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Full text of "Populäre Vorträge über Psychoanalyse"

Dr. S. Ferenczi 

Populäre Vorträge 

über 

Psychoanalyse 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

BAND XUI 



POPULÄRE VORTRÄGE 

ÜBER 

PSYCHOANALYSE 



VON 



DR- S. FERENCZI 

NERVENARZT IN BUDAPEST 




INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 

1922 



AUe Rechte, 
insbesoodere das der Uberseteung, vorbehalten 



Copyright 1922 
hy „Internationaler Psydioanalytisdier Verlag', Ges. m. b. H,", Wien L 



Gedrucld bei K. Liebel, Wien. 



Vorwort 

Dieser Band enthält eine Reihe von Vorträgen über psychoanalytisdie 
f Themen für ärztliche und nichtärztUdie Laien. Sie wurden zu einer Zeit 
gehalten (manche noch im Jahre 1907/8), wo die Literatur der Psycho- 
analyse in jeder Hinsicht einfacher und übersichtlidier war, so daß ihre 
populäre Darstellung eher gelingen konnte; sie dürften sidi als erste 
Anregung auch heute bewähren, Für jene, die sich für die hier nur an- 
gedenteten Gedankengänge nälier interessieren wollen, empfiehlt sidi die 
Lektüre von Freud's „Fünf Vorlesungen", seiner „Vorlesungen zu]|^ 
Einführung in die Psychoanalyse" (3 Teile), sowie der Arbeit von 
Rank und Sachs über „Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften". 

Nebst den populären Vorträgen enthalt dieser Band auch einige 
Aufsätze aus späterer Zeit, deren Verständnis kein besonderes Fachwissen 
erfordert. Die rein medizinisdi-fachlichen Arbeiten des Verfasse!^ sollen 
als besonderer Band dieser Bibliothek erscheinen. 

Ein Tei! dieser Aufsätze und Vorträge erschien in meinen von 
E. Jones ins Englische übersetzten „Contributions to Psychoanalysis" 
und fast alle auch ungarisch. 



Budq>est, im Mai 1921. 



S. Ferenczi. 



Über Aktual- und Psychöneurosen im 

Lichte der Freudschen Forschungen und 

über die Psychoanalyse* 

Aus Anlaß des III. Ungarischen Psychiatrischen Kongresses ist 
Budapest hielt ich vor mehrerer Jahren einen Vortrag über „Neur- 
asthenie", in dem ich die richtige nosologische Einordnung dieses 
viel zu bunten KrankheitsbiMes, des Deckmantels so vieler falscher 
oder fehlender Diagnosen, verlangte. Und obzwar ich im Rechte 
war, als ich mich dafür aussprach, daß die eigentliche Erschöpfungs- 
neurasthenie von allen anderen nervösen Zuständen, unter anderen 
von den nur psychiatrisch erklärbaren, scharf zu sondern ist, be- 
ging ich doch einen schwer gutzumachenden Fehler, indem ich die 
Neurosenforschungen des Wiener Universitätslehrers Prof. Freud 
außeracht ließ. Dieses Versäumnis muß mir um so eher angerechnet 
werden, als ich von den Arbeiten Freuds Kenntnis hatte. Schon 
im Jahre 1893 las ich seinen gemeinschaftlich mit Breuer verfaßten 
Artikel über den psychischen Mechanismus der hysterischen Sym- 
ptome, später eine andere selbständige Arbeit, in welcher er infan- 
tile sexuelle Traumen als die Ursachen oder Ausgangspunkte der 
Psychöneurosen anspricht. Heute, wo" ich mich in so vielen Fällen 
von der Richtigkeit der Freudschen Lehren überzeugt habe, muß 
ich mich wohl fragen, warum ich sie damals so rasch verworfen 
habe, warum sie mir von vorneherein unwahrscheinlich und gekünstelt 
erschienen und besonders: weshalb die Annahme einer rein sexu- 
ellen Pathogenese der Neurosen in mir eben solch' starken Wider- 

* Vortrair gehalten in der „Büdapester Kgl, GeseUsdiaft der Ärzte" 1908. 
Abgedrndd in der „Wiener Klinisdien Rundsdiau" Nr. 48—51, 1906. 

Fereoczi, ^leEDtüie. 1 



über Akhial- und Payeboaeurosen 



willen hervorrief, daß ich sie nicht einmal einer näheren Prüfungf 
würdigte. Zu meiner Entschuldigung; muß ich allerdings anführen, 
daß die übergroße Mehrzahl der Fachmänner, unter ihnen so be- 
deutende wie Kraepelin und Aschaffenburg, noch heute Freud 
gegenüber einen gänzlich abweisenden Standpunkt einnehmen. Die 
wenigen aber, die es später doch versuchten, die eigentümlichen 
Probleme der Neurosenkasuistik mittelst der mühsamen Methode 
Freuds zu lösen, wurden enthusiastische Anhänger der bis dahin 
gänzlich unbeachteten Richtung. 

Wie verlockend es auch wäre, kann ich es doch nicht unter- 
nehmen, die Entwicklungsgeschichte des Freudschen Ideenganges 
vorzutragen und zu erzählen, wie Breuer und Freud in den Eigen- 
heiten eines Hysteriefalles, die einfach für Zufälligkeiten hätten ange- 
sehen werden können, allgemein giltige und für die zukünftige Entwick- 
lung der normalen und pathologischen Psychologie zu ungeahnt 
großer Rolle berufene seelische Erscheinungen entdeckt haben. Ich 
muß es mir auch hier versagen, den nunmehr allein schreitenden 
Freud auf dem mühsamen Wege, auf dem er zu seinem heutigem 
Standpunkte anlangte, weiter zu begleiten. Ich besdiränke mich da- 
rauf, insoweit es in einem Vortrage möglich ist, die hauptsächlichsten 
Knotenpunkte seiner Theorie zu beleuchten und deren Bedeutung 
mit Beispielen aus dem Leben zu illustrieren. 

Eines der Grundprinzipien der neuen Lehre ist, daß der Sexuali- 
tät eine spezifische Rolle bei den Neurosen zukommt, daß die 
meisten Neurosen im Grunde nichts anderes sind, als Decksymp- 
tome einer abnormen vita sexualis, und daß nur die Entlarvung dieser 
Abnormitäten die Krankheitsäußerungen der Neurosen verständlich 
und auf Grund des Verständnisses der Heilung zuführbar macht. 

Als erste Gruppe der Neurosen unterscheidet Freud jene 
nervösen Zustände, bei denen irgend eine aktuelle Regelwidrigkeit 
in der Physiologie der Sexualfunktion, ohne Mitwirkung psycho- 
logischer Faktoren als Krankheitsursache wirkt. Zu dieser Gruppe 
gehören zwei Krankheitszu stände, die Freud mit dem Namen 
„ Aktualneurosen" benennt, die wir aber im Gegensatz zu den 
Psychoneurosen auch Physioneurosen nennen könnten. Es sind 
dies: die Neurasthenie im engeren Sinne, und eine scharf um- 
schriebene Syroptomgruppe mit der Benennung Angstneurose. 



1 




über Aktuai- und Psych oneurosee 



I 



Wenn wir von den bisher als Neurasthenie bezeichneten Krank- 
heitsfällen alles ausscheiden, was anderen, natürlicheren, nosologischen 
Verbänden zugeteilt werden müßte, so bleibt eine gut charakte- 
risierte Gruppe zurück, bei der Kopfdruck, Spinalirritation, Obsti- 
pation, Parästhesien, verminderte Potenz und unter der Wirkung 
dieser Zustände eine Gemütsdepression vorherrschen. Als ur- 
sächlichen Faktor der neurasthenischen Neurose in diesem engen 
Sinne fand Freud die exzessive Masturbation. Um dem nahe- 
liegenden Einwände der Banalität entgegenzutreten, betone ich, 
daß es sich hier um einen exzessiven und meist lange nadi er- 
reichter Pubertät fortgesetzten Onanismus handelt, also nidit nur 
um die gewöhnliche Onanie im Kindesalter. Diese letztere ist meiner 
Erfahrung nach so allgemein verbreitet, daß ich eher beim voll- 
kommenen Mangel au to erotischer Antezedentien die Norraahtät eines 
Menschen in Zweifel zu ziehen geneigt bin. 

Die ätiologische Würdigung der Onanie ist in ständiger Fluk- 
tuation begriffen; den Wellenberg bezeichnete die Annahme, dafi 
sie die Ursache der Tabes sei, das Wellental die Meinung von ihrer 
vollkommenen Unschädlichkeit. Ich schließe mich jenen an, die die 
Bedeutung der Onanie weder zu hoch noch zu gering anschlagen 
und kann auf Grund eigener Beobachtungen bestätigen, daß bei der 
Neurasthenie im Sinne Freuds die übertriebene Selbstbefriedigung 
niemals fehlt und die Krankheitserscheinungen zureichend erklärt. 

Ich bemerke gleich hier, daß diese unmittelbare neurasthenie- 
erzeugende Wirkung der Masturbation nicht so schwerwiegend ist 
wie die Zerrüttung des Gemütes, die sie zur Folge hat. Die Men- 
schen leiden unsäglich unter dem Bewußtsein der vermeintlichen 
Schädlichkeit und Unsittlichkeit ihrer onanistischen Handlungen. Meist 
trachten sie, diese Leidenschaft zu unterdrücken; aber indem sie 
der Charybdis der Neurasthenie ausweichen, können sie an der 
Scylla der Angstneurose oder einer Psychoneurose Schiffbruch leiden. 

Die Masturbation wirkt dadurch krankmachend, daß sie den 
Organismus mittels wertloser Surrogate sexuell entspannen will, 
oder wie Freud sagt: durch inadäquate Entlastung, Eine solcäie 
Art der Befriedigung erschöpft, wenn sie übertrieben wird, die neuro- 
psychischen Energiequellen. Die normale Begattung ist nämlich ein 
komplizierter aber doch reflektorisdier Vorgang, deren Reflexbögen 

2* 



über Aktual- und Psychoneurosen 



hauptsächlich nur das Rückenmark und subkortikale Zentren durch- 
ziehen, allerdings unter Mitbeteiügfung auch höherer psychischer 
Sphären. Bei der Masturbation hingeg-en, wo die äußeren Reize so 
armselig sind, entnimmt das Erektions- und Ejakulationszentrum 
hauptsächlich der Phantasie, also einer psychischen Energiequelle, 
jenen, Grad von Spannung, der den reflektorischen Mechanismus in 
Gang bringen kann. Es ist verständlich, daß eine solche gewollte 
Befriedigung mehr Energieaufwand erfordert, als der fast un- 
bewußte Begattungsakt. 

Bei der zweiten Form der Aktualneurosen, der Freudschen 
Angstneurose finden wir folgenden Symptomkomplex: allgemeine 
Reizbarkeit, die sich meist auch in Schlaflosigkeit und Gehörshyper- 
ästhesie manifestiert; eine eigentümliche chronisch-ängstliche Erwar- 
tung, z. B, fortwährende Angst vor der eigenen Erkrankung oder 
Verunglückung, sowie vor der der Angehörigen; Angstanfälle mit 
Herz- und Athembeschwerden, mit vasomotorischen und sekreto- 
rischen Störungen, die im Patienten die Furcht vor Herzlähmung 
und Schlaganfall erwecken. Die Angstanfille können rudimentär 
erscheinen, als Schwitzanfall, Herzklopfen, plötzliches Hungergefühl 
oder Diarrhoe. Manchmal äußern sie sich nur in Angstträumen und 
nächtlichem Aufschrecken. Schwindelanfälle spielen oft eine große 
Rolle bei der Angstneurose; sie können so hochgradig sein, daß 
sie die Freizügigkeit des Kranken mehr oder minder beeinträchtigen. 
Ein großer Teil der Agoraphobien ist eigentlich die entfernte Folge 
solcher Schwindelanfälle; der Kranke hat Furcht herumzugehen, das 
heißt: er fürchtet, von einem Angstanfall auf offener Straße über- 
rascht zu werden. Die Phobie ist gleichsam eine Schutzmaßregel 
gegen die Angst, die Angst selbst aber eine psychologisch nicht 
weiter analysierbare, rein physiologisch zu erklärende Ersdieinung. 

Alle diese Angstsymptome und Symptomkomplexe könnte 
man ohne Mühe mit den so viel mißbrauchten Namen Hysterie 
oder Neurasthenie benennen; wäre es Freud nicht gelungen, ihre 
ätiologisciie Einheit nachzuweisen. Die Angstneurose entsteht näm- 
lich immer dann, wenn die geschlechtliche Libido auf irgend eine 
Art vom Psychischen abgelenkt wird. Es ist eine der bedeutendsten 
Entdeckung Freuds, daß dieses Fernhalten der Psyche von der 
Libido subjektiv sich als Angst geltend macht, daß also die vom 



über Aktuat- und Psydioneiirosen 



Orgasmus abgehaltene Sexualerregung physiologische Wirkungen 
hervorruft, deren psychologisches Korrelat die Angst ist. Die Angst- 
neurose steht in dieser Hinsicht in diametralem Gegensatz zur Mastur- 
bationsneurasthenie, wo es sich um eine übermäßige Inanspruch- 
nahme der psychischen Besetzung bei einem natürlicherweise auto- 
matisch sich abwickelnden Vorgange handelt. Mit einem der Physik 
entlehnten Vergleiche könnte man die neurotische Angstentbindung, 
die Umwandlung der Lust in Angst bei Absperrung vom Psychi- 
schen, mit der Umwandlung der Elektrizität in Wärme bei Engerwerden 
der Leitung in Analogie bringen. Allerdings pflichtet Freud nicht einer 
physikalischen sondern einer chemischen Erklärung der Aktualneurosen 
bei, betrachtet sie als chronische Intoxikation durch Sexualsubstanzen. 
Zu den bekanntesten der von Freud besdiriebenen Formen 
der Angstneurose gehört die virginale Angst, Sie entsteht dadurch, 
daß die unvorbereitete Psyche sich bei den ersten sexuellen Erleb- 
nissen an der Libido nicht beteiligen kann. Sehr häufig -ist die 
Angstneurose eine Folge frustraner Erregungen, v/ie sie beson- 
ders bei Verlobten vorkommen. Schwerere Formen der Angstneu- 
rose verursacht bei Männern der coitus interruptus und bei Frauen 
das Ausbleiben des Orgasmus infolge der Ejaculatio praecox beim 
Manne, die ihrerseits meist die Folge der Masturbation ist. Bei 
der enormen Verbreitung des voreiligen Samenergußes kann es 
nicht Wunder nehmen, daß die Kombination : ne urasthenisch er Gatte, 
nervös -ängstliche Frau so außerordentlich häufig ist. Nebst der immer 
vorhandenen Koinzidenz einer dieser Schädlichkeiten mit der Angst- 
neurose spricht auch der therapeutische Erfolg dafür, daß Freud 
Recht hatte, als er die Ablenkung der Libido vom Psychischen für die 
spezifische Ursache der Angstneurose erklärte. Werden nämlich die 
besagten schädlichen Umstände oder Störungen beseitigt, so schwin- 
den auch die Symptome der Angstneurose. Das Heilmittel der virgi- 
nalen Angst ist die Gewöhnung, die der anderer Angstneurosen die 

I Enthaltung vor unzweckmäßigen Arten der Befriedigung; sehr oft 
schwindet die Angst der Gattin, wenn die Potenz des Mannes gehoben 
wird. Auch die schwersten Fälle dieser Neurose, bei denen alle be- 
kannten Beruhigungsmittel im Stiche ließen, heilen, wenn die sexuellen 
Schädlichkeiten beseitigt werden. Diese Entdeckung Freuds er- 



Ober Aktual- und Psy choneurosen 



Zustände, sie setzt uns auch in den Stand, auf diese Einsicht eine 
rationelle und wirksame Therapie zu gründen. 

Das zweite, schwierigere Kapitel der Freudschen Lehren, 
seine Auffassung der Psychoneurosen, verläßt die mechanistisdi- 
chemische und anatomisch-physiologische Grundlage vollkommen; 
Freud kann sie nur psychologisch erklären. 

Zwei Krankheitszustände rechnet er zu dieser Gruppe: die 
Hysterie und die Zwangsneurose. 

Die Zwangsneurosen werden heutzutage meist unter den „Neur- 
asthenien" untergebracht; von der Hysterie hingegen ist schon 
längst bekannt, daß sie eine psychogene Neurose ist, deren Sym- 
ptome von psychologischen Automatismen verursacht werden. Doch 
vermochten es die Autoren nicht, so sehr sie mit den diesbezüg- 
lichen Beobachtungen und Elxperimenten die neurologische Erkennt- 
nis bereicherten, die variablen Krankheitsbilder der Hysterie von 
einem einheitlichen Gesichtspunkte zu übersehen. Sie konnten auch 
nicht verständlich machen, was bei diesem Kranken diese, bei jenem 
jene Gruppe oder Reihe von hysterischen Symptomen determiniert. 
So lange dies aber nicht gelang, stellte jeder Hysteriefall, wie die 
Sphinx, nur Fragen, auf die man nicht antworten konnte. Während 
aber die Sphinx mit starrer Ruhe ins Unendliche blickt, vrird die 
Hysterie nicht müde, ihr Angesicht — ■ als wollte sie unsere Un- 
wissenheit verhöhnen — zu merkwürdigen und stets unerwarteten 
Grimassen zu verzerren. Die Krankheit wird endlich eine Plage 
nicht nur für den Leidenden, sondern auch für den Arzt und die 
Umgebung, Der Arzt wird bald müde, die Medikamente und Bäder- 
kuren zu variieren und kombinieren, verzichtet auf die flüchtigen 
ErfoFge der Suggestion und erwartet sehnsüchtig den Sommer, wo 
die Hysterischen aufs Land — je weiter, umso besser — geschickt 
werden können. Kehren sie aber auch gebessert zurück: bei der 
ersten ernsteren seelischen Erregung stellt sich mit unzweifelhafter 
Gewißheit die Rezidive ein. So geht das Jahre, Jahrzehnte hin- 
durch, so daß kein praktischer Arzt mehr an die in den Lehr- 
büchern gepriesene Benignität der Hysterie glauben will. Unter 
solchen Umständen verkündet das Evangelium Freuds von der 
Endeckung des wahren Schlüssels der Hysterie eine förmliche Er- 
lösung für Ärzte und Patienten. 



über Aktual- und Psydioneurosen 



Breuer war der erste, dem es gelang-, die Krankheitsersdiei- 
nungfen einer Hysterischen auf Psychotraumen zurückzuführen, auf 
seelische Ersdiütterungen, an die sich die Patientin gar nicht er- 
innerte, deren Erinnerungsbild aber samt dem entsprechenden Affekt 
im Unbewußten lauerte und, einem in die Seele eingeschlossenen 
Fremdkörper gleich, dauernde oder sich wiederholende Erregungs- 
zustände im neuropsydiischen Apparat hervorrief. Es gelang Breuer 
und Freud in vielen Hysteriefällen mit Hilfe der hypnotischen Hyper- 
mnesie nachzuweisen, daß die Krankheitserscheinungen eigentlich die 
Symbole solcher latenter Erinnerungen waren. Wurde dann der Patient 
■ im Wachen an die so entdeckten Antezedentien bewußt erinnert, so 
war ein starker Affektausbruch die nächste Folge, nach dessen Ab- 
klingen aber die Symptome verschwunden waren. Nach der ursprüng- 
lichen Auffassung Breuer's und Freuds war die Einklemmung der 
Affekte dadurch verursacht, daß das Individuum im Momente der 
seelischen Erschütterung verhindert war, auf den Reiz mit adäquater 
motorischer Entladung, mit Rede, Geste, Mimik, Weinen, Lachen 
oder den Ausdrucksbewegungen des Argers, des Hasses zu reagieren, 
oder aber diese Gefühle auf dem Wege der Ideenassoziation zu zer- 
teilen. Die in der Psyche unerledigt gebliebenen, zur unbewußten 
Erinnerung gehörenden Gefühle konnten dann auf das Körperliche 
ausstrahlen, sidi in hysterische Symptome „konvertieren". Die Be- 
handlung — von den Autoren „Katharsis" benannt — verschaffte 
dann dem Patienten die Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen, die 
unerledigten Gefühle „abzureagieren", worauf die pathogenen Wir- 
kungen der bewußt und affektfrei gewordenen Erinnerung aufhörten. 

Aus diesem Samen sproß die Freud'sche Seelenuntersuchungs- 
methode, die Psychoanalyse hervor. Dieses Verfahren verzichtet 
auf die Hypnose,, es wird im wachen Zustande des Patienten zur 
Anwendung gebraclit. Dies macht es für eine größere Zahl von 
Patienten zugänglich, und beseitigt zugleich den Einwand, daß die 
bei der Analyse ermittelten Tatsachen auf Suggestion beruhen. 

IUm den Sinn dieses Verfahrens zu erklären, kann man von 
Freud's Ansicht über das Vergessen ausgehen. 
Freud machte die merkwürdige Entdeckung, daß nicht alles 
Vergessen auf dem naturgemäßen Erblassen der Erinnemngsspuren 
mit der Zeit beruht, sondern daß wir uns vieler Eindrücke nur darum 



über Aktual- und Psydioneurosen 



nicht entsinnen können, weil eine kritische Instanz der Seele, die 
Zensur, es zustande bringt, die für das Bewußtsein lästigfen oder 
unerträglichen Gedanken unter die Schwelle des Bewußtseins zu 
drücken. Diesen Abwehrvorgang nennt Freud Verdrängung und 
führt den Nachweis, daß viele normale und krankhafte Seelenvor- 
gänge nur bei Annahme dieses' Mechanismus verständlich werden. 
Doch die Verdrängung sowie das dauernde Unterdrückthalten un- 
liebsamer Erinnerungen gelingt fast niemals vollständig; der Kampf 
zwischen dem verdrängten, nach Reproduktion ringenden Gedanken- 
komplex und der ihn zurückdrängenden Zensur endet zumeist mit 
einem Kompromiß; der Komplex als solcher bleibt vergessen (un-' 
bewußt), wird aber im Bewußtsein durch irgend eine oberflächliche 
Assoziation vertreten. Als solche Komplexvertreter oder Komplex- 
symbole qualifizierte Freud die freien Einfälle, d. h, Gedanken, 
die die togische Gedankenreihe durchbrechend, scheinbar ohne jeden 
Zusammenhang plötzlich im Bewußtsein auftauchen. Die Erlebnisse 
der Kindheit z. B. sind meist ganz vergessen. Will man sich ihrer 
entsinnen, so fallem einem lächerlich kleinliche, bedeutungs- und 
harmlöse Dinge ein. Wir wüßten nicht, warum sich unser Gedächt- 
nis mit ihnen beschwert hat, wäre es Freud nicht gelungen nadi- 
zuweisen, daß diese Einfälle „Deckerinnerungen" bedeutsamer und 
meist gar nicht harmloser Kindheitsein drücke sind. Versteckte Kom- 
plexe lassen sich nebst den Deckerinnerungen auch hinter den schein- 
bar unwesentlichen Störungen der Rede und der Motilität vermuten 
(Versprechen, Vergreifen, Verlegen), sowie hinter gewissen stereo- 
typen, spielerischen, sinnlosen Bewegungen (den „Symptomhand- 
lungen" Freuds), 

Jung hat dann experimentell nachgewiesen, daß bei der so- 
genannten freien Assoziation auf Reizworte alle „gestörten" Reak- 
tionen (Verlängerung der Reaktionszeit, „mittelbare" oder sonst auf- 
fallende Reaktionsworte, Vergessen des Reaktion sw ort es beim Re- 
produktionsversuch usw.) bei näherer Analyse sich als durch einen 
„Komplex" konstelÜert erweisen. Bei den gleichzeitig mit den Reak- 
tionen beobachteten Intensitätsschwankungen eines durch den Körper 
geleiteten schwachen galvanisdien Stromes, fand Jung jedesmal einen 
Anstieg der Kurve bei den „Komplexreaktionen", der als Zeichen 
einer durch die Affektentbindung verursachten Schwankung des 



elektrischen Leitungswiderstandes gedeutet werden mußte. Jungf 
g-eht nun bei seinen Analysen von den Reizworten der so gefundenen 
Komplexreaktionen aus und führt den Nachweis, daß die an solche 
sich knüpfenden Einfälle leicht und rasch zu pathogenen Gedanken- 
gruppen führen. 

Eine schwierige Aufgabe ist es, die eigentliche Technik des 
Freud'schen Verfahrens bekannt zu machen. Im engen Rahmen dieses 
Vortrages muß ich mich auf skizzenhafte Andeutungen beschränken. 

Der zu analysierende Patient wird belehrt, daß er ohne jede 
Kritik, gleichsam seine Gedanken objektiv beobachtend, alles was 
ihm einfällt, mag es noch so sinnlos, lächerlich, mag es für ihn an- 
genehm oder unangenehm sein, hersagen soll. Die dabei betätigte 
Arbeitsweise des Intellekts ist gleichsam der Gegensatz der ge- 
wohnten Denkarbeit, die ja alle der gerade herrschenden Ziel Vorstellung 
nicht unterzuordnenden Einfälle als für sie „wertlos", „störend", ein- 
fach verwirft und nicht weiter verfolgt. Die Analyse aber verlegt den 
Schwerpunkt gerade auf das, was das Bewußtsein abzuwehren geneigt 
ist Darum fordert man den Patienten auf, alles mitzuteilen, was ihm 
beim Hinlenken der Aufmerksamkeit gerade auf diese Einfälle in den 
Sinn kommt. Die Ideenverknüpfung bewegt sich anfangs meist auf 
der Oberfläche, beschäftigt sich mit den Ereignissen und Eindrücken 
des Tages. Bald jedoch steigen an der Hand der Einfälle ältere 
Erinneriingsspuren — Deckerinnerungen — empor, deren weitere 
Analyse zum Erstaunen des Patienten selbst, alte und für ihn sehr 
bedeutsame, nichtsdestoweniger bis nun ganz „vergessen" gewesene 
Erlebnisse ans Tageslicht bringt, die vielleicht aktuell vorhandene, 
bislang unerklärliche Seelen Vorgänge verständlich machen. Eines der 
Grundprinzipien Freuds ist es eben, daß es im Seelenleben eben- 
sowenig einen Zufall gibt wie in der physischen Welt. Auch in der 
Psyche ist alles determiniert, nur sind die meisten Determinanten in 
einer vor der Kenntnis der Psychoanalyse unerreichbar gewesenen, 
tieferen Schichte der Psyche, im Unbewußten, versteckt. Unsere Haupt- 
aufgabe bei der Analyse ist es, dem Patienten seine Gedanken und 
Gefühlsregungen, auch die unangenehmen und daher abgewehrten, 
bewußt zu machen und ihn dazu zu bringen, daß er sidi die meist 
unbewußt gewesenen Motive seiner Handlungen eingesteht. Die Ana- 
lyse, eine Art wissenschaftliche Beidite, erfordert vom Arzte viel 



Takt und psychologischen Sinn; sie kann nur durch lange Übung- 
erlernt werden. Auch wird man mit dem Lernen nie fertig; jeder 
F-all erfordert gleichsam eine individuelle Technik, die auf den Bil- 
dungsgrad, den Intellekt und die psychische Empfindlichkeit des 
Patienten Rücksicht nimmt. Man arbeitet immer tastend vorwärts, 
verläßt eventuell eine Fährte, die einen irregeführt hat, sucht dafür 
neue Andeutungen in den Einfällen und adaptiert die Art und das 
Tempo der Analyse an die aktueUe Disposition der zu behandelnden 
Person. Dabei darf man sich niemals auf den moralisierenden Stand- 
punkt stellen, sondern, dem Grundsatze des ethischen Determinis- 
mus entsprechend, alles verstehen und verzeihen. 

Ein ausgezeichneter Weg zur Entlarvung unbewußter Gedanken 
und Erinnerungen geht von den Träumen aus. Freuds bedeutend- 
stes Werk ist eben die Begründung einer wissenschaftlichen Traum- 
deutung, deren Hauptsatz folgendermaßen lautet: „Der Traum ist 
stets die mehr-minder verkleidete Erfüllung eines unterdrückten 
Wunsches". Die Traumdeutung besteht in der Analyse des Traum- 
inhaltes; sie ist eine schwierige Aufgabe, die eigens erlernt und 
geübt werden muß; ohne sie ist aber keine Psychoanalyse denk- 
bar. Der Traum enthüllt immer ein größeres Stück des Unbewußten 
als die Einfälle im Wachen, weil die sich vordrängenden Wünsche 
und zur Reproduktion strebenden latenten Gedanken während des 
Schlafes von den unterdrückenden Mächten des Seelenlebens viel 
weniger scharf übetwacht werden, als bei Tage. 

Während der Analyse muß man — wie gesagt — auch alle 
„Zufalls"-handlungen, Fehlerinnerungen, Fehlgriffe des Patienten, jede 
unmotivierte mimische Ausdrucksbewegung und" Geste geradeso 
der Analyse unterziehen, wie die „freisteigenden" Einfälle. Zur 
Ergänzung und Kontrolle der Analyse kann man etwa auch von. 
Zeit zu Zeit das Jungsche Assoziationsexperiment machen, even- 
tuell die Analyse von dessen Reiz- und Reaktionsworten aus fort- 
setzen.* 

Wird die Analyse auf die angedeutete Art bei einer an 
Hysterie leidenden Person in Anwendung gebracht, und längere 
Zeit, mehrere Monate lang, fortgesetzt, so kommen nach und nach 

* Dieser tedinisdie Kunstgriff erwies sich aber vieWadi als störend, so daß 
man auf »Kn tieber verzichtet, (Atim. bei der Korrektur.) 



auch solche verdrängt gewesene Gedanken und Erinnerungen zum 
Bewußtsein, die mit den Symptomen zusammenhängen. Und ist 
einmal die Analyse beendet und die gesamte psychische Entwiddung 
des Patienten zu übersehen, dann wird uns klar, daß auch die 
hysterischen Symptome nichts anderes als Komplexsymbole waren, 
die an und für sich keinen Sinn hatten, aber verständlich wurden, 
nachdem es gelang, die versteckten Vorstellungskomplexe, mit denen 
sie oft nur mittels eines dünnen Assoziationsfadens zusammenhängen, 
aus der Verdrängung zu befreien und bewußt zu madien. Die 
merkwürdige und erfreuliche Folge einer vollständigen Analyse aller 
Symptome ist aber auch die oft erst nadi neuerlichem Wiederauf- 
flackem der Krankheit eintretende aber endgiltige Heilung der 
hysterischen Krankheitszeichen. 

Um zu diesen unerwarteten Einblicken in die pathologischen 
Seelenvorgänge zu gelangen, mußte Freud, abgesehen von der 
analytischen Beobachtung Nervenkranker, auch ein ganzes Stück 
der normalen Psychologie selbst bearbeiten. In erster Linie muß 
seine „Traumdeutung" hervorgehoben werden, ein Werk, dem 
es zum erstenmal gelang, den Sinn jener verworrenen, für bedeutungs- 
los gehaltenen nächtlichen Halluzinationen, die man Träume nennt, 
zu entziffern. Dann schuf er die „Psychopathologie des All- 
tagslebens", in der alle kleinen, bislang fast unbeachtet geblie- 
benen Fehlleistungen des normalen Menschen auf Grund des Ver- 
drängungsmechanismus ihre Erklärung finden, Freud machte audi 
den ersten gelungen Versuch, eine Art der ästhetischen Produktion 
und des ästhetischen Genusses, den Witz und das Komische, als 
die Leistungen unbewußter und vorbewußter Tendenzen und Arbeits- 
weisen darzustellen, dieselben mit der Traumarbeit in Parallele zu 
bringen und hiedurch dem Verständnis näher zu rücken. Endlich 
gab er uns auch den Plan einer zukünftigen Normalpsychologie 
und Psychogenese, die allen diesen neu gewonnenen Kenntnissen 
gerecht wird und zweifellos eine glückliche Wendung in der Ent- 
wicklung dieser vielfach auf Abwege geratenen Disziplin bedeutet. 
' Ich muß es mir leider versagen, auf all dies naher einzugehen, und 
I muß mich hier auf die Mitteilung von Tatsachen, die sich unmittel- 
bar auf die Pathologie und Therapie der Neurosen beziehen, be- 
schränken, betone aber, daß das Studium dieser Werke Freuds 



12 über Aktual- und Psychoneurosen ^ 

die unerläßliche Vorbedingung jeder erfolgreichen psydiö analytischen 
Arbeit ist. 

Die Seelenanalyse von Psychone uro ti kern führte Freud zur 
bedeutungsvollen und seltsamen Erkenntnis, daß die den Symp- 
tomen zugrundeliegenden verdrängten Komplexe stets sexueller Natur 
sind, oder genauer gesprochen, daß unbewußte sexuelle Faktoren 
in keinem Falle von Psychoneurose fehlen, ja zumeist die Haupt- 
rolle spielen. Der Schein der Seltsamkeit dieser Tatsache schwindet 
aber, wenn man erwägt, daß der Sexualtrieb einer der stärksten 
ItiStinkte der Lebewesen ist und imperativ zur Betätigung drängt, 
anderseits beim Menschen alle Kulturmächte von der frühesten 
Kindheit angefangen an der Unterdrückung dieses Instinktes arbeiten. 
Die durch Beispiel in der Erziehung gewonnenen ethischen Begriffe: 
Gewissen, Anstand, Ehre, Rücksicht auf die Angehörigen und die 
Gesellsdiaft, dann die Befehle, Drohungen und Strafen der kirch- 
lichen und staatlichen. Autorität, also innerer und äußerer Zwang, 
errichten in der Seele eine mächtige Zensur gegen die freie Be- 
tätigung sexueller Triebe, ja sogar gegen die innerliche Bejahung 
derselben. Der Konflikt ist also unvermeidlich, und kann entweder 
mit dem Siege der schrankenlosen Sexualität, („Perversität") oder mit 
der totalen Unterdrückung derselben enden; das häufigste aber 
ist eine Kompromißbildung, die es ermöglicht, die sexuellen Wünsche 
gleichzeitig bewußt zu verneinen und unbewußt zu bejahen. Die 
Hysterie ist eine Form der mißlungenen Verdrängung. Es gelingt 
hier dem Bewußtsein, den „unlauteren" Gedankenkomplex von sich 
fernzuhalten, aber die affektive Energie des Verdrängten findet 
doch Mittel und Wege zur Betätigung, sie strahlt ins Körperliche 
■ aus, wird in hysterische Symptome konvertiert, Welche individuellen 
Momente die Lokalisatlon der Symptome an dieses oder jenes Organ 
bestimmen, das wird nach der Analyse aus dem assoziativen (ge- 
danklichen) Zusammenhang des betreffenden Organs oder dessen 
Funktion mit dem Komplex erklärlich; wahrscheinlich spielt aber 
dabeiauch das „körperliche Entgegenkommen" (Freud), das heißt eine 
spezielle Eignung oder Neigung des betreffenden Organs zur Bindung 
der vom Verdrängten losgelösten Erregungssumme, eine Rolle. 

Ich kann es auf Grund zahlreicher Psychoanalysen Hysterischer 
bestätigen, daß Freud in jedem Punkte Recht hat, und daß seine 



über Aktuat- und Psydioneurosen 13 

Methode die einzige von den bis nun bekannten ist, die dieses 
problematisch gewesene Leiden zureidiend erklärt Einige Beispiele 
will ich hier kurz anführen. 

Ein 17jähriger Jüngling sucht meine Ordination mit der Klage 
auf, " er leide an Speichelfluß und müsse immer wieder spucken. Ich 
konnte mich überzeugen, daß er die Wahrheit spricht; sein Mund 
war stets voller Speichel und er entleerte davon unglaubliche Men- 
gen. Weder die Anamnese, noch die Organuntersuchung vermochte 
diesen Zustand zu erklären, und ich mußte in Anbetracht der zahl- 
reichen hysterischen „Stigmen" annehmen, daß das Symptom funktio- 
neller Natur, hysterisch sei. Anstatt aber mich mit dieser diagnosti- 
schen Feststellung und der Anwendung suggestiver Maßnahmen zu 
begnügen, schlug ich die Psychoanalyse vor. Das erste überraschende 
Resultat derselben war die Konstatierung, daß die Speichelsekretion 
in Gegenwart von Frauen bedeutend stärker als sonst war. Auf die 
Frage, warum er das früher nicht erzählte, kam die Antwort, er 
hätte diesen Umstand für bedeutungslos gehalten. Das Absprechen 
jeglicher Bedeutung ist ein beliebtes und oft audb erfolgreiches 
Mittel der Ablenkung der Aufmerksamkeit von unliebsamen Ge- 
danken, Später erinnerte sich der Patient, daß er schon früher 
einmal den Speichelfluß bemerkte; das war in einem populären 
anatomischen Museum, wo er die Wachsmoulagen weiblicher Geni- 
talien mit und ohne Geschlechtskrankheiten besiclitigte. Er habe 
sich damals auch unwohl gefühlt, mußte nach Hause eilen und sich 
die Hände waschen. (Kombination der Hysterie mit einer Zwangs- 
handlung). Warum er das tat, könne er nicht sagen. Später ent- 
sann er sich aber, daß in ihm im Museum die Erinnerung an seinen 
ersten und einzigen Koitus und an die bei diesem Ereignis durch- 
lebten Unlust- und Ekelgefühle aufstieg. Die Erklärung dieses über- 
triebenen Ekels vor weiblichen Genitalien kam aber erst gegen das 
Ende der Behandlung, wo es sich herausstellte, daß er als fünf- 
jähriger Knabe mit mehreren ungefähr gleich alten Mädchen, darunter 
mit der eigenen Schwester Cunnilingus getrieben hatte ; die gedank- 
liche Assoziation Genitale — Cunnilingus — Mund machte den hyste- 
rischen Ptyalismus verständlich. Von dem Momente an, wo er einsah, 
daß das in seinem Unbewußten fortlebende Kind nach wie vor die 
Wiederholung dieser von seinem Bewußtsein energisch zurückge- 



14 über Aktoal- un d Psyehoneurosen 

wiesenen unzüchtigen Handlung wünsche, wo ihm also sein „Kom- 
plex" bewußt wurde, hörte das Symptom auf und kam nicht wieder. 
Abgesehen vom therapeutischen Erfolg verdankte ich dieser Analyse 
einen viel tieferen Einblick in die Genese dieses Krankheitsfalles, 
als ich es früher für möglich gehalten hätte. 

Ein 19] ähriges Mädchen, das sich vor Männern immer außer- 
ordentlich schämte und sie mied, wo sie nur konnte, verlor ihre 
hysterischen Parästhesien parallel mit der sukzessiven Auffrischung 
der Erinnerung an passive sexuelle Erlebnisse der Kindheit, die sich 
auf die mit den abnormen Sensationen behafteten Körperstellen 
bezogen, sowie mit der Kenntnisnahme der aktuellen unbewußten 
Phantasietätigkeit, die an diese versteckten Erinnerungen anknüpften. 
Eine besondere Erklärung ihrer Rückenschmerzen brachte ein in 
sexueller Hinsicht scheinbar ganz harmloser Traum. Ihr träumte, sie 
sei in einen kleinen Fiuß hineingefallen. Auf Befragen erzählte sie, 
der Fluß hätte ganz so ausgesdiaut, wie ein ihr bekanntes Flüßchen 
in Oberungam, Ondova genannt. Doch die Ähnlichkeit dieses 
Eigennamen mit dem ungarischen Ausdruck für Sperma, „ondö", 
ist so auffällig, daß ich midi genötigt fand, ihre diesbezüglichen 
Kenntnisse auszuforschen. Da stellte sich allerdings heraus, daß die 
Patientin im Besitze laienhafter Kenntnisse über Samen fluß sei. 
Da sie aber, wie es sich bei dieser Gelegenheit herausstellte, an 
weißem Fluß litt, den sie mit dem Samenfluß identifizierte, und 
der auf ihre früheren onanistischen Praktiken zurückgeführt werden 
konnte, da sie femer der weit verbreiteten Ansicht, daß Sperma- 
torrhoe und Onanie Rückenmarksleiden erzeugen können, Glauben 
schenkte, so mußte sie nebst der Lust zur Onanie auch den Ge- 
danken, daß sie an Tabes leidet, verdrängen. Die Rückenschmerzen 
waren nur die Konversionssymbole dieser Verdrängung. Wer mit 
der von Freud entlarvten Technik der Traumarbeit und ihrer Ver- 
wandtschaft mit der Witzarbeit einigermaßen vertraut ist, dem wtrd 
diese Deutung nicht allzu witzig oder gezwungen erscheinen. 

Hinter den Symptomen einer anderen jungen Hysterisdien 
(singultus, globus, tremor) konnte ick die verdrängten Erinnerungen 
an einem angeblich im Kindesalter gesehenen Exhibitionisten und 
an zwei sexuelle Ereignisse der Pubertätszeit, so wie die sich an 
diese anknüpfenden, gleichfalls verdrängten Phantasien nachweisen. 



über Aktaal- und Psychoneurosen 15 

Sie werden mich fragen, wie ich mit jungen Mädchen über- 
„solche Sachen" sprechen konnte. Die Antwort hat aber schon 
Freud selbst gegeben in der Gegenfrage, wie sich die Ärzte er- 
lauben, die Sexualorgane, von denen der Analytiker nur spricht, 
wenn nötig, direkt zu inspizieren und zu betasten? Sie geben wohl 
alle zu, daß es unsinnig wäre, auf die notwendig erscheinende 
gynäkologische Untersuchung bei jungen Mädchen mit Rücksicht 
auf ihr Schamgefühl zu verzichten. Ein nicht geringerer Fehler wäre 
es aber, die Untersuchung und die Behandlung psychosexueller 
Leiden aus dem gleichem Grunde abzulehnen. Daß' man die Ana- 
lyse taktvoll und schonend durchführen muß, versteht sich von selbst; 
dies ist ja ein Erfordernis bei allen ärztlichen Eingriffen ohne Aus- 
nahme. Auch ist es nicht die Spezialität gerade der Psychoanalyse, 
daß Unwissenheit und böser Wille durch sie auch Schaden stiften 
kann; diese Möglichkeit ist auch in der operativen Gynäkologie 
gegeben. Dem Arzte, der sich Genitaluntersuchungen gestaltet, die 
Psychoanalyse aber als unsittlich verurteilt, zitieren wir nadi Freud 
das Goethesche Wort: „Du darfst es nicht vor keuschen Ohren 
nennen, was keusche Herzen nicht entbehren können." 

Ich könnte die Beispiele ad libitum häufen. Eine 40jährige 
Hysterika, die zeitweise einen unerträglich bitteren Gesdimack im 
Munde verspürt, erinnert sich im Laufe der Analyse, daß sie den- 
selben bitteren Geschmack empfand, als sie ihrem totkranken Bruder 
das Chinin nicht wie gewöhnlich selbst verabreidite, sondern durch 
eine Pflegeperson geben ließ, infolge deren Ungesdiicklichkeit die 
Oblate im Munde zerging und dem Kranken einen sehr bitteren 
Geschmack verursachte. (Hysterische Identifizierung, Freud). Weiters 
brachte ich dann heraus, daß die Patientin als Kind von ihrem Vater 
merkwürdig intensiv geherzt und überzärtlich geküßt wurde; der 
bittere Geschmack symbolisiert auch den bitteren Geschmack dieser 
Küsse, der Vater war nämlich ein sehr starker Raucher, Wenn wir 
noch hinzunehmen, daß die Kranke von diesem nun beinahe 90jäh- 
rigen aber furchtbar strengen Vater viel „Bitternise" erdulden 
muß, so haben wir in diesem Fall ein charakteristisches Beispiel 
für die b erdet erminterung eines neurotischen Symptoms; 
eine Krankheitserscheinung repräsentiert hier mehrere verdrängte 
Komplexe. 



Bei dieser Kranken bereitete mir die Übertragung große 
Schwierigkeiten. Auf dem Wege von den Krankheitssymbolen zu 
dem Verdrängten, den die Kranken bei der Analyse durdi^ti- 
machen haben, machen sie meist einen letzten Versuch, der Einsicht 
ins eigene Unbewußte auszuweichen. Sie tun das, indem sie alle 
ihre vom Unbewußten her verstärkten Affekte (Haß, Liebe) auf den 
behandelnden Arzt übertragen. Doch vermag die taktvolle und ein- 
sichtige Fortsetzung der Analyse die Übertragung zu lösen, dieselbe 
sogar der Analyse dienstbar zu machen. 

Die hysterisdien Attaquen, Krampf- und Ohnmachtsanfälle 
kommen, wie es die Analysen beweisen, zustande, wenn ein äußerer 
Reiz sich so intensiv mit dem Verdrängten assoziiert, daß das Be- 
MTußtsein vor dessen Reproduktion nicht anders flüchten kann, als 
indem es sich dem Unbewußten ganz überläßt. Wird also die Seele 
an ihren hysterogenen Punkten stark berührt, so kann Bewußtseins- 
verlust die Folge sein. Das ist die „Überwältigung durch das Un- 
bewußte" (Freud); die im Anfall produzierten Zuckungen, Ausdrucks- 
bewegungen, sind Symbole und Begleiterscheinungen unbewußter 
Phantasien. Hier ein Beispiel: 

Ein 15] ähriger Schlosserlehrling leidet seit 3 Wochen an Attaquen 
von Bewußtseins Verlust mit tonisch-klonischen Krämpfen; die Anfälle 
enden damit, daß der Patient drei-viermal die Zunge ausstreckt. Der 
erste Anfall trat auf, nachdem ihn die Gehilfen „in den Bock ge-- 
spannt" haben; es ist dies eine rohe aber an manchen Orten beliebte 
Unterhaltung; sie besteht darin, daß man jemanden, der diesen Spaß 
noch nicht kennt, die gefaltenen Hände unter den gebeugten Knieen 
bindet, dann durch die Lücke zwischen den Knieen und den Eilen- 
bögen eine Stange einführt, und den auf diese Art ganz wehrlos ge- 
machten um die Stange herumdreht. Bei dem großen Schreck, den 
man als Opfer dieses Schmerzes empfindet (ich habe es als Kind 
einmal durchgemacht) hätte ich die Krankheit früher einfach für 
traumatische Hysterie erklärt. Seit Freud weiß icli aber, daß auch 
bei Neurosen nach Erschütterungen meist eine in der Vorgeschichte 
begründete Disposition nachzuweisen ist. Ich versuchte also die Ana- 
lyse. Bald stellte es sich heraus, daß der Junge vor ungefähr 
3 Monaten in einen Tümpel mit stinkendem seh mutzigem Wasser hinein- 
gefallen war, wobei ihm etwas von der ekelhaften Flüssigkeit in den 



Ober Aktual- und Psydionearosen 17 

Mund drang. Er fühlte sich damals unwohl und die Reproduktion 
dieses Erlebnisses löst auch in der Analyse einen starken Anfall 
aus. Ein noch stärkerer Anfall ging der Erinnerung an folgendes 
Erlebnis aus dem 13, Lebensjahre voraus: Er spielte mit seinen 
barfüßigen Kameraden auf der Wiese; man spielte den „blinden 
Jäger", es wurden ihm die Augen verbunden, und die andern 
durften ihn mit einem Stock hänseln. Da hatte einer der Spielge- 
nossen den gräulichen Einfall, den Stock, den man ihm entgegenhielt, 
mit Exkrementen zu beschmieren. Er griff zu: die unerwartete Em- 
pfindung der Feuchtigkeit und das Lachen der Anderen veranlaßte 
ihn, die Binde sofort von den Augen zu entfernen, dabei war es 
aber unglücklicherweise nicht zu vermeiden, daß er den Geruch und 
Geschmack der schmutzigen Materie zu spiken bekam. Voll erklärt 
wurde der Fall erst, als es die Analyse herausbrachte, daß er als 
ganz junges Kind, nebst anderen sexuellen Handlungen, auch die 
gegenseitige Koprophagie mit seinen kleinen Freunden versuchte, 
und daß er, wenn ihn die Mutter küßte, mit dem Gedanken kämpfen 
mußte, daß man das auch mit ihr versuchen könnte. Der Umstand 
nun, daß der letzte große Schreck (beim Scherz der Schlosserge- 
hilfen) auch unwillkürlichen Harn- und Kotabgang zur Folge hatte, 
erweckte wahrscheinlich alle diese, für den Jungen längst unerträg- 
lichen, daher verdrängten Wünsche und Erinnerungen, vor deren 
Reproduktion er ins Unbewußte flüchten mußte, nicht ohne den In- 
halt der bewußtseinsunfähigen Phantasien durch die Zungenbewe- 
gungen anzudeuten. Eine Zeitlang konnte ich prompt einen Anfall 
auslösen, wenn ich auf eines der beiden exkrementellen Bedürf- 
nisse zu sprechen kam. Erst nach längerer pädagogischer Be- 
mühung brachte ich ihn dazu einzusehen, daß Schlechtes denken. 
und Schlechtes tun nicht dasselbe ist, und daß er diese kindischen 
Phantasien ohne Gewissensangst zu Ende denken dürfe. Zum 
Schluß machte ich bei dem Jungen einen mit der Analerotik asso- 
ziierten ausgesprodien masoch istischen Partialtrieb bewußt; darauf- 
hin hörten die Anfälle ein für allemal auf. Solche Fälle stützen 
die Annahme Jungs, der die Analyse für eine Energiekur an- 
sieht, die die Patienten gewöhnt, sich die eigenen für das Bewußt- 
sein unangenehmen Vorstellungen und Wünsche freimütig ein- 
zugestehen- 



18 über Aktual- und Psy choneur oseti 

Ist eine gründliche Analyse mög-lich, so kann man bei jedem ein- 
zelnen Hysteriefalle „perverse" Kindheitsennnerungen und eben 
solche unbewußte Phantasien ermitteln. Die manifest meist sehr 
prekäre Sexualität der Hysterischen lebt sich in den verdrängten 
perversen Gedanken und deren Konversionssymptomen aus; die Be- 
handlung hat nicht nur das Aufhören der Bildung- und der Erhal- 
tung von Symptomen zur Folge, sondern auch die Fähigkeit zum 
normalen Sexualleben. Wem das letztere durch äußere Umstände 
verwehrt ist, der muß eben nach Beendigung der Analyse seine 
Libido „sublimieren", d, h. bewußt auf asexuelle Ziele ablenken. 

Die Zwangsneurose (Zwangsvorstellungen, Zwangshand- 
lungen) ist die zweite große Gruppe der Psychoneurosen nach 
Freud. Beim Zwangsmenschen drängen sich gewisse mit dem son- 
stigen Gedankenkreise scheinbar gar nicht zusammenhängende Vor- 
stellungsgruppen unmotiviert ins Bewußtsein. Der Kranke hat volle 
Einsicht in das Unlogische, Krankhafte seines Monoideismus, versucht 
aber vergeblich ihn los zu werden. Oder er muß eine koordinierte, 
aber, wie er es ganz gut weiß, absolut zwedc- und sinnlose Bewe- 
gung fortwährend wiederholen und kann sie mit der größten An- 
strengung nicht unterdrüdcen. In solchen Fällen versagten früher 
alle unsere Erklärungs- und Heilversuche. Die letzte mir zugängliche 
Auflage des Oppenheiraschen Lehrbuches bespricht die Zwangs- 
neurose noch als ein Leiden, dessen Prognose eine „ernste, oder 
wenigstens eine zweifelhafte" ist. Nach meiner heutigen Erfahrung 
war es auch von vorneherein ausgeschlossen, ohne die Freudsche 
Psychoanalyse, also ohne die Genese und Bedeutung dieser Sym- 
ptome zu erkennen, dauernde Heilerfolge zu erzielen. Erst die „Seelen- 
zerlegung" hat die bizarren Äußerungen dieses Leidens verständlich 
gemacht. Es stellte sich heraus, daß die Zwangsvorstellung nur schein- 
bar so ganz unsinnig ist, sich aber als sinnvoll ei-weist, wenn die 
Analyse ihre allerdings recht oberflächliche assoziative Verknüpfung 
mit verdrängten psychischen Gebilden nachweist. Der Unterschied 
zwischen Hysterie und Zwangsneurose ist der, daß beim Hysterischen 
die affektive Energie verdrängter Vorstellungskomplexe in körper- 
liclie Symptome konvertiert wird, der Zwangsneurotiker hingegen 
sich vom Bewußtsein peinlicher Vorstellungen auf die Art befreit, 
daß er ihnen den Affekt entzieht und diesen auf andere mit den 



über Aktual- und Psychoneurosen 19 

Ursprünglichen assoziativ verknüpfte, aber harmlose Gedanken ver- 
schiebt. Diesen eig-entümiichen Vorgang der Affektverschiebung nennt 
Freud Substitution (Verschiebung). Wir erfahren, daß der sich 
unausgesetzt vordrängende lästige Gedanke ein unschuldiger Prügel- 
knabe ist, während die wirklich „schuldigen" Vorstellungen von ihrem 
Affekte befreit ungestört im Unbewußten ruhen. Das psychische Gleich- 
gewicht bleibt solange verschoben, bis es nicht gelingt, den versteckten 
Gedankenkomplex ausfindig zu machen und den verschobenen Affekt 
zu seiner Quelle zurückzuführen. Der Weg hiezu ist die Psycho- 
analyse. Nach Beendigung der Kur hat der Patient volle Einsidbt 
in die moralischen und ästhetischen Schattenseiten seines Seelen- 
lebens, von der Zwangsvorstellung ist er aber befreit. 

Woran es liegt, daß der Eine seine versteckten Komplexe 
durch ein körperliches, der Andere durch ein seelisches Symbol 
andeutet, ist noch nicht entschieden. Nach Analogie des körper- 
lichen Entgegenkommens bei der Hysterie kann man vielleicht ein 
psychisches Entgegenkommen, d. h. psychisch-konstitutigneUe 
Momente zur Erklärung der Zwangsgedanken heranziehen. Über 
diese Frage wird vielleicht die „Familienanalyse" d. h. die Seelen- 
zerlegung bei mehreren nervösen Mitgliedern derselben Familie 
entscheiden. 

Mittelst der Analyse gelang es Freud nachzuweisen, daß die 
wirkliche Quelle der besonders bei Frauen so häufigen Versuchungs- 
gedanken (sie fürchten ihre Kinder töten, beim Fenster hinaus- 
springen zu müssen etc.) zumeist die Unzufriedenheit mit der Ehe 
und die Furcht vor sexuellen Versuchungsgedanken ist. 

Eine junge Patientin Freuds, die fortwährend von der Angst 
gequält war, in Gesellschaft den Harn nidit halten zu können und 
deshalb in voller Zurückgezogenheit leben mußte, erfuhr bei der 
Analyse, daß sie eigentlich vor den eigenen sexuellen Wunschvor- 
stellungen Angst hatte, in denen der Erinnerung an einen Vorfall, 
wo sie zugleich Orgasmus und Harndrang verspürte, eine große 
Rolle zukam. 

Einer meiner Patienten, ein hochbegabter junger Mann, mußte 
stets über Leben und Tod, über die Rätsel des menschlichen Orga- 
nismus grübehi und verlor hierüber alle Lebens- und Arbeitslust, 
Die Analyse stellte fest, daß er als kleines Kind sexuelle Neugierde 

2* 



20 über Aktual- tind PsyAoneurosen 

für die Genitalien seiner Mutter bekundete und den Tod des ge- 
strengen Vaters zu wünschen sich vermaß („Ödipuskomplex", Freud). 
Daher die gänzliche Abwendung von allem Sinnlichen und die 
philosophische Grübelsucht. 

Eine merkwürdige Abneigung, Bücher zu lesen oder auch nur 
zu berühren, war die Klage eines älteren Mädchens (Arbeiterin), 
die obzwar schön, vielbegehrt und arm, nicht heiraten wollte. Der 
Erfolg der Analyse war die Feststellung folgender Tatsachen: Im 
Alter von 8 Jahren hatte ein 13jähriger Junge mit ihr regelrecht 
den Coitus ausgeübt, das hat sie aber in der „Periode der ge- 
lungenen Abwehr" vollkommen vergessen gehabt, bis sie sich ein- 
mal im 16. Lebens|ahre nadi der Lektüre eines Buches über „Jack 
den Bauchauf schlitzer" im Traume (?) an die Kindergeschichte er- 
innerte und eine Zeitlang fortwährend von dem Gedanken geplagt 
wurde, ihr zukünftiger Ehegemahl werde in der Brautnacht ihre Schande 
entdecken und sie töten. Trotz ihrer Angst befaßte sie sich auch 
mit Selbstmordgedanken, allerdings ungewöhnlicher Art: Sie nahm 
si(ii vor, zu heiraten, damit der Mann ihren Fehltritt entdecke und 
sie töte. Sie konnte sich also diesen Wunsdi eingestehen, indem 
sie den Affekt auf das Sterben und nicht auf die Sexualität ver- 
legte. Die Verlegung der Phobie von dem Schauerroman auf 
alles Gedrudcte, bedeutete eine weitere Station der Verschiebung, 
und mag im Sinne Freuds als eine Schutzmaßregel gegen das 
bewußte Auftauchen des angstentbindenden Wunsches und seiner 
unmittelbaren Derivate aufgefaßt werden. 

Die Idiosynkrasie eines meiner Patienten gegen das fette 
Fleisch und alles Gesalzene entpuppte sich als Symbol seiner ver- 
drängten homosexuellen Neigungen. Er wurde, noch ein Kind, von 
einem älteren korpulenten Jungen gezwungen, den Coitus per oa 
zu dulden (fettes Fleisch = Penis, salziger Geschmack = Sperma). 
Die von Fliess entdeckte dauernde Bisexualität aller Menschen 
konnte ich nach Freud bei allen Neurotikern in ungewöhnlichem 
Maße nachweisen. Wie viel davon auf die Konstitution und wie viel 
auf infantile Erlebnisse und EntwicklungsstÖrungen zurückzuführen 
ist, bleibt einstweiten unentschieden.* 

* Eicien Teil der hier als Zwangfsneurose benannten Fälle müSten wir heute 
im Kapitel „Ang-stliysterie" behandeln. (Anm. bei der Korrektur). 



Bb er Aktual- und Psydionearosen 21 

Die Zwangsbewegungen und Zwangfshandlungen sind, wie 
Freud richtig ermittelte, Sdnitzmaßregeln gegen die Reproduktion 
von Zwangsvorstellungen und entstellte Äußerungen der Onanie- 
neigung. Der Verschiebungsarbeit, die, wie wir in einem unserer 
Fälle sahen, auch im Bereiche der bewußten Gedanken tätig ist, 
gelingt es endlich, den Affekt von der psychischen . Sphäre in das 
körperliche zu drängen, also auf großen Umwegen dasselbe zu 
erreichen, was die hysterische Konversion ohne solche Mühe ver- 
mag. Wir müssen uns also merken, daß hinter jeder Zwangs- 
handlung eine Zwangsvorstellung versteckt ist, die ihrerseits eine 
inkompatible Idee des Unbewußten repräsentiert, Der Waschzwang 
2. B. ist ein recht unlogisches, aber wirksames Mittel zur Milderung • 
peinlicher Zwangsgedanken, deren Komplexe für die eigene mora- 
lische „Unreinlichkeit" zeugen. Auch andere Handlungen vom Zwangs- 
charakter (Zählen, Lesen von Straßentafeln, Einhalten gewisser Rjfth- 
men beim Gehen etc.) dienen dazu, die Aufmerksamkeit von pein- 
lichen (überwertigen) Gedanken abzulenken. Eine Patientin Freuds 
mußte jedes Stückchen Papier von der Erde auflesen und in die 
Tasche stecken : dieser Zwang entwickelte sich sekundär aus Zwangs- 
gedanken, die auf die Gefahren eines geheimen Liebesbriefwechsels 
Bezug hatten. ■ — Abergläubische Furcht zwang einen von mir ana- 
lysierten, sonst sehr aufgeklärten jungen Mann, bei allen möglichen 
Anlässen Geld in die Sammelbüchse eines Tempels zu werfen. Der 
im übrigen sparsam veranlagte Patient sühnte mit diesen Opfer- 
gaben unbewußte schlechte Gedanken wider die Eltern, zugleich 
aber den längst vergessenen Streidi, in ähnliche Büchsen einstmal 
statt Geld Steine geworfen zu haben. — Einen merkwürdigen Fall 
bewußter Verschiebung des Zwangsgedankens entdeckte ich bei 
einer Patientin, die von der elterlichen Autorität widerwillig zur 
Ehe gezwungen, fortwährend über ihr Unglück nachsinnen mußte. 
Eine Freundin riet ihr dami, sie soll eher an etwas anderes, harm- 
loses denken, z. B. an Worte und Buchstaben. Von diesem Momente 
an grübelte sie immerzu über das Wunder, daß Laute und Worte 
sinnvoll sind und Gedanken vermitteln können. 

Freud folgerte anfangs aus der außerordentlichen Häufigkeit 
infantiler psychosexueller Traumen bei seinen Patienten, daß die 
Psychoneurosen nur nach solchen abnormen Kindheitserlebnissen 



tz. über Aktual- und Psychoneiifosen 



auftreten. Doch mußte er spater zugeben, daß die Analyse gesunder 
Menschen oft schwere Psych otraumen des Kindesalters entdeckt, 
denen nichtsdestoweniger gar keine pathogene Nachwirkung folgte. 
Andererseits fand er so manche neurotische Erkrankung, von ganz ge- 
ringfügigen, scheinbar harmlosen sexuellen Eindrücken determiniert. 
Nebst der symptombildenden Kraft infantiler Erlebnisse mußte also 
Freud auch das konstitutionelle Moment zu seinem Recht verhelfen, 
nur setzte er an Stelle der viel zu allgemeinen, daher nichtssagenden 
Begriffe der „Disposition", „Degeneration", den einer abnormen, 
zu Verdrängungsmechanismen neigenden Sexualkonstitution. Freud 
scheute auch vor der schwierigen Aufgabe nicht zurüde, die ganze 
"Entwicklungsgeschichte der Sexualität zu revidieren. Dies tat er 
in seinen „Drei Abhandlungen zur Sexualtbeorie". Er wies 
hier nach, daß eine im weiteren Sinne genommene sexuelle Lust 
überhaupt untrennbar vom Leben [st, und den Menschen vom Mo- 
mente der Konzeption bis zum Tode begleitet. Bei Säuglingen und 
ganz jungen Kindern z. B. spielen libidinöse Tendenzen eine viel 
größere Rolle, als wir es bisher zu glauben liebten; ja gerade dieses 
Alter, die Periode der infantilen Perversion, in der die deutlich bi- 
sexuelle Libido noch nicht an die Betätigung eines Organs ge- 
bunden ist, wo noch keine Scham, keine Inzestschranke die Aus- 
wahl der SexuaJziele und Sexualobjekte eindämmt, eignet sich vor- 
züglich zum Empfangen von Eindrücken und zur Fixierung von 
Tendenzen, die die Erziehung eine Zeitlang sublimieren kann, die 
sich aber bei dem neuerlichen organischen Schub der Pubertät 
energisch vordrängen und eine so starke Verdrängung erfordern, 
daß eine minder robuste Konstitution sie nicht ohne neurotische Er- 
krankung verträgt. Es ist klar, daß eine Sexualpädagogik, die diese 
Tatsachen nicht in ßetradit zieht, als wertlos bezeichnet werden muß. 
Neurasthenie, Anxietät, Hysterie und Zwangsneurose treten 
fast niemals gesondert in Erscheinung, das Leben bietet meist ein 
Gemisch ihrer Symptome. Wo aber die Krankheitszeichen vermischt 
sind, können wir mit Sicherheit auf die entsprechende „ätiologische 
Mischung« (Freud) folgern. Wer lange masturbiert hat und plötzlich 
abstinent wird, bei dem wird man neurasthenische Parästhesien und 
Angstzustände nebeneinander antreffen. Wenn eine Frau mit ab- 
normer Sexualentwicklung „unerlaubte" Sexualregungen zu verspüren 



über Aktual- und Psychoneurosen 



23 



beginnt, so wird sie diese verdrängen und zu gleicher Zeit ängst- 
lich und hysterisch werden. Auch die psychosexuelle Impotenz des 
Mannes ist ein Gemisch von Aktual- und Psychoneurosen. Es ver- 
steht sich von selbst, daß die Analyse in solchen Fällen nur die 
psychogenen Symptome löst, während die physiologisch bedingten 
als unlösbarer Rest zudickbleiben und nur durch entsprechende 
sexual hygienische Maßnahmen zu beeinflussen sind. 

Ich will es nicht verhehlen, daß mir Analysen auch mißlungen 
sind. Doch geschah dies nur in Fällen, wo idi die von Freud an- 
gegebenen Bedingungen einer aussich tsvollen Analyse nidit beachtete, 
oder wo es mir oder dem Patienten an der zur Analyse nnentbehriichen 
Geduld mangelte. Einigemale unterbrach ich die Behandlung, weil ich 
einsah, daß eg unter den gegebenen Umständen für den Patienten 
besser sei, an Verdrängungen zu leiden, als klare Einsicht in die 
Wirklichkeit zu gewinnen. Für solche eignen sich eher die Kuren von 
Ibsens Dr. Relling, der bei unglücklichen Menschen „die Lebens- 
lüge aufrecht zu erhatten" trachtet. 

Nur streifen kann ich hier die erfreuliche Tatsache, daß die 
wissenschaftliche Anwendung der Psychoanalyse sich auch in der 
Psychiatrie als fruchtbar erwies. Freud gelang der Nachweis, daß 
die Wahnideen der Paranoischen nur in die Außenwelt projizierte, 
unbewußte Gedankenkomplexe sind; Jungs ausgezeichnete Mono- 
graphie macht die ganze Symptomatologie der Dementia praecox 
mittelst der Komplexpsychologie verständlich, und Otto Groß räumt 
dem Freudschen Idiogenitätsmoment auch bei dem manisch-depres- 
siven Irresein eine große Bedeutung ein. 

Noch ein paar Worte über die Ätiologie der Neurosen. Es 
ist zum Schlagwort geworden, daß Freud die Neurosen ausschließ- 
lich von sexualtraumatischen Ursachen ableitet. Das ist nicht richtig. 
Wie oben angedeutet, mißt er ja konstitutionellen Faktoren die ge- 
bührende Bedeutung bei. Hinzufügen muß ich noch, daß nach ihm 
auch nichtsexuelle seelische Erschütterungen (Unfall, Schreck, trau- 
rige Erlebnisse) mit ihrer traumatisclien Kraft zur Neurose beitragen 
oder gar eine solche auslösen können. Allerdings betraditet Freud 
die sexuellen Faktoren als „spezifische" Ursachen der Neurosen, 
nicht nur weil diese in allen Fallen nachzuweisen sind, sehr oft 
ohne Mithilfe anderer Ursachen, sondern hauptsächlich, weil sie die 



24 über Aktual- und Psych one uro sen 

Symptome des Leidens qualitativ determinieren. Und — last, 
not least — weist er auf die Erfolge der analytischen Therapie 
hin, die das neurotische Symptom heilt, indem sie die patho- 
genen sexuellen Faktoren ausfindig macht, und durch deren Be- 
seitigung das Gleichgewicht des Sexuallebens und sexuellen Fühlens 
herstellt. 

Ich bin darauf gefaßt, daß die Freudsche Sexualtheorie dei 
Neurosen auch bei Ihnen auf den größten Widerstand stoßen wird. 
Ich müßte ja an der Richtigkeit der Freud sehen Lehren zweifeK 
wenn die Zensur gegen das Sexuelle nur bei Nervenkranken nach- 
zuweisen und bei gesunden Menschen, z. B. bei gesunden Ärzten, 
keine Spur einer solchen Abwehr zu entdecken wäre. Wir alle be- 
herbergen in unserem Unbewußten eine Menge verdrängter sexueller 
Vorstellungen und Tendenzen, und die Averston gegen die offene 
Besprechung von Sexualproblemen ist eine Reaktionsbildung, die 
deren Bewußtwerden verhindern soll. Auch mich lehrte die Selbst- 
analyse, daß ich mich früher aus dem gleichen Grunde so hartnäckig 
gegen die Nachuntersuchung der Freudschen Entdeckungen gewehrt 
hatte. Ich kann aber versichern, daß die Belehrung, die ich der voraus- 
setzungslosen Erforschung auch der sexuellen Seelenvorgänge ver- 
danke, reichlidi die Anstrengung aufwiegt, die mich das Über- 
winden der Antipathie gegen diese Dinge gekostet hat. Leider ent- 
schädigt mich diese Einsicht nicht für die Jahre in denen ich gegen 
die Probleme der funktionellen Nervenkrankheiten nur mit den 
alten, stumpfen Waffen der Neurosenpathologie ins Feld zog. 

Es sprach aus mir der praktische Nervenarzt, als ich hier die 
pathologische Bedeutung der neuen Lehre so sehr hervorkehrte. 
Von einem höheren, allgemeineren Standpunkte betrachtet, müssen 
wir es als einen viel größeren Gewinn betrachten, daß wir mit 
Hilfe der Freudschen Lehren tiefer in die Funktion des psycJii- 
schen Mechanismus und in die Ökonomie der ihn bewegenden 
Kräfte einblicken konnten. 

Ich zweifle nicht daran, daß die Entdeckungen, die wir Freud 
verdanken, sowohl für die In di vi dual- und Volkspsychologie, als 
auch für die diese anwendenden Wissenszweige (Pädagogik, 
Soziologie, Kulturgeschichte, Ästhetik) einen wesentlichen Fortschritt 
bedeuten. 



Zur analytischen Auffassung 
der Psychoneurosen* 

Dem mir vom Aenteverein erteilten ehrenvollen Auftrag-, 
über die Fortschritte der Neurosenlehre einen referierenden Vor- 
trag zu halten, könnte ich auf mehrere Arten nachkommen. 
Ich könnte sämtliche funktionelle Neurosen der Reihe nach vor- 
nehmen und über die Neuheiten berichten, die sidi bei den 
ein2elnen Neurosen-Arten im Laufe der letzten Jahre ergeben 
haben. Nach einiger Überlegung nahm ich von diesem Plan 
Abstand, denn, wollte ich Ihnen auch nur die Namen all der 
Krankheitserscheinungen nennen, die man heute mit dem Sammel- 
wort „funktionelle Neurosen" bezeichnet, so entstünde daraus ein 
solches Chaos von griechisch-lateinischen Wortneubildungen, daß 
ich damit die Verwirrung, die heutzutage bezüglich der Neurosen 
herrscht, nur noch steigern würde. Darum versuche ich, mich meiner 
Aufgabe auf eine andere Art zu entledigen. Anstatt in Einzelheiten 
einzugehen, will ich die Dinge einheitlich überblicken und den Ge- 
samteindruck wiedergeben, den der Nervenarzt von dem heutigen 
Stand dieses seines Fachgebietes empfangen kann. 

Einer der geistreichsten deutschen Schriftsteller Georg Christian 
Lichtenberg warf einmal die paradoxe Frage auf, warum es 
den Forschern nie einfällt, daß man Entdeckungen nicht nur mit 
Hilfe des Vergrößerungsglases, sondern vielleicht auch mit einer 
Verkleinerungslinse madien könnte. Er meinte offenbar, daß das 
unausgesetzte Forschen nach den Einzelheiten, in das sich die 

* Aus einem 19Q9 im Budapester Aerzteverein gehaltenen Vortragszyklus. 



26 Zur analytisAep Auffassung- der Psychoneurosen 

Wissenschaft verbohrt und wobei sie die Uebersicht über das 
Ganze vergißt, zeitweilig aufzugeben wäre, um die bereits erzielten 
Ergebnisse aus einer gewissen Distanz einheithch zu überblicken. 
Er will daher ungefähr dasselbe, was Herbert Spencer als die 
notwendige Phase jeder natürlichen Entwicklung bezeichnet, nämlich : 
die Differenzierung soll zeitweise von der zusammenfassenden,, 
integrierenden Arbeit abgelöst werden. 

Wenn ich nun sämtliche Neurosen durdi ein solches Ver- 
kleinerungsglas betrachte, so reduziert sich deren Vielfältigkeit 
ganz von selbst zu einer Zweiteilung, die sich nicht weiter 
integrieren läßt. 

Die eine Art der Neurosen, wenn sie auch das Seelenleben 
nicht unberührt läßt (es gibt ja überhaupt keine Krankheit ohne 
Beteiligung der Psydie), spielt sich doch wesentlich auf somatischem 
Gebiete ab. Eine andere große Gruppe der Neurosen dagegen 
äußert sich, wenn es auch bei ihnen nicht ganz ohne körperliche 
Begleiterscheinungen abgeht, hauptsächlich in seelischen Ver- 
änderungen, ja sie verdankt auch ihre Entstehung ausschließlich 
seelischen Erschütterungen. 

Sie werden vielleicht erstaunt sein, daß heutzutage, im Zeit- 
alter des Monismus, eine solche dualistische Einteilung von Krank- 
heiten möglich ist. Ich beeile mich auch hier hinzuzufügen, daß 
dieser nosologische Dualismus sich ganz gut mit dem agnostischen 
Monismus der Philosophen verträgt, da letzterer — wie sein Name 
besagt — nur die einheitliche Gesetzmäßigkeit im Naturganzen 
postuliert, dabei aber aufrichtig genug ist, zuzugeben, daß wir 
über das Wesen dieser Einheitlichkeit nichts aussagen können. 
Die monistische Auffassung ist nach meiner Anschauung vorläufig 
nur ein philosophisches Glaubensbekenntnis oder ein Ideal, dem 
man sich nähern möchte, das aber noch so weit von den 
Grenzen unseres heutigen Wissens entfernt ist, daß wir praktischen 
Nutzen von seinen Lehren zur Zeit nidit ziehen können. Denn 
umsonst will man die Sache beschönigen, die Dinge stehen heute 
so, daß wir einen Teil der Erscheinungen nur physikalisch, eine 
andere Reihe nur psychologisch analysieren können. Auch der 
psychophysiologische Parallelismus ist ein, gewiß mögliches, aber 
eigentlich recht unwahrscheinliches philosophisches Theorem, durch 



Zur analytisdien Auffassung der Psydioneurosen 27 

das wir uns in unseren Beobachtungfen nicht beirrea zu lassen 
brauchen. Mit einem Worte, wir erklären es für eine Unaufrichtig- 
keit, wenn man — wie es heutzutage üblich ist — das seelische 
Geschehen mit anatomisdien und physiologischen Begriffen be- 
stimmt; denn die Wahrheit ist die, daß wir von der physiologischen 
Seite des Seelenlebens, wie auch vom anatomischen Substrat seiner 
Mechanismen nicht das Geringste wissen. Was wir diesbezüglich 
von der Naturwissenschaft lernten, ist höchstens die Tatsache der 
zerebralen Lokalisation der Sinnesfunktionen und die Kenntnis 
einzelner koordinatorischer Zentren für die Bewegungen. Flechsig 
versuchte zwar, eine moderne Phrenologie auf Grund der chrono- 
logischen Entwicklungsfoige im Gewebe des embryonalen Gehirns 
zu konstruieren, aber das ganze komplizierte System der von 
ihm angenommenen drei bis vier Dutzend psychischen Zentren, ihrer 
Projektions- und Assoziationsfasern ist doch nur ein, wenn auch 
geistreiches, aber äußerst schwankendes theoretisches Gebäude, um 
das sich der Kliniker nicht viel zu kümmern braucht. 

Ganz unfruchtbar blieb bisher audi alles Forschen nach den die 
Geisteskrankheiten begleitenden anatomischen Gehirnveränderungen 
wie auch der Versuch, den pathologisch-anatomischen Befund mit 
den in vivo konstatierten seelischen Symptomen in Beziehung zu 
bringen, um daraus auf die psychische Funktion der einzelnen 
Gehirnpartien einen Schluß zu ziehen. Weder bei der Manie oder 
Melancholie, noch bei der Paranoia, Hysterie und Zwangsneurose 
fand man irgendwelche Veränderungen bei der mikroskopischen 
Untersuchung des Gehirns; bei anderen Krankheiten, wie bei 
Paralyse, Alkoholismus, Dementia senilis, fand man zwar solche 
Veränderungen, man konnte aber den Zusammenhang der Gehim- 
laesion mit dem psychischen Symptombilde nicht angeben, so daß 
wir getrost sagen können, daß wir heute von einer pathologischen 
Anatomie der Psychosen und Psychoneurosen gerade so wenig- 
reden können, wie vom materiellen Korrelat der Seelenfunktion 
überhaupt. 

Unsere Gelehrten aber, wenn sie sich auch darein finden, den 
funktionellen Mechanismus der „denkenden Materie" noch nicht zu 
kennen, sträuben sich merkwürdigerweise, dieses Nichtwissen auch 
bezüglich der Pathologie dieser Materie einzugestehen. Wenn es 



28 Zur analytischen Auffassun g der Psych od eurosen 

aber ein Falsum ist, statt einfach vom Fühlen, Denken und Wollen 
von „Molekularbewegungen" der Gehirnzellen zu sprechen, SO ist 
es eine nicht geringere Unaufrichtigkeit, bei der Beschreibung der 
sogenannten funktionellen Psychosen und Neurosen mit anatomischen 
physiologischen, physikalischen und chemischen Ausdrücken um sich 
zu werfen. Unsere Gelehrten scheinen aber der Ansicht zu sein, 
daß die docta ignorantia erträglicher als die i n d o c t a 
ignorantia ist, daß also das naive Bekenntnis unserer Unwissen- 
heit beschämender ist als ein Nichtwissen, das sich in wissen- 
schafüiche Worte kleidet. 

Setzen wir aber den Fall, daß der Mensch es einmal so weit 
brächte, ;die den 'eigenen Empfindungen 'parallellaufenden Gehim- 
veränderungen unmittelbar an sich selbst beobachten zu können: 
die Zweiteilung der Erscheinungsreihen, die Sonderung des von 
außen Beobachteten und des innerlich Geschauten, bliebe nichts- 
destoweniger bestehen. Selbst die genaueste Beschreibung der Be- 
wegungen der Gehimmoleküle würde die introspektive Psychologie 
nicht überflüssig machen. 

Für das Verständnis der gesunden und kranken Seele bleibt 
also die Analyse der unmittelbaren inneren Wahrnehmung die 
Hauptquelle der psychologischen Erkenntnis; sie hat sogar mehr 
Aussicht auf Bestand, als die rein materialistische Betracli tu ngs weise. 
Haben wir doch erlebt, daß einige unerwartete Entdedcungen die 
Physik in ihren Grundfesten erschüttern konnten, während die 
Elemente der Introspektion immer die gleichen bleiben. 

Ich konnte Ihnen diese philosophische Exkursion nicht ersparen, 
obzwar ich dabei immerfort an ein anderes Witzwort des eben 
genannten Lichtenberg gemahnt werde, daß man sich mit der 
Philosophie, wie mit einem scharfen Rasiermesser allzuleicht schneiden 
kann, wenn man damit nicht sehr vorsichtig umgeht. Ich gebe also 
diese gefährliche Waffe aus der Hand und beschränke mich darauf, 
nochmals zu wiederholen, daß die dualistische Einteilung der 
Neurosen beim heutigen Stande unseres Wissens eine vollauf 
berechtigte ist. 

Zu den organischen Neurosen oder, wie ich sie benennen 
möchte, den Physioneurosen rechnen wir z. B, die Chorea, das 
Myxoedem, die Basedow'sche Krankheit, die Neurasthenie und die 



Zur analytischen Auffassung der Psydioneurosen 29 

Angstneurose im Sinne Freuds, und andere, bei denen die Ursache 
der Krankheit m Störungen des Stoffwechseis u. dgl. gesucht oder 
schon gefunden wird. In meinem heutigfen Vortrage möchte idi aber 
Ihre Aufmerksamkeit ausschliesslich auf die andere große Gruppe 
der Neurosen, auf die Psycho -Neurosen lenken, auf jene Neu- 
rosen also, deren Verursachung, pathologisches Wesen und Symptoma- 
tologie derzeit nur einer introspektiv psychischen Untersuchung 
zugänglich ist, insbesondere auf die Hysterie und die Zwangsneurose, 
Ich bemerke gleich hier, daß die Psyclioneurosen weder von den 
„normalen" seelisdien Funktionsweisen, noch von den funktionellen 
Psychosen scharf zu sondern sind ; es sind hauptsächlich praktische 
Gesichtspunkte, die den Arzt zwingen, Normalität, Psydioneurose und 
Psychose als besondere Kapitel der Seelenkunde zu behandeln. Vom 
wissenschaftlichen Standpunkte ist kein fundamentaler Unterschied 
zwischen den Leidenschaftsausbrüchen des „normalen" Menschen, den 
Anfällen des Hysterikers und der Raserei des Geisteskranken, 

Die „psychogenetische" Betrachtungsweise der Psydiosen und 
Neurosen ist uralt. 

Erst das Überhandnehmen der materialistischen und mechani- 
stischen Anschauung im XIX. Jahrhundert verführte die Psychologen 
und Psychopathologen dazu, auf die naive, aber ehrliche intro- 
spektive Psychologie zu verzichten und die in den exakten Natur- 
wissenschaften so erfolgreichen Experimentalmethoden nachzuahmen. 
Schließlich kam es so weit, daß Ärzte und Naturforscher die kleinen 
und großen seelischen Probleme des Menschen, als wären sie 
ihrer Betrachtung nicht würdig, den Belletristen überließen und 
sich immer mehr auf sinneaphysiologische Registrierarbeit be- 
s<iiränkten. Seit Fechner und Wundt hat kaum jemand das tote 
Material der Experimentalpsychologie mit einer irgendwie orientie- 
renden Idee belebt. Erst Freuds Anstrengungen gelang es in 
jüngster Zeit, die abgerissenen Fäden zwischen der wissenschaftlidhen 
Psychologie und dem täglichen Leben wieder anzuknüpfen und 
einen lange brachgelegenen wissenschaftlichen Boden von neuem 
urbar zu machen. 

Idi hatte schon ein anderesmal Gelegenheit, Ihnen, geehrte 
Kollegen, über den Enifvicklungsweg der Lehren und der Methode 
Freuds, über die Psydioanalyse, zu erzählen. Diesmal will ich nur 



30 Zur analytischen Auffassung der Paychoneurpsen 

auf die Fortschritte hinweisen, die die Erforschung der Psycho- 
Jieurosen der Psychoanalyse zu verdanken hat. 

Diese neue Psychologie geht von einer Trieblehre aus. Der 
Hauptregulator all unseres Handelns und Denkens ist das „Lust- 
prinzip", das Bestreben, unangenehmen Situationen möglichst ,aus- 
luweichen, der Wunsch sich mit der allerkleinsten Anstrengung die 
größtmöglichste Befriedigung zu verschaffen. 

Nun kann aber kein Mensch für sich allein bestehen, sondern 
muß sich in ein kompliziertes, fast unabänderliches Milieu fügen. 
Schon in früher Kindheit muß er es lernen, einem großen Teil 
seiner natürlichen Wunschregungen zu entsagen; ist er erwachsen, 
so verlangt die Kultur von ihm, daß er sogar die Selbstaufopferung 
für die Gemeinschaft für etwas schönes, gutes, erstrebenswertes 
ansehe. Die größten Opfer für die Gesellschaftsordnung muß aber 
der Mensch in Bezug auf seine sexuellen Wünsdie bringen. Alle 
Erziehungsfaktoren wirken auf die Unterdrückung dieser Begierden 
hin und die meisten Mensdien schicken sich ohne besonderen 
Schaden in diese Forderung. 

Die Psychoanalyse zeigte nun, daß diese Anpassung mit Hilfe 
eines besonderen seelischen Mechanismus geschieht, dessen Wesen 
darin besteht, daß man die unerfüllbaren Wünsche und die dazu 
gehörenden Vorstellungen, Erinnerungen und Denkvorgänge ins 
Unbewußte versenkt. Um es einfacher auszudrücken ; man „vergißt" 
diese Wünsche und alles, was damit in gedanklichem Zusammen- 
hang steht. Dieses Vergessen bedeutet aber nicht die vollständige 
Vernichtung jener Tendenzen und Ideengruppen; die vergessenen 
Komplexe leben unter der Schwelle des Bewußtseins fort, sie be- 
halten ihre potentielle Kraft und können unter geeigneten Verhält- 
nissen wieder zum Vorsdiein kommen. Der gesunde Mensch schützt 
sich mit Erfolg gegen die Wiederkehr dieser Wünsche und das 
Auftauchen der Wunschobjekte, indem er moralische Schutzwälle 
um diese „verdrängten Komplexe" baut. Schamgefühl und Ekel 
verhüllen ihm zeitlebens die Einsicht, daß er jene verachteten, 
ekelhaften, beschämenden Dinge eigentlich immer noch als Wunsch- 
vorstellungen beherbergt. Das geht aber nur beim Gesunden so 
zu; wo aber infolge besonderer Disposition oder durch übergroße Be- 
lastung jener Schutzwälle der seelische Mechanismus der Verdrän- 



Zur analytischen Auffassung der Psydioneurosen 31 

gung versagt, dort kommt es zur „Wiederkehr des Verdringten" 
und damit zur Bildung von Krankheitssymptomen. 

Man stellt oft die Frage, warum die Psychoanalyse gerade 
der sexuellen Verdrängung eine so große Rolle in der Ätiologie 
der Psychoneurosen zuschreibt. Doch, die so fragen, vergessen, daß 
seit jeher „Hunger und Liebe" die Welt regieren, daß das Streben 
nach Selbst- und Arterhaltung gleich ^mächtige Instinkte jedes Lebe- 
wesens sind. Gäbe es eine Gesellschaft, in der die Nahrungsauf- 
nahme eine so beschämende Lebensäußerung wäre wie bei uns die 
Begattung, also etwas, was man zwar tun muß, wovon man aber 
nicht reden, woran man kaum denken darf, und wäre dort die 
Art und Weise des Essens so strengen Beschränkungen unter- 
worfen wie bei uns die sexuelle Befriedigung, so würde dort viel- 
leicht die Verdrängung der Selbsterhaltungstriebe in der Ätio- 
logie der Psychoneurosen die Hauptrolle spielen. Die Dominanz 
der Sexualität bei der Entstehung der seelischen Erkrankungen ist 
also 2.U einem großen Teil auf soziale Ursachen zurückzuführen. 

Dies sind allerdings vollständig neuartige Anschauungen, die 
in denkbar schärfstem Gegensatz zu allem stehen, was die mit 

I anatomischen und psychologischen Begriffen arbeitende Neurologie 
bisher gelehrt hat. Doch schon Claude Bernard sagte es klar her- 
aus, daß, wenn neue Tatsachen mit alten Theorien in Widerspruch 
stehen, die Theorien es sind, die man aufgeben muß. Es ist ja 
möglich, daß diese neue Libido-Theorie der Neurosen auch 
nicht das allerletzte Wort ist, das über die Neurosen gesagt 
werden kann ; ein solches „letztes Wort" kennt ja die Wissenschaft 
nicht. Es ist aber meine Überzeugung, daß es zur Zeit keine Theorie 
gibt, weldie den Tatsachen und ihren Zusammenhängen besser ge- 
recht wüirde als die psychoanalytische. 

Wie klassifiziert nun die Psychoanalyse die Psychoneurosen? 
Was ist die Grundlage, auf die sie ihre Nosologie aufbaut? Die 
Antwort ist einfach: sie unterscheidet die Krankheitsgruppen nach 
der speziellen Art, in der die abgewehrten und aus der Verdrän- 
gung zurückgekehrten „Komplexe" sich als Krankheitssymptome 
Geltung verschaffen. Der an Zwangsneurose Leidende versteht 
es, den affektiven Wert der Komplexvorstellungen auf andere ähn- 
tliche, aber harmlosere Gedanken zu verschieben. So kommt es 



32 Zur analytischen Auffassung der Psychoneurosen 

zur Bildung von Zwangsideen, die sich, anscheinend ganz sinnlos^ 
fortwährend vordrängen. 

Der Hysterische geht noch weiter; er duldet unter seinen 
Gedanken nicht einmal diese harmlosen Vertreter der verdrängten 
Triebregungen und schafft für sie in seiner Körperlichkeit ein Symbol. 
Er stellt also sowohl die bewußtseinsunfähigen Begierden als auch 
den gegen sie geführten Abwehrkampf mittels motorischer und 
sensitiv-sensorieller Symptome dar. Die hysterischen Anästhesien, 
Schmerzen, Lähmungen und Krämpfe sind nichts als Symbole ver- 
drängter Gedanken. 

Es gibt aber auch andere Arten der Abwehr unangenehmer 
Vorstell ungs komplexe. In der Paranoia löst z. B. der Kranke die 
ihm unerträglich gewordenen Vorstellungen einfach von seinem „Ich" 
los und projiziert sie auf andere Personen. 

Die Grenze zwischen „Ich" und Außenwelt ist verschiebbar; 
wir merken oft auch bei Gesunden die Tendenz, unliebsame Vor- 
stellungen anderen in die Schuhe zu schieben. Dasselbe tut auch 
der Paranoiker, allerdings viel ausgiebiger. Anstatt sich gewisse 
Arten des Liebens und Hassens einzugestehen, läßt er diese mit 
seiner Selbstachtung unerträglichen Gefühle und Gedanken durch 
unsichtbare Geister in sein Ohr flüstern oder er liest sie aus den 
Gesichtszügen oder Bewegungen seiner Mitmenschen ab. 

Eine vierte Form der Selbstverteidigung gegen die erwähnten 
Komplexe finden wir bei der Dementia praecox. Seit Jungs 
und Abrahams grundlegenden Arbeiten wissen wir, daß Menschen, 
die an diesem Übel leiden, nicht in dem Sinne verblöden, als waren 
sie unfähig, logische Gedanken zu bilden, sondern, daß sie ihre 
Libido der Außenwelt so vollkommen entziehen, daß diese 
für sie sozusagen zu existieren aufhört. 

Der Demente überträgt das ganze Interesse und die Affekt- 
besetzung, die er der Außenwelt entzieht, auf das eigene Ich; da- 
her seine kindischen Größen Wahnideen, seine infantilen Gewohn- 
heiten, das Wiederaufleben der autoerotischen Befriedigungsarten, 
die Rücksichtslosigkeit gegen die Anforderungen der Kultur, Ober- 
haupt die vollständige Nichtachtung, Vernachlässigung der Außenwelt. 

Alle genannten Arten der Flucht vor unangenehmen Vorstel- 
lungen finden sich auch innerhalb des „Normalen". Die körperlichen 



Zur analytischen Auffassung der Psychoneurosen 



33 



Äußerungen der „normalen" Gefühlsausbrüche haben viel mit der 
Hysterie gemein; ein Verliebter vermag seinen Liebesaffekt auf 
jeden Gegenstand, jede Person zu übertragen, die mit dem eigent- 
lichen Gegenstand seiner Gefühle in assoziativem Zusammenhange 
stehen, und das hat nidit mehr Sinn als eine zwangs neuro tische Affekt- 
verschiebung; der Mißtrauische, der Eifersüchtige : wie oft projizieren 
sie nur die Ahnung der eigenen Nichtsnutzigkeit oder Lieblosig- 
keit auf andere; und wenn sich jemand in den Menschen getäuscht 
hat: wird er nicht ein Egoist, ein in sich gekehrter Mensch, der 
teilnahmslos das Schaffen und Walten der anderen beobachtet und 
dessen ganzes Interesse seinem eigenen Wohlergehen, seiner körper- 
lichen und seelischen Befriedigung gilt? 

Der berühmte Spruch des Physiologen Brücke „Krankheit 
ist nur Leben unter veränderten Bedingungen", gilt also auch für 
die Psychoneurosen. Funktionale Psychosen und Psychoneurosen 
unterscheiden sich vom normalen Seelenleben nur graduell. 

Nun noch einige Worte von der Ätiologie dieser Neurosen. 
Die Schriftsteller, die das Leben naiv, aber mit scharfen Augen be- 
obachten, konnte keine Gehirnanatomie von der Auffassung ab- 
bringen, daß seelische Erregungen für sich allein im Stande sind, 
eine Erkrankung der Seele zu verursachen. Während wir Ärzte das 
leere Stroh physiologischer Schlagwörter druschen, machte Ibsen 
in seiner „Frau vom Meere" eine fast tadellose Psychoanalyse, durch 
die er die Ursache einer Zwangsvorstellung in einem psychischen 
Konflikt aufdeckte. „Die Frau Agnes" von Johann Arany*, die ihr 
weißes Leintuch immerfort im Bache wäscht, leidet an Dementia 
praecox, deren Stereotypie in der Tragik der Baliade dieselbe Er- 
klärung findet, die man für die stereotypen Handlungen vieler 
Geisteskranker an der Züricher Klinik gegeben hat. Der Waschzwang 
der Lady Macbeth ist uns viel plausibler geworden, seitdem wir 
uns überzeugt haben, daß auch unsere Neurotiker mit derselben 
Zwangshandlung die moralischen Fledcen ihres Gewissens wegwischen 
möchten. Der Mann der Wissenschaft machte sich früher oft über 
die Naivität des Romandichter lustig, der, wenn er um eine Lösung 
verlegen war, seinen Helden einfach verrückt werden ließ ; und nun 
müssen wir uns zu unserer Beschämung eingestehen, daß nicht die 

* Hervon-agfender ung^arischer Epiker und Bailadendichtcr 



34 Zur anal ytischen Auffassung- der Psychoneurosen 

Gelehrten, sondern die naiven Dichter im Rechte waren. Die Psycho- 
analyse zeig;te uns, daß der Mensch, wenn er keinen Ausweg aus 
seinen Seelenkonflikten findet, sich in die Neurose oder die Psy- 
chose flüchtet. Ang-esichts der Kurzsichtigkeit der Fachgelehrten, 
die das übersehen konnten, ist man versucht, wieder jenem Lich- 
tenberg recht zu geben, der da behauptete: „die Leute vom Fadi 
wissen oft das beste nicht". 

Vor der Psychoanalyse hielt man die Frage der Ätiologie der 
funktionalen Seelenkrankheiten mit dem Schlagworte „erbliche Be- 
lastung" für erledigt. Aber gleichwie es voreilig und unfruchtbar 
war, die Losung des Neurosenproblems mit Hilfe von Anatomie, 
Physik und Chemie des Gehirns zu forcieren, so war es auch sehr 
übereilt, zur Erklärung der Neurosenätiologie die erbliche Disposi- 
tion heranzuziehen, ehe man die Möglichkeiten der zur Erkrankung 
führenden Einflüsse nach der Geburt erschöpft hatte. Es ist ja 
unzweifelhaft, daß der Erblichkeit eine bedeutende Rolle bei der 
Entstehung der Seelenkrankheiten zukommt. Aber über die Natur 
dieser dispositionellen Faktoren, wissen wir noch gar nichts*, so daß 
die Zurückführung der Neurosen auf „Degeneration" gleichbedeutend 
ist mit dem Bekenntnis der vollen Unwissenheit in pathologischer 
und der Machtlosigkeit in therapeutischer Hinsicht. Nach der psycho- 
analytischen Auffassung ist niemand vollständig immun gegen zu starke 
oder zu lange dauernde Belastung oder Erschütterungen des Gemütes, 
die Disposition hat nur die Bedeutung, daß dem schon von Geburt 
aus stark Belasteten kleinere, dem robuster Konstituierten größere 
Ersdiütterungen Schaden bringen. Natürlich erkennt die Psychoana- 
lyse auch die Möglichkeit an, daß erbliche Faktoren auch auf die 
spezielle Art der Neurose Einfluß nehmen können. — Freud vergleicht 
die Erblichkeit der Neurosen mit der Erblichkeit der Tuberkulose. 
Gleichwie es sich bei der ererbten Tuberkulose bei gründlicher 
Untersucliung oft herausstellt, daß es sich um eine von der Kranken- 
umgebung im Kindesalter akquirierte Infektion handelt, nicht nur 
um mitgebrachte Schwäche des Organismus: so müssen wir bei 
den Kindern neurotischer Eltern nebst der Erblichkeit auch den ab- 
normen seelischen Eindrücken eine große Bedeutung beimessen, denen 

* Dieser Satz g-ilt heute, dank den psychoanalytischen Forsdiimjea, nicht 
mehr. (Anm. bei der Korrektur.) 



Zur aiialytisdien Auffassung der Psychoneuroseii 35 

sie seit ihrer frühesten Kindheit ausgfesetzt waren. Jeder Knabe und 
jedes Mädchen hat z. B. den sehnlichen Wunsch, Vater beziehungs- 
weise Mutter zu werden, und wir können uns nicht wundem, wenn die 
Kinder nicht nur die wirklichen oder vermeinten Vorzüge der Eitern, 
sondern auch ihre Eigentümlichkeiten und neurotischen Sjrmptome 
sich aneignen. 

Daß die Psychoneurose unter den Angehörigen des weiblichen 
Geschlechtes häufiger ist, wird verständlich, wenn wir an den Grad- 
unterschied des kulturellen Druckes denken, der auf der Sexualität 
der beiden Geschlechter lastet. Den Männern ist schon in der Jugend 
vieles erlaubt, was der Frau nicht nur in Wirklichkeit, sondern auch 
in der Phantasie verwehrt ist. Auch die Ehe kennt zweierlei Moral, 
deren eine für den Ehemann, deren andere lür die Frau Giltigkeit 
hat. Die Gesellschaft ahndet sexuelle Verfehlungen der Frau viel 
strenger als die des Mannes. Die periodischen Schübe in der weib- 
lichen Sexualität, die Pubertät, die Menses, die Schwangerschaften 
und Geburten, das Klimakterium, erfordern von der Frau eine viel stär- 
kere Verdrängung, als sie beim Manne notwendig ist. All das vermehrt 
bei ihnen die Anzahl der Psycho neuro sen. Besonders unter den 
Hysterischen sind die Frauen in überwiegender Mehrzahl, während 
die Männer sich eher in die Zwangsneurose retten. Bezüglich der 
Paranoia und der Demenz hat man keine verläßlichen Daten über 
die Verteilung nach Geschlechtem 5 mein persönlicher Eindruck 
geht dahin, daß die Paranoia mehr unter Männern, die Demenz 
eher unter Frauen ihre Opfer sucht. 

Im Gesagten habe ich Ihnen eine — allerdings sehr rohe und 
primitive — Skizze der psychoanalytisdien Neurosenlehre gegeben. 
Ich weiß aber, daß Sie als Praktiker von mir auch eine Stellung- 
nahme zu den bisher üblichen therapeutischen Verfahren und wenig- 
stens Andeutungen über die analytische Therapie erwarten. 

Das versteht sich eigentlich nicht so von selbst. „Warum ver- 
langt man nicht" — ■ fragt Dietl — „vom Astronomen, daß er Tag 
in Nacht, vom Meteorologen, daß er kalten Winter in heißen Sommer, 
vom Chemiker, daß er Wasser in Wein verwandelt" und mit welchem 
Redit verlangt man gerade vom Arzt, daß er sich in die Ver- 
kettung der Ursachen des verwickelten Lebensprozesses einmengt 
und den Krankheitszustand des kompliziertesten Naturgeschöpfes, 




36 Zur analytisdien Auffasstm g der Psycäioneurosen 

des Menschen, in Gesundheit verwandelt? Zum Glück begann man 
über diese Frage erst zu einer Zeit wissenschaftlich zu grübeln, als 
die ärztliche Heilkunde schon seit Jahrtausenden an der Arbeit war 
und auch recht bedeutende Erfolge aufweisen konnte. Ist doch „das 
Heilen das älteste Handwerk und die jüngste Wissenschaft". (Nuß- 
baum). Wäre es anders und müßten wjr unsere Heilversuche nicht 
auf rohe Empirik, sondern auf logische Deduktion gründen, so wären 
wir noch heute nicht so kühn, die schwere Aufgabe des Heilens auch 
nur zu versuchen. Auch in der Therapie der Psychoneurosen eilte 
das Handeln dem Denken weit voraus. Nach dem soeben Vorge- 
tragenen sind wir erst am Anfange des Weges, auf dem wir über 
das Wesen der Neurosen einen bestimmteren Begriff zu gewinnen 
hoffen, und doch füllen bereits die Bücher, die sich mit der Therapie 
der Neurosen beschäftigen, eine ganze Bibliothek. Wie steht nun der 
audi in der Psychoanalyse bewanderte Nervenarzt den Fragen der 
Therapie gegenüber? — Biegansky's Buch über die „Logik in der 
Heilkunde", der sich natürlich jedes medizinische Spezialfach unter- 
werfen muß, stellt in der Therapie das nicht ganz neue, aber ohne 
Zweifel richtige Prinzip als Wegweiser auf, daß ein Heilverfahren 
nur so weit richtig ist, als es die schädlichen Symptome verfolgt 
und die nützlichen fördert. Diese Auffassung ist die der pathologi- 
schen Teleologie; sie steht auf der Grundlage einer Zwecklehre, 
nadi der nur ein Teil der Symptome schadlidi zu nennen ist, während 
in einem andern Teil sich eine automatisch reparierende und kom- 
pensierende Tendenz äußert. Es ist also nicht vernünftig, die Sym- 
ptome der Krankheit blindlings „heilen" zu wollen. Wir werden unserer 
Aufgabe erst gerecht, wenn wir darnach trachten, die Selbstheilungs- 
versuche des kranken Organismus, soweit es in unserer Macht steht, 
zu fördern. 

Es ist anzunehmen, daß die bisherige rein empirische Neurosen- 
therapie in jenen Fällen Erfolge erzielte, in denen es dem Arzte, 
wenn auch nicht klar bewußt, gelang, die automatisch heilenden Ten- 
denzen der Natur nachzuahmen. Auch die Symptome der Psycho- 
neurosen sind nämlich vielfach „teleologisch" verständlich. Der Kranke, 
der die unangenehmen Vorstellungen verschiebt, in körperliche Sym- 
ptome konvertiert, in die Außenwelt projiziert oder sich vor ihnen auf 
sein „Ich" zurückzieht, strebt damit einen Zustand seelischer Ruhe 



Zur analytischen Auffassung der Psydioneuroseri 37 

und Reizlosigkeit an. Bei der Paranoia und der Dementia gelingt 
die Flucht vor den Unlustreizen so vollkommen, daß diese zwei 
Leiden nach unseren heutigen Erfahrungen für die Therapie voU- 
■ kommen unzugänglich sind. Das Mißtrauen des Wahnsinnigen, die 
Interesselosigkeit des Dementen machten jede seelische Beeinflussung 
ttnmöglich. Bei der Hysterie und Zwangsneurose hatte aber auch die vor- 
aßalytische Therapie manchen, wenn auch meist nicht dauernden Er- 
folg aufzuweisen. Viele Kranke wurden gesund, wenn sie aus ihrer 
Umgebung fort, in ein anderes Milieu versetzt wurden, doch meist 
war die Rezidive wieder da, wenn sie wieder in die alte Umgebung 
zurüdikehren mußten. Bei vielen gelang es, mehr-weniger anhaltende 
Erfolge durch die Verbesserung der Ernährung, Stärkung der KÖrper- 
kräfte zu erreichen. Aber auch bei diesen war stets zu befürchten, 
daß, wenn di'e organische Widerstandsfähigkeit später aus irgend 
einem Grunde wieder abnehmen sollte, die im Keime nicht erstickte 
Seelenkrankheit von neuem ausbrechen würde. Auch die meist passa- 
geren Erfolge des Milieuwechsels verstehen wir eigentlich erst, seit- 
dem die Psychoanalyse feststellen konnte, daß die verdrängten patho- 
genen VorsteUungen der Neurotiker sich meist auf die Personen der 
nächsten Umgebung beziehen und der Arzt nur die instinktive Kora- 
plexscheu des Kranken nachahmt, wenn er ihn aus seinem Heim, 
in dem die pathogenen Vorstellungsgruppen nicht zur Ruhe 
kommen können, entfernt. 

Unter den Mitteln der Psychotherapie ist das schlechteste Ver- 
fahren das sogenannte „ermutigende" und „erklärende". Ver- 
gebens sagen wir dem Kranken, sein Leiden sei kein „organisches", 
daß er nicht krank sei, sondern nur so fühle, als ob er es wäre; ver- 
geblich erklären wir, er müsse nur wollen; durdi all das bringen wir 
den Patienten nur noch mehr zur Verzweiflung. Wenn wir Münch- 
hausen belädieln, der uns da vorlügt, daß er sich selbst samt 
seinem Pferde bei den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen habe, 
dann darf man auch vom Neurotiker nicht verlangen, daß er „sich 
zusammennehmen" soll. Dieselbe Kritik verdient das Moralisierver- 
fahren von Dubois. ■ — Nur kurz will ich hier die Fragen der Hyp- 
nose und Suggestion berühren und bemerke sogleich, daß auf die- 
sem Wege gewisse Erfolge zu erzielen sind. Schon Charcot er- 
klärte, die Hypnose sei eine Art künstlicher Hysterie, und die Psycho- 



38 Zur analytischen Auffassung d er Psyehoneur osen 

analyse bekräftigt dies, indem sie konstatiert, daß die Suggestion, 
ob in der Hypnose oder im Wachzustände angewendet, die Sym- 
ptome nur unterdrückt, also dasselbe Mittel verwendet, das bei den 
Selbstheilungswünsdien des Hysterikers versagte. Im Unbewußten 
des Neurotikers, bei dem wir die Krankheitssymptome durch Hypnose 
erstickten, blieb die krankmachende Vorstellungsgruppe durch diese 
Kur unangetastet, Sie wird sogar im gewissen Sinne noch vergrößert, 
das heißt, zu den bisherigen Symptomen gesellt sich nun ein neues 
hinzu, das allerdings die Äußerung der friJher vorhandenen Sym- 
ptome zeitweilig hindern kann. Wenn die Kraft des suggestiven Ver- 
botes sich abschwächt (und dazu genügt, daß der Kranke sich aus 
der Umgebung des Arztes entferne), so können sich die Symptome 
sofort wieder manifestieren. Ich halte die Hypnose und Suggestion 
für eine meist ungefährliche, unschädliche, aber wenig Erfolg ver- 
sprechende Heilmethode, deren Anwendung übrigens schon dadurch 
sehr bescliränkt wird, daß nur ein ganz kleiner Bruchteil der Men- 
schen wirklich bypnotisierbar ist. 

Die Sanatoriumbehandlung vereinigt die Vorzüge des Milieu- 
wechsels mit denen der Suggestion. Das Hauptheilmittel des Sana- 
toriums ist die angenehme, imponierende Erscheinung, die Liebens- 
würdigkeit oder Strenge des Arztes. Besonders Frauen hängen oft 
mit exaltierter Schwärmerei an der Person des Sanatoriumarztes 
und können ihm zuliebe sogar ihre hysterischen Launen unterdrüdten. 
Sind sie aber zuhause angelangt, verfliegt der Zauber bald. Die Ge- 
wohnheit, in Sanatorien zu leben, kann selbst zu einer Art Krankheit 
werden, die man „Sanatoriumskrankheit" nennen könnte; viele 
werden durch sie ihrem Heim und ihrer Beschäftigung vollständig 
entfremdet. 

Die Beschäftigungstherapie, die körperliche und seelische 
Arbeit, ist eine sehr bewährte Heilmethode der Psyehoneurosen, 
auch sie unterstützt die Flucht vor den quälenden Seelenkonflikten. 
Leider ist in sdiwereren Fällen der Kranke meist unfähig, die 
Energie, die er auf Symptome verschwendet, nützlicheren Zielen 
zuzuwenden. 

Elektrizität, Massage, Bäder usw. sind nur Vehikel der Sug- 
gestion und verdienen nur als solche bei der Therapie der Psyeho- 
neurosen Erwähnung. 



Zur analytischen Auffassung^ der Psychoneurosen 39 

Die antineurotischen Medikamente zerfallen in zwei Gruppen. 
Die narkotischen Mittel (Brom, Opium etc.) betäuben den Kranken 
zeitweilig und verringern mit der seetischen Wachsamkeit auch die 
Kraft der Symptomäußerungen für eine Zeit, Gewöhnt sich der 
Kranke an sie oder setzt man sie aus, so erneuern sich die Symptome 
wieder. Man kann also im Prinzip kein Freund der Medizinverab- 
reichung sein, wenn man audi manchmal genötigt ist, audi zu diesen 
Mitteln zu greifen. Die sogenannten spezifischen Heilmittel der Neu- 
rosen sind meist vollständig wirkungslose oder höchstens suggestiv 
wirkende Arzneien. 

Überblicken wir die bis jetzt besprochenen Heilverfahren und 
Mittel, so sehen wir tatsachlich, daß diejenig-en von einiger Wirkung 
sind, denen es gelingt, die Selbstheilungstendenz, die Verdrängung, 
zu verstärken.' Diese Wirkung kann aber nidit von Dauer sein, 
weil der krankheitserregende Konflikt weiter unerledigt im Un- 
bewußten verborgen bleibt und, so bald sich die äußeren Umstände 
ungünstiger gestalten, seine Wirkung wieder fühlbar macht. 

Die Psychoanalyse dagegen ist ein Verfahren, das die 
neurotischen Konflikte nicht mit neuerlicher Verschiebung, zeitweiliger 
Verdrängung, sondern radikal erledigen will. Sie sucht die Wunden 
der Seele nicht zu verbinden, sondern sie aufzudecken, bewußt- zu 
machen. Natürlich nicht, ohne daß sie den Kranken „nacherzieht" 
und ihn daran gewöhnt, die unlustvollen Vorstellungen zu ertragen, 
anstatt sich vor ihnen in die Krankheit zu flüchten. Dieses psychische 
Heilverfahren hat in vielen Fällen Erfolg. Allerdings dauert es meist 
viele Monate, bis es dazu kommt, selbst wenn sich der Arzt täglich eine 
Stunde lang mit dem Kranken beschäftigt. Die Deutung der in der 
„freien Assoziation" auftauchenden Ideen, die Analyse der Träume 
und der Symptome selbst, macht den Kranken allmählich mit dem 
bisher unbewußten Anteil seines Vorstellungslebens, sozusagen mit 
seinem zweiten „Ich" vertraut, das, so lange es der bändigenden 
Macht des Bewußtseins nicht unterlag, die Seelenfunktionen stören 
konnte. 

Das auf dem Wege der Analyse gewonnene, möglichst voll- 
ständige Erkennen seiner selbst schafft erst die Mögh'chkeit, die 
krankheitserregenden Komplexe unschädlich zu machen, das heißt, 
sie der Herrschaft der, Vernunft zu unterwerfen. 



40 Zur analytis chen Auffassung der Psych oneurosen 

Das Bloßlegen der verschütteten Schichten der Seele vermehrte 
nicht nur das Verständnis für das pathologische Wesen der Psycho- 
neurosen, es eröffnete nicht nur neue gangbare Wege zur Heilung, 
sondern gestaltet auch die Prophylaxe dieser Leiden hoffnungsvoller. 
Was man bisher von der Prophylaxe der Neurosen faselte, konnte 
bei Unkenntnis der wirklichen Pathogenese des Leidens nicht mehr 
Sinn haben, als die Verordnung des Dorfschulzen, daß die Fässer 
drei Tage vor jeder Feuersbrunst mit Wasser zu füllen sind. Die 
wirkliche Prophylaxe der Psychoneurosen ist nur von einer Ände- 
rung der Erziehungsmethoden und der sozialen Einrichtungen zu 
erhoffen, die die Verdrängung auf das unvermeidliche Minimum be- 
schränkt. 

All die Tatsachen und Theorien, mit denen ich Sie im heutigen 
Vortrage bekannt mache, sind noch Gegenstand starker Kontro- 
versen unter den Gelehrten, doch eigentlich nur die theoretischen 
Konklusionen, denn die Gegner der Psychologie Freuds beschränken 
sich meist darauf, die Unwahrsdieinlichkeit seiner Behauptungen zu 
verkünden, meist unterziehen sie sich aber der mühevollen Aufgabe 
nicht, sie auf ihre Tatsächlichkeit zu untersuchen. 

Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit der Ausgrabung der 
in der Seelentiefe verborgenen archaischen Denkmäler, sie entziffert 
aus ihnen die Hieroglyphen der Neurosen. Das Recht, Ober diese 
Forschungen zu urteilen, haben nur die, die diese hieroglyphischen 
Zeichen lesen lernen, keinesfalls aber die, die ihre Ansicht auf vor- 
gefaßte Meinungen oder moralische Werturteile gründen. 



Die Psychoanalyse der Träume* 

Es ist keine seltene Erscheinung in der Entwicklung der Wissen- 
schaften, daß die berufsmäßigen Arbeiter der Gelehrsamkeit mit 
allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, mit dem ganzen Rüstzeug 
ihres Wissens und Könnens irgendeinen Grundsatz der Volksweis- 
heit bekämpfen, der aber vom Volke mit der gleichen Zähigkeit 
verteidigt wird, und daß am Ende die Wissenschaft bekennen muß, 
im wesentlichen sei nicht sie, sondern die volkstümliche Auffassung 
im Rechte. Es wäre besonderer Untersuchungen wert, zu ergründen, 
warum das Wissen anstatt auf einer allmählich ansteigenden Bahn, 
auf sold) unregelmäßiger Zickzacklinie fortschreitet, die sich eine 
Weile der naiven Weltanschauung des Volkes nähert, um sich dann 
ganz von ihr abzuwenden. 

Ich erwähne diese eigentümliche Erscheinung, weil die neuesten 
psychologischen Forschungen über die Träume, diese merkwürdigen 
und bizarren Kundgebungen des Seelenlebens, Tatsachen ermittelt 
haben, die uns zwingen, unsere bisherigen AnscJiauungen von der 
Natur des Traumes fallen zu lassen und mit gewissen Einschrän- 
kungen zur volkstümlichen Auffassung zurückzukehren. 

Das Volk hat nie aufgehört, an die Bedeutsamkeit der Träume 
zu glauben. Die ältesten uns erhaltenen schriftlichen Aufzeichnungen, 
die zum Lobe der altbabylonischen Könige in Stein gehauen wurden, 
die Mythologie und Geschichte der Inder, Chinesen, Azteken, Griechen, 
Römer, Juden und Christen stehen, wie der heute lebende Mann 

* Vortrag gehalten iii der Kgl. GescUsdiaft der Arzte zu Budapest, Okt 
1909, abgedruckt im American Journal of Psydiology, April 1910 und in der 
„Psychiatr, Neurolog. Wochensdirift", Nr. 11—1^ 1910. 



42 Die Psychoanalyse der Träume 

aus dem Volke, auf dem Standpunkte, daß der Traum sinn- und 
bedeutung;svoll ist, daß man Träume deuten kann. Die Traumdeutung- 
war Jahrtausende lang eine eig-ene Wissenschaft, ein besonderer 
Kult, dessen Priester und Priesterinnen nicht selten über die Schick- 
sale von Ländern entschieden und weltgeschichtliche Umwälzungen 
hervorriefen. 

Diese nunmehr veraltete Wissenschaft fußte auf dem uner- 
sdiütterlichen Glauben, daß der Traum, wenn auch verhüllt und io 
dunkien Anspielungen, aber für den Eingeweihten wohl veratändiich, 
die Zukunft bedeutet, und daß die höheren Mädite mittels dieser 
nächtlichen Erscheinungen die Sterblichen auf bevorstehende wichtige 
Begebenheiten vorbereiten wollen. In den breiten Schichten der Be- 
völkerung erfreut sich das „Traumbuch", dieses merkwürdige Über- 
bleibsel altbabylonischer Sterndeutung, noch heute großer Beliebtheit 
und kann, obwohl seine Einzelheiten In den verschiedenen Ländern 
wesentlich voneinander abweichen, als Produkt des allgemeinen Volks- 
geistes betrachtet werden. 

Demgegenüber finden wir bei der überwiegenden Mehrzahl 
der neueren Seelenforscher eine fast vollkommene Geringschätzung 
des Traumes als psychischer Leistung und demgemäß auch das 
Leugnen von jeglicher Bedeutsamkeit des Trauminhalts. 

Manche dieser Forscher betrachten den Traum als sinnlosen 
Halluzinationskomplex, der im Gehirn des schlafenden Menschen 
;i!eg;ellos aufleuchtet. Nach der Ansicht anderer ist der Traum nichts 
als die psychische Reaktion auf jene äußeren (objektiven) oder inneren 
(subjektiven) Reize, die die sensiblen Endorgane des Körpers während 
des Schlafes aufnehmen und zum Zentrum leiten. 

Es fanden sich nur wenige, die sidi auf den theoretischen 
Standpunkt stellten, daß die schlafende Psyche eine verwickelte, 
nicht wertlose Tätigkeit entfalten könne, oder daß dem Traum irgend- 
eine symbolische Bedeutung zukomme. Doch auch den letzteren 
gelang es nicht, die Absonderlichkeiten der Träume verständlich zu 
machen; ihre Traumerklärungen zwangen den Traum in das Pro- 
krustesbett eines gekünstelten Spiels mit Allegorien. 

Seit Jahrhunderten stand also das Heer der abergläubischen 
Traumdeuter dem der Ungläubigen gegenüber, bis vor ungefähr 
zehn Jahren der Wiener Neurologe Prof. Freud Tatsadien ent- 



Die Fsydioanalyse der Träume 43 

deckte, die eine Vermittlung zwischen beiden einander feindlidien 
Auffassungen ermöglichten, und die zur Entdeckung des wahren 
Kerns im Jahrtausende alten Aberglauben verhalfen, dabei audi 
dem wissenschaftlidien Bedürfnis nach der Kenntnis des Zusammen- 
hanges zwischen Ursache und Wirkung vollkommen genügen. 

Ich bemerke gleich hier, daß Freuds Theorie des Traumes 
und seine Art der Traumdeutung sich nur insofern der volkstüm- 
lichen Auffassung nähert, als sie den Träumen Sinn und Bedeutung 
zuschreibt. Keineswegs aber stützen die neuen tdedcten Tatsachen 
den Glauben jener, die den Traum auf das Eingreifen höherer Machte 
zurückführen und in ihnen Prophezeiungen sehen möchten. Auch die 
FreudscheTheorie betrachtet also den Traum als ein durch das endo- 
psychisdie Geschehen bedingtes Geistesprodukt, und ist nicht geeignet, 
den Glauben jener zu stärken, die den Traum als Äußerung über- 
natürlicher Kräfte oder des Hellsehens des Schläfers einschätzen. 

Die Psychoanalyse, ein neues Verfahren der Untersuchung 
und Behandlung von Psychoneurosen, setzte Freud in den Stand, 
die wahre Bedeutung der Träume zu erkennen. Dieses Verfahren 
geht von der Grundtatsache aus, daß die Kennzeichen dieser Krank- 
heiten nur die Sinnbilder gewisser, für das Bewußtsein lästiger, 
darum verdrängter, vergessener, doch lin Unbewußten fortlebender, 
gefühlsschwangerer Gedankengruppen sind, und daß die Ersatz- 
bildungen für das Verdrängte verschwinden, sobald es gelingt, die 
unbewußten Gedanken mit Hilfe der freien Assoziation aufzudecken 
und bewußt zu machen. Im Laufe dieser analytischen Arbeit kamen 
auch die Träume der Patienten zur Sprache und Freud machte auch 
derenlnhalt zum Gegenstande psychoanalytischer Forsdiung. Zu seiner 
Überraschung fand er in der Traumanalyse nicht nur eine mächtige 
Stütze der Behandlung von Nervenkrankheiten, sondern er gewann, 
gleichsam als Nebenprodukt, eine neue und mehr als alle bisherigen 
einleuchtende Erklärung des Traumes als psychischer Leistung. 

In manchen chemischen Gewerben erweisen sich Materialien, 
die man bei der Herstellung gewisser Chemikalien nebenbei gewann 
und vielleidit lange Zeit als unbrauchbar weggeworfen hatte, mit 
der Zeit oft als wertvolle Stoffe, die sogar das frühere „Haupt- 
produkt" der Fabrikation an Wert übertreffen. So ungefähr dürfte 
es der von Freud nebenbei gefundenen Traumerkläning ergehen; 



44 Die Psycho analyse der Tr äume 

sie eröffnet solche Aussichten für die Erkenntnis der gesunden und 
kranken Seele, daß daneben der eigentliche Ausgangspunkt, die 
Behandlung gewisser nervöser Krankheitserscheinungen, als wissen- 
schaftliche Frage zweiten Ranges erscheint. 

In der mir zu Gebote stehenden kurzen Zeit kann ich Freuds 
Traumtheorie nicht ausführlich wiedergeben. Ich muß mich vielmehr 
darauf beschränken, die grundlegenden Erklärungen und die wich- 
tigsten Tatsachen der neuen Lehre vorzutragen und durch Beispiele 
zu belegen. Ich bilde mir audi nicht ein, daß dieser Vortrag die 
Hörer überzeugen wh-d. Nach meiner bisherigen Erfahrung kann 
man sich in Sachen der Psychoanalyse eine Oberzeugung nur selber 
holen. Ich' werde also nicht mit den wenigen und recht oberfläch- 
lichen Kritikern Freuds polemisieren, sondern nur die wichtigsten 
Punkte der Lehre selbst kurz beleuchten. 

Vor allem einige Worte von der Methodik. Wollen wir einen 
Traum analysieren, so gehen wir gerade so vor, wie bei der psy- 
chologischen Erforschung psychoneurotischer Symptome. Hinter jedem 
scheinbar noch so unlogischen Zwangsgedanken sind sinnvolle aber 
unbewußte Gedanken versteckt, und diese ausfindig zu machen, ist 
die Aufgabe der Psychoanalyse. Freud wies aber nach, daß auch 
die Bilder und Ereignisse, aus denen der Traum besteht, zumeist 
nur Entstellungen, symbolische Anspielungen verdrängter Gedanken- 
reihen sind. Hinter dem bewußten Trau min halt steckt also ein 
latentes Traummaterial, das seinerseits durch sinnvolle, lo- 
gische Traumgedanken angeregt wurde. Die Traumdeutung ist 
nichts anderes als die Übersetzung des Traumes aus der hiero- 
gl)fphisch-symbolisdien Traumsprache in die Begriffssprache, die Zu- 
rückführung des offenbaren Trauminhalts durch den Assoziations- 
knäuel des verborgenen Traummaterials auf die logischen Traum- 
gedanken. Das Mittel dazu ist die sogenannte freie Assoziation. 
Wir lassen uns den Traum erzählen, teilen das Erzählte in mehrere 
Teile oder Sätze und fordern den Träumer auf, alles zu sagen, was 
ihm einfällt, wenn er seine Aufmerksamkeit nicht auf das Ganze 
des Traumes, sondern auf einen bestimmten Traumteil, auf eine 
darin vorkommende Begebenheit oder deren Wortbild riditet. Diese 
Assoziation muß aber ganz frei sein, das einzig dabei Verbotene 
ist also das Waltenlassen der kritischen Auswahl unter den Ein- 



Die Psychoandyse der Träume 



45 



fällen. Jeden halbwegs verständigen Menschen kann man dazu 
bringen, alle sich an die Bruchstücke des Traumes knüpfenden Ge- 
danken, ob klug oder „dumm", sinnvoll oder sinnlos, angenehm 
oder unangenehm, unter Überwindung der damit etwa verbundenen 
Scham, herauszusagen. Auf diese Art lassen wir dann auch die 
übrigen Traumbruchstücke bearbeiten und sammeln so das „latente 
Traummaterial", das heißt alle Gedanken und Ermnerungen, als 
deren Verdichtungsprodukt das bewußte Traumbild zu betradhten ist. 
Es ist nämlich ein Irrtum zu glauben, daÖ die freigelassene 
Assoziationstätigkeit aller Gesetzmäßigkeit bar sei. Sobald wir bei 
der Analyse die bewußten Zielvorstellungen des Denkens fallen 
lassen, machen sich bei der Auswahl der Assoziationen die Richt- 
kräfte der unbewußten Seelentätigkeit geltend, also gerade dieselben 
seelischen Mächte, die beim Aufbau des Traumes tätig gewesen 
waren. Wir befreundeten uns längst mit dem Gedanken, daß es in 
der physischen Welt keinen Zufall gibt, also kein Geschehen ohne 
zureichenden Grund; auf Grund der psychoanalytischen Erfahrung 
müssen wir aber eine ebenso strenge Bestimmtheit jeder noch so 
willkürlidi erscheinenden geistigen Tätigkeit annehmen. Es ist eine 
unberechtigte Befürchtung, daß die von allen Schranken befreite 
Assoziationstätigkeit bei der Analyse wertlose Ergebnisse liefern 
wird. Der zu Analysierende, der anfangs vielleicht selber mit ver- 
ächtlicher Ungläubigkeit seine scheinbar sinnlosen Einfälle wieder- 
gibt, merkt bald zur eigenen Überraschung, daß die vom bewußten 
Willen unbeeinflußte Verkettung zum Erwecken von Gedanken und 
Erinnerungen führt, die langst vergessen, oder wegen der Unlust, 
die sie hervorbringen würden, verdrängt waren, durch deren Auf- 
tauchen aber das aus dem Traum herausgegriffene Bruchstück ver- 
ständlich oder deutbar geworden ist. Wiederholen wir diesen Vor- 
gang mit allen Teilen des Traumes, so sehen wir, daß die von den 
einzelnen ' Brüchstücken ausgehenden Gedankenreihen gegen einen 
meist wichtigen und am Vortage des Traumes rege gewordenen 
Gedanken, gegen den eigentlichen Traumgedanken zu konver~ 
gieren, nach deren Erkennung nicht nur die einzelnen Bruchstücke, 
sondern auch der Traum als Ganzes sinnvoll und verständlich 
erscheint. Und wenn wir zum Schluß den Ausgangspunkt des Traumes, 
äen Traumgedanken, mit dem Inhalt des naiv erzählten Traumes ver- 



46 Die Psycho analyse der Träume 

gleichen, so sehen wir, daß der Traum nichts' anderes ist 
als die verhüllte ErFüllungf eines unterdrückten Wunsches. 

Dieser Satz faßt die wichtigsten Ergebnisse der Freudschen 
Traumforschungen in sich. 

Die Auffassung, daß der Traum Wünsche erfüllt, die in der 
rauhen Wirklidikeit versagt bleiben, scheint die in der Sprache 
niedergelegte Volksweisheit zu teilen, „Träumen" wird in den 
meisten Sprachen metaphorisch für „vränschen" gebraucht, und das 
ungarische Sprichwort besagt geradezu, daß „das Schwein von 
Eicheln, die Gans von Mais träumt", was nur eine Anspielung auf 
die gleiche Traumrichtung beim Menschen sein will. 

Ein Teil der Träume Erwachsener und die meisten der Kinder 
sind reine Wunscherfüllungsträume. Das Kind träumt von Lecker- 
bissen, die ihm bei Tag versagt blieben, vom Spielzeug, um das 
es seinen kleinen Kameraden beneidete, von sieghaften Kämpfen 
mit Altersgenossen, von der guten Mutter oder dem freundlichen 
Vater, sehr häufig dünkt es sich im Traume „groß", mit allen 
Freiheiten und Machtmitteln der Eltern ausgestattet, die es bei Tage 
so sehnsuchtsvoll gewünscht hat. Auch bei Erwachsenen kommen 
ähnliche reine Wunsch träume vor. Die schwere Prüfung (um die 
uns so bange ist) erscheint im Traume als glänzend überstanden; 
liebe Verwandte erwachen aus ihrer Gruft und versichern uns; sie 
seien nicht gestorben; wir selber kommen uns reich, mächtig, mit 
großer Rednergabe ausgestattet vor; die schönsten Frauen bewerben 
sich um unsere Gunst usw. Zumeist erreichen wir im Traume gerade 
das, was wir im Wachen schmerzlich vermißen. 

Die gleiche Tendenz nach Wunsch erfüll ung beherrscht nicht 
nur die nächtlichen, sondern auch die Tagträume, die Phantasien, 
bei denen wir uns in unbeschäftigten Augenblicken oder bei ein- 
töniger Tätigkeit ertappen können. Freud hat beobachtet, daß die 
Frauen zuviel von Dingen phantasieren, die unmittelbar oder mittel- 
bar zum Geschlechtsleben gehören (Geliebt-, Angebetetwerden, schöne 
Kleider), die Männer in erster Linie von Macht und Ansehen, aber 
auch von geschlechtlicher Befriedigung. 

Auch Phantasien über die Rettung aus einer wirklichen oder 
erträumten Gefahr und über das Vernichten wirklicher oder erdichteter 
Feinde sind sehr häufig. 



Die Fsydioanalyse der Träume 47 

Diese einfach wünsch erfüllende n Traume und Phantasien ver- 
stehen sich von selbst, bedürfen also keiner besonderen Deutungs- 
arbeit. 

Das Neue, Überraschende und vielen Unglaubliche an der 
Traumerklärung Freuds ist aber die Behauptung, daß alle Träume, 
selbst die scheinbar gleichgültigen oder unangenehmen, auf diese 
Grundform zurüdtzu führen sind und sich bei der Analyse als ver- 
kappte Wunscherfüllungen erweisen. Um das zu verstehen, müssen 
wir uns zunädist mit den Mechanismen der psychischen Tätigkeit 
beim Träumen vertraut machen. 

Die assoziative Analyse eines Traumes ist nur die Umkehrung 
jener synthetischen Arbeit, die die Seele bei Nacht verrichtet, 
indSm sie die den Schlaf störenden unangenehmen Gedanken 
und unbefriedigenden Empfindungen in wunscherfüllende Traum- 
bilder verwandelt. Diese Tätigkeit nennt Freud die Traumarbeit 
und gibt auf Grund triftiger Erwägungen der Oberzeugung Aus- 
druck, daß diese Arbeit während des Schlafes fast nimmer ruht, 
auch wenn wir uns etwa beim Erwachen nicht entsinnen können, 
etwas geträumt zu haben. Die althergebrachte Auffassung, daß der 
Traum die Ruhe des Schlafes stört, muß eben auf Grund der neu- 
gewonnenen Erfahrungen fallen gelassen werden; im Gegenteil, 
indem er die ruhe stören den, unlustvollen, peinlichen oder lästigen 
Gedanken nicht in ihrem wirklichen Inhalte, sondern zu Wunsch- 
erfüllungen verzaubert, bewußt werden läßt, müssen wir ihn förm- 
lidi als Hüter des Schlafes anerkennen. 

Der psychische Faktor, der über die Ruhe des Schlafes oft 
auch mit Hilfe der schon erwähnten Traumentstellung wacht, ist 
die Zensur. Sie ist die Türhüterin an der Bewußtseinsschwelle, 
die wir auch im wachen Geistesleben, besonders aber bei den Psycho- 
neurosen, so eifrig an der Arbeit sehen, und die es auch für Ihre 
Aufgabe erachtet, alle in ästhetischer oder ethischer Hinsicht mit 
dem Bewußtsein unverträglichen Gedankengruppen entweder ganz 
zu unterdrücken, oder zu harmlos erscheinenden symbolisierenden 
Symptomhandlungen oder Symptomge danken zu entstellen. Die 
Zensur will eben die Ruhe des Bewußtseins sichern und alle 
unlustentbindenden, ruhestörenden, psychischen Bildungen davon fern- 
halten. Und wie der Zensor zu Zeiten des politischen Absolutismus, 



48 Die Psychoanalyse der Träume 

setzt die psychische Zensur auch bei Nacht ihre Tätigkeit fort 
wenn sie auch während des Schlafes den Rotstift bei weitem niclit 
so streng handhabt wie im Wachen. Wahrscheinlich läßt sie sich 
durch die Idee einschläfern, daß die Beweglichkeit im Sdilafe ge- 
lähmt ist, also Gedanken nicht zur Tat werden können. So erklärt 
es sich, daß in den Träumen häufig Bilder und Lagen als Wunsch- 
erfüllungen auftauchen, mit denen wir bei Tage jede Gemeinsamkeit 
verleugnen würden. 

Wir alle beherbergen in unserem Unbewußten eine Unzahl seit 
Kindheit verdrängter Wünsche, die, sobald sie bei Nadit das Nach- 
lassen der Zensur wahrnehmen, die Gelegenheit zur Geltendmachung 
ihrer psychischen Intensität benützen. 

Es ist kein Zufall, daß unter den im Traume sidi enthüllenden 
Wünschen die am strengsten überwachten sexuellen Regungen und 
besonders deren meist verachtete Kundgebungen die größte Rolle 
spielen, und es ist ein sehr großer Irrtum zu glauben, daß die Psycho- 
analyse mit Absicht die Geschlechtstätigkeit in den Vordergrund 
stellt. Niemand kann dafür, daß, wo immer man die Grundlagen 
des Seelenlebens zerlegend zu erforschen versucht, man immer 
wieder auf das Gesdileditliche stoßt. Findet also jemand die Psycho- 
analyse anstößig, so erniedrigt er damit die Beschreibung des un- 
bewußten menschlichen Seelenlebens zu einer Zote. 

Die Zensurjerung der Sexualität ist, wie gesagt, im Traum- 
leben viel milder als im Wachen, darum begeht und erlebt man 
in seinen Träumen so häufig schrankenlos geschlechtliche, ja an die 
sogenannten Perversitäten gemahnende Handlungen und Situationen. 
Ich berufe mich zum Beispiel auf den Traum einer im Leben außer- 
ordentlich schamhaften Kranken: Sich selbst sah sie in ein antikes 
Peplon gewickelt, das vorne mit einer Sicherheitsnadel befestigt 
war. Plötzlich fiel die Nadel heraus, die weiße Hülle öffnete sich 
vorne und so ließ sie von einer großen Schar von Märmer ihre 
Nacktheit bewundern. Eine andere, gleichfalls sehr zurückhaltende 
Kranke brachte mir diesen Exhibitionstraum in einer etwas ver- 
änderten Fassung. Sie war vom Scheitel bis zur Zehe in eine weiße 
Hülle gewickelt und an eine Säule gebunden ; um sie herum standen 
fremdländische Männer, Türken oder Araber, die um sie feilschten- 
Die Szene erinnert, wenn man von der Umhüllung absieht, lebhaft 



D ie Psychoanalyse der Träume 49 

an einen orientalischen Sklavenmarkt, und tatsächlich brachte es die 
Analyse heraus, daß die jetzt so schamhafte Dame als junges Mädchen 
bei der Lektüre der Märchen der „Tausend und einen Nacht" sich 
sehr tief in das farbenprächtige Liebesleben des Morgenlandes hinein- 
phantasiert hatte. Damals stellte sie sich noch vor, daß Sklavinnen 
nicht verhüllt, sondern nackt zum Verkauf gestellt werden. Heute 
verwirft sie die Nacktheit sogar im Traume so streng, daß sie 
ihre darauf zielenden, verdrängten Wünsche nur ins Gegenteil 
verkehrt verwirklichen kann. Eine dritte Träumerin erlaubte sidi 
nur noch soviel Freiheit in dieser Hinsicht, daß sie unvollkommen 
bekleidet, in Strümpfen oder mit nackten Füßen sidi inmitten der 
übrigen Traum gestalten bewegte j und doch bewies die Analyse, 
daß sie als Kind sehr gerne und sehr lange sich möglichst aller 
Kleidungsstücke entledigte, was ihr damals den Spitznamen einer 
„nackten Panczi" (sie heißt Anna, und ungarisch auch Panna) 
einbrachte. Solche Schaustellungsträume sind so häufig, daß sie 
Freud unter den typischen Träumen, die nämlich bei den meisten 
Menschen von Zeit zu Zeit wiederkehren und den gleichen Ursprung 
haben, anführen konnte. Sie weisen darauf hin, daß in uns allen 
eine unsterbliche Sehnsucht nach der Wiederkehr der paradiesischen 
Zustände des Kindesalters fortlebt; dies ist „das goldene Zeitalter", 
das Dichter und Utopisten aus der Vergangenheit in die Zukunft 
projizieren. 

Ein recht häufiges Mittel zur Traumentstellung und zur Um- 
gehung der Zensur ist es, daß der Wunsch nicht als solcher, sondern 
nur in Form einer Anspielung im Traume dargestellt wird. Wir 
würden es z. B. nicht verstehen, warum eine meiner Patientinnen 
so häufig von geschlechtlidien Szenen mit einem ihr ganz indif- 
ferenten Herrn namens Frater träumt, erführen wir nicht, daß in 
ihrer Jugend der Bruder (frater) ihr Ideal war, und daß in der 
Kindheit die Zuneigung des Geschwisterpaares nicht selten rein 
erotische Formen angenommen hatte und sich in gegenseitigen 
Berührungen kundgab, vor denen, als inzestuösen, sie jetzt zurück- 
schrecken würden. 

Dieses Zurückschrecken vor dem Verbotenen verschafft sich 
oft auch in den Traum Eingang, besonders bei Personen, die in- 
folge unvollständiger Befriedigung der Libido zu Angstentbindung 

4 



50 Die Psychoanalyse der Träume 

neigen (Angstneurotiker nach Freud). Die nächtliche Angst kann 
so hochgradig werden, daß der Träumer mit Unlustgefühlen erwacht 
(pavor nocturaus). Die physiologisch begründete Angst bietet in 
solchen Fällen den tiefst verdrängten, kindlich-perversen Regungen 
Gelegenheit, sich im Traume zu verwirklichen, in Form fürchterlicher, 
grausamer, grauenhafter Szenen, die, wie schrecklich sie auch uns 
vorkommen, in einer gewissen Tiefe des Unbewußten wunschbe- 
friedigend wirken, wie sie auch in dem „prähistorischen" Zeitalter 
unserer eigenen geistigen Entwicklung, in der Kindheit, tatsächlich 
anerkannte Wünsche waren. 

Das Vorherrschen der tätigen und erduldenden Grausamkeit 
in diesen Träumen dürfte in der sadistischen Auffassung des Ge- 
schlechtsverkehrs durch die Kinder seine Erklärung finden, was uns 
Freud in seinen „infantilen Sexual theorien" * so sch5n gezeigt hat. 

Alle grausamen Handlungen solcher Träume ersdieinen nach 
der Analyse als ins Gewalttätige umgesetzte geschleditliche Be- 
gebenheiten. Die geschlechtlich unbefriedigten Frauen z. B. träumen 
immerfort von Einbrechern, Raubattentaten, von Angriffen wilder 
Tiere; aber irgend eine versteckte, unauffällige Einzelheit des Traumes 
oder seines sprachlichen Ausdrifdces läßt erraten, daß die Atten- 
tate, denen die Träumenden zum Opfer fallen, eigentlich geschlecht- 
liche Handlungen symbolisieren. Eine Hysterische meiner Beobachtung 
träumte einmal, daß sie von einem Stier überrannt wurde, da sie 
ein rotes Kleid anhatte. Der Traum verwirklichte hier nidit nur 
den vorhandenen Wunsch nach dem Besitze eines solchen Kleides, 
sondern auch u neingestandene geschlechtliche Wünsche, die auch 
ihre GemütskrankheJt verursachten. Der Gedanke des schrecklichen 
wütenden Stieres, der auch sonst ein allgemein verbreitetes Symbol 
männlicher Kraft ist, war bei ihr noch speziell durch den Umstand 
herbeigeführt, daß ein Mann mit einem „Stiemacken" eine gewisse RoSie 
in der Entwicklungsgeschichte ihres Geschlechtslebens gespielt hatte. 

Beachten wir die stete und immer bedeutungsvolle Mitwirkung 
kindlicher Erinnerungsbestandteile bei der Traumbildung und be- 
rücksichtigen wir die durch Freud festgestellte Tatsache, daß das 
früheste Kindesalter nicht nur nicht frei ist von sexuellen Regungen, 
daß vielmehr die infantile, von der Erziehung noch unberührte Ge- 

* Siehe Freud, Drei Abhandlungen zur Sesrualtheorie, 1905, 4. Auflage, 1920. 



Die Psychoanalyse der Traume 



51 



schlechtlichkeit von ausgesprochen perversem Charakter ist, bei der 
die orale und anal-urethrale erogene Zone, die Partiai- 
triebe der sexuellen SeKbegfierde und des Exhibitionismus, 
sowie sadistische und masochistische Regungen vorherrschen, 
so kommen w^ir zur Einsicht, daß Freud im Recht ist, wenn er 
auch Träume mit solch perversen Regungen als Wunscherfüllungen 
anspricht, allerdings als Erfüllungen von Wünschen aus der scheinbar 
längst überwundenen Kindheit. 

Es gibt aber auch Träume sehr unangenehmen Inhalts, die 
eigentümlicherweise unsere Nachtruhe fast gar nicht stören, so daß 
wir uns beim Erwachen Vorvrärfe machen, wie wir so fürchterliche 
Ereignisse so mitleids- oder gefühllos erleben konnten. So erging 
es z. B. einer Patientin Freuds, als sie im Traume dem Begräbnisse 
eines geliebten Neffen beiwohnte. Eine scheinbar unwesentliche 
Einzelheit des Traumes, ein Konzert-Billet, führte zur Aufklärung 
ähnlicher Trauminhalte. Die Dame beabsichtigte in allernächster 
Zeit ein Konzert zu besuchen, wo sie die Aussicht hatte, den einst 
geliebten und noch immer nicht ■ vergessenen Mann, dem sie vor 
längerer Zeit beim Begräbnis eines anderen Neffen zum letzten' 
Male begegnet war, wiederzusehen. Der Traum opferte, um die Be- 
gegnung zu beschleunigen, auch den anderen Neffen, doch die 
Zensur scheint gewußt zu haben, daß damit nicht der Wunsch eines 
Todesfalles, sondern weit harmlosere Wünsche zu erfüllen waren, 
sie ließ also die Begräbnisszene „passieren", ohne ihr eine an- 
gemessene Gemütserregung anzuhängen. Diese Analyse kann als 
Muster für alle jene gelten, die der Wunschtheorie Freuds scheinbar 
widersprechend, von sehr unwillkommenen Dingen oder gar von 
der Nichterfüllung irgendeines Wunsches handeln. Erforschen wir 
die hinter diesen unlustbetonten Träumen versteckten latenten Traum- 

[gedanken, so wird uns klar, daß, wie Freud sich ausdruckt, die 
Nichterfüllung eines Wunsches im Traume stets die Er- 
füllung irgendeines anderen Wunsches bedeutet. 
Betrachten wir das an die bewußten Traumeleraente sich frei 
assoziierende Traummaterial, so fällt uns auf, daß es hauptsächlich 
aus zwei gegensätzlichen Quellen fließt: aus kindlichen Erinnerungen 
einerseits, aus den unbeachteten, nicht erledigten, oft ganz gering- 
fügigen Erlebnissen des Traumtages anderseits. Ja, jeder gut gefügte 
L 



52 Die Psychoanalyse der Träume 

Traum steht natJi dem Ausdrucke Freuds gleichsam auf zwei Beinen 
und erscheint nach der Analyse als überderminiert, das heißt 
als die Erfüllung gegenwärtiger und längst vergangener Wünsche. 

Als Beispiel kann ich den Traum einer an nervösen Ham- 
beschwerden leidenden Patientin anführen: „Glänzender Fußboden. 
So naß, als wäre ein Tümpel darauf. Zwei Stühle sind an die 
Wand gelehnt. Wie ich hinsehe, merke ich, daß die zwei vorderen 
Füße beider Stühle fehlen, wie wenn man einem einen Streich 
spielen will und ihn auf einen gebrochenen Stuhl setzen läßt, damit 
er umfällt. Eine Freundin von mir mit ihrem Bräutigam waren audi 
dabei," — - Zum glänzenden, nassen Fußboden fallt ihr ein, daß 
ihr Bruder in seiner Wut am Vortage einen Krug zu Boden warf, 
wobei der Fußboden vom vergossenen Wasser aussah wie der im 
Traume. Doch ein ganz ähnlicher Fußboden ist ihr auch aus ihrer 
Kindheit erinnerlich; damals hat sie derselbe noch sehr jugendliche 
Bruder auf eine Weise zum Lachen gebracht, daß sie den Harn 
nicht halten konnte. Dieser Teil des Traumes, der sich auch für 
die Symptombildung der Nervenkrankheit als bedeutungsvoll erwies, 
war also die Erfüllung infantilerotischer Wünsche, die aber infolge 
strenger Zensurierung jetzt nur noch in Anspielungen dargestellt 
werden konnten. Die zwei gebrochenen, an die Wand gelehnten 
Stühle erwiesen sich bei der Analyse als szenische Darstellung des 
Sprichwortes: „Zwischen zwei Stühlen auf die Erde fallen" (d. h. 
von zwei Aussichten getäuscht zu werden). Die Patientin hatte 
schon zwei Bewerber gehabt, aber ihre bereits erwähnte familiäre 
Fixierung (die unbewußte Bruderliebe) verhinderte beide Male die 
Heirat. Und obzwar ihr unbewußtes Ich, nach ihrer wiederholten 
Aussage, sich längst mit dem Gedanken der Altjungferschaft ver- 
söhnt hat, scheint sie doch in ihrem Innern nicht ohne Neid an die 
jüngst stattgefundene Verlobung einer Freundin gedacht zu haben. 
Das Brautpaar hatte gerade am Vortage des Traumes ihre Auf- 
wartung bei ihr gemacht. 

Nach Freuds Traumlehre können wir uns die Entstehung 
diesesTraumes folgendermaßen vorstellen ; Der Traumarbeit gelang es, 
zwei Ereignisse des Vortages, das Zerbrechen des Kruges und den 
Besuch des Brautpaares, mit jenen stets affekterfüHten Gedanken- 
gruppen zu verknüpfen, die, obzwar schon in der Kindheit verdrängt. 



Die Psychoanalyse der Träume 



53 



doch immer geneigt sind, ihre affektive Energie irgendeinem gegen- 
wärtigen, mit dem Verdrängten noch so entfernt analogen psychischen 
Gebilde zu leihen. Freud vergleicht den Traum mit der Gründung 
eines geschäftlichen Unternehmens, zu dem die unbewußten, ver- 
drängten Komplexe das Kapital, d. h. die affektive Energie bei- 
stellen, während die rezenten und bewußten Erinnerungsbilder und 
Wünsche die Rolle des Unternehmers spielen. 

Eine andere Quelle des Traumes fließt von jenen sensorischen 
und sensiblen Nervenreizen her, von denen der Organismus 
während des Schlafens getroffen wird. Solche sind z. B.: Haut- 
reize, der Druck der Unterlage und der Decke, Abkühlung der 
Haut, akustische oder optische Einwirkungen auf den Schlafenden, 
Organgefühle: Hunger, Durst, Übersättigung, Retzzustand der Ge- 
schlechtsteile usw. Die Mehrzahl der Psychologen und Physiologen 
ist geneigt, diesen Reizen übergroße Bedeutung beizumessen; sie 
glauben eine allgemein gültige Traum er klärung zu geben, wenn sie 
behaupten, der Traum sei nichts als die Summe der psych ophysischen 
Reaktionen, die durdi solche Nervenreize ausgelöst werden. Dem- 
gegenüber verweist Freud mit Recht darauf, daß der Traum diese 
körperlichen Reize nicht als solche zum Bewußtsein gelangen läßt, 
sondern sie eigentümlich entstellt und verändert. Die Beweggründe 
und Mittel dieser Entstellung werden aber nicht mehr vom äußeren 
Reiz, sondern von seelischen Kraftquellen geliefert; die Nervenreize 
während des Schlafes bieten gleichsam nur die Gelegenheit zur Ent- 
faltung gewisser immanenter Tendenzen des Seelenlebens. Nach der 
Analyse erscheinen oft auch die Nervenreiztraume als offene oder 
verhüllte Wunscherfüllungen: der Dui-stige trinkt viel Wasser im 
Traume, der Hungernde sättigt sich, der Kranke, dem ein Eisbeutel 
auf dem Kopfe den Schlaf stört, wirft ihn weg, weil er sich im Traume 
schon gesund dünkt, das schmerzhafte Pochen eines Furunkels am 
Damme führt zur Traumvorstellung des Reitens, und so wird es möglich, 
daß der Hunger, der Durst, der auf dem Kopfe lastende Druck, die 
scliinerzhafte Entzündung, den Schlafenden nicht wecken, sondern 
durch psychische Kräfte in Wunscherfüllungen umgewandelt werden. 

Die unter dem Namen „Alpdrücken" bekannten ängstlichen 
Träume, zu denen der überladene Magen, eine Störung der Atmung 
oder des Blutkreislaufes oder eine Intoxikation Anlaß geben kann, 



54 Die Psychoanalyse der Träume 

können auf dieselbe Art erklärt werden; die unangenehmen Organ- 
empfindungen bieten sehr tief verdrängten Wünschen Gelegen- 
heit, sich 2u erfüllen, Wünschen, die die kulturelle Zensur nicht 
passieren ließe und nur in Verbindung mit Angst und Ekelgefühlen 
zum Bewußtsein vordringen läßt. 

Bei der Analyse legen wir, wie schon erwähnt, ungefähr den- 
selben Weg, den die schlafende Seele bei der Traumbildung ging, 
in umgekehrter Richtung zurück. Un wenn wir den oft ganz kurzen 
manifesten Traum mit jenem riesigen Material vergleichen, das 
während der Analyse zum Vorschein kommt, und wenn wir be- 
denken, daß trotz dieses quantitativen Unterschiedes alle Elemente 
des latenten Trauminhalts im Geoffenbarten irgendwie vertreten 
sind, so müssen wir Freud Redit geben, wenn er diese Traum- 
verdichtung als den mühsamsten Teil der Traum arbeit betrachtet. 

Ich versuche dies durch ein Beispiel zu erläutern. Ein an psycho- 
sexueller Impotenz leidender Kranker bradite mir einmal einen aus 
zwei Stücken bestehenden Traum. Im ersten Stück handelte es 
sich nur darum, daß er anstatt der ungarischen Zeitung „Pesti 
Hirlap", die er regelmäßig erhält, die Wiener „Neue Freie Presse" 
bekam, auf die eigentlich ein Kollege abonniert ist. Der zweite 
Teil des Traumes handelt von einer braunen Dame, die um jeden 
Preis von ihm geheiratet werden will. 

Es stellte sich heraus, daß er sich nicht die ausländische Zeitung, 
sondern in dieser Verhüllung eine ausländische Dame im Traume er- 
wirbt, auf die in der Tat ein Kollege „abonniert" ist, und die schon 
lange das Interesse des Patienten erregte, da es ihm vorkam, als 
könnte gerade diese Person seine mit starken Hemmungen kämpfende 
Sexualität leistungsfähig machen. Die Gedankenverknüpfungen, 
die sich hieraus ergaben, machten es klar, daß er bei einer anderen 
Dame, mit der er sich aus der gleichen Absicht in ein dauerndes 
Verhältnis eingelassen und die er, da sie eine Ungarin ist, im Traum 
hinter dem Zeitungsnamen „Pesti Hirlap" versteckt hatte, in seinen 
Hoffnungen getäuscht wurde und sich darum in letzterer Zeit viel 
damit beschäftigte, anstatt soltJier fester Verhältnisse freiere ge- 
schlechtliche Verbindungen zu suchen, die zu nichts verpflichten. Wenn 
wir die große Freiheit, mit der sich der Traum der Symbolik be- 
dient, kennen, werden wir uns nicht wundem, daß mein Patient 



Die Psychoanalyse der Träume 



55 



auch den Ausdruck Presse in sexuellem Sinne verwendet. Der 
zweite Teil des Traumes weist gleichsam, als wollte er unsere 
Deutung bestätigen, darauf hin, daß der Patient oft nicht ohne 
Besorgnis daran denken mußte, daß allzu dauerhafte Verhältnisse 
wie das zwischen ihm und jener Freundin bestehende, leicht zu 
einer Mißheirat fuhren können. Wer nicht weiß, daß, wie Freud 
in einer Monographie bewiesen hat,* die psychischen Beweg- 
gründe und Darstellungsmittel der Witze fast die nämlichen sind 
wie jene, die sich im Traume kundgeben, könnte es billige Witzelei 
nennen, wenn wir behaupten, daß es dem Traume gelang, in den 
drei Worten Neue Freie Presse alle jene Gedanken und Wünsdie 
des Patienten zu verdichten, die sich mit dem deprimierenden 
Krankheitszustande und seinen vermeintlichen Hilfsmitteln beschäf- 
tigen, nämlich mit dem Reiz des Neuen und der angestrebten 
größeren Freiheit. (Neuheit und Zeitung werden im Ungarischen 
durch dasselbe Wort „ujsäg" ausgedrückt.) 

Sehr charakteristische Produkte der Traumverdichtung sind 
die Mischbildungen von Personen, Gegenständen und Worten. 
Diese Monstrositäten der Traumwelt haben viel dazu bei- 
getragen, daß die Träume bis auf unsere Tage als wert- und sinn- 
lose Geisteserzeugnisse angesehen wurden. Doch überzeugt uns die 
Psychoanalyse, daß, wenn der Traum zwei Gestalten oder Begriffe 
an einander klebt oder vermischt, er eigentlich ein minder gelungenes 
Produkt derselben Verdichtungsarbeit leistet, der auch die übrigen 
weniger auffallenden Teile des Trauminhalts ihre Entstehung ver- 
danken. Eine Regel der Traumdeutekunst sdireibt vor, daß in 
Fällen solcher Mischgebilde zunächst das Traummaterial der ein- 
zelnen Bestandteile gesucht werden muß, dann kann man erst fest- 
stellen, auf Grund welcher Gemeinsamkeit oder Ähnlichkeit das 
Zusammenschweißen erfolgen konnte. 

Ein lehrreiches Beispiel hiefür verdanke ich einer Patientin. 
Das Mischgebilde, das in einem ihrer Träume vorkam, war aus 
der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammengesetzt, 
das noch dazu ein Nachthemd anhatte. Die Assoziationen führten 
vom Pferd in die Kindheit der Patientin zurück. Sie litt als Mädchen 



* Freud, Der Witz und seine Beziehung mm UnbewuBten. Leipzig' und 
Wien, 1905. 



56 Die Psytiioanalyse der Träume 

lange Zeit an ausgesprochener Phobie vor Pferden j sie scheute 
sich vor ihnen besonders ob der auffallenden und offenen Befrie- 
digung ihrer körperlichen Bedürfnisse. Daraufhin fätlt ihr ein, daß 
sie als kleines Kind öfter von ihrer Kindsfrau in das militärische 
Gestüt mitgenommen wurde, wo sie Gelegenheit hatte, alle diese 
Dinge mit damals nodi ungehemmter Neugierde zu beobachten. 
Das Nachthemd erinnerte sie an ihren Vater, den sie, als sie noch 
im Zimmer der EUern schlief, nicht nur in solchem Aufzug, sondern 
auch bei Verrichtung der körperlichen Bedürfnisse zu sehen Gelegen- 
heit hatte, (Dies ist ein sich sehr oft wiederholender Fall; die 
Eltern nehmen sich vor drei- bis vierjährigen Kindern, deren Ver- 
stand und Beobachtungsfähigkeit sie bedeutend unterschätzen, meist 
gar nicht in Acht.) Der dritte Bestandteil des MischgebiJdes, der 
Arzt, erweckte in mir den sich als begründet erweisenden Ver- 
dacht, daß die Patientin die geschlechtliche Neugierde unbewußt 
vom Vater auf den sie behandelnden Arzt übertragen hatte. 

Manchmal sind die Bestandteile einer Mischperson an der 
Bildung dieser in ungleichem Maße beteiligt; von der einen Person 
ist vielleicht nur eine bezeichnende Bewegung an die zweite Person 
angelötet. In einem Traume sah ich einmal, wie ich mir mit der 
rechten Hand ganz so die Stirne rieb, wie mein verehrter Meister 
Freud es tut, wenn er über eine sdiwierigere Frage nachdenkt. 
Es gehörte nicht viel Deutekunst dazu, um zu erraten, daß nur 
Neid und Ehrgeiz diese Vermischung des Lehrers und Schülers — 
besonders beim Nachdenken — dank dem nächtlichen Nachlassen 
der intellektuellen Zensur verschuldet haben können. Im Wachen 
muß ich lächeln über das Gewagte dieser Identifizierung, die leb- 
haft an den Satz erinnert: „Wie er sich räuspert und wie er spuckt, 
das habt ihr ihm weidHch abgegudtt," 

Als Beispiel eines Wortgemisches führe ich an, daß im 
Traum eines deutsch redenden Patienten ein gewisser Metzler 
oder Wetzler vorkam, Personen mit solchen Namen sind aber 
dem Patienten unbekannt. Sehr stark bescliäftigie ihn hingegen am. 
Vortage die bevorstehende Ehe eines Freundes namens Messer, 
der sich mit dem Patienten gerne hetzte (süddeutsciie Bezeichnung 
für necken). Vom Messer fällt ihm aber auch ein, daß er als 
kleines Kind große Furcht vor seinem Großvater hatte, als jener 



Die Psychoanalyse der Träume 



57 



ihn beim Wetzen seines Taschenmessers scherzweise mit der 
Kastration bedrohte, welche Drohung- nicht ohne Einfluß auf die 
Entwicklung seiner Sexuah'tät blieb. Die Namen Metzler-Wetzler 
sind also nichts als Verdichtungen der Worte: Messer, hetzen 
und wetzen. 

Die Traumverdichtung hangt sehr enge mit der Verschie- 
bungsarbeit des Traumes zusammen. Diese besteht im wesent- 
lichen darin, daß die psychische Intensität der Traumgedanken von 
der Hauptsache auf etwas Nebensächliches verschoben wird, der- 
art, daß der im Mittelpunkte des Interesses stehende Gedanken- 
komplex entweder gar nicht oder nur mittels einer schwachen An- 
spielung im bewußten Trauminhalt vertreten bleibt, wahrend das 
Maximum des Interesses im Traume den bedeutungslosen Bestand- 
teilen des Traumgedankens zugewandt ist. Verdichtungs- und Ver- 
schiebungsarbeit gehen Hand in Hand. Der Traum macht einen 
wichtigen, aber die Seelenruhe des Schlafenden störenden oder 
ethisch zensurierten Gedanken unschädlich, indem er ihn gleichsam 
überschreit und an eine nebensächliche Einzelheit des Stören- 
friedes so lange Erinnerungsbilder knüpft, bis deren verdiclitete 
psydiische Intensität die Aufmerksamkeit von dem eigentlich inter- 
essierenden Gedanken abzulenken vermag. Als Beispiel für die 
so verschobene Zentrierung des bewußten Traumes im Ver- 
gleich zur Zentrierung des Traumgedankens erwähne ich 
den bereits zitierten Traum einer Tante vom Tode des igeliebten 
Neffen. Die in Wirklichkeit nebensächliche Begräbnisszene nahm 
den größten Teil des Traumes ein, die für die Traumgedanken 
eigentlich bedeutungsvolle Persönlichkeit hingegen war nur durdi 
eine entfernte Anspielung im Traume vertreten. 

Ich hatte einmal den ganz kurzen Traum einer Dame zu 
analysieren, sie habe einem bellenden, kleinen, weißen Hunde 
den Hals umgedreht. Sie war höchlichst verwundert, daß sie, 
die „nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun könne", so Grau- 
sames träumen konnte; sie erinnerte sich nicht, je dergleichen 
getan zu haben. Doch gab sie zu, daß sie leidenschaftlich gern 
kocht und manchmal eigenhändig Hühner und Tauben ge- 
schlachtet habe. Dann fiel ihr ein, daß sie den Hals des 
Hündchens im Traume gerade in der Art umgedreht habe, wie 



58 Die Psycho analyse der T räume 

sie es bei den Tauben zu tun pflegte, um dem Tiere weniger 
Pein zu verursachen. Die daran folgenden Gedankenverknüpfungen 
bezogen sich sdion auf Bilder und Erzählungen über die Hin- 
richtung von Menschen, besonders darauf, daß der Henker, wenn 
er den Stridt um den Hals des Verbrechers festgezogen habe, 
auch noch dessen Hals umdrehe, um den Eintritt des Todes zu 
beschleunigen. Auf die Frage, wem sie denn jetzt sehr feindlich 
gesinnt sei, nannte sie eine Schwägerin und war schier unerschöpf- 
lich im Herzählen ihrer schlechten Eigenschaften und der bÖs- 
wilügen Machenschaften, mit denen sie, nafiidera sie sidi wie 
eine zahme Taube in die Gunst ihres späteren Gatten einge- 
schlichen hatte, den früher so schönen Familienfrieden zerstörte. 
Unlängst spielte sich zwischen ihr und der Patientin eine sehr 
heftige Szene ab, die damit endete, daß die aufgebrachte Patientin 
der anderen mit den Worten die Türe wies; „Entferne dich, einen 
bissigen Hund kann ich in meiner Wohnung nicht dulden". Nun 
war es klar, wer denn eigentlich der kleine weiße Hund war, 
dem sie im Traume den Hals umdrehte; ist doch die Schwägerin 
eine kleine Person von auffallend weißer Gesichtsfarbe. Diese 
Analyse ermöglicht es, den Traum in seiner verschiebenden und 
dadurch entstellenden Tätigkeit zu beobachten. Zweifellos hat der 
Traum den Vergleich mit dem bissigen Hund dazu benutzt, an 
Stelle des eigentlichen Gegenstandes der Hinrichtungsphantasief 
nämlich der Schwägerin, einen kleinen weißen Hund einzuschmuggeln, 
ähnlich wie der Engel der biblischen Erzählung dem zum Opfern 
des Sohnes sich vorbereitenden Abraham im letzten Augenblick ein 
Tier zu schladiten gab. Um dies zu erreichen, mußte der Traum Er- 
innerungsbilder über die Tötung von Tieren solange anhäufen, bis 
neben deren verdichteter psychischer Intensität das Bild der gehaßten 
Person erblaßte und der Schauplatz des offenbaren Traumes in das 
Tierreich verschoben wurde. Als Verbindungsbrücken der Verschie- 
bung dienten Erinnerungsbilder über menschliche Hinrichtungen, 

Dieses Beispiel bietet mir Gelegenheit, wiederholt darauf hin- 
zuweisen, daß der bewußte Trauminlialt meist nicht die treue Wieder- 
gabe unserer Traum ge danken, sondern nur ein verschobenes und 
verdichtetes Zerrbild ist, aus dem man dieselben nur mit Hilfe der 
Psychoanalyse wiederherstellen kann. 



Die Psychoanalyse der Träume 



59 



Eine besondere Erschwerung der Traumarbeit ergibt sich aus 
dem Umstand, daß uns beim Träumen die Bausteine .des abstrakten 
Denkens, die Begriffe, nicht oder nur unvollkommen zur Verfugung 
stehen, daß vielmehr der Traum die Gedanken nur in optischen 
oder akustischen Sinnesbildem, gleichsam dramatisiert, zu Bühnen- 
szenen verwandelt zur Darstellung bringen kann. Freud kenn- 
zeidmet sehr treffend die Schwere dieser konkretisierenden Arbeit 
des Traumes, durch das Beispiet, daß der Traum etwa die Ge- 
dankengänge eines politischen Leitartikels in Illustrationen versinn- 
bildlichen sollte. 

Mit großer Vorliebe benutzt der Traum die Zweideutigkeit 
der Worte und die Auslegbarkeit irgendeiner Redensart in konkretem 
oder metaphorischem Sinne dazu, um abstrakte Begriffe und Ge- 
danken gleichsam bühnenfähig und dadurch traumfähig zu machen. 

Das Gedächtnis jedes halbwegs unterrichteten Menschen ent- 
hält eine Menge witziger Sprichworter, Zitate, Redensarten, Parabeln, 
Versfragmente usw., und der Inhalt dieser bietet ein stets gegen- 
wärtiges, sehr bequem verwendbares Material zur szenischen Dar- 
stellung eines Gedankens oder zur Anspielung auf denselben. Idi 
versuche, dies durdi eine Reihe von Beispielen zu erläutern. Eine 
meiner Patientinnen erzählte mir folgenden Traum : „Ich gehe in 
einem großen Park auf einem sehr langen Wege spa- 
zieren; ich sehe das Ende des Weges und den Gartenzaun 
nicht, doch habe ich dabei den Gedanken, so lange zu 
gehen, bis ich hinter den Zaun komme."* — Der Park und der 
Zaun des Traumes sahen ganz so aus wie der Garten einer ihrer Tanten, 
bei der sie viele sdiöne Ferien ihrer Jugendzeit verbradit hatte. 
Von dieser Tante fällt ihr ein, daß sie gewöhnlich ihr Schlafzimmer 
mit ihr teilte; dodi wurde, wenn der Onkel zu Hause war, der 
Gast ins Nachbarzimmer „ausgesetzt". Das Mädchen, das damals 
von Sexualität nur höchst fragmentarische Begriffe hatte, versuchte 
es oft, durch Lauschen an der Türe und Gucken durchs Sdilüssel- 
loch zu erfahren, was wohl drin vor sich gehe, — doch waren ihre 
Bemühungen erfolglos. Der Wunsch, hinter den Zaun zu kommen. 



* Jede Spradie hat ihre eigenen Redensarten und demg-etnäß eine eigene 
Trau msp räche. Ids mußte an diesem Traum, der ung-arisch geträumt wurde, 
einige Worte verändern, um den Traum für Deutsche verständüdi zu madien. 



■60 Die Psychoanalyse der Träume 

symbolisierte in diesem Traum den Wunsch, dahinter zu kommen, 
was zwischen den Gatten geschehen ist. Dieser Wunsch war übrigens 
auch durch ein Ereignis des Vortages determiniert. 

Eine andere Patientin träumte vom Korridor des Mädchen- 
pensionats, in dem sie erzogen wurde. Sie sieht ihren eigenen 
Schrank dort, will ihn öffnen, — findet aber den Schlüssel 
Tticht, so daß sie das Schloß erbrechen muß. Wie sie 
aber die Türe gewaltsam öffnet, stellt sich heraus, daß 
nichts darin ist. Der ganze Traum entpuppte sich als symboli- 
sierte Masturbationsphantasie, eine Erinnerung aus der Pubertäts- 
zeit; das weibliche Genitale wird, wie so häufig, als Sdirank 
dargestellt. Die dem Traum angehängte „es ist nichts darin" 
bedeutet aber in ungarisdier Sprache soviel, wie das deutsche 
„es ist nichts daran", und ist gleichsam eine Entschuldigung 
oder Selbstberuhigung der von Gewissensbissen Geplagten. 

Ein älteres Mädchen, deren Neurose durch den Tod ihres Bruders^ 
der nach ihrer Ansicht zu früh geheiratet hatte und nicht glücklich in 
der Ehe gewesen war, ausgelöst wurde, träumt fortwährend vom Ver- 
storbenen, Einmal sieht sie ihn im Grabe liegend, aber der Kopf 
ist ihm eigentümlich zur Seite gedreht oder der Schädel 
ist an einen Ast angewachsen, ein anderes Mal sieht sie ihn in 
Kinderkleidern auf einer Anhohe, von welcher er herunter- 
springen muß. Diese ganze Symbolik will eine Anklage gegen 
die Frau und den Schwiegervater des Verstorbenen sein, die dem 
Knaben den Kopf verdrehten, ihn, fast noch ein Kind, in die 
Ehe hineinspringen ließen (eins ungarische Redewendung) und 
ihn dabei nicht einmal als ihresgleichen betrachteten, da sie ihn doch 
einmal, auf seine bescheidene Abstammung anspielend, einen vom 
Ast Gefallenen nannten, mit welchen Worten der Ungar einen 
„Dahergelaufenen" zu bezeichnen pflegt. 

Sehr oft versinnbildlicht das Herunterfallen von großer 
Höhe den drohenden ethischen oder materiellen Nieder- 
gang; bei Mädchen kann das Sitzen ein Sitzenbleiben, bei 
Männern kann ein großer Korb das befürchtete Mißlingen der 
Freiung bedeuten; noch häufiger kommt es vor, daß der mensch- 
liche Körper durch ein Haus symbolisiert wird, dessen Fenster, 
Türen und Tore die natürlichen Körperöffnungen darstellen. Meine 



EHe Psychoanalyse der Träume 



61 



an sexueller Impotenz leidenden Patienten machen sich einen trivialen 
ungarischen Ausdruck für das Koitieren, nämlich das Wort schießen 
zunutze und träumen sehr oft von Schießereien, Ntchtlosgehen- 
woUen, Einrosten der Flinte usw. 

Es wäre eine verlockende Aufgabe, die symbolisch erklärtea 
Traumstüdce zu sammeln und ein modernes „Traumbüchel" zu 
schreiben, in dem für die einzelnen Traumbruchstücke sofort die Er- 
klärung zu finden wäre. Dies ist aber nicht möglich, denn wenn auch 
sehr viel Typisches in den Träumen wiederkehrt und in den meisten 
Fällen auch ohne Analyse richtig gedeutet werden kann, so können 
doch die Symbole bei den verschiedenen Individuen, ja beim 
selben Individuum zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes bedeuten. 
Wollen wir also alle Determinanten der einzelnen Traumfragmente 
für den besonderen Fall eruieren, so bleibt uns nichts anderes 
übrig, als die mühevolle Traumanalyse, zu der die Findigkeit und der 
Witz des Traumdeuters aliein nicht ausreicht, sondern die fleißige 
Mithilfe dessen, der geträumt hat, unumgänglich notwendig ist. 

Noch größere Schwierigkeiten, als die Darstellung abstrakter 
Gedanken sie schafft, erwachsen dem Traume aus dem Bestreben, 
die Denkrelationen der einzelnen Traumgedanken zu versinn- 
bildlichen, und es ist Freud hoch anzurechnen, daß es ihm gelang. 
Jene ganz versteckten formalen Eigentümlichkeiten de s Traum - 
gefüges, mit denen der Traum die Darstellung logischer Rela- 
tionen versucht, ausfindig gemacht zu haben. Gedankliche Zu- 
sammengehörigkeit zweier Traumelemente {beziehungsweise der 
dahinter steckenden Traumgedanken) wird am einfachsten durch 
zeitliche, räumliche Annäherung oder gar Verschmelzung der Traum- 
gestalten angedeutet. Zur Andeutung des ursächlichen Zu- 
sammenhanges, des Entweder-Oder, der Bedingtheit usw, 
mangelt es aber dem Traume an entsprechenden Darstellungs- 
mitteln, so daß alle diese Beziehungen sehr dürftig durch ein 
Nacheinander der Traum^lemente zur Darstellung gebracht werden. 
Daraus erwachsen große Verlegenheiten für den Traumdeuter, aus 
denen ihn nur die Mitteilungen des Träumers heraushelfen. Manches 
läßt sich aber doch erraten. Verwandelt sich z. B. ein Traumbild 
in etwas anderes, so können wir dahinter Ursache und Wirkung 
vermuten j diesen Zusammenhang stellt aber der Traum oft auch 



62 Die Psychoanalyse der Träume 

durch zwei vollkommen getrennte Träume dar, deren einer die 
Ursache, der andere die Folge bedeutet. Selbst die einfache Ver- 
neinung darzustellen, gelmgi dem Traum nur unter den größten 
Schwierigkeiten, so daß wir -^ wie wir es von Freud wissen ^- 
niemals im voraus erraten können, ob ein Traumgedanke in posi- 
tivem oder negativem Sinne zu deuten ist. Bei der Kompliziert- 
heit unseres seelisdien Organismus ist es verständlich, daß 
Bejahung und Verneinung desselben Gedanken- und Gefühl- 
komplexes neben-, richtiger hintereinander in den Traumgedanken 
anzutreffen sind'. 

Als Zeichen des Mißfallens und Hohnes kann es aber aus- 
gelegt werden, wenn etwas im Traum gestaltlich „verkehrt" oder 
der Wahrheit direkt ins Gesicht schlagend dargestellt wird. Das 
so häufig vorkommende Gefühl des Gehemmtseins im Traume 
bedeutet einen Willens konflikt, den Kampf entgegengesetzter 
Beweggründe. 

Wenn trotz der Vernichtung aller logischen Beziehungen beim 
Übergang der Traumgedanken in den manifesten Traum letzterer 
dennoch so oft sinnvoll und zusammenhängend erscheint, so kann 
das zwei Ursachen haben. Es kann sich einmal um eine Traum- 
phantasie, d.h. um die Wiedergabe von im Wachen gefügten 
Phantasien, in Büchern, Zeitungen gelesenen Dingen, von Roman- 
bruchstücken, oder von selbstgesprochener oder gehörter Rede 
handeln. Eine tiefere und häufiger zutreffende Erklärung für das 
scheinbar so logische Gefüge mancher Träume ist aber die, daß 
die rationalisierende Tendenz der Seelentätigkeit, die das 
Unsinnige in eine sinnvolle Gedankenkette zu verweben sucht, 
auch bei Nacht nicht ruht. Diese letzte Tätigkeit des Traumes nennt 
Freud die sekundäre Bearbeitung; ihr ist es zu verdanken, 
daß die ursprünglich bruchstückartigen Traumbestandteile durch nach- 
träglich eingefugte Bindewörter und andere kleine Zutaten zu etwas 
Ganzem abgerundet werden. 

Wenn der Traum einen Traumgedanken gründlich verdichtet, 
verschoben, entstellt, szenisch dargestellt, seiner logischen Beziehungen 
beraubt und sekundär bearbeitet hat, ist die Mühseligkeit der 
Deutungsarbeit oft riesengroß. Wir stehen dem bewußten Traum- 
inhalte wie einer Hieroglypheninschrift oder einem sehr schwer 



Die Psychoanalyse der Träume 



63 



auflösbaren Bilderrätsel gegenüber; die Erklärung vieler Traume 
erfordert außer der Kenntnis der Regeln der Freudschen Traum- 
deutung eine besondere Fähigkeit und Neigung zur Beschäftigung 
mit diesen Fragen des Seelenlebens, 

Ein nicht geringeres Rätsel, als der Traum selbst, ist audi sein 
rasches Erblassen in der Erinnerung, Beim Erwachen stürzt 
<ias bei Nadit so mühsam aufgebaute Traumgebilde wie ein Karten- 
haus zusammen. Während des Schlafens gleidit die Seele einem 
luftdicht verschlossenen Zimmer, in das von außen weder Licht noch 
Schal] eindringen kann, in dem aber gerade darum das leiseste 
Geräusdi, selbst das Summen einer Fliege, hörbar wird. Das Er- 
wachen aber ist wie die Lüftung des Zimmers am hellichten Morgen ; 
■durch die Tore unserer Sinne dringt der Lärm des Alltagslebens 
in die Seele, und die durch Wunschphantasien eingewiegten all- 
täglichen Sorgen werden wieder rege. Audi die Zensur erwacht 
aus ihrem Schlummer und ihr Erstes ist, den Traum für eine „Dumm- 
heit"i für Unsinn zu erklären — gleichsam wegen Unzurechnungs- 
fähigkeit unter Vormundsdiaft zu stellen. Doch begnügt sie sich mit 
dieser Maßregel nicht immer, sie ergreift auch viel strengere ge^Gn 
die revolutionären Träume (und es gibt keinen einzigen Traum, 
der sich an Hand der Analyse nicht als gegen staatliche oder 
ethische Gesetzesparagraphe verstoßend erwiese). Die strengere 
Maßregel besteht in der Konfiszierung, der völligen Unterdrückung 
des Traumbildes. Die seelische Beschlagnahme nennt man gewöhnlich 
Vergessen und erzählt sich staunend, man hätte so klar geträumt, 
beim Erwachen noch alles gewußt und in wenigen Minuten alles wieder 
vergessen. Andere Male weiß man nur anzugeben, der Traum sei 
schön, gut, schlecht, verworren, anregend oder dumm gewesen. 
Selbst in die Fassung dieser Urteile über den Traum verirrt sich 
noch manchmal ein Rest des Trauminhaltes, dessen Analyse zur 
späteren Wiedererinnerung an größere Traumbruchstücke führen 
kann. Hinter solchen nachträglich hervorgeholten Traumstücken trifft 
man oft -gerade den Kern der Traumgedanken. 

Eine wichtige Folge der Freudschen Traumlehre ist es, daß 
man eigentlich fast immer träumt, solange man schläft. Daß man 
sich daran nicht erinnert, ist kein entscheidender Einwurf gegen 
diese Behauptung, Meine Patienten zum Beispiel, die am Beginne 



64 Die Psychoanalyse der Trärnne 

der Analyse ang-aben, sie hätten überhaupt keine Träume, gewöhnen. 
sich bei fortschreitender AbscJiwächung des innerpsychischen Wider- 
standes durch die Kur allmählich daran, alle ihre Träume zu erinnern. 
Stößt man aber bei der Analyse auf einen sehr stark widerstehenden 
unlustbetonten Komplex, so bleiben die Träume scheinbar ganz aus, 
natürlich werden sie nur ob ihres unerquicklichen Inhalts vergessen, 
verdrängt. 

Die selbstverständliche Einwendung, daß diese Traumbeobach- 
tungen und Analysen zumeist von nervenkranken, also abnormen 
Persönlichkeiten herrühren, von denen der Rückschluß auf Gesunde 
nicht gestattet sei, braucht nicht mit der Entgegnung- abgewiesen 
zu werden, daß geistige Gesundheit und Psychoneurose sich nur 
quantitativ unterscheiden ; man kann auch erwidern, daß die Analysen 
Geistesgesunder mit den Traumdeutungen bei Neurotischen voll- 
kommen übereinstimmen. Die Mitteilung der Analyse eigener Träume 
stößt aber fast auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Freud ist audi 
vor diesem Opfer, dem Preisgeben persönlicher Intimitäten, in seiner 
„Traumdeutung" nicht zurückgeschreckt, wenn auch Rüdesichten auf 
andere hie und da die Verstümmelung seiner Analysen unvermeidlich 
machten. Ähnliche Rücksichten nötigten mich, die Prinzipien der 
Traumdeutung nicht an eigenen Träumen, sondern an denen meiner 
Patienten zu erläutern. Übrigens ist die Übung der Selbstanalyse 
unerläßlich für jeden, der in die unbewußten Vorgänge des Traum- 
lebens eindringen will. 

Die neurotisciien Personen, deren Träume ich als Beispiele 
vorbrachte, verschafften mir die Gelegenheit, hie und da auch von 
der pathologischen und der therapeutischen Bedeutung 
der Träume und der Traumdeutung einige Worte fallen zu lassen. 
Wir sahen, eine wie bedeutende Beschleunigung die Psychoanalyse 
eines Neurotikers durch eine gelungene Traumanaiyse erfahren kann. 
Die nur halbwache Traumzensur laßt oft Gedankenkomplexe ins 
Traum be wußtsein gelangen, die bei den freien Assoziationen im 
Wachen noch bewuStseinsunfähig wären. Von den Traumbildern 
führen also unmittelbarere und kürzere Wege zu dem verdrängten, 
krankheitserregenden seelischen Material, d. h. zur Quelle der neu- 
rotischen Symptome. Das Bewußtwerden soldier Komplexe kann 
einen Schritt zur Besserung bedeuten. 



Die PsydioanaJyse der Träume 65 

Auch die diagfnostische Bedeutsamkeit der Träume 
läßt sich nicht von der Hand weisen und in nicht zu ferner Zeit 
dürfte neben der ph^iologischen auch eine pathologische Traum- 
psychologie entstehen, die die Eigentümlichkeiten der Traum- 
bildung bei der Hysterie, Zwangsneurose, Paranoia, Dementia praecox, 
Neurasthenie, Angstneurose, dem Alkohohsmus, der Epilepsie, Para- 
lyse, dem Schwaclisinn usw. systematisch behandeln wird. Manche 
pathognostische Eigenheiten der Träume bei diesen Krankheits- 
zustanden sind schon heute erkennbar. 

Dodi alle diese mehr praktischen und Einzelfragen werden 
an Bedeutsamkeit von dem unerwarteten theoretischen Erfolg dieser 
Traumforschungen überragt. Freud ist es gelungen, den Traum, 
einen Vorgang auf dem Grenzgebiete physiologischen und pathd^ 
logischen Seelenlebens, mitten in seiner Arbeit, gleichsam in flagranti 
zu überraschen und dadurch auch den Mechanismus der im Wachen 
sich kundgebenden psychischen Vorgänge bei Normalen wie bei 
Nerven- und Geisteskranken unserem Verständnis näher zu bringen. 
Und wenn es das Studium der Psych oneurosen war, das Freud zu 
seinen Traumforschungen veranlaßt hat, so zahlt die Traumlehre 
mit Zinseszinsen zurück, was sie der Pathologie zu verdanken hat. 

Anders konnte es gar nicht kommen. Sind doch Wachsein, 
Träumen, Neurose und Psychose nur Variationen desselben psy- 
chischen Materials unter verschiedenen Arbeitsweisen, und so mußte 
die fortschreitende Einsicht in einen dieser Vorgänge notwendiger- 
weise auch die Erkenntnis der übrigen vertiefen und erweitern. 

Wer von der neuen Traumlehre etwa prophetischen Blick in 
die Zukunft erwartete, wird ihr vielleicht enttäuscht den Rücken kehren. 
Wer aber das Aufdecken bisher für 'unlösbar gehaltener psycho- 
logischer Probleme, die Erweiterung des psychologischen Gesichts- 
kreises auch abgesehen vom unmittelbaren praktischen Nutzen hoch- 
schätzt und am Fortschritt nicht durdi festgewurzelte Schulmeinungen 
gehindert ist, den wird das hier Mitgeteilte zum gründlichen und 
ernsten Studium des bedeutendsten Werkes Freuds, der „Traum- 
deutung",* anspornen. 



♦ Prof. S. Freud, Traumdeutung 1900, Leipzig u. Wien, VI. Aufl. 1921. 



Träume der Ahnungslosen* 

Wir wissen, welche Mühe es oft kostet, den Traum eines in 
psychoanalytischer Kur befindlichen Patienten zu deuten. Dieser ist 
gleichsam „jfewamt" und hütet sich, Träume zu produzieren, die 
leicht zu übersetzen sind und die er am Ende auch selber deuten 
könnte. Nicht so jene große Schar von Menschen, die von Psycho- 
analyse keine Ahnung haben. Diese erzählen einander — beim 
gedeckten Tisch oder sonst im Geplauder — ihre sozusagen primi- 
tiven, von analytischer Kultur nicht beleckten Träume, und ahnen 
nicfit, daß sie dabei dem sachverständigen Zuhörer ihre intimsten 
und geheimsten, oft vor sich selbst verheimlichten Wünsche ver- 
raten. Ich brachte einmal mehrere Wochen in einem Kurorte zu 
und konnte während der Mahlzeiten eine kleine Serie solcher leicht 
deutbarer Träume sammeln. 

„Denken Sie, was mir heute geträumt hat", sagte eine Dame, 
die mit ihrer Tochter in der Pension weilte, zu ihrer Nachbarin: 
„Man hat mir heute Nacht die Tochter geraubt; — beim Spazier- 
gang im Wald kamen uns Männer entgegen und schleppten mir 
die Tochter mit Gewalt weg. Es war fürchterlich!" — Ich teilte 
dieses Urteil über den Traum nicht und dachte mir, die Dame 
möchte ihre mehr als mannbare Tochter sdion los werden, — Die 
Bestätigung ließ nicht lange auf sidi warten. Schon Tags darauf 
beklagte sich die Dame darüber, wie viel lustiger die voraus- 
gegangene Saison gewesen wäre, da seien eine ganze Menge junger 
Leute dagewesen, jetzt habe ihre Tochter gar keine passende 

* ErschiencD in der „Internationalen Zeitsdirift für Psydioanalyse", IV. Jahr- 
gang, 1916. 



Träume der Ahnungsiosen 67 

Gesellschaft, es seien lauter ältere Herren da. Am anderen Tage 
kündigte sie an, daß sie bald abreisen wollten, und sie taten es auch. 

Ein dort weilender Kollege sagt mir eines Morgens: „Heute 
Nacht habe ich von Dir geträumt. Du kämpftest in einem Kanal 
mit einem Apachen, der dich unters Wasser drücken wollte. Ich 
lief zur Polizei, um Dir Hilfe zu bringen". „Was habe idi Dir getan, 
daß du mir so böse bist?", konnte ich mich nicht enthalten, den 
Kollegen zu fragen. „Aber gar nichts I Ich träumte nur so aufgeregt, 
weil idi die ganze Nacht heftige Kolikschmerzen hatte". „Das mag 
seinen Teil an der Traumbildung haben", entgegnete idi; „der 
Kanal, in dem ich ersäuft werden sollte, mag^eine Anspielung 
auf den Darmkanal sein, der also im Träume nicht dir, 'sondern 
mir weh tun soll. Ich wiederhole, du mußt mir wegen irgend etwas 
gram sein!" „Du meinst doch nicht, daß ich dich deswegen er- 
tränken wollte, weil Du mir gestern jene kleine Gefälligkeit ver- 
sagen mußtest? Das werde ich Dir nimmer glauben!" Für mich 
aber war der Traum als Rachephantasie hiedurdi gedeutet. 

„Was bedeutet das, wenn man im Traume die Schuhe die 
ganze Nacht an- und auszieht?", fragte mich eine auffallend hübs<jie 
und junge Kriegswitwe bei Tisch. „Um Gotteswillen, fragen sie 
midi nicht so lautl", war meine einzige Antwort und es gelang 
mir, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Die Träumerin 
ließ sich aber nicht so leicht abweisen. In der anderen Nacht setzte 
sie den Traum fort und wollte nunmehr die Bedeutung folgenden 
Traumes wissen: „Gestern träumte mir, daß idi einen alteren 
Herrn geheiratet habe, die Mutter hat midi dazu gezwungen. Nach- 
her hatte idi eine Unmenge von Schuhen in allen Farben, die idi 
aus- und anzog, sdiwarze, braune, gelbe Schuhe!" Sie hatte offen- 
bar Freude am Besitze dieses Schuhlagers, denn selbst bei der 
Erzählung ladite sie noch vergnügt. „Wem sah der alte Herr, Ihr 
Gemahl im Traume, ähnlich". „Ja, das ist merkwürdig, es war der 
.Mann einer jungen Bekannten von mir, die wirklich einen älteren 
Mann heiratete. Idi finde solche Ehen unsittlidi, sie sind direkt 
auf den Ehebruch berechnet". — Ich brauchte nicht weiter zu 
fragen, um die Bedeutung der vielfarbigen Schuhe zu verstehen, 
dachte mir nur; ältere Junggesellen müssen sich vor dieser Dame 
in Acht nehmen, 

5* 



68 Träume der Ahnungslosen 



Inzwischen scheint sid» das Gerücht, daß ich mich für Träume 
interessiere, im Hause doch verbreitet zu haben, denn eines Tages 
kommt die Krankenwärterin einer dort weilenden Patientin zu mir 
und erzählt folgenden schauerlichen Traum: „Ich sah in einem 
Zimmer einen Sack, darin lag- die Leiche, meiner verstorbenen 
Schwester, der Sack selbst befand sich auf einem hölzernen Gefäß, 
in dem sich schmuteiges Wasser, vielleicht von der Verwesung der 
Leiche stammend, ansammelte; aber es roch gar nicht schlecht. Merk- 
würdigerweise vergaß ich immer wieder, daß meine Schwester ge- 
storben war, und fing zu singen an, schlug mir aber dann immer 
zur Strafe auf de^ Mund. Als ich den Sack aufmachte, sah ich, daß 
die Schwester nicht tot? sondern nur sehr blaß war. Neben ihr 
lag die Leiche eines kleinen Kindes. Auf dem Gesicht der 
Schwester war ein häßlicher Ausschlag zu sehen." 

Zum Verständnis des Traumes muß man wissen, daß die 
Träumerin eine wohlgebaute, 38 — 39 jährige Person ist, die trotz 
aller anscheinenden Eignung zur Mutterschaft ledig blieb und den 
Pflegerinnenberuf wählte. Die eigenartige Sarggeburtsphantasie, 
den Zweifel darüber, ob die Schwester tot ist oder lebt, mußte 
ich mir als die Identifizierung der toten Sdiwester mit einer lebenden 
Person deuten. Daß diese Lebende die Träumerin selbst sein 
mochte, hiefür sprach ihr eigenartig zweideutiges Benehmen der 
toten Schwester gegenüber: sie freut sich über den Tod, — dann 
straft sie sich für diese Freude. Vielleicht beneidete sie einmal ihre 
(wie ich erfuhr, verheiratet gewesene) Schwester und hätte sich an 
ihre Stelle setzen mögen, damit auch sie Kinder bekommen könne, — 
Die Frage nun, die ich an die Träumerin richtete, war folgende: 
„Haben Sie nach dem Tode der Schwester nicht die Idee gehabt, 
daß der Schwager, wie das so oft vorkommt, Sie heiraten Vi^ird?" 
„Das nicht" — -antwortete sie — „der Schwager hat allerdings 
um meine Hand angehalten, aber ich schlug seine Bitte aus, 
weil ich die Sorge um die vier Kinder meiner Schwester 
nicht auf mich nehmen wollte." 

Ich ließ mich nicht darauf ein, die Einzelheiten dieses Traumes 
analytisch aufzuklären, soviel wurde mir aber schon aus dem Er- 
zählten klar, daß die Träumerin die Entsdiiedenheit, mit der sie 
damals das Anerbieten des Schwagers zurückwies, innerlich bereut 



Träume der Ahnungslosen 



69 



haben mag. Ob nebstdem nicht auch wirkliche Erlebnisse Anteil 
an der Traumbildung hatten — ich denke an einen Abortus — lasse 
ich dahingestellt sein j ich hütete mich natürlich, dlesbezüg^lich Fragen 
zu stellen. Wenn wir aber auch die Frage : Phantasie oder Realität, 
hier vernachlässigen müssen — und dazu sind wir bei Problemen 
des Unbewußten berechtigt — so haben wir dodi aus der Trau m- 
erzahlung allein wichtige Regungen des Seelenlebens der Träumerin 
erraten. 



Suggestion und Psychoanalyse* 

Viele halten die Psychoanalyse aus Unorientiertheit für eine 
»suggestiv" wirkende Therapie. Aber auch solche, die vielleicht 
etwas von der analjftischen Literatur gelesen haben, sind, wenn 
sie nicht über selbständige Erfahrung verfügen, nach oberflächlicher 
Orientierung geneigt, die wissenschaftlichen und therapeutischen 
Ergebnisse der Analyse als „Suggestion" zu qualifizieren. Wer 
dagegen, wie auch ich, sich praktisch mit Sselenanalyse be- 
scliäftigt, sieht einen großen Unterschied zwischen den beiden 
Forschungs- und Heilmethoden, die die Analyse und die Sug- 
gestion keimzeichnen. Ober diese Unterschiede möchte idi jetzt 
einiges mitteilen. 

Hs ist vielleiclit zu entschuldigen, wenn idi meinen Gefühlen 
die Konzession mache, mit der Aufklärung der Unorientierten, also 
nodi Unparteiischen zu beginnen, und erst dann versuchen, die 
lautgewordenen Einwände der zweiten Gruppe zu entkräften. 

Den Sinn des Wortes „Suggestion" zu bestimmen, ist vielleiclit 
schwer, aber jeder weü3, was das Wort bedeutet; die gewollte 
Einschmuggelung von Empfindungen, Gefühlen, Gedanken und 
Willensentschließungen in die Seelenwelt eines Anderen, und zwar 
so, daß der Beeinflußte die suggerierten Gedanken, Gefühle und 
Regungen aus eigener Kraft nicht verändern, korrigieren kann. 
Kurz gesagt, die Suggestion ist das Aufdrängen, beziehungsweise 
die kritiklose Annahme eines fremden seelischen Einflusses. Die 
Ausschaltung der Kritik ist also die Vorbedingung der erfolgreichen 

* Vorfcragf, gehaiten in der „Freien Sdiule der Sozialen Wissensdiaftea" in 
Budapest. 



Suifg-estion und Psychoanalyse 



71 



Suggestion; was aber sind die Mittel dazu? Einerseits das Impo- 
nieren, das Ängstigen, andererseits das Bestechen durch gütiges, 
liebevolles Zureden. An anderer Stelle versuchte ich nachzuweisen, 
daß die Suggestion den Mensdien geradezu auf das Niveau eines 
unbeholfenen, zu Widerspruch, zu selbständigem Denken unfähigen 
Kindes herabdrückt, wobei der Suggerierende sich mit geradezu 
väterlicher Autorität dem Willen des Mediums aufdrängi, oder sich 
mit mütterlicher Zärtlichkeit in seine Seele einschmeichelt. Und was 
ist es, was der Hypnotiseur oder der Suggerierende von seinem 
Medium beansprucht? Nichts weniger, als daß er nicht fühle, wisse, 
und wolle, was es natürlicherweise zu wissen, fühlen und wollen 
genötigt wäre. Es möge den quälenden, physischen oder seelischen 
Schmerz nicht fühlen, die Zwangsvorstellungen, an denen es leidet, 
soflen sein Bewußtsein nicht melir bedrücken, es möge nicht melir 
unerreichbaren oder absurden Zielen nachjagen. Oder aber es soll 
auch solches wissen, fühlen und vrollen, wogegen sidi etwas in ihm 
auflehnt: es soll arbeiten, seine Aufmerksamkeit konzentrieren, 
Projekte ausführen, vergeben, lieben und hassen können, auch dann, 
wenn äußere und irjiere Ursadien diese seine Fähigkeiten lähmen. 
Dem hysterisch Gelähmten sagt der Hypnotiseur wie einstmal Jesus: 
stehe auf und gehe, — und der Patient soll aufstehen und gehen; 
der Gebärenden sagt er: du wirst ohne Schmerzen entbinden, — 
und das Wunder geschieht 

Wie v/ir sehen, macht es für die Hypnose und die Suggestion 
keinen Unterschied, ob sie einen organischen Schmerz, ein reales 
Wissen und einen motivierten Wiiiensakt außieben oder aber „irreale", 
sogenannte eingebildete Krankheitssymptome. 

Das h3motisciie oder suggestive Heilverfahren wäre herrlidi, 
ein Märchenwunder, stünden nur nicht so viel Hindemisse seiner 
Anwendung im Wege. 

Das erste und größte Hindernis ist, daß nicht jeder Mensdi 
suggestiv beeinflußbar ist. Je selbständiger, reifer, seelisch ent- 
wickelter die Menschheit wird, um so weniger Mensdien kann der 
ärztliche Wundertäter zu folgsamen Kindlein zähmen. 

Der zweite Fehler liegt darin, daß, selbst wenn ein Individuum 
durch relative Beschränktheit, eventuell durch Einengung des Selbst- 
bewußtseins, beeinflußbar wird, die Wirkung nur zeitweilig ist, nur 



72 Suggestion und Psychoanalyse ^^^ 

solange anhält, als die Autorität des Suggerierenden aufrecht oder 
das in iKn gesetzte Vertrauen unerschüttert bleibt. Und das Gegenteil 
davon kann wahrlich sehr schnell eintreten. Sie werden es vielleicht 
nicht für wichtig halten, aber vom Standpunkte des durch Sugg-estton 
Behandelten gesehen, ist auch das als Nachteil zu bewerten, daß die 
Hypnose oder die Suggestion die Einengung des Bewußtseins gleich- 
sam künstlich züchtet, also inneren und äußeren Wahrnehmungen 
gegenüber zur Blindheit erzieht. Wer dem hypnotisierenden Arzt 
blind vertraut, der glaubt bald auch an die wundertätige Maria 
von Lourdes und die Quacksalberin von 0-Buda*. 

Die Psychoanalyse dagegen steht auf der festen Grundlage der 
strengen Determiniertheit des seelischen Geschehens. Sie läßt vor 
allem die Auffassung fallen, nach der die sogenannten „eingebildeten 
Krankheiten" grundlos, der Simulation verwandt, oder absurd sind. 
Die Patienten brachten mich früher, solange ich die Psychoanalyse 
noch nicht kannte, oft in Verlegenheit, wenn ich ihnen etwas sug- 
iferieren wollte. Als ich dem Patienten, der zu systematischer Arbeit 
unfähig war, sagte: „Es fehlt Ihnen nichts, mein Freund, nehmen 
Sie sich zusammen, man muß nur wollen", — antwortete er; „Das 
ist ja gerade mein Leiden, daß ich keinen Willen habel Tag und 
Nacht sage ich mir, du mußt, du mußt — und. ich kann doch nicht. 
Ich bin eben gekommen, damit Sie midi lehren zu wollen I" In 
solchen Fällen macht es wenig oder gar keinen Eindruck auf den 
Leidenden, — denn, daß er leidet, ist doch außer Zweifel — , wenn 
der Arzt vielleicht mit erhobener Stimme, oder etwa mit noch 
ernsterem, strengerem oder selbstgefälligerem Gesicht — wieder 
nichts anderes tut, als daß ei" den Patienten anschreit: „Ja, du 
mußt wollen!" Der IGanke geht traurig und enttäuscht nach Hause, 
geht zu einem anderen Arzt, und wenn er sich in Allen getäuscht 
hat, dann kommt die Verzweiflung oder er gerät in die Hände der 
Quacksalber, Ich weiß einen Fall, wo ein berühmter Arzt, an den 
sich eine von Zwangsvorstellungen gequälte junge Frau mit Ver- 
trauen gewandt hatte, sie mit dem Bedeuten heimschickte, es fehle 
ihr nichts. Die Patientin ging sofort nach Hause und hängte sich auf. 

Können wir behaupten, es sei kein tötliches Leiden, durch 
das so viel Menschen Jahrzehnte hindurch gequält sind, um dessent- 

* Vorstadt von Budapest. 



Sugf^estion und Psychoanalyse 



73 



willen sie ihre Beschäftigung-, ihre Familie vernachlässigen, und von 
dem sie sich endlich durch den selbstgesuditen Tod erlösen ? Steckt 
nicht viel Wahrheit in der satirischen Bemerkung des Kranken, 
der auf die Beruhigung des Arztes, er bilde sich alles doch nur 
ein, mit der Frage antwortete: „Warum bilden Sie sich nichts ein, 
Herr Doktor?" 

Nun, die Psychoanalyse hat entdeckt, daß hierin nidit die 
hypnotisierenden Arzte im Rechte waren, sondern die Kranken. Der 
eingebildete Kranke, der Willenlose, sie leiden wirldich, nur über 
den wahren Grund ihres Leidens sind sie im Irrtum. „Grundlos" 
ist die Angst des Flypochonders, der fortwährend seine Herzfunk- 
tion beobaditet und jeden Moment den Tod herannahen sieht: 
aber es ist nidit zu leugnen, daß in seiner Seele eine verborgene 
Wunde ist, irgend eine reale oder der realen gleich stark wirkende 
Angst, aus der die hypochondrische Angst stets neue Nahrung 
erhält. Der an hysterischer Agoraphobie leidende, der keinen 
Schritt auf der Gasse zu gehen wagt, hat in der Tat vollständig 
gesunde Organe, sein Gehirn, sein Rückenmark und seine peripheren 
Nervenbahnen sind in Ordnung; er .hat gesunde Muskeln, Knochen 
und Gelenke. Aber das bedeutet noch nicht, daß ihm „gar nichts 
fehlt". Die Psychoanalyse sucht und findet, wenn auch mit großer 
Mühe und Geduld, die vergessene, unbewußt gewordene seelische 
Wunde, deren karikierte, entstellte Äußerung die Agoraphobie ist. 
Also, während die Hypnose und Suggestion das Übel entweder 
einfadi negiert oder tiefer zu vergraben trachtet, aber in Wahrheit 
in der Tiefe der Seele fortglimmen läßt wie die Glut unter der 
Asche, geht die Analyse der Ursache der Krankheit energisdi, 
nach, gräbt gleichsam das Feuer aus der Asche hervor und löscht 
es an seinem Herde. 

Und was sind diese Feuerherde? Anscheinend längst ver- 
gessene, in Wahrheit lebendig gebliebene Erinnerungen, Wünsche, 
Selbstbeschuldigungen, schwere Verletzungen des Selbstbewußtseins 
oder der Eitelkeit, von denen der Mensch sich keine Redienschaft 
geben will, und lieber die Krankheit als Lösung wählt; hauptsächlich 
aber unerledigte Konflikte der zwei Hauptinstinkte des Mensdien, 
des Selbst- und des Arterhaltungstriebes, die durch individuelle 
Anlage begünstigt oder durch äußere Erlebnisse provoziert sind. 



74 Suggestion und Psychoanalyse 

Sie könnten fragen: was kann es jemandem nützen, weim er 
nach langem Suchen endlich erfährt, was ihm eigentlich fehlt? 

Wäre es nicht klüger, ihm seine Zwangsvorstellungen oder seine 
hysterische Lähmung weiter zu belassen, zu denen er sich instinktiv 
flüchtete, als ihn erbarmungslos dazu zu zwingen, daß er gut ver- 
steckte ästhetische und ethische Defekte seiner Seele bloßstellt? 

Die Erfahrung lehrt, daß dem nicht so ist. Denn ein reales 
Übel läßt sich irgendwie erledigen, ja in vielen Fallen hatte es 
nicht einmal die ihm zugeschriebene Bedeutung. DJe Personen, die 
in den verdrängten Vorsteliungsgruppen eine Rolle spielten, sind 
vielleicht längst gestorben, oder für den Patienten bedeutungslos 
geworden, und doch können diese Vorstellungskomplexe jahrzehnte- 
langes seelisches Leiden verursachen, wenn jemand, um seine Empfind- 
lichkeit zu schonen, statt der schmerzhaften bewußtseelischen Er- 
ledigung, den Weg der Verdrängung, des Selbstbetrugs, der Ver- 
hüllung vor sich selbst, wählt. 

Nicht selten wiederholt sicli in unseren Analysen das Drama, 
das sich in Ibsens „Frau vom Meere" so erschütternd abspielt. 
Die Heldin des Stückes ist eine Frau, die, obzwar sie allen äußeren 
Grund hätte, glücklich zu sein, von schweren Zwangsgefühlen ge- 
peinigt wird. Das Meer, und immer nur das Meer, fesselt ihre ganze 
Gefühlswelt; alle Zärtlichkeit ihrer Umgebung, ihrer Familie, prallt 
wirkungslos von ihr ab. Der bekümmerte Gatte, ein Arzt, zieht mit 
alten Waffen seines Wissens ins Feld, um das Gemütsleben seiner 
Frau wieder aufzurichten: Beruhigung, Zerstreuung, Ablenkung jeder 
Art, doch alles umsonst. Endlich kommt er, man könnte sagen, 
durch eine Art psychoanalytischen Ausfragens, zur Oberzeugung, 
daß die eingebildete Krankheit seiner Frau einen realen Hinter- 
grund hat. Die Erinnerung an einen Abenteurer, einen verwegenen 
Seemann, dem sie noch als junges Mädchen Treue geschworen, 
stört den Frieden ihrer Seele. Sie quält sich unbewußt immerfort 
mit dem Gedanken ab, ihren Mann nicht aufrichtig zu lieben, nur 
aus Interesse sein Weib geworden zu sein,' ihr Herz gehöre noch 
immer jenem Abenteurer. Am Ende des Dramas kehrt dieser 
einstige Geliebte wirklich zurück und pocht auf seine Rechte. Der 
Gatte will seine Frau erst mit Gewalt vor ihm schützen, doch sich 
besinnend, begreift er bald, daß die vier Wände, zwischen die er 



Sug'lrestioii und Psychoanalyse 



75 



seine Gattin sperren wollte, wohl den Körper gefangen halten 
können, die Gefühle aber niemals; er gibt also seiner Frau das 
Selbstbestimmungsrecht zurück, er läßt sie frei zwischen ihm und dem 
Abenteurer wählen. Und in dem Moment, wo die Frau die freie Wahl 
hat, wählt sie wieder nur ihren Mann; und dieser selbständige Ent- 
schluß befreit sie endlich von der Qual, immer nur ans Meer denken 
zu müssen, das ja nur ein Symbol ihres Verhältnisses zu jenem See- 
mann und eine Ersatzvorstellung der verdrängten Idee war, daß nicht 
Liebe, sondern nur Interesse sie an ihren Mann binde. 

Dem Dichter ist es leicht, verschollene Gestalten nach Be- 
lieben ins Leben zu rufen und wieder verschwinden zu lassen ; diese 
Möglichkeit fehlt natürlich in der Psychoanalyse. Aber audi die 
durch die Analyse von ihren Fesseln befreite Phantasie kann wunder- 
bar lebendig und kraftvoll die Erinnerungen aus alter Vergangen- 
heit heraufbeschwören, — und oft stellt es sich dann heraus, daß 
wie bei der „Frau vom Meere", die unbewußte Sorge oder Idee, 
die dem Kranken soviel unnötiges Leid verursachte, die Ruhe der 
Seele nur solange stören konnte, als sie im Unbewußten verborgen 
war, während sie in der gespensterbannenden Beleuchtung des 
Vollbewußtseins von selbst verschwindet. 

Doch auch wenn es sich bei der Analyse herausstellt, daß 
die das Gleichgewicht der Seele störende, aber verdrängte, ge- 
fürdktete Idee immer noch Daseinsbereditigung hat, auch heute 
noch Konflikte zu erzeugen geeignet ist, selbst dann ist es vorteil- 
hafter, dem Kranken die volle reine Wahrheit voi*zuhalten. 

Es gibt ja reale Übel, denen man abhelfen kann; wie aber 
wenn man sie vor sidi selbst ableugnet? Wir müssen das Übel 
erkennen, das ist die Vorbedingung der Abhilfe. Fühlt eine „Frau 
vom Meere", die frei wählen kann, daß sie ihren Mann nidit liebt, 
wohlan denn, so mag sie ihn verlassen. Dann kann sie immer 
noch überlegen, ob sie dem Abenteurer folgen soll und ob es 
nicht vernünftiger ist^ weder dem Braven, aber Ungeliebten noch 
dem Anziehenden, aber Unzuverlässigen anzugehören, sondern 
von Beiden gelrennt sich neue Ziele zu stecken und in einem 
neuen Leben Entsdiädigung zu suchen. 

Das aber wäre das Beispie! für eine dritte Möglichkeit, für 
die nämlich, daß der Konflikt auch nach der Analyse sich als un- 



76 Sug'n'estton und Psychoanalyse 

lösbar erweist. Man könnte meinen, daß in diesem Falle eine un- 
sinnige Zwangsidee, — z. B. die monomanisclie Liebe zum Meere, — 
denn doch erträglicher ist, afs das Wissen um die unerbittliche 
Wahrheit. Dem ist aber nicht so. Ein Hauptcharaktersug neuro- 
tischer Symptome ist die Unmöglichkeit ihrer Erledigung und die 
dadurch bedingte Unverv/üstlichkeit. Um den im Unbewußten ver- 
borgenen Komplex sammeln sich immer frische Energiemengen an, 
wie im Schosse eines scheinbar erloschenen Vulkans, und wenn 
die Spannung einen Höhepunkt überschritten hat, kommt es immer 
wieder zu Ausbrüchen. Was wir hingegen bewußt überschauen und 
in all seiner Tiefe durchfühlen, das unterliegt in der Seele dem 
Prozesse des Abflauens, der Abnützung, es verliert an Gefühls- 
wert. Der vollen Erkenntnis folgt die „assoziative Zerstreuung" 
der Gefühlsspannung auf dem Fusse. Auch die Trauer hat zwei 
Erscheinungsformen, eine normale und eine pathologische. Bei der 
ersteren folgt der ersten psychischen Lähmung bald die philo- 
sophische Resignation, die Sorgen und Aufgaben der Zukunft 
lassen den Selbsterhaltungstrieb bald zu Worte kommen. Wo 
aber Jahre, Jahrzehnte vergehen, ohne daß das Gefühl der Trauer 
nachließe, dort können wir versichert sein, daß der Trauernde nicht 
nur den eben Verlorenen, nicht nur die Erinnerungen an ihn be- 
weint, sondern, daß im Unbewußten verborgen, andere frühere, 
deprimierende Motive die Gelegenheit des aktuellen Falles benützen, 
um sich geltend zu machen. 

Die Analyse verwandelt die pathologische Trauer in eine phy- 
siologisdie und macht sie dadurcli der gefühlseriösenden Wirkung der 
Zeit, des Lebens zugänglich, gleichwie das verschüttete antike Kunst- 
werk nur so länge intakt bleibt, als es in der Tiefe der Erde be- 
graben liegt ; sobald es ans Tageslicht geholt wird, beginnen Regen, 
Eis, Schnee und Sonnenschein ihre zerstörende Arbeit an ihm. Die 
Suggestion heilt also palliativ, die Analyse verdient ein „kausales 
Heilverfahren" genannt zu werden. Der Suggerierende tut wie jener 
Hygieniker, der gegen den Alkoholismus und die Tuberkulose fort- 
während nur von Abstinenz und Desinfektion predigt; die Analyse 
aber gleicht eher dem Soziologen, der nach den gesellschaftlichen 
Übeln forscht, die die eigentlichen Urheber der Trunksucht und der 
Tuberkulose sind, er kämpft gegen diese Grundursachen an. 



Suggfestion Mnd PsydioatiaJyse 



77 



Wie ich schon sagte, fanden sich auch solche, die da behaup- 
teten, auch die Analyse selbst sei nichts anderes als eine Form 
der Suggestion. Der Analytiker beschäftige sich viel mit dem Ki-anken, 
er „rede ihm ein", die Ursachen der Symptome wären diese oder 
jene, und diese Suggestion wirke heilend. Meist sind es dieselben 
Kritiker, die in einem Atem sagen, daß die tatsächUchen Angaben 
der Psychoanalyse unwahr seien und daß jene Tatsachen längst 
bekannt wären; daß die Analyse wirkungslos oder auch sdiädlidi 
sei, und daß sie nur suggestiv heile. 

Nach jener Grundregel der Dialektik, wonach der Behauptende 
zu beweisen hat, müßte ich midi mit diesen Einwendungen nicht 
beschäftigen, da sie überall nur als Moghchkeiten und leere Be- 
hauptungen aufgeworfen wurden und nicht auf persönlichen Erfah- 
rungen des Kritikers beruhen. Da aber diese Einwände so oft wieder- 
holt werden und schon infolge der häufigen Wiederholung Ein- 
druck machen können, will ich einige Fakten anführen, die dagegen 
sprechen, daß die Suggestion im gewöhnlichen Sinne des Wortes 
bei der Analyse eine namhafte oder gar die Hauptrolle spielen könnte. 

Wie ich sagte, ist bei der Suggestion der Glaube des Pa- 
tienten die Vorbedingung des Gelingens. Nun, die analytisdie Kur 
beginnt damit, daß wir den Patienten auch darüber aufklären, daß 
die größte Skepsis von seiner Seite erlaubt, ja notwendig ist. Wir 
gestatten ihm, alle unsere Behauptungen zu kontrollieren; er darf 
über uns lachen, uns schelten, kritisieren, wenn ihm etwas, was wir 
behaupten, unglaublich, lächerlich oder grundlos erscheint. Ich könnte 
nicht behaupten, daß die Patienten am Anfang der Kur viel Ge- 
braudi von dieser Erlaubnis machen, im Gegenteil, es zeigt sidi bei 
ihnen ein großer Hang dazu, alle unsere Aussprüche für Offen- 
barungen zu nehmen. In solchen Fällen erkennen wir selbst aus kleinen 
Fehlleistungen, Versprechen des Patienten, den unterdrückten Zweifel 
und zwingen ihn, diesen Unglauben sich und uns einzugestehen. 
Manchen Patienten ergreift schon nach den ersten Aufklärungen 
eine außerordentlich starke Neigung zum Prophetentum ; er predigt 
fortwährend und überall über die Psychoanalyse, kann über gar- 
nichts anderes reden, will immerfort neue Anhänger werben. Solchen 
müssen wir dann selber beweisen, daß der große Lärm nur dazu 
dient, gewisse eigene Zweifel zu überschreien. Mit einem Wort, im. 



78 Suggestion und Psychoanalyse 

Gegensatz zum Sugg-erierenden, der nichts will, als daß ihm der 
Patient glaube, achten wir fortwährend darauf, daß der Kranke 
nichts glaubt, wovon er sich nidit überzeugt hat. 

Der Suggerierende will dem Kranken imponieren. Er nimmt 
die selbstgefällige Miene der wissenschaftlichen, moralischen Au- 
torität, der altruistischen Güte an und so sieht er seine Patienten 
an, gibt ihnen beruhigende Erklärungen oder erteilt ihnen Befehle. 
Selbst mit seiner äußeren Erscheinung, mit seinem Bartwuchs und 
seiner feierlichen Kleidung will er auf sie Eindruck madien. 

Wie anders die Psyclioanalytiker: Sie zwingen den Patienten, 
alles was ihm durch den Kopf geht, zu sagen, nichts bei Seite zu 
schieben, selbst das nicht, wovon er meint, daß es auf den Arzt 
unangenehm oder beleidigend wirken könnte. So kommt denn audi 
alles zum Vorschein, was sich an Verdächtigung, Geringschätzung, 
Hohn, Haß, Zorn, Empfindlichkeit ia ihm verbirgt, ohne die es 
einmal unter Menschen nie zugeht, selbst wo im Allgemeinen Sym- 
pathiegefühle vorherrschen. Das imponierende Auftreten des sug- 
gerierenden Arztes, die Güte oder Strenge, die er zur Schau trägt, 
drängen diese negativen Affekte schon in statu nascendi zurück. 
Gibt es aber einen unfruchtbareren Boden für das Zustandekommen 
der Suggestion als ein Verhältnis, in dem es dem Behandelten 
anheimgestellt ist, sich über seinen Arzt in jeder möglichen Weise 
lustig zu machen, ihn — wenn es ihm einfällt — gering zu schätzen 
und zu erniedrigen? Ich kann hier nämlich gleich bemerken, daß 
viele Patienten diese Gelegenheit gerne ausnützen, um allem Haß 
und Hohn, den sie seit Kindheit gegen jede Autorität in sich 
hegten und ersh'ckten, endlich einmal Luft zu machen. Mit scharfem 
Auge beobachten sie den Arzt: Sein Äußeres, seine Gesichtszüge, 
seine Kleidung, sein Gang werden kritisiert; es kommen Einfälle, 
in denen er verschiedener Missetaten verdächtigt, an der Lauterkeit 
seines Charakters gezweifelt wird. Der analysierende Arzt aber, der 
sein Handwerk versieht, wird sich solchen Einfällen nidit gegenüber 
verteidigen, sondern ruhig abwarten, bis der Patient selbst zur 
Einsicht kommt, daß seine Aggressivität eigentlich gegen ganz 
andere, für ihn bedeutsamere Personen geriditet ist, und daß er 
seine grundlosen oder haarsträubend übertriebenen Beschuldigungen 
auf den Arzt nur „überträgt". 



Suyg^esÜon und Psydioanafyse 



79 



Bei der suggestiven und hypnotischen Kur sagt der Arzt dem 
Patienten möglichst nur Angenehmes. Er leugnet, daß er überhaupt 
Icrank sei, tröstet ihn, wiU ihm Kraft und Selbstvertrauen einflößen, 
mit einem Wort, er suggeriert dem Kranken nur wohltuende Dingte 
und dies gefällt diesem so gut, daß er wirklich im Stande ist, aus 
Dankbarkeit hiefür das Produzieren der Symptome für eine Zeit 
aufzugeben. Im Gegensatz dazu muß der Analjrtiker seinem Patienten 
fortwährend unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagen. Er enthüllt 
die Schattenseiten seines Charakters, seiner Ästhetik, seiner Intelli- 
genz, er drückt sein gehobenes Selbstbewußtsein auf ein reales 
Niveau hinab. Sträubt sich der Patient mit Händen und Füssen 
gegen solche unangenehme Einsicht, so hütet sich der Anal)rtiker 
davor, ihn zu überreden, gibt eventuell auch die Möglichkeit eines 
Irrtums von seiner Seite zu. Erst wenn der Patient selbst Er- 
innerungen und Einfälle bringt, die den Verdacht des Analytikers 
bekräftigen, also nach .eigener Überzeugung des Kranken kann man 
auf einen Fortschritt der analytischen Erkenntnis und auch auf die 
Besserung des Zustandes rechnen. 

Wenn jemand diese vorsichtige Art der Aufklärung Suggestion 
nennen will, so ist gegen solche Namengebung natürlich nichts ein- 
zuwenden, nur müßen wir dann den Begriff der Suggestion über- 
haupt anders definieren und audi eine auf induktive Beweise ge- 
gründete logische Überzeugung unter diesen Begriff subsummieren. 
Damit verlöre aber das Wort wie auch der Einwand seine Bedeutung, 

Dem Suggerierenden stehen außer dem Imponieren auch nodi 
andere Waffen zu Gebote, er kann den Patienten gegenüber In- 
teresse, Selbstlosigkeit vortäuschen. Natürlich steigert das die Hoch- 
aditung, manchmal audi die Leidenschaft, die die Person des sug- 
gerierenden Nervenarztes hervorruft, bis zum höchsten Grad, 

Solche Neigung des Patienten zu kritikloser Unterwerfung 
offenbart sich allerdings audi in der Analyse und insoferne muß das 
Vorhandensein suggestiver Faktoren auch in der Analyse zuge- 
geben werden; doch ist diese „Suggestion" in der Analyse nur ein 
Übergangsstadium und kein Kranker kann analjrtisch für geheilt 
gelten, bei dem sich die Ernüchterung aus diesem Zustande nidit 
eingeteilt hat. Auch ist dafür gesorgt, daß der Enthusiasmus für 
den Arzt in der Analyse nicht „in den Himmel wädist". Der 



80 Sagg- estion und Psydioanalyse 

Analytiker schont nämlich mit seinem Seziermesser audi diese 
Sympathiegfefühle nicht, die der Hypnotiseur so eifrig pflegt. Die 
vom Patienten eingestandene Zuneigung konnte aber nicht ärger 
beleidigt werden, als Indem wir sie, statt sie zu erwidern, für ein 
in wissenschaftlicher und in therapeutisdier Hinsicht wichtiges Sym- 
ptom erklären und analysieren. Und wahrhaftig, wie die pathologische 
Trauer, so schwindet diese pathologische Liebe; die Übertragung 
auf den Arzt verliert am Ende der Analyse allen Zauber. 

Der Suggerierende beginnt damit, daß er dem Kranken be- 
stimmt die Genesung verspricht. Das tut der kunstgerecht arbeitende 
Analytiker niclit. Von Anbeginn der Kur an spricht er nur von 
einer Möglichkeit der Heilung, höchstens von der Wahrscheinlichkeit; 
anders kann er garnicht, denn die genauere Natur des Übels, seine- 
Tragweite, die Hemmungen, die sich aus der Persönlichkeit des 
Kranken ergeben, kommen erst während der Arbeit zum Vorschein 
und erst dann wird es allmählich klar, ob und in wie weit es möglich 
ist, die affektiven und intellektuellen Widerstände des Kranken zu 
bekämpfen. Wenn aber der Patient trotz alledem gesund wird, so 
kann von Suggestionserfolg nur der reden, der entweder nicht 
weiß, was Analyse ist, oder sich über die psychoanalytische Technik 
falsche Vorstellungen madvt. 

Der analysierende Arzt muß streng darauf achten, daß er sich 
nicht mit einem nur suggestiven Erfolg zufrieden gibt. Es kommt 
oft vor, daß der Patient schon mit freudestrahlendem Gesichte 
erscheint und das Evangelium seiner Genesung verkündet; da ist 
es die unangenehme Pflicht des Arztes, ihn auf die Zeidien auf- 
merksam zu machen, die dagegen sprechen. Wer aber solches Vor- 
gehen immer noch „Suggestion" nennt, mit dem läßt sich überhaupt 
nidit weiter diskutieren. 

Zu Beginn Ihrer historischen Entwicklung war die Psycho- 
analyse mit der Hypnose kombiniert, sie hat (sich aber von ihr 
längst emanzipiert. Die Entdecker der Methode benützten anfangs 
das bequeme Mittel der in der Hypnose verfeinerten Erinnerungs- 
fähigkeit dazu, um verborgene Erinnerungsspuren wachzurufen. Bald 
stellte es sich jedoch heraus, daß das Verquicken der Analyse mit 
Suggestion, wenn es auch in manchen Fällen den Beginn der Kur 
erleichterte, die Beendigung derselben und die Lösung der zu Stande 



r 



- Suggestton und Psychoanalyse 81 

gekommenen Gefühlsübertragungen auf den Arzt umso schwieriger 
gestalte. Ich stütze mich auf die Meinung aller kompetenten Fach- 
leute, wenn ich die mit Hilfe der Hypnose ausgeführte anal)d:ische 
Kur für ein minderwertiges Surrogat der wirldidien, ohne Hypnose 
ausgeführten erkläre. Es ist notwendig, dies zu betonen, denn viele 
sind der falschen Ansicht, daß die Analyse auch heute noch, wie 
zu Breuers Zeiten, nichts anderes ist als Erinnerungen-Wachmfen 
und Affekte-Abreagieren im hypnotischen Zustand. Davon ist keine 
Rede, der Paüent muß im Gegenteil wach sein, damit seine intellek- 
tuellen und affektiven Widerslände sich restlos manifestieren und 
überwunden werden können. 

Mit dem Gesagten wollte ich nur beweisen, daß die Analyse 
nicht nur keine Suggestion, sondern ein fortwährender Kampf gegen 
suggestive Einflüsse ist, und daß die Technik der Analyse mehr 
Schutzmaßregeln gegen blinden Glauben und kritiklose Unterwerfung 
anwendet als alle Methoden des Unterrichts und der- Aufklärung, 
die in der Kinderstube, an der Universität oder im Ordinations- 
zimmer je in Anwendung gebracht worden sind. 

Aber daß der suggestive Einfluß keine große Rolle in unserer 
Psychoanalyse spielt, dafür sorgt auch die große Unbeliebtheit 
dieser Methode in offiziellen Kreisen. 

Selbst wenn die Analytiker nicht gegen die Suggestion an- 
kämpfen und die inneren Widerstände des Patienten kein Gegen- 
gewicht gegen suggestive Einflüsse schaffen würden: die allgemeine 
Stimmung eines bedeutenden Teiles der Arzte würde genügen, 
um die Gläubigkeit unserer Patienten zu uniergraben. In dieser 
Hinsicht geschieht oft mehr, als unbedingt nötig ist. Wenn ein 
analysierter Patient zufällig die Meinung eines anderen Arztes 
über Psychoanalyse einholt — und wir kennen den Hang der 
Neurotiker, Arzte zu konsultieren, — so kehrt er schwer be- 
laden mit allerlei Zweifeln gegen unser Heilverfahren heim. Es ist 
noch nicht arg, wenn er nur zu hören bekommt, die Analyse sei 
„der Riesenirrtum eines genialen Menschen", sie sei „Phantasie" 
oder „Belletristik", es geht äuch noch an, wenn die Analyse von 
Ärzten, die keine blasse Ahnung davon haben, kurz und bündig 
für Unsinn erklärt wird. Es kommt aber vor, daß, Dank dem 
Wohlwollen mancher Kollegen, auch gegen die persönliche Ver- 

> 6 



82 Suggestion und Psy choanalyse 

trauenswürdigkeit des Analytikers der Verdacht des Kranken 
geweckt wird. 

Natürlich ahnen diese wohlmeinenden Informatoren nicht, daß 
in der Analyse der Patient seinem Arzte wirklich alles erzählt, 
und daß gerade dieser Zwang, alle Gedanken mitzuteilen, etwas 
von der Schärfe der Gegensuggestion nimmt, die den Kranken in 
seinem Vertrauen erschüttern möchte. Die Analyse ist heute noch 
eine Operation, sagt der obengemeinte „geniale Mann", bei 
der Familienmitglieder und Arzte fortwährend ins Operations- 
feld spucken. 

Bei der Analyse ist also nicht von Suggestion die Rede, 
sondern im Gegenteil von der freien Äußerung jener starken 
Widerstände, die teils der Unlust des Patienten, unangenehme 
Wahrheiten zu ertragen, teils dem großen Mißtrauen entstammen, 
das die Ablehnung der Psychoanalyse durch angesehene Arzte 
in offizieller Stellung im Patienten wecken muß. Und wenn es 
unter so schweren Verhältnissen doch gelingt, mittels der Psycho- 
analyse Kranke zu heilen oder qualvolle Seelenzustände dauernd zu 
erleichtern, so ist dies einzig und allein das Verdienst der Methode 
und nur ein Unorientierter kann es der „Suggestion" zuschreiben. 

Zwei Weltanschauungen sind es, die in unseren Tagen beim 
Krankenbette des Neurotikers miteinander ringen, und sie messen 
sich nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Gesellschaft 
längst mit feindlichen Augen. Der einen Zweck ist es, die Übel 
mittels Vertuschung, Bemäntelung, Verdrängung zu erledigen; ihre 
Mittel sind: Vortäuschen des Mitgefühls nach Art der Priester 
und Konservieren der Autoritätsanbet^ng. Die andere rottet die 
„Lebenslüge" überall aus, wo sie sie vorfindet, mißbraucht die Au- 
torität nicht und das Endziel ihrer Bestrebungen ist, das Licht des 
Bewußtseins bis zu den verstecktesten Triebfedern des Denkens 
und Fühlens dringen zu lassen; sie schrickt vor keiner qualvollen, 
unangenehmen oder ekelhaften Erkenntnis zurück, wenn sie durch 
sie zu den Quellen des Übels vordringen kann. Gelang es der 
Psychoanalyse, das Denken und Fühlen eines Menschen von allen 
Fesseln zu befreien, so kann sie es getrost seiner Vernunft über- 
lassen, in den Handlungen die eigenen Interessen und Wünsche 
mit denen der Gesellschaft in Einklang zu bringen. 



■i- 



Suggestion und Psydioanatyse 



83 



Der Mensch, und zwar sowohl der g-esunde als audi der 
kranke Mensch, ist reif geworden, seine verborgenen Übel bewußt 
zu bekämpfen, und es ist übertriebene Ängstlichkeit, ihn wie ein 
Kind mit suggestiver Beruhigung heilen zu wollen, anstati ihn mit 
der manchmal bitteren, aber immer heilsamen Pille der Wahrheit 
fürs Leben zu stärken. 



I 



Die wissenschaftliche Bedeutung 

von Freuds „Drei Abhaodiungen zur 

Sexualtheorie** * 

Die „Drei Abhandlungen" zeigen uns Freud, den Analytiker, 
zum erstenmal in synthetischer Arbeit. Das unermeßlich reiche Er- 
fahrungsmaterial, das sich aus der zergliedernden Prüfung so vieler 
tausender Seelen ergab, versucht der Verfasser hrer zum ersten- 
mal derart zusammenzufassen, zu klassifizieren, in Beziehungen zu 
bringen, daß sich daraus die Klärung eines großen Gebietes der 
Seeleniehre, der Psychologie des Sexuallebens, ergebe. Daß er 
gerade die Sexualität zum Gegenstand seiner ersten Synthese 
wählte, folgte aus der Natur des ihm zu Gebote stehenden Beob- 
achiungsstoffes. Er analysierte Kranke mit Psyclioneurosen und 
Psychosen und entdeckte als Grundursache dieser Leiden immer 
irgend eine Störung des SexuaUebens. An die Psydioanalyse an- 
knüpfende weitere Untersuchungen überzeugten ihn aber, daß die 
Sexualität auch in der Seelentätigkeit des normalen und gesunden 
Mensclien eine weit größere und mannigfachere Rolle spielt, als 
man es bisher, solange man nur die manifesten Äußerungen der 
Erotik würdigen konnte und das Unbewußte uidit karmte, für 
möglich hielt. Es stellte sitJi also heraus, daß die Sexualität — 



* Diese Zeilen sdiickte der Verfasser seiner ungarischen Übersetiung der 
dritten Auflage des Fr eudsdien Werkes „Drei Abban dlungeii zur Sexual- 
theorie" voran; sie wurden auch in der „Interna tioQalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse", III. Jalirganj, 1915, abgedruckt. 



/ 



p 



Die Bedeufamg von Freuds „Drei Abhandlungen rar Sexualtheorie'' 85 

trotz ihrer großen Literatur — ein im Verhältnis zu ihrer Wichtig- 
keit sehr vernachlässigtes Kapitel des Wissens vom Menschen ist, 
das also jedenfalls einer von neuen Gesiditspunkten ausgehenden 
Untersuchung unterworfen zu werden verdient. 

Es ist wohl nicht so sehr BescheidenKeit, als vielmehr die Un- 
genügsamkeit des immer vorwärts strebenden Gelehrten, wenn Freud 
in seinen letzten Konklusionen auf die Unvollkommenheiten diieses 
Versuches hinweist. Der Schüler, der sozusagen ohne Kampf und 
Mühe in den geistigen Besitz der in diesen Abhandlungen nieder- 
gelegten neuen Erkenntnisse und Perspektiven gelangt, sieht nicht 
die Unvollkommenheiten, sondern die Vorzüge des Werkes und rat 
auch dem Autor, einem französischen Spruche zu folgen und sich 
zu sagen: „Je vaux peu quand je me considere et beaucoup quand 
je me compare." Wer die Reichhaltigkeit des Materials dieser Ab- 
handlungen, die überraschende Neuheit ihrer Gesichtspunkte mit der 
Art vergleicht, in der die Sexualität in anderen Werken abgehandelt 
wird, der wird wohl nicht mit Unzufriedenheit, sondern mit dem 
Gefühle bewundernder Achtung auf die Lektüre dieser Arbeiten 
reagieren. Er wird dankbar anerkennen, daß die Libldoiheorie, deren 
Probleme vor Freud nicht einmal aufgeworfen wurden, durch die 
Tätigkeit eines Einzelnen fest begründet, zum Teil ausgebaut, wenn 
auch noch nicht ganz vollendet wurde. 

Dieser Erfolg, wie auch die Erfolge der Freudschen psychia- 
trischen Forschung, sind nicht nur dem Scharfblick des Autors, 
sondern auch der konsequenten Anwendung einer Untersuchungs- 
methode und dem Festhalten an gewissen wissenschaftlichen Gesichts- 
punkten zu verdanken. Die psychoanalytische Untersuchungsmethode, 
die in jedem Sinne des Wortes freie Assoziation, brachte eine 
bisher ganz unbekannte und unbewußte tiefere Sdiichte des Seelen- 
lebens zum Vorschein. Und die bisher nicht gekannte Strenge und 
Ausnahmslosigkeit, mit der die Psychoanalyse den Grundsatz des 
psychischen Determinismus und den Entwicklungsgedanken an- 
wendet, ermöglichte die fruchtbare wissenschaftUche Verwertung 
dieses neuen Materials. 

Der Fortschritt, den wir dieser Arbeitsweise verdanken, ist 
überraschend groß. Die Psychiatrie vor Freud war ein Raritäten- 
kabinett sonderbarer und sinnloser Krankheitsbilder, die Wissen- 




86 Die Bedeutung- von Freuds „Drei Abhandlungen zur SeKualtheorie" 

Schaft der Sexualität bestand in der deskriptiven Gruppierung ab- 
stoßender Abnormitäten. Die Psychoanalyse, stets treu dem Deter- 
minismus und der Entwicklungsidee, scheute vor der Aufgabe nicht 
zurück, auch diese die Logik, Ethik und Ästhetik verletzenden und 
darum vernachlässigten psydiischen Inhalte zu zergliedern und ver- 
ständlich zu madien. Ihre Selbstüberwindung vrarde reichlich be- 
lohnt; in dem von den Geisteskranken produzierten Unsinn erkannte 
sie onto- und phylogenetisdiis Urkrafte der menschlichen Psyche, 
den nährenden Humus aller Kultur- und Sublimierungsbestrebungen, 
und es gelang ihr — besonders in diesen „Drei Abhandlungen" 
— nachzuweisen, daß von den sexuellen Perversionen der einzige 
Weg zum Verständnis des normalen Sexuallebens führt. 

Ich hoffe, daß es einstmal nidit als Übertreibung klingen wird, 
was ich von der Bedeutsamkeit dieser „Abhandlungen" noch sagen 
muß. Ich stehe nicht an, ihr eine wissenschaftsgeschichtliche 
Bedeutung beizulegen. „Mein Ziel war, zu erkunden, wieviel 
zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den 
Mitteln der psychoanalytischen Erforschung zu erraten 
ist," erklärt der Verfasser im Vorwort zu seinen Abhandlungen. 
Dieser bescheiden klingende Versuch bedeutet, genau betrachtet, 
den Umsturz alles Hergebrachten; noch nie hat man bisher an die 
Möglichkeit gedacht, daß eine psychologische, und zwar eine „intro- 
spektive" Methode ein biologisches Problem erklären helfen konnte. 

Man muß weit zurückgreifen, will man dieses Bestreben seiner 
Bedeutung entsprechend vrärdigen. Wir müssen uns erinnern, daß die 
Wissenschaft in ihrer Urzeit anthropozentrisch, animistlsdi war; der 
Mensch nahm seine eigenen seelischen Funktionen zum Maßstabe des 
ganzen Weltgesdiehens. Es war ein großer Fortschritt, als diese 
Weltanschauung, der in der Astronomie das geozentrische, ptolo- 
mäische System entsprach, von der „naturwissenschaftlichen" — man 
könnte sagen: kopemikanischen — Auffassung abgelöst wurde, die 
dem Menschen die maßgebende Bedeutsamkeit benahm und ihm, die 
bescheidene Stellung eines Mechanismus unter unendlich vielen 
anderen zuwies. Diese Ansicht schloß stillscliweigend audi die An- 
nahme in sich, daß nicht nur die leiblichen, sondern auch die 
seelischen Funktionen des Mensdien Leistungen von Mechanismen 
sind. Stillschweigend — sage ich — , weil sich die Naturwissenschaft 



I 



Die Bedeutung von Freuds „Drei Abhandlungen zw SexualtKeoris" 87 

bis auf den heutig^en Tag mit dieser ganz aUgemeinen Annahme 
begnügte, ohne uns den geringsten Einblick in die Natur der 
psychischen Mechanismen zu gewahren; ja, sie leugnete dieses 
Nichtwissen vor sidi selbst ab, indem sie diese Lücke in der Er- 
kenntnis mit phrasenlxaften physiologischen und physikalischen Schein- 
erklämngen zudeckte. 

Von der Psychoanalyse kam der erste Lichtstrahl, der die 
Medianismen des Seelenlebens beleuchtete. Mit Hilfe ihrer Kennt- 
nis konnte sich die Psychologie auch solcher Schichten des Seelen- 
lebens bemächtigen, die der unmittelbaren Erfahrung entrückt sind; 
sie getraute sich, den Gesetzen der unbewußten Seelentätigkeit 
nachzuforschen. Der nächste Sdiritt wird gerade in diesen Ab- 
handlungen getan: ein Stück Triebleben wird hier mit der Hyposta- 
sierung gewisser in der Psyche tätigen Mechanismen unserem Ver- 
ständnis näher gebracht. Wer weiß, ob wir nicht auch den letzten 
Schritt erleben werden: die Verwertung der Kenntnisse von den 
psychischen Mechanismen im organischen und anorganisdien Ge- 
schehen überhaupt. 

Indem Freud mittels der psychoanalytischen Erfahrung Probleme 
der Biologie, zunächst der Sexuailätigkelt, zu erraten versucht, kehrt 
er gewissermaßen zur Methode ■ der alten, animistischen Wissen- 
schaft zurück. Es ist aber dafür gesorgt, daß ' der Psychoanalytiker 
nicht auch in die Fehler jenes naiven Animismus verfällt. Der naive 
Animismus übertrug nämlidi „en bloc", ohne Analyse die Cha- 
raktere des mensdilichen Seelenlebens auf die Objekte der Natur; 
die Psychoanalyse dagegen zergliedert zuvor die mensdiliche 
Seelentätigkeit, verfolgt sie bis zur Grenze, wo Psychisches und 
Physisches sich berühren: bis zu den Trieben, — befreit so die 
Psychologie vom Antiiropozentrismus und erst dann getraut sie sich 
den so gereinigten Animismus biologisch zu verwerten. Diesen 
Versuch zum erstenmal gemacht zu haben, ist die wissenschafts- 
geschichtliche Tat Freuds in diesen Abhandlungen. 

Ich muß darauf zurückkommen, daß nicht leere Spekulation, 
sondern die emsige Beobachtung und Untersuchung bisher ganz 
vernachlässigter psychischer Sonderbarkeiten und geschlechtlicher 
Verirrungen zu diesen großen Perspektiven geführt hat. Der Ver- 
fasser selbst begnügt sich in kurzen Notizen, flüchtigen Bemerkungen 



88 Die Bedeutung von Freuds „Drei Abhandlungea zur Sexualtheorie" 

auf sie hinzuweisen und beeilt sich, 2u den Tatsachen) den Einzel- 
fällen, zurückzukehren, um die Fühlung mit der Realität ja nicht 
zu verlieren und für die Theorie eine sichere, breite Grundlage 
zu bauen. 

Der Schüler aber, dem diese Erkenntnisse den Beruf ver- 
schönen, konnte es sich nicht versagen, sich einmal in die Be- 
trachtung dieser Perspektiven zu versenken und auch andere darauf 
aufmerksam zu machen, die sonst vielleicht achtlos bei dem Mark- 
stein vorbeigegangen wären, den die „Drei Abhandlungen" Freuds 
für die Wissenschaft bedeuten. 



Die Psychoanalyse 
des Witzes und des Komischen* 



Das Interesse der Ärzte für Witz und Komik ist nicht neu. 
Die Arzte des klassischen Zeitalters, deren Lehren ein ganzes 
Jahrtausend lang in Ansehen blieben, empfahlen ganz ernsthaft, die 
Kranken zum Lachen zu reizen, damit ihr Zwerchfell erschüttert 
und ihre Verdauung gefördert werde. Im heutigen Vortrag wül icii 
aber meinen Hörern nicht die Mittel und Methoden solcher Unter- 
haltungskunst beibringen. Im Gegenteil, es ist meine erklärte Ab- 
sicht, die Wirkung, die der Witz und das Komische auf den naiv 
Zuhörenden machen, zu zerstören. Icli übernehme die Rolle einer 
typischen Gestalt des „Borsszem Janko",** die Rolle des gelungen 
karikierten Professor Tömb, der, anstatt die poetischen Schöpfungen 
in ihrer ursprünglidhen Form auf seine Schüler wirken zu lassen, sie 
zerstückelt und ihre Schönheit durch die philologische und ästhetische 
Analyse in Langeweile erstickt. Sdion aus diesem Programm können 
Sie ersehen, daß heute nicht der unterhaltsame und heilenwollende 
Arzt aus mir spricht, sondern der Psychologe. Ich will Sie mit 
einem Werke Prof. Freuds über den Witz*** bekannt machen. 

Wie jede Karikatur, hat auch die des Professor Tömb, einen 
ernsthaften Kern. Was dieser langweilige Philologe in aller Naivität 
tut: daß er nämlich das Schöne durch Analyse langweilig macht, 

* Vortrajf, gehalten in der „Freien Schule der Soiialwissensdiaften" in 
Budapest. 

** Ungfarbdies humoristisches Wodienblatt, 

*** Prof. Freud : Der Witz und seine Beiiehung' xum Unbewußten, II. Auflage. 
Wien 1921. 



90 Die Psydioanalyse des Witzes und des Komisdien 

wodurdi er auf jeden komisch wirkt, das betreibt Prof. Freud 
ganz planmäßig und benützt es zur Erlangung überraschender 
psychologischer Erkenntnisse. Vor Freud befaßten sich schon viele 
mit dem Problem des Witzes, manche trugen sogar mit wertvollen 
Bausteinen zu einer Psychologie der Lust am Witze bei, doch sie be- 
leuchteten immer nur die eine oder die andere Seite des Problems, 
wo sie die ganze Frage gelöst zu haben wähnten. Freods Werk 
umfaßt hingegen den ganzen Komplex und die ganze Tiefe der 
hier in Betracht kommenden Fragen, so daß wir den Großmeister 
der Seelenkunde und Seelenheilung auch auf dem Gebiete der 
Ästhetik als Bahnbrecher bezeichnen können. 

Ein genialer Gedanke war schon die Methode allein, mit der 
er bei der Analyse des Witzes zu Werke ging, und die wir auf 
Grund des oben gesagten „die Methode des langweiligen Philo- 
logen" nennen könnten. Freud dachte sich: wenn wir erfahren wollen, 
was im Witz dasjenige ist, was die gute Laune auslost und zum 
Lachen reizt, so muß man vor allem feststellen, ob im Inhalt oder 
m der Form, im Gedanken selbst oder in seiner Ausdrucksvveise 
— oder aber in beiden das bis jetzt unbestimmbare „Etwas" steckt, 
das den Zuhörer mit so unwiderstehlicher Kraft zur Innervation seiner 
Lachmuskeln zwingt. Er stellte sich also zunächst die Frage, ob 
man auch den allerbesten Witz „verde-'-ben", das heißt, ihn trotz 
vollständiger und treuer Wiedergabe seines Inhalts in eine solche 
Form gießen kann, in der er nicht mehr erheiternd wirkt-. Ist dem 
$o, dann wird es zweifellos, daß nidit der Inhalt, sondern nur die 
Form — oder wie Freud es sagt: die Technik — dem Witze den 
Witzcharakter verleiht. Auf diesem Wege kam Freud zu dem 
überraschenden Resultat, daß man mit diesem Verfahren, welches 
er die „Reduktion des Witzes" nennt, wirklich fast jedem Wiiz 
seine belustigenden Eigenschaften rauben kann, mit anderen Worten: 
es gibt keinen noch so guten Witz, den man mit genügender 
Sachkenntnis nicht verderben könnte. 

Hören wir einmal, wie Freud diese „Reduktion" an einem 
bekannten Wortspiel demonstriert. In einem der „Reisebüder" 
Heines, in den „Bädern von Lucca", spricht der Dichter aucK 
vom Lotteriekollekteur und Hühneraugenoperateur Hirsch-Hyactnth 
aus Hamburg, der sich dem Dichter gegenüber seiner Beziehungen 



Die Psydioandyse des Witzes und des Komisdien 91 

xvan reichen Baron Rothschild rühmt und zuletzt sagt: „Und so 
wahr mir Gott alles Gute geben soll, Herr Doktor, ich saß neben 
Salomon Rothschild und er behandelte mich ganz wie seines 
Gleichen, ganz famillionär." Hätte das Hirsch-Hyacinth so. eit^ 
zählt: „Rothschild behandelte mich ganz wie seines Gleichen, ganz 
familiär, obschon er Millionär ist", die Witzwlrkung wäre ohne 
Zweifel ausgeblieben. Diese Wirkung wurde also nur durch die 
li^erdichtung, die Mi seh Wortbildung erzielt. Um dies zu ver- 
anschaulichen, schreibe man die zwei Worte untereinander wie zwei 
Ziffern, die man addieren will, und man führe die Addition aus, 
indem man die Silben die in beiden Worten vorkommen, im 
Resultat nur einmal figurieren läßt. Da ergibt sich folgendes 

Rechenexempel : 

Famili är 

-j- Miüi onär 



= Famillionä 



Was ist hier eigentlich vorgegangen? Nichts weiter, als daß es 
dem Witze gelang, mit Hilfe einer oberflächlichen, akustischen 
Assoziation zwei inhaltlich voneinander entfernte Begriffe, den 
der Familie und den des Reichtums, in ein Wort zu verdi eilten, 
das heißt, mit einem Worte die Vorstellung beider heraufzu- 
beschwören. Was ist nun Freuds Erklärung für den Lacheffekt 
beim Anhören einer solchen Verdichtung? Das Lachen rührt, wie 
er es an zahlreichen Beispielen beweist, davon her, daß die Ge- 
dankenarbeit, die wir normalerweise hatten leisten müssen, um die 
Idee der Familie mit der des Millionärs assoziativ zu verknüpfen, 
und die wir — indem wir dem Erzähler folgten, — schon in Gang 
gesetzt haben. Infolge der Verdichtung plötzlich überflüssig wurde, 
so daß wir die zum Denken bereits aufgespeicherte Inner- 
vationsspannung, die wir so erspart haben, unwillkürlich als mo- 
torische Innervation der Lachmuskeln abreagieren, sie als Lachen 
abführen. 

Um einen solchen „guten Witz" vom „schlediten Witz" zu 
unterscheiden, nehmen wir auch ein solches Beispiel vor. 

In einer Kindererzählung, die mir zufällig in die Hand 
geraten ist, las ich ungefähr folgendes; Es gibt ein sonderbares 
Land, in dem allerlei merkwürdige Tiere leben, Kanarinocerosse 



92 Die Psydtioanalyse des Wtees uiici des Komisdien 

fliegen in der Luft, Papageidechsen sonnen sich auf den Felsen, 
ein Elephantast spaziert im Garten herum und die Köchin be- 
reitet den Kindern eine Kamelspeise. Nun, das sind wohl auch 
Wortverdichtung-en, die weit entfernte Begriffe zusammenknüpfen, 
aber hinter der oberflächlichen Assoziation verbirgt sich kein 
tieferer Sinn, wie hinter dem Worte „famillionär" ; darum bringen 
soldie Wortwitze den Erwachsenen höchstens zum Lächeln, das 
befreiende Lachen der Witrwirkung bleibt hier aus. 

Prinzipiell wichtig- ist immerhin die Tatsache, daö selbst eine 
solche Verdichtung zweier rein akustisch assoziierter Worte, die 
sinngemäß nichts miteinander zu tun haben, belustigend wirken 
kann. Dies ist der unzweifelhafte Beweis dafür, daß die erheiternde 
Wirkung der Wortspiele nur davon herrührt, daß wir für einen 
Moment die ernste zielstrebige Gedankenarbeit ersparten und, wie 
es Kinder zu tun pflegen, sinnlos mit den Worten „spielten". 
Gegen solche Witze aber, denen der tiefere Sinn abgeht, wird 
alsbald die logische Zensur mobilisiert, so daß die Scherzwirkung 
recht bald einer abfälligen Kritik Platz macht. Diese Zensur ge- 
stattet nur dann ein herzhaftes Lachen, wenn es dem Spaßmacher 
gelingt, hinter der oberflächlichen akustischen Verdichtung auch 
etwas „Tiefsinniges" zu verstecken. Dieser tiefere Sinn ist es also, 
der den sonst so wachsamen Hüter der logischen Denkordnung 
besticht, und während dieser an dem ihm hingeworfenen intellek- 
tuellen Knochen nagt, hat das in unserem Unbewußten fortlebende 
Kind die Situation längst ausgenützt und lacht herzlich darüber, 
daß es ihm gelang, die Logik, diesen langweiligen und lästigen 
Kontrolleur der Affekte, zum Besten zu halten. 

Denjenigen unter Ihnen, die bereits etwas von der psycho- 
analytischen Traumdeutung gehört haben, wird ganz gewiß die 
weitgehende Ähnlichkeit zwischen der Traumarbeit und der Arbeit 
des Spaßmachers auffallen. Im Traum so wie beim Witz wird das, 
was das Bewußtsein zu hören bekommt: der manifeste Trauminhalt 
und der erzählte Witz, nur dann verständlich und erklärlich, wenn 
man den dahinter verborgenen Sinn erforsdit. Beim Traum wie 
beim Witz wurzelt das Motiv zur Traum- oder Witzarbeit im 
Infantilen; dementsprechend herrscht sowohl in unseren nächtlichen 
Phantasiegebilden, als auch bei der Gestattung oder beim Genießen 



I 



i 



Die Psych oanalyse des Sitzes und des Komischen ^^ 

eines Witzes nicht die strenge, log^ische Ordnung, sondern der durdi 
kindisch-oberflächliche Assoziation charakterisierte sogenannte „Pri- 
märvorgang", Nach den Erfahrungen unserer Analysen ist diese 
Oberflächlichkeit im Traume viel größer als bei der Gestaltung des 
Witzes, die ja im Wachzustande erfolgt; doch produziert manchmal 
auch der Traum Wortverkeltungen, Verklebungen, die auch als 
Wortwitze möglich wären. 

In einem eigenen Traume z. B. spielte unter anderem das 
Wort „Hippopolitaine" eine Rolle, das sich als ein ganz sinn- 
loses Silbenaggregat anhört, bei der Analyse jedoch sidi als die 
Verdichtung der Worte Hyppolite Taine, Hippopotamus, 
Metropolitaine entpuppte, somit allen Regeln der verdichtenden 
Wortspieltechnik entsprach. 

Es waren übrigens gerade seine Arbeiten über die Traum- 
deutung, die Freud zum Aufwerfen des Wiiaproblems brachten. 
Es ist lehrreich zu hören, wie er dazu gekommen ist. 

Als Freuds „Traumdeutung" und die darin angewandte 
Methode der freien, oberflächlichen Assoziation das Licht der öffent- 
lidikeit erblickte, empfing sie zur nicht geringen Überraschung des 
Verfassers nur mitleidiges Lächeln der zünftigen Gelehrtenwelt. Es 
gab aber aucli rohe Gesellen, die darob Freud offen verlachten 
und verhöhnten. Sie benahmen sich hierin ganz wie Neurotiker, 
denen wir den Inhalt ihrer Träume deuten, und die steh lachend 
der in der Deutung enthaltenen unangenehmen Wahrheiten erwehren. 

Hätte einer von uns die in jahrelanger emsiger Arbeit ge- 
sammelten Erkenntisse den Fachgelehrten vorgelegt und auf Grund 
nichtiger Einwände einen solchen Empfang gefunden, wir alle hätten 
wohl die, die sich über unser Lebenswerk in frivoler Weise lustig 
machten, zornig zurechtgewiesen, ihre Oberflächlichkeit und Un- 
wissenheit unbarmherzig enthiillt, mit einem Wort sie tüchtig aus- 
geschimpft. Anders Freud. Er sah in diesem allgemeinen Gelächter 
eine der wissenstJiaftlichen Untersucliung werte seelische Erscheinung, 
setzte sich also unverweilt an die Arbeit, um -die Psychologie des 
Lachens und des Witzes zu ergründen, und ruhte nicht, bis er 
ausforsdite, warum der Uneingeweihte die meisten der eigenen 
Träume und alle Traumdeutung verlachen muß. Wohl darum — 
dies war das Ergebnis seiner Forschung — weil Traum und Witz 



94 Die P sychoanalyse des Wit zes und des Komischen 

aus einer und derselben Seelenquelle, aus den unbewußten Schichten 
der verdräng-ten infantilen Gelüste schöpfen und mit denselben 
seelentechnischen Mitteln und Mechanismen arbeiten. In witzelnder 
Verdichtung- könnte ich also sagen, daß Freud, als man ihn aus- 
lachte, zuerst das Buch schrieb, das er den ihn Verhöhnenden an 
den Kopf werfen konnte. 

Ich kann hier nicht auf die verschiedenen Abarten des Wort- 
spiels im einzelnen eingehen. Wer Freuds Buch liest — und das 
kann ich jedem empfehlen, der sich in diesen Fragen gründlich 
orientieren und sich auch an der Formschönheit eines musterhaft 
aufgebauten wissenschaftlichen Werkes erfreuen wiU — wird sich 
davon überzeugen, daß jede Art der als „Wortspiel" bezeichneten 
Witzgruppe, also auch die „gleichartigen Stoff zweifach an- 
wendenden," die „auf Doppelsinn aufgebauten" und die mit 
„verhüllten Anspielungen" arbeitenden Wortwitze, denselben 
Grundregeln gehorchen wie die hier näher beleuchteten Verdichtungs- 
witze. Bei sämtlichen ist das kindische Spielen mit den Worten 
die eigentliche Lustquelie, während der hinter den sinnlosen Wori- 
verknüpfungen und Wiederholungen stedtende Sinn teils dazu 
dient, um die Zensur zu betören, teils dazu, um den Witzeffekt — 
durch die für einen Moment hervorgerufene, aber sich schon im 
nädisten Augenblick als überflüssig erweisende Denkanspannung 
die auf diese Art erspart und im Lachen abgeführt wird, — 
künstlich zu steigern. Nur nocji ein Beispiel will idi aus Freuds 
Witzbuch anführen, in dem sowohl die mehrfache Verwendung, 
derselben Worte als auch der Doppelsinn eine Rolle spielt. In 
einem der „Wiener Spaziergänge" David Spitzers heißt es: „Das 
Ehepaar X. lebt auf ziemlich großem Fuße; nach der Ansicht der 
einen soll der Mann viel verdient und sich dabei etwas zurück- 
gelegt haben, nadi anderen wieder soll sich die Frau etwas 
zurückgelegt und dabei viel verdient haben," Hätte uns der 
Feuilletonist einfacli von einem Ehepaar erzählt, wo der Mann an- 
geblich viel verdient und etwas erspart hat, nach der Ansicht 
anderer aber das Vermögen von der Frau erworben sei, die einen 
unsittlichen Lebenswandel führt, so wäre die Witzwirkung voll- 
kommen verloren. Die Wirkung beruht hier also nur auf der 
doppelsinnigen Verwendung des Wortes „zurückgelegt", und auf 



Die Psycho analyse des Vitzeä und des Komischen 95 

■der doppelten Verwendung desselben Wortmaterials: viel verdient, 
etwas zurüdcgelegt, — etwas zurückgelegt, viel verdient Die lust- 
volie Wirkung rührt also einesteils davon her, daß im Worte 
„zurückgelegt" zwei von einander weit entfernte Begriffe, unsitt- 
licher Lebenswandel und Sparsamkeit, verdichtet wurden, anderer- 
seits von der refra in artigen Wiederholung derselben Wortklang- 
bilder, Allerdings ist diese Art bereits eine Mischung des billigen 
Wortwitzes mit einer anderen, höheren, bedeutend unterhaltsameren 
Sorte der Witze, mit dem „Gedankenwitz". 

Hier das Beispiel eines reinen Gedankenwitzes: „Adolf und 
Moritz geraten in Streit und gehen böse auseinander. Als Moritz 
später zu Hause anlangt, sieht er, daß Adolf auf seine Wolinungs- 
tür das Wort , Schurke' aufschrieb. Darauf eilt er zu Adolfs Wohnung 
und gibt dort — seine Visitkarte ab." 

Worin steckt das Unterhaltende dieses Witzes? Warum halten 
wir ihn für gut und geistreich? Es ist unsinnig, wenn man auf eine 
brutale Beleidigung mit einem Höflich keitsakt, mit dem Abgeben 
seiner Karte antwortet. Die natürliche Antwort wäre wohl die ge- 
wesen, daß Moritz auf Adolfs Türe als Antwort geschrieben hätte: 
„Du bist der Schurke", Das wäre aber kein Witz, sondern eine 
geschmaddose Retourkutsche gewesen. Ein Witz ist die unverständ- 
liche und deplacierte Höflichkeit dadurch geworden, daß Moritz 
die auf seine Tür geschriebene Beleidigung absichtlich mißver- 
steht und so tut, als hätte Adolf mit dem Wort „Schurke" seine 
Visitkarte abgegeben. Auf diesem Wege gelang es ihm, die Revanche 
in einen Höflichkeitsakt einzukleiden, also die wirkliche Absicht 
durch ihr Gegenteil darzustellen. Die Beleidigung „Du bist 
der Schurke*' wird hier durch die Verwendung gewisser Mittel der 
Witztechnik in einen gelungenen Witz verwandelt. Worin liegt das 
Wesen dieser Techniken? Darin, daß es dem Witzigen gelingt, in 
das verständige Denken eines ernsthaften Erwachsenen etwas Ab- 
surdes, einen Denkfehler, überhaupt etwas von der kindisch un- 
logischen Art des Urteilens und des Folgems einzuschmuggeln. 

Doch selbst nachdem wir diesen Witz aller seiner technischen 
Mittel beraubten, gleichsam hinter seine Kulissen geschaut haben^ 
merken wir, daß er selbst in dieser reduzierten Form nodi Lachen 
erregen kann, zum Zeichen dessen, daß er noch immer nidit ge- 



96 Die Psychoanalyse des Wtoes und d es Komischen 

niigend „verdorben" ist, daß noch etwas Lustvolles hinter ihm 
steckt. Dieses Etwas ist aber kein Witz mehr, nicht die Verquickung- 
einer Ungereimtheit mit etwas Sinnvollem, sondern Situations- 
komik. Wir finden es komisch und müssen darüber lachen, daß 
Adolf durch die höfliche Kartenabgabe in eine hilflose Situation ge- 
raten ist; es fehlt ihm ja jede Möglichkeit, den Streit weiterzuführen, 
obzwar er die hinter der Höflichkeit verborgene, ungemein belei- 
digende Absicht nur zu gut versteht. Wenn wir zu alldem noch 
bedenken, daß diese ganze lange Erklärung eigentlidi die Analyse 
einer einzigen Handlung, des Abgebens der Karte ist, können wir 
nicht in Zweifel darüber sein, daß dieser Witz zugleich ein Meister- 
werk der Verdichtungstechnik ist. Es bedarf, wie wir sehen, vieler 
Kunststüdte, damit der auf die Wirklichkeiten des Lebens einge- 
stellte, zum Ernst neigende menschliche Intellekt des Erwachsenen 
seine hemmende Funktion für einen Moment ausschaltet und wir 
in die spielerische, törichte, lachende Kinderzeit zurüdtversetzt 
werden können. 

Die besten Gedankenwitze sind derartige Verschiebungs- 
witze; das gewollte Mißverstehen einer Frage, die unerwartete 
Entgleisung auf ein unbemerktes Nebengeleise. Geradeso pflegt 
die Traumarbeit die psychische Intensität von etwas Wesentlichem 
auf Nebensächliches zu versdiieben. Andere Mittel des Gedanken- 
witzes: die Darstellung durch das Gegenteil oder durch eine ganz 
leise Anspielung, das Übertrumpfen, der Aufsitzer mit Hilfe 
eines Sophismus usw., sie alle wirken darum belustigend, weil sie 
unser Urteil vorübergehend in die Irre führen und wir somit eine 
gewisse Menge von Hemmungsaj'beit, die wir bereits gewohnheits- 
gemäß, automatisch in Gang setzten, ersparen und „ablachen" können. 

Es klingt paradox, es ist aber wirklich wahr, was uns Freud 
sagt, daß wir näraltch beim Anhören eines Witzes eigentlich nie 
recht wissen, worüber wir lachen^ ja die Ablenkung der Aufmerk- 
samkeit von den technischen Mitteln der eigentlidien Witzwirkung 
gehört zu den wichtigsten Utensilien des gewandten Witzboldes. 

Wenn vrir aber die Witze auf diese Art analysieren, erfahren 
wir, daß es Witze gibt, die sich weder durch ihren Gedanken inhalt 
noch hinsichtlich der technischen Mittel besonders auszeichnen und 
doch sehr effektvoll sind. Wenn wir diese Witze genauer betrachten, so 



Dia Psychoanalyse des Witzes und des Komiseiien 97 

stellt es sich heraus, daß sie ausnahmslos tendenziöse Witze sind, zu- 
meist aggressiver, obszöner, zynischer oder skeptischer Natur. 

Wir amüsieren uns also über Witze mit aggressiver und sexueller 
Tendenz besser, als sie es durch ihren Gedankeninhalt und durch 
ihre Witztechnik verdienen v/ürden. Freud wußte aus anderen 
Quellen, daß die in uns allen verborgenen, stark affektbeton ten, 
aber meist tief verdrängten Tendenzen, von denen unser bevraßtes 
Denken vielleicht noir mit dem Gefühle des Ekels oder der Scham 
Kenntnis nehmen würde, gerne die Gelegenheit benützen, sidi mit 
ihrem ursprünglichen Affekt, das heißt mit Lust, besetzen zu lassen. 
Das ist es aber, was "beim Witz geschieht, wenn die Strenge der 
psychischen Zensur durch die Einschmuggelung eines kindischen 
Wortspiels oder eines Gedankenfehlers für einen Moment locker 
läßt. Beim tendenziösen Witz spielen die Mittel der Witztechnik 
nur die Rolle der Lockspeise, der Vorlust, die die größere 
Befriedigung, die vorübergehende Suspendierung der mo- 
ralischen Hemmung, sekundär nach sich zieht. So kann oft ein 
sexueller oder aggressiver Witz, wenn er auch nodi so „schwach" 
ist, eine ganze Gesellschaft in gute Laune versetzen. 

Je niedriger das Kutturniveau einer Gesellschaft ist, desto 
roher, ungeschminkter muß die sexuelle Anspielung sein, um eine 
Lustwirkung zu erzielen. Doch selbst in der besten Gesellschaft 
kolportiert man mit Vorliebe Witze, die sich von den brutalen Spässen 
des Volkes im Wesen nicht unterscheide n, nur daß sie das Obszöne 
hinter eine feine Anspielung verslecken, die Zensur mit ihrer 
intellektuellen und moralischen Fassade betören. 

Nach der Feststellung dieser unerwartet neuen, und unerwartet 
einfachen Erklärung der Witzwirkung, analysierte Freud den Witz 
als soziale Erscheinung und auch diese äußerst scharfsinnig. Der 
Witzbold von Beruf, das kann jeder Nervenarzt bestätigen, ist meist 
ein nervöser Mensch mit unausgeglichenem Charakter, der in den 
Witzen eigentlich die eigenen nicht genügend zensurierten intellek- 
tuellen und moralischen Unvollkom menheiten, die eigenen Infan- 
tilismen zum Besten gibt. Er lacht auch über die selbstgemachten 
Witze meist nicht, und freut sich nur über die Heiterkeit, die er 
bei seinen Hörern erweckt. Desto besser unterhält sich dabei der 
Zuhörer, der den Witz sozusagen geschenkt bekommt. 

7 



98 Die Psychoanalyse des Witzes und des Komisdien 

Für jene primitive Form der sexuell ag'gressiven Spässe, die 
bei den unteren Volksklassen zu Hause ist, genügen nicht mehr zwei 
Personen; sie braucht deren wenig-stens drei: ein Weib als Gegen- 
stand der Aggression und zwei Männer, von denen der Eine der 
Angreifende ist, der Andere die Rolle des Zuschauers spielt. Da 
es sich um sexuelle Aggi-ession handelt, würde man meinen, daß 
die dritte Person als Zuschauer störend wirkt. In Wirklichkeit ist 
aber dieser Letztere ein gern gesehener Helfershelfer, den der 
Angreifende dadurch entwaffnet und besticht, daß er einem sexuellen 
Zwiegespräch, dem Ersatz einer sexuellen Handlung, zuhören, die 
Scham reaktion des Weibes mitansehen kann. 

In besseren Kreisen nimmt die Frau an solcher Unterhaltung 
persönlich nicht mehr Teil, aber die Männer unter sich erhalten die 
alte Tradition. Teilt sich eine Gesellschaft nach Geschlechtern, so findet 
sich unter den Männern bald jemand, der den neuesten sexuellen Witz 
lanziert und damit den Auftakt zu einer endlosen Reihe zweideu- 
tiger Witze gibt. Die Leute, die gerne solche Witze von sadistischer 
oder sexueller Tendenz anhören oder erfinden, sind recht oft in 
ihrem sonstigen Leben sittenstrenge Menschen, die es nicht ahnen, 
wieviel sie durch ihr Benehmen dem Sachverständigen von ihrer 
tiefinnersten, ihnen selbst unbewußten Natur verraten. 

Nicht nur in solch engem Kreise, auch in größeren Gemein- 
schaften kommt dem Witz eine gewisse Bedeutung zu. Jeder Redner, 
jeder Demagoge würzt seinen Vortrag gern mit Witzen, er will 
damit nicht nur ästhetisches Vergnügen bereiten, sondern scheint 
auch zu ahnen, daß das Publikum auch ein schwaches Argument 
leichter akzeptiert, wenn es durch einen guten Witz bestodien wird. 
Anderseits gibt es keine, noch so ehrfurchtgebietende Persönlich- 
keit, keine noch so anerkennenswerte wissenschaftliche, politische 
oder künstlerische Bestrebung, die man mit einem gelungenen 
^itz niclit herabsetzen könnte. Für die Menge geht das Vergnügen 
über alles, sie verlangt heute so wie vor zweitausend Jahren nun 
Panem et circensest 

Am wirkungsvollsten sind jene tendenziösen Witze, die die 
in uns allen tätige moralische Hemmungsarbeit für einen Moment 
ausschalten. Oft entfesseln aber Anspielungen starken Lacheffekt, 
in denen ein äußeres Hindernis, etwa die Rücksicht auf einen 






Die Psychoanalyse des Wtties «nd des Komisdien 99 

Anwesenden, es notig macht, die Aggression in Witzfonn zu 
kleiden. Ich zitiere nach Freud folgenden „Serenissimuswitz": 
„Serenissimus macht eine Reise durch seine Staaten und bemerkt 
in der Menge einen Mann, der seiner eigenen hohen Person auf- 
fallend ähnlich sieht. Er winkt ihn heran, um ihn zu fragen: „Hat 
seine Mutter wohl einmal in der Residenz gedient?" — ■ 
„Nein Durchlaucht", lautet die Antwort „aber mein Vater", 

Diese unschuldig scheinende Antwort ist die grausamste Replik 
auf die Verdächtigung, mit der Serenissimus die Ehre der Mutter 
des Soldaten beleidigte ; aber der Witz rettet auch, und zwar gerade 
durch den harmlosen Anschein, den Soldaten vor den Konsequenzen 
der Majestätsbeleidigutig. Die Zuhörer amüsieren sich dabei jeden- 
falls köstlich, denn es freut jeden, „Unterban", zu hören, wie einer 
Autorität gründlich heimgezahlt wird, ohne daß dafür jemand be- 
straft werden könnte. 

Außer dem Gedankeninhalt, den technischen Kunstgriffen und 
der Tendenz erhöht auch die Aktualität den Witzeffekt, Zum 

»Beispiel ein Witz über ein Mädchen, das mit Dreyfus verglichen 
wird, „denn die Armee glaubt nicht an ihre Unschuld", war zur 
Zeit des Dreyfosprozesses sicherlich viel effektvoller als heute, wo 
„l'Affaire" die Öffentlichkeit nicht mehr so lebhaft beschäftigt. Die 
Lustwirkung der Aktualität ist nach Freud gerade so mit der 
Freude an der Wiederholung zu erklären wie bei der schon 
erwähnten Art der Wort- und Gedankenwitze. 

Wenn ich mich im Folgenden verhältnismäßig viel kürzer mit 
einer anderen Art der belustigenden seelischen Erlebnisse beschäf- 
tige, mit der Psychologie des Komischen, so folge ich treu 
dem Werke Freuds, das sich mit diesem Abschnitt der psydio- 
logischen Ästhetik viel weniger eingehend befaßt und eigentlich 

*nur die Unterschiede zwischen Witz und Komik ausführlich behan- 
delt. Während der tendenziöse Witz drei Personen erfordert, den 
Spaßmacher, den Ausgelachten und den Zuhörer, begnügt sich die 
Komik mit Zweien, mit einem der komisch ist, und einem Zweiten 

»der das Komische an ihm bemerkt und sich darüber lustig macht. 
Der Witz wird „gemacht"; nach irgend einem Eindrudc ent- 
steht für einen Augenblick eine „Gedankenleere" in unserem Be- 
wußtsein, wobei die Ideenassoziation ins Unbewußte taucht, um 

7* 



100 Die Psydioanalyse des Witzes und des Komischen 

nach gründlicher Bearbeitung, Verdichtung, Verschiebung", mit Ge- 
dankenfehlern und oberflächlichen Assoziationen „bereichert", als 
fertiger Witz zum Vorschein zu kommen. Die psychologische Werk- 
statt des Witzes liegt also in der Schichte der unbewußten Seelen- 
firnktionen. Dieser Versenkung bedarf es zur Herbeiführung des 
komischen Effektes nicht; der Schauplatz seiner Entstehung ist in 
das „vorbewußte" System zu verlegen, das für das Bewußtsein 
nicht unzugänglich, wenn es auch nidit gerade im Brennpunkt der 
Aufmerksamkeil steht. 

Ein charakteristiscJies Beispiel des Komischen ist die Naivität, 
die wir bei Kindern, bei beschränkten oder unerfahrenen Personen 
belächeln. Naiv ist zum Beispiel die Frage des kleinen Moritz an 
seine Mutter: „Sag Mama, ist der Papa so arm, daS er kein Bettzeug 
mehr hat?" — „Warum," fragt die Mutter? — „Ja, weil die Nach- 
barin gesagt hat, er stecke mit dem Fräulein unter einer Dedce." 
Wenn man bestimmt weiß, daß das Kind nicht ein verstelltes Wissen 
absichtlich in witzige Form gekleidet hat, so lacht man eigentlich 
über die Dummheit, die Unwissenheit des Kindes, richtiger man 
vergleicht sein eigenes Wissen mit der Unwissenheit des Kindes, 
mit dem man sich für einen Moment im Gedanken identifizierte. 
Indem man das tut, wird die intellektuelle Spannungsdifferenz 
zwischen der normalen und der infantilen intellektuellen Einstellung 
im Lachen abgeführt. — In einer alten ungarischen Posse kommt ein 
Dorfnotär vor, der zum ersten Mal im Leben im Theater ist, wo 
gerade Othello gespielt wird. In seiner Naivität hält er die auf 
der Bühne aufgeführte Szene für wirklich und stürmt auf die Bühne 
um Desdemona aus den mörderischen Händen Othellos zu be- 
freien. Das iheatergewohnte Publikum kann dabei herzlich lachen, 
indem es sein Wissen mit der Unwissenheit des Provinzlers ver- 
gleicht und den großen Unterschied im Affekt abreagiert. Auf ähn- 
liche Vergleichung ist die Komik, die in der Ungeschicklichkeit, in 
der Dummheit, in der abnormen Größe oder Kleinheit von Menschen 
oder Körperteilen, in der automatischen Bewegung, wie auch im auto- 
matischen Denken, in der Zerstreutheit u. s. w. liegt, zurückzuführen. 
In diesen Fällen vergleicht man mittels „Einfühlung" seine eigenen 
Eigenschaften mit denen der komischen Person, und es ergibt sich 
bei dieser Vergleichung eine psychische Aufwandsdifferenz, für die 



Die Psychoanalyse des Witzes und des Komischen 101 

momentan keine andere Verwendung- da ist, die a!so abfuhrfähig' 
ist und zur Lustquelle wird. Auch bei der Situationskomik 
stellt man eine ähnliche Vergleichun^ an, doch nidit zwischen sidi 
and einem Anderen, sondern zwisclien zweierlei Einstellungen einer 
dritten Person. Komisch ist es z. B., wenn jemand, während er eine 
preziöse oder hochtrabende Rede hält, plötzlich von einem dringen- 
den körperlichen Bedürfnis befallen wird. Komisch ist es auch, 
wenn sich jemand in seiner Erwartung- täuscht. „Wie gut" — 
denkt sich dabei unser Vorbewußtes, „daß wir nicht so dumm, so 
unüberiegi, so kindisch sind, wie der, der ohne genügende Be- 
weise bestimmt annahm, daß seine Hoffnungen in Erfüllung gehen 
werden", h der Entlarvungskomik spielen bereits ag-gressive 
Tendenzen mit eine starke Rolle. 

Irgendwo zwischen Witz und ungewollter Komik bewegt sich 
die Ironie, eigendich die billigste Art, in der man jemandem ein 
Lächeln abzwingen kann. Man brauclit dazu nichts weiter, als daß 
man immer das Gegenteil von dem sagt, was man sich denkt 
und was man mit seiner Mimik, seinen Bewegungen, mit dem 
Tonfall der Rede recht verständlich zum Ausdruck bringen will. 
Der ironische Mensch wird nie sagen „Du siehst schledit aus" — 
sondern immer so, — „Gut siehst Du ausi" Er sagt nicht „Ich 
- denke nicht, daß Du die Prüfung bestehst", sondern „Schön wirst 
Du Deine Prüfung bestehen, wenn Du nicht lernst", u. s, w. 

Ein viel edleres Mittel, die Menschen zum Lachen zu bringen, 
ist der Humor. Um dieses zu erklären, ging Freud von der Tat- 
sache aus, daß wir über einen Witz, über etwas Komisches, nicht 
immer lachen können. Sind wir von Sorgen geplagt oder traurig, 
ist uns der Gegenstand des Spasses zu sehr ans Herz g-ewachsen, 
so können wir über den besten Witz, die allerkomischeste Situation 
gar nicht oder nur bitter- lachen. Nicht so der Matm von Humor. 
Er erhebt sich über seine eigenen Kümmernisse, sein Arger oder 
seine Rührung, erspart so Affektaufwand und verwendet diese 
Energie zum Lachen, während sich der gewöhnliche Mensch seiner 
traurigen Gemütsbewegung überläßt. 

Die höchste Leistung des Humors ist wohl der sogenannte 
„Galgenhumor"; wer -dazu fähig ist, den wird selbst die Nähe des 
sicheren Todes nicht so herumkriegen, daß er über seine Situation 



102 Die Psychoanalyse des V/ities unrf des Komischen 

nicht lachen oder lächeln könnte. Indem wir uns aber „über die 
Dinge erheben"j alles was uns im Weg- steht, geringschätzen, ver- 
fallen wir in dieselbe „Großmannssucht" und größenwahnartige 
Prahlerei, mit der wir uns als Kinder unsere Winzigkeit und Macht- 
losigkeit erträgKcber erachten. 

Auf Infantilismus führt also Freud schheßlich sowohl den 
Witz, als auch die Komik und den Humor zurück. 

Der Witzbold spielt mit den Worten und will Dummheit und 
Ungezogenheit annehmbar machen; der Komisdie benimmt sich 
geradezu wie ein ungeschicktes, unwissendes Kind, und auch der 
Humorist nimmt sich die Größenphantasien der Kinder zum Beispiel. 

Wissenschaftlicher ausgedrückt, ist die Lustquelle des Witzes 
ersparter Hemmungsaufwand, die der Komik ersparter Vor- 
stellungsaufwand und die des Humors, ersparter Gefühls- 
aufwand. Alle drei haben aber den einen Zweck, uns für einen 
Augenblick in die naive Kindheit, in dieses „verlorene Paradies" 
zurückzuversetzen. 

Mein heutiger Vortrag aber wollte nur Vorlust erwecken, die 
eigentliche Lust können Sie sich aus der Lektüre des Freudschen 
Buches holen. 



Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte* 

Jeder Fortschritt der Psychologie bringt Entwicklungen aller 
Zweige der Geisteswissenschaften mit sich, Macht unser Wissen über 
die menschliche Seele auch nur einen Schritt vorwärts, so müssen 
wir alle Disziplinen, deren Gegenstand zum Seelenleben in Beziehung 
steht, einer Revision unterziehen. Wovon könnte man dies aber 
mit mehr Bei*echtigung behaupten, als von der Rechtslehre und der 
Soziologie? Die Soziologie will uns über die Gesetzmäßigkeiten 
belehren, die die Lebensverhältnisse der zu größeren Gruppen ver- 
einigten Menschen beherrschen, und das Redit gießt die Prmzipien, 
an die sich der Mensch anpassen muß, will er Mitglied der Ge- 
sellschaft bleiben, in die Form genauer Regeln. Diese An- 
passung ist in erster Linie ein psychischer Vorgang; von einem 
höheren, allgemeineren Standpunkt gesehen ist also die Rechts- 
wie auch die Gesellschaftslehre eigentlich nur angewandte Seelen- 
kunde und muß als solche jede neuentdeckte Tatsache, jede neue 
Richtung der Psychologie mit Aufmerksamkeit verfolgen. Ich mödite 
Sie heute mit bedeutenden Fortschritten der Seelenlehre in den 
letzten Jahrzehnten bekanntmachen. Diese Fortschritte knüpfen sich 
an den Namen des Wiener Nervenarztes und Universitätsprofessors 
Dr. Sigmund Freud, der seine neue Methode der Seelenforschung 
und das mit ihrer Hilfe entdeckte Wissensgebiet unter dem Namen 
Psychoanalyse zusammenfaßte. 

Fragt man midi, was das größte wissenschaftliche Verdienst 
der Psychoanalyse war und womit sie frische Bewegimg in die toten 

* Gehalten im Oktober 1913 im „Reichsverein der Richter and Staatsanwälte" 
in Budapest. 



104 Ein Vortragf für Richter und Staatsanwälte 

Gewässer der Psychologie bringen konnte, so antworte ich; es war 
die Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten und der Mechanismen im 
unbewußten Seelenleben. 

Was die die Bedeutung des bewußten Seelenlebens so sehr 
überschätzenden Philosophen bisher einfach für unmöglich hielten, 
was einzelne zwar dunkel ahnten, aber für die genaue Erkenntnis eo 
ipso unzugänglich glaubten, — das Seelenleben unter der Bewußt- 
seinsschwelle: das gerade machten uns die Forschungen Freuds 
zugänglich. Ich kann hier die Entwicklung dieser jungen, aber an 
Erfahrungen und Erfolgen schon so reichen Wissenscliaft nicht aus- 
führlich darstellen, ich erwähne nur kurz, daß Freud durch das 
Studium der seelischen Krankheiten in die Lage kam, die tieferen 
Schichten der menschliclien Psyche aufzudecken. Gleichwie Er- 
fahrungen bei kÖrperlidien Erkrankungen Klarheit brachten über 
gewisse bisher ganz unbekannte Schutz- und Anpassungseinrich- 
tungen des Organismus, so erwiesen sich Neurosen und Psychosen 
als Karikaturen der normalen psychischen Funktion, und ließen 
uns auffallender, schärfer die Vorgänge erscliauen, die sich unbe- 
merkt auch im gesunden Menschen abspielen. Ein satirisclier Eng- 
länder sagte einmal: „Willst Du die Menschen kennen lernen, £o 
gehe ins Bedlam" (ins Irrenhaus). Unseie Irrenärzte aber haben 
sich diese einzigartige Gelegenheit, die Menschenkenntnis zu ver- 
mehren, bisher entgehen lassen, sie gingen ganz in humanitären 
Bestrebungen auf und leisteten wissenschaftlich wenig mehr als 
unverbindliche Gruppierungen der Symptome auf Grund der ver- 
schiedensten Prinzipien. Insbesondere haben sie die psychologischen 
Gesichtspunkte beim Studium der Geisteskrankheiten ganz vernach- 
lässigt. Das Seziermesser, das Mikroskop und das EÄperiment er- 
wiesen sich aber vollkommen unfähig, uns dem Verständnis dieser 
Krankheiten näherzubringen. Erst Breuer und Freud entdeckten 
hinter den bizarren, unverständlichen Äußerungen der Hysterie 
jene großartige Schutzvorrichtung, den Verdrängungsmechanis- 
mus, der die Seele in den Stand setzt, sich quälenden Vorstellungen, 
der Einsicht in die schmerzliche Realität, zu entziehen, indem 
er solche Bewußtseinsinhalte in eine tiefere Seelen seh iclite, ins 
Unbewußte, versenkt, aus der er sie nur in verzerrter, audi für 
den Kranken selbst unverständlicher, daher erträglicherer Form: In 



Ein Vortrag' für Riditer und Staats anwäite 



der Form psychischer Sjrniptome, wieder auftauchen läßt. Nach 
diesem verdrängten Vorstellung'smaterial forschte Freud anfänglldi, 
indem er hypnotisierten Kranken all die unlustvollen Komplexe 
in Erinnes-ung- brachte, vor denen jener sich in die Krankheit 
geflüchtet hatte. Später verzichtete er auf die Hypnose, und bediertie 
sich nur melu' der sogenannten tifreien Ideenassoziation" ; er Heß sicli 
von den Kranken ohne Wahl alles erzählen, was iimen einfiel, ohne 
Rücksicht auf den logischen, ethischen und ästhetischen Wert der 
Einfällej so kamen, meist nach Überwindung großer Widerstände, die 
bisher verdrängten Vorstellungen oder deren deutliche oder deut- 
bare Anzeichen zum Vorschein. Die Analyse der Träume, die wissen- 
schaftlidie Traumdeutung, verschaffte uns dann den ersten Einblick 
in die unbewußte Seelenwelt auch des Gesunden. Dann kamen die 
kleinen Fehlbandlungen des täglichen Lebens an die Reihe, die 
psychologische Analyse des Vergessens, des Versprechens, Ver- 
schreibens, der kleineren und größeren Ungeschicklichkeiten, von 
denen nun erwiesen wurde, wie ungerecht es war, die Verant- 
wortung für sie immer nur auf den Zufall zu schieben, und um 
wie viel häufiger sie durch den Willen unseres Unbewußten deter- 
miniert waren. Mit der Psychoanalyse des Witzes und des Komisdien 
machte dann Freud den ersten Schritt zum tieferen Verständnis 
ästhetischer Wirkungen. Das überraschende, merkwürdig überein- 
stimmende Ergebnis all dieser Forschungen war die Feststellung, 
daß in dem Unbewußten auch des erwachsenen und in jeder Hin- 
sicht normalen Menschen verdrängt, sämtliche primitiven oiensch- 
lidhen, richtiger animalischen Triebe latent fortleben, auf derselben 
Stufe, auf der sie noch in der Kindheit bei der Anpassung an 
die Kultur zum Schweigen verurteilt wurden. Wir erfahren auch, 
daß diese Triebe nicht inaktiv sind, sie sutien immer noch nach 
der Gelegenheit, die Schranken von Vernunft und Moral zu durcli- 
brechen und zur Geltung zu kommen. Auch wo solche Schranken 
mächtig genug sind, äußern sich diese Triebe wenigstens in 
kindisch absurder oder böswilliger Verkleidung als Witze, oder 
sie ärgern mit Fehlleistungen unser höheres, logisclies Bewußtsein, 
und wo dies alles nicht genügt, leben sie sich in den Symptomen 
seelischer Krankheiten aus. Es hat sich dann herausgestellt, daß 
sämtKche Neurosen und Psychosen aus dem Konflikt der sexuellen 



106 Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte 

Triebe mit den Lebe nsinter essen des Individuums entsteKen, das- 
selbe gilt von den Cliaraktereigenheiten der Gesunden. 

Wer das Seelenleben in seinem wirklichen Wesen erkennen 
will, muß auch die romantischen Vorstellungen von der „unschul- 
digen" Seele des Kindes fallen lassen. Die Seele des Kindes wird 
einerseits charakterisiert durch die Tendenz nach schranken- und 
rücksichtslosem Sichgeltendmadhen und durch erotische Tendenzen, 
die man gewöhnlich mit dem Euphemismus „schlimme Gewohn- 
heiten" abtut. Man findet bei ihnen Gewalttätigkeit und Grausam- 
keit, die mit Selbsterniedrigung abwechseln kann, spielerische Be- 
schäftigung mit den entleerten Exkrementen, die sie auch gerne 
beriechen oder kosten, Vergnügen an der Schaustellung der eigenen 
Nacktheit und am Anschauen der Blößen anderer. Zu diesen „Ge- 
v/ohnheiten" gesellt sich sclion in frühester Kindheit, oft schon im 
Säuglingsalter die mechanische Reizung der Genitalien. Das Seelen- 
leben des Kindes ist also in Bezug auf seine Ichiriebe egoistisch 
und anarchistisch, in libidinöser Hinsicht aber pervers zu nennen. 
Wir haben kein Recht, uns hierüber zu beklagen, eher verdienten 
wir selber die Rüge, die wir unser ganzes Wissen von der anima- 
lischen Natur des Menschen, von der Wiederholung des ganzen 
Entwicklungsweges in Jedem Individuum vergaßen und das Kind 
zu einem Wesen idealisieren wollen, das sidi vom Anfang an freudig 
und spontan den höheren, sozialen Zwecken unterordnet. In Wirk- 
lichkeit ist es Sache der Einziehung, die asozialen Instinkte zu bän- 
digen, zu besänftigen, die Kinder zu „domestizieren". Dazu nun 
stehen uns zweierlei Hilfsmittel zur Verfügung : die Verdrängung und 
die Sublimierung, Die erstere ist bestrebt, die primitiven Instinkte 
mittels Strenge und Abschreckungsmitteln vollständig zu lähmen, ihr 
Durchdringen zum bewußten Denken und Wollen zu verhindern. 
Die Sublimierung dagegen will die in diesen Trieben tätigen wert- 
vollen Energiequellen ausnützen, indem sie sie in den Dienst 
sozial möglicher Zwecke beugt. Beispiele der Sublimierung in der 
heutigen Erziehung sind die gewißen „Reaktionsbildungen", die Um- 
wandlung von Triebregungen in ihr genaues Gegenteil z. B. sexueller 
Tendenzen in Ekel und Scham, dann die Überleitung primitiver 
Instinkte in künstlerische Betätigung, der Idndliclien Neugierde und 
des Bemächtigungstriebes auf wissenschaftliches Forsclien. Reaktions- 



^ Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte 107 

bilduBgen und Umwamdlungsprodukte primitiver Triebrichtungen 
können so zu einer sozial nützlichen Rolle gelangen. Von den zwei 
Arten der kulturellen Anpassung ist die Verdrängung zweifel- 
los die nachteiligere, da sie ja die Disposition zu Erkrankungen 
erhöht, dabei audi unökonomisch ist, indem sie wertvolle seelische 
Energien lahmlegt; in der Erziehung ist sie also, möglichst zu ver- 
meiden j sie ganz ausschließen geht allerdings nicht an. Eine durch 
Psychoanalyse belehrte Pädagogik wird sich v\fomöglich der Methode 
der Sublimierung bedienen, jede überflüssige Strenge und Gewalt 
meiden, mit der Erteilung und Entziehung von Liebesprämien, beim 
Heranwachsenden mit Prämien moralischer Natur auszukommen 
trachten, und die Triebe in individuell variabler Weise sozial ver- 
werten. Wir müssen nämlich wissen, daß sogar die humane Tätig- 
keit gar manchen ausgezeichneten Operateurs auf der tn günstige 
Bahnen gelenkten Anlage zur Grausamkeit beruht, die sich in der 
Kindheit etwa in Tierquälerei äußerte, und gar viele suchen im 
selbstaufopfernden Altruismus nur die Entschädigung für einen nicht 
zu befriedigenden Teil ihres persönlichen Glückes. Die Entwicklung 
der Triebbefriedigungsarten ist heutzutage natürlich nur selten so 
günstig wie in den vorgebrachten Fällen. Viel häufiger wird der 
grausame und leidenschaftliche Mensch ein unglückliches, arbeits- 
unfähiges Mitglied der Gesellschaft Der Pädagoge der Zukunft wird 
aber diese Entwicklung nicht dem Zufall überlassen, sondern auf 
Grund der Kenntnis der Triebe und ihrer Umwandlungsmöghch- 
keiten mit kluger Diplomatie selbst die für die Entwicklung gün- 
stigen Situationen schaffen und dadurch die Charakterbildung in 
zwedimäßige Bahnen lenken. 

Eine so bedeutende Vertiefung unserer Kenntnisse der indivi- 
duellen Seele konnte die Aulfassung über die Äußerungen der 
Massenseele nicht unberührt lassen. Freud und seine Schüler 
nahmen auch recht bald die Produkte der Volksseele, vor allem 
die Mythen und Märchen zum Gegenstand ihrer Forschung und 
klärten uns darüber auf, daß in diesen gerade so allegorische oder 
symbolische Äußerungen verdrängter Triebe der Menschheit nach- 
weisbar sind wie in den Symptomen der Hysterlsdien und in den 
Träumen der Gesunden. Der Ödipus- Mythos z, B,, dessen Inhalt 
der inzestuöse Verkehr mit der Mutter und der Vatermord ausmaclit 



108 Ein Vor Irag für R i chter und Staatsanwälte 

und dessen Pendant im mythisclien Vorstellungskreise eines jeden 
Volkes auftaucht, wurde uns erst verständlich, seitdem wir von der 
Psychoanalyse gelernt hatten, daS diese Tendenzen auch in den jetzt 
lebenden Menschen, wenn auch unbewußt, als atavistische Reste 
eines Urzustandes der Menschheit weiter leben. Das Studium der 
Seele der heute lebenden „Wilden" ermöglichte der Psychoanalyse, 
das Anfangsstadium der Anpassung an die Kultur zu rekonstruieren 
_und den Parallelismus zwischen dieser Phase der Menschheitsent- 
Ivickiung: und der Entwicklung der kindlichen Einzelseele bis ins 
Detail nachzuweisen. Die primitivste Religion ist der Totemkult, 
in dem die abergläubische Anbetung eines als Ahne verehrten 
Tieres mit dessen feierlicher Aufopferung und Zerstückelung ab- 
v/ediselt. Dieser merkwürdige Kult wurde erkläi-lich, seitdem die 
Psychoanalyse in dem Verhältnis der Kinder zu den Eltern viele 
feine Züge dieser „Totemreligion" nachwies, z. B. in der „scheuen 
Achtung", in der ambivalente Gefühlsregungen der Liebe und der 
Empörung sich mengen. Forscher der vergleichenden Religions- 
wissenschaft sahen schon vor Freud im Totemkult den Prototyp 
aller Religionen. Freud ergänzte dies, indem er das Schuld- 
bewußtsein und das Verlangen nach Sühne, diese wesentlichste 
Ingredienz jeder Religion, für atavistische Reste einer ersdiüttern- 
den Tragödie erklärte, die sicli einst in der Urgeschichte der 
Menschheit abspielte. Es war dies eine Revolution, in der die zu- 
sammengerottete „Brüder-Horde" den Vater, der als Kräftigster 
alles materielle und sexuelle Gut für sidi in Anspruch nahm, mit 
tierischer Brutalität in Stücke zerriß, um in den Besitz jener Güter 
aai gelängen. Den Brüdern blieb aber, wie wir hören, auch nach der 
Entfernung des Tyrannen die erhoffte Befriedigung versagt. Keiner 
der Brüder konnte die väterliche Macht und den Hauptbesilz: die 
Mutter für sich allein in Anspruch nehmen, so daß sidi das ganze 
Blutvergießen als zwecklos erwies. Da bemächtigte sich denn der 
Mörder tiefe Reue über die blutige Tat: sie sehnten sich nach der 
über alle gleichmäßig richtenden väterlidien Autorität zurück, er- 
richteten ein Patriarchat auf noch strengerer Grundlage und ent- 
wickelten den Begriff eines riesenhaften Vaters und überirdischen 
Patriarchen, den Gottesbegriff. Die Zeremonie der „Opfer" 
bringt aber auch in den heutigen Religionen noch die alten vater- 



Ein VoL'Li-ag für Riditer und Stantaan walte 109 

mörderischen und anthropophagen Tendenzen zum verhüllten sym- 
boliscJien Ausdruck. 

Wie der Totemismus die erste Religion war, so waren die 
„Tabus" die ersten, noch ungeschriebenen Gesetze, die übrigens 
in Zentraiaustralien noch heute die Grundlage der Rechtssprediung 
sind. Das „Tabu" verbietet, gewisse Dinge zu berühren; die Person 
des Königs, die blutsverwandten Frauen, die Kinder und Toten, 
das fremde Eigentum, Jeder Verletzung des „Tabu" folgt nach dem 
Glauben dieser Völker von selbst die Todesstrafe. Der ganze Stamm 
achtet eifersüchtig darauf, daß die „Tabu"- Verbote nicht Übertreten 
werden. Alle fürchten, sofort sterben zu müssen, wenn sie ihren 
Blidc auf den König zu richten wagen; tut das aber jemand und 
bleibt dennoch am Leben, so vÄrd er selbst ein gefährliches „Tabu". 
Viele versuchten schon die Erklärung dafür zu geben, wie diese 
primitivste Form des Rechtsgefühls entstehen konnte. Die allzu 
rationalistische Erklärung, daß es die Häuptlinge selbst waren, die 
dieses System zu eigenem Nutz und Frommen erfanden und fürs 
dumme Volk in abergläubische und mystische Form einkleideten, 
läßt das eigentliche psychologische Problem des Tabuismus un- 
erklärt: warum sich das Volk trotz seiner zahlenmäßigen Über- 
legenheit dem Zauber eines einzigen Menschen, dem des Häuptlings 
oder Königs, so willenlos ausliefert. Wenn wir aber Freud folgen 
und auch die Loyalität als einen Abkömmling der späten Reue 
nach jenem urgeschiditUchem Vatermord (der eigentlichen Erbsünde 
der Menschheit) auffassen, so haben wir mehr Aussicht, die Urquelle 
der „Achtung vor dem Gesetze", des Rechtsgefühls, zu entdecken. 
Es gibt eine sonderbare Neurose, Zwangsneurose genannt, 
die durdi eine ganze Reihe abergläubisdier Selbstbeschränkungen 
charakterisiert ist, deren Verletzung den Zwang nach sich zieht, 
allerlei Opfer zu bringen. Die Zwangsneurotiker fürchten immer, 
iemandera ein Leid angetan zu haben; damit das nidit eintrifft, 
hüten sie sich ängstlich vor der Berührung jedes Gegenstandes, 
der, wenn auch noch so mittelbar mit der Person oder Sache in 
Berührung kommen konnte, auf die sich die eigentliche krankhafte 
Berükningsangst bezieht Mußte er gegen seinen Willen einen 
solchen Gegenstand berühren, so bringt ihm nur stundenlanges 
Händewaschen, vielletdit nur ein empfindliches Geldopfer, ein sich 



110 Ein Vortrag- für Riditer und Staatsanwälte 

selbst zugefügter Schmerz die Seelenruhe wieder. Die Psychoanalyse 
solcher Zwangsneurotiker konnte dann nachweisen, daß diese 
Kranken in ihrem Unbewußten gerade gegen die von ihnen so 
sehr geschonten Personen Gefühle des Hasses und der Grausam- 
keit nähren und jede Gelegenheit ängstlich meiden, die die von 
ihnen bewußt verabscheute Grausamkeit entfachen könnte. Das 
Benehmen des Wilden und die Analyse des Neurotikers lehrt uns 
aber auch die Entrüstung verstehen, die sich des Kulturmenschen 
bemächtigt, wenn er Zeuge einer Rechtsverletzung ist. Wir müssen 
allmählich einsehen, daß die Strafe des Gesetzes nicht nur als eine 
z wedemäßige Einrichtung zum Schutze der Gesellschaft anzusehen 
ist, nicht bloß die Besserung des Sünders oder die Absclireckung 
von Strafhandlungen bezweckt, sondern zum Teil immer auch unseren 
Rachedurst befriedigt. Dieses Rachegefühl selbst aber läßt sich 
nicht anders erklären als dadurch, daß wir uns unbewußt dagegen 
empören, daß der Verbrecher etwas zu tun wagte, wozu wir alle 
unbewußterweise die stärkste Neigung hätten. Den Verbrecher ver- 
achten und meiden wir hauptsächlich darum, weil unser Unbewußtes 
sich aus guten Gründen vor der anstedkenden Wirkung des sdilechten 
Beispieles fürchtet. Selbstverständlich kann diese Erklärung des 
Schuldbewußtseins und der willigen Unterwerfung unter die Straf- 
sanktionen nicht ohne Einfluß auf die Kriminologie und auf die 
Art der Ahndung der Verbrechen bleiben. 

Dies führt uns wie von selbst zur Idee, daß eine Zeit kommen 
muß, in der man die psychoanalytische Untersuchung und Heilung 
der Verbrechen an Stelle der heute üblichen automatischen Strafmaß- 
nahmen wird stellen müssen. Von einer Freiheitsstrafe kann man nur 
in seltenen Fällen dauernde Besserung erwarten, gleichwie die sug- 
gestive Beeinflussung eines neurotischen Symptoms nur eine vor- 
übergehende sein kann. Erst jene tiefe Durchforschung der ganzen 
Individualität, jene vollständige Selbstkenntnis, die die Psydioanalyse 
ermöglicht, kann die von Kindheit an einwirkenden Milieueinflüsse 
paralysieren und die bisher unbevifußten und unbeherrschten ange- 
borenen Triebe unter die Vormundschaft der bewußten Vernunft 
bringen. Doch selbst wenn sich die Hoffnung, die Verbrecher zu heilen, 
als trügerisch erwiese, wäre es unsere Pflicht, diese analytischen 
Forschungen durchzuführen, schon damit wir Einblick in die see- 



Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte 111 

lischen Determinanten der Verbrechen gfewinnen. Die bisherigen 
analytischen Erfahrungen berechtigen übrigens auch zur Annahme, daß 
z. B. der durch „Unachtsamkeit", „Sorglosigkeit" verursachte Schaden 
in vielen Fällen auf ein unbewußtes „Wollen" zurückgeführt werden 
muß, daß sidi in der Neigung zum Diebstahl und Mord oft nur 
libjdinöse Triebe in entstellter Form äußern usw. 

„Principiis obsta, seiro medicina paratur." Dieses Prinzip gilt 
nicht nur in der Heilkunde. Arzt und Riditer beschäftigen sich 
mit der Sysiphusarbeit des Heilens und Flickens des schon ge- 
schehenen und immer wiederkehrenden Übels; von einem eigent- 
lichen Fortschritt könnten wir erst reden, wenn es für diese Übel 
eine soziale Prophylaxe gäbe. 

Wenn wir die Gesellschaft, einer geläufigen Analogie folgend, 
mit einem Organismus vergleichen, so können wir auch die Stre- 
bungen, dieses Groß Organismus ganz gut in zwei Gruppen teilen, in 
die der libidinösen und in die der egoistischen Triebe. Die For- 
derung des Pöbels nach Brot und Belustigung erschöpft aucli heute 
wie in alten Zeiten jeden Anspruch der Masse; höchstens in der 
Qualität änderte oder komplizierte sich die Idee des gewünschten 
„Brotes" und der „Lust", Soll eine Gemeinschaft Bestand haben, 
so müssea sich die Egoismen und die libidinösen Tendenzen der 
Einzel Individuen gegenseitig anpassen, d. h. der einzelne muß auf die 
ganz freie Befriedigung seiner Triebe verzichten. Er tut es in der 
Hoffnung, daß die Gesellschaft ihn für dieses Opfer wenigstens 
zum Teil entsdiädigen wird. Den Fortschritt in der gesellschaft- 
lichen Entwicklung könnte man in der Sprache der Psychoanalyse 
als allmählidien Sieg des Realitätsprinzips über das Lustprinzip 
beschreiben. Aus dem Individualismus und Anarchismus uralter 
Zeiten, der Tyrannis und Oligarchie der Antike und des Mittelalters 
entwickelte sich der konstitutionelle Staat und dessen sozialdemo- 
kratisches Ideal. 

Soziologen und Politiker neigen aber allzusehr dazu, zu ver- 
gessen, daß der Verzicht auf die Individualität, „der Staat", nicht 
Selbstzweck, sondern nur eines der Mittel zum Wohle des Indivi- 
duums sein darf, und daß es keinen Sinn hat, für die Gemeinschaft 
mehr persönliches Gluck zu opfern, als unbedingt notwendig ist. 
Die übertriebene Askese, die die auf Religion gegj-ündeten Staaten 



112 Eiii Vortrag- für Richter und Staatsanvvä'tte 

geradeso kennzeidinet wie den sozialdemokratischen, ist das massen- 
psydiologische Pendant jener Affektverdrängung, deren schädliche 
Folgen für die Gesundheit des Einzelmenschen die Psychoanalyse 
ei-wiesen hat. So kommt man zur Fragestellung, ob nicht auch die 
sozialen Krankheiten auf Triebverdräng-ung zuriickruführen sind? 
Die Analogien aus der Neurosenlehre sprechen für die Stichhaltig- 
keit dieser Annahme. Der religiöse Fanatismus ganzer Volker wurde 
bereits mit der Zwangsneurose im Zusammenhang gebracht. Die 
Paroxysmen der Revolutionen und der Kriege sind wie hysterische 
Entladungen aufgespeidierter primitiver Triebe; die oft wie Feuer 
sich verbreitende geistige Ansteckung durch die Ideen von falschen 
Propheten und Philosoplieia könnte man den Wahnsmn der Gesell- 
schaft heißen usw. 

Es muß aber zwischen dem Anarchismus und dem Kommu- 
nismus, zwischen dem schrankenlos individuellen Ausleben and der 
sozialen Askese irgendwo ein vernünftiges individual-soziali- 
s tisch es „juste milieu" geben, das nebst den Interessen der Ge- 
sellschaft auch für das individuelle Wohl sorgt, statt der Trieb- 
verdrängung die Triebsublimierung kultiviert und damit dem Fort- 
schritt einen vor Revolutionen und Reaktionen gesicherten ruhigen 
Weg bahnt. 

Ich muß immer wieder auf die Reform der Ei-ziehung zurüdc- 
kommen, wenn ich an die Keilung der sozialen Übel denke. Heute 
erzieht audh der wildeste Sozialistenführer sein Kind zu einem 
Sklaven oder Tyrannen, wenn er in seiner Familie, anstatt die sonst 
lautgeforderte Freiheit gelten zu lassen, als tjfrannischer Vater regiert 
und so seine Umgebung an die blinde Anbetung der Autorität 
gewöhnt. Der „pater familias" müßte vom gefährlich wackelnden 
Thron der vermeintlichen Unfehlbarkeit herabsteigen, seinen Kindern 
gegenüber auf die bisher genossene beinahe göttliche Allmacht 
verzichten; er dürfte vor ihnen auch seine Schwächen und mensch- 
iiclien Regungen nicht verbergen. Möglich, daß dadurch ein Teil 
der Autorität in Verlust geriete, aber nur der Teil, der früher oder 
später von selbst zusammenstürzt. Der erwachsene, erfahrene Vater 
behält audi nach Abzug der erlogenen Vorzüge genügend Ansehen, 
das ihm die Erziehung seiner Kinder ermöglicht. Von den „Vätern" 
der großen Gemeinschaften der Mensdiheit gilt dasselbe. 



Ein Vortrag für Rithter und Staatsanwälte HS 



fWenn dann an Stelle der von Autoritäten anbefohlenen Dogmen 
das durch die heutige Erziehung geknechtete selbständige Urteils- 
vermögen und die freimütige Einsicht in die natürlichen Triebe 
unseres Seeleninnera zur Herrschaft käme, um die Gesellschafts- 
ordnung braudite uns darum noch lange nicht bange zu sein. 
Allerdings käme so eine Neuordnung zu Stande, die nicht nur auf 
die Interessen einzelner Mächtiger Rücksicht nimmt 



Psychoanalyse und Kriminologie* 

Die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung" und deren 
Ortsgruppen bemühen sich schon seit 1908 darum, die neue For- 
schungs- und Untersuchungsmethode der Seelenkunde, die anfäng- 
lich niff ein ärztUdfies Heilverfahren war, für alle zugängKcii zu 
madien, die die Wissenschaft Freuds im weiten Kreis der Theorie 
und Praxis anwenden wollen. 

Niemand nahm noch die psychoanalytische Revision der 
Soziologie in Angriff; auf diesem Gebiete erschienen bis jetzt 
nur unbedeutende Versuche und einzelne allgemein gehaltene 
orientierende Aufsätze. Ich halte es für unaufschiebbar, daß diese 
Arbeit von dazu Berufenen Männern ehestens begonnen wird,** 

Man darf aber nidit warten, bis die Fundamente dieser neuen 
soziologischen Hilfswissenschaft gemächlich niedergelegt und Haus 
und Dach darüber aufgebaut sind. In erster Reihe sollten jene 
Arbeiten aufs Programm gesetzt werden, bei denen voraussichtlich 
praktische Ergebnisse von Belang zu erzielen sind. Soldi eine 
Aufgabe ist meiner Ansicht nach die Ausgestaltung einer psycho- 
analytischen Kriminologie. 

Die Kriminologie hat bis jetzt die Verbrechen theoretisch auf 
Versuchung und auf Einflüsse des Milieus zurückgeführt, in der 
Praxis aber empfiehlt sie zu ihrer Verhütung eugenetische, pädago- 



"" Aus „A pszichoanalizis haladasa." Budapest 1920, S. 126 ff. (Zuerst ab- 
gedruckt in „Az Uj Forradalom" I. Budapest 1919.) 

** Seither erschien allerdings Aurel Kolnais Arbeit über „Psydioanalyse 
und Soziologie" als Band 9 der Internationalen Psychoanalytisdien Bibliothek. 
(Wien 1920.) 



II 



I 



Psydioanalyse und Kriminologie ^ 115 

gische und wirtschaftliche Reformen. Dieses Programm ist im Grunde 
richtig- und erschöpft gnindsätzlidi alle Möglichkeiten, war aber in 
seiner Durchführung- oberflächlich und widersprach gerade dem von 
seinen Vertretern stets propagierten „Determinismus", indem es 
unter den seelischen Triebfedern der Verbrechen die allmächtigsten 
Determinanten, die Tendenzen des unbewußten Seelenlebens, ihre 
Entstehungsart und die prophylaktischen Maßnahmen gegen sie 
vollständig außer acht ließ. 

Die nur aus dem Bewußten gesdiöpften Geständnisse der 
Verbreclier und eine noch so eingehende Feststellung der Um- 
stände des VeEbrechens werden nie zureichend erklären, warum 
das Individuum in der gegebenen Lage gerade jene Tat begehen 
mußte. Die äußeren Umstände motivieren die Tat oft überhaupt 
nicht, und der Täter, wenn er aufrichtig sein wollte, müßte zumeist 
gestehen, daß er eigentlich selbst nicht genau weiß, was ihn dazu 
bewogen hat; meistens ist er aber nicht so aufrichtig, auch sich 
selbst gegenüber nicht, sondern sucht und findet nachträglich Er- 
klärungen für sein im Grunde vielfach unverständliches und seelisdi 
nur unvollkommen motivierbares Vorgehen, das heißt, er rationa- 
lisiert etwas, was irrationel! ist. 

Als Arzt hatte ich manchmal Gelegenheit, das Seelenleben 
auch solcher Nervenkranker psychoanalytisch zu durchforschen, die 
nebst anderen Krankheitserscheinungen, hysterischen oder Zwangs- 
symptomen, den Hang oder den Impuls zu verbrecherischen Hand- 
lungen zeigten. Bei manchen gelang es dann, die Neigung zur 
Gewalttätigkeit, zu Diebstahl, Betrug, Brandstiftungen usw. auf unbe- 
wußte seelische Triebfedern zurückzuführen und die Kraft dieser 
Tendenzen, gerade mit Hilfe ■ der psychoanalytischen Kur, abzu- 
schwächen oder aud» vollständig unwirksam zu machen. 

Auf Grund solcher kleiner Erfolge erstarkte in mir die An- 
sicht, daß man die Verbredtien nidit nur als Nebenprodukte der 
Neurosen, sondern auch für sich aUein zum Gegenstande eines 
eingehenden psychoanalytischen Studiums machen müßte. Man 
müßte also die Psychoanalyse in den Dienst der Kriminalpsycho- 
logie stellen und eine Kriminalpsychoanalyse sdiaffen. 

Die Ausführung dieses Programmes stößt — so d«ike ich — 
auf keine unübemindlichen Schwierigkeiten. 



I 



116 Psydioanalyse und Kriminologie 

In erster Reihe kommt es darauf an, ein reiches kriminaU 
psychoanaljftisches Material zu sammeln. 

Ich denke mir die Sache so, daß berufene Psychoanalytiker 
die Aufgabe übernähmen, rechtskräftig verurteilte, geständige Ver- 
brecher in den Zuchthäusern aufzusuchen und sie dort einer regel- 
rechten Analyse zu unterziehen. 

Ein solcher Verurteilter hat gar keinen Grund mehr, etwas 
von den Gedanken und Assoziationen, mit deren Hilfe die un- 
bewußten Motive seiner Handlungen und Tendenzen ans Tages- 
licht gefördert werden können, zu verheimlichen. Hat er die Kur 
einmal begonnen, so wird es ihm die sogenannte ^„Übertragung" 
durch die Gefühlsbindung an die Person des Analytikers sogar 
erwünscht und angenehm machen, daß man sich mit ihm auf diese 
Weise beschäftigt. Die vergleichende Untersuchung gleichartiger 
Verbrechen wird es dann ermöglichen, die klaffenden Lücken 
des kriminologischen Determinismus mit solidem wissenschaftlichen 
Material auszufüllen. 

Das wäre das zu erwartende theoretische Ergebnis dieser 
Forschungen. Doch auch praktisch halte ich die Arbeit nicht für 
aussichtslos. Abgesehen davon, daß man den Weg zur pädago- 
gischen Prophylaxe der Verbrechen nur auf Grund einer 
wirklichen Verbredherpsychologie finden kann, ist es meine Über- 
zeugung, daß auch die psychoanalytische Behandlung von 
Verbrechernaturen, also eine analytische Kriminaltherapie 
nicht unmöglich ist, jedenfalls hat sie mehr Aussicht auf Erfolg 
als die barbarische Strenge der Gefangenenwächter oder der 
fromme Zuspruch der Zuchthausgeistlichen. 

Diese Möglichkeit einer psychoanalytischen Heilung, beziehungs- 
weise Nacherziehung der Verbrecher, eröffnet vor uns eine weite 
Perspektive. 

Die „Bestrafung" wurde bis jetzt vielfadi mit dem Be- 
dürfnis nach „Herstellung der beleidigten Rechtsordnung" moti- 
viert, andere erwarteten von der abschreckenden Wirkung die 
Prophylaxe der Verbrechen; in Wahrheit aber können wir in der 
heutigen Art der Strafbemessung und des Strafvollzugs mit Leich- 
tigkeit auch rein libidinöse, den Sadismus der strafenden Organe 
befriedigende Elemente entdecken. Die psychoanalytische Einsicht 



Psydioanalyse und Kritninologre 



117 



und die darauf basierte Behandlungsmethode müßte bei den die 
Strafe vollziehenden Organen wie überhaupt in der öffentlicken 
Meinung dieses so sdiädlidie Element der Straflust neutralisieren, 
was an und für sich nicht wenig zur Ermoglichung der seelischen 
„Wiedergeburt" der Verbrecher und ihrer Anpassung an die 
gesellschaftliche Ordnung beitrüge. 




s 



Philosophie und Psychoanalyse* 

(Bemerkungen zu einem Aufsatze des H. Professors Dr. James J. Ptitnam von 
der Harvard Universität, Boston U. S. A,**) 

In einem von edlen Absidbten diktierten und mit der Bered- 
samkeit ehrlicher Überzeugung verfaßten Aufsatze tritt der hoch- 
verdiente Professor der Harvard Medical School mit Wärme dafür 
ein, daß die Psychoanalytik, deren Bedeutsamkeit als psychologische 
und therapeutische Methode er rückhaltslos anerkennt, in engere 
Beziehungen zu umfassenderen pliilosophisrfien Anschauungen ge- 
bracht werde. 

Ein großer Teil seiner Ausführungen wird gewiß von allen 
Analytikern als richtig anerkannt und befolgt werden. Der Psydbo- 
loge, der sich zur Aufgabe macht, unsere Kenntnis von der mensch- 
lichen Seele zu vertiefen, darf sich der Betrachtung jener, von der 
Menschheit mit Redit hochgeschätzten Systeme, in denen erhabene 
Geister ihre tiefsten Ansichten über das Wesen und den Sinn der 
Welt zusammenfaßten, keinesfalls verschließen, und wenn es der 
Analyse gelungen ist, selbst in den lange Zeit hindurch gering- 
geschätzten Produktionen der Volksseele: in den Mythen und 
Märchen, ewige — allerdings symbolisch verkleidete — psycho- 
logische Walirheiten zu entdecken, so darf man sicher hoffen, daß 
ihr auch aus dem Studium der Philosophie und der Geschichte 
neue Gesichtspunkte, neue Erkenntnisse erwachsen werden. Auch 



* Ersdiienen in „Imago", I. Jahrgang- (1912). 

*^ „Über die Bedeutung philosophischer Ansdnawangcn und Ausbildung; für 
die weitere Entwicklung der psychoanalytischen Bevffgang." („Image", I. Jahr- 
gang, 2. Heft.) 



Philosophie und Psydioanalyse 



119 



dem wird kein Psychoanalytiker widersprechen, daß „keine For- 
schung gut gedeihen kann, ohne daß man ihre naturgemäßen Be- 
ziehungen zu anderen Forschungsarten sorgfältig in Betracht zieht". 
Die Psychoanalyse ist nicht so unbescheiden, alles mit den eigenen 
Rütteln erklären zu wollen, und obzwar wir noch weit davon entfernt 
sind, alles erschöpft zu haben, was analytisch erklärt werden kann, so 
ahnen wir doch sdion, wo etwa die Grenzen unserer Wissenschaft ge- 
steckt sind und wo man die Erklärung der Vorgänge anderen Diszi- 
plinen (z. B. der Physik, Chemie und Biologie) wird überlassen müssen. 

Audi, „daß wir mehr wissen, als wir ausdrüdcen können", 
daß „das Erlernen nichts anderes ist als eine Entdeckungsreise in 
die eigene Seele", daß es die Pflicht der Psychoanalytiker ist, 
„die Ahnungen und Regungen" (darunter auch die religiösen) 
„soweit v/Je möglich, zu entdecken und näher zu prüfen** muß jeder 
Analytiker, der einmal mit dem Vorbewußten, d. h. mit der produk- 
tiven Kambiumschicht der Seele, in der jeder geistige Fortschritt 
vorbereitet wird, Bekanntschaft machte, vollinhaltlidi anerkennen. 
Überhaupt müßten wir einen nicht unbeträchtlichen Teil der Put- 
namschen Ausführungen neu .abdnidcen, wollten wir aus seiner Arbeit 
alles hervorheben, womit wir uns einverstanden erklären dürfen. 

Immerhin finden sich in diesem, so anregenden und inter- 
essanten A.ufsah: Bemerkungen, die in mir lebhaften Widersprudi 
erweckten und über die ich mit meiner gegenteiligen Ansidit nicht 
zurückhalten will, obzwar mir jede philosophisdie Schulung abgeht, 
während Professor Putnam alle Vorteile eines philosophisch ge- 
sdiuken Geistes für sidi hat. 

Professor Putnam fordert von den Psychoanalytikern, daß sie 
ihre neugewonnenen Kenntnisse einer bestimmten philosophischen 
Weltanschauung unterordnen oder in diese einordnen sollen. 

Ich finde das für die Wissenschaft überhaupt gefährlich, be- 
sonders aber für die analytische Psychologie, die noch nidit einmal 
die Zusammenhänge innerhalb des eigenen Wissensgebietes ordent- 
lich bearbeitet hat, — Die Schonzeit, die man selbst dem Jagdwild 
für die Zeit der Entwicklung gewahrt, sollte man doch auch einer 
jungen Wissenschaft nicht versagen und eine geraume Weile zu- 
warten, bevor man mit den Waffen der Metaphysik an sie heran- 
tritt. Je länger man die Systembildung hinausschiebt und sich da- 



120 Philosophie und Psycho analyse _.^ ^_^ 

mit begnüget, voraussetzungslos die Tatsachen zu saramelo und deren 
Zusamraenhänge untereinander festzustellen, umsoraehr Aussicht hat 
man, Neues und Wahres zu finden. Die allzufrühe Systembildung da- 
gegen versetzt den Forsdier in eine für die Realitätsprüfung ungün- 
stige Gemütsverfassung, in der er Gefahr läuft, Tatsachen, die in das 
System nicht passen wollen, 2u mißachten oder geringzuschätzen. 
Es darf auch nicht vergessen werden, daß die Psychoanalyse, 
wie die Psychologie überhaupt, das Recht hat, ja verpflichtet ist, 
jede Art seelischer Leistung, die philosophischen Systeme nicht aus- 
genommen, auf ihre Entstehungsbedingungen zu untersuchen und zu 
trachten, den sonst im Psychischen herrschenden Gesetzmäßigkeiten 
auch in ifmen Geltung zu verschaffen, richtiger: die Geltung dieser 
Gesetzmäßigkeiten auch in ihnen nachzuweisen. Wie aber konnte die 
Psychologie Gesetzgeberin des Phüosophierens sein, wenn ihr zu- 
gemutet wird, daß sie sich a priori einem bestimmten oder über- 
haupt irgend einem philosophischen System unterordne?* 



* Daß es nicht unmöglich und auch nidit ganz unfruchtbar ist, die Entstehungs- 
hediiigung^en der philosophischen Systeme psychologisch zu hetrachten, möge hier 
an einem Beispiel gezeigt werden. Psydioanalytisdie Untersuchungen an Kranken 
fährten zur Unterscheidung' zweier gegensätzlidier Mechanismen der Verdrängucgf 
(d. h. der Abwendung der bewußten Aufmerksamkeit vom Unlustvollen), Para- 
noische Patienten neigen dazu, unlusterzeugende subiektive Seelen Vorgänge als 
Einwirkungen der Außenwelt zu fühlen (Projektion); Neurotiker hingegen fühlen 
auch Vorgänge der Außenwelt (s, B. soltäie in anderen Menschen) intensiv mit, 
sie „introjizieren" einen Teil der Außenwelt, damit sie gewisse Spannungen m 
ihrer Psyche lindem. Es ist nun merkwürdig, daß es philosophisdie Systeme 
gibt, die man mit diesen, doch sicher von Gemütsbedürfoissen abhängigen Me- 
chanismen in Analogie bringen kann. Den Materialismus, der das Ich leugnet 
und es ganz in der „Außenwelt" aufgehen läßt, kann man als die denkbar voll- 
standigste Projektion auffassen; der Solipsismus, der die ganze Welt leugnet, 
d, h. sie ins Idi aufnimmt, ist die höchste Stufe der Introjektion. (S. Ferencii, 
Introjektion und Übertragung, „Jahrbuch für psychoanalytisdie Forschungen", 
I. Band, 1909. — Ders., Zvar Begriffsbestimmung der Introjektion, „Zentralblatt für 
Psychoanalyse", II. Jahrgang, 4, Heft,) Es ist durchaus nidit unwahrscheinlich, 
daß sidi am Ende ein großer Teil der Metaphysik psydiologjsdi erklären läßt, 
oder, wie es Freud sagt, sich als Metapsychologle erweisen wird. (S.Freud, 
Zur Psychopathologie des Alltagslebens.) Audi auf die zwischen philosophischen 
und paranoisdien Systembildungen zum Teil bestehende Aoalogie hat Freud hin- 
gewiesen. (Imago, !. Heft 4, Seile 332.) Ein anderer Teil mag sich allerdings später 
als Vorahnung wissenschaftlicher Erkenntnisse entpuppen. 



Philosophie und Psydioanaiyse 



121 



Die Wissenschaft ist einem industriellen Unternehmen zu ver- 
gleichen, das neue Werte, zu schaffen hat; die „Weltanschauung" 
dagegen ist die, allerdings nur sehr rohe Bilanz, die man zeitweise 
vom Stand unseres Wissens ziehen soll, besonders um zu sehen, 
wo die nächsten Arbeiten einzusetzen haben. Ein fortwährendes 
Bilanzmachen würde aber den Geschäftsgang stören und Energien 
verbrauchen, die besser hätten verwertet werden können. 

Die philosophischen Systeme sind wie die Religionen: Kunst- 
werke, Dichtungen, die gewiß eine Menge großartiger Ahnungen in 
sich bergen ; ihr Wert soll und darf nicht gering geschätzt werden, 
Aber sie gehören in eine andere Kategorie als die Wissenschaft, 
unter der wir die Summe jener Gesetzmäßigkeiten verstehen, die 
wir nach möglichster Reinigung von den Phantasieprodukten des 
Lustprinzips zurzeit als real bestehend annehmen müssen. Wissen- 
schaft gibt es nur eine, philosophische Systeme und Religionen 
gibt es aber so viele, als es mit verschiedenen Geistes- und 
Gemütsrichtungen begabte Menschen gibt. 

Es liegt im Interesse beider, verschiedenen Prinzipien ge- 
hordkenden Disziplinen, ihre Thesen nicht miteinander zu vermengen. 
Die Psychologie muß Richterin auch über die Philosophie sein, sie 
muß sich dafür natürlich gefallen lassen, in toto in die verschie- 
denen philosophischen Systeme eingeordnet zu werden, Sie bleibe 
aber auf ihrem eigenen Gebiete souverän und knüpfg ihr Schidtsal 
an keines dieser Systeme. 

Nach der Weltanschauung Prof. Putnams, in die sich seiner 
Ansicht nach die Psychoanalyse einzuordnen hätte, ist das einzig 
Wirkliche auf der Welt eine selbsttätige Energie, eine mit den 
höchsten intellektuellen und sittlichen Fähigkeiten begabte, man 
kann also wohl sägen: göttlidie Persönlichkeit, die zur Äußerung 
ihrer Tendenzen die „Körperwelt" aus sich selbst entstehen und 
entwickeln ließ und läßt. Dieser Geist war schon vor dem Ent- 
stehen der primitivsten Körper intelligent und moralisch und ist 
auch im Menschen nicht zur vollen Entfaltung dieser seiner Eigen- 
schaften gelangt. — Das klingt wie die Anpassung der ältesten 
Schöpfungsmythen an die Biogenetik, von denen es sich nur da- 
durch unterscheidet, daß hier die Erschaffung der Welt nicht in einem 
einzelnen Schöpfungsakte, sondern in einer unendlichen Reihe solcher 



122 Philosophie und Psychoanalyse 

vor sich gegangen, resp. auch zurzeit vor sich gehend gedacht wird. 
Man kann, wenn man will, dieses System monistisch heißen, da es 
doch die Korperwelt als eine Manifestation derselben geistigen 
Energie betrachtet, die den weltersdiaff enden Geist ausmacht; dieser 
Monismus ist aber einem Dualismus außerordentlich ähnlich. Dar- 
aus soll ihm aber durchaus kein Vorwurf erwachsen; die dualistische 
Welt ist ebensowenig unmöglich wie die monistische, jede monisti- 
sche und jede dualistische Philosophie ist also existenzberechtigt. 
Wir sehen nur nicht ein, warum die analytische, Psychologie gerade 
mit der von Prof. Putnam skizzierten Weltansdiauung innigere Be- 
ziehungen anknüpfen sollte? Lassen sich doch die Tatsachen der 
Psychoanalyse in jedes materialistische oder spiritualistische, monisti- 
sche oder dualistische System einverleiben, sie vertragen sich z. B> 
ganz gut auch mit einer Weltanschauung, die in einem nicht intelli- 
genten und nicht sittlichen blinden Drang, z.B. im Willen Schopen- 
hauers, das Wesen und den Urgrund der Welt erblickt. Ist es doch 
nicht denkunmöglich, daß eine an sich sinn- und ziellose, blinde 
Kraft durch natürliche Auslese die intelligentesten Wesen zustande- 
bringen könne; unsere psychologischen Erfahrungen stehen auch 
mit dieser Anschauung in keinem Widerspruche. 

Auch die agnostizistische Philosophie, die ihr Unvermögen 
zur Lösung der letzten Fragen ehrlich einbekennt, die also im 
Grunde kein ^abgeschlossenes System ist, ist eine für un& mögliche^ 
ja forderliche Weltanschauung. Denn wenn auch Professor Putnam. 
Recht hat, wo er behauptet, daß man die Vernunft nicht dazu be- 
nützen darf, das Dasein der Vernunft zu leugnen, so übersieht er 
anderseits die Gefahr, die in der Versuchung liegt, die Rolle des 
Bewuütseins im Weltall zu überschätzen und in einen nicht ganz 
gerechtfertigten Anthropomorphismus zu verfallen. Es ist übrigens 
beinahe ein Glück für die Wissenschaften, daß keines dieser philo- 
sophischen Systeme von zwingender Evidenz ist; die endgültige 
Lösung der letzten Fragen des Lebens würde den Antrieb zum 
Suchen nach neuen Wahrheiten vernicKten. 

Prof. Putnam unterscheidet mit Recht die seelischen Inhalte 
von den Tätigkeitsformen des Geistes, Er fügt aber hinzu, daß der 
Geist, vom Standpunkte der Tätigkeitsform betrachtet, weder ent- 
wicklungsfähig, noch auch entwicklungsbedürftig ist und behauptet, 



Philosophie und Psych oanalyae 



12S 



daß die kindliche Seele und das Unbewußte (im psychoanalytischen 
Sinne) sidi nur dem Inhalte, nicht aber der Funktionsart nach vom. 
bewußten Geiste des Erwachsenen wesentlich unterscheiden. 

Die psychoanalytischen Erfahr unj^en ergaben demgegenäber, 
daß die Vorgänge im Unbewußten (und zum Teil auch in der 
infantilen Seele) nicht nur inhaltlich, sondern auch formal von be- 
wußten Vorgängen verschieden sind. 

Die bewußten psychischen Inhalte des wachen Normalmenschen 
werden in die Kategorien des Raumes, der Zeit, der Kausalität 
eingeordnet, sie werden auf ihre Realität geprüft. Das Bewußtsein 
ist also, insoferne nicht unbewußte Elemente hineinspielen, logisch. 
Die psydiischen Inhalte eines wohlerzogenen Erwachsenen werden 
auch vom Standpunkte der Ethik und der Ästhetik geordnet sein. 

Im Unbewußten finden wir aber die psychischen Inhalte nacii 
ganz anderen Prinzipien geordnet. Der herrscliende Grundsatz ist 
hier der der Unlustverhütung, während die zeitliche und kausale 
Währung hier wenig gilt. Die aus dem logischen Zusammenhange 
gerissenen psychischen bhalte befinden sich hier gleichsam in einem 
Lustraum, in dem sie sich je nach ihrem spezifischen Lust- 
gewichte schichten, und zwar so, daß die Unlustvollsten am wei- 
testen von der Bewußtseinsperipherie ihren Platz finden. So kommen 
logisch heterogene, aber gleichartig lustbetonte Inhalte dazu, 
assoziativ hart nebeneinander zu liegen, Ja sich miteinander zu ver- 
mengen; Gegensätze bestehen ruhig nebeneinander; die entfernteste 
Ähnlichkeit gilt für Identität; das ungemein „leichte überfließen der 
Intensitäten" (Freud) ermÖglfdit die logisch unsinnigsten Verschie- 
bungen und Verdichtungen ; der Mangel der Abstraktion und der 
Sprachsymbole gestattet nur ein Denken in dramatisierten Bildern, Daß 
die ethische und ästhetische Kategorie in dieser Schichte der Seele 
wenig oder oft gar nidit gilt, steht für jeden, der je Traume, Witze, 
Symptomhandlungen und Neurosen analysiert hat, außer Zweifel. 

Nach alledem wird man doch zumindest nicht aussdiließen 
können, daß eine mit Bewußtseinsorgan ausgestattete Psyche nicht 
nur dem Inhalte, sondern auch der Tätigkeitsform nach eine „höhere" 
Entwicklungsstufe des Geistes darstellt, womit aber zugleich die 
Mögüchkeit der Entwicklung hoher Formen geistiger Tätigkeit aus 
einfacheren und einfachsten überhaupt gegeben ist. 



124 Philosophie und Psychoanalyse 

Was in dieser Arbeit Prof. Putnams die Psychoanalyse am 
empfindlichsten berührt, ist der Angriff gegen den psychischen 
Determinismus. Ist doch der allergrößte Forlschritt, den wir der 
Analyse verdanken, gerade die durch sie gegebene Möglichkeit 
des Nachweises derselben ausnahmslosen Gesetzmäßigkeit und Be- 
stimmtheit auch im seelischen Geschehen, die sidi im physikalischen 
Überali feststellen läßt. 

Daß unsere Willensakte bestimmt sind, wird schon lange und 
von vielen postuliert; doch erst die Psychoanalyse nadi Freud 
gestattete uns, durch Aufdeckung der unbewußten Determinanten 
auch den vom Bewußtsein als frei empfundenen Willensakt und 
den sogenannten „freisteigenden Einfall" als unvermeidUche Resul- 
tante anderer psydiischer Vorgänge, die audi ihrerseits streng 
determiniert sind, zu erkennen. Der Psychoanalytiker, dem diese 
Bestimmtheit der Willensvorgange durch tägliche Erfahrung in 
Fleisch und Blut übergegangen ist, verdankt gerade dieser Über- 
zeugung das wohltuende Gefühl, auch auf psychischem Gebiete 
den festen Boden eherner Gesetzmäßigkeit nicht verlassen zu müssen. 

Bei näherem Zusehen stellt sich allerdings heraus, daß der 
scheinbar so große Unterschied zwischen dieser Auffassung und der 
Prof. Putnams zum Teil wenigstens nur auf Verschiedenheit in 
der Terminologie beruht. Dr. Putnam identifiziert stellenweise die 
Begriffe des Willens und des undeterminierten Willens, die 
wir scharf voneinander trennen möchten. Die Psydioanalyse leugnet 
den Willen (den Trieb) durchaus nicht; weit entfernt, eine bio- 
genetische Deskription zu sein, die sich „damit begnügte, die auf- 
einander folgenden Erscheinungen eines Entwicklungsvorganges mit 
genügender Genauigkeit aufzuspüren," findet sie überall im Psy- 
chischen Strebungen, d, h. Seelenvorgänge, die mit unserem be- 
wußten Willen in Analogie zu bringen sind. Die psychoanalytische 
Psychologie ist also keine einfache Beschreibung, sondern ein 
Versuch der dynamischen Erklärung der Seelenvorgänge, Die 
Psych oanalytik hat nie behauptet, daß „die Person Hamlets als 
■willenlos anzusehen ist", sondern, daß Hamlets Persönlichkeit in- 
folge seiner angeborenen und erworbenen Eigenschaften dazu be- 
stimmt war, seinen Willen in der schwankenden und schließlich 
tragischen Weise zu betätigen. 



I 



Philosophie und Psychoanalyse 



12$ 



Auch das „Laissez-faire"-Prinzip wird von Dr. Putnam mit 
Unrecht dem Determinismus gleichgesetzt. — Die modernen Nattonal- 
ökonomen handeln sehr richtige, wenn sie lehren, daß „Ideologien", 
d. h. Willens- und Bewußtseinsvorgänge, auch in der Entwicklung' 
der Staatswirtschaft sehr wichtige Faktoren sind; damit ist aber 
durchaus nicht gesagt, daß diese Willens- und Geist es Vorgänge 
frei, d. h. undeterminiert sein müssen, Determinismus darf doch mit 
Fatalismus nicht verwechselt werden. Die Lehre von der Bestimmt- 
heit des Willens besagt ja nicht, daß man nichts tun, nichts wollen 
kann (laisser-faire), und daß man zuwarten kann, bis die „Deter- 
minanten" das Werk statt unser vollführen. Sie besagt nur, daß, 
wenn wir unseren subjektiv als frei gefühlten Willen betätigen, wir 
uns von der Richtkraft der Determinanten nicht emanzipieren können. 
Daß wir uns nicht dem „Laissez-faire"-Prinzip überlassen, sondern 
aktiv die Lenkung unseres Schidtsals in die Hand nehmen, ist 
nicht ein Akt freier Willensentschließung, sondern das Resultat 
phylo- und ontogener Determinanten, die uns davor schützen, 
in ein für die Selbst- und Arterhaltung deletares Niditstun zu 
verfallen. 

Ober das Wesen des Willens Vorganges selbst sagt die Psycho- 
analyse allerdings nichts aus, und das ist der Punkt, an dem ihre 
Kompetenz einstweilen aufhört und der Platz vor philosophischen 
und biologischen Erklärungsversuchen geräumt werden muß. 

Prof. Putnam kann der Analyse den Vorwurf nicht ersparen, 
daß sie sich zu einseitig um die Psychologie des Unbewußten, um 
die Psyche der Kinder, der Wilden, der Künstler, der Neurotiker 
und Psychopathen kümmert und die bei ihnen gefundenen Resul- 
tate zur Erkenntnis der gesunden und sublimierten Seelentätigkeit 
des normalen Erwachsenen verwertet, den umgekehrten Weg aber, 
der von den hödistmöglichen seelischen Leistungen des Menschen 
ausgeht und von hier aus das Verständnis des Psychischen über- 
haupt erlangen will, vernachlässigt. 

Die Tatsächlichkeit dieses Sachverhaltes soll nicht geleugnet 
werden, es fragt sich nur, ob die Umkehrung des Standpunktes, 
der die Psychoanalyse charakterisiert, wirklich als etwas Nachteiliges, 
und nicht vielmehr als eine der frudbtbarsten und rühmlidisten 
Fortschritte der psychologischen Methodik zu betrachten ist. 



126 Philosophie und Psychoanalyse 

Jahrhundertelange war man bestrebt, die Seelenvorgänge von 
der Bewußtseinsseite her verstehen zu lernen, indem man sie in 
die Kategorien der bewuiJten uad kultivierten MenschenseeJe (Logik, 
Ethik, Ästhetik) einzuzwängen versuchte. Man kann nidit sagen, 
daß man damit viel erreicht habe. Die alltäglichsten Kundgebungen 
des Seelenlebens blieben ungelöste Komplexe und man blieb — 
trotz gegenteiliger doktrinärer Versicherungen — • stets im Banne 
einer unfruchtbaren „Vermögenspsychologie". Die Reaktion dagegen 
war der physikalisch-physiologische Erklärungsversuch, dem es aber 
nicht gelang, die gähnende Kluft zwischen den verhältnismäßig 
einfachen physiologischen Vorgängen und den verwickelten seelischen 
Leistungen des Kulturmenschen zu überbrücken. Die Psychophysik 
versagte, sobald sie das Gebiet der deskriptiven Sinnesphysiologie 
verlassen wollte, oder sie mußte — in schärfstem Gegensatz zur 
vielgeruhmten Exaktheit ihrer Methoden — ■ zu den gewagtesten 
Hypothesen ihre Zuflucht nehmen. 

Da kamen die überraschenden Entdedcungen Freuds über 
unbewußte Seelenvorgänge und über die Methodik, die uns ge- 
stattet, Inhalt und Tätigkeitsformen des Unbewußten zu erforschen. 
Die Entdedcungen wurden zunächst an Kranken gemacht. Als aber 
Freud versuchte, die bei Neurotikern demaskierten latenten Seeien- 
vorgänge auch bei der Betrachtung der seelischen Leistungen 
„Normaler" in die Lücke zwischen dem Biologischen und Bewußt- 
Psychischem zu interpolieren: da lösten sich wie von selbst, 
I ohne Schwierigkeit Probleme, bei denen die Bewußtseinspsychologie 

I immer versagte und an die die Psychophysik sich nicht einmal 

I herangewagt hat. 

Der Traum, der Witz, die Fehlhandlungen des Normal- 
menschen, konnten nunmehr als sinnvolle und derselben Gesetz- 
mäßigkeit gehorchende psychische Bildungen erkannt werden j es 
schwand der Anschein ihrer Zufälligkeit oder Willkürlichkeit; in der 
Psychologie des Künstlers und des Dichters, im Tatsachen- 
material der Mythologie und Religion, der Völkerpsycho- 
logie und Soziologie beginnt sich um die Kenntnis vom Un- 
bewußten herum das tiefere Verständnis der Zusammenhänge her- 
auszukristallisieren; es gelang, mit ihrer Hilfe die Geltung des bio- 
genetftchen Grundgesetzes auch im Seelischen nadizuweisen. 



Philosophie und Psychoanalyse 



127 



Die überraschenden Erfolge der Freudsdien Interpolation 
sprechen — dächt ich — dafür, daß wir diese so fruchtbare Arbeits- 
methode nicht aufgeben, sondern ihre Erfolge im pragmatistischeB 
Sinne als Evidenz ihrer Richtigkeit auffassend, ihr Anwendungs- 
gebiet eher nodi weiter ausdehnen sollten. Es ist also nach unserer 
Auffassung eine naherliegende, weil viel mehr Erfolg versprechende 
Aufgabe, auch die Bewußtseinsvorgänge und ihre Tätigkeitsformen 
unter Zugrundelegung der Tiefenpsychologie erklären zu wollen, 
als dem Ratschlage Professor Putnams folgend, wieder von der 
Bewußtseinsseite her in den wegen ihrer Unergiebigkeit verlassenen 
Sdiäditen zu graben. 

Es ist ja mÖglidi, daß der jetzt so überreiche Strom an Er- 
kenntnis, zu der uns das Forschen im Unbewußten verhilft, einmal 
versiegt, und daß dann die psychologische Arbeit wieder von der 
Seite des Bewußtseins her oder etwa auf physikalischer Grundlage 
aufgenommen werden muß. Was ich betonen wollte, ist nur, daß 
unsere nächste Aufgabe die ist, die Psychoanalytik, unabhängig 
von philosophischen Systemen, weiter auszubauen. 



Zur Psychogenese der Mechanik 

(Kritisdie BemerkimgeD über eine Studie von Ernst Mach.") 

Der Psychoanalytiker, der der fast einmütigen Ablehnung 
seiner Erkenntnisse durch die in ihrer Seelenruhe gestörte Mensch- 
heit einen gewissen Fatalismus entgegenzubringen gelernt hat, wird 
in großen Zeitabständen von gewissen Erfahrungen vorübergehend 
aus dieser Stimmung aufgerüttelt. Während die tonangebenden 
Gelehrten unausgesetzt damit beschäftigt sind, unsere Wissenschaft 
zum soundsovielten Male zu vernichten und zu begraben, meldet 
sich bald aus dem fernsten Indien, bald aus Mexiko, Peru oder 
Australien ein einsamer Denker, Arzt oder Menschenbeobachter, 
und erklärt sich als Anhänger Freuds. Noch überraschender ist 
es, wenn es sich herausstellt, daß in unserer nächster Nähe im 
stillen ein Psychoanalytiker gearbeitet hat und mit dem jahrelang 
gesammelten psychoanalytischen Wissen plötzlich vor die Öffent- 
lichkeit tritt. Am allerseltensten kommt man aber in die Lage, in 
den Werken der anerkannten Größen der heutigen Wissenschaft 
Spuren des psychoanalytischen Einflusses oder einen Parallelismus 
ihrer Denkrichtung mit jener der Psychoanalytiker zu entdecken. 

Bei diesem Stande der Dinge wird es wohl jeder verzeihlich 
und verständlich finden, daß ich bei der Lektüre des Vorwortes 
von Ernst Machs Arbeit; „Kultur und Mechanik"** die, natür- 
lich immer nur notgedrungene und schwer zu ertragende resignierte 
Einstellung für einen Moment wieder fallen ließ und mich der op- 
timistisdien Idee hingab, in einem der bedeutendsten der jetzt 

* Ersdiienen in der „Iina£o", V, BEtnd. 1917 — 19. 
*• Stuttgart, 1915. 



Zur PsyiJiogenese der Mechanik 



129 



lebenden Denker und Gelehrten* einen Gleichg-esinnten begrüßen 
und verehren zu können. 

Meine — wie sich bald herausstellte — irrige Erwartung wird 
mir jeder Psychoanalytiker nachempfinden, der dieses Vorwort, 
dessen Inhalt ich hier zum Teile wiedergebe, liest. 

„In der Einleitung der 1883 erschienenen .Mechanik' des 
Verfassers ist die Anschauung vertreten" — heißt es am Anfange 
des Vorwortes — „daß sich die Lehren der Mechanik aus den 
Erfahrungsschätzen des Handwerks durch intellektuelle Läuterung 
ergeben haben." 

„Es bot sich nun die Möglichkeit, noch einen Schritt weiter 
zu gehen, indem es meinem in frühester Kindheit mechanisch 
sehr veranlagten Sohne Ludwig auf meine Veranlassung ge- 
lang, durch immer neu einsetzende Erinnerungsversuche 
seine damalige Entwicklung mit vielen Einzelheiten im 
wesentlichen zu reproduzieren, wobei es sich zeigte, daß die 
gewaltigen, unauslöschlichen dynamischen Empfindungs- 
erfahrungen jener Zeit uns mit einem Male auch dem instink- 
tiven Ursprünge aller Behelfe, wie Werkzeuge, Waffen und 
Maschinen, naherücken." 

„Von der Überzeugung geleitet, daß ein weiteres Verfolgen 
solcher Erfahrungen eine unvergleichliche Vertiefung der Ur- 
geschichte der Mechanik ermöglichen, außerdem aber auch 
noch zur Begründung einer allgemeinen genetischen Tech- 
nologie führen könnte, habe ich diese Studie als bescheidenen 
Schritt in dieser Richtung unternommen , . ,"** 

In diesen Sätzen findet der Psychoanalytiker ihm längst ver- 
traute Ideen und geläufige Arbeitsweisen wieder. 

Die eigentlichen Grundlagen eines hochzusammengesetzten 
psychischen Gebildes mittels „immer neu einsetzender Erinnerungs- 
versuche" aus primitiven abzuleiten und ihre Wurzel sdiließlich 
im infantilen Erleben zu finden, ist das Wesentliche an der psycho- 
analytischen Methode und ihr wichtigstes Ergebnis. Seit mehr als 
zwanzig Jahren wurde Freud nicht müde, diese Methode mit dem 
gleiclien Erg ebnis an den verschiedenartigsten psychischen Gebilden: 

* Seit der Niederschrift dieser Zeilen ist Emat Mach g'estorben. 
** Die Hervorhebungen stammen vom Referenten. 



130 Zur PsychogeDese der Me chanik 

an neurotischen Symptomen der Kranken, an komplizierten psy- 
chischen Leistungen des Gesunden, ja auch an gewissen sozialen 
und künstlerischen Schöpfungen der Menschheit zu erproben. Einige 
Sdiüler Freuds veröffentlichten bereits sogar psychogenetische 
Theorien und Erfahrungssätze, die auf das Spezialgebiet Machs, 
die Entwicklung der Mechanik, einiges LiAt werfen. 

In den einleitenden Sätzen Machs sind aber auch andere, 
bisher fast nur von der Psychoanalyse befürwortete oder zuerst von 
ihr ausdrücklidi betonte Anschauungen subsumiert. Die Worte „un- 
auslöschliche Empfindungserfahrungen der ersten Kindheit" klingen 
wie der Freudsche Satz von der Unzerstörbarkeit und Zeitlosig- 
keit des Infantilen und Unbewußten. Der Plan, die Urgeschichte 
der Mechanik statt durch Ausgrabungen durch methodische gene- 
alogische Untersudiungen des individuellen Seelenlebens zu fördern, 
wiederholt nur die psychoanalytische These, wonach im Unbewußten 
des Erwachsenen nicht nur psychische Tendenzen und Inhalte der 
eigenen Kindheit, sondern auch solche der Stammes geschichtlichen 
Vorfahren nachzuweisen sind. Die Mach sehe Idee, die Kultur- 
geschichte der Menschheit — auf der Grundlage des biogenetischen 
Grundgesetzes — individualpsychologiscii zu fördern, ist in der 
Psychoanalyse gang und gäbe. Ich verweise nur auf die epoche- 
machende Arbeit Freuds „Totem und Tabu" (1913), in der das 
Wesen dieser bisher unerklärten sozialen Institutionen mit Hilfe 
individueller, bis auf die Kindheit zurückreichender Seelenanalysen 
dem Verständnis näher gebracht wurde.* 

Ich muß es gleich vorwegnehmen, daß meine Annahme, Mach 
hätte bei seinen Untersuchungen die Ergebnisse der Psychoanalyse 
benützt oder berücksiclitigt, sich nicht bewahrheitet hat. Es wird zwar 
nirgends gesagt, welcher Art jene „immer neu einsetzenden Er- 
innerungsversuche" waren, deren sich der Autor bediente; weder 

* Siehe auii die Arbeiten von Storfer („Zur Sonderstellung des Vater- 
mordes"), die Arbeitea Sperbers über die Psychog'enese der Sprache, Gieses 
Untersuchungen über die der lÄ'erfczeuge, Abrahams, Ranks Arbeiten über 
die Genese von Mythen und Dichterwerken und die noch nicht publizierten Untcr- 
sufiiungen von Sachs über die Pflugkuitur und ihren symbolischen Nledersdilag 
im Seelenleben des Menschen. — Einen Versuch, das besondere Interesse der 
Menschen am Gelde ontogeaetisch zu erklären, habe tci seihst unternommen. 
(Intern ationaJe Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, If, 1914, S. 506 ff.) 



der Hergang- noch das Ergebnis dieses psychologischen Experi- 
mentes wird uns mitgeteilt, nur die Schlüsse, die daraus gezogen 
werden konnten. Aber schon diese Schlüsse gestatten uns den 
Rückschluß, daß es sich einfach um wiederholte Anstrengungen 
handelte, das Vergangene durch bewußtes Hinlenken der Auf- 
merksamkeit zu erinnern. Ob und inwieweit dabei die — hier gewiß 
nicht unwirksame, weil väterliche — Suggestion die Erinnerungs- 
widerstände überwinden half ^ etwa im Sinne der ersten analy- 
tischen Versuche Freuds — erfahren wir nicht. Keineswegs scheint 
aber die freie Assoziation angewendet worden zu sein, das heißt 
die einzige Methode, die über alle affektiven Widerstände, welche die 

I infantile Amnesie verschulden, hinweghilft und die Vergangenheit fast 
restlos zu reproduzieren gestattet. Dementsprechend ist die affektive 
Determinierung der infantilen (und archaischen) mechanischen Ent- 
deckungen in dieser Arbeit Machs nicht hinreichend gewürdigt und 
die Fortschritte der Technik fast nur vom rationalistischen Stand- 
punkte, als fortschreitende Entwicklung der Intelligenz beschrieben. 
Machs Auffassung über die Genese der ersten kindlichen 
und urzeitlichen Entdeckungen ist folgenden Sätzen zu entnehmen; 
„Rückblickend (auf die Kindheit, auf die Urzeiten) sehen wir mit 
Staunen, daß unser ganzes weiteres Leben nur eine Fortsetzung 
unseres damaligen Verhaltens ist; wir bemühten uns, mit unserer 
Umgebung fertig zu werden, sie zu verstehen und dadurch unseren 
Willen zu erreichen" . . . „Mit einem Male ist uns nahegerückt, 
wie ungezählte Generationen, manchmal durch Klima und Boden 
etwas begünstigt, im dunklen Drange, besser zu leben, aber all- 
gemein unter Verhältnissen, deren f^ärte wir gar nicht mehr ein- 
zuschätzen vermögen, sich durdi lange Jahrhunderte bemühten und 
Werke schufen, deren heutige Endglieder wir in den Händen 
haben" . . . „Denken und träumen wir aber über diesen Dingen 
längst verschwundener Zeiten, so steigen gleich einer Illusion alte 
Erinnerungen an Erlebtes und Gefühltes auf, und in unsere der- 
einstige kindliche Empfindungswelt zurückversinkend, ahnen und 
erwarten wir die mannigfachen Entstehungsweisen und Wege für 
jene Funde von so unermeßlidier Tragweite." 

., Dieses, wie gesagt auch von unserem Standpunkte, durchaus 
richtige Programm wird aber von Mach nur unvollkommen aus- 



132 Zur Psychögenese der M edianik 

geführt. Da er es verscSiraäht, die psydioanalytisdie Methode an- 
zuwenden, die bewußten Träume und Gedanken, die infantilen 
Deckerinnerungen durch Aufdeckung ihres unbewußten Hinter- 
grundes zu ergänzen, ihre Entstellungen rückgängig zu machen, 
mußten seine Erkenntnisse oberflächlich bleiben, und — da die libidi- 
nösen Motive zumeist verdrängt und unbewußt sind — konnten 
seine Versuche fast überall nur rationalistische Erklärungen für die 
technischen Fortschritte ergeben, richtiger gesagt; nur die rationelle 
Seite der Motivierung beleuchten. 

Die Tonschalen entstanden zuerst vielleicht „als Ersatz der 
Hohlhand beim Trinken", indem etwa ,jdas in hohlen Steinfragmenten 
sich sammelnde Wasser den Anstoß zur Herstellung von Gefäßen 
bildete, bloßen Tonklumpen, in die mit der Hand Höhlungen 
gedrückt wurden." Warum aber „der zutage liegende fein plastische 
Ton immer ein sehr anregendes Material gewesen sein muß", wird 
nicht weiter untersucht. Und doch liefert die Psyclioanalyse diesen 
fehlenden Teil der Erklärung, indem sie diese sonderbare „An- 
regung" auf ganz bestimmte erotische Komponenten der Libido 
zurüdczuführen gestattet* 

Ebensowenig wird bei Mach danach geforscht, warum zum 
Beispiel „das Flechten und Drehen textiler Substanzen ein starker 
Anreiz für den Beschäftigungstrieb ■ — ein ständiges Vergnügen" 
ist. Mach begnügt sich mit der Annahme eines primären Beschäf- 
tigungstriebes, dessen Erinnerungsspuren in Zeiten des Bedürfnisses 
blitzartig auftauchen und verwertet werden. 

„Das Glätten vorhandener Rotationskörper, wie das runder 
Aststäbchen, gehörte wohl mit zu den Spielen primitivster Zeiten. 
Als Kinder haben wir es unzählige Male ausgeübt und ein solches 
Stäbcli^n einmal in irgend einer Rinne ohne axiale Verschiebung 
mit der Hand hin- und hergerollt, wobei irgend eine Rauhigkeit 
eine schone Rinne zog . . . usw." (Urform der Drehbank.) 

. . . „Unsere eigenen spielenden Finger in der frühesten Kind- 
heit haben uns die Schraube vermittelt; irgend etwas von schrauben- 
förmiger Struktur war uns in die Hände geraten . . . , es im Spiele 
drehend, fühlten wir, wie es sich in die Handfläche einbohrte — 

* S. Freud, Cbarakter und Analerotik, sowie die sdion zitierte Arbeit 
des Referenten „Zur Ontogenese des Geldbteresses". 



Zur Psych ogenese der Mechanik 133 

ein für uns damals besonders rätselhaftes Gefühl, das stets zur 
Wiederholung- lockte . , ." 

In ähnlicher Weise erklärt uns Mach das Entstehen der 
Feuerbohr- und -reibmaschinen, der Wasserschöpf- und 
Pumpwerkzeuge etc. Immer und überall sieht er das Walten 
eines Betätigungstriebes, der durch den g:lücklichen Zufall begünstigt, 
zu einer Erfindung führt. „Erfindungen werden da gemacht, wo 
die Verhältnisse am günstigsten, die Schwierigkeiten am kleinsten 
sind." Nach Mach können sich also Erfindungen „im Laufe riesiger 
Zeiträume in das Leben unserer Vorfahren ganz ohne das Hinzu- 
tun besonderer Persönlichkeiten und Individualitäten eingeschlichen 
haben." 

Die Psychoanalyse lehrt es anders. In einer mehr programma- 
tischen Arbeit über die Entwicklung des Realitätssinnes* mußte ich 
auf Grund psychoanalytischer Erfahrungen annehmen, daß sowohl 
in der individuellen als in der Artentwicklung, also auch in der 
Entwicklung der Kultur des Menschen, die Not als treibendes Motiv 
gewirkt haben mag. Ich wies besonders auf die Entbehrungen der 
Eiszeiten hin, die einen bedeutenden Entwicklungsschub veranlaßt 
haben mögen. Wenn nach Machs Mitteilung „der Erfindungs- 
getst des Eskimos nach übereinstimmenden Aussagen uner- 
schöpflich sein soll", ist es schwer, eine besondere Begünstigung 
seitens des Klimas und Bodens als zufällige Ursache der Erfin- 
dungen anzunehmen. Viel plausibler ist es, besonders anpassungs- 
fähige Individuen, also Persönlichkeiten zu postulieren, die, den 
nie fehlenden „Zufall" in ihren Dienst zwingend, zu Entdeckern 
wurden. 

Mit der Anpassung an die Realität sieht aber die Psycho- 
analyse nur die eine Seite des Problems beleuchtet. Sie lehrt, daß 
Entdeckungen außer der egoistischen fast immer auch eine libidi- 
nöse Wurzel im Seelenleben haben. Die Bewegungs- und Beschäf- 
tigungslust des Kindes beim Kneten, Bohren, Wasserschöpfen, 
Spritzen etc. fließt aus dem Erotismus der Organbetätigung, deren 
eine Sublimierungsform das „symbolische" Reproduzieren dieser 
Tätigkeiten in der Außenwelt darstellt. Gewisse Einzelheiten 
— besonders die Benennungen — der Werkzeuge des Menschen 

' Internationale Zeitschrift f. ärzÜ. Psydioanalyse, I. Jahrg. 1913. 



134 Zur Psy chogenese der Mech anik ^_„ 

zeigen uns noch die Spuren ihrer zum Teile libicünösen Her- 
kunft.* 

Solche Anschauungen liegen aber Mach, der die analytisdie 
Psychologie des Menschen nicht kennt, ganz fern. Er nennt sogar 
die Anschauungen des Hegelianers E. Kapp, „der die mechanischen 
Konstruktionen als unbewußte Organprojektionen auffaßt", Witze, 
die ernst zu nehmen man sich hüten muß, da „durch Mystik in 
der Wissenschaft nichts klarer" wird. Die Spencersche Idee aber, 
wonach die mechanischen Konstruktionen Organ -Verlängerungen 
sind, sei unverfänglich. 

Unserer psychoanalytischen Auffassung widerspricht keine dieser 
Erklärungen, ja, meiner Anschauung nach widersprechen sie auch 
einander nicht. Es gibt wirklidi primitive Masclilnen, die noch nicht 
Projektionen der Organe, sondern Introjektionen eines Teiles 
der Außenwelt bedeuten, durch die der Wirkungskreis des Ich ver- 
größert wird, — so der Stock oder der Hammer. 

Die selbsttätige Maschine dagegen ist schon fast reine Organ- 
projektion: ein Stück der Außenwelt wird mit Menschenwillen 
„beseelt" und arbeitet statt unserer Hände, Die Introjektions- und 
die Projektionsmaschinen — wie idi sie nennen möchte ^ scliließen 
einander also nicht aus, sie entspreclien nur zwei psychischen Ent- 
wicklungsstufen der Realitätsbewältigung. Der ins Auge springenden 
Analogie gewisser Maschinen mit Organen** kann sich übrigens 
auch Mach nicht ganz entziehen. 

Mit all diesen Bemerkungen will ich den großen Wert und die 
Bedeutsamkeit der Machschen Arbeit durcliaus nicht schmälern, mein 
Zweck war nur, an einem Beispiel zu zeigen, welch reiche ErkcRntnis- 
quelien unsere Gelehrten durch die Nichtberücksichtigung derPsycho- 



* Machs Ansdiauang über diesen Gegeniätand, die die Ühiditiosen Triebe 
jfar nicht berücksichtigt, ist ebenso unvollkomroen wie die gegeiitei!i|fe Über- 
treibung- Jungs, iiadi dem die Werkzeug^e nur verdrängte erotische Neigungen 
reproduzieren woUen, zum Beispiel die Feuerbohrer die unterdrückte Gsnital- 
bstätigung. Nadi unserer Ansicht stammen, wie gesagt, die Entdeckungen aus 
zwei Quellen, einer egoistisdien und einer erotischen. Zuzugeben ist aber, daß 
für die sdtUeßliche Gestaltung des Werkzeuges sehr oft eine libidtnose Crgt-n- 
funktion vorbildlich ist. 

** Vergleiche dazu das inatniktive Buch „Die Maschine in der Kari^-atin,, 
von Iiig. H. Wettich (mit 260 Bildern). Berlin 1916. 



Zur Psychog'enese der Mechanik 



135 



analytik vor sich verschließen. Auch wir Psychoanaljrtiker wünschen 
nichts sehnlicher als die von Mach in diesem Werke geforderte 
Zusammenarbeit der Psychologie mit den exakten Wissenschaften, 
verlangen aber, daß die exakten Wissensdiaften in Fragen der 
Psychog-enetik auch unsere psychologischen Untersuchnngsmethoden 
anwenden und die sie interessierenden psychologischen Probleme 
vom übrigen seelischen Material nicht künstlich isolieren sollen. 
Mach selbst erachtet es für einen Fehler, „aus der Fülle der auf 
das hidividuum einwirkenden Eindrücke . . . gerade die mechanischen 
zu verfolgen, während in der Natur, im Leben, die verschieden- 
artigsten instinktiven und empirischen Einblicke sidi zweifellos mit- 
und auseinander dereinst entwickelt haben" (und darum gibt es 
in dieser Arbeit Beispiele nicht nur mechanischer, sondern auch 
metallurgischer, chemisch- technologischer, ja sogar biologisclier 
und toxikologischer Entdeckungen.) 

An anderer Stelle des Buches betont er, daß die ganze 
Mechanik eine Idealisierung ist, eine Abstraktion, die die nicht um- 
kehrbaren (thermodynamischen) Prozesse exakt darzustellen nidit 
imstande ist. Mit derselben Unparteilichkeit aber, mit der Mach 
die Grenzen seines Spezialgebietes absteckt, könnte er sich audi 
eingestehen, daß die aus dem übrigen seelischen Zusammenhange 
gelöste Beti'achtung der Entwicklung unserer mechanischen Fähig- 
keiten, v/ie er sich ausdrücken würde, „durch Außerachtlassung 
und Übersehen notwendig an Wahrscheinlichkeit verlieren" und 
eine der Realität entrückte Idealisierung bleiben muß. 

Nur noch zu einer Anregung Machs möcliten wir Stellung 
nehmen. „Ein hervorragend wichtiges Hilfsmittel einer experimen- 
tellen Ethnographie", meint Mach, „wäre die Beobachtung isolierter, 
ihrer Umgebung sdion in allerersten Anfängen entzogener und mög- 
lidist sich selbst überlassener Kinder. Da erfahrungsgemäß Ele- 
mentarkenntnisse auch von älteren Individuen in kürzester Zeit nadi- 
geholt werden, würde dies keinesfalls einen Eingriff in das Leben des 
einzelnen bedeuten; anderseits steht bei dem ausschlaggebenden und 
richtungsbestimmenden Einfluß des Charakters der ersten Emtwick- 
lungsperiode auf das ganze Leben zu erwarten, daß durch ein solches 
Verfahren gegenteilig hervorragende Qualitäten des einzelnen geweckt 
und hiedurch neue Werte von großer Tragweite geschaffen würden." 



136 Zur Psych ogenese der Mechanik 

Ich glaube endlich das entscheidende Argument gegen die 
Realisierbarkeit dieses, bei Poeten und Philosophen immer und 
immer wiederkehrenden (weil einem tiefen, eigenen, unbewußten 
Wunsche entspringenden) Planes der Züchtung von solchen un- 
kultivierten „Naturkindern" gefunden zu haben. Einen kleinen Ur- 
menschen zu erziehen ist darum unmöglich, weil wir den Neu- 
geborenen — soll er von der Kultur absolut nicht berührt werden 
— sofort nach der Geburt in ein Urmenschenmilieu versetzen 
müßten, etwa in eine Urmenschenfamilie vor der Elrfindung der 
ersten mechanischen Werkzeuge. Daß dies undurchführbar ist, wird 
wohl jeder ohneweiters einsehen. Höchstens könnte man ihn von 
einer Draviden- oder Südseeinsulanerfamilie adoptieren lassen) das 
ist aber durchaus überflüssig, es gibt ja ohnehin Kinder bei den 
Draviden und Insulanern, der Ethnograph braucht nur hinzureisen, 
um sie beobachten zu können. Die Idee aber, ein Kind „ohne 
Milieu" sich selbst zu überlassen, ist widersinnig; nie noch hat es 
ela menschliches, auch kein urmenschliches Wesen ohne ent- 
sprechendes Milieu gegeben, das ihm die schon gewonnene, wenn 
auch noch so bescheidene Kultur übermittelte. Die Anfänge der 
Kultur findet man schon bei unseren tierischen Vorfahren, Mach 
selbst schreibt ja den Affen mechanische Begabung zu. Die vor- 
geschlagene Art experimenteller Ethnographie wird also niemals 
zur Tat werden können; auch bin ich nicht sicher, ob aus dem 
Kinde, das „ohne Milieu" sich selbst überlassen bliebe, nidit ein 
Imbeciler würde. Auch die Begabung bedarf ja der Anregung von 
außen. Die Junglebook-Phantasie bleibt also besser den Poeten 
überlassen. 

Trotz diesen, zum Teil übrigens unwesentlichen Einwendungen 
muß ich auch nach der Lektüre des Buches Mach für einen Psycho- 
analytiker erklären, mag sich der kritische Verfasser des Werkes 
„Erkenntnis und Irrtum" dagegen nodi so scharf verwahren und 
die Psychoanalyse als „Mystik" abweisen. 

„Wohl unbewußt fußen Empfindung und Verständnis in 
unserer oder unserer Ahnen Erinnerung" . . . „Kindheits- und 
Abnengefülile lassen uns die archaisch angehauchten Kunstwerke 
so tief ergreifend finden." Dies sind Sätze, die ebensowohl in 
einem psychoanalytischen Aufsatze vorkommen konnten — sicher 



Zur Psydiogenese der MeAanik 



137 



auch schon vorgekommen sindj auch ist es die Psychoanalyse allein, 
die für die Tatsächlichkeit dieser Behauptungen exakte Beweise 
anzufiiliren imstande ist 

„Von dem Kulturstadium, in das wir hineingeboren sind, auf- 
genommen, durcheilen wir in einer kurzen Lemzeit (ähnhch wie im 
fötalen Zustande) ungeheure Arbeits- und Entwicklungszeiten , . ," 
Ginge die Kultur plötzlich verloren, so müßten die Maschinen, von 
den einfachsten Fertig^keiten des Naturmensdien ausgehend, — 
wieder in der alten Reihenfolge aufgebaut werden. Mach scheint 
hier den unerbittlichen Instanzenzug, der im Psychischen (vielleicht 
im Organischen überhaupt) herrscht und den Freu d zuerst demon- 
strieren konnte, genial erfaßt zu haben. Er beschreibt die kompli- 
zierte mechanische (und anderweitige) Kultur als höchste Blüte 
menschlichen Könnens, die aber auch heute nodi in einfachsten Be- 
tätigungstrieben wurzelt und nur aus Ihnen regeneriert werden kann. 

Darum macht auch Mach — den bisher nur jene Gedanken- 
arbeit beschäftigte, die sich in der wissenschaftlichen Literatur der 
Mechanik vollzieht — nunmehr den einfachen Arbeiter, das Kind, 
den Urmenschen zum Objek-te seiner Untersuchung; er hat ein- 
gesehen, daß die Kenntnis einfacherer Verhältnisse „die notwendig 
vorausgehende Grundlage und Bedingung" für das Verständnis 
des Komplizierteren ist. Auch hierin möchten wir einen Parallelismus 
mit dem Arbeitsplane der Psychoanalytiker erblicken, die ja über- 
haupt aus dem kindlichen oder in Traum und Krankheit zur Kind- 
heit regredierten Seelenleben das Verständnis für die verwickel- 
testen Kulturleistungen des wachen Normalmenschen holen wollen. 

Nicht unerwähnt darf ich den freien animistischen Geist 
lassen, der dieses Werk eines' so hervorragenden Kenners der 
physischen Welt durchweht- Er scheut sich nicht einzubekennen, 
daß ein Mechanismus für sich unbeweglich sein müßte, da „erst 
durch die Kraft Bewegung in ein mechanisches System kommt*'; 
Leibnitz aber sprach das glückliche Wort aus: „die Kraft sei 
etwas der Seele Analoges." 

Wann werden der Physiker, der im Mechanismus die Seele findet, 
und der Psychoanalytiker, der in der Seele Mechanismen sieht, ein- 
ander die Hände reichen und an einer von Einseitigkeiten und „Ideali- 
sierungen" freien Weltanschauung mit vereinten Kräften arbeiten? 



Nachtrag 
zur „Psychogenese der Mechanik 



wä 



In einer Arbeit über die „Psychogenese der Mechanik" (imago, 
V. Jahrg., Heft 5/6, 1919) ur^rzo^ ich die letzte Publikation des 
verstorbenen Wiener Physikers imd Philosophen Ernst Mach: 
„Kultur und Mechanik" (Stuttgart 1915) vom Standpunkte der 
Psychoanalyse einer Kritik, Ich hob unter anderem hervor, daß 
das Büchlein im Leser den Eindruck erweckt, als hätten dem Autor 
bei seiner Idee, die infantilen Elemente des Sinnes für Mechanik 
bei seinem erwachsenen Sohne mittels methodischer Erinnerungs- 
Anstrengungen aufzudecken, die Freud sehen Forschungen vor- 
geschwebt. Aus der Tatsache, daß Freud bei Mach nirgends 
zitiert wird und aus der einseitig intellektualistischen Betrachtungs- 
weise des Werkchens schloß ich aber, daß Mach vielleicht unab- 
hängig von Freud auf diese Idee verfiel. Nun macht mich aber 
Herr Ingenieur Dr. Patai darauf aufmerksam, daß sich schon in 
den 1896 verfaßten „Prinzipien der Wärmelehre" (auf S. 443, 
444 der IL Auflage) eine Notiz findet, die uns beweist, daß Mach 
mit der Grundidee der Psychoanalyse längst vertraut war, als er 
sein Buch von den psychologischen Bedingungen der Entwickkrag 
des Sinnes für Mechanik sdirieb, und wenn er deren dort keine 
Erwähnung tut, wir es mit einem Falle von kryptomnestischer 
Wiederentdeckung einer Idee zu tun haben. 

Es ist bezeichnend, daß die von Mach vergessene Stelle sich 
gerade mit dem Unbewußtwerden und Fortwirken gewisser Vor- 

* Aus „Imajfo", VI. Jahrgang-, 1920. 



Nachtrag zur „Psydiogenese der Mechanik" 



139 



stellung'en beschäftigt. Er spricht dort von der „merkwürdigen^ 
Tatsache, daß eine Vorstellung- sozusagen fortlebt und fortwirkt, 
ohne daß sie im Bewußtsein ist" . . . „In dieser Beziehung 
dürften die vortrefflichen Beobachtungen von W. Robert über den 
Traum (Hamburg 1886) aufklärend wirken. Robert hat beobachtet, 
daß die bei Tage gestörten, unterbrochenen Assoziationsreihen bei 
Nacht sich als Träume fortspinnen" . . . „Ich habe Roberts Be- 
obachtungen in unzähligen Fällen an mir bestätigt gefunden und 
kann auch hinzufügen, daß man sich unangenehme Träume 
erspart, wenn man unangenehme Gedanken, die sich 
durch zufällige Anlässe ergeben, bei Tage vollkommen 
ausdenkt, sich darüber ausspricht oder ausschreibt, 
welches Verfahren auch allen zu düsteren Gedanken nei- 
genden Personen angelegentlichst zu empfehlen ist. Den 
Robert sehen Erscheinungen verwandte kann man auch im wachen 
Zustande beobachten. Ich pflege mich zu waschen, wenn ich einen 
Hländedruck von feuchter, schwitzender Hand erhalten habe. Werde 
ich durch einen zufälligen Umstand daran verhindert, so verbleibt mir 
ein unbehagliches Gefühl, dessen Grund ich zuweilen ganz ver- 
gesse, von dem ich aber erst befreit bin, wenn es mir einfällt, daß 
ich mich waschen wollte und wenn dies geschehen ist. Es ist also 
wohl wahrscheinlich, daß einmal gesetzte Vorstellungen, auch 
wenn sie nicht mehr im Bewußtsein sind, ihr Leben fort- 
setzen. Dasselbe scheint dann besonders intensiv zu sein, wenn 
dieselben beim Eintritt ins Bewußtsein verhindert wurden, die 
assoziierten Vorstellungen, Bewegungen usw. auszulösen* Sie scheinen 
dann wie eine Art Ladung zu wirken . . . Einigermaßen ver- 
wandte Phänomene sind jene,, welche Breuer und Freud 
in ihrem Buche über Hysterie beschrieben haben." 

Daß es sich hier wirklich um eine kryptomnestische Entdeckung 
handelt, wird durch den Umstand bestärkt, daß der Anlaß, der 
Mach zu dieser psychologischen Abschweifung verleitete, gerade 
eine Arbeit war, in der der Autor über die wissenschaftliche 
Entdeckungen begünstigenden oder behindernden Bedingungen 
schrieb. („Korrektur wissenschaftlicher Ansidvten durch zufällige 
Umstände", S. 441.) Er spricht unter anderem von der Bedeutung 
des Zufalls auch im technischen Leben; „sie kann durch die 



140 Natiitrag- zur „Psydio genese der Mechanik" 

Erfindung- des Fernrohres, der Dampfmaschine, der Lithographie, 
der Daguerrotypie usw. erläutert werden. Analoge Prozesse lassen 
sich endlich bis in die Anfänge der menschlichen Kultur Eurück- 
verfolgfen. Es ist im höchsten Grade wahrschetnHch, daß die wich- 
tigsten Kulturfortschritte . . , nicht mit Plan und Absicht, sondern 
durch zufällige Umstände eingeleitet worden sind . . .'* Dieser 
Gedankengang wird nun in dem von mir referierten letzten 
Werke Machs (Kultur und Mechanik) mit aller Ausführlichkeit 
wiederholt, dann werden die Resultate der erwähnten 
Erinnerungsversuche mit seinem technisch begabten 
Sohne mitgeteilt, nur das in den „Prinzipien" zitierte 
Werk von Breuer und Freud, das bekanntlich gerade in 
methodischen Versuchen zur Auffrischung längstver- 
gessener Erinnerungen gipfelte, also Mach als Vorbild 
zu seiner Theorie und Methodik gedient haben muß, 
bleibt unerwähnt; die Erinnerung daran unterlag offenbar 
der Verdrängung. 

Der Psychoanalytiker darf den Versuch wagen, auch die 
; Motive solcher Verdrängung aus gewissen Anzeichen zu erraten. 

Wo Mach die Wirksamkeit unerledigter, unbewui3ter Vorstellungs- 
I komplexe mit einem selbsterlebten Beispiele illustrieren will, verrät 

I er uns ein Stück seiner Hemmung, die vielleicht mehr als über- 

I triebene Reinlichkeit und Pedanterie war*. Solche Überempfind- 

' lichkeit gegen die Berührung von Körperfeuchtigkeit und die Phobie 

vor der Feuchtigkeit der Hand findet laut anderen Analysen in 
I der Abwehr bestimmter sexueller Vorstellungen und Erinnerungen 

I ihre letzte Quelle. Solche Personen pflegen auch vor der gei- 

stigen Berührung mit sexuellen Dingen zurückzuschrecken. 

Nun waren die ersten Mitteilungen von Breuer und Freud 
beinahe „asexuell". Erst die spätere Erfahrung zwang Freud zur 
Ergänzung der Neurosenlehre durch die Sexualtheorie. Es scheint, 
daß Mach diese Forschungen des (an derselben Universität leh- 
renden) Prof. Freud nicht ganz unbekannt und höchst unsympathisch 
t gewesen sind und als solche abgelehnt und vergessen wurden. Die 

* Ober die unbewußte Bedeutunjf angeführter Beispieie überhaupt siehe 
meinen Aufsatz „Zur psydjoanalyliachen Technik", 3. Abschnitt: Das „Zum Bei- 
spiel" in der Analyse. (Internationale Zeitsdirift für Psychoanalyse, V., 1919, S. 187,) 



Nachtrag zur „Psychogenese der Medianik" 141 

mit der Sexuaitheon'e verknüpfte Unlust riß aber auch die Er- 
innerungen an die noch „harmlosen" Breuer- Fr eudsdien „Hysterie- 
Analysen" mit in die Verdrängung. Darum werden sie in der 
„Kultur und Mechanik" nicht 2itiert, obzwar sie in -den „Prinzipien** 
als weit entfernte Analogien noch erwähnt werden, und darum 
mußte Mach die ihm von Breuer und Freud eingegebene Idee 
von den methodischen Erinnerungs-Anstrengungen (kryptomnestisch) 
wiederentdecken. 

Nun verstehen wir auch, warum Mach die Psychogenese des 
Sinnes für Mechanik nur als fortschreitende Entfaltung der Intelligenz 
auffaßt, und wo er aufs Triebhafte zu sprechen kommt, sich mit 
der Annahme eines „Betätigungstriebes" begnügt, der — sich des 
günstigen Zufalls bedienend, zu Entdeckungen führt, während die 
psychoanalytische Betrachtung, der er sich aus ihm unbewußten 
Motiven entzog, die weitere Zerlegung jenes Betätigungstriebes 
und den Nachweis der sexuellen Elemente darin gestattet hätte.* 



* Ich entdeckte naditrSglich audi in den Ereuer-Freud'sdien Studien 
Ober Hysterie (II. Auflage 184) eine Notiz, die die Mach'sdien „BewegTingsempfin- 
dungen" mit hysterischen Phänomenen in Parallele bringt. Umso wahrsdieinlidier, 
daß sich Mach mit den „Studien" eingehender besdiäftijfte. 



Symbolische Darstellung des Lust- und 
Realitätsprinzips im Odipus-Mythos* 

(Gedeutet durch Schopenhauer) 

„Jedes Werk hat seinen Ursprung in einem glücklichen Ein- 
fall, und dieser gibt die Wollust der Konzeption : die Geburt aber, 
die Ausführung, ist, wenigstens bei mir, nicht ohne Pein ; denn als- 
dann stehe ich vor meinem eigenen Geist, wie ein unerbittlicher 
Richter vor einem Gefangenen, der auf der Folter liegt, und lasse 
ihn antworten, bis nichts mehr zu fragen übrig ist. Einzig aus dem 
Mangel an jener Redlichkeit scheinen mir fast alle Irrtümer und 
unsäglichen Verkehrtheiten entsprungen zu sein, davon die Theorien 
und Philosophien so voll sind. Man fand die Wahrheit nicht, bloß 
darum, daß man sie nicht suchte, sondern statt ihrer immer nur 
irgendeine vorgefaßte Meinung wiederzufinden beabsichtigte, oder 
wenigstens eine Lieblingsidee durchaus nicht verletzen wollte, zu 
diesem Zwecke aber Winkelzüge gegen andere und sich selbst an- 
wenden mußte. Der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu 
behalten, ist es, der den Philosophen macht. Dieser muß 
dem Ödipus des Sophokles gleichen, der, Aufklärung 
über sein eigenes schreckliches Schicksal suchend, rast- 
los weiter forscht, selbst wenn er schon ahndet, daß sich 
aus den Antworten das Entsetzlichste für ihn ergeben 
wird. Aber da tragen die meisten die Jokaste in sich, 
welche den ödipus um aller Götter willen bittet, nicht 
weiter zu forschen: und sie gaben ihr nach, und darum 

" „Imag-o", I. Jahrgang 1912. 




Darstclluno- des Lust- und Rsalitätsprinaps im Oecüpus-Mythos 143 

stellt es auch mit der Philosophie noch immer wie es 
steht* Wie Odin am Höllentor die alte Seherin in ihrem Grabe 
immer weiter ausfragt, ihres Sträubens und Weigerns und Bittens 
um Ruhe ohngeachtet, so muß der Philosoph unerbittlich sich 
selbst ausfragen. Dieser philosophische Mut aber, der eins ist mit 
der Treue und Redlichkeit des Forschens, die Sie mir zuerkennen, 
entspringt nicht aus der Reflexion, läßt sich, nicht durch Vorsätze 
erzwingen, sondern ist angeborene Riclitung des Geistes ..." 

(Aus einem Briefe Schopenhauers an Goethe, nach Über- 
sendung des Manuskripts „Über das Sehen und die Farben"; 
datiert vom 11. November 1815.) 

Die tiefe und gedrängte Weisheit dieser Sätze verdient etwas 
auseinandergelegt und mit den Ergebnissen der Psychoanalyse zu- 
sammengehalten zu werden. 

Was Schopenhauer über die zur wissenschaftlichen (philosophi- 
schen) Produktion erforderliche psychische Einstellung sagt, klingt 
wie die Anwendung der Freudschen Formel über die Prinzipien 
des psychischen Geschehens** auf die Wissenschaftslehre. Freud 
unterscheidet zwei solcher Prinzipien: Das Lustprinzip, das bei 
primitiven Wesen (Tieren, Kindern, Wilden) sowie in primitiveren 
seelischen Zuständen (in Traum, Witz, Phantasie, Neurose, Psychose) 
die führende Rolle spielt und Vorgänge Zustandekommen läßt, die 
nur danach streben, auf dem kürzesten Wege Lust zu gewinnen, 
während sich die psychische Tätigkeit von solchen Akten, welche 
Unlust enieugen könnten, zurückzieht (Verdrängung). Sodann 
das Realitätsprinzip, das höhere Entwicklung und Wachsein 
des psydiischen Apparates voraussetzt und dadurch charakteri- 
siert ist, daß „an Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der 
auftauchenden Vorstellungen als unlusterzeugend von der Be- 
setzung ausschloß, die unparteiische UrteilsfälJung tritt, welche, 
entscheiden soll, ob eine bestimmte Vorstellung wahr oder falsch, 
das heißt im Einklang mit der Realität sei oder nicht, und durch 
Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der Realität darüber 
entscheidet." 



* Vom Ref. gesperrt. 

** Jahrbudi für psychoanalytische und psyAopathologisdie Forscfaungen, 
III. Band, S. 1. 



144 Darstellung des Lust - und Realitätsprinzips im Oedipua-Mythos 

Nur eine Art der Denktätigkeit bleibt auch nach Einsetzungf des 
höheren Prinzips von der Realitätsprüfung frei gehalten und allein dem 
Lustprinzip unterworfen: das Phantasieren, während die Überwin- 
dung' des Lustprinzips am gründlichsten der Wissenschaft gelingt.* 

Die eingangs zitierte Ansicht Schopenhauers über die zur 
wissenschaftlichen Tätigkeit erforderliche Geistesverfassung vmrde 
also in Freuds Terminologie umgegossen etwa so lauten: der 
Gelehrte darf (und soll) seine Phantasie spielen lassen, um so die 
„Wollust der Konzeption" genießen zu können — (neue Einfälle 
sind eben auf andere Art nicht zu haben**); aber damit aus den 
phantastischen Einfällen Wissenschaft wird, müssen diese erst einer 
mühevollen Realitätsprüfung unterworfen werden. 

Schopenhauer hat es mit Scharfblick erkannt, daß die größten 
Widerstände, die sich selbst beim Gelehrten gegen die vorurteils- 
lose Prüfung der Realität erheben, nicht verstandesmäßiger, sondern 
affektiver Natur sind. Auch der Gelehrte hat menschliche Schwädien 
und Leidenschaften: Eitelkeit, Eifersuclit, moralische und religiöse 
Parteistellüng wollen ihn blind machen einer Wahrheit gegenüber, 
die ihm unangenehm ist, und allzu geneigt, einen Irrtum, der in 
sein persönliches System paßt, für wahr zu Kalten. 

Die Psychoanalyse kann die Forderung Schopenhauers nur 
an einem einzigen Punkte vervollständigen. Sie fand, daß die inneren 
Widerstände in der frühesten Kindheit fixiert und vollkommen un- 
bewußt sein können, verlangt also von jedem Psychologen, der an 
das Studium der Menschenseele herantritt, zuvor seine eigene — 
angeborene und erworbene ■ — seelische Verlassung bis in die 
tiefsten Schichten und mit allen Hilfsmitteln der analytischen Technik 
zu durchforschen. 

Unbewußte Affekte können aber nicht nur in der Psychologie, 
sondern auch in allen anderen Wissenschaften die Wahrheit ver- 
fälschen. Die Forderung Schopenhauers müßten wir also so formu- 
lieren: Jedermann, der wissenschaftlich arbeitet, sollte sich zuerst 
einer methodischen Psychoanalyse unterziehen. 



* Freud, 1, c, S, 4,] 

** Siehe datu Alfr, Robitsek „Symbolisches Denken in der dieoliadien 
Försdranff", „Imago" (Zeitsdirift für Anwendung- der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften), I. Jahrgang, Heft 1. 



Darstellungf des Lust- und Realitätsprinzips im Ocdipus-Mythos 145 

Die Vorteile, die der Wissenschaft aus dieser vertieften Selbst- 
erkenntnis der Gelehrten erwüchsen, liegen auf der Hand. Eine 
ungeheure Menge von Arbeitskraft, die jetzt auf infantil anmutende 
Streitigkeiten und Prioritätskärapfe vergeudet wird, könnte in den 
Dienst ernsterer Zwecke gestellt werden. Die Gefahr, daß man 
„Eigentümlichkeiten seiner Person als allgemeingültige Theorie in die 
Wissenschaft hinausprojiziert" (Freud*), würde viel geringer werden. 
Auch die feindselige Tendenz, mit der auch heutzutage neue, un- 
gewohnte Ideen oder wissenschaftliche Vorschläge unbekannter, 
durch keine Autorität gestützter Persönlichkeiten empfangen werden, 
könnte einer vorurteilsfreieren Realitätsprüfung weichen. Ich stehe 
nicht an, zu behaupten, daß durch die Einhaltung dieser Maßregel 
der Selbstanalyse die Entwicklung der Wissenschaften, heute eine 
endlose Kette von kräftevergeudenden Revolutionen und Reaktionen, 
einen viel ruhigeren und doch ersprießlicheren, wohl auch be- 
schleunigteren, Gang nehmen könnte. 

Es ist nun durchaus kein Zufall, daß Schopenhauer, als er 
die richtige psychische Einstellung des Gelehrten bei der geistigen 
Produktion und die inneren Widerstände, die sich gegen diese 
richtige Arbeitsweise erheben, durdi ein Bild verdeutlichen wollte, 
sofort der Odipus-Mythus eingefallen ist. Ware er — wie wir' 
Analytiker — von der strengen Determinierbarkeit jedes psy- 
chischen Aktes überzeugt gewesen, so hätte ihn dieser Einfall zum 
Nachdenken anregen müssen. Uns, die wir uns im glücklichen Be- 
sitze der Freudschen Psychologie befinden (welche wie ein geistiger 
Dietrich so manches bisher für ünaufschließbar gehaltene Schloß 
mit Leichtigkeit Öffnet), fällt es gar nicht schwer, dieses Stüdc 
Analyse nachzuholen. Dieser Einfall Schopenhauers deutet an, es 
sei ihm unbewußt gegenwärtig gewesen, daß von allen inneren 
Widerständen der Widerstand gegen die infantile Fixierung an 
feindselige Tendenzen dem Vater und an inzestuöse der Mutter 
gegenüber die ällerbedeutsamsten sind. 

Diese durch die kulturelle Erziehung der Rasse und des 
Einzelwesens für das Bewußtsein höchst unlustvoll gewordenen, 
daher verdrängten Tendenzen ziehen eine große Menge anderer, 

* Freud, Rats<Wä|fe för den Arzt bei der psychoanalyliscien Behandlung'. 
(Zeatralblatt für Psychoanalyse, IL Jahrgang.) 

10 



146 Darstellung des Lost- und Realitätsprinzips im Oedipus-Mjfthos 

mit diesen Komplexen assoziierter Vorstellungen und Tendenzen 
mit sich in die Verdräng-ung und schalten sie aus dem freien 
Gedankenverkehre aus oder lassen sie zumindest nidit mehr mit 
wissenschaftlicher Sachlidikeit behandeln. 

Der „Ödipus-Komplex" ist nicht nur der Kemkomplex der 
Neurose (Freud); die Art der Stellungnalime zu ihm bestimmt auch 
die wichtigsten Charakterzüge des normalen Menschen und z. T. 
auch die größere oder geringere Objektivität eines Gelehrten. Ein' 
Mann der Wissenschaft, den die Inzestschranke daran hindert, die 
in ihm etwa auch Blutverwandten gegenüber aufkeimenden Liebes- 
und unehrerbietigen Neigungen sich einzugestehen, wird — um 
die Verdrängung dieser Neigungen zu sichern — aucJi die Taten, 
Werke und Gedanken anderer als elterlicher Autoritäten nicht mit 
der von der Wissenschaft geforderten Unparteilichkeit auf ihre 
Realität prüfen wollen und können. 

Den unbewußten Gefühls- und Gedankeninhalt, der sich 
hinter dem Wortlaut des Ödipus-Mythos versteckt, konnte also 
selbst der sonst so schai-fblickende Schopenhauer nicht enträtseln. 
Er — wie die ganze Kulturmenschheit bis Freud — übersah, daß 
dieser Mjrthos eine entstellte Wunschphantasie ist, die Projektion 
verdrängter Wunschregungen (Vaterhaß, Mutterliebe) mit ver- 
ändertem Lustvorzeichen (Abscheu, Grausen) auf eine äuiSere Macht, 
das „Schicksal". Diese Rekonstruktion des eigentlichen Sinnes des 
Mythos, die Deutung desselben als „materialen Phänomens" 
(Silber er) lag also dem Philosophen ferne. Er stand ja selber 
— wie ich glaube -^ beJm Schreiben dieses Briefes gerade unter 
der Herrschaft von Affekten, die ihm diese Einsicht verwehrt 
hätten. 

Der aktuelle Anlaß, der Schopenhauer gerade den Vergleich 
Beiner selbst mit Ödipus wählen ließ, läßt sich nämlich aus den 
übrigen Teilen des Briefes erraten. Der verkannt gewesene Philosoph 
sieht sich zum ersten Male von einem Manne von der Größe und 
vom Ansehen Goethes anerkannt. Er antwortet ihm in Ausdrücken 
der Dankbarkeit, wie wir sie vom stolzen, selbstbewußten Scho- 
penhauer nicht gewohnt sind. „Ew. Excellenz haben mir durch Ihr 
gütiges Schreiben eine große Freude gemacht, weil alles, was von 
Ihnen kommt, für mich von unschätzbarem Wert, ja mir ein Heilig- 



Darstellung des Lust- nnd Realitatsprinzjps im Oedipus-Mythos 147 

tum ist. Überdies enthält Ihr Brief das Lob meiner Arbeit, und Ihr 

Beifall überwiegt in meiner Schätzung jeden anderen ..." 

Das klingt förmlich wie die enthusiastische Danksagung eines 
Mensdien an einen älteren angesehenen Mann, in dem er den lange 
gesuchten Gönner zu finden, d. h. den Vater wiederzufinden 
hofft. Nebst Gott, König und Nationalhelden sind eben auch Geistes- 
heroen wie Goethe „revenants" des Vaters für zahllose Menschen, 
die alle Gefühle der Dankbarkeit und Achtung, die sie einstmal 
ihrem leiblichen Vater zollten, auf diese übertragen. — Das Zitieren 
des Ödipus-Mythos nachher konnte aber sehr wohl eine unbewußte 
Reaktion gegen diese — vielleicht etwas zu überschwänglich 
geratene — Danksagung an den Vater sein, die die feindseligen 
Tendenzen der im Grunde ambivalenten Gefühlseinstellung des 
Sohnes dem Vater gegenüber zu Worte kommen läßt. 

Vielleicht gerade mit Zuhilfenahme der von der materialen 
Bedeutung abgelenkten Aufmerksamkeit gelang es Schopenhauer 
in diesem Briefe, die selbst den Psychoanalytikern bislang ent- 
gangene funktionale Symbolik gewisser Einzelheiten des Ödipus- 
Mythos zu entziffern. 

Funktionale Symbolphänomene nennt Silber er solche in 
Träumen, Phantasien, Mythen etc. vorkommende Bilder, in denen 
nicht das Inhaltliche des Denkens und Vorstellens, sondern die 
Funktionsweise der Psyche, z. B. deren Leichtigkeit, Be- 
schwerlidikeit, Gehemmtsein etc. indirekt dargestellt wird*. 

Wenn wir Schopenhauers Vergleich gutheißen und ihn in die 
analytisch-wissenschaftliche Sprache übersetzen, so müssen wir sagen, 
daß die zwei Hauptpersonen der Sophokleischen Tragödie auch die 
zwei Prinzipien des psychischen Geschehens symbolisieren. Ödipus, 
der, „Aufklärung über sein schreckliches Schicksal suchend, rastlos 
weiter forscht, selbst wenn er schon ahndet, daß sich aus den 
Antworten das Entsetzlichste für ihn ergeben wird," stellt das 
Realitätsprinzip im Menschengeiste dar, das keine der nuftauchen- 



* Vgl, dazu Silberers durdiaus originelle und Inhalts. '-He Arbeiten über 
Symbolik, besonders: „Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Haltu- 
zinations-Erscheinungeu hervorzurufen." {Jahrbuch für Psychoanalyse, I. Band, 
2, Hälfte.) „Phantasie und Mythos." (Jahrbuch, H. Band, 2. Hälfte.) „Symbolik des 
Erwatäiens etc." (Jahrbuch, III, Band, 2. Hälfte.) „Über Symbolbildung" (Ibidem). 

10* 



148 Darstellung des Lust- und ReaJitätsprinzips im Oedipua-Mythos 

den Vorstellungen, auch die Unlust erzeugenden niclit, zu vei- 
drängen gestattet, sondern alle gleichmäßig auf ihren Wahrheits- 
gehalt zu prüfen gebietet. Jokaste, „welche den Odipus um aller 
Götter willen bittet, nicht weiter zu forschen", ist die Personi- 
fizierung des Lustprinzips, das, unbekümmert um objektive Wahrheit, 
nichts anderes anstrebt, als dem Ich Unlust zu ersparen, womöglidi 
Lust zu gewinnen, und das, um dieses Ziel zu erreichen, alle Vor- 
stellungen und Gedanken, die Unlust zu entbinden drohen, wo- 
möglich ins Unbewußte verbannt. 

Durch die Deutung Schopenhauers und deren schlagende 
analytisdie Bestätigung ermutigt, wage ich es, einen Schritt weiter 
zu gehen und die Frage aufzuwerfen, ob es denn reiner Zufall ist, 
daß im Odipus-Mythos sowohl, als auch in der von unserem 
Philosophen gleichfalls zitierten Edda-Sage das Realitätsprinzip 
durch Männer (Odipus, Wotan), das Lustprinzip durdi Weiber 
{Jokaste, Erda) dargestellt wird? Der Psychoanalytiker ist nicht 
gewohnt, voreilig beim „Zufälligen" Zuflucht zu nehmen, und wird 
eher geneigt sein, dem Griechen- und Germanenvolke sowohl, als 
Sophokles und Schopenhauer die unbewußte Kenntnis von der 
psyclijschen Bisexualität eines jeden Menschen zuzumuten. Scho- 
penhauer sagt ja geradezu, daß die meisten Menschen den Odipus 
und die Jokaste in sich tragen. Nicht schlecht würde zu dieser 
Deutung stimmen, daß nach alltäglicher Erfahrung die Verdrängungs- 
neigung, also das Lustprinzip, tatsächlich beim Weibe, die Fähig- 
keit zu objektiver Urteilsfällung und zum Ertragen schmerzlicher 
Einsichten, d. h. das Realitätsprinzip, im allgemeinen beim Manne 
vorherrscht. 

Der durch individualpsychologische Erfahrungen geschärfte Bück 
wird in der Tragödie des Sophokles gewiß noch zahlreiche bedeut- 
same Symbole entdecken und lösen können. Ich will nur noch auf 
zwei sehr auffallende hinweisen, beide von der Kategorie der 
„somatischen Syrabolphänomene" Silberers, in denen sich 
also körperliche Zustände widerspiegeln. Da ist gleich der Name des 
tragischen Helden Odipus, der im Griechischen (oideo =^ schwellen, 
pous^Fuß) Schwellfuß bedeutet. Diese anscheinend sinnlose, ja 
befremdende Namengebung verliert sofort diesen Charakter, wenn 
wir wissen, daß in Träumen und Witzen sowohl, als aucli in der 



Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im Oedipus-Mythos 14 9 

fetischistischen Verehrung des Fußes oder in der neurotischen Angst 
vor diesem Glied, ihm symbolisch die Bedeutung des männlichen 
Genitales zukommt. 

Daß dieses Glied im Namen des Helden als geschwellt vor- 
gestellt wird, wird durch dessen Erektilltät genügend erklärt. Übrigens 
kann es uns nicht Wunder nehmen, daß der Mythos den Menschen, 
der die als ungeheuerlich, aber gewiß auch als übermenschlich ge- 
dachte Leistung des Geschlechtsverkehrs mit der Mutter vollführte, 
ganz und gar mit einem Phallus identifizierte. 

Das andere somatische Symbolphänomen ist die Selbst- 
blendung des Ödipus zur Strafe seiner unbewußt begangenen 
Sünden. Der Tragöde gibt zwar die Erklärung für diese Strafe; 
„Was noch sollt' ich sehen", „was ist mir noch Blickes, noch Wun- 
sches wert", läßt er den Ödipus (nicht ganz unzweideutig) aus- 
rufen. Gewisse psychoanalytische Erfahrungen aber, bei denen die 
Augen regelmäßig als Symbole der Geschlechts Werkzeuge gedeutet 
werden mußten, gestatten es, daß ich die Selbstblendung als Ver- 
schiebung der eigentlich gemeinten Seibstentmannung des 
Ödipus, also der hier viel verständlicheren Talionstrafe deute. Auf 
die entsetzte Frage des Chors aber: „Wie verm ochst du dein 
Gesicht — So auszulöschen? Welcher Gott empörte Dich," ant- 
wortet der f-leld: 

„Es war Phöbos, teurer Mann, Phöbos war's 
Der all dieses mir, dies Leid all vollbracht." 

Also der Sonne, dem typischesten Vatersymbol*, durfte der 
Held nicht mehr in die Augen sehen, was eine zweite Deter- 
minante der Entstellung der Kastrationsstrafe zur Blendung abge- 
geben haben mag**. 

* Freud, Naditrag- zur Analyse Schrebers (Jahrbucli f. Psychoanal. III. Bd.), 
** Dem praktisch geübten Psychoanalytiker werden diese Symboldeutungen 
«ofort einleuditen, da er sie in seinen Traumanajysen ungezählte Male bestätigt 
finden kann. Während der Durdisicht dieser Arbeit erhielt ich aber von Herrn 
O. Rank die Mitteilung, daß die Richtigkeit sowohl der hier versuchten Deutung 
des Namens ödipus wie auch der sexuaisymbolischen Erklärung- der Selbst- 
blendung sich audi aus vergleichead-mythologischen Studien mit Sicherheit 
ergibt. In seinem soeben erschienenen Werke „Das Inzestmotiv in Dichtung 
und S«ge (Wien, Leipzig 1912) werden diese Deutungen mit reichem Tatsachen- 
material belegt, das deren Annahme auch dem Nichtanalytiker ermÖglidiL 



150 DarsteUung de3 Lust- u n d Realitätsprinzips im Qediptis-Mythos 

Haben wir uns einmal diese Deutungen zu eigen gemacht, 
so muß in uns die Verwunderung darüber aufsteigen, daß es der 
Volksseele gelungen sein soll, in diesem Mythos die — allerdings 
entstellte — Erkenntnis vom bedeutsamsten Inhalte, dem Kem- 
Komplexe des Unbewußten (d. h. dem Eltemkomplex) mit der 
allgemeinsten und umfassendsten, zwar nur symbolisd) ausgedrückten 
Formel des psychisdien Geschehens zu verdichten. Unsere Ver- 
wunderung macht aber dem Verständnis Platz, wenn wir erst aus 
den grundlegenden mytho-psychologischen Arbeiten Otto Ranks 
die Arbeitsweise der dichtenden Volksseele erfassen gelernt haben» 
Rank zeigt uns an einem schönen Beispiele*, daß der einzelne 
Diditer „vermöge seiner eigenen Komplexbetonung zur Verdeut- 
lichung und Unterstreichung gewisser Züge eines überlieferten 
Stoffes gelangt", daß aber auch die sogenannten Volksproduktionen 
als das Werk zahlreicher oder zahlloser Einzelindividuen zu be- 
trachten sind, die als Urheber, Fortpflanzer und Ausschmücker 
einer Überlieferung zu denken sind. „Nur geht hier" — sagt 
Rank weiter — „die Erzählung durch eine Reihe, offenbar in 
ähnlicher Weise eingestellter Individualpsychen hindurch, von denen 
jede in der gleichen Richtung an der Hervorbringung der allgemein- 
menschlichen Motive und^der Abschleifung manches sie störenden 
Beiwerks oft generationenlang arbeitet". 

Nach der doppelten Deutung des Ödipus-Mythos können 
wir uns den von Rank geschilderten Kristallisierungsprozeß unseres 
Mythos etwa so vorstellen: 

Bedeutsame aber unbewußte psychische Inhalte (agressive 
Phantasien gegen den Vater, Libido zur Mutter mit Erektions- 
neigung, Angst, daß der Vater die sündhafte Absicht mit der 
Kastrationsstrafe ahnden würde) verschafften sich, jeder für sich, 
indirekte symbolische Vertretungen im Bewußtsein aller Männer. 
Menschen mit besonderen schöpferischen Fähigkeiten, die Dichter, 
verliehen diesen universellen Symbolen Ausdrude. So dürften 
zunädist einzeln, von einander unabhängig, die mythischen Motive 
der Aussetzung durch die Eltern, des Sieges über den Vater, des 
unbewußten Verkehrs mit der Mutter, der Selbstblendung ent- 

* O. Rank „Der Sinn der Griselda-Fabel". (Imag'o, Zeitschrift für An- 
wendung der Psyctoandyse auf die Geisteswissensdiaften, I. Jahrgang, Heft 1). 



Darstellung- des üi st- und Realitätsprinzips im Oedipns-Mythos 151 

standen sein. Im Laufe der von Rank wahrscheinlich gemachten Wan- 
derung der Mythen durch unzählige dichterische Individualpsychen 
kam es sekundär zur Verdichtung der Ein2eltnotive, zu einer größeren 
Einheit, die sich dann als dauerhaft erwies und die sich ziemlidi 
gleichartig bei allen Völkern und zu allen Zeiten neu bildete.* 

Es ist aber wahrscheinlich, daß, wie in diesem, so auch in 
jedem anderen Mythos, ja vielleicht bei der geistigen Produktion 
überhaupt, der Tendenz, psychischen Inhalten Ausdruck zu ver- 
leihen, auch die unbewußte Absicht parallel läuft, die bei der Be- 
wältigung dieser Inhalte betätigte seelische Funktionsweise zur 
Darstellung zu bringen**. Erst diese letzte Verschmelzung ergäbe 
dann den fertigen Mythos, der, ohne an seiner Wirkung auf die 
Menschen je etwas einzubüßen, jahrhundertelang unverändert über- 
liefert wird. 

So der Odip US-Mythos, in dem nicht nur die tiefstverdrängten 
Gefühl- und Gedankenkomplexe des Menschen, sondern aucJi das 
Spiel der seelischen Kräfte bildlich dargestellt wird, die sich beim 
bewußten Bewältigenwollen solcher Inhalte, und zwar nadi Ge- 
schlecht und Individualität verschieden, betätigen. 

Für die Riditigkeit dieser Deutung mögen einige Stellen der 
Tragödie selbst Zeugenschaft ablegen***: 

ÖDIPUS: Wie? Muß der Mutter Bette raidi nidit ängstigen? 
JOKASTE: Was soll der Mensch doch fürchten, den das Ohugefahr 
Beherrscht und nirgends klares Vorgefühl regiert? 
Er lebt am Besten leicht dahin, wie er's vermag,*!' 
Und du ersdiridc nicht vor der Mutter Brautgemach, 
Wohl viele schon der Menschen sah'n in Träumen sieh 
Der Mutter zugelagerL Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, träe:t allein das Leben leicht. 



* S. dazu: Rank, Mythus von der Geburt des Helden. (Sdiriften zur 
angew. Seelenkunde, V. Heft). 

*• Silberer, dem die Begriffsbestimmung- der funktionalen Symbolik ni 
verdanken ist, zitiert eine lange Reihe von Mythen und Märdien, die sich in 
materielle und funktionale Symbolphänomene auflösen lassen. („Phantasie und 
Mythos", Jahrbudi für Psydioanaiyse, II. Band, 2. Heft). 

**• Sophokles, Übersetzt von G. Thudichum. (Leipzig-. Reclara), 
f Die t5rpographisdien Hervorhebunsfen sind vom Ref. 



I 



152 Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im Oedipus -Mythos 

TOKASTE (zu ödipus, der, nadi der schrecklichen Wahrheit forsdiend, 
den einiigfcn Zeugen des Frevels zu sidi bescheidet) ; 
. . . Merke nicht darauf und dem 
Was sie gesprochen, sinne nicht vergebens nach. 

ÖDIPUSi Das sei mir ferne, daß idi nicht, nach diesen mir 
Gebot' nen Zeichen, mein Geschlecht enthüllen sollt 

JOKASTE: Nein, bei den Göttern, so gewiß dein Leben dir 

Lfeb ist, ergründ' es nicht] — Genug ist meine Quall 

JOKASTE: Und dennoch folg' mir! Tu' es nichtl Idi bitte dich. 
ÖDIPUS: Ich folge nicht dir, eh' ich klar das alles weiß. 
JOKASTE: Und wohl es meinend, nur das Beste rat' ich dtr, 
ÖDIPUS: Doch eben dieses Beste quält mich lange schon. 
JOKASTE: Unsel'ger, daß du nie erkenntest wer du bist 

ÖDIPUS: Es breche, was da brechen mag; ich aber will 
Auch wenn es klein ist, mein Geschlecht ergründet 
sehen. 

DER HIRT (der mit der Tötung des neugeborenen Ödipus betraut war, 
ihn aber seinerzeit aussetzen ließ) : 
Weh' mir, nun soll idi sagen das Entsetzliche I 

ÖDIPUS: Und ich es hören. Doch es muß gehöret seinl 

„Die Jokaste in uns", wie Schopenhauser sagt, das Lust- 
prinzip, wie wir es ausdrücken, will also, daß der Mensch „leicht 
dahinleben soll, wie er vermag", daß er die Dinge, die ihn ängsti- 
gen, „für nichtig achte" (unterdrücke), z. B. Phantasien und Träume 
vom Tode des Vaters und vom Geschlechtsverkehr mit der Mutter 
mit der oberflächlichsten Motivierung alle Bedeutsamkeit abspreche, 
auf unangenehme und gefährliche Reden nicht achte, dem Ur- 
sprünge der Dinge nicht nachgehe, besonders aber warnt es davor, 
daß der Mensdi erkenne, wer er ist. 

Das Realitätsprinzip aber, der ödipus in der Menschenseele, 
läßt sich durch die Lockungen der Lust nicht davon abhalten, audi 
der mnächst bitteren oder gar entsetzlich wirkenden Wahrheit auf 
den Grund zu gehen; es schätzt nichts so gering, daß es einer 



Darstellung des Lust- und Reaiitätsprui^ips im OedSpus-Mythos 153 

Prüfung nidit wert wärej es sdiämt sidi nicht, selbst in den aber- 
gläubischen Vorhersagen und Träumen den wahren psychologis<iien 
Kern zu suchen, und lernt es ertragen, daß im Innersten der Seele 
aggressive und sexuelle Instinkte hausen, die selbst vor den Schran- 
ken rndit halt machen, die die Kultur zwischen dem Sohne und 
seinen Eltern errichtet hat. 



Cornelia, die Mutter der Gracdien* 

Cornelia war viele Jahre lang die Frau des Tiberius Sem- 
pronius, dem sie zwölf Kinder schenkte. Zwei Söhne, Tiberius 
und Ca jus, und eine Tochter, Sempronia (die dann Scipio 
Africanus Junior heiratete), blieben ihr erhalten. Nach dem Tode 
ihres Gatten schlug sie die Hand des ägyptischen Königs Ptolo- 
mäus aus, um sich ausschließlich ihren Kindern zu widmen. Über 
ihr Geschmeide befragt, antwortete sie einmal, auf ihre 
Kinder zeigend: „Dies sind meine Schätze, meine Juwelen." 
Das traurige Los ihrer beiden Söhne ertrug sie standhaft in der 
größten Zurückgezogenheit. Cornelia war eine der edelsten Frauen 
Roms, die man auch ob ihrer großen Bildung verehrte; die Sprach- 
schönheit ihrer Briefe wurde viel bewundert. Das römische Volk 
verewigte das Andenken der „Mutter der Gracchen" in einer 
ehernen Statue.** 

Soviel erfahren wir über diese- edle Römerin von Plutar- 
chos; die Nachrichten über ihre Person stammen aber durchwegs 
aus zweiter Hand und auch die in den Schriften des Cornelius 
Nepos erhaltenen zwei Brieffragmente werden von Sachverständigen 
nicht für echt gehalten. 

Man darf es gewiß für eine Verwegenheit halten, wenn ich 
mich getraue, nach mehr als zwei Jahrtausenden einen neuen Bei- 
trag zum Verständnis des Charakters der Cornelia zu liefern. 
Seine Veröffentlichung in dieser Zeitschrift läßt es aber erraten, 

* Erschienen in der Internationalen Zeitschrift für Psyclioanalyse, 
V. Jahryang- (1919). 

•* Aus dem Artikel „Cornelia" des uag. „PaUaa"-Le3dkoiia. 



Cornelia, die Mutter der Gracdsen 



155 



daß ich ihn nicht frischen Aosgrabungen, sondern psychoanalytischer 
Erfahrung und Überlegung verdanke. 

Es leben nämlich auch heute Frauen vom Typus der edlen 
Cornelia, Frauen, die, selbst bescheiden, zurückhaltend, oft etwas 
herb, ~ mit ihren Kindern wirklich wie andere mit ihrem Ge- 
schmeide prangen. Es kommt auch vor, daß solche Frauen an einer 
Psydioneurose erkranken, und da bietet sich dem Seelenarzte die 
Gelegenheit, unter anderem auch diesen Charakterzug der Analyse 
zu unterziehen. Er gewinnt dabei einen tieferen Einblick in die 
Eigenart ihres Vorbildes Cornelia und lernt das universelle In- 
teresse, das der über sie erzählten Anekdote entgegengebracht 
wird, besser verstehen. 

Ich verfüge über die zu einer Verallgemeinerung als Minimum 
erforderliche Zweizahl, habe wirklich zwei soldie Frauen eingehend 
analysiert und dabei merkwürdige Übereinstimmungen ihrer äußeren 
und inneren Schicksale festgestellt. 

Die erste, eine seit vielen Jahren verheiratete Frau, begann 
lange Zeit hindurch fast jede Analysenstunde mit Lobeserhebungen 
über ihr ältestes und ihr jüngstes Kind, oder aber mit Klagen 
über eines der mittleren, deren Betragen manches zu wünschen 
übrig ließ; doch gab ihr die geistige Begabung auch dieser Kinder 
sehr oft Anlaß zu liebevollen Erzählungen. Ihre äußerliche Er- 
scheinung und ihr Betragen war einer Cornelia würdig. Unnahbar 
entzog sie sich den Blicken der Männer, die ihre Schönheit mit 
Begierde anzuschauen wagten, sie betrug sich dabei nicht nur 
reserviert, sondern ausgesprochen ablehnend. Sie lebte einzig 
ihrer Pflidbt als Gattin und Mutter. Leider war diese schöne Har- 
monie bei ihr durdi eine hysterische Neurose getrübt, die sich 
einesteils in lästigen körperlichen Erscheinungen und zeitweiligen 
Gemütsalterationen äußerte, anderenteils — wie die Analyse bald 
aufdeckte — darin, daß ihr die Fähigkeit zur Genitalbefriedigung 
sozusagen abging. Im Laufe der Analyse nahm die Art, in der sie 
sich ihrem jüngsten Kinde gegenüber betrug, allmählich sonderbare 
Formen an. Sie bemerkte zu ihrem Schreck, daß sie bei der Lieb- 
kosung dieses Kindes ausgesprochene erotische Anwandlungen, ja 
förmlidie Genitalsensationen verspürte, Sensationen, die sie beim 
ehelichen Verkehr vermissen mußte. In Form der Übertragung auf 




den Ar::t kamen dann ihr selbst ganz unerwartete Züge zum Vor- 
schein; hinter der etwas prüden und abweisenden Haltung zeigte 
sich allmählich eine ganz ausgesprochene, man möchte sagen: ganz 
normal frauenhafte Gefallsucht, die sich aller Mittel zu bedienen 
verstand, welche die Aufmerksamkeit auf ihre Reize zu lenken geeignet 
waren. Aus ihren Traumen ließ sich dann mit Hilfe einer uns sehr 
geläufigen Symbolik leicht erraten, daß für sie das Kind eigent- 
lich das Genitale bedeutete. Es gehörte nicht viel Scharfsinn 
dazu, einen Schritt weiter zu gehen und zu erraten, daß ihre Nei- 
gung, die Vorzüge der Kinder Anderen zu zeigen, ein Ersatz 
für die normale Exhibitionslust war. Es kam denn auch her- 
aus, daß dieser Partialtrieb bei ihr sowohl konstitutionell, als auch 
infolge von Erlebnissen recht prominent war, und daß dessen Ver- 
drängung einen erheblichen Anteil an der Motivierung ihrer Neu- 
rose hatte. Einen besonders starken Verdrängungsschub erfuhr dieser 
Trieb, als sie in recht jugendlichem Alter eine kleine Operation 
an der Genital gegen d erdulden mußte. Von da an fühlte sie sich 
anderen Mädchen gegenüber entwertet, verlegte ihr Interesse aufs 
Geistige, begann ■ — wie die Cornelia — schöne Briefe, sogar 
kleine Gedichte zu schreiben, entwickelte aber sonst den schon 
beschriebenen, etwas prüden Charakter. 

Ihr Verhältnis zu Schmucksachen verhilft uns zum Ver- 
ständnis Jenes Vergleiches, dessen sich die edle Cornelia bediente. 
Sie war, was Kleidung und Juwelen anbelangt, redit bescheiden. 
Sie kündigte aber die Erinnerung an ihr peinliche Genital erlebnisse 
der Kinderzeit Jedesmal mit dem Verlieren eines Schmuckgegen- 
standes an, so daß sie allmählich fast um ihr ganzes Geschmeide kam. 

In dem Maße, als sie die Fähigkeit zum Sexualgenuß und 
das Bewußtsein ihrer Exhibitionslust erlangte, milderte sich ihre 
Überschwänglichkeit im Zurschautragen der Vorzüge ihrer Kinder, 
wobei aber ihr Verhältnis zu den Kindern natürlicher und inniger 
wurde. Sie schämte sidi auch nicht mehr, sidi ihr Vergnügen an 
Frauenschmuck aller Art einzugestehen, und ließ von der übertrie- 
benen Hochschätzung des Geistigen im Mensdien wesentlich ab. 

Die die Patientin zuletzt so erschreckende erob'sche Sensation 
beim Berühren ihres jüngsten Kindes fand in den tiefsten Schichten 
ihrer Persönlichkeit und in der Erinnerung an die früheste Periode 



Cornelia, die Mutter der Graodien 



157 



ihrer Entwicklung' ihre Erklärung. Diese Wollust war eine Repro- 
duktion von Gefühlen, die sie vor der gewaltsamen Unterdrückung 
ihrer infantilen Selbstbefriedigung reichlich genossen, die sich aber 
in Angst verwandelt hatte und sie — beim unerwarteten Durch- 
dringen zum Bewußtsein — erschrecken mußte. 

Wer wird sich angesichts solcher Erfahrungen noch von der 
„Als ob"-Natur, von der IrreaUtät der Symbole etwas vorfaseln 
lassen?! Für diese Frau waren die Kinder und die Juwelen sicher- 
lich Symbole, die an Realität und Wertigkeit keinem anderen psy- 
chischen Inhalte nadistanden. 

Die andere Patientin, von der ich berichten will, verriet ihr 
Verhältnis zum Schmuck und zu den Kindern viel auffälligen Sie 
wurde Diamantschleiferin, liebte es, ihr Kind in persona mitzu- 
bringen, um es mir zu zeigen, und hatte — - im schärfsten Gegen- 
satz zu ihrer überaus dezenten, wie sie selbst sagte „gouvernanten- 
haften" Kleidung — typisdie Nacktheitsträume. 

Ich fühle mich nach diesen Beobachtungen berechtigt, auch 
den Fall der berühmten Cornelia, trotz seiner Antiquität, ebenso 
zu beurteilen wie den einer heute lebenden Frau, und anzu- 
nehmen, daß ihre schönen Charakterzüge die Sublimienings- 
produkte derselben „perversen" Exhibitionsnetgung waren, die 
wir hinter den nämlichen Eigenschaften unserer Patientinnen nach- 
weisen konnten. 

In der Reihe: Genitale — ■ Kind — • Schmuck ist letzterer 
sicherlich das uneigentlichste, das abgeschwächteste Symbol. Es 
war also sehr angebracht, daß Cornelia ihre Mitbürgerinnen auf 
das Unnatürliche " in der Anbetung jenes Symbols aufmerksam 
machte und mit ihrem Beispiel auf n'kturgemäßere Liebesobjekte 
hinwies. Wir können uns aber die Fiktion einer noch viel alteren, 
einer urraenschlichen Cornelia gestatten, die noch weiter ging, 
und wenn sie merkte, daß ihre Genossinnen mit ihrer Verehrung 
des Symbols „Kind" allzuweit gehen, auf ihr Genitale hinwies, als 
wollte sie sagen: Hier sind meine Schätze, meine Juwelen 
und auch die Urquelle des Kultes, den ihr mit euren 
Kindern treibt. 

Übrigens braucht man sich um ein solches • Beispiel niclit erst 
an die Urzeit zu wenden. Die nächstbeste Neurotikerin oder Ex- 



hibitionistin kann uns ein solches Zurückgreifen auf das Eigentliche 
dieser Symbolik „ad oculos" demonstrieren. 

In einem Aufsatze „Analyse von Gleichnissen" {Internationale 
Zeitschrift für Psychoanalyse 111,1915, S.270) hatte ich behauptet, daß 
im Wortlaute achtlos hingeworfener Vergleiche oft dem unbewußten 
Wissen entnommene tiefe Erkenntnisse enthalten sind. Das Gleichnis 
der Cornelia wäre den dort angeführten Beispielen anzureihen. 



Anatole France als Analytiker* 

Ibsen und Anatole France haben die auch durch die Analyse 
aufgedeckten Grundlagen unseres Seelenlebens auf dem Wege der 
Eingebung' erfasst. A. France hat seine psychologischen Erkennt- 
nisse den Helden seiner Erzählungen in den Mund gelegt, Sie 
sind in den salbungsvollen, alles wissenden und alles verzeihenden 
Reden des Abbe Coignard, in den tiefsinnigen Gedanken des 
Monsieur Bergeret und anderwärts in seinen Werken zerstreut 
und verdienten gesammelt zu werden. 

Nur an einer Stelle nimmt der große französische Schrift- 
steller zu den Fragen der Psychiatrie unmittelbar Stellung, in einem 
Feuilleton, das im Jahrgange 1887 des „Temps" unter dem Titel; 
„Les fous dans la Ütterature" erschien und im ersten Band 
der Sammlung France scher publizistischer Arbeiten }„ha vie 
litt€raire" abgedruckt ist. 

Ich gebe hier einige bezeidmende Stellen dieses Aufsatzes 
wieder und glaube, daß es keinem Leser des Zentralblattes schwer 
fallen wird, nach Übersetzung der Franceschen Ansichten in die 
psychoanalytische Kunstspradie die grundsätzliche Übereinstimmung 
seiner und unserer Auffassung über funktionelle Psydjosen fest- 
zustellen. 

„Ein Franzose" — schreibt A, France — „der nach London 
reiste, besudite eines Tages den großen Charles Dickens. Er 
wurde empfangen und entschuldigte sidi dafür, daß er es wage, 
einige Minuten eines so kostbaren Daseins in Anspruch zu nehmen." 

* Erschienen im „Zentralblatt für Psydioanalyae", I. Jahrjfang' (1911), 
Seite 461. 



160 



Anatole France als Analytiker 



— „Ihr Ruhm," fügte er hinzu, „und die allgemeine Zuneigung', 
die Sie erwedten, mag Sie unzähligen solchen Belästigungen aus- 
setzen. Ihre Türe ist unausgesetzt belagert. Sie müssen tagtäglich 
Fürsten, Staatsmänner, Gelehrte, Sdiriftsteller, Künstler, sogar 
Narren empfangen." — 

— «Ja. Narren, Narren," rief Dickens, indem er sich in 
großer Erregung, wie sie ihn an seinem Lebensende oft befiel, 
erhob, „Narrenl nur die machen mir Vergnügen." 

Sprachs, faßte den erstaunten Besucher bei den Schultern 
und schob ihn zur Türe hinaus. 

„Die Narren, die liebte Charles Dickens immer. Mit welch* 
zarter Anmut beschrieb er die Unschuld des guten Mr. Dick. 
Jedermann kennt Mr. Dick, da doch jedermann David Copper- 
field gelesen hat. Jeder Franzose zumindest, da es in England 
heutzutage Mode ist, den besten englischen Erzähler zu vernadi- 
lässigen. Ein junger Kunstgelehrter gestand mir unlängst, daß 
„Dombey and Son" nur in der Obersetzung lesbar sei. Er sagte 
mir auch, daß Lord Byron ein ziemlich flacher Dichter sei, etwa 
wie unser Ronsard. Ich glaube es nicht. Ich glaube, daß Byron 
einer der größten Dichter des Jahrhunderts ist, und daß Dickens 
mehr Gefühl besaß und erweckte als irgend ein anderer Schrift- 
steller. Idi glaube, daß seine Romane schon sind, wie die Liebe 
und die Barmherzigkeit, die sie einflößen. Idi glaube, daß „David 
Copperfield" ein neues Evangelium ist. Ich glaube endlich, daß 
Mr. Dick, mit dem allein ich es hier zu tun habe, ein wohl- 
beratener Narr ist, da die einzige Art Vernunft, die ihm verblieb, 
die Vernunft des Herzens ist, und diese nie betrügt. 

Was schadet es, daß er Papierdrachen fliegen läßt, die er mit 
weiß Gott welchen Träumereien über den Tod Karls des Ersten 
bekritzelt hat! Er ist wohlwollend, er will Niemandem weh tun, 
und das ist eine Weisheit, in der es viele vernünftige Mensdien 
nicht so weit gebradit haben wie er. Es ist ein Glück für Mr. Dick, 
in England geboren zu sein. Die persönliche Freiheit ist dort größer 
als in Frankreich. Eigenart wird dort mit mehr Wohlwollen be- 
trachtet und mehr geachtet als bei uns. Und was ist am Ende der 
Irrsinn anderes als geistige Eigenart? Ich rede vom Irrsinn und 
nicht von der Demenz. Demenz ist Verlust der intellektuellen Fähig- 



Anatoie France ak Analytiker 161 

keiten, der Irrsinn aber nur eine absonderliche und eigenartige 
Verwendung derselben." 

Diese wunderbar klare Definition Franc e's übertrifft an Rich- 
tig-keit so ziemlich alle ähnlichen Versuche der berufsmäßigen Psy- 
chiater, die audb die unzweifelhaft funktionellen, psychogenen Neu- 
rosejj und Psychosen anatomisch erklären und womöglich zur De- 
menz brandmarken wollen. 

„In meiner Kindheit — setzt Anatoie France fort — - kannte 
ich einen Greis, der bei der Nachricht vom Tode seines einzigen, 
zwanzig Jahre alten Sohnes, den eine Lawine des Rig! versdiüttet 
hatte, irrsinnig wurde. Seine Narrheit war die, daß er Kleider aus 
Matratzenleinwand trug. Abgesehen davon war er vollkommen 
vernünftig. Alle Straßenjungen der Umgebung liefen ihm mit In- 
dianergeheul nach. Da sich aber in ihm die Milde eines Kindes 
mit der Kraft eines Riesen paarte, hielt er sie in respektvoller 
Ferne, indem er ihnen genügend Furcht einjagte, ohne ihnen 
je wehe zu tun. Er hätte einer guten Polizei als Vorbild dienen 
können. 

Trat er in ein befreundetes Haus, so war es sein erstes, 
diesen lächerHch großkarrierten groben Leinwandkittel abzulegen. 
Er legte ihn auf einem Lehnstuhle in der Weise zurecht, daß er 
möglichst ausschaue, als bekleidete er einen menschlichen Körper. 
Seinen Spazierstock steckte er als Rückgrat in den Rock, dann 
setzte er seinen großen Fihhut auf den kugeligen Knopf seines 
Stockes und krampte den Hutrand nach abwärts, wodurch die 
Figur ein gar phantastisches Aussehen bekam. Nachdem das getan 
war, betrachtete er einen Augenblick sein Werk, wie man einen 
alten kranken Freund ansieht, und unvermittelt verwandelte er sich 
in den vernünftigsten Menschen der Welt, als wäre es in Wirk- 
lichkeit der eigene Irrsinn, der im Faschingsaufzug vor ihm 
schlummerte. 

Wie oft und wie gerne sah und hörte ich ihm zu. Er sprach 
über alle Gegenstände mit viel Einsicht und Scharfsinn. Er war 
ein Gelehrter, voll aller möglichen Kenntnisse über die Welt und 
die Mensdien. Namentlich über Reisen hatte er eine reiche Bibliothek 
im Kopfe und war unvergleichlich im Erzählen des Schiffbruchs 
der Meduse oder gewisser Matrosenabenteuer in Ozeanien, 

11 



Es wäre unverzeihlich von mir, wenn ich zu erwähnen ver- 
gässe, daß er ein vollendeter Humanist war. Er gab mir ja, rein 
aiis Wohlwollen, mehrere Lektionen in Griechisch und Latein, die 
meinen Studien sehr zugute kamen. Seine Dienstfertigkeit zeigte 
sich bei jeder Gelegenheit. Ich sah einmal, wie er verwickelte 
Rechnungen, mit denen ihn ein Astronom betraut hatte, unter- 
brach, um einer alten Dienerin beim Holzspalten behilflich zu sein. 
Sein Gedächtnis war verläßlich; er behielt die Erinnerungen an 
alle Ereignisse seines Lebens — ausgenommen das eine, das ihn 
zerrüttet hatte. Der Tod seines Sohnes schien ihm aus dem Ge- 
dächtnis ausgelöscht zu sein, Nie hörte man von ihm aueh nur ein 
Wort, aus dem man darauf hätte schließen können, daß er sich 
an irgend etwas von diesem schrecklichen Unglück erinnerte*. 

Seine Stimmung war sonst ausgeglichen, fast heiter. Er liebte 
es, seinem Geiste milde ladiende, liebliche Bilder vorzuführen. 
Er suchte die Gesellschaft junger Leute und seine Geistesrichtung 
wurde im Verkehr mit ihnen ausgesproclien lebhaft. 

Er drang nicht recht in die Gedankenwelt dieser jungen Leute 
ein; er verfolgte seine eigenen Gedanken mit einer Hartnäckigkeit, 
die allen Versuchen, ihn aus dem Geleise zu bringen, widerstand." 

Hätten wir auf Grund dieser Beschreibung Frances die 
Diagnose des Falles zu stellen, so müßten wir aus den Stereo- 
typien, aus dem Erhaltenbleiben der Intelligenz, aus der Abge- 
schlossenheit der Außenwelt gegenüber, welche Symptome der 
Dichter auf ein erlittenes psychisdies Trauma zurückführt, auf eine 
funktionelle Psychose folgern. Wir finden in diesem Erklärungs- 
versuche Anatole Frances unsere eigenen Anschauungen wieder. 
Das weitere Schicksal des Kranken erzählt der Dichter in folgendem : 
„Nachdem er sich ,'zwanzig Jahre lang Sommer wie Winter 
mit einem Rock aus Matratzenl einwand bekleidet hatte, erschien 
er eines Tages in einer kleinkarrierten "Weste, die gar nicht lächer- 
lich war. Aber auch seine Laune war wie sein Anzug, leider aber 
sehr zu ihrem Nachteil, verändert. Der Arme war traurig, schweig- 
sam und still. Er ließ nur hie und da einige Worte fallen, die 
Unruhe und Erschütterung verrieten. An seinem Antlitz, früher so 

* A, France ahnte also schon 1887 den Mechanismus der Verdränguiij 
uncä derefl Zusammenhang' mit zirkumskriptea Amnesien. 



Anatoie Frunce als Analytflcer 



163 



rot, erschienen bläuliche Flecken. Seine Lippen wurden schwärzlich 
und hängend. Er wies jede Nahrung von sich. Eines Tages sprach ■■ 
er vom Tode seines Sohnes. Am IWorgen des darauffolgenden 
Tages fand man ihn in seinem Zimmer erhängt*." 

Das Ende des Mannes mit dem IWatratzenrock, der aller Wahr- 
scheinlichkeit keine freie Erfindung Franc es ist, erinnert an Fälle 
von Dementia praecox, in denen unter dem Einfluß schwerer 
körperlicher Erkrankungen oder auch ohne sichtbaren Grund merk- 
würdig plötzlidie Änderungen des Zustandsbildes vor sich gehen. 
Ich weiß von Dr. Rikiin, daß er in der Züricher Irrenanstalt häufig 
Gelegenheit hatte, bei dementen Frauen Geburtshelferdienste zu 
leisten und konstatieren konnte, daß die mit dem Gebären einher- 
gehende Erschütterung auch die ungebärdigsten Patientinnen vor- 
ü!>ergehend gefügig, ruhig und intelligent machte. 

„Ich kann midi — setzt A. France fort — einer ausge- 
sprochenen Sympathie für die Irrsinnigen, die anderen wenig zu 
Leide tun, nidit erwehren. Anderen gar nicht wehe zu tun, ist 
niemandem gegeben, Vernünftigen so wenig wie Irrsinnigen. 

Die Irren verdienen keinen Haß. Sind sie denn nicht unseres- 
gleichen? Wer kann von sich behaupten, daß er in keiner Hinsicht 
närrisch ist? 

Ich habe soeben in Littre und de Robins „Dictionnaire" 
die Begriffsbestimmung des Irrsinns gesucht, aber nicht gefunden. 
Die dort gegebene Erklärung zumindest ist ganz unsinnig. Ich 
war darauf gefaßt; denn der Irrsinn, wenn er durch keine 
anatomische Veränderung gekennzeichnet ist, bleibt undefinierbar. 
Wir nennen einen Menschen einen Narren, wenn er anders denkt 
als wir. Voilä tout. Philosophisch betrachtet, süid die Gedanken 
der Narren ebenso berechtigt wie die unseren. Sie stellen sich die 
Außenwelt nadi den Eindrücken vor, die sie davon empfangen. 
Wir, die wir für Vernünftige gelten, tun auch nichts anderes. Die 
Welt spiegelt sich in ihnen auf andere Weise als in uns. Wir sagend 
das Bild, das wir uns davon bilden, sei das richtige und das ihrige 
sei falsdi. In Wirklichkeit ist keines der beiden völlig wahr oder 
völlig falsdi. Ihr Bild gilt für sie als wahr, wie das unsere für uns." 

* Wir würdet! sagen: das Auf tauchen der bewußten Erinnerung verwandelte 
jäie Krankheit in „gemeines Unglück", das der Patient nidit ertragen konnte. 

11* 



164 Anatole France als Analy tiker 

Sodann erzählt uns Anatole France eine Fabel vom Streit 
zwischen einem Plan- und einem Konvexspiegel, die beide aus- 
schließiicl) das auf der eigenen Spiegeiiläche erscheinende Bild für 
richtig- erklären, und schließt mit der Warnung: 

„Lernen Sie doch, meine Herren Spiegel, sich nicht gegen- 
seitig Narren zu schimpfen, weil sie von den Dingen nicht dasselbe 
Büd erhalten." 

Diese Fabel empfiehlt France den Irrenärzten, „die alle 
Leute, deren Leidenschaften und Gefühle stark von den ihrigen 
abweichen, einsperren lassen. Sie erklären einen verschwenderischen 
Mann und eine verliebte Frau für blödsinnig. Als wäre im. Ver- 
schwenden und im Verliebtsein nicht mindestens soviel Sinn als 
im Geiz und im Eigennutz." 

In diesem Satze finden wir unsere Ansicht, v/onadi funktio- 
nelle Geisteskrankheit sich nur quantitativ von der Normalität 
unterscheidet, wieder. 

„Die Irrenärzte — sagt weiter France — sind der Ansicht, 
daß ein Mensch, der hört, wenn die anderen Menschen nicht hören, 
irstnnig sei. Und doch pflegte Sokrates bei seinem Schutzgeiste 
Rat zu holen und hörte Jeanne d'Arc Stimmen. Sind wir denn 
nicht allesamt Geisterseher und Halluzinanten? Wissen wir denn 
überhaupt etwas vom Wesen der Außenwelt? Und erfahren wir 
Zeit unseres Lebens etwas anderes als leuchtende oder schallende 
Schwingungen unserer Empfindungsnerven?" 

Auf dieses erkenntnistheoretische Gebiet folgen wir Psycho- 
analytiker dem philosophierenden Schriftsteller nicht. Uns gibt die 
Sammlung und Sichtung der Tatsachen der empirisdien Psydio- 
logie noch für lange Zeit genug zu schaffen. 

Wie gut sich aber France in das Wahnsystem eines Paranoikers 
einzufühlen versteht, ersehen wir aus einer anderen Stelle seiner 
Abhandlung über die Narren in der Literatur. Er spricht dort von 
der bekannten Novelle „Le Horla" von Guy de Maupassant, „dem 
Fürsten der Erzähler". In dieser Novelle wird einer von einem 
unsichtbaren Dämon, einem Vampyr gepeinigt, der ihm den Sdilaf 
raubt und die Milch von seinem Nachtkasten stiehlt. 

„In der Tat ist nichts schrecklicher, — setzt A. France hin^u 
— als sich in den Krallen eines unsichtbaren Feindes zu fühlen. 



Anatole France als Analytiker 165 

Will ich aber ganz ehrlich sein, so muß ich gestehen, daß dieser 
Irre Maupassant's weniger feinfühlig ist, als Verrückte zu sein 
pflegen. Ich an seiner Stelle würde den Vampyr so viel Milch 
saufen lassen, als ihm beliebt, und mir sagen: ,Das freut mich! 
indem die Bestie diese alkalische Flüssigkeit verschlingt, assimiliert 
sie audi deren für Licht undurchgängige Elemente und muß so 
am Ende sichtbar werden. Wenn sie wollen, beschränke ich mich 
nicht auf die Milch : ich werde versuchen, den Vampir auch Karmin 
schludcen zu lassen, um ihn vom Scheitel bis zur Zehe rot zu 
färben, 



(II 



Allerdings entspricht dieser launige Vorschlag nicht ganz 
der Tendenz der „Horla", in der der so tragisdi dahingegangene 
Dichter nicht die Ideen eines Paranoikers, sondern nach dem Gut- 
achten seiner Biographen die Krankheitszeichen seiner eigenen, 
mit Angsterscheinungen einsetzenden Paralyse beschreiben wollte. 

Ich kann es mir nicht versagen, hier eine weitere Stelle aus 
den Werken Anatole France's wiederzugeben, die als ausgezeich- 
nete psychoanalytische Deutung eines vielfach vorkommenden vorüber- 
gehenden abnormen psychisdien Zustandes gelten kann. In seiner 
Novelle „Le manuscrit d'un mfedecin de village", abgedrudct in 
der Sammlung „Etui de nacre" (Paris, Calm. Levy Editeurs, p. 161) 
meditiert ein Landarzt ungemein tiefsinnig und geist-voU über das 
Thema der Barmherzigkeit. France stellt diesen Arzt als einen 
alten Praktiker dar, der inmitten seines schwerfälligen, hartherzigen 
Bai^mvolkes allmählich auch selbst das Gefühl des Mitleids mit 
den Pflegebefohlenen verlor. Er blieb unverheiratet und widmet 
alles Interesse, das ihm die Medizin übrig Heß, seiner wunder- 
sclionen Weinpflanzung. Eines Morgens wird er, während er sich 
gerade mit seinen geliebten Weinreben beschäftigt, zum kleinen Eloi 
gerufen, dem Söhnlein eines benadibarten Landwirts, das ihm durch 
seine ungewöhnliche Begabung aufgefallen war und dessen geistige 
Entwidtelung er oft mit Staunen beobachtet hatte. Er untersucht 
den kleinen Patienten, stellt die Diagnose auf Meningitis, konsta- 
tiert aber zu gleicher Zeit eine eigentümliche psychische Veränderung 
an sich selbst, die er folgendermaßen beschreibt und analysiert: 

„Es ging nun in mir etwas ganz Ungewöhnliches vor. Obzwar 
ich meine Kaltblütigkeit vollkommen bewahrte, sah ich den Kranken 



166 Anatole France als Analytiker 

wie durch einen Schleier hindurch und so weit von mir entfernt, 
daß er mir ganz winzig- klein erschien. Dieser Störung in der räum- 
lichen Orientierung folgte sofort eine ganz analoge in der zeitlichen. 
Obzwar mein Krankenbesuch keine fünf Minuten in Anspruch 
nahm, kam es mir vor, als stünde ich sdion seit langer, seit sehr 
langer Zeit in jener niedrigen Stube vor dem kattunüberzogenen 
Bette und als vergingen Monate, Jahre, während ich regungslos 
dastand. 

„Ich zwang mich, wie gewöhnlich, diese sonderbaren Eindrücke 
sofort zu analysieren und hatte auch bald heraus, um was es sich 
handelte. Diese Sache ist sehr einfach. Icli hatte den kleinen Eloi 
[ieb. Ihn so unei-wartet schwerkrank daliegen zu sehen; „je n'en 
revenais pasi" Das ist der treffende und populäre Ausdruck dafür. 
— Peinliche Momente erscheinen uns furchtbar lang. Darum machten 
die fünf oder sechs Minuten bei Eloi den Eindruck des Endlosen 
auf mich. — Was die Vision anbelangt, die mii- das Kind so weit 
entfernt zeigte, so kam sie von der Idee, daß ich ihn verlieren 
muß. Diese Idee, die steh in mir ohne meine Zustimmung gebildet 
hat, hatte von der ersten Sekunde an den Charakter absoluter 
Sicherheit." 

Auch eine methodische Seelenanalyse hätte für diese Erschei- 
nungen nur solche oder ähnliche Erklärungen finden können. A. France 
scheint zu wissen, daß unerklärliche Seelenvorgänge erklärlich wer- 
den, wenn man durdi Nachdenken die bisher unbewußten Motive 
findet. Auch wir würden sagen, daß der Arzt, der sich rühjnte, 
die Barmherzigkeit abgestreift zu haben, beim Bette des kleinen 
Patienten diese Schwachheit wohl vom Bewußtsein verdrängen, es 
aber nicht verhindern konnte, daß sich diese unterdrükten Gefühle 
zu Störungen des Gesidits- und des Zeitsinnes konvertieren"'. 

Es wird uns aus diesen Beispielen zweifellos, daß A. France 
ein großes Stück Analysenarbeit unabhängig von jeder Fa'chpsy- 
chologie mit ähnlichen Ergebnissen geleistet hat, wie wir mit den 
verfeinerten Methoden der Freu d'schen Psychoanalytik. Wir finden 
auch bei ihm überall die gebührende Würdigung des Unbewußten, 
des Infantilen und Sexuellen wieder, so daß wir ihn für einen der 

* Die Psychoanalyse würde übrigens diese rätimiiche und zeitliche E Rt- 
fer nun g des Unlustvoüen ais Flnchtversut!! deuten. 



Anatoie France als Analytiker 



167 



bedeutendsten Vorläufer der analytischen Psydiologie ansehen 

müssen. 

Ich fand aber eine Stelle in Anatole France's „Histoire Con- 
temporaine", die uns zeigt, daß dieser liebenswürdig^e Philosoph 
nicht nur mit dem unklaren Mechanismus der Einfühlung arbeitet, 
sondern daß ihm eine vorurteilslose, in keiner Hinsicht beschränkte, 
wirklich freie Assoziation zu Gebote steht, und er diese dazu be- 
nutzt, um die Tiefen des eigenen Seelenlebens und dadurch auch 
die der anderen Mensdien zu ergründen. Diese Stelle befindet 
sidi auf S, 223 des „Mannequin d'Osier", Der Verfasser legt hier 
seine Gedanken dem Professor Bergeret in den Mund, diesem an- 
ziehendsten aller Denker, dem keine Lüge, kein Selbstbetrug der 
Menschheit verborgen bleibt, und der dennoch nie zum moralisie- 
renden Prediger oder weltschmerzlichen Pessimisten wird, sondern 
das Treiben der Mitmenschen heiter, barmherzig, wenn auch mit 
feiner Ironie beurteilt. Monsieur Bergeret findet auf einei- Bank 
unter den Ulmen des Mail ein „grafitto", eine jener mit Kreide 
geschriebenen Mitteilungen, in denen die Kinder ihre ersten sexuellen 
Entdedcungen ausposaunen. Bergeret knüpft daran tiefsinnige Be- 
trachtungen über das Mitteilungsbedürfnis der Menschen, das schon 
PhJdias bestimmt hat, den Namen seiner Geliebten in die große 
Zehe des olympisdien Jupiters einzuritzen. 

„Und doch — dachte Bergeret weiter — ist die Verstellung 
die höchste Tugend des wohlerzogenen Menschen, der Eckstein 
der Gesellschaft. Es ist für uns ebenso unvermeidlich, unsere Ge- 
danken zu verbergen, wie Kleider zu tragen. Ein Mensch, der alles 
sagt, was er denkt und wie er es denkt, ist in einer Stadt ebenso 
unmöglich wie einer, der ganz nackt herumgeht. Erzählte ich z. B. 
bei Paillot*, wo doch das Gespräch ziemlidi frei ist, die Bilder, 
die mir in diesem Moment vorschweben, die Ideen, die mir wie 
ein Schwärm von besenreitenden Hexen durch den Kopf husdien; 
beschriebe ich, wie ich mir soeben Madame de Gromance**' vor- 
stelle, die unziemlichen Stellungen, in die ich sie bringe, und die 
unsinniger, seltsamer, chimärischer, fremdartiger, ungeheuerlicher. 



• Der Buchhändler, in dessen Laden sich die Intelligena der Pro\finastadt 
zu versammeln pflejftc. 

** Eine sehr sdiöne und ni<tt sehr tugendhafte Dame der Gesellschaft. 



perverser und tausendmal böswilliger und unsittlicher sind als jene 
berüchtigte Figur des jüngsten Gerichtes über dem Nordportal der 
Kirche St. Exupere, in der ein phantasiebegabter Maler, der wohl 
durch das Kellerloch der Hölle geguckt hat, die Sünde in Person 
erbiidit und dargestellt hat; zeigte ich genau die Merkwürdigkeiten 
meiner Tagträume: man hielte mich für das Opfer einer entsetzlichen 
Geisteskrankheit. Und doch weiß ich sicher, daß ich ein ehrenhafter 
Mensch und von Natur aus zu anständigen Gedanken geneigt bin ; 
daß mich Lebenserfahrung und Nachdenken Maß halten lehrten; 
daß ich bescheiden und ganz und gar den friedlichen Genüssen 
des Geistes ergeben bin, ein Feind jeder Ausschweifung, dem das 
Laster wie alles Abnorme verhaßt ist". — 

Es ist tröstlich für uns Anhänger der Psydioanalyse, die wir 
bei uns selbst wie bei unseren Kranken eine ähnlidie Mischung von 
„Tugend" und „Perversität" als Bestandteile des Seelenlebens 
entdecken, Berge ret und mit ihm Anatole France zu den unseren 
rechnen zu können. Eine solche Gemeinschaft entschädigt uns reich- 
lich für die Mißachtung jener Neurologen und Psychiater, die 
weder im eigenen Busen noch in dem ihrer Patienten derlei Un- 
geheuerlichkeiten finden, und geneigt sind, sie unserer verderbten 
Einbildungskraft zuzuschreiben. 



Zähmung eines wilden Pferdes* 

Mit der Erlaubnis des Leiters der Budapester berittenen 
Polizei wohnte ich am 29. April 1912 den Produktionen des Tol- 
naer Hufschmiedes Joseph Ezer bei, der sich bereit erklärte, jedes, 
auch das wildeste Pferd in einem Zuge zu zähmen und eigenhändig 
zu beschlagen. Die Zeitungen brachten schon seit längerer Zeit 
sonderbare Gerüchte über die unerklärliche Macht dieses Mannes j 
man schrieb von ihm, er sei imstande, einzig durcJi die Über- 
tragung seines Willens, also suggestiv, das ungebärdigste Pferd 
gefügig zu madien. Die Kommission, die sich im Hofe der Polizei- 
kaseme versammelte und die aus höheren Kavallerie-Offizieren 
und Polizeibeamten bestand, stellte es sich zur Aufgabe, die Kunst 
des Pferdebändigers an einem besonders wilden Tiere zu erproben. 
Es war dies „Czicza", die prächtige 4 '/.j jährige Vollblutstute eines 
Husarenoberleutnants, die man — trotz ihrer sonstigen hervor- 
ragenden Eigenschaften — zu nidits gebrauchen konnte, da es nocli 
niemandem gelungen war, sie zu beschlagen. Das Tier war so v/ild, 
daß sich ihm kein Fremder nahen durfte, es schlug sofort aus. Ja 
selbst sein ständiger Pfleger konnte sich ihm nur vorsichtig näliem 
und brachte es mit Mühe höchstens so weit, daß es sich von ihm 
den Oberkörper bürsten ließ. Machte er aber Miene, ein Bein des 
Tieres nur zu berühren, so gebärdete sich dieses wie toll und 
wieherte fürchterlich. Da das Tier sonst vollkommen gesund war 
und sich im Gestüt lebhaft herumtummelte, erklärte man seinen 
Zustand für „Nervosität" oder „Wildheit", gab es für Renn- und 
Züchtungszwecke verloren und wollte sich nun überzeugen, ob es 

* Erschienen im Zentralblatt für Psychoanalyse, 3. Jahrgang; (1912), 



t70 



Zähmung eines wilden Pferdes 



der geheimnisvollen Kunst des Ezer gelingen werde, die Wider- 
spenstige zu zähmen, an die noch immer jungfräulichen Hufe der 
„Czicza" das eiserne Schuhwerk zu befestigen und ihren Stolz zu 
beugen. 

Alsbald erscheint der Pferdebändiger, ein etwa dreißigiähriger 
untersetzter Mann von bäuerischem Äußeren; er scheint ziemlich 
selbstbewußt zu sein und unterhält sich mit all den hohen Herr- 
schaften recht unbefangen. Dann wird das Pferd, das alle Kenner 
als hervorragendes Rassenpferd mit bestem Stammbaum anerkennen 
(Vater: Kisberöccse [berühmter Sieger am Turf], Mutter: Gerier), 
von seinem gewohnten Wärter, einem StaUburschen, vorgeführt. 
Den Burschen läßt das Pferd an sich heran, nähert er aber die 
Hand scheu einem Beine des Tieres, so wiehert es schrecklich und 
schlägt nach allen Seiten aus. 

Daß Ezer zumindest nicht ausschließlich mit außerordentlichen 
geistigen Kräften arbeitet, wurde mir sofort klar, als er die Vor- 
führung damit begann, daß er das gewöhnliche Zaumzeug des 
Pferdes mit einem mitgebrachten vertauschte, an dem gerade über 
der Nase mehrere schwere Kettenringe angebracht waren und das 
in einer längeren Longe endigte. Da ich dem Versuch mit gewissen 
theoretisch begründeten Erwartungen (die idi am Schluß mitteilen 
will) zusah, ziehe idh es vor, dessen Verlauf in der Beschreibung 
eines unvoreingenommenen Zeitungsberichterstatters wiederzugeben.* 

„Der Hufschmied nähert sidi dem Pferde, wobei er schon 
von weitem laut vernehmbar, aber mit unendlicher Zärtlichkeit, 
seine Stimme erklingen iäfit. Er girrt förmlich; zugleich nimmt er 
die Longe dem Stallburschen aus der Hand. „ . . . Hooh — mein 
wunderiiebes, schönes Pferdchen", lockt der Schmied, „ . . • hab* 
keine Angst, ich hab' dich ja lieb. . . . Höh — du Nän-dien, du, 
— hoooh." — Er will die Brust des Tieres streicheln, dieses aber 
wiehert, springt hoch und schlägt aus. Dodi seine Beine sind noch 
in der Luft, da hodct schon der Schmied vor ihm und brüllt mit 
so fürchterlicher Stimme, daß uns allen bange wird: „Hah, du 
Elender I" Zugleich zerrt er kräfb'g an der Longe,** Das Pferd fährt 

* L. Fetiycs im Abendblatt des „Az Est" vom 30. April 1912, 
'* Wobei die Kettenringe heftig' auf die Nase des Pferdes ansdvlagen. 
(Meine Anmerkunj:.) 



r 



Zähmungf eines wilden Pferdes 17] 

erschreckt zusammen und versucht noch einmal auszuschlagen und 
zu springen, doch schon beim Versuch bekommt es die hirchtbaie 
Stimme und den schredtlichen Blick des Meisters zu spüren* Im 
nächsten Augenblicke plaudert mit ihm Joseph Ezer schon wieder 
in einem Tone, als spräche eine Mutter zu ihrem Säugling: „Ho- 
ho-hoh — hab' keine Angst, ich liebe dich, kleines Pferdchen, o 
du zuckersijßes ..." Dabei glänzt Ezer's Gesicht vor Glückselig- 
keit und Liebe. Langsam, aber sicher — doch mit keinen Augen- 
blick zaudernder Bewegung — legt er seine flache Hand an den 
Hals des Pferdes, von dort läßt er sie auf die Brust niedergleiten. 
Das Pferd schlägt wieder aus, bäumt sich pfeilgerade auf, so daß 
man glaubt, sein Vorderhuf muß dem Schmied den Schädel ein- 
schlagen. Doch dieser springt mit dem Pferde selber in die Luft, 
brültt es an, reißt an der Longe — und das Pferd wird wieder 
ruhig. Der erste Erfolg war der, daß das Pferd von nun an nicht 
mehr wieherte, es merkte, offenbar, daß sein Gebrüll von dem 
Manne, der vor ihm stand, überschrien werde. Nach einer Viertel- 
stunde zitterte „Czicza" in allen Gliedern, es schwitzte, seine blit- 
zenden Augen worden allmählich, aber zusehends matter. Nach 
einer halben Stunde ließ es sich die Beine anfassen und der 
Schmied konnte mit ruhiger Kraft, aber zärtlich, die Gelenke biegen 
und streicheln. Das Pferd stand vor ihm wie bezaubert auf drei 
Beinen, das vierte behielt wie wächsern die Beugeslellung, die ihm 
der Hufschmied gab. So ging es eine Stunde lang. So oft das 
Pferd ungebärdig zu werden drohte, schrie es der Schmied aus 
Leibeskräften an, verhielt es sich aber ruhig, so streichelte er ihm 
den Nacken und girrte: „O du mein armes Pferdchen, du schwit- 
zest? Wir schwitzen ja beide. Nur keine Angst, für dieses kriegst 
du keine Strafe,** ich weiß, du meinst es gut, o wie gut ist das 
goldene Pferdchen. ..." 

Eine Stunde später klopfte schon der Schmied mit seinem Hammer 
an einem Hufe des Pferdes, nadi weiteren 50 Minuten war es regel- 
recht beschlagen, — zwar etwas erschöpft, aber schön ruhig und folg- 
sam, ließ seine Beine überall streicheln und sich in den Stall führen, 

* Auch den ScMagf der Kettenring-e auf der Nase. (Meine Anmerkung.) 
■** Der Sdimied strafte das Pferd nur für die mutwiliijfcn Bewegxingen ; 
imverm cid liehe Reflcxbeweg-un jen sah ei- ihm nach. (Meiae Anmerkung-.) 



172 Zähmungf eines wilden Pferdes 

Laut amtlicher Zeugnisse, die Ezer vorwies, gaben die von 
ihm in dieser Art behandelten Pferde nicht nur vorübergehend, 
sondern dauernd ihre Ungebärdigkeit auf oder wurden zumindest 
bedeutend zugänglicher. 



Nach der Vorführung, deren Verlauf der scharfsichtige Jour- 
nalist treffend geschildert hat, richtete man die Frage an mich, ob 
bei dieser Zähmung Gedankenübertragung, Hypnose oder Sug- 
gestion eine Rolle gespielt habe? Meine Antwort lautete dahin, 
dciß von irgend welchen außergewöhnlichen Erscheinungen nicht 
gesprochen werden darf, solange sich der Fall den uns bekannten 
naturwissenschaftlichen und psychologischen Gesetzen unterordnen 
läßt. Und daß letzteres der Fall ist, glaubte ich mit folgenden 
Darlegungen beweisen zu können: 

Die Art, wie die psychoanalytische Forschung die Wirkung 
und das Verfahren der Hypnose und der Suggestion erklärt, ermög- 
lichte mir alle Vorgänge dieser Art darauf zurücJczuführen, daß 
dem Menschen der kindliche Gehorsam auf Lebenszeit in Fleisch 
und Blut übergeht.'^ Ich konnte feststellen, daß es zwei Verfahren 
des Hypnotisier ens gibt: die Liebe und die Strenge. Das Gefügig- 
machen durch Liebe (zärtliches Streicheln, Bitten, eintönig- 
einluUendes Zureden) nannte ich die Mutterhypnose; die Hypnose 
oder Suggestion durch Strenge (Anrufen, Anschreien, Befehlen, 
Überrumpeln); die Vaterhypnose. 

Es hängt von den Schicksalen der ersten vier Lebensjahre, 
besonders von dem Verhältnis zu den Eltern, ab, ob der Mensch 
für diese oder jene, oder für beide Arten der Beeinflussung zeit- 
lebens empfänglicli bleibt. 

Das Gelingen der Hypnose eines Erwachsenen hängt also 
niclit von einer besonderen Fähigkeit des Hypnotiseurs ab, sondern 
von der angeborenen und anerzogenen (d. h. phylo- und onto- 
genetisch erworbenen) Neigung des „Mediums", durch Liebe oder 
Furcht, also durch die in der Kindheit angewöhnten Erziehungs- 



' Introjektion und Übertragung. (H. Die Rolle der Übertragung in. 
(lei- Hypnose und Suggestion.) Jahrbuch i. psychoanalyt. uud psydiopathol. For- 
f.-huno-en. I. Band. 



Zähmungf eines wilden Pferdes 



173 



mittel der Eltern, willenlos gemacht zu werden. Claparede findet, 
daß diese Theorie vie! tiefer reidit als andere Erklärungen.* Er 
erwähnt in seinem zusammenfassenden Bericht u. a. zahlreiche 
Beispiele aus der Tierwelt, die dafür sprechen, daß manche Tiere, 
die wahrscheinlich durch die Abstammungslehre erklärbare Fähig- 
keit besitzen, bei plötzlichem Schreck in Hypnose zu verfallen 
(Frösche, Meerschweinchen, Hühner etc.). 

Demselben Verfasser gelang es, durch starres Ansehen und 
durch zärtliches Streicheln der Brust und der Arme eine wilde, 
ungebärdige Affin von der Art der Hundeaffen in den Zustand 
völliger Willenlosigkeit und kataleptischer Starre zu versetzen. 

Er glaubt diese plötzliche Gefügigkeit als reflektorische Ein- 
stellung, vielleicht als eine Einstellung zur Wollust, erklären zu 
können und findet darin eine Stütze der von Freud und von mir 
geäußerten Anschauung, nach der die Suggerierbarkeit sexuelle 
Abhängigkeit vom Suggerierenden erfordert.** 

Auch Morichau-Beaucbant*** und E. Jonesf konnten — 
gestützt auf ihre Erfahrungen beim Mensdien — dieser meiner Auf- 
fassung zustimmen. 

Es liegt kein Grund vor, die hier mitgeteilten Erfahrungen 
auf das Suggerierverfahren des Hufschmiedes Ezer nicht anzu- 
v/enden. Dieser scheint aus eigenem Antriebe die zwei möglichen 
Arten des Gefügigmachens: das Verzärteln und das Ängstigen, 
geschickt miteinander verbunden und durdi diese kombinierte 
Vater- und Muttersuggestion das sonst unbezähmbare Tier 

• aCette theorie va bien plus profond qne les airtres, en eherdiant i 
expliquer, commeut cette hypersu^gestibUite du sujet est declandiee, por queU 
mecanismes particuliers des actions auss! putssantes que ceies que Ton rencontre 
dans l'hypnose peuvcnt se realiser, quel est le vehicule affectif qui va faire 
Eccepter au sujet la pUule de la sujfgestion donnee." (Prof. Dr. Ed. Claparede, 
Interpretation psychoiogique de l'Hypnose. Journal f. Psydiolojfie u. Neurologie. 
1911. Bd. XVIII., H. 4). 

** Claparede: Etat hypnoi'de diez un singe. (Ardjives des Sciences 
physiques et naturelles. Tome XXXII. Geaeve. 

*** R. Morichau-Beauchant. Prof. ä l'Ecole de med. de Poitiers: Le 
„rapport affectif" dans la eure des Psydioneuroses. (Gazette des höpitaux du 
14 novembre 1911.) 

■f Prof, E. Jones (University of Toronto): The action of sug-j^estion in 
psycliotherapy. (The Journal of Abnorm. Psychology. Boaton, Dec. 1910). 



174 Zähmung eines wilden Pferdes 

gebändigt zu haben.. Diese Kombination machte durch die psycho- 
logische Wirkung der Gegensätze einen besonders tiefen Eindruck 
auf das Pferd, und es ist glaubhaft, daß die Nachwirkung eines 
so tiefgreifenden seelischen Erlebnisses dauernd sein kann, gleidiwie 
beim Manschen gewisse Erlebnisse der Kindheit fürs Leben fest- 
gelegt bleiben können. 

Freilich ist diese Art Dressur höchstens bei Haustieren an- 
gebracht, deren erste Tugend die Folgsamkeit ist. Ein Mensch 
aber, der in der Kindheit ähnliches Übermaß des Geliebt- und 
Gezüchtigiwerdens durchmachen muß, läuft Gefahr, die Fähigkeit 
zum selbständigen Handeln für immer zu verlieren. Aus der Reihe 
der so „gezähmten" Kinder rekrutieren sich die der übertragenen 
Vater- oder Muttersuggestion zeitlebens leicht zugänglichen Menschen 
und ein großer Teil der Neurotiker, 

Ob diese gewaltsame Dressur nicht audi dem Charakter 
oder der Gesundheit des Pferdes nachteilig ist, läBt sich von vorn- 
herein nicht entscheiden. 



Glaube, Unglaube und Überzeugung* 

Neuartige wissenschaftliche Auffassungen pflegen mit einem 
Maß von Mißtrauen und Ungfiauben empfangen zu werden, das 
die Grenzen der Objektivität weit übersteig-t und ausgesprochene 
Feindseligkeit verrät. Viele gehen der Überprüfung der vor- 
gebrachten, dem Althergebrachten ^ besonders in methodologischer 
Hinsicht — allzu sdiroff widersprechenden Tatsachen überhaupt 
aus dem Wege, indem sie diese a priori für unwahrscheinlich 
erklären; andere sind sichtlich bestrebt, die unvermeidlichen 
Schwächen und Unvollkommenheiten einer neuen Einsicht hervor^ 
zu lieben, um auf Grund dieser das Ganze fallen zu lassen, anstatt 
ihre Vorzüge und Mängel mit der gleichen Unparteilichkeit zu prüfen 
oder sogar mit einem gewissen Wohlwollen auf das Vorgebrachte 
einzugehen und die Kritik erst nachträglich walten zu lassen. 

In schroffem Gegensatz zu diesem „blinden Unglauben" 
steht jener blinde Glaube, der anderen — an steh vielleicht viel 
weniger wahrscheinlichen — Mitteilungen entgegengebracht wird, 
sobald die Persönlichkeit, die sie vorbringt, oder die Methodik, 
auf die sie sich stützt, im wissenschaftlichen Publikum sich großer 
Achtung und Autorität erfreut. 

Es sind dies affektive Momente, die also auch d?iS wissen- 
schaftliche Urteil zu trüben vermögen. 

In der Psychoanalyse, die die zu Analysierenden allmähÜdi 
dazu bringt, ihre Auffassung über viele Dinge wesentlich zu ver- 
ändern, bie tet sidi reichliche Gelegenheit, dieses widerspruchsvolle 

* Vortrag jehaSten auf dem Kongrsä der Internationalen Paydioanelytisclien 
Vereinigung- in München, 1913. 



176 Glaube, Unglaube und Ueberzeugung- 

Verhalten der Menschen neuartigen Behauptungen gegenüber zu 
beobachten, in seine Elemente zu zerlegen und seinen Entstehungs- 
bedingungen nachzuforschen. 

Mancher Patient — z. B. viele Hysterische — beginnen die 
Kur mit übertriebener Glaubensseligkeit; sie nehmen alle unsere 
Erklärungen unterschiedslos an und werden nidit müde, die neue 
Methode öffentlich zu verherrlichen. Es sind dies die Fälle, die 
den Anfänger zu falschen Vorstellungen über die Raschheit und 
Promptheit der Wirkung der Psydioanalyse verleiten können. 
Erst die tieferreichende Analyse, in der auch die Widerstände 
2U Worte kommen, zeigt uns, daß diese Patienten von der Rich- 
tigkeit der psychoanalytischen Erklärungen nicht eigentlich über- 
zeugt waren, sondern sie blind (dogmatisch, doktrinär) geglaubt 
haben; sie benahmen sich wie Kinder überwältigenden Autoritäten 
gegenüber; sie verdrängten mit Erfolg alle ihre Bedenken und 
Einwände, nur um sich die auf den Arzt übertragene Väterliebe 
zu sitJjern. 

Andere Patienten — besonders Zwangsneurotiker — bringen 
allem, was vom Arzte behauptet wird, sofort den größten intellek- 
tuellen Widerstand entgegen.* Die Analyse läßt dann diese feind- 
selige Einstellung auf die Enttäuschung an der Wahrheit der Aus- 
sagen (resp. Wirklichkeit der Liebe) von Autoritätspersonen zurück- 
führen, die zur Folge hat, daß so viele ihren Glauben zu ver- 
drängen geneigt sind und nur den Unglauben zur Schau tragen. 
Eine besondere Art der Zwangsneurose, die Zweifelsucht, ist durch 
die Hemmung der Urteilsfunktion charakterisiert: Glaube und Un- 
glaube kommen hier gleidizeitig oder unmittelbar nacheinander 
mit gleicher Intensität zur Geltung und verhindern das Zustande- 
kommen sowohl der Überzeugung als auch der Ablehnung einer 
Behauptung, also die Urteilsbildung überhaupt. 

Der Paranoische gar geht gar nicht in die Prüfung eines ihm 
vorgebrachten Erklärungsversuches ein, sondern bleibt bei der 
Frage stecken: welches Motiv, welches Interesse mag der Arzt an 



* „Bei männlidten Patienten sdieinen die bedeutsamsten Kurwiderstände 
vom Vaterkomplex auszugehen und sich in Furcht vor dem Vater, Trotz und Un- 
glauben Ifeg-en den Vater aufzulösen!" {Freud „Dis zukünftigen Chancen der 
psychoanalytischen Therapie", ZentralbSatt für Psydioanalyse, I. 1.) 



Glaube, Ung-lauber und Uebeneugimg 177 

der Vorbringung jener Behauptung haben, welchen Zweck verfolgt 
er damit; und da er solche Motive leicht finden oder erfinden 
kann, läßt er sich gar nicht tiefer in die Analyse ein.* Es muß 
also wenigstens eine Spur von Übertragungs- (Glaubens-) fähigkeit, 
d, h. Vertrauen bei der Person, der man etwas beweisen will, 
vorhanden sein; sie darf zumindest die Möglichkeit, daß ich 
Recht habe, nicht von vorneherein ausschließen. 

Im allgemeinen fließt der logisch nicht zureichend begrün- 
dete Unglaube aus zwei Affektqoellen: aus der vorausgegangenen 
Enttäuschung an der Fähigkeit autoritärer Persönlichkeiten zur 
Erklärung von Dingen und Vorgängen, oder aus der Enttäuschung 
an ihrem guten Willen zu richtigen Aufklärungen. Die erstere 
Art ist eine Reaktion auf das ursprüngliche Vertrauen zum Alles- 
wissen und Alleskönnen der Eltern, das der späteren Erfahrung 
nicht standhält, die letztere ist die Reaktionsbildung auf die ur- 
sprünglich vorausgesetzte und auch wirklich erfahrene elterliche 
All gute. Den Namen „Unglaube" verdient also eigentlich nur 
die erstere Art des intellektuellen Negativismus, bei dem die Au- 
torität überhaupt verloren gegangen ist, während die zweite Art 
besser mit dem Worte „Mißtrauen" bezeichnet wird. Im ersteren 
Falle werden die Autoritäten gleichsam entgöttert, im zweiten 
— allerdings negativistisch — weiter verehrt: nur wird der 
Gottesglaube durch eine Art Teufelsglauben abgelöst, den 
Glauben an eine Allmächtigkeit, die ausschließlich in den Dienst 
böswilliger Absichten gestellt ist. Am allerdeutlichsten äußerst 
sich dies beim Verfolgungswahnsinnigen, der dem Verfolger, rich- 
tiger: der negativ gefaßten Vaterimago, übermenschliche Macht 
und übernatürliche Fähigkeiten zuschreibt, 2. B. Verfügung über 
alle anderen Menschen, über alle physikalischen und okkulten 
Kräfte (Elektrizität, Magnetismus, Telepathie etc.), die alle nur 
dazu dienen, ihn (den Verfolgten) umso sicherer zu verderben. Es 
gibt übrigens kaum eine Analyse, in der der Patient den an Stelle des 
Vaters stehenden Arzt nicht vorübergehend oder auch für längere 



* Ähnlich benehmen siA zeitweise auch die Neurotiker; zo dieser Kategorie 
gehören auch jene „wissensf^afüichen" Einwände gegen die Psychoanalyse, dafi 
der Analytiker nur Geld verdienen, zu Madit gelangen, die Moral der Patienten 
verderben will, etc. 

12 



178 Glanbe, Unglaube mnt-Uri>BrzeugTiiijf 

Zeit mit dem Teufel in Person identifizierte; mancher sieht im 
Arzt abwechselnd seinen hilfreichen, alimächtig-en Gott, dem man 
alles blind glauben muß, und seinen gleichfalls allmächtigen, aber 
teuflisch böswilligen Verderber, dem man sogar das scheinbar 
Evidente nicht glauben darf. 

Alle diese Tatsachen weisen darauf hin und unsere Analysen 
bringen dazu täglich Bestätigungen, daß die Abnormitäten des 
Glaubens: die übermäßige Glaubensseligkeit, die Zweifelsucht, wie 
auch der prinzipielle Unglaube und das Mißtrauen, Symptome der 
Regression oder des Steckenbieibens auf ienen infantilen Stufen 
der Realitätsentwicklung sind, die ich als die magische und 
die Projektionsphase des Wirklichkeitssinnes benannt 
habe* 

Nachdem das Kind, durch die Erfahrung gewitzigt, den Glauben 
an die eigene Allmacht, die ihm die Befriedigung aller Wünsche 
einfach durch lebhaftes Wünschen, spater durch Gebärden- und 
Wortsignale verschaffte, zu verlieren beginnt, fängt es allmählich 
zu ahnen an, daß es „höhere, göttliche" Mächte gibt (Mutter oder 
Amme), deren Gunst es besitzen muß, soll der magisdien Gebärde 
die Befriedigung auf dem Fusse folgen,** Es entspricht diesem 
Stadium völkergeschichtlich die religiöse Phase der Menschheit.*** 
Der Mensch hat auf die Allmacht der eigenen Wünsche zu ver- 
zichten gelernt, nicht aber auf die Idee der Allmacht überhaupt. 
Letztere wurde einfach auf andere, „höhere", Wesen (Götter) über- 
tragen, die dem Menschen allgütig alles gewähren, insoferne man 
gewisse, ihnen gefällige Zeremonien pünktlich befolgt, {z, B. ge- 
wisse Forderungen der Amme bezüglich der Reinlichkeit und des 
sonstigen Betragens, resp. gewisse Gebets form ein, die Gott gefällig 
sind.) Die Neigung vieler Menschen zum blinden Autoritäts- 
glauben kann als eine Fixierung an dieses Stadium der Wirk- 
lichkeitsauffassung angesehen werden. 



* Siehe dazu meinen Aufsatz üher „Entv/icklung-sstufen des Wirklidikeits- 

sinnes". Internationale Zeitschrift im Psydioanalyse, I, Jahrgang, S. 132 und S. 135. 

** A. a. O. S. 132. 

*** Siehe dazu: Freud „Über t^ewisse Ubereinstimniangen im Seelenlehen 

der Wilden und der Neurotikc.v," „ Atiimismua, Majfie und Allmacht der GedankeTi." 

Inia^, U. Ja!ir|rano-, 1, Heft. 



^ Glaube, Unglaube und Ueberaengmig 179 

Der Enttäuschung hinsichtlich der eigenen Macht folgt aber 
bald auch die hinsichtlich der Macht und dem WohwoUen jener 
höheren Mächte (Eltern, Götter). Es wird erkannt, daß es mit dem 
guten Willen und der Macht jener Autoritäten nicht so weit her 
ist; daß jene selber anderen, noch höheren Gewalten gehordien 
müssen (die Eltern den Vorgesetzten, dem Landesfürsten), daß 
jene vergötterten Gestalten sich oft als kleinlich-egoistische Wesen 
erweisen, die auch auf Kosten fremden Wohles auf das eigene 
bedacht sind; schließlich verflüchtigt sich die Illusion der Existenz 
einer göttlichen Allmacht und Allgüte überhaupt, um der Einsicht 
in die alles gleichmäßig und gefühllos beherrschende Gesetzmäßig- 
keit im Weltgeschehen Platz zu madien. 

Das Produkt dieser letzten Enttäuschung ist die Projektions-, 
nach Freud die wissenschaftliche, Phase des Realitätssinnes. 
Aber jeder überwundene Standpunkt auf dem schmerzlichen Wege 
dieser Entwicklung kann durch seinen überwältigenden Eindruck 
gleichsam traumatisch eine vulnerable Stelle, einen „Fixierungs- 
punkt" im Seelenleben schaffen, zu dem die Libido immer zu 
regredieren geneigt bleibt, der also in gewissen Äußerungen auch 
des späteren Lebens wiederkehrt. Als Formen dieser „Wieder- 
kehr" des (scheinbar) Überwundenen erachte ich aber auch die 
verschiedenen Äußerungen des blinden Glaubens, der Zweifelsucht, 
des prinzipiellen Unglaubens und des Mißtrauens. 

Die allererste Enttäuschung, die an der eigenen Allmacht, 
erfährt das Kind bekanntlich, wenn in ihm Bedürfnisse erwachen, 
die durch einfaches Wünschen nicht mehr, sondern nur durdh „Ver- 
änderung der Außenwelt" zu befriedigen sind. Diese zwingen den 
Mensdien, die Außenwelt überhaupt zu objektivieren, sie als 
solche wahrzunehmen und anzuerkennen; die sinnliche Wahrnehmung 
ist also zunächst die einzige Gewähr der Objektivität, der Rea- 
lität eines psychischen Inhaltes. Das ist die „Ur-Projektion", 
die Teilung der psychischen Inhalte zwischen dem „Ich" und 
dem „Nicht-Ich".* Man hält nur solche Dinge für „wirklich" 
(d. h. auch unabhängig von unserer Einbildung existierend), die 
unabhängig von unserem Willen, ja ihm oft den Weg vertretend, 

* Ferenczij „Introiektion und Übertragung," Jahrbuch für psych oanaJytisdie 
Forsdiuii;en, I. S. 430, 

12« 



I 



180 Glaube, Unglaube und Uefaerzeugung 

sich uns in den Sinneswahrnehmungen „aufdrangen". „Seeing is 
belleving.'** 

Der erste Glaubensartikel des Kindes am Beginne der Rea- 
litätserkenntnis heißt also: Wirklidi, d. h. außer mir wirkend ist 
alles, was sich mir, auch wenn idi es nidit will, als Sinneswahr- 
nehmung aufdrängt. Die „Handgreiflichkei!:", „Augenscheinlichkeit" 
bleibt denn auch zeitlebens die Grundlage jeder „Evidenz", Aller- 
dings lehrt die spätere Erfahrung, daß auch Sinneswahrnehmungen 
täuschen können, und erst die simultane und sukzessive gegen- 
seitige Kontrolle der Sinneseindrücke [die natürlich schon die Ent- 
wicklung eines E-(Erinnerungs-)-Systems neben dem ursprünglichen 
W-(WahrnehinungS-)-System voraussetzt**] verschafft dann jene 
„unmittelbare Gewißheit des Anschaulidien", die wir kurz Evidenz 
heißen. Im Laufe der fortschreitenden Entwicklung des Realitäts- 
sinnes kommt es dann zur Ausbildung der logisdien Denkformen, 
d. h. jener Arten der die Vorstellungen aufeinander beziehenden 
Geistestätigkeit, mit deren Hilfe man stets „richtig" (d. h. der 
Erfahrung niemals widersprechend) urteilen, folgern, Ereignisse 
voraussagen und zweckmäßig handeln kann. Nebst der Sinnfällig- 
keit kommt also auch den logischen Denkgesetzen (und der Ma- 
thematik) unbestrittene Evidenz zu; da aber letztere eigentlich ein 
Niederschlag der Erfahrung sind, so bleibt in letzter Linie dodi 
die Ansicht Lockes zurecht bestehen, wonach alle Evidenz auf 
Ansdiauung beruht. 

Unter den „Objekten" der Außenwelt, die dem Willen des 
Kindes entgegentreten, deren Existenz es also anerkennen muß, 
spielen die anderen Menschen eine ganz besondere und immer 
bedeutender werdende Rolle. Mit den übrigen Objekten der Außen- 
welt wird das Kind allmählich fertig; sie legen ihm immer und 
unabänderlich dieselben Hindernisse, d. h. ihre unveränderlichen 
oder sich gesetzmäßig verändernden Eigenschaften in den Weg, 
mit denen es rechnen und mittels deren Kenntnis es sie melur 



* nThe ground of all certainty is objective, — iß the sense, that is, of beinsr 
Eomething' directly aad immediately determined tot the subject and not by it" 
(Artikel „Balief" in der Encycjopedia Britannica, 10. Bd., p. 597.) 

•* Über diese Terminologie siehe Jit letzten Abschnitte in Freu da „Traum- 
deutanf". 



Glaube, Uöji«ul>e und Ueberieugung 



181 



oder minder beherrschen kann. Die anderen Lebewesen, besonders 
die anderen Mensdien dagegen sind für das Kind unberechen- 
bare, eigenwillige Objekte, die seinem Willen nicht nur pas- 
siven, sondern aktiven Widerstand entgegenstellen, und gerade 
diese anscheinende Schrankenlosigkeit mag das Kind veranlassen, 
Allmachtsphantasien auf besonders imponierende Mitmenschen: auf 
die Erwachsenen zu übertragen. Der andere große Untersdiied 
zwischen den Mensdien und den übrigen Objekten der Außenwelt 
ist, daß die anderen Objekte niemals lügen; irrt man sich in dieser 
oder jener Eigenschaft eines Objekts, so stellt sid» am Ende immer 
heraus, daß der Fehler an uns lag. Das Kind behandelt die Worte 
zunächst wie Gegenstände (Freud), — d. h. es glaubt ihnen, es 
nimmt sie nicht nur wahr, sondern audi für wahr. Während es 
aber seinen Irrtum in Bezug auf andere Objekte allmählich korri- 
gieren lernt, wird ihm diese Möglichkeit bezüglich der Aussagen 
der Eltern benommen; nicht nur weil diese ihm mit ihrer wirklichen 
und vermeintlichen Atlmadit schon von vorneherein derart impo- 
nieren, daß es an ihnen nicht zu zweifeln wagt, sondern auch, 
weil es ihm oft unter Androhung von Strafen und Entziehung der 
Liebe verboten wird, sich von der Richtigkeit der Aussagen der 
Erwachsenen zu überzeugen. Angeborene Neigung und Erziehungs- 
einflüsse wirken also zusammen, um das Kind blindgläubig gegen- 
über den Aussagen imponierender Persönlichkeiten zu machen. 
Dieses Glauben unterscheidet sich von der Überzeugung da- 
durch, daß das Glauben ein Akt der Verdrängung, die Über- 
zeugung dagegen unparteiisdie ürteilsfallung ist. 

Als komplizierender Umstand, der die Anpassung noch mehr 
erschwert, erweist sich besonders der, daß die Erwachsenen die 
eigene Urteilsbildung des Kindes nidit gleichmäßig hemmen. Über 
gewisse, sogenannte „harmlose" Dinge dürfen, ja sollen sie riditig 
urteilen; Äußerungen der Intelligenz des Kindes werden sogar mit 
Jubel aufgenommen und mit besonderen Liebespramien belohnt, 
solange sie nicht sexuelle und religiöse Fragen oder die autoritäre 
Stellung der Erwachsenen betreffen; in den letztgenannten Dingen 
aber fordert man von ihnen, daß sie sich — entgegen aller Evidenz — 
blind stellen und allen Zweifel, jede Neugierde unterdrücken, man 
kann also sagen, auf jede selbständige Denkarbeit verzichten. Wie 



182 Glairi>e, Unglaube und Uebeneugung 

das Freud öfters hervorgehoben hat*, bringt nicht jedes Kind 
diese partieUe Entsagung auf eigenes Urteilen zustande, sondern 
sie reagieren darauf mit allgemeiner Denkhemmung, man kann 
sagen: mit einer Art von affektivem Schwachsinn. Aus denen, die auf 
dieser Stufe stedken bleiben, rekrutieren sich die Leute, die dem 
Einflüsse jeder energischen Persönlichkeit unterliegen oder, gewissen, 
besonders energischen Suggestionen zeitlebens unterworfen, sich 
niemals über den beschränkten Kreis dieser Eingebungen hinaus- 
wagen. Etwas von dieser Disposition muß auch in den leicht hyp- 
notisierbaren Personen vorhanden sein; ist dodi die Hypnose nidits 
anderes als der temporäre Rückfall in diese Phase infantiler Selbst- 
entäußerung, Gläubigkeit und Unterwerfung.** Die Analyse soldier 
Fälle deckt allerdings meist versteckten Spott und Hohn hinter 
dem blinden Glauben auf. Der Satz: „Credo, quia absurdum" ist 
eigentlich die bitterste Selbstironie. 

Kinder mit frühzeitig entwickeltem Realitätssinne kommen 
der Forderung der partiellen Verdrängung ihrer Urteilsfähigkeit 
nur teilweise nacli. Ihr Zweifel kehrt — oft auf andere Vorstellungen 
verschoben — aus der Verdrängung leicht wieder. Der Spruch 
Lichtenbergs, daß „der Unglaube in einer Sache bei den meisten 
Menschen sich auf blinden Glauben in einer anderen gründet", 
bewahrheitet sich bei diesen. Sie nehmen gewisse Dogmen kritik- 
los an, rächen sich aber durch übertriebenes Mißtrauen allen 
sonstigen Behauptungen gegenüber. 

Die stäi-kste Belastung seiner Glaubensfähigkett erfahrt das 
Kind in Bezug auf seine eigenen subjektiven Gefühle. Die Er- 
wachsenen fordern von ihm, daß es Dinge, die ihm angenehm 
sind, für „schlimm" hält; die ihm lästigen Entsagungen dagegen 
für „schön" und „gut". Der Doppelsinn in den Worten „gut" und 
„schlecht" (die sowohl gut- und schlecht-schmeckend, als auch 
artig und unartig bedeuten), trägt nicht zum wenigsten dazu 
bei, die Aussage dritter Personen über die eigenen Gefühle 
zweifelhaft zu machen. Hierin dürften wir mindestens eine Quelle 
des besonderen Mißtrauens gegenüber psychologischen Aus- 

* Siehe besonders: Freud, Eine Kindheitserinneruoff des Leonardo da Vinci. 
** Siehe dazu meine Arbeit: Introjektion und Obertragiinsf. Jahrbudi für 
Psydioanalyse I. 



Glaube, Unglaube und Ueberzeugung 183 

sagen zu sudien haben, während sogenannten „exakten", mathe- 
matisch formulierten oder auf technisch-medianische Beweisverfahren 
gestützten Aussagen oft ungereditfertigtes Vertrauen entgegen- 
gebracht wird. Das Steckenbleiben im Stadium des Zweifels zieht 
oft eine dauernde Lähmung der Urteilsfähigkeit nach sich, am 
deutlichsten sehen wir diesen psychischen Zustand in der Zwangs- 
neurose ausgeprägt.* Der Zwangsneurotische ist durch Hypnose 
oder Suggestion nicht zu beeinflussen, anderseits vermag er sich 
auch zu selbständigen Schlußfolgerungen nie aufzuschwingen.*^ 

Nun können wir es besser verstehen, warum die heutige 
Gesellschaft auch wissenschaftlichen Behauptungen gegenüber zum 
Teil ungläubig und zweifelsüchtig, zum Teil dogmatisch gläubig 
geworden ist. Die übertriebene und oft ungereditfertigte Hodi- 
achtung vor tedinisch - mathematischen, graphischen, statistischen 
Beweis verfahren und die große Skepsis besonders psychologischen 
Dingen, z. B. den psychoanalytischen Lehren gegenüber wird jetzt 
verständlicher. 

Es scheint sich das alte Sprichwort zu bewahrheiten; wer 
einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit 
spricht. Die Enttäuschung, die man in gewissen psychologisdien 

' Siehe Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwan^neurose, (Kleine 
Schriften zur Neurosenlehre, IH. Bd.) 

, ** In diesem Zusammenhange darf man die auffallende Tatsache hervor- 
heben, dafl von den Neurosen die Hysterie, der es g-eiingi, den Zweifel und 
überhaupt den bewußtseinsfeindlichen Affekt aas der psychischen Sphäre voü- 
stEfidig' ins Körperliche zu verdrängen, anscheinend seltener wird; es mag damit 
zusammenhängen, daß neuere Beobachtungen audi über die Hypnotisierbarkeit 
«1er Menschen viel niedrigere Zahlen ergeben. Dagegen sdieint die Zahl der 
Zwangsneurotiker in Zunahme begriffen zu sein, |a man kann behaupten, daß es 
heute wenige sogenannte Normalmeiisefaen ohne gewisse Zwangserscheinung-en 
gibt. Man ist versucht, die Ursache dieser Verschiebung auf den unverkennbaren 
Nachlaß der Religiosität in der Gesellschaft zurückzuführen. Auch wer den sozialen 
Wert der Religiosität hochschätzt, muß übrigens zugeben, daß die den Kindern 
frühzeitig eingeprägten starren religiösen Dogmen die Selbständigkeit ilires 
Urteils dauernd schädige» können. Schon Schopenhauer hat auf den Zusammen- 
hang zwischen der Denkunfreihelt der Erwadisenen und der religiösen Erziehung 
der Kinder hingewiesen. Er sagte: „Nicht nur das Aussprechen, die Mit- 
teilung der Wahrheit, nein, selbst das Denken und Auffinden deraelben \¥ird 
unmöglidi zu machen gesudit, dadurdi, daß man i;i frühester Kindheit die Kopfe 
den Priestern zum Bearbeiten in die Hände gab." (Parerga und Paralipomena.) 



184 Glaube, Unglaube un d Ueberieugung 

(sexuellen und religiösen) Dingen bezüglich der Wahrheitsliebe 
der Eltern und Lehrer erfahren hat, machte die Menschen psycho- 
logischen Aussagen gegenüber übermäßig skeptisch; darum fordern 
sie besondere Sicherheiten, um nicht nochmals getäuscht zu werden. 

Diese Forderung ist nur zu gerechtfertigt; unlogisch wird sie 
nur, wenn diejenigen, die die Forderung nach der „Evidenz" er- 
heben, der einzigen Moglidikeit, sie zu holen, aus dem Wege gehen. 

Diese einzige Möglichkeit ist — in psychischen 
Dingen — das eigene Erleben. 

Der Patient, der sich der Mühe der analytischen Behandlung 
unterzieht und der im Anfang alle unsere Behauptungen mit spöt- 
telndem Unglauben aufnimmt, kann sich nur durch Auffi-ischung 
alter Erinnerungen, und wo diese nicht mehr zu erreichen sind, 
„auf dem schmerzhaften Wege der Übertragung" (auf Aktuelissy 
besonders auf den behandelnden Arzt) von der Wahrheit unserer 
Aassagen überzeugen. Ja: er muß es beinahe vergessen, daß wir 
es waren, die ihn auf die richtige Spur wiesen, und die Wahrheit 
selbst finden. So weit geht das instinktive Mißtrauen gegen alles 
Lehrhafte, Autoritäre, daß eine bereits gewonnene Einsicirt des 
Patienten wieder schwankend werden kann, wenn man ihn daran 
erinnert, daß er sie von uns hat, 

Nidit geringer ist sein Mißtrauen gegen jede merkbare 
Tendenz bei seinem Arzte; sobald er bei ihm eine „Absicht" 
merkt, wird er verstimmt, d. h. ungläubig. Darum muß der Arzt, 
der mit Zweifelsüchtigen zu tun hat, alle Erklärungen ohne Affekt 
und mit gleichmäßiger Betonung vorbringen und darf nie merken 
lassen, woran ihm am meisten gelegen ist: er muß auch das Auf- 
finden der verschiedenen Wichtigkeitsgrade dem Zweifler selbst 
überlassen. Jeder, der einem etwas erklären, beibringen will, wird 
zu einem* Vertreter der Vater- und Lehrer-lmago und ladt allen 
Unglauben, den diese Persönlichkeiten einstmals im Kinde erweckt 
haben, auf sich. Die weitverbreitete Abneigung gegen sogenannte 
Tendenz-Stücke und Romane, in denen die moralisierende Absicht 
des Verfassers allzu dick aufgetragen ist, läßt sich gleichfalls aus 
dieser Quelle ableiten. Dieselben Tendenzen nimmt aber der Leser 
gerne, ja mit Vergnügen an, wenn sie in einem belletristischen 
Werke - gleichsam versteckt sind und von dem Leser selbst ge- 



Glaube, Unglaube und Ueberzeag-ung 1S5 

funden werden müssen. Es ist auch bekannt, daß beinahe alle 
Lehren der Psychoanalyse — sogar von den Psychiatern angenommen 
und mit freudiger Anerkennung quittiert werden, wenn sie in die 
Form des Witzes gekleidet oder als Einzelschicksale dargestellt sind. 

Daraus folgt, daß aus poetischen Werken die psychologisdie 
Evidenz nur auf dem Wege der Exemplifizierung (d. h. wieder des 
im Detail Erlebens), nicht aber direkt auf Grund logischer Fol- 
gerungen zu holen ist. Für psychologische Dinge gilt der eingangs 
zitierte Satz in der Modifikation: Feeling is believing. Alles, 
was man auf anderem Wege von der Psychologie lernt, erreidit 
nie den Sicherheitsgrad des Selbsterlebten und bleibt auf irgend 
einer Stufe der Plausibilität stecken. Sonst „hört man die Bot- 
sdiaft", — allein es fehlt einem der Glaube. 

Diese Einsichten über die Bedingungen, unter denen man sich 
psychologische Überzeugungen holen kann, setzen uns in den Stand, 
die bisher vorgeschlagenen psychotherapeutischen Methoden kritisch 
zu prüfen und ihren Wert zu vergleidien. Als die unbrauchbarste 
von allen sdieidet die Dubois'sdie „Überredungs"- und „morali- 
sierende" Methode von selbst aus. Solange sie ihrem Programm 
entsprechend wirklidi nur „dialektisch" und „demonstrierend" 
ist und die Patienten „oft durch einfache Syllogismen" dazu 
bringen will einzusehen, daß ihre Symptome seelischer Natur sind, 
daß sie „nichts sind, als die natürliche Folge einer Gemüts- 
bewegung" — muß diese Therapie unwirksam bleiben; insoferne 
sie aber wirksam ist, verdankt sie dies versteckten oder offenen 
Einflüssen auf das Gemüt des Patienten, womit sie aber auch 
aufhört „rationell" zu sein (d. h. nur mit logischen Mitteln auf 
die Vernunft zu wirken); sie wird dadurch einfach eine — nicht 
einmal geschickte — Abart der suggestiven (emotiven) Beeinflussung. 
Der Versudi des Moralisierens und logisdien Oberredens muß ]a 
— aus den oben mitgeteilten Gründen — sofort allen Widerstand 
der Patienten wecken. Sie steilen sich auf den Kriegsfuß zum be- 
handelnden Arzt, kümmern sich nicht mehr darum, was in seinen 
Aussagen Wahres enthalten ist, sondern sudien (und finden) nur 
die schwachen Punkte in seiner Argumentation; haben sie am Ende 
keine Ausflucht, so mögen sie sich zwar für besiegt erklären, 
haben aber dabei nicht die Empfindung, daß der Arzt recht hat. 



186 Glaube, Unglaube und Ueberzengiuag 

sondern nur, daß er recht behielt. In der Seele der so Über- 
führten lauert nadi wie vor der Zweifel, ob er nicht nur der 
dialektischen Geschicklichkeit des Arztes unterlegen ist und nur 
seine Trugschlüsse nidit entlarven konnte. 

Die Wirkungsfähigkeit der bewußt auf Gemütsbeeinfiussung 
hinzielenden suggestiven und hypnotischen Therapie steht 
außer Zweifel. Ihrer Anwendung stehen aber mehrere Bedenken 
im Wege. Das eine ist der oft hervorgehobene Mangel wirklicher 
Hypnotisier- und Suggerierbarkeit bei den meisten Menschen, 
(ich halte es für unerlaubt, gewisse ganz unwirksame Prozeduren, 
bei denen der Patient, trotz mystischer Dunkelheit und Stirn- 
streichelns, alle seine Zweifel gegenüber den Aussagen des Arztes 
beibehält, für „hypnotische" auszugeben. Hinter dem Ausdruck 
„Wadbsuggestion"- steckt sehr viel Selbstbetrug; man erkundige 
sich nur, wie viel Spott die Patienten, die solche Kuren durch- 
jnachten, auf die von ihnen düpierten Arzte ausschütten.) Doch 
audi die zweifellos gelungene suggestive (resp. hypnotische) Be- 
einflussung hat keine Aussicht, dem Patienten dauernd ein Ge- 
fühl der Überzeugung von der Wahrheit der Aussagen des Arztes 
und einen so tiefen Glauben einzuprägen, daß er stark genug 
wäre, selbst der Evidenz zum Trotz das Gefühl des Nichtvorhanden- 
seins der Symptome (d. h. eine negative Halluzination) aufrecht- 
zuerhalten. Diese „Selbstverleugnung" bringt der Kranke, wie be- 
kannt, nur zustande, wenn und solange der Arzt für ihn als elter- 
liche Autorität gilt und diese seine Eigenschaft durch zeitweise wieder- 
holte Liebesbeweise oder Strafandrohungen (d. h. Strenge) bezeugt, 
(„Vater-" und „Mutterhypnose".) Ein dritter — mehr praktischer — 
Einwand ist der, ob es gerechtfertigt ist, einen Menschen mit Ab- 
sicht auf jene kindliche Stufe der Gläubigkeit, über die er sich, wie 
die Symptome bezeugen, erheben möchte, wieder hinabzudrücken. 
Beschränkt sich doch diese Selbsterniedrigung, soll sie wirksam sein, 
niemals auf einen ganz speziellen Komplex, sondern erstreckt sidi 
auf die ganze Individualität, Wie dem auch sei, soviel steht außer 
Zweifel, daß der Kranke sich auf dem Wege der Suggestion 
niemals wirkliche „Überzeugungen" verschaffen kann, die geeignet 
wären, ihm als Basis einer dauernd Symptom freien, d. h. ökono- 
mischeren und erträglicheren psychischen Existenz zu dienen. 



Glaube, Unglanb» und Ueber^eugTing 187 

Während die „rationelle" (riditiger: rationalisierende) und 
die suggestiv-hypnotische Psychotherapie ohne Rücksicht auf die, 
ihren Vertretern übrigens unbekannten, Bedingungen für das Zu- 
standekommen wichtiger, die bisherige psychische Einstellung ver- 
ändernder Oberzeugungen und Einsichten einseitig intellektuell 
oder emotiv auf die Patienten einwirken wollen, fordert die 
Freudsdie Psychoanalyse die volle Berücksichtigung sowohl 
des Vemunfts- als auch des Gemütslebens. Sie geht von der Tat- 
sache aus, daß wirkliche Überzeugungen nur aus affektbetonten 
Erlebnissen zu holen sind und daB ihr Zustandekommen durch 
verdrängte Affekte des Hasses und des Unglaubens gehindert 
wird. Mit Hilfe der freien Assoziation setzt sie den Patienten in 
den Stand, verdrängte Erinnerungen und Phantasien, die einstmals 
falsch d. h. auf dem Verdrängungswege erledigt wurden, wieder 
zu erleben und mit deren Hilfe das eigene Seelenleben selbständig 
und unbeeinflußt kritisch zu revidieren. Indem aber die Analyse 
die (positiven und negativen) Affekte des Patienten auch in der 
Form der Übertragung auf den Arzt zu Worte kommen läßt 
(und 'es muß hier betont werden, daß dieser Prozeß das Werk 
des Patienten selbst und fast nie vom Arzt provoziert ist), er- 
ermSglidit sie, daß der Patient audi Komplexe, deren bewußte 
Spuren schon verloscht und nicht mehr aufzufrischen sind, die ihm 
also am fremdartigsten vorkamen, in Wirklichkeit dramatisdi erlebt 
und sich von deren Existenz in einer jeden Zweifel ausschließenden 
Weise überzeugt. Die Psychoanalyse erweckt das Vertrauen des 
Patienten durch ein einfaches Mittel : sie drängt nichts dem Patienten 
auf, weder ihre Autorität noch mit deren Hilfe ihre Lehren. Im 
Gegenteil: sie gestattet dem Analysierten jede Art und jedes Maß 
des Unglaubens, des Spottes und des Hohns gegen die eigene 
Methode und deren Vertreter, den Arzt, und wo sie deren versteckte 
oder verdrängte Spuren bemerkt, bringt sie sie schonungslos ans 
Tageslicht. Wenn der Patient sieht, daß er auch mißtrauen darf, daß er 
in kein er Weise in seinen Gedanken und Gefühlen beeinträchtigt wird, 
fängt er an, auch an die Möglichkeit zu denken, ob nicht vielleicht 
dodi etwas Richtiges aus den Behauptungen des Arztes zu holen ist. 

Die sogenannte Breuer-Freud'sche kathartische Behand- 
lungsmethode, bei der einzelne Arzte, wie z. B. Frank, Bezzola, 



188 Glaube, Unglaube und Ueberieugung 

steclfen geblieben sind, weist nodi zu viele Spuren der historischen 
Entwidklung der Psychoanalytik aus der Hypnose auf. Die Autorität 
des Arztes bleibt in dieser Behandlungsmethode — infolge der 
Nichtberücksichtigung der Übertragung — unangetastet, die Pa- 
tienten erlangen also dabei nicht die zur selbständigen Urteils- 
bildung nötige volle Unabhängigkeit. 

Die Ad 1er' sehe Psychotherapie, die das ganze neurotische 
Seelenleben in das Prokrustesbett einer einzigen Formel (Minder- 
wertigkeit und deren Kompensation) zwingen will, mag durch 
charaktero logische Feinheiten bei manchem Neurotiker Interesse 
und Verständnis erwecken; sie finden eben in der Adler scheu 
Lehre ihre eigenen (falschen) Ansichten über ihren Zustand wieder 
und sind darüber entzückt. Therapeutistii ist aber damit nichts 
gewonnen, da hier nicht einmal der Versuch gemacht wird, dem 
Patienten zu neuartigen, seine bisherige Einstellung wesentlich 
verändernden Überzeugungen zu verhelfen. 

Eine therapeutische Modifikation, wie z. B, die Jung's, die 
keinen besonderen Wert darauf legt, daß die Patienten die infan- 
tilen traumatischen Erlebnisse im Einzelnen wiedererleben, und sich 
mit dem allgemeinen Hinweise auf den archaischen Charakter der 
Symptome oder mit wenigen Beispielen, die dies dem Patienten 
bestätigen sollen, begnügt, verzichtet durch diese Abkürzung der 
Behandlung auf den Vorteil, das dem Patienten Unbewußte mit 
Hilfe einer genauen Lokalisation in das feste Gebäude der psy- 
chischen Determination einzufügen. Allgemeines Belehren und Mo- 
ralisieren mag den Patienten für den Moment hinreißen; diese Art 
Einsicht ist aber — da sie nur suggestiv oder dialektisch aufgedrängt 
sein kann — mit allen oben auseinandergesetzten Mängeln der 
autoritären und der sogenannten „rationalen" Therapie behaftet; auch 
diese Modifikation benimmt also dem Patienten die MögUdikeit, sich 
seine Überzeugungen selbst zu verschaffen, — d. h. die einzige Art, 
in der in psychologischen Dingen Evidenz überhaupt zu holen ist. 

Die Freud'sche Methode, die Psychoanalyse, ist es also, 
die zu jenem Grad von innerer Sicherheit verhelfen kann, die 
„Überzeugung" genannt zu werden verdient. 



Inhaltsverzeichnis 

Söia 
Ober AktuaJ- und Psychoneurosen im lichte der Freud'schen Forschungen 

und über Psychoanalyse -.-..•• ■ 1 

Zur analytisdien Auffassung der Psydioneurosen - 25 

Die Psychoanalyse der Träume 41 

Träume der Ahnungslosen 66 

Suggestion und Psydioanalyse > 70 

Die wissenschaftliche Bedeutung' von Freuds „Drei Abhandlungen 2ur Sexual- 

Ibeorie" 84 

Die Psydioanalyse des Witzes und des Komischen -89 

Ein Vortrag für Richter und Staatsanwälte ..." 103 

Psydioanalyse und Kriminologie IW 

Philosophie und Psychoanalyse 118 

Zur Psychogenese der Medianik ..••-• - 138 

Nachtrag aar „Psychogenese der Medianik" - 138 

Symboltsdie DarsteüuQg des Lust- und RealitStsprinzips im Ödipus-Mythos 142 

ComeBa, die Mutter der Gracdien 154 

Anatole France als Analytiker - 159 

Zähmung eines wilden Herdes 169 

Glaube, Unglaube und Überzeugung 175 



Von Dr. S. Ferenczi sind bisher ersdiienen: 

Intro}ektion und Übertragungf, Eine psyd^oanalytische 
Studie. Leipzig u. Wien 1910. F. Deutidee. (Vergriffen.) 

Hysterie und Pathoneurosen. Internationale PsyAoanalyti- 
adie BiUbthek Nr. II.) Leipzig, Wien u. Züridi 1912. Internationaler Psydio- 
anaiytischer Vcrla|f. 



Contributions to Psych oanalysis. Authorised translation 
by Dr. Emest Jones (London). Boston 1916. R. G. Badg'er. 



Lelekelemz^S (3. Aufl. 1919. M. Didc, Budapest). 
Leiki ProbUmäk (2. Aufl. 1919, ebendort). 
Idegfes tünetek (2. Aufl. 1919. ebendort). 
A PszicKoanalizis Haladäsa (1919, ebendort). 

A hiszt^ria (1919. ebendort). 



I 



Ober die Ergebnisse der psyehoanalyitsehen Forschung 
informieren fortlaufend unsere beiden Zeitschriften: 

IMAGO 

Zeitsthrift für Auwendunjf der Psychoanalyse auf die Geisteswisscngdisften 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 

Redigiert von Dr. Otto Rank und Dr. Hanns Sachd 

4 Heft^ [äliflidi im Gesamtumfang von miHtfcstcnn 32 Bü^cn 
und 

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

OffizieKes Organ der InternationÄ^en PsycKoanalytisdien Vereinigunir 

Herausgegeben von Prof, Dr. Sigm. Freud 

Unt^r Mitwirkung von Dr. Karl Abraham (Beriia), Dr. Jan van Emden (Haag-), 
Dn 5* Ferenczi (Budapest)» Dt. EL Httschmann (Wien), Dr. Emest Tones 
(Loridon) und Dr. Emil Oberholzer (Zürich) redigiert von Dr. Otto Rank (Wien). 

{SUi.idL:^ Rubrticen: Orij^naLarbäiteti. — Mitteilimgcn, — Atia der Praiia. -^ Kritiken uiid Referate. — 

Zur paychoaiiälytischen Bew^runc. — Korrespondienabiatt dw Intematioiialen Psycho* nalytisiiitn Ver^ 

einijung, — Mitteiluns:«n da Intern ation&bn Fsydioaiiiiiytifldien Vcrlag-e* 

4 Hefte jährlich xm Cesajntunifang' van mmdeatena 32 Boj^en 
Jm Jahr 1922 ersciieiaen in den beiden ZeitsdiHften u. a. folgende Beiträ{fe: 
PfüI. Frvudt Traum und TeiepAtliie 



Or. Karl Abral^sm (Berlin): Vaterret tun; und 
ViLtermord in d«rt «eurotUcbesi PhantAn«ii 

— Die Spinne q]« Traümsymbol 
Dr. F. Alexander (Berlin); Kftstrutioiuken- 

Dr- S, Sernfeld (Wien): Ülwr Subliinieniiif 
Dr. F. B oehm (ßcrjitt) : Beobaditun^eti über den 

troL V«rit)eidunsfstrJeb (Transveatitismu?) 
Dr. William Bovtn (T.auäaiiiie): Piydioenaly- 

UidteA über Alexanderden Groäen 

Dr. Helene Deutseh (Wien): Über die patKo- 

loS^sche Lü^e (P$eud,ol«:^ia pbanUsiiic^a) 
Dr. S. Fei dm Ann (Budapest); Ober Erröten 

l&eilra^ aur Paydiologie der Sdiant) 
Dr. S. FerencEi (Budapest): Pk Psy^^ wih 

Hemmu n jsor^an 

— Eini^ soziale GeaidtVspunkte der Psysiiü- 
analyee 

Allbtrt Furrer (Zürich): TagpkauLasien einea 

äef^semVtMbjähri^n MÄdch^nis 
Dr. Georg Greddleck (Baden-Badftn); Der 

SymboJlsierun^^wan^ 
Dr* J.Hermann (Budapest): RandbeTnerkungr^ 

z«in Wiirdetholung^iwanj 

— Zur Psychogenes« der zeiditicriacben Be^ai>un^ 
Dr. R. H. Jökl (Wien): Ober den Sdireibkrampf 

Frr Studierende und Lehrer aller Grade ermäßigtes Abonnement 

beisa direkten Bezug vom Internationalen Psychoanaiytisciien Verlag, 

Leipzig» Hospitalstraße 10 oder Wien, Vll.. Andreasgasse 3, 



Dr E>iieat Jones (London); Über funfetionele 
Symbolik 

Prof.Dr*HaiisKeU*n (WienV- Freuds Mauen- 
paycholD^te und der Betriff des Staaten 

Doj. Dr- Johann K tnk e f (Sofia): Zur Tra^e dcv 
psychologia^^eii Gnmdla-geti dos Ursprung'eH, 
der Religion 

Aurel Kolnai (Wien): Zur päychDBnaJytisrdaen 

Soziologie 
Dr. F. Künkek ( Obern riorf): Kine hyunpaufie 

Vnr^tellung. ?.um Problem des Erivachend 
Dr. Mi^rtroe Meyer (Mtw-Yörfc); Die TTaiim- 

fiarm als Inbältsdar^tellunf 
Dt« Emil Oberholzer (Zuritli)t Eine Dedk- 

eriiinening: 
Dr, C. O b c r n d o r f (New-York) t Di« Rol le ein^ 

örjanisdien URi>erwerti£:Jceit bei einer Neurone 
Siegfried Peine (Hamburg;); Von den nvur«- 

tLsehen Wurzeln des gesteigerten Verietions- 

bedÜrfnisses, insbeaondere der vita seKusKs 
Pfarrer Dr. 0*kar Pf ist er (Zürid\>: Die Ktli- 

^ic»jipi>?ycbolog'ie am Siih^^idcwe£.i 
— Die p.nmäreri Gefäble aJ$ BsdjDfiuij^en der 

i:S':h!^ie>ii Gästesfuntctionen 

Do2. Dr. Peul Scbilder (Wien): Ober eine 

l^tiychosf; nAdi Stäroperatlon 

hr\ Arnold S t o ck er (Jauy) t Odipustreum 
Sdiuophrenen 



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