der Außenwelt, die seinem Bedürfnis genügen können; findet er sie aber 
nirgends, so entsteht zuletzt eine Introversion, bei welcher der Mensch sich 
in sich selbst verkriecht. Dabei wird das Ich überbetont. Während ursprüng- 
lich nicht bewußt war, daß es sich um den Vorteil des Ich handle, wird 
dies nun in den Vordergrund gestellt. Oder es erlangen einzelne Funktionen 
eine stärkere Betonung. Das normale Gefühl der Kraft, des Könnens, zuvor 
eine Nebenerscheinung bei der Gewinnung einer befriedigenden Stellung zur 
Außenwelt, wird so stark überladen, daß es Selbstzweck wird. Oder es treten 
einzelne Funktionen stärker hervor, z. B. nach Mißerfolgen und Hemmungen 
des Gefühlslebens das Denken. So wird infolge der Nichtbefriedigung des 
Triebanspruches durch die Außenwelt eine Introversion geschaffen, die dann 
wieder zur stärkeren Betonung des Ichgefühles, zum Streben nach Erhöhung 
der Ichwerte oder einzelner autistischer Funktionen führt. 

Die eigentliche Bestimmung des Ichs und seiner Funktionen kann hiebei 
verfehlt werden. Wenn z. B. der Erwerb gewisser äußerer Güter für die 
Lebenserhaltung und -förderung zweckmäßig ist, so wird infolge jener üblen 
Erfahrungen mit der Außenwelt der Erwerb, z. B. von Geld oder politischer 
Macht, Selbstzweck oder Mittel zur Erhöhung des Ichwertes. Es liegt auf 
der Hand, daß so keine richtige Eingliederung des Eigenlebens ins Gesamt- 
leben eintreten wird, indem die Aneignung von Besitz keine Rücksicht 
mehr auf die Bedürfnisse der anderen nimmt. Oder es rächt sich die Unter- 
drückung der Gefühlswerte durch eine sterile Formalistik des Denkens und 
das Gefühl innerer Leere. 

Der Machttrieb ist keineswegs, wie Adler annimmt, ein primärer 
Trieb, sondern ein Umlagerungsprodukt im angedeuteten Sinne, wie auch 
der Aggressionstrieb keineswegs elementar ist, sondern erst aus Abwehr 
des Mitbewerbers um irgendein Gut oder ähnlichen Bedürfnissen ent- 
springt. Der Egoismus ist nach den psychoanalytischen Erfahrungen oft, 
nicht immer als sekundär zu betrachten, sofern wir ihn als Durchsetzung 
von Ichstrebungen auf Kosten der berechtigten Ansprüche anderer verstehen. 
Primär naiv ist er, sofern anfangs nur der eigene Wunsch in Betracht 
gezogen wird, wobei die Interessen der Nebenmenschen noch nicht bekannt 
sind, oder nach ihrer Erfassung nicht mit der gehörigen Gefühlsbetonung 



■" 









yo Dr. Oskar Pfistcr 



berücksichtigt werden. Sekundär und unmoralisch wird der Egoismus, wo 
die normale Rücksicht auf die Rechte der Nebenmenschen, wie auf das 
Gesamtleben, obwohl sie stets zu den Anlagen eines Individuums gehört, 
nicht zu ihrem Rechte kommt, sei es, daß die altruistische Anlage zu 
schwach war, sei es, daß sie durch ungünstige Einflüsse an ihrer Ent- 
faltung verhindert wurde. 

Die Einschränkung der rein selbstischen Wünsche wird aber nicht, wie 

nach der früheren vorläufigen Darstellung scheinen könnte, allein durch 
den Zusammenstoß mit anderen und autoritative Gewöhnung in der Kindes- 
zeit bewirkt. Vielmehr beweisen die Tatsachen der tierischen Mutterliebe, 
wie der ganze Aufstieg des Prinzips der gegenseitigen Hilfe (Krapotkin), 
daß sie zur ursprünglichen Ausstattung des Menschen gehört und durch 
äußere Motive nur angeregt wird. 

Wir gelangen damit zur zweiten Klasse von Trieben, nämlich zu den 
Dutrieben. Ich verstehe hierunter nicht nur diejenigen Triebe, die man 
vom teleologischen Standpunkt aus (wohl zu eng) Arterhaltungstriebe ge- 
nannt hat. Unter dem Gesichtspunkte der Finalität handelt es sich zunächst 
um einzelne Nebenmenschen, auf die sich der Trieb in empfangender oder 
gebender Absicht richtet. Die verschiedensten Erlebnisse dienen zur Aus- 
lösung der Dutriebe: Nahrungsentgegennahme, Trockenlegung, Getragen- 
werden usw. Freud wies nach, daß besonders die Sexualtriebe, nach- 
dem sie die Ichbesetzung verließen, zum Aufbau der Dutriebe höchst wichtig 
seien. Auf die von anderen erlangte sinnliche Lebensförderung folgt die 
geistige, die wiederum über unendlich viele Kanäle verfügt: Beruhigung 
bei Angst, Anerkennung, Belehrung usw. 

Wie gegenüber den Sachen, so erlebt auch gegenüber den Personen das 
Gefühl die mannigfaltigsten Verlegungen, denen die kompliziertesten Vor- 
stellungsprozesse entsprechen. Wiederum heben wir als besonders wichtig 
hervor die Differenzierung und Polarisation des der anfänglichen Beziehung 
zu einem Du zugehörigen Gefühles. Während der Wert ursprünglich un- 
getrennt dem Du und seiner Beziehung zum Ich beigelegt wird, kann er 
dem Objekt oder Subjekt ebensowohl entzogen, als dem anderen Gliede der 
Beziehung zugeschoben werden. Stößt das Kind mit seinem Zärtlichkeits-, 
Pflege-, Verständnisanspruch usw. an, sieht es sich hart, streng, ungerecht 
behandelt, so zieht es ihn, wenn es nicht etwa auf Tiere, Pflanzen und 
andere Naturteile seine ganze Liebe überträgt, oft in sich zurück. Gewöhn- 
lich entsteht dabei Geringwertigkeitsgefühl, das durch Größenphan- 
tasien mit gleichzeitigem Haß gegen die Menschen überkompensiert werden 



± 



PayAoaniuy.se und XVeltanadiauung 



soll. (Führt es zum Vergleich mit anderen, so wird es zum Minderwertig- 
keitsgefühl, sonst zuletzt wohl gar zum Unwertsgefühl). Oder es ent- 
steht, wenn die sinnlichen Freuden, der Stolz auf geleistete Arbeit, die 
angestrengte intellektuelle Ausbildung, das Machtbegehren, besonders aber 
das Bedürfnis nach freier Lebensbetätigung und andere Ichbesetzungen oder 
funktionelle Auswege versperrt wurden, eine Überbetonung des Du, 
unter Umständen bis zur völligen Selbsthingabe und Selbstvermchtung. 
Solche Menschen, deren Liebe zu anderen einen Maximalgrad erreicht, 
opfern mit Freuden ihr Leben für sie. 

Die Psychoanalyse zeigt nun in Übereinstimmung mit der überlieferten 
Sozial- und Individualethik, daß weder die einseitige Ausbildung der Ich- 
triebe noch die Alleinherrschaft der Dutriebe der menschlichen Natur ge- 
recht ' werde. Ohne Liebe zu anderen Menschen gerät der Einzelne in 
schwere innere Verödung, und wo bei einem Menschen das Ich oder das 
Du aus dem Begehren ausgeschieden ist, werden wir niemals Krankheits- 
symptome im biologischen Sinne vermissen. Die Analyse hat hiefür unseren 
Blick sehr wesentlich geschärft. Allerdings gibt es Individuen, bei denen 
von Natur die Richtung auf das Du hin schwach ist. 

Wir hörten bereits, daß die Konflikte mit der Außenwelt - wir fugen 
letzt die der Innenwelt hinzu - veranlassen, Normen des Handelns zu 
schaffen. In Wirklichkeit aber schafft der Einzelne seine Regeln nur zum 
kleinsten Teile selbst. Vielmehr werden sie ihm durch die aus der Liebe 
hervorgehenden Angleichungen an die Erzieher oder durch Zwang autori- 
tativ eingegeben, wobei eine Menge überlieferter Lebensweisheit ihm zugute 
kommt. Ein Ichideal entwickelt sich stufenweise. Die Erfahrung überlegener 
Kraft und Größe weckt den Wunsch, ebenfalls groß und stark zu sem und 
es ergibt sich die Notwendigkeit, die Ansprüche des Ichs und des Ichideals 
mit den Anforderungen des Du auseinanderzusetzen. 

Schon in der autoritativen Moral finden wir jene Verdopplung der 
Imperative, die wir in den Gewissensaussagen stets antreffen. Der primitive 
Trieb treibt, wie sein Name sagt, und zwar in einer bestimmten Richtung; 
der autoritäre Wille drängt mit dem zugestandenen Anspruch der Überlegen- 
heit in eine andere Bichtung. Auch minderwertige imperative Impulse, 
die niemand auf eine Eingießung aus dem Jenseits zurückführen wollte, 
erlangen sehr leicht den Charakter der absoluten Gültigkeit, wenn sie von 
außen her mit solcher Wucht auf ein in Entwicklung begriffenes Individu- 
um losgelassen werden, daß dessen ihr zuwiderlaufende Triebregung dauernd 
abgelehnt wird, bis sie sich nicht mehr oder nur im Bewußtsein der 






7 a Dr. 0.sL.r Pfistet 



Minderwertigkeit hervorwagt. Diese vermeintliche Minderwertigkeit braucht 
jedoch mit nichten eine wirkliche zu sein. Wenn in dieser Zeit auf ein 
zartbesaitetes Wesen in brutaler Weise eingewirkt wird, wenn man ihm 
die ersten selbständigen Regungen als Unsinn und Schlechtigkeit verekelt 
so gewöhnt sich der Geist oft nur zu bald daran, die Absolutheit des Fremd- 
gebotes und die Ungültigkeit des Selbstbewertens und Selbstwollens anzu- 
erkennen, besonders wenn die peinlichen Erfahrungen Verdrängung der 
autoritativen oder der eigenen Impulse bewirkten. Oft erfolgt in einer 
späteren Entwicklungsphase der Rückschlag zum Negativismus und zur 
Ablehnung jeder ethischen Autorität, das empirische Gewissen kann unter 
Umständen seinen Absolutheitsanspruch ganz verlieren. 

Die Kraft der autoritativen Moral beruht aber nicht nur auf dem in 
den Kinderjahren ausgeübten Zwang und den von ihm geschaffenen Ver- 
drängungen, soviel sie zur Herstellung des Anspruches auf Absolutheit der 
einzelnen Aussagen beitragen, sondern auch auf der kindlichen Liebe, sowie 
auf dem Umstand, daß sie in mancher Hinsicht der Menschennatur ent- 
spricht und der kindlichen Unerfahren heit überlegen ist. Sie hilft zur 
Bändigung der primitiven Gelüste und löst höhere Funktionen aus. Sie 

das SP J 3 d "n J U u einem g6WiSSen ^ ^ A "^ichungsbedürfnis, 

das aus den Dutneben hervorgeht. 

Allein nicht immer kann der Einzelne den anerzogenen Grundsätzen 
des Handelns seine Beugung bewahren. Oft genügt die Ablösung vom 
Elternhaus, um die empfangenen Normen ihrer bisherigen Absolutheit zu 
entkleiden und Sle ins Wanken zu bringen. Oder sie erweisen sich als un 

Eh' rWhT f er S l e g6raten untereinander in Konflikt, oder Liebe und 
Ehrf Urcht werden auf höher gewertete Autoritäten übertragen, die anderen 
Maxunen hülfen. Oder es gelangt ein Mensch zu tieferen Einblicken „ 

etzeW r S T e Kf änge ' " tiefere " LÖSUnge " d6r Lebensaufgaben der 
ie st im! Und derLebe " S ^ ei -haft. Diese neuen Normen, 

zutandlT nUr U T SChW6ren Kämpf6n mU dGr überlieferten Mora 

2 TbL T ^ de " PrimiÜVen GdÜSten ent ^ e " und — n 

eme B and der ^ ^.^ ^^ ^^ fc ^ ^ • 

Z2 ei \J mtät ' 3,S diC anerz °e enen Sittengebote, ja es geht das Ehr- 

furchtsgefuhl, das den letzteren zugekehrt war, auf jene über. Und je 

er Kampf g e g en eine unzulängliche Moral verspürt wurde, je ge- 

waJtiger die Erlösungskraft der neuen Normen erscheint, je genauer sie 

en tristen Sinn des Daseins zu enthüllen versprechen, desto eher wird die 

neue ethische Forderung mit der Würde der Absolutheit beschenkt werden 



J 



PiydiOanalysc und *V eltaiiidiauung 



7* 



Es wäre indessen verkehrt, die Entwicklung der ethischen Einsicht nur 
als Erweiterung und Vertiefung der autoritären Moral anzusehen. Vielmehr 
ergibt sich zugleich mit der Höherbildung des Sollens, ihm nachfolgend 
oder ihm voraneilend eine Sublimierung des Mögens, eine Versittlichung 
der Triebe bis hinauf zu den höchsten Regionen der Nächstenliebe oder 
sogar der religiösen Liebe. Handelte es sich beim ethischen Wachstum nur 
um das „Du sollst!", so gerieten wir in der Tat in jene rigorose, schroffe, 
unsäglich ermüdende und bedrückende Ethik, die man Kant mit Recht 
von jeher vorgeworfen hat. Nun aber stehen wir vor der hocherfreulichen 
Tatsache, die Kant infolge seiner unglückseligen Verdrängung der Neigung 
nicht begreifen konnte, daß gerade die höchste Moral, ob sie auch stets auf 
einem Kampfe gegen die niedrigen Gelüste beruht, doch gerade die höchste 
Neigung einschließt. So verhilft uns die Psychoanalyse zu jenem höchsten 
Liebesbegriff, der Neigung und Pflicht einschließt, und in dem beide ein- 
ander gegenseitig fördern, während Häberlin in seiner Liebe für die Nei- 
gung keinen Raum hat. 1 Ich wüßte auch nicht, woher er sie bei seiner 
dualistischen Psychologie nehmen sollte. Dies ist aber sehr bedauerlich, 
denn Mögen ohne Sollen führt in anarchistische Verwirrung, Sollen ohne 
Mögen in tiefste innere Verödung und Verknöcherung. Welcher Psycho- 
analytiker hätte nicht schon Kranke behandelt, die verkörpertes Pflichtgefühl, 
aber auch verkörpertes Elend waren? 

Nicht durch Ausscheidung der Triebe, nicht durch asketische Ächtung 
der Neigung und Daseinsfreude gelangt der Mensch zur höchsten Lebens- 
entfaltung, sondern durch eine andere ethische Entwicklungsmethode, die 
wir gleich zu zeigen haben werden. Wir dürfen schon jetzt darauf hin- 
weisen, daß im Christentum dem starren: „Du sollst!" ein befreiendes: 
Du sollst lieben!" gegenübertritt, wobei natürlich der nomistische Charakter 
durch die Forderung der Liebe ausgeschaltet ist. Kants Prinzip ist als Not- 
anker günstig für solche, die nicht lieben können, aber es schützt nicht oder 
doch nicht dauernd vor innerer Verelendung. Das Ideal des universalen, 
organisch geleiteten Liebens aber hält ohne mosaische Strenge das Ideal 
vor, das auch der Psychoanalytiker als im Wesen des Menschen begründet 
immer und immer wieder erkennt. Dieses Lieben darf mit Fug und Recht 
als ein Sollen bezeichnet werden, sofern es dem ursprünglichen engen 
Lieben gegenübersteht nnd erkämpft werden muß, sofern es sich ferner in 

i) Häberlin: Die Wahrheit der Religion. Verhandlungen der Schweizer reformierten 
Predigerversammlung, 1916, S 79. Wie oben erwähnt, hat Häberlin den früheren Fehler 
jetzt verbessert und der Liebe Raum verschafft. 



74 Dr. Oskar Pfister 



tätiger Hilfe, sogar oft in Opfern 7.11 betätigen hat. Es ergibt sich aber auch 
aus der Anlage des Menschen und ruht psychologisch-biologisch durchaus 
auf den primitiven Regungen, die es immer noch in sich schließt, 
und ohne die es nicht existieren kann, obwohl es mit ihnen keineswegs 

identisch ist. 

Wir geben daher Eucken ganz recht, wenn er einerseits betont, daß 
der Aufstieg zum höheren, geistigen Selbst nur gewonnen werde durch 
den Bruch mit dem „natürlichen Ich". 1 Gerade die Psychoanalyse zeigt, wie 
die schwersten nervösen Erkrankungen als mißglückte Entscheidungen 
dieses Kampfes aufzufassen sind. Aber ebenso recht hat Eucken, wenn er 
mit größter Energie betont, daß das höchste Sollen nicht nur Bindung 
und Begrenzung, sondern auch Befreiung und Ausdehnung des Lebens um- 
faßt. (96.) Während Kant mit seiner Bekämpfung der primären Trieb- 
regungen und Ausscheidung der Meigung in Verdrängung hineintreibt und 
eigentlich in mönchischen Dualismus auf psychologischem Gebiete sich 
verwickelt, ergibt die psychoanalytische Praxis, daß die Versittlichung, 
d. h. Unterordnung der Primärtriebe unter die ethische Idee, 
dem Wesen und den Bedürfnissen der Menschennatur allein entspricht. 2 
Sollen und Mögen sind in dieser Versittlichung Eines. Liebe 
wird zur Pflicht, Pflicht drängt zur Liebe. Dieses eigentümliche 
Verhältnis ergibt sich daraus, daß die Liebe im höchten Sinne zur 
Wesensnatur des Menschen gehört, daß anderseits aber diese tiefsten 
Wesenszüge nur durch den Kampf verwirklicht werden können. Es 
wäre eine völlige Verkennung der Menschennatur, wenn man nur die 
primären Triebe als „natürliche" bezeichnete. Vielmehr ist offenbar die 
psychologische und biologische Lage derart, daß Sublimierungskräfte, die 
virtuell von Anfang an im Menschen liegen, zur Verwirklichung gelangen 
müssen, und wo dies nicht oder wenig geschieht, kann man von normaler 
Entwicklung nicht reden. Reine „Nahrhaftigkeit" im überlieferten Sinn 
ist für den Erwachsenen in Kulturländern Unnatur, während Kultur und 
Sublimierung der Menschennatur entsprechen. Für die Ethik handelt es 
sich nun eben darum, diese höhere Entfaltung der Menschennatur und ihr 
Verhältnis zur primären und universalen Natur zu bestimmen. Eine Ethik, 
die nicht in der Menschennatur begründet läge, wäre ein jämmerliches 

Der Wahrheitsgehalt der Religion, S. 129. 

2) Ich wähle den Ausdruck „Versittlichung", weil er die Sublimierung, d. h. den 
Übergang zu nichtsexuellen Funktionen und die ethisch normierte Verwendung aller 
Primärtriebe umfaßt. 




-»<* 



Psychoanalyse und Weltanschauung 75 



Hirngespinst. Wer die sittliche Forderung dem „natürlichen 4 " Streben ent- 
gegensetzt, versteht den Begriff „Natur" hiebei in einem engeren Sinne, 
etwa in dem der naturalistischen, nichtidealistischen Lebensauffassung, und 
macht aus den Veränderungen, die das Primärleben bei der Sublimierung 
nach dem Prinzip der schöpferischen Synthese erfährt, eine uEtdßaau; eig 
«7/o Y*vos, die dem subjektiven Erlebnis gerecht wird, aber der psycholo- 
gischen Entwicklung nicht entspricht. Leicht wird aus der Differenz ein 
Streit um bloße Worte. Für uns ist nicht der Gegensatz zur Natur, sondern 
die Entwicklung der Menschennatur, somit ganz besonders des Menschen- 
geistes Gegenstand der ethischen Überlegung. 

Wir wenden uns nach dieser allgemeinen Erörterung nun wieder dem 
Problem der normativen, der wahren Menschennatur und der ihren Lebens- 
bedingungen entsprechenden Eingliederung in das Gesamtleben ZU. Was 
der Einzelne und die Menschheit als höchstes Ziel zu wählen haben, hangt 
selbstverständlich von den vorhandenen Kräften, Anlagen und Bedürfnissen ab. 
Wir kehren zurück zu der Unterscheidung zwischen Ich- und Dutneben. 
Indem das Ich sich zu erhalten und durchzusetzen unternimmt, bereichert 
und erweitert es seine Intelligenz, sein Gefühl und seinen Willen. Dies 
alles geschieht aber nicht in der Abgeschlossenheit von seinen Nebenmenschen, 
sondern in beständiger Wechselwirkung mit ihnen von denen er ,. in so- 
lcher Hinsicht abhängig ist. Man kann eine Individualethik nicht schaffen, 
ohne die normativen Beziehungen zu den Mitmenschen in Berechtigung 
zu ziehen. Denn der Mensch ist ein geselliges Wesen, und wie es von den 
anderen abhängig ist, so steht seine Bestimmung, sein höchstes Lebensziel 
mit ihnen in Zusammenhang. 

Die Psychoanalyse verstärkt den Einspruch gegen den Egotsmus, der den 
Nächsten nur als Mittel für eigene Zwecke gebraucht. Wenn schon die 
Soziologie nachweist, daß der Grundsatz der allgemeinen Selbstsucht den 
Krieg aller gegen alle heraufbeschwört und daher der abgeschossene Weil 
auf den Schützen zurückfliegen muß, so zeigt die Analyse des weiteren, 
daß der Mensch ohne Liebe arm, krank, seiner eigenen Natur zuwider lebt. 
Schon die normale Sexualentwicklung treibt den Menschen zum Menschen, 
vorzugsweise zu Angehörigen des anderen Geschlechtes. Freud wies nach 
wie tief diese primären Triebregungen die weitere Entwicklung bis hinauf 
2U den denkbar höchsten Kulturfunktionen beeinflussen und begleiten. 
Unter den primitiven Regungen gibt es solche, welche zum Zwecke des 
ersprießlichen Zusammenlebens und der gegenseitigen Lebensförderung 
zurücktreten müssen, namentlich die sadistischen Strebungen. Dagegen be- 



7 6 Dr. Oskar Pli.stcr 



währt sich der Standpunkt der Förderung des Nächsten, der nicht nur dem 
allgemeinen Nutzen, sondern auch einer primären Anlage* der Menschen- 
natur entspricht. Liebe im Sinne des freiwilligen Sichhingeben wollens für 
andere mit der Absicht, sie zu fördern, ist für jeden einzelnen, wie für 
das Zusammenleben ein unerläßliches Bedürfnis. Die Liebe verwandelt das 
strenge Sollen des Kantianismus in ein freudiges Mögen, ohne doch der 
Reinheit der Absichten irgendwie Eintrag zu tun. 

Je mehr der Blick sich für die Zusammenhänge der menschlichen Exi- 
stenzen schärft, desto klarer stellt sich heraus, daß die Liebe sich erst in der 
universalen Nächstenliebe, welche bekanntlich auch die Fernstenliebe ein- 
schließt, vollendet. Was der Stifter des Christentums dank einer tiefen Ver- 
senkung ins Wesen der Einzelnen, besonders der Geringen, ihrer Nöte, Kräfte 
und Fähigkeiten, sowie dank der eigenen Liebesmacht als stärkste subjektive 
und objektive Gewalt erlebte, hat sich im Spiegel der Geschichte und der 
analytischen Anthropologie bewahrheitet : Es gibt ein Lebensgesetz der Liebe, 
dem der Einzelne weder bei der eigenen I^bensentfaltung, noch bei der Ge- 
winnung höchster Gemeinschaftsformen die Anerkennung versagen darf. 

Dieser Grundsatz der Liebe, die von den primären und primitiven 
Lebensäußerungen bis hinauf zu den grandiosesten Kulturleistungen und 
Handlungen des ethischen Heroismus überall nachweislich ist, wo nicht 
Verdrängung dem ethischen Verhalten Anmut, Frische und Freudigkeit 
nahm, muß nun auch bei der Eingliederung des Einzelnen ins Gesamt- 
leben vorherrschen. Die Psychoanalyse, die selbst die brutal verleugnete 
Sexualität in den höchsten und reinsten Anwendungen der Nächstenliebe 
oft als Unterton, immer aber als Triebkraft nachweist, verfällt deshalb dem 
Naturalismus keineswegs, weil sie die Tatsachen der Sublimierung und 
Versittlichung kennt. 

Hätten wir ein ethisches Gebäude zu entwerfen, so müßten wir nun 
zeigen, wie Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Treue, Ritterlichkeit, Großmut, 
Erbarmen, aber auch eheliche Treue, Elternliebe und andere Sozialtugenden 
sich aus der Nächstenliebe ableiten lassen. Die psychoanalytische Erfahrung 
käme uns dabei trefflich zustatten, indem sie zeigte, wie das Leben nach 
den diesen Tugenden entsprechenden Normen, sofern es von allzu starken 
und ausgedehnten Verdrängungen freibleibt, auch biologisch zu billigen ist, 
insofern der gestaute Lebensdrang sich diesen Normen im Sinne der Lebens- 
förderung zuwenden kann. 

Anstatt diese Bahn weiter zu verfolgen, wollen wir uns, da wir uns ja 
auf Andeutungen beschränken müssen, einer anderen Aufgabe zuwenden. 



'_J* 



Psvd'oanalyse Dnd \V r eltaiisiLauunx 77 

Der Begriff des Leben« erlangt nämlich bei Anwendung des ethogene- 
tischen Verfahrens allmählich einen anderen Sinn. Anfangs brauchten wir 
ihn im Sinne der naturwissenschaftlichen Biologie, die pflanzliches, tieri- 
sches und menschliches Leben umfaßt. Es handelte sich dabei um die 
Erhaltung des physischen Organismus und seiner wichtigsten Funktionen. 
Bei steigender Entwicklung tritt nun aber mehr und mehr das psychische 
Leben hervor, und das organische Dasein sinkt zu seiner Basis und Vor- 
bedingung herab. Wir haben hier wieder eine jener Gefühlsverlegungen 
vor uns, die wir als ein so wichtiges Merkmal der ethischen Entwicklung 
erkannten. Diese allmähliche Stärkerbetonung des Geistigen gilt es noch 
etwas näher zu prüfen. Es sei aber zum voraus darauf hingewiesen, daß 
nicht alle Individuen an dieser Sublimierung und Versittlichung in einer 
Weise teilnehmen, die der von uns als richtig erkannten ethischen Norm 
entspricht. Schließlich ist dies bei allen Normen der Fall. 

Zur Ausweitung des Lebens trägt bei der Intellekt. Es ist hier nicht 
zu zeigen, wie durch Instinkt und Erfahrung das Chaos der Empfindungen 
zu Wahrnehmungen geordnet wird, wie sich Vorstellungen, Erwartungen, 
Wünsche, imaginäre Wunscherfüllungen (Freuds auch für die Ethogenese 
hochwichtigen Infantilhalluzinationen), Urteile bilden, wie Begriffe und 
Ideen zustande kommen. Aber darauf sei hingewiesen, wie das Denken in 
der Lebensökonomie immer mehr Gewicht erlangt und immer mehr von 
dem Zwecke der Erhaltung des physischen Daseins sich entfernt. Das 
Interesse, die Wahrheit zu erkennen, auch wo sie keinen Vorteil verspricht, 
wird stärker. Das Denken als solches kann lustvoll werden und als Be- 
dürfnis empfunden werden. Wir beobachten, daß dieses Denken um des 
Denkens willen, diese Betonung des Funktionalen im Denken ohne Bück- 
sicht auf das Objekt oder den Gewinn dieses Denkens häufig dort eintritt, 
wo keine Liebe zu den Menschen und zum eigenen Leben vorhanden ist. 
Die Freude wird vom Objekt des Denkens oder von seinem Ertrag für das 
Leben auf die Funktion des Denkens zurückgezogen. Man flüchtet sich in 
sie, weil man der Realität entgehen will. Oder man beschäftigt sich mit 
wirklichkeitsfernen, imaginären Gegenständen, wie manche Zweige der 
Scholastik. Die Analyse weist nach, daß dieses Gebaren eine Verkümme- 
rung der Gesamtpersönlichkeit zur Folge hat, wie es auch aus schweren 
Entwicklungshemmungen hervorgegangen ist. Ein derartiger Befund wird 
das ethische Urteil vom Intellektualismus, seiner Verkürzung des Gemüts- 
lebens und des menschlichen Lebensbedürfnisses abschrecken. Es sei zu- 
gegeben, daß die Welt auch den Intellektualisten manches zu verdanken 






78 Dr. Oskar Pfislcr 






hat, aber als normale Lebensentfaltung können wir jene Denkweise schon 
darum nicht gelten lassen, weil eine ungeheure Verschwendung von not- 
wendigen Lebensgütern jene Hypertrophie des Intellektes überwiegt, und 
weil auch die imposantesten Gedankengebäude, die aus Verdrängung der 
Gemütswerte hervorgingen, höchst einseitig ausfallen und, sofern sie eine 
Ethik enthalten, unbestreitbare Vorzüge mit schweren Nachteilen bezahlen. 

Soll der Schwerpunkt des Lebensinteresses von den animalischen in die 
geistigen Funktionen verlegt werden, so müssen wir daher vom Standpunkt 
der Analyse aus verlangen, daß das Denken mit den Gemütsfunktionen 
gepaart sei und ebensowohl die intellektuellen, als die Triebansprüche be- 
rücksichtigen muß. Gefühl und Denken erweitern sich Hand in Hand. Die 
Gatten-, Eltern- und Kindesliebe erweitert sich bis zur allgemeinen Men- 
schenliebe, wobei aber die innige Beziehung zu einem engen Kreis die 
notwendige Basis und Voraussetzung der Fernstenliebe bildet. Ohne dieses 
starke Lieben Einzelner würde die allgemeine Menschenliebe leicht zu 
einem färb- und kraftlosen Millionenumschlingen und Alle weltküssen aus- 
arten. Und schließlich bildet sich unter Mitwirkung eines universalen 
Denkens auch eine persönliche Beziehung zum Weltganzen und dem es 
durchdringenden Entwicklungswillen. Anerkennt man einen Sinn, eine 
Bestimmung des Menschenlebens, so setzt dies selbstverständlich eine geistige 
Macht voraus, welche diese Geistesart schuf. Man müßte denn sein Kau- 
salitätsbedürfnis, das man überall zur Anwendung zu bringen befugt ist, 
an diesem Orte in Fesseln schlagen oder verleugnen, was logisch nicht 
berechtigt ist. 

Bei dieser Horizonterweiterung vollzieht sich wiederum eine Gefühls- 
verlegung, die logisch gerechtfertigt wird. Während der primitive Mensch 
sich nur sich und etwa seiner Familie verantwortlich fühlt, nimmt bei 
höherer Entwicklung das Volk und später die Menschheit, ja im religiösen 
Menschen der ethische Universalwille den Vorrang ein. So kann sich unter 
Umständen ein ethisch hochentwickelter Mensch für sein Volk oder die 
Menschheit freiwillig opfern. Das Gesamtleben wird wichtiger, als das 
Einzelleben. Das Höchste, das erstrebt werden kann, ist dabei, sich für 
dieses Gesamtleben derart einzusetzen, daß es seiner obersten Bestimmung 
nähergebracht wird. Nennt man unendlich hohe Ziele Ideale, so führt 
die ethogenetische Normengewinnung zuletzt dahin, dem Einzelnen die 
Pflicht der liebevollen, freien, absoluten Hingebung an die Ideale aufzu- 
decken. Daß diese Ideale in nichts anderem bestehen können, als in der 
größtmöglichen Förderung der Nebenmenschen in bezug auf leibliche 



Psydioanalysc und vv cltaiisdiaiuing __ 



Wohlfahrt, noch mehr aber in bezug auf seine geistig-gemütliche Entfaltung 
und auf die ihr entsprechenden Formen des Gemeinschaftslebens, liegt auf 
der Hand. Was immer an verschiedenen Idealen aufgestellt werden kann, 
läuft (mit Einschluß der Kunst, Wissenschaft und Technik) schließlich auf 
dieses eine Ideal hinaus. Der letzte Schritt, der dann noch möglich ist, 
besteht darin, daß man die Menschheit als Teil eines absoluten Lebens 
auffaßt, und /.war eines absoluten Geisteslebens, das allerdings seine höchsten 
Absichten, soweit sie für uns erkennbar sind, in der Erziehung des Menschen- 
geschlechtes zum Gewinn der höchsten Lebensgüter vollendet. Die Religion 
wagt diesen Schritt und richtet demgemäß das Leben ein. 

So gelangt man zu einem höheren Lebensbegriff, als der Naturalismus, 
indem die geistig-sittlichen Güter, die W T elt der Ideale oder besser die Welt 
des Ideals Kern und Stern des menschlichen Strebens wird. Und nicht nur 
die Ausführung von Handlungen, die diesem Ziele näher führen, erlangen 
sittliche Wertschätzung, vielmehr liegt der Schwerpunkt in der Gesinnung 
des Handelnden, nicht im äußeren Werk. Wer in der steten Bereitwilligkeit 
lebt, für dieses Ideal zu leben und alles zu opfern, der ist des höchsten 
Lebens teilhaftig. Man lebt von dem. wofür man lebt. Für das aufgestellte 
Ideal leben, heißt für die höchste Liebe und in ihr leben, damit aber auch, 
ohne dem kantischen Rigorismus zu verfallen, sich der höchsten Pflicht 
hinzugeben, denn es gibt schlechterdings keine Pflicht, die nicht aus der 
Natur- und Geistesbestimmung der Liebe hervorginge. 

Von hier aus ergibt sich der Sinn und die Ausgestaltung der einzelnen 
Lebensgebiete. Die wirtschaftlichen Güter sind als die natürliche Basis 
aller Lebensentfaltung anzusehen und zu behandeln. Unermeßliches soziales 
und politisches Elend ergibt sich daraus, daß sie infolge der angedeuteten 
falschen Gefühlsverlegung aus ihrem organischen Dienstverhältnis innerhalb 
des Gesamtlebens herausgerissen werden und sich zum höchsten Lebens- 
zweck aufschwingen. Die Psychoanalyse liefert unentbehrliche Leitlinien für 
eine neue Betrachtung der Wirtschaftsgeschichte. Sie zeigt, wie der Geld- 
hunger, die Ländergier, das Kriegsgelüste mit Verdrängungen zusammen- 
hängen. Sie weist ferner nach, wie die wohlgesinnten, oft vom Standpunkt 
erhabener Ideale aus geforderten Besserungsvorschläge so lange in der Luft 
schweben, als die psychologischen Voraussetzungen dieser Sublimierungs- 
prozesse nicht hergestellt werden. Eine Untersuchung der gesamten wirt- 
schaftlichen und politischen Geschichte unter dem Gesichtspunkte der Ver- 
drängung und der Sublimierung gehört zu den dringendsten Bedürfnissen 
der Gegenwart. Es würde sich zeigen, daß nur durch Erschließung eines 



8o Dr. Oskar Pfister 



freien Gemütslebens und einer hochgeistigen Betätigung der innere und 
äußere Krieg zu vermeiden sind. 1 

Auch das Zusammenleben der Menschen ist unter dem Gesichts- 
punkt der höchsten Lebensentfaltung zu ordnen, die Familie, der Staat 
die Gesellschaft, die Menschheit. Überall ist darauf zu achten, daß der 
kleinere Organismus (Mensch, Familie, Staat, Volk) dem ihn einschließenden 
größeren so eingefügt werde, daß weder eine Hyper- noch eine Atrophie 
entstehe. Wir können aus psychoanalytischen Beobachtungen nachweisen, 
wie die vermeintliche Bereicherung durch den Familien- oder Völker- 
egoismus in Wirklichkeit gleich jeder Naturwidrigkeit eine Lebensberaubung 
darstellt. Der Widerspruch zwischen dem tatsächlichen organischen Zusammen- 
hang der Menschheitsglieder und dem Parti.kularismus der Denkweise ist 
das Produkt einer schlechten Psychologie, die von den vorhandenen, großen- 
teils durch Verdrängungen bewirkten Sympathien und Antipathien aus ihre 
Pläne entwirft, anstatt jene Gefühlsgrundlagen analytisch zu bereinigen. 

Der höheren Lebensforderung hat sich die Wissenschaft zu beugen' 
Damit schützt sie sich selbst vor der Öden Formalistik, die heute sogar 
manche exakte Wissenschaften, vor allem die Psychologie, zur Unfruchtbar- 
keit verurteilt. Die furchtbare Intelligenzverschwendung, über die Tolstoj, 
Poincare u. v. a. mit Becht ungehalten sind (man erinnere sich an ihren 
Spott über das Zählen der Blattläuse!), kann nur durch eine bewußtere 
Einfügung in das Gesamtleben überwunden werden. Hört die Wissenschaft 
auf, immerwährend aus den Quellen des Lebens zu trinken, und sie hat 
es nur zu oft getan, so verfällt sie einem zwangsneurotischen Grübeln und 
erbärmlicher Bationalistik. Es wäre sehr wünschbar, daß einmal die Ge- 
schichte der Wissenschaften unter diesem Gesichtspunkt geschrieben würde. 2 

Dasselbe gilt von der Kunst. Sie darf nicht nur ein Gefäß sein, in das 
man seinen Überschuß an Gefühlen und Wünschen schüttet, nicht nur 
eine Verdopplung der Wirklichkeit durch ihre Nachahmung, nicht nur ein 
autistisches Gottspielen durch Herstellung einer Welt nach eigenem Ge- 
schmack, wie es bei vielen Expressionisten der Fall ist. Vielmehr soll sie 
eine wirklichkeitsgerechte, sinnbildliche Überwindung der dem Vorhandenen 
anhaftenden Unvollkommenheiten sein. Sie steht um so höher, je tiefer sie 
die Weltnöte, die Weltkräfte und die gültigen Ziele der Befreiung von der 
Weltnot erfaß t hat und in ihren Schöpfungen zum symbolischen Ausdruck 

i) Vgl. meinen Aufsatz: Zur Psychologie des Krieges und Friedens. 
2) Vgl. meinen Aufsatz : Das Kinderspiel als Frühsymptom krankhafter Entwicklung, 
zugleich ein Beitrag zur Wissenschaftspsychologie. Zum Kampf um die PsA. S. 429 ff.' 



Psychoanalyse und Weltanschauung 



bringt. 1 Die Kunst für die Kunst ist ein Widerspruch; nur als Trösterin, 
Friedebringerin, Führerin zu höherer Lebensgestaltung hat die Kunst wahre 
Berechtigung. Echte Kunst aber gehört zu den wertvollsten Mitteln und 
Geschenken der Sublimierung des Gesamtlebens, und je deutlicher wir 
erkennen, daß die Veräußerlichung unserer Kultur mit Hilfe des prakti- 
schen Materialismus, Kapitalismus, politischen Imperialismus, wissenschaft- 
lichen Intellektualismus im Interesse eines besseren und der wahren Natur 
unseres Geistes genauer entsprechenden Daseins verlassen werden muß, desto 
höher schätzen wir die Kunst. 

Nur im Zusammenhang des absoluten Lebens können wir auch die 
Religion richtig verstehen und auf den ihr zukommenden Ausdruck bringen. 
Wenn heute nicht nur viele unsublimierte Sybariten, sondern auch manche 
tiefdenkende Geister über die Religion, besonders die vorherrschenden Reli- 
gionen, abschätzig urteilen, so ist dies wahrlich nicht unbegründet. Wie 
oft hat die Religion durch eine verdrängungssüchtige Ethik dem Leben 
Kraft entzogen und durch Orthodoxie den Intellekt, durch Zeremonialismus 
Gefühl und Willen auf schädliche zwangsneurotische Bahnen gezerrt! Das 
zum Ersatz angebotene Leben aber war so eng. muffig, wirklichkeitsfeind- 
lich, daß unverkrüppelte Seelen sich in ihm nicht heimisch fühlen konnten. 

Allein es wäre ungerecht und kurzsichtig, in diesen Schädigungen die 
Wirkungen der Religion aufgehen zu lassen. Wenn eine naive Religiosität 
auch wirklich, wie Freud mit Recht tadelt, durch die Berufung auf Gott, 
der alles geschaffen habe, den Erkenntnistrieb beeinträchtigte, so hat sie 
anderseits das tiefere Nachdenken über Welt und Leben unermeßlich ge- 
fördert, wie die Geschichte der Ethik und Philosophie hundertfältig zeigt. 
Und wenn eine verkehrte kirchliche Autoritätsgläubigkeit das selbständige 
Denken oft entmannte, so hat anderseits erst das religiöse Erlebnis vielen 
kühnen Geistern Mut und Kraft zu den gewaltigsten Neuerungen verliehen 
und prachtvoll selbständige und schöpferische Persönlichkeiten ins Leben 
gerufen, wie die ethischen und religiösen Religionsstifter aller Zeiten ge- 
nügend nachweisen. 

Mit wenig Worten sei das Wesen der Religion angedeutet. Die Kunst 
löst die Lebensschwierigkeiten durch bildliche, sinnbildliche Darstellung. 
Ob das Dargestellte wirklich sei oder nur in der Einbildung vorkomme, 
ist für die Kunst belanglos. Ebenso kümmert sich diese nicht darum, ob 



l) Vgl. meine Schrift: Wahrheit und Schönheit in der Psychoanalyse, Rascher, 
Zürich. 

Pf ister: Psychoanalyse und Weltanschauung. 6 



Dr. Oskar Pfislcr 



das im Kunstwerk Geschaffene in der Wirklichkeit ausgeführt werde oder 
nicht. Sie fordert nichts. In kausaler, wie in finaler Hinsicht setzt sich die 
Kunst über die Wirklichkeit hinweg. 

Anders die Religion. Ich definiere sie als In-Verbindung-Stehen des 
Menschen mit übermenschlichen, aber real gedachten geistigen Kraftzentren. 
Auch sie geht von Lebenshemmungen aus und sucht sie zu überwinden. 
Aber sie tut es nicht unter Verzicht auf die in der Wirklichkeit vorhan- 
denen Kräfte, sondern im Gegenteil im Sinne der hinter der empirischen 
Oberfläche waltenden Tendenzen, d. h. geistigen Realitäten. Die Religion 
sucht, wie die Philosophie, hinter dem äußeren Aspekt der Wirklichkeit 
ein wahres Sein ; sie glaubt an ordnende Mächte, die anfangs ganz anthro- 
pomorph gedacht werden. Allein man muß sich davor hüten, diese primitive 
Mythologie zu verachten und sie des reinen Illusionismus zu bezichtigen. 
Gerade die Psychoanalyse hat manchen Mythen einen sehr tiefen und wahren 
Kern abgewonnen. Ihr verdanken wir auch die Einsicht, daß wichtige 
Erkenntnisse von höchstem wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt in symbo- 
lischer Form aus dem Unbewußten hervorzubrechen pflegen. Dem psycho- 
logischen Rationalismus mag dies ein Ärgernis sein, dem freien Seelen- 
forscher ist es keines. Anderseits zeigt die lange Reihe großer Philosophen, 
welche die Religion in ihr System aufnahmen, daß auch die schärfste Kritik 
mit der naiven Schale noch keineswegs den Wesenskern der Religion zer- 
störte. Es wird auch keinem vorsichtigen Psychoanalytiker einfallen, durch 
die Aufdeckung des in der Vorstellung eines Vatergottes steckenden Vater- 
komplexes nun die Irrealität der in jenem religiösen Symbol steckenden 
Gedanken festgestellt zu haben. Daß ordnende, also geistige Mächte in der 
kosmischen Entwicklung zum Ausdruck kommen, und daß das empirische 
Geistesleben nicht als Zufallsprodukt eines ungeistigen Werdeganges auf- 
trete, daß die ethische Anlage und Restimmung des Menschen auf einen 
zwecksetzenden Weltwillen zurückgehen, sind denn doch Annahmen, die 
sich bei Anwendung des kausalen Regresses mit Notwendigkeit ergeben 
wenn man nicht den Zufall zum Gotte stempelt, der das Denken gewaltsam 
verbietet, und es sind Annahmen, denen keinerlei Widerlegung die Re- 
rechtigung abspricht. Und wie stark das in der Religion gewiß sehr häufig 
tonangebende Denken nach dem Wunschprinzip durch das Gebot des Real- 
denkens überwunden wurde, wie stark manche religiöse Menschen unter 
dem Einfluß der Tatsachen und der Logik gezwungen wurden, ihre Lieb- 
lingsgedanken oft unter herber Qual preiszugeben und an geklärte religiöse 
Ansichten zu vertauschen, ist jedem Kenner der Frömmigkeitsgeschichte 



Päydioannlysc und Weltniisdiauiuig 33 



wohl bekannt. Aber diese Realkorrektur hat die Religion keineswegs um- 
gestoßen, sondern sie vielmehr gehoben und veredelt. 

Erweist sich die hochentwickelte Religion in dieser steten Berücksichti- 
• gung des tatsächlich Gegebenen als Verwandte der Wissenschaft, vor allem 
der Philosophie, so ist sie in prospektivischer Beziehung eine Schwester der 
Ethik. Die Kunst fordert nichts von ihrem Empfänger, die Religion viel, 
ja auf den Höhepunkten alles, die Hingabe des ganzen Menschen an ihre 
Ideale. Während die autoritativ-heteronomen Religionen die Ethik aus der 
Religion ableiten und das Sittengebot aus supranatural entstanden gedachten 
Offenbarungen herübernehmen, geht die Religionsbetrachtung seit Kant 
den umgekehrten Weg, indem sie das aus dem Wesen des Menschen und 
der Wirklichkeit abgeleitete Sittengebot als Ausdruck eines absoluten Willens 
anerkennt. Gott ist ihr so das geistige Kraftzentrum, von dem die physische 
und moralische Weltordnung ausgeht. 

Mit der Kunst hat die Religion gemein, daß sie sich des Symboles mit 
Vorliebe bedient, wenn es auch nicht in höherem Grade der Fall sein 
muß, als etwa bei der Philosophie und in der Gelehrten spräche überhaupt. 
Die Kunst enthält in ihren Darstellungen viele Werte, die wir nicht in 
Worte zu fassen vermögen. Was der Oberflächliche für bloßen Schein hält, 
birgt vielleicht unendlich hohen Wirklichkeitsgehalt. Das Sinnbild, und 
jedes Kunstbild ist zugleich auch Sinnbild, trägt den Vorzug der relativ 
leichten Faßlichkeit und der Unerschöpflichkeit, ferner den der höchsten 
Gefühlskapazität, dafür entbehrt es der Klarheit und Bestimmtheit des inhalt- 
lich unvergleichlich ärmeren Begriffes. Darf man es da der Religion ver- 
übeln, daß sie ihre hohen Erkenntnisse und Ahnungen gleich der Kunst 
in Symbole kleidet, ja nach Putnams Zeugnis ein künstlerisches Schaffen 
meistens einschließt? Wenn wir mit Achtung von den Inspirationen des 
Künstlers reden, sollen wir die großen Gesichte eines Mose, Arnos, lesaja, 
Jeremia, Jesus, Paulus geringschätzen? Es hieße, das Wesen des genialen 
Menschen gänzlich mißverstehen, wenn man dem religiösen Menschen ver- 
sagte, was man dem Künstler ohne weiteres einräumt. 

Nur müssen wir vom religiösen Menschen, der allgemeingültige Aus- 
sagen über Sein und Sollen tut, mit größter Bestimmtheit verlangen, daß 
er mit größter Unbefangenheit, unbekümmert um alle äußeren Autoritäten, 
diejenige Eingliederung in das Gesamtleben sucht, die seinen höchsten 
Fähigkeiten entspricht. Die Kunst findet diese aktive und passive Einfügung 
vor- und darstellend, die Wissenschaft denkend, die Ethik handelnd und 
duldend. In jeder vollkommen durchgeistigten Religion finden wir die 



6- 



84 Dr. Oskar PfLstcr 









Synthese aller dieser Funktionen, und zwar in hochwertiger Ausprägung 
und Harmonie. Wer diese Frömmigkeit besitzt, verfügt über ein Lebens- 
zentrum, das bei voller Entfaltung schöpferischer Freiheit die Wirklichkeit 
mit Idealwerten erfüllt und sie ähnlich oder mehr bereichert, wie wenn 
der Künstler die formlosen Farben seiner Palette zum Kunstwerk an- 
einanderfügt. 

Religion darf somit niemals mit einzelnen religiösen Formen, Zeremonien, 
Dogmen, Kirchenbildungen usw. verwechselt werden. Es ist sehr bemerkens- 
wert, daß in protestantischen Landen recht viele religiöse Führer sich gegen 
die Kirchen und ihre äußeren Betätigungsformen ablehnend oder kühl 
verhalten. Religion ist durchaus ein persönliches und innerliches Sich-Er- 
faßt-Fühlen von jenem idealen, zugleich real gedachten Kraftzentrum, das 
mit dem Namen Gottes bezeichnet wird. 

y) Die Ausbildung der sittliaien Jrersönlidikeit 

Das ethogenetische Verfahren führte uns über eine physiologische und 
soziologische Biologie oder besser (da es sich um eine Normwissenschaft 
handelt) Diätetik hinaus zu einer idealistischen Lebenslehre. Die Psycho- 
analyse gab uns für ihre Ausgestaltung mancherlei wertvolle Winke, allein 
es wird niemand behaupten, daß sie allein die Ziele des ethischen Strebens 
aus eigenen Mitteln hätte angeben können, ist sie doch eine beschreibende 
und erklärende, nicht eine normgebende Wissenschaft. Waren die analytischen 
Gesichtspunkte, aus einer vertieften Seelenkenntnis durch die eindrucks- 
vollsten Materialien begründet, für die ethische Betrachtung überaus wichtig, 
so ist dies erst recht der Fall bei den Normen, die sich auf die Psychologie 
der ethischen Persönlichkeit beziehen. 

Als höchstes Moralprinzip ergab sich uns die Forderung: „Verhalte 
dich stets so, daß du das Gesamtleben gemäß deiner höchsten 
Bestimmung und deiner Begabung bestmöglich förderst." Von 
dieser Norm aus ergeben sich die ethischen Forderungen an die Einzel- 
persönlichkeit. Wir können sie zusammenfassen in dem Satze: 

«Trachte deine Kräfte in ein derartiges Verhältnis zueinander 
zu bringen, daß sie der höchsten Norm am zweckmäßigsten 
dienen." 

Doch wie wird dieser Forderung am besten genügt? Die Psychoanalyse 
hat dieses Problem brennend gemacht. Sie lernte einsehen, daß es nicht 
genügt, wenn die im Bewußtsein vorhandenen niedrigen Triebe sich den 



PsyAoanalyie und \V cltonsdiauung {$5 



Impulsen des sittlichen Entscheides fügen, sondern sah sich zu der unendlich 
viel tiefergreifenden Forderung genötigt, auch die unbewußten seelischen 
Kräfte dem sittlichen Zweck zu unterwerfen. 

Doch wie geschieht dies am besten? Gehört zum ethischen Per- 
sönlichkeitsideal, daß es von Verdrängungen frei sei? Die Frage 
ist nicht ganz einfach zu beantworten. Dagegen spricht, daß alle wahre 
Kunst aus dem Unbewußten quillt, somit Verdrängungen voraussetzt, ferner 
daß bisher alle großen ethischen Reformen von Persönlichkeiten ausgingen, 
die ebenfalls aus dem Schatze des Unbewußten ihre Neuschöpfungen 
hervorgeben. Allein, können wir die Künstler und Propheten missen? 

Wenn wir zugeben, daß das Leben mehr ist als die Kunst und die 
Prophetie, so räumen wir auch ein, daß in einem vollkommenen Leben sie 
beide überflüssig wären. Denn sie beide entspringen dem Mangel und sind 
eine symbolische Vorwegnahme des ersehnten höheren Zustandes. Daher 
würde ein ideales Leben sie einholen und sich selbst an ihre Stelle setzen. 
Die Abwesenheit jeglicher Verdrängungen und die absolute Bewußtheit des 
Psychischen wären mit einem idealen Dasein vereinbar. 

Nun aber müssen wir mit den realen Verhältnissen rechnen, und sie 
überzeugen uns nur zu bald, daß der Verwirklichung dieses Gedankens 
große Schwierigkeiten im Wege stehen. Freud macht darauf aufmerksam, 
daß es eine absolute Analysiertheit und Bewußtmachung des Unbewußten 
nicht gibt. Und wenn sie heute erreicht wäre, so könnte sie schon morgen 
wieder durch neue Verdrängungen beseitigt sein. Feinfühlige und tief- 
blickende Menschen werden unter dem Konflikt zwischen Ideal und Leben 
immer schwerer leiden als die große Masse, sie ergründen die Not unendlich 
viel tiefer und suchen unendlich viel schwerer zu erfassende Erlösungswege 
als die Durchschnittsmenschen. Darum kann es nicht ausbleiben, daß die 
gewaltigsten Erkenntnisse mit Hilfe des Unbewußten im Symbol vorweg- 
genommen werden, und wenn die Wahrheit Hüllen trägt, so ist sie darum 
nicht weniger die Wahrheit. Wir werden daher nie eine Zeit ohne Kunst 
und Prophetie zu erwarten haben. 

Allein für die Normgebung ist dies nicht ausschlaggebend. Kein ethisches 
Ideal ist zu verwirklichen. Das höchste Ideal wäre ohne Zweifel die Frei- 
heit von Verdrängungen, ein Zustand, bei dem auch die unterschwelligen 
Schichten der Seele vom Licht des Bewußtseins durchstrahlt waren; die 
Wahrheit hätte ihre Schleier fallen lassen, die sittliche Vollendung läge 
nicht nur im Zauberspiegel des Symbols vor uns. Die göttliche Wahrheit 
des Sehers erhöbe sich zur wahren Göttlichkeit des absoluten Schauens. 



86 Dr. (Mar Pßiter 



Übersehe aber niemand, daß dieses Ideal zu den chiliastischen Hoffnungen 
gehört! Fragen wir nach den Zielen, die der Einzelne zu erstreben hat, so 
können wir das größtmögliche Maß von Bewußtheit nicht unbedingt zu 
ihnen rechnen. Es gibt Dichter, die in ihren Manifestationen dem idealen 
Gesamtleben weit wirksamer und tiefsinniger dienen, als wenn sie ver- 
drängungsfrei wären. Echte Werte, die sie in ihrer künstlerischen Intuition 
erfassen, leiden allerdings nie, wenn sie dem Vollbewußtsein zugeführt 
werden. Aber weil der Künstler, dem Prediger gleich, mit dem Unbewußten 
der übrigen Menschen zu rechnen hat, das nicht dem reinen Gedanken, 
sondern dem symbolischen Lockruf des Unbewußten folgt, wäre eine größt- 
mögliche Seelendurchleuchtung leicht ein Verlust der prophetischen Mission. 
Was der Mensch gewänne, verlöre der Künstler. Wo die Grenzen der Be- 
wußtmachung liegen, läßt sich daher nicht allgemein angeben. Bricht der 
Künstler unter seinen Fixierungen zusammen, da ist Analyse selbstver- 
ständlich. Aber wie weit man zu gehen hat, nachdem Existenzfähigkeit 
gefunden wurde, ist in jedem Einzelfall zu entscheiden. 

Am ehesten darf vom Gelehrten möglichste Annäherung an den Zustand 
absoluter Durchleuchtung der Seele verlangt werden. Sie schützt vor allem 
vor dem dürren Intellektualismus, der aus Verdrängung des Gefühlslebens 
hervorgeht. Der freie Mensch ordnet auch die wissenschaftliche Arbeit dem 
idealen Gesamtleben unter und ist dadurch vor der Öden Formalistik und 
unfruchtbaren Lebensferne des neurotischen Grüblers geschützt. 

Wir gelangen somit zu der Forderung: 

Die psychischen Zonen (Bewußtes, Vorbewußtes und Unbewußtes) 
sowie die in ihnen enthaltenen Abstufungen sollen in einem derartigen 
Verhältnis zueinander stehen, daß sie dem idealen Gesamtleben 

am besten dienen. Diesen Grundsatz nenne ich das Prinzip der Harmonie 
der psychischen Zonen und Schichten. 

Erkundigen wir uns nach der Ausführung dieses Prinzips, so ergeben 
sich mit Leichtigkeit andere Normen. Zur richtigen Beziehung der Zonen 
und Schichten gehört, daß die primären Triebe sich den sittlichen 
Strebungen unterordnen. Wir sahen, daß ohne diese Einordnung nicht nur 
das Gemeinschaftsleben, sondern auch das höhere Individualleben aufs 
schwerste, unter Umständen bis zur Vernichtung geschädigt würde, während 
bei der organischen Einfügung in das absolute Gesamtleben auch für die 
Entfaltung der sich unterordnenden Funktionen und Lebenszentren bestens 
gesorgt ist. Aber auch aus einem anderen Grund ist das sublimierte Streben 
mit den stärksten Gefühlstönen auszustatten: Weil es sich nur unter 



_ 



Psychoanalyse und Weltanschauung g- 



ständigem Kräfteaufgebot erhalten läßt. Mit der Versittlichung verhält es 
sich, wie mit der Wärme: Sie trägt in sich die Tendenz des Abflauens. 
Deshalb ist in der Erziehung, wie in der Ethik der unaufhörliche Kampf 
um das Leben im Ideal zu betonen. Ich nenne diese Forderung das Prinzip 
der Vorherrschaft des Sublimierten und dehne seine Gültigkeit auf 
die weitesten Bezirke der Psyche aus, auch auf die Primärtriebe (Ver- 
sittlichung). 

Wer sich psychoanalytisch betätigte, nimmt eine Forderung, die zuvor 
nicht erhoben wurde, recht ernst: Die der psychologischen Echtheit. Viele 
Ethiker wiesen darauf hin, daß der Mensch gegen sich selbst wahr sein und 
sich auf sich verlassen können müsse. Wohin führen Gewissen, Vernunft, 
Liebe, wenn morgen schon ihr Spruch ganz anders als heute lautet? Der 
zwiespältige, vom Unbewußten gegängelte Mensch aber ist vor solcher 
Nasführung nie sicher. Er kennt seine wahren Beweggründe sehr oft nicht 
und läßt sich auf der Bewußtseinsbühne narren. Er kann aber auch sehr 
bald zu den heute unter dem Einfluß einer unbewußten Einstellung ge- 
faßten Vorsätzen nicht mehr stehen, und wenn er sich durch frühere Ent- 
schlüsse bestimmen läßt, wird er untreu gegen sich selbst. Darum drängt 
die psychoanalytische Vertiefung der Individualethik dazu, die Echtheit im 
Sinne der psychologischen Geschlossenheit und Sicherung gegen die das 
Bewußtsein mitreißenden Schwankungen des unbewußten zu fordern. 

Endlich verlangen wir im Namen der analytischen Erfahrung die Freiheit 
der Persönlichkeit, sofern wir fordern", daß die Pläne des Bewußtseins 
und ihre Durchsetzung ungestört durch den Zwang eines unterschwelligen 
Gegenwillens zustande kommen. 

Es konnte sich für uns natürlich nicht darum handeln, ein System der 
Ethik auszubauen. Immerhin glaube ich gezeigt zu haben, daß die Ethik 
von der Psychoanalyse nicht nur wichtige allgemeine Gesichtspunkte, sondern 
auch bedeutsame Tatsachen zur Aufstellung ethischer Normen entgegen- 
nehmen kann. 

B 

Die Bedeutung der Etkik für die Psychoanalyse 

Was die Ethik für die Psychoanalyse zu bedeuten hat, scheint mir Freud 
in den Umrissen unübertrefflich angedeutet zu haben. Ich habe aus zahl- 
reichen Beobachtungen die Überzeugung gewonnen, daß man die segens- 
reichsten Errungenschaften der Analyse verschleudert und das Wohl des 



88 



Dr. Oskar PÜster 



Analysanden gefährdet, wenn man von seinem Kanon abweicht. Ich muß dies 
um so lauter betonen, als man diese Irrwege mit dem Pathos des sittlichen 
Propheten anzupreisen beliebte. 

Zu warnen ist ganz besonders vor allzu früher Moralforderung. Seit 
einzelne Ärzte, die von Freud ausgingen, den sogenannten Aktualkonflikt 
für die Neurose allein verantwortlich machten und durch Suggestion von 
außen her oder durch die Suggestion einer mystischen Autosuggestion in 
Form der Deutung von Träumen, Einfällen usw. ihn überwinden wollten, 
ist diese Warnung sehr notwendig geworden. Man macht dabei oft in 
äußerst oberflächlicher Weise die „Trägheit" verantwortlich, wo offenbare 
Fixierungen infolge von Verdrängungen vorliegen. Dabei fällt man auf das 
voranalytische Drängen und Pressen zurück. Hätten jene Autoren die das 
Werk Freuds in so bedauerlicher Kurzsichtigkeit verunzieren, sich mit den 
Gesetzen der historischen Kontinuität und mit den Mechanismen der Ver- 
drängung sorgfältiger befaßt, es wären ihnen und ihren Klienten arge Ent- 
täuschungen erspart geblieben. - Es bleibt durchaus dabei: Die Bewußt- 
machung des Verdrängten auf Grund einer historisch-kritischen Reduktion 
ist der wichtigste und schwierigste Teil der Neurosenheilung 

Der zweite Hauptfehler, der dem Ethiker bei der Anwendung des psycho- 
analytischen Verfahrens droht, ist die aufdringliche und undifferen- 
zierte Moralpredigt, die bestimmte Konfliktslösungen vorschlägt. Dadurch 
verstärkt man den Widerstand, verhindert eine tiefergrabende Analyse, ver- 
ursacht entmutigende Enttäuschungen und Rückfälle, verhindert die An- 
eignung edler Selbstbestimmung und stößt den Analysanden leicht in immer 
tiefere Not. Besteht die Aufgabe darin, die wertvollsten Kräfte zu erlösen 
so ist eben darum Freuds äußerst sorgfältige Deutung der Symptome,' 
die Au suchung der unbewußten Motive, die Darlegung ihres Schicksals 
und vor der Verdrängung, die Entlarvung des beabsichtigten Neu- 
osengewinnes überaus ernst zu nehmen. Wer dabei aus Prüderie das Gebiet 
er Sexualität zu kurz kommen läßt, macht sich einer ganz besonders un- 
heilvoll wirkenden Versäumnis schuldig. 

Mit treffenden Worten hat Freud den Versuch zurückgewiesen, bei der 
Losung von Entwicklungshemmungen den Wunsch geltend zu machen, daß 
aer Kranke sogleich die höchsten sittlichen Ziele sich zu eigen mache 
Klar und weise betont Freud: „Aber auch hiebei sollte der Arzt sich in 
der Gewalt haben und weniger die eigenen Wünsche als die Eignung des 
Analysierten zur Richtschnur nehmen. Nicht alle Neurotiker bringen viel 
Talent zur Sublimierung mit; von vielen unter ihnen kann man annehmen 



Psychoanalyse und Weltanschauung g_ 

daß sie überhaupt nicht erkrankt wären, wenn sie die Kunst, ihre Triebe 
zu sublimieren, besessen hätten. Drängt man sie übermäßig zur Sublimie- 
rung und schneidet ihnen die nächsten und bequemsten Triebbefriedi- 
gungen ab. so macht man ihnen das Leben meist noch schwieriger als 
sie es ohnedies empfinden." Als Arzt muß man vor allem tolerant sein 
gegen die Schwächen der Kranken, muß sich bescheiden, auch einem nicht 
Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genußfähigkeit wiedergewonnen zu 
haben. Der erzieherische Ehrgeiz ist so wenig zweckmäßig, wie der thera- 
peutische. Es kommt außerdem in Betracht, daß viele Personen gerade an 
dem Versuche erkrankt sind, ihre Triebe über das von ihrer Organisation 
gestattete Maß hinaus zu sublimieren, und daß sich bei den zur Sublimie- 
rung Befähigten dieser Prozeß von selbst zu vollziehen pflegt, sobald ihre 
Hemmungen durch die Analyse überwunden sind. Ich meine also, das 
Bestreben, die analytische Behandlung regelmäßig zur Triebsublimierung 
zu verwenden, ist zwar immer lobenswert, aber keineswegs in allen Fällen 
empfehlenswert." ' Ich muß dieser Auffassung, durch Schaden belehrt, 
durchaus beipflichten. Das Gleichnis Jesu vom Unkraut unter dem Weizen 
(Matth. 13, 24 ff.) ist in seiner Milde auch für den Analytiker beherzigens- 
wert. Man muß das Unkraut, das unter den Weizen gesät ist, zunächst 
wachsen lassen. Würde man es ausraufen wollen, so zerstörte man auch 
den Weizen und würde den Kranken tiefer ins Elend hinabdrücken. 

Es ist daher einer der bedenklichsten Kunstfehler, mit Umgehung 
der sorgfältigen Analyse durch mitgebrachte moralische Betrachtungen 
den Ausweg aus den neurotischen Konflikten finden und empfehlen zu 
wollen. Dagegen leistet die Ethik und ihre Anwendung auf den Analysanden 
nach anderer Richtung wichtige Dienste: Sie zeigt, daß die psychoanaly- 
tische Arbeit selber ein sittliches Tun ist und fördert durch diesen Nach- 
weis Eifer und Mut, sie durchzuführen. Ich habe oft gesehen, wie gewaltig 
der Wille zur analytischen Arbeit gesteigert wurde, wenn der Klient er- 
kannte, daß es sich nur um den Kampf mit Illusionen, Lebenslügen, un- 
moralischen Gelüsten, unwürdigen Fesseln, um die Durchsetzung der Wahrheit 
und der Liebe im edelsten Sinne, also um den Erwerb hoher sittlicher 
Güter handle. Die „Verlockungsprämie" eines hohen, edlen Lebensinhaltes 
bildet eine außerordentlich starke Triebfeder, die schon in den oft so 
schwierigen Anfängen der Behandlung, aber auch in dem manchmel so 



1) Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. Ges. Schriften VI, 
S. 75 ^ 



9° Dr. Oskar Plistcr 






überaus zähe Ausdauer erfordernden Forlgang der Arbeit die wertvollsten 
Dienste leistet. Auch bei fanatischen Immoralisten, die aus Haß gegen 
das Bestehende alle möglichen Verstöße gegen die herrschende Moral 
begehen, ist der Wunsch nach einer höheren Lebensgestaltung oft recht 
stark. 

Die Ethik, hat sodann mitzureden bei der Stellungnahme zu gefährlichen 
Handlungen, die während der Analyse geplant werden und als neurotische 
Symptome zu betrachten sind. Der Analysand muß geschützt werden »egen 
Entschlüsse, die er fassen könnte, bevor er geheilt ist, und die daher sein 
späteres Leben schwer schädigen könnten. Der Analytiker kann nicht zu- 
geben, daß er sich in dieser Zeit eingeschränkter Handlungsfreiheit seinen 
krankhaften Gelüsten ausliefert und unter Umständen seine Zukunft zer- 
stört. Die Psychoanalyse ist daran mitbeteiligt, daß die aus dem Unbewußten 
gehobenen Energien sich voreilig z. B. einer törichten Verheiratung, einem 
verhängnisvollen Geschäftsunternehmen zuwenden; folglich muß sie auch 
Unheil verhindern, wo sie kann. Ich verpflichte alle meine Klienten, wäh- 
rend der Analyse keinerlei Handlungen von großer Tragweite zu unter- 
nehmen, bis deren Echtheit, ihr nichtneurotischer Charakter analytisch 
nachgewiesen ist. Paul I lg zeigt in seinem Drama: „Der Führer", wohin 
Analysanden kommen, wenn sie der Analytiker im Zustand schwerster 
neurotischer Befangenheit die schwierigsten Lebensentscheidungen treffen 
läßt. In diesem Werke jagt sich ein Kranker, der inmitten seiner neuro- 
tischen Wirren seine Beziehungen zu Eltern und Braut nicht zu ordnen 
vermag und ohne Beratung durch den Arzt die verantwortungsschwersten 
Handlungen begeht, schließlich eine Kugel durch den Kopf. Hätte er am 
Arzt den Vertrauensmann besessen, der unaufdringlich, aber mit dem Seelen- 
mikroskop der Analyse Klarheit verschafft und voreilige Schritte verhindert 
hatte, so wäre das Unglück nicht geschehen. 

Bei der Besprechung dringlicher Lebensentschlüsse, die neben der ana- 
lytischen Behandlung auftauchen, kann man sich auf den bloßen Nützlich- 
keitsstandpunkt versetzen. Dann urteilt man eben vom Standpunkt einer 
minderwertigen Ethik aus. Oder man begibt sich auf den Boden einer 
tieferen Ethik, die einen reicheren Lebensinhalt erschließt. In allen Fällen 
falscher ethischer Urteile, die sich aus Fixierungen ergaben, geht der 
Analytiker auf analytische Reduktionen aus. Es gibt Fälle, wo er positive 
ethische Argumente zur Geltung bringen muß, selbst wo er keine Räte 
erteilt. Und daß man mit Räten so kärglich als möglich umgehen soll, 
hörten wir Freud mit Recht empfehlen. 



S ■ 



Psychoanalyse und Weltanschauung „j 



Die ethische Betrachtung setzt ganz besonders kräftig ein, wenn man 
den Klienten zu den bewußt gemachten Wünschen und Plänen der Gegen- 
wart, wie zu denen der Vergangenheit und Zukunft Stellung nehmen läßt. 
Die Neurose, durch einen ethischen Konflikt entstanden, will durch einen 
besseren sittlichen Entscheid gehoben werden. Wir hörten schon, wie Freud 
in manchen Fällen eine Abfindung mit der herrschenden Sexualmoral 
fordert. Wir lobten die bescheidene Zurückhaltung des Arztes, der nicht 
gern in die innersten Glaubens- und Gewissensanliegen hineinredet. Aber 
gerade wenn wir die Ethik auch als Gesundheitslehre höchsten Stiles an- 
sehen, muß der Arzt eben doch auch von den Tafeln einer freien und 
sublimen Ethik lesen. 

Endlich bedürfen wir der Ethik, wenn man nach Freuds Forderung 
den Analysanden den höchsten und wertvollsten Kulturbestrebungen (wir 
sagten lieber: sittlichen Gütern) zuführen will. Worin diese bestehen, ist 
nach den Normen der Ethik festzusetzen. Keinem Arzt darf man zutrauen, 
daß es ihm gleichgültig sei, ob aus seiner Arbeit ein ethisch vollwertiger 
Mensch hervorgehe oder ein krasser Egoist. Seine Persönlichkeit wird, selbst 
wenn die Übertragung tadellos berichtigt ist, auch ohne absichtliche Be- 
einflussung der Lebensmaximen die ethische Richtung seines Klienten stark 
beeinflussen (s. o.). Daher wird der Arzt die Fragen über Sinn und Ziel 
des Daseins, mit denen die erhabensten Geister aller Zeiten gerungen und 
von deren Beantwortung so viel für unser Glück oder Unglück, unsere 
Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit abhängt, für seine Person recht ernst nehmen 
müssen. Ein sittlich haltloser Analytiker wäre ein innerer Widerspruch, 
da nur ein innerlich gereifter Mensch kunstgerecht zu analysieren versteht. 
Allein außerdem wäre zu wünschen, daß man die vom Begründer der 
Psychoanalyse zugemutete Entscheidung über die höchsten Kulturwerte von 
der Warte einer hochstehenden Ethik aus treffe. Damit leistet man, ohne 
je in den Fehler eines Abfalles von der analytischen Aufgabe zu fallen und 
sich in suggestives Drängen zu verlieren, seinen Pflegebefohlenen die wert- 
vollsten Dienste. Daß besonders die Behandlung jugendlicher Personen eine 
derartige ethische Bildung nicht entbehren kann, liegt auf der Hand. 
Ebenso versteht sich von selbst, daß der Pfarrer die Analyse stets im Rahmen 
seines Berufes ausübt, nur muß er wissen, daß er in diesem Falle nicht 
mehr reiner Analytiker ist, und er wird sich von allen verstiegenen Zu- 
mutungen enthalten, so freimütig er die sittlichen Ideale leuchten läßt. 






ocuiug 



Unser Nachweis, daß die Psychoanalyse mit der Philosophie gebend und 
empfangend in Verbindung treten müsse, darf nicht zu falschen Schlüssen 
führen. Wir nannten es eine historische Notwendigkeit und ein Glück daß 
Freud positivistisch forschte. Genug abschreckende Beispiele beweisen, 
welche Schädigungen der theoretischen und praktischen Psychoanalyse ein- 
treten, wenn man die scharfe Empirie durch mystische und metaphysische 
Spekulationen trübt. Es ist nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß 
die positivistische Forschung, der wir so glänzende Ergebnisse verdanken 
weiter ausgeübt werde. Ich halte vielmehr diese Arbeit für notwendig, und 
auch heute noch soll sie von denen, die zu ihr berufen sind, als brennendstes 
Bedürfnis empfunden werden. Ferenczis Wunsch, daß man eine geraume 
Zeit zuwarte, bis man an die junge Wissenschaft mit Waffen der Meta- 
physik herantrete, ist noch immer berechtigt. 

Allein es liegt nun "einmal in der Natur des Menschengeistes, daß die 
Empirie theoretisch vertieft wird. Auch die Analyse kann diesem Bedürfnis 
nicht entgehen. Darum hat sie nur ein Interesse daran, daß es nicht in 
einer sie schädigenden, sondern in einer sie fördernden Weise geschehe. 
Wie eine Metaphysik auszubauen wäre, die nicht störend, sondern fördernd 
zur exakten analytischen Forschung steht, versuchte ich anzugeben. Ich 
wüßte nicht, auf welche Weise eine Wissenschaft, welche die in den 
Erfahrungsbegriffen liegenden irrealen Elemente und Widersprüche zu- 
treffend beseitigte und die letzten denkbaren Ursachen sowie das wahre 
Wesen aufdeckte, die Erfahrungswissenschaft störte. Allein wie die Erfah- 
rungswissenschaften durch Hegels, Herbarts, Lotzes und anderer Systeme 
eine starke Förderung erfuhren, so kann auch die Psychoanalyse durch 



Psydioanaly« und WeltansAauung 9 3 



solche Vertiefung eine reiche Förderung erfahren. Dies hat bereits Ferenczi 
richtig erkannt. Die verheißungsvollsten Anfänge finden wir in Freuds 
metapsychologischen Arbeiten. 

Um nicht durch Wiederholungen zu ermüden, unterlasse ich es, zu- 
sammenzufassen, in welcher Weise die Psychoanalyse sich auch gegen Über- 
griffe der Ethik zu schützen hat, und in welcher Weise sie ihr dienen 
und sich ihrer bedienen muß. Die richtige Durchführung unserer Normen 
wird sicherlich beiden Geistestätigkeiten zur hohen Förderung gereichen 

Wir gingen in der Einleitung aus von dem unsere Kultur machtvoll 
durchdringenden Ruf nach Leben. Zum Schlüsse sei mir vergönnt, jenen 
Gedanken aufzunehmen und auf Grund unserer Untersuchungen fort- 
zuführen. Die Veräußerlichung unserer Kultur in Materialismus und In- 
tellektualismus rief einen Rückschlag hervor. Man wendet sich mit großem 
Ernst dem Innenleben zu, und zwar auf den verschiedensten Gebieten des 

Denkens. .. 

Ähnlich verhielt es sich im Hellenentum, als der abstrakte Idealismus 
der Pythagoräer und Eleaten, wie der Realismus sich ausgewirkt und das 
Gefühl der inneren Leere zurückgelassen hatten. Manche kehrten sich der 
Sophistik zu, die den Menschen zum Maß aller Dinge machte (Protagoras), 
und zwar in Hinsicht ebensowohl auf das Erkennen, als auf das Handeln. 
Die Folge waren steriler Skeptizismus und brutaler Egoismus. Die neuen 
Erkenntnisse, so scharfsinnig sie begründet waren, konnten hinter dem 
Scheine das Sein nicht erfassen. Die bloßen Negationen wirkten nicht be- 
freiend, denn Freiheit ohne Erlösung der Persönlichkeit und ohne Ziele ist 
ein Nonsens. Die ganze Bewegung mußte daher zusammenbrechen 

Da trat Sokrates auf, griff auf das mit Bewußtlosigkeit verbundene 
Daimonion zurück, suchte durch klares Denken, vor allem tiefere Selbst- 
erkenntnis, die Macht des Menschen über innere Gegenströmungen zu 
erweitern, führte eine Mäeutik ein, die durch sorgfältige Induktion aus 
dem Jünger das Beste hervorzulocken wußte, was in ihm stak, und stellte 
ein höheres, freies Ethos als wichtigstes Ziel des Daseins auf. 

Alle diese Züge aber, begegnen sie uns nicht auch bei Freud? Freud 
hat das Unbewußte wieder zu Ehren gezogen, durch klare Selbst- 
erkenntnis den inneren Gegenwillen zu überwinden unternommen, auf 
dem Wege genauer Induktion die eigenartigen Seelenkrafte des 
Zöglings zur Entfaltung gebracht und mit alldem eine hohe und 
freie Sublimierung und Versittlichung geschaffen. Die Ähnlichkeit ist 
trotz der Verschiedenheit der Arbeitsmethoden eine frappante. 



94 Dr. (Mur PÜsler 



Dürfen wir nun nicht hoffen, daß auch die Psychoanalyse Freuds, 
obwohl sie bisher so wenig wie die Philosophie des Sokrates ein neues 
System schuf, den Anstoß zu einer überaus fruchtbaren Geistesbewegung, 
Geistesumwälzung geben wird? Ich enthalte mich des Weissagens. Genug, 
daß jeder Berufene nach dem Maß seiner Kräfte mitwirke. Was aber als 
Schwert und Schild dem psychoanalytischen Kämpfer nottut, es ist der 
Mut und die Demut. 









Die Illusion einer Zukunlt 

Eine freundsckaftlicke Auseinandersetzung 
mit Prof. iSigm. Freud 



Lieh er Herr Professor! 

Sie haben es in der liebenswürdigen Weise, an die Sie mich in neunzehn- 
jähriger gemeinsamer Arbeit gewöhnten, für erwünscht erklärt, daß ich meine 
Einwände gegen Ihr Büchlein „Die Zukunft einer Illusion der Öffent- 
lichkeit vorlege, und mir mit einer LiberaUtät, die bei Ihrer Denkweise selbst-^ 
verständlich ist, zu diesem Zweck die von Ihnen herausgegebene Zeitschrift 
Imago u zur Verfügung gestellt. Ich danke Ihnen herzlich für diesen neuen 
"Freundschaftsbeweis, der mich in keiner Weise überraschte. Von Anfang an 
h aben Sie aus Ihrem dezidierten Unglauben mir und aller Welt gegenüber kein 
Hehl gemacht, so daß Ihre jetzige Prophezeiung einer religionslosen Zukunft 
mir keine Neuigkeit zuträgt. Und Sie werden lächeln, wenn ich in der von Ihnen 
geschaffenen psychoanulytüchen Methode ein prachtvolles Mittel erblicke, die 
Religion zu läutern und zu fördern, wie Sie es zur Zeit der Hungersnot taten, 
als wir bei Schneegestöber auf Beethovens Pfaden über Wiens Anhöhen stapften 
und einander, wie schon in früheren Jahren, in diesem Punkte wieder einmal 
nicht zu überzeugen vermochten, so bereitwillig ich sonst, mit Reichtum und 
Segen aus Ihrer GeistesfdUe überschüttet, zu Ihren Füßen saß 

Ihr Buch war für Sie eine innere Notwendigkeit, ein Akt der Ehrlichkeit und des 
Bekennermutes. Ihr titanisches Lebenswerk wäre unmöglich gewesen ohne das 
Zerschlagen von Götzenbildern, mögen sie in Universitäten oder Kirchenhallen 
gestanden haben. Daß Sie selbst der Wissenschaft mit einer Ehrfurcht und 
Inbrunst dienen, die Ihr Studierzimmer zum Tempel erheben, weiß jeder, der 
Ihnen nahezustehen die Freude hat. Frisch herausgesagt: Ich hege den bestimmten 
Verdacht gegen Sie, daß Sie die Religion bekämpfen - aus Religion. Schüler 
sTreckt Ihnen warm die Bruderhand entgegen- ob Sie sie ausschlagen werden? 
Und vom Standpunkt des Glaubens aus sehe ich erst recht keinen Grund, in 
das Gezeter einzelner Zionswächter einzustimmen. Wer^ so riesenhaft wie Sie 
Pf ister: Psychoanalyse und Weltanschauung. 7 



L 



9 8 Dr. Oskar Pfi.stcr 



für die Wahrheit kämpfte und so heldenmütig um die Erlösung der Liebe stritt 
der ist nun eben, ob er es an der Rede haben will oder nicht, nach evangelischem 
Maßstab ein treuer Diener Gottes, und wer durch die Erschaffung der Psycho- 
analyse das Instrument schuf, durch das leidenden Seelen die Fesseln durchfeilt 
und die Kerherpforten geöffnet werden, so daß sie ins Sonnenland eines leben- 
spendenden Glaubens eilen können, der ist nicht ferne vom Reiche Gottes. Jesus 
erzählt ein feines Gleichnis von zwei. Söhnen, von denen der eine gehorsam in 
des Vaters Weinberg zu gehen verspricht, ohne Wort zu halten, der andere 
aber des Vaters Zumutung widerspenstig ablehnt, aber dennoch das Gebot aus- 
führt (Matth. 21, F. 28 ff.). Sie wüsen, wie freundlich der Stifter der christ- 
lichen Religion den letzteren bevorzugt. Wollen Sie mir zürnen, daß ich Sie, 
der Sie so herrliche Strahlen des ewigen Lichtes auffingen und sich im Ringen 
um Wahrheit und Menschenliebe verzehren, trotz Ihres angeblichen Unglaubens 
bildlich gesprochen dem Throne Gottes naher sehe, als manchen Gebete murmelnden 
und Zeremonien verrichtenden Kirchenmann, dem nie das Herz glühte für 
Erkenntnis und Menschenwohl? Und da für den am Evangelium orientierten 
Christen alles auf das Tun des göttlichen Willens, nicht auf das „Herr! Herr!"- 
Sagen ankommt, verstehen Sie, daß auch ich Sie beneiden möchte? 

Und doch wende ich mich mit aller Entschiedenheit gegen Ihre Beurteilung- 
der Religion. Ich tue es mit der Bescheidenheit, die dem Geringeren geziemt 
aber auch mit der Freudigkeit, mit der man eine heilige und geliebte Sache 
verteidigt, und mit dem Wahrheitsernst, den Ihre strenge Schule gefordert hat. 
Ich tue es aber auch in der Hoffnung, manche, die Ihre Verwerf ung 
des religiösen Glaubens von der Psychoanalyse abschreckt, mit dieser 
als einer Methode und Summe erfahrungswissenschaftlicher Ein- 
sichten wieder zu befreunden. 

Und so möchte ich denn nicht gegen, sondern für Sie schreiben, denn wer 
für dre Psychoanalyse in die Schranken tritt, kämpft für Sie. Allein ich kämpfe 
auch an Ihrer Seite; denn nichts anderes liegt Ihnen, wie mir am Herzen, als 
die Überwindung der Illusion durch die Wahrheit. Ob Sie mit Ihrer „Zukunft 
einer Illusion", oder ich mit meiner „Illusion einer Zukunft" dem Ideal näher 
kommen, wird ein höheres Tribunal entscheiden. 

Mit herzlichem Gruße 

Ihr 

Oskar Pfister. 



Die Illusion einer Zukunft 99 



I 

Freuds Kritik der Religion 

l) Die Anklagen 

Als Illusion stellt Freud in seinem Büchlein „Die Zukunft einer 
Illusion" die Religion hin, bestimmt aber den Begriff der Illusion anders, 
als es gewöhnlich geschieht. Für gewöhnlich schließt er das Merkmal der 
Täuschung und Ungültigkeit in sich. Freud aber betont: „Eine Illusion 
ist nicht notwendig ein Irrtum" (48); „wir heißen einen Glauben eine 
Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrangt, 
und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso wie 
die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet (49 f.). In anderem 
Zusammenhang lehnt Freud es ab, in seiner Abhandlung zum Wahrheits- 
wert der religiösen Lehren Stellung zu nehmen (52)- 

Darnach könnte man mit der Möglichkeit rechnen, daß der Religion 
doch immer noch Gültigkeit zugebilligt werde. Freuds Beispiel von der 
Illusion des Kolumbus, einen neuen Seeweg nach Indien gefunden zu 
haben (48), zeigt es. Denn wenn der Entdecker Amerikas Indien auch nicht 
erreichte, so taten es doch andere auf dem von ihm geöffneten Wege. Auch 
erinnert der Genuese daran, daß in der Illusion sehr viel vorzügliches Real- 
denken investiert sein kann; ohne die Beobachtung der gekrümmten Meeres- 
oberfläche und der aus ihr erschlossenen Kugelgestalt der Erde wäre die 
kühne Fahrt nach Westen nicht unternommen worden. Ich mache jetzt 
schon auf die innige Verquickung des Wunsch- und Realdenkens aufmerksam 
und sehe die Frage auftauchen, ob es in der Religion, wie in einem sehr 
großen Teil der Wissenschaft überhaupt, eine reinliche Entmischung gibt, 
oder ob nicht in beiden Gebieten das Realdenken sich in weitem Umkreis 
vergeblich abmüht, die reine Gegenständlichkeit jenseits des Wünschen* oder 
aus dem Wunschergebnis herauszuschälen. Doch halt! Ich will nicht aus 
der Schule schwatzen und möchte mich für das Nachfolgende in keiner Weise 

jetzt schon festlegen. 

Die Hoffnung, Freud habe der Religion einen Altar übrig gelassen, zu 
dessen Hörnern sie sich flüchten könne, hält nicht lange vor. Denn bald 
vernehmen wir, die Religion sei einer Kindheitsneurose vergleichbar, und 
der Psychologe sei optimistisch genug, anzunehmen, daß die neurotische Phase 
überwunden werde. Sicher sei es ja freilich nicht, aber die Hoffnung wird 



100 D,. OAav P&ier 



deutlich ausgedrückt (86). Genauer wird die Neurose, welche die Religion 
darstellt, als „die allgemein menschliche Zwangsneurose" beschrieben und 
wie diejenige des Kindes aus dem Ödipuskomplex, der Vaterbeziehung ab- 
geleitet (70). Damit verknüpft Freud die Prognose: „Nach dieser Auffas- 
sung wäre vorauszusehen, daß sich die Abwendung von der Religion mit 
der schicksalsmäßigen Unerbittlichkeit eines Wachstumsvorganges vollziehen 
muß, und daß wir uns gerade jetzt mitten in dieser Entwicklungsphase 
befinden" (70 f.). 

Den Gipfel der Beanstandung bildet der Satz: „Bringt sie (die Religion) 
einerseits Zwangseinschränkungen, wie nur eine individuelle Zwangsneu- 
rose, so enthält sie anderseits ein System von Wunschillusionen mit Ver- 
leugnung der Wirklichkeit, wie wir es isoliert nur bei einer Amentia, einer 
glückseligen, halluzinatorischen Verworrenheit, finden" (71). 

Endlich wird die Religion als Kulturschutz gewürdigt (60), jedoch als 
in dieser Hinsicht ungenügend abgelehnt, zumal die Menschen durch sie 
auch nicht die wünschbare Beglückung und sittliche Beschränkung erlangen 
Sehen wir uns diese Anklagen näher an! 

9) Die Religion als neurotischer Zwang 

Wir beginnen mit einer Untersuchung des neurotischen Zwangs- 
charakters, den die Religion tragen soll. Fraglos hat Freud insoweit völlig 
recht, und durch diese Entdeckung hat er sich ein unermeßlich großes Ver 
dienst um die Religionspsychologie erworben, als viele Äußerungen religiösen 
Lebens mit ihm behaftet sind. Diese Zwänge sind unverkennbar in manchen 
primitiven Religionen, die von einer eigentlichen Kirchen bildung noch 
nachts wissen, wie in den sämtlichen Orthodoxien. Wir wissen auch, daß 
daese Fatahtät den Religionen als Wirkung von Triebverdrängungen die 
aus dem biologisch-ethischen Fortschreiten der Menschheit als notwendige 
Forderung hervorgingen, in die Wiege gelegt wurde. Es ist nun einmal 
d« leidige Verhängnis unseres Geschlechts, daß das Einfache und Zweck- 
maßige meistens nur auf dem Umweg über ungeheuerliche Bizarmien "ge- 
funden wird. Die Geschichte der Wissenschaften, Sprachen und moralischen 
Anschauungen zeigt es so deutlich, wie die Entwicklung der Religionen 
Aber wenn auch diese Zwangsbelastung schon im ersten Stadium der 
Keligion schwerlich in Abrede zu stellen ist, so fragt es sich doch, ob sie 
zum esen gehört. Könnte nicht ganz gut dieser kollektiv-neurotische Zug 
ohne Schädigung, ja sogar zum Vorteil des Ganzen fallen, etwa so, wie 



Die Illusion einer Zukunft 



die Kaulquappen ihre Schleppe opfern, um als Frösche nur desto bequemer 
durch die Welt zu hüpfen? 

Triebverzichte gehen der Religion voran. Allein ist dies nicht bei aller 
Kultur der Fall? Wer sich primär ausgibt, behält für Kulturleistungen 
nicht mehr die nötige Energie übrig. Denken wir uns ein solches rein 
triebhaftes Dasein, das übrigens schon durch die weise Kärglichkeit der 
Natur oft auch durch den Aschermittwochsprotest der Menschennatur 
fast immer verwehrt wird, so bezweifeln wir keinen Augenblick, daß 
es zwar dem Wesen der meisten Tiere, doch nicht der Menschennatur 
entspricht. Der Begriff der Natur wird einseitig und gänzlich 
ungenügend erfaßt, wenn man ihn „naturalistisch v " steht " 
Nichts berechtigt zur Behauptung, ein tierisches Vegetieren entspreche dem 
Wesen des Menschen besser, als ein kulturgemäßes Heranwachsen und bich- 
betätigen. Es ist ja auch die umgebende Natur selbst, die den geistigen 
Wieg zur Notwendigkeit macht. Kultur ist immer das Produkt zweier 
Naturen: der außer- und innermenschlichen. Kultur ist selbst nur ent- 
wickelte Menschennatur, wie auch die sie hervorlockenden Nöte und Ver- 
zichte Naturwirkungen darstellen. Wer den Begriff der Natur von seiner 
falschen Verengerung befreit, erblickt in der Kulturentwicklung dieselbe 
gegenseitige Abgestimmtheit des Menschen und der übrigen Welt, die uns 
die Erkenntnislehre für den Erkenntnisprozeß nachweist. 

Nicht einverstanden bin ich mit Freuds früherer Angabe, daß der 
Religionsbildung Verzicht auf Betätigung egoistischer Triebe zugrunde liege, 
während die Neurose die Verdrängung ausschließlich sexueller Funktionen 
voraussetze. 1 Gerade die Geschichte der ödipuseinstellung zeigt, daß die 
Sexualität einen integrierenden Bestandteil der Ichtriebe ausmacht und 
umgekehrt. Die Aussonderung einzelner Triebe darf stets nur als Abstrak- 
tion vorgenommen werden; sowie man die Triebe (abgesehen von ihren 
primitivsten Regungen) wirklich geschieden denkt, gerät man in Irrtumer 
über Irrtümer. Dieser „organische Gesichtspunkt", wie ich die richtige 
Betrachtungsweise nenne, ist für das Verständnis der Religionsgenese un- 
erläßlich. Ich glaube nicht, daß hierin heute noch eine Differenz zwischen 
Freud und mir besteht. Da er jetzt die negative Vaterbindung als Haupt- 
determinante der Religion hinstellt, läßt er auch die libidinösen Kräfte zur 
Geltung kommen. Ich glaube, daß man die Triebversagungen, die zur Reli- 
gion führen, in sehr weitem Umkreis suchen muß, wie anderseits auch 

,) Zwangshandlungen und Religionsübungen. Ges. Schriften X, S. 210. 



Dr. OAar Pfoter 



die Bahnen, die bei der Religionsbildung eingeschlagen werden, eine außer- 
ordentliche Mannigfaltigkeit aufweisen. Dem Totemkultus liegen ganz andere 
Determinantenkomplexe zugrunde, als etwa dem sozialethischen Monotheis- 
mus der klassischen Propheten Israels, dem ästhetischen und pazifistischen 
Atonglauben Echnatons ganz andere, als der Frömmigkeit spanischer Con- 
questadores. Aber Triebversagungen, die mehr oder weniger umfängliche 
und tiefe Verdrängungen hervorrufen, müssen selbstverständlich an jeder 
Religionsbildung mitwirken. 

Aber müssen wirklich immer Zwangsbildungen der Religion inhärieren? 
Ich glaube, daß im Gegenteil die höchsten Religionsbildungen den 
Zwang gerade aufheben. Man denke etwa an das genuine Christentum! 
Dem zwangsneurotischen Nomismus, der mit Buchstabenglauben und pein- 
lichem Zeremonialismus ein schweres Joch auferlegt, stellt Jesus sein „Gebot" 
der Liebe gegenüber. „Ihr wißt, daß zu den Alten gesagt ist — ich aber 
sage euch" (Matth. 5) — da haben wir die gewaltige Erlösertat. Und sie 
geschieht nicht etwa kraft eines neuen Bindungsanspruchs, sondern kraft 
der Autorität jener Freiheit, die vermöge siegender Liebe und Wahrheits- 
erkenntnis gewonnen wurde. Jesus hat nach gut psychoanalytischer Regel 
die Kollektivneurose seines Volkes überwunden, indem er die Liebe, aller- 
dings sittlich vollendete Liebe, ins Lebenszentrum einführte. In seiner' Vater- 
idee, die von den Schlacken der Ödipusbindung gänzlich gereinigt ist, sehen 
wir die Heteronomie und alle Peinlichkeit der Fesselung gänzlich über- 
wunden. Was dem Menschen zugemutet wird, ist nichts anderes, als was 
seinem Wesen und seiner wahren Bestimmung entspricht, das Gesamtwohl 
fordert und — um auch dem biologischen Gesichtspunkt einen Platz ein- 
zuräumen — eine maximale Gesundheit des Einzelnen und der Gesamtheit 
herstellt. Es ist ein arges Mißverständnis, Jesu Grundgebot: „Du sollst Gott 
heben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst!" (Matth 22 
Vers 37 ff.) als Gesetz im Geiste des Mosaismus zu verstehen. Die Form des' 
Imperativs ist beibehalten, aber wer merkte nicht die feine Ironie, mit 
welcher der Inhalt, das Lieben, als nur frei zu vollziehende Leistung, den 
Gesetzescharakter aufhebt? 

Wie fein Jesus 1900 Jahre vor Freud Psychoanalyse treibt, — man 
darf den Ausdruck freilich nicht allzu streng fassen — zeigte ich ander- 
wärts (AnaJyt. Seelsorge, Göttingen 1927, S. 20—24). Ich erinnere daran, 
daß er dem Lahmen nicht einfach das Symptom wegsuggeriert, sondern in 
den ihm zugrunde liegenden sittlich-religiösen Konflikt einsteigt, ihn schlichtet 
und so von innen her die Lahmheit überwindet. Sein Dämonenglaube mag 



Die Illusion einer Zukunft io3 



uns als Metaphysik befremden, als Neurologie anerkennen wir ihn. Die 
historisch-psychologische Richtung, in der Jesus die biblizistische Zwangs- 
autorität prüft, findet die volle Billigung des Analytikers (z. B. Matth. 19, 8: 
Das mosaische Gebot des Scheidebriefes sei um der menschlichen Herzens- 
härte willen erlassen). Die Behandlung der Übertragung, die als Liebe an- 
genommen, aber auf absolute Idealleistungen weitergeleitet wird, so daß 
keine neue Bindung entsteht, verdient die Bewunderung aller Schüler Freuds, 
wie auch die Aufhebung der den Zwang hervorbringenden Elternfrxation 
durch die Hingabe an den absoluten Vater, der Liebe ist. 

Nicht daß man Jesus, wie vorwitzige Gelbschnäbel es vielleicht tun 
möchten', als ersten Psychoanalytiker im Sinne Freuds hinstellen durfte! 
Aber seine Erlösungsseelsorge weist in ihren Grundzügen so entschieden 
in die Richtung der Analyse, daß sich die Christen schämen sollten, einem 
NichtChristen die Verwertung dieser leuchtenden Fußspuren überlassen zu 
haben Der Grund liegt ohne Zweifel darin, daß die zwangsneurotische 
Verpfuschung, die der Religion, wie allen Gebilden des Menschengeistes 
droht, auch diese wundervolle Fährte verschüttete, sowie im Materialismus 
der früheren Psychiatrie. 

Wir könnten Jesu Beseitigung des Zwanges und die Entkraftung ihrer 
Determination noch weiter verfolgen, könnten nachweisen, wie seine Vater- 
idee von allen Reaktionssymptomen gegenüber dem Odipushaß frei ist - 
Gott soll nicht mit Opfern versöhnt, sondern im Bruder geliebt werden - 
Wir könnten daran erinnern, daß Bruderliebe im tiefsten und weitesten 
Sinne Kennzeichen und Stern der christlichen Lehre ausmacht. Wir könnten 
daran erinnern, daß Ziel und höchstes Gut alles Strebens und Sehne» 
nicht in persönlicher Befriedigung, sondern im Gottesreich, d. h. in der 
Herrschaft der Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit im einzelnen, wie m 
der Universalgemeinschaft liegen, usw. Allein, wir würden zu weit ab- 
gelenkt. 

Und kann nicht von der Religion Echnatons, in gewissem Sinne so- 
gar von Buddha, ganz ähnliches gesagt werden? Liegt nicht im Prinzip 
des Protestantismus mit seiner Glaubens- und Gewissensfreiheit, aber auch 
m it seiner Liebesforderung ein mächtiges Erlösungsprinzip, und zwar nicht 
nur im Sinne der Befreiung von religiösem Zwang, sondern auch als all- 
gemeine Heilung von Zwängen? 

Es ist sehr schade, daß Freud gerade die höchsten Äußerungen der. 
Religion außer acht läßt. Entwicklungsgeschichtlich verhält es sich nicht 
so, daß die Religion Zwänge schafft und den Menschen in der Neurose 



w^ 



10 4 Dr. 0,kar Pfirtei 



festhält. Vielmehr schafft das präreligiöse Leben neurotische Zwänge, die 
dann zu entsprechenden religiösen Vorstellungen und Riten führen. ' Die 
der Religion vorangehende Magie ist noch nicht Religion. Dann aber taucht 
gerade innerhalb der großartigsten Religionsentwicklung, der israelitisch- 
christlichen, immer und immer wieder eine religiöse, durch eine höhere 
ethische, darum auch sozialbiologische Einsicht angefachte religiöse Inspi- 
ration (Offenbarung) auf, welche den Zwang aufzuheben trachtet 
und Befreiung schafft, bis unter Bedingungen, die niemand besser als der 
Analytiker versteht, immer wieder durch die Not der Zeit neue Bande ge- 
schmiedet werden, die eine spätere religiöse Konzeption zu sprengen berufen 
ist. Daß diesem religiösen Kampf um die Erlösung ein Humanisierungs- 
prozeß entspricht, läßt sich nicht verkennen. So folgen einander vorisraeliti- 
scher Animismus und Naturismus, Mosaismus, Baalismus, klassischer Pro- 
phetismus, nachexilischer Nomismus (im Pharisäismus gipfelnd) Geburt des 
Christentums, Katholizismus, Reformation, altprotestantische ' Orthodoxie 
Pietismus und Aufklärung, sowie die gegenwärtigen Ausläufer der ver- 
schrienen christlichen Zwangs- und Zwangsbekämpfungssysteme Es ver- 
beut jedoch Beachtung, daß der zwangsfreie Individualismus gerade in der 
Gegenwart innerhalb des Protestantismus sehr stark vertreten ist und einer- 
seits durch sem soziales Pathos, anderseits durch seine streng kritisch-wissen- 
schafthche Arbeit bei den übrigen Fakultäten nicht geringes Ansehen erwarb. 
Man vergesse auch ja nicht, daß die Religion durchaus keine in sich ab- 
geschlossene Entwicklung zurücklegen darf! Wenn die Christen in einzelnen 
Zeitaltern an Grausamkeit mit den wildesten Barbaren wetteifern, so geschah 
dies nicht infolge konsequenter Durchführung ihres religiösen Prinzips, son- 
dern vermöge neurotischer Erkrankungen, die die christliche Religion genau 
ebenso verzerrten und verwüsteten, wie Forschen und Kunstschaffen den ab- 
scheulichsten Mißbildungen ausgesetzt waren und erlegen sind 

Daher leugne ich rundweg, daß der Religion als solcher neurotischer 
Zwangscharakter eigne. 

S) Religion als WunscJigeliUe 

Für den Gedanken, daß alle Religionen nur Wunschgebilde darstellen 
nimmt F reud mit Recht kßine ^^ ^ ^^ ^ ^ ^^ 

^^K onsequenz hat Feuerbach' vor bald neunzig Jahren die These 
Reciam,'s Fe 4 U o erbaCh: D " *"•'" *" Christe » tu ™- Herausgegeben von Quenzel, 



• — T!.J». Li. ..■_.. 



Die Illusion einer ZlUtvatt it\EL 



von der Theologie als verkappter Anthropologie und von der Religion als 
Traum (43) durchgeführt. Nur hat Freud mit seinem Seelen mikroskop 
diese Annahmen in manchem Punkt außerordentlich verfeinert und ge- 
kräftigt. Hierüber darf man sich keinerlei Täuschung hingeben. Schon allein 
die Darlegung der latenten Wünsche und ihrer Umarbeitung zum Zwecke 
der Bevvußtmachung, sowie die Enthüllung der Ödipussituation, des ver- 
drängten Sadismus und Masochismus machen es ganz und gar unmöglich, 
Wunschvorkehren bei der Religionsbildung zu leugnen. Erklärt sich aber 
hieraus das ganze religiöse Denken? Und ist dieses Verwechseln von 
Wünschen und Sein Sondergut der Religion? Oder sollten in Religion und 
Wissenschaft, ja sogar letztlich in Kunst und Moral die Zurückdrängung des 
Wunschdenkens durch das Realdenken und die Mobilisation des Realdenkens 
durch das Wunschdenken das Ideal bilden, dem die Geistesentwicklung 
keuchend, hoffend und immer wieder schmerzlich enttäuscht entgegenstrebt? 

Bevor wir uns der Untersuchung zuwenden, sehen wir uns nach einem 
gemeinsamen Ausgangspunkt um. Nie vergesse ich jenen sonnigen Sonntag- 
vormittag des Frühlings 190g im Belvederepark in Wien, als Prof. Freud 
mich in seiner lieben, väterlichen Weise auf die Gefahren der von ihm 
betriebenen Forschung hinwies. Schon damals erklärte ich mich bereit, das 
mir teure Pfarramt niederzulegen, wenn es die Wahrheit erheische. Einen 
Glauben verkündigen, den die Vernunft widerlegt, oder den Kopf zur Woh- 
nung des Unglaubens, das Herz zu einem Sitz des Glaubens einzurichten, 
dies schienen mir Jongleurtricks, mit denen ich nichts zu tun haben wollte. 
Ich wüßte nicht, was ich an dieser Stellung zu ändern hätte. Für Illusionen 
setzt man seine Seele nicht ein. 

Ich kann Freud ein gutes Stück weit entgegenkommen. Feuerbach hat 
auch bei Theologen mit seiner psychologischen Kritik religiöser Lehren 
Beifall gefunden. 1 Daß die Vorstellungen von Gott und Jenseits vielfach 
mit Farben der Wunschpalette gemalt sind, wußte ich von jeher. Als ich 
zum ersten Male in einer halluzinierten Gottesvorstellung die Züge des 
Vaters, verschiedener Pfarrer usw., 2 dahinter die Regie des Hasses auffand, 
war mir die Klarheit, mit der sich der Zusammenhang nachweisen ließ, 
recht interessant, aber etwas unerhört Neues und Unerwartetes empfing ich 
nicht. Daß im walfischreichen Jenseits der Eskimo, in den grünen, zu 
Skalpgewinn einladenden Jagdgründen der Indianer, im metgesegneten. 



1) 0. Pfleiderer: Geschichte der Religionsphilosophie. 5. Aufl., 449. 

2) Pfister: Die psychoanalytische Methode. 5. Aufl., 222?. 



1°6 Dr. Oskar Pfisicv 



turnierholden Walhall der Germanen sich die Wünsche ihrer Urheber ebenso 
spiegeln, wie im Betsaalhimmel des Pietisten oder im Jenseits Goethes mit 
seinem sittlichen Entscheidungskampf, wußte ich längst. 

Nemesis wollte, daß auch die von mir analysierten Gottesleugner außer- 
ordentlich oft vom Wunschdenken geleitet waren. Welcher Analytiker hätte 
nicht oft Atheisten gefunden, deren Unglaube verkappte Vaterbeseitigung 
war? Ich würde es aber für falsch halten, alle Ablehnung der Religion in 
das Wunschschema zu pressen. 

Und sehen wir uns die Wünsche, die zur Religion führen, etwas näher 
an! Es ist zuzugeben, daß sie anfänglich großenteils egoistischer Natur 
sind. Verhielte es sich bei der Wissenschaft etwa anders? Könnte man vom 
Primitiven einen uninteressierten Wissensdurst erwarten? Schon beim soge- 
nannten Naturmenschen sehen wir, wie sich in Kultus und Glaube das 
sittliche Bedürfnis regt, z. B. das Bedürfnis nach Sühne begangenen Un- 
rechts (z. B. der Todeswünsche gegen den Vater). Mit der sittlichen Ent- 
wicklung reift auch die religiöse. Die selbstischen Wünsche treten mehr 
und mehr zurück, wenn es auch immer wieder Rückfälle in egoistisches 
Denken gibt, ein Zeichen dafür, daß das Wilde und Primitive sich schwer 
ausrotten läßt. 

Die klassischen Propheten Altisraels verzichten auf persönliche Fortdauer 
nach dem Tode; so sehr ging ihr Dichten und Trachten in ihrem Volke auf. 

Im Evangelium werden die Triebwünsche machtvoll bekämpft, und zwar 
um so stärker, je mehr die Entwicklung Jesu in stetem Kampf mit 
der Überlieferung fortschreitet. Den Lohngedanken, den Rassengedanken, 
die sinnlich gefärbte Jenseitsvorstellung sehen wir zurückgedrängt, und 
zwar den Lohngedanken nach Ansicht der Psychoanalyse weit geschickter 
und weiser, als in der rigorosen, die Liebe verständnislos ausschüttenden 
Philosophie des kategorischen Imperativs. Was Jesus im Namen seiner 
Religion fordert, ist dem Egoismus großenteils direkt entgegengesetzt, wenn 
auch Jesus mit großer Weisheit die Selbstliebe keineswegs ächtet, und 
dem Masochismus, wie ihn die Asketen übten, keinerlei Vorschub leistet. 
Die Sanftmut und Demut, die Selbstverleugnung und Ablehnung des 
Schätzesammelns, die Hingabe des eigenen Lebens um der höchsten sitt- 
lichen Güter willen, kurz die ganze Lebenshaltung, wie sie der Gekreuzigte 
von Golgatha von seinen Jüngern fordert, ist den Gelüsten der ursprüng- 
lichen Menschennatur diametral entgegengesetzt. Sie entspricht jedoch einer 
höheren Auffassung der Menschennatur, wie sie gewiß nicht aus den 
niedrigen Triebansprüchen, sondern nur aus einem unter herben Nöten er- 



Die Illusion einer Zukunii .__ 



kämpften, einer grandiosen intuitiven Anthropologie und Kosmologie ent- 
sprungenen Idealrealismus hervorgehen konnte. Im Gebet Jesu verschwin- 
det alles Egoistische — die Bitte ums tägliche Brot, dieses Subsistenz- 
minimum, ist nicht mehr egoistisch, die universellen ethischen Ideale 
herrschen, und zu oberst steht die Beugung unter den göttlichen Willen 
(„Dein Wille geschehe!"). Buddhistische Wunschlosigkeit ist dies nicht, aber 
dafür auch nicht pathogene Introversion. 

Die Behauptung, daß nach christlicher Auffassung alles dasjenige, was 
das Erdenleben dem Christen versage, das Jenseits wiedergebe, ist falsch. 
Der Verzicht auf die Betätigung der Sexualität wird nach dem Islam, aber 
keineswegs nach dem Christentum im Jenseits eingeholt. Jesus betont aus- 
drücklich, daß sinnliche Erwartungen vom Leben nach dem Tode auszu- 
schalten seien (Matth. 22, Vers 50). Sein höchstes Ideal, das Gottesreich, hat 
die Erde zum Schauplatz und ideale ethische und religiöse Güter, die über 
Triebwünsche hoch emporragen, zum Inhalt. 

Aber, wendet der Gegner vielleicht ein, entspringt die Beligion dann 
nicht wenigstens Wünschen höherer Art?— Ich entgegne: Man muß sich 
den Unterschied zwischen Wunsch und Postulat klar machen. Der Wunsch 
geht in der Halluzination u. a. durch Freud uns verständlich gemachten 
Erscheinungen auf Befriedigung aus, ohne sich um die wirklichen Ver- 
hältnisse zu kümmern. So kennen wir auch viele religiöse Phänomene, 
die diesen illusorischen Sprung vom Begehren zur Annahme eines Seins 
machen. Es wird aber niemand behaupten, daß jeder Wunsch nur auf 
solche illegitime Weise zur Befriedigung gelange. Man kann sehr wirklich- 
keitsgerecht auf Befriedigung seiner Wünsche ausgehen. 

Jesus verspürte in sich Liebesimperative, die der geheiligten Überliefe- 
rung widersprachen. Wir können noch genau das Stadium beobachten, in 
welchem er die Ansprüche der inneren Forderung mit derjenigen des 
„mosaischen" Gebotes in Einklang setzen zu können glaubte (Matth. 5, 
Vers 17 — 22). Allein, wie wir schon vernahmen (Vers 27fr., 53!?., 3Öff-), 
drang diese Betrachtung nicht überall durch. Es mußte zum offenen Bruche 
kommen. Das innere Gebot mußte das äußere umstoßen. Dann aber mußte 
diese innere sittliche Notwendigkeit selbst von Gott herstammen. Und weil 
sie auf Liebe ausging, mußte Gott als liebend, nicht mehr als der strenge, 
eifersüchtige Gott des Alten Testamentes, erscheinen. Damit zerfiel auch, 
wie oben gezeigt wurde, der angsteinflößende Zwangscharakter der Thora. 

Wenn wir diesen Vorgang, der sich in Jesu Seele intuitiv, inspiratorisch 
abspielte, in schwerfällige Erkenntnisakte übersetzen wollen, so kommen 



'o8 Dr. Oskar Pfistcr 



wir auf den Weg des Postulates. Dieses sagt nicht: ich wünsche dies und 
das, folglich ist es wirklich. Vielmehr folgert es: dies und das ist; was 
muß ich als wirklich denken, damit dieses bestimmt Existierende verständ- 
lich wird, wirklich werden konnte und wirklich sein kann? Das Postulat 
geht von Seiendem aus, das als gesichert anerkannt oder vorausgesetzt wird 
und schließt auf anderes Seiende, das sich aus dem ersteren logisch not- 
wendig ergibt. 

Die Naturwissenschaft mit ihren Hypothesen, die bei genügender Er- 
härtung zu Theorien weitergebildet werden, geht in gewissem Sinne einen 
ähnlichen Weg. Nur handelt es sich hier um Existentiale, von denen aus 
zu anderen Existentialen fortgeschritten wird. Im Postulat dagegen bildet 
den Ausgangspunkt eine Wertung oder ein Imperativ. Kant z. B. betrach- 
tet das kategorische „Du sollst!" als den archimedischen Punkt und postu- 
liert von ihm aus einen Gesetzgeber. Ich selbst ging von einer anderen 
S ethischen Gewißheit aus, die sich mir gerade bei der psychoanalytischen, 
wie bei der soziologischen Betrachtung aufgedrängt hatte: von der Bestimmung 
zur Liebe gegen den Nächsten, sich selbst und das absolute Ideal. In dieser 
Norm, die sich aus der Eigenart des Menschen ergibt, weil in ihrem Sein 
ein Sollen liegt, fand ich den Ort, von dem aus ich auf ein Absolutes 
als den Ursprung des Seins und Sollens, wie überhaupt aller Werte, schließen 
mußte. Diese philosophische Operation ist grundsätzlich nichts anderes als 
die erlebnismäßig-intuitive Gottesgewißheit Jesu. Daß dabei eine Menge 
von Wünschen des eigenen Geschmackes, ja sogar manche „Bedürfnisse" 
der harten Wirklichkeitserkenntnis geopfert werden müssen, liegt auf der 
Hand. Und wenn der Seinsgrund der Bestimmung zur Liebe im höchsten 
Sinne selbst als geistig und liebend angesetzt wird, ist dies denn wirklich 
. denkwidrig? 

Weiterhin erhebt sich die Frage : Ist nicht auch in der Wissenschaft die 
sinnbildliche Phantasie ein scharadenartig verkleideter Träger gültiger 
Erkenntnis? Arbeitet nicht auch das wissenschaftliche Denken mit den 
vielsagenden und zugleich vielverbergenden Herolden des Anthropomor- 
phismus? 

Ich beginne mit dem zuletzt aufgeworfenen Problem. Noch entsinne ich 
mich des frohen Erstaunens, mit dem ich im ersten Jahrgang der „Imago" 
Robitseks bedeutsame Studie über das wissenschaftliche Schaffen des 
Chemikers Kekule von Stradowitz las. 1 Die Struktur- und Benzoltheorie 

1) A. Robitsek: Symbolisches Denken in der chemischen Forschung. Imago I, 
85—90. 






Die Illusion einer Zukunft 
100, 



entstanden danach aus visuellen Phantasien von tanzenden Pärchen und 
Schlangen; aber der wache Verstand mußte die Träume prüfen. 

Man muß sich davor hüten, alle primitiven Vorstellungen, die uns Real- 
denkern des zwanzigsten Jahrhunderts phantastisch vorkommen, sogleich als 
Wunschprodukte anzusehen. Wenn der Wilde im kochenden Wasser ein 
lebendes Tier vermutet, welcher Wunsch sollte ihn dabei leiten? Lag es 
nicht für ihn nahe, das unbekannte Sieden analog der ihm bekannten, durch 
ein verborgenes Tier verursachten Wasserbewegung zu erklären? 

Und wenn in die Naturerscheinungen und -Vorgänge menschenähnliche 
Kräfte und Wesenheiten projiziert werden, ist dies eine Sonderaktion der 
Religion, oder finden wir diesen auf Analogieschlüssen beruhenden Prozeß 
nicht selbst in den stolzesten Hallen der Naturwissenschaften, ja selbst des 
noch strenger disziplinierten philosophischen Denkens? Wir reden von „Kraft , 
„Ursache", „Wirkung", „Gesetz" und hundert anderen Begriffen, die von der 
Wissen schaftstheorie längst als ziemlich plumpe, wenn auch unentbehrliche 
Anthropomorphismen erfunden worden sind. Ist der Begriff der „Zensur 
nicht ebenso geartet? 

Die Geschichte der Wissenschaften ist ein fortwährender Kampf mit 
Anthropomorphismen und anderen unerlaubten Projektionen bekannter Tat- 
sachen in unbekannte. Warum sollten Religion und Theologie eine Aus- 
nahme bilden? 

Die Frage ist nun aber, ob die Theologie, die sich mit der Religion be- 
schäftigte, mit einem Fuße im Stadium der Wünsche stecken geblieben 
sei. Wenn sie es wäre, so fürchte ich ernstlich (oder sollte ich es hoffen?), 
sie teilte dieses für eine Wissenschaft klägliche Los mit den übrigen Wissen- 
schaften, die Naturwissenschaften und die Geschichte nicht ausgeschlossen. 
Von der Philosophie kann ich es ganz bestimmt versichern 1 und mag 
ein Plus von reiner Gegenständlichkeit den streng exakten Naturwissenschaften 
zugebilligt werden können, es fehlt ihnen eben doch das, was der Empirio- 
kritizismus so leidenschaftlich und erfolglos suchte: Die reine Erfahrung, 
aus der die Zusätze menschlicher Subjektivität ausgemerzt wären. Dafür 
endigt die naturwissenschaftliche Betrachtung bei der bitteren Einsicht, nur 
ein Flecklein Oberfläche zu erkennen, das erst noch als gleißender Schein 
zugestanden werden muß. Die Farben verflüchtigen sich in „Ätherschwin- 
gungen' , wobei man resigniert hinzufügt, daß der Äther ein sehr zweifel- 
hafter Hilfsbegriff sei, die Töne entpuppen sich als Luftoszillationen, deren 

i) Vgl. meine Schrift „Zur Psychologie des philosophischen Denkens". Bircher, Bern 
und Leipzig. 



Dr. Oskar Pfisler 



Vereinigung zur Melodie oder Symphonie in den Akten und in der Welt 
der Naturwissenschaften keinen Raum hat, das Atom, das in mehrtausend- 
jährigem Experimentieren und Denken als schlechthin einfaches und un- 
veränderliches Wirklichkeitsklötzchen anerkannt und zum Träger einer angeb- 
lich naturwissenschaftlich gesicherten Weltanschauung erhoben worden war, 
geht eines Vormittags in die Brüche, wie ein Brocken Steinkohle, ja es ver- 
wandelt sich in ein anderes Element; das Naturgesetz enthüllt sich der neueren 
naturwissenschaftlichen Kritik als ein Produkt des Wunsches, daß ein Vor- 
gang sich unter gleichen Bedingungen immer gleich vollziehen müsse — 
man bedenke doch die Verlegenheit der Maschinen- und Brückenbauer, wenn 
es sich anders verhielte! Wenn die umstürzlerischen Ansichten der neuesten 
und kritischen Naturwissenschaften etwas Sicheres ergeben haben, so ist es 
die Einsicht, daß wir auf ihrem Gebiete bis zum Hals im Wünschen stecken 
geblieben sind, und der Pragmatismus, man mag ihn noch so naserümpfend 
abweisen, hat doch wenigstens das Gute an sich, daß er das Interesse des 
praktischen Amerikaners an einer ausgiebigen Nutznießung der Wirklichkeit 
also den Wunschhintergrund des Erkennens, entschleierte. 

Die Theologie hat sich über eine nicht geringe Bereitwilligkeit und Fähig- 
keit zur Preisgabe des Wunschdenkens reichlich ausgewiesen. Ich glaube dies 
jedoch zweckmäßiger am Schluß unserer freundschafilichen Auseinander- 
setzung dartun zu können. Mit der Theologie unterzog sich aber auch die 
Religion den durchgreifendsten und für das Wünschen schmerzlichsten Opfern. 

Man darf ferner nicht übersehen, daß die Religion von Anfang an das 
Wissen um die Natur und die Werte reichlich in sich aufzunehmen ver- 
mochte. Wer über die stille stehende Sonne des Josua spottete, hätte be- 
achten sollen, daß der Begriff einer festgefügten und geschlossenen Natur- 
ordnung zu jenen Zeiten noch nicht existierte, sondern erst über zwei- 
einhalb Jahrtausende später in die Wissenschaft eintrat, bis sie vor kurzer 
Zeit an Kredit wieder nicht unbeträchtlich verlor. Die Christenheit sträubte 
sich lange, allzu lange gegen Kopernikus und die Entwicklungslehre, aber 
sie fand sich schließlich mit ihnen ab. Daß sie nicht alle wissenschaftlichen 
Tagesmoden mitmacht, darf man ihr nicht verübeln. Eine Reihe hervor- 
ragender Naturforscher bis auf die Gegenwart finden keinerlei Schwierig- 
keit, Religion und Naturwissenschaft in Einklang zu setzen, während Halb- 
gebildete allerdings viel leichter als große Forscher vom Range Freuds 
die Inkompatibilität beider am Biertisch auskündigen. 

Bewiesen ist damit für die Wahrheit oder Unwahrheit der Beligion 
nichts. 






Die ilk.-.'in einer Zuliunlt 



Wie verhält es sich aber mit den Widersprüchen des religiösen Denkens? 
Ich sprach bereits vom redlichen Bestreben der neueren Theologie, sie zu 
überwinden. Ob es gelungen ist, läßt sich schwer entscheiden. Ich glaube, 
zu einer Religiosität gelangt zu sein, die der Widersprüche Herr wurde, 
wenn auch ungelöste Rätsel, wie auf jedem anderen Gebiete menschlichen 
Denkens, auf Schritt und Tritt übrig geblieben sind. Aber nun kehre ich 
den Spieß um und frage: Strotzt denn die Erfahrungswissenschaft nicht 
von faustdicken Widersprüchen? Ich will nicht einmal auf Begriffskrüppel, 
wie den Äther, hinweisen, der Stoff sein soll, ohne aus Atomen zu be- 
stehen, und der dennoch von den honettesten Naturforschern als Standes- 
herr mit untertänigster Verbeugung begrüßt wurde. Aber vielleicht macht 
es doch einigen Eindruck, daß sehr bedeutende Natur- und Seelenforscher, 
wie z. B. Herbart und Wundt, der Philosophie keine andere Aufgabe zu- 
weisen, als die, die in den Erfahrungsbegriffen liegenden Wider- 
sprüche zu beseitigen und die bereinigten Erfahrungsbegriffe miteinander 
in Einklang zu "bringen. Da sollte man doch wohl auch mit der Religion 
der Ungebildeten und der Theologen etwas nachsichtiger verfahren. 

Da Freud auf die einzelnen Widersprüche nicht einzutreten gedachte 
und sich darauf beschränkt, die meisten religiösen Lehren für unbeweisbar 
und unwiderlegbar zu erklären (50, 52), so kann ich auf eine Verteidigung 
des religiösen Realitätsdenkens im Einzelfalle nicht eintreten. Wenn man 
daran denkt, wie bescheiden die heutige Naturwissenschaft über den Be- 
reich des wirklich Beweisbaren denken gelernt hat, so wird man zugeben, 
daß in unserem Problem größte Vorsicht dringend angezeigt ist, damit man 
doch ja nicht von anderen Fakultäten verlange, was man in der eigenen 
selbst nicht leistet, und anderen vorwirft, was man selbst begeht. Mit welcher 
vorbildlichen Zurückhaltung redet Freud von der Bewiesenheit seiner Auf- 
stellungen! Auch müssen wir uns sehr davor hüten, Übereinstimmung der 
Gelehrten für Abgeklärtheit und Gültigkeit einer Lehre zu halten. Sie ist 
sehr oft nur eine Ermüdungserscheinung, und die Füße der Totengräber 
stehen vielleicht bereits vor der Tür. 

Bei diesem Sachverhalt, der unsere wirklich wissenschaftlichen Aktiva gegen- 
über den Passiva etwas bedenklich erscheinen läßt, müssen wir uns vor der 
Gefahr der Mogelei erst recht hüten. Durch Wunschdenken und Zulassung 
von Widersprüchen würde man seine Bilanz nicht günstiger gestalten, wohl 
aber seinen Kredit noch mehr gefährden. Aber man sieht auch keinen Grund, 
sein ganzes Vermögen auf der einen Bank der Wissenschaft anzulegen und 
alle übrigen Kulturgüter für überflüssig auszugeben. Davon später. 



Dr. Oskar Pfoter 



Wenn Freud der Religion halluzinatorische Verworrenheit vor- 
wirft, so hat er für einzelne, ja viele Formen von ihr unzweifelhaft recht. 
Allein, trifft dies auf alle Gestaltungen der Frömmigkeit zu? Ich sehe es 
nicht ein. Wieder scheint der große Meister ganz bestimmte Formen vor 
Augen zu halten und zu verallgemeinern. Ich glaube fast, er war in pro- 
testantischen Gottesdiensten ein seltener Gast und hat auch die kritische 
Theologie selten mit seinem Besuche beehrt. Gerade wir Analytiker, die wir 
zum ersten Male mit der Psychologie des Genialen restlos ernst machen, wissen 
übrigens sehr genau, daß hinter der halluzinatorischen Verworrenheit sehr Großes 
und Tiefes liegen kann. Wenn Paulus bezeugt, daß seine Predigt vom Kreuz 
den Heiden eine Torheit sei (1. Korr. i, Vers 23), so ist ihm dies kein Gegen- 
argument. Mir ist ein schöpferischer dionysischer oder apollinischer Feuer- 
geist, der seine Offenbarungen nicht als abgeklärten Wein, sondern als gärenden 
Most ausschenkt, viel wertvoller, als ein nüchterner Gelehrter, der seine Lebens- 
kraft in steriler Begriffsjonglistik und pedantischer Genauigkeit verzehrt. Der 
Grad der Vernünftigkeit ist nicht notwendig der Maßstab des Wertes. Die 
stürmische Jugend mit ihren Tollheiten und Torheiten hat vor dem be- 
sonnenen Alter denn doch auch nicht wenig voraus. Man kann mit dem 
Trinken und Essen nicht zuwarten, bis die Herren Physiologen ihre Nahrungs- 
mittelanalysen vollzogen und ihre Ernährungstheorien zu männiglicher Be- 
friedigung ausarbeiteten. Die radiumhaltigen Bäder leisteten ein paar Jahr- 
hunderte gute Dienste, bevor man das Radium und damit die Ursache der 
Heilerfolge entdeckte. Ist es undenkbar, daß auf geistigem Gebiete das Wissen 
um die Ursachen mühsam keuchend dem Besitz wertvoller Güter nachhinkte? 
Mir will, offen gestanden, vorkommen, daß wir im heutigen Protestantismus 
mit seiner unerhört strengen und scharfen Kritik eher zu wenig, als zu viel 
von der platonischen Raserei und vom paulinischen Skandalon übrig behielten. 
Und doch kann ich nicht anders, als das Realprinzip an meinem Orte mit 
unerbittlicher Strenge durchzuführen, wenn auch in beständiger Sorge, kost- 
bares Gut aus den Maschen der wissenschaftlichen Begriffsbildung zu ver- 
lieren. 

Und vergesse man nicht: Wissenschaftliche Hypothesen kann man ab- 
lehnen; in den praktischen Fragen, von deren Beantwortung der Lebensausbau 
abhängt, muß man Stellung beziehen, auch wo stringente Beweise fehlen. 
W le sollte man sonst eine Familie gründen, einen Beruf ergreifen usw.? 
So liegt auch in der Religion ein Vertrauen; aber wehe dem, der nur nach 
Wünschen heiratet, einen Beruf wählt und einen religiösen Glauben an- 
nimmt, ohne der Wirklichkeit peinlich genau Rechnung zu tragen! 



Die lllu.Mon einer Zukunft jj? 



fj Die Religion als denkfeindlicli 

Daß die Religion an sich denkfeindlich sei, will mir nicht eingehen. 
Freud schreibt: „Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich der Anspruch 
der religiösen Lehrsätze, geglaubt zu werden, gründet, so erhalten wir drei 
Antworten, die merkwürdig schlecht zueinander stimmen. Erstens, sie ver- 
dienen Glauben, weil schon unsere Urvorväter sie geglaubt haben, zweitens 
besitzen wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert sind, und 
drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung auf- 
zuwerfen" (40). Zugegeben, daß solche schauderhafte Argumentationen da 
und dort aufgetaucht sind. Aber welcher gebildete Christ wollte sich damit 
heute abspeisen lassen? Wir Protestanten sicherlich nicht. Wir kritisieren 
Bibel und Dogmen so radikal, wie Homer oder Aristoteles. Was die Katho- 
liken anbetrifft, so setzen sie ihrer Dogmatik doch wenigstes eine Apologetik 
voran, die den Ansprüchen der Vernunft Genüge leisten will. Man mag 
als Philosoph ihre Denknotwendigkeit bestreiten, als Schüler Freuds sie 
als Rationalisierung diagnostizieren, als Protestant wenigstens einen Teil von 
ihr als lettre de cachet ablehnen, es bleibt doch immer noch eine Denk- 
arbeit übrig, die Achtung gebietet. 

Wir Protestanten wissen viel zu gut, wieviel wir dem Denken für unsere 
Religion zu verdanken haben, als daß wir ihm vollen Spielraum versagen 
wollten. Wenn auch Luther der Vernunft die ihr zukommenden Rechte 
nicht einräumte, so war er doch Theologe und wissenschaftlicher Denker, 
sonst wäre er niemals Reformator geworden. Zwingli ging durch die 
humanistische Schule hindurch, was seiner Theologie und Frömmigkeit 
nicht nur ihre Milde, sondern auch ihre Klarheit eintrug. Sogar der finstere 
Calvin, Genfs unheimlicher Großinquisitor, hat sein juristisches Denken 
seiner festungsähnlichen Theologie zugänglich gemacht. Die Religion der 
Reformatoren war auch das Ergebnis ihres wissenschaftlich geschulten 
Professorendenkens. Die neuere Theologie, die in radikaler Verneinung Er- 
kleckliches leistete und noch leistet, ist sich bewußt, gerade durch ihr strenges 
Realdenken der Religion die trefflichsten Dienste zu leisten. 

Vom Verbot, über religiöse Dinge nachzusinnen, habe ich in meiner 
Umgebung nie etwas zu hören bekommen. Im Gegenteil fordern wir pro- 
testantischen Pfarrer von unseren Schülern freies kritisches Denken. Bei 
den Seelsorgern freier Richtung ist dies selbstverständlich, aber auch von 
vielen konservativen ist es mir bekannt. Wir beruhigen erschreckte Personen, 
die in Glaubensnöte gerieten, mit der Versicherung, daß Gott den aufrich- 

Pfister: Psychoanalyse und Weltanschauung. 8 



• 



"4 Dr. Oskar Pfistcr 



tigen Zweifler liebe, und daß ein durch Denken gefestigter Glaube viel mehr 
wert sei, als ein einfach übernommener und angelernter. Wir fordern und 
pflegen freies Denken auch in der Religion der Erwachsenen. 

Das Denken soll nach Freud durch die Religion geschwächt werden. 
Freilich fügt er alsbald hinzu, vielleicht sei die Wirkung des religiösen 
Denkverbotes nicht so arg, wie er annehme (78). Aber immerhin hält er 
dafür, es lohne sich, den Versuch einer vom süßen Gift (80) der Religion 
freien Erziehung zu machen (79). — Geschichtlich sei darauf hingewiesen, 
daß doch unbestreitbar eine lange Kette der tiefsten und freiesten Geister, 
die das Geistesleben der Menschheit enorm bereichert haben, gleichzeitig 
der Religion und der Wissenschaft beipflichteten, der Religion oft mit größter 
Innigkeit, und ich kann nicht glauben, daß Freud annimmt, sie hätten 
noch Größeres geschaffen, wenn sie von Religion nie etwas gehört hätten. 
Mediziner wie Hermann Lotze, Wundt, Kocher, Physiker wie Descartes 
Newton, Faraday, Robert Mayer, Chemiker wie Justus Liebig, Biologen 
wie Oswald Heer, Darwin, Pasteur, K. E. von Bär, Mathematiker wie 
Leibnitz, Pascal, Gauß, Geographen wie Ritter, Historiker wie Johannes 
von Myller, Carlyle, Niebuhr, L. von Ranke, Staatsmänner wie Lincoln, 
Gladstone, Bismarck, Philosophen wie Kant, Fichte, Schelling, Hegel, 
Herbart, Ruskin, Eucken, Bergson, Dichter wie Goethe, Schiller, 
Rückert, Bitzius, Gottfried Keller, K.F.Meyer, Geibel — ich greife 
aus einer langen Kette glänzender Namen nur hastig einige wenige heraus — 
verraten doch wohl keine Intelligenzdefekte, obwohl sie an Gott glauben, 
und ich wüßte wirklich nicht, was zu der Annahme berechtigte, ihr Geist 
hätte sich zu noch größeren Taten aufgeschwungen, wenn ihnen die Religion 
nie begegnet wäre. An religiöser Innigkeit steht ein Teil der Genannten 
sicherlich sehr weit über dem Durchschnitt der Gläubigen, während man 
angesichts ihrer gedanklichen Großtaten eigentlich das Gegenteil annehmen 
mußte, wenn die Verdummungsgefahr mit der Religion so eng verknüpft 
wäre. 

Wir dürfen auch jetzt schon darauf hinweisen, wie noch in jüngster 
Vergangenheit bedeutende Naturforscher gerade durch ihr Denken zur Ge- 
wißheit oder doch Wahrscheinlichkeit eines aufbauenden Weltwillens kamen 
(Einstein, Becher, Driesch). Aber auch auf diese Autoritäten werden 
wir den Wahrheitsbeweis der Religion nicht gründen. 

Freud legte früher Gewicht darauf, daß der Denkdrang der Kinder ge- 
schadigt werde, wenn man die Frage nach der Entstehung der Natur- 
gegenstände mit dem summarischen Hinweis auf Gott beantworte. Ich 



Dir IlIuMim einer ./•iikiiiiit 



n5 



pflichte ihm bei, möchte aber fragen, ob das Ergebnis ein anderes ist, 
wenn man sagt: Die Natur hat sie geschaffen, und betone, daß man im 
Religionsunterricht stets darauf hinweist, wie Gott im Naturgeschehen 
und durch menschliches Tun wirkt. 

Ich selbst erinnere mich, wie mein eigenes Denken durch die Religion 
reich befruchtet wurde. Unzählige Denkprobleme, die nun eben doch ein- 
mal bearbeitet werden müssen, weil man auch gegenüber dem Leben nicht 
Vogel Strauß spielen darf, wurden angeregt, prachtvolle historische Gestalten 
mir dargeboten, der Sinn für Größe und sittliche Notwendigkeit ausgebildet. 
Ich würde es als einen unersetzlich schweren Verlust empfinden, wenn 
man die religiösen Erinnerungen aus meinem Leben reißen würde. Auch 
daß man mir die Bibel als unfehlbares Wort Gottes hinstellte, schärfte mein 
Denken; noch erinnere ich mich, wie ich als Zwölfjähriger nach einer 
Lektüre der Sintflutgeschichte ins Zoologische Museum lief, um die Maße 
der Arche mit denjenigen jener Glasschränke zu vergleichen und hierauf 
eine kindliche Entwicklungslehre aufzustellen, aber gleichzeitig der Bibel 
gegenüber eine skeptische Haltung einzunehmen, die später in freie Kritik 

überging. 

Was sodann das von Freud vorgeschlagene Experiment eines religions- 
losen Unterrichtes anbetrifft, so ist es ja schon sehr oft gemacht worden 
und wird in kommunistischen Kreisen seit vielen Jahren massenhaft an- 
gestellt. In meinen Analysen hatte ich öfters mit religionslos Erzogenen zu 
tun, kann aber wirklich nicht versichern, daß ich ein Plus von Intelligenz, 
beziehungsweise eine vorteilhaftere Entwicklung der Denkanlagen angetroffen 
habe, so wenig ich die Gottesleugner unter den Philosophen, etwa einen 
Karl Vogt oder Moleschott (man kann bedingt auch Häckel hierher 
rechnen) als die überlegenen erkannt hätte. Die Geschichte hat jedenfalls 
bisher ein anderes Urteil gefällt. 

5) Die Religion als Kulturschutz 

Es bleibt uns übrig, die Religion als Kulturschutz zu prüfen. Freud 
mutet ihr damit eine polizeiliche Mission zu. „Die Religion hat der mensch- 
lichen Kultur offenbar große Dienste geleistet, zur Bändigung der asozialen 
Triebe viel beigetragen, aber nicht genug. Wenn es ihr gelungen wäre, 
die Mehrzahl der Menschen zu beglücken, zu trösten, mit dem Leben aus- 
zusöhnen, sie zu Kulturträgern zu machen, so würde es niemand einfallen, 
nach einer Änderung der bestehenden Verhältnisse zu streben. Was sehen 






Dr. Oskar Pfistcr 



wir anstatt dessen? Daß eine erschreckend große Anzahl von Menschen mit 
der Kultur unzufrieden und in ihr unglücklich ist, sie als ein Joch empfindet, 
das man abschütteln muß, daß diese Menschen entweder alle Kräfte an eine 
Abänderung dieser Kultur setzen, oder in ihrer Kulturfeindschaft so weit 
gehen, daß sie von Kultur und Triebeinschränkung überhaupt nichts wissen 
wollen" (60). 

Ich kann Freud darin vollkommen beipflichten, daß die Religion sich 
manchmal als Kulturpolizei gar nicht vorzüglich bewährte; aber ich füge 
bei: Es scheint mir ein Glück, daß es sich so verhält: denn die Religion 
hat Wichtigeres zu tun, als das Gemisch von Hoheit und Abscheulichkeit, 
das man heute Kultur nennt, zu beschirmen. 

Unter Kultur versteht Freud „all das, worin sich das menschliche 
Leben über seine animalischen Redingungen erhoben hat und worin es sich 
vom Leben der Tiere unterscheidet" (6). Die Unterscheidung von Kultur 
und Zivilisation wird abgelehnt. „Die Kultur umfaßt einerseits all das Wissen 
und Können, das die Menschen erworben haben, um die Kräfte der Natur 
zu beherrschen und ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürf- 
nisse abzugewinnen, anderseits alle die Einrichtungen, die notwendig sind, 
um die Beziehungen der Menschen zueinander, und besonders die Verteilung 
der erreichbaren Güter zu regeln" (6 f.). 

Ich muß bekennen, daß sich meines Erachtens unter dem, was den 
Menschen über das Tier erhebt, ungemein viel Schändliches und Schäd- 
liches befindet; das Wissen und Können, die Güter zur Befriedigung der 
menschlichen Bedürfnisse, die Einrichtungen zur Regelung der sozialen Be- 
ziehungen und der Güterverteilung, alles scheint mir so sehr durchsetzt 
mit Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Giftkeimen, daß die Religion wahrlich 
keine Veranlassung hat, sich für die Erhaltung des Restehenden, wie es ist, 
einzusetzen. Krieg, Mammonsgeist, Genußsucht, Massenelend, Ausbeutung, 
Unterdrückung und unzählige andere Schäden deuten auf die Notwendigkeit, 
in dem, was man Kultur nennt, zwischen Gutem und des Schutzes Würdigem 
und Bösem, das bekämpft werden muß, zu unterscheiden. Es scheint mir 
sogar, daß das ernst genommene Christentum gegenüber unserer veräußer- 
lichten und an inneren Werten, besonders Gemütswerten verkümmerten 
Kultur sehr tiefe Umwälzungen anstreben müsse, und das Studium der 
Psychoanalyse hat mich in dieser Ansicht bestärkt. Nicht konservierende 
Polizei, sondern Führerin und Leuchte zu wahrer Kultur aus unserer Schein- 
kultur sollte die Religion uns werden. 

Es schiene mir auch der Religion unwürdig, wenn man ihr mit Freud 



Die Illusion einer Zukunft 1 2 ™ 

die Aufgate zuwiese, für die von der Kultur geforderten Triebverzichte 
Trost zu schaffen, gewissermaßen Maulkörbe oder Handschellen für die 
asozialen Massen zu liefern (60). Die Bändigung der tierischen Instinkte 
(soweit sie Menschenwohl und Menschenwürde beeinträchtigen) darf viel- 
mehr nur die Kehrseite zur Lösung einer positiven Aufgabe sein: Die 
Religion soll die höchsten geistigen und gemütlichen Kräfte entbinden, die 
höchsten Leistungen in K»nst und Wissenschaft hervortreiben, das Leben 
aller, auch der Ärmsten mit maximalen Gütern der Wahrheit, Schönheit 
und Liebe füllen, die realen Lebensnöte überwinden helfen, neue gehalt- 
vollere und echtere Formen des Gesellschaftslebens anbahnen und so ein 
höheres, innerlich reicheres Menschtum ins Leben rufen, das den wahren 
Forderungen der Menschennatur und der Ethik besser entspricht als unsere 
vielgepriesene Unkultur, die schon Nietzsche ein dünnes Apfelhäutchen über 
einem glühenden Chaos nannte. Man verkennt das Wesen des Christentums 
vollständig, wenn man meint, es biete den Himmel als Ersatz für die ihrem 
Elend überlassene Erde an. „Zu uns komme dein Reich!" betet das Unser 
Vater und auferlegt die Verpflichtung, für dieses irdische Gottesreich alle 
Kräfte einzusetzen, wie denn auch die Gebote des Evangeliums sehr dies- 
seitig sind. „Bevor du vor dem Altare opferst, gehe zuerst hin und versöhne 
dich mit deinem Bruder!" fordert die Bergpredigt (Matth. 5, 24). Jesus 
kann nichts dafür, daß die Christenheit dies so oft mißverstand. Freud 
hat uns die Möglichkeit verschafft, einzusehen, warum die Intentionen des 
Stifters der christlichen Religion durch eine zwangsneurotische Entwicklung 
oft zur Karikatur entstellt wurden. 

Es gibt keinen echteren Realismus als das Christentum. Nur 
darf man nicht vergessen, daß zur Wirklichkeit nicht nur das Handgreifliche, 
mit dem Riechorgan und anderen Seelenfensterchen Aufnehmbare gehört, 
sondern auch dasjenige, was hinter den Fensterchen im Grunde der Seele 
und hinter den Erregungsquellen unserer Sinne steckt. Es bedarf freilich 
einer etwas tiefer eindringenden Wesensschau und Wertphilosophie, um ein- 
zusehen, daß die Vernachlässigung dieser jenseits des Handgreiflichen und 
Massiven gelegenen höheren Realitäten nur zu einem schlechten Realismus 
führt. Wir verschieben daher für einen Augenblick dieses Problem. 






Dr. Oskar Pfistci 









II 

.Treuos Ocientismus 

i) Der Glaube an die mensJJieitsbegliicJcend'e Wissenscliaft 

Dem religiösen Glauben setzt Freud den Glauben an die beglückende 
Macht der Wissenschaft, unter welcher Freud nur die Erfahrungs- 
wissenschaft versteht, entgegen. In ihr ist die Illusion der Wahrheit ge- 
wichen. Dabei bereitet ihm die Frage: Was ist Wissenschaft? anscheinend 
weniger Sorge, als dem Pilatus das parallele Bedenken: Was ist Wahrheit? 
Freud ist Positivist, und wir können Gott dafür danken. Ohne seine 
konzentrierte Hingabe an das Empirische wäre er nicht der große Bahn- 
brecher geworden. Einem so erfolgreichen und genialen Pionier kann man 
es zugute halten, daß er in dem Augenblick, in welchem er die religiöse 
Illusion zu erdrosseln versucht, die Messianität der Wissenschaft aufstellt 
ohne zu beobachten, daß auch in diesem Glauben die Illusion sich breit 
macht. 

Lassen wir zuerst dem Meister das Wort! Freud ist ein viel zu feiner 
Kopf, als daß er sich dem vulgären unkritischen Glauben an die Allgewalt 
der Naturwissenschaften blindlings anvertrauen könnte. Er schreckt vor der 
Frage nicht zurück, „ob unsere Überzeugung, durch die Anwendung des 
Beobachten* und Denkens in wissenschaftlicher Arbeit etwas von der äußeren 
Realität erfahren zu können", eine ausreichende Begründung hat (54) Echt 
philosophisch fährt er fort: „Nichts darf uns abhalten, die Wendung der 
Beobachtung auf unser eigenes Wesen und die Verwendung des Denkens zu 
seiner eigenen Kritik gutzuheißen. Eine Reihe von Unterscheidungen öffnet 
sich hier, deren Ausfall entscheidend für den Aufbau einer Weltanschauung' 
werden müsse. Wir ahnen auch, daß eine solche Bemühung nicht ver- 
schwendet sein und daß sie unserem Argwohn wenigstens teilweise Recht- 
fertigung bringen wird" ( 54 f.). „Aber das Vermögen des Autors verweigert 
sich einer so umfassenden Aufgabe, notgedrungen engt er seine Arbeit auf 
die Verfolgung einer einzigen von diesen Illusionen, eben der religiösen 
em (55). 

Später jedoch wird der Erfahrungswissenschaft ein Optimismus ent- 
gegengebracht, der sich bis zu kühnen Zukunftsperspektiven erhebt. Nach 
Preisgabe der Religion wird der Mensch seine Macht mit Hilfe der Wissen- 



11 



Die Illusion einer Zukunlt ijg 



schaft erweitern und die großen Schicksalsnotwendigkeiten eben mit Er- 

f gebung ertragen lernen (81). Freilich gibt Freud sofort zu, daß vielleicht 
auch diese Hoffnung illusorischer Natur sei (85). Wie? So müßten wir 
möglicherweise nur die religiöse Illusion mit der wissenschaftlichen ver- 
tauschen? Der Unterschied wäre, daß die eine sicher, die andere vielleicht 
uns narrt? Wir blieben also noch immer im Zustand der Unsicherheit, und 
das letzte Wort gehörte der Skepsis, die wenigstens an dem einen nicht 
zweifelt, daß der Zweifel seine volle logische Berechtigung hat? 

Doch Freud zeigt, daß nicht nur die Religion zu trösten vermag. Ritterlich 
bricht er eine Lanze für den Intellekt: „Die Stimme des Intellekts ist 
leise aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft. Am Ende, nach 
unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer 
der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit opti- 
mistisch sein darf, aber es bedeutet an sich nicht wenig. An ihn kann man 
noch andere Hoffnungen anknüpfen. Der Primat des Intellekts hegt gewiß 
in weiter, weiter, aber wahrscheinlich doch nicht in unendlicher Ferne. 
Und da er sich voraussichtlich dieselben Ziele setzen wird, deren Verwirk- 
lichung Sie von Ihrem Gott erwarten - in menschlicher Ermäßigung natur- 
lich, soweit die äußere Realität, die 'Avä.y«\, es gestattet -: die Menschen- 
liebe und die Einschränkung des Leidens, dürfen wir uns sagen, daß unsere 
Gegnerschaft nur eine einstweilige ist, keine unversöhnliche. Wir erhoffen 
dasselbe, aber Sie skid ungeduldiger und - warum soll ich es nicht sagen? 
selbstsüchtiger als ich und die Meinigen. Sie wollen die Seligkeit gleich 
nach dem Tod beginnen lassen . . ." (87). „Wir glauben daran, daß es der 
wissenschaftlichen Arbeit möglich ist, etwas über die Realität der Welt zu 
erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben 
einrichten können. Wenn dieser Glaube eine Illusion ist, dann sind wir 
in derselben Lage, wie Sie, aber die Wissenschaft hat durch zahlreiche und 
bedeutsame Erfolge den Beweis erbracht, daß sie keine Illusion ist" (89). 
„Sie wird sich weiter entwickeln und verfeinern. Eine Illusion aber wäre 
es zu glauben, daß wir anderswoher bekommen könnten, was sie uns nicht 

geben kann" (91). 

Mit diesem prächtig folgerichtigen Satz schließt Freud seine Weissagung 
vom Untergang der Religion und der glorreichen Alleinherrschaft der 
Wissenschaft. Gott Logos stößt den Gott der Religion vom Throne und 
regiert im Reiche der Notwendigkeit, über deren Sinn wir einstweilen 
noch nicht das Geringste wissen. 



V* .. 



\ 






Dr. Oalar Pfiatw 



-y Historisdie Beleuchtung 

Nur in aller Flüchtigkeit sei daran erinnert, daß auch dieses Wissenschafts- 
ideal, wie Freud gewiß wohlbekannt ist, auf eine ehrwürdige Vergangen- 
heit zurückblickt. Nur hat der Schöpfer der Psychoanalyse vielleicht eine 
gewisse Zuspitzung vorgenommen, sofern er in seinem Positivismus den 
Wissenschaftsbegriff gegenüber der Philosophie stärker abschloß, als bisher 
gebräuchlich war. Sein Empirismus ist völlig verschieden von demjenigen 
der englischen Empiriker, die sich mit größter Genauigkeit der Erfahrungs- 
welt bemächtigten, daneben jedoch im Handeln dem natürlichen Instinkt 
und dem Gewissen, nicht mehr der Wissenschaft, die Führung überließen, 
oder gar, wie der absolut irreligiös erzogene John Stuart Mill, schließlich 
doch noch die Anlehnung an die Religion suchten; 1 die „Zukunft einer 
Illusion weicht auch gänzlich ab vom Positivismus eines Auguste Comte 
der zuerst die mythologische, dann die metaphysische Denkstufe zertrümmert' 
um das Lob der alleinseligmachenden Einzelwissenschaften zu singen dann 
aber doch die Welt vom sittlichen Gefühl des Menschen aus erklären will 
und eme höchst romantische und phantastische Menschheitsreligion kon- 
struiert, etn recht unterhaltendes Zeugnis dafür, daß er mit seinem ent- 
schieden auf breitem Fundament ruhenden Scientismus nicht auskommt. 
Auch David Friedrich Strauß, der mit seinem mechanischen Materialismus 
eUd f 2iemllCh "^««kommen scheint, und nur in der Annahme eines 
„vernunftigen und gütigen Universums« einen Abstecher ins Philosophische 
macht, den der Gegner der Religionsillusion kaum mitmachen könnte ver- 
langt nach einer Ethik, die an der wissenschaftlichen Produktion keines- 
wegs volles Genüge findet. Am nächsten von den mir bekannten Philo- 
sophen kommt Freud der Baron von Holbach, der bereits die Bildung 
der Gottesidee aus dem Wunsche ableitet, die Naturmächte durch Vermensch 

SfX t Cr , v B ! e ™ flu " un « durch Gebet ™<* Opfer zugänglich zu machen, 
die Nützlichkeit der Religion bestreitet, ihr darum den Garaus machen 
will und die dauernde Glückseligkeit als Ziel des Strebens hinstellt. 2 Daß 
Freud den Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts als Empiriker turm- 
hoch überragt und sich seiner banalen Metaphysik versagt, ist selbstver- 
standlich. 



l l ?'n f ! e ! der , er: Geschichle der Religionsphilosophie. 3. Aufl., 606. 
a) R. r-alckenberg-; Geschichte der nmi«-«. PMt A «,nU. „„« tt 



g; Geschichte der neueren Philosophie. 208 ff. 



Die Illusion einer Zukunft 



3) K-iilik dieses Vvtssenscliajtsoptimismus 

Wir stehen nun vor der Aufgabe, Freuds Wissenschaftsoptimismus zu 
prüfen. Zuerst müssen wir klar ins Auge fassen, was er unter Wissenschaft 
versteht und wie weit sein Optimismus geht. 

Zum ersten Punkt erhalten wir keine näheren Aufschlüsse. Bisher war 
die Haltung des größten unter den neueren Pfadfindern auf dem Gebiete 
des Seelenlebens der Philosophie gegenüber entschieden ablehnend. Jetzt 
aber erfahre ich zu meiner Genugtuung, daß Freud der Erkenntnis- 
theorie grundsätzlich Berechtigung zuspricht, sofern sie die Frage, ob wir 
über die äußere Realität etwas erfahren können, beantworten soll. Zwar 
entzieht sich Freud, wie wir hörten, bescheiden der Aufgabe; aber er er- 
klärt doch, daß die Wissenschaft sich auf die Darlegung der Welt, wie sie 
uns infolge der Eigenart unserer Organisation erscheinen muß, beschränken 
solle (91), und daß das Problem der Weltbeschaffenheit ohne Rücksicht auf 
unseren wahrnehmenden seelischen Apparat eine leere Abstraktion sei (91). 

Da hätte nun Freud eben doch erkenntnistheoretische Resultate ohne 
vorangehende Erkenntnistheorie geliefert. Er nimmt als selbstverständlich 
an, daß wir es nur mit der Erscheinungswelt zu tun haben. Allein be- 
steht nicht das Wesen der Wissenschaft überall darin, diese Erscheinungs- 
welt aufzulösen und ihr Abstraktionen gegenüberzustellen, die uns Verständnis 
für jene Welt der Sinne erst vermitteln? Die Optik löst, wie wir schon 
hörten, die Farben in Schwingungen farbloser „Körper" auf, die von der 
Physik und Chemie ihrer „Körperlichkeit" wieder beraubt werden und in 
Energien, Elektronen und andere unkörperliche Abstraktionsgebilde zerlegt 
werden. Ursächlichkeit sehen und riechen wir nirgends, wir deuten sie in 
die Erscheinungen hinein. 

Man mache sich doch klar, daß der „wahrnehmende seelische Apparat", 
auf den nach Freud alle Untersuchung der Weltbeschaffenheit Rücksicht 
zu nehmen hat, keineswegs ein klares, vor Täuschung geschütztes Gebilde 
ist. Kann ich Temperaturen mit dem Thermometer messen, ohne der Zu- 
verlässigkeit des Instrumentes gewiß zu sein? Darf man die ganze neuere 
Philosophiegeschichte, die bei Descartes mit der absoluten Skepsis einsetzt, 
bei Hume die Illusion der gesicherten Ursächlichkeit zerschlägt, bei Kant 
die Illusion des Erfahrungswissens als einer Erfassung der Welt an sich um- 
stürzt und in der neuesten Naturwissenschaft eine wahre Götzendämmerung 
heraufbeschwor, ignorieren? Hat man noch nicht eingesehen, in was für 
wissenschaftliche Labyrinthe man hineingerät, wenn man erkenntnistheoreti- 



Dr. Oskar Pfüster 



sehe und metaphysische Begriffe unter der trüglichen Spitzmarke der Natur- 
wissenschaft leichtfertig herübernimmt? Vergaß man, wie uns die Natur- 
wissenschaft hinterging mit ihrem Begriff des Naturgesetzes, des Atoms, des 
Äthers, der Laplaceschen Weltformel usw.? 

Naturwissenschaft ohne Metaphysik gibt es nicht, hat es nie ge- 
geben und wird es nie geben. Ich bin selbst durch die Schule des Empirio- 
kritizismus hindurchgegangen und suchte ein paar Semester lang „reine 
Erfahrung" im Sinne einer Wirklichkeitserkenntnis, die von allen subjektiven 
Zutaten völlig frei wäre. Eitles Unterfangen! Die Welt ist uns nur durch 
unsere seelische Organisation hindurch, und zwar nicht nur durch die Tore 
der Sinne, die ja noch gar keine Erkenntnis gewähren, zugänglich. Unsere 
Denkkategorien, ob man sie nun in der Weise Kants oder anderswie denkt, 
wirken immer mit. Also müssen wir Erkenntniskritik treiben. Wir brauchen 
ferner Begriffe, wie Ursache und Wirkung, so gewiß sie nach ihrer Herkunft 
als Anthropomorphismen erfunden worden sind, wir brauchen Atome und 
Moleküle usw. Wer die Abstraktion scheut, muß die Finger von der Wissen- 
schaft lassen. Schon das Messen und Wägen hat mit Abstraktionen zu tun, 
denn Zahlenbegriffe sind natürlich, wie alle Begriffe, abstrakt. Die Philo- 
sophie, die sofort einsetzt, wo die Erfahrung aufhört, ragt in die Erfahrungs- 
wissenschaften hinein, und wer sich mit philosophischen Problemen nicht 
-ernstlich auseinandersetzt, tut es eben laienhaft verworren. 

Wie soll man ferner das religiöse Problem erledigen können, wenn man 
die erkenntnistheoretischen Grundfragen außer acht ließ? Ist es nicht ein- 
fach ein negativer Dogmatismus, durch einen vom Zaun gerissenen Macht- 
spruch zu erklären, Weltwille und Weltsinn existieren nicht? 

Glaubt man, Philosophie sei ein Spleen lebens- und wirklichkeitsferner 
Köpfe, so sei darauf hingewiesen, daß die Philosophiegeschichte denn doch 
eine Reihe glänzender Namen von Männern aufweist, die in der Physik, 
Mathematik, Astronomie usw. Gewaltiges geleistet haben. Wenn heute noch 
ein Naturforscher vom Range eines Driesch, der zwanzig Jahre ruhm- 
gekrönt Naturwissenschaft getrieben hatte, zur Philosophie übergeht, wenn 
Psychiater denselben Weg einschlagen, so sollte dies doch merken lassen, 
daß die Philosophie es nicht nur mit Schrullen und Hirngespinsten zu 
tun hat, sondern mit einer Wirklichkeit, deren Existenz nicht mit leichter 
Handbewegung abgetan werden kann. Meines Erachtens steht diese Welt 
geistiger Ordnung, die aus der Erschein ungs weit geschlossen werden kann, 
gesicherter vor uns, als die ganz sicher trügerische Sinnenwelt. Man kann 
es sich ja bequem machen und sich zum Agnostizismus bekennen. Aber 



Die Illusion einer 2sukun.it 123 



so leicht wird einem auch diese Bankrotterklärung des Denkens nicht 
gemacht. 

So weiß ich denn durch Freuds volkstümlichen Wissenschaftsbegriff 
nicht, wie weit das Wissen reicht, welchen Zuverlässigkeitsgrad es erwerben 
kann, und welche Chancen ihm beschieden sind. Wie soll ich also wissen, 
ob es einen geistigen Urgrund und ordnenden, also denkenden Weltwillen 
gibt, oder nicht? Wie kann ich wissen, ob die Ausbreitung der Macht durch 
das Wissen einen Glückszuschuß für die Menschheit bedeutet? 

Nun können wir uns auch mit der Wissenschaftsprognose Freuds 
auseinandersetzen. Man kann nicht von einer rosenfingrigen Eos reden, die 
er uns schenkt. Freud ist ein viel zu ernster und ehrlicher Mann, um Ver- 
sprechen abzulegen, die er nicht einlösen zu können überzeugt ist. Der 
Mensch wird mit Hilfe der Wissenschaft seine Macht erweitern, — wie weit, 
erfahren wir nicht, — und die großen Schicksalsnotwendigkeiten mit Er- 
gebung ertragen lernen. Dies ist alles, ganz alles. Aber hat nicht Freud 
schon damit zu viel gesagt? Kann denn nicht die Kultur bald zusammen- 
brechen? Ist uns nicht von einem Manne, dessen reiches Wissen allseitig 
anerkannt wird, der Untergang des Abendlandes geweissagt? Ist es undenkbar, 
daß die nur von der Wissenschaft gelenkte Kultur den wilden Leidenschaften 
erliegt, nachdem uns der Weltkrieg die in den Tiefen der Völker lauernde 
Barbarei enthüllt hat? Versichern uns nicht Eduard von Hartmann und 
viele andere, daß das Wachstum der Wissenschaften nur unser Elend ver- 
mehrt? Ist es so sicher ausgemacht, daß der Fortschritt der Wissenschaften 
die Totalsumme menschlicher Lebensfreude bisher vermehrte, und wenn es 
bisher so war, ist es sicher, daß es immer so sein wird? Ist es sicher, daß 
wir uns glücklicher fühlen, als vor hundert Jahren? Ist es wenigstens bei 
den Gelehrten der Fall? Fühlen sich die Arbeiter dank der Segnungen der 
Wissenschaft zufriedener, als vor ein paar Menschenaltern? Oder die Hand- 
werker? Oder die Bauern? Was wird aus den schönsten Errungenschaften 
der Technik, wenn sie in den Dienst menschlichen Geldhungers, mensch- 
licher Grausamkeit, unmenschlicher Genußsucht gezwungen werden? 

Freuds Wissenschaftsprognose ruht auf einem bloßen Analogieschluß, 
den ich nicht für gesichert halte. Er lautet: Weil bisher der Fortschritt 
der Wissenschaft den Menschen Vorteile brachte, wird es auch inskünftig 
so sein. Oder besser gesagt, es steckt im Hintergrund ein Glaube an die 
Wissenschaft, dessen Grundlage Nietzsche mit seinem Falkenblick erspähte 
und in die Worte brachte: „Man wird es begriffen haben, . . . daß es immer 
noch ein metaphysischer Glaube, auf dem unser Glaube an die Wissen- 






Ufc^ 






«4 Dr. Oakar Pfirter 



schaft ruht, — daß wir Erkennenden von heute, wir Gottlosen und Anti- 
metaphysiker, auch unser Feuer noch von dem Brande nehmen, den ein 
Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christenglaube, der auch 
der Glaube Piatos war, daß Gott die Wahrheit ist, daß die Wahrheit göttlich 
ist ... Aber wie, wenn dies gerade immer mehr unglaubwürdig wird . . .?' 
Wissen wir durch einen Orakelspruch, daß das Wissen allzeit zur Hebung 
des Menschenglückes beitragen wird, auch wenn böse Leidenschaften den 
Ausschlag geben? Byron klagt: „Der Baum des Wissens ist nicht Baum 
des Lebens ! Kann exaktes Wissen ihn widerlegen ? Und wenn ein Faustischer 
Wissensdrang uns durchglüht, können uns Naturkunde und Medizin (Philo- 
sophie und Theologie scheiden aus) heute befriedigen, oder will auch dem 
Faust von heute schier das Herz verbrennen? 

Freud sieht voraus, man werde die großen Schicksalsnotwendig- 
keiten mit Ergebung ertragen lernen. Nun, dies konnten manche auch 
ohne Wissenschaft von jeher, und wenn ich mich auch vor der Seelen- 
größe des Beligionslosen beuge, der diese Ergebung auftreibt, wer sagt mir, 
daß und warum gerade Ergebung das letzte Wort sein muß? Einzelne jagten 
sich verzweifelt eine Kugel durch den Kopf, obwohl sie auf den stolzen 
Zinnen der Wissenschaft standen. Andere verrannten sich im wilden Haß 
gegen das Leben und suchten sich mit Ausschweifungen zu betäuben, 
andere introvertierten mit und ohne gefällige Einladung in weltfeindliche 
Mystik usw. 

Ob nicht hinter Freuds Glauben an den Endsieg des Intellekts der 
Wunsch steckt und seine Weissagung vom Ende einer Illusion den Auf- 
marsch einer neuen, nämlich wissenschaftlichen Illusion einschließt? 
Daß der Aufmarsch bei Freud nicht mit klingendem Spiel und Fahnen- 
schwenken vor sich geht, sondern sehr gedämpft und mit tastenden Schritten, 
stimmt zu seiner Demut; aber ich kann mich nicht anschließen, gerade 
weil mir das Realprinzip warnend in den Weg tritt. 

4) Freuds Glauhe an die Suffizienz der Wissenschaft 

„Eine Illusion wäre es zu glauben, daß wir anderswoher bekommen 
könnten, was sie (die Wissenschaft) uns nicht geben kann" (91). In diesen 
Worten gipfelt Freuds Glaubensbekenntnis. Aus dem Zusammenhang geht 
hervor, daß er das Wissen von der Welt im Auge hat. Die Anlage des 



1) Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Taschenausgabe. Bd. 6, 301. 



Die Illusion einer Zukunft ] 2 5 



ganzen Buches verrät aber, daß er dabei, wie schon früher (81), auch an 
den vollgültigen Ersatz für das, was die Religion ihren Gläubigen bot, denkt. 

So freudig und begeistert ich Freud auf den wundervollen Pfaden seiner 
Erfahrungswissenschaft folge, an dieser Stelle ist es mir unmöglich, mit ihm 
Schritt zu halten. Hier versteigt sich Freuds strahlender Intellekt zum 
Intellektualismus, der, von seinen Erfolgen berauscht, seine Grenzen vergißt. 

Wir Menschen sind nicht nur Denkapparate, wir sind lebende, fühlende, 
wollende Wesen. Wir brauchen Güter und Werte, wir müssen etwas haben, 
das unser Gemüt befriedigt, unser Wollen belebt. Auch das Denken muß 
uns Werte darbieten, logische, aber auch andere. Haben wir nicht in den 
Analysen oft mit klar denkenden Menschen zu tun, die bei ihrem Denken 
fast verhungern und verzweifeln? Tragen wir nicht in uns ein Gewissen, 
das uns richtet oder belohnt? Ist nicht gerade durch die Psychoanalyse die 
Gewalt des Schuldgefühles bewiesen? Zeigt nicht Freud deutlicher als 
irgend jemand in der Welt die ausschlaggebende Bedeutung der Wertung, 
der Gefühle, Affekte und Triebe? 

Bekanntlich versteht der Intellekt nicht zu werten. Der schärfste 
Verstand kann nicht angeben, ob eine Sinfonie von Mahler oder ein Ge- 
mälde von Hodler schön sei. Der gescheiteste Mensch kann ohne inneren 
Widerspruch einen gemeinen Verrat begrüßen und über einen Heldentod 
im Dienste der Wahrheit spötteln. Ein herzloser Schuft kann über eine 
klarblickende Intelligenz verfügen, und ein geistig Schwacher über eine 
perfidie sich empören. Die Wissenschaft ermangelt der Fähigkeit, ästhetische 
und ethische Größen einzuschätzen. Ja, man meint noch immer des Aristoteles 
Definition des Gehirnes als eines Kühlapparates nachklingen zu hören, wenn 
das Denken — nicht nur bei Spinoza — als eine gefühlsdämpfende Funktion 
charakterisiert oder gepriesen wird. 

Daß Freud die Gemütswerte, von denen sein eigenes Leben einen 
so wundervollen Reichtum aufweist, in seinem wissenschaftlichen Lebens- 
aufbau irgendwo unterbringen muß, liegt auf der Hand. Aber ich finde 
den Ort in seinem Wissenschaftsbegriff nicht. 

Ich sehe auch nicht, wo er die Tempel der Kunst stehen läßt. Wäre 
die Kunst wirklich nur ein Zeichen von Unanalysiertheit und Schwäche? 
Könnte die Wissenschaft uns den Verlust Beethovenscher Sinfonien oder 
Regerscher Sonaten ersetzen? Und die herrlichen Werke ägyptischer, hel- 
lenischer, christlicher Kunst, wir sollten sie opfern gegen wissenschaftliche 
Lehrsätze und Erfindungen? Die herrlichen Dome und Kathedralen, die den 
Stolz und die Wonne unseres Geschlechts ausmachen, die von christlichem 




126 Dr. Oskar Piistcr 



Fühlen eingegebenen Gemälde eines Fra Angelico, Leonardo da Vinci, 
Albrecht Dürer, Holbein, bis auf Gebhardt, Thoma, Steinhausen, die Pietä 
eines Michelangelo, der Schacher oder verlorene Sohn eines Meunier usw., 
das alles sollte verschwinden? Der Born christlicher Poesie, wie er in Lessings 
Nathan, Goethes Faust, Dostojewskis Idiot, Tolstojs Auferstehung usw. seine 
Silberwellen entsendet, müßte versiegen, und statt der grünen Weiden bliebe 
nur noch übrig die Heide der Theorie, auf der die Gespenster des Irrtums 
drohend umherflattern? Dem Skeptiker, der nicht einmal mit Faust zu 
seufzen vermag: „Oh, glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer 
des Irrtums aufzutauchen!" — ihm würde man hartnäckig die glorreiche 
Zukunft der Wissenschaft in künftigen Jahrtausenden vorhalten? 

Mir ist die Kunst noch immer die mit Seherblicken gesegnete Künderin 
tiefer Geheimnisse und Offenbarerin kostbarer Schätze, die der Brille des 
Gelehrten entgehen und entgehen werden, ein Speisungswunder hungernder 
Seelen, eine Friedensbotschaft aus dem Reich der Ideale, die keine Denker- 
faust jemals herunterreißen kann, weil sie der wahren Wirklichkeit sicherer 
angehören, als die Handgreiflichkeiten und sonstigen Vorspiegelungen der 
Sinne. Dies gedanklich herauszuarbeiten, bedürfte ich langer Erörterungen, 
bei denen dem Intellekt nur die Rolle des Erklärers zukäme, der dem 
schaffenden Genius huldigt und dient. Oh, wie graute mir vor einem kunst- 
entleerten Gelehrtenstaat! 

Und noch weniger kann uns die erfinderische Wissenschaft das Reich 
der sittlichen Werte und Kräfte ersetzen. Die Wissenschaft muß sich 
selbst der sittlichen Zwecksetzung eingliedern, wenn sie nicht zur zweifel- 
haften Unternehmung herabsinken soll. Daß sie bei Freud einem ethischen 
Plan zugehört und ihn auszuführen hilft, wer wollte es bestreiten? Aber 
in seinem Büchlein ist, wenn ich recht sehe, dieser umfassenden Betrachtung 
kein Platz gewährt. Wir stehen nicht mehr auf dem sokratischen Boden 
der Lehre, daß Wissen an sich schon Macht sei. Der Alkoholiker, der weiß, 
daß er an seinem Laster zugrunde geht, besitzt darum noch nicht die Kraft, 
mit ihm zu brechen. Auch die analytische Einsicht in die Dynamik des 
Unbewußten und ihre tiefsten Wurzeln hilft, wie wir heute wissen, noch 
nicht an sich zur Befreiung von seinem Banne; Freud lehrt uns, daß 
durch Übertragung die eingeklemmten Triebe gleichfalls erlöst werden 
müßten. 

Ist es wirklich ausgemacht, daß mit zunehmender Wissenschaft auch die 
Gesinnung der Menschen geläutert werde? Hat nicht Alexander von öt- 
tingen nachgewiesen, daß gerade die Hochgebildeten prozentual mehr 









Die Illusion einer Zukunft la _ 






Kriminelle aufweisen, als der geistige Mittelstand? Finden wir nicht mit- 
unter bei Akademikern unglaubliche Kleinlichkeit der Gesinnung? Als vor 
bald einem Jahrhundert die Volksschule geschaffen wurde, erwartete man 
eine rapide Abnahme der Kriminalität. Und heute? 

Woher nehmen wir die Gewißheit, daß in Zukunft der Zuwachs an 
Wissenschaft und Technik ein Anschwellen der sittlichen Kräfte herbeizaubern 
•werde? In der Bekämpfung der Trunksucht erlebte ich deutlich genug, wie 
wenig mit wissenschaftlichen Argumenten auszurichten ist. Und selbst wenn 
die Verdrängungen überwunden sein sollten, so ließe sich am Leitseil der 
Wissenschaft jene Sittlichkeit, die dem Leben Würde und wahre innere 
Gesundheit verleiht, nicht erzielen. 

Damit habe ich auch den Grund angegeben, warum ich an den Ersatz 
der Religion durch die Wissenschaft nicht glaube. Die Religion ist 
die Sonne, die das herrlichste Blütenleben der Kunst und den reichsten 
Erntesegen sittlicher Gesinnung hervortrieb. Alle ganz große, gewaltige 
Kunst ist Gebet und Opfer vor Gottes Thron. Gott, für den Religions- 
philosophen der Realgrund der Ideale, ist für den Frommen der Idealgrund 
seines realen Schaffens, der Phngstgeist, der in Flammenzungen auf die Erde 
herniederfährt, der Offenbarer, dessen „Es werde Licht l" auch das Dunkel 
der Menschengeister mit blendender Klarheit erhellt. Wer die Religion zer- 
stören könnte, durchsägte die Pfahlwurzel der großen, den tiefsten Sinn und 
die höchsten Kräfte des Lebens enthüllenden Kunst. 

Und ebenso erblicken wir in der Religion einen Grundpfeiler der 
Moral. Wir übersehen nicht, daß der fromme Glaube moralische Einsicht 
in sich aufnahm und fort und fort in sich aufnimmt, wie z. B. die Ge- 
schichte des Christentums lehrt. Aber wir vergessen auch nicht, daß die 
kühnsten und herrlichsten ethischen Fortschritte nur als Religion einsetzen 
konnten. Die großen Fortschritte der Ethik sind nicht Wissenschaftlern, sondern 
Religionsstiftern zu verdanken. Auch Kant, der mit seiner Ausschaltung der 
Liebe einen bedenklichen Rückfall hinter die Ethik Jesu bedeutet, ist im 
Grunde nur der gelehrte Sprecher des ins Puritanische abgeschwenkten Pro- 
testantismus. 

Nicht einmal das ist ausgemacht, daß die Ethik selber in fortschreitender 
Linie begriffen ist. Ich kann Freuds Satz nicht beistimmen, daß das Morali- 
sche sich immer von selbst verstehe. Auf das Gewissen kann man sich be- 
kanntlich gar nicht ohneweiters verlassen und in der Moralwissenschaft fuchteln 
die verschiedensten Lehren erregt gegeneinander. Platte Nützlichkeitsmoral 
scheint dem Kantianer ein Greuel, der Eudämonismus mit seinen schillernden 



12<S Dr. Oskar Pfistcr 



Unklarheiten irritiert den Nietzscheaner, der den Willen zur Macht als Maß- 
stab für Gut und Böse wünscht und kanonisiert usw. In den einzelnen ethi- 
schen Problemen sehen wir ein Chaos widersprechender Auffassungen ; man 
denke etwa an die moralische Beurteilung des Krieges, der übermäßigen 
Kapitalanhäufung, der freien Liebe, der künstlichen Abtreibung usw. Das 
positivistische Denken, die Wissenschaft, wie sie Freud vorzuschweben 
scheint, kann uns gewiß nicht viel weiter bringen, wenn sie uns auch, wie ich 
anderwärts darlegte, höchst wertvolle Bausteine für die Ethik, die allezeit 
eine philosophische Disziplin bleiben wird, liefern kann, und zwar neben 
der Soziologie in erster Linie Freuds Psychoanalyse. Jüngst hörte ich in 
einer öffentlichen Diskussion den Wiener Juristen K eisen ausführen, wie 
der Positivismus nicht einmal eine Gesetzgebung zu schaffen vermöge 
(Kelsen ist selber Positivist); wie sollte er nun gar ein ethisches Lehr- 
gebäude ins Dasein rufen können! 

Die Erfahrungswissenschaft läßt uns daher im Stich bei der Bildung ethi- 
scher Begriffe. Und das Wichtigere: Die Erzeugung sittlichen Lebens 
ist noch niemals mit dürren Theorien und klugen Begriffen erzielt worden. 
Es wäre Schulmeisterei schlimmster Sorte, dies zu verkennen. Die Religion 
mit ihren teils erhabenen, teils lieblichen Symbolen, mit ihrer poetischen 
Herrlichkeit und ihren erschütternden Wirklichkeitsdeutungen, mit ihren 
hinreißenden Persönlichkeiten, die durch ihre herzgewinnenden Taten und 
Leiden in ihren Bann ziehen und durch ihre Mängel und Schwächen teils 
warnen, teils doch auch wieder dem gefallenen Menschen Mut einflößen, 
mit neuer Kraft seinem Ideal nachzustreben, die Religion mit ihren un- 
geheuren metaphysischen Hintergründen und Zukunftsperspektiven, mit ihrer 
göttlichen Sanktionierung des Sittengebotes und ihrer Erlösungsbotschaft, die 
einige der bedeutsamsten Errungenschaften der Psychoanalyse vorwegnimmt, 
mit ihren Forderungen, die allen Widerstand der Erfahrungswelt durch die 
Gewißheit einer höheren Verpflichtung und Bundesgenossenschaft überwinden, 
kurz, diese ganze Idealwelt, die doch nur Ausdruck einer höheren, höchsten 
Realität zu sein gewiß ist, und die mit Leichtigkeit alle Gaben der Wissen- 
schaft in sich aufnehmen kann, ihnen jedoch eine unerhörte Fülle von 
anderen Kostbarkeiten, von Lebensgütern und Lebenskräften hinzufügt, ist 
eine Erzieherin, die die Wissenschaft mit ihren Theorien gewiß nicht zu 
ersetzen vermöchte. Aber, wenn der Glaube unwahr wäre, so müßten wir 
ihn trotz seiner Leistungen bekämpfen. Besser, mit der Wahrheit in die Hölle 
zu fahren, als um den Preis von Lügen in den Himmel! 

Freud rühmte in seiner Duldsamkeit die Religion als Neurosenschutz (71). 






Die Illusion einer Zukunft x 



Früher führte er aus, daß seit Entkräftung der Religionen die Neurosen sich 
außerordentlich vermehrten. 1 Ob nicht die Ritterlichkeit Freud etwas zu 
weit gehen ließ? Ich sehe auch in den Scharen der konzentriert Frommen 
eine Unmasse von Hysterikern und Zwangsneurotikern; abgesehen davon, 
daß alle Orthodoxien als kollektive Zwangsneurosen zu betrachten sind, finden 
wir bei sehr frommen Christen eine große Menge von Psychoneurotikern. 
Es kommt eben sehr darauf an, wie die Frömmigkeit selbst geartet ist, 
wie weit sie verdrängend wirkt. Daß aber die freie Luft des genuinen Evan- 
geliums einen unentbehrlichen Schutz gegen die Gefahr der Neurose her- 
stellt, läßt sich nicht verkennen. 

Allein der Bereich der Religion ist damit noch lange nicht erschöpfend 
angegeben. Die Religion läßt sich nicht in Kunstenthusiasmus, Moral und 
Neurosenschutz auflösen. Hinzu kommt noch so manches andere. Die Religion 
befaßt sich mit der Frage nach Sinn und Wert des Lebens, mit dem Einheits- 
drang der Vernunft nach einer universellen, Sein und Sollen umspannenden 
Weltbetrachtung, mit der Sehnsucht nach Heimat und Frieden, mit dem 
prang nach unio mystica mit dem Absoluten, mit den Seelenfesseln der Schuld 
un d dem Freiheitsdurst nach Gnade, mit dem Bedürfnis nach einer Liebe, 
die der unerträglichen Unsicherheit des Irdischen entrückt ist, mit unzähligen 
anderen Anliegen, die im Zustand der Nichterledigung die Seele würgen 
und ängstigen, durch religiösen Ausgleich aber das Menschenleben auf 
strahlende Bergeshöhen mit unbeschreiblich beglückenden Fernblicken er- 
neben, das Herz kräftigen und durch die Auferlegung sehr schwerer sitt- 
licher Verpflichtungen im Geist der Liebe den Wert des Daseins erhöhen. 
per Irreligiöse kann dies nicht nachfühlen, so wenig der Unmusikalische 
Jen Gehalt einer Tondichtung von Brahms zu ahnen vermag. Die Religion 
j s t zwar bei weitem nicht so aristokratisch, wie Kunst und höhere Wissen- 
schaft. Sie ist selbst ein Strom, in dem Lämmer schwimmen und Elefanten 
ertrinken können. Aber es verhält sich nun eben doch, wie das Neue Testament 
sagt: „Der Glaube ist nicht jedermanns Ding" (2. Thess. 3, Vers 3). Unter 
Glauben aber verstehen wir nicht nur ein Vorstellen, sondern ein Ergriffensein 
des ganzen inneren Menschen. 

Wie arm scheint uns die Wissenschaft gegenüber dieser Fülle, von der 
wir doch nur einen ganz kleinen Teil anzudeuten vermochten, weil der 
Baum zu weiterer Ausführung fehlte und Worte das Unsagbare überhaupt 
nicht wiedergeben können! Mich wundert gar nicht, daß manche der be- 

1) Freud: Die zukünftigen Chancen der Psychoanalyse. Ges. Schriften VI, S. 25 ff. 
Pfister: Psychoanalyse und Weltanschauung. „ 



Dr. Oskar Pfl.Mir 



deutendsten Forscher ihr Tun als Gottesdienst auffaßten und manche der 
größten Künstler und Dichter ihre Lorbeerkränze demütig vor dem Altar 
Gottes niederlegten. 



SAU 



Wie sollen wir uns also die Zukunft der von Freud beanstandeten Illusion 
denken? Daß sie, falls sie nur Illusion ist, fallen und verschwinden muß, 
ist auch meine Ansicht. Allein Freud wollte ja die Wahrheitsfrage gar nicht 
stellen; er betont ausdrücklich, daß die Illusion wahr sein könne (4g). 

So bin ich daher der Ansicht, es müsse das Realdenken so weit vor- 
dringen, als es das Wesen der Realität irgend zuläßt. Wie dies etwa 
geschehen kann, skizzierte ich in den knappen Andeutungen meiner voran- 
gehenden Abhandlung „Psychoanalyse und Weltanschauung". Ich deutete 
an, wie sich aus der Erfahrungswissenschaft als notwendige logische Er- 
gänzung eine Metaphysik ergebe, wie aber, und dies ist für die Religion 
noch wichtiger, aus der sittlichen Bestimmung Rückschlüsse auf den Welt- 
sinn und Weltwillen möglich, ja nötig seien. 

Eine abgeklärte Religion kann nur aus einer harmonischen Verbindung 
des Glaubens und des Wissens, aus einer gegenseitigen Durchdringung 
des Wunsch- und des Realdenkens hervorgehen, wobei jedoch der Inhalt des 
Realdenkens durch das Wunschdenken keinerlei Fälschung des Sachverhalts 
und der Zusammenhänge erfahren darf. 

Aber rinnt bei dieser Synthese nicht der eigentliche Gehalt der Religion 
in die Tiefe? Freud vermutet es (52); allein ich kann seine Annahme nicht 
teilen. Meines Erachtens wird die Substanz des Christentums in keiner Weise 
angegriffen, wenn wir die Wunder im Sinne von Eingriffen Gottes in den 
Naturlauf leugnen ; jedenfalls ist es eine Tatsache, daß Millionen von Christen 
dies seit Jahrhunderten taten und dennoch in ihrer Religion ihr Heiligstes 
erblickten. Der von derben Anthropomorphismen freie Gott der philosophisch 
durchgearbeiteten modernen Theologie, der Weltwille, der auf die Verwirk- 
lichung von Liebe im höchsten sittlichen Sinne ausgeht, ist erhabener als 
der Gott, der in der Abendkühle lustwandelt und eigenhändig die Türe der 
Arche abschließt, auch erhabener als der Gott, der die Erde als Fußschemel 
benützt, und die Gleichnissprache der Frömmigkeit darf keinen Rückfall in 
minderwertiges Wunschdenken enthalten. Die sittlichen Vorschriften, die wir 
nicht mehr einfach aus heiligen Urkunden uns diktieren lassen, sondern als 
autonome Kinder Gottes aus dem Wesen des Menschen und der menschlichen 



Die Illusion einer Zukunft 



Gemeinschaft ableiten, wobei wir aber allerdings die ethische Erkenntnis der 
Vorzeit pietätvoll der Prüfung unterziehen und uns jedes Recht des Ein- 
spruches und der Ablehnung vorbehalten, sind uns nicht weniger heilig, als 
die Satzungen irgendwelcher Religionsurkunden. Die Bibel ist uns nicht 
kleiner, sondern herrlicher geworden, seitdem wir sie nicht als papiernen 
Papst und unfehlbares Orakel, als Rechtsgrundlage von Ketzergerichten bearg- 
wöhnen, sondern kraft der evangelischen Freiheit der unerbittlichsten Kritik 
unterwerfen. Lohn und Strafe haben wir als gefährliche Erziehungsmittel 
längst zurückgedrängt, wenn wir auch die Tatsache nicht leugnen, daß im 
Sittengebot auch eine Hygiene liegt, die über die der individuellen und sozialen 
Gesundheit drohenden Gefahren Auskunft erteilt und damit auf eine über 
Glück und Leid entscheidende, für die Lebensgestaltung maßgebende Gesetz- 
mäßigkeit hinweist. Die sittliche Weltordnung ist für uns nicht ein vorhan- 
dener Zustand, sondern eine Normativität im eben genannten Sinn, eine An- 
lage und Gesetzmäßigkeit, deren Tendenz wir aus der Beobachtung der 
Lebenswirklichkeit erkennen können und in sittlichen Vorschriften zum Aus- 
druck zu bringen versuchen, die wir eben als Ausdruck des höchsten kosmi- 
schen Entwicklungsstrebens ethisch formulieren und infolge einer Beziehung 
auf den Schöpferwillen als gottgewollt und heilig anerkennen. So stützt sich 
die Moral keineswegs auf eine heteronome Autorität, sondern auf die Auto- 
nomie des Einzelnen und der- Sozietät, aber nicht auf ihr zufälliges Belieben, 
sondern auf ihre Wesensart, die hinwieder auf eine letzte denkbare absolute 

Instanz zurückweist. 

Können wir dieser religiösen Vertiefung entraten? Wird das Vordringen 
der exakten Wissenschaften sie überflüssig machen? Der gegenwärtige Rechts- 
marsch in die Richtung der Orthodoxien soll für unser Urteil nicht aus- 
schlaggebend sein. Allein aus dem Wesen des Menschen und der engen Be- 
grenzung des Intellektes muß ich Freuds Weissagung von der Zukunft einer 
Illusion die nicht mehr weissagende, sondern psychologisch begründete Be- 
hauptung von der Illusion einer solchen Zukunft entgegensetzen. 

Sehr erfreulich ist mir, daß Freud selber im Grunde demselben Ziele 
wie ich zustrebt, er mit seinem genialen Forscherblick, ich mit meinen 
geringen Mitteln. Ihn treibt sein Gott Logos, unter dem er den Intellekt 
versteht, „voraussichtlich" zum Ziele der Menschenliebe und der Ein- 
schränkung des Leidens (87), mich mein Gott Logos, den ich freilich 
mit Anlehnung an das erste Kapitel des Johannesevangeliums als göttliche 
Weisheit und Liebe auffasse, zu denselben Zielen, denen ich nur noch 
viel stärker als Freuds an Schopenhauer anklingende Angabe die Schaffung 

9* 



1J2 Pli.vler: Die Illusion einer .Zukunft 



positiver innerer und äußerer Güter an die Seite setzen möchte. Nicht das 
religiöse Bekenntnis ist das wahre Kriterium des Christen; Joh. 13, Vers 35 
ist ein anderes angegeben: „Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine 
Jünger seid, so ihr Liebe habt untereinander." Auf die Gefahr hin, von 
losen Zungen bewitzelt zu werden, wage ich nochmals die Behauptung, daß 
Freud im Lichte dieses Wortes mit seiner Lebensauffassung und seinem 
Lebenswerk manchem abgestempelten Kirchenchristen, der ihn, wie er sich 
selbst, als Heiden betrachtet, den Vorrang abläuft. 

Und so vereinen sich denn „Die Zukunft einer Illusion" und „Die 
Illusion einer Zukunft in einem starken Glauben, dessen Credo lautet- 

„Die Wahrheit wird euch frei machen!" 



Im .ZV ovember 1928 crsdieinen im 

Internationalen Jrsyaioanatytisaien Verlag 

(Wien I, Börsegasse 1 1) 



Oskar Pfister: Religiosität und Hysterie. 
Geh. M. 4. — , Ganzleinen M. f-.fO 

Inhalt: Zur Psychologie des hysterischen Ma- 
donnenkultus — Hysterie und Mystik bei Marga- 
ret* Ebner (1291 — 1551) — Eine Hexe des zwan- 
zigsten Jahrhunderts — Anhang: Die Religions- 
psychologie am Scheidewege 



Ernest Jones: Zur Psychoanalyse der 
christlichen Religion. Geh. M. 4-jO, 
Ganzleinen M. 6. — 

Inhalt: Religionspsychologie — Der Gottmensch- 
komplex — Die Empfängnis der Jungfrau Maria 
durch das Ohr — Eine psychoanalytische Studie 
über den Heiligen Geist 



PSYCHOANALYSE 

SIGM. FREUD: Die Zukunft einer Illusion. Geh. M. 2.30. 

Die religiösen Ideen — führt der Schöpfer der Psychoanalyse in seiner neuen Arbeit aus — 
sind sämtlich Illusionen, niemand darf gezwungen werden, an sie zu glauben. Einige von 
ihnen stehen so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der 
Welt erfahren haben, daß man sie den Wahnideen vergleichen kann. Wohl hat die Religion 
der menschlichen Kultur Dienste geleistet, aber nicht genug. In den Jahrlausenden, durch 
die sie die menschliche Gesellschaft beherrscht hat, ist es ihr nicht gelungen, die Mehrzahl 
der Menschen glücklich zu machen, sie mit dem Leben zu versöhnen ; vielmehr empfindet 
eine erschreckend große Anzahl der Menschen die Gesellschaftsordnung als sin Joch, das 
man abschütteln muß. Die Priester konnten die Unterwürfigkeit der Massen gegen die 
Religion nur erhalten, indem sie der menschlichen Triebnatur große Zugeständnisse ein- 
räumten- die Unsittlichkeit hat zu allen Zeiten an der Religion keine mindere Stütze ge- 
gefnnden als die Sittlichkeit. 

Wenn man den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden 
Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen ins Auge faßt, kann man 
ermessen, welch großen Anteil an der intellektuellen Verkümmerung neben der sexuellen 
Denkhemmung und der Verzögerung der sexuellen Entwicklung besonders auch die religiöse 
Erziehung hat. 

Freuds Ausführungen gipfeln in der Forderung: „Erziehung zur Realität!" 
Was soll dem Menschen die Vorspiegelung eines Großgrundbesitzes auf dem Mond, von 
dessen Ertrag doch noch nie jemand etwas gesehen hat? Als ehrlicher Kleinbauer wird der 
Mensch auf dieser Erde seine Scholle zxi bearbeiten wissen, so daß sie ihn nährt. Eine 
Menschheit, die auf Illusionen verzichtet, wird wahrscheinlich erreichen können, daß ihre 
Einrichtungen keinen mehr erdrücken. Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht 
nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat; dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man 
für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf. Auf die Dauer kann der Vernunft 
und der Erfahrung nichts widerstehen und der Widerspruch der Religion gegen beide ist 
allzu greifbar. Auch die geläuterten religiösen Ideen können sich diesem Schicksal nicht 
entziehen, solange sie noch etwas vom Trostgehalt der Religion retten wollen 

S 1 G AI. FREUD: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen 
im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Geheftet M. /.— . 

Inhalt: Vorwort — I) Die lnzcstsdieu — II) Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen — 
111) Animisnius, Magie und Allmacht der Gedanken — IV) Die Infantile Wiederkehr des Totemlsmus. 

Diese wundervolle Untersuchung dringt bis zu den Ursprüngen der religiösen und sozialen 
Beschränkungen vor. Die Ergebnisse stürzen in der Tat die alte Psychologie vollkommen 
um . („The Ntw York Times") 



SIGM. FREUD: Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert. 

Pappband M. I.— 



1 ein religiöses Schicksal psychoanalytisch auffassen kann, ohne platt, trivial, un- 
tig zu werden: dafür ist das Schriftchen ein feinsinniges Beispiel. Die Grazie der 



Wie man 

ehrfürchtig _ 

Darstellung bietet überdies einen literarischen Genuß. („Archiv für Frauenkunde ) 



HERMANN RORSCHACH (f): Zwei schweizerische Sek- 
tenstifter. Geheftet M. 2.20. 

Inhalt: l) Johannes Blnggell - II) Anton UiUernalirer. (Nach Vortrügen In der „Schweizerischen Gesellschaft 



für Psychoanalyse".) 






DER RELIGION 

THEO DO II REIK: Das Ritual. 2. ergänzte Auflage der „Pro- 
bleme der Religionspsychologie". Ganzleinen M. 14.—. 

1 halt- 1) Einleitung — II) Die C0UV«de und die Psydiogcnesc der Vergelt ungsfurdit — III) Die Pubcrtats- 
rilen der Wilden - IV) Kolnldre (Stimme des Gelübdes) - V) Das Sdiofar (Das Widderhorn) — VI) Der 
Moses des .Michelangelo. 

|e s ist eine schwere Kost, die vorsichtig genommen und mehrmals verdaut werden muß, — 
aber es ist eine Arheit, die den Problemen wirklich nahe zu kommen sucht; es ist 
nicht dieses ewige kompilierende Denken, das so häufig in der übrigen medizinischen Literatur 
uns ichthyosaurenhaft anmutet . . . Wenn Reik am Schlüsse seines Werkes schreibt, daß er 
der Religionswissenschaft einen neuen Weg gewiesen hat, den er an der Hand seines Meisters 
Fr eud betrat, dann muß ihm jeder Vorurteilsfreie, auch wenn er ihm nicht m allen 
Deduktionen folgen kann, rechtgeben. Wie schmerzlich manchem die Sondierung reh S l ° S ~ 
ethischer Gefühle sein mag, vom wissenschaftlichen Standpunkt ist sie berechtigt, und die 
Psychoanalyse ist zweifelsohne befähigt, diese Erkenntnis in ein bisher unbekanntes Reich 
„„führen. Reiks Buch kann nicht referiert werden, da jedes Referat nur Stückwerk bleiben 
mU ß; es ist ein Buch, das durchforscht zu werden verdient und das in sich den 
Keim neuen Werdens trägt. 

[Prof. LUpmann in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft i 

ir)er Ästhetiker findet manches Interessante über Musik, über die Hörner des Moses von 
Michelangelo und anderes. {Prof. Oesterreich in der „Vossischen Zeitung 1 ) 









THEODOR REIK: Der eigene und der fremde Gott. 

Ganzleinen M. 10. jO. 

AlIS dem Inhalt: Jesus und Maria im Talmud — Der hl. Epiphanius versdireibt sich - Das Evangelium 
jgs Judas Isdiarlolh — Die L'nhcimllchkell fremder Götter und Kulte — usw. 

rj e r tiefblickendste und scharfsinnigste Religionspsychologe unserer Zeit. {„Schulreform", Bern) 

Man wird eine Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. 

(Prof. Titius in der „Theologischen Literaturzeitung"^ 

Man muß Reiks wuchtigen Vorstoß anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar 
f t durch Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. [^Bremer Nachrichten") 

T - )aS Buch ist unmittelbar erschütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zu- 

an imenbang zwischen Christus und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung 

chzusinnen. {Graf Hermann Keyserling im „Weg zur Vollendung") 

pjrt geistreiches Buch . . . Einer der hellsten Köpfe unter den Psychoanalytikern. 

{Alfred Dublin in der „Vossischen Zeitung") 



'THEODOR REIK: Dogma und Zwangsidee. Geh. M. j.6o. 

hall: I) Das Dogma - H) Die Entstehung des Dogmas — III) Dogma und Zwangsidee (Das Dogma als 
[? iprorolBausdruck von verdrängten und verdrängenden Vorstellungen. Die Verschiebung auf ein Kleinstes. 
Irelfe] "'"' Hohn. Dogma und Anathema. Der Widersinn im Dogma und in der Zwangsidee. Die sekundäre 
Z ?arbeitung in der rationalen Theologie. Fides und Ratio. Das Tabu des Dogmas. Der latente Inhalt des 
Bt "*\nins. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Das Wlcderkchicnd-Vcrdrängte. Die Stellung des 
Qoomafl in der Religion. Glaubenageaeut und Sittcngcsci*. 



f 



THEORIE UND PRAXIS 

SIGM. FREUD: Zur Technik der Psychoanalyse und zur 
M e t a p s y c h o I o g i e. Ganzleinen M. u.—. 

[?v h ,?,' t: rü r Tcc l" ,,k - <g b> ^welsche psychoanalytische Methode- Über Psychotherapie - Uic zu- 
künftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie - über .wilde« Psychoanalyse - Die Handhabung der 
Traumdeutung In der Psychoanalyse - Zur Dynamik der Übertragung - Ratschlage für den Arzt bei der 
psychoanalytischen Behandlung - Ober faussc rcconnalssance [„de)« racontc»] wahrend der psychoanalytischen 
Arbeit - Zur Lin Icltung der Behandlung - Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten - Bemerkungen über 
die Übertragungsllcbe -»W der psychoanalytischen Therapie - Zur Vorgeschichte der anXltechcn 
Tc-hnik.) - .Met a psych ol o K ie. (Einige Bemerkungen über den Bcgrifl des Unbewußten in der Pavdio 
ar.alyse - Triebe und Triebschicksale - Die Verdrängung - Das Unbewußte - Met.psyd.olog. Ergänzung 
zur Trauiiilchre — Trauer und Melandiolie.) *^ UM * 

Eine Reihe Freudscher Abhandlungen praktischer wie rein theoretischer Art . . . Sie wirken 
nach wie vor durch den Unvergänglichen Reiz Freudscher Darslellungs weise. 

(„Deutsche Med. Wochenschrift«) 



S. FERENCZ1: Bausteine zur Psychoanalyse. 2 Bände. 

Ganzleinen M. 28. — . 

I. Band: Theorie. Aus dem Inhal.: Inlrojektion und Übertragung - Entwicklungsstufen des Wirklichkelts- 
slni.es - Das Problem der Unlustbcjnhung - Zur Ontogenese des Geldinteresscs - Über die Rolle der Homo 
Sexualität in der Pathogenese der Paranoia - Alkohol und Neurosen - Über obszöne Worte - Denken und 
Mu,kctlnnervatiou - Betrachtungen über den Tic - Kritik der Jungschen Wandlungen und Symbole der 
Libido — Aus der .Psychologie" von Lotzc — usw. 

II. Band: Praxis. Aus dem Inhalt: Passagerc Symptombildungen wahrend der Analyse — Parästhrsirr, H™ 
Genitalgegend - Mißbrauch der Assozlatlonsfrclhclt - Ausbau der „aktiven Technik- in der Ps v d>„a„nlc*e 
- I orderte Phantasien - Lenkbare Traume - Ein Fall ,on d6jä vu - Analyse von GleldinKsen - Sonn 
tagsneurosen - Psychische Folgen einer Kastration in. Klndesalter - Die Nacktheit als Sclireckn.lt. 'l - 
Psyd.ogene Anomalien der Stimmlage - Die Symbolik der Brücke - Ekel vor dem Frühstück - Genital 
Symbolik - Augensymbolik - Klinische Beobachtungen bei Paranoia und Paraphrenie - Wlrk.i.m A., 
Potenzverkürzung des .Mannes auf das Weib - Soziale Gesid.lspunkte bei Analysen - usw. 



FRANZ ALEXANDER: Psychoanalyse der Gesamt- 
persönlichkeit. Neun Vorlesungen über die Anwendung von 
rreuds Ichtheorie auf die Neurosen lehre. Ganzleinen. M. //.— . 

„Drum willst du dich vor Leid bewahren, - So flehe zu den Unsichtbaren, - Daß sie 
zum Gluck den Schmerz verleihen« - ist das Motto des Alexanderschen Werkes. Freuds 
Ichtheorie, m den letzten Jahren aufgerichtet, als kühner Oberbau über das Fundament 
psychoanalytischer Tiefenforschung, wird von Alexander auf das ganze Gebiet der Neu- 
rosenlehre angewendet und darüber hinaus zu einer Seelenlehre von der Gesamlpersönlichkeit 
entwickelt. Dynamik und Ökonomie des ganzen Trieblebens wird untersucht und Entscheidendes 
zur Psychologie von Gewissen, Leiden, Strafbedürfnis, Flucht in die Krankheit, triebhafter 
lttZT laS ' riT l Cm Slchausleben »w. an den Tag gefördert. Mit der Entdeckung 
Wahrst T V^ < P • ^ T C JT Peri ° de d6r Paralytischen Forschung «i 
Wahrend die erste Penode im Zeichen der Deutungskunst stand, die die Äußerungen der 
Triebe zu begreifen lehrte zeigt die Alexandersche Arbeit bereits von den Bestrebungen, 
jene m ihre Bestandteile zerlegten Triebäußerungen in der Gesamtstruktur ihres Aufbaues 
zu betrachten Die Darstellungsart in der Form von Vorträgen hat den Verfasser gezwungen, 
bei der Bewältigung des schwierigen Stoffes weitgehend Bücksicht auf Klarheit und All' 
gemeinverständlichkeit zu nehmen. Die theoretischen Ausführungen werden durch Kranken- 
geschienten illustriert. 






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Dr. Oskar _P Iister 



Pfarrer iri Zürich 



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sycnoanaiyse un 
Weltanschauung 



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Internationaler Psychoanalytischer V erlag 

.Leipzig / YVi e n / Zürich 



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